—— 8. Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 en angenymmen.. 3. CQuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelhzn entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgbe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:* Wt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Vek.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre S Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Be dem Ruͤckzuge der franzbſiſchen Armee un⸗ ter dem General Jourdan, oder vielmehr bet der Flucht, welche Jourdans ſchlecht disciplinir⸗ te Horden im Jahre 1796 aus Franken einſchlu⸗ gen, und auf der ſie den Fluch der Völker, die ſie gepluͤndert hatten, mit ſich nahmen, und ſchwer ihre Rache fuͤhlten; auf dieſer eiligen Flucht, auf welcher dies zerſtreute franzöſiſche Heer in kleinen furchtſamen Haufen in ſechs Ta⸗ gen von Nurnberg bis uͤber den Rhein zuricklief, war der General Marceau der einzige, der ſich des unglucklichen, aber durch ſeine militäriſche Talente und ſtrenge Mannszucht in jeder Hinſicht ehrwuͤrdigen Obergenerals Jourdan mit Eifer an⸗ nahm. Er ſammelte ſeine an der Lahn in aus⸗ gedehnten Kantonements vertheilten Truppen⸗ und ruͤckte mit dieſen vor, um die Reſte der von dem Feinde verſprengten und in einzelnen kleinen Haͤuf⸗ chen ankommendep Lefevriſchen, Grenieriſchen und St. Cyriſchen Diviſionen vor dem nachſezenden Fein⸗ 8 de, der ihnen uͤberall auf der Ferſe war, zu de⸗ cken, und ſo ſchwach auch ſeine Diviſion damals war, ſo that er doch, indem er ſich mit ihr ei⸗ nem ſiegreichen weit ſtaͤrkern Feinde entgegenwarf, alles, was ſich nur von einem ſo talentvollen, geſchickten und tapfern Generale erwarten ließ, und rettete ganz allein die Truͤmmern der vor ei⸗ nigen Wochen noch ſo ſehr gefurchteten Armee. In einem der letzten Gefechte des damaligen Feld⸗ zugs ward ſeine Diviſion zerſprengt, ein Theil derſelben zuſammengehauen, der andre floh mit unaufhaltbarer Eile den Verſchanzungen bei Neu⸗ wied und Duͤſſeldorf zu. Marckau warf ſich den Flichenden in den Weg, und wendete alles an, ſie wieder zu ſammeln und mit ihnen vorzu⸗ dringen. Hierbetritt er mit ſeinem Generalſtabe an einem Buſche vorbei, dem einzigen in der gan⸗ zen Gegend, in der noch haͤufig franzoſiſche Jaͤger und Huſaren herumſtreiften, und welchen daher niemand verdaͤchtig fand. Ein bſterreſchiſcher Jäger von einem der vorſtreifenden Plaͤnklerkorps hatte ſich hinter denſelben verborgen, und ſchoß den durch ſeine Uniform und die Schwungfedern ſeines Huths vorzuglich ausgezeichneten General vom Pferde. Seine Begleiter ſuchten denſelben fortzuſchaffen, die in der Raͤhe befindlichen kai⸗ ſerlichen Huſaren aber verhinderten ſie hieran, und Marceau gerieth zwar noch lebend, aber äußerſt ſchwer verwundet in dſtreſchiſche Gefangen⸗ ſchaft. 2 Deutſchlands menſchenfreundlicher Held, Karl von Oeſtreich, ſchickte dem verwundeten Feinde ſogleich, als er deſſen Unfall erfuhr, ſeine eigne Wundaͤrzte: vergebens aber ward alle Kunſt der Arznei und alle Sorgfalt erſchdpft, Marceau be⸗ zahlte die Schuld der Natur. Mit dem hochſten kriegeriſchen Trauerpompe ward die Leiche des tapfern Generals von dem dſtreichiſchen Feldherrn dem franzdſiſchen Heere ausgeliefert, das denſel⸗ ben mit gleicher Feierlichkeit empfieng, und ihn in ein bei Koblenz fuͤr denſelben errichtetes Grab beiſetzte. Marceau war noch nicht 26 Jahre alt, als er füͤr ſein Vaterland fiel. Bereits in ſeinem 23ten Jahre war er General geworden, und in ſeinem 24ten hatte er mehrere Schlachten gegen uͤherle⸗ gene Heere gewonnen, welche ſein Vaterland ret⸗ teten. Der dankbare Nationalkonvent erkannte ihm die hoͤchſte Ehre zu, und beſtimmte ihm das Oberkommando. Der ſiegreiche Juͤngling, eben ſo beſcheiden, als groß, lehnte daſſelbe ab, well⸗ wie er ſagte, Frankreich noch wuͤrdigere Generale habe, welche die Soldaten der Republick mit mehr Gewißheit zum Siege fuͤhren wuͤrden, als ein junger Menſch.— Mit dieſer Beſcheidenheit war die Tapferkelt eines Römers, die Erfahrung eines Greiſes, ungeheure Talente, ein unbezaͤhm⸗ bares Feuer und der ausgezeichnetſte Muth ver⸗ kuuͤpft. Er waͤre Frankreichs großter General ge⸗ 10 worden, wenn nicht ſeine Laufbahn ſo un⸗ terbrochen worden waͤre. Wohl ſchwerlich hat waͤhrend der ganzen Re⸗ volution ein Tod ſo viel Aufſehen gemacht, ſo allgemein warmen Antheil erregt, als der Tod Marceau's. Aus der ganzen Republik kamen De⸗ putationen an ſeine Verlobte,— eines der rei⸗ zendſten Maͤdchen Frankreichs, mit welcher er um einen Monat ſpaͤter verbunden werden ſollte— und um ſeiner traurenden Mutter das Beileid des Vaterlandes zu bezeugen. Wer nur inimer von den Soldaten der Rheinarmee auf ein paar Tage wegkommen konnte, wollfahrtete zu dem Grabe des angebeteten Helden. Dieſer Enthuſiasmus hielt laͤnger an, als er ſonſt unter dergleichen Um⸗ ſtaͤnden anzuhalten pflegt, und noch jetzt— nach fuͤnf Jahren ſieht man einzelne franzdſiſche Krie⸗ ger zu dem Grabmahle wallfahrten; das die Aſche des Helden umſchließt. Um deſto auffallender war die Nachricht, welche ſich ohngefaͤhr ein Vierteljahr nach ſeinem Tode in der ganzen Gegend verbreitete, Marceaus Geiſt— wandle in der Gegend ſeiner Grabes zur Nachtszeit umher. Dles Geruͤcht, das bald lauter ward, verbreitete ſich immer mehr. Elne Menge Perſonen bezeugten, den General geſe⸗ hen zu haben, wie er im vollen Coſtume ſeiner Wuͤrde, auf dem weiſſen Pferde, welches er ſtets zu reiten pflegte, im Felde herum galoppirt ſey, und mit der Löwenſtimme, mit welcher er die ———— —— Kaͤmpfer in der Schlacht anzufeuern pflegte, auch jetzt wieder dieſelbe mit dem ihm gewoͤhnli⸗ chen Anrufe:„En avant, Citoyens, voyez comme ils courent! en avant, Republi- cains! anfeuerte.— Die Sage vermehrte die Geſchichte bald mit Zuſaͤtzen, wie das immer zu geſchehen pflegt. Marceau, hieß es, entſteige allnaͤchtlich in voller Ruͤſtung auf ſeinem Schim⸗ mel ſeinem Grabe, und hinter ihm eine unzaͤhl⸗ bare Menge franzoſiſcher Soldaten zu Fuß und zu Pferd, welches er dann auf der benachbarten Ebene mit dem ihm gewoͤhnlichen oben angefuͤhr⸗ ten Zurufe zum Kampfe auffordere und anfriſche. Man wollte dieſen Kampf geſehen haben, und ſchuf dazu Jald ein Geiſterheer von gebliebenen Oeſtreichern, welche man mit Marceaus Truppen kaͤmpfen und dieſe aufreiben ließ. Man belachte dieſe Sage und liß ihr ihren Lauf. Aber bald ward die Geſchichte ernſthafter, und die franzoſiſchen Generale ſahen ſich gezwun⸗ gen, Unterſuchnuͤgen anzuſtellen. Die Perhuͤltniſſe machten es naͤmlich noth⸗ wendig, die Porpoſtenkette uͤber jene Gegend auszudehnen, wo Marceaus Grabmahl ſteht, und deſſen Geiſt der Sage nach ſein Weſen trieb. Die Vorpoſten wurden von dem Geiſte geaͤngſtigt, der wirklich jede Nacht in der beſchriebenen Ge⸗ ſtalt erſchien, ſein„Citoyens en avant,“ mit donnernder Stimme ausrief, einige Zeit umher⸗ galloppirte, und ſich dann an der hervorragenden 12 — Spitze des nahen Waldes verlor. Oefters naͤ⸗ herte ſich derſelbe den Vorpoſten, welche, aber⸗ glaͤubig wie jeder Pobel, ſich ehrerbietig und furchtſam zuruͤckzogen.— Die Furcht griff um ſich, und die Generale mußten die uͤbelſten Folgen aus dieſer auf den Vorpoſten entſtehenden Unord⸗ nung befuͤrchten. Man ſchickte daher eigne Patrouillen gegen dieſen Geiſt aus. Aber auch dieſe flohen vor dem gegen ſie muthig anſprengenden Geiſte, indem alle ihren verſtorbenen General erkann⸗ ten, der ſo oft ſie zum Siege gefuͤhrt hatte. Starr von Entſetzen kehrten dieſe zuruͤck; ihre uͤbereinſtimmende Ausſage vermehrte den allge⸗ meinen Schrecken, und faſt ſahen ſich die Gene⸗ rale gezwungen, die Vorpoſten von dieſer Gegend zu entfernen, obgleich das Verhaͤltniß ihrer Lage und des Terralns ſie zwang, dieſe Vorpoſten zu behaupten. Selbſt Dlllier, Marceaus geweſener Adju⸗ tant ward von dieſer Furcht mit ergriffen. Er war mit einer Patroulle ausgeritten! um das Nachtgeſpenſt zu beobachten, welches fuͤr ihn ein ſehr hohes Intereſſe haben mußte. Er war Mar⸗ ceau's vertrauteſter Freund, der Genoſſe ſeiner Siege und ſeiner Vergnuͤgungen geweſen, und hatte erſt noch acht Tage vor deſſen Tode ihm ei⸗ ne ſeiner Maitreſſen, die Juͤdin Sara aus M 3 gegen einen wolfſtriemigen Jagdhund abgehandelt. — Der Nachtgeiſt hatte ſich ihm und der Pa⸗ — „ — ——— — me, ſelbſt in der Art, ſich zu Pferde zu halten dies Pferd ſelbſt, alles waren Marceaus Klei, 13 troulle genaͤhert; mit Entſetzen hatte er die Zuͤge ſeines verewigten Freundes und ſeine Stimme er⸗ kannt, die Furcht hatte ſeine Zunge gelaͤhmt und ihn außer Stande geſetzt, denſelben anzureden, wie er zu thun ſich vorgenommen hatte, und er rapportirte nun mit Grauen, was er geſehen hatte. Jetzt war die Sache auf das hochſte gekom⸗ men. Den franzöſiſchen Generalen blieb, wenn ſie nicht ihren ganzen PVorpoſtenkordon zu dem offenbarſten Nachtheile ihrer Operationen und mit augenſcheinlicher Gefahr veraͤndert wollten, nichts uͤbrig, als den Spukgeiſt aus der Gegend wegzuſchaffen, ſollte es auch durch Kapuziner⸗ beſchworungen geſchehen muͤſſen, denn entweder die Armee oder das Geſpenſt mußte die Gegend räumen. Ein Brigadegeneral nahm es uͤber ſich, den Geiſt zu bannen. Zu dieſem Behufe ſuchte er ſich funfzig Kavalleriſten von bekanntem Muthe aus, mit welchen er die Gegend, in der Mar⸗ ceaus Geiſt ſein Weſen trieb, in der großten Slille umſtellte. Zwei Naͤchte ließ der Geiſt ihn auf ſich warten. In der dritten erſchien er, und ſtieß dem Generale, der mit zehn Mann auf dem Felde umherritt, ſelbſt auf. Es war Marceau, wie er gelebt und gewebt hatte. Zug fuͤr Zug ähnlich; in der Kleidung welche er trug, in den Manieren und der Stim, 5 14 dung, Manieren, Stimme, Haltung und Pferd. Ohne ſich durch den General und ſeine Beglei⸗ tung im mindeſten irre machen zu laſſen, ſpreng⸗ te der Nachtgeiſt an demſelben mit ſeinem ge⸗ wohnlichen Aufrufe voruͤber.— Der General war erſtaunt, aber er faßte ſich gleich wieder, und rief das Geſpenſt an, das ſich durch dies Anrufen nicht irre machen ließ, und ſich gar nicht daran zu kehren ſchien. Jetzt ließ der General ſeine Eskorte Jagd auf daſſelbe machen, und ſprengte ſelbſt demſelben nach. Die Chaſſeurs ſchoſſen auf daſſelbe; das Geſpenſt eilte shnge⸗ ſtort weiter. Endlich erreichte einer derſelben, der das fluͤchtigſte Pferd hatte, den Geiſt, und fiel raſch ſeinem Pferde in den Zügel. Jetzt um⸗ faßte er das Geſpenſt, und warf es mit ſtarken Armen aus dem Sattel, waͤhrend er ſelbſt vom Pferde ſprang. Man ſah ihn mit dem Geiſte ringen, der ſeinen körperlichen Kraͤften zu erlie⸗ gen ſchien.„Herbei, Kameraden! ſchrie er, der Geiſt hat Fleiſch und Beine.“ Ohne Muͤhe bemaͤchtigte man ſich nun des Spukgeiſts, und fuͤhrte ihn lautlachend im Tri umphe nach Koblenz. Es war ein Sergeant des fuͤnften Chaſſenr Re⸗ giments, und hieß Jeannel. Wirklich hatte er mit dem General Marceau viele Aehnlichkeit in den Geſichtszugen und dem Körperbau, hatte dieſe Aehn⸗ lichkeit durch Kunſt erhoht, und wußte die Manie⸗ ren und Geſiikulation des Verlebten täuſchend nach⸗ zuahmen, Er war einige Jahre bei Marceau Be⸗ dienter geweſen, und nur erſt vor einem halben Jahre aus deſſelben Dienſten getreten; es war ihm daher nicht ſchwer, den General zu kopi⸗ ren, welchen zu beobachten er ſo lange Gele⸗ genheit gehabt hatte. Marceau hatte ihm einſt eine abgetragene Uniform geſchenkt, um ſolche, da ſie, wie alle Uniformen der ftanzoſiſchen Generale, reich mit Golde beſetzt war, zu ver⸗ 3 kaufen; dieſe beſaß er noch, und bediente ſich derſelben jetzt zu den naͤchtlichen Wanderungen, 6 deren Zweck wir gleich horen werden. Auch das Pferd, welches er bei dieſen ritt, hatte dem gefallenen Generale gehort. Es war, weil es verwundet worden, und daher un⸗ brauchbar zu werden ſchien, verkauft worden; ein Bauer hatte es an ſich gebracht, und durch eine ziemlich gluͤckliche Heilung daſſelbe wieder großtentheils brauchbar hergeſtellt. Da dieſer Bauer mit zur Intrique gehdrte, von welcher wir gleich ſprechen werden, ſo lieh er daſſelbe zu Jeannels naͤchtlichen Expeditionen gerne her, und ſo war die Taͤuſchung vollkommen, wel⸗ che, da der Chaſſeur die franzoſiſchen Soldaten kannte und Muth genug hatte, um nicht vor dem erſten Anſcheine irgend einer Gefahr zu entfliehen, ſo viele Menſchen betrogen, und einen ſo großen Theil der franzoſiſchen Armee in Schrecken ge⸗ ſetzt hatte. S——— ₰——. 16 —— Der Zweck der Masquerade war, wie es ſich bei der Unterſuchung, welche ein desfalls niedergeſetztes Kriegegericht gleich nach Jean⸗ nels Verhaftung vornahm, auswieß, folgen⸗ der: Jeannel lag mit einem Theile ſeiner Eska⸗ dron ſeit langer Zeit auf einem benachbarten Or⸗ te. Durch die Laͤnge dieſes Aufenthalts war er mit den Bauern dieſes Orts vertraut geworden, und da er als ein ächter Franzos auf jeden Ge⸗ winn erpicht war, ohne ſich um die Mittel, wo⸗ durch derſelbe erhalten werden konnte, viel zu bekuͤmmern, gieng er in ein Projekt ein, wel⸗ ches dieſe Bauern mit vieler Schlauheit entwor⸗ ſen, und welches allerdings einen reichen Gewinn abwarf, wovon derſelbe einen betraͤchtlichen An⸗ theil erhielt. Es war naoͤmlich in dortiger Gegend gerade ein betraͤchtlicher Ankauf von Schiffbau⸗ und Brennholz, welches mehrere Holzhaͤndler zu ſehr theuren Preiſen aufkauften, und nach Holland abſetzten. In den angrenzenden herr⸗ ſchaftlichen und gemeinheitlichen Waldungen fand ſich eine Menge des ſchoͤnſten Holzes, aber die Gemeinden ließen durch ihre Schuͤtzen und Foͤr⸗ ſter das letztere, und die franzöſiſchen Kommiſ⸗ ſalrs durch ihre Waͤchter das erſtere ſo ſcharf gegen die unberufenen Liebhaber deſſelben bewa⸗ chen, daß demſelben ohne außerordentlichen — — 17 Huͤlfemittel nicht beizukommen war. Da der aufgeſtellten Waͤchter zu viele waren, ſo war der ſonſt bei den Franzoſen uͤberall ſo ſehr ergiebige Weg der Beſtechungen unthunlich, weil die Sum⸗ me derſelben bei ſo vielen, an die ſie haͤtten gege⸗ ben werden muͤſſen, den Preis des Holzes reich⸗ lich erſchopft haben wuͤrde. Zudem war es den Bauern ſehr elnleuchtend, daß es unvernuͤnftig ſey, viel Geld an eine Sache zu wagen, wenn man ſie wohlfeiler haben kdnne. Sie trafen alſo mit Jeannel die Verabredung, daß dieſer Mar⸗ ceau's Geiſt ſpielen, ſo die Waldſchutzen und Gar⸗ den verſcheuchen, und nach und nach die Gegend in einen ſo gefuͤrchteten Geſpenſterruf ſetzen ſolle, daß kein Schuͤtze oder Waͤchter mehr dieſelbe zur Nachtszeit zu betreten getraue. Waͤhrend Jean⸗ nel ſeine Geiſterrolle ſpielte, ſtahlen ſie hinter ihm in dem angraͤnzenden Forſte die ſchonſten Baͤume, ſchleiften ſolche ſogleich zu den Floßen oder in die Magazine der Holzhaͤndler, und bezogen von die⸗ ſen eine betraͤchtliche Bezahlung, welche ſie mit Jeannel'n theilten. Da kein Geſetz es verbietet, zur Nachtzeit auf dem Felde ſpazieren zu teiten, und die fran⸗ zoſiſchen Soldaten zum Muth gegen ihre Feinde anzufeuern, ſo kam Jeannel mit einem achttaͤgi⸗ gen Arreſte davon, und die Bauern, welche mit weniger Schonung behandelt wurden, mußten 2 das geſtohlne Holz theuer bezahlen. Das Pu⸗ ent Kriminalgeſch. 3 Thl. B 5 18 blitum und die Armee lachten uͤber den Schalks⸗ ſtreich eines Eulenſpiegels, der eine ganze Ge⸗ gend und eine ganze Armee in Schtecken zu ſetzen gewußt hatte. Die Municipalitaͤt von R Ein bekannter franzoſiſcher Schriftſteller macht von der franzdſiſchen Revolution die Bemerkung, ſie verſchlechtere die guten Kdpfe, und verderbe die Herzen. Den Grund von erſterem glaubt er darin zu finden, weil bei dem allgemeinen Em⸗ porvraͤngen ſo viele geringhaltige Menſchen der unbedeutenheit, zu welcher ſie eigentlich von der Natur beſtimmt zu ſeyn ſchienen, zu entſteigen ſich bemuͤhten, wie die Frdſche nach einem Stur⸗ me ihrem Sumpfe, ſo, daß vor den vielen mit⸗ telmaͤßigen Köpfen faſt kein großer Geiſt aufkom⸗ men köane; und den Grund des zweiten findet er weſentlich mit darin, daß ſo viele vernunft- und moralloſe Menſchen an die Spitze der öffentlichen Geſchaͤfte geſtellt wurden. Wir uͤberlaſſen den 19 Schriftſtellern, die einen andern Zweck als wir haben, die Unterſuchung uͤber die Wahrheit und die Urſachen dieſer Bemerkungen, und liefern nur zu dem letzteren, und der weit allgemeinern, und auf eine faſt algemeine Erfahrung gegrzindeten Behauptung, daß in dem neuern Frankreich die offentlichen Stellen faſt durchgehends mit unmora⸗ liſchen und wirklich ſchlechten Menſchen beſetzt , nachſtehende buchſtaͤblich wahre Geſchich⸗ te, als einen Beleg. einem Dorfe des Deportements de 1Oi- le baten vier Soldaten in dem letzten Hauſe des Dorfs, das von den uͤbrigen etwas entfernt ſtand, um ein Nachtlager. Sie waren mit Urlaub zu Hauſe geweſen, eilten jetzt zur Rheinarmee zu⸗ ruͤcke, und Hunger und Ermuͤdung zwang ſie, nach einem weiten Marſche, bei hereinbrechender Nacht die Gaſtfreundſchaft des Vewohners dieſes Hauſes in Anſpruch zu nehmen. Garcier, ſo hieß der gutherzige Landmann, nahm die Ermuͤ⸗ deten willig und freundſchaftlich auf, ſetzte ihnen das beſte, was er im Hauſe hatte, vor, und be⸗ veitete ihnen dann in der an ſeine Wohnſtube an⸗ ſtoßenden Kammer ein Lager von friſchem Stroh und warmen Decken. Gegen ein Uhr in der Nacht, als alles im erſten Schlafe lag, weckte ein fuͤrchterliches Pol⸗ tern an der Thuͤre die Schlafenden. Garcier eil⸗ te zum Fenſter, und kaum hatte er daſſeibe gff⸗ 1 B 2 20 net, als eine fuͤrchterliche Stimme ihm zurief, daß er ſogleich die Tags zuvor eingenommen 2400 Liores herunter werfen ſolle, wenn er verhuͤten wolle, daß ſein Haus erſtuͤrmt und er mit Weib und Kindern ermordet wuͤrde. Garcier bebachte ſich nicht lange. Er ſah im Mondſcheine acht Kerls um ſeine Thuͤre ſte⸗ hen, welche jede Minute dieſelbe einzuſchlagen drohten und ihn eilen hießen; er glaubte Ver⸗ dacht haben zu duͤrfen, daß dieſe mit ſeinen Gä⸗ ſten im Einverſtaͤndniſſe ſeyen. Zweimal bereits waren in dem Dorfe ähnliche Raͤubereien geſche⸗ hen, und jedesmal die Beraubten, welche nicht gutwillig ſich berauben laſſen wollten, getodtet oder doch todtlich verwundet worden. Unter die⸗ ſen Umſtaͤnden hielt er es fuͤr raͤthlicher, den Raͤu⸗ bern freiwillig das geforderte Geld auszuliefern, als durch fruchtloſe Widerſetzlichkeit und Verweige⸗ rung daſſelbe zugleich mit ſeinem Leben zu ver⸗ lieren. 