thet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Keſebedingungen. 1. Qensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 2 den angenommen. 3. Qäntion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher:“ 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: WMet.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „. Auswärtige Lonnenten haben für Hin⸗ und Zurickſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, vaß vas Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ Meine Reiſen dunch die Hoͤhlen des Ungluͤcks F und S des Jammers. Von einrich Spieß. Zweites Baͤndchen. ——— Frankfurt und Leipzig, 1797. Dritte Wanderung⸗ Anfrichtiges Bekenntniß des begangenen Feh⸗ lers iſt die halbe Beſſerung! So ſagts das Sprich⸗ wort, ſo lehrts der Hofmeiſter ſeinen Sleven. Of⸗ nes Bekenntniß des begangenen Fehlers iſt volle Beſſerung, vernichtet iede Strafe, bringt Verzei⸗ hung und Vergeſſenheit zum Lohne! So würde ich lehren, wenn ich Vater waͤre, sder Vetersſtelle 4 vertreten haͤtte. Ich wuͤrde ieden Morgen, ieden Abend dieſe ausgemachte Wahrheit meinen Kindern wiederholen, und ſie bei ieder Gelegen⸗ heit mit der ſtrengſten Gewiſſenhaftigkeit ausuben; ieder Fehler, er ſei auch noch ſo groß, noch ſo wichtig, wuͤrde von mir nicht geruͤgt, nicht geſtraft, und ganz vergeſſen werden, wenn vor oder bei der Entdektung offenherziges Bekenntniß, treue Erzählung der Umſtaͤnde erfolgte. Der groſſe, nnermeßliche Gewinn iſt klar und einleuchtend⸗ Ich erfahre dadurch die Reigung, den Hang mei⸗ nes Kindes, ich ſehe, wie's gehandelt hat, und kann's unterrichten, wie es hätte handeln ſollen, ich kann's bei Gelegenheit in aͤhnliche Lage ver⸗ ſezzen, und ingeheim beobachten: Ob die Verſu⸗ chung noch wurkt? Ob es kaͤmpft, widerſteht und Wa 6— meine Lehren benüzt? Jeder Vater, ieder Erzie⸗ her, welcher dieſe groſſe Regel nicht beobachtet, alle Verbrechen ſeines Kindes mit Strenge ſtraft, und ihm kein Mittel uͤbrig laßt, wodurch es der verdienten Strafe entgehen kann, macht ſein Kind zum Heuchler, verleitet es zu neuen, gröſſern Fehliritten, die es blos deswegen begeht, um den kleinern verbergen, und der ſichern Strafe entge⸗ hen zu konnen. Der Dieb und Moͤrder wuͤrde vielleicht nicht geſtohlen, nicht gemordet haben, wenn ſein ſtrenger Vater ihn nicht in dem Wahne beſtaͤrkt hätte, daß nur bekanntes Verbrechen ge⸗ ſtraft werde, verborgnes, verheeltes keine Strafe nach ſich ziehe. Folgende, aus aͤchten Kriminal⸗ akten geſammelte Geſchichte wird dieſe Wahrheit aufs neue beſtaͤtigen: Johann Gottfried S— dt war der Sohn eines Seifenſteders zu 2— in B—. Er ver⸗ rieth in ſeiner fruͤhen Jugend viele Talente, und der Bruder ſeiner Mutter, welcher Pfarrer eines benachbarten Dorfes war, nahm ihn zu ſich, um ihn in den Anfangsgruͤnden der lateiniſchen Spra⸗ che zu nnterrichten, und zu den gewoͤhnlichen Studien vorzubereiten. Seine Bemuͤhung glůͤkte, der iunge S— ſtudierte in der Folge mit vielem Eifer und groſſem Beifalle die Humaniora, und wollte eben nach der Univerſitaͤt gehen, als Kai⸗ ſer Karl der ſechſte ſtarb. Die Anſpruͤche, wel⸗ che verſchiedene europaiſche Monarchen auf den Beſiz ſeiner Staaten machten, zwangen ſeine ein⸗ zige Tochter, die noch immer unvergeßliche Maria Thereſia, ihr Erbe zu vertheidigen. Ihr kleines Heer konnte der groſſen feindlichen Macht nicht widerſtehen, ſie mußte ſolches ſchnell und anſehn⸗ lich vermehren. Unter den Tauſenden, welche zum Kampfe fuͤrs Vaterland beſtimmt wurden, befand ſich auch der junge S— welcher zwar ungerne den Studien entſagte, aber bald willig und mit Muth unter ihren Fahnen kaͤmpfte. Er kam unter die Dragoner, ward Korporal, und endlich Wachtmeiſter, als dieſer aber durch einen Kartetſchenſchuß gefaͤhrlich in den Schenkel verwun⸗ det. Wie der Krieg endete, verließ er das Spital, und ward als ein vollkommner Kruͤpel, der damals auf einer Kruͤkke hinken mußte, entlaſſen, bald nach⸗ her aber zum Lohne ſeiner Dienſte als Zolleinneh⸗ mer zu N— angeſtellt. Der Gebrauch des Topliz⸗ zer Bades ſtaͤrkte ſeinen Fuß, er konnte in der Fol⸗ ge ohne Kruͤkke gehen, und auch ohne groſſe Be⸗ ſchwerde reiten. Sein Dienſt naͤhrte ihn redlich aber er mußte, weil ſeine Mutter ſchon geſtorben war, mit fremden Haͤnden wirthſchaften, und dieſe beſorgen aͤuſſerſt ſelten die haͤußlichen Geſchaͤf⸗ te mit aͤchter Treue. Er heurathete daher bald her⸗ nach die zwanzigjaͤhrige Tochter eines Buͤrgers im nahen Staͤdtchen, und lebte mit ihr ſehr vergnuͤgt⸗ weil ſie, was ſein einziger Wunſch war, gut haus⸗ hielt, und ihm in iedem Falle willig gehorchte; denn, ob er gleich ein guter, lieber Mann war, ſo forderte er doch ſtets puͤnktlichen Gehorſam, 7 3 6 und ward aͤuſſerſt zornig, wenn man dieſen nur im geringſten weigerte. Er behandelte alle ſeine Untergebnen nach der ſtrengſten Subordinazion, die er bei den Soldaten ausgeuͤbt hatte, und konn⸗ te nie begreifen, warum man ſie im buͤrgerlichen Leben nicht eben ſo ſtreng uͤbe. Nach Jahresfriſt gebahr ihm ſeine Frau ei⸗ nen Sohn, und ſtarb am dritten Tage an den Folgen einer ungluͤklichen Entbindung. Der Va⸗ ter hatte das Kind vorher mit warmer Freude und aͤchter Ruͤhrung in ſeine Arme geſchloſſen, izt ſtieß er es unwillig von ſich, weil ſeine Geburt ihm eine Gattin geraubt hatte, die er wuͤrklich herzlich liebte. Lange trauerte er uͤber ihren Ver⸗ luſt, lange nannte er den unſchuldigen Knaben einen Muttermoͤder, konnte ſeine weinende Stim⸗ me nicht hoͤren, und wollte ihm nie in ſeinem Zimmer dulden. Ein Gluͤk, daß die Grosmutter des Knaben noch lebte, izt Wittwe geworden war, die Haushaltung des Vaters fuͤhrte, und nebenbei alles anwande, um das theure Andenken ihrer geliebten Tochter ſorgfaͤltig zu warten und zu pfle⸗ gen. Ihre Muͤhe gelang, ungeachtet der Knabe nie die Muttermilch gekoſtet hatte, nur bei Waſ⸗ ſer und Brei erzogen ward, ſo gedeihte er doch treflich, kroch nach Jahresfriſt im Gemache um⸗ her, lief und ſprach vollkommen, als er das zweite Jahr ſeines Alters erreicht hatte. In dieſer Zeit ſchien erſt der Vater den ungerechten Haß zu ver⸗ geſſen, mit welchem er den armen Knaben or⸗ ₰ ₰ 7 dentlich gequaͤlt hatte. Sein unſchulbiges Lallen machte Eindruk auf ſein Herz, er duldete ihn izt in ſeinem Zimmer, ſpielte wohl gar dann und wann mit ihm, doch geſchah dieß aͤuſſerſt ſelten, und wenn ihm der Kleine durch ein unwilliges Wort, oder eine verdruͤßliche Mine zum Zorn reizte, ſo folgte allemal Strafe, die oft an militaͤriſche Strenge graͤnzte, und immer den Unwillen der ſanftern Großmutter erregte. Unter aͤhnlicher Behandlung erreichte der muntere Knabe das achte Jahr, ward dann vom Vater in die nahe Schule geſchikt, und mußte ie⸗ den Tag daheim beweiſen, was er in dieſer gelernt hatte. Wenn er dann— wie es oft ge⸗ ſchah— der vaͤterlichen Erwartung nicht ent⸗ ſprach, oder gar fehlte, ſo waren derbe Schlaͤge ſeine Strafe, welche die eifrige Vorbitte der Großmutter nie verhindern, nicht einmal min⸗ dern konnte. Wilhelm— ſo nannte man den Knaben— beſaß die Faͤhigkeiten ſeines Vaters im hohen Grade, auch hatte er Anfangs den beſten Willen und groſſe Luſt, etwas zu lernen, und ſich durch Geſchiklichkeit auszuzeichnen. Wie aber der zu ſtrenge Vater ſtets mehr, als er leiſten konnte, forderte, nie ſeinen Fleiß lobte, immer nur ſeine Nachlaͤſſigkeit ſtrafte, da erkaltete ſein Eifer, er ward gegen alles gleichguͤltig, und— wie er am Ende ſeiner Tage ſelbſt erzaͤhlte— ſogar halsſtarrig. Da ſeiner daheim taͤgliche Schlaͤge harrten, wenn er auch in der Schule 7 3 fleiſſig lernte, ſo nuͤzte er in der Folge die Zeit, welche er dort zubringen mußte, zum kindiſchen Taͤndeln und Spiele, weil er zu Hauſe dieß nur ſelten thun konnte, und immer vom Vater in ei⸗ nen Winkel geſezt wurde, wo er beſſer lernen ſollte, was er vorher ſchlecht oder unrichtig gele⸗ ſen und geſchrieben hatte. Als er das eilfte Jahr erreicht hatte, ging er oft hinter die Schule. Einige andere Schul⸗ kammeraden verleiteten ihn zu dieſem Fehltritte, und bewieſen ihm deutlich, daß ſie unter dieſer Zeit viele ſchoͤne Voͤgel fangen koͤnnten, die er auſſerordentlich liebte, in einem kleinen Kaͤmmer⸗ lein umherflattern ließ, und ingeheim reichlich naͤhrte. Da er, wie ehe und zuvor alle Sonn⸗ abende ſein Schulgeld dem alten Schulmeiſter uͤberbrachte, ſo achtete dieſer ſein Ausbleiben, das er immer ſehr fein und guͤltig zu entſchuldigen ſuchte, gar nicht, und Wilhelm konnte wenig⸗ ſtens einige Tage in der Woche ungehindert auf den Vogelfang gehen. Einige Zeit nachher wuͤnſchte er ſehnlichſt ein Paar Tauben zu beſizzen, die Knaben, welche mit ihm ſpielten, hatten ih⸗ rer ſo viele, aber keiner wollte ſich zum freiwil⸗ ligen Geſchenke verſtehen, und ſein Vater, wel⸗ chem er einſt ſeinen Wunſch zu erklaͤren wagte, lohnte ſeine Bitte mit ein paar derben Ohrfeigen, und mit der Verſicherung, daß er ſolche unnuzze Freſſer nie in ſeinem Hauſe dulden werde. Aber die Begierde, der Wunſch des Knaben„ da⸗ ₰ durch nur vermehrt; wenn er vor den Haͤuſern ſeiner Nachbarn voruͤberging, ſeine Schulkame⸗ raden pfeiffend im Taubenſchlage erblikte, da weinte er oft aus kindiſchem Jammer, und rang ſtets nach Gelegenheit, nur ein Paar dieſer Tau⸗ ben zu beſizzen. Er wollte des Vergnuͤgens, ſie im Hofe zu fuͤttern, und auf den Daͤchern umher⸗ flattern zu ſehen, gerne entbehren, wenn er ſie nur bei ſeinen uͤbrigen Voͤgeln in einer kleinen Hinterkammer, wohin der Vater nie kam, auf⸗ bewahren, und dann und wann beſuchen koͤnne, Um dieſe Zeit, da eben Wunſch und Begierde am heſtigſten nagte, trug ihm ein anderer Knabe ein Paar ſchoͤne Tauben zum Kaufe an. Er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen und verſprach ſol⸗ che mit zwei Groſchen zu bezahlen, da aber der liſtige Knabe erſt das Geld haben wollte, ehe er die Tauben ausfolgte, ſo entſtand neuer Kummer in ſeinem Herzen. Er nahm ſeine Zuflucht zur Grosmutter, aber die gute Alte hatte ihr weniges Geld eben auf ein Paar Schuhe und Struͤmpfe zum nahenden Winter verwendet, und konnte wenigſtens izt des Enkels Bitte nicht erfuͤllen. Schon glaubte er dem vortheilhaften Kaufe, und ſeiner ſo groſſen Freude entſagen zu muͤſſen, als ihm ſein Vater am andern Morgen, wie's jede Woche gewoͤhnlich war, das Schulgeld uͤbergab, um es nach der Schule mitzunehmen. Es wa⸗ ren eber zwei Groſchen, und ſein iunger Freund hatte 1 dem weitern Verkaufe der reizenden 10 Tauben bis am Morgen zu harren verſprochen. Der Schulmeiſter kann bis zur andern Woche warten, bis dahin erhaͤlſt du's von der Groß⸗ mutter zuruk, ſo dachte er, und kaufte die Tau⸗ ben. Er trug ſie mit groͤßter Freude im Schub⸗ ſakke nach Hauſe, und ſtahl ſich ſo oft als moͤg⸗ lich nach der Kammer, um ſie zu beobachten. Aeuſ⸗ ſerſt groß war ſeine Freude, als ſie ſchon am dritten Tage zu Neſte trugen, und am fuͤnften wuͤrklich Eier legten. Nun uberrechnete er ſchon in Gedanken den groſſen Gewinn, welchen ihm in der Folge der Verkauf der iungen Tauben ge⸗ waͤhren wuͤrde, und verwande durch vier Wochen allemal das Schulgeld zum Ankaufe eines neues Paares. Sein Vater, den izt ſeine Wunde mehr als gewoͤhnlich ſchmerzte, ihn aber auch um ſo ſtaͤrker mislauniſcher machte, argwohnte dieſe Zeit hindurch nicht das geringſte, und waͤhnte ſtets, daß Wilhelm in der Schule lerne, wenn er in der Hinterkammer ſtekte, und ſeine Tauben beo⸗ bachtete. Eben ſaß er mit ſeinem Vater am fol⸗ genden Sonntage beim Mittagsmale, als ſich die Thuͤre oͤfnete, und der Schulmeiſter des nahen Dorfs, wohin Wilhelm immer in die Schule ge⸗ hen ſollte, eintrat. Wilhelm zitterte und ahndete Entdekkung, die auch richtig erfolgte. Denn der Schulmeiſter, welcher die woͤchentlichen zwei Gro⸗ ſchen ungerne mißte, kam zu bitten, damit der Herr Einnehmer doch fernerhin ſeinen hofnungs⸗ vollen Sohn den ſo noͤthigen Unterricht genuͤſſen 11 laſſen, und nicht mitten in der ruͤhmlichen Lauf⸗ bahn enden moͤge. Der unwiſſende Vater fragte, forſchte, und Wilhelm bekannte kniend und flehend ſein ganzes Verbrechen, aber dieß ofne Bekennt⸗ niß wekte den Zorn des Vaters, er peitſchte ſei⸗ nen Sohn erbaͤrmlich, und wiederholte dieſe Zuch⸗ tigung durch drei Tage. Unter dieſer Zeit ward Wilhelm in der Hinterkammer eingeſpert, wo er nichts als Brod und Waſſer zu ſeiner Nahrung erhielt. Er wuͤrde dieſe Strafe mit Gedult er⸗ tragen haben, wenn er in der Geſellſchaft ſeiner Voͤgel und Tauben haͤtte leben koͤnnen, aber der wuͤthende Vater hatte vorher alle Voͤgel zum Fen⸗ ſter hinaus gejagt, und den armen Tauben die Koͤpfe abgeriſſen. In dieſem Zuſtande lagen ſie vor ſeinen Augen, und koſteten dieſen viele Thraͤnen. Nach dieſer Zeit durfte zwar Wilhelm nicht mehr in die Schule gehen, aber ſein Loos ward dadurch um vieles verſchlimmert. Sein Vater ward ſein Lehrer, und ſo ſehr ſich Wilhelm auch muͤhte aufmerkſam zu lernen, ſo empfieng er doch ieden Tag richtige Schlaͤge, und mußte die uͤbrige Zeit angeheftet an einem Buche im Winkel ſizzen. Die anhaltende Bitte und Vorſtellung der Gros⸗ mutter wuͤrkte endlich doch ſo viel, daß dem Aerm⸗ ſten erlaubt ward, taͤglich im kleinen Hofe des Hauſes eine Stunde zu ſpielen. Doch durfte er ſich nie weit vom Fenſter, an welchem ſein Va⸗ ter gewoͤhnlich ſchrieb, entfernen, damit dieſer 12—— iederzeit ihn und ſeine Beſchaͤftigung ſehen und beobachten konnte. Im Hofe ſtand gewoͤhnlich geſpaltnes Holz, Wilhelm benuzte ſolches zu ſei⸗ nem Spiele, und ſchnizelte ſich irgend ein Spiel⸗ zeug; endlich begann er gar ein kleines Haus zu bauen, aber ſein ſchwaches Meſſer zerbrach, und er mußte mien im Baue aus Mangel eines an⸗ dern innehalten. Und doch lag ihm dieſer Bau ſo ſehr am Herzen, beſchaͤftigte ihm am Abende, wenn er einſchlief, am Morgen, wenn er erwachte. Sein Vater hatte auf ſeinem Schreibtiſche ein Federmeſſer liegen, dieſes mußte, ſeiner Einbil⸗ dung nach herrlich ſchneiden, die Begierde dar⸗ nach ward groß, und wie der Vater einſt in Ge⸗ ſchaͤften ausritt, konnte Wilhelm der Verſuchung nicht laͤnger widerſtehen, er nahms vom Tiſche, und foͤrderte mit Huͤlfe deſſelben ſeinen Bau in wenig Stunden um ein groſſes, aber der Vater kam unverſehens heim, ſezte ſich ſogleich an ſei⸗ nen Schreibtiſch, und verhinderte dadurch Wil⸗ helmen, das Meſſer wieder an ſeinen Plaz zu le⸗ gen. Nach kurzer Zeitfriſt vermißte der Vater, welcher eben eine Feder beſſern wollte, das Meſ⸗ ſer. Wie er vergebens geſucht, vergebens dar⸗ nach gefragt hatte, ward Wilhelm ins Examen gerufen. Seine Großmutter lauerte an der Thuͤre. Wenn du etwann, flͤſterte ſie leiſe, deines Va⸗ ters Federmeſſer verſchleppt haſt, ſo geſtehs nicht, ſonſt ſchlaͤgt er dich tod. Wilhelm befolgte den Rath; läͤugnete ſtandhaft, zeigte ſein zerbrochenes 13 Meſſer hevor, und bewieß, daß er mit dieſem ge⸗ ſchnizelt, und es eben zerbrochen habe. Der Va⸗ ter ſchien's zu glauben, Wilhelm kam ohne Schlaͤ⸗ ge davon, und war froh wie ein Koͤnig, weil er nun das ſchoͤne Meſſer immer behalten, und ſein Gebaͤude mit Huͤlfe deſſelben ganz vollenden konnte. Wuͤnſchend und hofſend erwartete er die kuͤnftige Stunde zum Spiele, ſie ſchlug, und er gieng mit Eifer an ſeine Arbeit. Wie er eben vollauf mit dieſer beſchäftiget war, donnerte hinter ihm des Vaters Stimme. Du verfluchter, boshafter Bu⸗ be, ſchie er, haſt alſo das Meſſer geſtohlen! Wart! ich will dir die Luſt zum Stehlen vertrei⸗ ben! Nit dieſen Worten hinkte er nach dem Zim⸗ mer, und der angſtvolle Wilhelm oͤfnete das Pfort⸗ chen um der ſchreklichen Strafe zu entfliehen. Er rannte im ſchnellſten Laufe fort, und war bald, weil ſeines Vaters Haus nahe an der Graͤnze lag, im benachbarten Lande. Er wandelte mn lang⸗ ſamer, aber auch weinend weiter. Wie der Abend nahte, hungerte ihn ſehr, eine einzelne Bierſchenke, welche nahe an der Straſſe lag, zog ſeinen Blik auf ſich, er ſchlich naͤher, und endlich hinein. Viele Fremde ſaſſen darinne und zechten. Der Wirth, welcher ihnen aufwartete, fragte Wilhelmen: Was er hier ſuche, und ob er Geld habe? Wie er die lezte Frage mit Nein beant⸗ wortete, nahm ihn der rohe Wirth beim Arme, und warf ihn zur Thuͤre hinaus. Es daͤmmerte ſchon maͤchtig, Wilhelm traute ſich nicht weiter, 14 und lagerte ſich ſtill und weinend auf etwas Stroh welches unter einer ofnen Schuppen lag. Nach, langen Kampfe zwiſchen Ermattung und Hunger, wollte der Schlaf eben Friedensſtifter werden, als die Fremden aus der Schenke heraustraten, und ihren Weg durch den ofnen Schuppen nahmen. Einer derſelben, welcher etwas abſeits trat, ſtol⸗ perte uͤber den kleinen Wilhelm. Was liegt hier? fragte er. Ich! antwortete Wilhelm. Dieſer Antwort folgten ganz natuͤrlich neue Fragen, und Wilhelm, der aus Erfahrung wußte, daß Ge⸗ ſtaͤndniß der Wahrheit groͤſſere Strafe nach ſich ziehe, nahm ſeine Zuflucht zum Luͤgen. Ich bin, ſagte er, ein armes Soldatenkind, mein Vater und meine Mutter ſind uͤber die Graͤnze deſerteurt, und haben mich im naͤchſten Walde, wo ich vor Mattigkeit ein wenig eingeſchlafen war, zuruͤkge⸗ laſſen, izt ſuche ich ſie den ganzen Tag, und kann ſie nirgends finden. Wenn ich nur ein Stuͤt⸗ chen Brod haͤtte, um meinen Hunger zu ſtillen, ſo wollte ich herzlich gerne weiter wandern. Da haſt du ein Stuͤk, ſprach einer der Fremden. Und hier auch etwas Braten! rief ein zweiter. Wie er dankte und aß, ſprachen ſie untereinander leiſe, und geboten ihm endlich, ihnen zu folgen, weil ſie ſerner fuͤr ihn ſorgen wollten. Wilhelm folg⸗ te willig, und die Fremden lenkten ſogleich von der Straſſe ab, gingen eine Stunde lang uͤber ungebahnte Felder und Wieſen, endlich lagerten ſie ſich in einem kleinen Gebuͤſche, einige gingen 3 8 15 zwar weiter, aber Wilhelm blieb bei den Gela⸗ gerten. Die groſſe Muͤdigkeit befoͤrderte ſogleich ſeinen Schlaf, aber er genoß ihn nicht lange, denn noch wars volle Nacht, als ihn einer der Fremden mit einer Blendlaterne in der Hand wekte, und neue Folge gebot. Alle gingen mit, und erreichten bald ein Dorf, in welchen einige Hunde wakker laͤrmten, aber bald ſchwiegen, weil ſie von den Fremden mit Brode und Braten ge⸗ fuͤttert worden. Sie uͤberſtiegen nun einige Zaͤu⸗ ne, und ſtanden bald vor einem kleinen Fenſter ſtille, welches an einem Hintergebaͤnde eines huͤb⸗ ſchen Hauſes angebracht war. Ruͤhr dich nicht! ſprach nun einer der Fremden leiſe zu Wilhelm, und faßte ihn bei der Hand. Die uͤbrigen brachen ſogleich den Laden ab, der das Fenſter verwahrte, und hoben auch die eiſernen Stangen heraus, wel⸗ che im Fenſterſtokke befeſtigt waren. Dieſe Ar⸗ beit geſchah in einer kleinen Viertelſtunde, wie ſie geendet war, hob der Fremde Wilhelmen in die Hoͤhe, und trug ihn zum Fenſter. Kriech hinein, ſprach er, und lange heraus, was du findeſt. Wilhelm wollte ſich weigern. Kriech hinein, ſprach der Fremde zornig, oder ich ſtoß dir ein Meſſer in den Leib! Wilhelm zitterte und kroch hinein. Mach' kein Laͤrm, rief ihm der Fremde nach, ſonſt ſchuſſe ich dich gleich einem Hunde nieder. Wie Wilhelm auf den Boden des Gemachs ſtand, lang⸗ teih m ein andrer die Blendlaterne hinein, und befahl ihm, ſolche auf den naͤchſten Kaſten zu ſiel⸗ len, damit er alles uberſehen, und herauslangen koͤnne, was vorhanden ſei. Wilhelm uͤberblikte nun das Gemach, und ſah deutlich, daß es ein kleiner Kaufmannsladen war, denn rings umher waren Bretter befeſtigt, auf welchen Tuͤcher, Kat⸗ tune, Schnupftuͤcher, Struͤmpfe und Maͤzen Du⸗ zendweis lagen. Er grif mit zitternder Hand nach dem erſten, was vor ihm lag, und langte es denen zu, welche am Fenſter ſtanden. Immer fluſterten ſie ihm Eile zu, und Wilhelm befolgte ihr Gebot nach Kraͤften. Eben hatte er ein groſſes Stuͤk Tuch, welches er der Schwere wegen kaum heben konnte, zum kleinen Fenſter hinausgepreßt, als jaͤher Laͤrm im Hauſe entſtand. Diebe! Diebe! ſchrie man im Hauſe! Diebe! Diebe! ſchrie wieder eine andere Perſon zum Fenſter hinaus. Die Frem⸗ den flohen eilends fort, und lieſſen den kleinen Wilhelm im Gemache ſtehen. Er wußte ſich nicht zu rathen, und zu helfen, doch blies er ſo⸗ gleich das Licht aus, das in der Laterne brannte⸗ Das Geſchrei und Laͤrm im Hauſe ward ſtaͤrker, er hoͤrte Maͤnnertritte auf einer Treppe, und end⸗ lich das Hausthor oͤfnen. Nur nach! Nur nach! Sie haben den Laden erbrochen! Sie tragen groſſe Päkke! Jagt ſie ihnen ab! rief eine Weiberſtimme aus dem Fenſter, und Wilhelm hoͤrte bald nur in der Ferne Tritte, Geſchrei, und endlich zwei Schuͤſſe. Er kroch unter dieſer Zeit zum Fenſter hinaus, und ſprang durch den kleinen Garten über einen niedrigen Zaun ins Freie. Das Be web⸗ 17 welches oben im Hauſe am Fenſter ſtand, ſahs und ſchrie aufs neue ganz entſezlich. Im Dorfe bellten die Hunde, und rufende Stimmen ertoͤn⸗ ten darinne. Wilhelm floh eilends fort, und ganz weißlich nach der entgegengeſezten Seite, von welcher die Stimmen ertoͤnten. Er erreichte bald einen Wald, und wanderte von Angſt und Schrekken getrieben, bis am Morgen weiter. Die Sonne war ſchon aufgegangen, wie der Wald endete, und ihm ein kleines Staͤdtchen aus dem Thale entgegen glaͤnzte„er lenkte nach dieſem hin, erreichte es gluklich, und gieng luͤſtern vor ei⸗ nes Bekkers Laden voruͤber, der eben die neuge⸗ baknen und geruchreichen Semmeln auf dieſen aus⸗ breitete. Ihn hungerte ſehr, und er fragte einen voruͤbergehenden Burgerknaben: Ob er nicht ein Federmeſſer kaufen wolle? Der Knabe beſahs, bot einen Groſchen, und Wilhelm trug dieſen ſo⸗ gleich zum Bekker, um Semmeln zu kaufen, und ſeinen Hunger zu ſtillen. Er verzehrte ſie bis auf ein kleines Stuͤkchen„ und verließ das Städtchen, um weiter zu wandern. Wie er im Freien war, nirgends Huͤlfe fur die Zukunft er⸗ blikte, nicht wußte, wie er am Mittage ſeinen Hunger ſtillen ſollte, da ſank ſein Muth, er be⸗ ſchloß heim zu kehren, lieber die ſchreklichſten Schlaͤge zu dulden, als ſo huͤlſtos und elend um⸗ her zu irren. Mit dieſem ernſten Vorſaze kehrte er nach dem Staͤdtchen zuruk, fragte dort nach ſeinem Geburtsorte, und wie man ihm ſagte, S tes Baͤndchen. B 18 daß er eiwan ſechs Stunden von da entfernt waͤ⸗ re, ihn auch die Straſſe dahin zeigte, ſo ſchrittt er muthig vorwaͤrts. Es daͤmmerte ſchon ſtark, wie er am vaͤterli⸗ chen Hauſe anlangte. Sein Muth, der bisher ſein treuer Gefaͤhrte geweſen war, ſank und ent⸗ floh, ihm graute vor den ſichern und ſchreklichen Schlagen, die er wuͤrde dulden muͤſſen, er wollte mehr als einmal ruͤkwaͤrts wandern, doch trieb ihn der Hunger immer vorwaͤrts, endlich ſchlich er durch die Hinterthoͤre ins Haus, und von da nach der Kammer, in welcher ſeine Großmutter ſchlief. Ach du ungluͤkliches Kind! welche Angſt und Kummer haſt du mir verurſacht! rief dieſe aus, als ſie ihm beim Schlafengehn dort erblikte. Was ſoll ich nun mit dir anfangen? Der Vater hat hoch und theuer geſchworen, dich tod zu ſchla⸗ gen, wenn er dich wieder erblikt. Wilhelm zagte und bebte, wie aber ſeine Großmutter hinab ſchlich, ihm ein groſſes Stük Brod und Butter brachte, da verzehrte er beides ſorgenlos, und ſchlief bald ruhig auf ihrem Vette. Die gutherzige Groß⸗ mutter hatte indes die Nacht kummervoll durch⸗ wacht, und manchen Plan entworfen, wie ſie ihren geliebten Enkel der allzuharten Strafe des Vaters entreiſſen koͤnne. Fruͤh wekte ſie ihn, und fragte: Wo er das Federmeſſer habe? Sie wollte ſolches ingeheim unter den Tiſch des Vaters wer⸗ fen, es beim Austehren finden, und dem Vater glaubend machen, daß er falſch geſehen, und den 2 —— 19 armen, unſchuldigen Wilhelm blos durch ſeine ungerechte, ſchrekliche Drohung zur Flucht bewo⸗ gen habe. Sie erwartete von dieſer Liſt die groͤßte Wirkung, und hofte„daß der Vater dann die Nuͤkkehr des unſchuldigen Sohns ſelbſt wuͤn⸗ ſchen, und ihm ſeine Flucht verzeihen werde. Sie weinte aufs neue, als ihr Wilhelm geſtand, daß er das Meſſer, um ſeinen Hunger zu ſtillen, verkauft habe. Wie er aber verſicherte, daß er die Stadt wieder finden, und den Knaben, an welchen er es verkaufte, ſogleich erkennen wolle, ſo eilte ſie zum naͤchſten Nachbar, borgte dort ſechs Groſchen, und gab dieſe Wilhelmen, damit er ſogleich forteilen, das Meſſer wieder einloͤſen, und von dem Ueberreſte zehren ſolle. Wilhelm lengte glüklich am Abende in dem Staͤdtchen an, ſuchte vergebens am andern Tage den Knaben, und verzehrte unter dieſer Zeit das ganze Geld, welches ihm die Großmutter gege⸗ ben hatte. Da mun laͤngeres Suchen unniz ward, er ſich izt gar nicht mehr heimtraute, ſo wanderte er weiter, und bettelte ſchon im naͤch⸗ ſten Dorfe als ein verlaßnes Soidatenkind einiges Brod. Die Racht uͤberraſchte ihn in einem Wal⸗ de, fruͤhe erblikte er unfern von ſich einen Scha⸗ fer mit ſeiner Heerde, er geſellte ſich zu dieſem, und weidete durch fuͤnf Tage ſeine Schaafe. Die⸗ ſer theilte zum Lohne ſeine Speiſe mit ihm, da aber Wilhelm in der Folge nur mit dem Hunde ſpielte; ihn oft zur Unzeit die Schaafe hezte, 2 20 ſo iagte ihn der Schaͤfer am ſechſten Dage fort, und Wilhelm wanderte weiter. Er wanderte un⸗ gefaͤhr in drei Tagen acht Meilen weiter, und naͤhrte ſich mit Bettelbrod, welches er in den Doͤr⸗ fern ſammlete. So elend ſein Schikſal war, ſo behagte es ihm doch ſehr, weil er ſich frei fuͤhlte, keine Schlaͤge bekam, und thun konnte, was ihm beliebte. Am folgenden Tage zog er vor einem ſchoͤnen Hauſe voruͤber, welches auf einer ſanf⸗ ten Anhöhe lag, und mit einem groſſen Garten umgeben war. Zwei muntere Knaben, welche iuͤnger als er waren, ſpielben nahe am Zaune Ball, er ſah dem Spiele zu, und wie die Spie⸗ ler den Ball uͤber den Zaun warfen, ſo hob er ihn auf, und kletterte in den Garten, um ihnen ſolchen uͤberreichen zu koͤnnen. Die Knaben dank⸗ ten freundlich, luden ihn zum Spiele ein, und Wilhelm erhielt bald durch ſeine Geſchiklichkeit ihren vollen Beifall. Ein Herr ſtand am Fenſter des Hauſes, und ſah dem Spiele zu, endlich kam er hinab, und betrachtete Wilhelmen ſehr genau. Wer biſt du? fragte er endlich. Wilhelm wider⸗ holte, was er, wenn er bettelte, ſtets erzählte, daß er ein armes Solbatenkind ſei, ſeine Eltern in einem Walde an der Graͤnze verlohren habe, ſie nun immer ſuche, und nirgends finden konne. Der Herr ging fort, und erſchien bald wieder mit einer ſchoͤnen Frau um Arme. Wilhelm mußte ſeine Geſchichte wiederholen, die ſchone Frau wein⸗ te, und der Herr ergrif Wilhelms Hand, und 21 führte ihn nach dem Hauſe, dort ward er einer alten Magd uͤbergeben, die ihn kaͤmmte, friſche Wäſche gab, und dann wieder zum Herrn fuͤhrte. Wenn du dich gut auffuͤhren, mir ſchoͤn folgen willſt) ſprach der gute Herr, ſo will ich Vater⸗ ſtelle bei dir vertreten, und dir etwas nuzliches lernen laſſen, damit du dich einſt ſelbſt ernaͤhren kannſt, und nicht betteln gehen darfſt. Wilhelm verſprach alles, und blieb von nun an im ſchoͤnen Hauſe. Acht Tage lebte er dort aͤuſſerſt zufrieden, und vergnuͤgt in der Geſell⸗ ſchaft der beiden Knaben, die ihn bald als ihren Bruder liebten. Sie waren mur fuͤnf und ſechs Jahre alt, durften noch nicht lernen, ſpielten die meiſte Zeit im Zimmer, oder im Garten. Beides war Wilhelmen ſehr angenehm, weil er hoͤchſt un⸗ gerne lernte. Der Herr war fuͤrſtlicher Forſtmei⸗ ſter, und hatte viel Gewehre im Zimmer haͤngen. Der Anblik deſſelben machte Wilhelmen viel Ver⸗ gnuͤgen, er betaſtete es ſtets, und aͤuſſerte endlich in Gegenwart ſeines Pflegvaters den Wunſch, einſt auch mit ſolchem Gewehre ſchuͤſſen zu können. Der Forſtmeiſter ſchwieg, aber nach einigen Ta⸗ gen ward Wilhelm in ſein Simmer gerufen. Ein Jaͤger ſtand an der Thüre. Haſt du noch Luſt ein Jäger zu werden? fragte der Forſtmeiſter den kleinen Wilhelm, und wie dieſer verſicherte, daß er es fuͤr ſein groͤßtes Gluͤt achten wuͤrde, ſo ward ihm der anweſende Jaͤger als ſein kuͤnftiger Lehrmeiſter vorgeſtellt, und ihm aufgetragen, ihn B 3 in allen den groͤßten Gehorſam zu leiſten. Wil⸗ 3 helm verſprachs, nahm von ſeinem Wohlthaͤter, 3 der ihn ferner zu kleiden verſprach, weinend Ab⸗ 3 ſchied, und ging mit ſeinem Lehrmeiſter nach ſei⸗ 3 ner Wohnung. Dieſe lag zwei Stunden weit davon entfernt, mitten in einem groſſen Forſte, welcher ſich viele Meilen weit ringsumher erſtrekte. Dieſe romantiſche Lage machte auf Wilhelmen den groͤßten Eindruk, und da ihn ſein Lehrmeiſter gleich einem eignen Kinde behandelte, ſo lebte er hoͤchſt vergnuͤgt und gluͤklich. Anfangs waren ſeine Be⸗ ſchäftigungen ſehr eingeſchraͤnkt, doch lernte er ſchnell den Gebrauch des Gewehrs, und ſchoß bald Eichhoͤrnchen und Voͤgel vom Baume herab. Wie der Herbſt nahte, begann neue Freude; der 3 Jäger hatte, eine Stunde weit vom Jaͤgerhauſe 3 entfernt, einen groſſen Vogelheerd, dieſer ward nun Wilhelms Sorgfalt anvertraut, er mußte, wenn der Tag anbrach, dahin wandern, und dort 3 bis zur Mittagszeit die voruͤberziehenden Voͤgel zu lokken und zu fangen ſuchen. Nahe beim Heerde befand ſich ein kleines, niedliches Haͤuschen, in welchem Wilhelm die Lokvögel aufbewahrte, und durch eine kleine Hefnung den Heerd beobachtete. Wenn ſich dann Voͤgel auf dieſem ſammleten, ſo zog er mit einem nahe an der Dekke befindlichen Seile das im Heerde verſtekte Schlagnez in die 2 Hoͤhe, und ſank ganz natuͤrlich, wenn dies ſtieg, im kleinen Haͤuschen von der Bank, auf welcher 3 er lauerte, auf den Fußboden herab. Eine ganze 23 Woche hinburch ging der Fang, und die dabei er⸗ forderliche Manpulazion herrlich von ſtatten. Am naͤchſten Sonntage als er eben eine groſſe Men⸗ ge Droſſeln im Nezze beruͤkken wollte, ſich zu meh⸗ rerer Sicherheit einen rechten Schwung gab, und daher mit voller Kraft auf den Fußboden auffiel, brachen die worſchen Bretter unter ſeinen Fuͤſſen, und er ſtuͤrzte in eine tiefe Hoͤhle hinab. Er hatte ſich durch den Fall ſtark am Haupte beſchaͤ⸗ digt, und blieb, wie er hernach vermuthete, einige Zeit ſinnlos liegen. Als er ſeiner Sinne wieder maͤchtig ward, lag er tief im Gebuͤſche, und fuͤhlte ſich an Haͤnden und Fuͤſſen feſt gebunden. Er war nicht weit vom Haͤuschen entfernt„denn dieſes glaͤnzte durch die Geſtraͤuche, und konnte deutlich ſehen, wir einigemal fuͤnf oder ſechs Maͤnner in das Haͤuschen gingen, groſſe Pafke heraus trugen, und immer wiederkehrten, um aͤhnliche zu holen. Er machte kein Geraͤuſch, und verſuchte vergebens, eine der gebundnen Haͤn⸗ de los zu machen. Schon nahte der Mittag, als die Maͤnner zum leztenmale ruͤkkehrten, nur zweie trugen noch einen Pak fort, die uͤbrigen nahten ſich dem Gebuͤſche in welchem er lag. Wilhelm zitterte und weinte. Fuͤrchte dich nicht, ſprach einer der Männer, wir werden dir nicht das Geringſte zu Leide thun, und dich ſogleich los binden, wenn du deinem Herrn nichts von allem ſagſt, was hier geſchah. Wilhelm verſprachs feierlich, und die Männer lößten ſeine Bande. —— — Bis Morgen, fuhr der Sprechende fort, wird das Loch im Fußboden wieder zugemacht ſein, du kannſt kuͤhn darauf ſpringen, es wird nicht mehr brechen, aber wenn du irgend iemanden nur eine Silbe von dem ganzen Vorfalle erzaͤhlſt, ſo iſt dein Leben verlohren, wir lauern dir im Walde auf, und ſchuͤſſen dich gleich einen Hund vor den Kopf. Merke dir dies, nimm dich in Acht, und ſammle izt deine gefangnen Voͤgel im Nezze, damit ſie dirs nicht zerreiſſen und entwiſchen. Die Maͤn⸗ ner gingen nach dieſer Rede fort, nur einer kehrte zuruͤk, und ſagte: Wenn du ſchweigſt, ſolls dein Schade nicht ſein, wir werden dirs ſchon vergelten! Es bedarf wohl keiner naͤhern Erklaͤrung dieſer Geſchichte! Die Maͤnner waren Raͤuber und Diebe, welche wahrſcheinlich ſchon von lange her dies einſame Haͤuschen zu ihrem Aufenthalte benuz⸗ ten, die natuͤrliche Höhle unter dem Fußboden deſſelben zur Aufbewahrung ihres Raubes ge⸗ brauchten, und eben ſo wahrſcheinlich in der Hoͤhle ſchliefen, als Wilhelm durch den gebrochnen Fuß⸗ boden zu ihnen hinabſturzte. Sehr natuͤrlich wars, daß ſie ihn zu ihrer Sicherheit banden, nach dem nahen Gebuͤſche trugen, und indes ihren Raub nach einer andern Hoͤhle in Sicherheit brachten. Wilhelm befolgte das Gebot der Maͤnner puͤnkt⸗ lich, er eilte nach dem Vogelheerde, ſammlete die gefangnen Voͤgel, trug die Lokvoͤgel nach dem Haͤuschen, und eilte ſo ſchnell als moͤglich nach Hauſe. Furcht und Angſt hinderte ihn, in das — 25 ofne Loch zu guken, doch beſchloß er, alles zu verſchweigen, weil er für ſein Leben zagte; er er⸗ zählte deswegen daheim„daß er einem Fuchſe nachgeklettert, von einem Felſen herab geſtuͤrzt ſei, und ſich dadurch am Haupte verwundet habe. Anfangs wollte er dieſe Wunde zur Entſchuldigung nehmen, um einige Tage hindurch den Vogelheerd nicht beſuchen zu duͤrfen, wie er aber ganz weis⸗ lich ͤberlegte, daß er dieſes Geſchaͤft in der Folge doch wieder verrichten muͤſſe, und leicht bei den ihm ſo furchtbaren Maͤnnern einen Verdacht des Verraths erregen koͤnne„ ſo faßte er Muth, und ging ſchon am andern Tage wieder dahin. Schon wars heller Sonnenſchein„als er das Haͤuschen zu oͤfnen wagte, und mit Zittern hineintrat, der Fußboden war vollkommen hergeſtellt, und aller Orten gut befeſtigt. Er war ſonſt ſo vergnuͤgt im Haͤuschen geſeſſen, izt zitterte er, wenn ſih nur das geringſte ruͤhrte, und ſprang einigemal ſogar ins Freie. Wie aber einige Tage ſtill und ruhig verfloſſen, da ſtieg ſein Muth, und er fing wieder wie gewoͤhnlich Vogel. Zwei Wochen nach⸗ her mußte er einige derſelben zu ſeinem Wohl⸗ thaͤter dem Forſtmeiſter tragen, und blieb den gan⸗ zen Nachmittag dort„weil ſeine kleinen Freunde es ausdruͤklich vom Vater forderten, und dieſer es herzlich gerne erlaubte. Der Forſtmeiſter kaufte eben ein Pferd, ritt auf dieſem ſpazieren, fands ſeiner Abſicht angemeſſen, und berief, wie er heimkehrte, den Verkaͤufer ins Zimmer„um 1 6 ———— — — 3 26 ihm ſolches zu bezahlen. Wilhelm erkannte ſo⸗ gleich in dieſem, einen der Maͤnner, welche ihn gebunden hatten, er ſchmiegte ſich in eine Ekke, aber der Mann erkannte ihn doch, und legte ei⸗ nigemal den Finger auf den Mund. Der Forſt. meiſter ſtand an ſeinem Schreibtiſche, anfangs wollte er mit dem dort verwahrten Golde bezah⸗ len, nachher entſchloß er ſich, da der Verkaͤufer ſelbſt darum bat, zur Zahlung in Silber, und ging nach einem Rebengemache, um ſolches zu holen. Wilhelm ſpielte indes wieder emſig mit den Kleinen, und traute ſich nicht zu dem fuͤrchter⸗ lichen Manne empor zu blikken. Der Forſtmeiſter kehrte zuruͤt, zahlte, und der Verkaͤufer ging. Wilhelm folgte bald, weil der Abend nahte, und er eine Meile weit gehen mußte. Wie er von der Straſſe ab, mitten im Walde, nach dem Jaͤ⸗ gerhanſe einlenkte, trat der Verkaͤufer des Pfer⸗ des aus dem Gebuͤſche heraus, und faßte Wil⸗ helmen am Arme. Haſt du reinen Mund gehal⸗ ten? fragte er trozzig. Haſt du dem Forſtmeiſter nicht das geringſte erzaͤhlt? Wilhelm betheuerte es offen und kraͤftiglich. Der Fremde. Kannſt du dein Leben, deine Seele fuͤr die Wahrheit verpfaͤnden? Willſt du vas erſtere verliehren, wenn du mich hintergehſt? Wilhelm. Ja, das will ich. Der Fremde. Willſt, kannſt du ſchweigen all dein Lebelang? „ 27 Wilhelm. Ja, das werde ich. Der Fremde. Dann ſolls izt und kuͤnftig nicht dein Schade ſein. Er zog einen Beutel herans, und zählte ihm zwoͤlf Dukaten in die Hand.) Da nimm! Giebs nicht aus, hebe dirs wohl auf, du wirſt es einſt, wenn du dich ſelbſt ernähren mußt, wohl brauchen koͤnnen. Wilhelm dankte freuden⸗ voll, und der Fremde entfernte ſich. Nie hatte Wilhelm eine ſo groſſe Summe in ſeiner Hand ge⸗ habt, er dunkte ſich izt aͤuſſerſt reich, immer zaͤhlte er im Gehen die Dukaten, bewunderte ihren hel⸗ len Glanz, wikkelte ſie endlich in ein Papier, und verwahrte ſie in ſeinem Schubſakke. Oft wollte er ſie in ſeiner Kammer hinter einen Balfen ver⸗ wahren, aber nie konnte er ſich von ſeinem Schaze trennen, immer trug er ihn bei ſich. Nun verfloſſen zwei volle Jahre in ſtiller Ruhe, und Wilhelm war in dieſer Zeit funfzehn Jahr alt geworden, uͤbertraf an Alter und Geſchik⸗ lichkeit manchen weit aͤltern Jaͤgerpurſchen, genoß die Liebe ſeines Lehrmeiſters„und ward noch im⸗ mer mit gleichein Eifer von dem wohlthaͤtigen Forſt⸗ meiſter unterſtuzt. Er hatte dieſe lange Zeit hin⸗ durch keinen der unbekannten Maͤnner mehr im Walde erblikt, wurde ihrer ganz vergeſſen haben, wenn ihn ſein Schaz, den er noch immer unangeta⸗ ſtet bei ſich trug, nicht taͤglich an ſie erinnert haͤtte. Eben war wieder die Hälfte eines Herbſtes ver⸗ ſtrichen als er in einem benachbarten Dorfe zur Firmeß geladen wurde, und mit Erlaubnis ſeines Lehrmeiſters auch dahin ging. Die iungen Pur⸗ ſche tanzten in der Schenke, er miſchte ſich unter ſie, tanzte mit, und trank mehr als gewoͤhnlich. Wie BVier und Vrandwein ſeinen Kopf gleich ſtark benebelt hatten, forderten, nach gewoͤhnlicher Sitte, die Muſikanten ihre Bezahlung, er achtete in die⸗ ſem Zuſtande ſeines Schazes nicht, gab ihnen ei⸗ nen Dukaten, und verſprach noch einen, wenn ſie bis an den Morgen aufſpielen wuͤrden. Sie thatens und der betrunkne Wilhelm zahlte richtig. Da ſolch ein Lohn im Dorfe nicht gewohnlich war, ſo ward ſeine Freigebigkeit balb das Geſpraͤche deſ⸗ ſelben, und kam, mit allerhand Zuſäzzen vermehrt, zum Vhre ſeines Lehrmeiſters. Dieſer ſtaunte mit Recht, als man ihn verſicherte, daß ſein Jaͤger⸗ junge mehr als einmal eine Handvoll Dukaten herausgezogen, und die Muſikanten mit zween derſelben beſchenkt habe, er harrte ſeiner mit Be⸗ gierde, weil er eben im Walde abweſend war, und forderte, als er am Abende zurükkehrte, ſo⸗ gleich ofnes Geſtaͤndniß: Wie und woher er zu ſo vielem Gelde gekommen ſei? Wilhelm, welcher durch ſeines Vaters Haͤrte von Jugend auf zur Läge gewohnt war, und vfnes Bekenntnis als ei⸗ ne ſichere Strafe ſcheute, vielleicht nebenbei auch noch die Rache der unbekannten Maͤnner fuͤrchtete, wollte anfangs die ganze That läͤugnen, wie aber der kluͤgere Lehrmeiſter ſeine Taſchen unterſuchte, und wurklich noch zehn Dukaten bei ihm fand, ſo 29 nahm Wilhelm ſeine Buflucht zu einer nenen Luͤge, und verſicherte dreuſt, daß alle dieſe Dukaten ein Geſchenk ſeines Wohlthaͤters des Forſtmeiſters waͤren, welche er nach und nach von ihm erhalten, immer ſorgfaͤltig aufbewahrt, im Rauſche aber zwei daben ausgegeben haͤtte, und mun dieſe That um deswilien verheelen wollte, weil er ſeinen Wohlthaͤter durch ſo ſchlechte Verwendung, die ihn izt herzlich reue, ganz natuͤrlich beleidigen muͤſſe. Der Lehrmeiſter, welcher das gute Herz des Forſtmeiſters, ſeine Vaterliebe zu dem Juͤngling kannte, glaubte Wilhelis Erzaͤhlung vollkommen, und verwieß ihm nur die ſchlechte Verwendung des Geſ s. Damit dich, ſprach er, nicht bei aͤhnlicher Gelegenheit neue Verſuchung zu ſolch einer Verſchwendung reizt, will ich dir das uͤbrige Geld aufheben, und morgen die ganze Geſchichte dem Herrn Forſtmeiſter erzaͤhlen, denn ich bin gewiß, daß er dir unter ſolchen umſtänden die That willig verzeihen wird, aber aͤuſſerſt zuͤrnen, und ſchrekliche Dinge von dir denken wuͤrde, wenn er ſie gleich mir mit ſo vergroͤſſerten Umſtaͤnden erfahren ſollte. Obgleich Wilhelm ſehr natuͤrlich dies Bekenntniß unter mancherlei Vorwand zu hindern ſuchte, ſo beſtand doch ſein Lehrmeiſter feſt darauf, und verſicherte wiederholt, daß die ganze Geſchichte ſeinen Wohlthaͤter nicht erzuͤrnen werde. Der in der Schlinge gefangne Wilhelm Ling nun zagend und furchtend ſchlafen. ———— Nacht und Finſterniß vermehrten ſeine Angſt, of⸗ nes Bekenntniß wuͤrde ſie ganz gemindert haben, aber dies achtete Wilhelm nun ganz fuͤr unmoͤglich, furchtete ſogar mit wahrſcheinlichem Grunde, daß man ihm keinen Glauben beimeſſen werde. Sei⸗ ne Angſt vermehrte ſich daher mit ieder Stunde, trieb ihn um Mitternacht aus ſeinem Bette, und zum aͤuſſerſten Nittel, zur ſchleunigen Flucht. Wie der Tag anbrach, war er ſchon drei Meilen weit von ſeinem bisherigen Wohnorte entfernt, warf ſich matt und ermudet unter einen Baum nieder, und weinte bitterlich. Das Bewuſtſein, daß er unſchuldig leide, vermehrte ſeinen Jam⸗ mer, und die Ueberzeugung, daß er ohne Lehr⸗ brief und Atteſt nirgends Dienſt finden wuͤrde, nagte ſchreküch an ſeinem Herzen. Endlich be⸗ gann er ſeine Flucht aufs neue, und ernaͤhrte ſich kuͤmmerlich durchs Betteln„ weil er keinen Pfennig mit ſich genommen hatte. Nur wenige fragten nach der Urſache, welche ihm zum Betteln bewog, und dieſen erzaͤhlte er, daß ſein Vater wegen Verdacht eines Wilddiebſtahls ſein Brod verlohren habe, ihn nun nicht mehr ernaͤhren koͤnne, und geradezu fortgeſandt habe, um unter fremden Leuten Huͤlfe zu ſuchen. Keiner bezwei⸗ felte dieſe Erzaͤhlung, und ließ ihn ungehindert weiter ziehen. Schon war er fuͤnf Tage im Lande umher geirrt, naͤherte ſich izt der Graͤnze, und wollte eben in einem kleinen Städtchen an einem Sonn⸗ 5 tage in die Kirche gehen, als ihn ein voruͤberge⸗ hender Gerichtsdiener am Arme faßte, nach ſei⸗ nem Paſſe und Namen fragte, uͤber ſeine Antwor⸗ ten mißtrauiſch lächelte, und ihn endlich nach dem Rathhauſe in Arreſt fuͤhrte. Am andern Tage wurde er ordentlich verhrt. Er gab ſich im Ver⸗ hoͤre einen andern Namen, erzaͤhlte, was er, wenn er bettelte, immer erzaͤhlt hatte, ſtaunte aber hoch, als man ihn fragte: Ob er nicht Wil⸗ helm heiſſe? Richt als Jägeriunge zu H— ge⸗ dient? Nicht in der Nacht von dort entflohen ſei? Er laͤugnete alles beharrte auf ſeiner erſten Ausſage, ward aber nicht, wie er hofte, freige⸗ laſſen, ſondern vielmehr mit Eiſen belegt, und nach einem alten Schloſſe, welches izt die Stelle des Kriminalarreſies vertrat, in Verwahrung ge⸗ bracht. Da alle Gemaͤcher deſſelben eben mit vielen Mitgliedern einer gefaͤhrlichen Raͤuberbande angefuͤllt waren, ſo ſezte ihn der Gefangenwaͤrter zu einem von dieſen, weil er natuͤrlich mit keinem derſelben in Verbindung ſtand. Wilhelm warf ſich, ohne ſeinen Kameraden anzuſehen und zu gruͤſſen, aufs Stroh, welches in einer Ekke des Kerkers lag, und weinte bitter⸗ lich. Armer Junge! Wie kommſt denn du hieher? fragte bald hernach eine Stimme. Wilhelm blikte auf, und ſah eben den Unbekannten, welcher ihm einſt die zwoͤlf Dukaten geſchenkt hatte, in einem Winkel ſizzen, ſeine Haͤnde und Fuͤſſe waren mit Ketten beſchwert, ſeinen Leib umgab ein eiſerner Ring, welcher ebenfalls an einer Kette hing, die mit dem Ende an der Wand befeſtigt war. Der Unbekannte fragte aufs neue, und Wilhelm er⸗ zaͤhlte ihm die ganze Geſchichte, weil er hier neue Luge nicht nothig achtete. Hm, ſprach der Un⸗ bekannte, ich kanns izt ſchon begreifen. Man wird dich fuͤr einen Dieb halten, und als dieſen mit Stekbriefen verfolgen. Weine nicht, und gieb dich zufrieden; wenn du meinem Rathe fol⸗ gen willſt, ſo kann noch alles gut gehen, und das⸗ ienige, was dein Ungluk ſein ſollte, dein größtes Gluͤk werden. Indes der Unbekannte fortfuhr, den armen Wilhelm mit Hofnungen mancher Art zu laben, will ich in Kuͤrze erzaͤhlen, wies ge⸗ ſchehen konnte, daß Wilhelm wuͤrklich fur einen Dieb gehalten, deswegen mit Stekbriefen ver⸗ folgt, und endlich gefangen genommen wurde. Als der Forſtmeiſter zwei Jahre vorher das Pferd ven dem Unbekannten kaufte, vom ofnen Schreibtiſche wegeilte, um aus dem andern Zim⸗ mer das erforderliche Silbergeld zu holen, trat der Unbekannte zum Schreibtiſche, und ſtahl, oh⸗ ne daß es die ſpielenden Kinder bemerkten, aus einem ofnen Schublaͤdchen deſſelben einen Beutel, durch welchen blankes Gold ſchimmerte. Er waͤhlte abſichtlich nicht den Beutel, aus welchem ihn anfangs der Forſtmeiſter bezahlen wollte, weil er entdekt zu werden fuͤrchtete, ſondern er nahm ihn aus einem andern Schublaͤdchen, und ſchob dieſes zu Vermeidung aller Entdekkung be⸗ hende hende zu. In dieſem Beutel, mit welchem er ohne Verdacht und gluͤklich entkam, befanden ſich hundert neue kaiſerliche Dukaten, alle von einem Jahre und Schlage, welche ſich der Forſtmeiſter aus bloſſer Liebhaberei nach und nach eingewech⸗ ſelt, und beſonders verwahrt hatte. Der Unbe⸗ kannte bemerkte das Beſondre dieſer Sammlung nicht, und ſchenkte von dieſen entwendeten Duka⸗ ten zwoͤlf Stuͤk dem Wilhelm, als er mit ihm im Walde ſprach. Der Forſtmeiſter vermißte dieſe Dukaten erſt ſechs Monate nachher, weil ſie in ei⸗ nem beſondern S aden lagen, und von ihm zu einem Wochenbette⸗Geſchenke fuͤr ſeine Frau beſtimmt waren. Er hatte einigemal den Schluͤſ⸗ ſel zum Schreibtiſche einem alten treuen Diener anvertraut, und erinnerte ſich auch, daß er den Schluͤſſel einſt abzuziehen vergaß, wie eine eben ſo alte, und als treu bekannte Magd das Zimmer aufraͤumte. Da eines von beiden, ſeiner Mei⸗ nung nach, der Dieb ſein mußte, und keines doch nicht das geringſte geſtehen wollte, ſo entließ er beide ihres Dienſtes, um nicht aufs neue und ſtär⸗ ker beſtohlen zu werden. Der Forſtmeiſter war ſehr reich, um die ſonſt ſo treuen Dienſtboten an fernern Fortkommen nicht zu hindern, ſprach er nur mit wenigen von dieſem Diebſtahle, und hatte ihn ſchon ganz vergeſſen, als Wilhelms Lehrmei⸗ ſter bei ihm erſchien, Wilhelms wahrſcheinliche Flucht anzeigte, die ganze Geſchichte erzaͤhlte, und die ihm abgenommenen zehn Dukaten vorlegte. E ———— 34 Der Forſtmeiſter erkannte ſie ſogleich als dieieni⸗ gen, welche ihm waren geſtohlen worden. Ihm lag auſſerſt viel daran, zu erfahren: Ob der un⸗ dankbare Wilhelm wuͤrklich, wenn er dann und wann ſeine Kinder beſuchte, den Diebſtahl ver⸗ uͤbt, oder nur Kenntniß davon gehabt habe, und durch andere dazu verleitet worden ſei? Deswe⸗ gen traf er die ſchleunige Anſtalt, ihn mit Stek⸗ briefen im ganzen Land zu verfolgen, und erreich⸗ te dadurch auch wuͤrklich den Entzwek, daß er end⸗ lich angehalten, und gefangen geſezt wurde. Da aber Wilhelm im Verhoͤre alles laͤugnete, ſo ſchrieb der Magiſtrat an das Forſtamt, und ſtellte es die⸗ ſem frei: Pb es den wahrſcheinlichen, aber doch alles laͤugnenden Thaͤter auf eigne Gefahr und Un⸗ koſten abholen, oder zur nöthig ſcheinenden Kon⸗ frontazion und Ueberzeugung zwei den Fluͤchtling genau kennende Zeugen nach dem Verhaſtsort ab⸗ ſenden wolle? Indes die Poſt dieſe Anfrage an das Forſi⸗ amt, und die Antwort deſſelben hin und her trug⸗ verleitete der ſchlaue Unbekannte den armen Wil⸗ helm zu einem der groͤßten Wagſtuͤkke. Dir iſt, ſprach er zu ihm, nicht zu helfen, du wirſt als ein Dieb erklart, und als dieſer auf ewig zum Zuchthauſe verurtheilt. Willſt du izt auch alles aufrichtig bekennen, ſo wird mans doch fuͤr neue Luͤge achten, und ſollteſt du dich am Ende etwan gar auf mein Zengnis berufen, ſo muß ich dirs vffenherzig geſtehen, daß ich zu meinem Beſien 35 alles laͤugnen werde. Dann biſt du erſt ganz ver⸗ lohren, kannſt, wenn du nichts anders geſtehen willſt, noch obendrein auf die Folter geſpannt werden. Dich und mich rettet alſo nichts, als eine geſchikte und ſchleunige Flucht, die wir gluͤk⸗ lich ausfuͤhren koͤnnen, wenn du mir beiſtehen willſt. Wilhelm wankte anfangs zwiſchen Wol⸗ len und Pichtwollen, wie aber der Unbekannte ſeine Angſt treflich mehrte, und nebenbei verſprach, ihn nicht allein gluklich uͤber die Graͤnze zu fuͤhren, ſondern auch mit Geld und noͤthigen Paͤſſen zu un⸗ terſtuͤzzen, ſo verſprach er alles beizutragen, was in ſeinen Kraͤften ſtehe. Schon in der folgenden Nacht ward daher Anſtalt zur Flucht gemacht, und ſolche auch glüklich ausgefuͤhrt. Wilhelm mußte, ſo bald am Abende der Gefangenwaͤrter das Ge⸗ faͤngnis zum leztenmale unterſucht hatte, den Fuß eines hoͤlzernen Stuhles losbrechen, und dieſen dem Unbekannten reichen. Seine Haͤnde waren ſeſt mit den ſogenannten Handſchellen zuſammenge⸗ ſchloſſen, da dieſe aber nicht vollkommen paßten, und er, weil er ſchon ein halbes Jahr gefangen ſaß, wahrſcheinlich magerer geworden war, ſo koſtete es ihm wenig Muͤhe, eine der Haͤnde durch die Schellen heraus zu ziehen, dadurch beide frei zu machen, und ſich der ganzen Handkette zu entle⸗ digen. Nun ergrif er den Stuhlfuß, wikkelte mit dieſem die Kette, welche an ſeinem Leibringe und an der Wand befeſtigt war, vielfach zuſammen, ſtemmte das Stuk Holz gegen die Mauer, wogte C 3 36 damit hin und her, und ſprengte auf dieſe Art bald eines der Kettenglieder. Er konnte nun frei im Gemache umhergehen, und gab ſich viele Muͤ⸗ he, auf gleiche Art, die zwiſchen den Fuͤſſen be⸗ findliche Kette zu ſprengen, da aber dies ſowohl Wilhelmen, der eine aͤhnliche Kette trug, als auch dem Unbekannten unausſtehliche Schmerzen verurſachte, und doch nicht gluͤkte, ſo wikkelten beide, um die Fußſchellen zu verbergen, und das Klirren der Zwiſchenkette zu verhindern, ein Schnupftuch um dieſe, und ſchritten zur weitern Arbeit. Mit eben dem Stuhlfuſſe ſtieß der Un⸗ bekannte den Ofen ein, brach ſehr leicht das da⸗ rinne befindliche eiſerne Gitter von einander, weil ſolches ſchon vom Feuer ſehr ſtark ausgebrannt war, und ſprengte mit weit groͤſſerer Muͤhe, aber doch gluͤklich das Schloß der eiſernen Ofenthuͤre, mit welchem ſolche von guſſen verwahrt war. Die Defnung war zum Durchkriechen viel zu klein, aber mit Huͤlfe der losgebrochnen eiſernen Ofen⸗ ſtangen machten ſie ſolche bald groſſer, loͤßten die Ziegel los, und krochen hinaus. Jzt e den ſie ſich in einem langen Gange, der am En⸗ de nur mit einer ſchwachen Thuͤre verwahrt war, die ſich leicht aus den Angeln heben ließ. Schon Freiheit athmend ſtiegen ſie nun in den Schloß⸗ hof hinab, fanden aber das groſſe Thor verſchloſſen. Da ſolches nach der Stadt ging, und nahe dabei der Thorwaͤchter wohnte, deſſen Hund ſchon zu 8, begann, ſo wagten ſie keine Gewalt, und ——— 37 krochen nun in den oͤden Gemaͤchern umher, um einen Ausgang zu ſuchen. ueberall fanden ſie ſolchen durch die ofnen Fenſter, aber uͤberall ſchauderten ſie auch zuruk, weil das Schloß auf einem hohen Felſen lag, der iaͤh hinab ſich ſenkte, und keinen Sprung erlaubte. Mit vieler Muͤhe kamen ſie endlich in den Schloßzwinger, und da ſie eine dikke Stange in dieſem fanden, mit Huͤlfe derſelben auf und uͤber die Mauer. Wie ſie durch eine kleine Seitengaſſe der unbefeſtigten Stadt ſchlichen, rufte der Nachtwaͤchter eben die zweite Stunde nach Mitternacht aus, ſie verſtekten ſich hinter einen Holzſtoß, und er ging ohne Verdacht bei ihnen voruͤber. Der Unbekannte, welcher die ganze Gegend genau kannte, ward nun Wilhelms Anführer, ſie kamen gluklich aus der Stadt, und erreichten bald einen Wald, in welchem ſie ſo ſchnell, als es ihre Fußeiſen erlaubten, fortwan⸗ derten. Wie der Tag begann, legten ſie ſich in einem Dikkichte nieder. Wilhelm war aͤuſſerſt er⸗ mattet, und ſchlief ſogleich ein; wie er erwachte, hatte ſich der Unbekannte ſchon ſeiner Fußeiſen entledigt, und verſuchte ein gleiches an Wilhelm. Der Verſuch gelang, das ſtarke Schloß ſprang endlich, und er freute ſich herzlich daruͤber. Der Unbekannte trug noch immer den eiſernen Ring, an welchem uͤberdies noch ein Stuͤk Kette hing, um den Leib. Alle Verſuche, ſich deſſen zu ent⸗ ledigen, waren vergebens, ſie hatten zum Werk⸗ zeuge nur Steine, Wilhelm war nicht ſtark ge⸗ E 3 38 nug, mit dieſen das Kettenglied, welches den Ring zuſammenhielt, zu zerſchlagen, und der Unbekannte konnte ſeine Staͤrke nicht dazu verwenden, weil es zu nahe an ſeinem Leibe war, und er durch iede nothwendige Bewegung ſich ſelbſt an der Arbeit hinderte. Er verbarg endlch den Ring ſamt der Kette unter einem Schnupftuche, wel⸗ ches er ſich in Form einer Binde um den Leib band, und ſie gingen weiter. um nicht unwahrſcheinlich zu werden, mußte ich bis izt aͤuſſerſt umſtaͤndlich erzaͤhlen, und ieder Kleinigkeit bei der Flucht gedenken, ich werde noch laͤnger ſo fortfahren, weil jeder kleine Umſtand auf der fernern Flucht fuͤr Wichelm merkwuͤrdig war, und in der Folge wuͤrklich ſeine Thaten leitete. Noch eine Stunde lang wanbelten ſie im Walde fort, und kamen endlich ins Freie. Ein einzelner Meierhof lag unfern davon im Thale⸗ Der Unbekannte welcher bereits Wilhelmen ver⸗ traut hatte, daß er Wachtel Jokel(Jakob Wach⸗ tel) heiſſe, ging gerade darauf zu, und laͤchelte, wie Wilhelm deswegen aͤngſtliche Beſorgniß aͤuf⸗ ſerte. Sorge dich nicht, ſprach er, hier woh⸗ nen Bekannte und Freunde, welche uns nicht ver⸗ rathen, willig Koſt und Quartier geben werden. Wilhelm fand das Verſprechen gegruͤndet, denn, wie ſie in die Stube traten, reichte der Haus⸗ wirth dem Jokel ſogleich die Hand zum Willkomm, beide ſprachen heimlich, und der erſtere fuͤhrte ſie ſogleich nach dem Heuboden, wo ſie ſeiner Verſicherung nach ungeſtoͤhrt ruhen konnten, Wil⸗ helm warf ſich ſogleich aufs Heu, konnte aber nicht ſchlafen. Jokel ſezte ſich unfern von ihm nieder, ſprach nochmals mit dem Wirthe heim⸗ lich, und dieſer ging fort, kam aber bald mit ei⸗ nigen Werkzeugen zuruͤk, mit deren Huͤlfe er den Jokel bald von dem laͤſtigen Ringe befreite. Jo⸗ kel hatte die im Walde losgemachten Fußeiſen bisher in der Roktaſche bei ſich getragen, er zog ſie izt heraus, wiktelte dieſe, und den durchgefeil⸗ ten Ring in das Schnupftuch, und uͤbergab ſie dem Wirthe, damit er ſie am naͤchſten Sonntage nach Marietaferle(wo man ein wunderthaͤtiges Mutter⸗Gottesbild verehrte) tragen, und dort dieſem Bilde zum Danke fuͤr ſeine gluͤkliche Ret⸗ tung hinter dem Altare opfern ſollte. So iung und unerfahren Wilhelm auch noch war, ſo fiel ihm dieſe beſondre Handlung doch auf, er ſprach mit Jokel daruͤber, und ſuchte zu behaupten, daß dieſes Opfer der Mutter Gottes wohl nicht an⸗ genehm ſein konne, auch bezweifelte er eben ſo ſtark ihre Beihuͤlfe zur gluklichen Flucht. Aber Jokel bewieß das Gegentheil aus vielfaͤltiger Er⸗ fahrung, und behauptete dreuſt, daß die Mutter Gottes auch Diebe und Moͤrder beſchuͤzze, wenn man nur iedes Vild und Statue, welches ſie vor⸗ ſtelle, mit einem kurzen Gebetlein begruͤſſe, und in ieder Noth ſeine Zuflucht zu ihr nehme. Jokel verſicherte, daß er nun ſchon zum viertenmale mit ihrer Huͤlfe aus dem Kerker entſprungen ſei, ihr allemal die geloͤßten Eiſen geopfert habe, und fer⸗ ner opfern werde. Fern ſei's von mir, daß ich durch dieſe Er⸗ zaͤhlung der katholiſchen Religion zu nahe treten, irgend einen ihrer ehrwuͤrdigen Gebraͤuche laͤcher⸗ lich oder verdaͤchtig machen will, ich will blos dadurch beweiſen, und hoffe mit dieſem Beweiſe Nuzzen zu ſtiften, daß der blinde Aberglaube ſehr oft der Dekmantel des Laſters wird, und dem Boͤſewichte immer eine gebahnte Straſſe zeigt, anf welcher er der zeitlichen und ewigen Strafe zu entgehen hoft. Wie ſie einige Stunden geruht hatten, brach⸗ te ihnen die Wirthin Speiſen, welche ſie mit groͤß⸗ tem Appetite verzehrten. Der Wirth kam auch auf den Boden, und Jokel ſprach laut und ohne Scheu mit ihm. Er fragte nach verſchiednen Be⸗ kannten, der Wirth verſicherte aber, daß ihn ſeit langer Zeit keiner derſelben beſucht haͤtte, und alle uͤber die Graͤnze geflohen waͤren, weil ſie Entdek⸗ kung befuͤrchteten. Auch wir, fuͤgte er hinzu, ha⸗ ben wakker gezagt, und fuͤrchteten immer verra⸗ then zu werden. Daruͤber, antwortete Jokel, 5 ſeid ruhig, alle, die mit mir ſo unverſehens uͤber⸗ fallen wurden, ſind wakkere Kerls, koͤnnen ſie nicht gleich mir entfliehen, ſo ſterben ſie lieber auf der Folter, ehe ſie eine Silbe verrathen⸗ 41 Wer wuͤrde es denn kuͤnftig mit uns halten, wenn wir gleich Schulbuben plaudern wollten? Glaubts nur ſicher, lieber Gevatter, ihr habts mit ehrli⸗ chen Leuten zu thun, die's Handwerk verſtehen, und's nur zu Gut wiſſen, daß das Gericht nie die Thgt, ſondern nur das Geſtaͤndnis der That beſtrafen kann. In dieſem Tone ſprachen ſie noch lange, bis es endlich zu dämmern begann. Bringt her, was ihr noch habt, ſprach nun Jokel zum Wirthe, und dieſer erſchien bald nachher mit einem Beu⸗ tel Geld, einer Uhr und einigen Kleidungsſtuͤkten. Das Geld theilten ſie miteinander, die ſilberne Sakuhr ſchenkte Jokel dem Wilhelm, welchem dieſes Gelchenk, da eine Uhr lange ſchon k geheimer Wunſch war, ſehr groſſe Freude mach⸗ te. Aus den Kleidungsſtuͤkken waͤhlte ſich Jokel einen vollſtaͤndigen Anzug, und gab auch Wilhel⸗ men eine rothe Weſte und einen grauen Ueberrok. So ausgeruͤſtet wanderten ſie weiter, und die ganze Nacht fort, ſie beruͤhrten auf ihrer Reiſe nie ein Dorf, gingen uͤber Feld und Wieſen, mei⸗ ſtens aber durch Waͤlder. Schon ſtand die Sonne am Himmel, als ſie das Ende eines groſſen Wal⸗ des, und nahe an dieſen die Huͤtte eines Abdekkers (Waſenmeiſters) erreichten. Hier kehrten ſie aufs neue ein, und Wilhelm gewahrte ſogleich, daß Jokel in dieſer noch beſſer als im Meierhofe bekannt ſei. Alle Bewohner derſelben gruͤßten ihn freundlich, und freuten ſich herzlich, ihn nach 42 ſo langer Zeit geſund und wohl wieder zu ſehen. Die Erzaͤhlung ſeiner Flucht vergroͤſſerte die Freu⸗ de um ein groſſes. Run, ſprach einer der Soͤhne des Abdekkers, werden wir bald wieder Arbeit und Verdienſt bekommen. Es iſt die hoͤchſte Zeit, denn wir haben ohne Anfuͤhrer nichts wagen wollen. Jokel. Habt wohl daran gethan, denn ſie paſſen ſtreng auf, aber uͤber der Graͤnze laͤßt ſich s izt ſchon handiren. Wir mäſſen dort thaͤtig ſein, und hier ruhig ſizen, ſo kommen ſie uns nie auf die Spur. Der Sohn. Recht ſo, das war auch mei⸗ ne Meinung, aber die Memmen wollten nicht ge⸗ horchen. Wir muͤſſen, ſagten ſie, erſt den Aus⸗ gang abwarten, wird Jokel zum Verraͤther, ſo muͤſſen wir füehen, und wohin dann, wenn wir uns uͤber der Graͤnze ſchon verdaͤchtig gemacht haben. Jokel. D die Schurken! So glaubten ſie wuͤrklich, daß Jokel geſtehen koͤnne? Dafur ſeid ihr in iedem Falle ſicher, ſtehen koͤnnt ihr alle unter dem Galgen, an welchen ſie mich haͤngen, mit den Augen wuͤrde ich dann Abſchied von euch nehmen, aber mir lieber die Zunge abbeiſſen, als euch verrathen. Der Abdekker. Denkt Kriſtoph und Karl auch ſo? Die ſizzen wohl noch immer? 43 Jokel. Wenn ſie kein Loch finden, werden ſie freilich noch lange ſizzen, aber bekennen wer⸗ den ſie nicht. Und wenn ſie bekennen, ſo kuͤm⸗ mert's euch nichts. Sie haben nie mit euch ge⸗ handelt. Der Abdekker. Das war auch immer unſer Troſt. Jokel. Wo iſt Andres? Der Abdekker. Er karrt. Jokel. Teufel! Er karrt? Der Bube dauert mich, aus ihm haͤtte was rechtes werden koͤnnen. Wie hat ers denn ſo garſtig verſehen? Der Abdekker. Er wollte zu Holldorf des Fraͤmers Laden erbrechen. Der Kerl merkts, wekt ſeine Soͤhne, ſie ſchleichen herbei, und er⸗ wiſchen Andreſen beim Felle. Jokel. Das war dumm! Hat er euch verrathen? Der Abdekker. Mit keiner Silbe. Er war liſtiger, als wir alle glaubten, gab ſich fur eines Waſenmeiſters Sohn aus der Pfaiz aus, ſchwur hoch und theuer, daß dies ſein erſter Dieb⸗ ſtahl ſei, das Gericht glaubte alles, und nun mufi er fuͤnf Jahre karren. Jokel. Fuͤnf Jahre? Das iſt keine Ewig⸗ keit! Kommt Zeit, kommt Rath! Wir wollen ihn ſchon eher frei machen. Unterdeſſen ſizt er in keiner uͤblen Schule. Es karren izt wakkere Kerls, und wenn er mit dem Schildpeter bekannt wird, ſo kanns ihm lebenslang nuzzen. Der Sohn. Sobald ich ihn wieder beſi⸗ che, will ichs ihm ſtekken.„ Jokel. Ja, gruͤß ihn von meinetwegen, und legs ihm ans Herz. Peter muß ewig karren, er wird ſchwerlich entwiſchen, drum kann er izt nur durch Unterricht nuͤzzen, dieſen ertheilt er willig und gerne. Lange dauerte dies Geſpraͤch noch fort. Ich fuͤhrte den kleinſten Theil deſſelben blos deswegen an, um meine Leſer mit der Denkungsart dieſer Geſellſchaft bekannt zu machen, und zugleich zu beweiſen, wie wenig die Strafe des Geſezzes auf das Herz eines vollendeten Boͤſewichts wuͤrkt, da er ſogar aus dieſer Vortheil zu ziehen ſucht. End⸗ lich lenkte ſich das Geſpräch auf Wilhelmen, der ſtaunend und ſchweigend in einer Ekke ſas, frei⸗ lich im Innern des Herzens wuͤnſchte, nie in die⸗ ſe Geſellſchaft gerathen zu ſein, izt aber doch froh war, unter dem Schirm derſelben Sicherheit zu finden. Wer iſt denn dieſer? fragte der Sohn des Abdekkers endlich, indem er auf zeigte. Jokel. Ein Neuling, aber ihr habt ihm Jokels Freiheit zu danken, und deswegen verdient 45 er eure Freundſchaft. Er hat wakker gearbeitet, und wenn er ſo fortfaͤhrt, ſo könnt ihr noch alle Freude an ihm erleben. Die Soͤhne des Abdek⸗ kers ketteten ſich min an ihn, ſprachen mit ihm, und lieſſen ſich ſeinen ganzen Lebenslauf erzaͤhlen. Sie lachten herzlich, als ſie hoͤrten, daß er ohne Lehrbrief und Paß im Lande herumgeſtrichen war, und ſo uͤber die Graͤnze zu kommen wähnte. So geht's freilich nicht, ſprach der Aelteſte, wenn man ſicher fiehen will, muß man immer Paͤſſe haben, und ſich ſolche im Nochſvlle zu verſchaffen wiſſen. Wieberfährt dir einſt ein aͤhnliches Ungluͤk, ſo ſei weiſer, ſtiehldem erſten beſten Jaͤgerpurſchen Lehr⸗ brief und Paß, nenne dich gleich dieſem, und du kommſt uͤberall durch. Wilhelm faßte dieſe Lehre, und dankte fuͤr den Unterricht. Jokel legte ſich endlich ſchlafen, und Wilhelm folgte, weil er die ganze Nacht mit ihm gewan⸗ dert war. Wie es ſchon daͤmmerte, trat der älteſte Sohn des Abdekkers in die Kammer, und wekte beide. Sie ſind da, ſprach er zu Jokeln, und wollen mit dir ſprechen. Jokel folgte mit Wilhelm nach der Stube, acht Fremde ſaſſen dort am Tiſche, und unter bieſen vier Juden, alle be⸗ willkommten Jokeln mit vieler Freude. Anfangs war das Geſpraͤch gleichguͤltig. Jokel fragte un⸗ ter andern einen der Fremden: Was ſein(nemlich Jokels) Weib mache? Der Fremde.(lachend) Sie ſieht immee noch den Hannsgoͤrgl gerne. Jokel. Die Blizkrte wird mich einmal toll machen, und dann Gnade ihr Gott! Doch das bei gelegner Zeit, izt muͤſſen wir ernſtlicher ſpre⸗ chen. Nun begann ein Geſpraͤch, von welchem Wilhelm mir einzelne, keinen Sinn verrathende Worte verſtand. Sie ſprachen deutlich und ver⸗ nehmlich, aber, ſeiner Meinung nach, in einer wahren Spizbuben⸗Sprache. Endlich, als ſchon die Mitternacht nahte, ward Aufbruch beſchloſſen. Ein Jude zog unter dem Bette, das in der Stube ſtand, viele Piſtolen, Meſſer und Dolche hervor, und theilte ſie unter die Anweſenden aus. Wil⸗ helm empfing auch ein groſſes Meſſer. Er zitter⸗ te und bebte, wie ihm Jokel einige Vortheile zeigte, die er in iedem Falle uͤben muͤſſe, wenu Noth am Mann kaͤme. Von dieſem Angenblikke an, faßte Wilhelm den Entſchluß, zu entfliehen, und freute ſich herzlich, als er hoͤrte, daß die Geſellſchaft ſogleich aufbrechen, und uͤber die Graͤnze gehen wuͤrde. Ihm ſchien die Flucht in der Nacht ſehr leicht, er wollte im naͤchſten Walde zuruͤkbleiben, auf einem Baum klettern, dort das Ende der Nacht erwarten, und dann allein weiter wandern; aber er betrog ſich in ſeinem Vorſazze, denn wie ſie die Hütte verlieſſen, hieng der Sohn des Abdekkers an ſeinen Arm, und blieb die gante 47 Nacht hindurch ſein treuſter Gefaͤhrte. Wie ſie die Graͤnze erreichten, wandelten ſie einige Stun⸗ den auf der Heerſtraſſe, welche ſtets durch einen dikten Wald fuͤhrte. Es ward nun Tag, und ſie lagerten ſich unfern derſelben im Dikkichte. Ei⸗ nige hatten Brandwein und Brod mit ſich, und theilten beides mit den Uebrigen. Trink mehr, ſprach Jokel zu Wilhelm, als dieſer nur nipte, du bedarfſt Muth; weuns gluͤklich geht, ſo wirſt du heute noch dein Probſiuk machen, denn ſonſt tann man dir nie recht trauen, und Mißtrauen unter Freunden taugt keinen Pfefferſtiel. Zittre nicht, es geht leicht⸗ als du wahrſcheinlich glaubſt. Aber Wilhelm zitterte doch, die Vorſtel⸗ lung, daß er wahrſcheinlich bald Moͤrder werden ſolle, preßte ſein Herz, gewaltig, er warf ſich auf die Erde, indes die Uebrigen im Dikkichte von einer groſſen Anhoͤhe herab nach der Straſſe ſchau⸗ ten. Es kommen vier Perſonen zu Fuß rief bald hernach einer der vorderſten Lauſcher. Was ſinds fuͤr Leute? fragte Jokel. Bauern! antwortete ein andrer. Jokel. Laßt ſie ungehindert ziehen. Der Fang iſt nicht der Muͤhe werth, und macht nur Laͤrm umſonſt. Ein Jude. Soll ich leben! Der Dik⸗ ke iſt Pachter Puzze, der Lange iſt ſein Schwa⸗ ger. Ein andrer. Sie gehen gewiß nach M— dort iſt heute Viehmarkt. Puzze hat vor einigen Tagen ſeine Maſtochſen verkauft, wird andre ho⸗ len wollen. Da waͤre etwas zu haſchen! Jokel. Wollens verſuchen! Gu Wilbeln) Mach dich fertig, du mußt beginnen, geſelle dich zu ihnen, gehe hintennach, und ſtich ſchnell ein oder zwei uͤbern Haufen. Wilhelm. Um Gotteswillen!—— Jokel. Sorge dich nicht. Wie einer fallt, ſo ſind wir alle da, und enden ſchnell, aber du mußt beginnen, ſonſt lernſt du's Handwerk nie. Wilhelm. Ach! ich kann nicht! ich kann nicht! Jokel. Mach keine Umſtaͤnde, ſonſt biſt du verlohren; wenn du nicht einen niederſtoͤßt, ſo ſtoſſe ich dich nieder, ſo wahr ich hier vor dir ſte⸗ he. Wirſt mir's am Ende noch danken, aller Anfang iſt ſchwer, aber iſt dieſer einmal gemacht, ſo geht's federleicht. Geh, oder du haſt am laͤngſten gelebt. Wilhelm. Gitternd) Welchen unter ihnen ſoll ich denn umbringen?— Jokel. Denienigen, welcher dir der ſtaͤrk⸗ ſte ſcheint. 3 49 Ein Jude. Nimm den Langen, damit die andern uͤber ihn ſtolpern. Jokel.(tößt Wilheimen fort) Geh, und mach's geſchikt! Cziebt ſein Meſſer) Sieh, ich ſtehe ſchon zur Huͤlfe bereit. Wilhelm ging, oder wankte vielmehr nach der Straſſe, er hielt die Hand im Schubſakke, und in dieſer das Meſſer. Die Bauern hatten die Anhoͤhe erſtiegen, und kamen gegen ihn herab. Wilhelm wankte vorwärts, und die Bauern er⸗ reichten ihn bald. Wohin aus, Landsmann? fragte einer derſelben. Wilhelm.(ſammlend) Nach M— Ein Bauer. So gehen wir mit einander. Wir wollen auch dahin. Ein anderer. Es geht aber ziemlich ſchlecht. Wo fehlts? Wilhelm. Gerwirrt) Ich hab's Reiſſen im Leibe. Der Pachter. Wirſt zu fruͤh aufgeſtanden ſein, und dich erkuͤhlt haben. Komm, wenn dir warm wird, geht's wieder voruͤber. Bei dieſen Worten ergrif er Wilhelms Hand, und zog ihn, ſchnell gehend, mit ſich fort. Wilhelm, der in die⸗ ſem Augenblikke moͤgliche Rettung ſah, folgte wil⸗ lig, und es ging raſch vorwaͤrts. Wie ſie einige 0 hundert Schritte gegangen waren, hörte er Ge⸗ raͤuſch im Gebuͤſche, und fuhr erſchroken zuſam⸗ men. Sorge dich nicht, ſprach der Pachter, es war nur ein Wild, und da(vorwärts zeigend) kommen ia eine Menge Wagen. Wilhelm hoͤrte izt ſelbſt den Schall der Peitſchen, und das Ge⸗ 3 ſchrei der Fuhrleute, ihm ward leichter, und er folgte nun ſroͤhlicher. Es waren mehr als zwan⸗ zig Wagen, welche Eiſen fuͤhrten, die Bauern gingen mit ihm an dieſen voruͤber, und erreichten endlich gluͤklich das Ende des Walbes. Im nächſten Dorfe trennte er ſich unter dem Vorwande, daß er im Wirthshauſe Brandwein trinken wolle, und ſank hinter einem Zaune auf ſeine Knie nieder, um Gott zu danken, weil er ihn von Mordſchuld befreit, und auf ſo wunder⸗ pare Art aus einer ſo gefaͤhrlichen Geſellſchaft er⸗ loßt habe. Die ganze Geſchichte iſt durch Akten erwieſen, und folglich ſicher wahr. Warum aber die Raͤuber Wilhelmen zu ſo einem gefaͤhrlichen Wagſtuͤkke waͤhlten, ihn, als einen Knaben, zum Kampfe gegen vier ſtarke Bauern beſtimmten? Daruͤber finde ich nirgends Erklaͤrung. Wahr⸗ ſcheinlich wollten ſie ſeiner los ſein, und ihn ab⸗ ſichtlich opfern, vielleicht auch wurklich nur ſeinen Muth verſuchen, und ihm zu rechter Zeit zu Huͤl⸗ fe eilen. Doch vies ſind nur meine Muthwaſſun⸗ gen, die ich mit keinem hinlaͤnglichen Grunde un⸗ terſtuͤzzen kann. Deutlicher zeigt ſich die Urſache; Warum ſie ihm, da er doch ihr Verraͤther werden konnte, ungehindert mit den Bauern entfliehen lieſſen? Die unvermuthete Ankunft der Wagen⸗ die Menge der Menſchen, welche dieſe begleiteten, hinderten ſie hochſt wahrſcheinlich zu folgen, und das Dilkicht zu verlaſſen. Genug, Wilhelm ward aus ihren Haͤnden gerettet; und war ſich nun ſelbſt ͤberlaſſen. Die gutherzigen Bauern hatten nicht nach der Abſicht ſeiner Geſchaͤfte und Reiſe ge⸗ fragt, ſie nahmen ihn fuͤr den Sohn eines Kraͤ⸗ mers, welcher ſeinem Vater auf den Markt nach⸗ folgte, und Wilhelm goͤnnte ihnen gerne dieſen Glauben. Ein altes Weib, welche ihn kurz nach⸗ her begegnete, erzaͤhlte ihm, daß das Dorf drei Stunden weit von der Graͤnze entfernt waͤre, und die Nachricht war ſeinem Herzen Troſt) weil er ſich nun ganz ſicher duͤnkte. Da er auch durch ſie erfuhr, daß das Staͤdtchen M—, wohin ſeine Retter gingen, noch zwei Stunden tiefer im Lande laͤge, ſo beſchloß er auch dahin zu wandern, und dort die Uhr zu verkaufen, welche ihm Jokel geſchenkt hatte. Die Uhr war ſeine groͤßte Freu⸗ de, er trennte ſich hoͤchſt ungern von ihr, aber er hatte kein Geld, ihn hungerte, und Hunger thut weh. Ein Jude kaufte ſie) als er zu M— an⸗ langte, für zwoͤlf Gulden. Er aß und trank in einem Wirthshauſe; welches nahe am Markte lag, und wollte auch die Nacht hindurch dort bleiben, aber ein Zufall vernichtete ſeinen Vorſaz. Wie er in der Daͤmmerung nach dem Hofe des Hau⸗ ſes ging, langte eben ein Jude zu Pferde dort D 2 52 an. Die Stimme, mit welcher er den Hausknecht herbei rufte, ſchien ihm bekannt, er kroch hinter ein Faß, und ſah bald deutlich, daß es einer der Juden ſei, mit welchen er vorige Nacht auf Raub auszog. Angſt und Schrekken ergrif ihn aufs neue, er floh fort, und wanderte die ganze Nacht hindurch mit ſchnellen Schritten weiter. Fruͤh warf er ſich ermattet in einem Gebüſche nieder, und ſchlief ſanft bis an den Abend. Hundegebelle wekte ihn, zwei Jagdhunde hatten ſein Lager ge⸗ writtert, und drangen bellend auf ihn ein. Bald hernach erſchien ein Jaͤgerpurſche, und fragte: Waos er hier beginne? Wilhelm, der ſchon ſehr geſchikt zu lgen wußte, erzahlte dem Jaͤger, daß er an der Gränze als Jägersiunge in Dienſten geſtanden, von ſeinem Lehrmeiſter aber auf der Stelle fortgeiagt worden ſei, weil er's gewußt, und's nicht verrathen habe, daß die mit ihm die⸗ nenden Jägerpurſche dann und wann ein Stuͤk Wild erlegt, und es uͤber die Graͤnze verkauft haͤtten. Armer Teufel, ſprach der Purſche, dann iſt dir freilich hoͤchſt Unrecht geſchehen. Wie ſol⸗ len wir uns denn ordentlich kleiden, und bei un⸗ ſerm ſchmalen Solde redlich naͤhren, wenn wir nicht dann und wann unſre Zuflucht zu ſolchen Huͤlfsmitteln nehmen? Komm mit mir, es naht ein ſtarker Regen, ich will dir dieſe Nacht ein beſ⸗ ſeres Lager geben. Wilhelm folgte willig, und ſein neuer Freund fuͤhrte ihn durch eine Hinter⸗ thuͤre nach der Kammer eines Jägerhauſes, in 53 welchem ſie eine kleine Stunde nachher anlangten. Halte dich hier ruhig, ſprach der Purſche zu ihm, ich will dir ſchen etwas zu Eſſen bringen, denn mein Herr darfs nicht wiſſen, daß ich dir Her⸗ berge gebe, ſonſt macht er ein Teufelslaͤrm. Wil⸗ helm warf ſich auf des Jägers Bette, und ſchlief ſchon ſanft, als dieſer mit Brod und Bier erſchien, und ſeinen Gaſt bewirthete. Er theilte am Ende ſein Bette mit ihm, und beide ruhten bis an den Morgen. Fruͤh regnete es ſehr ſtark. Ich muß ins Holz, ſprach der Purſche, willſt du aber noch heute hier bleiben, und bis an den Abend faſten, ſo kannſt du's ohne Bedenken thun, denn es kommt niemand nach der Kammer, und zur Fuͤrſorge will ich den Schluſſel abziehen. Wil⸗ helm dankte und blieb. Anfangs ſchlief er aufs neue, wie er aber nicht mehr ſchlafen konnte, ſchlich er in der Kammer umher. Ein kleiner Koffer, an welchem der Schuͤſſel ſtak, ſtand in der Ekke deſſelben. Er nahte ſich ihm mehr als einmal, und öfnete ihn endlich. Auſſer etwas Waͤſche lag nichts, als ein Futteral darinne, er oͤfnete auch dieſes, und fand den Lehrbrief des Purſchen, und zwei Atteſte, in welchen die Jaͤger bezeugten, daß er ein Jahrlang redlich und ehr⸗ lich als Adiunkt bei ihnen gedient habe. Aus dem erſtern erſah er, daß der Purſche ſein Landsmann ſei, und nur zwei Stunden von ſeinem Geburts⸗ orte auf einem ihm wohlbekannten Jaͤgerhauſe ge⸗ lernt habe. Er legte die Atteſte wieder in den D 3 ——— 54 Koffer, und ging nachdenkend auf und nieber. Der Rath des Abdekters fiel ihm ein. Solch eine Gelegenheit finde ich nie wieder, dachte er, oͤfnete den Koffer aufs neue, und ſtekte das Futteral zu ſich, bald hernach oͤfnete er auch bieſes, nahm die Schriften heraus, verſtekte das Futteral im Strohe des BVettes, zog den Schuͤſſel des Koffers ab, und warf ihn zum Fenſter hinaus, welches nach einem Garten ging. Was nuzzen dir die Atteſte, dachte er weiter, wenn du kein Jaͤger⸗ kleid haſt. Ein altes Jagdrokchen ſammt Weſte hing an der Wand, und neben dieſen eine Flinte, er vertauſchte beides mit ſeiner beſſern Kleidung, ergrif die Flinte, und ſchlich die Treppe hinab, aber ſo oft er durch den kleinen Hinterhof gehen wollte, erblikte er in dieſem einen Mann, welcher Holz ſpaltete, und wagte es nicht, bei ihm voru⸗ ber zu gehen. Als der Abend nahte, und er ſei⸗ nen gaſifreien Freund wieder zuruͤk erwartete, klei⸗ dete er ſich wieder aus, und verwahrte die Schrif⸗ ten auf ſeiner Bruſt. Bald hernach kam ſein Freund wuͤrklich, brachte ihm diesmal nebſt Vrod und Bier, auch ein Stuͤk Braten. Wo wirſt du morgen hin wandern? fragte endlich der mit⸗ leidige Purſche. Das weiß ich nicht, antwortete Wilhelm. Das ſchlimmſte iſt, daß ich nicht ein⸗ mal einem Jöͤger aͤhnlich ſehe. Der Purſche. Hab's auch ſchon gedacht. Wie Teufel biſt du zu dem Rokke gekommen?! Wilhelm. Mein Prinzipal zog mir, als er mich fortiagte, den Jägerrok aus, aber die Purſche, welche mit mir fortwandern mußten, kauften mir im naͤchſten Dorfe dieſen Rok, und ſchenkten mir auch einen Zehrpfennig.(nach einer Pauſe) Du konnteſt wohl mit mir tauſchen. Mein Rok iſt mehr werth, als das Jägerroͤlchen, wel⸗ ches da an der Wand haͤngt. Die Flinte kaufte ich dir dann auch ab, und koͤnnte auf dieſe Art doch immer auf einem Jaͤgerhauſe einſprechen, vielleicht gar irgendwo einen Dienſt finden. Der Purſche. Dhne Lehrbrief wirds ſchwer halten, aber wenn du nur einen Zehrpfen⸗ nig forderſt, ſo fragt man ſelten nach dieſem, und du kannſt dir doch weiter helfen. Ich bin den Tauſch zuſrieden, und wenn du mir die Flinte mit einem Dukaten bezahlſt, ſo uͤberlaſſe ich ſie dir auch, und ſchenke dir noch eine alte Jager⸗ taſche dazu. Wilhelm ging den Handel ein, und wanderte, als der Tag graute, in der Geſellſchaft des Purſchen weiter. Dieſer zeigte Wilhelmen die Straſſe, welche nach Nuͤrnberg fuͤhrt, wohin er gehen zu wollen vorgab, wie er aber von ſeinem betrognen Freunde Abſchied genommen hatte, ſo fragte er im nächſten Dorfe nach der Straſſe, welche nach Regensburg fuͤhrt, und wandelte auf dieſer fort, um den Betrognen, wenn er den Ver⸗ luſt entdekke, irre zu fuͤhren. So lang das Geld dauerte, welches er fur die Uhr erhalten hatte⸗ * 56 kehrte er nur in Wirthshaͤuſern, nie in einem Jaͤ⸗ gerhauſe ein, ging in der Folge nicht nach Regens⸗ burg, durchwanderte das Paſſauer Gebiete, und erreichte endlich Salzburgs Graͤnze. Dort traf er, als er irre ging, in einer wuͤſten, oͤden Ge⸗ gend ein Jaͤgerhaus, ſprach da ein, und ward wohl empfangen. Der alte Jaͤger bedurfte eben eines Adiunkts, er zeigte ſeine Atteſte auf, und ward ohne Anſtand aufgenommen. Er diente ſei⸗ nem Herrn vier Jahre lang redlich, ward gleich dem Kinde im Hauſe gehalten, und ſo wie dieſes geſchaͤzt. Der Jaͤger hatte keine Kinder, eine alte Magd war ſeine Haushaͤlterin. Pft verfloß ein halbes Jahr, ehe ſich ein Menſch dem Ja⸗ gerhauſe nahte, welches eine gute Stunde vom nächſten Dorfe entfernt lag. Die Einoͤde behagte Wilhelmen treflich, er ſcheute die Menſchen, und ging hoͤchſt ungerne nach einem Schloſſe, welches drei Stunden weit entfernt war, und wohin er wenigſtens iede Woche einmal das geſchoſſne Wild⸗ pret tragen, oder die noͤthigen Verhaltungsbefehle fuͤr den Jäger von dem dort wohnenden Amtmann abholen mußte. Erſt im dritten Jahre ward er mit eines Kraͤmers Tochter im naͤchſten Dorfe be⸗ kannt, und ging min ofters hin, weil er das Madchen lieb gewann, und endlich heftig liebte. Ihr Vater zog meiſtens in fremden Laͤndern der Kraͤmerei nach, und uͤberließ in dieſer Zeit die Regierung ſeines kleinen Hausweſens einer alten Muhme, welche ſeit ſeiner Frauen Tod bei ihm 52 wohnte. Sie war aͤuſſerſt wunderlich, und brumm⸗ te unaufhorlich, wenn Wilhelm oft in ihren klei⸗ nen Laden trat, nach allerhand fragte, ſich aller⸗ hand weiſen ließ, und endlich doch nichts kaufte. Mehr als einmal ſperrte ſie ihm daher die Thuͤre vor der Naſe zu, wie ihm aber ſein Maͤdchen, das bald ſeine Liebe verſtand und erwiederte, einſt auf einem einſamen Spaziergange erzaͤhlte, daß ihre alte Baſe aͤuſſerſt gerne Wein trinke, aber aus Geiz keinen kaufe, ſo erſchien er ſchon am andern Tage mit einer Flaſche Wein vor der Thuͤre, und ward von ihr freundlich empfangen. Er kaufte nun iede Woche einige Flaſchen Wein, und konnte mit dieſer in der Hand ſeine geliebte Marie un⸗ gehindert ſehen und ſprechen. So gering auch dieſe Ausgabe war, ſo uͤberſtieg ſie doch ſeine Ein⸗ kuͤnfte, und leerte in Jahresfriſt ſeinen Beutel, welcher bisher die groͤſſere Haͤlfte ſeines dreitaͤh⸗ rigen Lohns aufbewahrte. Zu Ende des vierten Jahrs mußte er ſchon beim Weinverkaͤufer Schul⸗ den machen, und wie dieſer nicht mehr borgen wollte, zu andern Huͤlfsmitteln ſeine Zuflucht neh⸗ men. Schon oft hatten ihn, wenn er auf der Straſſe heimwanderte, Fremde gefragt: Ob bei ihm kein Wildpret zu verkaufen ſei? Wenn er ſie dann nach dem Schloſſe verwieß, ſo laͤchelten ſie immer, und verſicherten, daß ſie nicht ſo theuer zu kaufen gewohnt waͤren. Eben, wie ihn die weinbegierige Alte durch ldrei lange Tage verhin⸗ dert hatte, ſeine Geliebte zu ſprechen, begegnete 58 ihm wieder ein ſolcher Mann, fragte aufs neue, und Wilhelm, der wohl merkte, wohin ſeine Frage ziele, war izt zur Antwort geneigter. Ehe eine Virtelſtunde verging, erfolgte von beiden Seiten ofne Erklaͤrung. Der Fremde verſprach ieden Hirſchen mit ſechs Gulden zu bezahlen, wenn Wilhelm ihn nicht allzufern von der Graͤnze ſchieſ⸗ ſen, und den Ort anzeigen wuͤrde, wo man ihn ungeſtoͤrt abholen koͤnnte. Wilhelm gelobte einen Verſuch zu wagen, ſchoß am andern Tage zwei Hirſche, zeigte ſie dem Manne, welcher im Wirths⸗ hauſe ſeiner harrte, richtig an, und empfing zwoͤlf Gulden. Nun gewaͤhrte der Weinſchenke neuen Kredit, und Wilhelm konnte Marien wie⸗ der ſehen und ſprechen. Der folgende Tag war eben ein Sonntag, und an dieſem Kirmeß in ei⸗ nem Dorfe, welches vom Jaͤgerhauſe drei Stun⸗ den weit entfernt lag. Da die Bewohner deſſel⸗ ben ihr Holz aus dem Revier des Jaͤgers erhielten, ſo kamen ſie ihm zu laden, weil er aber eben krank war, ſo verſprach er wenigſtens ſeinen Ab⸗ iunkten zu ſchikken. Wilhelm nahm die Einladung an, und erzaͤhlte ſie am Morgen ſeinem Maͤdchen. Sie wuͤnſchte herzlich theil an der Freude zu neh⸗ men, aber die alte Baſe verweigerte die Erlaub⸗ niß hartnaͤlkig, Marie winkte, Wilhelm eilte fort, und brachte bald drei groſſe Flaſchen Wein, welche die Erlaubnis ſogleich bewuͤrkten. Marie tanzte nur mit ihrem Wilhelm, und erſchrak ſehr, als ſie von andern hoͤrte, daß die Mitternacht⸗ 59 ſtunde ſchon Kahe. Sie hatte ihrer alten Baſe aufs heiligſte verſprochen, ſchon um zehn Uhr daheim zu ſein, und ermahnte nun Wilhelmen zum ſchnellen Aufbruche, Sie eilte an ſeiner Hand fort, und fühlte ſchon Uterwegs die Schla⸗ ge, welche ihrer harrten. Wilhelm hatte auf dem Heimwege ſo manchen Kuß erwartet, aber er empfing keinen einzigen, weil Marie nur eilte und zagte. Wie ſie das Haus erreichten, fanden ſie die Thuͤre offen, aber kein Licht im ganzen Hau⸗ ſe. Marie ſchlich zitternd die Treppe hinauf und nach ihrer Kammer, Wilhelm wollte eben ſchei⸗ den, und die Hausthuͤre hinter ſich ſchluͤſſen, als er einen Fall und Mariens ſchreiende Stimme hoͤrte. Er kehrte zuruͤk, und Marie ſtuͤrzte immer noch ſchreiend die Treppe herab, und in ſeine Ar⸗ me. Nach langen Fragen verſicherte ſie endlich, daß nahe an der Treppe auf dem Hausboden ein ſchlafender Mann liege, uͤber welchen ſie geſtuͤrzt ſei. Wilhelm ſchlug nun Licht an, ſtieg mit ſei⸗ nem entbloͤßten Hirſchfaͤnger die Treppe hinauf, und ſah bald die alte Baſe vor ſich liegen. An⸗ fangs achtete er ſie fuͤr ted, wie er ſie aber deut⸗ lich ſchnarchen hoͤrte, ſo begann er ſie zu wekken, aber ſeine Muͤhe war fruchtlos, er ward bald uͤberzeugt, daß ſie aͤuſſerſt betrunken ſei, und ruf⸗ te Marien herbei, um ſie mit ihrer Huͤlſe nach dem Bette zu tragen. Auch dieſe Bewegung er⸗ munterte ſie nicht, ſie ſchnarchte bald aufs neue, und gonnte Marien volle Hofnung, morgen ohne — 60 Verweiß und Schlaͤge durch zu kommen. Ihre Freude daruͤber war groß, ſie kuͤßte ihren Wilhelm auf dem Hausboden feurig, er folgte ihr endlich nach der Kammer, und blieb bis der Tag graute. Als er ſchied, weinte Marie heftig, denn ſie fuͤhlte den Verluſt ihrer Unſchuld, und ahnete Folgen, Wilhelm ſchwieg, weil er nicht widerſprechen, aber auch ſelbſt nicht begreifen konnte, wie ſie ſo ganz ohne Vorſaz und Willen gefallen waren. Als wenn Zeit und Gelegenheit, Nacht und Fin⸗ ſterniß nicht die aͤrgſten Kuppler waͤren, deren Liſt kein liebendes Geſchoͤpf zu widerſtehen verntag! Doch dies weis nur der Wollaͤſtling, nicht die unſchuld, deswegen fallt ſie aber auch oft, wenn ſie feſt zu ſtehen waͤhnt. Wilhelm kam am andern Tage ſchon wieder mit einer Flaſche Wein zum Beſuche. Er ward freundlich empfangen, und erfuhr von Marien, daß ihre Baſe nicht gezankt, und es willig ge⸗ glaubt habe, daß ſie ſchon um zehn Uhr ruͤkgekehrt ſei. Marie war anfangs ſehr traurig, ward aber bald froͤhlicher, und zeigte ſchon beim erſten Ab⸗ ſchiede ihrem Wilhelm ein Fenſter, durch welches er ins Haus, und nach ihrer Kammer gelangen konnte, und beſtaͤtigte dadurch die ͤuſſerſt wichtige Wahrheit, daß die Schuzgoͤttin der Unſchuld, die edle Schaamhaftigkeit, das einmal gefallne Maͤdchen auf immer verlaͤßt, und den ſinnlichen Begierden zum Raube uͤberliefert. Wilhelm be⸗ mizte Mariens Wink in der Folge oft, und ward 61 allemal mit inniger Liebe empfangen. Lange ge⸗ noſſen beide die ſuſſe Frucht verbotner Liebe, aber doch nicht zu lange, denn Marie fuͤhlte endlich die ſchreklichen Folgen derſelben nur allzudeutlich. Reue, zu ſpäte Reue folgte nun der That, und quälte das Herz des ungluͤklichen Maͤdchens un⸗ aufhoͤrlich. Auch war ihr Zuſtand peinigend, ihre Lage ſchreklich, nirgends erblikte ſie Troſt und Huͤlfe, denn ihr Vater war ein harter, rauher Mann, und ihre Baſe eine alte Jungfrau, welche mit Ungluͤklichen ihrer Art nie Mitleid fuͤhlte, und oft zu behaupten ſuchte, daß es am Beſien ſei, wenn man ſolch einem ungluklichen Geſchoͤpfe ei⸗ nen Muͤhlſtein an den Hals haͤnge, und es im Meere erſaͤufe, wo es am tiefſten ſei. Wilhelm ſuchte freilich der Ungluͤküchen Troͤſter zu werden, aber alle Mittel, welche er zur Linderung des Jammers vorſchlug, minderte ihre Leiden nicht. Er wollte ſie heurathen, oder mit ihr in die weite Welt fliehen; beides ſchien Marien unmoglich, wenigſtens nicht ausfuͤhrbar, denn Marie kannte ihres Vaters Geiz, und wußte zu gut, daß er ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn keineswegs ernaͤh⸗ ren wolle, ſondern vielmehr von ihm ruhige Tage in ſeinem Alter erwarte, und Flucht aus dem vaͤ⸗ terlichen Hauſe— was konnte ſie nuͤzzen, da Wilhelm kaum ſich ſelbſt, nie aber Weib und Kind zu ernaͤhren faͤhig war? Wilhelm verſprach daher bei iedem Beſuche auf neue Rettungsmittel zu den⸗ ken, aber er fand keine, und die Zeit ſchwand unaufhaltſam dahin. Marie ſuchte ihren Zuſtand indes vor aller Augen zu verbergen. Dieſe Be⸗ muͤhung gelang, niemand ahnote ihn, ſelbſt die alte Baſe nicht, und doch war Marie ſchon im neunten Monden ſchwanger. Wilhelm verkaufte unter dieſer Zeit noch manchen Hirſch an die Schleichhaͤndler, und ſtillte mit dem Gelde der alten Baſe Trinkſucht, die ihm aus dieſer Urſache ſtets gewogen blieb. Wie er vierzehn Tage nach⸗ her eben wieder zwei Hirſche geſchoſſen, ſie ver⸗ kauft hatte, und, weil es eben Sonntag war durchs Fenſter zu ſeiner Marie ſchlich, traf er ſie iammernd und weinend. Die Zeit meiner Ent⸗ bindung, ſprach ſie, naht mit aller Macht, ich bin nun keinen Tag mehr ſicher, habe alles uͤber⸗ legt, und finde kein anderes Rettungsmittel als ſchleunige Flucht. Wilhelm war dazu bereit und willig, aber, wie Marie eben mit ihm fliehen ————————— wollte, empfand ſie heftige Geburtsſchmerzen, die alle Flucht unmoglich machten. Nach einer Stun⸗ de des heftigſten Leidens kam ſie mit einem toden Kinde nieder. Wilhelm hatte Licht gemacht, er konnte das Kind genau betrachten, und fand es voll blauer Flekke, die ſchon offenbare Faͤulniß bewieſen. So ſagte er es gerichtlich aus, und beharrte auf dieſer Ausſage ſtandhaft. Marie bat ihn flehentlich, das Kind ſogleich zu begraben⸗ und auf dieſe Art den Beweiß ihres Verbrechens zu vertilgen. Wie er es in ſeine Jägertaſche ſtek⸗ ken wollte, erwachte ihr muͤtterliches Gefuͤhl, ſie 3 63 forberte es zuruͤk, und kußte es unaufhoͤrlich, und klagte ſich als die Urſach ſeines Todes an, weil ſie ſich die lezte Zeit ihrer Schwangerſchaft aͤuſſerſt ſtark geſchnuͤrt hatte. Nach langem Kampfe gab ſie es endlich zuruͤk, und Wilhelm eilte damit nach dem Walde. Marie verſicherte ihn vorher, daß ſie ſich ſtark genug fuͤhle, am Morgen ſchon wie⸗ der aufzuſtehen, und ihre gewoͤhnlichen Geſchaͤfte zu verrichten. Er trug das tode Kind nach einer Felſenhoͤhle, welche ſich im Hintergrunde in eine unergruͤndliche Tiefe hinabſenkte, wo man ſtets Waſſer rauſchen hoͤrte, in dieſe warf er es hinab, und eilte nach Hauſe, wie die Sonne aufgegan⸗ gen war. Er traf den Jaäger nicht zu Hauſe, und die alte Magd erzaͤhlte ihm, daß er in groͤßter Eile mit dem fruͤhſten Morgen nach dem Amte be⸗ rufen worden ſei. Da dies ungewoͤhnlich war, ſo machte dies Wilhelmen nachdenkend, er ergrif ſeine Flinte, und ging auf dem Wege fort, der zum Schloſſe fuͤhrte. Wie er es ſchon vor ſich liegen ſah, begegnete ihm ein Bauer, der ihn wohlmeinend warnte, nicht nach dem Schloſſe zu gehen, weil der Pfleger aͤuſſerſt aufgebracht ſei, und ſeinen Herrn eben habe in Ketten legen laſſen. Gott weiß, fuͤgte er hinzu, was eigent⸗ lich vorgegangen iſt, ſo viel ich aber habe verſte⸗ hen können, ſiehts uͤbel mit ihm aus. Der Scherge(Berichtsdiener) hat einen Wilddieb mit einem Hirſchen an der Graͤnze gefangen genom⸗ men, und dieſer behauptet nun dreuſt, daß er 64 das Wild von'ench oder eurem Herrn wuͤrklich er⸗ kauft habe. Wuͤßt ihr euch nun nicht ganz rein, ſo geht nicht hin, denn unſre Geſeize ſpaſen nicht, und wenn ihr einen einzigen Hirſch verkauft habt, oder nur vom Verkaufe Wiſſenſchaft hattet, ſo konnt ihr leicht zeitlebens auf dem Moͤnchsberge) karren muͤſſen. Der Bauer ging, und Wilhelm ſtarrte ihm dankend nach, weil er ihn aus einer nahen Gefahr errettet hatte. Sein böſes Gewiſ⸗ ſen trieb ihn ſchnell zuruͤk, und, ehe die Sonne die hochſte Höhe erreichte, war er ſchon uͤber der Graͤnze. Jzt erſt errinnerte er ſich ſeiner Atteſte und des Lehrbriefes, welchen er im Jaͤgerhauſe zuruͤkgelaſſen hatte, ſo nöthig ihn beides auch zu ſeinem Fortkommen war, ſo wollte er ſich doch des⸗ wegen nicht noch einmal uͤber die Graͤnze wagen, und wanderten raſch weiter. Die qulende Fra⸗ ge: Wie es ſeiner Marie gehen, was ſie izt wohl machen werde? hemmte oft ſeine Schritte, aber Angſt und Furcht trieben ihn bald wieder vor⸗ waͤrts, und der Gedanke, daß ſeine Liebe zu ihr izt die einzige Urſache ſeines ungluͤks ſei, minder⸗ te ſein Mitleid um ein Groſſes. Sein Vorſaz war nach Peſtreich zu fliehen, und dort Soldat zu werden, noch war dieſer Vorſaz feſt, als er bei⸗ *) Chemals eine Veſtung, welche die Stadt Sal⸗ burg beſchüzte, üt die Wohnung der verurtheilten Verbrecher, twelche in den Marmorbrüchen ar⸗ beiten müſſen. 3. beinahe die Graͤnze dieſes Landes erreicht hatte, aber ein Zufall vernichtete ihn. Er traf in einem einzelnen Wirthshauſe, wo er uͤbernachtete, ſechs Wilddiebe, welche bald mit ihm Bekanntſchaft machten, und ihn noch am nemlichen Abende zu ihren kuͤnftigen Geſellſchafter auf und annahmen. Er zog mit ihnen nach einem kleinen Dorfe, wel⸗ ches in einem engen Thale lag, nur zwoͤlf Haͤuſer zählte, und von lauter Leuten bewohnt ward, wel⸗ che theils Wildſchuͤzzen waren, theils das erlegte Wildpret uͤber die Graͤnze verkauften. Alle be⸗ willkommten ihn freundlich, und viele verſicherten ihn, daß ſchon mehrere dienſtloſe Jaͤger bei ihnen Unterſtuͤzung gefunden, und ſich am Ende ein huͤbſches Kapitalchen geſammelt haͤtten. Wilhelm freute ſich ſeines neuen Gluͤks, und hofte einſt ſeine Marie nach dieſem Dorfe zu fuͤhren, und mit ihr in dieſem einſamen Thale froh und ver⸗ gnügt zu leben. Sein neuer Hauswirth hatte ſechs Kinder, von welchen das älteſte zehn Jahr alt war, er fuͤhrte Wilhelmen bei dieſen als einen Vetter ein, und ward ſogleich von allen als dieſer gegruͤßt. um kein Aufſehen zu erregen, mußte er am Morgen ſchon ſeine ganze Jägerkleidung ab⸗ legen, und ſich wie ein Bauer kleiden, in dieſem Anzuge fuͤhrte ihn ſein Wirth nach dem Pflegge⸗ richte, und bat den Pfleger, daß er ſeinem Vet⸗ ter, welcher, um nicht Soldat zu werden, Beſt- reich verlaſſen habe, in Schuz nehmen und die Erlaubnis ertheilen moͤge, in ſeinem Hauſe zu 66— wohnen, und durch ſeiner Hände Arbeit ſich ehr⸗ lich und redlich zu naͤhren. Der Pfleger bewil⸗ ligte alles, und beide kehrten vergnugt heim, weil ſie ihre Abſicht erreicht hatten⸗ Eben nahte der Herbſt, und das Wildpret ward von ihnen gleich rechtmãſſigen Jaͤgern geiagt. Allgemein glaubte man, daß ſich das ganze Dorf von mancherlei Holzarbeit, Kuͤhnoͤhl und Ruß⸗ brennen ernaͤhre, auch trieben immer einige zum Scheine dieſe Arbeit, und den Handel mit dieſen Artikeln, aber ſie thaten es blos aus der Abſicht, um dadurch ihren Aufenthalt in Waͤldern zu ent⸗ ſchuldigen, und die Jaͤger irre zu fuͤhren. Sie erlegten kein Wild in der Naͤhe, ſonbern gingen immer Meilen weit darnach, und trugen es in der Nacht in Felſenhohlen, wo ſie es zerlegten, und dann mit ihrer Waare bedekt, zum Verkaufe üͤber die Graͤnze fuͤhrten. Auch ihr Gewehr lag in einer dieſer Hohlen verborgen, und wenn ſie auf Raub ausgingen, ſo faͤrbten ſie alle, um un⸗ kenntlich zu ſein, ihr Angeſicht. Sie flohen ieden Jäger, wurden ſie aber von dieſen verfolgt, und konnten nicht weiter fliehen, ſo wars eidlich unter ihnen verabredet, ſich lieber bis auf den lezten Blutstropfen zu wehren, als gefangen zu geben. Auch Wilhelm mußte, ehe er zum erſtenmale mit ihnen auszog, dieſen Eid ſchwoͤren. Ihre Jagd war das erſtemal in iedem Betrachte glůklich, ſie erlegten ſechs Schweine und drei Hirſche, und prachten ſie glůͤlich in ihre Hoͤhle. Wilhelm ward 67 von ihnen hoch geehrt, weil er allein vier Stük erlegt hatte. In der folgenden Woche kamen ihnen die Jager auf die Spur, üͤberall wurden ſie von ihnen verfolgt, mußten ihr erlegtes Wild liegen laſſen, und einer ihrer beſten Schuͤzzen ward ſogar durch einen Schuß, den ein Jager nach ihm that, im Fuſſe verwundet, konnte ſich nur mit Muͤhe retten. Schon wollten ſie die wildreiche Gegend verlaſſen, und in einer ent⸗ ferntern beſſeres Gluͤk ſuchen, als Wilhelm eine Liſt erfand, die ihnen den ganzen Herbſt hindurch herrlich gelang, und Wildpret in Menge verſchafte. Er hoͤhlte nemlich Hollunderaͤſte aus, fuͤllte ſie mit Pulver, verſtopfte ſie feſt an beiden Befnun⸗ gen, und trug ſie Stundenweit von der Gegend entfernt, wo ſie iagen wollten. Er verbarg die⸗ ſe Stoͤkke ſtets im tiefſten Dikkichte, und in ver⸗ ſchiednen Gegenden, zu iedem legte er ein Stük brennende Lunte, welches er genau nach der Zeit abmaas, in welcher es das im hohlen Aſte ver⸗ borgne Pulver erreichen ſollte. Wenn nun dieſe einer nach den andern Feuer fingen, und gleich einer Buchſe knallten, ſo war es ganz natuͤrlich, daß die lauernden Jäger nach der Gegend hineil⸗ ten, aber bald wieder durch einen aͤhnlichen zwei⸗ ten Schuß noch weiter irre gefuͤhrt wurden. Dann hatte er nebſt ſeinen Verbuͤndeten freies Feld, konnte auf der andern Seite ungehindert iagen und ſchieſſen, und genoß noch den Vortheil, daß die haͤufigern Schuͤſſe in der Ge⸗ 2 68 gend das erſchrekte Wild ihm geradezu ſchußrecht iagte. Die Bewohner des Dorfs erwaͤhlten ihn bald zu ihrem Anfuͤhrer, und goͤnnten ihm willig den reichſten Theil der Beute, die ſie in iedem Falle gewiſſenhaft unter ſich vertheilten. Pft ge⸗ ſchah auf die allgemeine Klage der Jaͤger ein Aufgebot an alle Bewohner des Pfleggerichts, um zu gleicher Zeit unter Anfuͤhrung des Jaͤger⸗ korps alle Waͤlder zu durchſtreifen, und die ſchaͤd⸗ lichen Wilddiebe zu fangen, oder wenigſtens zu veriagen, da aber dies Aufgebot allemal auch in ihrem Dorfe kund gemacht wurde, ſo wars ganz natuͤrlich, daß ſie zu dieſer Zeit nicht iagten, wil⸗ lig erſchienen, und wakker uͤber die Taugenichtſe ſchimpften, die ihnen die hoͤchſt nothige Zeit zur ein Ungefaͤhr von den Jaͤgern entdekt, aber er nuͤzte ihnen in der Folge doch noch lange, weil die geften Jaͤger nun nie mehr den erſten Schuͤſ⸗ ſen nachgingen, und dadurch Wilhelmen und ſei⸗ nen Konſorten immer die Gelegenheit goͤnnten, einige Stuͤkke zu erhaſchen. Einſt ſezte er mit noch ſieben andern einem angeſchoßnen Schweine nach. ders groſſes Stuͤk war, ſo wollten ſie es nicht gerne miſſen, wagten ſich zu weit in die Vorwaͤl⸗ der, und machten nebenbei auch zu viel Lärm. Die lauernden Jaͤger drangen nun in einem engen Thale von allen Seiten auf ſie ein, und ſuchten Arbeit ſo muthwillig und fruchtlos raubten. Im zweiten Jahre ward zwar Wilhelms Betrug durch Da es ein beſon⸗ 69 ihnen den Ruͤkzug abzuſchneiden. Ergebt euch, ſchrien ſie unaufhoͤrlich, ſonſt ſchieſſen wir euch ohne Barmherzigkeit nieder! Aber Wilhelm ach⸗ tete dieſen Ruf nicht, und ſuchte, da ſie eben im Freien waren, mit ſeinen Gefährden den hohen Wald zu erreichen. Die Jäger druͤkten nun ihr Gewehr auf die Fliehenden ab, und zwei davon ſanken hart verwundet an Wilhelms Seite nieder. Doch hemmte, dies der Fliehenden Vorſaz nicht, ſie ſchleppten die Verwundeten neben ſich her, und erreichten gluklich hoͤhere Baͤume, hinter de⸗ ren dikkem Stamm ſie ſich ſogleich gegen neue Fugeln zu ſchuzzen ſuchten. Die Jäger folgten raſch, aber die Wildſchuͤzzen, welche izt ſicher zielen konnten, faßten ihr Ziel feſt, und ſtrekten fuͤnf Jaͤger tod nieder. Die Uebrigen wollten zwar nochmals auf ſie eindringen, da aber Wil⸗ helm auch im Fliehen das Gewehr eines Verwun⸗ deten ergriffen hatte, und mit dieſem noch einen Jäger erſchoß, ſo flohen alle, und goͤnnten den Siegern ungehinderten Ruͤkzug. Sie trugen die Verwundeten auf groſſen Umwegen weiter. Ei⸗ ner derſelben ſtarb eine Stunde nachher, und ſie ſtuͤrzten ſeinen Koͤrper in eine tiefe Grube, mit dem andern langten ſie gluͤklich im Dorfe an, und verbargen ihn in einer geheimen Kammer, wo er gluklich geheilt wurde, ob ſie gleich, aus Furcht verrathen zu werden, keinen Wundarzt beruften, und ihn ſelbſt nur mit Hausmitteln kurirten. S 3 70. Wilhelm war nun Moͤrder geworden, den er hatte zwei Jaͤger, welche ihre Pflicht erfuͤllen mußten, erſchoſſen, aber er nahm dies fuͤr kei⸗ nen Mord, achtete es nur fuͤr gerechte Nothwehre, und fuͤhlte keine Reue uͤber dieſe That. Sein Ge⸗ wiſſen wekte ihn zwar oft im ruhigen Schlafe, aber merkwuͤrdig und zur groͤſſern Kenntniß des menſchlichen Herzens fuͤhrend ſind die Gruͤnde, mit welchen er allemal, ſeinem eignen Geſtaͤnd⸗ niſſe nach, dies Gewiſſen zu beruhigen ſuchte. Ich hatte, ſagte er, einſt in einer Reiſebeſchreibung geleſen, daß bei einem Schifbruche ein Matroſe, welcher nicht ſchwimmen konnte, und eben unter⸗ ſinken wollte, einen andern, der nach dem Ufer ſchwamm, am Fuſſe pakte, ihn mit in die Tiefe zog, und ſo ſein Moͤrder wurde. So wenig nun, fuhr er weiter zu ſchluͤſſen fort, dieſer Matroſe, der nur nach Rettung haſchte, ein Moͤrder war, eben ſo wenig bin auch ichs, weil ich mich auch mur retteen, nicht morden wollte.—— Ein deut⸗ licher Beweiß, daß das Herz des Menſchen ein gefaͤhrlicher Sophiſt ſei, iede That, mit welcher es im Verhaͤltniſſe ſteht, zu beſchoͤnigen und zu entſchuldigen ſucht, oft dann nur die ruchloſeſte That fuͤr boͤſe achtet, wenn die Abſicht derſelben nicht gelang, oder die uͤblen Folgen derſelben es in eine noch groͤſſere Gefahr ſtuͤrzen. Da izt alle Bewohner des Dorfs weislich voraus ſahen, daß der Tod der Jaͤger im ganzen Lande Laͤrm erregen, und alle uͤbrigen Jaͤger aͤuſ⸗ 71 ſerſt aufmerkſam machen werde, ſo beſchloſſen ſie vereint, einige Zeit gar nicht zu iagen, andre Ar⸗ beiten zu verrichten, und guͤnſtigere Zeit und Ge⸗ legenheit abzuwarten. Um ungehindert in Waͤl⸗ dern ſpaͤhen zu können, ging Wilhelm oft mit noch einigen auf Sammlung der Stoͤkte und Wurzeln der Kiefern aus, welche ihnen willig vergoͤnnt wurden, um daraus Dehl und Pech zu brennen. Er entdekte bald, daß mehrere Jäger, als ge⸗ woͤhnlich, umherſtreiften, auch endlich Soldaten erſchienen, welche hie und da Pikete ausſtellten, und ſolche ieden Tag veraͤnderten. Dieſe Anſtal⸗ ten beſtärkten die Wildſchüzzen in ihrem Vorſaz⸗ ze zur Ruhe, ſie wurden dadurch ſo verdachtlos, daß man ihnen bald hernach ingeheim gebot, bei ihrer Arbeit, ieden verdächtigen Menſchen, wel⸗ chen ſie im Walde treffen wuͤrden, wo moͤglich anzuhalten, aber doch wenigſtens dem naͤchſten Pi⸗ kete anzuzeigen. Sie mißbrauchten oft dies Ver⸗ trauen ſchaͤndlich, und iagten, indem ſie bald da bald dort Fremde zu ſehen vorgaben, die Waͤchter fruchtlos umher. Einſt ging Wilhelm mit einem Nachbar, der das erlegte Wildpret meiſtens verkaufte, und da⸗ her nur ſelten zu Hauſe war, nach dem Walde. Sie ſprachen mancherlei, unter andern fragte der Nachbar: Wo Wilhelm, ehe er ins Dorf kam, als Jäger diente. Wilhelm beantworte ſeine Frage aufrichtig und nannte endlich auch das Ja⸗ gerhaus, von welchem er zulezt entfloh. 72 Nachbar. Liegt das nicht bei M—2 Wilhelm. Richtig! Eine gute Stunde da⸗ von entfernt. Nachbar. So wirſt du auch wohl die Toch⸗ ter des dortigen Kraͤmers gekannt haben? Wilhelm.(erröthend) O ia, recht gut! Nachbar. Kennſt du auch ihr Ende? Wilhelm. Ihr Ende? Wie denn? Was denn? Nachbar. Das kannſt du freilich nicht wiſ⸗ ſen, damals warſt du ia ſchon bei uns. Verfloß⸗ nen Winter wurde ſie zu Salzburg als Kindes⸗ moͤrderin enthauptet. Ich verkaufte eben dort Schwarzwild, als ihr Sentenz publizirt wurde, und ſah ſie im armen Suͤnderſtuͤbchen ſizzen. Ach, es war ein ſchoͤnes, huͤbſches Maͤdchen, und be⸗ tete ſo andaͤchtig, daß mir mehr als einmal die Thraͤnen in die Augen traten. Alle Leute bedauer⸗ ten und beklagten ſie. Es that mir herzlich leid, daß ich am Tage, als ſie hingerichtet wurde, fortreiſen mußte, aber es thaute eben, und ich be⸗ ſorgte groſſes Waſſer. Ich haͤtte ſie gerne zur Richtſtaͤtte begleitet und ein paar Vaterunſer fur ihre arme Seele gebetet. Wilhelm. Unmoͤglich! Marie! Eine Kindesmoͤrderin! Hingerichtet! Unmoͤglich! 73 Nachbar. Was nuͤzt's, wenn du dich noch zehnmal mehr verwunderſt, es iſt doch nicht anders. Wilhelm. Du wirſt dich irren! Nachbar. Ich irre mich nicht. Wilhelm. Es iſt unmoͤglich! Sie war ia—— Nachbar.(einfallend) Ein gutes, ſittſames, äber auch ein einfältiges Maͤdchen, und ein ein⸗ fältiges Maͤdchen iſt bald verfuͤhrt, dann reicht ein Verbrechen dem andern die Hand⸗ Wilhelm. Nein! Nein! Ich kanns nicht glauben! Nachbar. Du biſt ein wahrer Thomas. Ich will dir die ganze Geſchichte erzählen, wie ſie damals in Salzburg allgemein kund war, und mir mehr als einmal erzaͤhlt wurde. Wilhelm.(ſich auf die Erde werfend) Er⸗ zähle, ich hore. Nachbar.(neben ihm) Das arme Mäd⸗ chen lebte in ihrem Dorfe vergnuͤgt, und hoͤchſt eingezogen, keine Seele ahnete und argwohnte ihre Schwangerſchaft, ſelbſt die alte Baſe nicht, welche Mutterſtelle bei ihr vertrat, und ſie nie aus den Augen ließ. Wie das gute Ding einſt an einem Morgen nicht zur gewoͤhnlichen Zeit auf⸗ ſtand, ging die Baſe ſie zu wekken, und fand ſie —— 74 todenaͤhnlich im Bette. Sie rufte andere Wei⸗ ber hetbei, dieſe leiſteten ihr alle moͤgliche Huͤlfe, erwekten ſie aus ihrer Ohnmacht, entdekten aber zugleich untruͤgliche Beweiſe, daß die Kranke in der vorhergehenden Nacht Mutter geworden ſei. Marie, ſo hieß das Maͤdchen, läugnete es nicht, wie man aber nach dem Kinde fragte—— Wilhelm. Allmächtiger Gott! Nachbar. Ja wohl, allmaͤchtig iſt er, und leitet die Sache oft wunderbar! Hoͤr nur weiter: Wie man nach dem Kinde fragte, da war nirgends ein Kind zu finden, und Marie behauptete, daß es tod zur Welt gekommen, und von ihr in der Racht nach dem nahen Wald getragen worden ſei. Angſt und Ermattung haͤtten dann, als ſie wie⸗ der in der Kammer anlangte, die anhaltende Ohn⸗ macht verurſacht, aus welcher die Weiber ſie er⸗ wekten. Man ſuchte das Kind im Dikkichte, wo⸗ hin ſie es, ihrer Ausſage nach, geworfen hatte, und da man es dort nicht fand, ſo zeigte man es dem Gerichte an. Dies bewachte ſie ſogleich ſtreng, und fuͤhrte ſie, als es ſich mit ihr beſſerte, nach dem Gefaͤngniſſe, von wo ſie endlich nach der Hauptſtadt geliefert wurde. Ehe dies geſchah, ſtarb die alte Baſe fuͤr Kummer, und ihren alten Vater traf zu Straubing, wo er die Schrekens⸗ poſt hoͤrte, der Schlag. Er blieb auf der Stelle tod, konnte ſein ungluͤkliches Kind ſegnen noch verfluchen. 5 Wilhelm. B Gott! O Gott! Nachbar. Viel hat ſie freilich zu ver⸗ antworten!„ Wilhelm.(hingeriſſen) Auch er, er, der ſie verfuͤhrte, mehr als Nitſchuldiger war! Nachbar. Freilich auch dieſer! Aber das ſonderbarſte bei der Geſchichte iſt, daß man den Vater des Kindes nicht entdekken konnte, und das arme Maͤdchen ihn ſelbſt nicht zu nennen wußte. Wilhelm.(verwirrt) Nicht nennen? Nicht kannte? Nachbar. Nein! Sie war ihrer Ausſage nach, auf der Kirmeß eines benachbarten Dorfes geweſen, und eilte, weil ihre alte Baſe fruͤhe Heimkunft geboten hatte, bei der Daͤmmerung nach Hauſe. Mitten im Walde uͤberfiel ſie ein Unbekannter, und raubte ihre Unſchuld mit Ge⸗ walt. Schaamhaftigkeit, die den Maͤdchen ſo eigen iſt, hinderte ſie, die ſchaͤndliche That zu ent⸗ dekken, ſie ſelbſt argwohnte keine Folgen, und wie ſie dieſe endlich lebhaft fuͤhlte, ſo hinderte die Furcht und Ueberzeugung, daß man ihrer Erzaͤh⸗ lung keinen Glauben beimeſſen werde, das Be⸗ kenntniß. Sie ſuchte ihren Zuſtand vor aller Au⸗ gen zu verbergen, und ſchnuͤrte ſich in der lezten Zeit ihrer Schwangerſchaft auſſerordentlich feſt. Dies ſchaͤdliche Verfahren gab ſie auch als die urſache an, daß ſie ein todes, ſchon der Verwe⸗ ſung nahes Kind zur Welt gebracht habe. 56 Wilhelm.(faunend) Das bekannte ſie, und weiter nichts? Nachbar. Darauf beharrte ſie bis an ih⸗ ren Tod. Das Gericht wollte freilich der Erzaͤh⸗ lung keinen Glauben beimeſſen, und verurtheilte ſie zur Folter, aber es kam, wie man allgemein ſagte, doch nicht dazu, und ſie wurde endlich zum Schwerde verurtheilt. Viele meinten, daß dies Urtheil zu hart ſei, und vorzuglich das tode Kind, um den Mord zu beweiſen, vorhanden ſein muͤſſe, aber andere vertheidigten den Sentenz, und be⸗ wieſen, daß nach den Geſezzen ſchon verſchwiegne Schwangerſchaft und Geburt den Tod nach ſich ziehe. Viele Dorfsbewohner ſagten aus, daß ſie einen Liebhaber gehabt habe, dieſer wurde auch, weil er abweſend war, zitirt, da er aber nicht erſchien, und das Madchen hartnäkkig be⸗ hauptete, daß er ihr nie etwas arges zugemuthet habe, ſo ward der Prohe endlich geſchloſſen. Wilhelm.(ganz auſſer ſich) S Jeſus! D Jeſus! Das war ich! Dich Ungluͤkſeliger! Meine Ausſage hätte ſie vom Tode retten koͤnnen! D Jeſus! O Jeſus! Ich bin an ihrem Tode ſchul⸗ dig! Ich bin ihr Moͤrder! Lange mußte nun der Nachbar fragen, ehe er von dem der Verzweiflung ſo nahen Wilhelm die ganze zuſammenhaͤngende Geſchichte erfuhr. Er bewunderte die ſeltne Großmuth des Maͤdchens, das wahrſcheinlich nie erfuhr, daß er ſchon am 77 folgenden Morgen wegen dem Wilddiebſtahl flie⸗ hen mußte, und durch ihre Ausſage abſichtlich ſei⸗ ne Retterin werden wollte, aber eben dieſe Groß⸗ muth peinigte auch Wilhelms erwachtes Gewiſ⸗ ſen, der Beweiß des gutherzigen Nachbars, daß er durch ſein Bekenntniß ſich nur ungluklich ge⸗ macht, ſein Maͤdchen aber doch nicht vom Tode errettet haͤtte, beruhigte es mer ſchwach. Er ſchlich tiefdenkend nach Hauſe, konnte nicht eſſen, nicht ſchlafen/ uͤberall erblikte er Mariens bluten⸗ den Kopf, der ihn fuͤrchterlich angrinzte. Er hat⸗ te Marien aufrichtig und zaͤrtlich geliebt, es ko⸗ ſtete ſeinem Herzen ſchweren Kampf, wie er ſo ſchnell und ohne Abſchied von ihr ſcheiden mußte, als er aber im Dorfe anlangte, Beſchaͤftigung und Nahrung fand, da ward ſein Leichtſinn Sie⸗ ger, er dachte noch oft an ſie, aber mit einer. Art von Selbſtberuhigung, uͤberredete ſich ſogar, vaß Trenung, da er ſie doch nie heurathen konnte, das„beſte Mittek Far, und hatte ſchon wuͤrklich mit der Tochter eines Wildſchuzzen von Liebe geſprochen, wollte naͤchſtens bei ihrem Va⸗ ter um ihre Hand werben. Iöt erwachte aber mit einmal wieder Liebe zu Marien in ſeinem Herzen, und wuchs, ungeachtet der Uumoͤglich⸗ keit ſie ie wieder lieben zu koͤnnen, bis zur Rie⸗ ſenſtärke. Sein Leben, ſo verſicherte er wenig⸗ ſtens, haͤtte er damals willig hingegeben, wenn er nur einmal noch ihren verſchwiegnen Mund haͤtte kuͤſſen, und von ihr Abſchied nehmen koͤn⸗ 78 nen. Hofnungsloſe Liebe macht ſchwermuͤthig, wekt aber auch die Phantaſie, welche den Leiden⸗ den mit ihren Zauberbildern aͤft und ſtärkt. Er ſah, durch ihre wohlthaͤtige Hulfe, izt nicht mehr Mariens blutendes Haupt, immer ſtand ſie lebend mit einem Auge voll Liebe, und ofnen Armen vor ihm, und ſchien ihm zu winken. Begierde nach dem Tode, der ihn allein mit ihr vereinigen konnte, erwachte in ſeinem Herzen, welches ſolche redlich pflegte und naͤhrte. Anfangs ſchien ihm Selbſt⸗ mord das beſte Mittel, und einmal hatte er wuͤrk⸗ lich ſchon die Flinte geladen, welche ihn mit ſeiner Marie vereinigen ſollte. Ehe er aber dieſen Vor⸗ ſaz ausfuͤhrte, verdraͤngte eine andere Idee die erſte. Er achtete es izt fuͤr heilige Pflicht, dem Gerichte, welches ſeine Marie zum Tode verur⸗ theilt hatte, die Unſchuld der Hingerichteten zu beweiſen, und dann an der Staͤtte zu ſterben, wo ſie geduldet hatte. Dieſer Plan, dieſer feſte Ge⸗ danke erleichterte die Qual ſeines Gewiſſens, und erregte Begierde zur Ausfuͤhrung in ihm. Unter dem Vorwande, daß er eine andere und beſſere Gelegenheit zur Jagd ſuchen wolle, ſchied er aus der Mitte ſeiner Freunde, und eilte nach Salz⸗ burg hinab. Sein Vermoͤgen, welches er ſich im Dorfe durch den reichlichen Antheil an dem Raube geſammlet hatte, beſtand in hundert ſech⸗ zig Gulden Reichsmuͤnze. Er nahms mit ſich, und wollte, ehe er ſich dem Gerichte freiwillig uͤber⸗ lieferte, in irgend einem Kloſter ein Seelenamt ſtiften, welches iaͤhrlich fuͤr ſein und Mariens Seelenheil dort abgeſungen werden ſollte. Er machte, ungeachtet der Winter ſchon nahte, und es eben heftig ſchneite, ſtarke Tagreiſen, und traf ſchon am dritten Dage in Salzburg ein. Er be⸗ ſuchte einige Kirchen, und betete dort ſehr andaͤch⸗ tig. Am andern Morgen wollte er ſein Geld dem feſten Vorſazze gemaͤß verwenden, und dann nach dem Rathhauſe gehen, izt ſuchte er aber ein Wirthshaus, um dort die Nacht uͤber zu ru⸗ hen. Er fand einige, aber uͤberall waren viele Fremde, und der naturliche Lärm ſeinem trauren⸗ ven Herzen zuwider, er verließ ſie wieder, und ſuchte in den kleinſten Gaſſen der Stadt ein ein⸗ ſameres, endlich fand er eines, wo noch niemand herbergte. Die Wirthin, eine noch nicht allzu⸗ alte Wittwe, ſaß eben mit ihren vier Kindern am Tiſche, und nachtmalte, ſie fragte ihn freundlich: Ob ers auch ſo gut haben wolle? Er dankte, und beſtellte ſich ein Fleiſchgerichte. Indes die Wir⸗ thin es zubereitete, hatten die Kinder gegeſſen, und fuͤllten das uͤbriggebliebne in einen Topf. Stell's zum Fenſter, ſprach die aͤltere Schweſter zum iuͤngern Bruder, wenn die arme Marie mor⸗ gen fruh vorbeiklirrt, wird ſie ſchon anklopfen, und dann lange ihrs fein geſchwind hinaus, da⸗ mit ſie nicht warten darf. Will ſchon aufpaſſen, antwortete der Kleine, und es ihr vorher auf dem Ofen waͤrmen. Sie dankt immer ſo freundlich, paß es einem im Herzen wohlthut. Der Name Marie ſchrekte den denkenden Wilhelm aus ſeinem Tiefſinne empor, er trat zum Tiſche, und forſchte: Wer die Marie ſei, von welcher ſie ſpraͤchen? Das iſt, antwortete das Maͤdchen, eine arme Gefangne, die ewig arbeiten in oft nicht ſatt zu eſſen hat, und der wir im⸗ mer etwas aufheben. Unſere Nahrung geht ſchlecht, ſelten kehrt iemand bei uns ein, aber ſeitdem wir der Aermſten immer was zu eſſen ge⸗ ben, beſſert es ſich, wie die Mutter ſagt, augen⸗ ſcheinlich. Neulich gaben wir ihr ein Stuͤk Bra⸗ ten, und Abends kehrten vier reiche Wollenhaͤnd⸗ ler bei uns ein, denen es recht wohl gefiel, und die allemal wieder bei uns einzukehren verſpra⸗ chen. Wilhelms Herz klopfte bei dieſer Erzaͤh⸗ lung heftig, es dachte ſich izt zum erſtenmale die Moͤglichkeit, daß Marie noch leben koͤnne, und vielleicht gar die arme Gefangne ſei. Er fragte begierig, die Kinder konnten aber nicht antwor⸗ ten, und verwieſen ihn an die Mutter. Die Be⸗ ſchreibung ihrer Geſtalt vermehrte die Wahrſchein⸗ lichkeit, und wie endlich die Wirthin erſchien, iede ſeiner Fragen offenherzig beantwortete, ſo wards ihm bald deutlich und klar, daß die arme Gefang⸗ ne ſeine noch lebende Marie ſei. Sie war wuͤrk⸗ lich zum Rabenſteine gefuͤhrt worden, der Scharf⸗ richter hatte ihr ſchon die Augen verbunden, als ver Fuͤrſt Gnade ſande, und ihr Todesurtheil in immerwaͤhrende Fihenſfe verwandelte. Mehr als einmal, erzaͤhlte die Wirthin, nu mi mich verſichert, daß ſie recht gerne geſtorben waͤ⸗ re, izt duldet ſie aber doch willig, und ſtellt Gott den Lohn anheim. Iſts wi klich ſo geſchehen, wie ſie's erzaͤh t, ſo geſchieht ihr ſehr hart, denn ihr Gewiſſen druͤkt kein Findesmord, aber wer kanns aͤndern, die Geſezze muͤſſen ſcharf ſein. Ein Maͤdchen iſt bald verfuͤhrt, und dann ver⸗ leitet die Schaam zu mancherlei Gedanken, ich geſtehe es offenherzig, daß ich mich auch in dem Falle befand, und wenn mich mein ſeliger Mann nicht ſchnell geheurathet haͤtte, vielleicht eben ſo ungluͤklich wie Marie waͤre. Die Wirthin moraliſirte noch lange in die⸗ ſem Tone fort, aber Wilhelm hoͤrte ſie nicht, der frohe, ſelige Gedanke, daß ſeine Marie noch lebe, vielleicht gerettet werden koͤnne, beſchaͤftigte ſeine Seele, und labte ſein Herz. Anfangs glaubte er ſie durch ſein Bekenntniß vor Gerichte allein ſchon aus der Gefangenſchaft retten zu koͤnnen, als er aber ſpaͤterhin uͤberlegte, daß er als ein Mitſchuldiger nichts beweiſen, wahrſcheinlich ſich nur ſelbſt ungluklich machen werde, da beſchloß er dieſen Plan zu verzogern, und ihn nur dann erſt auszufuͤhren, wenn iedes andre Rettungsmit⸗ tel fruchtlos verſucht ſei, er wollte dann wenig⸗ ſtens mit ihr dulden, und ihr beweiſen, daß er aͤchte Reue fühle. Kein Schlaf erquikte ſein muͤdes Auge, im⸗ mer hoͤrte er Kettengeglirre und fuhr erſchrokken 82—— empor. Wie es zu Tagen begann, trieb ihn die Sehnſucht, ſeine Marie zu ſehen, ins Freie, er lief in der kleinen Gaſſe auf und ab, trat wieder in die Thuͤre des Wirthshauſes, uud horchte ie⸗ dem Geraͤuſche begierig entgegen. Endlich klirrte es maͤchtig, von oben herab, und die weiblichen Zuͤchtlinge naͤherten ſich. Einige zogen einen Kar⸗ ren, andre trugen Schaufeln in den Haͤnden, un⸗ ter dieſen befand ſich Marie. Sie naͤherte ſich dem Hauſe, klopfte an das Fenſter, und der Knabe reichte ihr den Topf. Bezahls Gott tauſendmal! ſprach ſie mit einer wehmuͤthigen und herzlichen Stimme, und begann ſogleich zu eſſen. Wilhelm hatte ſichs feſt vorgenommen, ihr zu winken, mit ihr zu ſprechen und ſie uͤber die Moglichkeit ihrer Rettung zu befragen, aber die Trauergeſtalt der Leidenden, ihr ſchlechter und doch reinlicher An⸗ zug, ihre ſchmachtende, und fuͤr ihn ſo reizende Geſtalt, wuͤrkte ſo heftig auf ihn, daß er einer Statue aͤhnlich da ſtand, nicht ſprechen, nicht einmal ſich bewegen konnte. Sie ging, indem ſie immer und haſtig aß, nahe bei ihm voruͤber, eine kleine Bewegung, die all ſeine Kraft nur ver⸗ moͤgend war, machte ſie aufmerkſam, ſie blikte nach ihm hin, und ihr bleiches Geſicht faͤrbte ſich hochroth. Bald hernach ſchuttelte ſie aber unwill⸗ kuͤhrlich mit dem Kopfe und ging, ohne ſich umzu⸗ ſehen, gelaſſen weiter. Als Wilhelm ſeiner Sinne wieder faͤhig war, eilte er dem ſchreklichen Zuge nach, er mußte lange ſuchen, endlich traf er alle 83 N einer Hauptgaſſe, in welcher die Gefangnen das Eiß aufhauten, und wegfuͤhrten. Marie ar⸗ beitete emſig, und ſtets mit geſenktem Blikke; er ging oft an ihr voruͤber, aber ſie ſah ihn nicht; die uͤbrigen bettelten, er gab reichlich, aber ihr Dank erregte ihre Aufmerkſamkeit nicht. Alle ſei⸗ ne Muͤhe war vergebens, er konnte keinen Blik von ihr gewinnen, und ging endlich nach ſeiner Herberge, wo er vergebens nach einem Plane rang, der zur Entdekkung fuͤhren ſollte. Bald trieb ihn neue Sehnſucht wieder ins Freie, er irrte in den Gaſſen umher, ſuchte ſeine Marie und fand ſie nirgends mehr. Er ſpeißte in einem anbern Wirthshauſe, und kam erſt Abends in ſeine Herberge. Wie ihm die Wirthin das Eſſen brachte, fragte ſie ihn: Ob er die arme Gefangne, deren Geſchichte ſie ihm geſtern erzaͤhlt habe, ken⸗ ne? Wilheim wußte nicht, was er antworten ſollte, endlich verneinte er die Frage. Nun da hat man's, ſprach die Wirthin, hat ſich die Aerm⸗ ſte ſo herzlich gefreut, und izt wird ihr, wie ichs richtig vorherſah, die groſſe Freude zu Waſſer. Wie ſie dieſen Abend den Topf zuruͤk brachte, ſo behauptete ſie ſteif und feſt, ihr waͤret ihr Vetter, und wuͤrdet ihr von einer Muhme ein Paar ſchon längſt verſprochne Struͤmpfe mitbringen. Ich ſagte es ihr gleich, daß ihr aus dem Paſſauiſchen kämt, aber ſie widerſprach mir immer, und bat mich vecht ſehr, euch wieder zu bitten, ihr mor⸗ gen die Struͤmpfe nach dem Zuchthauſe zu brin⸗ 34 gen. Ich verſprachs woͤrtlich auszurichten, ob ich den Irrthum gleich vorherſahe. Muͤßt es ihr nicht uͤbelnehmen, es ſieht oft ein Menſch dem andern aͤhnlich. Wilhelm. Hat nichts zu ſagen. Duͤrfen denn Fremde hier ins Zuchthaus gehen? Wirthin. Je, warum denn nicht, wenn ſie Geſchaͤfte dort haben. Seid ihr etwann doch der Vetter, und ſchaͤmt euch, es zu geſtehen, ſo geht kek hin, und laßt ſie nur auf den Gang ru⸗ fen, dort koͤnnt ihr immer mit ihr reden. Mor⸗ gen iſt eben Sonntag, und die beſte Zeit dazu, die Aermſie wird eine rechte Freude haben, wenn ſie wieder einmal einen von ihren Freunden ſieht. Sie verdient die Freude wuͤrklich. Wilhelm. Der Vetter bin ich nicht, denn ich bin wuͤrklich im Paſſauiſchen zu Hauſe, aber wenn die Yermſte ein Paar Struͤmpfe braucht, ſo kann ich ihr doch helfen. Meine Geſchaͤfte halten mich hier noch einige Tage auf, ich will ihr ſchon ein Paar kaufen, und ſie euch geben. Wirthin. Run, da werdet ihr groſſen Gotteslohn dafuͤr haben. Die Wirthin ging nun an ihre Arbeit, und Wilhelm eilte ſogleich fort, um noch am nemli⸗ chen Abende die Struͤmpfe zu kaufen, welche er Sonntags von keinem Kaufmanne erhalten haͤtte. So ſah, ſo erkannte ſie dich doch! rief er immer im Gehen aus, und freute ſich im Voraus des Gläks, ſchon morgen mit ihr ſprechen zu konnen. Daß ſie ihn noch nicht vergeſſen, alles vergeben habe, ihn noch lieben muͤſſe, ſchien ihm deutlich bewieſen, weil ſie ſonſt ſich nicht ſolcher Liſt be⸗ dient, als einen Vetter nach dem Zuchthauſe ge⸗ laden, und ihm Mittel und Wege gezeigt hätte, wie er ſie ungehindert ſprechen koͤnne. Selbſt die beſondre Liſt achtete er fuͤr einen unlaͤugbaren Beweiß der Groͤſſe ihrer Liebe, und urtheilte nicht unrecht, denn Liebe macht wuͤrklich liſtig; aber Liſt oder vielmehr Geiſtes Gegenwart iſt auch eine natuͤrliche Gabe aller weiblichen Geſchoͤpfe, ſcheint oft wuͤrklicher Inſtinkt zu ſein, den der weiſe Schoͤpfer ihnen verlieh, als er den Mann mit Muth und Staͤrke begabte. Pft ringt der Mann Tagelang vergebens nach einem Mittel, ſich aus einer Verlegenheit zu retten, und das Weib findet ſolches in einigen Minuten; oft will er muthig und ſtark Unmoͤglichkeiten wagen, und fe⸗ ſte Felſen durchlöchern, die ſeinen Weg hindern, indes das Weib ſeine Ohnmacht belaͤchelt, ihm die Hand reicht, und auf einem verdekten Pfade, uͤber die Felſen ſicher geleicet. Erfahrung, taͤg⸗ liche Erfahrung wird die Wahrheit dieſes Sazzes bekraͤftigen. Am andern Morgen wanderte Wilhelm nach dem Gefaͤngniſſe ſeiner Marie, die Thore waren noch geſperrt, endlich ofnete man ſolche, und er trat in den Vorhof. Ein Gulden, welchen er ei⸗ nem der Wächter in die Hand druͤkte, bewog die⸗ 5 3 ſen, Marien zu melden, daß ihr Vetter ſie zu ſprechen verlange. Sie trat bald hernach aus einem Zimmer auf den Gang, und der gefaͤllige Waͤchter ging wieder hinab. Ihre Kette, welche ſie an den Fuͤſſen trug, klirrte bei iedem Schritte, und vermehrte Wilhelms Wehmuth, er lehnte ſich an die Mauer, die Leidende trat zu ihm, er konnte nicht ſprechen. Thraͤnen traͤufelten auf die Struͤmpfe, welche er in der Hand hielt, ſie ſahs, und weinte mit ihm. Er und ſie ſprachen nur einzelne Worte, welche Mieleid und Jammer ausdruͤtten. Ein Aufſeher ging voruͤber. Was machſt du da? ſprach er zu Marien. Was wollt ihr hier? fragte er Wilhelmen trozzig. Es iſt mein Vetter, antwortete Marie, er hat mir ein Paar Struͤmpfe gebracht, und beweint nun mein Unglük. Der Aufſeher. Was kann das helfen! Sie haͤtte es eher bedenken ſollen„izt iſt verdiente Strafe ihr Lohn, die kein Mitleid lindern ſoll. Marſch hinein, und ihr pakt euch fort! Bei di⸗ ſen Worten ergrif er Marien, und ſtieß ſie fort. Nur meine Struͤmpfe! rief ſie ſchmerzhaft. Wil⸗ helm reichte ihr ſolche, und bald verſchwand ſie ſeinem nachſtarrenden Blikke. Der ruͤkkehrende Aufſeher ermahnte ihn aufs neue, und er mußte troſtlos weiter wandern. Er hatte ſo viel mit ihr ſprechen, ihr vorzuglich beweiſen wollen, daß er ihr Ungluͤk nicht kannte, und ſelbſt dem Ge⸗ fangniſſe entfliehen mußte, und izt mußte er ſe ohne Troſt verlaſſen, konnte nicht einmal fragen: Ob Rettung moͤglich ſei? In die Struͤmpfe hatte er zehn Gulden geſtekt, damit ſie ſich mit dieſem Gelde laben, und eine beſſere Behandlung erkau⸗ ſen ſolle; izt bereute er herzlich, daß er nicht alles, was er ihr ſagen wolle, auf ein Papier gs⸗ ſchrieben, und in den Struͤmpfen verwahrt habe. Ooch fiels ihm bald ein, daß dies nicht zu ſpaͤt ſei, ein Kaufmann uͤberließ ihm auch am Sonn⸗ tage auf ſeine dringende Bitte ein Paar andere Struͤmpfe, er eilte heim, ſchrieb alles, was er fur nöthig erachtete, in einem langen Briefe an ſeine Marie, und verbarg den Brief in den Struͤmpfen, welche er am Abende der Wirthin mit Auftrag uͤbergab, daß ſie Marien in Anſe⸗ hung der zugemutheten Vetterſchaft eines andern belehren, ihr aber in ſeinem Namen die Struͤm⸗ pfe ſchenken, und beifugen moͤge, daß ſie ſolche, wenn ſie etwan zu klein waͤren, nur zurukſtellen ſolle, weil er ihr alsdann herzlich gerne ein Paar andere und gröſſere kaufen wolle. Er hofte durch dieſe Liſt Marien aufmerkſam zu machen, und ihr zugleich den Weg zu zeigen, auf welchem ſie ſicher antworten könne; er betrog ſich in ſeiner Hof⸗ mung nicht, denn am andern Morgen brachte ihm die Wirthin die Struͤmpfe mit der Erklaͤrung zu⸗ rut, daß Marie ſolche nicht anziehen konne, und daher recht ſchoͤn um grsſſere bäte. Wilhelm unterſuchte ſie mit Begierde, und fand folgenden mit Bleyſtift geſchriebnen Brief darinne: Das Geld, welches ich in den Struͤmpfen fand, hat mir viele und bittere Thraͤnen gekoſtet, ich nahms fuͤr einen Lohn meines Leidens„ fuͤr ein fluͤchtiges Mitleid, welches mein Anblik in deinem Herzen erregte. Ich glaubte, mehr verdient zu haben, und wollte dir's mit der Verſicherung ruͤkſtellen, daß ich das Bewuſtſein, grosmuͤthig an dir ge⸗ handelt zu haben, nie zu verkaufen willens ſei. Dein Brief hat mich eines beſſern belehrt, und, ob ich gleich in Ketten ſchmachte, ſo danke ich doch Gott, daß er dir nicht aͤhnliche Laſt aufer⸗ legt habe. Du fragſt mich: Ob ich Rettung wuͤnſche, und dieſe moͤglich ſei? Ach, ich wuͤnſche ſie von ganzem Herzen, aber noch ſehe ich nir⸗ gends Hofnung. Dein Bekenntniß„ welches du vor Gericht ablegen willſt, nüzt nichts, und macht dich auch ungluͤkich. Flucht konnte mich allein retten, aber ſie iſt auch aͤuſſerſt ſchwer„und doch —— ich will daruͤber nachdenken: Dieſe Wo⸗ che werden wir vielleicht in einer Gaſſe arbeiten, die nur durch eine Reihe von Haͤuſern von der⸗ ienigen getrennt iſt, in welcher du izt wohnſt. Eines dieſer Haͤuſer iſt ein Durchhaus*) und füͤhrt in deine Gaſſe. Unſer Wachter tritt bei der izzi⸗ gen Kälte oft in einen Laden, und läßt uns ohne Aufſicht arbeiten. Ich wuͤrde mich leicht in die⸗ ſer Zeit durch das Durchhaus nach deiner Her⸗ *) Ein Haus, welches auch im Hintergebaͤnde einen Ausgang hat, durch welches man folglich aus einer Gaſſe in die andere gelangen kann. — 89 berge ſchleichen können, aber dann muͤßteſt du ein eignes Zimmer haben, und mit Werkzeugen verſehen ſein, die mir ſogleich die Ketten loͤſen koͤnn⸗ ten. Auch waͤre es hoͤchſt noͤthig, mir einen an⸗ dern Anzug zu beſorgen, damit ich in der Stadt nicht erkannt wuͤrde, und wir ungehindert das Thor erreichen koͤnnten. Ueberlege den Vorſchlag, und melde mir bald deine Geſinung. Ich liebe dich noch immer ſo zaͤrtlich, wie ich dich einſt liebte, und wuͤrde aͤuſſerſt gluͤklich ſein, wenn ich als Frau an deiner Seite leben koͤnnte. Dies zur Antwort auf deine Frage., Wilhelm las dieſen Brief mehr als einmal, und mit groͤßtem Vergnuͤgen, weil er Hofnung zur Rettung erblikte. Schon am andern Tage empfing ſie andere Struͤmpfe und darinne die Nachricht, daß er alles zur Rettung bereiten werde, ſich ſchon ein Zimmer nahe an der erſten Treppe gemiethet habe, und dort alles noͤthige zur Befoͤrderung der Flucht aufbewahren werde. Drei Tage verſtri⸗ chen, ehe die Gefangnen in der beſtimmten Gaſſe arbeiteten, am vierten Morgen traf ſie der ſpaͤ⸗ hende Wilhelm dort; ein bedeutender Wink von Marien benachrichtigte ihn, daß ſie kommen werde, und Wilhelm eilte heim, um ſie zu erwarten. Einige angſtvolle Stunden verfloſſen, endlich ſchlich etwas leiſe die Treppe herauf, und Marie ſank in ſeine Arme. Wilhelm zog ſie in ſein Zimmer, ſperrte die Thuͤre zu, und begann ſogleich mit der Arbeit, ihre Ketten zu loͤſen, er hatte ſcharfe 90 Zangen und Feilen, die Liebe ſtaͤrkte und fuͤhrt⸗ ſeinen Arm. In einer halben viertel Stunde war Marie von Ketten frei, in der andern Haͤlfte der⸗ ſelben ſchon als ein Bauernweib angezogen, wel⸗ ches nach Landesſitte ſeinen Kopf in ein groſſes Tuch gehuͤllt hatte. Mariens Fußeiſen nebſt ih⸗ ren vorigen Kleidern verbarg Wilhelm im Strohe des Bettes, und trat nun zagend und hoffend mie ſeiner Marie an der Hand die Flucht an. Nahe an der Treppe ſtand ein leerer Tragkorb, Marie ergrif ihn, und nahm ihn zur groͤſſern Verſtellung auf den Ruͤkken. Wilhelm mußte, ſo verlangte es die Sorgfaͤltige ausdrüklich, voraus gehen, und ſie folgte in einer Entfernung, damit er, wenn ſie erkannt wuͤrde, als ein Unbefangner ſich ungehindert retten koͤnne, aber der Schuzgeiſt der Liebe dekte ſie mit ſeinen Fluͤgeln, und ſie erreic⸗ te das Thor gluͤklich. Wahrſcheinlich ahnete man ihre Flucht noch nicht, weil ſie nicht die geringſte Anſtalt dazu bemerkten. Wie ſie ſchon im Freien waren, naͤherte ſich ihr Wilhelm, und flͤſterte ihr leiſe zu, daß ſie ſchneller gehen moͤge, aber die Aermſte vermochte es nicht, die ſchweren Fuß⸗ eiſen waren ihren Fuͤſſen ſchon eine gewohnte Laſt geworden, und wenn ſie izt befreit von dieſen, ſchneller gehen wollte, ſo ſtolperte ſie gleich einem Kinde, welches erſt zu laufen begann. Schon war es drei Uhr Nachmittage, und Marie ſchon ſehr muͤde, als die Wanderer in ei⸗ nem Dorfe anlangten, welches nur eine Meile — 91 von der Stadt entfernt lag, ſie kehrten dort ein, und aſſen. Gern haͤtte hier Marie bis an den Morgen geruht, wenn ſie nicht die Nachfolge der Schergen, und vorzuͤglich der Hunde derſelben ge⸗ fuͤrchtet haͤtte, weil man im Zuchthauſe allgemein verſicherte, daß dieſe Hunde die Spur eines ie⸗ den Gefangnen witterten, ihm folgten, und ihn in ieder moͤglichen Verkleidung ſogleich entdekten. Wilhelm glaubte dies mit ihr, und ſuchte verge⸗ bens im Dorfe einen Schlitten, welcher ſie wenig⸗ ſtens noch einige Stunden weit foͤrdern ſollte. Alle Bauern waren mit Holzfuhren beſchaͤftigt, und weigerten ſich zu fahren, die matte Marie mußte alſo, von Angſt und Furcht getrieben, zu Fuſſe weiter wandern. Um ſie zur Reiſe zu ßtaͤr⸗ ken, beſtand Wilhelm darauf, daß ſie ein Glas Brandwein austrinken mußte, weil tiefer Schnee lag, die hell untergehende Sonne eine ſehr kalte Nacht verkuͤndigte, und ſeiner Meinung nach der Brandwein die Empfindung der Kaͤlte mindere. Anfangs ſchien dies Mittel auch wuͤrklich der Ab⸗ ſicht zu entſprechen, Marie folgte ihm ſchnell und munter, wie ſie aber eine halbe Stunde fortge⸗ wandert waren, und eben einen Wald erreichten, wurde ſie ſehr matt, verlangte oft zu ruhen, und begann zu ſchlafen, wenn ſie ruhte. Wilhelm, welcher die Schaͤdlichkeit dieſes Schlafes als Jaͤ⸗ ger aus Erfahrung kannte, ſuchte ſie auf alle moͤgliche Art zu ermuntern, und ſchlepte ſie mit Sewalt weiter, aber bald war auch dieſe Gewalt 92 ₰ nicht mehr faͤhig ihren Schlaf zu hindern; ſie ſank, wenn er ſie empor hob, wieder ſchlafend zu ſeinen Fuͤſſen nieber. Seiner Rechmung nach konnte das nächſte Dorf nur noch eine kleine Vir⸗ telſtunde vom Walde entfernt liegen. Angſt und kiebe ſtaͤrkten ſeine Kraͤfte, er nahm die Schlafende auf ſeinen Ruͤkken, und eilte, das Dorf zu errei⸗ chen. Da es ſchon machtig dämmerte, er dieſen Weg nur einmal gegangen war, und noch uber⸗ dies unter ſeiner Laſt gebuͤkt, nicht umher blikken konnte, ſo geſchahs, daß er, indem er mur im⸗ mer dem gebahnteſten Wege folgte, von der Haupt⸗ ſraſſe ablenkte, und auf einem Wege fortwandelte, der immer tiefer in den Wald, und nach einem Plaze fuͤhrte, wo die Bauern ihr Holz gehauen hatten. Erſt, als er athemlos und ſchweißtriefend dort anlangte, erkannte er den ſchreklichen Irr⸗ thum, und mußte hier ruhen, ehe er ruͤkkehren konnte. Seine Marie athmete noch, ihre Haͤnde waren zwar kalt, aber ihre Bruſt noch warm, doch war alle Muͤhe fruchtlos ſie aus ihrem Schlafe zu erweken, ſie hoͤrte ſein lautes Weinen und Schluchzen nicht. Enblich faßte er ſie wieder auf den Ruͤkken, wanderte den weiten Abweg zu⸗ ruͤk, und auf der rechten Straſſe weiter. Erſt nahe am Dorfe, als er ſelbſt ſinken wollte, er⸗ laubte er ſich Ruhe, und lehnte ſeine Marie an einen Zaun, aber nun uͤberzengten ihn alle Simp⸗ tomen von der ſchreklichen Gewisheit ihres To⸗ des, alle ihre Glieder waren ßtarr, kein Leben, 93 keine Waͤrme in ihr. Laut iammernd ſchleppte er ſie nach dem Dorfe, und endlich in das dort be⸗ findliche Wirthshaus, wo freilich alle Anweſende theil an ſeinem Leiden na hmen, aber, indem ſie Huͤlfe leiſteten, wahre Huͤlfe unmöglich machten. Sie legten ſolche nahe am warmen Ofen, bedek⸗ ten ſie mit gewaͤrmten Bett S und erſtikten auf dieſe Art ieden Funken des Lebens in ihr. Frei⸗ lich hofte Wilhelm, freilich hoften die gutherzi⸗ gen Einfaͤltigen mit ihm, als ihre Glieder wieder gelenkbar wurden, aber alle hoften vergebens, denn ſie war ſchon im angenehmen Weiſ der Freiheit hinuͤber geſchlummert, wo wahrſcheinlich der Lohn ewiger Freiheit und Freude ihrer harrte. Ein Wundarzt, welchen man aus einem benach⸗ barten Dorfe herbei gerufen hatte, bewieß die Moͤglichkeit der Rettung, wenn man entgegenge⸗ ſezte Mittel angewandt haͤtte, erklaͤrte aber auch eben ſo deutlich, daß izt keine Huͤlfe mehr mog⸗ lich, und iede Hofnung verlohren ſei. Wilhelm iammerte nun ſchreklich, und wollte ſich nicht von ſeiner toden Marie trennen. Man ehrte ſeinen Schmerz/ weil man die Entſeelte fuͤr ſeine Gattin hielt, und ehrte ihn auch dann noch, als er ſie auf Befragen der Anweſenden fuͤr ſeine Schwe⸗ ſter erklaͤrte. Fruͤh erſchien der Richter des Dor⸗ fes, um von Wilhelmen den Namen, Wohnort der Verſtorbnen, nebſt allen uͤbrigen Umſtaͤnden zu erforſchen, und dann Bericht in ſeinem Pfleg⸗ gerichte abzuſtatten Durch dieſe nothwendigen —— 94 Fragen erſchrekt, fuͤhlte Wilhelm zum erſtenmale ſeine gefaͤhrliche Lage, und die groſſe Wahrſchein⸗ lichkeit, daß durch eine gerichtliche Unterſuchung alles entdekt werden koͤnne. Luſt zum Leben er⸗ wachte wieder in ſeinem Herzen, er beantwortete die Fragen des Richters nach Gurduͤnken, und beſchloß, ehe das Pfleggerichte erſcheinen wuͤrde, die Flucht zu ergreifen. Eben nahm er von Mariens Leichnam, den man in eine Kammer geſtellt hatte, mit vielen Thraͤnen Abſchied, als zwei Schergen, von dem Wirthe begleitet, ein⸗ traten, den Leichnam gnau betrachteten, und ſo⸗ gleich erklaͤrten, daß die Tode dieienige ſei, wel⸗ che geſtern in der Stadt ihrem Waͤchter entflohen waͤre. Wilhelm erſchrak heftig, und wollte aus der Kammer fortſchleichen, aber einer der Scher⸗ gen faßte ihm ſogleich am Arme, und fuͤhrte ihn nach dem Zimmer. Freilich ſuchte er izt durch Lugen ſich aller Theilnahme an Mariens Flucht zu entledigen, er behauptete kuͤhn, daß er Marien erſt vor der Stadt begegnet ſei, mit ihr als einem huͤbſchen Maͤdchen Bekanntſchaft gemacht, und, da ſie auch nach Paſſau reiſen zu wollen, vorge⸗ geben habe, ihr Reiſegefaͤhrte geworden ſei. Da aber alle Anweſende dieſer Ausſage widerſprachen, was er vorher bekannt hatte, aufrichtig erzaͤhlten, und einſtimmig meinten, daß eine ſo kurze Be⸗ kanntſchaft unmoͤglich ſo innige Trauer und Her⸗ zeleid verurſachen koͤnne, ſo blieb Wilhelm der Gefangne der Schergen. Sie geboten dem Rich⸗ 95 ter des Dorfs die Leiche nach der Stadt zu fuͤh⸗ ren, und wanderten mit Wilhelm voran. Die Kaͤlte war ſtark und heftig, Wilhelms Begleiter kehrten im Wirthshauſe ein, wo er Tags zuvor mit ſeiner Marie geſeſſen hatte. Viele Knechte, welche dem Wirthe Holz zugefuͤhrt hatten, ſaſſen an einem Tiſche, tranken und waren luſtig. Sie blikten mitleidsvoll auf Wilhelm hin, der in der Mitte der Schergen ſas, und den Brandwein verſchmaͤhte, welchen ihm dieſe einſchenken lieſ⸗ ſen. Die Knechte naͤherten ſich dem Tiſche, und ſprachen mit den Schergen, Wilhelm achtete nicht auf ihr Geſpraͤch, hoͤrte aber bald, daß ſie mit ihnen zankten, und ſah kurz nachher, wie einer der Schergen ſeinen Stok ergrif, und damit dem wilden Haufen drohte. Dieſe Drohung war das Zeichen zum allgemeinen Angriffe, ſchnell lagen die Schergen auf der Erde, und wurden von den Knechten ſchreklich gepruͤgelt. Mehr aus mecha⸗ niſcher Furcht, als aus Vorſaz zur Flucht, ſprang Wilhelm zur Thuͤre hinaus, und wollte eben in den Hof treten, als er ſich von dem Hunde, wel⸗ cher die Schergen begleitete, gehalten fuͤhlte, er ſchrie, ein Knecht eilte herbei, ſchlug den Hund mit einem Stuhlfuſſe auf den Kopf, und rief dem erloͤßten Wilhelm zu: Lauf, was du kannſt, ſie werden dir ſobald nicht folgen! Wilhelm gehorchte, und eilte auf der nächſten Straſſe vorwaͤrts. Bald hernach iagten ſeine Retter mit ihren Schlit⸗ ten bei ihm voruͤber, einer derſelben erkannte 96 3 ihn, und nahm ihn auf ſeinen Schlitten. Durch ihn erfuhr er, daß die Schergen ſinnlos am Bo⸗ den laͤgen, und alle Knechte aus Furcht vor der Strafe die Flucht ergriffen haͤtten. Der Wirth, fuͤgte er hinzu, verraͤth uns ſicher nicht, und ſo haben die Kerle, welche nur auf armer Leute Ungluͤk ausgehen, einmal verdienten Lohn em⸗ pfangen. Koͤnnt froh ſein, daß wir euch bei dieſer Gelegenheit Raum zur Flucht machten, ſonſt wuͤrdet ihr bald eng genug geſeſſen ſein. Wil⸗ helm dankte herzlich, und der Knecht nahm ihn bis in ſein Dorf mit, welches gute zwei Stunden vom Schauplazze des Kampfes entfernt lag. Hier ward ihm von ſeinem Retter ein ſicheres Nachtlager angetragen, aber er nahms nicht an, und beſchloß ſeiner Sicherheit wegen weiter zu wandern. Man zeigte ihm willig die naͤchſte Straſſe nach Paſſau, und forſchte nicht nach der urſache ſeines Verbrechens, weil es die guther⸗ zigen Einfaͤltigen fuͤr ein gutes Wer? achteten, daß ſie einen armen Gefangenen aus den Haͤn⸗ den der Schergen erloͤßt haͤtten. Die groſſe Strenge und Haͤrte, mit welcher ſonſt in dieſer Gegend dieſe Diener der Gerechtigkeit iedem Bauer begegneten, der oft laͤcherliche Stolz, mit welchem ſie die Wuͤrde ihres Amtes zu erheben ſuchten, und der wuͤrkliche Misbrauch ihrer Macht, war die natuͤrliche Urſache des eingewurzelten Haſſes, den alle Lanbleute gegen die Schergen hegten; ſie betrachteten ieden, den ſie in ihren Haͤnden er⸗ 97 erblikten, als einen Unſchuldigen, dem man einen Theil ſeines Vermsgens rauben wollte, und da⸗ her entſprang auch die ſo gewoͤhnliche Begierde zur Rettung aus ihren Haͤnden. Jezt, da eine weiſe Regierung dem Mißbrauche ieder gerichtli⸗ chen Macht feſte Schranken geſezt hat, ſchwin⸗ det auch dies ſchaͤdliche Vorurtheil, und man be⸗ trachtet nun ieden Gefangnen als ein Opfer der Gerechtigkeit, welche den Unſchuldigen ſogleich willige Freiheit goͤnnt, und nur den Verbrecher ſtraft. Wilhelms Trauer uͤber den Verluſt ſeiner Marie war noch immer ſehr groß, die Furcht, nun gleich ihr, und wahrſcheinlich zeitlebens dul⸗ den zu muͤſſen, hatte ſie gehemmt, izt da er wie⸗ der Freiheit athmete, floſſen ſeine Thraͤnen aufs neue. Doch fand er Troſt in dem Gedanken, daß er ſie von ſeiner Liebe uͤberzeugt habe, und nun ſein Gewiſſen mit dieſer Ueberzeugung beruhigen koͤnne. Er beſchloß wieder nach ſeinem Dorfe zuruͤk zu kehren, und es nie mehr zu verlaſſen. Am Abende des dritten Tages langte er dort an, fand keinen der Maͤnner, nur die Weiber und Kinder, welche iammerten und klagten. Die Un⸗ vorſichtigen waren auf der That ertappt, und alle nach dem Gefaͤngniſſe geſchleppt worden. Die ſchnell eingefallne Kaͤlte, und der groſſe Schnee hatte ihrer Meinung nach alle Jaͤger und Sol⸗ daten aus den Waͤldern vertrieben, ſie wagten es daher, einige Tage nach Wilhelms Abreiſe, G 98 auf Raub aus zu gehen. Die That gelang, ſie kamen mit Beute beladen nach Hauſe. Ehe ſi ſolche aber zum Verkaufe ausſenden konnten, ward ihr Dorf von Jaͤgern und Soldaten umringt, weil man doch noch gelauert, und ihren Aufent⸗ halt entdekt hatte. Die Strenge, mit welcher man alle behandelte, und die unbedingte Gnade, wel⸗ che man dem Erſten, welcher alles aufrichtig be⸗ kennen werde, zuſicherte, bewog alle zum ofnen Bekenntniſſe, und ſie wurden ganz natuͤrlich auch alle dem Gerich'e uͤberliefert. Alle Weiber erzaͤhl⸗ ten ihm einſtimmig, daß man ihn emſig ſuche, aller Prten auf ihn laure, und verbargen es ihm nicht, daß die Gefangnen, weil ſie ihn in Sicher⸗ heit glaubten, alle Laſt des Verbrechens auf ihn gewaͤlzt haͤtten, um ſich ein beſſeres Schikſal zu bereiten Wilhelm erkannte die groſſe Gefahr, welche ihm drohte, entfloh ſchnell, und entkam, der ganzen Gegend kundig, gluͤklich uͤber die Graͤnze. Da er ſich auch hier nicht ſicher dunkte, weil man aller Orten von den beruͤchtigten Wilddieben und Moͤrdern ſprach, ſo floh er tiefer ins Land, und ward, weil die Polizei hier uͤberall ſtreng wachte, zu Linz Soldat. Er war groß, iung und ſchoͤn und kam unter die Grenadier. Pb es gleich allgemein bekannt, und auch erwieſen iſt daß die Soldaten, welche dem Kaiſer dienen, ſehr ſchonend und menſchenfreundlich behandelt werden, ſo war es doch ganz natuͤrlich, daß dem wilde und 7 99 zugelloſe Freiheit Wilhelm ein Leben nicht behagte, deſſen taͤgliche Stunden in Geſchaͤfte und Ordnung eingetheilt waren. Er verlezte eini⸗ gemal dieſe Geſezze, ward ermahnt, und endlich beſtraft. Dieſe verdiente Strafe machte ihn ſei⸗ nen Stand vollends unertraͤglich, er benuzte die erſte guͤnſtige Gelegenheit, und deſertirte. Schon am andern Morgen wurde er von den Bauern in einem Waͤldchen gefangen, und nach der Stadt geliefert, er mußte Spizruthen laufen, und kam unter die Musketiers. Seine Freiheit ward hier noch mehr beſchraͤnkt; wenn ſeine Kammeraden ungehindert in der Stadt umher gehen durften, mußte er zu Hauſe bleiben, und konnte nur dann freie Luft athmen, wenn alle zum exerziren aus⸗ ruͤkten. Auf dieſe Art verfloß fuͤr ihn ein qual⸗ volles Jahr, zu Ende deſſelben erhielt er endlich die Erlaubnis, in Geſellſchaft eines vertrauten Mannes ausgehen zu duͤrfen. Sie wanderten an der Donau umher, und traten endlich in ein Bier⸗ haus. Indes ſein Waͤchter trank, und mit einem Schiffer im Geſpraͤche vertieft war, ſchlich Wil⸗ helm ins Freie. Begierde nach Freiheit durch⸗ bebte ſeine Seele. Ein groſſes Schif, welches mit Pferden beſpannt war, und von dieſen Strom⸗ aufwaͤrts, folglich gegen die Graͤnze gezogen wur⸗ de, ſtand am Ufer, er ſchlich hinab, die Schiffer tranken im nahen Wirthshauſe, keiner war zuge⸗ gen. Er uͤberkletterte das Gepaͤkke, und fand im Hintergrunde groſſe leere Faͤſſer. In einem der⸗ 6 2 100 ſelben lagen aus Baſte geflochtne Matten, er kroch hinein, dekte die Matten uͤber ſich, und erwartete nun mit Furcht und Zittern den Ausgang ſeines Wagſtuͤkkes. Bald hoͤrte er Laͤrm im Schiffe, und fuͤhlte zu ſeiner innigſten Freude, daß das Schif ſich bewegte. Drei Dage und Naͤchte blieb er auf dieſem Schiffe verborgen, litt weder Hun⸗ ger noch Durſt, weil die Schiffer Brod und Bier in Fuͤlle auf dem Schiffe hatten, des Nachts meiſtens in einem Wirtshauſe ſchliefen, und ihm hinlaͤngliche Zeit goͤnnten, ſich in ſeinem Faſſe mit Proviant zu verſorgen. Am vierten Tage landete das Schif ſchon um Mittagszeit, und blieb ru⸗ hig am Ufer bis zum folgenden Morgen liegen. Wilhelm ſah in der Nacht, daß es nahe an Haͤu⸗ ſern liege, und wagte ſich nicht, ob er gleich die Ausladung befuͤrchtete, ins Freie. Haͤtte ers ge⸗ wagt, ſo wuͤrde er wahrſcheinlich entkommen ſein, denn das Schiff ſtand beim Mauthhauſe, und ei⸗ ne Virtelſtunde davon endete das Heſtreichiſche Gebiete. Fruͤh erſchienen die Mauthbeamten, beſahen die Ladung, welche ausgefuͤhrt werden ſollte, und kamen endlich auch zu den leeren Faͤſ⸗ ſern. Einer derſelben zog die Matten heraus, welche Wilhelmen bedekten, und erkannte, da ſein Kleid ihn verrieth, in ihm ſogleich einen De⸗ ſerteur. Aller Widerſtand war vergebens, er ward gefangen genommen, und ſogleich verhoͤrt, weil man eine Theilnahme der Schiffer beſorgte, und dieſe dann erſt ungehindert fahren ließ, als P Wilhelm alles aufrichtig bekannt hatte. Er ward nach Linz geliefert, und vom Kriegsrechte zum Strange verurtheilt. Der nahe Tod wekte ſein Gewiſſen, er wollte ſchon, was er bisher nie that, ſeinen ganzen Lebenslauf aufrichtig bekennen, und ſich durch dies reumuͤthige Bekenntniß vor der kuͤnftigen Strafe ſichern, als ihm ein gutherziger Korporal heimlich zufluͤſterte, daß ſichere Gnade zu hoffen ſei. Er traute dieſem Troſte, wanderte ſtandhaft nach dem Richtplazze, und ward dort wuͤrklich von dem großmuͤthigen Obriſten des Regiments begnadigt. Die feſte Ueberzeugung, daß er, wenn er noch einmal die Flucht wage, ganz gewiß ſterben muͤſſe, wuͤrkte kraͤftig auf ſein Herz, und bewog ihn, ſein Schikſal in Gedult zu ertragen. Die⸗ ſer Vorſaz, welcher aus allen ſeinen Handlungen hervor leuchtete, bewuͤrkte ihn bald ein ertraͤgli⸗ cheres Loos, und er diente durch zwei lange Jah⸗ re tadellos und ohne Strafe. Um dieſe Zeit mußte ſein Regiment nach Boͤhmen marſchiren, es kam als Garniſon in eine Stadt, welche nur ſechs Meilen von der ſaͤchſiſchen Graͤnze entlegen war, viele Kompanien wurden in kleinere Staͤdt⸗ chen vertheilt, unter dieſen befand ſich auch die⸗ ienige, bei welcher Wilhelm ſtand. Sein Haupt⸗ mann war ein ſehr guter, und menſchenfreund⸗ licher Mann, noch iung, und ein groſſer Liebha⸗ ber der Jagd. Durch Zufall erfuhr er erſt hier, daß Wilhelm ein Jaͤger ſei, S nahm ihn ju ſich, 3 102 weil er zu ſeinem Vergnuͤgen eine Wildbahn ge⸗ pachtet hatte. Wilhelms Geſchiklichkeit in dieſem Fache, ſeine auſſerordentliche Fähigkeit im Tref⸗ fen, machte ihn bald bei ſeinem Hauptmanne ſehr beliebt, er durfte nicht mehr Wache ſtehen und exerziren, konnte ungehindert den ganzen Tag ia⸗ gen. Aber eben dieſe Freiheit ward auch bald der Urſtoff ſeines neuen Ungläks, denn die Moͤg⸗ lichkeit/ einer glůtlichenFlucht reizte ihn taͤglich mehr, ward endlich zum feſten Vorſazze, den er ſobald als moglich auszufuͤhren beſchloß. Er lebte aͤuf⸗ ſe ſparſam, und ſammlete iedes kleine Geſchenk, womit der Hauptmann ſeine Faͤhigkeit belohnte, um ſich eine vollſtaͤndige Jägerkleidung kaufen zu koͤnnen, welche er ſorgfältig in ſeiner Kammer verbarg. Er blieb nun einigemal uber Nacht auf der Jagd, und entſchuldigte ſich mit dem Be⸗ weiſe, daß er ein Wild, welches er oft ſchon am Tage ſchoß, bis am Morgen belauert habe. Nie ward zu ſeiner groͤßten Freude dieſe Entſchuldi⸗ gung bezweifelt, und dadurch die Hofnung, ſicher entfiiehen zu koͤnnen, immer mehr gegruͤndet. Bald hernach ward ſein Hauptmann in der Nachbarſchaft zu Gaſte geladen, und da er bei ſeiner Ruͤkkehr einige gute Freunde mitbringen wollte, ſo befahl er Wilhelmen, die Kuͤche indes mit Wildpret zu verſorgen. Dieſer verſprachs, beſchloß aber zugleich die gunſtige Gelegenheit zu benuzzen, pakte ſeine Jaͤgerkleidung in die Waid⸗ taſche und wanderte, als es baͤmmerte mit dem feſten Entſchluſſe, nie wieder zu kehren, aus dem Staͤdtchen. Im naͤchſten Walde kleidete er ſich um, warf alles, was den Soldaten verrathen konnte, von ſich, und behielt nur, aus Mangel eines andern, den Saͤbel. Der ganzen Gegend kundig, ging er auf Nebenwegen nach der Graͤn⸗ ze, ruhte die ganze Nacht nicht, und war am Morgen nur noch hoͤchſtens zwei Stunden von dieſer entfernt. Wie die Sonne aufging, ver⸗ irrte er ſich zwiſchen Felſen in einem groſſen Walde, mußte einige Stunden umher ſuchen, ehe er eine gebahnte Straſſe erreichte. Ungewiß ob er vor oder ruͤkwaͤrts gehe, fragte er einen Jaͤgerpurſchen, welcher ihm begegnete, nach dem Wege, dieſer beantwortete iede ſeiner Fragen, ging einige Zeit neben ihm, und lenkte ſich dann in den Wald, wo er iagen wollte. Wilhelm ging ungehindert wei⸗ ter, erreichte das Ende des Waldes, und bald hernach ein groſſes Dorf, durch welches er, dem Rathe des fremden Jaͤgers gemaͤß, ſeinen Weg nehmen mußte. Pb er gleich nicht entdekt zu wer⸗ den fuͤrchtete, gerne etwas gegeſſen haͤtte, ſo zwang ihn doch eine geheime Ahndung den Fuß⸗ ſteig zu waͤhlen, welcher hinter dem Dorfe hinab⸗ fuͤhrte. Schon hatte er das Ende des Dorfs er⸗ reicht, und wollte wieder auf die Straſſe einlen⸗ ken, als ihn zehn bis zwolf Bauern haſtig nach⸗ eilten, und ihn ſogleich umringten. Ihr Anfuͤh⸗ rer war der Jaͤgerpurſche, mit welchem er im Walde geſprochen hatte. Du biſt kein Jaͤger, 104 ſprach dieſer zu ihm, du biſt ein Deſerteur, dein Saͤbel und Haarzopf beweißt es. Den Paß her, ſonſt entkommſt du nicht! Bei dieſen Worten grif er nach Wilhelms Flinte, welche er auf dem Ruk⸗ ken trug, und wollte ihm ſolche entreiſſen. Wil⸗ helm, der ſich verrathen, gefangen, und nun ganz gewiß am Galgen erblikte, zog ſeinen Saͤbel, und wie der Jaͤger nicht weichen wollte„ ſo ſtieß er ihm ſolchen in den Leib. Die Bauern erſchra⸗ ken, und goͤnnten ihm Zeit, ſeine Flinte zu ergrei⸗ fen. Wer ſich mir naht, den ſchuͤſſe ich auf der Stelle nieder! rief er aus, und die Bauern flo⸗ hen. Er eilte min ebenfalls fort, und quer uͤber Felder und Wieſen nach einem nahen Walde. Erſt, wie er dieſen erreicht hatte, wagte er es, růkwaͤrts zu blikken, und ſah ſich von niemanden verfolgt. Den ganzen Tag wanderte er in dieſem Walde vorwaͤrts, und blieb, als er das Ende deſſelben erreichte, bis zur Nacht im Dikkichte liegen. In dieſer umging er vier Dorfer, und kam am Mor⸗ gen zum fuͤnften. Als er auf dem Thurme der Kirche ſtatt des Kreuzes einen Hahn erblikte„war er uͤberzeugt, daß er ſchon in Sachſen ſei„ und fruͤhſtukte in der Schenke des Dorfs. Niemand fragte nach einem Paſſe, erſt am andern Tage, wie er ein hubſches Staͤdtchen durchwandern woll⸗ te, ward er angehalten, und, wie er ſich als Deſerteur meldete, zum Hauptmanne der Garni⸗ ſon gefuͤhrt. Dieſer fragte zwar, ob er Dienſte nehmen wolle, wie er aber, nach ſeinem erdich⸗ 405 teten Vaterlande Pohlen reiſen zu koͤnnen, bat, ſo gab man ihm eine Marſchroute, und ließ ihn weiter gehen. Mit dieſer durchwanderte er Sach⸗ ſen und Schleſien, und naͤherte ſich wuͤrklich Poh⸗ lens Graͤnzen, weil er ſich dort nicht allein ſicher duͤnkte, ſondern auch noch uberdies gehoͤrt hatte, daß man hier geſchikte Jaͤger ſchaͤzze, und gerne in Dienſt nehme. Er bettelte auf dem weiten Wege hoͤchſt ſelten, weil er immer bei mitleidigen Jaͤgern Herberge fand, oft noch ein gutes Reiſe⸗ geld empfing. Schon hatte er am Abend Pohlens Graͤnze erreicht, bei einem Juden uͤbernachtet, und reiſte am Morgen durch einen groſſen Wald, als drei in Liverei gekleidete Maͤnner, nebſt einem ſchon etwas alten Frauenzimmer bei ihm haͤnderingend voruͤber eilten, ihn nicht einmal zu ſehen ſchienen, und laut iammernd weiter flohen. Dhne die Ur⸗ ſache ihrer Flucht errathen zu koͤnnen, ahnete er doch Gefahr, unterſuchte ſein Kugelrohr, und ſchuͤttete friſches Pulver auf die Pfanne. Kaum war er einige hundert Schritte vorwaͤrts gegan⸗ gen, ſo erblikte er eine umgeſtuͤrzte Kutſche, an welcher vier Pferde angeſpannt waren, die vom Schweiſſe trieften. Eine iunge, ſehr ſchoͤn ge⸗ kleidete Dame ſtand nahe dabei, hielt ein Kaͤſt⸗ gen unter dem Arme, und weinte ſchreklich. Wilhelm naͤherte ſich ihr. Ach, mein Herr, rief ſie ſchluchzend aus, erbarmen ſie ſich meiner, Retten, ſchuͤzzen ſie mich! Fuͤhren ſie mich auf 106——— Abwege nach der ſchleſiſchen Graͤnze! Kommen ſie, ſonſt werde ich vor ihren Augen ermordet. Ihr Lohn ſoll groß und herrlich ſein—— Ach kommen ſie, ich hoͤre ſchon Pferde! Ich bin verlohren! Bei dieſem Worten ſprang ſie gleich einem geiagten Rehe in den Wald hinein. Wil⸗ heim folgte ohne Willen und Vorſaz, aber der fle⸗ hende Ton der ſchoͤnen Dame hatte ſein Herz ge⸗ troffen, und dies leitete ihn unwillkuͤhrlich ihr nach. Die Fliehende, welche nahe Todesangſt aͤuſſerſt ſchnell trieb, war ſchon einige hundert Schritte im Walde vorwaͤrts gedrungen, und naͤ⸗ herte ſich eben einem kleinen Bache, als ein alter, haͤßlicher Mann in pohlniſcher Kleidung nahe an ihm voruͤber ſprengte, und ſie ſogleich erreichte. Habe ich dich! Habe ich dich wieder! ſchrie er, indem er vom Roſſe ſprang', die Dame beim Haare ergrif, und ſo hinter ſich her ſchleppte. Sie ſchrie erbaͤrmlich nach Huͤlfe, und kruͤmmte ſich gleich einem Wurme am Boden. Der ſchrekliche Anblik empoͤrte Wilhelms Herz und Sinne, er ſprang hinzu. Laßt ſie los! ſchrie er. Nimmer! Nimmer! bis ſie nicht mehr athmet! antwortete der Alte ſchaͤumend, und ſchleppte die Leidende weiter. Sie flehte aufs neue, Wilhelm druͤkte ſein Gewehr los, und der Alte ſank roͤchelnd nie⸗ der. Ehe Wilhelm ganz hinzu eilen konnte, hat⸗ te ſich die Dame ſchon aus der matten Hand des Sterbenden losgewikkelt, wollte ſich eben vom Boden auftichten, als ein Schuß geſchah, und 107 dicht an Wilhelms Kopfe eine Kugel vorbei pfiff. Sein Huſar! Sein Huſar! ſchrie die Dame und ergrif ſchnell den Saͤbel, welcher an des Todten Seite hing. Wilhelm blikte, durch das Geſchrei der Dame aufmerkſam gemacht, rükwaͤrts, und ſah einen Huſaren mit bloſſem Saͤbel auf ihn ein⸗ dringen. Er füchte ſchreklich in pohlniſcher Spra⸗ che, und wuͤrde mit dem ſchreklichen Hiebe, wel⸗ chen er eben nach Wilhelm fuͤhren wollte, ſein Le⸗ ben geendet haben, wenn dieſer nicht ruͤkwaͤrts geſprungen waͤre, und hinter dem Stamme einer Eiche Schuz gefunden haͤtte. Er gewann hier Zeit, auch ſeinen Saͤbel zu ziehen, aber der Kampf blieb doch aͤuſſerſt ungleich, weil ſeines Gegners Saͤbel noch einmal ſo lang war, und er ihn damit, ohne ſich ſelbſt in Gefahr zu ſezzen, leicht erreichen konnte. Schon hatte ihn dieſer hinter der Eiche hervorgetrieben, und wollte eben ſein Leben mit einem neuen Hiebe enden, als die muthige Dame das Schwerd des Alten dem Hu⸗ ſaren in den Ruͤkken ſtieß, und ihren Retter be⸗ freite. Der Huſar ſank, wie er ſich aber wieder empor richten wollte, ſo vollendete Wilhelm den Mord mit zwei neuen Hieben, von welchen der leztere des Verwundeten Kopf ſpaltete. Nun ſind wir frei! Nun verfolgt uns nie⸗ mand mehr! rief die Dame mit einer Art von Frohlokken aus, waͤren die Schurken nicht ent⸗ flohen, wir haͤtten eben ſo geendet, aber der Ti⸗ rann war ihnen zu furchtbar, wie ſie ſeine Nach⸗ 108 folge nur witterten, ſo verließ ſie ihr Muth, und ſie flohen ſchaͤndlich. Ihnen, endete ſie, indem ſie Wilhelms Hand ergrif, verdanke ich mein Le⸗ ben, ihnen will ichs vergelten, ſo lange es dauert. Wilhelm ſchwieg, denn er wußte nichts zu ant⸗ worten, und konnte nicht begreifen, wie alle Ge⸗ fahr geendet ſein ſolle. Ein Blik, welchen er auf die Ermordeten wagte, uͤberzeugte ihn vom Gegentheile. Sie liegen hier gut, ſprach die Da⸗ me, welche ſeinen Blik mißdeutete, und wenn ſie eine Speiſe der Woͤlfe werden, ſo iſis gerechter Lohn. Sie trat nun zur Leiche des Alten, riß mit Wuth einen goldnen Ring von ſeinem Finger herab, und ſchleuderte ihn in den nahen Bach. Es iſt nun vernichtet, das unaufloͤßliche Band, rief ſie aus, auf welches du ſo kuͤhn getrozzet haſt. O es hat mich unzaͤhliche Thraͤnen gekoſtet, ſie floſſen oft ſtaͤrker, als dein ſchwarzes Blut izt fließt. Ich wollte nicht deine Moͤrderin werden, auch ward ichs nicht; aber Gott ſendete einen raͤchenden Engel, und forderte dich endlich zur Rechenſchaft! Sie ſprach dieſe Worte laut und feierlich, Wilhelm, welcher Entdekkung beſorgte, zagte, und erinnerte ſie endlich, daß ſchleunige Flucht aͤuſſerſt nochwendig ſei. Beſorgen ſie nichts, antwortete die Dame ruhig, mit ſeinem Tode en⸗ det alle meine Gefahr. Ich bin uͤberzeugt, daß er, als er meine Flucht gewahrte, hunderte zur Nachfolge aufbot, ich bin aber noch feſter uͤber⸗ zeugt, daß alle die hunderte nicht folgten, Gott 109 auf ihren Knien um meine Rettung flehten, und ihm nur den Tod wuͤnſchten. Ich koͤnnte nun kuhn zurukkehren, es allen ſeinen Unterthanen vertrauen, daß ich ſeine Moͤrderin ward, und ieder wuͤrde eher ſein Leben opfern, als mein Verraͤther werden. Wilhelm. Aber wenn Fremde uns hier traͤfen—— Die Dame. Sie haben recht! Ich vergaß, daß wir in einem Lande find, wo der Edelmann ungehindert ein Tirann ſein kann, und bei den ſchreklichſten Verbrechen immer noch Schuz findet. D Herr, es war ein Tirann, wie es keinen mehr auf Erden giebt! Ich bin ein Weib, das aͤchtes Gefuͤhl kennt, aber ich wuͤrde meine Augen ver⸗ nichten, ſie ſelbſt den Hunden zum Fraſſe vorwer⸗ fen, wenn ſie ſchwach genug waͤren, ſeinem An⸗ denken nur eine kleine Thraͤne zu weihen.(ſich wild laͤchelnd zum Leichnamme wendend) Mein Fluch folgt dir auch in die Ewigkeit nach, er ſoll dauern ſo lange wie dieſe, er ſoll bis zu Gottes Throne dringen, und dir die Seligkeit rauben, wenn ſie dir der Unendlich⸗Barmherzige doch gewähren wollte. O ich darf meine Leiden nicht uͤberden⸗ ken! Solch eine Ruͤkerinnerung konnte mich wahn⸗ ſinnig machen. Kommen ſie, mein Herr, kommen ſie!(nachdenkend) Wir ſind nicht weit von der Straſſe entfernt? Wilhelm. Nur einige hundert Schritte. 110 Dame. Dann wuͤrden die todten Förper vielleicht doch entdekt werden. Wilhelm. Sehr wahrſcheinlich, weil uͤber⸗ dies der Wald ſich bald endet. Dame.(uberlegend) In iedem Falle muͤſ⸗ ſen die That Raͤuber veruͤbt haben, aber dann muͤſſen wir auch nehmen, was ſie bei ſich haben. Gu Wilbelm) Sehen ſie 1c) und behalten ſie, was ſie finden. Vilhelm gehorchte. Er fand eine ſchöne goldne Uhr, und eine reiche Goldboͤrſe, und brach⸗ te beides der Dame, welche es ihm wiederholt ſchenkte, und einzuſtekken befahl. Sie wollte nun weiter gehen, aber ſie vermocht's nicht. Wahr⸗ ſcheinlich hatte ſie im ſchnellen Laufe, oder im Falle einen Fuß verrenkt, izt fuͤhlte ſie erſt die Schmerzen, und konnte, ungeachtet des Zwan⸗ ges, welchen ſie ſich anthat, keinen Schrit machen. Wilhelm trug und ſchleppte ſie bis zum Wagen. Wie ſie dort anlangten, ſprangen die Bedienten nebſt der Kammerfrau aus einem nahen Dikkichte hervor, freuten ſich auſſerordentlich, ihre Gebie⸗ terin gerettet zu erblikken, und baten demuͤthig ihrer Flucht wegen um Vergebung. Erſt als wir die Schuͤſſe fallen hoͤrten, ſprach einer der Bedienten, und nun unſte Gebieterin ermordet glaubten, da machte Verzweiflung uns muthig, wir beſchloſſen vereint zuruͤkke zu kehren, ihren Tod zu raͤchen, oder an ihrer Seite zu ſterben. III Die Dame vergab willig, und freute ſich, ihre Getreuen wieder zu ſehen. Weil ihr nur wieder⸗ kehrt, ſprach ſie, ſo iſt auch alles vergeſſen, denn ich kann ohne euern Beiſtand nicht weiter reiſen, und habe Huͤlfe ſo noͤthig. Alle bemuͤhten ſich nun, dem umgeſtuͤrzten Wagen wieder aufzurichten, da er aber von einer Klafter tiefen Anhoͤhe hinab gefallen war, und in einer Art von Grube lag, ſo waren die Bedienten, mit Wilhelmen vereint, nicht faͤhig, den Wagen aufzuheben, er druͤkte ſie mit der immer ſich mehrenden Schwere ſtets wieder in die Grube hinab. Da ſie auf dieſe Art alle ihre Kraͤfte vergebens verſchwendeten, ſo beſchloß endlich Wilhelm, des Weges kundig, nach dem Dorfe zu laufen, wo er uͤbernachtet hatte, und dort mehrere Leute zur Huͤlfe aufzu⸗ bieten. * Die Dame war mit dieſem Antrage ſehr zu⸗ frieden, doch bat ſie ihn, ſeine Flinte vorher zu laden, und ihr ſolche zum moͤglichen Schuzze ruͤk⸗ zu laſſen. Er that's, und eilte nun, ungeachtet der Kutſcher ein Pferd ausſpannen, und es ihm zum Reiten geben wollte, zu Fuſſe fort, weil er kein geuͤbter Reiter war. Das Dorf lag wenigſtens eine Stunde weit entfernt, aber Wilhelm erreichte es in weit kuͤrzerer Zeit. Er ſah, daß ſchleunige Huͤlfe nöthig ſei, und eilte deswegen ſo ſehr als moͤg⸗ lich, weil er die Dame ganz zu retten wuͤnſchte. 112 Sie hatte ihn vorher ſchon befragt: Ob er in dieſer Gegend wohnhaft ſei, und ihm, wie er ihr offen erklaͤrte, daß er nach Brod und Dienſt umher wandere, feierlich verſprochen, ihn mit zu nehmen, ewig und anſtaͤndig zu verſorgen. Dies Verſprechen vermehrte ſeinen Dienſteifer um ein Groſſes, er ging ſogleich zum Juden, wo er am Abende vorher Herberge genommen hatte, und erzaͤhlte ihm, daß eine Dame, deren Wagen im Walde umgeſtuͤrzt ſei, einige Leute zur Hulfe forderte, und ſie reichlich zu bezahlen verſpreche. Der Jude, welcher hier Gewinn erblikte, ſamm⸗ lete ſogleich ſeine ſechs Knechte, ſpannte ſeinen Wagen an, und eilte wie er ihn nebſt Wilhelm und allen beſtiegen hatte, nach dem Walde. Ehe eine halbe Stunde verfloß, langten ſie ſchon in der Gegend an, wo vorher der Wagen lag, aber Wilhelm erſtaunte, als er weder dieſen, noch die Dame mit ihren Leuten fand. Anfangs glaubte er, ſich in der Gegend geirrt zu haben, aber bald uͤberzeugten ihn die am Boden liegenden, zerbroch⸗ nen Wagenfenſter, daß er ſich wuͤrklich auf dem rechten Orte befinde. Der Jude ſchimpfte, die Knechte fluchten, und forderten vereint von Wil⸗ helm die Bezahlung ihrer Muͤhe, er konnte ſie nicht weigern, und zog die Goldboͤrſe heraus, um ihre Forderung zu befriedigen. Der Jude ſtaunte, als er dieſe erblikte, und ſprach mit ſeinen Knech⸗ ten pohlniſch, aber alle dankten, als er ihnen ſechs Dukaten gab, und lieſſen ihn ruhig weiter wan⸗ — 113 wandern Wilhelm bemerkte, daß der Wagen ruͤtwaͤrts in den Wald hinein gefahren ſei, er be⸗ ſchloß der Spar zu folgen, ſah, daß er wieder in die Straſſe gelenkt habe, und ging nun auf dieſer fort. Wie er eine kleine halbe Stunde fort⸗ gegangen war, und eben das beſtandne Abend⸗ theuer uͤberlegte, hoͤrte er einen Wagen raſſeln, und ſah bald, den Juden mit allen ſeinen Knech⸗ ten hinter ihm heriagen. Er vermuthete einen Anſchlag auf ſeine Boͤrſe, welche er ſo unvorſich⸗ tig gezeigt hatte, und verbarg ſich nahe an der Straſſe hinter einem Strauche, aber die Knechte hatten ihn wahrſcheinlich ſchon vom Ferne ge⸗ ſehen, zogen ihm ſogleich hinter dem Strauche hervor, und banden, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeine Haͤnde und Fuͤſſe mit Striken. So warfen ſie ihn auf den Wagen, und nun ging es wieder ruͤkwaͤrts. Auf dem Orte, wo vorher der Wa⸗ gen lag, hielte man an. Ein Knecht bande zwei Reitpferde an den Wagen, und die uͤbrigen leg⸗ ten zu Wilhelms groͤßten Erſtaunen die zwei Leich⸗ name der Ermordeten neben ihn in den Wagen. Ob er ſich gleich ſchaudernd in einen Winkel draͤngte, ſo beruͤhrte ihn der todte Alte doch bei iedem Stoſſe des Wagens, und beſudelte ihn mit ſeinem Blute. Die Knechte gingen mit groſſen Knitteln neben den Wagen her, und führten Wil⸗ helmen nach dem Dorfe zuruͤk. Hier erfuhr er erſt die Urſache ſeiner Gefangenſchaft, und die Gewißheit, daß man ihn fuͤr den Moͤrder der Lei⸗ Se Baͤndchen. H 114 chen halte. Ich will beides in Kuͤrze erzaͤhlen: Wie Wilhelm den Juden im Walde verließ, er⸗ blikte der leztere unfern von der Straſſe zwei ge⸗ ſattelte Pferde, welche ruhig auf einem kleinen Graßflekke weideten. Er ſande ſeine Knechte hin, die Pferde wollten ſich nicht fangen laſſen, und liefen bis an den Bach hinab, dort gluͤkte es den Knechten ſie zu fangen, in eben dem Augenblikke erblikte aber einer derſelben die todten Koͤr⸗ per, und rufte den Juden herbei. Dieſer entdekte ſogleich die Kennzeichen eines gewaltſa⸗ men Mords, erinnerte ſich, daß er an Wilhelms Hand und Hemde einige Blutflekke bemerkt habe, und folgerten ſogleich, daß er der Moͤrder dieſer Todten ſein muͤſſe. Die volle Goldboͤrſe, welche er in ſeiner Hand ſah, und die ſo offenbar ſeinem Anzuge wider ſprach, beſtaͤrkte ihn in dieſer Ver⸗ muthung, und da alle uͤberzeugt zu ſein glaubten, daß Wilhelm ſie wahrſcheinlich blos aus der Ab⸗ ſicht nach dem Walde gelokt habe, um den Ver⸗ dacht des Mordes auf ſie zu waͤlzen, ſo beſchloſ⸗ ſen ſie vereint, dem Moͤrder nachzuſezzen, und dieſen dem Gerichte zu uͤberliefern. Die That gelang, und Wilhelm wurde nun dem Richter des Dorfs zur weitern Befoͤrderung uͤberliefert. Ehe dies geſchah ereignete ſich ein Zufall, wel⸗ cher es augenſcheinlich bewieß, daß Wilhelm der Thaͤter und Moͤrder ſei: Einer der Knechte hatte auf dem Plazze des Kampfes Wilhelms Söbel gefunden, und mit ſich genommen, izt ſah er an — 115 Wilhelms Seite eine leere Scheide haͤngen, und verſuchte: Ob der gefundne Saͤbel in dieſe paſſe? Da dies ganz natuͤrlich geſchah, ſo zweifelte kei⸗ ner mehr, und Wilhelm muͤhte ſich vergebens, ſeine Unſchuld zu vertheidigen. Er ward nun vi⸗ ſitirt, und wie man nebſt der Goldboͤrſe auch eine ſehr praͤchtige Uhr bei ihm fand, aufs neue ge⸗ feſſelt. Er ſah ein, daß iede Vertheidigung und Erzaͤhlung der reinen Wahrheit vergebne Muͤhe ſei, aber er nahm ſichs auch feſt vor, bei erſter Gelegenheit alles aufrichtig zu bekennen, und iede Schuld auf die fremde Dame zu waͤlzen, welche ihn ganz wider Willen in dieſe traurige Lage ver⸗ ſezt, und am Ende ſo ſchaͤndlich verlaſſen hatte. Einige Stunden mußte er gebunden und be⸗ wacht im Hofe des Richter liegen, und allen Be⸗ wohnern des Dorfes zur Schau dienen. Keiner reichte ihm einen Truk Waſſer, ob er gleich an⸗ haltend darum flehte, ieder beſorgte, daß er die Beweiſe ſeines Mords, die haͤufigen Blutflekke damit abwaſchen wolle. Endlich ward er, von zwolf Bauern begleitet, weiter transportirt, doch legte man ihn nicht mehr an der Ermordeten Seite, ſondern fuͤhrte dieſe auf einem beſondern Wagen nach. Wie ſie durch einen andern Orte fuhren, und ſeine Waͤchter bei einem Juden Brandwein tranken, erkannte dieſer an der Schabrake des Huſarenpferdes das geſtikte Wappen eines Saro⸗ ſten, und ſchwur hoch und theuer, daß ſein Moͤr⸗ der ganz gewiß lebendig geſpießt werden wuͤrde. d2 116 Wilhelm hoͤrte dieſe ſchrekliche Nachricht mit Schaudern, und verfluchte in ſeinem Herzen die Dame, welche ihm dies Ungluͤk bereitet hatte. Erſt als es daͤmmerte, langte man mit ihm auf einen alten halb eingefallnen Schloſſe an. Hunde bellten ſchreklich neben ſeinem Wagen, viele Menſchen ſammleten ſich um ihn her, ſprachen aber in pohlniſcher Sprache. Endlich hob man ihn vom Wagen herab, loͤßte ſeine Bande, und feſſelte ihn aufs neue mit ſchweren Ketten. Er ward anfangs nach einer groſſen, vom Rauche ſehr geſchwaͤrzten Stube gefuͤhrt, von allen An⸗ weſenden ſehr genau betrachtet, aber von keinem befragt, und endlich eine Treppe abwaͤrts nach einem finſtern Keller gebracht, in welchem man ihn, als er nicht eintreten wollte, mit Gewalt hinabſtieß, und die Thuͤre ſogleich verſperrte. Hier ſchmachtete er zwei Tage lang auf dem naſ⸗ ſen, feuchten Boden, ein alter finſterer Mann brachte ihm taͤglich mit einem brennenden Spane in der Hand, Brod und Waſſer, er bat allemal dringend, ſo bald als moglich verhoͤrt zu werden, aber der Alte ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und ant⸗ wortete nur in pohlniſcher Sprache. Am Morgen des dritten Tages traten meh⸗ rere Waͤchter in ſein Gefaͤngniß, ſie winkten und er folgte. Man fuͤhrte ihn nach dem Vorhofe, wo er auf einen Wagen geſezt, und, von fuͤnf Huſaren begleitet, weiter gefuͤhrt wurde. Er wollte mit den Huſaren ſprechen, aber ſie antworteten gleich dem alten Waͤchter nur in pohlniſcher Spra⸗ che. Es ging raſch vorwaͤrts, zweimal wurden Pferde und Wagen gewechſelt, und Wilhelm glaub⸗ te wenigſtens acht deutſche Meilen weit gefahren zu ſein, als er eine nicht allzugroſſe Stadt er⸗ blikte, welche in einem tiefen Thale, nahe an ei⸗ nem groſſen Fluſſe lag. Ehe er ſolche erreichte, fuͤhrte die Straſſe am Hochgerichte voruͤber; mehr als zehn Koͤrper hingen am Galgen, und auf den umherſtehenden Raͤdern lagen heinahe eben ſo viel. Wie er trauernd dahin ſtarrte, und die Vollende⸗ ten beneidete, ſchuͤttelte ihm ein iunger Huſar aus ſeinen Tiefſinne empor, und deutete lachend, aber mit ausbruksvoller Pantomine, daß er dieſe Ge⸗ ſellſchaft bald vermehren werde. Er weinte bit⸗ terlich, und es ſchien ihm, als ob die Uebrigen den Spott ihres Kammeraden mißbilligten, dann er ritt auf ihren Ruf porwaͤrts, und uͤberließ ihn ſeinem eignen Gefuͤhle. Er wurde mitten durch die Stadt nach einem hohen Thurme gefuͤhrt, dort zwei Waͤchtern uͤbergeben; welche ihm eine hohe finſtere Treppe hinauf ſchleppten, und end⸗ lich in einem engen Kerker, der aber doch durch ein enges Fenſterlein etwas Licht erhielt, ver⸗ wahrten. Bald hernach brachte ihm einer der⸗ ſelben Stroh, und, was er ſchon drei Tage nicht genoſſen hatte, eine warme Suppe. Ob ſie gleich ſehr ſchlecht war, ſo genoß er ſie doch mit Be⸗ gierde, und ſuchte nebenbei von ſeinem Waͤrter H 3 118 zu erfahren: Wo er ſich befinde, und was hier mit ihm geſchehen werde? Aber dieſer ſprach eben⸗ falls nur pohlniſch, und konnte, ſo gutherzig und willig er auch ſchien, keine ſeiner Fragen beant⸗ worten. Drei, oder vier Wochen, denn er hatte die Zeit nicht ſo genau bemerkt, mußte er in dieſem Kerker ſizzen, ward, ungeachtet er taͤglich bat und flehte, nicht verhoͤrt, aber doch menſchlich † behandelt, und erhielte iede Woche dreimal warme Speiſe. Wie ſchon Verzweiflung an ſeinem Herzen nagte, und er des Lebens ſatt und mude war, trat ein Geiſtlicher in ſeinen Kerker, der ihn freundlich gruͤßte, und ſich, wie der Waͤchter fortgegangen war, die Geſchichte ſeines Leidens erzaͤhlen ieß. Mein Sohn, ſprach er laͤchelnd, wie Wilhelm geendet hatte, dir kann und wird geholfen werden, wenn du vor Gerichte, vor welchem du worgen erſcheinen ſollſt, die ganze Geſchichte verſchweigſt, dich unbedingt zum Mor⸗ de des Staroſten bekennſt, und ſolchen mit noch einigen aus Raubſucht veruͤbt zu haben vorgiebſt. Entſchluſſeſt du dich nicht zu dieſer Ausſage, und bekenneſt du Wahrheit, ſo ſtuͤrzeſt du dieienigen, welche dich retten wollen, und wuͤrklich retten koͤnnen, ſelbſt ins Verderben, und biſt mit ihnen unwiederbringlich verlohren. Die Erzah⸗ lung des Juden, ſeine Ausſage, daß du ihm zum Beiſtande einer Dame nach dem Walde berufen habeſt, hat ſchon Verdacht erregt, ertlaͤrſt du mun dies Vorgeben nicht füͤr Unwahrheit, ſo bleibt dieſer Verdacht haften, und man kann nicht handeln, wie man zu handeln wuͤnſcht. Befolgſt du aber meinen Rath, bekennſt du, was ich dir zu bekennen auftrage, ſo ſchwoͤre ich dir, bei dem Gotte, welchen ich ſchon ſo lange diene, bei meinen grauen Haaren, und bei dem Verluſte mei⸗ ner Seligkeit, daß dir kein Haar auf deinem Haupte gekruͤmmt werden ſoll, du bald gerettet, und noch lange vergnuͤgt und gluklich leben ſollſt. Wilhelm, der hier Liſt und Verderben nicht ohne Grund ahnete, weigerte hartnaͤkkig die Erfuͤllung des ſo gefaͤhrlichen Rathes, wie ihm aber der Prieſter deutlich bewieß, daß man dies Bekennt⸗ niß zur Sicherheit der Dame, welche ſich aus wichtigen Urſachen noch in Pohlen beſinde, hoͤchſt nothig habe, und es blos aus dieſer Abſicht fordere, ſo wankte Wilhelm, und verſprach endlich alles zu erfuͤllen, weil ihm am Ende der Prieſter bewieß, daß man alsdann ſeine Befreiuung um ſo mehr be⸗ ſchleunigen muͤſſe, weil er ia allemal, wenn er ſich betrogen fuͤhle, die falſche Ausſage widerrufen, und die aͤchte Wahrheit bekennen koͤnne. Der Prieſter unterrichtete ihm in allen, was er vor Gerichte ausſagen ſolle, und ſchied mit der wiederholten Verſichernng, daß er nicht zehn Dage lang mehr im Kerker ſchmachten werde. Noch ein Grund bewog Wilhelmen zur Erfuͤllung des geheiſchten Vekemtniſſes, der Prieſter hatte 120 ſichs einigemal merken laſſen, daß man) wenn er ſich hartnaͤkklig weigern wuͤrde, alle moͤgliche Mittel anwenden werde, ſein nahes Verhoͤr zu verhindern, und ganz unmoͤglich zu machen. Er beſorgte daher mit Recht ſchnellen und heimlichen Tod im Kerker, und wollte ſich alſo lieber mit der Hofnung zur Freiheit laben. Abends empfing er ſehr gute Speiſen, und ſelbſt Wein zum Ge⸗ traͤnke, dies bewies deutlich, daß der Waͤchter gewonnen, und Hofnung zur Freiheit vorhanden ſei. Am andern Morgen ward er wuͤrklich zum Verhsre gefuͤhrt. Viele Herren ſaſſen an einem Tiſche, und legten ihm wechſelsweiſe die Fragen zur Beantwortung vor. Er bekannte, daß er ein Soldat, mit noch zwei andern Kammeraden aus Boͤhmen deſertirt, und durch Sachſen und Schleſien nach Pohlen gewandert ſei, um dort Dienſte zu ſuchen. Ihr weniges Geld war ver⸗ zehrt, und niemand wollte ſie mehr beherbergen, nur Wilhelmen gluͤkte es einige Groſchen von einem Reiſenden zu erbetteln, und dieſer konnte daher nur, wie ſie in Pohlen anlangten, bei dem Ju⸗ den Herberge nehmen, ſeine Kammeraden mußten weiter wandern, und im nahen Walde ein Nacht⸗ lager ſuchen. Wie er fruͤh eben die Straſſe wan⸗ derte, fand er ſie Verzweiflungsvoll und hungernd unter einem Baume, ſie ſchwuren vereint, den erſten Reiſenden, welcher ihnen begegnen wuͤrde, zu berauben, und da Wilhelm keine Moͤglichkeit 121 ſah, ſie eines andern zu bereden, ſo vereinigte er ſich mit ihnen zu gleichem Bunde. Etwann ei⸗ ne halbe Stunde nachher begegnete ihnen der alte Staroſte, er iagte ſchnell gegen ſie an, und fragte haſtig: Ob ſie keiner Kutſche begeg⸗ net waͤren, in welcher eine iunge Dame geſeſſen ſei? Wie ſie ſolches verneinten, ſpornte er ſein Pferd aufs neue, aber Wilhelm ſchlug in dieſem Augenblikke ſein Gewehr an, und ſchoß ihn vom Pferde herab. Sie ſchleppten ihn von der Straſſe abwaͤrts, und wollten ihn eben berauben, als ſein Hufur, den ſie nicht bemerkt hatten, wuͤ⸗ thend und mit bloſſen Saͤbel auf ſie eindrang, ſie kaͤmpften lange, und ſeine beiden Kammera⸗ den ermordeten ihn endlich. Wilhelm ward nun befragt: Warum er den Juden unter dem Vorwande, daß eine iunge, ſchöne Dame mit dem Wagen geſtuͤrzt ſei, nach dem Walde gelokt habe? Meine Kammeraden, antwortete er, wollten den Werth der ſchoͤnen Kleider der Ermordeten und ihrer Pferde nicht miſſen, und doch konnten wir ſolche, ohne Ver⸗ dacht zu erregen, nicht mit uns nehmen. Es ward daher beſchloſſen, daß ich den Juden, bei welchem ich dieſe Nacht geherbergt hatte, und der in ſeinem Leibguͤrtel vieles Geld bei ſich trug, unter irgend einem Vorwande nach dem Walde lokken ſollte. Wir wollten ihm dann, fuhr Wil⸗ helm zu erzaͤhlen fort, die Kleider und Pferde zum Verkaufe antragen, und werde er den Handel 122 nicht eingehen, ihn binden, ſein Geld rauben, und dann erſt die ganze Beute theilen. Ich ſann den ganzen Weg auf einen ſchiklichen Vorwand, und fand keinen, endlich brachte mich die Frage des Aiten auf den Gedanken, im Namen einer Dame, deren Wagen im Walde umgeworfen ha⸗ be, ſeine Hülfe anzuſtehen. Ich hofte, daß er hoͤchſens nur einen Knecht mit ſich nehmen werde, aber ich betrog mich, und konnte nicht widerſpre⸗ chen, als er ſo viele mit nahm. Wahrſcheinlich waren meine Kammeraden durch einen Zufall ver⸗ iagt worden, denn ſie hatten vorher verſprochen, während meiner Abweſenheit die Ermordeten ganz auszukleiden, ihre Koͤrper irgendwo zu verbergen, und mit den Kleidern und Pferden meiner am Wege zu harren, da aber nichts von allen geſche⸗ hen war, ſo mußten ſie ſchnell entflohen ſein, und ungeachtet ich, wie ich mich von den Juden getrennt hatte, ſie durch allerhand Zeichen zu lokken ſuchte, ſo antwortete doch keiner. Wie man noch manche Fragen an ihm ge⸗ ſtellt, und er iede derſelben auf aͤhnliche Art beant⸗ wortet, auch ſogar die Perſon und Kleidung ſei⸗ ner erdichteten Kammeraden beſchrieben hatte, ſo ward er nach dem Gefaͤngniſſe zuruͤkgefuͤhrt. Nachwittags beſichte ihn der Geiſtliche, und dankte ihm im Namen der Dame aufs innigſte. Du wirſt, fuͤgte er hinzu, es einſt ſchon erfahren: Warum deine Ausſage ſo aͤuſſerſt noͤthig war? Izt pflege und ſtaͤrke dich zur bevorſtehenden Flucht⸗ 123 ſie wird meinem Verſprechen gemaͤß, naͤchſtens und ganz ſicher beginnen. Wilhelm ſpeißte und trank nun ieden folgenden Tag ſehr gut, auch ward ſein Kerker allemal durch den freunblichen Waͤchter einige Stunden lang geoͤfnet, und er konnte ungehindert auf einen kleinen Gang treten, dort durch eine kleine fenſterloſe Defnung die freie Luft, und eine reizende Ausſicht nach der Stadt genüſſen. Als auf dieſe Art ſechs Tage verfloſſen waren, Wilhelms Hofnung ſchon ſank, und den nahen Freiheitsgenuß oft verbitterte, trat der Waͤchter am Abende zu ihm ein, und balbirte ſei⸗ nen groſſen Bart, doch ließ er einen Stuz oder Knebelbart, wie ihn die Pohlen zu tragen pflegen, ſtehen. Ungeachtet er manches dagegen einwande, ſo mußte ers doch am Ende ruhig dulden, als er ihm auch ſeine ſchönen Haare abſchor, und durch Mienen zu verſtehen gab, daß dieſes alles hoͤchſt nothwendig ſei. Der Geiſtliche, welcher nun auch zu ihm eintrat, beſtaͤtigte die pantomimiſche Ver⸗ ſicherung des Waͤchters, und brachte ihm eine ſchöne pohlniſche Kleidung, welche er ſogleich an⸗ ziehen mußte. Mit dem Verſprechen, daß er dieſe Racht ſicher befreit werden wuͤrde, verließ er ihn, und Wilhelm harrte der ſuͤſſen Freiheitsſtunde mit Begierde entgegen. Schon hatte die Glokke zwoͤlf geſchlagen, als die Thuͤre ſeines Kerkers leiſe geͤfnet ward, und einige Perſonen zu ihm eintraten. Er hoͤrte, wie ſie etwas im Kerker niederlegten, und fragte 124— nach der Urſache. Sei gutes Muths, antwortete die bekannte Stimme des Geiſtlichen, dein Be⸗ freier naht! Mit dieſen Worten verlieſſen alle den Kerker, und Wilhelm tappte im Finſtern umher. Kalter Schauer uͤberſtroͤmte ſeinen Ruͤkken, und banges Schreken fuͤllte ſein Herz, als er uͤber et⸗ was ſtolperte, niederſtuͤrzte, und einen kalten, ganz nakenden Leichnam unter ſich fuͤhlte. Ver⸗ gebens ſuchte er ſeine Sinne von einem moͤglichen Irrthume zu uͤberzeugen, ieder neue Grif, den er wagte, beſtaͤtigte die Wahrheit deutlicher. Die Hofnung zur Freiheit ſchwand, Leichenduft er⸗ fullte ſeinen Kerker, und wuͤrkte maͤchtig auf ihn, er ahnete Betrug, Spott und Verderben, und warf ſich weinend auf ſein Strohlager. Bald fuhr er aber wieder horchend empor, als er neue Tritte, und die Thuͤre abermals oͤfnen hoͤrte. Kein Licht folgte dem Eintretenden, er konnte nichts ſehen, hoͤrte nur umhertappen. Eine Hand ergrif ihn endlich am Kleide, zog ihn vom Lager auf, und hinter ſich her; er folgte, und ward die Treppe hinabgefuͤhrt. Am Ende derſelben ſprach ſein Fuͤhrer mit einer andern Perſon ſehr leiſe, er glaubte in der Stimme des erſtern ſeinen Waͤchter zu erkennen, er hoͤrte Geld klirren, der Fremde uͤbernahm ihn, ſie wan⸗ derten durch einen engen Gang weiter, und end⸗ lich durch eine kleine Thuͤre ins Freie. Die Nacht war dunkel, er konnte ſelbſt hier ſeinen Fuͤhrer noch nicht erkennen, ſah nur, daß er gleich ihm, 125 als ein Pohle gekleidet ſei. Er ging ſchnell voran, fuͤhrte ihn durch verſchiedne Gaſſen, enblich in ein groſſes Haus, und durch dieſes in einen geraͤumigen Vorhof, aus welchem ſogleich auf ſeines Fuͤhrers Ruf eine mit vier Pferden beſpannte Kutſche herbeifuhr. Zwei Bediente hoben Wil⸗ helmen in den Wagen, ſein Fuͤhrer folgte, und die Kutſche rollte ſchnell und ungehindert fort. Wilhelm blikte durchs ofne Fenſter, und uͤberzeugte ſich bald, daß die Stadt ſchon hinter ſeinem Ruk⸗ ken lag. Die Laſt, welche ſchon ſo lange auf ſeinem Herzen ruhte, ſchwand nun mit iedem Athemzuge, und ſuͤſſer Freiheitsgenuß fuͤllte es, er druͤkte ſeines Fuͤhrers Hand männlich, und dankte ihm nur mit abgebrochnen Worten. Der Fuͤhrer antwortete Anfangs gar nicht, wie aber Wilhelm bald freier ſprach, und zu fragen begann, ſo erklaͤrte er in pohlniſcher Sprache, daß er nicht deutſch zu antworten faͤhig ſei. So ſehr dies auch Wilhelms Verwunderung erregte, ſo mußte er am Ende doch ſeine Neugierde gefangen nehmen, weil ſein Begleiter iede ſeiner neuen Fragen mit einem Niks verſteh beantwortete. Wie es tagte, fuͤtterte der Kutſcher, welcher nebſt den Bedienten auch nur pohlniſch ſprach, die Pferde im Walde, und Wilhelm fruͤhſtuͤtte mit ſeinem ſtummen Begleiter Schinken und Wein. Am Abende kehrten ſie auf einem ſchoͤnen Schloſſe ein, Wilhelm ward ſogleich nach einem beſondern Zimmer gefuͤhrt, dort ſehr gut bewirthet, und 126 von einem der Bedienten ehrfurchtsvoll bedient. Wie Wilhelm noch an ſeinem Abendmale zehrte, traten zwei Damen ins Gemach, eine derſelben war ſchwarz gekleidet, und trug einen dichten Schleier. Beide blieben einige Zeit ſtillſchweigend ſtehen. Wilhelm ſtand auf, und machte ſtumme Buͤklinge. Laſſen ſie ſich nicht ſtoͤhren, ſprach die Dame im bunten Kleide, wir ſind irre gegangen, und bit⸗ ten um Vergebung. Mit dieſen Worten entfern⸗ ten ſie ſich, Wilhelm wollte folgen, aber die ver⸗ ſchloßne Thuͤre uͤberzeugte ihn, daß man ihn im⸗ mer noch als einen Gefangnen behandle. Phne viel daruͤber nachzudenken, ruhte er herrlich im weichen Bette, deſſen wohlthaͤtige Pflege er ſo lange nicht genoſſen hatte. Als er fruͤh ewachte, und ans Fenſter trat, dekte tiefer Schnee die ganze Gegend, es ſchneite noch immer, und der Sturmwind heulte fuͤrchter⸗ lich, ihm behagte es im warmen Gemache, und graute vor der nahen Abreiſe, aber niemand for⸗ derte ihn dazu auf, und er ward, wie Tags vor⸗ her gut bewirthet und bedient, aber ſein Zimmer blieb auch diesmal verſchloſſen, und niemand be⸗ ſuchte ihn. Erſt am Morgen des dritten Tags, wie das Wetter heiterer ward, erſchien ſein ſtum⸗ mer Fuͤhrer, uͤberreichte ihm einen ſchoͤnen Pelz, und fuͤhrte ihn nach einem bereitſtehenden Schlit⸗ ten. Er ſelbſt beſtieg mit einem Bedienten einen andern, und alle fuhren ſogleich ab. 127 Dieſe neue Reiſe dauerte acht Tage, ſie fuh⸗ ren aͤuſſerſt ſchnell, und kehrten iede Nacht in elenden Wirthshaͤuſern ein. Am lezten Dage ging der Weg durch wilde, unbewohnte Gegen⸗ den, erſt am Abende erreichten ſie ein kleines Dorf, und bald hernach ein altes, aber wohl⸗ gebautes Schloß, welches auf einem Felſen lag, und mit einer Zugbruͤkke verſehen war. Aeuſ⸗ ſerſt angenehm war es ihm, als er den alten Kaſtellan, und ſeine iunge, ſchoͤne Tochter ſehr gut deutſch ſprechen hoͤrte, aber auffallend war es ihm auch, als ſein Fuͤhrer, den der Kaſiellan ſehr erfurchtsvoll bewillkommte, in eben dieſer Sprache ſehr gelaͤufig antwortete, und dieſem ge⸗ bot, die Zimmer fuͤr den fremden Herrn zu oͤfnen. Wilhelm fand dieſe ſehr ſchoͤn, ſchon geheizt, ſehnte ſich aber vergebens nach der Geſellſchaft ſeines Fuͤhrers, denn dieſer erſchien nicht, und nur der gewoͤhnliche Bediente brachte ihm die Speiſen. Erſt am andern Morgen trat er ins Zim⸗ mer, zwei Knechte trugen ihm einen groſſen Kof⸗ fer nach, und ſtellten dieſen ſtillſchweigend neben ſeinem Bette nieder. Er ſelbſt laͤchelte, und reich⸗ te ihm endlich freundlich die Hand. Retter mei⸗ ner Schweſter, ſprach er, ich bin dir vielen Dank ſchuldig, und komme dir ihn abzuſtatten, ehe ich wieder in ihre Arme ruͤkkehre. Du biſt nun in Sicherheit, und es haͤngt blos von dir ab, deine kuͤnftigen Tage ſo angenehm als moglich zu durch⸗ 128 leben, meine dankbare Schweſter wird alles, was in ihren Kraͤften ſteht, dazu beitragen, um dir ſolche zu verſuͤſſen. Damit du aber nicht gruͤbelſt, nicht fragſt, und dadurch ihr unwillkuͤhrlicher Ver⸗ raͤther wirſt, will ich dir alles erzaͤhlen, was dir bisher auffallend und dunkel ſcheinen mußte; dann hoffe ich aber auch ganz gewiß, daß du ewig ſchweigen und unſer Vertrauen nicht mißbrauchen wirſt. Wilhelm verſprachs, und ſein Fuͤhrer be⸗ gann die Erzaͤhlung: Unſer Vater war ein Land⸗ edelmann, wie es deren ſo viele in Pohlen giebt; reich an Ahnen, arm am Gelde, beſaß er nichts als einen kleinen Hof, der kaum faͤhig war, ei⸗ nen Bauern zu ernaͤhren, und doch uns alle, nebſt einem alten Knecht oder Bedienten ernaͤhren muß⸗ te. Unſre Mutter war ſchon lange geſtorben, und der Vater drohte ihr bald nachzufolgen, als ein alter Staroſte an unſtrer Huͤtte voruͤber ritt, meine Schweſter ſah, ſprach, oft beſuchte, end⸗ lich raſend liebte, und vom PVater zur Frau be⸗ gehrte. Der Antrag war mir und meinem Va⸗ ter aͤuſſerſt angenehm, meiner Schweſter aber um ſo ſchrekbarer, weil er nicht allein ein alter, ſondern auch ein garſtiger, haͤßlicher Mann war, und ſie ihn nicht lieben konnte; doch war ſie nicht allein ſchoͤn, ſondern auch vernuͤnftig, daß ſie um des Gluͤkkes willen, welches unſrer ganzen Familie neuen Glanz geben konnte, nicht wider⸗ ſprach, und einen Theil ihrer Jahre e⸗ 129 beſchloß, um den ͤbrigen und groͤſſern Theil der⸗ ſelben zufrieden und vergnuͤgt zu genuͤſſen. Der verliebte Staroſte gruͤndete dieſe Hofnung nach unſerm Wunſche, er hatte ſchon zwei Weiber ge⸗ habt, mit ihnen aber keine Kinder gezeugt, und ſezte im Voraus meine Schweſter zur Erbin ſeines beiahe unermeßlichen Vermoͤgens ein, wenn er auch mit ihr keine Kinder zeugen ſollte, doch wards ausdruͤklich bedungen, daß ſie ſich durch keine Ehe⸗ ſcheidung von ihm trennen ſollte. Mir ſchenkte er noch vor der Hochzeit zwei ſchoͤne Guͤter, und ſezte mich dadurch in den Stand, meine Geliebte zu heurathen, die ich vorher aus Mangel an Ver⸗ ſorgung nicht heurathen konnte. Wir wurden an einem Tage auf ewig verbunden, ich ſah meiner armen Schweſter Thraͤnen nicht, weil ich nur mein Gluͤk fuͤhlte, und bezog unbekuͤmmert mit meinem geliebten Weibe die Guͤter, welche mir der Staroſte geſchenkt hatte. Mein Vater folgte der Schweſter nach ihrer neuen Reſidenz, lebte aber nur einige Monate, und ward von ihr mit vielen Thraͤnen begraben, weil er allein vermo⸗ gend war, die muͤrriſche Laune des alten Staro⸗ ſten zu beſänftigen, und ſeine ſtets thaͤtige Eifer⸗ ſucht zu hindern. Anfangs beſuchte ich die Dul⸗ derin oft mit meinem Weibe, aber bald ward un⸗ ſer Beſuch dem Alten laͤſtig, und er erklaͤrte mit trokkenen Worten, daß es ihm angenehmer waͤre, wennwir kuͤnftig nicht unberufen erſcheinen wurden. Da dieſer Ruf aber nie erfolgte, ſo erhielte ich Spies Refe es Baͤndchen 130 ſelten von meiner Schweſter Nachricht, mußte oft von Fremden horen, daß er ſie tiranniſch quaͤle, aͤrger als eine Magd behandle, ganze Monate in einem abgelegnen Zimmer verſperre, oft taͤglich aus hoͤchſt ungegruͤndeter Eiferſucht pruͤgle und peitſche. Ich fuͤhlte ihr Leiden tief, konnte es aber nicht lindern, weil Vertheidigung ihrer gekraͤnkten Rechte ſeine Wuth noch mehr gereizt, mich ſelbſt ungluͤklich gemacht haͤtte. Wie zwei Jahre ihres Leidens verfloſſen waren, ſchrieb ſie mir einſt durch einen vertrauten Voten, daß ihr Leiden ſich taͤglich mehre, und ſie es zu ertra⸗ gen nicht mehr faͤhig ſei. Tod oder Flucht muß mich, fuͤgte ſie hinzu, aus den Haͤnden des Tiran⸗ nrn retten, ehe ich aber einen dieſer Entſchluſſe ausfuͤhre, erhaltſt du, wenn es moͤglich iſt, noch Rachricht von deiner ungluklichen Schweſter. Ich widerrieth ihr ſehr natuͤrlich beides, ermahnte ſie zur Ausdauer, und hofte das Veſte; aber bald erfuhr ich zu meinem Erſtaunen, daß ſie würklich entflohen ſei. Ihr namloſes Ungluͤk hatte das Mitleid aller Schloßbewohner erregt, ieder wuͤnſch⸗ te ihr helfen, ſie retten zu köͤnnen. Mit Huͤlfe ihrer alten Kammerfrau fuͤhrte ſie ihre Flucht gluͤklich aus, dieſe beredete einige Bediente zur Mitwuͤrkung, und wie der Alte einſt auf eine Bäreniagd auszog, ſo war das Wagſtuk unter⸗ nommen. Ein verkleideter Bote brachte die er⸗ dichtete Nachricht, daß ich vom Pferde geſturzt ſei, und meine Schweſter noch einmal zu ſehen 131 wuͤnſche. Sie befahl ſogleich anzuſpannen, man vollzog ihren Befehl, weil er ſchon verabredet war, und ehe die Uebrigen nur die Moͤglichkeit eines Betrugs einſehen, oder entdekken konnten, war ſie ſchon mit dem groͤſten Theile ihrer Koſt⸗ barkeiten entflohen. Um ſich nicht der Wuth des betrognen Alten auszuſezzen, ſande der Kaſtellan einen Eilboten an ihn nach dem Forſte ab. Ich wollte eben mit meinem Weibe ſchlafen gehen, als er gleich einem Raſenden in mein Schlafzim⸗ mer ſtuͤrzte, und wie er mich geſund erblikte, ſo⸗ gleich den Betrug entdekte. Seine Wuth war nun ſchreklich, er ſchwur der Entfiohnen bis an das Ende der Welt zu folgen, und die Ungetreue mit eigner Hand zu morden. Mit dieſer ſchrek⸗ lichen Erklaͤrung eilte er fort, und hoͤrte meine Bitte nicht. Mein Weib bewog mich, ihm zu folgen, um Ungluk zu verhuͤten; immer folgte ich ſeiner Spur, konnte ihn aber nicht erreichen, weil ich oft weilen mußte, um nachzufragen. Ich erfuhr bald, daß er durch aͤhnliche Nachfrage den Wagen meiner fliehenden Schweſter entdekt habe, und ihm nun unausgeſezt nachiage. Als auch ich endlich bei dieſem anlangte, warſt du ſchon der Retter meiner Schweſter geworden, und nach dem Dorfe geeilt, um Huͤlfe herbei zu hoh⸗ len. Meine Schweſter erzaͤhlte mir den Dod ih⸗ res Mannes, und heiſchte meinen Rath. Ich hatte deutlich gehoͤrt, daß der Staroſte von mei⸗ nem Schloſſe aus einen reitenden Boten an ſeinen ₰ 2 132 Kaſtellan mit dem ausdruͤklichen Befehle abgeſandt hatte, ihm ſo ſchleunig als moͤglich zu folgen, ich mußte furchten, daß dieſer bald erſcheinen konnte, und rieth meiner Schweſter ſchnelle Flucht. Wie ſie mich eben von der Unmoglichkeit uͤberzeu⸗ gen wollte, erblikte ſie den umgeſüuͤrzten Wagen ſtehend, und bat mich, da ihr Fuß immer ſtaͤrker ſchmerzte, ſie dahin zu tragen, ich thats, und befahl, da ich izt Flucht uͤber die Graͤnze fuͤr un⸗ nöthig, ſo gar fur ſchaͤdlich achtete, auf Neben⸗ wegen nach meinem zweiten Gute, welches nur eine Meile vom Walde entfernt lag, zu fahren. Du verwunderſt dich wahrſcheinlich, wie mit ein⸗ mal der umgeſturzte Wagen ſtehen konnte, ich er⸗ fuhr erſt zu Hauſe die Urſache, denn ich war ganz allein gefolgt, und hatte niemanden zur Huͤlfe mitgebracht. Schon wie du nach dem Dorfe ge⸗ gangen warſt, erinnerte ſich erſt der Kutſcher, daß er eine Maſchine bei ſich habe, mit welcher man den Wagen in die Höhe winden koͤnne, er verſuchte ſie, und, indem er die Pferde immer einen Schritt vorwaͤrts ziehen ließ, gelang es ihm nach und nach den Wagen auf den Rand der Grube zu bringen, von wo er ihn, vereint mit den Bedienten, leicht ganz in die Höhe heben konnte⸗ Furcht und Ansgſt iagten uns raſtlos fort, und wie eines der Kutſchpferde fuͤr Mattigkeit zu Bo⸗ den ſank, mußte mein Reitpferd an ſeiner Stelle ziehen. Erſt, wie wie auf meinem Schloſſe an⸗ langten, erinnerte ſich meine Schweſter deiner⸗ 133 und der ſo ganz naturlichen Verlegenheit, in wel⸗ cher du dich befinden wuͤrdeſt; ich mußte ſogleich aufs neue abreiſen, um dich aufzuſuchen, und zu ihr zu fuͤhren. Nirgends fand ich dich, bis ich endlich im Dorfe deine Gefangenſchaft und zugleich die Entdekkung der ermordeten Koͤrper erfuhr. Unſer ganzer Plan ſchien nun vereitelt.—— Doch von dieſem muß ich dich erſt unterrichten: Nach dem Teſtamente, welches der Staroſte vor ſeiner Heurath mit meiner Schweſter unterzeichnet, und welches ich nach meines Vaters Tode in Ver⸗ wahrung genommen hatte, war ſie die Univerſal⸗ erbin ſeines ganzen Vermoͤgens. Um nun dieſes Rechtes nicht verluſtig zu werden, und allen Ver⸗ dacht von ſich zu entfernen, rieth ich ihr, mir nach meinem Schloſſe zu folgen, und von da oh⸗ ne Scheu in die Reſidenz des Staroſten ruͤkzukeh⸗ ren. Schon war es unter uns verabredet, daß ich ihr dahin folgen, und unter dem Vorwande, den ruͤktehrenden Staroſten von der Unſchuld meiner Schweſter zu uͤberzeugen, ſo lange bei ihr weilen ſolle, bis man ſeinen Tod entdekket, oder durch unverdachtiges Nachſuchen ſelbſt ausfindig gemacht habe. Die ſichere Vermuthung, daß du im erſten Verhoͤre alles geſtehen, und eben ſo natuͤrlich meine Schweſter ins Unglůk ſtuͤrzen wuͤrdeſt, trieb mich dir nach. Man hatte dich auf das Schloß eines mir bekannten Edelmanns gebracht, ich er⸗ fuhr zu meinem groͤßten Vergnuͤgen von ihm, 33 134 daß er dich nicht verhoͤren, ſondern ohne weiters an den Waiwoden abſenden werde. Ich verſprach die ermordeten Koͤrper ſelbſt dahin zu begleiten, um ſie alsdann nach gerichtlicher Unterſuchung zur Erde zu beſtatten. Ich eilte ſchnell voran, und erhielte vom Gerichte das Verſprechen, daß man dich nicht eher verhoͤren werde, als bis ich rükkehren wuͤrde, um als ein naher Anverwan⸗ der des Staroſten dem Verhoͤre beiwohnen zu koͤnnen. Anfangs wollte ich dich unter dieſer Zeit ſogleich aus dem Gefäͤngniſſe retten, wie aber unterdeſſen die Ausſage des Juden, der immer von einer Dame im Walde ſprach, unter den An⸗ verwandten des Staroſten lautbar ward, und die⸗ ſe die reiche Erbſchaft nicht miſſen wollten, ſo hoͤrte ich von vielen die dunkle Vermuthung, daß meine Schweſter wahrſcheinlich Antheil am Morde habe, und daher ſeine Erbin nicht ſein koͤnne. Dies aͤnderte meinen Plan, und du ſiehſt nn leicht ein, wie hoͤchſt nothig es war, dich vorher wenigſtens einmal verhoren zu laſſen, um dadurch allen Verdacht zu tilgen, und meiner Schweſter die Erbſchaft zu ſichern. Da ihre zwar zaghafte, aber aͤuſſerſt er⸗ gebene Vegleiter, ſchon vorher eidlich ausſagten, daß ſie mit ihr zwar wuͤrklich auf dem Wege nach dem Walde, hinter dem lezten Dorfe aber links hinab nach meinem zweiten Gute gefahren waͤren⸗ — ſo ward es auch wahrſcheinlich, daß der nachei⸗ lende Staroſte ſie in dieſem Walde ſuchen konnte, und niemand konnte es meiner Schweſter verden⸗ ken, daß ſie, ſeiner bekannten Tirannei muͤde, bei ihrem Bruder Schuz ſuchte, um durch ſeine Vermittlung ihn zu einer kuͤnftigen, beſſern Be⸗ handlung zu bewegen. Ich danke dir in ihrem Namen, daß du der Verſicherung des von ihr abgeſanden Prieſters trauteſt, und dadurch auch der Retter ihres ſo anſehnlichen Vermoͤgens wurdeſt. Sie wuͤrde iedes Vergnugen ihres kuͤnftigen Lebens mit dir getheilt, dich ſtets an ihrer Seite behalten, und als Bruder geliebt haben, wenn micht moͤgliche Entdekkung zu beſorgen waͤre. Deswegen mußte ich dich hieher fuͤhren, wo du ruhig und ohne Gefahr leben kannſt. Dies Schloß liegt zwar nahe an der tuͤrkiſchen Graͤnze, aber es hat der ländlichen Reize viele, die du ungehindert genuͤſ⸗ ſen kannſt. Du biſt hier unmſchraͤnkter Herr, und darfſt befehlen, wie du willſt. Der Kaſtel⸗ lan glaubt, daß du ein deutſcher Offizier ſeiſt, wegen einem Duelle fluͤchten mußteſt, und als ein entfernter Anverwander bei uns Schuz gefunden haͤtteſt. Er wird dich Herr von Hagenbuſch nen⸗ nen, wiberſprich ihm nicht, und genuͤſſe des Rechts, als Herr befehlen zu koͤnnen. Fuͤnftigen Sommer wird meine Schweſter alle ihre Beſiz⸗ zungen und auch dieſe beſuchen, dann erwartet ſie deine ofne Erklaͤrung: Ob du kuͤnftighin fer⸗ 136—— ner hier leben, oder aufs reichlichſte von Fr be⸗ lohnt nach Deutſchland rukkehren willſt? Vor izt iſt aber dieſer Zufluchtsort der ſicherſte fuͤr dich, und da du, ſchon ehe ſie dich kennen lernte, dei⸗ ner Erzaͤhlung gemaͤß Pohlen zu deinem kuͤnfti⸗ gen Aufenthalte beſtimmteſt, ſo hoft ſe, daß du ihre Wahl billigen wirſt. Verzeih, daß ich bisher nur dein ſtummer Begleiter war, noch wußte ich nicht, wie man deine Flucht nehmen koͤnne, ob nicht vielleicht ge⸗ faͤhrliche Folgen daraus entſtehen wuͤrden, die ie⸗ de ofne Erzaͤhlung noch gefährlicher machen koͤnnte, aber dieſe Nacht erhielte ich durch einen Eüboten von meiner Schweſter die angenehme Nachricht, daß man dich ohne Verdacht unter dem Galgen begraben habe, und du mun ſicher als Herr von Hagenbuſch hier wieder glorreich auferſtehen kannſt. Du ſtaunſt? Erinnerſt du dich denn nicht mehr des toden Koͤrpers, welchen wir, ehe wir dich retteten, nach deinem Kerker ſchleppten? Er ward nach deiner Flucht von dem Waͤchter mit deinen Kleidern bekleidet, und da er ſchon einige Tage vorher gemeldet hatte, daß du krank zu ſein ſcheineſt, ſo war die Nachricht deines Todes nicht unnatuͤrlich. Der herbeigeholte Arzt gab auf den Rath des liſtigen Waͤchters das Zeug⸗ niß, daß du an einem ſehr bosartigen, und folg⸗ lich plozlich tödenden Faulfieber geſtorben ſeiſt. Dies Zeugniß wuͤrkte treflich auf die Kommiſſairs, welche vom Gerichte zur naͤhern Unterſuchung 137 abgeſandt wurden, ſie traten nur ſchuͤchtern zur Kerkerthuͤre, und entfernten ſich wieder, als ſie einen Toden darinne erblikten. Der arme Hand⸗ werkspurſche, weicher im Spitale geſtorben war, und dem Todengraͤber entwendet wurde, ward alſo ohne Verdacht am Abende nach der Richt⸗ ſtätte geſchleift, und nachdem ihm der Scharf⸗ richter dem Kopf abgeſtoſſen hatte, unter dem Galgen verſcharrt. Freilich wurde der unſchuldi⸗ ge Koͤrper dadurch aͤuſſerſt beſchimpft, aber er fuͤhlte dieſen Schimpf nicht, auch war dieſe Vor⸗ ſicht aͤuſſerſt nothwendig, weil deine entdekte Flucht neuen und ſtaͤrkern Verdacht erregt jhaͤtte. Jzt beweißt deine Ausſage, daß du der Moͤrder warſt, und dein erdichteter Tod hindert iede wei⸗ tere Unterſuchung, tilgt ieden moͤglichen Verdacht. Wilhelm hatte ſchweigend und ſtaunend zu⸗ gehoͤrt, er konnte auch izt nicht ſprechen. Elend und Mangel war von Jugend auf ſein treuer Ge⸗ fährde geweſen, und nun ſollte er mit einmal in der Wuͤrklichkeit ein Gluͤk genuͤſſen, welches er vorher nicht einmal im Traume genoſſen hatte. Sein Herz war voll, es wuͤnſchte zu danken, aber ſein Mund ſtammlete nur einzelne Worte, doch uͤberzeugten dieſe ſeinen Begleiter, daß er vollkommen mit ſeinem Looſe zufrieden ſei. Er forderte nun nochmals Schwur und Handſchlag von Wilhelm, und dieſer leiſtete beides mit der Verſicherung, daß er das Geheimniß mit in ſein Grab nehmen wolle. Alles, was du in dem Kof⸗ „ 138 fer ſindeſt, gehoͤrt dein, ſprach beim Abſchiede der Begleiter, und reiſte ſogleich zu ſeiner Schwe⸗ ſter zuruͤk. Wie Wilhelm dem Koffer oͤfnete, fand er Kleider und Waͤſche im Ueberfluſſe, und uͤber⸗ dies einen Beutel mit tauſend Dukaten. Nie hatte er in ſeinem ganzen Leben eine ſolche Summe in ſeiner Hand gewogen, es war daher ganz natuͤr⸗ lich, daß ſie ihm izt uͤbergros duͤnkte, und einige Tage hindurch an ſein Zimmer feſſelte. Endlich ward er faͤhig andre Freuden zu genuͤſſen, beſon⸗ dern Reiz hatte die Baͤren⸗und Wolfsiagd fuͤr ihn, und es verging ſelten ein Tag, an welchem er nicht mit den Jägern im Walde umherzog, und eines dieſer Thiere erlegte. Er ward daher bald in der Nachbarſchaft als ein ruͤſtiger Jaͤger bekannt, und zu manchem Feſte grladen, welches ihm aber uie behagte, weil es ſich ſiets mit ei⸗ nem Saufgelage endete. Als der Frühling er⸗ ſchien, die Baͤume gruͤnten, die Blumen bluͤhten, und ſein Herz ſich ſanftern Empfindungen oͤfnete, weilte er oft Tagelang im angenehmen Schloß⸗ garten, weil die Tochter des Kaſtellans dort ſaͤte und pflanzte, und ihre Geſellſchaft ihm bald lieb und theurer als Jagd und Fiſcherei ward. Schon ſchien das Maͤdchen ſeinen Blik zu deuten und zu verſtehen, ſchon wollte er mit ihr von Liebe ſpre⸗ chen, und Liebe heiſchen, als ein Eilbote der Staroſtin bei ihm anlangte. 139 Es war einer der Bedienten, welche ſie auf ihrer Flucht begleitet hatten, er brachte ihm traurige Nachrichten, die alle ſeine Ausſſchten und Plaͤre mit einemmale zerſtoͤrten. Die noch immer neidiſchen Anverwanden des Staroſten hat⸗ ten dem Leſtamente deſſelben nicht offenbar wi⸗ derſprochen, aber es auch eben ſo wenig gebil⸗ ligt, und, indes ſie ruhig ſchienen, raſtlos dage⸗ gen gearbeitet. Mit wahren Luchsaugen hatten ſie im Stillen iede Handlung der Staroſtin und ihrer Fr unde belauſcht, und dadurch entdekt, daß ihr Vruder mit einem Fremden bis an die tuͤrkiſche Graͤnze gereiſt ſei, und ihm dort auf einen ihrer Schloͤſſer verborgen habe. Verge⸗ bens muͤhten ſie ſich zwar, die Urſache zu erfor⸗ ſchen, da ſie aber doch ein wichtiges Geheimnis argwoͤhnten, oder wenigſtens die Staroſtin kraͤn⸗ ken wollten, ſo hatten ſie durch die feinſte Kabale und Intrigue im Herzen des Königs Argwohn er⸗ regt. Man ſuchte dieſen zu uberzeugen, daß der geheimnisvolle Fremde woͤchentlich wenigſtens einmal mit ſehr anſehnlichen Tuͤrken im naͤchſten Graͤnzorte ſpraͤche, und daher hoͤchſt wahrſchein⸗ lich ein geheimer Spion der damals ſo fuͤrchter⸗ lichen Konfoͤrderazion ſei, und ganz gewiß die Tuͤrken zu einem Einfall in Pohlen zu bewegen ſuche. Dieſe Anzeige, welche durch verſchiedne Perſonen immer auf die nemliche Art dem Koͤnige hinterbracht wurde, bewog den leztern, durch den Kommendanten von Kaminiek insgeheim Nach⸗ 140 richten einzuziehen, und da dieſer wuͤrklich ver⸗ daͤchtige Bewegungen bei den Tuͤrken zu beobach⸗ ten glaubte, auch zugleich berichtete, daß wuͤrk⸗ lich ein fremder, deutſcher Pffizier im Schloſſe der Staroſtin wohne, und ſehr oft an der tuͤrki⸗ ſchen Graͤnze iage, ſo erhielt dieſe Anzeige Ge⸗ wicht, und der Koͤnig gab Befehl, daß der Kom⸗ mendant von Kaminiek den verdaͤchtigen Fremden ohne weiters gefangen nehmen, ſeine Schriften genau unterſuchen, und ihn ͤber die Urſache ſei⸗ nes Aufenthaltes ſtreng verhören ſollte. Zum Gluͤkte war damals die Staroſtin mit ihrem Bruder in der Hauptſtadt gegenwaͤrtig, und dieſer mit dem Sekretaire, welcher den Be⸗ fehl ausfertigen ſollte, ſehr freunbſchaͤftlich bekannt geworden. Er vertraute es ihm, und gab zugleich das heilige Verſprechen, die Abſendung des Auf⸗ trags wenigſtens noch einige Tage zu verzogern. Da der Sekretair ausdruͤklich verſichert hatte, daß die Anverwanden des Staroſten die gehei⸗ men Ankläger wären, ſo wars auch ganz natuͤr⸗ lich, daß man hier groͤſſere Liſt, und wahrſchein⸗ lich gar Verrath des Geheimniſſes vermuthen mußte; es ward daher einmuͤthig beſchloſſen, ei⸗ nen vertrauten Eilboten abzuſenden, und den ar⸗ men Wilhelm zur ſchnellſten Flucht zu ermahnen. Da er bei ſolch einer Anklage nothwendig nicht durch Pohlen oder Rußland reiſen, ſondern, um ſicher zu ſein, in die Tuͤrkei fläͤchten mußte, ſo brachte ihm der Bote nicht allein ein Empfeh⸗ — 141 lungsſchreiben an den Baſſa von Chotim, fondern auch ein aͤhnliches an den pohlniſchen Konſul zu Jaſſi, welcher von einem angeſehnen Kaufmanne den Auftrag erhielt, ihm nicht allein zweitauſeud Zechinen auszuzahlen, ſondern auch ſicher durch die Wallachei nach Kronſtadt in Siebenbuͤrgen zu fördern. Sie können dann, fügte der Vote hinzu, reiſen, wohin es ihnen beliebt, und finden ſie einen Ort, der ihnen behagt, ſo erwartet die dankbare Staroſtin blos ſichere Nachricht davon, um ihnen neue Geſchenke zu uͤberſenden, und ſie in den Stand zu ſezzen, vergnuͤgt und unabhaͤngig leben zu koͤnnen. Bei dieſen Worten uͤberreichte er ihm nicht allein die Briefe, ſondern auch ei⸗ nen ſchweren Beutel mit Gold, und uͤberdies einen Zettel von der Staroſtin.„Beduͤrfen ſie, irgend einer Huͤlfe, ſo ſchreiben ſie mir kuhn, und ieder ihrer Wuͤnſche wird erfullt werden, aber izt muͤſſen ſie befolgen, was ihnen der Bote muͤnd⸗ lich meldet., Dieſe Worte hatte ſie mit eigner Hand auf den Zettel geſchrieben, Wilhelm las und befolgte ſie. Ehe eine Stunde verfloß, war das nothigſte eingepakt, und das Pferd geſattelt, welches ihn auf ſeiner Flucht tragen ſollte. Der Kaſtellan, welcher beſondere Verhaltungsbefehle von der Staroſtin erhalten hatte, begleitete ihn bis an den Nieſter, wo ihn ein Bauer uͤberſchifte. Mit beklemmten Herzen winkte er dem guten Alten den lezten Abſchied zu, und reiſte nach Cho⸗ 142 tim hinab. Er langte dort gluͤklich an, ward vor den Baſſa gefuͤhrt, uͤberreichte ſein Empfehlungs⸗ ſchreiben, und erhielte ſogleich einen Geleitsbrief nach Jaſſi. Er machte mit einem Juden, wel⸗ cher deutſch ſprach, Bekanntſchaft, und beſchloß in ſeiner Geſellſchaft zu reiſen, weil dieſer nicht allein des Weges kundig war, ſondern auch die Sprache des Landes verſtand. Auf ſeinen Rath verſah er ſeinen Sattel mit Piſtolen, und kaufte uͤberdies noch ein Kugelrohr, um ſich gegen die Anfalle der Raͤuber vertheidigen zu koͤnnen. Der Jude reiſte in Handlungsgeſchaͤften, war noch ein iunger Mann, und vorzuglich ſehr faͤhig, das Vertr auen eines ieden zu gewinnen; ehe noch zwei Tage ihrer Reiſe geendet waren, wußte er ſchon, daß Wilhelm wenigſtens zweitauſend Ze⸗ chinen in ſeinem Mantelſak, und ſberdies noch eine Anweiſung auf eine eben ſo groſſe Summe bei ſich fuͤhre. Am dritten Tage kehrten ſie ſchon zu Mittage in einem Dorfe ein, und beſchloſſen dort zu uͤbernachten, weil der Jude hier Ge⸗ ſchaͤfte hatte, und wuͤrklich Wolle kaufte. Mit vieler Freude machte ihm dieſer am Morgen kund, daß ſich ihre Reiſegeſellſchaft anſehnlich vermehrt habe, indem acht ſeiner Glaubensgenoſſen mit ih⸗ nen nach Jaſſi reiſen wuͤrden. Wuͤrklich erſchie⸗ nen ſie auch bald nachher; einige derſelben ſa⸗ hen fuͤrchterlich aus, und Wilhelm fragte ſeinen Begleiter aͤngſtlich: Ob dies auch bekannte, und redliche Leute waͤren? Da aber dieſer ſeines Ver⸗ dachtes lachend ſpottete, und ihn dreuſt verſicherte, daß alle ſehr reiche Kaufleute waͤren, und ieder derſelben weit mehr Geld, als er ſeibſt, bei ſich fuͤhre, ſo ritt er ohne Verdacht in ihrer Mitte weiter. Der Tag war warm und ſchwuͤll, die Gegend ſehr eben, und doch erblikte er in dieſer, ſo weit ſein Auge reichte, kein Dorf, keine Huͤtte, ſeine Begleiter verſicherten ihn uͤberdies, daß ſie wakker traben muͤßken, wenn ſie am Abende die Herberge erreichen wollten. Zu Mitiage lager⸗ ten ſie in einem kleinen Waͤldchen, welches ein Bach durchſtroͤmte, ſie traͤnkten dort ihre Pferde, lieſſen ſie im hohen Graſe weiden, und aſſen, was ſie mit ſich fuͤhrten. Wilhelm ſpeißte eben, auf der Erde ſizend, ein Stuͤk Braten, als er ruk⸗ waͤrts auf den Kopf einen Schlag empfing, der ihm ſogleich alle Empfindung und Beſinnungs⸗ kraft raubte. Was nun mit ihm geſchah, wie lange er in dieſer Betaͤubung ſchmachtete, wußte er ſelbſt nicht. Wie er wieder erwachte, und ſein Daſein empfand, lag er nakkend auf einem ſchlech⸗ ten Bauernwagen, der raſch und ſchnell fortrollte. Seine Wunde am Haupte ſchmerzte ſehr, er be⸗ gam klaͤglich zu winſeln, und der Bauer, wel⸗ cher neben ihm auf dem Wagen ſas, ſprach troͤ⸗ ſtend mit ihm. Wahrſcheinlich hatte ihm dieſer, beraubt und entkleidet, im Waͤldchen gefunden, vielleicht noch Spuren des Lebens in ihm entdekt, und aus Regung des Mitleids auf ſeinen Wagen Leladen. Doch iſt dies nur Muthmaſſung, nicht Gewißheit, weil Wilhelm mit ſeinem Retter nicht ſprechen, und daher die wahre Urſache nicht er⸗ fahren konnte. Als es zu daͤmmern begann, hielte der Wagen in einem elenden Dorfe bei noch einer elendern Huͤtte ſtille. Der Bauer ſpannte ſeine Pferde aus, trieb ſie auf die Weide, und trug dann erſt den armen huͤlfloſen Wilhelm in die Huͤtte. Zwei groſſe Hunde drohten ihm auf dem Arme des Bauern zu zerreiſſen, und dieſer mußte aͤuſſerſt ſtark ſchreien, um ſie zu be⸗ ruhigen. Wie dieſe hinter den Heerd krochen, trat eine groſſe, aber aͤuſſerſt haͤßliche Frau mit einem Kinde auf dem Arme hervor, ſie begann mit ihrem Manne ſehr heftig zu zanken, und zeigte oft nach der Thuͤre. Anfangs widerſprach der Vauer nur einſilbig, wie ſie aber immer heftiger ſchrie, ſo ergrif er einen Stekken, und prugelte ſie zur Thuͤre hinaus. Sie kehrte bald brummend mit einem Arme voll Stroh zuruͤk, breitete es am Boden aus, und Wilhelm kroch darauf, weil ſie ihm mit der Hand winkte. Nach einer Stunde aſſen die beiden Eheleute wieder friedlich aus einer Schuͤſſel, und der Bauer ſtellte auch Wilhelmen eine Schuͤſſel voll Mus an ſein Strohlager, wie aber dieſer den Ruͤkten wande, fraß es einer der groſſen Hunde zuſammen. Wilhelm goͤnnte es ihm herzlich, denn er konnte ohnehin nicht eſſen, aber um ſo mehr durſtete ihm, doch flehte er ver⸗ gebens um einen Trunk Waſſer, ſein Wirth ſchien ſein Flehen weder zu achten, noch zu un und er mußte bis an den Morgen ſchmachten. Sein Kopf war bis zu dieſer Zeit ſehr ſtark ge⸗ ſchwollen, er duldete groſſe Schmerzen, und konnte ſich nicht aufrichten. Die Baͤuerin, welche ihm winſeln hoͤrte, kniete enblich neben ihm nieder, betrachtete ſeine Wunde aufmerkſam, und brachte bald hernach einige Kraͤuter, welche ſie quetſchte, und auf die Wunde legte. Obgleich die Wunde ſchnelle Linderung fuͤhlte, ſo raubte ihm doch ein heftiges Wundfieber alle Kraͤfte, oft ſogar den Verſtand, erſt nach ſechs Tagen verließ es ihm, er hatte unter dieſer Beit nichts als Milch getrun⸗ ken, welche ihm die Baͤuerin im Ueberfluſſe gege⸗ ben hatte. Sie war taͤglich liebreicher gegen ihn geworden, verband ſeine Wunden ſorgfaͤltig, legte einige Dekken auf ſein Lager, und bekleidete ihn mit langen Hoſen und einem kurzen Hemde, wie man beides in der Moldau und Wallachei zu tra⸗ gen pflegt. Sie freute ſich herzlich, als es ſich mit ihm beſſerte, und kochte ihm oft ein Fleiſch⸗ gerichte, das er ſehr ſchmakhaft fand. Nach vier Wochen war ſeine Wunde heil, er konnte wieder im Gemache umhergehen, und ſich vor der Huͤtte ſonnen. Vergebens muͤhte er ſich, iemanden zu finden, mit dem er ſprechen N ksnne, eben ſo vergebens war ſeine Muͤhe, wenn er ſeinem Wirthe begreiflich machen wollte, daß er ſeine Wohlthaten dankbar lohnen werde, wenn er ihn nach Jaſſt zum pohlniſchen Konſul fuͤhre, o er Unterſtuͤzzung, oder wenigſtens Gelegenheit 146 zu erhalten hofte, ſein ungluͤk der Staroſtin zu berichten; er ſprach dann mit einem Tauben, der ſeine Zeichen und Mienen belaͤchelte, oft wenig, oft gar nichts darauf antwortete. Wie er ganz geſund war, mußte er mit ſeinem Wirthe auf dem Felde arbeiten, und wenn dieſer eben nichts zu thun hatte, ſo ſande er ihm zu ſeinen Nachbarn ringsumher; wo er ſehr hart gehalten wurde, un⸗ ermuͤdet arbeiten mußte, und doch nicht ſatt zu eſſen bekam. Haäͤtte ihm nicht ſeine Hausfrau, welche ihn recht zärtlich zu lieben ſchien, immer am Abende, ingeheim eine Speiſe gegeben, ſo würde er oft hungrig ſchlafen gegangen ſein. Wilhelm glaubte durch dieſe Behandlung uͤberzeugt zu ſein, daß man ihn fuͤr einen Sklaven achte, und da er wußte, daß er hoͤchſtens nur drei Tag⸗ reiſen von der pohlniſchen Graͤnze entfernt ſein könne, ſo beſchloß er die erſte moͤgliche Gelegen⸗ heit zu benuzzen, ſeinem Herrn zu entfliehen, und bei dem alten Kaſtellan Huͤlfe und Rath zu ſuchen. Der Bauer fuhr gewoͤhnlich die Woche einmal uͤber Land, er verſchob alſo ſeine Flucht bis zu dieſem Tage, weil er hofte, daß ihn dann niemand verfolgen wuͤrde. Ehe dies geſchah, arbeitete Wilhelm auf dem Felde eines Nachbars, welches nahe an einer Straſſe lag. Ein Herr in turki⸗ ſcher Kleidung ritt, von zwei Knechten begleitet, auf dieſer voruͤber. Der Nachbar ſprach ſehr unterwuͤrfig und höflich mit dem Tuͤrken, dieſer betrachtete Wilhelmen genau⸗ ſtieg endlich vom 14 Pferde herab, und der Nachbar eilte ins Dorf. Wilheim glaubte, daß der Tuͤrke irgend etwas ge⸗ fordert habe, und arbeite ruhig fort. Pald dar⸗ auf erſchien der Nachbar und mit ihm ſein Wirth, dieſer ſprach nun auch mit dem Tuͤrken, und da ſie immer im Geſpruͤche auf ihn blikten, ſo ward Wilhelmen banze. Seine Angſt vermehrte ſich baid ſtaͤrker, als der Tuͤrke ſeinem Wirthe Geld in die Hand zählte; der Gedanke, daß er ver⸗ kauft wuͤrde, durchbebte ſein Herz⸗ und ward bald zur vollen Gewißheit, als die Knechte des Turten zu ihm traten, und ihm Folge geboten. Wilhelm wollte nicht gehorchen, er machte ſeinem Wirthe die bitterſten Vorwuͤrfe, aber dieſer läͤchel⸗ te zufrieden, und legte endlich ſelbſt Hand an, wie Wilhelm ſich immer noch widerſezte. Der Turke ward durch dieſen Widerſtand zum heftigſten Zorne gereizt, er ſchlug Wilhelmen einigemal ins Geſichte, und ſeine Diener banden ihn an den Schweif eines Roſſes, dem er nun folgen mußte. Sein Schikſal war von dieſer Zeit an äuſ⸗ ſerſt hart und traurig er mußte einen Weg von mehr als hundert Meilen baarfuß machen, und ward allemal, ſo ſehr er auch dagegen flehte, an den Schweif eines Roſſes angebunden⸗ Seine Koſt war auf der Reiſe ſchlecht und ſparſam, und doch mußte er, wenn ſie in der Herberge anlang⸗ ten, die Roſſe pflegen, und bekam ſchrekliche Schläge, wenn er das geringſte in ihrem Dienſte vernachläſſigte. Endlich langten ſie auf einem K 2 148 alten, ſehr baufaͤlligen Schloſſe an, dort fand er mehrere Sklaven, konnte aber mit ihnen nicht ſprechen, doch waren zwei davon Kriſten, weil ſie gleich ihm am Abende andaͤchtig beteten, und das Kreuz machten. Hier ging es ihm ettraͤgli⸗ cher, die nicht allzuharte Arbeit war unter alle getheilt, ſie mußten meiſtens alle niedrige Haus⸗ arbeit verrichten, und vorzuͤglich in einem groſ⸗ ſen Garten arbeiten, der nahe am Schloſſe lag. Ihre taͤgliche Speiſe war Reiß, dann und wann mit etwas Fleiſch vermiſcht, nie bekamen ſie aber Brod. Wilhelm lebte dort laͤnger als ein Jahr, aber er ſah nie ein Frauenzimmer, im Schloſſe gab es aber einige Gemaͤcher, welchen ſich kein Sklave nahen durfte. Sein Herr, welcher eben nicht reich ſchien, und wahrſcheinlich nur ein Spahi war, liebte die Jagd leidenſchaftlich, und zog taͤglich nach einem groſſen Walde, doch kehrte er ſelten mit vielem Wildpret zuruͤtk. Wilhelm, wel⸗ cher unter dieſer Zeit, etwas weniges von der Landesſprache gelernt hatte, ſuchte einem ſeiner Knechte begreiflich zu machen, daß er ein Jäger ſei, gut zu treffen verſtehe, und einmal mit zu iagen wuͤnſche. Der Knecht verſtands, meldete dieſen Wunſch ſeinem Herrn, und dieſer nahm Wilhelmen ſchon am andern Tage auf die Jagd mit. Er war ſo gluklich zwei Rehe, und drei Wolfe, von welchen der Wald voll war, zu er⸗ legen, und nun ſchien ſein Gluͤk aufs neue zu gruͤnen, denn taͤglich mehrte ſich ſeines Herren 149 Gunſt, er mußte ihn ſtets auf der Jagd begleiten, durfte nicht mehr arbeiten, und bekam iedesmal Speiſe von ſeinem Tiſche. Wie er einſt einen fürchterlichen Baͤren, welcher ſeinen Herrn zu zerreiſſen drohte, gluklich erlegte, bekam er ein neues Kleid zum Geſchenke, und durfte izt, was vorher nie geſchah, gleich ſeinen uͤbrigen Dienern, hinter ihm reiten. Zur Herbſizeit zog er im Gefolge ſeines Herrn zwei Tagreiſen weit auf eine groſſe Jagd⸗ welche wahrſcheinlich einem eben anweſenden Baſ⸗ ſa zu Ehren veranſtaltet wurde. Die Jagd war den gewoͤhnlichen Kreisiagden nicht unähnlich, von allen Seiten trieben viele hundert Bauern und Sklaven, das zahlreiche Wild den Jägern entge⸗ gen, Wilhelm ſtand ſeinem Herrn zur Seite, und wie nach vollendeter Jagd ieder dem anweſenden Baſſa die Zahl des erlegten Wildes vorlegen muß⸗ te, ſo fand es ſich, daß ſein Herr am meiſten erlegt habe, und folglich der beſte Jaͤger ſei. Seine Freude daruͤber war aͤuſſerſt groß, als ihn aber am Abende Wilhelm, wie gewoͤhnlich, be⸗ viente, ſo war er ſehr traurig, und ſtreichelte oft Wilhelms Wange. Wit dem anbrechenden Tage begann die Jagd aufs neue, und Wilhelm ſtaunte hoch, wie ihn ſein Herr am Arme ergrif, mit vieler Ehrerbietung zum Baſſa fuͤhrte, und an deſſen Seite zu ſtehen befahl. Der Baſſa machte keinen Schuß, nur Wilhelm mußte ſchieſ⸗ ſen, immer deutete er auf das entferntſte Wild mit 3 150 2 dem Finger, und wenn es Wihelm ſogleich er⸗ legte, ſo klatſchte er allemal freudiglachend in die Hände. Wie das erlegte Wild abermals gezaͤhlt wurde, ſo war diesmal der Baſſa der beſte Jaͤ⸗ ger, und ſein Triumph daruͤber ſehr groß. Wil⸗ helm bekam ſeinen Herrn nicht mehr zu ſehen, denn einige Stunden hernach mußte er im Gefolge des Baſſa weiter ziehen; es that ihm ſehr weh, daß er nicht Abſchied von ihm nehmen konnte, und, ob es gleich ſchien, daß ſein Glük ſich ver⸗ mehrt habe, ſo ſchied er doch ungerne von ihm. Auf der Reiſe, welche funfzehn Tage lang dauerte, mußte Wilhelm ſtets dem Baſſa zur Seite reiten, und ſein Gewehr fertig halten, wenn dann irgendwo ein Wild aufſtand, oder ein Vogel in der Luft einherzog, ſo winkte der Baſſa, und Wilhelm fehlte aͤuſſerſt ſelten. Jedes⸗ mal war laute Verwunderung des Baſſa, und ſeines ganzen Gefolges, der Lohn ſeiner Geſchik⸗ lichteit; täglich mehrte ſich des erſtern Gunſt, alle begegneten ihm ehrerbietig, er durfte nicht mehr bedienen, ſondern ward bedient, und em⸗ pfing allemal Speiſen von des Baſſa Tafel. Wilhelm konnte nicht ſagen, in welches Land ihn eißentlich der Baſſa fuͤhrte, wahrſchein⸗ lich war es die Krimm, weil das Schloß auf welchem er wohnte, nicht weit vom Meere, und nahe an eiier groſſen, ſchlecht gebauten und be⸗ feſtigten Stadt lag. Sein Gluͤk, welches er hier genoß, war von kurzer Dauer, ehe zwei Monate verfloſſen waren, erſchienen Abgeſande des Sultans, und ſtrangulirten ſeinen Herrn, weil man dieſen beſchuldigte, daß er mit Rußland geheimes Einverſtändniß gepflogen habe. Alle ſeine Schaͤzze wurden auf Schiffe geladen, und die Sklaven verkauft. Wilhelm ward von dem Kapitain eines Algieriſchen Raubſchiffes gekauft, welches dazumal eben im Hafen lag. Sein Schikſal war nun ſchreklich und grauſam, alle Drangſalen, die des Menſchen Leben verbittern koͤnnen, mußte er in Fuͤlle erdulden; drei Jahre lang ſas er angeſchmiedet auf der Galeere, oder mußte in einem finſtern unterirdiſchen Gefaͤngniſſe ſchmachten; die elendeſten Speiſen waren ſeine Nahrung, und doch blieb er geſund, konnte, ſo ſehr er es wuͤnſchte, nicht ſterben. Oft war das Schiff, auf welchem er ruderte, im Kampfe, aber immer blieb es Ueberwinder. Im vierten Jahre ſeines namloſen Leidens zerſchmetterte ſeinen Arm eine Kugel, und befreite ihn auf immer von der Ruderbank. Man warf ihn ins unterſte Verdek, dort lag er drei Tage lang ohne Huͤlfe, ward nachher nur aͤuſſerſt nachläſſig verbunden, beinahe gar nicht gepflegt, und genaß doch, aber ſein Arm blieb ſteif, er konnte nicht mehr rudern, und ward als Aufwaͤrter im Schiffe gebraucht, mußte auch oft als dieſer ſehr ſchwere, und die ſchmuzigſte Arbeit verrichten. Erſt fuͤnf Jahre nachher, ward ihr Schiff an einem heitern Mor⸗ 152 gen von einer Maltheſer Fregatte verfolgt, man ſtrengte vergebens alle Kraͤfte an, um dieſer zu entfliehen, der ſchnelle Segler erreichte es bald, und es mußte ſich nach einem kurzen Kampfe ergeben. Hier hoͤrte er zum erſtenmale, nach einer Zeitfriſt von zehn Jahren, deutſch ſpre⸗ chen, weil eben einige deutſche Ritter auf dieſer Fregatte ihre Karavanne machten. Seine Freude daruͤber war groß, noch reiner und ſtaͤrker ward ſie aber bald, als man ſeine Feſſeln loſte, und ihn menſchlich behandelte. Er ward nach Maltha gefuͤhrt, dort reichlich beſchenkt, und ging bald hernach mit einem deutſchen Ritter, der ihn aus Barmherzigkeit mit ſich nahm, über Venedig nach Trieſt. Dort ward er ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und beſchloß durch Beſtereich und Maͤhren nach Poh⸗ len zu wandern, um bei der großmuͤthigen Sta⸗ roſtin neue Huͤlfe und Unterſtuͤzzung fuͤr ſeine kuͤnf⸗ tigen Tage und nahendes Alter zu ſuchen. Er hofte izt nicht mehr erkannt zu werden, und, ohne Verdacht zu erregen, mit ihr ſprechen zu koͤnnen. Ueberall, wo er einkehrte, und durch ſein Zeugniß aus Malta bewies, daß er zehn Jahre lang in tuͤrkiſcher Gefangenſchaft geſchmachtet habe, ward er wohl gepflegt, und erhielt von allen Anweſenden reichliches Allmoſen. Deswe⸗ gen kehrte er auch immer in den beſten Wirths⸗ haͤuſern ein, und war dann gewiß, nebſt freier Herberge auch ein huͤbſches Reiſegeld zu erhalten. Als er einſt einige Meilen hinter Wien in einem — hͤbſchen Staͤdtchen und einem noch ſchoͤneru Wirthshauſe einkehrte, und durch ſeine Erzaͤhlung die Wirthin zum herzlichen Mitleiden bewegt hatte, nahm dieſe ſein Zeugniß, legte es auf einen Teller, und bat im Namen des armen Sklaven eine zahl⸗ reiche Geſellſchaft, welche eben bei ihr ſpeiſte, um einen Zehrpfennig. Viele gaben, ohne das Zeug⸗ niß zu leſen, einige ofneten es aus Neugierde, und unter dieſen auch ein Offizier, welcher ſich unter der Geſellſchaft befand. Er las es auf⸗ merkſam, ſtand auf, trat zu Wilhelm, und be⸗ trachtete ihn genau. Wilhelm ward verwirrt, es war ihm, als ob er dieſen Offizier ſchon oft ge⸗ ſehen haͤtte. Alſo Wilhelm L— heißt du? fragte endlich der Offizier ernſthaft. Wilhelm konnte es nicht laͤngnen, weil dieſer Name in ſeinem Zeug⸗ niſſe ſtand, doch erinnerte er ſich izt erſt mit Schrekken, daß er, als er Soldat war, auch dieſen Namen geführt habe. Er antwortete des⸗ wegen zitternd mit einem langſamen Ja. Offizier. Haſt du nicht vor eilf Jahren unter dem— ſchen Regimente gedient? Wilhelm. Nein! ich—— ich war nie Soldat! Pffizier. Wie kannſt du es laͤugnen? So verſtellt du biſt, ſo erkenne ich dich doch. Ich war ia damals dein Lieutenant. Kennſt du mich nicht mehr? Du deſertirteſt zweimal, und wardſt iedesmal erwiſcht, zum drittenmale glukte es dir 154 beſſer„ du entkamſt gluklich, aber du ermordeteſt einen Jaͤger an der Graͤnze üm biſt alſo ein Moͤrder! Als Wilhelm dieſe Donnerworte hoͤrte, ſank er ohnmaͤchtig zu Boden, wie er wieder erwach⸗ te, ſtanden alle Anweſenden um ihn her. Viele wurden, wie er deutlich vernahm, ſeine Fuͤrbitter, aber der Lieutenant, welcher izt Hauptmann unter einem andern Regimente war, beſtand auf ſeiner Pflicht, und bewies uͤberdies, daß ein Moͤrder kein Mirleid verdiene. Bald hernach trat die Wache ein, und fuͤhrte den ungluͤklichen Wilhelm nach der Hauptwache des Stadichens. Verzweif⸗ lung kaͤmpfte hier mit ihm, und die Ueberzeugung, daß hi⸗nieden kein Gluͤk fuͤr ihn gruͤne, immer neues Unglüt auf ihn losſtuͤrme, befeſtigte in ihm den Entſchluß, alles offenherzig zu geſtehen, um ſein immer erneuertes Leiden endlich einmal ge⸗ endet zu ſehen. Er blieb dieſem Entſchluſſe ge⸗ treu, und ward nach einem ſummariſchen Verhoͤre, an ſein Regiment geliefert, welches dazumal in Maͤhren ſtand. Dort erzaͤhlte er in den folgen⸗ den Verhoͤren ſeine Lebensgeſchichte noch weit um⸗ ſtaͤndlicher, als ich ſie izt erzaͤhlt habe. Merk⸗ wuͤrdig iſts, daß er in allen dieſen Verhören weder den Namen der Staroſtin, noch einen Ort, der dieſen verrathen konnte, iemals nannte, und dadurch alle weitere Unterſuchung vereitelte. Er behauptete kuͤhn und ſtandhaft, daß er den Namen derſelben zwar einigemal, iedoch nur flchtig, — 155 habe nennen horen, und ihn gleich den Dertern vergeſſen habe. Selbſt die Stadt, in welcher er gefangen ſas, nannte er nicht, und beſchrieb ſie nur, ſo wie ich ſie beſchrieben habe. Aeuſſerſt wahrſcheinlich wuͤrde er im weitern ſtrengern Verhoͤre wohl haben geſtehen muͤſſen, was er ganz gewiß aus Großmuth nicht geſtehen wollte, wenn nicht eine gefahrliche Krantheit, die ſchon am ſechſten Tage mit dem Tode endigte, alle uͤbrige unmöglich gemacht haͤtte. Er ſtarb wuͤrklich an einem hizigen Fieber, ehe ſein Ver⸗ hoͤr ganz geendet, und ſein Urtheil geſprochen war, gewiß wuͤrde das Kriegsrecht auf Tod durch Henkers Hand entſchieden haben, weil ſein Leich⸗ nam durch eben dieſen nach der Richtſtatte ge⸗ ſchleift, und unter dem Galgen begraben wurde⸗ Die Hize ſeines Fiebers war heftig; ſie raubte ihm ſchon am andern Tage ſeine Vernunft, er traͤumte von dieſer Zeit an in den Armen ſeiner Marie zu ruhen, und rufte oft mit zartlicher Va⸗ terſtimme die Kinder herbei, welche ſeine Fantaſie in einer gluͤklichen Ehe mit ihr gezeugt hatte⸗ Vielleicht waren dies die einzigen gluͤklichen Tage, die er in ſeiner irdiſchen Laufbahn genoß!—— O wie viel Stof—— Doch nein, lieber Leſer, ich will deiner Empfindung nicht vorgreifen⸗ Eignes Rachdenken wuͤrkt kraͤftiger, und nüzt beſſer, es gleicht dem Finde, das man ſelbſt ge⸗ zeugt oder gebohren hot, man liebt es ſtaͤrker und pflegt es emſiger als den Findling, den man nur aus Mitleid erzog. Erwaͤge, bedenke, pruͤfe, aber urtheile nicht, denn dies vermag nur derie⸗ nige, welchet die ewige Wahrheit iſt! † Vierte Wanderung. Im drei und funfzigſten Jahrs des achtzehnten Jahrhunderts ſtarb der alte L—, und hinterließ ſeinem einzigen Sohne ein Vermoͤgen von ſechs⸗ hundert und fuͤnf Gulden, denn dies war die ganze Summe, welche man im Verkaufe ſeiner Kleider und uͤbrigen Habſeligkeiten fuͤr die hinter⸗ laßne Waiſe ſammlete. Der iunge L—, wel⸗ cher ſeines Vaters Armuth kannte, hatte dies Erbe nicht einmal erwartet, und empfings, weil er nach einem Jahre großiaͤhrig wurde, ſammt den wenigen Intereſſen mit wahrem Dankgefuͤhle aus den Haͤnden der Gerichte. Er hatte in ei⸗ nem benachbarten Staͤdtchen die Kraͤmerei erlernt, und achtete dieſe Summe fuͤr mehr als hinlaͤng⸗ lich; in ſeinem noch kleinern Geburtsſtaͤdechen mit eben dieſem Gewerbe ſich ehrlich und reblich naͤhren zu koöͤnnen. Die Buͤrger nahmen ihn wil⸗ lig in ihre Mitte auf, und L— eroͤfnete mit frohem Muche ſeinen kleinen Laden, der oft ziem⸗ lich ſtark von den Inwohnern der Doͤrfer rings⸗ 157 umher beſucht wurde, und wuͤrklich, woran man oft billig gezweifelt hatte, ſeinen Beſizer zu ernaͤh⸗ ren verſprach, denn L— war ganz zum Kauf⸗ manne gebohren, willig und freundſchaͤftlich gegen ieden, der ſich ihm nahte, und immer noch freund⸗ lich, wenn auch der Kaͤufer lange ſuchte, lange handelte, und endlich doch nichts kaufte. Dieſe Geduld, welche er oft vergebens uͤbte, war doch die einzige Urſache, daß man gerne bei ihm ein⸗ ſprach, weil man nach der bald ſich überall ver⸗ breiteten Sage: Das Anſehen und Betrachten der Waaren bei ihm umſonſt kaufen konnte! Anfangs glaubte er unter den Toͤchtern des Staͤdtchens eine Braut zu finden, die ſein kleines Kapital durch ihre Mitgift anſehnlich vermehren wuͤrde, wie aber die allzuklugen Vaͤter derſelben, dem günſtigen Anſcheine ſeines Handels nicht trauen, erſt Folge und Dauer abwarten wollten, und eine Hauswirthin ihm doch ſo nothig ſchien, da uͤberließ er ſeinem Herzen freie Wahl, und dies waͤhlte bald ein armes, elternloſes Maͤdchen, das als Koͤchin bei dem Bürgermeiſter des Staͤdt⸗ chens diente, und ihm nebſt einem Herzen voll Liebe nicht mehr als vierzig baare Gulden zur Ausſteuer mitbrachte. Eben ſo ſparſam, aber auch eben ſo willig und freundlich wie er, ſchikte ſie ſich bald treflich in ſeinen kleinen Handel, und machte es ſchon nach einem halben Jahre moͤglich, daß er mit einem Pakke Waaren belaſtet, in der weitern Ferne umher hauſiren konnte, weil ſie 158 daheim raͤthlich haushielt, und ieden Kaͤufer aufs beſte befriedigte. Aber der Ausbruch des ſieben⸗ iaͤhrigen Krieges ſchrekte ihn bald von ſeiner er⸗ ſten Wanderung zuruk, er traf ſein ſchwangeres Weib und alle Bewohner des Staͤdtchens in ban⸗ ger Furcht, weil man dort den Feind in iedem Augenblikke erwartete, und Pluͤnderung mit Recht ahnete, da die benachbarten Perter ringsumher ein gleiches, ſchrekliches Schikſal ſchon erduldet hatten. Die Vorſicht— denn ich wuͤrde ungerecht handeln, wenn ichs Gluͤk oder Zufall nennen wollte— leitete am andern Tage das Haupt⸗ quartier des Feindes nach dem Staͤdtchen, der menſchenfreundliche General tröſtete die weinen⸗ den Bürger, gebot ſtrenge Mannszucht, und das Haabe der gluklichen Bewohner blieb unangeta⸗ ſiet; alles! was die Krieger forderten, ward baar bezahlt, und L— s kleiner Laden war ſtets mit Käufern angefuͤllt. L— ſah ſchon am andern Tage ein, daß er mit den beſten und nöthigſten Beduͤrfniſſen ſeiner izigen Käufer nicht verſehen ſei, er wagte es, dem General um einen Paß zu bitten, empfing ihn ohne Anſtand, und lieferte nun, was man forderte. Nur vier Wochen blieb das Hauptquartier im Städtchen, aber, wie er nach deſſen Abzuge ſeine Kaſſe und Waaren unter⸗ ſuchte, ſo fand er, daß er in dieſer kurzen Zeit die gewiß merkwuͤrdige Summe von ſechstauſend Gulden gewonnen habe. Der General, welchet mit dem redlichen und ruhigen Betragen der Buͤr⸗ ger ſehr zufrieden war, hinterließ ihnen zu ihrem Schuzze eine ſogenannte Salvegarde, welche durch mehr als ein Jahr, und ſo lange das Stäͤdtchen in Feindes Haͤnden blieb, dort verweilte, und es gegen alle Brandſchazzung und Pluͤnderung ſchüzte. Doch lagen immer Krieger in ſeinen Innern, oder wenigſtens in der Gegend it und L— 8 Handel bluͤhte, weil er ſich nach den Umſtaͤnden richtete, ieden derſelben meiſterhaft benuzte, izt ſchon oft etwas wagte, um etwas anſehnliches zu gewinnen. Nach Verlauf dieſer Zeit ſiegten die vater⸗ laͤndiſchen Waffen, ein beſonders Korps kam in der Gegend zu ſtehen, und der unternehmende L— handvelte mit groſſem Vortheile ins Lager deſſelben. Hier unternahm er zum erſtenmale einige kleine Lieferungen, und wie dieſe glukten, bald groſſere. Er war von dieſer Zeit an ſelten daheim, uͤberließ ſeinem Weibe die Handlung, und zog ſtets der Armee nach, bei der ſeine kluge Kenntniß ihm allemal reichlichen Gewinn ſicherte. Das Gluͤk der Waffen wankte hin und her, nur ihm bliebs guͤnſtig. Zwat ſchrieb ihm bald nach⸗ her ſein Weib, daß die diesmal grauſamern Feinde das S tiptchei und auch ihren Laden gepluͤndert hatten, aber er achtete nunmehr dies kleine Un⸗ gluͤt nicht, und freute ſich nur herzlich, ſeines guten Weibes und kleinen Sohnes fortdauernde Geſundheit zu hoͤren. Um beide vor aͤhnlicher 160 3.— Angſt zu ſichern, vor kuͤnftiger, groſſerer Gefahr zu bewahren, ſande er ſie ſogleich nach der Haupt⸗ ſtadt, und entſagte dem unſichern Handel im Staͤdtchen, um ohne Sorgen ſeine weit ſtaͤrkere, und reichlich lohnende Spekulazion fortſezzen zu können. Pft ſahe er in der Folge die Geliebten ſeines Herzens des Jahrs nur einmal, oft dann nur einige Tage, aber froh und geſtaͤrkt kehrte er dann zu ſeinen immer wichtigern Geſchaͤften zuruͤk, wenn er dieſe kurze Zeit hindurch das groͤßte Gluk des Lebens genoſſen, und in ihren Armen geruhet hatte. Wie endlich von Millionen erflehter, von ganzen Ländern ſehnlich gewuͤnſchter Friede die lodernde Fakkel des ſchreklichen Krieges ausloͤſchte, und auch er heimkehrte in die Arme ſeiner Theuern, da ſtaunte er, da ſtaunte ſie, als er nach der ſorgfaͤltigſten Pruͤfung, nach Abſchlag aller un⸗ ſichern Schulden, ſich vollkommen uͤberzeugte, daß er mehr als achtzigtauſend Gulden beſize, um dieſe mit ver Ueberzeugung, daß keine Thraͤne des Elends ſie beſtekke, ſein Eigenthum nennen koͤnne. Denn er war, wie er oft deutlich bewieß, immer der redlichſte und billigſte geweſen, hatte oft, wo er Noth und Elend erblikte, ieden Gewinn ſtand⸗ haft verlaͤngnet, und behauptete kuͤhn, daß er leicht eine Million haͤtte gewinnen koͤnnen, wenn er gleich manchen gewiſſenlos gehandelt haͤtte. Kenner dieſes Krieges, und ſeines oft wunder⸗ baren Ganges, beſtttigten dies urtheil, weil vft die —— 161 die entfernteſten Gegend zur Armee liefern mußten, nur die ungeheuren Transportkoſten berechnend, mit den Vorrathen des Landes aber unbekannt, im Lager erſchienen, und dem harrenden Spekulanten oft freiwillig eine Summe boten, bei welcher er, wenn er in der Naͤhe einkaufte, mehr als noch einmal ſo viel gewinnen konnte, da uͤberdies oft die Unſicherheit des Eigenthums in der Naͤhe des Kriegstheaters alle Arten von Lebensmitteln aͤuſ⸗ ſerſt wohlfeil machte, und man ſolche gerne fuͤr den halben Werth verkaufte, um nur dieſen ver⸗ bergen und retten zu koͤnnen. Anfangs war's zwiſchen ihm und ſeinem Weibe feſt beſchloſſen, allem fernern Handel zu entſagen, und in ſtiller Ruhe und Bufriedenheit das Erworbne zu genuͤſſen. Er reiſte deswegen bald hernach nach ſeinem Geburtsorte, um, wo moͤglich, ein hubſches Haus nebſt einem groſſen Garten zu kaufen, in welchem er am Arme ſeines Weibes und Kindes luſtwandeln, und ſich ſeines Glukkes freuen wollte. Wie er aber in dem ohne⸗ hin duͤrftigen Staͤdtchen, das in der Folge noch oft alle Drangſalen des Krieges geduldet hatte, nur Elend und Noth erblikte, da wankte ſein Ent⸗ ſchluß, und gab ſeinem ſtets thaͤtigen Geiſte Spann⸗ kraft. Die meiſten der Buͤrger hatten ſich bis⸗ her mit dem Weben der Leinewand ernaͤhrt, der Krieg hatte ihre kleinen Vorrathe vernichtet, die Faͤufer ſuchten friedlichere Gegenden, und die ar⸗ men Verlaßnen ſaſſen nun traurend an ihren lee⸗ —. L 162 ren Stuͤhlen, wußten nicht, wo ſie Vorrath, und wenn ſie dieſen auch wuͤrklich haͤtten, neue Kaͤufer finden ſollten. Der großmuͤthige und dankbare Wilhelm beſchloß ſogleich ihr Wohlthaͤ⸗ ter zu werden, er ſah ein, daß er bei dieſem Un⸗ ternehmen Tauſende gluͤklich machen, ſicher nichts verliehren, wahrſcheinlich aber gewinnen koͤnne, und berief die aͤlteſten Meiſter des Staͤdtchens zu ſich. Ehe eine Stunde verfloß, hatte er zehntau⸗ ſend Gulden unter ſie vertheilt, und ehe zwei Ta⸗ ge vergingen, arbeiteten ſchon gegen funfzig Stuͤh⸗ le fuͤr ihn, weil er nicht allein Unterſtuͤzer, ſon⸗ dern auch Kaͤufer aller fertigen Waaren zu ſein verſprach. Da ſein wohlthaͤtiger Ruf bald in der ganzen Gegend erſcholl, mehrere arme Weber ſich zu ihm draͤngten, und um aͤhnliche Huͤlfe fieh⸗ ten, ſo eilte er nach der Hauptſtadt, ſande noch gröſere Summen, und errichtete ſogleich eine Niederlage fͤr die Waaren, welche bald foigten. Sein gutes Weib trauerte anfangs, wie ſie ihn in neue Geſchaͤfte verwikkelt ſah, war's aber bald vollkommen zufrieden, weil ſie einſehen lernte, daß haͤufige Geſchaͤfte ihren Gatten aͤuſſerſt froh⸗ lich machten, ſtille Ruhe ihm aber nie behagte, und ſeinen ſo gefälligen Humor ſichtbar aͤnderte. Nach Jahresfriſt ſtand er ſchon mit vielen und groſſen Kaufleuten in Verbindung, handelte nach Spanien und Portugall, bald hernach ſogar nach Oſt⸗ und Weſtindien. Er errichtete in der Folge mehrere Niederlagen in verſchiednen Ge⸗ genden des Landes, und da ſein Geſchaͤft Auszah⸗ lungen mancher Art erforderte, endlich auch eine Wechſelſtube in der Hauptſtadt, ſie ward wegen ihrer Solidität bald allgemein bekannt, und ſeine Wechſel reſpektirte ieder Wechsler in der Naͤhe und Ferne. Wenn er am Abende oft wuͤrklich ermattet ſein Komtoir verließ, und nun mit vollen Zuͤgen balſamiſche Ruhe genoß, vermehrte ſein einziger Sohn ſtets das Vergnuͤgen um ein groſ⸗ ſes. Nicht weil er das einzige, ſondern wuͤrk⸗ lich eines der beſten und hofnungsvollſten Kinder ſeines Zeitalters war. So viele, ſo groſſe und mannigfaltige Faͤhigkeiten fand man ſelten in einem Knaben vereint, taͤglich entwikkelten ſich neue, und immer wußte ſie der Seltne meiſterhaft zu benuzzen. Bſt bat der entzukte Vater in der Fuͤlle ſeiner reinen Freude den Ewigen, ihm lie⸗ ber all ſeinen Reichthum zu nehmen, und mur da⸗ gegen den Knaben zu ſchuzen. Freilich wuͤnſchte er dann wohl auch, wenigſtens noch ein ſolches Kind auf ſeinen Armen zu wiegen, aber der Ewige hörte dieſen lezten Wunſch nicht; und ſchuzte nur den Einzigen. Der Knabe verrieth groſſe Anlagen zum Studieren, heiſchte es in der Folge mit Begierde, und der Vater erfüͤllte ſeinen Wunſch, ob er ihn gleich lieber zum Kaufmanne gebildet häͤtte. Das immer gleichſtarke Lob aller ſeiner Profeſſoren, die ihm einſimmig das Muſter aller Knaben nann⸗ ten, gewaͤhrte ſeinem Vaterherzen aber bald auch 2 2 164 groſſe Freude, und dies foͤrderte nun ſeinen Wunſch nach allen Kraͤften. Indes der Vater auf ſeinem Komtoir immer gleich richtig und gluklich ſpekulirte, taͤglich mehr und mehr gewann, ſtudierte der Sohn eben ſo anhaltend und emſig, reifte unter dieſer Beſchaͤftigung zum Juͤnglinge empor, und ward ſchon im zwei und zwanzigſten Jahre ſeines Alters zur groͤßten Wonne des gu⸗ ten Vaters im Univerſitaͤts⸗Saale als Doktor der Rechten gekroͤnt. Die öffentliche Disputazion, durch welche der Fleiſſige die Doktorswuͤrde er⸗ kaͤmpfen mußte, war nicht von gewoͤhnlicher Art. Er hatte das Thema ſelbſt bearbeitet, und ver⸗ theidigte es mit tiefer Kenntniß; alle Gegenwaͤr⸗ tige muͤhten ſich nur, ihn nicht den Kampf zu erſchweren, ſondern vielmehr Gelegenheit zu goͤn⸗ nen, mit ſeinen groſſen Faͤhigkeiten zu glaͤnzen. Der Miniſter war als Protektor der Uni⸗ verſitaͤt bei dieſer ſeltnen Disputazion zugegen, er bewunderte mit Recht den iungen Doktor, lobte ihn in aller Gegenwart, und ernannte ihn ſogleich zu ſeinem Sekretair, weil er den vorigen eben hoͤher befoͤrdert hatte. Karl, ſo nannte ſich der iunge 2— trat dieſe neue Laufbahn mit groͤßter Freude an, weil es von ieher ſein hoͤchſter Wunſch war, einſt dem Staate dienen, und nůzüch wer⸗ den zu toͤnnen. Sein Vater freute ſich gleichſtark mit ihm, weil er ſeinen geliebten Sohn dadurch geehrt und belohnt ſah. 165 Der patriotiſche und ſehr kenntnisreiche Mi⸗ niſter, welcher iedes Verdienſt ſchaͤzte, und, wo er es fand, willig ehrte, ward durch den Sohn bald mit dem Vater bekannt. Er ſprach oft ſtun⸗ denlang im Simmer des erſtern mit ihm, und vorzuͤglich uͤber die Zweige ſeiner ausgebreiteten Handlung; und ſtaunte mit Recht, als er genau uͤberzeugt ward, daß dieſer einzige Mann viele tauſend Glieder des Staates nicht allein ernaͤhre, ſondern auch wohlhabend mache, und uͤberdies noch den Staat durch eine iaͤhrliche Waaren⸗Aus⸗ fuhr mit mehr als einer baaren Million bereichere. Er ſchaͤzte und liebte ihn daher in der Folge mit wahrer Freundſchaft, lud ihn oft zu ſeiner Tafel. und laͤchelte zufrieden, wenn der gute Alte dieſe Ehre fuͤr einen Lohn ſeines Eifers anſah, ihm warm und innig dafuͤr dankte. Auf ſeinen Rath beſchenkte der Monarch dieſen nuͤzlichen Buͤrger mit einer Ehrenmedallie, und gab ihm den Tit⸗ tel eines Kommerzienrathes. So wenig dieſer Lohn auch innern Werth enthielt, ſo war er doch dem Kaufmann L— aͤuſſerſt ſchaͤzbar, und wie der Monarch ihn bald nachher, ohne daß ers forderte, in den Adelſtand erhob, ſo war ſeine Freude daruͤber ſo groß, daß er ſeine ſonſt ſo be⸗ kannte Maͤſigkeit ganz vergaß, und in ſeinem ſchönen Garten einigemal Feſte gab, deren Ko⸗ ſten einige Neider auf viele Tauſende berech⸗ neten. Kurz nachher ſpeiſte er wieder bei dem Mi⸗ niſter, und mit ihm der iunge Graf— r, wel⸗ chen der Monarch eben an dieſem Tage zum Ge⸗ ſanden nach Spanien ernannt hatte. Man war froͤhlich, trank und ſprach mancherlei, endlich lenkte ſich das Geſpraͤch aufs L— s Handlung und Reichthum. Der Miniſter bat ihn ſcherzend, aufrichtig zu geſtehen: Wie hoch er wohl ſein gan⸗ zes Vermoͤgen ſchaͤzze? L— geſtand aufrichtig, daß es wohl einige hunderttauſend Gulden betra⸗ gen koͤnne, aber man war mit dieſer Erklaͤrung nicht zufrieden, und forderte immer noch lachend und ſcherzend das Vekenntnis: Wie viel nebenbei ſeine kleine Hauschatulle am baaren Gelde ent⸗ halte? Dieſe Frage geſchah, ob ſie gleich in der Folge ſehr merkwuͤrdig ward, izt ganz ohne Zwek und Ausſicht, L— hatte von lange her, ſchon den Stof dazu geliefert, weil er immer, wenns irgend eine unvorhergeſehne Ausgabe be⸗ traf, zu ſagen pflegte: Daruͤber muß ich erſt mit meiner Hauschatulle ſprechen! Dieſe Rede ward nun wiederholt, 2— s Eitelkeit und Stolz wak⸗ ker gereizt, und indem man zu rathen begann, ſein ofnes Bekenntnis gefordert. Nun, zehn⸗ tauſend Gulden liegen doch darinne? fragte der Miniſter. B ſiher mehr! antwortete L— 6 Sohn. Der alte L—. Fannſt recht haben! Der Geſande. Alſo zwanzigtauſend? 167 Der alteL—. Gachend) OB noch mehr! Miniſter. So will ich das non plus ultra nehmen: Vierzigtauſend! Der alte 2—.(äuſſerſt lachend) Ich muß das non plus ultra zu ſchanden machen, und auf⸗ richtig geſtehen, daß es Ew. Exzellenz noch nicht errathen haben. Nun begann neue Frage, neue Verwunde⸗ rung, die L—s gewekten Stolz immer mehr reizte, und endlich zu dem Bekenntniſſe zwang, daß dieſe kleine Hauskaſſe nahe an ſechzigtauſend Gulden im baaren Gelde enthalten muͤſſe. Es war eine offenbare Unwahrheit, denn ſo reich auch L— wuͤrklich war, ſo entzog er doch nie ſeiner Handlung einiges Geld, ließ es immer in dieſer zirkuliren, und vermehrte ſeine Geſchaͤfte, ie nach⸗ dem dieſes ſich vermehrte. Zwei bis dreitauſend Dukaten lagen zwar ſonſt immer in ſeiner Haus⸗ kaſſe, aber er hatte dieſe izt wuͤrklich durch die koſtbaren Feſte geſchwaͤcht, und ſie konnte eben izt kaum zwei bis dreitauſend Gulden enthalten, aber ſein Stolz, oder vielmehr die Laune eines mehr als gewoͤhnlichen Trunks verleitete ihn zu dieſer ſo anſcheinend unſchädlichen Luͤge, und war noch wenigſtens eine Stunde lang Stof fuͤr ihn zur Unterhaltung, weil man ſich immer noch aufs neue daruͤber verwunderte. Sehr ſchmeichelhaft war es uͤbrigens fuͤr ihn, als der Miniſter, wie einige der Gäſte zu zweifeln begannen⸗ fuͤr die 168 Wahrheit mit ſeinem Ehrenworte buͤrgen wollte, und dreuſt hinzufügte, daß 2— noch nie ein un⸗ wahres Wort ausgeſprochen habe. Alle ſchwie⸗ gen und glaubten nun, nur der Geſande fragte noch: Warum er eine ſo groſſe Summe unge⸗ nuͤzt liegen laſſe, und nicht in ſeiner Handlung verwende? Jedes Geſchaͤft, antwortete L—, hat ſeine Graͤnzen, ich verbreitete, ſo lange Ver⸗ breitung moͤglich war, da ich izt aber alle Weber des Vaterlands beſchaͤftigte, mich zu alt, oder wenigſtens zu bequem duͤnke, einen neuen Zweig der Handlung zu ſuchen, ſo bin ich izt gezwun⸗ gen, meinen iͤhrlichen Gewinn zu ſammlen, und in meiner Hauskaſſe aufzubewahren. Ich bin geſonnen mit dieſer Summe einſt ein Langut zu kaufen, oder ſie indes, da mein Entſchluß noch immer wankt, auf ſichere Hipothek auszuleihen. Dies war eine neue Reihe von Luͤgen, aber hoͤchſt noͤthig, um die erſtere zu beweiſen, oder wenig⸗ ſtens wahrſcheinlich zu machen. Da ſie dieſe Abſicht vollkommen erreichte, und man oft noch aufs Wohl des Beſizzers der vollen Hauskaſſe ein Glas leerte, ſo reute ſie ihn auch nicht, und ward von ihm am andern Morgen noch im Stil⸗ len belacht. Eben war er nach ſeiner Schreib⸗ ſtube gegangen, als man ihn den Beſuch des Mi⸗ niſters meldete, er eilte nach ſeinem Zimmer, und traf ihn dort mit dem neuen Geſanden. Mein lieber von L—, ſprach der Miniſter, ich will ohne Umſtaͤnde mit ihnen ſprechen, bei Maͤnnern 169 ſolcher Denkungsart bedarfs nur wenige Worte. Der Herr Graf(auf den Geſandten zeigend) hat ei⸗ ne dringende Bitte an ſie, ich habe ihm ſolche ſchon in ihren Namen gewaͤhrt, und hoffe, ſie werden meine Zuſage beſtatigen. Er iſt vom Monarchen als Geſander nach Spanien ernennt worden, dieſer anſehnliche Poſten iſt mit ſehr groſſen Ausgaben verbunden, der Staat kann ſie nicht alle leiſten, und man waͤhlt gemeiniglich die Reichſten des Adels dazu, damit ſie ihrem Hofe in iedem Falle Ehre machen koͤnnen. Deswegen traf auch dieſesmal vorzuglich die Wahl den Herrn Grafen, ſein erſt vor kurzem verſtorbner Vater hat ihm aͤuſſerſt anſehnliche, und unverſchuldete Beſizzungen, aber kein baares Geld hinterlaſſen, er muß, um ſich gehoͤrig zu equipiren, und allen erforderlichen Aufwand zu beſtreiten, wenigſtens eine Summe von funfzigtauſend Gulden aufneh⸗ men. Das baare Geld iſt, wie ſie ſelbſt wiſſen werden, ſehr rar, und die Zeit eben ſo kurz. Wo er bisher anfragte, forderte man ungeheure Inter⸗ eſſen; der glukliche Zufall ͤberzeugte ihn geſtern, daß ſie mehr als dieſe Summe liegen haben, ſie ſogar wuͤrklich auf ſichere Hipothek ausleihen wol⸗ len. Er kann dieſe nach aller moͤglichen Form des Rechts, und mit zehnfacher Sicherheit leiſten, und hoft daher, daß ſie ihm vor andern willigen Vorzug goͤnnen werden, weil er uͤberdies auf ih⸗ ren Dank Anſpruch machen kann. Der Monarch hat ihm die Wahl eines Geſandſchaftſekretairs 170 uͤberlaſſen, ihr hofnungsvoller Herr Sohn hat bisher mit groͤßtem Vergnugen, und beſonderem Eifer, bei mir im Fache der Diplomatik gearbeitet, er wuͤnſchte ſehnlich, dieſe Stelle zu erhalten, und der Herr Graf hat ſie ihm dieſen Morgen in meiner Gegenwart ſchon zugeſagt. Sein künf⸗ tiges Gluͤk iſt dadurch beſeſtigt, er kann und wird ſich in bieſem Poſten anſehnliche Verdienſte ſammlen, und erhaͤlt bei ſeiner Ruͤkkehr ſicher eine Hofrathsſtelle zum Lohne. Ein Glůk fuͤr den armen L—, baß dieſe Anrede etwas lange dauerte, er hatte hinlaͤngliche Zeit, ſich zu ſammlen, und am Ende ſeine groſſe Verlegenheit zu verbergen, die nur allzudeutlich bewieſen haͤtte, daß er am Abende vorher, troz des Ehrenwortes des Miniſters, ein ſtolzer Lug⸗ ner war. Izt hatte er ſich uͤberzeugt, daß er ſeinem guten Rufe, ſeines Sohnes Gluͤkke ſcha⸗ den, die Achtung des Miniſters, und durch dieſen eben ſo ſicher die Gnade des Monarchen verlieh⸗ ren wuͤrde, wenn er Entſchuldigung mache, oder gar Wahrheit geſtehe. Er beſchloß daher, den Antrag, er moͤge auch aͤuſſerſt ſchaͤdlichen Einfluß auf ſeine Handlung haben, anzunehmen, und dem Geſanden das Darlehn mit freundlicher Miene zuzuſichern, nur bat er, ihm ein oder zwei Tage Gedulb zu goͤnnen, um die Summe ordnen und ſolche vorzuͤglich in beſten Geldſorten auszahlen zu koͤnnen. Der Miniſter lobte, der Geſande dankte, und L— blieb beim Abſchiede ſtaunend 17% und nachdenkend ſtehen, weil er ſo ganz wider Abſicht und Klugheit gehandelt, ſich in die groͤßte Verlegenheit geſezt hatte. Aber nun war Nach⸗ denken und Reue zu ſpaͤt, ſein Verſprechen feſſelte ihn, und er eilte, es ſo bald als moͤglich zu er⸗ fullen. Wie er noch am nemlichen Tage alle ſeine Kaſſen unterſucht, und uͤberrechnet hatte, was er in dieſen wenigſtens auf eine kurze Zeit entbehren ksnne, fand er, daß ihm noch an der erforder⸗ lichen Summe funfzehntauſend Gulden mangelten. Er haͤtte dieſe ſehr leicht mit Wechſeln nach Spa⸗ nien, wo er um dieſe Zeit mit einer weit groͤſſern Summe in Vorſchuß ſtand, erſezzen koͤnnen; aber ſein Stolz verwarf dieſes Mittel, weil er die Summe im baaren Golde zu bezahlen verſprochen hatte; eben dieſer Stolz verleitete ihn am Ende, ſie nicht bei irgend einem ſeiner Mitbuͤrger, ſon⸗ dern bei zwei juͤdiſchen Maͤklern zu borgen, wel⸗ che ſehr hohe Intereſſen heiſchten, ſie auch ohne Anſtand erhielten, weil er feſt uͤberzeugt zu ſein glaubte, daß ſie reinen Mund halten, und ſeine Verlegenheit niemanben entdekken wuͤrden. L— war munter und zufrieden, als er am andern Tage ſchon die ganze Summe den Geſanden aus⸗ zahlen konnte. Er empfing eine ſichere, und mit der beſten Hipothek verſehne Obligazion dagegen, aber ſein Sohn hatte dem Geſanden ſchon Tags vorher verſprochen, daß ſein Vater ihm dieſe Summe willig auf zehn volle Jahre leihen, und ——— 7 dann die Bezahlung in iaͤhrlichen Terminen von zehntauſend Gulden annehmen wuͤrde. Er mußte daher auch dieſe harte Bedingung eingehen, weil er ſeinem Sohn nicht ſchaden wollte. Ahnend und fuͤrchtend, daß ſeine aͤuſſerſt ſo⸗ lide Handlung, durch die ihr ſo ſchnell und unpor⸗ bereitet entwendete Summe leiden, hie und da wohl gar ſtokken wuͤrde, arbeitete er nun raſtlos an einem Plane, der ſeine Geſchaͤfte vermindern, und daher iede Unordnung vereiteln ſollte, aber bald uͤberzeugte er ſich, daß ſolch ein Plan aͤuſ⸗ ſerſt ſchwer, und wenigſtens einige Zeit hindurch unmoͤglich ſei. Seine Handlung glich vollkommen einem guten Uhrwerke, in welchem ein Rad in das andere greift, und aus dem man keins der⸗ ſelben herausnehmen kann, ohne das Ganze zu vernichten. Da er nur mit den anſehnlichſten Kaufleuten iedes Landes handelte, ſo war er auch des ſichern Empfangs ieder faͤlligen Zahlung ge⸗ wiß/ aber dieſe hatte auch wieder ihre Beſtimmung, um die verfertigten Waaren, welche um eben die⸗ ſe Zeit eingingen, ſogleich baar bezahlen zu koͤn⸗ nen. Verminderung derſelben war daher nicht moͤglich, weil ſchon vorhergegangne ſchriftliche Beſtellung die Abnahme der Waaren als eine un⸗ ausbleibliche Folge nach ſich zog, die im Ver⸗ weigerungsfalle ſchnellen Miskredit und noch groͤſ⸗ ſeres Aufſehen erregt haͤtte. L— mußkte ſich da⸗ her zu einem neuen Anlehn entſchlieſſen, und nahm abermals ſeine Zuflucht zu juͤdiſchen Maͤklern, ob er gleich ganz gewiß unter ſeinen kriſtlichen Mitbuͤrgern weit billigere Glaͤubiger gefunden, das Geld ſelbſt auf weit längere, und folglich weniger laͤſtigere Termine erhalten haͤtte. Aber falſche Schaam, oder vielmehr falſcher Stolz verhinderte dieſen Schritt. Er hatte im Zirkel ſeiner Freunde oft und vielmals erklaͤrt„daß der Faufmann nie ſicher, nie mit Hofnung eines ge⸗ wiſſen Vortheils ſpekuliren könne, wenn er mit erborgtem Gelde handeln muͤſſe, er hatte dieſen Saz oft hartnaͤkkig vertheidigt, und wollte nun nicht ſelbſt ſeiner Ueberzeugung oͤffentlich wider⸗ ſprechen. Die juͤdiſchen Wäkler, welche er ru⸗ fen ließ, waren diesmal nicht ſo bereitwillig; ſie konnten nicht begreifen, wie einer der reichſten und angeſehnſten Kaufleute der Stadt in ſo groſſe Verlegenheit geſezt wuͤrde, wiederholt, und eine ſo anſehnliche Summe borgen zu muͤſſen; ſie arg⸗ wohnten mit vollem Rechte irgend einen groſſen Bankerut in der Ferne, welcher vielleicht dem reichen L— einen groſſen Theil ſeines Vermoͤ⸗ gens geraubt, und ihn dadurch unſicher gemacht habe. Sie gaben ihrer Vermuthung Worte, und forderten, ehe ſie die verlangte Summe zahl⸗ ten, Beruhigung und Ueberzeugung. L— glaub⸗ te beides nicht beſſer gewaͤhren zu koͤnnen, als wenn er ihnen alles aufrichtig erzaͤhle; er thats, und die Zweifler heiſchten die Obligazion des Ge⸗ ſanden als ein Unterpfand. So ungerne L— ihr Verlangen gewaͤhrte, ſo mußte er es am Eu⸗ 17½ 3 174 de doch bewilligen, weil er uͤberzeugt zu ſein glaub⸗ te, daß ieder ſeiner kriſtlichen Freunde, an wel⸗ chen er ſich in dieſem Anliegen wenden koͤnne, noch weit mehr Zweifel erregen, und noch uͤber⸗ dies ſeinem Kredit durch Schwazhaftigkeit unheil⸗ bar verlezzen werde. Als er ſeine Kaſſen mit der erborgten Sum⸗ me wieder gefuͤllt hatte, ging ſeine Handlung den gewohnlichen, ruhigen Schritt fort, aber die Ru⸗ he ſeines Lebens war vernichtet; tauſend Sor⸗ gen und Zweiſel quaͤlten ihn unaufhoͤrlich, immer fuͤrchtete er, daß die Juden aus eigennuͤzziger Abſicht, vielleicht gar aus Schadenfreude, die ver⸗ pfaͤndete Obligazion dem Miniſter oder den An⸗ verwanden des Geſanden zeigen, und ihm die beſondere Freundſchaft beſſelben? raubenwuͤrden. Er furchtete dies bald mit groͤſſerm Rechte, weik er oft den Wucher und die beſondere Begierde der Ju⸗ den, ieden Handlungsartikel zu einem Webatn ihrer Nazion zu machen, bei dem Miniſter al hoͤchſt gefäͤhrlich geſchildert, und dieſen e hatte, eben izt einige Verordnungen zu erlaſſen, die dem Wucher und dieſer Begierde feſte Schran⸗ ken ſezten. Aeuſſerſt traurig ward er bald nach⸗ her, als ſeine Freunde ihn als den Urheber die⸗ ſer fuͤr ſie ſo nuzlichen Verordnungen öffentlich nannten, und ihm mit vollem Rechte muthmaſſen lieſſen, daß ſeine Glaͤubiger dieſe Reden bald er⸗ fahren, und ſich eben ſo gewiß an ihm raͤchen wuͤrden⸗ 175 Eben ſas er nachdenkend und einſam in ſei⸗ nem Zimmer, berechnele die Zeit, in welcher er ſeine Schuld tilgen, die Obligazion wieder einloͤ⸗ ſen, und ſich ſeiner ſchweren Sorge entledigen könne, als ſein Hausiude zu ihm eintrat“). Vor⸗ her war dieſer Mann in L— 8 Hauſe nur we⸗ nig geachtet, ſo ſehr er auch flehte, ſo ward doch nur ſelten etwas von ihm gekauft, izt da L— von jüdiſchen Maͤklern ſo viel Geld borgte, und ſeine Huͤlfe dazu brauchte, ward er vertrauter und wichtiger, und ſuchte dieſen Zufall zu ſeinem Vor⸗ theile zu benuzzen. Gnaͤdiger Herr L—, ſprach er, als L— immer fort rechnete, waͤre ich ſo reich wie ſie, ich wurde nicht immer ſelbſt arbei⸗ ten, ſondern lieber andre fuͤr mich arbeiten laſſen. Hr. v. L— Lieber Abraham, des Herrn Auge macht die Kuh fett! Ein Sprichwort das *) So nennt man, oder vielmehr ſo nennen ſich dieienigen Inden, welche ſich unter tauſend ſchein⸗ baren Gründen in irgend ein Haus eindraͤngen, alles, was die Innwohner des Hauſes beduͤrfen, anfangs äuſſerſt wohlfeil, nach und nach aber immer theurer liefern, ſehr gerne borgen, um groſſen Gewinn ziehen zu koͤnnen, und indem ſie ſo willig ieden Wunſch des Luxus befriedigen, oft die einzige Urſache des Ruins und Verderbens einer wohlhabenden Famjlie werden. 176 ſich nicht allein in der Bekonomie, ſondern auch in der Handlung mit groͤßtem Vortheile anwen⸗ den laͤßt. Abraham. Ich will und kann nicht wi⸗ derſprechen; aber dann hat ihre Handlung auch eine ſchwere Pflcht, die ſie im hohen Alter doch nicht mehr erfuͤllen koͤnnen. Ach haͤtte ich nur den ſechſten Theil ihres Vermoͤgens, oder wenig⸗ ſtens nur den zehnten Theil ihres Kredits, ich wollte ſchneller und ohne Muͤhe reicher werden, als ſie izt ſind. Hr. v. 2—. Hm! Solche Spekulazionen ſind izt hoͤchſt ſelten! Ja, ehemals, im ſieben⸗ iährigen Kriegt gabs mannigfaltige, aber izt—— Abraham. D auch izt! Schnell, ſicher, und aͤuſſerſt reichlich lohnend! Hr. v. L—. Ich wäͤre begierig, nur eine derſelben kennen zu lernen, wuͤrde ſie, mit dieſen Eigenſchaften begabt, ſchwerlich von mir weiſen. Abraham. Wollen ſie mich ruhig an⸗ horen? Hr. v. L—. Vom Herzen gerne. Abraham. Es wird ihnen ſicher bekannt ſein, daß der groſſe Fabrikant G— zu L— in S— Bankerut gemacht hat. Hr. v. 2—. Dos iſt mir bekannt! Häͤtte ich ſeinen Bankerut nicht fruͤh genug — — 177 ſo haͤtte ich vielleicht zwanzigtauſend Gulden ver⸗ liehren koͤnnen, weil man mich mit Wechſeln zah⸗ len wollte, die er ausgeſtellt hatte. Abraham. Fuͤr ſolchem Unglukke ſoll ſie der Allmächtige bewahren. Er iſt ſchaͤndlich ent⸗ flohen, und ſein groſſes Waarenlager iſt gericht⸗ lich aukzionirt worden. Ein Schwager von mir, der eben zugegen war, hats fuͤr vierzigtauſend Gzulden erkauft, und doch iſts unter Bruͤdern achtzigtauſend Gulden werth, und koͤnnte mans in unſer Land einfuͤhren, ſo wuͤrde der Gewinn noch weit mehr betragen. Hr. v. L—. Es ſind alſo verbotne Waaren? Abraham. Freilich, und die meiſten noch ͤberdies von der Gattung, wie wir ſie wohl zu erzeugen wuͤnſchen, aber noch nicht erzeugen koͤn⸗ nen. Ueberall herrſcht wirklicher Mangel in die⸗ ſen Artikeln, uͤberall fragt man vergebens darnach, und findet man ſie auch, ſo gleichen ſie doch lange den auslaͤndiſchen nicht, ſind weit theurer, aber auch weit ſch hter. Hier iſt das Verzeichnis, urtheilen ſie ſelbſt. Hr. v L—. 6 durchſehend) Ich kann nicht widerſprechen! Es ſind lauter gangbare, und wuͤrklich izt ſehr geſuchte Waaren. Abraham. Haͤtte ich ſie hier, ich wollte pinnen einem Monat ganz ſicher baare einmal hundert Tauſend Gulden verdienen. 3 378 Hr. v. L—. Auch daran zweifle ich unter dieſen Umſtaͤnden nicht, aber die ganze moͤgliche Spekulazion wird zum Wunſche, der nie erfůlt werden kann. Abraham. Gnaͤdiger Herr leben, hören ſie mir nur ruhig zu, und ſie werden bald andrer Meinung ſein. Mein Schwager der ein grundehrlicher, ein geſchitter, aber kein reicher Mann iſt, hat gereizt durch den groſſen und ſichern Gewinn, das Waarenlager in der Aukzion wirtlich erkauft, aber findet er nicht Freunde, ſo ſind alle ſeine Ausſichten vernichtet. Er hat bin⸗ nen einem Monat zu zahlen verſprochen, und kam geſtern zu mir um Beiſtand zu fordern. Mein Vermoͤgen liegt, wie ſie leicht denken können, nicht baar im Kaſten, iſt dort und da verſtekt, mein Handel fordert keinen Kredie, folglich habe ich auch keinen, und kann ihm alſo nicht helfen. Auf meinen Rath will er nun an einen Reichern das Waarenlager uͤberlaſſen, und ſich mit einem ſehr maͤſſigen und kleinen Gewinn begnuͤgen. Hr. v. L—. Was nuzt dies alles? Im Auslande haben dieſe Waaren izt wuͤrklich gerin⸗ gen Werth und noch ſchlehtern Abgang. Die Urſache iſt ſehr natuͤrlich und einlenchtend. Sonſt zogen unſte Kaufleute einige Millionen dieſer Ar⸗ tikel iaͤhrlich in unſre Laͤnder, izt verhindert ſie das Verbot ganz daran, und da das Ausland immer noch fortfaͤhrt, eine aͤhnliche Quantitat zu 6 15 erzeugen, ſo iſts ganz naturlich/ daß die Waaren ſich häͤufen, und aus Mangel der Käufer taͤglich im Werthe fallen muͤſſen. Mein lieber Abra⸗ ham, haͤtte unſer Monarch die Einfuhr nicht un⸗ terſagt, ſo waͤre G— nicht gefallen, denn er ſtand ſolid und gut, und kennten ſeine Glaͤubiger beſſern und ſchnellern Abſaz des Waarenlagers, ſo wuͤrden ſie es ſicher nicht um ſolch einen Spott⸗ preis an einen fremden Juden uͤberlaſſen haben. Die Spekulazion taugt alſo nichts, und der ganze Gewinn zerplazt gleich einer Seifenblaſe. Abraham. Gnädiger Herr leben, ſie ſpre⸗ chen ſo weiſe wie Salomo. Im Auslande ſind die Waaten vielleicht nicht gar vielmehr werth, aber in unſerm Lande—— Sprechen ſie es ſelbſt aus: Wie viel ſie hier werth ſein wuͤrden? Da iſt das Verzeichniß, kalkuliren ſie ein wenig. Hr. v. 2—. Ich verſchwende nicht gerne meine Zeit ſo ganz vergebens. Abraham. Cuchelnd) Ganz vergebens? Gnaäͤdiger Herr, mein Schwager wohnt zu T— welches nur zwei Stunden von der— ſchen Graͤn⸗ ze entfernt liegt. Er kennt alle Wege und Stege, er faͤhrt bei Nacht und bei Tage ſicher. Ehe vierzehn Tage vergehn, ſind die Waaren im Lande—— Gnadiger Herr, laſſen ſie mich aus⸗ reden!—— Er uͤbernimmt den Transport auf eigne Gefahr, er ſtellt Kauzion, und wenn ſein Vermögen nicht zureicht, ſo werde auch ich Buͤrge R fuͤr ihn. Sind dann die Waaren im Lande, und ſchon ganz verkauft, ſo fordert er fuͤr alle ſeine Muͤhe und Gefahr nur zehntauſend Gulden Ge⸗ winn, den ganzen uͤbrigen, welcher ſicher vier⸗ zig bis funfzig Tauſend betragen kann, uͤberlaͤßt er demienigen, der die Zahlung fuͤr die Waaren geleiſtet hatte. Hr. v. L—. Und wer ſoll, wer wird dieſe leiſten? Abraham. Keiner ſo leicht, ſo ſicher wie ſie, gnädiger Herr! Hr. v. L—. Ich? Ich? Abraham. Ja, eben ſie. Nach der Ver⸗ ficherung meines Schwagers wollen die Verkaͤu⸗ fer herzlich gerne die Bezahlung in ſichern Wech⸗ ſeln auf drei Monat Sicht annehmen. Sie for⸗ dern nur, daß dieſe auf gute Haͤuſer in Dresden oder Leipzig geſtellt, und von dieſen akzeptirt wer⸗ den. Ihre Wechſel, gnaͤdiger Herr, werden uͤberall honorirt, und ehe drei Monate vergehen, ſind die Waaren verkauft, und das Geld liegt nebſt dem anſehnlichen Gewinne zur Bezahlung bereit. Hr. v. L—. Gott bewahre mich vor ſolch einem Gewinne! Der Monarch beehrt mich mit ſeinem Vettrauen, uͤberhaͤuft mich mit Wohltha⸗ ten, und Ehrenbezeugungen, und ich ſollte ſein Vertrauen, ſeine Guͤte auf ſolche Art lohnen? —————— 181 Rein! Nein! Konnte der Gewinn auch Millionen betragen, ich wuͤrbe ſie ſtolz von mir weiſen⸗ und ruhig verachten. Abraham. Zu gut, zu ehrlich iſt nicht gut. Jeder Unterthan muß dem Geſezze gehor⸗ chen, aber es giebt auch Fälle, wo das Geſez eine Ausnahme leidet, die man ohne Vorwurf des Gewiſſens machen kann. Ein Kaufmann muß ſpekuliren, und iſt dies nicht eine vortheilhafte, eine ſichere Spekulazion? Wollen ſie allein ehrlich bleiben, wenn Tauſende nicht ſo ehrlich handeln? Der weiſſe Rabe wird ſeiner Seltenheit wegen von allen ſchwarzen Raben verfolgt, und ehe er ſichs verſieht, hakt ihm ſein Nachbar die Augen aus. Hr. v. 2—. Ich will nichts weiter hören! Verdank ers meiner Grosmuth, daß ich Still⸗ ſchweigen gelobe, mehr vermag ich nicht, mehr werde ich nicht thun. Abraham. Gnaͤdiger Herr, ſie ſtehen ſich, ſo wahr Gott lebt, im Lichte; ſolch ein Handel erſcheint nicht alle Tage. Das Darlehn, welches ſie auf ſo unerwartete Art dem ſpaniſchen Geſand⸗ ten leiſten mußten, hat ihnen Sorge und Kummer in Menge verurſacht, wird ſie in der Folge zwin⸗ gen, ihre Handlung einzuſchrͤnken, und dieſer Schritt wird groſſes Aufſehen erregen, ihren Kredit aͤuſſerſt ſchwaͤchen. Ich zeige ihnen izt Ritiel und Wege, wie ſie mit einmal den etlitte⸗ 182— nen Verluſt erſezzen, kuͤnftig ſorgenfrei und ru⸗ hig leben konnen, und ſie— Nein, das iſt mir unbegreiflich— ſie verwerfen den Rath, und wollen mit Gewalt ihr Anſehen, ihren Kredit ver⸗ nichten. Hr. v. L—. Gewiſſensvorwürfe wuͤrden mir dieſen Gewinn ſchreklich verbittern, und die Gefahr—— Erwaͤgt er denn dieſe gar nicht? Abraham. Die Gefahr? Kommt denn dieſe auf ihre Rechnung? Uebernimmt dieſe mein Schwager nicht ganz? Ich und er, wir beide leiſten vereint eine Kauzion von zehntauſend Gul⸗ den. Mein Schwager fuͤhrt die Waaren auf ſichern und bekannten Schleichwegen ein, aber er wagt nie mehr als die Haͤlfte dieſer Summe, weil er hochſtens nur ein oder zwei Wagen voll auf einmal herein fuͤhren laͤßt. Sollte nun wi⸗ der alles Vermuthen einer dieſer Transporte ent⸗ dekt und angehalten werden, ſo faͤllt der Verluſt auf uns, und die geleiſtete Sicherheit gehoͤrt ih⸗ nen. Mehr kann und wird doch niemand fordern? Daß uͤbrigens die Spekulazion gut und aͤuſſerſt ſicher iſt, koͤnnen ſie ſchon daraus ſchleſſen, weil wir zehntauſend Gulden wagen. Wuͤrden wir dies thun, wenn Gefahr moglich waäre? Ein Ju⸗ de liebt ſein Geld, weil er ohne dies ein Nulle in der menſchlichen Geſellſchaft iſt, die ieder Bu⸗ be mit dem Finger ausloͤſcht. Erwaͤgen, beden⸗ ken ſie dies, gnaͤdiger Herr! Hr. v. L—. Ich habe alles erwogen, und bleibe bei meinem Entſchluſſe. Genug da⸗ von, ich will und mas kein Wort mehr hoͤren. Wenn auch die Einſchräͤnkung meiner Handlung Aufſehen erregt, wenn ſie auch meinen Kredis ſchwaͤchen ſollte, ſo bleibt doch innere Ruhe, die mir nicht fuͤr eine Million feil iſt. Abraham. Gnädiger Herr, ich meins ehr⸗ lich und redlich, ich gönne ihnen zwei volle Ta⸗ ge Bedenkzeit. Er legt das Verzeichniß der Waa⸗ ren auf den Tiſch) Ueberſehen ſie es bei Gele⸗ genheit, ſie werden ſich dann beſſer als durch Worte uͤberzeugen. Morgen komme ich wieder. Hr v— Er kommt vergebens. Abrah am. Ich komme doch, und gehe dann erſt zu einem andern, der mich ſicher nicht abweiſen, mir mehr Gewinn, als ich bei ihnen forderte, zugeſtehen wird⸗ Hr. v. L— Mein Entſchluß bleibt feſt! Abraham. Davon will ich mich morgen erſt uͤberzeugen. Guter Rath kommt oft uͤber Nacht! Vielleicht wird dieſes Spruͤchwort, zu ihrem groͤßten Nuzen, auch an ihnen wahr. Hr. v. L—. Er wird das Gegentheil erfahren. Abraham. Leben ſie wohl! 134 Hr. v. k—. Roch eins! Die Maͤkler, bei welchen ich das Geld borgte, werden doch reinen Mund halten? Abraham. Daran iſt nicht zu zweifeln. Hr. v. 2—. Mir iſt ſehr viel daran gele⸗ gen. Beſonders wuͤnſche ich herzlich, daß die verpfaͤndete Obligazion niemanden gezeigt, und noch weniger abermals an Fremde verpfaͤndet wird. Abraham. Ich will ihren Wunſch bei er⸗ ſter Gelegenheit den Mäklern bekannt machen. Hr. v. L—. Das thue er, lieber bald, lieber heute noch. Es war zwar ausdruͤklich be⸗ dungen, aber Erinnerung ſchadet in dergleichen Faͤllen nie. Ich wuͤrde dann lieber das Aeuſ⸗ ſerſte wagen, und die Summe vor der Verfall⸗ zeit bezahlen. Abraham. Ich werde alles getreulich ausrichten. Abraham ging, und L— ſezte ſich wieder an ſeinen Schreibriſch. Das Verzeichniß der Waaren fiel ihm in die Hand, er war zu ernſt⸗ haftem Geſchaͤfte nicht aufgelegt, und unterſuchte nun blos zum Zeitvertreibe, wuͤrklich nicht aus Abſicht: Ob der Jude richtig ſpekulire, und der groſſe Gewinn wuͤrklich zu hoffen ſei? Bekannt mit dem Preiſe dieſer Waaren fand er bald, daß dieſer nicht uͤbertrieben ſei, ſicher und ſchnell er⸗ —— 185 folgen muͤſſe, wenn dieſe ſo ſeltnen Waaren im Lande verkauft wuͤrden. Rit dieſer Ueberzeugung verließ er ſeinen Schreibtiſch, machte aber auch zugleich den feſten Vorſaz, nie an ſolchem Ge⸗ winne Theil zu nehmen. Wie er Nachmittags nach ſeinem Garten gehen wollte, uͤberreichte man ihm ein Billet, er erbrachs, und trauerte ſehr uͤber den unerwarteten Inhalt deſſelben. Ihr Haustude, ſchrieb ihm einer der üdiſchen Maͤk⸗ ler, hat mir eben izt ihren Wunſch bekannt ge⸗ macht. Ich denke ehrlich und redlich, und muß es ihnen daher aufrichtig geſtehen/ daß ich die Erfullung deſſelben nicht verbuͤrgen kann. Ich bin ein Negoziant, der ieden Gewinn nuzzen und ſuchen muß, und komme baher oft in Verlegen⸗ heit, meine in Haͤnden habende Schuldſcheine an andre verpfaͤnden zu muͤſſen. Sie haben dieſen Fall erſt kurzlich ſelbſt erlebt, und werden es mir alſo auch nicht verdenken, wenn ich im ähnlichen Falle eben ſo handle, denn Noth kennt kein Ge⸗ ſez, und bricht Eiſen, um ſo mehr leere Worte. um ihnen aber einen Beweiß meiner aufrichtigen, und redlichen Geſinnung zu geben, ſo verſpreche und gelobe ich binnen drei Monaten weder ihren Wechſel, noch die Obligazion an einen dritten zu verpfäͤnden, wenn ſie mich in dieſer Zeit, obgleich die Summe auf ein Jahr vorgeliehen ward, zu bezahlen geloben, und ſſch nebenbei den ganz bedungenen Rabatt gefallen laſſen. Ich erwarte durch Ueberbringern eine ſichere Antwort, um mich in iedem Falle darnach richten zu koͤnnen. —— —— 186 Der beleidigte und tiefgekraͤnkte 2— ging ſtraks nach ſeiner Schreibſtube zuruͤk, und ver⸗ ſprach binnen drei Monaten ſichere Zahlung des Kapitals und der ganziaͤhrigen Intereſſen, wenn der Makler ſein wiederholt gegebnes Wort eben ſo ſicher erfullen wuͤrde. Ihm war wohl und leicht, als er die Antwort abgeſandt hatte, aber bald wards ihm bange und ſchwer, weil er neue Verlegenheit voraus ſah, und dieſe ſo gerne ver⸗ meiden wollte. Das Verzeichnis der Waaren lag noch auf dem Tiſche, er ſtekte es zu ſich, und ging nach dem Garten. Wie er es hier aber⸗ mals genau pruͤfte, ſo ward Ueberzeugung feſt, daß dieſe Spekulazion ihn aus aller Verlegenheit retten, der Gewinn derſelben in Zeit von drei Monaten alle ſeine Schulden tilgen, und die ſo verhaßte Einſchränkung ſeiner Handlung verhin⸗ dern wuͤrde. OPft verwarf er freilich noch den Gedanken der Ausfuͤhrung, wie aber ſein gekraͤnk⸗ ter und beleidigter Stolz ſich maͤchtig regte, und ihm die ſpottvollen Geſichter aller kleinen und groſſen Kaufleute der Stadt lebhaft darſtellte, die ſicher haͤmiſch lachen wuͤrden, wenn der geadelte Herr v. 2—, nicht mehr ſo viel vermoͤge, als der buͤrgerliche ſo lange vermochte, da ſchwieg ſein Gewiſſen, da ſchien die Unternehmung nur gewagt, nicht mehr ſtraͤflich. Als er den Garten verließ, war er noch nicht entſchloſſen, wie er aber die ganze Nacht ſchlaflos auf ſeinem Lager lag, vergebens andre — 187 Pläͤne ſuchte, vergebens nach Huͤlfsmitteln rang, und dieſe nur in der ſo verhaßten Einſchraͤnkung ſeiner Handlung fand, da ſiegte endlich ſein Stolz, und er beſchloß zu nuzzen, was ſich ihm ſo abſicht⸗ lich zum Nuzzen darbot. Tauſend Scheingruͤnde verminderten nun in ſeinen Augen das Schaͤndliche und Unerlaubte der Handlung. Keiner meiner Mitbruͤder, dachte er, iſt frei von dieſem Fehler, ieder wuͤnſcht ihn oft zu begehen, um oft gewin⸗ nen zu koͤnnen. Warum ſollte ich alſo nicht ein⸗ mal wagen, was Hunderte ſo oft wagten, und Tauſende nach mir noch wagen werden? Nach langen und weitern Nachdenken fand er uͤberdies, daß das Verbot, dieſe Wäaren einzufuͤhren, wuͤrk⸗ lich zu fruͤh erſchienen ſei, weil der Mangel und der ſtets ſteigende Werth derſelben es nur allzu⸗ deutlich bewieſe, daß die inlaͤndiſchen Fabriken noch nicht leiſten koͤnnten, was ſie leiſten ſollten. Und doch hatte er einige Monate vorher dem Mini⸗ ſter noch weit deutlicher und inniger bewieſen, daß man iede neu errichtete Fabrik gleich einem Kinde ſorgfältig ſchuͤzzen und pflegen muͤſſe, weil ſolche ſonſt nie zur fruchtragenden Groͤſſe empor wach⸗ ſen könne. Aber der Menſch vertheidigt und be⸗ weißt oft manches, was er in kurzer Zeit wider⸗ ruft, weil es ſeine Wuͤnſche hindert, oder ſeinen Egvismus beleidigt. Am Morgen erſchien Abraham, und ward freundlich empfangen. Freilich hatte Herr vvn L— noch vieles dagegen einzuwenden, da aber — — 188 der dienſtfertige Abraham ieden Einwurf wider⸗ legte, ſo ward man bald uͤber die Hauptſache, und endlich auch uͤber die Nebenbedingniſſe einig. Herr von L— handelte in dieſem Geſchaͤfte als ein kluger, und denkender Kaufmann, er glaubte uͤberzeugt zu ſein, daß ihn der Jude nicht betruͤgen, nicht durch unwahrhafte Anzeige hintergehen wuͤr⸗ de, aber er beſchloß doch vorher ſelbſt zu ſehen, und mit eignen Augen zu pruͤfen: Ob das Waaren⸗ lager auch wuͤrklich dasienige enthalte, was das Verzeichnis zu enthalten verſprach? Abraham war dieſe Bedingniß vollkommen zufrieden, und Herr von L— reiſte ſchon am andern Tage nach der Graͤnze ab. Da er dieſe Reiſe in eignen Geſchaͤf⸗ ten oft, und wenigſtens des Jahres einigemal unternahm, ſo ward auch dieſe keinem verdaͤchtig, und L— konnte ungehindert uͤber die Graͤnze ge⸗ hen, und das Waarenlager zu L— in S— unterſuchen. Er fand alles der ſtrengſten Wahr⸗ heit gemaͤß, die Feinheit und der ſo gefaͤllige Mo⸗ degeſchmak uͤbertraf ſogar ſeine Erwartung. Er reiſte vergnuͤgt zuruͤk, und ſtellte nun ohne weitern Zweifel die erforderlichen Wechſel aus, um damit die Waaren bezahlen zu koͤnnen. Die Glaͤubiger des gefallnen Fabrikanten, welchen die Soliditaͤt des Ausſtellers ſehr gut bekannt war, nahmen ſie ohne weitere Pruͤfung ſtatt baare Bezahlung an, und die Waaren wurden dem Juden als un⸗ beſchraͤnktes Eigenthum uͤbergeben. Dieſer hatte vorher dem Herrn von L— des Verſprechens —— 189 gemäß ſicher geſtellt, und überdies noch die ver⸗ ſprochne Kauzion geleiſtet. L— weilte noch ei⸗ nige Zeit unter mancherlei Vorwande mit klopfen⸗ dem Herzen an der Graͤnze, weil er ſich durch ſchnelle Rachricht uͤberzeugen wollte, ob das Wagſtůk auch wurklich mit dem verſprochnen Gluͤk⸗ ke gelingen wuͤrde. Der Jude begann ſogleich mit Muth, iedem Morgen erhielte L— die an⸗ genehme Rachricht, daß die vorhergehende Nacht ſtets einige belaſtete Wagen ungehindert uͤber die Graͤnze gefuͤhrt wurden. Wie acht Tage verfloſ⸗ ſen waren, reiſte?— abſichtlich durch den Wohn⸗ ort des Juden, und uͤberzeugte ſich dort abermals mit eignen Augen, daß bereits die groſſere Halfte dieſer Waaren wohlbehalten in ſeinem Gewoͤlbe ruhe, und uͤberdies noch zur Verhuͤtung einer moglichen Entdekkung mit allen Kennzeichen der inlaͤndiſchen Produkte verſehen ſei. Der thaͤtige Jude zeigte ihm uͤberdies Briefe mehrerer iuͤdi⸗ ſcher Kaufleute, welche dieſe Waaren gegen ſo⸗ gleiche baare Bezahlung abzunehmen gelobten, und einen Preis dafur boten, der L— 5 Erwar⸗ tung noch weit uͤbertraf. Vergnugt und zufrieden reiſte er nun nach ber Haupſtadt zuruͤk, und da die folgenden zwei Poſttage den gluͤklichen Fortgang der Unterneh⸗ mung noch ferner beſtatigten, wuͤrklich nur noch fuͤr einige Tauſend Gulden Waaren im Auslande lagen, ſo vernichtete er mit frohem Herzen den Plan zur Einſchraͤnkung ſeiner Handlung, und 190 machte aufs neue gewoͤhnliche und ſtarke Beſtel⸗ lungen, weil er uͤberzeugt war, daß er bimen Monatsfriſt mit dem Gewinne ſeine Schulden be⸗ zahlen, und nun wieder ſorgenfrei leben könne. Am folgenden Poſttage erſchien keine Nachricht, doch beunruhigte ihn dies nicht ſonderlich, weil er bei ſo vielen Geſchaͤften irgend ein gewoͤhn⸗ liches Hindernis vermuthete, aber ſtaunend, ſprachlos und wuͤrklich iammernd ſas er am an⸗ dern Tage an ſeinem Schreibtiſche, als Abraham mit Thränen zu ihm eintrat, und ihm die Schrek⸗ kenspoſt verkuͤndigte, daß die Graͤnzwächter, zwei Wagen, auf welchen die lezten Waaren ge⸗ laden waren, nicht allein angehalten, ſondern auch den Sohn ſeines Schwagers, welcher ſolche begleitete, gefangen genommen haͤtten. Der Bube; ſprach Abraham, iſt unerfahren und äuſ⸗ ſerſt furchtſam, ich befürchte daher mit vollem Rechte das Aergſte, ahnde nicht nur den Verluſ der angehaltenen, ſondern auch den Verrath der ſchon eingefuͤhrten Waaren, und dann bin ich ſamt meinem Schwager verlohren, dann muͤſſen wir, da wir die Strafe nicht zahlen koͤnnen, ewig im Zuchthauſe ſchmachten. So ſehr dieſe Nachricht auch den armen 2— aller Faſſung beraubt hatte, ſo muſte er doch am Ende ſelbſt noch Troſter werden, weil der Jude anhaltend und ſo klaͤglich weinte, daß ſein Geſchrei leicht einige Voruͤbergehende haͤtte ins Zimmer lokken koͤnnen. Hoffend und wuͤn⸗ —— 191 ſchend, fuͤrchtend und zagend erwartete man nun weitere Nachrichten, ſie kamen bald, und mit ihnen die traurige Beſtätigung, deß der ungluͤk⸗ liche Sohn wuͤrklich alles geſtanden, und man, durch ihn belehrt, nicht allein alle bereits ein⸗ geführte Waaren konfiszirt, ondern auch den 5 Juden ſelbſt als einen Uebertreter der Geſetze ins Gefaͤngniß geſezt habe. Die Frau deſſelben brachte dieſe Nachricht ſelbſt, ſie war hochſchwanger, und ſturzte weinend und ſchluchzend zu L— 8 Fuͤſſen nieder. Wenn ſie nicht helfen, ſprach ſie, wenn ſie uns nicht retten, ſo muß mein Mann im Zuchthauſe verſchmachten, und ich ſamt ſeinen Kindern betteln gehen. Das werden⸗ das koͤn⸗ nen ſie nicht zulaſſen! Hr. v. L— Theure Frau, gern wollte ichs hindern, aber wie vermag ichs? Die Juͤdin. Sie vermoͤgen es. Ihnen ſind unſre ſcharfen Zollgeſezze bekannt, ſie wiſſen, daß man nebſt dem Verluſt der eingefuͤhrten, ver⸗ botnen Waare auch noch den Werth derſelben be⸗ zahlen, oder fuͤr ieden Gulden der geſchaͤzten Summe einen Tag im Zuchthauſe arbeiten muß. Hr. v. L—. Das weiß ich alles, aber ich kann und werde dieſe Summe nicht zahlen, da ich ohnehin vorausſehe, daß ich dieienige, welche ich zur Bezahlung der Waaren leiſete, ungeachtet aller Kauzion und gegebnen Sicherheit, werde verlieren muͤſſen. Die Juͤb in. Es thut mir leid, daß ich ihre Vermuthung beſtaͤtigen muß, denn das Zoll⸗ amt hat bereits auf alles liegende und fahrende Vermogen meines Gatten den ſtrengſten Verbot gelegt, ich bin keines Hellers mehr maͤchtig, und wo nichts iſt, da hat ſelbſt der Koͤnig ſein Recht verlohren. Hr. v. L—. Schreklich! Schreklich! O daß ich mich auch mit ſolch einem Unternehmen befaßte! O daß ich—— Die Juͤdin. Ich ksnnte mit weit mehrern Rechte ſo klagen. Mein Mann arbeitete füͤr frem⸗ den Gewinn, und ſoll ſich nun auch für Fremde aufopfern. Dies iſt noch weit ſchreklicher. Gnaͤ⸗ diger Herr, wollen ſie ihn nicht retten, wollen ſie nicht die Strafe zahlen, damit er dem Gefaͤng⸗ niſſe entgeht, und ferner Weib und Kinder er⸗ naͤhren kann? Hr. v. L— Gott im Himmel, wie waͤre dies moglich? Die Bezahluns ſolch einer Summe wuͤrde— müͤßte mich ſtuͤrzen. Die Jübin. It dies ihr ernſlicher, fe⸗ ſter Wille? Hr. b. 2— Er iſts, bei Gott, er iſts. Die Juͤdin. Gandhaft) So leben ſie wohl. Hr. v. L—. Wo will ſie hin? Die 193 Die Juͤdin. Citter) Zum Gerichte. Will durch neuen Verrath meinen Mann retten, und meinen Kindern einen Vater erhalten. Wenn ich die ganze Sache mit allen ihren Umſtaͤnden anzeige, ſo wird man willig meinen Gatten frei laſſen, und ſich an denienigen halten, der zahlen kann, und zahlen muß. Auf dieſe Art werde ich am Ende noch als Denunziantin belohnt. Die That iſt ſchaͤndlich, ich ſr⸗ ſelbſt den Traum verabſcheut haben, der ſie ir als wuͤrklich vorgeſtellt haͤtte, aber der Schwimmende ergreift iedes Bret. Mein Mann ſchmachtet im Gefängniſſe, ſieben Kinder jammern zu Hauſe, unter meinem Herzen ruht das achte. Den ſolch ein Bild nicht ruͤhrt, der verdient keine Schonung. Hr. v. L—. Gute Frau, was will ſie unternehmen? Ich werde, ich muß alles laͤugnen. Die Juͤdin. Dies bezweifſe ich nicht, aber wenn ich erweiſe, daß ſie die Zahlung im Auslan⸗ de leiſteten, wenn ich die Briefe vorzeige, die ſie meinem Mann ſchrieben, ſo wird das hartnaͤkkigſte Laͤugnen nichts nuzzen. Gnädiger Herr, ich will und wuͤnſche ihr Ungluͤk nicht, beſinnen ſie ſich eines beſſern. Iſt der Schritt einmal gethan, ſo kann er nicht zuruͤk gethan werden, und ihr Anſehen, ihr Zutrauen iſt unwiederbringlich ver⸗ lohren, ſie muͤſſen obendrein noch weit mehr zahlen, als wir zahlen wuͤrden, wenn wir die oanze Sache auf uns nehmen. chen⸗, 194 Herr von L— fuͤhlte das Gewicht dieſer Grunde mit voller Staͤrke, er konnte es zu keiner Klage kommen laſſen, und forderte endlich nur Aufſchub, um alles genau pruͤfen, und den am wenigſten koſtbaren Weg waͤhlen zu koͤnnen; aber die Juͤdin beſtand auf ſchneller und feſter Erklaͤ⸗ rung. Mit Mͤhe konnte ſie— bewegen, nur wenigſtens ihren Bruder, den Abraham, herbei rufen zu laſſen, um mit ihm, 6. dem Urheber dieſes ſchreklichen Ungluͤks, ſpr chen zu koͤnnen. Er erſchien, und hoͤrte mit Gedult die Vorwuͤrfe an, welche ihm L— im gerechten Zorne machte. Ich habe ſie verdient, aber ich kann den Vorſaz meiner Schweſter nicht mißbilligen, denn Noth kennt kein Geſez, und da ſie den Gewinn beinahe ganz allein gezogen haͤtten, ſo iſt es auch billig, daß ſie izt den Verluſt tragen, welchen der All⸗ maͤchtige uͤber uns verhaͤngt hat. Dies war alles, was er antwortete, und L— mußte ſich zur Unterhandlung bequemen. Ehe eine Stunde verging, waren beide Theile einig. Herr von L— öbergab beiden fuͤr vierzigtauſend Gulden Wechſelbriefe auf ſechs Monate Sicht. Mit dieſer Summe hoften ſie nicht allein die Strafe bezahlen zu können, ſondern auch noch nebenbei den Abzug, welche dieſe Wechſel nothwendig bei der Umſezzung in baares Geld leiſten mußten, zu beſtreiten. Alle Verſicherungen, Verpfaͤndungen und Kauzionen, welche uͤbrigens die Juden gelei⸗ ſtet hatten/ mußte er gegen die Briefe, welche — — 195 er wuͤrklich mit unvorſichtigen Ausdrucken geſchrie⸗ ben hatte, heraus geben, und wie dieſe endlich unter dem heiligſten Verſprechen der Verſchwie⸗ genheit ſein Zimmer verlieſſen, ſo uͤberzeugte er ſich, ohne eines Federzugs dabei zu beduͤrfen, daß er nun um achtzigtauſend Gulden ärmer ſei, und dieſe noch uͤberdies binnen drei und ſechs Monaten bezahlen muͤſſe. Sorge und Angſt erhielten ihn die ganze Nacht wach, aber er rang vergebens nach Nitteln, wie er ſeinen Kredit, und ſeine Hand⸗ lung noch ferner behaupten koͤnne. Da er mit einmal, und noch obendrein unvorbereitet der leztern die groͤſſere Haͤlfte ſeines Vermoͤgens ent⸗ ziehen mußte, ſo erblikte er nirgends eine Moͤg⸗ lichkeit, ihren Fall zu verhindern; dieſer Gedanke, der ſich immer feſter einpraͤgte, brachte ihn bei⸗ nahe zur Verzweiflung, und doch war kalte Ueber⸗ legung izt ſo raͤthlich und noͤthig. Nach langem Kampfe vertraute er endlich ſein Ungluͤk ſeinem treuen und redlichen Buchhalter, dieſer uͤberlegte und rathſchlagte nun mit ihm, aber beider Muͤhe war fruchtlos, weil die Erhaltung des Kredits und der Handlung ſich nun nicht mehr vereinbaren ließ, wenigſtens eines dem andern weichen mußte. Um als redlicher Mann, wo nicht als prompter, doch wenigſtens richtiger Zahler handeln zu koͤnnen, beſchloß envlich L— die ganze Handlung aufzu⸗ geben, unter dieſem Vorwande alle Beſtellung mit einmal abzuſchreiben, und alle eingehenden Summen zu ſammeln, um damit am Ende richtig N 2 196— zahlen zu köͤnnen. Dieſer Schritt erregte, da er ſo unvorbereitet, ſo ſchnell geſchah, ganz natuͤrlich die groͤßte Aufmerkſamkeit, und dieſe ging nur allzubald in Argwohn uͤber, weil ieber der ihm Vorſchuß gewaͤhrt hatte, dieſen zu dekken, oder ſich deſſen auf andere Art zu entledigen ſuchte. Häͤtten ſeine Schuldner eben ſo puͤnktlich gehan⸗ delt, eben ſo willig gezahlt, wie er zahlen wollte und mußte, ſo wuͤrde?— mit Ehren geendet, ſeinen Verluſt wohl gefuͤhlt, iedoch mit ihm nicht ſtaͤrteres und groͤſſeres Ungluͤck beweint haben. Aber dieſe zahlten alle aͤuſſerſt ſaumſelig, und viele derſelben zahlten gar nicht, weil er ihnen keinen fernern Kredit gewaͤhren konnte, und ſie ſich mit den in Haͤnden habenden, noch nicht ver⸗ kauften Waaren oft ſehr villig entſchuldigten. Eben ſo wenig und richtig ging der eine ſehr groſſe Summe betragende Vorſchuß ein, welchen— von ieher den Webern und uͤbrigen Kuͤnſtlern ge⸗ leiſtet hatte. Auf dieſer Seite war noch weit groſſeres Recht, weil ſie auf ſein Wort bauend, ſich Vorrath aller Gattung gekauft hatten, dieſen mun nicht verarbeiten konnten, und ihren Glaͤu⸗ biger daher ganz natuͤrlich bis zu dieſem Zeitpunkt vertroſten mußten. Schon als die erſten Wechſel zur Zahlung erſchienen, konnte der reiche L— nicht puͤnktlich zahlen, und mußte all ſein Vermogen ſeinen Glaͤu⸗ bigern gerichtlich zediren. Er that dies mit der ſichern Ueberzeugung, daß keiner derſelben einen c Pfennig verliehren koͤnne, er bewieß zeugung vor Gerichte, und bewog nicht als einen muthwilligen, ſonde einen ungluͤllichen Bankrotirer zu behan goͤnnte ihm wuͤrklich fernere Freiheit, u ließ mit Thraͤnen ſein groſſes Haus in de um ſich in dem kleinen Hintergebaͤude Gartens vor dem gaffenden Blikke des bels, vor dem Hohngelaͤchter manches ſck frohen Mitbuͤrgers zu verbergen. Sein erſt tes Weib folgte ihm willig, aber ſie vermo den Verluſt ihres Vermogens nicht ſo ſtandhaft zu ertragen, und vollendete nach zwei Monaten in ſeinen Armen. Tiefer Schmerz nagte nun an ſeinem Herzen und ward bald durch die bittern Vorwuͤrfe ſeines Sohnes vermehrt, der in Spa⸗ nien durch die Briefe ſeiner Freunde das groſſe, ganz unerwartete ungluk erfahren hatte, und ſich nun berechtigt glaubte, den leichtſinnigen und ver⸗ ſchwenderiſchen Vater als den Urheber deſſelben anzuklagen. L— beantwortete keinen der Briefe des un⸗ dankbaren Sohnes, aber ieder derſelben mehrte ſeinen Tiefſinn und ſichtbaren Hang zur Melan⸗ cholie. Er ging nie aus, beſchaͤftigte ſich mit nichts, gab hoͤchſt ungerne Auskuͤnfte, wenn das Gericht ſolche fordern mußte, und ſprach oft Tage lang mit ſeinem alten Diener kein Wort. Seine ungeſtuͤmmen Glaͤubiger drangen indes auf den Verkauf ſeines Hauſes/ S und anſehnlichen NR 3 rs. Es war ſehr natuͤrlich, daß alles unter dem wahren Werthe verkauft, s Vermoͤgen dadurch ſehr vermindert ber alles dies ſchien keinen Eindruk auf machen; er verließ willig ſeine einſame ung, miethete in der Vorſtadt eine aͤhnliche, urde nun ganz gelaſſen und ruhig, wenn lter Diener ihm mit den ſtaͤrkſten Gründen eß, daß ieder ſeiner Glaͤubiger ehrlich bezahlt den, und ſicher noch ſo viel uͤbrig bleiben wuͤr⸗ e, m e Soen Kummer leben zu koͤn⸗ nen. Nach drei langen Jahren ward endlich ieder Prozeß, den der Vertretter ſeines ganzen Ver⸗ moͤgens mit manchem ſeiner Glaͤubiger und Schuld⸗ ner gefuͤhrt hatte, geendigt, und L— vor Ge⸗ richte geladen, um, da alles bezahlt war, den Ueberreſt ſeines Vermoͤgens in Empfang zu neh⸗ men. Er ſtaunte mit Recht, als man ihm bewieß, daß nicht mehr als fuͤnf und vierzigtauſend Gul⸗ laͤnger, wie er die Verkaufspreiſe ſeines Waaren⸗ lagers und der ubrigen Effekten einſah. Selbſt an der ſo ſichern Obligazion des Geſanden, hatte er wegen der darinne enthaltenen Bedingniſſe nam⸗ haften Verluſt leiden muͤſſen. Er vergaß dieſen und noch weit ſtaͤrkern, und forderte nur den ge⸗ retteten Ueberreſt, um mit dieſem in irgend einem Winkel der Erde unbekannt und ruhig leben zu koͤnnen. Man reichte ihm ſolchen willig, aber den uͤbrig geblieben waͤren, aber er ſtaunte nicht 199 auch dieſer beſtand keinesweges im baaren Gelde, ſondern in Forderungen und vorzuglich in engli⸗ ſchen und amerikaniſchen Briefen, welche an ihn, als an den erſten Giranten, mit Proteſt einge⸗ laufen waren. Da dieſe Briefe ihm ſo ſicher ſchienen, ſo konnte er den Proteſt derſelben nicht begreifen, aber bald ward er ihm deutlich und klar, wie man ihm erklaͤrte, daß England izt mit ſeinen rebelliſchen Kolonien in Amerika Krieg fuͤhre, und durch dieſen Krieg manches reiche Haus in England geſtuͤrzt ſei, weil die Amerikaner an richtiger Zahlung gehindert wuͤrden. So beunruhigend dieſe Nochricht fuͤr den armen e— ſein mußte, ſo wuͤrkte ſie doch wuͤrk⸗ lich das Gegentheil, machte ihn wieder emſig, und fähig zu retten, was noch zu retten möglich war. Schon am folgenden Tage verließ er mit ſeinem treuen Diener die Hauptſtadt, und reiſte nach den Gegenden, wo er noch Schulden ausſtehen hatte. Dieſe waren aber, wie der Erfolg lehrte, hoͤchſt unſicher und wegen der Armuth der Schuldner oft ganz uneinbringlich. Er hatte mehr als funf⸗ zehntauſend Gulden im Lande zu fordern, ſammel⸗ te aber mit groͤſter Muͤhe und Anſtrengung mir viertauſend, die übrige Summe mußte er als verlohren betrachten, wollte ſie nicht einmal mit Strenge fordern, weil die ſchnelle, unvorbereitete Vernichtung ſeiner Handlung ſeine Schuldner wüͤrklich ohne ihre Mitwuͤrkung arm gemacht hatte. Meuſſerſt traurig und kränkend wars fuͤr ihn, als — er auf dieſer Reiſe vollkommen uͤberzeugt ward, daß die Juden, welche ihn zu dem ungluklichen Kauf der auslaͤndiſchen Waaren verleitet hatten, wuͤrkliche Betruͤger waren, die ihn nur durch falſche Nachrichten hintergangen, zwar einen klei⸗ nen Theil dieſer Waaren abſichtlich in die Haͤnde der Zollwaͤchter geliefert, aber die vorhergegangne Einfuhre nicht bekannt, und ſich auf dieſe Art mit ſeinem Vermoͤgen hoͤchſt anſehnlich bereichert hatten. Dhne von den ſchlauen Betruͤgern einen Erſaz zu fordern, denn dieſer waͤre doch nie er⸗ folgt, verließ L— ſein Vaterland, und reiſte mit ſeinen Wechſeln nach England. Er fand dort — was ohnehin ſchon erwieſne Gewißheit war — die Ausſteller derſelben in eben den Umſtaͤnden, in welchen er ſich vor kurzem befunden hatte, aber da ſie auch gleich ihm redlich dachten, ſo waren ſie hoch erfreut, wie ſie hoͤrten, daß er von ih⸗ nen an Zahlungsſtatt amerikaniſche Papiere an⸗ nehmen wolle, deren Miskredit ſie eben geſtuͤrzt hatte. Da man ihm bei dieſem Eintauſch willig anſehnlichen Profit goͤnnte, ſo verwahrte er in kurzer Zeit mehr als fuͤr funtzigtauſend Wech⸗ ſel in ſeiner Schreibtafel, welche man ihm aber bei damaligen Umſtaͤnden in England kaum mit funfzehnhundert Gulden bezahlt haͤtte. Aber ihm gnugte dieſer Schaz, weil er ſchon von der Zeit an, da er in Europa nichts mehr zu verliehren hatte, ſelbſt nach Amerika uͤberzuſchiffen beſchloß, —— ———— und dort ganz getiß bezahlt zu werden hoffte. Er fuͤhrte auch kurz nachher dieſen Entſchluß aus, veſtieg, begleitet von ſeinem alten Diener, ein neutrales Schif, und kam gluͤklich in Amerika an. Die Ladung des Däniſchen Schiffes, auf welchem er ſich befand, war nach Boſton beſtimmt, dahin lauteten auch ſeine meiſten Wechſel. Er freute ſich innig, wie man ſich endlich dem Hafen nahte, aber er ward bald ſehr traurig, wie eben eine engliſche Flotte dieſen Hafen blokirte, und iedem Schiffe den Eingang verweigerte. Wo das Schif hernach eigentlich landete, iſt mir unbekannt, weil mir der Erzaͤhler dieſer Geſchichte den Hafen nicht nennen konnte, doch lag er nur einige Tagereiſen von Boſton entfernt. L— ſtieg mit frohem Muthe ans Land, und forſchte: Ob Boſton auch von der Landſeite bela⸗ gert werde? Wie man dieſes allgemein verneinte, ſo miethete er ſogleich Wegweiſer und auch Pfer⸗ de, und ritt ſchon am andern Tage gen Boſton. Seine Hofnung, daß er dort richtig bezahlt wuͤr⸗ de, mußte ſicher und groß ſein, denn er war ſehr aufgeraͤumt, und verſicherte dies oft ſeinem treuen Diener. So bald ich, ſprach er mehr als ein⸗ mal, bezahlt bin, ſo reiſen wir wieder nach Eu⸗ ropa, und verzehren unſer Geld in den Thaͤlern der Schweiz in ſorgloſer Ruhe. Wie ſie am an⸗ dern Tage die Pferde in einem ganz anſehnlichen Orte fuͤtterten, nahte ſich dieſem ein Hanfe be⸗ wafneter Koloniſten. Viele derſelben kamen in 202— bas Haus, in welchem ſie herbergten, ſie ſpra. chen ſogleich mit L— in engliſcher Sprache,„ die dieſer zwar nicht fertig, aber doch gebrochen re⸗ dete. Sein alter Diener ſah, wie ſein Herr den Fragenden einige Papiere zeigte, und enblich von ihnen fortgefuͤhrt ward. Furcht und Angſt ver⸗ hinderten ihn, ſeinem Herrn nachzufolgen, er eilte nach dem Pferdſtalle, und harrte dort bebend und zitternd ſeiner Ruͤkkunft. Aber dieſe erfolgte nicht, und der treue Diener durchweinte die Nacht ſchlaf⸗ los. Vergebens muͤhte er ſich am Morgen, Nach⸗ richten von ſeinem Herrn einzuziehen, alle die er fragte, antworteten in engliſcher Sprache, erſt gegen Mittag traf er einen alten Knecht, der im Gaſthofe diente, und weil er ein Schwabe war, vollkommen Deutſch ſprach. Wie er dieſem ſeine Noth klagte, und nach dem Aufenthalte ſeines Herrn forſchte, fuͤhrte ihn dieſer, ohne ein Wort zu ſprechen, nach einer kleinen Anhoͤhe, die un⸗ fern von dem Orte lag, wo man ſeinen Herrn gefangen genommen hatte. Der Aermſte zagte, als er an einem einzelnen Baume einen Gehan⸗ genen erblikte, und zitterte und bebte, wie ihn der Knecht trocken fragte: Ob er in dieſem ſeinen Herrn erkenne? Sein Auge ſtarrte nach dem Tod⸗ ten, und uͤberzeugte ihn enblich vollkommen, daß ſein armer Herr hier wuͤrklich unter Henkers Hand vollendet habe. Sie nahmen ihn fuͤr einen eng⸗ liſchen Spion, und hingen ihn, als ſie am Mor⸗ gen weiter zogen, an dieſen Baum. So ſprach —— 203 der Knecht und ging wieder nach dem Dorfe zu⸗ ruͤk. Der arme Alte, der ſeinen Herrn todt, ſich huͤlflos und elend mitten unter den ſchreklichſten 8 Kriegsgefahren in einem fremden Lande erblikte, ſank ohnmaͤchtig zu Voden. Wie er wieder Le⸗ ben und Daſein empfand, jagte ihn Angſt und Schrekken von dannen, er lief die ganze Nacht hindurch uͤber Wieſen und Felder, vermied ſorg⸗ faͤltig ieden bewohnten Ort, und kehrte erſt am andern Abend in einem kleinen Dorfe ein, weil er aus Mattigkeit und Hunger nicht weiter gehen konnte. Zum Gluͤkke war dieſes Dorf von Deut⸗ ſchen bewohnt, einer derſelben nahm ihn liebreich auf, und er blieb vier Jahre bei ihm, half ihm nach Kraͤften arbeiten, und kehrte endlich auf ei⸗ nem Transportſchiffe, welches die Heſſen wieder in ihr Vaterland rükfuͤhrte, mit dieſen in ſeine Hei⸗ math zuruͤt. Hier ward er Verkuͤndiger des Un⸗ gluͤks und ſchreklichen Todes ſeines Herrn. Viele bedauerten ihn, und weihten dem Un⸗ gluklichen eine Thraͤne, aber noch mehrere nannten ihn einen Abentheurer, der durch ein Wagſtuͤk ſein zerſtoͤrtes Gluͤk wieder aufbauen wollte, und den un⸗ gluͤklichen Erfolg mit vollem Rechte gebuͤßt habe. Ihr Urtheil war aͤuſſerſt lieblos, aber eben deswe⸗ gen das allgemeine, weil man den Ungluklichen ſo gerne einen Boͤſewicht nennt, um mit ſeinem gluk⸗ lichen Zuſtande, der oft nur Zufall iſt, als einen gerechten Lohn prahlen zu koͤnnen. ————— 204 36 Dem Denker und Beobachter muß uͤbrigens pieſe kleine Geſchichte aͤuſſerſt merkwuͤrdig bleiben. Der unglukliche?— arbeitete anfangs raſtlos, aber auch aͤuſſerſt gluklich, eine kleine, unbedeu⸗ tende, vom Stolze erzeugte Luͤge ward Urſache und urheberinn ſeines Ungluͤks, und fuͤhrte ihn end⸗ lich zum unſchuldigen, aber auch ſchmaͤhlichen Tode. Wenn ſolche Fleinigkeiten das feſte Gluͤk eines Mannes zu zertruͤmmern vermoͤgen—— wer kann dann noch behaupten, daß er ſicher ſtehe und nie fallen werde? Wer kann dann noch fuͤhllos und ohne Mitleid den Ungluͤklichen betrachten, und dabei feſt verſichern, daß er nicht gleich dieſem elend und verachtet unter den Gluͤklichen umher ſchleichen werde? Mitleid und Duldung heiſcht man ſo gerne, wenn man ungluklich iſt, Mitleid und Duldung weigert man ſo willig, wenn man ſich glaͤklich fuͤhlt. Wirſt du beides auch ferner weigern, wenn ich fortfahre, dich zu uͤberzengen, daß auch dir einſt mangeln koͤnne, was du ſo hart⸗ naͤkkig demFlehenden verſagt haſt? Memento mori! pieſen wichtigen Denkſpruch hoͤrte ich ſchon oft, las ihn noch ofterer in den Buͤchern der Religion, ſelbſt an öffentlichen Gebaͤuden, und in den Ge⸗ maͤchern der Lebenden, aber einen eben ſo, viel⸗ leicht noch wichtigern hoͤrte und las ich nur ſelten. Er heißt: Ante Mortem nemo beatus! — S L onendqe —