iothe dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Täges iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen,/ bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt: für ncheice 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzre, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſat des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen,Lauchzdafür zu ſtehen haben. — — Löwenritter. —— 1 Eine Geſchichte 4 des dreizehnten Jahrhunderts von 4 Chriſt. Heinr. Spieß. Vollſtändig nach der erſten Original⸗ 6 in vier Theilen. Mit vier Kupfern. Dritter Theil. —— Stuttgart 1844. ruck und Verlag von Fr. Hen Die Töwenritter. Drit n Se Ritter ſahen mit größtem Vergnügen, daß wirk⸗ lich noch am nämlichen Tage Anſtalt zur Ausrüſtung gemacht wurde, und ſie nun bald Glück und Freude zu fühlen fähig ſeyn würden. Sie waren ihrer Seits auch nicht müßig, bewaffneten ſich aufs neue, und gingen, mit dem Schwerte an der Seite, nun fröh⸗ licher und ſtolzer nach ihrer Herberge. Sie fanden dort den Prieſter, welcher Adelgunden nachgezogen war; er flehte um Verzeihung ſeines frommen Beirugs und ſie vergaben der Abſicht wegen gern und willig. Er erzählte ihnen dann, daß zu Jeruſalem Adelgun⸗ dens Flucht doch müſſe entdeckt worden ſeyhn. Noch am nämlichen Abende, an welchem die Rilter das Haus bei Nazareth verlaſſen hatten, waren Reiter dort erſchienen, welche genau nach ihnen und vorzüglich nach ihrem Sklaven forſchten. Zum Glücke wars dem Prieſter gelungen, die Forſchenden zu überreden, daß ſie ihren Weg gen Tyrus genommen hätten, um auf dieſe Art die armen Reiſenden von der Gefahr einer ſchmählichen Gefangenſchaft zu befreien. Friedrich ſchau⸗ derte ob dieſer Nachricht, und dankte Golt aufs iene daß er ſie ſo wunderbar beſchützt habe. Wie ſü noch davon ſprachen und ſich ihres Glückes freuten, erſchien Welgunde in weiblicher Kleidung, welche ihr der Wie⸗ ſter mitgebracht hatte. Sie war reizender äis e 6 denn die Freude der glücklichen Rettung thronte auf ihrer Stirne. Friedrich führte ſie nun im Kreiſe der Ritter als ſeine angenommene Tochter auf, und fragte Eſchenbachen insgeheim: ob ſolche eine Schönheit ſei⸗ nen Entſchluß nicht wankend machen könne? Eſchenbach. Die Verſuchung iſt groß, und wenn ich unterliege, ſo magſt du es verantworten. Er ſprach in der Folge viel mit Adelgunden, und ſie ſchien Behagen an ſeinem Umgange zu finden. Schon war der Tag zur Abreiſe der Flotte beſtimmt, als Boten des Sultans beim König Aimerich anlang⸗ ten und ihm geheime, aber annehmbare Friedensvor⸗ ſchläge brachten, die ſeinen längern Aufenthalt nöthig machten. Den Rittern war dieſer unverhoffte Verzug zwar nichts weniger als willkommen; aber die Hoff⸗ nung, daß mit dem Frieden ihnen ruhigere Tage wer⸗ den würden, tröſtete ihr ſehnſuchtsvolles Herz mäch⸗ tig. Sie ſahen ruhig zu, wie die Unterhandlungen von beiden Seiten mit größtem Eifer betrieben wur⸗ den, und freuten ſich innig, als durch die Hofleute des Königs allgemein bekannt gemacht wurde, daß der König einen rühmlichen Waffenſtillſtand mit dem Sul⸗ tane auf ſechs Jahr geſchloſſen habe. Die Bedingun⸗ gen waren bei damaligen Umſtänden für die Chriſten äußerſt vortheilhaft. Sie erhielten zwölf Städte, die der Sultan ſchon erobert hatte, wieder zurück. Ihnen ward freier Handel auf dem Meere und Lande zuge⸗ ſichert, und überdies erlaubt, daß ſie zu Jeruſalem am Grabe des Heilands Prieſter ſtiften und ungehindert dahin willfahrten konnten. Alle Gefangne wurden los⸗ gegeben und ihre Rückreiſe auf Koſten des Sultäns befördert. Der Jubel der Chriſten war groß, als dieſe frohe Nachricht ſich unter ihnen verbreitete. Sie feier⸗ ten Feſte mancher Art, und gaben herrliche Sieges⸗ nahle Zu einem derſelben, welches einige vornehme ₰ 7 Hofleute des Königs in den Gärten zu Sidon veran⸗ ſtaltet hatten, ward auch Friedrich, Heinrich und Adel⸗ gunde nebſt den übrigen Rittern geladen. Die Nacht war ſchön, das Feſt ſelbſt aber noch weit ſchöner. Es wurde mitten in einem dichten Palmwalde gefeiert; jeder der vielen Bäume trug mehr als hundert bren⸗ nende Lampen, welche die Gegend rings umher be⸗ leuchteten und das Licht der Sonne nachahmten. Al⸗ les war luſtig und fröhlich, alle tranken aufs Wohl des Friedens mehr, als ſie trinken ſollten, nur Hein⸗ rich und Friedrich ſaßen ſtill und in ſich verſchloſſen da, und gedachten in ihrem Herzen des Feſtes, wel⸗ ches ſie wonniglich feiern würden, wenn ſie ihre Wei⸗ ber geſund und glücklich wieder finden würden. Einer der vornehmſten Hofleute des Königs ſah, daß ſie nicht gleich den übrigen tranken; er bemühte ſich, ſie zur Nachahmung zu ermuntern; als aber ſein Zure⸗ den nichts fruchtete, ſo bat er ſie, mit ihm im Walde umher zu wandeln und ſich im Anſchalten des bun⸗ ten Gewühls zu zerſtreuen. Adelgunde, welcher ohne⸗ hin das Trinkgelag mehr als läſtig wurde, nahm wil⸗ lig auf ſeine Einladung an dieſem Spaziergange Theil. Eine geraume Zeit irrten ſie unter den Bäumen Um⸗ her; nachher gingen ſie weiter, um in der Ferne zu ſehen, wie der herrlich beleuchtete Wald ſich ausneh⸗ men würde. Eben ergötzten ſie ſich an dem wirklich ſchönen Anblicke, als hinter ihnen Geräuſch entſtand. Ehe ſie ſich umſehen und nach der Urſache deſſelben forſchen konnten, fühlten ſie ſich ſchon zu Boden ge⸗ worfen, und wurden ohne Barmherzigkeit mit Stri⸗ cken gebunden. Mehr als fünfzig bewaffnete Reiter ſtanden vor ihnen; der Hofmann war entflohen; ſie lagen allein gefeſſelt am Boden. Vergebens forſchten ſie nach der Urſache dieſes ſeltnen und unritterlichen Anfalls; keiner antwortete; ſie wurden ſtillſchweigend auf Roſſe gehoben und im ſchnellſten Fluge derſelben landeinwärts geführt. Wie der Tag graute und die nahende Sonne den Himmel röthete, erblickten ſie im Thale, welches vor ihnen lag, einen andern und grö⸗ ßern Haufen Reiſiger. Diejenigen, welche ſie führten, jagten auf dieſe zu, übergaben dem Anführer derſel⸗ ben die armen Gefangnen, und zogen fort, ohne ein Wort des Troſtes mit ihnen geſprochen zu haben. Banges Schrecken und Ahnung der gräßlichſten Mar⸗ ter erfüllte ihre Herzen, als ſie deutlich ſahen, daß ihre neuen Führer Sarazenen waren; Kleider, Waf⸗ fen und Sprache überzeugte ſie ganz, und unterdrück⸗ ten jeden Zweifel, mit welchem ihr Verſtand ſie zu tröſten ſuchte. Die Ehrfurcht, mit welcher alle, ſelbſt der Anführer des Haufens ihnen begegnete, die Sorg⸗ falt, mit welcher er ihre Feſſeln löste und die Wun⸗ den ſalbte, die dieſe ihnen verurſacht hatten, war ih⸗ nen Stoff zu neuem Kummer. Sie erkannten nur allzu gut, daß man für ihr Leben nur deswegen ſorge, um es zum qualvollern Tod aufzubewahren. Adel⸗ gundens Zuſtand war unter allen der ſchrecklichſte: ſie achtete zwar der ſchwarzen Zukunft nicht, die ih⸗ rer wartete, aber ihr Herz duldete Qualen der Hölle, weil ſie Urſache an dem Unglücke ihrer Wohlthäter geworden war. Ich bin, ſagte ſie zu Friedrichen, der neben ihr ſtand, ich bin zum zweitenmale ſchändlich verkauft, aber keine Thräne ſollte meine Wange ne⸗ tzen, mit lachendem Muthe wollte ich dem Tode ent⸗ gegen gehen, wenn ich nicht euch bei mir erblickte. O es iſt ſchrecklich, daß ich wieder in die Hände des Sultans überliefert werde, aber es iſt nöch weit ſchreck⸗ licher, daß man mich zu Mördern meiner Freunde und Wohlthäter macht. Friedrich. Sey ruhig, nicht du, nicht unſre Feinde, ſondern der da oben cgen Himmel zeigend) regiert un⸗ 9 ſer Schickſal! Ohne ſeinen Willen kann kein Haar auf unſerm Haupte gekrümmt werden, und ißts ſein Wille, daß wir unſchuldig leiden müſſen, ſo kann nur mu⸗ thiger Entſchluß und duldende Unterwerfung uns dort Belohnung hoffen laſſen. Sie würden noch mehr geſprochen haben, wenn der Anführer nicht dazwiſchen getreten und im ehrfurchts⸗ vollen, aber ernſten Tone Stillſchweigen geboten hätte. Er theilte ſeinen Haufen in drei Theile, jeder davon nahm einen Gefangnen in ſeine Mitte und zog mit dieſem weiter. Am andern Tage erreichten ſie die Veſte Dan, und erblickten an den Thoren derſelben die Leibwache des Sultans. Adelgunde, welche vor⸗ auszog, konnte nur durch Blicke und Mienen die Rit⸗ ter darauf aufmerkſam machen; ſie ſahens, und be⸗ reiteten ſich ſtandhaft zum Tode, der hier ſo ganz ge⸗ wiß ihrer zu warten ſchien. Als ſie im Vorhofe an⸗ langten, wurden ihre Hände und Füße mit ſchweren Ketten belegt; die Sorgfalt, mit welcher man ſolche befeſtigte und ſogar an ihre Glieder anſchmiedete, be⸗ wies ihnen deutlich, daß ſie ſolche bis an ihren Tod tragen ſollten. Sie nahmen mit gerührtem Blicke von einander Abſchied, und wurden bald hernach in abge⸗ ſonderte Gefängniſſe geführt. Fürchterlich krachten die eiſernen Riegel, noch fürchterlicher knarrten die Angeln der Thüren; aber bald herrſchte Todtenſtille im fin⸗ ſtern, dumpfichten Kerker, und verlieh den Gefangnen Zeit und Gelegenheit, über ihr grauſes Schickſal nach⸗ zudenken. Wie dieſes ihnen ward, will ich indeß mei⸗ nen Leſern erzählen. Nur muß ich im Voraus erin⸗ nern, daß dieſe Erzählung ſich nur auf Muthmaßung und Wahrſcheinlichkeit gründet, daß die wahren Urheber dieſer ſchändlichen That im Verborgnen arbeiteten, und ſolglich nie ganz entdeckt wurden. Adelguſdens Liſt, mit welcher ſie ihre Flucht zu decken und guf immer 10 zu verhehlen ſuchte, war nur halb gelungen. Am Tage, als ſie floh, glaubte man zwar, daß die Flamme ihr Leben geendet habe, da aber des Feuers Macht bald und glücklich gedämpft wurde, man alle übrigen Wei⸗ ber gerettet ſah, nur ſie vermißte, und doch in der Aſche keines ihrer Gebeine fand, da erinnerte ſich der Oberaufſeher des Harems eines ähnlichen Falles, ſchöpfte Verdacht, und forſchte genauer nach. Im Gemache, welches ſie ſich zur Kapelle bereitet hatte, fand er Klei⸗ dungsſtücke, welche Adelgunde am Tage zuvor getra⸗ gen hatte; dies ſchon beſtärkte ſeine Muthmaßung; als er aber bald hernach im Garten das gelöste Git⸗ ter fand, und die von Friedrichen ſo weislich gerügte, noch hangende Strickleiter genauer unterſuchte, da ward ſeine Muthmaßung zur Gewißheit. Er forderte alle Bewohner des Harems vor ſich, er forſchte genau: ob keiner von dieſer Flucht Kundſchaft habe, und er⸗ ſchreckte durch ſeine Drohung eine alte Chriſtenſklavin, welche Adelgunden ſtets die Speiſen bereitet hatte. Sie geſtand, daß ſie zwar von ihrer Flucht nicht das ge⸗ ringſte wiſſe, aber gegründeten Verdacht habe, daß Adelgunde mit den Rittern, welche aus der Sulta⸗ ninnen Küche wären geſpeist worden, im Einverſtänd⸗ niſſe gelebt habe. Sie hätte, fuhr ſie fort, mehr als einmal ihr eine verdeckte Schüſſel reichen müſſen, in welche ſie ein bemaltes Papier legte, und dann die Schüſſel unter diejenigen zu miſchen gebot, welche man den gefangnen Rittern ſchicken würde. Ihr ſey dafür, endete ſie endlich, immer große Belohnung wor⸗ den; aber da Adelgunde ihr auch zum Lohne der Ver⸗ ſchwiegenheit die Freiheit verſprochen, und doch nicht ertheilt habe, ſo glauve ſie auch nicht länger ſchwei⸗ gen zu dürfen. Der frohe Emir ſandte nun gleich nach den Rittern; ihm ward aber bald die Nachticht, daß ſie ehegeſtern auf des Divans Gebot ihre Freiheit 11 erhalten und am folgenden Tage abgereist wären⸗ Vom Divan erfuhr er weiter, daß die Sultanin ihre Freiheit bewirkt habe, und auf ihr Geheiß ein Ge⸗ leitsbrief für beide und einen Sklaven ausgeſtellt wor⸗ den ſey. Da der Sklave nicht mit den Rittern aus⸗ zog, da ſie vorher keinen zu ihrem Dienſt hatten, ſo wards dem forſchenden Emir zur völligen Gewißheit, daß unter dieſem Namen und Verkleidung Adelgunde mit ausgezogen ſey. Er ſandte ſogleich Läufer und Reiter nach allen Straßen aus, und gebot ihnen vor⸗ zügliche Aufmerkſamkeit auf den Sklaven. Wahrſchein⸗ lich und ſicher würden die Späher ſie erreicht haben, wenn nicht der Prieſter die Nacheilenden irre geführt, und die Ritter auf eine kurze Zeit der Gefahr ent⸗ riſſen hätte. Als dies geſchah, war auch dem Sultan von allem, was ſich zu Jeruſalem zugetragen hatte, die ausführ⸗ liche Nachricht worden. Da er grenzenlos liebte, da ſogar am Ende Adelgunde ſeiner Hoffnung mit an⸗ genehmen Botſchaften geſchmeichelt hatte, ſo war ſeine Wuth raſend, ſein Zorn äußerſt heftig. Er vergaß ſeines Heers, ſeines Sieges, und eilte im ſchnellſten Fluge ſelbſt nach Jeruſalem; Rache an den Thätern und Verführern ſeiner Geliebten zu nehmen, war ſein einziger Gedanke. Er traf unterwegs die Weiber und ließ ſie nach dem Gefängniß ſchleppen, um wenigſtens an dieſen die That ihrer Männer rächen zu können⸗ Noch gab immer die Hoffnung, daß er Adelgunden wieder erhalten würde, ſeinem Herzen neue Stärke als aber nach und nach alle ausgeſandten Späher leer zurückkehrten, und der letzte derſelben nür di Nachricht brachte, daß er zwar ihre Straße gefunden, ſie aber auf derſelben nicht mehr erreicht habe, da mehrte ſich ſeine Wuth aufs neue, da ſchwur er den Shierlichſten Eid, entweder zu ſterben, oder die Lren S loſen mitten aus dem Heere der Chriſten herauszu⸗ reißen. Mit dieſem Gedanken zog er von Jeruſalem aus, und nahm ſeinen Weg gen Sidon, weil die Bo⸗ ten ihn verſichert hatten, daß die Flüchtlinge in dieſer Stadt ihren Aufenthalt gewählt hätten. Plane man⸗ cher Art wurden unterwegs von ihm und ſeinen Ge⸗ treuen zur Ausführung ihres Vorhabens entworfen; aber keiner ſchien ſeinem Wunſche und dem glücklichen Erfolge ganz zu entſprechen. Es war immer nur ein Wagſtück, das, wenns fehl ſchlüge, jeden neuen Ver⸗ ſuch unmöglich machte. Noch ungewiß, wie er han⸗ deln würde und ſollte, langte er auf der Veſte Dan an, und ſandte vor allen Späher nach Sidon, die ihm Nachricht bringen ſollten: ob Adelgunde nebſt den Rittern wirklich in der Stadt wohne? Ob ſie nicht vielleicht auf dem Meere weiter zu reiſen gedächten? Wie die Boten zurückkehrten, erzählten ſie dem Sul⸗ kan, daß ſie mit eignen Augen Adelgunden am Fen⸗ ſter ihrer Herberge erblickt, daß ſolche nebſt den Rit⸗ tern mit des Königs Flotte abzureiſen gedächte, und daß man ſchon zu dieſer Reiſe die ſchleunigſten An⸗ ſtalten mache. Um dieſe alles vernichtende Abreiſe zu verhindern, um ſie wenigſtens zu verzögern, entſchloß ſich Korradin, den Chriſten einen äußerſt vortheilhaf⸗ ten Frieden anzubieten, und ſich zum einzigen Erſatze des Schadens die Auslieferung der Flüchtlinge zu be⸗ dingen. Möglich, daß König Aimerich dieſen Antrag ſtandhaft verwarf! Möglich, daß er, um das Blut ſo vieler Chriſten zu ſchonen, um die Feſſeln von Tau⸗ ſenden zu löſen und ſich ſelbſt den größten Theil ſei⸗ nes Eigenthums zu erhalten, des allgemeinen Beſtens wegen die Wenigen zu opfern beſchloß, und insge⸗ heim auszuliefern gebot. Aber noch weit möglicher ſcheint es, daß Korradins Abgeſandte ſich dieſer Be⸗ dingung wegen gar nicht an den ohnehin ſchwachen ———— 13 König wandten, blos mit ſeinen Hofleuten unterhan⸗ delten, und daß dieſe des allzu reichlichen Gewinns wegen des Schattens nicht achteten, welchen einſt die Erzählung dieſer Geſchichte auf ihren Charakter wer⸗ fen konnte. Treuloſigkeit der Griechen war ja dazu⸗ mal immer noch das allgemeine Sprüchwort, und da die Könige von Jeruſalem meiſtens nur den Titel, nicht aber die Einkünfte ihres Reichs genoſſen, ſb war's ganz natürlich, daß ſie ihren Hofleuten auch nur Titel ſtatt Lohn geben konnten, und dieſe daher jeder Beſtechung, jedem Geſchenke, wär's auch Beloh⸗ nung eines Bubenſtücks geweſen, willig die Hand bo⸗ ten. Genug, daß der Ftiede geſchloſſen ward, daß der Sieger ihn nicht würde geſchloſſen haben, hätte er nicht ſeinen einzigen Endzweck erreicht. Auch bewies die Art, mit welcher die Flüchtlinge ihm überliefert wurden, nur allzu deutlich, daß wenigſtens Hoflente des Königs mit ihm verſtanden waren, daß vielleicht das herrliche Feſt auf Korradins Koſten gefeiert wurde, um bei dieſer Gelegenheit die Unſchuldigen ingeheim und ungehindert ausliefern zu können. Groß war der Kummer und die Sorge der zurückgebliebnen Löwen⸗ ritter, als man am andern Morgen iyren Anführer, und mit ihm Heinrichen und Adelgunden vermißte. Stündlich mehrte er ſich, als endlich die Hoffnung ſchwand, daß irgend ein Zufall, ein Hinderniß ſie an der Rückkehr in ihre Herberge verhindert hätte. Sie forſchten vergebens bei allen Hoflenten, bei jedem Gaſte, der dem Feſte beigewohnt hatte; jeder erinnerte ſich, ſie beim Feſte geſehen zu haben, aber keiner wußte, oder wollte es ihnen nicht ſagen, wenn und wie ſie den Garten verlaſſen hätten. Schändlich war es über⸗ dies, daß bald hernach bei Hofe die Sage laut um⸗ berging, daß Friedrich, ſeines Weibes müde, den Reizen der ſchönern Adelgunde gehuldigt hätte, und wahrſcheinlich mit ihr entflohen ſey, um in einem un⸗ bekannten Lande ungehindert ſeine Buhlſchaft treiben zu können. Man bemühte ſich ſogar, dieſe Sage durch allerhand erdichtete Gründe zu unterſtützen und wahr⸗ ſcheinlicher zu machen. Viele wollten ſie in der näm⸗ lichen Nacht am Ufer des Meeres geſehen haben; an⸗ dere behaupteten, daß in eben dieſer Nacht eine Ga⸗ leere nach Cypern abgeſegelt ſey. Als dieſer Ruf ſich in der Stadt verbreitete, und auch zu den Ohren der Ritter kam, da ſammelte Eſchzubach ſeine Freunde, die Ritter des ſchwarzen Bundes geſellten ſich treulich zu ihm, ſie gingen vereint zum Könige, und forderten von ihm, daß er die kühnen Schänder der Ehre ihres Anführers entweder in die Schranken entbieten, oder wäre keiner der Rede geſtändig, des beleidigten Rit⸗ ters Ehre öffentlich retten ſolle. Der König verſam⸗ melte willig alle ſeine Hofleute, machte ihnen das Be⸗ gehren der Ritter kund, aber keiner der Feigen hob den ausgeworfnen Handſchuh auf, jeder nannte den Ruf eine abſcheuliche Lüge, und gelobte, dieſer nach Kräften zu widerſprechen. So mancherlei Vorſtellungen ſich auch die Ritter von dem Verſchwinden Friedrichs und Heinrichs mach⸗ ten, ſo errieth ihr biederes Herz doch nie die wahre Urſache; ſie hielten ſolch eine Verrätherei für unmög⸗ lich, und geboten oft dem alten Prieſter Stillſchwei⸗ gen, wenn er dieſen Verdacht in ihren Herzen wecken wollte. Als ſie ungeachtet der genaueſten Nachforſchung nichts entdeckt hatten, viele Europäer ſchon nach ihrer Heimath ſchifften, und ſie befürchten mußten, daß die Weiber vielleicht troſtlos ihren Tod beweinten und von Akkon aus ebenfalls nach Deutſchland ſchiffen würden, ſo beſchloſſen ſie, dahin zu eilen, dieſe zu tröſten, und dann erſt noch einmal nach Sidon zurückzukehren. Wie der Tag ihrer Abreiſe beſtimmt war, nahmen ſie Ab⸗ 1 3 3 15 ſchied von ihren Freunden, und auch von dem alten Prieſter, den ſie um deswillen ſo herzlich liebten, weil er innigen Antheil an ihrem Kummer genommen hatte. Zieht im Namen des Herrn, ſprach dieſer zu ihnen, ich würde euch willig folgen, wenn mich nicht mein Herz zurückhielte. Vielleicht öffnet ſich nach euerer Abreiſe mancher verſchloßne Mund, ich will im Ver⸗ borgnen lauſchen, und findet mein Verdacht Nahrung, wird er durch Gründe unterſtützt, ſo will ich gewiß nicht ſäumen, euch zvo nicht zur Rettung, doch zur Rache herbeizurufen. Auch will ich der wenigen Tage meines Lebens nicht achten, will im Sarazener Lande nach Kundſchaſt umherſpähen, und entdecke ich etwas, euch's ungeſäumt kund thun. Denn traut der Erfah⸗ rung eines Greiſes, die Ritter ſind ſammt der Dirne entweder ſchändlich ermordet, oder dem Sultan aus⸗ geliefert worden. Keins von beiden, erwiederte Eſchen⸗ bach, wünſcht unſer Herz, doch ſollteſt du irgend et⸗ was erfahren, ſo werden wir dir der Kundſchaft davon ewig Dank wiſſen. Die günſtige Jahrszeit zur Ueber⸗ fahrt nach Welſchland iſt ohnehin verſtrichen, wir wer⸗ den die folgende erwarten müſſen, und dann ſehen wir uns bald, und noch öfterer wieder. Am andern Tage ſchifften die Ritter nach Akkon, ſie rathſchlagten unterwegs oft, wie ſie den Weibern die Nachricht kund machen wollten; da ſie glaubten, daß dieſe von der Gefangenſchaft der Ritter und der glücklichen Rettung aus ſolcher keine Nachricht haben, ihre Männer viel⸗ leicht ſchon als todt beweinen würden, ſo beſchloſſen ſie, in dieſem Falle ganz zu ſchweigen, und nicht durch neuen Schmerz ein Unglück zu vergrößern, das jetzt mehr als wahrſcheinlich gewiß war. Traurig nahten ſie ſich dem Hafen, ſtill und ohne Geräuſch gingen ſie nach der Stadt, um durch irgend einen bekannten Ritter erſt ingeheim zu erfahren: wie es mit den Wei⸗ 16 bern ſtehe, und welche Nachricht ſie von ihren Män⸗ nern hätten? Eſchenbach traf ſeinen Vater im Hauſe der Tempelherrn; wie ſie ſich wechſelsweiſe umarmt und die Freude des Wiederſehens genoſſen hatten, forſchte er ſogleich nach den Weibern; ihm ward nun ausführliche Erzählung von allem, was ſich bis nach der Eroberung der Veſte Dok mit ihnen zugetragen hatte; doch füllte neuer Schmerz ſein Herz, als er hörte, daß Klara und Agnes zu ihren gefangnen Rittern unter des Sultans Schutze nach Jeruſalem gezogen wären. Er ſeufzte laut, und entdeckte ſeinem Vater alles, was ſich mit Heinrichen und Friedrichen zugetragen hatte, wie nun die Rache des Sultans auch die armen Weiber treffen würde. O, rief dieſer erſchrocken aus, dann trifft dieſe Rache auch den ar⸗ men Ritter Luvwig. Sobald der Friede geſchloſſen war, eilte er mit noch drei andern eures Bundes nach Jeruſalem, um Friedrichs und Heinrichs Freiheit nach Kräften zu fördern. Da der Sultan jedem, der ohne Waffen dahin ging freies Geleite zugeſagt, auch je⸗ dem Gefangnen ohne Ausnahme Löſung verſprochen hatte, ſo ahneten wir alle keine Gefahr, und ließen ſie in Frieden ziehen, weil wir uns von ihrer Gegen⸗ wart wohl Rutzen, aber nie Schaden verſprechen konn⸗ ten. Was werden wir nun Adelheiden ſagen, die ſchon mit großer Sehnſucht ſeiner Rückkehr entgegenſieht, ſie wird ſeinen Tod nicht mit gleicher Standhaftigkeit wie Kunigunde tragen, die wohl noch ſtets innig um ihren Gatten trauert, aber doch Troſt in dem Gedanken fin⸗ vet, daß er durch ſeinen Tod der Retter ſo vieler ward. Nach langem Rathſchlagen fanden ſie abermals, daß Verſchwiegenheit, wegen noch möglichen guten Ausgangs, das räthlichſte ſey, und gingen nun zu den Weibern, um ſie nach ſo langer Zeit einmal wieder zu begrüßen. Hoch, aber voll der Freude ſtaunten ſie, 17 als ſie Ludwigen in den Armen ſeines Weibes erblick⸗ ten; er war eben von Jeruſalem wiedergekehrt und hatte die ſichere Nachricht mitgebracht, daß weder Klara und Agnes, noch Friedrich und Heinrich dort anzu⸗ treffen wären. Da die Geheimniſſe des Harems, folg⸗ lich auch Adelgundens Flucht nicht zu den Ohren der Chriſten gekommen waren, da ſie immer noch glaub⸗ ten, daß die wohlthätige Sultanin wirklich von den Flammen ſey verzehrt worden, ſo war der Inhalt der. Nachrichten, welche Ludwig dort geſammeilt hatte, kei⸗ neswegs Stoff zur neuen Trauer. Ihm und allen, welche nicht von Sidon kamen, ſchien es ganz natür⸗ lich, daß die Ritter, als ſie ihre Freiheit erhielten, nicht gen Akkon gezogen waren, weil damals Kdrra⸗ din die Stadt noch vergebens belagerte. Eben ſo wahrſcheinlich war's, daß ſie ihre Weiber nahe vor Jeruſalem unverhofft gefunden und mit ſich genom⸗ men hatten. Noch gewiſſer als alles Vorhergehende ſchien es ihnen aber, daß die Ritter irgend einen Ha⸗ fen erreicht hatten, nach Cypern übergeſchifft waren, und dort vielleicht erſt jetzt die frohe Botſchaft des Friedens erfahren würden. Eſchenbach beſtärkte ſie nach Kräften in dieſer Meinung, weil Wahrheit nichts fruch⸗ ten, wohl ſchaden könnte, und er nicht die frohe Hoff⸗ nung vernichten wollte, daß ihr tapferer Anführer bald Theil nehmen würde an der Freude des glücklich ge⸗ ſchloßnen Friedens. Am andern Tage zählte Ludwig die zu Akkon verſammelten Ritter ſeines Bundes: es waren ihrer drei und zwanzig, und keine Hoffnung, daß ihre Anzahl ſich mehren werde, weil ſchon alle die in der Gefangenſchaft ſchmachteten, zurückgekehrt waxen. Viermal achtzig zogen aus, die meiſten hat⸗ ten ihren Tod auf dem Schlachtfelde bei Cäſaren ge⸗ funden, nur wenige waren bei der Belagerung von Dok und Akkon gefallen. Keiner der Lebenden war Löwenritter 3. 2 wundenfrei, er brachte wenigſtens eine zum Denkmal mit ins Vaterland zurück. Unter allen Ritter war Wieſenborn am rühmlichſten, und fürs Wohl der Sei⸗ nen geſtorben; ſie beſchloſſen ihm und allen, die für die Ehre des Bundes geblutet hatten, ein Todtenopfer, zu bringen; ſie ließen in der Kirche der Tempelherrn eine feierliche Meſſe fürs Wohl der Gefallnen ſingen und beketen herzlich für ihrer Seelen Heil. Eſchen⸗ vach gedachte in dieſer Stunde auch Friedrichs und Heinrichs, er bat Gott mit voller Sehnſucht, daß, wenn ſie noch lebten, der Kelch ihres Lebens nicht allzu voll, nicht allzu bitter ſeyn möge. Wie ſie heim⸗ kehrten, fanden ſie in ihrer Herberge den Hauptmann der ſchwarzen Brüder, er kam, ihnen im Namen ſei⸗ nes Bundes für den mächtigen Beiſtand zu danken, um die Fortdauer ihrer Freundſchaft zu bitten, und ihnen kund zu machen, daß ein Schiff, welches er ver⸗ möge Vertrag beiſchaffen mußte, bereit ſtehe, ſie ins geliebte Vaterland zurückzuführen. Hätten alle Chri⸗ ſten, endete er, ſo tapfer wie ihr gekämpft, ganz Pa⸗ läſtina würde frei ſeyn; indeß müſſen wir Gott dan⸗ ken, daß Korradin, geſchreckt durch euern Widerſtand, einen vortheilhaftern Frieden ſchloß, als wir vermu⸗ then konnten. Da jetzt hier der Ritter nur ein tha⸗ tenloſes Leben harrt, ſo wollen wir euch nicht länger hindern, dem Vaterlande nützlichere Dienſte zu leiſten, auch wir kehren heim, um uns gleichem Dienſte zu weihen, und unſern Bund zu mehren, damit er einſt kräftiger wirken kann, wenn die Jahre des Stillſtands verfloſſen ſind und der Sultan ſie nicht mit größerem Vortheile erneuern will. Ritter Ludwig. Auch wir bitten um eure fer⸗ nere Freundſchaft; daß wir ihrer nicht unwürdig ſind und ſtandhaft im Kampfe ſtehen, beweist euch die kleine Anzahl der Uebriggebliebnen. Viermal achtzig zogen —» ———— 19 aus, nur drei und zwanzig können heimkehren, die übrigen tränkten mit ihrem Blute die heilige Erde; wohl uns und Lohn in Fülle, wenn ſie jetzt für die Chriſtenheit beſſere Früchte trägt. Nur ſey nebenbei uns dies noch zum Lohne bedungen, daß ihr mit der Abfahrt ſo lange zögert, bis unſer Anführer nebſt ſei⸗ nem Bruder bei uns eintrifft. Wir wiſſen, daß er früher als andre Gefangne frei ward, und können da⸗ her ſeiner Ankunft täglich entgegenſehen. Hauptmann. Gern und willig wollte ich euch dieſen geringen Dienſt leiſten, geböte nicht die ſpäte Jahrszeit die ſchnellſte Eile. In acht Tagen füllt ſich der Mond. Nach dieſer Zeit wagts kein Schiffer mehr, von hier nach Europa abzuſegeln, die Winde werden dann unſtät und werfen die Schiffé an die arabiſchen Küſten zurück, wo ſie ohne Hilfe an den ſchroffen Fel⸗ ſen ſcheitern. Ihr müßt entweder jetzt, oder erſt in fünf Monden abreiſen. Eſchenbach. Dafür weiß ich Rath! qzu Ludwig) Ihr reist nebſt den Weibern im Namen des Herrn! —— Hört meine Gründe, und beſchließt dann: ſchon ſind viele deutſche Ritter abgereist, noch mehrere wer⸗ den jetzt dieſen folgen. Erzählungen mancher Art wer⸗ den ſich bei ihrer Ankunft verbreiten, und unter andern gewiß auch dieſe, daß bei Cäſarea der Bund des Löwen zwar tapfer kämpfte, aber daß auch die wenigſten ſei⸗ ner Glieder aus der Schlacht entkamen. Denkt euch den Schmerz der Väter, den Jammer der Mütter, wenn ſie auch zu ihren Ohren kommt, und keiner der unſtigen zurückkehrt, um ſie zu widerlegen. Wird Nachricht, die wir ihnen zwar ſenden können, im Stande ſeyn, ſie zu tröſten, werden ſie ſolche nicht für Balſam halten, mit dem man nur mitleidig ihre Wun⸗ den ſalben will? Der Weiber Abreiſe muß ihre Sorge um ein Großes vermehrt haben, euer iſt nun auch die 20 Schuldigkeit, ſie nach Kräften und ſo eilig als mög⸗ lich zu vermindern. Damit aber der zurückkehrende Friedrich nicht um euch bangt, mit Freuden ins Vater⸗ land heimkehrt, ſo will ich nebſt einigen andern, die daheim keine Eltern oder Weiber zu tröſten haben, hier ſeiner harren, und ſobald es Wind und Wetter erlau⸗ ben, mit ihm und den übrigen in eure Arme eilen.— Da Eſchenbachs Gründe wirklich wichtig waren und Ludwig ſie nicht zu widerlegen vermochte, ſo gab er nach, und ſegelte ſchon am andern Tage nach Alexan⸗ drien ab, von wo aus ſie erſt nach Sicilien ſchiffen wollten. Nur vier Ritter, die Friedrichs Schickſal beſſer kannten, blieben bei Eſchenbach zurück, die übri⸗ gen reisten alle mit Ludwigen fort, und verſprachen noch beim Abſchiede, den Zurückbleibenden Nachricht zu ſenden, wenn ſie zu Alexandrien etwas von Frie⸗ drichen hören würden. Eſchenbach ſah ihnen traurig, aber ohne Schmerz nach; ihn lockte nichts ins Vaterland zurück. Die ein⸗ zige, welche es vermocht hätte, war auf ewig für ihn verloren, und es ihm angenehmer, wenn er recht weit von ihr entfernt ſeyn konnte. Friedrichs und der Wei⸗ ber Schickſal nagte jetzt mehr an ſeinem Herzen; er kehrte kurz darauf nach Sidon zurück. König Aime⸗ rich war ſammt ſeinem ganzen Hofe nach Cypern über⸗ geſchifft, nur Kauf⸗ und Handelsleute füllten die Stadt, niemand konnte ihm etwas Tröſtendes erzählen. Auch ver alte Prieſter hatte ſeine Herberge verlaſſen, und keiner wußte, wo er hingezogen war. Des unnützen Forſchens müde, wollte er eben mit ſeinen übrigen Rittern nach Cypern überſchiffen, als der alte Prieſter zu ihm ins Gemach trat. Er hatte Mühe, ihn zu er⸗ kennen, denn er war verkleidet und ſehr verſtellt. Der Greis. Heil mir, daß deine Gegenwart mir die Reiſe nach Akton erſpart. Was mein Herz ver⸗ — 21 muthete und du immer ſo eifrig widerlegteſt, iſt nur allzu gewiß. Eſchenbach. Wie? Du hätteſt entdeckt, du bräch⸗ teſt Nachricht? Der Greis. Entdeckung und Nachricht! Wohl euch und mir, wenn ihr Mittel findet, ſie zu nützen. Wie ihr abgereist wart, lauſchte ich vergebens an den Thüren des Hofs, niemand ſprach von den Verlornen, keiner gedachte ihrer, und wenn ich auch ſelbſt fragte, ſo war ein kaltes Nein, ein unbedeutendes Achſelzucken die einzige Antwort, welche ich erhielt. Als bald her⸗ nach der König ſelbſt abreiste, als alle ſeine Diener ihm folgten, da achtete ich meine längere Gegenwart in Sidon unnütz, verkleidete mich als Pilgrim, und wollte unter dem Scheine der Wallfahrt im Lande um⸗ herſpähen. Ein Ungefähr— nein kein Ungefähr, es war Gottes unmittelbare Schickung— leitete meine Schritte auf der Straße, welche zur Veſte Dan führt. Wie ich ihre Thürme vor mir liegen ſah, und eben an einem Brunnen meinen Durſt ſtillte, zog ein Trupp Reiter vom Thale herauf. Um ihren läſtigen Fragen zu entgehen, verbarg ich mich hinter einer Stechpalme, die unfern des Brunnens ſtand. Wie die Reiter dort anlangten, ſtiegen ſie ab und tränkten ihre Pferde. Zwei, welche vornehmer gekleidet waren, ſetzten ſich am Rande des Brünnens nieder. Ich will euch ihr Geſpräch, welches ich, der Sprache kundig, ganz ver⸗ ſtand, wörtlich erzählen. Der Erſte cCbedenklich mit dem Fopfe ſchüttelns)⸗ Wo das alles nur hinaus will! Wie nur das Ende des Ganzen ſeyn wird? Der Zweite. Blutig, Freund, ſehr blutig, und dabei ſo martervoll als ſichs denken läßt. Ich möchte feiner der Ritter ſeyn! Der Erſte. Ich wahrlich auch nicht, aber ſit ſind 22 des Todes gewohnt, ſie fürchten ihn nicht. Kämpften ſie nicht gleich Löwen bei Cäſarea! Hätte ich damals vermuthen können, daß ſie uns der Arbeit ſo viele, ſich ſelbſt den bitterſten Tod bereiten würden, ich hätte ihr Leben mit einem tüchtigen Kolbenſchlage geendet. Der Zweite. Wäre jetzt wahrlich gut gethan. Andre raſten in Ruhe, pflegen ihres Leibes, tändeln mit ihren Weibern, und wir müſſen raſtlos nach Opfern der Rache umherjagen. Was wird unſer Lohn ſeyn? Der Erſte. Daß wir zuſehen können, wie ſie ge⸗ martert und gequält werden. Sein Grimm, ſein Zorn iſt noch immer gleich fürchterlich! Wie ich geſtern die Weiber von Jeruſalem heraufbrachte, und ſie ſo troſt⸗ los die Hände rangen, als ſie aufs neue die Thüren der Gefängniſſe geöffnet ſahen, da lachte er zwar laut auf, aber es war ein Gelächter, das ich um meiner Seelenheil willen nicht in ihm erregen möchte. Der Zweite. Was nur der Kaufmann verbro⸗ chen hat, den wir jetzt von Tyrus abholen müſſen? Der Erſte. Vielleicht hat er die Flucht der Sul⸗ tanin befördert! Vielleicht Theil daran genommen! Der Zweite. Er wird wohl auch ſeine letzte Reiſe beginnen? Der Erſte. Was iſt wahrſcheinlicher als dies? Der Zweite. Dann, Freund, wollen wir klüger handeln, Kaufleute haben immer Gold und Silber in Menge, da kanns Gelegenheit geben, unſre leeren Beu⸗ tel zu füllen. Der Erſte. Ein herrlicher Gedanke, um ſo mehr der Ausführung werth, weil's nie enideckt werden wird. Komm! Laß uns eilen, jetzt wird Eile doch belohnt. Sie ſchwangen ſich nun auf ihre Roſſe und jagten nach Tyrus hinab. Ich brauchte lange Zeit, ehe ich Faſſung erhielt, ihr Geſpräch hatte mein Herz allzu 23 gewaltig erſchüttert. Ich zitterte und bebte, wie ich mir das Loos der Gefangnen dachte, mein Blut ſtand ſtille, wenn ich überlegte, daß jede Rettung unmöglich, jede Hilfe zu ſpät erſcheinen würde. Gern wäre ich nach der Veſte geſchlichen, hätte dort umhergeſpäht und nähere Kundſchaft geſammelt; aber ich wollte es nicht wagen, weil einige von der Leibwache des Sultans mich erkennen, mein freiwilliger Tod nichts zur Erlö⸗ ſung der Armen beitragen konnte. Und doch ließ mich mein Herz nicht von dannen; ich nahm Herberge bei einem Griechen, der unfern davon ſeinen Acker beſtellte, und es treuherzig glaubte, daß ich ſehr matt und krank ſey. Er pflegte meiner nach Kräften, und erlaubte mir willig, einige Tage in ſeiner Hütte auszuruhen. Ich nutzte dieſe Zeit trefflich. Unter dem Vorwande, mich in der Sonne zu wärmen, ſchlich ich ins Freie, und näherte mich auf Abwegen der Veſte. Leider über⸗ zeugte mich mein Auge, daß die kühnſte Fauſt die Mauern derſelben nicht zu erklettern vermöge. Sie ſtehen hoch auf glatken Felſenwänden gethürmt da, und trotzen bei der ſorgloſeſten Vertheidigung jedem Ueber⸗ falle. Zwar ſenkt ſich an der Nordſeite der Fels bis zum Boden herab und bildet eine Oeffnung, doch hat die Kunſt ſolche mit einem dicken Thurme verſchloſſen, der nicht allein die Lücke füllt, ſondern auch empor bis zu den Mauern reicht, und ſo die Veſte ungränzt. Da ich in dem Thurme enge Oeffnungen erblickte, die mit Gittern verwahrt waren, ſo muthmaßte mein Herz, daß hier wohl die Unſchuldigen im tiefen Kerker ſchmach⸗ ten würden. Um meiner Vermuthung gewiß zu wer⸗ den, leitete ich beim Abendmahle das Geſpräch nach der Veſte. Mein Wirth hatte dort ſechs Jähr als Kuecht gedient; er beſchrieb mir mit großer Geſchwä⸗ tzigkeit alle Gemächer derſelben, und endlich auch den Thurm, in welchem ſeiner Erzählung nach dreißig Ge⸗ mächer übereinander, von der höchſten Höhe bis zur größten Tiefe herab, erbaut wären. In dieſen ſchmach⸗ teten während der Zeit ſeines Aufenthalts daſelbſt im⸗ mer Gefangne, die der damalige Sultan Saladin oft insgeheim dahin ſandte, oft auch dort tödten ließ. Als Korradin das Land erbte und die Veſte zum erſtenmale beſuchte, ließ er die Thüren der Kerker öffnen, und ſchenkte allen ihren Bewohnern die Freiheit. Jetzt aber, fügte er hinzu, ahmt er die Sitte Saladins nach; ſchon einigemal ſah ich Gefangne führen, welche dort wohl ihren Tod finden werden.—— Ich forſchte vergebens nach mehrerm Lichte: er kam jetzt ſelten nach der Veſte, und wußte nichts von allem, was dort vorging. Am andern Tage, als ich eben wieder in die Gegend des Thurms wandern wollte, jagte ein Trupp Reiter die Straße herauf. Ich erkannte die Leibwache des Sul⸗ tans, und bald auch den Sultan ſelbſt. Ich warf mich zur Erde, und der Haufen zog vorüber, Da er von der Veſte herab kam und gen Syrien ſich lenkte, da bald hernach auch die Kameele folgten, welche ſein Gepäcke trugen, ſo fing mein Herz zu zagen an. Es dachte ſich die Rache vollendet, und ſah den geſättig⸗ ten Tyrannen heimkehren. Verſunken in Trauer, blieb ich an der Straße ſitzen, und hätte nicht gezagt, wenn man mich entdeckt hätte, weil keine Hoffnung mehr mein Herz belebte. Ein Knecht, der ein Kameel am Zügel leitete, ſah mich ſitzen und blieb vor mir ſtehen. Der Knecht. Was fehlt dir, Alter? Dein Geſicht verkündigt große Trauer. Ich. Soll ich nicht trauern? Ich bin ein Chriſt, und wallfahrtete von Akkon aus nach Jeruſalem Sul⸗ tan Korradins Verheißungen trauend, wanderte ich ſicher auf der geleitfreien Straße. Nahe bei Samaria überfiel mich ein Trupp Reiter, raubte mir all' mein Gold, und ſchlug mich zum Lohne noch erbärmlich⸗ —— 25 Ich erfuhr, daß der großmüthige Sultan eben jetzt auf der Veſte Dan Hof halte; ich ſchleppte mich hie⸗ her, um ihm meine Noth zu klagen, und ſah ihn jetzt, ohne daß ich ihn ſprechen konnte, im ſchnellſten Fluge nach Syrien hinabziehen. Der Knecht. Ja! Hätteſt dich beſſer fördern ſol⸗ len! Die Reiſe kam geſchwind und unverhofft. Indeß iſts vielleicht gut, daß du ihn nicht trafſt. Er iſt den Chriſten nicht mehr hold, und wird wohl ſchwerlich an ihnen weitere Großmuth üben: ſie haben's ihm ſchlecht gelohnt. Ich. Was kann ich Unſchuldiger dafür? Womit haben ihn denn die Unvorſichtigen, die ſeines Schutzes ſo ſehr bedürfen, beleidigt? Der Knecht. O da bedürfte es der Erzählung in Menge, und dazu hab' ich keine Zeit. Sie haben ihm ſein liebſtes Weib entführt, aber er wirds ſchreck⸗ lich rächen. Die ſchnelle Reiſe hat zwar die Rache verzögert, aber nicht aufgehoben. Ich. Mich kann ſie nicht treffen, ich habe keinen Theil daran. Wann kehrt er denn wieder? Kann ich ihn nicht erwarten? Der Knecht. Wenn dir an einigen Monden Zeit nichts gelegen iſt, wenn du unter diefer Zeit Nahrung und Speiſe findeſt, ſo kannſt du immer harren, bis er wiederkehrt. Ich. Wie? So lange ſollte er ausbleiben? Der Knecht. Wayrſcheinlich noch länger. Er zieht bis nach Antiochien hinab, wo fein Vater jetzt Hof hält. Vor einer Stunde langte ein Eilbote von ihm mit der Nachricht an, daß ganz Phrygien und Kapadozien ſich wider ihn empört, und in großen Hau⸗ fen ſich Antiochien nähere; muß er nun den Aufruhr ſtillen und bis dorthin ziehen, ſo kannſt dü leicht er⸗ meſſen, daß ſeine Wiederkehr ſich lange Lerzögern wird Ich. Ach nur allzu lange für mich Aermſten! Ich ſehe es nur allzu deutlich, daß ich meinen Verluſt Gott opfern und auf günſtigere Zeit harren muß. Der Knecht. Haſt recht! Zieh lieber heim und hole dir neues Gold, das geraubte wird dir nie mehr werden. Als er ſich entfernt hatte, ſank ich auf meine Knie, und dankte Gott innig, daß er wenigſtens die Rache des Sultans auf eine Zeit verhindert, mir nicht ganz die Hoffnung der möglichen Rettung geraubt habe. Ich näherte mich mit kühnerm Muthe der Veſte, und vorzüglich dem Thurme, in welchem alle meine Wünſche verſchloſſen waren. Der Boden, auf welchem er ſtand, war mit dickem Gebüſche umwachſen, das unter ſeinem Schatien trefflich und hoch emporwuchs. Ich blickte ſchüchtern umher, ſah niemanden und kroch ſchnell in die Sträucher. Ich hoffte hinter denſelben das Fenſter des tiefſten Gefängniſſes zu finden, und hätte es dann gewagt, meine Gegenwart durch leiſes Rufen zu erken⸗ nen zu geben. Aber meine ſüße Hoffnung betrog mich; das niedrigſte der Fenſter, welches ich erblicken konnte, war wenigſtens vierzig Ellen von der Erde erhaben, und hinter den Sträuchern nur Mauer, an welcher ich keine ähnliche Oeffnung finden konnte. Da die Luft, gehindert durch die Bäume, hier nie die Näſſe trocknen konnte, ſo fand ich übrigens die Mauer hie und da ſehr beſchädigt. Die gehauenen Steine, mit welchen ſie eingefaßt war, lagen häufig herabgefallen da, und hatten Löcher hinterlaſſen, in welchen ſich füg⸗ lich ein Mann verbergen konnte. Ich kroch in eins derſelben, legte mein Ohr dicht an die Mauer, und hörte deutlich, wie inwendig Riegel raſſelten, eine Thüre knarrte, und wieder verſchloſſen ward. Mir kams ſo⸗ gar vor, als wenn ich Seufzer und unverſtändliche Worte hörte. Ich klopfte, ich rufte leiſe, aber man 27. antwortete nicht. Ich harrte dort ſpät bis an den Abend, und kam erſt im Dunkeln nach meiner Herberge zurück. Ich durchwachte die ganze Nacht mit Planen mancher Art; als ich aber fand, daß ich keinen ohne Hilfe ausführen könnte, ſo beſchloß ich, die Zeit nicht unnütz zu verſäumen, euch aufzuſuchen, und mit euch zu über⸗ legen, wie wir Rettung möglich machen können. Eſchenbach. Gott, wenn dies in meiner Macht ſtünde, wenn meine Hilfe nützen könnte, wie glücklich wollte ich mich dann dünken! Der Greis. Die Ausführung meines Plans iſt leicht und möglich. Ihr habt doch der treuen Ritter noch mehrere bei euch? Eſchenbach. Nur viere ſind mit mir zurückgeblieben. Der Greis. Ihre Zahl iſt groß genug, mehrere würden uns nur verdächtig machen. Eſchenbach. Theurer Vater, ſprecht nur, rathet nur, wie wir nützen können? Furcht vor dem Tode ſoll uns nicht ſchrecken. Der Greis. Nur ruhig! Kalte Ueberlegung, nicht raſcher Eifer iſts, was ich von euch fordere. Ihr müßt mir, als Pilger gekleidet, nach der Veſte Dai folgen. Eſchenbach. Freudig und willig. Der Greis. Sichere Geleitsbriefe will ich beſor⸗ gen, ihr ſeht indeß, wie ihr feſter Brechſtangen und ſcharfer Hakken habhaft werden könnt, dieſe müßt und⸗ könnt ihr unter dem kangen Pilgerkleide verbgrgen tragen. Eſchenbach. Ha! Ich verſtehe dich! Der Greis. Wir ziehen dannsim Namen des Herrn aus, und leiten unſre Reiſe, dämit wir um die Dämmerungszeit unweit der Veſte eintrefſen. Da die Wächter jetzt unbeſorgt ruhen, die Seite des Thuis ohnehin von aller Wache entblößt iſt) ſo wirds uns leicht gelingen, unentdeckt bis zum Dickicht, und un⸗ ter dem Schutze deſſelben an die Mäer ſchleichen zu tönnen, und dann, Freund, koſtet es euern kraftvollen Händen kaum eine halbe Stunde Arbeit, und wir ha⸗ ben ſie durchbrochen, können ungehindert in den Thurm kriechen, in welchem die theuern Pfänder unſrer Liebe in Ketten ſchmachten. Cſchenbach. Bis hieher iſt dein Plan ſicher und gut, ausführbar und möglich! Doch laß weiter hören! Wenn wir nun im Thurme ſind? Der Greis. Dann haben wir wahrſcheinlich ſchon einen oder eine gerettet. Eſchenbach. Auch um des einen willen würde ich mit Freuden mein Leben wagen. Aber wie retten wir die übrigen? Der Greis. Da gebt ihr Rath, ſo weit hat mein Plan noch nie gereicht. Eſchenbach. Wirds der meinige wohl vermögen? Wollten wir auch die Thüre des Gefängniſſes von innen erbrechen, was könnte es nützen? Der Lärm, vas Geräuſch in der ſtillen Nacht würde dann ſicher die Wächter herbeirufen. Der Greis. Sehr wahrſcheinlich, aber eben dieſe werden auch die Schlüſſel der Thüren mit ſich bringenz ſollte eure tapfere Fauſt ſie dann nicht erkämpfen können? Eſchenbach. Sind wir allmächtig? Was vermö⸗ gen wir wenige gegen ſo viele? Wie wollen wir eine Beſatzung von Hunderten überwältigen, ſie werden die Rache des Sultans fürchten, und die Gefangnen mit der Gefahr ihres Lebens aufs hartnäckigſte vertheidigen. O wäre dein Rath früher gekommen, hätte er noch die Ritter unſers und deines Bundes getroffen, dann Gewalt räthlich geweſen, dann hätten wit ſicher geſicgt. 