2 Weinend gieng er daher zur Truhe, worin er daſſelbe verwahrt hatte, und die ſich in der Kammer befand, in welcher ſeine Gäſte ſchliefen. Er hatte nach einem hartnaͤckigen Prozeſſe geſtern erſt dies Geld von ſeinem Gegner fuͤr ein ihm verkauftes Grundſtuͤck aufgezäͤhlt erhalten. Es waren 2000 Llvres geweſen, aber die Advokaten, Taxen, der Stempel und die Minutengebuͤhren der Munizipalbeamten hatten den Reſt aufgefreſ⸗ ſen, und die Munizipalität, von welcher ihm 21 geſtern daſſelbe aufgezaͤhlt worden war, hatte ihm ſolchen ſogleich bei der Aufzaͤhlung abgezogen. Dieſer Reſt war zur Bezahlung einiger dringen⸗ den Glaͤubiger beſtimmt, denen er dieſes am an⸗ dern Tage bringen wollte. Als die Soldaten, durch den Laͤrm bereits erweckt, ihren Wirth weinend in ihre Schlafkam⸗ mer kommen ſahen, fragten ſie ihn um die Urſa⸗ che dieſer naͤchtlichen Stdrung. Sie riethen ihm, als er ſeine Erzaͤhlung geendet hatte, den Raͤu⸗ bern willig die Thuͤre zu dffaen, und ſich dann ſchnell hinter dieſelbe zuruͤckzuziehen. Nachdem ſie ihre Flinten geladen hatten, folgten ſie Gar⸗ cier'n in moͤglichſter Stille auf den Porplatz. Dieſer offnete nun die Thuͤre, waͤhrend dem von außen unaufhoͤrlich gegen dieſelbe gepoltert ward, und zog ſich hinter dieſe zuruͤcke. Augenblick⸗ lich drang der ganze Haufe von Raͤubern durch die Thuͤre, und eben ſo ſchnell ſtuͤrzten deren vier von dem Feuer, welches die Soldaten auf dieſe gaben, zu Boden. Die uͤbrigen ent⸗ flohen mit Pfeilſchnelle; es war denen ih⸗ nen nachſetzenden Soldaten unmoglich, ſie eu⸗ holen. Die Soldaten eilten nun zu der Munizipali⸗ taͤt des Orts, die Sache anzuzeigen. Weder der Maire noch deſſen Adjunkten waren zu Hauſe, es hieß, ſie ſeien verreißt. Sie giengen daher zu der Minizipalitäͤt des ohnfern dieſem Dorfe 22 liegenden Studtchens, und nachdem dieſe noch⸗ mal zuvor nach den Verwaltern des Dorfs ge⸗ ſchickt, und dieſe gleichfalls nicht angetroffen hatte, verfuͤgte ſie ſich ſelbſt an Ort und Stel⸗ le. Die Leichname der gefallenen Raͤuber la⸗ gen noch auf dem Platze, auf dem ſie gefollen waren, in ihrem Biute. Es waren vier vetkapp⸗ te, mit Saͤbeln und Schießaewehren bewaffnete Kerls, deren Geſichter eine Marke verbarg. Die Munizipalitaͤt ließ dieſe Leichname mit allen Formalitäten der Geſetze aufheben, vernahm die Bauern und die Soldaten, und ſchritt dann zur Beſichtigung der Getdͤdteten. Als man den⸗ ſelben die Masken abnahm, entdeckte man— den Maire des Dorfes, ſeine Adjunkten und ſei⸗ nen Huiſſier. Die Mitgenoſſen ihres Verbrechens blieben unerforſcht. Der Schatzgraͤber.. Eln Beiſpiel einer Kabale auf dem Lande. Vor etwa vier Jahren giengen von einem benach⸗ barten Fruchtmarkte ein Muͤller und ein Becker nach ihrem Wohnorte, L.„ einem Staͤdichen 23 — im— ſchen mit einander zutuͤcke. Helm, der Becker, ſtand in dem nicht ungegruͤndeten Rufe, ein ſchlauer Kopf zu ſeyn, dem es, wenn ſich ein Vortheil für ihn dabei zeige, auf die ſtrengen Grundſaͤtze des Mein und Dein eben ſo genau nicht ankomme, und man gab ihm mancherlet Schelmereien ſchuld; ohne ſolche jedoch gerade gegen ihn genau beweißen zu können. Dagegen war er auch wieder andern durch vorgeſchlagene und gut ausgefallene Spekulationen und geleiſte⸗ te thätige Dienſte hochſt nuͤtzlich geworden, und ſehr vielen hatte er— dem Anſcheine nach ohne Eigennutz— ſehr wichtige Gefaͤlligkeiten erzeugt. Eine Menge Heirathen, großtentheils gluͤcklich, waren durch ihn geſtiftet, eine Menge Vergleiche zu Stande gebracht, Ausſbhnungen zwiſtiger Theile erwirkt, und Kaͤufe unter ſeiner Anleitung zur allerſeitigen Zuftiedenheit eingeleitet worden. So war er bei einem Theile des Publikums ſei⸗ nes Vaterſtaͤdtchens eine Art von Hausvrakel ge⸗ worden, ohne welches keine Handlung von Wich⸗ tigkeit vorgenommen, aber auch kein Kuchen ver⸗ zehrt und kein Schmaus gehalten ward. Wirk⸗ lich hatte er auch einen ſehr guten Verſtand, richtige und helle Begriffe, eine vorzugliche Ue⸗ berredungkraft, und war ſeinen ſaͤmtlichen Lands⸗ leuten an Geiſtesgaben, vorzuͤglich aber an Schlau⸗ heit uͤberlegen;— niemand wußte ſo recht, wie man mit ihm daran war, niemand traute ihm da⸗ her auch ganz, obgleich auch niemand ihn gera⸗ 24 dezu zu beſchuldigen wagte, und dieſe Zweideu⸗ tigkeit und die hieraus entſtehende Furcht erhohte ſelne Superioritat uͤber ſeine Nachbarn.— So gluͤcklich die Spekulationen, welche er andern vorgeſchlagen hatte, faſt immer ausgefallen wa⸗ ren; eben ſo ungluͤcklich waren jene geweſen, welche er ſelbſt ausfuͤhren wollte, und es ſchien faſt, als ob er wohl eine Unternehmung aus⸗ den kenund vorſchlagen, aber nie eine ausfuͤhren könne; denn alles, was er bisher noch ſelbſt un⸗ ternommen hatte, war hoͤchſt ungluͤcklich abge⸗ laufen, und von einem nicht unbetraͤchtlichen Vermdͤgen war ihm nichts uͤbrig geblieben, als ſein Backhaus und einige unbetraͤchtliche Aecker⸗ chen, wovon er mit einer Famllie von ſechs Kindern nicht ohne Noth zu leben im Stande ge⸗ weſen waͤre, wenn nicht die Huͤlfsmittel, die er in ſeinen Talenten und den fuͤr dieſelbe guͤnſtigen umſtänden ſeiner Lage fand, ihm einen weſentli⸗ chen Erwerb von ſeinen einfaͤltigen Mitnachbarn an Geld und Lebensmitteln aller Art verſchafft haͤtten. Seine Frau war von ihm kultivirt wor⸗ den; ſie ſtand ihm an Verſtand nicht nach, an Schlauheit aber uͤbertraf ſie ihn noch bei weitem, und da ſie die weiſſe Frau im Orte machte, und bei den Weibern des Staͤdtchens eben die Rolle uͤbernommen hatte, welche ihr Ehemann bei den Maͤnner deſſelben ſpielte, ſo half ſie ſehr thaͤtig dazu, die Familie zu ernaͤhren, und ihr Erwerb hieraus war vielleicht noch betraͤchtlicher, als je⸗ 25 ner ihres Mannes. Vielleicht war dieſe Rolle, welche er ſpielte, die einzige Spekulation Heims, welche demſelben je gelungen war.— Von ſei⸗ nen Kindern war nur erſt die aͤtteſte Tochter er⸗ wachſen; ein aͤußerſt ſchönes, verſtaͤndiges Maͤd⸗ chen, um welches die vorzuͤglichſten jungen Bur⸗ ſche in Heims Vaterſtaͤdtchen bereits geworben hatten. Heim, der die Vorzuͤge ſeiner Tochter kannte, und als PVater dieſeibe ohnehin mit dem Vergroͤßerungsglaſe betrachtete, hatte auch fuͤr dieſe eine Spekulation entworfen; nach ihm durfte kein anderer ſein zukuͤnftiger Cydam werden, als ein reicher Kaufmann, fuͤr den er dann zu ſpe⸗ kuliren gedachte, denn fuͤr einen Burſchen ſeines Staͤdtchens hielt er ſeine Albertine zu gut, und das Maͤdchen ſelbſt ſchien eben ſo viel Zutrauen in die Einſichten und Plane ihres Paters zu ſetzen, als das uͤbrige Publikum ihres Staͤdtchens, denn ſie wieß ſelbſt die vortheilhafteſten Brautwerbun⸗ gen ab, und nach ihrer Spekulation, die freilich von der ihres Vaters beträchtlich differirte, muß⸗ te es wenigſtens ein regierender Lieutenant ſeyn, den ſie mit ihrer Hand zu begluͤcken gedachte. Unter den Brautwerbern, welche zeither Koͤr⸗ be bekommen hatten, befand ſich auch der Muͤller Andreas Torf, den wir gleich am Eingange die⸗ ſer Geſchichte Heimen auf dem Rickwege von dem benachbarten Fruchtmarkt verlaſſen haben. Sen gefaͤlliges Aeußeres und ſein fuͤr ſeine Verhaltniſſe nicht unbetraͤchtliches Vermoͤgen hatten ihn, ge⸗ gen alle ſeine beſſern Erwartungen, nicht gegen ein Koͤrbchen ſchuͤtzen konnen, welches die ſchone Albertine ihm, well er noch nicht einmal Fähn⸗ drich wat, in beſter Form ausfertigte. Torf, der zugleich ein hoͤchſt gutartiger Junge war, war entweder zu gutherzig oder zu verliebt, um hier⸗ durch ſich aufbringen oder abſchrecken zu laſſen; er hoffte vieltnehr, daß die Zeit, welche Marmor⸗ blöcke aufloͤßt, auch noch das Herz ſeiner Schd⸗ nen erweichen wuͤrde, und ſuchte daher jede Gele⸗ genheit auf, dem Meiſter Helm und ſeiner ſchd⸗ nen Tochter gefaͤllig zu ſehn, die beide aus glei⸗ chem Grunde gegen ihn ſproͤde thaten, weil er naͤmlich in ihre in den Grundzuͤgen miteinander uͤbereinſtimmende, und nur in den aͤuſſern Rami⸗ fikationen von einander abweichende Plane einzu⸗ greifen gewagt, und die Suͤnde hegangen hatte, um ein Maͤdchen werben zu wollen, das, wie PVater, Mutter und Tochter, ſich ſehr uniſon ausdruͤckten, etwas beſſers werth war, als einen Muͤller. Nachdem wir ſo die Hauptperſonen kennen gelernt haben, welche uns in dieſer Erzählung intereſſiren werden, wollen wir zu jener gemein⸗ ſchaftlichen Ruͤckkehr vom Fruchtmarkte zuruͤckge⸗ hen, auf welchem ſich eigentlich die Geſchlchte entſpann, die wir unſern Leſern dahier erzaͤhlen. Torf ſparte auf dieſem weder des Weins, mit 27 dem er auf ſeine Koſten Heimen in allen Schen⸗ ken, welche ſie paſſirten, bewirthete, noch aller moglichen Schmeicheleien, welche er aufzubringen vermochte, um eine für ihn ſo wichtige Perſon, als der Vater ſeiner Adorata war, zu gewinnen. So geſchah es auch, daß er, um denſelben von dem lebhaften Antheile zu uͤberzeugen, den er an ſeiner Geſundheit nehme, und der dieſem, wie er berechnete, nicht anders als ſchmeichelhaft ſeyn konnte, in ſeinen Begleiter mit der freundſchaft⸗ lichſten Mirne drang, ihm zu ſagen, was ihm dann eigentlich fehle, und was die Urſache ſey, daß er immer ſo bleich und uͤhel ausſehe. Heim war naͤmlich durch die ſteten Anſtrengungen ſei⸗ nes Geiſtes immerhin kraͤnklich, und ſo hager und bleich, daß man ihn in der Gegend und in ſeinem Staͤdtchen ſelbſt mit dem gegen die Ehrfurcht, die man ſonſt fuͤr ihn hatte, et⸗ was anſtoßenden Namen, der kranke Becker, von ſeinen uͤbrigen geſuͤndern Kollegen nnter⸗ ſchied. Wir wiſſen nicht, ob Heim durch eine ſchnel⸗ le Inſpiration an dieſe Frage augenblicklich ven Plan reihte, welcher der Gegenſtand dieſer Ge⸗ ſchichte iſt, oder ob er denſelben ſchon zuvor ent⸗ worfen hatte, und ihn nur bei dieſer Gelegenheit auf eine allerdings ſehr ſchickliche Weiſe anknüpf⸗ te. Vorerſt ſchien Torf in ſo weit ſeinen Zweck erreicht zu haben, und Heim durch die ihm heute in den Schenken und vorzuglich durch den jetzt 28 bewießenen Antheil an ſeiner Geſundheit ihm be⸗ zeigte Aufmerkſamkelt ſo geruͤhrt, daß er ſeinem Begleiter die eigentliche Urſache ſeiner Kraͤnklich⸗ keit, die er außer ihm noch niemand in der Welt entdekt habe, welche außer ihm und ſeiner Frau niemand wiſſe, und ſelbſt nicht einmal jemand ah⸗ ne, zum Beweiſe ſeines grenzenloſen Zutrauens zu entdecken verſprach.— Nachdem er noch durch Abnahme des feierlichſten Verſprechens, niemand in der Welt von dieſer Entdeckung je das gering⸗ ſte mitzutheilen, den ehrlichen Torf zur hochſten Erwartung geſpannt hatte, entdeckte er ihm, daß es in ſeinem Hauſe umgehe, und allnaͤchtlich ein Geiſt ſich ſehen laſſe, der ihn necke und plage, ihn oft ſchon, ſelbſt am Tage, fuͤrchterlich ge⸗ wartert habe, und mit dem er durch kein Gebet noch ſonſtige Bemuͤhung ſich auf einen freund⸗ ſchaftlichen Fuß zu ſetzen vermoge. Torf rieth ihm, was jeder andere, der eben ſo wie er, Heims Erzaͤhlung vollen Glauben beigemeſſen haͤtte, demſelben auch gerathen haben wuͤrde, ſein Haus zu verkaufen, und in ein anderes zu zie⸗ hen; aber Heim widerlegte ihm dieſen gutgemein⸗ ten Vorſchlag damit, daß er zwar auch ſchon lan⸗ ge dieſen Gedanken gehabt habe, aber eben ſo bald wieder davon abgeſtanden ſey, da der Geiſt ihn verſichert haͤtte, daß er bel der erſten ernſtli⸗ chen Anſtalt, welche er machen wuͤrde, das Haus zu verlaſſen, ihm den Hals umdrehen werde, und Torf wußte ſeinem Freunde nun kein ande⸗ 22 res Mittel, als den Geiſt beſchworen zu laſ⸗ ſen, wogegen ihm dann dieſer erwiederte, daß er ſchon lange dies beabſichtet, auch einmal er⸗ wirkt habe. Es ſey nicht leicht, einen Eeiſtli⸗ chen zu finden, der ſich hierzu verſtunde, und noch ſchwerer, einen ſolchen zu finden, der das hierzu erforderliche Geſchick habe; ſehr oft ſchon zwar ſey der Geiſi beſchworen worden, aber nur ein einzigesmal erſchienen, und habe ſo unge⸗ heure Forderungen gemacht, wenn er erlößt werden und ſeinen bisherigen Aufenthalt ver⸗ laſſen ſollte, daß die Erfuͤllung derſelben ihn reichlich dreimal ſo viel gekoſtet haben wuͤrde, als ſein Haus werth ſey; freilich habe derſelbe auch von einem betraͤchtlichen Schatze geſagt, der unter ſeinem Hauſe begraben liegen ſolle, hiervon aber nur ſo unbeſtimmt geſprochen, daß man daraus wenig Zuverlaͤßiges habe abnehmen kdnnen; eben darum habe er bisher, aber immer vergeblich, einen Beſchwdrer geſucht, der ſtark genug waͤre, den Geiſt zu bändigen, und er mit ſeiner Familie alltäglich eine beſtimmte Anzahl von Gebeten bete, um dem Geiſte die Pein, wel⸗ che er in der Ewigkeit zur Strafe ſeiner Suͤnden erſtehen muͤſſe, zu erleichtern worin ſie durch dieſe Andacht denſelben, wie er verſichere, bereits eine betraͤchtliche Erleichterung verſchafft haͤtten. Torf war hingeriſſen von Verwunderung und Mitleid, und nachdem er auf ſeine Frage, ob er 30 hieret nichts helfen könne, von Heim die Wei⸗ ſung erhalten hatte, fuͤr den Geiſt ſleißig zu be⸗ ten, erbot er ſich noch mit ſehr vieler Waͤrme, zu gelfen, wo er koͤnne, und bat daher den Be⸗ cker, ſich Maͤhe zu geben, um einen tuͤchtigen Beſchwörer zu finden, und ihn dann wiſſen zu laſſen, wenn derſelbe da ſey, wo er von ſeiner Seite gewiß alles moͤgliche thun werde. Heim verſprach ihm dagegen noch, ihn in der naͤchſten Nacht den Geiſt ſehen zu laſſen. Warklich erfullte er auch ſein Verſprechen. Gegen zehn Uhr ſchickte Heim ſeine Kinder ſchla⸗ fen, und legte ſich mit ſeiner Frau und Torf, der mit immer zunehmender Aengſtlichkeit der Dinge, die da kommen ſollten, hartte, aufs Beten, wie er ſolches, ſeiner Angabe nach, je⸗ de Nacht. von zehn bis zwoif zu thun gewohnt war. Gegen halb zwölf uhr ward die Thuͤre mit Ungeſtum aufgeſtoßen, und es zeigte ſich an der Wand eine kleine, bleiche woikigte Menſchenge⸗ ſtalt, während ein ſchwaͤchlicher Abglonz in dem ganzen Zimmer ſich verbreitete, in welchem man, weil der Geiſt nach Heims Angabe dein Licht lei⸗ den konnte, vorlaͤngſt die Lichter ausgeldſcht hat⸗ te. Die Geſtalt bewegte ſich einigemal langſam und zitternd, und ſchien dann ſich in den Bo⸗ den des Zmmers zu verlieten.— Torf kreuzte und ſegnete ſich zitternd, und brummte alle Be⸗ ſchwhrungen her, weſche er je gehdrt hatte. Kaum war der Geiſt verſchwunden, als er ſchon den 37 * Becker auf das inſtaͤndigſte hat, ihn doch gleich aus dem Hauſe zu geleiten, wenn er nicht ha⸗ ben wollte, daß die Angſt ihn zur Leiche mache. Heim war hierzu willig, und zuͤndete ein Licht an, mit welchem er Torfen vorgieng. Aber aum waren ſie in dem Vorplatz des Hauſes, als das Licht erloſch, und der arme Torf von dem Geiſte, der nun einmal, wie alle Geiſter der Nacht, kein Licht leiden konnte, einige derbe Ohrfeigen, welche dem Grade der Kraft nach, eine ungeiſtige Hand nicht ſtaͤrker haͤtte geben koͤnnen, erhielt, mit welcher unfreunoſchaftlichen Bewirthung er dann das Haus verließ. Am andern Lage wiederholte Torf an Heim das Erbieten, alles ngliche, was in ſeinen Kraͤften ſtehe, zur Erlbſung des Geiſtes beizu⸗ tragen,, und dieſer verſprach dagegen, ſich alle Mühe zu geben, um einen tuͤchtigen Beſchwo⸗ rer zu finden, Torfen die Hälfte des Schatzes, welchen ſie heben wuͤrden, als Eigenthum zu uͤberantworten, und ihm nicht weiter in der Heirath mit ſeiner Tochter entgegen zu ſeyn, wenn anbers dieſe, deren Einwilligung rorbe⸗ halten ward, nicht durchaus abgeneigt ſey. Ven nun an war Torf täglich in dem Hauſe des Beckers, der jetzt, da er von Torf auf die freilich etwas unſichere Hypothek des zukuͤnftigen Schatzes vollen Kredit und Mehl vollauf geborgt erhielt, ſein Gewerbe, das er 32 14 ſeit einiger Zeit liegen gelaſſen hatte, weil er außer Stande geweſen, ſich Mehl anzukaufen, wieder anſieng, und ſein Feld, das er zeither ſelbſt gebaut hatte, jetzt wieder durch Tagloh⸗ ner bauen ließ. Die ſchone Albertine, Heims Lochter, that minder ſprode gegen den Muͤller⸗ Ein kleiner Zwiſt entzweite jedoch nach einiger Zeit dieſelbe mit Torf, und dieſer, der ſich nach Art der Liebenden mit Albertinen necken wollte, ſetzte ſeine Beſuche aus, mit dieſen fiel der Vorſchuß des Mehls weg, des Geiſtes ward wenig mehr gedacht, Heim arbeitete wieder im Taglohne und auf ſeinen uͤbrigen Spekulationen, Lorf hatte ſich in die Ueberzeugung gefuͤgt, daß er, wenn Heim nicht ſo gluͤcklich wäre, den Schatz zu heben, nie etwas von dem dem⸗ ſelben gemachten Porſchuſſe zuruckerhalten wäͤr⸗ de, und drang daher immer noch von Zeit zu Zeit in Heim, daß er einen Beſchwörer her⸗ beiſchaffen ſolle, damit ſie den Schatz heben kdunten. So hatten die Sachen ohngefaͤhr ein Jahr lang geſtanden, als einſt Heim zu Torfen mit der Nochricht kam, daß er einen Mann gefun⸗ den habe, der ihm tauglich und geſchickt genug ſchien, den Geiſt mit Erfolge beſchworen zu können, wobei er dieſen einlud, mit ihm den⸗ ſelben zu beſuchen, da er ihn auf den andern Tag zu einer Zuſammenkunft in den benachbar⸗ ten Wald eingeladen habe.— Willig nahm 33 Torf die Einladung an, und ſie trafen an dem verabredeten Orte einen phantaſtiſch gekleideten Greis mit einem langen Barte, der ihnen ohne viele Umſtaͤnde verſprach, den Geiſt zu beſchwoͤ⸗ ren und den Schatz zu heben; jedoch könne ſolches erſt nach drei Wochen geſchehen, da er zu den noͤthigen Vorbereitungen zu dieſem Ge⸗ ſchaͤfte wozu er ſich durch Faſten und Beten zubereiten muͤſſe, ſo viel Zeit noͤthig habe. Er verzichtete zugleich auf alle Belohnung, und gab vor, daß es ihm ſchon Belohnung genug ſey, wenn er einen ungluͤcklichen Geiſt von ſei⸗ ner Pein befreien konne, Auf dem Heimw⸗ge wollte es zwar un⸗ ſerm Muͤller nicht recht gefallen, daß der Be⸗ ſchwdrer kein Prieſter war; indeß war er hier⸗ uͤber ſehr bald durch Heimen beruhigt, der ihm von der Helligkeit und Wunderkraft des Greiſes eine ſehr glaͤnzende Schilderung machte, und ſo wat ſein Zutrauen zu dem Wundermanne, ſeine Erwartungen zu einem reichen Funde und mit dieſem Heims Kredit bald wieder hergeſtellt, von welchem letztern derſelbe auch noch am naͤmlichen Abende Gebrauch machte.— Aber bei allem dem verungluͤckte das Unternehmen durch den Tod der Hauptperſon. Heim hatte ſich bei einem Schmauſe, den ihm Torf in Er⸗ wartung des zukuͤnftigen Reichthums gab, ſo uͤberladen, daß von den Folgen der daher ent⸗ Kriminal Geſch. 