d franzöſiſcher Literatur von kmann in Gießen, aſſe Lit. A. Nr. 256. und ceſebedingungen. Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens *3 Uhr bffen. e Bei Rügahe eines geliehenen Buches wird von ein Tag 5 Pf bezahlt. Beit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ nangenommen. 5. 3. Cäution. Unbekannte Perſpnen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgahe von mir zurückerſtattet wird. . Abonnement. Daſſelbe muß vorcus bezahlt werden und rägt: worhentlich 2 Bücher: 4 Fücher: 6 Bücher: 1 Monat:* Mk.— Pf. 1 Wt. 50 Pf 2Nr— Pf. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadénersztz. 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Pobſt In⸗ nocenz, welcher den jungen Friedrich ſammt ſeinem Onkel Philipp, und bald darauf Eut den ihm unge⸗ horſamen Otto mit dem Bannfluche belegte, ward lr⸗ heber eines Bürgerkriegs, der von einem Ende bis zum andern ganz Deutſchland fürchterlich verheerte Da immer in den Händen Geächteten der Seep⸗ ter wankte, da jeder ſeine 9 Nech ſte eze ertheidigen ſuchte und die Geſetze des Reichs nicht zu handhaben Ler⸗ mochte, ſo ward die Lungt bald allgemein Der Mächtigere ſuchte den Schwächern zu unterdrücken, und ruchkoſe Buben vereinigten ſich oft, um den friedfer tigen Redlichen ſeines Habes und Gutes zu berauben Groß war der Jammer, ſchrecklich das Elend diſe Unglücklichen, weil die Geſetze ſchliefen, uns irgeſde Hülfe nirgends Troſt zu erwarten wa Graf Friedrich von Frohburg war beinaht der Ein zige welcher in dieſer jammervollen Zeit rühig und friedli ſeiner Veſte lebte, und keinen Anthei a ſatigen Fehden nahr m, in welche älle ſeine urings umher verwickelt wären Et ſt Brii 6 S zur Kaiſerwahl dem He ———— 6 von Zähringen gegeben; da er aber ſah, daß dieſer ſeine Wahl nicht behaupten konnte, ſo überließ er den Ausgang Gott, und gelobte im Voraus demjenigen Treue und Gehorſam, den ſein mächtiger Arm zum Kaiſer und Herrſcher der Deutſchen einſetzen würde. Sein mächtiges Anſehen, ſein großer Reichthum ſchützte bisher ſein Gebiete, welches ſich über das ganze Ifen⸗ thal in Helvetien erſtreckte, vor jedem Ueberfall. Ru⸗ hig wandelten ſeine Unterthanen, bauten ihre Aecker und genoßen ihre Früchte. Als er einſtens noch ſchlafend auf ſeinem Lager lag, trat ſein älteſter Sohn in ſein Gemach und weckte ihn. Vater. Was iſt's? bringſt du unangenehme Bot⸗ ſchaft? Sohn. Verzeiht meinem Ungeſtüme! Ich kann's nicht länger aushalten! Seit einigen Stunden brennt ſchon die Veſte Hagberg. Der arme Ritter iſt mein Jugendfreund! Denkt, Vater, was ich bei ſeinem Un⸗ glücke fühlen muß! Vater. Wollen's zu verringern ſuchen! Holz und Steine gibts ja noch genug in unſerm Forſte! Hier! meine Hand drauf, binnen Johresfriſt wird er ſeine neue Veſte wieder bewohnen können, und dann wol⸗ len wir wacker beim Einweihungsfeſte zechen! Sohn. Werden's nie, Vater!(düſter und wild. Müßten denn den Willkommsbecher mit meines Freun⸗ des Blut füllen, um unſre ſchlafende Seele zur Rache gegen ſeins Mörder zu erwecken! Auch ich hielts An⸗ fangs für eine zufällige Feuersbrunſt, und ſandte alle Knechte mit Löſchgetäthe zur Hülfe. Vor kurzem kehr⸗ ten ſie zurück. Ludmann von Rothberg hat den Si chern in der Nachtszeit überſallen, hat ihn au der hüte ſeines Gemaches getödtet, ſein Weib und ſeine Vder 3blelt ſein ganzes Habe fortgeſchleppt, uns zun Vergelts Gott die leere Veſte an allen vier Ecken angezündet. Vater. Ha! das iſt grauſam! Sohn. Schändlich! Entehrend! Eben theilten die Unholde ihre Beute, al s unſte Knechte mit dem Löſch geräthe anlangten. Die Mörder ſpotteten ihter und verhöhnten ſie weidlich. Unfähig, den Gräuck zu rä⸗ chen, wollten ſie zurückkehren, als Hagbergs Weib aus der Mörder M titte hervorſprang und ihnen ein fürch⸗ terliches Halt zurief! Ihre Hände waren auf den Rü⸗ cken gebunden, ihre Augen waren roth von Thränen, und ihr Haar hing zerrauft umher. Erzählt, ſprach ſie, eurem Herrn, was ihr ſeht! Und will er die Mord⸗ that nicht rächen, ſo wird ein verlaßnes Weib ihn vor Gottes Throne anklagen. Vater. Nein! Ich will! Gott du weißts! Ich hu's ungern, aber ich muß. S ohn. Hört weiter! Hört mehr! O ihr wißt noch nicht alles! Lautes Hohngelächter erſcholl jetzt durch die ganze Rotte. Der Böſ ſewicht Ludmann warf euern Leuten Har ſchuh nach! Seht! ſprach er, bergs Blut klebt daran! Dies, ſchrie er zur A derung für euern Herrn und ſeine Buben! Fehde über ihn und ſie! Und will er ſie nicht annehmen, ſo ſol⸗ len die Hunde auf ſein Schild piſſen und die Mäuſe in der Scheide es Schwertes niſten! Vater Bube, wart!(von ſeinem Lager em⸗ Lortsie Den Spott will ich dir wendend. Nicht eher l ich hier ich ihn gezüchtigt habe Jum Tode werde mir die te Schlaf, welche ich genieße, che ich Siege run r bin. „Vater, herrlich! So hefalt ih bin ich ſtolz darauf, daß i ge Aher hört nur noch meh Der älteſte 8 wir hören, Hagbergs Buſenfreund geweſen ſeyn! da bringt ihm dies zum Andenken mit!—— Und nun ſchleppte er Hagbergs todten Körper in der Knechte Mitte. Nehmt ihn hin, ſprach Ludmann, eure Buben ſollen ihn begraben, ſchöne Blumen auf ſein Grab pflanzen, und wie alte Weiber dabei weinen. Vater. Willſt du dies thun? Sohn. Blickt mir ins Auge, Vater! Seht, es blitzt Rache heraus! Weinen will ich dann erſt, wenn dieſe Schmach gerächt iſt! Vater⸗ Und doch ſammeln ſich eben Thränen in deinen Augenwinkeln! Sohn(ſie abwiſchend). Sie ſchaden der Rache nichts! Ich dachte nur an das verlaßne Weib, an die un⸗ mündigen Kinder, und da brach mein Herz. Vater cihn umarmend). Heil mir! meines Sohnes Herz denkt gut und edel! Weine nicht! Ich will der Verlaßnen Schützer, der Waiſen Vater werden! Geh, laß die Knechte aufſitzen, indeß rüſte ich mich, und wir jagen nach Rothberg zur Rache! Sohn. Nicht ſo, Vater! Ihr müßt alle Reiſige ſmmeln! Der Böſen Bund iſt mächtig! Würden ſie euch ſonſt Hohn zu ſprechen wagen? Ihrer ſind viele! Die Knechte erkannten die Fridauer, Dornegger, Mönchſteiner und Riemberger! Sie ſchätzen ihre Jahl auf fünfhundert. Vater. So laß die Sturmglocke anziehen! Sie ſoll durchs ganze Thal erſchallen! Heute noch beginnt der Zug nich Rothberg! Wird ihr Anführer gezüchti⸗ Zet ſo zerſtiebt die ganze Rotte. Der junge Graf eilte nun fort; die Sturmglo ertönte, die Trompeten ſchmetterten, und als der Tag Ende ſich neigte, war Frohburgs Heer ſchon um Fie Burß erſammelt. Der alte Graf rief die Eveln Sohn eures Herrn, fuhr der Lotterbube fort, ſoll, wie 8 alnd Lehnsvaſallen zu ſich und trat mit ihnen in den Trinkſaal. Si Leiche lag auf einem Gerüſte, Lichter erleuchteten es. Erſt ſolltihr dieſen hier be⸗ graben, und dann ſeinen unſchuldigen Tod rächen, ſprach Graf und ging an der Spitze des Zugs voran. Die Schwerter der Krieger flirrten fürchter⸗ lich den langen Gang nach der Kapelle hinab, in welcher die Leiche verſenkt ward. Stillſchweigend ſan⸗ den die Krieger am offnen Grabe, in mancher Auge glänzten Thränen. Ruhe ſanft, ſprach der Graf, deint Rächer ſtehen um dich verſammelt, und der Beſchüßer deines Weibs, deiner Kinder will ich werden! Ich ſchwöre dirs an deinem offnen Grabe und im Tem⸗ pel des Höchſten, der mein Herz prüfen kann. Ihr ſeyw Zeugen für mich bei ihm, daß ich nie Fehde ſuchte, immer Friede zu nähren und zu erhalten trachtete. Noch jetzt würde ich die Rache dem Kaiſer, dem's ziemt, überlaſſen, und die weinende Wittwe zu ſeinem Thron führen, wenn wir einen Herrſcher Deutſchlands hätten, wenn ſein Thron nicht ſelbſt verwaist wäre⸗ Solche Thaten fordern Rache, und da man meinen Freund ſo erbärmlich mordete, ſo iſts Pflicht, den Mördern zu beweiſen, daß F mich und euch nicht un⸗ geſtraft beleidigen dürfen! Geht voran! Im Voyrhofe ſehen wir uns wieder! Als dort die muthigen Pferde wieherten, Waffen geklirre den ganzen Hof erfüllte und Fackelnglanz ihn hell exleuchtete, trat der Graf wieder in ſeiner Krieger Mitte. Er führte ſeine einzige Tochter; die ſchöne Adelheid, an der Hand. Sie hete eben das ſieben zehute Jahr erreicht. Viele Grafen und Riter hatien insgeheiin ihren Reizen gehuldigt, keine ihrer Jugend wel chzm Weibe begeht 6 raf. Tapferkeit verdient Lohn, und per⸗ ſrochener Lohn ſpornt zu Tapferkeit at Rbne 10 edle Freunde und Krieger! Dieſe Hand(ſeiner Tochter Hand hoch emporhebend ſey, nebſt der reichſten Morgen⸗ gabe, der Lohn desjenigen Ritters, der auf dieſem Zuge am tapferſten ficht und die edelſte That beginnt. Allgemeiner Jubel erhob ſich. Aller Schilder tön⸗ ten. Der ganze Zug ſtürmte jauchzend zur Veſte hinaus. Kaum vermochte, ſchon unten im Thale, des Grafen rufende Stimme die Menge zum Stillſtand. Er ſon⸗ derte hier die beweibten und ältern Krieger von den jüngern ab und ſandte ſie zur Bewachung der Veſte zurück. Euch, ſagte er, kann der verſprochene Lohn doch nicht werden, drum wacht, daß er denen, die ihn verdienen wollen, vor jedem Ueberfall geſichert werde. Die Krieger entfernten ſich ungerne, ſie wollten alle Antheil nehmen an dieſem gerechten Kampfe, und könn⸗ ten ſie auch nicht den Lohn erwerben, ihn ihren Freun⸗ den und Söhnen wenigſtens verdienen helfen. Da ſie aber ſelbſt die Nothwendigkeit einſahen, daß die Veſte zu ſolch fährlicher Zeit nicht unbewacht gelaſſen wer⸗ den könne, ſo gehorchten ſie endlich des Grafen Ge⸗ bot, und exmahnten die Fortziehenden zur Tapferkeit, zur Ausdauer im härteſten Kampfe. Um Mitternacht langte der Graf mit ſeinem Heere zu Rothberg an. Wilder Geſang und Jubel der Trunk⸗ nen tönte von der hohen Veſte herab ins Thal. Die Krieger näherten ſich ſtill, und ſahen bald, daß die verſchiedenen Zugbrücken, welche den Eingang zur Höhe verſchlyſſen, herabgelaſſen waren. In größter Stille beſetzten ſie ſolche, und drangen unbemerkt bis in den Vorhof. Hier wurden ſie von einzelnen Knechten und Wächiern entdeckt. Der Kampf begann, und ungeachtet die Reiſigen des Grafen darauf vorbereitet waren, ungeachtet viele der Mörder, ehe ſie ſich ſammeln konnten, ſchon unter der Schärfe ihres Schwertes fie⸗ ken ſo war doch das Geſecht eines der blutigſten und a 11 ſchrecklichſten dieſes Zeitalters. Rothbergs Bundsge⸗ noſſen waren noch alle auf der Veſte verſammelt, ihrt Anzahl erſtreckte ſich über tauſend; der Wein hatte ihre Köpfe erhitzt und ſie nutg zum Kampfe gemacht Sie ſtürzten gleich wilden Thieren, deuen man den Raub abjagen will, aus den Trinkſälen heraus, und vertheidigten mit ungewöhnter Standhaftigkeit den Ein⸗ gang. Nach einem langen Gefechte ſiegte endlich die gerechte Sache. Viele der Mörder waren ſchon getöd⸗ tet, die äbrigen ſuchten ihr Heil in der Flucht, das nur wenige fanden, und von den Nachſetzenden nie⸗ dergemetzelt wurden. Hagbergs Gattin und ſeine Kin⸗ der wurden gerettet, und wie die Sonne aufging, zogen die Sieger, mit vieler Beute beladen, in der Veſte Frohburg triumphirend ein. Sie wurden von den Zurückgebliebenen jauchzend en npfangen, und eifrig be⸗ fragt: Wer wohl der Glückliche ſey, dem die Hand der ſchönen Adelheid zum Lohne werde? Alle ſchwie⸗ gea; dennoch hatte der Graf auf dem Rückzuge des ausgeſetzten Preiſes nicht gedacht, und keinen gefragt ob er ihn erkämpft habe?2 Als ſie im weiten Vorhofe anlangten, befahl der alte Graf Stille, und begann alſs: Ich habe dem Tapferſten unter uns meine Tochter zum Lohne ver⸗ ich will nun Wort halten. Tretet hervor, ihr edlen Kämpen, und erzä hit, wie ihr fochtet, wie ihr ſiegtet? Damit aber der mir ſo theure Preis nicht etgeheil zur neuen Fehde gebe, keiner unter uch das väterliche Herz einer Sie zigkeit beſchul⸗ ige ſo will ich nicht Richter eurer Thaten ſehn. Ihr ſekbft ſollt aus den ſieeeen Edlen euch eure Richter wählen, ſie ſollen ſchwören, daß ſie nach Recht und Gerechtigkeit, nach Pflicht und Gei ei⸗ len wollen, und denjenigen, welchem ſie den Preis zuerkennen, will ich mit Srat i milen Sohn umarmen. Nur eins ſey mir gewährt! Auch ich und meine Sohne fochten tapfer. Auch uns gebührt Antheil am Preiſe, den ich ſelbſt ausſetzte. Erlaubt uns alſo, daß wir in eure Mitte treten und gleich⸗ falls um ihn kämpfen dürfen. Wird er uns zugeſpro⸗ chen, ſo bleibt Adelheid frei, und kann—— Dumpfes Gemurmel unterbrach hier des Grafen Rede, und machte merklich der Ritter Mißvergnügen über dieſe ſeltne Bedingniß kund. Viele äußerten dies ſelbſt durch Worte, und gaben deutlich zu verſtehen, daß dies eine unerlaubte Liſt ſey, durch welche der Graf ſie ſämmtlich um den gehofften Preis betrügen wolle. Der Graf. Nicht ſo, edle Ritter und Freundeé, nicht ſo! Laßt mich ausreden, und urtheilt dann erſt! Ich will durch dieſe Bedingniß euch nicht um den Preis betrügen, will nur ein früheres und veérgeßnes Gelübde mit dem jetzigen zu vereinigen ſuchen. Als mir einſt Adelheid deutliche Proben ihres dlen und guten Herzens, ihres unbedingten kindlichen Gehor⸗ ſams gab, da gelobte ich ihr, daß ſie ſelbſt, wäre ſie mannbar, ſich unter den Söhnen meiner Freunde einen Gatten wählen dürfe. Aus Begierde nach Rache und Sieg vergaß ich dieſes Verſprechen, an welches mich mein Gewiſſen erſt auf dem Kampſplatz erinnerte. Um meinem Kinde nun die verſprochne freie Wahl zu er⸗ werben, kämpfte ich ſo tapfer als möglich, war im⸗ mer im Gefechte voran, und eiferte meine Söhne zur⸗ thätigen Nachfolge an. Hört mich nun, wird der Preis einem aus uns zuerkannt, ſo iſt er für euch deßwegen nicht verloren, dann tritt nur Adelheid ſelbſt an der Richter Stelle, und wählt denjenigen aus euch, deſſen That ihr am beſten behagt, und den ſie ihrer Lebe am würdigſten achtet. Seyd ihr dies zufrieden? Wir ſinds! ſchrie nun der ganze Haufe, wir ſinds! Wöhlet die Richter, welche über euch urtheilen! Ge⸗ 13 winnt ihr den Preis auch nicht, ſo ſoll doch Lur Adel⸗ heid unſre Richterin ſeyn. Andre. Nur gegenſeitige Liebe kann die Ehe be⸗ glücken. Was müzt uns Adelheids Hand, wenn die⸗ ſer nicht auch ihr Herz folgt. Laß ſie ſelbſt richten, nur ſie kanns verſ ſchenken! Der frohe Vater wählte nun einige ehrwürdige Greiſe zu Richtern über ſich und ſeine zwei Söhne; und als die erſtern beie Urtheil geſchworen hatten, trat er zu ihnen. Ich Mr ſtets, ſprach er, an der S meiner Krieger! Wie der wilde Han fe aus den Trinkſälen herausd drang, rings umher Schwerter um uns blinkten, da wichen die mir Folgenden ein wenig zurück, nur ich ſtemmte mich dem gewaltigen Strome mit Jugendkraft entgegen, und vertheidigte mich ſo lange, bis meine Begkeiter mit neuem Muche nachdrangen. Im Hintergrunde des Gewimmels er⸗ blickte ich darauf den Mörder meines Freundes und Bundsgenoſſen: ich drang durch hundert Schwerte welche ihn vertheidigten, hindurch, und war ſo gl lich, ihm den Lohn ſeiner ruchloſen That zu geben Er zieht ſein Schwerd Seht, an dieſem klebt ſein Blut, zur Verſöhnung will ich es nun auf meines Freundes Grabe opfern! Die Richter. Ihr habt mit Wenigem viel ge⸗ ſagt! Ihr habt die ganze Abſicht des Zuges erfüllt, habt euern Freund gerächt! Wer wirds wagen, euch den reis ſtreitig zu machen. Der zweite S Sohn des Grafen. Ich, Rich⸗ kr ich! Verzeiht, Vater, meiner Kühnheit! Aber iht habt ſchon ehe der Lorbeern genug geſammelt und könnt eurein Sohne ſchon dieſe einzigen gönnen Wahr iſts, Ihr ward im Kampfe ſteis voran Wahr ſis euer Schwert behr den vuchloſen Rothberg, aber längſt wäret ih r geſuiken unter dem Schwete ſeinen 14 Vertheidiger, hätte nicht ich an euer Seite gekämpft! Fünfe, die gleich grimmigen Löwen auf meinen Vater eindrangen, ſchon mit der Spitze ihres Schwertes die Glieder ſeines Harniſches trennten, durchbohrte ich, indem er gegen andre ſich vertheidigte. Mein Schild deckte ihn, als er Rache an Rothbergen nahm, und mehr als zehn Schwerthiebe hielt ich in dieſer kurzen Zeit von ihm ab! Die Hand, welche das Schild über ihm emporhielt, ſank nicht eher, als bis ihn der an⸗ dre glücklich aus dem Getümmel herausgeführt hatte und er unverletzt in der Mitte der Seinigen ſtand! Auch ich will dieſes Schild auf Hagbergs Grabe opfern, und ihm zurufen: Ich war der Retter deines Rächers! Die Richter 6zum alten Grafen). Edler Herr! Ihr müßt mit vollem Rechte eurem Sohne weichen! Ohne ihn wäre eure raſche That nicht vollendet worden! Wir würden jetzt troſtlos bei eurer Leiche ſtehen und euren Mördern neue Rache ſchwören müſſen! Euer Sohn hat deutlich bewieſen, daß er einſt ein guter Anführer ſeyn wird! Ihr habt kühn, Er hat tapfer gefochten; ihr müßt ihm weichen! Der alte Graf. Ich thu's mit Freuden, und gebe ihm überdies das Zeugniß, daß er ſtrenge Wahr⸗ heit ſprach Gzu ſeinem ältern Sohne). Nun, Friedrich, willſt du dich noch mit ihm meſſen? Friedpich. Ich wills, denn ihr verſpracht ja nicht allein der tapfern, ſondern auch der edlen Thaten Lohn. Auch ich folgte kühn, da ich euch in Gefahr ſah: wie euch aber mein Bruder glücklich zurückführte, da eilte ich, von einigen Getreuen begleitet, nach dem Thurme, in welchem ich meines Freundes Gattin und Kinder zu finden hoffte. Ihn zu rächen, aber vorzüglich die noch lebenden ihm ſo Theuern zu befreien, war ja die Abſicht unſers ganzen Zuges. Eben hatte ich den Schlüſſel zu ihrem Gefängniſſe dem Wächter abge⸗ 15 zwungen, als Friedau mit ſeiner Horde gegen dei Thurm zuſtürmte. Ermordet ſie ſammt ihrer Biut brüllte er den langen Gang herab. Sie ſollen ſie nur todt aus unſern Händen erhalten und ſich ihres Sie⸗ ges nicht erfreuen! Ich vertheidigte nun die Thüre ih⸗ res Gefängniſſes. Ihrer waren dreimal mehr, und wir ſiegten doch. Seht dieſe und dieſe Wunde! Ich erhielt ſie durch Friedaus Schwert, und gab ihm end⸗ lich den Tod dafür. Wie ich als Sieger däs Gefäng niß öffnete, lag Hagbergs Gattin ohnmächtig am naſ⸗ ſen Boden, und ihre Kinder ſtanden weinend an ih⸗ rer Seite. Ich kniete neben ihr, und ſchwur zu Gott, daß ich ſtets ihr Beſchützer, der armen Waiſen Vater ſeyn wolle. Ich that noch mehr! Ich gelobte in die⸗ ſem feierlichen Augenblicke, der troſtloſen Wittwe meine Hand und mein Herz zu ſchenken, wenn ja das ihrige wieder Liebe fühlen könne, fühlen wolle. Der alte Graf(ihn umarmend). Sohn! mir im⸗ mer theuer, nun aber unſchätzbar: du haſt den Preis errungen! Dir wird ihn wohl niemand ſtreitig ma⸗ chen! Ich fochte kühn, dein Bruder tapfer, du aber tapfer und edel! Wir weichen dir willig.—— Die Richter. Und wir erkennen deine That des Preiſes würdig! Du haſt Adelheiden eine freie Wahl erkämpft. Sie mag nun die übrigen Edeln ſelbſt rich⸗ ten. Heil im voraus dem dreimal Glücklichen, dem ſie ihre Hand reichen wird! Adelheid ward nun gerufen und ihr kund gemacht daß ſie freie Wahl unter den gegenwärtigen Rittern habe ſelbſt beſtimmen könne: wer am tapferſten Ze fochten ihrer Hand, ihres Herzens am würdigſten ſey Wi niedergeſchlagenen Augen, aus denen aber doch Feheitne Frende hervorzublicken ſchien, trat ſie nun zum Sitze, den man ihr reichte. Aller Augen waren auf ſie gerichtet, in jedem einzelnen derſelben konn 16 man deutlich den Wunſch leſen: O wäre doch ich der Glückliche! O wählte ſie doch mich! Ihre Hand winkte, und ſeierliche Stille herrſchte im ganzen Kreiſe; kei⸗ ner wagte es, ſich zu regen, um jedes Wort der ſchö⸗ nen Adelheid hören zu können. Edle Ritter und Freunde! ſprach ſie, ich danke euch herzlich, daß ihr meine Hand des Preiſes und Kampfes würdig achtet! Ich gelobe es euch hier öffentlich, daß ich dieſe Großmuth vergel⸗ ten will. Noch iſt mein Herz frei, noch iſt es an kei⸗ nen Mann verſchenkt. Ich will alſo nicht nach Gunſt, nicht nach geheimer Regung, ich will nach Gewiſſen wählen. Hand und Herz ſoll dem gehören, welcher die ſchönſte, die edelſte That begann! Da ihr mir aber freie Wahl gewährtet, ſo müßt ihr dieſe auch nach der Denkungsart eines Mädchens beurtheilen. Oft ſcheint uns dasjenige grauſam, was euch tapfer dünkt. Oft erregt euer Siegesjubel uns Schaudern, und oft fal⸗ len Thränen in den Willkommsbecher, welchen wir den Siegern reichen müſſen. Beurtheilt meine Wahl aus dieſem Geſichtspunkte, und ihr werdet ſie gewiß billig und ächt finden! Lauter Jubel und Schilderklang war der Ritter Ani⸗ wort. Voll Begierde, den ſchönen Preis zu erringen, reihten ſie ſich nun an einander und begannen die Erzählung ihrer Thaten. Ich würde weitläufig und er⸗ müdend werden müſſen, wenn ich jeden einzelnen Rit⸗ ter redend aufführen wollte. Auch waren ihre Erzäh⸗ lungen meiſtens gleichförmig, meiſtens ſich ähnlich. Dieſer hatte zwei, jéner drei, und ein anderer wieder fünf Feinde getödtet. Viele zeigten Adelheiden ihre Wunden, aus denen noch Blut quoll, das ſie um des ſchönen Preiſes willen vergoſſen hatten. Oſt trübie ſch Adelheids Auge, oft ſchlichen Thränen über ihre Wange herab, wenn ihre Einbildungskraft ſie mitten ins Geſecht führte, ſie nun ſah, wie dort einer ver⸗ wundet zu Boden ſtürzte, hier wieder ein anderer flu⸗ chend ſein Leben aushauchte. Noch war ihr Herz frei⸗ noch konnte es keinen wählen, als ſchon die Zahl der Ritter zu Ende ſich neigte, nur einer noch die Er⸗ zählung ſeiner Thaten vorzubringen hatte. Dieſer ein⸗ zige war ein junger Graf von Thierſtein; ſein Vater war unter des ſchwäbiſchen Herzogs Fahne mit ins heilige Land gezogen und hatte dort ſeinen Tod ge⸗ funden. Verlaſſen von allen, würde der Aermſte nach der Mutter Tod nirgends Obdach, nirgends Koſt ge⸗ ſunden haben, hätte nicht Graf Frohburg ſich ſeiner erbarmt. Er lohnte in ihm des Vaters ehemalige Freundſchaft, ließ ihn wohl erziehen und in allen Wiſ⸗ ſenſchaften unterrichten. Von Jugend 2 war er oft Adelheiden zur Seite, wartete emſig ihren Blumen und fütterte ihre Vögel. Alter und Ge ſchäfte hatten die Jugendfreunde nach der Hand getrennts aber im⸗ mer hing ſein Herz noch an Adelheiden, immer ſchau⸗ derte er zuſammen, wenn ſein Blick den ihrigen traf, wenn ſie freundlich mit ihm ſprach, ihn wohl gar an die glücklichen Zeiten der Kindheit erinnerte. Schüchtern und furchtſam, hoffend und fürchtend war er jetzt imme den kühnern Rittern gewichen⸗ und mußte endlich ſich Adelheids Richterſtuhle nahen. Ihr Geſicht färbte ſich, als ſie ihn erkannte, und un⸗ Wünſche fingen an, ihr Herz zu beſtürmen. Der junge Ritter hatte ſich in ſeinen Mantel gehüllt, ſchien unter demſelben etwas zu verbergen, begann einigemal zu ſprechen, und verſtummte immer wie⸗ der, wenn er Adelheiden ins Auge blicken wollte. Der alte Graf(unwillig). Du zanderſt lange! Deuke, daß die andern des Preiſes harren! Schweiße lieber, wenn du dich ſeiner nicht würdig dünkſ Adelheid. Laßt ihn, Vater laßt ihn ſprechen Ich bin Richter und muß jeden hören⸗ Sprzcht, Löwenrittet i 2 ——— 18 Graf, ſprecht! Dünkt der Preis euch einer edlen That würdig, ſo erzählt ſie mir! raf Thierſtein. Hätte mein Wunſch meine Thaten beflügeln können, ich würde um des Preiſes willen allein geknüpft, allein geſiegt haben! Gzu dem jüngern Grafen Frohburg) Graf Heinrich! Ihr werdet das Zeugniß mir nicht verſagen, daß ich ſtets euch zur Seite fochte, ſelbſt im erſten und härteſten Anfalle nicht von euch wich, und vielleicht, als ihr euer Haupt zur Beſchützung eures Vaters zu ſehr entblößtet, es oft gegen die Streiche der Mörder zu ſchützen wußtt. Graf Heinrich. Nimm meinen Dank dafür! Ich erinnere mich deſſen nur allzuwohl. Dft hörte ich Schwerter über meinem Haupte klirren, und wenn ich aufwärts blickte, ſo ſah ich dein Schild über mir. Der alte Graf. Du beginnſt gut! Erzähle weiter!. Graf Thierſtein. Meine Erzählung iſt ſchon geendet. Was ich ferner begann, kann mir hier nichts fruchten. Adelheid. Auch nicht, wenn ichs zu hören wünſche? Graf Thierſtein. Ihr befehlt, und ich gehorche Als die Mörder ſchon entflohen waren, die Sieger den Lohn ihrer Tapferkeit zu erndten nd Beute zu mache. ſuchten, da ſcholl mir aus einem f Gemache die wehklagende Stimme eines Weibes enthegen. Ich eilte 1 hinzu, und fah eben, wie ein unbarmherziger Knecht 4 Rothbergs Weibe den Kopf ſpallete. Ein anderer hielt t ein weinendes Kind hoch empor, und wollte es ver⸗ muthlich an die Wand ſchleudern. Ich entriß es dem Wüthenden, und dies iſt die einzige Beute, die i machte. Seht! ceinen Mantel enthüllend) bier ſchläfts in meinen Armen, und wähnt nicht, daß es vater⸗ und ₰ mutterlos iſt. Es iſt Rothbergs Kind, aber es hat keinen Antheil an ſeinem Verbrechen. Es iſt mir um voßwillen theuer geworden, und ich ſchwur in deni —, 19 at Augenblicke der Rettung, daß ich ſein Vater werden wolle! zum alten Grafen) Eure Güte gibt mir mehr, ne als ich bedarf, ich will den Ueberfluß mit dem Kinde s theilen, will ihm ſeyn, was ihr mir wart, und dieſem m die Schuld bezahlen, die ich bei euch machte. et Er ſchwieg, und alles ſtaunte. Zagend und fürch⸗ tend blickten alle Ritter auf Adelheiden, die mit ihrer Hand edie Augen verdeckte, um ungehindert weinen zu t können. Jetzt wiſchte ſie ſchnell die Thränen vom Auge⸗ s WMWir, mir dies Kind, ſprach ſie heftig, ich will ſeine Mutter werden! Graf Thierſtein reichte es ihr, mehr als einmal küßte ſie es, und blickte darauf nach dem alten Grafen, der mit Wohlgefallen dem Spiele zuſah. Der alte Graf. Tochter! ſoll ich entſcheiden? Adelheid. Nein, Vater, ich ſelbſt. Nur eine Frage noch an euch! Gu Graf Thierſteim Wie nennen ſich die Knechte, welche das hülfloſe Weib mordeten, dies unſchuldige Kind tödten wollten? Graf Thierſtein. Ihren Namen ſoll niemand erfahren. Reue wird ſicher der raſchen That, die krie⸗ geriſche Wuth erzeugte, folgen, und dieſe wird thäti⸗ ger als Straſe ihr Herz beſſern. Adelheid. S be»dich genug geprüft; dein Herz denkt edel⸗ S ſchenkteſt mir deine Beute äihm ihre Hand reichend) Miin dies zum Lohne dafür, damit auch du dein Gelübde erfüllen und des Verlaßnen Va⸗ ter ſeyn kannſt! Graf Thierſtein ſank ſtillſchweigend zu ihren Füßen nieder. Er küßte die ihm angebotene Hand, und Adel⸗ heid verbarg die jungfräuliche Röthe ihres Angeſichts an ſeiner Bruſt. Es folgte nun eine herrliche, des Pinſels würdige Scene. Alles ſchwieg, aber jedes einzelnen Blick und Mienen ſprach um ſo lauter. Ge⸗ füble mancher Art malten ſich auf der Anweſenden Geſichtern; aus manchen blickte hell der Reid übei — —tb. preinliche Lage des Jünglinzs, und beſchloß, ihn dau⸗ 20 Thierſteins Glück hervor, doch war der Haufe größer der dem edlen Jünglinge ſeine Wonne gönnte, und in vieler Augen glänzten Thränen des Beifalls. Graf Frohburg unterbrach jetzt die lange Stille. Er nahte ſich den Glücklichen und ſprach laut den väterlichen Segen über dieſe Verbindung aus. Dir ward meiner Tochter Hand, endete er, für die gelobte Morgengabe will ich nun auch ſorgen. Burg wieder bewohnen; und innig will ich mich freuen, wenn ein Reis meines Stammes dort grünen und neue Zweige treiben wird! Des Vaters Umarmung folgte nun der Kuß der beiden Söhne; alles drängte ſich dieſen nach, und Glückswünſche über Glückswünſcht beſtürmten das liebende Paar, das ſo gerne, entfert Lon allen läſtigen Zeugen, ſich innige Liebe und ewig Treue geſchworen hätte. Der Zug ging endlich nac dem Trinkſale, wo bald die gefüllten Becher herum gingen, in welchem manche ihre fehlgeſchlagene Hof nung zü erſäufen ſuchten. Still und glühend ſaß der Graf Thierſtein an Adelheids Seite; er hätte ſo gerne ſeinem Gefühle Worte gegeben: da aber aller Blick immer nur auf ihn gerichtet wa, wagte ers nicht, und verſtummte ſtets wieder, wn er zu ſprechen an⸗ fing. Der alte Graf ſch dieſen Zwang, erkannte die aus zu hefreien. Ihr werdet, ſprach er lächelnd z den Verlobten, euch manches zu ſagen haben, das kei ner Zeugen bedarf, geht nach dem Garten, dort wer⸗ det ihr uihsſtört ſchwätzen können. Gern und will befolgten beide des guten Vaters Gebot, Ich wilt Geſpräch Ficht erzählen. Es beſtand aufangs i hen Ausrufungen über das unverhoffte Glück, und gin endlich in die Verſicherung über, daß beive ſchon früher Kindheit an einander herzlich geliebt hätten Die verpfändeten Güter deines Vaters will ich löſen, du ſollſt die väterliche r, nd te en er be n, 1 21 daß der Wunſch, ſich einſt ewig lieben zu dürfen, ſtets mit ihnen aufgewachſen ſey. Schon hatte der gli liche Thierſtein ſeiner Adelheid mehr als einen Küß geraubt, viele derſelben freiwillig erhalten, als Graf Friedrich, ihr älteſter, ſtets heißgeliebter Bruder ſich ihnen nahte. Seine Miene war trüb und düſter, und verrieth deutlich den Gram, der ſein Herz engte⸗. Adelheid. Was fehlt dir, lieber Bruder 2 Friedrich. Das, was du eben im vollen Ueber⸗ maße genießeſt. O Schweſter! ich bin verurtheilt zum Unglücke, zum ewigen Leiden! Adelheid. Vergib, wenn ich dir offenherzig ge⸗ ſtehe, daß ich dein Unglück, dein Leiden nicht kenne, die Urſache deſſelben nicht errathen kann. Friedrich. Liebteſt du ehe ſchon den Grafen Thier⸗ ſtein 2 Adelheid. Ich? Wozu dieſe Frage? Es iſt mög⸗ lich, aber—— Friedrich. Du liebteſt ihn heiß und zärtlich, dies verrieth von jeher dein Blick, deine Miene. Ein glück⸗ liches Ungefähr gewährte dir den geheimen Wunſch deines Herzens. Eben dieſes Ungefähr erweckte auch in mir wieder ein Gefühl, das ich ſchon lange Jahre vergebens zu erſticken bemüht war. Ich hoffte aufs neue, hoffte mit Zuberſicht, und bin betrogen. Ver⸗ loren auf immer! Ach, warum bin ich nicht Hagberg? Warum ſchlafe ich nicht ſtatt ihm im Grabe! Mir wäre wohl, und er könnte ein Glück genießen, das mir nie, nie, o es iſt gräßlich! nie mehr werden ſoll. Adelheid. Friedrich! ich verſtehe dich nicht! Friedrich. Sollſt und mußt es jeßt Mein Jam mer iſt zu groß; mein Herz kann ihn nicht faſſen J nuß Rath, muß Troſt haben, ſonſt verzweifle ich Sute liebendes Herz kann nur die Größe meines Ver⸗ uſtes fühlen. Nur ihr könnet ſie meſſen. Klara von 22 Hagberg!— O wie ſoll ich anfangen! Wie enden! Ich liebe ſie. Ach, ſo hat noch kein lebendes Geſchöpf geliebt! Ich liebte ſie ſchon, ehe ſie noch die Verlobte, das Weib Hagbergs war! Adelheid. Hab ichs doch manchmal gedacht, daß hinter dieſer engen Freundſchaft, die dich an den Ritter zu feſſeln ſchien, etwas anders verborgen läge! Hab ichs doch manchmal vermuthet, wenn's dich ſo mit Gewalt aus der Mitte unſerer Gelage und Feſte zu zu ihm hinüberzog! Friedrich. Haſt du, Schweſter, haſt du? Nun dann kannſt du die Größe meiner Liebe beurtheilen! —— Ich muß dir alles erzählen, wenn du ſie ganz fühlen ſollſt. Als ſie noch Jungfrau war, kaum das fünfzehnte Jahr ihres Alters erreicht hatte, da ſah ich ſie zum erſtenmale auf Dorneggs Veſte. Sie ging in der Mitte vieler mannbaren Jungfrauen, aber ihre Geſtalt ragte gleich der ſchlanken Pappel über alle an⸗ dern Bäume hervor. Ich blickte in ihr großes, ſchwär⸗ zes Auge, das Ehrfurcht, aber auch Liebe zu fordern ſchien. Ich ſchwur in dieſem Augenblicke ihr die let tere, und hing von dieſer Zeit an klettenähnlich an ihr. Sie achtete bald meines eifrigen Minnedienſtes, gab mir Gelegenheit, ihm Worte geben zu können, und geſtand mir, daß auch ſie mich liebe, als Gattin an meiner Seite zu leben wünſche. O Schweſter, dieſer Augenblick bleibt mir unvergeßlich! Noch im letzten Augenblicke meines Denkens, Fühlens und Sehens wirds mir vor Augen ſchweben, hinüber werde ich in dem Anblicke ſchwinden: Wie ſie errröthend vor mir ſtand, wie ihr großes Auge ſich ſchamhaft zur Erde ſenkte, wie ſie ſtotterte, zitterte, wie ihr Buſen wallte, ihr Herz klopfte, und ihr Mund endlich dem Gefühle inniger Liebe Worte gab Glücklicher war kein Geſchöh auf Erden, als ich damals war! Seligere Wonſie 3 23 reinere Freude kann man ſelbſt jenſeits nicht fühlen! Ihres Beſitzes gewiß, eilte ich zu unſerem Vater, wollte' ſeine Einwilligung, ſeinen Segen erflehen; und fand ihn mißmuthig, zum Zorne gereizt. Er war eben auf der Jagd geweſen, zwei ſeiner Jäger hatten einen ver⸗ wundeten Bären bis in Ramſteins Gebiete verfolgt. Dieſer jagte ebenfalls an ſeiner Gränze, ließ die Jä⸗ ger verhaften, und nahm das Wild zur Beüte. Ich wandte meine ganze Beredtſamkeit an, um unſern Vater zu befänftigen. Er gelobte Verzeihung und Vergeſſenheit, wenn Ramſtein die Jäger entlaſſe, die Beute zurückgäbe. Ohne meiner Bitte gedacht zu ha⸗ ben, eilte ich zu Klarens Vater, ſtellte ihm ſein Un⸗ recht vor, bat, flehte vergebens. Er glaubte der Be⸗ leidigte zu ſeyn, er verlangte Genugthuung, und ſchwur wigen Haß mir und meinem ganzen wenn ſie ihm nicht würde. Ich brauche dir die Folgen nicht zu erzählen, du wirſt dich doch der langen Fehde erin⸗ nern, die durch dieſe Kleinigkeit zwiſchen Ramſtein und meinem Vater entſtand; beider Herzen entfernten ſich täglich mehr von der Verſöhnung, und fanden im wechſelſeitigen Betragen ſtets Stoff zu neuem Zorne. Ich durfte meiner innigen Liebe bei keinem von beiden gedenken, und als der alte Ramſtein erfuhr, daß ich, der Sohn ſeines Beleidigers, ſeine Tochter insgeheim zu ſprechen ſuchte, als er von ihr ſelbſt hörte, daß ich ihr und ſie mir Liebe gelobt habe, ſo ſandte der Un⸗ verſöhnliche die Aermſte nach einem entfernten Kloſter, deſſen Namen Und Lage ich nie erfahren konnte⸗ Adelheid. Dies alſo dazumal die Urſache dei⸗ nes öftern Ausbleibens, deines Spähens in der nahen und fernen Gegend umher? Friedrich. Ja wohl! Ja wohl! Immer hoſſte ich ſie zu finden, und nie fand ich ſie. Schrecklich war vazinal mein Zuſtand, jammervoll das Leiden meines Herzens; aber doch ſalbte noch vft Hoffnung die eiternde Wunde und ließ ſie nicht zum Krebſe ausarten; aber bald, bald!—— O ich ſchaudere noch, wenn ich die⸗ ſes ſchrecklichen Augenblicks mich wieder erinnere! Noch habe ichs nie verſucht, meinem namenloſen Jammer Worte zu geben ich will ſehen, ob ichs jetzt vermag. Hagberg kaufte vamals die Veſte Thürings, welcher Golt zu Ehren ewige Armuth ſchwur und nach dem heiligen Lande wallfahrtete. Nur einige Tage zuvor hatie er ſolche mit ſeinem mir unbekannten Weibe be⸗ zogen, als der Zufall mich in dortige Gegend führte, mich bald neugierig nach ihrer Bekanntſchaft machte, weil mir ein alter Knecht erzählte, daß die junge Frau bisher in einem Kloſter ſey erzogen worden und ſtill und einſam auf der Burg lebe. Ich hoffte, durch ſie Nachricht von meiner Klara zu erhalten, und beſchloß ſogleich, dem neuen Nachbar meine Freundſchaft anzu⸗ bieten. Ehe ich noch ſeine Burg erreichte, und durch den Fleinen Hain, der am Abhange grünt, hinauf ritt, ſah ich in ſolchem eine Dirne umherwandeln. Sie betete andächtig in einem Pſalter. Ihre Größe, ihr Haar, ihr Gang trinnerte mich an Klaren. Sie wandtt ſich um. Es war ihr Auge, ihr Mund, ihr Geſicht. Ich ſtürzte herab vom Pferde und hin zu ihren Füßen! Alles ſchwand vor mir. Ich ſahe nur ſie. Klara? 5 Klara! ſchrie ich. Friedrich! Friedrich! antwortete ſie und lag in meinen Armen. Eben erhielt ich Kraft, die Wonne des Wiederſehens zu ſchmecken, als ſie empor⸗ bebte: Ich bin das Weib eines andern! Ich bin Hag bergs Weib! ſprach ſie fürchterlich, und entfernte ſich ſchnell. Wie lange ich ihr noch nachſtarrte, wie und„ wann ich heimkehrte, weiß ich ſelbſt nicht. Als ich wieder Kraft zu denken empfand„lag ich auf meinem 3 Lager, du reichteſt mir eben einen Stärkungstrank und* erzählteſt mir auf meine Frage, daß ich ſchon einei Monden lang wahnſinnig hier liege, ſtets mit deim Tode ringe, ihn vielleicht jetzt überwinden werde. Adelheid(weinend)d. Armer Bruder! hätte ich damals deinen wahren Zuſtand muthmaßen können⸗ meine Thränen um dich würden noch reichlicher gefloſ⸗ ſen ſeyn! Friedrich. Meine völlige Geneſung verzögerte ſich noch durch drei Monden. Rückerinnerung an das ſchkeck⸗ liche Bild widerſtand kräftig der Stärkung, welche mir der Arzt reichte. Nicht dieſe, nur meine allzugroße, ach oft von mir verwünſchten Jugendkräfte gaben mit eine Geſundheit wieder, die ich haßte, die ich gern zer⸗ ſtört hätte! Mit ihr erwachte auch in mir ſtärkere, hoffnungsloſe Liebe zu Klaren, und mehrte die Begierde, ſie nur einmal noch zu ſehen, den Abſchied zu nehmen auf immer, auf ewig!— Hagberg hatte während meiner Krankheit unſern Vater oft heimgeſucht; er fand Behagen in ſeinem Umgange, und führt' ihn einſt ſelbſt in mein Gemach, um mir in ihm einen neuen Bundsgenoſſen unſers Hauſes vorzuſtellen. Ich haßte ihn hezzlich, denn er war Klarens Gatte, aber mein ſchwachts Herz kettete ſich bald an ihn, weil ſeine Freundſchaft ihm Hoffnung gab daß es die Geliebte, die Unvergeßliche öfterer ſehen und ſprechen könne. Nach einigen wiederholten Beſuchen gab ich ſeiner Bitte, dieſe auf ſeiner Veſte zu erwiedern, bald nach; und wie ich zum erſtenmale wieder ein Roß beſtieg, leitete ich un⸗ willkührlich den Zügel deſſelben nach Hagbergs Veſte Schrecklich ſchraubte der Anblick des Hains mein Herz zuſammen. Fieberkälte ergriff mich aufs neue) als ich den Platz erreichte, wo ich ſie ſah, wo ſie in meinen Armen lag. Thränen ſtürzten aus meinen Augen, als ich wir die Unmöglichkeit der Wiederholung dachte. M Mühe erreichte ich die Veſte. Hagberg empfing mich mit offenen Armen. Sie ſtand zitternd an ſeiner Seit 26 Ihr Auge, in welchem ſich Thränen ſammelten, ſchien mich zu bewillkommen. Ihr Vater war geſtorben, und ſie trauerte um ihn. Die Frage: Warum nicht cher? Nicht früher? durchbebte mein Herz. Sie ſchien ſolche darin zu leſen, und mir wars, als ob ihr Mund, der einen Willkomm ſtammeln wole, ſolche gerne wieder⸗ holt hätte. Die Farbe ihrer Kleidung machte ſie heute noch reizender, ſie ſtimmte ſo vollkommen mit der Ro⸗ ſenbläſſe ihrer Wangen, mit dem matten, thränenden Auge. Ich vergaß alles, ſah nur ſie, und dachte mich in ihrem Anblicke glücklich. Eben ſtand ſie mit dem Willkommsbecher bhr mir, als mein Blick an ihr hin unterglitt, und ich deutlich bemerkte, daß ſie ſchwanges ſey. O Schweſter! o künftiger Bruder! damals war mein Zuſtand ſchrecklich, fürchterlich. O er war un⸗ nennbar! In meinem Herzen ſtockte alles Blut, und jeder einzelne Tropfen deſſelben löste ſich wieder mit einem Dolchſtiche davon ab, den er bei jedem Puls⸗ ſchlage in allen meinen Adern wiederholte. Meine Nerven durchfuhrs blitzähnlich, und im Marke nagte es nattermäßig. Heftiger Krampf zuckte inmeinen* Händen und ſchüttelte mächtig mein Haupt das ſé gern verneinen wollte, was mein ſtarres Auge ſah Ich unterlag und ſank ohnmächtig nieder, Ihre kle gende Stimme weckte mich aus dem ſchrekklichen Tau mel, und der argloſe Gatte nahms willig für Folgen meiner überſtandenen Krankheit. Ich würde bis mor⸗ gen erzählen müſſen, wenn ich euch all meine Leiden, all meinen Kummer ſchildern wollte. Ich ſchied mii dem feſten Vorſatze, nie wiederzukehren, ſie nie mehr zu ſehen, und war am andern Tage doch wieder bei ihr. Ein Blick des Mitleids, der theilnehmende Do ihrer Stimme war alles, was ich jetzt und in die Zü⸗ kunft erhielt; aber dies war Balſam auf meine Wun den und ich konnte nur in ihrer Geſellſchaft Augen 27 blicke zählen, in welchen ich mein Leiden nicht zu füh⸗ len glaubte. Oft, wenn er vor meinen Augen ſie küßte, und die Unbarmherzige jeden Kuß erwiederte, da wars, als ob ich ihn und ſie durchbohren müßte aber wenn bald darauf ihr geſenktes Auge mich um Vergebung zu bitten, ihr mißvergnügter Blick mich zu verſichern ſchien, daß nur Pflicht, nicht Liebe und Her⸗ zensdrang den Kuß erwiedert hätte, da vergaß ich alle Rache und dünkte mich glücklich. Immer hoffend, oſt verzweifelnd, durchbebte ich bis geſtern volle fünf Jahre! Schrecklich tobte es in meinem Hexzen, als die Knechte mir den todten Körper meines Wenbuhlers brachten. Erſt dann, als die Hoffnung mich gelabt hatte, daß ſie nun frei ſey, war mirs möglich, Rache über ſeine Mörder zu denken und zu heiſchen. Ich vergaß ſie ganz, da ich erfuhr, daß ſie gefangen ſey, und ſchwur, ſie zu retten oder für ſie zu ſterben. Wir ſiegten; ich ſprengte die Thüre ihres Gefängniſſes; ich löste ihre Bande; ich ſchwur in Kler Ritter Gegenwart, ihr Gatte zu werden, meines PVatets nickendes Haupt gab dieſem Schwur Beifall, und ſie—— o die Unbarmherzige! o die Grauſame! ſie verachtet meine Liebe, will in einem Kloſter den Ueberreſt ihrer Tage verweinen, ver⸗ beten! Adelheid. Faſſe dich, Bruder! Wie kann ſie jetzt ſchbä dir Liebe und Treue ſchwören? Würde nicht jeder ſie haſſen und verachten, ſie am offnen Grabe des Mannes dir ihre S i ihr Zeit, laß dieſe wirken, und Kh wird dir ihre Einwilligung früh genug w Friedrich. Kalte Seele, du aſt keinen Begriff don Leiven der Liebe: dir warder ſte keimende Wunſch ſchon gewährt, du kannſt meine Qual nicht meſſen, nicht beurtheilen! Rufe der verlöſchenden Lamnpe zu Harre bis morgen, dann will ich dir S geben⸗ 28 und ſieh zu, ob ſie deines Rufes ungeachtet nicht ver⸗ löſchen wird. Ich fordere nicht Erfüllung, nur Hoff⸗ nung zu dieſer! Und kann die Unbarmherzige mir dieſe wohl verſagen? Nein! Ich habe lange genug geſchmachtet, jahrelang gelitten, jahrelang geduldet! Heute! heute muß mein Schickſal entſchieden werden, oder— bei dem Allmächtigen ſey's geſchworen— ich ende! ende ſchrecklich!— Willſt⸗ du deinen Bru⸗ der retten, ſo ſag ihr dies! Binnen einer Stunde hole ich ihre Antwort bei dir! Adelheid eilte nug zu Klaren; ſie erzählte ihr alles offen und treu; und Klarens Herz, das ihren Gat⸗ ten nur geduldet, nur gehorcht, nie geliebt hatte, ward gerührt. Sie gelobte, binnen Jahresfriſt Frie⸗ vrichen die Hand zu reichen, wenn er bis dahin nicht einſehen lerne, daß eine trauernde Wittwe kaum im Stande ſey, die heiße, immer fordernde Liebe eines Jünglings ganz zu befriedigen. Freude und Wonne füllten das Herz des armen Friebrichs, als die lie⸗ bende Schweſter ihm ſogleich die frohe Nachricht der⸗ kündigte. Zu ſehr an Leid und Kummer gewöhnt, wollte er's anfangs nicht glauben, und nähis ſo lange für leere Troſtworte, bis Adelheid ſich erbot, ihn hinzuführen zu ſeiner Klara, damit ſie ſelbſt ihre Hand, eilte mit ihr vorwärts, blieb bald hernach hen, und ſank zu ihren Füßen nieder. Nur eine Bitt Ausſage beſtätige. Raſch ergriff er nun ſprach währe hm, ehe du ſie hörſt! Adelheid. Es ſey! Du kannſt in dieſem frohen Augenblicke mit ſolchem frohen Herzen nichts Unange⸗ nehmes, nichts Böſes fordern! Friedrich. Und doch!—— Gelobe mir, daß du deinem Thierſtein nicht eher deine Hand am Altare wichen willſt, bis ich mit Klaren dir dahin folge. W deinem glücktichen Bruder! Ge 29 2 einem Tage ſoll die Feier unſrer Liebe, der Bund unſers Herzens ſehn! Gelobſt du es? Adelheid. Gern und willig! Wenn du mir zu⸗ vor erklärſt, was es dir nützen und fruchten kann, daß mehrere ſchmachten, fürchten und hoffen? Friedrich. O viel, theure Schweſter, viel! Ich werde an dir und deinem Ritter eifrige Vorſprecher bei Klaren haben. Vom gleichen Drange getrieben, werdet ihr das Herz derſelben bei jeder Gelegenheit belauern, und wenn es ſich der Freude öffnet, es ge⸗ wiß zu bereden ſuchen, daß es die Trauerzeit um dic Hälfte verkürze. Du wirſt nun vereint an deines Bruders Glück arbeiten! Adelheid. Loſer! Dein Leiden hat dich zum Ken⸗ ner des menſchlichen Herzens gemacht! Die Bitte ſey dir von meiner Seite gewährt. Siehe zu⸗ wie du es bei meinem Karl verantworten, wie du auch ſeine Einwilligung erhalten kannſt. Ich würde die Freude ves feſtlichen Tages nicht halb genießen, wenn ich dich trauernd dabei erblicken müßte. Ich gehe ſtillſchweigend bei den ſolgenden Seenen vorüber. Nichts ermüdet ſo ſehr, als Wiederholung, und was würde ich anders zu ſchildern haben, als Sc der bittenden, hoffenden und fürchtenden Liebe. ſ Graf billigte Klarens Trauerzeit und Adel⸗ heids Gelübde. Beide Ritter mußten ſich deſſen fügen und in Geduld des Tages harren, der ihre Hoffnung auf ewig krönen ſollte. Still und ruhig war ſchon ein halbes Jahr ver⸗ floſſen, nie hatten indeſſen die beſtraften Mörder und Friedensſtörer es gewagt, GrafFrohburgs gerechte Rache zu ahnden; ſie fürchteten ſeine Macht und verbargen ſich in ihren Raubneſtern. Als einſt die ganze Fami⸗ lie die Freuden eines der ſchönſten Frühlingstage g noſſen hatte, und nun jedes Glied derſelben ſchon imm — 8 30 Schlafgemache war, ließ der alte Graf ſeinen Sohn Friedrich und Adelheiden zu ſich rufen. Er ging ernſt und düſter im Gemache auf und ab. Sein Blick ver⸗ kündigte den harrenden Sturm, oft ſchien's, als ob er ausbrechen wollte, und immer verhinderte neues Stillſchweigen dieſen furchtbaren Ausbruch. Graf Friedrich. Vater, ihr befahlt, mich und wahrſcheinlich auch Adelheiden zu rufen? Wir find hier, um eure Befehle zu hören. Der alte Graf. Ich ſah's ſchon lange, aber es thut dem väterlichen Herzen ſo wehe, wenn es ſeinen geliebten Kindern Ungliück verkündigen ſoll. Ich ſuche ſchonende Worte, aber die Sache iſt ſo böſe, daß ich keine finde. Ich kann den Wolf nicht in Schaſpelz hüllen, ſein tückiſcher Blick ſchaut überall hervor! Friedrich Vater! ihr foltert mein Herz! Der alte Graf. Sagt mir, gute, liebe Kinder! —— Doch zuerſt mit dir, Friedrich! Liebſt du deine Klara noch immer ſo heiß, ſo zärtlich? Friedrich. O Vater, zu was dieſe Frage! Be⸗ weiſen es nicht meine täglichen Handlungen. Nie— ich ſchwör's euch— hat ein Mann ſo feſt, ſo ſtand⸗ haſt, ſo treu geliebt, wie ich liebe! Der alte Graf. Und du, Adelheid? Iſt der Graf Thierſtein dit auch alles? Iſt er deine ganze Ausſicht auf künftiges Glück und Freude? Adelheid. Was ſoll ichs verhehlen? Er iſts, Va⸗ ter, er iſts! Ohne ihn kenne ich kein Glück! Der alte Graf(ein Blatt aus ſeinem Buſen zie⸗ hendà. Seht! dieſe Thräne, die unwillkührlich meinen Augen entrinnt, iſt der deutlichſte Beweis, daß ich ungern dieſe Freude, dies Glück ſtöre, aber ich muß — ich muß! Heſtige Arzenei gibt oft Geneſung! Iſt hier das einzige Rettungsmittel! Da lies, Friedrich, lies laut, damit Adelheid es höre und verſiche, wi⸗ deine Klara an den Graf Thierſtein ſchreibt! — Friedrich. Ich bebe! Adelheid. Goit im Himmel! Friedrich Geſend)„Vergebens ſuchte ich heute „nur wenige, ſo nöthige Worte mit euch zu ſprechen! „Friedrich verließ mich nie und Adelheid hing ſtets an „curem Arme Da ihr nach dem Abendmahle meines „Winkes nicht zu achten ſchient, ſo ſchreibe ich euch! „Kommt, wenn der Wächter die eilfte Stunde ver⸗ „kündigt, in Garten, ich werde euer unter der gro⸗ „ßen Linde harren. Damit ihr um ſo gewiſſer er⸗ „ſcheint, ſo mache ich euch im voraus kund, daß mein „licbendes Herz ſehr geneigt iſt, eure ſehnlichen Wünſche „zu erhören. Euer letzter, ſo angenehmer Vorſchlag „hat alle weibliche Bedenklichkeiten überwunden! Kommt „gewiß, daß ich noch heute mit euch überlegen kann „wie wir ſie ſicher und glücklich ausfihren können% 6 „Eure bald ganz glückliche Klara!“ F ſ Friedrich enach einer langen Pauſe). a! Aver ℳ dies nicht mein Todesſtoß war, ſo lebe ich ewig, ſo ſterbe ich nie! Adelheid. Nein! Nein! Es iſt unmöglich, Va⸗ ter! Es iſt Betrug! Er liebte mich ſo innig, ſo zärt⸗ lich! Heuchelei vermag ſich nicht ſo ganz zu verſtellen! Friedrich. Wie kam dieſes Blatt in eure Hände! Der alte Graf. Jobſt ſollte es auf Klarens Ge⸗ heiß dem Ritter Thierſtein überbringen. Sie befahl hm ſo viele Vorſicht, ſo viele Behutſamkeit, daß der treue Knecht Unrecht ahnete, und es für räthlicher hielt, mir's zu überbringen. Adelheid. Hätte ich nur Leſen und Schreiben ge lernt! Iſts denn wirklich ihr Buchſtabe? Kann nicht irgend ein Störer unſrer Ruhe ihn nachgeahmt haben? Friedrich. Es iſt ihre Schriſt! Ich kenne ſie nur allzugut! Deralte Graf. Und doch iſt Avelheids Bemer⸗ ung nicht zu verwerfen! Die des ₰ ſteigt jetzt hoch! Wie? Wenn der eben ſo treu ſchei⸗ nende Knecht zum Verräther worden wäre?— Er ſoll das Blatt dem Ritter überbringen, findet die Zu⸗ ſammenkunft ſtatt, dann iſts Wahrheit, dann ſeyd ihr R ſchändlich betrogen! „ Friedrich. Ja Vater, ſo iſts billig und recht! †ch will ſie behorchen, ich will—— 3 Der altè Graf. Nicht du, ich ich werde zuge⸗ N gen ſeyn! Friedrich. Nein! Nein! P Der alte Graf. Schweige! Dein Vater befiehlt, und dir gebührts, zu gehorchen! Du bleibſt mit Adel⸗ heiden in meinem Gemache, oder mein Zorn verfolgt dich ewig! Wit dieſem kochenden Herzen, mit dieſer ſprudelnden Veidenſchaft würden deine Sinne einen * ſchlechten Beobachter machen, könnten dich leicht und S ſchändlich irre führen! Genug, daß ich ſie genau beob⸗ N achten, dir jedes geſprochne Wort redlich wieder er⸗ will! Auch mir liegts dran, daß ein Bube nicht das Herz meiner Tochter äffet, und eine buh⸗ Aeriſche Dirne nicht in meine Burg niſtet! Es fließt Rumſieiner Blut in ihren Adern, und das war nie 8 ächt, nie gut! Ich gab deiner blinden Leidenſchaß nach, aber gebilliget habe ich ſie nie! Friedrich! dein — Hand, dein Ehrenwort, daß du mir nicht folgſt! N Friedrich. Ich gehorche! Aber das merkt wohl, X Vater, der ſchuldige Bube entgeht meiner Rache nicht, N und wenu ich eure Liebe, wenn ich meine Seligkeit atüber verſcherzen ſollte! 3 Der e Graf. Sorge nicht! Rache ſoll dis werden, du ſollſt ſie im vollen Maße üben, wenn i ihn ſchuldig finde. Er ging nun, das Blatt durch Jobſten beſtellen und kehrte gleich darauf zu ſeinen Kindern z . — rück, die, in bümpfes Stillſchweigen verſenkt, da ſe⸗ ßen, ihr nagendes Leiden faſſen wollten, und nicht faſſen konnten. Bald nachher ertönte der eilfte Ruf des Wächters; der Vater umgürtete ſich mit ſeinem Schwerte und ging ſtillſchweigend von dannen. Es ſtürmte draußen gewaltig, der Regen ſchlug ans Fen⸗ ſter; Friedrich riß es auf und blickte hinaus ius tobende Weiter, das ſo unverhofft dem ſchönſten Tage gefolgt war und jetzt ſo ganz mit ſeiner Empfindung harmonirte. Bald darauf ertönte ein Klaggeſchrei in ſein Ohr. Das war ihre Stimme! rief er, und ſtürzte auf einen Seſſel zurück. Adelheid ſank bebend zur Erde und rufte Gott um Beiſtand an. Schnell öffnete ſich nun die Thüre, der alte Graf trat wüthend herein, die eiſerne, leere Scheide ſeines Schwertes klirrte fürchterlich hin⸗ ter ihm her und verkündigte Mord. Immer ſtarr vor ſich hinblickend, rännte er ſtillſchweigend im Gemache auf und nieder, ſein Auge blickte nicht auf ſeine lei⸗ denden Kinder, und ſeine Bruſt haſchte nach Athem, der ihr zu fehlen ſchien. Endlich ſtand er bei ſeinem Sohne ſtille. Freue dich, Sohn, ſprach er raſch, dein Vater hat dich herrlich gerächet! Friedrich dauffahrend). Iſt ſie todt? Weh! Weh! (zurücſinkend) War ſie auch ſchuldig? Der alte Graf. Sie war's in vollem Maße Dafür bürgt dir dein alter Vater, will nie mehr Rache fühlen, will voll Angſt und Furcht vor der richtenden Zukunſt hinüber gehen, wenn ſie's nicht war! Aber die Schlange entſchlüpfte meine Rache Mein Schwert traf nur den elenden Buben, det zu ihren Füßen kniete und ihr eben ewige Liebe ſchwur! Adelheid(wild aufſpringend)⸗ Kürl? Mein Karl todt? 8 Der alte Graf. Ja, Tochter, du biſt erächt Ich konnie den ſchändlichen Anblick nicht eita Löwenrifter 1. 3 durchglühte alle meine Adern; meine Hand fuhr nach dem Schwerte, und— Adelheid ohnmächtig niederſinkend). Gott erbarme ſich meiner! Der alte Graf. Stirb unbeweint von mir, wenn du nicht fähig biſt, die Wohlthat zu fühlen, die dir durch mich ward! Mit lachendem Muthe will ich dich zu Grabe tragen, wenn jetzt noch Liebe zu dem treu⸗ loſen Buben dein Herz füllen kann!(Friedrichen em⸗ vorſchütteind) Sohn, du biſt Mann! Freue dich mit mir: dein Vater hat dich herrlich gerächet! Friedrich. Und Klara? Wo iſt Klara? Der alte Graf. Sie floh! Das Bewußtſehn ih⸗ rer ſchwarzen Schuld gab ihren Füßen Flügel! Ehe ich noch mein Schwert aus des Verruchten Bruſt zu⸗ rückziehen konnte, war ſie ſchon durch die Hecken ent⸗ ſprungen! Ich warf ihr das Schwert nach, aber es zertrümmerte an der nahen Mauer, und mein Auge ſah ſie nicht mehr! Friedrich. Und er? Thierſtein kniete zu ihren Füßen 2 Der alte Graf. Zu ihren Füßen! Bedeckte ihre Hand mit tauſend Küſſen! Sie bog ihr Haupt auß ihn herab und ruhte auf ſeinen Schultern! Friedrich. Ha! emit weinender Stimme) Dank, Vater, Dank! Ihr habt ein herrliches Stück Arbeit verrichtet! Ich muß weinen, bitter weinen, daß mir's nicht zu Theil ward! O es muß Wolluſt ſeyn, ihn zu ihren Füßen zu durchbohren, mit dem geliebten Blute ihr buhleriſches Geſicht zu beſpritzen und ſeine ſchänd⸗ liche Gluth zu kühlen! So lohnte ſie meiner Treue, meines Jammers, meines Leidens! Ah, es iſt ſchreck⸗ lich—— Schämt euch, ihr hölliſchen Geiſter, ſchämt euch Ein Weib hat euch übertroffen! Solch ein mei⸗ ſterhaftes Bubenſtück habt ihr von Ewigkeit her noch 5 nicht begangen, werdet es in alle Ewigkeit nicht be⸗ gehen können!—— Vater! Es wird mir meinen Verſtand rauben, betet für mich! Ich unterliege! Ich verzweifle! Der alte Graf. Faſſe dich! Fobe, wie du willſt, aber denke, daß ſie deines Zornes unwürdig iſt! Friedrich. Und was wollt ihr mit mir machen? Was habt ihr mit ihr vor? Der alte Graf. Sie entfloh, hörteſt du denn nicht, ſie entfloh? Oder glaubſt du, daß ſie bis mor⸗ gen im Gemache meiner Rache entgegenharren wird 2 Friedrich. Wohl euch, daß ſie entfloh! Ihr Nat⸗ ternblut hätte euch vergiftet, und ich hätte keinen Va⸗ ter mehr, der mich rächen könnte! Schlaft wohl, Va⸗ ter, ſchlaft wohl! Ihr habt brav gearbeitet! Der Schlaf muß euch ſchmecken! Der alte Graf. Wo gehſt du hin? Friedrich. In mein Gemach! Ich habe Erholung, ich habe Faſſung nöthig! Der Plan meines Lebepgjſt zerrüttet, ich muß mir einen neuen bilden! r6 Vater, morgen will ich euch erzählen, wie ich künftig ℳ leben werde. Er ging, und Adelheid lag noch immer ohnmächtig am Boden. Vergebens ſuchte der Vater ſie zu we⸗ cken; ſie hörte ſeine Stimme nicht, die Jetzt gerührt und zärtlich mit ihr ſprach. Auf ſein Geheiß ward ſie endlich nach ihrem Gemache getragen und dort erſt zum Leben erweckt. Sie beweinte ihren Karl, und verſicherte alle Anweſende, daß der Entſchluß nie bei ihr wanken werde, ihn ewig in einem Kloſter zu be⸗ weinen. Früh ging der alte Graf ſogleich nach Klarens Ge mach, um Rechenſchaft über ihre geſtrige Handlung von ihr zu fordern. Er fand ſie nicht, nur ihre Kin⸗ der, die weinend nach der Mutter fragten * 36 ₰ fage ihrer Magd war ſie um Mitternacht in den Gar⸗ ten gegangen und bis jetzt nicht wiedergekehrt. Ihre ſo ſchnelle Flucht beſtätigte ihr Verbrechen und mehrte des Alten Zorn über eine ſo buhleriſche Dirne. Er befahl den Knechten, daß ſie Thierſteins Körper an irgend einer einſamen Stätte verſcharren ſollten, weil ſolch ein Bube kein ehrliches Begräbniß verdiene. Die Knechte kehrten bald zurück und meldeten ihrem Herrn, daß ſie zwar den bezeichneten Ort, auf dieſem vieles Blut, aber nirgends Thierſteins Körper gefunden hät⸗ ten. Vergebens mengte er ſich jetzt ſelbſt unter die Suchenden, vergebens forſchte er unter allen Burg⸗ bewohnern: ob keiner den todten Körper weggetragen habe? Nirgends fand man ihn, und alle verſicherten, daß ſie ihn nicht geſehen, nicht weggetragen hätten. Er wollte eben über dieſe ſeltne Begebenheit mit ſei⸗ nem Sohne ſprechen, als die Diener deſſelben ihm meldeten, daß er ſchon mit Tagesanbruch in voller Rüſtung ausgeritten ſey. Ich hätte, ſprach nun der 6Vater, vorſichtiger ſeyn, hätte mirs denken ſollen, daß der wilde Bube ſeine Treuloſe ſuchen und Rache an ihr nehmen wird. Kann jetzt ſeine Rückkehr in Ge⸗ duld erwarten, und mit der Vorſtellung den Gefah⸗ ren, in welche ſeine Wuth ihn ſtürzen wird, mein väterliches Herz weidlich quälen! Muß nur vorbeu⸗ gen, daß Adelheid nicht ähnliche Streiche beginnt! Er ging nun zu ſeiner Tochter, welche noch immer jam⸗ mernd auf ihrem Lager lag, und vön dem Vater ih⸗ ren Karl oder den Schleier forderte. Indeß der Vater ſie vergebens zu tröſten bemüht war, wollen wir dem Pfade des armen Friedrichs nachfolgen. Klarens Untreue hatte alle Freude, alle Hoffnung, alle Ausſicht auf beſſere Tage in dem Her⸗ zen des guten Jünglings vernichtet. Ihm ſchien's un⸗ möglich länger an einem Orte zu verweilen, wo je 37 der Strauch, jede Blume ihn an die Unvergeßliche erinnerte. Die ſchändliche That preßte ſeine Bruſt ge⸗ waltig. Er hoffte in der Weite und Ferne beſſer ath⸗ men zu können. Er war mit dem feſten Vorſatze, nie wiederzukehren, aus der väterlichen Burg gezogen. Wo⸗ hin er aber eigentlich ziehen wollte, wußte er ſelbſt nicht. Er ſuchte Linderung ſeines nagenden Schmer⸗ zens, und fände er dieſe nicht, den Tod. Sein Roß wurde bald ſein Wegweiſer und trabte ungeleitet von ihm auf der offnen Straße fort. Gleich nach der Er⸗ mordung des unglücklichen Hagbergs hatte Friedrich auf Klarens Bitte die eingeäſcherte Veſte wieder zu bauen angefangen. Sie ſollte das Erbtheil der ar⸗ men Waiſen werden. Um der Geliebten Wunſch ſo⸗ bald als möglich zu erfüllen, um den Bau nach Kräſ⸗ ten zu foͤrdern, war Friedrich faſt täglich dahin gerit⸗ ten; es war alſo ſehr natürlich, daß das Roß, des Weges gewohnt, ihn jetzt auch dahin trug. Schon ſtand es an der offnen Pforte ſtille, ſchon ſammelten ſich die Arbeiter um ihn herum, als Friedrich aus ſei⸗ ner Fühlloſigkeit erwachte und wild umherſtaunte. Wahr⸗ ſcheinlich würden ſeine verirrten Sinne den Ort nicht ſo bald erkannt haben, wenn nicht Klarens rufende Stimme ihn aus ſeinem Taumel geweckt hätte. Er blickte empor, und ſah: wie ſie mit ausgeſtreckten Ar⸗ men am Fenſter ſtand. Friedrich, rief ſie, harre mei⸗ ner! Ich bin im nächſten Augenblicke bei dir! Ihre Stimme weckte in Friedrichs Herzen alle dum⸗ pfen Gefühle, welche bisher ruhig an ſeinem Herzen genagt hatten. Die Rache führte ſeine rechte Hand ſchnell zum Schwerte, die Liebe hielt mit der linken ſie noch ſchneller davon ab. Die wüthende Eiferſucht wollte Befehl zu ihrem Verhaſte geben, aber die Wuth erſtickte ſeine Stimme. Verachte die Treuloſe! Fliehe die Schlange! rief jetzt die Vernunft, und n Sinne gehorchten. Er ſpornte ſein Roß mit unge⸗ wohnter Grauſamkeit. Es ftürzte ſich pfeilſchnell den Berg hinab, jagte ſchon mit ihm im Forſte umher, ehe Klarg die Thüre erreicht hatte. Immer noch fürch⸗ tend, daß ſie ihm nacheilen und erreichen könnte, trieb er ſtets ſein Roß vorwärts, kam endlich vom Wege ab, und jagte, unbeſorgt, wohin er kommen könne, immer tiefer in die Wildniß hinein. Nach und nach legte ſich der Sturm in ſeinem Herzen; er ſank wie⸗ der in die vorige anſcheinende Ruhe zurück. Sein Roß ſuchte ungehindert Weide, und blieb endlich in einem Felſenthale mit ihm ſtehen. Das Geräuſch eines nahen Waſſerfalles erinnerte nun Friedrichen, daß drü⸗ ckender Durſt ſchon ſtundenlang ihn peinige. Er ſtieg ab, labte ſeine lechzende Zunge, und blieb am Ein⸗ gange einer nahen Höhle liegen. Indeß ſeine Seele ſich Klaren gegenwärtig dachte, ihr die ſchreckliche Un⸗ treue vorwarf und Rechtfertigung forderte, batte der Schlaf ſich ſeiner Sinne bemächtigt. Schon nahte ſich die Stunde der Mitternacht, als vielfältiges Geräuſch und Waffengeklirre ihn aus ſeinem ängſtlichen Schlafe weckte. Geharniſchte Reiter hielten nahe bei ihm, be⸗ leuchteten ſein Angeſicht mit Fackeln, und fragten ver⸗ eint: was er hier mache? Was er beginnen wolle? Friedrich. Ich weiß es nicht. Der Anführer der Reiſigen. Wer leitete dich in dieſe Wildniß? Friedrich. Mein Roß! Anführer. Und washaſt du hier zu beginnen? Friedrich. Hier? Was Zu ſterben! Anführer. Dein jugendliches Geſicht ſtraft deinen Vorſatz Lügen! Friebrich. Leicht möglich! es gleicht den Weibern. deren Miene verneint, was ihr Herz bejaht! Anführer. Deine Rüſtung beweist, daß du nicht ——— S 3 3 39 von gemeiner Herkunft biſt! Wahrſcheinlich entflohſt du der Strafe eines erzürnten Vaters? Friedrich. Wenn blos mein jugendliches Geſicht dich zu dieſer beleidigenden Frage aufmunterte, ſo ver⸗ zeihe ich dirs! Doch merke dir für die Zukunft, daß ich ein Schwert führe, welches jeden Frevler zu ſtrafen gewohnt iſt. Anführer. Gute That trieb dich doch wahrlich nicht hieher! Friedrich. Nein! Wahrlich nein! Anführer. Haſt du gemordet? Friedrich. Häite! Hätte morden ſollen! Thats nicht, denn es galt nur ein Weiberherz! Anführer. Ah, nun begreif ich alles! Dein Lieb⸗ chen war dir ungetreu! Friedrich. Ungetreu nun eben nicht. Sie bekam nur eine gewöhnliche Weiberlaune. Indeß ich Leben und Gut für ſie geopfert hätte, und mit feſter, ſeliner Treue an ihr hing, buhlte ſie zur Nachtzeit mit einem andern. Anführer. War ſie deine Verlobte? Friedrich. Verlobte mit mir in Gegenwart all meiner Freunde und Verwandten! Verlobt mit mir im Angeſichte Gottes! O es war ein ſchönes, ein herrliches Weib! Geſtaltet wie ein Engel! Da aber der Teufel immer unter den Menſchen umherſchleicht und raubt, was er findet, ſo ſtahl er einſt ihr Herz und verwech⸗ ſelte es mit dem ſeinigen. Daher kam's, daß ſie wie ein Engel lächelte, wie ein Engel ſprach, und wie ein Teufel dachte und handelte. Anführer. Armer Junge, du dauerſt mich! Friedrich. So ſprach ſie auch, als ich meiner in⸗ nigen Liebe zu ihr Worte gab, als ich Hoffnung oder Tod von ihr heiſchte. Damals hätte ich dieſen Troſt nicht für alle Schätze der Welt gegeben Jetzt kenne ich ſeinen Werth beſſer! Er iſt keines Dankes werth! Anführer. So jung und doch ein ſo großer Wei⸗ berfeind! Laß längere Erfahrung dich leiten, und glaube mir, daß Weiberliebe unſer Herz zwar manchmal tief verwundet, aber oft auch all unſern Kummer heilet. Friedrich. Möglich und wahrſcheinlich! Denn mein Arzt ſagte mir einſt: daß in manchen Fällen Gift die beſte Arzenei ſey. Anführer. Hm! biſt ein ſeltener Junge! Könnte dich lieb gewinnen, wenn du edler gehandelt hätteſt! Friedrich. Mann! Ich bin gränzenlos elend? Gefühllos gegen Liebe, aber nicht gegen Beleidigung! Ich weiß jede derſelben zu ahnden! Anführer. Wirklich! Nun dann noch einmal! Du ſprichſt gut, aber du handelſt ſchlecht! Laß dieſe hier urtheilen! czu ſeinen Begleitern) Freunde! Wie würdet ihr handeln, wenn ein wollüſtiger Bube eure Dirne lockt, ſie zu verführen ſucht, oder wirklich verführt? Alle. Rache über den Schändlichen! Tod über den Buben! Verachtung der Dirne! Anführer. Hörſt du dein Urtheil? Friedrich. Ich hör's! Anführer. So beginne, was dir ziemt! Friedrich. Schon floß des Buben Blut durch meines Vaters Hand! Er gebot, wollte mir die Rache nicht gönnen, und ich mußte gehorchen! Anführer. Heil dir! Dein Vater iſt ein edler Mann! Wie nennt er ſich? Friedrich. Ich will unbekannt die Welt durch⸗ irren! Sein Name kann euch nichts fruchten Anführer. Willſt du nicht zurückkehren zu ihm? Friedrich. Nein! wenigſtens ſo nicht! Die väter liche Burg war mir einſt ſo theuer! Sie iſts nicht mehr. Jedes Gemach, jeder Ort wird mich an die Treuloſe erinnern! Ich muß erſt dieſe Liebe tilgen! Muß austoben, oder unterliegen!. 41 Anführer. Dein Vorſatz iſt edel! Aber ſo erfüllſt du ihn nicht! Laß ſehen, ob ich dir rathen und helfen kann. Er ſprach nun heimlich mit ſeinen Begleitern, und dieſe ſchienen bald zu billigen, was er von ihnen forderte. Anführer qu Friedrich). Deine Hand! Dein Eh⸗ renwort, daß dein Name edel, dein Stamm ritterfä⸗ hig iſt! zrredrigh. Er iſts! cihm die Hand reichend.) Anführer. Rache über dich, wenn du Unwahrheit ſprichſt! Friedrich. Schimpfliche Rache dann tauſendfältig über mich! Anführer. So komm, ich will dich lehren: wie man Weiberliebe bekämpft und verlorne Thätigkeit weckt. Die fremden Ritter riefen nun ihren Knechten, die in der nahen Höhle zu ſchlafen ſchienen. Ihre Roſſe wurden geſattelt und gepackt. Ehe eine Viertelſtunde verging, ſtand alles zur Abreiſe bereit. Friedrich, der indeß Zeit zur Ueberlegung gewann, dem manches jetzt verdächtig ſchien, was er vorher nicht bemerkt hatte, nahte ſich nun aufs neue dem Anführer. Ich gelobte, ſprach er, mit euch zu ziehen! Ich gelobte es unbe⸗ dingt, weil ich manches zu gewinnen, nichts dabei ver⸗ lieren zu können glaubte! Jetzt iſts mir eben beigefal⸗ len, daß ich doch noch etwas beſitze, und dies um ſo ſorgfältiger bewahren muß, weil fremdes Eigenthum damit vermengt iſt. Meines Stammes Ruhm und Ehre liegt mir am Herzen. Schwört mir, daß ihr nicht auf falſchem Wege wandelt! Schwört mir, daß ihr nie etwas von mir heiſchen wollt, was dieſen mindern, jene verletzen kann! Gelobt mir, daß ich ungehindert euch verlaſſen darf, wenn ich Gefahr oder Betrug ahne! Anführer. Komm an mein Herz, edler Jüngling! Ich liebe dich nun! Deine Beſorgniß iſt gerecht, wohl mir, daß ich ſie ganz vernichten kann! Schimpf und 42 Schande dem Rittersmann, der auf falſchem Wege wandelt! Fluch meinem grauen Haupte! Fluch allen meinen Begleitern, und fteien, unbedingten Abzug dir, wenn ich je etwas heiſche, was deinen edlen Stamm entehren, deine Ehre verletzen kann! Friedrich. O du ſprichſt gut! Ehren will ich dich als Vater, wenn du mich retteſt aus dem Verderben, in welches thörichte Weiberliebe mich ſtützte! Anführer. Ich wills verſuchen! Folge mir ge troſt! Raſtloſe Thätigkeit wird dich heilen. Friedrich gehorchte, und folgte nun dem Zuge, der bald eine gebahnte Straße gewann, und auf dieſer hinab nach Schwaben zog. Am dritten Abende lang⸗ ten ſie am Fuße eines hohen Berges an, auf deſſen Felſenſpitze eine anſehnliche Burg im Wiederſcheine der untergehenden Sonne glänzte. Romantiſch ſchlängelte ſich der Pfad durch Eichen und Buchen hinauf, in deren Aeſten Vögel mancher Art herumhüpften und froh ihr Abendlied ſangen. Je höher ſie kamen, je herrlicher wurde die Ausſicht nach Schwabens flachen Gefilden hinab, die in einem Nebelflore gehüllt, einer badenden Nymphe glichen, welche bald tief ins Waſſer ſich taucht, bald wieder aus dieſem ſich hoch emporhebt und dem lau⸗ ſchenden Hirten unbeſorgt ihre Reize zur Schau dar⸗ bietet. Friedrichs Begleiter fühlten die Schönheit des herrlichen Abends, und labten ſich am frohen Gefühle, welches die verjüngte Natur in ihrem Herzen weckte; nur Friedrich nahm keinen Antheil daran, er war ver⸗ ſunken in Schmerz getäuſchter Liebe, der noch immer ſein Herz quälte, bei jeder frohen Begebenheit es ganz füllte. Der Zug hatte nun die Höhe erreicht, und ſtand am Burgthore ſtille. Seltſam dünkte es Friedrichen, da jetzt alle ſeine Begleiter ihre Schwerter zogen und vier mal damit auf ihre Schilder ſchlugen. Eben wollt 3 43 er nach der Urſache fragen, als oben in der Burg ein Fenſter ſich öffnete. Iſt dies der Tritt des Löwens? fragte eine Stimme. Der Ritter. Er iſts! Er kehrt zurück in ſeine Höhle! Die Stimme. So ſeyd willkommen und harrt im Saal des kommenden Forſchers!(Das Thor bffnete ſich nun. Viele Knechte empfingen die Roſſe im Vorhofe und leiteten ſie nach dem Stall.) Der Anführer qzu Friedrichen). Folgt mir, Rit⸗ ter, nehmt euer Schwert und Schild mit euch!(er führte ihn nach einem andern einſamen Vorhofe.) Erſt muß ich forſchen: ob der Herr der Burg euch ein Nachtlager gewähren will. Seyd indeß wachſam, bis ich wiederkehre. Er ging, und Friedrich blieb allein ſtehen. Er wun⸗ derte ſich hoch, daß ein Nachtlager ſo vieler Vorberei⸗ tung bedürfe, und meinte, daß Gaſtfreiheit jedes Rit⸗ ters Pflicht ſeyo. Um vieles mehrte ſich dieſe Verwun⸗ derung, als die Nacht einbrach, dicke Finſterniß um ihn her verbreitete, und niemand kam, der ihn abgeholt hätte. Vergebens ſuchte er jetzt einen Ausgang durch die Thüren, welche ſein Auge, als es noch tagte, be⸗ merkt hatte; er fand ſie alle verſchloſſen, und fing ſchon an, Betrug zu ahnen, als er in einigen Fenſtern, die nach dem Vorhofe gingen, Licht bemerkte. Eben wollte er an die Thüre, welche dahin zu führen ſchien, an⸗ kiopfen, als eine klägliche Weiberſtimme von oben herab ertönte. Hilfe! Hilfe! ſchrie ſie unaufhörlich, erbarmt euch meiner! Tödet mich lieber!—— Friedrichs Muth erwachte. Er ſtürmte mit Rieſenkraft gegen die Thürez ſie ſprang auf. Ohne einer Gefahr zu achten, ſtürzte er eine beleuchtete Treppe hinauf, öffnete eine zweite Thüre, und ſah, wie drei Reiſige eine Dirne beim Haare am Boden feſt hielten. Laßt ab, ſchrie er, oder 44 mein Schwert über euch! Die Knechte eniflohen und die Dirne richtete ſich ſchnell in die Höhe. Mir nach, edler Retter, ſprach ſie, ſonſt ſeyd ihr verloren! Sie eilte nun ſchnell fort, blieb aber im Laufen an dem Tiſche hän⸗ gen, auf welchem eine brennende Lampe ſtand. Dieſe ſtürzte herab, und Friedrich ſuchte vergebens die Thüre, durch welche ſie ſich entfernt hatte. Nach langem Su⸗ chen kam er endlich an eine Treppe, ſtieg herab und ſtand wieder im Vorhofe, wo er ehe ſchon ſeinem Füh⸗ rer entgegen geharret hatte. Eben wollte er aufs neue einen Ausgang ſuchen, als Fackeln die Treppe beleuch⸗ teten. Ein geharniſchter Ritter ſtieg herab; ihm folg⸗ ten drei Knechte mit Fackeln und Lanzen. Er ging raſch auf Friedrichen zu. Seyd ihr der Kühne, ſprach er, der vorhin meinen Knechten drohte? Friedrich. Ich war's! Ritter. Und wollt die Drohung doch nicht gegen mich wiederholen? Friedrich. Gegen euch und gegen Tauſende, dies wagen wollen, in meiner Gegenwart einer Dirne un⸗ gebührlich zu begegnen. Ritter. So laßt dann ſehen, was der Knabe ver⸗ mag! Er zog nun ſein Schwert und drang auf Frie⸗ drichen ein. Dieſer vertheidigte ſich ſtandhaft und tapfer; ſchon hatte er durch einen kraftvollen Hieb ſei⸗ nes Gegners Schwert hoch in die Luft geſchnellt und wollte dieſem eben das ſeinige auf die Bruſt ſetzen, als die Knechte ihn rückwärts beim Haare ergriffen und zu Boden warfen; ſie entwanden ihm eben ſo ſchnell ſein Schwert und hielten ſeine Hände. Ritter. Ha, Kühner! Biſt du nun gefangen? Biſt du nun beſiegt? Friedrich Ja räubermäßig, und ein Räuber biſt du, wenn du dieſe Behandlung billigſt. Ritter Ich billige ſie nicht nur, ich lobe ſie Tollkühne Knaben muß man ſo fangen! Was küm⸗ merte die Dirne dich? Jetzt wähle! Kannſt frei und ungehindert deine Straße ziehen, wenn du ſchwörſt, daß du die That nie rächen, ſie nie einem menſchlichen Ohre entdecken willſt! Friedrich. Ha, das iſt ſchändlich! Ritter. Höre weiter: Mußt aber ehrlos, gemor⸗ det durch die Hand meiner Knechte ſterben, wenn du dich der Bedingung weigerſt, wenn du nicht, ſie ganz zu erfüllen, feierlich gelobſt. Friedrich. Du biſt ein Mörder! Du biſt ein Lot⸗ terbnbe! Dies ſey die Antwort auf deinen Antrag. Befichl, daß man mich ködtet! Ritter. Noch iſts Zeit, überlege es wohl! Friedrich. Ich würde dir gleichen, wenn ich wäh⸗ len wollte! Ritter. Jüngling, das Leben iſt ſüß! Friedrich. Aber bitter wie Galle, wenns mit Schande vermiſcht iſt! Ritter. So erfüllt die Bitte des Thoren! Gebt ihm den Todesſtoß!(Die Knechte ſchwingen ihre Schwer⸗ ter über Friedrichen) Noch einmal!— Friedrich. Schweig! Eher Tod als Schande! Gottes Rache dir! Seine Gnade mir! Endet! Ein Trompetenſtoß, der noch dreimal wiederholt wurde, ertönte nun im Vorhofe. Der Ritter entfernte ſich ſchnell mit ſeinen Knechten, und entfloh ſammt ihnen durch eine offne Thüre, welche ſie feſt hinter ſich verriegelten. Ehe noch Friedrich dieſe ſeltſame Bege⸗ benheit faſſen konnte und noch immer vergebens ſein Schwert und Schild am Boden ſuchte, öffnete ſich an der andern Seite des Vorhofs eine Thüre; viele ge⸗ harniſchte Ritter zogen unter Fackelnſchein herein und nahten ſich Friedrichen. Dieſer erkannte ſogleich an ihrer Spitze den Anführer, welchem er bis auf die Burg geſolgi war, und wollte eben in Vorwürfe gegen ihn ausbrechen, als dieſer ihn freundſchaftlich bei der Hand faßte. Der Anführer. Ich weiß, was du mir erzählen willſt! Nimms, wiels zu nehmen iſt, und folge mir jetzt! Der Burgherr freut ſich, einen ſo tapfern Ritter kennen zu lernen, und hat mich hieher geſandt, dich abzuholen. Friedrich. Bring ihm meinen Dank zurück! Seine Einladung kommt zu ſpät. Ich kann, ich will ſie nicht annehmen. Mag nicht herbergen in einer Burg, wo unter dem Schutze des Wirths Dirnen entehrt und Fremde gemordet werden ſollen! Du ſchwurſt mir Si⸗ cherheit, ich fordere dieſe, und freien Abzug von der Veſte. Anführer. Raſcher Jüngling, nimms, wie's zu nehmen iſt! Friedrich. Eben dies thue ich, und wiederhole meine gerechte Bitte. Anführer. Wie aber, wenn dies alles nur Probe veines Herzens, deines Muthes war? Wenn man ver⸗ ſuchte: ob du der Ehre, die jetzt deiner wartet, wür⸗ dig ſeyſt? Friedrich. Eine Probe von ſeltner Art! Anführer. Leicht möglich! Komm und ſieh, was dein Muth dir erworben hat, und beſchließe dann erſt! —— Du bleibſt noch unentſchloſſen? Hat der harte Kampf deinen Muth ſo rein aufgezehrt, daß du keinen mehr zur Vollendung übrig haſt? Friedrich. Ich folge dir! Iſts neue Liſt, ſo biſt dn ein großer Herzenskündiger, denn nur ſolch ein Vorwurf kann meinen Entſchluß wankend machen! Die Ritter führten ihn nun ſtillſchweigend in einen langen Gang, der ſich immer tiefer und tiefer unter die Erde zu ſenken ſchien. Als ſie nahe an eine verſchloſ⸗ ſene Thüre kamen, ſtand der Zug nochmals ſtille —,———— Der Anführer czu Friedrichen). So weit kann der Geprüfte wandern!—— Nun die letzte und ein⸗ zige Frage an dich: War's dir Ernſt, als du Heilung deines Schmerzens von mir forderteſt Friedrich. Er wars! Anführer. Willſt du in itelicher Pflicht und Schuldigkeit dich üben 2 Willſt du zi dieſer dich feier⸗ lich verbinden? Willſt du jedem Gebote, das dich zum Ruhme; zur Ehre führt, willig Folge leiſten? Friedrich. Ich wills! Anführer. Willſt du dies geloben, beſchwören? Friedrich. Ja! Anführer. So öffnet die Thüre und laßt ihn ein⸗ treten! Friedrich trat nun in einen großen, unterirdi⸗ ſchen Saal. Sein Auge ſtaunte, als es umherblickte. An den langen Wänden des Saals hingen Ritterrü⸗ ſtungen, deren eiſerne Hände in der rechten ein blan⸗ kes Schwert, in der linken eine brennende Fackel hoch emporhielten. Der Thüre gegenüber ſtand ein hoher Thron, deſſen Decke und Vorhang von gelber Seide und mit Gold geſtickt war. Auf ſeinen Stufen lagen vier große, aus Metall gegoßne Löwen. Nahe beim Throne ſtand ein ſchwarzes Trauergerüſte, auf wel⸗ chem eine Rüſtung, und auf dieſer Schild und Schwert lag. Ringsumher ſtanden hohe Leuchter mit brennen⸗ den Lichtern, welche das Trauergerüſte majeſtätiſch be⸗ leuchteten. Mehr als hundert andere Ritter ſtanden ſchon an beiden Reihen des Throns. Die kommenden ſchloßen ſich an dieſe an; nur einer führte Friedrichen nach einem kleinen Sitze, der an der Ecke des Saals ſtand. Geprüfter, ſprach er zu ihm, nimm Platz! Wüfe nun auch, und beſchließe endlich! Ohne zu antworteti⸗ blieb Friedrich voll Staunen ſtehen und erwartete ſehn ſuchtsvoll den Ausgang des erhabnen Schauſpiels Viermal ertönte jetzt der Schlag einer großen, dum 48 pfen Glocke. Viermal wurde er von allen Anweſenden durch Schwertſchlag auf ihre Schilder beantwortet. Eine Seitenthüre öffnete ſich ſchnell. Ein Ritter im vergül⸗ deten Harniſche trat langſam ein. Er trug einen Helm auf ſeinem Haupte, der wie ein offener Löwenrachen gebildet, und in deſſen Kamme Mähnenhaare deſſelben befeſtigt waren. An des Thrones Stufen empfingen ihn zwei Ritter, die den ſchweren Helm von ſeinem Haupte nahmen. Die wenigen Silberhaäre, die dieſes deckten, bewieſen deutlich, daß der Held ein Greis ſey⸗ Mühſam beſtieg er nun den Thron, und ſetzte ſich un⸗ ter dem Baldachine deſſelben nieder. Greis. Willkommen, willkommen, willkommen, willkommen in der Höhle des Löwens! Ein Ritter. Er zog aus, zu forſchen: ob Friede und Ruhe die Erde deckte?2 Ein anderer. Er fand die Hirten ſchlafend! Ti⸗ ger und Wölfe wütheten in der Heerde! Ein anderer. Er weckte den Hirten! Ein anderer. Er zerriß den Tiger, zerbrach die Zähne des Wolfs! Einanderer. Undkehrte gerächt in ſeine Höhlezurück! Greis. Willkommen, willkommen, willkommen, willſommen tapfrer Löwe! Heil ſey dem, der Wittwen⸗ thränen trocknet! Die Ritter. Heil! Heil! Heil! Heil ſey ihm! Greis. Segen über dem, der des verlaßnen Wai⸗ ſen ſich erbarmt! Die Ritter. Segen! Segen! Segen! Segen über ihm! Greis Als der Friede von der Erde wich, als Raub uud Mordſucht ſie füllte, da vereinigten ſich vier⸗ mal vierzig redliche Ritter, zu widerſtehen ſeiner Wuth, ihn zü bekämpfen mit Rieſenkraft. Die Ritter. Sie gelobten und ſchwuren est —— „ 49 Greis. Viermal hat ſeit ihrem Auszuge der Mond ſeinen Lauf vollendet. Forſcher tritt auf, und frage wie ſie Gelübde und Schwur erfüllt haben 2 Ein Ritter, deſſen Schwertgriff einen Löwenkopf bil⸗ dete, trat nun zu des Thrones Stufen. Er griff in den offnen Rachen eines Löwens und zog eine Pergament⸗ rolle heraus, die er aufwickelte. Die Ritter theilten ſich indeß in vier gleiche Haufen. Der Forſcher. Nach Oſten und Weſten! Nach Norden und Süden zogen die Rächer aus. Rächer von Oſten: was begannſt du? Ein Ritter des erſten Haufens. Ich zog aus, um Philippen zu ſchützen auf ſeinem rechtmäßigen Throne. Ich beſtrafte unter ſeiner Fahne den Stolz der Städte Bonn und Koblenz. Ich war mit meinem Haufen unter den Wenigen, welche durch Straßburgs Thore eindrangen, und die Einwohner zum Eide der Treue gegen ihren Kaiſer nöthigten. Der Forſcher. Du haſt gut vollendet! Befleckt nicht Blut der Unſchuldigen euer Schwert? roſten nicht Wittwenthränen auf euern Schildern? Der Ritter. Wir ſchonten der Unſchuldigen Blut, und deckten mit unſerm Schilde die weinende Wittwe. Der Forſcher. Ruht aus von euren Thaten, bis die Stimme des beleidigten Herſchers euch zu neuer Fehde ruft. Rächer von Weſten: was begannſt du? Ein Ritter des andern Haufens. Ich ward ausgeſandt, um zu demüthigen den Stolz des alten Beichlingen, der ſeine Macht durch ungerechte Fehde zu vergrößern ſuchte, ſeiner friedlichen Nachbarn Gebiete frevelvoll verheerte, die Sichern zur Nachtszeit überfiel und ins Gefängniß ſchleppte. Der Forſcher. Wie haſt du begonnen? Wie geendet? Der Ritter. Ich vereinigte mich mit den Hau⸗ 4 5 7 Löwenritter 1. ſen der Beleidigten, der Gekränkten. Ich forderte in ihrem Namen das geraubte Gut zurück. Ich heiſchte die Freiheit der Gefeſſelten, und da der Sichere meiner gerechten Forderung Hohn ſprach, ſo ſtürmte ich ſeine Veſte, theilte die Beute unter die Sieger, und löste die Feſſeln der Gefangnen! Der Forſcher. Wie lohnteſt du d Der Ritter. Ich forderte Wo em Beſiegten? und Eid, daß er künftig Friede handhaben und Ge echtigkeit nähren wolle; da er dieſen zu leiſten ſich weigerte, ſo gab ich ihn den Gekränkten zur Verwahrung, bis ſein Stolz ſich demüthige und er Friede gelobe. Der Forſcher. Was war der Lohn deiner Arbeit und Mühe? Der Ritter. Zwölf Waiſen, deren Väter und Mütter die Krieger ermordet hatten. Sie heiſchten Hilfe von mir, und da ich ſie ihnen nicht gewähren konnte, ſo befahl ich ihnen, mit mir zu ziehen, damit unſer Bund ſie nähren, bilden und erziehen könne. Der Forſcher. Du haſt edel gehandelt! Dank ſep dir im Namen aller! Die Ritter. Dank! Dank! Dank! Dank dem Retter der Wittwen und Waiſen! Der Forſcher. Rächer von Norden; was be⸗ gannſt du? Ein Ritter des dritten Haufens. Ich zog nach dem Buchsgau, um Fridaus Wittwe zu ſchützen gegen die ſtolzen Forderungen ihrer Nachbarn, welche die Hälfte ihres Eigenthums in Anſpruch und Beſitz genommen hätten. Ich bot ihnen in der Wittwe Na⸗ men friedlichen Vergleich, ſie nahmen ihn an, und gaben zurück, was ſie unrechtmäßig beſaßen. Ohne Fehde und Blutvergießen kehrte ich zu euch zurück. Der Forſcher. Heit deiner Zunge, die ſo gut ſprach und des Blütes der Tapfern ſchonte. „——, 1 ——, 7 51 Die Ritter. Heil! Heil! Heil! Heil dem Ritter des Friedens! Der Forſcher. Ruhe ferner, bis die Stinme der Unterdrückten dich wieder zum Vertheidiger ſor⸗ dert!—— Rächer von Süden: was begannſt du? Der Anführer von Friedrichs Haufe. Ich ward ausgeſandt, zu züchtigen die Ritterbuben, welche ungeſcheut in Helvetiens Thälern Friede und Treue brachen, gleich Räubern umherzogen, dem Gatten das Weib, dem Vater die Tochter raubten. DerForſcher. Wie erfüllteſt du deinen Auſtrag? Glänzen Thränen der Erlösten auf euren Schildern? Habt ihr eure Schwerter ins Blut der Büben ge⸗ taucht? Iſt Hagberg unſter Verbindung würdiges Glied? Iſt er gerächt nach Würde und Gebühr? Der Anführer. Wir lösten die Feſſeln der Un⸗ ſchuld. Wir jagten manchem Räuber die Beute ab, und gaben ſie den Beraubten zurück. Nur Hagbergs Tod konnten wir nicht rächen! Der Forſcher. So kehrt zurück an den Ort eurer Sendung! Das Blut des Ermordeten, die Thränen ſeiner Wittwe und Waiſen rufen Rache über die Fei⸗ gen aus, die ſeinen Tod nicht rächten und unbeſchä digt zurückkehrten. Jubel ſollte heute in unſrer Ver⸗ ſammlung ertönen! Freude das Herz der Sieger fül⸗ len! Alles hat eure Zagheit vernichtet! Noch länger müſſen wir jetzt am leeren Harniſche des Ermordeten trauern und ſeinen ungerechten Tod beklagen! Der Anführer. Vierfaches Weh über uns, wenn dieſer gerechte Vorwurf uns treffen könnte! Voll des Muths zogen wir ins Iffenthal, um unſers Bundes⸗ genoſſen Blut zu rächen, oder im Kampfe über ihm ju ſterben, aber wir fanden ſeinen Tod ſchon herrlich gerächt! Graf Frohburg— Heil ſey dem Gerechten! hatte ſchon die Mörder gezüchtigt, die Wiltwe gu 52 Kinder des Ermordeten aus ihren Feſſeln befreit! Als wir vom weitern Zuge zurückkehrten, war die einge⸗ äſcherte Veſte deſſelben ſchon halb erbaut, und in der ganzen Gegend ging die Sage umher, daß der älteſte Sohn des Grafen die Wittwe ehelichen und der Wai⸗ ſen Vater ſeyn wolle. Der Forſcher. Heil den Edlen, die ohne Schwur und Pflicht ſich der Unſchuld erbarmten! Alle Ritter. Heil! Heil! Heil! Heil dem Gra⸗ ſen Frohburg und ſeinem edeln Sohne! DerForſcher. Ruht aus zu neuen Thaten! Die Abſicht eures Zuges iſt vollendet. Nur ein Gebot ward dir noch aufgetragen: wie haſt du es erfüllt? Führſt du in unſre Mitte einen Ritter, der würdig iſt, Has⸗ bergs Platz zu füllen? oder ſoll ferner noch ſeine Rüſtung ungenützt auf der Todtenbahre ruhen? Der Anführer. Ich forſchte vergebens unter den vielen Evlen umher, und fand keinen, der muthvoll der Gefahr trotzen, ſeine Ruhe dem allgemeinen Wohle aufopfern und ſich Feinde unter den Böſen ſammeln wollte. Schon kehrte ich zur Rechenſchaft zurück, und hatte eine große Waldhöhle, in welcher wir öfters ruh⸗ ten, zum Sammelplatze der übrigen beſtimmt, als ich vort einen Ritter fand, den Unrecht und Kummer in die Wildniß gejagt hatte, der hier ſeinen Pod ſuchte⸗ Ich weckte ſeinen ſchlafenden Muth, verſprach ihm ein thatvolles Leben, und nahm ihn mit mir. Euch kommts zu, zu forſchen: ob er würdig ſey, den Schutz des Löwens zu genießen und unter ſeiner Fahne zu kämpfen? Forſcher. Wir werdens, wenn die Ordnung ihn wrifſt.(Gegen den Greis.) Vater des Löwen! Ich habe ein Amt vollendet! Der Greis. Rühe gebührt dem tapfern Löwen! Nie muß er aber im Kampfe ermüden, weyn nenes unrecht ſeine Klage heiſcht. Kläger, tritt aufsund e⸗ fünde Wer Unrecht leidet? Wer Rache heiſcht? ——— 53 . Ein Ritter, an deſſen Bruſt eine goldne Kette mit dem Bildniſſe des Löwen hing, trat nun auf. Er griff in den offnen Rachen des zweiten Löwens und nahm eine große Rolle heraus: Der Kläger eindem er ſein Schwert zog). Ich klage über Bosheit und Unrecht! Ich klage über Ge⸗ walt und Unterdrückung! Alle Ritter eihre Schwerter empor ſchwingend). Wir ſchwören's zu rächen! Wir ſchwören's zu ahnden! Der Greis. Wen klagſt du an? Der Kläger. Otto, dem bie Deutſchen nie hul⸗ digten, den nur Verräther des Vaterlands Kaiſer nen⸗ nen, fährt noch immer fort, dem guten Philipp zu trotzen und das deutſche Reich zu verheeren. Anar⸗ chie hebt unter ſeinem Schutze ihr Hanpt muthig em⸗ por, und der Unſchuldigen Blut düngt noch immei die Erde! Greis. Zwiefacher Heerzug ſey wider den After⸗ kaiſer geboten! Rächer von Oſten! Rächer von We⸗ ſten! ihr zieht beide nach Philipps Lager und helft ſeine Rechte tapfer vertheidigen, damit bald Friede unſer Vaterland decks, und jeder unter dem Schutze der Geſetze ruhig und ſicher lebe. Die Ritter. Wir zichen, zu ſchützen den guten Philipp! Wir ziehen, zu züchtigen ſeine Feinde. Kläger. Graf iſt todt! Sein Weib gab ihm Gift, weil er ihre Untreue hindern wollte. Jetzt ſchwelgt ſie ungehindert mit ihrem Buhlen auf ſeiner Erbveſte! Sie hat ihr einziges Kind, eine tu⸗ gendſame Dirne, ins Kloſter geſandt, damit des Va⸗ ters Erbe ihr nicht werde und die kommenden Baſtar⸗ ten ſich darein theilen können. Wer wird rächen des unſchuldigen Tod? Wer wird beſtrafen das huhleriſche Weib, und der armen Waiſe ihr rechtmäßiges Erb⸗ theil ſchern? 2 Friedrich chingeriſſen vom innern Gefühle). Ich, edle Ritter, ich will die gerechte Rache ausführen! Greis. Heil dir, edler Fremdling! Dein Herz hat Gefühl für Beleidigung! Ich werde dies Gefühl ſchon zu nützen wiſſen. Rächer von Sünden, du ziehſt aus, zu rächen Neuenburgs Tod, zu retten ſeine Tochter, zu züchtigen ſein buhleriſches Weib! Kläger. Noch immer befehden ringsumher und in der weiten Ferne die ſonſt friedlichen Nachbarn einan⸗ der wechſelſeitig. Des beſchwornen Landfriedens wird nicht geachtet. Keiner iſt ſeines Lebens, ſeines Eigen⸗ thums ſicher. Greis. Rächer von Norden, du wirſt die Frie⸗ densſtörer beobachten! Die Unterdrückten ſchützen und die Frevler ſtrafen! Alle Ritter. Heil! Heil! Heil! Heil dem ta⸗ pfern Löwen, der nie ruht, wenn Bosheit lacht und Unſchuld weint! Greis. Senkt eure Waffen! Schnallt ab eure Har⸗ niſche! Durch vier Tage ſollt ihr ruhen von eurer Ar⸗ beit, und in der Ruhe neuen Muth zur Arbeit ſam⸗ meln(die Ritter legen Schwert und Schild von ſich und ſchnallen ihre Harniſche ab.) Greis. Der Freudenbecher winkt! Ehe ihr aber ſeinem Winke Folge leiſten könnt, muß erſt dies Trauer⸗ gerüſte aus unſter Verſammlung verſchwinden, die leere Rüſtung deſſelben gefüllt werden. Führt den Fremdling näher zu mir. Ich will verſuchen: ob er unſern Verluſt zu erſetzen fähig iſt?(Friedrich ward zu den Stufen des Throns geführt.) Greis. Edler Fremdling, wir prüften deinen Muth im Vorhofe; er beſtand die Probe, und du wurdeſt würdig geachtet, einzutreten in unſre Verſammlung, um auch uns prüfen zu können. Noch iſt dein Wille frei, dein Herz ungebunden. Du hörteſt, wie wir han⸗ „— — k 50 delten, wie wir künftig handeln wezden. Sprich jetzt Wie behagen dir unſre Handlungen? Friedrich. Ich verehre, ich ſchätze ſie. Greis. Willſt du eintreten in unſte Verbindung? Willſt du Rache dem Laſter, Schutz der Unſchuld ſchwö⸗ ren 2 Willſt du dieſen Schwur halten all dein Lebenlang? Friedrich. Ehrwürdiger Greis, ich wills! Nur eine Frage ſey mir vergönnt: Muß ich tragen den Harniſch des ermordeten Hagbergs? Muß ich ſchützen ſeine Wittwe vor jeder Gefahr? Greis. Du mußt tragen den Harniſch des Er⸗ mordeten, mußt ſchützen ſeine Wittwe vor jeder Gefahr. Friedrich. Auch dann noch, wenn böſe Handlung ſie eures Schutzes unwürdig macht? Greis. Dann flieht ſie unſer Schutz! Dann be⸗ ginnt Rache über ſie! Friedrich. Nehmt mich auf in euern Bund! Ich brenne vor Begierde, unter euern Fahnen zu kämpfen! Greis. Führt ihn von hinnen! Drei Proben hat dein Muth geendet! Die vierte beginnt! Wohl dir, wenn du auch dieſe vollendeſt! Zwei Ritter führten ihn nun an die Thüre des Saals; dieſe ward plötzlich verſchloſſen, und Friedrich von ſeinen Begleitern nach einem kleinen Gemache ge⸗ führt. Ehe er noch fragen konnte, was er hier be⸗ ginnen ſolle, waren ſeine Begleiter ſchon entflohen und hatten die Thüre feſt hinter ſich verriegelt. Eine kleine brennende Lampe beleuchtete ſchwach den Tiſch, auf welchem ſie ſtand. Ein Krug ſtand auf demſelben, und neben ihm lag ein Stück Brod. Friedrich ging im Gemache auf und ab und harrte muthig der Dinge, welche da kommen ſollten. Bald darauftrat einſ warz⸗ gekleideter Ritter ins Gemach. Er trug unter ſeinem linken Arme ein ſchwarzes Buch, deſſen Einband mit Todtenköpfen bemalt war⸗ ein Wort chen, zog er den Docht der Lampe in die Höhe; ſie loderte heller; Fremdling, ſprach er nun, verſtehſt du zu ſchreiben? Friedrich. Ich verſtehs! Der Ritter. So ſetze dich und ſchreibe deinen Namen, dein Alter, deinen Stand in dieſes Buch. Ich werde wiederkehren, wenn du geendet haſt. Er ging und verſchloß die Thüre hinter ſich. Friedrich gehorchte ſogleich und ſchrieb in das Buch, was ihm war geboten worden. Als er geendet hatte, regte ſich ſeine Neugierde; er fing an, das Buch zu durchblättern; guf jedem Blatte deſſelben ſtand der Name eines Rit⸗ ters, ſein Alter und ſein Stand. Bei jedem war durch eine fremde Hand eine Anmerkung beigefügt: Er ſtarb am zweiten, am dritten, am ſechsten, am neunten Tage! Er ſtürzte ſich ſogleich den Hals ab! So lauteten dieſe beſondern Anmerkungen, welche Frie⸗ drich voll Erſtaunen las. Es iſt eine Probe deines Muths, dachte er endlich, und blätterte weiter. Das Titelblatt des Buchs fiel ihm jetzt in die Augen: Dies, ſtand hier geſchrieben, iſt das Verzeichniß ſämmilicher Ritter, welche wir durch Liſt in unſre Höhle lockten und glücklich ermordeten! Eben wollte Friedrich voll Entſetzen von ſeinem Sitze aufſpringen, als der Bo⸗ den unter ihm wich, und er tief hinab in eine finſtere Höhle ſtürzte. Der Fall hatte ſeine Sinne betäubt; wie er dieſer wieder mächtig zu werden anfing, fühlte er, daß eine kalte Hand ihn betaſte. Friedrich. Wer iſt hier 2 Eine Stimme(ſchwach und matt). Wohl mir, daß du noch lebſt! Ich hörte, wie du herabgeſtürzt wardſt und kroch hieher!—— Sind deine Arme, deine Beine nicht zerbrochen? Friedrich eſich emporraffendà. Nein! Ich fühle mich unverletzt und unbeſchädigt. 1* 57 Die Stimme. Dann Heil dir und mir!—— Heil mir, daß ich dir noch einen guten Rath zu ge⸗ ben vermag! Heil dir, daß du ihn benutzen kannſt? Schon ſechs Tage ſchmachte ich in dieſer Höhle! Mein linker Schenkel iſt vom Falle zerſchmettert; niemand hört mein Flehen; niemand erbarmt ſich meines ängſt⸗ lichen Wimmerns! Ich muß hier verſchmachten! Friedrich. Wär's möglich! Sollte es wirklich wahr ſeyn? Die Stimme. O nur allzuwahr! Böſewichte und Mörder treiben auf dieſer Burg ihr Weſen, und locken tapfere, redliche Ritter in ihre Schlinge!—— Doch ich muß kurz ſeyn, der Tov nagt ſchon an mei⸗ nem Herzen—— Geſtern kroch ich von Schmerz und Durſt gequält in dieſer Höhle umher, ich kam links von hier in einen Riß des Felſens. Er erwei⸗ terte ſich immer mehr und mehr. Das Licht der Sonne blickte durch die Oeffnung herab; ich ſah Aeſte der Bäume und hörte den Geſang der Vögel. Ich ver⸗ ſuchte vergebens hinaufzuklimmen; mein zerſchmetter⸗ ter Fuß verſagte mir den Beiſtand—— Ich kroch verzweifelnd zurück—— Senne du meine Enide⸗ ckung. Halte dich ſtets links an der Mauer, ſo mußt du—— den Riß finden.—— O weh! O weh! Das ſind Gefühle des nahen Todes!—— Er kommt! —— Räche Fremdling, räche meinen Tod! Fliche! Fliehe!—— Die Stimme hörte nun auf zu ſprechen; und wie Friedrich am Boden herumgriff, ſo fühlte er deutlich, daß ein menſchlicher Körper zu ſeinen Füßen lag, der nicht mehr athmete, ſich nicht bewegte. Friedrichs Hoffnung, daß dies vielleicht alles nur eine Probe ſeines Muths ſeyn könne, war nun ent⸗ flohen. Er traute den Worten eines Sterbenden weit mehr, als den glatten Worten der Ritter Er dankte Gott, daß er ihm Mittel zu ſeiner Flucht gezeigt hatte und ſchwur, ſeines Wohlthäters Tod zu rächen. Der Vorſchrift deſſelben getreu, ging er jetzt links an der Mauer hinab, fand bald den Felſenriß, und kletterte vis ans Ende deſſelben. Oft, wenn er gebückt durch die herabhängenden Steine kriechen mußte, fühlten ſeine Hände Knochen und Menſchenköpfe, die er mit Schau⸗ dern wieder von ſich wegwarf. Ein ſchwaches Mor⸗ genlicht dämmerte ihm jetzt aus der Höhe entgegen; muthig kletterte er aufwärts, ergriff den Aſt eines herabhangenden Strauches, und ſtand wenige Augen⸗ blicke darauf im Freien. Sein Herz, das ſchon lange nicht Freude gefühlt hatte, ſchlug wonnevoll, als es ſich vom ſchmählichen Hungertode gerettet fühlte. Er beſchloß ſogleich, aus dieſer gefährlichen Gegend zu entfliehen, und eilte vorwärts. Hohe Felſen thürmten noch immer von beiden Seiten ſich mächtig über Frie⸗ drichs Haupte empor. Er ſuchte vergebens höher zu klettern, und fand nirgends einen Platz, wo er ſeinen Fuß hinetzen konnte. Wider Neigung und Vorſatz mußte er einen engen Pfad fortwandeln, der ſich zwi⸗ ſchen den Felſen durchzuſchlängeln ſchien. Er bebte zurück, als bald darauf eine verſchloßne Thüre ihm alle weitere Flucht verſperrte, ſie war in die enge Kluft, durch welche der Weg zu leiten ſchien, feſt ein⸗ geengt. Friedrich mußte ſie öffnen, wenn er anders vorwärts dringen wollte. Er zögerte lange, ehe er Muth dazu gewann; endlich ſiegte die Begierde nach Freiheit; er ergriff den Riegel, welcher vorgeſchoben war, und die Thüre ſprang auf. Neues Schaudern ergriff ihn, als er ſah, daß die Thüre am Rande eines breiten Abgrundes ſtand, in deſſen Tiefe ein großer Fluß fürchterlich rauſchte. Die Kluft des Abgrundes war breit, ein Sprung darüber unmöglich; Friedrich mußte umkehren und einen andern Rettungsweg ſu⸗ * f 59 chen. Seine Mühe war fruchtlos; er ſuchte vergebens an den kahlen und glatten Felſenwänden hinaufzu⸗ klimmen; nirgends fand er einen Platz, wo ſein Fuß ruhen, nirgends einen Strauch, an welchem ſeine Hand ſich halten konnte. Nur zwei Wege blieben ihm vof⸗ fen: zurückzukehren in die ſchreckliche Hungerhöhle, oder den eben ſo ſchrecklichen Sprung über den Abgrund zu wagen. Schon war er feſt entſchloſſen, das letztere zu wählen, als er an des Abgrunds Spitze ſchmale Stu⸗ fen erblickte, welche in die Tiefe deffelben zu führen ſchienen. Er verſuchte auf ſolchen hinabzuſteigen, und langte glücklich an dem Rande des Fluſſes an, wel— cher ſchnell und reißend ſich zwiſchen die gelſen durch⸗ ſtürzte. Er ſah deutlich, wie jenſeits aus dem Ab⸗ grund ein neuer Weg ſtufenweiſe aufwärts führte, aber er fand keine Brücke, keinen Steg, auf welchem er dahin gelangen konnte. Ein Pfahl, deſſen Spitze mit Eiſen beſchlagen war, lag neben den Stufen. Frie⸗ drich ergriff ihn, ſtemmte ſich mit Rieſenkraft gegen den Strom, und war ſo glücklich, ihn mit Hilfe des Pfahls zu durchwaten. Er ſtieg muthig aufwäris und glaubte ſchon der Gefahr entronnen zu ſeyn; als er aber die Höhe erreicht hatte, lag ein neuer Abgrund zu ſeinen Füßen, zwar lange nicht ſo breit ais der vyrige, aber doch immer mehr als zu breit, um ohne höchſte Noth einen Sprung darüber zu wagen. Da Friedrich nach genauer Unterſuchung keinen andern Ret⸗ tungsweg fand, ſo wagte er ihn glücklich, und eilte zwiſchen neuen, eben ſo hohen und glatten Felſenwän⸗ nen weiter. Ein dicker Rauch wallte ihm nun entge⸗ gen. In der Mitte des Wegs ſtand ein glühender Holzſtoß, welcher von einem Felſen bis zum andern eichte. Friedrich mußte ſolchen entweder überſteigen oder zurückkehren. Er fand einige noch nicht brennende Holzſtücke, warf ſie über die Gluth und überſieß ſolche „ glücklich Der Weg fing nun an breiter und ange⸗ nehnier zu werden, die Felſenwände wurden niedriger, und öffneten ſich hie und da zu einer herrlichen Aus⸗ ſicht ins weite, flache Thal. Friedrich wanderte ſchnell fort und erreichte bald eine Eremittenhütte, die nahe am Wege ſtand. Ein alter Eremit ſaß betend am Eingange derſelben. Wohin des Landes? ſprach er zu Friedrichen, als dieſer ſtillſchweigend vorübereilen wollte. Friedrich. Ich habe dieſe Nacht die Straße ver⸗ fehlt und ſuche ſie ſeit dieſer Zeit vergebens. Ihr werdet Gotteslohn gewinnen, wenn ihr mir den näch⸗ ſten Weg dahin zeigt. Eremit. Gern und willig, wenn ihr dagegen auch mir eine Bitte gewährt. Ihr ſeyd müde vom Schen und bedürft Labung. Nehmt an, was meine Dürftigkeit euch mit willigem Herzen reichen wird. Friedrich. Dank euch, für euren guten Willen, aber ihr ſeht, daß ich eile— Eremit. Noch iſts weit bis zur offnen Straße⸗ Eile ohne Labung wird euch gefährlich werden, und geſtärkte Kraft wird reichlich die wenige Zögerung er⸗ ſetzen. Tretet ein in meine Hütte, und verſchmäht nicht meine Gaſtfreiheit, die ich ſo ſelten an verirrten Wanderern üben kann. Um nicht durch ſtärkere Weigerung länger aufge⸗ halten zu werden, erfüllte Friedrich die Bitte des Ere⸗ miten, und bat ihn dringend, ihn ſo geſchwind als möglich weiter zu fördern. Der Eremit gelobte es, und führte ihn nach der Hütte. Könnt ihr leſen, ſprach er im Eintreten zu Friedrichen, ſo lest indeß die Denk⸗ ſprüche, welche an der Wand hängen; ehe ihr geendet habt, bin ich mit allem, was ich vermag, wieder bei euch. Friedrich, deſſen Herz eben nicht zu dieſer Un⸗ terhaltung geſtimmt war, ging anfangs unruhig auf⸗ und pieder. Endlich erinnerte er ſich an des Eremi⸗ —,— — — 61 ten Ermahnung und blickte nach der Wand hin. Vier ſchwarze Tafeln hingen daran, mit goldenen Buchſta⸗ ben war folgendes darauf geſchrieben:„Ein Einfälti⸗ »ger glaubt allem Worte, aber ein Kluger merkt auf „ſeinen Gang.“ Sprüchwörter Salomonis am 14 Ka⸗ pitel 15 Vers.„Wie das Feuer Silber, und der Ofen „Gold, alſo prüfet der Herr die Herzen.“ Sprüch⸗ wörter Salomonis am 16 Kapitel 3 Vers.„Der „Tapfere ſcheut nicht das Brennen des Feuers, das „Rauſchen des wüthenden Stroms, er achtet nicht des „Abgrunds, der vor ihm liegt, er durchfliegt die Luft „gleich einem Vogel! Er trotzt allen Elementen, zu „etten den Unglücklichen, zu befreien den Gefeſſelten! „Dafür wird Segen des Herrn, und Lob der Gerech⸗ „ten ſeiner warten!“ Lib. Stat. Equ. Leon. Caß. IV.„Freiheit iſt eine ſüße Frucht! Je mühſamer ſie „geſammelt wird, deſto angenehmer ſchmeckt ſie! Heil „dem edlen Ritter, welcher ſie fand! Viermal Heil „aber demjenigen, der zurückkehrt zum Gehorſame, und „die errungene Frucht dem Geſetze opfert! Faſſe, prüfe „und wähle!“ Friedrich las dieſe Denkſprüche mehr als einmal. Es ward heller in ſeiner Seele. Wie, ſprach er zu ſich ſelbſt, wenn dies alles doch nur eine Probe dei⸗ nes Muthes war, wenn man dich abſichtlich ſo ſchreckte, abſichtlich deiner Flucht Hinderniſſe entgegendämmte, um zu prüfen: wie du der Gefahr trotzen würdeſt⸗ Dies alles ſcheinen dieſe Denkſprüche ſo deutlich zü beweiſen. Warum würden ſie ſonſt hier hangen? Und welcher andern Urſache wegen würde mich ſonſt der Eremit darauf aufmerkſam gemacht haben? Unmöglich können dieſe Ritter zugleich ſo groß, ſo edel, und wieder ſo klein, ſo bubenmäßig handeln! Eins von beiden muß Verſtellung ſeyn! lind wenn ſies wirklich war warums ſolls nicht die böſe, warim müß es eben die gute Handlung ſeyn?——= Lange würde er wahrſcheinlich dieſe Ueberlegung noch fortgeſetzt ha⸗ ben, wenn der eintretende Eremit ihn nicht darin ge⸗ ſtört hätte. Er brachte ihm Brod und Wein zum Imbiß. Eremit. Da labt euch, und zieht dann weiter! Friedrich blickte noch immer die Tafeln gedankenvoll an) Nun, habt ihr geleſen? Friedrich. Ich habe! Eremit. Wenn ihrs nicht hättet, ſo würde ichs euch vorleſen. Schon einige Ritter, die auch bei mir einſprachen, dankten mirs ſehr, daß ich ihnen dieſen Dienſt leiſtete. Friedrich. Wer gab euch dieſe Tafeln? Warum habt ihr ſie hier aufgehangen? Eremit. Dieſe Tafeln erhielt ich von dem Burg⸗ berrn, in deſſen Schutze ich lebe. Er gebot mir, ſie jedem Ritter, der bei mir vorüberziehen würde, vor⸗ zuleſen. Friedrich. Sprachen ſchon oft Ritter bei euch ein? Eremit. Schon bewohne ich dieſe Hütte ſechs Jahr, und ſeit dieſer langen Zeit hatte ich nur das Glick, drei derſelben zu bewirthem Wie viele aber vorher bei derſelben vorüberzogen, kann ich euch nicht ſagen. Friedrich. Nur dreie? In ſechs Jahren? Und wo zogen dieſe hin? Eremit. Sie fragten, wie ihr, nach der Landſtraße, nahmen erſt nach langer Weigerung meine Einladung an, ſaßen gedankenvoll am Tiſche, ließen ſich die Denk⸗ ſprüche oft wiederholen, und wanderten endlich zurück in die Burg meines Schutzherrn! Friedrich. Zurück? Welchen Weg wählten ſie dahin? Eremit. Den kürzeſten. Hinter meiner Hütte ſchlängelt ſich ein angenehmer Pfad zur Veſte empor. Er iſt kurz und ſchön, ehe ich drei Ave bete, könnt ihr an der Pforte ſtehen. 5 — 63 Friedrich. Kennt ihr euren Burgherrn ſchon lange? Eremit. O ſehr lange! Er iſt der beſte, der ge rechteſte Ritter in ganz Schwaben! Ringsumher ſchützt er die Unſchuld und vertheidigt die Rechte der Unter⸗ drückten! Solch einen Mann gab's noch nie! Solch einen Mann wird's ſchwerlich mehr geben! Friedet Alter, wenn du lügſt! Eremit ann fahre dies graue Haupt mit Schande ct e Guube, dann möge meiner Gott im To⸗ kampfe dergeſſen und meine Seele zur Hölle ſchicken! Friedrich centſch ur Veſte führt. Eremit. Wollt ihr denn nicht erſt genießen, was ine Armu euch auftiſchte 2 Friedrich. Jetzt nicht, aber wenn ich ruhiger bin, will ich einſt bei dir einſprechen und mirs dann herr⸗ lich ſchmecken laſſen. Der Eremit führte nun Friedrichen nach dem Pfade. Wenn ihr nicht leſen könntet, ſo würde ich euch, ſprach er, noch weiter begleiten, jetzt bedarfs nur der Erin⸗ nerung, daß ihr bei der Statue des heiligen Markus ein wenig verweilt, und die Inſchriſt leſet, die der Löwe deſſelben im Rachen hält. Es kann euch nützen, wenigſtens vorbereiten. Friedrich erreichte bald die Statue. Der heilige Markus blickte freundlich auf. ihn berab, und war gebildet, als ob er den Vorübergchen⸗ den einen Kranz von Eichenblättern reichen wollte. Frie⸗ drich las die Inſchrift: Aus vier Dr übſalen, ſtand geſchrieben, hat dich der Herrerrettet, und in der fünften wird dich kein Uebel treffen Alſo noch eine Probe, dachte er bei ſich ſelbſt. Ich will ſie muthig überſtehen, fuhr er fort, und eilte nach einemn verſchloßnen Pförtchen, das nach der Burg zu, ſübken ſchien. Vie er anklopfen wollte, wich der Bo⸗ den aufs neue unter ſeinen Füßen; er ſank in dicke ſem.—Zeige mir den Pfad, der Finſterniß hinab, und wie er wieder ſehen und begrei⸗ fen konnte, lag er in den Armen einiger Ritter, die ihn ſanft vom Boden emporhoben. Allgemeines Jubel⸗ geſchrei ertönte rings um ihn her. Willkommen, rie⸗ fen aller Stimmen, willkommen tapferer Ritter des Löwens! Willkommen Bekämpfer aller Elemente! Will⸗ kommen als Rächer und Anführer des Bunds! Der erſtaunte Friedrich blickte nun um ſich, und ſah, daß er in einem prächtig erleuchteten Saale ſtand. Der Greis ſaß wieder auf einem noch prächtigern Throne, und alle Ritter ſtanden in feſtlichen Kleidern zu beiden Seiten deſſelben. Vier offene Bücher lagen unfern von ihm auf einer ſchwarzen Tafel, welche vier hohe, wie Löwen gebildete Leuchter beleuchteten. Der Greis. Blicke umher, tapferer Ritter, vier Thüren ſtanden dem wandernden Neuling zur Aufnahme in dieſen Saal offen. Die drei untern führen näher zum Zwecke, aber die oberſte näher zum Ruhme, zum Lohne. Wenige nur wählten dieſen Weg; ſey uns daher vierfach willkommen! Die Prüfung iſt vollendet⸗ und mir gebührts, dir nun alles zu enthüllen, dir die Binde abzunehmen, welche bisher dein forſchendes Aüge blendete. Du kennſt den Endzweck unſers Bunds. Da Tapferkeit und Muth die Glieder deſſelben beleben muß, ſo iſts natürlich, daß wir vorher prüfen, ehe wir wäh⸗ len. Keiner kann in unſre Verſammlung treten, er habe dann zuvor Beweiſe ſeines Muths gegeben. Dem⸗ jenigen, welcher die nach Hilfe rufende Dirne nicht zu retten ſucht, nicht. mit dem Ritter kämpft, und endlich lieber ſchimpfliche Flucht als rühmlichen Tod wählt, bleiben unſre Thüren ſtets verſchloſſen, er kann ein rep licher, aber kein muthvoller, kein tapferer Ritter er taugt nicht in unſern Bund, wird ſeinen Rz nie mehren, nie das allgemeine Verderben ſtei m Beſteht er gleich dir den Kampf glücklich, ſo wird er — 7 65 eingeführt in unſre Verſammlung. Er ſieht, wie wir handeln, und hat freien Willen, in Zukunft eben ſo handeln zu können, oder frei und ungehindert weiter zu ziehen. Wählt er das erſtere, ſo beginnt mit ihm die Probe des Bundes. Dieſe muß erſt die Größe ſei⸗ ner Seelenkraft, die Fähigkeiten ſeines Verſtandes be⸗ ſtimmen, muß den Fingerzeig geben: wie der Bund ſolche benützen, wie weit er ihnen trauen kann? Sein Herz, ſeine Sinne werden geängſtigt. Der ſchwere Kampf zwiſchen Leben und Tod beginnt. Die mütter⸗ liche Erde nimmt ihn in ihren Schooß auf! cer zieht an einer ſeidnen Schnur, eine große Glocke erthnt einmal, einige Ritter entfernten ſich, und die Thüre wird hinter ihnen verſchloſſen. Steht er, wie diejenigen, welche jetzt den Saal verlaſſen mußten, am Rande des erſten Abgrundes ſtille, wagt er's nicht hinabzuſteigen oder den rauſchenden Fluß zu durchwaden, ſo wird er nach vier Stunden Bedenkzeit der gefährlichen Lage entriſſen, zwar aufgenommen in unſern Bund, aber er bleibt blos ein ſtreitendes Glied deſſelben, kann⸗nicht Anfüh⸗ rer, nicht Rathgeber werden, bis er nicht nach vier verfloßnen Jahren die Probe von neuem beginnt. Hat er die jenſeitige Höhe erklettert der Greis zieht die Glocke zweimal an, und andere Ritter entfernten ſich auf die nämliche Art) und ſteht, gleich denen, die uns jetzt verließen, am zweiten Abgrund ſtille, ſo wird er mit unſerm Bunde zwar enger verwandt, darf rathen, aber nicht beſchließen, kann nicht die Ritter gegen die Feinde anführen, und muß nach vier verfloßnen Jahren die zweite Probe von neuem beginnen. Wagt er den ge⸗ fährlichen Sprung(dig Glocke ſchlug dreimal und viele Ritter eutfernten ſich) und beginnt, vom Rauch und Gut zurückgeſchreckt, ſeinen Weg nicht weiter, ſo wird zwar ein ſtimmgebendes Glied unſers Bundes, ohne ſeine Einwilligung kann kein Heerzug unternömmen Löwenritter 5 werden, ihm ſtehen die Ehrenſtellen des zweiten Gra⸗ des offen, aber er kann nicht Kläger, nicht Rächer, nicht Forſcher, nicht Hauptmann des Bundes werden. Ueberſteigt er Dampf und Glut(die Glocke ſchlug vier⸗ mal an, und einige Ritter entfernten ſich, nur ſieben der⸗ ſelven blieben bei Friedrichen ſtehen) und kehrt gleich die⸗„ ſen, die jetzt hinaus traten, nicht freiwillig in die Burg zurück, ſondern muß vorher erſt thätig und deutlich von der Prüfung überzeugt werden, ſo hat ſein vollen⸗ deter Muth zwar Anſpruch auf alle Vorzüge, auf alle Ehrenſtellen des Bundes, kann aber doch ſo lange nicht Rächer und Hauptmann des Bundes werden, bis er nicht durch eine vorzügliche That bewieſen hat, daß ſein Mißtrauen gegen den Bund ganz aus ſeinem Herzen getilgt iſt. Du, edler, junger, tapferer Ritter, haſt die Erwartung des Löwens ganz erfüllt. Du haſt alle ſeine Forderungen befriedigt. Er iſt dein Schuldner worden. Du ſtehſt unter der Zahl der wenigen, auf welche er ſein hoffendes Auge richtet, von denen er die Vermehrung ſeines Glanzes, ſeines Ruhmes auch in Zukunft zu erwarten, zu fordern berechtigt iſt. Blicke auf, nur ſieben Ritter erreichten, wie du, das ausgeſteckte Ziel, du füllſt heute die halbe Quadratur! Heil mir! Heil meinem Bunde, wenn der Ewige mein Leben nur ſo lange friſtet, bis ich ſechszehn ſolcher tapfern Ritter um mich verſammelt habe und die ganze Quadratur vollendet iſt, dann kann ich hoffen, daß auf dieſen vier⸗ fachen Grundpfeilern das Gebände ſicher ruhen, allen Stürmen, und ſelbſt dem nagenden Zahne der Zeit 3 trotzen wird.—— Nochmals frage ich dich: Willſt du aufgenommen werden in den Bund des Löwens Willſt du ihm Treue, Liebe und Ehrfurcht und Gehvt ſam ſchwören? Friedrich. Ich will, ehrwürdiger Greis! Ich wil Ich ſegne die Stunde, in welcher mich der edle Rit — — 67 aus dem Schlafe weckte! Mein Herz litt damals un⸗ ausſprechliche Qual! Noch hatte ich die Früchte des Muthes und Ruhms nicht gekoſtet! Sie ſchmeckten herrlich! Ich bin zu neuer Thätigkeit erwacht, und hoffe mich damit zu nähren all mein Lebenlang! Greis. Wohlan, der frohe Augenblick beginne! (Die Glocke ſchlug einmal an, die Ritter des erſten Grades traten ein, ſie trugen eine Fahne vor ſich her, und ſtellten ſit an die erleuchtete Tafel.) Greis. Anführer des erſten Grads, ziere den Vyl⸗ lendeten mit dem Ehrenzeichen deines Grades! Der Anführer Friedrichen einen offnen Helm auf⸗ ſetzend). Du lagſt in der Finſterniß, dein Muth erwarb dir das Licht, trage zum Andenken dieſer That und zur Belohnung deines Muths ſtets dieſen offnen Helm. Blicke kühn deinem Feinde ins Geſicht, laß ihn immer dein Auge, nie deinen Rücken ſehen! Dies erwartet, dies heiſcht der Bund von dir! Er trat mit ſeinen Bez gleitern ab, die Glocke ſchlug zweimal an, und der Anführer des zweiten Grades trat mit ſeinen Gliedern ein. Er ſirlte ſeine Fahne an die Tafel, und überreichte Friedrichen Schwert.) Der Anführer. Brauſend und wüthend ſind die Waldſtröme, wenn ſie über Felſen herabſtürzen, noch wüthender iſt oſt das Heer der Gottloſen, wenns pie unbeſchützte Unſchuld überfällt. Du widerſtandeſt dem Strome, bekämpfe nun auch mit dieſem Schwerte das Heer der Böſen. Sein Griff, der einen Löwentopf bildet, erinnere dich ſtets an das Sinnbild des Bun⸗ des, an ſeine Macht und Stärke! Die Glocke ſchlug drii mal an, die Ritter entfernten ſich, und andere, welche ihrt Fahte ebenfalls zur Tafel ſtellten, nahten ſich Friedrichen. Der Anführer. Schnell iſt der Flug des Adlers Schnell der Sprung durch die Luft! Roch ſchneller muß Rache und Strafe der böſen That folgen! Nünm dieſe vier Federn, cer n ein —— bereichte ſolche Friedricheſ ziere † damit deinen Helm! Ihr Flug gleiche dem Fluge des Adlers, dem Sprunge durch die Luft, wenn du gegen die Böſen ziehſt! Auf den Trümmern der Bosheit ſollen ſie ſtets ſiegreich wehen, und deinen Brüdern das Zei⸗ chen zum Kampfe, zum Siege ſeyn!(Die Glocke ertönte viermal, nene Ritter erſetzten die Stelle der alten, ſie ſtellten ihre Fahne zu den andern.) Der Anführer. Gelb iſt die Farbe des Feuers! Gelb die Farbe des Löwens! Verheerend iſt die Wir⸗ kung des erſtern, wüthend die Rache des letztern! Du biſt würdig, ſein Bild zu tragen, denn du warſt uner⸗ ſchrocken wie er! eer hängt ihm eine goldne Kette mit dem Bildniſſe des Löwens um) Wehe dir, wehe dem ganzen Bunde, wenn es je eine Beute unſrer Feinde würde! Der Anführer der Ritter entfernte ſich nun ebenfalls, und die ſtets gegenwärtigen ſieben Ritter nahten ſich mit dem Greiſe der Tafel. Sie breiteten die vier Fah⸗ nen aus und heſteten ſie an einander. Das Bildniß der vier Erzengel war auf jedes derſelben einzeln ge⸗ malt. Friedrich trat auf ihr Geheiß zur Tafel. Ritter aller vier Grade, ſprach der Greis, dir ziemt es nun, den Bund zu beſchwören. Sprich laut und langſam nach, was dir vorgeſagt wird. Ein Ritter las ihm nun fol⸗ — * genden Eid vor, welchen Friedrich laut wiederholte: „Ich Graf Friedrich von Frohburg ſchwöre zu Gott dem „Allmächtigen einen körperlichen Eid, daß ich frei und „ungezwungen in den Bund des Löweus trete, daß ich „ſeine Pflichten zu erfüllen mich äußerſt beſtreben will! „Ich will kämpfen wider die Gewalt der Böſen, wider „die Rotte der loſen Buben! Mein Schild ſoll die „Unſchuld decken, und wenn mein Ohr das Wimmern „der Waiſen hört, wenn mein Auge die Thräne der Wittwe ſieht, ſo will ich ſtillen ihr Wimmern un „trocknen ihre Thränen! Ich will ausrotten die Spöt⸗ „ter deines Namens und vertilgen der Laſter Saam „Sollte ich dieſen Schwur nicht halten, ſo verſchlinae — — 60 „die Erde meinen Körper! So verwehe die Luſt mein „Andenken, ſo verzehre das Feuer meinen Ruhm, und „meine Habe zerfließe gleich dem Waſſer! Ich lege „meine Hände auf deine vier heiligen Evangelien! Ich „rufe die heiligen vier Erzengel zu Zeugen meines „Bundes an! Unter ihrem Beiſtand will ich ſiegen „oder ſterben! Einziger und dreteiniger Gott, höre „meinen Schwur! Strafe ſtreng meinen Meineid, und „lohne die Erfüllung meines Bundes nach deiner un⸗ „endlichen Barmherzigkeit! Amen!“ Als Friedrich dieſen Eid vollendet hatte, trat ein ehrwürdiger Prieſter in den Saal. Friedrichs Bruſt und Schulter wurde entblößt und er geſalbt mit hei⸗ ligem Chrisma. Dies, ſprach der Greis, iſt der Lohn der Wenigen, die wie du freiwillig zurückkehrten! Die Salbung wird dich mächtig ſtärken und ſchützen in jeder Gefahr! Sey jetzt gegrüßt und geküßt von deinen Brüdern! Sie umarmten ihn nun wechſelsweiſe, und küßten ihn auf beide Augen, auf Mund und Stirne. Der Greis. Vier Jahre mußt durnun ganz dem Bunde dienen, deſſen Mitglied du geworden biſt. Nach Vollendung dieſer Zeit ſteht es dir frei, zurückzukehren zu deinen häuslichen Pflichten; aber immer bleibt das Wohl des Bundes deine noch größere Pflicht. Immer mußt du ihm beiſtehen, und ausziehen mit all deiner Macht, wenn ſeine Stimme dich ruft. Da du auf ein⸗ mal vollendeteſt, was andere vielleicht nie vollenden werden, ſo kannſt du auch jetzt ſchon die Früchte der Vollendung genießen, kannſt ausziehen als Anführer gegen die Feinde des Bundes, kannſt wählen: wohin du ziehen willſt? Friedrich. Da die Erndte meines Ruhms ſo ſchnell beginnt, ſo iſt es auch Pflicht, daß ich ſie nütze Ich will ausziehen gegen die Feinde des Bundes uns bof⸗ ſiegreich wiederzukehren. 70 Greis. Wohin willſt du ziehen? Nach Oſten oder Weſten? Nach Süden oder Norden? Friedrich. Ich ziehe, wohin dein Gebot mir winkt! Doch ſoll freie Wahl mein Loos ſeyn, ſo erlaube, daß ich das buhleriſche Weib des ermordeten Neuburgs züch⸗ tige und ſeiner Seele Rache verſchaffe! Greis. Du ziehſt alſo nach Süden, wenn wir vorher das Feſt der Freundſchaft und des Bundes durch vier Tage in unſern Mauern gefeiert haben. Ehe ich alle Brüder zur Freude verſammle, muß ich dich vor⸗ her in den nöthigſten Gebräuchen unſers Bundes un⸗ terrichten. Nimm dieſen Büſchel Haare! Sie ſind aus der Mähne eines Löwen geſchnitten, ſtets müſſen ſie neben den vier Federn deines Helms wehen. Sie ſind allen übrigen Brüdern ein Zeichen, daß du ein Geſalb⸗ ter biſt. Sie küſſen beim Willkommen und Abſchiede deine Bruſt, und du legſt ſegnend deine rechte Hand auf ihre Stirne. Dieſer Vorzug iſt nöthig, denn er gewöhnt an Gehorſam und Ehrfurcht, den dir als An⸗ führer alle unbedingt zu leiſten ſchuldig ſind. Du ſitzeſt ſtets an meiner Tafel, und Ritter des erſten Grades müſſen dir dienen. Dies indeß zur nöthigſten Beleh⸗ rung! Die Statuten unſers Bundes liegen vor dir offen, du mußt ſie leſen und erforſchen, ehe du ausziehſt. Der Greis zog nun viermal an der Glocke, und alle Ritter traten in die Verſammlung. Sie ſtaunten hoch, als ſie den neuen Bundsgenoſſen ſo herrlich geſchmückt erblickten; ſie küßten ehrerbietig ſeine Bruſt, und vank⸗ ten ihm brüderlich, daß er durch ſeinen Muth ihnen ein Beiſpiel gegeben habe, daß Vollendung, an der ſie oft gezweifelt hatten, möglich und wahrſcheinlich ſey. Friedrich fühlte ſich froh und glücklich; ſeine Seeles die bisher nur Freuden der Liebe geſchmeckt, nur dieſte zu fördern geſucht hatte, fühlte zum erſtenmal, daß die Früchte der Ehre und des Ruhms auch herrlich glänz⸗ 71 ten. Er beſchloß in dieſem frohen Augenblicke, ganz der Weiberliebe zu entſagen, und künftig nur dieſen zu ſuchen, nur an dieſem zu hangen. Noch war es früh am Morgen, die Ritter zerſtreu⸗ ten ſich, und Friedrich ging an des Greiſes Hand nach dem Garten; folgendes Geſpräch begann zwiſchen ihnen: Der Greis. Biſt du der älteſte Sohn des Gra⸗ fen von Frohburg? Friedrich. Ich bins! Bin ſein Erbe und Nach⸗ ſolger. Greis. Dann wiederfährt heute meinem Bunde großes Heil. Er wird durch dich ſeine Macht einſt anſehnlich vergrößern! Friedrich. Er hat ſie ſchon vergrößert! Ich kenne meines Vaters Herz—— Greis. Eben recht, daß du mich an dieſes erin⸗ — Es muß edel ſeyn, muß ſeine Kinder zärtlich lieben. Friedrich. O gewiß! Greis. Dann wäre es wahrlich Sünde, wenn dieſes Herz bangen und Leid tragen ſollte! Friedrich. Warum? Weßwegen? Greis. Weil er's nicht weiß, wo ſein traurender Sohn herumirrt? Welches Schickſal ihn treffen kann? Friedrich. Ehrwürdiger Vater, ihr ſprecht weiſe und gut! Vom heftigen Sturme der wüthenden, be⸗ trognen Liebe getrieben, zog ich aus, wollte ſiegen oder ſterben. Der gute Vater wird mich vielleicht ſchon als todt beweinen. Ich nahm nicht Abſchied von ihm, weil ich fürchtete, daß er meine Abreiſe hindern würde. Er wird jetzt um ſo ſicherer wähnen, daß keine gute Abſicht der Endzweck meiner Wanderung ſeh⸗ Greis. Du mußt den väterlichen Kummer ſtillen, mußt ihm Nachricht von dir, von deiner ſeßigen Be⸗ ſtimmung geben. Nur Geſchäfte und Zerſtreuung kön⸗ nen dein verwundetes Herz heilen! Er wird daher ſicher und gewiß dein Unternehmen billigen, dir ſeinen Segen ſenden, und dann wirſt du um vieles ruhiger und beſſer kämpfen. Friedrich. Ich will euer Gebot noch heute erfüllen! Greis. Schreibe ihm! Ich will deinen Brief nach Kräften fördern, dir die Antwort, wenn du ſchon aus⸗ gezogen biſt, durch einen Boten nachſenden. Jetzt zu etwas anderm: Du liebteſt Hagbergs Wittwe? Friedrich(ſchauderndd. O Gott! Ich liebte ſie innig und zärtlich! Blickt mich an! Seht, wie die bloße Erinnerung mit dem feſten Vorſatze, ſie ewig zu ver⸗ geſſen, zu kämpfen beginnt! Greis. Und ſie betrog dich? Friedrich. Schrecklich! Schändlich! O mehr als ſchändlich!—— Ihr habt heute die Beweiſe meines Muths geſehen! Dieſe Thränen können mich alſo nicht entehren! Wohl mir, wenn ich die Erinnerung dieſer ſchändlichen That eben ſo aus meinem Gedächtniſſe wegwiſchen könnte, wie ich jetzt dieſe Verräther meines Herzens vertilge! cer trocknet ſeine Augen.) Greis. Biſt du von ihrer Untreue ganz überzeugt? Frieprich. Ganz! Vollkommen! Greis. Und wie2 Friedrich. O Vater, fordert alles! Meine Habe! Mein Leben! Nur dieſe Erzählung nicht! Sie wird mich Mondenlang unfähig zu eurem Dienſte machen! Greis. Bekämpfer aller vier Elemente! Geſälbter! Du kannſt nicht kleinmüthig werden, du darfſt nicht zagen! Ich wiederhole meine Frage! Ich wiederhole ſie zu deinem Beſten! Ich will dein Arzt werden! Ich muß deine Wunde ſehen! Iſt Heilung möglich, ſo er⸗ warte ſie von mir. Friedrich Sie iſt unmöglich! Ich muß die Wunde bis ins Grab tragen! —,— 73 Greis. So ſoll wenigſtens mein Rath, mein Bei⸗ ſtand die Schmerzen derſelben lindern. Erzähle! Friedrich erzählte nun dem Greis alles, was ich meinen Leſern bereits erzählt habe. Oft thränte ſein, Auge, oft ſtockte ſeine Stimmé, aber der Greis gebb aufs neue, und Friedrich gehorchte. Der Greis. Dein Vater handelte zu raſch, Zu behende. Wäre er ein Jüngling, ſo wollte ich dié That nicht rügen, aber dem Alter geziemts, vorher zu prüfen, zu unterſuchen, ehe es handelt. Friedrich. War nicht ihre und ſeine Untreue au⸗ genſcheinlich und durch die That bewieſen? Greis. Noch nicht! Noch nicht! Friedrich. Kniete der Ruchloſe nicht zu ihren? Füßen? Küßte er nicht ihre Hand? Ruhte ihr Kopf nicht auf ſeinen Schultern? Greis. Alles möglich, aber noch kein Beweis der Untreue! Friedrich cbitten. O dann möchte ich wiſſen, welche Beweiſe dein kaltes Blut zur Untreue fordert? Greis. Laß mich nachdenken, und ich will dir den möglichen Fall ihrer Unſchuld beweiſen! Friedrich. Dann müßteſt du weiſer als Salomo ſelbſt ſeyn! Greis. Wills verſuchen! Sieh! Schon hab ichs!— Friedrich. Ehe du beginnſt! Zu was ſoll dieſer Beweis, wenn er möglich wäre?— Zu was ſoll er nützen? Greis. Zu was? Geliebter! Vertheidiger der ge⸗ kränkten Unſchuld! Dieſe Frage kann dein Herz nicht billigen! Iſt Klarens Unſchuld möglich, ſo geziemt dirs, dieſe Möglichkeit genau zu unterſuchen, und dann nach Gewiſſen, nach Pflicht zu handeln. Oft trügt der Schein⸗ und vaß er hier auch trügen konnte, will ich dir eben beweiſen. Mußte dir deine Schweſter, müßte dir Graf 74 Thierſtein nicht eidlich geloben, daß ſie nicht eher, als bis Klarens Trauerzeit verfloſſen ſey, ihre Verbindung feiern wollten?2 Friedrich. Sie gelobtens auf meine Bitte! Greis. Sagteſt du nicht: Ich gewinne dadurch viel! Ich werde durch euch eifrige Vorſprecher bei Kla⸗ ren erlangen, damit ſie ihre Trauerzeit verkürze?2 Friedrich. Ich ſagte es! Greis. Wie? Wenn nun Graf Thierſtein dieſen Wink befolgt, wenn er oft Klaren um Verkürzung die⸗ ſer Friſt gebeten, ſie es ihm ſtets abgeſchlagen hätte! Friedrich. Leicht möglich, daß dieſe Urſache Ge⸗ legenheit zur Unterredung gab, und endlich ſträfliche Liebe erzeugte. Aber dies rechtfertigt Klarens Untreue nicht, beweißt noch weniger ihre Unſchuld! Greis. Laß mich fortfahren: Ich nehme an, daß Thierſtein, ungeachtet Klarens Weigerung, immer zu bitten fortfuhr, daß er ihr, um ſeinen Zweck zu erlan⸗ gen, Vorſchläge mancher Art machte, daß endlich einer derſelben Klaren behagte, und ſie ſeine Bitte zu erfül⸗ len beſchloß. Friedrich. Ha! Ich ſehe, wohin du zielſt, aber die ſchriftliche Einladung—— Greis. War eine natürliche Folge ihres Entſchluſ⸗ ſes! Wahrſcheinlich wollte ſie dieſen noch einige Zeit vor dir verbergen. Wahrſcheinlich durch ſchnelle Ueber⸗ raſchung deine Freude vermehren. Denke nach, Sohn! Nahte ſich nicht vielleicht eben ein Feſt, deſſen Feier ſolch ein Entſchluß um ein Großes verherrlicht hätte! Friedrich cemporſchaudernd). Jeſus! Marig! Der folgende Tag war mein Geburtstag! Greis. Nun? alſo? Läßt ſich nun Klarens Un⸗ ſchuld beweiſen? Graf Thierſtein bat ſie, daß ſie des ſeſtlichen Tages wegen dir ihre Hand reichen möge. Sie wollte dich überraſchen, mit ihm überlegen: wie * 75 dieſe Ueberraſchung aufs angenehmſte beginnen könne⸗ Deine Gegenwart verhinderte jede Ueberlegung, ſie nahm ihre Zuflucht zur ſchriftlichen Einladung. Eben hatte ſie Thierſteinen ihren Entſchluß kund gemacht, eben dankte er ihr auf ſeinen Knien für dieſe Güte⸗ weil auch ſein Glück dadurch befördert wurde, als dein raſcher Vater, geblendet durch den Schein, dem Dan⸗ kenden das Schwert durch die Bruſt ſtieß! Friedrich. O es iſt möglich! Es iſt wahrſchein⸗ lich! Als ich an eben dem ſchrecklichen Abende von ihr ſchied, ſprach ſie lächelnd: Friedrich, merke dir deinen heutigen Traum! Erzähle mir ihn morgen! Ich will dann ſehen: ob Seelenahnung möglich iſt? Oft erin⸗ nerte ich mich bisher deſſelben und deutete ihn anders. Weh! Weh mir! wenns ſo iſt! Dann bin ich ganz elend, ganz unglücklich!—— Greis. Unglücklich? Wenn du ſie unſchuldig findeſt? Friedrich cThränen entſtürzen ſeinem Auge). Sie kann mir dann nicht vergeben! Der Greis ſtand auf und trat aus der Laube, in welcher ſie ſich eben befanden. Eine weibliche Geſtalt flog in Friedrichs Arme. Er blickte auf. Es war Klara! Sie vergibt dir! rief ſie ſchluchzend, ſie vergibt dir, und will gerne ſterben, wenn ſie nur in deinen Augen gerechtfertigt iſt! Ich übergehe die Scene der völligen Verſöhnung und Ueberzeugung. Genug, Friedrich vergab, weil er über⸗ zeugt wurde. Klara erzählte ihm nun, wie ſie hicher gekommen war. Als Friedrich ſie auf der Burg fand, wohin ſie ſich vor dem wüthenden Zorne des Vaters gerettet hatte, war ſie eben im Begriffe, ihre Unſchuld ſchriftlich aufzuſetzen und an ihn abzuſchicken. Sie flog, als ſie ſeine Stimme hörte, in Vorhof hinab, aber er war ſchon entflohen, und nach der Ausſage der Ar⸗ beiter die Straße nach Schwaben hinabgeritten Sie ließ ſatteln und folgte ſeiner Spur; zwei Tage irrte ſie im Lande umher; am dritten erfuhr ſie erſt, daß ein Ritter mit blauer Schärpe im Gefolge von mehrern landeinwärts gezogen ſey. Ihr ward es nun nicht mehr ſchwer, der Spur ſo Vieler zu folgen. Sie langte eben auf der Burg an, als Friedrich ſeine letzte Probe begann. Da ſie als Hagbergs Wittwe dem Burgherrn gemeldet wurde, ſo kam er ſogleich, ſie zu ſprechen. Er hörte ihre Geſchichte, verſprach Friedrichen vorzu⸗ bereiten und hielt Wort. Es fiel dieſem ſchwer, ſich von der Geliebten zu trennen, als die Glocke zur Tafel rief. Nach dem Geſetze des Bundes durfte kein Weib an der Rittertafel ſpeiſen, und Klara mußte ſichs ge⸗ fallen laſſen, mit dem Weibe und den Töchtern des Burgherrn zu tafeln. Friedrich ſaß ſtill an der Tafel. Er dankte nur ſtillſchweigend,„wenn alle Ritter die Geſundheit des neuen Bundsgenoſſen tranken und in mancherlei Denkſprüchen ſeine Tapferkeit lobten. Nach der Tafel zog ihn der Greis in einen Erker. Der Greis. Sohn! Du trauerſt? Und warum das? Haſt du nicht deine Geliebte wieder? Iſt ſie nicht ganz gereinigt und gerechtfertigt? Friedrich. Ich habe ſie! Sie iſt unſchuldig! Und doch muß ich trauern! Verpflichtet mein Eid mich nicht zum vieljährigen, ununterbrochnem Dienſte des Bun⸗ des? Ich war vorher meinem Glücke ſo nahe, und ſoll ich jetzt noch vier Jahre harren?2 Greis Wer fordert dies? Du kannſt ehelichen deine Geliebte. Kannſt Mondenlang mit ihr froh und vergnügt leben. Darfſſt nur vier Heerzüge beginnen, und daß der erſte nicht von allzu langer Dauer iſt, dafür hat deine Wahl ſchon im Voraus weislich geſorgt. Gehe zu Klaren und beruhige ſie, wenn du ihr deine Furcht ſchon mitgetheilt haſt. Friedrich. Noch that ichs nicht! —— —— 11 Greis. So wird ihr wahrſcheinlich die Tafel beſ⸗ ſer als dir behagt haben! Sey ruhig! Du beginnſt in drei Tagen deinen erſten Heerzug! Deine Tapferkeit kann ihn geſchwind und bald enden! Dann kehrſt du zu deinem Vater zurück, feierſt dort deine Verbindung, und genießeſt bis zum vierten Monden das Glück der Liebe!— Indeß du Neuburgs verrätheriſches Weib ſtrafſt, will ich deinen Vater heimſuchen! Schon lange ehrte ich bieſen Redlichen! Ich will ihm Klarens Un⸗ ſchuld beweiſen, und mit dem Pfaffen an der Hand dir entgegen kommen, damit er dich ſogleich mit Kla⸗ ren verbinde. Du haſt noch einen Bruder? Friedrich. Ja, einen Bruder! Aber ach! Eben fällts mir ſchwer auf mein Herz! Ich habe auch noch eine unglückliche Schweſter! Sie wird mich glücklich ſehen, und ihr Unglück um ſo ſtärker fühlen! Ihr Va⸗ ter mordete den Geliebten ihres Herzens! Mordete ihn unſchuldig! O in jedem dieſer Worte liegt Stoff zur Verzweiflung für ſie! Würde es nicht beſſer ſeyn, wenn man ihr die Unſchuld ihres Geliebten nicht entdeckte? Greis. Und die Urſache? Friedrich. Sie würde den Schuldigen eher ver⸗ geſſen, und Troſt in dem Gedanken finden, daß er ſtrafbar ſtarb! Greis. Jüngling, du biſt muthig und tapfer, aber du kennſt das Herz der Menſchen nicht! Untreu und Betrug in der erſten innigen Liebe verſchließt das Herz eines Mädchen, macht es gefühllos gegen die ſanften Empfindungen der Liebe. Es haßt, es verachtet dieſe, weil es ſo ſchändlich durch ſie betrogen ward, es öffnet ſich nie mehr derſelben, weil es wieder betrogen zu werden fürchtet. Laß ſie klagen und weinen über das Lerlorne Glück. Es war ihr ſo thener, ſo unentbehrlich Ze ſtärker ſie ſeinen Verluß fühlt, je eher wird ſie ihn zu erſetzen ſuchen. Ich habe einen Sohn! Verbindung 78 mit deinem Hauſe wäre mir ſtets angenehm geweſen, iſt mir jetzt aus mancher Rückſicht äußerſt wünſchens⸗ werth. Hilf meine Abſicht fördern! Unſer Bund, den ich Kindernähnlich liebe, bedarf größerer Stützen, als ich zu geben vermag. Deines Hauſes Macht würde ein ſtarker Grundpfeiler deſſelben werden! Ueberall wird der Same des Böſen ausgeſtreut, er keimt treff⸗ lich im fetten, deutſchen Boden! Er wird emporſchie⸗ ßen, und jeden guten Keim erſticken, wenn wirs nicht mit Macht hindern! Verheerender Krieg droht von allen Seiten unferm Vaterlande. Viele der Mächtigen nützen die Verwirrung und ſuchen ihre Macht zu vergrößern! Gehts noch länger ſo fort, ſo wird der Menſch bald ein jagdgerechtes Thier werden, dem jeder Böſewicht im Dickicht auflauert und ohne Scheu mordet! Wir haben Trotz und Kampf der Bosheit geſchworen! Bald wird die Zeit kommen, daß wir öffentlich auftreten und dieſen Schwur öffentlich bekennen müſſen! Je furcht⸗ barer wir dann erſcheinen, je eher werden wir unſern Zweck erreichen! Bisher kämpften wir nun einzeln; bald werden wir vereint kämpfen müſſen! Friedrich. Vater! ich werde nie meinen Schwur brechen. Ich werde alles anwenden, um deine Abſicht zu fördern! Dies gelobe, dies verſpreche ich aufs neue!“ Greis. Ich erwartete dies von dir! Meine Hoff⸗ nung ſteigt höher! Gehe jetzt zu deiner Klara! Wenn die Glocke vier ſchlägt, ſo kehre in die Verſammlung zurück. Wir müſſen dann rathſchlagen, wie ihr ziehen, wie ihr die beſchloßnen Fehden beginnen ſollt. Friedrich eilte nun zu ſeiner Klara. Er verkündigte ihr ſein nahes Glück, und ſie freute ſich deſſen wonnig⸗ lich. Bald darauf machte ſie ihn mit der Hausfran und ihren Töchtern bekannt. Die erſte war eine alte, ehrwürdige Matrone, die letztern zwei blühende Schön⸗ heiten, die durch ihren aufgeweckten Blick, duſch ihr 79 munteres Weſen die Unterhaltung bald angenehm mach⸗ ten. Sie kannten die Zeichen des Bundes, ſie ſahen ſolche an Friedrichen, lobten ſeine Tapferkeit, und mach⸗ ten Klaren darauf aufmerkſam. Sie erkannte nun ihres getödteten Gattens Schwert an Friedrichs Seite. Ihr Name war darein gegraben. Das Andenken an ihn preßte Thränen aus ihren Augen, aber bald verwiſchte ſie ſolche, und freute ſich ſehr, daß Friedrichs Muth dieſes Schwert erworben habe. Es war, ſprach ſie, das einzige Zeichen, welches er zum Beweiſe ſeiner Tapferkeit trug! Du haſt deren ſo viele! Du mußt tapferer wie er gehandelt haben! Friedrich. Ich hatte dich verloren und ſuchte den Tod! Er beſaß dich und vermied ihn! Sieh, das iſt der ganze Unterſchied zwiſchen mir und ihm! Klara. O damals, als er ein Glied des großen Bundes ward, kannte er mich noch nicht! Oft erzäͤhlte er mir, daß er vier Jahre unter der Fahne des Löwen gekämpft habe und noch kämpfen würde, wenn er kein Weib, keine Kinder hätte! Cächeind) Es ſcheint mein Loos zu ſeyn, daß ich ſtets das Weib eines Löwenrit⸗ ters ſeyn muß! Die älteſte der Töchter. O ein beneidenswer⸗ thes Loos! Die Jüngſte. Ia wahrlich beneidenswerth! da⸗ chend zu Friedrichen) Ihr tragt der Bundszeichen ſo viele! Könntet wohl das kleinſte derſelben an einen armen Ritter verſchenken, der ſchon lange darnach geizt und keins zu erringen vermag! Die Aelteſte. Schweſter! Schweſter! das iſt mehr als grauſam! ie Jüngſte. Je, Thörin! Wer weiß, vbs nicht ſruchtett Laß mich, ich will den Ritter zu deinem Ver⸗ trauten machen! Er kann dem Vater—— Die Aelteſte. Mutter! Ich bitte euch um gller . 80 Heiligen willen, gebietet der Schwätzerin Stillſchweigen! Die Mutter Gur Jüngſten). Schweig! Die Jüngſte. Nun da hat man's! Erſt jammert ſie und heiſcht Hilfe! Will man ſie ihr reichen, ſo ver⸗ ſtößt ſie ſolche hartnäckig! Friedrich. Edle Jungfrau! Macht mich immer zu euerm Vertrauten. Halb ließ mich die muthwillige Schweſter euer Anliegen ſchon errathen, die andere Hälfte deſſelben glaubt meine Erfahrung ebenfalls er⸗ rathen zu haben. Iſts wirklich ſo, ſo trant und baut ganz auf meine Hilfe, auf meinen Rath. Die Aelteſte. Nein, wahrlich, ihr irrt, lieber Ritter! Es iſt alles nur Scherz! czur jüngſten Schwe⸗ ſter) Wart, Verrätherin, wart! Es wird doch auch ein⸗ mal eine Zeit kommen, wo ichs wieder vergelten kann! Die Jüngſte. Hört ihr, Ritter, hört ihr! Sie droht mir mit der furchtbaren Zukunft? Klara. Vergebt, daß ich mich in den Streit miſche! Graf, Ihr verlangt zu viel! Wir Dirnen ſind gewohnt, unſre Geheimniſſe nicht jedem, am wenigſten einem fremden, unbekannten Ritter zu entdecken. Nähere, in⸗ nigere Bekanntſchaft wird mir vielleicht früher das Vertrauen der ſchönen Kunigunde erwerben. Finde ich dann euern Beiſtand nöthig, ſo verſpreche ich Vermitt⸗ lerin zu werden. Die Jüngſte Gu ihrer Schweſter). Nun ſiehſt du: Ich hoffe bald den Lohn meiner Schwatzhaftigkeit von dir zu erndten!(die Glocke ſchlug viermal an) Hört ihr, Ritter! man ruft euch! czu Klaren) Wohl euch, daß ihr des Dinges ſchon gewohnt ſeyd, ſonſt würde euch dieſer Ruf manchmal nicht behagen! Ich wünſche wahr⸗ lich nicht die Frau eines Löwenritters zu werden! Die Mutter. Und wird doch ſicher auch dein Loos ſehn! Die Jüngſte Als ob alle Dirnen Männer neh⸗ men müßten! [— 81 Die Mutter. So geh in ein Kloſter! Die Jüngſte. O weh! Seht ihr Ritter, wie gut meine Mutter die Erziehung verſteht: wenn ich nicht folgen will, ſo droht ſie mir gleich mit dem Kloſter, weil ſie weiß, daß ich dies am meiſten fürchte⸗ Friedrich. Seyd auch wahrlich nicht dafür ge⸗ ſchaffen. S Die Jüngſte. Könnt gut in meinem Herzen leſen! (Friedrichen ins Ohr) Indeß ihr eurem Rufe folgt, will ich die Mutter nach dem Garten führen, damit meine Schweſter mit eurer Geliebten ſprechen kann. Ich ſtehe euch dafür, ehe die Sonne untergeht, wißt ihr alles! Macht euch dann des Vertrauens würdig, und gebt guten Rath, denn wir brauchen ihn höchſt nöthig! Die Aelteſte. Was die Lofe euch auch geſagt hat, ſo denkt nur ſicher, daß es keine Wahrheit ſey! Die Jüngſte. Die Zukunft wirds lehren! Friedrich eilte nun in die Verſammlung. Er fand dort die Glieder des dritten und vierten Grades: ſie rathſchlagten über die Ausführung der Heerzüge, und Friedrich wurde ebenfalls unterrichtet, wie er den ſeinen beginnen und ausführen ſollte. Graf Neuburgs Veſte lag auf einem hohen Felſen, ſie konnte Jahrelang jeder Macht trotzen, ihm ward alſo Liſt und jäher Ueberfall anbefohlen, den er um ſo leichter ausführen konnte, da der Burgpfaffe die rächenden Ritter zu erwarten und durch ein Pförichen in die Veſte zu führen gelokt hatte. Friedrichs Geſinnungen hatten ſich durch die Verſöhnung mit ſeiner Klara mächtig geändert. Vor⸗ her ſchwur er jedem treuloſen Weibe Rache, jetzt meinte — er, daß ein treulosſcheinendes Weib vft auch unſchul dig ſeyn könne. Er fands daher nöthig zu fragen ob das Verbrechen, welches er ſtrafen ſollte, alch ganz gewiß mit allen Umſtänden wahrhaft und bewieſen ſey? Der Greis lobte Friedrichs Frage, und trug ihin auß Löwenritter 1. 6 8 82 die Veſte zwar zu beſetzen, doch vorher, ehe er das Rächeramt beginne, Richter der Beklagten zu werden und das angeſchuldigte Verbrechen genau zu unterſu⸗ chen. Zwar, fuhr er fort, ſind die Ankläger von un⸗ beſcholtenem Rufe. Sind Prieſter des Ewigen und ſchwören bei dem Gotte, welchem ſie dienen, daß die ſchändliche That gewiß vollbracht und erwieſen ſey. Doch kann Vorſicht nie ſchaden. Oft hüllt ſich auch der Wolf in einen Schafpelz, und ewige Schande würde unſern Bund beflecken, wenn wir zu raſch ihm trauten und die Unſchuld mordeten. Du haſt wohl geſprochen! Prüfe und unterſuche vorher, dann handle erſt! Nach geendigter Verſammlung eilte Friedrich zu ſei⸗ ner Klara. Die Weiſſagung der jüngſten Schweſter traf glücklich ein. Klara trug ihm das Geheimniß der ſchönen Kunigunde offen entgegen: Sie liebte ſchon jahrelang den Ritter von Wieſenborn, liebte ihn mit der innigſten, feſteſten Zärtlichkeit. Er war der Beſitzer einiger ſchönen Veſten, die unfern von ihres Vaters Burg lagen, konnte ein Weib wohl und geziemend ernähren, und heiſchte ihre Hand öffentlich vom Vater Sie ſoll di⸗ werden, ſprach der Alte, wenn du vorher ein Glied ines Bundes wirſt! Der Ritter gelobte die Bedingang mit tauſend Freuden, die Probe begann, und er ward nicht aufgenommmen. Vergebens forſchte die Tochter beim Vater und Liebhaber nach der Urſache. Beide ſchwiegen hartnäckig, und der erſtere erklärte ihr ſtandhaft, daß ſie aus eben dieſer Urſache nie das Weib des Ritters werden könne. Troſtlos hatten die Liebenden nun zwei Jahre durchlebt, hatten alles ver⸗ ſucht, um des Vaters Herz zu bewegen, und endlich den Beſcheid erhalten, daß nach zwei Jahren die Probe aufs neue beginnen und der Ritter ſich indeß in ge⸗ rechter Fehde und Kumpf üben ſollte. Er hatte dieſtn Rath benutzt, und war ausgezogen, um dieſe zu ſüchen. 83 Vor einigen Tagen hatte Kunigunde durch einen treuen Diener insgeheim Nachricht von ihm erhalten, daß er unbekannt auf Graf Neuburgs Veſte lebe, die tief ge⸗ kränkte Wittwe männiglich gegen geizige und raubgie⸗ rige Pfaffen vertheidige, und hier Ruhm und Ehre zu ſammeln hoffe. Friedrich ſollte nun, ſo lautete am Ende Kunigundens Bitte, durch ſein mächtiges Vor⸗ wort den Vater zur Verkürzung der Probezeit ver⸗ mögen, ſich des guten Ritters erbarmen, und ihm auf alle mögliche Art mit Rath und That beiſtehen, damit er Ritter des Bundes und Kunigundens Gatte werden könne. Friedrich ſtaunte ſehr, als er vernahm, daß der arme Ritter in ſo mißlicher Fehde begriffen ſey, und eben da, wo er Ruhm und Ehre zu ſammeln hoffe, wahrſcheinlich Schande und Verachtung erndten werde! Doch verſchwieg er ſeine Peſorgniß ſelbſt Klaren, und verſprach ihr nur in allgemeinen Ausdrücken, daß er Kunigundens Bitte zwar nach Kräften, jedoch aber auch nur ſo viel als es Pflicht und Schwur erlaube, för⸗ dern wolle. Die vier der Freude gewidmeten Tage verfloßen nun in Wonne und Vergnügen. Friedrich ſe ſich innig froh und glücklich. Sein geweckter Ehrgeiz genoß Sät⸗ tigung in Menge. Alle Bundsbrüder ehrten und lieb⸗ ten den tapfern Jüngling, und da Einigkeit und wahre Freundſchaſt ihre Herzen beſeelte, ſo war keiner unter ihnen, der ihm nicht ſeine Ehrenſtelle herzlich gegönnt, ſie nicht bald erhöht zu ſehen gewünſcht hätte. Die volle Liebe der unſchuldigen Klara vermehrke ſein Glück um ein Großes. Alle ſeine Wünſche waren erfüllt, nur der einzige, die Geliebte bald ganz und auf epig zu beſitzen, war noch nicht erreicht; aber er nahte ſich mit Gewißheit, und Friedrich hoffte ihn durch geſchwind gerndete Fehde ſobald als möglich zu erreichen Am Abende des vierten Tages befahl der Bunds⸗ ———————— 84 hauptmann ſeinen Rittern, daß ſie von allen ihren Freunden und Bekannten Abſchied nehmen ſollten, weil ſie mit der vierten Stunde des kommenden Morgens ausziehen würden, und dann zu dieſer Beſchäftigung keine Zeit übrig hätten. Friedrich thats mit voller Rührung. Er lag ſprachlos im Arme ſeiner weinen⸗ den Geliebten. Ich hoffe dich bald und geſund wieder zu ſehen, war alles, was er zu ihrem Troſte ſtammeln konnte. Als er ſich Kunigunden nahte, glänzten Thrä⸗ nen in ihren Augen. Zieht glücklich, ſprach ſie leiſe, und gedenkt meiner Bitte! Ich will indeß mit Klaren für euch beten! Friedrich gelobte, das Erſtere nicht zu vergeſſen, um ſich dadurch des Letztern würdig zu machen. Früh, als die Bundesglocke viermal rufte, erſchienen alle Ritter im Saale. Ihre Harniſche ranſchten, ihre Schwerter klirrten, und die Roſſe wieherten im nahen Vorhofe. Es war ein fürchterliches Gewühl durch ein⸗ ander, das einem ſich nahenden Gewitterſturme glich, der vom Berge herab das fruchtbare Thal zu verhee⸗ ren droht. Der Greis beſtieg ſeinen Thron, ihn be⸗ gleitete der Bundesprieſter, welcher Friedrichen geſalbt hatte. Der Greis. Erwache! Erwache! Erwache! Er⸗ wache tapferer Löwe! Der Kläger. Dein Grimm iſt gereizt worden! Greis. Tiger und Wölfe wüthen in der Heerde! Kläger. Tilge ihre Wuth! Strafe ihren Frevel! Greis. Geweckter Löwe! Ziehe aus zum Kampfe! Alle Ritter(auf ihre Schwerter ſchlagend). Zum Kampfe! Zum Kampfe! Zum Kampfe! Zum Kampſe! Greis. Zum Siege über Ungerechtigkeit und Bosheit! Alle Ritter. Zum Siege! Zum Siege! Zum Siege! Zum Siege! Der Prieſter(ſeine Hände emporhebend). Zieht aus im Namen des Herrn! Zieht aus unter dem Schutze ſeiner Heiligen! So wahr Gott ein Vater der Waiſen, ein Schutz der Wittwen zu ſeyn verſprach, ſo wahr wird er denen, die ſein Amt verwalten, ſeinen Bei⸗ ſtand verleihen! Sein Segen, den er mir auszuſpenden erlaubte, ſey mit euch! Sein Segen begleite euch! Sein Segen beſchütze euch im Kampfe! Sein Segen führe euch ſiegreich in die Burg zurück! Alle Ritter(tnieendd. Amen! Aen! Amen! Amen! Greis. Nach Oſten und Weſten! Nach Süden und Norden führt eure Straße! Der Prieſter. In Oſten und Weſten, in Süden und Norden weint die Unſchuld! Trocknet ihre Thrã⸗ nen, damit die Erlösten den Namen des Herrn loben und preiſen! Greis Gieht viermal an der Glocke). Hört ihr! Die Trompeten rufen! Die Heerpauken tönen! Die Roſſe ſtampfen und wiehern! Auf! Auf! Auf! Auf zum Kampfe, zum Siege! Die Ritter ruſten nun jubelnd durch einander: Zum Kampfe! Zum Siege! und ftürmten nach dem Vorhofe. Es war rührend und fürchterlich anzuſehen, wie der Greis und Prieſter den Segen vom Fenſter hinab auf ſie ſpendete; wie auf der andern Seite die Weiber ihnen weinend ein Lebewohl zuriefen, und wie ſchreck⸗ liches Kriegsgetümmel und Lärmen den Dank der mu⸗ thigen Ritter verſchlang, die nun ſchon auf den Roſſen ſaßen und zum Burgthore hinaustrabten. Am erſten Scheidewege theilten ſich die Haufen⸗ Friedrich zog mit dem ſeinen nach Süden. Er hatte mehr als eine Ur⸗ ſache, zu glauben, daß Verrätherei ihn locke, die uhter dem Scheine der Gerechtigkeit, Rache an Unſchuldigen üben wolle. Wäre, dachte er, Nenburgs Wittwe wirk⸗ lich das buhleriſche Weib und die Mörderin ihres Gat⸗ ten, ſo würde wahrlich Ritter Wieſenborn nicht Gie 86 meinſchaft mit ihr pflegen, ſie nicht zu vertheidigen ſuchen, weil beides ihm ſchlechte Frucht bringen und die Hand ſeiner Kunigunde auf ewig rauben würde. Er beſchloß daher, vorſichtig zu handeln und genau zu prüfen. Als es am Abende des dritten Tags zu dämmern anfing, ſah er ſchon Neuburgs Veſte vor ſich liegen. Er lagerte ſich nahe an der Straße im Dickicht und ſandte Kundſchaft nach dem Burgpfaffen aus, der dem Bunde Beiſtand und in einer genau beſchriebenen Ere⸗ mitenhöhle die Rächer deſſelben zu erwarten verſpro⸗ chen hatte. Ehe der ausgeſandte Ritter wiederkehrte, ging Friedrich an der nahen Straße auf und nieder und unterſuchte von Ferne die Lage der Burg. Ein Landmann ritt auf einem Eſel die Straße herab; Frie⸗ drich ſprach mit ihm. Friedrich. Wohin, Alter, wohin des Wegs2 Der Alte. Goit grüß euch, geſtrenger Herr Rit⸗ ter! Ich komme von der Mühle im Thale, habe Ge⸗ traide hingeführt, und trabe nun wieder heim. Friedrich. Seyd alſo bekannt in der Gegend? Der Alte. Wie ſollte ich dies nicht? Bin hier geboren und erzogen! Kenne jeden Baum und Strauch! Friedrich. Weſſen iſt da oben die Burg? Kann ein wandernder Ritter dort Aufnahme und Herberge finden? Der Alte. Die Burg gehörte einſt dem Grafen von Neuburg. Er war ein ſtattlicher Herr und Ritter. Er liebte ſeine Unterthanen wie Kinder, und wir ehr⸗ ten ihn als unſern Vater. Jetzt iſt er todt und ſein Weib haust auf der Burg! Aufnahme und Herberge könnt ihr dort wohl finden, aber Mahl und Koſt wird euch ſchwerlich behagen! gnügt! Friedrich. Watum2 Ich bin mit wenigem vet 87 Der Alte. Glaubs ſchon, Herr Ritter, glaubs ſchon, auch bedarfs ſolcher Koſt verdammt wenig, um einen auf immer zu ſättigen. Friedrich. Ich verſtehe dich nicht“ Der Alte. Habs lange auch nicht verſtehen kön⸗ nen. Jetzt muß ichs wohl glauben. Friedrich. Sprich deutlicher. Der Alte. Ihr ſcheint mir ein ehrbarer Ritter zu ſeyn, und drum iſts Pflicht, euch zu warnen! Graf Neuburgs Weib iſt ein Scheuſal in den Augen Gottes und der Menſchen! Sie hat ihren Gatten vergiftet, hat ihr einziges Kind in ein Kloſter geſteckt, und haust nun mit einem unbekannten Buhlen auf der Veſte, den ſie ehedem ſchon liebte, und nun gar ins befleckte Ehe⸗ bette aufgenommen hat. Behagt euch ſolch eine Wirth⸗ ſchaft, und wollt ihr lernen, wie man ſie treibt, ſo zieht hinauf, ihr werdet wohl aufgenommen werden. Friedrich cſeufzend). Arme Kunigunde! Schein⸗ heiliger Böſewicht! Der Alte. Zieht nur gerade vorwärts, ſo erreicht ihr die Burg bald. Friedrich. Gott bewahre mich vor ſolch einer Her⸗ berge! Viel lieber will ich hier im Forſte übernachten. Der Alte. Habt recht! Denkt wie ich und jeder Redliche! Pfeift euch aber der Wind hier zu unſanft im Nacken, ſo zieht links nach dem Thale. Meine Hütte ſteht nahe am Stege; iſt zwar klein, aber immer geräumig genug, um euch zu beherbergen. Friedrich. Ich danke, guter Alter, ich danke! Aber iſt denn deine Nachricht auch ganz gewiß? Der Alte. Sicher und gewiß! Wollts lange auch nicht glauben, denn die gräuliche Sage ſchlich Anfangs nur von Ohre zu Ohre, und ich verbots meinem Weibe ſtreng, ſie nicht weiter zu verbreiten. Seitdem ichs sber gewiß weiß, habe ich mir feſt vorgenommen ſis 88 jedem zu erzählen, ſie nach Kräften zu verbreiten, viel⸗ leicht gelangt die Nachricht einſt zum Ohre eines Red⸗ lichen, der die That rächt und ſtraft. Friedrich. Wie ward dir dieſe Gewißheit? Der Alte. Wie? Wills euch kurz erzählen. Drei Knechte, deren Treue und Redlichkeit ich kenne, zogen ehegeſtern von der Burg weg, ſie herbergten bei mir und erzählten mir alles. Sie waren zu gewiſſenhaft, um der Verbrecherin länger zu dienen, und nahmen ihren Abſchied, ob ihnen gleich der unbekannte Buhle doppelten Sold bot. Viele ſind ſchon ihrem Beiſpiele gefolgt, und bald wird die Burg von Beſchützern leer ſtehen. Dann wird das Gericht wohl über die Böſen beginnen. Es wird ſchrecklich ſeyn, aber wie die That, ſo der Lohn! Gehäht euch wohl, Herr Ritter! Der Alte zog nun ſeine Straße, und Friedrich blieb erſtaunt ſtehen. Stets hatte er die ſchreckliche That bezweifelt, und ſah ſich nun auf einmal ſo einleuchtend überzeugt. Noch kämpfte er mit ſeinem Herzen, das ſo gerne der Wahrheit widerſprochen hätte', als der Ritter mit dem Burgpfaffen bei ihm anlangte. Der Pfaffe. Heil euch, edler Ritter! Schon lange habe ich euch mit Ungeduld erwartet! Nur die Hoff⸗ nung, in euch bald der Bosheit Rächer zu erblicken, war bisher vermögend, mich noch länger in dieſem Sodom und Gomora aufzuhalten! Längſt ſchon hätte ich ſonſt die Wohnung des Laſters geflohen! Heil mir, daß ich endlich Erlöſung von euch hoffen kann! Friedrich. Gott grüße euch, Herr Pfaffe! Wie gehts in der Burg? Der Pfaffe. Ihr könnt noch fragen? Gerechter Gott! Wie kanns gehen? Sünde und Laſter mehrt ſich täglich! Die Bosheit hebt mächtig jhr Haupt empor, und wenn ich ihr nicht mit allen Kräften entgegen⸗ Bearbeitet hätte, ſo würdet ihr ſchwerlich die Veſte zu srobern im Stande ſepn. Friedrich. So mengt ihr Pfaffen euch auch ins Kriegshandwerk? Pfaffe. Wenns zu Gottes Ehre und zur Verbrei⸗ tung ſeines Ruhms gereicht, iſts Pflicht und Schuldigkeit! Friedrich. Ihr dürft ja kein Blut vergießen? Pfaffe. Habe auch keins vergoſſen! Friedrich. Wie habt ihr denn alſo der Bosheit entgegengearbeitet? Pfaffe. Durch Liſt, geſtrenger Herr, durch Liſt! Der fremde Ritter, welcher des Nachts mit der Mör⸗ derin buhlt und am Tage ſie beſchützt, ſcheint das KriegshandWerk trefflich zu verſtehen. Er war kaum einen Monden hier, ſo hatte er ſchon einen Haufen Reiſige um ſich verſammelt, die's mit jedem aufneh⸗ men und jeder Macht trotzen wollten. Ich ſah lange dem Dinge im Stillen zu; da ſich die Rotte aber im⸗ mer mehrte, ſo erholte ich mich Raths bei unſerm Abte, und— Ehre dem Ehre gebührt— durch ſeine Unter⸗ ſtützung führte ich den Anſchlag glücklich aus. Friedrich. Bin ſehr begierig, ihn zu hören und zu bewundern! Pfaffe. Will euch alles erzählen! Bisher hatte ich noch immer das ſchreckliche Laſter mit dem Mantel der chriſtlichen Liebe bedeckt, hatte die Verbreitung deſ⸗ ſelben nach Kräften zu hindern geſucht, da aber eben dieſe Nachſicht die Bosheit in ihrem Starrſinn beſtärkte, ſo wärs, nach der Meinung meines Abtes, Theilnahme an der ruchloſen Sünde geweſen, wenn ich länger ge⸗ ſchwiegen hätte. Ich machte daher Bekanntſchaft mit den Reiſigen, erzählte und vertraute ihnen: welcher Sünde ſie ſich theilhaſtig machen würden, wenn ſie ferner der Mörderin dienen würden? Die Erzählung wirkte. Mehr als achtzig Knechte, welche nicht länger im Solde des Laſters bleiben wollten, zogen nach und nach aus Noch ſind etwan dreißig derſelben auf der — 90 Burg. Die Hälfte wankt auch ſchon, die übrigen ſind offenbare Böſewichte, die keinen Teufel glauben, und ſich daher auch nicht durch ihn ſchrecken laſſen. Friedrich cfür ſich. Ha, alſo dies die Urſache des Auszugs der Knechte! Ich fange wieder zu hoffen an! Noch kann Pfaffentücke im Hinterhalte liegen! daut) Ihr habt ein ſchlüpfriges Amt verwaltet, würde der Ritter Argwohn gefaßt haben, ich wette, ihr hättet an der erſten beſten Eiche euch zu Tode zappeln müſſen! Pfaffe(ſich kreuzigend)à. Gott bewahre mich vor ſolch einem Unglücke! Meine Abſicht war rein. Ich thats, um das Laſter zu demüthigen und das koſtbare Blut ſo wackerer Ritter zu ſchonen. Friedrich. Wenn dies eure einzige Abſicht war, ſo danke ich euch! Doch näher zum Zwecke. Ehe ich handle und räche, ſo muß ich— was ihr ſelbſt billi⸗ gen müßt— von dem Verbrechen klar und deutlich überzeugt ſeyn. Könnt ihr mir dieſe Ueberzeugung gewähren? Pfaffe. O nur allzugut! Graf Neuburg ſtarb durch Gift, dies bewies ſeine Krankheit, ſein Tod. Er ſagte mirs ſelbſt auf ſeinem Sterbebette, und der Arzt beſtätigte es. Friedrich. Gut! Laßt dies erwieſen ſeyn! Aber wie könnt ihr ſein Weib des Mords bezüchtigen? Pfaffe. Eben ſo ſicher, leider noch beſſer! Zwei Zeugen beſtätigten es in ihrem Tode. Sie waren die Vertrauten der Mörderin geweſen, ſie hatten ihr das Gift verſchafft, ihr Gewiſſen erwachte, und da die Wittwe dies ahnete, ſo förderte ſie beide mit eben die⸗ ſem Gifte aus der Welt. Ich und der Arzt war zu⸗ gegen, als ſie alles in ihrer Qual aufrichtig bekannten, es in Gegenwart aller Burggenoſſen bekennen wollten. Dies zu vefhindern, ſetzte der Arzt die ganze Geſchichte ſchriftlich auf, gelobte es allen kund zu machen, und 91 ſie unterzeichneten es mit ſterbender Hand. Hier iſt die Schrift: Lest ſie ſelbſt! Friedrich(nimmt ſolche und betrachtet ſie). Hm! Pfaffe. Wenn ihr nicht leſen könnt, ſo will ſchs euch vorleſen! Friedrich. Hat gute Weile, treffe das Ding ſchon ſelbſt! Iſt der Arzt noch auf der Burg? Pfaffe. Er iſts! Mir zu Gefallen blieb er noch da. Er wird euch ſelbſt das nämliche beſtätigen. Dürfte ich übrigens ſprechen, feſſelten nicht heilige Bande meine Zunge, ſo könnte ich ihr eignes Bekenntniß euch um⸗ ſtändlich erzählen! Friedrich. Bedenkt ihr aber auch, daß ſolch eine Erzählüng euch die Zunge koſten würde? Pfaffe. Eben deswegen ſchweige ich. Friedrich. Und wo iſt die Tochter des Grafen? Pfaffe. Wo iſt ſie? Der Mutter Ausſage nach, befindet ſie ſich in einem Kloſter, aber— Ihr wißt, ich kann, ich darf nicht reden!— Genug, ſie ſchläft auch ſchon ruhig! Friedrich. Wirklich? Gewiß?2 Pfaffe. Betheuern, beſchwören könnte ichs; aber Schweigen iſt meine heilige Pflicht, die ich nicht ver⸗ letzen kann. Friedrich(für ſich. Ein offenbarer Schalksknecht! Da muß Betrug verborgen liegen! daut) Und der un⸗ bekannte Ritter? Iſt er wirklich der Wittwe Buhle? Pfaffe O nur allzu gewiß! Deſſen könnt ihr euch durch die Ausſage aller Burgbewohner überzeugen. Kaum war der ermordete Gatte begraben, ſo führte die liſtige Dirne ihn einſt am Abende in die Burg. Sie mußten ſchon ehe vertraut und bekannt geweſen ſeyn, denn ſie durchwachten ſchon die erſte Nacht im verſchloßnen Gemache. Früh zog der Ritter zwar wie⸗ der aus, aber er kehrte bald mit einem Haüfen Reiſige 92 zurück, und widerſetzte ſich nun öffentlich dem letzten Willen des verſtorbnen Burgherrns. Friedrich. Und wie lautete dieſer? Pfaffe. Aus gerechter Strafe, denn der Kranke ahnete das Verbrechen, enterbte er das Weib; ſetzte meinen Abt zum Schirmvogt über die Veſte und all ſeine Habe; gelobte unſrer Kirche die Nutznießung bis zer Voigtbarkeit der Tochter. Aber der Ritter traf Vertheidigungs⸗Anſtalt, trotzte den Abgeſandten des Kloſters, und ſprach die Erbſchaſt im Namen der Mör⸗ derin an. Friedrich. Ah! ſo wohl! Ein Umſtand, den ich gar nicht kannte, der die Sache um ein Großes aufklärt. Pfaffe. Unſer Abt fühlte ſich zu ſchwach, um ſeine Rechte zu vertheidigen. Er ſuchte rings umher Hilfe, aber niemand wollte zu Gottes Ehren Fehde beginnen⸗ Schon lange hatte er von deinem, den Böſen ſo ſchreck⸗ baren Bunde, von den ruhmwürdigen Handlungen deſſelben gehört. Er ſandte Boten dahin ab, und ihm ward Hilfe und Rache Friedrich. Hilſe der Unſchuld, Rache der Bos⸗ heit! Darauf kannſt du und dein Abt ſicher rechnen! Ich bin nun belehrt, beinahe überzeugt. Die Hand⸗ lung ſoll kräftig beginnen. Nur eins nimmt mich von dem unbekannten Ritter Wunder: daß er euch ſo lange Schutz und Aufenthalt auf der Burg gewährte, da er doch leicht vorher muthmaßen konnte, daß ihr, eurem Abte getreu, zum Verräther werden könntet! Pfaffe. Glaubs gerne, daß euch ſo etwäs wun⸗ dert! Ihr Herrn Ritter verlaßt euch auf euern Arm und Schwert und geht immer den geraden Weg. Wir, die wir weder Schwert noch Arm brauchen können, müſſen oft allerhand Seitenwege ſuchen, oft in verſtell⸗ ter ünd vermummter Tracht auf der Heerſtraße einher ſchleichen. Ich wählte das letztere, billigte des Ritters 93 Unternehmung, erbot mich zum Vergleiche, und es ge⸗ lang mir trefflich, die Sache wenigſtens in die Länge zu zichen. Aber ungeachtet meiner Verſtellung ſchien jetzt der Ritter doch Uinrath zu merken; er beobachtete mich äußerſt genau, die Knechte, welche Abſchied nah⸗ men, müſſen vielleicht nicht reinen Mund gehalten hä⸗ ben, und wäret ihr nicht bald gekommen, ſo hätte ich meiner eignen Sicherheit wegen die Veſte verlaſſen müſſen. Friedrich. Ich bin nun genug unterrichtet. Wenn, glaubt ihr, daß es die beſte Zeit ſeyn wird, die Veſte zu überfallen? Pfaffe. In der Mitternachtsſtunde, wenn alles ruht und ſchläft. Ihr theilt dann eure Ritter in drei Haufen. Der Arzt wird unſrer am offnen Pförtchen harren. Er wird einen Haufen zu den wenigen Knech⸗ ten führen, die ſich ſchwerlich zur Wehre ſtellen werden. Die übrigen zwei Haufen führe ich nach dem Schlaf⸗ gemache des Buhlen und der Mörderin. Gächeind Mög⸗ lich, daß wir ſie auf einem Lager finden, aber man muß doch auf alle Fälle bedacht ſeyn. Es wird ein leichtes Stück Arbeit geben. Ihr ſtoßt den Schlafen⸗ den das Schwert durch die Bruſt, und alles iſt voll⸗ bracht! Friedrich. Verdammt!———(ſch ſchnell faſſend). Pfaffe. Was iſt euch, Herr Ritter? Friedrich. Nichts! Ich war nur verdrießlich, daß es der Mühe kaum lohne!—— Geht nur indeß zu den Uebrigen! czu den Rittern) Laßt ihn nicht aus den Augen! Pfaffe. Geſtrenger Herr! Noch habe ich euch eine Bilte meines Abtes vorzutragen, ich hoffe, daß ihr ſi geneigt anhören werdet. 5 Friedrich. Sprecht! Pfaffe. Iſt die Erbin des Grafen wirklich todt 94 — wie wir es denn kräftiglich zu erweiſen bereit ſind — ſo ſeht ihr wohl ſelbſt ein, daß alles Habe und Gut unſerm Kloſter anheimfällt. Er läßt euch daher demüthiglich bitten: ihr wollet fein ſäuberlich damit verfahren, nichts zur Beute euch zueignen, nicht aus allzugroßer Begierde nach Rache, Feuer in die Veſte werfen, ſondern geziemend erwägen, daß alles dieſes dem Herrn gewidmet ſey. Friedrich Gornig. Glaubt dein Abt, daß wir MWordbrennen?2 daß wir rauben? Glaubt er dies? Pfaffe. Bewahre Gott und alle ſeine Heiligen! Friedrich. Ich wollte es ihm auch baß nicht nathen! Ich würde ihm der bloßen Zumuthung wegen den Kopf ſchrecklich waſchen, und wenn er noch zehn⸗ mal fetter geſalbt wäre! Pfaffe. Ich bitte euch demüthig um Vergebung! Rehmts nicht ſo! Friedrich. Schon recht, geht nur! Pfaffe. Gottes reichſter Segen über euch! Zwar hätte ich noch eine Bitte an euch, will ſie aber zur beſſern Zeit ſparen. Friedrich. Sprecht kühn! Meine Zeit iſt gemeſſen; ich könnte ſpäter für euch keine mehr übrig haben! Pfaffe. Mein Abt meint, es würde dem Hauſe Gottes, dem er als unwürdiger Diener vorſteht, zu⸗ träglich und nützlich ſeyn, wenn ihr nach geſchehener Einnahme der Veſte ſie öffentlich dem Kloſter übergebt und den Abt in den Beſitz derſelben einführ Die Unterthanen würden dadurch von unſerm Re über⸗ zeugt, und die Nachbarſchaft rings umher kräftiglich belehrt werden, daß wir Freunde beſitzen, die im Falle der Noth uns thätig beſchützen. Der Abt verſpricht euch dagegen die Unkoſten des Heerzugs ſämmtlich 31 erſetzen, jeden einzelnen Ritter nach Kräften zu beloh⸗ nen, den Ruhm eures Bundes durch Worte und That im ganzen Lande zu verbreiten und zu vermehren, und — W 95 und endlich tagtäglich in unſerm Gebete alleſanmt väterlich einzuſchließen! Friedrich. Wir kämpfen nicht um Lohn und Ge⸗ winn, wir ſtreiten zum Schutze der Unſchuld, zum Schrecken des Laſters! Wir lohnen die erſtere! Wir ſtrafen das letztere! Darnach kannſt du und dein Abt ſich richten! Pfaffe. So können wir alles Liebes und Gutes von euch erwarten. Friedrich ſchickte nun den Pfaffen zu den übrigen, und hielt mit ſeinem Herzen und Verſtande Rath. Beide glaubten feſt und einſtimmig, daß der Ritter ſammt der Wittwe unſchuldig ſey, und Pfaffen⸗Habſucht. die ſchändliche Anklage zu ihrem Untergange geſchmie⸗ det habe. Er beſchloß daher alles anzuwenden, um dieſe zu entlarven und Rache an den Urhebern zu nich⸗ men. Schon wollte er des Tages harren, und dann als Freund ſich der Veſte nähern; da er aber aufs neue überlegte, daß ſein gutes Herz den Verſtand doch irre führen könne, und Ueberraſchung nie ſchaden, die Wahrheit vielmehr beſſer enthüllen könne, fo glaubte er klüger zu handeln, wenn er, ſeinem Auftrage getreu, die Veſte erobere, und dann ſein Richteramt beginne. Als daher die Mitternacht ſich nahte, befahl er Auf⸗ bruch, und zog nach der Veſte. Der Burgpfaffe führte die Ritter rückwärts an den Fuß des Felſens. Hier mußien ſie abſitzen vom Roſſe und zu Fuße den ſchma⸗ len ah aufwärts glimmen. In der ganzen Veſte glänzte in Licht, alles ſchien ruhig zu ſchlafen, und nicht zu wähnen, daß entſcheidendes Schickſal ſo nahe ſey. Nach langem Kleitern kamen ſie endlich am Hin⸗ terpförtchen an. Es war verſchloſſen; der Pfaffe ver⸗ mochte es nicht zu öffnen, klopfte leiſe, und ſchimpfte weidlich auf den Arzt, der ſeiner Meinung nach, des langen Harrens überdrüßig, auf der Lauer eingeſchla 96 fen ſey. Als er ſein Klopfen noch einigemäl wieder⸗ holte, hörte man oben auf der Mauer Tritte. Bald hernach rief eine Stimme herab: Iſt dies der Tritt des Löwens? Friedrich craſch). Er iſts! Er kommt, zu richten über euch! Oeffnet ihm die Pforte! Eurer Frage nach zu urtheilen müßt ihr ihn kennen, und folglich auch wiſſen, daß er nur die Böſen beſtraft, und die Unſchuld beſchützt! Die Stimme. Ich kenne ihn, und er ſey mir willkommen! Aber erlaubt ſeys auch mir, ihn zu fra⸗ gen; obs recht und billig iſt, daß er im Verborgnen ſchleicht, und in Geſellſchaft des Tigers nach offnen Thüren umherſpäht? Sonſt war ſein Tritt offen und gerade, ſonſt haßte er den Tiger und verachtete ſeine Tücke! Friedrich. Er thuts noch! Nur um des Blutes zu ſchonen, nahm er dieſen Weg, und wenn ein Tiger ſich mit dem Felle des Lammes kleidete, und ſo unter ſeinem Schutze mitzog, ſo wird er den Betrug zu ent⸗ decken und zu ahnden wiſſen. Die Stimme. Dank ſey dafür dem gerechten Löwen! Er ziehe wieder bergabwärts und kehre auf der Heerſtraße nach der Veſte zurück. Er wird das Burgthor offen und unbeſetzt finden, Ohne Furcht erwarte ich ſein Gericht, aber es ziemt ihm nicht, durchs Hinterpförtchen hereinzuſchleichen, und bei den übrigen Bewohnern der Veſte den Verdacht zu erregen daß er auf unrechtem Wege wandle. Friedrich Gu ſeinen Rittern. Kommt! Stin Vor⸗ ſchlag iſt billig und gerecht! enach der Mauer) Am off⸗ nen Burgthor ſehen wir uns wieder! Wie Stimme. Ich werde euch dort erwarten! eins bitte ich euch; beobachtet den Tiger, damit er nicht entfliehe! — Pfaffe cim Herunterklettern zu Friedrichen, der ihn ſogieich bei der Hand faßte). Dies war die Stimme des Ritters! Friedrich. Mir ſchien's auch ſo! Pfaffe. Bei allen Heiligen, ſie war's! Er muß den auf uns harrenden Arzt überraſcht und zum Be⸗ kenntniß gezwungen haben. Friedrich. Leicht möglich! Pfaffe. Verdammt! Das vereitelt unfern gan⸗ zen Plan. Friedrich. Warum? Ihr hörtet ja, daß er uns am offnen Burgthore erwartet! Pfaffe. Wie? Ihr wolltet? Ihr könntet?— Unmöglich! Ihr werdet euch doch nicht in der Falle fangen laſſen? Friedrich. Ich ſehe keine Falle! Pfaffe. Nicht? Gerechter Gott! Dann ſeyd ihr mit ſchrecklicher Blindheit geſtraft! Er wird im Hinter⸗ halte auf euch lauern, wird euch zuſammenhauen, ehe ihr euch deſſen verſehet! Friedrich. Wir haben Schwert und Schild mit uns! Pfaffe. Werdet keinen Gebrauch davon machen können! Friedrich. Das ſey unſre Sorge! Pfaffe. Wann ihr dann mit Gewalt in euer Un⸗ glück rennen wollt, ſo erlaubt wenigſtens mir, mich zu entfernen! Friedrich. Du ziehſt mit uns! Und obgleich dein Schädel einer der dickſten und breiteſten iſt, ſo wird ihn— wenns zum Geſechte kommen ſollte— mein Schild doch zu decken wiſſen. Pfaffe. Ich danke, Herr Ritter, ich danke für euern Schutz! Aber ihr kennt meinen ehrwürdigen Stand, ich darf nicht zugegen ſeyn, wenn Bhut fließt—— Löwenritter 1. 7 8 giften könnt ihr ohne Scheu! Pfaffe. Wie? Ihr könntet glauben, denken—— Friedrich. Feſt werde ichs glauben, wenn du die geringſte Miene zur Flucht machſt! eſie ſind eben bei den Roſſen angelangt) He! Knechte! Führt den Pfaffen uns nach Laßt ihn nicht entkommen! Euer Kopf wird mir für ihn haften! Pfaffe. Jeſus! Maria! Was habt ihr mit mir vor! Ihr denkt vielleicht, daß ich der Tiger bin, auf welchen der Ritter anſpielte! Ich bitte euch um aller Heiligen willen! Laßt mich los, was auch der Arzt geſtanden haben mag, ich bin unſchuldig! Friedrich. Darüber wird euch der Beweis ob⸗ liegen! czu den Rittern) Ihr folgt mir doch? Einige Ritter. Auch in den Tod! Doch em⸗ pfehlen wir dir Vorſicht!——„ Pfafſe. O ihr ſprecht gut, lieber Ritter, ihr ſprecht weiſer als Salomo ſelbſt! Laßt euch rathen, folgt ihm nicht! Sein Starrſinn führt euch zur Schlacht⸗ bank! Friedrich. Schweig, elender Pfaffe!— Gu den Rirtern) Ich würde nicht ſo blindlings dem Rathe des Feindes folgen, hätte ich nicht vorher ſchon unterſucht und geprüft! Ich kenne den Ritter, welcher die Veſte vertheidigt! Es iſt Ritter Wieſenborn! Einige Ritter. Wie2 dieſer? Ah! daher ſeine Kenniniß unſers Bundes!—— Er liebt Kunigunden! Er ward ausgeſandt vom Vater, um gerechte Fehde zu ſuchen! O dann muß die ſchändliche Sage Lüge ſeyn! —— Pfaffe! du biſt ein Verläumder! Pfaffe Weh mir Armen! Friedrich Ihr habt wahr geurtheilt! Laßt uns eilen, um der Entdeckung näher zu kommen! Sie zogen nun fort, erreichten bald die Heerßraße, Friedrich. Aber hinterliſtig verläumden und ver⸗ * 99 und auf dieſer die Veſte. Die Zugbrücke war herab⸗ gelaſſen, mitten auf derſelben ſtand Ritter Wieſenborn mit all ſeinen Knechten, ſie hielten anſtatt der Waffen Fackeln in Händen. Ritter Wieſenborn eſch Friedrichen nahend). Edler Anführer deines Bundes, ich hoffte, dich zu ken⸗ nen, aber deine Stimme verringerte ſchon dieſe Hoff⸗ nung, dein Anblick vernichtet ſie ganz. Doch hindert dies mein Vorhaben nicht. Ich übergebe dir die Veſte, welche ich bisher gegen Bosheit und Tücke zu verthei⸗ digen ſuchte. Ich flehe dich im Namen der gekränkten Unſchuld um Hilfe und Erbarmen an! So ſehr man auch mag bemüht geweſen ſeyn, dieſe bei euerm Bunde zu verläumden, ſo bin ich doch gewiß überzeugt, daß falſcher Schein dich nicht trügen, daß du vorher pri⸗ fen, ehe du ſtrafen wirſt! Friedrich. Dein Zutrauen ehrt mich und meinen Bund! Es iſt der deutlichſte Beweis, daß du auf rech⸗ tem Wege wandelſt! Ich werde es daher um ſo weni⸗ ger mißbrauchen! cer ſteigt vom Roſſe ab, zu den Rit⸗ tern:) Bewacht die Thore! Laßt jede Oeffnung euch zeigen, und verſtattet keinem Aus⸗ und Eingang! czu Wieſenborn heimlich) Die ſchöne Kunigunde grüßt euch! Wieſenborn. Weh mir Unglücklichen, wenn die falſche Sage auch zu ihrem Ohre kam! Dann ſchwin⸗ det alle meine Hoffnung, die ich ſo treulich zu mehren ſuchte! Friedrich. Sorgt euch nicht! Sie kennt und ahnet die Abſicht unſers Zuges nicht. Euer Name war jedem unbekannt, nur mir nicht, da ihr ſelbſt euern Aufent⸗ halt Kunigunden entdecktet und ſie mich zu ihrem Ver trauten wählte! Nur ſo viel zu eurer Beruhigunz Ich hoffe euch unſchuldig zu finden, und dann will ich mit allen Kräften, die mir Schwur und Pflicht nicht rauben, eure Abſicht fördern, und wich ganz be . 100 lohnt fühlen, wenn ich euch und Kunigunden glücklich ſehe! Wieſenborn. Nehmt indeß meinen wärmſten Dank! Und wollt ihr ihn noch vermehren, ſo ſagt mir, mit wem ich zu ſprechen das Glück habe? Friedrich. Ich bin Friedrich, Graf von Frohburg. Seit acht Tagen ein Mitglied des Löwenbundes. Wieſenborn. Und ſchon geſchmückt mit ſo herr⸗ lichen Ehrenzeichen! O ihr müßt ein Held ohne Glei⸗ chen ſeyn! Friedrich. Muth und Entſchloſſenheit führt leicht zum Ziele! Doch davon bei gelegner Zeit ein mehre⸗ res! Wo treffe ich Graf Neuburgs Wittwe? Wieſenborn. Zitternd und zagend harrt ſie eurer an der Treppe. Gleich einem ſtets gejagten Rehe, das nirgends Schutz und Ruhe findet, verzweifelt ſie ſchon an jeder Hilfe, und fährt erſchrocken empor, wenn ein Blatt vom Baume herab rauſcht. Stellt euch alſo ihren jetzigen Zuſtand vor! Sie weiß, daß ihr als Richter und Rächer kommt! Die Hoffnung, die Gewiß⸗ heit ihrer Unſchuld hält ſie zwar noch aufrecht, aber immer gewohnt, das Laſter triumphiren zu ſehen, iſt dieſe Hoffnung ſchon ſchwach, ſie wird ganz erlöſchen, wenn ihr ſolcher nicht mit tröſtenden Worten zu Hilfe eilt! Friedrich. So fördert euern und ihren Wunſch! Ich bin bereit, euch zu folgen. Friedrich ward nun von Wieſenborn nach dem Vor⸗ hofe geführt. Eine weibliche Geſtalt, tief in Trauer gehüllt, ſchwankte von der Treppe herab ihm entgegen und ſank ſchluchzend zu ſeinen Füßen nieder. Es war Neuburgs Wittwe. Ihre hagre Geſtalt, die tiefen Fur⸗ chen, welche immer dauernder Thränenfluß auf ihren Wangen gezogen hatte, waren Zeugen ihres Grams, und bewieſen deutlich, daß ſolch ein Geſicht nicht zu 3 buhlen vetmöge Erbarmt euch, edler Herr! Erbarmt 3. 101 euch, rief ſie, einer äußerſt gekränkten, einer hart Ler⸗ folgten Wittwe! Laßt nicht zu, daß mein Vertrauen auf Gottes Hilfe erlöſche! Macht nicht, daß ich, an ſeiner Barmherzigkeit zweifelnd, mein Llendes Leben enden muß! Friedrich eſie emporhebend). Weh dir, verruchter Pfaffe! Wenn dies dein Werk iſt! Wenn du unbarm⸗ herzig genug warſt, ein Weib ſo zu martern und un⸗ gerührt ihre Thränen fließen zu ſehen! Die Wittwe. O ſie warens, o ſie ſinds noch! All mein unnennbares Leiden kommt aus der Hand der Diener Gottes! Sie raubten mir den Gatten und das Kind! Sie raubten mir Unſchuld, Ehre und ſogar die Hoffnung, daß derjenige, deſſen Stellvertreter ſo grauſam mit mir handelten, mein Leiden ſehen und mir Hilfe ſenden werde. Friedrich. Zweifelt nicht mehr! Er hat euch er⸗ hört und mich zum Retter und Rächer geſandt. Ihr ſeyd unſchuldig, das beweist eure Miene, eure Geſtalt! Das ſagt mir mein eigenes Herz! Kommt ins Ge⸗ mach! Gebt mir noch nähere Beweiſe eurer Unſchuld, und ich will mein Rächeramt ſtreng verwalten! qzu ſeinen Rittern) Beobachtet mir den Pfaffen, bewacht ihn wohl! Ein Ritter. Sorgt nicht! Er ſoll uns nicht entkommen. Friedrich ging nun mit Ritter Wieſenborn und Reu⸗ burgs Wittwe nach dem Saale. Sie reichte ihm den Willkommsbecher; er nahm ihn nicht an. Als ich, ſprach er, euch von ferne erblickte, als ih einer Tod⸗ ten ähnlich mir entgegen wanktet, da ſchwur ich zu dem allmächtigen Gott, daß meinen trocknen Gaumen nicht eher ein Tropfen laben ſollte, bis ich mein Tag⸗ werk nicht vollendet hätte! Eilt daher, mir alles zu erzählen, alles zu entdecken, wodurch ihß ench rechtfey⸗ „ 102 tigen, wodurch ihr die ſchreckliche Verläumdung ver⸗ nichten könnt. Gräfin Neuburg Fein war das Gewebe ihrer Bosheit! Verſteckt vor jedem menſchlichen Auge! Hätte mir Gott nicht in dieſem edlen Ritter cauf Wieſenborn zeigend) einen zweiten Daniel gefandt, hätte dieſer nicht vor einigen Stunden einen der ruchloſen Thäter zum Geſtändniſſe gezwungen, ich würde gleich der unſchul⸗ digen Suſanna meine Unſchuld nur betheuern, aber nicht beweiſen können. O edler Herr! Mein Zuſtand iſt ſchrecklich! Ich war das glücklichſte Weib, dſt ſuchte ich in Gedanken ringsumher ein Weib, pas ſich mit meinem Glücke meſſen könnte, und ich fand keines! Jetzt bin ich tief unter die Elendeſte herabgeſünken! Doch ihr ſeyd nicht gekommen, meine Klagen, ſondern Beweiſe zu hören, ich will verſuchen, ob ich noch ſtark genug bin, mein Leiden durch die Erzählung zu er⸗ neuern? Ich liebte meinen Gatten innig und zärtlich, und er lohnte mir mit der wärmſten Gegenliebe. Zehn Jahre lebte ich mit ihm in der glücklichſten Ehe, hatte ihm vier Söhne und eine Tochter geboren, und mühte mich innig, ſie zu Gottes Ehren zu erziehen. Einſt — es werden nunmehr fünf Jahre ſeyn— ſaß ich im Zirkel der Kleinen und ſah ihrem Spiele mit größtem Vergnügen zu, als der Thurmwächter den Abt des Marienkoſters meldete; er kam, um meinen Gatten zum Kreuzzuge nach dem heiligen Lande zu ermuntern, malke ihm die Vortheile des Zugs ſo ſchön, ſo reizend, daß er ſchon halb ſein Verſprechen erhalten hatte: als ich mit meinen fünf Kindern dazwiſchen trat, ſein Vater⸗ herz erwärmte, und ihn vermochte, daß er der Kleinen wegen den Zug verſagte. Von dieſer Zeit begann mein Leiden. In einem Jahre begrub ich alle meine vier Sehne Zwei ſtürzten vom Felſen herab, den ſie, um ein Vogelneſt zu erlangen, erklettert hatten, die „ . — zwei andern ertranken im Fluſſe, dem ſie ſich zu weit genaht hatten. Ihr Tod koſtete mir und meinem Gat⸗ ten unzählige Thränen, die oft noch ſtärker floßen, wenn der uns heimſuchende Abt geradezu behauptete,— der Tod der Kleinen ſey augenſcheinliche Strafe Got⸗ tes, weil mein Gatte den heiligen Zug verſagt habe Beinahe. hätte dieſer Bewegungsgrund ihn zur Wall⸗ fahrt vermocht, wenn er nicht vorher einen neuen Er⸗ ben zu beſitzen gewünſcht hätte; aber dieſe Hoffnung blieb unerfüllt, denn das Leiden über den Verluſt ſei⸗ ner Kinder nagte an ſeinen Gliedern. Er bekam bald darauf die Gicht, und zählte oft des Jahrs kaum einige Tage, an welchen er das Lager verlaſſen konnte. Die Kunſt der Aerzte war vergebens; er ſiechte, konnte nicht ſterben, nicht geſund werden. Als das unheilbare Uebel ſeine Kräfte ſtets verminderte, beſchloß er, mir ſeine Habe zu vererben. Der Tag dazu war ſchon beſtimmt, die Zeugen geladen, und als ein ſolcher der Abt des Kloſters ſchon auf der Burg angelangt. Ich reichte ihm mit eigner Hand am Abende zuvor noch Arzenei, und ging nach meinem Gemache, um dori einmal von den vielen Nachtwachen auszuruhen. Ich ſchlief feſt, erwachte erſt ſpät am MWorgen, und wie ich zu meinem Gatten eilen wollte, fand ich ihn todt. Sein Körper war ſchrecklich entſtellt, deutliche Merkmale des Gifts äußerten ſich Er hatte unter ſchrecklichen Qua⸗ len ſein Leben geendigt, und der Abt war grauſam genug, mir zu ſagen, daß er mich als die Urſache der⸗ ſelben bei den Gegenwärtigen angeklagt habe. Ich kan von Sinnen, ich raste; wie ich wieder fühlen, denfen und überlegen konnte, wurde mir kund gemacht, daß mein Gatte vor ſeinem Tode ſein ganzes Habe meiner Tochter zugeſprochen, mich ihrer Erziehung enthoben, und den Abt zu ihrem Vater, zum Schirm⸗ uſid Schutz vogt ernannt habe. Ich fing nun die Ränke der Bos⸗ heit zu ahnen an. Ich gab meinem Gefühle Worke, ich wollte es der ganzen Welt verkündigen und bei allen Schutz ſuchen. Der Burgkaplan und der Arzt, welche eben gegenwärtig waren, ſchienen meine Gründe zu glauben, nahmen Antheil an meinem Kummer, und riethen mir ſogar, die Bosheit des Abts durch Liſt zu bekämpfen. Entfernt, ſagten ſie, euer Kind von der Burg, entzieht es den Augen des Abts, ſo wird er ſein Recht darüber nicht üben, euch nicht von hier ver⸗ treiben können. Ich fand ihren Rath gut, ſandte das Mädchen zu einer Freundin ins Johanneskloſter, und erhielt bald von dieſer die ſchreckliche Nachricht, daß ihr das Kind, als ſie mit ihm im Kloſtergarten ſpazi⸗ ren ging, durch unbekannte Räuber ſey entriſſen wor⸗ den. Mein Verdacht gegen den Abt mehrte ſich nun, meine zwei Rathgeber beſtärkten ihn, verſicherten mich aber zugleich auch einſtimmig, daß ſchnelle Flucht das einzige Rettungsmittel ſey. Durch den Raub eurer Tochter, ſagten ſie, hat er ſein Bubenſtück vollendet. Er wird ſie nun von euch fordern, ihr werdet euch vergebens mit dem Raube entſchuldigen. Gefängniß wird euer Loos ſeyn. Schon wollte ich ihren Rath befolgen, in irgend einer Höhle Zuflucht und Tod ſuchen, und nahm eben Abſchied von einem Bilde der heiligen Mutter Gottes, das unfern der Burg in einer Kapelle ſteht und das ich von jeher eifrig verehrt hatte. Weinend und ſchluchzend flehte ich es um Hilfe und Rettung an. Der Ritter Wieſenborn zog vorüber! Er hörte mein Schluchzen und forſchte liebreich nach der Urſache meines Kummers. Ich vertraute mich ihm ganz, und er verſprach mein Retter zu werden, mich männiglich gegen alle meine Feinde zu vertheidigen. Seinem Rathe zu Folge mußte ich die Flucht verſchie⸗ ben er zog aus, um Reiſige zu ſammeln, und erſchien bald mit mächtiger Hilfe. Der Arzt und mein Burg⸗ ₰ kaplan ſchienen ſich deſſen aufrichtig zu freuen, unb verſicherten mich, daß der Abt ob dieſer unverhofften Hilfe weidlich erſchrecken, ſeinen Anſchlägen zu meinem Verderben ſicher entſagen werde. Sie erboten ſich zur Vermittlung zwiſchen ihm und mir. Der Ritter nahm ſie an, und ſchon war dieſe ſo weit gediehen, daß man mir mein geraubtes Kind wieder überliefern, ihm die Erbſchaft und mir ein billiges Jahrgehalt ſichern wolle, uls die Reiſigen auf einmal unſre Veſte zu verlaſſen anfingen. Der edle Ritter hatte ſie bisher großmüthig aus ſeinem Seckel beſoldet, er bot ihnen nun doppel⸗ ten Lohn, und ſie zogen doch aus. Mein Retter ſchöpfte Verdacht, er forſchte genau nach der Urſache, und erfuhr endlich, daß der Pfaffe und der Arzt ſie unter den ſchrecklichſten Beſchuldigungen gegen mich zum Auszuge bewogen habe. Er belauerte nun jeden ihrer Tritte, ertappte dieſe Nacht den Arzt am offnen Pförtchen, packte ihn raſch, erfuhr eure Ankunft und den ganzen Plan der Gottloſen. Hört ſelbſt des Arz⸗ tes ſchreckliche Ausſage! Sie wird mich reinigen von jeder Brſchuldigung! Sie wird am thätigſten meine Unſchuld beweifen! Friedrich ließ nun den gefeſſelten Arzt vor ſich füh⸗ ren. Dieſer flehte nur um Gnade und bekannie alles. Von lange her hatte das Kloſter den Beſitz von Neu⸗ burgs Gütern zu erhalten gewünſcht) der jetzige Abt war unter der Bedingung, daß er dieſe zu erwerben ſuchen ſolle, zu ſeiner Würde erhoben worden. Als die Liſt, den Grafen Neuburg ins heilige Land zu ſen⸗ den, nicht gelang, nahm der Abt ſeine Zuflucht zu thätigern Hilfsmitteln. Der Burgkaplan, ein Glied des Kloſters, wurde zum Werkzeuge der Rache auser⸗ kohren. Er lockte die Söhne des Grafen auf den Fel⸗ en und zum Fluſſe. Er ſtürzte ſie hinab und machte den PVater erblos! Als dies alles der Graf nicht für Strafe des Höchſten erkennen, nicht den Kreuzzug be⸗ ginnen, ſich vielmehr neue Erben ſammeln wollte, langte eben der Arzt in der Kloſterherberge an. Er war arm und dürftig, jedes Gewerbe ihm daher will⸗ kommen. Er bereitete dem Abt einen Trank, der die Hoffnung eines Erben bei dem Grafen auf immer ver⸗ hindern ſollte. Die Abſicht wurde vollkommen erreicht, ſeine Nerven ſchrumpften zuſammen, und gaben gegrün⸗ dete Hoffnung, daß er bald ſterben werde. Der Arzt, welchen der Graf zu ſich berufen ließ, ſuchte das Uebel zu mehren, und es hatte ſchon den höchſten Grad er⸗ reicht, als der Einfall des Graſen, ſein Erbe der Gat⸗ tin geſetzmäßig zu ſichern, die Hoffnung des Abts ganz vereitelte. Um dieſes zu verhindern, mußte der Arzt ſchnelles Gift bereiten, und die unſchuldige Gattin dieſes dem Kranken ſelbſt reichen. Ihr war vorher ſchon ein Schlaftrunk gereicht worden, ſeine Wirkung äußerte ſich daher mächtig, und ſie eilte nach ihrem Gemache. Als der Kranke bald darauf größere Schmer⸗ zen fühlte, erkannte der Arzt ſolche ſogleich für Wir⸗ kung eines tödtlichen Giftes, das ſeiner Ausſage nach Neuburgs Gattin ſchon längſt und ſehnlich von ihm geheiſcht habe, und welches ihm geſtern ſey entwendet worden. Alle Anweſende beſtürmten nun den Kranken mit der Vorftellung, daß ſein eigenes Weib ihn morde ſie verſicherten ihn, daß ſie nirgends zu finden ſey, und er unterzeichnete willig die Pergamentrolle, welche der Abt ihm vorlegte. Der Wittwe Rufwar nun unauslöſch⸗ lich befleckt, im letzten Willen des Verſtorbnen ſie ſelbſt erblos erklärt, und dem Kloſter die Nachfolge geſichert worden, wenn die Tochter ohne Erben ſterben ſollte Um dieſe letzte Hinderniß ihrer Habſucht bald zu ent⸗ fernen, ſie dem Schutze der Mutter zu entziehen, ward vie letztere überredet, die Tochter heimlich nach einem Kloſter zu ſenden. Dort ließ ſie der Abt rauben, un verbreitete nun in der ganzen Gegend die Sage, daß die grauſame Mutter nicht allein den Gatten, ſondern auch das Kind ermordet habe. Schon war die Geäng⸗ ſtigte zur ſchimpflichen Flucht beredet, hätte dadurch alle angeſchuldete Verbrechen auf ſich geladen, und das Kloſter würde mit allem Scheine des Rechts ohne einem Widerſpruche die Veſte in Beſitz genommen haben, wenn Ritter Wieſenborn nicht als Vertheidiger derſel⸗ ben erſchienen wäre. Der Abt ſtaunte, als er ſeine Ankunft vernahm, und fühlte ſich zu ſchwach, mit Ges walt zu heiſchen, was er durch Liſt und Bosheit er⸗ rungen hatte. Um Zeit zu gewinnen, machte er jetzt billige Vergleichsvorſchläge, deren Erfüllung er aber weislich in die Länge zog. Oft ſtellte er indeß dem fremden Ritter nach dem Leben, und befleckte durch giſtige Reden des Ritters und der Wittwe Kumund in der ganzen. Gegend; da aber der erſtere durch kinge Wachſamkeit aller Nachſtellung entging, und die Ver⸗ läumdung wohl Verachtung aber nicht Ahndung der Nachbarn nach ſich zog, ſo ſuchte er endlich Hilfe bei den Löwenrittern, von welchen der Ruf in der ganzen Gegend umher ging, daß ſie jedes Laſter zu ſtrafen, jedes Unrecht zu vergüten bereit wären. Er verſchwieg in ſeinem Berichte an dieſe alles, was Eigennutz oder Habſucht verrathen könne. Er forderte nur Hilfe für eine arme Waiſe, heiſchte nur Strafe über ein unge⸗ treues Weib, das ſeinen Gatten ermordet habe, um jetzt ungehindert mit einem andern buhlen zu können. Wahrſcheinlich würden die Gerechten diesmal den Triumph des Laſters bofördert, die Wittwe ſammt ihrem Beſchützer im erſten Ueberfalle getödtet haben, wenn Friedrichs Herz nicht geargwohnt, und der wach⸗ ſame Ritter den lauernden Arzt nicht überraſcht und zum Bekenntniß gezwungen hätte.. Kiedriche gerechte Wuth, ſeine Begierde nach Rach 108 über die geweihten Sünder mehrte ſich durch dies offne Bekenntniß um ein Großes. Zähneknirſchend reichte er der Wittwe ſeine Hände, und ſchwur zu Gott dem Allmächtigen, daß dieſe ſeinem Körper jeden Dienſt, ſeinem Munde alle Speiſe auf immer verſagen ſollten, wenn er nicht ſchreckliche Rache an den heilloſen Mifſe⸗ thätern üben, ſie der ganzen Welt zum ſchreckenden Beiſpiel und Hohngelächter aufſtellen werde⸗ Als dieſe ihm demüthig für ſeinen Schutz dankte, ihn nur um Recht und Wiedergabe ihres Kindes anflehte, ließ er ſogleich den Burgpfaffen vor ſich führen. Friedrich. Geweihter Bube! Dein Sündenmaß iſt gerüttelt voll! Schreckliche Strafe, namenloſe Pein harrt deiner! Du kannſt durch offnes Bekenntniß ſolche mildern! Bekenne, aber ohne Winkelzüge, ohne Um⸗ ſchweif! Bekenne: wo iſt Graf Neuburgs Tochter? Wandelt ſie noch unter den Lebendigen? Oder hat eure unerſättliche Raubſucht ſie eeiten Pfaffe. Edler Ritter! Wie ſch lich ſeyd ihr er⸗ grimmt! Gott und alle Heiligen ſteht mir bei! Friedrich. Schandbube! Flehe dieſe nicht an! Dein Ruf ſchändet ſie! Dein Gebet iſt Spott und Hohn für ſie! Suche Hilfe in der Hölle, deren Ehre und Ruhm du durch deine Thaten mächtig vorbereitet haſt! Du haſt herrlich gearbeitet! Du haſt den Teufel ſelbſt übertroffen! FPfaffe. Barmherzigleit, geſtrenger Herr! Barm⸗ herzigkeit! Was habe ich denn verbrochen? Friedrich. Du fragſt? Elender! Du fragſt? Mit Menſchenblute, mit ihrem Marke haſt du dich gemäſtet! Aus vollen Pokalen haſt du dich in Wittwen⸗ und in dir erſtickt! Biſt ein namloſes Ungeheuer geworden Aber ich will dein Fett läutern, will durch ſchreckbare eangſt der Wittwen Thränen aus deinem Körper Bekenne wr iſt Neuburgs Tochter? Waiſenthränen beſoffen! Haſt jedes menſchliche Gefühl Pfaffe. Ich bin unſchuldig! Ich weiß nichts! Friedrich zum Arzte). Wiederhole dein Bekennt niß, damit der Verſtockte nachzuahmen lerne! Pfaffe. Ach erbarmt euch, lieber Ritter! cknieend) Ich will ſelbſt bekennen! Raubt mir nicht das einzige Verdienſt, welches ich zu ſammeln noch fähig bin! Habt Mitleiden mit mir; ich bin durch den Abt ver⸗ führt worden, ich ſchwur ihm Gehorſam, ich glaubte— Friedrich. Ich fordre nicht Entſchuldigung, ich heiſche Bekenntniß! Pfaffe. Es ſoll euch werden! Graf Neuburgs Tochter lebt noch! Der Abt hält ſie in einer heimli⸗ chen Höhle des Kloſters verborgen! Erſt ehegeſtern geſtand er mir, daß er eine ſo ſchöne, reizende Blume nicht zu vernichten vermöge! Friedrich. Ha, des Elenden! Ich will ſeine höl⸗ liſche Begierde dämpfen! czur Wittwe) Seyd ruhig, Mutter! Seyd ruhig! Euer Kind ſoll euch wieder wer⸗ den! Ich will den Räuber ſchon überliſten! czum Pfaffen) Steh auf, ſetze dich und ſchreib! Gebt ihm Schreibge⸗ räthſchaften! Pfaffe(Friedrichs Befehl befolgend). Was ſoll ich chreiben? ₰ Friedrich. An deinen treuen Helfershelfer, an deinen Abt ſollſt du ſchreiben. Ich kenne ſeinen Titel nicht, mußt ihn ſchon ſelbſt herſeßzen.. Pfaffe(ſchreibend).„Gottes reichſten Segen zuvor! hrwürdiger Abt und Bruder!“ Friedrich. Laß ſehen! dleſend) O ihr Heuchler! O ihr Nattergezüchte, die ihr jede Schandthat unter Gottes Segen beginnt und ausführt! Wart, ich will ſehen, ob ich euch den Ton abzuborgen vermag! Schreib (iltirend)„Der Herr hat unſer Gebet erhött Die „Löwenritter ſind gekommen und haben die Veße über „wältigt. Der fremde Unhold ſchwimmt nebſ de ir „tenden Dirne im Blute, und die guten Ritter bren⸗ „nen vor Begierde, euch öffentlich Neuburgs Veſte „ſammt ſeinem Habe und Gute zu überantworten! „Kommt! Eilt den Lohn eurer Mühe zu erndten! Ihr „Zug iſt eilend! Drum kommt ſo geſchwind als mög⸗ „lich, damit ihr von den Burgunterthanen wenigſtens „in ihrer Gegenwart den Eid der Treue fordern könnt! „— Um die neunte Stunde des morgenden Tags e⸗ „warte ich euch!“— Gum Pfaffend Unterſchreibt euern Namen! Pfaffe(ſchreibend).„Euer Bruder in Gott, und demüthiger Knecht Frater Elias!“ Friedrich. Gebt her! cer überliest es genan) Wenn irgend ein geheimes Zeichen den Abt warnt, wenn er nicht kommt, dann tauſendfaches Weh dir, du wirſt ſchrecklich dafür büßen müſſen! Pfaffe. Sorgt euch nicht, geſtrenger Herr Ritter! Der Abt iſt mein Verführer! Er ſoll auch mit dafür büßen! Friedrich. Hänge dein Siegel dran!(der Pfaff⸗ vefolgt es) Führt ihn fort, bewacht ihn gut und wohl! czum Pfaſſen) Morgen, ſo Gott will, ſprechen wir uns wieder! Der Pfaffe und Arzt ward nun fortgeführt, und ein Ritter zur Einladung des Abts mit dem Briefe nach dem Kloſter abgeſandt. Ritter Wieſenborn gab ihm ſeinen treuen Diener zum Wegweiſer mit, und beiden ward ſtrenges Stillſchweigen auferlegt. Ich kbergehe den Dank der⸗Wittwe, der nun erſt laut zu werden begann, da ihr Herz wieder hoffen konnte. Frie⸗ drich trennte ſich erſt ſpät von ihr und dem Ritter um wenigſtens nur eine Stunde zum künftigen Tage⸗ werke auszuruhen! Kein Schlaf erquickte ſein Augen denn die Begierde, ſolche Schandthaten nach Wütde zu rächen, beſchäſtigte ſeine Seele unaufhörlich. Wie dis 6 7 111 Sonne emporſtieg, war Friedrich ſchon im Vorhoſe er fand alles bewacht und ſicher. Er ging mit großen Schritten auf und nieder; die Stunden wurden ihm zu Tage. Vergebens blickte er in die Ferne, der Abt Fam nicht. Schon ahnete er Verrätherei, ſchon wollte er den Pfaffen zu ſich berufen, als der Thurmwächter meldete, daß drei Ritter nebſt einigen Knechten bergan gegen die Burg zögen. Friedrich befahl ſogleich, den Pfaffen und Arzt nach dem Vorhofe zu führenz er ließ ihre Hände binden und beide unkter eine hohe Linde ſtellen, die unfern dem Burgthore ſtand. Seine Ritter erhielten Befehl, nach der Ankunft des Abts die Zug⸗ brücke aufzuziehen und die Begleiter deſſelben ſogleich zu entwaffnen. Mit ineinandergeſchlagenen Händen ſtand er nun in der Mitte des Vorhofs und harrte den Kommenden entgegen. Sein Herz pochte, ſeine Knier zitterten, ſeine Zähne knirſchten unwillkührlich, als der Böſewicht ſich nahte und unter triumphirendem Lächeln ſeine heilloſe Tücke verbarg. Voll Freude über ſein vollbrachtes Werk eilte er mit offnen Armen auf Frie⸗ drichen zu. Der Abt. Sey mir geſegnet, Rächer der Gottlo⸗ ſen! Komm an meine Bruſt, lieber Sohn, an deſſen Thaten Gott Wohlgefallen haben muß! Friedrich(ihn mit der rechten Hand von der um⸗ armung abhaltend)d. Ehe ich euch als Herr der Veſte bewillkomme, muß ich euch vorher bitten, euer geiſitli⸗ ches Amt zu verwalten. Dort(auf den Pfaffen und Arzt zeigend) ſtehen zwei Böſewichter! Reif zum Tode, reif zur ewigen Qual! Da aber die Schrift gebietet, daß keiner den andern verdammen ſoll, ſo mögen ſie mit eurem Beiſtande verſuchen: ob ſie ihre Schandtha⸗ ten hier bereuen und abbüßen können? Hört ihre Beichte Sprecht ſie frei— wenn ihr's vermögt— vyn ihren 1 Verbrechen Ich werde mein Richteramt alsdati ſten 112 verwalten! Sobald ihr geendet habt, laß ich die Bu⸗ ben am Baume, der ſie beſchattet, aufhängen! Abt Gurückbebend). Jeſus, Maria und Joſeph! Friedrich. Vereitelt meine gute Abſicht nicht durch unnützes Zaudern! Habt ihr ſie verführt, habt ihr ſie eingeweiht zu ſchändlichen Bubenſtücken! Hat euer Gold ſie zu Mordthaten verleitet, ſo mag euer Wort fie jetzt auch tröſten und vorbereiten zur Verantwortung, die dort ihrer wartet! Seht, ihr Blick iſt ſchrecklich! Ihre Miene verkündigt Verzweiflung! Weh euch, Verruch⸗ ter! Weh euch, wenn ihr dieſe nicht zu tilgen ver⸗ mögt! czu den Burgknechten) Schleppt ihn hin! Schließt einen Kreis um ſie! Ich will Barmherzigkeit an ihnen üben, die ſie nicht kannten. Sie mordeten ohne Vor⸗ bereitung, ich gewähre ſie ihnen eine volle Stunde, aber auch keinen Augenblick länger! Friedrich entfernte ſich nun, und die Knechte nahmen die Miſſethäter in ihre Mitte. Vergebens flehte die Wittwe jetzt ſelbſt um Gnade und Schonung. Ver⸗ gebens verſprach ſie all ihr Leiden zu vergeſſen, wenn Friedrich Gnade für Recht wolle walten laſſen. Er blieb unerbittlich; er behauptete feſt, daß ſolche Ver⸗ brechen den Tod heiſchten, und daß Schwur und Pflicht ihn zur Strafe, zur Rache verbänden. Als daher die Stunde verfloſſen war, trat Friedrich in den Kreis. Er verwunderte ſich hoch, daß die vorher ſo zagenden Verbrecher jetzt kühn und trotzend umherblickten, den Tod nicht zu fürchten, nicht einmal zu erwarten ſchienen. Friedrich enach einer Pauſe zum Abte). Hier, an der Racheſtätte noch eine, noch die letzte Frage an dich wo iſt Graf Neuburgs Tochter? Abt erech und rühnd. Sie iſt in ſicherer, ſie iſ meiner Verwahrung! Kein Sterblicher außer mir und deſ Arzte kennt den Ort ihres Aufenthalts! Ihr Leben ſer Leben! Ihr Tod für unſern Tod! So haben — — 113 wir vereint gelobt und geſchworen. Tödteſt du uns, ſo wird ſchrecklicher Hunger ſie zu Tode martern, ſie wird ohne Rettung, ſie wird verzweifelnd ſterben, und dich als ihren Mörder bei Gott anklagen. Schwöre uns Leben und Freiheit, ſo will ich ſie dir geſund und lebend überantworten, ſo will ich ſchriftlich und in Zeugengegenwart mich verbinden, daß ich nie mehr an Neuburgs Veſte und Habe Anſpruch machen will und werde. Friedrich. Ha, Schlange, ſo ſollſt du mir nicht entwiſchen! Du kannſt nicht leben, du mußt ſterben! Dein Hauch iſt giftig, du tödteſt öhne Vorſatz, du mußt vertilgt werden! Qualvolle Marter und Pein ſoll dir das Bekenntniß ſchon ablocken! Mit dir will ich beginnen, und wenn du auch hartnäckig genug biſt, das Geheimniß mit deinem Tode zu verſiegeln, ſo ſoll dirs doch nicht nützen, ich will dann die übrigen be⸗ gnadigen, und doch die Unſchuld retten. Abt. Beginne! Weh dem Verruchten, der ſeine Zunge zum Bekenntniß öffnet! Wir ſtreiten vereint! Nur ein Weg iſt uns zur Rettung offen, und wir wol⸗ len ihn entweder vereint wandeln, oder vereint ſterben! Friedrich. Laß ſehen, was wir dagegen vermö⸗ gen!(zu den Kuechten) Führt den Arzt ſeitwärts! Abt(dem Arzt nachrufend). Sey ſtandhaft! Ge⸗ denke der verſprochnen Belohnung, die dir heilig und ſicher werden ſoll! Friedrich(allein zum Arzte). Du warſt dürftig und arm! Gold blendete deine Seele! Wohlleben be⸗ täubte dein Gewiſſen! Du wurdeſt verführt! Du biſt, mit jenen verglichen, der kleinſte Verbrecher! Dir will ich Lebensfriſt, und wenn du dich beſſerſt, auch künf⸗ tige Freiheit geloben, wenn du mir der unglicklichen Gefangnen Aufenthalt entdeckſt und ſie befreien hilfſt! Arzt. Bohr urtheilt recht! Mein Herz war einſt Löwenritter 1. 11⁴ nicht böſe. Es handelte ehrlich und redlich, aber bit⸗ tere Armuth war der Lohn dieſer Redlichkeit. Oft wußte ich nicht, womit ich mich am Abende ſättigen, von was ich am künftigen Tage zehren ſollte. Die Verführung lockte mich, und ich folgte ihr willig, weil ſie meine unverdiente Armuth in reichen Ueberfluß ver⸗ wandelte, und ich ſchon zu zweifeln anfing: ob Red⸗ lichkeit je einen Lohn zu erwarten habe? Als ich jetzt den ſchmählichen Tod erwartete, da wards hell in mei⸗ ner Seele, daß Strafe dem Laſter und folglich auch Lohn der Tugend folge! Ich ſchwöre es euch bieder und treu, daß ich nun dieſer folgen, und ruhig erwar⸗ ten will, welche Trübſale mich läutern, welches Elend meine Verbrechen verſöhnen ſoll! Friedrich. Du bekenneſt alſo!—— Arzt. Frei und willig! Ohne Bedingung! Ohne Schwur! Ich werfe mich in des Gerechten Schutz, er richte mich, wie es ihm wohldünkt! Friedrich. Wo iſt Graf Neuburgs Tochter2 Arzt. Der Abt hält ſie in einer unterirdiſchen Höhle verborgen, die unfern dem Kloſter im Forſte liegt. Der Eingang dahin iſt ſo künſtlich verwahrt, daß kein menſchliches Ange ihn zu entdecken vermag. Ich kenne ihn, ich weiß ihn zu öffnen. Da die Un⸗ glückliche einigemal ſchon ſehr krank war, ſo mußte ich auf des Abts Befehl ihr Hülfsmittel reichen. Der Wol⸗ lüſtling iſt in die ſchöne Blume verliebt. Er zitterte, daß ſie ohne ſeinen Genuß verwelken werde. Friedrich. Wie? ſo hat er auch hier ſein Buben⸗ ſtück vollendet? Arzt. Noch nicht! Darauf könnt ihr fußen. Stets widerſtand ſie ihm heftig. Ob aber der Böſewicht— des Widerſtandes müde— nicht bald Gewalt gebraucht hätte— kann ich nicht behaupten. Friedrich. Du gelobſt alſo, mir redlich und treu den Aufenthalt der Gefangnen zu entdecken⸗ — Arzt. Ich gelobe es! Friedrich. Wehe dir, wenn du trügſt! Namloſe Pein würde dein Leben enden! Arzt. Soll ſie enden, wenn ich euch nicht hinführe zur Höhle! Wenn ich nicht ihr Befreier werde! Friedrich. So ſey dir auch auf immer dein L ben, und, wenn du's ernſtlich meinſt, auch fünſüger Unterhalt und Freiheit zugeſichert! zu den Knechten, rufend) Hängt die Pfaffen auf!(die Gefeſſelten jammern) Hängt ſie auf, kein Erbarmen! Der Abt wurde nun ſammt dem Pfaffen am Baume erdroſſelt. Friedrich befahl zu ſatteln, und gebot, daß man die Todten hängen laſſe, bis er Er theilte ſeine Ritter, und gebot der erſten Hälſte, daß ſie ihm folgen, der zweiten, daß ſie die Veſte bewachen ſollte. Seyd munter, ſprach er beim Abſchiede zur weinenden Wittwe, ich kehre in eurer Tochter Geſell⸗ ſchaft zurück. Er nahm nun den Arzt in die Mitte und zog raſch fort. Als ſie den Forſt erreicht hatten, trabte Friedrich an des Arztes Seite voraus. Schon hatte der letztere dem fragenden Friedrich den Felſen, worinnen die Gefangene ſchmachtete, mit dem Finger bezeichnet, als ein aufgeſchrecktes Wild das Roß des Arztes ſcheute. Es bäumte ſich hoch empor, und der nicht allzu ſehr geübte Reiter ſtürzte herab. Er brach das Genicke, und lag todt zu des erſtaunten Friedrichs Füßen. Alle Mühe, ihn zu erwecken, war vergebens. Ein Strom von Blut floß aus ſeinem Halſe, und ver⸗ hinderte jede Bewegung ſeiner ſterbenden Zunge⸗ — Friedrichs Zuſtand war jetzt ſchrecklich. Der ein⸗ zige, welcher der Unglücklichen Gefängniß kannte und zu öffnen verſtand, war todt, und ein ſchmählicher Hungertod der Unſchuld ſicheres Ende. Vergebens eilte er nach dem Felſen, unterſuchte mit allen ſeinen Rit⸗ zern ihn auf allen Seiten; nirgends fand ereine Sf 116 nung, nirgends einen Riß, der dieſe bezeichnen konnte. Vergebens rufte er die Gefangene, verkündigte ihr Freiheit; keine Antwort erfolgte. Er verfluchte mehr als einmal ſeine raſche Rache. Hätte er des Abts Leben nicht ſo ſchnell geendet, ſo würde er dieſen doch zum Bekenntniſſe haben zwingen können. Noch ein Mittel zur möglichen Rettung war übrig, und der verzweiflungs⸗ volle Ritter beſchloß, es auf der Stelle zu ergreifen. Vielleicht, dachte er, war unter den Pfaffen des nahen Kloſters noch einer, welcher des Abts Vertrauen beſaß, welcher die Höhle zu öffnen verſtehet. Ich will hin, will alle verſammeln, will ihnen ſichern Tod, ihrem Kloſter Verheerung drohen, wenn ſie nicht bekennen, nicht entdecken. Er theilte ſeinen Begleitern den ſchwa⸗ chen Schein von Hoffnung mitz ſie billigten ihn, und mahnten Friedrichen ſelbſt, ihn ſo ſchnell als möglich auszuführen. Schon ſaßen ſie auf ihren Roſſen, ſchon wollten ſie gegen das Kloſter ziehen, als ein alter Eremit an der Ecke des Felſens herumſchlich. Friedrichs Auge, das noch einmal nach dem ſchrecklichen Felſen hinblickte, ſah ihn zuerſt; er trug einige Geſchirre in der Hand, und wollte entfliehen, als er den Haufen der Reiſigen gewahrte. Friedrich ſetzte ihm ſogleich nach und erreichte ihn glücklich. Friedrich. Warum fliehſt du, Alter? Der Eremit cverwirrt). Ich— Ich fliehe nicht! Friedrich. Was trägſt du hier? Eremit. Es iſt— Ich trage Speiſen! Friedrich. Für wen? Bekenne, für wen? cſein Schwert über ihm ſchwingend) Bekenne, oder dein Leben hat geendet! Eremit. Erbarmt euch meiner! Ihr tödtet mich unſchuldig! Es iſt meine Koſt, die ich mir gewöhnlich im Kloſter erbettle. Friedrich(vom Roſſe ſpringend und dem Eremiten 117 ſein Schwert auf die Bruſt ſetzend). Du lügſt! Uind gewiſſer Tod ſoll der Lüge folgen, wenn Wahrheit ſie nicht ändert! Du biſt der Kerkermeiſter einer gefang⸗ nen Dirne! Ihr trägſt du dieſe Koſt! Eremit. Je nun! Wenn ihr's ſchon wißt! Schenkt mir nur mein armes Leben! Ja, ich trag' der Dirne Koſt. Friedrich. Ha! wohl mir!(Freudenthränen ent⸗ ſtürzen ſeinen Augen) O Gott, du haſt mein Flehen erhört! Dir ſey wärmſter Dank! Friedrich. Wo iſt die Höhle? Eremit. Gleich da im Felſen! Friedrich. Oeffne ſie! Eremit. Ich wills gerne und willig thun. Schenkt mir nur mein Leben! Der Anblick des blinkenden Schwerts iſt fähig, mich zu tödten! Friedrich ees ſchnell von ſich werfend). Nein! das ſoll's nicht! Leben, Freiheit und großer Lohn dir, wenn du mir die Höhle öffneſt! Komm, lieber Alter, komm! Kein Haar foll dir gekrümmt werden! Nur komm, komm! Sie eilten nun nach dem Platze des Einganges⸗ Eine Decke von immergrünendem Moos verbarg ihn vor jedem Auge. Der Eremit löste ſolche. Feſt in⸗ einander gefügte Steine ließen auch hier noch keine Offnung vermuthen. Erſt dann, als der Eremit einige derſelben aus ihren Winkeln ſchob und ſie herauszog⸗ ſah Friedrich die Möglichkeit ein; er riß die übrigen ſchnell von einander und ſtürzte mit ſeinen Rittern in die offne Höhle. Sie mußten durch einen langen Gang wandern, und wurden in der Mitte deſſelben durch eine eiſerne Thüre aufgehalten, welche verſchloſſen war Der Einſiedler war entflohen, und die Ritter mußten die Thüre aufſpringen. Zitternd und zagend ſahen ſie jetzt das Fräulein im Winkel des Gewölbes ſtehen Sie war über den ungewöhnlichen Lärm erſchrocen und fürchtete Gewalt und Mord. Friedrich mach 118 wenig Worten die Abſicht ſeiner Sendung kund, und als er ſie ihrer Mutter zu übergeben verſprach, da ſank die Zagende zu des Ritters Füßen hin und dankte ihm innig und warm für ihre Rettung. Ich habe viel ge⸗ litten, ſprach ſie, meine einzige Hoffnung war bisher der Tod! Ihr, edle Ritter, kommt, mich ihm zu ent⸗ reißen, befreit mich aus der Feinde Händen! Wie ſoll, wie kann ich euch dafür danken?—— Friedrich. Pflicht und Schuldigkeit verdient kei⸗ nen Dank! Gottes Gerechtigkeit würde auf der Welt zur Mähre werden, wenn ſolche Thaten nicht gerügt, nicht geſtraft würden! Kommt, damit eure troſtloſe Mutter den Beweis davon ſehe, und nicht mehr daran zweifle!—— Er führte ſie nun nach dem Eingange der Höhle. Die arme Gefangne, welche ſchon viele Monden hindurch nur den Schein einer Lampe gewohnt war, wurde durch den allgewaltigen Glanz der hohen Mittagsſonne ſo geblendet, daß ſie mit geſchloßnem Auge niederſank und lange nicht aufzublicken vermochte. Sie hoben ſie auf ein Roß, und ein Ritter aus Frie⸗ drichs Gefolge erbot ſich, den Zügel deſſelben zü leiten. Klotilde, ſo nannte ſich das Fräulein, war eine der ſchönſten Dirnen ihres Zeitalters, ſie hätte eben das achtzehnte Jahr zu zählen angefangen, als der Abt ſ raubte. Sie blühte damals gleich einer vollen Roſen knospe, die der Morgenthau geſtärkt hat, und welche die aufgehende Sonne zu entfalten beginnt. Freilich hatte Angſt und Kummer, und die dicke Gefängnißluft ihre rothe Wangen mächtig gebleicht: ſie ſah jetzt einer Lilie ähnlich, die am dürren Sommerabende ihre Blätter zur Erde neigt, und, erquickte ſie kein Thau, ganz ver⸗ dorren würde. Aber eben dieſes ſchmachtende Weſen, dieſer matte Blick des großen, blauen Auges intereſſirte mächtiglich, und wirkte mit vollem Drucke auf das freie Herz des Ritters, welcher ihr Roß leitete. Wie ſchön * —— * 119 wie reizend, dachte er, iſt jetzt noch die Dirne! Wie äußerſt ſchön! Wie äußerſt reizend muß ſie nicht wer⸗ den, wenn die Züge des Kummers auf ihren Wangen verſchwinden, wenn Hoffnung ſie wieder färbt, und Freude das ſchmachtende Auge erwärmt. Da Klotilde ſehr ſchwach war, da ſie vft vom Roſſe geſunken wäre, wenn des Ritters ſtarke Hand ſie nicht erhalten hätte, ſo mehrte ſich durch dieſen Umſtand ſeine keimende Liebe um ein Großes. Seine Hand fühlte oft das ängſtliche Klopfen ihres Herzens. Oft ruhte ihr Haupt auf ſeinen Schultern, und ihre Wange an der ſeinigen. Wie mächtig ſo etwas die Liebe fördert, brauche ich nicht erſt zu beweiſen, da es ſicher die Erfahrung ſchon jedem meiner Leſer bewieſen hat. Wie ſie auf der Veſte an⸗ langten, hatten ſchon ſtumme, aber nur oft allzu⸗ beredte Mienen und Blicke des Ritters der ſchönen Klotilde den Zuſtand ſeines Herzens deutlich erklärt, ob ſie dagegen dieſe Erklärung verſtund und erwiederte, wird die Folge lehren. Voll mütterlicher Sehnſucht eilte die Wittwe dem kommenden Zuge entgegen. Ihr forſchendes Auge ſuchte und fand das einzige, ſo lang entbehrte, ſo lang beweinte Kind. Es ſank in ihre ausgeſtreckten Arme, und die Freude des Wiederſehens war innig, war un⸗ beſchreiblich. Tiefe Stille herrſchte im Kreiſe, welchen die Ritter um ſie geſchloſſen hatten; die müden Roſſe ruhten, ihre Reiter ſahen gerührt zu und erndeten den Lohn ihrer großen That. Allzugroße Freude iſt ſprach⸗ los. Wie ſie zum Genuſſe überging, war das erſte Wort der Wittwe Dank, das zweite dringende Ein⸗ ladung zur Ruhe an die Ritter. Sie nahmen das letztere an, und zogen nach der Burg. Der Anblick der todten Miſſethäter erinnerte Friedrichen, daß ſein Tagwerk noch nicht vollendet ſey; er gab ſogleich Be⸗ ſehl, daß die Burgknechte aufſitzen, und alle Lehnsträ⸗ 5 120 ger, alle Unterthanen und Leibeigene des Grafen von Neuburg ſammeln und auf die Veſte laden ſollten. Als dieſe ausgezogen waren, nahm er erſt den Will⸗ kommsbecher an, und genoß mit ſeinen Rittern das bereitete Mahl. Seit langer Zeit war auf dieſer Veſte kein Freudenbecher geleert worden. Die frohe, dank⸗ bare Mutter füllte den erſten. Frendenthränen träu⸗ felten darein, und waren Zeugen ihres innigen Dan⸗ kes. Als er geleert war, füllte ihn ihre Tochter Klo⸗ tilde wieder. Zitternd unt erröthend reichte ſie ihn ihrem Begleiter, der ſeinen Platz neben ihr genommen hatte Er gebührt euch,„edler Anführer, ſprach der frohe Ritter zu Friedrichen, aber da ihre ſchöne Hand mir ihn reichte, ſo erlgubt, daß ich die edle Gabe ge⸗ nieße! Und nun leerte er ihn ſo rein, daß kein Tro⸗ pfen, als er den Becher ſtürzte, auf ſeinem Nagel glänzte. Die Anweſenden jauchzten ihm Beifall zu, und meinten, daß ſolch ein Zufall Bedeutung habe, und noch wahrſcheinlichere Folgen haben werde. Die Freude wurde nun allgemein, äußerte ſich ſchon in jedes Auge und Mund, als einer der Knechte Friedri⸗ chen verkündigte, daß ſein Befehl vollbracht und alles Volk im Vorhofe verſammelt wäre. Friedrich ſtand ſogleich auf, gebot ſeinen Rittern Folge, und führte Neuburgs Wittwe ſammt ihrer Toch⸗ ter nach dem Vorhofe. Wie ſie daſelbſt angelangt waren, erzählte er dem verſammelten Volke alle Tha⸗ ten des Abts und Burgkaplans. Dies, ſprach er am Ende, und zeigte auf den Baum, an welchem ſie hin⸗ gen, dies war ihr Lohn; und wird der Lohn eines jeden ſeyn, der es wagt, das Weib und die Tochter des Grafen in ihrem Rechte, in ihrem Erbe zu krän⸗ ken! Ich habe geendet! Wie wollt ihr beginnen?2 Einer der Lehnsträger. Edler Herr und Rit⸗ ter! Wir ſind zu allem bereit, wozu dein Rath un —— 12¹ leitet! Beſiehl, und heute ſoll noch die Flamme, welche das Pfaffenkoſter verzehrt, den Himmel färben, und es der ganzen Gegend kund⸗ machen, daß Schand⸗ thaten ſolcher Art Rache heiſchen! Friedrich. Dein guter Wille, dein Eifer verdient Dank, ob ich ihn gleich nicht billigen kann! Jedes Laſter fordert Strafe, aber ungerecht und grauſam wird ſie, wenn ſie den Unſchuldigen mit trifft. Viele Pfaffen des Kloſters werden ihres gottloſen Abts Ver⸗ brechen nicht ahnen, und würden billig über Ungerech⸗ tigkeit bei Gott klagen. Ueberlaßt die Schuldigen Got⸗ tes Gerichte. Vielleicht wird des Abts Beiſpiel ſie warnen und beſſern. Der Lehnsträger. Du befiehlſt, und wir folgen, ob wir's gleich ungern thun, denn wir wünſchten durch Thaten zu beweiſen, daß wir immer getreue Vaſallen waren, und möchten ſo gerne die Liſt rächen, welche uns von unſrer Pflicht zu entfernen ſuchte. Friedrich. Dies Verlangen iſt löblich und billig! Ihr ſollt und könnts mit vollem Rechte befriedigen. Schwört der Wittwe und Erbtochter des Grafen Treue und Gehorſam! Huldigt ihnen nach Recht und Gebühr, und ihr habt es erfüllt! Der ganze Haufe. Wir ſchwören Gehorſam und Treue! Wir huldigen ihnen nach Würde! Wir geloben, ſie zu vertheidigen mit Gut und Blut! Friedrich. Heil euch, ihr Treuen und Guten! Seht, die Thränen der gekränkten und geretteten Un⸗ ſchuld danken euch dafür aufs wärmſte. Ich nehme euren Schwur in ihrem Namen an. Haltet ihn feſt und unwankbar. Ich bin Zeuge deſſelben, und ſchwöre euch im Namen meines mächtigen Bundes, daß dieſer jeden Meineid rächen, und ſchnell zur Rache und Strafe herbeieiten wird, wenn Empörer denſelben vernichten und verſpotten wollen. 8 122 Der Haufe. Rache und Strafe über den Meinei⸗ digen und Empörer! Ein Lehnsträger. Morgen, ehe ihr auszieht, wollen wir hundert Reiſige auf die Veſte ſenden, um ſie gegen Gewalt und Liſt männiglich zu vertheidigen. Friedrich. O ihr ſeyd wackere Männer, ihr kommt meiner Forderung zuvor, und erfüllt ſie, ehe ich ſolche ausſprach! Ein Lehnsträger. Bei dir ſtehts, unſern guten Willen zu vergelten. Friedrich. Sprich! Wie kann ich das? Der Lehnsträger. Die Zeiten ſind jetzt gefähr⸗ lich. Raub und Habſucht iſt gänge und gäbe worden unter allen, die das Schwert führen können. Sie wird ſich bald wieder der Veſte nahen, ſie bald bekämpfen und überwinden, wenn nicht ein tapferer Ritter ſie vertheidigt, deſſen Anſehen die Kühnen ſchreckt, deſſen Tapferkeit ihren Anſchlag vernichtet. Seyd ihr noch unbeweibt, ſo wird unſers Grafen Tochter ſich wohl nicht weigern, ihrem Retter ihre Hand zu reichen, und dann freue ich mich ſchon der Ruhe und Sicherbeit, welche euer mächtiger Arm in unſerm glücklichen Thale verbreiten wird. Friedrich. Euer Antrag ehrt mich, ich würde mich mit allen Kräften mühen, ihn auch bei dem ſchö⸗ nen Fräulein auszuführen, wenn mein Herz nicht ſchon einer andern gehuldigt hätte, meine Hand nicht ſchon verſagt wäre. Aber ich zähle der freien und tapfern Ritter viele in meinem Gefolge. Mehr als einer würde ſich äußerſt glücklich dünken, wenn das Fräulein euern Vorſchlag begünſtigte. Viele aus dem Haufen. Fragt ſie ſelbſt, fragt Mutter und Tochter, damit wir erfahren: ob wir hof⸗ fen dürfen? Friedrich czu den Weibern). Ihr hört, was ture — 123 Getreuen fordern! Ich finde ihre Frage billig, ich wage es, ſie bei euch zu erneuern! Die Wittwe. Ich wünſche und fordere das Näm⸗ liche. Der Tod meines Gatten, des edlen Ritter Wie⸗ ſenborns Hilfe hat mich thätig überzeugt, daß Weiber nicht fähig ſind, eine Veſte zu vertheidigen und zu be⸗ ſchützen, wendet euch alſo kühn mit eurer Frage an meine Tochter ſelbſt! Klotilde(ängſtlich und verwirrt). Mutter, liebe Mutter! Bedenkt, was ihr fordert! Wie kann ich die Frage beantworten? Wie ſoll ich—— wie kann ich jetzt ſchon entſcheiden!—— Friedrich. Edles Fräulein! Ihr ſprecht wohl! Nicht ihr, der Ritter muß ſich erſt erklären! czum Volke) Kehrt morgen wieder, dann ſollt ihr den Entſchluß eures Fräuleins hören! Klotilde. Auch morgen bin ich noch nicht—— Friedrich. Sorgt nicht, die Wahl wird euch nicht ſchwer werden, denn ich glaube, ihr habt ſchon gewählt! Sie gingen nun wieder nach dem Trinkſaal, und der Wein löste bald aller Zungen. Viele der Ritter gaben ihren geheimſten Wünſchen Worte, und meinten, daß derjenige, welcher ſolch ein liebes, trautes Kind zum Lohne erhalte, überglücklich ſeyn müſſe. Als ſie aber ſahen, daß Ritter Eſchenbach ſich ſtets dem Fräu⸗ lein zur Seite geſelle, und dieſe anwieder in ſeinem Umgange großes Behagen fand, ſo war nicht einer unter ihnen, der ſeinen Wünſchen nicht entſagt oder beider Glück mißgönnt hätte. Was uns hier nicht wer⸗ den kann, ſagten ſie vereint und ſcherzend, ſoll uns anderswo nicht entgehen. Es wird der Fehden noch mehrere geben, und dann wollen wir Eſchenbachs Bei⸗ ſpiel ſolgen, hübſch vorarbeiten, damit uns am Ende der Lohn nicht entwiſcht. Wie die Sonne unterging, befahl Friedrich, daß man des Abts und ſeines ireuen 124⁴ Helfers Leichnam vom Baume herabnehmen und nach dem Kloſter führen ſolle. Seinem Befehle wurde Ge⸗ nüge geleiſtet, und als die Knechte damit abzogen, ſo gebot er ihnen, daß ſie in ſeinem Namen fein deutlich den verſammelten Pfaffen der Todten Verbrechen und Strafe kund machen, und ihnen dabei bedeuten ſollten, daß jedem, der fremdes Eigenthum antaſte, gleicher Lohn werden würde. Da Friedrich ſchon àm folgenden Tage wieder aus⸗ ziehen wollte, ſo gebot er bald darauf iedem Ruhe, und ging nach dem Gemache, das man ihm zubereitet hatte. Im folgten die Ritter Eſchenbach und Wieſen⸗ born. Jeder wünſchte ihn noch zu ſprechen, und hoffte in dieſer Unterredung Stoff zur Ruhe zu finden, die Friedrich geboten hatte. Wenn das Fräulein euern Wunſch begünſtigt, ſprach Friedrich zu Eſchenbachen, ſo ſoll die Erfüllung deſſelben wohl gelingen, ich wil dann morgen früh mit der Mutter ſprechen, und ihn nach Kräften fördern. Eſchenbach. Ich habe der Dirne Wort. Sie will ſich euerm und der Mutter Willen gehorſam fügen. Wieſenborn. So ſchlaft ruhig! Ihr ſeyd ſolch eines Lohnes werth, er ſoll euch nicht entgehen. Der glückliche Eſchenbach eilte nun fort, und Ritter Wie⸗ ſenborn begann alſo: Heil dem Glücklichen! Wenn mir einſt auch ein ſolch Gebot würde, ich könnte vor Freude nicht ſchlafen, würde die ganze Nacht im Danke und Gebete verwachen. 3 Friedrich. Sorgt nicht! Früh oder ſpät muß es euch auch gelingen. Wieſenborn. O noch bin ich weit vom Zielt! Friedrich. Naht euch demſelben ſchon mächtig! 1 Fahrt fort, ſo zu handeln, und das Lob der Gerech 3 ten, der Tapfern kann euch nicht entzogen werden. Wieſenborn. Durch zwei Jahre gebot itir deß Vater Uebung im gerechten Kampfe und Fehde. Ich habe die Probe begonnen, aber ich fühle mich zu ſchwach⸗ ſie zu enden. Unbefriedigte Liebe, heiße Sehnſucht nach der Einzigen, der mein Herz ewig huldigt, kämpft ſchrecklich in mir, wird mir alle Thätigkeit und Kraft rauben. Seyd barmherzig! Seyd nicht allein Vertrau⸗ ter, ſeyd auch meiner Liebe Freund und Vater! Ra⸗ thet mir! Steht mir bei! Friedrich. Nur Ausdauer, nur Vollendung kann eure Liebe krönen! Seyd ein Mann, und kehrt nicht auf dem halben Wege um. Was ich zu thun vermag, um ihn abzukürzen, ſey euch im Voraus gelobt. Ich will dem Vater eure That treulich hinterbringen. Ich will ihm klar beweiſen, wie verdienſtlich ihr euch durch Vertheidigung der Veſte um unſern Bund gemacht habe. Wieſenborn. Thuts, edler Ritter, thuts! Gott wird euch dafür ſegnen! Tröſtet meine Kunigunde! Grüßt ſie in meinem Namen tauſendmal! Sagt ihr ——(Thränen rollen über ſeine Wangen) Verzeiht mir, daß ich mich ſo weibiſch geberde, aber ich kann der allgewaltigen Liebe nicht widerſtehen! Gern und willig wollte ich meine Probezeit ausdauern, könnte ich nur einmal die Holde ſehen, nur einmal ſie ſpre⸗ chen. O ihr Blick, ihr Wort würde mir auf lange Zeit Stoff zum Troſte geben! Friedrich(nachdenkend). Hm! Solch ein Wunſch verdient Erhörung! Wollt ihr die Erfüllung deſſelben als den Theil eines Lohns für eure gute That nehmen, ſo ſoll er euch gewährt ſeyn! Wieſenborn. Wie? ihr wolltet? Ihr könntet? Friedrich. Nun ja! Ich will und kann euch die Wonne des Wiederſehens gewähren! Morgen zieht ihr mit mir aus! Fürs Uebrige laßt mich ſorgen! Wieſenborn Aber— O verzeiht meinen Ein⸗ würfen, ich mache ſie in der Hoffnung, daß ihr ſie 126 widerlegen könnt. Wird der Vater mirs nicht übel deuten. Wird er—— Friedrich. Laßt mir dieß alles über. Ich werde euch ſelbſt zum Vater führen und Lohn für euch bei ihm fordern. Wird er nun verlegen ſeyn, wie er euch nach Würde lohnen ſoll, ſo werde ich als Mittler auf⸗ treten. Kurz, ihr ſollt eure Kunigunde ſprechen und ſehen, vielleicht gelingt mir noch mehreres. Doch da ich's nicht zuſichern kann, ſo will ich's auch nicht ver⸗ ſprechen. Geht, ſchlaft ruhig, und denkt, daß derje⸗ nige, welcher eure Vertheidigung übernommen hat, die Wirkung der heftigſten Liebe nur allzuwohl kennt, keinem, ſelbſt dem todten Abte nicht, ihre Qualen wünſcht, und folglich ſeinen Freund nach Kräften da⸗ von zu befreien ſuchen wird. 3 Früh, als Friedrich ſich zum Abzuge rüſtete, erſchie⸗ nen alle, die zur Veſte mit Pflicht zugethan waren, im Vorhofe und erneuerten ihre geſtrige Bitte. Da ver thätige Eſchenbach ſchon der Mutter und Tochter Jawort erhalten hatte, ſo führte ihn Friedrich an Klo⸗ tildens Hand in die Mitte der Verſammelten. Die Erbtochter eures Herrn hat gewählt, ſprach er, und ich hoffe, daß ihr die Wahl derſelben billigen werdet. Blickt auf ſie, ein tapferer, ein verdienſtvoller Ritter ſteht ihr zur Seite. Sein Schwert iſt bereit, ſie ge⸗ gen jeden zu vertheidigen, der ihr Erbe antaſten will! — Lauter Jubel erſchallte jetzt durch die ganze Menge, ſie ſchwuren dem Ritter volle Treue und Gehorſam, und ließen ſogleich hundert bewaffnete Reiſige zurück, welche unter ſeiner Leitung die Veſte bewachen und vertheidigen ſollten. Wie ſie ſich entfernt hatten, tra⸗ ten die Knechte zu Friedrichen, welche des Abts Kör⸗ per nach dem Kloſter geleitet hatten; ſie erzählten ihm, daß die Pfaffen weivlich erſchrocken wären, und be⸗ bend verſprochen hätten, daß ſie nie die That rüget 127 wollten, wenn die fremden Ritter nur ſie und ihr un⸗ ſchuldiges Kloſter gnädiglich verſchonen wollten. Die Fehde iſt alſo geendet, ſprach Friedrich, ihr könnt nun ausruhen vom Kampfe und Wachen, mich hält nichts mehr auf, bereitet euch zum Abzuge. Wie iſts? fuhr er gegen Eſchenbach zu ſprechen fort, du kennſt deine Pflicht, dir geziemt, mit heim zur Rechenſchaftzu ziehen! Eſchenbach. Ich werde meine Pflicht erfüllen und heimziehen mit euch! 4 Friedrich. Wer wird aber den Schatz bewachen⸗ den du hinterläßt? Eſchenbach. Ich ſelbſt! Meine Klotilde zieht mit mir. Auf dies habe ich der Mutter Wort und Hand⸗ ſchlag. Auf meiner Veſte will ich mit ihr die Hochzeit feiern. Mit dieſem Zuge iſt die Probezeit des Bun⸗ des bei mir geendet. Ich kehre dann hieher zurück und lebe in ihren Armen glücklich. Friedrich. Du beſchämſt meine Thätigkeit, haſt ſchon erfüllt, was ich erſt wünſchen wollte. Nur eines erlaube mir in deinem Vorſatze zu ändern. Du ſollſt deine Hochzeit nicht in deiner, ſollſt ſie auf meines Vaters Veſte feiern. Auch ich kehre dahin zurück, um mich mit meiner heißgeliebten Klara vort auf ewig zu verbinden. Ich wünſchte an dieſem ſo lang erwarte⸗ ten Tage der Glücklichen recht viel um mich verſam⸗ melt zu ſehen, du ſollſt ihre Anzahl vermehren. Eſchenbach. Ich wills, edler Freund und Bun⸗ desbruder, ich wills! Dein Verlangen fördert meinen Wunſch, ich erfüll's willig und gerne. Die Anftalten, die ich erſt treffen müßte, ſind bei dir ſchon vorberei⸗ tet, ſie bringen mich alſo näher zum Ziele, das mich krönen ſoll! Friedrich. Was beginnt Klotildens Mutter? Zieht ſie auch mit? Die Wittwe. Erlaubt, daß ich daheim bleibe 128 Mir ziemts nicht, durch meine Trauer der Freude Feſt zu ſtören. Ich vermag meines Kindes Glück nur durch Gebet und Segen zu vermehren. Beides wird ſie an dieſem Tage auch dort erreichen. Beides ſoll ihr ſchon beim Abſchiede werden. ⸗ Friedrich Gu ſeinen Ritterm. Wer unter euch will indeß freiwillig die Bewachung der Veſte übernehmen. Ehe die Zeit zur Rechenſchaft erſcheint, wird Eſchen⸗ bach ſchon wiederkehren und ihn ablöſen. Viele der Ritter meldeten ſich jetzt; Friedrich übergab einem ſchon bejahrten derſelben die Veſte, und zog nun mit allen ſeinen Rittern, mit Wieſenborn und Klotilden fort nach ſeines Vaters Burg. Rührend wars zu ſehen, wie Mutter und Tochter, welche einander erſt wieder⸗ dergefunden hatten, ſich ſchwer und hart trennten. Oft hatte die letztere ſich ſchon dem Zuge genähert, als ſie wieder in die offnen Arme ihrer weinenden Mutter zurückkehrte. Nur der Troſt, daß ſie ihr bald wieder werden würde, beruhigte endlich das mütterliche Herz⸗ Der Zug begann, und die Reiſigen und Knechte rie⸗ fen ihnen immer noch lauten Dank nach, gls ſie den Forſt ſchon erreicht hatten. Friedrich beſchäftigte ſich auf der Reiſe nür immer mit dem Glücke, das ihn erwartete. Wie endlich ſeines Vaters Burg ſchon von ferne ihm entgegenglänzte, da ſpornte er ſein Roß, und glle folgten ihm nach. Der Staub, den ſie erreg⸗ ten, verkündigte ihre Ankunft auf der Veſte. Als man ſie erkannte, eilte ihnen alles entgegen. Friedrich er⸗ blickte an der Spitze ſeinen Vater, und lag bald in ſeinen Armnen. Knechte und Reiſige ſchloſſen einen dich⸗ ten Kreis um ſie, und merkten in der Theilnahme an der großen Freude nicht, daß die herbeigeeilte Klara ſich vergebens bemühte, durch den Haufen zu dringen⸗ Ihre bittende Stimme weckte Friedrichen. Er riß ſich aus ſeines Vaters Armen, um in die ihrigen zu eilen. 129 Der alte Graf miſchte ſich in ihre Umarmungen, und ſegnete das holde Paar, welches ſo lange in vffner See gegen Stürme und Wetter gekämpft, nur im ſichern Hafen Ruhe zu finden hoffte. Lange würden die Glück⸗ lichen die Wonne des Wiederſehens noch genoſſen ha⸗ ben, hätte nicht der Vater ſie durch die Erinnerung geendet, daß angenehme und werthe Gäſte ihrer in der Burg warteten. Sie eilten nun vorwärts, und fan⸗ den ſchon im Vorhofe den Grafen von Farnsburg nebſt ſeinen beiden Töchtern. Es war der Hauptmann des großen Löwenbundes; er empfing Friedrichen mit dem brüderlichen Kuſſe, und freute ſich hoch, daß er ſobald geendet habe. Genieße, ſetzte er hinzu, die Freude des Wiederſehens ſo lange es dir behagt, dann komme, und gib mir Rechenſchaft, wie du vollendet haſt. Friedrich. Ich will dieſe Pflicht ſobald als mög⸗ lich erfüllen. Erlaub mir nur vorher, daß ich den Wei⸗ bern Graf Neuburgs Tochter zuführe. Sie zog unter meinem Schutze mit hieher und wird ſich nach weiblicher Geſellſchaft ſehnen.— Er führte nun Klotilden zu den Weibern, und dieſe freuten ſich herzlich der neuen Bekanntſchaft. Als der Zug die Treppen hinanging, trafs der Zufall, daß Friedrich neben Kunigunden ging. Sie ſah ihn ſchmachtend und hoffend an; Fragen ſchie⸗ nen auf ihrer Zunge zu ſchweben, die ihre weibliche Schamhaftigkeit zurückdrängte. Friedrich, der ihren Zuſtand bemerkte, ſprach lächelnd zu ihr: Evles Fräu⸗ lein, hättet ihr nicht immer vorwärts, nur einmal rückwärts geblickt, ihr würdet Stoff zur Freude in Menge gefunden haben. unigunde. Ich verſtehe euch nicht! Srirdrich. Ritter Wieſenborn iſt in meinem Gr⸗ olge! Kunigunde. Weh mir und ihm! Seine Rückkehr wird alles verderben! Der Vater gebot—— Löwenritter 1. 9 130 Friedrich. Der Ritter hat des Vaters Gebot nicht verletzt. Ich lud ihn auf meines Vaters Veſte, er konnte dieſe Einladung nicht ausſchlagen. Seyd ru⸗ hig, ich ſtehe für alles, ich ordne alles. Kunigunde. Lohns euch Gott, wenn ihr dies vermögt! Unter dieſem Geſpräche waren ſie im Saale ange— langt. Friedrich umarmte alle ſeine Freunde und Be⸗ kannte aufs neue. Er lag eben in ſeines Bruders Ar⸗ men, als er ſich an ſeine Schweſter, an die unglück⸗ liche Adelheid erinnerte. Wo iſt ſie, rief er, wo iſt ſie? Ich will zu ihr, ich will ſie tröſten! Wahrſcheinlich iſt ſie heute die einzige Trauernde in der weiten Burg! —— Alles ſchwieg jetzt; der tobende Freudelärm ver⸗ ſank in Stille, keiner wagte es, Friedrichs Fragen zu beantworten, die er noch oft vergebens wiederholte. Friedrich. Ha! Ich verſtehe euer Stillſchweigen! Sie iſttodt! O nun hat meine Freude auf lange geendet. Der alte GrafFrohburg. Nein, lieber Sohn, todt iſt ſie nicht! Die Hoffnung ihres Lebens hält mich noch aufrecht. Friedrich. Warum kann, warum ſoll ich ſü alſo nicht ſehen? Der alte Graf. Gern würde ich dir dieſe Frende gönnen, wenn ich ſie mit genießen könnte. O Sohn, dein Vater war ſehr unglücklich! Zwei ſeiner Kinder verließen ihn an einem Tage! Dich habe ich wieder⸗ Mit Ruhm gekrönt biſt du mir wieder worden. Adel⸗ heids Aufenthalt habe ich noch nicht entdecken können Friedrich. Wie? Sie iſt fort! Der alte Graf. Als ich am Tage deiner Abreiſe eben an ihrem Lager ſaß, deine Zurückkunft hoffte, und die Aermſte mit tauſend Gründen zu tröſten ſuchte, langte ein Eremit auf der Burg an, der mich drin⸗ gend zu ſprechen verlangte. Ich eilte zu ihm. Er war 131 abgeſandt von dem unglücklichen Graf Thierſtein, wel— chen ſeine treuen Diener bis in die Eremitenhöhle ge⸗ ſchleppt hatten. Der Graf ließ mich bei Ritterpflicht und Gottes Gerechtigkeit eilfertig zu ſich entbieten⸗ Er habe mir, ehe er ftürbe, Dinge von Wichtigkeit zu entdecken, und würde mich vor Gottes Thrön fordern, wenn ich ihn hier nicht hören wolle. Ich jagte hin, und hörte mit Erſtaunen und Entſetzen ſein Bekennt⸗ niß an. Klara hat dir ſchon alles erzählt. Beide wa⸗ ren unſchuldig. Ich hatte zu raſch gehandelt, war wi der Willen noch Thierſteins und eurer Liebe Mörder geworden. Der Unglückliche ſtarb in meinen Armen Wie ich zurückkehrte und eben nach Worten rang, wie ich Adelheiden dies alles entdecken könne, kamen mir ſchon Boten mit dem Bericht entgegen, daß ſie in mei⸗ ner Abweſenheit die Wächter hintergangen und entflo⸗ hen ſey. Vergebens ſandte ich nach allen Gegenden Späher aus; ſie kehrlen ohne Nachricht zurück. Ich wills nicht verſuchen, dir meinen damaligen Zuſtand ju ſchildern. Meine raſche That folterte mein Gewiſ ſen. Deine und Adelheids Flucht vermehrte die Qual um ein Großes. Ich ſandte nach Klaren, auch ſie war nirgends zu finden. Mir blieb nur ein Sohn, der mich zwar tröſten wollte, deſſen Geſichtszüge aber deut⸗ lich den Zwang bewieſen, mit welchem er die gerech⸗ ten Vorwürfe zu unterdrücken bemüht war. Einem Engel Gottes ſchien mir der Bote zu gleichen, wel⸗ chen mein neuer Freund der Graf Farnsburg mir ſandte. Cr brachte mir Nachricht von dir und Klaren⸗ Ich bat in der Rückantwort ihn flehend, daß er die ver⸗ ſprochne Heimſuchung aufs möglichſte beſchleunigen ſollte, und fing wieder zu hoffen und zu leben an, als er bald darauf mich zu tröſten kam. Seiner thätigen Hilfe habe ichs zu verdanken, daß ich auch meine Adel⸗ heid wieder zu ſehen und zu umarmen hoffen kahn⸗ Friedrich. O wohl mir! Ihr habt alſo Spuren ihres Aufenthalts? Der alte Graf. Die von ihm ausgeſandten Knechte brachten ehegeſtern die Nachricht heim, daß man ſie an der Pforte des Weiberkloſters St. Franz zu Romont geſehen habe. Der Sohn des Grafen iſt mit weiblichem Gefolge abgereist, um ſie wieder heim und in meine Arme zu führen. Trügt mich meine Hoffnung nicht, dann werde ich wieder Freude fühlen. Deine Ankunft hat ſie mir ſchon gegeben. O guter, edler Sohn! Du biſt mir jetzt um vieles theurer ge⸗ worden! Schon längſt ehrte ich den gerechten Bund, von dem aller Zungen mirsſo viel Ruhmwürdiges er⸗ zählten. Deine Tapferkeit hat mich mit ihm bekannt gemacht! Du biſt ſein Mitglied geworden! zu ſeinem jüngern Sohne) Blicke her, Heinrich, ſieh wie die Zei⸗ chen des Bundes ſo wohl ſtehen, ſo herrlich glänzen! Heinrich.⸗ Laßts gut ſeyn! Auch ich ſtamme aus eurem Blute, und will ſie zu erringen ſuchen. Agnes, die jüngſte Tochter des Grafen Farnsburg, ſtand eben unfern von Heinrichen, als er dieſe Worte ſprach. Sie ſchlich jetzt näher zu ihm und fragte ihn ſcherzend ob er die Ordenszeichen alle und auf einmal zu er⸗ ringen willens ſey?2 Heinrich. Alle, holde Agnes, alle! Was mein Bruder vermag, will ich auch vermögen! Setzt eure Hand zum Preiſe des Lohns, und ihr ſollt ſehen, wie ſchnell ich ſie erhaſchen will. Agnes. Könnts wayrlich leicht wagen, ohne in die Gefahr der Erfüllung zu gerathen. Bedenkt nur, daß es der Ritter zu Hunderten gibt, und daß kaum zehne derſelben alle dieſe Ehrenzeichen tragen. Nehmt indeß mit dem offnen Helme vorlieb! Er wird zum Anfange euch genug lohnen! Heinrich Nein, er lohnt mir nicht! Euer Spott — 1 133 * macht mich nur muthiger! Beinahe wollte ich die Wette beginnen. Agnes. Und ich beinahe ſie genehmigen, weil ich zuverſichtlich hoffen kann, daß——— 2 Heinrich. O ſprecht nicht weiter! Ihr vaubt mir Hoffnungen, die ich bisher ſo trefflich zu nähern wußte! Ihr habt recht, ich wette nicht! Es wäre Tollſinn, all ſeine Hoffnung, das ganze Glück ſeines Lebens einem Ungefähr anzuvertrauen.! Agnes. Schade, vaß ich ſolche Schmeicheleien zu beantworten nicht fähig bin. Sie würden noch länger geſcherzt haben, wenn der alte Graf von Farnsburg die Unterhaltung nicht ge⸗ ſtört hätte. Ihr habt, ſprach er, nun lange genug die Freude des Wiederſehens ſämmtlich gefühlt, erlaubt, daß ich ſie jetzt auf eine kurze Zeit unterbreche. Unſre heilige Pflicht geht allem andern vor, und ich bin be⸗ gierig zu erfahren, wie meine Ritter Ke in ſo kurzer Zeit erfüllt haben. Laßt uns ein Gemach anweiſen, wo wir ungeſtört uns beſprechen können. Graf Frohburg. Ihr wüßts ja, edler Freund, daß ich längſt ſchon mein Hausrecht an euch abtrat! Wählt ſelbſt und nach Belieben! Scheint euch dieſer Saal geräumig genug, ſo will ich mich ſogleich mit allen Unheiligen entfernen. Er eilte nun mit allen Anweſenden fort, und die Ritter näherten ſich ihrem Hauptmanne. Der Greis. Ehe ich beginne, ein Wort mit dir insgeheim! eer führte Friedrichen ins Fenſter) Ich habe unten im Vorhofe in deinem Gefolge einen Ritter erblickt, deſſen Gegenwart mir aus mancher Urſache nicht angenehm iſt. Friedrich. Ihr meint doch den Ritter Wieſenborn Der Greis. Eben dieſen! Ich fürchte, daß deine Geliebte dir auf meiner Veſte allzuviele Zeit raubte 134 daß du die Statuten unſers Bundes in den wenigen Tagen nachläßig geleſen, jetzt ſtracks wider ſolche ge⸗ ſündigt haſt. Wenn du dem Ritter Hoffnung zur Auf⸗ nahme in unſern Bund machteſt, wenn du, durch dein eigen Beiſpiel verführt, ihn nach dem Prüfungshof zu führen gedenkſt, ſo thut mirs leid, daß ich dein Ver⸗ ſprechen vernichten, dir gradezu ſagen muß, daß eben dieſer Ritter noch lange nicht aufgenommen werden kann. Friedrich. Ich weiß dies und noch mehr als dieſes! Da aber der Ritter ſo edel, ſo groß gehandelt hatte, da er unſern Bund vor einem Schandfleck be⸗ wahrte, mit welchem ich beinahe ohne Schuld ihn be⸗ fleckt und den keine Zeit wieder verwiſcht hätte, ſo hielte ichs für Pflicht, ihn mit mir zu nehmen, damit ihr im Namen des Bundes ihm ſelbſt danken könnt. Hört alles in der Ritter Gegenwart, und urtheilt dann erſt ob ich meine Pflicht verletzt habe2 Friedrich gab nun öffentliche Rechenſchaft von ſei⸗ nem Zuge. Er erzählte umſtändlich, wie er die Bos⸗ heit der Pfaffen entdeckt, wie er ſie beſtraft habe. Der volle Beifall des Greiſes war ſein Lohn. Schon lange, ſprach dieſer, hatte ichs beſchloſſen, die heimlichen Ränke der liſtigen Pfaffen einſt zu enthüllen und den Augen der Welt zur⸗Schau darzuftellen, damit ſie einſehen lerne, daß auch unter dem heiligen Gewande das La⸗ ſter ſich zu verbergen wiſſe. Dir iſts trefflich gelun⸗ gen, und ich danke dir dafür. Zwar hat deine Hand⸗ lung mächtige Feinde gegen unſern Bund erweckt, ſie werden im Verborgnen handeln, und um ſo mehr ſchaden. Aber der Gerechte achtet der Schlange nicht, welche im Verborgnen ziſcht. Wagt ſie es, ihr Haupt emporzuheben, ſo bekämpft er ſie mit Muthe, und dieſer ſiegt ſtets, ſiegt immer, wenn er ſich mit dem Schilde der Gerechtigkeit deckt. Der Förderer deiner Tbat, fuhr er fort, war glardings Ritter Wieſenborn⸗ 135 er hat edel, er hat groß gehandelt. Schwer würde es dir gelungen ſeyn, die Bosheit zu enthüllen, wenn er dir nicht vorgearbeitet hätte. Ich ſchandre, wenn ich bedenke, wie leicht mein Bund das Werkzeug des La⸗ ſters hätte werden können! Der Edle verdient Dank, verdient Lohn! Führe ihn her in unſre Verſammlung, damit ich des erſtern mich entledige, den zweiten ihm ſichere! Froh eilte Friedrich fort, und führte kurz nachher den Ritter Wieſenborn nach dem Saale. Der alte Graf ging ihm entgegen und umarmte ihn. Nimm meinen, nimm den Dank aller anweſenden Ritter! Er gebührt dir im vollen Maße! Fahre fort, ſo edel, ſo tapfer zu handeln, und der Segen des Gerechten wird dir reichlich werden! Du haſt unſerm Bunde einen großen, einen wichtigen Dienſt erwieſen. Der Bund läßt ungern ſich Schuldner nennen. Ich frage dich in ſeinem Namen: wie kann er dirs vergelten? Ritter Wieſenborn. Edler Herr, ihr beſchämt mich! Wenn ich eine gute That begangen habe, und dieſe ſich jederzeit ſelbſt lohnt, ſo habe ich vön Nie⸗ manden Lohn zu fordern! Der Greis. Deine Beſcheidenheit iſt ſo edel wie deine That, Ritter! Wir kannten uns ehe ſchon, aber ich verkannte deine Eigenſchaften. Fordre kühn, wünſche, begehre. Kann ich dein Verlangen erfüllen, ſo ſolls an meiner Thätigkeit nicht mangeln. Friedrich. Erlaubt, ehrwürdiger Bundshaupt⸗ mann, daß ich des Ritters Antwort beginne. Ihr kennt die Wünſche ſeines Herzens. Er unterdrückt dieſe noch,, und bittet nur, daß ihr das Hinderniß heben ſollt, welches ihm die Entdeckung deſſelben verbietet. Der Greis. Sohn! Ich verſtehe dich nicht ganz⸗ Friedrich. Ich ſtehe in der Mitte meiner Brit⸗ der Unſer Geſetz befiehlt, daß keiner vor dem aßdern 136 Geheimniſſe verbergen ſoll. Ich will alſo offen ſpre⸗ chen. Ritter Wieſenborn liebt eure Tochter Kunigunde innig und zärtlich. Er weiß, daß er ihre Hand nicht erhalten kann, wenn er nicht zuvor Mitglied eures mächtigen Bunds geworden iſt. Nicht Mangel des Muths, nur allzugroßes Mißtrauen verhinderten ihn ehemals, die Probe muthig zu enden. Er hat bisher vergebens um Erneuerung derſelben bei dir gefleht, du haſt eine vierjährige Probezeit beſtimmt. Laß zum Lohne ſeiner edlen That ſie heute geendigt ſeyn. Irre ich nicht ganz, ſo kann des Bundes Haupt in wichti⸗ gen Fällen ſie verkürzen. Ritter Eſchenbach. Er kanns und wird es ſicher thun. Die Jahre meines anhaltenden Dienſtes ſind durch dieſen Zug vollendet. Ich hätte, um meh⸗ rere Verdienſte zu ſammeln, ſie gerne verdoppelt, hätte der Himmel mir nicht eine Dirne zugeführt, die mein Weib werden will und meines Schutzes bedarf. Ich muß den engen Bundskreis verlaſſen. Erlaubt, daß Ritter Wieſenborn meine Stelle erſetzen darf! Greis Gzu Wieſenborn). Wird dieſer Lohn, dir ge⸗ nügen? Ritter Wieſenborn. Er wirds! Ganz und vollkommen! Vergönne mir nebenbei nur ſichere Hoff⸗ nung, und ich will gerne gleich einem Jacob um die edle Rahel noch länger dienen und kämpfen. Greis. Wohl! Deine Bitte ſey gewährt! Sobald alle Ritter zurückkehren—— Doch zu was der all⸗ zulangen Verzögerung! Gu Friedrichen) Auch dein Bruder geizt nach den Ehrenzeichen unſers Bundes. Morgen ziehen wir nach unſrer Burg. Sechzehn Rit⸗ ter ſind zur Aufnahme hinlänglich. Wir ſind ihrer mehr denn vierzig. Sie ſoll bei unſrer Ankunft ſo⸗ gleich beginnen. Ritter! c3u Wieſenborn) Wenn ihr auch nur mit dieſem Helm zurückkehrt, ſo ſoll meine Kunigunde euch doch den Willkommskuß reichen! 137 Ritter Wieſenborn. Dank, edler Vater, in nigen, warmen Dank! Ich will mich mühen, eure Er⸗ wartung zu übertreffen! Greis. Ich wünſche es! Wirſt du ſtets ſo thätig, wie jetzt handeln, ſo kann dir dein Wunſch gelingen! Friedrich cheimlich zum Greiſe). Er begann ſchon einmal die Probe. Wie weit gelang ſie ihm2 Greis(ebenfalls heimlich). Er achtete nicht der um Hilfe rufenden Dirne. Er floh, als die Gewappneien ſich m näherten. Friedrich Gächelndd. Ich hoffe, er wird euren Wink zur thätigen Handlung jetzt beſſer faſſen. Die Ritter, welche die Thüre des Saals bewacht hatten, traten nun ab, und bald verſammelten ſich Männer und Weiber wieder im Saale. Graf Farns⸗ burg machte allen kund, daß er am folgenden Tage nach ſeiner Veſte ziehen und binnen acht Tagen wie⸗ der zurückkehren werde. Er lud Heinrichen zum Mit⸗ zuge ein, und gab der witzreichen Agnes dadurch Ge⸗ legenheit, ihren Witz noch recht oft an dem erſtern zu üben. Hoch rötheten ſich Kunigundens Wangen, hef⸗ tig klopfte ihr Herz, als endlich der gute Vater den Ritter Wieſenborn dem Burgherrn als einen recht⸗ ſchaffnen und tapfern Ritter vorſtellte, und mit einem liebreichen Seitenblick auf Kunigunden hinzufügte, daß auch dieſer mit nach ſeiner Burg ziehen werde. Euer Ritter hat Wunder gewirkt, ſagte ſie heimlich zu Kla⸗ ren, lohn' ſeinen mächtigen Beiſtand Gott und eure innige Liebe! Die übrige Zeit des Tages verfloß nun in Jubel und Freude. Als die Mitternacht ſich nahte und die Alten zur Ruhe mahnten, da behagte es freilich man⸗ chem nicht, und viele hätten ſie gerne einem freundli⸗ chen Geſpräche aufgeopfert. Jeder nahm Abſchied von ſeinem Liebchen. Friedrich tröſtete ſeine Klarg, daß 138 dieſer Zug ohne Gefahr und bald geendigt ſeyn werde. Eſchenbach empfahl ſeine Klotilde dem Schutze und der Freundſchaft der Weiber. Kunigunde verſicherte ihren Ritter, daß ſie künftiglich ſeiner in ihrem Gebete gedenken wolle, und Agnes, von welcher Heinrich ſich das letztere auch erbat, verſprach, wenn Langeweile ſie martern ſolle, ihm auch ein paar Vater unſer zu opfern. Sie würde ihrer Laune, die Heinrichen ſchon trefflich zu behagen anfing, noch weitern Lauf gegönnt haben, hätte nicht Graf Frohburg ſeinen Sohn zu ſich berufen. Ich hoffe, ſprach er zu dieſem, daß du den Ruhm, welchen dein Bruder ſeinem Hauſe gebracht hat, nicht durch falſche Zagheit verringern wirſt. Ich höre, daß die Probe des Bünds hart und ſtark ſey, doch da mein Blut in deinen Adern ſchlägt und ich nie gezagt habe, ſo wirſt du ſie gewiß beſtehen. Mein Segen begleite dich! Meine Umarmung erwartet dich, wenn du belohnt wiederkehrſt! Meine Verachtung— — Doch was bedarf es eines ſo ſcharfen Sporns bei vir! Du biſt mein Sohn, und dieſer Gedanke wird mich in deiner Abweſenheit von jedem Zweifel befreien! Heinrich verſicherte, daß er nicht zagen werde, und feines Vaters Angeſicht mit heiterm Ange wieder zu ſehen hoffe. Alles ging nun zur Ruhe, alles ſchlief, was nicht liebte, und durch Hilfe dieſer Zauberin ſich angenehmer unterhalten konnte. Der erſte Hahnenruf war Loſung zum Aufbruche Noch dämmerte es mächtig, aber doch öffneten ſich die Weiber ihre Fenſter, und manches warme Lebewohl tönte den ausziehenden Rittern nach. Schon am erſten Tage ſandte der Greis einige Rit⸗ ter mit geheimen Aufträgen voraus und zog langſam nach. Nur Ueberraſchung und Ueberzeugung wirklicher Gefahr, ſprach er heimlich zu Friedrichen, kann die Tapferkeit eines Mannes prüfen. Wir würden unſern 139 Endzweck weder bei deinem Bruder noch bei Rittir Wieſenborn erreichen, wenn ſie die gewöhnlichen Pro⸗ ben des Bundes beginnen ſollten. Sie ſind mit ihm, mit ſeinen Handlungen ſchon zu vertraut. Keiner von beiden wird den Worten des ſterbenden Ritters glau⸗ ben, und noch weniger ſichs überreden, daß in meiner Burg die Ehre der Dirnen geſchändet werde. Dieſer Zufall, dieſe Kenntniß darf ihnen nicht zu ſtatten kom⸗ men, ich hoffe, du wirſt billigen, was ich deswegen veranſtaltet habe.—— Sie zogen nun ungehindert fort, und ſahen am Ende des vierten Tags einen gro⸗ ßen Forſt vor ſich liegen; ehe ſie ihn erreichten, be⸗ gann folgendes Geſpräch. Der Greis Gu Wieſenborn, welcher eben neben ihm titt). Wir werden heute wahrſcheinlich keine Herberge erreichen. Du biſt in der Gegend umher bekannt, ſag' an: wo liegt die nächſte? Wieſenborn. Ich bin dieſen Forſt nur wenige⸗ mal durchzogen, und erinnere mich nicht, eine Herberge darinnen wahrgenommen zu haben. Jenſeits des Forſis ſtehen ihrer mehrere. Greis. Und wie weit haben wir dahin? Wieſenborn. Wenn wir auch ſcharf traben, ſo erreichen wir ſie doch nicht unter vier Stunden. Greis. Das halten die Roſſe nicht aus, und warum ſollen wir ſie ohne Noth ſchwächen? Wir reiten, bis der Tag endet, und nehmen unſre Herberge unter den Bäumen. Weide werden unſre Roſſe überall finden. Wieſenborn. O gewiß! Nur eins würde ich erinnern, wenn unſrer nicht ſo viele wären— Greis. Und was?2 Wieſenborn. Oft niſten der Sage nach Räuber in den Höhlen des Forſts und machen ihn unſicher⸗ Greis. O welcher Ritter wird dieſe fürchten? Und wen von uns kann eine unbeſtätigte Sage ſchre 1⁴⁰ cken?—— Als es vämmerte, langten ſie im Forſte anz ſchon war es dunkel und finſter, wie ſie die Mitte erreicht hatten. Eine grasreiche Wieſe, welche der auf⸗ gehende Mond beleuchtete, lag jetzt ſeitwärts der Straße. Hohe Eichen faßten ſie rings umher ein. Hier, ſprach der Greis, wollen wir ruhen, bis der Tag graut, und uns mit dem Wenigen genügen, was wir zum Imbiß bei uns haben. Sie lagerten ſich nun un⸗ ter den Eichen, zäumten die Roſſe ab, und ſchon ruh⸗ ten einige auf ihren Schildern, als Friedrich ſich dem Greiſe nahte und ihm meldete, daß die Roſſe wohl Weide genug, aber kein Waſſer hätten, und jene ohne dies nicht genießen wollten. Greis. Dem Mangel muß Abhilfe geſchehen! Es gibt der Berge und Felſen viele im Forſte, und wo es dieſe gibt, kanns an Quellen nicht gebrechen. Heh Ritter! Kinder des Löwens! Euern Roſſen gebrichts an Waſſer! Wer unter euch wills aufſuchen? Alle Ritter caufſpringend). Gebiete! Wir find bereit! Greis. Zu was ſo viele! Sechszehn ſind genug! Sie theilen ſich in vier Haufen und ziehen nach Oſt und Weſt! Nach Süd und Nord! Einer derſelben wird und muß doch Waſſer finden! Viele Ritter. Wir! Wir wollen ziehen! Greis. Die Ritter des erſten und zweiten Gra⸗ des ſollen ziehen, ihnen geziemt dieſer Dienſt! Gu Frie⸗ drich) Anführer des Haufens, theile ſie ab! Friedrich. Es ſind ihrer nur vierzehn! Oder ſoll ſch meinen Bruder und den Ritter Wieſenborn auch darunter zählen? Beide. O thuts! O erlaubts! 3 Greis. Zähle ſie, ſie müſſen des Dienſts gewohnt werden. Friedrich ſonderke nun die Gewählten in vier Haufen, und der Greis befahl ihnen, Jagdhörner mi 14⁴ zunehmen, damit ſie, wenn ſie irrten, melden könnten, wo man ſie ſuchen ſollte. Heinrich und Wieſenborn zog mit Ritter Eſchenbach und Schnabelburg nach Sü⸗ den. Wie ſie eine Viertelſtunde Forſt einwärts gerit⸗ ten waren, hörten ſie jenſeits eines Hügels Waſſer rauſchen. Hah, wir habens, wir habens! rief Hein⸗ rich. Laßt uns eilen, um uns von der Gewißheit zu überzeugen! Sie eilten nun aufwärts, aber Wieſen⸗ born, welcher voran ritt, zog den Zügel ſeines Roſſes ſchnell zurück. Er winkte die übrigen durch leiſes Rufen herbei, und zeigte ihnen, daß im nahen Thal wohl Waſſer vom Felſen herabſtürzte, daß aber nahe dabei ein Feuer brenne, an welchem viele gewappnete Män⸗ ner ſaßen. Eſchenbach. Wer können dieſe ſeyn? Wieſenborn. Wayrſcheinlich ſinds Räuber, deren, wie ich immer hörte, der Forſt viele in ſeinen Höhlen verbergen ſoll. Eſchenbach. Dann verdients nähere Unterſuchung. Es würde den Ruhm des Löwenbundes entehren, wenn unſern von ſeiner Burg Räuber ungeſtört ihr Weſen trieben. Schnabelburg. Wohlgeſprochen! Sitzt ab! Wir wollen unſre Vermuthung in der Nähe prüfen! Heinrich. Glaubt nicht, daß Zagheit mich hindert, euern Vorſchlag gut zu heißen. Aber ich zählte der Köpfe, welche das Feuer beleuchtet, ſchon mehr als zehne. Wer weiß, wie viele ihrer noch in der nahen Höhle ruhen! Wärs nicht beſſer, wenn wir alle Ritter von unſerer Endeckung benachrichtigten, und dann ver⸗ eint über ſie herfielen! Eſchenbach. Iſts denn ſchon ausgemacht, daß es Räuber ſind? Könnens nicht auch, ſo gut wie wir, wandernde Ritter oder Reiſige ſeyn? Schnabelburg. Und was werden wir antwor⸗ 142% ten, wenn der Hauptmann die nämliche Frage an uns ſtellt? Bleibt indeß bei den Roſſen! Ich und Eſchen⸗ bach wollen die Sache näher erforſchen. Heinrich. Ich folge euch! Wieſenborn. Ich auch!—— Sie banden nun die Roſſe an die nahen Bäume und ſchlichen durchs Gebüſch ins Thal hinab. Zwiſchen den Felſen und der kleinen Ebene, auf welcher das Feuer brannte, ſtand dickes Geſtripp, in welches die Ritter ſich verbargen. Zehn Gewappnete lagen ums Feuer herum und eine Dirne bereitete ihnen das Abendmahl. Ihre Kleidung, welche zwar ſchmutzig, aber doch ehemals koſtbar ge⸗ weſen war, kontraſtirte ſehr mit ihrer Verrichtung⸗ Ihr Geſicht war blaß und bleich, aber es verrieth deut⸗ liche Spuren der Schönheit, und ihr langes, ſchwar⸗ zes Haar, das in verwirrten Locken um ihren Nacken hing und auf ihrem Buſen lag, erhöhte dieſe Schön⸗ heit um ein Großes. Im ganzen Kreiſe herrſchte tiefe Stille, welche nur dann und wann durch lautes Wei⸗ nen und Schluchzen der Dirne unterbrochen wurde. Ein Gewappneter. Höre einmal auf zu flen⸗ nen, verdammte Hure! Habe dein Winſeln lange genug angehört! Bin's endlich müde und will ungeſtört ruhen! Die Dirne. Grauſamer! Wollt ihr mir auch den einzigen Troſt meines Unglücks wehren? Der Gewappnete. Fruchtet dirs? Nützt dirs? Kannſt du mit deinen Klagen den Herzgeliebten er⸗ wecken? Die Dirne. Hah, auch dies noch! Erinnerung an ihn! O warum kann ich nicht ſterben!(wirft ſich zu Boden und wüthet in ihrem Haare.) 3 Der Gewappnete. Verfluchte Betze! Höre auf zu winſeln! Wart ich will dir Stillſchweigen lehren (ſpringt auf und ſchlägt ſie.)* 3 Heinrich eim Geſträuche Halte das aus, wers vermag, ich kanns nicht! Wieſenborn(laut). Ich auch nicht! Laßt uns die Dirne retten! Eſchenbachaund Schnabelburg. Dringt vor, vorwärts! Indeß die Ritter ſich durchs dicke Geſtripp heraus⸗ zuarbeiten ſuchten, waren alle Reiſige, welche ſich ums Feuer gelagert hatten, aufgeſprungen. Sie riefen: Ver⸗ rätherei! Neberfall! und mehr als zwanzig ſtürzten aus der Höhle zu ihrer Hilfe hervor. Vergebens ſuchten die Ritter das Freie zu erreichen. Das dicke Geſträuch ſchien abſichtlich in einander geflochten zu ſeyn, und ehe ſie es mit ihren Schwertern zerhauen konnten, wa⸗ ren die Räuber ſchon von der Seite her auf ſie ein⸗ gedrungen. Sie packten Heinrichen und Wieſenborn rückwärts beim Haare, ſchleppten ſie hervor, und wie Eſchenbach und Schnabelburg ihnen zu Hilfe eilen wollten, ſo wurden ſie im Angeſicht der erſtern ſogleich mit dem Schwerte niedergeſtoßen. Sie röchelten ſchreck⸗ lich, und Blut quoll aus ihren Wunden hervor. Sind dies die Helden alle? rief endlich gin Räuber aus, als die übrigen das ganze Geſträuch Hurchſucht hatten und leet zurückkehrten. Einer. Es ſcheint ſo! Keine Maus regt ſich mehr im Geſtrippe! Der Erſte. O dann war's Schade, daß wir nicht alle verſchonten! Wir brauchen der Knechte nöthig! Wartet Burſche! czu Heinrich und Wieſenborn) Ihr ſollt Arbeit vollauf bekommen. Ein anderer cindem er Eſchenbachs und Schnabel⸗ burgs Röcheln zu bevbachten ſcheint). Nun! Wills nicht enden? Habt zähes Leben! eſie mit einem Feuerbrande beleuchtend) Sind ſtattliche Ritter!(Eſchenbachs Schwert emporhebend) Seht, ſeht! Es ſind Löwenritter! Häh⸗ luſtig, Brüder! Wir haben uns doch auch einmgl an den Tollkühnen gerächt! Sie haben uns oft ſchon weid lich verfolgt! 144 Eſchenbach(ſchwach und ſterbend). Zittert, Böſe⸗ wichter! Zittert!—— Noch ſind meiner Brüder— — mehr im Walde! Auch unſer Hauptmann!—— Er wird ſchmählich rächen—— unſern Tod!—— Eer ſtirbt.) Ein Räuber. Habt ihr gehört? Noch lagern mehr im Walde. Ein Anderer. Laßt uns ſie überfallen! Laßt uns die Brut vertilgen! Im Schlafe vermögen wir's! Viele. Kommt! Kommt! Ein Anderer. Aber wo treffen wir ſie 2 Einer. Ja wohl! Das iſt die Hauptfrage! Ein Anderer. Ich hab's! Ich hab's! czu Hein⸗ richen und Wieſenborn, welche indeß von einigen Räubern mit Stricken gebunden worden.) Ihr müßt ihren Aufent⸗ halt wiſſen! Ihr müßt ihn bekennen! Viele. Ja, das ſollen, das müſſen fie! Heinrich. Wir werden's nicht thun! Ein Räuber qzu Wieſenborn). Auch du nicht? Wieſenborn. Nein, bei Gott, nein! Der Räuber. Sollt ſchon müſſen! Sollt ſchon wollen! Hört und wählt: wir ſchwören euch Leben und Freiheit, wenn ihr uns unſre Feinde ſchlafend in die Hände liefert! Heinrich und Wieſenborn. Wir verachten euern Antrag! Der Räuber. Wir ſchwören euch die marter⸗ vollſte Pein, den ſchrecklichſten Tod, wenn ihr nicht geſteht, nicht bekennt! Wieſenborn. Beginnt ener hölliſches Werk! Wir können es nicht hindern! Der Räuber czu Heinrichen). Nun willſt dn dich eines beſſern beſinnen? Heinrich. Fragt mich nicht! Beginnt, und ihr ſollt vergebens ein Flaggeſchrei von mir erwarten! Der Räuber. Wollen ſehen, ob eure Prahlerei Stich hält? Macht Eiſen glühend! Gu ſeinen Kamerä den) Wir werden ihre feine Haut damit zum Bekennt⸗ niß kitzeln. Heinrich Gu Wieſenborn). Schwöre vereint it mir, lieber zu ſterben, lieber die ſchrecklichſte Reit zu dulden, als den Wüthrichen unſre Freunde zu verrathen! Wieſenborn. Ich ſchwör Gott hört meinen Schwur, und ſoll ihn ſtrafen, jenſeits noch ſchrecklich rächen, wenn ich ihn im geringſten verletze. Ein Räuber. Schwört nur, ſchwört! Wir ver⸗ ſtehen die Kunſt vortrefflich, Schwüre und Zungen zu löſen!—— Alle beſchäftigten ſich nun, große eiſerne Stangen glühend zu machen, und traten endlich mit dieſen zu den Gebundnen. Schon hatten ſie ihre Frage drohend wiederholt, ſchon Pollten ſie die Ritter zu martern beginnen, als Jagdhörner rings umher ertön⸗ ten und die Räuber ſchnell entflohen. Ehe die Gefeſ⸗ ſelten noch die Urſache dieſer ſchnellen Flucht ahnen konnten, ſtanden ſchon alle Löwenritter vor ihnen und lösten ihre Bande. Der Greis Gu Heinrichen und Wieſenborn). Heil euch, ihr edlen, ihr tapfern Ritter! Ihr habt die harte Probe trefflich überſtanden, euch gebührt Lohn! Ihr ſeyd würdig, ein Mitglied unſers Bundes zu werden! Heinrich. Iſts möglich! So war's nur Probe? Wieſenborn. Unmöglich! Unſre Begleiter wur⸗ den ja ermordet! Seht ihr! Hier liegt Eſchenbach und Schnabelburg! Noch raucht ihr Blut! Der Greis. Laßt rauchen dies Blut! Du ſollſt ahnden und rächen! Folgt mir jetzt! Fragt nicht mehr Fragt nicht weiter! Stillſchweigen ſeßle eure Zungen⸗ bis ich ſie wieder löſe! Die Ritter hoben nun Hein⸗ richen und Wieſenborn auf ihre Roſſe und trabten vorwärts. Wie der Tag zu grauen anfing, kamen ſie Löwenritter 1 10 in der Löwenburg an. Sie wurden ſogleich nach dem Verſammlungsſaale geführt, und das Ceremoniel be⸗ gann. Heinrich war der erſte, welcher nach Vollen⸗ dung deſſelben nach dem kleinen Gemache geführt wurde. Auch dort war die Probe verändert, denn als Hein⸗ rich ſich auf des Ritters Gebvt zum Tiſche ſetzte, ſprach dieſer zu ihm: Sohn des Löwens, bald wird die müt⸗ terliche Erde dich in ihren Schvoß aufnehmen! Du wirſt aufs neue gefangen! Du haſt keine Hilfez keinen Troſt zu erwarten, nur dein Muth allein kann dich retten und befreien! Ringe nach Freiheit, je näher du ihr kommſt, je würdiger biſt du! Faſſe dies wohl und beginne!—— Heinrich ſank nun in die Höhle hinab. Auch ihm zeigte ein ſterbender Ritter den Weg aus derſelben. Nur that er's mit andern Worten, er ver⸗ ſicherte Heinrichen, daß er ſchon ſechs Tage in dieſer Höhle ſchmachte, und wie er endlich am Abende des letzten die einzige Oeffnung derſelben erreicht hatte, aus Mangel der Kräfte von der Höhe herabgeſtürzt ſey und ein Bein gebrochen habe. Heinrich drang muthig vorwärts; er ſtieg in den erſten Abgrund hinab, ging über den Strom, erkletterte die Höhe, und wagte den Sprung über den zweiten Abgrund; aber er ſprang zu kurz, ſtürzte hinab, und blieb auf einer weichen Decke liegen, welche allemal einige Ellen tiefer abſicht⸗ lich über die Oeffnung des Abgrunds geſpannt war⸗ Als er volle vier Stunden ſich vergebens bemüht hatke, die Höhe wieder zu gewinnen, kamen die Erlöſungs⸗ ritter und zogen ihn herauf. Er wurde durch die Thüre des dritten Grads eingeführt, weil er muthvoll den Sprung gewagt, aber ſein Helm wurde nur mit zwei Federn geziert, weil er ihn nicht vollendet hatte Willſt du dir die vier Bundsſedern erwerben, ſprach der Greis zu ihm, ſo geziemt dir's, nach vier Jahren 3 den Sprung von neuem zu wagen. Wie Heinrich 147 ſchon den Bund beſchworen hatte und als Mitglied unter den Rittern ſtand, wurde Wieſenborn durch die Thüre des zweiten Grads eingeführt. Allzuheſtige Liebe zu Kunigunden hatte ihm die Kraft geraubt, über den zweiten Abgrund zu ſpringen. Er hatte durch v⸗ vier Stunden hin und her am Rande des Abg und an den glatten Felſenwänden einen Weg geſtüht, und wurde von den Erlöſungsrittern zur Aufnahme gefordert, ehe er Muth zum Sprunge faſſen konnte. Hoch freuten ſich nun die Aufgenommnen, als ſie den Ritter Eſchenbach und Schnabelburg unter den Brü⸗ dern ſahen, welche ihnen den Bruderkuß reichten. Ich ſah euer Blut fließen, ſprach der erſtaunte Heinrich, ich ſah euch ſterben, und treffe euch nun wieder geſund und lebend! Eſchenbach(ächelnd). Wohl mir, daß euch der rothe Saft und mein Röcheln ſo trefflich täuſchte. Es war meine FPflicht, euch zu ſchrecken. Ihr ſeht wohl ein, daß alles dieſes nur eine Probe eurer Standhaf⸗ tigkeit war. Wärt ihr aus Liebe zum Leben Verräther des Bundes geworden, wir hätten uns nie hier brü⸗ derlich umarmt! Schon war der Mittag verfloſſen, als die Ritter zum Bundsmahle gingen. Freude füllte Heinrichs und Wieſenborns Herz, als der Hauptmann verkündigte, daß ſie morgen ſchon wieder nach Frohburgs Veſte zie⸗ hen würden; den höchſten Grad der Wonne genvoſſen aber bald hernach beide, wie der Hauptmann der nenen Brüder Geſundheit trank, und beiden erlaubte, daß ſie ietzt ungehindert um die Liebe ſeiner Töchter ſich be⸗ werben, und wären ſie dieſer verſichert, auch ihre Hand von ihm heiſchen könnten. Beide dankten warm und innig. Heinrich fügte am Ende ſcherzend hinzu Wie⸗ ſenborn ſey doch weit glücklicher als er, denn er beſitze ſchon, was er ſich erſt erwerben müſſes doch dz einent 148 Löwenritter vorzüglicher Muth gezieme, ſo wolle er auch nicht zagen und ſein Glück nach Kräften fördern. Greis. Ich hoffe, du haſt ſchon trefflich vorgear⸗ beitet. Immer war Agnes deine Begleiterin, oft ſe dich ihr Auge, und ſchien zu ſchmollen, wenn's dich nicht fand. Draue meiner Erfahrung! Dies alles ſind Kennzeichen der Liebe! Heinrich. Manchmal machte ich dieſe glückliche Bemerkung wohl auch, aber oſft ſchlug ein einziges Wort von ihr meine ganze Hoffnung zu Boden. Greis., Als ob du ihre Laune nicht kennteſt. Friedrich. Fördere dich, Bruder! Es wäre ein herrliches Feſt, ſollte ein ſeltener Tag der Freude wer⸗ den, wenn wir alle an einem Tage, du und ich, Eſchenbach und Wieſenborn unſern Liebchen Treue ge⸗ lobten, unſer Hochzeitfeſt zugleich feierten! Heinrich. Wahrlich ein trefflicher Gedanke! Der leicht auszuführen wäre, wenn ihr mir alle vereint gelobtet, ſo lange zu harren, bis ich des Fräuleins Jawort erhalte. Traun! Eure Ungeduld, euer Drang auf Entſcheidung würde bei ihr viel vermögen! Friedrich. Nein, Bruder, nein!. So etwas for⸗ dere und gelobe ich nie mehr! Ein ähnliches Gelübde hat meiner Schweſter wirklich ihr ganzes Glück geraubt. Eile, ſpude dich, damit du uns erreichſt! Ich gelobe nichts! Die Erinnerung an die gute Schweſter gab nun Stoff zu weiterm Geſpräche über ihr Unglück. Die Ungewißheit; ob ſie je zur väterlichen Burg zurſck⸗ kehren, je wieder fähig ſeyn werde, ein Glück zu füh len, dämpfte die Freunde der Brüder mächtig, und ſie wünſchten vereint mit dem Hauptmanne, daß ſein Sohn Ludwig ſie finden, daß er vermögend ſeyn möge ihr den ſo heißgeliebten Thierſtein erſetzen zu können Als die Sonne unterging, gebot der Greis Ruhe, weil alle Ritter die vorige Nacht durchwacht hatten und zum neuen Zuge des Schlafes bedurften. Früh zog der Graf mit zwanzig Rittern wieder nach Froh⸗ burgs Veſte zurück. Die übrigen blieben auf der Löwen⸗ burg, um dieſe, und vorzüglich ſeine zurückbleibende Gattin vor jedem Ueberfall mächtiger zu ſichern⸗ Am neunten Tage meldete der Wächter auf Froh⸗ burgs Veſte, daß ein Haufe im Anzuge ſey⸗ Alle Bewohner ſtürmten nach der Warte, und wie man das Fähnlein der Löwenritter erkannte, da erfüllte Freude und Vergnügen die ganze Burg. Adelheid war unter dieſer Zeit wieder in ihres Vaters Arme zurückgekehrt. Der junge Graf Farnsburg hatte ſie wirklich im Klo⸗ ſter getroſſen, ihr übereiltes Gelübde verhindert, und ſie zur Rückkehr bewogen. Noch war ihre Trauer um den Geliebten groß, aber ihr Schmerz doch gemildert, und ihr Herz fähig, die Freude über die glückliche An⸗ kunſt ihrer Brüder zu faſſen. Sie eilte dem ſo lang entbehrten Bruderkuſſe mit offnen Armen entgegen, und ſank weinend an Friedrichs Bruſt. Ich bin nun ganz glücklich! rief diefer aus, und übergab die wei⸗ nende Schweſter den Armen ſeines Bruders, um an Klarens Bruſt dieſes Glück im vollen Maße genießen zu können. Voll Angſt und Hoffnung ſuchte indeß Kunigunde ihren Ritter unter dem Haufen; ihr folgte Agnes, welche zwar nur aus Neugierde gegenwärtig zu ſeyn vorgab, deren Herz aber mächtig ſchlug, als ſie an Heinrichen das Bundsſchwert und die Federn auf ſeinem Helme erblickte. Sie wollte, als er aus den Armen ſeiner Schweſter ihr entgegen eilte, ihn ſcherzend fragen: wo er die goldene Kette des Löwens verloren habe? Da aber Heinrich mit ſo inniger Freude ihr näherte, mit ſo hoffnungsvollem Blicke in ihr ſchalkhaftes Auge ſah, und aus Uebermaaß der Eupfi dung nicht zu ſprechen vermochte, da ſanf auch iht 150 Auge zur Erde. Unwillkührlich entſchwand das ſpöt⸗ tiſche Lächeln ihrem Munde, ſie reichte ihm die Hand zum freudigen Willkomm, welche ſchon aufgehoben war, um an ſeiner Rüſtung die fehlende Kette zu ſuchen. Wärt ihr nicht, edle Agnes, hätte mein Herz nicht im⸗ mer an eurem abweſenden Blicke gehangen, ich würde der Gefahr noch mehr getrotzt haben, würde reichlicher geſchmückt vor euerm Angeſichte erſchienen ſeyn! Agnes ecſich erholend und lächelndd. O wärt ihr doch die Wette eingegangen! O hätte ich doch darauf beſtanden! Heinrich. Wie? Ihr ſolltet wirklich wünſchen, daß ich der Hoffnung auf eure Gunſt zu entſagen ge⸗ zwungen wäre! Grauſame! das war,— das kann euer Ernſt nicht ſeyn? Agnes. Wenn ihr ſo fortfahrt, ſo werde ich bald glauben müſſen, daß ihr um meinetwillen Löwenritter wurdet. Heinrich. Ja glaubts! Glaubts gewiß und ſicher! Erlaubt mir—— Agnes(ihm den Mund zuhaltend). Ich glaube nichts, und wenn ihr noch ſo hoch ſchwört! Seht! Seht, wie freudig, wie wonnevoll meine Schweſter den Ritter Wieſenborn bewillkommt! Ha! Jetzt erblickt ſie ſein Schwert! Wie ſtolz der Eitle da ſteht! Wie ſein Blick Belöhnung fordert! Ich wette, wäre nicht die Fanze Burg verſammelt, ſie lohnte ihm mit hundert Küſſen! Heinrich. Auch hat er's verdient, auch kann er's denn der gütige Vater erlaubte ihm noch weit mehr. Agnes. Und was?2 Heinrich. Er darf, wenn ſie's billigt, ihre Hand zum Lohne heiſchen! Agnes. O dann feiern wir nächſtens ein Hoch⸗ zeitfeſt! 151 Heinrich. Auch mir erlaubte der Allzugütige, daß ich hoffen dürfte, wenn anders—— Agnes. Ritter, blickt um euch! Die ganze Burg iſt verſammelt! Ihr würdet mich beleidigen, wenn ihr weiter ſprechen wolltet. Heinrich. Gönnt mir nur Hoffnung! Agnes. Ritter, ich bitte zum letztenmale! Heinrich. Göttliche Agnes, nur Hoffnung! Agnes(lachend). Nun wohl, wenn ihr mich mit Gott vergleicht, ſo muß ich wohl auch wie er han⸗ deln. Hoſſt ſo viel, ſo lange ihr wollt, aber fordert nur nicht, daß ich eben die Erfüllerin eurer Hoffnun⸗ gen werden muß!—— Sie entſchlüpfte nun ſeinen Händen, und er mühte ſich vergebens, ihr wieder nã⸗ her zu kommen. Er ſahs, wie ſie ihn abſichtlich neckte, und auf die linke Seite entfloh, wenn er ſie auf der rechten ſuchte. Ihre Laune würde ſchwerlich ſeine Ge⸗ duld ermüdet haben, wenn der Zug nicht eben nach der Burg begonnen hätte. Sie entſchwand unter dem Gewühle ſeinem Auge, und er fand ſie erſt im Trink⸗ ſaale wieder. Auch hier konnte er ſie nicht zum Ge⸗ ſpräche bringen, denn ſie ſtand ſtets den Vätern zur Seite, die im vertraulichen Geſpräche im Erker des Fenſters ſaßen und die Lauſcherin nicht bemerkten, welche ſich ihnen ſtill genahet hatte. Da Heinrich für jetzt wenigſtens keine Hoffnung hatte, mit ſeiner Agnes zu ſprechen, ſo miſchte er ſich in das Geſpräch der übrigen, und war eben im Begriffe, ſeine Schweſter zu tröſten, als ſich etwas ſanft auf ſeine Schultern lehnte. Er blickte um ſich. Es war Agnes! Ich gehe nach dem Garten, lispelte ſie leiſe in ſein Ohr; ihr könnt mich dort finden. Ehe er noch antworten und für dieſe frohe Nachricht danken konnke, wat ſie ſchon fortgehüpft, und Heinrich eilte ihr mit vochendein Her⸗ zen nach Er fand ſie bald; ſie ſaß am offnen Wege, und gebot ihm, ſich ebenfalls zu ſetzen⸗ 152 Agnes. Ich habe eben eine herrliche Entdeckung gemacht, und eile, ſie euch mitzutheilen. Mein uid euer Vater haben einen Bund wider uns gemacht, ſie haben ſich gegen uns verſchworen. Uns ziemts nun mit allen Kräften, dagegen zu arbeiten. Ohne euern Beiſtand bin ich verloren, aber ich zähle auf dieſen, und glaube gewiß, daß ihr meine Bitte erfüllen werdet⸗ Heinrich. Jede Bitte von euch iſt ein Befehl, deſ⸗ ſen Vollziehung ich auch mit dem Tode bewirken würde. Aber vergebt, holde Agnes, daß ich zuvor nach der Urſache dieſer Verſchwörung forſche! Ich kann un⸗ möglich glauben—— Agnes. Ja, ja! Glaubt nur alles! Doch ehe ich erzähle, müßt ihr mir Gewährung meiner Bitte zu⸗ ſchwören. Heinrich. Edle Agnes! Wenn ich nicht unrecht muthmaße, ſo hat der Väter Bund mein höchſtes Glück zum Zwecke. Könnt ihr ſo grauſam ſeyn, zu fordern, daß ich dieſem entgegen arbeiten, daß ich es mit eig⸗ ner Hand vernichten ſoll?2 Agnes. Würde ohne meine Einwilligung, ohne meine Liebe, Verbindung mit mir wohl euch glücklich machen? Heinrich. Weh mir Unglücklichen, wenn dies der Fall wäre! Agnes. Wir entfernen uns vom Zwecke! Laßt uhs enden! Ich frage zum letztenmale: Wollt ihr mir Gewährung geloben? Heinrich. Seyd barmherzig, denkt, daß—— Agnes. Ich habe geendet! Iſie ſteht auß⸗ Ich fühle mich ſtark genug, allein zu handeln! Lebt wohl! Heinrich eſie zurückhattend). Bleibt! Solltet ihr auch die Stifterin meines Unglücks werden, ich kann euch doch nicht haſſen! Bleibt! Ich gelobe und ſchwöre! Agnes Gebt mir eure Hand, daß ihr all meint 153 Wünſche, all mein Verlangen erfüllen und nach Kräf⸗ ten fördern wollt. Schwört mir dies auf Ritterwort und bei der Ehre eures Bundes. Heinrich. Nun wohl dann! eihr die Hand reichend⸗ Ich gelobe, ich ſchwöre es! Agnes. Dank! Ewiger Dank ſey euch dafür! Hört mich jetzt ruhig an: Unſre Väter haben eben beſchloſ⸗ ſen, daß ſie beim nächſten Mittagsmahle der Verlob⸗ ten Geſundheit trinken wollen. Euer Vater wird dann ſolche zuſammenzählen, und finden, daß es ihrer nur drei Paar ſind. Heinrich. Dies wäre Friedrich und Klara, Kuni⸗ gunde und Wieſenborn, Eſchenbach und Klotilde? Agnes. Richtig! Ah dreie, will dann mein Vater ſprechen, iſt nicht die Zahl unſers Bundes. Viere müſſen ihrer ſeyn! Dann wird er den Becher füllen und ihn euch reichen. Ihr ſeyd, wird er ſprechen, in einem Alter, wo ſich bereits das Herz ein Liebchen ſucht. Habt ihr eins gefunden, ſo trinkt kühn die Ge⸗ ſundheit deſſelben. Wir wollen euch nach Kräften bei⸗ ſtehen und die Dirne zur Einwilligung bereden. Heinrich. O die guten Väter! Agnes. Die Väter hoffen, daß ihr meine Ge⸗ ſundheit trinken werdet, und dann will alles über mich herſtürmen, um gute, um entſcheidende Antwort zu hören. Heinrich. Die ihr doch— o laßt mir dieſen wonnevollen Gedanken— die ihr doch nicht lange verweigern würdet! Agnes. Heinrich, ihr habt geſchworen! Seyd der edle Mann, für welchen ich euch immer nahm! Er⸗ füllt meine Bitte! Seyd mein Freund! Werdet Vater meines Glücks! Heinrich. Theure! Ich verſtehe euch nicht Agnes. Solltet es bald können!(raurig) Ehe⸗ 15⁴ mals war ich eine der luſtigſten und fröhlichſten Dir⸗ nen im Thale. Leicht wie ein Vogel und munter wie ein junges Reh. Jetzt iſt dieſe Freude, dieſe Fröhlich⸗ keit nur erborgt, muß mir nur zur Decke dienen, un⸗ ter welcher ich mein inneres Leiden, den Jammer mei⸗ nes Herzens zu verbergen ſuche. Noch habe ich ihn keinem menſchlichen Auge enthüllt. Ihr ſeyd der erſte, dem ich mich zu entdecken wage. Mißbraucht dies Ver⸗ trauen nicht! Es fällt mir hart, meine jungfräuliche Schamhaftigkeit ſträubt ſich mächtig, aber ich muß ſie überwinden, oder ewig unglücklich ſeyn! Heinrich. Gott, was werde ich hören! Agnes(ſenfzend). Ich liebe! Liebe heftig und zärt⸗ lich, aber bis jetzt hoffnungslos! Ihr ſollt der Edle ſeyn, der mir Hoffnung, der mir Glück und Troſt ſchenkt! Heinrich. Grauſam! Was verlangt ihr? Agnes ecernſthaft). Erfüllung eures heiligen Schwurs! Heinrich. Wohl dann! Wenn eines von uns bei⸗ den unglücklich ſeyn ſoll, ſeyn muß, ſo lieb ich euch allzuſehr, als daß ich mich nicht zum freiwilligen Opfer bieten ſollte. Ich vergebe euch die Liſt, mit welcher ihr mir den Schwur ablocktet! Ich ſchwörs aufs neue, vaß ich auch ohne dieſen euch retten, nie eure Hand heiſchen würde, wenn dieſer nicht auch euer Herz fol⸗ gen könnte. Agnes. Heil mir, ich habe mich nicht betrogen! O ich Glückliche darf nun hoffen! Dank! Dank Die⸗ ſer Freundſchaftskuß ſeh Lohn für eure That! eſie küßt ihn.) Heinrich. O ihr bedenkt nicht, daß ihr tödtet indeß ihr zu heilen wähnt! Doch zum Zwecke Wie nennt ſich der Glückliche? Agnes Es iſt Ritter Schnabelburg. Seinrich eſie anſtaunend). Schnabelburg? Wenn — ich nicht ganz irre, wenn die Gewißheit meines Un⸗ glücks mir nicht alle Beſinnungskraft raubt, ſo zählt er ſchon längſt die Jahre eines Mannes, könnte füg⸗ licher euer Vater als Geliebter ſeyn! Agnes. Wohl möglich! aber ich liebe ihn doch inbrünſtig und zärtlich. Heinrich. Seine Geſtalt, ſein Geſicht! O habt ihr denn beides auch genau unterſucht? Seinen Rü⸗ cken ziert ein merkbarer Höcker! Die Farbe ſeines Ge⸗ ſichtes naht ſich der Farbe eines Mohren! Ages. Aber ſein gutes, ſein vortreffliches Herz verdunkelt alle dieſe Fehler. Ihr müht euch vergebens, ſein Bild aus meinem Herzen zu reißen. Oft hat mein Verſtand demſelben die nämlichen Vorwürfe ge⸗ macht, aber immer ward er überwunden und beſiegt. Ich will euch noch mehr entdecken, er iſt über dies alles noch ſehr arm und dürftig, er lebt blos von der Gnade meines Vaters, aber wenn ihr je ernſtlich geliebt habt— Heinrich. Ihr? Ihrkönnt noch ſo grauſamfragen? Agnes. Nun wohl! So werdet ihr aus Erfah⸗ rung wiſſen, daß ächte Liebe des Reichthums nicht achtet, ſich im Beſitze des Geliebten glücklicher in einer Strohhütte dünkt, als ohne ihn unter der purpurnen Decke des Throns. Heinrich. Kann, wird euer Vater je wohl dieſe ſeltne Verbindung billigen? Agnes. Dies war bisher der große Stein des Anſtoßes, den ich immer vergebens zu heben ſuchte Doch der allmächtigen Liebe iſt nichts unmöglich, und ich hoffe mit euerm Beiſtande jetzt alle Hinderniſſe zu tilgen. Ich will des guten Vaters Herz überliſten, ich will ihn zwingen, mein einziges, mein größtes Gliück zu befördern. Hört meinen Vorſchlag: Wenn ihr den Geſundheitsbecher von meinem Vater erhalten werpet 156 ſo ſprecht nur, daß, da ihr eures Glückes noch nicht gewiß ſeyd, ihr erſt von mir erfahren wolltet, ob ihr je die Erfüllung deſſelben hoffen könntet. Nach dieſen Worten reicht ihr mir den Becher, und fordert mich auf, deſſen Wohl zu trinken, den mein Herz am mei⸗ ſten liebt. Heinrich. O ihr begehrt mehr, als ich zu leiſten vermag! Agnes Heinrich, edler, lieber Heinrich! Seyd barmherzig! Heinrich. Sprecht weiter! Solch ein liehevoller Ton könnte mich zur Mordthat bewegen. Agnes. Ich nehme dann den Becher an, gelobe ² öffenklich aufs Wohl meines Herzgeliebten zu trinken, wenn mir dagegen mein Vater im Voraus den Beſitz deſſelben zuſichert, dieſen in Gegenwart aller zuſchwört: Da kein menſchliches Herz meine Liebe ahnet, da ich oft im Beiſeyn des Vaters mich ſtellte, als ob ich euern Liebesblick fühlte und zu erwiedern bereit ſey, ſo wird der getäuſchte Vater ohne viele Einwendung meiner Bitte Gewährung zuſichern, und dann, o ed⸗ ler Freund, denkt mein Glück, fühlts mit mir! Dann trinke ich Schnabelburgs Geſundheit, eile in ſeine Arme, und bekenne frei und offen, daß ich ohne ihn ganz unglücklich ſey, nur mit ihm Freude und Wonn genießen kann! Heinrich. Nein, bei Gott! Nein, das iſt zu viel! Eigennützigſte eures Geſchlechts! Ihr wollt mir nicht allein mein Glück rauben, wollt mich auch zum Ge⸗ —— ſpötte aller machen, die an der Tafel ſitzen(aufſtrin⸗ gend und forteilend). Ich kann, ich darf eure Bitte nicht erfüllen! Agnes(ihm nach). Bedenkt, daß ihr geſchworen habt! Reicht ihr mir den Becher nicht, ſo ſchände ich eure Ehre in aller Gegenwart. Nenne euch einen 157 Meineidigen, und ſchwöre am Ende feierlich, daß ich nie die eurige ſeyn will. Ich werde meinen beſſer halten, wählt, was euch beliebt! Sie hörte nicht mehr Heinrichs weitere und triftig⸗ Vorſtellung. Sie ging ſtolz von dannen und ließ ihn allein im Garten zurück. Hier hatte er Zeit genug, ſeine beſondre Lage zu überdenken. Agnes hatte beim erſten Anblick Eindruck auf ſein Herz gemacht, ſein Vater hatte die Hoffnung ihres B eſitzes darin geweckt, und Agneſens munteres Weſen, ihr immer geſchäfti⸗ ger Witz ſolche bis jetzt trefflich genährt. Er ſollte nun dieſer auf eininal und ſo ſchnell entſagen. Auch dies würde er noch im Stande geweſen ſeyn, wenn nur ſein Stolz nicht ſo offenbar gekränkt und belei⸗ digt worden wäre. Da der Schwur der Verſchwie⸗ genheit ſeine Zunge nicht band ſo beſchloß er gleich anfangs, ſeinen Vater zu bitten, daß er ihm den Ve⸗ cher nicht reichen ließe, und dann wäre er öffentli⸗ chem Spott und Beſchämung ſicher entgangen; aber bald verwarf ſein gutes Herz dieſen Vorſchlag, er hielts für noch ſchimpflicher, die einzige Hoffnung einer liebenden Dirne durch Betrug zu tödten, und nahm ſich's feſt vor, ihrem Gebote willige Genüge zu leiſten, wenigſtens durch ein ſo großes Opfer ihre Freundſchaft zu erwerben, da es doch unmöglich war, ihre Liebe zu gewinnen. Mit dieſer Sutnen kehrte er wieder in die Verſammlung zurück. Es war ſehr natürlich, daß ſein zerſtreuter, oft finſterer Blick bald bemerkt wurde, und daß ihn alle mit Forſchen nach der Urſache weidlich quälten. Er beantwortete alle dieſe Fragen mit Entſchuldigungen mancher Art; als aber auch Agnes zu ihm trat, und mit der unſchul⸗ digſten, cheilnehmendſten Miene nach der Urſache ſei⸗ nes Kunmers forſchte, da ſchwand ſeine Geduld; er raunte ihr ius Ohr, daß wiederholter Spott ihn ſei⸗ nes Schwures ledig machen würde, und eilte wieder nach dem Garten, aus welchem er nicht eher zurück⸗ kehrte, als bis die Trompeten zur Tafel riefen. Die Väter ordneten abſichtlich die Plätze; jeder Ritter kam an ſeines beſtimmten Liebchens, und Heinrich folglich auch an Agneſens Seite. Er ſprach wenig mit ihr; als er aber ſah, daß der ſo ſehr von ihm beneidete Schnabelburg Agneſen gar nicht zu achten ſchien, mit übermäßigem Appetite trank und aß, ſo machte er ſie darauf aufmerkſam. Schnabelburgs Zärtlichkeit, ſprach er leiſe und ſpöttiſch zu ihr, ſcheint der eurigen nicht zu gleichen. Ihm ſchmeckts herrlich, ihn ſcheints gar nicht zu kümmern: ob euer Wagſtück gelingen wird? Wäre ich an ſeiner Stelle, mir würde kein Biſſen ſchmecken. Agnes. Er ahnet nicht, was ich unternehmen will. Gebt nur Acht, wie's ihn niederdonnern wird, wenn ich beginne! Heinrich(verdrüßlich). Nun ſo beginnt nur bald, damit ich der Marter, neben euch zu ſitzen, entledigt werd. Agns. Ihr ſeyd unhöflich, Ritter! Ich werde es zu ahnden wiſſen.—— Wahrſcheinlich würde dies Geſpräch nicht ſobald geendigt haben, wenn nicht eben der alte Graf Farnsburg den Geſundheitsbecher ge⸗ fordert hätte. Heinrich erbleichte und ſchwieg, als er dies Donnerwort hörte, und ſahe Agneſen nicht mehr an. Friedrichs, Eſchenbachs und Wieſenborns Geſund⸗ heit war nun ſchon getrunken, und die Reihe kam an Heinrichen. Der alte Graf reichte ihm den Becher, und forderte mit einem Seitenblicke auf Agneſen, daß er ſelbſt ſeines noch unbekannten Liebchens Geſundheit trinken ſollte. Zitternd nahm Heinrich den Becher, überreichte ihn Agneſen, und forderte ſie ſtammelnd auf, ſeine Stelle zu vertreten, und die Ges Sheit 159 desjenigen zu trinken, dem ihr Herz am günſtigſten ſey⸗ Agnes(aufſtehend und ſtandhaft). Ich will herzlich gerne des Ritters Bitte erfüllen, wenn mir nur vor⸗ her auch der Beſitz meines Geliebten zugeſichert wird⸗ Der alte Farnsburg. Wozu bedarfs der Um⸗ ſtände? Trinke, Tochter, trinke! Agnes. Wie ſoll, wie kann ich dies, ohne vor⸗ her der Erfüllung meiner Bitte gewiß zu ſeyn? Va⸗ ter! Habt ihr je mein Herz erforſcht? Wißt ihr, wie's drin ausſieht? Kennt ihr den Geliebten deſſelben? Graf Farnsburg. Ich hoffe ihn zu kennen! Agnes. Hoffnung kann trügen! Und würde ich nicht zum Spott aller tafelnden Ritter und Frauen werden, wenn ich öffentlich den Geliebten meines Her⸗ zens nennte, und ihr mit ernſthaftem Blicke und Miene meine Wahl mißbilligtet, mir ſtrengen Befehl ertheil⸗ tet, nie ſeiner mehr zu gedenken: Ich bin Farnburgs Tochter, und würde ſolch einen Schimpf nicht überleben. Viele Ritter cuntereinander). Sie hat recht! Sie ſpricht gut! Agnes. Nicht wahr, edle Freunde, ihr ſtim mir bei! Iſts nicht genug, daß ich der weiblichen Scham⸗ haftigkeit entſage und meines Herzens Geheimniß öf⸗ fentlich entdecke? Gebührt mir dafür nicht Lohn? Und iſt der geforderte nicht billig? Viele Ritter. Billig und gerecht! Graf Frohburg. Ich muß ſelbſt auf Agneſens Seite treten. War mein Sohn ihres Herzens nicht gewiß, ſo mag er für die kühne Aufforderung büßen. Graf Farnsburg. Ich müßte mich ganz irren⸗ wenn ich Trug muthmaßen ſollte. Trinke, Tochter, trinke! Deine Bitte ſoll erſüllt ſeyn. Agnes. O ſolch ein allgemeines Verſprechen ge nügt mir nicht! Ihr müßt in aller Gegenwart mir bee Einwilligung geloben und ſchwören! Müßt 160 feierlich verſprechen, daß der Genannte mein Gatte werden ſoll! Graf Farnsburg. Schlange, wenn du meine Erwartung hintergingſt!—— Doch unmöglich, un⸗ möglich! Ich gelobe, ich beſchwöre, in aller Gegen⸗ wart dein Verlangen zu erfüllen! Biſt du nun zu⸗ frieden? Agnes. Vollkommen!(den Becher in die Hand nehmend) Wenigen meines Geſchlechts wird freie Wahl zum Theile. Bank ſey euch Vater, für dieſe große Gunſt! Ich könnte nun unter Tauſenden ſuchen und wählen, da mein Herz aber ſchon den Beſten, den Würdigſten gefunden zu haben glaubt, ſo will ich auch ohne weitern Verzug ſeine Geſundheit trinken. Es lebe mein Geliebter! Es lebe mein künftiger Gatte! Es lebe Heinrich, Graf zu Frohburg! Alle Ritter, Er lebe! Er lebe! Er lebe! Er lebe lang und froh!—— Von allen Seiten ſtürmte nun die glückwünſchende Menge auf Heinrichen los, der gleich einem Träumenden da ſaß, den angench⸗ men Schall wohl gehört zu haben glaubte, aber ſein unverhofftes Glück doch nicht zu faſſen vermochte. Er hatte, als Agnes den Becher ergriff, ſeinen Sitz zurückge⸗ ſchoben; und wollte ſich eben entfernen und ſo dem Spotte aller entgehen, als er ſeinen Namen ausſpre⸗ chen hörte. Er ſank wieder auf ſeinen Sitz zurück und wagte es nicht, ſein Auge aufzuſchlagen. Lange würde er vielleicht noch in dieſem Zuſtande verharrt haben, hätte Agneſens Zauberſtimme ihn nicht daraus erweckt. Nun, Ritter, nun, ſprach ſie zu ihm, verdient meine Wahl keinen Dank? Heinrich. O tauſendfachen! v unnennbaren! 60 ihren Füßen hinſinkend) Grauſame, ihr habt mein Herz tödtlich verwundet, aber ihr habt es auch wieder durch 4 ein einziges Wort geheilt! Es war eine harte, ein 2 161 ſchwere Probe! Heil mir, daß ich ſie überſtanden habe!—— Die alten Grafen waren eben hinzuge⸗ treten und verwunderten ſich über Heinrichs ſeltſame Reden, ſie forſchten bei Agneſen nach der Urſache, und dieſe erzählte ihnen: wie ſie anfangs der Väter Reden belauſcht, und dann den armen Heinrich ge⸗ täuſcht und hintergangen habe. Graf Farnsburg. Närriſche Dirne, was ſollte, was konnte dir dieſe ſeltne Täuſchung nützen 2 Agnes. O viel, ſehr viel! Ich weiß, daß ihr die Ritter, welche in euern Bund aufgenommen zu wer⸗ den wünſchen, vorher hart prüft. Iſt Eheſtand nicht ein noch engerer, nicht noch wichtigerer Bund? Ver⸗ dient er nicht vorher auch Prüfung? Graf Farnsburg. Allerdings! Aber war die deinige nicht zwecklos? Agnes. Sie war's nicht! Ich wollte forſchen, ob nicht blos euer Anſehen, oder mein bischen Schönheit ihm den Wunſch der Verbindung mit mir angenehm mache? Ich wollte verſuchen: ob er nicht blos meine Hand, ſondern auch mein Herz zu beſitzen wünſche. Ich zeigte ihm die Unmöglichkeit dieſes Beſitzes, ich flehte ſeine Rechtſchaffenheit, ſeinen Edelmuth um Hilfe und Erbarmen an. Hätte er mir beides verweigert, hätte er ungeachtet meines offnen Bekenntniſſes die Werbung um mich nicht aufgegeben, ſo wär ich über⸗ zeugt worden, daß ſeine Liebe unrein, daß ſeine Ab⸗ ſicht eigennützig ſey, und ich ſchwörs hier öffentlich Ehe würde ich den Schleier, ehe den Tod gewählt haben, ehe ich ihm meine Hand gereicht hätte. Graf Farnsburg Gu Heinrichen). Wohl dir, daß du dich in die ſeltne Laune zu fügen wußteſt! Heinrich. O ſie hat mir ſchreckliche Pein, gual⸗ volle Stunden verurſacht! Löwenritter 1. 11 * Graf Farnsburg czu Agneſen). Wie willſt, wie kannſt du nun dieſe ihm vergüten? Agnes. Wie? O Vater! Eure Frage beweist deutlich, daß ihr der Liebe Freuden ſchon vergeſſen habt. Liebt er mich innig, ſo muß alle ſeine Qual und Pein ein einziger Blick, ein einziger Kuß lohnen! (ſie küßt ihn). Nicht wahr, Heinrich, dies war Lohn in Fülle! Heinrich(ſie wieder küſſendd. O gewiß! Beſon⸗ ders wenn man dieſen ſüßen Lohn immer fordern, immer erneuern darf! Um aller Schätze willen würde ich jetzt die harte Probe nicht vertauſchen. Die Ge⸗ wißheit des Verluſtes läßt mich die unnennbare Freude des Beſitzes erſt recht fühlen. Graf Farnsburg. Wenn dir's genügt, wenn du keine Genugthuung forderſt, ſo ſind wir's alle herz⸗ lich zufrieden! Ritter Schnabelburg. Nur ich nicht! Mir muß zur Vergeltung, daß ihr meinen Namen ſo eitel nanntet, doch irgend ein Lohn werden. Seht, ich bin billig! Ich fordere von euch, Agneſe, nur einen einzigen Kuß! Aber wird er mir nicht freiwillig, ſo geb' ich meine Anſprüche nicht auf. Alle Ritter clachend und ſcherzend). Recht! Recht! Strafe muß ſeyn. Agneſe czu Heinrichen). Soll ich? Heinrich. Von Herzen gerne!(Agneſe küßt Schua⸗ velburgen lachend) Mit dem erſten, auch den letzten! Heinrich eſchaudernd). Ha! jetzt fühle ichs erſt, wie's mich gepeinigt hätte, wenn euer Trug Wahr⸗ heit geweſen wäre! O ich hätt's nicht ausgehalten!— Alle nahmen nun wieder ihre Plätze ein und zech⸗ ten wacker. Beſonders fröhlich und luſtig war der alte Farnsburg, da ſein Wunſch ſo ſchnell erfüllt wurde Er freute ſich ſchon im voraus des glücklichen den! Wir wollen heute ſchlafen 163 Tags, an welchem die vier Verlobten ihre Hochzeit feiern würden, und gelobte dann alle ſeine Kräfte zu ſammeln, um an dieſem ſeltnen Tage noch einmal die Freude des Menſchen im vollen Maße genießen zu önnen. 3 übergehe die Zubereitung zu dieſem Feſte. Es ſollte in voller Pracht acht ganze Tage auf Frohburgs Veſte gefeiert werden, dann waren alle Gäſte aufs neue nach Farnsburgs Veſte geladen, wo wieder an⸗ dere acht Tage der Freude und dem Vergnügen ge⸗ widmet ſeyn ſollten. Ludwig, der junge Graf von Farnsburg, welcher abſichtlich vom Vater ausgeſandt wurde, um Adelheiden aus dem Kloſter zu holen, hatte des Vaters Abſicht vollkommen erfüllt. Seinem Her⸗ zen war die ſchöne Unglickliche werth und theuer ge⸗ worden, er liebte ſie in der Folge aufrichtig und zärt⸗ lich, war immer beſchäftigt, ſie zur Nachfolge zu be— reden. Noch war aber ihre Trauer um den verlornen Geliebten zu groß und innig. Sie verkannte zwar Ludwigs edle Eigenſchaften nicht, ſie ehrte und ſchätzte ſie vielmehr, aber ihr Herz hielts für Verbrechen, des Todten ſobald zu vergeſſen, und Ludwig mußte es fich gefallen laſſen, noch länger zu harren und zu dulden. Am Abende des letzten Tages vor dem Feſte er⸗ ſchienen ſchon viele fremde Ritter, welche ſammt ihren Weibern zum Mitgenoſſe geladen waren. Alle waren beim Mahle munter und fröhlich, und würden die ganze Nacht durchzecht haben, wenn der Burgherr nicht bei Zeiten Ruhe geboten hätte. Wir müſſen, ſprach er, unſre Kräfte zum wirklichen Feſte ſparen und ſammeln! Laßt ſie uns nicht unnütz verſchwen⸗ „damit wir morgen wachen können! Jeder fand dieſen Rath billig, ſelbſt die Verlobten trennten ſich willig von ihren Lichchen weil die Trennungsdauer kurz und die letzte ſeyn ſole weil ſie überdies dieſen leeren Raum gerne im Schlafe 164⁴ verſchwinden ſahen. Schon nahte ſich die Mitternachts⸗ ſtunde, ſchon ruhte und ſchlief alles in der weiten Burg umher, nur Friedrich konnte, ſo ſehr er ſich auch mühte, dieſes Glücks nicht theilhaftig werden. Bange Ahnungen, deren Urſache er nicht ergründen konnte, quälten ſein Herz. Er verließ ſein Lager, um am Fen⸗ ſter Zerſtreuung zu ſuchen. Wie ers öffnete, ſah er Fackelnlicht unter den Bäumen des nahen Forſtes. Bald darauf erblickte er neun ſchwarze Ritter, welche ſolche trugen und auf ſchwarzen Roſſen ſaßen. Sie ſporn⸗ ten dieſe, und jagten im vollen Rennen auf der Straße herauf, welche nach der Burg führte. Es war ſchreck⸗ lich anzuſehen, wie der Fackeln Dampf und Funken gleich einer feurigen Schlange in hundert Krümmungen hin⸗ ter ihnen herzog und ſich hoch in die Luft erhob. Sie hielten am verſchloßnen Burgthore ſtille. Friedrich ge⸗ wann Zeit, ſie näher zu betrachten. Alle trugen ſchwarze Rüſtungen, auf ihren geſchloßnen Helmen wehten ſchwarze Federn, und ihre Schilder waren mit Flor überzogen. Einer derſelben trug eine ſchwarze Fahne in der Hand, auf welcher drei gemalte Todtenköpfe den ſtaunenden Friedrich ſchrecklich angrinsten. Zwei der Ritter ſtik⸗ gen vom Roſſe und hefteten mit dumpfen Schlägen eine offne Pergamentrolle an den rechten Flügel des Thors. Wie ſie geendet hatten, zogen alle eine lange Poſäune hervor und ſtießen dreimal darein. Heulend erſchablten die Mißtöne derſelben durch die tiefe Stille der Nacht ringsumher, und wurden durch die nahen Felſen⸗Echo beantwortet. Erſchrocken und zagend rief der Wächter von der Warte herab, und fragte nach der Ritter Begehren. Einer derſelben. Weckt euern Burgherrn! Wir haben im Namen des allwiſſenden, des gerechten Got⸗ es mit ihm zu ſprechen! Wir ſind abgeſandt, ihm ſeinen Willen zu verkündigen. 165 Friedrich(vom Fenſter herab). Ich bin ſein Sohn. Sprecht! Was fordert ihr? Ein Ritter. Harre, bis die Reihe dich trifft! Der alte Graf Frohburg trat nun ans Fenſter und forſchte nach der Ritter Verlangen. Ein Ritter. Graf von Frohburg, wir bringen dir und deinen Kindern, deinen Freunden und Bunds⸗ genoſſen des erzürnten Gottes gerechten Fluch! Er gab den Dienern ſeines Worts den Löſe⸗ und Binde⸗ ſchlüſſel! Sie vollziehen ihr Amt, ſie erfüllen ihre Pflicht, und ſtoßen dich aus dem Bund der Gnade. Sie ent⸗ ziehen dir ſeine Hilfe und übergeben den verſtockten Sünder der Gewalt, der Macht des Satans. Sie ha⸗ ben den Bann über dich ausgeſprochen, und ſenden dir durch uns Nachricht. Verflucht ſey der, welcher ferner⸗ hin mit dir Gemeinſchaft pflegt. Verflucht ſey, welcher deine Frage beantwortet und dir Rede geſteht. Ver⸗ maledeit ſey, welcher deinem flehenden Munde einen Biſſen, deiner lechzenden Zunge einen Labetrunk reicht! Vermaledeit ſey der Prieſter, welcher ferner noch dich in der Kirche duldet, dir Gottes Wort verkündigt! Ver⸗ maledeit ſey er, wenn er in der letzten Stunde ſich tröſtend dir naht! Alle Ritter. Amen! Amen! Amen! Graf Frohburg. Vermaledeit ſeyd ihr, die ihr Gottes Namen ſchändlich mißbraucht, und unter ſeinem Schutze die Unſchuld zu kränken ſucht. Was habe ich verbrochen, daß Fluch und Bann mir werden ſpll? Ein Ritter. Kühner! Du kannſt noch ſiagen? Dein mit dir geächteter, dein mit dir verbannter und verfluchter Sohn hat ſich erfrecht, ſeine Hand an den Geſalbten des Ewigen zu legen! Er hat den Abt ſchändlich ermordet, und du haſt's geduldet, haſt's nicht geahndet. Weh! Weh! Weh über dich! Weh über den ſchändlichen Bund des Löwens, unter deſſen Fahit das Bubenſtück begann und ausgeführt wurde, Graf Frohburg. War euer Abt nicht ein heillo⸗ ſer Bube? Richt ein ſchändlicher Mörder? Verdiente er nicht noch ſchändlichern Lohn? Ha, iſt dies die Ur⸗ ſache eures Bannes, ſo verachte ich ihn kühn, und freue mich innig des Glücks, ausgeſchloſſen zu ſeyn von der Gemeinſchaft ſo heilloſer Buben. Ein Ritter. Wir ſind nicht gekommen, mit den Sündern zu rechten. Nur Reue und Genugthuung kann euern Bann löſen, kann euch mit Gott verſöhnen! Graf Frohburg. Und wer iſt denn der Kühne, der mir den Bann ſendet, der ihn über mich auszuſpre⸗ chen wagt? Ein Ritter. Es iſt Konrad, Biſchof von Koſt⸗ nitz, in ſeinem Sprengel liegt deine Burg. Er hat Kraft und Macht dazu. Schon iſt der Bann ausge⸗ ſprochen in allen Kirchen, ſchon angeheſtet an allen geweihten Orten. Sünder, nahe dich ihnen nicht! Dein Kopf iſt vogelfrei! Dein Mörder erhält Gottes Gnade zum Lohne! Graf Farnsburg eden der Poſaunenſchall ebenfalls geweckt hatte, und der bisher ſtill am Fenſter zuhbrte, binabrufend). Meldet euerm Biſchofe einen ſchönen Gruß vom Grafen Farnsburg! Er iſt Hauptmann des Löwenbundes! In aller ſeiner Ritter Namen läßt er ihm wohlmeinend rathen, ſchnell und eilend den Bann zu löſen und ihn in Segen zu verwandeln, ſonſt werde er nächſtens vor ſeiner Stadt erſcheinen und ſtrenge Rechenſchaft über die kühne That fordern. Ein Ritter. Unſer Biſchof achtet eure Drohung nicht! Er ſteht in Gottes Schutz und hat nichts zu fürchten. Auch ihr ſeyd verbannt, auch ihr ſeyd geäch⸗ tet! Schon haben wir an eure Burg den Aechtungs⸗ brief angeſchlagen, und wohnen Männer darin, welche Gottes Gebot fürchten, ſo werdet ihr wahrſcheinlich euer Neſt leer und verlaſſen finden. 167 Graf Farnsburg. Hah, wartet, Buben, war⸗ tet, ich wills euch gleich lohnen! Ich komme hinab, und will euch kräftigere Botſchaft an euern kühnen Biſchof mitgeben. Ein Ritter. Habts nicht nöthig! Die unſrige iſt geendet! Euer Stolz wird bald ſchwinden. Alle Ritter ſpornten nun ihre Roſſe und jagten ſchnell von dannen. Lautes Gelächter ſcholl ihnen von vielen Burgfenſtern nach, die mancher Ritter geöffnet hatte, um die Urſache des ungewöhnlichen Lärmens näher zu höreß Graf Farnsburg. Recht ſo, edle Kämpen und Bundsgenoſſen, recht ſo! Der Botſchaft gebührt ſolch ein Lohn! Achtet der Thoren nicht, welche mit Gottes Langmuth ſpielen und ſeine Geduld mißbrauchen! Schlaft ruhig und erwacht froh zum morgenden Feſte. Ihr ungerechter Bann ſolls nicht ſtören. Iſt's geen⸗ det, ſo wollen wir den Unfug ſchon im vollen Maße rächen. Früh, als die erſten Strahlen der Sonne die Berge vergoldeten, verließen alle Burgbewohner ihr Lager, auf welchen viele derſelben die letzte Hälfte der Nacht ſchlaflos zugebracht hatten. Der Bannfluch, welcher in damaligen Zeiten äußerſt gefürchtet wurde, hatte tiefen Eindruck auf ihr zagendes Herz gemacht; ſie waren unentſchloſſen: ob ſie der ſchrecklichen Wirkung ſich theilhaftig machen, oder ihre geächteten Freunde heimlich verlaſſen follten? Viele der ſremden Gäſte wählten das letztere. Ohne Gruß und Abſchied ſchli⸗ chen ſie aus der Veſte und flohen ſchnell von dannen. Als die Knechte dies dem Burgherrn meldeten, und die meiſten derſelben, um ihrer Seelen Heil zu retten, auch den Abſchied forderten, da entbrannte ſein Zorn ſchrecklich gegen den ungerechten Biſchof, welcher ohne Verhör und Prüfung ſolch ein hartes Urtheil über ihn gefällt hatte. Er eilte zu dem Grafen Farnsburg, um ihm ſein Unglück zu klagen und Rath und Troſt von ihm zu heiſchen. Ruhig und heiter hörte der Greis ihm zu. Laß dich dies nicht ſchrecken, ſprach er ſtandhaft, laß jeden ziehen, den knechtiſche Furcht von dir jagt. Ich und mein Bund bleibt dir treu. Er wird nicht wanken. Ihn ſchreckt kein ungerechter Bann, kein Fluch, mit welchem der Prieſter wohl drohen, den aber die Reichsfürſten nie beſtätigen, den Gottes Ge⸗ rechtigkeit nicht erfüllen wird. Der Bund ift beleidigt. Der Löwe iſt in Gefahr, und dies endet alle andere Geſchäfte. Heute noch ſende ich Eilboten an alle Bundsritter aus, und ehe ein Monden vergeht, ſind mehr als fünfhundert derſelben verſammelt, welche den Biſchof ſchon eine andere Sprache lehren werden. Graf Frohburg. Wenn aber indeß uns alle Rei⸗ ſige, alle Knechte und Mägde verlaſſen, wenn unſre Feinde, deren Tücke nie ſchläft, den günſtigen Augen⸗ blick benutzen—— Graf Farnsburg. Dafür laß mich wachen und ſorgen. Ich übernehme die Vertheidigung deiner Veſte und deines Habes! Für die Treue meiner Reiſigen ſtehe ich, auch ſie ſind dienende Glieder meines Bun⸗ des. Kein Bannfluch kann ſie ſchrecken und ihren Eid löſen. Noch einmal, laß ziehen, wem's beliebt! Ver⸗ kündige ihnen dieſes, und melde mir wieder: wie viel dir treu blieben, damit ich meinen Plan darnach ord⸗ nen kann. Graf Frohburg eilte nun zu den verſammelten Rei⸗ ſigen und Knechten. Er war ſelten ihr Herr, nie ihr Tyrann, ſtets ihr Vater geweſen. In vieler Augen glänzten Thränen, als er mitten unter ſie trat, jedem freien Abzug, allen den rückſtändigen Lohn zu geben verſprach. Die Reiſigen und Knechte unter einan 169 der. Wir ſcheiden ungern! Könnten wir Löſung des ſchrecklichen Banns hoffen, wir blieben! Ja wahrlich, wir blieben! Graf Frohburg. Daß ich ihn nicht verdiente, iſt euch eben ſo gut, wie mir bekannt. Und ob unge⸗ rechter Fluch mir und meinen Treuen Gottes Barm⸗ herzigkeit rauben kann, mögt ihr ſelbſt beherzigen und überlegen. Graf Farnsburgs Reiſige haben's über⸗ legt, habens beherzigt, und ſie blieben. Reiſige und Knechte. Sie blieben? O ſo bleibe ich auch! Ich auch! Ich auch!— Graf Frohburg zählte nun diejenigen, welche ihm länger zu dienen verſprachen, und von allen ſeinen Dienern und Knech⸗ ten verließen nur zwölfe die Burg, welche um ihrer Weiber und Kinder willen ſich den verheerenden Fol⸗ gen des Banns nicht auszuſetzen wagten. Mit fröhlichem und heiterm Geſichte hinterbrachte nun der Burgherr ſeinem alten Freunde die angenehme Botſchaft. Er fand ihn im Kreiſe ſeiner Ritter, die dem ungerechten Banne Hohn ſprachen, und ſich freu⸗ ten, daß Frohburgs Reiſige mit ihnen eines Sinnes waren. Bald, riefen ſie vereint, ſollen die Treuen ihrer Furcht entledigt werden. Wir wollen den Biſchof weidlich ängſtigen, und ihm ſo zuſprechen, daß er nie mehr unſern Bund mit dem Banne belegt. Mit trau⸗ rigem, hoffnungsloſem Blicke traten jetzt auch die Ver⸗ lobten ins Gemach. Der Weiber Herz war durch die ſchreckliche Nachricht ſehr geängſtiget worden. Sie vermutheten nicht ohne Grund, daß der Bannfluch ihr ganzes Glück vernichten, daß ſie in tödtlicher Ungewiß⸗ heit lange noch würden zagen müſſen. Freude verbrei⸗ tete ſich auf ihrem Geſichte, als ſie erfuhren, daß die⸗ ſer Vorfall die Feier des heutigen Tages nicht um eine Stunde verzögern, ſie vielmehr fördern ſollte. Putzt und ſchmückt euch fein behends, ſprach der alie Farnsburg, wenn ihr fertig ſeyd, ſo ſoll das Feſt be⸗ ginnen.— Noch hatte die Sonne nicht die halbe Höhe des Mittags erreicht, als ſchon alle Bräute im Glanze und Schmucke im Burgſaale erſchienen; ihrer harrten ſchon die verlobten Ritter, und empfingen vereint mit ihnen der Eltern und Freunde Segen. Sie zogen nun nach der Burgkapelle, wohin der alte Graf Farns⸗ burg ſeinen alten Bundsfreund und Burgkaplan zur Trauung beſchieden hatte. Wie der Zug bei der Ka⸗ pelle anlangte, trat der Prieſter im ſchwarzen Meßge⸗ wande heraus und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Der Pfaffe. Schwer wird es heute meinem Her⸗ zen, die Pflichten eines Prieſters zu erfüllen und mein Amt zu verwalten. Ihr kommt, um meinen Segen zu empfangen, und ich kann euch nichts als Fluch ge⸗ währen. Geächtete! Verbannte! weicht von hinnen, ihr dürft die Schwelle des heiligen Tempels nicht be⸗ treten! Graf Farnsburg. Freund! Prieſter meines Vunds! Bedenke, was du ſprichſt! Nimm deine treu⸗ loſen Worte zurück, oder ich muß glauben, daß unter jeder Kutte ein verrätheriſches Herz ſchlägt! Pfaffe. Glaube, was du willſt, ich muß nach Pflicht und Gewiſſen handeln. Ich war Prieſter dei⸗ unes Bunds, ſo lange du die Unſchuld ſchützteſt und, der Waiſen und Wittwen Thränen trockneteſt. Ich ſeg⸗ nete deinen Ein- und Auszug. Nun muß ich ihn ver⸗ fluchen. Graf Farnsburg. Habe ich je dawider gehan⸗ delt? Habe ich meinen Eid nicht immer gewiſſenhaft erfüllt? Pfaffe. Du haſt mindere Sünde durch ein grö⸗ teres Verbrechen zu tilgen geſucht! Taſte meinen Ge⸗ ſalbten nicht an, ſo ſpricht, ſo befiehlt Gott! Prüfe dein Herz, ob du dies Gebot nie übertreten haſt! 171 Graf Farnsburg. Wohl dann, ich habe den Pfaffen tödten laſſen, weil er Gift miſchte, weil er ein Meuchelmörder war, weil er rauben und ſtehlen wollte. Jedes einzelne dieſer Verbrechen verdient Tod! Er vollbrachte ſie alle! War die Strafe dann nicht gerecht? Oder darf der Prieſter ungeſcheut morden? Ungeahndet rauben? Pfaffe. Er darfs nicht! Doppelte Strafe harrt ſeiner, aber du darfſt, du kannſt nicht ſein Richter werden! Seine heilige Würde muß jeder Laie ehren, und Strafe muß dem Kühnen folgen, der ſie zu belei⸗ digen wagt. Hätteſt du Abt und Kaplan dem Biſchof überantwortet: ſein Segen würde dir jetzt ſtatt gerech⸗ tem Fluche werden! Friedrich cbitter lachend). Haha! Er würde den Buben ſanft getadelt, und die Freiheit geſchenkt haben, damit er fernerhin heimlicher morden lerne! Pfaffe. Schweig, du begehſt neue Sünde! Der Biſchof übt Gerechtigkeit und iſt ein heiliger Mann! Graf Farnsburg. Das werden wir hier nicht entſcheiden. Ich frage dich zum letztenmale: ob du dein Amt verwalten? Ob du die Verlobten nach chriſt⸗ lichem Gebrauche verbinden willſt? Viele Ritter. Zittre, Treuloſer, vor unſrer Rache! Pfaffe(ſeine Bruſt darbietend)! Hier iſt meine Bruſt, durchſtoßt ſie, wenn ihr's für nöthig haltet! Ich werde nicht murren und in Erfüllung meiner Pflicht ruhig ſterben!—— Ich weiche nicht! Ich kann eurem Verlangen nicht Genüge leiſten! Kein Prieſter kann's und darfes, bis ihr euch nicht gereinigt habt vom Ver⸗ brechen, bis der Bann nicht gelöst iſt! Ungültig wäre eure Ehe, und Baſtarden würden eure Kinder ſeyn! Laßt euch warnen, laßt euch rathen! Gott iſt barm⸗ herzig! Deine Diener dürfen nicht unverſöhnlich ſeyn! Bietet Genugthuung, und ich will Vermittler werden! Nach kurzer Zeit ſoll dieſe Thüre euch wieder geöffnet ſeyn, und ich will dann mit ächten Freudenthränen eure Verbindung ſegnen. Viele Ritter. Achtet des Geſchwätzes nicht! Unſer Schwert ſoll uns ſchon Verſöhnung ſchaffen. Andre. Hört ihn, hört ſeinen Vorſchlag! Graf Farnsburg. Und was fordert dein Bi⸗ ſchof zur Verſöhnung. Pfaffe. Dies kann ich nicht wiſſen; aber trügt mich meine Ahnung nicht ganz, ſo wird eure Buße leicht und kurz ſeyn. Ich will noch heute den Weg zu ihm beginnen, ich will ihm eure Reue kund machen, und euch Gottes und ſeine Vergebung zurückbringen. Graf Farnsburg. Wohl dann, ich nehme dei⸗ nen Vorſchlag an. Ziehe hin und biete dem Biſchof in meinem Namen Friede! Er hat mich hart beleidigt, er hat das Anſehen meines Bundes gekränkt, aber ich will beides nicht rügen, will vergeben und vergeſſen, wenn er eben ſo ſchnell und behende den ungerechten Bann zurücknimmt. Graf Frohburg. Kannſt du zu dieſem allen aber kühn noch hinzufügen, daß weder ich, noch Graf Farnsburg ihm Friede bieten würden, wenn Fehde mit ihm nicht das Glück unſrer Kinder verzögerte. Graf Farnsburg. Du ſprachſt gut und weiſe! Vergiß ja nicht, ihm dies zu ſagen. Denn weh ihm und ſeiner Stadt, wenn dieſe Urſache nicht unſer Schwert feſſelte. Alle Ritter. Ja wohl! Weh ihm! Melde ihm dies!* Pfaffe. Wenn ich euch Friede und Löſung des Bannes zurückbringen ſoll, ſo darf keine drohende Bot⸗ ſchaft mein Begleiter werden. Rur Reue und Bitte kann die beleidigte Kirche verſöhnen. Kann ich dieſe nicht mit mir nehmen, ſo verſichere ich euch im vor⸗ gus, daß meine Botſchaft zwecklos iſt. Die Ritter unter einander. Was ſagt er2 Ach, das wäre ſchimpflich! Pfui der Schande! Nein, Fehde, Fehde mit dem Biſchoſe! Pfaffe. Liebe Ritter und Freunde, kehrt in den Saal zurück! Hier iſt nicht der Ort, wo unſer Streit entſchieden werden kann. Ich folge euch dahin, und hoffe euch von der Billigkeit meiner Forderung zu überzeugen. Geht, ich folge, will vorher nur meine Pflicht erfüllen, und an dieſe Thüre mein Siegel hän⸗ gen. Weh dem Kühnen, der's in meiner Abweſenheit zu verletzen wagt, er würde doppelten Bann auf ſich laden, den ſelbſt der Biſchof nicht zu löſen fähig wäre. Graf Farnsburg. Kommt, Finder und Freunde, kommt! Wir wollen ſeiner im Saale harren! Der Prieſter war ſonſt mein geprüfter Freund. Immer war ſein Rath gut und weiſe. Es gebührt uns alſo, ihn vorher ganz zu hören, ehe wir ihm zuwider handeln. Der Zug ging nun wieder nach dem Saal zurück. Kein Jubelgeſchrei begleitete ihn; alles trauerte und ſchwieg. Aus der Weiber Augen ſchlichen Thränen über die Wangen herab, welche das unvermuthete Hin⸗ derniß mächtig gebleicht hatte. Keiner wagte es, die vollen Becher zu nehmen, welche auf der Tafel ſtanden und zum Wohl der Neuvermählten geleert werden ſoll⸗ ten. Stille, welche nur dann und wann durch einen Seufzer unterbrochen wurde, herrſchte im ganzen Saale, als der Prieſter eintrat. Pfaffe. Soll unſer Geſchäft wohl beginnen und gut geendet werden, ſo muß ich euch ſämmtlich zuvor klar überzeugen, daß ihr gefehlt, daß ihr beleidigt habt, und daß folglich nur Reue und Bitte um Vergebung euch verſöhnen kann. Einige Ritter. Die Ueberzeugung ſoll dir ſchwer werden. Pfaffe. Ich zweifle. Sprecht ſelbſt! Iſt die Würde, iſt das Ant eines Prieſters nicht heilig2 17⁴ Graf Farnsburg. Sie iſts! Pfaffe. Iſt ſie dies, ſo gebührt ihr Ehrfurcht, ſo iſts Sünde, wenn man ſie kränkt, wenn man ſie beleidigt. Graf Farnsburg. Freund! du vermengſt Per⸗ ſon und Handlung! Wird die Perſon durch das Amt geheiligt, ſo gebührt ihr Ehrfurcht und Achtung, ſo lange ſie ihrem Amte gemäß handelt. Verletzt ſie aber ihre Pflicht, mißbraucht ſie ihr heiliges Amt, um un⸗ geſtraft und unter dem Schutze deſſelben böſe Hand⸗ lungen zu beginnen und auszuführen, fo verdient ſie doppelte Strafe. Pfaffe. Das werdient ſie allerdings. Aber ver⸗ dient dieſe Strafe auch das heilige Amt? Hat dies gehandelt? Hat dies gemordet? Graf Farnsburg. Ich verſtehe dich nicht! Pfaffe. Ich will mich alſo deutlicher erklären. Unverletzlich und heilig iſt das Amt, iſt die Würde eines Prieſters! Iſt der Frieſter ſelbſt, ſo lange er dieſe Würde beſitzt! Hat er nun unrecht, hat er ſchimpf⸗ lich gehandelt, ſo muß er erſt ſeiner Würde entſetzt werden, ehe er geſtraft wird; da nun deine Ritter den Abt ſeiner Würde nicht entſetzten, ihm die Weihe nicht nehmen konnten, und ihn doch tödteten, ſo haben ſie dieſe gekränkt, verletzt, und nur für dieſe Kränkung fordert der Biſchof Reue und Genugthuung. Graf Farnsburg. Ah, nun verſtehe ich dich! Du haſt mich überzeugk und belehrt! Iſt die Würde eines Prieſters durch die wohlverdiente Strafe des Abts gekränkt worden, ſo gebührt mir als Laie, den Biſchof zu unterrichten, daß ich in dem Abte nur den böſen Buben, nicht aber den Prieſter beſtrafte. Setze dich und ſchreib! Pfaffe(nachdem er ſich Schreibgrräthe bringen ließ Was ſoll ich ſchreiben2 175 Graf Farnsburg(diktirend).„Graf Farnsburg entbietet dem Biſchofe zu Koſtnitz ſeinen Gruß! Du haſt über mich und meine Ritter den Bann ausge⸗ ſprochen, weil dieſe Recht und Gerechtigkeit auf Neu⸗ burgs Veſte handhabten, und den Abt des Marienklo⸗ ſters als einen Miſſethäter tödteten. Der Bube hat⸗ Gift gemiſcht, hat gemordet, und verdiente alſo dieſen Tod hundertfach. Ich würde daher deinen Bann für ungerecht halten, ihn durch die Stärke des Schwerts und durch meiner Ritter Hilfe zu löſen wiſſen, wenn nicht mein getreuer Burgkaplan mich überzeugt hätte, daß durch des Abts und ſeiner Helfershelfer wohlver⸗ diente Straͤfe das Amt und die Würde des heiligen Prieſterthums ſey verletzt und gekränkt worden. Ich bin ein Laie, welcher die Sache nimmt, wie ſie iſt, und bisher Gott nicht zu beleidigen glaubte, wenn er den ſcheinheiligen Prieſter entlarvte, und alles Volk überzeugte, daß ſeine Gerechtigkeit auch den Geweihten beſtrafe, wenn er unrecht handle. Ich bitte dich da⸗ her, nach dieſem Maßſtabe meine Handlung zu beur⸗ theilen, und da der Unwiſſende nicht fehlen kann, den unverdienten Bann zu heben. Ich gelobe dir dagegen, dir jederzeit die ſtrafbaren Pfaffen zur Entweihung zu überantworten, und ſie dann erſt zu hängen, wenn du ſie ihrer heiligen Würde beraubt haſt!“—— Gib her, ich wills unterzeichnen. Pfaffe. Noch geziemts dir, der beleidigten Kirche ein Sühnopfer zu bieten! Graf Farnsburg. Auch dazu will ich mich be⸗ quemen! Schreib!„Ich ſende dir durch den Ueber⸗ bringer zehn Goldgülden, welche ich deiner Kirche zur Verſohnung opfere, du kannſt jährliche Meſſen dafür leſen laſſen, damit Gott deine Pfaffen vor Miſſethat und ſchändlicher Bubenſtücke bewahre, und ſie nicht ſelbſt ihre heilige Würde in den Augen unwiſſendet 2— 176 Laien verletzen und die gerechte Rache derſelben rei⸗ zen!“—— Und nun keinen Buchſtaben mehr! Ich habe gethan, was ich zu thun vermochte. Mehr thue ich aber nicht! das kannſt du kühn deinem Biſchofe ſagen, wenn ſein unbilliger Stolz etwan mehr Futter verlangte. Ritter Eſchenbach. Wärs meinem Rathe nach⸗ gegangen, ſo hättet ihr das wenige nicht hingegeben. Die Pfaffen— ich nehme wenige aus— gleichen dem Nimmerſatt, je mehr man ihnen Speiſe reicht, je mehr fordern ſie. Pfaffe. Sey nicht ungerecht! Urtheile nicht, ehe du geprüft haſt zum Grafen Farnsburg) Gib mir deinen Siegelring!—— Und nun laß ein Roß ſat⸗ teln: In vier Tagen hoffe ich dir Antwort zu brin⸗ gen. Gott gebe, daß ich ſie deinem Wunſche gemäß erhalte! Graf Farnsburg. Ich bin auf alles gefaßt! Mich wird die ſchlimmſte nicht ſchrecken! wünſchte ich nicht der Dirnen Thränen zu ſtillen und meine Kin⸗ der froh und glücklich zu ſehen, ich würde dieſen Schritt nicht gethan haben, denn noch haſt du mich nicht ganz überzeugt, daß meine Ritter die heilige Prieſterwürde gekränkt haben. Böſe Handlungen haben den Abt ſchon längſt entweiht. Gott konnte des Böſewichts Gebet nicht hören, und er betrog die Sünder, wenn ſie ten, daß er ihre Reue Gott vortragen könne Der Burgkaplan zog nun aus, und en Wünſche folgten ihm. Selbſt die Ritter vereinten ie Wünſche mit ihnen, und geſtanden offen, daß ſie üe noch mehr zur Verſöhnung geben wollten, wennür der fürchterliche Bann gelöst und das Hinderniß ih rer Verbindung gehoben würde. Vier Tage waren unter Fürchten und Hoffen verfloſſen, als am füßfften Morgen der Wächter die Ankunft des Burgkaplans 177 verkündigte. Klara und Kunigunde eilten ihm bis ans Burgthor entgegen, und Klotilde nebſt Agneſen empfingen ihn an der Treppe. Alle forſchten nun vereint: ob er gute Botſchaft bringe? Pfaffe. Ich bringe ſie, und Löſung des Bannes, wenn eure Ritter ſich der Genugthuung fügen, welche der Biſchof unbedingt fordert. Klara. Iſt ſie ſchimpflich? Pfaffe. Schwer und ſchimpflich. Klara. Dann kommt, Schweſtern, kommt! Laßt uns voraus eilen, und unſre Ritter bitten, damit ſie nicht aus allzugroßer Liebe ihren Ruhm, ihre Tapfer⸗ keit beflecken. Lieber will ich noch jahrelang ſchmach⸗ ten, ehe ich zugebe, daß mein Friedrich beſchimpft werde.—— Sie eilten nun eben ſo ſchnell zurück, und hatten den Rittern die Botſchaft des Pfaffen ſchon kund gethan, als er in den Saal trat. Graf Farnsburg. Du bringſt, wie ich höre, ſchimpflichen Antrag!—— Schweige daher, ſonſt könnte mein Zorn gegen dich entbrennen, weil du mich zur Botſchaft an den Biſchof verleitet haſt! Pfaffe. Ich erfüllte meine Pflicht, und dieſe kann dich unmöglich beleidigen. Als ein Diener Gottes muß ich Friede zu verbreiten und Fehde zu hindern ſuchen. Iſt's mir diesmal auch nicht gelungen, ſo muß mir doch die Abſicht genügen! —SFrohburg. Laß doch des Biſchofs Antrag höre wird unſre Rache entflammen! V Ritter. Ja, dazu kanns dienen! Pfaffe Es bedurfte der Ueberredungen mancher und viele, ehe ich den Biſchof nur bewegen konnte, dein Sendſchreiben zu entſiegeln. Es gezieme ihm nicht, ſagte er immer, der Geächteten Briefe zu leſen, und hätten ſie ihm etwas vorzutragen, ſo wären nicht Briefe, ſondern perſönliche Gegenwart und demüthige Löwenritter 1. 12 Bitte der einzige Weg, auf welchem ſie der Verſöh⸗ nung entgegen wandeln könnten. GrafFarnsburg. Der Uebermüthige, der Stolze! Pfaffe. Endlich ſiegte meine Vorſtellung. Er las dein Schreiben, und fand Stoff zur neuen Beleidi⸗ gung darin. Er beharrte feſt darauf, daß der Abt und Kaplan die angeſchuldeten Verbrechen nicht be⸗ gangen, und unſchuldig ſeyen ermordet worden. Die Kloſtermönche haben in des Biſchofs Gegenwart bei⸗ der Unſchuld beſchworen, und ihr Schwur müſſe ſo lange als ſicher und wahr gelten, bis du nicht durch andre und wichtigere Beweiſe ſie des Meineids über⸗ führt hätteſt. Graf Farnsburg. Das kann ich bald und ſicher thun! Alle Ritter, welche dem Zuge beiwohnten, kön⸗ nen wider die Mönche zeugen, können des Abts Ge⸗ ſtändniß kräftig beſchwören. Pfaffe. Der Biſchof verwirft dies Zeugniß, das ich ihm auch bot. Er fordert das Zeugniß anderer, nicht mit in dem Streite verflochtner, und befiehlt dir daher—— Graf Farnsburg. Was? Schweig Pfaffe, oder ich vergeſſe deiner Würde und räche deine kühnen Worte! Der Biſchof befiehlt mir! Wie lächerlich! Dein Biſchof hat mir nichts zu beſehlen! Der Kaiſer iſt mein Herr, und ſonſt kenne ich keinen! Geh und melde ihm dies. Pfaffe. Zürne nicht mit mir. Du forderſt Be⸗ richt meiner Sendung, wie kann ich alſo anders re⸗ den? Oder willſt du, daß ich heucheln, daß ich lü⸗ gen ſoll 2 Graf Farnsburg. Nein, dies ſollſt du nicht! Sprich weiter, ich will dich nicht mehr unterbrechen. Pfaffe. Der Biſchof befiehlt dir—— Graf Farnsburg. Heimtückiſcher Pfaffe, das 179 war wider den Vertrag! Zu was bedarfs der Wie⸗ derholung! Dein Biſchof hat mir nichts zu befehlen! Sprich weiter—— Pfaffe. Du ſollſt andre Zeugen gegen den Abt und ſeine Mönche ßtellen, und erproben dieſe die Schandthaten des Abts, ſo will der Biſchof deine Rache als billig erkennen, nur Genugthuung für die beleidigte Prieſterwürde fordern. GrafFarnsburg. Und welche2 Pfaffe. Zürne nicht mit mir, wenn ich deinen Stolz abermals zu kränken gezwungen bin. Die Ver⸗ ſöhnung iſt hart, iſt ſchimpflich, auch ich billige ſie nicht, aber du forderſt Bericht, und— Graf Farnsbur 8. Sprich, guter Alter, ſprich, du ſollſt es nicht entgelten! Pfaffe. Um die beleidigte Kirche zu verſöhnen, ſollſt du mit allen deinen Rittern, in Trauerkleidern angethan, am Dome zu Koſtnitz erſcheinen, und an der Thüre deſſelben durch drei Tage mit brennenden Kerzen in der Hand öffentliche Buße verrichten. So oft ein Prieſter unter dieſer Zeit aus⸗ und eingeht, ſollt ihr niederknien, ſeine Füße küſſen, und ihn um Verzeihung, um Löſung des Banns anflehen. raf Frohburg(aufſpringend). Wo iſt mein Schwert? Grafßarnsbu rg. Wohlgeſprochen, treuer Freund und Bundsgenoſſe! Nur dies kann dieſen ſchmählichen Schimpf rächen, nur dieß kann unſre Ehre retten! Auf, edle Ritter, auf! Der Löwe iſt zum Kinderſpott geworden! Mäuſe nagen an ſeinen Pfoten, und Ha⸗ ſen ſpielen mit ſeiner Mähne! Ha! Wenn ich dir dies nicht vergelte, ſtolzer Biſchof, wenn ich dieſen Schimpf nicht abwaſche, ſo will ich mir dieſe grauen Haare ſelbſt abſcheeren, in eine Kutte kriechen, und im Klo⸗ ſter Knechtendienſte verrichten! Mich Mich, den Haupt 180 mann eines ſo mächtigen Bundes, ſo zu beleidigen, ſo zu kränken! Ritter, Bundsbrüder! fühlt ihr dieſen Schimpf?. Alle Ritter(durch einander). Wir fühlen ihn, wir wollen ihn rächen! Fehde, Fehde mit dem Biſchofe! Befiehl, wir ziehen aus! Fort! Fort! zur Rache! GrafFarnsburg. Hörſt du ihr Toben? Gleichts nicht einem ſchrecklichen Gewitterſturme! Was denkt dein Biſchof, daß er ſolche Männer zur Rache wider ſich reizt? Pfaffe. Auch ich ſtellte ihm alles dies vor, aber er verläßt ſich auf die Wirkung des Bannes, er hofft, daß alle eure Reiſigen euch verlaſſen werden. Graf Frohburg. Und thäten ſies auch, ſo muß er doch die Macht eines Bundes fürchten, deſſen Glie⸗ der er alle geächtet hat, deren Tapferkeit weltbekannt iſt, wovon der zehnte Theil derſelben ſchon Kraft ge⸗„ nug hat, ihn und ſeine Stadt zu ängſtigen. Pfaffe. Auch dies erzählte ich dem Biſchofe; da aber die Macht des Bannes jede Verbindung vernich⸗ tet, jeden Schwur löst und ungültig macht, ſo glaubt er, daß die Kette des Löwenbundes zerreißen, und einzelne Glieder ſich nicht rächen werden. Die Ritter. Ah, da hat er ſich betrogen! Gefahr und Drohung ketten uns enger! Er ſoll bald eines andern belehrt werden. Graf Farnsburg. Heil mir, daß ich dem Ver⸗ ſuch zur Verſöhnung nicht traute! Schon ſind rings⸗ herum Boten ausgeſandt, ſchon entbieten ſie die Ru⸗ henden zum allgemeinen Heerzuge! Auch die ausge⸗ fandten Rächer will ich zurückberufen. Vor allen muß dies Geſchäft geendet ſeyn, ehe wir andre beginnen⸗ In vier Tagen ziehen wir gen Koſtnitz!— Pfaffe. Darf ich deinen Entſchluß dem Biſchofe melden, vielleicht fruchtet es. Vielleicht bin ich ſo glüc lich, dir beſſere Bedingungen entgegenzubringen e . 181 Graf Farnsburg. Thue, was dir beliebt! Nur eines verkündige ich dir im Voraus: Ich bin jetzt der Beleidigte! Ich fordere Genugthuung, und werde nicht raſten, nicht ruhen, bis ſie mir geworden iſt! Pfaffe. Auch dies will ich dem Biſchofe melden. Meine Pflicht gebietet mir, von hinnen zu ſcheiden. Söhne meines Herzens! Bald hoffe ich euch wieder zu ſehen, bald wieder in eurer Mitte zu wohnen! Es fällt mir hart, mich von euch zu trennen! Gerne wollte ich euch meinen Segen zurücklaſſen, wenn er auf dem Haupte eines Geächteten ſich nicht in Fluch wandelte! Ritter, bedenkt dies, und ſchont in dieſer unglücklichen Fehde euer Leben! Ich muß jeden Todten als einen Verdaumten beweinen! Kann, darf nicht für ſeine Seele beten! Graf Farnsburg. Geh, Zaghafter, geh! Wir bedürfen deiner falſchen Lehre nicht! Ungerechter Bann kann nicht ſchaden! Gott iſt gerecht, und wenn ihr uns hier hartnäckig verdammt, ſo wird er dort nech Gerechtigkeit richten, und eures Fluches nicht achten! Pfaffe. Er gab uns den Löſe⸗ und Bindeſchlüſſel! Graf Farnsburg. Aber nicht zur Vertilgung der Unſchuld! Nicht zum Schutze gegen Mörder! Geh, ſonſt wirſt du nicht mehr gehen dürfen! Pfaffe(ſeine Hände zum Himmel emporhebend). All⸗ mächtiger Gott, ſey du Vermittler, da deine Diener es nicht mehr ſeyn können! Der Prieſter ging, und manches Auge ſtarrte ihm wehmüthig nach. Nur Farnsburg und ſeine Ritter blieben thätig; ſie trafen alle Anſtalten zum Zuge, ſchliffen ihre Schwerter und rüſteten ſich zur Fehde. Wie der Abend begann, langte von Neuburgs Veſte ein Eilbote mit traurigen Nachrichten an. Auch dort hatte der Biſchof den Bannbrief anſchlagen laſſen, die Kräſt deſſelben hatte auf die Reiſigen mächtig gewirkt, 182 ſie waren bis auf zwanzig ausgezogen, und dieſe ver⸗ mochten nicht, die Veſte gegen die Kloſterknechte zu vertheidigen, welche nun muthig ſich ringsherum ge⸗ lagert hatten, und die Veſte von dem Löwenritter, welchen Friedrich zur Vertheidigung zurückgelaſſen hatte, als ein Eigenthum des Kloſiers forderten. Er ver⸗ langte ſchnellen Beiſtand und Hilfe, weil er ſich auf die Treue der Wenigen nicht verlaſſen konnte, und jeden Augenblick fürchten mußte, daß ſie ihn zwingen würden, die Veſte zu übergeben. Die beiden Grafen rathſchlagten über dieſe Botſchaft, und fanden endlich, daß ſie— wollten ſie anders den Bann mit Nach⸗ druck löſen— nicht im Stande wären, Neuburgs Veſte mit ſicherm Erfolge zu vertheidigen; ſie befah⸗ len daher dem Ritter, daß er ſammt der Wittwe und ihren Getreuen die Burg verlaſſen, und ſich nach Froh⸗ burgs Veſte ziehen ſollte, wo indeß alle Weiber ihrer Rückkehr harren ſollten. Hier waren ſie vor jedem Ueberfall ſicher. Nur Liſt oder Untreue hätte die ſo ſtarke Veſte überwältigen können. Wider beides ſollte eine hinlängliche Anzahl treuer Ritter und Knechte ſir indeß ſchützen, und ihnen ihr liebſtes Kleinod gegen allen Unfall bewahren. Eſchenbach fand gegen dieſen Schluß— als er ihn vernahm— zwar manches und vieles einzuwenden; da er aber andern Rathſchlag ertheilen ſollte, und doch nicht konnte, ſo war er mit dem eidlichen Verſprechen zufrieden, daß man nicht raſten, nicht ruhen werde, bis ſeiner Verlobten Ei⸗ genthum wieder erobert und ihr auf immer geſichert werde. Auch wurde es ihm nebenbei deutlich bewie⸗ ſen, daß die Kloſterknechte die Veſte um deswillen ſcho⸗ nen, ſie nicht zerſtören würden, weil ſie ſolche als ein Eigenthum betrachteten, das ihnen nie mehr entzogen werden könnte. „Nach einigen Tagen langte der Löwenritter mit Neu⸗ 183 burgs Wittwe und ihren beſten Koſtbarkeiten glücklich in Frohburgs Veſte an. Er hatte, unbemerkt von ſei⸗ nen Feinden, ſich zur Nachtzeit glücklich durch den Forſt entfernt, und freute ſich innig, wie dieſe ſtau⸗ nen würden, wenn ſie am Ende einſehen lernten, daß ſie ſo emſig eine leere Veſte bewacht hätten. Ihm folg⸗ ten bald in kleinern und größern Haufen die Mitglie⸗ der des mächtigen Löwenbundes. Mancher Ritter brachte zehn bis zwanzig bewaffnete Knechte mit ſich. Alle waren hoch entrüſtet gegen den kühnen Biſchof, der's gewagt hatte, ihren untadelhaften Bund zu beflecken. Sie erneuerten dieſen mit den ſtärkſten Eidſchwüren, und gelobten nicht eher ihr Schwert in die Scheide zu ſtecken, bis nicht der Bund gerächt, der Bann gelöst ſey. Als endlich der Rächer von Norden mit ſeinem Zuge auch anlangte, und Farnsburg wohl einſah, daß er wegen der weiten Entfernung die Ritter, welche er dem Kaiſer zu Hilfe geſandt, nicht erwarten konnte, ſo beſchloß er auszuziehen. Beide Grafen muſterten ihre Haufen, und fanden, daß ſich unter ihren Fahnen fünfzehnhundert wohl Bewaffnete verſammelt hatten. Dreihundert ließen ſie zur Bewachung der Veſte zu⸗ rück, und zogen mit den übrigen nach Schwaben. Der Tag ihres Auszugs war traurig für alle, am meiſten aber für die Weiber, deren Herz beim Abſchiede in Wehmuth zerfloß. Alle flehten ihre Ritter, ſich der Gefahr nicht allzuſtark auszuſetzen, und fein zu be⸗ denken, daß ihr Tod auch den ihrigen nach ſich ziehen würde. Seyd ruhig, ſprach der alte Frohburg am Ende, wir werden euch alle geſund und wohl wiederſehen⸗ Die Pfaffen kämpfen nur mit Worten: wenn ſie bloße Schwerter erblicken, ſo beſinnen ſie ſich bald eines an⸗ dern, und verwandeln ihre Drohung in Bitte. Betet indeß für uns, und obgleich der hartherzige Prießter unſte Kapelle verſiegelt hat, ſo glaubt doch gewiß, 18⁴ daß ſich das Ohr des Ewigen nicht verſiegeln läßt. Er wird euer Flehen hören, und unſern Waffen ge⸗ rechten Sieg verleihen! Wie ſie bei Farnsburgs Veſte vorbeizogen, raſteten ſie dort einen ganzen Tag. Alle Reiſige waren treu geblieben, und ſchwuren die Veſte mit vollen Kräften zu vertheidigen. Da aber Farnsburg ſein Habe und vorzüglich ſein altes krankes Weib vor jeder Gefahr ſchützen wollte, ſo berief er noch mehrere ſeiner Lehns⸗ vaſallen nach der Burg, und zog nun mit Ernſt gen Koſtnitz. Kaum wehten ihre Fahnen in der ſchönen Ebne, welche ſich gegen den Rhein hinabzieht, ſo ſand⸗ ten die Bewohner der Stadt ihnen ſchon Boten des Friedens entgegen, welche mit den Löwenrittern un⸗ terhandeln und die Verheerung ihrer Stadt verhin⸗ dern ſollten. Da ſie aber nicht im Namen des Bi⸗ ſchofs kamen und ſeine Geſinnungen nicht anzuzeigen wußten, ſo ſandte ſie Farnsburg ohne Antwort zu⸗ rück, forderte Auflöſung des Bannes und gerechte Ge⸗ nugthuung von dieſem. Dann erſt, fügte er hinzu, will ich die Friedensvorſchläge der Stadt anhören. Traurig zogen die Boten zurück, noch trauriger kehr⸗ ten ſie bald wieder, weil der Biſchof Auflöſung und Genugthuung hartnäckig verweigerte. So entſcheide dann das Schwert! rief Farnsburg, indem er das ſeinige zog, und alle Ritter und Reiſige ſeinem Bei⸗ ſpiele folgten. Geſchreckt durch dieſe fürchterliche Be⸗ wegung, eilten die Boten ſchnell nach der Stadt zu⸗ rück, und die Löwenritter folgten langſam nach. Eine dicke Staubwolke zog vor ihnen her, ſie glich ſo ganz dem Gewitterſturme, welcher die reiche, ſchon reifende Erndte, die ganze Hoffnung des Landmanns, mit ein⸗ mal zu vernichten droht. Ehe ſie noch die Stadt er⸗ reichten, hörten ſie klägliches Jammergeſchrei und heu⸗ lendes Gewimmer. Farnsburg gebot Stillſtand und 185 bald nahten ſich ihnen eine Menge Weiber und Kin⸗ der, die mit bittender Miene um Schonung und Er⸗ barmen flehten. Seyd barmherzig! riefen ſie, ehe eine halbe Stunde vergeht, werden unſre Männer und Väter ſelbſt erſcheinen und euch den Urheber des un⸗ glücklichen Zwiſtes überantworten! Die Ritter ſpra⸗ chen tröſtend mit dem weinenden Haufen, und ver⸗ ſicherten alle einſtimmig, daß wenn auch Fehde ihre gerechte Forderung entſcheiden müſſe, ſie nie ein Weib beleidigen, nie ein unmündiges Kind kränken wür⸗ den. Ruhig lagerte ſich nun der Haufe den Rittern zur Seite, und blickte vereint nach der nahen Stadt, aus welcher eben jetzt ein neuer Haufe zu ziehen be⸗ gann. Es waren die Bürger derſelben, welche ohne Waffen ſich nahten, und in ihrer Mitte den Biſchof nebſt allen ſeinen Dompfaffen gebunden herbeiführken. Als ſie bei den Rittern anlangten, trat ein alter Bür⸗ ger aus dem Haufen hervor und fragte ehrerbietig nach dem Haupte des Löwenbundes. Farnsburg ritt gegen ihn und reichte ihm freundlich die Hand vom Roſſe herab. Farnsburg. Ehrwürdiger Greis, was begehrſt du von mir? Der Bürger. Geſtrenger Herr Ritter! Schon längſt haben wir vernommen, daß dein Bund herr⸗ liche und edle Thaten verrichtet, daß du alles das, was unſre Pfaffen als heilſam und gut anpreiſen, in Werk und in der That ausführeſt! Man nennt dich allgemein der Wittwen und Waiſen Vater, und wir hoffen dieſen auch in dir zu finden. Wir wollen nicht in Fehde, wir wollen in Friede mit dir leben, und bitten dich, daß du unſre Stadt, die deiner Macht nicht zu widerſtehen vermag, in deinen väterlichen Schutz aufnehmen wolleſt. Unſer Biſchof hat deinen Ruhm gekränkt, hat deine Ehre geächtet. Wir über⸗ 186 antworten ihn in deine Hände, und bitten dich, daß du die Rache gegen ihn unterdrücken, und nur dein Recht fordern wirſt. Farnsburg. Ich habe nie mehr gefordert. Hätte er es nicht ſo hartherzig verweigert, ſo würde ich nie drohend vor euern Mauern erſchienen ſeyn. Bürger der Stadt! Die Fehde mit euch iſt geendet! So wie ich dieſem einzigen cer gibt ſeine Hand dem alten Bür⸗ ger) die Hand zur Verſöhnung reiche, ſo reiche ich ſie euch allen, ſo wie ich dieſem Schutz und Friede ge⸗ lobe, ſo gelobe ich ihn güch allen! Nicht ihr, nur euer Biſchof hat meine Rache gereizt, und nur mit dieſem will ich rechten. Wo iſt er?(Die Bürger öß⸗ nen ſich. Der Biſchof Mit ſeinen Anhängern ſteht gefeſ⸗ ſelt in der Mitte.) Alle Bürger. Gnäde! Schonung! Edler Rit⸗ ter! Verzeiht, vergebt ihm, wie uns! Färnsburg(ſteigt vom Roſſe herab und geht zum Biſchofe). Ehrwürdiger Herr! Ihr hört, was dieſe hier fordern und bitten! Ich bin geneigt, beides zu erfüllen! Weit entfernt ſey's von mir, daß ich den Zufall benutzen, euch eure Freiheit mit ſchweren Be⸗ dingniſſen zur Löſung bieten ſollte. Ich fordere nur Recht und Gerechtigkeit, und ihr ſeyd dann, was ihr vorher ward, Biſchof und Hirte eines treuen Volks, das tapfer an euer Seite würde gekämpft haben, wenn es nicht ſelbſt einſähe: wie unrecht, wie weh ihr mir thatet! Biſchof. Geächteter! Verbannter! dir ziemts nicht, ſo mit mir zu ſprechen! Glaube nicht, daß die Treu⸗ lofigkeit meiner Stadt mir andre Geſinnungen einflö⸗ ßen kann. Ich bin ein Diener Gottes, bin Verthei⸗ diger ſeiner heiligen Rechte, und darf keines derſelben verkürzen! Sieh dieſe Haare an, ſie ſind in Beob⸗ achtung der heiligen Pflicht ergraut, hoffe nicht, daß —— 187 ich ſie jetzt mit Schande beflecken, durch niedre Furcht beſudeln werde. Du biſt und bleibſt verbannt! Du biſt und bleibſt geächtet! Farnsburg. Bedenke, was du ſprichſt! Sieh, wie der Haufe, welcher dich vorher umgab, zurück⸗ weicht! Du ſtehſt allein und verlaſſen da! Niemand wird dir beiſtehen, niemand dich vor meiner Rache ſchützen! Biſchof. Der Herr wird mein Schild, der Ewige mein Vertheidiger ſeyn! Du kannſt mein Blut hei⸗ ſchen! Es wird willig fließen, aber keine Marter, keine Pein ſoll fähig ſeyn, meine Zunge zum Segen über dich und deine Begleiter zu löſen! Ich ſprach den Fluch im Namen des Herrn über dich aus, du biſt ſein Ge⸗ ſchöpf, du biſt das Werk ſeiner Hände, in ſeiner Macht ſteht's, dich zu erheben oder zu erniedrigen, dir Fluch oder Segen auszuſpenden. Du erhielteſt ſeinen Fluch, und er ſoll ewig auf dir und deinen Nachkommen haften. Farnsburg. Hartnäckiger Pfaffe, du mißbrauchſt deine Gewalt ſchändlich! Biſchof. Gott gab ſie mir unbedingt! Was du löſen wirſt, ſprach er zu mir, ſoll gelöſet ſeyn! Was du binden wirſt, ſoll gebunden bleiben! Ich habe in ſeinem Namen dich geächtet und verbannt, und du biſt und bleibſt geächtet! Habe ich meine Gewalt miß⸗ braucht, ſo hadre mit ihm, wenn du's vermagſt! Farnsburg. Ewiger! Allmächtiger Gott! Du biſt allwiſſend, du haſt die Worte deines Dieners ge⸗ hört! Mit dir werde, mit dir kann ich nicht hadern! Aber er verwies mich an deine Barmherzigkeit, und dieſe flehe ich an, damit ſie mir und meinen Rittern ohne Vermittler, ohne Stellvertreter werde! Dir wol⸗ len wir künftig unſre Sünden beichten! Zu dir wol⸗ len wir uns wenden, wenn Noth uns drängt und Hilfe uns mangelt! Du haſt Herzen und Nieren ge 188 prüft, du magſt entſcheiden: ob der Fluch wirken ſoll, ob wir deines Beiſtands unwürdig ſind? cer zieht ſein Schwert und hebt es in die Höhe). Kühn kann ich dies Schwert deinem allmächtigen Auge zur Prüfung dar⸗ bieten! Hat unſchuldiges Blut es je befleckt, roſtet eines unſchuldigen Thräne darauf, ſo beuge ich mein Haupt unter deinem Fluche, und unterwerfe mich wil⸗ üig deiner Züchtigung! Er naht ſich dem Biſchofe) Unſre Fehde hat geendet, du haſt deine Vertheidigung Gott ſein Gebot beſſer zu erfüllen ſuchen! Eer zerſchneidet mit ſeinem Schwerte die Stricke, mit welchen der Biſchof und ſeine Begleiter gefeſſelt waren) Du gabſt mir Fluch, ich ſchenke dir Freiheit dagegen! Du gelobteſt mir ewige Feindſchaft, ich gelobe dir und deiner Stadt Ruhe und Friede! Nur eines bedinge ich mir: Laß es den Unſchuldigen nicht entgelten, was ſie aus Furcht an dir verübten. Biſchof. Du verkennſt mich ganz, wenn du dies wähnſt! Ich mußte die Rechte meiner Kirche verthei⸗ digen, und ſie die Freiheit ihrer Weiber und Kinder ten mich für das Leben aller. Ich war immer ihr Vater, und hätte es gerne für ihr Wohl dahin gege⸗ ben. Nein, Bürger, fürchtet meine Rache nicht! Ich gelobe euch bei meiner Würde Vergeſſenheit aller Be⸗ leidigung, und danke euch innig, daß ihr mir Gele⸗ genheit botet, euch zu überzeugen, wie ſehr ich euch liebe! Alle Bürger(unter vollem Fubelgeſchrei). Dank, Dank, edle Ritter! Ehrwürdiger Biſchof! Ewigen Dank! Ein Bürger czu Farnsburg). Immer ſoll euch das Thor unſrer Stadt zur Zuflucht offen ſtehen! Tag und Nacht wollen wir den Biſchof anflehen, daß er euern Bann löſe! Wir wollen euch ſpeiſen und trän⸗ verſagen ſollten! überlaſſen! Er mag entſcheiden! Sieh, ich will indeß ſchützen. Sie nahmen ihre Zuflucht zur Bitte, ſie opfer⸗ ken, wenn andre, durch dieſen geſchreckt, euch beides 189 Farnsburg. Geht, biedre, redliche Männer, zieht in Friede! Euer Biſchof hat uns an Gott verwieſen⸗ Er ſchützt den Sperling auf dem Dache. Wie ſollten, wie könnten wir Hunger fürchten? 3 Biſchof. Ich bin alſo frei? Ohne Bedingung? Ohne Löſegeld frei? Farnsburg. Du biſt es! Biſchof. Ah, wunderbarer Mann! Du ſollſt mich nicht an Großmuth übertreffen! Deine Worte haben mein Herz getroffen, ich kann der Wirkung nicht län⸗ ger widerſtehen! Nur eine Frage— ich bitte, ich flehe dich— beantworte mir, und beruhige damit mein Ge⸗ wiſſen, das bald vor Gottes Throne über alle ſeine Thaten wird Rechenſchaft geben müſſen. — Farnsburg. Frage! Ich werde dir antworten! Biſchof. War der getödtete Abt wirklich ſtrafbar? Wurde er der angeſchuldeten, ſchändlichen Verbrechen, ehe er ſtarb, vollkommen überwieſen? Farnsburg. Friedrich von Frohburg, du warſt der Unſchuld Rächer und ſein Richter! Beantworte du des Biſchofs Frage! Friedrich. Er war ſtrafbar, er wurde ſeines Verbrechens vollkommen überwieſen. Dies kann ich, dies können die Ritter, welche mich begleiteten, bei Gott dem Allmächtigen beſchwören! Viele Ritter. Wir ſchwören's! Wir ſchwören's! Biſchof. So hat er mit Recht gebüßt. So ver⸗ gebe ich euch die Beleidigung, welche ihr vielleicht un⸗ wiſſend ſeiner Würde zufügtet. Ich löſe, was ich gebunden habe. Ich nehme Fluch und Bann zurück und wandle ihn in Segen um! cer hebt ſeine Hände ſegnend in die Höhe) Gott der Allmächtige ſegne und ſchütze euern Auszug, wenn er zur Hilfe der Unſchuld beginnt. Gottes Segen begleite euch auf jedem Pfade! Gottes Lohn werde euch im vollen Maße, wenn ihr 190 in Vertheidigung der Unterdruckten fallet!(Alles Volk ſauk zur Erde und rief laut: Segen! Segen den edlen und guten Rittern!) Biſchof czu Farnsburg). Und nun komm an mein Herz, verlorner und wiedergefundner Sohn! O wie wohl iſt mir, daß die Fehde vermittelt iſt, wie froh bin ich, daß ich ſo biedre und ehrliche Ritter kennen und ſchätzen lernte! Verſchmäht meine erſte, und wahr⸗ ſcheinlich meines Alters wegen, meine letzte Bitte nicht: zieht mit mir in meine Burg, ihr ſeyd alle geladen! Genießt, was ich zu geben vermag, und wenn guter Wille ein Mahl verherrlicht, ſo muß das meinige eines der ſchönſten und herrlichſten werden! Farnsburg. Wir nehmen deine Ladung mit Dank an, wenn du dagegen auch uns eine freund⸗ ſchaftliche Bitte gewährſt. Biſchof. Fordert, theure, lieben Söhne, fordert! Mein beſchämtes Herz wünſcht ſo ſehr eure Großmuth nachzuahmen. Iſt die Kraft meines Wirkens ſo ſtark, wie mein guter Wille, ſo werdet ihr nie eine Fehlbitte thun. Farnsburg. Wir wollten eben auf meines Freun⸗ des Burg hochzeitliche Feſte feiern, als dein Bann dort anlangte, und den Prieſter verhinderte, den Segen über die Verlobten auszuſprechen. Er iſt nun gehoben, erſetze jetzt den Harrenden dieſen Verzug durch neue Wohlthat. Ziehe mit uns und ſegne unſre verlobten Kinder zur Ehe ein. Du wirſt dadurch unſre feindli⸗ chen Nachbarn rings umher überzeugen, daß dein Fluch uns ohne Recht traf, und deinem guten Herzen wirds Wonne ſeyn, ihn in vollen Segen zu verwandeln. Biſchof. Ich bin ſchwach und alt, wollte ſchon in Ruhe meines Erlöſers des kommenden Todes har⸗ ren, aber die Verſuchung iſt zu ſchön, zu reizend, ich kann ihr nicht widerſtehen. Ich will eure Kinder ſeg⸗ nen, und erhört Gott die flehende Stimme ſeines alten 194 und treuen Knechtes, ſo muß ihre Ehe die glücklichſte und zufriedenſte auf Erden ſeyn! Vorher aber—— Graf Farnsburg. Genießen wir mit dir das Friedensmahl und leeren deinen Willkommsbecher! Unter frohem Jubel der Bürger zogen nun die Ritter in die Stadt ein. Es war angenehm und rührend zu ſehen, wie der Biſchof zwiſchen den Grafen einherging, und wie Weiber und Kinder zum Beweiſe ihrer Freude ihren Weg mit Blumen und Laub beſtreuten. Schon verkündigte der Hahn den Morgen, als die Ritter immer noch in der biſchöflichen Burg zechten, und viele ſich erſt nach einem Lager umſahen, als die Grafen ſchon Aufbruch geboten. Munter und fröhlich beſtiegen deswegen doch alle ihre Roſſe, weil ſie des Wachens gewohnt waren und oft viele Nächte hindurch nur auf ihren Roſſen ſchliefen. Friedrich und Hein⸗ rich, Wieſenborn und Eſchenbach führten den Zug an. Ihr Herz ſehnte ſich gewaltig nach der Umarmung ihrer Verlobten, ſie genoſſen ſchon jetzt die Wonne des Wiederſehens, und freuten ſich im Voraus des Augen⸗ blicks, in welchem ſie ihren Trauten die Botſchaft ver⸗ kündigen würden, daß nun alle Hinderniſſe gehoben und ihrer Verbindung nichts mehr hinderlich ſey. Hät⸗ ten die Väter es gebilligt, ſie würden vorausgeeilt ſeyn, und ſicher die Veſte um einige Tage früher er⸗ reicht haben, denn der Zug ging des alten Biſchofs wegen ſehr langſam. Farnsburgs Burgkaplan und Bundsprieſter zog auch wieder mit ihnen. Freude glänzte in ſeinen Angen, und Wonne thronte in ſei⸗ nem Herzen, da die ganze Geſchichte ſich ſo rühmlich geendet hatte, und er nun wieder ohne Gewiſſenszwang unter den Rittern wohnen konnte, die er aufrichtig und mit ganzer Seele liebte. Als der Zug bei Farnsburgs Veſte anlangte, be⸗ ſchloſſen die Grafen hier einige Tage auszuruhen, weil . 192 die ungewohnte Reiſe den Biſchof ſehr geſchwächt hatte. Wie aber dieſer ſah, daß die verlobten Ritter traurig in den Freudenbecher blickten, und aus Sehnſucht nicht Theil am allgemeinen Jubel nahmen, ſo bat er die Grafen ſelbſt um Verkürzung der Ruhezeit, und be⸗ wog dieſe, daß ſie ſchon am andern Morgen wieder aufbrachen. 5 Aengſtlich und freudig klopfte den Rittern das Herz, als ſie am vierten Tage drauf das Ende des Waldes erreichten, welcher unfern Frohburgs Veſte lag. Sie konnten der Begierde, nur wenigſtens den Thurm der⸗ ſelben zu ſehen, nicht länger widerſtehen; ſie ſpornten ihre Roſſe und jagten vorwärts. Gleich lebloſen Bild⸗ ſäulen, welche an der Heerſtraße zur Verehrung aus⸗ geſetzt ſind, fand ſie der nacheilende Zug. Ihre Hände, ihr Körper ruhten ohne Bewegung und Kraft, nur ihr Auge ſtarrte fürchterlich nach der geliebten Gegend, aus welcher dicker Rauch mit Feuerflammen vermiſcht emporſtieg. Mitten aus dieſen ragte der hohe Wart⸗ thurm heraus, die Flammen loderten bis an die Spitze deſſelben und färbten ſeine weiße Mauer ſchwarz. Wahrſcheinlich würden die Verliebten noch lange ohne Bewußtſeyn⸗ dies ſchreckliche Schauſpiel angeſtaunt ha⸗ ben, wenn nicht der Uebrigen ängſtliches Geſchrei ſie aus ihrem gefühlloſen Zuſtande geweckt hätte. Alle ſpornten ihre Roſſe, und eilten vorwärts, um helfen und retten zu können. Auch Friedrich folgte mit ſeinen Freunden bald nach, und obgleich die Uebrigen ſchon weit voraus waren, ſo beflügelte doch die Angſt ſo mächtig ihren Zug, daß ſie eher noch als alle an der brennenden Veſte anlangten. Das Feuer, welches eben an den offnen Thorflügeln und an der Zugbrücke zehrté, hemmte ihre Eile. Sie verſuchten vergebens durch die Flammen durchzudrin⸗ gen. Rauch und Hitze widerſtand gleich mächtig. Ohne irgend etwas retten zu können, würden ſie ſelbſt den ——, — ,————— 193 Tod gefunden haben, wenn ſie weiter vorgedrungen wären. Voll Verzweiflung und Wuth ſprangen ſie vom Roſſe und kletterten an der Mauer hin, um irgend eine Oeffnung, oder doch wenigſtens ein lebendes Ge⸗ ſchöpf zu finden, welches ihnen Nachricht von den Wei⸗ bern und Erklärung des ſo ſchnellen Unglücks geben könne. Aber ſie fanden nirgends, was ſie ſo ängſtlich ſuchten. Schon waren die übrigen ihnen nachgefolgt, ſchon vereinigten die in gleichem Grade troſtloſen Väter ihre Klagen mit den ihrigen, als Friedrichs lauſchen⸗ des Ohr ein weibliches Jammergeſchrei unten im Thale börte. Er drang hinab, und alles folgte. Ehe ſie das Thal erreichten, hörten ſie dies Geſchrei noch einige Male deutlicher; wie ſie aber hinab kamen, herrſchte überall Stille, und ihre rufende Stimme beantworteten nur die Felſenecho. Eben wollten ſie die Gegend wie⸗ der verlaſſen, als ihr ſuchendes Auge im jungen Bu⸗ chenhaine Bewegung bemerkte. Friedrich und Heinrich eilten hin, und fanden dort einige Weiber der Knechte, welche, als ſie ſich entdeckt ſahen, auf ihre Kniee ſan⸗ ken und wehmüthig um Erbarmung und Leben flehten. Es forderte geraume Zeit, ehe ſie den Weibern begreif⸗ lich zu machen vermochten, daß ſie nicht Feinde, nicht Räuber, ſondern die Söhne des Burgherrn wären⸗ Als die Erſchrocknen endlich aufblickten und ſie erkann ten, war ihre Freude eben ſo heftig und groß, wie vorher ihre Angſt geweſen war. Sie umklammerten der Ritter Kniee, und dankten Gott laut und innig, daß er ſie aus ſo großer Gefahr glücklich errettet habe. Ein Weib. Heil uns, daß ihr wieder hier ſeyd! Heil euch, wenn ihr noch zu rechter Zeit kommt, wenns euch gelungen iſt, euxe Bräute aus den Händen der grimmigen Räuber zu entreißen. Friedrich und Heinrich Gusleich Wi 6 rechter Gott! Unſere Bräute in Räuberhänden Löwenritter 1. 13 194 Friedrich, Sprecht, Unglückliche! Wo iſt Klara? Heinrich. Wo meine Agnes? Ein Weib. O weh! weh euch und ihnen, wenn ihr ſie nicht traft, wenn ihr ſie nicht gerettet habt. Friedrich. Wo ſind ſie? Sprecht, wo ſind ſie? Ein Weib. Können wir dies wiſſen? Sie ſchlepp⸗ ten ſie fort! Eine andere. Ich ſah's ſelbſt, wie ſie eure Klara auf's Roß nahmen! Ich hörte, wie ſie euren Namen nannte und Rache über die Mörder forderte! Friedrich emit den Zähnen knirſchend). Sie ſoll ihr werden, ſo wahr ich auf Gottes Varmherzigkeit traue und hoffe! cſein Schwert ziehend) In meiner Hand ſolls verroſten, wenn es nicht der Räuber Blut trin⸗ ken kann. Heinrich eebenfalls ſein Schwert ziehend). Dein Gelübde ſey auch das meinige! Wo zogen ſie hin? Ein Weib. Hinab nach Schwaben! Das ſtärkte unſre Hoffnung! Das— Friedrich. Nach! Mir nach, deſſen Herz Erbarmen fühlt! Auf, Brüder meines Bundes! auf! des Löwen Ruhm iſt ſchändlich befleckt! Die Ritter(welche ſich ihm bereits genähert hatten). Nach! Ihm nach! zur Rache! Graf Frohburg(Friedrichen aufhaltend). Bleib, Sohn, bleib! Deine Eile, deine Jugendhitze wird den Zweck nicht erreichen! Harre noch ein wenig, damit ich den Zug beſſer ordnen kann. Friedrich. O wer wird, wer kann zögern, wenn jeder Augenblick ihren Tod befördert. Graß Frohburg(Friedrichs Hand an ſein Herz legend). Fühle, wie's tobt, wie's hämmert, wie's gleich dem Deinigen Rache und Rettung heiſcht! Und doch muß ich ſein Verlangen verzögern, wenn ich es erfül⸗ len will. Laß mich erſt mit den Weibern ſprechen Die „— 195 Veſte war wohl verwahrt und bewacht. Wie wars möglich, daß die Räuber ſo ungehindert eindringen, ſie ungerochen zerſtören konnten? Hier muß Verräthe⸗ rei ihre ruchloſe That befördert haben. Entdecke ich dieſe, ſo wirds auch nicht ſchwer halten, die Räuber mit ihrer Beute zu finden! Einige Ritter. Er ſpricht weiſe und gut! Be⸗ ginne! Wir harren! Graf Frohburg Gu den Weibern). Wo ſind eure Männer! Wo find die übrigen Knechte, welche ſich ſo ſchimpflich übermannen ließen? Ein Weib. O Gott! Ihr Ende war ſchrecklich! Wir vergaßen über euer Unglück das unſrige! Die Rückerinnerung nagt ſchrecklich an meinem Herzen! Auch ich habe Gefühl! Ich hatte geſtern noch Gatte und Kinder! Jetzt habe ich keines von beiden mehr! O es war ſchrecklich, es war ſchändlich! Gautes Schluch⸗ zen verhindert ſie, weiter zu reden.) Graf Frohburg Gu einer andern). Sprich du! Sind meine Reiſigen, meine Knechie alle ermordet? Oder ſind ſie ſchändlich entflohen? Ein Weib. Keiner hat ſeinen Eid verletzt! Viele ſanken im Kampfe! Die übrigen, welche gefangen wur⸗ den, lagen dieſen Mörgen noch gebunden im Vorhofe, als der Abzug der Räuber begann. Schon wollten wir aus dem Winkel, in welchen wir uns verſteckt hat⸗ ten, hervoreilen und ihre Bande löſen, als ein Haufe zurückkehrte und die Gefeſſelten mit fortſchleppte. Wir würden ihren Zug genauer beobachtet haben, wenn nicht Rauch und Flamme, welche in dieſem Augenblicke überall hervorbrach, uns aufs neue geängſtigt hätte Wir fanden nirgends einen Ausgang; um unſer Leben zu retten, mußten wir über die hohe Mauer herab⸗ ſpringen. Nur uns wenigen gelang der Sprung, d übrigen liegen dort zerſchmettert am Boden! 196 Graf Frohburg. Golt, du ſah'ſts! du wirſi auch meine Rache ſehen und ſie billigen! Aber noch bin ich nicht belehrt genug! Wie konnten die Räuber die Veſte ſo ſchnell erobern? Ein Weib. Euer Bote, den ihr ſandtet, und wel⸗ cher geſtern hier anlangte, war die Urſache all unſers Ungläcks. Seine Erzählung weckte aller Herzen zur Freude, zum Jubel. Eben waren, die Jungfrauen mit ihrem Putze fertig und die Willkommsbecher ſchon ge⸗ füllt, als der Thurmwächter eure Ankunft verkündete. Alkes eilte auf die Mauern, und als wir das Löwen⸗ fähnlein erkannten, die gelben Federn auf den Helmen der Ritter wehen ſahen, da jubelte alles, was eine Zunge hatte, da eilten alle, die ihre Füße bewegen konnten, dem Zuge entgegen. Getäuſcht durch alle dieſe Zei⸗ chen, liefen die Dirnen den Räubern ſelbſt in die Arme, und erkannten erſt zu ſpät, daß Räuber ſie getäuſcht hatten und ihnen ihre Hände zum Willkomm boten. Die wehrloſen Reiſige eilten zwar nach ihren Waffen zurück, aber mit ihnen drang auch der wilde Haufe in die Veſte ein, und ehe die unſrigen ſich zur Wehre ſtellen konnten, waren die meiſten ſchon getödtet, die übrigen ſchon gefeſſelt! Friedrich(bitter). Wißt ihr nun alles? Hat eure Verzögerung gefruchtet? Ein Weib czu Friedrich). Ach, ihr hättet nur ſehen ſollen, wie die Jungfrauen ſich ſo ängſtlich geberdeten, wie ſie klagten und weinten, euern Namen nannten und um Hilfe riefen! Friedrich. Sie rufen noch, und wir Hartherzigen zögern! Fort! Fort! Graß Farnsburg. Noch einen Augenblick! Er iſt der wichtigſte! Auch meine Töchter ſind gefangen! Friedrich. Nein! Nicht länger! Fort, fort! Graf Farnsburg. Der Löwe gebietet, und Du „— ki—— — ——,— 197 mußt gehorchen! Gu den Weibern) Wer waren die Rä⸗ ber? Kanntet ihr keinen aus ihnen? Ein Weib. Wir erkannten keinen, weil wir gleich anfangs dem Getümmel entflohen und uns hinter einen Holzſtoß verſteckten. Nur ſo viel ſahe ich dentlich, daß viele Pfaffen unter ihnen ritten, welche laut die Räu⸗ ber zum Kampfe ermunterten. Es find Geächtete! Es ſind Verbannte, ſchrieen ſie immer! Schont keinen! Gottes Lohn wird euch dafür werden! Graf Farnsburg. Und die Weiber führten ſie unbeſchädigt mit ſich fort? Ein Weib. Ja, alle! Sie hoben ſie mit Gewall auf die Roſſe und hielten ſie darauf feſt! Dies ſah ich deutlich durch die Spalten des Holzes. Graf Farnsburg dzu Friedrich. Siehſt du, was unſre Zögerung nützte! Die Pfaffen haben den Tod ihres Abts gerächt! Es iſt ihnen herrlich gelungen! Aber unſre Rache ſoll eben ſo unverhofft und ſchnell ſie erreichen! Auf! Fort zum Kloſter! Jeder Stein, der von dieſem Gebäude auf ſeiner Stelle liegen bleibt, ſoll mir einen Tag meines Lebens rauben, dies ſchwöre ich— Der Biſchof. Freund meines Herzens, ſchwöre nicht! Höre meinen Vorſchlag und Rath— Alle Ritter. Hört ihn nicht, hört ihn nicht! Friedrich. Tauſend deiner Bannflüche ſollen unſre Rache nicht hindern! Heinrich. Spare ſie für deine gottloſen Pfaffen, auf uns haften ſie nicht! Biſchof. Theure Söhne! Nie wird mein Mund mehr Fluch über euch ausſprechen! Ich billige vielmehr eure Rache! Sie iſt gerecht und löblich, aber gönnt mir die Freude, daß ich ſie ordnen und ausführen darf! Graf Farnsburg. Du? Nein, dü kannſt dies Geſchäft nicht beginnen, was deinem friedliebenden Herzen genügt, iſt dem unſern nur Reiz zur weitern That! Laß——. 198 Biſchof. Allzugroße Hitze, allzuſchnelle Eile ver⸗ eitelt oft die ganze Abſicht und Handlung. Erlaubt mir, daß ich durch eine einzige Frage die erſtere dämpſe, die letztere mäßige. Graf Frohburg. Frage ſchnell, ſonſt verweht der Flug unſrer Roſſe die Antwort! Biſchof. Was iſt die Abſicht eures Zuges? Alle(im wilden Geſchreie durch einander). Rache, blutige Rache über die ehrloſen Buben! Biſchof. Und nicht auch Rettung der Weiber? Viele Ritter. Auch, auch! Biſchof. Wie wollt, wie könnt ihr nun dieſen verſchiedenen Zweck mit einander vereinigen! Friedrich. Erſt Rettung, dann Rache! Biſchof. Wohl geſprochen, aber ſchwer auszufüh⸗ ren! Beginnt ihr die Rettung mit Gewalt, ſo werden ſie euern Streichen die gefangenen Weiber entgegen⸗ ſtellen, und wer unter euch wird ſie hinter dieſer Schutz⸗ wehr antaſten? Fordert ihr die Zurückgabe der köſtli⸗ chen Beute öffentlich, ſo werden ſie traun nicht ſo al⸗ bern und thöricht ſeyn, euch dieſe ohne Bedingung aus⸗ zufolgen. Ihr werdet Friede und ewige Vergeſſenheit zuſichern müſſen, und ohne Ahndung der Frevelthat von dannen ziehen müſſen. Graf Farnsburg. Ein möglicher Fall! Kennſt du beſſern Rath? Biſchof. Ich kenne ihn. Erlaubt, daß ich mit meinen Reiſigen und Knechten voraus nach dem Klo⸗ ſter ziche. Jugendeile ſoll dieſen Zug beginnen und endeyn. Die Pforte des Kloſters ſteht mir als dem Biſchof offen. Kein Mönch wirds wagen, ſie vor mir zu verſchließen. Ich laſſe mir dann alle geheime Ge⸗ mächer deſſelben öffnen, und finde ich die Weiber in einem derſelben, ſo ſchwöre ich euch im Angeſichte des gerechten Gottes, daß ich ſie ſicher und treu in eure Hände überantworten will. — Graf Farnsburg. Dein Rath iſt gut. Friedrich. Wenn nicht Pfaffenliſt darunter ver⸗ borgen liegt! Biſchof. Junger, allzu raſcher Mann! Betrachte dies Haupt, es iſt in Ehren grau geworden. Redlich⸗ keit und Treue haben es ſtets geſchmückt, ich will und werde am Rande meines Grabes es nicht mit Schande beflecken. Lerne unterſcheiden, ſonſt wird dein kühnes Schwert noch oſt das Blut des Gerechten und Unſchul⸗ vigen trinken. Friedrich cgerührt; ihm die Hand reichend). Ver⸗ zeiht mir, Ehrwürdiger, ich wollte euch nicht kränken, aber es wird mir ſo ſchwer, unter ſo vielen Schurken die wenigen Redlichen zu erkennen. Biſchof. Leider und traurig für mein Herz, daß ich deinen Ausſpruch zu beſtätigen gezwungen bin! Graf Farnsburg dzum Biſchofe). Ziehe voraus, wir wollen dir nachfolgen, und unfern des Kloſters deiner Nachricht entgegenharren! Graf Frohbur g. Aber wenn du nun die Wei⸗ ber wirklich unter den Händen der Pfaffen triffſt, wenn du die erſtern, wie mein Herz wünſcht und hofft, uns unbeſchädigt und rein überantwortet haſt, was ſoll dann die Genugthuung für dieſe lodernde Veſte? Wel⸗ ches der Lohn der Jungfrauenräuber ſeyn? Biſchof. Ich werde das Herz und Gewiſſen der Mönche ſtreng prüfen. Finde ich unter ihnen die Thä⸗ ter öder nur Theilnehmer der That, ſo wird dieſe Hand, welche ſie einſt zum Dienſte des Herrn ſalbte, ihre Weihe vernichten! Gebunden und gefeſſelt werden meine Knechte ſie euch zur gerechten Strafe überliefern. Und haben ſie ihre geweihten Zellen durch Jungfrauenraub etheiligt, ſo will ich alle Heiligthümer und die Ge fäſſe des Herrn mit mir nehmen, und das Kere Kie ſter enern Knechten überantworten, damit ſie Feie 200 Drein werfen, und gleich Sodom und Gomorra die Stätte vertilgen, auf welcher die Diener des Herrn ſeines Namens ſpotteten und unter ſeinem Schutze Laſterthaten verübten. Graf Farnsburg. Voran, heiliger Mann! Wir folgen dir gleich Strafengeln, die Gottes Richterſtuhl umreihen! 2 Biſchof eſein Noß beſteigend). Im Namen des Herrn, der die Tugend zu ſchützen, das Laſter zu ſtra⸗ fen⸗ gebot! . SieRitter folgten mit kochendem Herzen, nur einige wene blieben mit ihren Knechten auf des Grafen Geheiß zurück, damit ſie, wenn die Machk des Feuers ſich mindere, durch Hilfe der Vaſallen und Vibeigenen noch retten könnten, was ſeine verzehrende Kraft ver⸗ ſchont habe. Ich übergehe die Tage, welche die Ritter auf dem Zuge nach dem Kloſter verbrachten. Sie wa⸗ ren traurig und trübe, wie die Tage des Winters, wenn ſchneevolle Wolken am Himmel hängen, und hie und da nur ein einzelner Sonnenſtrahl der erſtarrten Erde der Wärme Daſeyn und Zukunft verkündigt. Oft nagte Verzweiflung an der verlobten Ritter Herzen⸗ wenn ſie ſich ihre Bräute in den Händen wollüſtiger Mönche dachten, wenn ihre Einbildungskraft ihnen Bil⸗ der vors Auge ſtellte, deren ſchreckliche Möglichkeit ſie wohl bezweifeln, aber doch nicht vernichten konnten. Hft entquoll dem ſtarrenden Auge der Väter eine Thräne, wenn ſie an ihre Töchter dachten, und ihr banges Wehklagen, ihr ängſtliches Rufen nach Hilfe zu hören, ihr ſtummes Händeringen, ihren verzweif⸗ lungsvollen Blick zu ſehen glaubten.