7 Der Greis. Argwohnte ich nicht immer, bat ich nicht oft—— Eſchenbach. O, Vorwürfe ändern die Sache nicht! 29 —— Wie, wenn ich's wagte, den Tempelherrn die gunze Vertätherel, und die Abſicht unſers Plans ent⸗ deckte2 Der Greis. Wagts nicht, ihnen iſt durch den Frieden großer Vortheil worden, ſie haben alle ihre Güter im heiligen Lande zurück erhalten, ſind von Zoll und Tribut befreit. Immer ſcheints mir, daß ſie mit unter der Decke ſpielten, vielleicht gar die Unſchuldigen opfern halfen. Weh dann ihnen, wenn unſer Anſchlag kund würde! Eſchenbach. Ich muß jetzt deinen Argwohn bil⸗ ligen, weil die Folge bewieſen hat, daß er heilſam war. Wie iſt aber dann Rettung Aller möglich? Der Greis. Das überlegt mit euern Rittern dieſe Nacht, ich will ſie ebenfalls im Gebete und Ue⸗ berlegung durchwachen, vielleicht erleuchtet Gott mein Herz, vielleicht findet es Mittel. Wenn die Gefahr am größten, iſt ja ſtets ſeine Hilfe am nächſten! Er ging fort, die nöthigen Geleitsbriefe noch dieſen Abend zu beſorgen, und Eſchenbach verſammelte ſeine Ritter, um mit ihnen zu rathſchlagen. Ungeachtet der ſtärkſte Freundſchaftbund ihren Verſtand die ganze Nacht wach erhielt, und dieſer unermüdet nach Mittel zur Erlöſung rang, ſo fand er doch keines, das nur eini⸗ germaßen glücklichen Erfolg verſprochen hätte. Sie harrten daher mit Sehnſucht des Prieſters; er kam, fragte und ſchwieg traurig, weil er ebenfalls nichts Tröſtliches zu erzählen wußte. Doch wurde der Aus⸗ zug beſchloſſen, die Ritter ſollten, nach des Greiſes Rathe, in der Stadt Rechob weilen, er aber wollte voraus ziehen, unter allerhand Vorwand Eintritt in die Veſte Dan ſuchen, und gelänge ihm dieſer, nähere Kundſchaſt vom Thurme und der Stärke der ganzen Beſatzung bringen. Unter den beſten Segenswünſchen eines glücklichen Erfolgs entließen ſie ihn, als ſie zu — 30 Rechob angelangt waren. Er verabredete vorher mit ihnen, daß ſie drei Tage ſeiner harren, und kehre er dann nicht zurück, überzeugt ſeyn ſollten, daß die Saracenen ihn erkannt, oder irgend ein anderes Un⸗ glück ſeinen Tod befördert habe.—— Mächtig engte ſich der Ritter Herz, ſchwerer athmete ihre Bruſt, als ſchon der dritte Tag verfloſſen und der Greis nicht wiedergekehrt war. Sie ſahen den letzten Schein der Hoffnung, gleich einer Lampe, der's an Oel gebricht, nach und nach verlöſchen. Eſchenbach vergaß der Stand⸗ haftigkeit eines Mannes und jammierte eben laut, als ſich die Thüre des Gemachs öffnete und der ſo ſehn⸗ lich erwartete Greis herein trat. Alle eilten ihm ent⸗ gegen, alle ergriffen ſeine Hand, alle fragten: ob er Rath und Troſt bringe? Seine lächelnde, zufriedene Miene gab zwar ihrem Herzen Hoffnung; aber ihre Neugierde glich dem Heißhunger, deſſen Begierde durch den Anblick der Speiſen nur noch mehr gereizt wird. Eſchenbach. Mann des Troſtes, den ich ſo ſehn⸗ lich erwartete, an deſſen Ankunft ich ſchon verzweifelte, ſprich: Bringſt du Rettung? Der Greis. Wenn auch nicht Gewißbeit derſel⸗ ben, doch wenigſtens Hoffnung und Wahrſcheinlichkeit. Eſchenbach. S ſalbe damit die Wunden meines Herzens, ehe ſie es ganz tödten. Der Greis. Mit dem nämlichen Vorwande, wel⸗ chen ich ſchon ehemals dem Knechte erzählte, langte ich am Thore der Veſte an und ward eingelaſſen. Mit mehrerer Schwierigkeit gewährte man mir Herberges hätte ich nicht jähe und heftige Schmerzen im Einge⸗ weide erdichtet, hätte nicht mein Wimmern der Knechte Mitleid erregt, ich würde meinen Endzweck nicht er⸗ reicht haben. Sie trugen mich nach dem Stalle, leg⸗ ten mich aufs Stroh, und, gönnten mir Zeit, meinen Todeskampf, der ihnen ganz wahrſcheinlich ſchien, aus . . 31 zuringen. Als ſie am Abende der Roſſe gepflegt hat⸗ ten, und, wie ich deutlich hörte, zur Zeche gingen, ſchlich ich ebenfalls aus dem Stalle, und wandte mich nordwärts durch einen langen Vorhof, um dem gelieb⸗ ten Thurme näher zu kommen. Bald erblickte ihn mein Auge; der Mond beleuchtete ihn hell; alles war ſtille und öde um mich her; nirgends hörte mein Ohr die Tritte eines Wächters; eine ſchneckenförmige Treppe zog ſich von der Tiefe bis zur äußerſten Höhe hinauf, und führte wahrſcheinlich zu den verſchiedenen Gemä⸗ chern deſſelben. Ich lagerte mich hinter einem großen Steine und harrte der Mitternachtsſtunde; wie dieſe ſich nahte, ſchlich ich muthig nach der Treppe, aber eine feſte Thüre von Eiſen verwahrte ihren Eingang, und ich mußte troſtlos nach dem Stalle zurückkehren. Erſt am Morgen kamen die Knechte wieder, forſchten nach meinem Zuſtande, und freuten ſich, das es ſich beſſere. Einer derſelben, welcher zehn Jahre lang in Sicilien die Sklavenfeſſeln der Chriſten getragen hatte und dem es dort wohlgegangen war, gedachte dankbar dieſer Zeit, übte großmüthig Wiedervergeltungsrecht, und brachte mir Speiſe. Ich begann mit ihm Ge⸗ ſpräche mancherlei Inhalts, aber er wollte mir nicht Rede ſtehen; nur ſo viel erfuhr ich durch ihn, daß zwei⸗ hundert Reiſige zum Schutze der Veſte hier wohnten, der Gefangnen gedachte er aber mit keinein Worte, ob ichs ihm gleich nahe genug legte. Ich blieb noch matt und krank; der Tag verfloß; ihm folgte ein an⸗ derer, und ich konntt nichts mehr erfahren. Endlich gedachte ich eurer, und beſchloß, die wenige Zeit nach Kräften zu nutzen. Wie Nachmittags der wohlthätige Knecht mir wieder Speiſe brachte, ſo ſtellte ich mich munterer, und bat ihn, mich ins Freie zu leiten, da⸗ mit ich mich am Scheine der Sonne wärmen und zur Abreiſe ſtärken könne. Er thats willig, und da die 32 Sonne eben ihre Strahlen in den Vorhof der Nord⸗ ſeite ſenkte, ſo führte er mich dorthin. Ich ſah aufs neue den Thurm, verwunderte mich über ſeine Geſtalt, und forſchte nach ſeiner Beſtimmung. Er antwortete mir kurz, daß ſein Inneres enge Gefängniſſe enthalte. Ich. Sind ſie leer? Knecht. Meiſtens! Ich. So ſchmachten doch einige darin? Knecht. Ja! In der Tiefe! Ich. Wird ihnen dort auch nicht behagen! Knecht. Wahrſcheinlich! Man brachte ſie auf Ge⸗ heiß des Sultans hieher. Werden wohl nur am Tage ihres Todes das Licht wieder ſehen! Ich. Sind gewiß Vornehme ſeines Hofs2 Der Knecht. Möglich, mein Auge ſah ſie nicht. Doch daß dem Sultane alles an ihnen gelegen ſeyn muß, ſchließe ich nur daraus, weil er bei ſeiner Ab⸗ reiſe die Thüren ihres Gefängniſſes mit ſeinem Siegel verſchloß. Ich. Gott ſey ihrer Seele gnädig! Dann ſind ſie ſchon elendiglich verhungert. Der Knecht. O deswegen nicht. Sie erhalten alle Tage gute Speiſen. In dieſem Falle wollte ich ihr Schickſal ſchon mit ihnen theilen. Ich. Wenn die Thüren verſiegelt ſind?2 Der Knecht. Ja, ja, Alter, obgleich die Thüren verſiegelt ſind, ſo erhalten ſie doch Speis und Trank. Kam mir anfangs auch rund vor, wollte es ſchwer glauben, und trug blos aus Neugierde dem Wärter die Speiſen nach, um nur ſehen zu können, ob und wie ſie ſolche erhielten. Ich. Nun? Und du ſah'ſts? Der Knecht. Sah's! Unfern jeder Thüre iſt eine ganz kleine Oeffnung in der Mauer, welche ein rundes Blech verſchließt, der Wärter dreht es herum, nimmt * 33 aus der hohlen Oeffnung die leeren Schüſſeln heraus, ſetzt die vollen hinein, und geht dann wieder fort, ohne die Gefangnen geſehen und geſprochen zu haben. Ich. Auf dieſe Art ſind ſie freilich vor Hunger und Durſt geſichert, aber wenn ſie nun krank werden, eines Arztes bedürfen? Der Knecht. Dann mag Gott ihr Arzt ſehn. Wer wirds wagen, die Siegel des Sultans zu verletzen? Ich(gegen die Säuten, welche an der Schneckentreppe angebracht waren, mit dem Finger zeigend). Das ſind wohl lauter Reiſige, welche die Gefängniſſe bewachen? Der Knecht. Wo2 Ich. Die dort immer höher und höher an der Treppe ſtehen. Der Knecht. Guter Alter, deine Augen ſind ſchwach! Das ſind Säulen, welche die Treppe halten, und keine Wächter, hier bedarfs ihrer nicht. Der ſtarke Thurm, die eiſernen Thüren ſind beſſere Wächter⸗ Wenn die Veſte wohl bewacht wird, wer kann ſich dann dem Thurme nahen? Ich. Nun freilich, freilich!—— Ah, die Sonne hat mir wohl gethan, hat mich ordentlich geſtärkt. Ich will euch nicht länger beſchwerlich fallen, will heute noch ſehen: ob ich den Berg hinabkriechen kann? Der Knecht. Wirſt räthlicher handeln, wenn du's wagſt, denn erfährt's der Emir, daß du im Stalle herbergſt, ſo wird Strafe unſer Lohn. Wir ſollen keinen Fremden über Nacht bei uns behalten. Ich. Bewahre mich Gott, daß ich eurer Barmher⸗ zigkeit ſolch ſchlechten Lohn verurſachte. Ich will ſo⸗ gleich fort, will aber eurer Wohlthat nicht vergeſſen, ihrer täglich in meinem Gebete gedenken. Der gutherzige Knecht führte mich nun bis ans äußerſte Thor der Veſte, ſah mir noch lange nach, und verhinderte mich dadurch, meinen Schritten Eile 9 Löwenritter 3. 3 zu gebieten. Endlich deckte mich der Felſen vor ſeinem Auge, und ich ſpudete, mich ſo wacker und jugendlich, daß ich ſchon mit Sonnen⸗Untergang Rechobs Thürme erblickte. Eſchen bach. Nun? Und die Hoffnung, die du uns zur Rettung der Ungliücklichen im Voraus ver⸗ ſprachſt? Der Greis. Liegt ſie denn nicht ſchon in meiner Erzählung? Eſchenbach. Ich ſuchte ſie mit gierigem Blicke, und fand nirgends einen Schein derſelben. Der Greis. Nicht? O des Blinden, der nicht ſehen will, dem man's gerade fürs Auge halten muß. Unſer Plan bleibt der nämliche. Wir ziehen wo mög⸗ lich heute noch aus. Eſchenbach. O wenn's fruchtet, lieber ſchon den kommenden Außenblick. Der Greis. Sind wir dann einmal am und im Thurme, ſo ſind wir geborgen, und verlaſſen ihn nicht eher, bis alle gerettet ſind. Eſchenbach. Noch verſtehe ich dich immer nicht. Der Greis. Sollſt es bald ganz, nur harre mei⸗ ner Erklärung. Da nichts im Thurme uns ſtören wird, da kein Wächter an den Thüren deſſelben lauſcht, keiner ſie zu öffnen wagt, ſo können wir von innen immer höher durch die Decke der Gemächer arbeiten, bis wir alle gefunden, alle gerettet haben. Es wird großer Arbeit bedürfen und der Mühe nicht wenig koſten, aber es iſt uns ja Zeit gegönnt, und gilt das Leben ſo theurer Freunde. Ueberdies hoff ich, ſoll die Arbeit ſchnell von ftatten gehen. Iſt im Gewölbe der Decke nur ein Stein gelöst, ſo laſſen ſich die übrigen leicht herausheben, folgen oft von ſich ſelbſt—— Eſchenbach. Und ſollte jeden derſelben das Blut meiner Hände löſen, ich würde es mit Freuden fließen ſehen. Kommt Freunde, der Schein der Hoffüung winkt uns! Sie retten können! Schon dieſer Gedanke gewährt Freude im Nebermaße. Sie gerettet haben! O in dieſer That ruht ein Meer von Seligkeiten, aus welchem ihr alle im Ueberfluſſe ſchöpfen ſollt. Noch mußten ſie manches in ihrem Plan ändern und ordnen, ehe ſie auszogen und die Veſte erreich⸗ ten. Sie nahmen Speis und Trank mit ſich, ſo viel ſie tragen konnten, um nicht aus Hunger und Ent⸗ kräftung in der Hälfte der Arbeit enden zu müſſen. Sie beſchloſſen, nur des Nachts zu arbeiten und am Tage zu ruhen, damit kein Geräuſch die Vorüberge⸗ henden aufmerkſam mache. Sie nahmen noch mehrere Werkzeuge mit ſich, weil ſie höchſt nöthig zur fernern Arbeit im Thurme mehrerer Leitern bedurſten, um an'der Decke der Gemächer arbeiten zu können. Als in der Mitternachtsſtunde der muntere Hahn Regen verkündigte und Rüdengebelle in nah und fernen Hüt⸗ ten ertönte, langten ſie glücklich im Gebüſche, und bald nachher am Thurme an. Der Greis ward zum Wächter ausgeſtellt, und die Ritter begannen das Werk mit Freuden. Sie arbeiteten mit einem Eifer, wel⸗ cher Unmöglichkeiten möglich zu machen ſchien; aber die Mauer war dicker, und tiefer hinein feſter, als ſie vermuthet hatten. Schon hatten ſie zwei volle Stunden gearbeitet, und förderten eben den Schutt zur Oeffnung heraus, als der lauſchende Prieſter ſich mit ſchnellen Schritten nahte und ihnen Stillſtand ge⸗ bot, weil ein Trupp Reiter, der von der rechten Seite der Veſte herabzöge, ſich zu nähern ſchien. Die Rit⸗ ter warfen ihre Werkzeuge weg und griffen nach ih⸗ ren Schwertern. Es war die bei den Sarazenen ge⸗ wöhnliche Nachtwache, welche verbunden iſt, vor und nach Mitternacht die Veſte zu umreiten, und aufmerk⸗ ſam zu ſeyn: ob kein Verräther von außen lauſche2 36 Da dieſe Pflicht, beſonders in Zeiten des Friedens, oft ſehr nachläſſig und nur zum Scheine erfüllt wurde, ſo zogen auch diesmal die Reiter in ſorgloſer Ruhe am Gebüſche vorüber, und würden die Ritter in ihrer Arbeit gewiß nicht geſtört haben, wenn nicht zum Un⸗ glücke ein paar große Hunde, welche gewöhnlich mit der Wache liefen, der Fremden Gegenwart gewittert yätten. Sie krochen ins Gebüſche, und fingen, als ſie die Ritter erblickten, laut zu bellen an. Die Wache war ſchon vorüber: wie aber der Anführer den Laut der Hunde im Gebüſche hörte, ſo zog er den Zügel ſeines Roſſes an und horchte. Was kanns denn da im Dickicht geben? fragte er endlich ſeine Begleiter. Einer derſelben. Was wirds geben? Wahr⸗ ſcheinlich haben die Rüden ein Wild aufgeſtöbert, das ſie nun durch Bellen herauszutreiben ſuchen. Hört ihr, wie's raſchelt; ſchon haben ſie geendet, es wird ihren Klauen entflohen ſeyn, jetzt ſuchen ſie im Stil⸗ len die neue Spur. Der Anführer horchte noch länger; wie er aber nichts mehr hörte, zog er unbeſorgt weiter. Als die Ritter deutlich hörten, wie nach und nach der Schall der Huftritte ſich in der Ferne verlor, ſo athmeten ſie freier, und dankten Gott, daß er ſie ſo wunder⸗ bar aus der nahen Gefahr errettet habe. Die Rüden, abgerichtet zum Fange, hatten wirklich ſchon den an der Oeffnung ſtehenden Prieſter gepackt, aber Eſchen⸗ bach ſprang ſchnell herzu, und endigte mit ſeinem ſcharfen Schwerte den ungleichen Kampf. Der Rüden Gebelle verſtummte, und die nahe, ſchreckliche Gefahr entfernte ſich glücklich. Sie verdoppelten nun ihren Eifer, und bald ward er belohnt; der letzte Stein rollte ins Gefängniß hin⸗ ab, und eine ängſtliche, ihnen unbekannte Stimme fragte in welſcher Sprache: ob Menſchen oder Geiſter 37 hier ihr Weſen trieben, und was dieſer gewaltige Lärm zu bedeuten habe? Der Prieſter(welcher allein dieſe Sprache verſtand). Wer du auch biſt! Sey ruhig, deine Erlöſer nahen! Entferne dich nur von der Oeffnung, damit wir ſie erweitern können. Die Stimme. O Gott ſey gelobt! O Gott ſey gedankt, wenn es Menſchen und Freunde ſind! Die Ritter erweiterten nun ſogleich die Oeffnung, erforſchten die innere Tiefe, und ſprangen hinab. Wie ſie auch den Prieſter herabgehoben halten, ſprach er mit dem unbekannten Gefangnen. Der Greis. Wer biſt du, und wie kommſt du in dies Gefängniß? Der Gefangne. Ich bin ein Kaufmann aus Tyrus, trieb großen und ehrlichen Handel unter des Sultans Schutze, ward vor einigen Tagen von ſeiner Wache in meinem Hauſe überfallen und ohne Barm⸗ herzigkeit hierher geſchleppt. Der Greis. Ah, du alſo dieſer, den ſie neulich holten. Und was iſt dein Verbrechen? Der Gefangne. Kann ichs wiſſen? Noch ſprach niemand mit mir, noch hat keiner Verantwortung von mir gefordert. Der Greis. Haſt du nie einige Waare an Kor⸗ i Geliebte zu Jeruſalem verkauft? Kennſt du ſie nicht? Der Gefangne. Ach! Ich kenne ſie nur allzu wohl! Hab' mit Schmerzen vernommen, daß die Un⸗ dankbare ihrem Wohlthäter entflohen iſt! Wenn Kor⸗ radin etwan glaubte, daß ich mit ihr im Einverſtänd⸗ niß lebte, daß ich ihre Flucht förderte, ſo trügt er ſich; wäre das ungerathne Kind zu mir gekommen, ich hätte ſie treulich ſeinen Händen ausgeliefert. Der Greis. Kind? Wie? Du wärſt—— 38 Der Gefangne. Ja, ich bin der unglückliche Zelanv! Bin der Vater der Schändlichen! Der Greis. Du alſo der Unnatürliche, welcher ſein Kind um ſchnödes Gold dem Wollüſtling opferte, und dadurch Urheber all des Unglücks ward, was wir jetzt zu verhindern ſuchen? Gerechter Gott, dein Ge⸗ richt iſt wunderbar, indeß die Unſchuls noch ſchmach⸗ tet, wird der Schuldige erlöſet. Ich will deinem Winke nicht vorgreifen, ſonſt müßte ich den Rittern rathen, alle zu erlöſen, und nur dieſen der Rache des Sul⸗ tans zur gerechten Strafe zu überlaſſen. Zelano. O ſeyd barmherzig! Vergebt, verzeiht, wenn ich fehlte. Geleitet mich ingeheim und ſicher nach Tyrus, ich will dann eure Mühe herrlich lohnen. Der Greis. Schweig, Elender! Du glaubſt alles mit Golde zu lohnen, weil deiner niedern Seele alles um Gold feil iſt. Sorge dich nicht, dieſe frommen Ritter werden dem Willen Gottes nicht vorgreifen. Nicht unſer, ſein Wille machte dich frei, und du ſollſt frei bleiben. Wahrſcheinlich harrt hier deiner keine Strafe, weil nur die ewige deinen Verbrechen ange⸗ meſſen iſt.. Er erzählte nun den Rittern alles, was er erfah⸗ ren hätte. Sie ſtaunten, wie er, und rathſchlagten ob ſie den Böſewicht unter ſich dulden oder ſogleich die Freiheit gewähren ſollten? Mehrere Vortheile zeig⸗ ten ſich, wenn ſie das letztere thäten, fie konnten über⸗ dies die Speiſen, welche man ihm reichte, zu ihrem Genuſſe verwenden. Sie lösten daher ſeine Feſſeln, und unterrichteten ihn, wie er wandern ſolle, um noch vor Tages Anbruch die chriſtliche Stadt Rechob zu erreichen. Da Zelano ſah, daß die Fremden Freunde ſeiner Tochter wären, ſo änderte er ſeine Rede, ge⸗ lobte ſtrenge Verſchwiegenheit, bereute ſeine That, und verſprach ſogar zu Sidon, wo er ſeines Handels we 39 gen bekannt war, ihrer zu harren, ſogar ein Schiff zu beſtellen, daß ſie den weitern Nachſtellungen des Sultans entriſſen und an eine andre Küſte führen ſollte. Die vorſichtigen Ritter nahmen aber ſeinen An⸗ trag nicht an, vertrauten ihm auch nicht, welchen Weg ſie mit den Erlösten ziehen würden, ſondern forſchten nur vor ſeiner Abreiſe: ob je die Thüre ſei⸗ nes Gefängniſſes ſey geöffnet worden, und die übri⸗ gen Gefangnen gerade über ihm, oder höher im Thurme verwahrt würden? Zelanv verneinte das erſtere, und konnte über das letztere keine nähere Kundſchaft erthei⸗ len. Nur ſo viel verſicherte er, daß er oft Tritte und Kettengeraſſel über ſeinem Haupte gehört habe. Zu⸗ frieden mit dieſer Nachricht, ſchenkten ſie ihm ein Pil⸗ gerkleid, deren ſie mehrere bei ſich hatten, und ließen ihn in Frieden ziehen. Er dankte warm für ihre Rettung, ſchwur die That nie zu vergeſſen, und ver⸗ ſchwand bald aus ihren Augen. Der Tag fing an zu grauen; ſeine Ankunft gebot nun ihren Handlungen mehrere Vorſicht; ſie eilten noch einmal ins Gebüſche zurück, um Holz zu holen, aus welchem ſie eine Leiter verfertigen wollten, an der es ihnen noch mangelte. Da ſie bald fanden, was ſie ſuchten, und es in mög⸗ lichſter Stille fällten, ſo waren ſie ſchon wieder im Thurme, ehe noch die Schatten der Nacht ganz wi⸗ chen. Sie ruhten nun; als aber der Wärter den Ge⸗ fangnen das Morgenbrod gebracht hatte, und das Ta⸗ geslicht durch ein kleines, vergittertes Fenſter vom Hofe herein das Gefängniß ſchwach erleuchtete, ſo be⸗ nutzten ſie die edle Zeit, maßen die Höhe des Ge⸗ machs, fanden es weit niedriger als ſie vermutheten, und konnten aus dem vorräthigen Holze ſtatt der Lei⸗ ter ein kleines Gerüſte verfertigen, welches ihre Ar⸗ beit um ein Großes zu erleichtern verſprach. Ehe noch die Mittagsſtunde nahte, war ſchon alles fertig; ſie 40 aßen mit frohem Muthe die Speiſen, welche man dem gefangnen Zelano durch eine Oeffnung herein drehte, und bewahrten die ihrigen auf weitere Zeiten. Sie hofften mit Grunde, daß ſie die kommende Nacht ſich wenigſtens ein Gemach höher arbeiten würden, weil die Decke ſehr feucht und die Steine morſch waren. Groß war ihre Freude, als auch ſie Zelanos Erzählung be⸗ ſtätigt fanden, undnoft über ſich Tritte und Kettenge⸗ klirre hörten. Voll edlem Gefühle rief dann immer Eſchenbach leiſe aus: O harre, harre nur noch ein wenig! Eh die Mitternachtsſtunde naht, ſollſt du ſchon das Gefühl der Freiheit in unſern Armen ſchmecken. Uum dann kräftiger und thätiger arbeiten zu können, ermahnte ſie der Greis zur Ruhe; er gelobte an ih⸗ rer Stelle zu wachen, ſie zu gehöriger Zeit zu we⸗ cken, und dann erſt zu ruhen, wann ſie zur Arbeit gingen. Sie folgten ſeinem Rathe, lagerten ſich am harten Boden, und genoſſen bald des Schlafes, den ſie ſchon ſo lange entbehrt hatten. Indeß die Aermſten ruhten, vernichtete ein Zufall, dem ſie freilich nicht auszuweichen fähig waren, all ihre frohe Hoffnung, und ftürzte ſie ſelbſt in ein Un⸗ glück, aus welchem ſie ſo edelmüthig ihre Freunde er⸗ retten wollten. Die Wächter, welche in der Nacht am Thurme vorübergezogen waren, vermißten am Mor⸗ gen ihre Hunde; als ſie am Mittage noch nicht zu⸗ rückkehrten, ſo gingen einige aus, um ſie zu ſuchen. Sie lockten vergebens, und erinnerten ſich nun erſt, daß die Hunde im Gebüſche, welches am Thurme em⸗ porwuchs, geſtern Nachts eifrig gebellt und in dieſer Gegend ſich verloren hatten. Da es ihnen möglich ſchien, daß ein wildes Thier dort niſte und die Hunde vielleicht zerriſſen habe, ſo beſchloßen ſie hinzugehen, um ſich von der Gewißheit dieſer Muthmaßung zu überzeugen. Sie ſuchten nicht lange, und ſahen bald die Hunde vor ſich liegen. Erſchrocken blickten ſie ein⸗ ander an, als der Augenſchein ſie belehrte, daß nicht wilde Thiere, ſondern die Schärfe des Schwerts ſolche getödtet habe. Noch weit mehr erſchracken ſie aber, als ſie die Oeffnung im Thurme erblickten; ſie zitter⸗ ten und bebten. Euer aller Leben haftet mir für die Gefangnen, hatte der Sultan beim Abſchiede geſagt, und ſie wußten nur allzu gut, daß er in ſolchen Fäl⸗ len treulich Wort zu halten pflegte. Ohne die Sache näher zu unterſuchen, eilten ſie mit den ſchnellſten Schritten nach der Veſte, und brachten dem Emir Nachricht von allem, was ſie geſehen hatten. Wären die Bedürfniſſe der Natur nicht mächtiger, als der beſte Wille des Menſchen, ſo hätten die Ritter jetzt noch Zeit gehabt, ſich mit der Flucht zu retten. Der alte Greis war aber ebenfalls eingeſchlafen, er hörte das Geräuſch, die Tritte der Wächter nicht, und ſchlief ſammt den Rittern noch ſanft und ruhig, als der wüthende Emir unter Begleitung all ſeiner Bewaffſ⸗ neten die Thüre des Gefängniſſes öffnete. Allah ſey gelobt, ich treffe ſie noch! ſchrie er, als er die ſchlaf⸗ trunknen Ritter vom Boden auftaumeln ſah. Ehe ſich dieſe faſſen, ehe ſie begreifen konnten, was vorging, waren ſie ſchon übermannt, und wurden aufs neue zu Boden geſtürzt. Auch den theilnehmenden alten Prieſter traf ein gleiches Schickſal; er hatte am erſten ſich ermuntert, und wollte eben durch die Oeffnung entfliehen, als einige Knechte ihn beim Kleide zurück⸗ zogen und unbarmherzig zu Boden warfen. Mit Er⸗ ſtaunen überblickte der Emir nun der Ritter Arbeit; er enideckte ſogleich ihren ganzen Plan, und jubelte nochmals hoch, daß er ſo glücklich ſey vernichtet wor⸗ den. Der Ritter Gefühl vermag ich nicht zu ſchildern, ſie knirſchten mit den Zähnen, und über Eſchenbachs Wangen floßen Thränen herab. Wahrlich nicht Be 42 weiſe ſeiner Zagheit, aber wohl ſeiner Wuth und Verzweiflung! Die Härte, mit welcher man ihnen be⸗ gegnete, die Unbarmherzigkeit, mit welcher man ſie eng ſeſſelte, rührte ihr Herz nicht, es fühlte nur den mißlungnen Plan, und das Unvermögen, ihre Freunde retten zu können. Das allgewaltige Schickſal, rief. Eſchenbach aus, als man ſie insgeſammt forttrug, iſt ſo grauſam nicht! Es erlaubt uns zwar nicht die Ret⸗ tung unſerer Freunde, aber es gönnt uns doch die Hoffnung, mit ihnen zu ſterben, und ihnen noch im Tode ſagen zu können, was wir für ſie thun woll⸗ ten. Der Emir gebot, die Rütter nach einem Saal zu tragen, dort wollte er ſie verhören, ihren ganzen Plan erforſchen, und durch ſie erfahren, welche Straße der Kaufmann aus Tyrus gewählt habe, weil er ihn nicht mehr unter den Gefangnen fand. Seine Abſicht mißlang; die Ritter antworteten nicht, ſie ſpotteten ſeiner Drohung, und boten der Marter Trotz, mit welcher er ihr Geſtändniß erzwingen wollte. Als er ihren Muth, ihre unerſchütterliche Standhaftigkeit lange genug und vergebens verſucht hatte, beſchloß er, die ganze Geſchichte dem Sultan zu berichten und von ihm Belehrung zu heiſchen. Die Ritter wurden indeß in eben dieſem Thurme verwahrt, und bis zur Rück⸗ kunft des Eilboten gut gepflegt. So ſehr dieſer auch eilte, ſo konnte er doch erſt in zwei Monden wieder⸗ kehren. Er traf den Sultan in Kapadozien, als er eben von den Rebellen war geſchlagen worden, und ſich bis an die Gränzen von Syrien zurickziehen mußte⸗ Unmuth thronte auf ſeiner Stirne, Zorn kochte in ſeinem Herzen. Die unerwartete Nachricht vermehrte beides noch ſtärker; er beſchloß in dieſem fürchterli⸗ chen Augenblicke aller Gefangnen Tod. Als er aber bald nachher fühlte, daß ſeiner Rache die größte Wonne entriſſen würde, daß er ſie nicht mit dem Anblicke der * 43 blutenden Schlachtopfer im vollen Maße ſättigen konnte, ſo änderte er ſeinen Vorſatz, ſandte mit dem Boten einen Emir zurück, dem er Macht ertheilte, ſeine Sie⸗ gel zu löſen und alle Gefangne nach der Veſte Tha⸗ bor zu führen. Er gebot ihm, ſie dort in den feſten Gefängniſſen, welche in Felſen ausgehauen waren, bis zu ſeiner Rückkunft zu verwahren, jeden der Ge⸗ fangnen einzeln dahin zu führen, und nicht zuzulaſ⸗ ſen, daß einer den andern ſehen oder ſprechen könne. Da übrigens der Befehlshaber der Veſte Dan, ſei⸗ nem Urtheile nach, durch nachläßige Wachſamkeit die Flucht des Kaufmanns befördert hatte, ſo befahl er er ferner, dieſen ſeines Amtes zu entſetzen und ihn an des Entflohnen Stelle ins Gefängniß zu werfen. So⸗ bald, fügte er endlich hinzu, mir die kühnen Rebellen nur einen kleinen Zeitraum gönnen, komme ich zu⸗ rück, und befreie dich auf immer von der Laſt, ſolche gefährliche Verräther länger zu bewachen. Der Emir zog eilig fort; nahe an den Gränzen von Paläſtina ergriff ihn aber ein gefährliches Fieber und gebot ſei⸗ ner Eile Stillſtand. Er ſandte einige ſeines Gefolgs nach der Veſte voraus, damit ſie dort bis zu ſeiner möglichen Ankunft die Reiſigen zur größten Wachſam⸗ keit ermuntern, und ihnen kund machen ſollten, wie viel dem Sultan an den Gefangnen gelegen ſey. Der Emir von Dan empfing die Abgeſandten mit vieler Freude; als er aber durch ſie den Auftrag und zu⸗ gleich die Ankunft eines neuen Emirs erfuhr, da fing er an, ſein künftiges Schickſal zu argwöhnen, und überlegte mit ſeinen Getreuen: ob es nicht räthlicher ſey, die Veſte vor der Ankunft des letztern ingeheim zu verlaſſen. Um vorher, ehe er wirklich handle, des Argwohns gewiß zu werden, achtete er des Goldes nicht, verſchwendete es in anſehnlicher Menge, und löste damit glücklich die Zungen der verſchwiegnen Ab⸗ geſandten; ſie vertrauten ihm alles, und er ſah nur allzuwohl ein, daß Flucht das einzige Rettungsmittel wäre. Mit dieſer erwachte aber auch Begierde zur Rache in dem Herzen des gekränkten Emirs. Es that ihm weh, daß der Sultan, ſeiner vielen Verdienſte mit einmal vergeſſen, ihn ungehört verurtheile, und ſeine Stelle einem andern anvertraue, welcher der ächten Verdienſte ſo wenige zähle. Da er wußte, wie empfindlich er ihn kränken, wie ſchrecklich er ſeine Wuth reizen würde, wenn er die Gefangnen ſeiner Rache entführte, ſo beſchloß er, dieſe zu befreien und mit ihnen nach einem chriſtlichen Hafen zu flüchten, von wo aus ſie dann leicht ſich weiter ſichern und den Nachſtellungen des Sultans auf immer entgehen könnten. Er wußte überdies nur allzu gut, daß er, flöhe er auch allein, ſein Vaterland nie mehr betreten könne, und fand's daher für vortheilhaft, ſich unter den Chriſten Verdienſte zu ſammeln, um ihres Schu⸗ tzes genießen zu können. Neuer Hoffnungsſchein leuch⸗ tete alſo wieder den armen Gefangnen; aber er leuch⸗ tete nicht lange, denn ehe ihr Retter ſeinen Plan überlegen, ordnen, und ſeinen Getreuen vertrauen konnte, langte der neue Emir unverhofft an der Veſte an. Ihr Befehlshaber wollte ſich zwar Anfangs ſei⸗ nem Einzuge widerſetzen, und wenigſtens ſich und den Seinigen eine rühmliche Flucht erkämpfen; als aber allen Vergebung zugeſichert wurde, als der ankom⸗ mende ihnen den Brief und das Siegel ihres Beherr⸗ ſchers zeigte, da ſanken die Sklaven muthlos zur Erde, feſſelten ſelbſt ihren Anführer, und ſchleppten ihn auf Befehl des neuen nach dem Gefängniſſe. Der neue Emir begann nun die Befehle ſeines Herrn zu erfüllen: er löste die Siegel der Gefäng⸗ niſſe, führte jeden Gefangnen einzeln nach der Veſte Thabor, und gebot ihren Begleitern ſtrenge, keine ih⸗ 4⁵ rer Fragen zu beantworten, keine Solbe mit ihnen zu ſprechen. Jeder derſelben glaubte, die Sonne zum letztenmale zu ſehen, und wunderte ſich daher ſehr, als er aufs neue in Kerker geführt wurde. Groß und innig war beſonders der Jammer der armen Weiber; ſie hatten mit ſtandhaftem Muthe ihr dunkles Gemach verlaſſen, weil ſie dem Tode, dem einzigen Wunſche ihres Herzens, entgegengeführt zu werden glaubten; als ſie dieſen aber verſchwinden, ſich zur neuen Qual aufbewahrt ſahen, da floßen ihre Thränen häufig, da fragten ſie verzweifelnd den Ewigen: ob ihre Geduld noch nicht genug geprüft, und ſie noch nicht reif zum Lohne wären? Friedrichen und Heinrichen war das hartnäckige Stillſchweigen ihrer Wächter große Wohl⸗ that: hätten ſie durch ſolche erfahren, daß hinter ih⸗ nen ihre Weiber und Freunde, die zu ihrer Rettung herbeieilten, geführt würden, ihr Lvos wäre dann das ſchrecklichſte unter allen geweſen. Ob gleich ihre neuen Gefängniſſe in Felſen ausgehauen waren, ſo fanden ſie ſolche doch weit beſſer als die verlaßnen. Die Wände waren trocken, die Fenſter heller, ſie konnten den Tag kommen und ſchwinden Fehen, und da jeden Tag die Thüre ihres Gefängniſſes mehr als einmal geöffnet wurden, ſo genoßen ſie reinere und geſunde Luft. Freilich geringer Lohn für denjenigen, welcher den Tod wünſcht und erwartet, aber doch immer Wohl⸗ that für des Körpers Gefühl, wenn dies auch die kranke Seele verſchmäht. Da Korradin noch lange im Kampfe gegen die Rebellen ausdauern muß, nie Zeit hat, zur Befriedigung ſeiner Rache herbeizueilen, und ſich folglich das Schickſal der Aermſten nicht ändern, nicht enden kann, ſo will ich zurückkehren zu den we⸗ nigen Glücklichern, die nun bald die Gränzen ihres Vaterlandes wiederzuſehen hofften. Sie hatten auf Cypern und Kretg ſtrenge Nachfrage — gehalten, und nichts von ihren Freunden erfahrenz ſie landeten jetzt in Sicilien, hofften dort tröſtende Nach⸗ richt zu hören, und fanden ſich in ihrer Hoffnung aber⸗ mals betrogen. Den Morgen nach ihrer Ankunft ging der junge König am Ufer des Meers ſpazieren; er ſah die Fahne des Löwen am Borde des Schiffes wehen, und eilte, um ſo theure Freunde wieder ſehen und be⸗ grüßen zu können. Sein Herz trauerte, als es durch Ludwigen erfuhr, daß dieſe Wenigen wahrſcheinlich die ganze Zahl der Gerrtteten wären; ſein Auge thränte, als ihm ferner kund ward, daß Friedrich, den er als Vater liebte und ehrte, zwar aus der Gefangenſchaft erlöst, aber zu den Seinen nicht wiedergekehrt ſey. Er nahm alle Ritter und die Weiber mit ſich nach ſeiner Burg, bewirthete ſie königlich, und würde ſie noch gerne länger bewirthet haben, wenn er nicht deut⸗ lich geſehen hätte, wie ſehr ſie ſich nach ihrer Heimath ſehnten. Er ließ ſie daher in Frieden ziehen, und bat ſie, ſeiner in Deutſchland zu gedenken. Euch, fügte er hinzu, danke ich's jetzt, daß ich frei lebe und ruhig mein Volk regiere; euch hoffe ich es, einſt auch dan⸗ ken zu können, daß ie Deutſchen mich zu ihrem König wählen und mir die Kaiſerkrone anvertrauen. Dann will ich erſt vom Lohne ſprechen, den ihr bisher ſo herrlich verdient, aber auch eben ſo hartnäckig verwei⸗ gert habt.— Schon hatten alle Ritter ſeine Hand geküßt und wollten zu den Roſſen eilen, die der König ihnen geſchenkt hatte, als er Ludwigen zurück winkte und in den nahen Erker führte. Der König. Schon lange iſt in mir der Gedanke erwacht und zum feſten Vorſatze worden, einſt Mitglied eures Bundes zu werden. Sprich aufrichtig, kann ich dieſe Hoffnung noch länger nähren? Ludwig. Ich würde zum Lügner werden, wenn ich euch in dieſer Sache entſcheidende Antwort ertheilen wollte. Ich bin ſelbſt noch ein Neuling des Bundes, und in einem Grade deſſelben, der noch mehrere über ſich hat, und vor deſſen Blicke die Inſtituten unſers Bundes nicht offen liegen. Nur ſo diel ſey euch un⸗ verholen, daß zwar jedem ehrliebenden und tapfern Ritter die Thüren unſers Saales offen ſtehen, daß aber der Bund auch manches von ihm fordert, welches ihr als König ſchwerlich erfüllen könnt. Der König. Das wäre meine Sorge. Nur eins geſtehe mir noch offenherzig: Kann der Neuangenom⸗ mene die Grade oder Stufen eures Bundes mit ein⸗ mal erwerben, oder muß er ſolche erſt durch jahrelan⸗ gen Dienſt, durch Beweiſe ſeines unerſchrocknen Muths zu erkämpfen ſuchen? Ludwig. Er kann ſie alle mit einmal erreichen, kann ſich die Ehrenzeichen, welche unſer Anführer Frie⸗ drich trug, in einem Tage erwerben, aber die Probe iſt hart, ſcheint unmöglich, und nur Wenige können ſie beſtehen. Der Kömig. Du ſpornſt meinen Ehrgeiz wacker; was Wenige erreichen können, erreiche ich ſo gerne. Mein Vorfatz iſt nun feſter als je: In meinem Lande herrſcht Friede, mein thätiger Geiſt hat der Beſchäfti⸗ gung ſo wenig; ehe die Bäume wieder grünen, bin ich in Deutſchland und ſuche bei euch Herberge und Aufnahme. Ich komme unerkannt, und hoffe es auch bei euch zu bleiben. Melde dies deinem Hauptmanne, und wenn mein Stand mich etwan ganz unfähig macht, ein Mitglied eures Bundes zu werden, o gib mir in Zeiten Nachricht, damit ich nicht vergebens komme. Erhalte ich keine Antwort von dir, ſo beſtimmt dies meinen Entſchluß, und ich reiſe. Ludwig verſprach dem jungen, ehrgeizigen Könige in jedem Falle Nachricht zu ſenden, und zog nun fort nach dem geliebten Deutſchland, das er nie mehr zu 18 verlaſſen wünſchte. Sie ſetzten glücklich auf einer könig⸗ lichen Galeere nach Italien über, und förderten ihre weitere Reiſe nach Kräften. Schon hatte der Winter ſeine kalten Fittige über Schwabens Gefilde ausgebrei⸗ tet, ſchon deckte der Schnee die Erde, als ſie darin anlangten. Kein Baum grünte, kein Vogel ſang, öde und leer war's im Forſte und Felde, und doch ſchien ihnen die Gegend reizender und ſchöner als Italiens blumenreiche Gefilde. Sie grüßten mit wonnevollem Gefühle die hohen Eichen des Forſtes, und achtete es nicht, wenn der rauhe Nordwind den Schnee von ihren Aeſten auf ſie herabſchüttelte. Sie fühlten aufs neue die Freuden, welche ſie oft unter dieſem und jenem Baum genoſſen, wenn ſie, ermattet von der Jagd, Ruhe im Schatten geſucht hatten. Selbſt die noch immer trauernde Kunigunde ſchlug ihren Wittwenſchleier zurück, und ſchien zum erſtenmal Freude zu fühlen. Mit freundlichem, gefühlvollem Blicke dankten alle den Bewohnern des Dorfs, die, geſchreckt durch der Roſſe Tritte, ihre warmen Hütten verließen und ihnen einen herzlichen Willkomm zuriefen. Es that ihren Ohren und Angen ſo wohl, die deutſche Sprache wieder zu hören und alte Bekanntſchaften zu erneuern. Die vä⸗ terliche Burg lag nun vor Ludwigs Augen; er blickte ſtarr nach ihr hinauf; er ergriff ſeines Weibes und ſeiner Schweſter Hand, die neben ihm ritten, und zog ſie an ſein Herz: er wollte ihnen ſo gerne die Gefühle mittheilen, welche ſein Herz durchzitterten, und für welche er keine Worte hatte. Sie fühlten ſeinen Zu⸗ ſtand und nahmen redlichen Antheil daran. Als ſie die Hälfte des Bergs erreicht hatten, befahl er, vie Fahne des Löwens zu entwickeln; ſie flatterte frei in der Luft und verkündigte den Bewohnern der Veſte ihre Ankunft. Bald ſcholl Trompetenruf von ihr herab, und frohes Rüdengebelle tönte dieſem nach. Die treuen 49 Hunde witterten die Ankunſt ihres Herrn; ſie krochen durch die Ausfalllöcher und eilten ihm entgegen. Mit freudigem Geheule wälzten ſie ſich vor ſeinem Roſſe und hinderten es, weiter zu ſchreiten. Ludwig blickte ſtill auf ſie herab, er wollte ihre Freude mehren, ihre Namen nennen, aber ſeine Lippen zitterten, der Laut verſchwand unhörbar. Jubelgeſchrei der Knechte und Reiſige von oben herab weckte ihn aus ſeinem Taumel; er ſpornte ſein Roß, und es ſtand bald am verſchloß⸗ nen Thore. Sein alter Vater hätte ſchon durch andre heimziehende Ritter vieles vom unglücklichen Heerzuge in Paläſtina vernommen. Keiner derſelben konnte ihm Nachricht von den Kindern ſeines Herzens, ſeines Bun⸗ des geben, alle erzählten ihm, daß ſie gleich Löwen bei Cäſarea gefochten, aber auch dort wahrſcheinlich geendet hätten. Der Verluſt aller ſeiner Kinder ſchien ſeinem Herzen zu groß, es konnte ihn nicht faſſen; als es ſich gar die Weiber in ſchmählicher Gefangen⸗ ſchaft dachte, da brachs, und er ſank ermattet aufs Krankenlager nieder, welches er nicht mehr zu verlaſſen fähig war. Am Tage zuvor hatte die Gefährtin ſeiner Tage, ſein treues Weib, ihr Leben geendet. Sie ſiechte ſchon lange, hätte freilich wenige Monden mehr zäh⸗ len können, aber die Trauerpoſt war doch der Räuber dieſer wenigen geworden; ſie war froh hinüber gegan⸗ gen, weil ſie dort ihre Kinder wieder zu ſehen und zu umarmen hoffte. Voll Wehmuth hatte der unglück⸗ liche Alte ſeine letzten Kräfte geſammelt, war aufge⸗ taumelt vom Lager, ſtand eben am Sarge der Erblaß⸗ ten, und dankte der Theuern für ihre Liebe, Treue und Theilnahme an Freude und Kummer, als der Trom⸗ petenruf ertönte, und das laute Freudengeſchrei der Knechte ſeines Sohnes Namen nannte. Er ließ ſich ans Fenſter leiten, erblickte die Fahne ſeines Bundes, ſah, wie ſeines Sohnes, ſeiner Tochter Blick an den Löwenritter 3. 4 Fenſtern umherirrte, und konnte die ſchnelle Freude nicht faſſen. Gram und Kummer hatten ſein Herz zu ſehr geengt: es hatte nicht Raum für die allzugroße Freude. Er ſtand ſtarr und ſprachlos da, er wollte ſprechen, und konnte nicht, er wollte mit der Hand winken, und vermochte es nicht. Endlich erwachte ſein Muth, der im härteſten Kampfe wohl oft zurückweichen, aber ihn doch nie ganz verlaſſen konnte. Er fuhr mit der Hand raſch über die naſſen Augenwimpern, und fragte mit gebrochner, aber doch männlicher Stimme: Iſt dies der Tritt des Löwen? Ludwig. Ja, Vater, er iſts! Er kehrt aus Palä⸗ ſtina zurück, und ſehnt ſich mächtig nach dem ſo lang entbehrten Kuſſe des ſegnenden Vaters. Der Greis eim Tone der innigſten Wehmuth). Seyd willkommen! willkommen! Eilt herauf, wenn euch noch ſein Kuß und Segen werden ſoll. Das Thor ward nun geöffnet: alle Bewohner der Veſte füllten es wieder, jeder wollte der erſte ſeyn, den Erbherrn derſelben zu bewillkommen; aber Ludwig achtete ihrer nicht, ſein Blick hing am bleichen Todten⸗ geſichte ſeines Vaters; er drang eilend durch den Hau⸗ fen, zog ſein Weib, ſeine Schweſter hinter ſich her, und lag bald mit ihnen zu ſeinen Füßen. Scenen ſolcher Art haben keine Worte, auch ſind ſie für des Dichters Gefühl nnerreichbar. Die blühendſte, geübteſte Einbildungskraft kann ſich wohl eine Slizze davon dar⸗ ſtellen, aber ſie auszumalen im lebhaften Kolvrite, zu ſchildern das Steigen und Schwinden der ſtrömenden Affekte, jeden einzeln derſelben zu faſſen und anzuzei⸗ gen, wie Freude und Kummer, wie Wonne und Jam⸗ mer ſich ſo wunderbar miſchen, ſo in eins zu ſchmel⸗ zen ſcheinen, das vermag ſie nicht. Weh dem Kühnen, der es doch wagen wollte, er wird, er muß unverſtänd⸗ lich werden, wenn er es erreichen könnte, und ſchreibt 51 Unſinn nieder, wenn er es nicht erreicht. Als die Natur wieder ihr Recht behauptete, die zügelloſen, wild daher ſtürmenden Begierden in die Bahn zurückführte und ihnen Worte verlieh, da hob der Vater ſeine Kin⸗ der vom Boden auf. Kunigunde hatte nach der Mut⸗ ter gefragt, und ihn wieder an die Todte erinnert. Genug der Wonne, ſprach er, euer Herz muß ihrer nicht gewohnt werden. Noch harrt euer ein voller Schmerzenskelch, früh oder ſpät müßt ihr ihn leeren; alſo lieber jetzt, da euer Gaum noch das Süße der Freude fühlt. Er führte ſie nun ſtillſchweigend zum Sarge ihrer Mutter; Ludwig und Kunigunde ſchrieen laut auf, und wollten hinſtürzen zu ihr; der Greis ver⸗ hinderte es. Graf Farnsburg. Harrt noch ein wenig. Ich habe Aufträge von ihr, die ich erſt erfüllen muß. Als uns die Nachricht vom Tode eurer aller wurde und mich und die Verklärte aufs Krankenlager warf, da ließ ſie mich in der folgenden Nacht ſehnlich bitten, zu ihr zu kommen, ihr beizuſtehen im Todeskampfe, den ſie jetzt kämpfen müßte. Ich trocknete meine naſ⸗ ſen Augen, und gebot den Knechten, mich an ihr Lager zu tragen. Ich habe eben jetzt, rief ſie mir frendig entgegen, unſern Erſtgebornen lebend im Traume ge⸗ ſehen, mir ſchien's, als ob er an ſeiner Schweſter Arm mächtig eile, um noch meinen Segen zu empfangen. Da mit dieſem Traume die Hoffnung zu ihrer Rück⸗ kehr in meinem Herzen erwacht iſt, ſo bitte ich dich, ſie alle ſtatt meiner zu ſegnen, denn ich fühls nur allzu deutlich, daß dieſe Nacht meine letzte ſeyn wird. Sie hob nun ihr gebrochnes Auge zum Himmel empor, ſie ſtreckte ſegnend ihre Hände aus, aber der nahende Tod raubte ihr die Sprache, ihre Lippen konnten nicht nach⸗ ſtammeln, was ihr Herz ſprach. Ich wills an ihrer Stelle thun. czur weinenden Adetheid). Tritt näher und 52 nimm auch Theil daran! Eure verklärte Mutter ſegnet euch jetzt! Er legte nun ſeine Hände auf ſie. Seine Seele war allzuſehr bewegt, er betete nur leiſe, aber ſein Gebet war eins der kraftvollſten. Graf Farnsburg. Geht, und dankt ihr nun! Ludwig, Kunigunde und Adelheid ſtürzten hin zur Leiche. Sie war ſtets eine ſo gute Mutter geweſen, hatte ſo willig Freude und Leid mit ihren Kindern ge⸗ theilt, alle liebten ſie alſo von Herzen und jammerten laut um ſie. Graf Farnsburg(ſie aufrichtend). Gedenkt eures Vaters! Er bedarf des Troſtes ebenfalls, kommt und reicht ihm ſolchen. Er führte ſie nun aus dem Gemache und ſtützte ſich auf ſeines Sohnes Arm. Lange, ſprach er im Gehen, habe ich dieſer Stütze entbehren müſſen, aber ich fühls, daß ſie mich mächtig ſtärkt. Sie ſtiegen nun hinab nach dem Trinkſäale. Er bewillkommte jeden Ritter; aber ſein Blick ward Ernſt und wandelte ſich bald in Weh⸗ muth, als er ihrer ſo wenig erblickte. Graf Farnsburg. Noch habe ich nicht gefragk: wie's meiner Agnes, wie's den Männern meiner Töchter geht? Ob ich ſie erwarten oder betrauern ſoll? Ich wollte mir die Freude nicht verbittern; ſie that meinem Herzen ſo wohl, ſtärkte mich ſo mächtig, nun fühle ich Kraft genug, auch das Schlimmſte zu ertragen. Sprecht Wahrheit, erzählt alles offen und frei: iſt dies die ganze Zahl der Geretteten, oder kann ich mehrere erwarten? Ludwig. Ihr könnts, Vater! Gebt immer der Hoffnung Raum. Zwar wenige, aber doch mehrere. Graf Farnsburg. Und unter dieſen auch meine Agnes, auch Frohburgs Söhne? Ludwig. Auch dieſe, wenn anders Gott auf der langen Reiſe ihr Schutz und Begleiter ward. Wir konnten ihre Ankunft zu Akkon nicht erwarten, wir glaubten, daß Troſt hier nöthiger ſey, und eilten voraus. Graf Farnsburg. Sey gelobt, Allmächtiger! Nimm meinen ſprachloſen Dank! Ah, ich ſeh's nun deutlich, du haſt deines treuen Knechts noch nicht ver⸗ geſſen! Du prüfteſt mich ſtreng, nahmſt mir mein Weib, aber gibſt mir dafür alle meine Kinder zurück, und ſalbſt damit die Wunde, die deine Vaterhand ſchlug. Schenke ein, Tochter, reiche mir den Willkomms⸗ becher, meine Lippen ſind trocken, ich will ſie mit einem Freudentrunke netzen, und dann eure Erzählung an⸗ hören. Adelheid reichte ihm nun den Becher; er leerte ihn und ließ ſich nach einem Sitze führen; als er aber fühlte, daß er zu⸗matt, zu kraftlos ſey, ſo mußte ihn ſein Sohn nach dem Schlafgemache leiten. Er gebot allen Rittern Nachfolge, und nun begann die ausführ⸗ liche Erzählung von allem, was ſich in Paläſtina zu⸗ getragen hatte. Oft glühte des Greiſes Wange, wenn er den Rittern ins Getümmel der Schlacht folgte, oft bleichte ſie ſich mächtig, wenn er für ihr und der Wei⸗ ber Leben zagte. Als ihm Wieſenborns That kund ward, da glänzten Thränen in ſeinen Augen; als er aber ſeinen Tod erfuhr, da gab er ſeinem Gefühle Worte. Er ſtarb groß, rief er aus, größer als wir alle! Gott wird ſeine Abſicht, nicht ſeine That richten⸗ und ihm dieſe nach ſeiner Barmherzigkeit lohnen. Weine nicht, Kunigunde, weine nicht. Du haſt mich zum Vater eines Helden gemacht, dem wenige gleichen, komm an mein Herz, daß ich dir danke! Auch ich will ihm ein Grabmal in unſrer Kapelle errichten, ſeinen Leichenſtein ſollen alle Ehrenzeichen unſers Bundes zie⸗ ren, ich will darunter ſetzen laſſen: Er trug ſie nicht, aber er verdiente ſie!— Ihm ward nun weitere Er⸗ 54 — zählung, und auch der Tod ſeines Enkels, den Kuni⸗ gunde geboren hatte. Tochter, ſprach er zu ihr, dir ward mit einmal viel geraubt. Ich ehre dein Leiden, wollte Gott, ich könnte es auch lindern!— Schon hatte der Abend ſich genaht, als die lange Erzählung endlich ihr Ende gewann, noch gabs bis zur Mitter⸗ nachtsſtunde der Fragen in Menge, immer zweifelte des Alten Herz an der glücklichen Rettung der übrigen Weiber, immer forſchte er nach beſtimmter, näherer Nachricht von ihnen. Geht, ſprach er endlich, und ruht bis morgen, ich habe ja indeß Stoff genug zur Freude, zum Danke. Gott gab mir zwei meiner Kin⸗ der zurück, er wird meines alten Freundes ja auch gedenken, ihm ſeine Söhne in die offnen Arme zurück⸗ führen!— Als nun alle nach dem Schlafgemache eilten, und Ludwig auch ſein Weib dahin führte, ſo erblickte er auf ihren Wangen Thränen, und forſchte nach der Urſache derſelben. Adelheid. Soll ich nicht trauern? Auch ich habe einen Vater, der ſehnlich ſeine Kinder erwarten wird, vielleicht in der Größe der Verzweiflung ſich nur eins zogen, weilte oft mein Blick auf der geliebten Gegend, in welcher mein Vater wohnt. Aus Liebe zu dir un⸗ terdrückte ich den Wunſch meines Herzens, und gönnte dir willig die Wonke des Wiederſehens zuerſt. Nun ber muß ich dich bitten——— Ludwig. Nicht bitten, ſondern mich vielmehr an meine Pflicht erinnern. Morgen tragen wir den Ueber⸗ reſt unſter theuren Mutter zu Grabe, und den folgen⸗ den Tag reiſen wir zu deinem Vater. Adelheid. Lohn dirs Gott, ich will dir dieſe Wohlthat mit ewiger, mit inniger Liebe zu vergelten ſuchen. Alles ſchlief nun ſanft und rohig, wie aber der Tag derſelben zurück wünſcht. Als wir durch Helvetien — —— 55 graute, weckte Trompetenruf die Schlafenden. Graf Frohburg hatte vernommen, daß Ritter des Löwen durch Helvetien gezogen waren, er hatte des Schnees und Sturmes nicht geachtet, war Tag und Nacht ge⸗ ritten, um zu erfahren: ob ſeine Kinder mit ihnen heimgezogen wären? Er überraſchte Adelheiden auf ihrem Lager und ſank in ihre Arme. Ewiger! rief er aus, du haſt wenigſtens den innigſten meiner Wünſche erhört, haſt mir ein Kind zurückgegeben. Ich will der Wonne in ſeinen Armen ganz genießen, und dann erſt forſchen: ob ich die übrigen beweinen muß?—— Ihm ward nun nach und nach auch kurze Erzählung der Dinge, welche ſich zugetragen hatten. Da ſein Herz bisher immer, geſchreckt durch ſo manche Trauer⸗ poſt, an dem Leben ſeiner Kinder gezweifelt hatte, ſo 1 ergriff er mit Freuden den ſchwachen Hoffnungsſchein, und fühlte ſchon im Voraus die Wonne, wenn er alle ſeine Kinder um ſich verſammelt ſehen, und dann in ihren Armen ſterben könnte. Seine Ankunft hatte die Bewohner der Veſte geweckt, ſie kamen, ihn zu bewill⸗ kommen, und unter dieſen ſelbſt der alte Burgherr. Ein ergquickender Schlaf, welcher der Freude gefolgt war, hatte ſeine Glieder mächtig geſtärkt, er fühlte ſich beſſer, und konnte, auf ſeinen Stock geſtützt, allein ge⸗ hen. Nun, alter Freund, ſprach er, Gott gedenkt ja unſerer auch wieder! Er gibt die Freude nur tropfen⸗ weis, weil er vorher ſieht, daß wir den vollen Becher derſelben nicht ohne Geſahr leeren könnten. Er miſcht ſie auch wieder mit Jammer, damit wir den ſüßen Ge⸗ nuß derſelben um ſo beſſer fühlen. Du kommſt eben pecht, um mir mein Weib begraben zu helfen; dir darf ichs nicht erzählen, wie demſenigen zu Muthe iſt, der hüter dem Sarge der treuen Gefährtin ſeiner Tgge einherwandern muß, du haſis auch ſchon erfahren, ünd kannſt am beſten mein Leid fühlen. Graf Frohburg. Ich erinnere mich deſſen nur allzu wohl und fühls mit dir; doch bleibt Gott immer noch dein wohlthätiger Freund, da er dir doppelt wie⸗ der gab, was er dir nahm. Auch in den Armen eines Kindes ruht ſich's ſanft, auch in dieſen wird einſt der Tod nicht bitter ſchmecken. Dies denke, dies fühle, wenn dich der Blick auf die todte Gattin zur Verzweif⸗ lung reizt. Graf Farnsburg. Habs ſchon gefühlt! Wo würde ich ſo viele Kräfte hernehmen, wenn geſtern die Ankunft meiner Kinder mich nicht ſo mächtig geſtärkt hätte. Ich vermochts nicht, ihnen entgegen zu eilen, heute komme ich ſchon, ſie zu beſuchen. Ich wollte dir, ehe ſie kamen, einen Eilboten ſenden und mein Haus beſtellen; aber jetzt finde ich, daß es der allzu großen Eile doch nicht bedarf. Ich will mich wieder ſonnen im Anblicke meiner Kinder und neue Kraft zum Leben ſammeln. Ludwig. Das gebe Gott, dann lohnt er auch unſer Leiden mit vollem Wucher. Graf Farnsburg. Nur meine Agnes, nur deine Söhne, die innige Liebe auch zu den meinen gemacht hat, fehlen mir noch; aber Hoffnung ſtärkt ja auch, gebe Gott, daß ich ſie bis an mein Ende nähren kann. —— Doch eben fällt mir's bei, was ich geſtern ſo ganz vergaß: Haſt du ſchon mit deiner Adelheid ge⸗ zankt, ſchon ihr erzählt, welchen Kummer uns ihre geheime Abreiſe verurſachte, wie dieſe unſer Leiden um ein Großes mehrte, als wir auch für ihr Leben zittern mußten? Graf Fnprg. Ich habs rein vergeſſen, ver⸗ mags auch jetzt nicht! Würde die Aermſte noch leben, wenn ihr gleich uns die Nachricht von dem Tode aller Ritter worden wäre? Muß ichs ihr jetzt nicht danken, daß ſie mich nicht ganz kinderlos ſterben läßt? —— 57 Graf Farnsburg. Denkſt wie ich! Auch ich gedachte dieſen Morgen des Kummers, wollte meiner Kunigunde mit Ernſt erzählen, daß ihre Abreiſe ſtark am Lebensfaden der Mutter genagt habe; aber ich ward bald andern Sinnes, dachte zurück in die Jahre der Jugend, wie ich ſo innig an meinem Weibe hing, wie ich willig Vater und Mutter verlaſſen hätte, um ihr bis ans Ende der Welt zu folgen, und beſchloß, ihr Leiden nicht zu mehren. Sie allein iſt Wittwe. Graf Frohburg. Ich habs erfahren. Graf Farnsburg. Und?—— S Graf Frohburg. Und bewundere den Helden, ſegne ſeine Aſche, weil uns durch ſeinen Tod die Frei⸗ heit der übrigen ward. Die folgenden Stunden des Tags waren nun der Trauer gewidmet. Die alte Gräfin wurde zu Grabe getragen; zahlreich waren die Begleiter ihres Sarges, alle Vaſallen und Leibeigene ſchloſſen den langen Zug in gedrängtem Hauſen. Jeder war begierig, das An⸗ geſicht der wohlthätigen und guten Frau noch einmal zu ſehen, keiner war unter ihnen, der ihrem Andenken nicht eine Thräne geweiht hätte. Immer war der alte Graf ſtandhaft der Leiche gefolgt, als aber der Sarg hinabrollte in die Gruft, als der ſchwere Stein ihn auf immer deckte, da wankte ſein Schritt, er ſank in die Arme ſeines Sohnes und verbarg ſein Geſicht an deſſen Bruſt. Wie das Trauermahl aufgetragen wurde und ſich Fremde und Hausgenoſſen im Speiſeſaale verſammel⸗ ten, erſchien mit ihnen ein eisgrauer Ritter, den keiner kannte. Seine Tracht unterſchied ſich von allen übri⸗ gen er war noch im rauhen Pelzwammſe gekleidet, das man einſt zu Zeiten Karls des Großen getragen hatte. Er nahm Platz am unterſten Theile der Tafel, ſaß ſtill und traurig da, blickte keinen der Gäſte an, und ſprach auch mit niemanden. Sein langes, weiß⸗ lockigtes Haar, ſein noch längerer Bart, der bis über den Gürtel herabreichte, flößte allen Ehrfurcht ein. Jeder wunderte ſich über ſeine ſeltne Geſtalt; aber keiner wagte es, ihn in ſeiner Trauer zu ſtören, und alle glaubten, daß es ein alter Anverwandter der Ver⸗ ſtorbnen ſey, welcher auch noch beim Mahle ihrem An⸗ denken eine Thräne opfere. Graf Farnsburg, welcher dieſen Irrthum nicht hegen konnte, wunderte ſich hoch über den ſeltſamen Gaſt, der ſo vollkommen einer Erſcheinung glich. Gern hätte er mit ihm geſprochen, nach ſeinem Namen und Stand geforſcht; da es aber leicht möglich ſchien, daß irgend einer der Geladenen ihn mit ſich gebracht hatte, und vorzügliche Gaſtfrei⸗ heit bei Trauermählern üblich war, ſo unterdrückte er ſeine Neugierde, und hoffte ſie nach geendigtem Mahle im freundſchaftlichen Geſpräche befriedigen zu können. Bei dieſer Art von Gaſtmählern wars eingeführte Sitte und Gewohnheit, daß zu Ende derſelben jeder Theil⸗ nehmer ſeinen Becher füllen und ihn aufs ewige Wohl des Verſtorbnen leeren mußte. Der Trinker ftürzte dann den leeren Becher auf den Nagel ſeines Daums, und wenn noch einige Tropfen herausrannen, ſo pflegte man zu glauben, daß noch mehrere Thränen fließen, und dem Verſtorbnen bald ein zweiter folgen würde. Farnsburg, der Sitte ſeiner Voreltern getreu, gedachte endlich dieſes alten Gebrauchs, und befahl, als nie⸗ mand mehr Speiſe genießen wollte, den Trauerhum⸗ pen zu füllen und die Probe zu beginnen. Da es der Reihe nach ging, da aller Augen auf den Trinker ge⸗ richtet waren und ſein Daum ſtets ſtreng unterſucht ward, ſo kann man leicht denken, daß jeder ſich innig mühte, den Becher bis auf den letzten Tropfen zu lec⸗ ren. Alle hatten bisher den Kampf wacker beſtanden⸗ auf keines Daum glänzte ein Tropfen, alle prophezeih 59 ten dem Burgherrn viele Freude und keine Trauer, als endlich die Reihe des Trinkens auch an den frem⸗ den, alten Ritter kam. Er ſtand langſam auf, blickte zum erſtenmale die Anweſenden an, und blieb endlich mit ſeinem ernſten Blicke am Angeſichte des Burgherrn hangen. Ich kann, ſprach er im feierlichen Tone, nicht wie dieſe ſchmeicheln, erlaubt alſo, daß ich nicht trinke. Graf Farnsburg. Nein, edler Gaſt, ihr müßt trinken; ich liebe Wahrheit, und da ihr nicht ſchmei⸗ cheln könnt, ſo hoffe ich ſie durch euch zu erfahren. Der Fremde. So ſeys, ich will Wahrheit ver⸗ kündigen! Er ließ ſich nun den Becher füllen, trank lange, ſchwenkte ihn mehr als einmal zum Munde, und ſchien ihn bis auf den letzten Tropfen geleert zu haben; als er ihn aber auf ſeinen Daum umſtürzte, da rann von beiden Seiten der Wein an ſolchem herab, und träu⸗ felte gleich Regen auf die Tafel. Dachte ichs doch gleich, ſprach er nun im kalten Tone, daß es ſo kom⸗ men würde. Ihr ſaht, wie ich mich mühte, es zu ver⸗ hindern, aber es war vergebens, des Schickſals Schluß kann niemand ändern. Alle Gäſte ſtaunten ob des beſondern Wunders, und blickten ſtill und traurig ein⸗ ander an. Der Burgherr ſelbſt verſank im ſtilles Nach⸗ denken; endlich ermannte er ſich und ſprach lächelnd Wenns mir gilt, wenn dieſe Thränen mir fließen ſol⸗ len, ſo bin ich bereit. Längſt erwarte ich den Tod und bin mit ihm ſchon ziemlich bekannt; aber mit dir, ehrwürdiger Gaſt, muß ich näher bekannt werden. Du haſt meine Neugierde wacker erregt, magſt nun zuſehen, wie du ſie befriedigen kannſt. Ich erinnere mich einer dunkeln Sage, ich will bei dir forſchen: ob ſie Wahr⸗ heit enthält? Du weilſt doch noch länger auf meiner Veſte? Nimmſt doch heute Nachtherberge bei mir2 Der Fremde. Ich nehme deine Einladung a und will ſie zu vergelten ſuchen, 60 Die Tafel wurde jetzt aufgehoben, alle drängten ſich zum Handſchlage, mit welchem man damals dem Ge⸗ ber bieder und herzlich für Speiſe und Trank dankte. Mit Begierde erwartete dieſer den Handſchlag des ehr⸗ würdigen Fremden; aber er kam nicht, und wie man ihn ſuchte, war er verſchwunden. Niemand ſah ihn hinaus gehen, kein Wächter hatte ihm die Pforte ge⸗ öffnet, und doch ward er vergebens in jedem Gemache der Burg geſucht. Schaudernd und furchtſam zogen ſich die Weiber in einen Winkel, und meinten, daß wohl gar ein Geiſt mit ihnen getafelt hätte. Viele Männer gaben ihrer Meinung Heifall, die übrigen ſchwiegen und dachten ſich das nämliche. Man ſprach die übrige Zeit des Tages nur von dieſem ſeltſamen Greiſe, jeder wollte etwas Beſonders an ihm bemerkt haben, und theilte es jetzt dem andern mit. Als die Nacht herbei kam und man zum Mahle ging⸗ blickten aller Augen nach der Thüre und harrten ſeiner An⸗ kunft; aber er kam nicht, und vielen ſchmeckte das Mahl beſſer. Um mit dieſer fürchterlichen Vorſtellung nicht ſchlafen gehen zu müſſen, brachten die Weiber andre Geſpräche auf die Bahn; es gelang ihnen, und man vergaß des Greiſes ganz. Nur der Burgherr erinnerte ſich ſeiner beim Abſchiede noch einmal, und wunderte ſich, daß er ſo wahrheitsvoll ſich bewieſen, und doch ſein Verſprechen, die Nacht auf der Burg zu herbergen, nicht erfüllt habe. Jeder bot nun dem andern die Hand zur ruhigen, guten Nacht, und ſuchte das Gemach, in welchem er dieſen Wunſch erfüllen wollte. Ludwig reichte dem Vater den Arm, um ihn auch dahin zu führen, aber er nahms nicht an und ſagte lächelnd: Heute nicht, lieber Sohn, heute mußt du bei deinem Weibe bleiben, damit unnöthige Furcht mir nicht die Hoffnung raube, einſt noch einen Ehl auf meinem Schooße zu wiegen. Ob ſich gleich ihr 61 ſchamrothes Geſicht am Buſen des Mannes verbarg, ſo dankte doch ein flüchtiger Blick dem guten Alten für ſeine Vorſorge. Er gebot nun zween Knechten, daß ſie ihn leiten ſollten, und ſchlich an ihrem Arme den langen Gang hinauf. Wie er am Seitenwege, der zur Kapelle führte, vorüberging, erblickte er in der Mitte deſſelben den fremden, alten Ritter, welchen man bisher vergebens in der Burg geſucht hatte. Er ſtand mit ineinander geſchlagnen Armen tiefdenkend da; der Schein einer brennenden Lampe erleuchtete ſeinen Körper matt und ſchwach; der Anblick ward dadurch um ſo ehrwürdiger, aber auch Schauer erre⸗ gend. Farnsburg blieb ſtehen und blickte forſchend zu ihm hinab. Seht ihr dort Nichts ſtehen? fragte er endlich die Knechte. Die Knechte. Wir ſehen nichts als eine bren⸗ nende Lampe, die bald verlöſchen wird; ſollen wir ihren Docht lüften, ihm neues Oel geben? Graf Farnsburg. Thut's, und kehrt dann wieder. Die Knechte gingen ohne Scheu hinab; die Lampe brannte durch ihre Hilfe bald heller, und Farnsburg erkannte den fremden Ritter noch deutlicher. Dieſer ſchien jetzt aus ſeinem Nachdenken zu erwachen, und winkte dreimal dem Grafen, als die Knechte ihn eben weiter führen wollten. Graf Farnsburg Gzu den Knechten). Geht zur Ruhe, ich habe eurer Hilfe nicht nöthig. Ich will noch ein paar Vater Unſer in der Kapelle beten, und dann ſchon allein zurückkehren. Einer der Knechte. Erlaubt, daß wir hier euer harren. Ihr dürft euren Kräften nicht allzu viel traten, die vorige Schwäche könnte leicht zurückkehren, und dann wärt ihr ohne Hilfe. Farnsburg. Wohl, ſo erwartet mich hier—— Er ging nun den Gang hinab; ehe er noch den fremden Ritter erreichte, wandte ſich dieſer, und lei⸗ tete ihn durch mehrere Winke nach der Kapelle. Die Thüre war offen, das Innere derſelben herrlich er⸗ leuchtet, und von der Gruft der Stein abgehoben. Farnsburgs Führer blieb am offnen Rande derſelben ſtehen und reichte ihm freundlich die Hand. Du haſt, ſprach er, mir dieſe Nacht Herberge auf deiner Veſte verſprochen, ich habe deinen Antrag angenommen, und dich hieher geführt, um dir dafür zu danken. Zwar wird mein Lohn deinem Herzen nicht behagen, doch da du ſelbſt beim Mahle mich verſicherteſt, daß offne Wahrheit dir das angenehmſte Geſchenk ſey, ſo habe ich dirs in vollem Maße bereitet. Siehe zu— — Doch nein, ich bedarf der Zeugen noch mehrere, barre ein wenig, ich will ſie rufen. Er eilte nun mit ſchnellen Jugendſchritten von dannen, und gab dem Graf Raum und Zeit, dies alles zu beherzigen. Alles überzeugte ihn, daß dies ein Geiſt ſey, welcher ge⸗ kommen war, ihm die Zukunft zu öffnen; er prüfte ſein Herz, ſeinen Muth, und fühlte ſich ſtark genug, das wahrſcheinlich Schreckliche derſelben ſtandhaft zu ertragen. Der Ritter kehrte bald wieder; ihm folgte der alte Frohburg, Ritter Ludwig, Adelheid und Ku⸗ nigunde. Alle blickten mit ſtarrem Auge bald ihren Führer, bald die offne Gruft an; auf dem Angeſichte der Weiber throute Todesbläſſe, und der Männer Haar ſträubte ſich unwillkührlich in die Höhe. Der Fremde(mit der Hand auf die offne Gruft zeigend, im ernſten, feierlichen Tone). Ich bin der Stammvater aller derjenigen, welche hier ruhen, ich ward vom ewigen, aber gerechten Richter verurtheilt, nicht eher gleiche Ruhe mit ihnen zu genießen, bis ich nicht alle Zweige meines Stammes um mich her verſammelt hätte, bis auch nicht ein kleiner Aſt deſ⸗ 63 ſelben mehr grünen wird. Immer ward ich geweckt, wenn ein Blatt deſſelben zur mütterlichen Erde herab⸗ ſank, und mußte dann dem Mahle beiwohnen, das man ſeinem Gedächtniſſe zu ehren feierte Gzu Farnsburg). Als man deine Mutter begrub und du noch in der Wiege lagſt, ſah mein Blick, daß du meine Qual noch Jahr⸗ hunderte lang vermehren, und manchen Seitenaſt auf meinen Stamm pfropfen würdeſt. Ich lagerte mich traurig an ihre Seite, aber ich erwachte heute fröh⸗ lich am Sarge deines Weibes. Ich ſah, daß du mit voller Kraft meine Ruhe zu befördern ſuchteſt. Viele meiner Nachkommen ſammelten ſich um mich her und heiſchten eine Grabſtätte, welche ihnen bisher durch deine Grauſamkeit noch nicht zu Theil worden war⸗ Ihnen folgte noch eine weit größere Schaar ſremder und edler Ritter, die du durch Schwur zum Gehor⸗ ſam verpflichtet, und in der beſten Jugendblüthe dem Tode geopfert hatteſt. Auch ſie klagten über dich, auch ſie ruften wehe, weil ihre Körper noch unbegraben moderten. Ich erbarmte mich ibrer, ich verſprach ih⸗ nen in meiner Gruft Ruhe. Blickt auf! Blickt alle ber, wie ſie ſich jetzt füllen wird. Es iſt des Höchſten Gebot, daß ihr's ſeht! Seine Barmherzigkeit, welche nie endet, gönnt euch dies Schauſpiel, damit es euch zur künftigen Warnung diene! Eine Seitenthüre der Kapelle, durch welche die Knechte ſonſt zum Gebete erſchienen, ſprang nun auf; mehr als hundert geharniſchte Ritter traten herein: ihr Helm war offen, ſie trugen die Ehrenzeichen des Löwen. An ihren Harniſchen glänzte Blut, und jeder derſelben zeigte mit der Hand auf ſeine vfſene Wunde; ihr Geſicht war bleich, ihre Mienen drohend, ſie ſtie⸗ gend ſeufzend in die Gruft, und hatten ſie noch nicht ganz gefüllt, als zwei Ritter mit weiblichen Geſtalten am Arme an der Thüre erſchienen. Der Anblick war 6⁴½ ſchrecklich, ſie waren ohne Harniſch, bedeckt mit Wun⸗ den, und verſtümmelt an allen ihren Gliedmaßen, aus ihren Köpfen rann das Hirn herab und ſammelte ſich auf der Schulter. Den Weibern waren die Brüſte jämmerlich abgeſchnitten, ihr Geſicht ſchrecklich entſtellt, ihr Körper nur zur höchſten Nothdurft in einige zer⸗ rißne Kleidungsſtücke gehüllt, durch welche überall gräßliche Brandflecken und blutende Wunden durch⸗ ſchimmerten. Der Greis gebot den wandernden Ge⸗ ſtalten Stillſtand czu Farnsburg). Kennſt du ſie nicht? Graf Farnsburg eſchaudernd) Ich kenne ſie nicht. Der Greis czu Frohburg). Und du? Graf Frohburg. Ich ahne, aber meine Zunge vermags nicht auszuſprechen. Der Greis. Die Ahnungen des väterlichen Her⸗ zens trügen ſelten, trügen nie! Dieſe Verſtümmelte ſind deine Söhne, dieſe zerfleiſchten Gerippe ihre Wei⸗ ber. Denkt euch ihre Marter, fühlt ihren Schmerzen! Hört, wie ſie klagen, wie ſie wimmern, wie ſie ver⸗ zweifeln!(zu den Geſtalten) Wandelt hinab zur Ruhe, die euch durch mich ward, die eure Väter euch ſo ſchrecklich raubten.—— Die Geſtalten ſanken nun hinab in die Gruft und entſchwanden dem Auge der Nachſtarrenden. Der Greis Gu Farnsburg). Sieh, Alter, dies iſt die Frucht deines Heerzugs nach Paläſtina, dies die Folgen deines unvorſichtigen Gelübdes. Aus Deuiſch⸗ lands Boden ſproßten muthige Helden empor, du ſammelteſt ſie um dich her, und gelobteſt ihnen, ſie zur Vertheidigung ihres bedrängten Vaterlandes an⸗ zuführen. Du betrogſt ſie ſchrecklich, ſandteſt ſie an Arabiens Küſten, damit Barbaren ſie ſchlachten und mit ihrem edlen Blute den Sand ihrer Wüſten dün⸗ gen konnten. Was thaten dir dieſe unbekannten Völ⸗ ker? Womit reizten ſie deinen Zorn? Wodurch ver⸗ dienen ſie's, daß du ihnen ein Erbe ſtreitig machteſt, deſſen Beſitz ſie ſich durch ihre Tapferkeit erworben hatten? Elender Erdenwurm! Wie konnteſt du's wa⸗ gen, dich gegen deinen Schöpfer zu erheben, um ihm die Strafruthe aus den Händen zu winden, womit er die morgenländiſchen Chriſten zu züchtigen beſchloß! Nie würden Barbaren das heilige Land erobert, nie die Stätte, auf welcher der Chriſten Heiland blutete, entehrt haben, wenn ſein Wille es nicht erlaubt, wenn der Chriſten ruchloſes Leben nicht dieſe Strafe ver⸗ dient hätte. Er iſt immer noch der alte, aber gerechte Richter, der ſein Volk in die Hände der Feinde lie⸗ fert, wenn es ſeine Gebote verläßt. Nicht Waffen, nur Gebet und Buße konnten ihn damals verſöhnen, können auch jetzt nur ſeinen Zorn lindern. Bereu, was du verbrachſt, und mache es zum unverbrüchli⸗ chen Geſetze deines Bundes, daß er nie mehr Macht hat, ſeine Glieder nach Paläſtina zu ſenden und ſie dem Schwerte der Barbaren zu überliefern. Verſprichſt, gelobſt du dieſes? Graf Farnsburg cauf ſeine Kniee ſinkend). Ich gelobs2 Der Greis. Schwör's am offnen Grabe aller deiner Ahnen, damit ſie's hören und den Meineid rächen. Graf Farnsburg. Ich ſchwör's! Viele Stimmen aus der Tieſe der Gruft. Wir hören's und werden den Meineid ſchrecklich rächen! Der Greis Gu Frohburgg. Auf deiner Zunge ſchwebt eine Frage; gib ihr Worte, ich will ſie be⸗ antworten. Graf Frohburg. Rächender Geiſt! Wie ward meinen armen Söhnen dies ſchreckliche Schickſal 2 Wer marterte ſo ſchändlich die unſchuldigen Weiber? Der Greis. Nenne gerechte Rache nicht ſchänd⸗ 0 Löwenritter 3. lich. Die Kühnen raubten ihrem Wohlthäter, dem mächtigen Sultan Korradin, ſein geliebtes Weib. Sie entführten ſie glücklich nach Sidon, aber ſein Arm, den Gott zur Rache über die Chriſten ausgeſtreckt hatte, erreichte ſie auch dort. Von Wuth und Eiferſucht ent⸗ brannt, ließ er die Frevler ſchrecklich martern und endlich tödten. Hoffnungsvoll war ihre Laufbahn, das bedrängte Deutſchland erwartete viele Hilfe von ihnen, und nun haben ſie ſo ſchrecklich geendet! Euer iſt die Schuld, euch kommt es zu, ſie abzubüßen!—— Geht, meine Sendung hat geendet, ich will wieder ruhen, bis neue Leichen mich wecken. Er ſank nun auch zu den übrigen in die Gruft hinab; die Lichter fingen an zu verlöſchen, und die Zurückgebliebenen ſchwankten nach der offnen Thüre. Keiner unter ihnen war fähig, zu ſprechen, keiner ver⸗ mochte den andern zu unterſtützen. Schmerz und Ent⸗ ſetzen ruhte gleich ſtark auf ihren Herzen; ſie taumel⸗ ten einzeln den langen Gang hinab, und merkten es nicht, als die harrenden Knechte ſie nach ihrem Schlaf⸗ gemache führten*). Auch dort durchwachten ſie den Ueberreſt der Nacht in einer Art von Gefühllofigkeit, die ihnen alle Kraft zum Nachdenken raubte. Wie die Sonne aufging, verſammelte der alte Graf Farns⸗ burg alle anweſende Löwenritter an ſeinem Lager. Sein bleiches Angeſicht, ſeine zitternde Stimme ver⸗ kündigte im Voraus eine neue Trauerpoſt, die ihnen auch im vollen Maße durch die Erzählung ihres Hauptmannes ward. Er geſtand ihnen alles, was er dieſe Nacht geſehen, er berufte ſich auf das Zeugniß Ehe ich weiter zu erzählen fortfahre, muß ich alle meine Leſer bitten, mich nicht zu verurtheilen, bis ſie das Ganze geleſen haben. Oft ſcheint eine Begebenheit höchſt un⸗ wahrſcheinlich, ohne es deswegen in der That zu ſeyn⸗ Auch ihnen ſoll in der Folge Aufklärung dieſer Geſchichte werden, und bis dieſe erfolgt, bitt ich nochmals um Gednid ————,— — 3 f 67 derübrigen, er bat ſie innig, ihn vor künftigem Mei⸗ neid zu ſchützen, und es zum unverbrüchlichen Bun⸗ desgeſetze anzunehmen, daß kein Mitglied deſſelben mehr nach Paläſtina ziehen und dort kämpfen könnte. Die Ritter gelobten es willig und gerne, weil ihr er⸗ ſter Zug ihnen ſo tapfere Brüder geraubt hatte, ſie lieber daheim das Vaterland ſchützen und ihren eig⸗ nen Heerd vertheidigen wollten. Ich danke euch herz⸗ lich, ſprach der matte Greis, und werde nun mit ſtär⸗ kerm Muth vor des Ewigen Richterſtuhle erſcheinen; aber noch drückt eine andere Laſt mein Herz, vermag ich auch dieſe wegzuwälzen, ſo hoffe ich ruhig ſterben zu können. Ich habe, ohne euern Rath zu hören, mit den Rittern des ſchwarzen Bundes engere Ver⸗ bindungen geſchloſſen, ich machte ihnen ſogar Hoff⸗ nung, mich ganz mit ihnen zu vereinigen. Allzu deut⸗ lich ſeh ichs nun ein, daß dieſe Vereinigung nicht geſchehen, daß längere Verbindung nicht beſtehen kann. Ich muß beides löſen, wenn ich der ewigen Ruhe ge⸗ nießen will. Sendet einen Boten nach dem Haupt⸗ manne, er war vor einigen Tagen noch im Benedit⸗ tiner⸗Kloſter, trifft er ihn nicht dort, ſo wird er doch Nachricht erhalten, wo er ihn ſuchen ſoll. Meine Zeit, die ich noch zu leben habe, ſcheint ſich mächtig zu en⸗ gen, ich muß ſie mit größter Spärſamkeit benutzen. Die Ritter befolgten treulich die Befehle ihres Ober⸗ haupts, mehrere Boten wurden ausgeſcndt, und jeder Ritter überdachte nun die wunderbaren Begebenheiten der verfloßnen Nacht. Schrecklich ſchien allen das grauſe Schickſal der Söhne Frohburgs und ihrer Wei⸗ ber, keiner war unter ihnen, der dieſe tapfern Ritter nicht herzlich geliebt und geehrt hätte, alle bedauerien daher ihren Tod innig und von Herzen. Viele wünſchten den theuern Ueberreſt ihres Körpers noch einmal zu ſehen, da ſie aber die Macht des Geiſtes fürchteten⸗ 68 und die Erlaubniß ihres Hauptmannes nicht zu erhal⸗ ten hofften, ſo unterdrückten ſie dieſen Gedanken, und mühten ſich nach Kräften, den troſtloſen Vater, die jammernde Schweſter zu tröſten. Traurig war beider Zuſtand, auch wachend ſchwebten die ſchrecklichen Ge⸗ ſtalten noch vor ihnen. Frohburg ſaß ſtets in tiefem, verzweiſtungsvollen Nachdenken verſenkt, er achtete kei⸗ nes Troſtes, keiner Hoffnung, die ſeine Freunde in ihm zu wecken ſuchten, und wenn er dann und wann emporblickte, ſo ſchauderte er wieder mächtig zuſam⸗ men, winkte mit der Hand und rief oſt: Harrt nur ein wenig, ich komme, ich folge euch!—— Man bangte für ſein Leben, noch mehr aber für ſeinen Ver⸗ ſtand, welchen die unglückliche Nacht ganz zerſtört zu haben ſchien. Zwei Tage waren ſchon verfloſſen, und der Jam⸗ mer der Leidenden hatte ſich noch nicht gemindert, als der Hauptmann der ſchwarzen Ritter auf der Burg anlangte Farnsburg hatte ihn mit Sehnſucht erwar⸗ tet, er ſchien blos deswegen noch zu leben, um den Auftrag des Geiſtes vollenden zu können. Der Haupt⸗ mann hörte die Erzählung der wundervollen Bege⸗ benheit ruhig an, wie ſie aber geendet war, machte er allerhand Einwendungen gegen die Möglichkeit der⸗ ſelben. Farnsburg widerlegte jeden Einwurf, und be⸗ rief ſich auf die Zeugen, welche eben dies geſehen und gehört hatten. Der Hauptmann. Wohl dann! Ich will glau ben, daß ihr dies alles ſaht und hörtet, aber ſo lange ich nicht überzeugt bin, daß nicht Liſt und Trug dir die Grſtalten vorführte, ſo lange kann ich dich auch nicht deines Verſprechens entbinden, kann nicht zuge⸗ ben, daß eine Verbindung, welche dem Vaterlande und der Chriſtenheit gleich nützlich ward, noch weit nützlicher werden fann, ſö mit einmal zernichtet werde — ,— — — 69 Graf Farnsburg. Wie ſoll ich dich aber über⸗ zeugen, wenn du unſern Ohren und Augen nicht trauen willſt? Der Hauptmann. Beide wurden geblendet, bei⸗ den die Macht geraubt, falt und reiflich zu erwägen⸗ Hier muß ein Unbefangner entſcheiden. Graf Farnsburg. So wähle dieſen! Der Hauptmann. Wenns deine Güte erlaubt, ſo will ich ſelbſt die Stelle deſſelben vertreten. Ich bin eingeweiht in mancherlei Geheimniſſe und myſtiſche Wirkungen. Ich will dir's nicht bergen, daß unſer Orden oft ſchon Begebenheiten hervorbrachte, die noch wundervoller, und doch ganz natürlich waren. Den Unvorbereiteten kann man leicht überraſchen, und ge⸗ lingt dies, hat man ihm die Kraft zu überlegen ge⸗ raubt, ſo wird er zum Thone des Künſtlers, der aus ihm formen kann, was ihm beliebt. Leicht möglich, daß Feinde unſers Bundes die Gelegenheit benutzten und ſie ſo trefflich erreichten. Graf Farnsburg. Du beſtreiteſt Gewißheit mit leeren Muthmaßungen. Der Hauptmann. Ich muß dies thun, wenn ich dich zur Ueberzeugung führen will. Erlaube mir, daß ich in deiner Ritter Gegenwart die Gruft öffne und ſte mit ihnen gemeinſchaftlich unterſuche. Finde ich in ſolcher die Körper der Ermordeten, iſt nur einer unter den Hunderten, den ihr Auge erkennt, und von welchem ich überzeugt bin, daß er fürs Wohl der Chriſtenheit in Paläſtina kämpfend ſtarb, ſö ehre ich wie du den Wink des Ewigen, entlaſſe dich nicht al⸗ lein deines Gelübdes, ſondern vernichte auch das mei⸗ nige, weil ich deutlich überzeugt ward, daß ich mir nicht dadurch Verdienſt, ſondern Strafe ſammelle. Graf Farnsburg. Ich känns nicht erlauben, kann nicht zugeben, daß man die Todten in ihrer Ruhe ſtöre. 70 Der Hauptmann. Und ich kann ohne Ueber⸗ zeugung dich deines Handſchlags nicht entlaſſen. Graf Farnsburg. Möglich, daß der warnende Geiſt uns die ſchreckenden Geſtalten nur im Schatten⸗ bilde zeigte, daß ſie nicht in der Gruft ruhen, noch immer unbegraben modern. Der Hauptmann. Dann wird Ueberzeugung dir zur neuen Pflicht, dann mußt du alles anwenden, um die Körper der Erſchlagnen aufzuſuchen und zu be⸗ graben, weil ihre Erſcheinung dir bewies, daß ſie ohne Begräbniß nicht ruhen können. Einige Löwenritter. Edler Hauptmann! Be⸗ gierde nach Ueberzeugung kann den Geiſt nicht belei⸗ digen, muß vielmehr ſeinen Beifall erhalten; erlaube daher immer, daß wir vereint unterſuchen, was dein ſtarrendes Auge nicht zu prüfen vermochte. Ludwig. Ich ſelbſt ſah und hörte alles, meine Sinne überzeugten meinen Verſtand nur allzu deut⸗ lich, raubten mir jeden möglichen Zweifel, vaber des Ritters Rede hat doch Argwohn in meinem Herzen geweckt, mein Verſtand ſtreitet mit den Sinnen und heiſcht ebenfalls Unterſuchung. Graf Farnsburg. Die ich nicht länger hindern will! Hätte ich Kraft, ich würde euch ſelbſt begleiten. Der Hauptmann. Alter Freund, ich hoffe dir Stärkung mitzubringen, labe dein ſchmachtendes Herz indeß mit Hoffnung; ſo viel im Voraus finde ich in der Gruft auch keine Ueberzeugung, kreffe ich nur nicht neue Spuren meines Verdachtes, ſo will ich doch dein Gelübde löſen, will nicht Urſache ſeyn, daß dir viel⸗ leicht einſt deine Todesſtunde verbittert werden, und du mich deswegen bei Gott anklagen ſollteſt czu Froh⸗ burg, welcher bisher ſtill und tiefdenkend am Lager ſei⸗ nes Freundes ſaß) Nun, Ritter, wollt ihr nicht mit uns gehen? x „——— —— Graf Frohburg cauftaumelnd). Ja, ich will, ich will! Du haſt Hoffnung in meinem Herzen erregt, ich will ſie nähren—— Doch nein! Ich vermags nicht! Wär's auch nur Möglichkeit, ich könnte den ſchrecklichen Anblick nicht mehr ertragen! Es waren ſo hoffnungsvolle Söhne, hätten ſie gleich andern ihr Le⸗ ben auf dem Schlachtfelde geendet, ich würde ſie be⸗ trauert, aber nicht gleich einem troſtloſen Weibe be⸗ jammert haben. O es iſt ſchändlich! O es bringt mich um meinen Verſtand, wenn ich mir denke, wie ſie gemartert, wie ſie wehrlos ermordet wurden. Der Hauptmann. Vergeßt dieſe Vorſtellung, und labt euch indeß an dem kleinen Antheil der Hoff⸗ nung, welchen ich euch reichen konnte; ich hoffe, bald freigebiger ſeyn zu können. Er eilte nun mit allen anweſenden Rittern in die Kapelle. Die Begierde, mehr zu erfahren, achtete des ſchweren Steines nicht, welcher die Gruft deckte; er wurde bald weggewälzt; ſie zündeten Fackeln an und ſtiegen hinab. Lange ſuchten ſie ſtillſchweigend; ſie fanden viele vermoderte Särge, und nur wenige, die ihren Leichnam noch ganz deckten; aber ihr Auge er⸗ blickte keinen der Ritter, welche bei Cäſarea gefallen waren und nach dem Zeugniſſe des Geiſtes in dieſer Gruft Ruhe geſucht und gefunden hatten. Ihr Glaube an dieſe wunderbare Begebenheit ſchwand daher mäch⸗ tig, und ihr Muth mehrke ſich mit jedem Augenblicke; ſie ſuchten kühner, und fanden bald im Winkel eine zerriſſene Kleidung, welche ſtark mit Blut befleckt ſchien und allzu nachläßig in Sand verſcharrt worden war⸗ Ludwig bezeugte, daß eine der ſchrecklichen Geſtalten mit dieſem Wammſe bei ihrer Erſcheinung bekleidet warz man unterſuchte ſie genauer, und fand, daß die Flecke in ſolchem nicht Blut, ſondern eine rothe Farbe war, die man ihrer ölichen Theile wegen noch mit 72 dem Finger hin und her ſchmieren konnte. Groß war der Triumph des Hauptmannes, noch größer die Freude der Ritter, welche nun alle ſichern Betrug ahneten, und ſich ihre Brüder wieder lebend denken konnten. Schon wollten ſie mit dieſem einzigen Beweiſe zu den Vätern eilen, aber der klügere Hauptmann fand di⸗ ſen noch zu ſchwach zur Stärkung ihrer Hoffnung, forderte noch mehrere, und unterſuchte mit forſchendem Blicke den Boden und die Mauern der Gruft. Im Sande, der erſtern deckte, ſah man viele Fußtritte, die im Kreiſe herumgetreten, und endlich einen Weg zur Nordſeite der Gruft gebahnt hatten. Des Hauptmanns Auge folgte dieſen, und er ſtand bald frohlockend an der Mauer ſtille. Nun, rief er aus, hoffe ich euch ganz zu überzeugen, daß Betrug hier im Verborgnen ſein Weſen trieb, ihn aber wahrlich nicht klug endigte! Die Ritter drängten ſich zu ihm, und er zeigte ihnen ein Stück ſehr ungleicher Mauer, welches mit den übrigen Theilen, an welche es ſich anſchloß, ſehr kon⸗ traſtirte, und deutlich bewies, daß es erſt vor kurzem, und zwar von außen her ſey zugemanert worden. Nach genauer Unterſuchung fanden ſie ſogar, daß der Kalk, welcher die Steine band, noch friſch und naß ſey; ſie riſſen mit leichter Mühe die lockern Steine heraus, krochen durch die Oeffnung, und kamen in den Zwinger, welcher an der Veſte rings umher ging, und deſſen Thüren theils nach dem Garten, theils auch nach dem Vorhof führten. Hier verloren ſie die ſernere Spur und fanden nur unfern der Gartenthüre noch ein Schwert, deſſen Klinge deutlich bewies, daß es zu Damaskus in Syrien ſey geſchmiedet worden Zufrieden mit dieſen Enideckungen, eilten ſie zu den Vätern und Weibern, und erfreuten ihre Herzen dutch genaue Erzählung. Alle ſtimmten überein, daß das gefundne Wamms wirklich eine der Geſtalten ange — —— —————— —— —— —— 73 habt. Frohburg wollte ſogar behaupten, daß derje⸗ nige, welcher es trug, ſeinem Sohne Friedrich ſehr ähnlich geſehen habe; alte mußten aber auch geſtehen, daß die Flecken deſſelben nicht vom Blute, ſondern durch Farbe entſtanden waren. Farnsburg ließ ſich ſelbſt nach dem Zwinger tragen, und überzeugte ſich mit eignen Augen, daß man von da aus ein Loch in die Gruft gebrochen und es wieder zugemauert habe. Eine Freudenthräne ſchlich langſam über ſeine Wan⸗ gen herab, er trocknete ſie mit ſeiner Rechten, und hob dieſe dankend zum Himmel empor. Wir können nun wieder hoffen, rief er jauchzend aus, und ſank in die Arme des alten Frohburgs, welcher die Symptome der nahenden Freude zu fühlen begann, und nicht wußte, ob er ſein Herz ihr öffnen ſollte? Beide dank⸗ ten vereint dem wackern Hauptmanne, und nannten ihn ihren Lebensretter. Wie ſie ſpäterhin im Gemache die Begebenheit reif⸗ licher erwogen, und überlegten, wie ſie den ruchloſen Thäter entdecken könnten, erinnerte ſich der alte Farns⸗ burg, daß in jener unglücklichen Nacht ihn zwei Knechte ins Schlafgemach führten, welche Theilnehmer der ſchänd⸗ lichen That ſeyn mußten, weil ſie ſich ſtellten, als ob ſie den Geiſt nicht ſähen, auch ohne Furcht die Lampe erhellten. Er ſandte ſogleich nach ihnen; aber bald erſchien der Burgvogt und brachte Nachricht, daß dieſe Knechte nebſt noch ſechs andern ſchon ſeit ehegeſtern vermißt würden und nicht mehr auf der Veſte zu fin⸗ den wären. Schon längſt, fügte er hinzu, würde ich ihre Flucht dem Burgherrn gemeldet haben, wenn ihn nicht der Augenſchein überzeugt hätte, daß ſein Kum⸗ mer keine Zeit habe, ſolche Nachrichten anzuhören⸗ So unangenehm auch allen dieſe unerwartete Nach⸗ richt kam, ſo lieb war ſie ihnen doch, weil ſie dadurch immer mehr überzeugt wurden, daß die ganze Erſchei⸗ — nung ein Betrug ſey, welcher um ſo leichter ausge⸗ führt werden konnte, da der Thäter ſich ſelbſt unter den Knechten zur Ausführung ſeines Plans einen An⸗ hang und Beiſtand erworben hatte. lim gewiß zu ſehn: ob nicht noch Verrätherei auf der Burg lauſche und mehrere Theilnehmer dort wohn⸗ ten, befahl Farnsburg dem Vogte, daß er die Knechte ſtreng unterfuchen, und dann Rachricht erſtatten ſollte. Noch am nämlichen Tage erſchien er damit, und be⸗ richtete, daß er ſie alle ſchuldlos, bei näherer Unter⸗ ſuchung aber gefunden hätte, daß die Flüchtlinge eben diejenigen Knechte wären, welche der Burgherr erſt vor Mondesfriſt aus Mitleid in Dienſt genommen hätte. Farnsburg erinnerte ſich derſelben aufs neue, und erzählte, daß eben dieſe ihm die erſte Nachricht vom unglücklichen Heerzuge der Chriſten in Paläſtina brachten und vorgaben, daß ſie dienſtloſe Knechte er⸗ ſchlagner Ritter wären, die nun wieder im deutſchen Vaterlande Brod ſuchten. Am andern Tage erhielten die Ritter noch eine, aber auch die letzte Nachricht über dieſe Geſchichte, doch war dieſe ſo beſchaffen, daß ſie nicht allein ihren „Argwohn mehrte, ſondern ihnen auch Stoff zum wei⸗ tern Nachforſchen gewährte. Die zurückkehrenden Jä⸗ ger brachten nämlich die Nachricht mit heim, daß ſie eben am Begräbnißtage ihrer geſtrengen Frau im Forſte mehr als hundert Roſſe weidend getroffen, welche ſie kuppeln und fangen wollten, wenn es die dabei wa⸗ chenden Knechte nicht verhindert hätten. Sie mußten der überlegnen Anzahl weichen, und hörten deutlich, daß die Knechte eine ihnen ganz unbekannte Sprache redeten und ihre Fragen nicht beantworten konnten. Da dies ihre Neugierde reizte, auch Zeug und Sät⸗ tel deutlich bewieſen, daß die Roſſe ſtattliche Ritter tragen mußten, ſo lauerten ſie im Dickicht und be⸗ 3—— „— — —— 75 ſchloſſen dieſer Ankunft zu harren. Als der Tag ſchon graute, kam ein dichter Haufe vom Berge herab, die Knechte ſammelten eilig die Pferde, und der Zug ging ſchnell vorwärts. Sie wandten ſich rechts nach der Straße hinab, die gen Helbetien führt; ſie waren munter und fröhlich, hatten einige Weiber bei ſich, mit welchen ſie vorzüglich ſcherzten. Sie zogen nahe bei ihnen vorbei, redeten ebenfalls eine unbekannte Sprache, und trugen Rüſtungen, welche den deutſchen ſehr ähnlich ſahen. Daß dies eben diejenigen Ritter waren, welche ſie in dieſer Nacht ſo weidlich geäfft hatten, erkannten alle deutlich, und fühlten tief den Schimpf, der ihnen durch ſolchen Hohn worden war. Sie ſchwuren, ihn zu rächen und der Spur ihres Zuges zu folgen. Der Hauptmann des ſchwarzen Bundes verſprach ihn zu ordnen und alles zu veranſtalten, daß er ſich glücklich ende; er gelobte, mit dreihundert der Seinigen ſo ſchleunig als möglich zu erſcheinen, und ſeinen Har⸗ niſch nicht abzuſchnallen, bis entweder die Unmöglich⸗ keit der Entdeckung, oder ſiegreiche Rache den Zug ende. Ehe er ſchied, fragte er lächelnd den alten Farns⸗ burg: ob er nun noch ihre Verbindung vernichten und der Freundſchaft ihres Bundes entſagen wolle? Graf Farnsburg. Jetzt nicht mehr, geprüfter Freund. Ich will dankbar ſeyn all mein Lebelang, du haſt großen Jammer von mir genommen, ich wills vergelten. Eins würde ich mir zwar bedingen——— Hauptmann. Fordere kühn, einem Freund ſol⸗ cher Art kann ich nichts verſagen. Graf Farnsburg. Ich würde es, wenns nöthig wäre. Sechs Jahre wird jetzt in Paläſtina Friede und Ruthe herrſchen, und dieſe jeden Heerzug dahin unnöthig machen—— Hauptmann. Ich weiß, was du ſagen willſt, und eile, dir dieſe Sorge zu benehmen. Wir konnten nur einen Heerzug ins heilige Land von euch fordern, ihr habt ihn geleiſtet, und fernere Bitte um Hilfe iſt zwar erlaubt, aber deswegen noch nicht zugeſagt. Der Eid, welchen du dem Betrüger geleiſtet haſt, bindet dich zwar nicht, jeder Biſchof wird ihn willig löſen, aber ich kann dirs nicht verargen, wenn dir und dei⸗ nem Bunde vor mehrern Heerzügen dieſer Art ekelt. Der erſte war zu ſchrecklich, zu blutig, um Eifer zum zweiten zu erhalten. Deine und unſere Ritter opfer⸗ ten ihr Leben, ſtanden gleich Felſen im Kampfe, damit die feigen Griechen indeß ungehindert fliehen konnten. Es iſt lächerlich, wenn Haſen mit den Löwen in Kampf ziehen, und dann davon eilen, wenn er ſie vor den Krallen des Tigers ſchützt. So viel euch und uns aber dieſer Kampf auch koſtete, ſo ſchwindet die Trauer doch ganz, wenn man die Vortheile erwägt, welche er der ganzen Chriſtenheit gewährte. Nur euern ta⸗ pfern Rittern dankt ſie den glorreichen Frieden. Kor⸗ radin ſiegte zwar, aber mehrere ſolche Siege hätten, wie er ſelbſt geſtand, ſein ganzes Heer vernichtet.— — Doch davon in Zukunft mehr, ich will nur jetzt des Gegenwärtigen gedenken: Unſer Freundſchafts⸗ bund dauert fort, wir rächen vereint den Schimpf, welcher euch widerfuhr, und ſchützen dann das arme Vaterland vor Tücke und Bosheit, welche ihr Haupt aufs neue mächtig emporhebt. Graf Farnsburg. Amen! Amen! Ziehe in Friede, damit ich bald wieder die Wonne genieße, dich zu umarmen! Unter der Zeit, als die Hälfte der Löwenritter in Paläſtina kämpfte und blutete, hatte ſich ihr Bund in Deutſchland mächtig gemehrt. Farnsburg zählte ſchon jetzt weit mehr Mitglieder deſſelben, als ehedem. Nut wenige ruhten auf ſeiner Burg, die meiſten waren * 8 N ——— 77 ausgezogen, um die Störer der Ruhe, die Unterdrü⸗ cker der Unſchuld zu bekämpfen. Kaiſer Philipp hatte auf ſeinem Zuge durch Schwaben die Veſte des Lö⸗ wen mit ſeinem Beſuche beehrt, und dem Burgherrn für ſeinen thätigen Beiſtand gedankt; er hatte ſeine Thaten unterſucht, ſie gerecht befunden, und ihm die Macht ertheilt, über ganz Schwaben zu richten, vor⸗ züglich aber die Veſten der Ränber zu zerſtören. Farns⸗ burg erfüllte den Willen ſeines Kaiſers nach Kräften, nahm faſt täglich neue Glieder auf, und verſtärkte damit die Kämpfenden. Auch die Ritter des ſchwarzen Bundes waren ſtets in gleicher Abſicht mit ihm aus⸗ gezogen, und ſahen es gerne, daß ihre Neulinge ſich im Kampfe üben, den immer ſteigenden Muth des Löwen ſich zum Muſter wählen konnten. Farnsburg hohes Greiſenalter nagte zwar mächtig an ſeinen Kräß⸗ ten und zerſtörte den feurigen Heldenmuth, welcher bisher alle ſeine Handlungen belebte; aber oft flammte dieſer Muth gleich einer verlöſchenden Lampe noch ſtark empor; ſtärker als lange ſchon flammte er jetzt, da er ſo deutlich einſah, daß ruchloſe Buben Spott mit ihm getrieben und ſein Herz ſo unbarmherzig gequält hat⸗ ten. Er ſandte Boten nach den nächſten ſeiner Ritter, und wie der Hauptmann des ſchwarzen Bundes wie⸗ der auf der Burg erſchien, hatte auch er ſchon einen zahlreichen Haufen geſammelt, welcher in gleicher Ab⸗ ſicht mit ausziehen, und nach des Alten Ausſpruch nicht raſten und ruhen ſollte, bis ſie die Thäter ent⸗ deckt und überzeugt hätten, daß es nicht wohlgethan ſey, wenn man den Grimm des Löwen wecke. Ehe ſie auszogen, erinnerte ſich Ludwig der Zuſage, welche er dem jungen Könige Friedrich geleiſtet hatie, und erzählte ſeinem Vater, wie begierig dieſer ſeh, ein Mitglied des Löwenbundes zu werden. Farnsburg fühlte die Ehre, welche ſeinem Bunde dadurch wieder⸗ fahren würde, in ihrer ganzen Größe; aber er fah auch ein, daß der König ſie ihm wahrſcheinlich nur aus eigennütziger Abſicht gewähren wolle; er beſchloß daher, ihm zwar die Aufnahme nicht zu verſagen, aber vorher ſeine Abſicht ſtreng zu prüfen. Ludwig ſandte noch am nämlichen Tage einen Botenemit die⸗ ſer Nachricht an den König ab, und meldin ihm zu⸗ gleich, daß man mit größter Freude ihn auf der Burg empfangen würde. Als endlich die Ritter auszogen, ſtellte ſich der alte Frohburg in ihre Mitte; er war geharniſcht und auch zum Abzuge bereit. Ich bin, ſprach er, zwar kein Mitglied eures Bundes, aber ich hoffe, daß ihr um meiner Söhne willen mir erlauben werdet, in eurer Mitte zu ziehen. Getümmel des Kampfs wird mir wohl thun, und die Sorgen zerſtreuen, die ihr unge⸗ wiſſes Schickſal noch immer in meinem Herzen erregt. Ich mag nicht daheim von einem Tage zum andern ihrer Ankunft entgegenharren, mich nicht mit falſchen Rachrichten täuſchen laſſen. Ich will die gegenwärtige Zeit tödten, damit ich die kommende genießen kann. Die Ritter ehrten ſeine Abſicht, und erlaubten es wil⸗ ig, daß er mit ihnen zur Rache auszichen könne; ſie ſuchten emſig die Spur des Zugs der fremden Ritter, fanden ſie bald, und folgten ihr auf der Straße, die nach Helvetien führt. Ehe ich weiter erzähle, ob ſie fanden, was ſie ſuch⸗ ten, und den Frevel rächten, will ich zurückkehren zu den unglücklichen Gefangnen, welche bisher noch immer in ihren Felſenhöhlen ohne Rettung ſchmachteten, ſehn⸗ lich zu ſterben wünſchten, aber ungeachtet der Quat ihres Herzens nicht zu ſterben vermochten. Geſund⸗ heit, die ſo gerne den Glücklichen jlieht, ſich immer zu Armuth und Elend geſellt, ſtärkte ihren Körper, und machte ihn fähig, die Leiden der Seele zu ertragen — ,— Indeß beide mit einander kämpften, nahte ſich der ſchreckliche Tag mit ſtarken Schritten, an welchem Kor⸗ radin ſeine Rache auszuführen beſchloſſen hatte. So unglücklich der Heerzug mit den Rebellen begann, ſo ſchnell und glücklich endigte er ſich. Die Unerfahrnen wußten den erkämpften Sieg nicht zu benutzen, vereint ſuchten ſie zwar noch einige Zeit den geind auf, als ſie ihn aber nicht in ihren Gränzen fanden, ſo erin⸗ nerten ſie ſich ihrer Weiber und Kinder, und zogen zerſtreut in ihre Heimath. Korradin, welcher jeden ihrer Schritte von ferne beobachten ließ, folgte nun mit ſchnellen Schritten nach. Sein Zug war eine Reihe von Siegen, und die Folgen derſelben, daß die Rebellen ſich demüthigten, ihre Oberhäupter ſeiner Rache überlieferten, und jetzt willig doppelten Tribut entrichteten, den ſie zuvor einfach zu leiſten ſich gewei⸗ gert hatten. Der Sieger nahm nur einige Tage zu Damaskus an den Feſten Antheil, welche man ihm zu Ehren jeierte, ſein Herz ſehnte ſich nach Vollendung der ſo lang entbehrten Rache. Schon am dritten Tage beſtieg er ſein Roß, dasg ihn nach der Veſte Thabor tragen ſollte. Der Jubel, welchen die Reiſige bei ſei⸗ ner Ankunft erhoben, drang durch die Felſen zum Ohre der Gefangenen; ſie forſchten bei ihrem Wärter nach der Urſache; er war grauſam genug, ſie ihnen zu er⸗ zählen, und mit Hohnlächeln hinzuzufügen, daß der Tag ihrer Erlöſung nun nahe. Die Rikter knirſchten mit den Zähnen, die Weiber jammerten, aber beſchloſ⸗ ſen in ihren Herzen, nicht zu zagen, wenn man ſie zur unverdienten Marter führe, und dem Wütherich zu beweiſen, daß Chriſten, welche dort ewigen Lohn erwarten, ſtandhaft zu ſterben wiſſe. Korrädin lachte freundlich auf den gebückten Emir herab, als er den Bügel ſeines Sattels küßte, und ihm Bericht erſtattete, daß die Gefangnen noch in ſicherer Verwahrung lägen 80 und der vollkommnen Geſundheit zu genießen ſchienen. Komm herauf, ſprach er zu ihm, damit ich deine Wach⸗ ſamkeit lohne, und mit dir überlege, wie ich die Rache über die Ruchloſen in vollem Maße und mit allen ihren Vorzügen genießen kann. Der Emir folgte und blieb bis an den Abend im Gemache ſeines Herrn. Am frühe⸗ ſten Morgen des andern Tages ſammelte er alle Knechte im weiten Vorhofe, und befahl ihnen, dem Erker des Saals gegenüber ein großes Gerüſte zu bauen, das nach ſeiner ernſten Erklärung bis zum Abende geendet ſeyn ſollte. Die Knechte gelobten das Mögliche, und begannen ſogleich die Arbeit. Indeß dies geſchah, machte ſich Korradin das grauſame Vergnügen, jeden der Gefangnen zu beſuchen. Er ließ die Thüre des Kerkers öffnen, trat mit in einander geſchlagnem Arme und grimmigem Blicke ins Gefängniß und weidete ſich am Anblicke der armen Schlachtopfer. Die Ritter blick⸗ ten mit offnem und ſchuldloſem Auge in ſein Angeſicht und ſchienen den Grimm deſſelben nicht zuachten. Die Weiber warfen ſich zu ſeinen Füßen, hoben bittend ihre Hände in die Höhe, und wollten ſprechen; er wandte ihnen aber verächtlich den Rücken, und ging, ohne ſie zu hören, von dannen. Als die Reihe des ſpottenden Beſuchs nun auch Adelgunden traf, da ſtand er unent⸗ ſchloſſen an der Thüre ſtille, ſein Herz ſchien ihn zu warnen, es nicht neuer Gefahr auszuſetzen; aber die 3 Begierde nach Rache verwarf dieſe Warnung, und fühlte ſich ſtark genug, den Reizen der Allgeliebten muthig Trotz zu gebieten. Er befahl die Thüre zu öffnen, und Adelgunde wankte ihm entgegen. Das Leiden ihrer Seele ſtand deutlich auf ihrem Geſichte gemalt, ihr mattes Ange beſtätigte es noch ſtärker, und ihr gelös⸗ tes Haar, das, in nachläßige Locken getheilt, den ent⸗ ſchleierten Buſen nur halb deckte, vollendete das Bild ihres Kummers. Sie wollte ſprechen, aber die Größe —.—————————— — —— 5——— —— —— nicht, daß ich unter Sklavengeſtalt mit zog, erft 81 ihres Gefühls verhinderte ſie daran; der Urheber all ihrer Leiden ſtand vor ihr; er ſchien ihres Leids zu ſpotten, und dies ſchmerzte doppelt. Endlich erinnerte ſie ſich der Standhaſtigkeit, die auch ſie gelobt hatte, ihr Muth erwachte, ſie ſprach: Wenn du mein Leiden zu enden kommſt, ſo—— Korradin. O Schlange, dein Gift iſt ohne Wir⸗ kung, die Zeit hat mächtig gewirkt, ich werde dich ohne Rührung ſterben ſehen. Adelgunde(mit innigem Gefühle). Nimm meinen Dank für dieſe Nachricht, es iſt die einzige, welche mein Herz noch erfreuen konnte. Wollte Gott, daß der kommende Tag ſchon mein letzter wäre. Korradin. Er iſts, er wirds gewiß ſeyn! Nimm dieſe Nachricht als den letzten Beweis meiner Güte, und bereite dich darauf vor. cer will gehen) Adelgunde eihm nach, O höre mich nur noch einen Augenblick, ſey barmherzig—— Korradin. Du flehſt vergebens—— Adelgunde. Ich flehe nicht für mich, ich will dich nur hindern, deine Seele mit einer ungerechten That zu beflecken. Korradin. Wie ſorgſam! Wie gefällig! Doch ſprich, ich will dich überzeugen, daß ich dich auch län⸗ ger ungerührt hören kann. Adelgunde. Werden die Ritter, welche du wider⸗ rechtlich gefangen nahmſt, mit mir ſterben? Korradin(voll Grimm). Ja, Ungetreue, mit dir! Du wirft ihre Marter, das Zucken ihres qualvollen Todes ſehen, und ihnen dann folgen.(will fort) Adelgunde. O höre mich, großmüthiger Korra⸗ din, höre mich! czu ſeinen Füßen) Sie ſind unſchuldig! Bei Golt dem Allmächtigen, vor deſſen Richterſtuhl ich bald ſtehen werde, ſchwöre ich dirs! Sie wußten es Löwenritter 3. 82 an den Thoren von Sidon entdeckte ich ihnen alles— Korradin. Erzähle dein Mährlein andern, bei mir machts keinen Eindruck. Schweig, ich will nichts weiter hören!—— Er entfernte ſich nun ſchnell, die Thüre verſchloß ſich hinter ihm, und überließ die Troſtloſe ihrer Verzweiflung. Mit raſchem Schritte eilte Korradin zu den Arbei⸗ tern, um ihren Eifer zu ermuntern; ſeine Gegenwart wirkte mächtig; ehe die Sonne unterging, war alles geendet. Auf ſeinen Befehl wurde das Trauergerüſt mit ſchwarzem Tuche behangen; in der Mitte deſſelben ſtand ein großer Heerd, von Steinen aufgemauert, und auf dieſem große Keſſel, welche noch am nämlichen Tage mit Oel und Blei gefüllt wurden. Ringsumher lagen ſcharfe Meſſer und große Zangen. Es ſchien, als ob er der Mordſucht einen Thron erbauen wollte. Sein Eifer, den Anblick des Ganzen ſo ſchrecklich als möglich zu niachen, war unermüdet; oft eilte er in eine Ecke des Vorhofs, überſah alles, und ordnete es noch ſchrecklicher. Erſt ſpät am Abende ging er in ſein Schlafgemach; aber er ruhte nicht, ſeine Wache hörte ihn die ganze Nacht umhergehen und oft mit ſich ſelbſt ſprechen. Als die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne die Zinnen der Veſte vergoldete, eilte er ſchon wieder nach dem Vorhofe. Auf feinem Geſichte war ſichtbare Freude und heftige Begierde zu leſen; die Eile, mit welcher er alles ordnete, bewies deutlich, daß er die Erfüllung derſelben kaum erwarten konnte. Seine Leibwache mußte in glänzender Rüſtung ſich um das Trauergerüſte reihen. Mehr als dreißig Knechte peſtiegen es; ihre Arme waren entblößt und ihre Kleidung ſchwarz; ſie zündeten das Feuer unter den Keſſeln an, legten die Zangen darein, und bereiteten die Stricke, mit welchen die Opfer der Wuth und Rache gebunden werden ſollten. Als das Oel ſiedend wallte, — —— ———.————— —,——— 83 das Blei geſchmolzen und die Zangen glühend waren, eilte Korradin nach dem Erker des Saals, welcher mit bunten Decken behangen war. Er winkte dem Emir, und die ſchreckliche Scene begann. Ein Haufe der Leibwache ging nach den Gefängniſſen und führte einen Gefangnen nach dem andern aufs Todtengerüſte. Die erſte war Adelgunde; ſie ging ſtandhaft einher; als ſie aber die ſchrecklichen Werkzenge der Marter erblickte, das Geraſſel des Feuers hörte, da wankte ſie, und war nicht vermögend, die Stufen des Gerüſtes ohne Hilfe zu beſteigen. Ihr folgte Friedrich, dann Hein⸗ rich, und endlich Eſchenbach ſammt den übrigen Rit⸗ tern und dem alten Prieſter. Aller Blick war männ⸗ lich, nicht ſpottend, micht trotzend, aber gewiß auch nicht zaghaft. Ohne Zittern betraten ſie das Gerüſte, ohne Beben blickten ſie auf den Werkzeugen der Marter umher. Als Eſchenbach mit ſeinen Rittern erſchien, als Friedrich und Heinrich ihn und alle erkannte, da wandelte ſich ihr Blick in Mitleid, unwillkührlich ſtreck⸗ ten ſie ihre Arme aus, und wünſchten ſehnlich mit ihnen zu ſprechen, wahrſcheinlich um zu erforſchen wie auch ihnen dies Schickſal des Jammers worden ſey2 Der Sultan ſah's; er winkte, und Eſchenbach wurde auf die linke Seite des Gerüſts geführt. Tiefe Stille herrſchte nun im ganzen Vorhofe, kein Jammerton der Leidenden ſtörte ſie, nur dann und wann wurde ſie von dem Gepraſſel des Feuers unterbrochen. End⸗ lich erſchien die Wache zum letztenmale; ſie führte Kla⸗ ren und Agneſen in ihre Mitte; wie ſie am Gerüſte anlangten, öffnete ſich der Zug; Friedrich und Heinrich erkannten ihre Weiber, und ſahen ſie zur Marter, zum Tode führen. Wenn ich die nun folgende Scene zu ſchildern fähig wäre, dann müßte ich Schöpfer des Menſchen, und allmächtig wie er jeyn, denn nur er kann beſtimmen, wie weit die Gränzen des Schmefzens reichen, wie dieſer bis zum heftigſten Grade ſteigen, mit aller ſeiner Wuth wirken, und doch das Ganze nicht zerſtören, nicht vernichten darf. O es war ſchreck⸗ lich und fürchterlich; es war ein Bild des Erbarmens, des Abſcheus! Je mächtiger die ſtarke Eiche ſich dem wüthenden Sturme entgenſtemmt, um ſo ſtärker iſt auch ihr Fall, wenn die Gewalt deſſelben ſie endlich doch überwältigt und zu Boden ſtürzt. Zerſchmettert liegen ihre Aeſte weit umher, abgeriſſen ſind ihre Wur⸗ zeln von der mütterlichen Erde, und keine Hoffnung mehr vorhanden, daß ihr Stamm je wieder grünen werde. Dies war das ſchwache Bild von Friedrichs und Heinrichs Zuſtande. Verſchwunden war ihr Muth, entflohen ihre Standhaftigkeit, mit welcher ſie der Mar⸗ ter des Tyrannen trotzen wollten; ſie rangen ihre Hände, und fragten mit verzweiflungsvollem Blicke den Himmel: wie ſie die unnennbare Strafe verdient? wie ſie ſolche ertragen ſollten? Mit inniger Sehnſucht hatten ſie noch am vorigen Abende gewünſcht, ihr Weib zu umarmen und Abſchied zu nehmen auf immer, jetzt ſahen ſie ihren Wunſch erfüllt, aber er wurde ihnen zur Qual, zur neuen Pein. Frievrichs Herz faßte am erſten Muth; ein ſchwacher Hoffnungsſchein ſtärkte es. Er erblickte den Sultan am Erker, und beſchloß ſo⸗ gleich, von ihm Aufklärung über das Schickſal der Weiber zu erflehen. Friedrich. Großmüthiger Sultan, höre mich! Korradin. Ich höre! Friedrich. Oeffne dein Herz meinem Flehen! Blicke mit Milde auf dieſe Unſchuldigen! Was haben ſie verbrochen? Unmöglich kann dein gutes Herz ihren Tod heiſchen. Korradin. Sie büßen eure Schuld, ihr ſollt ſie ſterben ſehen, und dann ihnen folgen, um dort ihren Tod zu verantworten. „—————— — „—————————. 85 Friedrich. Nein, das ſprach dein Herz nicht, du kannſt nicht ſo unerhört grauſam ſeyn. Korradin. Ich folge eurem Beiſpiele, ich ahme euch nach, ich fand euch gleich groß an Tapferkeit und Grauſamkeit, will ſehen: ob ich euch nicht in der letz⸗ tern noch übertreffen kann? Auf dem Schlachtfelde zu Cäſarea ward ich euer Wohlthäter, ich ſalbte eure Wunden, ich löste eure Feſſeln, und ihr lohntet mir's ſo ſchrecklich, ſo grauſam! Ich liebte—— o ſo hat noch keiner unter den Sterblichen geliebt!—— Mein Herz lag offen in ihrer Hand, ſie konnte damit ſpielen, wie ſie wollte, ſie konnte es verwunden und tödten, wie's ihr beliebte. Und ihr, die ich mit Wohlthaten überhäufte, ihr reiztet ſie zu dieſem ſchändlichen Morde. Auch ich winſelte, auch ich jammerte, ſuchte Troſt und fand keinen. Wüthend und zähnknirſchend ſtand ich einſam und verlaſſen da, und ſchwur zu Gott, daß ichs ahnden und rächen wolle in ſeiner ganzen Größe. Ich verſchwendete mein halbes Erbe, um euer habhaft zu werden; ich habe euch nun, und will mein Gelübde enden. Friedrich. Ich ward unſchuldig in dies Unglück geſtürzt; Gott, der uns verlaſſen zu haben ſcheint, kennt mein Herz, und weiß: obs der That fähig war? Von ihm flehe ich Troſt und Hilfe für dieſe Schuld⸗ loſen, ihm empfehle ich ſie, er ende mit uns nach ſei⸗ ner Barmherzigkeit! 2 Adelgunde(auf ihren Knieen, in verzweiftungsvol⸗ lem Tone). Bei dem Gotte, vor deſſen Richterſtuhle ich bald zu erſcheinen hoffe, ſchwöre ich dir——— Korradin. O ſchwöre nicht, dein Schwur gleicht deiner Treue, ſie ſind beide falſch. Der alte Prieſter eſich hervordrängend) So höre wenigſtens mich, ich allein kann— Korradin. Ich höre keinen mehr! Die Siunde 86 der Rache iſt da, ich werde ihren Lauf nicht hindern. Nehmt Abſchied unter einander, ſtärkt euch zur folgen⸗ den Marter, in kurzer Zeit bin ich wieder hier, und dann beginnt ſie. Er entfernte ſich ſchnell; auf ſeinen Wink war die Wache gewichen, und Freunde und Gatten ſtürzten nun gleich einem Strome, deſſen Damm man löste, einan⸗ der in die Arme. Sie hatten ſo viel zu fragen, und doch fragten und ſprachen ſie nicht, ſie vergaßen alles rund umher, ſie hörten nicht mehr das Gepraſſel des Feuers, ſie ſahen nicht die glühenden Zangen, ſie achte⸗ ten nicht der Zukunft, genoſſen nur die Gegenwart. Schnell flieht ſtets der Freude Gefühl, ſchneller als ſonſt floh es jetzt. Der Sultan trat wieder in den Erker; auf ſeinen Wink trennte die Wache die Umar⸗ mungen der Unglücklichen; die Knechte ergriffen ſie und banden ihre Hände und Füße mit Stricken. Ehe ich die blutige Scene endige, ehe ich fortfahre, das ſchreckliche Leiden der Unglücklichen zu ſchildern, muß ich zurückkehren zu den Löwenrittern, welche, ver⸗ eint mit ihren Bundsgenoſſen, den ſeltnen Betrügern nachzogen, die ihren Muth ſo ſchändlich geäfft, ihr Herz ſo ſtark geängſtigt hatten. Ungeachtet Begierde nach Rache und Aufklärung die Ritter eilig vorwärts trieb, ſo konnten ſie doch den Zug der Unbekannten nicht erreichen; immer folgten ſie ſeiner Spur, immer ward ihre brennende Neugierde durch neue Nachrichten noch mehr gereizt, aber nie durch Aufklärung geſättigt. Bald erzählte man ihnen, daß die Fremden die deutſche Sprache vollkommen gut geſprochen; bald verſicherte man ſie wieder, daß meh⸗ rere unter ihnen dieſe Sprache gar nicht verſtanden und ſich eines Dollmetſchers bedient hätten. Alle lob⸗ ten und bewunderten aber einſtimmig die ſeltne Schön⸗ beit der Weiber, welche in ihrer Mitte gezogen wären, Bie Ritter folgten indeß unverdroſſen der Spüur ihrss Zuges bis an die Küſte, welche Italien von Sicilien trennt; dort erfuhren ſie, daß die Unbekanntèn erſt vor einigen Stunden ein venetianiſches Schiff beſtiegen hätten, welches ſeinen Lauf nach Sicilien nahm. Man zeigte ihnen ſogar noch in der weiten Ferne die Segel deſſelben; aber ehe auch ſie ein gleiches erhalten und auf dieſem folgen konnten, war jenes ſchon aus ihren Augen verſchwunden. Sie warfen in Meſſinens Hafen Anker, fanden aber dort das Schiff nicht, welches ſie ſuchten, und ungeachtet ſie ſogleich an der Küſte um⸗ her forſchten, auch keine Nachricht, wo es geankert habe. Da Friedrich noch immer zu Meſſina Hof hielt, ſo eilte Ludwig zu dieſem und bat ihn um Beiſtand und Unterſtützung. Der dankbare König erfreute ſich hoch, ſeine Freunde wieder ſehen und ſprechen zu kön⸗ nen; er verſprach ihnen allen möglichen Beiſtand, und ſandte ſogleich Eilboten nach allen Häfen der Inſel, um zu erfahren: wo die Unbekannten gelandet wären? wohin ſie ihren weitern Zug genommen hätten? Da er überdies die edle Ungeduld der Ritter ſah, ſo zog er in ihrer Geſellſchaft ſelbſt an den Küſten hinab und den ausgeſandten Boten entgegen. Am dritten Tage ihres Zuges erblickten ſie in einer Bucht, wo nur ſelten ein Fiſcherkahn Zuflucht vor dem plötzlichen Sturme ſuchte, ein nicht allzu kleines Schiff, deſſen Bauart Friedrichen ſogleich überzeugte, daß es nicht in der Inſel gebaut wurde; zwei Schiffer auf dem Verdecke verkrochen ſich aber ſorgfältig, als der Zug nahte, und die Ritter entdeckten bald, daß ſie be⸗ müht waren, den Anker zu lichten. Da das Schiff nahe am Lande lag, ſo ſprangen ſie vom Roſſe und erſtiegen es. Die zwei Schiffer(denn mehrere fanden ſie nicht) zitterten und bebten, und konnten nur ver⸗ wirrt die Fragen beantworten, mit welchen Friedrich —— 88 ſie ängſtigte. Als ſie nichts geſtehen wollten, und ſich doch auch nicht rechtfertigen konnten, befahl er ſeinen Reiſigen, das Schiff genau zu durchſuchen; man fand es ganz leer, aber in einem Winkel deſſelben vier noch blutende Leichname. Nach dieſer Entdeckung ſanken die Schiffer auf ihre Knie und verſprachen, alles genau zu bekennen. Wir wohnen, ſprach einer derſelben, an Apuliens Küſten, haben uns immer redlich von unſrer Hände Arbeit genährt und find nie vom rechten Wege abgewichen. Vor ſechs Tagen kam ein alter Kauf⸗ mann zu mir und bot mir fünfzig Goldgulden, wenn ich vereinigt mit zwanzig andern, die er ſchon gedun⸗ gen hatte, mit ihm nach Sicilien überſchiffen und dort in einer einſamen Bucht ingeheim einige Wagren ab⸗ holen wollte, welche des Königs Gebot nicht aus den Häfen auszuführen erlaube. Ich fand den Gewinn reichlich, die Gefahr nicht groß, und verſprach ſeiner Bitte Gewährung; er hatte im nahen Hafen ſchon dies Schiff gedungen; ich zog mit ihm dahin, die übrigen waren ſchon verſammelt, und wir ſchifften mit günſti⸗ gem Winde nach der Inſel über. Der Kaufmann, welcher an dieſer Küſte bekannt ſeyn muß, leitete das Schiff ſelbſt in dieſe Bucht, in welcher wir vorige Nacht anlangten. Kaum war das Schiff gelandet, ſo erhob ſich zwiſchen dem Schiffer und dem Kaufmanne ein Streit, den ich nur von Ferne hörte. Der Schiffer behauptete immer, daß er den Kaufmann kenne, daß es nur von ihm abhange, ihn unglücklich zu machen, doch läugnete der letztere dies hartnäckig und verthei⸗ digte ſeine Unſchuld. Wie ſich endlich dieſer Zwiſt, an welchem keiner von uns Antheil nahm, geendigt hatte, und der Schiffer mit ſeinen drei Knechten ſchon ruhte, winkte uns der Kaufmann abſeits, und verſprach jedem noch andre fünfzig Goldgulden, wenn wir den Schiffer mit ſeinen Knechten ermordeten. Ich treibe, ſagte er, — 89 des anſehnlichen Gewinnes wegen den Handel ſchon lange, der Verräther will, wenn ich mit euch die Waa⸗ ren herbeihole, die Sache dem Gerichte anzeigen und mich und euch unglücklich machen. Gelingts ihm, ſo genießt er den Lohn, und ihr werdet eure Weiber und Kinder nie mehr wieder ſehen. Gewinn und Furcht vor der nahen Strafe wirkte gleich ſtark auf uns; wir rächten an den Schiffern den ſchändlichen Verrath, und ermordeten ſie, als ſie noch ruhten. Wir wagten es nicht, die blutenden Körper ins Meer zu werfen, weil ſie leicht an der Küſte gefunden werden und Argwohn erregen konnten, wir wollten dies erſt auf der Höhe des Meers thun, und haben dadurch unſre Entdeckung gefördert; aber es iſt gut, daß es ſo kam, denn na⸗ gende Reue folterte ſeit dieſer Zeit mein Herz, ich bin froh, daß ich nun abbüßen kann, was ich verbrochen habe. Friedrich. Wo iſt der Kaufmann? Wo ſind die Uebrigen? Der Reiſige. Sie ſind ausgezogen, um in der kommenden Nacht die Waaren herbeizuſchaffen, welche wir überführen ſollen. Friedrich. Wie viel ſind ihrer? Sind ſie bewaffnet? Der Reiſige. Achtzehn zogen mit ihm, ſie ſind mit Schwert und Dolch bewaffnet, werden aber den Kaufmann ſchlecht vertheidigen, wenn ſie gleiches Ge⸗ fühl mit mir haben. Da Friedrich gleich beim Antritte ſeiner Regierung die Feſſeln des Handels zerbrochen hatte, da kein Ver⸗ bot die Ausfuhr irgend einer Waare hemmte, kein Zoll dieſelbe erſchwerte, ſo mußte ihm dieſe Erzählung um ſo mehr auffallen und Argwohn gegen den Kauſ⸗ mann erregen, der unter dieſem Vorwande ganz ge⸗ wiß ein anderes Bubenſtück ausführen wollte. Er de⸗ wog daher die Ritter, mit ihm ſeine Ankunft zu er⸗ warten, und dann das Räthſel zu enthüllen. Des —— 90 Königs Reiſige beſetzten ſogleich das Schiff, fenelten die zwei Mörder und harrten der Kommenden. Frie⸗ drich zog ſich mit den Rittern hinter ein kleines Ge⸗ büſche, damit das Wiehern der Pferde ihre Gegen⸗ wart nicht zu früh verrathe. Ehe noch die Mitter⸗ nachtſtunde ſich nahte, langten die Erwarteten ſchon bei der Bucht an: ſie trieben ſchwer beladene Eſel vor ſich her, und wollten eben das Schiff beſteigen, als Friedrich mit den Rittern aus dem Hinterhalte hervor⸗ ſtürzte und die Ueberraſchten ohne Gegenwehr gefan⸗ gen nahm. Ihr Anführer ward ſogleich zum Könige geführt; die Fackeln erleuchteten die ganze Gegend; er ſuchte vergebens ſein Geſicht zu verbergen; Friedrich erkannte ihn ſogleich. Friedrich czu dem Anführer). Deine Mühe iſt vergebens, ich erkenne dich nur allzu genau. Graf Zelano, ich hätte nie geglaubt, daß wir unter ſolchen Umſtänden uns je wieder ſehen würden. Zelano. Auch ich hätte nie gewähnt, daß die ed⸗ len Sicilianer einem Knaben wirklich huldigen, und die Ruthe, die ihn noch züchtigen ſollte, küſſen würden. Friedrich. So ſtolz? Doch Beleidigungen dieſer Art können mich nicht zur Rache reizen. Ich will dir wenigſtens beweiſen, daß der Knabe ſich bemüht, groß⸗ müthig und königlich zu handeln. Er verzeiht dir wil⸗ lig die unbeſonnenen Reden, welche der Zorn über den mißlungenen Plan dir ablockte, aber er fragt dich mit vollem Rechte: Wie der Verbannte es wagen konnte, aufs neue in Sicilien zu erſcheinen? Woher er Kühnheit und Muth genug nahm, ſein Vaterland mit ſchrecklichem Meuchelmorde zu beflecken? Zelano. O des großmüthigen, des erhabnen Mo⸗ narchen, der liebreich mit dem Opfer ſeines Stolzes ſpricht, ſeinen Fall bedauert, und ihm doch nene Wun⸗ den verſetzt! ——,—— ———— ——— ————————— ——— „ 91 Friedrich. Haſt du nicht den Schiffer ſammt ſer⸗ nen Knechten ermordet? Zelanv. Nicht ich, aber meine Reiſige vollzv⸗ gen die That auf meinen Befehl. Friedrich. Biſt du nicht durch dieſe That zum Meuchelmörder herabgeſunken? Zelano. Wenn in deinem königlichen Auge ge⸗ rechte Nothwehr, Vertheidigung ſeines eignen Lebens zum Meuchelmord, ſich wandelt, ſo haſt du weiſer als Salomo ſelbſt geurtheilt. Ich verſprach dem Buben großen Lohn, wähnte nicht, daß er mich kenne, wähnte noch weniger, daß er mich verrathen werde, aber bald entdeckte ich das erſtere, und ward geſtern von dem letztern überzeugt. Ich behorchte ihn, wie er mit ſeinen Knechten beſchloß, daß ſie Wächter herbeiholen, mich feſſeln und zu dem Könige führen wollten, der (birter) großmüthig genug geweſen ſeyn ſoll, auf mei⸗ nen Kopf zweitauſend Goldgulden zu ſetzen. Friedrich. Ich läugne es nicht, daß ichs that, weil ich dich gerettet wußte, und das Volk beruhigen wollte, das mit Ungeſtüm deinen Kopf forderte. Zelanv. Daß es doch nie Männern deines glei⸗ chen an Entſchuldigung mangelt, wenn ſie eine tyran⸗ niſche That beſchönigen wollen. Du thatſt alſo? Du reizteſt meine Schiffer zur Verrätherei? Sprich! Was ſollte, was konnte ich dagegen thun? Solſte ich mich ruhig fangen, ruhig nach Meſſina ſchleppen laſſen2 Sollte ich dich heuchleriſch weinen, und mich doch we⸗ gen dem Volke zum Tode verurtheilt ſehen? Wenn dieſer erzwungne Mord Verantwortung heiſcht, wenn er Genugthuung fordert, ſo mußt du ſie leiſten, denn du zwangſt mich dazu. Friedrich. Schweig, Frevler, den ich—— Doch nein, es ſoll dir nicht gelingen, ich will bleiben, was ich ſeyn muß, deine Thaten, nicht deine Reden ſollen dich richten. Was bewog dich, mein Gebot zu über⸗ treten, wieder zurückzukehren ih ein Land, das dich haßt, das mit vollem Rechte deinen Tod fordert? Zelanv. Vernimms und urtheile, wie dirs weiſe dünkt. Ich bin zu ſtolz, mich zur Lüge herabzuwür⸗ digen, zu alt, um den Tod zu fürchten, mit dem du mich immer zu ſchrecken ſuchſt. Ohne mich zu hören, ohne zu unterſuchen: ob ich wirklich ſchuldig ſey? ver⸗ bannteſt du mich aus meinem Vaterlande, gabſt mich auf einem elenden Schifferkahne den Wellen, dem Tode preis. Ich will dein Mitleid durch Erzählung der Drangſalen, welche ich dulden mußte, nicht zu wecken ſuchen, genng, ſie waren ſchrecklich. Als ich mein ein⸗ ziges Kind verloren, ſchmähliche Gefangenſchaft und Lebensgefahr im Ueberfluſſe geduldet hatte, und nun ohne Vermögen, ohne Habe hilflos und elend umher⸗ irrte, da erinnerte ich mich, daß ich einſt in einer unterirdiſchen Höhle, die nahe bei einer meiner Veſten lag, einen kleinen Theil meines rechtmäßigen Habes verborgen hatte. Zu einer andern Zeit würde ich die⸗ ſen kleinen Ueberreſt ſtolz verachtet haben, aber jetzt war er mir zur Verlängerung meines Lebens noth⸗ wendig geworden. Ich wagte es, mich noch einmal dieſen verhaßten Küſten zu nahen; ich fand, was mein war, und wollte jetzt wieder auf ewig fliehen. Friedrich. Und iſt die ganze Reihe der Laſtthiere, welche du vor dir hertriebſt, mit dieſem kleinen Ueber⸗ reſte beladen2 Zelano. Ja, füttre deine Habſucht damit, ja, ſie iſts! Friedrich Gzu den Rittern). Ihr ſollt Richter zwi⸗ ſchen mir und dieſem Manne ſeyn, der mir durch Trotz abzuzwingen ſucht, was mein Herz ihm ohnehin nicht weigert. Euch verdanke ich Befreiung aus ſeinen Hän⸗ 93 den, euch mag er ſie aus meinen Händen verdanken, wenn mich anders meine Vermuthung nicht trügt⸗ Ihr werdet euch noch des Tages erinnern, an wel⸗ chem euer tapferer Anführer meine Rechte ſo muthig vertheidigte, und dieſen hier feſſelte, weil er mir nicht huldigen wollte. Er ward am Ende ſein großmüthi⸗ ger Retter, und ſchwarzer Undank würde es von mei⸗ ner Seite ſeyn, wenn ich jetzt das Ungefähr benutzen und über Thaten richten wollte, die ich damals zu vergeſſen verſprach. Das Gedächtniß eines Königs ſoll nur Raum für gute Thaten haben, er erinnert ſich der Bedrückungen nicht mehr, die du einſt an ihm und ſeinem Volke übteſt, ſie ſind vergeſſen, ich werde ſie nicht ahnden. Das Blut der ermordeten Schiffer ſchreit aber jetzt um Rache zu mir; ſprecht, ſoll ichs hören? ſoll ichs rächen? Die Ritter. Du mußt es hören, du mußt es rächen! Friedrich. Aber er mordete nicht aus Raubſucht, nicht aus Frevel, nicht aus Rache. Furcht vor dem ſchmählichen Tode, Furcht vor der gleich ſchrecklichen Schande förderten ſeinen Entſchluß. Schon längſt wollte ich den Preis, welchen ich auf ſeinen Kopf zu ſetzen gezwungen war, widerrufen, weil er nicht mehr nöthig iſt, die Liebe meines Volkes ſchützt mich vor Verrätherei, die er nicht einmal an mir üben wollte. Meine Nachläßigkeit reizte des Schiffers Habſucht, und ich ward ſein Mörder. Ich kann nicht richten über ihn, ich überlaſſe die Rache Gott, er mag ihn durch Buße verſöhnen, ich will für der Ermordeten Weiber und Kinder ſorgen, ſie ernähren und erziehen. Die Ritter. Des Königs ſchönſte Zierde iſt Gnade und Wohlthun; wir wollen ſie nicht hindern. Friedrich. Noth und Mangel trieb ihn ins Va⸗ terland zurück, Noth und Mangel kennt kein Geſetz, ich kanns nicht ahnden. Des Alters Laſt iſt ſchwer, iſt unerträglich, wenn Elend und Nahrungsſorgen ſich dazu geſellen, ich will ihm den kleinen Keberreſt ſei⸗ nes Vermögens nicht rauben, wenn es anders nur ein Ueberreſt deſſelben iſt. Zelg willſt du aufrich⸗ tig mit mir ſprechen? Zelano cſehr gerührt, ſinkt zu des Königs Füßen nieder). Du feierſt heute deinen größten Triumph, denn dein innigſter Feind ſinkt beſchämt zu deinen Füßen nieder, und muß wider Willen bekennen, daß du die Krone, welche du trägſt, ganz verdienſt. Frage, ich will antworten. Unglück hat mein Herz verhärtet, hats zu böſen Thaten fähig gemacht, aber deine ſeltne Großmuth hats erweicht, es wird nun beweinen und bereuen, was es verbrochen hat. Friedrich. Als du und deine Geſellen mein Reich regierten, da wurde mein Volk mit großen Auflagen und Zöllen beſchwert, die Hälfte der Krongüter ward veräußert, und doch waren der Ausgaben damals ſo wenig. Alle Zöllner, alle Käufer verſicherten einſtim⸗ mig, daß ſie das Gold an dich ablieferten. Vergebens babe ich in allen deinen Veſten und ihren geheimſten Gemächern nachgeſucht, nirgends gefunden, was der Erwartung entſprach. Sprich: wohin ſind die unge⸗ heuern Summen verwendet worden? Wer hat ſich in dies ungerechte Gut getheilt? Zelanv. Genieße die Früchte deiner Großmuth, du verdienſt ſie. Was Strafe und Tod mir ſicher nicht entlockt hätten, will ich nun frei und offen bekennen. Da ich den Haß des Volks gegen mich nur allzu gut kannte, da ich im Voraus urtheilen konnte, daß man einſt Unterſuchung pflegen und Nachforſchung halten würde, ſo verbarg ich dieſe Schätze in eine nur mir bekannte, unterirdiſche Höhle, ich wollte ſie und mich retten, wenn die Zeit der Unterſuchung nahe; aber 95 deine Flucht und die unerwartete Hilfe der deutſchen Ritter überraſchte mich in meiner Sicherheit; ich mußte mich ohne Hoffnung von ihnen trennen. Immer er⸗ innerte ich mich ihrer aber mit größter Sehnſucht; hätte mein grauſames Schickſal mich nicht bis nach Aſiens Küſten geführt, hätte ich dort nicht Elend aller Art erdulden müſſen, ich würde mich ſchon längſt hie⸗ her gewagt und gerettet haben, was zu retten mög⸗ lich war. Die Laſtthiere, welche ich vor mir hertrieb, tragen die kleinere Hälfte derſelben, die übrige ruht noch in der Höhle, ich will dich dahin führen, und es ganz deiner Großmuth überlaſſen, was du mir zum künftigen Lebensunterhalte vergönnen willſt. Will aber deine Güte mit mir Armen volle Barmherzigkeit üben, ſo erlaube mir, daß ich in einem Kloſter deines Lan⸗ des mein Leben enden darf. Ich fühls zu deutlich, daß der Geiz nur bittre Früchte trägt, er hat mich zu mehrern Verbrechen verleitet, er war mein Beherr⸗ ſcher von Jugend auf, ich muß bereuen, wenn ich dort nicht ewig büßen will. Friedrich. Davon will ich dann mit dir ſpre⸗ chen, wenn du mir mein Eigenthum ganz überant⸗ wortet haſt. Er übergab nun den gefangnen Grafen der Für⸗ ſorge ſeiner Reiſigen, und ging nach dem Schiffe, um die Schätze in Empfang zu nehmen, welche die Laſt⸗ thiere getragen hatten; ſie waren anſehnlich und groß; aber noch größer und anſehnlicher waren diejenigen, welche ſie unter Zelanos Anweiſung in der Höhle fanden. Friedrich, welcher Pracht und Schimmer liebte, großen Hang zur Freigebigkeit beſaß, und doch viele Abgaben beim Antritte ſeiner Regierung zu Gunſten des Volks verminderte, freute ſich hoch, daß vas glüch⸗ liche Ungefähr ſo große Schätze zu einer Zeit in ſeint Hände führte, da er ihr eben am meiſten bedurſte 96 denn ſein Oheim, der Kaiſer Philipp, war bereits durch Otto von Wittelsbach ermordet worden, und der Bann, mit welchem Pabſt Innozenz ſeinen Nach⸗ folger, den ſächſiſchen Otto, belegt hatte, gab ihm ge⸗ gründete Hoffnung, daß die wankenden Deutſchen ſeine Wahl zum Kaiſer, die ſie ihm als Kind ſchon leiſte⸗ ten, aufs neue beſtätigen würden, wenn er ſeine Macht mehren und nach Deutſchland ziehen könne. Ihr ſeyd zu meinem Glücke beſtimmt, ſprach er zu den Löwen⸗ rittern, eure Brüder erwarben mir durch ihre Tapfer⸗ keit die Krone, ihr leitet mich an die Küſten meines Landes, als man die verborgnen Schätze deſſelben ent führen wollte, ohne euch würde ich den Raub nie ge⸗ wahrt, nie entdeckt haben. Sprecht, wie ſoll, wie kann ichs euch lohnen? Zelanv. Vielleicht vermag ichs an deiner Stelle, vielleicht kann ich wenigſtens durch gute Rachrichten ihr Herz erfreuen. Ihr wart mir zwar nie hold, eurer Tapferkeit muß ich mein ganzes Unglück verdanken; aber der Muth eurer Brüder rettete mich doch aus dem ſchmählichen Kerker, in welchem ich und einige eurer Bundsgenoſſen ſchmachteten, und dieſe That muß allen Groll löſchen. Sprecht: Mangeln nicht noch einige Glieder eures Bundes, welche im heiligen Lande kämpf⸗ ten2 Over ſind ſie ſchon glücklich gerettet zu den Ih⸗ rigen zurückgekehrt? Der alte Graf Frohburg(ſich hervordrängend). O nein! Noch harren wir ihrer ſehnlich! Noch wiſſen wir nicht: ob wir ſie unter den Lebenden achten oder. ihren Tod beweinen ſollen? Ich vermiſſe zwei meiner Söhne: kannſt du das verwundete Herz ihres alten Vaters mit Troſt ſalben, kannſt du ihm Nachricht ge⸗ ben von den Kindern ſeines Herzens, ſo wird Gott dich ſegnen und dir vergeben, wenn du ihn beleidigt haſt. Zelanv. Heil mir, wenn du eben ſo wahr ſprichft, wie ich ſprechen werde! 97 Er erzählte jetzt alles, was ſich ſeit ſeiner Verban⸗ nung mit ihm zugetragen hatte, nur verſchwieg er den ſchändlichen Verkauf ſeines einzigen Kindes, und gab vor, daß es der Sultan mit Gewalt aus ſeinen Armen geriſſen, ihm zwar einige Beutel mit Gold geſchenkt, aber auch bei Lebensſtrafe unterſagt hätte, ſich je mehr der Stadt zu nahen, in welcher ſeine Tochter wohnen würde. Wie er weiter erzählte, daß zwei der tapferſten Löwenritter, welche zu Jeruſalem gefangen lagen, ſeine Tochter aus den Händen des Sultans gerettet und mit ihr glücklich zu Sidon an⸗ gelangt wären, da jubelten die Ritter hoch, und Graf Frohburg erkannte ſogleich, daß die Retter ſeine zwei Söhne waren; aber ihr Jubel wandelte ſich bald in Trauer, als Zelano ihnen kund machte, daß der rach⸗ gierige Sultan ſie ſchändlich aus Sidon geraubt und in einem feſten Thurme zum ſchmählichen Tode auf⸗ bewahrt habe. Sie erſtaunten über die Rache des Sultans, welcher auch die unſchuldigen Weiber der Ritter und den Vater der entflohnen Adelgunde nach dem Kerker ſchleppen ließ. Hoffend und fürchtend ſtan⸗ den ſie in dichtgedrängter Reihe um Zelano her, wag⸗ ten keine Frage, und harrten nur des Ausgangs, als dieſer endlich erzählte, wie Eſchenbach mit einigen an⸗ dern den Thurm erbrach, den Alten glücklich befreite, und die beſten, herrlichſten Anſtalten zur Befreiung aller Gefangnen machte. Vieles hätten ſie darum ge⸗ geben, ihr halbes Habe willig geopfert, wenn Zelano den glücklichen Ausgang hätte verbürgen können; aber er floh eilend nach Sidon, fand dort ein Schiff, wel⸗ ches nach Cypern überſchiffte, wo er die ſchlechte Jahrs⸗ zeit hindurch weilte, ehe er ſeine Reiſe nach Sicilien antrat. Indeß labte er ihre Herzen mit der Verſiche⸗ rung des glücklichſten Ansgangs. Der Muth der Be⸗ freier, ſprach er, war groß, kein Sterblicher konnte Löwenritter 3. 7 ——— 98 ihr Unternehmen weder ahnen, noch hindern. Binnen drei Tagen hofften ſie ihre Arbeit zu vollenden, und ſie wird ihnen gewiß gelungen ſeyn. Wenn ſie dann, wie ſie Willens waren, ihre Flucht nach Akkon nah⸗ men, ſo konnte ſie die Rache des Sultans nicht mehr erreichen, der überdies weit entfernt von ihnen gegen die Rebellen ſeines Vaters kämpfte. Graf Frohburg. O es gelingt dir nicht, das Herz eines beſorgten Paters mit falſcher Hoffnung zu tröſten, ſicher warſt du nur der einzige, welcher dem Tode entfloh. Würden die Geretteten nicht ſchon längſt in ihr Vaterland zurückgekehrt ſeyn, und in den Ar⸗ men der Freunde und Anverwandten Erſatz für ihr Leiden geſucht haben? Zelanv. Gebt dem Kummer Abſchied, wenn er ſich blos auf dieſe Vermuthung gründet, er quält euer Herz vergebens. Jeder, welcher nach dem heiligen Lande wallfahrtete, wirds mit mir bezeugen müſſen, daß in der verfloßnen Jahrszeit kein Schiff den Ha⸗ ſen verläßt, keins in dieſem ankert. Die Stürme wü⸗ then dann ſchrecktich, und gewiſſer Tod iſt des Küh⸗ nen Loos. Erſt vor kurzem konnten ſie die Küſte ver⸗ laſſen, und glücklich muß ihre Fahrt ſeyn, günſtiger Wind ihre Segel füllen, wenn ſie in einigen Monden Italiens Küſte erreichen. Da Ludwig und alle Ritter, welche mit ihm im heiligen Lande waren, dieſe Ausſage beſtätigten, ſo be⸗ gann der arme Vater aufs neue zu hoffen, und nahm oft Theil an den Freudenfeſten, welche ihnen in der Folge Friedrichs Dankbarkeit bereitete. Dieſer erfüllte am andern Tage Zelanos Bitte, ſandte ihn nach einem Kloſter, verſprach ihm dort auch Schutz und Sicher⸗ heit, wenn er ſeine Verbrechen aufrichtig bereuen und nie die Mauern deſſelben verlaſſen würde; auch ſandte er Boten nach der ermordeten Schiffer Heimath, wel⸗ 99 che die Weiber und Kinder derſelben nach Sicilien führen ſollten, damit er, ſeinem Gelübde gemäß, ſie ſchützen und ernähren könne. Die Reiſigen, welche Theil am Morde genommen hatten, ſandte er nach den Galeeren, wo ſie ihr Verbrechen büßen, und durch ſtrenge Arbeit ſich der künftigen Verzeihung würdig machen ſollten. Wie er endlich ſeine Schätze in Si⸗ cherheit gebracht hatte, zog er aufs neue mit den Rit⸗ tern an den Küſten der Inſel umher; aber nirgends fanden ſie das Schiff, welches ſie ſuchten, nirgends eine Spur, wo es gelandet hatte. Nach einem Monden vergebens angewandter Mühe, gaben ſie endlich alle Hoffnung zur Entdeckung der Unbekannten auf, und kehrten nach Meſſina zurück. Die geſchäftsloſen Ritter würden nun wieder nach Deutſchland gezogen ſeyn, wenn Friedrichs Bitte und des alten Grafen Froh⸗ burgs Sehnſucht ſie nicht an ihrer Abreiſe verhindert hätte. Der letztere hoffte mit Grunde, daß ſeine Söhne, wenn Gott ihre Rettung anders mit glücklichem Er⸗ folge gekrönt hätte, in Sicilien landen, den König mit einem Beſuche ehren, und dann um ſo früher in ſeine Arme ſinken würden. Er vermochte es daher nicht, ſich von dieſen Küſten zu trennen, und bewog die übri⸗ gen, mit ihm auf ihre Ankunft zu harren. Um das beſorgte Weib, den harrenden Vater daheim zu beru⸗ higen, ſandte Ludwig Boten nach der Löwenburg, wel⸗ che es beiden kund machen mußten, daß ſie der Kom⸗ menden harren und mit ihnen in ihre Arme zurückzu⸗ kehren hofften. Graf Frohburg ging jeden Morgen nach dem Hafen, und verließ ihn oft den ganzen Tag nicht, wenn er in der weiten Ferne ein Segel erblickte. Oft nahte er ſich dann hoffnungsvoll dem gelandeten Schiffe, kehrte aber immer traurig und ohne Hoffnung zurück, wenn er nicht fand, was er ſuchte. Um den guten Alten nicht immer mit betrogner Hoffnung zu 100 quälen, verhinderte Friedrich auf Ludwigs Bitte ſei⸗ nen gewöhnlichen Gang nach dem Haſen, gab aber zu ſeiner Beruhigung den ſtrengſten Befehl, daß jedes Schiff, welches aus der Sarazener Land komme und an ſeinen Küſten lande, ihm ſogleich gemeldet werden ſollte.— Einſt tafelten die Ritter eben mit dem Könige, als der Aufſeher des Hafens in den Saal trat und dem Könige kund machte, daß ein Schiff aus Sidon vor kurzem Anker geworfen habe, welches einige chriſt⸗ liche Ritter, die lange in der Sarazenen Gefangen⸗ ſchaft geſchmachtet hätten, mit ſich führe. Freude und Wonne verbreitete ſich ſchnell im Geſichte der Tafeln⸗ den: die Ehrfurcht, welche des Königs Gegenwart heiſchte, mußte jener weichen; alle ſprangen mit dem Ausdrucke des froheſten Jubels empor, alle drängten ſich nach der Thüre, um die ſo ſehnlich Erwarteten früher grüßen und umarmen zu können. Vergebens rief der König, daß er die Angekommenen ſogleich wolle laden laſſen; die erfreuten Ritter verachteten den Genuß der Speiſen, da ihrer ein weit herrlicher harrte; ſie eilten im ſchnellſten Fluge nach dem Hafen und forſchten athemlos nach denen, welche ihr Herz ſuchte. Traurig ſenkte ſich ihr Blick zu Boden, die Freude ſchwand, und Kummer füllte ihr Herz aufs neue, als die angekommenen Ritter herbeitraten, und keiner un⸗ ter ihnen war, den ſie ſo ſehnlich zu ſehen wünſchten. Einer der Fremden. Wahrſcheinlich erwartet ihr Freunde, und hofftet ſie in uns bewillkommen zu können. Graf Frohburg. Ja wohl erwarten wir ſie mit größter Sehnſucht. Könnt ihr nicht indeß wenigſtens unſer mattes Herz mit Hoffnung laben? Folgen euch nicht noch mehrere erlöste Gefangne? Der Fremde. Möglich, aber nicht wahrſcheinlich, denn zu Sidon, wo wir uns einſchifften, harrten keine 101 Ritter auf Ueberfahrt czu Ludwigen, indem er Zein Schwert betrachtet) Iſt dies nicht das Schwert des Löwens? Ludwig. Es iſt es! Der Fremde. Seyd ihr Ritter dieſes berühmten Bundes? Ludwig. Wir ſind es! Der Fremde. Da habe ich Nachricht für euch. Alle Ritter(ſich zu ihm drängend). Nachrich⸗ ten? Gebe Gott, daß ſie fröhlichen Inhalts ſeyn mögen! Der Fremde. Auch mein Herz wünſcht dies, aber die That widerſpricht dem Wunſche. Zwänge mich nicht Eid und Gelübde, eure Hoffnung ganz zu ver⸗ nichten, eure Herzen mit Trauer zu erfüllen, ich würde lieber ſchweigen, die Ungewißheit würde euch nicht halb ſo ſtark quälen, als die ſichere Nachricht ihres Todes.. GrafFrohburg. Ihres Todes? Gott mit mir! Todt all meine Hoffnung, all' meine Freude! Die Ritter cunter einander). Todt unſer tapfe⸗ rer Friedrich? Todt unſre Brüder? Der Fremde. Damit ich nicht unverdientes Lei⸗ den in euern Buſen ſchütte, nicht mit ungerechter Trauer euer Herz vergifte, ſo erlaubt mir vorher einige Fragen, die mich überzeugen müſſen, wenn ich irren ſollte. Graf Frohburg. O frage ſchnell, damit noch Labung möglich iſt, wenn dein Auge dich täuſchte. Der Fremde. Erwartet ihr nicht euern tapfern Anführer ſammt ſeinem Bruder? Graf Frohburg. Wir erwarten ſie; ich bin der unglückliche Vater dieſer hoffnungsvollen Söhne. Der Fremde. Zogen nicht ihre Weiber mit ihnen nach Paläſtina? Ludwig. Ja, ſie zogen mit; eine derſelben war meine Schweſter. 102 Der Fremde. Verſuchten nicht einige Ritter eures Bundes ihre Rettung, als der Sultan ſie in Kerker geworfen hatte? Ludwig. Sie verſuchten ſolche, und, wie wir bis⸗ her hofften, mit glücklichem Erfolge. Der Fremde. Süß war mir das nahe Gefühl der Freiheit, leicht ſchien mir die Erfüllung des Ei⸗ des, durch welchen ich ſie erringen mußte, aber ich habe mich betrogen, bitter iſt ihre Frucht, hart und ſchwer die Erfüllung des Gelübdes, da ich ſo vieler Herzen durch meine Erzählung zur Trauer reizen muß. Hört ſie, und rechnet mirs nicht zum Verbrechen, wenn ich ohne Schonung mit euch ſpreche. Jetzt wird ſich eben das eilfte Jahr füllen, als ich mit einigen meiner Mitbrüder unter dem Schwerte der Saraze⸗ nen vor Damaskus Mauern blutend zu Boden ſank und von ihnen als Beute fortgeſchleppt wurde. Wie unſre Wunden geheilt waren, ſchickte uns der Anfüh⸗ rer ihres Haufens nach Kapadozien, wo wir auf ſei⸗ nen Gütern als Sklaven arbeiten mußten, und här⸗ ter als das Vieh, welches neben uns pflügte, behan⸗ delt wurden. Schon keimte keine Hoffnung mehr in unſerm Buſen, ſchon wünſchten und hofften wir nur den Tod, als vor Jahresfriſt auch bis in unſre Ge⸗ gend die Nachricht erſcholl, daß der Sultan mit den Chriſten einen Waffenſtillſtand geſchloſſen und alle chriſt⸗ liche Gefangene frei zu laſſen verſprochen habe; aber dieſe neue Hoffnung ſchwand auch bald wieder, da unſer zurückkehrender Herr uns verſicherte, daß er die Früchte ſeines Muthes nicht miſſen, und ſich dem Ge⸗ bote des Sultans nicht fügen werde. Vor ungefähr drei Monden mußten wir nahe an der Heerſtraße das Feld bauen; vorbei eilende Ritter verkündigten uns, daß der Sultan noch heute vorüberziehen werde; ich und'meine Mitbrüder faßten Muth, und warfen uns 103 vor ihm in den Staub, als er ſich wirklich nahte⸗ Er hörte unſre ſtammelnde Bitte um Erlöſung aus der Sklaverei mit vieler Sanftmuth an; als er aber vernahm, daß wir deutſche Ritter wären, ſo verwan⸗ delte ſich ſeine Güte in jähen Zorn. Ich wollte, rief er ergrimmt aus, daß ich die ganze Natterbrut ver⸗ tilgen könnte! Ewige Sklaverei ſey euer Loos, das ich gewiß nicht lindern werde. Er ſpornte ſein Roß und jagte vorwärts. Am nahen Hügel machte aber ſein Zug Stillſtand, einige Reiter kamen zurück und forderten uns zu ihrem Herrſcher. Er war abgeſtie⸗ gen vom Roſſe und ſaß auf dem Rande eines Brun⸗ nens. Euer Vaterland iſt alſo Deutſchland? ſprach er in deutſcher Sprache. Wir bejahten ſeine Frage zitternd. Kennt ihr die Ritter des Löwens? Seyd ihr Mitglieder dieſes Bundes? fragte er weiter. Wir kennen, antwortete ich, den mächtigen Bund des Lö⸗ wens, aber wir ſind nicht Sitiee deſſelben: wir dienten dem Biſchofe von Bamberg, und mußten un⸗ ter ſeiner Fahne nach Paläſtina ziehen. Korradin. Ibpr ſollt frei ſeyn, ſollt ungehindert in euer Vaterland zurückkehren, wenn ihr bei euerm Gotte gelobt und ſchwört, daß ihr den Rittern des Löwens eine Botſchaft von mir überbringen, ſie ihnen treu und wörtlich verkündigen wollt. Ich. Wir ſchwörens bei unſerm Gotte, daß wir deine Botſchaft in unſerm Gedächtniſſe wohl verwahren, und ſie ihnen mit größter Treue verkündigen wollen⸗ Korradin. So ſage ihnen, daß ich ſie haſſe, ver⸗ fluche und vermaledeie! Ich ehrte ihre ſeltne Tapfer⸗ ich ward bei mancher Gelegenheit ihr größter Wohlthäter; aber ſie belohnten mich mit ſchändlichem ündagie, ſie raubten mir mein liebſtes Weib und ent⸗ führten es glücklich nach Sidon. Mein Zorn, meine Wuth erreichte ſie auch dort, ich bekam ihren Anführer 104 ſammt ſeinem Bruder und beider Weiber in meine Gefangenſchaft: ſechs ihrer Mitbrüder wollten ſie dar⸗ aus befreien, und das gerechte Schickſal lieferte auch dieſe in meine Hände. Ich mußte bisher gegen die Rebellen kämpfen und konnte nicht Rache an ihnen üben, aber binnen drei Tagen hoffe ich auf der Veßte, in welcher die Schändlichen ſchmachten, einzutreffen, und am Morgen des vierten ſoll ihre Marter begin⸗ nen, ſie ſoll groß, ſie ſoll ſchrecklich und ihrem Ver⸗ brechen angemeſſen ſeyn; ich will ſie nicht tödten, aber ich will ſie ſo lange quälen, bis ſie verzweifelnd enden; jedes ihrer Glieder ſoll leiden und verſtümmelt werden; ich will ſie mit glühenden Zangen zerfleiſchen, und ge⸗ ſchmolznes Blei, ſiedendes Oel in ihre Wunden gießen. Ihr ſollt die Trauerboten ſeyn, welche dies ſchreckliche Ende in Deutſchland verkündigen, und hinzufügen, daß iedes Mitglied ihres Bundes, welches früh oder ſpät in meine Hände fällt, auf gleiche Art enden ſoll. Ich habe ihnen ewige Fehde und Rache geſchworen, und werde dieſen Schwur halten, ſo lange ich athme.— Graf' Frohburg. O meine Kinder! O meine Söhne! Deine ſchreckliche Nachricht hat mich zum Un⸗ glücklichſten der Väter gemacht. Der Tyrann ſiegt, er mordet auch den ſchuldloſen Vater! O ich kanns, ich wills nicht überleben! Die Ritter. Heiliger Schwur der unverſöhnlichen Rache auch ihm, da er ſo ſchrecklich unſere Brüder mordete! Ich würde durch Wiederholung ermüden müſſen, wenn ich fortfahren wollte, den Schmerz des Vaters, die Trauer und Rachbegierde der Ritter zu ſchildern. Beide war gränzenlos und keiner Beſchreibung fähig. Friedrich, welcher auch herbeigeeilt war, bemühte ſich vergebens, durch Worte des Troſtes ihr Leiden zu mindern; nur dann, als er feierlich gelobte, daß er * 105 nach geendigtem Waffenſtillſtande mit ſeiner ganzen Macht ihnen beiſtehen und in ihrer Geſellſchaft gegen den Tyrannen kämpfen wolle, da fand ſein Troſt Ge⸗ hör, da wünſchte der alte Vater noch länger zu leben, um Theil an der blutigen Rache zu nehmen. Sie ſchieden endlich vom Schiffe, ohne der Fremden Erzäh⸗ lung weiter zu hören, auch konnten dieſe ihnen nichts mehr erzählen, als daß ſie durch den Sultan wirklich ihre Freiheit, auch anſehnliche Geſchenke erhalten hat⸗ ten, und ſchon am dritten Tage mit dem ſegelfertigen Schiffe aus Sidon abgereist waren. Da die Ritter jetzt keine Hoffnung mehr in Sieilien feſſelte, da ihre trauernden Herzen nicht Theil an den Feſten des Königs nehmen wollten und ſich nach Ein⸗ ſamkeit ſehnten, ſo beſchleunigten ſie ihre Abreiſe nach Deutſchland. Friedrich gelobte ihnen aufs neue ſeinen vollen Beiſtand, wenn ſie Rache an dem Tyrannen üben wollten, und erneuerte zugleich ſeinen Wunſch, ein Mitglied ihres Bundes zu werden. Dann, ſprach er, wird die Rache mir zur Pflicht, dann muß ich ſie nach allen Kräften erfüllen. Mehrere Abſichten förder⸗ ten aber dieſen Wunſch; ſein Herz, ſein ruhmwürdiger Ehrgeiz ſpornte ihn zum höhern Ziele, welches die er⸗ ledigte, wenigſtens wankende Kaiſerkrone ihm ausge⸗ ſteckt hatte. Als ſein Vater noch lebte, wählten ihn die deutſchen Fürſten zu ihrem künftigen Regenten, ſie verwarfen ihn nachher, weil er noch ein unmündiger Knabe war, er wollte ihnen nun gerne beweiſen, daß er zum Manne emporgereift und ihrer neuen Wahl würdig ſey; aber er konnte ohne Schutz ſich nicht nach Deutſchland wagen, das den Otto noch für ſeinen rechtmäßigen Beherrſcher erkannte. Er mußte im Ver⸗ borgenen wirken, und hoffte viel zu gewinnen, wenn der mächtige Bund des Löwens ſeine Rechte verthei⸗ dige, ihn wenigſtens, wenn er nach Deutſchland zöge ———— 2—— 106 gegen Verfolgung ſchütze. Er machte den Tag vor der beſtimmten Abreiſe dies alles den Rittern kund, und ſie verſprachen ihm dagegen alle mögliche Unter⸗ ſtützung, auch nebenbei, wenn die deutſchen Fürſten, durch des Pabſtes Bannfluch geſchreckt, dem Otto den Cid der Treue aufkündigen würden, ihren kräftigen Beiſtand. Eure Trauer, ſprach Friedrich beim wirk⸗ lichen Abſchiede, iſt gerecht, iſt groß, und wird ſich auch bei eurer Heimkunft unter allen Brüdern eures Bundes verbreiten, ich will ſie nicht hindern, nicht ſtören, aber in einigen Monden wird ſie ſich wenig⸗ ſtens gemindert haben, und dann komme ich auf eure Burg und wecke euern Muth zu neuen Thaten. Die Ritter zogen düſter und trauernd nach dem Va⸗ terlande; an ihrem redlichen Herzen nagte der Kum⸗ mer über den Verluſt ſo tapferer Brüder, ſo edler Weiber. Sie beweinten ihren ſchrecklichen Tod oft im Stillen, oft aber auch in voller Geſellſchaft, und fan⸗ den keine Worte des Troſtes für den bedauerungswür⸗ digen Vater, der ſeinen edlen Stamm nun verdorren ſah, ihn mit täglichen Thränen penetzte, aber nie hoffen konnte, daß er aufs neue grünen und blühen würde. Mehr als je bedauerten ſie übrigens, daß ſie den Zug der ſeltnen, fremden Ritter nicht erreicht, ſeine Spur in Sicilien ſo ganz verloren hatten. Sie konnten's jetzt um ſo weniger begreifen, wie dieſe ihnen den Tod ihrer Brüder mit allen umſtänden ſchon viele Monden zuvor verkündigen, und Begebenheiten als gewiß vor⸗ herſagen konnten, die ſich doch weit ſpäter, aber leider auch wirklich zugetragen hatten. Sie waren überzeugt, daß es keine Geiſter geweſen, welche ihr Herz ſo äng⸗ ſtigten, ihrem Bundshauptmanne einen ſo trugvollen Schwur ablockten, aber ſie konnten auch eben ſo wenig die Urſachen dieſer That ergründen, und mußten es der wohlthätigen Zukunft überlaſſen: ob dieſe vielleicht 107 ihnen einſt in der Dunkelheit leuchten und das Räthſel enthüllen werde? Indeß die Heimkehrenden im Vaterlande aller Her⸗ zen mit Trauer füllten, indeß Bundsgenoſſen und Fremde den Tod der Helden beweinten, die Prieſter dem Heile ihrer Seele die Meſſe opferten und die Laien andächtiglich dabei beteten, erbarmte ſich der Ewige, deſſen Macht auch in das Herz eines Wütherichs dringt, der unglücklich Leidenden; er erſchien mit ſeiner Hilfe, da die Noth am nächſten war, da Rettung unmöglich ſchien. Aber er, dem nichts unmöglich iſt, nahm ſie in ſeinen Schutz, und ſie wurden gerettet. Wie dies geſchah, wie dies geſchehen konnte, will ich jetzt erzäh⸗ len. Als ich das zagende Auge meiner Leſer von dem ſchrecklichen Blutgerüſte auf andre Begebenheiten lenkte, lagen die Opfer des wüthenden Sultans ſchon gefeſſelt und ausgeſtreckt am Boden; ſchon etgriffen die Henker die Werkzeuge der Marter, ſchon ſollte dieſe beginnen, als Korradin Reue über ſein⸗ raſche und ſchändliche That fühlte. Harrt, rief er vom Erker herab den Knechten ſeines Grimms zu, harrt, bis ich hinab komme, ich will anders enden! Er eilte nun mit ſchnellen Schritten nach dem Blutgerüſte, welches ſeine Rache ſo eilend erbaut, ſo fürchterlich ausgerüſtet hatte; er ging mit ineinender geſchlagnen Armen langſam vor den Opfern derkelben vorüber. Der Weiber flehende Geberden, der Männer muthige und ſtandhafte Miene bekämpften ſein Herz. Nein, ſprach er endlich im ge⸗ brochnen Tone, die Früchte der Rache ſind nicht ſüß, ſie gewähren dem Auge nur Blut, dem Ohre nur Töne des Jammers, ſie können wohl reizen, aber ihr Anblick iſt nicht ſättigend, nicht lohnend, ich will, ich muß anders enden.— Er winkte, und die Werkzenge der Marter entſanken den Händen der Henker; er gebot, und die Feſſeln der Gefangnen wurden gelbst Siellt 108 ſie, ſprach Korradin, in eine Reihe, ich will ſelbſt ihr Richter ſeyn, und zuſehen: ob das neue Urtheil mir beſſer genügen wird? Die Knechte befolgten den Befehl ihres Herrn, und Korradin trat zu den Gefangenen; ſein Herz führte ihn zuerſt zu Adelgunden. Korradin eim feierlichen Tone). Ich rettete dich aus der Gefangenſchaft eines Seeräubers, ich befreite dich von ſeiner fordernden Begierde, ich bat, ich flehte um deine Liebe, ich harrte, ich ſchmachtete geduldig, ich überhäufte dich mit Größe und Reichthum, ich gab dir unumſchränkte Macht, wohlzuthun, und du lohnteſt mir mit Verachtung, mit ſchändlichem Verrathe, mit niederträchtiger Flucht; du legteſt Feuer in den Palaſt, deſſen Beherrſcherin du warſt, du gewährteſt denjeni⸗ gen die Freiheit, deren Gefängennehmung hunderten meiner tapferſten Krieger das Leben gekoſtet hatte, du verdienſt den Tod hundertfach, aber ich fordere ihn nicht mehr. Du ſollſt mich nicht zum eigenmächtigen Rächer erniedrigen, mein unbeflecktes Gewiſſen nicht mit Blut färben. Großmuth iſt ſüßer als Rache, ich will ſie auch an dir üben, dein Blut könnte, wenn ichs fließen ſähe, mein Mitleid wecken, und nagende Reue der Rache folgen, ich will, ich mag ihre Stimme nicht hören. Du biſt frei, kannſt ungehindert in dein Vaterland zurückkehren, kannſt's dort laut verkündigen daß der große Held Korradin, der Ueberwinder der Chriſten, dein Sklave war. Adelgunde czu ſeinen Füßen. Großmüthigſter der Sterblichen—— Korradin. Bin ichs wirklich? Dann ſtrafe ich dich ja hart genug. Der Großmüthigſte der Sterbli⸗ chen war einſt dein Anbeter, legte Herz und Hand zu deinen Füßen nieder, und du—— du—— Doch meine Rache hat geendet, ich darf ſie alſo nicht durch Vorwürfe erneuern. Gib Acht, daß die Reue nicht einſt mein Rächer wird.—— 109 Er wandte ſich nun ſchnell von ihr, wiſchte eine Thräne aus ſeinem Auge, und trat zu Friedrichen. Korradin. Auch von dir und deinen Bundsge⸗ noſſen hätte ich Dank erwarten ſollen. Ich heilte eure Wunden, ich nahm eure Weiber gefangen und ſandte ſie frei in eure Arme. Ihr raubtet mir dagegen meine ſo innig Geliebte, ihr verwundelet mein Herz tödtlich, ich könnte mit vollem Rechte euern Tod fordern, aber ich will auch euch überzeugen, daß Korradin ſeine Größe nur im Wohlthun findet. Begierde nach Rache konnte mich zwar locken, aber nicht beſiegen. Kehrt alle in euer Vaterland zurück, nehmt eure Weiber mit euch, genießt in ihren Armen der Liebe ſchönſtes Glück, prahlt mit euern Heldenthaten, Korradins Größe wer⸗ det ihr doch nie erreichen, er konnte Rache an ſeinen Feinden üben, und er vergaß, vergab. Mein halbes Habe hätte ich einſt darum gegeben, um euch morden zu können, aber mein ganzes Erbe wäre mir nicht zu koſtbar für den Anblick, den mir meine That gewährt. Eure Felſenherzen trotzten der Qual, der Marter, die meine Rache euch bereitete, aber meine Wohlthat hat ſie erweicht. Laßt ſie nur rinnen die Thräne, welche euer Augendeckel vergebens zu faſſen ſucht, ſie iſt ein Triumph hn dem ich mich fättigen will, deſſen Genuß ich verditht habe. cer gürtet ſein Schwert ab)⸗ Nimm zurück, was dein iſt, ich trugs zum Andenken deiner Tapferkeit. Ich wills nicht mehr ſehen, es könnten Zeiten kommen, in welchen mein Herz aufs neue die Wunde fühlte, welche du ihm ſchlugſt, und dann würde mich nur dies Schwert zur neuen Rache reizen. Korradin eilte nach dieſen Worten vum Gerüſte herab, aber die befreiten Ritter und Weiber ſtürzten ihm unaufhaltſam nach; ſie erreichten ihn im Vorhofe und ſtammelten Worte des glühenden Dankes. Der junge Held verſuchte es vergebens, ſich aus ihrer Mitte zu winden, ihre Hände umfaßten ihn aufs neue. 11⁰ Korradin ctief gerührd Wollt ihr mich denn ſchon wieder zur Gewalt reizen? Meine Wohlthat mit neuem Undanke lohnen? Ich gewährte euch Freiheit, und ihr wollt mich feſſeln. Friedrich(mit innigſtem Gefuͤhle). Nur danken, nur danken wollen wir! Unerreichbarer, du haſt uns auf ewig zu deinen Dienern gemacht! O fühle, genieße dein Werk, es iſt unerreichbar, wie du! Klara. Gern wollte ich dir auch danken, aber dies Herz vermags nicht. Vorher wars gefüllt mit Angſt und Schrecken, jetzt findet die Freude nicht Raum —— Meine Zunge ſtottert—— O lohne dirs Gott! O Allmächtiger ſegne ihn! Agnes(weinend). Ja, Ewiger, ſegne ihn mit dei⸗ nem reichſten Segen! Gzu Korradin O blicke herab auf mich, erndte die Erſtlinge deiner edlen That, ſieh, wie ſie rinnen die Thränen des Dankes, der Freude! Der alte Prieſter. Auch meinen grauen Bart netzen ſie ſchon lange. Mein hohes Alter erlaubte dir zwar nicht, mir viel zu ſchenken, ich werde vielleicht nur wenige Monden die Früchte deiner Wohlthat ge⸗ nießen können, aber ſie ſollen alle dem Gebete für dein Wohl gewidmet ſeyn. Heinrich. So oft ich mein Weib anblicken und mich ihres nahen Todes erinnern werde, will ich dir's danken und deiner gedenken. Eſchenbach. Höre auch unſern Dank, er iſt rein und ächt, er kommt aus dem Herzen, das dir huldigt. Korradin. Zu viel, zu viel des Guten, ich for⸗ dere es nicht! Zieht heim und ſeyd glücklich! Wollt ihr dankbar ſeyn, ſo kämpft nicht mehr wider denjeni⸗ gen, der euer Leben in ſeiner Gewalt hatte, und es euch mehr als einmal freiwillig ſchenkte. Friedrich. Schimpf und Schande ſoll dies Schwert veflecken, wenn ich es je mehr wider dich ziehe. . 111 Klara. Fluch ſoll unſre Kinder treffen, wenn ſie gegen dich kämpfen. N Korradin cgen Himmel blickend)d. Höre es, Ewi⸗ ger, und ſey Richter, wenn ſie dieſen Schwur brechen. Adelgunde eeilt auf ihn zu und will ſprechend. Korradin. Nein, mit dir kein Wort mehr, diés war das Gelübde, welches ich vor Kurzem machte, und unverbrüchlich halten will. Ich mag deine ſüße Stimme nicht hören, ſie könnte mich aufs neue reizen, aufs neue unglücklich machen. Noch iſt die Wunde nicht heil, noch eitert ſie täglich, aber ich will lieber hoffnungslos ſterben, als hoffnungslos lieben Gu den Rittern) Nehmt ſie mit euch, ſorgt dafür, daß ihr künf⸗ tiges Schickſal glücklicher als das meinige ſey; und wenn ſie unter euch einen Gatten wählt, ſo macht, daß ſie auch glücklich mit ihm lebe.—— Und nun kein Wort weiter; laßt ab von mir, ich will ausru⸗ hen, thut ein Gleiches, und ſtärkt euch zur Heimreiſe. Ehe er noch die letzten dieſer Worte ganz geendet hatte, entfloh er ihrem fernern Danke und verbarg ſich in das innerſte Gemach der Veſte. Die Erretteten blickten ihm voll der innigſten Rührung nach, und würden noch lange Gott und ihm für ihre wunderbare Erlöſung ſtammelnd gedankt haben, wenn nicht die herbei tretenden Sklaven ſie erinnert hätten, daß Ge⸗ mächer zu ihrer Ruhe bereitet wären. Sie folgten, und genoßen bald das Glück der Freiheit und Wieder⸗ vereinigung im vollen Maße; ich will's nicht wagen, dieſen Genuß zu ſchildern, er war ſüß und herrlich, aber zu erhaben, zu groß, um ihn ſchildern zu können. Man denke ſich ihre lang anhaltende Qual, den ſchreck⸗ lichen Anblick des gräßlichſten Todes, und fühle nun mit ihnen die ungehinderte Seligkeit der unerwarteten Wiedervereinigung. Friedrich und Heinrich liebten ihre Weiber zärtlich und innig, ſie hatten viele Monden 112 lang über ihr ungewiſſes Schickſal gezagt, ſie erblick⸗ ten ſie am Rande des Grabes, konnten ſie nicht retten, und lagen nun in ihren Armen, genoßen hienieden die Seligkeit, welche ſie nur jenſeits zu genießen hofften. Viele Stunden rauſchten im wilden Freudenſtrome vorüber. Wie gings euch dort und da? Wie war euch damals zu Muthe? fragten die Männer. Wie entgingt ihr dieſer und jener ſchrecklichen Gefahr? Wie wurdei ihr ſo wundervoll gerettet und erhalten? ent⸗ gegneten die Weiber; aber keins erwartete des andern Antwort, fragte immer wieder aufs neue, und ſtörte die Antwort eben ſo geſchwind wieder. Wer hätte dies erwarten, wer hätte ſolch ein Glück ahnen können! riefen dann manchmal alle zugleich aus, und drängten ſich zur wechſelſeitigen Umarmung in einen dichten Haufen. Die Sklaven, welche bald hernach Speiſen und Getränke zu ihrer Stärkung herbeitrugen, konnten dieſe Freude durch Einladung zum Genuſſe nicht ſtören, keiner war vermögend, zu genießen, was des Sultans Güte ihnen ſo häufig ſchenkte; das noch immer gleich durſtige und hungerige Herz behauptete ſtandhaft ſeine“ Rechte, und forderte eher als der Körper Nahrung und Sättigung. Als endlich der brauſende Sturm ſich legte, die immer feſt geſpannten Nerven ermattet zu⸗ rückſanken, jeder ſich ſeinen Liebling gewählt hatte, traulich und innig mit ihm koste, trat Eſchenbach zu Adelgunden, die allein traurig am Fenſter ſaß und oft ihr großes Auge trocknete. Eſchenbach. Sind's Thränen der Freude oder der Trauer, welche ſo anhaltend euer ſchönes Auge trüben? Adelgunde. Weiß ichs doch ſelbſt nicht. Freu⸗ dig klopft mein Herz, wenn ich umherblicke und mich überzeuge, daß alle diejenigen, welche durch mich ſo nnverdient unglücklich wurden, nun wieder gerettet 113 ſind, und die Freude dieſer Rettung ſo innig genießen; aber Trauer und Wehmuth erfüllt es wieder, wenn ich mein eignes Schickſal überdenke. Ich bin verbannt aus meinem Vaterlande, bin verlaſſen von einem un⸗ natürlichen Vater, habe keinen Freund, keinen Anver⸗ wandten, bei welchem ich meine künftigen Tage enden könnte. Eſchenbach. Wer ſind denn dieſe? Wer bin ich?2 Wards nicht ſchon zu Sidon feſt unter uns beſchloſſen, daß ihr mit uns nach Deutſchland ziehen, dort unter uns wohnen, und einſt einen Ritter mit eurer un⸗ ſchätzbaren Hand beglücken wolltet? Adelgunde. Kann ich dieſe großmüthige Zuſage wohl noch fordern? Kann ich die Erfüllung derſelben wohl erwarten? Damals wars anders, damals konnte ich hoffen, die durch mich befreiten Ritter in die Arme der harrenden Frauen zurückzuführen, damals konnte ich Anſprüche auf ihre Freundſchaft machen, jetzt ver⸗ mag ichs nicht mehr.—— Nein ich will durch mei⸗ nen Anblick ihre Freude nicht trüben, will mich ſobald als möglich aus ihren Augen entfernen und in einem Kloſter meine Tage enden. Es müßte ihnen ſchwer und ſchmerzlich fallen, wenn ſie die Urheberin ihres ſo ſchrecklichen Unglücks unter ſich dulden, wenn ihre Ge⸗ genwart jede ihrer künftigen Freuden vergällen, ſie immer und allezeit an die gräßlichen Zeiten des Elends erinnern würde. Eſchenbach. Theure Adelgunde, ihr verkennt uns ganz, ihr thut unſerm Herzen wehe, wenn ihr nicht billiger denken wollt. Wiegt ein mondenlanges Elend wohl eine einzige dieſer ſeligen Stunden auf, welche wir heute genießen und noch oft genießen werden? Ihr ſeyd die Urheberin dieſer Wonne, eüch gebührt reiner Dank, nicht Vorwurf. Euer Abſchied würde den vollkommnen Genuß derſelben ſtören, der Vorſehung Löwenritter 3. 8 11⁴ Wille hat euer Schickſal ſchon zu genau mit dem un⸗ ſern verwebt, ihr würdet ihren weiſen Abſichten vor⸗ greifen, und unſre Herzen aufs neue verwunden, wenn ihr euch gewaltſam von uns trenntet. Adelgunde(ſeine Hand ergreifend). Ich glaub's, ich bins ſogar überzeugt, daß ihr vergeben und ver⸗ geſſen könnt, ich bin noch kühner, und würde hoffen, euch euer Leiden durch volle Freundſchaft vergelten zu können, aber werden, können es auch die übrigen? Sollten denn die Seelen aller edlen Deutſchen gleich erhaben denken? Sollte denn keine der gerechten Rache, des verdienten Vorwurfs fähig ſeyn? Eſchenbach. Keine Dafür bürgt dir mein Eh⸗ renwort, davon ſoll dir ſogleich überzeugender Beweis werden. Er ſammelte ſogleich alle ſeine Freunde um ſich her und erzählte ihnen Adelgundens unnöthigen Kummer; alle eilten zu der Trauernden, alle beſtürmten ſie mit Bitten, alle ſchwuren vereint, daß ihre Entfernung ihre Freude ſtören und neue Trauer in ihrem Herzen wecken würde. Rein, rief Friedrich aus, das Unglück hat uns feſt vereint, das Glück darf uns nicht tren⸗ nen! Du warſt die Schweſter unſers Kummers, ſprach Klara, du mußt auch der Freude Gefährtin ſeyn und bleiben. Du retteteſt, endete Agnes, unſere Männer, daß die Abſicht mißlang, daß allgewaltiges Unglück dich und mich verfolgte, dies verringert nicht deine edle That, dies darf unſern Dank nicht mindern. Wir werden einen engen Kreis um dich ſchließen! riefen vereint alle Männer. Wir werden dich feſt umarmen, ſprachen die Weiber, und dann ſehen: ob du noch auf Trennung und Kloſter beſtehſt? Die gerührte Adel⸗ gunde gab den ſo reinen Beweiſen der ächten Freund⸗ ſchaft nach; ſie ſank weinend in die Arme der Weiber, verſprach, nie von ihnen zu weichen, und mit ihnen nach Deutſchland zu ziehen. Agnes. Heil uns, daß wir deinen Entſchluß frü⸗ her erfuhren, ehe er zum feſten Vorſatz reifte. Wir nüſſen ähnliche Rückfälle verhindern, und ihr einen Wächter ordnen, der uns ſchnelle Nachricht ertheilt, wenn ſie wieder über Unheil brütet. Ritter Eſchenbach muß, ſo ſchwer es ihm auch fallen wird, dieſe Pflicht übernehmen. Eſchenbach. Heil eurem Ritter! Jammer und Elend, Gefängniß und naher Tod war nicht vermö⸗ gend, euch euern fröhlichen Sinn und Hang zum Scherze zu rauben: ſchon blickt er gleich der Früh⸗ lingsſonne durch die Wolken und verkündigt nahe Wärme. Heinrich. Hat mein Weib nicht gute Wahl ge⸗ troffen? Wart ihr nicht ſchon zu Sidon Adelgundens Gefährde? Wollt ihr's jetzt nicht mehr eyn? Eſchenbach. Mit tauſend Freuden. Agnes. Seyd aber auch zugleich vorſichtig, und ergreiſt die Gelegenheit beim Schopfe, ſonſt entwiſcht ſie euch, und ein anderer feſſelt ſie. Solche ſchöne Blumen blühen nicht lange im Verborgnen, ihr Ge⸗ ruch verkündigt jedem Wanderer ihr Daſeyn und reizt zum Genuſſe. Friedrich. Ich will den Zwiſt enden. Agnes. Thuts, euch gebührts, ihr wart ehe ſchön unſer Anführer, müßt nun wieder euer Amt beginnen Friedrich. O ich bin noch mehr, bin auch Ades gundens Vater, ſo nannte ſie mich wenigſtens oſt, und als dieſer will ich mit Eſchenbach an der Hand mich ihr nahen. Der alte Prieſter. Raubt mir nicht die ein⸗ zige Freude, welche ich noch zu genießen hoffe. Adel⸗ gunde iſt mein Kind, meine Tochter. Friedrich. Ungerne, aber voll Ehrfurcht weiche ich diesmal dem Alter. Ich hoffe, ihr werdet euer 116 Recht nicht mißbrauchen und unſre Hoffnung erfüllen. Der Prieſter. Seht, wie ich beginne(er führt Eſchenbachen zu Adelgunden). Du wardſt meine Toch⸗ ter, als du mir die Leitung deiner Flucht anvertrau⸗ teſt, ich gab dir zwar nicht das Leben; aber ich wagte das meinige mehr als einmal für dich, verdient die That Dank, ſo ehre meine Bitte, und mache dieſen Ritter einſt ſo glücklich, als ers zu ſeyn verdient(Adei⸗ gunde will ſprechen). Ich weiß ſehr wohl, daß hier weder Ort, noch ſchickliche Zeit vorhanden iſt, Erklä⸗ rungen dieſer Art zu fordern, aber dein ſeltſamer Entſchluß fordert Eile und weckt unſre Vorſicht. Du mußt ihn wenigſtens zu deinem Wächter annehmen; verwaltet er ſein Amt nachläßig, läßt er den Ent⸗ ſchluß reifen und zur Ausführung gedeihen, ſo darf er uns keinen Vorwurf machen, denn wir erfüllten unſre Pflicht nach Kräften. Eſchenbach(zu Adelgunden). Nur eure Einwil⸗ ligung kann mich zur Wirkung fähig machen. Adelgunde. Gelobte ichs nicht ſchon allen? Könnt, wollt ihr jetzt noch mehr fordern? Eſchenbach. Nichts weiter, als daß ihr mich wil⸗ lig zu eurem Wächter annehmet. Adelgunde. Ich bin hülflos und bedarf des Schutzes. Könnt ihr zweifeln, daß ich ihn nicht mit Freuden annehmen werde? Eſchenbach. Für dieſen Troſt kann euch mein Herz nur danken, der Mund vermags nicht. Der Frieſter czu Adelgunden). Wenn Nahrungs⸗ ſorgen euer Herz guälen, ſo entſagt dieſen. Euer anſehnlicher Schatz ruht zu Sidon in ſichern Händen, ihr könnt ihn ſtündlich erheben, und durch ihn euern Freunden die Beſchwerlichkeit der Reiſe ſehr vermihdern. Adelgunde(mit großer Freude). O Goitt ſey Dank, daß er mir doch ein Mittel gewährt, meine 117 gränzenloſe Dankbarkeit dieſen durch etwas beweiſen zu können. Friedrich. Seht ihr nun, welche bittre Früchte euer Entſchluß getragen hätte. Ohne euch müßten wir hülflos heimziehen, müßten erſt erflehen, erbetteln, was wir durch eure Unterſtützung nun ohne Verzug for⸗ dern können. Jeder Tag, den wir früher unſere Reiſe enden, wird das Leben der armen Eltern um Mon⸗ den verlängern. O ich darf des Jammers, der jetzt ungehindert an ihren Herzen nagen wird, nicht ge⸗ denken. Durch dieſe traurige Idee, welche aller Herzen ſo⸗ gleich mit empfanden, ward das Geſpräch bald allge⸗ meiner; alle zweifelten nicht, daß durch die heimge⸗ kehrten Ritter ihr grauenvolles Schickſal den Vätern und Müttern kund geworden ſey; alle äußerten daher den Wunſch, ſo geſchwind als möglich die Rückreiſe zu beſchleunigen, und der Traurenden Herzen durch glückliche Ankunft zu erfreuen. Sie beſchloſſen daher, den großmüthigen Sultan ſogleich zu bitten, daß er ſeine Güte an ihnen vollenden und ſie am folgenden Tage nach Sidon fördern wolle. Der alte Prieſter, welcher die arabiſche Sprache redete, erfuhr aber bald durch die Sklaven, daß der Sultan auf die Jagd ge⸗ zogen ſey, und nach ſeinen hinterlaßnen Befehlen zu urtheilen, erſt in einigen Tagen zurückkehren werde. Doch fügten die Sklaven hinzu, daß er ſeinem Emir den ſtrengſten Befehl ertheilt habe, die befreiten Chri⸗ ſten hoch zu ehren und nicht zu hindern, wenn ſie im Garten der Veſte oder auch auſſer derſelben ſich durch den Genuß der reinen Luft zur künftigen Reiſe ſtär⸗ ken wollten. Ungeachtet dieſe Nachricht ihrem Herzen nicht an⸗ genehm war, ſo mußten ſie doch die Abſicht des Sul⸗ tans danfbar ehren und ſich ſeinem Willen fügen. 118 Die Folge belehrte ſie bald deutlich, daß er neue Wohlthat an ihnen geübt hatte. Die Freude der uner⸗ warteten Rettung ſtärkte zwar alle zum Genuſſe der frohen Wiedervereinigung, aber die Folgen des Lei⸗ dens, der namloſen Angſt behaupteten bald ihre Rechte; die allzu einpfindſame Klara unterlag am erſten; ſie ſank, als ſie am Abende im Garten luſtwandelten, kraſtlos zu Boden, und erregte neue Sorge im Zir⸗ kel der Glücklichen. Am andern Morgen waren alle Ritter kaum fähig, ihr Lager zu verlaſſen, ihr Schlaf war oft durch fürchterliche Träume unterbrochen worden, er hatte ſie nicht geſtärkt, vielmehr aufs neue geäng⸗ ſtigt, ſie taumelten gleich Trunknen umher, und ver⸗ dachten es den Weibern nicht, die ihr Lager gar nicht verlaſſen konnten. Zwei Tage lang mußten ſie in ih⸗ ren Gemächern harren, und konnten erſt am dritten einige Stunden im Garten verweilen; doch beſſerte es ſich bald mit ihnen; die entflohnen Kräfte kehrten ſchneller zurück, als ſie es vermutheten; am achten Tage regte ſich aufs neue der Wunſch zur baldigen Abreiſe in aller Herzen. Korradin, der jeden Tag Nachricht von ihrem Be⸗ finden erhielt, verzögerte ſeine Ankunft nicht länger; am folgenden Morgen erfreuten die Sklaven das Herz der Erretteten mit dieſer Nachricht, und brachten ihnen bald die noch angenehmere, daß alles zu ihrer Abreiſe bereit ſey. In aller Herzen erwachte jetzt die Begierde, dem Großmuthsvollen noch einmal danken zu können; ſie baten, ihre Bitte dem Sultan vorzutragen, aber ſie fand nicht Erhörung. Sein Emir erſchien und brachte ihnen die Rückantwort, daß er ſie alles Dan⸗ kes entlaſſe, ihnen das beſte Glück zur Reiſe wünſche, und ſich ihrem Andenken empfehle. Der Emir machte ihnen zugleich kund, daß alles zur Abreiſe bereit ſey und er den Auſtrag habe, ſie ſicher nach Sidon zu 119 geleiten. Friedrich ergriff jetzt ſein Weib und fank mit ihr auf die Knie; alle folgten ſeinem Beiſpiele, knie⸗ ten um ihn her, und beteten inbrünſtig für das Wohl desjenigen, der Macht hatte, ihr Leben zu endigen und es ihnen doch großmuthsvoll ſchenkte. Ich will es ihm kund machen, ſprach der gerührte Emir, als er ſie ſo inbrünſtig beten ſah, und ich bin überzeugt, daß ihm dieſe Nachricht Lohn in Fülle für ſeine edle That ſeyn wird. Wie die Ritter den Vorhof betraten, ſtanden Roſſe zu ihrem Dienſte bereit, hinter dieſen aber eine Menge Kameele, welche der Emir eben ordnete. Harrt ein wenig, rief dieſer den Rittern zu, bis ich geendet habe, dann ſolls ſogleich vorwärts gehen. Er ſtellte nun hinter jedes Roß zwei Kameele, ſeitwärts führte er aber einen prächtig geſchmückten Zelter, hinter welchem er ſechs Kameele ordnete, die mit herrlichen Decken behangen waren. Hört jetzt meines Herrn Willen, ſprach der Emir; ihr habt im Kampfe gegen ihn all euer Habe verloren, ſtünde es in ſeiner Macht, er würde es euch unverletzt zurückgeben, da es aber eine verdiente Beute der Sieger ward, ſo ſollt ihr dasje⸗ nige, was die Kameele tragen, zum Erſatze anneh⸗ men, und es ihm einſt wiſſen laſſen: ob es euch ge⸗ nügt? Jeder von euch erhält zwei Kameele; das erſte Roß ſammt den Kameelen gehört eurem tapfern An⸗ führer, die übrigen könnt ihr nach eurem Range be⸗ ſteigen. Wie er dieſe Worte ausgeſprochen hatte, er⸗ griff er Adelgundens Hand und führte ſie zu dem prächtigen Zelter. Dasjenige, was deine Kameele tra⸗ gen, ſprach er zu ihr, beſtimmt der Sultan zu deinem Brautſchatze, er enthält ſeltne Sachen und wird dem Gierigſten genügen; aber ganz glücklich wird ſich mein Gebieter dann erſt fühlen, wann ihm einſt die Nach⸗ richt wird, daß dein künftiger Gatte dich eben ſo gränzenlos liebt, als er dich einſt liebte. 120 Alle Ritter und mit ihnen auch Adelgunde ſtanden ſprachlos da, und ſtaunten die großen und herrlichen Geſchenke an, mit welchem der Sultan ſeine Groß⸗ muth bis ins Unendliche mehrte. Friedrich ermannte ſich zuerſt. Erzähle deinem Herrn, ſprach er zum Emir, wie wir ſtaunten, wie wir zu danken ſuchten, und doch nicht Worte fanden, welche nur einigermaßen die Größe dieſes Dankes zu ſchildern fähig waren. Er⸗ zähle dies dem Großmüthigſten aller Sterblichen, und er wird wenigſtens einſehen, daß wir fühlen, was wir nicht auszudrücken vermögen. Der Emir verſprach Gewährung der Bitte, welche alle einzeln wiederhol⸗ ten, und der Zug begann vorwärts. Schon waren ſie die Anhöhe herab, und durch die breite Ebene einem andern Hügel entgegengeritten, ehe ein anhal⸗ tendes Geſpräch unter ihner Fortdauer gewann. Bald blickten ſie ſehnſuchtsvoll vorwärts, bald dankend hin⸗ ter ſich; bald hoben ſie ihre Hände zum Himmel em⸗ por, bald ſuchten ſie durch einzelne Worte ihre Em⸗ pfindung auszudrücken. Eſchenbach ritt als ein getreuer Wächter neben Adelgunden; aber ſie konnte nicht ſpre⸗ chen, blickte nur immer rückwärts auf die Kameele, welche ihren koſtbaren Brautſchatz trugen, und wandte dann ihr naſſes Auge gen Himmel. Zur Mittagszeit lagerte ſich der Zug im Schatten einiger jungen Palmen, die unfern der Straße grün⸗ ten. Eben begann ein anhaltendes Geſpräch, eben frag⸗ ten ſie ſich: Wie es wohl im geliebten Vaterlande erge⸗ hen? Ob daheim die Bäume auch ſchon grünen, die Blumen blühen würden? als Staub von der Veſte herauf die Ausſicht verdunkelte und einen großen Zug verkündigte. Die Weiber zagten und zitterten, die Ritter ſtaunten ſtill in die Ferne, und widerſprachen nicht, als die erſtern klagend muthmaßten, daß dem Sultan vielleicht Reue angewandelt habe, und er nun 121 komme, um ne wieder ins ewige Gefängniß zurück⸗ zuführen. Banger wards den Rittern, kläglicher jam⸗ merten die Weiber, als der Glanz der Waffen und die Farbe der Kleider es laut verkündigte, daß der Sul⸗ tan mit ſeiner Leibwache nahe. Alles ſchwieg und ſtarrte der Entwickelung entgegen. Wie der Zug die Palmengegend erreichte, blieb er plötzlich ſtehen; ein einziger Reiter löste ſich von ihm ab und jagte nach den Palmen. Es war Korradin ſelbſt; er ſprang eilend vom Roſſe herab, ſein Auge ſuchte und fand bald Adelgunden. Er ergriff ihre Hand, küßte ſie mit In⸗ brunſt, und blickte ihr wehmuthsvoll ins Angeſicht. Du ſcheideſt alſo wirklich? rief er im gebrochnen Tone aus. Du läßt mich ganz ohne Hoffnung und Troſtzurück? Adelgunde 6itternd). Dein Mund befahls, deine Güte, deine unendliche Großmuth erlaubte es—— Korradin. Und wills noch nicht hindern. Da⸗ für bewahre mich der Ewige, er hat mein Gelübde gehört, ich wills halten, wenn auch dies tobende Herz nie mehr Freude fühlen ſollte u den Rittern). Sorgt nicht, ich werde ſie nicht aus eurer Mitte reißen.— — Adelgunde—— Ewig theure, unvergeßliche Adel⸗ gunde, ich dachte, ich glaubte nur, daß meine Groß⸗ muth dich zur Nachahmung reizen würde. Sprich, einzige unter den Sterblichen, ſprich, kann, darf ich hoffen2 Adelgunde. Verzeiht eurer Magd, aber ich muß offen bekennen——, ich verſtehe euch nicht. Korradin. Weh, weh dann mir! Adelgunde, ich habe ſchrecklich mit dieſem Herzen gekämpft, ich war die ganze lange Zeit ſein grauſamſter Tyrann, ich ſtrafte mit unerhörter Härte ſeine kleinſten Regungen, ich beſchloß deinen Tod, um ihm alle Hoffnung zu rauben, ich wollte dich ſterben ſehen, um jeden Wunſch nach dir durch die Unmöglichkeit der Gewährung darans 122 tilgen zu können; doch ich konnte wohl das Heer der Chriſten, aber nicht dies elende Herz überwinden. Ich erblickte dich mit ſtandhaftem Muthe auf dem Blut⸗ gerüſte, aber Krampf durchzitterte alle meine Glieder, durchwühlte jede einzelne Nerve, als die Henkersknechte dich ergriffen und zu Boden ſtürzten. Ich ſah mit dir meine ganze Seligkeit, all meine Hoffnung ſinken, ich mußte vergeben, vergeſſen, und mir ward beſſer und leichter. Die trugvolle Liebe verſteckte ſich hinter die Begierde, großmüthig zu handeln und wohlzuthun. Ich übte beides an dir und deinen Gefährten; mein Herz fand Nahrung an eurem ſprachloſen Danke; nur damals, als ich noch Erhörung hoffen konnte, war mir ſo leicht, ſo wohl, wie dieſe Tage hindurch; aber heute ſank auch dieſe Hülle, heute wards mir deutlich, daß ich ohne dich nicht leben, ohne dich wie die Blume in der Wüſte verſchmachten müſſe. Thränen entſtürz⸗ ten dieſem weibiſchen Auge, als ich ingeheim zuſah, wie du dein Roß beſtiegſt. Gleich einer Mutter, der man ihr liebſtes Kind zu Grabe trägt, ſtürzte ich troſtlos auf mein Lager, als ich dich unter den Fort⸗ ziehenden erblickte. Ich wankte zum Fenſter; ich ſah, wie nach und nach meine Hoffnung im blauen Dunſte zerfloß, und jammerte von neuem. Die Allgewalt der Liebe zog mich dir nach, machte mich zum elenden Bettler, der nun vor dir ſteht, und wehmüthig um eine Gabe, um Troſt und Rettung aus ſeinem Elende fleht. Adelgunde eſinkt zu ſeinen Füßen nieder). Herr, ich bin in deiner Gewalt, ende mit mir nach Gefal⸗ len! Muß ein Opfer in dieſem Lande ſchmachten, ſo will ichs freiwillig ſeyn, nur laß dieſe ziehen, und hin⸗ dere ihre Abreiſe nicht länger. Korradin. Bei Gott ſeys geſchworen, daß ich dieſe nicht hindere, wenn du auch ſelbſt in ihrer Mitte ziehſt. Eben ſo wenig fordere ich ein Opfer, nur 123 Antwort auf meine Frage: Willſt du freiwillig mit mir zurückkehren? cer hebt ſie auf und kniet vor ihr nieder) Willſt du über mich und über dies Land un⸗ umſchränkt herrſchen? Antworte, Theure, antworte! Laß nur dein Herz entſcheiden, nur dies kann mich glücklich machen. Adelgunde, willſt du freiwillig zu⸗ rückkehren? Adelgunde Gitternd). Freiwillig?—— Ich würde deine Großmuth durch ſchändliche Lüge vergel⸗ ten, ich würde deine Hoffnung, dein Herz ſelbſt be⸗ trügen, wenn ich dir nicht Wayrheit geſtünde.—— Freiwillig kann ich nicht zurückkehren.—— Zürne nicht mit deiner Magd, ihr Herz fühlt deine unerreich⸗ bare Güte, deine beiſpielloſe Großmuth, es ſtaunt die Größe derſelben an; aber es vermag ſie nicht zu er⸗ reichen, nicht nachzuahmen. Ich kann denjenigen nicht lieben, der meines Vaters Herz mit Gold blendete, und ihn zur unnatürlichſten That, zum Verkaufe ſei⸗“ nes einzigen Kindes verleitete; ich darf denjenigen nicht lieben, der meinen Gott verachtet und meine Re⸗ ligion verſpottet. Korradin. Halte ein! Genug des Giftes, es reicht vollauf zu, dies elende Herz zu tödten. Ich gewährte dir Freiheit, und du ſprachſt mein Todesur⸗ theil; gib Acht, daß es dich einſt nicht reut. Adelgunde. Sey barmherzig, verbittre mir dein theures Geſchenk nicht durch Vorwürfe. Du heiſchteſt Wahrheit, ich bin unglücklich, daß ich dir nicht beſſere gewähren konnte. Korradin eſteht auf). Ich danke dir! ich danke dir! cfährt mit der Hand äbers Geſicht) Es iſt vorü⸗ ber!—— Hartherzige Chriſtin, es ſoll dir nicht ge⸗ lingen, ich will aufs neue kämpfen, und dies niedrig⸗ denkende Herz zur Verachtung gegen dich zwingen. Leb' wohl, leb' ewig wohl! Sieh ich könnte—— ———— 127 Doch nein, ich will nicht unedel an dir handeln, dir nicht lohnen, wie du mir lohnteſt. Ich überlaſſe die Rache demjenigen, welchen du und ich als den Ge⸗ rechteſten erkennen. Auch dein Herz wird ſich einſt der Liebe öffnen, auch du wirſt einſt ſehnſuchtsvoll wün⸗ ſchen und hoffen; iſt er gerecht, ſo mußt du verge⸗ bens hoffen, vergebens wünſchen, ſo muß dein Gatte dir untreu werden, und deine innige Liebe mit Ver⸗ achtung lohnen; dann wirſt du dich meiner wieder erinnern, dann wirſt du mein Leiden fühlen und deine Härte bereuen. Er ergriff haſtig den Zügel ſeines Roſſes, ſchwang ſich darauf und jagte zu ſeinem Haufen, der ſich bald mit ihm in der weiten Ferne verlor. Wie ſich der Ritter Erſtaunen minderte, der Weiber Angſt und Kummer mit Korradins Entfernung verſchwand, zo⸗ gen ſie auch weiter, und langten glücklich am andern Tage zu Sidon an. Vor den Thoren dieſer Stadt verließ ſie der Emir, welcher ſie geleitet hatte; jeder der Ritter nahm einzeln Abſchied, und bat ihn, dem Sultane zu berichten, daß ſie ewig ſeiner gedenken würden. Selbſt Adelgunde nahte ſich ihm weinend. Sieh, ſprach ſie, dieſe Thränen ſind dem Andenken deines edlen Herrn geweiht, ſie werden noch oft flie⸗ ßen und ſeine Großmuth ehren. Wollte Gott, ich hätte ſie beſſer lohnen können!—— Erſt in der Herberge unterſuchten die Ritter die Geſchenke, welche die Kameele getragen hatten: ſie waren herrlich und koſtbar, beſtanden aus Gold, Evelgeſteinen und präch⸗ tig geſtickten Teppichen. Unſchätzbar ſchien aber allen Adelgundens Brautſchatz: Korradin mußte wenigſtens die Hälfte ſeiner Schatzkammer geleert haben, um die⸗ ſen mit ſo reichlichen Koſtbarkeiten ausſchmücken zu können. Jeder geſtand einſtimmig, daß Adelgunde un⸗ ter allen edlen Deutſchen die Reichſte ſeyn, Fürſtinnen 1 0 5 und Herzoginnen den Rang ſtreitig machen würde Sie hörte die Verſicherung mit Wehmuth an. Ich wollte, ſprach ſie traurig, er hätte weniger großmü⸗ thig an mir gehandelt. Alle dieſe Geſchenke ſind ein Beweis ſeiner heftigen Liebe, die ich nicht erwiedern kann. Er hat mich glücklich gemacht, und ich muß ihn unglücklich machen. Dies gibt Stoff zur anhal⸗ tenden Trauer!— Die Ritter fühlten, daß ſie wahr ſprach und ehrten ihr Leiden, welches ſie nicht zu min⸗ dern vermochten. Selbſt Eſchenbach wagte es nicht, mit ihr von Liebe zu ſprechen, ob ſich gleich ſein Herz ſchon vollkommen überzengt hatte, daß nur ſie allein fähig wäre, Klotildens Andenken daraus zu tilgen; auch fand er ihre Trauer billig, und verzögerte die nahe Erklärung jetzt um ſo mehr, weil er befürchtete, daß Adelgunde wähnen könne, nur Begierde nach ih— rem großen Reichthume, nicht ächte, wahre Liebe habe ſie gefördert. Das erſtere ward bald durch den alten Prieſter noch anſehnlich vermehrt: er brachte ihr alle Schätze, welche ſie auf ihrer Flucht aus Jeruſalem mit ſich genommen hatte. Adelgunde theilte ſolche in zwei Haufen und beſtand hartnäckig darauf, daß Klgra und Agnes ſolche annehmen ſollten. Wenn ihr euch wei⸗ gert, ſprach ſie, und dieſen geringen Erſatz für euer Leiden verſchmäht, ſo muß ich glauben, daß ihr ſol⸗ ches nicht vergeſſen wollt, und ich kann nicht länger in eurer Geſellſchaft weilen. Nach dieſer Erklärung nahmen es die Weiber dankbar an, und Adelgundens Trauer verminderte ſich dadurch um ein Großes. Freude füllte aller Herzen, als der alte Prieſter ih⸗ nen die frohe Nachricht brachte, daß im Hafen ein venetianiſches Schiff läge, welches mit dem erſten günſtigen Winde wieder heimſegeln und die Ritter willig aufnehmen wolle. Sehr minderte ſich aber ſolche, als ſie dahin eilten und hörten, daß das Schiff zwar 126 morgen ſchon abſegeln, aber in Cypern landen, und dort wenigſtens einen Mondenlang wegen Handlungs⸗ geſchäften weilen werde. Doch da kein europäiſches Schiff mehr im Hafen lag, da niemand wußte, wenn einige landen und wieder abſegeln würden, ſo konn⸗ ten ſie dieſes Verzuges nicht achten, und hofften, viel⸗ leicht in Cypern zu finden, was ſie hier vergebens erwarten würden. Am andern Morgen beſtiegen ſie daher das Schiff, der Landwind füllte bald ſeine Se⸗ gel, und Arabiens Küſte entſchwand am Abende ihren Augen. Ungeſtörte Ruhe und angenehme Fahrt för⸗ derten jetzt ihre Geſpräche. Sie ſprachen oft Tage lang von den Freuden, welche ihrer daheim harrten. Sie genoßen im Voraus die Scenen des Entzückens und der Wonne, wenn Vater und Mutter, Bruder und Schweſter, Anverwandten und Freunde ihnen entge⸗ geneilen und die längſt Beweinten umarmen würden. Sie vergaßen ihren ausgeſtandnen Kummer ganz, ſie gedachten des Vergangnen nicht mehr und ſehnten ſich nur nach der Zukunft. Eſchenbach war unter dieſer Zeit Adelgundens treuer Gefährde er belauſchte ihre Winke und ſuchte jeden nach Möglichkeit zu erfüllen. Meiner harrt daheim, ſprach er einſt zu ihr, kein Va⸗ ter, kein Bruder. Ich werde traurig zuſehen müſſen, wenn die Glücklichen ſich an ihren Umarmungen la⸗ ben, werde froh ſeyn müſſen, wenn mir ein biedrer Freund die Hand drückt, und mich einſt auf meiner einſamen Veſte zu beſuchen verſpricht. Adelgunde. Gehts mir wohl beſſer?(ihm die Hand reichend) Es freut mich, daß ich in meinem Un⸗ glücke einen Geſellſchafter finde. Seyd ferner mein Freund, bleibt bei mir ſtehen, wenn alle ſich von mir losreißen und in die Arme der Väter und Mütter ſinken. Eſchenbach. O wollte Gott, ich könnte dieſer ſeyn auf immer, dann würde mein Herz ſich unter 127 cllen am glücklichſten dünken, dann würde ich ſtolz einherſchreiten und alle fragen: Wer unter euch kann ſich ſolch eines Weibes rühmen? Adelgunde. Wollt ihr dann wirklich Korradins Rächer werden? Eſchenbach. Verzeiht, aber ich verſtehe euch nicht. Adelgunde. Iſt dein und mein Gott gerecht, ſprach der Seltne, ſo wird dein künftiger Gatte deine Liebe mit Verachtung lohnen, dich ſo unglücklich ma⸗ chen, als du mich gemachſt haſt.—— Noch immer zürne ich mit dieſem harten Herzen, daß es ſich ſchlech⸗ terdings weigerte, den Großmüthigen wenigſtens zu tröſten. Ich muß mit Recht des Himmels Rache fürch⸗ ten; in jeder trüben Wolke, die aus dem Meere em⸗ porſteigt, erblicke ich Korradins Rächer. Eſchenbach. Kann der Wunſch eines Ungläubi⸗ gen vor Gott Erhörung finden? Könnt ihr mich des Meineids, der Untreue fähig halten? Adelgunde. Nein, dies kann ich nicht, aber fürch⸗ ten muß ich, daß Gott dieſen Wunſch hörte, weil mein Herz ſchon damals eigennütziger handelte, als ihr wähnen könnt. Eſchenbach. O wähnte ich recht! czu ihren Füßen) Iſt euer Herz mir wohl gewogen? Könntet ihr euch wohl entſchließen, denjenigen zu lieben, der ſchon längſt euch verehrt und anbetet, der es immer deutlicher fühlt, daß er nur in eurer Geſellſchaft glücklich leben kann⸗ Adelgunde. Ich will offen mit euch ſprechen, eure Bitte verdients. Glaubt ihr wohl, daß ich dem Flehen des Großmüthigen hätte widerſtehen können, wenn ich euch nicht geſehen, nicht gekannt hätte 2 Dies zur Antwort auf alle eure Fragen; dringt nicht wei⸗ ter in mich, ſie muß euch vor jetzt genügen. Mein Herz muß erſt länger prüfen, ehe es wählen kann. Eſchenbach. O prüft, ſo lange es euch beliebt, aber laßt mich nur hoffen! 125 Adelgundt gewährte wirklich Hoffnung, und ehe das Schiff in Eyperns Hafen landete, wars ſchon allen bekannk, daß Eſchenbach der Glückliche ſey, wel⸗ cher die ſchönſte Braut und die reichſte Beute ins Va⸗ terland zurückführe. Heiter und fröhlich betraten die Ritter die ſchöne Inſel, und freuten ſich innig, als ſie unter den vielen Wimpeln, welche in ihrem Hafen wehten, auch eine europäiſche Flagge erblickten; ſie erkundigten ſich ſogleich: woher das Schiff komme? wohin es ziehe? erfuhren aber nur, daß es erſt ge⸗ ſtern gelandet ſey und ſich wieder ſegelfertig mache. Friedrich beſtieg es am andern Morgen mit ſeinen Brüdern, und war hoch erfreut, als er es gefüllt mit Templern und deutſchen Rittern ſand, welche ihrer Ausſage nach ebenfalls auf dem Heimzuge begriffen waren. Der vornehmſte unter ihnen war ein Templer, Graf Diepold, welcher ſich der tapfern Löwenritter erinnerte, und mit der Geſchichte ihres Leidens ſchon durch, die allßemeine Sage bekannt war. Er erbot * ſich fogleich, die Ritter ſammt ihren Weibern auf ſein Schiff zu nehmen und für⸗ſchnelle Ueberfahrt Sorge zu tragen. Wir hoffen, ſprach er, binnen zwei Mon⸗ den an Italiens Küſten zu landen, und können dann mit euch in angenehmer Geſellſchaft ins deutſche Va⸗ terland reiſen. Die Ritter nahmen dieſen Antrag mit größtem Danke an, und da das Schiff ſchon an die⸗ ſem Tage abſegeln wollte, ſo eilten ſie, ihre Weiber und ihr Gepäcke dahin zu ſchaffen. Graf Diepold ſtand ihnen mit ſeinen Rittern redlich bei, er bewill⸗ kommte die Weiber mit Ehrfurcht, und ehe die Sonne vie höchſte Höhe erreichte, verließ das Schiff ſchon den Hafen. Die Anzahl der verſchiednen Ritter, welche auf dieſem ihrer Heimath ſich nahten, belief ſich bei⸗ nahe auf hundert, die meiſten derſelben waren Deutſche, nur einige Itäliener, und viere, nach Diepolds Angabe, „—— Griechen, welche die Güter der Templer in Deuiſch⸗ land zu ſehen wünſchten, und mehr aus Wißbegierde, als aus Noth die weite Reiſe unternommen hätten⸗ Das Wetter war heiter und ſchön; die meiſten gingen auf dem Verdecke umher; jeder ſuchte Bekanntſchaft mit den berühmten Rittern des Löwens; jeder war begierig, die Erzählung ihrer vielen und großen Drang⸗ ſalen aus ihrem Munde zu hören. Wie der Abend ſich nahte und das Mahl vollendet war, führte der gaſtfreie Graf Diepold ſeine Gäſte nach verſchiednen“ Kammern, die er zu ihrer Wohnung die Zeit der Reiſe beſtimmt hatte; vorher waren ſie von ihm und ſeinen Brüdern bewohnt worden, jetzt überließ er ſie willig den Fremden, und wohnte mit den übrigen im Schiffsraume. Vergebens widerſprachen die Ritter der allzu großen Gaſtfreiheit, vergebens verſicherten ſie, daß zwei dieſer Kammern Raum genug für ihre Wei⸗ ber und ſich ſelbſt enthalte; ſie mußten in allen Platz nehmen, damit jeder der Gäſte ſanft und ungeſtört ruhen könne. Die angenehme Vorſtellung, daß ſié nun jeden Tag dem geliebten Vaterlande ſich nähern, balt 8 ſeine Gränzen betreten würden, wiegte ſie bald in fanften Schlaf, den ſie aber nicht lange genoſſen. Waffengeklirre und wildes Geſchrei weckte ſie empor; ehe ſie noch Gefahr ahnen, und gegen dieſe auf Verthei⸗ digung denken konnten, drangen ſchon Sarazenen in ihre Kammer, ergriffen die Wehrloſen und feſſelten ſie. Bald hernach kamen neue Haufen, welche Männer und Weiber nach einer kleinen Kammer trugen und ſie dort gefänglich verwahrten. Jeder ſtaunte dem andern ins bleiche Angeſicht, jeder wollte fragen, und wußte nicht, was er fragen ſollte. Was iſt aus uns geworden? jammerten die Weiber. Wie iſts möglich, riefen die Mäuner, daß ein ſo wohl bemanntes und bewachtes Schiff ſo ſchnell, Löwenritter 3. 9 327 130 ſo unverſehens eine Beute der Sarazenen werden konnte? Keiner konnte dieſe ſeltne Begebenheit ergrün⸗ den, welche ſich dadurch noch mehr verwirrte, daß Eſchenbach nebſt einigen andern feſt behauptete, diejeni⸗ gen Sarazenen, welche ſie im Schlafe überfallen hät⸗ ten, wären den Rittern ganz ähnlich geweſen, mit welchen er am Abende auf dem Verdecke ſprach. Auch Friedrich trat ihrer Ausſage bei, und verſicherte, daß er den Grafen Diepold in Sarazenenkleidung erblickte, als man ihn aus ſeiner Kammer hieher ſchleppte. Ver⸗ gebens ſuchten ſie in dieſer grauſen Verwirrung Licht und Troſt, ſie mußten harren, bis das Schickſal ihnen ſolche gewährte. Als der Morgen erſchien und die Strahlen der Sonne ihr kleines Kämmerlein erleuch⸗ tete, öffnete die Wache die Thüre derſelben, und Graf Diepold trat, als Sarazene gekleidet, herein. Sein Anzug verrieth Größe und Reichthum. Edelgeſteine aller Gattung ſchmückten ſein Haupt und ſeine Binde. Verzeiht, ſprach er im höhniſchen Tone, daß ich dieſe Nacht eure ſanfte Ruhe ſo hart ſtörte, Klugheit und Nothwendigkeit geboten es mir. Fragt euer Herz und vorzüglich euer Gewiſſen, es wird euch deutlich über⸗ zeugen, daß ich ſo handeln mußte. Friedrich. Unſer Herz und Gewiſſen iſt rein, es fragt dich mit kühnem Muthe, was dich bewog, Gaſt⸗ freiheit ſo ſchändlich zu verletzen, uns gleich Mördern im Schlafe zu überfallen, gleich Räubern zu feſſeln2 Graf Diepold. Ich komme nicht mit euch zu rechten, nicht Entſchuldigung zu machen, wo es keiner bedarf. Zeit und Folge wird lehren, daß ich weiſer und klüger handelte, als ihr wähnen könnt. Ich komme, euch nur zu ſagen, daß ihr meine Gefangne ſeyd, daß ihr euch als dieſe ruhig und friedlich betra⸗ gen müßt. cer öffnete die Thüre) Blickt hinaus, und erwägt: ob ihr gegen dieſe wohlbewaffnete Menge 131 etwas zu unternehmen vermögt? Sollte es aber eurer Tollkühnheit doch gelüſten, an Widerſetzung zu denken, ſo werden jene dort eer zeigt auf die Weiber) mir da⸗ für bürgen. Ohne Schonung, ohne Barmherzigkeit reiße ich ſie dann aus eurer Mitte, unb ihr Blut muß vor euren Augen fließen. Erwägt dies, und handelt darnach. Ohne ihre Antwort zu hören, entfernte er ſich; die Wache trat herein, welche ihre feſten Bande zwar löste, ihre Hände und Füße aber mit ſchweren Ketten belaſtete. Fürchterlich raſſelten dieſe, als die Ritter im engen Gemache ſie auf und ab ſchleppten, Raum für ihre Wuth ſuchten, und ihn nicht fanden. Sie konn⸗ ten, ſo ſehr ſie ſich auch mühten, die Urſache dieſer ſchrecklichen Behandlung nicht ergründen, eben ſo wenig wars ihnen möglich, zu erforſchen: wie deutſche Ritter und Templer ſo treulos an ihren Waffenbrüdern han⸗ deln, wie dieſe ſich in einer Nacht in Sarazenen ver⸗ wandeln konnten? Vergebens bereuten ſie jetzt ihre allzu haſtige Eile, mit welcher ſie ohne Prüfung das verrätheriſche Schiff beſtiegen hatten, vergebens fragten ſie klagend den Ewigen: warum er ſo hart ſie prüfe, ihr Leiden nie ende, es immer durch neues und gräß⸗ licheres mehre? Sie mußten geduldig der Aufklärung harren, die doch einſt ſich nähern würde. 8 Wie ſie einen halben Monden im engen Kerker des Schiffes geſchmachtet hatten, und die troſtloſen Weiber ſchon dem Leiden des Körpers zu unterliegen began⸗ nen, bemerkten ſie deutlich, daß das Schiff in einem Hafen Anker geworfen habe; ſie erblickten aus ihrem engvergitterten Fenſter Land, und ſahen Menſchen um⸗ herwandeln, die aber alle die Kleidung der Sarazenen trugen. Am zweiten Tage nachher öffnete die Wache die Thüre ihres Kerkers; ſie mußten ihr folgen, und wurden ans Land geführt. Ihr Auge erkannte ſogleich 132 die arabiſche Küſte, welche ſie vor kurzem ſo freudig verlaſſen hatten, und nun wieder betreten mußten. Ich habe mich nicht geirrt, ſprach jetzt Adelgunde, unſer Leiden iſt ein Werk des Sultans, deſſen Begierden ihn gleich einem Rohre umherwehen, aber ſorgt euch nicht, ich will mein Schickſal nicht länger an das eure ketten, ich wills enden, damit ihr frei und ungehindert euer Vaterland wieder ſehen könnt.—— Mehr konnte ſie nicht ſprechen, denn die Wache zwang ſie, die bereit⸗ ſtehenden Kameele zu beſteigen, und auf dieſen dem Zuge zu folgen; ſie wurden täglich tiefer ins Land geführt. Der Verräther Diepold zog mit ſeinem Hau⸗ fen immer in einer kleinen Entfernung voraus, und die Wächter, welche die Gefangnen führten, durften ſich ihm nicht nahen, ſie mußten ſtets abſeits lagern, auch beantworteten ſie keine der Fragen, welche die Ritter oft an ſie wagten. Sie zogen mehrere Städte vorüber, und erkannten unter dieſen Sichem und Na⸗ zareth; es ward ihnen daher täglich gewiſſer, daß man ſie nach Jeruſalem führe. Bald erblickten ſie auch wirk⸗ lich die Thürme dieſer berühmten und heiligen Stadt. Jeder, welcher einſt ſchon in ihren Mauern gezuldet, oder ruhige Tage genoſſen hatte, erinnerte ſich dieſer wieder, und rief mit einem tiefen Seufzer aus: da⸗ mals wars anders! Damals wars eben ſo! Unter allen duldete Adelgunde am meiſten; ihr wars nun volle Gewißheit worden, daß der Sultan ſie durch Verrätherei wieder in ſein Land geführt habe, und jetzt ungeſtüm fordern werde, was er vergebens zu bekämpfen ſuchte. Sie blickte mit thränenden Augen nach Eſches⸗ bachen, der in ſtummer Verzweiflung neben ihr herritt; ſie reichte ihm ihre Hand. Wenn dies der Abſchied iſt, ſprach ſie, wenn ich euch etwan nie wiederſehe, ſo nehmt wenigſtens die Verſicherung mit ins Vaterland, daß mein Herz euch wirklich liebte, daß es euch nie —— 133 *— vergeſſen wird. Eſchenbach verſuchte vergebens zu dau⸗ ken, die Vorſtellung, daß er ewig von ihr getrennt, ſie nie wieder ſehen ſollte, überwältigte ſein Herz, Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, er benetzte damit ihre Hand und ſchluchzte. Adelgünde wollte ihn trö⸗ ſten, aber der Pfad engte ſich, ihr Kameel trabte vor⸗ wärts, und ſie konnte nicht mehr mit ihm ſprechen, weil ſie ſich ſchon dem Thore der Stadt näherten. Diepold war vor ihnen hergezogen; wie ſie dort anlangten, umringten ſie noch mehrere Wächter, und führten ſie nach dem Gefängniſſe, in welchem ehemals die Weiber ſchon geſchmachtet hatten. Da ſie jetzt auch Trennung vermutheten, ſo benutzten ſie die wenigen Augenblicke zum Abſchiede, der äußerſt rührend war, weil es ihrer Ueberzeugung nach ſicher der letzte ſeon würde. Doch ſchien diesmal das harte Schickſal ſich ihrer zu erbar⸗ men: ſie wurden nicht, wie ſie vermuthet hatten, ge⸗ trennt, ſondern nach einem großen Geinache geführt, an deſſen Thüre die Wächter Platz nahmen. Noch lagen die Weiber weinend in der Männer Armen, noch fürchteten alle den Augenblick der nahen Trennung, als die Leibwache des Sultans, und mit ihr ein Emir erſchien; er gebot, und der Gefangnen Feſſeln wurden ſogleich gelöst. Mein Gebieter, ſprach er zu den Be⸗ freiten, verlangt euch ſogleich zu ſprechen, ihr ſollt nicht zagen und fröhlichen Muths mir folgen; er hofft euch zu überzeugen, daß er Wort und Schwur redlich erfüllte. Dieſe Worte, welche der alte Prieſter mit Frendenthränen verdollmetſchte, erregten im Herzen der Leidenden neue Hoffnung; ſie fühlten ſich ſtark genug, dem Emire zu folgen, nur Adelgunde wankte, nur Eſchenbach trauerte noch tief, weil beide mit Grund fürchteten, daß der Sultan nur gegen ſie nicht groß⸗ müthig handeln, und zum Löſegeld für alle Adelgun⸗ dens Herz fordern würde. Der Emir führte ſie nach 134 einem großen Palaſte, und dort in einen prächtigen Saal. Harrt des Kommenden, ſprach er, und ent⸗ fernte ſich ſchnell. Bald kehrte er aber zurück, und bat die Weiber, daß ſie ihm in ein Nebengemach fol⸗ gen ſollten. Die Armen zagten von neuem, aber der Emir verſicherte ſie, daß die Trennung kurz und ohne Folgen ſeyn ſollte. Wählt den Greis zu euerm Be⸗ gleiter, ſprach er zu den Weinenden, denn der Sultan will nur die Ritter ſprechen. Sie thatens; wie ſie ſich entfernt hatten, trat der Sultan ein. Er blickte ernſt und zornig umher; ihm folgten Sklaven, welche verdeckte Gefäſſe trugen. Konntet ihr je wohl muth⸗ maßen, ſprach er zu den Rittern, daß ich mein Wort brechen, mein Gelübde verletzen würde? Ihr ſeyd mei⸗ ner Wohlthaten unwürdig, ihr ſeyd nicht diejenigen, für die ich euch nahm, wenn der geringſte Zweifel euch beunruhigte. Friedrich. Wir haben noch nie an deiner Groß⸗ muth gezweifelt, wir konnten uns nie überzeugen, daß derjenige, welcher unſer Leben in ſeiner Macht hatte, niedrig an uns handeln, uns Leben und Freiheit ſchen⸗ ken würde, damit er uns beides auf eine grauſame Art wieder rauben könne. Korradin. Dann habt ihr recht geurtheilt, dann ſeyd ihr meines Willkomms würdig. Blickt her, wie ich die Kühnen ſtrafte, welche ſo niedrige Verrätherei an euch übten, und die Gaſtfreiheit, welche ſie euch boten, ſo ſchändlich verletzten. cer winkte; die Sklaven deckten die Gefäſſe auf, in jedem derſelben lag ein bluten⸗ der Kopf.) Seyd ihr mit dieſer Rache zufrieden, oder fordert ihr mehr? Dann ſollen in einer Stunde auch ihre Weiber und Kinder bluten. Friedrich. Gott ſchütze uns vor ſolcher ſchreckli⸗ chen Rache! Lebten dieſe noch, wir würden deine Groß⸗ muth anflehen, damit du ihre Strafe lindern mögeſt. 135 Korradin. Nein! Sie haben ſie verdient, ich ſandte ſie nicht, daß ſie den Frieden ſtören, das Völ⸗ kerrecht verletzen, und den Chriſten neue Gelegenheit geben ſollten, mich für einen Bundbrüchigen zu erklä⸗ ren. Der Hafen, in welchem ſie euch fanden, gehört nicht mein, und wärt ihr wirklich, wie ſie wähnten, meiner Rache entflohen, hättet ihr wirklich meine Schätze geraubt, ſo ſitzen dort Richter, vor welche ſie euch laden und die Beweiſe eurer Unſchuld fordern konnten. Ihr könnt morgen wieder ein Land verlaſſen, in wel⸗ ches ſie euch widerrechtlich ſchleppten. Genügt euch für den Zeitverluſt ihr ganzes Habe und Vermögen, ſo ſoll's euch morgen werden. Friedrich. Wir heiſchen keinen Erſatz, uns genügt das ſüße Gefühl der Freiheit, und das noch ſchätzbarere Bewußtſeyn, daß Aſiens Beherrſcher nicht allein groß⸗ müthig, ſondern auch gerecht iſt. Korradin. Meine Geſchenke, die ſie euch raub⸗ ten, werdet ihr in den Gemächern wieder finden, welche ich euch zur Wohnung anordnen laſſe. Ihr könnt einige Tage hier ruhen; ſolltet ihr euch aber ſtark genug fühlen, eure Reiſe früher zu beſchleunigen, ſo will ich ſie nicht hindern, denn ich kanns leicht be⸗ greifen, daß euch ein Land verhaßt ſeyn muß, in wel⸗ chem immer nur Gefängniß und Feſſeln eurer harren. Geht jetzt, die Weiber zu tröſten, ſie werden des Tro⸗ ſtes bedürfen. Bringt Adelgunden meinen Gruß, ſagt ihr, daß ich mich noch nicht ſtark genug fühle, ihr hol⸗ des Auge wieder anzublicken, daß ich aber gegründete Hoffnung habe, ſie in den Armen einer andern einſt ganz zu vergeſſen. Laßt michs wiſſen, wenn ihr ſchei⸗ den wollt, denn ich muß euch vorher noch ſprechen, euch manches enthüllen, was euch einſt ein geheimniß⸗ volles Räthſel ſcheinen müßte. Wit dieſen Worten verließ er ſie; die Ritter eilten 136 zu den Weibern und verkündigten ihnen, was ſte ge⸗ hört und geſehen hatten. Sie ruhten jetzt ohne Furcht in den Gemächern des Sultans, und fühlten ſich am Morgen ſtark genug, ihre ſo oft unterbrochene Reiſe von neuem zu beginnen. Wie ſie dies dem Sultan melden ließen, berief er die Ritter aufs neue nach dem Saale; er lag ruhend auf prächtigen Decken, welche ein Lager bildeten; ſein Geſicht lächelte; er empfing ſie mit Huld und Wohlgefallen. Ich verſprach euch geſtern, ſagte er, Erklärung über manches, welches euch einſt im Vaterlande dunkel ſcheinen würde: ich will heute mein Verſprechen erfüllen und aufrichtig mit euch reden. Liſt und Trug, wird er auch an den Fein⸗ den geübt, iſt mir ſtets verhaßt geweſen, ich billigte ihn nie, aber ich mußte ihn dulden, weil ein Kind die Befehle ſeines Vaters nicht hindern darf. Wenigſtens wird euch meine Erzählung überzeugen, daß der Arm des Beherrſchers von Aſien auch bis in Deutſchlands dunkle Wälder reicht, und dort Furcht und Schrecken verbreiten kann. Ehe ich, nach einer Reihe von Sie⸗ gen, Waffenſtillſtand mit dem chriſtlichen Heere ſchloß, berufte mich mein Vater nach Damaskus. Schmeich⸗ leriſche Höflinge, die ſo gerne das Ruder des Staats ſelbſt führen, und durch Unterdrückung das Herz der Unterthanen zur Verzweiflung reizen, hatten von lange her ſich ſchon um ſeinen Thron gelagert; ſie förderten nach allen Kräften ſein Vergnügen, wiegten ihn in Freude und Wolluſt, und verſicherten ihn nebenbei, daß ſein Reich wohl und trefflich bewacht und regiert werde. Durch alle angewandten Kunſtgriffe hatten ſie es aber doch nicht verhindern können, daß der Ruf von euern ſeltnen Thaten, von eurer großen Tapferkeit nicht zu ſeinem Ohre drang. Die Eilboten, welche ihm die Nachricht meines Siegs bei Cäſarea überbrachten, hat⸗ ten ihm ſelbſt erzählt, daß ein neuer Heldenbun gehen 137 uns gekämpft habe, welcher, wenn er ſich mehren, un⸗ überwindlich ſeyn, und Aſiens Thron gewaltſam er⸗ ſchüttern würde. Mein Vater, deſſen Herz über dieſe Erzählung ſehr erſchrack, forſchte von dieſer Zeit an emſig nach nähern Nachrichten von dieſem Heldenbunde, den er jetzt um ſo gefährlicher wähnte, weil dieſer Bund nicht ſäumen würde, mit voller Macht die Nie⸗ derlage ſeiner Brüder zu rächen. Schon unter dem glorreichen Scepter meines Oheims, des unſterblichen Saladins, hatten mehrere deutſche Ritter, durch ſeine Großmuth gelockt, ihr Heer und ihren Glauben ver⸗ laſſen, waren unter ſeine Fahne getreten, und hatten durch Liſt und Verrath oft ſeine Siege mächtig geför⸗ dert, ſelbſt einſt Jeruſalems Thore ſeinen Kriegern geöffnet. Mein Oheim hatte ſie zum Lohne mit Reich⸗ thum und Ehrenämtern überhäuft, welche ſie bis jetzt noch an meines Vaters Hofe verwalteten. Mein zagen⸗ der Vater berufte ſie zu ſich, und forſchte bei ihnen nach nähern Nachrichten von dem berühmten Lö⸗ wenbunde. Wenige kannten ihn, nur der Emir ſeiner Wache, ein ehemaliger Graf von Diepold, kannte den⸗ ſelben genau; er erzählte von der Tapferkeit ſeiner Glieder Wunderdinge; er beſchrieb ihre unüberwind⸗ liche Bundesveſte; er verſicherte, daß ſie ſtets zum Kampfe und Streite bereit wären, immer in vier Hau⸗ fen getheilt auszögen, ſich täglich mehrten, und gewiß nicht ſäumen würden, die Niederlage ihrer Brüder mit ihrer ganzen Macht ſchrecklich zu rächen. Mein Vater beſchwur den Emir, auf Mittel zu denken, dieſe furcht⸗ baren Helden entweder zu verſöhnen, oder ſie zu verr hindern, nicht mehr nach Aſien zu ziehen und gegen uns zu ſtreiten. Der Emir verſprachs, und erſchien am dritten Tage mit der Verſicherung an ſeinem Throne, daß er ſicher ihren fernern Heerzug nach Aſien verhin⸗ dern wolle, wenn mein Vater erlaube, daß er mit 138 allen denjenigen, welche ehemals Chriſten und Deutſche waren, nach Deutſchland ziehen, und dort das Ober⸗ haupt des Löwenbundes aufſuchen könne. Gelingt es mir dann, ſprach er, ihm durch Liſt oder Trug einen Schwur abzulocken, daß er nie mehr gegen dich käm⸗ pfen will, ſo kannſt du ruhig ſchlummern, keiner ſeiner Ritter wird ſich Aſiens Küſten nahen, keiner ein Schwert gegen dich ziehen, denn ein Schwur feſſelt ihre Arme und macht ihre Hände kraftlos. Mein Vater fand den Vorſchlag des Emirs vortrefflich, doch wollte er auch meine Meinung hören, und entbot mich daher nach Damaskus. Es war gerade zu jener Zeit, als Adel⸗ gunde mit euch entflohen war, und ich viel geopfert hatte, um euch aus Sidon wieder in meine Hände zu bekommen; mein Herz war mit Wuth, Zorn und hef⸗ tiger Eiferſucht gegen euch angefüllt; ich billigte zwar den Vorſchlag nicht, aber ich verwarf ihn auch nicht, ſchwur nur, daß ich ſchreckliche Rache an euch üben, euch und eure Weiber im geſchmolzenen Bleie und kochendem Oele ertränken würde, und zog zum Heere, das mein Vater gegen die Rebellen ſandte, welche ſei⸗ nen Thron zu erſchüttern drohten. Indeß ich dieſe bekämpfte und glicklich beſiegte, hatte mein Vater den Plan des Emirs um ſo ſtärker begünſtigt, weil er wegen der großen Rache, die ich an euch üben wollte, von allen euern Brüdern, deren Zahl die Sage bis ins Unendliche vermehrte, einen jähen Ueberfall befürch⸗ tete, und wegen ſeines Hanges zum Vergnügen, Ruhe und Friede höher als den glorreichſten Sieg achtet. Der Emir war mit mehr als achtzig ehemaligen Chri⸗ ſten nach Deutſchland gezogen, die große Summe, welche er meinem Vater zur Reiſe abgelockt hatte, ließ mich glauben, daß er des noch größern Verſprechens nicht achten, blos in ſein Vaterland ziehen, und nie zu uns wiederkehren werde. Schon hatte ich auch 139 wirklich ihn und ſeinen ganzen Plan vergeſſen, als er geſtern vor meinem Throne erſchien, und mir im Triumphe erzählte, daß er euer Oberhaupt glücklich getäuſcht, und ihm unter Geiſtesgeſtalt den bündigſten Eid abgelockt habe, daß keiner ſeiner Bundesgenoſſen je wieder das heilige Land ſtreitend betreten ſolle. Ihr ſelbſt hattet mir, als ich euch das Leben und die Frei⸗ heit ſchenkte, einen ähnlichen Eid aus freiem Willen geleiſtet; ich nahm daher ſeine Nachricht ganz gleich⸗ gültig auf, und verſicherte ihn, daß dieſe That der un⸗ geheuern Reiſekoſten nicht werth ſey. Doch, ſprach er im noch ſtärkern Triumphe, werden ſie dich nicht reuen, wenn ich dir weiter erzähle, daß ich diejenigen, denen du ſchreckliche Rache ſchwurſt, auf ihrer Flucht antraf, und ſie durch eine glückliche Liſt mit allen ihren geſtoh⸗ lenen Schätzen aus einem freien chriſtlichen Hafen in dein Land und Gefängniß zurückführte. Er erklärte mir deutlicher, was ich nicht begreifen konnte; erzählte mir ausführlich, wie er euch auf ſein Schiff gelockt und gefangen genommen habe. Mein Zorn entbrannte über dieſe unerwartete Nachricht, die That, welche ich an euch geübt hatte, war mir ſeit eurer Abreiſe zur Lieblingsidee geworden; jeden Tag fühlte ichs deutli⸗ cher, daß ich an euch edel und groß gehandelt hatte, daß euer dankbarer Mund dies im fernen Deutſchlandt verkündigen, und manchen edeldenkenden Ritter verhin⸗ dern würde, nicht mehr gegen einen Fürſten in Kampf zu ziehen, der ihre Mitbrüder, mit Schätzen beladen, ins Vaterland zurückſchickte. Ich ſah auf einmal dieſe That vernichtet, meinen Glanz verdunkelt, und mich zum elenden Wort- und Bundbrüchigen herabgewür⸗ digt. Ich forſchte nach den Theilnehmern dieſer Fre⸗ velthat; noch ſechſe traten aus dem Hafen hervor, weil ſie Lohn zu erhalten hofften, und ich winkte den Skla⸗ ven, daß ſie mir ihre Köpfe bringen ſollten. Freilich —,———— 140 empfinde ich heute, daß der Zorn mein Meiſter wurde, daß die Abſicht, aus welcher ſie euch gefangen nahmen, ihnen zur Entſchuldigung bei mir und euch dienen mußte; aber ich war zu ſehr ergrimmt, ich wollte euch ſogleich beweiſen, daß ich ganz rein und unſchuldig an dieſer That war. Auch hielte ichs für Pflicht, euch jetzt von allem zu unterrichten, damit kein Zweifel euern Dank mindere, und mich in euern Augen zum wankelmüthigen Weichling herabwürdige. Wenn ihr heim kommt, ſo grüßt von mir euer Oberhaupt, ſagt ihm, daß ich ihn des Schwures, welchen er dem Emir geleiſtet haben ſoll, entbinde, ich will ihn nicht durch Schwur, ſondern durch Dank feſſeln, und ich hoffe, meine Abſicht durch euch zu erreichen Friedrich. Dieſer wird nie erlöſchen, dieſer ſoll in den Herzen eines jeden Löwenritters tief eingeprägt werden; nie ſoll, wenn man meine Bitte achtet, die Fahne unſers Bundes dir mehr entgegenwehen, und fönnte dies doch geſchehen, ſo glaube gewiß, daß kei⸗ ner derjenigen, welche du ſo hoch verpflichteteſt, mehr athmet und deine Wohlthaten verkündigen kann. Korradin. Zieht in Frieden! Damit aber nicht neuer und kühner Eifer meine Unterthanen irre führt, ſo werde ich euch mit einem ſichern Geleitsbriefe ver⸗ ſehen. Zeigt dieſen vor, deutet auf das angehängte Siegel, und ſie werden willig weichen. Noch eins: Harren euer daheim Väter und Mütter, Brüder und Schweſtern? Friedrich. Sie harren, und wahrſcheinlich mit größter Sehnſucht! Korradin. So eilt, fördert eure Reiſe nach Kräf⸗ ten, denn ich kanns euch nicht bergen, daß ſie euch längſt als todt beweinen. Wie noch Zorn in meinem Herzen gegen euch loderte, da gewährte ich einigen Deutſchen blos deswegen die Freiheit, und band ſie —,— 14¹ durch einen Schwur, damit ſie im Voraus euern mar⸗ tervollen Tod im Vaterlande, und vorzüglich euern Bundesgenoſſen bekannt machen ſollten. Friedrich. Mein armer Vater! Korradin. O er wird ſich glücklich nennen, wenn er ſeine Heldenſöhne wieder lebend und geſund in ſeine Arme ſchließen wird. Die unverhoffte Frende tilgt jahrelangen Kummer; unerwartete Wonne ſchmeckt deſtv ſüßer, wenn Jammer vorhergegangen iſt. Friedrich. Und der Tod ihn nicht zu früh en⸗ digte. Doch ich will das Beſte hoſfen. Habe Dank, Großmüthigſter unter den Sterblichen, für dieſe Nach⸗ richt. Wir wollen, ſind wir einmal gelandet, des Schlafes nur ſparſam genießen, um unſre trauernde Eltern und Freunde zu tröſten, um auch aus ihrem Munde die Beſtätigung zu hören, daß Arabiens Be⸗ herrſcher an wahrem Edelmuthe keinem weicht. Korradin. Einer meiner Emire ſoll euch nach Akkon geleiten, dort liegen Schiffe bereit, welche nach Sicilien überſchiffen wollen: ich verſagte dem Anführer derſelben den Handel bis nach Egypten, ich will ihm ſolchen zollfrei für die Zukunft geſtatten, wenn er euch durch ſeinen ſchnellſten Segler, durch ſeine beſten Ru⸗ derer bis nach Sicilien ſchifft. Ich hoffe, dieſe Be⸗ Bedingung wird eure Reiſe mächtig fördern. Friedrich. Wir können jetzt nur danken, wollte Gott, daß wir zu deinem Beſten einſt auch thätig han⸗ deln könnten. Korradin. Wie gehts euern Weibern? Friedrich. Sie beten für dein Wohl, und wün⸗ ſchen dir das beſte und größte Glück auf Erden. Korradin. Was macht Adelgunde? Friedrich. Sie trauert noch immer, weil ſie nicht zu vergelten vermochte, was du ſo reichlich an ihr übteßt. Korradin. Sagt ihr, daß ich ſie nie vergeſſen werde, daß ich aber doch in den Armen einer andern einſt das Glück zu finden hoffe, welches ſie mir ſo hartnäckig verweigerte. Erſt vor kurzem fand ich dieſe Perle des weiblichen Geſchlechts, hätte ich Adelgunden nicht geſehen, ich würde der Glücklichſte zu ſeyn wäh⸗ nen. Doch glaube ich ſicher, daß Zeit und ihre volle Liebe ein Andenken verdunkeln werden, welches freilich nur der Tod ganz tilgen kann.—— Wann wollt ihr abreiſen? Friedrich. Wenns deine Güte erlaubt, morgen mit dem Früheſten. Korradin. Ihr könnt heute noch weiter ziehen. Friedrich. Wir würden dieſen Antrag mit Freu⸗ den ergreifen, wenn wir nicht noch eine höhere Pflicht zu erfüllen hätten. Wir ſind große Schuldner des Ewigen, der ſo ſichtbar unſer Schutz und Retter ward, wir wollen ihm heute an der Stätte danken, die jedem Ehriſten ſo heilig iſt. Korradin. Thuts nach Gefallen, ihr ſollt unge⸗ hindert umherwandeln können, ein ſicherer Führer wird euch begleiten. Gedenkt meiner in eurem Gebete, denn euer Gott iſt auch mein Gott. Die Ritter ſchieden mit Ehrfurcht und Dank, ſie er⸗ freuten das Herz der Weiber mit dem ſeltnen und großmüthigen Betragen des Sultans, beteten dann vereint an den heiligen Oertern mit Andacht, und zogen unter eines Emirs Schutze am andern Tage nach Akkon. Ich will meine Leſer nicht mit der Beſchreibung ihrer Reiſe ermüden, wichtigere und größere Begebenheiten harren noch ihrer, ich muß eilen, um mich ihnen zu nähern. Der dankbare Schiffer, dem die Zuſage des Sultans für die Zukunft großen Reichthum und Vor⸗ theil gewährte, wandte alles an, um den Rittern ihre Reiſe ſo ungenehm als möglich zu machen; und da er hörte, daß Eile ſie dränge, ſo verſprach er, ſie in einen —,— 143 hetruriſchen Hafen zu führen, damit ihre Reiſe zu Lande ſich kürze, und ſie bei der damaligen angenehmen Jah⸗ reszeit über Helvetiens Gebirge eilend in ihr Vater⸗ land zurückkehren könnten. Er erfüllte ſein Verſprechen treu; Wind und Wetter begünſtigten es. Ehe die Ritter es vermutheten, ſahen ſie Italiens blumenreiche Küſte ſchon vor ſich liegen. Jauchzend und frohlockend be⸗ traten ſie am Arme der Weiber den chriſtlichen Boden, ſie beſtätigten, auf des Schiffers Bitte, ihre glückliche Ueberfahrt durch Brief und Siegel, und weilten nur ſo lange im Hafen, um einige Knechte in ihren Sold zu nehmen, und Roſſe zu kaufen, welche ſie und ihre Schätze tragen ſollten. Sehnſucht nach dem Vaterlande, nach der Umarmung der Ihrigen trieb ſie eilend vor⸗ wärts, damit ſie daheim die Trauer in Freude ver⸗ wandeln, dann um ſo länger und ſüßer ruhen könn⸗ ten. Zedem der Reiſigen traten Thränen ins Auge, wenn ſie ſich dieſe Wonne im Voraus dachten, jeder und jede bat Gott dann ſehnlich, daß er ihnen ſolche im vollen Maße gönnen, ſie nicht durch den Tod eines Theuren mindern möge. Nach eilf langen Tagen er⸗ reichten ſie endlich das geliebte Iffenthal. Friedrich und Heinrich hatten ihren Weg abſichtlich dahin gelenkt, weil ſie erſt das Herz des geliebten Vaters erfreuen, und in ſeiner Geſellſchaft nach der Löwenburg zur 8 Rechenſchaft ziehen wollten. Alle nahmen Antheil an ihrer Frende, als endlich die neuerbaute Veſte aus dem blauen Hintergrunde des langen Thals ihnen ent⸗ gegenglänzte; aber allzugroße Mattigkeit der Roſſe ge⸗ bot ihnen an der Gränze des Thals Stillſtand; ſie hatten vor Sonnenaufgang die ſpät erreichte Herberge ſchon wieder verlaſſen, ſie waren in der großen Hitze des Tages, von froher Sehnſucht getrieben, unaufhalt⸗ ſam fortgetrabt; jetzt lechzten die Roſſe nach Weide und Trank; die Veſte lag noch ſtundenweit entfernt; ſie 14⁴ mußten wider Willen den allzu ermatteten Roſſen eine kleine Erholung gönnen. Sie lagerten am Abhange eines kleinen Hügels, an welchem rechts hinab die breite Heerſtraße ſich nach Schwaben ſchlängelt, und links der minder breite Pfad ins friedliche, einſame Thal leitet. Einige Linden grünten unfern der großen Straße, die müden Wächter ſuchten ihren Schatten, und die Ritter folgten nach. Gott mit uns, rief Eſchenbach aus, als ſie dort anlangten, iſt dies nicht euer, nicht unſer aller Grabmal? Die Ritter folgten mit ihren Augen ſeinem Zeigefinger, und erblickten unter den Linden eine offne, runde Kapelle, an deren Thüre vier in Stein gehauene, mit Pfeilen tödtlich verwundete Löwen ihren Todeskampf zu kämpfen ſchienen. Sie eilten näher hinzu, und ſahen, daß einer dieſer Löwen die Fahne des Bundes, mit welcher ein großer Geier davon fliegen wollte, feſt in ſeinem Rachen hielt, und mit der rechten Pfote den Räuber noch ſterbend zu verletzen ſuchte. Sie deuteten mit Recht dies Sinnbild auf ihren Kampf im heiligen Lande, und traten in die Kapelle. Mit inniger Wehmuth, aber auch mit dem Grfühle der Freude, welches glücklich überſtandene Ge⸗ fahr gewährt, erblickten ſie jetzt an den Wänden dieſer Kapelle die Geſchichte ihres ehemaligen Leidens in hel⸗ len Farben angemalt. Wir müſſen dieſe Bilder ein⸗ zeln betrachten, rief Agnes, hier rechts beginnen ſie, denn da erblicke ich Kämpfer und Streiter in Menge. Richtig, fuhr ſie fort, das iſt die unglückliche Schlacht bei Cäſarea. Hier(mit dem Finger auf die Wand zei⸗ gend) kämpft Friedrich und mein Heinrich. Seht nur, welch ein Bollwerk von todten Sarazenen ſie um ſich aufgehäuft haben! Seht, fiel Eſchenbach ins Wort, das dort oben mit der Fahne des Bundes bin ich, wie ich dieſe und den König rette! Lest doch einmal, ſprach er mit gerührter Stimme zu Friedrichen, die Schrift, ————— —— 145— welche unter dem Bilde geſchrieben ſteht. Friedrich trat hinzu und las: Die wilden Sarazenen über⸗ fielen bei Cäſarea das Heer der Chriſten, das Fußvolk floh ſchändlich, aber die Ritter verthei⸗ digten ſich tapfer, und die Helden des Löwens machten den Barbaren den Sieg koſtbar. Graf Friedrich und Heinrich von Frohburg verthei⸗ digten ſich gegen Tauſende, indeß der Ritter Eſchenbach mit einigen wenigen die Fahne des Bundes und den König von Jeruſalem glück⸗ lich rettete. Agnes(mit thränendem Auge, aber doch lächelnd). Nun Ritter: wie behagt euch dies Lob, das an der offnen Heerſtraße Tauſende leſen, und es Zehntau⸗ ſend andern verkündigen werden?2 Ganz Deutſchland wird eure Namen mit Ehrfurcht nennen. Ha, ſalcher Lohn iſt des Kummers ſchon werth. Kommt weiter, wer weiß, ob ich nicht auch verewigt hier prange, ob nicht ſchon manches altes Mütterchen meiner Seele ein andächtiges Ave geopfert hat? eſie geht weiter) Ah! dachte ichs doch! Hier iſt die Veſte Dok, da ſtürzt der arme Wieſenborn von den Mauern herab zu des betroffnen Sultans Füßen nieder, ſeht, ſeht nur, wie er gerührt auf ihn herab blickt. Nun, da haben wirs! Hier ſtehe ich im tiefen Keller, wie ich ftandhaft den Zapfen des letzten Fäßchens ziehe und den Wein in den Sand rinnen laſſe. Der Maler hat mich gut geſchildert, meine Miene verräth Muth und Gleichgültigkeit.—— Ah, dort liegen vier Frauen elend und bleich auf ihrem Lager! emit dem Finger deutend) Das iſt Klara, ihr duldendes, ſchmachtendes Geſicht verräth ſie, ſie denkt eben an ihren Friedrich, und preßt die letzte Thräne aus ihrem Auge. Löwenritter 3. 10 146 Klara eſich auf ihre Schultern lehnend). Loſe, läßt du mich auch hier nicht ungeneckt ruhen? Agnes. Widerſprich, wenn du kannſt(fortfahrend). Das bin ich! Seht nur her, wie ich ruhig und kalt dem Tode entgegenblicke! Das iſt Adelheid und Ku⸗ nigunde, denn ſie falten ihre Hände zum Gebete.— — Dort liegen die Ritter einzeln umher und lecken den Thau des Graſes!(ſich ſchüttelnd) Kalter Schauer überläuft mich, wenn ich an unſer Leiden denke! Gu Friedrich) Jetzt lest wieder, ich habe das Amt des Auslegers verwaltet! Friedrich(leſend). Die Frauen Klara und Agnes, Kunigunde und Adelheid waren ihren geliebten Rittern ins heilige Land nachgezo⸗ gen, und harrten auf der Bergveſte Dok ih⸗ rer glücklichen Rückkehr. Aber nur Graf Lud⸗ wig von Farnsburg und Ritter Wieſenborn kehrten aus der Schlacht zurück, der tapfere Friedrich und Heinrich war verwundet und ge⸗ fangen worden. Der ſiegreiche Sultan belagerte dieſe Veſte, nicht zweihundert Ritter vertheidig⸗ ten ſie ſtandhaft, der Barbar raubte ihnen das Waſſer——— Agnes(ihm ins Wort fallend). Laßt nur, laßt, jetzt naht mein Lob, und dies wollen wir einſt zur gelegnern Zeit hören. Mich verlangt mehr zu ſehen (ſie geht weiter). Was iſt das? Da reiten zwei Rit⸗ ter, und hinter ihnen trabt ein Kameel, auf welchem eine Dirne ſitzt! cin die Hände ſchlagend) Adelgunde! Adelgunde tretet näher! Dies ſeyd ihr! Lest, Ritter, lest, damit wit hören: ob ich mich trüge? 6 Friedrich(eſend). Die heldenmüthige Griü⸗ ——, —, — — 147 fin von Zelano verachtet die Liebe des Sultans, verläßt Reichthum und Hoheit, befreit die Gra⸗ fen Friedrich und Heinrich aus der Gefangen⸗ ſchaft, und flieht mit ihnen nach Sidon. Agnes czu Abelgunden). Nun, genügt euch dies Lob? Seyd ihr mit dieſem Andenken eurer That zu⸗ frieden? Adelgunde. Ob ichs bin? Seht meine Thrä⸗ nen! O dieſe Kapelle ſoll mein Lieblingsort werden! Klara. Auch der meine! O im Arme des gelieb⸗ ten Gatten wird ſichs hier herrlich beten! ie gingen nun weiter, ſahen, wie der wüthende Korradin Klaren und Agneſen gefangen nach Jeru⸗ ſalem führte, und wollten eben die Beſchreibung leſen, wie Friedrich und Heinrich ſammt Adelgunden verrä⸗ theriſch im Garten zu Sidon überfallen und den Sa⸗ razenen ausgeliefert wurden, als Eſchenbach laut an der andern Seite zu rufen begann: Da bin ich wie⸗ der, kommt her, da bin ich wieder! Er zeigte ihnen nun einen feſten Thurm, deſſen Grund eben einige Löwenritter⸗ untergraben hatten. Das iſt euer Vater, ſprach er zu Adelgunden, und zeigte auf einen Pil⸗ ger, welcher im ſchnellſten Laufe unter dem Thurme gebildet war und furchtſam umherblickte. Friedrich las: Der heldenmüthige Eſchenbach, den Gott da⸗ für im Himmel lohnen wolle, wagte ſein Le⸗ ben für ſeine gefangnen Brüder, er erbrach nebſt vier andern eben ſo tapfern Löwenrittern den Thurm glücklich, aber ſein Unternehmen gelang nicht; er rettete nur den welſchen Grafen Ze⸗ lano, ward auf der kühnen That ertappt, und gleich den übrigen ins Gefängniß geworfen. Eſchenbach. Nun freut mich erſt meine That! Nun würde ich das Andenken an ſie nicht um aller Welt Schätze miſſen. Blickt nur her, blickt alle her, wie mich euer dankbarer Vater hier verewigt hat.— — Was gibts denn hier, rief Agnes tiefer unten, hier umarmen und küſſen ſie ſich! Hier ſtehen wieder andere und blicken traurig in die Ferne(zu Friedrich). Lest doch geſchwind, damit wir den Sinn dieſes Bil⸗ des erfahren. Friedrich. Ach! Freude! Freude! Hört nur, hört: Graf Ludwig von Farnsburg kehrt mit ſeinem Weibe, mit der traurenden Kunigunde und acht Rittern in die Arme der Eltern und Freunde zurück! Alle. Heil, Heil uns! So finden wir ſie wirklich daheim! O das ſoll ein Feſt der Freude werden, wie es noch keines hienieden gab. Friedrich(weiter leſend'. Sie brachten die frohe Botſchaft mit ſich, daß Frohburgs tapfere Söhne ſammt den Weibern und einigen andern Rittern auch bald nachfolgen würden, aber Gott hatte es anders beſchloſſen. Wanderer, geh weiter und bedaure die Unglücklichen! Agnes Gum letzten Bilde eitend). O weh! O weh! da gehts ſchrecklich zu!(die andern kommen herbei) Seht nur, ſeht, wie die Henkersknechte uns hier mit glühenden Zangen zwicken, wie ſie geſchmolzenes Blei und ſiedendes Oel in unſre Wunden gießen! Gräß⸗ lich, wenn es ſo geendet hätte! Da oben ſteht Kor⸗ radin! Pfui! Der Maler hat den Großmüthigen ſchreck⸗ lich entſtellt, er lacht höhniſch und gräßlich, und blickt mit Wohlgefallen auf den Henker hin, welcher eben einer aus uns die Bruſt abſchneidet Gu Friedrich Lest doch, lest! 149 Friedrich. Indeß Väter und Freunde ihrer Ankunft entgegenharrten, endete der grauſame Barbar Korradin ſchrecklich mit ihnen! Seht, wenn euch mitleidige Thränen nicht hindern, wie er ſie gräßlich martern läßt. Gottes En⸗ gel ſchwebt ſchon mit der Siegespalme und der Märthrerkrone über ihren Häuptern, ihr ſter⸗ bendes Auge erblickt ihn, und ſie dulden ſtand⸗ haft. Wanderer, ſchenke ihrem troſtloſen Vater eine theilnehmende Thräne, und ſcheide nicht eher von hinnen, als bis du für das Heil ih⸗ rer Seelen ein andächtiges Ave gebetet haſt. Heinrich. Der arme Pater! Wie oft wird er hier troſtlos geweint und gejammert haben! Friedrich. Wohl uns, daß wir dies alles hier ſo genau erfahren, Kummer wird an ſeinem Herzen nagen, plötzliche Freude könnte ihm tödtlich werden. Eſchenbach. Recht, ihr müßt ihn vorbereiten. Mein Roß iſt am wenigſten ermüdet, ich jage voraus und ihr folgt langſam nach. Gönnt mir dies frohe Geſchäft, ich wills gut und glücklich vollenden. O, ich ſehe den ehrwürdigen Alten ſchon vor mir ſtehen, wie er mich anſtarrt, wie er hofft und fürchtet, wie er fragen will, und nicht fragen kann. Wie Freude und Wonne ſein trauerndes Geſicht erfüllt, wenn ich lächelnd ihm erzähle, daß ſeine Söhne noch leben, ſchon auf der Reiſe zu ihm begriffen ſind, ſich ſchon nahen, und bald in ſeine Arme ſinken werden. Ich führe den Wankenden euch dann entgegen, und jubele laut, wenn er und ihr nicht fprechen könnt. Friedrich. Ich neide dir dieſe Wonne aber da ich ſie nicht ſelbſt genießen kann, ſo gönn ich ſie dir am erſten. Du ziehſt voraus, wir folgen⸗ 150 Klara. Doch nicht eher, als bis wir hier dem Ewigen, der uns rettete und ſchützte, vereint dankten. Friedrich. Wohl geſprochen! Eile macht vergeß⸗ lich, ihm gebührt der erſte Dank, ohne ihn würden wir die harrende Wonne nicht genießen können. Er ergriff Klarens Hand und führte ſie zum Al⸗ tare, der im Hintergrunde der Kapelle ſtand; alle folgten, alle knieten neben ihm und dankten Gott in⸗ brünſtig für ſeinen allmächtigen Schutz und Schirm. Wie ſie in voller Andacht begriffen waren, machte Roßgetümmel ſie aufmerkſam; ſie hörten Schritte und blickten hinter ſich. Ein alter, grauer Ritter trat mit gefalteten Händen langſam in die Kapelle, ſein Schwert klirrte hinter ihm auf dem gepflaſterten Boden, ſein geſenktes Haupt verkündigte Trauer; er wollte ſich unfern der Betenden niederwerfen; er erblickte ſie und ſchauderte zurück. Er iſts, ſtammelte Friedrich. Gott! Es iſt euer Vater, lallten die andern leiſe nach. Alle ſtarrten nach ihm hin, keiner wollte es wagen, ihm laut zu verkündigen, daß ſeine Kinder noch lebten und in ſeine Arme zurückkehrten. Der alte Graf eim feierlichen, langſamen Tone). Iſts nicht Truggeſtalt? Erblickt mein Auge euch wirk⸗ lich in lebender Geſtalt? Oſt wars mein ſehnlicher Wunſch, der jetzt ſchrecklich erfüllt wird. Sprecht: was hindert eure ewige Ruhe? Was ſoll, was kann ich thun zur Löſung eurer leidenden Seelen? Nagen Raben an euern unbeerdigten Knochen? Ich will wall⸗ fahrten nach dem heiligen Lande, ich will ſie ſam⸗ meln, ich will—— Friedrich(ſchluchzendd. Laßt ab, Vater, laßt ab! Wir leben, wir kehren zurück! Heinrich. Genießt die Freude, welche ſich euch naht, ſparſam, damit ſie euch nicht tödtlich wird. Wir leben! Wir leben! 151 Deralte Graf. O nein! O nein! Solche Freude wäre wirklich tödtend! Unmöglich, unmöglich! Blickt dorthin! cauf das letzte Gemälde zeigend) Wie ihr ſchrecklich gemartert wurdet? Friedrich. Nein, theurer Vater, wir leben! Der großmüthige Korradin ſchenkte uns Leben und Freiheit. Der alte Graf. Leben und Freiheit? Allmäch⸗ tiger Gott! Leben und Freiheit?—— Wer unter⸗ ſtützt mich? eſich anhattend) Ich ſinke! Wärens wirk⸗ lich meine Kinder, ſie ließen mich nicht ſinken! Alle ſprangen auf und unterſtützten ihn. Der Greis lag im Arme ſeiner Söhne; Klara und Agnes knieten weinend um ihn. Er blickte ſtier und langſam um⸗ her. Sinds denn meine Kinder? Ach, ſprecht doch, ſinds denn meine tapfern Söhne? Iſt das Friedrich? Iſt das Heinrich? Friedrich und Heinrich. Wir ſinds! Wir ſinds! Der alte Graf eſie umarmend). Sie ſinds! Gro⸗ ßer Gott! Sie finds! Und an der Stätte meines Jammers finde ich ſie wieder! Ghinabblickend) Wer ſind denn dieſe, die meine zitternden Füße halten und er⸗ wärmen? Friedrich. Es iſt Klara und Agnes! Es ſind unſre Weiber! Der alte Graf. Auch dieſe leben? So fehlte ja keins der Theuren? Herauf! Herauf an mein Herz! Ler ſchlägt ſeine Arme um ſie) Barmherziger Gott, wenns ein Traum iſt, ſo will ich jetzt—— ſo laß mich in ihren Armen ſterben! Friedrich. Theurer Vater, ſorgt nicht, der Traum wird nicht enden, wir hoffen noch lange in euern vä⸗ terlichen Armen zu ruhen. Der alte Graf. Hofft ihr dies wirklich? O wenns Wahrheit iſt, dann—— dann wünſche ich 152 auch noch länger zu leben! O im Arme der Kinder lebt ſichs ſo ſüß!—— Ich habs empfunden, wie weh es thut, wenn man ſie entbehren muß! eſie ängſt⸗ lich faſſend) Seyd ihrs denn wirklich? Werdet ihr euern alten Vater nicht mehr verlaſſen? Friedrich. Wir ſinds, wir werden euch nicht ver⸗ laſſen! Der alte Graf. Ach, ich bin glücklich, ich bin glücklich!——(auf Eſchenbach zeigend) Iſt dies nicht der Eſchenbach, der ſein Leben für euch wagte? Eſchenbach. Ich bins, edler Herr, ich bins, und freue mich eures Glückes. Der alte Graf. Näher! Näher, ich muß dir danken! cſeine Wangen ſtreichelnd) Du biſt auch mein Sohn, biſt auch mein theures Kind! O du haſt ſchön, du haſt groß gehandelt! Gott wird dirs lohnen!— — Wer iſt jene dort mit dem holden Angeſichte, die ſich ſo traulich auf deine Schulter lehnte, jetzt ſo ver⸗ laſſen umherblickt⸗ Friedrich. Es iſt die Gräfin Adelgunde von Ze⸗ lano: ihr verdanken wir Freiheit und Leben, nur ihr Blick erweichte das Herz des Sultans. Der alte Graf. Her! Her zu mir! Sie iſt mein Kind! Sie iſt meine Tochter! Ach, ich will mirs wohl ſeyn laſſen, ich habe nun viele, viele Kinder! Heinrich. Noch harren die Uebrigen eures Gru⸗ ßes! Sie wagten ihr Leben für uns, ſchmachteten und duldeten mit uns. Der alte Graf. Willkommen, tapfere Helden, willkommen! Auch ihr müßt meine Söhne ſeyn, kei⸗ ner darf mich verlaſſen, wir bilden eine Familie, das Unglück vereinigte uns, das Glück darf uns nicht tren⸗ nen.—— Wenns nur kein Traum iſt, wenn nur ——— falſche Hoffnung mich nicht wieder trügt!(nmherbli —,—— 153 ckend) Sie ſinds! Sie ſinds wirklich! Nur nicht wei⸗ chen, nur nicht wieder verlaſſen! Es wäre mein Tod, Kinder, es wäre mein Tod! Ich könnte ohne euch nicht mehr leben(ängſtlich). Wie kommt ihr denn aber hieher? Hat ein Engel euch aus dem Gefängniſſe er⸗ rettet und übers Meer getragen? Friedrich. Nein, lieber Vater, unſre Rettung ge⸗ ſchah mit Gottes Hilfe, aber ohne Wunder. Wir ſchiff⸗ ten nach unſrer Errettung glücklich übers Meer, eilten mächtig in eure Arme, mußten hier raſten, bewunder⸗ ten das Denkmal, welches ihr unſrem Andenken ge⸗ weiht hattet, und dankten eben Gott für ſeinen Bei⸗ ſtand, als ihr eintratet. Der alte Graf. O es war ein unerwarteter, ſchrecklicher Anblick, wie mein Auge euch nach und nach erkannte, wie ich euch als Geiſter vor mir knieen ſah—— Ich darf nicht daran denken, der Gedanke verbittert mir alle Freude—— Ach ſie iſt ſo groß, ſie iſt unnennbar! Ich habe euch wieder, ihr lebt, ihr ſeyd frei, ich habe euch wieder! Kommt, kommt, ihm gebührt Dank, ihm gebührt Lob. Ich will in eurer Mitte knieen, wenn ich auch nur ſtammeln kann, ſo ſoll ers doch in meinen Mienen leſen, wie glücklich er mich gemacht hat. Er führte ſie zum Altare; alle beteten aufs. neue, alle mit Eifer und Inbrunſt, aber eifriger und in⸗ brünſtiger keiner als der alte Vater. Immer blickte er lächelnd auf ſeine Kinder, und hob dann wieder ſeine Hände dankend zum Himmel empor. Endlich ſtand er auf und wankte, unterſtützt von ſeinen Söh⸗ nen, aus der Kapelle Dies ſchreckliche Gemälde, ſprach er, indem er auf das letzte deutete, muß ausgelöſcht, und an deſſen Stelle die heutige Geſchichte gemalt werden, damit die Nachwelt es erfahre, wie glücklich mich eure Ankunft machte.— Als er ins Freie trat, 15⁴ überblickte er mit Entzücken die ganze Gegend. Ach, wie ſchön, wie herrlich, rief er aus, iſt Gottes all⸗ mächtiges Werk! Jetzt grünen die Bäume ſchöner, jetzt lacht alles, was mein Auge erreicht; aber vorher, als ich zur Kapelle ritt, wars anders, da war die Farbe der Bäume ſo ſchwarz, da war die ganze Gegend in einen Trauerflor gehüllt, da trauerte und weinte alles mit mir!(rohlockend) Was meine Knechte ſagen, wie ſie ſtaunen werden, wenn ſie mich in eurer Geſellſchaft erblicken! Wie alles auf der Burg umher rennen, wie ſie fragen, ſchauen, wieder fragen, und endlich mit zuſammengeſchlagnen Händen frohlockend ausrufen werden: Sie ſinds! Sie ſinds! Gott hat ſie eryalten und errettet!——— O ich werde noch zum Kinde, wenn ich mir dies alles im Voraus denke, wenn ich —— Und mein alter Freund, mein Mitgefährte in Trauer und Jammer, Agnes, dein Vater, wie wird dieſer jauchzen und frohlocken!?2 Agnes. Gott im Himmel ſeys gedankt, daß ihr mich zum Genuſſe der Freude fähig macht, daß ihr endlich den Namen nennt, der ſchon lange auf meiner Zunge ſchwebt, den ich nicht ausſprechen wollte, weil ich ihn nicht mehr unter den Lebenden wähnte, mir nicht jede Hoffnung zur Freude rauben wollte. Er lebt! Ah, nun kann ich mit euch fröhlich ſeyn! Aber meine Mutter? Ihr ſchweigt? O meine Mutter! Der alte Graf. Oft beneidete ich und dein Va⸗ ter ihr glückliches Lvos, oft wünſchten auch wir aus dieſem Jammerthal erlöst zu ſeyn, und bei euch; bei ihr zu wohnen—— Agnes. So iſt ſie todt? Heinrich. Todt, die liebe, gute Mutter? Der alte Graf. Sie ſah keins ihrer Kinder mehr, ſie ſtarb, ehe noch Ludwig und Kunigunde zurückkehrten! Agnes. Alſo ohne Abſchied, ohne Segen für uns? 5— 155 Der alte Graf. O nein, mit den heißeſten Wün⸗ ſchen für euer Wohl, für eure glückliche Zurückkunft. Agnes. Als allgewaltige Liebe gebot, als ich dem Geliebten meines Herzens nachzog, und aus Furcht, daß ſie's hindern würde, nicht Abſchied zu nehmen wagte, nur die Schwelle ihres Schlafgemachs küßte und ſie mit ſtillen Thränen netzte, da wards mir ſchon zur Gewißheit, daß ich ſie nicht wiederſehen würde. Todt die geliebte Mutter, aber noch lebend der zärt⸗ liche Vater! Freilich viel Troſt; aber doch nicht ge⸗ nug, um mein Herz zu tröſten. O ich muß jetzt wei⸗ nen, damit meine Thränen die Freude nicht hindern, wenn ich ihn wieder umarme. Heinrich(ſie in ſeine Arme ſchließend). Es war eine gute Mutter, ich weine mit dir. Agnes. Dank, Theurer, Dank! Aus Liebe zu dir verließ ich ſie, ſie verdient deine Thränen.—— Doch müſſen ſie nicht Störer deiner Freude werden. Heinrich. Kann ich ohne dich Freude genießen2 Agnes Sieh(ſich die Augen abtrocknend) ich weine ſchon nicht mehr. Ich will meine Trauer vor dir ver⸗ bergen, und, wenn ihr Freudenfeſte feiert, nur inge⸗ heim in die Kapelle ſchleichen, und es ihr erzählen, daß wir wohl Antheil daran nehmen, aber ihren Ver⸗ luſt noch lange fühlen werden.—— Dies Geſpräch, welches unter dem Schatten der Linden noch einige Zeit fortgeſetzt wurde, ſtörte die frohen Empfindungen mächtig jeder nahm Antheil an Agneſens gerechter Trauer, jeder wünſchte, daß die gute Mutter noch lebe und den Willkommsjubel mit genießen könne. Bald ſiegte aber die Freude aufs neue, bald lächelte ſelbſt Agneſe unter dem Thränen⸗ ſchleier; als ſie weiter gingen und des alten Grafen Kuechte ſtarr auf die Kommenden blickten, der Roſſe Zügel fahren ließen, und endlich gar furchtſam zu⸗ rückwichen. Ihres Herrn frohlockende Stimme weckte ſie zwar aus der Betäubung; aber längere Zeit brauchte es doch, ehe die Aermſten ſich überzeugen konnten, daß diejenigen, welche ſie ſo lange und gewiß für todt achteten, wieder lebten. Sie drängten ſich endlich zu den Söhnen ihres Herrn und netzten ihre Hände mit Freudenthränen; hätte der alte Graf ſie nicht zu⸗ rückgehalten, ſie würden vorausgejagt ſeyn, um den kommenden Jubel auf der Burg bekannt zu machen. Die Ritter führten nun den alten Vater zu ihren Knechten hinab, die rückwärts am Hügel lagerten; er ſtaunte, als er die Menge ihrer Laſt⸗ und Saumroſſe erblickte, aber noch weit mehr erſtaunte er, als er hörte, daß alle die koſtbaren Geſchenke des großmü⸗ thigen Sultans trügen. Der Zug, welcher jetzt durchs lange Thal begann, glich einem Triumphe; alles, was webte und lebte, eilte herbei, um die wunderbar Geretteten zu begrüßen. Von ferne rief ihnen der frohe Vater ſchon zu, daß ſie ſich nähern ſollten; wenn dann eine große Menge ihn umgab, da umarmte er 9* ſeine Söhne und rief ihnen zu: Seht, ich bin ſo glück⸗ lich, wie ihr, ich habe jetzt auch Kinder! Jubelgeſchrei ertönte dann laut und lockte immer noch mehrere her⸗ bei. Ehe ſie die Burg erreichten, folgten ſchon Tau⸗ ſende dem Zuge. Ihr ſeyd alle meine Gäſte, rief der alte Graf rückwärts, ihr müßt heute alle auf das Wohl meiner Kinder zechen, meine Keller ſollen euch geöffnet werden, damit ihr und eure Kinder noch lange des Tages gedenkt, an welchem ich ſie wiederfand. Das ungewöhnliche Geſchrei und Getöſe erregte, als ſich die große Menge der Burg näherte, im Herzen des treuen Vogts Schrecken, ſeinem horchenden Ohre klangs wie Töne des Jammers, er wähnte, daß man ſeinen Herrn todt heimbringe, und eilte athemlos hinab⸗ Sein Erſtaunen, welches alle Bewohner der Burg mit —— 157 ihm gleich ſtark äußerten, erregte neues Gelächter, neuen Jubel. Es war angenehm und doch auch ſchreck⸗ lich zu hören, wie die Männer abwechſelnd jauchzten, und die weichern Weiber aus Freude laut weinten. Schon füllten Agnes und Klara die Willkomms⸗ becher, ſchon weihten ſie ſich in geſchäftiger Eile zur künftigen Pflicht ein, als der alte Vogt, dem Schre⸗ cken und Freude die Sprache geraubt hatte, nun wie⸗ der zu ſprechen begann, und dem alten Grafen mel⸗ dete, daß ſchon vor einigen Stunden ein Ritter von der Löwenburg angelangt ſey, wichtige Botſchaft zu überbringen habe und vorgelaſſen zu werden bitte. Es war ein Ritter des erſten Grads; er brachte Bot⸗ ſchaft vom Bundeshauptmanne, der ſeinen alten Freund dringend bitten ließe, nach der Löwenburg zu kom⸗ men, weil dort der bekannte vornehme Sicilianer an⸗ gelangt ſey, und die unerwartete, aber frohe Nachricht mitgebracht habe, daß Graf Frohburgs Söhne noch lebten und bald in die Arme ihres Vaters zurückkeh⸗ ren würden. Mein Hauptmann, ſetzte der Ritter hinzu, bezweifelte dieſe freudenreiche Nachricht zwar noch im⸗ mer ſehr ſtark, aber der Exfolg hats gelehrt, daß der vornehme Sicilianer gut unterrichtet war. Seyd will⸗ kommen, tapfere Helden! immer wars mein ſehnlich⸗ ſter Wunſch, wenn ich eure ruhmvollen Thateu erzäh⸗ len hörte, euch nur in der Ferne folgen zu können. Nun wird mirs beſſer gelingen, wenn ich unter eurer Leitung dienen, an eurem Lichte mich wärmen kann. Friedrich. Ich danke für deine edle Meinung; deine Begierde nach Thaten überzeugt mich, daß du in ähnlicher Gelegenheit eben ſo gehandelt hätteſt. Wie gehts unſerm theuern Bunde? Leben die Brider wieder, welche das Schwert der Sarazenen im ſchreck lichen Kampfe vernichtete2 Der Ritter. Noch trauert der Löwe über ſie, „158 noch verdunkelt ihr hohes Trauergerüſte den Glanz des Bundesſaals, es ſoll zum ewigen Andenken, zum Lohne ihrer Thaten immer dort ſtehen; aber erſetzt iſt ihre Zahl ſchon lange, mehr als Tauſende dienen dem Löwen, der ihren eingebildeten, ſchmählichen Tod einſt ſchrecklich rächen wollte. Friedrich. Du biſt ein Bote der Freude, du ſalbſt mein Herz mit Troſt. Immer fürchtete ich, daß unſre Niederlage dem Bunde ſchaden, ihn vielleicht ganz trennen würde. Auch darüber wird mir Troſt und Beruhigung, ich werde ganz glücklich leben können qzu dem alten Grafen). Wer iſt der bekannte, vor⸗ nehme Sicilianer, deſſen Ankunft euch unſer Haupt⸗ mann ſo eilend melden läßt? Der alte Graf cführt ſeine Söhne nach dem Erker). Sicher iſts König Friedrich ſelbſt. Friedrich. Der junge König? Der alte Graf. Eben dieſer. Deine ruhmwür⸗ dige That, welche du an ihm übteſt, hat ihn zur Dank⸗ arkeit gegen den Bund verpflichtet. Die Ritter des Löwens zogen vor ungefähr Jahresfriſt aus Urſachen, die dir bald bekannt werden ſollen, nach Sicilien, ich ſelbſt begleitete ihren Zug, und lernte den königlichen Jüngling kennen: er äußerte eine brennende Begierde, ein Mitglied eures Bundes zu werden; er verſprach aus dieſer Abſicht nach Deutſchland zu kommen, und wird nun ſein Verſprechen erfüllt haben. Friedrich. Warum erſcheint er nicht öffentlich? Der alte Graf. Weil dies ſeine Sicherheit in Gefahr ſetzen würde. O Sohn, wichtige Erzählungen harren deiner! Kaiſer Philipp iſt nicht mehr! Oito von Wittelsbach ermordete den Geſalbten des Herrn. Viele Fürſten haben dem ſächſiſchen Otto als Philipps Nachfolger gehuldigt. Andre, und unter dieſen ganz Schwaben, gedenkt noch der gekränkten Rechte des —, jungen Friedrichs, welcher ſchon zu ſeines Vaters Hein⸗ richs Zeiten zum römiſchen Könige erwählt wurde. Noch fühlt ſich Friedrich zu ſchwach, ſeine deutſchen Freunde mit einem Kriegsheere zu unterſtützen, er will ſie erſt kennen lernen und ihre Treue prüfen, vielleicht hofft er auch auf die Unterſtützung eures mächtigen Bundes. Friedrich. Wenn man meine Stimme hört, ſo ſoll ſie ihm auch werden: er ſtammt aus dem erlauch⸗ ten Hauſe der Schwaben, und ihre Pflicht iſt es, die Rechte ihres Herrn zu vertheidigen. Er ward recht⸗ mäßig gewählt, Philipp war nur ſein Vormund, ſein Stellvertreter. Wie kann ein Fremder ihm ſein Recht rauben2 Soll immerwährende Anarchie das arme Va⸗ terland zerrütten, ſoll es ohne einen Regenten ſtets ein Raub der gierigen Wölfe werden, die eben des⸗ wegen Spaltung und Zwietracht zu erregen ſuchen, damit ſie ungehindert ihre Beute theilen können? Ei⸗ ner nur muß gebieten, einer nur regieren, wenn alle gehorchen ſollen: wo Hunderte befehlen, wider⸗ ſprechen Tauſende, und des Zwiſtes wird kein Ende. Unſers Bundes erſte Pflicht iſt, den rechtmäßigen Herrſcher auf ſeinem Throne zu ſchützen: ich hoffe, die Glieder deſſelben werden ſie erfüllen. Der alte Graf. Handelt, wie es euch. weiſe dünkt. Auch mein Herz huldigt dem Enkel des un⸗ ſterblichen Friedrichs, deſſen Heldenarm Friede und Sicherheit in Deutſchland verbreitete. Morgen ziehen wir ohnehin nach der Löwenburg, der alte Vater wird gewiß deinen Rath hören und achten. Kommt, wir wollen indeß der Frende genießen.. Gern wollte der Abgeſandte des alten Farnsburg der frohe Verkündiger der unerwarteten Zurückkunft auf der Löwenburg werden; er forſchte daher emſig nach der Rückantwortz aber Friedrich merkte ſeine Ab⸗ 160 ſicht, und gebot ihm zu bleiben. Der Ritter gehorchte traurig. Ich kanns nicht ändern, ſprach Friedrich lä⸗ chelnd, du darfſt nicht eher als wir ausziehen, du mußt auf dem Zuge unſer Begleiter bleiben, wir wol⸗ len die unverhoffte Freude des Wiederſehens mit dir genießen, unſer Leiden verdient dieſen Lohn, es wäre grauſam von dir, wenn du ihn uns rauben und ſeine erſten Früchte allein genießen wollteſt. Vorbereitet iſt der gute Vater ſchon, noch ſtärkere und gewiſſere Vor⸗ bereitung würde die Freude mindern.— Der übrige Theil des Tages verfloß nun in frohem Jubel, alle irrten zerſtreut umher, ſuchten ihre Lieblingsörter auf und erneuerten alte Bekanntſchaften, ſprachen von ver⸗ gangenen Freuden und Leiden, und freuten ſich am Ende immer wieder des frohen und unerwarteten Aus⸗ gangs. Adelgunde nahm an allem den wärmſten An⸗ theil, ſie fühlte ſich glücklich im Arme ſo trauter Freunde, und dankte Gott, daß er ihre Wege ſo wunderbar geleitet habe. Eſchenbach war nicht mehr ihr Wächter, aber ihr treuer Gefährte, ihr zärtlicher Geliebter: ſie hatte es ihm ſchon auf der Reiſe zugeſagt, daß ihm Herz und Hand zum Lohne werden ſollte. Klara hatte, als ſie ihrem Friedrich nachzog, eines ihrer Kinder, welche ſie Hagbergen gebar, unter dem Schutze einer alten Freundin zurückgelaſſen: ſie forſchte jetzt emſig nach dieſem, denn die übrigen waren ſchon vorher ge⸗ ſtorben. Ihr ward die traurige Nachricht, daß es den übrigen auch nachgefolgt ſey. Die zärtliche Mutter beweinte vſen Verluſt innigs Friedrich ſah ihre Thrä⸗ nen und ehrte ſie, aber er bat ſie auch, der Zukunft zu gedenken, und ihm nicht wieder zu rauben, was Jammer und Kummer ihm ſchon im heiligen Lande geraubt hatte; ſie verſprach ſeiner gerechten Bitte Ge⸗ währung, und trocknete ihre Thränen. Die ganze fol⸗ gende Nacht dauerte der Jubel fort; die müden Reiſenden 161 ſuchten zwar Ruhe, aber ſie genoßen ſie nicht. Lär⸗ men von Außen und Toben von Innen hinderte ſie gleich ſtark daran. Ehe der Tag graute, waren ſie ſchon reiſefertig, ehe die Sonne aufging, zogen ſie ſchon nach Schwaben hinab. Am dritten Tage ſahen ſie die Löwenburg ſchon von Ferne, und fühlten im Voraus die Wonne, welche ſie dort— genießen ſollten. Der Bundeshauptmann hatte durch ausgeſandte Eil⸗ boten alle ruhende Löwenritter nach der Burg gela⸗ den; ſie zogen jetzt von allen Seiten perbei und be⸗ gegneten den Reiſenden, manche geſellten ſich zu ihnen, mehrere ſchieden aber ſtillſchweigend, und jagten vor⸗ aus, um die erſten zu ſeyn, welche Jubel auf der Burg verbreiteten. König Friedrich war dort wirklich inge⸗ heim angelangt: nur diejenigen, welche ihn ehe ſchon ſahen und kannten, wußten, daß er es ſey; die übri⸗ gen nahmen ihn für einen vornehmen ſicilianiſchen Ritter, welcher in Bundesgeſchäften angekommen ſey. Er hatte, um Deutſchland zu erreichen, einen weiten Umweg nehmen müſſen, weil Otto, der ſich als Kai⸗ ſer zu Rom krönen ließ, ihm nicht allein beinah ganz Apulien entriſſen, ſondern auch aus weiſer Vorſicht die Straßen nach Deutſchland verlegt hatte. Der junge König war jedoch der Nachſtellung dadurch glücklich entgangen, daß er von Tyrol aus ſich nach Chur begab, und über Konſtanz endlich wohlbehalten auf der Löwenburg anlangte. Der mächtige Pabſt Inno⸗ zenz, welcher nach ſeines Vaters Heinrichs Tod ſo ſehr wider ihn war, ſchien jetzt ſelbſt ſeine Abſichten auf das deutſche Reich zu begünſtigen: er hatte den erſt vor kurzem gekrönten Otto, weil dieſer ihm ſelbſt viele Städte wegnahm, mit dem Banne belegt. Die⸗ ſer wirkte kräftig auf die mit Ottos Wahl ohnehin unzufriednen deutſchen Fürſten; der Erzbiſchof Sig⸗ fried von Mainz hatte Friedrichen Boten geſandt, und Löwenritter 3. 11 ihm in ſeinem und anderer Fürſten Namen die deutſche Krone antragen laſſen. Friedrich bedurfte ſein Kriegs⸗ heer zur Vertheidigung ſeiner italieniſchen Länder; Otto hatte wirklich ſchon Neapel erobert, und drohte von da aus der noch treuen Inſel Sicilien, doch war die Einladung ſeinem Ehrgeize zu wichtig, auch wa⸗ ren ſeine Anſprüche auf die deutſche Kaiſerkrone ächt und gegründet: er wagte daher die gefahrvolle Reiſe, nur von einigen ſeiner Getreuen begleitet, und hoffte vors erſte Schutz auf der Löwenburg zu finden. Auch fand er ihn wirklich; der Bundeshauptmann verſam⸗ melte ſogleich alle Glieder deſſelben zu ſeiner Verthei⸗ digung, und da Friedrich ſeine Bitte um Aufnahme in den Bund mündlich erneuerte, ſo ſollte auch dieſe nächſtens erfolgen und mit beſonderer Pracht gefeiert werden. Einige Templer, welche kurz vor des Königs Ab⸗ reiſe in Sicilien gelandet waren, hatten dieſem er⸗ zählt, daß die gefangnen Löwenritter nebſt ihren Wei⸗ bern von dem Sultan Korradin wären freigelaſſen worden. Die Templer hatten dies auf ihr Ehrenwort bekräftigt, und ausvricklich hinzugefügt, daß die Be⸗ freiten mit großen Geſchenken des Sultans am Vor⸗ abende des Tages, an welchem ſie das heilige Land verlaſſen hätten, zu Sidon angelangt wären. König Friedrich hatte mit dieſer wonnevollen Nachricht das Herz des alten Farnsburg erfreut; er ſtand eben mit. dieſem und ſeinem Sohne Ludwig im Erker und be⸗ zweifelte aufs neue dieſe Nachricht, als unter den vie⸗ len Löwenrittern, welche ſtündlich auf der Burg an⸗ langten, ſich einige, mit Schweiß und Staub bedeckt, hervordrängten, und dem edlen Greiſe kund machten, daß Graf Frohburg mit ſeinen zurückgekehrten Söh⸗ nen, ihren Weibern und andern Rittern ſich nahe, und ehe eine Stunde vergehe, in ſeine Arme ſinken würde 163 Allmächtiger Gott! rief der Alte frendig aus, ſo wars doch ungerecht, wenn ich immer noch an deiner grund⸗ loſen Barmherzigkeit zweifelte, du willſt mir alſo noch einmal, ehe du mich zu dir rufſt, die größte irdiſche Freude hienieden genießen laſſen! Dank, inniger Dank ſey dir! Ich muß ihnen entgegen, meine Zeit iſt kurz, jeder Augenblick raubt mir einen großen Theil meiner Freude. Ich werde meine Agneſe, ich werde meine tapfern Helden wieder ſehen! Gott, wie glücklich machſt du micht Kommt, kommt alle, und empfangt ſie mit Jubel! Schon lange konnte der matte Greis nicht ohne Stab im Gemache umherwandeln, aber die Freude ſtärkte ihn; der Stab entſank ſeiner Hand; er eilte mit ſtarken Schritten vorwärts. Ludwig ſprang zu ſeiner Unterſtütung herbei und leitete ihn. Der Kö⸗ nig folgte mit eben ſo großer Eile, ſein Herz war dankbar, es hatte noch nicht vergeſſen, welche Dienſte ihm der zurückkehrende Friedrich geleiſtet hatte, es freute ſich innig, ihn wieder grüßen und danken zu können. Die frohe Nachricht verbreitete ſich mit der Schnellig⸗ keit eines Blitzes in der ganzen Burg; alles folgte den Rufenden, auch in Adelheids Ohre erſcholl fie bald; ſie hatte ihrem Ludwig einige Monden Zzuvor einen Sohn geboren; ſie nahm den Säugling in ihre Arme und eilte den Brüdern und Schweſtern entge⸗ gen. Nur die immer noch trauernde Kunigunde wollte nicht Theil nehmen am allgemeinen Jubel. Ich würde ihn, ſprach ſie weinend, nur durch meine Thränen ſtö⸗ ren, denn er, den meine Seele liebte, kehri nicht in ihrer Mitte wieder. Ich ſah ihn todt, mir ward alle Hoffnung geraubt. ie allzu große Eile raubte bald wieder, was die Frende gewährte; der ſchwache Greis mußte ſchon im Vorhofe ſtille ſtehen und den Athem erwarten, der ihm 164 fehlte; aber die treuen Diener und Knechte erriethen ſeinen Wunſch, er war zu deutlich in ſeinem Geſichte zu leſen; ſie ſetzten ihren Herrn auf ihre Schultern und trugen ihn nach dem Thore. Unfern davon grün⸗ ten einige ehrwürdige Linden: unter ihren Schatten weilte der alte Held ehemals viele Stunden, weil man von da aus die ganze Gegend überblicken und auf alle Heerſtraßen ringsumher lugen konnte. Dorthin ließ ſich der gute Alte tragen, von dort wollte er ſeine Freude in der Ferne ſuchen, und entzückend zuſehen, wie ſie ſich Schritt vor Schritt nahe. Der Tag war heiter und ſchön, keine Wolke trübte den blauen Him⸗ mel, die Sonne lachte freundlich herab, und ein ſanf⸗ ter Morgenwind kühlte die brennende Hitze. Von allen Seiten nahten verſchiedene Haufen Ritter, welche dann den Schlangenpfad nach der Burg aufwärts begannen, bald unter den jungen Eichen und Buchen verſchwan⸗ den, bald wieder ſichtbar wurden. Alles, was in der Burg athmete, jung und alt, Inwohner und Fremde, waren dem Burgherrn gefolgt; ſie ſtanden um ihn her und ſtarrten mit ihm nach der Heerſtraße, welche ſich von Helvetien herabzog. Seht ihr noch nichts? fragte dann immer der gute Vater, deſſen ſchwaches Auge nicht mehr in die Ferne blicken konnte. O, rief er ungeduldig aus, wenn alle es verneinten, zählte ich erſt eure Jahre, mein Auge ſollte ſie ſchon längſt ent⸗ deckt haben, der entfernteſte Falke war ihm damals ſichtbar, wie ſollte ſo ein großer Haufe ihm entgehen könneni Einige neuangekommene Ritter vermehrten ſeine Sehnſucht, ſie verſicherten, daß ſie mit den Rei⸗ ſenden bis in ein nicht allzu weit entferntes Thal ge⸗ zogen wären und dort ſie erſt verlaſſen hätten. Aller Augen ſuchten nun die Kommenden, und fanden ſie nicht, weil alle in der Ferne ſuchten, was ſchon ſo mächtig nahte. Sinds nicht dieſe? rief endlich einer — 165 der Ritter, und zeigte mit der Hand am Berge hinab. Wo? Wo? fragten alle, und folgten ſeinem Zeichen⸗ Sie ſind's! Sie find'si ertönte es bald aus aller Munde. Ich erkenne Friedrichen! riefen einige. Ich ſehe der Weiber Schleier hoch in der Luft wallen“ riefen wieder andere. O könnte ichs doch auch ſehen, jammerte dann der arme Vater, und ßrengte ſein ſchwaches Auge vergebens an. Endlich nahten ſie ſich. Allgemeiner, inniger Jubelton empfing ſie; alle eilten tiefer hinab, ſelbſt der alte Farnsburg wankte nach. Agnes ſank zuerſt in ſeine Arme; er konnte nicht ſpre⸗ chen, nur mit Blicken demjenigen danken, der ſie ihm wiederſchenkte. Du biſt das Kind meines Herzens, ſprach er endlich, dir gehört der erſte Kuß und Gruß, aber die Früchte der Freundſchaft ſind auch füß, laß mich ſie genießen und ganz glücklich werden. Er ſank nun in die Arme Friedrichs und Heinrichs. Die ge⸗ liebte Schweſter Adelheid harrte des Grußes der Brü⸗ der, der Alte ſahs, und entließ ſie, um die übrigen Ritter alle zu umarmen. Jedes Glied meines Bundes iſt mir theuer, aber theuer und ſchätzbarer als alle ſeyd ihr mir, ſprach er zu ihnen, denn ich habe euren Verluſt tief empfunden. Der junge König hatte ſich nicht mit ins Gedränge gewagt, er ſah von Ferne der frohen Willkommsſcene zu, und fühlte ſie tiefer als alle, weil er ſie ganz überblicken konnte. Als der dichte Haufen ſich löste und nach der Burg kehrte, da eilte er erſt herbei, und ſank in Friedrichs Arme. Ich wohnte bisher, ſprach er, unbekannt unter dem Schutze des Löwens, aber da mein Freund und Retter zurückkehrt, ſo habe ich nichts mehr zu fürchten. Alle ſollen es wiſſen, daß ich dir Krone und Scepter danke, vaß ich ohne deine Tapferkeit mich nicht der Rechte meiner Geburt freuen könnte. Viele, die ihn noch nicht kann⸗ ten forſchten und fragten nun: Was die ſeltene Rede 166 bedeute? Sie freuten ſich hoch, als ſie hörten, daß der vornehme Unbekannte der ſicilianiſche König ſey. Wie dieſer alle bekannte Ritter umarmt und gegrüßt hatte, nahte ſich ihm endlich der alte Farnsburg und ſprach lächelnd: Eure Freude ward zu früh der Verräther eures Geheimniſſes, doch ſolls euern Abſichten nicht ſchaden. Blickt umher, und lest in aller Angeſicht die Freude, welche euer Vertrauen zu uns darin erregt hat, ich wette, daß in dieſem Augenblicke alle euch hul⸗ digen und eure Rechte zu vertheidigen ſchwören. Friedrich. Ihr ſpracht wie meine Seele dachte. Es lebe der König Friedrich! Es lebe der rechtmäßige Kaiſer der Deutſchen! Alle Ritter. Er lebe! Er lebe! Er lebe! Das Schild des Löwens ſchütze, das Schwert des Löwens vertheidige ſeine Rechte! Farnsburg. Hört ihr den Ruf? Wie klingt er euerm Ohre? Der König. Angenehm und lieblich! Ich kann jetzt nur danken, aber ich will mit Gottes Hilfe auch lohnen.— Friedrich. Die That lohnt ſich ſelbſt, ihr Werth würde durch fremden Lohn ſchwinden. Unter dieſem Geſpräche hatten ſie die Burg erreicht. Es ward dort beſchloſſen, daß dieſer und der folgende Tag ganz der Freude, ganz der Wonne des Wieder⸗ ſehens geweiht ſeyn ſollte; der Bundeshauptmann ge⸗ bot, und alle Ritter gürteten ab ihre Schwerter, ſchnall⸗ ten ab ihre Harniſche, um ſie im Gewande des Frie⸗ dens beſſer genießen zu können. Farnsburgs Veſte war anſehnlich und groß, ſie zählte der Gemächer viele, aber dieſe reichten bei weitem nicht zu, die verſammel⸗ ten Ritter zu faſſen: viele derſelben konnten nur zur Tagszeit im Vorhofe tafeln und zechen, und mußten die Nacht über Herberge in den nahen Hütten und 167 Dörfern nehmen. Doch ßtörte dies die allgemeine Freude nicht, jeder ſuchte ſie nach Kräften zu vermeh⸗ ren und ſich des Mitgenuſſes zu freuen. Wie die Willkommsbecher umhergingen, die Zurückgekehrten im⸗ mer noch neue Freunde fanden und begrüßten, wie die alten Väter traulich neben einander Platz nahmen und den Jubel mitgenoßen, da trat Eſchenbach mit Abvelgunden an der Hand zum Könige, der aus ähn⸗ licher Abſicht im Erker ſaß, um das frohe Gewühle beſſer überblicken zu können. Eſchenbach. Edler Herr, ihr habt alle, welche jetzt zurücktehrten, gegrüßt und mit Huld bewillkommt, nur dieſe nicht. Seht ihre Thränen, ſie wähnt, daß noch Zorn und Haß gegen ſie in euerm Herzen ruhe, daß ihr in dem unſchuldigen Kinde die Verbrechen des Vaters ſtrafen wollt. Der König. Gott mit mir! Iſt dies nicht Adel⸗ gunde? Nicht Zelanos Tochter2 Eſchenbach. Sie iſts. Euer gerechtes Urtheil verbannte ſie einſt an ihres Vaters Seite aus Sici⸗ lien und aus euerm Angeſichte. Sie kennt die Pflicht des Unterthans, die nie gegen ſeinen König enden kann, ſie weiß, daß Strafe der Uebertretung folgen muß, ſie würde ſich daher nie ohne Vergebung euerm Angeſichte genähert haben, wenn ſie hätte wähnen können, daß ſie euch hier finden würde. Der König. Edelſte eures Geſchlechts, ſeyd mir willkommen! eſie auf die Stirne küſſend) Seyd mir tau⸗ ſendmal willkommen! Ihr habt nichts verbrochen, ich kann euch nichts verzeihen. Eure beiſpielloſe, kindliche Liebe entriß meinem Lande einen Schatz, dem ich ſonſt um keinen Preis entſagt hätte. Immer gedachte ich dieſer und eurer. Höher ſtieg die Bewunderung und Verehrung eurer ſeltnen Tugend, als ich hörte, daß ihr dem Glanze des morgenländiſchen Throns entſag⸗ 168 tet, lieber im Gefängniſſe ſchmachten, als Aſiens künf⸗ tigem Beherrſcher eure Hand reichen wolltet. Wo iſt ein Weib eures gleichen? Wo eine Dirne, die edler handelte als ihr! Adelgunde. Mein Herr und König, eure grän⸗ zenloſe Güte kann mich wohl ſtumm machen, aber meinen Dank nicht vermindern, er ruht in meinem Herzen. Der König. Gönnt mir dort immer einen freund⸗ ſchaftlichen Platz, und ich werde mich glücklicher dün⸗ ken, als wenn ich auf dem Throne eines eroberten Landes ſäße.—— Heil mir, daß ich euer Herz doch mit einer angenehmen Nachricht erfreuen kann! Ihr kanntet eures Vaters Verbrechen? Adelgunde. Ich kannte ſie, aber mein Herz nahm nicht Antheil daran. Der König. Auch erwähnte ich dies deswegen nicht, ich wollte euch nur überzeugen, daß ich auch dieſe zu vergeſſen verſtehe, und daß Großmuth meinem Her⸗ zen keine fremde Tugend iſt. Vor einigen Monden fand ich euern Vater in Sicilien wieder. Adelgunde. Meinen Vater? So lebt er noch? Oder habt ihr—— Doch nein, ihr ſeyd ja ein groß⸗ müthiger König, ihr habt gewiß vergeben und vergeſſen! Der König. Ich vergab und vergaß. Er übte zwar neue Verbrechen in meinem Lande, er wollte— Adelgunde. Ihr habt ja vergeſſen!—— Der König. Ein gerechter Vorwurf, deſſen ich mich nicht würde ſchuldig gemacht haben, wenn ich nicht durch die Erzählung euern Dank, euer Wohlwol⸗ len zu vermehren gehofft hätte; doch ihr habt Recht, ſie ſind vergeſſen, und mir geziemts nicht, ihrer mehr zu gedenken. Euer Vater lebt jetzt aus eigner Wahl und folglich freiwillig in einem Kloſter meines Landes er will, ſo ſprach er ſelbſt, dort die Welt vergeſſen und ſeine Verbrechen bereuen. 169 Adelgunde. Heil mir! dann kann ich hoffen, ihn wenigſtens dort wieder zu ſehen, wenn mir auch hier dies Glück nicht werden ſollte. Der König. So wollt ihr nie nach Sicilien zu⸗ rücktehren, mir nie das Vergnügen gewähren, alle eure Freunde und Feinde zu überzeugen? wie ſehr ich euch ſchätze und ehre? Adelgunde. Die bewährten Freunde meines Kum⸗ mers und Leidens heiſchten von mir das Gelübde, ſie nie zu verlaſſen; ich leiſtete es. Sprecht ſelbſt: ob ich es ohne Meineid jetzt brechen könnte 2 Der König(ihre Hand ergreifend, auf Eſchenbach beigend). Zählt ihr dieſen Ritter auch unter eure Freunde2 Adelgunde. Allerdings! Der König. Wie ihr dies ſo haſtig ausſprecht. Seht nur, welche Freude ihr dadurch im Auge des Ritters geweckt habt; aber er hat volles Recht, auch ich würde mich innig freuen, wenn ich an ſeiner glück⸗ lichen Stelle wäre. Adelgunde. Er wagte um meinetwillen ſein Leben, er duldete mit mir die Angſt des Todes. Soll ich nicht dankbar ſeyn? Der König. Dankbar? Nut dankbar? Nicht noch mehr? O dies ſieht euerm guten Herzen nicht ähnlich. Adelgunde. Warum ſoll ich verſchweigen, was doch bald alle erfahren müſſen. Ich ſcheue mich nicht, in Gegenwart meines Königs frei zu bekennen, daß ich ihn liebe, daß ich bald ſeine Gattin zu werden hoffe. Der König qu Eſchenbachh. O ihr ſcyd ein glück⸗ licher Mann, glücklicher vielleicht als die Hunderte, welche uns umgeben! Ihr raubt meinem Reiche die ſchönſte, edelſte Dirne; euer Lvos wird beneidenswerth ſeyn. Die ihren Vater ſo gränzeulos liebte—— Mit welcher Zärtlichkeit wird ſie nicht an dem Gelieb⸗ ten ihres Herzens hangen? Seyd ihr in Deutſchland belehnt? begütert? 17⁰ Eſchenbach. Ich beſitze unfern von hier eine kleine, aber freie Veſte zum Erb⸗ und Eigenthum. Der König. Wenn Gott mein Vorhaben ſegnet, wenn er mich wirklich zum Herrſcher der Deutſchen beruft, ſo will ichs mehren nach Kräften. Adelgunde iſt eine Waiſe, und ich muß Vaterſtelle an ihr vertre⸗ ten.—— Doch was zaudre ich lange, da ich ja Macht in Händen habe, dieſe ſüße Pflicht ſogleich zu erfüllen(zu Adelgunden) Seyd ihr nicht die einzige Tochter eures Vaters? Adelgunde Ceuftend). Die einzige! Der König. Dann gebührt euch auch einzig und allein das Erbe eures Vaters. Das Recht ſprach mir zwar ſeine Güter zu; aber ich mag ſie nicht zum Nach⸗ theile ſeines unſchuldigen Kindes genießen. Ihr ſeyd von heute an die Beſitzerin derſelben; ſie ſind anſehn⸗ lich und groß. Euer Geliebter ſoll den Jünglingen meines Landes nicht allein die ſchönſte, ſondern auch die reichſte Dirne entführt haben. Nun werdet ihr doch einſt wieder nach Sicilien zurückkehren, und nach⸗ ſehen, was euch euer Vater hinterließ, als er das Kloſter wählte? Adelgunde. Großmüthiger, edler Herr, wie ſoll, wie kann ich danken—— Worte vermögen es nicht—— Der König. Ein Kuß lohnt mehr als dies cer rüßt ſie); ich bleibe folglich euer Schuldner, und mein die Pflicht, die große Schuld nach Kräften zu tilgen. (Eſchenbach umarmend) Ihr zürnt doch nicht, daß ich raubte, was euch nur freiwillig geſchenkt wird? Eſchenbach. Evler Herr, ſolch eines Raubes machte ich mich ſelbſt ſchon oft ſchuldig. Wie kann ich ſtrafen, was ich ſelbſt verbrach? Wie kann ich zür⸗ nen, wenn der großmüthige Vater ſein Kind küßt? Der König. Ihr erinnert mich zu rechter Zeit an meine noch nicht ganz erfüllte Pflicht.(er legt Ade Lgundens Hand in Eſchenbachs Rechte) Seyd ſo glücklich, wie ihr's verdient! Eure Liebe daure ſo lange wie meine Freundſchaft, dann wird ſie nur mit dem Tode enden. cer führt beide zum Sitze der alten Grafen) Seht, ich bin Vater worden, und habe eben das liebſte mei⸗ ner Kinder mit dieſem ehrſamen Ritter verlobt. Gu beiden) Es iſt die Gräfin Zelano, wenn ihr ſie noch nicht kennt. Ihres Vaters Güter fielen einſt mir heim, ich ſchenke ihr ſolche zum Brautſchatze wieder, und ihr müßt ſo lange Zeuge dieſer Schenkung ſeyn, bis ich Zeit gewinne, ſie ſchriftlich zu beſtätigen. Dieſe Worte, welche der König laut ausſprach, er⸗ regten die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden. Alles eilte zum Glückwunſche, zum Mitgenuſſe der neuen Freude herbei. Der alte Frohburg war der erſte, wel⸗ cher zwar des Königs edle That lobpreiste, aber ihm auch ſcherzend verwies, daß er ein Amt übernehme, welches ihm nicht gebühre. Ich wählte ſie ehe ſchon zu meinem Kinde, ſprach er, ich kann der glücklichen aterſtelle nicht entſagen. Friedrich bewies darauf, daß er ältere Rechte als ſein Vater habe, ſie ſchon im heiligen Lande zu ſeiner Tochter erwählte, und der alte Prieſter verwarf am Ende ſeine Gründe, und be⸗ hauptete, daß ihm allein nur dies Recht gebühre. Der König. Den edlen Zwiſt mag ſie ſelbſt ent⸗ ſcheiden. Adelgunde Aachend). Ich will's nach Kräſten. Gum Könige) Ihr ſeyd mein König und Herr, folglich auch mein Vater. Gum alten Prieſter) Ihr ſollt mich ſegnen, wenn ich mit meinem Eſchenbach zum Altare gehe. czu Friedrich und dem alten Grafen) Ihr ſollt neben mir ſtehen und Zeugen ſeyn, wenn ich ihm Treue und Liebe bis in den Tod verheiße. Seyd ihr damit zufrieden2 Alle. Wir ſinds! Wir ſinds! — Der alte Farnsburg. Nur ich nicht. Schöne Gräfin, ihr habt mich ganz vergeſſen, auch ich mache Anſpruch auf eure Freundſchaft, auch ich will euer Vater werden. Adelgunde. Auch euch will ich ein Amt beſtim⸗ men: Ihr ſollt am Tage unſers Glücks meinen künfti⸗ gen Gatten mit allen Ehrenzeichen eures Bundes zieren. Der alte Farnsburg. Nun, Eſchenbach? Hoffſt du ſie in ſo kurzer Zeit alle zu verdienen? Adelgunde. Hat ers nicht ſchon? Oder iſt dies kein Verdienſt in euern Augen, daß er ſein Leben für ſeine Brüder wagte? Im Gefängniſſe für ſie ſchmach⸗ tet? Mit ihnen zum Tode ging? Könnt, wollt ihr mehr noch fordern? Der alte Farnsburg. Sieh, ſieh! Wie ſchön, wie warm ſie ihn vertheidigt; aber ſie hat Recht: außerordentliche Thaten heiſchen außerordentlichen Lohn! Bald ſoll euer Wunſch erfüllt werden, aber dann for⸗ dere ich auch Lohn von euch. Adelgunde. Er ſoll euch werden, ich will euch meinen zweiten Vater nennen. Heinrich und Ludwig. Und uns Brüder? Agnes, Klara und Adelheid. Und uns Schweſtern? Adelgunde(ſehr gerührt). Dank! Dank euch allen! Ihr macht mich zu glücklich! Solch ein Glück konnte ich nie erwarten. Das Geſpräch nahm bald eine andere Wendung. Farnsburg forderte eine treue Erzählung aller Bege⸗ benheiten und Thaten, welche auf der Hin⸗ und Rück⸗ reiſe, dann im heiligen Lande ſich zugetragen hatten. Friedrich ward Erzähler derſelben, alle Gegenwärtigen vrängten ſich in dichten Reihen um ihn her, um alles hören und bewundern zu können. Ich übergehe die Fragen und Antworten, we lche dieſe Erzählung oft ſör⸗ ten. Schon nahie ſich der Abend, ſchon die Stunde zur Tafel, ehe ſie geendet war, aber keiner der Hor⸗ chenden wollte eſſen und trinken, bis er alles erfahren hatte. Hoch ſtaunte Farnsburg und ſeine Ritter mit ihm, als Friedrich die Geſchichte von Grafen Diepolds ſchneller Hinrichtung erzählte; nun ward ihnen mit einmal das ſeltene Räthſel gelöst, welches ſie ſo oft und anhaltend beſchäftigt und bis nach Sicilien gelockt hatte; nun wards ihnen klar und hell, daß eben die⸗ ſer Diepold der unbekannte Alte war, welcher beim Todtenmahle mit an der Trauertafel ſaß, und am Abende den Bundeshauptmann ſammt ſeinen Burgge⸗ noſſen ſo ſchrecklich getäuſcht hatte. Der alte Farns⸗ burg freute ſich ſehr, daß ihm noch vor ſeinem Tode dieſe Erklärung ward, weil es ihn in Stunden der Einſamkeit oft zum Nachdenken„zur Trauer verleitet hatte; aber er bedauerte auch eben ſo ſehr, daß der großmüthige Sultan diesmal ſo ſtreng gegen die Thä⸗ ter verfuhr, und ihm dadurch alle Hoffnung raubte, je zu erfahren, wie Diepold dieſe That mitten in einer wohlbewachten Burg ſo glücklich und ohne Entdeckung ausführen konnte? Er erinnerte ſich jetzt und rufte einige alte Ritter zu Zeugen auf, daß dieſer Graf Diepold in ſeinen Jünglingsjahren wirklich nicht allein in Schwaben lebte, ſondern auch Aufnahme in den Löwenbund gefordert habe; da er aber die Probe nicht beſtand und jene ihm nicht werden konnte, ſo war er von ſeinem alten Vater, welcher den Bund leidenſchaft⸗ lich liebte, zur Strafe ſeiner Feigherzigkeit verſtoßen worden, und zog damals, wie andere ſich erinnerten, unter der Fahne des Biſchofs von Bamberg nach dem heiligen Lande, wo er in der Folge wahrſcheinlich zum Verräther der Chriſten wurde und ſeinen Glauben ver⸗ läugnete. Rache über die Strafe, welche ſeine Feigheit einſt der Löwenritter wegen erduldete, war glfo vor⸗ 17⁴ züglich wohl die Triebfeder, mit welcher er dies aben⸗ teuerliche Unternehmen begann und ausführte. Als die lange Erzählung geendet hatte, erfüllte die allgemeine Freude wieder das Herz der Horchenden; auf aller Zungen ertönte das Lob des großmüthigen Sultans; mancher Becher ward auf ſein Wohl geleert, und ſeſt beſchloſſen, daß man, ſo lange er lebe und im heiligen Lande regiere, nie in dieſer Burg einen Heerzug wieder ihn beſchließen, nie gewaffnet gegen ihn ausziehen wolle. Die Nacht und der folgende Tag war wenig dem Schlafe, meiſtens nur der Freude ge⸗ widmet, ſelbſt die trauernde Kunigunde ließ ſich am andern Tage überreden, am Feſte Theil zu nehmen; oft glänzten zwar noch Thränen im Auge der verlaß⸗ nen Wittwe, aber ſie mühte ſich nach Kräften, ſolche zu unterdrücken, und lächelte den Wiedergekehrten freund⸗ lich entgegen, wenn ſie ihr die Hand reichten und ſie zur Vergeſſenheit ermahnten. Korradins Geſchenke waren unter dieſer Zeit ebenfalls angelangt; jeder Be⸗ ſitzer zeigte die ſeinigen den Freunden und Anverwand⸗ ten; alle erſtaunten über die Menge und Koſtbarkeit dieſer Geſchenke, wodurch mancher der Ritter in Stand geſetzt wurde, ſein Erbe auſehnlich zu vermehren, oder ſeinen künftigen Nachkommen ein neues zu gründen. Erſt am dritten Tage entbot der alte Bundeshaupt⸗ mann die Ritter nach dem Verſammlungsſaale; dieſer konnte die Menge nicht faſſen, ſie mußten ſich nur abwechſelnd nahen und ſeinen Vortrag anhören; er machte ihnen kund, daß der König von Sicilien ein Mitglied ihres Bundes zu werden wünſche, und be⸗ ſtimmte den vierten kommenden Tag zu ſeiner Auf⸗ nahme. Er hatte ſchon Ludwigen und die Ritter, welche mit ihm zurückgekehrt waren, ihrer erprobten Tapferkeit wegen zu Rittern des vierten Grads ernannt, er übte nun gleiche Gerechtigkeit an denen, welche mit 175 Friedrichen heimzogen; und da Eſchenbach die Fahne des Bundes gerettet hatte, und der Anführer derjeni⸗ gen war, welche die Gefangnen aus dem Thurme be⸗ freien wollten, ſo ward ſein Lohn noch mehr erhöht. Der Bundeshauptmann berief ihn am Ende unter die Zahl der Gefalbten, ſein Helm ward mit der Mähne des Löwens geziert, und er ſelbſt zum Anführer der Haufen ernannt. Die vier folgenden Tage waren zwar noch immer der Freude geweiht, aber die Ritter des vierten Gra⸗ des verſammelten ſich oft und beſprachen ſich über die Aufnahme des jungen Königs. Der alte Farnsburg entdeckte ihnen ſeine Meinung; alle kamen darin über⸗ ein, daß man zu ſeiner Aufnahme ganz andere Pro⸗ ben ordnen müſſe, daß Muth und Entſchloſſenheit wohl den königlichen Thron ziere, aber perſönliche Tapferkeit eben nicht die größte Tugend eines Königs ſey, weil dieſe Land und Leute oft der Gefahr ausſetze, ihren geliebten Beherrſcher zu verlieren. Da ſeine Abſichten, ſprach Farnsburg, offen vor uns liegen, da er An⸗ ſpruch auf die deutſche Krone machen wird, und als Mitglied unſers Bundes auch unſern Beiſtand mit Recht fordern kann, ſo müſſen wir vorzüglich forſchen: ob er wirklich die Tugenden beſitzt, welche einen Re⸗ genten ſo liebenswerth, ſo verehrungswürdig machen? Ob er Muth genug hat, ſeine gerechten Anſprüche ge⸗ gen Uebermacht und Gewalt zu vertheidigen? Ob er ſein Wohl nur in der Glückſeligkeit ſeines Volkes ſucht, nicht nach Gunſt und Fürſprache, ſondern nach Billig⸗ keit und Recht richtet? Ob er Frieden liebt, nicht zum Vortheil ſeiner Größe, ſondern zur Vertheidigung ſei⸗ nes Volkes und Reichs die Waffen ergreift, aber auch lieber den Tod, als ſchimpflichen Frieden wählt? Dies muß der Endzweck unfrer Proben ſeyn, dies muß ent⸗ ſcheiden; ob unſer Bund ſich einſt des Tages ſeiner Aufnahme freuen und ihn unter die Glücklichſten zäh⸗ len kann? Indeß der Bundeshauptmann mit ſeinen Geprüften alles zur Ausführung dieſes Plans ordnete, um mit mehr Ueberlegung handeln zu können und den Tag der Aufnahme abſichtlich verzögerte, fing der junge König an, Argwohn gegen die Treue der Löwenritter zu ſchöpfen. Ihre geheimnißvolle und daher oft kalte Miene, mit welcher ſie vor ihm erſchienen, das heim⸗ liche Liſpeln und plötzliche Schweigen, wenn er ſie von ungefähr überraſchte, vermehrte ſeinen Verdacht. Er ſah ein, daß es ganz in ihrer Macht ſtehe, ihn unglück⸗ lich zu machen, daß er daher nicht weiſe und klug ge⸗ handelt habe, als er, nur von einigen Wenigen beglei⸗ tet, ſich nach Deutſchland wagte, wo Otto noch ſehr viele Anhänger zählte, und wenn er durch glänzende Verſprechungen die Löwenritter an ſich locke, ihm Frei⸗ heit und Krone auf immer rauben könne.— Wie er einſt an einem ſchönen Abende mit dieſen und ähnli⸗ chen Gedanken in der Burg umherwandelte, abſichtlich zur beſſern Beherzigung die Einſamkeit ſuchte, und im entfernteſten Hinterhofe auf und ab ging, ſah er einen unbekannten Reiſigen durch ein kleines Pförtchen herein⸗ ſchleichen und ſchüchtern umherblicken. Er trat abſeits, um ihn im Vorübergehen beſſer betrachten zu können, aber der Reiſige erblickte und näherte ſich ihm. Der Reiſige. Ihr ſeyd doch einer der Ritter des Löwens? Der König. Ich bins. Der Reiſige. Könnt mir alſo wohl mit Ge⸗ wißheit ſagen: ob König Friedrich noch auf dieſer Burg weilt? Der König. Noch iſt er hier. Der Reiſige. Dank euch für die angenehme Nach⸗ richt, ſie wird das Herz meines Herrn ſehr erfreuen. Der König. Wie nennt ſich dein Herr? Der Reiſige. Hm! Ihr ſeyd ſehr neugierig. Wenn ihr wirklich einer von den Sbern des Bundes und in ſeine Geheiiniſſe eingeweiht ſeyd, ſo werdet ihrs leicht errathen können. Der König. Ihr ſeyd Ottos Abgeſandter. Der Reiſige. Wohl geſprochen! Ihr müßt alſo ſchon unterrichtet ſeyn? Der König. Ich bins vollkommen. Der Reiſige. So kann ich mich euch auch ohne Rückhalt vertrauen. Mein Kaiſer Otto ſendet mich zu euerm Hauptmann, ich habe ihm ein Schreiben wich⸗ tigen Inhalts zu übergeben. Die geheime Pforte, durch welche des Kaiſers Boten ungeſehen in die Burg gelangen können, war mir ſchon lange bekannt, aber der Weg zu euerm Hauptmanne ſcheint mir der vie⸗ len Gäſte wegen unſicher. Ihr werdet ihn und mei⸗ nen Herrn daher gleich ſtark verbinden, wenn ihr ihm ingeheim meldet, daß im hinterſten Vorhofe ein Bote ſeiner harrt und zu ſprechen wünſcht. Der König. Gern, mein Lieber, wollte ich deine Bitte erfüllen und mich dadurch der Gunſt deines Kaiſers würdig machen, aber unſer Hauptmann ſpielt eben mit dem Könige Schach, das Spiel begann erſt jetzt und wird ſchwerlich vor der Abendtafel enden. Du weißt, daß dies Spiel keine Störung erlaubt, und wagte ich ſie doch, ſo könnte mein Eifer leicht des Königs Aufmerkſamkeit, vielleicht gar ſeinen Arg⸗ wohn erregen. Der Reiſige. Ihr habt Recht, aber es iſt nicht gut, daß ihr Recht habt, der Auftrag iſt dringend und die Zeit koſtbar. Der König. Iſt dir der Inhalt des Schreibens bekannt? Der Reiſige. Laßt mich dieſe ng an euch Löwenritter 3. 178 ſtellen, und beantwortet ihr ſie gut, ſo nehme ich kei⸗ nen Anſtand, euch das Schreiben anzuvertrauen, da⸗ mit ibrs bei der erſten möglichen Gelegenheit dem Hauptmanne überantworten könnt. Ich harre dann (auf das Pförtchen zeigend) im Ansfalle, bis mir Ant⸗ wort wird. Der König. Wenn ich nicht ganz irre, ſo betriffts den König Friedrich? Der Reiſige. Richtig; aber ihr müßt noch mehr wiſſen, wenn ihr mein Vertrauter werden wolit. Der König. Auch weiß ichs; es betrifft ſeine Gefangennehmung. Der Reiſige(ihm das Schreiben reichend). Ihr ſeyd wohlunterrichtet. Gebt wohl Acht, daß ihrs ſo⸗ bald als möglich übergebt, denn mein Kaiſer harrt ſehnlich auf Antwort. Kann er durch deutliche Be⸗ weiſe die edlen Sicilianer überführen, daß der König wirklich gefangen iſt, daß ſie ſeine Rache nicht mehr zu fürchten haben, ſo huldigen ſie ihm freiwillig, und er erobert Sicilien ohne Schwertſtreich. Der König(ſich faſſend). Das wäre herrlich, dann könnten wir alle den Lohn unſrer That hoffen. Der Reiſige. Er wird euch auch im vollen Maße werden, und, wenn ich nicht ganz irre, ſo ſichert ench dies Schreiben denſelben ſchon hinlänglich. Der König. Heil dann uns! Harrt nur meiner im Ausfalle, ehe die Nacht anbricht, erhaltet ihr ge⸗ wiſſe Antwort. Der Reiſige. Fördert ja die That, denn Eile wird den Lohn vergrößern. Der König. Allzu haſtige könnte ihn aber ver⸗ nichten, darum zagt nicht, wenn ich etwas ſpäter er⸗ ſcheine, euch vielleicht ſchon Rachricht vom glücklichen Erfolge bringe. Der Reiſige. Das gebe Gott, ich will indeß — ——— beten, daß die That raſch und wohl gelingen mögt. Friedrich eilte mit dem Schreiben nach dem Gar⸗ ten; ihm ſchauderte vor der Gefahr, in welche ihn ſeine Unvorſichtigkeit geſtürzt hatte; er war noch un⸗ entſchloſſen: ob er das Schreiben öffnen oder ſogleich enifliehen und ſich aus der verrätheriſchen Burg ret⸗ ten ſollte? Heiße Thränen traten oft in ſein königli⸗ ches Auge, wenn er überlegte: wie edel, wie uneigen⸗ nützig die Ritter des Löwens in Sicilien an ihm ge⸗ handelt hatten, und wie ſie jetzt dieſe That durch treu⸗ loſe Verrätherei, durch Verletzung der Gaſtfreiheit ver⸗ nichten wollten. Er hatte wohl Veränderung in ihrem Betragen gemerkt, den Einfluß ſeines Nebenbuhlers geahnet, aber doch nie erwartet, daß er ſo ſchnell, ſo mächtig wirken werde. Unter dieſen Betrachtungen er⸗ reichte er einen einſamen Platz, und beſchloß, ſich durch die Eröffnung des Schreibens von der Wahrheit zu überzeugen. Er zitterte und bebte, als er folgendes las:„Lieber Getreuer! Der Erzbiſchof von Mainz, euer thätiger Bundesgenoſſe, hat mir durch Eilboten die frohe Nachricht geſandt, daß er durch liſtige Ver⸗ ſprechungen den jungen König Friedrich nach Deutſch⸗ land und glücklich in eure Falle gelockt habe. Ich erfuhr durch getreue Kundſchafter den Tag ſeiner Ab⸗ reiſe, ehe er ſie begann; um allen Verdacht eines Verſtändniſſes zwiſchen uns aus ſeiner Seele zu ent⸗ fernen, ihn zur Ausführung ſeines Plans nur noch mehr zu reizen, verlegte ich mit meinen Haufen ab⸗ ſichtlich die Straßen, welche nach Deutſchland führen, und ließ es ihm durch ſcheinende Verräther weislich kund machen, daß ich ſie verlegt hatte, denn in Zta⸗ lien hätte mir ſeine Gefangenſchaft doch nichts genützt, weil er dort noch viele Anhänger beſitzt und Tauſende zu ſeiner Befreiung gegen mich aufgeſtanden wären. Die Abſicht gelang vollkommen; er entfloh heimlich 180 aus ſeinem treuen Lande, gabs der Verführung mei⸗ ner Getreuen Preis, und nahm ſeinen Weg über Ty⸗ rol und Chur. Ich ließ ihn ruhig ziehen, und lächte oft des Knabens, der einem bunten Vogel nacheilt, und, ehe ers wähnt, in die Pfütze fällt. Ich hoffe, daß er bei euch nun ſicher und gut angelangt ſeyn wird, und daß ihr eure Zuſage getreu und redlich erfüllen werdet. Verwahrt ihn eng und feſt, denn ſeine Flucht würde euch und mir ſchaden. Ewiges, unbekanntes Gefängniß muß ſein Lvos ſeyn, wenn er nicht bündig und ſchriftlich in Gegenwart erbetener Zeugen den Anſprüchen auf die Krone der Deutſchen entſagen will. Macht ihm dies kund, und fügt hinzu, daß, wenn er ſich meiner Abſicht willig unterwirft, ich ihm dagegen mit Ehre und Wort gelobe, daß er binnen Jahresfriſt ſeine Freiheit, zu ſeinem Unterhalte aber einen angeſehnen und guten Beitrag erhalten ſoll. Will er ſich aber dieſer großmüthigen Bedingung nicht in Güte fügen, ſeht ihr ein, daß er es auch in Zukunſt nicht thun wird, ſo wäre es, wenn ihr an⸗ ders meines Rathes achten und euch meiner Gnade ganz würdig machen wollt, am beſten, wenn ihr ihn durch einen kühnen Dolchſtoß oder durch ein wirken⸗ des Gift aus der Welt fördert, dann ſeyd ihr und ich aller Sorge enthoben, dann können eure Kinder ohne Furcht den herrlichen Lohn eurer That genießen. Ver⸗ ſucht, wenn es euch behagt, erſt die gelinden Mittel, aber, wenn ihr ganz heldenmäßig handeln wollt, ſo ſpielt nicht lange mit dem Knaben, ein feſter Druck, und er ſinkt hin ins Reich der Vergeſſenheit, aus wel⸗ chem noch keiner zur Rache wiedergekehrt iſt. Endet ihr gut, und ſo wie ichs wünſche, ſo bürgen euch; meine vorigen Schreiben dafür, daß euer Sohn Her⸗ zog in Schwaben wird, und ich ſo lange kein offnes ehn an einen Freisden verleihe, bis nicht alle Ritter 181 eures Bundes wenigſtens eins derſelben beſitzen. Fühlt die Größe des Lohns und handelt darnach.“ Noch konnte der arme, betrogne König ſich dicht faſſen, noch wußte er nicht, wie er ſicher und ſchnell die verrätheriſche Burg verlaſſen und den Nachſtellun⸗ gen des Treuloſen, aber auch mächtigen Bundes ent⸗ fliehen ſollte, als er ſtarkes Geräuſch und Waffenge⸗ klirre hinter ſich hörte. Seine Rechte berührte verge⸗ bens die linke Seite, er fühlte erſt jetzt, daß er un⸗ bewaffnet ſey und ſich nicht einmal gegen den gering⸗ ſten Ueberfall vertheidigen könne. Er trat hinter den dicken Stamm einer Eiche, und ſah, daß ein Haufe bewaffneter Löwenritter ſorgfältig in der Gegend um⸗ herſpähe; er zog die nahen Sträucher leiſe an ſich, und ſuchte ſich unter ihrem dicken Laube zu verbergen. Einer der Ritter. Ich ſehe ihn nirgends. Ein Anderer. Und doch ſchwöre ichs euch, daß ich ihn vor kurzem hier umherwandeln ſah. Der Erſte. Wahrſcheinlich um das geraubte Schrei⸗ ben zu leſen. Aber warum auch Otto den dümmſten ſeiner Knechte mit ſo wichtigem Auftrage abſandte? Konnte man ſichs wohl träumen laſſen, daß er eben ihm das Schreiben überantworten werde? Ein Anderer. Wer weiß, obs auch wirklich ge⸗ ſchah? Noch iſts nur Vermuthung, nicht Gewißheit⸗ Der Erſte. Vermuthung? Beſchrieb ihn nicht der Bote aufs deutlichſte? Wer unter uns trägt ein reich⸗ geſticktes Wamms? Sahen ihn nicht ſelbſt einige Rit⸗ ter mit einem Schreiben in der Hand nach dem Gar⸗ ten wanken? Der Zweite. Selbſt, wie ich ihn hier herumwan⸗ deln ſah, hielt ers noch feſt darin. Der Erſte. Und ihr wollt noch zweifeln, nur ver⸗ muthen, was doch ganz gewiß iſt?—— Wenn er entflohen wäre! 182 Ein Anderer. Dann ſtünde es übel mit uns, dann würden wir uns keines kaiſerlichen Lehns zu freuen haben. Kommt, kommt, daß wir ihn finden und es verdienen. Sie waren während des Geſprächs oft am Stamme der Eiche vorübergegangen, hatten zum Glücke nicht rückwärts geblickt, und gingen nun tiefer hinab, um weiter zu ſuchen. Der leidende Friedrich bedauerte jetzt herzlich, daß er erſt im Garten die Gewißheit ſeines Unglücks zu entdecken ſuchte, nicht ſogleich ent⸗ floh und ſein Leben rettete. Er beſchloß, unter dem Strauche die Dunkelheit zu erwarten, und dann zu verſuchen: ob er etwann unerkannt das Pförtchen des einſamen Vorhofs erreichen und durch dieſes ſich ret⸗ ten könne; aber ehe die Sonne unterging, kam ein neuer Haufe der Ritter in dieſe Gegend; er ſuchte emſiger, und fand den verſteckten König. Der Anführer des Haufens. Edler Herr, warum laßt ihr euch ſo lange ſuchen, warum ver⸗ bergt ihr euch gleich einem, der böſe That übte. Der König(mit Stolze). Dieſe iſt meinem Her⸗ zen fremd, aber wenn Böſewichte die Erde beherr⸗ ſchen, wenn treue Freunde zu Verräthern werden, wenn ſie ſich durch glänzende Verſprechungen zur Ver⸗ letzung der heiligen Gaftfreiheit verleiten laſſen, dann muß der Redliche oft dem wüthenden Sturme aus⸗ weichen, und hinter Hecken und Felſen ſeine Zuflucht ſuchen. Der Anführer. Ich verſtehe eure Rede nicht, bin von unſerm Hauptmanne blos abgeſandt, euch zu fragen: warum ihr mit ſeiner Freundſchaft Spott treibt, die Rechte derſelben mißbraucht, und den Boten, die an ihn geſandt ſind, hinterliſtig das Schreiben und ihren Auftrag ablockt? Der König. Läßt er dies wirklich mich fragen2 Mich? Mich? . Der Anführer. Dies iſt ſein Auſtrag, und ich orwarte eure Antwort. Der König. Sagt ihm, daß ſein kaltes, geheim⸗ nißvolles Betragen ſchon lange Verdacht gegen ſeine Freundſchaft in meinem Herzen weckte, daß die Pflicht der Selbſterhaltung mich zur nähern Unterſuchung ver⸗ leitete, daß ich endlich ſo glücklich war, vollgültige Beweiſe zu finden. Der Anführer ckath. Ich will eure Botſchaft wörtlich hinterbringen. Ob Trotz in ſolchen Umſtän⸗ den die Sache nicht noch mehr verſchlimmert, über⸗ laſſe ich eurem eignen Nachdenken. Indeß habe ich noch andre Aufträge an euch: Unſer Hauptmann for⸗ dert das Schreiben zurück, welches ihr ſo widerrecht⸗ lich abnahmt, vielleicht gar entſiegelt habt. Der König creicht ihm das offne Schreiben). Da nehmts, und erröthet mit ihm über euer Bubenſtück. Der Anführer. Ihr habts wirklich eröffnet? Ich bedaure euch, euer Loos iſt nun entſchieden. Der König(mit Hohn). Seht nür, wie ich zittre und bebe! cbitter lachend) Als ob dieſe That mein Schickſal verſchlimmern könnte. Ihr ſucht Urſache zur Fehde, ich habe ſie euch geliefert, handelt nach Wohl⸗ gefallen. Heil euch, wenn dieſe elende Ausflucht euer Gewiſſen einſchläfern kann, dann wird die Welt. noch manche ähnliche That von euch erfahren, und die Nachkommenſchaft eures verruchten Bundes mit Schau⸗ dern gedenken. Euch verzeihe ich jede Mitwirkung im Voraus, ihr ſeyd das blinde Werkzeng des alten Bö⸗ ſewichts, der euch durch ſüße Früchte zur Pflege des Laſters zu reizen ſucht; aber er, der als ein ſchwa⸗ cher Greis umherwankt, nur noch wenige Tage zu leben hat, nicht genießen kann, womit der Verführer lohnen will, und bald vor Gottes gerechtem Richter⸗ ſuhle Rechenſchaft ablegen muß, er ſollte billiger, ge 184⁴ rechter handeln, und bedenken, daß das Blut des Ge⸗ ſalbten Rache heiſchen, Rache erhalten wird. Der Anführer. Edler Herr, es iſt möglich, daß ihr wahr ſprecht, aber mich bindet Schwur und Pflicht, ich muß dieſer gemäß handeln, und darf nicht hinter den Vorhang blicken, welcher wahrſcheinlich die weiſen Urſachen und Beweggründe bedeckt, warum unſer Hauptmann eben nur heute und vorzüglich an euch unedel zu handeln ſcheint. Der König. O ihr armen Betrognen, reißt die Binde vom Auge, zerhaut mit eurem Schwerte den dichten Vorhang, und ihr werdet hinter dieſen euren Führer als einen reißenden Tiger erblicken, welcher die Unſchuld mordet und ſich mit ihrem ſüßen Blute mäſtet. Der Anführer. Möglich, aber nicht wahrſchein⸗ lich. Ich handle nach den Vorſchriften meiner Pflicht, dieſe kann mich nicht irre führen. Ich kann es euch daher nicht bergen, daß ich gemeßnen Auſtrag habe, wenn ich das Schreiben offen in eurer Hand erblicke, euch ins Gefängniß zu führen. Der König(unter den Haufen tretend). Ich folge euch willig, denn Widerſtand kann nichts nutzen. Rit⸗ ter, es ſteht in eurer Macht, mich ganz unglücklich zu machen, aber, wenn ihr nicht vollkommne Böſewichte ſeyd, mich auch glücklich zu retten. Kann Belohnung eure Herzen reizen, kann dieſe das Gefühl der Tugend in euch wecken, ſo verſpreche ich euch die größte und ſchönſte. Führt ihr mich nicht ins Gefängniß, kann ich durch euern Beiſtand aus der verrätheriſchen Burg entfliehen, ſo ſollt ihr als die Nächſten an meinem Throne ſtehen, ſo ſoll jeder eurer Wünſche erfüllt, ſo ſollt ihr die glücklichſten Menſchen auf Erden werden⸗ Die Ritter. Wir haben dem Bunde Treue ge ſchworen, wir dürfen, wir können nicht meineidig werden⸗ 185 Der König. Gott! welche blinde Ergebenheit, welche unerſchütterliche Treue! O welche herrliche Tha⸗ ten könntet ihr verrichten, wenn euer Hauptmann euch zum Guten anführte, eure Standhaftigkeit zum Schutze, zur Vertheidigung des Gerechten benützen wollte. Ich bedaure euch, aber ich kann euch nicht haſſen. Führt mich ins Gefängniß, führt mich zum Tode, euch will ich nicht anklagen, über euch nicht Rache erflehen. Er folgte ſtillſchweigend dem Hauſen, welcher ihn mit blanken Schwertern umgab, durch die Vorhöfe der Burg nach einem kleinen Gefängniſſe führte, und die Thüre ſorgfältig hinter ihm verſchloß. Eine kleine Lampe verbreitete ſparſames Licht in dieſem dunkeln Kerker, der keine Oeffnung, kein Fenſter hatte, durch welches das Licht des Tages ſeine Dunkelheit vermin⸗ dern konnte. Wenn dies, ſprach der König zähnknir⸗ ſchend zu ſich ſelbſt, meine ewige Wohnung ſeyn, wenn ich hier bis zum hohen Alter meine Tage vertrauern, verſchmachten ſoll, ſo wird Verzweiflung mich tödten, und eine Qual enden, die ich zu ertragen nicht fähig bin. Ehe eine Stunde verfloß, hörte er die Riegel der Thüre raſſeln; ſechs geharniſchte Ritter traten mit geſchloßnem Viſire herein. Der erſte derſelben hielt eine Schrift in ſeinen Händen, der zweite ſtellte Schreibgeräthe auf den Tiſch, die übrigen zogen ihre Schwerter und nahmen Platz an der Thüre. Der erſte Ritter. Gefangner, ich bringe dir⸗ unſers Hauptmanns Gruß. Der König. Ich bin König, und fordere Ehr⸗ furcht. Der Erſte. Du warſt, aber du biſts nicht mehr. König. Nur der Tod kann mir dieſe Würde rauben. Der Ritter. Ich komme nicht, mit dir über Dinge zu hadern, welche mich nichts angehen Ich 186 bringe dir Botſchaft, und fordre, daß du fie ruhig anhörſt. Der König. Du forderſt es? Ha, daß es ſo weit mir kam, daß ich dies geduldig anhören muß und es nicht rächen darf! Wie lautet deine Botſchaft? Der Ritter. Ganz kurz, aber auch eben ſo drin⸗ gend. Du haſt doch das Schreiben, welches vu ver⸗ rätheriſch erbrachſt, auch wohlbedachtſam überleſen? Der König. Ich fordere Ehrfurcht, und werde nicht antworten, wenn du fortfährſt, mich gleich einem Leibeignen zu behandeln. Man nennt den König nicht Du, man ſpricht nicht durch verſchloßnes Viſir mit ihm. Der Ritter. Um durch eure Hartnäckigkeit nicht noch mehr den Zorn des ergrimmten Löwen zu rei⸗ zen, will ich, ohne weitre Anfrage, euch beides ge⸗ währen eer zieht ſein Viſir auf. Seyd ihr nun zufrieden? Der König. Ich bins, und will euch antworten: Ich habe das verrätheriſche Schreiben mit Aufmerk⸗ ſamkeit geleſen, mich ganz von Ottos ſchwarzen Ab⸗ ſichten, von der noch ſchwärzern Untreue, dem ſchänd⸗ lichen Meineide eures Bundes überzengt. Der Ritter. So werden euch zweifelsohne auch die Bedingungen nicht unbekannt ſeyn, unter welchen ihr eure Freiheit wieder erhalten und einſt noch glück⸗ liche Tage genießen könnt? Der König(acht bitter). Der Ritter. Iſt das eure ganze Antwort? Der König. Sie iſts, und wirds ewig bleiben. Der Ritter. Ihr wollt alſo nicht, um eure Frei⸗ heit zu gewinnen, der Krone und dem Scepter ent⸗ ſagen? Wollt nicht freiwillig abtreten, was ihr doch nie mehr beſitzen könnt. Der König. Nein, ich wills nicht thun. Der Ritter. Wollt nicht dieſe Schrift, welche die Entſagung enthält, in unſrer Gegenwart unter⸗ zeichnen? 187 Der König. Frage mich, ſo lange du lebſt, laß deine Kinder dieſe Frage bis zu meinem Tode wie⸗ derholen, und ich werde dir und ihnen mit immer⸗ währendem Nein antworten. Der Ritter. Laßt euch warnen, werachtet den Rath eines Mannes nicht, der zwar ſeine Pflicht ſtreng erfüllen wird, aber doch Mitleid mit eurer blühenden Jugend hat. Glaubt ihr wohl, daß wir, wenn ihr die Unterſchrift hartnäckig verweigert, euch dieſen Platz lange gönnen werden2 Uns iſts nur allzu wohl be⸗ kannt, daß ihr in Italien und ſelbſt in Deutſchland noch viele Anhänger zählt, ſollen wir ewig und un⸗ thätig die Thüre eures Kerkers bewachen? Sollen wir immer hoffen und fürchten, nie in Ruhe den Lohn unſrer That genießen? Ihr irrt, wenn ihr dies wähnt, euer Schickſal muß bald entſchieden ſeyn, ſonſt endets der Tod. Der König. Und ich ſterbe als König. Der Ritter. Dieſer Wunſch kann, wird bald er⸗ füllt werden. Noch einmal: Ihr wollt alſo nicht un⸗ terzeichnen? nicht freiwillig entſagen? Der König. Gebt mir die Schrift. Der Ritter. Hier iſt ſie. Der Zweite. Hier auch das Schreibgeräthe. Der König clächelnd)d. So haltet ihr mich wirk⸗ lich dieſer Niederträchtigkeit fähig 2 Ich will euch vom Gegentheile überzeugen(er zerreißt die Schrift und wirft ſie den Rittern vor die Füße). Da, geht, und meldet eurem Hauptmanne, wie ich ſie unterzeichnet habe. Der Ritter. Armer Jüngling, du dauerſt mich, deine hartnäckige Weigerung hat dein Todesurtheil geſprochen. Widerrufe, oder es wird noch dieſe Nacht an dir vollzogen. Der König. Heil mir und Dank euch, daß ihr nicht länger zögert, ich will lieber heute noch ſterben, 188 als Jahrelang in der verrätheriſchen Burg in Geſell⸗ ſchaft heilloſer Buben wohnen, welche mit Ehre und Schwur ein ſchändliches Spiel treiben, durch Liſt und Verſtellung die Unſchuld in ihre Räuberhöhle locken, um ſis ungehindert ermorden zu können. Der Ritter. Bedenkt, daß euer Schimpf unſere Rache nur noch mehr entflammt, daß dieſe die Todes⸗ qual verlängern kann. Der König. Geh! Geh! Deine Drohungen ſchrecken mich nicht. Bitter wird der Tod unter den Händen der Verräther ſchmecken, aber ſüß die Erin⸗ nerung ſehn, daß der Gerechte ihn gewiß blutig an euch rächen wird. Der Ritter. Ich frage zum letztenmale—— Der König. Geh, und erzähle, was du gehört haſt. Die Ritter ſchieden; nach kurzer Zeit kehrten ſie aber zurück; in ihrer Mitte ging ein anderer Ritter, ſeine Trauerrüſtung war mit Flor behangen, er trug einen bedeckten Becher in ſeiner Rechten und ſtellte ſich neben dem Könige. Einer der Ritter. Die Langmuth des Bundes hat geendet, wir bringen dir den Tod, und haben den ernſten Auftrag, nicht eher zu ſcheiden, als bis du dieſen Becher geleert haſt. Der König. Schrecklich! Ach mehr als ſchreck⸗ lich! Sie waren einſt meine Freunde, und tödten mich jetzt mit Gift. Der Ritter. Deine Hartnäckigkeit zwang uns dieſen Entſchluß ab, den mein Hauptmann gerne än⸗ dern will, wenn du dich nicht länger weigerſt, zu ent⸗ ſagen und zu unterzeichnen. Der König. Euer Hauptmann iſt doch ein groß⸗ müthiger Ritter, die Nachwelt wird ſeine Thaten mit Ehrfurcht erzählen: er läßt der Unſchuld die Wohl 189 zwiſchen Tode und Schande. Sprecht, was würdet ihr wählen? Der Ritter. Freiheit und Leben. Der König. Wenns mit Schande verbunden iſt? Der Ritter. Freiheit iſt ein edles Gut, und das Leben ſchmeckt ſüß. Der König. Ah! daß ich auch euch nur fragen konnte?—— Kann ich nicht Friedrichen, den Sohn des Grafen Frohburgs, ſprechen? Der Ritter. Nein, ihr könnt ihn nicht ſprechen. Der König. Warum nicht? Der Ritter. Was kanns helfen, wenn ichs euch erzähle, daß er und ſein Bruder beinahe die einzigen waren, welche ſich dem Urtheile des Hauptmanns wi⸗ derſetzten, laut zu euerm Gunſten ſprachen, und den Hauptmann zwangen, beide nach dem Kerker zu ſenden. Der König. Wie? Und dies um meinetwillen? Ha, dieſe Nachricht thut meinem Herzen weher, als der Tod ſelbſt. So gabs unter den Tauſenden doch noch zwei Redliche? Und dieſe ſchmachten gleich mir im Kerker? O ihr Guten, könnte ich in euren Armen ſterben, dann würde ich die Angſt des Todes weniger fühlen. Und Ludwig, der Sohn eures Hauptmanns? Der Ritter. Wir haben ihn ſchon als künftigen Herzog von Schwaben begrüßt, er fühlt ſein Glück und freut ſich deſſen. Der König. Pfui, das iſt ſchändlich! Von ihm hätte ich dies nicht erwartet. Was ſpricht Eſchenbach, den ich mit Wohlthaten an mich feſſelte, hat er ihrer vergeſſen? Der Ritter. Nein, er gedenkt ihrer noch im Kerker, der ihm, ſeines Widerſpruchs wegen, gleich Frohburgs Söhnen zu Theil ward. Der König. Alſo noch einer! Wenig, ſehr we⸗ nig, aber doch ein Troſt für dieſes Herz. Wiſſen die Weiber mein unglückliches Schickſal? 190 Der Ritter. Wir ſind Männer, die nach eignem Willen handeln, und des Rathes der Weiber nicht be⸗ dürfen. Sie wiſſen es nicht! Doch da es das Anſe⸗ hen gewinnt, als ob ihr durch unnütze Fragen nur die koſtbare Zeit tödten wollt, ſo muß ich euch an den Endzweck meiner Sendung erinnern, mein Hauptmann heiſcht ſchnelle Nachricht, erklärt euch alſo deutlich: Wählt ihr Unterſchrift und Entſagung, oder einen Trank aus dieſem Becher? Der König. Hm! Hm! Der Ritter. Ihr müßt antworten. Der König. Wenn ichs aber nicht thue? Der Ritter(einen Dolch aus ſeinem Buſen ziehend)⸗ So endet dieſer Freund euern Starrfinn. Der König. Wirklich? Du biſt alſo der Henker des Bundes, ich neide dir dein Amt nicht, die Ver⸗ antwortung wird einſt groß ſeyn. Ich entſage, ich unterſchreibe nicht. Der Ritter. So bleibt dir die Wahl zwiſchen Becher und Dolch. Zögere nicht länger, ſonſt muß ich enden. Der König. Wenn ich den Becher leere, wie lange kann ich dann noch leben? Der Ritter. Wenn du ihn bis auf den letzten Tropfen leerſt, höchſtens noch eine Stunde. Der König. Ah, ein ſchaudervoller Tod, aber ihr ſeyd grauſam genug, mir keine Zeit zu gönnen; ich habe noch manches zu bereuen, ich muß ihn wäh⸗ len. Wohnt in eurer Mordhöhle ein Prieſter, kann ich mit dieſem ſprechen? Der Ritter. Wir fordern nur dein Leben, nicht deine Seele, er wird eintreten, wenn du den Becher geleert haſt. Der König. So ſeys! Ich war König, und ich ſterbe als König. Auf deines Hauptmanns, auf euer gller Verantwortung leere ich dieſen Becher cer trinkt und ſtürzt den Becher anf ſeinen Nageh). Seht, kein Tro⸗ pfen ging verloren! Macht euch zur Nachfolge bereit, der Ewige wird meine Klage hören und euch bald zur Rechenſchaft fordern. Geht, und ſendet mir den Prieſter, der König will ſeine Sünden beichten, damit er jenſeits mit der Märtyrerkrone gekrönt wird. Der Ritter. Lebt wohl, ich will jedes Wort dem Hauptmanne erzählen, und noch hinzufügen, daß ſchon mancher in dieſem Kerker, aber keiner ſo groß, ſo heldenmüthig wie ihr ſtarb. Der König. Ha, mein Triumph iſt groß, er macht meinen Henker zu meinen Lobredner. Geh, mich verlangts, den Prieſter zu ſehen: wenn du nach einer Stunde wiederkehrſt und auf dem bleichen Todtengeſichte eine zagende Miene erblickſt, ſo denke, daß der Todes⸗ kampf ſie wohl dem Körper ablocken konnte, aber der Geiſt keinen Antheil daran nahm. Geh, und melde es allen, daß ich Freiheit und Leben verachtete, und als König ſterben werde!—