3 Thl. C ſ 1 i —— 34 ſtandenen Ungerdaulichkeit ſeine ohnehin ge⸗ ſchwaͤchte Maſchine zuſammenbrach, und danur er den Wundermann kannte, der den Geiſt be⸗ ſchwdren und den Schatz haben ſollte, und Torf, der zwar einigemal den Ort beſuchte, an welchem ſie mit demſelben zuvor zuſammen⸗ getroffen waren, denſelben nie fand, ſo gab er die Hoffnung auf, den Plan ausfuͤhren zu koͤnnen, troͤſtete ſich uͤber den Verluſt der dem Verlebten gemachten nicht unanſehnlichen Vor⸗ ſchuͤſſe, von welchen deſſen Wittwe nichts wiſ⸗ ſen wollte, und vergaß nach und nach die Sa⸗ che und ſelbſt ſeine Llebe zu der ſchonen Alber⸗ tine, welche ſeit ihres Vaters Tode ihn auch nicht einmal eines Blickes mehr wuͤrdigte, und mit den Offizieren, welche der Krieg in das Staͤd⸗ chen fuͤhrte, abwechſelnd einen Roman um den andern ſpann. Nach drei Jahren, binnen welchen Torf be⸗ reits Geſpenſt, Schatz und ſelbſt ſeine Lieb⸗ ſchaft vergeſſen hatte, erſchien eines Abends bei ihm ein Einwohner eines benachbarten fremd⸗ herriſchen Dorfs, Nahmens Blinder, den er ſonſt als einen ehrlichen Mann gekannt, und in dieſer Zuverſicht bereits gleichfalls ſo viel Mehl geborgt hatte, daß er ſeit langer Zeit ihm keinen Kredit mehr gab. Dieſer entdeckte ihm, daß der Muͤller Albert im Sternthale einen Geiſtlichen bei ſich habe, der demſelben einen Geiſt beſchworen, und durch deſſen Huͤlfe ihm ehegeſtern einen Schatz von 3000 Thalern ge⸗ hoben habe. Dieſer Prieſter Gottes konne mehr als Brodeſſen denn der Muͤller Albert habe ihm zugleich geſagt, daß derſelbe, ohne je in L. geweſen zu ſeyn, gleichwohl wiſſe und ihm entdeckt habe, daß in dem Hauſe des dort ver⸗ ſtorbenen Beckers Heim ein Geiſt einen hoͤchſt⸗ betraͤchtlichen Schatz bewache, und ſeiner Erlb⸗ ſung und der Hebung dieſes Schatzes harre. Albert habe ihn daher zu Torf geſchickt, da der⸗ ſelbe wiſſe, daß er mit Heim in dem innigſten Vertrauen gelebt habe, um ſich zu erkundigen, ob dies wahr ſey, und damit, im Falle ſich die Sache ſo befaͤnde, Anſtalten getroffen wer⸗ den koͤnnten, den Geiſt zu erldſen und den Schatz zu erhalten, wozu ſich jetzt eine Gele⸗ genheit durch den aufgefundenen Wundermann fande, die ſich nicht alle Tage biete. Zugleich zahlte Blinder dem Muͤller ein paar Thaler ſeiner Schuld, welche er fuͤr einige bei der Beſchmdrung geleiſtete Dienſte von dem Stern⸗ thaler Muͤller erhalten zu haben vorgab. So ſehr in dieſem Augenblicke auch in Torfen all der alte Wunderglaube erwachte, ſo ſehr er den angeblich ſo betraͤchtlichen Schatz zu heben luͤſtern war, zu dem ihm die von Blindern geſchehene Zahlung die Hoffnung ver⸗ ſtaͤrkte, da er wohl wußte, daß dieſer ohne el⸗ ne ſo außerordentliche Gelegenheit außer Stan⸗ C 2 36 de war, ihm auch nur einen Groſchen zu zah⸗ len, und ſo groß das Zutrauen war, das er ſonſt auf dieſen bewäbrten ehrlichen Mann ſetz⸗ te, konnte Dorf ſich doch nicht gleich dazu verſtehen, in die Sache einzugehen. Zwar hat⸗ te ſeine Herzensgute, ſeine Leichtgläubigkeit, und das uͤbergroße Zutrauea, das er zu allen Menſchen hatte, ſein Vermogen bisher ſehr ge⸗ ſchwaͤcht, und die Hoffnung, an dem Schaze Antheil zu erhalten, mußte ihm daher deppelt angenehm ſeyn, es mißfiel ihm aber gor ſehr, daß der Muͤller vom Sternthale die Haͤnde mit im Spiele habe. Er kannte dieſen ſeit lange als einen boshaften, verſchmitzten, tuͤckiſchen und gefährlichen Menſchen, und lebte mit dem⸗ ſelben wegen den wechſelſeitigen Eingriffen in die Banngerechtigkelten, welche ihre Muͤhlen auf den angrenzende Doͤrfern hatten, in verjährter Feindſchaft und immerwaͤhrendem Strelte; noch mehr aber war er gegen denſelben um deswil⸗ len erbitter, weil der Sohn deſſelben, der ſonſt gleichfalls um die ſchoͤne Albertine gebuhlt hat⸗ te beiihm im Perdachte ſtand, dies Maͤdchen gegen ihn eingenommen und ſo ſeine Verbindung mit demſelben verhindern zu haben. Freudig wuͤrde er ſogleich in den erſten Antrag geſtimmt und alles aufgeboten baben, waͤre nicht Albert mit in die Sache verwickelt geweſen. Aber er hatte Urſache, dieſem nicht zu trauen, er hatte ℳ ſogar ein leidenſchaftliches Vorurtheil gegen al⸗ x. les, wobei dieſer, ſein Feind, mit auftrat, und ſo wieß er die Sache mit dem Ausdrucke: „daß er damit nichts zu ſchaffen haben wol⸗ le,“ von ſich, und Blinder konnte durch alles Zureden nichts weiter von ihm erwirkenn als daß er ihn an die Witewe Heim lediglich ver⸗ wieß. Mach zwei Tagen S dieſe ſelbſt bei unſerm Muͤller. Sie erzaͤhlte ihm, daß Blin⸗ der ehegeſtern bei ihr geweſen, und ihr das nämliche erzaͤhlt habe, was wir pereits wiſſen, daß ſie aber denſelben durchaus abgewßen ba⸗ pe. weil ſie bereits alen Glauben an derglek⸗ chen Huͤlfe, und alle Hoffnung, den Geiſt zu bannen, Ruhe in ihrem Hauſe zu erhal⸗ ten, und den Schatz zu heben, aufgegeben ha⸗ be, indem ihr die zahlloſe Verſuche, die ſie bisher gemacht habe, durch die Kapuziner, welche in dem Staͤdtchen ihre Hoͤhle aufge⸗ ſchlagen hatten, und in dem Handwerke der Beſchworer, das ſie fleißig trieben, als Meiſter beruͤhrnt waren, den Geiſt baunen zu laſſen⸗ mißlungen wären, und der Eigeuſinn des Gei⸗ ſtes oder pielleicht auch der hohe Grad ſeiner Verdawmmßalle Mittel und Huͤlfe fruchtlos ma⸗ che. Pon dem Augenblicke an, daß ſie Blin⸗ dern abgewießen und dieſer fortgegangen ſey⸗ hobe der Goeiſt ſeine Spukefeien verdoppelt⸗ uod ſie ſo geplagt und mißbandelt, daß ſie heute ſelbſt vach der Sternmuͤhle gegangen ſey⸗ 38 um den dort ſich aufhaltenden Beſchworer zu bitten, ihr Ruhe zu verſchaffen. Glucklicher⸗ weiſe habe ſie denſelben dort noch angetroffen, da eine Unpäͤßlichkeit ihn an Fortſetzung ſeiner Reiſe, welche nach Rußland gehe, verhindert habe. Der Mann Gottes habe ihre Bitte er⸗ hoͤrt, und ſey mit ihr hergekommen, wo er dann ohne viele Umſtaͤnde den Geiſt) in Gegen⸗ wart ihres Nachbarn, des Holzhauers Friſch, drr bei der ganzen Handlung Zeuge geweſen ſey, vorgeladen habe. Willig habe der Geiſt deſſen Fragen beantwortet, obgleich derſelbe dies⸗ mal nicht erſchienen ſey, er habe dem Geiſtlichen geſtanden, daß er wegen ungerechtem Gelder⸗ werb zu dieſer ſublunariſchen Wanderung ver⸗ dammt— uͤbrigens aber zu erloſen ſey, und dieſe Erldſung von ihm, dem frommen Manne, hoffe und erwarte; daß er durch das Gebet der Heimiſchen Familie, und vorzuͤglich jenes des Muͤllers Andreas Torf ſchon große Linderung der Pein, zu welcher der ewige Richter ihn verurthellt habe, erhalten, und daß er vorzuͤg⸗ lich auf dieſen Muͤller rechne, daß derſelbe auch jetzt thaͤtig zu ſeiner Erldſung mitwirken werde. Zugleich habe derſelbe verſichert, daß an elnem Orte des Hauſes ein hochſtbetraͤchtlicher Schatz in alten Thalern verborgen liege, welcher nicht blos gehoben werden könne, ſondern ſogar gehoben werden muͤſſe, wenn er erloßt, und der Freu⸗ 39 den der Ewigkeit theilhaftig gemacht werden ſolle. — Der Geiſtliche habe ſie nun zu Torf geſchickt, um ihn einzuladen, an dieſem verdienſtvollen Werke Antheil zu nehmen. Da Torf ſich uͤber die Sache zu bedenken ſchien, ſo ſagte ſie ihm, daß er ſich mit ſeinem Entſchluſſe nicht zu uͤber⸗ eilen brauche, indem der Geiſtliche ihn erſt am andern Morgen ſprechen wolle, weil er ſich ſchon wirklich eingeſchloſſen habe, um die Nacht mit Beten hinzubringen, und ſich ſo zu dem wich⸗ tigen Werke vorzubereiten, das er morgen aus⸗ fuͤhren wolle. Torf, dem die Sache nicht wenig wurmte, eilte, ſo wie die Beckerin ihn verlaſſen hatte, zu Friſch, dem Holzhauer, von deſſen Redlichkeit und Neigung zu ihm er uͤberzeugt war, und die⸗ ſer beſtaͤtigte ihm die von der Wittib geſchehene Erzaͤhlung der Geiſterſcene, von welcher er mit dem groͤßten Erſtaunen Zeuge geweſen war. Jetzt hatte Torf kein Bedenken weiter, ſich in die Sache einzulaſſen, und begab ſich am andern Morgen zu dem Beſchwoͤrer. Dies war ein kleiner, unterſetzter, lebhafter Mann, in der weltlichen Tracht der katholiſchen Geiſtlichen, und mit der etwas verwachſenen Tonſur, welche jene auf dem Hinterkopfe zu ha⸗ ben pflegten. Sein verſchabter und abgetrage⸗ ner ſchwarzer Rock zeigte von Duͤrftigkeit, ſein Benehmen von Kuͤhnheit und der Lebhaftigkeit 40 ſeines Geiſtes. Er hatte nur eine Hand, und ſchon in dem erſten Momente der Bekanntſchaft ſpann er den Faden der Unterhaltung ſo, daß er Torfen ſchrecklicherweiſe erzählen koante, er ſey Pfarrer im Elſaß geweſen, habe gegen das Revo⸗ lutionsweſen und den Umſturz der Religion und Altaͤre gepredigt, habe deshalb von Eulogius Schneider arretirt und vor das Revolutiontribu⸗ nal geſtellt werden ſollen, welchem er aber ent⸗ gangen ſey; bei dem Verfolgen habe ihn einer der nachſ tzenden Kavalleriſten eingeholt, und als er ſich zur Wehre geſtellt habe, ihm die Hand Jetzt ſey er auf dem Wege nach Rußland, woſelbſt er eine anſtaͤndige Verſorgung zu erhalten hoffe.— Dies Martyrerthum ſtaͤrkte mächtig Torfß Zutrauen zu dem Wundermanne, und es ward dieſem daher nicht ſchwer, ſeinen Ermahnungen, daß er zur Erldſung des ungluͤck⸗ lichen leldenden Geiſtes alles thun muͤſſe, was er rermdge, und in ſeinem Gewiſſen hierzu ver⸗ bunden ſey, den groͤßten Eindruck zu geben. Torf verſprach alles. Man machte ſich nun an das Exorciſiren; der Beſchworer ſprach aus ei⸗ nem dicken Buche eine Menge lateiniſcher Gebete und Beſchwörungeformeln her, ſegnete ſich, die Wittwe und Torfen, welche der Handlung bei⸗ wohnten, beſprengle die Anweſenden und den Ort mit gewehiem Waſſer, verſicherte dann nach umlauf einer Stunde die Gegenwaͤrtigen, daß der Geiſt wirklich da ſey, und zeigte ihnen zu⸗ 41 gleich eine Ecke des Zimmers, in welcher ſich derſelbe, ihnen unſichtbar, jetzt befaͤnde. Dann fragte er mit geſetzter Stimme denſelben, wer er ſey, und was er hier ſuche?— Ein hohler hei⸗ ber Ton aus einer entfernten Ecke des Zmmrs beantwortete dieſe Fragen dahin, daß der Geiſt eines ehemallgen Rathsherrn des Städtchens, hier zu hauſen von dem Weltrichter verurtheilt worden, weil er auch ſonſt hier gehauſet, als er vor 160 Jahren die ſterbliche Huͤlle bewohnt habe, die er jetzt abgeworfen hade, und daß dies ſeine Strafe ſey, weil er viel unrechtes Gut zu⸗ ſammengeſcharrt, und hier den Mammon begra⸗ ben habe, Schon habe zwar das Gebet Torfs und der Heimiſchen Familie ihm viel Linderung der Pein verſchafft, zu welcher er verurtheilt wor⸗ den, aber um ganz ihn zu erretten, muͤſſe der Schatz gehoben werden, der in dem hintern Thei⸗ le des Hofes, da, wo jetzt der Stall ſtehe, vee⸗ graben worden, und um dieſen erheben zu konneu, muͤſſen erſt zwolf Lothe Goldes, gerade ſo viel, als ſich ungerechtes Gut bei dieſem Schatze be⸗ faͤnde, erſetzt werden. Reichlich werde der Schatz⸗ den er ſeinen Erlöſern hiermit ſchenke, und der in 2000 harten Thalern beſtehe, ihre Muͤhe loh⸗ nen; und er, der Geiſt, werde, wenn er ſeine volle Erloſung erhalten habe, nie aufhdren, zu dem Ewigen zu flehen, daß auch jenſeirs ihnen noch der Lohn ihrer frpmmen Handlungen zu Theil werde. Der Beſchworer verſicherte jetzt 42 * ſeinerſeits den Geiſt, daß er und die Anweſen⸗ den olles fuͤr ihn zu thun bereit ſeyen, und daß der einzige Anſtand hier ſey, das Gold beizuſchaf⸗ fen, welches der Geiſt vorltaͤufig herbeizuſchaffen vetlangt habe.„Du weißt wohl, ſagte er unter „andern zu dem Geiſte, daß ich zwar ein eifri⸗ „ger Diener Gottes, aber ein ſehr armer Prieſter „bin, well es dem Herrn beliebt hat, ſeinen „Diener heimzuſuchen; aͤndre daher, wenn es „moglich iſt, dieſe Forderung; gerne wollen wir „alle, die hier ſind, von dem zu hebenden Schatze „keinen Groſchen haben, denn unſer Wille und „Wunſch iſt nur, dich, du Armer! zu erldſen.“ Aber der Geiſt im Winkel blieb feſt auf ſeiner Forderung, und behauptete, daß es der Wille des Ewigen ſey, dieſes ungerechte Gut vor al⸗ lem herbeizuſchaffen, daß ſonſt nicht das min⸗ deſte erwirkt werden koͤnne, und er, wie er mit herzburchſchneidendem Jammer beiſetzte, zu dauerndem Jammer ſo lange verdammt ſey, bis dieſer Erſatz geleiſtet werde. Der Muͤller Torf, ſetzte er hinzu, konne ſehr leicht dies Gold bei⸗ ſchaffen, und ihm lege er im Namen des All⸗ maͤchtigen alle die Pein, die er ſelbſt leiden muͤſſe, fuͤr ſein Leben jenſeits auf die Seele. Der Be⸗ ſchworer entließ jetzt den Geiſt im Frieden. In dem Rathe, welchen Torf mit der Wittwe und dem Beſchworer hierauf pflogen, war man allerſeits ſehr verlegen. Dorf beſaß dies geforderte Gold nicht ſelbſt, und ſeine Kaſſe 43 war in dieſem Augenblicke zu erſchöpft, um daſ⸗ ſelbe beiſchaffen zu konnen, bei der Wittwe ge⸗ horte deſſen Beiſchaffung ohnehin unter die Un⸗ möglichkeit, und der Geiſtliche legitimirte ſich, indem er ſeine Taſchen umkehrte, auf der Stelle, daß er nicht ſo viel Groſchen beſitze. In dieſer Verlegenheit erinnerte der Beſchwoͤrer, daß der Geiſt geſagt habe, Torf konne dies Geld recht gut herbeiſchaffen, und als dieſem die Sache noch immer nicht recht eingehen wollte, und er Anſtaͤnde zu machen fortfuhr, wußte der Beſchwo⸗ rer es ihm und der Wittwe ſo recht nahe ans Herz zu legen, daß es hier nur an ihnen ſtehe, ihr Gluͤck zeitlich und ewig zu machen, und daß dagegen der Geiſt gedroht habe, Torfen jenſeits auf das uͤbelſte zu empfehlen. Fuͤr ſich ſelbſt er⸗ klaͤrte er, daß er auch nicht den geringſten An⸗ theil an dem zu erhebenden Schatze verlange, und nicht das mindeſte von demſelben annehmen werde, denn ſein Beruf und Pflicht ſey blos, den ungluͤcklichen Geiſt ſeiner Qualen zu erldſen. Er uͤberlaſſe es daher blos dem eignen Gutbefinden Torfs und der Wittwe, wie ſie hierin thun woll⸗ ten. Jach eilte jetzt Torf zu einem Lederhaͤndler des Städtchens, und bat ſich von dieſem zwolf Loth Gold leihweiſe aus, die er ihm in drei Ta⸗ gen wieder zu erſtatten verſprach, denn der Prie⸗ ſter hatte ihn verſichert, duß am dritten Tage der Schatz gehoben werde, und der Geiſt ihnen dann 44 anzelgen werde, wohin ſe das Goldroder deſſen Werth erſtatten ſollten, welcher letztere dann aus dem aufgefundenen bh genommen wer⸗ den konne, Der Lederhaͤndler gab Torfen, der ſich wohl huͤtete, ihn von der Beſtimmung dieſes Goldes zu unterrichten, und den er als einen ganz wohl⸗ habenden Mann kannte, bereitwillig das Gold in Dukaten von altem Schlage gegen eine ihm einſtelegte Verſchreibuna von 200 Rthln., denn ſo hoch berechnete er Aglo und Werth, und bat denſelben, ihm doch ja das Gold eben ſo, wie er es empfangen hobe, wieder zuruͤck zu bringen, da ſolches ſich von ſeinen Uranherrn her in ſeiner Famſie erhalten und daher für ihn einen beſondern Werth. habe Der Beſchwörer, zu welchem Torf mit dem Golde eilte, hatte den Eigenſinn, daſſelbe ioch⸗ mals zu wiegen, um den Geiſt auch nicht um ein Aß zu betruͤgen, knetete hierauf ſolches in Gegenwart Torfs und der. Wittib in ein Brod ein, welches er in eine in dem ihm angewleßenen Zimmer ſtehende Truhe verſchloß, zu welcher er Torfen den Schluſſel zuſtellte. Am andern Morgen ließ er Torfen rufen, welchem er ſagte, daß er ſo eben in ein benach⸗ bartes, etwa anderthalb Meilen entferntes Ort berufen worden, um auch dort einen Geiſt zu be⸗ ſchworen; er kenne die Menſchen zu ſehr, um nicht zu wiſſen, daß, wenn er dahin abaienge, gegen ihn ein Verdacht entſtehen werde; inbeſſen ſey der Ruf, den ererhalten habe, dringend und ſeine Reiſe verſtatte ihm ohnehin nicht, ſich lange in dieſen Gegenden aufzubalten, er koͤnne daher in der Zwiſchenzeit der drei Tage, welche man nun nothwendig abwarten muͤſſe, jenes Geſchaͤff⸗ te abthun, und fordre daher Torfen aüf, ihn entweder ſelbſt an jenes Ort, in welches er ab⸗ gerufen ſey, zu begleiten, oder doch jemand mit ihm dahin abzuſchicken. So ſehr auch dieſer von allem Mißtrauen entfernt und nun erſt recht ſicher gemacht, den Beſchwdrer verſicherte, daß er ihm vollkommen traue, ſo ſehr beſtand dieſer auf ſeinem einmal gemachten Antrage, und Torf, der nicht ſelbſt denielben begleiten konn⸗ te, gab ihm daher eben jenen Holzhauer Friſch zur Begleitung mit, deſſen wir eben ſchon ee⸗ waͤhnt haben, und der allerdings ſeiner anerkann⸗ ten Redlichkeit wegen auf jeden Fall der ſte Begleiter war. Am andern Tage kehrte Friſch allein zu⸗ ruͤck, und hinterbrachte Torfen, der ſich hoch⸗ lich verwunderte, ihn allein zuruͤckkommen zu ſehen, den Erfolg ſeiner Begleitung.— Als ſie naͤmlich an das Ort gekommen ſeyen, er⸗ zähſte er, wohin ihre Beſtimmung gegangen, habe ihm der Beſchworer geſagt, daß er in die dort befindliche Benediktinerabtei berufen ſey, und daß er Friſch, weil es ſich doch nicht wohl 46 ſchicke, ihn dahin zu begleiten, in dem der Abtei grade gegen uͤber liegenden Wirthshauſe warten ſolle, bis er zuruͤckkomme. Da Friſch keinen Auftrag von Torferhalten hatte, den Prie⸗ ſter zu bewachen, ſondern nur ihn zu begleiten, ſo hatte derſelbe nicht den mindeſten Anſtand ge⸗ nommen, deſſen Willen Folge zu leiſten, hatte ſo die Nacht und den groͤßten Theil des andern Tages den Beſchwoͤrer vergeblich erwartet, war dann ſelbſt in die Abtei gegangen, denſelben auf⸗ zuſuchen, und hatte dort erfahren, was unſre Le⸗ ſer leicht ſchließen konnen, daß man keinen Geiſt⸗ lichen von der Art, wie er ihn beſchrieb, kenne, am allerwenigſten aber hieher berufen habe; nur einer der Knechte erinneite ſich, geſehen zu ha⸗ ben, daß ein ſolcher Mann am vorherigen Tage zur vordern Pforte herein und uͤber den Hof weg ſchnell zur hintern Thuͤre hinaus gegangen ſey. Torf eilte in das Heimiſche Haus, die Tru⸗ he, in die man das Gold gethan hatte, war noch verſchloſſen. Hierdurch wieder in ſeinem Zutrauen geſtaͤrkt, ließ er, obgleich halb irre, noch fuͤnf Tage dieſelbe verſchloſſen, und als er dieſelbe endlich nach Umlauf dieſer Zeit in Gegen⸗ wart der Wittwe Heim aufſchlug, fand er, was er am erſten Tage auch ſchon haͤtte finden können, das Gold aus dem Brode, in welches man daſ⸗ ſelbe eingeknetet hatte, herausgenommen, und die Kiſte zugleich von dem Leinenzeuge, welches darin geweſen war, geleert. . Es iſt zweifelhaft, wer von beiden uͤber dieſe Entdeckung mehr laͤrmte, ob Torf uͤber das ver⸗ lorne Geld, oder die Wittib uͤber das fehlende Weißzeng; jedes forderte den Erſatz ſeines Ver⸗ luſts an das andere, und ſo ſchieden dieſelben end⸗ lich hoͤchſt unzufrieden und mit Schimpfen und Schmaͤhen auselnander. Torf blieb überzeugt, daß der Beſchworer den Geiſt wirklich beſchworen habe, und auch ganz gewiß im Stande geweſen waͤre, denſelben zu erloſen und den Schatz zu heben, weil er den Geiſt reden gehort hatte, und er war um ſo mehr gegen denſelben erbittert, weil er nicht blos ihn, ſondern auch den Geiſt betrogen habe, welchem er gutherzig genug ſo ſehr Erldſung gewuͤnſcht haͤtte. Da Torf und die Wittwe ſich wegen des er⸗ littenen Verluſts nicht mit einander vergleichen konnten, ſo kam die Sache vor den Richter. Der Beamte des Staͤdtchens ſah die Sache aus dem rechten Geſichtspunkte an, und uͤberzeugte Torfen ſehr bald, daß der Beſchworer weiter nichts als ein Betruͤger und geuͤbter Bauchredner war; die Wittib wollte ſich durchaus nicht uͤber⸗ zeugen laſſen, und der Beamte, der hieraus ſo⸗ wol als aus andern Gruͤnden gegen dieſelbe den Verdacht ſchopfte, daß ſie an dieſer Betrügerei beantheiligt ſey, gab die Hoffnung auf, vieſelbe zu belehren, ließ aber dieſelbe in der Stille ge⸗ nau beobachten. Der Rechtsſtreit ward dahln ent⸗ ſchieden, daß Torf und die Wittwe den eylittenen Verlnſt gemeinſchaftlich tragen ſollen, weshalb die letztere den Werth des ihr angeblich entkom⸗ menen Linnenzeugs und einiger Geraͤthſchaͤften, welche ſich gleichfaas in der Kiſte befunden hat⸗ ten, und mit entkommen ſeyn ſollten, angab, und deren Werth eivlich ſo hoch beſtimmte, daß Torf nur ein paar Gtoſchen von ihr heraus be⸗ kam. Der Beamte hatte indeſſen ganz recht gehabt, auf die Wittwe Heim Verdacht zu ſetzen; denn ſehr bald gieng die Nachricht ein, daß an dem Halſe der Tochter der Wittwe ein ſilbernes Me⸗ daillon geſehen worden, welches ſich mit unter den Sochen befand, welche der Wittwe nach ih⸗ rem Angeben aus der Kiſte entkommen waren; auch uͤberzeugte man ſich, daß die Wittwe zwei jener dem Beſchworer gegebenen Goldſtuͤcke, wel⸗ che ihrer Seltenheit wegen ſehr kenntlich waren, ausgetauſcht hatte. Da noch mehrere nicht min⸗ der wichtige Verdachtgruͤnde gegen dieſelbe zu Ta⸗ ge komen, ſo ward ſie eingezogen; man fand ohngefaͤhr noch die Haͤlfte des Goldes bei derſel⸗ ben, und von denen ihr angeblich entwendeten Sachen fehlte nicht das mindeſte. Durch die unterſuchung entwickelten ſich nachſtehende That⸗ ſachen. Der verlebte Heim hatte eigentlich bereits da⸗ mals ſchon den Plan entworfen, Torfen zu prel⸗ len, als beide, wie wir oben erzaͤhlt haben, mit einander von dem Fruchtmarkte nach Hauſe gien⸗ * gen, und hatte damals ſchlau genug die Sache eingeleitet, wobei ihm Torfs Erkundigung um ſein Befinden ſehr zu ſtatten kam. Um denſel⸗ ben gehdrig zu kirren, veranſtaltete er jene naͤcht⸗ liche Geiſteserſcheinung, die wir oben erzaͤhlt ha⸗ ben, wobei Heims Tochter, von der Sache un⸗ terpichtet, die Thaͤre aufſtieß und die Ohrfeigen austheilte. Eine ſogenannte Zauberlaterne er⸗ zeugte das Geiſtergemaͤlde an der Wand und den matten Schimmer, welcher ſich mit dem Ver⸗ ſchwinden des Geiſtes in eben dem Augenblicke endigte, als Heim die Laterne ſenkte, und ſo der Erſcheinung das Anſehen gab, als ob ſie in den Boden des Zimmers verſaͤnke. Um den Geiſt zu beſchworen, worauf Torf ſo ſehr drang, mußte Heim noch eine dritte hierzu geeigenſchaftete Perſon in ſeine Inttiquie verwickeln, und dieſes war etwas ſchwuͤrig, va derſelbe unter denen, die ſich etwa hierzu wuͤrden haben gevrauchen laſſen, niemand fand, der ihm hierzu brauchbar genug ſchlen, und jene, welche er fuͤr geſchickt genug hielt, zu red⸗ lich waren, eine ſolche Betruͤgerei ausfuͤhren zu helfen. Nach langen und vielen Bemühungen fand er endlich einen hierzu geeigenſchafteten Mann. Der Muͤller Albert vom Stein hale war es, der ihm aus dieſer Verlegenheit half. Dieſer, wel⸗ Epieß Kriminalgeſch.3 Thl. D cher mit Torfen ihrer Muͤhlen wegen in einer ewigen Fehde lag, und denſelben mit dem bitter⸗ ſten Haſſe haßte, war, ſo dald ihm Heim den Plan mittheilte, eifriger noch als dieſer ſelbſt, einen Plan auszufuͤhren, in welchem ſein Erb⸗ feind Torf nicht nur la Dupe war, ſondern auch geprellt werden ſollte, und ſo ſchaffte er einen ſchlauen und gewandten Bauern aus einem be⸗ nachbarten Dorfe herbei, der wegen aͤhnlicher Schelmſtreiche ſchon einigemal veſtraft worden war; dieſer ſpielte den Beſchworer im Walde, den wir oben zuerſt auftreten geſehen haben, und ſchon durch dieſen wuͤrde die Sache ausgefuͤhrt worden ſeyn, wenn Heim nicht vom Tode uͤber⸗ raſcht worden waͤre. Da mit Heims Tode der Fomilie deſſelben zu⸗ gleich der vorzuͤglichſte Theil chres Einkommens entzogen ward, ſo wirkten endlich die wiederholten Vorſtellungen, welche der Sternthaler Muͤller der Wittwe machte, in die er bei jeder Gelegen⸗ heit drang, ſo wie auch die Noth, welche we⸗ nigſtens in der Art bei der Familie eintrat, daß ſie unn nicht mehr ſo luxurids leben konnte, als ſie ſonſt zu thun gewohnt war, daß dieſe, welche anfaͤaglich mit der Sache nichts zu thun haben wollte, es endlich uͤbernahm, deu Plan auszu⸗ fuͤhren. Dies Weib war eben ſo unternehmend, als ſchlau, und bei der Unterſtuͤtzung, welche ſie von dem Muͤller Albert erhielt, konnte es nicht fehlen, daß der gute Torf das Opfer der Intri⸗ 51 que ward. Es fehlte nur noch eine Perſon, welche bei der Ausfuͤhrung die Hauptrolle zu ͤber⸗ nehmen geſchickt war, und dies war die einzige Urſache, warum die Sache nicht um anderthalb Jahre fruͤher ausgefuͤhrt ward, denn da der Bauer, der die Rolle des Beſchwoͤrers im Walde geſpielt hatte, kurz nach Heim verſtorben war, ſo fand ſich nicht ſo ſchnell, als die Wittwe und Albert wuͤnſchten, eine andre gleich brauchbare Perſon. Die Ankunft eines Abentheurers half ihnen endlich auch aus dieſer Verlegenheit. Die⸗ ſer, der einſt des Abend auf der Sternmühle um ein Nachtlager bat, zeigte, als dieſer ihn willig aufnahm, waͤhrend des Abendeſſens ſo viele Ei⸗ genſchaften, welche ihn zu der zu uͤbernehmenden Rolle geſchickt zu machen ſchlenen, daß dieſer ihm ohnbedenklich den Plan entdeckte, worauf er ſich auch ſogleich zur Uebernahme der Hauptrolle willig finden ließ, wogegen ihm Albert ein Quart der zu erhaltenden Beute zuſchickte, das zweite Quart ward Alberten ſelbſt, und die uͤbrige Haͤlfte der Wittwe Heim, welche man ſogleich, um den Plan ins Reine zu arbeiten, herbeirief, ſtipulirt. Der Abentheuer ſelbſt war wirklich Raͤu⸗ bereien beantheiligt, und hatte bei einer derſelben durch die herzugekommene Polizeiwache, gegen welche er ſich zur Wehre ſetzte, ſeine Hand verloren; hierdurch war er gezwungen worden, die Gegend zu verlaſſen, hatte ſich ſeit einiger D 2 52 Zeir als ein ächter Vagabund im ſüdlichen Deutſch⸗ land herumgetrieben, wo er ollerlei ſchlechte Strei⸗ che angefangen, und war nun in dieſe Gegend gekommen, um ſein Gluͤck zu verſuchen, das er unter der Firma eines durch die Revolution un⸗ gluͤcklich und verſtuͤmmelt gewordenen Geiſtlichen leicht zu erlangen hoffte. Alles war von dieſem Kleeblatte mit der aͤuſ⸗ ſerſten Sorgfalt und Genauigkeit berechnet. Da Torf mit der Wittwe in einer Art von Unfrieden lebte, fbeile weil ihn derſelben Tochter ſo ſprd⸗ de behandelt hatte, theils auch, weil dieſe die ihm von threm Manne bei ihm gemachte Schulden nicht bezahlen wollte, ſo waͤhlte man den Zwi⸗ ſchenweg, ihm durch Blindern die Anweſenheit eines Mannes bekannt machen zu laſſen, der den Geiſt zu beſchworen und den Schatz zu heben im Stande ſey. Torf wollte zwar, wie wir geſehen haben, auf dieſe Mittheilungen deswillen in die Sache nicht eingehen, weil der Sterutholer Muͤl⸗ ler in die Soache verflochten zu ſeyn ſchien; er ward aber doch dadurch vorbereitet, ſeine Phan⸗ taſie gereizt. und er fuͤr die Sache mehr empfaͤng⸗ lich gemacht; es ward daher der Wittwe ſehr leicht, als ſie nun ſelbſt bei demſelben auftrat, ihn ganz fuͤt die Sache zu gewinnen. Um dies mit deſto mehr Gewißheit zu erwieſen, hatte der Beſchwdrer auf Alberts Einleitung eine Probe ſei⸗ ner Kunſt gemacht, und abſichtlich hatte manden Nachbaen der Heimin, den Holzhauer Friſch bier⸗ 53 zu eingeladen. Dieſer war ein allgemein ge⸗ ſchaͤtzter Mann, an deſſen Redlichkeit niemand zweifelte, aber zugleich ein eben ſo beſchraͤnkter Kopf und aͤußerſt aberglaubig; es ſchien ſo na⸗ tuͤrlich zu ſeyn, daß mau ihn als den naͤchſten Nachbarn zu Hulfe rief, und es war vorauszuſehen, daß Torf zu ihm gehen und bei ihm ſich uͤber die Sache erkundigen wuͤrde, ſo bald er erfuͤhre, daß derſelbe dem Beſchwoͤrungsakte beigewohnt habe. Einem ſo ſchlauen Betruͤger, als der Beſchworer war, war das aͤußerſt leicht, dieſen. ehrlichen Tropf durch ſeine Bauchrednerkuͤnſte zu täuſchen, und dieſer von Schrecken und Erſtau⸗ nen erfuͤllt, rapportirte Torfen, als er bei ihm Erkundigung einzog, in der Einfalt ſeines Her⸗ zens alles, womit man ihn ſo glucklich getaͤuſcht hatte.— Abſichtlich hatte die Wittwe Torfen erſt am andern Morgen zu dem Beſchworer be⸗ ſtellt, da es ihr daran gelegen war, daß er erſt zu Friſch gehe, und Erkundigung einhole, um ihn deſio ſicherer zu machen, und der Beſchwoö⸗ rer brachte indeſſen bei der Wittwe, wie dieſe im Verlaufe der Unterſuchung geſtand, mit etwas ganz anderm, als Beten, die Nacht zu⸗ Ale der Beſchworer den guten Torf durch die Kuͤnſte der Bauchrednerei getaͤuſcht hatte, deren er in einem ſo hohen Grade Meiſter war, daß er auf ſeinen Wanderungen jn großen Staͤdten, wo er ſie fuͤr Geld dem Publikum zeigte, dadurch ſich oft eine anſehnliche Einnahme verſchafft hat⸗ 3 te, ward das von demſelben herbeigeſchaffte Gold ſofort unter den Beſchworer, Alberten und die Wittwe kontraksmaͤßig vertheilt, und es entſtand nur noch die Frage: wie dem Pfaffen, der es auf ſich nehmen mußte, den Schein, als habe er ſaͤmtliche allein betrogen, auf ſich haften zu laſſen, mit der hinlaͤnglichen Sicherheit ein Vor⸗ ſprung in die weite Welt zu verſchaffen ſey. Auch dieſer Plan ward mit der groͤßten Schlauheit ver⸗ abredet, wobei dann das Zutrauen, welches der Beſchworer Torfen eingefloßt hatte, in vorzuͤgli⸗ chen Anſchlag kam, und um dies noch mehr zu verſtaͤrken, lud derſelbe den Getaͤuſchten ſelbſt ein, ihm eine Art von Wache auf der nothwen⸗ dig von ihm zu unternehmenden Reiſe in das be⸗ nachbarte Ort mitzugeben, wie wir geſehen ha⸗ ben, und es ward ihm ſehr leicht, dieſen Be⸗ gleiter, der nicht einmal etwas arges muthmaßte, zu hinkergehen. Die Wittwe und der Sternthaler Muͤller wur⸗ den von den Gerichten zum Erſatze des Goldes und einer zweijaͤhrigen Zuchthausſtrafe verurtheilt, von welcher letztre aber nach einem halben Jahre durch die unablaͤßigen Fuͤrbitten des braven Torfs befreit ward. Die ſchoͤne Albertine hierdurch vollends ihrer großen Heiraths ſpekulationen be⸗ raubt, wayf nun wieder ihr Netz auf Torfen aus, der verliebt und einfaltig genug war, ſich in dem⸗ ſelben fangen zu laſſen; und ſo endete ſich dann 55 vor einigen Wochen die ganze Intrigue als aͤch⸗ ter Roman mit einer Heirath. Die Moͤnche von P—bowa. Der bekannte engliſche Schriftſteller Wilhelm Winterbotham erzaͤhlt in ſeiner Darſtellung von China*), im zweiten Bande, S. 135: Ein Brief den Pater Laureati(eines zur Veibreitung des chriſtlichen Glauben nach China abgeſchickten Jeſuiten, der ſich mehrere Jahre lang in dieſem großen und merkwuͤrdigen Reiche aufhielt) er⸗ zahlt uns eine Anekdote, durch die wir im *) Sie iſt unter dem LTitel:„Ausfuͤhrliche Darſtel⸗ lung von Sina und ſeinen zinsbaren Staaten, oder Geſchichte, Geographie, Naturgeſchichte, Regie⸗ rungsverfaſſung, Religion, Geſetze, Sitten und Gebraͤuche, Litteratur, Kuͤnſte Wiſſenſchaften, Ma⸗ nufakturen, Handel ꝛc. des ſineſiſchen Reiches, in zwei Bändchen, aus dem Engliſchen uͤberſetzt zu Erfurt 1708 erſchienen, und bildet den erſten Theil Ficks Magazin der neueſten vorzuglichſten Rei⸗ en. Stande ſind, uns von der Wolluſt der Bon⸗ zen(der chineſiſchen Moͤnche) und von ihrer geheimen und ſchaͤndlichen Lebensweiſe einen Begriff zu machen.— In der Naͤhe der Stadt Foutcheou war ehemals eine beruͤhmte Pagode, die von den beruͤhmteſten Bonzen der Provinz bewohnt wurde. Die Tochter eines chineſiſchen Doctors, die nebſt zwei weiblichen Begleiterin⸗ nen auf das Landhaus ihres Paters gehen wollte, hatte die Reuglerde, dieſen Tempel zu ſehen, und ließ die Bonzen bitten, daß ſie ein wenig weggehen moͤchten, bis ſie ihre Gebete verrichtet haͤtte. Der vornehmſte der Bonzen war begierig, dies junge Madchen zu ſehen, und verbarg ſich hinter dem Altare. Er hatte ſich kaum erblickt, als er ſich von ihren Reizen verwundet fuͤhlte, und beſchloß, ſeine thieriſche Luͤſte an derſelben zu befriedigen. Er befahl zwei andern Bonzen, ſeinen Vertrauten, ſich der zwei Begleiterinnen zu bemaͤchtigen; und er ſelbſt zwang das junge Maͤdchen, ſich ſeinen Be⸗ gierden zu unterwerfen, ohngeachtet ihres G ſchreies und ihrer Thraͤnen. „Der Vater blieb nicht lange mit der urſche der Abweſenheit ſeiner Tochter unbekannt; er wußte, doß ſie in die Pagode gegangen und ſo⸗ dann verſchwunden war; er verlangte daher, daß man ſie wieder herausgebe. Die Bonzen erwiederten, ſie habe zwar ihren Tempel beſucht, ſey aber wieder hinweggegangen, nachdem ſie ihr „ Gebet habe verrichtet gehabt. Der Doctor, dem ſchon bei ſeiner Erziehung die verraͤchtlichſteu Ge⸗ ſinnungen gegen die Bonzen eingefloͤſt worden waren, wendete ſich an den tartariſchen Statt⸗ halter der Provinz, und verlangte Gerechtigkeit gegen die Raͤuber ſeiner Tochter. Die Bonzen ſprachen auf eine ſehr geheimnißvolle Art, daß der Gott Fo die junge Schonheit, in die er ver⸗ liebt worden ſey, entfuͤhrt habe; und der Bon⸗ ze, der das Verbrechen begangen harte, bemuͤhte ſich den Doctor durch eine ſehr pathetiſche Rede zu uͤberzeugen, wie ſehr er und ſeine Familie vom Fo dadurch beehrt worden ſey, daß dieſer ſeine Lochter ſeiner Geſellſchaft und ſeiner Liebe werth geachtet habe. Allein der tartariſche Statthalter hatte zu viel guten Menſchenverſtand, als daß er dieſe Luͤgen haͤtte glauben ſollenz er beſchloß daher, in der Pagode Nachſuchung zu halten, und als er jeden Winkel und jede Ecke derſelben durchſuchte, horte er ein dumpfes Geſchrei, wel⸗ ches aus der Tiefe des Felſen herauf zu kommen ſchien; er gieng ſogleich auf den Platz zu, und bemerkte eine eiſerne Thuͤre, die den Eingang zu einer Grotte verſperrte. Nachdem er ſie hatte aufbrechen laſſen, ſtieg er hinab in ein unterir⸗ diſches Zimmer, und fand daſelbſt die Tochter des Doctors und uͤber zwanzig andere Frauens⸗ perſonen die in dieſer elenden Wohnung eingeſperrt waren. Der Statthalter legte hierouf, nachdem er dieſe befreit hatte, an den vier Ecken des Ge⸗ baͤndes Feuer an, und zernichtete durch daſſelbe«„„ den Tempel, die Altaͤre und Gotter ſamt ihren ſchaͤnblichen Dienern.“ Wir haben eben nicht noͤthig, nach China zu reiſen, um Beiſpiele dieſer barbariſchen Moͤnchs⸗ wolluſt zu finden, noch uns in die graue Vorzeit zu verirren; jedes Kapuzinerkloſter giebt uns noch jetzt Belege genug, daß dieſe Saugthiere des fleißi⸗ gen Staatsbuͤrgers, dieſe ſchaͤndlichen Hummeln des Staats noch jetzt eben ſo wolluͤſtig ſind, als ihre Vorfahren des Alterthums oder ihre, ihnen durchaus an Heuchelei und Betruͤgerei aͤhnliche Bruͤder im HOriente.— Wenn dieſelben ihrer Thlerheit nicht mehr mit eben der dffentlichen Barbarei frohnen, ols einſt hier und jetzt noch dort geſchieht, ſo iſt dies zuverlaͤßig nicht eine Folge ihres beſſern Willens, ſondern einzig eine Folge der Aufklaͤrung, welche eine ſtrengete Po⸗ lizei uͤber dieſe Menſchen haͤlt.— Aber auch dleſe kann oft die kuͤhnen Verletzungen der Geſe⸗ tze, welche dieſe Elenden ſich ſo gerne erlauben, nicht abwenden, und es fehlt weniger an Beiſpie⸗ len der abſchenlichſten Greuelthaten, als blos an einem Aufzeichnen derſelben, da es denſelben ſtets gelingt, ihre Verbrechen, wenn ſolche auch hie und da zu den Ohren der Obrigkeiten ge⸗ langen, wenigſtens in ſo weit zu unterdruͤcken, daß ſie ſelten zur Kenntniß des großeren Publi⸗ kums kommen. 4 50 Eine der obenerzaͤhlten chineſiſchen Barba⸗ rei ganz aͤhnliche Geſchichte trug ſich noch in dem Anfange der dreißigen Jahren des abge⸗ laufenen Jahrhunderts in dem pohlniſchen Klo⸗ ſter P howa zu. Sie geſchah in den letzten Jahren der Regierung des pohlniſchen Konigs Auguſt II.(er regierte von 1697 bis 1733. und ſtarb am aſten Hornung 1733), und vielleicht war das hohe Alter dieſes Regenten und ſeine daher entſtandene Geſchaͤftserſchlafung vielleicht aber auch die demſelben eigne uͤbertrie⸗ bene Froͤmmigkeit daran ſchuld, daß dieſelbe nicht mit eben der gerechten Strenge und der nothwendigen Energie geſtraft worden, mit wel⸗ cher der gerechte chineſiſche Mandarin die chine⸗ ſiſche Monchsbarbarei beſtrafte; denn es wäre unblllig, aus dieſem Umſtande, und uͤberhaupt der großern Nachſicht und groͤſſern Ehrerbie⸗ tung, mit welcher in unſerm Welttheile die chriſtlichen Bonzen behandelt werden, wenn da⸗ gegen die chineſiſchen mit der Verachtung ges brandmarkt ſind, welche ſie verdienen, auf ei⸗ nen Ruͤckſtand unſerer Aufklaͤrung und unſerer Polizei gegen jene China's ſchließen zu wol⸗ len. Alljaͤhrlich an der Feier und Geburt Ma⸗ riens, welche auf den achten Tag des Herbſt⸗ monats faͤllt, feierten die Bernardiner Mduche von P— howa ein großes Feſt zu Ehren eines 60 wunderthaͤtigen Marlenbilves, das in ihrer Kir⸗ che aufgeſtellt war. Es war der Legende zu⸗ folge vor einigen hundert Jahren in einem Walde am Wege aufgeſtellt geweſen, und eini⸗ gemal von da weg und weiter gewandert, hat⸗ te dieſe Wanderung, wenn es an ſeine vorige Stelle zuruͤckgebracht ward; immer wiederhoit, und war am Ende gar nicht mehr an dieſe Stelle zuuͤckzubringen, ſo viele Muͤhe man ſich auch gab, dies zu bewirken. Man gab ſich nun Muͤhe, die Urſache dieſer Abueigung des Bildes gegen einen Plotz zu ergruͤnden, auf welchem es ſich ſolches ſchon ſeit Vertrei⸗ bung der Heiden aus jenen Gegenden hatte gefollen laſſen, und entdeckte endlich, daß der Grund derſelben darin lag, weil ein Jude, der mit ſelner Magd wochentlich von dem Trodelmark⸗ te einer benachharten Stadt auf ſein Wohnort heimkehrte, an dieſer Stelle zu ruhen und mit ſeiner Begleiterin Unzucht zu treiben pflegte. Der Jude ward fuͤr dieſen Greuel, dem Geiſte der damaligen Zeit nach, fuͤrchterlich beſtraft, und man baute uͤber die Eiche, auf welcher das Bild ſeit der erhaltenen Aergerniß ſeine Wohnung auf⸗ geſchlagen hatte, eine Kirche und nebenan zu derſelben und des Bildes Dienſte ein Kloſter, welches ſogleich auch mit Moͤnchen bevolkert ward. Dieſe Moͤnche hatten die Regel des heiligen Bernards zur Kloſterregel erhalten, und die Sa⸗ 61 ge verſichert, daß ſie ſolche im Anfange muſter⸗ haft und ſtrenge befoigt haͤtten. Duſch dieſen Ruf eines ſtrengen aſcetiſchen Lebens vermehrte ſich der Zulauf des Volkes zu dem gnadenwir⸗ kenden Bilde, und fromme Pilger wallfahrten von alien Gegenden herbei, Gebete und Opfer zu bringen. Die benachbarten Guͤtherbeſitzer uͤberhaͤuften die Kirche mit frommen Vermaͤcht⸗ niſſen, und bald waren die Finanzen des Klo⸗ ſters auf eine Hohe gebracht, daß die Monche gleich jenein deutſchen Reichspraͤlaten von ihren drei Geluͤbden zu ſagen pflegten:„Das Geluͤbde des Gehorſams habe ſie zu unabhaͤngigen Herrn, — das Geluͤbde der Armoth zu Milllonaͤrs ge⸗ macht.“ Won den Zinſen, die das Geluͤbve der Keuſchheit ihnen trug, ſchwiegen ſie, gleich jenem, weislich ſtile; die gegenwaͤrtige Geſchich⸗ te aber lernt uns eine der Akzidentien kennen,, welche daſſelbe ihnen einbrachte. Bei dem Geburtsfeſte Mariens, das ſie jaͤhrlich wit dem hoͤchſten kirchlichen Prunke fei⸗ erten, werden alljährlich richtig einige Wunder gewirkt. Der Zulauf des Volkes aus den ent⸗ fernteſten Gegenden war ungehener, und dieſe Wallfahrt bildete ein weit glanzvolleres Schau⸗ ſplel, als die beruͤhmteſten Meſſen und Maͤrkte Europens kaum bilden.— Vorzuͤglich ſtark ward dies Feſt von dem andaͤchtigen weiblichen Ge⸗ ſchlechte beſucht, und die bdſe Fama erzaͤhlte eine Menge uͤbler Anekdoten, welche— des ſchau⸗ 62 dervollen Beiſpiels, das von dem wundervollen Marienbilde, wegen einer Suͤnde der Unkeuſch⸗ heit einſt gegeben worden, ohngeachtet— in deſſen Nähe von den wallfahrtenden Weibern und Maͤdchen innerhalb und außerhalb des Klo⸗ ſters bei dieſer Gelegenheit gegeben murden. In dem Jahre, in welches unſre Geſchichte faͤllt, war die Wallfahrt minder beſucht, als ge⸗ wohnlich, und vorzuͤglich erſchienen— dem ſehnlichſten Wunſche der Moͤnche zuwider weit weniger Weiber und Maͤdchen. Es ge⸗ ſchahen daher auch mehr Wunder, als gewoͤhn⸗ lich, weil die Moͤnche dadurch die Wallfahrt des kaͤnftigen Jahres mehr zu verſtaͤrken ſuchten. Um deſtomehr aber konnten dieſelben jetzt auf die ein⸗ zelnen Schoͤnheiten, welche vor ihren Altaͤren erſchienen, aufmerkſam ſeyn, die ſonſt unter der Menge der Beſuchenden ihren Blicken leichter ent⸗ giengen. Eine derſelben fiel diesmal dem ehrwuͤrdigen Abte vorzuͤglich in die Augen. Sie war ein Ideal weiblicher Schdnheit; ihre Reize unendlich erhbht durch den Anſtrich ſchwaͤrmeriſcher Andacht, mit der ſie zu dem wunderthaͤtigen Bilde flehte. Der Abt ward erſtern Blickes verliebt in dieſe Schoͤnheit, wie er ſie noch nie geſehen hatte. Er gab ſogleich einem verſchmitzten Mönche Befehl, zu erforſchen, wer ſie ſey, woher ſie komme, und uͤber alle ihre Verhaͤltniſſe die genaueſten Nachrichten einzuziehen. Sie ſey, referirte die⸗ ſer bald, die Tochter eines reichen Haufmanus, der in einem drei Stunden weit von dem Kloſter, entfernten Staͤdtchen wohne, von dem unbe⸗ ſcholtenſten Wandel, und habe heute der Weg zum Kloſter zu Fuße zuruͤckegelegt, um der heili⸗ gen Jungfrau ein Geluͤbde zu erfuͤllen, welches ſie bei einer Krankheit ihres Vaters derſelben ge⸗ than habe. Sie heiße Luzilie Ramofski, und ſey des reichen Rawofski einzige Tochter. Flugs entwarf nun der heilige Mann, der ſich von der Gewalt der Reize der ſchdnen Bete⸗ rin ſtets ſtaͤrket angezogen fuͤhlte, den Plan, zu derſelben Beſitze zu gelangen. Die Hoſtie, wel⸗ che dieſelbe zum Abenbmahle nahm, enthielt ein heftig wirkendes Brechwittel, welches, als Lu⸗ zilie kaum die Kirche verlaſſen hatte, und nun in einem der benachbarten Gaſthaͤuſer ſich Eſſen reichen ließ, ſeine Wirkung mit der aͤußerſten Hef⸗ tigkeit that. Was der Abt vorausgeſehen hatte, geſchah; der Wirth eilte, als das Erbrechen fort⸗ waͤhrte, und das Maͤdchen immer kraͤnker und ſchwaͤcher zu werden ſchien, ins Kloſter, um dort Huͤlfe zu holen, welche er der Leidenden anders woher nicht gleich verſchaffen konnte, da kein Arzt in der Naͤhe war. Einer der Vertrauten des Abts, ſchon zuvor auf dieſen Fall von ſeinem geiſtlichen Vorſteher genau unterrichtet, giena zu der Leidenden, deren Erbrechen durch ein Glas Mandelmilch, welches der Monch unter dem Vor⸗ 64 wande, als ſey es Milch der heiligen Jungfrau, die das wunderthaͤtige Bild von Zeit zu Zeit aus ſelnen Bruͤſten traͤufe, unter eiftigen Gebeten ihr reichte, ſogleich geſtillt ward. Alles ſchrie Wunder, die Gegenwaͤrtigen und der Moͤnch hat⸗ ten ſehr bald ausgefunden, daß Luzilie noch eine Suͤnde auf ſich habe, und daher das Abendmahl in einem unwuͤrdigen Zuſtande empfangen habe, welches die Urſache des Erbrechens geweſen ſey⸗ Hierdurch ward es nothwendig gemacht, daß das Maͤdchen ſich durch eine neue Beichte reinige, und Luzitie ward daher an dem Wallfahrtsorte zuruͤckgehalten, wenn anch ihre Schwaͤche es ihr erlaubt haͤtte, ſich von demſelben zuruͤcke zu be⸗ geben. Die Moͤnche ſorgten fuͤr ihre Unterkunft und Verpflegung; an welchen beiden es in denen blos zur Aushuͤlfe der dieſen Walffahrtsort beſuchen⸗ den Pilger um das Kloſter her erbauten Witths⸗ haͤuſern ſehr gebrach.— Am andern Tag, als Luzille ſich erholt hatte, wiederholte ſie ih⸗ re Beichte. Das arme Kind ſollte dem Moͤn⸗ che die Suͤnde angeben, die ſie in der am Ta⸗ ge zuvor abgelegten Beichte verſchwiegen habe. In dem Gedraͤnge, in das ſie, keiner ſolchen Verheimlichung bewußt, gerieth, entdeckte ſie dem Monche, der ihre Beichte anhorte, daß ſie eineu Geliebten habe, deſſen Umgang ihr Va⸗ ter ihr unterſagt habe; daß aber die Gewalt 65 der Liebe es ihr unmoͤglich mache, dieſem vaͤ⸗ terlichen Befehle zu folgen. Sie ſchloß da⸗ mit, daß ſie den Beichtiger bat, bei dem wun⸗ derwirkenden Vilde es zu erflehen, daß dies das Herz ihres Voters ruͤhre, und ſo dies die Stelle einer Kupplerin bei ihr vertrete. Bei dem ſchlauen Moͤnche war dieſer Saa⸗ me nicht auf Sand gefallen. Er ſagte dem liebenden Maͤochen, daß dieſer Umgang mit ih⸗ rem Geliebten gegen das Verbot ihres Vaters allerdings ſuͤndlich ſey, und daß ſie ſich daher deſſelben enthalten ſolle. Allerdings konne ihr die wunderwirkende Maria zu P— howa zu ih⸗ rem Geliebten verhelfen, nur werde fuͤr dieſe Verkupplung auch ein eigner derſelben woblge⸗ fälliger Kuppelpelz erfordert. Luzilie geſtand freimuͤthig, doß ſie ſich ohnmoͤglich von ihrem Geliebten trennen könne, und der Mduch ſetzte hierauf als Kuppellohn feſt, daß das Maͤdchen durch vier Wochen, jede Woche zwei Tage lang faſten, gewiſſe Gebere beten, und dann am Samstage nach Martini Naͤchts um zwolf Uhr mit ihrem Geliebten ſich in aller Stille an den Ort verfuͤgen ſolle, wo das P—howaer Marienbild hiebevor geſtanden hatte, ehe es die Unzucht des unkeuſchen Juden von demſelben ver⸗ trieben habe, um dort zu beten. Dann, ſagte er, konnten ſie ſchon am folgenden Tage der Gewaͤbrung ihres Wunſches gewiß ſeyn. Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. E 66 — Luzilie und ihr eben ſo aberglaͤubiger Gelieb⸗ ter befolgten treulich die Vorſchrift des Moͤnchs, faſteten und beteten regelmaͤßig an den bezeichne⸗ ten Tagen, und erſchienen eben ſo richtig an dem Saniſtage nach Martinstage Nachts zwolf. Uhr an dem vorgeſchriebenen Orte. Vergebens durchſuchten am andern Tage die Eltern der beiden Liebenden die ganze Gegend, vergebens erſchopfte man ſich in Nachforſchungen, beide waren verſchwunden. Man war uͤberzeugt, daß beide, der hartherzigen Verweigerung des alten Ramofeki muͤde, mit einander durchgegan⸗ gen ſeyen. PVon der Wallfahrt derſelben zur ehe⸗ maligen Stelle des Manſenbiies war niemand et⸗ was bekannt,— Um die Wallfahrtszeit des folgenden Jahres reiſte ein polniſcher Unteroffizier aus dem Staͤdt⸗ chen, woraus Luzilie im vorigen Jahre verſchwun⸗ den war, noch P—howa. Es war ein junger Wuͤſtling, den, gleich ſo vielen andern, nicht Anoacht, ſondern der Trieb nach Genuß, der bei dieſer Wallfahrt in jeder Geſtalt zu genieſ⸗ ſen war, nach dieſem Andachtsorte trieb. Er hatte den Tag uͤber im Wirthshauſe bei denen hieher kommenden Dirnen und dem Weine zu⸗ gebracht, und war gegen Abend, als ihn ein Rauſch von den erſteren trennte, in die Kirche gegangen, um beilaͤufig auch dieſe zu beſuchen. Dort beſtieg er einen zur Seite angebrachten 67 Chor, wo er ſich in einen Betſtuhl warf. Bald aͤußerte der Rauſch ſeine Kraft, und der Trunkenbold entſchlief nach einer wohlthätigen Entladung Da der Chor, auf welchem der Soldat eingeſchlafen war, ſelten von Betenden beſucht ward, und uͤberdem derſelbe nicht leicht bemerkt werden konnte, weil er vom Betſtuhle heruntergefallen war, und unter demſelben ſchlief, ſo ward er, als die Kirche geleert war, und nun verſchloſſen ward, in dieſelbe einge⸗ ſchloſſen. Gegen Mitkernacht, als der Rauſch verduͤn⸗ ſtet harte, erwachte der Unteroffizier vom Dröh⸗ nen der Kirchenthuͤten. Staunend entdeckte er, wo er ſich befand, und alle Gegenſtaͤnde, auf welche ſeine erſten Blicke fielen, vermehrten dieſes ſtarrende Staunen Ein Mönch, ſchauer⸗ lichen Anſehens durch die lange weiße Kutte, die ihn umſchloß, ſchritt, eine Lampe in der Hand, langſam die Kirche herab, ſchob vor einem der Seitenaltaͤre den Stein, der das Piedeſtal des Alrares blidete, hinweg, und ſtieg in die geoff⸗ nete Gruft. Tiefe Stille umgab jetzt wieder den Zitternden, und ſchwarzes Dunkel; nur vor dem hohen Altare brannte mit mattem Scheine eine haͤngende Lampe. Unſer Soldat gehoͤrte nicht unter die Furchtſamen, aber gleichwohl erbebte er vor dieſem Auftritte, der unter allen Umſtauden, unter denen er geſchah, den aus dem Schlafe E 2. 68 — Auftaumelüden erſchuͤttern mußte. Die tiefe Stllle, die jetzt folgte, gab ihm Zeit, ſich zu ſammeln, und er fand bald nichts uͤbernatuͤr⸗ liches weiter mehr darin, daß in einer Klo⸗ ſterkirche ein Moͤnch des Nachts die Kirche be⸗ ſuche, obgleich alles das, was er ſah, ihm eben auch nicht auf einen Beſuch zu deu⸗ ten ſchien. Eben ſchlug Kirchenuhr zwoͤlfe. Die Thuͤre, welche aus dem Kloſter zur Kirche fuͤhr⸗ te, ward geoffnet, und in einer Doppelreihe ſchritten acht Moͤnche mit breunenden Kerzen in der Hand die Kirche herunter, in ihrer Mitte ein jammerndes Weib. Der Mouch, der zuerſt den Lauſcher ſo ſehr erſchreckt hatte, entſtieg jetzt auch wierer der Gruft, und ſchloß ſich an den Zug. Deutlich ſah er jetzt, daß das weinende Weib, welches ſie fuͤhrten, ſchwanger war, und noch deutlicher erkannte er jetzt daſſelbe, als der Zug gegen ihm uͤber an dem Seitenaltare ſtille hielt, in deſſen Gruſt der Monch vorhin hinabgeſtiegen war;— es war Luzilie. Der Soldat, welcher die Ungluͤckliche, in deren Geburtort er in Garniſon lag, genau kann⸗ te, und wußte, daß dieſelbe vor einem Jahre verſchwunden war, und der Verſtand genug hat⸗ te, um aus dem, was er hier ſah, den Zuſam⸗ menhang der Sache ſich erklaͤren zu koͤnnen, be⸗ lann ſich ein wenig, ob und was er fuͤr dieſe 69 Ungluͤckliche zu thun vermoͤge. Die Ueberzeu⸗ gung, daß er allein gegen die ganze zahlreiche Bevolkerung des Moͤnchskloſters nichts vermd⸗ ge, daß er alſo, wenn er losbraͤche, ſich zwek⸗ los opfere, ohne dem bedaurungswuͤrdigen Maͤd⸗ chen zu nützen, vermochte ihn, ſich aͤußerſt ſtile und verborgen zu halten, und blos zu beobachten. Er glaubte, die Moͤnche wuͤrden die ungluͤckliche Luzille hier einſperren, um ſo dieſelbe und ihre Schande den Augen der Welt zu entziehen, und hoffte er dann am andern Tage dieſelbe zu befrelen, und in die Arme ihres traurenden Vaters zuruͤcke zu liefern; aber bald ward er auf eine fuͤrchterliche Weiſe uͤberzeugt, daß Monchsbosheit noch weit groͤſ⸗ ſer ſey, als menſchliche Begriffe reichen; daß Mdnchsgrauſamkelt weit ſchrecklicher wuͤthe, als alle Barbarei der beruͤchtigſten S in der Un⸗ menſchlichkeit. Der Abt, den der Lauſcher leicht an dem goldnen Kreuze vor der Bruſt erkannte, hieß, als der Zug vor der geoffneten Gruft angekom⸗ men war, das jammernde Miädchen nieder⸗ knieen. al ſie duldend dieſen Befehl befolgt, fragte kalt ſie der Unmenſch, ob ſie genug ſich zum Tode bereitet habe, oder nochmal zu beich⸗ ten verlange. Mit dem Tone der Verzweif⸗ lung flehte das ungluͤckliche Maͤdchen um Gna⸗ de zu den fuͤhlloſen Barbaren, flehte um das 70 Leben des Kindes, das unter ihrem hrechendon Herzen ſie trug, und vas ja auch ihr Kind ſeyr Kaͤlter als die Statuen, ünter denen ſie ſich befanden, blieben die namenlos Schaͤndlichenz mit dem Hohne eines Teufels erwiederte iht det Abt:„du haſt genug gelebt unter uns, genug genoſſen; es iſt Zeit, daß wir ſcheiden,“ und ſenkte dann raſch einen Dolch in die Bruſt der Almen; ſeinem Beiſplele folgten die uͤbrigen Unholden; wimmernd unter den Händen der Morder verrdchelte das bedaurungswuͤtdige Opfer viehiſcher Monchswolluſt und mehr als teufliſcher Moͤnchsgrauſamkeit.— Elner der Moͤrdcr be⸗ gieng noch die bizarre Abgeſchmacktheit, der Sterbenden, als er ſeinen Pölch blutig aus ih⸗ rer Bruſt zuruͤck gezogen haite, ie Generalabſo⸗ lution zu erthellen. unnnd Der Leſchnam der windiich we notdeten ward in die offue Gruft geworfen, das Altarblatt vorg, chyben, Bit Mordpletz von dem Blute ge⸗ reinigt, und mit Sande beſtreyie Den Solog ten zerriß Wehmnh und Pangigkeſt.— Fänf Stunden darauf ſaugen die Winche dſe Horas, und gegen ſechs Uhr ward. die Kirche den Beten⸗ den eoffnet, welche ſchon ſeit zwei Stunden an den Stufen derſelben gelegen hatten. die Oe f. nung des Heiligthums mit Anehn erwar⸗ tend. Der Unteroffiz ſer war glückiſch genug, nicht bemerkt worden zu ſeyn, denn in dieſem Falle * — ß 77 haͤtte eigne Sicherheit die Monche gezwungen, ihn gleichfalls zu morden, und eben ſo gluͤcklich entkam er unbemerkt aus der Kirche. Er eilte jetzt zu dem Pater der ungluͤcklichen Luzilie, das tragiſche Ende ſeiner Tochter ihm zu ver⸗ kuͤnden. Ramwofski brachte ſogleich die Sache vor den Woywoden. Dieſer, ein biederer Greis und Feind der Monche, ordnete auf der Stelle eine Kommiſſion an, um die Sache mit aller Strenge zu unterſuchen. Der Unteroffizier ward gericht⸗ lich vernommen, und gleich hierauf verfuͤgte ſich eine Kommiſſion nach P—howa, um durch Heff⸗ nung der Guft ſich von der Wahrheit der Anzei ge zu uͤberzeugen. Ein Detaſchement Kavallerie begleitete dieſelbe, weil man nicht ohne Grund von Seiten der Moͤnche, die eine ganze Menge von Knechten unterhielten, Widerſetzlichkeit be⸗ fuͤrchtete. Der Soldat zeigte in Gegenwart der uͤbrigen verſammelten Moͤnche den Kommiſſarien den Eingang der Gruft; der Abt und die Mit⸗ genoſſen ſeiner Greuelthat erblaßten. Aller Muth und Gegenwart des Geiſtes verließ ſie, als ſie ſich entdeckt ſahen. Man offnete die Gruft und fand zwei Leichen, deren eine ſchon halb verweßt in einem Winkel moderte, und die andere ſogleich von Ramofski fuͤr den Leichnain ſeiner ungluͤcklichen Tochter anerkannt wurde. Die Boͤſewichter hatten ſie mit neunzehn Stichen ermordet. Sſe war im neunten Monate ſchwan⸗ 72 ger und ihrer Entbindung nahe geweſen; zwei Stiche hatten ſogar den Knaben durchbohrt, den noch ihre Eingeweide verbargen. Das ganze Moͤnchskorps ward verhaftet. Bei der Unterſuchung, welche man zwar ge⸗ heim, aber doch nach allen Regeln und Formali⸗ täten der Geſetze uͤber dies entſetzliche Verbrechen vornahm, fand ſich, daß unter den ſaͤmtlichen Bewohnern dieſes Schlangenneſtes nur ein ein⸗ ziger gauz ſchulblos war, alle andern waren mehr oder weniger Verbrecher, und dieſer einzige war — bloͤdſinnig. Luziliens Geſchichte erhielt hier⸗ durch folgende Enthuͤllung. Abſichtlich hatte der Pfaffe, der die ungluͤck⸗ liche Beicht⸗ horte, derſelben geſagt, daß ſie mit ihrem Geliebten die naͤchtliche Wollfahrt, nach weicher beide unſichtbar geworden waren, unter⸗ nehmen ſolle, theils weil er fuͤrchtete, daß ſie allein dieſelbe nicht wagen moͤchte, theils aber und verzuͤglich um deswillen, damit, wenn beide zugleich verſchwaͤnden, der Verdacht entſtehen moͤge, daß beide m einander durchgegangen ſeyen, wodurch alle Nachforſchungen nach den⸗ ſelben irre geleitet wuͤrden. Daß Luziliens Ge⸗ liebter mit verſchwinden müſſe, dafuͤr wad gleich⸗ fals geſorgt. Als die Liebenden an dem beſiimmten Orte ankamen, ergtiffen funfzehn rerkappte Monche 73 dieſelbe, trugen das weinende Maͤdchen, dem ſie den Mund verſtopften, nach einem vergeb⸗ lichen Widerſtande zum Kloſter, und uͤbergaben den Juͤngling— ſchen Werbern, welche ſie zu dieſem Zwecke herbeigerufen hatten, und ſchon ſeit einigen Tagen in dem Kloſter verſteckt hiel⸗ ten, denen ſie es gegen eine Summe Geldes zur Bedingniß machten, den Juͤngling zum Seedienſte abzugeben, und dafuͤr zu ſorgen, daß er Europa nie wieder ſehe. Die ungluͤckli⸗ che Luzilie ward von den Moͤnchen der Reihe nach zu Abſcheulichkeiten gezwungen, welche wieder zu erzaͤhlen, mir die Feder den Dienſt verſagt. Als Jammer und eine ungluͤckliche Schwan⸗ gerſchaft Luziliens Reize verwuͤſtet hatten,— endlich die Moͤnche geſaͤttiget waren, und nun befuͤrchteten, daß fruͤher oder ſpäter das arme Maͤdchen ihhen entflichen und die Sache ent⸗ decken koͤnnte, da entbrannte in den Seelen dieſer Tieger die Mordgier, und ſie glaubten ih⸗ rer Sicherheit das Opfer beingen zu muͤſſen, wel⸗ ches wir ſie mit mehr als hyaͤnenartiger Grau⸗ ſamkeit abſchlachten geſehen haben. Dles und noch eine Menge anderer Schaͤnd⸗ lichkeiten, welche wir vielleicht in der Folge noch einmal unſer Leſern erzaͤhlen werden, entdeckte die Unterſuchung, welche ſechzehn Kommiſſarien und eben ſo viele Schreiber faſt ein halbes Jahr 74 lang beſchaͤftigte. Die Kommiſſion faͤllte ein eben ſo gerechtes als ſtrenges Urtheil uͤber die Verbrecher; aber der Koͤnig, dem ſolches zur Beſtaͤtigung vorgelegt werden mußte, milderte daſſelbe; nur der Abt ward entſetzt, und mit den acht Monchen, welche den Mord demſelben voll⸗ ziehen helfen, zu einem lebenslaͤnglichen maͤßigen Gefaͤnuniſſe verurtheilt; die uͤbrigen kamen mit geringen geiſtlichen Strafen durch. Das Kloſter mußte Luziliens Liebhaber wieder herbeſſchaffen, und demſelben, ſo wie dem Vater der Ungluckli⸗ chen, anſehnliche Summen zur Entſchaͤdigung bezahlen. 1 Kunigunde Albertine Tenzel S WMordbrennerin aus Ciferſucht. Se richtig bemerkt Auguſtin von Leyſer(der uns das Urtheil mittheilt, welches die Juriſten⸗ fakultaͤt zu Wittenberg unterm 17ten Fulius 1717 uͤber die Verbrecherin erlaſſen hat, deren Geſchichte wir hier unſern Leſern mittheilen), daß Mordbrennerei dasjenige Verbrechen ſey, bei welchem Geſetze und Richter mit ohnnachſich⸗ tiger Strenge allezeit zu Werke gehen, und mit zußerſtem Scharfſinne und Fleiße ſich bemuͤhen ſollten, die Inzichten und Verdachtgruͤnde gegen den Verbrecher zuſammen zu ſtellen und zur Ge⸗ wißheit zu reihen, weil ein Verbrechen, deſſen Erfolg ſich von dem Perbrecher ſelbſt nicht be⸗ rechnen laſſs, und deſſen Schaͤdlichkeit ſo unge⸗ heuer groß ſey, keine Ruͤckſicht der Milderung und Menſchlichkeit verdiene, und weil es mei⸗ ſtens beſondere Schwierigkeit mache, daſſelbe heraus zu bringen, da faſt immer Mordbren⸗ ner dies Verbrechen allein und ohne Gehuͤlfen, und meiſt zur Yachtszeit vollfuͤhren, auch ge⸗ woͤhnlich ſo vlel Liſt dabei anwenden, daß nicht leicht ein ganz uͤberzeugender Beweis gegen ſie gemacht werden kann.— Milde und Nachſicht wuͤrde daher, glaubt Leyſer, immer Strafloſig⸗ Leit und dieſe Wiederholung des Verbrechens er⸗ zeugen und faſt niemond mehr es wagen, ſeinem Geſinde, auch bei deſſen großter Nichtswuͤrdig⸗ kelt, einen Verweiß zu geben, da vorzuglich die⸗ ſes die beſte und leichteſte Gelegenheit habe, ſich auf dieſe Art eben ſo fuͤrchterlich als b zu raͤchen. So weit hergeholt dieſe Gruͤnde Leyſers auch ſind, wodunch er vorzuͤglich ſein gegen die gegen⸗ waͤrtige Verbrecherin gegebenes ſcharfes, von ſei⸗ nen Fakultaͤtskollegen aber gemildertes Urtheil 26 rechtfertigen will, ſo ſind ſolche doch gleichwohl nichts deſto weniger wahr, und es bleibt richtig, daß bei dieſem hochſt ſchaͤdlichen und gefaͤhrlichen Perbrechen der Richter nicht Kufweſon genug ſeyg kann. Kunigunde Albertine Tenzel war die Toch⸗ ter eines wohlhabenden Kraͤmers in einer kleinen ſaͤchſiſchen Stadt. Sie wan, als ſie ihren Eh⸗ mann Görgen Tenzel heirathete, ſchon uͤber die Jahre der Schoͤnheit hinaus, und da ſie in ih⸗ rem achtzehnten Jahre nut ſehr wenig Reize be⸗ ſeſſen hatte, ſo waren deren Truͤmmer in ihrem Z6ten um ſo unbedeutender. Nichts deſto weni⸗ ger warKunigunde ſehr feurigen, verliebten Tem⸗ peraments, und machte ſich gerne mit den huͤb⸗ ſchen jungen Burſchen des Städtchens etwas zu ſchaffen, von denen aber keiner an ihren Koder anbeiſſen wollte. Endlich gelang es ihr doch nach unzaͤhligen Verſuchen, Leinen jungen wohlhaben⸗ den Burſchen von 22 Jahren, der nach dem eben erfolgten Tode ſeiner Eltern den anſehnlichen Feldbau derſelben uͤbemmmen hatte, in ihr Netz zu ziehen. Goͤrge Tenzel war einer der ſchonſten Juͤnglinge des Städtcheys, und daher auch der Liebling der dortigen Maͤdchen, dabei aber durch ſeine eingeſchraͤnkte Erziehung ſo laͤp⸗ piſch und furchtſam geworden, daß er es nicht verſtand, die Vortheile, welche ſich hieraus ihm darboten, zu benutzen, und ſelbſt nicht einmal ſo viel Muth hatte, als dazu erfordert wird, um eine weibliche Bekanntſchaft zu machen. Die uͤberlaͤſtige und zudringliche Art, mit welcher unſte Kunigunde ſich ihm aufdrang, und die jeden andern zuruͤckgeſchreckt haben wuͤrde, war daher die elnzige Art, demſelben beizukommen. Kunigunde hielt im eigentlichſten Verſtande Ten⸗ zeln umlagert, er traf uͤberall auf dieſelbe, und da ſie aͤußerſt verliebt in ihn war, und Goͤrge eben ſich in den Johren befand, in wel⸗ chen das Beduͤrfniß der Mütheilung mit einer weiblichen Seele dem Juͤnglinge das kringendſte iſt, ſo entſtand bald eine Art von Liebſchaft unter beiden, welche Kunigunde aus allen Kraͤf⸗ ten anzufachen und zu unrerhalten ſich be⸗ muͤhte. Nachdem dieſe Bekanntſchaft etwa ein hal⸗ bes Jahr gedauert hatte, und Kunigunde be⸗ merkte, daß Tenzel nachgerade anfieng, ihter muͤde zu werden, und ſie zu fliehen ſchien, entdeckte ſie ihm mit allen Grimaſſen der Heuchelei, daß ſie von ihm ſchwanger ſey. Tenzel hatte wirklich, als er einſt des Abends von einem benochbarten Jahrmarkte mit Kuni⸗ gunden nach Hauſe gieng im Taumel des Wei⸗ nes ſich ſo etwas zu Schulden kommen laſſen, wovon er ſich aber nicht uͤberzeugen konnte, daß es damit ſo ernſt geworden ſey. Der ar⸗ me gutmuͤthige Tropf war jedoch leicht zu uͤber⸗ reden, und um das Vergehen zu ſohnen, gab 78 er Kunigünden, obgleich nicht ohne Straͤuben und heimlichen Widerwillen, vor dem Altare die Hand. In dem erſten Jahre der Ehe gieng es ertraͤg⸗ lich. Tenzel war einfaͤltig und gutmuͤthig genug, ſich in die Launen ſeines boͤſen Weibes zu fuͤgen, und ſogar in dem Maaße nachgiebiger zu wer⸗ den, als derſelben Zankſucht, Unart und muͤrri⸗ ſche Laune zunahmen. Selbſt nicht einmal ei⸗ nen Vorwurf, daß ſie ihn getäuſcht habe, er⸗ laubte er ſich gegen dieſelbe, ols er ſah, daß ih⸗ re angebliche Schwangerſchaft blos verſtellt war, und leicht die Urſache dieſer Verſtellung entdeckte. Gegen das Ende des erſten Jahres dieſer Ehe ſtarben Kunigundens Eltern, und dieſe erhielt, als derſelben einzige Tochter, ein ſo reiches Erbe, daß Tenzel, der zuvor ſchon wenig arbeitete, und nur uͤber ſeine Knechte die Aufſicht hielt, nun gar nicht mehr ſelbſt zu arbeiten nothig hat⸗ te, ſondern ſich blos damit begnuͤgte, ſeinen Knechten und Dienſtleuten nachzuſehen und dieſe anzuweiſen, und jetzt fuͤr den reichſten Einwoh⸗ ner des Staͤdtchens galt. Eine Art von Dank⸗ barkeit fuͤr das gemaͤchliche Leben, welches ihm das Permoͤgen ſeines Weibes verſchaffte, ſtaͤrkte jetzt noch Tenzels Gedult gegen die Unarten ſei⸗ nes Weibes, welche aus eben dieſem Grunde ſich merklich vermehrten. Aber bald beſtaͤtigte ſich auch hier die Wahrheit des Volks⸗ſpruͤchwortes, daß„Muͤßiggang aller Laſter Anfang“ ſey⸗ Dieſer fuͤhrte Tenzeln erſt zum Weine, und von dieſem, da er die ihm ſonſt eigne Blddigkeit, wel⸗ che bieher noch von manchem ihn zuruͤckgehaiten hatte, nach und nach abgelegt hatte, zu den Weibern. Nichts konnte Kunigunde weniger vertragen, und es war um den Reſt des haͤuslichen Friedens, welcher Tenzeln bisher noch übrig geblieben war, von dem Augenblicke an geſchehen, als dieſelbe hiervon die erſten Spuren erhielt. Tenzel ver⸗ galt dagegen von ſeiner Seite die Unarten ſeines Weibes mit gleicher Muͤnze, und endlich gar mit Schlaͤgen. Die eheliche Mißſtimmung, und mit dieſer die Abneigung Tenzelns gegen ſein Weib wuchs taͤglich mehr, und dieſes Verhaͤltniß wel⸗ ches einzig Kunigundens Bosheit und Zankſucht erzeugt batte, mußte natuͤrlicherweiſe Tenzeln noch immer mehr von ſeinem Weibe entfernen, und taͤglich neue Veranlaſſungen zu Kunigundens Eiferſucht hervorbringen, welche in ihrer Wuth bald keine Grenzen mehr kannte. Einer der vorzuͤglichſten Gegenſtaͤnde ihrer Eiferſucht war Emerenze Tiedin, welche in dem Hauſe der Wittwe des Inſpektors Zoller, Ten⸗ zels naͤchſter Nochbarin, als Magd diente. Eme⸗ renze ſchien nicht zum Gegenſtande der Eiferſucht geſchaffen zu ſeyn, denn ſie war haͤßlich und bis zum Ekelhaften unreinlich, aber Kunigunde hat⸗ te einmal ihren Mann mit derſelben reden und 80 zweimal ihn dieſelbe freundlich gruͤßen geſehen, und mehr bedurfte es bei dieſem zankſuͤchtigen und boͤsartigen Weibe nicht, um von dem Uebel⸗ ſten uͤberzeugt zu ſeyn. Die Zunft der plauder⸗ haften Klaͤtſcherinnen und gefaͤhrlichen Zwiſchen⸗ traͤgerin, zu der Kunigunde von jeher ſelbſt ge⸗ hort hatte, verſaͤumten nicht, auch hier ihre Zun⸗ gen in Thätigkeit zu ſetzen, und bald war Kuni⸗ gunde von einer ganzen Menze Anekdoten und Geſchichten uͤberhäͤuft, welche zwiſchen ihrem Manne und der Tiedin vorgefallen ſeyn und noch taͤglich vorfallen ſollten. Mit ihrer regen Gal⸗ le war es ihr ohnmoglich, ihre Zunge zu baͤndi⸗ gen: ſie uͤberhaͤufte bei mehreren Gelegenheiten ihren Ehemann mit Vorwuͤrfen und den nieder⸗ traͤchtigſten Schmaͤhungen, und dieſer, dem es doppelt wehe thun mochte, wegen einer ſo haͤßli⸗ chen Liebſchaft geplaat zu werden, vergalt dieſe jederzeit mit einer verdoppelten Tracht Schlaͤge und dem etwas boshaften Hohne, daß er jetzt g⸗gen Emerenzen wirklich freundlich war, und ihr, wo er immer konnte, am meiſten aber, wenn er ſich hierbei von ſeinem Weibe beobachtet ſah, artig that. Als Kunigunde ſah, daß ihre Schmaͤhungen bei ihrem Manne nichts erwirkten, als Pruͤgel, und daß dieſe gerade ſeine Anhaͤngigkeit an das Maͤdchen verſtaͤrkten, ſo wendete ſie ſich an die Wittwe, bei welcher die Tiedin in Dienſten ſtand, und erſuchte dieſe, die Magd wegzujagen. Die 87 Inſpektorin, welche mit ihrer Magd ſehr wohl zufrieden war, und bei welcher Kunigunde ihre Bitte mit der ihr eignen Bitterheit und Unart vor⸗ trug, machte ſie zuerſt auf den Ungrund ihres Verdachts und die Unſchicklichkeit ihres Antrags aufmerkſam, und ſchob endlich dieſelbe, als ſie hierauf ihre Unarten verdoppelte, vor die Thuͤ⸗ re, wo dann Kunigunde, mit der Drohung, „daß es der Inſpektorin gewiß ger uen ſollte,“ ſchied. Als am naͤmlichen Tage die Tiedin vor Ten⸗ zels Hauſe voruͤber gieng, und Kunigunde gerade unter der Hausthuͤre ſtand, war dleſelbe ſo we⸗ nig Meiſter ihres Zornes, daß ſie ohne die ge⸗ ringſte Veranlaſſung uͤber dieſelbe herfiel, ſie zu Boden warf, und unter den niedertraͤchtigſten Schimpfungen mißhandelte. Da hierauf die Tie⸗ din dieſer Mißhandlung wegen Klage erhob, muß⸗ te Tenzel derſelben Entſchaͤdigungsgelder und Strafe bezahlen, und ſowohl dieſerwegen, als wegen des Spotts, den er deshalb erdulden mußte, erhlelt Kunigunde von ihm eine wirklich barbariſche Tracht Schlaͤge. Noch voll Schmer⸗ zen und ſchaͤumend vor Zorn rief dieſelbe jetzt ein kleines Maͤdchen, das gleichfalls bei der Inſpek⸗ torin diente, herbei, zeigte dieſem die Mahle von den erhaltenen Schlaͤgen und hieß es, der In⸗ ſpektorin ſolches zu erzaͤhlen, mit dem Anhange, daß ſie an allem ſchuld ſey, weil ſie Emerenzen Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. 5 32 nicht fortgeſchickt habe,„ſie— die Tenzelin— wolle aber, um ſich zu raͤchen, noch etwas thun, daß die Inſpektorin die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammenſchlagen ſolle.“ Am Abende bei Tenzels Nachhauſekuuft er⸗ folgte ein neuer Streit zwiſchen den beiden Eheleuten, der ſich mit einer neuen Prugelei unter denſelben endete, und in der Nacht um zwolf Uhr gieng in der Scheuer der Inſpektorin Feuer aus, welches dieſelbe, ohngeachtet aller dagegen angewandten Muͤhe, verzehrte, und nur mit Muͤhe rettete man die anſtoßenden väulichkeiten. Niemand war in die Gegend, in weſchet dieſe Scheune ſtand, mit Licht gekommen, und das Feuer war von der Seite des Tenzeliſchen Hauſes ausgebiochen, von wo man derſelben leicht beikommen konnte, dieſe Umſtaͤnde, und da uͤbrigens jedermann den hohen Grad von Bosheit und Muth kannte, der Kunigunden ei⸗ gen war, erregten einen allgemeinen Verdacht gegen dieſe letztere, daß ſie das Feuer angelegt habe, und die Obrigkeit, welche demſelben nach⸗ forſchte, fand bald hinlaͤngliche Urſache, dieſebe verhaften zu laſſen. Außer den eben etzählten Grunden kamen noch gegen Kunigunden als beſondere Urſachen zum Verdachte vor, daß ſie 1) noch nach dem Brande zur Juſpektorin, als ſie dieſe auf der Straße ſprach, geſagt hatte, die Scheuer ſey wegen der Tiedin abgebranut, und es koͤnnte ihr Haus und Stall auch noch wegen derſelben weg⸗ gebrannt werden; 2) daß ſie des Abends um 9 Uhr und alſo ohngefaͤhr drei Stunden, ehe der Brand angegangen war, nach Ausſage ihrer Magd, aus der Stube gegangen war, und eine geraume Zeit in ihrem Hofe, an welchem die Scheuer der Inſpektorin anſtieß, verweilt hatte; und endlich 3) hatte ſie am andern Tage zu ih⸗ rem Manne, als derſelbe die Inſpektorin beklag⸗ te, geaͤußert, es waͤre hieran nichts gelegen, und ſey derſelben ſchon recht geſchehen, und als derſelbe ihr hierauf den VPorwurf machte, daß ſie das Feuer angelegt habe, geſagt, daß er ihr dieſes doch nicht laut nachreden moͤchte, ob ſie dann verbrannt werden ſollte. Gleichwohl laͤug⸗ nete dieſelbe vor dem Gerichte, daß ſie das Feuer angelegt habe, und es konnte außer den ange⸗ fuͤhrten Perdachtgruͤnden kein Beweis gegen ſie aufgebracht werden. Der Schoͤppenſtuhl zu Wieberg ſprach das Urtheil, daß Kunigunde ſich mittelſt Eides von dem hierin gegen ſie ſtehenden Verdachte reinigen ſolle, ein Urtheil, das, wie alle ſeiner Art, wohl nicht unzweckwäßiger ſeyn konnte. Kunigunde ſchwur, wie leicht begreiflich iſt, doß ſie das Feuer nicht angelegt habe, und ward F 2 84 ſonach auf frelen Fuß geſtellt. Ihr haͤusliches Verhaͤltniß blieb daſſelbe, nur daß Tenzel jetzt ihre Eiferſucht gegen die Tiedin zu beſeitigen ſuch⸗ te, weil er ſich wäklich uͤberzeugt hielt, daß ſei⸗ ne Frau aus Bosheit das Feuer in der Scheuer der Inſpektorin angelegt habe, und daher ſich alle Muͤhe gab, dieſelbe uͤber ſein Perhaͤltniß zu der Tiedin zu beruhigen. Dies gelang ihm indeſſen nie ganz, und nie war dieſe Leidenſchaft bei einem Weibe auszulbſchen, das nicht zu beruhigen, und deſſen Bosheit nie zu befriedigen war. Etwa acht Monate lang ſchlummerte Kuni⸗ gundens Bosheit, als dieſelbe durch den unſchul⸗ digſten Zufall von der Welt von neuem erwachte. Tenzel hatte vor einigen Tagen eine neue Wind⸗ muͤhle gekauſt, wie man ſie zur Reinigung der Fruͤchte zu brauchen pflegt, und da dieſe theuer und leicht verderblich war, ſeinem Weibe verbo⸗ ten, ſolche an jemand zu verleihen. Auch hatte er ſolche wirklich bereits einigen Bekannten, wel⸗ che um dieſelbe angeſtanden hatten, unter man⸗ cherlei Vorwande verſagt. Jetzt ſchickte die In⸗ ſpektorin Emerenzen, und ließ Tenzein bitten, ihr dieſe Windmuͤhle auf ein pagr Stunden zu lei⸗ hen, weil ihre eigne unbrauchbar ſey, und einer Reparatur beduͤrfe. Tenzel, dem in dieſem Au⸗ genblicke es einfiel, daß ſeiner Frau Bosheit die Inſpektorin in ein ſo großes ungluͤck gebracht habe, glaubte derſelben dieſe Kleinipkeit nicht verſagen zu durfens ſagte ihr die Bitte zu, und 85 hieß Emerenzen mit ihm auf den Boden gehen, um die Muͤhle herunter bringen zu helfen. Schon dieſe unerwartete Gefaͤlligkeit ihres Man⸗ nes machte den Verdacht und die Galle Kuni⸗ gundens rege, und da die Tiedin und Tenzel etwas lange auf dem Boden blieben, weil ſie zuvor einiges Geraͤthe wegraͤumen mußten, welches den Transport der Muͤhle verhinderte, ſo ſchwoll dadurch ihr Zorn ſo ſehr an, daß ſie, als eben Emerenzie mit der Maͤhle herab⸗ kam, ihr mit ihrem Spianrocken unter einer Menge von Schimpfworten einige Schlaͤge gab, und mit demſelben gleichfalls ihrem Manne, der auf das erhobene Geſchrei der Tiedin herbeiſprang, in das Geſicht ſchlug. Tenzel ließ dies nicht un⸗ vergolten, und da er im Zorne kein Ende finden wollte, Kunigunden zu ſchlagen, entfloh dieſe endlich aus dem Hauſe, welches Tenzel ſofort hinter ihr abſchloß, und einen ſehr nachdruckli⸗ chen Schwur that, ſie nicht mehr in daſſelbe ein⸗ zulaſſen. Einer Furie gleich durchlief Kunigunde das Staͤdtchen und eilte zum Beamten, ihren Ehe⸗ mann zu verklagen. Tenzel ward ſogleich beru⸗ fen, und auf ſeine vorgebrachte Rechtfertigung erhielt er zwar einen gelinden Verweis uͤber die wirklich harte Mißhandlung ſeines Weibes, und die Anweiſung, in der Zukunft ſich aͤhalicher Batbareien zu enthalten, Kunigunde aber nicht blos keine weitere Genugthuung, die ihr, haͤtte 86 — der Beamte ihrem Antrage und ihrem Wunſche nachgegeben, nicht hart genug ausfallen konnte, ſondern ſogar einen ſcharfen Verweiß und die ge⸗ meſſenſte Weiſung, ſich kuͤnftig beſſer und anſtaͤn⸗ diger zu betragen. Dies entruͤſtete ſie natuͤrlicher Weiſe noch mehr, und ſie uͤberhaͤufte jetzt den Beamten, der nach ihrem Beduͤnken ein ſo ſehr ungerechtes Urtheil ausgeſprochen hatte, ſo ſehr mit Schmaͤhungen, daß dieſer ſich gendthigt ſah, das unartige Weib mit einem dreiſtuͤndigen Arreſte zu beſtrafen. Hierdurch immer noch zur hoheren Wuth ge⸗ bracht, ſchimpfte und wuͤthete Kunigunde, ſo lange ſie im Arreſte war, und befand ſich bereits in einer Art von Raſerei, als der Gerichteknecht ſie nach verlaufner Strafzeit frei ließ. unglück⸗ licherweiſe fuͤhrte ſie der Weg an dem Hauſe ei⸗ ner Bekannten vorbei, deren Ehemann einen Branntweinzapf hatte. Kunigunde trat zu der⸗ ſelben ein; dieſe, eine der großten Klaͤtſcherin⸗ nen der Gegend, und ein eben ſo bosartiges Ge⸗ ſchopf, als die Tenzelin ſelbſt, hatte nicht ſo⸗ bald das Ungluck ihrer Freunde vernommen, als ſie derſelben treufleißig in den Ton ſtimmen half, der ihr ſo gelaͤufig war, und ihrem Hange zur Klaͤtſcherei freien Lauf gab. Ein paar Gläͤſer Branntwein, welchen dieſelbe Kunigunden auf⸗ ſtellte, und den dieſe gegen ihre ſonſtige Gewohn⸗ heit im Tumulte der Sinne austrank, brachten 87 dieſe auf den hochſten Grad der Raſerei, und wirklich ſchaͤumend vor Wuth verließ Kunigunde ihre Freundin, um nach Hans zu eilen. Tenzel war noch nicht zu Hauſe, als die⸗ ſelbe dort ankam. Ein kurzer Schlaf, in wel⸗ chem dieſe, erſchopft an Kraͤften und von dem Geiſte des genoſſenen Branntweins betaͤubt, fiel, ſcheint derſelben ihre Beſinnung nur in ſo weit wieder gegeben zu haben, daß ſie das Ver⸗ brechen, welches ſie in dem vorhergehenden Zu⸗ ſtande der Sinnloſigkeit bereits entworfen hatte, planmaͤßiger ausfuͤhren konnte. Gegen eilf Uhr in der Nacht ſtand ſie auf, verrammelte die Thuͤre des Zimmers, in welchem ihr Ehemann ſchlief, von außen, packte das vorraͤthige Geld und verſchiedene Dinge von Werth, deren ſie in der Eil habhaft werden konnte, zuſammen, und holte dann aus der Scheuer einige Buͤſchel Stroh herbei, weiche ſie vor dem Zimmer, in welchem Tenzel ſchlief, anzuͤndete. Aber diesmal hatte Kunigunde ſich, in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, grtaͤuſcht. Zwei Nachbarn, welche in den Hof des Tenzli⸗ ſchen Hauſes ſehen konnten, hatten ſie das Stroh aus der Scheuer holen geſehen, und hierdurch aufmerkſam gemacht, dieſelbe beobachtet. Auch hatte Kunigundens Magd gleichfalls bemerkt, wie dieſelbe das Zimmer, in welchem Tenzel ſchlief, von außen verrammelt hatte. Das Feuer war gleich entdeckt, und 3 weſentlichen Schaden und Gefahr geldſcht worden. Kunigunde ward noch in derſelben Nacht in das Gefaͤngniß ge⸗ bracht. Am andern Tage geſtand ſie dem Gerichte nicht nur dieſe letzte That ausfuͤhrlich und ohne Ruͤckhalt, ſondern bekannte auch, das Feuer in der Scheuer der Inſpektorin angelegt zu haben, in welche ſie durch ein Luftloch, das in den Hof ihres Hauſes gieng, brennende Spaͤne eingewor⸗ fen hatte; beidemal hatte ſie darauf gerechnet, unentdeckt zu bleiben, weil ſie ganz allein ohne alle Beihuͤlfe und immer mit der großten Vor⸗ ſicht das Verbrechen vorbereitet und ausgefuͤhrt hatte, und weil ſo weniger Verdacht auf ſie fal⸗ len konnte, als jedesmal ihr eignes Haus vor⸗ zuglich in Gefahr war, und daher nicht ſo leſcht jemand denken konnte, daß ſie ſelbſt ſich in Ge⸗ fahr und Schaden bringen werde. Da Kunigunde ſich nach einigen Tagen im Gefaͤngniſſe ſelbſt erhieng, ſo entgieng ſie der Strafe des Feuers, welche ihr als zwiefacher Mordbrennerin nach den Geſetzen zu Theil ge⸗ worden waͤre. Friedrich Lanner und Friedrich Lahner. De Aehnlichkeit der Namen zweier Menſchen, der Namen ihrer Geburtsorte und ihrer Schick⸗ ſale gab zu einer ſonderbaren Verwechslung Anlaß, welche wir hier unſern Leſern mitthei⸗ len wollen. So wenig dieſelben auch ſonſt wit einander gemein hatten, ſo wenig ſie ein⸗ ander begegnet waren, oder vielleicht auch je nur einander geſehen hatten, und ſo wenig ſie ſelbſt daran denken konnten, daß je eine ſolche Verwechslung mit ihnen eintreten konne, ſo ſollten ſie doch gleichſam mit Gewalt fuͤr einander genommen werden, und Habſucht und Betruͤgerei machte durch dieſe Verwechslung einen rechtlichen, ſehr redlichen Mann ungluͤcklich. Die Geſchichte iſt huchſtaͤblich wahr; erſt vor fuͤnf Jahren hat ſie die Aufloͤſung erhalten, ohne welche ein Unſchuldiger vielleicht noch jetzt im ſchmachtete. 90 Wir wollen, um die Aehnlichkeit der Na⸗ men und der Orte, welche dieſe Verwechslung veranlaßte, zu bezeichnen, ohne beide gerade zu nennen, die Perſonen Lanner und Lahner, und die Orte Kronſtett und Kronſtadt benennen. Bei⸗ de erſtern hieſſen Friedrich, und beiden letztern liegen in Deutſchland, nur daß ſie zwei verſchie⸗ denen Reichsfuͤrſten gehdren, und das erſtere in Norddeutſchland, das letztere im ſudlichen Deutſch⸗ land gelegen iſt. Beide ſcheinen von gleichem Alter geweſen zu ſeyn, und ſich um die naͤmliche Zeit von Hauſe entfernt zu haben; belde reiſten nach Holland, in der Abſicht, ſich dort einzu⸗ ſchiffen, und zur See ihr Gluͤck zu machen, von belden hatten ihre Verwandten in faſt dreißig Jahren nichts gehort. Lanner war der Sohn eines reichen Wein⸗ haͤndlers; ſeine Eltern lebten noch, als er Kron⸗ ſtett verließ, und die Haͤrte, mit welcher ihn ſein Vater gegen ſeinen Willen und Reigung zum geiſtlichen Stande zwingen wollte, war die Urſache, warum er dieſen und ſein Vaterland verließ, um auf eine ſeinen Wuͤnſchen mehr anpaſſende Art ſein Gluͤck in der Welt zu ſu⸗ chen. Dies meldete er ſeinem Pater vom Vorde des Schiffes Iphigenia, auf welches er ſich nach Batavia eingeſchifft hatte, in einem herzbrechenden Schreiben, welches aber das Herz des Alten ſo wenig brach, daß dieſer vielmehr noch faſt dreißig Jahre lebte, und als 91 ein Sö6juͤhriger Greis erſt im Jahre 1788 ſtarb. Lahner, der Sohn eines luͤderlichen Gaſt⸗ wirths hinterließ, als er Kronſtadt verließ, nichts, als den Ruf eines boſen Buben, und ganz Kronſtadt war fioh, als er von Amſter⸗ dam aus einem ſeiner luͤderlichen Geſellen ſchrieb, daß er in einigen Tagen ſich nach Oſtindien ein⸗ ſchiffen werde, weil man dadurch zur Erwartung berechtiget ward, daß der luderliche Junge ſo bald nicht in das Stäͤdtchen zuruͤckkommen wuͤr⸗ ve, in welchem wenige Einwohner ſich befanden, denen er uſcht zuvor irgend einen Schabernack gethan hatte. Als der alte Weinhaͤndler Lanner in Kron⸗ ſtett ſtarb, hinterließ er ein Vermoͤgen von faſt hunderttauſend Thalern, welches ſeine Kinder, deren, mit Einſchluß des Abweſenden, ſechſe waren, unter ſich zu vertheilen hatten. Wegen dieſes Abweſenden mußte die Theilung gerichtlich geſchehen, und da die Geſetze erſt deujenigen fuͤr todt halten, der 78 Jahre alt iſt, der Abweſende damals aber kaum 47 Jahre zuaͤhlte, ſo ward deſſen Erbportlon, die ſich auf 18,000 Thaler belief, einem Vormunde zur Verwaltung uͤbergeben. Die Geſchwiſter deſſelben kannten ſehr gut die Nachtheile, welche eine vomundſchaftliche 92 Verwaltung, wenn auch der Vormund noch ſo ſehr ſeine Pflicht thut, auf das zu adminiſtri⸗ rende Vermdgen hat. Zudem waren ſaͤmtliche Bruͤder Kaufleute, welche dies Vermoͤgen weit beſſer benutzen konnten, als es unter Vormund⸗ ſchaftlicher Pflege benutzt ward, und daher gaben ſie ſich bei den Gerichten alle Muͤhe, daſſelde zu erhalten. So viele Wahrſcheinlichkeit es indeſſen auch hatte, daß der Abweſende auf ſeiner Seereiſe umgekommen ſey, da derſelbe bisher nicht nur nichts von ſich hoͤren laſſen, ſondern auch die Erben Privatnachrichten von deſſelben Schickſalen eingezogen und dadurch er⸗ fahren hatten, daß derſelbe zu Batavia im Ho⸗ ſpitale geſtorben ſey, ſo konnte doch dies den Gerichten nicht gnuͤgen, und dieſe verlangten einen geſetzlichen Todesſchein. In deſſen Er⸗ manglung ſollte das Vermoͤgen bis dahin, daß der Abweſende komplett 77 Jahre alt ſey, und ſomit noch 28 Jahre untet vormundſchaftlicher Pflege bleiben. Die Geſchwiſter des Abweſenden wendeten ſich daher an einen Advokaten in Amſterdam, welchen ſie beauftragten, bei der vſtindiſchen Compagnie Erkundigung uͤber das Leben oder den Tod des Abweſenden einzuziehen, und falls ſich die Sage, daß ſolcher in dem Ho⸗ ſpital zu Batabia geſtorben ſey, beſtaͤtigen wuͤr⸗ de, ihnen einen legalen Todesſchein zu ver⸗ ſchaffen. Der Advokat antwortete bald, daß 93 Friedrich Lanner wirklich in dem Hoſpitale zu Batavia am 16ten Augüſt 1762. geſtorben ſey, und verſprach den Erben ehſtens einen geſetzli⸗ chen Auszug aus den Regiſtern der Kompagnie desfalls zuzuſchicken, hieng aber ſo viele und ſonderbare Klauſeln an, vdaß dieſe leicht ſich uͤberzeugen konnten, es ſey von dem Ehren⸗ manne eine werkliche Prellerei beabſichtiget. Sie verſuchten daher, mit demſelben dunch billige Akkorde ſich zu ſetzen, erhielten aber aus unbe⸗ kannt gebliebenen Urſachen nie wieder einige Ant⸗ wort von demſelben, vielleicht weil er immit⸗ telſt geſtorben war. Eben ſo unwirkſam waren einige andere Anſtalten, die ſie machten, um den Todesſchein zu erhalten, und ſie ſahen ſich am Ende gezwungen, ſich nach dem Rathe eines Amſterdamer Korreſpondenten zu einem Opfer zu entſchließen. Sie ließen naͤmlich durch dieſen in die Amſterdamer Zeitung einruͤcken, daß der⸗ jenige, welcher den Todesſchein in geſetzlicher Form an dieſen ihren Korreſpondenten einliefern wuͤrde, eine Belohnung von 100 Louisdor's durch denſelben ausbezahlt erhalten ſolle. Es fanden ſich ſogleich mehrere bereit, dieſe anſehnliche Praͤmie zu verdienen, und ſehr bald war es einem derſelben gelungen, ſich in den Be⸗ ſitz der Urkunde zu ſetzen, welchem dieſelbe zuge⸗ theilt werden ſollte. Aber nun trat eine neue und unvorhergeſehene Schwierigkeit ein. 94 Der Korreſpondent der Lanneriſchen Familie⸗ weicher dieſe Praͤmie in der Amſterdamer Zeitung ausgeboten und ſich anheiſchig gemacht hatte, ſolche zu bezahlen, war der Buchhalter eines an⸗ geſehenen Amſterdamer Handlungshauſes. Kurz zuvor, ehe die Urkunde an ihn beigebracht werden ſollte, war er in Handlungsgeſchaͤften ſeines Prinzipalen nach Kadir verſchickt worden, und da ſein Prinzipal ſich um deſſen Privatgeſchaͤfte nichts annahm, ſo verſagte er es dem Vorzeiger der Urkunde, die ihm von ſeinem Buchhalter zu⸗ geſicherte Belohnung auszuzahlen, hatte aber gleichwohl ſo viel Ruͤckſicht fuͤr denſelben, daß er in eine deutſche Zeitung einruͤcken ließ:„Die von den Lanneriſchen Erben in Kronſtett verlangte urkunde uͤber den Tod ihres Bruders, Friedrich Lanner zu Batavia, ſey bereit, und koͤnne von ihnen gegen die dafür zugeſicherte Praͤmie in Em⸗ pfang genommen werden, weshalb ſie ſich an das M.„ wenden koͤnnten, weil deſſen Buchhaltrr, der dieſe Sache zuvor beſorgt habe, ſchon ſeit einiger Zeit nach Kadir—— reiſt ſey“ Die Lanneriſchen Erben echielten nun nach mancherkei Hinderniſſen, welche zuvor von ih⸗ uen gerbnet werden mußten, den ſo ſehnlich verlangten Toresſchein, und durch dieſen den Be⸗ ſitz der Erbſchaft des Abweſenden.— Der To⸗ desſchein ſelbſt waͤr aus den Regiſtern des Ho⸗ ſpitals der oſtindiſchen Kompagnie zu Batavia, 25 und hatte alle nothigen geſetzlichen Erforderuiſſe. Der Name des Verſtorbenen war darin, Friedrich Lahner, aus Kronſtett, geſchrieben, und bezeugt, daß derſelbe am 16ten Auguſt 1762 im Hoſpi⸗ tale zu Batavla an ſer Bruſtentzundung geſtor⸗ ben ſey. Der Kaufmann R.. zu M.„„ z ver⸗ hungernder Banqueroutenr„hatte in der deut⸗ ſchen Zeitung den Avis geleſen, weichen der Amſterdamer Kaufmann wegen Auffindung des Todesſcheins hatte einruͤcken laſſen. Es iſt bis⸗ her nicht bekannt geworden, ob zufaͤllig, oder durch etwaige Korreſpoudenzen in Amſterdam, erfuhr er ſogleich von der Sache ſo viel daß man eine Piame von 100 Lonſspor auf die Erhaltung dieſes Todesſcheins von Seiten der Lanneriſchen Verwandten in Kronſtett geſetzt habe, und dieſe witklich ausbezahlt worden ſey. In der Abſicht, auf jeden Fall hierbei etwas zu erwerben, und die Lahneriſchen Verwandten in Kronſtadt, von welchen er einen Tuchhaͤndler kannte, mit dem er in vordern Zeiten verſchiedentlich gehandelt hat⸗ te, und welche er für ſehr reich hielt, zu prellen, ſchrieb er an dieſe, die Lanneriſchen Verwandten zu Kronſtadt haͤtten ſich der hierbei verwaltenden ſonderbaten Aehnlichkeit der Namen bedient, i einer Eibſchaft, welche der verſtorbene Lahner a Batavia hinterlaſſen, und die üͤber. 300, o65 Sholer betragen haben ſolle, zu 96 welches Geld ihnen auch wirklich zugeſchickt wor⸗ den ſey. So wenig Zuſammenhang dieſe Sache hat! te, da in dem Falle, wenn die Lanneriſchen Erben von der oſtindiſchen Compagnie eine Erb⸗ ſchaft eines ihrer Verwandten aus Batavia zu beziehen gehabt haͤtten, ſie nicht noͤthig gehabt haben wuͤrden, von eben dieſer Kompagnie ſich erſt einen Todesſchein zu erwirken, ſo machte dieſe Nachricht doch auf dle Lahneriſchen Ver⸗ wandten einen unglaublich ſtarken Eindruck. Faſt ſaͤmtliche waren arme Leute, und befanden ſich in einer Lage, in der gerade eine Erbſchaft dieſer Art erfordert ward, um ſie zu heben. Der Widerſpruch, den wir ſo eben angefuͤhrt haben, ward zwar auch von ihnen geruͤzt, aber R. hob denſelben bald unv leicht durch ei⸗ nige angeblich aus Amſterdam ethaltene, muth⸗ maslich von ihm ſelbſt fabricirte Vriefe, wo⸗ rin es hieß, die oſtindiſche Komvagnie habe die ganze Erbſchaft bei ber Amſterdamer Stadt⸗ obrigkeit hinterlegt gehabt, um ſolche den rechtmaßigen Erben des Verſtorbenen auszuhun⸗ digen, und um ſich bei dieſer Behoͤrde erforder⸗ lich legitimiren zu konnen, ſey von den Lanne⸗ riſchen Erben der Todesſchein ſo ſorgfaͤltig geſucht worden. Alerdings war 66 dieſe Erklaͤrnng 32 ſo unzulaͤnglich, als die erſte Nachricht, da um 2. die Erbſchaft eines Todten, welche beſtimmt als deſſen Ruͤcklaß, und mit dem eignen Antrage, ſolche deſſen Erben zu verabfolgen, irgendwo hinterlegt wird, es allerdings vollkommen uͤber⸗ fläßig iſt, zuvor noch einen Beweis uͤber deſ⸗ ſen Tod zu verlangen. Die Lahneriſchen Ver⸗ wandten waren indeſſen zu kurzſichtig, um dies einzuſehen, und viel zu ſehr von der Hoff⸗ nung, ſich reich zu ſehen, verblendet, um hier⸗ auf zu achten, da ein redlicher Advokat, dem ſie die Sache vortrugen, ſie hierauf aufmerkſam machte. Es war ihnen genug, von R.„ ge⸗ hoͤrt zu haben, daß an die Lanneriſchen Er⸗ ben zu Kronſtett 300,000 Thaler von Amſter⸗ dam abgeſchickt worden ſeyen, welche ihnen ge⸗ horten; ſie ſchoſſen ſo viel Geld, als ihre Ar⸗ muth ihnen aufzubringen erlaubte, zuſammen, machten hiervon dem Kaufmann R ein nicht unanſehnliches Praͤſent, welchem ſie noch große Ver prechungen fuͤr die Zukunft beifuͤgten, und ſchickten einen aus ihrem Mittel nach Kronſtett an die daſige Obrigkeit, der in allem Ernſte die unrichtig dahin abgeſchickten 300,000 Thaler reklamirte. Nicht ohne Muͤhe uͤberzeugte ſich das Ge⸗ richt zu Kronſtett, daß der Abgeſchickte, der ſich bis hieher gebettelt hatte, nicht wahnwi⸗ tzig ſey, und noch ſchwerer gieng es dieſem ein, als⸗ daſſelbe ihm die wegen der Lanneriſchen Spieß Kriminalgeſch.3 Chl. G 98 Erbſchaft verhandelten Akten vorlegte, und ihn zu uͤberzeugen ſuchte, daß der Kaufmann R.. in M. ein banquerouter Lump ſey, der die Abſicht habe, die Einfalt der armen Lahneriſchen Verwandren ſich zinsbar zu machen. Der Petent blieb dabei, daß 300,000 Thaler fuͤr ſeine Ver⸗ wandten da ſeyn muͤßten, beſchuldigte die Gerich⸗ ten, daß ſie ſich an dieſem Betruge beantheiligt haͤtten, und tiieb die Unart ſo weit, daß man ſich gendthigt ſah, ihn aus Kronſtett durch den Buͤttel ausfuͤhren zu laſſen. Dies galt nun den Lahneriſchen Verwandten fuͤr einen neuen Beweis, daß ihre Nachrichten vollkommen aͤcht ſeyen daß aber das Gericht zu Kronſtett an der Betruͤgerei ihrer Gegner beanthelliget ſey, und ſie daher von demſelben keine Gerechtigkeit erwarten konnten. Eben waren ſie beſchaͤftiget, ihre Klagen der hoͤhern Behoͤrde vorzubringen, als ihr Korreſpon⸗ dent R. ihnen meldete, daß ein neuer Beam⸗ ter nach Kronſtett gekommen ſey, von welchem ſie daher, wenn er anders nicht gleich auch von den Lanneriſchen Erben erkauft wuͤrte, mehr Huͤl⸗ fe zu erwarten haben wuͤrden. Zugleich gab jh⸗ nen derſelbe die Nachricht, welche er von einem Spediteur in M.„ erhalten hatte, daß vor einigen Jahren an dieſen eine Kiſte aus Amſter⸗ dam geſchickt worden, um ſie an den Goldſchmidt Lahner in Kronſtadt zu ſchicken. Dieſe Kiſte, welche, wie er gewiß wiſſe, eine Menge indiani⸗ ſcher Seltenheiten von außerordentlichem Werthe enthalten, habe der in Batavia ſeßhaft geweſene Kaufmann Lahner geſchickt gehabt, der Spediteur aber aus Unbekanntſchaft mit der Verſchiedenheit des Orts und der ſo auffallend aͤhnlichen Ge⸗ ſchlechts namen nach Kronſtett an einen dort wohs nenden Uhrenhaͤndler Lanner geſchickt, der ſolche auch in Empfang genommen und zuruͤck behalten habe. Mit dieſem neuen Beweiſe traten jetzt die Lahneriſchen Erben wieder in Kronſtett aufz der daſelbſt wohnende Uhrenhaͤndler Philipp Lanner, ein Bruder des abweſenden Friedrich Lanner, konnte und wollte es nicht laͤugnen, daß er einſt von einem Spediteur aus M. eine Kiſte mit der Addreſſe: An den Goldſchmidt Lahner in Kronſtett, rrhalten, und ſolche unbedenklich an⸗ Fenommen habe, weil er gar nicht einmal gewußt habe, daß noch ein Ort, daß Kronſtadt hieße, exiſtire, den Wechſel der Buchſtaben in dem uͤbri⸗ gen ganz aͤhnlichen Namen kaum bemerkt habe, und man in hieſiger Gegend nur gar zu oft und leicht die Gewerbzweige Goldſchmidte und Pre⸗ tioſenhaͤndler mit einander verwechsle. Die in dieſer Kiſte beſindlichen Dinge, welche in einigen unbeveutenden und nichts weniger als koſtbaren indianiſchen Produkten beſtanden, erbot er ſich ſogleich auszuliefern, oder auf Verlangen zu be⸗ zahlen. 6 2 100 Dies ward jedoch von den Lahneriſchen Erden nicht angenommen. Sie forderten fuͤr den an⸗ geblichen Inhalt der Kiſte nicht weniger als 40,00 Thaler, indem ſie ſich auf das Zeugniß eines Schiffers beriefen, welchen R. ihnen ausgemacht hatte, und der von dem Kaufmanne in Amſterdam, der ihm die Kiſte zur Beſorgung uͤbergeben hatte, gehort haben wollte, daß die⸗ ſelbe einen Werth von wenigſtens 40,000 Tha⸗ lern enthalte. Sie brachten in Anregung, Phi⸗ lipp Lanner ſey dem Banqueroutte nahe geweſen, und habe ſchon wirklich angefangen, mit ſeinen Glaͤubigern um Nachlaß an ihren Forderungen zu unterhandeln; gleich nach Empfang dieſer Ki⸗ ſte aber habe er nicht nur ſeine betraͤchtlichen Schulden baar bezahlt, ſondern ſey auch wieder ein wohlhabender Mann geworden. Da derſelbe ſelbſt nicht laͤugnen konne, ſich einer ihm nicht gehbrigen Sache angemaßt zu haben, und alſo ein Betruͤger ſey, der Betrug aber einen ſo gro⸗ ßen Umfang habe, ſo trugen ſie vorlaͤufig auf deſſen Arretirung an. Dies Anbringen der Lahneriſchen Erben, wozu eigentlich abermal R.. ſie angeleitet hat⸗ te, hatte den Schein vollkommen fuͤr ſich. Wirk⸗ lich war um die Zeit, als Philipp Lanner die Kiſte erhielt, derſelbe in den uͤbelſten Vermoͤgens⸗ umſtaͤnden, und wirklich hatte er bereits ſeinen Glaͤubigern einen Akkord angeboten, als er mit elnemmale dieſelbe ohne allen Abzug baar ausbe⸗ LOI zahlte, und ſeine Handlung wieder aufleben machte. Hierzu hatte ihn aber freilich keines⸗ wegs die erhaltene Kiſte in den Stand geſetzt, ſondern eine fuͤr verlohren gehaltene hochſt be⸗ traͤchtliche Forderung, welche ihm nach dem To⸗ de des alten Fuͤrſten von K. deſſen Nachfol⸗ ger mit einemmale baar und ohne allen Abzug ausbezahlen ließ. R wußte dies allerdings, er fand aber fuͤr gut, die Verlegenheit zu benu⸗ tzen, in welche Philipp Lanner durch die Kiſte gebracht ward, er rechnete darauf, daß dieſer, der allerdings in rechtlicher Ruͤckſicht bierin viel gegen ſich hatte, ſich ſeinzr bedienen wuͤrde, um mit den Lahneriſchen Erben einen Vergleich hier⸗ uͤber abzuſchließen, weil es bekannt war, daß er die Schritte derſelben durchaus leitete, und dieſe ihm blindlings Folge leiſteten, und ſuchte daher die Verlegenheit deſſelben auf das äuſſerſte zu treiben, um ſo von demſelben fuͤr die ihm zu leiſtenden Dienſte beſſer bezahlt zu werden, und theils auch, um die Vergleichs ſumme fur die Lah⸗ neriſchen Erben hoͤher zu ſpannen, da dieſe ihm vorlaͤufig einen beſtimmten Antheil hieran zugeſi⸗ chert hatten. Die Klage ward mit ſo viel Raͤnken umſtrickt, und die ganze Sache ſo kuͤnſtlich geleitet, daß die Gerichten ſich wirklich in die Nothwendigkeit verſetzt ſahen, den Beklagten verhaften zu laſſen. Es erhob ſich jetzt ein verwickelter Rechtsſtreit, in den zugleich wegen der angeblich erhaltenen Lah⸗ 102 —— neriſchen die uͤbrigen Lanneriſchen Erben mit verwit⸗ kelt waren. So wenig dieſe hierdurch in Verlegenheit gebracht werden konnten, ſo ſehr kam Philipp Lanner immer mehr ins Gedraͤnge, und dieſer ungluckliche, ſchuldloſe Mann konnte nichts anders, als ſeinen vdlligen Ruin vorausſehen, als endlich auf ein⸗ mal, nachdem derſelde bereits zwei Jahre verhaf⸗ tet war, ſein Schickſal eine unvorhergeſehene und hochſt guͤnſtige Wendung erhielt. An einem gnten Abende erſchien naͤmlich Friedrich Lahner in Kronſtadt, aͤrmer und zer⸗ lumpter noch, als er ehedem von da weggegan⸗ gen war. Er wunderte ſich nicht wenig, daß ſeine Verwandten ihn bei lebendigem Leibe hatten beerben wollen, noch mehr aber uͤber die große Idee, welche man ſich von ſelnem Vermogen ge⸗ macht hatte. 300,000 Thaler war mehr, als er rechnen konnte. Er war als Mattoſe zur See gegangen, und hatte nach maucherlei Unfaͤllen zu Batavia einen kleinen Handel angefangen, der ihm im Anfange uͤber Erwartung gelungen war. Um ſeinen Freunden eine hohe Meinung von dem Gluͤcke beizubringen, welches er gemacht habe, hatte er damals die bewußte Kiſte mit oſtindiſchen Kleinigkeiten, die an der Stelle des Einkaufs wenig koſteten, und dort faſt gar keinen Werth hatten, mit einem Schiffe nach Europa geſchickt, wo dieſelbe, wie wir geſehen haben, die Urſache ward, daß ein braver Mann ſeiner Familie und ſeinen Geſchaͤften zwei Jahre lang entzogen, und 103 beinahe fuͤr immer ruinirt worden waͤre.— Der Ankommling taxirte den Werth der Kiſte auf 70 Thaler, welche Philipp Lanner ohne weitern Auf⸗ enthalt bezahlte. Die uͤbrige in Anſpruch genom⸗ mene Erbſchaft fiel ohnehin weg, und R. ward nach vorgenommener Unterſuchung ſeines Bubenſtreichs auf zwei Jahre in ein Zuchthaus gebracht. Johann Plode. Dieb aus Rache. Gugav Plode, ein reicher Gerber in der ſchle⸗ ſiſchen Stadt S.„erzog ſeine beiden Soͤhne Anton und Johann mit elnem Aufwande, der⸗ ſo reich er auch war, doch die Kraͤfte ſeines Ver⸗ mdoͤgens uͤberſtieg. Anton, der aitere, hatte wenig Talente, und war uͤberhaupt ein unbedeu⸗ render Junge, der wenig verſprach; der juͤngere bingegen, Johann, gab ſehr früh ſchon Beweiſe der gluͤcklichſten Anlagen, die er unter der Lei⸗ tung der geſchickten Lehrer, welche ſein Vater 104 ihm hielt, auf die ausgezeichnetſte Weiſe kultivir⸗ te.— Mit dieſen beiden Bruͤdern genoß Adolph, der Sohn des reichen Leinenhaͤndlers Bauſcher, gleichen Unterricht. So reich Bauſcher war, der mit Recht fuͤr den reichſten Mann in der Stadt und der ganzen Gegend galt, und ſo kin⸗ diſch er in ſeinen Einzigen verliebt war, der uͤbri⸗ gens ein tuͤckiſcher aber erzdummer Junge war, ſo litt es doch ſein Geiz nicht, auf deſſen Erzie⸗ hung etwas zu verwenden, und er erwirkte es daher von Plode, ſeinem Vetter, daß Adolph fuͤr ein paar Groſchen, welche er den von dieſem fuͤr ſeine Sdhne reichlich bezahlten Lehrern zum Douceur zu geben verſprach mit dieſen gleichen Unterricht erhielt. Prode gab dies um ſo lieber zu, als er ſehr vlel auf den alten Bauſcher, als ſeinen Verwandten, hielt, und erwartete, daß hierdurch elne Art von Nacheifer unter den Jungen entſtehen und dieſe dadurch fleißiger wer⸗ den wuͤrden. Dieſe letztere Erwartung ſchlug indeß fehl. Adolphs Dummhelt und Faulheit machte nicht blos alle Rivalltaͤt unter den Knaben unmoglich, ſondern der tuͤckiſche Junge verdarb auch noch die Moralitaͤt und den Fleiß Antons, deſſen Freuud⸗ ſchaft er ſich bemaͤchtigt hotte. Johann liebte denſelben nicht, er hielt ſich deshalb von ihm ent⸗ fernt und wandelte ſeine Laufbahn fort. Er ward daher von demſelben gehaßt, und Adolph — 105 — wußte ſogar dieſen ſeinen Haß gegen Johann, deſſen Bruder, mitzutheilen. Anton war der Liebling ſeines Vaters, der gegen ſeinen in jeder Hinſicht beſſern juͤngern Sohn das unbillige Vorurtheil hatte, welches ſo oft Eltern gegen einzelne ihrer Kinder eigen iſt. Ueberall ward Johann von ſeinem Vater zuruck⸗ geſetzt, und Anton, der gar bald ſich einen Theil der tückiſchen Vosheit des jungen Bauſchers ei⸗ gen gemacht hatte, und gleich dieſem ſeinen Bru⸗ der haßte, wandte alles an, demſelben haͤufig bei ſeinem Vater Verdruß zu machen. Daß dies bei Johann, ſo viel Herzensguͤte er auch hatte, kein gutes Blut ſetzte, begreift ſich leicht. Die Unbilligkelt ſeines Vaters ſchwaͤch⸗ te jedoch nicht ſeine Liebe zu demſelben, und eben ſo wenig vermochte er es, ſeinen Bruder zu haſ⸗ ſen; nur Bauſchern ſah er als die Urſache von allem dieſem an, und nur dieſen haßte er aus Herzensgrund; ein Haß, der mit den Jahren im⸗ mer zunahm, und welchen Adolph eben nicht zu mindern befliſſen war. Dieſe leidenſchaftliche Abneigung ſchwoll zu einer fuͤrchterlichen Hohe, ais nach einigen Jah⸗ ren gegen alle Erwartung der Vater davon ſprach, daß nun Johanu bald die Buͤcher ver⸗ laſſen und ſeine Profeſſion lernen muͤſſe, nnd endlich dieſen Vorſatz wirklich ausfuͤhrte. Bis⸗ her hatte der alte Plode immer geſagt, daß 106 ſeine beiden Sohne ſtudieren ſollten, und er konnte es weder ſich, noch andern verhehleu, daß es Johann hierbei weiter bringen werde, als ſein Bruder. Um ſo auffallender war jetzt dieſe jählinge Umaͤnderung ſeiner Geſinnungen. Vergebens riethen die Lehrer und alle, welche die Jungen kannten, daß, wenn er doch einen ſeiner Sohne zu ſeiner Handthierung anhalten wolle, er Antonen hlerzu auserwaͤhlen moge, well dieſer ungleich weniger Fleiß und Talente habe, und weniger verſpraͤche, als ſein juͤngerer Bruder. Der Alte blieb dabei und Johann ward mit Gewalt ron ſeinen Studien geriſſen, und gezwungen, elne Profeſſon zu lernen, welche er verabſcheuete, waͤhrend ſein Bruder mit allem Glanze die Laufbahn eines Muſenſohnes fortwan⸗ deln durfte. Schon dies verſtaͤrkte die Abneignng Jo⸗ hanns gegen ſeinen Bruder, und ſein Haß ge⸗ gen Bauſchern ward noch viel hoher geſchwellt, als er erfuhr, daß dieſer tuckiſche Bube einzig die Schuld dieſes ihm unertraͤglichen Wechſels hat⸗ te. Adolph hatte nmlich ſeinem Vater ſo viel haͤmiſche Einfluͤſterungen inſinuirt, und ihm end⸗ lich gedroht, ihm durchzugehen, wenn er bei Plode nicht erwirkte, doß Johann nicht weiter mehr ſtudieren duͤrfe und zum Handwerke genom⸗ men werde, daß dieſer ſchwache Mann, dem oh⸗ nehin der Neid uͤber Johanns groͤßere Fortſchritte, und den allgemeinen Vorzug, welchen derſelbe 107 ͤberall vor ſeinem Herzensſohnchen erhielt, am Herzen fraß, und der den Gedanken nicht ertra⸗ gen konnte, daß Johann einſt hoͤher ſteigen ſoll⸗ te, als ſein Adolph, bei Plode alles anwendete, um dieſen dahin zu bringen, wohin ſeines Soͤhn⸗ chens Wunſch gieng. Der alte Plode, der ein leicht zu uͤberredender Mann war, gab den Vor⸗ ſtellungen Bauſchers bald nach, und uͤberzeugte ſich durch dieſelbe, daß er bei ſeinem jetzt heran⸗ nahenden Alter einen Gehuͤlfen in ſeiner Arbeit haben, und Johann hierzu beſtimmt werden muͤſſe, weil derſelbe auf Akademien verdorben werden wuͤr⸗ de, welches er von ſeinem Lieblinge Anton weni⸗ ger zu befuͤrchten glaubte, da dieſer weniger Feuer hatte, oder vielmehr beſſer zu heucheln verſtand. Als in der Folge Anton auf der Univerſitat betraͤchtlichen Auſwand machte, und daher viel Geld koſtete, und uͤberdem der alte Plode Adol⸗ phen, welcher nach der mit deſſen Vater geſche⸗ henen Verabredung Plodens Tochter heirathen ſollte, gleichfalls mit ſtatken Summen unterſtutz⸗ te, waͤhrend der gehaßte Johann ſchwer arbeiten und oft darben mußte; als endlich beide in der Vakanz ihre Eltern heſuchten, ihre Pracht gegen die Aermlichkeit, welche Johanns Lyos war, grell genug abſtach, und ſie uͤberdem mit aͤchter akademiſcher Rohheit denſelben, als er zutraulich ſich hnen näherte, veraͤchtlich von ſich ſtießen und mißhandelten, da ſtieg Johanns Haß gegen Bauſchern, den er fuͤr die Schuld von allem dem 108 —— hielt, auf das hochſte, und ſein Vater ſab ſich gezwungen, deſſen Wunſche, auf die Wanderſchaft zu gehen, nachzugeben, um nicht uͤble Auftritte zu erleben. Johann trieb auf dieſer ſich acht Jahre herum. — Als er wieder kam, waren ſeine Eltern, ſo wie der alte Bauſcher tod. Sein Bruder hatte in einer benachbarten Stadt einen Federdienſt, we er keinem, der etwas mehr, als Leſen und Schreiben, erforderte, vorzuſtehen faͤhig war, und Adolph hatte gar keine Anſtellung, weil er zu allem unfaͤhig befunden worden war. Er hat⸗ te die Handlung ſeines Vaters verkauft, der be⸗ traͤchtliche Erlöß aus derſelben ſetzte ihn in Stand, auch ohne Bedienung gemaͤchlich und mit Glanze leben zu koͤnnen; ſah, nach wie vor, mit Ver⸗ achtung und Spott auf ſeinen alten Schulkame⸗ raden herab, und verſaͤumte keine Gelegenheit, ihn beides fuͤhlen zu laſſen, Johanns Schweſtet zu heirathen, weigerte er ſich eben ſo beharrlich, als die unter dirſer Vorausſetzung von dem alten Plode erhaltenen beraͤchtlichen Geldſummen wieder zu bezahlen. Als einſt Johann eine Fuhre KLeder in eine benachbarte Stadt zu Markte brachte, und da er hinter derſelben hergegangen war, von der Ermuͤdung in einem Wirthshauſe ausruhte, kam Bauſcher mit noch zwei andern ſeiner Art in einer mit vier Pferden beſpannten Karoſſe gleichfalls 109 vor demſelben angefahren. Kaum waren ſie durch die Thuͤren, welche der Wirth reſpeckvoll weit aufriß, in die Wirtheſtube getreten, in welcher ſich Plode mit noch einem Gaſie allein befand, als ſchon Bauſcher auf denſelben zutrat, ihm mit der Peitſche den Hut vom Kopfe ſchlug, und ihn zugleich anmahnete, den Reſpekt, den er Leuten ihres gleichen ſchuldig, kuͤnftig weniger außer Augen zu laſſen. Plode ſetzte ſich in Be⸗ reitſchaft, den Annahenden ſo fuͤhlbar zurecht zu weißen, als er es verdiente; deſſen Begleiter aber, die ſich ſogleich drein miſchten, leßen ihm ihre Ueberlegenheit fuͤhlen, und der Wirth, den der entſtandene Laͤrm herbeitrieb, verwieß ihm gleichfalls die Unart, daß er ſo wenig Reſpekt gegen Leute habe, welche mehr ſeyen, als er, in ſehr rohen, demuͤthigen den Ausdrücken. Dieſe Mißhandlung zehrte an Ploden, wie ein zernichtendes Feuer. Er war der Raſerei nahe, und ſchwur, ſich zu raͤchen, und wenn er ſelbſt daruͤber zu Grunde gehen ſolle. Ohne ſein Geld,— ſo raiſonnirte er— ſtuͤnde Bau⸗ ſcher noch weit hinter ihm zuruͤcke, konnte ihn nicht verſpotten und mißhandeln, und ſeine Schwe⸗ ſter wuͤrde dann nicht von demſelben verſchmaͤht und zum Stadtgeſpraͤche gemacht worden ſeyn. Wenn daher dieſer Nerve demſelben abgenommen werde, meinte er, dann werde derſelbe ſchon an⸗ ders tanzen.— Wie dies zu vewerkſtelligen ſey, erwog er den ganzen Tag, und noch auf dem TLILO Heimwege in der ſpaͤten Nacht entwarf und zer⸗ nichtete er Plane hierzu, mit denen er ſich unab⸗ laͤſſig beſchaͤftigte. Ein unter jeden andern Ver⸗ haͤltniſſen hoͤchſt unangenehmer Zufall entriß ihn ſeine Zweifel hieruͤber. Plode mußte naͤmlich, um zu ſeiner Hei⸗ math zuruͤckzukommen, durch einen Wald wan⸗ dern, in welchem ihn bald ein paar Buſchklep⸗ per, denen die Wochſamkeit der Polizei den heu⸗ tigen Markt verdorben haben mochte, und wel⸗ che wahrſcheinlich nun durch einen Fang noch dies gehabte Mißgeſchick verbeſſern wollten, an⸗ griffen, und ihm Geld abforderten. Plode hat⸗ te ſein Geld ſaͤmtlich auf den Wagen gethan, auf welchem er das Leder zu Markte gebracht hatte, und der am andern Tage erſt zuruͤckefuhr, und ergotzte ſich daher herzlich an dem Aerger, in den die Raͤuber geriethen, als ſie ihn durchſucht, und nicht einen Groſchen bei ihm gefunden hat⸗ ten. Eben ſo ſchnell ſoßte ihn aber auch der Ge⸗ danke, daß er ſich dieſer Kerls bedienen könnte, um gegen ſeinen Feind den Plan auszufuͤhren, mit welchem er ſich eben jetzt beſchaͤftiget hatte. Er ſchlug den Raͤubern vor, mit ihm nach S zu gehen, wo er ſelbſt ſie zu einem Fange anfuͤhren wolle, der fuͤr ſie hoͤchſt ergie⸗ big werden konne. Er ſagte ihnen, daß Bau⸗ ſcher, wie ihm genau hekannt war, ehegeſiern ein Kapital von 1000 Reichsthalern einge⸗ i11 nommen haͤtte, welches— großtentheils in Gold— noch vorraͤthig da laͤge, daß derſelbe fuͤr elnige Tauſend Silber und Pretioſen habe, daß dies alles in einem Zimmer gegen den Garten zu aufbewahrt werde, wohin ſehr leicht und ohne viele Schwierigkeit zu kommen ſey. — Er erbot ſich, daß er ihnen ſſein Haus ſo lange zum Aufenthalt geben wolle, bis ſie den Raub auserſehen und die Beute in Empfang ge⸗ nommen haͤtten Er ſelbſt verlangte hieran nicht den geringſten Antheil, und ſchlug denſelben ſo⸗ gar hartnaͤckig aus, als dieſelben ihm ſolchen in reichlichem Maaße zum Voraus verſprachen. Er bedung ſich blos, daß er an der Avsfuͤhrung ſelbſt keinen weiteren Antheil nehmen duͤrfe, als blos die Gelegenheit zu zeigen, und ſie anzuweißen. Die Burſche fanden den Plan ſehr annehm⸗ bar und leicht auszufuͤhren; nur kam es noch darauf an, daß Plode denſelben das Zutrauen zu ſich gab, welches ſie gegen ihn als einen ganz Unbekannten nicht haben konnten, da ſie befuͤrchten mußten, daß der ganze Plan eine Schlinge ſey, durch welche dieſer ſie in die Haͤn⸗ de der Juſtiz liefern wollte. Sie nahmen dem⸗ ſelben, nachdem hieruͤber unter ihnen viel hin und her geredet worden, einen ſchweren Eid ab, doß er nichts arges hierbei im Sinne fuͤhre, ih⸗ nen keine Schlinge lege, und ihnen aus allen Kraͤften zur Ausfuͤhrung des Diebſtahls behülf⸗ 112 — lich ſeyn wolle. Ihrerſeits verſprachen ſie da⸗ gegen, in einigen Tagen bei ihm einzuſprechen, und die Sache nach ſeinem Wunſche zu vollen⸗ den. Noch unter dem Thore von S erhielt Plode neue Nahrung fuͤr ſeinen Zorn und Rach⸗ gierde. Das Thor war, da es ſchon ziemlich ſpaͤt in der Nacht war, als er dort anlangte, bereits geſchloſſen, und er mußte lange pochen, ehe der Waͤchter deſſelben, der im beſten Schla⸗ fe lag, daſſelbe bffnete. Unter dieſer Zeit erſchien Bauſchers Wagen, und in demſelben Bauſcher mit ſeinen ungezogenen Geſellſchaftern. Beim Scheine des Mondes erkannten dieſe Ploden, der heutige Strit mit demſelben war ihnen noch in zu friſchem Andenken, und der haͤufig genoſſe⸗ ne Wein machte ſie doppelt erhitzt und rachgierig. Sie fielen daher uͤber denſelben her, mißhandelten ihn auf die pobelhafteſte Weiſe, und nur die Dazwiſchenkunft des auf ſein Geſchrei zu Huͤlfe eilenden Thorwaͤrters konnte ihn von den toben⸗ den Ausbruͤchen der pobelhaften Wuth dieſer Trun⸗ kenholde befreien. Schnaubend von heißer, grim⸗ miger Rachgirde, und blutend von den Mißhand⸗ lungen bieſer boͤſen Buben, taumelte Plode nach Hauſe, und wartete nun mit verdoppelter Uage⸗ dult auf die Ankunft ſeiner Raͤcher. Dieſe erſchienen puͤnktlich zur beſtimmten Zeit. Sie geſtanden Ploden, daß ſie, ohnge⸗ 113 —— achtet des abgelegten Schwurs, ihm noch immer nicht getraut und erſt noch zuvor Erkundigung wegen ihm eingezogen haͤtten, daß ſie aber auch jetzt bereit ſeyen, Leib und Leben daran zu ſe⸗ tzen, um ſeine Wuͤnſche auszuführen. Es waren drei Kerls, welche die Natur ſelbſt zu Spitzbu⸗ ben geformt zu haben ſchien'“, und Plode erſchrak ſelbſt, da er ſie jetzt am Tage ſah, uͤber ſeine Bundesbruͤder. Er geſtand in der Folge, daß er, ſo ſehr er auch von Rache gluͤhte, gleich⸗ wohl durch den Anblick dieſer Teufelslarven ſo erſchreckt worden ſey, daß er gern zuruͤckgetre⸗ ten waͤre, wenn es nicht zu ſpaͤt geweſen waͤ⸗ re. Plode bewirthete ſeine Gäſte trefflich, und der Wein entgluͤhte die Begierde nach Rache wieder heftiger in ihm, als je zuvor ſie geglü⸗ het hatte. Bei dem Bacchanale, welches ſie feierten, bedung ſich Plode noch, daß ihm aus der Beute eine Statue von Silber, an welcher er jederzeit eine ausnehmende Freude gehabt hatte, Zugetheilt wuͤrde, und verzichtete wieber⸗ holt auf den Antheil an allem uͤbrigen. Um ein Uhr des Nachts brach die Geſell⸗ ſchaft auf. Plode war ihr Wegweiſer. Er wußte in ganz S.„ genau Beſcheid, und konnte vorzuͤglich in Banſchers Hauſe ſeinen Konſorten jede Stelle bezeichnen, da er darin wie in ſeinem eignen bekannt war, und man aus ſeinem Hofe ſehr leicht in Bauſchers Gar⸗ Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. H 114 ten, und von da in deſſen Haus kommen konnte. Bauſcher hatte in dem Zimmer, worin ſei⸗ ne Schaͤtze verwahrt waren, noch Licht. Man mußte daher von dem Vorſatze, dort einzuſtei⸗ gen, noch zur Zeit abſtehen, und abwarten, bis derſelbe ſchlafen gegangen ſeyn wuͤrde.— Um dieſe Zeit nicht durch Unthaͤtigkeit zu ver⸗ lieren, brachte Plode in Vorſchlag, in den Haͤu⸗ ſern derjenigen, welche Bauſchern juͤngſt zu Markte begleitet hatten, und ihn bei dieſer Ge⸗ legenheit mißhandeln helfen, einzubrechen. Seine Gehuͤlfen waren ſogleich willig.— Man hatte auch ſchon an dem Hauſe des einen, der ein Tuchhaͤndler war, Hand angelegt, und das Gewoͤlbe deſſelben, worin ſeine Waaren ver⸗ wahrt waren, war bald erbrochen, als die ſich naͤhernde Schoarwache die Arbeiter vertrieb.— Gluͤcklicher waren ſie an dem Hauſe des zwei⸗ ten, der mit Uhren handelte. Zwar wurden ſie auch hier wieder verſtört, ehe ſie ganz aus⸗ geraumt hatten; ihre Ausbeute war aber doch immer betraͤchtlich genug. Jetzt eilten ſie zu Bauſchern zuruͤck, und vollbrachten ohne Muͤhe die beabſichtete That. Während Bauſcher in dem vordern Zimmer ruhig in den Armen des Schlafes lag, dffne⸗ ten die Diebe die leichtverwahrten Laͤden und Fenſter des hinteren, ſtiegen dann ein, und 115 bemaͤchtigten ſich ſeines Geldes und aller ſei⸗ ner Pretioſen. Sie brachten den Raub in Plobe's Haus, und verließen am andern Mor⸗ gen, hoͤchſt zufrieden mit dem gethanen Fange, die Stadt.— Niemand kam auf die Spur der Thaͤter. Plode hatte ganz richtig gerechnet. Bau⸗ ſchern war der Nerve ſeiner Exiſtenz und mit dieſem ſein Stolz durchſchnitten; er bemaͤhte ſich jetzt um ein Federdienſtchen von J0 Thalern Ertrag, und Plode hatte noch lange Jahre die Genugthuung, denſelben jetzt eben ſo demuͤthig kriechend und geſchmeidig zu ſehen, als er vorher pobelhaft anmaßend und hochmuͤthig geweſen war⸗ Er hatte ſogar haͤufig Gelegenheit, ihm die ſonſt erhaltene Herabwuͤrdigung mit gleichem Maaße zu vergelten. Aber auch dieſer Triumph ward unterbro⸗ chen. Zu kuͤhn und ſelbſiſuͤchtig hatte Plode in die Speichen des Schſckſals eingegriffen, als daß nicht die vergeltende Gottheit auch ihn haͤtte beſtrafen ſollen. Nach ohngefaͤhr 15 Jah⸗ ren ward elner der Diebe, welche den Diebſtahl vollfuͤhrt hatten, uͤber der Fortſetzung ſeines Ge⸗ werbes arretirt, und bekannte unter andern auch dieſen Einbruch. Plode war ſogleich in das Ge⸗ faͤngniß gebracht, und bekannte ſchon in dem erſten Verhore die ganze Sache mit allen Umſtaͤnden⸗ H 2 116 — Das Gericht ſchickte die Akten zum Spruche Rech⸗ tens auf die Univerſitaͤr Wittenberg, welche das Urtheil dahin faͤllte, daß Inquiſit mit dem Stran⸗ ge vom Leben zum Tode zu bringen ſey. Denn, hieß es in den Entſcheidungsgruͤnden, obgleich Plode bei keinem der geſchehenen Einbruche Hand angelegt, auch ſelbſt nicht einmal ein Werk⸗ zeug hierzu gehabt, noch auch mit eingeſtie⸗ gen ſey, ſo ſey er doch die Haupiveranlaſſung des Verbrechens geweſen, und die Geſetze ſaͤ⸗ hen bei Verbrechen, welche durch eine Conſpi⸗ ration begangen wuͤrden, nicht darauf, was ein jeder bei dem Handel gethan, ſondern ſetz⸗ ten, indem ſie die ganze That füͤr einen Akt ach⸗ teten, auf alle Conſpiranten gleiche Strafe.— Dles ſind wdetlich die Ausdruͤcke der dem Urtheile angehaͤngten Entſcheidungsgruͤnde.— Das Gericht von S. welches ſich freilich auch uͤberzeugte, daß nach dem ſtrengen Sinne der Geſetze Plode das Leben verwirkt habe, aber ſich zugleich uͤberzeugt hielt, daß durch die Um⸗ ſtaͤnde, welche wir dem Leſer mitgetheilt haben, und vorzuͤglich durch die bei der Vertheilung des Raubs bezeugte Uneigennuͤtzigkeit der Verbrecher eine Milderung des Urtheils verdlene, empfahl denſelben, inbem es die Akten mit dem Urtheile dem Fuͤrſten vorlegte, zur Begnadigung, und der Fuͤrſt, fuͤr deſſen Herz es Wohlthat war, auch nur den entfernteſten Grund zu haben, der ihn rechtfertigte, von dem Rechte der Begnadigung, * dieſer ſchoