A——— Löwenritter. ————— Eine Geſchichte des dreizehnten Jahrhunderts Wi Chriſt. Fein Spieß. — Vollſtändig nach der erſten Drigina⸗ us in vier e Mit vier Kupfenrn. Vierter Theil. —— Stuttgart 1844. ruck und Verlag von Fr. Senn De Ritter entfernten ſich; da ſie aber die Thüre hinter ſich verſchloſſen, da der horchende König keine Tritte mehr hörte, und nun mit Recht argwohnte, daß man ihm auch ſeine letzte Bitte, einen Prieſter, ver⸗ weigern würde, ſo ſank er auf ſeine Knie, und be⸗ tete andächtig zu demjenigen, der auch ohne dieſen vergeben und verzeihen kann. Kaum hatte er begon⸗ nen, als der feſte Boden unter ihm zu wanken be⸗ gann; er wollte aufſpringen, aber die Balken wichen; er ſank in die Tiefe. Wie er wieder aufblicken und den Gebrauch ſeiner Sinne genießen konnte, blendete 3 heller Fackelnglanz ſein ſtarrendes Auge; er fühlte ſich gehalten, und wie ers deutlicher unterſuchte, ſo lag er in Friedrichs und Eſchenbachs Armen. Sein Auge ſah ſich von vielen hundert Löwenrittern umgeben, welche im gedrängten Zirkel um ihn her ſtanden und lächelnd auf ihn hinab blickten. Eine langſame, feierliche Stimme erſcholl in ſein Ohr: Heil, Nil, Heil, Heil ſey dem Geprüften! rief ſie, und ulle Ritter antworteten: Heil ſey ihm! Die Stimme. Heil, Heil, Heil, Heil ſey dem König, welcher nicht freiwillig der Krone entſagt, ſie⸗ ber den Tod wählt! 3 Die Ritter. Heil ſey ihm! Die Stimme. Er iſt würdig, auf den wanken⸗ den Thron Deutſchlands zu ſitzen, ihn durch ſeinen Muth und Standhaftigkeit für ſeine Nachkommen zu befeſtigen. Die Ritter. Er lebe und regiere lange! Die Stimme. Er iſt würdig, aufgenommen zu werden in den Bund des Löwens. Die Ritter. Er iſts, er iſts! Er iſts, er iſts! Die Stimme. Er iſt würdig, daß der Bund ihn mit ſeiner ganzen Macht unterſtütze und ſeine ge⸗ kränkten Rechte vertheidige. Die Ritter. Er iſts! Die Stimme. Wir haben geprüft, laßt auch ihn prüfen. Gönnt ihm Zeit, daß er die Begebenheiten ordne und freiwillig erkläre: ob er ein Glied unſers Bundes werden, ob er durch ſernere Beweiſe ſeines Muthes und Standhaftigkeit auf den Stufen deſſelben zu der Höhe emporklimmen will, die ſeiner Würde, ſeinem Range angemeſſen iſt. Friedrich und Eſchenbach reichten dem erſtaunten Kö⸗ nige einen Sitz; der dichte Kreis der Ritter löste ſich, dem Könige Zeit und Gelegenheit, den herrlich ge⸗ ſchmückten Saal zu überblicken. Seine Verzierung iſt meinen Leſern ſchon lange bekannt, ich brauche daher die Beſchreibung nicht zu wiederholen, nur ſo viel muß ich ſagen, daß er jetzt ſchöner und prächtiger als je geziert war: an ſeinen Wänden hingen die koſtba⸗ ren Teppiche, welche die Ritter aus dem Morgenlande mit ſich gebracht hatten, ſelbſt die Stufen des Throns, auf welchen der Hauptmann ſaß, waren damit bedeckt. Der junge König, welcher wirklich die Ritter des Lö⸗ wens für treulos, den Trank für Gift geachtet, und nicht gewähnt hatte, daß dies alles eine Probe ſeines Muths, ſeiner Standhaftigkeit ſeyn könne, ſaß noch immer ſtill und ſtaunend in der Mitte der Verſamm⸗ lung; er ſtarrte nach dem Throne hin, von welchem 3 alle traten auf ihren beſtimmten Platz, und gönnten — — die Stimme herab ertönte; er ſchien's faſſen zu wol⸗ len, und doch nicht faſſen zu können, daß er wieder in der Mitte treuer Freunde und Brüder ſitze, welche ihn nicht verriethen, nicht ſeinen Tod heiſchten. Im gänzen großen Saal herrſchte tiefe Stillet alles harrte, alles horchte, ob er ſeiner Verwunderung nicht Worte geben, nicht ſprechen würde. Der Bundeshauptmann. Edler Herr, wir harren eures Entſchluſſes, wir wünſchen zu erfahren, obs euch noch Ernſt iſt, ein Glied unſeres Bundes zu werden. Ich wiederhole es noch einmal, wir ha⸗ ben euch ſtreng geprüft, denn nur dem Geprüften ſteht der Eintritt in dieſen Saal offen, aber wenn er ihn erkämpft, ſo bleibt auch ſein das Recht, ihn wieder freiwillig zu verlaſſen. Wählt, und entſcheidet! Der König. Das war eine harte Probe, der ſchwache Jüngling wäre bald unterlegen, aber nun freut er ſich auch hoch, daß er mit einmal zum Manne emporgereift iſt, und würdig geachtet wird, in der Mitte ſolcher Helden zu ſitzen. Ihr müßt ſeltnen Muth beſitzen, wenn ihr gleich mir kämpftet, und doch Sie⸗ ger wurdet. Nein, ich ſcheide nicht freiwillig, ich ent⸗ ſage dem Preiſe nicht, den ich ſo ſchwer erkämpfen mußte. Gum Bundeshauptmanne) Vater, verzeih, daß ich an deiner Redlichkeit, Brüder, vergebt, daß ich an eurer Treue zweifeln konnte. Der Bundeshauptmann. Verzeiht auch ihr, daß wir in dieſem Augenblicke der Ehrfurcht vergaßen, die wir euch ſchuldig find, aber ihr fordertet Aufnahme, ich konnte, ich durfte ſie euch nicht auf andere Art ge⸗ währen. „Der König. Heil mir, daß die Probe ſo endigte, hätte ich nicht geſiegt, wäre ich unterlegen, ich würde nach Sicilien geflohen ſeyn, nie Deutſchlands Gränzen wieder betreten haben, weil es meine Feigheit, meine —— Schande ſah. Jetzt kann ich muthig unter den Edlen ſtehen, die mich nicht zittern, nicht zagen ſahen. Der Bundeshauptmann. Ihr könnts mit Recht. Mehr als Tauſende kämpften gleich euch, aber unter dieſen waren nur wenige, welche ſo muthig en⸗ deten wie ihr. Der König. Dann iſt mein höchſter Wunſch er⸗ reicht, dann kann ich mit Recht Anſpruch auf alle Eh⸗ venzeichen machen, welche die Edelſten von euchezieren. Der Bundeshauptmann. Ihr könnt es, aber ihr müßt ſie erſt verdienen. Der König. That ichs nicht ſchon, und, wie ihr erſt vor kurzem ſelbſt ſpracht, mit eurem vollen Beifalle? Der Bundeshauptmann(lächeind). Dieſe zwar harte aber einzige Probe öffnete euch nur den Eintritt in dieſen Saal, der Bund erkennt euch für einen Geprüften, er hält euch fähig, ſein Mitglied wer⸗ den zu können, aber blickt umher, noch find hier vier verſchloſſene Thüren, welche euer Muth noch alle öffnen muß, wenn ihr Anſpruch auf die Ehrenzeichen machen wollt. Fahrt fort, ſo ſtandhaft zu kämpfen, und ſie werden euch ſicher zieren. Der König. Ah, diesmal führte mich alſo meine Eigenliebe ſchrecklich irre, ſie erwartete großen Lohn, und empfängt noch keinen. Der Bundeshauptmann. Iſts nicht Lohn ge⸗ nug, daß ihr ein Geprüfter ſe daß euch Freiheit ward, dieſen Saal ungehindep verlaſſen, wenns euch nicht heilſam dünkt, länget ſikämpfen. Die Thü⸗ ren unſers Bundes müſſen euch nin immer offen ſtehen, ihr könnt ſehen und hören, wie wir handeln, was wir reden, ihr könnt, wenn ihr einſt Deutſchland regiert, am leichteſten urtheilen: ob wir eures Schutzes wür⸗ dig ſind? Da Eid und Pllicht uns zur Treue gegen den rechtmäßigen Herrſcher ſtreng verbindet, ſo hängt es dann ganz von euch ab, ob und wie wir handeln ſollen. ⸗ Der König. Was denkt ihr von dem Manne, der euch hoch und theuer verſichert, daß er in einem Tage den Gipfel eines Bergs erklettern will, und am Morgen ſchon zurückkehrt, weil Felſen und dichtes Ge⸗ ſträuche ſeinem Tritte nicht weichen wollten? Der Bundeshauptmann. Er gleicht dem Rohre, das jedem Hauche des Windes zum Spiele dient. Der König. Soll ich in euern Augen bis zu die⸗ ſem herabfinken? Nein, ich muß die Ehrenzeichen eures Bundes erkämpfen; beginnt den Kampf, er wird mich wohl ſchwächen, aber ich beſitze Stolz genug, zu glau⸗ ben, daß ich nicht ganz ermüden werde. Der Bundeshauptmann. Euer Entſchluß macht euerm Muthe Ehre, aber ihr bedürft der Ruhe, die Natur hat ihre Gränzen, man muß ſie nicht über⸗ ſchreiten, ſonſt unterliegt der Körper, und der Geiſt kann nicht mehr wirken. In viermal vier Tagen ſoll eure Probe aufs neue beginnen, froh und glücklich werde ich mich dann ſchätzen, wenn ich den Ueberwin⸗ der lohnen, ihm vierfaches Heil zurufen kann⸗ Jetzt erlaubt, daß wir handeln, denn auch ihr müßt prüfen. Die Ritter theilten ſich nun in vier Haufen; die Forſcher fragten, die Rächer antworteten. Der hor⸗ chende König erſtaunte, als er hörte, wie ſehr die Rit⸗ ter des Löwens ſich mühten, Recht und Gerechtigkeit zu unterſtützen, und die Folgen der ſchädlichen Anarchie zu verhindern und zu vernichten. Groß war ſeine Freude, als er überzeugt wurde, daß ihre einzige und wahre Abſicht ſey, Ruhe und Friede zu befördern, die Bosheit und Raubſucht zu ſchwächen, und Wittwen und Waiſen vor Unterdrückung zu ſchützen. Wie alles geendet war und der alte Bundeshauptmann, unter⸗ ſtützt von ſeinen Rittern, den Thron verließ, krat der 10 König in ihre Mitte und umarmte die Tugendhaften. Die größte und ſtärkſte der Proben, ſprach er lächelnd, iſt überſtanden, die übrigen zu vollenden, kann mir nicht ſchwer werden, denn Liſt und Ueberraſchung hat nun geendet, ich bin von euer Tugend und Rechtſchaf⸗ fenheit vollkommen überzeugt, es kann euch nicht mehr gelingen, mich mißtrauiſch gegen dieſe zu machen. Ver⸗ ſucht es nicht, denn ich ſage es vorher, daß ichs nicht glauben, nicht zagen werde, wenn ich auch tauſend Schwerter über mir erblicke und die Spitze des Dolchs ſchon in meinem Fleiſche fühle. Der Bundeshauptmann. Derjenige, welcher keine Gefahr achtet, iſt am leichteſten zu überraſchen, derjenige, welcher ſich am ſicherſten dünkt, ſtrauchelt, ehe er's vermuthet. Bedenkt dies, und handelt darnach. Der König. Ich will eure weiſe Lehre in mei⸗ nem Herzen bewahren, mich ihrer erinnern, wenn mirs nöthig dünkt, aber noch einmal ſey's geſagt, ſo täuſcht ihr mich nicht mehr. Die Schlinge war künſtlich ge⸗ ſtellt, ich mußte darin hängen bleiben. Euer Kaltſinn, mit welchem ihr mich ſeit einigen Tagen ſo abſichtlich kränktet, einige verdächtige Worte, welche ihr noch laut genug ausſpracht, wenn ich mich nahte, und dann ver⸗ wirrt und mit einmal ſtille ſchwiegt, alles dies ließ mich die folgende That im Voraus argwohnen; ich glaubte ſie ſchon, ehe ſie begann, ich zweifelte nicht mehr, wie ſie ſich nahte.—— O ich werde dieſe harte Probe ewig nicht vergeſſen, nicht als ob ſie nicht des großen Lohns werth ſey, ſondern weil ſie mich ganz überzeugt, daß nur muthige, ich will nicht ſagen, tapfere Herzen ſie überſtehen können. Friedrich. Verzeiht, vergebt, daß wir ſo hart“ euch prüften, aber bedenkt auch, daß ihr dadurch unſe⸗ rer Treue und Ergebenheit verſichert werdet. Wer euch 11 antaſtet, taſtet nun uns an, und ſchwer ſoll es ihm fallen, der gerechten Fehde zu widerſtehen. Nach längerm Geſpräche, welches aber immer ähn⸗ lichen Inhalts war, gingen die Ritter nach dem Speiſe⸗ ſaale, die Weiber harrten dort ihrer ſchon lange; ſie füllten bei ihrer Ankunft die Becher; Agneſe kredenzte dem Könige. Diesmal, ſprach ſie lächelnd, ſind wir in unſrer Erwartung betrogen worden, wir hofften die Becher aufs Wohl des neuen Bundesgliedes zu füllen, euch zu allen Ehrenzeichen deſſelben Glück zu wünſchen, aber mein Auge ſucht ſie vergebens an euch.(chalkhaft) War die Probe eures Muths vielleicht zu hart, zu ſchwer? Der König(Heinrichen herbeirufend). Helft mir aus einer Verlegenheit, welche ich nicht allein zu enden im Stande bin. Ich weiß nicht, ob es ſich ziemt, mit Weibern von Dingen zu ſprechen, welche ich ſah und hörte. Heinrich. Traut der Schlauen nicht, dieſe Dinge ſind nicht für Weiber⸗Ohren, des Geprüften erſte Pflicht iſt, zu ſchweigen. Der König. Dann müßt ihrs den Weibern aber auch unterſagen, daß ſie meinen Stolz nicht reizen. Sie fordert von mir, daß ich die Ehrenzeichen aufwei⸗ ſen ſoll, welche mein Muth verdiente, und ſetzt ſpot⸗ tend hinzu: ob die Probe vielleicht zu hart, zu ſchwer war? Heinrich. Ah, dann iſt's meine Pflicht, daß ich euer Vertheidiger werde. czu Agneſen) Der König ward nur geprüft, wenige unter uns bewieſen ähnlichen Hel⸗ denmuth. In viermal vier Tagen frage ihn aufs neue, und ich bin überzeugt, daß ſeine Antwort dich beſchä⸗ men wird.. Agnes. Verzeiht meiner Neugierde, ſie iſt das Erb⸗ und Eigenthum der Weiber, welche immer ſragen, wenn die Männer ſchweigen. Ich wünſche euch Glück zum Anſange, und hoffe am Ende meinen Glückwunſch wiederholen zu können; doch kann ichs euch nicht ber⸗ gen, daß wahrſcheinlich eure Würde euch den Kampf erleichtert.* Der König(lächeind). Noch habe ichs nicht em⸗ pfunden. Agnes. Doch! Alle Ritter, welche Glieder des Bundes wurden, mußten an einem Tage die Prüfung vollenden, und auch den Kampf um die Ehrenzeichen beginnen. Der König Gu Heinrichen). Antwortet abermals an meiner Stelle, ich vermags nicht; wenn ihr aber nicht antworten könnt, ſo gebt mir wenigſtens das Zeugniß, daß ich nicht Schonung, nicht Aufſchub for⸗ derte. Heinrich. Dies geb' ich euch im vollen Maße. Uebrigens ziemts ihr nicht, unſere Handlungen zu prüfen und zu unterſuchen. Steht der Neckerin nicht weiter Rede, ſo wird ſie enden müſſen. Der König Gu Agnes). Habt ihrs vernommen 2 Agnes. Allerdings. Ich gehe, um den Becher aufs Wohl des Geprüften zu füllen. Am andern Tage langten Boten auf der Löwenburg an; ſie brachten ein Schreiben vom Erzbiſchofe aus Mainz an König Friedrich; er wünſchte ihm zu ſeiner Ankunft in Deutſchland Glück, bat ihn, bald thätig zu wirken, und berichtete ihm zugleich, daß er mit vielem Glücke den Sinn der deutſchen Fürſten lenke, und ſie zu ſeiner günſtigen Aufnahme vorbereite. Nur eins, ſchrieb er weiter, verbittert mir meine Abſicht wacker, und zwingt mich, ehe ich weiter handle, euern Rath zu hören und eure Einwilligung zu fordern. Der Biſchof von Bamberg hat die Anarchie des Reichs trefftich benutzt: er hat ſeine Reiſige vermehrt, und durch ihre Hüfe viele freie Rittergüter an ſich geriſſen —— 13 Er fürchtet jetzt, daß ihr im Namen der Gekränkten, wenn ſie euch um Beiſtand anruften, wieder fordern würdet, was er nur widerrechtlich beſitzt und im un⸗ gerechten Kampfe erobert hat. Er hat ſich daher ſtand⸗ haft erklärt, daß er euch nicht nur ſeine Stimme ver⸗ ſagen, ſondern auch mehrere von euch abwendig machen will, wenn ihr ihm und ſeiner Kirche nicht im Vor⸗ aus mit aller Form Rechtens den Beſitz aller dieſer Veſten und Güter verſichert, ihn und ſie, wenn ihr einſt Kaiſer ſeyd, wirklich damit belehnt. Thut hierin, was euch weiſe dünkt, nehmt euer Gewiſſen, aber vor⸗ züglich eure Vernunft zu Rathe, denn ich kann es euch nicht bergen, daß mein und aller meiner Freunde Plan ganz ſcheitern, und ihr wohl niemals den Thron der Deutſchen beſteigen würdet, wenn der Biſchof ge⸗ gen euch aufſtünde, und alle diejenigen, welche ähn⸗ liche, ungerechte Beute machten, zur Aufmerkſamkeit, zum Widerſtande weckte. Wollt ihr meinen, und folg⸗ lich den Rath eines Freundes hören, ſo fügt euch der Nothwendigkeit, und ſchadet durch zu große Gewiſſens⸗ enge nicht der guten Sache. Sendet mir einen offnen Schutz⸗ und Schirmbrief für den Biſchof, worin ihr bei königlichem Worte und Ehre ihm alle Veſten und Güter, auf welchen jetzt ſein Banner weht, als ein wahres Erb⸗ und Eigenthum ſichert, und ich ſtehe euch dann für den glücklichen Erfolg. Ihr werdet ſeine Städte und Veſten zu eurem Empfange, ſeine tapfern Reiſigen zu eurem Dienſte bereit finden. Noch einmal, ſeyd weiſe, denn wenn ihr anders handeln, etwan dem Rathe der oft allzuſtrengen, allzugerechten Löwenritter Folge leiſten wolltet, ſo kaun ichs euch nicht länger verhehlen, daß ich zu Frommen meines. signen Habes den Plan aufgeben, und nicht länger zu euern Gunſten wirken werde, weil ich mir ſeibſt Fehde und Kampf mit den Mächtigen vorbereiten würde. Mein Bote hat den Auftrag, eurer Antwort zu harren, ſputet euch damit, denn es bedarf der Eile. Der junge König überlas das Schreiben mehr als einmal; ſein Inhalt ſchien ihm wichtig, aber auch ſchwer zur Entſcheidung. Er ſah wohl ein, daß es der Erzbiſchof redlich mit ihm meine und zu ſeinen Gunſten den nicht allzugewiſſenhaften Rath ertheile; aber er glaubte auch mit vollem Grunde, daß ſolch ein Schirmbrief ihn im gerechten Auge der Löwenritter verdunkeln, hier vielleicht eben ſo viel ſchaden, als nutzen werde; er beſchloß daher, dieſer Rath zu hören, und dann erſt zu entſcheiden Der Bundeshauptmann ruhte eben in ſeinem Gemache; er eilte zu ihm und heiſchte ſeinen Rath. Der Bundeshauptmann. Verzeiht, daß ich euch hier nicht rathen kann, der Biſchof von Bamberg iſt mein alter, geprüfter Freund. Mein Rath würde euch daher immer eigennützig ſcheinen müſſen, und könnte es in der That vielleicht auch wirklich ſeyn. Als er vor einigen Jahren aus dem heiligen Lande zurückkehrte, da bewirthete ich den guten Alten einige Wochen durch auf meiner Veſte. Wir ſprachen oft vom Recht und Unrecht mit einander; er ſchien das letztere zu haſſen, und ich kann nicht begreifen, daß er jetzt ein Diener deſſelben geworden ſey; auch iſt noch keine Klage über ihn zu meinem Ohre gekom⸗ men, und ich zähle doch der fränkiſchen Ritter viele in meinem Bunde. Möglich, daß er zum Beſten ſei⸗ ner Kirche einige erbloſe Veſten und Güter mit ſeinen Reiſigen beſetzte; möglich, daß er fürchtet, es könnten einſt allzu entfernte Verwandte darauf Anſpruch ma⸗ chen, und ſie deßwegen ihr zu rechter Zeit ſichern will. Wer kann dieſen Wunſch ihm verdenken? Wer kann ihn im ſolchen Falle verweigern? Wenn wir Unrecht dieſer Art ſtrafen und ahnden wollten, dann verſichere — n — 15 ich euch, daß wir alle Ritter und Fürſten in ganz Deutſchland befehden müßten. Doch handelt ohne Zwang und nach Pflicht und Gewiſſen. Ihr ſeht ſchon, daß ich zum Vortheile eines alten Freundes ſpreche, daß mein Rath nicht ächt und gut ſeyn kann. Der König. Wenn's ſo wäre, wie ihr mir er⸗ zählt, ſo würde ich keinen Anſtand nehmen, den gefor⸗ derten Schutz⸗ und Schirmbrief auszuſtellen; aber der Erzbiſchof ſpricht von vielen Gütern, die er an ſich geriſſen, die er widerrechtlich beſitzt und im un⸗ gerechten Kampfe erobert hat. Der Bundeshauptmann. Wer weiß, welche Urſache ihn dazu verleitet; vielleicht liegt gleiche Hab⸗ ſucht darunter verborgen, er will von dieſer Entſchei⸗ dung auf ſeinen Lohn ſchließen; bewilligt ihr, denkt er, dem Biſchof ſeine Bitte, die er abſichtlich ſo groß ſchildert, ſo kann er am Ende eben ſo viel und viel⸗ keicht noch mehr fordern. Unterſucht es dann, und ihr werdet finden, daß ihr dem guten Biſchof etwan einige kleine Veſten ſichertet, die mitten in ſeinem Ge⸗ biete und erblos da ſtanden. Wäre ich an eurer Stelle, ich erfüllte des Biſchofs Bitte, denn ſo ſehr auch der Mainzer auf einer Seite die Forderungen zu übertreiben fucht, ſo kann ichs euch doch nicht bergen, daß er wahr ſprach, als er euch die Macht des Bi⸗ ſchofs groß und ſeinen Einfluß anſehnlich ſchilderte. Erhaltet ihr dieſen zu eurem Freunde, ſo könnt ihr immer auf ſechs bis achttauſend ſtreitbare Männer rechnen, die, gleich uns, eure Rechte vertheidigen wer⸗ den. Doch noch einmal, ihr müßt in dieſer Sache euer eigner Rathgeber werden, denn ich kann nicht wider meinen Freund rathen, weil ich ihn durch zu große Gewiſſenhaftigkeit kränken und ſchaden könnte ich will aber auch nicht zu ſeinen Gunſten rathen, weil ich eurer Pflicht eben ſo ungerne zu nahe trete. 16 Der König. Nur eins noch: Was würdet ihr thun, wenn ihr an meiner Stelle wärt und entſchei⸗ den ſollt? Der Bundeshauptmann. Der Biſchof iſt mein Freund, und Freundſchaft darf hier nicht entſcheiden. Thut, was euch klug und weiſe dünkt, ſo ſchrieb der Erzbiſchof, ſo muß ich auch rathen. Der König verließ den guten Alten, und war noch eben ſo unentſchloſſen als vorher. Der mächtige Bei⸗ ſtand des Biſchofs reizte ihn mächtig, aber ſein Ge⸗ wiſſen rufte ihm auch eben ſo laut zu, daß ein König nicht aus eignem Vortheile entſcheiden, nicht zu ſeinem Nutzen die Rechte eines Unterdrückten kränken ſollte. Nach langem Kampfe mit dem Ehrgeize und dem ho⸗ hen, edlen Gefühle der Rechtſchaffenheit, ergriff er end⸗ lich das Schreibgeräthe, und antwortete, wie es ihm klug und weiſe dünkte. Eben hatte er das Schreiben geendet und den harrenden Boten verabſchiedet, als Ritter Eſchenbach in ſein Gemach trat. Der König. Was bringſt du mir, trauter Freund? Wohl mir und dir, wenn deine Nachricht dem Geſichte widerſpricht, welches ſo laut Trauer und Kummer verkündigt. Eſchenbach. Ich komme, Abſchied zu nehmen. Der König. Doch nicht auf immer? Eſchenbach. Das wolle Gott nicht; ich hoffe, noch oft an eurer Seite eure gekränkten Rechte mit dem Schwerte zu vertheidigen, und endlich mit euch den Siegs⸗ und Freudenbecher zu leeren. Mein Va⸗ ter, der lange in Paläſtina kämpfte, und unter den Wenigen war, welche vor Jahresfriſt wiederkehrten, hat mir einen Eilboten geſandt er beginnt ſeinen Todes⸗ kampf, und will den Sohn ſeines Herzens noch ein⸗ mal ſprechen und ſegnen. Dies iſt die Urſache meines Abſchieds und der Trauer, welche mein Geſicht ver⸗ kündigt. ——— 17 Der König. Dann wünſche ich von Herzen, daß die letztere in Freude ausarten, und ihr euern guten Vater wieder wohl und beſſer treffen mögt. Zieht die ſchöne Adelgunde mit euch? Eſchenbach. Begebenheiten dieſer Art ſind nicht für das Gefühl eines Weibes, der Tod des alten Va⸗ ters würde ihr mitleidsvolles Herz zu ſehr engen, es auf lange Zeit zum Genuſſe der Freude unfähig machen. Gern hätte ichs zwar geſehen, wenn der ehrwürdige Vater die künftige Gefährtin meiner Tage kraftvoll geſegnet hätte; aber ich hoffe, daß dieſer Segen auch in der Ferne wirken und ihr unnöthigen Kummer er⸗ ſparen ſoll. Ich empfehle ſie in meiner Abweſenheit eurem Schutze, werdet ihr Tröſter, wenn ſie bangt und zagt, ermuntert ſie durch gefälligen Scherz, wenn ſie allzuſehr trauert. Der König clichelnd). Ihr müßt entweder noch nie Eiferſucht gefühlt haben, oder meiner Geſtalt, mei⸗ nen wenigen Eigenſchaften gar keine Unternehmungs⸗ kraft zutrauen, da ihr mich zum Wächter und Tröſter der ſchönſten Dirne beſtellt. Oder achtet ihr mich wirklich für ſo großmüthig, daß ich die Abweſenheit des Freundes nicht nützen, nicht zu erobern ſuchen würde, was er ohne Vertheidigung verlaſſen hat? Eſchenbach. Das letztere, edler Herr, das letztere! Ihr werdet eure Würde nicht perletzen, ſie iſt zum Schutze, nicht zur Kränkung des Eigenthums beſtimmt. Der König Ich will euer Zutrauen nach Kräften ehren, unterliege ich aber im Kampfe, ſo werde ich euer Ankläger, und verkündige es laut, daß ihr mich zur Fehde verleitet habt. Wann hofft ihr wiederzu⸗ kehren? Eſchenbach. Kann ich auch nicht ehre Aufnahme mitfeiern, ſo glaube ich doch ganz geſviß einer der erſten zu ſeyn, welcher euch dazu Glück wünſcht. Löwenritter 4. 2 18 Der König. Zieht in Frieden, und fordert nicht zu ſtrenge Rechenſchaſt, wenn ihr wiederkehrt. Eſchenbach. Ich hoffe ſie gar nicht nöthig zu haben. Lebt wohl, und gedenkt meiner bei Adelgunden. Er ſchied, und der König nahm abſichtlich bei der Tafel Platz an Adelgundens Seite, um ihr Eſchen⸗ bachs Auſtrag wieder erzählen zu können; ſie lächelte ſtillſchweigend, und verſicherte ihn nur in Kürze, daß ſie ſich durch ſeinen Schutz geehrt fühle. Wie nach der Tafel die Ritter noch zechten, ging der geſchäfts⸗ loſe König nach dem Garten, um dort den ſchönen Tag zu genießen, und in der Einſamkeit Pläne zu ſeiner künſtigen Größe zu entwerfen. Wie er, mit dieſen beſchäftigt, an der Eiche vorüber ging, die vor kurzem die Zeugin ſeiner Angſt und Kummers war, und eben überlegte, wie ſein und ſtark die Ritter des Löwens ſeine Standhaſtigkeit geprüft hätten, erblickte er tiefer hinab eine luſtwändelnde Dirne. Sein Auge erkannte bald in ihr Adelgunden; ſie ging gedanken⸗ voll einher, riß mit der Rechten die Blätter der Sträucher ab, und ſtreute ſie mit der Linken umher. Der König lenkte ſeine Schritte nach ihr hin, und ſtand bald neben ihr. Sie erſchrack, als ſie ihn er⸗ blickte. Der König. Schöne Adelgunde, ihr müßt nicht erſchrecken, wenn ſich euer Tröſter naht, ſonſt kann er ſeines Amtes nicht handeln. Adelgunde Ctraurig). Ach, Troſt kann meinem armen Herzen nie unangenehm ſeyn. Es ſucht ihn oſt, 7 und leider immer vergebens. Da dachte ich eben an Siciliens fruchtbare und angenehme Gefilde, mein Herz. ſehnt ſich jetzt lebhafter als je darnach, weil eure Groß⸗ muth mir den Eingang dahin öffnete. Der König. Wos hindert euch, ſie an eures künf⸗ tigen Gattens Seite wieder zu veſuchen und zu be⸗ wohnen 19 Adelgunde Keufzend). Auch ich fragte mich oft ſo, und that meinem Ritter gleichen Antrag, aber er verwarf ihn mit Starrſinn, und erklärte mir, daß ſeine Pflicht ihn an Deutſchlands Boden feßle, daß ich wohl thun würde, wenn ich die geſchenkten Güter zu verkaufen, und meinen Nachkommen ein deutſches Erbe zu ſtiften ſuche. Tapfer und edel mag der deutſche Ritter wohl ſeyn, aber gefühlvoll und zãrtlicht nachgebend und aufmerkſam auf die Wünſche ſeines Weibes iſt er nicht. Erfahrung lehrts mich käglich, daß hier nur der Männer Wille Macht und Gewalt hat, daß wir armen Geſchöpfe gar keinen haben ſollen. König. So behagts euch in Deutſchland nicht? Adelgunde. Wie kann mirs behagen, da ich ein beſſeres, ein ſchöneres Land kenne. Die Menſchen ſcheinen mir hier ſo ähnlich den wilden Thieren, welche nur im Forſte leben und gedeihen. Wo mein Auge hinblickt, ſieht es Wälder, wo mein Fuß hinſchreitet, tritt er auf Moos und Blättern umher ich muß lange umherwandeln, ehe ich einmal die wohlthätige Wärme der Sonne genießen kann. Angſt und weh wird mir ums Herz, wenn ich endlich des Winters gedenke, der alles verheert, alles verwüſtet, die grünende Erde Mondenlang mit Eis und Schnee bedeckt, Der König. Die Abreiſe eures Ritters hat euch mißmuthig gemacht. Gedenkt ſeiner heftigen Liebe, und es wird euch beſſer werden. Adelgunde(lächelnd). Seiner heftigen Liebe? Könnt ihr wohl Wärme von Eis und Schnee erwar⸗ ten? Sein Vater ringt mit dem Tode; ich kanns nicht hindern, daß er, ſeinen Segen zu erhaſchen, eiligſt abreiste, aber daß er nebenbei nur kalten Abſchied don mir nahm, mir nur im Vorübereilen ein Lebewohl zurief, gat nicht gedachte unſerer Liebe und des Bünd⸗ 20 3 niſſes, welches mich ewig an ihn feſſeln ſoll, dies 3 ſchmerzt mich tief, dies thut meinem Herzen mehr als weh. Möglich, daß Deutſchlands Dirnen dieſer und ähnlicher Begegnung von früher Jugend an gewohnt ſind, daß ihr Herz eben ſo geringer Wärme als ihre„ ſchattigte Erde fähig iſt, aber mir behagt ſie nicht, mein Herz heiſcht wärmere Liebe, ich weiß Kaltſinn zu ahnden und zu verachten. Der König. Nehmts nicht von der ſchlimmſten Seite, bedenkt, daß ein tödtlich kranker Vater ihn rief, daß er ſehr eilen mußte, und doch noch vorher zu mir kam, um mich zu euerm Tröſter zu ernennen. 3 Adelgunde(mit Hohn). Dann war ja die Eile nicht allzugroß, dann hätte er mir die verſchwendete Zeit mit Recht ſchenken ſollen. Der König. Schöne Adeldunde, hofft nicht, daß ich lange noch ſein Vertheidiger ſey, ich werde meiner ſchweren Pflicht bald vergeſſen und zu euch übertreten. Adelgunde. Weil ihr die Schwäche eurer mög⸗ lichen Gründe einſehet, lieber freiwillig aufgebt, was ihr doch nicht behaupten könnt. Der König. O nein, ich denke weit eigennütziger, ich will und mag meinem und dem Glücke Siciliens nicht länger entgegenſtreben, euer Mißmuth läßt mich hoffen, daß ihr vielleicht Deutſchlands Feſſeln ent⸗ fagen, und frei nach Sicilien zurückkehren werdet, wo eure Schönheit, eure Reize mit ſtärkerer Macht herr⸗ ſchen, ſelbſt den Regenten ves Landes zu eurem Skla⸗ 3 ven machen können. Adelgunde. Eure warme Schmeichelet beweißt, daß ihr in Sicilien geboren wurdet, im Munde des kalten Deutſchen würde ſie Mißtöne erregen, aber in dem eurigen klingt ſie lieblich. O wollte Gott, ich önnte zurückkehren ins geliebte Vaterland, nicht um wie der Schmeichler ſprach— zu hertſchen, ſon —— — 21 dern um ſanſt und wohlthätig beherrſcht zu werden⸗ Dort würde ich keiner Sklavin gleichen, die dem Winke des Herrn gehorchen; die froh ſeyn muß, wenn er nach einer langen Abweſenheit wiederkehrt, und im Vorübereilen nach ihrem Wohlbefinden fragt. Der König. Seyd ihr nicht frei? Wer hindert euch, den Entſchluß zur Ausführung reifen zu laſſen 2 Thuts mit Standhaftigkeit, ich werde alle Sorge tra⸗ gen, daß euch der Schritt nicht reut. Adelgunde Geufzend). Bin ich nicht Eſchenbachs Verlobte? Der König. Verlobt, aber nicht verheirathet, nur des Prieſters Segen legt unzertrennliche Feſſeln an. Adelgunde. Aber ich verſprach ihm Liebe und Treue. Der König. Verſprach er euch nicht ein Gleiches. Adelgunde. Ja wohl, ja wohl! Der König. Hat er erfüllt? Adelgunde. Ich kann ihn keines Vergehens be⸗ ſchuldigen, nur ſein Kaltſinn kränkt mich, wird mich unglücklich machen. Der König. Wenn ihr dies wähnt, wie ich es denn mit euch nur allzuſehr ahne, ſo kehrt zurück, da 4 noch Zeit iſt, flieht, wenn ihr glücktich ſeyn wollt. Adelgunde. Flucht wäre ſchimpflich, zu dieſer kann und darf ſich die edle Sicilianerin nicht er⸗ niedrigen. Der König. Auch war dieſe nicht mein Rath, ich meinte nur—— Adelgunde. O ſchweigt lieber, eure Meinungen ſind mir zu gefährlich, ich fühls, mein Herz hört ſie gerne, mein Verſtand könnte ſie am Ende befolgen Der König. Gott, wenn ihr wahr ſprächt, wen 1 22 meine ſtolze Eigenliebe mich diesmal nicht hinterginge, wenn ich hoffen könnte, daß ich nur den geringſten Einfluß auf eure Reue hätte, wie unausſprechlich glücklich wollte ich mich dann dünken. Adelgunde(mit Zärtlichkeit). Wenn ich meinen Entſchluß ausführe, wenn ich mich der harten Feſſeln entledige, ſo denkt nur, daß ichs that, weil es euer Rath war.(Sie will gehen.) Der König(ſie haltend). Nein, Königin deines Geſchlechts, ſo entlaſſe ich dich nicht. Laß mich mehr wiſſen, mache den Hoffnungsloſen ganz glücklich. Du kannſt der Schöpfer meines größten Glücks werden, zögere nicht länger, du kannſt allmächtig wie er ſeyn, ſey auch eben ſo barmherzig. Adelgunde(verwirrt). Ich verſtehe euch nicht, ich weiß nicht—— Was könnt ihr von mir fordern? Der König. Ich fordere nicht, ich bitte, ich flehe nur—— Ihr ſollt alles wiſſen. Kann die Erzählung meines Leidens auch nur Mitleid in eurem Herzen erwecken, ſo bin ich ſchon belohnt genug. Erinnert ihr euch⸗ noch jenes mir ewig unvergeßlichen Abendes, als ihr zu mir in die Fiſcherhütte tratet, mir offne Liebe botet, wenn ich dem gefangnen Vater die Freiheit ſchenkte? Damals begann euer Sieg über mein Herz, damals erwachte der Gedanke in mir: ſolch ein Weib, und du wärſt der Glücklichſte unter allen Königen der Welt! Ich kämpſte mit Rieſenkraft dagegen; ich ſiegte, und ſandte euch mit dem freien Vater übers Meer; aber ich konnte euch nie vergeſſen, euer Bild war wachend und träumend mein treuer Gefährte, ich ſah Tauſende, die man ſchön nannte aber ich ſah keine, die euch gleich kam. Glücklicher und froher kann ſich der Gefangene nicht fühlen, welber Jahrelang im dunkeln Kerker ſchmachtet, auf einmal die Freiheit erhält, und wieder die aufgehelde 3 ——— Sonne anblicken kann, als ich mich damals dünkte, wie ich in Eſchenbachs Geſellſchaft euch wieder er⸗ blickte, wie mich Auge und Herz zugleich überzeugte, daß meine Einbildungskraft die feurigſte ſehn müſſe, weil ich euch immer ſo ſah, immer ſo ehrte, aber öde und leer wards in meinem Herzen, der liebliche, angenehme Sonnenſchein entſchwand meinem ſtarren⸗ den Auge, ich fühlte mich alles Troſtes beraubt, ich ſtand einſam und verlaſſen da: als ichs nach und nach vernahm, daß ihr ſchon gewählt, den koſtbarſten Schatz der irdiſchen Erde nicht an mich, ſondern an einen andern verſchenkt hättet. Ich that, was ich konnte, ich übte nicht Großmuth, ſondern Gerechtigkeit an euch; ich hoffte euch dadurch zu überzeugen, daß ich den innigſten Antheil an eurem Wohle nehme; ich tröſtete mich mit der Vorſtellung, daß ihr zwar in den Armen eines andern, aber doch wenigſtens darin euer Glück gefunden hättet. Jetzt, da ich höre, daß der Unempfindliche die Größe deſſelben nicht fühlt, und ihr ängſtlich in die Zukunſt blickt, jetzt wag ich es, mei⸗ ner Empfindung Worte zu geben. Die Natur machte euch zur Königin ihrer Geſchöpfe, das Schickſal ehrt den Willen dieſer allmächtigen Mutter, es führt Kö⸗ nige zu euern Füßen, damit ihr auch Beherrſcherin werden könnt. Ihr verwarft die Liebe des groß⸗ müthigen Korradins, weil er durch Gold euern Vater zum Verkauſe ſeines einzigen Kindes verleitete, euch zur Selavin machte und euern Gott nicht ehrte; ſeht jetzt einen andern König zu euern Füßen, deſſen Haupt vielleicht bald die deutſche Kaiſerkrone zieren wird, der euch zu euerm Vater aus den Feſſeln be⸗ freite, der mit euch einen und den nämlichen Gott ehrt, in eurer Geſellſchaft zu ihm ſeine Hände auf⸗ heben wird. Verachtet, verſtoßt ihn nicht, ehrt des Schickſals Willen, das euch einen Thron beßſimmt, * 21 hat, gebt ſeiner Führung Raum, verachtet die heſtige Liebe meines Herzens nicht. Adelgunde(ihn aufhebend). Steht auf, ich be⸗ ſchwöre euch, ſteht auf! Wenn einer der Ritter euch zu meinen Füßen erblickte, ich würde unglücklich ſeyn, man würde mich des Meineides gegen Eſchenbach be⸗ ſchuldigen, und mein Verbrechen ſtreng ſtrafen; noch bin ich in ihrer Gewalt, ſelbſt eure Vorbitte könnte mich nicht retten, nicht ſchützen. Der König. Seht, wie ich eurem Befehle blind⸗ lings gehorche, ſeyd daher gütig und barmherzig, lohnt meinen Gehorſam nur mit der entfernteſten Hoffnung. Adelgunde. Der Lohn wäre zu koſtbar, er raubte mir alles, er machte mich gränzenlos un⸗ glücklich. Der König. Ich verſtehe euch nicht. Wie wäre dies möglich? Adelgunde. Glaubt ihr, daß ich thöricht genug ſey, zu hoffen, der König von Sicilien, der künſtige Kaiſer der Deutſchen, werde mir einen Platz auf ſeinem Throne gönnen? Oder wähnt ihr im Gegen⸗ theil, daß ich mich bis zur Buhldirne erniedrigen, oder geehrt dünken würde, wenn ein König mich in⸗ geheim mit ſeiner Gunſt und Liebe beglücken wolle?— Der König. Heil meinem ſchmachtenden Herzen, wenn kein anderes Hinderniß ſeine Labung verzögert. Fern ſey von mir der Gedanke, daß ich euch erniedri⸗ gen wollte! Führt mich Schickſal und Glück auf alle hrone der Welt, ſo ſollt ihr ſie mit mir beſteigen, ſie alle mit mir theilen. Seyd ihr nicht eine der Edelſten meines Reichs? Wer kann, wer wirds hin⸗ dern, wenn ich euch zu meiner Gattin erwähle2 Adelgunde. Ich weiß, daß mein Geſchlecht ſei⸗ nen urſprung aus königlichem Blute nahm, daß es ſchon der Herrſcher mehrere unter ſeinen Ahnen zählte, aber ich weiß auch eben ſo gewiß, daß dies Geſchlecht euern Sicilianern äußerſt verhaßt ſey, und bin uber⸗ zeugt, daß die ſtolzen, unempfindlichen Deutſchen nicht eine Dirne auf ihrem Throne dulden würden, die ſich einſt glücklich dünken mußte, daß ein armer Ritter ſie ſeines Schutzes und Liebe würdigte. Seyd daher weiſer und klüger als ein ſchwaches Weib, ge⸗ denkt eurer königlichen Pflicht, benutzt nicht die Schwäche meines Herzens, das ſich nur allzuwillig eurem Antrage öffnet. Ueberlaßt mich meinem Un⸗ glücke, welches das unerbittliche Schickſal für mich bereitet hat, ſelbſt eines Königs Macht kanns nicht nicht ändern. 6 Der König. Wird, muß es ändern, wenn ihr nur einwilligen, nur entfernte Hoffnung gewähren wollt. Adelgunde. Glaubt ihr denn, daß es mir un⸗ bekannt iſt, daß ihr um Aragoniens Königstochter, um die Hand der reizenden Konſtantia, werben wollt, vielleicht ſchon geworben habt? Wenn es euch Ernſt war, das Herz einer trugloſen Dirne durch Liſt zu fangen, ſo hättet ihrs euern Begleitern unterſagen müſſen, damit ſie nicht laut erzählen, was eure ganze Liſt vereitelt. Der König. Blickt in mein Auge, und forſcht: ob es bei Erzählung dieſer Nachricht verwirrt zur Erde ſinkt? Ich läugne es gar nicht, daß ich nach einem Weibe ſchon früher umherſpähte, daß ich mit Alphonſen, dem König von Aragonien, deßwegen in Unterhandlung trat, weil der allgemeine Ruf ſeine Tochter edel, gut und ſchön ſchilderte; aber ich ſchwör's auch zu Gott, daß ich ihr entſagen, daß ich die Un⸗ terhandlung enden will, wenn ihr mir dagegen ver⸗ ſprecht, daß ihr euch Eſchenbachs Feſſeln endledigen, nach Sirilien ziehen, und miter harren wollt. Adelgunde. Wenn ichs thäte, wenn ich den glatten Worten des warmen Schmeichlers traute, wie würdet ihr einſt der Leichtgläubigen ſpotten. Der König. Wenn Schwur und der theuerſte Eid euch nicht genügt, ſo fordert andere Beweiſe, mein liebendes Herz wird ſie willig leiſten. Adelgunde. Wohl dann, ich will verſuchen: ob ich meinem unglicklichen Schickſale entgehen und aufs neue hoffen kann. Es wäre thöricht, wenn ich vorher verſprechen wollte, was ich wahrſcheinlich einſt nicht leiſten könnte; aber ich will verſuchen, ob ich die Feſſeln des kalten Deutſchen löſen, ob ichs ihm begreiflich machen kann, daß er mit mir nicht glücklich ſeyn wird, daß ich weit mehr fordere, als ſein enges, unempfindliches Herz zu leiſten vermag. Gelingt mir dieſer feſte Vorſatz, der euch den Zuſtand meines Herzens deutlich genug erklären muß, ſo will ich dann harren: ob ihr erfüllen werdet, erfüllen könnt, was ihr ſo unbedingt verſpracht? Bis dahin muß unſer Geſpräch ein unerforſchliches Geheimniß bleiben; ihr werdet euch ſelbſt ſchaden, all euere Ausſichten ver⸗ dunkeln, wenn ihr es auch nur dem vertrauteſten Freunde eurer Seele kund machtet, bedenkt, daß da⸗ durch alles verloren wäre. Zagt, zweifelt übrigens nicht, wenn ihr vielleicht morgen ſchon meine Abreiſe erfahrt, ich ziehe abſichtlich dem Ritter Eſchenbach nach, ich will ſein Herz entfernt von dem Rathe ſei⸗ ner Freunde beſtürmen, ich will die Zurückgabe mei⸗ nes Wortes fordern, und ihm dafür alle meine Schätze zum Löſegeld bieten, wahrſcheinlich waren vieſe die Lockſpeiſe ſeiner Liebe, die dann, geſättiget, kein weiteres Opfer fordern wird. In jedein Falle ſeht ihr mich wieder, und ſollt den Erfolg erfahren. Der König. So nicht, ihr müßt erſt meinen nnausſprechlichen Dank in meinem Geſichte leſen ob . 3 er gleich ſprachlos iſt, ſo werdet ihr ſeine Größe doch leicht entdecken können. Adelgunde dächeind). Noch habe ich euern Dank nicht verdient, noch kann ich auch keinen Anſpruch darauf machen, der Erfolg muß euch erſt lehren, wie und wann ihr mir danken ſollt.——. Als ſie dieſe Worte ausgeſprochen hatte, entſchlüpfte ſie den Händen des Königs und eilte auf dem engen Pfade vorwärts. Er folgte ihr nicht, weil ſie ſich deutlich geäußert hatte, daß ſie zu frühe Entdeckung ſcheue, ihm genügte es, daß er hoffen und ſich des künftigen Sieges erfreuen konnte. Adelgunde war ihm wirklich von lange her nicht gleichgültig geweſen: ſchon als Knabe hatte er ihre Reize bewundert, wäre nicht Graf Friedrich in jener Nacht der Tugend Schutzgeiſt geworden, der König würde mit der Bit⸗ tenden nicht ſo großmüthsvoll gehandelt, ſie wahr⸗ ſcheinlich zu ſeiner Buhlerin erniedrigt haben. Er fand ſie unverhofft auf der Löwenburg wieder; Adel⸗ gundens Reize hatten ſich hoch vermehrt, ſeine Neigung erwachte auſs neue, ſein Herz wünſchte, forderte, ſeine Vernunft kämpfte; aber ſie war zu ſchwach, um der brauſenden Leidenſchaft des Jünglings zu wider⸗ ſtreben; ſie unterlag, als ſo erwünſchte Gelegenheit ſich zeigte, und die mißmuthige Adelgunde ihm ſelbſt den Weg bahnte, auf welchem er ihr entgegenwandeln konnte. Ob er edel und gut handelte, ob er die Mißlaune der empfindlichen Sicilianerin ſo trefflich benutzte? Ob er nicht Freundespflicht verletzte, als er ſie zur Untreue gegen den redlichen Eſchenbach ver⸗ leitete? Dieß mag die Zukunft entſcheiden, ihr ge⸗ bührt ohnehin das Richteramt über die Handlungen der Menſchen, ſie kann ihren Werth am ſicherſten be⸗ ſtimmen, weil ſie That und Folge zugleich beurtheilt, und doch oft nur die Folge den Werth der That ent⸗ ſcheidet, oft die ſchönſte und beſte zur häßlichſten und ruchloſeſten umwandelt. Ueberhaupt verrieth aber König Friedrich ſchon in ſeiner frühen Jugend, was er im reifern Alter nur allzudeutlich beſtätigte, einen vorzüglichen Hang zum ſchönen Geſchlechte. Schön⸗ heit, edler Anſtand und Kenntniſſe waren immer die Klippe, an welcher ſein großer Geiſt oſt ſcheiterte. Daß er dann manchmal auf Abwege gerieth, durch Liſt zu erringen ſuchte, was er im offnen Kampfe nicht beſiegen konnte, läßt ſich ſehr wahrſcheinlich vermu⸗ then, wird ſogar von den Geſchichtſchreibern ſeines Zeitalters oft beſtätigt. Mehr als einer derſelben verſichert, daß Friedrich großmüthig, gerecht, edel und tapfer war, daß aber ein ſchönes Geſicht, eine reizende Stimme ihn oſt zur Untreue gegen ſeine Ehefrauen, zur Verletzung ſeiner⸗ übrigen Pflichten verleitete. Noch lange ging der König im Garten auf und ab, genoß den ſchönen Abend und den Vorgeſchmack ſeines künftigen Glückes. Bei der Abendtafel nahm Adel⸗ gunde nicht Platz an ſeiner Seite, doch flüſterte ſie ihm, indem ſie ſanft ſeine Rechte drückte, leiſe zu, daß ſie dies Glück bloß deßwegen einer andern gönne, weil ſie ihrem Herzen nicht traue und zu frühen Arg⸗ wohn verhindern wolle. Als am andern Morgen der König ſein Lager verließ und in der Geſellſchaft⸗ der Ritter auf die Jagd ziehen wollte, erfuhr er, daß Adelgunde bereits ihrem Ritter Eſchenbach nachgezogen ſey, und wahrſcheinlich erſt in ſeiner Geſellſchaft zurück⸗ kehren werde. Da ihm dieſe Nachricht nicht uner⸗ wartet kam, da er ihre Abreiſe vielmehr zur Förderung ſeines Plans wünſchen mußte, ſo ſtörte dies keines⸗ wegs ſein Vergnügen, welches er heute auf der Jagd zu genießen hoffte. Die Ritter zogen an ſeiner Seite nach dem Forſte, fanden bald Wildpret in Menge, — 29 und zerſtreuten ſich, um es zu ſangen und zu erlegen. Der König hatte ſchon zwei Wölfe getödtet und glück⸗ lich mit einem Bären gekämpft, als ein beſonders großer Hirſch durch die Spürhunde nahe bei ihm vorübergejagt wurde; er folgte ihrem Rufe, und trennte ſich von den übrigen Rittern, welche eben einen Bären zu erlegen ſuchten. Nur zwei Jäger bemerkten es, wie der König vorwärts jagte; ſie folgten, damit er im tiefen Forſte ſich nicht verirre. Die Rüden hatten den Hirſch erſt kurz vorher im La⸗ ger getroffen: er war noch nicht ermattet, und lockte daher ſeine Verfolger in weiten Strecken umher. Endlich ſank er doch entkräftet zu Boden, und der König brach dem Hirſche die ſchönen Geweihe ab, um ſie zum Beweis ſeines Sieges in dem Saale der Löwenburg aufzuhängen. Er forſchte nun bei den Jägern, welche ihm nur mit Mühe gefolgt waren, nach dem nächſten Rückwege, und hörte zu ſeinem Erſtaunen, daß ſie mit friſchen Roſſen die Löwenburg erſt am andern Tage, mit ihren äußerſt ermatteten Roſſen kaum in zwei Tagen erreichen würden. Die Sonne ſtand überdies bereits den Spitzen der hohen Tannen gleich, und verkündigte, daß ſie in einigen Stunden untergehen würde. Wenn wir, ſprach einer der Jäger, uns rechts durchs Dickicht ſchlagen, ſo können wir, noch ehe es Abend wird, das Ende des Forſtes, und wenn wir wacker ſchreiten, eine Herberge erreichen, wo wir bis zum Anbruch des Tages ruhen, auch vielleicht neue Roſſe zur Rückreiſe erhalten kön⸗ nen. Der müde König billigte den Vorſchlag; da aber die ſchäumenden Roſſe ſie nicht mehr tragen konten, ſo leiteten ſie ſolche am Zügel hinter ſich her, und erreichten, als es dämmerte, die Herberge glückich. Zwei fremde Ritter und neben ihnen ein Mönch ſaßen am Tiſche und zechten; ſie waren in ſo tiefem Geſpräch begriffen, daß ſie der Eintretenden nicht gewahrten, und ſie erſt bemerkten, als ſie ihr Waffengeräthe von ſich gelegt und an einem andern Tiſche Platz genommen hatten. Um unerkannt zu bleiben, hatte der König den Jägern ſtreng geboten, daß ſie ihn als ihres gleichen achten, und mit ihm Speiſe und Trank genießen ſollten. Einer der fremden Ritter. Woher des Lan⸗ des? Zieht ihr auf⸗ oder abwärts? Der König. Wir ſind nicht Reiſende, nur irrende Jäger, welche dem Wilde allzugierig folgten, und ſetzt der matten Roſſe wegen Herberge ſuchen mußten. Fremde. Seyd alſo bekannt in der Ge⸗ gend? Der König. Wir zogen dieſen Morgen in Ge⸗ ſellſchaft der Löwenritter nach dem Forſte, in welchem wir den ganzen Tag umherjagten. Alle drei Fremde Gugleich). Der Löwenritter? Der Löwenritter? Einer derſelben. So können wir morgen wohl in eurer Geſellſchaft ziehen, denn auch wir hoffen, morgen in dieſer berühmten Burg zu herbergen. Seyd ihr vielleicht ein Glied dieſes Bundes? Der König. Nein, aber ich wünſche und hoff es einſt zu werden. Der Ritter. Heil dann euch, ihr werdet ruhig ſchlafen, das Eure in Frieden genießen können, wenn dieſer tapfere Bund für eure Sicherheit wacht. Der König. Zieht ihr vielleicht aus gleicher Ab⸗ ſicht nach der Burg? Der Ritter. Wie mans nehmen will. Wir ſind Abgeſändte eines Größern, der Aufnahme und Freund⸗ ſchaft mit den Rittern wünſcht. Wir treffen doch dort noch den ſicilianiſchen König Friedrich? Der König. Ja, noch wohnt er auf dieſer 31 Burg, und wird ſie wahrſcheinlich ſo bald nicht ver⸗ laſſen. Der Ritter. Ihr würdet uns wacker verpflichten und ächten Anſpruch auf unſre Dankbarkeit machen können, wenn ihr uns ein wenig mit den Eigenſchaften dieſes jungen und hoffnungsvollen Fürſten bekannt machtet. Ihr werdet ihn wohl ſchon öfters geſehen und geſprochen haben. Der König. Ihr ſeyd biedre deutſche Ritter, ich wage daher nichts, wenn ichs euch nicht länger berge, daß ich ein edler Sicilianer und einer von den We⸗ nigen bin, welche den jungen König nach Deutſch⸗ land begleiteten. Der Mönch. Dos iſt ja herrlich, da finden wir la unſern Mann, den wir erſt mit Mühe ſuchen wollten. Die Ritter. Ja wohl, wir müſſens dem glück⸗ lichen Zufalle hoch danken, daß er uns eben einen Freund ſandte, als wir ihn am nöthigſten brauchten. Der Mönch. Wir werden mit Worten und That dankbar ſeyn, wenn ihr die Abſicht unſerer Reiſe nach Kräften unterſtützen wollt. Der König. Laßt mich ſolche nur erſt hören, ehe ihr entſcheidende Antwort heiſcht. Indeß dies zu eurem Troſte: Ich bin des Königs Liebling, ſein Freund und öſterer noch ſein treuer Rathgeber. Freundſchaft und gleiches Alter ketten uns eng anein⸗ der, er erlaubt mir oft, meine Meinung zu ſagen, und achtet ihrer gleich dem Rathe eines Weiſen. Ein Ritter. Dann iſt es höchſt billig, daß wir euch unſere Botſchaft vorher ganz entdecken. „Der Mönch. Aber auch eben ſo offen hinzu⸗ ſügen daß derjenige, deſſen Abgeſandte wir ſind, eure Mühe reichlich und anſehnlich belohnen wird. Der König. Noch erwarte ich keinen Lohn, will Kur eure Botſchaft hören. 32 Der Ritter. Euch wirds nicht unbekannt ſeyn, daß der Erzbiſchof von Köln mit warmer Freund⸗ ſchaft an dem ſächſiſchen Otto hängt, daß er ſein eifrigſter Vertheidiger war, und viele der Fürſten überredete, daß ſie die Wahl, welche ſie einſt eurem Könige einſtimmig leiſteten, vergeſſen, und dagegen ſeinen Freund zum Kaiſer wählen ſollten. Der König. Mir iſt dies alles ſehr gut be⸗ kannt. Der Ritter. Dann ohne Zweifel auch eurem Könige. Wie gefällt ihm dies Betragen? Der König. Es thut ſeinem edlen Herzen äußerſt weh, daß die biedern Deutſchen ihres Wortes ſo ganz vergaßen, und ſeiner nicht gedachten, da doch die Thaten ſeiner Ahnen Beweiſe genug liefern, daß heldenmüthiges Blut in ſeinen Adern fließt. Der Ritter. Wenn er dies Unrecht ſo tief fühlt, ſo wird er wahrſcheinlich auch mit größten Freuden die Gelegenheit zur Rache benutzen, welche wir ihm darzubieten abgeſandt ſind. Der König. Rache iſt ſeinem Herzen fremd. Der Ritter. Dann mißte er kein Gefühl für Unrecht haben. Der König. O er hats, und weiß es zu ahnden, aber nie auf unedle Art. Der Mönch. Dafür bewahre uns und euch der gerechte Gott. Denkt nur, daß ich nicht in der Mitte der Abgeſandten ziehen, nicht wider eines der erſten Häupter der Kirche dienen würde, wenn unedle oder uͤnredliche Abſicht ſich mit ins Spiel miſchte. Der Ritter. Hört mich vorher ganz, und ur⸗ theilt vann erſt. Der Landgraf von Heſſen iſt unſer Herr, und wir ſind ſeine Abgeſandte. Er hat durch ven Erzbiſchof von Mainz vernommen, daß euer Fönig das Unrecht, welches die deutſchen Fürſten ihm 33 ſo häufig erwieſen, innig fühlt, und durch Hilfe der wenigen Getreuen die geraubte Krone dem geächteten und gebannten Otto entreißen willz er bietet ihm nicht nur ſeine Stimme zur neuen und nahen Wahl, ſondern er wird ihn auch mit ſeiner ganzen Macht unterſtützen, wenn er ihm dagegen Hilfe und Unter⸗ ſützung gegen ſeinen ärgſten und unverſöhnlichſten Feind, den Erzbiſchof von Köln, zuſagt und ver⸗ ſpricht. Der König. Wie kann er dies, da er nur mit einigen wenigen ſeiner Getreuen nach Deutſchland kam, und hier ſelbſt Hilfe und Unterſtützung erwartet. Der Ritter. Dies alles iſt unſerm Landgrafen nicht unbekannt, aber er kennt auch eben ſo genau die Macht der Löwenritter, welche eures Königs ge⸗ treue Freunde ſind. Es koſtet ihm ein Wort, und einige Haufen ziehen unſerm bedrängten Landgrafen zu Hilfe, der nicht ſäumen wird, ſeinen Feind zu demüthigen, um dann für eures Königs Rechte ohne Hinderniß kämpfen zu können. Der König. Würde ſich mein König nicht die einzige Stütze, welche er vielleicht jetzt noch beſitzt, muthwillig rauben, wenigſtens ſchwächen, wenn er ſeine Freunde, die Ritter des Löwens, zu dieſer That verleitete2 Der Ritter. Auf eine kurze Zeit freilich, aber bedenkt die Vortheile, welche ihm daraus erwachſen. Iſt der Erzbiſchof von Köln durch unſern Herrn ge⸗ demüthigt worden, ſo kann er eurem Könige nicht ⸗ ſchaden, nicht zu Ottos Gunſten mehr arbeiten, und ſoll, dies verſpreche ich im Voraus, unter keiner an⸗ dern Bedingung Friede und Ruhe ethalten, als bis er theuer gelobt, daß er Friedrichen ſeine Stimme geben und den Bund mit Otto trennen will. Löwenritter 4. 3 3⁴ Der König. Ein großer glänzender Vortheik, wenn nur—— Der Ritter. O ich will euch noch weit größere und ſtärkere vorzählen. Euer König findet dann ſo⸗ wohl im Mainzer als vorzüglich auch in unſers Herrn„ Lande Schutz und Aufnahme, er kann dort das Heer ſeiner Getreuen ſammeln, kann Ottos Freunde be⸗ kämpfen und zur Unterwerfung zwingen. Sollte das Glück ſeine Unternehmungen nicht begünſtigen, ſo— ſtehen ihm die Veſten unſers Landes immer offen, wo er ungehindert ausruhen und neue Kräfte ſam⸗ meln kann. Der König. Euer Antrag hat der glänzenden Vortheile allerdings ſehr viele. Ich will ihn—— Ich werde ihn dem Könige vortragen, und dieſen zum günſtigen Empfange vorbereiten. Der Mönch. Dann harrt deiner großer und„ herrlicher Lohn. Der König. Iſt die Hilfe dringend? Der Ritter. Allerdings ſehr dringend. Der Erzbiſchof haust in unſers Herrn Lande ſehr übel, er überfiel uns in ſchnellſter Eile mit ſeiner ganzen Macht, und verhinderte dadurch, daß viele Ritter, welche es redlich mit uns meinen, mit ihren Reiſigen nicht zu uns ſtoßen konnten. Der Landgraf leidet vorzüglichen Mangel an Reiterei, er kann daher dem Erzbiſchofe nicht im Freien die Spitze bieten, muß ſich immer in den Veſten und Schlöſſern ſeines Lan⸗ des verbergen, und möchte vor gerechtem Ingrimme oft raſend werden, wenn der tolle Erzbiſchof unge⸗ hindert die unbeſchützten Dörfer beraubt und ſeine getreuen BVaſallen tyranniſch behandelt. Der König. Ah, dann verdient euer Herr Hilfe; ungerecht iſt die Fehde allemal, wenn Raub und Mord in ihrem Gefolge ziehen. Gab euer Herr auch ⸗ .— ſache dazu, ſo darf der Ueberwinder doch dieſe nicht an den Unſchuldigen rächen, die nicht die Schuld bü⸗ ßen können, welche ſie nicht verübten. Wie und wa⸗ rum begann die Fehde? Der Mönch. Eine der vorzüglichſten Urſachen dazu way die Gleichgültigkeit, welche unſer Herr ge⸗ gen den Kaiſer Otto von jeher äußerte, der Ausbruch der wirklichen Fehde ward dadurch befördert, duß der Landgraf den Reiſigen des Ottos den Durchzug durchs Land verweigerte, als viele geiſtliche Fürſten rings⸗ umher bekannt machten, daß Stto geächtet und mit dem Bannfluche beladen ſey. Der Ritter. Sehr wahrſcheinlich mag dies alles— den Haß des kölniſchen Erzbiſchofes vermehrt haben, doch wars nicht die eigentliche Urſache zur Fehde Wenn unſer Herr ächte und wahre Hilfe erwartet 6 ſoll, ſo müſſen wir reinen Wein einſchenken, und auf richtig erzählen, was doch nicht lange verborgen blei ben kann, am Ende wohl gar die Zuſage der Hilfe vernichten könnte. Hört, und urtheilt nicht zu ſtrenge: Der Erzbiſchof zu Köln hat eine Schweſter, die er ſehr liebt, und deren Vermögen er nach Kräften zu mehren ſucht. Ihr Gatte, ein ſtattlicher Ritter im Kölnerlande, ſtarb vor Jahresfriſt, und hinterließ eine einzige Tochter, welche die Erbin ſeines großen Ver⸗ mögens ward. Dies reizte manchen Ritter zur Werbung um ihre Hand; mehr noch als das große Habe reizte aber ihre außerordentliche, keiner Be⸗ ſchreibung fähige Schönheit. Der allgemeine Ruf nannte ſie die ſchönſte Dirne, und viele, welche ſich in ihrem holden Auge geſonnt hatten, verſicherten ne⸗ benbei, daß es auf der weiten, großen Welt keine ſchönere Dirne geben könnte, nie mehr geben würde. bgleich unſer Landgraf ſchon ange beweibt ißt, hon vier Kinder aus ſeinem ehlichen Bette empor⸗ ſproſſen ſah, ſo hindert ihn dies doch nicht, manche Dirne ſchön zu finden und ingeheim mit ihr zu buhlen. Der Mönch. Es iſt zwar nicht löblich und billig, muß zu ſeiner Zeit von uns ſtreng gerügt und durch andre gute Werke verſöhnt werden, aber in der Schrift ſtehts ja ſelbſt: Wer rein an dieſer Sünde iſt, der hebe den erſten Stein auf! Der Ritter. Hindert mich durch eure An⸗ merkung nicht in meiner Erzählung, der Ritter dient ja ſelbſt einem feurigen, begierdereichen Jüngling, und wird bald aus Erfahrung überzeugt werden, daß der allgewaltigen Leidenſchaft ein Liebchen nicht genügt, daß unſre Wünſche ſich täglich mehren und Erfüllung heiſchen. Unſer Landgraf wünſchte die ſo hochgeprie⸗ ſene Schönheit zu ſehen und zu bewundern; ich war einer der Wenigen, welche mit ihm nach Köln hinab⸗ zogen, wo die ſchöne Mechtilde thronte. Als wir dort anlangten, läugneten wirs zwar nicht, daß wir heſ⸗ ſiſche Ritter wären, aber wir verſchwiegen es ſorg⸗ fältig, daß der Landgraf in unſrer Mitte zöge. Er iſt ein feuriger unternehmender Herr, fand bald Ein⸗ tritt in der Burg, ſah Mechtilden, und ward eben ſo ſchnell ihr treueſter und innigſter Verehrer; aber Verzweiflung kämpfte auch bald mit ſeinem Herzen, als er ſich täglich mehr und mehr überzeugte, daß Mechtilde ihr Herz ſchon an einen jungen Ritter verſchenkt habe, nur ihm ihre Blicke weihe, nur mit ihm zu ſprechen ſuche. Dies reizte die Rache des Landgrafen; er traf den glücklichen Ritter auf einer der vielen Jagden, welche Mechtilden zu Ehren ge⸗ gegeben wurden; er forderte Rechenſchaft oder Eut⸗ ſagung; der Stolze verweigerte die letztere, beſtand den Kampf und lag bald tödtlich blutend zu des Land⸗ grafen Füßen. Sie hatten abſeits im Dickichte ge⸗ kämpft, man fand zwar noch am nämlichen Tage den Todten, aber keiner der Jäger konnte ausſagen: wie und durch wen er gefallen ſey? Unſer Herr ſchwirg ſorgfältig, ſuchte ſogar durch Verſtellung und Theil⸗ nahme an Mechtildens großer Trauer Eingang in ihrem Herzen zu gewinnen; aber ſeine Mühe war vergebens, ſie wollte. ſeine Troſtgründe nicht hören, ihr krankes Herz ſchien es unwillkührlich zu fühlen, daß eben er ihr ſeinen Liebling geraubt habe. Als dieſer ſah, daß Güte nichts fruchte, die Verſicherung ſeiner ewigen und innigen Liebe kein Gehör fände, da entbrannte Wuth in ſeinem Herzen; er ſchwur hoch und theuer, durch Gewalt zu erringen, was freier Wille ihm hartnäckig verweigere. Ich mußte auf ſein Geheiß heimziehen, fünfzig getreue Reiſige aufbieten, und mit dieſen in einem Forſte lauern, in welchen Mechtildis beinahe täglich durch die Jagd ihren tiefen Kummer zu zerſtrenen ſuchte: ſie weilte dann immer im Dickichte an der Stätte, wo ihr Ge⸗ liebter ſtarb, und weihte ſeinem Andenken Thränen in unzählbarer Menge. Da ſie oft, um ungeſtört trauern zu können, all ihr Gefolge abſeits ſandte, ſo hatte ich den Auftrag, mich mit den Reiſigen hinter einer klei⸗ nen Anhöhe verborgen zu halten, und zum Raube herbeizueilen, wenn der Landgraf winken würde. Wie ich nach einem raſtloſen Zuge an der beſtimmten Stelle anlangte, und dem Landgrafen durch einen Eil⸗ boten von meiner Ankunft Nachricht gab, erhielt ich Rückantwort, daß Mechtilde am folgenden Morgen jagen, und wahrſcheinlich in meine Schlinge fallen würde. Ehe noch die Sonne uns beleuchtete, hörte ich auch wirklich ſchon im Forſt Hörnerſchall und Rüdengebelle; ich ſchlich mit meinen Reiſigen näher zum Dickichte, und brach ſchnell durch, als der Land⸗ graf winkte. Ich traf ſie am Boden knieend und 38 betend; ſie ſchrie fürchterlich, als ſie die Reiſigen er⸗ erblickte; ich wollte ihr den Mund verſtopfen, aber die allzu zärtliche Liebe des Landgrafen verhinderte es; ihr Geſchrei begann aufs neue, das nicht zu weit entfernte Gefolge hörte es, und eilte zur Hilfe her⸗ bei. Freilich war der Kampf ungleich; wir wurden bald Sieger und behaupteten die Beute; aber wir konnten es nicht hindern, daß einige der unſrigen ver⸗ wundet zu Boden ſanken; wir konnten ſie nicht auf⸗ ſuchen und mit uns nehmen, weil der Forſt vom Klagegeſchrei ertönte, welches die übrigen jagenden Ritter herbeizulocken ſuchte. Flucht, ſo ſchnell als möglich, war das einzige Rettungsmittel, nur durch dieſes konnten wir der Rache der zahlreichen Ritter entgehen, welche Mechtildens Jagdgefährten waren und den Raub bſutig an uns geahndet hätten. Wir hörten ſie oft hinter uns und zur Seite toben, aber unſre Roſſe waren ſchneller als die ihrigen, welche die Jagd ſchon ermattet hatte; wir erreichten glücklich die freie Ebne, jagten immer nur auf ungebahnten Wegen, und nie bei Hütten oder Dörfern vorüber; dies hinderte die Nacheilenden, unſrer Spur zu fol⸗ gen, und, ehe die Nacht anbrach, hatten wir ſchon don ihnen nichts mehr zu fürchten. Der Landgraf hatte bisher die geraubte Dirne auf ſeinem Roſſe und in ſeinen Armen gehalten; ſie war mehr als ein⸗ mal ohnmächtig darin gelegen, jetzt ſchien ihre Schwäche zuzunehmen, wir mußten ihr und den ermatteten Roſſen⸗ wenn wir nicht das Aeußerſte wagen wollten, einige Stunden Erholung gönnen. Jetzt erſt konnten wir die Verlornen zählen, und fanden, daß uns zehn Rei⸗ ſige, auch einer der Ritter mangle, welche den Land⸗ grafen nach Köln begleitet hatten. So ſehr dieſer aller und vorzüglich des letztern Verluſt fühlte, ſo wünſchte er doch herzlich ihren Tod, damit der Erz⸗ 6 biſchof ihnen nicht ein Geſtändniß abzwingen möge, welches der Landgraf mehr als aus einer Urſache zu ſchenen hatte. Doch minderte ſich die Beſorgniß der Entdeckung bald, weil uns, ob wir gleich langſam ziehen mußten, niemand mehr folgte, und endete end⸗ lich ganz, als die ausgeſandten Kundſchafter die Nachricht brachten, daß in Köln niemand von dem Raube Kenntniß habe, und es das Anſehen gewinne, als wolle der Erzbiſchof des Rufes der Dirne wegen die Begebenheit ſelbſt zu verheimlichen ſuchen. Um der Ehefrau keine Urſache zum Mißvergnügen zu geben und nicht ihre Eiferſucht zur Rache zu reizen, führte der Land⸗ graf die geraubte Dirne nach einer einſamen Veſte, wo er vorher oft wochenlang das Vergnügen der Jagd genoß; er belohnte jeden der Reiſigen reichlich, forderte aber aller Schwur, daß ſie das Geheimniß ins Grab nehmen wollten. Ob er mit Gewalt, Liſt oder durch Beweiſe ſeiner innigen Liebe der Dirne Weigerung beſiegte, kann ich euch nicht erzählen, weil ich mich, um Argwohn zu vermindern, von ihm trennte, nur in der Stadt an ſeiner Seite erſchien, und erſt dann nach der Veſte gerufen wurde, als der Erzbiſchof Boten an ihn ſandte, nicht nur Zurückgabe der Dirne, ſondern auch volle Geuugthuung für den zugefügten Schimpf forderte. Was wir ſchon ehe be⸗ fürchtet hatten, war eingetroffen: die Jäger, welche Mechtilden begleiteten, fanden den verwundeten Ritter und nahmen ihn mit nach der Stadt. Anfangs ſiel kein Verdacht auf ihn, weil er dreiſt behauptete, daß er zur Rettung der Hilferufenden berbeigeeilt und von ihren Räubern ſey verwundet worden; als aber auch zwei der Reiſigen, welche noch lebten, Kraft zu ſprechen erhielten und bekannten, was ſie wußten, da fand keine Ausflucht mehr ſtatt. Der arme Verwun⸗ dete wurde von dem raſenden Erzbiſchofe zum pfenen Bekenntniſſe aufgefordert, und als er dies nicht gut⸗ willig leiſten wollte, ungeachtet ſeiner Wunden grau⸗ ſam gefoltert; daß der Elende dann alles bekannte, war ganz natürlich. Der Erzbiſchof machte nun ins⸗ geheim Anſtalten zur grimmigſten Rache: er verſam⸗ melte alle ſeine Getreuen ſammt ihren Reiſigen, und ſtand mit fürchterlicher Macht ſchon an Heſſens Gränzen, als er an den unvorbekeiteten Landgrafen Boten ſandte, welche Zurückgabe fordern oder ewige Fehde verkün⸗ digen ſollten. Ich rieth in dieſer dringenden Noth die erſtere; aber der noch gleich ſtark liebende Land⸗ graf wollte davon nichts hören, er hoffte bald ſeine Getreuen um ſich her zu ſammeln, jagte die Boten ſchimpflich von dannen und die blutigſte Fehde begann. Gleich einem gereizten Tiger ſtürzte der Erzbiſchof mit ſeinen Schaaren ins unvertheidigte Land; er ſchlug die meiſten Ritter, welche ihrem Herrn zu Hilfe eilen wollten; nur wenigen gelangs, ſich in die Veſte zu werfen. Der liſtige Feind machte überdies die urſache der Fehde im ganzen Lund kund; ſie kam zum Ohre der Landgräfin, welche nun ebenfalls tobte, und viele verhinderte, daß ſie an der Fehde, welche ihre Eiferſucht äußerſt ungerecht nannte, keinen Antheil nah⸗ men. In wenig Tagen lagerte ſich das ganze Heer des Rächers an ver kleinen Veſte, welche nicht vermögend war, den Landgrafen lange zu vertheidigen. Hätte uns nicht ein unterirdiſcher Gang, deſſen Oeffnung die Belagerer nicht kannten, aus ihren Händen er⸗ rettet, wir wären ſchon dort eine Beute des Siegers geworden. Auf dieſer Flucht, die ſich glücklich endete, ſah ich Mechtilden zum erſtenmal wieder; ſie floh willig mit uns von dannen, und ich ſahs dentlich, daß ſie ſchwanger ſey.—— Der Mönch. Da ihr ſchon alles wißt, ſo muß ich euch auch über dieſen Umſtand die nöthige Auf⸗ — ,—— heeee —,——— klärung geben, welche euch der Ritter ſelbſt nicht lei⸗ ſten kann, weil ichs ihm noch nie erzählte. Der Landgraf hatte der ſchönen Mechtilde ſeinen Namen und Stand auch auf der Flucht verſchwiegen, er — machte ihr ſolchen auf der Veſte ebenfalls nicht kund, und forderte am Ende meinen Rath, als ſie ſeiner Liebe immer gleich tapfer widerſtand, und ihm nicht die kleinſte Gunſtbezeugung gewähren wollte. Ichwar ſein Kaplan, mußte ihr und ihm die Meſſe leſen, ſah wie er duldete und vergebens ſchmachtete; ich rieth ihm daher, daß er ſeinen Namen künftighin noch ver⸗ ſchweigen, ſich unbeweibt nennen, und ihr die Ehe bieten ſollte. Die Liſt gelang; da die Aermſte keine Möglichkeit der Rettung gewahrte, und immer fürchten mußte, daß er einſt mit Gewalt fordern würde, was er jetzt nur durch Flehen zu erhalten ſuchte, ſo ver⸗ ſprach ſie ihm Liebe, wenn er ſie ehelichen, und dann durch Bitte ihrer Freunde und Verwandte zu verſöhnen ſuche. Der entzückte Landgraf beſtürmte jetzt mein Gewiſſen mit Vorſtellungen mancher Art; ich war ſchwach genug, ſie anzuhören; ich hielts am Ende für Pflicht, ſie zu erfüllen, weil ich dadurch größere ver⸗ brechen verhindern konnte. er König. Wie 2 Ihr mißbrauchtet euer ehr⸗ würdiges Amt? Ihr triebt Spott mit dem heiligen Sakramente? Der Mön ch. Ich bekenne es frei, aber urtheilt nicht zu ſtrenge über eine That, welche nur Abſicht und Folge entſchuldigen kann. Sollte ich meinen gu⸗ ten, edlen Herrn verſchmachten, ſterben ſehen? Konnte ichs auf andere Art verhindern, daß ſeine Vernunft im Kampfe nicht unterliege, und ſeine unbändige Leidenſchaft raube, was er nicht freiwillig zu erhalten hoffte? Wars daher nicht beſſer, wenn ich Vermittler ward, einen Theil des Verbrechens auf mich nahm, damit das Ganze ſeine Seele einſt nicht allzuſehr drücke, und unfähig mache, die ewige Freude zu ge⸗ nießen2 Der König. Ihr ſeyd ein Freund ſeltener Art, ihr opfert der Freundſchaft mehr, als ein Sterblicher fordern ſoll. um Ritter Erzählt weiter! Wie erträgt die betrogne Dirne ihr unglückliches Schickſal? Iſt ſie ſchon davon unterrichtet? Der Ritter. Noch kennt ſie es nicht und ſolls mit Goltes und eures Königs Beiſtand auch nie erfahren. Sie glaubt, daß der unverſöhnliche Biſchof alle Anträge des Landgrafen verworfen habe, daß er jetzt gekommen ſey, die Ehe, welche ſie für unzertrennlich hält, aufzulöſen, und das Weib aus den Armen des Mannes zu reißen. Ihr Jammer darüber iſt groß, ſie liebt den„Land⸗ grafen jetzt wirklich, und hat ſchon manchen Boten abgeſandt, um den Erzbiſchof durch das Bekenntniß ihrer Liebe zu verſöhnen. Der Landgraf mußte ganz natürlich dieſe Boten zurückhalten; aber er war liſtig genug, dieſen die Rückantwort des Erzbiſchofes in den Mund zu legen; immer erzählten die Boten, daß jener von keiner Verſöhnung hören, und ſelbſt Rache an ihr nehmen wolle. Dieſe Nachricht reizte die Dirne zur immer größern Großmuth und Liebe gegen ihren verfolgten Gatten, er genießt mitten im Krieg und Fehde die herrlichſten Früchte der Liebe, und dünkt ſich in ihren Armen glücklichet als ein König. Der König. Wie kann er ihrs aber noch ver⸗ hehlen, daß er nicht ver Landgraf, ſondern nur ein ge⸗ meiner Ritter ſey? Wie kann ſie glauben, daß jener eine ſo blutige Fehde in ſeinem Lande ungerochen dul⸗ den würde? Der Mönch. Sie iſt ein Weib, welches von den Rechten der Fürſten keinen Begriff hat, ſie wähnt, daß ihr Gatte ein reicher Ritter ſey, der Güter und —. 13 Veſten viele im Lande beſitze, und, von der Ueber⸗ macht des Erzbiſchofs gedrängt, mit ihr von einer zur andern fliehe. Beginnt auch dann und wann in ihrem Herzen ein kleiner Zweifel zu keimen, ſo läßt die Wachſamkeit des Landgrafen ihn doch nicht Wurzel faſſen. Als er uns nach Hilfe hierher ſandte, da glaubte ſie, daß wir zum Landgrafen zögen, um ihn zu bitten, daß er mit ſeiner ganzen Macht den be⸗ drängten Ritter beiſtehen, und den Unfug nicht län⸗ ger duldem möge. Der Kön ig. Wo befindet ſich jetzt der Landgraf? Der Ritter. Auf einer ſtarken und wohlver⸗ wahrten Veſte; es iſt ihm gelungen, ſie endlich durch liſtige Flucht zu erreichen; er kann ſich dort gegen die größte Uebermacht einige Mondenlang verthei⸗ digen, aber er muß am Ende mit ſeinen zahlreichen Reiſigen den Hungertod dulden, wenn ihm nicht Bei⸗ ſtand wird, wenn ſich nicht ein tapferer Haufen Reiter zu ihm geſellt, welcher ſeine Ausfälle unterſtützt, und mit dem Feinde kämpft, indeß die Reiſigen neuen Vorrath zu ſammeln ſuchen. Der K önig. Ich will eure Bitte dem Könige vortragen. Der Mönch. und ſie doch auch nach Kräften unterſtützen 2 S Der König. Ich werde thun, was Pflicht und Gewiſſen mir gebietet. Der Wönch. Wenn ihr— wie ich gar nicht zweifle— ein Freund eures Königs ſeyd— ſo müßt ihr die verlangte Hilfe mit voller Kraft zu fördern ſuchen. Bedenft und erwägt noch einmal die großen, herrlichen Vortheile, welche ihm dadurch ohne Mühe erwachſen. Der Erzbiſchof iſt einer der eifrigſten An⸗ hünger ſeines Gegners Otto, der Landgraf wird, durch die Löwenritter unterſtützt, nicht eher die Fehde endigen und Friede mit ihm beginnen, bis er dieſem nicht entſagt, nicht eurem Könige Huldigung verſpricht. Denkt dann, daß Mainz, Köln und Heſſen eures Herrn Sache unterſtützt, daß jeder derſelben neue An⸗ hänger zu ſeinem Beſten wirbt, und es wird euch leicht möglich dünken, daß er binnen Jahresfriſt ſchon auf dem Kaiſerthron ruhig ſitzen und regieren kann. Der König. Ich ſehe alle dieſe Vortheile klar und deutlich, ich verſprechs euch, daß ich ſie dem Kö⸗ nige alle zur Beherzigung vorlegen will! Der Mönch. Dann ſind wir ſicher geborgen, dann ziehen wir mitten unter den tapfern Löwen⸗ rittern heim, welche unſern Herrn retten werden. Sie ſprachen noch lange über dieſen Gegenſtand, genbßen der Ruhe nur wenig, und zogen am frühen Morgen raſch von dannen, weil die Jäger für ſich und den König friſche Roſſe beſorgt hatten. Wie ſie am ſpäten Nachmittage ſchon die Zinnen der Löwen⸗ burg von ferne erblickten, zog ein Haufe der Löwen⸗ ritter gegen ſie an: Friedrich ditt an ihrer Spitze, er ſaß traurig auf dem ſchon matten Roſſe, aber er ſpornte es mächtig, als er von ferne den König erkannte. Seyd tauſendmal gegrüßt, edler Herr und König, rief er frohlockend aus, eure Abweſenheit hat die Freude von unſrer Burg verbannt, wir ziehen alle umher, euch zu ſuchen, unſere Ahnung glaubte euch ſchon in den Händen eurer Feinde, und unſere Furcht mehrte ſich mit, jedem Augenblicke. Eben wollte ich heim⸗ ziehen, und durch die Verſicherung, daß man euch nirgends finden könne, neuen Kummer auf der Burg ————— verbreiten. Heil mir, daß ich jetzt ein Bote der Freude und Wonne ſey, und der Weiber Thränen ſtillen kann, welche ſchon häuſig über küern Tod flo⸗ ßen. Der König hörte mit voller Rührung die Ver⸗ ſicherungen ſo ächter Freundſchaft an; aber die heſ⸗ 45 ſiſchen Ritter ſtaunten hoch, als ſie ſo unvermuthet vernahmen, daß der König in ihrer Mütte ziehe. Sie nahten ſich ihm ehrfurchtsvoll, baten um Vergebung, wenn ſie die ſchuldige Achtung verletzt hätten, und forſchten am Ende: ob ſie Gewährung ihrer Bitte hoffen könnten? Der König verſicherte ſie ſeiner vollen Vergebung, die er mit Recht nicht verweigern konnte, da er abſichtlich ſeinen wahren Stand verſchwieg; er gebot ihnen übrigens, ihm nach der Burg zu folgen, wo ihnen entſcheidende Antwort werden ſollte. Als ſie dort anlangten, eilte ihnen alles freuden⸗ voll entgegen; der alte Graf verſicherte dem Könige, daß er wirklich ſchon an ſeiner glücklichen Rückkunft gezweifelt habe, weil ſo viele ausgeſandte Ritter ohne tröſtende Nachricht zurückgekehrt waren. Der König erzählte nun alles, was ſich mit ihm im Forſte zuge⸗ tragen hatte, bat aber am Ende den Bundeshaupt⸗ mann um geheimes Gehör, weil er ihm die Botſchaft der heſſiſchen Ritter vortragen und ſeine Meinung darüber hören wollte. Dieſer hörte die ganze Ge⸗ ſchichte aufmerkſam an, ſchwieg aber am Ende, als der König Rath forderte, lächelnd ſtille. Der König. Ihr wollt alſo nicht rathen? Der Bundeshauptmann. Der Raub war ſchändlich, die Fehde iſt ungerecht. Der König. Beides erkenne ich nur allzu wohl. Der Bundeshauptmann. Wie kann ich alſo rathen? Der K önig. Ich verſtehe, und wills den Rit⸗ tern kund machen, daß die Ritter des Löwens nie auf ungerechte Fehde ziehen, nie den Raub einer Dirne zu vertheidigen ſuchen. Der Bundeshauptmann. Iſt die Antwort nicht zu raſch, nicht zu ſchnell? Habt ihr auch die Vortheile erwogen, welche ihr durch Theilnahme er⸗ kämpfen, dyne Mühe erringen könnt? 46 Der König. Ich habs. Der Bundeshanptmann. Und wollt ſie nicht genießen? Der König. Wie kann ichs, da ichs von euch nicht fordern kann, nicht fordern darf, daß ihr euern Ruf durch ungerechte Fehde beflecken ſollt. Der Bundeshauptmann. Seyd deshalb ohne Sorge. Die kluge Biene zieht auch aus dem Kelche der Giſtblume den Honig und bereitet ihn zur geſun⸗ den Speiſe. Als ihr auf meiner Burg Schutz und Verthei⸗ digung eurer Gerechtſame ſuchtet, als ihr durch offnes Vertrauen meine Tapferkeit ehrtet, da gelobte ich heilig, euch nach Kräften zu unterſtützen und eure Rechte ſtandhaft zu vertheidigen. Mein ganzer Bund iſt daher eurem Dienſte gewidmet, beſtimmt, wie viel ich dem bedrängten Landgrafen Ritter zum Beiſtande ſenden ſoll, und ihr werdet ſie morgen ausziehen ſehen. Der König. Aber die Fehde iſt ungerecht. Der Bundeshauptmann. Sie bringt euch großen Vortheil. Ihr heiſchet unſere Hilfe, und wir müſſen ſie leiſten, weil ichs gelobte. Der Erzbiſchof iſt überdies euer größter Gegner, und Rache an ſei⸗ nem Feinde ſchmeckt doppelt ſüß. Der König. Wenn Reue ſie nicht verbittert. Der Bundeshauptmann. Uns kann ſie nicht treffen, denn wir kämpfen zu euerm Vortheile, und erfüllen nur euer Gebot. Der König. Aber mir— mir wird ſie um ſo ſicherer werden. Der Bundeshauptmann. Reue über eine That, die ſo herrliche Früchte trägt, kann das Gewiſſen nicht allzuſehr ängſtigen. Des Königs und der Für⸗ ſten Pflicht iſt es, oft ein kleines Unrecht zu begehen, damit ein größeres verhütet werde. Das deutſche Reich hofft unter euerm Scepter Friede zu genießenz 37 je eher ihr nun dieſen zu faſſen ſucht, je früher wird die längſt vermißte Ruhe wiederkehren. Dies bedenkt, wenn ihr handelt. Der König. Ihr rathet alſo wirklich—— Der Bundeshauptmann. Ich rathe nicht, ich überlaſſe es aber eurer eignen Beurtheilungskraft zu handeln, wie es euch weiſe dünkt. Nicht immer— vielleicht nie— werden getreue und uneigennützige Rathgeber euren Thron umgeben, ihr werdet der ähn⸗ lichen Fälle noch mehrere erleben, jeder wird rathen, wie es ſein geheimer Vortheil erheiſchi, und euch im⸗ mer die Wahl zwiſchen Gutem und Böſem, zwiſchen Nutzen und Schaden überlaſſen. Von euch wirds abhangen, ob die vielen Tauſende, welche euch Treue gelobten, zum Schutze oder zur Unterdrückung der Unſchuld, zur Vertheidigung des Gerechten oder Un⸗ gerechten ausziehen und kämpfen ſollen. Gehorſam iſt ihre Pflicht, ſie haben daher nichts zu verantworten, wenn ſie dieſe erfüllen, euer iſt Schuld und Verant⸗ wortung, wenn ihr ſie auf dem unächten Wege des Ruhms leitet, ihr tapferes Blut durch unedle Thaten beflecket. Der König. Ich' verſtehe, ich begreife, und will handeln, wie es Pflicht und Gewiſſen heiſcht. Er ging nach dem Saale und winkte den fremden Rittern; ſie folgten ihm in ſein Gemach; er ſprach lange mit ihnen; ſie ſchieden traurig und wollten nicht Theil nehmen am Mahle, zu welchem der Burg⸗ herr ſie geladen hatte. Der König ſaß gedankenvoll an der Tafel, die Weiber bemühten ſich vergebens, ihn zu erheitern, ſelbſt Agneſens Scherz und Witz vermochte es nicht, die gefaltete Stirne des Jüng⸗ lings zu ebnen. Als die Tafel geendet war und die Ritter ſich aufs neue die Humpen füllen ließen, um im freundſchaftlichem Geſpräche die ſchwülen Stunden des 48 Tags zu verzechen, folgte der junge König dem alten Burgherrn nach dem Garten und lagerte ſich neben ihm im Schatten der Linden. Der Bundeshauptmann. Ihr ſeyd miß⸗ muthig, euch ſcheint Reue zu quälen? Der König. Dann iſt mein Geſicht ein ſchänd⸗ licher Lügner. Mein Herz und Gewiſſen war ſeit langer Zeit nicht ſo zufrieden mit meinen Handlun⸗ gen, wie heute. Der Bundeshauptmann. Dann muß an⸗ dere Sorge euer Herz zum Nachdenken reizen. Ihr habt die Geſandten des Landgrafen bereits verab⸗ ſchiedet? Der König. Ja, ſie ſind ſchon abgereist. Der Bundeshauptmann. Darf ich wohl den Inhalt ihrer Botſchaft wiſſen? Der König. Mein Vater— und dies ſeyd ihr ſo ganz, ſo vollkommen— darf alles wiſſen. Ich ließ dem Landgrafen meinen freundſchaftlichen Gruß entbieten, ihn abmahnen von der ungerechten Fehde, und zur Genugthuung und Abbitte gegen den belei⸗ digten Erzbiſchof ermahnen. Euer Herr, fügte ich hinzu, kann weder auf meine, noch der tapfern Lö⸗ wenritter Hilfe rechnen, ich würde ungerecht und un⸗ billig handeln, wenn ich ihren Schutz und Freund⸗ ſchaft mißbrauchen, und ſie zur ungerechten Fehde, zur Befleckung ihres guten Rufes verleiten wollte⸗ Der Bundeshauptmann(faltet ſeine Hände gen Himmel). Dank dir, Allmächtiger, Dank dir, gränzenlos Gütiger, du erbarmſt dich endlich meines armen Vaterlandes, du ſendeſt ihm aus der weiten Ferne einen Herrſcher, welcher Friede und ſanfte Ruhe auf ſeiner blutigen Erde verbreiten wird. Er gedachte nicht des großen Vortheils, welchen man ihm bot, er ſorſchte nur, ob die Fehde gerecht ſey, er wollte lieber 49 nicht herrſchen, als Ungerechtigkeit an ſeinen Un⸗ terthanen üben. Komm an mein Herz, königlicher Sohn, du biſt ihm nun unendlich theuer gewor⸗ den.—— Doch warum ſo ernſt, ſo traurig? Ich muß noch einmal fragen: Kann gute und edle That euch reuen? Der König. Nein! Sie kanns nicht. Ihr An⸗ denken wird mir noch lange Lohn in Fülle ſeyn; aber ich fürchte, daß jugendliche Hitze und raſcher Entſchluß mich irre führte. Als mir die heſſiſchen Ritter mit trocknen Worten begreiflich zu machen ſuchten, daß ich auf dieſe Art ihren Landgrafen zu meinem unverſöhn⸗ lichen Feind machen, und mit ſeinem Willen nie den Thron der Deutſchen beſteigen würde, da entbrannte Zorn in meinem Herzen, ich vergaß, daß ich in Deutſchland nur Fremdling ſey, und durch kühne Drohung, die ich vielleicht nie erfüllen kann, zum Spott meiner Feinde werden würde. Der Bundeshauptmann. Ihr drohtet alſo, und womit? Der König. Eben ſo frage ich mein Herz, und bin jetzt mißmuthig und traurig, weil es mir den ge⸗ rechten Vorwurf macht, daß der Ohnmächtige nicht drohen ſoll. Ich verſicherte die heſſiſchen Abgeſandten, daß ich den Landgrafen, wenn er der Dirne nicht Freiheit gewähre, und dem Erzbiſchofe nicht Genug⸗ thuung leiſten werden, mit meiner vollen Macht zu beiden zwingen würde. Die Ritter lachten höhniſch, und fragten ſpottend: Wo denn die volle Macht ſtehe, für welcher ihr Herr ſich fürchten ſolle2 Der Bu ndeshauptmann. Eine kühne Frage. Der Kön ig. Die aber meinen Stolz aufs äu⸗ ßerſte kränkt, und mich zum Genuſſe der Frende un⸗ fähig macht. Der Bundeshwuptmann. Ich gürdt pir Löwenritter 4* 50 meine ganze Macht zum Beiſtande bieten, mit allen meinen Rittern den Landgrafen überzeugen, daß der ſicilianiſche König und gewählte Kaiſer der Deutſchen auch in Deutſchland Unrecht ahnden und ſtrafen könne, wenn mich nicht der Gedanke zurückſchreckte, daß wir dann die Sache eures größten Feindes, eures ſtärk⸗ ſien Gegners vertheidigen würden. Der König. Ich verſtehe euch nicht. Der Bundeshauptmann. Iſt der kölniſche Erzbiſchof nicht Ottos getreueſter Anhänger? Würden wir dadurch nicht der guten Sache ſchaden, nicht glühende Kohlen auf euer Haupt ſammeln, wenn wir auf ſeine Seite träten, und die Fehde, welche allein ſeine zu große Macht ſchwächen kann, zu ſeinem Vor⸗ theile endigten? Er würde die günſtige Gelegenheit trefflich benutzen, am Ende mit all ſeinen Reiſigen Ottos Heer aufs neue unterſtützen. Das Schickſal ſcheint hier ganz zu euerm Gunſten zu arbeiten, wir dürſens nicht hindern. Es verwickelt euern Feind in eine langwierige Fehde, wir können ſie nicht enden, damit er euch nicht ſchaden kann. Der König. Vergebt, Vater, vergebt, wenn das Kind es wagt, eurem Urtheile zu wiverſprechen⸗ Ihr überzeugt mich deutlich, daß ihr mich zärtlich liebt, aber ich darf dieſe Liebe nicht mißbrauchen. Was der einzelne dulden, oſt benutzen kann, darf der König und Fürſt nicht zu ſeinem Vortheile wenden: ihm ward Macht gegeben, die Unſchuld zu ſchützen, die Gerechtigkeit zu üben, und gegen jeden Frevler z vertheidigen. Weh würdet ihr, Weh das ganze Land bald über mich rufen, wenn ich nur die Unſchuld meiner Günſtlinge vertheidigen, nur an dieſen Recht und Gerechtigkeit üben, und ruhig zuſehen wollte, wie die Schaar der Böſen diejenigen neckte und unter⸗ drückte, welche nicht meine Freunde ſeyn wollten. 51 welche es fürs Vaterland räthlicher achteten, daß Otto und nicht ich regiere. Stünde mein Heer vor den Mauern eurer Burg, ich würde heute noch Auf⸗ bruch gebieten. Der Bundeshauptmann. Wohin und gegen wen? Der König. Gegen den Räuber der hilfloſen Dirne, welcher ſie durch Trug und Liſt verführte, und es nun dem Erzbiſchof, welcher Vaterſtelle bei ihr vertrat, verargen will, daß er Genugthuung und Rückgabe fordert. Ich würde mich mit dem Erzbiſchofe vereinigen, ohne Groll und Vorwurf, aber um ſo tapferer an ſeiner Seite kämpfen, und wenn die gerechte Sache endlich ſiegte, wenn der Räuber ſeines angenommenen Kindes reuend und bittend in Feſſeln vor ihm ſtünde, mich ingeheim entfernen. Der Bundeshauptmann. Ingeheim? Ent⸗ fernen? Ich begreife euch immer weniger. Der König. Und doch wäre dies meiner That edelſter Zug und ſchönſter Lohn. Ich würde dadurch den Erzbiſchof überzeugen, daß ich nur die gerechte Sache, nicht ihn vertheidigte, nicht ſeine Freundſchaft, ſeine Stimme zur Kaiſerwahl dafür zum Lohne for⸗ dere, ihm volle Freiheit gewähre, ferner zu Gunſten. und zum Beſten ſeines Freundes Otto zu handeln. Der Bundeshauptmann. Wahrlich, dies wäre eine edle That und der Ausführung würdig. Nein, ich darf ſie nicht hindern, ich kann ſie nicht verzögern. Euer Wunſch, edler Herr, ſoll erfüllt werden, ich beſtimmte eure Aufnahme in unſern Bund in viermal vier Tagen, ich will die Zeit abkürzen und ſie auf morgen feſtſetzen. Ich hoffe, daß ihr die Pro⸗ ben muthig beſtehen und dls Sieger in unſre Mitte treten werdet. Dann könnt ihr den folgenden Tag ſchon als Anführer der Haufen ausziehen, welche der Bund zur Vertheidigung des kölniſchen Erzbiſchofes entgegen den heſſiſchen MWädchenräuber ausſenden wird. Der Mainzer iſt euer Freund, ihr findet in ſeinem Londe Schutz und Aufnah me, könnt von dort aus ins Land der Heſſen eindringen, und es dem Kölner durch Boten wiſſen laſſen, daß der Bund des Löwens auf eure Bitte nicht wider ihn, ſondern für ihn ſtreitet. Der König(voll Fre ude). Hätte ich recht ge⸗ hört! O Vater, du machſt deinen Sohn zum glück⸗ lichſten der Sterblichen, du ſeines Herzens.—— Lange noch dankte der erfüllſt den Lieblingswunſch König, lange ſprach noch der alte Graf mit ihm über die Maßregeln, welche er auf dem Zuge beobachten, wie er ſich unter den Fürſten am Rheine und Main nebenbei Freunde er⸗ werben und ſeine Rechte geltend machen ſollte. Der königliche Jüngling hörte mit Aufmerkſamkeit die Lehren des weiſen Alten an; der Abend überraſchte ſie noch im eifrigen Geſpräche, welches die Einladung zur Abendtafel erſt endigte. Dort machte es der Bundeshauptmann allen Rittern kund, daß morgen in der achten Stunde der Bund den ſicilianiſchen Kö⸗ nig in ſeine Mitte aufnehmen werde. Alle riefen; nun dem künſtigen Neulinge Heil und Sieg zu, und leerten die Becher auf ſelbſt Agnes nipfte am vo Wohl des muthigen Kämpfers; llen Becher, und begleiteie den Trunk mit dem vollen Wunſche, daß der König am andern Tage, mit allen Ehrenzeichgen gesiert ihr zur Seite ſitzen möge. Wie alle ſchon ruhten, ruhig im Gemache auf un ſeinem Muthe, welcher zuz in ſeinem Herzen erregte: ſtieg der König noch uh⸗ d nieder; er kämpfte mit agen begann, ſogar Zwtiſel ob er die Proben wohl al — tapfer beſtehen und glücklich enden würde? Er fühlte es deutlich, daß Nichterreichung des Ziels ſeinen Stolz äußerſt kränken würde; er gedachte der erſten, ſo ſchweren Probe; er wähnte mit Recht, daß die übri⸗ gen noch weit ſchwerer ſeyn würden, und glühte vor edler Scham, wenn er ſich die Möglichkeit dachte, daß er unterliegen, vielleicht nur ein Ritter des erſten oder zweiten Grads werden würde. Er beſchloß in dieſem Falle, den Anſprüchen auf die deutſche Krone zu entſagen, heimzuziehen, und nie wiederzukehren, weil er ſich dann unwürdig fühlte, über Edle zu herr⸗ ſchen, welche mehr Muth und Tapferkeit als er be⸗ wieſen hatten. Schon ſchnallten die erwachten Ritter ihre blanken Harniſche an, ſchon zogen die außer der Burg wohnenden mit ihren verſchiednen Ehrenzeichen geziert nach der Veſte, und ſammelten ſich im Saale, als der König noch nicht ruhte, aber entſchloſſen auf⸗ ſprang, um mit unerſchrocknem Muthe zu kämpfen. Kaum war er angekleidet und wollte eben ſein Schwert umgürten, als Friedrich mit noch drei an⸗ dern Rittern des vierten Grades in ſein Gemach trat. Tiefer, ſtiller Ernſt herrſchte in ihrem Geſichte. Eder Herr, ſprach Friedrich, wir kommen, euch abzu⸗ holen zum Kampfe, der euer harrt. Sammelt alle eure Standhaftigkett, nehmt euern ganzen Muth mit euch, wenn ihr gleich uns alle Ehrenzeichen des Bundes erkämpfen, und am Ende an unſrer Seite ſtehen wollt. Der König. Was euch zu erringen möglich war, darf mir nicht unmöglich ſcheinen. Ich folge euch muthig, und will mit Gottes Hilfe den Kampf zum Frommen meiner Ehre beſtehen. Friedrich. Heil dann euch, wenn ihr glücklich endet! Folgt, bängt für die Zukunft; aber zagt nicht, wenn ſie ſich nähert.„ 57 Der König wurde nun durch ſie in den Saal ge⸗ führt, wo die Ritter aller Grade in abgetheilten Haufen verſammelt ſtanden. Die Glocke ertönte, und der edle Greis wankte als Hauptmann herein und nahm Platz auf dem Throne des Löwens. Die Ritter grüßten ihn mit dem vierfachen Schwertſchlag auf ihre Schilder; als er aber winkte, da herrſchte tiefe Stille im großen Saale. Der Bundeshauptmann. Heil dem Bunde des tapfern Löwens! Könige nahen ſich ſeiner Schwelle und fordern Aufnahme in ſeine Mitte; ſie unterwerfen ſich willig ſeiner Prüfung, und achten es für Ruhm, wenn ſie ſolche muthig beſtehen. czum Könige) Edler Herr, ich gönnte euch Zeit, zu prüfen unſern Wandel, zu forſchen nach unſern Thaten. Habt ihrs gethan, ſeyd ihr noch entſchloſſen, fordert ihr noch Aufnahme? Der König. Ich bin entſchloſſen, ich fordere ie. Der Bundeshauptmann. Wollt ihr auch muthig kämpfen, gleich allen übrigen die Proben be⸗ ginnen? Der König. Ich wills verſuchen: ob ich euern Muth erreichen, eure Tapferkeit nachahmen kann? Der Bundeshauptmann. Ihr habt ſchon gekämpft, ihr habt den Preis des Sieges ſchon er⸗ eungen, der Löwe fordert keinen Kampf mehr, er will euch jetzt lohnen, und ſich dann freuen, daß der weiſeſte und gerechteſte König einſt ſein Freund und Beſchützer ſeyn wird. Anführer der Grade, beſetzt eure Thore, ordnet eure Ehrenzeichen, ich will euch zum Urtheile und Lohne herbeirufen! Die Anführer der Grade gingen nun durch die vier. verſchiedenen Thüren des Saals; ihre Glieder folgten und ſchloſſen die Thüren hinter ſich zu. Nur dis 4 55 Geſalbten harrten im Saale und erſtiegen die Stufen des Thrones. Der Greis zog die Glocke einmal an, und der Anführer des erſten Grads trat mit ſeinem Gefolge ein. Der Bundeshauptmann. Deutſchlands wanken⸗ der Thron fordert nicht den Kühnſten, aber den Edel⸗ ſten, Weiſeſten und Gerechteſten. Es würde daher zweckwidrig geweſen ſeyn, wenn ich euch, edler Herr, gleich dieſen cauf die Ritter des erſten Grads zeigend) in dem mütterlichen Schoos der Erde hilflos ver⸗ ſchloſſen, von euch erwartet hätte: wie ihr die Er⸗ löſung beginnen und im Kampfe gegen die Macht der vier Elemente beſtehen würdet? Ihr ſeyd König, ihr werdet mit Gottes Hilfe bald Kaiſer der Deutſchen werden. Was wir von euch zu erwarten, zu hoffen hätten? Ob ihr dereinſt nicht die Kräfte des Bundes in ungerechter Fehde verſchwenden, nicht nach Vor⸗ theil und Gunſt, ſondern nach Gerechtigkeit rich⸗ ten würdet? Dies mußte der Bund unterſuchen und prüfen; er thats, und fand euch des Lohns würdig. Gum Anführer des erſten Grades) Stelle deine Fahne zur Tafel des Bundes, und urtheile über den könig⸗ lichen Neuling, der ſich ihr jetzt nähern will! Du weißt, wie hart, wie ſchwer wir ihn prüften, er dul⸗ dete ſtandhaft, und leerte lieber den Giftbecher, als daß er den Rechten auf die deutſche Krone entſagt hätte; von ſolch einem muthvollen Könige kann das verlaßne Vaterland die herrlichſten Früchte erwarten; ſchon dieſer Beweis ſeines unerſchrocknen Muths hätte ihn aller Ehrenzeichen des Bundes würdig gemacht, aber er vollendete der Proben noch mehrere. Um ge⸗ wiß zu ſeyn, ob nicht eitle Ruhmſucht und blinder Ehrgeiz ſein Führer ſeyo? Ob dieſer es nicht für er⸗ laubt achte, auf falſchem und unächtem Wege dem gekrönten Ziele ſich zu nähern? brachte ihm ein ver⸗ ſtellter Eilbote aus Mainz die Nachricht, daß der Biſchof von Bamberg ihm ſeine Stimme und mit dieſer noch viele andere zur künftigen Wahl ertheilen wolle, wenn er ihn dagegen mit all den Veſten und Gütern belehnen wolle, welche er in den unſeligen Zeiten der Anarchie erobert und den freien Rittern widerrechtlich abgenommen hatte. Der Reiz war groß; der Mainzer verſagte ihm in ſeinem Schreiben alle Hoffnung eines glücklichen Erfolges, wenn er ſich der Forderung des Bamberger widerſetzen würde⸗ Der König ſah ein, daß dieſe höchſt ungerecht ſey; er heiſchte meinen Rath, ich verſicherte ihn, daß ich ein Freund des Bamberger ſey, dieſen als einen bil⸗ ligen und gerechten Mann kenne, und beinahe mit Gewißheit behaupten wolle, daß ſeine Forderung nicht groß, und eben ſo wahrſcheinlich auch gerecht ſey. Ich wollte durch dieſe Liſt verſuchen, ob der König, wenn ſich künftig Freunde und Günſtlinge um ſeinen Thron lagern würden, ihren Rath ohne Unterſuchung achten⸗ und ſich zur Kränkung der Unſchuld und des Unter⸗ drückten von ihnen würde leiten laſſen? Aber höre und ſtaune: wie der gerechte König endigte! Er ſchrieb dem Mainzer, daß er Ungerechtigkeit von früher Jugend an haſſe, daß er lieber des Thrones entſagen, als dieſen auf dem unterdrückten Haupte der Unſchuld erſteigen wolle; er könne die ungerechte 8 8 Forderung der Bamberger nicht eingehen, verachte unter dieſer Bedingung ſeine Wahlſtimme, und werde, wenn ihn Gott doch zum Herrſcher der Deutſchen be⸗ rufen ſollte, ſtrenge Rechenſchaft fordern, ihn zur Rück gabe des ungerechten Gutes zwingen. Ich zitterte, als mir der verkleidete Bote das Schreiben brachte aber ich jubelle laut, und küßte es mit Ehrfurcht als ich den Inhalt las.(er zieht es aus ſeinem Buſet⸗ bervor) Nimm's und bewahr's als Heiligthum im — Archive des Bundes. Sprich jetzt: Findeſt du die edle That des Lohnes würdig? Willſt du den Thäter mit dem Ehrenzeichen deines Grades zieren? Der Anführer. Ich finde ihn vollkommen des Lohnes würdig, und wünſchte nur, daß ich größern und herrlichern auszutheilen hätte. Der Bundeshauptmann czum Könige). So geht und empfangt den offnen Helm des Löwens. Er möge euch ſtets an eure edle That erinnern, bedeckt damit das entblößte und unterdrückte Haupt der Un⸗ ſchuld, drückt ihn tief an euer Ohr, wenn vie Stimme der Schmeichler und Günſtlinge um Schutz für den Verbrecher fleht, lüftet ihn raſch und hoch, wenn die Klagen des Leidenden aus der Ferne ertönen. Sein Viſir bleibe ſtets geöffnet, damit euer Auge durchs weite Land lugen, den Böſewicht, welcher im Ver⸗ borgnen raubt und mordet, ausſpähen und zur Rechen⸗ ſchaft fordern kann. Damit ihr aber ſeht, wie die⸗ jenigen, deren Mitglied ihr nun gvorden ſeyd, den Lohn verdienen mußten, ſo folgt dem Anführer, er wird euch auf dem Wege leiten, welchen ſie wan⸗ delten. Der Anführer leitete nun den König durch die ge⸗ wöhnliche Thüre des Saales in das kleine Gemach, welches über der tiefen Höhle erbaut war; er ſank mit ihm in dieſe hinab, zeigte ihm den einzigen Aus⸗ gang, den breiten Abgrund, und führte ihn durch die Thüre des erſten Grades wieder in den Saal. Auf den Wink des Hauptmanns entfernte er ſich mit allen ſeinen Rittern. Der Bundeshauptmann. Edler Herr, ihr wart muthiger und thätiger, als jene, welche uns jtzt verlaſſen haben. Dieſe ſtanden zaghaft am Rande des Abgrundes ſtille, ihr überſchrittet kühn und glück lich die Falle, welche ich euch ſtatt dieſem legte, und 58 habt daher das Ehrenzeichen des zweiten Grades mu⸗ thig errungen.(er zog die Glocke zweimal an; der An⸗ führer des zweiten Grades trat mit ſeiner Fahne und den Gliedern deſſelben ein. Bundeshauptmann zum An⸗ führer) Der König aus Sieilien harrt deines Lohnes, du weißt, daß ich andere Proben zu ſeiner Aufnahme ordnete; urtheile jetzt: ob er ſie glücklich und muthig endigte? Volluſt iſt ein ſchändliches Laſter, es ver⸗ unſtaltet den tapferſten Mann, es macht ihn zum Die⸗ ner und Sklaven eines launigten Weibes, es ſchwächt ſeine Nerven, es entkräftet ſeinen Muth. Hang zur Wolluſt iſt den Königen am gefährlichſten, nicht er, nur die Lieblingsdirne ſeines Herzens wird dann das Land regieren und nach Eigendünkel Urtheil ſprechen. Böſewichte aller Gattungen werden Schutz unter ihren mächtigen Fittigen ſuchen, durch Geſchenke ihr Herz beſtürmen, und wird, kann ſie dieſen widerſtehen, da ſie ſchon durch ſchäüdlichen Verkauf ihrer unſchätz⸗ baren Unſchuld zu deutlich bewies, daß ihr alles übrige um weit geringern Preis feil ſey? Tugend und Unſchuld, Verdienſt und Rechtſchaffenheit wird an den Meiſtbietenden verkauft, und das Blut der tapfern Edlen im ungerechten Kampfe vergoſſen. Dies er⸗ wog, dies überlegte ich, und beſchloß zu prüfen: ob der künftige Herrſcher der Deutſchen auch den Lockun⸗ gen dieſer Sirene muthig widerſtehen, den tapfern Bund des Vwens nicht einſt unter das Joch einer argliſtigen Dirne ſchmiegen würde? Mir war durch Erzählung kund worden, daß der König die Reize der jungen Gräfin Zelano nicht mit gleichgültigem Auge bekrachtete, daß er einſt tapfer kämpfen mußte, um der Begierde nicht zu unterliegen. Sie war jetzt die Verlobte des Ritters Eſchenbach geworden, ſie hatte dieſem in meiner und des Königs Gegenwart ewige Treue gelobt. Sein war daher die Pflicht 59 wenn ſie auch abſichtlich zur ſüßen Verführung lockte, ihr zu widerſtehen, ſie zu erinnern an ihren Eid, ſie zu ermahnen zur gelobten Treue. cdes Königs Ange⸗ ſicht färbte ſich unter dieſer Rede hochroth, und erblaßte ſchnell wieder, als er am Ende gerechten Tadelr erwartete) Es koſtete mich viele und große Ueberredungskraft, ehe ich die liebende und tugendhafte Dirne zur Ueber⸗ nahme der Probe bereden konnte. Ihr Ritter mußte es als einen Beweis der innigſten Liebe von ihr for⸗ dern, und dadurch den weiblichen Stolz bekämpfen, welcher ſich ſchon im Voraus tief gekränkt fühlte, wenn ſie überlegte, daß der königliche Jüngling ihren Antrag muthig verwerfen, vielleicht gar ſchlechte Mei⸗ nung von ihrer Tugend faſſen werde. Endlich gelobte ſie die That, und ich unterrichtete ſie in allem, was ſie ſagen, wie ſie ſich benehmen ſollte. Länger als eine Stunde harrte ich ihrer mit Ungeduld am Fen⸗ ſter, welches nach dem Garten ging, in welchem ſie mit ihm ſprach. Endlich eilte ſie hinter den Linden hervor, trat mit geſenktem Auge und glühendem An⸗ geſichte zu mir.(der König lehnt ſich an eine Säule des Saales) Was ich vorher weiſſagete, ſprach ſie ſchluch⸗ zend, iſt nur allzuſehr erfüllt worden. Der ſtand⸗ hafte König ſtaunte, als ich ihm mein Wißvergnügen ſchilderte; er widerſprach laut, als ich ihn verſicherte, daß ich den Bund der Treue brechen wollte; er blickte mich mit Verachtung an, als ichs ihm nach und nach offen geſtand, daß mein Herz Liebe gegen ihn fühle, nur in ſeinen Armen glücklich ſeyn könne. Sie er⸗ zählte mir nun⸗ weitläufig, wie liſtig ſie begonnen, wie raſch ſie geendet habe; aber der Edle war ſich immer gleich geblieben, und hatte offen geſtanden, daß die Verſuchung reizend und groß ſep, daß er aber nie ſo tief ſinken, nie ſeinem Freunde und künftigen Vundesgenoſſen den Dolch ins Herz ſtoßen würde⸗ 60 Die Dirne hatte ihm am Ende mit Wort und Hand⸗ ſchlag geloben müſſen, daß ſie ihre Leidenſchaft mu⸗ thig bekämpfen, und den guten Ritter Eſchenbach einſt mit ungetheilter Liebe beglücken wolle. Sie forderte nun von mir, daß ich ſie ſobald als möglich in den Augen des Tugendhaſten rechtfertigen, ihm deutlich erklären ſollte, daß ſie nur auf mein und ihres künf⸗ tigen Gatten Geheiß die Probe unternommen, und aus dieſer Urſache volle Verzeihung von ihm erwarte. Edler Herr, ich hoffe, ihr werdet ihr ſolche nicht wei⸗ gern, weil euch der Kampf jetzt Lohn gewährt. um nicht dieſe Zeit hindurch in euern Augen als eine Verachtungswürdige umherwandeln zu dürfen, ſandte ich ſie ihrem Ritter nach, der, ſeinen kranken Vater heimzuſuchen, abreiste, ſie kehrt heute zurück und wird an der Freudentafel Theil nehmen. Ich erwarte es von eurer Großmuth, daß ihr der Unſchuldigen die Achtung, welche ſie in euern Augen verlieren mußte, zwiefach wieder ſchenken werdet. Der König(in größter Verwirrung H gewiß, ich werde—— ich muß ihr vielmehr danken—— ich muß—— Sie hat mich zu ihrem ewigen Schuldner gemacht—— ich werde die That nie ver⸗ geſ Der Bundeshauptmann Gum Anführer des zweiten Grades). Du haſt die ſchwere Probe vernom⸗ men, haſt gehört, wie er ſiegte.—— Achteſt du ihn des Ehrenzeichens deines Grades würdig? Der Anführer. Ich ertheile es ihm Rit der Ueberzeugung, daß ich nie einen Würdigern damit zierte.(er reicht ihm das Schwert des Löwens) Unge⸗ nützt ſolls in der Scheide ruhen, wenn Bosheit und Türke Hilſe heiſchen, raſch ſoll es hoch in der Luft blinken, wenn unterdrückte Unſchuld zu deinen Füßn um Beiſtand fleht. 61 Er umgürtete den König, führte ihn auf des Haupt⸗ manns Geheiß durch die Tiefe des Abgrunds, ſtand mit ihm am zweiten ſtille, und leitete ihn wieder nach dem Saale, in welchem jetzt der Anführer des dritten Grades erſchien. Heiterer und fröhlicher als ehe blickte jetzt der König umher, als der Bundes⸗ hauptmann die Erzählung der Begebenheit mit den heſſiſchen Rittern begann, das Gefühl ſeines Herzens weiſſagte es ihm im Voraus, daß er in dieſer Probe nach Recht und Gewiſſen gehandelt habe. Sein Helm wurde auch am Ende mit den vier Federn gekrönt, weil er ſich geweigert hatte, ungerechte Fehde zu be⸗ ginnen, und den Bund des Löwens zur Vertheidigung eines Dirnenräubers aufzubieten. Er ward endlich durch den Anführer an den zweiten Abgrund geführt, und wie dieſer dieſer ihm erklärte, daß jeder Ritter, welcher ſeinen Helm mit Federn zieren wolle, kühn darüber ſpringen müſſe, ſo wagte der Muthige den gefährlichen Sprung glücklich, und errang auf dieſe Art den erhaltenen Preis zum zweitenmale. Wie er wieder im Saal anlangte und der Anführer des vier⸗ ten Grades zur Prüfung eintrat, erzählte der Bun⸗ deshauptmann die vorige Geſchichte noch einmal; aber er fügte nun hinzu, daß der gute König mißmuthig und traurig umhergewandelt ſey, weil er zwar der⸗ Bosheit den Schutz verweigerte, aber der gerechten Sache nicht mit Kraft beiſtehen konnte. Ihr alle wißt, ſprach der Greis, daß der Erzbiſchof von Köln Ottos eifriger Anhänger und des ſicilianiſchen Königs ſtärkſter Gegner iſt; aber der Edle, der Erhabene ſah nicht in ihm den Feind ſeiner Rechte, nur den Ge⸗ kränkten und Unterdrückten; er bat mich, daß ich ihm Hilfe ſenden, und den Dirnenräuber— ungeachtet große Vortheile bot— beſtrafen und züchtigen olle. 62 Der Anführer des vierten Grades. Groß war die That, groß muß daher auch ihr Lohn ſeyn. Nehmt, edler Herr, die Kette des Löwens: weun ſie an eurer Bruſt glänzt, ſo muß der Bund des Lö⸗ wens hinter euch herziehen. Eure edle That beweist, daß ihr ſein würdiger Anführer ſeyn werdet. Der Bundeshauptmann. Erdichtet war die Botſchaft des Heſſen, aber nicht ſeine That, er hat ſie wirklich an der Anverwandtin des Kölner verübt. Dieſer iſt mit ſeinem Heere wider ihn ausgezogen, aber er kämpft mit ſchlechtem Glücke, der Räuber ſpottet ſeiner ohnmächtigen Wuth. Ihr könnt morgen, wenn wir uns wieder verſammeln, als Kläger gegen ihn auftreten, und als Rächer wider ihn ausziehen, wenn ihr anders noch euern edlen Vorſatz durch wirk⸗ liche That verewigen wollt. Hart müßte des Kölner Herz, unedel ſeine Geſinnung ſeyn, wenn er die Hilfe nicht dankbar ehrte, nicht euer künftiger Freund würde. Nach dieſen Worten berief der Glockenſchlag alle Anführer der Grade ſammt ihren Gliedern nach dem Saale; indeß dieſe erſchienen und ſich am Throne umher reihten, führte der Anführer des vierten Gra⸗ des den König über den brennenden Holzſtoß nach der Einſiedlerhütte, und von da zur letzten Thüre wieder in die Verſammlung; die Ritter empfingen ihn mit Freude und Jubel, und wünſchten ihm Glück zum Siege, zur vollſtändigen Rüſtung des Löwens. Wie die vier Anführer ihre Fahnen an der Tafel aus⸗ gebreitet und an einander geheftet haten, mußte der König zur Tafel treten. Ritter aller vier Grade, ſprach der Bundeshauptmann, dir ziemte es nun, dem Bunde Treue und Gehorſam zu ſchwören; aber du biſt König, du wirſt einſt Kaiſer der edlen Deutſchen werden, du kannſt deinen Unterthanen, deinen kün — 1 d 63 tigen Vaſallen nicht Gehorſam und Befolgung ihrer Aufträge ſchwören. Ob der Löwe gleich das muthigſte und tapferſte Thier iſt, ſo kennt er doch die Ehrfurcht, welche er dem Gekrönten ſchuldig iſt, und wagt ſie nicht zu verletzen. Ritter meines Bundes, folgt mei⸗ nem Beiſpiele, ahmt mir nach! Er ſtieg nach dieſen Worten herab in den Saal; die Geſalbten nahten ſich dem Könige, führten ihn nach dem Throne, und uöthigten ihn, den verlaßnen Platz einzunehmen. Der Bundeshauptmann trat in die Mitte des Saales; er entblößte ſein graues Haupt, ſank auf ſein linkes Knie zur Erde; alle Ritter ahmten ihm nach, und feierliche Stille herrſchte im vollen Saale. Endlich begann er alſo: Edler Herr, König von Sicilien, und, wenn Gott mein Flehen hört, einſt würdiger Kaiſer der Deutſchen! Der ehrſame Bund des Löwens beugt ſeine Knie vor dir, er ſchwört dir Treue und Gehorſam, er wird ausziehen, wenn du gebieteſt, er wird vertheidigen deine Rechte und bekämpfen deine Feinde. Er hat geprüft dein Herz, deinen Muth, deine Gerechtigkeitsliebe, er hat alles bewährt gefun⸗ den, und huldigt dieſen herrlichen Eigenſchaſten, die dich des Thrones, zu welchem dich deine Geburt be⸗ ſtimmte, ſo würdig machen. Sey immer, was du in unſrer Mitte warſt und flets zu ſeyn gelobteſt, wandle unmer auf der Bahn der Tugend, der Ehre und der Gerechtigkeit. Meide die Gelegenheit zur Fehde, aber ſtehe muthig im Kampfe, wenn Bosheit der Macht der Geſetze ſpottet, wenn Räuber ſich den deutſchen Lränzen nahen und die Völker deines Landes zu Sklaven machen wollen. Doch ſey großmüthig, wenn ſie überwunden zu deinen Füßen liegen, raude ihnen die Macht, zu ſchaden, aber nicht die Kraft, zu leben und ſich zu beſſern. Luß nicht Eroberungsſucht in deinem Herzen⸗ emporkeimen, ſie reizt zur Ungerechtig⸗ 6¹ keit und verleitet zur mannichfaltigen Fehde. Du viſt nicht groß, wenn viele Völker ſich mit Murren unter dein eiſernes Scepter ſchmiegen, aber du biſt der Größte, wenn ein einziges Volk mit Jubel den Tag ſeiert, an welchem es dich zum Herrſcher wählte. Dann nur wird dein Volk ganz glücklich ſeyn, wenn die Schwerter der Krieger in der Scheide roſten und die Pflugſchaaren des Landmannes im Acker glänzen, wenn die Stufen der Tempel und Kirchen mit Menſchen bedeckt ſind, und auf den Treppen, welche nach den Gerichtsſälen führen, das Gras mu⸗ thig und ungehindert emporſproßt; wenn der Forſt ſich in fruchtbare Aecker verwandelt, und, wo ſonſt Eulen und Uhn niſteten, der Winzer den Weinſtock beſchneidet; wenn dort, wo der wilde Auerochſe jetzt weidet, der Menſch wohnt, und wo die jungen Wölfe einſt ſcherzten, ſeine Kinder in Ruhe ſpielen!—— Dann wird die Nachwelt dich den Größten nennen⸗ und die ſpäteſten Urenkel ſich der vorigen glücklichen Zeiten mit Sehnſucht erinnern.—— Noch eine Bitte wage ich im Namen meines Bundes an dein Herz, er ſteht jetzt unter deinem Schutze, er gelobte dir Treue und Gehorſam, mißbrauche ſeine Kräfte nicht, leite die Tapfern nicht zur Vertheidigung des Böſen, verdunkle den Ruhm des Löwens nie durch unedle That. Der König cäußerſt gerührt). Nein! Nein! Dics ſey ferne von mir und meinem Herzen.(er eilt heri vom Throne und ſtürzt in die Arme des Greiſes) Vater ich danke dir! cer umarmt die nächſten Ritter) Briüder, ich danke euch! Ihr habt mich mehr als glücklich Hemacht, ich will dieſer feierlichen Stunde nie vergeſſen, ewig; müſſe ſie weinem Herzen theuer bleiben. Sehd men Freunde, leitet mich, wenn ich ſtrauchle, zeigt mir die rechte Bahn, wenn ich irre. Ich ſchwöre zu Gott t, ig ne ir tt 65 dem Allmächtigen, daß ich eures Rathes achten, daß ich keinem, der mit einem dieſer Ehrenzeichen ſich mei⸗ nem Throne naht, geneigtes Gehör verſagen will Jede Thüre meiner Burg ſoll ihm offen ſtehen, er ſoll dringen können bis ins geheimſte Gemach, und ich gelobe, ihn willig anzuhören, nicht zu murren, wenn er mich tadelt. Der Bundeshauptmann. Gott hörte deinen Eid, er wird einſt Rechenſchaft von dir fordern, wenn du ihn Lerlcef Erfüllſt du ihn aber nach Kräften, ſo habe ich heute das Glück meines Bundes gegründet, und kann nun in Friede und Aie nach meinem Grape das ſchon lange des Müden harrt⸗ Nach dieſen Worten berief er den Prieſter nach dem Saale; er trug einen Büſchel Haare, welche aus der Mähne eines Löwens geſchnitten waren, in ſeiner Hand, und befeſtigte ihn neben den vier Federn, welche auf des Königs Helm wehten. Der Bundeshauptmann czum Könige. Sieh, das iſt der Lohn der Wenigen, welche der Bund vor⸗ ziguc ehrt, und als ſeine Anführer im Kampf und Fehde erkennt. Auch Sſer muß dir werden, denn du haſt ihn verdient. Derjenige, welcher dies Ehren⸗ zeichen trägt, wird vorher mit heiligem Oele durch den Prieſter geſalbt: dir würde es nichts fruchten, denn du biſt ſchon längſt weit kräftiger und herrlicher mit dem Horne Sunue zum Könige deines Volks geſalbt worden. Als dieſer haſt du höhere Pflichten zu erfüllen; der P fordert daher auch nicht, daß du ihm durch vier Jahre dienen ſollſt, ein König kann, darf ſeinen Vaſallen nicht dienen. Gott und die Geſetze, welche er beeidete, ſind ſeine Gebieter, nur dieſen muß er ſtreng gehorchen. Ich t die Statuten unſers Bundes, ich hoffe, daß alle Glieder deſſelben es genehmi gen werden, wenn ich ein Geſeß Löwenrirter 4. 5 —— 66 deſſelben umändere: Jeder Ritter, heißt es, welcher ein Mitglied des Bundes wird, muß dieſem vier Jahre lang dienen. Ich füge jetzt hinzu: Sollte aber ein gekröntes Haupt in ſeine Mitte treten, und der Bund es der Aufnahme würdig finden, ſo muß der letztere dem Gekrönten vier Jahre lang dienen und die Rechte des Königs tapfer und ſtandhaft verthei⸗ digen. czu den Rittern) Eure freie, ungetheilte Ein⸗ willigung kann dieſen Vorſchlag nur zum Geſetze er⸗ höhen. Wer meiner Meinung iſt, billigt ſie durch vierfachen Schwertſchlag auf ſein Schild. Hoch und rauſchend tönte jetzt dieſer an dem Ge⸗ wölbe des weiten Saals umher; aller Stimmen ju⸗ belten, und bekräftigten es mit Mund und Schwur, daß ſie tapfer die gekränkten Rechte des Königs durch vier Jahre vertheidigen und mit ſeinen Feinden um die entrißne Krone kämpfen wollten. Der Bundeshauptmann. Edler Herr, ihr habts zu deutlich vernommen, ich bedarfs nicht zu widerholen. Gebietet nun: wenn und wohin ſie zie⸗ hen ſollen 2 Der König(iſcht Thränen aus ſeinen Angen Vermögen dieſe wohl euch zu danken? Und doch kann ich euch jetzt kein anderes Opfer bringen—— Ich habe nicht einmal Worte——(auf ſein Herz deutend Aber hier— hier wird das Andenken dieſes frohen Augenblicks ewig leben, hier wirds grünen, blühen und, ſo Gott will, herrliche Früchte für meine Freundt tragen. Schwer war der Kampf, aber er iſt zu ge⸗ ring, er iſt unwürdig des großen Lohns, welcher mit dadurch wurde. Seyd, was ihr bisher ſo treu war't, meine Freunde und Rathgeber, macht den herrlichen Lohn durch eure weiſe Meinung des Genuſſes fähig. Der Bundeshauptmann. Wohlmeinender⸗ aufrichtiger Rath ſoll dir jederzeit werden, wenn do n nn nd hen en, nde ge⸗ mit rit, hen g. er, 67 ihn forderſt. Doch jetzt heiſcht die Freude auch ihre Rechte, deine Aufnahme in den Bund muß gefeiert werden; in vier Tagen— vielleicht noch früher— verſammeln wir uns wieder, und dann ſoll der Zug zu deinem Beſten geordnet werden. Es iſt Zeit, das wir thätig handeln, ſonſt ſinkt der Muth deiner fer⸗ nen und nahen Freunde, ſonſt zweifeln ſie, daß du gekommen ſehſt, das arme Vaterland gleich Iſraels Richtern aus den Sklavenketten der Anarchie und Raubſucht zu erlöſen. Die Ritter wallten jetzt aus dem Saale; da die Zeit zur Tafel noch nicht ſo geſchwind nahte, ſo zer⸗ ſtreuten ſie ſich bald in der Burg umher, und der König fand Gelegenheit, im einſamen Gemache die Begebenheiten des heutigen Tages zu überdenken. Er betrachtete mit Wohlgefallen die Ehrenzeichen des Bun⸗ des, welche ſeinen Körper ſchmückten, wenn er aber von ungefähr ſein Schwert berührte, und der Urſache gedachte, durch welche er es erhalten hatte, da ſtand er tiefdenkend da, und forſchte nach dem Edeldenken⸗ den, welcher die Schwachheit ſeines Herzens, die er im Geſpräche mit Adelgunden nur allzuſtark geäußert hatte, zur Tugend umwandelte und ihn des vol⸗ len Lohns würdig machte. Oſt wähnte er, daß Adelgunde aus Dankbarkeit ſein Geſtändniß ver⸗ ſchwieg, oſt glauble er aber auch, daß der Bundes⸗ hauptmann ſelbſt dieſer Edelmüthige war, weil er ſein ewiſſen durch die gräßliche Schilderung der Wolluſt hart ängſtigte. In jedem Falle gelobte er dein unbe⸗ kannten Wohlthäter den wärmſten Dank, und zum Lohne ſeiner edlen That den feſten Vorſatz, daß er nie mehr eine verlobte Dirne verführen, ſich ſobald als möglich ein Weib ſuchen, und mit ihr nach ächter deutſcher Sitte in reiner, unbefleckter Ehe leben wolle. Dann, ſprach et lächelnd zu ſich ſelbſt, darf ich mich 68 des Schwertes nicht mehr ſchämen, und habe erfüllt was ich gelobte. Wie die Ritter zur Bundestafel gingen, bei wel⸗ cher kein Weib erſcheinen durſte, harrten die Frauen ves Königs im Vorgemache: Agneſe ſtand an ihrer Spitze, und wünſchte ihm im Namen aller Glück zum Siege und Lohne. Eben wollte er ihr danken, als er Adelgunden in ihrer Mitte erblickte; ſeine Wangen rötheten ſich, ſein Blick ſank zu Boden, ſeine Linke berührte das Schwert; er verſtummte. Ich danke, ich danke! ſtammelte er endlich, und blickte aufs neue nach Adelgunden, welche ſeine Verlegenheit merkte und ihr zu Hilfe kam. Adelgunde. Obgleich mein Ritter nicht Theil am Siegesmahle eurer Thaten nehmen kann, obgleich ſein Vater noch immer dem Tode nahe iſt, ſo gebot er mir doch ausdrücklich, daß ich der Trauer vergeſſen⸗ nach der Löwenburg eilen, und meinem größten Wohl⸗ thäter in ſeinem Namen Glück und Heil zum Siege und Ruhme wünſchen ſollte. Der König. Ich danke ihm, aber— ich danke noch mehr euch—— ich wills nie vergeſſen daß— daß—— Agnes. Hätte ichs voch nie geglaubt, daß ihr arm an Worten, oder vielmehr an Schmeicheleien ſeyhd, welche ihr meinér Freundin zu ſagen wünſchet, und doch nicht ſagen könnt. Der König. Bei Gott! es war keine Schmei⸗ chelei. Agnes. Dann, edler Herr, gebt ihr mir den Pſeit ſelbſt in die Hand, mit welchem ich eute Eite keit tövtlich verwunden ſoll. Findet ihr denn ſo w nig Worte, wenn ihr der Wahrheit ein Opfer Pringen wollt? Seht, ſo ſollte ich wirklich fragen, woni ſichs ziemte, daß man dem Sieger Vorwürfe machen dü —₰ 69 aber wir wollen es euch großmüthig verzeihen, denn Verzeihung iſt ja immer der Weiber Loos, wenn der Mann ihre Eitelkeit kränkt oder beleidigt. Der König wollte eben aufs neue antworten, als der alte Bundeshauptmann, auf ſeinem Sohne ge⸗ ſtützt, herbei trat, den Weibern Entfernung gebot, und den erſtern nach der Tafel führte, welche zur Feier ſeiner Aufnahme war bereitet worden. Viel hätte der junge König darum gegeben, wenn er eine kurze Zeit mit Adelgunden hätte allein ſprechen kön⸗ nen, er wünſchte ſo herzlich zu erfahren: ob ſie ſein Geſpräch mit ihm allen Sterblichen verſchwieg? Ob er ihr allein oder noch mehrern großmüthigen Seelen die edle That zu verdanken hätte? Er wünſchte von ganzem Herzen das erſtere, weil er alsdann hoffen konnte, daß nicht einſt ein Mann ſeiner ſpotten, ihn forſchend fragen könnte: durch welcher Hilfe ihm ſein Schwert worden ſey? Oſt wollte er ſich aus dieſem Endzwecke nach vollendetem Mahle dem allgemeinen Trinkgelage der fröhlichen Ritter entziehen; aber aller Augen waren immer auf den Vollendeten gerichtet, ſie folgten, wenn er ſich entfernte, und führten ihn wie⸗ der nach dem Saale, um auf ſein Wohl die Becher noch einmal füllen zu können.— Schon verkündigte der Hahn den nahenden Morgen, ſchon ruhten die Weiber lange auf dem einſamen Lager, als endlich der matte Greis, welcher den Ueberreſt ſeiner wenigen Kräfte heute ganz der Freude gewidmet hatte, Auf⸗ bruch gebot, und nebſt allen übrigen nach dem Schlaf⸗ gemache ſchlich: Der König trat ans Fenſter, welches nach dem Garten ging: er beſchloß nicht zu ſchlafen, weil er mit Grunde hoffte, daß Adelgunde den ſchö⸗ nen Morgen in dieſem genießen, und er wahrſchein⸗ lich Gelegenheit finden würde, ſie dort allein zu ſpre⸗ chen Seine Hoffnung war nicht vergebens; wie die 70 aufgehende Sonne die Kelche der Blumen zum Wohl⸗ geruche öffnete, trat Adelgunde in ihrer Mitte, um dieſen zu genießen. Da der König überzeugt war, daß alle Ritter noch ſanft und wohl ruhen würden, ſo eilte er hinab, um die edle Zeit zu nützen. Adel⸗ gunde lächelte ihm freundlich entgegen, und folgte willig ſeinem Winke, der ſie tiefer hinab unter die Bäume zu locken ſuchte. Der König. Edelſte deines Geſchlechts, warſt du wirklich der großmüthigen That fähig? Haſt du mich wirklich zu deinem ewigen Schuldner gemacht? Muß ich dir allein oder noch mehrern meinen gränzen⸗ loſen Dank widmen? Adelgunde. Edler Herr, ihr fragt mich zu viel auf einmal, und über D Dinge, welche ich nicht verſtehe. Wollte Gott, ich wäre einer That fähig, die des Dankes würdig wäre, dann könnte ich huffen, dem großmüthigſten Monarchen für ſeine großen Wohltha⸗ ten einige ſchwache Beweiſe meines dankbaren Herzens zu opfern. Der König. O ich flehe, ich bitte, verftellt euch nicht länger. Die Zeit iſt koſtbar, wenn die Weiber und Ritter erwachen, ſo kann ich nicht mehr allein mit euch ſprechen, und kehrt euer Ritter zurück, ſo wird mir dieſe Gelegenheit nie mehr. Seyd aufrichtig, verringert den Werth eurer That nicht. Ich muß wiſſen, wem ich ſie zu danken habe, ſonſt iſt Qual und Reue mein Lohn. Wollt, tönni ihr mir gönnen? 4 Ahelgunde. Nein, ihr gebietet, und es wäre Ungehorſam, wenn ich länger ſchweigen wollte. Ich will euch alles erzählen. Der König. Ich weiß alles, nur kenne ich den ſeltnen Wohlthäter nicht, der die Schwäche meines Herzens verſchwieg, mich als einen redlichen i 71 haften Kämpfer ſchilderte, und dadurch aus einer Schande errettete, die mein gekränkter Stolz gewiß nicht überlebt hätte. Adelgunde. Heil alſo mir, daß ich die Glück⸗ liche war! Der König. Nehmt meinen innigſten, wärmſten Dank dafür, aber vermehrt ihn nun auch noch ins Unendliche durch aufrichtiges Geſtändniß: ob ihr nie⸗ manden Wahrheit entdecktet? niemanden—— Adelgunde. Wie könnt ihr dies nur wähnen, nur denken? Der Werth der kleinen That, die eure Großmuth ſo hoch erhebt, beſteht einzig und allein in ſtrenger, tiefer Verſchwiegenheit. Könnt ihr wohl glauben, daß ich dieſen Werth durch Schwatzhaftigkeit vernichten würde? Oder wähnt ihr, daß eine Dirne nicht ſchweigen könne? Die dankbare Adelgunde, die ihr ſo glücklich zu machen ſuchtet, wird euch vom Ge⸗ gentheil überzeugen. Ich würde dieſe Zunge vor eurem Angeſichte vertilgen, ſie den geſchwätzigen El⸗ ſtern zum Futter vorwerfen, wenn ich nur entfernt muthmaßen könnte, daß ſie früh oder ſpät die Ver⸗ rätherin meines Geheimniſſes werden würde. Der König. Alſo euch, nur euch muß ich dan⸗ ken, nur euch ſoll ichs lohnen? Ich kann beides nicht nach Kräften und Würden, ich muß ewig euer Schuld⸗ ner bleiben. Gott ſegne euch dafür, mache euch im Arme eures Geliebten ſo glücklich, als ihrs verdient! Sollte ſich aber einſt Ungemach eurem Herzen nahen, ſolltet ihr irgend einer Hilfe von mir bedürfen, ſo fordert kühn, ſendet mir Boten nach, wenn ich entfernt bin, for⸗ dert im Namen der Verſchwiegnen, und ich werde auf den Fittigen des Dankes zu eurer Hilfe herbeieilen. Lernt dies Wort euern Kindern, euern Freunden, und wer im Namen der Verſchwiegnen zu mir fleht, ſoll erhört werden. 72 Adelgunde. Gemach, edler Herr, gemach! Ihr gelobt zu viel, denkt, daß ich mitleidig bin, und es einſt zum Schutze des Böſen mißbrauchen könnte. Der König. O dann müßte euer Herz nicht ſo edel, ſo erhaben denken—— Doch ich habe euch noch viel zu fragen; verzeiht meiner Kühnheit, ſie iſt zu meiner Ruhe nothwendig. Seyd ihr auch über⸗ zeugt, daß keiner der liſtigen Ritter Horcher unſeres Geſpräches war? Adelgunde. Ich bins, denn ſo wards ausdrück⸗ lich von mir bedungen, als ich die Probe übernahm. Ich entdeckte ſelbſt meinem Geliebten nicht Zeit und Ort, wenn ich euch ſprechen wollte, ich unterſuchte dieſen ſorgfältig, ehe ich zu ſprechen begann. Auf⸗ richtig ſeys euch übrigens geſtanden, daß ich den An⸗ trag nicht angenommen, mich um aller Welt Schätze nicht in euern Angen zur wankelmüthigen Dirne auch nur auf ſo kurze Zeit erniedrigt hätte, wenn mir nicht der Gedanke Muth und Entſchloſſenheit eingeflößt hätte, daß ich euch vielleicht nützen und eine weit gefährlichere Probe von euch abwenden könnte. Ihr wart von jeher den Dirnen hold, eine ſchönere, reizendère als ich würde euch noch gefährlicher geworden, und vielleicht nicht mir ähnlich gehandelt haben. Uebrigens wars ebenfalls vorher bedungen, daß ich nach der Probe meinem Ritter, deſſen Vater wirklich mit dem Tode ringt, in ſeine Heimath folgen, und dort bis zu Enthüllung harren könne, weils mir. unerträglich ſchien, unter euern Angen ſo lange als eine Verkannte umherzuirren.. Der König. uUm dies zu verhindern, hättet ihr mir nur Wahrheit entdecken dürfen. Adelgunde clächernd). Freilich hätte ich dies thun können; aber würde ich jetzt ſo großen Dank dafür erndten? Wars für den feurigen und muthigen Jüng — —— 73 ling nicht nöthig und nützlich, daß er durch Erfahrung überzeugt werde, wie wenig er der Zunge eines liſti⸗ gen Weibes trauen ſoll, wie leicht ihr Blick und Wink ihn von der Bahn zur Tugend und Ehre ab⸗ locken, und zur Wolluſt verleiten kann? Alle dieſe heilſame Lehren, die mein dankbares Herz euch ſo gerne gönnt, würdet ihr dann nicht gefühlt und zum Frommen der Zukunft nicht geachtet haben. Nehmt nun noch den Eitelkeitstheil, den jede Erbin Evas beſitzt, mit in Anſchlag, bedenkt, daß dieſer laut die Ausführung forderte, damit er am Ende im vortheil⸗ haften Lichte glänzen, und den König von Sicilien überzeugen könne, daß ein Weib auch dankbar ſeyn, zu ſeiner Zeit nützen und ſchaden könne. Der König. Ihr habt es herrlich bewieſen, ewig wird mein Herz der ſchönen That gedenken, ewig wirds die Urheberin derſelben ehren, ewig ihr danken, daß ihre Großmuth es aus einer Schmach errettete, die ſeine Lebenstage getrübt, zum heitern Genuſſe un⸗ fähig gemacht hätte. Es würde Thorheit, es würde Kühnheit ſeyn, wenn ich euch ſagen wollte, daß dieſe That die innigſte Verehrung gegen euch ins Unendliche ver⸗ mehrt hat, ihr habt mich überzeugt, daß man dies der verlobten Dirne nicht ſagen darf, aber danken, danken darf ich euch doch, wie es die Größe eurer Wohlthat, wie es die Fülle meines Herzens fordert. er kniet vor ihr niedem So huldigten mir einſt die Unterthanen meines Reichs, ſo eideten ſie mir Ge⸗ horſam und Treue, ſo huldige auch ich eurer Tugend, ſo gelobe auch ich ihr ewige Bewunderung und Ver⸗ ehrung. Adelgunde. Ein ſchöner Triumph, den mein Herz willig annimmt, weil es ſich deſſen nicht ganz unwürdig dünkt.—— Ein Geräuſch ſchreckte jetzt den König empor; er 7⁴ und Adelgunde blickten furchtſam umher; Riter Eſchen⸗ bach brach gleich einem verwundeten Löwen, der Rache an ſeinem Mörder üben will, aus dem Dickicht her⸗ vor. Schlange, triumphire nicht zu früh, rief er wüthend aus, deine Liſt iſt noch nicht gelungen! Der biedre Deutſche achtet die ehernen Feſſeln der Liebe nicht, er fühlt ſich ſtark genug, ſie zu zerreißen. (Adelgunde will ſprechen) Schweig, ich will deine kah⸗ len Entſchuldigungen nicht hören, ſie prallen an Fel⸗ ſen und verlieren ſich ungenützt in der weiten Ge⸗ gend. Entſage der Siciliänerin und erfülle die frühere Pflicht! ſo ſprach der ſterbende Vater, und ich will ſein Gebot erfüllen. Schändliche Buhlerin, ich ent⸗ ſage dir auf ewig, ich will dein Gewerbe nicht hin⸗ dern, treib es kühn fort bis zum Tage der Rechen⸗ ſchaft! Gum Konige) Von euch würde ich ſie jetzt for⸗ dern, wenn ihr nicht Gottes Geſalbter wäret, den die Hand des Sterblichen nicht antaſten darf.— Lebt wohl, und genießt in ſtolzer Ruhe die Frucht eures Raubes.—— Er eilte eben ſo ſchnell fort, als er die Sprechen⸗ den überraſcht hatte; beide folgten, um ihn von ihrer Unſchuld zu überzeugen. Schont meiner nicht, ſprach der König zu Adelgunden, erzählt ihm alles, damit er einſehen lerne, wie weh er euch that, und durch innige Reue euer gekränktes Herz wieder verſöhne.— Wie beide im Vorhofe anlangten, erblickten ſie Eſchen⸗ bachen ſchon auf dem Roſſe, welches ihn vor kurzem nach der Burg getragen hatte; ſie riefen vergebens; er ſah hohnlachend hinter ſich, ſpornte das Roß, und jagte im ſchnellſten Laufe den Berg hinab. Adelgunde folgte nicht weiter, ſie blieb nachdenkend ſtehen, in ihren Augen, welche ſich gen Himmel wandten, glänz⸗ ten Thränen. Korradin, ſprach ſie traurig und lang ſam, dein Rächer erwacht! Du warſt immer groß⸗ — 8 73 müthig, wirds jener nicht auch ſeyn? Wird er nicht mit einmal dies Herz vernichten, das jetzt ein Raub des langſam nagenden Kummers werden ſoll2 Ohne des Königs Troſigründe zu hören, eilte ſie nach ihrem Gemache, verſchloß es hinter ſich, um ungeſtört trauern und weinen zu können. Der König hielt es für Pflicht, die Unſchuldige aus den Trübſalen zu erretten, welche ſich ſo mächtig, aber auch eben ſo unverdient über ihrem Haupte zu ſammeln ſchienen. Er harrte an des ſchlafenden Bun⸗ deshauptmanns Thüre, und trat an ſein Lager, als dieſer erwachte; er erzählte ihm alles, was ſich ehe ſchon und vor kurzem mit ihm und Adelgunden zuge⸗ tragen hatte. Er gürtete das Schwert des Löwens ab von ſeinen Hüften und überreichte es dem Haupt⸗ manne. Mein Stolz hat mich irre geführt, ſprach er, die Großmuth der edlen Dirne beſchenkte mich damit, ich war eitel genng, zu glauben, daß ich es einſt durch edle Thaten verdienen könnte; aber ich darf es jetzt nicht tragen, da die Thränen der verkannten Unſchuld in Menge darauf träufeln und es mit un⸗ vertilgbarem Roſte beflecken. Dein offnes Geſtändniß, antwortete der Hauptmann, dein Edelmuth, mit welchem du die Schwäche deines Herzens bekenneſt, deine Begierde, der edlen Dirne für ihre hohe That zu danken, machet dich von dieſem Augenblicke an würdig zu tragen, was du in der Probe nicht be⸗ ſtandeſt. Nimms zurück, und überlaß mir die Sorge, den Grimm des Brauſenden zu ſtillen und die Thrä⸗ nen der Unſchuldigen zu trocknen. Nur Erfahrung ann den Jüngling belehren, nur Folge der raſchen That kann ihn oft für ähnliche warnen. Heil euch, edler Herr, wenn ihr ſie nützt, dann war die miß⸗ lungne Probe heilſamer, als die muthig erkämpfte, dann ſeyd ihr durch Erfahrung belehrt worden, daß 76 ihr dem zu fühlbaren Herzen nicht trauen, es je eher je lieber mit unauflösbaren Banden der Ehe feſſeln ſollt, damit es euch nicht irre leite, nicht die ſchönſten Tage eures Ruhms mit Schande beflecke. Der König. Dies war der innige Vorſatz, den ich faßte, als eure weiſen Lehren mich überzeugten, wie unedel ich an der Verlobten handeln wollte, dies war die Urſache, daß ich ſo eilend der Urheberin mei⸗ nes Glückes dankte. Der Bundeshauptmann eihn umarmend)⸗ Derjenige, welcher ſeinen Fehler erkennt, bereut und Vorſatz zur Beſſerung faßt, iſt der Belohnung wür⸗ dig. Seyd ruhig, ich will ſogleich einen Eilboten nach dem Ritter ſenden, offne und aufrichtige Erzäh⸗ lung wird ihn mit der liebenden Dirne wieder ver⸗ ſöhnen, und muß ihren Werth in ſeinen Augen hoch erhöhen. Der König. Gott ſtärke eure Ueberredungskraft, ſonſt würde tiefer Kummer mein Herz quälen. Sie handelte ſo edel, ſo groß, und ich raubte ihr dafür vie Ruhe ihres Herzens, das Glück ihres Lebens! Ha! das wäre mehr als ſchändlich! Der Bundeshauptmann. Noch einmal, ſorgt nicht. Was ich unternahm, iſt mir ſelten mißlungen, und bedarfs hier wohl mehr, als reiner offner Er⸗ zählung? Der König. So tröſtet wenigſtens mit dieſer Verſicherung das Herz der leidenden Dirne, ſie ver⸗ ließ mich weinend——. Der Bundeshauptmann. Ich will zu ihr gehen und die unnöthigen Thränen ſtillen. Sammelt indeß euern Muth, und entſagt dem Kummer, wel⸗ cher euer Geſicht trübt, denn wenn ich wiederkehre müßt ihr mit mir unter die verſammelten Ritter treten⸗ und den Heerzug nach Heſſen ordnen helfen. Die hr lt ⸗ e n ie 7 Zeit iſt koſtbar, wir müſſen ſie benutzen, ehe Olto aus Italien zurückkehren kann. Seine Abweſenheit wird euch viel fruchten, und manchen wankenden An⸗ hänger deſſelben zu euern Füßen führen. Nach einer kurzen Friſt kehrte der Greis wieder zurück, verſicherte den König, daß er Eilboten nach Eſchenbachen abgeſandt, und daß ſeine Rückkehr das trauernde Herz der Jungfrau, welche wieder zu hoffen beginne, bald mit Freude beleben werde. Er führte darauf den König nach dem Saale, wo alle Ritter ſchon ſeiner harrten. Vierhundert Ritter des Löwens wurden aufgeboten, den König nach Mainz zu führen; jeder derſelben verſprach vier Reiſige zu rüſten und zu ſolden, damit die Anzahl der Kämpfer ſich auf zweitauſend vermehre. Diejenigen Ritter, welche dieſe Auslagen nicht aus eignem Vermögen beſtreiten konnten, erhielten das nöthige Geld aus der Kaſſe des Bundes, welche die reichſten und mächtigſten Glie⸗ der deſſelben von jeher anſehnlich bereichert hatten. MWit dieſer kleinen, aber tapfern Macht ſollte der Kö⸗ nig vors erſte zu ſeinem Freunde Siegfried nach Mainz ziehen, dieſem ſeinen Plan entdecken, und dann, von ihm unterſtützt, die Unruhen in Heſſen dämpfen, und dadurch den Kölner Erzbiſchof zum Danke verpflichten. Alle übrigen Ritter, welche daheim blieben, verſpra⸗ chen indeß kräftig in Schwaben zum Beſten des Kö⸗ nigs zu wirken, alle Edle zu ſeiner Huldigung vor⸗ zubereiten, und— wenn es nöthig ſey,— ihn mit ihrer ganzen Macht zu unterſtützen. Doch war des Bundes Wunſch und Wille, daß der König nicht mit den Waffen in der Hand Deutſchlands Evle zur Hul⸗ digung zwingen, ſondern ſie vielmehr durch edle That, durch ſtrenge Gerechtigkeitsliebe an ſich locken, und ſie dadurch überzengen ſolle, daß er nicht im Kampfe uud Fehde, ſondern in Friede und Ruhe ſeine Größe fuche. Unter den Rittern, welche daheim blieben, war auch Friedrich und Heinrich und alle übrigen Ritter, welche im heiligen Lande dem Schwerte der Saraze⸗ nen entronnen waren; der Bund hatte ihnen Ruhe verheißen, ſie wünſchten ſolche der zagenden Weiber und Väter wegen noch länger zu genießen, doch waren ſie unter den erſten, welche hervortraten und ihr ganz zu entſagen verſprachen, wenn der künftige Kaiſer der Deutſchen ihren Arm zu ſeinem Dienſt fordern würde. Der König dankte mit den wärmſten Ausdrücken für die neuen Beweiſe ſo thätiger Freundſchaft. Ich würde, endigte er, eure Freundſchaft durch Verſpre⸗ chung der glänzendſten Belohnung zu vergelten ſuchen, wenn ich nicht im Voraus überzeugt wäre, daß dieß eure edle That herabwürdigte; aber ich habe das Zu⸗ trauen zu eurem Edelmuthe, daß ihr ſolche am Ende doch nicht verwerfen werdet, wenn der dankbare Freund einſt Lohn in ſeinen Händen trägt. Ehe wir uns aufs neue trennen, begann jetzt der Bundeshauptmann, muß ich von euch, meine theuern Freunde und Brüder, Abſchied nehmen. Wenn auch der gerechte Arm des Ewigen an eurer Seite kämpft, wenn auch der Seg euern Thaten gleich einem He⸗ rolde voraneilt, ſo kann ich doch nicht hoffen, euch noch einmal begrüßen und euer Siegesfeſt mitfeiern zu helfen. Ich fühls zu deutlich, daß das Ende meiner Tage naht, die Wiederkehr der geliebteſten Freunde und Kinder goß zwar einige Tropfen Oel auf die dämmernde Lampe, ihre Flamme zehrt ſparſam daran, aber ſie wird bald und ſicher verlöſchen. Dank euch⸗ ihr Edlen, durch eure Thaten wird mein Namie noch lange in der Welt leben, mein Andenken vielleicht noch geſegnet werden, wenn meine Gebeine ſchon längſt in Staub und Erde verwandelt ſind. Dank, Dank, Dank, innigen Dank im Namen des Löwens E wird ruhig entſchlummern, weil keine böſe That ſein Gewiſſen guält und er dort ewigen Lohn erwarten kann.(er blickt mit Wehmuth und Rührung umher) Lebt wohl! Lebt wohl! Dieſe Thräne, welche über meine Wange ſchleicht, ſey euch der deutlichſte Beweis, daß ich ungerne von euch ſcheide, daß ich noch länger bei euch zu bleiben wünſchte. Ludwig. Vater, weile noch länger. Alle Ritter. Noch länger, noch länger! Vater des Löwens! Der Bundeshauptmann. Macht mir den Abſchied nicht noch bitter, verbergt eure Liebe zu mir, damit ſie mein ſcheidendes Herz nicht allzuſehr ängſtige. Jenſeits ſehen wir uns ja wieder, jenſeits genießen wir des ewigen Lohnes, bedenkt dies, und verbittert den Vorgeſchmack nicht durch eure Thränen.—— Noch drückt eine Sorge mein Herz, ich hoffe, ihr werdet ſie enden, damit ich ganz ruhig, ganz zufrie⸗ den dem Tode entgegenblicken kann. Alle Ritter. Gebiete, fordere, deine Kinder gehorchen willig! Der Bundeshauptmann. Geſtern, ewig müſſe dieſer Tag euerm Herzen unvergeßlich bleiben, geſtern trat ein König in eure Mitte und ward euer Schutz⸗ und Schirmherr. Da ihn aber bald das deutſche Volk auf ſeinen Thron rufen und ſein Wohl ihn ganz beſchäftigen wird, ſo kann er nicht euer Hauptmann werden, ſich nicht dem Dienſte eines einzelnen Bundes widmen, welcher oft ſo viele und mancherlei Geſchäfte zu beſorgen hat. Ihr gelobtet überdies dem Könige Treue und Gehorſam, es muß alſo immer einer vor⸗ handen ſeyn, der die Befehle des Königs empfängt, ſie nach den Kräften des Bundes ordnet, und euch die Aufträge zur Erfüllung des Endzweckes ertheilt⸗ Wollt ihr, daß mein Herz euch noch im letzten Augen⸗ 5 80 blicke danken ſoll, ſo laßt mich heute noch wiſſen: welcher unter euch einſt meinen Platz beſetzen, meine ehrenvolle Würde erhalten ſoll? Die Ritter. Nein! nein! Du wirſt noch lange unſer Hauptmann und Vater bleiben! Der Bundeshauptmann. Soll, kann ich ewig leben? Iſts nicht beſſer, daß ich meinen Nach⸗ folger kenne? Nicht fürs Wohl des Bundes erſprieß⸗ licher, wenn ich noch manches ihm rathen und ent⸗ hüllen kann, was in der Zukunft erſt erfüllt werden muß? Euch erlauben unſere Geſetze freie Wahl, er⸗ füllt ihr Gebot, und wählt den Würdigſten; ich ent⸗ laſſe euch eher nicht, bis ihr meine letzte Bitte mit Erhörung gekrönt habt. Soll euer alter Vater ver⸗ gebens bitten? Die Ritter. Nein, er ſolls nicht! Du haſt uns überzeugt, ſchwer wird uns die Wahl, weil ſie uns die Größe deines Verluſtes im Voraus fühlen läßt, aber wir gehorchen. Gebiete, wie wir wählen ſollen! Der Bundeshauptmann. Ordnet euch nach den Graden. Geht mit euern Anführern durch die Thore des Saals ins Freie, überlegt, prüft, und wählt den Würdigſten. Nur eins muß ich euch noch ſagen, mein Sohn kann dieſe Würde nicht erhalten weil das Geſetz ihn ausdrücklich davon ausſchließt, damit der Vater nicht zu ſeinen Guyſten wirken, und die Würde, welche nur dem Tapferſten gebührt, erb⸗ lich machen kann. Die Ritter weilten nicht lange im Freien, ſie ſand⸗ ten Nachricht an den Hauptmann, daß ſie ſchon vol⸗ lendet hätten, und er berufte ſie nach den Gradel Alle häkten einſtimmig den Grafen Friedrich Loh Frohbutg zu ihrem kuͤnftigen Hauptmann erwählt. Der Greis war über ihre Wahl, welche ſein Helz ſetbſt gewünſcht hatte, hoch erfreut; er umarmte mit — . ——— c„—— m n t —— 1 t. it 81 Wonne ſeinen Nachfolger, und alle Ritter bezengten ihm ihre Ehrfurcht. Nach acht Tagen zog der König mit feinen Beglei⸗ gleitern gen Mainz. Die Eilboten, welche der Burg⸗ herr nach dem Ritter Eſchenbach ausgeſandt hatte, waren unter dieſer Zeit zwar heimgekehrt, aber ſie hatten weder den Ritter, noch Nachricht von ihm ge⸗ bracht, weil er auf ſeiner Veſte nicht zu finden war, und keiner ſeiner Diener wußte, wohin er gezogen ſey. Adelgundens Trauer darüber war innig und groß, denn ſie liebte Eſchenbachen innig und zärtlich; hätte der Weiber Freundſchaft, der Männer Troſt, daß er wiederkehren müſſe, ſie nicht zur längern Aus⸗ dauer ermahnt, ſie würde nach Sicilien abgereist ſeyn, um dort ihre Tage in einem Kloſter zu vertrauern. Schon war ein neuer Monden verfloſſen, ſchon hatte der Burgherr die angenehme Nachricht erhalten, daß König Friedrich in Mainz als künftiger Kaiſer ſey geehrt worden, daß von allen Seiten die Edlen her⸗ beieilten, um ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen, und ſein Heer, das er zu Gunſten des Kölner anführen wollte, zu vermehren, als Eſchenbach an einem frühen Mor⸗ E mit einer verſchleierten Dirne in ſein Gemach rat. Der Burgherr. Sey mir tauſendmal willkom⸗ men, theurer Eſchenbach, meine Boten haben dich überall vergebens geſucht und nicht gefundenz aber mein Herz zagte nicht, es kannte deinen geprüften Biederſinn, es war im Voraus überzeugt, daß du einſt wiederkehren, deine übereilte Hitze bereuen, die gekränkte Unſchuld durch Abbitte und Verſicherung der vollen Liebe verſöhnen würdeſt. Eſchenbach. Dank euch, edler Hauptmann, daß ihr vielleicht der einzige unter den Vielen wartt, der meinem Edelmuthe Gerechtigkeit wiederfahren ließ., Löweßritter 4. 6 82 Was ihr hofftet, iſt ſchon geſchehen. Ich habe bereut, daß ich nicht vorſichtiger prüfte, nicht ſorgfältiger un⸗ terſuchte, ich habe die gekränkte Unſchuld durch Ab⸗ bitte und Verficherung einer ewigen Liebe verſöhnt, Befragt meine Begleiterin, und ſie wird's bekräftigen müſſen. Der Burgherr. Iſt dies Adelgunde? Willſt du ſie uns ſo ſchnell und ohne Abſchied entführen? Dies kann ich der Weiber wegen nicht erlauben, ſie würden lange trauern, wenn ſie ſolche ſo unverhofft miſſen ſollten. Eſchenbach(ſhlägt der Dirne Schleier zurüch. Was kümmert mich des Königs Buhlerin? Sie mag ihm nachziehen und ihre Schande in Deutſchland ver⸗ breiten, ich werde es nicht ahnden, nicht hindern, Frühere Pflichten forderten Trennung; Heil mir und ihr, daß ſie in dem Augenblicke, in welchem ich ihr alles entdecken wollte, mir ſelbſt die Hand zum Ab⸗ ſchiede bot, mich ſo deutlich überzeugte, daß ich ſie nicht lieben könne. Der Burgherr. Gerechter Gott! Trügen mich meine ſchwachen Augen nicht? Iſt dies nicht Klotilde? Nicht deine unglückliche Schweſter? Eſchenbach. Es iſt Klotilde, aber nicht meine Schweſter, ſondern meine Geliebte, der ich Schwur und Eid halten will, halten muß! Der Burgherr. Eſchenbach, du wandelſt auf böſen, Wegen, deine erwachte Liebe führt dich irre, du willſti mich und deine Brüder hintergehen, aber kannſt du⸗auch das allſehende Auge des Ewigen betrügen? Wirds nicht durchblicken das Gewebe deiner trugvollen Liſt, nicht ahnden die ſchändliche That 2 Klotilde, du darfſt deinen Bruder nicht lieben, ich trete zwiſchen euch, ich hindere die ſchreckliche Sündes Eſchenbach. Ich ſah voraus, daß du binder b⸗ t. n u n r d hr 83 würdeſt, was dein Biederſinn für ſträflich halten muß, aber mit Gottes Hilfe ſoll mirs auch gelingen, dich zu überzeugen, daß wir ſchändlich hintergangen, abſichtlich verrathen und betrogen wurden., Um nicht der Bosheit neue Gelegenheit zu geben, die Unſchuld länger noch zu quälen, rettete ich vorher Klotilden, ich übergebe e deiner Fürſorge, deinem mächtigen Schutze. Ich will ihr Angeſicht nicht eher wieder⸗ ſehen, nicht eher ein Wort der Liebe mit ihr ſprechen, als bis du es ſelbſt billigſt und mir ſie in die offnen Arme führſt. Der Burgherr. Gott, ſollte es möglich ſeyn? Du ſprichſt zu entſcheidend, ich kenne den Ton des Redlichen, er überzeugt mein Herz. Weh mir, wenn ich am Ende meiner Tage noch Verbrechen zu be⸗ reuen habe! Eſchenbach. Deine edle Seele befleckt kein Ver⸗ brechen, ſie bleibt rein an der ſchändlichen That, ſie wird vergüten, erſetzen, und dadurch neues Verdienſt ſammeln. Ich eile, um die Zeugen vor deinen Richter⸗ ſtuhl zu führen, und die Decke, welche dein helles Auge ſo lange blendete, zu vernichten. Morgen hoffe ich ſchon zurückzukehren, und dann werde ich ohne Rück⸗ balt, ohne Schonung beginnen. Nur eins iſt nöthig, um dich von allem und jedem genau zu überzengen, um auch den geringſten deiner Zweifel zu löſen, muß der Hauptmann der ſchwarzen Briüder gegenwärtig ſeyn. Er zog geſtern nach dem nahen Benediktiner⸗ Kloſter, deine Boten werden ihn dort treffen, er wird gewiß nicht ſäumen, deine Einladung zu erfüllen und morgen auf der Bundesveſte erſcheinen. Sollte er früher als ich eintreffen, ſo laß ihn die Urſache nicht ahnen, verbirg Klotilden vor ſeinem forſchenden Auge, die Bosheit würde aufs neue triumphiren, wenn Arg⸗ wohn in ſeinem Herzen erwachte. Nur Ueberraſchung 84⁴ kann dem vollendeten Böſewicht das Bekenntniß ab⸗ locken, welches ich nöthig bedarf. Der Burgher. Ich will alles genau erfüllen, mein Herz ahnet ſchreckliche Dinge, nur dein Troſt, daß ich nicht der Urheber derſelben war, erhält mich aufrecht.— Eſchenbach. Lebt wohl, Vater des gerechten Löwens, morgen wird dieſer mit Gottes Hilfe einen herrlichen Sieg über ſeine Feinde erkämpfen. Leb wohl, Klotilde, morgen hoffe ich dich in der vollen Verſammlung als meine Braut und künſtige Gattin zu umarmen. Uebergebt ſie der Pflege der Weiber, ihr zagendes Herz wird in ihrem Umgange Freude und Troſt finden. Eſchenbach eilte wieder fort; der alte Burgherr ſaß ſtillſchweigend auf ſeinem Lager, faltete ſeine Hände gen Himmel, und dachte nach, wie die ſeltene Begeben⸗ heit ſich enden könne. Als er eben überlegte: ob es nicht räthlicher ſey, daß er bis zur Enthüllung des 8 Geheimniſſes die ganze Begebenheit der trauernden Adelgunde verſchwiege? trat dieſe eilfertig in ſein Gemach. Sie blickte nicht auf Klotilden, nur nach dem Burgherrn, und ſuchte in ſeinen Mienen ihr Schickſal zu leſen. Wenn ich mich, ſprach ſie athem⸗ los, nicht ganz irrte, wenn mein thränendes Auge noch hell genug ſah, ſo wars Eſchenbach, welcher eben im Vorhofe ein Roß beſtieg, und ohne mein ängſt⸗ liches Rufen zu hören, zum Thore hinaus jagte War er bei euch, Vater? Habt ihr ihn von meiner Un⸗ ſchuld überzeugt? Oder ſoll dies arme Herz ewig trauern, nie mehr Freude fühlen? Der Burgherr cgeht zu ihr). Harre meiner in deinem Gemache, ich kann jetzt nicht mit dir ſprechen, du ſiehſt, daß ich nicht allein bin. Nur ſo viel zu deinem Troſte Morgen kehrt Eſchenbach zurück, mor⸗ 85 gen wird er deine Unſchuld erkennen müſſen, dafür bürge ich d ir. Adelgunde. Aber warum nicht jetzt? Warum nicht heute 2 War er wirklich hier? Der Burgherr. Er wars; aber höchſt wichtige, keinen Aufſchub duldende Geſchäfte forderten ſeine ſchnelle Abreiſe. Adelgu nde. O guter Vater, dein kräftiger Troſt wirkt ſchlecht. Du überzeugſt mich allzu deutlich, daß er mich ni Er war in cht mehr liebt, vielleicht nie geliebt hat. der Burg, in welcher ich um ſeinetwillen dulde, er fragte, er forſchte nicht nach mir, er eilte andern Geſchäften nach. Kauns ein wichtigeres, ein größeres im Herzen des Liebenden geben als jenes? Nein, nein! Es iſt ausgemacht, er liebt mich nicht mehr.(ſie w ill gehen und erblickt Klotilden) Wer iſt dieſe? O Gott! wäre ſie meine Schweſter, ich wollte ſie mit Freuden an dies leidende Herz drücken, und Troſt in ihrer Umarmung fühlen. Ihre theilnehmende, mit⸗ leidsvolle Miene verſpricht ihn mir im Voraus, ihre Thränen, die das holde Auge trüben, verſichern mich, daß ſie auch duldet, auch leidet. Schweſter des Un⸗ glücks und dinnen ſeyn Klotild und ſtehts i folglich auch die meinige, laß uns Freun⸗ e(ſie umarmend). Mit größten Freuden, n meiner Macht, dein Unglück zu lindern, dir den Geliebten deines Herzens wieder in die Arme zu führen, ſo will ichs willig thun. Ich bin mit dem Kummer ſchon allzu lange vertraut, er hat mich des Gefühls ber zehrt, ſie zi aubt, er hat das Mark der Nerven ver⸗ ttern froh empor, wenn Freude ſich naht, aber ſie ſinken kraftlos zurück, wenn ſie genießen pollen. Ich will deinen Kummer zu dem meinigen geſellen, vielleicht endet er bald ein Leiden, das ſich ſchon ſo lange nach dem Tode ſehnte, ich werde—— 86 Der Burgherr. Verzeiht, daß ich ein Geſpräch enden muß, welches euch nichts frommt und meiner Pflicht nachtheilig ſeyn kann. Ihr werdet euch, ſo Gott will, noch oſt ſehen und ſprechen, aber jetzt darfs und kanns nicht ſeyn. Adelgunde, ich thu's un⸗ gerne, aber ich muß dich bitten, mein Gemach zu ver⸗ laſſen, damit ich mit der Fremden mein Geſpräch enden kann. Adelgunde. Ich gehorche gleich einem guten Kinde, aber ſeyd dann auch ein lohnender Vater und laßt mich bald ihren troſtreichen Umgang genießen, denkt, daß der Unglückliche nur Troſt in den Armen des noch Unglücklichern findet, weil dieſer am beſten ſein Leiden meſſen, ſeinen Jammer fühlen kann. eie geht ab) Der Burgherr(zu Klotilden). Dein gutes Herz hindert. mich jetzt, dich in die Mitte deiner Geſpielin⸗ nen zu führen, die dich mit Wonne und Entzücken umarmen würden. Du haſt mich überzeugt, daß du der liſtigen Forſcherin bald alles erzählen und ent⸗ decken, ihr Herz zur Verzweiflung reizen würdeſt. Klotilde. Sorgt nicht, mein Mund hat ſchweigen gelernt, es gab Tage und Wochen, oft auch Monden, daß er kein lautes Wort ausſprach. Findet ihrs aber nöthig, daß ich bis zu Eſchenbachs Ankunft eure Töch⸗ ter nicht ſpreche, nicht ſehe, ſo verwahrt mich ſo eng ihr wollt, ich werde nicht murren und mich mit mei⸗ nem Kummer beſchäftigen. Freude iſt meinem Herzen fremd, ich zweifle ſehr: ob es ſich des Genuſſes freuen könnte? Der Burgherr. Wenn du mir gelobeſt, heilis zuſicherſt—— Klotilde. Ich gelobte es ſchon dem Ritter, und werde es gewiß halten. Der Burgherr. So tommn/ ich kann den Ge⸗ liebten die Wonne des Wiederſehens nicht länger ent⸗ ziehen, nur muß ich ihnen Adelgundens wegen gleiche Vorſicht empfehlen. Doch vorher eine Frage an dich Oft forſchte ich bei meinen Freunden nach deinem Schickſale; immer ward mir freudenvolle Nachricht, immer erzählte man mir, daß du ſchon längſt eine Nonne geworden ſeyſt, und im Dienſte des Höchſten dein Glück und Ruhe wieder gefunden hätteſt. War die Nachricht ächt? Darf ich ihr trauen? Klotilde. Sie war unächt und falſch. Seit dem unglücklichen Morgen, an welchem ich von euch ſchied, iſt mir nie Glück und Ruhe geworden. Oft wollte ich zwar die Bitte der Nonnen, in deren Mitte ich leben mußte, erfüllen, und mich gleich ihnen dem Dienſte des Herrn weihen; aber wenn ich den Vor⸗ ſatz meinem alten Beichtiger entdeckte, da vernichtete er ſolchen durch mancherlei Gründe, und gebot mir, noch länger zu harren, damit zu raſches Gelübde mich nicht einſt zur Verzweiflung reize. Der Burgherr. Wie fand dich Eſchenbach? Wie geſchahs, daß die Nonnen dich ihm überlieferten? Wie iſts möglich, daß er jetzt mit ſeiner Schweſter von Liebe ſprechen kann? Klotilde. Dies alles wird er euch morgen ſelbſt erzählen, ich gelobte ihm ſtrenge Verſchwiegenheit, er⸗ laubt daher, daß ich ſeine Bikte ehre. Der Burgherr. Wohl, ich will ruhig der ſelt⸗ nen Enthüllung harren, komm und labe dich indeß im Arme deiner Freundinnen. à Er führte ſie zu den Weibern, welche freudenvoll emporbebten, als ſie ahneten, daß die Fremde Klotilde ſey, und wonnetrunken in ihre Arme ſanken, wie Ueberzeugung ſie deſſen wirklich belehrte. Da die Frauen nie erfahren hatten: warum Klotilde ſo plötz⸗ lich ſcheiden mußte? ſo wars ganz natürlich daß ſie 88 ſolche jetzt mit Fragen aller Art beſtürmten; aber der Greis winkte, und Klotilde mußte ſchweigen. Auch gebot er allen ſtreng, daß fie es Adelgunden verſchwei⸗ gen ſollten: wer Klotilde ſey? Was ſie Eſchenbachen einſt war? Sie mußten ihm geloben, ſie bei ihr als eine theure Jugendfreundin einzuführen, welche Vater und Mutter verlor, und nun in ihrer Mitte leben wolle. Damit übrigens Klotildens Ankunft nicht in der ganzen Burg und in der nahen Gegend allzu ſchnell verbereitet würde, befahl er ihnen, nicht mit ihr an der Tafel zu erſcheinen, und den ganzen Tag mit der wieder gefundnen Freundin im Gemache zu weilen. Willig gelobten dies alles die Weiber, weil ſie um ſo ſicherer und ungeſtörter die Freude genießen konnten. Nachdenkend und traurig ſchlich der alte Burgherr die übrige Zeit des Tages umher, er ſandte Boten nach dem Hauptmanne des ſchwarzen Bundes, und dieſer verſprach, am andern Morgen ſicher in der Burg einzutreffen. Wie die Sonne ihre erſten Strahlen auf die Erde ſenkte und der von dem Burgherrn ſo ſehn⸗ lich erwartete Tag begann, kehrte Eſchenbach zurick; mit ihm kamen drei Ritter und ein alter Prieſter, welche der erſtere nach einem entlegnen Gemache führte und ihnen dort ſeiner zu harren gebot. Er ſprach nachher lange und in geheim mit dem Bundeshaupt⸗ manne und ſeinem Nachfolger Friedrich, den der Greis nach ſeinem Gemache entboten hatte. Beide verließsn ihn erſt, als der Wächter die Ankunft des Hauptmanns des ſchwarzen Bundes verkündigte. Wie dieſer eben von dem alten Burgherrn im Trinkſaale freundlich empfangen wurde und den Willkommensbecher leerte, langte ein ſchwarzer Ritter in der Burg an und über⸗ reichte ſeinem Hauptmanne ein Schreiben, das vor Kurzem ein Eilbote nach dem Benediktinerkloſter ge⸗ — 89 bracht hatte, und welches jener mit ſichtbarer. Ver⸗ wirrung mehr als einmal überlas. Vergebt, ſprach er endlich zum Burgherrn, daß ich euch ſogleich wie⸗ der verlaſſen muß. Eine unerwartete Begebenheit ruft mich nach Franken, ſie fordert die ſchnellſte Eile, ich darf daher keinen Augenblick ſäumen. Obgleich der Löwenhauptmann dieſer ſchnellen Abreiſe dringend widerſprach, ihm nebenbei verſicherte, daß dasjenige, was er und ſeine Ritter mit ihm zu ſprechen hätten, Lanz gewiß noch wichtigern Inhalts ſey, ſo wollte ſich dieſer doch nicht der Bitte fügen, und begann wirklich Abſchied zu nehmen. Der Löwenhauptmann. Wenn du denn der Bitte des Freundes ſo hartnäckig widerſtrebſt, ſo kann ich dirs nicht länger bergen, daß wir mit Gewalt fordern werden, was du dieſer verſagſt. Wir laſſen dich nicht, du mußt mit uns in den Verſammlungs⸗ ſaal treten und hören, was wir dir vorzutragen haben. Der Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Ich will nicht hoffen, daß ihr mich gleich einem Ge⸗ fangnen behandeln, oder gleich einem Schuldigen Antwort und Rechenſchaft von mir fordern werdet. Wahrſcheinlich hat euch wieder ein liſtiger Geiſt be⸗ thört, und ich ſoll nun die koſtbare Zeit mit lang⸗ ſamer Unterſuchung vertändeln. Oſt bereute ichs ſchon, daß ich Freundſchaft und Bund mit euch ſchloß, heute aber wahrlich am meiſten, da ihr mich hindern wollt, das Glück meines Bundes zu fördern. Hätte ich dies muthmaßen können— Friedrich. So wärſt du nicht gekommen, glaubs ohne Verſicherung. Der Wolf, welcher vom wach⸗ ſamen Schäfer mitten unter der ruhenden Heerde wür⸗ gend ertappt wird und alle Thüren verſchloſſen ſieht, denki dir ähnlich. Der Hau ptmann. Dies Gleichniß ſoll doch mir 90 nicht gelten? Im Namen meines mächtigen Bundes, der jede Beleidigung ſtreng und ſchrecklich ahndet, fordere ich freien und ungehinderten Abzug. Friedrich. Im Namen unſers tapfern Bundes, der die Drohung des Böſen verachtet, und jede ſchänd⸗ liche That, wenn auch tauſend Schwerter ſie decken, zu enthüllen und zu beſtrafen ſucht, fordere ich Ant⸗ wort und Rechenſchaft von dir. Du biſt ſie uns ſchuldig, du mußt ſie uns leiſten. Weigere dich nicht länger und folge freiwillig. Der Hauptmann. Ha! Undankbare, ſo wagt ihrs, mit mir zu ſprechen? Ihr ſucht alſo Fehde an den Unſchuldigen? Wohl, ſo beginne ſie blutig und ſchrecklich! Ich will ſehen, wer es wagt, meine Ab⸗ reiſe zu hindern? cer zieht ſein Schwert) Er falle, als das erſte Opfer meiner gerechten Rache. Er wollte jetzt gehen, aber die Ritter des Löwens, welche ſich an der Thüre geſammelt hatten, wichen nicht zurück; auf Friedrichs Wink ſprangen einige vor⸗ wärts und entwaffneten mit ſchnellem Muthe den Hauptmann und ſeinen Ritter, welcher ihm das Schrei⸗ ben gebracht hatte. Der Hauptmann. Eine herrliche That, wen fünfzig zwei entwaffnen! O ſie wird rühmlich in euern Annalen glänzen, wenn ihr beſonders hinzufügt, daß ihr ſolche an euerm Bundesgenoſſen übtet und Gaſt⸗ freiheit ſo ſchändlich verletztet. Friedrich. Der großmüthige Löwe ahndet nicht das Geſchrei des überwundnen Tigers. Komm zur Rechenſchaft, deine Thaten ſollen dich richten. Sie führten ihn nach dem Bundesſaale, in welchen ſchon alle Ritter des vierten Grades, und unter ihen Eſchenbach ſammt den Fremden ſeiner harrten. er Burgherr beſtieg mit Friedrichen den Thron. Richte du, ſprach der erſtere zum letztern, ich will zuſehn⸗ wie du dein Amt verwalteſt. — 91 Friedrich. Kläger, tritt auf und klage! Eſchenbach ctritt hervor). Ich klage über Un⸗ recht und Bosheit, über ſchändliche Liſt und Tücke, welche der Hauptmann des ſchwarzen Bundes an uns verübt hat, er hat uns ſchrecklich betrogen, zu ſeinen Helfershelfern erniedrigt, unſern Ruhm trugvoll be⸗ fleckt, und aus unſrer Gerechtigkeitsliebe eine ſchimpf⸗ liche Mähre gemacht. Du behaupteſt viel, beweis deine lage. Der Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Dies kann dem kühnen Frevler nicht gelingen. Friedrich. Dann wohl dir und Weh ihm! Eſchenbach. Vierfaches Weh über mein Haupt, wenn ich eine einzige meiner Klagen nicht beweiſe. Noch wird jeder unter euch der ſchrecklichen Nacht ge⸗ denken, in welcher wir im Marienkloſter den Leich⸗ nam der ermordeten Gräfin Neuburg fanden. Da⸗ mals reichten wir uns die Hände zum Rachebund ge⸗ gen die Mörder, damals ſchwuren wir dieſen ewigen Laß, ewige Fehde. Wohl uns, wenn wir den heiligen Schwur erfüllt und die gerechte Fehde begonnen hätten, dann dürften wir jetzt nicht bereuen, nicht beweinen ſo viele tapfere Brüder, welche mit ihrem koſtbaren Blute den Acker der Sarazenen düngten. Aber wir ließen uns locken in ihre Fallen, hörten die ſchmeichelnde Stimme des Betrügers, trauten ihrer trugvollen Er⸗ zählung, erkannten ihre künſtlichen Beweiſe als ächt, und vergaßen des heiligen Schwurs, der gerechten Rache. Immer, ihr müßt es ſelbſt bezeugen, wider⸗ ſprach mein Herz den Schandthaten, womit man Klo⸗ tildens Mutter zu beflecken ſuchte; als aber mein eig⸗ ner Vater wider ſie als Kläger auftrat, mich heilig berſicherte, daß die Geliebte meines Herzens meine Schweſter ſey, da mußte dies weiſſagende Herz ſchwei⸗ 92 gen, und ich ſuchte in Fehde und wildem Kampfe mein Leben zu enden. Der Ewige, deſſen Langmuth groß iſt, deſſen Gerechtigkeit die Ruchloſen aber auch ſtraft, erhielt mich wunderbar, damit ich als Kläger unter euch auſtreten, und die Binde, womit ſie euer Auge blendeten, zerreißen könnte. Heilloſe Buben! Wie ſoll ich beginnen? Begierde nach Rache hemmt meine Stimme, wenn ich bedenke, daß ſie meinen guten Vater ſo ſchändlich, ſo grauſam irre führten, und jetzt ſeinem trauernden Sohne das Bekenntniß ſeiner Thaten abzwingen. Hört es, Brüder, und rächts mit Nachdrucke: Falſch iſt die ganze Geſchichte, welche einſt mein Vater in eurer Verſammlung er⸗ 8 zählte, falſch ſind die Briefe und übrigen Beweiſe, welche der Hauptmann damals aufzeigte. Der Bund der ſchwarzen Rotte hat Glieder in ſeiner Mitte, welche jede Schrift nachzuahmen verſtehen, und des Frevels nicht achten, wenn nur ihre Abſicht er⸗ reicht wird. Mein ſterbender Vater wollte mit der ſchrecklichen Gewiſſenslaſt nicht vor dem Throne des Gerechten erſcheinen, er entdeckte mir alles, und gebot mir, das Bubenſtück ſonnenklar vor euern Augen zu enthüllen. Mit gerechtem Unwillen werde ich der An⸗ kläger des Vaters, aber er gebots, er heiſchte meinen Schwur, ich mußte ihn leiſten, und nun erfüllen. Drei Tage lang kämpfte der Sterbende mit dem ſchrec⸗ lichen Zweifel: ob er den Eid des Bundes erfüllen, ihn mit ſeinem Tode beſiegeln, oder öffentlich ſein Vergehen beichten, und ſo die Laſt des Verbrechens von ſeiner zagenden Seele wälzen ſollte? Mehr als ſechs Prieſter führte ich an ſein Lagerz ſie wollten nicht löſen den ſchrecklichen Eid, aber auch nicht ver geben an Gottes Statt das Verbrechen, wenn es nicht öffentlich bekannt und verſöhnt werde. Der nahende Tod zehrte indeß wacker an den Kräften des 93 bedauernswürdigen Vaters, aber die gerechte Furcht vor Verantwortung und Strafe weckte ihn eben ſo oft aus ſeinem Todesſchlummer und raubte ihm das Vermögen der Vollendung; er forderte aufs neue ei⸗ nen Prieſter, und ich ſandte abermals Boten umher. Endlich fanden die treuen Knechte einen gerechten Ge⸗ ſalbten des Ewigen, der lange ſchon in der Einöde lebte und für die Verbrechen ſeiner Mitbrüder täglich betete; er trat ans Lager des Kranken, er wog den Eid und die Sünde in der Wagſchaale des Lohns, und fand, daß der erſtere gelöst werden müſſe, damit die letztere vergeben werden könne. Ich habe den Ehr⸗ würdigen in eure Mitte geführt, damit er bezenge, daß mein Vater auf Gottes Geheiß den Eid ſeines Bundes brach, und nicht den ſchrecklichen Fluch des Meineids verdiene. Der Prieſter. Ich gebots ihm im Namen des Höchſten, ich verſprachs, zu verantworten, und werde mein Verſprechen getreu erfüllen. Mir ward Macht gegeben, jedes Band der Sünde zu löſen, ich mußte es hier um ſo geſchwinder thun, damit die Unſchuld nicht länger leide, die Gerechtigkeit nicht länger mit Jüßen getreten, und der Schuldloſe nicht zum Böſen verleitet werde. Eſchenbach. Auf meines Vaters Geheiß ließ ich ſogleich drei freie, unbeſcholtene, ehr⸗ und ritterbürtige itter berbeirufen damit ſie ſein Bekenntniß hören, und an der Seite des gekränkten Sohnes ſtehen könn⸗ ten, wenn er Rache über die Thäter heiſchen, ihre ubenſtücke enthüllen würde.(zu den drei fremden Rit⸗ tern) Gebt Acht, ob ich Wahrheit fpreche? und ſtraſt mich kühn, wenn ich vom Wege derſelben abweiche. Unſchuldig⸗ ſprach der arme Vater, und verſiegelte ſein Bekenntniß mit dem Tode, unſchuldig war die räfin von Neuburg an allen Verbrechen, welche ihr 9¹ meine lügenhafte Zunge andichtete, unſchuldig ward ſie ermordet; wenn dich alſo mein Mund noch ſegnen ſoll, ſo mußt du verſöhnen, was ich verbrach, und rächen, was ich nicht ahnden konnte. Höre die ganze Geſchichte, und urtheile: Als mein Weib, die dich ge⸗ bar, an den Folgen der ſchweren Geburt ihr Leben endigte, und ich im Lande umherſchweiſte, um Zer ſtreuung für meinen Kummer zu finden, da lernte ich die ſchone Mathilde, Neuburgs künftige Gattin, ken⸗ nen; ſie war damals ſchon ſeine Verlobte, und jede Hoffnung, daß die reizende Dirne einſt mein werden könne, füt mich verloren. Aber die mächtige Liebe, welche mein Herz zu ihr füllte, kennte kein Geſetz, achtete keines Eides, hoffte öfters die Unmöglichkeit ſelbſt zu überwinden. Ich ſuchte des Vaters Freund⸗ ſchaft zu gewinnen, und gewann ſie wirklich; dieſe verſchaffte mir volle Gelegenheit, die Tochter oft um allein zu ſprechen; ich war kühn genug, der Verlol⸗ ten meine innige Liebe zu geſtehen, ich war dreiſt ge⸗ nug, von ihr zu fordern, daß ſie ihr gegebenes Wor brechen, dem Grafen entſagen, und mir ihre Hand reichen ſolle. Aber die Tugendhafte verwarf meinen Antrag mit gerechtem Abſcheu, und da ich ihn zu wiederholen wagte, ſo entdeckte ſie dem Vater um dem Geliebten meine Kühnheit. Beider Zorn eni brannte gegen mich, ſie forderten Entſagung ode Kampf; ich wählte den letztern, ich wünſchte den bi günſtigten Nebenbuhler zu tödten; aber der Gerecht ſtärkte ſfeinen Arm, denn ſein ſcharfes Schwert tra meine Bruſt. Ich ſank todt zur Erde, erwachte erſ in den Armen einiger Knechte, welche mich nach einen nahen Kloſter trugen, wo die Mönche mich wohl pflegtel und meine Wunde durch koſtbare Salben heilten. Ebeh als ich wieder im Gemache umhergehen konnte, nell Kräfte geſammelt hatte, und heim auf meine Veſt 5 u 2 ü m 93 ziehen wollte, da ward mir durch einen Mönch die ſchreckliche Nachricht, daß Neuburg die ſchöne Mathilde ſchon ſeit einem Monden geehlicht habe. Meine Eifer⸗ ſucht erwachte mit Rieſenſtärke, ſie nagte gleich einer Schlange an ſolchen, ſie vermiſchte ihr Gift mit mei⸗ nem Blute, ich konnte nicht raſten, nicht ruhen, be⸗ ſchloß neue Rache zu üben, und wollte eben in dieſer Abſicht ausziehen, als fremde Ritter im Kloſter an⸗ langten und in meiner Geſellſchaft tafelten. Sie laſen meinen Kummer in meinem Geſichte, ehrten ihn durch liebreiche Rede und gewannen dadurch mein Zutrauen; ich entdeckte ihnen die Urſache meines Leidens, meiner Begierde nach Rache; ſie verſprachen Troſt und Lin⸗ derung, wenn ich ein Glied ihres unbekannten Bundes werden und mich ihrer Leitung ganz überlaſſen wolle. Meine qualvolle Lage, mein Durſt nach Rache hielt jedes Mittel für erlaubt und billig; ich folgte ihnen in die unterirdiſche Höhle ihres Bundes; mein Ge⸗ fühl ſchauderte mehr als einmal; aber ich konnte nicht mehr weichen, ſprach zitternd den ſchrecklichen Eid nach, und war nun ein Mitglied der unbekannten Schwarzen. Der Prieſter hat meinen Eid nicht ganz gelöst, ich darf und kann dir daher nicht alles, was ich ſah und hörte, erzählen. Nur ſo viel muß ich dir entdecken, daß es jedem Neulinge frei ſteht, in eine kleine Seitenhöhle, weſche man die Bluthöhle nennt, zu treten, und dort mit lauter Stimme Rache über ſeine Feinde zu fordern. Ein Ritter, deſſen üſtung mit einer ſchwarzen Decke überzogen iſt, tritt dann hervor und fordert die Namen derjenigen zu Hren, welche man geopfert wiſſen will. Mein Herz ward damals von ſchrecklicher Eiferſucht gefoltert, von Begierde nach Rache gequält; ich forderte daher Rache äber den Grafen von Neuburg, über ſein Weib, ihre männliche Nachkommen und all ihr Habe. Der ſchreck⸗ 6 96 liche Ritter ſchrieb meine Forderung in ein großes ſchwarzes Buch ein, und fragte: ob die Rache ſchnell oder langſam beginnen ſolle? Laßt ſie qualvoll be⸗ ginnen, rief ich aus, aber langſam und tödtlich enden. Die grauſame Spröde ſey die letzte, welche eure Rache opfert, ſie ſoll erſt ihren geliebten Gatten, ihre Nach kommen beweinen ſoll, ihres Habes und Vermögens beraubt, flüchtig und unſtät umherirren, ehe ſie der Dolch der dreimal drei Vereinigten trifft, und der Rächer ihr zuruft: dies haſt du an dem verſchmähten verachteten Eſchenbach verdient! Der Rächer gelobte volle Gewährung, doch forderte er dagegen, daß ich unter dieſer Zeit ins gelobte Land ziehen, und zur Verſöhnung der geheiſchten That gegen die Sarazenen kämpfen ſollte. Ich verſprachs, und das Buch der Rache ward geſchloſſen. Wie mirs im heiligen Lande erging, wie ich lange Zeit hoffnungslos in der Ge⸗ fangenſchaft ſchmachtete, habe ich den Rittern deines Bundes und dir bereits erzählt. Wann die Wütheriche mich gleich dem Viehe behandelten, meinen Rücken mit blutigen Striemen bezeichneten, da fühlte ichs deutlich, daß der Ewige Mathildens Rächer geworden ſey, und an mir ſtrafe, was meine Brüder wahr⸗ ſcheinlich an ihr übten; aber wenn ich wieder, ermattet von der Arbeit, unter dem Schatten der Stechpalme ruhte, es nur allzu heftig ahnete, daß verſchmähte Liebe auch in der weiten Ferne mein armes Herz noch quäle, da ward mir wohl, da dünkte ich mich glücklich, wenn ich die Urheberin meines Unglücks trauern, we⸗ nen, verzweifeln und ſterben ſah. Als endlich meine Gefangenſchaft endete, und ich befreit nach Deutſch⸗ aufs neue empor, und gönnte dem gequälten Herzen nur dann Ruhe, wenn es ſich gerächt dachte. Ic langte eben damals an, als ihr Gatte und ihre Söhns land zog, da flammte die ungeſättigte, verachtete Liebe 97 ſchon geopfert moderten, ihr Habe in des Kloſters Händen war, ſie allein nur lebte, und auf Frohburgs Veſte Schutz und Aufnahme gefunden hatte. Ich ver⸗ hehle dirs nicht, daß mein rachbegieriges Herz bei der Erzählung ihrer Unglücksfälle Freude und Vergnügen füllte; ich verberge dir es eben ſo wenig, daß ich aufs neue zu hoffen begann, die noch immer Heiß⸗ geliebte werde, der Drangſalen müde, ſich in meine Arme werfen und mich mit Erhörung lohnen. Wie ich eben, mit dieſen Gedanken beſchäftigt, im einſamen Gemache eines Kloſters die Plane zur Ausführung ordnete, und aufs neue um ihre Hand zu werben beſchloß, da trat ein Ritter zu mir ein, reichte mir einen blutigen Dolch, und verkündigte mir mit ſchreck⸗ licher Stimme, daß der Bund ſeine Pflicht erfüllt, die verſprochene Rache an Mathilden vollendet habe. Ich will, ich kann dir meinen ſchrecklichen Zuſtand nicht ſchildern; die geſättigte Rache entfloh eilend, ſie überließ mich der Reue und den quälenden Ge⸗ wiſſensbiſſen; meine Hoffnung, meine Ausſicht war vernichtet, ein hitziges Fieber ergriff mich, nur die Hilfe der weiſen Bundesärzte rettete mich. Als ich wieder genas und meinen unglücklichen Zuſtand zu fühlen begann, trat der Hauptmann unſers Bundes in mein Gemach: er heiſchte im Namen der dreimal drei Vereinigten von mir Gehorſam und ſtrenge Unter⸗ werfung. Die Geſetze unſers ſtrengen Bundes for⸗ dern, daß man dieſem Aufrufe Folge leiſten und Er⸗ füllung im Voraus beſchwören muß. Ich leiſtete den Eid, und er erzählte mir nun alles, was ſich unter der ganzen Zeit mit unſerm und dem Löwenbunde zugetragen hatte. Um deine geforderte Rache zu ſät⸗ tigen, endigte er, ſind wir mit dieſem tapfern Bunde in Fehde verwickelt worden, dein iſt jetzt die Pflicht, ſie zu Hereiteln, die Ehre des Bundes in den Angen Löwenritter 4. 7 98 der Gerechten zu retten. Auch kanns deine Rache nicht erlauben, daß dein Sohn die Tochter der grau⸗ ſamen Mathilde eheliche, und mit deinem rechtmäßigen Erbe ihre Brut füttere. Du mußt daher Vermittler! werden, und getreu leiſten, was ich von dir heiſche. Er unterrichtete mich nun in der ſchändlichen, trug⸗ vollen Erzäblung, mit welcher ich in eurer Mitte auftreten und eure leichtglanbigen Herzen täuſchen mußte; er zeigte mir die Briefe, welche er künſtlich und täuſchend hatte verfertigen laſſen, und machte mich mit ihrem Inhalte bekannt. Ich gelobte mit bangem Schaudern Erfüllung, und bat ihn nur, daß er mich nächſtens wieder in den Kampf gegen die Sarazenen ſenden möge. Er thats; ich ward der Begleiter eurer Ritter, als ſie zur Befreiung der Weiber nach dem Rloſter zogen, und vollendete endlich zur Rettung des Bundes die Erzählung in eurer Mitte. Der Gedanke, daß ich ohne dieſe That Mathildens Ebenbild in mei⸗ nes Sohnes Armen ſehen und neue Qualen fühlen würde, hielt mich im ſchrecklichen Kampfe aufrecht, —— ſonſt würde ich wahrſcheinlich mein elendes Leben durch Selbſtmord geendet, und es der gerechten Vorſehung überlaſſen haben, wie ſie den Ausgang leiten wolle. Dein Jammer um Klotilden erweichte mein Herz; dunkle Ahnung, daß ich vielleicht einſt wieder gut machen könne, was ich an ihr und dir verbrochen batte, verleitete mich zur Fürſorge. Ehe ich wieder nach dem gelobten Lande zog, beichtete ich einem Prieſter all meine Verbrechen, und bat ihn dringend, daß er ſorgfältig über Klotilden wachen, und es verhindern möge, wenn ſie den Eiv der Keuſchheit ſchwören wolle; er gelobte es, er hat Wort gehalten, und ſetzt mich jetzt in Stand, wenigſtens ein Unrecht zu vergüten⸗ Nimm die Hälfte dieſes Rings; wenn du ihn an der —— Pforte des Barbarakloſters vorzeigſt, ſo wird mal — —= — S —— ———— ————— 99 dir die immer noch trauernde Klotilde überantworten; führe ſie in die Burg des Löwens und reiche der Verlaßnen die Hand. Fluch des Vaters wird dich treffen, wenn du meine Bitte nicht erfüllſt: ich habe ihr Vater und Mutter, Brüder und all ihr Habe ge⸗ raubt, du mußt ihr den Raub erſetzen, und deines Vaters ſchändliche That dadurch zu verſöhnen ſuchen. Entſage der Sicilianerin, und erfülle frühere Pflichten, ſo ſprach der ſterbende Vater, und ich gelobte zu halten, was er forderte. Ich ſahs deutlich, daß dies Verſprechen ſein qualvolles Leiden lindere, daß ſeine gefolterte Seele ſchwache Ruhe fühle. Mehr als ein⸗ mal rief er aus: Mir iſt wohl, weil ich dies ſchreck⸗ liche Geheimniß von meinem Herzen gewälzt und freier athmen kann! Noch, ſprach er, als er ein wenig geruht hatte, muß ich dir fernern guten Rath erthei⸗ len, mein Gewiſſen heiſchts, ich will am Ende meines Lebens ſeinem lauten Ruf frei und ungehindert folgen. Redliche Ritter des Löwens, fuhr er fort, wacht über eure Sicherheit, ſie wird im Stillen untergraben, gebt Acht, daß ihr nicht eilend in den Abgrund ſtürzt, den man zu euern Füßen bereitet. In voller Verſamm⸗ lung des ſchwarzen Bundes ward beſchloſſen und in das Buch der Rache eingetragen, daß man eure Tapfer⸗ keit nach Kräften benutzen, euch aber ingeheim ſchwä⸗ chen, und am Ende ſtürzen wolle. Ihre unerſchütter⸗ liche Gerechtigkeitsliebe, ſprach unſer Hauptmann, mit welcher ſie oft unſre geheimen Abſichten vereiteln, muß ausgerottet und vertilgt, oder ihr ganzer Bund ge⸗ löst werden. Er gebot den Auserwählten, ſo nennen ſich unſere Obern, ſich über die Ausführung dieſes Plans zu beſchäftigen. Wie weit es ihnen gelungen iſt, kann ich freilich nicht ſagen, aber daß ſchon manch verſuchtes Mittel der Erwartung entſprach, ahne ich aus ihren dunkeln Reden, mit welchen ſie dem Haupt⸗ 100 manne in voller Verſammlung ihre Thaten erzählen. Sie finden ſich jetzt hoch beleidigt, daß ihr ohne ihren Rath und Beitritt dem ſicilianiſchen König Schutz ge⸗ währt, ſie wollen es ahnden und rächen. Als mein Vater ſich ſchon ſeiner letzten Stunde nahte, da forſchte ich bei ihm: wer die fünf Gefangnen waren, welche wir im Marienkloſter aus dem ſchmählichen Kerker erlösten, und die er für ſeine Mörder ausgegeben hatte? Er verſicherte mich, daß er ſie eigentlich nicht kenne, aber in der Folge überzeugt worden ſey, daß es Ritter des ſchwarzen Bundes waren, welche ihres Eides vergeſſen, und aus Menſchenliebe und Edelmuth einige fremde Ritter gewarnt hatten, welche von dem Bunde zu Opfern der Rache beſtimmt waren. Sie ſchmachteten ſchon lange vorher, ehe mein Vater ein Bundesglied ward, im Kerker; ſie bekamen ſchnelles Gift zur Labung, als wir ſie retteten, damit ihre ſchwatzhafte Zunge nicht neues Unheil ſtifte. Gu dem Prieſter und den drei fremden Rittern, welche neben ihm ſtanden) Ihr habt mit mir jedes Wort des ſterbenden Vaters gehört und in eurem Gedächtniſſe aufzub⸗ wahren gelobt. Weder die Löwen⸗ noch ſchwarzen Ritter ſind eure Bundesgenoſſen, ihr könnt und müßt daher ohne Vortheil und Schonung zeugen: ob ich Wahrheit erzählte? Ob ich dem Bekenntniſſe des Sterbenden irgend etwas beifügte, irgend etwas von ſeinem Inhalte verſchwieg? Die Ritter. Wir geben dir das Zeugniß, dal du ſtrenge Wahrheit ſprachſt, wir ſind bereit, Neil Erzählung nach ihrem vollen Inhalte zu beſtätigen, auf Ehre und Gewiſſen zu beſchwören. Eſchenbach. Ich habe geendet! Ritter des kapfirl und gerechten Löwens, beginnt euer Richteramt über das Haupt der Verbrecher! Friedrich qum Hauptmanne des ſchwarzen Pundes) —— n ne ü, n er 101 Du haſt die Anklage gehört, ſie ruht ſchwer und ſchreck⸗ lich auf dir. Der Mund des Sterbenden ſprach ſie aus, er verdient vollen Glauben, wenn du uns nicht vom Gegentheil überzeugen kannſt. Vertheidige dich, wenn du's vermagſt, der gerechte Bund des Löwens erlaubt es. Der Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Leicht ſolle mir meine Vertheidigung werden, wenn ich vor dem Ritter ſtünde, der meiner hohen Würde ziemt. Ihr ſeyd meine Bundesgenoſſen, mir, genau erwogen, kaum gleich, und könnt nicht über mich richten. Friedrich. Aber wir können als Freunde und⸗ Bundesgenoſſen doch wenigſtens Aufklärung von dir heiſchen. Der Hauptmann. Wenn ihr ſo ſprecht, ſo ſoll ſie euch im vollen Maße werden. Die ganze Aus⸗ ſage des Sterbenden iſt ein ſchändliches Gewebe von Lügen! Eſchenbach. Ha, Frevler! dies ſoll—— Friedrich. Laß ihn ungehindert ſprechen. Er hörte ohne Murten deine Anklage, dir ziemt ein glei⸗ ches.(zum Hauptmanne) Sprecht weiter! Der Hauptmann. Ich wiederhole es noch ein⸗ mal: Lüge, ſchändliche Lüge war des Sterbenden Aus⸗ ſage, aber ich zweifle ſehr, daß der wackere Ritter, der immer ein treues Glied unſres Bundes, und nur allzu gewiß überzeugt war, daß dieſer Bund ſtets ohne Falſch und offen handelte, ſie wirklich leiſtete. Ritter Eſchen⸗ bach, ich zeihe dich und denen, die neben dir ſtehen, die Erfindung dieſes Bubenſtücks, ich wills beweiſen, und in jedem Falle dir in offnen Schranken antworten, wenn du dreiſt genug biſt, mir zu widerſprechen. Eſchenbach. Ich nehme die Ladung an, ich wi⸗ derſpreche deiner bübiſchen Kühnheit, ich fordere Beweiſe. er Hauptmann. Sie ſollen dir werden, nimm 102 dich in Acht, daß ihr heller Schein dein kühnes Auge nicht zu ſtark blendet. Ritter des gerechten Löwens, verzeiht, wenn ich einem aus eurer Mitte eines Bu⸗ benſtücks beſchuldige. Oft gibts unter der ſchönſten Heerde ein räudiges Schaf, euer iſt die Pflicht, es aus⸗ zuſtoßen, damit die ganze Heerde nicht angeſteckt werde. Ihr erinnert euch gewiß noch alle, daß Eſchenbach Klotilden einſt zärtlich liebte, daß er anhaltend trauerte, als es erwieſen ward, daß ſie ſeine Schweſter ſey. Die erſte Liebe des Mannes verlöſcht ſelten, oft ſchläft ſie Jahre lang, oft ſucht ſie bei einem andern Gegenſtande die Befriedigung ihrer Wünſche zu finden, aber Erin⸗ nerung an die Allgeliebte, ein dunkler Schein von Hoffnung weckt ſie mit einmal, ſie erwacht mit Rieſen⸗ ſtärke, fordert ſchnelle Gewährung und verachtet kein Mittel, das zum Ziele leitet. So ergings auch Eſchen⸗ bachen: er hoffte in den Armen der ſchönen und rei⸗ chen Sicilianerin Ruhe und Glück zu finden; als aber ſein Vater mit dem Tode rang, als er ihn bat, Vater⸗ ſtelle an der verlaßnen Tochter zu vertreten, als er ſchwach genug war, ihm ihren Aufenthalt zu entdecken, ihr zu geſtehen, daß ihr Herz noch immer hoffe, noch nicht das Gelübde der Keuſchheit abgelegt habe; da erwachte mit einmal die ſchlafende Liebe, da heiſchte ſie mit heftigem Drange Troſt, Linderung und Hoff nung. Solch einer Liebe iſt nichts unmöglich, Erfah⸗ rung hat michs gelchrt, daß ſie den Redlichen zum Schalke umwandelt, daß ſie ihn zum Morde und allen Bubenſtücken verleitet. Eſchenbach. Schweig, Elender, ſonſt muß ich deine ſchwarzen Verläumdungen auf der Stelle ahnden. Friedrich. Eſchenbach, ſey ein Mann! Iſts Ver⸗ täumdung, ſo kann ſie dich nicht kränken, da ſie auf das Haupt des Thäters zurückſinkt und ſeine Strafe vermehrt. Du warß ſein Ankläger, ihm gebührt das 103 Recht der Vertheidigung.(zum Hauptmanne) Fahre fort in dieſer, wir können es nicht hindern. Der Hauptmann. Ich habe ſchon geendet. Eſchen⸗ bach wurde aus Liebe der Erfinder eines Mährleins; das ihm, wenns in eurem leichtgläubigen Herzen Glau⸗ ben findet, den Beſitz der Geliebten ſichert, und ihn nicht mehr hindert, ſeine eigene Schweſter zu ehelichen. Friedrich. Du endeſt ſchlecht, du ſtellſt der er⸗ wieſenen Wahrheit nur Muthmaßung entgegen, du widerlegſt die Klage nicht, du machſt ſie nur verdächtig. Der Hauptmann Heil mir, daß mir dies ge⸗ lang, ich kann jetzt nicht mehr fordern. Ich ward un⸗ vorbereitet zur Rechenſchaft geladen, ich muß Zeit er⸗ halten, das Gewebe der Bosheit zu enthüllen und zu vernichten, ihr müßt mir ſolche gönnen, da ihr ſelbſt geſteht, daß der Kläger verdächtig ſcheine. Friedrich. Hier ſtehen drei biedre Männer als Zeugen, welche den Verdacht widerlegen und dich durch ihre Ausſage Lügen ſtrafen. Der Hauptmann. Ich würde ihr Zeugniß ehren und mich ſchuldig bekennen müſſen, wenn mein treues Gedächtniß nicht mein Vertheidiger würde. Wie kön⸗ nen Männer, welche der Bund mehr als einmal ihrer Raubſucht wegen zur Rede ſtellte und der Unterdrück⸗ ten Habe von ihnen zurückforderte, wie können dieſe wider ihn zeugen? Die Gelegenheit zur Rache mußte ihnen willkommen ſeyn, ſie achten ihr künftiges Wohl nicht, verſcherzen es durch Meineid und falſches Zeug⸗ niß, um die Rächer dex Unſchuld zu demüthigen, um künftig ungehindert rauben und ſtehlen zu können. Die Ritter. Schändlicher Verläumder, du lügſt! Der Hauptmann. Ich lüge nicht, ich ſpreche Wahrheit, die euch verhaßt iſt. Dieſe drei Ritter, welche ſich Honegg, Wartenſtein und Gattweil nennen, waren getreue Anhänger der Fritdauer und Dorneg⸗ 104 ger, ſie zogen unter ihrem Banner auf Raub und Mord aus, ſie ſaßen ſtill und zagend auf ihren Ve⸗ ſten, als der Bund der Schwarzen zur Rache nahte, und gelobten Beſſerung, als er ſie gleich jenen züchti⸗ gen wollte. Die Ritter. Wie kannſt du dieſe ſchändliche Lüge beweiſen? Friedrich. Sprich, wie willſt du es erweiſen? Der Hauptmann. Durch hundert und nochmals hundert Zeugen. Wählt unter den Rittern meines Bundes diejenigen, welche euch am redlichſten dünken, fordert Zeugniß von ihnen über dieſe drei Ritter: be⸗ ſtätigen ſie meine Ausſage nicht wörtlich, erkennt einet unter den Hunderten ſie für rechtliche Zeugen, ſo will ich mich ſchuldig erkennen, jede Strafe willig erdulden, jede Genugthuung ohne Murren leiſten. Friedrich. Du verſprichſt viel. Der Hauptmann. Und werde leiſten, was'ich verſprach, damit ich euch aber ganz von meiner Un⸗ ſchuld überzeuge, ſo will ich die Namen der Ritter, welche ihr zum Zeugniſſe wider ſie wählt, nicht kennen, will mir ſelbſt die Möglichkeit rauben, mit ihnen zu ſprechen, und ſo lange ſtreng bewacht auf eurer Veſte harren, bis ihr überzeugt wurdet, daß ihr euern ge prüften Freund ſehr beleidigt habt. Die Ritter. Wir erwarten ſtandhaft die Kühnen, welche uns gleich euch als Mörder und Räuber ſchil⸗ dern ſollen. Wir ſind redliche Männer, zogen nie auf dem Pfade der Gauner, und fordern Beweiſe und Ueberzeugung. Der alte Prieſter czum Hauptmanne)⸗ Auch ich hörte des Sterbenden Ausſage, auch ich bezeuge, daß in Eſchenbachs Erzählung kein Wort erdichtet war, ihr müßt daher auch mein Zeugniß verdächtig machen, wenn ihr eure Unſchuld retten wollt. 105 Der Hauptmann. Frevler ohne Gleichen, ich bewundere deine Kühnheit, mit welcher du mich auf⸗ forderſt, deine Schandthat, welche bisher Großmuth und Nachſicht deckte, bekannt zu machen. Hörts und ahndets: Dieſer elende Greis war einer der Obern des Johanniskloſters und Mitglied unſers Bundes, aber ſein Ehrgeiz verleitete ihn zum Verbrechen, er miſchte Gift, mordete den Abt, um früher an ſeinen Platz zu kommen; aber er ward entdeckt, auf ewig aus der menſchlichen Geſellſchaft in eine Einöde verbannt, und jetzt wagts der Kühne—— Ah, das iſt mehr als ſchändlich! Befragt auch darüber die Zeugen, aber führt mich fort von hinnen, ich mag nicht länger an einer Stätte weilen, wo Räuber und Mörder den Gerech⸗ ten anklagen und ſeinen edlen Ruhm mitk ihrem Geifer beflecken wollen. Der Prieſter. Gerechter Gott! Welch ein Unge⸗ heuer, du kennſt meine Unſchuld und wirſt ſie retten! Friedrich. Auch dem überwieſenen Verbrecher darf kein Mittel zur Vertheidigung geraubt werden, viel⸗ weniger euch, da ihr mehr als hundert Zeugen zum Beweiſe eurer Unſchuld aufſtellen wollt. Wir nehmen euern Antrag an, wir wollen aus euerm Bunde die Zeugen wählen, indeß wirds der Kläger und Beklagte es uns nicht verargen, wenn wir beide bis zur Ent⸗ hüllung des Räthſels ſtreng bewachen. Der Hauptmann. Ich habs gefordert und bins zufrieden. Eſchenbach nebſt ſeinen Zeugen. Auch wir unterwerfen uns dem weiſen Urtheile, und bitten euch nur, eilend zu Werke zu ſchreiten, damit die Bosheit nicht lange mehr triumphire. Der Hauptmann. Auch dies iſt meine Bitte, und damit ich euch im Voraus ſchon von meiner ge⸗ rechten Sache überzeuge, ſo erlaube ich, daß Ritter 106 Eſchenbach ſelbſt die Zeugen benennen und wählen foll, welche ich zur Beſtätigung meiner Ausſage forderte. Eſchenbach(enachdenkend). Deine Großmuth wird mir verdächtig, du mußt des Streiches, welchen du mir zugedacht haſt, ſchon gewiß ſeyn. Doch es ſey, ich kenne einige Redliche deines Bundes: daß du ihnen keine Nachricht ertheilen kannſt, dafür wird unſer ge⸗ rechter Hauptmann Sorge tragen. Friedrich. Dies gelobe und ſchwöre ich dir. qzum Hauptmanne) Nur eins muß ich dich noch fragen: Der neben dir ſtehende Ritter brachte dir, ehe wir zur Re⸗ chenſchaft ſchritten, ein Schreiben, deſſen Inhalt dich ſehr verwirrte und dein Geſicht merkbar bleichte. Du wollteſt ſogleich Abſchied nehmen, und wir konnten dich nur durch Zwang zurückhalten. Was enthielt dies Schreiben? Gabs dir nicht zu ſpäte Nachricht von der Entdeckung, welche deiner harre? Wollteſt du ihr nicht durch ſchnelle Flucht entgehen? Zeige es auf und rei⸗ nige dich von dem Verdachte, den dein Betragen erregte. Eſchenbach. O weiſer Salomo, du fragſt herrlich⸗ Der Hauptmann. Ich würde dein Begehren mit Freuden erfüllen, wenn das Schreiben nicht Ge⸗ heimniſſe des Bundes enthielte, die dein Ange nicht leſen darf. Friedrich. Ich gelobe in dieſem Falle die ſtrengſte Verſchwiegenheit. Der Hauptmann(lächelnd). Die mir, wie du leicht wähnen kannſt, doch nicht genügt. Eſchenbach(ſpringt hinzu, reißt dem Hauptmanne das Schreiben aus der Vinde, hinter welcher es ſteckte, und reicht es Friedrichen). Da nimms und urtheile, ob er Wahrheit ſprach. Der Hauptmann(wüthend). Schändlicher, heim⸗ tückiſcher Böſewicht! Deine That wird Urſache zur ewi⸗ gen Fehde zwiſchen uns! Gu Friedrichen) Oeffne es 107 nicht! Blutiger Kampf beginnt, wenn du es wagſt! (einige Löwenritter ziehen ihre Schwerter). Friedrich(mit ernſtem Blicke). Warum entblößt ihr euer Schwert? Wer forderte euch zum Kampfe? (ſie ſtecken ihre Schwerter in die Scheide) Ich will, ich muß dies Schreiben leſen! cer liest nach einer Pauſen Ha! die Unſchuld triumphirt, ich halte ihren Beweis in meiner Hand. Brüder, rüſtet euch zur Fehde, zur Rache, ſie wird ſchrecklich beginnen!(er liest laut) „Im Namen der dreimal drei Vereinigten melden wir euch vin größter Eile, daß der alte Eſchenbach, als er mit »dem Tode kämpfte, ein Meineidiger, ein ſchändlicher „Verräther ward. Ein dummer Prieſter löste ſeinen „Eid, er bekannte in Gegenwart einiger Zeugen ſeinem „Sohne alles, was der Bund einſt zur Täuſchung der „Löwenritter von ihm gefordert hatte. Wir überlaſſen „es eurer Weisheit, wie ihr das Ungewitter zerſtreuen „wollt, welches ſich über der Bundeslade ſammelt, und vharren eurer Befehle. So wie die Kundſchafter des „Löwens geſtern Nachts einberichteten, will man euch „nach der Löwenburg laden und Rechenſchaft von euch „fordern. Ob ihr dort gleich mit den Flügeln des „Bundes gedeckt ſeyd und eure Freiheit ſtets erringen „önnt, ſo achten wir offne Fehde doch jetzt noch nicht „für räthlich, halten vielmehr fernere Liſt für nöthig. „Die Ritter Honegg, Wartenſtein und Gattweil ſollen „nebſt dem Einſiedler Tobias gegen euch zeugen. Macht, »wenn ihr nicht Aufſchub erringen könnt, ihr Zeugniß „verdächtig, dichtet Raub und Mord wider ſie und „fordert uns zu Zeugen auf. Die Kundſchafter wer⸗ »den uns eure Ausſage kund machen, und wir werden »die Geforderten unterrichten, gewinnt ihr aber nur „einen Tag Zeit, ſo werden unſere Rächer die kühnen „Ritter aus der Zahl der Lebendigen tilgen und ihren »Mund auf ewig ſchließen. Sie ſind auf unſer Ge⸗ 103 „heiß ſchon ausgezogen und ſpähen nach den Opfern „umher. Wollte Gott, ihr wär't in der Höhle des „Bundes, dann könten wir ruhig des Ausganges har⸗ „ren; aber wir fürchten, daß die Löwen euern Aufent⸗ „halt im nahen Kloſter wittern und euch plötzlich zur „Rechenſchaft laden; wir ſenden euch daher dieſen Eil⸗ „boten, der in jedem Falle eurer Spur folgen muß, „bis er euch trifft und unterrichtet. Solltet ihr in „Gefahr gerathen, ſo gedenkt der Flügel, ſie werden „euch glücklich in Abrahams Schovs tragen.“ Friedrich czum Hanptmanne). Nun! Biſt du über⸗ zeugt? Was kannſt du dieſem Beweiſe entgegenſtellen? Der Hauptmann(mit gerührter Stimie). Nichts, als ein offnes Bekenntniß. Urtheilt nicht zu ſtrenge, ich bin zwar das Haupt des Bundes, aber ich ſtehe unter der Aufſicht und Leitung der Auserwählten, die oſt Handlungen von mir fordern können, deren Güte ich nicht prüfen darf. Die Wohlfahrt, die Ehre, der Ruhm des Bundes iſt der einzige Endzweck, welcher unſere Handlungen leitet. Jedes Mittel iſt erlaubt, wenns nur zum Ziele führt. Nach dieſem Maßſtabe müßt ihr mich beurtheilen und richten, wenn ihr billig handeln wollt. Der alte Graf Farnsburg. Ha, grauſamer Freund, du haſt mein Herz tödtlich verwundet, du haſt mich am Rande des Grabes überzeugt, daß mein leicht⸗ gläubiges Herz den Böſen zum Spiele diente, daß ſie es nach Gefallen leiteten und irre führten. Der Hauptmann. Ich will nach Pflicht und Gewiſſen handeln, ich will nach Möglichkeit verſöhnen, was ich verbrochen habe. Beruft alle eure Ritter nach dem Saale, in ihrer aller Gegenwart will ich beken⸗ nen, was ich an eurem Bunde übte, will, weun ihrs heiſchet, der Verbindung mit euch ganz entſageh mich hoch und theuer verpflichten, daß mein Bund euch im r ſt 109 mer ehren, nie kränken, nie beleidigen ſoll. Zieht die⸗ ſen Antrag der unedlen Rache vor, denkt, daß Fehde mit uns nie endet, daß jeder einzelne aus uns den Tod aller rächen muß, und ſo lange einer der Unſern noch lebt, euer aller Leben in Gefahr iſt! Bedenkt dies und handelt darnach; doch ehe ihr handelt, beruft eure Ritter, damit ſie mein Bekenntniß hören, und nicht zu ſtrenge urtheilen, wenn ihr am Ende doch mein Blut zum Söhnopfer fordert. Friedrich. Der gerechte Löwe dürſtet nicht nach Blut, Reue und offnes Bekenntniß verſöhnt ihn oft. Wir wollen das deinige ſtreng prüfen und wohl er⸗ wägen: ob es ächt und aufrichtig iſt? cer beruft durch die Glocke alle Ritter nach ihren Graden in den Saal; ſie ordnen ſich rings umher und harren der Befehle des Rufenden). Friedrich czum Hauptmanne). Deine Bitte ward erfüllt, alle Ritter des Löwens, welche jetzt auf der Burg wohnen, ſtehen verſammelt vor dir, ſie harren des Bekenntniſſes, welches du ihnen leiſten willſt. Der Hauptmann ctritt in die Mitte und über⸗ blickt mit Wohlgefallen die Schaar der Ritter). Ich danke euch! ich danke euch von Herzen! Heil mir, daß ichs vorher ſah und arbeitete, als es noch an der Zeit war. mit Nachdruck und Würde) Eli, Eli, Lama Sa⸗ bakthani? Kaum hatte der Hauptmann dieſe moſtiſchen Worte ausgeſprochen, ſo zogen die meiſten Ritter des Löwens ihre Schwerter, ſchlugen damit wild und raſch auf ihre Schilder, ſtellten ſich neben dem Hauptmanne der Schwarzen, und deckten ihn mit den letztern, ſelbſt von den Stufen des Throns ſprangen einige herab und miſchten ſich unter den Haufen. Mehr als vierhundert traten zur Vertheidigung des Hauptmanns herbei, we⸗ niger als fünfzig drängten ſich zum Throne des Lö⸗ 110 wens, und ſuchten ihn vor der Uebermacht zu ſchützen. Friedrich craſch empor ſpringend). Was ſoll dies bedeuten? Ritter des Löwens! Treuloſe Brüder! Was beginnt ihr? Der alte Farnsburg. Gott im Himmel, laß mich ſterben, damit mein brechendes Auge das verrä⸗ theriſche Bild nicht mehr erkennen kann, und meine getäuſchte Seele ruhig aus der böſen Welt entflieht. Treuloſe, gedenkt eures Eides! -Der Hauptmann der Schwarzen chohnlachend und triumphirend). Sie thun's, die Redlichen und Treuen, ſie thun's! Erfüllen Eid und Pflicht, wie ichs forderte. Das Lofungswort heiſchte ihn, ſieh, wie ſie ihn erfül⸗ len! Ha, alter Graukopf! czu Friedrichen) Ha, brau⸗ ſender Knabe! habe ich dich überliſtet? Dein Bund ſtand dem meinen im Wege, er mußte ſich entweder mit uns vereinigen, oder zertrümmert zu Boden ſi⸗ ken. Vereinigung ward aber bald unmöglich, da ihr erſt prüfen und wählen wolltet, wenn wir ſchon ge⸗ handelt hatten. Die Auserwählten ſteckten daher ein anders Ziel aus, und wir erreichten es mit ſchnellen Schritten. Der Kern deiner Ritter ward ins heilige Land geſandt, der Sarazenen Schwert vertilgte ſie; nur wenige kehrten zurück; wir ſahen, wie ihr eu mühtet, die todten Glieder durch lebende zu erſetzen⸗ und ſandten euch Ritter unſers Bundes zur Aufnahme. Dies ſind die Flügel, welche mich jetzt decken und ſichel in Abrahams Schoos tragen werden. Mehr als di Hälfte derſelben kämpfen jetzt an König Friedrichs Seite in Heſſen; da euer Plan unſrer Abſicht ganz entgegen iſt, ſo gebot ich ihnen Vorſicht, und ich hoffe⸗ daß ſie nicht ſäumen werden, die ächten Ritter des Löwens dem Schwerte der Heſſen zu überliefern, damit der wenige Saame ganz vertilgt werde und in Deulſch⸗ land nicht mehr Wurzel faſſen könne. Uebrigens konn „ nii ch⸗ 111 ichs euch nicht bergen, daß der Meineid des alten Eſchenbach unſere Thaten zu früh enthüllte. Die Früchte, welche wir für unſere Mühe zum Lohne erwarteten, ſind noch nicht reif, wir können viele derſelben nicht genießen. zum alten Grafen) Erft ſollteſt du in Friede und Ruhe hinüberwallen, dann du czu Friedrichen in kur⸗ zer Zeit ihm folgen, und einer aus unſrer Mitte den Thron des Löwens beſteigen, ehe ich dein Wort ver⸗ nichten, und den mächtigen Bund, welcher der Ewig⸗ keit trotzen wollte, zerſtören würde; aber die Vorſehung hats anders gelenkt, ich muß ihren Wink benutzen. Hört mich, ihr Wenigen, die ihr den wankenden Thron des Löwens unterſtützen wollt, und es doch nicht ver⸗ mögt, hört mich, und laßt mich euern ſchnellen Ent⸗ ſchluß wiſſen. Wollt ihr freiwillig die Stufen deſſel⸗ ben verlaſſen? Vollt ihr durch Eid und Handſchlag dem Bunde entſagen, ihn nicht durch ein einziges Glied öu vermehren geloben, und dagegen Freiheit und ruhi⸗ gen Beſitz eurer Veſten zum Lohne wählen? Oder wollt ihrs wagen, gegen dieſe Macht zu kämpfen, euern gewiſſen Tod unter der Schärfe ihres Schwerts zu finden? Ich ehrte von jeher eure Tapſferkeit, ich ehre ſie noch jetzt, aber ich hoffe auch, daß ihr weiſe genug ſeyn, der Nothwendigkeit weichen, und uns nicht zu ſo ungleichem Kampfe zwingen werdet. Ueberblickt die Zahl meiner Getreuen, überzählt die euern und erwägt: ob dieſe wenigen, unter denen ſich meiſtens Greiſe be⸗ finden, den Sieg erringen können? Der Bundeshauptmann des Löwen. Nein, ich weiche nicht von hinnen, ich will das geliebte Kind, welches ich ſo väterlich pflegte, ſo herrlich emporwach⸗ ſen ſah, mit meinem Leben vertheidigen, ich will an ſeiner Seite kämpfend ſterben, wenn Ränber es ermor⸗ den wollen. Frisdrich und die übrigen treuen Ritter 8 112 des Löwens. Vir mit dir, Vater! wir mit dir! Ewige Rache ſey demjenigen geſchworen, der es wagen will, den Thron des Löwens zu erſchüttern! Gu den abtrünnigen Rittern) Weicht von hinnen, genießt die Früchte eures Meineids in ſtolzer Ruhe, der ewige Rächer mag euch richten; aber fordert nicht, daß wir gleich euch niederträchtig handeln und der Redlichkeit entſagen ſollen! So ungleich euch auch der Kampf ſcheinen mag, ſo ſchwer wird euch doch der Sieg wer⸗ den, denn wir vertheidigen die gerechte Sache! Der Hauptmann der ſchwarzen Ritter⸗ Laßt euch rathen, da es noch Zeit iſt, erfüllt die Be⸗ dingungen, welche ich von euch heiſchte: es ſind die einzigen, welche euer Leben retten können. Gedenkt eurer Weiber und Kinder, ſie werden troſtlos über eurer Leiche jammern, nicht den Mördern, aber eurem Starrſinne fluchen. Ich fordere nicht eure Freiheit, nicht euer Habe, nicht euer Leben, nur Entſagung und Auflöſung des ohnehin zertrümmerten Bundes, und den Eid der Vergeſſenheit, daß ihr nicht ahnden, nie rächen wollt, was wir an euch übten. Friedrich Gieht ſein Schwert), Ich habe noch nie zwiſchen Schande und Tod gewählt. Ich werde den letztern ſuchen, und mich glücklich ſchätzen, wenn ich ihn in Vertheidigung meiner Pflicht finde. Der Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Ehe der Kampf beginnt, noch eins zu eurer Nachricht und Warnung! Uns muß, wie ihr leicht wähnen könnt alles daran gelegen ſeyn, daß die That verborgen bleibe. Ich ſchwör's alſo vffen und frei, daß ihr all ſterben müßt, daß ich nicht eher von hinnen weicht, als bis keiner eurer Getreuen mehr athmet⸗ Dies er wägt, und rettet euer Leben. Friedrich(entreißt einem neben ihm ſtehenden Ritte dIs Schild und deckt damit den alten Bundeshauptman — — 113 Kommt, Vater, kommt, wir wollen uns durch den Haufen der Böſewichter einen Weg bahnen. Ihr ſollt Zeuge ſeyn, daß wir als Ritter eures Bundes ſiegten oder ſtarben. Die wenigen getreuen Ritter, an der Zahl zwei und vierzig, zogen nun ebenfalls ihre Schwerter, ſchloßen ſich dicht an Friedrichen, und folgten der Bahn, welche er zu öffnen ſuchte. Anfangs wich auch wirklich die Schaar der Ruchloſen ehrerbietig zurück; als aber der Hauptmann ſie zum Kampfe ermahnte, ſo hoben ſie Schwert und Schild, und der Streit begann. Er war heftig und wüthend, aber ſehr kurz; die Getreuen wa⸗ ren meiſtens Ritter des vierten Grades; ſie waren von dem Bundeshauptmanne nur zum Gerichte, nicht zum möglichen Kampfe geladen worden; ſie trugen nur Wammſe, waren nur mit dem Schwerte umgürtet, und hatten keine Schilder. Die Ungetreuen muthmaß⸗ ten Kampf und Fehde, und mußten, da ſie in niedern Graden dienten, immer mit Harniſch und Schild in der Verſammlung erſcheinen: es war alſo leicht und möglich, daß die ſchändlichen Verräther bald und glück⸗ lich ſiegten, ohne großen Verluſt die Helden ermorde⸗ ten, welche ſich ſo tapfer gegen das Heer der Sara⸗ cenen vertheidigten, und Hunderte tödteten, ehe ſie ermattet zu Boden ſanken. Tiefe Trauer erfüllt mein Herz, und Thränen des bittern, aber gerechten Schmerzes trüben mein forſchen⸗ des Auge, wenn ich vergebens die Annalen dieſes be⸗ rühmten Bundes durchblättere, vergebens forſche: ob denn nicht einer der Lieblinge meines Herzens und meiner Muſe dem Schwerte der Mörder entrann? Sie ſanken allen unter ihren tödtlichen Streichen! Friedrich und Heinrich, Ludwig und Eſchenbach! Sie deckten vergebens mit ihren blutenden Körpern den alten Va⸗ ter des Löwens: ein kühner Ritter jpaltete ſein granes Löwenritter 4. 8 11* Haupt: er ſank röchelnd zu Boden und empfahl die Rache Gott. Auch die drei Ritter, welche Eſchenbach als Zeugen nach der Löwenburg geführt hatte, wurden nebſi dem alten Einſiedler ein Opfer ihrer Wuth. Kei⸗ ner von allen entkam, keiner konnte die Geſchichte den Fragenden erzählen; lange vertraten falſche Gerüchte und Muthmaßungen ihre Stelle, ehe die richtende Vor⸗ ſicht ſie entdeckte und rächte. Als keiner der Edlen mehr lebte, nur Brüder des ſchwarzen Bundes, mit dem Harniſche der Löwenritter angethan, den Saal füllten, beſtieg ihr Hauptmann den Thron des Löwens. Er ſtützte ſein blutiges Schwert auf die Stufen deſſelben. Einſt, ſprach er, hoffte ich ihn freilich zu erſteigen, aber daß es ſo bald, ſo ſchnell geſchehen ſollte, daß ich die vornehmſten Stützen deſſel⸗ ben blutend und todt am Boden erblicken ſollte, hätte ich nicht gewäynt. Ihr vollendetet die That, euch ge⸗ vührt Dank und Lohn. Der Bund der dreimal drei Vereinigten wird ihn euch im vollen Maße gewähren⸗ Ihr habt geleiſtet, was ihr verſpracht, keiner aus euch ward ungetreu, keiner trat auf die Seite des Löwens⸗ ich finde euch alle bewährt, ich kann euch im Triumphe in den Schvoß der Mutter zurückführen, welche ſich nach eurem Anblicke ſehnt, und euch ſchon lange in; ihrer Mitte wieder zu beſitzen wünſcht. Beim Sieges⸗ mahle, das wir mit dem erſten Vollmonde feiern wol⸗ len, ſollen die Auserwählten euch die Palme reichen und jedem aus euch die Befriedigung eines Wunſches zuſichern. Wählt ihn im Voraus, ſey er auch noch ſo tühn, ſo wird der machtvolle Bund doch alle ſeine Kräfie aufbieten, ihn zu erfüllen. Dies zu euren Troſte! Jetzt aber rathet, wie wir die Burg am beſten und ſicherſten verlaſſen können? Ob dieſe todten Kör⸗ per die lauten Verkündiger unſrer That werden ſollen⸗ oder ob es nicht weit räthlicher und weiſer gethan ſey — —* — N 7 — 8 8 2— 11⁵ wenn wir ſie in irgend einen nahen Abgrund verſenk⸗ ten und dem Auge der Sterblichen entzögen? Ein Ritter. Ich rathe zum letztern. Noch leben viele Löwenritter, noch hauſen ihre mächtigen Freunde in der Nähe, deren Rache und Fehde uns wenigſtens in unſern Geſchäften hindern würde. Nahe an dieſem Saale liegt der tiefe Abgrund, in welchen jeder Neu⸗ ling des Bundes verſenkt wird: dorthin wollen wir die todten Körper tragen, und ihnen in der weiten Höhle einen Begräbnißplatz errichten; wahrſcheinlich werden ſie dort ſchon unkenntlich modern, ehe die we⸗ nigen Ritter des Löwens aus dem Heerzuge gegen die Heſſen zurückkehren, und die Höhle, welche kein Laie kennt, öffnen. Der Hauptmann fand den Rath des Ritters weiſe und gut; er ſandte einige Ritter als Wächter an die Heffnung des Ganges, welcher nach dem Saale führte, damit ſie vor jeder möglichen Ueberraſchung geſichert wären. Nach dieſer vollendeten Vorſicht ſtürzten die übrigen Ritter alle todte Körper in die große Höhle, und verſperrten am Ende die Thüre, welche dahin führte. Als ſie aber ſahen, daß der Boden des Saals dicht mit dem Blute der Erſchlagnen befleckt war, und dies leicht wider ſie um Rache ſchreien könne, ſo eilten ſie durch die Thüre des Saals, ſchöpſten Waſſer im Bache, welcher durch den Abgrund ſtrömte, und reinigten damit ſorgfältig den Boden und ihre ände. Als ihr Auge nirgends mehr einen verräthe⸗ riſchen Blutflecken entdeckte, ſandte der Hauptmann neie Ritter nach den Ställen der Burg, welche den Knechten gebieten mußten, die nöthigen Roſſe zu ſat⸗ teln und zu zäumen. Wie alles zum Aufbruche bereit war, gingen ſie mit leiſen Schritten nach dem Vor⸗ hofe, verriegelten die Thüre des Saals, und ſandten Ritter voraus, welche die Knechte entfernen mußten. 116 Da die Ritter des Löwens öfters ingeheim auszogen und die Reiſigen nicht ſehen durften, wer den Zug leite, ſo entfernten ſich dieſe ohne Argwohn, und die Ritter beſtiegen in ſchneller Eile die Roſſe, ohne daß die Weiber, welche im Garten des Schattens genoſſen, den Auszug gewahrten, oder beſtimmt erfahren konn⸗ ten ob ihre Ritter mit ausgezogen. wären? Tiefe Stille herrſchte nun in der öden Burg, ein⸗ zelne Knechte ſpähten nur im weiten Vorhofe amher, und forſchten vergebens unter ſich: warum ihre Herrn ſo ſchnell, und wie es den Anſchein gewinne, alle mit einander ausgezogen wären? Auch die Weiber, welche der Mittag nach dem Trinkſaale gelockt hatte, ſtaunten hoch, da ſie keinen einzigen der Ritter in dieſem erblickten, ſie vergebens in allen Gemächern ſuchten, und nun nur noch muthmaßen konnten, daß wichtige Ereigniſſe die Ritter ſo lange im Bundesſaale beſchäftige. Da dieſe Muthmaßung ſich aber nach und nach mächtig engte, da die ungewöhnliche Stille in ihrem Herzen Argwohn erregte, und die Knechte ihren Fragen auszuweichen ſchienen, ſo ſandten ſie nach dem alten Grafen Frohburg, welcher gedankenvoll im Vorhofe umherging; ſie erfuhren durch dieſen, daß alle Ritter, ſelbſt unter dieſen der alte Burgherr, in ſchnellſter Eile ausgezogen wären, und wie der Thurm⸗ wächter ihm berichtet habe, ihren Zug nach Franken hinab genommen hätten. Dieſe unerwartete Nachricht trübte das Auge der Weiber und füllte ihr Herz mit tiefem Kummer; noch nie waren die Ritter alle ſo ſchnell ausgezogen, noch nie hatten die Männer ihre Weiber ohne Abſchied und Nachricht verlaſſen; daß alſo eine wichtige Begebenheit ſie rufe, ward dieſen bald zur Gewißheit, zu welcher ſich die Wahrſcheinlich⸗ eit geſellte, daß neues Unglück über ihrem Haupte ſchwebe und ſchmerzliche Trennung ihrer harre. =———* 117 Eben hatten die Diener Speiſen aufgetragen und die trauernden Weiber neben dem alten Grafen Froh⸗ burg, der ihren Kummer redlich theilte, Platz an der Tafel genommen, als Trompetenſchall ſie aufſchreckte. Alle eilten nach den Fenſtern, und grüßten mit Wonne und Freude einige Löwenritter, welche eben im Vor⸗ hofe angelangt waren; ſie eilten ihnen entgegen, und forſchten mit größter Begierde nach der Urſache des ſchnellen Auszugs und der baldigen Wiederkehr ihrer Männer. Einer der Ritter czu dem alten Graf Frohburg). Unſer alter Bundeshauptmann entbietet euch nebſt euern Söhnen den herzlichſten Gruß, er läßt euch bitten, daß ihr das Herz der Weiber vor unnöthigem Kummer und unnützer Trauer verwahren ſollt. Ein äußerſt wichtiges Geſchäft, an welchem das Glück des Bundes, wahrſcheinlich auch des Vaterlandes Heil be⸗ feſtigt iſt, heiſchte ſeinen und aller Ritter ſchnellen Auszug. Er kann die Zeit ſeiner Rückkehr noch nicht beſtimmen, er fürchtet, daß ſie Mondenlang dauern könnte, verſichert euch aber auf ſein Ehrenwort, daß keine Gefahr obwalte, nur ſchnelle Gegenwart, nicht Fehde die Sache entſcheiden müſſe; ihr ſollt daher der Weiber Thränen ſtillen, ſie durch die Verſicherung der ſichern und fröhlichen Wiederkehr zur Standhaſtigkeit amahnen. Sollten Nachrichten vom König Friedrich auf der Burg anlangen, ſo läßt er euch bitten, ſie durch treue Boten nach dem nahen Kloſter zu fördern, wo immer einige Ritter der Vereinigten harren, und ie nach Kräften an unſern Bundeshauptmann ſenden werden. Graf Frohburg. Hm! Ein ſeltner undunerwarte⸗ ter Fall! Ich bin zwar kein Glied eures Bundes, aber doch ſein eng Verbündeter, und hätte daher mit Recht rühere Nachricht fordern könnenz doch ich will den 118 treuen Freund nicht tadeln, der wahrſcheinlich allzu⸗ ſehr eilen mußte, deſſen Geſchäft äußerſt wichtig ſeyn muß, da es ihn aus ſeiner Burg entfernte, die er nicht mehr zu verlaſſen beſchloſſen hatte. eer führt den Ritter nach dem Erker) Habt ihr keinen geheimen Auf⸗ trag an mich? Der Ritter. Keinen andern, als daß ich euch jede Frage, die ihr für nöthig findet, aufrichtig beant⸗ worten ſoll. Graf Frohburg. Zog der Hauptmann der ſchwarzen Brüder mit euch aus? Der Ritter. Er zog mit uns, aber auf der Heide trennte er ſich von uns, und zog nach herzlicher Um⸗ armung gen Helvetien. Graf Frohburg. Wie endete Eſchenbachs An⸗ klage gegen ihn? Wie hat ſich dieſer verantwoͤrtet? Der Ritter. Seyd ihr von dieſer ſeltnen Klage unterrichtet? Oder habt ihr nur ſo im Allgemeinen davon ſprechen gehört? Graf Frohburg. Ich bin vollkommen davon unterrichtet, der Bundeshauptmann hatte keine Geheim⸗ niſſe vor mir, ihr könnt ohne Rückhalt mit mir ſprechen. Der Ritter. Ich würde es ohne Bedenken thun⸗ wenn ich ſelbſt davon genau unterrichtet wäre. So viel kann ich euch indeß verſichern, daß nach langer Unterredung alle Ritter des Bundes nach dem Saal gerufen wurden, und Zeuge ſeyn mußten, wie Eſchen⸗ bach und der Hauptmann des ſchwarzen Bundes ſich brüderlich umarmten. Nach dieſer Verſöhnung ward ſogleich ſchneller Auszug geboten, wohin uns aber der Hauptmann führt, welches Unrecht wir ahnden ſollen, kann ich euch ebenfalls nicht berichten, weil den Rit⸗ tern Grades keine Erklärung darüber gewor den iſt. 8 Graf Frohburg. Eine ſeltne, wundervolle Be n, it⸗ ⸗ 119 gebenheit, die ich wirklich nicht begreifen kann. Wo verließt ihr den Hauptmann ſammt den übrigen Rittern? Der Ritter. Als wir abgeſandt worden, lagerte der ganze Zug im hohen Forſte, unfern der Eremiten⸗ höhle, in welcher die Ritter des vierten Grades ver⸗ ſammelt waren und neuen Rath hielten. Euer Sohn Heinrich rief uns noch nach, daß wir bis zur Däm⸗ merung zurückkehren ſollten, weil der Zug dann vor⸗ wärts gehen werde. Da ich und keiner, die mit mir kamen, euch eure Fragen genügſam beantworten kann, ſo würdet ihr wohl am räthlichſten handeln, wenn ihr mit uns nach dem Forſte zögt, und dort ſelbſt mit dem Hauptmanne und euern Söhnen ſprächt, damit nicht euer eigner Mißmuth der Weiber Sorge mehre, und euch unfähig zum Troſte mache. Graf Frohburg. Dein Rath iſt weiſe und gut, nur Belehrung und Ueberzeugung kann die Unruhe tilgen, welche mein Herz immer mehr und mehr zu beſtürmen ſucht. Nehmt Platz an der Tafel, wenn ihr geſättiget ſeyd, ziehe ich mit euch nach dem Forſte. Der frohe Muth, der muntere Scherz, mit welchem die Ritter die Becher leerten und die Speiſen genoßen, verbreitete zwar unter den Weibern Hoffnung und Troſt; aber alle jammerten aufs neue, als der alte Graf ihnen verkündigte, daß er mit den Rittern aus⸗ ziehen werde. Sie achteten ſeiner Verſicherung, daß er vielleicht in der Nacht, wenigſtens am andern Mor⸗ gen zurückkehren werde, nicht im geringſten, ahneten neues Unglück, und ſuchten den Alten zu überreden, daß er ſie mit ſich nehmen ſolle. Wir wollen, ſprach Klara, uns nur von der Geſundheit unſerer Männer überzeugen, nur in ihren Mienen⸗forſchen: ob wir volle Urſache haben, uns aufs neue dem Kummer zu weihen? und dann mit euch wieder nach der Burg zurücktehren. Ich würde, antwortete der alte Graf, 120 eure Bitie mit Freuden gewähren, wenn Erfahrung mich nicht weiſer gemacht hätte, ich kenne euern Muth und Entſchloſſenheit, und weiß, daß ihr jede Gefahr mit euern Gatten theilen, euch dann nicht mehr von ihnen trennen würdet; ihr könnt mirs daher nicht ver⸗ argen, wenn ich euch den Wunſch eures Herzens ſtreng verweigern muß. Bedenkt eure Umſtände, fordert nicht, daß ich noch länger der Freude, Enkel in meinen Armen zu wiegen, entſagen ſoll. Ungeachtet die Weiber noch manche Bewegsgründe anführten, ſo verwarf er ſie doch alle gleich hartnäckig, gebot dem Vogte, ihnen keine Roſſe zu geben, und ſie bis zu ſeiner Rückkunft wohl zu bewachen; daß aber dieſe ganz ſicher am andern Morgen erfolgen ſollte, verſprach er nochmals den Weibern, als ſie laut klagten, wie er von ihnen Abſchied nahm. Unter allen trauerte Klotilde und Adelgunde am meiſten: beide hatten an dieſem Tage der Entſcheidung ihres Schick⸗ ſals entgegengeharrt; ſie erfuhren nun, daß ſie noch Mondenlang in Trauer und Ungewißheit harren, und nicht erfahren ſollten, ob ſie je wieder die Früchte der Liebe genießen würden. Beide nahten ſich beim Ab⸗ ſchiede heimlich dem alten Grafen; Adelgunde flehte ihn um Gewißheit: ob Eſchenbach noch fortfahre, ſie mit falſcher Eiferſucht zu kränken? Ob er nicht über⸗ zeugt wordeſt, daß er ihrem liebenden Herzen Unrecht gethan, und ſie durch Abbitte verſöhnen müſſe? Klotilde bat ihn, ihr Nachricht zu bringen, wie der ſeltne Zwiſt ſey entſchieden worden? Ob ſie ihn als Schweſter oder als Geliebte erwarten ſolle? Beide aber wähnten nicht, daß der ſehnlich Geliebte nie mehr wiederkehren⸗ nie ihr armes Herz mit Troſt und Gruß erfteuin würde. 8 Ruhe in Frieden, und modere ungeſtört zur Ver⸗ geſſenheit hinüber! So ſprachen die ruchloſen Ritter⸗ — 124 als ſie den alten Grafen Frohburg im Forſte ermordet und ſeinen Leichnam in einen tiefen Abgrund geſtürzt hatten. Er glaubte in der Mitte ſeiner getreuen Ver⸗ bündeten zu ziehen, er fühlte den Schmerz des Todes nur halb, weil ſie ihm rückwärts den Kopf ſpalteten, und er es nicht ſehen, wahrſcheinlich auch nicht ahnen konnte, daß verrätheriſche Freunde ihm die wenigen Tage ſeines Lebens raubten. Die böſen Buben er⸗ ſtatteten noch um Mitternacht ihrem Hauptmanne die Nachricht von dem Morde, welchen ſie zum Wohle des Bundes verübt hatten. Er lobte ihren Eifer, und verſprach die betrügeriſche Liſt zu belohnen, mit welcher ſie den armen Alken nach dem Forſte gelockt hatten. Sein Tod war durch den Bund nicht im Voraus be⸗ ſchloſſen worden; aber er billigte ihn ganz, als er durch die Ritter vernahm, daß der alte Graf von Eſchenbachs Klage vollkommen unterrichtet war, durch Argwohn und Muthmaßung leicht hätte entdecken kön⸗ nen, was die Rotte der Schwarzen ſo gerne vor aller Augen verbergen wollte. Aus dieſer Abſicht fands ihr Hauptmann für nothwendig, daß am andern Tage zur Beruhigung der Weiber neue Ritter im Gewande des Löwens nach der Burg ziehen und ihnen die Nach⸗ richt bringen ſollten, daß der alte Graf nicht zurück⸗ kehren und mit den Rittern ziehen müſſe. Da er aber vorher ſah, daß dieſe unerwartete Nachricht die Wei⸗ ber zu Unternehmungen mancher Art verleiten, ſie wahr⸗ ſcheinlich zu gerechtem Argwohn reizen, auch ihren Kum⸗ mer um vieles mehren würde, ſo berief er ſeine Ge⸗ heimſchreiber zu ſich, zeigte ihnen Friedrichs Schrift, welche er mehr als einmal in Händen hatte, und forſchte bei ihnen: ob ſie ſolche genau und pünktlich nachahmen könnien? Die geübten Schreiber verſprachen und lei⸗ ſeten es mit dem glücklichſten Erfolge. Der falſche Uriashrief, welchen ſie in des ermorde⸗ 122 ten Friedrichs Namen an Klaren ſchrieben, lautete alſo:„Geliebtes Weib! Eid und Pflicht rufte mich, „da ichs am wenigſten ahnete, in ſchnellſter Eile von „deiner Seite, beide handeln diesmal etwas grauſam „an dir und mir, weil ſie mir ſtreng verbieten, nie⸗ „manden die Abſicht und die Beſtimmung des Zugs „anzuvertrauen. Ob er ſich gleich erſt in einigen „Monden enden kann, ſo bitte ich dich doch, ſie ohne „Sorge und Kummer zu durchharren, weil nicht Fehde „und gefahrvoller Kampf, ſondern Ehre und Ruhm „unſer wartet, und wir nicht eher wiederkehren wer⸗ „den, bis wir dem geliebten Vaterlande nicht immer⸗ „währenden Frieden geſichert haben, und ihn ohne „Hinderniß in den Armen unſrer Weiber genießen „können. Heinrich und Ludwig grüßen ihre Weiber, „die Väter ſenden euch ihren Segen, beide ziehen mit „uns, weil keine Gefahr ſie verletzen, ihr weiſer Rath) „uns aber manches nützen kann. Wir ſchieden ohne „Abſchiedskuß von euch, weil wir eure Sorge, euern „Jammer vorausſahen, ihn nicht heben konnten, aber „doch vermeiden wollten; wir verſichern euch unſres „beſten Wohlſeyns, und verſprechen es euch durch jeden. „Boten, welcher nach der Löwenburg zieht, aufs neue „kund zu machen. Weh thut es übrigens meinem „freundſchaftlichen Gefühle, daß ich Adelgundens und „Klotildens Herz mit Trauer und Kummer füllen muß „Sendet die letztere wieder nach dem Kloſter zurück „es iſt aufs neue klar und einleuchtend erwieſen wor⸗ „den, daß ſie Eſchenbachs Schweſter ſey, und ihren „Bruder nicht lieben, nicht ehelichen darf. Ueberredet „die Erſtere, daß ſie in ihr Vaterland zurückkehre⸗ „denn Eſchenbach hat hoch geſchworen, daß er um ſeiner „noch immer heißgeliebten Schweſter willen jeder Liebt „entſagen, gleich ihr Friede und Ruhe in einem Kloſter „ſuchen, und unbeweibt ſterben will.“ — e n et er be er 123 Mit dieſem Briefe zogen am frühen Morgen einige Ritter, im Gewande des Löwens, nach der Burg, in welcher die Weiber ſchon am Fenſter der Kommenden harrten, und ängſtlich nach dem alten Grafen forſch⸗ ten, als ſie ihn nicht in der Ritter Mitte erblickten. Der Brief, welchen Klarens trugloſes Herz ſogleich für ächt erkannte, verbreitete unter den Weibern Troſt und Freude: ſie wurden dadurch von dem Wohlſeyn ihrer Männer überzeugt, ſie freuten ſich vorzüglich, daß nicht Fehde und Kampf ihr theures Leben in Ge⸗ fahr ſetzen könne. Als Klara ihres Friedrichs Brief beantwortet, ihn verſichert hatte, daß ſie wohl noch traure, aber doch nicht mehr hoffnungslos zage, und die Ritter wieder ausgezogen waren, hielt ſie mit Ag⸗ neſen und Adelheiden Rath, wie ſie den Dirnen ihr unglückliches Schickſal kund thun, ſie zum künftigen Jammer vorbereiten ſollten? Adelgunde, welche nur allzudeutlich die mitleidigen Blicke, mit welchen Klara ſie oft betrachtete, bemerkt hatte, war die erſte, welche in die Mitte der rathſchlagenden Weiber trat, offne „Nachricht und Erklärung forderte. Klara hielts für Pflicht, ihr alles zu erzählen; ſie hörte am Ende Frie⸗ drichs Rath mit Wehmuth, aber auch mit Standhaſtig⸗ keit an. Ich will ihn befolgen, ſprach ſie mit zittern⸗ der Stimme, dem Grauſamen nachzuahmen ſuchen, der Liebe in meinem Herzen weckte, ſie trefflich nährte, und endlich ſo lieblos verwarf, doch ſoll keine Klage, kein Vorwurf ſein Gewiſſen drücken, ich fühle es zu deutlich, daß er, geleitet von der gerechten Vorſicht, Korradins Rächer werden mußte. Ich habe mein Schickſal an dieſem verdient, ich darf nicht murren, muß geduldig büßen. Schon am andern Tage trat ſie reiſefertig ins Ge⸗ mach der Weiber, um ihnen für alle Freundſchaft zu danken, Abſchied von ſo geprüften und theuern Freun⸗ 124 dinnen zu nehmen. Er war rührend und traurig; ungern entließen die Weiber die Geſellin ihres Leidens, ſie weinten in ihren Armen und klagten über das harte Schickſal, welches den Menſchen der Freuden ſo wenige gewährt. Adelgunde hatte ſich zu ihrem Begleiter den alten Prieſter erwählt, der mit ihr aus Jeruſalem zog und mit ihr bis nach Deuſchland gefolgt war. Auch er war ein Mitglied des ſchwarzen Bundes, aber ſeine ſtrenge Tugend, ſeine offne Redlichkeit hatte die Obern dieſes Bundes ſchon längſt überzeugt, daß er nie ein brauchbares und arbeitendes Mitglied deſſel⸗ ben werden könne. Er war nie in die innern Geheim⸗ niſſe deſſelben eingeweiht worden, er kannte nur ſeine glänzende Außenſeite, er wähnte, daß ſein einziger End⸗ zweck Verbreitung ächter Gottesfurcht und Eifer für den Dienſt des Höchſten ſey. Dieſer mächtige, und wenn er lange geherrſcht hätte, äußerſt gefährliche Bund be⸗ ſaß ſolcher und ähnlicher Mitglieder mehr als Tauſende. Freilich waren die Redlichen oft die blinden Werkzeuge ſeiner geheimen Abſichten, aber er vergaß ihrer auch ganz, wenn er ſie nicht mehr nöthig hatte, und ge⸗ währte ihnen nur ſelten Schutz und Unterſtützung. Da es überdies jedem Auserwählten erlaubt war, Brüder des erſten Grades aufzunehmen und dieſe oft im hei⸗ ligen Lande unter dem Schwerke der Sarazenen ſanken ehe ſie ihre Namen in das Buch des Bundes eintragen Fonnten, ſo gabs mehrere Mitglieder, welche der Bund nicht einmal kannte. Unter dieſen war auch der alte Prieſter: er lebte daher ruhig auf der Löwenburg, er wähnte nicht, daß die Obern ſeines Bundes in der Rähe hausten und ſchändliche Thaten übten. Er war redlich genug, Adelgunden, ihrem Verlangen gemäß⸗ ſicher nach einem Kloſter in Welſchland zu geleiten, und ſie beim Abſchiede dringend zu bitten, daß ſie ſich nicht durch übereiltes Gelübde ganz unglücklich machen möge —— 125 8 Weit trauriger und laut klagend ſchied endlich auch Klotilde aus der Löwenburg. Sie nannte mehr als einmal den Ritter Eſchenbach den Urheber ihres Leidens, er hatte durch gewiſſe Verſicherung die ſchlafende Liebe aufs neue in ihrem Herzen geweckt, durch eivliche Zu⸗ ſage ſeiner ewigen Treue ſie reichlich genährt, und da⸗ durch ihren Jammer um ein Großes vermehrt. Er handelte höchſt unedel, ſprach ſie, daß er nicht vorher prüfte und unterſuchte, ehe er Hoffnung in mir erregte, welche jetzt nur der Tod aus meinem Herzen tilgen kann! Sie zog unter der Begleitung einiger Reiſigen nach dem Kloſter, welches ſie vor Kurzem verlaſſen hatte; ſie weihte ſich ſogleich dem Herrn auf ewig, als ſie dort anlangte. Der Wächter thränenvolles Auge ſah ihr noch lange beim Auszuge nach, und ihr Herz beklagte oft lange nachher die unglückliche Leidende. Indeß ſie Antheil an fremdem Kummer nahmen, wähn⸗ ten ſie aber nicht, daß bald namenloſer Jammer ihr Theil ſeyn, ſie ſelbſt troſtlos klagen, nirgends Hilfe und Troſt finden würden. Da die Rotte des ſchwarzen Bun⸗ des die unglücklichen Weiber noch oft durch erdichtete und nachgeahmte Brieſe tröſtete, oft, wenn ſie zagten und trauerten, ihr Herz durch angenehme Botſchaft und Verſicherung einer baldigen Wiederkehr erfreuten, ſo will ich bis zur Enthüllung der Gräuelthat den Löwen⸗ rittern folgen, welche mit dem Könige Friedrich nach Mainz gezogen waren und an ſeiner Seite kämpften. Auch unter dieſen waren mehr als zweihundert Ritter des ſchwarzen Bundes, welche nach und nach ſich bei dem Löwenhauptmanne gemeldet, als treue Verehrer des Löwens Aufnahme gefordert und errungen hatten; aber die Heuchler blieben gleich allen übrigen dem Haupte des ſchwarzen Bundes getren, und unterrichteten ihre Obern von allem, was der Bund des Löwens beſchloſſen hatte. Da der Hauptmann des ſchwarzen Bundes, als 126 dieſe mit dem Könige ausgezogen, noch nicht wähnte, daß ſo frühe Fehde ihn zur Vernichtung des Löwen⸗ bundes zwingen würde, da er noch lange im Stillen an ſeinem Untergange zu arbeiten gedachte, ſo gebot er ſeinen treuen Anhängern, däß ſie indeß die Befehle des Löwens ehren, und als redliche Glieder an des Königs Friedrich Seite kämpfen ſollten. Er wolle ruhig zuſehen, auf welche Seite ſich das Glück neigen würde, um alsdann mit beſſerm Vortheile handeln und ſeines Nutzens wahrnehmen zu können. Wie König Friedrich mit den zweitauſend Reitern, welche der Löwenbund zu ſeinem Auszuge geordnet hatte, zu Mainz anlangte, fand er den Erzbiſchof bereit und willig, ihm mit allen ſeinen Reiſigen beizuſtehen; auch er verabſcheute die ungerechte Fehde, welche der heſſiſche Landgraf gegen den Kölner Erzbiſchof führte, aber er wollte den letztern nicht unterſtützen, weil er Ottos treueſter Anhänger war und durch Beiſtand Friedrichs Abſichten zu ſchaden gedachte; doch war er bieder und redlich genug, des jungen Königs ſtrenge Gerechtig⸗ keitsliebe zu ehren und zu bewundern; er hoffte nun ſelbſt, daß dieſe edle That den Kölner überzeugen würde, daß derjenige, welcher auch an ſeinem Feinde Gerech⸗ tigkeit übe, des Thrones der Deutſchen am würdigſten ſey. Doch achtete er es für nöthig, daß man zuvor dem bedrängten und durch den Landgrafen mehr als einmal überwundhen Kölner von der guten Abſicht Nach⸗ richt ertheilen, und erwarten ſolle, wie er den ſo uneigen⸗ nützigen Antrag ehren würde. Ber König ſandte des⸗ wegen die Anführer des Löwenbundes, die edlen Ritter Busmannshauſen und Hofſtetten, an den Kölner ab er trug ihnen auf, ihm ohne Rückſicht auf die übrigen Verhältniſſe ſeinen und des Mainzers Beiſtand anzu⸗ vieten. Die Abgeſandten trafen ihn mit dem kleinen Reſte ſeines Heers, das der muthige Landgraf aufs ———— — 127 neue geſchlagen und zerſtreut hatte, in einer Waldher⸗ berge, wo er mit ſeinen Getreuen Rath hielte, und eben überlegte: ob es nicht räthlicher ſey, daß man der Allgewalt des unerbittlichen Schickſals weiche, mit dem Ueberwinder Friede ſchließe, das unſchuldige Land da⸗ durch vor Verheerung ſchütze, und die gerechte Rache an dem Dirnenräuber Gott allein überlaſſe. Er ſtaunte hoch, als er hörte, daß Abgeſandte des Königs Frie⸗ drichs und des Mainzers Unterredung mit ihm heiſch⸗ ten; aber ſeine Verwunderung ſtieg zum höchſten Grade, als dieſe ihm ihre Sendung kund machten. Ich muß, ſprach er, allerdings die Freunde in der Noth hoch ſchätzen und ehren, aber ich kann die nöthige Hilfe nicht annehmen, weil mich mein Gewiſſen überzeugt, daß ich ſie nicht verdiene. Ich war von jeher Ottos treuer Freund, der Förderer ſeines Vortheils, dies wird euerm jungen Könige, der erſt ſeit kurzem in Deutſchland angelangt iſt, nicht bekannt ſeyn, es würde und müßte ihn hoch ſchmerzen wenn er erſt ſpäter unterrichtet würde, daß er ſeinem Feinde die Waffen lieh, und den⸗ kenigen, der ihn ſtets verfolgte, mit ſeiner Tapferkeit unterſtützte. Busmannshauſen. Der König weiß, daß ihr Ottos Freund und Anhänger ſeyd, aber er iſt auch eben ſo gewiß überzeugt, daß eure Fehde gegen den Land⸗ grafen die gerechteſte und billigſte iſt. Aus dieſer Ab⸗ ſicht bietet er euch daher ſeine und ſeinst Freunde Hilfe anter fordert keineswegs, daß ihr deswegen der Freuſd⸗ ſchaft zu Otto entſagen, und ihn wider euer Gewiſſen in den Anſprüchen auf Deutſchlands Thron unterſtützen ſollt. Er fordert nur und bittet, daß er Antheil an der Fehde nehmen und den Landgrafen überzeugen kann, daß man nicht ungeſtraft Dirnenraub übe, dem Ver⸗ theidiger ſeines Vaterrechts nicht ungeſcheut Hohn ſpre⸗ chen ſoll. Er wird, wenn er mit Gottes Hilfe den 128 Landgrafen beſiegt, zur Rückgabe und gerechten Abbitte gezwungen hat, ohne Forderung von euch ſcheiden, und es eurem eignen Ermeſſen überlaſſen: ob er des Thro⸗ nes der Deutſchen ſo ganz unwürdig ſey? Der Erzbiſchof. Ha, das wäre groß, das wäre edel gehandelt! Mit dieſer Bedingung, welche die That zur Unerreichbarkeit erhebt, nehme ich ſeine Hilfe willig an. Gott, du biſt groß und allmächtig! Du weckſt in meiner größten Noth einen Retter, den ich nie ge⸗ ahnet hätte, ich will deinen Wink dankbar ehren und nach Kräften zu erfüllen ſuchen. Als ichs deutlich fühlte, daß ich ohne Beiſtand den Sieg nicht erringen würde, da ſandte ich Eilboten an den Kaiſer Otto nach Italien, ſtellte ihm vor, wie der Landgraf mich zur Fehde gezwungen hätte, und bat um ſeinen Beiſtand gegen ihn. Er iſt Kaiſer, mein Freund, und hat mir— ohne Ruhm ſey's geſagt— mehr als die Hälfte ſeiner Krone zu danken; ich konnte dieſe Bitte daher mit Recht wagek, mit noch größerm aber ſeinen vollen Beiſtand erwarten; doch erſchien an deſſen Statt nur kalte, kahle Entſchuldigung, ſogar Abmahnung von einer Fehde, die ich wider ſeinen Willen unternommen, des⸗ wegen auch ſo bald als möglich endigen möge. Dieſe Antwort kränkte mein Herz tief, aber ſie war doch nicht vermögend, mich in meiner Treue gegen ihn wankend zu machen; jetzt aberüberzeugt mich euer König, daß Otto wirklich unredlich an mir handelte. Wenn meine gekränkten Rechte ſogar Mitleiden in dem Herzen mei⸗ ner Feinde erwecken, wie tief, wie ſtark hätte dann die Beleidigung der Freund nicht fühlen ſollen? Busmanushauſen. Ihr nehmt alſo des Königs Antrag an? Der Erzbiſchof. Mit Dank, mit größten Freu⸗ den. Busmannshauſen. Wir werden alſo eilendts ——,— — —— — —— ——— — 129 von Mainz aus ins Heſſiſche fallen, den Landgrafen dadurch zwingen, daß er von euch ablaſſe und ſein eignes Land vertheidige. Der Erzbiſchof. Ihr werdet euern Zweck ſonder Zweifel ſicher erreichen, aber wenn ihr meines Raths achten und mich durch Wohlthat zum ewigen Danke verpflichten wollt, ſo bitte ich euern König, daß er zuförderſt die Gränzen meines unbeſchützten Landes decke, von da aus den Landgrafen verdränge, und dann erſt durch Sieg den Kampf entſcheide. Mein Herz blutet, wenn ich die Verwüſtungen ringsumher erblicke, welche der Tyrann täglich an meinen ſchuldloſen Unter⸗ thanen übt. Es würde ein trauriges Wiedervergeltungs⸗ recht ſeyn, wenn meine Bundesgenoſſen ein Gleiches an den Seinigen übten, ſie ſind eben ſo ſchuldlos, und können nichts dafür, daß ihr Herr mich äußerſt kränkte, mir die tugendhafte Tochter meiner Schweſter raubte. Hofſtetten. Edler Herr, ihr denkt gerecht und weiſe. Der König wird euern Rath mit Bank ehren, und mit ſchnellen Schritten zu eurer Hüfe herbeieilen. Sucht indeß die Verwüſtung ſo gut als möglich zu ver⸗ hindern, wir werden bei unſrer Ankunft ſie bald ganz enden.. Der Erzbiſchof. Das gebe Gott, den ich unab⸗ läßlich darum bitten werde. Trügt mich mein Auge nicht ganz, ſo ſeyd ihr Ritter des ſchwäbiſchen Löwen⸗ bundes, deſſen herrliche Thaten die Zungen der Er⸗ zähler ſchon lange beſchäftigte? Busmannshauſen. Wir ſind Ritter dieſes Bun⸗ des, wir zogen zum Schutze des jungen Königs mit gen Mainz, und wollen jetzt unter ſeiner Fahne gegen euern Feind kämpfen. Der Erzbiſchof. Ich ſchätze mich glücklich, daß ich diejenigen, welche mein Herz ſchon lange hoch ehrte, nun ſo rühmlich näher kennen lerne. Eure edle Thaten Löwenritter 4. 9 139 haben ſchon längſt Bewunderung in meinem Herzen erregt, ich zolle ſie euch mit Freuden. Schwaben iſt von lange her das Stammhaus der berühmteſten Hel⸗ den, und die Ritter dieſes Landes die Stifter manchen Bundes. Nur Schade, daß nicht alle euch nachahmen, und ihre Tapferkeit durch ſchändliche Thaten entehren. In euerm Lande niſtet jetzt ein gleicher Bund, deſſen Außenſeite herrlich glänzt, deſſen Innres aber ſchreck⸗ liche Tücke und Bosheit verbirgt. Seine Glieder nen⸗ nen ſich Ritter des ſchwarzen Bundes, ich warne euch vor aller Verbindung mit ihnen. Mein Amt, mein Stand hat mir die nähere Kenntniß dieſes Bundes erworben, ich werde alles anwenden, um ſeine Macht zu verringern, und Deutſchland von einer Verbindung zu befreien, welche im Verborgnen Unheil brütet, der heilloſen Anarchie zur kräftigen Stütze dient, und ihre Größe auf den Trümmern der Unſchuld erbaut. Busmannshauſen. Evler Herr, ihr kränkt mein Herz durch traurige Nachrichten, denen ich gerne zu widerſprechen wünſchte, ſie aber zum Nutzen und From⸗ men meines Bundes treu im Gedächtniſſe bewahren will. Ich kann es euch nicht bergen, daß wir ſchon ſeit zwei Jahren mit dieſem Bunde verbrüdert ſind, mit ihnen nach dem heiligen Lande zogen, daheim vſt in ihrer Geſellſchaft Unrecht und Bosheit verfolgten. Nie ſah mein argloſes Auge etwas Unedles an ihnen⸗ aber ich will die Warnung doch achten, ihrer daheim redlich gedenken. Der Erzbiſchof. Thuts, es wird eurem Gewiſſen und guten Rufe gleich ſtark frommen. Es ſollte mich hoch wundern, wenn ſie meiner Ermahnung geachtet, ſich böſer Thaten enthalten hätten, ich will aufs neue forſchen, und wenn ich neuen Trug entdecke, euch nach⸗ drücklicher warnen. Hoſſtetten. Das thut, wir werdens euch herz⸗ — 131 lichen Dank wiſſen, denn wir wurden argliſtig zur Verbindung mit ihnen gelockt, und Argliſt läßt heim⸗ liche Tücke vermuthen. Busmannshauſen. Unterdeſſen wollen wir durch ſchnelle Eile und thätige Hilfe zu beweiſen ſuchen, daß wir handeln, wie wir reden, und ohne alle Rück⸗ ſicht auf Vortheil und Lohn die Sache des Unterdrück⸗ ten vertheidigen. Sie ſchieden noch am nämlichen Abendez ſie raſteten ſparſam, um dem Könige bald Nachricht bringen zu können. Er hörte mit Vergnügen, wie ſein Antrag das Erſtaunen des Erzbiſchofes erregt, wie er die That tief gefühlt, mit innigem Danke zu lohnen verſprochen hatte. Er beſchloß ſogleich, dem Willen des Alten Ge⸗ nüge zu leiſten, und mit ſeinem Heere nach den Grän⸗ zen des Kölnerlandes zu ziehen; doch ſchwächte dieſer Entſchluß ſeine Macht um ein Großes, weil der Main⸗ zer die Hälfte ſeiner Reiſigen daheim behalten mußte, um ſich und ſein Volk gegen einen Keberfall der Heſſen zu vertheidigen, wenn es ihnen gelüſten ſollte, die un⸗ erwartete Freundſchaft gegen den Kölner an jenen zu rächen. Aber auch dieſe Sorge ward bald verringert, denn ehe der König von Mainz auszog, langten viele hundert Ritter in Mainz an, welche aus Franken, vom Ober⸗ und Niederrheine herab- und herauf gezo⸗ gen waren, um dem jungen Friedrich ihre Ergebenheit und thätige Hilfe in jeder Fehde anzubieten. Er zog mit fünftauſend Reitern und ſechstauſend Fußvölkern gen Köln hinab: ſein Heer vermehrte ſich, ehe er dort anlangte, noch um ein Tauſend, imd erregte im Her⸗ zen des kölner Exzbiſchöfes frendiges Erſtaunen, als er den Retter ſeines Landes mit ſo großer Macht an⸗ langen ſah. Er wollte vom künftigen Danke mit Frie⸗ drichen ſprechen, aber dieſer verbat es ſtreng; er ver⸗ ſicherte ihn aufs neue, daß nicht Nebenabſicht, ſondern 132 ächte Gerechtigkeitsliebe ſein Unternehmen veranlaßt habe. Die Heſſen hatten ſich auf die Nachricht der un⸗ erwarteten Hilfe eilend zurückgezogen, der junge Kö⸗ nig folgte raſch nach, er brannte vor Begierde in Deutſchland die erſten Lorbeern zu erndten; obgleich die Heſſen ſich vortheilhaft auf einer Anhöhe gelagert hatten, ſo griff er ſie doch muthig an, und errang nach einem ſchweren Kampfe einen entſcheidenden Sieg. Das heſſiſche Heer war ganz zerſtreut worden, der Landgraf mehr als einmal in Gefahr geweſen, von den nacheilenden Rittern gefangen zu werden. Er ret⸗ tete ſich mit Mühe auf eine kleine Veſte, in welcher Friedrichs ſiegendes Heer ihn am folgenden Morgen ſchon belagerte. Da er ſich gegen ſo überlegene Macht nicht zu vertheidigen vermochte, ſo ſuchte er Friedrichs Freundſchaft durch die glänzendſten Verſprechungen zu gewinnen. Als er dieſen aber ſtandhaft in der gerechten Forderung beharren ſah, ſo erkannte er ſein Unrecht, „ hiſtete dem Erzbiſchofe Abbitte, gelobte die geraubte Dirne in ſeine Hände zu liefern, und ward, als Frie⸗ drich ihn kurz nachher mit ſeinem gekränkten Eheweib verſöhnte, ein treuer Anhänger und Freund des Königs, dem er bis an ſeinen Tod redlich diente und nie mehr durch unedle That kränkte. Rührend und traurig war es für Friedrichs fühlen⸗ des Herz, als er die Dirne in die Arme des harren⸗ den Oheims zurückführte; er umarmte ſie mit größter Zärtlichkeit, aber er ſtieß ſie mit Abſcheu von ſich, als er nur zu deutlich gewahrte, daß ſie ihrem Räuber Unſchuld und Ehre geopfert hatte. Nur die gekreue Erzählung ihrer Leiden, nur die Beweiſe des Vetrugs, mit welchem ſie war überliſtet und verführt worden⸗ konnten den allzuſtrengen Alten zum Mitleid bewegen aber er verbannte ſie aus ſeinen Augen, und gebet ihr, in einem Kloſter ewig ihre Schande zu beweinen „ 133 Wahrſcheinlich hatte ſchon dazumal die ſchöne, verlaßne Dirne Friedrichs Herz gerührt, denn er nahm es über ſich, ſie nach einem Kloſter zu ſenden; aber ſie erſchien nach einigen Jahren wieder an ſeinem Hofe, ward bald des Königs erklärte Geliebte, und endlich die Mutter des ſchönen Enzius. Durch ſein edles und gerechtes Betragen hatte indeß Friedrich auch das Herz des köl⸗ niſchen Erzbiſchofs gewonnen; er entſagte öffentlich Ottos Freundſchaft, und ward ein eifriger Vertheidiger desjenigen, der ihm in der Noth Hilfe geleiſtet hatte. Da auf dieſe Art drei mächtige deutſche Fürſten ſich öffentlich als Friedrichs Bündesgenoſſen erklärten, und der König in Böhmen auch mit ihm in Unterhandlung trat, ſo entſagte Otto den großen Vortheilen, welche er in Apulien über Friedrichs Heer erhalten hatte, und verließ in ſchneller Eile Italien, um durch ſeine Gegenwart die Getreuen zu unterſtützen und die Wankenden zur Fortdauer ihrer Treue zu beleben. Als er in Deutſchland anlangte, hatten die Fürſten ſchon eine Zuſammenkunft in Bamberg verabredet, auf welcher ſie Friedrichen die Kaiſerkrone anbieten wollten; obgleich Ottos Ankunft dieſes verhinderte, ſo mehrte ſich des jungen, hoffnungsvollen Heldens Auhang doch täglich; der König von Böhmen ſammt den Landgrafen von Thüringen machten es ſogar laut kund, daß ſie den Sohn Heinrichs, welchem ſie ohnehin Treue ge⸗ ſchworen hatten, an des perbannten Ottos Statt zum König zu erwählen geneigt und willig wären. Otto ſammelte zu Breiſach ſein Heer, das ihm ats Italien gefolgt war, und berief alle Fürſten des Reichs zu ſeiner Vertheidigung dahin. Wenige gehorchten dem Rufe, nur einige zogen in kleinen Haufen zu ihm hinab; da aber doch das Heer ſich immer zu mehren begann und bald Furcht vor der nahen Strafe ſtärker als ächte Treue gewirkt hätte, ſo beſchloß Friedrich, 134 — ihm entgegen zu ziehen, um dadurch zu verhindern,. daß er nicht vorwärts dringen und ſeinen Freunden ſchaden könne. Sein Heer hatte ſich anſehnlich ver⸗ mehrt und wurde auf dem Zuge noch mehr verſtärkt. Unter ſeiner Fahne zogen jetzt die Kölner und Heſſen friedfertig neben einander, und gelobten vereint für des Gerechten Sache zu ſtreiten. Die Löwenritter wa⸗ ren noch ſeine getreuen Gefährden, ſie hatten Boten nach der Löwenburg geſandt, um den Hauptmann vom neuen Zuge zu benachrichtigen; auch Friedrich legte ein Schreiben bei, und bat die daheim ruhenden Rit⸗ ter, daß ſie jetzt, wo Entſcheidung ſeines Glücks nahe, mit ausziehen und ſein Heer verſtärken ſollten. Beide erſtaunten gleich ſtark, als ſie durch die zurückkehren⸗ den Ritter vernahmen, daß die Löwenburg öde und leer an Kämpfern ſey, daß alle Ritter ſchon vor einem Monden einen ſchnellen, unbekannten Zug unternom⸗ men hätten und noch nicht wieder heimgekehrt wären, doch aber die daheim harrenden Weiber immer mit angenehmen Nachrichten des beſten Wohlbefindens er⸗ freuten. Weder der König noch Busmannshauſen konn⸗ ten die Urſache dieſes geheimen Auszugs ergründen; ſie hatten oſt Nachrichten, einigemal auch Briefe von dem Bundeshauptmanne erhalten, er hatte ihnen man⸗ cherlei, aber nichts von jenem berichtet, es that ihrem redlichen Herzen weh, daß der Bund ihnen ſo ſorgfäl⸗ tig ein Unternehmen erſcwiegt von dem er ſie doch hätte benachrichtigen ſollen, da ſie Ritter des vierten Grades waren, denen kein Geheimniß verborgen blei⸗ ben ſollte. Sie ſprachen auf dem weitern Zuge oft noch von dieſer ſeltnen Begebenheit, erſchöpften ſich in mancherlei Muthmaßungen, von denen ihnen die wahr⸗ ſcheinlichſte immer noch ſehr zweifelhaft blieb. Sie waren nun Ottos Heere nahe; er ſtand bei Ue⸗ berlingen gelagert, ſchien keinen Angriff wagen, aber 135 auch nicht ohne Kampf und Fehde von dannen weichen zu wollen. Busmannshauſen und Hofſtetten unternahmen es, die Stärke des Heeres zu erforſchen, und in der Nähe zu prüfen: ob man mit Vortheil und Hoffnung des Siegs einen Angriff wagen könnte? Sie kehrien mit traurigem und verwirrtem Blicke zurück; der Kö⸗ nig ſahs, und berief ſie nach ſeinem Zelte. Der König. Sttos Heer muß mächtig und groß ſeyn, muß unüberwindlich ſcheinen, da die größten und bewährteſten Helden trauernd und mit zagenden Bli⸗ cken zurückkehren? Busmannshauſen. Ottos Macht ſchreckt uns nicht, ſein kleiner Haufe überzeugt uns vielmehr, daß dir bald Sieg und Lohn werden wird, aber—— Der König. Sprecht weiter, ich weiß, daß trau⸗ rige Nachricht meiner harrt; ich bin bereit, ſie ſtand⸗ haft anzuhören. Hofſtetten. Wir wollten dir anfangs verſchwei⸗ gen, was unſer ſtarrendes Auge ſah, aber Pflicht und Gewiſſen fordern uns auf, reine Wahrheit zu beken⸗ nen. Du biſt ein geprüftes Glied unſers Bundes, du ſollſt alles erfahren und das Erſtaunen mit uns thei⸗ len. Als wir links am Fluſſe hinabſpähten, und unter dem Schutze des dicken Gebüſches, das ſeine Ufer be⸗ ſchattet, uns immer mehr Ottos Lager näherten, da mehrte ſich unſer Muth mächtig; wir konnten ſein gan⸗ zes Heer überblicken, und mit Gewißheit beſtimmen, daß das deinige um die Hälfte ſtärker ſey. Wir woll⸗ ten eben mit dieſer Nachricht dein Herz erfreuen, als im nahen Thale ſich Stanbwolken erhoben, und unſer horchendes Ohr uns deutlich überzeugte, daß Reiter im Anzuge wären. Wir lugten mit offnen Augen hinab, der Südwind trieb den Staub ſeitwärts, wir —— Nein, mein Herz kanns nicht glauben, was meine Augen doch ſo deutlich ſahen. 136 Der König. Ende, Freund, ende, ſonſt faßt mein Herz ſchrecklichen Argwohn. Busmannshauſen. Es faßt ihn nicht verge⸗ bens. Mehr als fünfhundert Ritter, deren Häupter der Helm des Löwens deckte, auf denen hie und da die Federn des Bundes wehten, zogen nach Ottos Lager. Immer ſchien mirs noch unmöglich, immer wollte das argloſe Herz die Augen Lügen ſtrafen; als der Haufe ſich aber dem Lager nahte, da entfaltete ſich mitten drinne die Fahne des Löwens; wir ſahen ſein Bild hoch in der Luft wehen; wir hörten, wie Ottos Rei⸗ ſige und Ritter freudetrunken ausriefen: Willkommen, willkommen, tapferer Löwe! Hofſtetten. Ein hellglänzender Harniſch, welcher wahrſcheinlich Ottos Körper zierte, drängte ſich unter den Jubelnden hervor, und bewillkommte den Anführer des Löwens, welcher ſich vom Roſſe herab in ſeine Arme ſchwang; ſah unſer Auge klar genug, ſo erkann⸗ ten wir in ihm unſern künftigen Hauptmann, den Gra⸗ fen Friedrich von Frohburg. Der König. Unmöglich! Unmöglich! Wie könnte dieſer geprüfte Freund ſo unedel handeln? Busmannshauſen. Auch wir dachten, auch wir fragten ſo; aber es war ganz ſeine Geſtalt, auf ſei⸗ nem Haupte wehte die Mähne, an ſeinem Halſe glänzte die vierfache Kette des Löwens, welche nur den Haupt⸗ mann des Bundes ziert. Der König. So lange mich mein eignes Auge nicht von eurer Ausſage überzeugt, ſo lange kann, darf ichs nicht glauben. Wäre ich nicht eingeweiht in die Geheimniſſe eures Bundes, hätte ich noch Grade deſſelben zu erkämpfen, ich würde eure Erzählung für eine Probe achten, welche meinen Muth prüfen ſollte, wenn ich überzeugt würde, daß die treueſten und in⸗ nigſten meiner Freunde mich verlaſſen hätten. x 137 Hofſtetten. Wollte, es wäre eine Probe für euch und uns alle, mein Herz würde dann wieder Freude ahnen können. Der König. Ihr habt, ihr müßt falſch geſehen haben, ſetzt dies als gewiß voraus, und quält euer Herz nicht mit unnöthigem Kummer. Busmannshauſen. Wir ſahen ſcharf und klar, täuſcht euch nicht mit falſcher Hoffnung. Der König. Nahte nicht ſchon die Dämmerung, ſo würde ich mit euch ausziehen, um mein ungläubi⸗ ges Herz durch den Augenſchein zu überzeugen. Mor⸗ gen mit dem Früheſten bin ich bei euch und fordere vieſen. Busmannshauſen. Wenn er dir nun gleich uns wird? Der König. Dann zage ich noch nicht, dann halte ichs für Feindesliſt, welcher die Tapferkeit der Löwen⸗ brüder kennt, nicht weiß, daß wir ſo eng verbündet ſind, vielleicht unſer Heer durch Blendwerk täuſchen und zaghaft machen will. Hofſtetten. Das wäre möglich, wollte Gott, daß es auch wirklich ſey, denn ſonſt entſage ich einem Bunde, der mich bisher durch falſchen Schein irre führte, aber wahrlich nicht zum ſchändlichen Meineide verleiten ſoll. Wir ſchwuren dir Treue, und ich will meinen Eid redlich erfüllen. Der König. Edle Freunde, ich danke euch herz⸗ lich, aber ich hoffe noch immer, daß ich allen euern Freunden ebenſo danken kann. Die redlichen und ehrliebenden Ritter ſchlichen trau⸗ rig nach ihrem Zelte; ſie ſprachen noch lange von der Erſcheinung, welche ihr Auge ſo klar geſehen hatte und ihr Herz doch nicht faſſen konnte. Wie ſie eben die Meinung des Königs prüften, und näher forſchten ob nicht Trug darunter verborgen lauſchen könne, führten 138 ihre Knechte den Ritter Wellberg ins Zelt, welcher gleich ihnen Ritter des vierten Grades ihres Bundes, aber nicht mit ihnen von der Löwenburg ausgezogen war. Sie eilten ihm freudig entgegen, hofften durch ihn Aufklärung zu erhalten, und wollten ihn mit Bru⸗ derküſſen umarmen. Ritter Wellberg(ſie zurückſtoßend, ſtreng und ernſh. Ich komme nicht als euer Freund, ſondern als Forſcher des Bundes. Er hat mit Erſtaunen vernommen, daß ihr eigenmächtig handelt, ſeine tapfern Glieder irre führt, ſie zur Fehde leitet, die er euch nicht gebot. Euch ward aufgetragen, den Stolz der Heſſen zu demit⸗ thigen und den unterdrückten Kölner zu unterſtützen; ihr habt den Auftrag erfüllt. Warum kehrt ihr nicht zurück? Warum fordert ihr nicht neuen Auſtrag? Was wollt ihr hier beginnen? Gebt Rechenſchaft, der Bund heiſcht ſie. Busmannshauſen. Wir haben erfüllt, was der Bund gebot, aber uns ward auch aufgetragen, unſern hohen Bundesgenoſſen zu ſchützen, vor jeder Gefahr ſicher und gefahrlos zu leiten. Ihm gab der Haupt⸗ mann Macht über uns, er gebot, und wir folgten.“ Ritter Wellberg. Weil er, weil der Bund hoffte, und vorausſetzte, daß der ehrgeizige Jüngling ſie nicht mißbrauchen würde. Er gelobte in unſter Mitte, dem unglücklichen Vaterlande den Frieden zu ſchenken, durch gerechte und löbliche Thaten die Herzen der Fürſten zu feiner Wahl zu lenken, und dem Käiſer Olto dadurch ohne Kampf und Fehde die wankende Krone zu entreißen. Sprecht, wenn ihr kühn genug ſeyn wollt, ſeine Thaten zu vertheidigen, ſprecht; wie hat er ſein theures Gelübde erfüllt? Noch haben nu wenige Fürſten ſich zu ſeinen Gunſten erklärt, noch hat kein Verein derſelben ihn zum Könige erwählt, nö kein einzelner derſelben ihm die Krone geboten, und ———— —— 139 er wagt es doch, ſein Heer gegen Otto anzuführen, ihm den Eintritt in ſein Reich zu verhindern. Mit welchem Rechte, mit welchem Scheine der Billigkeit kann er dies thun, da ihm noch keine Macht in Deutſch⸗ land gegeben ward? Blinder Ehrgeiz führt den Jüng⸗ ling irre, daß aber auch ihr zur ungerechten That mit⸗ wirken und den Ruhm des Bundes beflecken wollt, dies werden die Rächer deſſelben ſtreng ahnen. Fehde mit Otto in dieſen Umſtänden iſt Aufruf zum Bürgerkriege, welcher aufs neue das arme Vaterland verheeren und mit dem Blute ſeiner beſten Kinder beſudeln wird. Vollt, könnt ihrs verantworten? Busmannshauſen. Wir ſchwuren dem Könige Friedrich Treue und Gehorſam, wir gelobten ſeine ge⸗ fränkten Rechte männiglich zu vertheidigen. Hat dies der gerechte Löwenbund vergeſſen? Hofſtetten. Ehe noch Otto den Thron beſtieg, ward der junge Friedrich ſchon einſtimmig zum Könige und künftigen Kaiſer der Deutſchen von allen Fürſten erwählt. Er hat alſo Anſpruch auf den Thron, der durch Ottos Bann erledigt wurde; er kann ohne Scheu ſeine gekränkten Rechte gegen jedermann vertheidigen. Ritter Wellberg. Vermeſſ'ne, wollt ihr's wa⸗ gen, gegen das Urtheil des Bundes zu kämpfen? Iſt Gehorfam nicht eure Pflicht? Wollt ihr ſie gewaltſam verletzen? Hofſtetten. Der gerechte Bund des Löwens darf ſich nicht widerſprechen, kann nicht verwerfen, was er vorher ſo ganz billigte. Dies die Antwort auf deine Frage. Uebrigens bitte ich dich, dem Könige deine Votſchaft ſelbſt vorzutragen. Ritter Wellberg. Ich ward nicht an ihn, ſon⸗ dern an euch geſandt. Ich habe mit ihm nichts zu ſprechen, er hat die Pflichten, welche der Bund von ihm hriſchte, nicht erfüllt, und der Bund hat dagegen 14⁰ ſeiner vergeſſen. Er iſt ausgeſtrichen aus dem Buche der Lebenden, wir haben ſeinen Tod ſchon betrauert. (er zieht ein Schreiben aus ſeinem Buſen) Seht hier das Siegel des gerechten Löwens, ich hoffe, ihr werdet es ehren. Busmannshauſen. Wir ehren es. Ritter Wellberg. Der Hauptmann gebietet euch, daß ihr noch dieſe Nacht alle Ritter des Löwens verſammeln und ihnen den wörtlichen Inhalt deſſelben kund thun ſollt. Kann er Gehorſam erwarten? Busmannshauſen. Er kanns, denn es wäre ſchändliche That, wenn wir ſeinen Willen den übrigen verhehlen und ſie hindern wollten, nach Pflicht und Gewiſſen zu handeln. Ritter Wellberg. Wenn ihr die Gebote deſſel⸗ ben vollzieht, ſo habt ihr vollkommne Verzeihung eures Fehls zu erwarten, wenn ihr aber Pflicht und Eid verletzen ſolltet, ſo harrt euer Schande und Tod. Dar⸗ nach achtet euch, davon unterrichtet die übrigen. Busmannshauſen. Nur eins noch: wo iſt der Hauptmann? Wo ſind die übrigen Ritter des Bundes? Ritter Wellberg. Dies wird euch das Schrei⸗ ben lehren. Sammelt die Brüder bald, damit ſie den Inhalt beherzigen und erfüllen können. Er ging und hinterließ die Edlen in tiefem Nach⸗ denken und Erſtaunen, aus welchem ſie lange nicht zu erwachen vermochten. Endlich ſammelten ſie ihre Stand⸗ haftigkeit, ſandten nach den Aelteſten der vier Grade, damit ſie in ihrer Gegenwart das Schreiben öffnen, und den Inhalt durch dieſe allen Rittern kund machen könnten. Da nur Hofſtetten des Leſens kundig war, ſotrat er in ihre Mitte und las folgendes:„Ehrſame Ritter des gerechten Löwens! Eure Anführer haben das Gebot des Bundes übertreten, euch irre geführt und zu eint Fehde verleitet, welche wir im höchſten Grade mißbil — —. ——— 141 ligen. Fordert von ihnen die Gründe, wir haben ihnen ſolche mündlich durch unſern Abgeſandten kund thun laſſen, euch ſammt ihnen aber volle Verzeihung des Vergangnen angetragen, wenn ihr willig und getreu erfüllt, was wir im Namen des Bundes fordern. Von jeher wars die herrliche Eigenſchaft des Löwens, daß er den Unterdrückten zu Hilfe eilte, wir ſind daher die⸗ ſer getreu ausgezogen, um den ſchwachen Otto gegen den übermüthigen Friedrich zu vertheidigen. Forſcht nicht: wie und warum dies geſchah? Der eitle, ſtolze Jüngling iſt nicht mehr ein Glied unſers Bundes, er hat ſich ſeines Schutzes unwürdig gemacht, er verdient die Strafe, welche wir über ihn ausſprachen. Wenn ihr die Befehle des Bundes ehrt, wenn ihr eures Ei⸗ des noch eingedenk ſeyd, ſo verlaßt noch dieſe Nacht ſein Heer, und verſtärkt das unſere. Wir harren euer am Bache, welcher die beiden Heere trennt, und wer⸗ den euch als ächte Brüder umarmen. Morgen mit dem Früheſten werden wir dann mit Ottos Macht ver⸗ eint den Sichern überfallen und ihn für ſeine Kühnheit ſtrafen. Rache und Tod, ſo ſchrecklich ſie beginnen und enden kann, ſey im Voraus denjenigen Ungetreuen geſchworen, welche wir morgen noch unter Friedrichs Fahne treffen. Kommt, wir harren eurer, bis der Morgen naht! Zieht in einzelnen Haufen, damit man eure Entfernung nicht ahnet und die ſchnelle Ueber⸗ raſchung den Sieg befördert. Wir wiſſen, daß heute die Ritter unſers Bundes die Vorwache halten, eure Flucht iſt alſo leicht und möglich, keine Eniſchuldigung kann euch daher morgen vor unſerer Rache ſchützen.“ Keiner von allen, welche dies merkwürdige Schrei⸗ ben gehört hatten, ſprach ein Wort, jeder harrte des Ausſpruches der andern, und da keiner ihn zuerſt wa⸗ 3 gen wollte, ſo herrſchte tiefe Stille im Kreiſe der Ed⸗ len, welche alle ächte Ritter des Löwens waren, daher 142 nicht begreifen konnten, wie der Bund mit einmal den geraden Weg der Redlichkeit verlaſſen und hinterliſtig und heimtückiſch gegen den ſicilianiſchen König handeln wollte. Ritter Busmannshauſen gab endlich ſeinem Erſtaunen Worte; er äußerte ſeinen gerechten Unwillen laut und deutlich; alle übrigen ſtimmten nach und nach bei, und kamen endlich darin überein, daß Ge⸗ horſam zwar ihre erſte, aber Abſcheu vor unedler That auch ihre vornehmſte Pflicht ſey. Ritter Hofſtetten war der einzige, welcher behauptete, daß dies alles eine zwar harte, aber weiſe Probe ſey, mit welcher der Bund ihre Redlichkeit prüfen wolle; er rieth daher, daß man das Schreiben allen Rittern kund machen und es ihrer freien Wahl überlaſſen ſolle: ob ſie des Haupt⸗ manns Gebot erfüllen, oder ihrer früheren Pflicht, ihrem Eide getreu, ſtandhaſt unter König Friedrichs Fahne ausharren und ſeine gekränkten Rechte gegen alle ſeine Feinde vertheidigen wollen? Gebt Acht, fügte er hinzu, morgen zieht unſer Hauptmann mit ſeinen Begleitern bei uns ein und führt die Verirrten in unſre Mitte zurück. Wer kann ſeine verborgnen Abſich⸗ ten alle ergründen? Vielleicht iſt er durch Erfahrung überzeugt worden, daß einige unter uns insgeheim dem Kaiſer Otto anhangen? Vielleicht will er ſie eben, dadurch ihres Verbrechens überführen, und die räudi⸗ gen Schafe von der Heerde ſondern 2 Busmannshauſen. Ich würde deiner Meinung mit Freuden beipflichten, wenn meine Augen mich nicht vom Gegentheile überzeugt hätten. Sahſt du's nicht mit mir, wie unſer Hauptmann in Ottos Lager eil⸗ zog? Wie er jauchzend und triumphirend empfangen wurde? Hofſtetten. Zch ſah's gleich dir, aber ich zweift deswegen doch noch nicht an ſeiner redlichen Abſicht Möglich, daß er friedlich mit Otto zu ſprechen kam 143 ſich zum Vermittler zwiſchen ihm und Friedrichen er⸗ bot! Möglich, daß Otto ſeinen Antrag ſtolz verwarf, und von einem geheimen Anhange ſprach, den er un⸗ ter Friedrichs Heer habe, auf den er ſich bei jedem Angriffe verlaſſen könne. Iſts nun nicht natürlich, daß unſer Hauptmann die Seinigen prüfen und forſchen will: ob auch wir der Pflicht vergeſſen, und, wenn man uns lockt, meineidig werden können? Könnt ihr das ſeltene Betragen des Hauptmanns anders deuten, ſo thuts, ich vermags nicht. Widerſpruch liegt in ſei⸗ nem Befehle, und dieſer muß uns den letztern verdäch⸗ tig machen. Als wir noch zu Mainz waren, erhielten wir ernſtgemeſſenen Auftrag, nicht von Friedrichs Seite zu weichen, alle ſeine Abſichten zu fördern, und ſeine Rechte ſtandhaſt zu vertheibigen; jetzt will man uns dieſe That zum Verbrechen machen, will kühn fordern, daß wir Eid und Pflicht vergeſſen und die Macht ſei⸗ hes Feindes vermehren ſollen. Wir machten es dem Vunde lange vorher kund, daß wir mit ihm ausziehen würden, warum tadelte er uns nicht früher? Warum will er jetzt den kühnen Löwen zur ſchändlichen, nächt⸗ lichen Flucht, zur falſchen Hinterliſt des Tigers bere⸗ den? Thut, was euch weiſe dünkt, aber ich bieibe, ver⸗ theidige Friedrichs Rechte, und will ruhig abwarten: ob man deswegen Rechenſchaſt von mir heiſchen wird? Alle Anweſende. Wir bleiben gleich dir, aber wir wollen erfüllen, was man uns auſtrug, und es jedem Ritter ungehindert überlaſſen, wie er handeln will. Der morgende Tag muß dann alles aufklären. Seh es nun Liſt oder Probe, ſo beſtehen wir am be⸗ ſen, wenn wir die Vahn der Ehre und des Ruhmes nicht verlaſſen, und muthig darauf fortwandeln. Busm annshauſen czu den Aelteſten der vier Frade). Sollten die Ritter unſern Entſchluß zu wiſſen Nrlangen, ſo macht ihnen ſolchen kühn kund, damit 14⁴ der Redliche ſich darnach richte, und wenn wirklich Ver⸗ rätherei unter uns herrſchen ſollte, nicht durch die Ue⸗ berredungskraft des Unredlichen zu gleicher That ver⸗ leitet werde. Die Ritter nahmen das Schreiben mit ſich, beriefen nach und nach alle Glieder des Bundes, und machten ihnen den Inhalt deſſelben kund. Viele erſtaunten gleich den Anführern darüber, mehrere aber verlangten das Schreiben zu ſehen, und erklärten ſich dann deut⸗ lich, daß ſie ohne weitere Unterſuchung dem Willen des Hauptmanns Gehorſam leiſten würden. Ehe die Mit⸗ ternachtsſtunde nahte, ſchwand mehr als die Hälfte der Löwenritter, welche bisher Königs Friedrichs treueſte Stütze geweſen waren. Die Anführer der Grade mel⸗ deten es ihrem Befehlshaber; dieſe achteten es nun für nöthig, ſich vor Verantwortung zu ſichern, und dem Könige, da er auch ein Mitglied ihres Bundes war, davon Nachricht zu geben. Sie traten vor ſein Lager und erzählten ihm alles, was ſich unter dieſtr Zeit zugetragen hatte. Er ſtaunte ſehr, aber er trauerte nicht lange, ſondern war mit Hofſtetten der ſeſten Meinung, daß dieſe ſchwere Verſuchung gewiß zu ſei⸗ nem Vortheile unternommen worden, und er es am Morgen mit frohem Entzücken dem ankommenden Haupt⸗ manne danken würde, daß er aus ſeinem Hrere Ver⸗ räther entfernt habe, welche ſein Herz als die treueſten Freunde geliebt hatte. Doch achtete er nebenbei des argwöhniſchen Busmannshauſens Rath, ſetzte neut Vorwachen und traf Anſtalten, damit das Heer nicht unvorbereitet überfallen würde. Als der Tag ſich nahte, meldete der umherſpähende Busmannshauſen, daß noch über hundert Löwenritter im Lager wären, welche gleich ihmt beſchloſſen hätten, muthig unter ſeiner Fahne zu kämpfen und nicht Loh ſeiner Seite zu weichen; zugleich verkündigte er aber ——. ——— —— — — . n P 14⁵ auch, daß das feindliche Heer ſich merklich bewege, und er weiſe handeln würde, wenn er ohne Verzug das ſeinige ordnete. Der König befolgte den weiſen Rath zu ſeinem größten Glücke: denn ehe noch die Sonne die Thäler beleuchtete, meldeten ſchon die Vorwachen, daß Ottos Heer mit voller Macht anrücke. Busmanns⸗ hauſen ſammelte ſogleich neben dem Könige die noch treuen Ritter des Löwens, erinnerte ſie an Eid und Pflicht, und ermahnte ſie, dieſer getreu zu bleiben. Der König führte ſein Heer jetzt ſelbſt vorwärts; er ſeufzte tief, als er deutlich in des Feindes Mitte die Fahne des Löwens wehen ſah, und aus der Menge der Ritter, welche ſie umgaben, ſicher ſchließen konnte, daß der Bund mit ſeiner ganzen Macht gegen ihn kämpfen wollte. Er deutete mit ſeiner Linken nach der Fahne und legte die Rechte auf ſein leidendes Herz, weil er vor Schmerz nicht ſprechen konnte. Busmanns⸗ hauſen fühlte ſein Leiden: er riß, entflammt von edler Wuth, die Federn des Bundes von ſeinem Helm, zer⸗ ſprengte mit ſtarker Hand die Kette des Löwens und 8 warf ſie zur Erde. Sonſt, rief er zähnknirſchend aus, war ich ſtolz auf dieſe Ehrenzeichen, jetzt verachte ich ſie, weil ſie den Meineid zieren! Wer ähnliche Empfin⸗ dung in ſeinem Buſen fühlt, der thue ein Gleiches! Als alle Löwenritter Busmannshauſens Beiſpiel folgten, rief der König gerührt aus ich habe ja doch noch Freunde, zwar wenige, aber ich finde ſie bewährt, ich ſehe nicht der Feinde Menge, ſondern meine ge⸗ rechte Sache, und hoffe mit Gottes Beiſtande zu ſiegen. Die Schlacht begann. Ottos Heer zagte, als es Friedrichs Völker, die es zu überraſchen hoffte, ſo wohl⸗ geordnet fand; es würde nach kurzem Kampfe gewi⸗ chen ſeyn, wenn die Ritter, welche die Ehrenzeichen des Löwens trugen und an Ottos Seite kämpſften, den Streit nicht erneuert hätten. Er ward nun an⸗ Löwenritter 4. 10 146 haltend, und von beiden Seiten äußerſt erbittert fort⸗ geführt. Oſft drangen die Ritter, welche für Ottos Heil kämpften, mit überlegner Macht auf Friedrichen; aber das kleine, trene Häuflein des Löwens, welches ihn umgab, reitete ihn allemal glücklich aus der Ge⸗ fahr, und ſchlug die große Menge tapfer zurück. Flieht, rief ihnen dann Busmannshauſen immer zu, flieht, Meineidige! Ihr habt euern Bruder verlaſſen, der Sieg kann nicht euer Lohn werden! Auch ward er's nicht, denn wie die Sonne die höchſte Höhe erreicht hatte, wandte Otto Friedrichs ſiegenden Schaaren den Rücken und entfloh gen Breiſach. Lange mordete noch vas Schwert der Sieger unter den Fliehenden; endlich kehrten ſie ermattet auf den Wahlplatz zurück, und führten eine große Menge Gefangne hinter ſich her. Busmannshauſen und ſeiner Getreuen Lippen zitterten vor heimlichem Ingrimme, wenn ſie zurückblickten, und unter dieſen ſo viele Ritter ſahen, welche die Ehren⸗ zeichen des Löwens vorher durch Meineid, jetzt durch ſchimpfliche Flucht entehrt hatten. Er ließ ſie von den übrigen ſondern und fragte ſie: ob ſie die Strafe ihrer That nun fühlten und bereuten? Wir haben, ſprachen ſie trotzig, den Willen des Bundes erfüllt, und über⸗ laſſen die Verantwortung ihm; doch können wir dirs⸗ nicht bergen, daß er ſtrenge Rechenſchaft von dir for⸗ dern, es gräßlich ahnden wird, daß du gegen ihn tämpfteſt und das Blut deiner Brüder ſo ſorglos ver⸗ ſpritzteſt. Ich wills hier und dort verantworten, ent⸗ gegnete er, aber dies könnt ihr nicht. Doch Hader mit euch wird die Sache nicht entſcheiden, Rache an euch den Meineid nicht tilgen. Ihr wart die Ver⸗ führten, und könnt meiner gerechten Klage nicht Rede ſtehen. Nur die reine Beantwortung einer Frage heiſche ich von euch. Ein Ritter Frage, wir wollep ahtworten. S—* —— —— 1 47 Busmannshauſen. Wer war euer Anführer? Der Ritter. Vernimms, und bereue. Der alte Greis und Stifter deines und unſers Bundes, der Graf Farnsburg, zog vor uns her. Graf Friedrich und Heinrich von Frohburg, Ludwig und Eſchenbach zogen ihm zur Seite. Eine kummervolle Thräne ſchlich über ſein ehrwürdiges Angeſicht, als er dich nicht zu⸗ rücktehren ſah, laut und ſchrecklich fluchte er dir, als er dich mit andern Treuloſen im Kampfe erblickte. Busmannshauſen. Es iſt nicht möglich! Du ſprichſt Unwahrheit! Sollten die geprüften Helden des Löwens mit einmal alle treulos handeln? Wo ſind ſie? Wo flohen ſie hin? Der Ritter. Wenn dein verruchtes Schwert ſie nicht tödtete, ſo flohen ſie mit Otto nach Breiſach, aber mehr als wahrſcheinlich iſts, daß ſie, indem ſie die Flucht des Kaiſers deckten, ihren Tod fanden. Busmannshauſen. Mein Leben wollte ich willig opfern, wenn ich mit einem derſelben ſprechen und die Rechtfertigung ihrer ſeltnen That hören könnte. Noch einmal ſey es geſagt, mein Gewiſſen ſpricht mich frei, ihr Tod kann nicht auf meine Sündenſchale fallen, mir nicht zür Strafe gerechnet werden. Er erzählte alles, was er vernommen hatte, dem Kö⸗ nige, welcher ſich äußerſt mühte, den trauernden Hel⸗ den zu tröſten, und ihm für ſeinen mächtigen Bei⸗ ſtand den innigſten Dank zu zollen, den größten Lohn zu verheißen. Am andern Morgen durchwanderte Frie⸗ drich in der Mitte der getreuen Ritter das Schlachtfeld noch lagen viele Verwundete ungepflegt am naſſen Boden; dieſen ſchnelle Hilfe zu ſchaffen, war des groß⸗ müthigen Ueberwinders emſiges Geſchäft; als ſchon viele durch ſeine Fürſorge gerettet waren, fanden die Umherwandelnden einen Ritter des Löwens nahe am Bache, der vbenfalls ſchwer verwundet war und unter 148 einem Strauche ruhte; ſein noch mit Federn gezierter Helm war allen ein deutlicher Beweis, daß er einer derjenigen ſey, welche Friedrichen verlaſſen oder gegen ihn angezogen waren. Ich verzeihe dir willig, ſprach der König, deine Untreue gegen deinen Bruder, ich will deine Wunde als dieſer pflegen, und dich dann ſammt allen deinen Brüdern frei und ungehindert nach der Burg des Löwens ſenden. Wollt ihr dann aufs neue gegen mich ſtreiten, ſo öüberlaſſe ich die Racht Gott, ich werde ſie nie an meinen Brüdern üben. Hofſtetten. Du warſt einer derjenigen, welche unter unſrer Fahne dienten. Wie empfing man dich, als du den Befehl des Bundes erfüllteſt und in der beſtimmten Stunde bei Ottos Heer anlangteſt? Der Verwundete. Ach! Mit Jauchzen und Frohlocken! Die Harrenden umarmten mich brüderlich, ich ward nebſt vielen andern ins Lager geführt, wo wir, bis der Tag graute, fröhlich zechten. Dann er⸗ ſchien der Befehl zum Auszuge; wir zogen entfernt vom Heere, das uns in weiter Entfernung folgte, weil es unſre Anführer über ſich genommen hatten, den Ueber⸗ gang über den Fluß zu decken: er ſchäumte wild vom Berge herab, weil der nächtliche Regen ihn angeſchwellt hatte, doch fanden wir ſeichte Fuhrten für die Fuß⸗ völker; wir durchzogen ſie oben und unten; als wir aber auf des Anführers Gebot eine Tiefe unterſuchen wollten und mit den Roſſen ſchwammen, fühlte ich mich rückwärts durch des Harniſches Oeffnung mit einem Speere durchbohrt; ich ſank vom Roſſe herab ins Waſſer; mehr als fünfzig meiner Brüder ſanken auf die nämliche Art; ſie verſuchten es gleich mir vergebens, ſich an den Roſſen zu halten, wir wurden aber voh den Uebrigen unbarmherzig in die Fluthen getaucht, und lautes Hohngelächter der Mörder tönte uns nach⸗ Mich wälzten die Fluthen abwärts, meine Sinne 149 wichen; wie ich wieder erwachte und zu denken fähig war, lag ich am Ufer des Bachs, unfern von mir ſtand dieſer Strauch, ich wandte alle meine Kräfte an, um ſeinen Schatten zu erreichen, denn die Sonne hatte meinen Harniſch mächtig erwärmt, und meine Wunde ſchmerzte mich ſehr. Ich hörte von Weitem das Getümmel der Schlacht, der Boden bebte oft unter mir, ich ſank abwechſelnd in neue Ohnmachten, und fühle ietzt deutlich, daß ſich bald mein Tod nahen wird. Der König. Gerechter Gott! Deine eigne Brü⸗ der ermordeten dich alſo? Der Verwundete. Meine eignen Brüder! Ha, dies Gefühl iſt ſchmerzlicher als der Tod! Wäre ich mir eines Verbrechens bewußt, hätte ich durch Frevel⸗ that oder Ungehorſam meine Pflicht verletzt, ich würde nicht murren, nicht klagen—— Aber jetzt muß ich Gottes Rache über die Meuchelmörder erflehen. Busmannshauſen. Wer befahl, wer übte dieſen ſchrecklichen Brudermord? Der Verwundete. Ritter Wellberg war unſer Anführer. cer hebt ſeine blutende Hand in die Höhe) Seht, dieſe Wunde ſchlug mir ſein Schwert, als ich den Bügel meines Sattels faßte, und mich vom treuen Roſſe aus den Fluthen ſchleppen laſſen wollte. Der König. Iſt Ritter Wellberg nicht unſer Gefangner? Hofſtetten. Er iſts! Er iſts! Der König Gu einigen Reiſigen). Tragt den Ver⸗ wundeten ins Lager, pflegt ſeiner ſorgfältig, wir ſol⸗ gen, und wollen doch hören: wie Wellberg die ſchrock⸗ liche That verantworten kann? Busmannshauſen. Nur eine Frage an ihn ſey mir noch erlaubt: War nicht unſer Bundeshaupt⸗ mann euer Anführer? Zogen nicht Friedrich und Hein⸗ rich von Frohburg, ſein Sohn Ludwig und Rilter Eſchenbach an ſeiner Seite? 150 Der Verwundete. Mein Auge gewahrte keinen von dieſen, nur Ritter Wellberg war unſer Anführer: als wir vor des Kaiſers Zelte vorüberzogen, erblickte ich neben dieſem den Hauptmann des ſchwarzen Bun⸗ des, er war mit allen Ehrenzeichen unſers Bundes geziert. Ich forſchte vergebens nach dieſer ſeltnen Veränderung; viele der Unſern widerſprachen, und ſraften mein Auge Lügen, nur wenige äußerten gleich mir ähnliche Verwunderung, und dieſe wurden mit mir verrätheriſch ermordet. Busmannshauſen. Ha, nun wirds klar, nun fällt die Decke von meinem geblendeten Auge! Hier muß ſchreckliche Verrätherei im Hinterhalte lauern; eilt, daß wir ſie entdecken. Sie gingen eilend neben den Trägern her, welche den Verwundeten trugen, aber die Bewegung machte ſein Blut aufs neue fließend, und der Tod nahte; er legte ſeine Hand aufs Herz, bekräftigte nochmals mit ſchwacher Stimme ſeine Ausſage, und verſchied in des Königs Armen, der ſeinen Tod ſehr betrauerte. Als ſie im Lager anlangten, ließ der König den Todten ſogleich nach dem Zelte des gefangnen Wellbergs tra⸗ gen; die Ritter des Löwens reihten ſich um ihn her⸗ Der König e(mit fürchterlicher Stimme, auf den Todten zeigend)d. Kennſt du dieſen? Ritter Wellberg. Ich kenne ihn, er war einer derjenigen, welche der rufenden Stimme des Bundes folgten und wider dich kämpften. Der König. Wie ſtarb er? Ritter Wellberg. Wahrſcheinlich durch die Hand deiner Krieger. Busmannshauſen trat nun ih des Todten Nanen als Fläger wider Wellberg auf, und erzählte alles, was dieſer in ſeiner und des Königs Gegenwart aus geſagt hatte. Der König forderte von Wellberg ſiteng Rechtfertigung. 151 Ritter Wellberg. Dieſe ſoll mir nicht ſchwer werden. Mehr als hundert meiner treuen Brüder ſchmachten in deiner Gefangenſchaft, nach der Ausſage des Todten waren ſie alle bei der erdichteten That gegenwärtig. Laßt ſie alle vorrufen, oder vernehmt jeden insbeſondere. Bekennt nur einer unter ihnen das ſchändliche Bubenſtück, ſo will ich mich für erwie⸗ ſen achten, und die gerechte Rache euch überlaſſen. Der König. Sie waren alle Mitſchuldige der That, du kannſt ſie nicht als Zeugen deiner Unſchuld aufrufen. Ritter Wellberg. Und ſoll die Ausſage eines einzigen ſchwer Verwundeten, eines mit dem Tode kämpfenden, wahrſcheinlich wahnſinnigen Ritters dieſe hundert ſammt mir verurtheilen und verbannen kön⸗ nen? Sehr wahrſcheinlich ſchämte ſich der Ritter ſeiner Wunde, die ein deutlicher Zeuge ſeiner Flucht war, erdichtete im heimlichen Ingrimme die Mähre, und wollte dadurch Rache an denjenigen üben, welche ihn zur Pflicht ermahnten. Der König und die Ritter mühten ſich noch lange vergebens, den Thäter zu überzengen; er beſtand auf ſeiner Ausſage, läugnete die Gegenwart des Haupt⸗ manns der ſchwarzen Brüder, behauptete ſtets ſtand⸗ haft, daß der Bundeshauptmann des Löwens ihr An⸗ führer war, und nebſt den vornehmſten Bundesrittern in ihrer Mitte geſtritten habe. Als alle gefangne Rit⸗ ter im einzelnen Verhöre ein Gleiches beſtätigten, jeder das nämliche mit Eid und Wort bekräftigte, da wuß⸗ ten die Ritter aufs neue nicht, wie ſie ſich benehmen, wie ſie das dunkle Räthſel enthüllen ſollten. Unter dieſer Zeit langte Nachricht beim Heere an, daß der überwundne Otto, nebſt einigen hundert Ge⸗ treuen in ſchneller Eile nach ſeinem Herzogthume Sach⸗ ſen flöhe und dort wahrſcheinlich ein neues Heer gegen 152 den Sieger werben wolle. Da mit eben dieſer Nach⸗ richt die Fürſten ringsumher ſich dem Könige nahten, ihm huldigten und für ihren rechtmäßigen König er⸗ kannten, ſo achtete es der König für nothwendig, dem fliehenden Otto zu folgen, und ihm nicht Zeit zu gön⸗ nen, mitten unter ſeinen Anhängern ein mächtiges Heer zu ſammeln. Die Abgeſandten des böhmiſchen Königs, welche im Namen ihres Herrn Friedrichen zur Errichtung eines Schutz⸗ und Trutzbündniſſes nach Eger einzuladen kamen, förderten dieſen Entſchluß ſehr. Er brach eilend mit ſeinem Heere auf, und empfing noch auf der Reiſe die Huldigung vieler Städte. Um die dringende Bitte ſeiner wenigen getreuen, aber auch geprüften Löwenritter zu erfüllen, nahm er einen klei⸗ nen Umweg, zog nahe an der ſonſt ſo geliebten, jetzt mit Recht verhaßten Löwenburg vorüber. Er wollte auf Busmannshauſens Rath die Bewohner derſelben vor ſich laden, um zu hören: wie ſie ihr ſeltnes Be⸗ tragen rechtfertigen, oder das ſchwarze und dunkle Ge⸗ heimniß enthüllen würden? Als er in dieſer Abſicht mit ſeinem Heere durch den Forſt zog, und die Begierde nach Aufklärung ihn nebſt den übrigen Rittern vorwärts trieb, ſahen ſie einen kleinen Haufen gegen ſich anziehen, in deſſen Mitte einige Weiber ritten. Sie ſpornten ihre Roſſe; der kleine Haufe zerſtreute ſich, die Weiber flohen wehkla⸗ gend und jammernd abſeits ins Dickicht. Nur mit Mühe konnten die Ritter den Fliehenden folgen; ſie erreichten ſie endlich am Dickicht, das ihre Roſſe nicht durchdringen konnten. Es war Klara, Agnes, Adel⸗ heid und Kunigunde; ſchwarze Trauerkleider deckten ihre Körper; die Thränen, welche in Menge über ihr bleiches Angeſicht rollten, bewieſen, daß ihre Trauer gerecht ſey. Adelheid hatte ihren Sohn im Arme und drückte ihn ſchluchzend an ihre Bruſt. 153 Klara. Grauſame, ſchreckliche Mörder! Kommt ihr, uns auch zu tödten? Ruhig würde ich den Tod aus eurer Hand erwarten, freudig ſterben, wenn dies jammervolle Herz nicht ein neues lebendes Weſen un⸗ ter ſich fühlte. Erbarmt euch des noch nicht Gebornen, er konnte euch nicht beleidigen.(auf Adetheiden zeigend Erbarmt euch des ſchon Lebenden, ſeht, wie die trauernde Wittwe es vor eurer Wuth zu ſchützen ſucht. Busmannshauſen. Gerechter Gott! So iſts doch wahr? So fielen eure treuloſen Männer doch in der unglücklichen Schlacht? Der König. So raubte mir ihre verrätheriſche ſogar das Vergnügen, an ihrem Grabe zu wei⸗ nen? Agnes. O verflucht ſey eure heuchleriſche Ver⸗ ſtellung! Verflucht euer hämiſches Mitleid, mit welchem ihr die Opfer eurer Wuth zu entehren ſucht. Wären ſie gefallen in der Schlacht, hätten ſie mit ihrem Blute Gottes oder des Vaterlands Ruhm erkämpft, ich würde weinen, aber nicht verzweifeln. O es iſt ſchrecklich! Ach es iſt tödtend, wenn ich mir ihr Ende denke! Zu finken unter Freundes Hand, zu fallen in der friedli⸗ chen Burg, ermordet zu werden durch Brüder, welche ſie vielleicht freundlich umarmten und ihnen den Dolch ins Herz drückten. Gerechter Gott, wenn du dieſe That nicht ahndeſt, nicht die Mörder von deiner Erde vertilgſt, dann——— O ich will ihn nicht faſſen den ſchrecklichen Gedanken, er könnte mir beim nahen Ende meine Seligkeit rauben. Der König. Ermordet? Ermordet? Busmannshauſen. In der friedlichen Burg? Hofſtetten. Von Freunden und Brüdern? Alle Ritter. Unmöglich! Unmöglich! Der König. Ihr ſeht und hört unſer aller Er⸗ ſtaunen. 15⁴ Agnes. O forſcht und fragt nicht, wies geſchah oder geſchehen konnte? War't ihr auch nicht bei der That zugegen, ſo geſchahs doch wahrlich mit eurem Willen. Wer ſonſt als ihr, hätte uns ſo lange mit erdichteten Briefen äffen können?— Zieht hin nach der öden Burg, nehmt ſie in Beſitz, weiht ſie zu euern Schandthaten ein, aber ſchaudert auch zurück, wenn ihr die Erſchlagnen ſchon halb modernd erblickt. Die Verweſung wird euch ſchrecklich angrinzen, euch lauter als wir zurufen: Seht die Frucht eurer verruchten That! Lange mußten die erſtaunten Ritter noch fragen, und die trauernden Weiber antworten, ehe ſie etwas Zuſammenhängendes erfahren konnten. Schwerer noch als dieſes ward es ihnen, ihre volle Unſchuld darzu⸗ thun, ſich vom ſchwarzen Verdachte zu reinigen, wel⸗ cher im Herzen der Weiber tiefe Wurzel gefaßt hatte⸗ Nach und nach gelang es ihnen doch; die Weiber blickten zwar noch immer weinend, aber doch auch hof⸗ fend in ihr Geſicht, weil ſie ſolche als redlich erkann⸗ ten und die Rächer des Mords in ihnen zu finden glaubten. Klara übernahms endlich; den Rittern alles zu erzählen, was ſich ſeit ihrer Abreiſe auf der Burg zugetragen hatte. Ich will nicht wiederholen, was meinen Leſern ſchon längſt bekannt iſt, nur ihr erzäh⸗ len laſſen, wie ſie zwar nicht die Art, aber doch den ſchrecklichen Mord, welcher an ihren Männern war verübt worden, entdeckt hatten. Eben, erzählte Klara weiter, hatten wir aufs neue einen Brief von Frie drichen erhalten, und freuten uns des Wohlſeyns unſter Männer, als der Einſiedler, welcher, am Abhange des Felſens ſeine Höhle hat, und nur der Bundesbrüder genannt wird, mit bleichem Angeſichte und thränendem Auge zu uns eintrat und emſig forſchte; wohin il Ritter des Löwens gezogen wären? Ob der Bundis 155 hauptmann und unfre Ritter daheim geblieben? Ob wir Nachrichten von ihnen erhalten, oder ſie wieder erwarteten? Wir zeigten ihm die Schreiben, welche wir durch verſchiedene Boten erhielten, und tröſteten den gutherzigen Alten mit der Verſicherung, daß die Ritter geſund und bald heimkehren würden. Er durch⸗ las mit gierigem Blicke die Briefe; neue Thränen ſtürzten aus ſeinem Auge. Weh mir, rief er klagend aus, weh mir, daß ich euch Ruhe und Troſt rauben, euch durch ſchreckliche Nachricht zur Verzweiflung reizen muß, aber auch euer Leben ſchwebt in Gefahr, und dies zu retten iſt Pflicht. Er erzählte uns nun, daß an der Oeffnung einer Höhle, welche der Bund zu ſeinen Geheimniſſen eingeweiht habe, ein Kreuz ſtehe, bei welchem er jeden Monden einmal mit Aufgang der Sonne ſein Gebet dem Welterlöſer opfere. Wie er eben am Morgen dieſes Gelübde erfüllen wollte und an der Oeffnung der Höhle vorüberging, dampfte ihm Todtengeruch aus ſolcher enfgegen; er ſtieg hinab; der Geruch mehrte ſich; da aber kein Tageslicht ins Innere der Höhle fällt, ſo holte er Fackeln herbei.—— O ich vermags nicht, euch wieder zu erzählen, was er ſah. daut weinend) Viele der treueſten Löwenritter lagen zerſtreut und ermordet am Boden umher, unter ihnen—— Nein! Nein! Ich fühle mich unfähig, den ſchrecklichen Anblick aufs neue zu beſchreiben!—— Agnes(ſich die Thränen abwiſchend). Ich wills an eurer Stelle thun, die Hoffnung zur Rache belebt meinen Muth, ſie iſt der noch einzige Wunſch meines Herzens, ich will ihn nach Kräften fördern. Unter den Ermordeten fand er auch den ehrwürdigen Bundes⸗ hauptmann, ſammt Friedrichen, Ludwigen, Eſchenbach hre Stimme bricht, und mein Heinrich. Gräßliche Wunden, noch gräßlichere Verweſung entſtellte bereits ihre Körper, er konnte bei einigen nur muthmaßen, 156 bei andern gar nicht mehr entſcheiden. Um unſers ſchrecklichen Unglücks gewiß zu werden, eilten wir nach der Höhle, Fackelſchein erleuchtete ſie hell, ich irrte troſtlos unter den Todten umher, ich ſuchte meinen Gatten, und fand ihn, nur ſeine Kleidung, nicht ſein holdes Angeſicht machte mir ihn kennbar; Würmer nagten ſchon an ſeinem treuen Herzen, und doch ſank ich auf den entſtellten Leichnam, und hoffte ihn durch mein Zetergeſchrei, durch verzweifelndes Aechzen wie der zu erwecken. Wir ſanken bald alle ohnmächtig nieder, und erwachten erſt im Freien in der treuen Diener Armen, welche uns aus der Höhle getragen und gelabt hatten. Wir waren nicht fähig, zu denken, zu handeln, zu reden. Erſt am folgenden Morgen gelang es dem biedern Eremiten, uns aus dem Todes⸗ ſchlummer zu wecken, uns zu beweiſen, daß wir unſter künftigen Kinder wegen das gränzenloſe Leid mindern und ins Leben zurückkehren müßten. Wer ſo innig, ſo zärtlich wie wir geliebt hat, wer ſo treu, ſo eifrig wieder geliebt wurde, wirds empfinden, wie ſchwer, wie unmöglich uns dieſer Vorſatz ward; erſt in ſechs Tagen konnten wir das Lager verlaſſen. Der gute Alte hatte indeß die erdichteten Tröſter, unſere erhalt⸗ nen Briefe genauer unterſucht, er hatte alle Reiſigen, und Knechte über den Auszug der Ritter befragt, er war überzeugt worden, daß in der letztern Verſammlung eine ſchreckliche Verſchwörung unter den Brüdern gegen ihre Vorgeſetzte ausgebrochen ſey, und mit ſchänblichem Meuchelmorde geendigt habe. Er fand bei genauer Untel⸗ ſuchung an der Wand des Saals Blutflecke, und gewahrte eben ſo deutlich, daß der Boden deſſelben ſorgfältig von dieſen ſey gereinigt worden. Da nun an eben dieſem Schreckenstage der Hauptmann der ſchwarzen Bricit auf der Burg gegenwärtig, nicht unter den Todten zu finden war, und Friedrichs erdichtete Briefe aus⸗ —— c ————„— —— c„ e— 157 drücklich heiſchten, daß wir alle Schreiben, welche von 6 Mainz anlangten, ins mit ihnen verbrüderte Benedik⸗ tiner⸗Kloſter ſenden ſollten, ſo folgerte er ganz natür⸗ lich, daß die Meineidigen ſich wahrſcheinlich mit dem ſchwarzen Bunde vereinigt hätten, vielleicht durch dieſe zu der ſchändlichen That wären verleitet worden. Er ermahnte uns daher, die verrätheriſche Burg, welche wahrſcheinlich von Feinden umgeben ſey, zu verlaſſen, und uns vor aller Augen zu verbergen. Er verſprach überdies, uns von allem Rachricht zu geben, und ge⸗ treu zu berichten, was ſich ferner zutragen würde. Wir zogen dieſen Morgen ingeheim aus, nahmen nur dieſe wenigen Getreuen mit uns, und wollten ins Iffen⸗ thal ziehen, weil Adelheide auch mit Recht um das Leben ihres Vaters zagt, und dort vielleicht tröſtende Nachricht von ihm zu hören hofft. Friedrich erzählte ihnen ebenfalls alles, was ſich ſeit ſeiner Abreiſe mit ihm zugetragen hatte; er war nebſt allen Rittern der Meinung des Eremiten, weil die Ausſage des Verwundeten ihren Verdacht nun um ein Großes mehrte. Eben zog ſein Heer vorüber, er gebot, daß es ſich nahe an der Löwenburg lagern und dort einige Tage ruhen ſolle. Ich will, ſprach er zu den Weibern, ſtrenges Gericht halten, mit Gottes Hilfe die frevelhaften Mörder entdecken und ſtrafen. Auf ſein Beheiß mußten die Weiber ihm dahin folgen; traurig zogen die Ritter in die verödete Burg ein, keine Ritter erſchienen, keiner forſchte: ob dies der Tritt des Löwens ſey? Tief nachdenkend und mit ge⸗ falteter Stirne ſaßen ſie im ſonſt ſo angenehmen Trink⸗ ſaale, und wollten den Wein nicht trinken, welchen die trauernden Wittwen kredenzten und mit ihren häufigen hränen wäſſerten. Sie konnten nicht ruhen, nicht raſten, und ſchritten bis an den Morgen ſchlaflos im emache auf und nieder. Auch der König ſtand noch am ſpäten Abende im Erker, ſtarrte in die dunlle Ferne, und weihte den tapfern Helden und treuen Freunden Thränen in Menge. Eben wollte er ſein Auge zum Himmel emporheben und den Ermordeten Rache ſchwören, als es an der Thüre ſeines Gemachs raſchelte; er wandte ſich ſchaudernd um. Adelheid, Ludwigs Gattin, trat ein, ſie trug ihren ſchlafenden Sohn auf ihrem Arme und legte ihn zu des Königs Füßen nieder. Gram und Schmerz, ſprach ſie laut ſchluchzend, nagt ſchrecklich an meinem Herzen, ich weiß nicht, wann ich enden werde. Sey und werde du des Verlaßnen Vater, Ludwig war einer derjenigen, welche dich auf Siciliens Thron ſetzten, vergilts der Waiſe, was du dem Vater ſchuldig biſt! Der gerührie König nahm das ſchlafende Kind in ſeine Arme und hobs hoch in die Höhe. Erſt ſein Rächer, ſprach er langſam und feierlich, dann dein und ſein Tröſter, ſo lange ich athme und lebe!—— Wie er dieſe Worte ausgeſprochen hatte, wars ihm, als ob eine kalte Hand die ſeinige faßte und männlich vrückte. Er taumelte nach dem Lager und legte den ſchlafenden Knaben darauf. Adelheid(ſtandhaft). Was ſahſt du? Der König. Meine erhitzte Einbildungskraft führte. mich irre. Ich glaubte——— Adelheid. Was du nur glaubteſt, geſchah gewiß. Mein Ludwig ſtand in dieſem Augenblicke zwiſchen dir und mir, ſeine Hände faßten mich und dich, er blickte mit Wehmuth auf ſein Kind, und ſchien dir in ſeinem Namen für den verſprochenen Schutz zu danken. YNach langen Jahren ſprach der König noch oft von dieſer Erſcheinung, und Adelheid glaubte ſie feſt bis an ihren Tod. Am andern Morgen verſammelte der König dit Ritter des Löwens im Bundesſaale; er beſtig den ver⸗ 159 waisten Thron, Busmannshauſen und Hofftetten ſtan⸗ den ihm zur Seite. Traurig aber mit ernſtem und finſterm Blicke ſah er an den blutigen Wänden um⸗ her; hingeriſſen vom ſchmerzhaften Rachegefühl ſank er endlich auf ſeine Knie, alle Ritter folgten ſeinem Beiſpiele; feierliche Stille herrſchte im Saale. Der König. Rache heiſcht der beleidigte Löwe! Nache fordern die troſtlofen Wittwen und Kinder! Rache ruft der ermordeten Freunde und Brüder Blut! Rache müſſen wir leiſten und üben, wenn ſchimpfliche Schande und Schmach nicht unſern Ruhm auf immer beflecken ſoll“ Alle Ritter. Amen! Amen! Amen! Amen! Die gefangnen Ritter wurden nun vorgeführt; der König zeigte ihnen der Ermordeten Blut; ſie ſtaunten, aber ſie bekannten nicht. Die Reiſigen und Knechte traten auf und ſagten dem Ritter Wellberg ins An⸗ geſicht, daß er die Roſſe zum Auszuge geordnet, ſie abſichtlich aus dem Vorhofe entfernt habe. Wellberg läugnete beides nicht, aber er behauptete kühn, daß der Bundeshauptmann nebſt allen ſeinen Freunden mit ausgezogen wäre, und ſich erſt in der unglücklichen Schlacht von ihnen entfernt hätte. Der König winkte, und die Gefangnen wurden nach der Höhle geführt, in welcher die Ermordeten noch moverten. Fackein leuchteten hell umher; die Gefangnen blickten ſchandernd auf die Todten; die Ritter ſtanden mit gezognem Schwerte an ihrer Seite. Der König(nach einer langen Panſe, mit der Hand auf die Leichname zeigend). Wer waren dieſe2 Ritter Wellberg(mit gerührter Stimme) Einſt unſre Freunde und Brüder! Der König. Wer mordete ſie? Ritter Wellberg ctangſam). Wir! Alle Gefangne emit bebenden Lippen Wir! Wir! Wir! 160 Ritter Wellberg. Führt mich von hinnen! Ich will alles bekennen. Meineid wird zwar mein Herz drücken, aber Brüdermord guält es noch ſchrecklicher. Als ſie im Saale anlangten, erfüllte Wellberg ſein Verſprechen. Er erzählte die ganze Geſchichte, welcht ſich mit dem Hauptmanne des ſchwarzen Bundes und dem Ritter Eſchenbach zugetragen hatte, wie ſie auf den Aufruf des Hauptmannes, dem kein Ritter des Bundes widerſtehen dürfe, ihn vor aller Rache ge⸗ ſchützt, und als die tapfern Ritter des Löwens die Be⸗ dingungen nicht eingehen wollten, ſie dieſelbe auf ſein Ge⸗ heiß im ungleichen Kampfe ermordet hätten. Wir alle, ſprach er, waren ſchon lange Ritter des ſchwarzen Bundes, ehe wir auf das Gebot unſrer Obern zu⸗ gleich Ritter des Löwens wurden. Wir verſprachen treu zu bleiben unſerm erſten Bunde, alle eure Unter⸗ nehmungen und Rathſchläge den Obern deſſelben zu berichten, und einſt nach Kräften mitzuwirken, wenn dieſe Vernichtung über euch ausſprechen würden. Schon längſt wurde euer Bund von uns heimlich beneidet, als aber eure Gerechtigkeitsliebe ſich derjenigen an⸗ nahm, welche unſere Rache verfolgte, als ihr den Abt des Marienkloſters richtetet und ſein Kloſter befehdetet, da ward Verderben über euch beſchloſſen, doch mußten wir euch erſt trennen und ſchwächen, ehe wir wirken konnten. Der Heerzug nach dem heiligen Lande war die erſte Folge des Entſchluſſes; wir nützten elre Tapferkeit zu unſerm Vortheile; eure beſten Glieder ſanken unter dem Schwerte der Sarazenen, und hätte nicht Friede die Fehde gehemmt, ſo würde ein zweiter Heerzug, den euer Hauptmann zu leiſten verſprach, die noch ächten Ritter des Löwens bald ganz getilgt und der Bund ſich ſchneller gelöst haben. Da aber dieſer unterblieb, ſo wars unſrer Obern einzige Sorge,% immet mehrere Ritter ihres Bundes unter die euern — 161 zu mengen, damit ſie ſtets darin herrſchen und euch nach Willkühr lenken und vernichten könnten. Mehr als ſechshundert ſchwarze Brüder traten auf dieſe Art in euern Bund, ſuchten durch Eifer und Gehorſam euer Vertrauen zu gewinnen, und würden euch noch länger gedient haben, wenn des alten Eſchenbachs Geſtändniß nicht alle Verſtellung vernichtet hätte. Mit größtem Unwillen vernahmen unſte Obern, daß der künftige Kaiſer der Deutſchen ein Mitglied desjenigen Bundes, den ſie zerſtören wollten, geworden ſey; ſie konnten von ihm nun nichts als gerechte und löbliche Thaten erwarten; als wir daher eure Mitbrüder in der Burg ermordet hatten, ſo beſchloß unſer Haupt⸗ mann, euern Gegner Otto zu unterſtützen. Schon waren wir auf dem Wege nach Heſſen, um unter der Fahne des Landgrafen gegen euch zu kämpfen, und unſere Brüder, die euch dienten, an uns zu locken; als wir hörten, daß der Friede geſchloſſen ſey und ihr auf dem Wege nach Ueberlingen wär't, um den Kaiſer Otto zu bekriegen. Wir zogen voraus und verſtärkten Ottos Heer. Die neue Liſt, welche unſer Hauptmann hier an euch übte, iſt euch bekannt; aber ſie gelang nur halb, und kann vielleicht die Quelle des Verderbens für unſern Bund werden. Der allzu Kluge hoffte durch Botſchaft und erdichtetes Sendſchreiben alle Brüder des Löwens nach Ottos Lager zu locken; der Tod aller ächten war unter uns ſchon beſchloſſen; aber der Aechten gehorchten nur gegen fünfzig, und und ſie wurden, wie der Verwundete euch wahrhaft erzählte, auf ſein Geheiß ermordet. In jedem Falle, der Sieg neige ſich nun wohin er wolle, hoffte überdies der Hauptmann aus ſeiner Liſt Vor⸗ theil zu ziehen; da wir als Löwenritter gegen den König kämpften, ſo war die Vermuthung gans natür⸗ Löwenrirter 4. 11 lich, daß er Rache an dem ungetreuen Bunde üben, ihm entſagen, und ſelbſt alles zu ſeiner Vernichtung beitragen würde. Dann(zum Könige) wollte der Haupt⸗ mann vor euch erſcheinen, euch die Macht ſeines Bun⸗ des anbieten und in ſeine Abſichten zu verweben ſuchen. Leider mißlang aber alles; wir wurden eure Gefangne, und müſſen nun bekennen, was wir übten. Groß iſt unſer Verbrechen, aber denkt, daß wir unter dem ſtrengen Gebote der Obern ſtehen, welche zu verant⸗ worten verſprachen, was wir ausführen mußten. Von jeher gewohnt, blind zu gehorchen—— Der König. Schweig, ich will deine Verthei⸗ digung nicht hören. Wo ſind deine Obern? Wo iſt dein Hauptmann? Ritter Wellberg. Heute Nacht rathſchlagen ſie in der Höhle des Bundes über unſere Rettung. Dieſe Nachricht flüſterte mir ein verſtellter Reiſige ins Ohr, als ich hierher geführt wurde; aber ſie kommt in je⸗ dem Fälle zu ſpät, und ich will lieber durch offnes Bekenntniß viele meiner unſchuldigen Mitbrüder retten, die nur allein blinde Werkzeuge des Gehorſams waren. Der König. Wo liegt die Höhle des Bundes? Ritter Wellberg. Ihr fragt auf einmal viel. (auf ſeine Mitgefangnen deutend) Keiner von dieſen darfs wiſſen. Ich breche den Eid hundertfältig, wenn ichs in ihrer Gegenwart bekenne. Der König du den Reiſigen). Führt alle von daß⸗ nen. qu einigen Rittern) Folgt ihnen, bewacht ſie wohl, und verhinderts ſtreng, daß kein Sterblicher mit ihnen ſpreche!(die Gefangnen werden abgeführt Der König qzu Wellberg. Wo liegt die Höhle? Ritter Wellberg. Mitten im Forſte, welcher ſich links am Benediktinerkloſter hinabzieht. Ohne Führer findet ihr ſie nicht. —— **—— 163 Der König. Willſt du dieſer werden? Ritter Wellberg. Ich wills, wenn ihr euch der Unſchuldigen erbarmt, welche, durch up6 irre ge⸗ leitet, ein heiliges Werk zu üben. Varbt wenn ſie vollen Gehorſam Der König. Wo ſind dieſe? Ritter Wellberg. Mehr als dreißig tragen eure Feſſeln, ſie find Ritter des erſten Grades, kennen nicht des Bundes Abſicht und Ziek, und tauchten nicht ihr Schwert ins Blut eurer Brüder⸗ Der König. Dies will ich prüfen, und find' ichs bewährt, ſo ſollen ſie leben. Wie viele der Ritter treffen wir in der Höhle 2 Ritter Wellberg. Neun Anserſhlt und den Bundeshauptmann. Der König Haben ſie Wächter? Ritter Wellberg. Neunmal neun Pilter des dritten Grades ſtehen an der Pforte der Höhle, um des Bihves Gebote zu empfangen und unter den Glie⸗ dern 3l verbreiten. Der König(zu Busmannshauſen). Ziehe aus im Namen des Herrn, zerſtreue die Wächter der böſen Rotte, und führe den Hauptmann nebſt den neun Aus⸗ erwählten vor unſer Gericht; laß keinen entkommen, ſonſt würde das Racheopfer unvollkommen enden. Nimm die Ritter unſers Bundes, wähle unter den Mainzern und Heſſen noch dreihundert tapfere Ritter, damit eure Anzahl die Rotte der Böſen viermal überwiege, denn ihr ſollt nicht kämpfen, nur Gefangne machen. 6u Wellberg) Du wirſt ſie leiten, das Leben deiner un⸗ Mitbrüder bürgt dafür, daß du ſie nicht irre Ritter Wellberg. Sorgt nicht, meine Reue iſt ächt, ich will mit das einzige Verdienſt nicht rauben. 16⁴ Ich ward aus Gewiſſenspflicht Verräther meines Bun⸗ des, ich will ſie muthig vollenden. Wie die Ritter ausgezogen waren, befahl der Kö⸗ nig, daß man die ermordeten Helden nach der Kapelle tragen und in der Gruft derſelben beerdigen ſollen; doch gebot er ausdrücklich, daß man alle diejenigen, welche Harniſche trugen, in der Mordhöhle ſollte ungeſtört liegen laſſen, weil er dieſe für Mörder achtete, da nach Wellbergs Ausſage die ächten Ritter des Löwens nicht geharniſcht waren. Die Prieſter ſeines Heeres mußten den Leichen der Redlichen folgen und ihre Ruheſtätte einweihen. Ehe der Abend nahte, war alles geendigt; der König nahm die Weiber in Arm und ging mit ihnen zum Grabe der Helden, um in ihrer Geſellſchaft ihren Tod zu betrauern und ihren Seelen ein andächtiges Gebet zu weihenz es war an⸗ haltend und inbrünſtig. Als es ſchon ringsumher däm⸗ merte, kehrte er erſt zurück, und mühte ſich aufs neue, vas Herz der Verlaßnen mit Troſt zu ſtärken. Uum Mitternacht verkündigte der Wächter die An⸗ kunft der zurückkehrenden Ritter; ſie hatten ohne Kampf und Fehde ihren Endzweck erreicht; als ſie ſich eben der Höhle nähern wollten, zog erſt der Hauptmann nebſt den neun Auserwählten den Pfad herauf. Sie erkannten den erſtern ſogleich, umringten alle, und führten ſie gefangen in ihrer Mitte. Da Wellberg den Rittern erzählt hatte, daß das nahe Kloſter die Ver⸗ ſammlungsſäle der ſchwarzen Brüder enthalte, dor ihr Archiv und ihre Schätze ruhten, und jeder Neit ling allda in den Bund eingeweiht werde; ſo h3 auf dem Rückwege Ingrimm und Rache ihre Herzen er⸗ füllt: ſie konntens nicht dulden, daß die ſtolzen Thürme ihnen känger noch Trotz und Hohn böten; ſie ſchleu⸗ derten in die nahen Gebäude ihre brennenden Fackeln; 165 der Sturmwind wehte aus Weſten. Als ſie in die Löwenburg einzogen, loderte das große Gebäude ſchon in hohen Flammen und röthete die Wolken. Jammer⸗ getöne und Angſigeſchrei erſchallte bis nach der Burg, miſchte ſich fürchterlich unter den Rachejubel der itter. Der König eilte den Kommenden bis in den Vor⸗ hof entgegen; er ging mit grimmigem Blicke die Ge⸗ fangnen vorüber, und blieb bei Wellberg ſtehen. Ich will mein gegebenes Wort erfüllen, ſprach er, geh' und ſondere die Unſchuldigen von den Mördern, und führe die jetztern zur Rache herbei. Wellberg ward abgeführt, und kehrte bald in der Mitte von ſiebenzig Gefangnen zurück, welche er laut des Mordes der Edlen anklagte. Tritt aus ihrem Kreiſe, ſprach der König, dein offnes Bekenniniß, deine Reue würden die Rache ſchwächen, die ich an den Uebrigen üben muß. Ich will dich nicht hindern, das Werk deiner Buße zu vollenden, du ſollſt ſie im ewigen Kerker üben können. Vorher aber mußt du Zeuge ſeyn, wie ich richte, wie ich räche, damit du lebhaft fühlſt, was auch du verdient hätteſt. Der Hatptmann des ſchwar⸗ zen Bundes wollte nun ſprechen, aber der König hörte ſeine flehende Stimme nicht; er gebot den Main⸗ zern und Heſſen, daß ſie ſeiner im Vorhofe harren, und winkte den Rittern des Löwens, daß ſie die Ge⸗ ſangnen in ihre Mitte nehmen und ihm folgen ſollten⸗ Er führte ſie nach dem Bundesſaale. Hier begann, prach er langſam und feierlich, euer ſchändliches Bu⸗ benſtück, hier ſoll auch unſere Rache beginnen! Auf ſeinen Wink erſchienen einige Knechte, welche Schilder und Schwerter der Gefangnen trugen; ſie zerbrachen die letztern und zertrümmerten die erſtern. Geſchän⸗ dete; geächtete Meuchelmörder, ſprach der König auſs 166 neue, ſolgt mir nun weiter! Der Zug begann nach der Höhle. Wie ſie dort anlangten, trat der König in die Mitte. Der König. Hier endete euer Bubenſtück, hier ſoll auch unſere Rache enden! Unbarmherzig ſtürztet ihr die Todten und Verwundeten in dieſe Höhle, ſchreck⸗ lich mußten die letztern enden, ohne Hilfe, ohne La⸗ bung verzweifelnd ſterben. Euer Tod ſey dem ihrigen gleich, benützt die Zeit eurer wenigen Tagen zur Reue; ehe der Mond ſich wieder füllt(auf einige Leichen zeigend) werdet ihr dieſen ähnlich ſeyn. Gott erbarme ſich euer, wir dürfens nicht! Wie das ſchreckliche Urtheil geſprochen war, entfernte ſich der König; die Ritter folgten; dunkle Finſterniß herrſchte in der Höhle, nur die Klagen der Verführten und die verzweiflungsvollen Flüche der Verführer tön⸗ ten fürchterlich aus der Tiefe; aber bald hörte man auch dieſe nicht mehr, denn auf des Königs Geheiß begannen die Knechte bei Fackelnſchein die Oeffnung der Höhle zu vermauern, ſie hatten ihre Herrn auf⸗ richtig geliebt, und arbeiteten mit Rachbegierde und Freude. Ehe noch die Sonne emporſtieg, meldeten die Ritter, welche er als Wächter zur Arbeit geordnet hatte, daß ſowohl die Oeffnung der Höhle, als auch die Thüre, welche nach dem kleinen Gemache führte, in welchem man nach der Höhle hinabſinken konnte, feſt vermauert ſey. Um die Burg vor jedem Ueberfalle zu ſichern und alle Rettung unmöglich zu machen, entbot der König tauſend Reiſige nach der Veſte; dieſe mußten im Vorhofe lagern und an der vermauerten Höhle Wache halten. So nothwendig dieſe Fürſorge gegen einen ſo mächtigen Bund ſchien, ſo war ſie doch im Grunde ganz unnöthig. Angſt und Schrecken, die treuen Gefährten eines böſen Gewiſſens, verbreitete 167 ſich ſchnell unter den Tauſenden, welche mit dieſem Bunde verbrüdert waren. Donnerähnlich erſcholl die Nachricht von Ohre zu Ohre, daß der Hauptmann nebſt den neun Auserwählten von dem Könige Frie⸗ drich ſey gefangen wordenz zur Vergrößerung des Schreckens ſetzte die allgemeine Sage noch hinzu, daß das Buch des Bundes in ſeinen Händen ſey, und er mit ſeinem mächtigen Heere nun ausziehen werde, um ſchreckliche Rache an jedem einzelnen Gliede deſſelben zu üben. Die Furcht vor der nahen Strafe ängſtigte daher alle gleich ſtark; die vornehmſten und meiſten Ritter eniflohen nach Italien, und als ſie ſich auch dort nicht ſicher dünkten, ſchifften ſie ins heilige Land⸗ wo ſie ſich unter die Enſiferi und andere Orden miſch⸗ ten, ihrem Bund aber ganz entſagten. Die mit ihnen verbündeten Klöſter riſſen den Stein, welchen das Eichenblatt zierte, aus der Mauer ihrer Pforte, ſtellten ein heiliges Bild darein, und hofften ſich dadurch vor Rache zu ſchützen. Nirgends ſah man bald mehr ein Zeichen dieſes gefährlichen Bundes, jeder mühte ſich, es zu vertilgen; alle nachfolgende Geſchichtſchreiber gedenken ſeiner nicht mehr. Am andern Tage ſandte der König den Ritter Well⸗ berg nebſt den noch übrigen gefangnen Brüdern des ſchwarzen Bundes nach einer unbekannten Veſte, wo ſie bis an ihren Tod im engen Kerker ſchmachteten, und zur Strafe ihrer Verbrechen nie das Licht des Tages mehr ſahen. Da die Mainzer die Gefangnen geleiteten, ſo verſammelte der König alle ächte Ritter des Löwens im Bundesſaale; er beſtieg zwar den Thron des Löwens, aber er verließ ihn ſchnell, als die Ritter ihn zu ihrem Hauptmann wählen wollten. So ſehr, ſprach er, mich der Beweis eurer Liebe und Treue ehrt, ſo kann ich ihn doch nicht annehmen, und muß 168 euch aufrichtig geſtehen, daß ich es für nöthig erachte, den ohnehin zerrißnen Bund ganz zu löſen. Um dies mit euch zu überlegen, berief ich euch hieher. Sprecht ſelbſt: wie kann er ferner beſtehen oder ruhmvoll fort⸗ dauern? Noch gibts viele hundert Ritter des ſchwar⸗ zen Bundes, welche ſeine Ehrenzeichen tragen, ſeine Geheimniſſe kennen, ſie werden fortfahren, die erſtern durch ſchwarze Thaten zu ſchänden. Wollt ihr in den Augen der Welt als ihre Mitſchuldige umherwandeln, durch eure Ehrenzeichen beweiſen, daß ihr der Verbre⸗ cher Brüder ſeyd? Alle Ritter. Nein, das wollen wir nicht! Du haſt recht, wir müſſen dem geſchändeten Bunde entſagen! Der König. Ich vollziehe euern Willen, ihr habt mich zu euerm Oberhaupte gewählt, ich bediene mich dieſer Würde, um euch des Eides und aller Pflichten zu entlaſſen, welche ihr dieſem und dem Bunde gelobt habt. Euer iſt jetzt die Pflicht, dieſen Entſchluß allen ächten und ruhenden Gliedern deſſelben in der Nähe und Ferne kund zu thun, damit ſie die falſche Stimme 8 des Löwens nicht mehr hören, ihren edlen Ruf nicht durch ungerechte Thaten beflecken. Um euch aber, treue und dienende Glieder des nun gelösten Bundes, von den falſchen Verräthern auf immer zu unterſcheiden, meines ewigen Dankes, meiner ächten Liebe zu ver⸗ ſichern, ſo fordere ich von dir, Ritter Hofſtetten, ein genaues Verzeichniß aller dieſer Treuen nach ihren verſchiednen Graden, ich will dann Sorge tragen, daß, ehe wir ſcheiden, ein jeder von euch ein Zeichen er⸗ halte, an welchem ich euch und eure Nachkommen er⸗ kennen kann. Die Ritter dankten mit gerührtem Herzen, gelobten ihm Fauſt und Dienſt, bis er auf der Deutſchen Throne ſitzen werde, und legten nun ab das Schwert und den — 169 Helm des Löwens, welchen ſie bisher immer noch ge⸗ tragen hatten. Auch erzählt ihr Geſchichtſchreiber aus⸗ drücklich, daß ſie von dieſer Zeit an das Bild des Löwens, welches alle Ritter im Siegelringe und Wap⸗ pen führten, aus dieſem vertilgt und ſich neue Wap⸗ pen gewählt hätten. Ein deutlicher Beweis, daß unter den getreuen und ächten Rittern des Löwens ſich da⸗ mals auch ein Ritter des nralten, durch ruhmvolle Thaten ſo berühmten, böhmiſchen Geſchlechts der jetzigen Grafen Czernin von Chudeniz befand. Das Te⸗ ſtament ihres Fidei⸗Kommis⸗Stifters, des Hermann Czernin Graf von Chudeniz, welches er am 5. Juni 1650 errichtete, bewährt dies klar und deut⸗ lich. Er gedenkt darin des Stifters des alten Gottes⸗ hauſes zu Chudeniz, und erzählt, daß er, mit einem neuen Wappen in der Hand, welches er aus unbe⸗ kannter urſache gegen ſein ehemaliges Wappen des Löwens verwechſelt habe, in dieſem Gotteshauſe abgemalt ſtehe*). Als die Ritter aus dem Saale zurückkehrten, ſprach der König mit den trauernden Wittwen über ihr künf⸗ tiges Schickſal. Da Adelheid nicht länger in der Burg, welche nun ihres Sohnes Eigenthum war, weilen wollte, und mit den übrigen Weibern ins Iffenthal zu ziehen entſchloſſen war, ſo ordnete der König zur Verwaltung der Burg und Güter einen ritterlichen „ Die Worte ves Teſtaments lanten alſo: Was aber un⸗ ſere Kirche zu Chudeniz belangen thuet, welches Gut in unſerm Geſchlechte ohne Veranderung ſechshundert Jahre kontinuirlich iſt, indem hier abgemalner und beſchriebener: Wie der erſte Fundator dieſes Hauſes Gottes mit einem neuen in der Hand haltenden Wappen, deſſen wir uns anjetzo gebrauchen, in Verlaſſun dazumalen, Gott weiß aus was für Urſache, das appen des Lö⸗ wens ꝛe. 170 Schutz⸗ und Schirmvogt: er gab ihm Reiſige, damit er alles zum Beſten des Knaben, den er ſeinen Sohn nannte, vertheidigen konnte, und belehnte dieſen noch überdies mit den Gütern des abgebrannten Kloſters, welche er und ſeine Nachkoͤmmen auch in der Folge ruhig beſeſſen haben. Als er erſt jetzt Adelgunden in der Weiber Mitte vermißte, und durch ſie ihre Abreiſe und Entſchluß vernahm, ſo ſandte er ſogleich einige ſeiner Ritter nach Sicilien, denen er ernſtgemeſſenen Auftrag ertheilte, die arme Verlaſſene in allen Klöſtern aufzuſuchen, ſie eines andern zu überreden, von allem zu unterrichten, und in die Güter ihres Vaters als rechtmäßige Erbin einzuführen. Die Ritter befolgten ihren Auftrag; die Trauernde gab der Vorſtellung des großmüthigen Kö⸗ nigs Gehör, und ehelichte in der Folge einen ſiciliani⸗ ſchen Grafen. Doch muß ihre Ehe nicht glücklich ge⸗ weſen und ihr Gatte wirklich Korradins Rächer gewor⸗ den ſeyn, denn der Geſchichtſchreiber der Löwenritter ſagt ausdrücklich, daß ſie, als ſie in Italien an des Kaiſers Hofe erſchien, abgeſondert von ihrem Ehegat⸗ ten lebte, und gleich einer Wittwe Trauerkleider trug. Ihr alter, noch immer unruhiger Vater hatte ſie zu dieſer Reiſe bewogen. Er war aus dem Kloſter en⸗ flohen, hatte ſich in Apulien einen ſtarken Anhang ge⸗ worben, und war erſt nach konger Fehde von den kö⸗ niglichen Kriegern gefangen genommen worden. Der König hatte eben des Rebellen Todesurtheil beſtätigt, als Adelgunde an ſeinem Hofe erſchien ünd im Namen der Verſchwiegnen um des Vaters Leben flehte. Der König ehrte ihre Bitte, und der alte Graf ward nun auf einer Veſte bis an ſeinen Tod gefänglich be⸗ wahrt. Adelgunde ſtarb ohne Kinder, ſie vererbte ihre Güter aufs neue der Krone, von welchem ſie ſolche erhalten hatte. —— 171 Am neunten Tage zogen Klara, Agnes, Kunigunde und Adelheid ins geliebte Iffenthal. Traurig war ihr Einzug; ſie wurden nur mit theilnehmenden Thränen bewilſkommt, weil die treuen Unterthanen ſchon ver⸗ nommen hatten, daß ihr alter Herr nebſt ſeinen Söh⸗ nen nie mehr zurückkehren werde. Da unter denjeni⸗ gen, an welchen der König ſo ſchreckliche Rache geübt hatte, auch des alten Grafen Mörder waren, und dieſe aufrichtig den Abgrund entdeckt hatten, in welchen ſie ihn ſtürzten, ſo ſandte Agnes den Burgvogt dahin ab; er ſammelte mit großer Gefahr und Mühe den zer⸗ trümmerten Körper ſeines Herrn, und begrub ihn, nach der Frauen Gebot, in die Kapelle, welche er einſt dem Andenken ſeiner tapfern Söhne geweiht hatte. In der Folge ließ Agnes die Wand noch mit einigen Gemäl⸗ den zieren, welche Korradins großmüthige Verzeihung, ihre glückliche Ankunft in Deutſchland, und endlich die ſchreckliche Ermordung der Helden vorſtellten. Klara gebar kurz nachher eine Tochter; aber das Leiden ihres Herzens hatte ihren Körper zu mächtig geſchwächt, ſie ſtarb drei Tage nach der Geburt, und hinterließ die kaum Geborne als eine vater⸗ und mut⸗ terloſe Waiſe. Kunigunde, an deren Körper ſchon lange unheilbare Abzehrung nagte, folgte ihr in eini⸗ gen Monden. Nur Agnes und Adelheid überſtanden den Kampf des heftigen Schmerzens, aber ſie blieben bis an ihren ſpäten Tod trauernde Wittwen, und weih⸗ ten ſich ganz der Erziehung ihrer Kinder: denn auch Agnes hatte einen Sohn geboren, welcher einſt das Lanze Habe und Vermögen der Grafen von Frohburg erbte und dieſen mächtigen Stamm fortpflanzte. Beide beſuchten nachher oft Klotilden, welche den Schleier in einem nahen Kloſter wirklich wählte, in der Folge die Aebtiſſin deſſelben wurde, und im Rufe der Heiligkeit ein ſpätes Alter erreichte. 172 Ehe der König mit den Rittern die Burg verließ, gebot er dem Vogte, daß er an der vermauerten Oeff⸗ nung der Höhle einen Stein errichten und folgende Worte darauf graben ſollte: Hier hungern die Mörder des Löwens, ſein Rächer war Kö⸗ nig Friedrich nebſt hundert zwei und vier⸗ zig getreuen Rittern des ehemals mächti⸗ gen und ehrſamen Löwenbundes. Dieſer Stein ſtand noch im fünfzehnten Jahrhundert unver⸗ rückt an ſeiner Stelle, und war die Urſache, daß ein gelehrter Burgkaplan, Nicolaus a Hagenrütti, die Ge⸗ ſchichte dieſes berühmten Bundes ſammelte und im Archive ſeines Geſchlechtes niederlegte. Noch immer iſt der Berg, auf welchem einſt dieſe ſtolze Burg thronte, mit hohen Eichen und Buchen bepflanzt; aber keine Straße, kein Pfad ſchlängelt ſich mehr aufwärts, das Daſeyn der großen Veſte bezeugen nur noch einige Ruinen, auf welchen man hie und da das eingehauene Bild des Löwens erblickt. Schauervoll wandelt ſichs darin umher, weil die dort häufig niſtenden Uhn mit kläglichem Geſchrei ihre Jungen vertheidigen, und aus ihren Höhlen mit feurigem Auge fürchterlich auf den einſamen Wanderer herabblicken. Der König führte ſein Heer endlich durch Franken nach Eger, wo der König von Böhmen ſich mit ihm vereinigte, und in ſeiner Geſellſchaft den fliehenden Otto bis gen Braunſchweig verfolgte. Ungeachtet aller dieſer Siege ward aber Friedrich doch erſt nach Ottos Tode allgemein als König der Deutſchen anerkannt, und als dieſer gekrönt. Ehe dies geſchah, zog er nach Itälien, und verehlichte ſich mit Konſtantien, des Kö⸗ nigs von Arragonien Tochter. Am Tage ſeiner Ver⸗ mählung, welche ſehr prachtvoll gefeiert wurde, berief er die getreuen Ritter des Löwens, welche ihm auch nach Italien gefolgt waren, zu ſich. Ich habe, ſprach er, euch ſchon in Deutſchland ein Zeichen verſprochen, das den Beweis eurer Treue und Tapferkeit auch auf eure Nachkommen fortpflanzen ſoll, ich will nun mein Wort erfüllen, tragt es zum ewigen Andenken, und ſollte das Schickſal uns einſt trennen, ſolltet ihr oder eure Kinder meiner Hilfe bedürfen, ſo will ich euch und ſie daran erkennen, und beiden keine Bitte verſagen. Da nur Ritter des dritten und vierten Grades treu geblieben waren, ſo hatte der König auch nur zwei verſchiedene Kennzeichen verfertigen laſſen. Die erſtern erhielten einen goldnen Ring, den zwei in einander geſchlungene Schlangen bildeten; die letztern bekamen einen ſchönen orientaliſchen Smaragd,*) der ebenfalls in zwei goldene Schlangen gefaßt war. Die Schlange, fügte der König hinzu, iſt ein Bild der Ewigkeit, ſo lange ſoll auch unſre Freundſchaft dauern. Der Geſchichtſchreiber fügt hinzu, daß der König redlich Wort gehalten, keinen, der dieſes Zeichen ihm darreichte, unerhört von ſich entließ, und als er den deutſchen Thron beſtieg, die Beſitzer deſſelben mit den anſehnlichſten und größten Lehngütern belohnte. * Auch dieſer iſt ein neuer Beweis, daß einer auszdem Geſchlechte der Czernine ein treuer Ritter des vierten Grades dieſes ruhmwürdigen Bundes war, denn ich finde in dem bereits erwähnten Teſtamente, daß der reiche Feideikommisſtifter dieſes Geſchlechts einen orientali⸗ ſchen, in Gold zwiſchen zwei Schlangen ge⸗ faßten Smaragd dem üidei commisso fam iliae per petuo einverleibt. Würde er dies wohl gethan haben, wenn dieſer Smaragd nicht ein ſchätzbares Andenken ſei⸗ ner alten Ahnen geweſen, und durch mündliche Tradition im beſondern, heiligen Andenken bei dieſen geſtanden wäre? 17⁴ Viele Ritter kehrten nach dieſer Zeit in ihre Hei⸗ math zurück, andere aber dienten dem Könige noch länger. Busmannshauſen und Hoſſtetten kämpften noch an ſeiner Seite, als er in Egypten den feſten Hafen Damiata belagerte und einnahm, wayrſcheinlich ende⸗ ten ſie in dieſer Belagerung ihr Leben, denn ſie ſtürz⸗ ten, wie die Geſchichte erzählt, von einem großen höl⸗ zernen Thurme, welchen man auf den Schiffen erbaut hatte, ins Waſſer.