Löwenritter. ——— *— Eine Geſchichte des dreizehnten Jahrhunderts von Chriſt. Heinr. Spieß. Vollſtändig nuch der erſten vugin *in vier Theilen. Mit vier Zweiter Theil. Stuttgart 181½. Dyuck und Verlag von Fr. Henne Die Töwenritter. 3 w ier An Nachmittage des dritten Abends, als ſchon die Sonne die höchſten Gipfel der nahen Tannen zu be⸗ rühren ſchien, langten ſie auf dem Gebiete des Klo⸗ ſters an. Sie waren unfern Neuburgs Veſte vorüber⸗ gezogen, und hatten weivlich mit den Zähnen geknirſcht, als ſie ſahen, daß das blaue Kloſterfähnlein ſtolz auf ihrem Thurme wehte und ihnen Hohn zu ſprechen ſchien⸗ Jetzt lagerten ſie ſich auf Geheiß des Biſchofes unter den Schatten der Tannen. Er gebot ihnen, hier zu harren, bis er Nachricht ſende, und zog mit ſeinen Knechten, auf deren Treue und Verſchwiegenheit er bauen konnte, hinab nach dem Kloſter, welches am Fuße des Berges lag. Bald darauf hörten die Ritter den Schall der Glocken, welche die Mönche dem Biſchofe zu Ehren läuteten. Ich folge dem Ruf derſelben, weil ich im voraus überzeugt bin, daß meine Leſer ſehr be⸗ gierig ſind, zu erfahren, wie der redliche Biſchof han⸗ delte und wirkte Der neue Abt eilte mit allen ſeinen Mönchen voll Ehrfurcht dem Biſchofe entgegen, als er ſeine ſo unerwartete Ankunft erfahren hatte. Ehrwür⸗ diger Herr und Vater, ſprach jetzt der Abt, ſe willkommen, und ſchenke uns den Segen des Her in deſſen Namen du unſer armes Klöſterlein heimzi ſuchen kommſt. Aller Kniee beugten ſich jetzt zur Er und erwarteten des Biſchofs Segen Gle * 6 Hirten, der am Abende ſeine anvertraute Heerde zählt, überblickte er jetzt die ganze Schaar. Sein ernſter Blick ruhte auf jedem einzeln, und nahm mit Mißfallen wahr, daß vieler Augen ihn nicht ertragen konnten und be⸗ ſchämt zur Erde ſanken. Nach langem Stillſchweigen begann er alſo: Der Segen des Herrn ſey mit allen, die auf ſeinen Wegen wandeln! Der Segen des Herrn ſey mit euch, wenn ihr treu ihm dienet und reine Herzen ihm opfert! Er ging nun mitten durch der Mönche Schaar nach der offnen Pforte, welche ein Theil ſeiner Reiſigen ſogleich beſetzte und bewachte. Willſt du, ſprach der nacheilende Abt zum Biſchofe, unſere Kirche beſuchen und die heiligen Gefäſſe ſchauen, ſo ſind hier die Schlüſſel, welche ich dir als unſerm Oberhirten in Demuth und Gehorſam überreiche. Ohne zu antworten, nahm ſolche der Biſchof an, und ſtieg hinauf zu den Zellen der Mönche, die er alle nach der Reihe öffnen ließ und forſchend unterſuchte. Er fand nirgends etwas, was ihm Stoff zum Verdachte geben, was ſeinen Argwohn vermehren konnte, nur hie und da weilte ſein Blick unwillig auf dem Bilde der hei⸗ ligen Magdalena, das oſt am Betaltar der Mönche ſeine Sünden in allzu wollüſtiger Stellung beweinte. Wie er hier nichts entdeckte, ſtieg er zu den untern Gemächern, und ſogar zur großen Verwunderung des Abts in die Keller hinab, wo er Wein in Menge, aber kein menſchliches Weſen fand. Seinem ſuchen⸗ den Auge ſielen verſchiedne Spalten in der Mauer auf, die nicht von ungefähr entſtanden zu ſeyn, viel⸗ mehr die Einfaſſung einer verborgenen Thüre zu bil⸗ den ſchienen Um ſich von der Wahrheit ſeines Ver⸗ dachtes zu überzeugen, gebot er den Mönchen Entfer⸗ nung, blieb allein mit ſeinen Reiſigen zurück, und rief nun mit lauter Stimme: Wenn Unſchüld hier im Ker⸗ ker ſchmachtet, ſo verkündige ſie dreiſt den Ort ihres —— —ꝛ 7 Aufenthaltes, ihr Retter und Rächer ſteht hier und wird ſie ſicher befreien!— Gelobt ſey der barmher⸗ zige Gott, wenn du Wahrheit ſprichſt und unſer Ohr nicht täuſcheſt, ſcholls nun dem ſtaunenden Biſchofe aus allen Ecken des Kellers entgegen. Freudig ſchlug ſein Herz, als er anfangs die verlornen Weiber ent⸗ deckt zu haben glaubte, aber bald minderte ſich ſeine frohe Hoffnung, als er deutlich hörte, daß es Män⸗ rerſtimmen waren, die fortfuhren, um Erbarmen und Linderung ihres grauſen Schickſals zu flehen. Der Biſchof entbot ſogleich den zitternden Abt nach dem Keller, befahl ihm die Kerker zu öffnen, und ſah bald fünfe, mit Ketten belaſtete, menſchliche Geſtalten aus der Tiefe emporſteigen! Ihre Kleidung war veraltet und im feuchten Loche vermodert. Ein langer Bart entſtellte ihr Geſicht, welches das verwirrte Haupt⸗ haar von oben herab bedeckte. Sie ſanken alle zu des Biſchofs Füßen nieder, flehten vereint um Tod, wenn Linderung ihrer Qualen ihnen nicht werden könne! Der gerührte Alte hob ſie liebreich auf, über⸗ gab ſie ſeinen Knechten, damit ſie ſolche bis kommen⸗ den Morgen pflegen und laben ſollten. Ohne zu for⸗ ſchen, wie ſie hieher gekommen? wer ſie hier einge⸗ kerkert habe? drang der Biſchof nur auf weitere Ent⸗ deckung, und drohte dem Abte mit der ſchrecklichſten Strafe, wenn er ihm nicht alle verborgnen Gemächer ſeines Kloſters und alle, die dort gefangen lägen, ausliefernwürde. Als nun der Abt aufs Hei⸗ ligſte betheuerte, daß keine verborgne Thüre im Flo⸗ ſter mehr vorhanden ſey, keine menſchliche Seele mehr m Kerker ſchmachte, ſo gab es ihm der Biſchof deut⸗ lich zu verſtehen, daß er ihn wegen dem Weiberraube auf Froburgs Veſte im gegründeten Verdachte habe, und wenn er nicht freiwillig ſie liefere, den ergrimm⸗ ten Löwenrittern volle Macht ertheilen werde, ſelbß 8 Nachſuchung zu halten.„Deiner Hartnäckigkeit,“ en⸗ dete er,„haſt du's dann zu verdanken, wenn ſie je⸗ den Stein dieſes Gebäudes von ſeinem Platze rücken und dein Kloſter in einen Steinhaufen verwandeln.“ Hoch hob nun der Abt ſeine Hände zum Himmel em⸗ por und ſchwur einen fürchterlichen Reinigungseid, unterwarf ſich jeder Rache, jeder Strafe, wenn man Schuld dieſes Verbrechens an ihm finden, ihn nur durch einen gültigen Zeugen überführen könne, daß er den entfernteſten Antheil an dieſer ruchloſen That genommen, nur einige Wiſſenſchaft davon gehabt habe. Schon fing der Biſchof dieſer theuern Verſicherung Glauben beizumeſſen an, ſchon wollte er Boten zu den Rittern ſenden und ihnen von allem redliche Kund⸗ ſchaft thun, als eilender Roſſe Tritte und wildes Ge⸗ tümmel ihn an die Thüre lockten. Raſch und frendig ſprangen ihm Friedrich und Heinrich, Eſ chenbach und Wieſenborn entgegen; ihnen folgten in einiger Ent⸗ ſernung die keuchenden Väter, alle umringten den Bi⸗ ſchof, alle forſchten vereint: wo ſie ihre Bräute und Kinder treffen könnten? Nach langem Fragen und Antworten fand ſich endlich, daß ein trauriger Miß⸗ verſtand ſie nach dem Kloſter gelockt hatte. Friedrich inigen ſeiner Knechte geboten, daß ſie ſich in des Biſchofs Zuge miſchen, und hörten ſie irgend et⸗ was Tröſtendes, ihm ſogleich Nachricht bringen ſoll⸗ ten. Sie ſtanden mit den Uebrigen an des Floſters Pforte, als von innen heraus die hehrich erſcholl: Der Biſchof habe im Keller Gefangne entdeckt! Sie eilten mit dieſem freudigen Gerüchte zu ihren Herrn, und wer kanns den hoffenden Liebhabern, den zärtli⸗ chen Vätern verdenken, wenn ſie im ſchnellſten Fluge zur Umarmung, zur Hülfe und Labung ihrer Bräute und Kinder herbeieilten. Traurig ſank ihr Haupt zur Erde, ſchnell entfloh ihrem Auge der Freude Feuer —— ,— ————————— — 9 und Leben, als ſie aus des Biſchofs Munde den Trug vernahmen, als er ſie ſelbſt nach dem Gemache führte, wo ſeine Knechte die entdeckten Gefangnen labten. Schaudernd bebten ſie zurück, wie ſie die ſo ſchrecklich entſtellte Menſchheit ſahen, und beſahlen auch ihren Knechten, daß ſie den Erlösten andere Kleider reichen ſollten. Die Begierde, wenigſtens irgend etwas durch— des Biſchofs Hülfe von den Weibern zu erfahren, trieb ſie wieder aus dem Gemache, ohne vorher mit den Erlösten geſprochen oder nach der Urſache ihres un⸗ glücklichen Schickſals gefragt zu haben. Der Biſchof, welcher ſo herzlich gerne der Ritter Ruhe und Glick befördert hätte, auf der andern Seite aber auch die Mönche, wenn ſie unſchuldig wären, zu ſchützen ent⸗ ſchloſſen war, führte nun ſelbſt den Abt in der Ritter Mitte, und gebot ihm, ſich entweder ganz zu rechtfer⸗ tigen, oder gerechte und ſchreckliche Rache zu erwarten. Hart war der Kampf, welcher nun zwiſchen beiden begann. Friedrich bewies mit unläugbaren Gründems daß, che ſchon dies Kloſter ſich des Raubes, Mords und der Entführung ſchuldig gemacht, die Tochter des Grafen Neuburgs auch im verborgnen Kerker gefeſſelt gehalten habe, und nun bei ähnlicher Gelegenheit ſichs müſſe gefallen laſſen, daß man hier wieder ſuche, was man ehe ſchon gefunden habe. Der Abt läugnete kei⸗ nesweges die Thaten ſeines Vorgängers, er verargte es den Rittern ehen ſo wenig, daß ſie ihn als ſeinen Nachfolger ähnlicher Werke fähig hielten, aber er be⸗ ſtand kühn auf ſeiner Unſchuld, und unterwarf ſich und ſein ganzes Kloſter nochmals der ſtrengſten, ge⸗ naueſten Unterſuchung. Graf Froburg. Leicht möglich, daß du dieſe rühn uns bieten kannſt, wenn die Gewißheit dich ſichert, daß dein Raub anderswo verborgen ſchmachtet. Du haſt widerrechtlich Graf Neuburgs Veſte erobert. Laß 10 dort uns auch Nachſuchung pflegen, und ſtatte zurück, was du nicht mit Recht und Gewiſſen beſitzen kannſt. Abt. Die erſte Forderung ſey euch heut oder mor⸗ gen, wie's euch behagt, unbedingt geſtattet, die zweite mag unſer Oberhaupt, der Biſchof, entſcheiden. Als die Mönche mich zu ihrem Abte wählten, war die Veſte ſchon in ihrer Gewalt, ſie vertrauten mir ſolche als ein Eigenthum, das ich bisher nach Pflicht und Gewiſſen zu ſchützen und zu erhalten ſuchte. Biſchof. Die Veſte iſt ein vätevliches Erbe der einzigen Tochter des Grafen. Sein letzter Wille, worauf euer Anſpruch ſich gründet, war durch Liſt und Bosheit eures vorigen Abts erſchlichen. Dieſe iſt nun vollkommen entdeckt. Wie wollt, wie könnt ihr noch Nutzen davon zu erndten ſuchen, da ihr der gekränk⸗ ten Erbin von Gottes und Rechtswegen noch man⸗ chen Erſatz und Pflicht ſchuldig ſeyd! Abt. Ich unterwerfe mich willig und gerne, ehr⸗ würdiger Herr und Vater, deinem Urtheile. Ich über⸗ antworte dir und den Rittern Land und Veſte, und überlaſſe euch die Pflicht, ſie denen zu übergeben, de⸗ ren Eigenthum du erwieſen haſt. Biſchof czu den Rittern). Könnt, wollt ihr noch mehr fordern? Friedrich. Noch manches! Erfahrung hat mich weiſe gemacht! Ich traue den Füchſen nicht, die ſo herrlich zu heucheln und zu gleißnen verſtehen, wenn man die blutige Spur nach ihrer Höhle entdeckt qzum Abte). Dein Gewand täuſcht mich nicht mehr, deine demuthvolle, unſchuldlügende Miene macht mich nur noch aufmerkſamer! Hoffe nicht, daß du uns hinter⸗ gehen kannſt. Sind die Weiber auf der Veſte ver⸗ borgen, ſo beichte im Voraus, wenn dir Barmherzig⸗ keit werden ſoll. Schon habe ich alle Zugänge dahin durch unſere Reiſige beſetzen laſſen. Entführung von —— —, 11 dort, wenn du auch die Uebergabe bis morgen ver⸗ zögerſt, iſt unmöglich! Bekenne alſo, wenn du dich ſchuldig fühlſt! Abt eſtandhaft). Ich habe nichts zu bekennen, und kann daher auch ruhig den Ausgang erwarten! Eure Vorſicht iſt mir überdies erfreulich, meine Unſchuld wird dadurch um ſo heller ans Licht gefördert. Friedrich(raſch und ſtarr in des Abts Auge bli⸗ cend). Wo find die Schlüſſel zur Höhle, in der einſt Klotilde gefangen lag? Abt. Ich habe keine Kenntniß von dieſer Höhle, ich—— Friedrich.- Ihr Eingang iſt bereits durch unſre Knechte beſetzt!. Abt. Wohl euch alſo, edler Ritter, ſo könnt ihr dort ungehindert Nachſuchung pflegen. Ich ſchwör's euch wiederholt, daß ich weder ihre Lage, noch ihren Eingang kenne! Friedrich. Ich erwarte mit jedem Augenblicke die Nachricht des Erfolgs! Abt. Wollte Gott, ſo ruhig wie ich, ſo hätte all euer Kummer ein Ende! Seht mein graues Haar an, betrachtet dieſe gefaltete Stirne, und urtheilt dann noch ob ich fähig bin, nach Weiberbeſitz zu geizen, oder mit ungerechtem Gute mein Gewiſſen zu bela⸗ ſten. Ich muß mir dort Schätze ſammeln, mein Reich auf Erden wird bald enden. Ich kann nur für mich, nicht für meine Mönche ſtehen, aber ſo viel kann ich beim Verluſte meiner hoffenden Seligkeit euch zuſchwö⸗ ren, daß keiner derſelben ſchon durch zehn Tage ſeine Zelle nicht verlaſſen hat. Graf Farnsburg. Und doch iſts erwieſen, daß Pfaffen unter den Räubern ſich befanden, welche mei⸗ nes Bundsgenoſſen Veſte verbrannten und unſre Töch ter entſührten. 12 Abt. Möglich! Aber müſſen es denn eben die Mönche meines Kloſters geweſen ſeyn? Graf Farnsburg. Eure vorige Thaten waren die Väter dieſes Verdachts. Abt. Deſſen Folgen ich mich auch willig unterwerfe. Seyd gerecht, und ich werde den ſchweren Kampf glück⸗ lich enden. Biſchof. Wohl dir, mein Sohn, wenn Handlung und Rede übereinſtimmen, wenn beide deiner Unſchuld Zeugen werden! Nur eines verdunkelt die letztere noch: Wer ſind die Gefangenen, die in eures Kellers Kerker ſchmachteten? War ihr Verbrechen der ſchrecklichen Strafe angemeſſen? Und wer ſetzte dich zum Richter über ſie? Abt. Ich kenne ihre Namen eben ſo wenig wie ihr Verbrechen. Als wider meinen Willen die Wahl mei⸗ ner Brüder mich zum Abt ernannte, da wurden mir auch die Schlüſſel dieſer verborgnen Kerker überreicht. Ich mußte ſchwören, daß ich ſie nie öffnen, die Ge⸗ fangnen nie freiwillig erlöſen wollte. Ihr Verbrechen, ſagte man mir, ſey ſchrecklich, ihre Strafe noch ſehr geriug. Brod und Waſſer war ihnen zur Nahrung beſtimmt, und mein die Pflicht, daß ich es ihnen täg⸗ lich durch eine Oeffnung von oben herab reichen laſſen mußte. Fragt ſie ſelbſt, ob ſie ſeit den wenigen Tagen, als ich zum Abte gewählt wurde, nicht Linderung ihres Schickſals fühlten? Ob nicht oft am Stricke, der ihnen Nahrung zuführte, anſtatt des Waſſers und Brods, jetzt Wein und Braten hing? Mehr zu thun, verbot mir mein Eid—— Biſchof. Den du ungeprüft nicht hätteſt leiſten ſollen. Geh jetzt in dein Gemach, und biſt du wirklich unſchuldig, ſo danke Gott, daß er dir Richter ſandte, die vorher prüften, ehe ſie ſtraften! Der Abt entfernte ſich, und der Biſchof hielt nun mit den Rittern Rath was ſie ferner zu beginnen gedächten. Um vieles haite —,——— 7——— —————— —,— „— ſich freilich der Verdacht gegen den Abt in aller Her⸗ zen vermindert, aber verſchwunden war er noch lange nicht, und alle hofften, daß ſie morgen auf der Veſte finden würden, was ſie hier vergebens geſucht hatten. Die Grafen ſandten um deswillen noch mehrere Ritter und Reiſige dahin ab, und geboten ihnen ſtreng, alle Zugänge wohl zu bewachen. Friedrich hoffte noch im⸗ mer, daß man in der Höhle etwas entdecken würde, aber vald ſchwand ſeine Hoffnung, als die Reiſigen zurück⸗ kehrten und ihm die Nachricht brachten, daß ſie ſolche offen, und die verborgenen Schlöſſer und Riegel ver⸗ roſtet und zerbrochen gefunden hätten. Als darauf einige Ritter den Argwohn äußerten, daß in des Kloſters Umfange doch wohl noch einige verborgne und unent⸗ deckte Gemächer enthalten ſeyn könnten, ſo erlaubte ihnen der Biſchof willig, daß ſie ungehindert darnach ſpähen könnten. Keine Wand blieb nun unangetaſtet, kein Gemach ungeprüft! Durch jede kleine Heffnung erſchallte der Liebenden Stimme, aber kein Laut be⸗ antwortete ihre Fragen. Wie ſie geendet hatten, war die Mitternachtsſtunde ſchon verfloſſen, der Biſchof Jatte Ruhe auf ſeinem Lager geſucht, weil er entſchloſſen war, mit Tagesanbruch den Rittern nach der Veſte zu fol⸗ gen und ſolche im Namen des Kloſters ihrem Schutze zu übergeben. Die Ritter ſammelten ſich in einem entfernten Gemache, beſchloſſen nicht zu ſchlafen, und forderten Wein von einem Laibruder des Kloſters, wel⸗ cber dort zu ihrem Befehle bereit ſtand. Als dieſer die Becher füllte, lächelte er immer geheimnißvoll, ſchüttelte bedenklich den Kopf, und ſeufzte einigemal deutlich. Friedrichs Aufmerkſamkeit ward rege. Eine tiefe Narbe, welche des alten Laibruders Stirne verunſtaltete, gab Stoff zum Geſpräche. Er erzählte nun Friedrichen, daß er in ſeinen Jünglingsjahren Kriegsknecht gewe⸗ ſen, im heiligen Lande gegen die Ungläubigen gekämpſt, 17 dort dieſe Narbe erbeutet, wieder zurückgekehrt ſey, und zum Lohne ſeiner Tapferkeit kärglichen Unterhalt im Kloſter gefunden habe. Ihr habt ſchon recht, endete er mit neuem Kopfſchütteln, wenn ihr den Pfaffen nicht alles aufs Wort glaubt, und wäre ich an eurer Stelle, † ſo würde ich auch die Kirche durchſuchen. Es kann Gott nicht beleidigen, wenn man verlornes und ge⸗ raubtes Gut dort ſucht. Friedrich. Lieber, guter Kriegsknecht, wenn die Kloſterluft dein edles Blut noch nicht ganz verdorben hat, ſo entdecke mir, was dein Mund ſo unwillig zu verſchweigen ſcheint. Herrliche Belohnung wartet dei⸗ ner! Ich will dich mit mir nehmen und Vaterähnlich pflegen! Der Laibruder. Geſtrenger Herr Ritter! Ihr verhunzt mir durch eure Verſprechungen ein gutes Werk, das ich eben, nicht um des zeitlichen Gewinnſts willen, ſondern zu meinem künftigen Seelenheil aus⸗ zuführen gedachte. Was ich weiß und muthmaße, will ich Luch ohne Rückhalt tren und revlich erzählen, be⸗ ginnt dann mit mir und meiner Erzählung, was euc gut und weiſe dünkt. Vor einigen Tagen, als ich ruhig auf meinem Lager ſchlief, ſchreckte mich unge⸗ wöhnlicher Lärm empor. Ich ſchlich aus meiner Zelle dem Geräuſche nach, und ſah unſere Kirche mit Fackeln beleuchtet. Wie ich dort anlangte und mich hinter einem Pſeiler verſteckte, ſah ich viele geharniſchte Rit⸗ ter, und unter ihnen mehrere Pfaffen unſers Kloſters ₰ an der offnen Gruft ſtehen. Sie ſenkten eben unter leiſem Gebete einen Sarg hinab, wälzten den Stein wieder drüber, und gingen dann nach der offnen Kirch⸗ thüre, wo unſre Mönche traulich von den Rittern Ab⸗ ſchied nahmen und die Thüre wieder verſchloſſen. Ich kehrte, als niemand mehr zugegen war, in meine Zelle zutück, marterte vft mein Gehirn mit allerhand Muth⸗ — 6 15 maßungen, bis des Biſchofs und eure Ankunft mich auf andre Gedanken brachte. Es lohnt ſich doch der Mühe, den Sarg näher zu unterſuchen! Vielleicht ſin⸗ det ihr Aufklärung darin, nur wünſche ich von ganzem Herzen, daß nicht irgend ein todtes Liebchen von euch darin ruhe, daß nicht vielleicht, ehe ich ankam, mehrere Särge in die Gruft geſenkt worden, und ihr nun un⸗ ter den Todten findet, was ihr bisher ſo emſig unter den Lebenden ſuchtet. Meine plauderhafte Zunge hätte dann ſchlechten Lohn von euch zu erwarten. Doch iſt Gewißheit des Unglücks immer beſſer, als ſtete, bange Erwartung deſſelben. Ihr erfahrt dann doch, woran ihr ſeyd, und könnt euch früher drein ſchicken lernen⸗ —— Beim Anfange dieſer nun geendigten Erzählung hatten ſich die Ritter eng um den Erzähler zuſammen⸗ gereiht, ſie horchten voll Erwartung zu; als er aber des Sargs erwähnte, da erblaßten ihre Angeſichter, und als er gar des möglichen Inhalts gedachte, da bebten ſie ſchaudervoll zurück, und ſtanden, wie er en⸗ dete, in einzelnen Gruppen ſprachlos da. Sie glichen vollkommen einem Schiffer, der ſchon lange dem har⸗ ten Sturme trotzte, vergebens den Hafen ſuchte, ihn auf einmal zu erblicken glaubt, eilfertig dahin ſteuert, und nun zu ſpät gewahrt, daß der ſich nähernde Ge⸗ genſtand kein Hafen, ſondern ein ſteiler Fels iſt, an dem ſein Schiff ohne Hoffnung ſcheitern muß. Noch lange ſtunden ſie unentſchloſſen ob ſie dem Winke des Erzählers Folge leiſten, ſich mit einmal alle Hoffnung rauben, oder die Erzählung für einen Traum halten und ferner noch hoffen ſollten? Friedrich war der erſte, welcher Muth faßte; er ſuhr einigemal mit der Hand über ſein bleiches Geſichte, weckte ſein Gefühl, und ge⸗ bot im düſtern Tone dem Laibruder, die Fackel zu zün⸗ den und ihn nach der Gruſt zu führen. Heinrich nebſt Eſchenbach und Wieſenborn ſchloſſen ſich dicht an ihn 16 an. In einiger Entfernung folgten die Väter, welche die übrigen Ritter unterſtützen mußten, weil ihr Herz brach, und es ihnen dünkte, als ob ſie hinter der Leiche ihrer Töchter einhergingen. Haſtig und mit verzweif⸗ lungsvoller Stärke hoben ſie nun den Stein von der Gruft und ſtürzten ihrem Führer nach. Hoffnung ſchlug aufs neue in ihren Herzen, als ſie in eben dieſer Gruft nicht mehr als einen Sarg erblickten, an deſſen vier Ecken große, ſchwarze Siegel herabhingen. Keiner der vier Ritter wollte es wagen, dieſe zu öffnen und die Decke des Sarges hinwegzureißen, jeder fürchtete ſeine Braut darin zu finden, und wollte noch länger hoffen, noch länger ſich mit der Vorſtellung laben, daß es eben nicht ſeine Geliebte ſey, die hier ſchlafe. Auf der Vä⸗ ter Geheiß unternahmen dies Geſchäft endlich die üb⸗ rigen Ritter, die Liebenden wanden ſich abwärts, und erwarteten in banger Furcht, welchen unter ihnen das Todesloos treffen würde. Tiefe Stille erfolgte, als der Deckel des Sarges zu ihren Füßen herabrollte. Eine weibliche Geſtalt, deren Hände mit Ketten gefeſſelt wa⸗ ren, lag vor ihnen. Drei Dolche waren neben einan⸗ der bis ans Heft in ihr Herz gedrückt, und ſollten, der Mörder Abſicht gemäß, wahrſcheinlich darin verroſten. Ein dichter Schleier deckte der Todten Angeſicht, ein Ritter lüſtete ihn, und aller Bruſt, welche die Erwar⸗ tung bis auf den äußerſten Grad geſpannt hatte, ſchöpfte tiefen Athem, als er laut erklärte, daß er die Todte nicht kenne. Alle drängten ſich nun hinzu, um ſich ſelbſt von dieſer fröhlichen Wahrheit zu überzeugen, aber bald vebte Eſchenbach und Wieſenborn, und mit ihnen auch die Grafen zurück, welche alle zugleich in der Todten Klotildens Mutter, die unglückliche Wittwe des Graſen Neuburgs, erkannten. Keiner aus ihnen hatie ihrer bisher gedacht, im Drange der ſtärkern Lei⸗ denſchaft nicht nach ihrem Schickſale geforſcht, fand p. „ 1 zogen und ſolche als ein Eigenthum des Kloſters von euch fordern wollten, da geſellten ſich in der kommep⸗ den Nacht ein und achtzig dieſer Ritter zum Heere und verſprachen ihren Beiſtand. Hättet ihr nicht freiwillig die Veſte verlaſſen, der Kampf mit ihnen würde hart geweſen ſeyn. Eben als neun Jahre um waren, hat⸗ ten ſie die erſte Gruft mit Särgen angefüllt, ſie ver⸗ ſiegelten ſolche, und gaben mir einen Brief an den⸗ jenigen, der es jetzt oder in die Zukunft wagen würde, dies Siegel verletzen zu wollen. Seit einem Monden haben ſie nur einen einzigen Sarg gebracht, welchen eure kühne Hand vielleicht zu raſch geöffnet hat. Ihr mögt die That verfechten, wenn ſie Rache heiſchen werden. Graf Farnsburg. Waren die Särge alle ver⸗ ſiegelt2 Der Abt. Alle! So viel ſchwöre ich euch bei meinem Worte und Prieſterwürde, daß ich den In⸗ halt derſelben nie kannte, daß ich und alle meine Mönche feſt glaubten, es wären Mitglieder ihres But⸗ des, welche in Fehde und Kampfe ihr Leben geendet hätten. Rein ſind wir, wenn ſie auf unrechtem Wege wandelten, und verdienen nicht Rache, weun wir den Schlachtopfern ihres Grimmes ein Begräbniß gönn⸗ ten und zum Heil ihrer Seelen Meſſe leſen! Friedrich. Wo iſt der Brief, welchen ſie dir ga⸗ ben, als ſie die Gruft verſiegelten? Abt. Ich will ihn euch bringen! Nur flehe ich euch, im Voraus wohl zu erwägen, daß ihr die Rache eines mächtigen Bunds durch deſſen Eröffnung gegen euch reizen werdet. Graf Farnsburg. Wir fürchten ihn und ſeine Rache nicht. Wir handeln frei und offen, verhüllen unſre Thaten nicht ins Dunkle der Mitternachtsſtunde, und werden Kampf mit ihnen ſuchen, da ſie ünfre Bundesgenvſſen ermordet, ſo frech unſeres Schutes geſpottet haben. Bringe den Brief, ich will ihn keſen! Der Abt erfüllte, was man ihm geboten hatte, und Friedrich mußte auf Farnburgs Geheiß die drei Siegel öffnen, welche daran befeſtigt waren.„Ver⸗ „wegener und Kühner, las er nun laut der Verſamm⸗ „lung vor, dreimal dreihundert Dolche ſind gegen⸗ „dich gezückt, der Bannfluch, welchen drei Päbſte und „neun Biſchöſe ausſprachen, wird dich treffen, wenn „du es wagſt, das Siegel zu verletzen, welches den „Eingang zu unſerer Gruſt bewacht! Verkrummen „wird überdieß deine Hand, erlahmen dein Fuß, ver⸗ „dorren dein Körper, denn es iſt geſchwängert mit „Flüchen, vermiſcht mit giftigen Kräutern, die gleich „Waſſeregeln ſich an deine kühnen Finger hängen „und dein Blut ausſaugen werden. Laß ab von dei⸗ „nem Vorhaben, und ehre die Macht der dreimal drei „Vereinigten. Willſt du uns näher kennen lernen, ſo „harre, wenn der Vollmond beginnt, in der Mitter⸗ „nachtsſtunde auf einem Scheidewege, deſſen Spitze nach „einer Kirche führt, dort wirſt du immer einen aus „unſrer Mitte finden, der dir Rede ſtehen kann.“ Drei Kreuze bezeichneten am Ende dieſen Brief, über deſſen Inhalt Biſchof und Abt mächtiglich zu ſchaudern begannen. Du wirſt doch nun, ſprach der erſte zitternd zu Farnsburgen, dein kühnes Vorhaben aufgeben, nicht augenſcheinlich dich deinem Unglücke nahen? Graf Farnsburg. Hoffte ich meiner Töchter Leichen in der Gruft zu finden, ich würde ihrer Dro⸗ hung nicht achten, auf Gott und meine gerechte Sache bauen, und die unſchuldig Ermordeten ihrem Schutze entreißen. Doch da ſie mir offne Fehde bieten und Rede ſtehen wollen, ſo will ich um deswillen ihre Bitte ehren, und nicht ohne Ueberzeugung offne Schande über ſie bereiten. Wann wird der Mond ſich wieder füllen? Abt. Erſt vor drei Tagen ward er voll. Graf Farnsburg. Und ſo lange ſoll ich der Entſcheidung entgegenharren! Unmöglich! Vielleicht ſprechen ſie hier eher ein! czum Abte) Schwöre mir, daß du erfüllen willſt, was ich dir jetzt auftrage. Abt. Wenns zu Gottes Ehre frommt, wenns mei⸗ ner Seelen Heil nicht ſchadet, will ich herzlich gerne deines Wunſches Beförderer werden. Graf Farnsburg. Es wird keinem von heiden ſchaden. Setze dich und ſchreib! cder Abt brfolgt es) „Unbekannte Ritter! Ihr habt eine unſchuldige Wittwe „jämmerlich ermordet. Ich habe ihren Leichnam im „Marienkloſter gefunden! Meine Ritter haben mit ge⸗ „ſchloßnen Händen über dieſen ihren Mördern Rache „geſchworen! Meines treuen Bundsgenoſſen, des Gra⸗ „fen Froburgs Veſte haben Räuber angezündet, meine „und ſeine Tochter mit ſich fovtgeſchleppt! Ich zeihe „euch dieſer Bubenthat, ſende euch dieſen Fehde⸗ und »Abſagebrief, und fordere euch in die offnen Schran⸗ „ken, damit Gottesgerichte zwiſchen uns entſcheide. „Ihr habt mich in eurem Schreiben, welches der Abt „in Verwahrung hat, im Vollmondslage auf die Kreuz⸗ »wege vorgeladen. Sollte euch dieſer Brief nicht eher vzu Handen kommen, ſo werdet ihr um dieſe Zeit auf vjedem derſelben einige meiner Ritter finden. Solltei »ihr aber nicht erſcheinen, ſo werdet ihr mirs nicht „verargen, wenn ich euern Bund öffentlich ſchände, „ure Siegel, wovon ich vier Stücke in Händen habe, »an eben ſo viel Hochgerichte nageln laſſe, damit je⸗ „der ehrbare Ritter eure Mörderzunft kenne und ſie vzu. verachten lerne. Graf Benno von Farnsburg, „Ritter des Schwabenlandes und Hauptmann des ehr⸗ „baren Löwenbundes.“ 22 Der Abt gelobte, den Brief richtig einzuantworten, und da die Sonne ſchon über die Bäume des Forſtes emporſtieg, ſo geboten die Grafen Aufbruch, um nach Neuburgs Veſte zu ziehen, welche der Abt nochmals freiwillig zu übergeben gelobte. Als ſie ſchon auf den Roſſen ſaßen, gedachten ſie erſt der armen Gefan⸗ genen, welche der Biſchof aus den Kerkern erlöst hatte. Zu ihrem Erſtaunen erfuhren ſie nun von den Knechten, daß alle fünfe, als der Morgen anbrach, ihr Leiden geendigt hatten und unter dem Gebete der Mönche ſanft verſchieden waren. Wahrſcheinlich, mein⸗ ten alle, hatte die ungewohnte Veränderung, die rei⸗ nere Luft ſo mächtig auf ihren elenden Körper gewirkt. Sie klagten, nach der Knechte Ausſage, vorzüglich über die Leichtigkeit der letztern, konnten nicht geſchwind genug Athem ſchöpfen, und verlangten mehr als ein⸗ mal in ihren Kerker zurück; viele der Ritter, und unter ihnen auch der Biſchof und die Grafen, ſtiegen nun wieder vom Roſſe, um ſich mit eignen Augen on der Wahrheit des Erzählten zu überzeugen. Sie ie wirklich todt, geboten den Mönchen ein „Begräbniß, und bereuten nun herzlich, daß alſogleich nach der Unbekannten Stand und e gefragt hatten. Doch war dieſer Fehler ihnen um ſo leichter zu verzeihen, da eignes lück in Fülle ihr Herz guälte, und dieſes nicht Rum für fremdes hatte. Meinen neugierigen, an ihrem Schick⸗ ſale mehr Antheil neh nden Leſern ſey indeß dies zum Troſte geſagt, teß die Geſchichte der Löwenritter noch manches Blatt füllen, und unter dieſen wahr⸗ ſcheinlich mehrere derſelben der Gefangenen Lebensge⸗ ſchichte enthalten werden. Traurig und ſtill zogen nun die Ritter aus des Kloſters Mauern. Der Tag war ſo ſchön, die Sonne gl kenleeren Himmel, änzte ſo herrlich am wol⸗ aber wenige der Ritter genoßen — 5 — dieſen angenehmen Morgen, das traurige Schickfal der Weiber nagte an ihrem brüderlichen Herzen, es that dieſem ſo weh, daß ſie thatenleer umherziehen mußten, und am Abende nicht einmal einen Freuden⸗ becher füllen konnten. Abgeſondert von ihnen allen, zogen die Grafen und die Liebenden; ſtille Verzweif⸗ lung thronte auf ihrer Stirne, und ſchien ſich in den tiefen Falten derſelben eine Wohnung auf immer zu bereiten. In ihrer Mitte ritt der Biſchofz er ſprach Worte des Troſtes zu ihnen, aber ſie hörten ihn nicht und blickten ſtarr in den Staub hinab, den ihrer Roſſe Füße vom trocknen Boden aufwühlten. Bisher hatte immer noch Hoffnung ihr Herz gelabt, und die tödtliche Wunde deſſelben geſalbt. Jetzt ſchwieg dieſe ganz, und die ungepflegte Wunde fing zu eitern an. Sie hatten Neuburgs Wittwe ſchrecklich ermordet gefunden. In ihrer Geſellſchaft wurden die andern Weiber gefangen; ganz natürlich wars alſo zu ver⸗ muthen, daß auch ähnliches Schickſal ihr Loos gewor⸗ den ſey. Mit dieſer ſchrecklichen Vorſtellung Gewisheit ſie immer feſter glaubten, langt der Burg an, welche auf des Abts Befeh. H geöffnet wurde. Wieſenborn, welcher ehemale Veſte vertheidigt hatte, und folglich jedes heihliche Gemack derſelben kannte, war Anführer der Suchen⸗ den. Als aber alle geöffnet waren, und alle leer gefunden wurden, da begann aufs neue der Ritter Trauer um ſo mäichtiger, wil jede Ausſicht uun ver⸗ ſchloſſen, jede, auch die kleinſte Hoffnung, verſchwun⸗ den war. Am andern Morgen beſchloß der Biſchof heimzu⸗ ziehen, weil er vor jetzt wenigſtens ſeines Zuges Abſicht zu erfüllen nicht fähig war. Er gelobte heilig, derzukehren, wenn die Weiber gefunden würde verwies die Trauernden indeß auf Gottes H 2 nach ſeiner Zuſicherung, den Gerechten wohl oft prüft, aber nie ganz verläßt, und wenn er ſich ohne Rath und Hülfe dünkt, oft ſein Retter wird. Nach ſeinem Abzuge rathſchlagten die Ritter: was ſie nun beginnen und wohin ſie ziehen ſollten? Aller Meinung ſiel dahin aus, daß die Väter indeß nach Schwaben auf Farnsburg Veſte ziehen, und dort der Nachricht harren ſollten, welche ihnen die ſuchenden Ritter bringen würden, denn dieſe hatten nebenbei beſchloſſen, in getheilten Haufen nach Süden und Nor⸗ den, nach Oſten und Weſten auszuziehen und emſig nachzuforſchen: ob ſie nicht irgend eine Kundſchaft von den Dirnenräubern erhalten oder ihren Aufent⸗ halt erforſchen könnten. Der Bundeshauptmann bil⸗ ligte dieſen Plan, und gebot ihnen, ehe der Mond ſich ganz fülle, heimzukehren, damit man alsdann vereint die Kreuzwege beſuchen und erfahren könne: ob die unbekannten Ritter ihr Wort halten und Rede ſtehen würden. Friedrich zog mit ſeinem Haufen nach der väterli⸗ chen Veſte. Mit ihm war auch ausgezogen Heinrich, Eſchenbach und Wieſenborn. Sie hofften nicht ohne Grund, daß ſie dort nähere Kundſchaft finden und treffen könnten. Vielleicht waren nicht alle Knechte ermordet und gefangen worden, vielleicht hatten ſie ſich wieder am Schutte der Veſte geſammelt und harr⸗ ten ihrer Herrn; vielleicht konnten wenigſtens die umher wohnenden Leibeignen und Vaſallen Nachrich⸗ ten vom Abzuge der Räuber erzählen, ihre Rüſtung beſchreiben, und ihnen kund thun: ob die Weiber ferner mit ihnen gezogen, und wie ſie ſich gegen ſolche betragen hätten? Dieſe und noch mehrere Urſachen waren die Abſicht ihres Zugs, war die Hoffnung, welche ſie dahin leitete. Sie ruhten nur zur höchſten Nothdurft, und langten ſchon am dritten Tage am —— 25 Berge an, von welchem die ſchöne Burg einſt ſo ſtolz über das ganze Thal umherblickte. Noch ſtieg immer Dampf und Rauch aus den öden Mauern hervor, noch fand das Feuer immer noch Nahrung unter dem Schutte und flammte dann und wann ſichtbar empor. Viele der Unterthanen des Grafen kletterten auf den Mauern herum, und ſuchten, aufgemuntert durch die zurückgebliebenen Ritter, emſig zu retten, was etwa das Feuer noch nicht erreicht oder nicht ganz verzehrt hatte. Als dieſe ſahen, daß Reiter ſich nahten, ſam⸗ melten ſie ſich hinter den Steinen zum Kampfe, und kamen nicht eher hervor, als bis ſie ganz überzeugt waren, daß der Sohn ihres Herrn ſie rufe. Er ver⸗ ſammelte nach und nach alle um ſich, und forſchte emſig nach Nachrichten, die ſein krankes Herz tröſten und ſtärken ſollten. Sein Auge erblickte einige Burg⸗ knechte unter den Haufen, er gebot ihnen, alles zu erzählen; da dieſe aber in der Nacht ſchon ihr Heil in der Flucht geſucht hatten, ſo konnten ſie ſeiner Neugierde nichts Neues zur Sättigung bringen, und meinten nur, daß wahrſcheinlich Rothbergs Bundes⸗ genoſſen ſo ſchreckliche Rache genommen hätten. Weit beſſern und angenehmern Bericht erſtattete ein Lehens⸗ vaſall, der tief im Forſte ſeine Wohnung hatte, bei welchem der Räuberzug vorüber gegangen war und ezne Stunde lang Halt gemacht hatte. Er erzählte, duß es gegen dreihundert Ritter an der Zahl waren⸗ Sie trugen alle ſchwarze Rüſtungen, und über dieſe goldne Ketten, an denen drei Kreuze hingen. Sie führten in ihrer Mitte Klaren, Adelheiden und die übrigen drei fremden Jungfrauen, welche bisher auf der Burg gewohnt hatten. Sie forderten Waſſer zur Labung für dieſe, begegneten ihnen voll Ehrfurcht, und verſicherten ſie wiederholt, daß ſie für Ehre und Leben nicht das geringſte zu fürchten hätten. Einer — 25 der Ritter, fuhr der Erzähler fort, welcher eine brei⸗ tere Kette und an dieſer größere Kreuze trug, habe ſich beſonders gemüht, der Weiber Thränen zu ſtillen, und hätte Klaren mit einem Handſchlage zugeſchworen, daß fie alle ihre Ritter einſt wiederſehen und auſ immer beſitzen ſollten. Dieſer Troſt hätte mächtiger als Labung auf die Weiber gewirkt, und ſie hätten gelaſſen und ruhig die Roſſe beſtiegen, welche man ihnen vorführte. Dieſem erſten Zuge, endete er, ſey in einiger Entfernung ein anderer und ſchwächerer gefolgt, unter dieſem befanden ſich Pfaffen, welche ein Roß leiteten, auf welchem eine Leiche lag, deren Ange⸗ ſicht er aber nicht ſehen konnte. Ob dieſe Nachricht gleich immer noch des Bittern vieles in ſich enthielt, ob ſie gleich immer nur allzu wahrſcheinlich glauben mußten, daß der Ritter Troſt⸗ worte nur Trug und Liſt enthalten könnten, ſo belebte doch der Gedanke, daß ihre Trauten nicht ermordet wären, ihre Hoffnung und ſtärkte ihren Muth aufs nene. Friedrich traf noch am nämlichen Tage Anſtal⸗ ten zum neuen Bau der Veſte, ſandte Boten an ſei⸗ nen Vater, damit dieſer ihn ſerner fördern möge, und zog mit ſeinen Begleitern am andern Morgen der Straße nach, welche die fremden Ritter genommen hatten. Als ſie des Forſtes Ende erreicht hatten und eben am Scheidewege mit einander rathſchlagten; wel⸗ chen Weg ſie wählen könnten? zog ein Eremit die Straße herauf; ſie geboten der Eſelin, die ihn trug, Stillſtand, und forſchten bei ihm: ob er nicht vor einiger Zeit in dieſer Gegend hätte Reiter ziehen ſehen, welche Weiber in ihrer Mitte führten? Er bejahte ihre Frage, und verſicherte ſie hoch und theuer, daß ſie den Weg gen Bern genommen hätten. Die Beſchrei⸗ bung, welche der Eremit von den Weibern machte, bewies den Rittern deutlich, das es diejenigen waren, ₰ 27 welche ſie ſuchten; nur war es ihnen äußerſt wunder⸗ ſam, zu vernehmen, daß nach des Eremiten Verſiche⸗ rung die unbekannten Ritter nicht mehr ſchwarze, ſondern hellglänzende Rüſtungen trugen. Ueber dieſe, erzählte er, wären blaue, mit Silber geſtickte Schär⸗ pen herabgehangen, und auf ihren Helmen hätten ebenfalls hellblaue Federn geweht. Kein Pfaffe ritt, ſeiner Verſicherung nach, mehr unter ihnen, auch folgte keine Leiche ihrem Zuge. Der Weiber Geſicht hätte noch immer deutliche Spuren großer Traurigkeit verrathen, doch wären ſie ruhig und gelaſſen einher geritten, und eben mit einem der Ritter im Geſpräche begriffen geweſen, als er ſie gegrüßt habe. Sehnſuchts⸗ voll hätten ſie ihn dann angeblickt, und ihr Geſicht immer noch rückwärts auf ihn gekehrt, als der Zug ſchon weit vorüber war. Die Ritter trabten nun emſig auf der bezeichneten Straße fort, und langten am Abend in einer Herberge an, in welcher nach des Wirths Verſicherung die Weiber ſammt den Rittern vor eilf Tagen Nachtlager hielten. Groß war Frie⸗ drichs und ſeiner Begleiter Erſtaunen, als dieſer verſi⸗ cherte, daß die Jungfrauen in einer bunten Reihe mit den Rittern getafelt, Freude und Vergnügen im Ueber⸗ fluß geäußert, und oft ſelbſt die Becher gefüllt hätten, welche die Ritter ſtets auf ihr Wohl leerten. Eine neue, qualvolle Leidenſchaft, die nagende Eiferſucht bemächtigte ſich nun ihres Hurzens, ſie ſaßen tief in ſich verſchloſſen da, und fluchten insgeheim der Liebe, wenn ſie fähig wäre, ſo bittere Früchte zu tragen. Noch entdeckten ſie einander ihre Gedanken nicht, als aber der geſchwätzige Erzähler immer fortführ, ihren Verdacht zu mehren, als er am Ende gar perſicherte, daß die Weiber den Rittern Küſſe erlaubt und ſolche oft erwiedert hätten; da entbrannte ihr Zorn heftig, da gaben ſie ihrer Empfindung Worte, und ſchwuren 28 vereint, daß ſie Rache an den Rittern, aber noch ſchreck⸗ lichere an den treuloſen Weibern üben wollten. Ehe es noch tagte, verließen ſie ihr Lager, auf welchem ſie die Nacht in martervollen Vorſtellungen zugebracht hatten; ſie eilten vorwärts, erhielten neue Nachrichten von dem Zuge der Weiber, und waren am Abende wieder ſo glücklich, eine Herberge zu erreichen, in wel⸗ cher auch jene vor zwölf Tagen übernachtet hatten. Lange harrten ſie, ehe ſie es wagten, nach dem Betra⸗ gen der Weiber zu forſchen; als aber endlich Hoffnung und Ungeduld ihren Vorſatz beſiegte, da ward ihnen noch weit ſchrecklichere Nachricht zu Theil. Die Weiber hatten nach des Wirths Erzählung auf dem Schooße der Ritter mehr als einmal geruht, Küſſe in Menge empfangen und erwiedert. Auch ſchliefen ſie mit fünf der vornehmſten Ritter in einem Gemache, und hinter⸗ ließen dem Erzähler auf dieſe Art die Ueberzeugung, daß ſie wirkliche Ehefrauen derſelben wären. Groß war der Sturm, welcher nun in der armen Wanderer Bruſt ſich erhob! Schrecklich und mannig⸗ faltig das Leiden, welches ihr gutes Herz marterte. Sie hatten mit einmal alles, ſogar die Hoffnung ihres künftigen Glücks verloren. Rache und Tod war die einzige Ausſicht, welche ſich ihnen öffnete, ſie haſchten darnach gleich einem, der mit den ungeſtümmen Wellen kämpft und jeden Augenblick zu Boden zu ſinken wähnt. Sie wünſchten nur zu leben, um dieſen einzigen Wunſch ihres Herzens befriedigen zu können, und wollten dann ſelbſt den Tod ſuchen, wenn ſie ihn in der Vollen⸗ dung ihrer Rache nicht finden würden. Mit dieſem Gedanken beſchäftigt, zogen ſie aufs neue aus und verloren auf einmal die fernere Spur des Zuges der Weiber. Bis zum Anfange eines großen und weiten Forſtes hatten verſchiedene Bewohner eines Fleckens die Ritter ziehen ſehen, aber weitere Nachricht konnten 29 ſie nicht geben, und im Forſte fanden die Forſchenden keinen, der ihren Zug beobachtet hatte. Viele Stra⸗ ßen durchkreuzten den Forſt. Unermüdet, denn Hoff⸗ nung der Rache ſtärkt mächtig, zogen die Ritter auf allen dieſen hin und her, und fanden nirgends, was ſie ſo emſig ſuchten. Mehr als einmal hatten ſchon die Aermſten den Forſt rings umher durchjagt, waren in jedem nahen Dorfe, in jeder einzelnen Hütte ein⸗ gekehrt, und hatten nichts erforſcht, nichts erfahren, als einſt in einer angenehmen Sommernacht Friedrich unter den Bäumen zu xuhen beſchloß, und doch nicht ruhen konnte. Er blickte ſehnſuchtsvoll ins weite Fir⸗ mament hinauf, und forſchte traurig nach dem Orte der ewigen Ruhe, als er mit einmal den Mond erblickte, und gewahrte, daß ſeine Scheibe ſich mächtig zu füllen begann. Er erinnerte jetzt ſeine Begleiter an das Gebot ihres Hauptmanns, und da dieſe des vergebnen Forſchens müde waren, ſo waren ſie alle zur Rückkehr um ſo mehr bereit und williger, weil ſie mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit hoffen konnten, daß die unbekaunten Ritter auf den Scheidewegen ihrer harren würden. Am Abend zuvor, ehe der Mond ſich ganz füllte, langten ſie auf Farnsburgs Veſte an. Alle Rilter ſtrömten ihnen entgegen, und unter dieſen auch die alten Grafen. Traurig wichen dieſe aber zurück, als ſie die hoffnungsloſen Blicke der Ankommenden ſahen, und deutlich bemerkten, daß finſtere Verzweiflung auf ibrer Stirne throne. Sie nahmen die Heimkehrenden tillſchweigend bei der Hand, führten ſie nach dem Gemache der alten Gräfin, und geboten ihnen, ohne Rückhalt die Trauerpoſt zu erzählen, welche ihr Geſicht ſchon im Voraus ſo deutlich verkündigt hatte. Der kältere und daher richtigere Forſcherblick der Alten fand an der Erzählung der Ritter vieles zu tadeln, man⸗ ches ſchien ihnen nicht erwieſen, nicht deutlich darge⸗ 30 than, und daher alles unglaublich, alles unmöglich! Sie baten vereint die Liebenden, nicht nach dem Schein zu urtheilen, ſich voriger Begebenheiten zu erinnern und zu bedenken, daß allzu ſchnelle Rache der Liebe Glück ſchon einmal beinahe ganz vernichtet hätte. Alle Weiber liebten ſo treu, ſo innig, ſo zärtlich, und ſoll⸗ ten jetzt auf einmal ihres Geliebten vergeſſen, ſich zu elenden Buhlerinnen der Räuber erniedrigt haben! Dies konnte der Alten Verſtand nicht faſſen. Dies konnte ihr Herz nicht glauben, weil ſie ihrer Töchter Tugend nur allzu gut kannten, und zur Probe für dieſe willig und gerne ihre Hand ins Feuer gehalten hätten. Mit vorzüglich unerſchrocknem Muthe hörte die alte Gräfin Farnsburg die Erzählung der Ritter an. Ihre roth geweinten Augen hellten ſich mächtig zuf, ihre blaſſen, eingefallnen Wangen färbte jugend⸗ liche Röthe, ſie behauptete kühn, daß ihre Töchter ſol⸗ cher Schandthat nicht fähig wären, und daß derjenige Ritter, der ſolche unedle Mähre glauben könne, ihr Sohn zu werden nicht verdiene. Auch Ludwig, der Sohn des Grafen Farnsburg,trat auf der Verthei⸗ diger Seite und bewies mit vielen Gründen, daß die ſchöne Adelheid unmöglich ſo handeln könne. Er bedauerte herzlich, daß ſein Vater ihm nicht erlaubt hätte, mit den Suchenden zu ziehen, weil er ſicher und gewiß den lügenhaften Erzähler gepackt und zu beſſerm Ge⸗ ſtändniß gezwungen hätte! Ohne Widerrede— denn ihr Herz war deſſen nur allzu froh— hörten die Ritter dieſer Widerlegung zu und bedauerten herzlich, daß ſie nicht emſiger geforſcht hatten; ob der Erzähler nicht vielleicht aus eigennützi⸗ ger Abſicht ſie ſo ſchändlich belogen habe? Sie baten vereint die Eltern um Verzeihung, und gelobten, nie mehr an der Treue der Weiber zu zweifeln, wenn nicht inläugbare Thatſachen ſie vom Gegentheile über⸗ zeugten. 31 Mit mehrerm und ſtärkerm Verlangen ſahen nuh alle der kommenden Nacht entgegen, in welcher ſie mit den unbekannten Rittern zu ſprechen und nähere Nach⸗ richten zu erhalten hofften. Viele der Ritter zogen auf Farnsburgs Geheiß ſchon an bieſem Tage aus, um auf entferntern Scheidewegen der Ankunft der Frem⸗ den entgegenzuharren. Allen wurde aufgetragen, mit Würde und Ernſt nach der Ritter Namen zu forſchen, und im Namen des beleidigten Löwenbundes Rechen⸗ ſchaft und Genugthuung zu fordern. Als es Abend wurde, zog auch Friedrich ſammt ſeinen treuen Beglei⸗ tern, und mit dieſen auch der junge Graf Ludwig nach dem nahen Benediktinerkloſter hinab, bei deſſen Kirche ſich ein großer Scheideweg befand, deſſen Spitze gerade nach dieſer führte. Sie harrten, bis die Mit⸗ ternachtsſtunde ſich nahte, im Forſte, und ritten dann mit frohem Muthe nach dem Kreuze, welches in der Mitte des Scheideweges errichtet war. Die Nacht war trüb und dunkel, Gewitterwolken zogen am Gebirge umher, der Blitz derſelben erleuchtete dann und wann die ganze Gegend heller zls der Vollmond, welchen meiſtens finſtere Wolken deckten. Abwechſelnd wehte der Südwind, wirbelte Staub in die Höhe, und knarrte fürchterlich mit dem Fähnlein des Thurms. Alles ſchien rings umher zu ruhen unt zu ſchlafen, nur des Käuz⸗ leins Ruf und Riedengebelle durchſchallte dann und wann das Ohr der Horchenden. Im nahen Sumpfe hüpften Irrwiſche in großer Zahl umher und ſchreck⸗ ten der Ritter Roſſe, welche oft ihre Mähnen ſchüttel⸗ ten und zu ſchnauben begannen. Wie die Glocke eilfe ſchlug, hörten ſie von Ferne Geräuſch der Kommen⸗ den. Sie zogen ihre Schwerter und ſchloßen ſich an einander. Sieben Ritter, ohne Harniſch, ohne Schwert und Lanze, langten nun am Kreuze an, ſiiegen vom Roſſe und ſandten ihre Knechte ſeitwärts. Sie ſchie Sn hier? nen Friedrichs und ſeiner Begleiter nicht zu achten, und ſiellten ſich nahe zum Kreuze, von welchem die erſtern ſich ein wenig entfernt hatten. Friedrich. Wer ſeyd ihr? Und was beginnt ihr Einer der fremden Ritter. Wir harren der ſchwarzen-Ritter und verlangen aufgenommen zu wer⸗ den ins Heiligthum ihres Bundes. Wenn ihr die Ab⸗ geſandten derſelben ſeyd, ſo findet ihr uns bereit, euch zu folgen. Friedrich. Arme Wichte! Kann Warnung euch retten, ſo flieht von hier! Schwarz iſt die Rüſtung der Ritter! Schwarz iſt ihr Bund! Joch ſchwärzer aber ihre Handlung! Seyd ihr Freunde der Unſchul⸗ digen! Wollt ihr Retter ver Unterdrückten werden, ſo eilt von hinnen, denn bald wird ein fürchterlicher Schwur euch zu Feinden derſelben machen! Ein fremder Nitter. Wenn dies die erſte Probe eures Bundes iſt, ſo werden wir ſie glücklich überſte⸗ hen, denn wir ſind zu ſehr von eurer reinen Abſicht, von euren edlen und guten Handlungen überzeugt! Eure Vorſtellung täuſcht uns nicht! Fördert lieber unſern ſehnlichen Wunſch, die Erfüllung deſſelben wird euch unſern wärmſten Dank ſichern. Friedrich. Verblendete, laßt euch rathen. Auch wir harren der ſchwarzen Ritter, aber wahrlich nicht zur Aufnahme in ihren Bund, ſondern zur Aufforde⸗* rung der gerechteſten Rache! Noch einmal: Ihr dauert mich! Wenn ihr redlich denkt, ſo weicht von hinnen!* Ihr werdet Räuber werden! Ihr werdet friedliche Veſten derbrennen und Weiber entführen müſſen! Ein fremder Ritter. Wenns Gottes Ehre för⸗ dert, wenns ſeinen Ruhm vermehrt, ſo werden wir's wrillig und gerne thun! Ihr ſeht, eure Verſtellung fruchtet nichts! Endet lieber und führt uns Käher 3 zum Ziele! 6 N 33 Friedrich. Ich werde es wahrlich nicht thun! Harrt mit uns, bis ſie kommen! Ich hoffe zu Gott, daß der Ausgang euch eines andern belehren ſoll. Frievrich würde vielleicht noch länger mit den Frem⸗ den geſprochen haben, wenn er nicht bemerkt hätte, daß die Fenſter der nahen Kirche ſich auf einmal ſtark erleuchteten. Ehe er noch dieſe Bemerkung ſeinen Be⸗ gleitern mittheilen konnte, hörte er und alle aufs neue, daß Roſſe ſich nahten. Begierde nach Rache, nach Auftlärung fachte ihren Muth mächtig anz ſie ſporn⸗ ten ihre Roſſe vorwärts und ſtellten ſich an die Straße, auf welcher der Zug heran kam. Sieben und zwanzig Ritter im ſchwarzen Harniſché zogen nun vor ihnen vorüber; ſie ſchienen ihrer und des Gewiehers der Roſſe nicht zu achten, welche wechſelsweiſe einander begrüßen. Als der letzte ſich nahte, ſenkte Friedrich ſeine Lanze gegen ihn und gebot ihm Stillſtand. Friedrich cheftig und voll Eifer). So nicht! So entkommt ihr nicht! Wenigſtens einer unter euch muß euer Verſprechen erfüllen und mir Rede ſtehen! Der Ritter. Willkommen, tapferer Löwenritter, willkommen! Ich würde dir meine Hand zum Gruße bieten, wenn ich nicht im Voraus wüßte, daß du den Gruß verſchmähteſt! Wir haben den Briefeures Haupt⸗ manns erhalten und geleſen! Euch ſoll Genugthuung und Aufklärung werden. Harre nur ein wenig, bis ich den Ritter Fürchtegott herbeirufe, er hat Aufträge an dich von unſerm Hauptmanne! Friedrich(ſoth. Ich erwarte ihn hier!—— Der Ritter trabte nun vorwärts, der ganze Haufe ſtand. Neun Ritter führten die ſieben Freinden, welche am Kreuze ſtanden, nach der Kirche, die übrigen kehr⸗ ten mit ihrem Anführer zu Friedrichen zurick. Anführer. Evler Ritter! Wie nennſt du Löwenritter 2. 3 34 Friedrich. Ich nenne mich Friedrich von Fro⸗ burg! Bin Ritter des tapfern Löwenbundes und abge⸗ ſandt von deſſen Hauptmanne, um Genugthuung von euch zu heiſchen und euch in die öffentlichen Schran⸗ ken vor Gottes Gerichte zu fordern. Der Anführer. Wir ehren die Tapfern und wollen unſer Schwert nicht in ihr Blut tauchen! Wir gewähren euch die erſtere, und hoffen, ſie ſoll euch genügen! Friedrich. Wie könnt, wie wollt ihr dieſe leiſten 2 Der Anführer. Höre, wie wir handelten, und urtheile dann erſt: ob wir's nicht vermögen! Wir haben deines Vaters Veſte nicht Räubern ähnlich über⸗ fallen! Wir haben eure Knechte nicht gemordet, nicht gefangen fortgeſchleppt! Wir haben die Veſte nicht an⸗ gezündet! Dies thaten die Fridauer, Dornegger und Mönchſteiner, deren Zorn ihr ehedem gereizt habt, welche immer Gelegenheit an euch ſuchten, und ſie in eurer Abweſenheit ſo trefflich fanden. Friedrich. Wie iſt dies möglich, wie kannſt du ſo kühn dieſe Lüge behaupten, da—— Der Anführer. Allzuraſcher Jüngling, laß mich erſt enden, ehe du ſo ſagſt!—— Wir zogen eben durch euern Forſt, als ſie, mit Beute beladen, ſich uns näherten. Wir erblickten jammernde Weiber unter ihren Haufen und boten ihnen Fehde oder Ausliefe⸗ rung derſelben! Sie waren feig genug, uns die letz⸗ tere zu leiſten, und zerſtreuten ſich mit ihrer Beute im Forſte. Wir fanden Graf Neuburgs Wittwe unter den Weibern. Wir hielten Gericht über ſie und erkannten ſie ſchuldig. Ihr Blut komme über uns, wenn es unſchuldig floß! Eſchenbach(vom Gefühle bingeriſſen). Das ſoll, das wird es! Centnerſchwer wird es einſt in eure Sündenſchale fallen und euch zur Hölle zichen! Der Anführer. Es geſchehe, wie du geſagt haſt, wenn der ewige Richter⸗ uns ſchuldig findet. gefüllt! Eure Mutter ſandte euch aus, um Aehren 35 Friedrich. Dies werden wir hier nicht entſchei⸗ den! Wo ſind die übrigen Weiber? Warum haltet ihr ſie widerrechtlich gefangen? Der Anführer. Sie leben! Sie ſind geſund! Ihr ſollt— eeine große Glocke ertönk dreimal) Horch! Die Glocke ruft mich zur heiligen Handlung! Ich kann, ich darf ſie nicht verzögern. Sobald ſie geendet iſt, ſiehſt du mich wieder! Wollt ihr indeß uns näher ken⸗ nen lernen, ſo folgt uns nach der Kirche. Der Ein⸗ gang dahin ſteht euch offen.——— Er ſpornte nun, ohne eine Antwort zu erwarten, ſein Roß, und jagte mit ſeinen Begleitern nach der Kirche. Friedrich, und alle, die mit ihm waren, beſchloſſen zu folgen. Die Nachricht von dem Leben und der Geſundheit der Wei⸗ ber hatte ihr Herz mächtig erfreut, ſie ſollten noch mehr von ihnen erfahren, ſie wahrſcheinlich zur Genug⸗ thuung zurückerhalten; dieſe Hoffnung befeelte ſie ganz und verdoppelte ihre Schritte. Eben langten ſie in der Kirche an, als die ſchwarzen Ritter ſich um den Hochaltar reihten, den viele Lampen prächtig erleuch⸗ teten. In ihrer Mitte ſtanden die ſieben Ritter ohne Schwert und Helm. Ein Pfaffe im prieſterlichen Ornate beſtieg nun die Stufen des Hochaltars, murmelte einige Gebete, und wandte ſich dann ſprechend gegen die Ritter Der Pfaffe. Der Mond hat ſich nun wieder zu ſammeln? Kehrt ihr mit Früchten belaſtet zurück? Der Anführer. Wir ſpähten emſig umher, wir ſuchten raſtlos, und fanden der guten Körner wenig, der Spreu nur allzuviel! Nur ſieben Ritter ſtehen hier, welche unſre Worte hörten, und nun feſt entſchlöſſen ſind, ihren Arm der Kirche zu leihen, zu kämpfen gegen die Unglänbigen, welche den Fels umſtürzen wollen, auf welchen ſie erbaut ward. B Der Pfaffe. Führt ſie näher zu mir! Cſein Beſeßt ward befolgt; er jegnete ſie mit aufgehobnen Händen) Seyd mir willkommen im Namen der weinenden Mut⸗ ter, die eures Troſtes, eurer Hülfe ſo ſehr bedarf! Hart wird euer Kampf, aber herrlich auch euer Lohn ſeyn! Hier und jenſeits ſoll er euch werden! Folgt mir ins Innere, damit ich euch einweihe zu Kindern des ewigen, zu Rittern der wahren Kirche. Der Pfaffe ſtieg nunz herab vom Hochaltare, die Kandidaten folg⸗ ten, und die geharniſchten Ritter zogen dieſen nach. Eben überlegte Friedrich mit ſeinen Begleitern: ob ſie weiter folgen oder den Ritter hier erwarten ſoll⸗ ten, als ſich ihnen ein alter, ehrwürdiger Prieſter nahte. Er bat ſie, ihm nach dem Kloſter zu folgen, und führte ſie durch den langen Kreuzgang nach einem kleinen Gemache, deſſen Wände mit blauen Decken behangen waren. Harrt hier nur, ſprech der Prieſter, bis die Ritter ihr Geſchäft geendet haben, ſie werden dann gleich erſcheinen, um in Liebe und Freundſchaft mit euch die Nacht zu durchplaudern. Er entfernte ſich und die Ritter traten näher zu einem großen Schilde, welches an der Wand hing und mit einem Kreuze bemalt war. Wie ſie es noch betrachteten⸗ wich der ganze Boden unter ihren Füßen; ſie ſanken langſam, aber tief in eine finſtre Höhle hinab, in welcher ſie nun zu ſpät ihre Unvorſichtigkeit bereuten, und ver⸗ gebens den Räubern fluchten, welche ſie, ihrer Mei⸗ nung nach, ſo ſchändlich und liſtig in die Falle gelockt hatten.* Eben, als die guten Ritter ſo liſtig gefangen wur⸗ den, hatte das Gewitter, welches um Mitternacht am hohen Gebirge einherzog, ſich mächtig genähert. Es ſchwebte über dem engen Thale, deckte es ganz und drohete alles zu verheeren, alles zu vernichten. Im⸗ merwährend erleuchteten feurige Blitze die Gegend, immerwährend erſchallten Donnerſchläge, welche die Echo der Felſen nicht zu beantworten vermochten. Ein heftiger Sturm entwurzelte die Bäume und ſchleuderte ſie hoch in die Luft empor. Die ſchweren Wolken wur⸗ den durch ihn an die Berge geworfen, ſie zerriſſen, und Waſſerſtröme ſtürzten von allen Seiten ins Thal, welches ſich bald füllte und einem breiten See ähnlich ſah. Unter den Vielen, welche in dieſer ſchrecklichen Nacht ihr Grab in den Fluthen fanden, wären auch Friedrichs und ſeiner Begleiter Knechte, welche mit den Roſſen am Kreuzwege hielten, ſich vor der Gefahr des Sturmes instiefere Gebüſch flüchteten, und bald darauf durch einen Waldſtrom mit fortgeriſſen wurden. Schon ſtieg die Sonne am Firmamente empor, als es noch immer in der Ferne donnerte, noch immer rings herum regnete. Graf Farnsburg hatte mit ſei⸗ nem Gaſte, dem Grafen von Froburg, die ſchrecktiche Nacht ſchlaflos geendet, ſie traten jetzt beide ans Fen⸗ ſter und blickten nach den Straßen, auf welchen die Ritter zurückkehren ſollten. Nirgends fand ihr Auge die Suchenden. Anfangs glaubten ſie, das ſchreckliche Wet⸗ ter, die überall ſichtbare Ueberſchwemmung habe die Ritter von der Rückkehr abgehalten; als äber dieſem Sturme der ſchönſte Tag folgte, die Bäche in ihre Ufer zurücktraten, der Mittag ſich nahte und keiner der Abgeſandten ihr Herz zu tröſten kam, da mehrte ſich ihr Kummer mächtig, ſie gaben ihm Worte, und beſchloſſen vereint, nach allen Orten Boten auszuſen⸗ den, um zu erfahren: ob ihre ſchreckliche Vermuthung ſie trüge? Ob dieſe fürchterliche Nacht ſie gänz kin⸗ derlos gemacht habe?—— Sie miſchten ſich bald hernach ſelbſt unter die Suchenden, und längten, von Läterlicher Ahnung geleitet, am Bache an, welcher das Thal durchſtrömte. Wie ſie eben durch eins Furth deſſelben reiten und im gegenüber liegenden Kioſer Nochfrage halten wollten, erblickten die nuchfolgenrti ————— —— —— Knechte ein todtes Roß am Ufer. Es war der ſchwarze Streithengſt des jungen Grafen von Farnsburg; unfern davon lag ſein Schildknappe, welcher des Roſſes Zügel auch noch im Tode feſt hielt. Der Knechte Angſtge⸗ ſchrei lockte die alten Väter näher, ſie hörten die Ur⸗ ſache deſſelben, und ſprangen vom Roſſe, um, vereint mit den Knechten, die Leichname ihrer Kinder zu ſuchen. Es würde das Gefühl meiner Leſer beleidigen, wenn ich in dieſer Erzählung weiter fortfahren wollte, der Väter Schmerz war groß, unnennbar, aber unnöthig, denn ihre Kinder leben noch, ſchmachten nur in einem unterirdiſchen Kerker, aus welchem vielleicht noch Ret⸗ tung möglich iſt. Um dies zu erfahren, verlaſſe ich die Suchenden, und kehre zu den Rittern zurück, deren Schickſal hart, und ihrem Gefühle unerträglicher als der Tod ſelbſt war. Keine Speiſe, kein Trank hatte ſie bisher ergquickt, ſie fürchteten mit Grunde, den Hungertod leiden zu müſſen. Rings umher war ſchon die Höhle von ihnen durchſucht worden, ſie hatten nirgends einen Ausgang gefunden, und bereiteten ſich nun ſtandhaft zum Tode. Sie gelobten eben einan⸗ der, nicht zu klagen, wenn auch Hunger und Durſt noch ſo fürchterlich in ihrem Innern wüthen ſollte, als im Hintergrunde ſich eine eiſerne Thüre öffnete. Ein Knecht, mit einer brennenden Fackel in der Hand, trat ein und forderte trotzig ihre Waffen. Alle ver⸗ weigerten ſtolz dieſe Forderung. Nur der Tod kann ſie uns entreißen! rief Friedrich und wollte eben den kühnen Knecht faſſen, als dieſer ſchnell entfloh und die Thüre hinter ſich verriegelte. Die Fackel war ihm im Laufen entfallen; Heinrich faßte ſie ſchnell, und alle eilten nun nach der Thüte, um mit Gewalt die Rie⸗ gel derſelben zu ſprengen. Arme Sterbliche, rief jetzt eine Stimme von oben herab, ihr müht euch verge⸗ bens! Neun Thüren, alle an Stärke und Feſtigkeit — 39 dieſer gleich, verwahren den Eingang zu eurer Höhle! Ihr werdet an der erſtern ſchon eure Kräfte verſchwen⸗ den und eure Schwerter zerbrechen! Womit wollt ihr die übrigen öffnen2 Laßt euch rathen, legt eure Waf⸗ fen ab, und ich komme, um mit euch tröſtend zu ſprechen. Friedrich. Wir haben geſchworen, unſre Waffen nur der Hand des Todes zu übergeben. Wir werden dieſen Schwur nie brechen S Die Stimme. Edle Ritter! Euer unerſchrockner Muth mehrt meine Bewunderung immer ſtärker. O hätte ich ſolcher Helden nur neune, ich wollte Wunder⸗ thaten verrichten! Ich heiſche eure Waffen nicht mehr, tragt ſie Lebenslang zur Vergrößerun Ach! warum nicht auch zur Beförderung der Ehre Got⸗ tes! Schwört mir, daß ihr ſie nicht gegen mich kehren, daß ihr nicht Rache an mir nehmen wollt, und ich komme hinab. Friedrich. Komm unbewaffnet, und du biſt dann kräftig vor unſrer Rache geſichert. ie Stimme. Ich will unbewaffnet kommen, ich will euch Speiſe und Trank bringen, aber ich heiſche vorher Wort und Schwur, daß ihr nicht an mir das Ungemach ahnden wollt, was euch bis jetzt wieder⸗ fahren ißt. Friedrich. Komm! Wir geloben dir Sicherheit und freien Rücktritt aus der Höhle. Die Stimme. Ihr ſeyd Ehrenmänner, ich traue euerm Gelübde und komme. Bald darauf trat ein alter, ehrwürdiger Ritter in ie Höhle. Einige Knechte trugen ihm Speiſe und Wank nach, ſie ſtellten alles abſeits auf eine Felſenbank, und gingen wieder von dannen. Einige Fackeln, welche ſie in die Ritze der Felſen geſteckt hatien, erleuchteten hell die Höhle. Der alte Ritter, welcher ein ſchwarzes Wamms trug, trat nun näher. Sein Sreiſnhaar, — 7 ſein redlicher, feſter und doch freundlicher Blick heiſchte Ehr⸗ furcht, und eine breite Narbe, welche quer über die Stirne lief und ſich im Haupthaare verlor, bewies deutlich, daß er mit Recht fie fordern könne. Die Ritter hatten ſich an die Wand des Felſen gelehnt, hielten Schwert und Schild in Händen, und erwarteten ſtandhaft des Ritters Sendung. Der Greis bot Friedrichen ſeine Hand freundlich zum Gruße. Friedrich(mit edlem Stolze). Wir verſprachen dir nur Sicherheit, nicht Freundſchaft! Ich kann deinen Gruß nicht erwiedern! Der Greis. Und doch war es ſo herzlich gemeint, hätte wohl um dieſer Meinung willen eine beſſere Auf⸗ nahme verdient. Glaube mir, ich geize nach deiner und der Deinigen Freundſchaft. Friedrich ébitter lachend). Dann haſt du deinen Wunſch herrlich gefördert! Bin freilich noch nicht alt geworden, hätte aber nie zu erleben geglaubt, daß man Freundſchaft durch Liſt, Trug und Bosheit zu gewin⸗ nen ſuche. Der Greis. Freilich iſt dies nicht der offne Weg, aber wenn man jedes andre Mittel hartnäckig verſchmäht, wenn höherer Wink—— Genug indeß, um zu bewei⸗ ſen, daß eine Handlung oft böſe ſcheinen, und doch gut ſeyn kann. Ehe ich dies aber beweiſe, ſo bitte ich euch, vorher zu genießen, was ich an Speis und Trank euch brachte. Meine Ritter haben in dieſem Punkte meinen Auftrag mißdeutet! Wäre ich eher hier angelangt, ihr würdet beides ſchon längſt erhalten haben! Canft lächelndy. Denn ich weiß nur allzu gut, daß der Hunger den Löwen nicht bändigt, ſeine Wuth nur ſtärker reizt!(r ſchenkt Wein ein) Trinkt, edle Ritter, trinkt! Friedrich. Mann! Wenn dein Geſicht wirklich lügen ſollte, wenn du mit freundlichem Blicke uns zur Labung Gift reichen könnteſt, dann—— 41 Greis. Dann werde mir jeder Tropfen zur To⸗ desqual! Wenn Mißtrauen euch an der Labung hindert, ſo will ich ſie vernichten cer leert den Becher und ſchehkt wieder ein). Ich bitte euch, trinkt! Ihr ſeyd Helden, aber ihr ſeyd auch Menſchen und müßt der Stärkung bedürfen. Noch einmal ſeys geſagt: Alle Liſt hat nun geendet, und offne Redlichkeit mags nun verſuchen: ob ſie Früchte bringt? Ob ſie das Ziel erreicht hat? Die Ritter verweigerten nun nicht länger den Wein, welchen der Greis ihnen bot; ſie leerten jeder einen⸗ Becher, und fanden ſich kräftig geſtärkt. Der Greis. Ich bin euch Aufklärung ſchuldig, und bin gekommen, ſie euch zu leiſten. ſtehe un⸗ bewaffnet vor euch, ihr ſollt meine Ankläger werden, und ich will euch aufrichtig und treu antworten! Klagt, ich will mich vertheidigen! Friedrich. Meines Vaters Veſte wurde, als er abweſend war, von Räubern überfallen, ſeine Knechte— Greis. ueber dieſe Anklage iſt dir ſchon Aufklärung worden. Wir waren dieſe Räuber nicht. Gott ſchütze mich und meinen Bund vor ſolch einer That! Die Fri⸗ dauer und Dornegger nahmen ſchimpfliche Rache an euch! Dies will ich dir beweiſen, und vereint mit euch dieſen Schimpf an den Unholden rächen. Heinrich. Es waren Pfaffen unter ihnen, ihr ſteht mit allen im Bund—— Greis. Mit vielen, aber nicht mit allen. Auch hatten ſie nur ihre Burgkapläne bei ſich, welche eben ſo heilloſe Buben, wie ſie ſelbſt ſind. Ich kenne dreie derſelben, welche der Kloſterzucht entflohen und nun auf der Räuber Veſte ihr Weſen treiben. Sie vergeben die Sünden, welche ſie ſelbſt begehen; ſie treiben Spott mit der Gewalt, welche ihnen Gott verlieh, und wer⸗ den früh oder ſpät dem Rachſchwerte unſers Bundes gn⸗ heimfällen. 12 Friedrich. Wohl dann! Ich nehme die erſte Klage zurück, um ſie mit einer zweiten und gewiſſern zu er⸗ ſetzen. Ihr befreitet die Weiber aus den Händen der Räuber, ihr führtet ſie gefangen mit euch fort, und verbargt ſie bisher höchſt ſträflich vor unſrem ſuchenden Auge. Wer gab euch das Recht zu dieſer That? Sie ſind unſre Verlobte! Warum verweigert ihr uns ſolche ſo hartnäckig? Greis. Unſre Tapferkeit befreite die Weiber, Ke wurden unſre wohlverdiente Beute. Sollten wir ſie ungefordert zurückſenden? Sollten wir ſie neuem Un⸗ gemach, neuem Unglücke blosſtellen? Habt ihr je ſchon ſie von uns zurückgefordert, und könnt ihr wohl hei⸗ ſchen, daß wir ohne allen Erſatz der Gefahr ſie euch überliefern ſollen? Sieh! Alle dieſe und noch weit mehrere Fragen könnte ich deinen Vorwürfen entgegen⸗ ſtellen, wenn ich nur als Mann, nicht auch als Freund mit dir ſprechen wollte! Aber weg mit der Verſtellung, ſie ziemt Rittern nicht, wenn ſie einander Aug in Auge blicken, ich will offen, ich will ohne Falſch mit dir ſpre⸗ chen Ich bin der Hauptmann eines mächtigen Bundes, der einer hohen Eiche gleicht, die nach allen Himmels⸗ gegenden ihre Aeſte ausbreitet. Unſere Glieder find an ver Zahl den euern wohl zwanzigfach überlegen— — aber——— nimms zum Beweis meiner Auf⸗ richtigkeit—— ſie können doch euern thatenvollen Muth, eure Ausdauer in der Tapferkeit, eure uner⸗ ſchütterliche Standhaftigkeit nicht erreichen. Unſer Wir⸗ kungskreis iſt die ganze weite Welt, der eurige nur das enge Deutſchland,und doch ſprechen ſchon mehr Zungen zu euerm als zu unſerm Ruhme, ſchon nennt euern Namen der Europäer und der Aſiate mit gleich großer Ehrfurcht, und jeder fürchtet die Macht des all⸗ gewaltigen Löwens. Als vor neun Monden die ſieben und wanzig Aeſte ſich um den mütterlichen Stamm verſammelten, da gedachten viele eures Bundes, und mir ward aufgetragen, daß ich ſammt meinen Zweigen dieſen Bund prüfen, und, wo möglich, als einen Aſt auf den allgemeinen Stamm pflanzen ſollte. Ich ſchwur, den Auſtrag zu erfüllen, und mir ward Macht gege⸗ ben, Güte und Liſt zu verſuchen. Euer Hauptmann verhinderte die erſtere durch ſeine kühne Unternehmung, er ſtellte dich an die Spitze der Rächer, welche den Abt des Marienkloſters ſo ſtreng ſtraften. Ungeachtet ich dieſe That nicht billigen konnte, ſo mußte ich ſie doch bewundern. Als Bann euer Loos ward, da hoffte ich durch Vermittlung zu ſiegen; aber euer Schwert war ſchon beſſerer Vermittler geworden, ihr hattet dadurch die Freundſchaft eines Biſchofes gewonnen, der oft die unſrige verſchmäht hatte. Ein Ungefähr führte uns eure Bräute in die Hände. Wärs meiner Meinung nachgegangen, ſo würde ich durch freiwillige Rückgabe derſelben eure Freundſchaft zum Gewinn gefordert ha⸗ ben, da aber meine Ritter durch wichtige Gründe dieſer Meinung widerſprachen, ſo fügte ich mich derſelben, und die Weiber wurden nach Welſchland in ein Kloſter geſandt, wo ſie jetzt vor jeder Gefahr ſicher leben. Die Ritter Gugleich und durch einander). Wie 2 Ins Kloſter? Ihr wolltet? Weh euch! Greis. Laßt mich enden, ich hoffe, ihr werdet dann mit mir zufrieden feyn. Die Geſetze unſers Bundes fordern ausdrücklich, daß jedes ſtreitende Glied derſel⸗ ben nicht verehlicht ſeyn darf. Die Abſicht des Stif⸗ ters war löblich, er wollte durch dies Geſetz die Brü⸗ der enger an ſich ketten, er glaubte, daß derjenige, wel⸗ cher um ſein Weib und Kind bange, nicht mit ſolchem Muthe wie der Freie und Ledige ſtreiten könne. Ob er dadurch wirklich ſeine Abſicht erreichte, geziemt mir nicht zu unterſuchen? Genug, ſie ward und iſt noch unſer Geſetz. Da nun mir und meinen Rittern noch Vereinigung mit eurem Bunde möglich ſchien, ſo woll⸗ ten wir für die Zukunft nicht fünf der ſtreitbarſten Rit⸗ ter in unſrer Mitte vermiſſen: Wir hofften mit Grunde, daß ihr die Entführer der Weiber nie entdecken, fie immer bei den Räubern ſuchen würdet, ſolltet ihr aber doch unſre Spur finden, ſo waren die Wirthe einiger Herbergen beſtochen, eure Eiferſucht zu wecken, und in euern Herzen Ekel gegen weibliche Liebe zu erregen, welcher euch mächtig unſerm Bunde näher geführt hätte. Bald nachher wurden wir unterrichtet, daß dieſe Liſt herrlich gelungen ſey, und ihr voll Wuth über die Un⸗ treue der Weiber der Nachforſchung nach ihnen entſagt hättet. Unſre Hoffnung wuchs nun ſtärker, wir fanden im Marienkloſter euern Fehdebrief, euer Verſprechen, daß ihr auf den Kreuzwegen unſerer harren wolltet, und beſchloſſen, durch fernere Liſt euch in die Falle zu locken, aus welcher ihr nur als Glieder unſres Bundes entkommen ſolltet. Friedrich. Alter! deine Liſt betrog dich, denn— Greis. Noch einmal, laß mich enden! Ich weiß, daß meine Liſt unnütz war. Würde ich ſie dir ſonſt ſonſt ſo offenherzig gebeichtet, und eben dadurch ihre Wirkung vernichtet haben? Gelungen iſt ſie wohl, aber ohne Früchte zu tragen. Die argloſen und mir deß⸗ wegen ſo theuren Herzen aller deiner Ritter ließen ſich leicht von uns leiten; ſie harren jetzt alle in Höhlen, die dieſer ähnlich ſind, deines Ausſpruches, dem ſie als ihrem Anführer Folge leiſten wollen. Durch viele der⸗ ſelben untervichtet, habe ich zu ſpät erfahren, daß ihr nie Mitglieder unſers Bundes werden könnt, weil ihr geſchworen habt, den eurigen nie zu verlaſſen, nie gegen einen andern zu vertauſchen. Meineid darf in unſerm Kreiſe nicht geduldet werden, und ſo iſt alle Ausſicht zur engen Bundesvereinigung verſchwunden⸗ 1 45 Friedrich. Was kannſt du alſo noch von uns fordern? Greis. Ich will dir's mit Wenigem erklären. Unſer Bund hat der Endzwecke zwei zum Ziele). Den erſtern könnt ihr ohne enge Vereinigung nicht erfüllen, deßwegen muß er euch auch immer verborgen bleiben; der zweite iſt äußerſt wichtig und in eben ſo hohem Grade löblich. Jeder Chriſt, er ſey Ritter oder Laie, Bundesglied oder Profan, kann Theil daran nehmen, kann ſich zur Erfüllung deſſelben mit uns vereinigen. Laß den eifrigſten Verehrer deſſelben keine Fehlbitte an dein gutes und edles Herz thun! Gelobe mir, daß du und dein Bund nur durch ein Jahr die Abſicht deſſel⸗ ben mit tapferm Muthe fördern willſt, und deine und aller Ritter, auch aller Weiber Freiheit ſoll Lohn für dies Verſprechen ſeyn. Der Ritter Geſicht heiterte ſich bei dieſer Nachricht mächtig auf. Innige Liebe, wenn ſie Ausſicht zur Er⸗ füllung erhält, durchglüht des Mannes Herz mit Freude, erfüllt es mit heftiger Begierde. Hingeriſſen von die⸗ ſer, würden daher die Ritter ſogleich der Bitte des Greiſes Erhörung zugeſichert haben, wenn nicht Rück⸗ erinntrung an ſo oftmaligen Trug eben dieſes Herz zur Vorſicht gereizt hätte. Friedrich war der erſte, welcher ſein frohes Gefühl unterdrückte und zu ſprechen begann. Ehe ich, ſagte er, deiner Bitte Zuſage gewäh⸗ ren kann, muß ich zuvor den Inhalt derſelben näher kennen. Ein Mann und ein Löwenritter handelt nach Die Glieder dieſes Bundes wurden in damaliger Zeit die ſchwarzen Ritter genannt. Der erſte Endzweck deſſelben wird wahrſcheinlich in der Fortſetzung dieſer Ge ſchichte enthüllt werden. In der Folge ward er von den liedern gänzlich unterlaſſen, viele derſelben vereinigten fich ſpäter zur beſſern Erfüllung des zweiten mit den Enſi feris und Tempelherrn, deswegen gedenken die ſpätern Annalen ihrer gar nicht mehr. ——— 46 Grundſätzen, und prüft, ehe er beginnt. Du haſt deine Abſicht bisher trefflich unter Liſt und Trug verhüllt, mußt mirs alſo ſchon verzeihen, wenn ich an ihrem vol⸗ len Werthe zweifle. Greis. Du ſollſt alles prüfen, ſollſt alles unter⸗ ſuchen, ehe du zur Wahl ſchreiteſt. Friedrich. So beginne ſchnell, damit nicht neuer Zweifel mich am Glauben hindert. Denn derjenige, welcher vorher des Lohns der Arbeit gedenkt, ihn nach Kräften zu erhöhen ſucht, muß billig vermuthen, daß dieſe Arbeit ſchlecht ſey! Greis. Diesmal trügſt du dich! Die Glieder unſers Bundes haben ſich eidlich verbunden, der mor⸗ genländiſchen Kirche nach Kräften beizuſtehen, mit Nacht zu kämpfen gegen die ungläubigen Sarazenen, welche ſie zu verheeren drohen. Dir kann als Chriſt die Noth nicht unbekannt ſeyn, in welcher ſie eben letzt ſchmachtet; dir kann's als chriſtlicher Held nicht gleichgültig ſeyn, daß Ungläubige den heiligen Ort, auf welchem der Welterlöſer zum Wohle des menſch⸗ lichen Geſchlechts blutete, zu entehren drohen. Mir ſchaudert vor dieſem ſchrecklichen Gedanken! Ich muß aus allen Kräften ſeine Wirklichkeit zu hindern ſuchen. Sind eure bisherigen Thaten ächt, ſeyd ihr Beſchützer der Unſchuld und Retter der Unterdrückten, ſo erfüllt enre Pflicht gegen die Kirche⸗ Sie wird ſchrecklich ver⸗ folgt, ohne Unterlaß geängſtigt, ſie weint unzählbare Thränen. Steht ihr bei! trocknet die letztern! Dies iſt mein Antrag, für deſſen Erfüllung euch der ver⸗ ſprochene Lohn werden ſoll. Fridrich. Die Geſetze unſers Bundes beſehlen uns vorzüglich, im veutſchen Vaterlande Ruhe und Friede zu erhalten, unſere Kräfte zum Wohl der Deut ſchen zu verſchwenden, ich kann daher, ohne Einwilli⸗ gung unſers Bundeshauptmannes, dir nicht Gebährung zuſichern.. — reis. Wäre er mit auf Kundſchaft ausgezogeh ſo würde ich ihn ſelbſt befragen können; da aber die⸗ ſer Wunſch erfüllt ward, ſo wende ich mich an diejenigen, den die übrigen Gefangenen für ihren Anfüh⸗ rer erkennen. Sie haben ihren Entſchluß dem deinigen untergeordnet, von dir muß mir Euſcheiciüt⸗ und für die viele Arbeit und Mühe Lohn werden. Ich hoffe, daß du gegen meine Forderung, gegen die hei⸗ lige Kirche und eures Heldenmuths würdige Abſicht nichts einzuwenden vermagſt—— Was wird euer Hauptmann dagegen vermögen? Wie wird er meine Gründe widerlegen können? Friedrich. Wenn du dies jetzt und ſchon vorher vermutheteſt: warum wandteſt du dich nicht geradezu an ihn? Wozu bedurfte es dann des Truges und der Liſt, welche den Ruhm deines Bundes ſo garſtig befleckt, in ſo großer Menge? Greis. Euer Hauptmann wies ſchon von lange her die Abgeſandten ab, welche ihn zum Kreuzzuge ermahnten; er hörte ohne Rührung die Predigten, in welchen Prieſter die Noth der Kirche ſchilderten.— Mir ward daher Liſt gegen den Verſtockten geboten⸗ Ich habe ſie dir willig geſtanden, weil ich ſie unter meine verdienſtbolle Handlungen zäh le, weil die reinſte Abſicht zur Ehre Gottes ſie heiligt*) Vorwürfe dar⸗ über werden mich daher wenig rühren, ich werde die * Man wundere ſich nicht über die Sophiſtrrei des Greiſes Jeder Geſchichtskundige wird wiſſen, daß die Veförderer des Kreuzzuges wohl noch zu größerer Liſt, zu ſtärkerem Truge ihre Zuflucht nahmen, wenn Ueberredungskraft nicht mehr wirken wollte. Dieſer Trug, dieſs Liſt wurde dann in ihrem Auge zur guten That, deren Lohn ſie jen ſeits zu erndten Wſitin, Selbſt die Annalen der Löwen ritter beſtätigen es, daß diefe ſich Anfangs nicht mit dem Kreuzzuge befaſſen wollten, und am Ende doch, durch Liſt beſiegt, daran Antheil nahmen. Wirkung deſſelben nach Kräften benutzen, und mir dadurch ächtes Verdienſt ſammeln. Entſcheide alſo! - Friedrich. Kann ich dies jetzt, da du mir ſo offen bekennſt, daß unſer Hauptmann deine Abſicht nicht billigt? Greis. Weil er die Wichtigkeit derſelben nicht einſah! Die Zukunft wird ihn eines beſſern belehren, und er wird dir und mir noch danken, daß er Theil nehmen kann an dem unendlichen Verdienſte, welches unſer harrt.— Mehr als hundert ſeiner Ritter liegen in unſrer Verwahrung! Alle ihre Knappen und Roſſe ſind unſre Gefangene, nur die Deinigen tödtete das allgewaltige Waſſer, welches dieſe Nacht das Thal verheerte. Eben, als ich hieher ging, brachten mir meine Kundſchafter die Nachricht, daß eure ſuchenden Väter die todten Knechte und Roſſe am Ufer des Bachs gefunden haben, ſich ganz ihrem Schmerze überlaſſen, und wejl ſie euch auch todt glauben, laut um ihre Kinder jammern. Fördere deinen Entſchluß, eile, ſie dann zu tröſten, damit nicht ihr Schmerz zur eitern⸗ den Wunde werde, die niemand heilen kann. Friedrich. Ha, Grauſamer, du engſt mein Herz gewaltig! Wenn Trug deine Rede nicht abermals belebt hat, ſo kann ich mir den Schmerz der guten Väter denken.— Greis. Und nicht auch die Thränen, die Sehn⸗ ſucht der armen Weiber? Meinen letzten Nachrichten zufolge trauern ſie jetzt ſtärker als je, treten oſt ans vergitterte Fenſter, blicken ſehnlich in die Ferne, und winden weinend ihre Hände, wenn ſie in der ganzen weiten Gegend ihre Retter nicht erblicken. zu LudWig) Junger Ritter, wenn du einſt Adelheide dein nennen willſt, ſo verſchwende mit mir deine Ueberredungskraft, ſonſt wirſt du ſie nur als Nonne wiederſehen. Sie findet großes Behagen am Kloſterleben, und ich kann, darf ihren Vorſatz nicht hindern. X ²9 Ludwig. O dies kann nur allzuwahr ſeyn!(mit vittender Stimme) Friedrich, Freund meines Herzens! gedenke deiner Schweſter! Friedrich qzu allen Rittern). Freunde, was ſoll ich thun? Heinrich. Soll unſer Vater verzweifeln? Wieſenborn. Sollen die Weiber verſchmächten und wir in der Höhle vermodern? Friedrich. Wohlan dann! Die Verantwortung nehm' ich auf mich! Ein jahrelanger Kampf gegen die Ungläubigen ſey dir im Ramen aller Löwenritter, die du durch Liſt gefangen hältſt, durch mich gelobt und zugeſichert; wenn du dagegen uns und den Weibern Freiheit gewährſt, nie weitere Dauer heiſchſt, uns nie mehr zu beleidigen verſprichſt? Greis. Ich gelobe es im Namen meines mächtigen Bundes, durch den euch bald die ächte Urkunde des Ver⸗ trags werden ſoll. Von heute an ſey Freundſchaft zwi⸗ ſchen uns und euch geſchloſſen, alle Fehde, alle Liſt ende, und gegenſeitige Hülfe und Unterſtützung werde beiden zugeſchworen. Tapfere Freunde, kommt an mein Herz⸗ das ſchon lange unwillig der Pflicht gehorchte und ſich der Freundſchaft ſo biederer Männer gerne geweiht hätte! Friedrich. Noch ſind wir nicht an des Zieles Ende, noch— Greis. Ich weiß, was du ſagen willſt, mir genügt deine bloße Zuſage. Ich weiß, daß der Löwe nie lügt, nie verweigert, was er gelobt hat, ſcheint dir bei mir mehr Vorſicht von Röthen, ſo kann ich dirs nicht argen, weil du wieder Liſt vermuthen kannſt. Fordere dreiſt, fordere meine Perſon zur Geißel, und ich will die Tage unter meine vergnügtaſten zählen, die ich in eurer Geſellſchaft zubringe Friedrich. Wann ſind die Weiber frei? werden wir ſie wieder ſehen? dwenritter 2. 4 50 Greis. Bis zu dem Kloſter, wo ſie jetzt leben, ſinds gewöhnlich ſechs Tagreiſen, doch wenn Liebe den Reiſenden lockt und ſeinem Roſſe Eile gebietet, ſo kann man es auch in fünf Tagen erreichen. Wollt ihr ſelbſt vahin ziehen, ſo will ich euch einen Wegweiſer und dieſen Ring mitgeben. Wenn ihr ihn der Pförtnerin vorzeigt, ſo wird ſie trefflich eilen, um euch die Wei⸗ ber in die Arme zu führen! eer zieht einen Siegetring vom Finger und gibt ihn Friedrichen.) Friedrich. Alter! Es wäre ſchrecklich, wenn du Hoffnung in unſern Herzen erregteſt, und ſie doch nicht erfüllteſt, es würde—— Greis. Höre mich erſt, und vollende dann, wenn dirs behagt, deine Zweifel. Ich habe Bund mit euch gemacht, daß ihr ein Jahrlang gegen die Ungläubigen kämpfen ſollt, wenn ich dagegen euch Freiheit und Entlaſſung der Weiber gewähre. Erfülle ich dieſe Bedingung nicht, ſo ſeyd ihr eben ſo wenig an eure Zuſage gebunden, und glaubſt du nun, daß ich einen Lohn, der mir ſo viele Mühe koſtete, zu verzögern gedenke? Kannſt du muthmaßen, daß ich euch eure Freiheit geben, und doch die Zurückgabe der Weiber verſagen würde? Wäre dies wohl kluz gehandelt? Würde ich dadurch nicht meinen ganzen Endzweck ver⸗ ſehlen2 Nicht eure Wuth und Zorn aufs neue reizen? Beantworte dir ſelbſt dieſe Fragen, und fordere dann noch größere Sicherheit, wenn ſie dir nöthig dünkt! Friedrich. Ich habe geendet, ich nehme den Ring, eilt, die Väter zu tröſten, und dann die Weiber zu retten!(dem Greiſe ſtarr ins Geſicht blickend) In Aſien ſolls, wie man mir oft erzählte, viele Kamäleons geben, wenn ich dahin komme und eins treffe, will ich mich deiner erinnern! Greis(lächelnd). Dies ſollte doch wohl der letzte veiner Vorwürfe ſehn, ſonſt hätte ich Unrecht gethan * wenn ich aufs bloße Wort dir traute! 51 Friedrich. Verzeih! Wo treffen wir uns, wenns Noth erfordert? Greis. Jeder Sendbrief, den du oder einer deiner Ritter an der Pforte dieſes Kloſters abgibſt, wird in der folgenden Nacht uns richtig abgeliefert und ganz gewiß beantwortet. Triffſt du übrigens auf deinen Reiſen und Wallfahrten ein Haus, ein Kloſter, eine Kirche oder Veſte, über deſſen Eingange drei Eichen⸗ blätter und unter dieſen ein Dolch eingehauen iſt, ſo denke, daß es mit uns verbündet iſt. Grüße vann nur den Vorſteher im Namen der drei mal drei Ver⸗ einigten, reiche ihm den Zweig irgend eines Baumes, und er wird dich willig aufnehmen.— Mehr kann ich dir jetzt nicht entdecken; aber ich hoffe zu Gott, daß wir uns noch ganz, wenigſtens beſſer kennen 5 lernen. Friedrich. Wann ſoll der Zug nach Aſien begin⸗ nen? Können wir nicht vorher unſre Hochzeit feiern? Greis. Ihr könnts, und euch noch lange laben am Genuſſe der reinen Liebe. Der Zug beginnt erſt, wenn die Bäume wieder in Saft treten und der Früh⸗ ling naht. Wir beſorgen die Schiffe, wir— doch dieſer Abrede wegen gibts noch beſſere Gelegenheit in Fülle, kommt lieber von hinnen, damit ihr der Väter Jammer bald ſtillen könnt. Vorher aber noch von jedem aus euch den Freundſchaftsdruck zum Lohne, und mit ihm die Verſicherung, daß alles vergeben und ver⸗ geſſen ſey auf ewig! cer reicht jedem der Ritter ſeine Hand; ſie ſchlagen alle ein, nur Eſchenbach verweigert ſeine Hand) Wie? Du willſt nicht Freundſchaft erwie⸗ dern? Nicht vergeben? Nicht vergeſſen? Eſchenbach. Nein! Denn ich bleibe hier! Friedrich. Hier? Sprach dies dein Herz mit? Eſchenbach. Mein Herz, meine Seele, mein gan⸗ es Ich ſprach's im vollen Ernſte! Ich ſchwieg bisher 52 weil ich allzugut einſah, daß ihr zum Wohle des Bun⸗ des, zur Rettung der troſtloſen Väter den Antrag billigen und erfüllen würdet, aber um mich jammert kein Vater, ohne mich kann das Wohl des Bundes vefördert werden, und ich bleibe! Wieſenborn. Gedenke deiner Klotilde! Eſchenbach. Eben weil ich ihrer gevenke, ſo bleibe ich! Als ich den Leichnam ihrer Mutter im Sarge erblickte, als ich ſah, daß Räuber ſie ſchrecklich ermor⸗ det hatten, da ſchwur ich zu Gott den fürchterlichſten Eid, da verpfändete ich zur Erfüllung deſſelben meine Seligkeit, und gelobte, der Tochter nicht eher meine Hand zu reichen, bis ich nicht der Mörder Blut davon gewaſchen hätte. Heißes Rachegefühl durchglühte damals meinen ganzen Körper, raubte mir all mein Bewußt⸗ ſeyn, aber doch blieb mir die Erinnerung, daß auch ihr um den Sarg euch reihtet, eure Hände zum Rache⸗ bunde emporhobt.—— Doch da ihr deſſen jetzt nicht mehr gedenkt, ſo mag dieſe Erinnerung wohl ein Spiel meiner Phantaſie geweſen ſeyn, woran ſich meine kranke Seele zu laben hoffte! Friedrich(ſich auf ſein Schwert ſtützend, langſam und feierlich. Ah! Ich danke dir, Freund! Deine Erin⸗ nerung kam noch früh genug, auch ich habe Rache gelobt, auch ich bleibe! Stirb, unglücklicher Vater, ich darf nicht dein Retter werden! Jammere noch ferner troſtlos, theure Geliebte! Ein fürchterlicher Eid feſſelt meine Hand, ich kann dich nicht befreien!(wirft ſeine Waffen auf die Erde) Nur zur Rache über der armen Witiwe Tod will ich ſie wieder aufheben! Hier nützen ſie mir nichts! Eſchenbach.(Friedrichen umarmend). O du denkſt edel, du denkſt erhaben! Dieſer Anblick muß der Verklärten ſchon ganze Erfüllung des Eides leiſten. Ihr Herz dachte edel und gut, ihr würde es Stoff zur Qual 3 —— 53 nicht zur Freude ſeyn, wenn ihr zur Rache die beſten Väter verzweifeln, die Weiber verſchmachten ſollten. —— Ich will in ihrem Namen Schiedsrichter wer⸗ den! Ich entlaſſe euch des Eides, ich gelobe an eurer Statt Erfüllung.— Zieht in Friede, wir ſehen uns gerächt, oder nie wieder! Friedrich enebſt allen Rittern). Wir bleiben! Wir bleiben! Greis. Verzeiht, daß ich aus Vergnügen am Anblicke dieſes edlen Kampfes ſo lange ſchweigen konnte, ich hoffe ihn ſchneller und geſchwinder zu enden.— Ihr gelobtet durch einen Eidſchwur, den Tod der Wittwe zu rächen, ihn an den Thätern zu ſtrafen, weil ihr überzeugt waret, daß ſie unſchuldig und ungerecht ermordet wurde; wenn ich euch nun aber klar und deutlich, heller als das Tageslicht ſelbſt beweiſe, daß ſie nicht unſchuldig ſtarb, daß ſie weit ſtärkere Strafe verdiente, und der mitleidige Arm des Richters ihre Todesangſt großmüthig verkürzte, werdet ihr dann noch erfüllen wöllen, was ihr in der Vor⸗ ausſetzung des Unrechts beſchworen habt? Friedrich Gu Eſchenbach). Dir geziemts! Ent⸗ ſcheide! Eſchenbach. Es war Klotildens Mutter, ſie kann nicht ſchuldig ſeyn.—— Wir ſchwuren unbedingt Rache! „Greis. Dann ſeyd ihr nicht die edeln Männer, für die ich euch bisher nahm, dann ſeyd ihr nicht der Unſchuld Schutz, der Bosheit Rächer, dann ſeyd ihr Förderer eures Eigennutzes und Werkzeuge einer blin⸗ den, ungerechten Rache; dann darfs euch nicht wun⸗ dern, wenn Räunber eure Veſte verbrennen, eure Knechte ermorden; dann könnt ihr's den Pfaffen nicht verargen, wenn ſie die Räuber zum Kampfe ermuntern, auch ihr habt ihren Abt gemordet, und ihnen geziemis, 54⁴ ſeinen Tod zu rächen. Daß er ſchuldig und der Ver⸗ brechen überwieſen ſtarb, macht keinen Unterſchied, denn ſie folgen eurem Beiſpiele, und rächen ihn ohne Priü⸗ fung, ohne Unterſuchung! Friedrich Gu Eſchenbach). Antworte du! Ich habe ſchon beſchloſſen, mich deinem Ausſpruche zu fügen. Eſchenbach. Geht, die Väter zu tröſten, ich will hier harren und ſeine Erzählung prüfen. Ueberzengt er mich vollkommen, ſo wär's Thorheit, zu rächen, was wir ſelbſt billigen müſſen, wenn wir anders alle unſre Handlungen und Thaten nicht ſchänden wollen. Friedrich. Wohl dann! Aber kehrſt du nicht über⸗ zeugt zurück, forderſt du noch Rache über der Wittwe Tod, ſo iſt unſer Bund vernichtet, ſo leiſten wir kei⸗ nen Heerzug gegen die Ungläubigen, ſo muß Fehve und Kampf den gerechten Zwiſt entſcheiden. czum Greiſe) Biſt du mit dieſem Entſchluſſe zufrieden? Greis. Ich würde es ſeyn, wenn augenblickliche Erklärung euch werden könnte, doch dazu vedarfs der Beweiſe aus der Nähe und Ferne erſt viele. Ich kann unter Mondesfriſt euch nicht alles klar und deutlich vorlegen. Eſchenbach(bitter tachend.) Seht ihr, wie er ſich wieder in Verſtellung hüllt, wie er Verzögerung vor⸗ ſchützt, weil er hofft, daß Noth und Kummer uns indeß mürbe machen ſollen. Aber du trügſt dich, Alter, du trügſt dich! Du kennſt den Muth der Löwenritter nicht! Verhungern, vermodern will ich hier, wenn ich ohne klaren, deutlichen Beweis Bündniß mit dir ſchließe, oder ohne Hoffnung zur⸗Rache von hinnen gehe! Greis. Wollen einmal ſehen: ob du deinem Ver⸗ ſprechen Genüge leiſten wirſt. Ritter, die mein Herz liebt und ewig ehren wird, ihr geht ohne Bedingung von hinnen, ihr befreit ohne irgend ein Löſegeld eure Weiber Ich will indeß mit dem Beweiſe mich nach Möglichkeit fördern; aber wenn ich ihn habe, wenn ich ohne Zagen in eure Mitte trete, wenn ich hell und klar den Tod der Wittwe als gerecht beweiſe, wenn ihr ſelbſt alle ihrem Todesurtheile beiſtimmt, dann ſoll der vorher geſchloſſene Vertrag ſeine Kraft erneuern, dann müßt ihr den Heerzug leiſten, Freund⸗ ſchaftsbund mit uns ſchließen, und aller Fehde ent⸗ ſagen. Friedrich. Es wäre Thorheit, dir länger zu wider⸗ Ich gelobe zu erfüllen, wenn auch du Zuſage häut. Eſchenbach. Wenn du aber——— Greis. Wenn ich nicht treulich Wort halte, nicht leiſte, was ich gelobte, ſo treffe Schimpf und Schmach mich und meinen Bund, ſo beginne eure Rache, eure Fehde gegen uns. Je gräßlicher, je ſchrecklicher ſie dann endet, um ſo gerechter wird ſie ſeyn! Seyd ihr dies zufrieden, ſo reicht mir eure Hände(die Ritter thun es, nur Eſchenbach nichd. Nun Ritter, du zö⸗ gerſt noch? Eſchenbach. Noch iſt deine Hand mit Blut beſu⸗ delt. Obs ſchuldig oder unſchuldig floß, haſt du bis⸗ her nicht bewieſen. Erlaube alſo, daß ich bis dahin ſie nicht berühre. Greis. Verſtockter, ſo ſey ohne alle Bedingung frei! Ich werde früh genug noch deine Schamröthe ſehen, und ihr dann auch keine Schonung gewähren. Friedrich. Wann lieferſt du die Beweiſe?2 „Greis. Binnen einem Monden. Dies ſey die längſte Friſt, venn ich hoffe ſie durch Eile mächtig abzu⸗ kürzen. Ihr führt indeſſen die Weiber in den Schoos eurer Familie zurück. Der Wegweiſer nach dem Klo⸗ ſter wird euch ſogleich folgen, wenn ihr ihm Schutz, und unſerm Bunde durch einen Monden Friede gelobt Die Ritter. Wir geloben beides! 56 Greis. So zieht im Namen des Herrn. Noch will ich keinen Kuß zum Abſchiede von euch fordern; aber wenn ich bewieſen habe, wenn ich rein und ſchuld⸗ los vor euch ſtehe, wird er mir dann wohl werden? ic Er ſolls! Er wirds! reis. Folgt mir! Doch wollt ihr nicht vorher ein wenig Speiſe genießen? Friedrich. Denke an der Väter Jammer! Greis. Wahr! dieſen müßt ihr eilig enden!(indem er die Thüre öffnet) Könnte ich doch Theil an dieſer Freude nehmen! Der Greis führte ſie nun wirklich durch neun wohl⸗ verwahrte Thüren; als er die letzte öffnete, ſahen die Ritter das Tageslicht, und befanden ſich bald darauf im Vorhofe des Kloſters. Indeß der Greis den ver⸗ ſprochnen Wegweiſer und Roſſe für die Ritter herbei⸗ führen ließ, labten ſich dieſe am Anblicke der unter⸗ gehenden Sonne, genoſſen das Gefühl der Freiheit, und freuten ſich im Voraus des Jubels der Väter, welchen dieſe bei dem unerwarteten Anblicke ihrer leben⸗ den Söhne erheben würden. Beim Abſchiede weigerte ſich zwar der Greis, ſeinen Namen zu nennen, doch gelobte er mit neuem Handſchlage, daß er in ſchnell⸗ ſter Eile die übrigen Ritter befreien werde, daß Freund⸗ ſchaft und Bund vernichtet ſeyn ſolle, wenn am fol⸗ genden Tage nicht alle heimkehrten. Munter und fröh⸗ lich beſtiegen die Ritter nun die Roſſe, nur Eſchen⸗ bach blieb ernſt und traurig, auch nahm er das Roß nicht an, welches man ihm bot, und beſchloß, zu Fuße zu folgen. Schnell flogen nun die Roſſe zum offnen doch ſchien ihr Lauf den Rittern immer noch zu lang⸗ ſam, weil dieſe nun erſt ganz der Väter Gram zu faſſen vermochten und ihn ſo ſchnell als möglich abzu⸗ kürzen ſuchten. Endlich langten ſie auf der Burg au⸗ Thore hinaus, ſchneller eilten ſie durchs Thal, und § 57 und läuter Jubel der Knechte und Reiſige weckte die ohnmächtige Mutter, verkündigte den troſtloſen Vätern, daß Menſchen⸗Elend und Jammer nicht immerwährend ſey. Eben waren ſie mit dem ſichern Bewußtſeyn, daß Freude nie ihr Herz mehr füllen werde, zurückge⸗ kehrt, und genoſſen im zweiten Augenblicke darauf mehr, als dieſes zu faſſen vermochte. Sie erblickten im Kreiſe der Jubelnden ihre lebenden Söhne, ſie ſtürz⸗ ten ihnen entgegen, und nun folgte eine Seene, die ſich wohl fühlen, aber ſchwer denken und gar nicht beſchreiben läßt. Als Liebe und Freude ihr untheilba⸗ res Recht lange genug behauptet hatten, den ſtummen Ausdrücken derſelben nun Worte und weiterhin Ge⸗ ſpräche folgten; da forſchten die Väter nach den Bege⸗ benheiten der vorigen Nacht, nach der Urſache ihrer ſo ſpäten Ankunft. Friedrich begann nun die ganze Erzäh⸗ lüng, und überließ am Ende den Vätern die Prü⸗ fung: ob er anders und beſſer hätte handeln ſollen? Da die Herzen derſelben ganz der Freude geöffnet waren, da viel neuer Stoff dazu in dieſer Erzählung verborgen lag, und vorzüglich die Nachricht von der Töchter Freiheit ſie um ein großes mehrte, ſo achte⸗ ten ſie der wenigen Bitterkeit nicht, vergaßen der Belei⸗ digung und gelobten vereint, wenn anders der unbe⸗ kannte Greis ſein Wort redlich halte, auch Friedrichs Zuſage nach Pflicht und Gewiſſen zu erfüllen. Ich erinnere mich nur allzuwohl, fügte der alte Farnsburg hinzu, daß mir öfters Anträge zum Kreuzzuge gemacht wurden, daß man von allen Seiten mich kockte, mir blendende Vortheile verhieß, da ich aber keinen Beruf dazu fühlte, da mir des Vaterlands Noth immer näher als fremde am Herzen lag, ſo verſagte ich auch immer meinen Beiſtand. Vielleicht war's Gottes Wink und die ſo gehäuften Drangſalen die Strafe meines Unge⸗ horſams! Wir wollen uns theilen! Indeß die Hälfte 58 der Bundsritter nach Kräften dem Ungemach des Vater⸗ landes ſteuert, ſoll die andere gegen die Ungläubigen ſtreiten; ſehe ich, daß es fruchtet, daß es Gottes Ehre fördert, ſo ſoll nicht ein Jahr den Heerzug enden, er ſoll durch mehrere fortgeſetzt werden. Sie ſchwatzten nun noch lange in offner Vertrau⸗ lichkeit über dieſen Gegenſtand, über den unbekannten Bund der ſchwarzen Ritter, über ihre Thaten, und über den Mord, welchen ſie an Graf Neuburgs Wittwe verübt hatten. Als ſie lange ſchon über die Möglich⸗ keit ihrer angeſchuldeten Verbrechen geſprochen, ſich an Beweiſen für ihre Unſchuld erſchöpft hatten, merkten ſie erſt, daß Eſchenburg immer noch nicht zugegen ſey, und wohl gar aus Unzufriedenheit die Bundesburg vermeide. Sie ſandten Boten nach ihm aus; da dieſe aber auch ohne ihn zurückkehrten, ſo beſchloſſen die Ritter, ſeiner nicht zu harren, und zogen am frühen MWorgen mit vielen Reiſigen nach Welſchland, um von dort die Weiber heimzuführen. In ihrer Mitte ritt der Wegweiſer, ein ernſter, ſtiller Ritter, welcher erſt vor kurzem aus dem heiligen Lande heimgekehrt war, dort viele Jahre fürs Wohl der Cyriſtenheit geſtritten hatte, und ſeiner Ausſage nach mit kommendem Früh⸗ linge wieder hinſchiffen wolle, um dort im Kampfe ein Leben zu verlieren, das ihm ganz zur Laſt ſeh, deſſen Freude er nie mehr fühlen, nie mehr genießen könne. Dies Wenige hatte er' den Rittern entdeckt, wenn ſie aber nach der Urſache ſeines Leids forſchten, ſo ſchwieg er hartnäckig, nur ſchien es, als ob er, wenn Klotildens und Eſchenbachs Namen genannt wurde, gleich einem Fieberhaften hoch emporſchaudere, ſeine Stirne noch fürchterlicher falte, und ſtundenlang in tiefem Nachdenken verharre. Wie dies die Reiſenden öfters und daher ſicherer bemerkten, ſo ehrten ſie ſein Leiden, und mühten ſich, es nie mehr durch Erinne⸗ 59 rung an dieſen Namen zu wecken. Er ſchien bald dieſe Schonung zu fühlen, lohnte ſie dankbar durch mancherlei Erzählungen ſeiner Reiſen zu Waſſer und zu Lande, und gabs oft deutlich zu verſtehen, daß in ſo herrlicher Geſellſchaft der Glaube an menſchliches Glück in ihm wieder auflebe. In allen Städten, Flecken und Dörfern, durch welche die Ritter zogen, erblickten ſie oft am Thore der Häu⸗ ſer drei Eichenblätter und einen Dolch, da aber der Bund mit den Unbekannten noch nicht geſchloſſen war und ſie nicht gerne Schutz ſuchen wollten, wo ſie in der Folge vielleicht keinen erwiedern konnten; ſo wähl⸗ ten ſie ſtets Herbergen, an welchen dies Sinnbild nicht angeheſtet war. Ihr Begleiter merkte dieſe Abſicht, und verwies ſie ihnen oft nachdrücklich. Wie ſie am ſechsten Tage einen ſteilen Berg hinabritten und Hel⸗ vetiens hohe Eis⸗ und Schneegebirge ſchon hinter ihren Rücken lagen, da ergötzten ſich alle am herrlichen An⸗ blicke des fruchtbaren Landes, welches, einem ſchönen Garten ähnlich, ſich dem entzückten Auge darſtellte. Sie würden vielleicht lange noch die Schönheiten der Natur bewundert, ſich im Anſchauen derſelben verlo⸗ ren haben, hätte ihr treuer Wegweiſer nicht Gefühle anderer Art in ihrem Herzen geweckt. Seht ihr dort, ſprach er, links am Ufer des kleinen Sprs zwei hohe Thürme? Die Ritter. Wir ſehen ſie! Der Wegweiſer. Ihre Spitzen vergoldet eben die aufgehende Sonne. Die Ritter. Wir ſehen's! Wir ſehen's! Der Wegweiſer. Dort wohnen eure Bräute. Wahrſcheinlich ſtehen auch ſie jetzt am Fenſter, bewun⸗ dern den Aufgang der herrlichen Sonne, und fragen traurig den Schöpfer derſelben: ob ihre Sonne hie⸗ nieden denn nicht mehr aufgehen werde2 60 Friedrich(voll Gefühl). O Holde! Traute! Sie kommt, ſie naht! Laßt uns eilen! Der Wegweiſer. Nur einige Augenblicke müßt genießen, nicht mit fühlen kann. Heinrich. O ende ſchnell! Du denkſt zu billig, als daß du ſie uns aus dieſer Urſache länger entzie⸗ hen wollteſt, wir werden im reinen Genuſſe derſelben uns deiner dankbar erinnern. Der Wegweiſer. Habt ihr den Löſering, wel⸗ chen der Greis euch ſchenkte? Friedrich. Wir haben ihn! Wer würde ſolch einen Schatz verlieren? Der Wegweiſer. Wenn ihr an der Pforte an⸗ langt, ſo zieht die Glocke dreimal an, und übergebt heim, und freut euch des Glückes, daß ihr lieben könnt, und wieder geliebt werdet! Friedrich. Und du wrillſt nicht mit uns zurück⸗ kehren? Nicht theilnehmen an der Freude, deren Schö⸗ pfer du biſt? Der Wegweiſer. Ich yabe noch mehrere Auf⸗ träge, die der Eile bedürfen. Ich kann—— ich darf nicht mit euch zurückkehren! Wird Klotilde auch mit euch heimzichen? Friedrich. Allerdings! Wozu dieſe Frage? Der Wegweiſer. Ich meinte nur, weil Eſchen⸗ bach— weil ihr Geliebter ſie nicht abholen kam—— Friedrich. O dies hindert ihre Rückreiſe nicht, der Starrkopf wirds uns am Ende ſchon noch danken, daß wir ſeiner ſo brüderlich gedachten. Der Wegweiſer. Klotilde ſoll eine ſchöne Dirne Stele beſitzen! dann dem, welcher euch die Thüre öffnet, dieſen Ring! Ehe drei Minuten verfließen, wird man die Weiber in eure Arme führen; dann zieht im Namen des Herrn eyn, ſoll ein fühlbares Herz, eine reine, ſchuldloſe ihr dem Manne weihen, welcher eure Freude nicht mit 61 Friedrich emit Verwunderung). Du ſchilderſt ſie treffend und mit Wahrheit! Eſchenbachs Lvos wird beneidenswerth ſeyn. Sie war der Mutter Liebling! Der Wegweiſer cheftig). War ſie's?(noch hef⸗ tiger) Nein, bei Gott ſie war's nicht! Friedrich. Du irrſt! Ich zittere für ihr Leben, wenn ſie der Mutter Tod noch nicht weiß und ihn durch uns erfahren muß.—— Der Wegweiſer. Hm! Ihr werdet alſo klug handeln, wenn ihr die Art des Todes ihr auf ewig verbergt; denn erfährt ſie dieſe und forſcht nach der Urſache, ſo wird neuer und unverdienter Jammer ihr Loos. Sagt ihr, daß fortdauernder Gram die Mutter tövete, und ſie wird früher derſelben vergeſſen.—— Wollt ihr dies thun? Friedrich. Wir wollen's! Wir geloben's,— ob uns gleich dein Gebot ſehr geheimnißvoll ſcheint. Der Wegweiſer. Binnen Mondesfriſt wird euch ja Aufklärung, und bis dahin, bitte ich euch, in Ge⸗ duld zu harren! Bringt Klotilden im Namen eines unbekannten Ritters einen Gruß, ſagt ihr——(er wiſcht ſich eine Thräne aus ſeinem Auge und betrachtet ſeine Hand aufmerkſam) Sieh! Sieh! Doch noch eine! Aber auch ſicher die letzte, welche der heſtigſte Krampf dem ausgetrockneten Körper erpreßte. Was nutzt ein Tropfen Thau der brennenden Wüſte Arabiens, wel⸗ cher meine Bruſt ſo ganz gleicht. Wenn ſie ſtrom⸗ weiſe fließen könnten, dann möchte es hier(aufs Herz deutend vielleicht leichter werden. Im Namen Gottes, Srehnde, im Namen Gottes! Wir ſehen uns einſt wieder— Er drückte nun ſeinem Roſſe die Sporen ſo mächtig in die Seite, daß es hoch aufbäumte, und im ſchnell⸗ ſten Fluge auf einem Seitenwege dem Auge der Ritter entſchwand. Wehrſcheinlich würden die letzters noch 62 manche Anmerkung über das ſeltne Betragen des Rit⸗ ters gemacht, ſich in Vermuthungen darüber verirrt haben, wenn nicht der Blick nach dem Kloſter jeder andern Leidenſchaft Stillſtand geboten hätte. Auch ſie ſpornten ihre Roſſe, fühlten ſchon im Voraus die Wonne des Wiederſehens, und ſtanden bald an der Pforte des Kloſters. Als ſie an der offnen Kirchthüre vorüber⸗ jagten, erblickten ſie vieles Volk darin, und hörten Glockengeläute, welches vom Thurme herab noch mehr Andächtige herbeizurufen ſchien. Mit zitternder Hand zog jetzt Friedrich die Glocke der Pforte an, mit pochen⸗ dem Herzen überreichte er der Oeffnenden den Ring, und harrte ſammt allen ſeinen Begleitern des wonne⸗ vollen Augenblicks. Jedes kleine Geräuſch ſtörte ſie in der Vorſtellung deſſelben, ſie fuhren dann immer er⸗ ſchrocken empor, und breiteten ihre offnen Arme zum Empfange aus! Wer je ſchon vom Lieblinge ſeines Herzens getrennt, jahrelang in banger Sehnſucht nach ihm hinſchmachtete, ſich ihm nun wieder naht, ſeine Stimme, ſeine Tritte zu hören glaubt, ihm im vollen Fluge entgegeneilen will, und doch nur wankt, nur taumelt, der kann ſich den Znſtand der guten Ritter denken. Wer aber nie in dieſer Lage ſchmächtete, nie Sehnſucht fühlte, nie Wiedervereinigung ahnete, dem kann auch ich dieſen Zuſtand nicht ſchildern. Undank würde mir zum Lohne, und Ueberſpannung zur Be⸗ ſchuldigung werden. Endlich hörten ſie in der Ferne Tritte; endlich kam das Geräuſch immer näher; endlich raſſelten die Riegel der Pforte, und die Thüren der⸗ ſelben ſprangen auf. Wie von der Macht des Blitzes getroffen und von ſeiner Allgewalt zu Boden geſchmet⸗ tert, ſanken jetzt die Ritter an der nahen Mauer zu Boden, als aus dem Innern des Kloſters ein Leichen⸗ zug begann. Prieſter in ſchwarzen Meßgewändern wallien, mit brennenden Kerzen in der Hand, ſingend 63 bei ihnen vorüber. Poſaunen tönten traurig dareinz ihnen folgten ſchwarz behangne Särge, und andere Prieſter beſchloſſen den Zug, welcher nach der nahen Kirche ſich lenkte, und nach und nach dem nachſtarxen⸗ den Auge der Ritter ins Innere derſelben entſchwand. Oft hatten ſie's verſucht, aufzuſpringen; aber der uner⸗ wartete Anblick hatte ihnen alle Kraft geraubt, ſie ver⸗ mochten es nicht und ſanken ohnmächtig zurück. Oft wollten ſie dem ſchrecklichen Zuge Stillſtand gebieten und ihre noch ſchrecklichere Muthmaßung unterſuchen; aber der heftige Krampf, welcher alle ihre Nerven rie⸗ ſenmäßig zuſammenzog, hatte auch ihre Zunge gefeſſelt, ſie konnten nur ſtottern, nicht ſprechen. Sie glichen vollkommen einem Kranken, welcher vor kurzem in gro⸗ ßer Fieberhitze, im heftigſten Schweiße dalag, und durch eine unbarmherzige Hand ins Eiswaſſer geſchleudert wurde. Sie waren ihrer Sinne, ihres Verſtandes nicht mächtig, ſie hätten dem allzugroßen Drange wahrſchein⸗ lich unterliegen müſſen, würde das wohlthätige Schick ſal ſich ihrer nicht ſchnell erbarmt haben. Weibliche Stimmen und Freudenruf der Geretteten weckte ſie aus Schlafſucht, drang fühlbar durchs Ohr nach den beben⸗ den Herzen. Sie blickten empor, und ſahen die Ge⸗ liebten, die ſo ſehnlich erwarteten Weiber geſund und lebend vor ſich ſtehen. Jede derſelben ſuchte und rief den Liebling ihres Herzens, jede mühte ſich den ſo lang Erflehten zum Willkommskuſſe in ihre Arme zu locken. Ich vermags nicht anſchauend darzuſtellen, wie nach und nach die gelähmten Glieder der Ritter wieder Kraft und Bewegung erhielten; wie ihre Seelen wieder zu denken, wieder zu fühlen begannen.—— Wer eine Vorſtellung dieſer Art zu leſen wünſcht, der durchblät⸗ tere im großen Buche der Natur die Scenen des auß⸗ lebenden Frühlings, und ſehe, wie dieſer der verwelk⸗ ten, erſtarrten Pflanze Wachsthum entwickelt, wie ihre 6 Blätter durch der Sonnen Wärme emporkeimen, wie ihre Knospen beginnen und zur Blüthe ſich entfalten. Er hat dann der Ritter ächtes Bild, welches ſich nur ſchneller und geſchwinder entwickelte. Alle genoſſen nun ſchon in den Armen ihrer Geliebten der Liebe Glück, ſelbſt Adelheid wankte dem Ritter Ludwig entgegen, und ſuchte, auf ihm geſtützt, Raum für die allzugroße Freude der ſchnellen und unerwarteten Rettung; nur Klotide, die ihren Eſchenbach doch ſo innig und zärtiich liebte, ſtand einſam und verlaſſen da, ſuchte ihn rings umher, und konnte ihn doch nicht finden. Vergebens forſchte ſie bei allen Rittern nach dem Geliebten; keiner antwortete, keiner gewährte ihr Troſt. Verſunken ins Wonnemeer der Liebe, hörten ſie ihre Fragen nicht. Hätten ſie hören, hätten ſie antworten können—— Traun! ſie würden nicht ächt, nicht wahrhaft geliebt haben.—— Troſtlos wandte ſich daher die weinende Klotilde zu den unfern ſtehenden Knechten, der Ritter Stillſchweigen ſchien ihr Eſchenbachs Tod zu beſtätigen; ſie forſchte nach der Art, nach der Urſache deſſelben, und fühlte endlich auch Freude, als dieſe ihr vollkom⸗ niene Geſundheit deſſelben zuſicherten, und zugleich kund machten, daß wahrſcheinlich äußerſt wichtige Aufträge und Geſchäfte ihn abgehalten hätten, ſein Liebchen ſelbſt abzuholen. Gern will ich, ſprach ſie lächelnd und ſeuf⸗ zend, ſeiner noch harren, wenn ich nur nicht um ſein Leben bangen darf!—— Auch ihr, fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie ſich gegen die Dirnen wandte, auch ihr ſollt einſt zuſehn, und keine Antwort auf eure Fragen erhal⸗ ten, wenn ich meinen Eſchenbach wieder finden und mich ſeines Anblicks freuen werde. Die mächtigſte Leidenſchaft des Menſchen, die ächte Liebe, behauptete noch lange ihr untheilbares Recht. Nur dann erſt, als ſie vollen Lohn empfangen und gewährt haite, machte ſie andern Leidenſchaften Plat Man e r 6 65 fragte, antwortete, und ſah endlich ein, daß hier weder Zeit noch Ort zum Fragen und Antworten ſey. Die Roſſe wurden vorgeführt, der Zug ging wieder rück⸗ wärts, und jeder Ritter ritt an ſeines Liebchens Seite, um ihre Fragen beantworten zu können. Als nun älle ſich nach Vater und Mutter, nach Freund und Anver⸗ wandten erkundigt und ihr Wohlſeyn erfahren hatten, trieb Klotilde ihr Roß vorwärts, und geſellte ſich an Friedrichs linke Seite. Ich hoffe, ſprach ſie zu ihm, daß ihr mir nun Rede ſtehen und meine wenigen Fra⸗ gen auch beantworten werdet. Friedrich. Wollte Gott, ich könnte es zu eurer Frende, zu eurem Troſte! Ich würde dann nicht ſo oft eure nähere Gegenwart vermieden haben. Klotilde. Schrecklich, wenns ſo iſt! Nur eins: Lebt Eſchenbach? Darf ich der Nachricht der Knechte trauen? Friedrich. Ihr dürft! Eſchenbach lebt! Klotilde. Er lebt, und zog nicht mit euch zu meiner Befreiung aus? Friedrich. Wichtige Geſchäfte, die ich aber nicht kenne, hielten ihn ab. Er lebt und liebt euch noch zärtlich, er wird mit innigſtem Verlangen eurer An— kunft entgegenharren. Klotilde. Er lebt! Er liebt mich! Er harrt mei⸗ ner! O dann ſeyd ihr ja kein ſo ſchlimmer Bote, dann habe ich euch Troſt und Freude in Menge zu danken. Und doch—— Ha! Wie's auf einmal wieder in die⸗ ſem armen Herzen zittert und bebt! Meine Mutter! Sie ward mit uns gefangen, ſie entſchwand bald her⸗ nach meinem ſuchenden Auge.—— Was iſt aus ihr geworden? War härtere Gefangenſchaft ihr Loos2 Hat —— Iſt ſie?—— O antwortet— Laßt mich nicht das ärgſte muthmaßen. Löwenrirter 2. 5 65 Friedrich. Gram und Kummer nagten ſchon lange am Herzen eurer Mutter!—— Klotilde. Haben ſie ihr Werk vollendet?—— Eure Miene, euer Auge beſtätigt es. Meine Mutter iſt todt!(ſie weint; eine Pauſe) Will mir denn niemand widerſprechen?—— Meine Mutter iſt todt!—— Wie ſtarb ſie2 Friedrich. Als ſie euch in Feindes Händen ſah, ſank ſie ohnmächtig zur Erde, ſie erwachte nicht mehr, und ward des Todes Beute! Klotilde. Schrecklich! Schrecklich! Ha, nun wirds helle, warum mein Eſchenbach mich nicht abzuholen kam, er wollte meinen Schmerz nicht ſehen, mein Angſtge⸗ ſchrei nicht hören. O er irrt ſchrecklich! Nur er, nur ſeine Gegenwart könnte mich tröſten.—— Sie jam⸗ merte und weinte nun ſehr. Die Dirnen entſagten willig dem Geſpräche mit ih⸗ ren Rittern und ritten ihr tröſtend zur Seite; ſie fühlte dankbar diefe Wohlthat, und ſuchte ſie durch Vermin⸗ derung ihres Kummers zu ehren. Die Tage der Reiſe verfloſſen ſchnell, alle hatten ſo viel zu fragen, ſo viel zu erzählen, daß immer noch Stoff in Menge zum weitern Geſpräche übrig blieb⸗ Die Ritter erfuhren nun mit Gewißheit, daß es wirk⸗ lich die Dornegger und Fridauer waren, welche Froh⸗ burgs Veſte zerſtört und die Weiber geraubt hatten. Auch waren eben ſo gewiß die ſchwarzen Ritter im Forſte ihre Befreier geworden. Anfangs war die Frende der Weiber über dieſe Rettung groß, als ſie aber nach her entdeckten, daß die Ritter ſie ebenfalls gefangen halten und weiter führen wollten, da begann ihr Jam⸗ mer von Neuem. Die Ehrfurcht, mit welchet al Ritter ihnen begegneten, gab ihrem Herzen neue Ho nung, welche ſich aber bald der Verzweiflung näherte, als man ihnen ohne Rückhalt kund machte, daß ſ 67 beſtimmt wären, ihre künftige Tage in einem Kloſier zu vertrauern. Die Leiche, welche die Ritter mit ſich führten, war nicht die Gräfin Neuburg, wie Friedrich immer geglaubt hatte. Der Tode war ein Ritter, wel⸗ cher im Gefechte gefallen war. Die Gräfin zog nach, als ſie ſchon durch die Ritter von den Räubern befreit worden, in der Dirnen Mitte, wurde aber unbemerkt von ihnen getrennt; nur Klara ſah es, wie ein Haufe ſie auf einem Seitenwege tieſer nach dem Walde führte. Wie ſie nur noch einige Stunden von der Löwenveſie entfernt waren und ſchon im Voraus die Freude des Wiederſehens fühlten, kam ihnen Eſchenbach entgegen. Er zog ohne Gruß vor den Rittern vorüber und forſchte nach Klotilden; ſie ſank voll Freude und Liebe an ſeine Bruſt. Eſchenbach eſich losmachend von ihrer umarmung, kalt und ernſt. Klotilde! Ich hoffte dich in dieſer Ge⸗ ſellſchaft nicht zu finden.—— Klotilde. Nicht? In dieſer Geſellſchaft2 Sinds nicht deine Freunde? Sollte ich allein im Kloſter blei⸗ ben? Allein mit Verzweiflung kämpfen? Eſchenbach. Du ſollſt, du mußt mit mir dahin zurücktehren! Wahrſcheinlich haben ſie dir alles verſchwie⸗ gen. Ich ſah's voraus, und harre deswegen ſchon lange hier, um dir Wahrheit zu erzählen.— Friedrich. Eſchenbach! Soll ihr Herz brechen? Bedenke! Ueberlege! Eſchenbach ctrotzic. Ich habe beides gethan, und will nun handeln: Klotilde, deine Mutter ward von det ſchwarzen Rittern ſchrecktich ermordet. Ich ſah ihre Leiche, ich faßte ihre kalte Hand, und ſchwur Rache zu nehmen an den Thätern. Alle wiederholten meinen Schwur; als man ihnen aber der Weiber Freiheit ge⸗ lobte, da vergaßen ſie ihres Schwures, und verſprachen den Mördern Freundſchaft. Klotilde) du biſt meinem 68 Herzen theuer, aber noch thenrer iſt mir mein Schwur und meine Ehre. Ich entſage der Rache nicht, ich will um ſolch einen Preis dich nicht erkaufen! Du mußt zurückkehren ins Kloſter, du mußt noch länger ihre Ge⸗ fangene bleiben, damit ich deiner Mutter Tod rächen kann. Friedrich mühte ſich nun mit allen Kräften, Eſchen⸗ bachs Irrwahn zu zerſtreuen, ihm deutlich zu beweiſen, daß der Weiber Freiheit ihren Schwur nicht löſe, daß ſie ihn ſtreng erfüllen würden, wenn der Ritter der Wittwe Tod nicht als gerecht bewieſen; als er aber ſah, daß dieſer nicht wanken, ſeinen Entſchluß trotzend ausführen wollte, ſo erinnerte er ihn an des Bundes erſte Pflicht, an Gehorſam, und erklärte kühn, daß er Klotilden unter ſeinen Schutz nehmen, und ſie nicht nach dem Kloſter ſenden werde. Eſchenbach. Dieſen Entſchluß erwartete ich, und. danke dir dafür! Ich habe Klotilden nicht befreit, ich habe ihrer Freiheit widerſprochen, und kann nun unge⸗ hindert erfüllen, was ihr wider Pflicht verzögert. Klo⸗ tilde! cſie lag ohnmſchtig in der Weiber Armen) Erwache! (ſie blickte ihn wehmüthig an, er reicht ihr ſeine Hand) Befleckt mit der Mörder Blute, reiche ich ſie dir wieder⸗ oder nie, nie mehr! Er ſchwang ſich nun auf ſein Roß, und hörte Klo⸗ tildens Stimme nicht, die ihn mit innigem Gefühle zurückrufte. Lange daüerte es noch, ehe ſie den Schmerz über der Mutter Tod, den Schmerz der Trennung von dem Inniggeliebten zu bekämpfen vermochte; immer ſank ſie ſinnlos zurück, wenn ſie aufſtehen und dem harrenden Zuge folgen wollte. Endlich ſiegte die Ver † nunft, ſie lobte ihres Geliebten Entſchluß, nannte ſeinen Starrſinn gerecht, befahl ihn Gottes Schutze und befig ohne Thränen ihr Roß. Ich übergehe die Scenen des frohen Wi ltomfus und die Tage ſeines Genuſſes. Ich eile zu wichtigern Be 69 gebenheiten, deren ich noch in Menge zu erzählen habe. Die Ritter waren noch nicht acht Tage auf der Veſte, als ſchon drei ſchwarze Ritter am Thore derſelben an⸗ langten und die Ankunft ihres Hauptmanns auf mor⸗ gen verkündigten. Sie verſicherten zugleich, daß er die verlangten Beweiſe mitbringe, und nahmen die Ver⸗ ſicherung zurück, daß man ihn mit dieſen freundlich empfangen würde. Am andern Tage langte der Ver⸗ kündigte wirklich auf der Burg an. In ſeinem Ge— folge war auch der Ritter, welcher Friedrich ſammt ſeinen Freunden nach dem Kloſter geleitet hatte. Graf Farnburg ließ die Fremden nach dem Löwenſaale füh⸗ ren, gebot den Weibern Entfernung, und eilte nun mit allen ſeinen Rittern nach dem Saale, um die Fremden zu bewillkommen. Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Sey mir gegrüßt, edler Greis, den mein Herz ſchon lan ehrt! Ich fordere nicht eher Erwiederung dieſes C ßes, bis ich ihn veidiene. Ich verſprach einem deiner Edlen die Beweiſe über den gerechten Tod der Wittwe des Grafen von Neuburg. Ich bringe ſie jetzt.(auf den Ritter zeigend) Hier ſteht ihr Ankläger, was er ſprechen wird, will ich beweiſen.—— Der Ritter. Hart iſt die Probe meines Gehor⸗ ſams, ſchwer die Pflicht, welche ich erfüllen muß aber die Ehre unſers ganzen Bundes forderts, und ich ge⸗ horche. Sollte auch die Erneuerung meines Jammers, meiner namenloſen Qual mir das Leben rauben, ich opfere es willig, und wollte nur wünſchen, daß ich ihm ein belres, ein theuerers Opfer bringen könnte. Ich nenne iich Ritter Georg von Eſchenbach, bin der Voter des Hans von Eſchenbach, welcher ein Mithlied eures Bündes iſt.—— Wundert euch darüber nicht, bewahrt euer Staunen für kommende Scenen, ihr werdet es nöthiger bedürfen.—— Als die Muttir, wlche i 70 den Knaben gebar, bald nach ſeiner Geburt ſtarb, da gelobte ich in meines Schmerzens erſter Größe, nie mehr ein Weib zu nehmen, und im Heerzuge gegen die Ungläubigen meinen Tod zu ſuchen. Schon war ich mit dem Kreuze bezeichnet, als ich den alten Ritter Rothweil kennen lernte, und ih kurz nachher auf ſeiner Veſte beſuchte. Seine Tochter Mathilde, welche ihr als Nenburgs Wittwe kennt, reichte mir den Willkomms⸗ becher, und mein forſchendes Auge ſank zu Boden. Ich hatte mein Weib zärtlich geliebt, dachte ihrer noch im⸗ mer mit inniger Wehmuth; als ich aber Mathilden zum zweitenmale anblickte, da fühlte mein Herz deutlich, daß ich ächte, innige Liebe noch nicht gekannt, ihre ganze Stärke noch nie empfunden hatte. Ich war hingeriſſen von ihrem Zauberblicke, ich ſah wachend und ſchlafend ihr Bild, der Wunſch nach ihrem Beſitze keimte mächtig in mir empor. Ich will euch nicht länger mit der Geſchichte dieſer Liebe unterhalten; genug, daß Mathilde ſie fühlte, und bald hernach mit Gegenliebe lohnte. Als ich dieſer gewiß war, machte ich ſie dem Vater kund, er billigte ſie, und verlobte uns in vieler Zeugen Gegenwart.— Läſtig war mir nun mein Gelübde zum Kreuzzuge, da ichs aber erfüllen mußte, ſo wards zugleich bedungen, daß ich erſt durch zwei Jahre gegen die Ungläubigen“ kämpfen, und dann zum Ehefeſte heimkehren ſollte. Schnell, aber genuß⸗ und freudenreich floh der Winter vorüberz der Frühling nahte und mit ihm der Abſchied. Er war traurig und bitter. Ich mußte fort nach Ita⸗ lien, um dort die Schiffe zu erwarten, welche uns ins heilige Land führen ſollten. Da ich und Mathilde leſen und ſchreiben konnten, ſo ward zwiſchen uns der Bund gemacht, daß wir einander, ſo lange ich noch in Jts⸗ lien ſeyn würde, immer Boten, und mit dieſer Nach⸗ richt von unſerm Befinden ſenden wollten. Mathilde — war die erſte, welche Wort hielt, ihr Bote traf mich noch in Deutſchlands Grenzen, und die Verſicherung ihrer innigen Liebe, ihrer ewigen Treue war meinem kranken Herzen Labung. Da ich im Hafen zu Brunduſi einen Kaufmann kennen lernte, welcher jährlich öfters Schiffe nach Joppe ſandte, ſo berichtete ich Mathilden dieſe glückliche Entdeckung, durch welche ſie in Stand geſetzt wurde, mir ſelbſt ins heilige Land ein Schreiben zu ſenden. Sie äußerte in ihrer Antwort die größte Freude darüber, und verſprach ſie emſig zu benutzen. Da die Kreuzträger ſich ſparſam ſammelken, ſo verzog ſich unſere Ueberfahrt bis in die Mitte des Sommers; mit Thränen machteich endlich Mathilden den Tag der⸗ ſelben kund, und bat ſie innig, mir durch den Kauf⸗ mann bald Nochricht zu ſenden. Als wir die Höhe des Meers erreichten, kamen uns Galeeren der Saracenen entgegen. Wir waren ihnen an der Zahl ſehr überlegen, aber nicht gewohnt, zu Waſſer zu kämpfen. Sie zerſtreuten unſre Flotte, nah⸗ men viele Schiffe und machten große Beute. Das Schiff, auf welchem ich mich befand, entfloh durch ſchnelles Rudern; wir erreichten glücklich den Hafen wieder, und ich eilte voll Begierde zu dem Kaufmanne, um Nach⸗ richten von meiner Mathilde zu hören. Er überreichte mir ein Schreiben, welches am Tage meiner Abreiſe ein Eilbote von ihr überbracht hatte—— Hauptmann der ſchwarzen Ritter. Harre ein wenig! Gum Graf Farnburg) Hier iſt dies Schrei⸗ ben. Befiehl, daß es einer deiner Ritter Jaut leſe. Vielleicht ſind auch einige unter ihnen, welche Mathil⸗ dens Züge kennen und die Aechtheit derſelben bezeugen. Friedrich. Ich kenne Mathildens Schrift, gebt her!(das Schreiben betrachtend) Sie iſts! Sie iſts! G. Farnburg. Und der Inhalt? Friedrich. Bieſen ſollt ihr ſogleich hören Geßend⸗ 72 „Gottes Segen mit dir, guter und biederer Georg! „Voll Angſt und Zagen ſende ich dir dieſen Eilboten, „nur die Hoffnung, daß er dich noch treffen wird, „hält mich aufrecht; ſonſt würde ich der Verzweiflung „unterliegen, wenigſtens ſchrecklich mit ihr kämpfen. „Mein Vater, ſonſt ſo edel, ſo gut, nun hart und ein „Thrann, hat mir geſtern geboten, daß ich dich ver⸗ „geſſen, daß ich dir meineidig werden, daß ich den „Grafen von Neuburg meine Hand reichen ſbll. Die⸗ „ſer hat förmlich darum geworben und die Augen des „Alten mit ſeinem Reichthum geblendet. Ich weiß nicht, „ſprach er zu mir, ob ich noch ein Jahr leben werde⸗ „Ich will mein einziges Kind nicht unverſorgt zurück⸗ „laſſen. Eſchenb ach iſt ein guter Junge, aber wer ſ ſteht mir für ſein Leben im Kampfe? Wer dir für pſeine Treue? für ſeine Rückkehr? Und wer ſoll dann „in ſolcher gefährlichen Zeit dein Schutz und Schirm „werden? Sey daher weiſ ſ folge dem Vater, und „entſage um des Grafen willen einem irrenden Ritter. „Ich bat, ich flehte vergebens; er forderte unter den ſchrecklichſten Drohungen meinen Entſchluß, und bot die einzige Wahl zwiſchen dem Grafen und einem „Kloſter.— Unzählige Thränen mußten fliehen, ehe „ich Aufſchub erflehte. Endlich ward er mir auf zwei „Monden; doch mußte ich zuvor bei Gott und allen „Heiligen ſchwören, daß ich— kehrteſt du in dieſer „Zeit nicht zurück— ohne Muͤrren und freiwillig dem „Grafen meine Hand reichen wollte. Ich ſchwur ſtand⸗ „haft, weil ich deine Liebe kenne und auf ihre All⸗ „macht baue. Ich bin überzeugt, daß du deines Ge⸗ „lübdes vergeſſen, es wenigſtens aufſchieben, und mich „durch deine Rückkehr retten wirſt. Deine Gegenwat „kann und wird alles vernichten, der grauſame Vaen „muß dann Wort halten, und ich laß dich nicht Kher vaus meinen Armen, als bis du mir außewig geſichert 3 7 * „deßwegen zugeſtanden, weil er deine Rücktehr für „unmöglich, dich ſchon auf dem Meere wähnt; aber „die Liebe ſoll und muß ihn betrügen. Nach deinem „letzten Schreiben reiſeſt du erſt in fünfzehn Tagen „von Brunduſi ab. Der Bote, welcher hier neben „mir ſteht, hat mir hoch geſchworen, daß er in drei⸗ „zehn, höchſtens in vierzehn Tagen bei dir ſeyn will. „Mein eifrigſtes Gebet wird ihm Kraſt und Stärke „verleihen. Ex wird dir mündlich meinen ſchrecklichen „Zuſtand erzählen, ihn zu ſchildern bin ich zu ſchwach; „auch iſt jeder Augenblick gezählt, ich will dem Boten „keinen mehr rauben, denn er könnte mir einſt zur „biſt. Mein Vater hat mir zwar den Aufſchub nur „Verzweiflung gereichen. Ich ende.— O Georg, gu⸗ „ter Georg, komme und rette deine Mathilde!—— „Sollte— o ich zittre und bebe bei dieſen Gedan⸗ „ken— ſollte dies Schreiben dir nicht zu rechter Zeit „werden; ſollten, wenn du es liest, die zwei Monden „meiner Hoffnung ſchon verfloſſen ſeyn, dann kehre „nicht mehr zurück, dann bin ich ſchon geopfert, ſchon „— Ha wie's mich ſchaudert!— das Weib eines „andern! Bete dann, damit Verzweiflung mich bald „tödte, ſuche im kühnen Kampfe das Ende deines Le⸗ „bens, damit wir dort vereint leben können.“ Graf Farnburg. Wenn unter dieſen Roſen eine Schlange verborgen lag, dann war Rache gerecht und billig! Hauptmann u dem Ritten. Erzähle weiter! Der Ritter. Ich will euch den Zuſtand nicht ſchildern, in welchen mich dies Schreiben anfangs ver⸗ ſetzte. Ich hatte nicht Beſinnungskraſt, um die Tage zu zählen, welche ſeit dieſer Zeit verfloſſen waren, und fing nur dann erſt zu hoffen an, als ich fand, daß mir noch volle zwanzig Tage zu meiner Reiſe übrig blieben. Ich vergaß meines Gelübdes, ich eilte nach Deutſchland, ich ritt fünf Roſſe todt, und eilte zu Fuße fort, wenn ich nicht geſchwind wieder ein andres im Kauf beſtehen konnte. Am eilften Tage langte ich ſchon auf meiner Veſte an. Der Vogt empfing mich trau⸗ rig, alle Knechte eilten verwirrt umher,Ein Geheim⸗ niß ſchien auf ihren Zungen zu ſchweben, welches ſie mir zu verbergen ſuchten. Da ich muthmaßte, daß ſie mir Mathildens Zuſtand und Neuburgs Werbung um ſie verſchwigen wollten; ſo achtete ich dieſes Zwanges nicht, eilte nach meinem Gemache, und that in einem Schreiben Mathilden meine Ankunſt kund. Ich for⸗ derte von ihr Rath: ob ich morgen bei ihrem Vater öffentlich erſcheinen oder vorher erſt im Geheim mit ihr ſprechen ſollte? Mein Vogt ſchüttelte den Kopf wacker, als ich ihm das Schreiben zur ſchnellen und geheimen Ueberantwortung an Mathilden übergab. Ed⸗ ler Herr, ſprach er, was wirds fruchten, wollt ihr meinen Rath achten, ſo unterlaßt es, denn Abände⸗ rung iſt doch wohl nicht möglich!—— Das laßt meine Sorge ſeyn, antwortete ich zornig, und gebot ihm ſchnellen Vollzug meines Auſtrags. Er ging ſtill⸗ ſchweigend fort, und überbrachte mir eben ſo am andern Tage Mathildens Antwort. Hauptmann. Hier iſt ſie! ezu Friedrichen) Da ihr einmal das Amt des Vorleſers übernommen habt, ſo werdet ihr's ſchon vollenden müſſen. Friedrich Geſend).„O ich Unglückliche! So hat „dich alſo mein zweites, ſpäteres Schreiben nicht getrof⸗ „fen? Doch warum klage ich, dieſer glücktiche Irrthum „verſchafft mir ja die unverhoffte, die größte Freude, „meinen Georg zu ſehen, zu ſprechen! Nur ſey behut⸗ „ſam, ſey vorſichtig! Es hat ſich in dieſer kurzen Zeit „vieles geändert: deine Gegenwart, ſonſt ſo nöthig⸗ „würde uns nun ganz unglücklich machen. Heute Abends „wenn der Wächter zwölfe bläst, wirſt du mich im 75 „Buchenwäldchen an der großen Eiche treffen. Sie „war immer unſrer Liebe geheiligt, ſie ſeys auch jetzt! „Dort will ich dir alles erzählen. Wir können, wir „werden noch glücklich ſeyn! Nur achte meines Raths, „verbirg dich bis dahin vor allen Freunden und Be⸗ „kannten; ſprich mit niemanden, ſogar nicht mit dei⸗ „nen Knechten, ſie könnten deine Verräther werden.“ Der Ritter. Voll Freude, die innig Geliebte wie⸗ der zu ſehen, voll Furcht, aus ihrem Munde neuen Kummer zu hören, eilte ich um die beſtimmte Stunde nach dem Forſte. Sie harrte meiner ſchon, und ich ſank in ihre offnen Arme. Wie wir ſprechen konnten, erzählte ſie mir, daß Graf Neuburg, abgeſchreckt durch ihr kaltes, ſcheues Betragen, ſeiner Werbung um ihre Hand ſeierlich entſagt habe. Des Vaters Zorn, fuhr ſie fort, wurde dadurch äußerſt gereizt, er ſchwur fürch⸗ terlich, daß wenn du zu meiner Rettung zurückkehr⸗ teſt und dein Gelübde nicht erfüllt hätteſt, er auch ſein Wort nicht halten, und mich ſogleich nach einem Klo⸗ ſter ſenden werde. Du ſiehſt alſo, endete ſie, wie noth⸗ wendig deine Entfernung iſt, du mußt noch dieſe Nacht nach Italien zurückkehren, denn gewahrte der Vater deine Ankunft, ſo würde er ſich ſeines Worts entbun⸗ den achten und uns auf ewig trennen.—— Ich ver⸗ ſprach, alles zu erfüllen, forderte nur Abſchiedsküſſe, und erhielt ſie in Menge. Es war eine finſtere Nacht, Gewitterwolken trübten den Himmel und verbargen Mond und Sterne. Ich ward kühner, ich forderte mehr, forderte es als den Lohn meiner ſchnellen Flucht, und ſie gewährte. Voll Scham und Reue entwand ich mich ihren Armen, verſprach nochmals, ſogleich nach Italien zurückzukehren, und jagte nach der Straße, welche dahin führte. Ich würde ſie nicht mehr ver⸗ laſſen haben, wenn mich nicht am frühen Morgen, als ich mein Roß in einer Herberge fütterte, mein ler⸗ 76 rer Beutel an die Nothwendigkeit der Rückkehr erin⸗ nert hätte. Um ihn auf meiner Veſte zu füllen, kehrte ich durch Umwege heimlich nach dieſer zurück und berufte den Vogt zu mir. Ich war mißvergnügt über meine raſche That, ich ſn ert ee olgen und bereute ſie herzlich. Mein Vogt ſchien dieſen Trübſinn zu bemer⸗ ken, und bedauerte mich theilnehmend, als er mir das vexlangte Gold aufzählte. Sagt mir nur aufrichig, prach er endlich, ob ihr die ganze Begebenheit ſchon in Italien erfahren habt? Ob ihr Rache oder nur Ab⸗ ſchied zu nehmen, hieher kamt? Ich. Begebenheit? Abſchied? Rache?—— Ich verſtehe dich nicht.—— Der Vogt. Hm! Es war unedle Neugierde von mir. Ihr habt Recht, wenn ihr der Treuloſen mit Verachtung und lohnt. Nur die Marter, welche es euch koſtet, that meinem treuen Herzen weh, verzeiht mir die bittre Erinnerung. Ich. Treulos! Treulos! Wer kanns ſeyn? Wer iſs wirklich? Sprich! Der Vogt. Als ob ihrs nicht wißt, wenigſtens jett ſchon wiſſen müßt. Ich weiß nichts, aber ich will alles durch dich erfähren, du haſt mir ſchon zu viel geſagt.—— Sprich weiter, ſprich reine Wahrheit, wenn dir Ver⸗ gebung r Kühnheit werden ſoll. Der Vogt. Ich begreif's nicht! Ihr kamt ſo unver⸗ hofft, ihr ſpracht ſie, und ſolltet nicht wiſſen, daß Ma⸗ thilde euch untreu un ſchon beinahe zwei Monte lang Graf Neuburgs Weib iſt? Ich. Neuburgs Weib? Unmöglich! Schalk, du lügſt? Ich ſprach ſie auf ihres Vaters Veſte. Der Vogt. Ganz recht. Als ich ihr geſtern ut Schreiben einhändigte, war ſie bei ihrem Gatten z Neuburg. Sie erſchrack wacker und wurde leichen blaß — 77 als ſie den Inhalt las; aber bald erholte ſie ſich und bat mich, auf meiner Rückkehr ihre Ankunft auf mon⸗ gen in ihres Vaters Veſte anzuſagen. Wahrſcheinlich betrog ſie den Gatten mit einer falſchen Botſchaft, um euch ungehindert ſprechen zu können. Ich. Großer, allmächtiger Gott! Sie verheirathet! Ich— O der Schande!— ich ein Ehebrecher! Es iſt nicht möglich! Solch teufliſcher Verſtellung war ſie nie fähig! Du haſt gelogen! Der Vogt. Strafe mich Gott jetzt mit jähem Tode, verzeihe er mir keine meiner Sünden, wenn ich nicht Wahrheit ſpreche! Fragt andre, fragt all eure Knechte.— Das Hochzeitfeſt dauerte acht volle Tage, die Pracht deſſelben war groß; ich konnte ſie nicht mit anſehen, es that meinem Herzen zu weh.—— Ich. Nein! Nein! Ich glaube dir nicht—— Und doch— Ihre Angſt, mit der ſie mir Flucht gebot —— Sie thats aus Mitleid, ſie wollte mich vor Verzweiflung retten! Sie wurde ſchändlich gezwun⸗ gen——. Der Vogt. Verzeiht, daß ich euch abermals wider⸗ ſprechen muß. Gezwungen wurde ſie nicht; ich war zugegen, als ihr guter, alter Vater ſie an euch erin⸗ nerte, ihr vorſtellte, daß ihr ſein Wort hättet und mit ihr verlobt wärt. Aber ſie achtete deſſen nicht, und ſpottete ihres Vaters allzu ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit. Ich liebte ihn einſt, ſprach ſie, aber wer ſteht mit für ſein Leben im Kampfe2 Wer für ſeine Rückkehr? Ihr ſehd alt, raubt euch der Tod von meiner Seite„wer wird mein Schirm, wer der Schutz meines Erbes ſehn2 Ich. Das ſprach ſie! Es fängt an zu dämmern! Ich ſche das ſchreckliche Licht von ſerne, ich will mich ihm nähern, bis es den Stern meiner Augen blendet und ich nicht mehr ſehen fan.—— Es würde eure Geduld ermüden, fuhr der Rittet 3 5 78 fort, wenn ich euch noch länger mein Geſpräch mit dem Vogte wörtlich erzählen wollte. Genug, mir ward Auftlärung und Gewißheit, daß Mathilde, als ſie das Schreiben nach Italien ſandte, ſchon verheirathet war, daß ihr Bote abſichtlich erſt nach meiner Abreiſe ankam, und daß ihre ſchwarze Liſt ihr würde gelungen ſeyn, wenn die rächende Gottheit mich nicht ſo geſchwind wieder nach Italien zurückgeführt hätte.—— Ich las ihr Schreiben noch einmal, der Schluß deſſelben, ein wahrer Urias⸗Brief, flammte mein Herz zur Rache anz indeß ſie in den Armen eines andern buhlte, ermahnte ſie mich, im Kampfe meinen Tod zu ſuchen, damit wir dort vereint leben könnten. Die innige Liebe, mit welcher ſie mich ſchon als Neuburgs Weib empfangen, die Bereitwilligkeit, mit welcher ſie auch die Treue zu ihm gebrochen hatte, enthüllte mir ganz ihr ſchwarzes Herz. Dies zu durchbohren, Rache zu nehmen für ſo ſchreckliche Beleidigung, ward von die⸗ ſem Augenblicke an mein feſter Vorſatz. Ich ſchrieb ihr aufs neue, ich bat, ich flehte noch um eine einzige Unterredung, und gelobte dann ſogleich nach Italien zurückzukehren. Mein Vogt war wieder Ueberbringer des Schreibens; er traf ſie noch auf ihres Vaters Veſte, und brachte mir die mündliche Verſicherung zurück, vaß ſie meiner im Haine harren würde. Ein ſcharf geſchliffener Dolch war mein Begleiter; als ich mich bebend vor Wuth ihr näherte, und ſie mir entgegen⸗ eilte, da fühlte ich mich auf einmal feſtgehalten; fünf Reiſige packten mich, und verhinderten mich, weiter zu ſchreiten. Warum kehrſt du wieder, rief mir Mathilde entgegen, was verlangſt du von mir? Ich. Weib eines andern, ich komme mit dir zu rechten, ich will deine Entſchuldigung hören. Mathilde. So weißt du alles 2 Ich. Ja, Treuloſe, ich habe dich kennen glernt! * Mathilde. Wohl mir, daß ich muthmaßte! qu den Reiſigen) Fördert euch, lohnt ihm, wie er mir zu lohnen dachte!—— Der Ritter. Kaum hatte ſie dieſe ſchrecklichen Worte ausgeſprochen, ſo fuhr ein Dolch in meine Bruſt, und ich ſank todt zur Erde. Wie ich aus mei⸗ nem Todesſchlummer wieder erwachte, erblickte ich zwar das Licht des Himmels, lag aber in einem tiefen, moſichten Loche, in welches mich meine Mörder geſtürzt hatten. Mein klägliches, ängſtliches Gewimmer lockte einige reiſende Riütter von der nahen Straße herbei; ſie holten Stricke, ließen ſich zu mir hinab, und zogen mich endlich in die Höhe; da ich ſehr ſchwach war und einen Prieſter forderte, ſo leiteten ſie mich nach dem nächſten Kloſter. Hier beichtete ich meine Sünden, mir ward Vergebung derſelben, doch mußte ich geloben, daß ich die Rache Gott überlaſſen, und würde ich wie⸗ der geſund, als ein Diener der Kirche ſtets gegen die Ungläubigen kämpfen wollte. Man pflegte mich ſorg⸗ fältig, und da der Stich durch die hohle Bruſt gegan⸗ gen war, ſo konnte ich nach einigen Monden wieder mein Lager verlaſſen. Fordert nicht, daß ich euch den Zuſtand meines Herzens ſchildern ſoll, er war ſchreck⸗ lich, aber auch unnennbar. Ich hatte ſie mit voller Inbrunſt, mit inniger Treue geliebt, ſie hatte mir dagegen mit ſchwarzer Untreue, mit dem Tode gelohnt. Ich war Tags vorher in ihren Armen gelegen, und ſie war ſchon das Weib eines andern. Jede dieſer Vorſtellungen war ein Dolchſtich für mein leidendes Herz, und verzögerte hartnäckig meine vollkommene Geneſung. Als mein ſtarker Körper endlich doch der kranken Seele trotzte und ich geſund im Kloſtergarten umherging, langten fremde Ritter in der Herberge an. Ich ward durch die Monche am Abende in ihre Mitte geführt. Sie erzählten mir die Abſicht ihres Zuges⸗ 80 und ich flehte um Aufnahme in ihren Bünd. Wie ich um Mitternacht ein Mitglied deſſelben geworden war, fragte mich ihr Anführer: ob ich nicht über Unrecht und Bosheit zu klagen habe, und ich ſchwieg, denn mein noch immer liebendes Herz war nicht vermögend, Mathildens Ankläger zu werden. Sie forſchten ver⸗ gebens nach dem Thäter meiner Wunde; um Mathil⸗ den zu retten, nannte ich die fünf Reiſigen, von welchen einer mir den Dolch in die Bruſt geſtoßen hatte, und geſtand eben ſo offenherzig, daß ich keinen derſelben gekannt habe. Der Hauptmann. Wir entdeckten ſie aber durch Zufall. Sie waren Mörder, und folglich unwürdig, in der menſchlichen Geſellſchaft zu wandeln. Da keiner die That geſtehen, keiner den Anſtifter entdecken wollte, ſo ward Kerker ihr Lohn. Ihr, tapfere Ritter, wurdet ihre Befreier im Kloſter der heiligen Maria, ihr öffne⸗ tet ihre Kerker, und dachtet wohl nicht, daß Mörder euch ihre Freiheit danken würden; aber der Himmel war gerecht, er ſtrafte die Erlösten mit jähem Tode. Ehe ſie ſtarben, geſtanden ſie einſtimmig den Mönchen, daß Mathilde ſie zur Mordthat gereizt, verführt habe, und bewieſen durch ihre Ausſage deutlich, des unſre Rache, die wir an ihr nahmen, gerecht und bihig war Solltet ihr's für nöthig erachten, ſo ſind die Mönche bereit, der Gefangnen Ausſage zu beſchwören, indeß mag der Ritter weiter erzählen. Der Ritter. Da ich meinen Bundesgenoſſen„ immerwährenden Heerzug gegen die Saracenen gelobt hatte, da ich ſogar eniſchloſſen war, nie wieder in ein Land, in eine Gegend zurückzukehren, in welcher Mathilde die Früchte ihres Laſters genoß, ſo enfahl ich den Zurückbleibenden meinen Sohn und ſeine künſ⸗ tige Habe. Sie verſprachen, den erſtern gottesfüchlig zu erziehen, und das zweite nach Möglichktit zu mih 81 ren, und ich zog fort, ohne einen meiner Freunde geſehen oder geſprochen zu haben. Auch im heiligen. Lande, auch dann noch, als Seen und viele Länder mich von ihr ſchieden, gedachte ich ihrer ehemaligen ſo reinen, ſo zärtlichen Liebe. Der Beweis ihrer Untreue, ihrer ſchwarzen Seele eiterte gleich einer unheilbaren Wunde in meinem Herzen. Ich ſuchte in jedem Gefechte den Tod, und konnte ihn doch nicht finden. Als ich einſt zu tief in den Haufen der Feinde drang und meine wehrloſe Bruſt ihnen zum Ziele bot, da ſchonten die Barbaren meines Lebens und ſchlepp⸗ ten mich gefangen in ihr Lager. Viele meiner Freunde hatten mich mitten unter den Saracenen erblickt, hat⸗ ten geſehen, wie blanke Schwerter über meinem Haupte ſchwebten, und waren mit der Gewißheit zurückgekehrt, daß ich in der Schlacht gefallen ſey. Indeß ich in der Gefangenſchaft ſchmachtete, verbreitete ſich die Nachricht meines Todes von Ohr zu Ohr. Einige meiner Brü⸗ der, welche heimzogen, brachten ſie nach Deutſchland mit, und mein Sohn ward Erbe meines Vermögens. Zwölf unerträglich lange Jahre war ich Sclave eines rohen, unverſöhnlichen Feindes. Da ſie vft die Stärke meiner Fauſt gefühlt, die Schärfe meines Schwertes empfunden hatten, ſo rächten ſie ſich auf die niedrigſte Art; ich mußte Ochſen hüten, und wenn dieſe ruhten, an ihrer Statt pflügen. Wie unerträglich dieſe Beſchäf⸗ tigung einem Rittersmanne ſeyn muß, könnt ihr euch wohl denken, wenn ihr euch nur einen Augenblick in meine Lage verſetzen wollt, und doch gabs in dieſem unerträglichen Zuſtande Augenblicke, ja ſogar Stunden, in welchen ich alles um mich her vergaß, mir Mathil⸗ den treu, als mein Weib dachte, und mich in ihren Armen glücklich fühlte. Die Fapferkeit der Chriſten befreite mich endlich im dreizehnten Jahre aus meiner Gefangenſchaft. Als Löwentitter 2. 6 82 meine Brüder die Veſte Gaza eroberten, fanden ſie mich in ihren Mauern, und die Freude, den Todtge⸗ glaubten wieder lebend zu ſehen, war groß, war innig. Der theuer erworbne Sieg hatte unſerm Bunde viele Glieder geraubt; um ferner mit Nachdruck handeln zu tönnen, mußten ſie erſetzt werden. In einer allgemei⸗ nen Verſammlung ward beſchloſſen, daß einige Ritter nach Deutſchland zurückkehren und neue Brüder in unſre Mitte führen ſollten. Da keiner der Anweſenden frei⸗ willig den Ort des Ruhms verlaſſen wollte, ſo ent⸗ ſchied das Loos, und traf unter mehrern auch mich⸗ Ich zittere, wenn ich mir die Wöglichkeit dachte, Ma⸗ thilden wiederſehen zu müſſen; aber manchmal gabs auch Augenblicke, in welchen ich dieſe Wöglichkeit bald erfüllt zu ſehen wünſchte. Ich langte eben im deutſchen Vaterlande an, als euer Bund den Koſtnitzer Biſchof vefehdete. Wir zogen durch euern Forſt zur allgemei⸗ nen Bundsverſammlung gen Zürich. Wir trafen eure Weiber in Räubershänden, und befreiten ſie muthig. Eben wollte ich den Lohn unſrer Tapferkeit näher be⸗ trachten, als ängſtlich eine Stimme hinter mir rief Gerechter Gott! Er iſts! Er iſts! Ich blickte zurück, und ſah Machilden. Sie war, wie ich, alt geworden, Kummer hatte ihre Stirne gefurcht, Thränen das Feuer ihrer Augen ausgelöſcht; aber ich erkannte ſie ſogleich, ich wollte tröſtend mit ihr ſprechen, aber ihre Gewiſſens⸗ angſt preßte ihrer Seele ein Bekenntniß ab, welches ich ſo lange verſchwiegen hatte: Rächender Geiſt, rief ſie, richte mich! Ich war dein Mörder! Daich faſſungstos war, immer nur nach ihr hinſtarrte, ſo ließen meins Brüder die übrigen Weiber vorwärts ziehen und ſammelten ſich um mich und Mathilden. Da ſie fortfuhr, ſich als meinen Mörder anzuklagen, ſo achtete der Hauptman nähere Unterſuchung für nöthig. Ich ſah, wie Mathil ſeitwärts geführt wurde, ich wünſchte zu folgen 3b 83 ich vermochts nicht. Zwölfjährige Gefangenſchaſt und alles Ungemach eines harten Kampfes halie ich ſtand⸗ haft ertragen; aber der Anblick eines Welbes, das ich einſt ſo innig liebte, das mich ſo ſchädlich betrog, raubte mir allen Muth, Standhaſtigkeit. Ich ward kraft- und finnlos nach ſeiner Herberge gebracht, wo ich einen halben Monden lang mit dem Tod kämpſfte, und ihn endlich doch beſiegte. Wie ich wieder denken konnte, ward mir die ſchreckliche Nachricht—— Hauptmann. Du haſt geendet, laß mich nun reden! Der Ritter. Ihr gebietet, und ich gehorche. Nur ſeys mir noch erlaubt, den anweſenden Rittern frei zu bekennen, daß ich unſchuldig bin an der Rache, welche ihr an Mathilden nahmt. Mein Herz haite ihr längſt verziehen, und würde vielleicht noch Freude fühlen kön⸗ nen, wenn es ſich Mathilden lebend denken könnte. Hauptmann. Deine Geſinnung macht deinem Herzen, aber nicht deiner Vernunft Ehre. Sie brach treulos ihren Schwur, ſie ward Ehebrecherin und beging Meuchelmord! Rütter des gerechten Löwens, richtet über ſie! GrafFarnburg. Sie hat den Tod verdient! Reue konnte ihre That dort, aber nicht hier verſöhnen! Hauptmann. Wohl geſprochen! Die Geſetze un⸗ fers Bundes gebieten über jedes dieſer Verbrechen den Tod, wir hätten ihn ſelbſt verwirkt, wenn wir ſie nicht befolgt und ihrer geſchont hätten. Doch ich will enden. Mathilde wurde unter meiner Auſſicht nach einer Bundes⸗ veſte gebracht; dort ſorſchte ich als Richter nach ihren Verbrechen. Sie geſtand alles, was ihr ſchon wißt, was ich ſchon hinlänglich bewieſen habe. Ihre Tochter Kl⸗ ilte war, ihrer Ausſage nach, eine Frucht jener unglück⸗ lichen Nacht, in welcher ſie mit dem Rittor die Ehe brach⸗ SSraf Farnburg. Gerechter Gott. So wäre ja Eſchenbach Kotildens Bruder? 81 Hauptmann. Er iſts! Graf Farnburg. Und jetzt ihr Verlobter? War's auf Geheiß und mit Einwilligung der Mutter? Unmög⸗ lich konnte dieſe ſolch eine Schandthat billigen. Du haſt jedes ihrer Verbrechen bewieſen, erweiſe dies auch, wenn ich anders deinen Worten Glauben beimeſſen ſoll. Hauptmann. Wohl mir, daß ichs kann, denn ob du gleich mehr forderſt, als ich gelobt habe, ſo will ich dir doch überdies beweiſen, daß ſtrenge Wahrheit ſtets unſre Führerin iſt. czu Friedrichen) Vollende dein Amt, und lies dies Blatt, welches Mathilde kurz vor, ihrem Tode an den Ritter ſchrieb. Iſts ihre Schrift? Friedrich. Sie iſts, wie alles vorhergehende, was ich las.(teſend)„Ich bin in die Hände gerechter Richter „gefallen, ſie haben meinen Tod beſchloſſen, und ob dich „gleich ein Wunder dem Dolche der Mörderinntriſſen hat, „ſo habe ich doch die Strafe dafür verdient. Ich wünſchte „herzlich, deine Vergebung mit in mein Grab zu nehmen. „Kann ſie mir werden, ſo lohne dich Gott dafür! Eins „muß ich, ehe ich ſcheide, dir noch auf Geheiß meines „Beichtigers bekennen, ich überlaſſe es deiner Leitung, „wie du wieder gut machen willſt, was ich auch in „dieſem Falle verbrach. Klotilde iſt deine Tochterz ſie „verdankt ihr Daſeyn jener unglücklichen Nacht, in wel⸗ „cher ich dir alles gewährte, um dich nur zu entfernen! „Im Kampfe für ihr Erbe lernte ſie dein Sohn ken⸗ nen, Liebe entbrannte in ſeinem Herzen zu ihr, und „ich billigte ſie, weil ich dadurch gut zu machen glaubte, was ich an dir verbrach. Jetzt ſchildert mir Se „Prieſter dieſe That als ein Verbrechen, das mich zur „Hölle ziehen wird: er nennts Theilnahme an „ſchande, und gebietet mir, ſie zu verhindern. Ic „übertrage dies Geſchäft dir, und hyffe, daß Su e meiner Seelen Heil enden wirſt!“ 8 Graf Farnburg. Armer Eſchenbach 83 Friedrich. Setzt auch hinzu: Arme Klotilde!— Sie liebt den Ritter ſo innig, ſo zärtlich! Ihr Herz wird brechen, wenn es ſich von ihm trenneu ſoll. czum Ritter) Und was habt ihr über ſie beſchloſſen?2 Der Ritter. Könnt ihr noch fragen 2— Sie ſoll in einem Kloſter die Sünde ihrer Eltern abbüßen. Friedrich. Und euer Sohn? Der Ritter. Wird, wie ich hoffe, im Kampfe gegen die Ungläubigen Vergeſſenheit ſuchen und finden. Friedrich. Gewähre ſie ihm Gott, denn nur durch deſſen Barmherzigkeit kann er ſie hoffen. Hauptmann. Ich habe nun geendet. Ob ich er⸗ wieſen habe, was ich erweiſen wollte, überlaß ich jetzt eurer Entſcheidung, um welche ich dringend bitte. Graf Farnburg. Ritter meines Bundes, dieſe Entſcheidung beſtimmt euer künftiges Loos; es kann ſich traurig enden, und deswegen will ichs nicht allein beſtimmen. Graf Neuburgs Wittwe hatte den Tod verdient. Wer gleicher Meinung mit mir iſt, der lege ſeine Rechte ans Schwert. Die Mehrheit mag dann entſcheiden. Traurig, jedoch mit Ueberzeugung, legten alle Ritter ihre Rechte ans Schwert, und Farnburg umarmte nun ſeinen Gaſt als Freund. Er gelobte ihm einen Heer⸗ zug ins heilige Land mit der Hälfte ſeiner Ritter, und verſprach freiwillig, ihn zu verdoppeln, wenn er hören würde, daß ſeine Hülfe der Kirche Frucht bringe. Hauptmann. Ich danke dir im Namen meines Bundes! Seinen Annalen wird dieſer Tag ewig merk⸗ würdig bleiben, denn der Gewinn eines ſo tapfern Haufens iſt groß, iſt unſchätzbar. Wir fühlen alle ſei⸗ nen Werth, wiſſen ihn zu ſchätzen, und werden ihn zu verdienen ſuchen. Indeß ihr die Freuden der Liche genießt und euch zum Heerzuge rüſtet, wollen wir be⸗ müht ſeyn, euch Beweiſe davon zu göben Dit Frevel⸗ 86 welchen die Fridauer und Dornegger an eures Freun⸗ des Veſte verübten, blieb ungeſtraft, er iſts nicht mehr. —— Schon geſtern wurden die Sichern von den Unſrigen überfallen, und in der vergangenen Nacht loderten zur Vergeltung ihre Raubneſter in hohen Flam⸗ men empor. Die ganze Beute werden unſre Ritter, noch heute auf Graf Frohburgs Veſte zur gerechten Entſchädigung abladen. Nehmts zuin Beweis, daß wir uns eurer Freundſchaft würdig zu machen trachten, eure Tapferkeit freilich nicht zu erreichen, aber doch nachzu⸗ ahmen ſuchen. Lauter, aufrichtiger Dank ward nun von allen Sei⸗ ten der Lohn des Redners, doch nahm Graf Frohburg die beſtimmte Beute nicht an. Er ſchenkte ſie der Kirche, zu deren Nutzen er ſie zu verwenden hat. Ehe ſie noch den Saal verließen, ward übrigens beſchloſſen, daß der alte Georg ſich ſeinem Sohne zu erkennen geben ſollte. Auf der andern Seite nahms Graf Farnburg über ſich Klotilden von ihrem unglücklichen Schickſale zu unter⸗ richten. Alle Anweſende gelobten überdies zur Scho⸗ nung ihrer Ehre ewige Verſchwiegenheit der ganzen Geſchichte, und würden vergnügt den Saal verlaſſen haben, wenn nicht die Erinnerung an die unverſchulde⸗ ten Unglücklichen ihre Freude um ein Großes verrin⸗ gert hätte Am früheſten Morgen des andern Tages zog Kle⸗ tilde, unterrichtet von ihrem Schickſale, nach einem unbekannten Kloſter. Ihr war nicht erlaubt, Abſchied zu nehmen von ihren Freundinnen? ſie ſchliefen noch alle, als ſie die Veſte verließ. Sie ging ſtandhaft von dannen, und die zurückkehrenden Begleiter verſen daß zwar oft ein Seufzer, aber nie eine Thrin i innern Schmerz verrathen habe. In der Geſelſhaft ſeines Vaters kam kurz nachher Eſchenbach auf die 2 wenburg: Auf ſeinem Geſichte thronte tiefer Kunie 87 und einzelne Thränen, die ſich beim Anblick der Weiber über ſeine Wange ſchlichen, wurden die Verkündiger deſſelben. Doch forſchte er nie nach Klotilden, nannte nie ihren Namen, und verſöhnte ſich mit allen ſeinen Brüdern, welche er durch Begierde nach Rache ſo ſtark beleidigt hatte. Die Neungierde der Weiber war groß, ſie forſchten vergebens nach der Urſache von Klotildens Entfernung und Eſchenbachs Kummer, ſie mußten ſich mit Antworten begnügen, von welchen ſie überzeugt waren, daß man ſie erdichtet hatte. Als endlich die Väter verkündigten, daß die Zeit zum ſehnlich erwarteten, ſo heiß gewünſchten Hochzeitfeſte ſich nahe; als thätige Anſtalten die Annäherung deſſel⸗ ben verkündigten, zog Eſchenbach an ſeines Vaters Seite wieder heim. Wenn der Heerzug beginnt, ſprach er beim Abſchiede, ſo macht mirs kund, ich werde willig erſcheinen, aber eben ſo willige Verzeihung hoffe ich von euch zu erhalten, wenn ich nicht hier bleibe, nicht mit euch das Feſt eurer Freude feiere. Ihr könnt euch mein Gefühl denken, es würde mein Mörder werden, wenn ich zuſehen müßte, wie glücklich ich einſt hätte ſeyn können und wie unglücklich ich jetzt bin. Ich weide noch oft in euder Geſellſchaft fechten, aber Frende mit euch genießen kann und werde ich nie mehr. Er ſchied und nahm das Mitleid aller Anweſenden mit ſich. Zur Einſegnung der frohen Ehepaare war der Koſt⸗ nitzer Biſchof geladen worden. Er kam und mit ihm die ſichere Hoffnung, daß unn kein neues Unglück das nahe Feſt mehr ſtören werde. Ich will mit der Be⸗ ſchreibung deſſelben meine Leſer nicht unterhalten. Es ward wirklich mit größter Pracht, aber mit noch weit größerer Wonne gefeiert. Dem Jahrelangen Sturme wat nun endlich Sonnenſchein und mit ihm der Ge⸗ nuß des gehofften Glücks gefolgt. Auch Adelheid hat dem Pitter Ludwig ihre Hand gereicht, und ihn da⸗ 88 durch äußerſt glücklich gemacht. Als alle vier Braut⸗ paare, nämlich Friedrich und Klarg, Heinrich und Agnes, Wieſenborn und Kunigunde, Ludwig und Adel⸗ heid, ſchon an der Tafel ſaßen und der erſte Freuden⸗ becher geleert werden ſollte, meldete der Wächter einen Haufen Reiſige, welche gegen die Burg anzögen. Voll Muth griffen die Ritter nach ihren Waffen und ſchwu⸗ ren: wären's Feinde, ihre Bräute mit Löwenkraft zu vertheidigen. Ehe ſie noch die Mauern erkletterten und die Thore erreichten, ward ihnen durch die Knechte die Nachricht, daß es die ſchwarzen Ritter wären, daß der größere Haufe ſich am Fuße des Berges gelagert⸗ und nur einige derſelben den Pfad herauf ritten. Wie ſie anlangten, ward ihnen ſogleich das Thor geöffnet, und die Ritter erkannten bald unter ihnen den alten Hauptmann, der ihnen freundlich die Hand reichte⸗ Ich zog, ſprach er, in der Nähe vorüber, und da ward mir die Nachricht, daß ihr heute euer Hochzeitfeſt feier⸗ tet. Ob mich gleich die Weiber nicht allzu gerne ſehen werden, ſo konnte ich doch nicht vorüberziehen, ohne euch Glück zu wünſchen, und wenn ihrs erlaubt, einige„ Becher mit euch zu leeren. Friedrich. Ihr und alle eure Begleiter ſehd uns willkommen: winkt ihnen aufwärts, wir haben Wein in Fülle für ſie. Der Hauptmann. Ich danke euch in ihrem Na⸗ men, aber laßt ſie unten, ſie werden heute an eurer Stelle wachen. Freude macht ſorglos, und der Ge⸗ rechte hat ſtets Feinde; wie leicht wärs möglich, daß die Eurigen eben einen Ueberfall wagten, wenn die erſtere den höchſten Grad erreicht häite. Laßt uns alſo wachen, wenn ihr fröhlich ſeyd, vielleicht gibts eiima See wo wir Wiedervergeltungsrecht fordern önnen. Die Ritter nahmen pieſen Freundesantrag mi Dan S 89 an und führten den Hauptmann in der Gäſte Mitte⸗ Wie die Väter ſeine Abſicht erfuhren, dankten auch ſie für ſeine Sorgfalt, und verſprachen's nach Möglichkeit wieder zu lohnen. Den Wächtern am Berge wurden Wein und Speiſen in Menge geſandt, und wenn am Abende drauf auf der Burg der Jubel hoch ertönte, ſo ward er immer im Thale wiederholt. Wacker zech⸗ ten indeß die Alten mit dem Hauptmanne. Sie hat⸗ ten nach der Tafel ſich von den übrigen geſondert, und ſprachen bald vom Heerzuge ins heilige Land, und von der Zuſage, welche ſie einander geleiſtet hatten. Möglich, daß der ſchlaue Hauptmann eben jetzt dies Geſpräch abſichtlich auf die Bahn brachte, denn der Wein hatte das Herz der Alten geöffnet und ihre Ueber⸗ legungskraft geſchwächt. Den ſchwarzen Rittern lag nähere und feſtere Verbindung mit dem Löwenbunde am Herzen, ihr Hauptmann ſuchte daher ſolche nach Kräften zu fördern. Es gelang ihm auch herrlich; in dieſer Nacht noch wurde zwiſchen beiden ein Bund⸗, Schutz⸗ und Trutzbündniß errichtet. Farnburg ver⸗ ſprach, in ſeinen Fähnlein unter den Füßen des Lö⸗ wens einen Eichenzweig zu führen, und der Hauptmann gelobte dagegen, den Löwen in die ſeinige zu ſetzen: er ſollte unter einem dickbelaubten Eichenbaume ruhen, und zur Warnung die Worte: Wecke ihn nicht! darunter geſetzt werden. Alle Bundesveſten, ſo ward noch weiter verabredet, ſollten einander wechſelſeitig offen ſtehen, und jeder des andern Habe nach vollen Kräften männiglich gegen Liſt und Gewalt vertheidi⸗ gen. Hoch feierten die ſchwarzen Ritter den Tag, als ihnen die Nachricht von dieſem Bündniſſe kund wurde, ſie hatten dadurch viel und mancherlei gewonnen, vor⸗ züglich konnten ſie jetzt in größerer Anzahl die Haupt⸗ abſicht ihres Bundes, den Heerzug gegen die Sara⸗ cenen, unternehmen. Die Löwenritter warenenun die 90 Vertheidiger ihrer Habe geworden, auch mußten ſie jetzt die wehrloſen Klöſter beſchützen, zu deren Beſchir⸗ müng oft viele Ritter vom Zuge abgehalten wurden. Wie Farnburg die Sache nüchtern überlegte, ſo ſah er wohl ein, daß ſich der größte Vortheil auf die Seite. ſeiner neuen Bundesgenoſſen lenkte, doch hoffte er eben ſo gewiß, daß auch ſeinem Bunde noch unerkannter Nutzen daraus erwachſen könne, und daß die Freund⸗ ſchaft ſo vieler wackerer Männer großen Werth habe Da ich noch ſo mancherlei zu erzählen habe, und um nicht langweilig zu werden, aus den allzuvielen nur die wichtigſten ausheben kann, ſo übergehe ich die der Rut he, welche die Ritter jetzt genoſſen, mit Stillſchweigen. Sie waren in den Ar⸗ wen ihrer Weiber mehr als glückkich, und da ſie wuß⸗ ten, daß ſie bald dieſes Glücks entbehren würden, ſo ſchätzten ſie's jetzt um ſo mehr. Im Genuſſe der rein⸗ ſten Wonne, welche die glücklichſte Ehe gewähren kann, flohen die Wintermonate gleich einem leich⸗ ten Rebel vor ihnen vorüber. Je ärger es draußen ſtürmte und tobte, je inniger fühlten ſie das Glück, daheim ſitzen zu können an der trauten Gattin Seitr, zu hören ihre liebliche Stimme, wenn ſie die Künkel drehte oder am Weberſtuhle webte. Schön ſind die Tage des Frühlings, herrlich der Genuß der wieder wachenden Natur, aber traurig waren diesmal dieſe Tage, bitter ihr Genuß für die Weiber, weil aus jedem keimenden Blatte der Abſchied geliebter Männer mit hervorkeimte, jede aufblühende Blume ſie an ſolche erin⸗ nerte. Lange hatte Schwert und Panzer in der Rüſt kammer geruht, jetzt ward ſie wieder geöffnet, und dis Raſſeln der Schwerter, das Klirren der Panzer dran, tief ins liebende Herz. Der Abſchied nähte m wiü ihm Jammer und in Mengt. Amn Tage der Apoſſel ipp und Jakob berief ti 1 91 Bundeshaupimann die gerüſteten Ritter nach der Ka⸗ pelle. Der Prieſter las die Meſſe zum Wohl ihrer Reiſe und ſegnete ſie am Ende kräftig, damit Sturm und Wetter ihnen nicht ſchade. Von da zogen ſie nach dem Bundesſaale, wo ihr Hauptmann ſie alſo anredete: Ihr habt bis jetzt wacker gekämpft, euern Namen ehrt und fürchtet das deutſche Vaterland, ihr zieht nun in eine andre Gegend, wo man euch nicht kehnt, wo erſt eure Tapferkeit euch den furchtbaren Ruf erwerben muß, welcher oft die Feinde ſchon beſiegte, ehe ihr mit ihnen kämpftet. Ich hoffe, ich erwarte es ſogar, daß ihr bald das Schrecken der Saracenen und ihre Geiſel ſeyn wer⸗ det. Friedrich von Frohburg, ich ernenne dich zum Hauptmanne des Haufens, der ins Morgenland zieht! Komm her, komm mit mir ans Fenſter! Siehſt du dort jene Eiche, ſie hat, ſo lange ich denke, dem Sturme und Wetter getrotzt, rings umher wurdem oft die Bäume entwurzelt; aber ſie ſtand, oft entriß ihr der Sturm einen Aſt, aber ſie trieb neue Sproſſen und nutzte den Verluſt zur Mehrung ihrer Stärke. Sey ihr gleich, und ich werde dich mit offnen Armen empfangen! cihm eine Fahne reichend). Nimm die Fahne deines Bun⸗ des ſtets mit dir in Kampf, laß ſie neben dir, laß ſie ſtets voran wehen!(zu allen Rittern) Schande und Hohn im Voraus über denjenigen, welcher ohne ſie lebend zurücktehrt! Ausgeſtoßen ſey er dann aus unſerer Ver⸗ ſammlung, und verhöhnt werde er von den Knechten, die ihm einſt dienten. Sollte Gott eure Waffen ſeg⸗ nen, und ihr die Orte beſuchen können, welche der Sohn des Allmächtigen einſt durch ſeine Gegenwart heiligte, ſo erinnert euch in eurem Gebete eines alten 8 Greiſes, der immer für euer Wohl, für euern Ruhm wachte. Und nun geht zu den Weibern, ſie erwarten ure letzten Küſſe, ſeyd mit dieſen nicht ſparſam, daſtit e voch lange daran denken können. Ich will vie Zeit eures Auszuges nicht ängſtlich beſtimmen, nur ſo viel ſey euch kund, daß die Verbündeten ſchon jetzt curer im Thale harren, daß es Zagheit verrathen würde, wenn ihr allzu lange zögertet. Noch eins, ehe wir ſcheiden, wenn ihr durch Sicilien zieht, ſo bezeugt dem jungen König Friedrich eure Verehrung. Der Hoff⸗ nungsvolle verdient ſie im vollen Grade. Sagt ihm, daß ganz Deutſchland auf ihn hofft, daß es glaubt, er werde der Glückliche ſeyn, unter deſſen Regierung die Tage der Ruhe und des Friedens in die verlaß⸗ nen Wohnungen zurückkehren würden! Ich habe geen⸗ det, zieht in Frieden, und wenn wir uns hier nicht wiederſehen, ſo handelt ſo, daß wir es dort um ſo ränger und gewiſſer können. Alle Ritter. Das gebe Gott! Das wolle Gott! Lebt wohl, guter Hauptmann, wir werden, eurer Lehre getreu, entweder ſiegen oder ſterben! Ritter Ludwig cknieend). Euren Segen, Vater! Graf Farnburg. Ich gab dir ihn ſchon, als ich die übrigen ſegnete. Es ſind alle meine Söhne, ich bin kein Iſaak, der für den liebſten derſelben einen kräftigern aufbewahrte. Gott ſey mit dir, dann biſt du geborgen! Friedrich! Es iſt der einzige, der mei⸗ nen Stamm fortpflanzen ſoll, wenn er allzuhitzig iſt, ſo decke ihn mit deinem Schilde, und erhalte dem Va⸗ ter einen Sohn, der Schweſter einen Gatten! Lebt wohl—— Lebt alle wohl! Ich ſchäme mich der* Thränen nicht, ſolche Söhne ſind ihrer ſchon werth⸗ Ich geh in mein Gemach und wills nicht verlaſſen, bis ihr fort ſeyd, ich habe Faſſung nöthig, um dann die Weiber zu tröſten. Die Ritter ſtürzten nun aus dem Saale, jeder hatte noch Abſchied zu nehmen, wo nicht vom Weibe vo Kinde, doch vom Vater oder Bruder, welche ihnen bis auf die Burg gefolgt waren; jeder wünſchte die weni 93 gen Augenblicke noch ganz zu nützen, und eilte daher um ſo ſtärker zum Gegenſtande ſeiner Liebe. Es war ein buntes Gewühle, ein fürchterliches Geraſſel im lan⸗ gen Burggange, als die Ritter nach den Gemächern, wo die Geliebten ihrer harrten, im raſchen Fluge eil⸗ ten. Traurige Stille folge dem Lärm, nur hie und da hörte das Ohr des Lauſchenden Jammertöne der Weiber, der Mütter, welche ihren Gatten oder Sohn nicht aus ihren Armen laſſen wollten. Friedrich öff⸗ nete zuerſt ſein Gemach, er wiſchte eine Thräne aus ſeinem Auge, und blickte noch einmal zurück auf die ſchwangere Gattin, welche ohnmächtig, in den Armen ſeines Vaters lag. Schwer war der Kampf, ob er ihr Erwachen erwarten, oder jetzt, da ſie nicht ſpre⸗ chen konnte, ihrem Flehen, ihrem Jammer entfliehen ſollte. Liebe rieth das erſtere, Vernunft das letztere; er gehorchte dieſer, rannte ans Fenſter und gebot dem Trompeter, Aufbruch zu verkündigen. Gleich dem Ge⸗ witterſturme, der einige Augenblicke ruhte, aber jetzt um ſo fürchterlicher wüthet, begann nun der vorige Lärm. Gehorſam der ſchweren Pflicht, verließen alle Ritter die Gemächer, ihnen folgten Väter, Mütter, Gattinnen, Kinder und Freunde in getheilten Haufen nach, und ſammelten ſich an der Treppe, um Aufſchub zu erflehn. Rührend war's zu ſehen, wie die Ritter ſtandhaft den Haufen trennten und doch oft ſelbſt wie⸗ der umkehrten, um ſich noch einmal am Abſchiedskuſſe zu laben. Als aber die Trompete zum drittenmale ertönte, als vie Bundesglocke angezogen wurde, da ſtürzten alle hinab und ſchwangen ſich auf die wie⸗ hernden Roſſe. Das letzte Lebewohl tönte hinauf zu den Jammernden, und bald entſchwanden ſie dem Ange der Zurückgebliebnen. Unter allen Weibern hat ſich Agnes, Heinrichs Gat tin, am ſtandhafteſten betragen. Ihrem Auge enteolt 94 keine Thräne, ihrem Munde kein Klageton. Es kam nicht unerwartet, ich war von lange her darauf gefaßt, ich habe mich alſo vorbereitet, ſprach ſie, als ſie ihrem Gatten den Helm aufſetzte und zum letztenmale ſeine Wange küßte. Viele der Ritter prieſen Heinrichen glück⸗ lich, daß er ſo ein muthvolles Weib beſäße, noch meh⸗ rere aber meinten, es thue zwar weh, es ſchmerze zwar tief, wenn man ſein Liebchen ſo troſtlos jammern ſähe, es ſey aber doch auch ein troſtvoller und wahrer Be⸗ weis der innigſten und zärtlichen Liebe. Welches Ur⸗ theil das richtigſte war, wird die Zeit entſcheiden. Viermal achtzig der tapferſten Löwenritter zogen nun den Pfad hinab ins Thal, die übrigen kämpften noch unter Philipps Fahne und ſtritten tapfer fürs Wohl ihres Kaiſers. Als der Zug im Thale anlangte, empfin⸗ gen ſie die ſchwarzen Ritter mit lautem Jubel. Ihrer waren an der Zahl neunhundert, ſie zogen ſtets voraus und ordneten immer die Herbergen in den Verbünde⸗ ten Häuſern und Klöſtern. Ueberall wurden ſie treff⸗ lich bewirthet, überall die Abſicht ihres Zuges hoch geprieſen. Als die Ritter ſchon nahe an Deutſchlands Grenzen waren, einen großen Forſt durchzogen und ſich eben fragten: wie es wohl daheim der Gattin und den Eltern gehen werde? erblickte Friedrich, wel⸗ cher die Seinigen anführte, in der Straßen Mitte eine verſchleierte Dirne; ſie ſaß auf einem Rappen und hinter ihr hielten zwei Reiſige. Er wollte ſtillſchwei⸗ gend vorüherziehen; aber die Dame ſandte ihm einen der Reiſigen enigegen und ließ fragen: ob Heinrich von Frohburg nicht unter ſeinem Haufen ziehe 2 Frie⸗ vrich bejahte es, und als der Reiſiige verſicherte, daß ſeine gebietende Frau mit. dieſem zu ſprechen verlauge ſo ſandte er ihn zu ihr. Ohne ein Wort zu ſprechen⸗ ſtieg ſie nun vom Roſſe, winkte ihm ins Dickicht unn ſchlug ihren Schleier zurück. 2 Heinrich. Gott und Marie!(voll Erſtaunen) Däs iſt meine Agnes! Agnes. Ja, ſie iſts! Erregt ihr Anblick wirklich ſo ſtarke Verwunderung bei ihrem Gatten? Heinrich. Wie ſoll er nicht? Nie, ſelbſt im Traume nicht, hätte ich mir die Wonne denken kön⸗ nen, dich an Deutſchlands Grenzen wieder zu finden. Waos iſt die Abſicht deiner Sendung? Biſt du viel⸗ leicht ein Bote des Unglücks? Hat—— Agnes. Ende mit deinen Fragen! Ich will ſie ſchneller, als du ſie beginnſt, beantworten. Ich bin kein Bote des Unglücks, ich bringe keine traurigen Nachrichten, ich bringe mich ſelbſt, und fordere zum Lohn dieſer That von dir den Willkommskuß. Heinrich eſie umarmend, ſie küſſend). Ahnes. Haſt mich kange genug darauf warten laſſen. Heinrich. Aus Erſtaunen! Aus Verwunderung? ich ihn nach Tagen, nach Monden wieder⸗ holen! Agnes. Ich hoffe nicht, daß dich je an der Be⸗ friedigung dieſes Wunſches etwas hindern ſoll. Heinrich. O Loſe! Denkſt du nicht daran, daß ich mein Gelübde erfüllen, die Reiſe ohne Auſſchub fortſetzen muß 2 Agnes. Nicht ohne mich, Heinrich, nicht ohne mich! Heinrich. Agnes, ich danke dir herzlich und innig. Wärs möglich!—— Agnes. Möglich oder unmöglich! Ich folge dir von heute an überall nach; und ich will doch ſehen, Der mich daran verhindern kann, verhindern wird? Sage mir aufrichtig: haſt du dieſen Entſchluß nie ver⸗ muthet, ihn wirklich nicht erwartet? Heinrich. Nie, bei Gott, nie! Noch jetzt erregt er Erſtaunen in meinem Herzen; noch jetzt halte ichs für ſüße Tänſchung.—— 96 Agnes. Dann biſt du nicht der Mann, für wel⸗ chen ich dich immer nahm, dann muß meine Liebe dir ſehr gleichgültig und von geringem Werthe ſeyn. Alle Weiber jammerten, als ihr Abſchied nahmt, ich allein blieb ſtandhaft, alle weinten und ich lächelte. Mußte dies ſeltene Betragen dir nicht auffallen? Heinrich. O ſtark! ſtark! Mein Herz fühlte es lange, fühlte es ſtets, wenn ich heim dachte, dich ſcher⸗ zen und lachen und die andern weinen ſah. Ich nahms für Mangel der Liebe—— Agnes. Kurzſichtiger, ſchon damals wars beſchloſ⸗ ſen, daß ich dir folgen, mit dir jedes Ungemach thei⸗ len, und, käms an's Aeußerſte, an deiner Seite käm⸗ pfend ſterben wollte. Heinrich. Iſts wirklich dein Ernſt? Agnes. Und du kannſt noch fragen? Oder glaubſt du, daß ich blos um dieſes elenden Augenblicks wil⸗ len die gefahrvolle Reiſe unternommen habe? Heinrich. Unmöglich! Unmöglich! Agnes. Möglich! Ganz möglich, ſo wahr Gott mit uns iſt! Darüber keine Vorſtellung, keine Schwie⸗ rigkeiten, ſie machen meinen Entſchluß nicht wankend. Auch erwartete ich ſie von dir nicht, ich hoffte vielmehr von deiner Seite Dank und Unterſtützung zu erhalten⸗ Nicht um von dir in dieſer ſchon entſchiedenen Sache Einwendungen anzuhören, ſondern um deinen Rath in einer gndern Gelegenheit zu nutzen, führte ich dich abſeits. Mitleid mit dem Jammer der übrigen Wei⸗ ber öffnete mein Herz, ich vertraute ihnen meinen Ent⸗ ſchluß, und ſie beſchworen mich, ſie daran Antheil neh⸗ men zu laſſen. Heinrich. Gott! Wie?—— Agnes(iym nachſpottend). Wie? Was? Wo2—— Nun jo, ewiger Frager, ſie ſind all mir äusgezogen, ſie halten ſich hinter dem Dickis *— 97 verborgen, und du ſollſt jetzt Rath ertheilen, wie ſie ihre Männer bewegen, daß auch ſie ihren Entſchluß billigen? Heinrich. Du warſt alſo des meinigen ſchon gewiß? Agnes. Ganz gewiß! cihn umarmend) Kannſt du nein ſagen!(ihn küſſend) Kannſt du mich fortjagen? Heinrich. O kämie es blos auf meinen Willen an!—— Gebiete den Weibern, daß ſie wie du begin⸗ nen, und bleiben die Männer ſtandhaft, ſo haben ſie nie geliebt! Agnes. So rufe ſie herbei, ich will die Weiber vorbereiten. Schon lange hatte Friedrich Heinrichen zurückerwar⸗ tet, ihn wunderte es ſehr, daß eine fremde Dirne einen Ritter abwärts führe; er ahnete Gefahr und ritt näher, um ſie von Ferne beobachten zu können. Heftig mehrte ſich ſein Erſtaunen, als er ſah, daß die Dirne mehr als einmal Heinrichen küßte und dieſer ihre Küſſe erwie⸗ derte. Er ſehnte ſich nach Aufklärung und ward ſchon ungeduldig über das allzulange Geſpräche. Wer iſt die Dirne? rief er Heinrichen entgegen. Heinrich. Das könnt ihr ſie ſelbſt fragen. Rei⸗ tet nur näher, ſie wird euch wahrlich keine Antwort ſchuldig bleiben. Ich will indeß die übrigen rufen. Wie Heinrich mit Ludwigen und Wieſenborn zurück⸗ kehrte, lag Friedrich ſchon in den Armen ſeines Wei⸗ bes. Bald folgten die übrigen ſeinem Beiſpiele. Es war ein Triumph, ein reiner Genuß echelicher Liebe. Als nun endlich einer um den andern fragte: wie dies Glück möglich ſey? und ihnen der Vorſatz der Weiber kund ward; da ſtaunten alle über den ſo herr⸗ lichen Beweis der vollſten Liebe, ſchauderten äber eben ſo ſtark vor den Gefahren zurück, in welche ſich die Heldinnen begeben hatten und noch begeben wollten. Friedrich war der erſte, welcher zwar mit dankbaren Löwenritter 2. 7 2 98 Worten dieſen Vorſatz ehrte, zugleich aber die Unmög⸗ lichkeit der Ausführung zu beweiſen ſuchte. Agnes. Als der Entſchluß, euch zu folgen, Glück und Unglück mit euch zu theilen, bei uns feſt beſchloſ⸗ ſen und ausgeführt wurde, da verſprach ich meinen Freundinnen, ihn nach Kräften gegen eure Einwen⸗ dung zu vertheidigen. Hört mich alſo ruhig an und beſchließt dann erſt. Wir lieben euch, mehr als ihr glaubt, mehr als eure Weigerung verdient. Sollen wir daheim in beſtändiger Sorge und Kummer leben? Sollen wir unſre Speiſe ſtets mit Thränen netzen, unſern Trank täglich damit verbittern? Sollen wir verwelken und hinſchmachten, damit ihr einſt bei eurer Zurückkunft an unſerm Grabhügel jammern und eure Hartnäckigkeit beklagen könnt? Ihr verſpracht uns Schutz, wir kommen, ihn zu fordern. Ihr verſpracht uns Liebe, wir kommen, ſie in eurer Geſellſchaft zu genießen. kann uns abſchrecken? Was kann die Folge un⸗ ſers Entſchluſſes ſeyn? Gefahr? Mühſeligkeit? O Gott, wie wenig gleicht dieſe dem Schmerze der Trennung! Droht uns nicht mit dem Tode, er ſchreckt uns nicht, daheim war er uns gewiß, hier iſt er nur möglich⸗ nur wahrſcheinlich. In euern e wird er ſüßer ſchmecken, als im verlaßnen Ehebette. Genug, wir ſind entſchloſſen, unſre Pflicht zu erfüllen, und erklären alle, die uns daran verhindern wollen, für Feinde unſrer Ruhe, unſrer Liebe. Friedrich(auf Klaren und Kunigunden zeigend). Blicke dieſe und dieſe an, ihr Zuſtand wird alle deine Gründe widerbegen! Agnes. Sie ſind ſchwanger, und weil ſie das Un⸗ terpfand der Liebe nicht mit Thränen füttern, nicht ———— durch Verzweiflung tödten wollten, ſo zogen ſie en nach. Schickt ſie zurück, wenn ihr's vermögt Förtet Weib und Kind mit einmal, wenn ihr Kraft dazu habt 99 Friedrich. Großer Gott! Es iſt unmöglich! Man⸗ gel und Pflege und Wartung wird ihr ſicherer Tod ſeyn. Agnes(ſich auf Heigrichs Arm lehnend). O nir⸗ gends ruht ſichs ſanfter! O nirgends fühlt man Kum⸗ mer und Schmerz weniger, als auf dieſem Lager! Friedrich. Freunde! Euern Entſchluß! Der mei⸗ nige ſoll ſich dieſem fügen! Allecihre Weiber umarmend). Wir nehmen ſie mit uns! Friedrich. Auch in Kampf, auch zum Tod wollt ihr ſie führen? Klara. Dies fordern wir nicht, dies wärde eure Tapferkeit mindern. Wenn wir im heiligen Lande an⸗ kommen, ſo ſoll eine ſichere Veſte unſre Wohnung wer⸗ den. Wir werden dann doch die Freude haben, euch dann und wann zu ſehen, wenigſtens ſtets Nachricht von euch zu hören. Friedrich. Dieſer Entſchluß entſcheidet,— auch ich nehme dich mit mir! Gott gebe, daß ich dich glück⸗ lich hin und zurück führe, dann will ich ihm danken all mein Lebelang. Agnes criumphirendd. Nun? Was ſagte ich im⸗ mer? Der Liebe iſt nichts unmöglich! Ludwig. Was werden aber die übrigen Ritter ſagen? Agnes. Fragt lieber: wie ihr dieſe Frage beant⸗ worten wollt, dann will ichs eich lehren: Als wir im Kloſter gefangen gehalten wurden, da gelobten wir, wenn uns einſt Freiheit würde, eine Wallfahrt ins heilige Land. Ihr wolltet zwar dies Gelübde verhin⸗ dern, aber die Prieſter verweigerten die Losſprechung, ind wir zogen euch nach. Sagt ihnen dies, und ihr Spott wird ſchweigen müſſen. Friedrich. Wiſſen die Väter euern Entſchlüß2 Billigten ſie ihn2 8 Egnes. Sie wiſſen ihn, denn wir hinkerließen vie 100 Urſache deſſelben bei unſrer Abreiſe ſchriftlich.—— Ob ſie ihn billigen, wollen wir einſt hören, wenn wir zurückkehren? Nur eine Bitte gewährt uns, ſendet ih⸗ nen ſogleich einen Boten mik der Nachricht, daß wir glücklich bei euch angelangt ſind, daß wir unter eurem Schutze ziehen, und ihr Kummer wird ſich um ein großes mindern. Friedrich. Ihr hintergingt alſo auch ſie2 Agnes. Wir folgten nur dem Gebote Gottes. Wir verließen Vater und Mutter, um uͤnſern Män⸗ nern nachzuziehen. Allerdings durchlief lautes Erſtaunen den Zug der Ritter, als die Weiber in ihre Mitte geführt wurden; lange konnten ſie den Entſchluß nicht glau⸗ ben; als aber ſelbſt die Männer ihn beſtätigten, da beſchäftigte nicht Spott, ſondern Lob der Heldinnen ihre Lippen, ſie gelobten ſogar, ihnen nach Kräften) beizuſtehen, und jede Gefahr von ihnen männiglich abzu⸗ wenden. Friedrich ſandte noch am nämlichen Tage an die Väter Boten, welche ihnen den Entſchluß und die glückliche Ankunft der Weiber kund machen mußten. Die weitere Reiſe ward ohne den geringſten Zufall vollendet; ſie ſchifften glücklich nach Sicilien über, nur dort mußten ſie ſtille liegen, weil die Schiffe, welche ſie nach Akra führen ſollten, noch nicht angekommen waren. Eben wollte Friedrich, der Ermahnung des alten Grafen eingedenk, nach der Hauptſtadt reiſen und dem jungen Könige ſeine Ehrfurcht bezeigen, als ein Reiſiger ihm meldete, daß ein fremder Schildknappe allein und ingeheim mit ihm ſprechen wolle. Friedrich* gebot allen Entfernung und ließ den Knappen vor ſich führen. Der Knappe. Sey gegrüßt, Ritter des Löwens! Den Ruhm deines Bundes hat mein Ohr ſchon oft gehört, aber mein Ange war noch nie ſo glücktch, * 101 einen ſo furchtbaren Ritter von Angeſicht zu Angeſichte zu ſehen. Deine Güte, mich vorzulaſſen, verſchaffte mir dies Glück, und ich danke dir dafür. Friedrich. Wer biſt du? Wie nennſt du dich? Knappe. Bin ein unbedeutender Schildknappe! In Deutſchland geboren und erzogen, iſt mir die Liebe zum Vaterlande geblieben. An allem, was dort ge⸗ ſchieht, nehm' ich den wärmſten Antheil; wenn deutſche Pilgrime an unſern Küſten auf die Ueberfahrt harren, ſo laß ich mir immer erzählen: wie's dort zugeht und wie ſich die wackern Deutſchen in ſo gefährlichen Zei⸗ ten betragen? Hab oft viel Böſes, aber auch manches Gute und Edle erfahren. Aller Zungen beſchäftigte ſtets das Lob eures Bundes. Sie verſicherten mich einſtimmig, daß ihr Beſchützer und Vertheidiger der Unſchuld ſeyd, das arme Schwabenland von Räuber⸗ horden reinigen, und überdies noch die Sache eures Kaiſers Philipps männiglich vertheidigen helft. Friedrich. Ja, wir thun's nach Kräften und nach Pflicht. Biſt du vielleicht dienſtlos? Knappe. Nein, ich bin's nicht, und wenn ihr etwann meine Rede für Schmeichelei haltet, und glaubt, daß ich mir durch ſolche Brod und Unterhalt bei euch gewinnen will, ſo irrt ihr euch. Ich diene unſerm iungen König Friedrich, war in ſeinen Geſchäſten an der Küſte, und benutzte nebenbei die Gelegenheit, euch kennen zu lernen. Friedrich. So ſey mir willkommen! Allerdings glaubte ich, daß Eigennutz deine Zunge leite; denn bei einem Knaben deines Alters, deines Standes konnte ich ſolche Abſicht kaum vermuthen. Ich ehre jetzt ſie und dich um ſo ſtärker. Wie gehts deinem Könige2 Knappe. Uebel, ſchlechter als dem geringſteh ſei⸗ ner Knappen. Er ſteht unter der harten Vormund⸗ ſchaft der Großen ſeines Reichs, welche die Einkünfte 102 der Krongüter ſelbſt verzehren und ihm nur den Na⸗ men eines Königs gönnen. Ob er gleich noch jung iſt, ſo fühlt er doch, da er zum Herrſchen geboren wurde, ſeinen Zuſtand tief. Er ſucht überall Freunde, überall Hülfe, aber alles fürchtet die Macht der Gra⸗ fen von Moliſe und Zelano, und leere Verſprechun⸗ gen, mit welchen man ihn von einer Zeit zur andern hinzuhalten ſucht, vermehren ſein Elend nur noch ſtär⸗ ker: Vor einigen Monden verſprachen ihm ſeine Ge⸗ nueſer Freunde, einige Galeeren zu ſeiner Hülfe zu ſenden. Ich war eben im Hafen, um zu ſehen, ob ſie ihre Zuſage erfüllt hätten, aber ich fand ſie nicht“ Friedrich. Hm! das hätte ich nicht vermuthet! Warum ſuchte Friedrich nicht Hilfe bei den Deutſchen? Knappe. Wie ſoll? Wie kann er dies? Haben eben dieſe Deutſche ihn nicht ſelbſt verlaſſen? Sein Vater ließ ihn zum römiſchen König krönen, und doch wählten die Fürſten ſeinen Onkel Philipp zum wirkli⸗ chen Kaiſer, da er doch blos nur als Vormund des jungen Königs das Reich indeß zu verwalten kam. Wenn überdies euer gerechter Bund dieſen Kaiſer ver⸗ theidigt, wie kann er von dorther Hilſe erwarten? Friedrich. Sind dies wirklich Gefinnungen deines Königs? Denkt er eben ſo, wie du ſprichſt? Knappe. Ja, er denkt eben ſo! Friedrich. So eile, um dieſen ſchävlichen Irrtbum zu benehen, welcher der edlen Deutſchen Treue ſo ſchändlich beſteckt. Sie wählten zwar Philippen zu ihrem Kaiſer, weil ſie in ſolch großer Verwirrung eines Man⸗ nes zum Regenten bedurften, und nicht warten konn⸗ ten, bis der Knabe zu dieſem reife, aber es ward aus⸗ drücklich bedungen, daß der Sohn Heintichs ſein Nach folger werden und ſeyn ſollte. Eben machte ich mich fertig, um ihm in Meſſina die Verehrung meines Bun⸗ des zu bezeugen, um ihm im Namen meines Haupt — 108 mandes zu ſagen, daß Deutſchland auf ihn hofft, daß es von ihm erwartet, er werde einſt die bürgerlichen Kriege und Unruhen, welche in ſeinem Innern wüthen, glücklich dämpfen und unſerm Vaterlande den edlen Frieden verleihen. Knappe. Wenn dies wirklich dein Wille war und noch iſt, ſo wirſt du ihm eine angenehme Botſchaft bringen. Doch, ganz aufrichtig geſprochen, allzu an⸗ genehm wird dieſe ihm auch nicht ſeyn. Er hat der ähnlichen ſchon zu viel erhalten, er will ſich von keiner derſelben mehr täuſchen laſſen. Sie haben ſeinen Zu⸗ ſtand nie verbeſſert, oft verſchlimmert. Ja, wenn mit dieſer Botſchaft auch zugleich thätige Hilfe erſchiene, dann würde er euch als einen Freund in der Noth mit offnen Armen empfangen, und gewiß nie vergeſſen, in welcher Gefahr ihr ſein Retter wurdet. Friedrich. Könnte der Wille zur That werden, Friedrichs Feinde ſollten noch heute gedemüthigt wer⸗ den und er unumſchränkt über Sicilien herrſchen. Knappe. Wie? Wenn ich nun in ſeinem Namen euer Wort faßte, euch die Ausführung als leicht und möglich bewieſe? Würdet ihr dann halten, was ihr jetzt ſo unbedingt zuſichertet? Friedrich. Seltſamer, räthſelhafter Knabe, bald ſollte ich dich für einen Kundſchafter meiner Geſinnun⸗ gen halten. Es wäre allzu ſchmeichelhaft gedacht, wenn ich glauben ſollte, der König habe dich geſandt, ich muß dich alſo für einen Kundſchafter ſeiner Feinde neh⸗ men, denen meine Ankunft in Sicilien, mein Verweilen an ſeinen Ufern vielleicht Verdacht erregt, und ihr böſes Gewiſſen zur Wachſamkeit weckt. Wenn alſo meine Muthmaßung gegründet iſt, ſo ſage denen, die dich ſand⸗ ten, daß die Ritter des Löwenbundes in Friedrichen ihren künftigen Kaiſer ehren, daß des Bundes erſte Pflicht iſt, ihren Monarchen zu ſchützen und zu verthei⸗ 104 vigen. Weh denen, die ihn kränken! Weh über diejeni⸗ gen, welche ihn verfolgen, die Rache des Löwen wird ſie früh oder ſpät erreichen! Knappe. Ich bin ein treuer Diener des Königs und kein Kundſchafter ſeiner Feinde. Darf ich dem erſtern eure Gefinnung erzählen? Friedrich. Du darſſt, und kannſt noch hinzufügen, daß er mit mir und allen meinen Rittern in ſo lange zu gebieten habe, als wir hier müßig an ſeiner Küſte ruhen. Wollte Gott, mich rufte nicht ein Gelübde, ich wollte ihn nie verlaſſen, und dann den Kühnen erwar⸗ ten, der es wagen wollte, ſeiner Macht zu ſpotten. Knappe(voll Entzücken). Ah! ſo habe ich ihn denn gefunden, den Freund, welchen ich ſo lange vergebens ſuchte! Edler Ritter, laßt euch umarmen!(Friedrich weicht zurüch Mein Kuß entehrt euch nicht! Ich bin Friedrich, ich bin der König ſelbſt! Friedrich. Unmöglich! Wie? Der König. Ja, ich bins! Friedrich(will ſeine Knie vor ihm beugen). Mein Herr und König! Der König eihn aufhattend). An mein Herz! In meine Arme! Seyd mein Vater, nehmt mich zu eurem Kinde auf und an. Heute Nacht, als meine Wächter ſchwelgten, gelang es mir, in dieſer elenden Kleidung aus einer Bergveſte, welche nahe bei Meſſina liegt, zu enifliehen. Ich entkam unbemerkt bis an die Küſte, wo ich ein Schiff zu finden hoffte, auf welchem ich nach Genua überſchiffen konnte. Friedrich. WVie? ihr wolltet euer Reich verlaſſen Der König. Ja, um unterſtützt von meinen Freun den, bald wieder öffentlich darin erſcheinen zu können Die Grafen von Moliſe und Zelano, welche meine Vormünder ſind, halten mich ſchon lange gefangen domit niemand mich ſehen und ſprechen kann⸗ * 3 8 105 haben alles königliche Anſehen an ſich geriſſen, alles haßt, aber alles fürchtet ſie auch. Ich muß unterſer⸗ tigen, was ſie gebieten, ich muß mein Volk mit neuen Auflagen drücken, damit ſie ſich mehr Anhänger erkau⸗ fen und meine Rechte ſchwächen können. Ich konnis nicht mehr aushalten, ich wollte lieber alles wagen und alles verlieren, als länger in ſolcher Unterthänigkeit ſchmachten. Frievrich. Das billige ich von Hetzen, und ob ihr gleich nicht die Jahre des Mannes zählt, ſo habt ihr euch doch ſeine Denkungsart erworben, und dieſe macht euch fähig, euer Reich allein zu regieren. Zeigt euch dem Volke, klagt ihm eure Noth, erzählt ihm euer Schickſal, und ich wette, es wird euch als ſeinen König ſchätzen und vertheidigen. Der König. Das wird es, ſo hoffe ich, ganz ge⸗ wiß! Aber ehe ich dieſen Schritt mit Gewißheit wagen kann, brauchts der Vorbereitung, und auch der Thaten noch viele. Laßt euch alles erzählen, und urtheilt dann erſt: die Macht meiner Vormünder iſt groß, ſo lange ſie die königliche Gewalt in Händen haben. Trete ich allein auf, ſo werden ihre Anhänger mich gleich einem Buben, welcher der Ruthe entlief, fangen, und ich bin wieder in ihren Händen, bin elender als vorher. Hätte ich ein Schiff zur Ueberfahrt nach Genua gefunden, ich würde dann gerettet ſeyn; ich habe dort der Freunde viele, meine Gegenwart würde noch mehrere wecken, und ich könnte dann mit ihnen in mein Reich zurück⸗ kehren. Stehen nur zweihundert Bewaffnete auf meiner Seite, ſo bin ich überzeugt, daß ſich mein Anhang bald, einem Schneeballen gleich, mehren, und alle meine Feinde zertrümmern wird. Friedrich. Und ihr fandet kein Schiff im Hafen? Der König. Nein! Stellt euch meine Lage, meine Verzweiflung vor! Die einzige Hoffnung, auf welche 106 ich alles baute, war verſchwunden, und ich ſtand ohne Troſt, ohne Rettung da. Um nicht entdeckt zu werden, verbarg ich mich im Gebüſche. Einige Fiſcher angelten am Ufer, ſie erzählten einander, daß ſie jetzt ihre Fiſche bei den deutſchen Rittern gut verkauften, und fingen endlich eure Tracht zu loben an. Aus der Beſchreibung derſelben erkannte ich die Ritter des Löwenbundes, und mein Herz klopfte hoch vor Freude. Ich hatte ſchon viel Ruhmwürdiges von euch gehört, und beſchloß, ſo⸗ gleich euern Schutz anzuflehen. Friedrich. Nennts nicht ſo, nennts Pflicht und Schuldigkeit, und gebietet nur, wie ich ſie erfüllen kann, erfüllen ſoll. Der König. Verſagt ihr mir euern Beiſtand nicht, ſo bin ich morgen ſchon König, und im Stande, eure That zu belohnen. Zelano und Moliſe ſchwelgen eben unfern von hier auf einem unbefeſtigten Landgute, ſie dort zu fangen, brauchts nur Entſchloſſenheit. Jch „ſtehe euch dafür, daß kein Tropfen eures edlen Blutes fließen wird. Die Feigen werden zitternd und bebend um Gnade und Schonung flehen; ſind dieſe einmal in mei⸗ ner Gewalt, ſo wird ihr Anhang vor einem gleichen Schickſale zittern, entweder Sicilien meiden, oder mir huldigen. Friedrich. Und das Volk? Der König. Wird mich, wie es immer that, als ſeinen König ehren; wird jubeln, daß diejenigen, welche es mit Auflagen drückten, vom Ruder entfernt werden. Friedrich. Nur eins erlaubt mir noch zu fragen* Fühlt ihr euch ſtark genug, die Krone und die mit ihr verbundne Laſt allein zu tragen, gllein zu känpfen wider Bosheit und Tücke, die immer um euern Shion ſchleichen, euch Fallſtricke legen wird? Kann nicht ve eicht die Hilfe, welche ich euch willig zu leiſten denfe⸗ 107 in kurzer Zeit euer Schickſal verſchlimmern, euch noch unglücklicher machen? 2 Der König. Sorgt nicht! Ich dächte, ihr hättet mich hinlänglich geprüft, um dieſer Fragen nicht zu bedürfen! Oder ſoll eben dieſe Frage auch etwan zur Entſchädigung dienen? Soll ſie mich, da es zum Ernſte kommt, vorbereiten auf die verneinende Antwort, die ihr mir zu geben willens ſeyd? Kann ich unglücklicher werden, als ich jetzt ſchon bin? Friedrich. Erwartet mich hier! Ich bin bald wie⸗ der bei euch und dann ganz zu euern Dienſten. Friedrich eilte nun zu ſeinen Rittern, erzählte ihnen alles, und jeder derſelben ſtimmte willig ein, daß man dem gekränkten jungen König beiſtehen müſſe. Nur ein Zweifel blieb Friedrichen noch übrig; die Klugheit gebot, daß ſolcher, ehe er handele, gelöst werden müſſe, nur wußte er nicht, wie er's ſchicklich thun könne er kannte den König nicht, alle ſeine Ritter eben ſo wenig. Es war äußerſt wahrſcheinlich, daß er's wirklich ſey, aber doch auch möglich, daß ein andrer ſich dafür aus⸗ geben, die Ritter zu einer ſtrafbaren Handlung verlei⸗ ten könne. Um dieſer wichtigen Sache gewiß zu wer⸗ den, um wenigſtens guten Rath zw erhalten, entdeckte er alles ſeinem Bundesfreunde, de Hauptmanne der ſchwarzen Ritter; dieſer verſicherte ſogleich, daß er den jungen Friedrich ſehr gut kenne, oft geſehen habe, und bat dringend, mit ſeinen Rittern Antheil nehmen zu dürfen am Heerzuge gegen die königlichen Feinde. Un⸗ ſerm Bunde, fügte er dieſer Bitte bei, erwächst dadurch großer Vortheil. Der König wird dieſer Hilfe nie ver⸗ geſſen, und unſern Heerzug ins heilige Land ſtets nach Kräſten fördern und unterſtützen. Wir können ferner⸗ hin vielleicht in ſeinen Häfen die Schiffe zur Uebeyfahrt erhalten, welche wir jetzt den Venetianern mit ſchwerem Golde bezahlen, und doch immer Monatelang auf ihre 108 Ankunft harren müſſen. Obgleich aus dieſer Erklärung der Eigennutz hell hervorleuchtete, ſo bewilligte doch Friedrich gern des Freundes Bitte, weil durch ihn nur Aufklärung des Zweifels werden, und ſo anſehnliche Vermehrung der Macht in dieſer Unternehmung wohl nützen, nie ſchaden konnte. Er eilte mit dem Haupt⸗ manne nach dem Zelte, in welchem der König ſeiner harrte, und erſterer erkannte ihn ſogleich für den wirk⸗ lichen König; dieſer lächelte, als er Friedrichs Zweifel vernahm, ſchätzte ihn aber um dieſer Vorſicht noch höher, weil er deutlich ſah, daß er edel zu handeln gewohnt ſey. Da jetzt alle Ritter zum Auszuge bereit waren und nun nach Weg und Straße fragten, ſo erbot ſich der⸗ König ſelbſt, ihr Führer zu werden; ſie langten glück⸗ lich am Landgute der Grafen an und umringten e6 ſogleich. In allem hatte der junge König Wahrheit geſprochen, nur dann nicht, als er die Ritter verſicherie, ſie würden die Grafen ſchwelgend finden und kaum eines Schwertes nöthig haben. Die Flucht des Königs hatte die Grafen nüchtern gemacht, die Nachricht davon war ihnen äußerſt unangenehm. Als die Ritter anka⸗ men, rathſchlagten ſie eben mit ihren zahlreichen Au⸗ hängern, wie ſie den Folgen derſelben vorbeugen und den Entflohnen wieder in ihre Verwahrung bekominen könnten. Groß war ihr Erſtaunen, als Friedrich ſie fragen ließ; ob ſie lieber freiwillig Schwert und Lanze zu den Füßen ihres Königs niederlegen, oder erwarten wollten, daß man ſie dazu zwinge? Sie wählten das letztere, ſtürzten wüthend aus dem Hauſe und verſuch⸗ ten ſich durchzuhauen. Daß dies Unternehmen nicht gelang, daß ſie bald umringt und wurden, werden ſich meine Leſer ſchon im Voraus denken kön⸗ nen; doch war der Kampf blutig, einige Ritter wut den getödtet, mehrere verwundet. Dem jungen König ſelbſt würde ein Kolbenſchlag das Leben geraubt habe ——— ———— 109 hätte Friedrich ihn nicht mit ſeinem Schilde gedeckt, Dieſe That vergaß der König Friedrichen nie, und die Folge wird es lehren, daß er ſie nach vielen Jahren dem Bunde mit Wucher lohnte. Als der Grafen Anhänger ſich überwunden und ge⸗ fangen ſahen, vewandelte ſich ihr Trotz, ihr Widerſtand in kriechende Demuth, in niedrige Bitte um Freiheit und Leben. Sie warfen alle Schuld auf die Grafen, ſie verſicherten, daß ſie ſtets treue Unterthanen geweſen und ihm zu gehorchen glaubten, wenn ſie ſeiner Vor⸗ münder Befehle erfüllten. Der König nahm's, wie's zu nehmen war, und fragte ſie mit ſtrenger Miene: ob ſie eben jetzt auch als treue Unterthanen gehandelt und ihre Pflicht erfüllt zu haben glaubten, da ſie wider ihn gekämpft und ſeine treuen Freunde getödtet hätten? Wie ſie nun alle verſtummt da ſtanden, wohl zu ant⸗ worten wünſchten, aber doch nicht antworten konnten, da wandte ſich der König zu Friedrichen. Es ſind eure Gefangne, ſagte er, ihr habt ſie mit eurem Blute er⸗ kämpft, beſchließt ihr Schickſal. Friedrich. Wir kämpften nicht um Lohn, uns gebühren ſie nicht. Der König czu den Gefangnen). Dankt's der Groß⸗ muth dieſer Ritter, daß ich jetzt handeln kann, wie mein Herz es fordert. Ihr ſeyd frei, könnt ungehindert mein Reich verlaſſen, könnt ruhig und ungeſtört auf euern Veſten leben. Der unmündige Knabe wird alles vers geſſen, wird keine Beleidigung rügen, wenn ihr ihm anders jetzt als König huldigt: ihm Treue und Gehor⸗ ſam ſchwört! Noch hatte der König die letzten Worte nicht aus⸗ geſprochen, als ſchon alle ſich zur Erde warfen, ihre Finger zum Eide der Unterwerfung in die Höhe hoben. Nur Moliſe und Zelano blieben trotzend ſtehen und knirſchten mit den Zähnen, als ſie ſich mit einmal von 11⁰ allen ihren Freunden verlaſſen ſahen. Der König über⸗ blickte mit Wohlgefallen die Scene; ſein Auge weilte endlich auf den beiden Grafen. Auch euch, ſprach er, hätte mein Herz von der Vergebung nicht ausgſchloſſen, wenn ihr den Rath deſſelben befolgt hättet. Jetzt ge⸗ bietet die Vernunft Vorſicht, die ich aber nicht aus Haß, nur nach Billigkeit üben will. Ihr wart bisher die Verwalter meines und des Volkes Vermögens, ihr werdet Rechenſchaft geben, wie ihr es verwaltet habt! Wohl euch, wenn ihr beſteht, weh euch, wenn ihr ſchul⸗ dig befunden werdet. qzu den Rittern) Und nun, edle Freunde, vollendet euer Werk, führt mich nach der Stadt, in welcher mein Vater auf dem Throne ſaß. Kann ich ſeine Größe auch nicht erreichen, ſo will ich ſie wenigſtens nachzuahmen ſuchen, will nicht Tyran will Freund und Vater meines Volks ſeyn. 3 Die Ritter entließen nun die Freunde der Grah Geht, Friedrich zu ihnen, und verkündigts ae daß der König zwar ſelbſt regieren, aber allen, die ſih * * ihm mit Ehrfurcht nahen, verzeihen und vergeben wird Nur Zelano und Molife mußten Roſſe beſteigen und als Gefangne dem Zuge folgen. Eben traf Friedrich Anſtalt, daß die Tödten begraben, die Verwundeten verpflegt wutden, und wollte nun Abzug verkündigen, als eine ſchöite Jungfrau aus dem Hauſe heraus und zu ſeinen Füßen Fz⸗ hnbarmherziger, ſchrie ſie, wo führt ihr meinen Väter hin? Was hat er verſchuldet? Friedrich. Er iſt des Königs Gefangener, fraßt dieſen, er wird euc beſſer antworten können. Die Dame. Den König? Wo iſt er? Der König. Hier, ſchöne Adelgunde! Mein ug macht mich unkenntlich! Die Dame 6w des Königs Füßen). Um ſo tenn macht euch hingegen die Miene voll Huld und Willei aß dieſe nicht zur Lügnerin werden, gebt mir meinen 111 Vater wieder, opfert ihn nicht einem zu frühen Ehr⸗ geize, deſſen Befriedigung ihr ja ohne ſeinen Tod ſuchen und finden könnt. Der König. Ich ſuche weder eins, noch das an⸗ dere, ich fordere nur zurück, was man mir ſo unrecht⸗ mäßig entzog, ſo hartnäckig vorenthielt. Die Dame. War mein Vater nicht euer Vormund? Sorgte er nicht für euer Beſtes? Der König. Ob er dies that, will ich unterſuchen laſſen. Bis dahin, ſchöne Gräfin Zelano, ſeyd ruhig! Iſt er unſchuldig, noch mehr, bereut er nur ſeine Schuld, ſo wird er bald in eure Arme zurückkehren! Die Dame. Und ich ſollte indeß hier zagen, wei⸗ nen, verzweifeln? O erlaubt, daß ich ihn begleiten, daß ich Augenzeuge ſeyn darf: wie ihr eure großmü⸗ hige Zuſage erfüllt? König. Solch eine ſchöne Pflicht will ich bicht hindern. Zieht mit uns, zieht unter meinem Schutze, und euch ſoll kein Leid widerfahren. Der Zug begann nun; die ſchöne Adelgunde folgte ihrem Vater und pflegte ſeiner mit zärtlicher Sorgfalt. 3 Um in anſtändiger Kleidung erſcheinen zu können, nahm der König ſeinen Zug nach der Bergveſte, wo er bis⸗ her gewohnt hatte, oder beſſer zu ſagen, gefangen ge⸗ ſeſſen war. Als ſie des Meeres Ufer erreichten und die trübe, finſtere Nacht in einigen Fiſcherhütten durch⸗ wachten, trat die ſchöne, Adelgunde zu Friedrichen und erlangte ingeheim mit ihm zu ſprechen. Ich komme, prach ſie, als er ihre Bitte erfüllte, auf Befehl meines Vaters zu euch. Vergebt daher, wenn die gehorſame Tochter euch vielleicht beläſtigt, vielleicht gar beleidigt,— denkt, daß Kindespflicht groß, und die Erfüllung der⸗ ſelben ſüß iſt. Friedrich Was verlangt euer Vater von mir? Adelgunde. Ihr müßt nicht ſo ernſt mit mir ſprechen, ſonſt erſchrecke ich, und vergeſſe, was ich euch zu ſagen hatte. Friedrich. Ihr mißdeutet Blick und Wort, wie könnte ich Ernſt gegen euch, gegen eine edle Jungfrau zeigen, welcher ich nach Ritterspflicht Ehrfurcht ſchul⸗ dig bin? Adelgunde. Ihr werdet alſo nicht zürnen, wenn ich im Namen meines Vaters euch Anträge mache, die vielleicht— ehe ihr alles wißt und erfahren habt— euch Anfangs beleidigen könnten? Friedrich. Mit euch werde ich nicht rechten. Ihr ſeyd das unſchuldige Werkzeug, deſſen ſich euer Vater bedient, folglich fällt jede Beleidigung auf ihn zurück. Adelgunde. Das wünſchte ich nun eben ſo we⸗ nig, denn mein Vater iſt ſo liebreich, ſo gut, ſo g fällig gegen mich, daß ich gern alles Unheil von ih abwenden, es lieber ſelbſt tragen möchte. Wie beginn ich denn nun, daß weder mir noch meinem Valer die Schuld der Beleivigung bleibt?— Sagt mir einm —— Liebt ihr Aufrichtigkeit? Friedrich. Welcher ehrliebende Rittersmann wird dieſe nicht ſchätzen und ehren 2 Adelgunde. Nun, ſo will ich mit dieſer euern Zorn dämpfen und eure Großmuth zu gewinnen ſu⸗ chen. Mein Vater wünſchte vors erſie herzlich gerne zu wiſſen: ob ihr der Anführer jener deutſchen Ritter ſeyd, welche bisher unter dem Vorwande, nach Palä⸗ ſtina zu ziehen, am Hafen auf die Ueberfahrt zu har⸗ ren ſchienen? Er hat mir aufgetragen, euch ſo im freundlichen Geſpräche darüber auszuforſchen; da ich aber Aufrichtigkeit gelobt habe, ſo geſtehe ichs euch offin⸗ herzig, und erwarte, ob ihr meine Frage beantworken wollt? Friedrich. Herzlich gerne, edle Jungfra 6 bin der Anführer deutſcher Ritter. Die Ueberfahrt — — * 113 nach Paläſtina iſt aber kein Vorwand, und die Folge wirds lehren, daß wir nächſtens dahin ſchiffen. Adelgunde.- O weh! auf dieſe Art werde ich meinem Vater keine angenehme Rachricht bringen. Er glaubte bisher, daß Friedrich euch zu dem Wagſtücke ſeiner Gefangennehmung ordentlich gedungen und eine Summe Goldes zur Belohnung zugeſagt hätte. Iſt nun doch meines Vaters Muthmaßung gegründet, ſo ſoll ich euch wieder durch allerhand Umſchweife begreif⸗ lich machen, daß ihr noch zweimal ſo viel, als euch Friedrich bot, erhalten ſollt, wenn ihr meinem Vater und dem Grafen Moliſe heute Nacht heimliche Gele⸗ genheit zur Flucht gönnt. Friedrich. Gutes Kind, mit dir will ich nicht hadern, aber deinem kühnen Vater ſage, daß es mehr als ſchändlich ſey, einem ehrlichen Rittersmann ſolche entehrende Anträge zu thun! Wäre er nicht gefangen, ſo würde ich Genugthuung fordern, jetzt kann ich ihn und ſeine Abſicht nur von ganzem Herzen verachten. Die Ritter des Löwens kämpfen nicht um ſchnöden Sold, Ehre und Schutz der Unſchuld iſt ihr Ziel, ich hoffs, ganz erreicht zu haben, als ich den jungen Kö⸗ nig der Macht dieſer Böſewichter entriß. Adelgunde. Ihr willigt alſo nicht ein? Wollt meinem Vater nicht die Freiheit ſchenken? Bei Gott, ſo ein Bube verdient ſie nicht! Adelgunde(weinend). O ihr ſeyd nicht der, für welchen ich euch nahm, für welchen ihr ſelbſt gehalten ſeyn wolltet. Ihr gelobtet mir Ehrfurcht und verletzet ſie frevelhaft, da ihr mir ins Angeſicht meinen Vater einen Buben ſcheltet! Ihr müßt früh eure Eltern ver⸗ loren, ſie wohl nicht gekannt haben, weil ihr ſolch eine Beleidigung ſo kalt, ſo gleichgültig ausüben könnt Mein Vater iſt gefangen, wird dem ſichern Tode ent⸗ Löwenritter 2. 8 11⁴ gegen geführt! Iſts ihm wohl zu verdenken, daß er Fins Freiheit auf jedem möglichen Wege zu erringen ſucht? Fritdrich. Er mag ſie ſuchen, aber dabei nicht mit meiner Ehre ſpielen, ſie nicht ſo heimtückiſch belei⸗ digen. Iſt er unſchuldig, ſo wird der gerechte König nicht ſeinen Tod heiſchen. Iſt er ſchuldig, ſo nehm er den Verluſt ſeiner Freiheit zum Lohne ſeines Verbre⸗ chens, und ſuche nicht durch neue Verbrechen ein Gut zu erringen, das er mit Recht verloren hat. Adelgunde. Schuldig oder unſchuldig: Er iſt mein Vater! Fühlt ihr dies nicht, Ritter? Friedrich. Ich fühls, und ehre euch deswegen! Adelgunde. Ihr fühlts und wollt nicht helfen? Friedrich. Wie kann ich dies? Adelgunde. Es koſtet euch nur ein einziges Wort und ihr macht drei Menſchen dadurch unausſprechlich glücklich. Iſt denn Menſchenglück in euerm Auge von ſo geringem Werthe?—— YNoch einmal, äber ohne euch zu beleidigen, kann ein Preis, er ſey ſo hoch, ſo groß, ſo wichtig, als er nur immer ſich denken läßt, die Freiheit meines Vaters erkaufen, ſo fordert dreiſt, ihr—— Friedrich. Sprecht nicht weiter, ich vermags nicht, euch länger mit Gelaſſenheit anzuhören. Adelgunde ein tiefen Gedanken). Es iſt entehrendt Es koſtet große Ueberwindung, aber es gilt das Leben eines Vaters, der mir das meinige gab.(ihren Schleien der Stirn und Buſen deckte, von ſich werfend) Blickt auf mich, Ritter, die ſicilianiſchen Jünglinge nannien mich bisher die Krone der Schönheit und des weiblichen Reizes größtes Kleinod. Ein freundlicher Blick Lon mir ſchien ihnen unſchätzbar, und überirdiſch glücki dünkten ſie ſich, wenn ich ein Wort des Troſte 11⁵ eihnen ſprach. Sagt mir jetzt aufrichtig: denkt ihr auch wie dieſe Jünglinge? ² Friedrich. Ihr ſeyd ſchön, edle Jungfrau, ihr ſeyd mehr als ſchön! Adelgunde. Wählen hätte ich können unter allen Fütſten des Landes, und ich thats nicht, war taub gegen ihre Klagen und Bitten. Euch aber will ich Hand und⸗ Herz freiwillig reichen, will euch mitbringen Gold und Gut in Menge, wenn ihr anders meinem Vater Frei⸗ heit und Leben ſchenkt. Friedrich. Groß iſt die Verſuchung, groß müßte bei ſolchem Preiſe der Kampf der Redlichkeit ſeyn; doch mich kann er nicht locken, ich habe ſchon ein Weib. Adelgunde. Weh meinem armen Vater!(eine Pauſe) Und ihr wollt treu bleiben dieſem Weibe2 Friedrich. Treu bis in den Tod! Adelgunde. Dann muß mein Vater ſterben. weinend) Ich habe zu ſeiner Rettung kein Mittel mehr! —— Und doch— doch— Sagt mir einmal: wenn der König meinem Vater die Freiheit ſchenken wollte, würdet ihr's erſauben? Friedrich. Er thue, was ihm gefällt, ich werde nicht wiederſtreben. Adelgunde. Ah, Hartnäckiger, dann ſoll mirs doch gelingen! Oder glaubſt du, daß der lüſterne Knabe eben ſo dieſen Reizen wie der geſättigte Mann wider⸗ ſtehen könne? Wir wollens verſuchen, und wenn dann Reue mich foltert, Vepzweiflung an meinem ſtolzen Herzen nagt, ſo will ich zusückehren zu dir und Troſt ſordern! Weh! Fluch dir, wen du ihn nicht gewähren kannſt! Ohne Friedrichs Antwort zu hören, eilte ſie haſtig fort und gab den ihr Nachſtaunenden Stoff zu mancher Betrachtung. Noch ſaß Friedrich in ſtillem Nachdenken in der Hütte, als man ihm die Ankunft des Königs verkündigte. 116 Der König. Verzeiht, edler Freund, daß ich auch jetzt euch die Ruhe raube, welche ihr nach ſolch einem Tagewerke nur allzu nöthig haben werdet. Doch, da ihr mein Vater zu ſeyn verſpracht, ſo verzeiht dem Kinde, daß es ſich euch ohne Umſtände und zu allen Zeiten naht. Friedrich. Ihr beſchämt mich! Gebietet mir, euerm Knechte! Der König. Ich bedarf eures Raths, eures Bei⸗ ſtandes: ich will morgen nach Meſſina ziehen.—— Wie ich durch die Fiſcher erfahren habe, ſo iſt der Pöbel von meiner Flucht ſchon unterrichtet, und freut ſich ſehr, noch mehr freut er ſich aber über die Gefangen⸗ nehmung der beiden Grafen. Vor kurzem legten ſie erſt ſchweren Zoll auf die Waaren, welche im Hafen ausgeſchifft werden; dies hat den Pöbel raſend gemacht, und, wie ich höre, ſo iſt er feſt entſchloſſen, die Ge⸗ fangnen aus unſrer Mitte zu reißen und ſich an ihnen ſchrecklich zu rächen. Friedrich. Das wollen wir, ſo Goitt will, ſchon zu verhindern ſuchen. Der König. Werdet es ſicher thun, dafür bürgt eure Tapferkeit! Aber ſoll neues Blut fließen? Blut meiner Freunde! Blut meiner Unterthanen! Friedrich. Habt ihr ein andres Mittel, es zu ver⸗ hindern? Der König. Ich habs, und komme, es euch vor⸗ zutragen. Zelano und Moliſe waren zwar meine Feinde, ließen mich der Drangſalen manche fühlen, aber es waren doch einſt edle Männer, die ſich große Verdienſte unter der Regierung meines Vaters ſammelten, ind nur erſt jetzt durch Mißbrauch der anvertrauten Gewalt zu ſchändlichen Thaten herabſanken. Soll ich ſie unter den Händen des Pöbels ſterben ſehen? Ich verſags nicht! Billigt ihr alſo mein Unternehmen, ſo will i † 117 ihnen noch dieſe Nacht Leben und Freiheit ſchenken, ſie auf einem Fiſcherbvote nach Welſchlands Ufern über⸗ führen laſſen! Der Verluſt ihres ganzen Reichthums, all ihrer Güter, und das ernſte Gebot, Sicilien nie mehr zu betreten, bleibt immer noch harte Strafe ihres Verbrechens. Friedrich. Heil dem Lande, deſſen König ſeine Größe in Milde und Güte ſucht! So würde ich zu euch geſprochen haben, wärt ihr mit dieſem Antrage eine Stunde früher zu mir gekommen; aber jetzt, da ihr mich als Freund und Vater erkennt, muß ich anders mit euch ſprechen: Weh dem Lande, deſſen König um⸗ herſchleicht, die Unſchuld zu fangen, und ſich am Raube derſelben zu ſättigen ſucht, der dem Laſter Schutz ge⸗ währt, und den Böſewicht dem rächenden Arme der Gerechtigkeit entzieht!—— Vergebt meiner Freimü⸗ thigkeit, aber als Vater mußte ich Wahrheit ſprechen, und, daß ich ſie ſprach, beweist euer geſenktes Auge, die hohe Röthe eurer Wangen! Der König. Ritter, ich verſtehe euch nicht. Friedrich. Wirklich? Ihr verſteht mich nur allzu wohl, aber ihr findet keine Worte, welche die That ent⸗ ſchuldigen können. Iſt ſie ſchon vollbracht, ſo ſtecke ich mein Schwert in die Scheide, und ziehe es nie mehr zu eurer Vertheidigung. Ich will nicht die Urſache ſeyn, daß Siciliens edle Töchter entehrt werden, und buhlende Weiber ihren Männern Ehrenſtellen durch Schande erkaufen.— „Der König(Friedrichen in die Arme ſinkend). Sey länger, ſey ſteits mein Vater! Ich erkenne mein Ver⸗ brechen, das ich begehen wollte, aber noch nicht began⸗ gen habe! Längſt genährte Liebe, jugendliches, heißes Blut hätte mich bald irre geführt. Verzeiht, vergebt, und da ihr glles zu wiſſen ſcheint, ſo rathet: wit ich der Armen ihre edle Kindesliebe lohnen ſoll2 118 Friedrich. Mit Großmuth, wenn ihr anders königlich handeln wollt. Schon war ſie auch bei mir, mein Herz wurde gerührt, aber ich widerſtand, weil ich euch die ſchöne Gelegenheit nicht rauben wollte. Bald wäre ich wider Vermuthen Beförderer einer„ ſchlimmen That geworden! Laßt euch dies zur Warnung, zur Lehre dienen: nicht immer wird ein Freund, der ohne Abſicht Wahrheit ſpricht, euer Begleiter ſeyn, noch oft wird, wenn er auf dem Throne ſitzet, die Verſuchung in weiblicher Geſtalt ſich nahen, und um Schutz des Laſters, um Unterdrückung der Unſchuld flehen. Weh euerm Reiche, wenn ihr dann unterliegt, Böſewichter werden es beherrſchen, und ihr werdet der erſte Sklave derſelben ſeyn. Der König. Du biſt ein großer Mann, du ver⸗ ſtehſt die Kunſt, Begierden zu dämpfen und zu wecken, könnteſt du doch ſtets mein Freund, mein Lehrer, bleiben! Friedrich. Die Jungfrau harrt eures Ausſpruches. Zögert nicht, wenn ihr edel handeln wollt! Der König. Ich wills, ihr Vater iſt frei, nur meide er mein Land! Aber ich bin ein ſchwacher Jüng⸗ ling, der Reiz iſt zu groß, die Gelegenheit zu einla⸗ dend—— Wenn ihr ganz mein Retter ſeyn wollt, ſo geht und ſagt ihr dies! Ihr werdet ſie nebenbei in meiner Hütte finden, ich will indeß hier euer harren und ſehen: ob ein unbeflecktes Gewiſſen mir Erſatz für den erwarteten Lohn ſehn wird. Friedrich. Königlicher Jüngling, dieſe That hat euch zum Manne, hat euch der Krone werth gemacht⸗ Ich bin bald wieder bei euch, um ſie mit euch zu genießen! Friedrich eilte nun nach der Hütte, in welcher Adel⸗ gunde der Rückkunft des Königs in banger Verzweif⸗ lung entgegenharrte; wie ſie Friedrichen eintreten ſah, 49 fuhr ſie erſchrocken empor. Grauſamer, Unerbittlicher! rief ſie, dich hoffte ich nie wieder zu ſehen. Iſts dir gelungen, haſt du dem Knaben den Lohn verweigert, ſo iſts ſchändlich von dir, daß du ſelbſt mit dieſer Trauerpoſt zu mir kommſt, daß du die Unglückliche ver⸗ höhnen, dich an ihrer Verzweiflung laben willſt. Friedrich. Jungfrau! Tochter eines edlen Sieci⸗ lianers! Iſt dir denn deine Unſchuld wirklich ſo feil, daß du ſie jedem zum Genuſſe darbieteſt? Bald ſollte ich glauben—— Adelgunde. Namloſer Spötter, ſprichs nicht aus das ſchändliche Wort, das gleich einem Dolche mein Herz durchbohrt! Unſchätzbar war ſie mir ſtets, rein habe ich ſie erhalten, aber es gilt das Leben eines — das ich gerne mit Schande, mit Tod erkauſt ätte 2 Friedrich. Der Lohn deiner Kindesliebe ſoll dir werden! Kommt, Jungfrau, kommt, wir wollen ſeine Feſſeln löſen! Adelgunde. Mann! Ritter!—— Soll ichs glauben? Friedrich. Euer Vater iſt frei, und mit ihm auch ihr und ſein Freund! Flieht aus Sicilien, mehr fordert, mehr verlangt der König nicht! Adelgunde. Unbegreiflicher, dann laßt wenigſtens euch danken! Friedrich. Mir gebührt kein Dank, nur dem Könige, und dieſer entläßt euch deſſen! Adelgunde. Nein! Nein! czu ſeinen Füßen) Nur euch gebührt er! Ihr habt den König dazu beredet! So edel, ſo groß kann der brauſende Jüngling nicht handeln! O lohns euch Gott mit ewigem Glücke! O vergelts euch euer Weib mit immerdauernder Liebe und euer Kind mit ſtetem Gehorſame! Friedrich. Der König ſchenkt euerm Vater die 120 Freiheit! Soll dieſer noch länger der angenehmen Bot⸗ ſchaft entgegenharren? S Adelgunde. Keinen Augenblick länger, denn ich habe nach Kräften, obgleich ſehr kurz, die Pflicht der Dankbarkeit erfüllt. Sorgt indeß nicht, ſo lange ich lebe, will ich in meinem Gebete eurer gedenken, und Gott bitten, daß er den Retter meines Lebens ſchütze und erhalte. Denn erkaufen konnte ich wohl das Leben meines Vaters mit meiner Schande, aber dieſe zu überleben, das hätte ich nicht vermocht! Sie eilte nun voran zur Hütte, in welcher ihr Vater gefangen lag. Groß war ſeine Freude, ſprachlos, aber doch innig ſein Dank, als er die glückliche Nachricht ſeiner Freiheit aus dem Munde der Tochter vernahm⸗ Friedrich führte ihn und ſeinen Freund ſelbſt nach den Ufern des Meers. Er zahlte dem Schiffer eine anſehn⸗ liche Summe, da er ſie ohne dieſe nicht überſchiffen wollte. Als die Befreiten ſchon im Schiffe ſaßen und der Tag ſchon graute, ſprang Adelgunde noch einmal ans Ufer, faßte Friedrichs Hand und blickte ihn ſtarr an. So! So! ſagte ſie, nun ſoll mirs unauslöſchbar im Gedächtniſſe bleiben, ich wills dem Künſtler, der's malen foll, vollkommen beſchreiben, und darunter ſetzen laſſen: Als die Noth am größten, war ſeine Hilfe am nächſten! Ehe Friedrich antworten konnte, entfloh ſie wieder nach dem Schiffe, und der Morgenwind, wel⸗ cher deſſen Segel füllte, führte ſie bald nach dem off⸗ nen Meere. Friedrich ſah ihnen nach, bis der Nachen ſeinem Auge entſchwand. Zufrieden mit ſeiner That, kehrte er dann zum jungen Könige zurück und begleitete ihn mit allen ſeinen Rittern nach Meſſina. Ehe ſie noch die Stadt erreichten, zogen ihnen ſchon viele Ein⸗ wohner derſelben triumphirend und jubelnd entgegen ſie hatten, der Bedrückung müde, ſchon lange des Tags⸗ an welchem der junge König ſeine Regierung antreten — ——— ———— 121 würde, mit Sehnſucht entgegengeharrt, und freuten ſich nun innig, daß dieſer ſo bald, ſo unverhofft erſchie⸗ nen war. Rührend war der Einzug in die Stadt ſelbſt. Des Königs und der Ritter Roſſe ſchritten auf Blumen einher, welche Mädchen und Jünglinge vor ihnen herſtreuten. Aus allen Fenſtern ertönte Will⸗ kommsgruß, an allen Thüren ſtanden die Hausväter⸗ um ihren König zu ſehen und zu ſegnen. Wie ſie auf einem großen Platze anlangten, mehrte ſich das Volk ſo ſehr, daß ſie ſtille halten mußten. Alles kniete nun nieder und huldigte dem Könige. Er dankte freude⸗ trunken, und machte ſogleich auf Friedrichs Rath be⸗ kannt, daß der ſo läſtige Waarenzoll noch heute endi⸗ gen, und jeder ſeiner treuen Unterthanen ungehindert handeln könne. Rauſchend und ſtürmend ward nun auf einmal die Freude des Volkes; ſie hoben ihren königlichen Wohlthäter vom Roſſe und trugen ihn ju⸗ belnd auf ihren Schultern nach der Burg. Die Ritter konnten nur langſam folgen; wie ſie dort anlangten, fanden ſie den König mitten unter den Großen Sici⸗ liens, welche von allen Seiten herbeieilten, um dem neuen Regenten ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Mit dank⸗ barem Herzen und offnen Armen eilte ihnen der König entgegen. Seht, rief er, das iſt euer Werk! Kommt, nehmt Theil daran, und genießt die Wonne mit mir! Friedrich. Wir wünſchen euch Glück, und bitten, daß ihr uns nun wieder nach unſern Herbergen zu zie⸗ hen erlaubt. Der König. Fort? Jetzt? Ohne Dank? Ohne Lohn? Nein, Freunde, ihr müßt bei mir bleiben, müßt theilen mit mir die Freude, deren Genuß für mich zu groß iſt, die ohne meine Retter mir bitter ſchmecken würde. Friedrich. Wir würden es gern und willig thun, wenn nicht unſre Weiber, die mit uns zogen, daheim 122 um uns bangten und unſrer Rückkehr mit Sehnſucht erwarteten. Der König. Eure Weiber? O dann erlaubt, daß ich ſie nach der Stadt lade, daß ich ihnen ihren hieſigen Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen, ihnen dadurch wenigſtens zu beweiſen ſuche, daß ich ihre Männer als meine Retter, Wohlthäter und Freunde ehre. Erſt nach mancher, ſtets widerlegter Einwendung gab Friedrich den Bitten des Königs nach. Einige feiner Ritter zogen nach den Herbergen und führten die Weiber nach der Stadt, wo ſie in der königlichen Burg wohnen, und theilnehmen mußten an den Feſten, welche der König ſeinem Volke, und dieſes ſeinem König gab. Sie freuten ſich hoch, als ſie ihre Männer ſo geehrt ſahen, und nannten den Entſchluß, ihnen nach⸗ zuziehen, den glücklichſten. Schon hatte die ganze Inſel den jungen Friedrich als König anerkannt und gehul⸗ digt, ſchon kamen aus Italien Botſchaften, daß man auch dort ihm huldigen wolle, als dieſer an einem frühen Morgen zu Friedrichen kam und nachdrücklicher als je forſchte: womit er ihre ſo glückliche Hilfe beloh⸗ nen könne? Friedrich. Euer immer ſich erneuernder, nie er⸗ müdender Dank iſt uns ſchon Lohns in Fülle, doch wollt ihr ihn mit Gewalt durch Thaten ausüben, ſo leiht uns Schiffe, die uns nach Paläſtina überführen. Unſre Freunde haben ſie bei den Venetianern gedungen, aber dieſe zögern mit ihrer Ankunft von einem Tage zum andern, die ſchönſte Jahrszeit verſtreicht fruchtlos, und wir können unſer Gelübde nicht enden, deſſen wir uns ſo gerne bald entledigen möchten! Der König verſprach, dieſe Bitte nach Kräſten zu fördern, bat aber zugleich, daß ſie dies nicht als einen Lohn ihrer Hilfe anſehen, kühn mehr fordern, und äuf ſichere Erfüllung rechnen ſollten; da aber Friedrich 123 jedem weitern Lohn hartnäckig entſagte, nur das deutſcht Vaterland dem königlichen Schutze empfahl, ſo ſchwur der dankbare König einen hohen Eid, daß er dieſe Pflicht nach Kräften erfüllen, und es nie dem Bunde des Löwen vergeſſen wolle, was dieſer für ihn ſo un⸗ eigennützig geleiſtet habe. Schon waren durch den König die thätigſten Anſtal⸗ ten zur Ueberfahrt der Ritter getroffen worden, als endlich die langſamen Venetianer mit ihren Schiffen erſchienen. Da eben ein günſtiger Wind wehte und die Rüſtung des Königs doch noch längern Verzug erfordert hätte, ſo beſchloſſen die Ritter, ſich dieſer zur Ueberfahrt zu bedienen, und des Königs guten Willen für eine andre Gelegenheit aufzubewahren. Dieſer trauerte ſehr, als er ihren Entſchluß vernahm, doch förderte er ihn auf ihre Bitte nach allen Kräften, gab ihnen Nahrungsmittel, an denen es den Venetia⸗ nern mangelte, in Menge, und ſorgte vorzüglich dafür, daß es auf der gefahrvollen Reiſe den Weibern nicht an Bequemlichkeit mangeln möge. Er gab ihnen ſici⸗ lianiſche Weiber zur Bedienung mit, und verſprach den letztern großen Lohn, wenn ſie einſt glücklich wieder mit ihnen an ſeinen Ufern landen würden. Thränen des Danks und der wärmſten Freundſchaft floßen die Wangen des jungen Königs herab, als die Ritter endlich die Schiffe beſtiegen und zum letztenmale ſeine ſegnende Hand küßten. Die Reiſe war eine der gefahrloſeſten und glücklich⸗ ſten, welche je von den Kreuzfahrern war unternommen worden. Immer blies ein günſtiger Wind in ihre Segel, nie drohte ein Sturm Gefahr, nie nahte ſich ihnen ein Schiff der Sarazenen. Ehe ein Mond ver⸗ ging, ſahen ſie ſchon Paläſtinas weiße Küſte von ferne glänzen. Groß war ihre Freude, hoch hob ſich ihr Muts, als ſie ſich dem Lande nahten, in welchem ſie 12⁴ dem Gotte, der ſie einſt durch ſeinen Tod erlöste, die Beweiſe ihrer Tapferkeit, vielleicht ihr Blut ſelbſt zum Opfer bringen ſollten. Kaum hatten ſie im Hafen zu Akra oder Akkon die Anker geworfen, als ſchon viele der dort befindlichen Ritter den neuen Helden zum frohen Willkomm ent⸗ gegeneilten. Unter der Menge derſelben waren auch Brüder des ſchwarzen Bundes; ſie jauchzten hoch, als ſie ſahen, daß die Ankommenden ihre Brüder waren, und jubelten noch ſtärker, wie ſie durch dieſe erfuhren, daß ſich die berühmten Ritter des Löwen als Verbündete in ihrer Mitte befanden. Bald lockte dieſer Ruf auch die Ritter des Tempels herbei, welche eine ſo anſehn⸗ liche Vermehrung des bedrängten Chriſtenheers nicht vermuthet hatten, und daher um ſo mehr ſchätzten. Alles wetteiferte, um den neuen Gäſten ihren Aufent⸗ halt recht angenehm, und durch dieſe Vegegnung das deutſche Vaterland vergeſſen zu machen Als die Tem⸗ pelherrn erfuhren, daß die Ritter auch einige Weiber mit ſich führten, welche zu Akkon auf dem allgemeinen Sammelplatze der Krieger und des Waffengetümmels ſchlechte Herberge finden konnten, ſö erboten ſie ſich ſogleich, in einer ihnen gehörigen, nahen Veſte, Dok genannt, eine beſſere, ruhigere und ſicherere Herberge für die Weiber zu verſchaſſen. Die Rittef nahmen dieſen Antrag mit frohem Danke an, weil wirklich eben der größte Theil des chriſtlichen Heers zu Akkon ſich befand, und wenige Häuſer, wo man ruhen kolnte, offen ſtanden. Sie geleiteten ſchon am andern Tage ihre Weiber nach dieſer Veſte, welche nur eine Stunde Wegs vom Hafen entfernt lag, und fanden dort mehr als ſie erwartet hatten; ſchon waren Gemächer in Menge zu ihrem Empfange bereitet, und Wächter zu ihrer Bedienung und Sicherheit in noch größeret An⸗ zahl geordnet. Traurig, aber nicht zagend wor dahs 125 die Trennung. Die Ritter verließen ihre geliebten Weiber in Ruhe und Sicherheit, und dieſe hatten hin⸗ gegen die gegründete Hoffnung, ihre Männer oft zu ſehen, wenigſtens ſtets Nachricht von ihnen zu hören. Die letztern eilten ſogleich nach Akkon zurück, weil der Jeruſalemiſche König Aimerich von Luſignan dort ange⸗ langt war und der verſämmelten Kreuzträger Beiſtand verlangte. Doch ehe ich die Ritter handeln laſſe, muß ich zuvor, um nicht undeutlich zu werden, meine Leſer mit der Lage bekannt machen, in welcher ſich damals die Chriſtenheit in Paläſtina befand. E Sultan Saladin, der furchtbarſte und gefährlichſte Feind der Chriſten, war zwar geſtorben, aber er hatte das Heer derſelben durch blutigen und wiederholten Kampf ſehr geſchwächt, hatte Jeruſalem und viele feſte Plätze in Judän erobert und zu ſeinem Eigenthume gemacht. Sapphadin, der Erbe ſeines Reichs, aber nicht ſeines thatenvollen Geiſtes, hatte zwar den Chriſten durch einen geſchloſſnen Stillſtand Ruhe und Erholung zugeſichert, aber ſowohl dieſe, als der Stillſtand ſelbſt war bald durch Zwiſt und neuen Kampf unterbrochen worden. Eben hatte ein egyptiſcher Emir dem König Aimerich an der cypriſchen Küſte verſchiedne Schiffe weggenommen, und dieſer kam nun nach Akkon, um theils Rache zu heiſchen, theils die Chriſten zu ermun⸗ tern, die Schwäche des jetzigen Sultans, der zu Da⸗ maskus unbeſorgt ſchwelgte, nach Kräſten zu benutzen, und wieder zu erobern, was ſein Vater den Chriſten ſo widerrechtlich abgenommen hatte. So ſchwer auch dies Unternehmen war, ſo würde es, ſchnell und raſch ausgeſührt, doch wahrſcheinlich gelungen ſeynz da aber nicht Einigkeit das Heer der Chriſten beſeelte, da jede Ration, unter dieſer wieder jeder Bund Plane zur Ausführung entwarf und ſolche hartnäckig vertheidigte; i6 erhielten die ſchlafenden Sarazenen bald Nachricht W davon, und bereiteten ſich eilig, die Chriſten tapfer zu empfangen. Noch lange würden die letztern gezögert haben, wenn nicht Friedrich, den ſolcher Zwiſt hoch wunderte, in ihre Mitte getreten und ſie mit offnen und kräftigen Worten zur Einigkeit ermahnt hätte. Er billigte den Vorſchlag der Tempelherrn, daß man nicht tief ins feindliche Land eindringen, ſondern nach und nach die befeſtigten Oerter deſſelben erobern, und dann mit gedecktem Rücken weiter vorrücken ſollte. Ihm ſtimmten mehrere bei, und der Tag zur Ausführung ward endlich feſtgeſetzt. Da er durch dieſe That in den Augen der Tempelritter viel gewann, und ſie ſich ihn für verpflichtet achteten, ſo gelobten ſie ihm wäh⸗ rend des Heerzugs treue und wachſame Vorſorge für die Weiber, und machten ihm zugleich kund, daß es in ſeiner Willkühr ſtehe, den Frauen, ſo oft es ihm beliebe, von ſeinem Wohl und dem glücklichen oder widrigen Ausgange eines Treffens Nachricht zu geben. Sie verſprachen ihm nämlich einige Tanben, deren ſie eine große Menge zu Dok fütterten, mit ins Feld zu nehmen. Dieſe waren abgerichtet, daß ſie, wenn man ſie auch noch ſo weit von ihrer Heimath entfernte, ſogleich nach dieſer zurückkehrten, und den Brief, We chen man an ihren Hals befeſtigte, richtig überbrachten. Friedrich und ſeine Freunde freuten ſich der Weibe wegen ſehr über dieſe Nachricht, und machten ſie ihnen beim letzten Abſchiede kund. Da es ſich auf dem Schlacht felde wenig, oft gar nicht ſchreiben läßt, ſo gaben 8 klügern Frauen den Knechten der Ritter weiße, zoih und ſchwarze Bänder mit. Die weißen ſollten a Fuße oder Halſe der Taube eine Botſchaft des Siege die rothen ein Zeichen des Verluſtes, die ſchwarze aber Verkündiger des Todes ſeyn⸗ Uin die Mitte des Auguſt⸗Monats zog endlich di vereinigte chriſtliche Heer von Akkon aus König Kime 127 rich führte es an. Dreißigtauſend Fußgänger und vier⸗ tauſend Reiter begleiteten ihn. Die letztern beſtanden meiſtens aus den Rittern des Tempels, des Hoſpitals, des Löwens und des ſchwarzen Bundes, ſie waren der Kern ſeiner Macht, auf welchen er in jedem Falle bauen und auf ihre Tapferkeit rechnen konnte. Der Anfang des Heerzuges begann mit glänzendem Glücke; ehe ein Mond verging, waren die unvertheidigten Städte Kana, Nazareth und Sichem wieder in den Händen der Chri⸗ ſten. Die Tauben flogen oft mit weißen, nie mit rothen Bändern nach der Veſte Dok, und die Frauen dankten innig Gott, wenn der Wärter ihnen die Boten des Siegs, oft auch einen kleinen Zettel von ihren Rittern überbrachte. Korradin, Saladins Neffe und Sapphadins Sohn, welcher zu Jeruſalem regierte, hörte mit Erſtaunen den glücklichen Fortgang der chriſtlichen Waffen. Ohne des Vaters Rath und Beiſtand zu erwarten, ſammelte der junge Held ein Heer zuſammen, und zog mit die⸗ ſem den Chriſten entgegen. König Aimerich wollte ſich eben nach Cäſarea wenden, um dort eine angelangte reiche Flotte zu erobern, als er von der Annäherung Korradins Nachricht erhielt. Da ſein Heer eben in einer vortheilhaften Ebne ſtand und durch eine Anhöhe im Rücken gedeckt wurde, ſo beſchloß er, den Feind hier zu erwarten. Viele der Fußgänger, welche nur nach Beute, nicht nach Kampf begierig waren, murrten über dieſe Zögerung, meinten, daß indeß die reiche Beute aus Cäſarea ausziehen werde, und verlangten endlich öffentlich, daß der König ſie dahin führen ſolle. Unge⸗ achtet die klügern Ritter auf des Königs Seite traten und die gefährlichen Folgen dem tobenden Haufen be⸗ greiflich zu machen ſuchten, ſo beſtanden doch dieſe feſt auf ihrem Begehren, drohten ſogar wieder gen Alkon zu ziehen, und der König mußte ihr Verlangen um 128 ſo mehr pewilligen, weil ſie ſich eidlich verbanden, nach gemachter Beute ſogleich wieder auszuziehen und den änrückenden Feind aufzuſuchen. Als ſie ſchon unfern Cäſarea einen engen, mit ſteilen Bergen umgebnen Paß durchzogen, hörten ſie von allen Seiten Waffen⸗ getümmel und fürchterliches Geſchrei der Feinde. Der kluge Korradin hatte der Chriſten Abſicht errathen, war durch unermüdeten Eifer ihnen zuvorgekommen, hatte die Berge, an deren Fuße ſie vorbeiziehen muß⸗ ten, mit ſeinen Kriegern beſetzt, und ſtürzte nun auf? die Unvorbereiteten herab. Die Fußvölker der Chriſten, denen zu Gefallen man doch nach Cäſarea gezogen war⸗ nahmen ſogleich ſchändlich die Flucht. Da ſie ohne Ordnung durch das enge Thal zurückdrangen, ſo ver⸗ hinderten ſie noch überdies einen Theil der Reiterei, welcher hinter ihnen zog, ſich dem Kampſplatze zu nahen und am Gefechte Theil zu nehmen. König Aimerich niüußte es alſo mit einem Theile der Löwen⸗ und ſchwar⸗„ zen Ritter, welche ſich an der Spitze deb Heers befan⸗ den, ganz allein wagen, ſich dem von allen Seiten herbeiſtrömenden Feind zu widerſetzen. Da dieſer, ſo wie die chriſtlichen Fußgänger fohen, ſogleich ihren Platz einnahm, und ſich auch dem Rücken der Ritter näherte, ſo ſprangen dieſe von ihreh Roſſen herab und ſchloſſen ein Viereck um den König. Gleich einer feſten, undurchdringlichen Mauer ſtanden ſie va, und bauten ſich bald rings umher ein neues Bollwerk von den Leichen der Sarazenen, welche ſich ihren Lanzen und ſcharfen Schwertern allzu kühn nahten. Schon hatte der ungleiche Kampf lange gedauert, ſchon hatten die Ritter Hoffnung, ſich ſiegend zurückzuziehen, als Kor⸗ radin mit dem Kern ſeines Heers wieder im Thal ön⸗ langte. Er hatte bisher die Fliehenden verfolgt, und die übrige Reiterei der Chriſten, welche ſich nicht ord⸗ nen konnte, theils getödtet, theils über den nahen Fluß. — 129 getrieben. Er überließ die weitere Verfolgung ſeiner leichten Reiterei, und kehrte nach dem Thale zurück, weil er dort immer noch Waffengeklixre und Kriegs⸗ geſchrei hörte. Voll Erſtaunen machte er Halt, als er ſah, daß ein kleines Häufchen von einigen hundert Rit⸗ tern ſich gegen viele Tauſende ſeines Heers tapfer ver⸗ theidigte. Wie er aber ſah, daß von dieſen Tauſenden immer mehrere fielen, daß der kleine Haufen ſogar eine Anhöhe zu gewinnen begann, ſo ſtürzte er mit ſeiner ganzen Macht auf das Viereck der Ritter; er konnte es nicht zerreiſſen, nicht überwältigen, nur durch den immer größern und ſchweren Druck ſeines Volks end⸗ lich zu Boden ſtürzen. Ehe dieſe geſchloſſene Mauer ſank, hatten die Ritter Gelegenheit gefunden, ſich gegen die Anhöhe zu öffnen. König Aimerich mit einigen wenigen gewann dieſe, und entkam, unbemerkt vom Feinde, glücklich aus dem Gefechte. Schon auf dem Boden liegend, kämpften die Ritter noch immer einzeln, und würden endlich alle durch die eindringende Menge zertreten und jämmerlich zerdrückt worden ſeyn, wenn Korradin, der nach ſeinem eignen Ausdrucke gerne einige dieſer Wunder der Tapferkeit lebendig fangen wollte, nicht Stillſtand geboten hätte. Er verſprach allen, die noch lebten, Schutz und Leben, wenn ſie freiwillig ihre Waffen niederlegen wollten; aber alle verachteten ſeinen Antrag, und hoben ſich wieder zu neuem Kampfe vom Boden empor. Korradin befahl, ſie nun einzeln zu überwältigen; und obgleich jeder Ritter von Hunderten umringt wurde, ſo verkaufte dieſer doch ſeine Freiheit äußerſt theuer, reizte die Sa⸗ razenen oft ſo lange, bis ſie endlich, müde ſo vieler Wunden, die ſie durch ſein Schwert empfingen, ihn mit ihren Kolben niederſchlugen. Unter den Weni⸗ gen, die gefangen wurden, befand ſich Friedrich und Heinrich beide hatten ſich an einen Felſen angelehnt Lbwenritter 2.— 130 fingen ſchon aufs neue an, Leichen um ſich zu häufen, als einige wohlgeführte Hiebe der Sarazenen ihren Harniſch ſpalteten und ſie zu fernerem Kampfe untüch⸗ tig machten. Das Schwert des Löwen entſank ihrer; blutenden Hand, und ſie wurden gefeſſelt. Korradin, der unfern davon ihren Muth angeſtaunt hatte, trat näher. Er nahm Friedrichs Schwert in ſeine Hand und küßte es. Er ließ die Feſſeln der Rit⸗ ter löſen, und befahl, ihre Wunden zu ſalben. Hätte ich nur hundert ſolcher Helden, rief er endlich aus, ich wollte bald ruhig auf dem perſiſchen Thron ſitzen! Weder Friedrich noch Heinrich antworteten; aber ſie ſahen das Schwert des Löwen in eines Ungläubigen Hand: ſie lebten noch, und eine Thräne der bittern Scham ſchlich über ihre Wange. Korradin ſah, und ehrte ſie. Ich möchte gerne, ſprach er, mit euch reden, euch manches fragen; aber der Verluſt eurer Freiheit iſt euch zu neu, ihr fühlt ihn zu ſtark und könnt mir nicht antworten. Ich will ihn indeß nach Kräften er⸗ träglich zu machen ſuchen, ihr follt ihn bald weniger, die Laſt der Gefangenſchaft aber gar nicht fühlen.(zn Friedrichen) Deine Hand, ich reichte die meinige noch keinem Chriſten, aber dir will ich ſie männlich drücken! Friedrich, der vor Fülle der Empfindung, die ihn durch⸗ ſtrömte, nicht ſprechen konnte, hob ſeine Hand empor, er zeigte damit rings umher auf die blutenden Leichen der Chriſten, und ließ ſie wieder ſinken. Erſt Rache dann Verſöhnung, ſtotterte er endlich, und ſeine Zähne klapperten vor Wuth. Korradin(voll Erſtaunen). Ich darf nicht länger mit euch ſprechen, ſonſt macht ihr mich zum Kinde mit welchem ihr ſpielen könnt, wie ihr wollt! Er ging raſch fort, kehrte aber bald zurück, und bofahl den Umſtehenden, daß ſie die Ritter nach Cäſaren führen, dort ihrer Wunden mit Sorgfalt pflegen, und —— 131 wären ſie geheilt, dann mit ihnen nach Jeruſalem ziehen ſollten. Vorzüglich gebot er endlich, daß man ſie ehren, und ihnen die Strenge der Gefangenſchaft nicht ſollte fühlen laſſen. Die Tapferkeit, ſprach er zu den Seinigen, iſt dem Golde gleich, das in Freund und Feindes Hand gleichen Werkh behält und von beiden geſchätzt werden muß. Mit einem Blicke voll Güte und Sanftmuth wandte er ſich nochmals gegen die Ritter, und nahm mit ſtillem Lächeln von ihnen Abſchied. Wir wollen dem Sieger folgen, bis Zeit und Ordnung uns gebietet, die gefangnen Ritter wieder zu beſuchen. Das chriſtliche Heer war ganz zerſtreut: auf allen Straßen, nach allen vier Weltgegenden wandelten Flüchtlinge, die Sicherheit und Schutz vor dem nach⸗ folgenden Feind ſuchten. König Aimerich konnte da⸗ her, ſo ſtark er ſich auch mühte, kein Heer mehr um ſich ſammeln. Er eilte endlich ſelbſt nach Akkon, weil er dort wenigſtens die Entflobnen wieder zu finden, ſie mit neuem Muthe zu beſeelen hoffte. Ungeachtet Korradins Kampf mit dem chriſtlichen Heere nur kurz dauerte, die Lage des Platzes, die Flucht der Fußgän⸗ ger das Ende deſſelben um ein Großes beförderte, ſo war der Sieg ihm doch koſtbar geworden: er hatte der Zahl nach weit mehr Krieger als die Chriſten verloren, er ſah folglich deutlich ein, daß er in mehrern Treffen, noch ſtärker geſchwächt, unterliegen müſſe, und beſchloß daher, alles anzuwenden, damit das zerſtreute Heer ſich nicht wieder ſammeln, ihm nicht mehr vereint widerſtehen könne. Im ſchnellſten Fluge des Siegers folgte er nun den Flüchtlingen, wandte ſich links und rechts, und ſchlug nieder, was er antraf. Er eroberte Kana, Nazareth und Sichem wieder, ehe es die Chri⸗ ſten beſetzen konnten. Nur hundert Ritter des ſchwar⸗ zen Bundes, und dreißig Löwenritter, unter welcheu 5 8 132 ſich Ludwig und Wieſenborn befanden, gelang es, durch große Umwege die Veſte Dok glücklich zu erreichen. Sie war bisher ein Ort des Jammers, des Wehkla⸗ gens geweſen: der Ritter Ankunft erweckte Hoffnung im Herzen der troſtloſen Weiber. Schon am andern Tage nach der unglücklichen Schlacht bei Cäſareg wa⸗ ren viele Tauben mit rothen und ſchwarzen Bändern in ihre Neſter heimgekehrt und hatten Furcht und Schrecken unter den Weibern verbreitet; bald beſtätig⸗ ten einige der feigen Flüchtlinge die Niederlage des chriſtlichen Heers, und verſicherten einſtimmig, daß die ganze Reiterei, welche ſich des engen Thals wegen nicht retten konnte, von den Sarazenen niedergehauen worden ſey. Man denke ſich den ſchrecklichen Zuſtand der unglücklichen Weiber! Klara und Kunigunde hatten kurz vorher zwei holde Knaben geboren: ſie freuten ſich ſo innig auf die Rückkunft ihrer Mnntr, ſie ge⸗ noſſen ſchon im Voraus das entzückende Vergnügen, die Kinder in die ſiegreichen Arme des Vaters zu legen, und ihnen damit all die Gefahr, all die Wühſeligkeit des Kampfes zu Inniger war daher ihr Jam⸗ mer, größer noch ihr Schmerz, als ſie hörten, daß dieſe Kinder Waiſen, und ſie verlaſſene Wittwen wären. Sie vdachten nicht der Gefahr, welche ihnen bevor⸗ ſtund, ſie erinnerten ſich nicht, daß ſie nun ohne Hilfe und Schütz im fremden Lande wären, der Verluſt ihrer Männer füllte ihr liebendes Herz ganz, ſie fühlten nur dieſen, waren gleichgültig gegen alles, und ſahen mit Verlangen dem Tode entgegen, der allein ſie wie⸗ der mit dem Todgeglaubten vereinigen konnte Auch Agnes zagte, denn ſie liebte ihren Heinrich zärtlich, aber ſie behielt doch noch Kraft zur Ueberle⸗ gung, ſuchte oft die Weinenden zu tröſten, und vieth weislich, daß es beſſer ſeyn würde, wenn ſie alle iach Akkon zögen, wo doch immer Schiffe bereit lägen, ſie ———— —— 7 133 wieder ins Vaterland und in die Arme ihrer Ektern zurückzuführen. Sollen dieſe, ſprach ſie oft zu Klaren, ganz kroſtlos dahin ſchmachten, ganz kinderlos ſterben? Nicht die Freude genießen, Enkel auf ihrem Schvos zu wiegen? Aber die Troſtloſe achtete ihrer Gründe nicht, ſie hegte noch einige ſchwache Hoffnung, daß die Ritter vielleicht noch leben könnten, ſie wollte Gewiß⸗ heit haben, und nicht ehe aus der Veſte weichen, bis ſie nicht ganz überzeugt wäre, daß ihr Friedrich ſie hier nie mehr ſuchen könne. Ihrer Meinung traten die übrigen bei, und Agnes mußte ſich derſelben fügen. Groß war Kunigundens und Adelheids Freude, als endlich doch ihre Männer zurückkehrten; ſie ſanken wonnetrunken in die Arme der Kommenden, welche ihre Freude wohl fühlen, aber nicht genießen konnten. Vergebens hatte auch Klara und Agnes ihren Gatten unter den Zurickkehrenden geſucht; zitternd und bebend ſtanden ſie nun den Rittern zur Seite, in ihren Augen ſchwebte das Verlangen, zu erfahren: wo die ihrigen wären? Aus ihren Herzen quoll eben dieſe Frage empor, aber ihre ſtarre Zunge vermochte ſie nicht zu. löſen, ſie ſtotterte vergebens, und beide erwarteten nun gleich Verurtheilten den Ausſpruch der Gnade oder des Todes. Die Ritter ſahen es, und verbargen ihr Geſicht am Buſen ihrer Weiber, um nicht ant⸗ worten zu müſſen. Die immer ſtandhafte Agnes ge⸗ wann endlich Muth; ſie faßte Ludwigs Hand. Wo iſt, ſprach ſie, Friedrich? Wo iſt——(mit-Thränen) Wo iſt mein Heinrich?—— Stumm und traurig blickte Ludwig zur Erde, zuckte endlich die Achſel, und Klara ſank ohnmächtig nieder. Agnes(in wilder Verzweiſtung). Iſt er todt, wie dieſe? Sprich reine Wahrheit: Ich will Entſcheidung haben! Ludwig. Ich kann weder ihren Tod⸗ noch ihr xce e 13⁴ Leben euch beſtätigen- Ich, und alle die mit mir kamen, zogen eben hinter dem Heere, als wir von den Sarazenen überfallen wurden. Agnes cbitter tachend). Daher war die Flucht euch ſo leicht! O wenn er tapfer kämpfend, von euch Fei⸗ gen ſchändlich verlaſſen ſtarb, dann ruht ſein Tod auf eurer Seele, dann will ichs laut im Vaterland ver⸗ kündigen, daß eure Zaghaftigkeit ſein Mörder wurde. Ludwig. O ſpottet nicht! Euer Schmerz berech⸗ tigt euch zu vielem, aber nicht zur ſchändlichen Ver⸗ läumdung meiner Ehre! cſeinen Harniſch aufreißend) Seht dieſe und dieſe Wunde, ſie eitert noch, zum Tode müſſe ſie mir gedeihen, wenn ich ſchändlich entfloh. Wir drangen vereint vor, um den an der Spitze Käm⸗ pfenden zu Hilfe zu eilen, aber die fliehenden Fußgän⸗ ger trennten gleich einem wüthenden Strome unſre Ordnung, ihre ſchändliche Flucht gab den Sarazenen Raum, ſich zwiſchen uns und die Kämpfenden zu wer⸗ fen. Zerſtreut mußte nun jeder einzelne Ritter gegen Hunderte fechten. Mich drückte gleich einer Felſenwand ein wilder Haufe nach dem Fluß hinab, mein Roß ſtürzte hinein! Adelheid woll Angſt). O Gott! O heilige Maria! Ludwig cfortfahrend). Wie ichs wieder wenden wollte, führ durch die Spange des Harniſches eine Lanze der Sarazenen in meine Seite; ich ſank vom Roſſe, und würde mein Leben im Fluſſe geendet haben, wenn mein Fuß nicht im Sattelbügel hängen geblieben wäre. So ſchleppte mich das Roß durch die Fluthen ans jenſeitige Ufer. Einige Knechte, die eher ſchon übergeſetzt waren, hoben mich gleich einem Todien darauf und führten mich aus dem Gedränge. Wie ich wieder denken und fühlen konnte, wollte ich zurück auf den Kampfplatz, aber bald erfuhr ich, daß der Streit ſchon geendet ſey. Nur wenigen Rittern gelang s, — 135 den König Aimerich zu retten, die übrigen ſochten alle ſo lange, bis ſie dem Schwerte des Siegers unterlagen. Agnes. Und unter dieſen war mein Heinrich? Ludwig. Er kämpſte unter ihnen! Agnes eſich auf Ludwigs Schulter ſtützend). Ver⸗ zeiht! Vergebt! Ihr habt wacker gefochten, ihr habt keine Schuld an Heinrichs Tod! Ludwig. Weder ich noch einer von meinen Be⸗ gleitern. Keiner iſt wundenleer! Keiner wandte frei⸗ willig dem Feinde den Rücken! Agnes. Oſich glaub's! Verzeiht meinem Schmerze! —— Habt ihr denn gar keinen Troſt?(auf Klaren zeigend) Gar keine Hoffnung für dieſe arme Leidende 2 Kann Friedrich und Heinrich ſich nicht unter den Weni⸗ gen befinden, die den König glücklich retteten? Ludwig. Möglich, denn ſie kämpften nach eines Knechts Verſicherung an ſeiner Seite. Agnes. O dann iſt ja noch Hoffnung! Glaren ſchütteind) Wach auf, Schweſter meines Kummers und Jammers, wach auf! Fülle dein leeres Herz mit Hoff⸗ nung! Vielleicht genießen wir ſpäter, was wir unſern Freundinnen ſo mißgönnen! Klara(erwachend.) Lebt er? Wo 2 Wo? Agnes. Noch iſt Hoffnung, ſie kämpften an des Königs Seite, und dieſer entkam mit einigen Wenigen. Laß uns denken, daß ſie unter dieſen waren! Sey's auch Täuſchung, ſeys auch ein niorſcher Aſt, nach wel⸗ chem wir gleich Schwimmenden haſchen, wir können doch einige Augenblicke ausruhen vom ſchweren Kampfe, uns vorbereiten zu neuem⸗ Klara. O gern und willig glaubts mein Herz⸗ um des neugebornen Knabens willen entſagts ſo un⸗ gern jeder Hoffnung. Wer wird ihn nähren und ſchützen, wenn ſein Vater blutete und ſeine Mutter 6 136 der Gram tödete? czu Ludwig) Wo iſt der König? Wo ſind die Wenigen, welche ihr retteten? Ludwig. Alle, die Nachricht vön ihm wußten, erzählten uns, daß er ſich nach Akkon gewandt habe, um dort das chriſtliche Heer wieder zu ſammeln. Klara. So laßt uns hineilen, wenn dort unſre Freude, unſer Troſt harrt. Warum ſollen wir den Genuß verzögern, hier Qualen der Ungewißheit dulden? Ludwig. Auch ich hätte euch Thenern gleichen Vorſchlag gemacht, wenn er bei dieſem Unternehmen nicht größere, nicht ärgere Gefahr drohte. Die leichte Reiterei der Sarazenen folgte uns auf der Ferſe; wenn wir im Thale ritten, ſahen wir oft ſchon auf der ver⸗ laßnen Anhöhe ihre Lanzen blinken. Flüchtige Pilgrimt verſicherten uns erſt dieſen Morgen, daß ſie von Kana her ſchon bis an Akkons Thore ſtreifen. Wie leicht könnten wir in die Hände der Barbaren fallen; ſo lange wir lebten, würden ſie euch freilich nicht aus unſern Armen reißen, aber unſer Tod würde ſchreck⸗ liches Loos für euch ſeyn. Wieſenborn. Gebt mir ein friſches Roß, und ich jage hinab zum Hafen und ziehe Erkundigung ein⸗ Kunigunde cängſtlich. O nicht! O bleibe! Ge⸗ denke deines Weibes und Kindes! Ein Ritter. Wohl geſprochen! Ich bin frei und⸗ ledig, um mich jammert kein Weib, nach mir bangt keine Mutter, ich will der Bote ſeyn. Glück und Segen müßte ganz von mir weichen, wenn ich nicht heute noch Akkons Mauern erreichte und mit guter oder böſer Nachricht heimkehrte. Agnes. Ihr werdet Gottes Lohn dadurch ver⸗ dienen! Klara. Ich und mein Kind werden's euch ewig danken! Der Ritter. Spart dies alles bis aufs Wieder⸗ S. — — 137 ſehen! Es ſoll mir wohlthun, laben will ich mich an euerm ſprachloſen Dank, wenn mirs glückt, eure Gat⸗ ten in eure Arme zu führen.(will fort)⸗ Agnes. Harrt noch ein wenig! Blickt mich an! Ernſt und feſt!—— Wohl! dieſen unbefangnen Blick will ich mir merken, und wenn ihr ohne ſie, mit lee⸗ ren aber guten Nachrichten zurückkehrt, ſo will ich ſie feſt glauben, wenn ihr ſie mit dieſem Blicke erzählt. Der Ritter. Sorgt euch nicht, ich bringe die Ritter, oder unverholne Nachricht, wie ſie mir zu Akkon ward! Was ſolls fruchten, wenn ich euch mit Unwahr⸗ heiten hinhalte, am Ende müßt ihr doch alles erfahren,, und werdet vann des lügenhaften Tröſters fluchen. Er eilte nun fort, und der Weiber Auge folgte ihm bis in die Ebene, wo er ſich unter den Bäumen ver⸗ lor. Ruhig harrten ſie bis an den Abend; als aber dieſer wich, die Nacht, und mit ihr keine Nachricht erſchien, da begann ihre Trauer von neuem. Schreck⸗ lich mehrte ſich ihre Angſt, als die Wächter bald her⸗ nach meldeten, daß im Thale Waffen glänzten und Kriegsgetöſe bis zu ihren Ohren dringe. Die auf die Mauern eilenden Ritter ſahen und hörten ein gleiches, aber ſie konnten nicht unterſcheiden: ob Chriſten oder Sarazenen ſich im Thale ſammelten 2 Mit größter Un⸗ geduld, mit banger Sehnſucht erwarteten ſie den kom⸗ menden Tag. Er kam, aber mit ihm ein dichter Mor⸗ gennebel, der im Thale einherwallte und ſtärker noch als die nächtliche Finſterniß ihr forſchendes Auge blen⸗ dete. Endlich ward er von der emporſteigenden Sonne überwältigt und zu Boden gedrückt. Der entſcheidende Augenblick nahte, unverwandt blickte alles, was auf der Veſite lebte, ins Thal hinab. Alle hatten den Mund offen, um nicht erſt zum Ausruf des Jammers oder der Freude öffnen zu müſſen. Viele tauſend Lanzeu⸗ ſpitzen ragten jetzt ſchon aus dem Nebelmeere emporz 138 bald folgten Köpfe der Menſchen und Roſſe, und die Ritter wandten ſchaudernd ihr Auge zurück. Sie ſahen ſchon allzu deutlich, daß dies die Reiterei der Sara⸗ zenen ſey. Bald verkündigten dieſe Schreckenspoſt die Knechte laut umher; ſie ſcholl wie Klang der Todes⸗ voſaune ins Ohr der Weiber; ſie ſchlichen jammernd und weinend in ihre Gemächer. Als der Nebel ganz verſchwunden war, ſahen die Ritter erſt, daß dies Heer die ganze Veſte umlagert habe, daß man Anſtalten zur Belagerung derſelben traf. Mit verzweifelndem Blicke überzählten ſie nun die ſtreitbaren Vertheidiger derſelben, und fanden, daß es ihrer, auch die Schildknappen nicht ausgenommen, nicht mehr als zweihundert und fünfzehn waren. Sie beſchloſſen zwar, ſich wacker und tapfer zu vertheidigen, aber ſie glaubten auch allzu gewiß, daß der Schutt dieſer Mauern bald ihr Grab ſeyn würde. Sie mach⸗ ten in größter Eile Anſtalten zur hartnäckigſten Ver⸗ theidigung. Die Veſte lag auf einem hohen Felſen, der rings umher ſo ſteil und glatt war, daß kein menſchlicher Fuß darauf haften konnte. Nur eine Straße führte in vielen Krümmungen den Wanderer hinauf zum einzigen Thore, das mit drei Zugbrücken verſehen war. Als die fremden Ritter in der Eile dies alles unterſucht und beaugenſcheinigt hatten, gewann ihr Herz wieder Muth; ſie ſahen ein, daß ſie ſtark genug wären, die einzige Straße mit Wenigen zu vertheidi⸗ gen und Entſatz von Akkon aus zu erwarten. Eben waren ſie beſchäftigt, die Zugbrücken beſſer zu befeſti⸗ gen und das Thor zu verrammeln, als Trompetenſchall ſie auf die Mauern rief. Ein Trupp Sarazenen zog den Felſenpfad heran, eine weiße Fahne des Friedens wehte voraus, und ein gefangner Grieche ritt in ihrer Mitte. Er verkündigte im Namen des feindlichen Heer⸗ führers den Chriſten Gnade und freien, ungehinderten — 139 Abzug, wenn ſie die Veſte, und mit ihr alle darin verborgne Schätze ſogleich und freiwillig übergeben würden. Gewaltig klopfte das Herz der Ritter, als ſie hör⸗ ten, daß es jetzt nur von ihrer Antwort abhinge, ſich und ihre Weiber aus aller Gefahr zu retten; aber ihr Muth, ihre Pflicht erlaubte ihnen nicht, dieſen wonne⸗ vollen Gevanken auszudenken, ſie ſtimmten um ſo mehr gleich allen übrigen Rittern auf Kampf und Verthei⸗ digung, weil ihnen jetzt erſt kund ward, daß der Tem⸗ pelritter größter Schätze und eine Menge Gott geweih⸗ ter Gefäße im Innern der Veſte aufbewahrt würden. Sagt, ſprach Ludwig zu den Harrenden, ſagt dem, der euch ſandte, daß Männer und nicht furchtſame Knaben dieſe Veſte vertheidigen! Sie verachten die Freiheit, welche mit Schande verknüpſt iſt, ſie wählen freudig den Tod, wenn er Ehre bringt. Wir werden die Veſte ſo lange vertheidigen, bis er uns aus euern Händen wird. Der Grieche. Gebt Acht, daß euer kühner Ent⸗ ſchluß euch nicht reue! Blickt hinab in die Ebene, zählt die Menge der Streitenden, eure Veſte könnte den hundertſten Theil derſelben nicht faſſen.— Wie wollt, wie könnt ihr ihnen wiverſtehen? Ludwig. Das ſey unſre Sorge, und dein die Pflicht, zuzuſehen, wie wir unſern Entſchluß ausführen. Blicke auch du umher! Weile auf den ſchroffen Felſen⸗ auf welchem keiner deiner Tauſenden fußen kann. Die einzige Straße, welche zu uns herauf führt, iſt enge, wir hoffen dieſen Platz bald mit euern Leichen zu füllen. Der Grieche. Und ſeyd ihr unſterblich, wird unſer Pfeil euch nicht erreichen? Ihr mißbraucht die Gnade des edlen Heerführers. Groß iſt ſeine Langmuth, aber ſchrecklich wird ſie enden, wenn ihr ſie anzuneh⸗ men zögert. Wißt, das ganze Heer hat theuer geſchwo⸗ 5 14¹⁰ ren, die Veſte in ſeine Hände zu liefern, ehe der Sul⸗ tan beim Heere anlangt. Er kommt, ehe zwei Tage vergehen. Ludwig. Und wird einſehen lernen, daß man Veſten nicht durch Schwüre erobert.— Der Grieche. Iſt das eure letzte, unveränderliche Antwort. Ludwig. Sie iſt's, und wird's bleiben, ſo lange unſre Zunge zu ſprechen vermag. Der Grieche. So gehabt euch wohl, und macht euch mit dem Tode bekannt, er wird ſchrecklich unter euch wüthen. Die Sarazenen ſenkten nun die Fahne des Friedens und jagten hinab ins Thal, um dem harrenden Heere die Nachricht von ihrer Botſchaft zu bringen. Auf⸗ gebracht über den unerwarteten Widerſtand, begangen ſie ſogleich zu ſtürmen. Es folgten nun zwei ſchreck⸗ liche Tage. Kampf und blutiger Streit dauerte ohne Unterlaß fort, und obgleich die Ritter nur den engen Pfad zu vertheidigen hatten, ſo würde ihr tödtender Arm endlich doch ermattet ſeyn, wenn noch mehrere ſolche Tage dieſem gefolgt wären. Aber am Abende des zwei⸗ ten erhob ſich unten im Thale ein wildes Jubelgeſchrei. Sultan Korradin war angelangt, und die Stürmen⸗ den zogen ſich bald hernach, wahrſcheinlich auf ſeinen Befehl, ins Thal zurück. Die Ritter gewannen nun Zeit, ihre Wunden zu beſichtigen, ihre Todten zu zäh⸗ len, und die Scharten ihrer Mauern wieder zu füllen⸗ Fünfzig tapfere Chriſten hatten im Kampfe ihren Tod gefunden; mehrere waren gefährlich verwundet worden⸗ und gaben den noch Lebenden den redenden Beweis, daß mehrere ſolcher Stürme die Veſte bald öde und leer machen würden. Sie bereiteten ſich ſtandhaft dar⸗ auf vor, ſie nutzten die Stunden der Ruhe ſo gut als mößlich, tröſteten die Weiber mit Gründen, deren Er 14¹ füllung ſie nicht hoffen konnten, und harrten von neuem des Kampfes, der aber zu ihrer Verwunderung nicht begann. Das Heer der Sarazenen mehrte ſich täglich, blieb ſtets im Thale gelagert, bewachte jeden Zugang zur Veſte, aber kein Krieger nahte ſich ihr, keiner beun⸗ ruhigte die Belagerten, ſie konnten ungehindert ihrer Wunden pflegen, ihre Mauern ſtärker befeſtigen. Zehn Tage haite dieſe anſcheinende Ruhe ſchon gedauert, als der Vogt der Veſte mit blaſſem Angeſichte vor den Rittern erſchien und ihnen meldete, daß das Waſſer im einzigen Felſenbrunnen verkrocknet ſey. Die er⸗ ſchrocknen Ritter eilten dahin, und fanden leider die traurige Ausſage beſtätigt; einer derſelben ſtieg ſelbſt. hinunter, und ſah, daß der Boden leer und trocken ſey. Sie ſuchten vergebens nach der Ouelle, öb vielleicht ein Zufall ſie zu fließen verhindere; ſie fanden weder eins noch das andere, und mußten endlich troſtlos von dannen gehen. Da in dieſer Jahrszeit die Hitze groß und kein Regen zu hoffen war, ſo vermehrte dies ihre Noth um ein Großes. Sie zählten den Vorrath ihres Weins, und fanden, daß er zur Stärkung noch lange hingereicht hätte, aber zur Stillung des Burſtes kaum einen halben Monden dauern könne. Sie beſchloſſen, räthlich damit umzugehen, nur die Weiber und die Verwundeten erhielten, was ſie bedurften, die übrigen Ritter erlaubten ſich nur dann erſt einen Trunk, wenn ihre Zunge ſich nicht mehr vom trocknen Gaume löſen wollte. Ungeachtet dieſer Vorſicht vermehrte ſich doch mit jedem Aufgang der Sonne die Noth um ein Gro⸗ ßes. Die Roſſe und alles lebende Vieh verſchmachtete, ehe zwei Tage vergingen. Die Ritter ſelbſt konnten keine Speiſen kochen, kein Geſchirr reinigens die tro⸗ ckene Koſt vermehrte ihren Durſt, und der hitzige Wein wollte ihn allein nicht ſtillen. Innig und ſchrecklich war der Jammer der armen 142 gundens Schmerz, welche in ſtiller Verzweiflung auf ihre kranken Säuglinge herabblickten, die ſchon allzu lange nur Kummer und Elend in ſich geſogen hatten, und nun mit dem Tode kämpften. Der Ewige erhörtt das Gebet der Mütter, er nahm ſie zu ſich. Traurig, aber ſtandhaft trugen ſie ſolche zu Grabe, weil ihr künftiges Loos nur Sclaverei ſeyn konnte und der Tod ſie davon befreite. Da alle Ritter, getreu ihrer Pflicht, für die Weiber ſorgten, ihnen die genußbarſten Speiſen bereiteten, oft ſogar einen Labetrunk an den melten, ſo waren ſie beinahe auf der Veſte die einzi⸗ gen, welche noch ihre vollkommne Geſundheit genoſſen. Sie theilten dankbar den Genuß derſelben mit den Rittern, und mein Geſchichtſchreiber verſichert ausdrück⸗ lich, daß Kunigunde und Klara dem Ritter Ludwig und Wieſenborn, wenn ſie verſchmachten wollten, ihre Bruſt zum Labetrunk gereicht, und ſie ſo zur neuen Ausdauer geſtärkt hätten. Ein voller Monden war nun verfloſſen, und mit ibm aller Wein, bis auf ein kleines Fäßchen aufgezehrt. Die Ritter beſtimmten dies zum Genuſſe der Weiber, ohne daß dieſe es ahneten, und gingen traurig von dannen, um ſich einen Platz zu ſuchen, auf welchem ſie ungehindert ihren Todeskampf kämpfen konnten. Immter hatten ſie noch von Akkon her auf Hülfe und das feindliche Heer gleich einer Felſenwand ſich zwiſchen dieſer Stadt und der Veſte gelagert hatte. Noch immer bewachte dies Heer blos die Veſte, aber keiner nahle derheeren und die Veſte bald ohne Kampf in ihre Hände Entſatz gehofft, aber er konnte nicht erſcheinen, weil ſich den Mauern derſelben, keiner aus den vielen Tauſenden verſuchte es, ſie zu erobern. Sie ſchienen es zu wiſſen, daß Noth und Elend an ihrer Statt ² Weiber! Noch inniger, noch größer Klarens und Kuni⸗ naſſen Felſenwänden des leeren Brunnens für ſie ſam⸗ 1⁴¹3 liefern würde. Die auf alles aufmerkſamen Weiber merkten bald den Zuſtand der Ritter; ihr bleiches An⸗ geſicht, ihre trockne Zunge, die nur ſtottern konnte, verrieth ihn nur allzu deutlich. Ihr ſeyd nahe am Ende, ſprach Klara zu ihnen, der Wein iſt ausgeleert, dies könnt ihr nicht mehr läugnen, ob ihr's gleich nach Möglichkeit zu verhehlen ſucht. Schrecklich wird euer und unſer Tod ſeyn, drum folgt meinem Rath und laßt kein Gegenmittel unverſucht. Laßt die Fahne des Friedens auf den Mauern wehen: vielleicht gewährt uns auch jetzt noch der Feind, was ihr vorher ſo hart⸗ näckig nicht annahmt. Einige Ritter. Wir haben wohl ſterben, aber nicht kriechen, nicht betteln gelernt. Klara. Wer kanns euch in eurer jetzigen Lage verdenken? Wer euchs zum Nachtheil eures Muths und eurer Ehre anrechnen, wenn ihr eine Veſte übergebt, die ihr nicht mehr zu vertheidigen vermögt? Ihr könnt wohl gegen Menſchen, aber nicht gegen Gott ſtreiten. Was wollt ihr beginnen, wenn die Feinde jetzt die Veſte ſtürmen? Die Ritter. Wir wollen kämpfend ſterben. Wir ſchwuren, dies Schwert nie freiwillig, nur der Hand des Todes zu übergeben. Hindert uns nicht an der ſo ſchweren Erfüllung dieſer heiligen Pflicht, macht nicht, daß wir, gerührt durch eure Thränen, meineidig werden, und am Ende doch den Tod der Schande ſter⸗ ben müſſen. Ihr findet im Keller noch ein Fäßchen Wein, genießt's ſparſam, vielleicht kommt noch Hülfe von Akkon her. Klara. Und wenn ſie nun nicht kommt? Wenn auch dieſer bis auf den letzten Tropfen geleert iſt? Ein Ritter. Dann laßt die Friedensfahne auf den Mauern wehen. Euch bindet kein Schwur, keine Pflicht, euch kann noch werden, was wir nicht an⸗ nehmen dürfen. 14⁴ Klara(bitter). O Heil den edlen Rittern, ſie ſor⸗ gen herrlich für ihre Weiber, ſie ſterben verzweifelnd, und übergeben ſie den Barbaren, damit dieſe ungehin⸗ dert ſie entehren und ſchänden können. Nein! So ſoll's nicht kommen, ſo ſoll's nicht werden! Wir ſterben mit euch! eſut ſey der Tropfen, der meine Zunge labt, wenn ihr ihn nicht mit mir theilt!—— Agnes. O ich will dieſen Zwiſt bald enden, euch beweiſen, daß ein Weib auch zu ſterben verſtehe. Sie kilte nun ſchnell fort, und kehrte eben ſo bald zurück. Ich ſprach ſie triumphirend, den Beweis eurer ſchändlichen Großmuth glücklich gefunden und zerſtört. Alle Fäſſer ſind leer, nur ein kleines war noch gefüllt; ich zog den Zapfen, und ſah mit ſtillem Muthe zu, wie der Wein bis auf den letzten Tropfen herausrann und ſich im Sande verlor. cbitter lachend) Glaubt mir, Freundinnen, es war ein herrlicher An⸗ blick, ſo ganz das Bild unſers Todes! Ich fühlte, wie unſre Kräfte gleich dem Weine ſchwinden, und endlich bis auf den letzten Tropfen verſiechen werden. Die Rüer ſtaunten ob der raſchen That, da ſie ſolche aber nicht ändern konnten, nun gar keine Hülfe für die Unglücklichen mehr kannten, ſo ſchlichen ſie voll Ver⸗ zweiflung ſtillſchweigend von dannen, und überließen ſie der allmächtigen Hand Gottes, der allein noch hel fen, noch retten konnte. Ich übergehe die Scenen des nun folgenden Elends. Es war ſchrecklich anzuſehen, wie die Ritter, vom hef⸗ tigen Durſte geplagt, am Abende den Thau des Him⸗ mels vom Graſe leckten, und ihren Durſt doch nicht ſtillen konnten, nur ihre Qual verlängerten. Als am dritten Tage die Sonne aufging und Ritter Wieſen⸗ born mit Grunde hoffte, daß dieſer Tag der letzte ſeines Lebens ſeyn würde, beſchloß er, Abſchied zu nehinen vom Weibe, das er ſtets grenzenlos geliebt halts 1¹5 Schon Tags vorher hatte er immer mit dieſem Vor⸗ ſatze gekämpft, ihn blos darum aufgeſchoben, weil er ihr und ſein Leiden nicht mehren wollte, jetzt hoffte er's durch den Anblick der Leidenden zu enden. Er t wankte nach ihrem Gemache; ſie lag ſprachlos auf ihrem Lager. Als er neben ihr hinſank, ſchlich eine Thräne über ihre Wange, die ihre trockne Zunge begie⸗ rig aufleckte. Voll wüthender Verzweiflung raffte er ſich empor. Nein, rief er, ich kann nicht dein Mörder werden! und taumelte wieder hinab nach dem Vorhofe. Mit vorſichtigem Blicke ergriff er dort die weiße Frie⸗ densfahne, ſammelte alle Kräfte, kroch auf die Mauer und pflanzte ſie darauf. Kaum hatte der leichte Mor⸗ n genwind ſie entfaltet, als ſchon vom feindlichen Lager n ein Trupp Sarazenen ſich löste und die Anhöhe her⸗ auf zog. Nun, ſprach ein Dollmetſcher zu Wieſenborn, ſend ihr endlich mürbe geworden, hat der Durſt eure e Zunge gelöst, wollt ihr auf Gnade und Barmherzig⸗ 5 keit die Veſte übergeben? 1 , 1. — 8 e Vieſenborn. Sage deinem Heerführer, daß ich r ſelbſt mit ihm zu ſprechen wünſche. e Der Dollmetſcher. Sultan Korradin iſt jetzt unſer Heerführer, ich weiß nicht, ob ers wird mühe⸗ n lohnend finden, ſich mit euch ins Geſpräch einzulaſſen, doch will ichs ihm melden. zog hinab und kehrte bald hernach mit Korradin zurück. 3 Korradin*). Chriſt! Was verlangſt du? Wenn der Inhalt deines Wunſches nicht Uebergabe der Ve⸗ ſtung iſt, ſo wiſſe im Voraus, daß er dir nicht gewährt wird. Ich habe euerm kühnen Trotze lange genng im Stillen zugeſehen, die Reihe iſt nun an mir. Ich gehe 9 Eine deutſche Chriſtenſelavin war ſeine Amme. Er lernte von ihr die deutſche Sprache, und konnte ſich im männ⸗ lichen Alter noch gut darin ausdrücken. Löwenritter 2. ſtolz zum Löſegeld für die Weiber bieteſt2 — 146 keine Bedingung ein, ich will handeln, wie mirs be⸗ liebt. Ich weiß, daß ihr ſchon ſeit einem Monden Mangel am Waſſer leidet, ich habs euch abgraben laſſen. Ich unterhöhlte den Felſen und zog die Quelle in die Tiefe. Hätte ich nicht geſchworen, daß dieſe Veſte mir nicht das Leben eines Einzigen mehr koſten ſollte, ich würde nicht ſo lange geharrt, euch Elende und Sieche bald übermannt haben. Vielleicht biſt du der Einzige, welcher noch übrig blieb, noch zu ſprechen vermag.: Wieſenborn. O wäre ich's, dann wehete gewiß nicht dieſe Fahne auf der Mauer! Aber es wohnen auf dieſer Veſte noch Weiber, und unter dieſen mein Weib. Wenn du's fühlen kannſt, ſo fühle die Größe ihrer Liebe; ſie zog von Deutſchland aus mir nach, duldete alles Ungemach der langen Reiſe um meinetwillen, und ich ſoll ſie jetzt ungerührt ſterben ſehen? Sie gebar mir ein Kind, es ſtarb, ich habs ohne Thränen begra ben; aber ſie, die Theure und Holde, ſo ohne Hilfe langſam und guälend ſterben zu ſehen, das vermag mein Muth nicht auszuhalten. Schwöre mir bei dei⸗ nem Gotte, daß du ſogleich die Weiber laben, ſie frei und ungekränkt nach Akkon geleiten willſt, und ich ver⸗ ſuchs, ob ich noch Kraft genug habe, dir das Thor zu öffnen. Korradin. Du forderſt viel! Wieſenborn. O ſehr wenig gegen die Schätze welche du hier finden wirſt. Ich heiſche nur Leben und Freiheit für die Weiber, die dich nie kränkten, nie be⸗ leidigten! Korradin. Du biſt ein ſeltner Mann, biſt mein Gefangner und ſprichſt im Tone des Siegers! Wer will mich denn hindern, jetzt ſchon die Mauern zu überſteigen und die Schätze zu nehmen, die du mir 147 Wieſenborn. Ich! Ich werde dich hindern! RNoch leben mehrere meiner Brüder, ſie kämpfen zwar, wie ich, mit dem Tode; aber mein Ruf wird ſie aus die⸗ ſem bittern Kampfe wecken, ſie werden herbeieilen und noch Hunderte deiner Streiter tödten. Korradin(den Zaum ſeines Roſſes lenkendd. Nun wohl, ſo will ich noch einige Tage in Geduld harren, und mir dann holen, was ihr nicht mehr vertheidigen könnt. Wieſenborn(im ſchmerzhafteſten Gefühle ihm nach⸗ rufend). O Mann ohne Gefühl! O Barbar mit Na⸗ men und That! Korradin(ſich umwendend). Biſt du nicht einer aus denen, die bei Cäſarea wider mich ſtritten? Wie ſenborn Ich bin's! Korradin. Zeige mir den Griff deines Schwer⸗ tes!(Wirſenborn befolgt ſeinen Willen) Sieh, dieſes Schwertes wegen will ich Barmherzigkeit an dir üben, dir deine trotzende Bitte dennoch gewähren! Wieſenborn. Du gelobſt alſo den Weibern La⸗ bung und Freiheit? Korradin(mit ernſtem Tone). Ja! Ja!—— Wage es nicht, meinen Schwur zu heiſchen, beleidige nicht meinen Stolz, indem ich den deinigen ſo ſtark nähre. Korradins Ja! muß dir werther als tauſend Schwüre ſeyn! Wieſenborn. Er iſt's! Ich Lile, das Thor zu öffnen! Korradin czu ſeinem Gefolge). Sagte ich's doch immer, daß ſolche Ritter hier hauſen müßten, ſie hät⸗ ten ſonſt nicht ſo lange widerſtanden. Wie muß denn der Winkel der Erde heißen, in welchem dieſer Helden⸗ ſtamm niſtet? Stritte nicht Glück und Ungefähr auf meiner Seite, dieſer kleine Haufe allein hätte mir mein. Erbe entriſſen, 148 Wie ſenborn(wieder auf der Mauer). Hundert, an Kräften mir gleich, würden es nicht vermögen, das Thor zu öffnen, wir haben's zu ſtark verrammelt. Bahne dir einen Weg über die Mauern, ich habe dein Wort, und kann dir's nun offen geſtehen, keiner mei⸗ ner Brüder vermags zu hindern. Viele haben ſchon ausgelitten, wenige ſchmachten noch gefühllos am Bo⸗ den!—— Ueber der Weiber Unglück vergaß ich dieſe ganz. Um dieſes Schwertes willen, das dir ſo theuer ſcheint(er hebts in die Höhe), das ich ſogar ſelbſt an deiner Seite erblicke, flehe ich dich, übe auch Barmher⸗ zigkeit an dieſen! Gewähre ihnen Labung, ſchenke ihnen mit den Weibern auch ihre Freiheit. Korradin. Nein, nun keine Bedingungen mehr! Ich will keine Schlange in meinem Buſen ernähren, und das würde ich thun, wenn ich ſolchen Helden die Freiheit ſchenkte. Du und alle, die ich außer den Weibern lebend finde, bleiben meine Gefangne! Für Labung will ich dann ſchon ſorgen. Wisſenborn. Aber die Weiber—— Korradin. Frage nicht mehr! Zweifle nicht, ſonſt hat meine Großmuth geendet. Wieſenborn. Nun wohl dann, um mein Welb zu retten, ward ich zum Verräther meines Bundes, verkaufte meine Brüder an die Feinde, verbitterte ihren Tod durch ſchmähliche Gefangenſchaft! Blick auf, wie ich mich dafür beſtrafe, und erzähls ihnen, wenn ſie mir fluchen! Er ſtemmte nun ſein Schwert gegen die Mauer, rannte es in ſeine Bruſt, und ſtürzte zu Korradins Füßen herab. Tief gerührt ſah dieſer dem Zucken ſei⸗ nes Todes zu. Hätte ich dieſen Entſchluß vermuthet, rief er endlich aus, ſo würde ich anders gehandelt haben! Doch, ich hätte es vermuthen können! Kann der beſiegte Held wohl anders ſterhen! Wieſenborns 1¹9 kalte Hand ergreifend) Nein, ſie ſollen dir nicht fluchen! Frei ſoll ſeyn, was noch in der Veſte lebt. Nimms zur Genngthuung, zur Verſöhnung, und klage mich nicht vor Gottes Gericht an! Gu den Seinigen) In dieſer Veſte will ich den Helden begraben und ihm ein Denkmal ſeiner Tapferkeit errichten, es ſoll euch zum Beiſpiel dienen! Der Tod der Schande ſey deſſen Lohn, der nicht wie er ſtirbt, wenn die Veſte einſt wieder erobert werden ſollte. Korradin ſandte nun Botſchaft nach dem Lager, mehrere Streitende erſtiegen den Fel⸗ ſen und brachten Waſſer und Labung mit ſich. Sie erkletterten ohne Widerſtand die Mauern, feſſelten zehn Ritter, die noch lebten, aufgeſchreckt durch den Lärm wohl nach ihrem Schwerte griffen, aber es nicht zu ſchwingen vermochten. Als das Thor geöffnet war⸗ zog Korradin ein; er ließ ſich nach den Gemächern der Weiber führen und näherte ſich ihnen voll Ehrfurcht. Zagt nicht, ſprach er, als dieſe erſchrocken zurückbebten und Verſuche zur Flucht wagen wollten, ich komme als Freund, ich bringe euch Labung und Freiheit. Ge⸗ nießt die erſtere mäßig, und laßt mirs wiſſen, wenn ihr die zweite erhalten wollt.—— Er ordnete nun Sclaven zu ihrer Bedienung, und ging von dannen⸗ ohne Zeuge ihres ſtammelnden Dankes zu werden. Als er wieder hinab in den Vorhof kam, ſo forſchte er ſogleich nach den Gefangnen. Man hatte ſie nach dem Saale getragen, und war ſchon beſchäftigt, ſie zu laben. Korradin ließ ihre Feſſeln löſen, verkündigte auch ihnen Freiheit; und da er ſah, daß ſie weit län⸗ ger noch als die Weiber geſchmachtet hatten, ſo gebot er den Wärtern die größte Vorſicht, damit allzu ſchnel⸗ ler und häufiger Trunk ihnen nicht ſchade. Ritter Lud⸗ wig war einer der Geretteten, er blickte mit ſtunmem Danke zu Korradin hinauf, dieſer ſah's, und krat näher zu ihm. 150 Korrahin. Du biſteauch einer von denen, die mein Herz ehrt, ich ſeh's an deiner Rüſtung. Ludwig. Woher dieſe Huld? dieſe Güte? Korradin. Genieße ſie ungeſtört, und erſchöpfe deine wenigen Kräfte nicht durch vieles Reden! Davon einſt zu gelegner Zeit! Ludwig(ängſtlich. Was haſt du über die Weiber beſchloſſen? Korradin. Sie genießen wie du Labung, ſie ſind wie du frei! Ludwig. Dann lohne dir's Gott, der jede gute That zählt! Korradin. Wenn du dich geſtärki fühlſt, ſo ver⸗ kündige ihnen ſelbſt dein Schickſal, damit ſie nicht län⸗ ger zagen. Ludwig. O ich bin's! Schon thats dein Wort mehr, als alle Labung; wenn du's erlaubſt, ſo will ich mich zu den Weibern leiten laſſen, damit mein An⸗ blick ſie tröſtet. Korradin. Thu's, verkündige ihnen nochmals Sicherheit und unbedingte Freiheit, ſie können, wenn's ihnen behagt, gen Akkon ziehen. Sicheres Geleite ſey meine Sorge! Ludwig ſammelte nun alle Kräfte, um Verkündiger dieſer frohen Nachricht zu werden. Die Weiber em⸗ pfingen ihn mit Frohlocken, aus ihren Augen floß nach ſo langer Zeit wieder die erſte Thräne der Freude, ſie haiten mit Furcht den Stärkungstrank genoſſen, ſie nahmen des Sultans Großmuth nur für Liſt, die ſie zur neuen Qual beim Leben erhalten wollte; als ſie aber ſahen, daß er gleich großmüthig gegen die Ritter handele, da ſchwand ihre Furcht, und ſie genoſſen die Stärkung mit mehrem Muthe. Nun folgten Fragen in Menge, welche Ludwig eben ſo wenig beantworten konnie alle forſchten vergebens nach der Urſache dieſer 151 ſeltnen Großmuth, und wie er eben jetzt, dg die Noth am größten war, ſich der Veſte genaht habr? Eben wollte Kunigunde bei Ludwigen forſchen: ob ihr Wie⸗ ſenborn noch lebe? als der Sultan aufs neue erſchien. Korradin(voll Edelmuth und Güte). Nun? Gehts euch beſſer? Hat die Furcht ſich gemindert? Die Weiber cknieend). Großer Sultan, wir danken dir! Korradin. Steht auf! Eure Männer geboten euch dieſen demüthigen Dank gewiß nicht. Sie kön⸗ nen beſſer wie ihr krotzen, und man muß ihnen doch alles gewähren.—— Sind jetzt eure Wünſche be⸗ friedigt? Agnes. Wir hatten alles verloren, deine Groß⸗ muth ſchenkt uns Freiheit und Leben, was können wir mehr wünſchen? Kunigunde. Nur ich, Unglückliche, zage noch um das Leben meines Mannes, erlaube, daß ich ihn unter den Geretteten ſuche., Korradin. Gern und willig, wohl dir, wenn du ihn findeſt.(Sie ſchwankte fort, er ſah ihr mit ernſtem Blcke nach. Wahrſcheinlich findeſt du ihn nicht! O was gäbe ich darum, wenn ich dir ihn wecken und als Schöpfer dieſes Glücks deine Freude ſehen könnte. Er trat gerührt ans Fenſter. Eine lange Stille herrſchte, die aller Ehrfurcht nicht zu ſtören wagte. Endlich öffnete ſich die Thüre. Mit verwirrtem Haare und wildem Blicke trat Kunigunde herein. Sie ſuchte den Sultan und fand ihn noch am Fenſter. Barbar! rief ſie, warum eben ihn? warum mußte er, der ein⸗ zige, für alle bluten? Glaubt ihm nicht, ſeine Groß⸗ muth iſt ſchändlicher Trug, er labt euch nur, um euch länger martern zu können! Korradin. Ich erwartete dieſen Ausbruch deines Schmerzes und verzeihe dir ihn daher willig. Fluch 132 treffe mich! Unglück und ſchimpfliche Flucht ſey der Gefährte meiner Waffen, wenn ich Schuld trage an des Edlen Tode, wenn ich ihn mordete. Sieh dieß naſſe Auge, es weinte eben um ihn!—— Er erzählte nun allen, wie Wieſenborn ihn durch die weiße Fahne aufwärts gelockt, wie er der Weiber Freiheit errungen, und wie er endlich geſtorben ſey. Netzt nun noch, ſprach er zu Kunigunden, eine Thräne dein Auge, ſo biſt du nicht werth, das Weib eines ſolchen Helden zu ſeyn. Kunigunde eſich ſchnell die Thränen aus den Augen wiſchend)d. Du haſt recht, er ſtarb groß. Als Held bewundere ich ihn!(nene Thränen fließen). Als Gatte werde ich ihn ewig beweinen! O wenn du wüßteſt, wie grenzenlos er mich liebte! O es iſt ſchrecklich, ihn nun zu miſſen auf ewig! Mein Schmerz iſt groß, zu neu, ich kann ihn nicht mäßigen, ich will Troſt in der Einſamkeit ſuchen. Sie ging ſchnell nach einem andern Gemache; Klara wollte ihr beiſtehen, ihr folgen, aber ihr Blick blieb mit einmal ſtarr an dem Sultan hangen. Sie wankte, ſie bebte, ſie wandte ihr Auge abwärts, und forſchte bald wieder von neuem; endlich ſank ſie zu des Sul⸗ tans Füßen. Wenn du, ſprach ſie, Barmherzigkeit an mir üben willſt, wenn nicht ſchwarze Einbildung und marternde Ungewißheit mich tödten ſoll, ſo erlaube mir, daß ich dein Schwert näher betrachten darf. Korradin eſie aufhebend und es ihr reichendd. So oft, ſo lange du willſt! Klara. O es iſts! es iſts! Hier mein Name! Gu. rückinkend) Wie ward's dir? Korradin. Auf dem Schlachtfelde zu Cäſare ward's meine Beute. Klara. O dann iſt er todt! Als er noch eble, kams nicht aus ſeinen Händen. O Kunigunde ftene dich, du bekommſt Geſellſchafter im Unglücke! Korradin. Nein, holdes Weib, er lebt! Klara cfreudetrunken). Er lebt! Er lebt! O ich vitte dich, wiederhol's noch einmal dieß allmächtige Wort, ſprich's im Tone der Ueberzeugung aus, damit ich's glauben und GOtt danken kann. Korradin. Er lebt, zwar verwundet—— Klara(wehmüthig). Verwundet? Und dieß ſchreck⸗ lich, tödtlich! Denn ſonſt könnteſt du nicht Beſitzer die⸗ ſes Schwertes ſeyn. Korradin. Sein Leben war in Gefahr, dieß ver⸗ hehle ich dir nicht, aber daß er ſich beſſert, daß ſeine Wunden heilen, dafür bürgt dir mein Wort: erſt ehe⸗ geſtern erhielt ich dieſe Nachricht. Klara. O edler Mann, du gleichſt einem Gotte, der mit einem Worte tödtet und wieder belebt! Darf — kann ich's glauben? Korradin. Du kannſt! Wenn du mich länger und näher kennteſt, ſo würde es Frevel ſehn, an mei⸗ nem Worte zu zweifeln. Klara. O ich zweifle nicht! Es thut meinem Her⸗ zen nur wohl, wenn ich die Gewißheit meiner Freude recht oft wiederholen höre! czu den übrigen Weibern) Geht! Geht! Tröſtet die arme Kunigunde, ich ver⸗ mag's nicht, der Trauernde haßt nichts ſo ſehr als Zeichen der Freude, und wie wäre ich fähig, dieſe zu verbergen? Agnes. Ich vermag's eben ſo wenig, denn mein Herz zagt und bangt der ſchrecklichen Entdeckung ent⸗ gegen. Es wünſcht mit voller Sehnſucht Gewißheit zu haben, und will's doch nicht wagen, ſich alle Hoffnung zu rauben. Ich muß— ich muß!—— Edler Herr, der Ritter, den du ſo großmüthig pflegſt, deſſen Wun⸗ den du heileſt, hatte einen Bruder—— Korradin. Auch dieſen kenne ich!— Agnes. Du kennſt ihn? und—— und D du zögerſt! 6 15¹ Korradin. Nein, ich bewunderte nur auf der ei⸗ nen Seite ſo viel Heldengröße, auf der andern ſo zärt⸗ liche Liebe! Ihr müßt einſt glücklich gelebt haben! Warum ſtörtet ihr dieß ſeltene Glück ſo gewaltſam? Warum ſchifftet ihr über's Meer, um einem Manne ſein Erbe zu entreißen, der euch doch nie beleidigte, nie nach dem euern geizte? Agnes. Du vergißſt meiner Bitte: Lebt er?2 Korradin. Ja, liebes Weib, auch er lebt, auch ſeine Wunden heilen! Agnes. Ah! Ah!(iyre Hand auf's Herz legend) Nun wird's hier leichter, nun löst ſich's, nun wallt's und durchzittert jedes Glied! So naht ſich die Empfin⸗ dung der namenloſen Freude: Mein Heinrich lebt! Und wo? wo iſt er? Klara. Auch auf meiner Zunge ſchwebte dieſe Frage. Korradin. Zu Cäſarea, doch iſt's möglich, daß ſie meinem Befehle zufolge ſchon nach Jeruſalem ge⸗ führt wurden. Agnes. Und was ſollen ſie dort? Korradin. Sie ſind meine Gefangene. Agnes. Und werden's bleiben? Korradin. Müſſen's bleiben! wenigſtens ſo lange, bis ich Frieden ſchließe, bis mir mein rechtmäßiges Erbe geſichert wird. Sie tödteten hundert meiner Krie⸗ ger, ich rief ihnen Gnade zu, und ſie würgten doch fort—— Gu Klaren) Nein! gib deinen Geberden keine Worte, ich kann deine Bitte nicht erfüllen. Auch ich habe Pflichten, die ich erfüllen muß. Eine der erſten iſt's, daß ich den wehrloſen Feind zwar groß müthig behandle, aber nicht neue Waffen in die Hände ebe. F Klara. Könnte ich bei ihm ſeyn! Könnte ich we⸗ nigſtens ihn warten und pflegen. 155 Korradin. Es hängt von euch ab, dieſen Wunſch zu erfüllen. Ich verſprach euch unbedingte Freiheit, und ihr könnt ſie genießen, wie ihr wollt. Wollt ihr nach Cäſarea, nach Jeruſalem ziehen, ſo werde ich für eure Sicherheit ſorgen. Wollt ihr gen Akkon, ſo laß ich euch dahin geleiten, nur will ichs euch nicht ber⸗ gen, daß dieſe Stadt von mir belagert wird, daß mei⸗ nes Vaters Schiffe jetzt ſchon den Hafen ſperren, daß ihr dort folglich aufs neue der Gefahr des Kampfes ausgeſetzt ſeyd, vielleicht bald eben ſo ſchrecklich darben müßt. Agnes, Klara. Wir ziehen nach Cäſarea, nach Jeruſalem. zu Adelheiden) Und du? Adelheid. Ich folge meinem Gatten. Korradin. Auch den Rittern ſey's erlaubt, euch wehrlos zu begleiten. Ludwig. Wenn unbedingte Freiheit unſer Loos iſt, ſo ruft uns Schwur und Pflicht nach Akkon. Korradin. Um aufs neue gegen euern Freund und Wohlthäter zu kämpfen! Doch es ſey! Obs euch fruchten wird, will ich dann fragen, wenn ihr wieder meiner Großmuth bedürft. Ludwig. Noch hängts von dir ab, uns wieder zu nehmen, was deine Güte gewährte. Aber wenn du großmüthig handeln willſt, ſo muß dich auch die Folge deiner Großmuth nicht reuen. Du ſchenkſt uns unbe⸗ dingte Freiheit, und legſt uns eben durch dies Geſchenk die Pflicht auf, aufs neue gegen dein Heer zu kämpfen. Oder ſollen wir zaghaft deine Großmuth bei den Unſ⸗ rigen verläugnen? Sollen wir unthätig umherziehen⸗ indeß Kampf uns erlaubt iſt? Sollen wir meineidig werden, unſerer Pflicht, unſers Schwurs vergeſſen, geächtet und geſchändet ins Vaterland zurückkehren, und dort das Angeſicht der Tapfern guf gwig fliehen? Ehe ich dieſes Lvos wählte, würde ich gleich Wieſen⸗ 156 born den Tod ſuchen und finden. Ich will deines Edelmuths nicht vergeſſen, auch zu Akkon gibts der gefangenen Sarazenen in Menge. Was ich vermag, will ich zu ihrer Linderung beitragen, nicht ehe mein Schwert zu neuem Kampfe ergreifen, bis nicht ein gleiche Zahl deiner edeln Gefangenen unbedingte Frei⸗ heit erhalten hat. Korradin(lächelndd. Obwohl funfzig derſelben einen einzigen von euch an Muth und Tapferkeit auf⸗ wiegen. Doch laß uns Freunde bleiben, ſo lange wirs noch ſeyn können. Deine Gründe haben mich über zeugt, ich ſchenke dir Speiſe, und wollte nun, daß dein hungriger Gaum ſie nicht genießen ſollte. Zieht, wo⸗ hin ihr wollt, und ſollte einſt das Glück eurer Tapfer keit gleichen, ſo vergeßt nicht, wie ichs nützte. Da einige ſeiner Heerführer ihn ruften, ſo eilte er fort, und überließ die Zurückbleibenden den Empfin⸗ dungen, welche er in ihnen erregt hatte. Ludwig war der erſte, welcher zu ſprechen btgann; er ſuchte ſein Weib zu überreden, daß ſie ihn allein nach Akkon zie⸗ hen laſſen, und mit den übrigen Weibern nach Cäſarea eilen, wo keine Gefahr ihr drohe und ihre Sicherheit verbürgt ſey. Wird Stillſtand oder Friede, endete er, ſo kehrſt du dann froh in meine Arme, und mit mir ins geliebte Vaterland zurück! Aber das treue Weib verwarf dieſen Antrag. Ich will, ſprach ſie, nicht mehr um dich zagen, ich will mit dir in Kampf und Tod gehen, mit dir ſterben, mit dir leben. Als man bald hernach ſich der weinenden Kunigunde erinnerte ſie zu tröſten eilte, und endlich forſchte, wohin ſie zu ziehen willens ſey, ſo wählte auch ſie die Stadt Akkon zu ihrem Aufenthalte, weil ſie dort eher den Tod zu finden hofſte, der ihrer Wünſche einziges Ziel war⸗ Noch einen halben Monden verweilten Ritter und Wei⸗ ber auf der Veſte, weil ſie erſt jetzt zu fühlen anfingen⸗ 157 s wie ſchwach und matt ſie waren und neue Kräfte zur er Reiſe ſammeln mußten. Von den zehn Rittern, die noch lebten, ſtarben zwei, nur achte wurden wieder in geſund, ſelbſt Ludwig hatte noch an ſeiner Wunde zu ne heilen, welche er bei Cäſarea empfangen und während ie der Belagerung nicht pflegen konnte. Korradin ließ es ihnen unter dieſer Zeit an nichts mangeln; er beſuchte ſie täglich, verplauderte manche Stunde in ſ freundſchaftlichen Geſprächen, und vertraute ihnen oft, daß auch er die Macht der Liebe kenne, aber hoffnungs⸗ „ los liebe und ihre Früchte noch nicht genoſſen habe. in Als ihm kund ward, daß die Weiber ſich nach ihren Männern ſehnten und die Ritter nicht mehr unthätig „ zu leben wünſchten, erſchien er am andern Tage mit ſicherem Geleite für beide. Korradin czu Agnes und Klara). Euch hoffe ich bald zu Jeruſalem wieder zu ſehen, drum nehme ich auf dieſe kurze Zeit nicht Abſchied von euch! czu den in Vitern Euch werde ich vielleicht länger nicht wieder⸗ e ſihen, denn Akkon vertheidigt ſich wohl, ſein Hafen iſt wieder frei. Von Cypern her kam eine Flotte, die it meinen Vater bis nach Sidon verfolgte. Ich bin nicht , Urheber des Kampfes, kein vergoßnes Blut kann da⸗ r ber auf meinem Gewiſſen ruhn, aber ich bin des Streites doch müde. Sind eure Brüder zum Frieden geneigt, ſo will ich ihn nach Kräſten fördern, und da dss ſcheint, daß ihr blos um deswillen mein Erbe be⸗ n kämpft, weil es der heiligen Oerter, in welchen ihr euerm Gotte zu dienen wünſcht, ſö viele enthält, ſo will ich jedem Unbewaffneten, der ſie zu beſuchen kommt, n freien Hin⸗ und Rückzug gönnen. Dies meldet allen, z und beſchließt, was euch vortheilhaft dünkt. Daß Zag⸗ eit nicht meines Antrags Urheberin iſt, ſeht ihr wohl e ſelbſt ein, da ich Sieger bin, und wohl zu fordern, ber nicht zu gewähren brauchte. Uebrigens werden 158 euch einige Kameele folgen, welche heilige Gefäſſe tra⸗ gen, die von den Rittern des Tempels in dieſer Veſte aufbewahrt wurden. Der Glanz und Werth des Gol⸗ des hat mich nicht geblendet, ſie ſind, dachte ich, eben dem Schöpfer geweiht, den auch du anbeteſt, und es wäre ungerecht, ſeine Verehrung zu hindern. Nehmt ſie zurück, und wenn ihr darin eure Gabe dem Herrn opfert, ſo erinnert euch dann eures Freundes Korra⸗ din.—— Die Ritter konnten, von ſo viel Güte allzutief ge⸗ rührt, lange nicht antworten; endlich fingen ſie an, Worte des Danks und der Bewunderung zu ſtam⸗ meln, aber der beſcheidne Korradin entfernte ſich ſogleich, und fand in der Neberzeugung, groß gehandelt zu ha⸗ ben, Belohnung in Menge. Mit ſchweren Herzen trennten ſich nun Klara und Agnes von den übrigen. Sie beſchworen die Ritter, den angetragnen Frieden nach Kräften zu fördern, weil ſie dies als das einzige Mittel kannten, bald einander wieder umarmen und vereinigt ins Vater⸗ länd zurückkehren zu können. Die Ritter gelobten alles zu thun, was Pflicht und Schwur erlaube, und zo⸗ gen endlich mit Adelheid und der trauernden Küni⸗ gunde nach Akkon. Zu eben dieſer Zeit trugen die bereitſtehenden Kameele Klaren und Agneſen hinab ge⸗ gen Cäſarea. Ein bewaffneter Haufe umgab ſie und ſchützte ſie vor jeder Gefahr; ſtumme Sklaven ritten ihnen zur Seite und harrten ihres Winks. Gefühle mancher Art durchſtrömten ihr Herz, als ſie Cäſarsas Mauern erblickten, und nun bald ihre Männer zu um⸗ armen hofften. Schnell wandelte ſich aber die Freude in neuen Kummer, und trübte ihr helles Auge, als ſie dort durch den Dollmetſcher erfuhren, daß die Rit⸗ ter ſchon ſeit einem halben Monden zur beſſern Pflege nach Jeruſalem wären geſandt worden. Ob dieſe Nachricht gleich nur Verzögerung, nicht Vernichtung ihres geträumten Glücks enthielt, ſo that ſie ihrem liebenden Herzen doch ſehr wehe. Sie flehten ihren Führer um ſchleunige Beförderung der weitern Reiſe, und zogen ſchon am andern Tage nach Jeruſalem hinab. Wie ſie bei Emaus anlangten, ſchlugen ſie ihre Zelte unter den Palmbäumen auf, und beſchloſſen, den Ort zu beſuchen, auf welchem der Heiland eini⸗ gen Jüngern erſchienen war. Ehe ſie noch ihren Vor⸗ ſatz ausgeführt hatten, zog eine dicke Staubwolke auf der Heerſtraße herauf; ſie harrten der Kommenden, und ſahen bald, daß es Reiter wären, welche im ſchnell⸗ ſten Laufe ihre Roſſe abſeits nach den Zelten lenk⸗ ten. Schon ſammelten ſich zur Vertheivigung der Wei⸗ ber ihre Wächter, aber ſie erkannten bald die Leib⸗ wache ihres Sultans, und unter dieſer den Sultan ſelbſt. Er ſprang ſchnell vom ſchäumenden Roſſe herab, und nahte ſich mit ernſtem, finſtern Blicke den Wei⸗ bern. Wohl mir, rief er zähnknirſchend aus, daß ich wenigſtens euch noch treffe! Ich will den Hunden loh⸗ nen, wie ſie mir lohnten, ich hätt's denken ſollen, daß dieſes Volk wohl edel ſcheinen, aber nicht edel ſeyn könne czu den Wächteru). Feſſelt ſie, gönnt ihnen Leben, aber nicht die geringſte Freiheit! Weh euch, wenn ſie entflöhen! Führt ſie mir nach, ich eile nach Jeruſalem! Er ſchwang ſich nun wieder auf, ſein Roß, ſpornte es zum weitern Laufe, und entſchwand bald aus den Angen der zitternden Weiber, die dieſe ſo ſchnelle Ver⸗ änderung nicht zu faſſen vermochten. Der Wächter Ehrfurcht, der Sklaven Dienſteifer verwandelte ſich ſogleich in Hohn und Trotz; mit wildem Gelächter brachten die erſtern Ketten herbei und feſſelten die Unſchuldigen. Sie wurden ſogleich auf die Kameele gehoben, und durften dieſe nicht eher verlaſſen, als 7 160 vis ſie nach Jeruſalem kamen. Sie konnten auf die⸗ ſer Reiſe nicht mehr mit einander ſprechen, denn die Wächter verhinderten es. Die fürchterliche Erwartung der Zukunft konnte ungehindert ihr Herz quälen, und nur die Ueberzeugung ihrer Unſchuld hielt ſie in die⸗ ſem Jammer noch auftecht. Ohne Gefühl, ohne Rüh⸗ rung ſahen ſie jetzt die Thürme von Jeruſalem vor ſich liegen, ſie waren überzeugt, daß wohl gleiches Schickſal ihre Ritter treffen, daß ſie ſolche nie wie⸗ derſehen würden. Wie der mitleidige Dollmetſcher ih⸗ nen meldete, daß ſie jetzt am Kalvariberge vorüber⸗ zögen, da hob ſich ihr Blick hinauf zur Stätte, an welcher der Heiland der Welt gelitten hatte. Mit vol⸗ ler Inbrunſt, mit glühender Andacht flehten ſie ſeinen Schutz an, denn ſie litten ſo unſchuldig wie er, muß⸗ ten wahrſcheinlich wie er, für andre büßen. Schon unter den Thoren erwartete ſie die Leibwache des Sul⸗ tans: ſie wurden nach einem feſten Thurme geführt und dort dem Kerkermeiſter übergehen. Er vermehrte die Laſt ihrer Ketten und führte ſie nach einem dun⸗ keln, unterirdiſchen Gefängniſſe. So ſehr ſie auch mit Mienen und Worten das Mitleid des Wächters an⸗ flehten, ſo trennte er ſie doch von einander, und ver⸗ wahrte jede dieſer Troſtloſen in einem beſondern Kerker. Ehe ich das Schickſal der Unglücklichen weiter er⸗ zähle, will ich zuvor zurückkehren zu den verwundeten Rittern; wir verließen ſie auf dem Schlachtfelde bei Cäſarea. Auf des Sultans Geheiß wurden ſie ſogleich dahin getragen und ihrer Wunden mit größter Sorg⸗ falt gepflegt, ſie hatten ihrer viele erbeutet, aber keine derſelven war tödtlich, weil ihr ſtarker Harniſch die Schärfe des feindlichen Schwertes ſtets gemindert haite, und nur dann wirken konnte, wenn es das Gelenke deſſelben traf. Sie würden noch länger gekämpft he⸗ ben wenn nicht das allzu häufig vergoßne Blut ihre . 177 ſuchen all mein Lebenlang!—— Noch ruht aber in meinem Herzen eine neue Bitte; Großmächtigſter, darf ichs wagen, ihr Worte zu geben? Korradin. Bitte kühn, mir iſt heute ſo wohl⸗ wenn ich gewähren kann. Graf Zelano. Mit mir ward meine einzige Tochter gefangen. Soll nicht auch ſie die ſüßen Früchte deiner Großmuth genießen? Soll ſie verzweifeln, wenn ſie uns frei ſieht? Korradin. Emir! Kaufte ich nicht alle deine Ge⸗ fangnen? Emir. Ja, gebietender Herr! Korradin. Niederträchtiger, warum verläugneſt du alſo die Tochter des Mannes? Warum betrogſt du einen ſo treuherzigen Käufer? Emir. Ich wollte ſie ausnehmen vom Kaufe, aber meine Zunge wagte die Bitte nicht— Wagt ſie jetzt! —— Ich hatte das Mädchen für meinen Harem be⸗ ſtimmt. Korradin. Und hätteſt du ſie zur Löſung deiner Seele beſtimmt, ſo muß ſie jetzt mein werden, denn ich habe ſie gekauft. Wo iſt ſie 2 Emir. Unten im Schiffe! Korradin. Führe ſie her! Gu Zelano) Deine Bitte iſt gewährt, und deine Tochter frei wie du! Dies ver⸗ ſpricht dir Korradin, der noch nie ſein Wort gebro⸗ chen hat. Emir(nit Avelgundem. Hier iſt ſie! Hätte ich die Wahl, ich würde all deine Geſchenke zurückgeben, und die Hälfte meines Vermögens dazu, wenn ich das Mädchen behalten dürſte. Korradin. Vorher hätte es dich ein Wort gekoſtet, jetzt verſchwendeſt du tauſende vergebens. Gu Adelgunden Jungftau, ihr ſeyd frei, fönnt ungehindert mit eurem Vater heimkehren. Löwenritter 2. 12 178 Adelgunde. Wer du auch biſt, großmüthigſter der Menſchen, nimm meinen glühenden Dank, nimm die Verſicherung, daß ich nächſt Gott deiner am flei⸗ ßigſten gedenken werde! O ihr ſeyd ihm ja gleich, ihr habt ſeiner Allmacht ähnlich gehandelt, habt mit einem Worte die Unglücklichſte zur Glücklichſten gemacht! Korradin. Verzeiht, daß ich ſo keck eure Schmei⸗ cheleien anhörte, aber nicht dieſe, ſondern der ſchmel⸗ zende Ton eurer ſüßen Stimme behagte mir ſo treff⸗ lich. Aus dem Munde eines ſo ſchönen Mädchens klingt Lob ſo lieblich. Emir cheimlich zu Korradi. Wenn ihr erſt ihr hol⸗ des Angeſicht ſehen ſolltet, meinen Kopf wollte ich wetten, es würde euch dann reuen, ihr ſo unbedingt die Freiheit geſchenkt zu haben. Korradin dachendd. Du kennſt mich ſchlecht, noch hat mich nie eine gute That gereut! Wie elend wäre der Menſch, wenn Reue dieſer folgen könnte, dann wäre es wohl beſſer, wenn er nicht geboren würde. An die Schwachheit des Menſchen haſt du mich aber doch er⸗ innert, du haſt Neugierde in meinem Herzen geweckt. Ob ich ſie wohl befriedige? Emir. Wenn du treuen Rath hören und nicht verachten willſt, ſo ſieh der Dirne Geſicht nicht. Ein einziger Blick von ihr könnte dich bei deiner Denkungs⸗ art auf ewig unglücklich machen. Korradin. Ah du forderſt mich zum Kampfe auf, und dieſem bin ich nie gewichen. Wart, Alter, ein glühender Jüngling ſoll dich lehren, wie man Begier⸗ † den dämpfen muß. 6u Adolgundem Jungfrau, warum ſo traurig? Warum mit einmal ſo ſtill 2 Adelgunde. Weil ich mit Zittern den Ausgang eures Geſprächs erwartete. Mir ſchien's, als ob der Grauſame euch eines andern bereden, mir meine Frei⸗ heit wieder rauben wollte. 179 Korradin. Sorge dich nicht! eer führt ſie zu ih⸗ rem Vater) Da nimmt ſie! Beruhige ſie! Sie iſt frei und dein! Gib ſie einſt einem würdigen Manne, ſie verdient ihn! Gu Adelgunden) Seyd ihr nun ruhig? Adelgunde. O Gott! Ja, ich bins in ſo vol⸗ lem Maße, daß ichs nicht auszudrücken vermag. Korradin. Werdet ihr mir nun auch eine Bitte nicht abſchlagen? Adelgunde. Kann ich wohl meine Freiheit edler und beſſer nützen, als wenn ich dem, welcher zu ge⸗ bieten hat, jede Bitte gewähre? Korradin. Oft ſehen und finden ſich die Men⸗ ſchen wieder, wenn ſie's auch am wenigſten vermu⸗ then, wenp auch Berge und Seen ſie trennen; damit ich euch nun, wenn dieſer Fall eintreffen ſollte, wie⸗ der kenne, und weiß, daß ich euch ſchon ſprach, ſo ſchlagt den neidiſchen Schleier zurück und laßt mich euer Angeſicht ſehen. Adelgunde. Sey auch dies die Abſicht eurer Bitte nicht, ſo wird ſie doch nicht minder edel ſeyn. Ich wollte ſie beinahe errathen. Korradin. Dann müßte euer Herz viel prophe⸗ tiſche Gabe beſitzen. Adelgunde. Prüft ſie und urtheilt dann erſt! Meine wenigen Reize haben des Emirs Herz geblen⸗ det, er ſchilderte ſie euch mit ſeinem blöden Vergrö⸗ ßerungsauge, und ihr wollt ihn nun überzeugen, daß ſolch eine allgemeine Schönheit euer Herz nicht rüh⸗ ren, eure Standhaftigkeit nicht ſchwächen könne! Hab ich gut gerathen? Korradin. Unbegreifliche, ihr habts! Ich wills nicht läugnen! Adelgunde(ihren Schteier zurückſchlagend). Unr ich euern Triumph nicht hindern! 180 Korradin(betrachtet ſie mit Verwunderung, mit Erſtaunen; eine lange Pauſe). Bei Gott, du vernichteſt ihn ganz, wenn ich vich länger ſehe, wenn ich länger pleibe! Du biſt die Schönſte deines Geſchlechts! Nie ſah mein Auge eine dir Aehnliche, nie wird es eine mehr ſehen! Nimm dies Geſtändniß mit über's Meer, und erinnere dich deſſen, wenn dieß einſt ein Glück⸗ licherer als ich ſagt.—— Nein! Nein! Blicke mich nicht an, verſchleiere dein Geſicht, ich wills entweder nie mehr, oder immer ſehen Gum Emir). Deinen Kopf haſt du gewonnen, aber nimm dich in Acht, daß ich mich nicht räche, wenn ich einſt meine Vermeſſenheit allzu ſehr bereue. Laß deinen Nachen löſen, er ſoll die Chriſten nach der Stadt führen Gum Graf Zelauo) Ihr werdet ſogleich nach der Stadt gebracht werden, und könnt dann ungehindert mit dem erſten Schiffe in euer Vaterland zurückkehren. Wie nennt ihr guch? Graf Zelanv. Graf Zelano.* Korradin. Und eure Tochter? Graf Zelano. Adelgunde! Korradin czu Adelgunden). Schöne Adelgunde, lebt wohl! Mein halbes Habe gebe ich willig, weil ich euch geſehen habe, aber mein ganzes Habe gebe ich noch williger, wenn ich euch nie geſehen hätte. Adelgunde. Nach dieſen Worten entfernte er ſich ſchnell, ſtieg in ſein Schiff und ruderte nach der Stadt. Ich vergaß ſeiner bald, weil ich in den freien Armen meines Vaters die Freude eines Kindes im vollen Maße genoß, und mich in dieſen ganz glücklich dünkte. Der alte Emir murrte wacker, als er zuſehen mußte, wie wir bald hernach in den bereitſtehenden Nachen ſtiegen und uns von ſeinem Schiffe entfernten. Wie wir ans Land ſtiegen, harrten unſer ſchon einige Skla⸗ ven welche uns nach einem ſchönen Palaſte führten⸗ wo wir trefflich bedient und herrlich vewirthet wut den. Hier erfuhr ich erſt, daß unſer Reiter und Wohl⸗ thäter der Sohn des Sultans ſey. Ich erſchrack, ich bebte vor der Gefahr, welche mir werden könne, ich beſchwor meinen Vater, mit dem früheſten nach dem Hafen zu eilen und unſre Abreiſe nach Kräſten zu beſchleunigen. Er ſelbſt erkannte die Billigkeit meiner Bitte und verſprach ſie zu erfüllen. Wie er eben am andern Morgen aus dieſer Abſicht nach dem Hafen gehen wollte, kam ein Bote des Sultans und for⸗ derte ihn nach ſeinem Palaſte. Meine Angſt war bis zu ſeiner Rückkehr groß und ſchrecklich, ſie mehrte ſich bald noch ſtärker, als ich ihn mitten unter einem Hau⸗ fen Sklaven anlangen ſah. Die ſichtbare Freude, welche auf dem Geſichte meines Vaters herrſchte, flößte mir wieder Muth ein. Ich forſchte vergebens nach der Ur⸗ ſache derſelben, weil er nur immer beſchäftiget war, die Beutel mit Gold zu zählen, welche die Sklaven trugen und vor ihm hinlegten. Wie endlich alle Skla⸗ ven das Gemach verlaſſen hatten, begann zwiſchen ihm und mir folgendes, mir ewig merkwürdiges Ge⸗ ſpräch: Graf Zelano(mit lächelndem Geſichte). Was meinſt du, Adelgunde, iſt dieſer Haufen Golds nicht Erſatz für mein Erbe, welches ich ſo ſchändlich ver⸗ laſſen und mit dem Rücken anſehen mußte? Adelgunde. Leicht möglich, daß es den Werth veſſelben noch überſteigt. Aber wie ward's euch? Graf Zelano. Durch die Güte und Großmuth des jungen Sultans. Nie habe ich einen ſchönern, einen edlern Mann geſehen! Adelgunde. Auch ich nicht, wenn ers euch ohne Bedingung gab. Graf Zelano. Eine Bedingung machte er nun freilich wohl, die ich aber leicht verſprechen konntt⸗ weit die Erfüllung von dir abhängt, und du immer 182 ein gutes Kind warſt, welches das Glück ſeines Va⸗ ters ſtets mit Kräften zu fördern ſuchte. Adelgunde. Und was, Väter, was ſoll ich thun? Graf Zelano. Freue dich, Tochter! Ich habe dich zur Frau des liebenswürdigſten, des reichſten Mannes gemacht. Adelgunde. Ich verſtehe euch nicht! Weh mir und euch, wenn ich euch verſtünde! Graf Zelanv. So höre nur alles, und urtheile dann erſt. Deine Schönheit, deine Reize haben nicht nur das Auge, ſondern auch das Herz des jungen Sultans geblendet. Er konnte die ganze Nacht nicht ruhen, nicht raſten, dein Bild war wachend und träu⸗ mend der Gegenſtand ſeiner Beſchäftigung. Er ſandte nach mik, er flehte, er bat, und ich mußte gewähren⸗ Adelgunde. Nein) Nein! Das konnte mein Va⸗ ter nicht thun, und hätte man ihm alle Schätze der Welt geboten! Sein einziges, ſein liebſtes Kind!— O nicht wahr, ihr wollt mich nur prüfen, nur ſor⸗ ſchen: ob mein Herz von euch ſo etwas muthmaßen könnte? Graf Zelano(katt). Was bedarfs der vielen Umſtände; der Kauf iſt einmal geſchloſſen, ich werde, ich kann ihn nicht rückgängig machen. Adelgunde. Der Kauf? Rabenvater, du hätteſt dein Kind einem Ungläubigen, einem Barbaren ver⸗ kauft, damit er es ſchänden, ihm ſeine Ehre und Un⸗ ſchuld rauben könnte? Mann ohne Herz und Gefühl, wenn du auch aufhören willſt, mein Vater zu ſehn, ſo erinnere dich doch, was ich für dich that, was ich alles wagte, um dein Leben zu retten. Soll dies die Vergeltung ſeyn?. Graf Zelanv. Eben weil ich deine Liebe zu mir kannte, eben weil ich wußte, daß du, um mich glück⸗ lich zu wiſſen, gerne dich ſelbſt aufgeopfert hätkeſt 183 eben deswegen nahm ich keinen Anſtand, die Bitte des Sultans zu erfüllen. Es iſt wahr, ich habe dir mein Leben zu danken, aber was nützt mir ein Leben ohne Vermögen, ohne Güter. Nie habe ich Hoffnung, meine Güter in Sicilien wieder zu erhalten, aber um ſo ſichere, in meinen alten Tagen betteln gehen zu müſſen. Biſt du nun wirklich das gehorſame Kind, welches du ſtets zu ſeyn vorgabſt, ſo vollende das Glück deines Vaters, und er wird ſich deiner immer dankbar erinnern, es nie bereuen, dich gezeugt zu haben. Adelgunde. Aber euer Kind wird in den Stun⸗ den der Verzweiflung dem Urheber ihres Lebens, ih⸗ res Unglücks fluchen, und wird dieſer Fluch nicht euer Leben verbittern? Wird der ſchreckliche Gedanke, du haſt dein Kind unglicklich gemacht, nicht an eurem Herzen nagen? Graf Zelano. Er würde es, wenn es wirklich ſo wäre, aber du wirſt bald dasjenige, was du Un⸗ glück nennſt, als dein größtes Glück ſchätzen lernen. Der Sultan iſt der liebenswürdigſte Jüngling, er wird dich wie einen Gott ehren, jeden Wink deiner Augen, jeden Wunſch deines Herzens zu befriedigen ſuchen. Dein Hang zur Wohlthätigkeit hat dann freien Lauf, du kannſt das Schickſal aller Chriſtenſtlaven lindern, mit einem Worte ihre Feſſeln löſen. Sprich ſelbſt, iſt dies Lvos nicht beneidenswerth? Noch habe ich über⸗ dies väterlich für dein Seelenheil geſorgt, der Sultan mußte mir einen theuern Eid ſchwören, daß er nie in deiner Religion dich hindern, nie fordern würde, daß du die ſeinige annehmen ſollteſt. Adelgunde. Ah des ſorgfältigen, des frommen Vaters! Er liefert ſeine Tochter in die Arme eines Wollüſtlings, er verkauft ihre Unſchuld um Gold, er mordet ihre Tugend, aber er ſorgt väterlich dafür, daß ſie gleich der heiligen Magdaleng die Sünde be⸗ 184 reuen und beweinen kann. Wenns dann eine gottes⸗ fürchtige Handlung iſt, die ich begehen ſoll, ſo erlaubt, vaß ich, bis ſie mich abzuholen kommen, beten gehe. Graf Zelano(ſie haltend). Nein, Jungfrau, ihr bleibt hier! Adelgunde. Jungſrau! Spott in dem Munde des Vaters! Ha! das allein raubt euch eure Selig⸗ keit! Laßt mich, noch bin ich frei! Graf Zelanv. Nein! Du biſt ſchon verkauft. Ich kenne deine Entſchloſſenheit! Du wärſt im Stande, dich ſelbſt zu morden, und ich könnte dann wieder mein Gold zurückgeben müſſen. Biſt du einmal über⸗ liefert, behagt dir das Glück nicht, was ich dir be⸗ reitet habe, biſt du eigenſinnig genug, es mit Gewalt von dir zu ſtoßen, ſo thue, was du nicht laſſen kannſt, mich ſoll's wenig kümmern, ich will in Ruhe und Friede mein Glück genießen. Adelgunde. So wollt ihr denn mit Gewalt meine Mutter im Grabe ſchänden, wollt öffentlich be⸗ weiſen, daß ſie eine Ehebrecherin war? Bei Gott, ſie wars! Ich bin das Kind eines andern! Denn ein Vater kann nicht ſo ſprechen, nicht ſo handeln! Graf Zelano(lachend). Dein Witz erlaubt ſich große Freiheit! Immerhin, es wird nicht lange dauern, denn ich kann deine Vorwürfe nach Belieben enden. He, Sklaven!(die Sklaven traten ein) Die Beutel find richtig! Nehmt die Jungfrau und führt ſie zum Sultan, er wird ſchon längſt ihrer harren! Adelgunde. Nein! Ich gehe nicht! Graf Zelanvo. Nehmt ſie mit Gewalt. Adelgunde(welche von den Sklaven fortgeführt wird). Vater! Vater! Ohne Segen? Euer einziges Kind ohne Segen! Der verzweifelnde und doch rührende Ton, in wel⸗ chem ich dieſe letzten Worte ausſprach, machte Ein⸗ 185 vruck auf ſein Herz, ich ſahs, wie er mitleidig auf mich blickte, wie ſeine Lippen ſich zu bewegen anfin⸗ gen: aber die hartherzigen Sklaven riſſen mich fort, und der Jammer überwältigte meine Sinne. Als ich wieder fühlen und empfinden konnte, lag ich auf einem prächtigen Lager; weibliche Sklaven ſtanden an mei⸗ ner Seite und harrten meines Winkes. Ich gebot Entfernung; ſie verſtanden mich nicht, ich winkte und ſie wichen. Eben ſuchten meine Augen ein Werkzeug, welches meinen Tod befördern ſollte, als ein Vorhang ſich öffnete und der Sultan herein trat. Er ſank ſo⸗ gleich neben meinem Lager auf die Knie nieder, er flehte, er bat; ich ſchwieg hartnäckig, denn mein Schmerz war wirklich ſo groß, daß ich ihm nicht Worte zu ge⸗ ben vermochte. Von meiner früheſten Jugend an wan⸗ delte ich ſtets unter den Augen meines Vaters, ſchien von ihm ſo herzlich geliebt zu werden, liebte ihn da⸗ gegen mit der größten Zärtlichkeit, und fühlte mich nun auf einmat von ihm verſtoßen, verlaſſen, ver⸗ kauft! Das war mehr, als mein Herz faſſen konnte; hätte meine ſtarke, jugendliche Natur nicht die drü⸗ ckende Laſt deſſelben durch einen Thränenſtrom erleich⸗ tert, ich würde in dieſem Zuſtande mein Leben geen⸗ det haben. Korradin ſah dieſe Thränen fließen, und ward innigſt gerührt, er bot alle ſeine Ueberredungs⸗ kraft auf, mich zu beruhigen, aber ſie gelang ſchlecht; endlich begann zwiſchen uns folgendes Geſpräch: Adelgunde. Weg, weg von mir; ihr ſeyd ein Wortbrüchiger, ein Meineidiger, ich kann euch nur haſſen. Korradin. Alles, alles, ſchönſte Adelgunde, nur nicht dieſen Vorwurf, denn ich verdiene ihn nicht! Adelgunde. Nicht? Schenktet ihr mir nicht ge⸗ ſern meine unbedingte Freiheit? Habt ihr ſie mir heute nicht auf die widerrechtlichſte Art geraubt? — 186 Korradin. Ich? Gott bewahre mich vor dem Gedanken! Gott ſtrafe mich mit euerm Haſſe, wenn ich dies that! Ihr ſeyd noch eben ſo frei wie geſtern, ſollt nie mehr Sklavin werden! Adelgunde. Frei bin ich? Nun wohl Kufſtehend ich will fort von hier! Korradin. Euer Vater verkaufte euch mir frei⸗ willig zum Weibe. Adelgunde. O der elenden, niederträchtigen Ent⸗ ſchuldigung! Kaufen? Verkaufen? Bin ich denn eine lebloſe Waare, die man jedem Käufer nach Belieben zuwerfen kann! Ich will dich vom Gegentheile über⸗ zeugen! Dein Kauf ſoll dir wenig nutzen, aber Oual. in Menge bringen! Korradin. Straft den Unglücklichen nicht, der unverſehens in Strom fiel, in der Todesangſt noch den Saum eures Kleides haſchte, ihn nun nicht laſſen will, weil er ohne dieſe Stütze unterſinken würde⸗ Seyd barmherzig, ihr habt mich hinabgeſtoßen, wollt ihr mich denn nicht auch wieder retten, ohne Mitleid ſinken ſehen 2 Adelgunde cbitter lachend). Nun wohl, ich will euch retten! Ich will dieſe unſeligen Reize vernichten, will ſterben! Korradin. Hört mich ruhig an. Ich will gedul⸗ dig harren, bis—— Adelgunde. O wenn es doch zwei Ewigkeiten gäbe, wenn doch ich ſo lange leben könnte, damit auch ihr ſo lange harren müßtet! Korradin. Nur eine kleine Zeit gönnt mir ru⸗ higes Gehör, und urtheilt dann erſt: Ich liebe euch unausſprechlich—— Adelgunde. Ich haſſe euch von ganzem Herzen⸗ Korradin. Weh mir Unglücklichen! 187 Er ſaß nun lange ſtillſchweigend neben meinem La⸗ ger. Ich merkte deutlich, daß er einen harten Kampf kämpfte, daß er in dieſem Augenblicke gerne ſeine Lei⸗ denſchaft überwunden hätte, aber nicht zu überwinden fähig war. Sein Auge thränte, ſeine Bruſt haſchte nach Athem, er hob bittend ſeine Hände zu mir em⸗ por; ich ward gerührt, weil ich gleiche Rührung in ihm zu erregen wünſchte, und verſprach ihn ruhig an⸗ zuhören. Korradin. Da ich ohne euch nicht leben kann, da ſich eben im fürchterlichſten Kampfe mit meinem Herzen der Verſtand überzeugt hat, daß ohne eure Gegenwart dunkle Finſterniß mich umgibt, jo bitte, ſo flehte ich jetzt nur dieſe von euch. Verlaßt mich nicht, mehr will ich nicht fordern. Die Zeit mag dann entſcheiden: ob ich fähig bin, euerm Beſitze zu ent⸗ ſagen, ob ihr's möglich machen könnt, mir ihn zu ge⸗ währen! Kein Wort der Liebe ſoll ohne euerm Winke meiner Zunge entfliehen, nur mein Auge ſoll fragen, und das eure antworten. Ihr ſollt frei ſeyn gleich einer Königin, die jeden Wunſch ihres Herzens befrie⸗ digen, nur des Land, welches ihr gehuldigt hat, nicht verlaſſen darf. Die Schätze meines Reichs ſollen euer Eigenthum ſeyn, ihr ſollt nach Gefallen wohlthun, und ungeſtört nach eurer Weiſe Gott dienen können. Ich will euch nicht gleich andern Weibern in die Gär⸗ ten des Harems einkerkern, ihr ſollt frei und unge⸗ hindert umherwandeln können, nur ſoll zu eurem Schutze meine Wache euch begleiten. Seyd ihr dieſen Antrag zufrieden, ſo beſtätigt ihn nur durch ein ein⸗ ziges Wort, und ich will dann ſogar eure Gegenwart meiden, will nie vor euch erſcheinen, wenn eure Güte mir es nicht vorher erlaubt hat. Ungeachtet mein Herz ihn als den Urheber meines Unglücks wirklich haßte, ſo konnte es meinen Verſtand 188 doch nicht verhindern, mich zu überzeugen, daß derje⸗ nige, welcher volle Gewalt in Händen hat und ſie nicht übt, groß unb edel handelt, folglich Anſpruch auf Dankbarkeit machen kann. Ich verſprach daher, nicht Hand an mein Leben zu legen, nicht zu fliehen, wenn ich ungehindert Freiheit genöße; doch mußte auch er mir hoch und theuer ſchwören, die ſelbſt gemachten Bedingungen aufs genaueſte zu erfüllen. Er thats mit Entzücken, jubelte hoch, daß ihm nun Hoffnung bliebe, und entfernte ſich freiwillig. Nie kehrte er ohne meine Erlaubniß wieder zurück; da ihm aber Bitte, um er⸗ ſcheinen zu dürfen, erlaubt war, ſo quälte er mich täglich mit ſo vielen, ſo mancherlei Botſchaften, die alle dahin abzweckten, daß ſelten ein Tag verging, wo ich ihn nicht ſehen und ſprechen mußte. Nie habe ich ein ſprachvolleres Auge geſehen als das ſeinige, es fragte und forſchte unaufhörlich, und ſetzte das mei⸗ nige voft in Verlegenheit, wie es abſchlagen ſollte, was er ſo wehmüthig zu bitten ſchien. Wir zogen bald darauf nach Jernſalem; ich fand dort viele leidende Chriſten, ſie ſchmachteten im Un⸗ glücke und ſchweren Feſſeln. Ich löste die meiſten der⸗ ſelben, und mein Herz genoß oft wahre Freude, wenn es ſo unbedingt wohlthun konnte. Der beſcheidne Kor⸗ radin fing nun an, kühner zu werden; er erſchien unangemeldet, er ſprach ohne Scheu von ſeiner inni⸗ gen Liebe, und flehte ungeachtet meiner Warnung um Erhörung. Dies empörte mein Herz aufs neue; hätte er länger im Stillen geduldet, ſeinen Vertrag nicht muthwillig gebrochen, er würde wahrſcheinlich meinen Haß beſiegt, mein Mitleid erregt haben: ſo erblickte ich aber aufs neue blos den Käufer meiner Ehre, ieiner Unſchuld in ihm, und beſchloß, eher zu ſter⸗ ben, als ihm die geringſte Gunſtbezeugung zu ge⸗ währen. 189 Um dieſe Zeit brach euer Heer von Akkon auf, ſiegte aller Orten, und weckte den ſchlummernden Korradin; wollte er nicht ſein ganzes Erbe verlieren, ſo mußte er ſich eiligſt dem reißenden Strome entgegenſtellen, der im ſchnellſten Laufe ſich Jeruſalem näherte. Mein Herz zagte, wenn es überlegte, daß nun bald meiner Brüder Blut fließen würde; aber es ſchlug auch laut vor Freude, wenn es dachte, daß ſein Peiniger ſich nun bald entfernen müſſe. Die Tage ſeines Abſchieds waren rauh und ſtürmiſch; oft wagte der kühne Jüng⸗ ling Gewalt, aber mein ernſter Blick, und die Ver⸗ ſicherung, daß ich auf der Stelle enden würde, ſchützte mich noch glücklich vor jeder Beleidigung. Er wollte mich mit ins Lager nehmen; ich widerſtand und ſiegte. Der Tag ſeines Auszugs war für mich ein Feſt, das mein Herz hoch feierte. Ich ſchwur damals ſchon zu Gott, daß ich, ehe er wiederkehre, entfliehen, und könnte ich dies nicht, ſterben wollte. Von dieſer Zeit an war Flucht mein einziger Gedanke; ſie war äußerſt ſchwer, aber doch nicht unmöglich. Ich hatte noch volle Ge⸗ walt, Gnaden mancher Art auszutheilen und die Feſ⸗ ſeln eines jeden Chriſten zu löſen. Der Divan war zum Gehorſame gegen mich verpflichtet und mußte mein Gebot ohne Widerrede erfüllen; ich ſpähte emſig unter den Gefangnen, ob mein Auge keinen finden könne, dem es ſich vertrauen könnez aber es fand teinen; Grauſamkeit und Härte hatten den Leidenden allen Muth geraubt, ſie konnten, wenn ich ihnen die Freiheit ſchenkte, wohl mit Worten, aber nicht mit Thaten danken. Jede Siegesnachricht war meinem Herzen neue Marter, aber auch neuer Sporn zur Aus⸗ führung meines Plans; ich machte ihrer mehr als hun⸗ dert, mußte ſie aber alle verwerfen, weil ich nieman⸗ den fand, der auf der Flucht mich ſchützen, mich glück⸗ lich aus des Feindes Händen führen könne. lim auf 190 jeden Fall bereit zu ſeyn, traf ich wenigſtens alle An⸗ ſtalten, ſicher und geſchwind aus dem Harem entfliehen zu können. Korradin hatte auf mein Verlangen auf der hohen Mauer des Gartens ein Gebäude errichten laſſen, von welchem ich die ganze Stadt überſehen konnte. Die Fenſter deſſelben waren eng vergittert, ich weilte oft ſtundenlang dort, um eines derſelben nach und nach zu löſen; es gelang wider Erwarten, und ich konnte es nach Belieben herausheben. Ich verfertigte in den Mitternachtsſtunden aus Leinenzeng, Kleidern und Seide eine Strickleiter und dies Stla⸗ venwamms, welches ich jetzt trage; ich verbarg alles in einem Gemache, das ich mir ſelbſt zur Kapelle ge⸗ weiht hatte, und welchem ſich kein Bewohner des Ha⸗ rems nahen durfte. Ich ließ mich oſt in den Gaſſen umher und durch die Thore tragen, damit ich des Wegs nach ſolchen kundig würde. Als ich einſt aus dieſer Abſicht den Vorhang meines Tragzeltes lüftete, erblickte euch mein Auge, es hoffte, euch mit dem erſten Blicke erkannt zu haben; da aber die Träger allzu geſchwind gingen, ich nicht rückwärts blicken konnte, ſo wars doch möglich, daß mein Auge mich betrogen und mein Herz mit leerer Hoffnung getäuſcht hätte. Ich befahl, als ich heimkehrte, daß man mir ſogleich die Zahl der gefangnen Chriſten anzeigen, mir ihre Namen und Wohnörter nennen ſollte. Der Dollmet⸗ ſcher erſchien am andern Tage, quälte mich mit tau⸗ ſend unbekannten Namen, und überzeugte mich endlich, daß ich Unglückliche wohl eure Geſtalt, eure Geſichts⸗ züge meinem Gedächtniſſe eingeprägt, aber in Sicilien nie gefragt hatte: wie mein größter Wohlthäter ſich nenne? Ich prüfte nun ſelbſt das Verzeichniß, und ſand in demſelben zwei Ritter, welche der Sultan hie⸗ her geſandt, hoch zu ehren und von meiner Tafel zu ſpeiſen geboten hatte. Meine Muthmaßung betrog mich nicht; und nun erfolgte, was euch ſelbſt ſchon bekannt iſt⸗ Der Greis. Nur eins mußt du noch zur Beru⸗ higung der Ritter erzählen: wie du entkamſt? Wie du deine Flucht vor jedem menſchlichen Auge verbargſt? Adelgunde. Als es am Tage eurer Abreiſe zu grauen anfing, legte ich unter mein Lager viele brenn⸗ bare Sachen, und zündete ſolche an. Wie ich Flam⸗ men ſah, ſchlich ich leiſe durch die Gemächer meiner ſchla⸗ fenden Wärterinnen nach der Kapelle; dort kleidete ich mich ſchnell um, färbte mein Geſicht, und eilte nach dem Garten; ich erreichte das Gebände glücklich, band die Strickleiter feſt und ſtieg hinab. Ich ging in den Straßen ſo lange auf und nieder, bis man die Thore öffnete. Groß war meine Freude, als ich den Theil des Palaſtes, welchen ich bewohnte, in hellen Flammen ſehen ſah. Der Lärm, das Gewühle, welches das Jeuer in der ganzen Stadt erregte, war meiner Flucht ſehr günſtig. Ich hatte mich zwar mit einem Geleits⸗ briefe verſehen, welchen ich unter dem Thore aufzeigen wollte: da aber mein Anzug noch ſchlecht geordnet, mein Geſicht unordentlich gefärbt war, ſo fürchtete ich Entdeckung, und war herzlich froh, daß ich unter dem Schwarme, welcher zum Löſchen herbeieilte, mich durch⸗ drängen, und ungefragt das Freie erreichen konnte. Erſt im Palmwalde ordnete ich meinen Anzug voll⸗ ſändig, färbte im Glanze des Baches mein Angeſicht, und befeſtigte meinen Bart. Daß mir die Verſtellung gut gelang, beweist die Folge, weil die ganze Zeit der Reiſe auch nicht ein Gedanke des Verdachts in euch erwachte. Erſt wenn wir Sidon und dort die riſtliche Flotte glücklich erreicht hätten, würde ich mich euch ſelbſt entdeckt, und innig gedankt haben, daß ihr unter euerm Schutze mich mitnahmt und glücklich befreitet. Frievrich. Und warum nicht eher, nicht früher? 192 Adelgunde. Weil ich euch nicht ohne Noth Sorge und Kummer machen wollte, weil ich überdies euern deutſchen Biederſinn fürchtete, der's vielleicht für unrecht gehalten hätte, dem Sultan, der euch eun ſo erträglich machte, ſein Weib zu ent ühren. Friedrich. Wärſt du ſein Weib!— Ich würde jetzt noch anders handeln; aber die verkaufte Jungfrau aus den Händen des Wollüſtlings zu retten, iſt Pflich des deutſchen Ritters, die er willig, auch mit Gefahr ſeines Lebens erfüllt. Sey daher unbeſorgt, erſt müß⸗ ten wir fallen, ehe man dich gefangen zurückführen könnte. Doch laßt uns jetzt genießen, was der wun derbare Greis uns zum Genuſſe vorgeſetzt hat, wi müſſen dann trefflich eilen, um ſo geſchwind als möh lich Sidon zu erreichen. Der Greis. Zu was bedarfs der Eile, da ih ſo ſicher und ohne Gefahr ziehen könnt. Friedrich. Mann mit dem prophetiſchen Geiſt ſiehſt du wirklich keine Gefahr? Forſche einmal mi deinem Blicke zu Jeruſalem umher, hat man die Fluch der Sultanin noch nicht entdeckt? Der Greis. Noch nicht! und wie ſollte man es Ganz Jeruſalem glaubt, daß die Flammen ſie verzehl haben, und vieler Augen beweinen aufrichtig ihren ſe ſchrecklichen Tod. Friedrich. Wird man auch noch weinen, wen man im Gartengebäude das gelöste Gitter, die aus ihrer Kleidung verfertigte Strickleiter entdecken wird⸗ Der Greis. Sieh! ſieh) wie das Alter vergi lich macht!(nachdenkend) Nein! deine Furcht iſt ohn Grund! Die Strickleiter ward zwar gefunden, abh ohne Unterſuchung weggeworfen, man glaubte, daß di erſchrocknen Stlavinnen ſich vor der Wuth der Flan men da hinaus gerettet hätten, und forſchte nicht weiten —— e ür r tt⸗ —— 161 Kräfte vermindert hätte. Noch war kein Monden ver⸗ floſſen, ſo hatte gute Pflege dieſes erſetzt, und der kößtlichſte Balſam ihre Wunden geheilt. Um dieſe Zeit führte man ſie nach Jeruſalem; ſie würden bei dem unthätigen, thatenloſen Leben, welches ſie jetzt zu füh⸗ ren gezwungen waren, ſich willig den Mauern dieſer heiligen Stadt genähert haben, wenn die Reiſe dahin ſie nicht immer weiter von ihren Weiberp und dem chriſtlichen Heere entfernt hätte. Beider Schickſal ruhte ſchwer auſ ihren Herzen; ſchon zu Cäſarea hatten ſie vernommen, daß Korradin die Veſte Dok belagere. Mächtigere Fieberkälte ſchüttelte ihre Gebeine, wenn ſie ſich die Weiber noch auf dieſer dachten, und nur die Hoffnung, daß der Tauben Botſchaft ſie früh ge⸗ nug gewarnt und nach Akkon getrieben hätte, hielt ihren Muth aufrecht. Noch eins gab Friedrichen Stoff zur neuen Qual. Die Fahne des Bundes war in der unglücklichen Schlacht verloren gegangen. Er wußte nicht: ob Eſchenbach, der ſie trug, im Getümmel ſei⸗ nen Ruf verſtanden und ſich mit dem König gerettet habe? Oft ſprach er mit Heinrichen darüber, und er⸗ innerte ihn an die Worte ihres Hauptmannes, der Schande und Hohn allen denen verheißen hatte, welche ohne dieſe lebend zurückkehren würden. Freude durch⸗ glühte zum erſtenmal wieder ſein Herz, als ihm durch einen gefangnen Knecht die ſichere Nachricht ward, daß er, als der König den Felſen gewann, die Fahne des Bundes noch auf der Spitze deſſelben habe wehen ſehen. Da es den Rittern erlaubt war, frei und un⸗ gehindert zu Jeruſalem umherzugehen, ſo beſuchten ſie alle heitige Oerter, und beteten dort für der Chriſten Wohl, weil ſie nicht für ſolches fechten konnten. Als ſie einſt um Mittagszeit in ihre Herberge zurückkehr⸗ ten und die Speiſen genießen wollten, welche ihnen lederzeit aus des Sultans Palaſte geſandt worden, Löwenritter 2. 11 162 fanden ſie in einer leeren Schüſſel einen Zettel fol⸗ genden Inhalts:„Wenn die Sonne ſich zum Unter⸗ „gange neigt, ſo wandelt zum Hauſe, in welchem einſt „der Heiland das Oſterlamm aß, ich will dann ſehen: „ob mich meine Augen nicht täuſchten, ob ihr wirk⸗ „lich diejenigen ſeyd, die es zu ſehen wünſcht? Harrt „meiner, bis ich komme, ihr ſollt mich dann auch ken⸗ „nen lernen. Vielleicht kann ich wieder vergelten, viel⸗ „leicht—— Doch das weitere dann erſt, wenn ich „überzengt bin.“ Die Ritter laſen dieſen merkwürdi⸗ gen Zettel, der zwar in deutſcher Sprache, aber ſehr unleſerlich mit rother Farbe geſchrieben war, mehr als einmal; ſie prüften die verlangte That, und da ſie dabei nichts verlieren, wohl die Bekänntſchaft eines neuen Freundes gewinnen konnten, ſo beſchloſſen ſie, um die beſtimmte Zeit hinzugehen. Wie ſie daſelbſt anlangten, verſagte ihnen die dort ſtehende Leibwache des Sultans den Eintritt; ſie wunderten ſich deſſen, erfuhren aber bald, daß das Lieblingsweib des Sul⸗ tans, welches auch eine Chriſtin ſey, im Hauſe jetzt bete, und folglich kein Mann ſich der Schwelle nahen dürfe. Wie ſie noch im Vorhofe ſtanden, trat dieſe auch wirklich heraus: alle Männer warfen ſich zur Erde, nur die Ritter thatens nicht, und eilten rückwärts, um zu dieſer ſelaviſchen Verehrung nicht gezwungen zu werden. Die Sultanin ging vorüber, und die Ritter eilten ins Haus, um denjenigen zu erwarten, der ſie dahin beſchieden hatte; aber niemand erſchien, und ſie mußten mit un⸗ befriedigter Nengierde von dannen gehen. Am folgen den Tage fanden ſie in der nämlichen Schüſſel einen andern Zettel.„Wärt ihr gar nicht gekommen, ſtand „darin geſchrieben, ſo hätte ich vermuthet, daß der Zet⸗ „tel nicht in eure Hände kam, daß ihr ihn nicht zu „leſen verſtandet. Jetzt bleibt mir nur die Hoffnung „daß ihr wirflich die gefühlloſen Deutſchen ſeyn müßt, 163 „für welche ich euch halte. Die Sultanin zog in Pracht „und Glanze vor euren Augen vorüber, und ihr wan⸗ »det ſie abwärts, blicktet nicht einmal nach ihr hin, „da euch doch mehr als ein Blick vergönnt war. Furcht „kann euch nicht abgehalten haben, denn wenn ihr „ſeyd, wofür ich euch halte, ſo iſt dieſe enerm Herzen „fremd, drum kommt heute wieder nach der Kapelle, »harrt im Vorhofe der Kommenden oder Rückkehren⸗ „den. Blickt kühn nach ihr, für die Folgen ſtehe ich.“ Die Ausführr ing der verlangten That erforderte nun mehrere Ueberlegung, denn ſie war mit Gefahr ver⸗ bunden. Leicht konnte ihr frecher Blick die Sultanin beleidigen und reizen; doch da ein Wink von ihr des Pöbels Rache der unbekannte Schreiber im Voraus — überzeugt zu ſeyn glaubte, daß Furcht und Gefahr ſie nicht hindern würde, ſo waren ſie ehrgeizig genug, dieſen Glauben zu beſtätigen, und gingen hin. Sie kamen diesmal früher; noch war die Sultanii nicht hier, aber kaum hatten ſie Platz in der Kapelle ge⸗ nommen, ſo erſchien ſchon ihre Leibwache, um alles, was Mann ſſch nannte, daraus zu verjagen. Schon im Vorhofe kam ihnen die Sultanin entgegen; ſie blickten mit feſtem Blicke nach den dichten Schleier, der ihr ihr hin, und ſie ſchlug Geſicht verhüllte, mit einmal zurück. Friedrich und Heinrich ſtaunten; ſie lächelte und ging nach der Kapelle. Jeder forſchte nun ei den andern: und beide kamen ob ſein Auge recht geſehen habe? vollkommen darin überein, daß die Sultanin die Gräfin Adelgunde von Zekano ſey. Sie beſchloſſen nun, Rückkehr zu erwa ein Dollmetſcher, um ſich ganz zu überzeugen, ihre rten; ehe aber dieſe erfolgte, erſchien der ihnen in ernſten Ausdrücken kund machte, daß ſie entweder bei Annäherung der Sulta⸗ nin ſich der morg entfernen müßten. enländiſchen Sitte fügen, oder ſchnell Sie wählten das letztere, und gin⸗ 16¹ gen gedankenvoll nach ihrer Herberge. Volle vier Tage verfloßen, ohne daß ihnen neue Botſchaft oder nähere Aufklärung ward. Am frühen Morgen des fünften Tages, als ſie kaum ihr Lager verlaſſen hatten, trat ein Emir in ihr Gemach und verkündigte ihnen in Namen der Sultanin vollkommne Freiheit, und die Erlaubniß, nach dem chriſtlichen Heere zurückkehren zu können. Der Herrſcher Korradin, fügte er hinzu, hat ſeinem Lieblinge die Macht ertheilt, die Feſſeln eines jeden Chriſtenſelaven löſen zu können. Sie hat euch, als ſie zur Andacht zog, für ihre Landsleute erkannt, ſie ſchenkt euch die Freiheit, und der Divan ſendet euch auf ihr Geheiß dieſen Geleitsbrief, damit ihr um gehindert die ſelbſt gewählte Straße wandeln könnet Damit ihr aber auf dem Heimzuge nicht Mangel lei det, ſo fügt ihre Güte dieſen Beutel mit Gold be Er legte nun den Geleitsbrief und den Beutel auf den Tiſch und ging von dannen. Lange feſſelte Stillſchwet gen der Ritter Zunge. Das Gefühl der nahen Frei⸗ heit, die ſüße Hoffnung, ihre Weiber wieder zu um⸗ armen, beſchäftigte ihr Herz im Stillen. Endlich gat Heinrich ſeiner Empfindung Worte. Heinrich. So hat uns doch das Glück nicht gan verlaſſen! Wir werden ſie wieder ſehen! Friedrich. Bruder! laß allzu frohe Hoffnung uns nicht trügen, vielleicht ſchmachten unſre Weiber in Feſſeln, da wir Freiheit zu athmen beginnen. Heinrich. O rrübe den hellen Schein der Hoff nung nicht ſo ſchrecklich. Friedrich. Auch ich glaube nicht, daß eben in mer das größte Unglück unſer harren muß, ich wollt nur mein Herz prüfen: ob es ſolches zu tragen vel⸗ mögend ſey, und ich fand deutlich, daß es unterliegen würde. Da der Emir ihnen übrigens ausdrücklich die Waßl ge re en at m ie zu at et . 165 der Straße überlaſſen hatte, ſo zog ihr Herz ſie nach der Veſte Dok. Ob ſie gleich fürchteten, daß das feindliche Heer ihnen den Eingang verwehren, nicht zulaſſen würdé, daß der Widerſtand ſich mehre, ſo be⸗ ſchloſſen ſie doch um der Weiber willen es zu wagen, und träfe ihre Vermuthung ein, ſich gegen Akkon zu wenden, wo ſie wenigſtens Nachricht von erſtern zu erfahren hofften. Um die Reiſe und mit ihr die Ent⸗ ſcheidung ihres Schickſals nach Kräften zu fördern, wollten ſie am nämlichen Tage noch Roſſe kaufen. Als Friedrich zu dieſer Abſicht den Beutel öffnete, fand er auf dem Golde folgenden Zettel:„Edler Mann! „Ich habe dein Geſicht meinem Gedächtniſſe allzu gut „eingeprägt und dich beim erſten Blicke erkannt! Wohl „mir, wenn du dich auch noch der unglücklichen Adel⸗ „gunde erinnert haſt. Sie hofft, daß du deine Freiheit „als einen Beweis annehmen wirſt, daß ſie der Wohl⸗ „that nicht vergißt und gerne dankbar ſeyn will. Doch „mußt du, wenn du ſie genießen willſt, folgende Vor⸗ „ſchrift aufs genaueſte und ohne Prüfung erfüllen. „Uebermorgen, wenn die Sonne die Zinne des Tem⸗ „pels zu vergolden anfängt, ziehſt du mit deinem Bru⸗ „der aus der Herberge. Du kaufſt dir vorher zwei „Roſſe und ein Kameel, das dein Gepäcke trägt. Du „wählſt die Straße gen Sidon, und lagerſt dich bei »den hohen Palmbäumen, die unfern der Heerſtraße »grünen: dort wirſt du einen armen Cyriſtenſelaven „finden, der dir dein Kameel leiten wird. Er iſt mit »im Geleitsbriefe benannt, er iſt wie ihr frei, und „wird eure Reiſe nicht hindern, ſondern nach Kräften „fördern. Wenn du alles dieſes getreu und nach deut⸗ „ſcher Sitte erfüllen willſt, ſo gehe noch heute zur »Kapelle, in deren Vorhofe ich dich ſah. Nimm einen Palmzweig mit dir und lege ihn auf den Altar. „Lebe wohl und glücklicher als die dankbare Adelgunde“ — 166 Obgleich manches in dieſer Vorſchrift den Rittern räth⸗ † ſelhaft ſchien, ſo beſchloßen ſie doch die genaue Er⸗ füllung derſelben, weil ſie Vorſicht für ihre Sicherheit darin vermutheten, und überdies ihrer Wohlthäterin Willen ehren wollten. Am ſchwerſten fiel es ihnen, den Weg nach Sidon zu wählen, weil dieſer ſie von ihren Weibern noch mehr entfernte; da ſie aber Auf⸗ kärung durch den Chriſtenſclaven zu erhalten hofften, ſo wählten ſie ihn doch und wollten dann erſt beſchlie⸗ ßen. Friedrich trug noch am nämlichen Tage den Pal⸗ menzweig nach der Kapelle, und ordnete am zweiten ſein Reiſegeräthe ganz, damit er ohne Hinderniß am folgenden Morgen ausziehen konnte. Als ſie die Herberge verließen, herrſchte in der Stadt. Lärm und wildes Geſchrei. Der Palaſt des Sultans ſtand in vollen Flammen, und das Feuer konnte nur. mit größter Mühe gedämpft werden. Am Thore wur⸗ den ſie zwar angehalten, alsſie aber ihren Geleits⸗ brief vorzeigten, ſo küßte die Wache das Siegel und ließ ſie in Frieden ziehen. Der Palmenwald lag nun vor ihnen: ſie lenkten ihre Roſſe dahin, und trafen dort den Sklaven, der ihr Kameel leiten ſollte. Er war in Lumpen gekleidet, und hatte durch drei lange Jahre die Grauſamkeit eines barbariſchen Herrn er⸗ tragen müſſen, der ihn gleich einem Viehe behandelt und oft jämmerlich gezüchtigt hatte. Die Sultanin war einſt Zeuge geweſen, wie er einem Ochſen gleich das Feld ackern mußte, hatte Barmherzigkeit an ihm geübt, ihn losgekauft, und den Auftrag ertheilt, daß er im Palmenwalde zwei deutſche Ritter erwarten, und mit ihnen nach ſeinem Vaterlande Sicilien zie⸗ hen ſollte. Dies erzählte er den Rittern in gebrochner deutſcher Sprache, und da er nebenbei ſehr ſtotterte, ſo konnten ſie ihn ſchwer verſtehen und mußten oft wiederholt fragen. Friedrich forſchte nun bei dem Skla⸗ ——— 167 ven: ob er der urſache kundig ſey, warum ſie nicht nach Akkon, ſondern hinab nach Sidon ziehen ſollten 2 Der Sklave. Ich kann euch belehren. Akkon und Dok wird von Korradin belagert, den Chriſten iſt alſo der Zutritt dahin verſchloſſen. Zu Sidon ſammelt ſich aber jetzt eine chriſtliche Flotte, welche Akkon zu Hilfe eilen will. Wahrſcheinlich ſendet euch daher die Sultanin, welche den Chriſten ſtets hold iſt, nach die⸗ ſem Hafen, damit ihr dort Gelegenheit findet, eure Tapferkeit auſs neue zu üben. Friedrich und Heinrich freuten ſich über dieſe Nach⸗ richt gleich ſtark. Um die Flotte nicht zu verfehlen, beſchloſſen ſie, ſo viel als möglich zu eilen, und da der Sklave verſicherte, daß er dieſen Weg ſchon einmal gemacht habe und ihm kundig ſey, ſo überließen ſie ſich ſeiner Leitung. 2 Ohne den geringſten Unfall zogen ſie nun fort, und hatten ſchon Nazareth hinter ſich, als ihnen an einem ſehr heißen Tage ihr Knecht den Rath ertheilte, Schat⸗ ten unter den Bäumen zu ſuchen, welche auf einer Anhöhe lieblich grünten. Sie zogen dahin und freuten ſich ſehr, als ſic bald in dieſem Walde ein kleines Haus, und auf dieſem ein Kreuz erblickten. Da ſie dadurch überzeugt wurden, daß Chriſten es bewohnten, ſo hofften ſie dort um ſo gewiſſere Labung zu finden, und näherten ſich der Thüre. Neue Verwunderung ergriff ſie, als ſie ſahen, daß über dieſer ein Dolch und drei Eichenblätter eingehauen waren. Wie glücklich⸗ wie unverhofft! rief Friedrich und öffnete die Thüre. Ein alter, tief gebückter Greis wankte, auf einen Kno⸗ tenſtock geſtützt, ihnen entgegen. Sein eisgraues Haupt, ſein langer Bart von gleicher Farbe flößte den Rittern Ehrfurcht ein. Der Greis. Willkommen, willkommen tapfere Ritter des Löwen, meiner Rechnung nach hättet ihr 168 ſchon geſtern hier eintreffen ſollen. Doch ſchadet der kleine Verzug den Erfriſchungen nicht, die ich für euch zubereitet habe, ſie werden euch jetzt um ſo beſſer ſchmecken. Friedrich(voll Erſtaunen). Seltener Greis, wie konnteſt du unſre Ankunft erwarten, wie konnteſt du vermuthen, daß uns eben ein Zufall nach dieſem Wäld⸗ chen und vor deine Thüre führen würde2 Der Greis. Derjenige, welcher im Buche der Zukunft zu leſen verſteht, kann dies und noch weit mehr nicht allein vermuthen, ſondern auch mit Gewiß⸗ heit behaupten. Als ich neulich mit dem Blicke des Forſchers Europa's Gefilde durchwanderte, da fand dich mein Blick an Siciliens ufern, ich weilte, und ſah zu, wie du ſo groß, ſo edel handelteſt. Deine That ge⸗ wann mein Herz, ich folgte dir überall, ich ſah, wie du bei Cäſarea kämpfteſt, wie du für's Wohl der Chri⸗ ſtenheit bluteteſt, und endlich unterlagft. Ich flehte zu Gott, und erweichte das Herz der Sultanin; ſie ſchenkte dir Freiheit, und mir das Glück, dich zu ſehen, dich zu umarmen, und dir vorzuſetzen, was meine Armuth vermag. Auch du, Heinrich, ſey mir willkommen, du ahmſt Friedrichen an Tapferkeit nach, du biſt würdig, ſein Bruder zu heißen. ⸗ Heinrich. Wunderbarer Mann, du mußt uns ehe ſchon geſehen und gekannt haben! Der Greis. Ich verzeihe dir willig dieſen Arg⸗ wohn, weil meine Gabe ſo ſelten iſt wenig Menſchen ihre Wirkung erfahren, noch wenigere ſie zu üben ver⸗ ſtehn. Doch fordere kühn noch mehrere Beweiſe meiner Kunſt. Auf deiner Zunge ſchwebt eine Frage, gib ihr Worte, ich will ſie beaniworten. Heinrich. Wahrlich, du haſt's errathen! ich wollte bei dir forſchen, wie es wohl unſern Weibern gehe? Der Greis. Vor kurzer Zeit hätte ich dir ungerne 169 dieſe Frage beantwortet. Ich bangte damals für ihr Leben; aber jetzt kann ich euch freudenvolle Nachricht geben. Friedrich. O wollte Gott, ſie wäre dann auch eben ſo wahr! Der Greis(ſeinen Bart ergreifend). Betrachte die⸗ ſes Haar, es iſt in Ehren ergraut, ich werd's am Ende meiner Tage nicht mit Lügen beflecken. Er erzählte ihnen nun Ritter Wieſenborns That, ſein Ende, und das folgende, wahre Schickſal der Wei⸗ ber; endlich verſicherte er ſie, daß ſie ſolche geſund und wohl zu Akkon wieder finden würden, wenn ſie von Sidon aus mit der chriſtlichen Flotte dahin zurückkehr⸗ ten. Freude und Erſtaunen ergriff nun in gleichem Grade die Herzen der Ritter; ſie wagten es nicht mehr zu zweifeln, und ehrten in dem Greiſen einen Pro⸗ pheten Gottes, deſſen kräftigem Gebete ſie das Wohl ihrer Weiber empfahlen. Eben begann ein neues Ge⸗ ſpräch, als der Chriſt, welchen die Ritter mit ſich führ⸗ ten, ins Gemach trat und den Alten fragte: wo er Roſſe und Kameel tränken könne? Der Greis ſtarrte den Sklaven lange mit Verwunderung an; endlich gebot er ihm, nordwärts zu treiben, wo er Waſſer in Menge finden würde. Er ging, und Friedrich forſchte bei dem Alten: warum er den Sklaben ſo ſtark be⸗ trachtet habe. Der Greis. Wunderbar, großer Gott! ſind deine Wege, auf welchen du die Menſchen in die Gefahr führſt! Noch wunderbarer aber diejenigen, auf welchen du ſie wieder glücklich erretteſt! Oft ſah mein Blick dieſen Jüngling neben euch herziehen, nie achtete ich ſeiner, und er war doch meiner Achtung ſo würdig Friedrich. Ich verſtehe dich nicht! Der Greis. Auch ich muß erſt alles ordnen, wenn ich begreifen und es euch enthüllen will. Gönnt 17⁰ mir nur ein wenig Zeit, es ſoll euch bald Aufklärung werden. Er ſchloß nun ſein Auge, ſaß in tiefer Betrachtung, lächelte dann und wann ſtill für ſich, und faltete bald hernach wieder ſeine Stirne mächtig; endlich erheiterte ſich ſein Blick. Der Greis. Wie glaubt ihr wohl, daß der Sklave ſich nenne, welcher euer Kameel leitet? Friedrich. Noch habe ich nicht nach ſeinem Na⸗ men geforſcht. Sicilien iſt ſein Vaterland. Der Greis. Jo, ſo iſt's. Er ſtammt aus edlem Geblüte. Heinrich. Dann war er beſſere Tage gewohnt, und ſein Loos um ſo ſchrecklicher. Wir wollens ihm nach Kräften erleichtern. Der Greis. Das thut, denn er verdients! Wenn ihr wüßtet—— Doch ihr ſollt, ihr müßt es erfahren. Längerer Verzug könnte euch und ihm ſchaden. Euer Sklave nennt ſich Adelgunde. Friedrich. Adelgunde von Zelano? Der Greis. Adelgunde, Gräfin von Zelano! Friedrich. Unmöglich! Diesmal, Alter, hat deine Kunſt dich irre geführt. Dieſe Adelgunde iſt jetzt das Lieblingsweib des Sultans. Ich kenne ſie von Sic⸗ lien her, ſah ſie jetzt ſelbſt zu Jeruſalem im vollen Glanze der Herrſcherin. Wie könnte dieſe bis zum Sklaven ſich erniedrigen? Wie—— Der Greis. Frage nicht weiter, denn aller deiner Zweifel ungeachtet, iſt dieſer Sklav doch Adelgunde. Friedrich. Du raubſt mir durch dieſe wiederholt Verſicherung viel Freude, vielen Troſt, denn wenn du dich, als du unſrer Weiber Schickſal aufklärteſt, nicht auf beſſere Gründe ſtützteſt, ſo kann und muß ich im⸗ mer noch für ihr theures Leben zittern. Wie kann, wie ſoll dieſer Sklave Adelgunde ſeyn? Betrachte ihn 17¹ genauer, ſein von der Sonne verbranntes Geſicht gleicht einem Aſiaten, ſein dichter Bart beweist deutlich ſeine Mannheit, und ſeine ſtotternde Sprache—— Der Greis. Als ob dies alles nicht Verſtellung ſeyn könne! Als ob der Saft des Aloeholzes nicht gelb färbte? Harre, bis ſie wiederkehrt, und dir ſoll Beweis werden. Friedrich. Laß uns ihr lieber entgegen eilen, denn iſt dein Ausſpruch Wahrheit, ſo ſiehſt du wohl ſelbſt, in welche Gefahr uns die Unvorſichtige ſtürzte, welche ſchreckliche Strafe unſer harrt, wenn wir ent⸗ 5 würden. Tauſende werden ſchon nach ihr umher⸗ ſpähen.—— Der Greis. Martere dich nicht mit Vorſtellun⸗ gen, deren Erfüllung unmöglich iſt. Dieſe Kluge hat ihre Flucht nur allzu gut geſichert. Erinnerſt du dich noch, daß eben, wie du auszogſt, Feuer den Palaſt des Sultans verzehrte?2 Friedrich. Ich erinnere mich deſſen ſehr wohl. Der Greis. Der Urheber dieſer Flammen war ſie; als ſie im Sklavenkleide entfloh, da legte ſie Feuer unter ihr Lager, es flammte bald empor, verzehrte dies und das ganze Gemach, ehe Hilfe erſcheinen konnte. Wie kannſt du alſo wähnen, daß man die Verlorene in deinem Gefolge ſuchen wird, da man doch über⸗ zeugt iſt, daß die Flamme ſie elendiglich verzehrte. Schon iſt dieſe ſchreckliche Rachricht dem Sultan wor⸗ den, ſchon trauert er innig um die Heißgeliebte, wünſcht Friede mit den Chriſten, um ungeſtörter trauern zu können. Kommſt du nach Akkon, ſo rathe deinen und meinen Brüdern, daß ſie die Gelegenheit nützen, und ihre ſchwachen Kräfte zur künftigen Fehde ſparen⸗ Friedrich. Wenn's wirklich ſo wäre! Noch kann ichs nicht faſſen, denn auch kein Zug ihres Geſichts, kein Ton ihrer Sprache hat ſich guf dem langen Wege verrathen! Unmöglich kann ſich ein Weib ihres Alters ſo ganz verſtellen! Und was konnte ſie zur Flucht rei⸗ zen? Was bewegen, einen Palaſt zu verlaſſen, in wel⸗ chem ſie als unumſchränkte Königin herrſchte? Der Greis. Sie mag dir alle deine Fragen ſelbſt beantworten, denn ſchon naht ſie ſich der Hütte, nur ſo viel ſey dir indeß kund, daß die Urſache ihrer Flucht groß und edel war, daß ſie lieber in Elend und Dürf⸗ tigkeit ſchmachten, als die Geliebte eines Ungläubigen ſeyn wollte, der ſeine Hand ſtets mit dem Biute ihrer chriſtlichen Brüder befleckte. Kaum hatte der Greis ſeine Rede geendigt, ſo trat der Sklave wieder ins Gemach. Friedrich und Hein⸗ rich unterſuchten nun mit gleich begierigem Auge ſeine Geſtalt, ſeine Geſichtszüge aufs neue, und verſicherten endlich im leiſen Tone den Greis, daß er ſich trügen müſſe, daß dies unmöglich Adelgunde ſeyn könne. Der Greis. Wir wollens verſuchen! eim ernſten, raſchen Tone) Adelgunde von Zelano, wie kommſt du hieher? Der Sklave cerſchrocken). Gilt das mir? Der Greis. Und du kannſt noch fragen? Geh, und reinige dein Geſicht, dann kehre wieder, und gib Rechenſchaft, was dich zu ſo gefährlicher That verlei⸗ tet hat? Der Sklave. Gott! Ich bin verloren! cknieend) Wunderbarer Alter, der du mit einem Blicke entdeckſt, was keines Menſchen Herz ahnete, erbarme dich meiner, verrathe mich nicht, überliefere mich nicht den Händen der Ungläubigen, welchen ich mit ſo vieler Liſt entfo hen bin. E Der Greis. Steh auf und ſey getroſt! Ich wil nicht dein Verräther, ich will dein Vater werden. Geh, reinige dein Geſicht, und überzenge die Ritter, daß du Adelgunde biſt. Der Sklave wankte nun fort, und kehrte bald her⸗ nach mit gereinigtem Geſichte zurück; die gelbe Farbe ſeiner Wangen, ſein dicker Bart war verſchwunden; unter der Sklavenkappe lächelten jetzt ein paar große, ſchwarze Augen hervor, die um Vergebung zu flehen, und doch zu drohen ſchienen. Friedrich und Heinrich erkannten Adelgunden beim erſten Blick, aber ſie fan⸗ den keine Worte, ihre Verwunderung auszudricken. Friedrich enach einer langen Pauſe). Bei Gott! Sie iſts! Sie iſts wirklich! Der Greis. So haben meine dunkeln, alten Au⸗ gen alſo doch deine ſo hellſehenden beſchämt!—— Denkt nur, edle Jungfrau, er wollte mich mit Gewalt überreden, daß ihr nur ein gemeiner Sklave wärt! Adelgunde. O warum raubtet ihr ihm dieſen Irrthum, den ich ſo gerne noch länger unterhalten hätte. Er wird nun die Möglichkeit der Gefahr ſcheuen, mich ohne Hilfe im fremden Lande zurücklaſſen! Doch nein! nein! Er denkt zu groß, zu edel! Er ward ſchon ehe mein Retter, er wird's wieder werden! Nicht wahr, edler Ritter des Löwen, ihr werdet euch ferner noch meiner erbarmen, und nicht zugeben, daß ich ver⸗ zweiflungsvoll ein Leben ende, welches ich ehmals ſchon zum Geſchenke von euch erhielt. Friedrich. Seyd ruhig, edle Jungfrau! ſo lange ich athme, will ich euer Leben, eure Sicherheit verthei⸗ digen! Fflicht und Dank verbinden mich gleich ſtark dazu! Ohne eure Hülfe wäre ich noch ein Gefangner, könnte nicht die ſüße Hoffnung nähren, einſt mein Weib, mein Vaterland wieder zu ſehen. Doch verzeiht meiner Neugierde, ſie hat der Fragen an ehch tauſende in Bereitſchaft, ich weiß nicht, wie ich ſie ordnen ſoll! Wie kamt ihr aus Sicilien nach Jeruſalem? Wie wur⸗ det ihr die Allgeliebte des Sultans? Wie ward euch der ſeltene Entſchluß, Reichthum, Glanz und Hoheit 17⁴ mit einmal zu verlaſſen, und uns in dieſem elendem Sklavenwammſe zu folgen? Der Greis clachend). Adelgunde! du ſiehſt wohl leicht ein, daß der Ritter alles zu erfahren wünſcht, was ſich ſeit deiner Abreiſe aus Sicilien mit dir zuge⸗ tragen hat; da er dir ſo unbedingt fernern Schutz gewährte, ſo wirſt du wohl zum Lohne ſeines Edel⸗ muths die Bitte erfüllen müſſen. Erzähle ihm alles, mein Blick ſoll indeß dafür ſorgen, daß niemand uns unvorbereitet überraſche. Adelgunde. Ihr gebietet, und ich gehorche. Noch am nämlichen Tage, als wir auf dem offenen Nachen von Sicilien abreisten, erblickten wir unfern von uns ein Schiff; da wir nicht wußten, ob gutgeſinnte Men⸗ ſchen es belebten, ſo befahl mein Vater den Ruder⸗ knechten, ſich ſo viel als möglich vom Laufe deſſelben zu entfernen. So ſehr dieſe ſich auch mühten, den Befehl meines Vaters zu erfüllen, ſo konnten ſie ihre Abſicht doch nicht erreichen, denn je mehr ſie ruderten, je näher kam uns das Schiff. Wir entdeckten bald deutlich, daß es uns nachrudere, und da Flucht un⸗ möglich war, ſo beſchloſſen wir, es zu erwarten. Als es ſich ganz nahte, erbleichte meines Vaters Geſicht mächtig. Er erkannte die Flagge der Sarazenen, und ermahnte die Ruderer zur neuen Flucht. Sie erneuer⸗ ten willig ihre ganze Kunſt; aber bald faßte unſern Nachen ein Haken, den ſie vom Schiffe nach ihm aus⸗ warfen, und wir waren ohne Rettung verloren. Mit verzweiflungsvollem Blicke ſahe ich nun zu, wie die Barbaren all meine Mühe, und eure ſo herrliche That mit einem Mal vernichteten, wie ſie meinen Vater und Onkel in Ketten ſchmiedeten, auf die Ruderbank ſetzten und ohne Barmherzigkeit zu rudern geboten. Ich ver⸗ ſuchte vergebens, ob mein Flehen ſie nicht erweichen, meine Thränen ſie nicht rühren könnten. Es gibt den 175 Herzen, die dem eurigen gleichen, ſo wenige; ſie blick⸗ ten kalt in mein Leiden, und geboten mir endlich im rauhen Tone Stillſchweigen. Sie nahmen ihren Lauf nach Alexandrien; die Reiſe war lang und gefahrvoll. Ich will euch den Jammer nicht ſchildern, den mein Herz empfand, wenn ich zuſehen mußte, wie die Grau⸗ ſamen meinen Vater peitſchten, weil er, der harten Arbeit ungewohnt, oft nicht mehr zu rudern vermochte. Er würde vielleicht ſchon auf der See ſein Leben ge⸗ endet haben, wenn ich nicht die beſſere Koſt, welche ich erhielt, mit ihm getheilt, nicht oft ſelbſt gehungert hätta, um nur ihn laben zu können. Als wir ſchon die aſia⸗ tiſche Küſte von ferne ſahen, überfiel uns ein neuer Sturm; ich bat Gott inbrünſtig, daß er unſer Elend enden ſollte; aber er hörte unſer Flehen vielleicht des⸗ wegen nicht, weil er mich durch neues Unglück noch länger prüfen wollte. Der Sturm legte ſich, unſer Schiff war aber leck geworden und konnte die See nicht mehr halten; wir mußten zu Sidon landen. Kor⸗ radin, der Sohn des Sultans, war eben dort ange⸗ langt; er kam von Damaskus, wo ſein Vater Hof hielt, ging am Hafen ſpazieren, und ſah zu, wie un⸗ ſere Führer ſich vergebens mühten, das lecke Schiff in den Hafen zu leiten. Er ſandte uns Hilfe, und wie Anker geworfen wurde, kam er ſelbſt aufs Schiff. Er forſchte bei dem Befehlshaber: ob er gute Beute ge⸗ macht habe, und da dieſer ihn verſicherte, daß er höchſt unglücklich geweſen und nur einige elende Chriſten ge⸗ fangen habe, ſo ſchenkte er ihm einen Beutel mit Gold, und verſprach überdies, ſein Schiff ausbeſſern zu laſſen. Ich will euch ſein weiteres Geſpräch, welches ich nach⸗ her oft von Korradin anhören mußte, wörtlich erzählen Korradin(den knieenden Emir aufhebend). Genug genug des Danks!—— Du ſagteſt mir vorhin, daß doch einige Chriſten deine Bente geworden wären. Geſchahs im Kampfe2 176 5 Emir. Nein! ſie ſchwammen in einem offnen Na⸗ chen in der See, hatten nichts bei ſich—— Korradin. Und du nahmſt ſie ohne Gegenwehr gefangen? Emir. Ohne die geringſte! Korradin. Und welches ſoll ihr künftiges Schic ſal ſeyn? Emir. Es iſt ſchon entſchieden. Sie müſſen rudern! Korradin. Waren es gemeine, arme Leute? Emir. Nein! es ſind edle Sicilianer, werden aber der Arbeit ſchon gewohnt werden. Korradin. Sind ſie dir feil2 Emir. Herr, gebiete mit allem, was ich habe, was ich vermag! Korradin(ernſt). Ich frage: ob ſie dir feil ſindk Emir. Zürne nicht, Großmüthigſter, ſie finds! Korradin. Was forderſt du? Emir. Beſtinnne ſelbſt den Preis. Korradin. Nicht ich, ſondern du! Mir gebührts zu geben, was du forderſt! Emir. Ich gebe ſie dir alle um vierzig Goldgülden Korradin. Du ſollſt ihrer hundert erhalten. Löſ ihre Feſſeln und führe ſie her! Emir(mit den gefanguen Grafen und Ruderknechten † Hier ſind ſie alle zu deinem Gebote. Korradin Gu dieſen). Ihr ſeyd frei, könnt wiede hinziehen, wohin ihr wollt, und damit auf der Reiſe euch nichts mangle, ſo nehmt dies mit euch! Er warf ihnen einen Beutel zu, die Erlösten knieen um ihn be⸗ um) Keinen Dank, die That iſt des Dankes nicht werth Wollt ihr aber doch dankbar ſeyn, ſo erinnert euh derſelben, wenn ihr in euerm Lande einen meiner Bii der gefeſſelt erblickt, und thut ein Gleiches. Graf Zekanv. Ich will deine Großmuth nie ergeſſen, will ſie nicht zu vergelten, nur nachzuahmen e , 193 Friedrich cu Adelgunden)⸗ Dann Heil dir und uns So vorſichtig auch deine Flucht geordnet war, ſo hätte doch das Ende derſelben alles verrathen können. Sie genoſſen nun, was der Greis ihnen vorſetzte, und würzten das Mahl mit Geſprächen mancher Art. Die Ritter erinnerten ſich aufs neue Wieſenborns That, durch welche er die Frauen ſo glücklich rettete, und weihten ihm und ſeinem unglücklichen Weibe eine dank⸗ bare Thräne. Endlich forſchten ſie bei dem Greiſe, wie ihm die ſo ſeltne Gabe der Weiſſagung worden ſey? Wie er ſo ungehindert ins Vergangene und Zu⸗ künftige blicken könne, und ob er wirklich ein Bruder des ſchwarzen Bundes ſey? Er bejahte das letztere, erzählte ihnen, wie er aus Deutſchland nach Paläſtina gekommen, dort lange für der Chriſten Heil gekämpft habe, und endlich auch ſey gefangen worden. Der großmüthige Saladin hatte ihm ſeine Freiheit mit dem Bedinge geſchenkt, daß er nie mehr wider ihn kämpfen ſollte; er hatte ſich bald hernach ganz dem Dienſte des Herrn gewidmet, war auf einer Wallfahrt nach Naza⸗ reth mit einem frommen Eremiten bekannt worden, der damals dieſe Hütte beſaß, und eben ſo wie er Zukunft und Vergangenheit durchforſchen konnte. Er diente ihm bis an ſeinen Tod, und erbte von ihm die ſeltene und wunderbare Gabe, die er immer nur zum Wohl ver Chriſten zu nutzen ſuchte, und ſeiner Ver⸗ ſicherung nach erſt in der Stunde des Todes einem andern mittheilen konnte. Als die Hitze ſich minderte und der Abend nahte, färbte Adelgunde aufs neue ihr Geſicht, und zog unter dem Schutze der Ritter weiter. Der Greis ſegnete ſie kräftig, und verſprach ihnen die glücklichſte Reiſe. Sie hatten noch ſechs Tagreiſen nach Sidon; ſie legten ſie ungehindert zurück. Wie die Ritter am letzten dieſer Tage gedankenvoll neben Löwenrikter 2. 3 3 dem Kameele, auf welchem Adelgunde ſaß, einher rit⸗ ten, begann zwiſchen ihnen folgendes Geſpräch. Adelgunde. Ich wollte mein Leben wetten, daß ich jetzt eure Gedanken errathen könnte. Möglich, aber doch auch nicht allzu leicht! Adelgunde. Ihr erinnertet euch eben des Grei⸗ ſes und ſeiner wunderbaren Gabe, ihr prüftet: ob dieſe wirklich möglich ſey, und nicht Betrug euch blen⸗ den könne? Friedrich. Nein! Du wirſt ſeine Nachfolgerin nicht werden. Ich gedachte meines Weibes, ich verließ ſie ſchwanger, ſie muß nun geboren haben. Das Schick⸗ ſal des armen Kindes lag ſchwer auf meinem Herzen. Heinrich. Auch ich war daheim bei meiner Ag⸗ nes, und dachte mir die Wonne des Wiederſehens. Adelgunde. So verzeiht, daß ich euch ſo zur Unzeit ſtörte. Friedrich. O es war eine Wohlthat, für welche ich dir herzlich danke! Es taugt nicht, ſich mit trüben Vorſtellungen zu quälen, wenn man noch Hoffnung zur beſſern Ausſicht hat, und da du nun einmal den Greis in unſer Gedächtniß zurückführteſt, ſo laß uns doch deine Meinung über ſeine Gabe hören. Adelgunde. Ich halte ſie für Betrug, zwar für unſchädlichen, frommen,—— aber doch für Betrug! Heinrich. Wie wäre dieſer möglich? Friedrich. Und wäre er's, könnteſt du's beivei⸗ ſen, dann müßte unſer Herz aufs neue vor dem un entſchiedenen Schickſale unſerer Weiber zagen. Adelgunde. Das ſoll's nicht, denn alles, was der Greis euch davon erzählte, iſt vollkommen wahr⸗ dafür bürge ich euch mit meiner Ehre. Friedrich Du Wie kannſt du dies? ————————. ———— „——— — 2 195 Adelgunde. Hört mir ruhig zu, ich will euch alles entdecken. Der Greis iſt ein Prieſter, welcher zu Jeruſalem in der Kapelle diente, in welcher ich euch ſah. Ich wählte ihn zu meinem Beichtvater, und da, ſein hohes Alter jeden eiferſüchtigen Gedanken des Sultans unterdrücken mußte, ſo war es ihm erlaubt, in der Kapelle gegenwärtig zu ſeyn, wenn ich dort anlangte. Sehr natürlich wars, daß ich ihm in den Stunden der Einſamkeit und Andacht mein ganzes Herz öffnete, ihm alle Anſtalten, die ich zu meiner Flucht machte, kindlich vertraute. Oft erwog ich mit ihm die ſchicklichſten Mittel dazu, aber ſeine Einſicht verwarf oft manche, die mir ausführbar ſchienen. End⸗ lich ſah und erkannte ich euch. Ich erzählte ihm, was ihr mir zu Sicilien wart und was ihr mir wieder werden könntet. Er billigte meinen Vorſatz, mit euch die Flucht zu ergreifen; aber er ſah auch allzu wohl ein, daß euer Biederſinn leicht Anſtand finden würde, dem Sultan, welchem ihr Dank ſchuldig wart, ſeinen Liebling zu entführen. Er rieth mir daher, euch uner⸗ kannt zu folgen, und nur am Ende der Reiſe für euern Schutz zu danken. Was nun alles geſchah, war ſein Rath, den ich treu befolgte. Da es immer mög⸗ lich ſchien, daß der wüthende Sultan, wenn ein Zu⸗ fall meine Flucht früh oder ſpät entdeckte, Rache an meinem Beichtvater nehmen, ihn vielleicht der Verfüh⸗ rung beſchuldigen könne, ſo beſchloß auch er, Jeruſa⸗ lem zu verlaſſen und in Sidon mit mir einzutreffen. So vft ich ihn nachher noch beſuchte, nahm ich Gold und Koſtbarkeiten mit mir, die er alle in ſeiner Zelle verbarg und mitzunehmen verſprach. Um allen Ver⸗ dacht zu vermeiden, zog er einen Tag früher als ihr aus, erwartete mich aber im Palmenwalde, und half mir meine Verſtellung ordnen, die ohne ſeine Hülfe 196 weit ſchlechter ausgefallen ſeyn würde. Hier erſt ent⸗ deckte er mir, daß er voraneilen und uns hinter Na⸗ zareth in einem Hauſe erwarten wolle, wo einer ſeiner Brüder wohne, und deſſen Lage er mir aufs deutlichſte beſchrieb. Da er fürchtete, daß ich, jeder Arbeit un⸗ gewohnt, nicht lange Knechtsdienſte zu verrichten im Stande ſeyn möchte und leicht unterliegen könnte, ſo verſprach er mir, euch dort alles zu entdecken, die Sache aber ſo einzuleiten, daß ihr keine Gefahr ahn⸗ den, und mir daher willig erlauben würdet, unter eurem fernern Schutze nach Sidon zu ziehen. Wie er dieſen Anſchlag ausführte, wißt ihr, und ob dieſe Vor⸗ ſicht nothwendig war, ob ſie ihm gelang, mögt ihr nun ſelbſt urtheilen. Nur ſo viel muß ich noch hinzu⸗ fügen, daß alles, was er euch von dem Schickſale eurer Weiber erzählte, wörtlich wahr iſt. Friedrich. Aber wie konnte er dies alles wiſſen? Adelgunde. Sehr leicht. Da mir der äußerſt verliebte Sultan jeden Tag mehr als einen Boten ſandte, mir jede ſeiner Thaten kund machte, ſo erfuhr ich alles, was beim Heere vorging, und wußte daher auch, daß er die Veſte Dok erobert, und um der edlen That eines Ritters willen der Gefangnen und Weiber geſchont, ſie ſicher nach Akkon zu leiten ver⸗ ſprochen hätte. Ich erzählte dies alles ſchon zu Jeru⸗ falem dem Prieſter, und er benutzte es trefflich. Jetzt, da die Thürme von Sidon ſchon vor uns liegen, da ihr die Wimpeln der chriſtlichen Flotte ſchon könnt wehen ſehen, jetzt muß mit der Gefahr auch alle Ver⸗ ſtellung enden. Ich beſchloß daher, euch alles getren zu erzählen, und mir durch dieſe Aufrichtigkeit einen Weg zu euerm Herzen zu bahnen, deſſen Hülfe ich noch ſehr nöthig habe. Friedrich. Wacker hat uns der alte Graukopf 4 —— getäuſcht, doch vergeben ſey ihm um deinetwillen alles, und dir zugleich die Verſicherung, daß ich alles, was in meinen Kräften ſteht, an venden will, um dein künf⸗ tiges Wohl zu ſichern. Adelgunde. O wenn dies euer Ernſt iſt, wenn er die Probe aushält, dann habe auch ich Hoffnung, einſt noch wieder Freude zu fühlen. Ich habe keinen „Vater, keinen Freund mehr auf Erden. Der erſtere verſtieß mich unbarmherzig, dem letztern darf, kann ich mich nicht nahen.(ſie ſteigt vom Kameele herab und kniet vor den Roſſen der Ritter nieder) Seyd ihr mein Vater, nehmt ihr euch der Verſtoßnen, der ohne Schuld Verbannten an. Laßt mich ferner in eurer Geſellſchaft ziehen, und empfehlt mich dem Schutze eurer Weiber. Ich will alle meine Kräfte anwenden, um ihre Liebe, ihre Freundſchaft zu gewinnen. Friedrich(ſeine Hände gen Himmel aufhebend). Gott ſiehts und hörts! Du biſt von nun an meine Tochter, und wenn ich nicht beſſer Vaterspflicht an dir erfülle, ſo ſtrafe er mich ohne Erbarmung nach ſeiner ſtrengen Gerechtigkeit. Adelgunde. Gott ſieht und prüft auch mein Herz, er weiß, wie es des Danks, des Vorſatzes ſo voll iſt, eure Wohlthat nach Möglichkeit zu lohnen. Friedrich. Steh auf, ich kann mein Kind nicht knicen ſehen. Gewährt mir Gott den ſehnlichſten Wunſch meines Herzens, läßt er mich mein Weib, und endlich auch die Gränzen meines Vaterlands glücklich wieder ſehen, ſo ſollſt du in ihrer Geſellſchaft dahin ziehen. Wir zählen der edlen und biedern Ritter viele in unſerm Bunde; ich will den Tag hoch feiern; an welchem du einen von dieſen mit deiner Hand beglü⸗ cken wirſt. Sie träumten ſich in vertraulichen Geſprächen noch 198 lange ein Glück, welches noch weit von ihnen entfernt war, und kamen den Thoren von Sidon ſchon nahe, als Friedrich auf einmal mit Angſt bei Adelgunden forſchte: ob ſie auch gewiß ſey, daß Sidon von den Chriſten erobert worden und ihre Flotte da vor An⸗ ker liege? Adelgunde betheuerte es ihm von neuem, weil ihr dieſe Nachricht ſelbſt durch Korradin worden wär, der ihr mehr als einmal kund gemacht hatte, daß dieſe Flotte den Hafen von Akkon befreite und die Schiffe des Sultans bis Sidon verfolgte, wo ſie ſolche aufs neue zerſtreute und Sidon ſelbſt eroberte. Als ſie an den Thoren anlangten, fand der beſorgte Frie⸗ drich zu ſeiner Beruhigung dieſe frohe Nachricht beſtä⸗ tigt. Er erblickte ſogleich chriſtliche Kriegsknechte, die dort Wache hielten, und erfuhr durch dieſe, daß König Aimerich ſelbſt in der Stadt ſey. Schon beim An⸗ bruche des andern Tags verließen ſie ihre Herberge, um die Ritter aufzuſuchen, welche mit dem Könige angekommen waren. Sie hofften einige der Ihrigen varunter zu finden, und fanden ſie auch wirklich. Eſchen⸗ bach, nebſt noch zehn andern Löwenrittern, hatte den König vom unglücklichen Schlachtfelde bei Cäſarea glücklich nach Akkon geführt; von da waren ſie nach Cypern übergeſchifft, und hatten dort eine Flotte ge⸗ ſammelt, mit welcher ſie den Feind vor Akkon und Sidon ſchlugen, und darauf die Stadt eroberten. Groß war die Freude des Wiederſehens! Groß die Wonne Friedrichs, als er durch Eſchenbach erfuhr, daß die Fahne des Löwen ſiegreich auf den Mauern von Sidon wehe. Dir, ſagte er im Scherze zu dieſen, ſoll dafür Lohn und großer Dank werden, ich habe dir ein edles Mädchen mitgebracht, die deines Herzens werth iſt. Eſchenbach ſeufzte, und verſicherte Friedrichen, daß der⸗ ienige, weſcher ſo unglückſich geliebt habe, ſich ſehr hüten werde, nicht wieder in die Fallſtricke dieſer locken⸗ den Sirene zu fallen. Als ſie einander alles, was unter dieſer Zeit ſich zugetragen, umſtändlich erzählt hatten, meinte Eſchenbach, daß es ſchicklich ſeyn würde, dem Könige ihre Verehrung zu bezeugen. Sie gingen zu ihm, und wurden mit vieler Gnade und Huid em⸗ pfangen; er umarmte Friedrichen und Heinrichen wech⸗ ſelsweiſe. Er verſicherte öffentlich, daß er wohl wiſſe, wie groß ſeine Schuld ſey, weil er nur ihrer tapfern Fauſt ſein. Leben und die Möglichkeit zur Flucht zu danken habe, und daher nie dieſer großen Wohlthat vergeſſen werde. Wie er von den Rittern erfuhr, daß ſie um ihre Weiber zagten und ſich nach Akkon ſehn⸗ ten, ſo verſicherte er ſie, daß er um ihretwillen ſeinen Zug dahin beſchleunigen, und mit dem erſten günſti⸗ gen Winde abſegeln wolle. 7 2.(SM — —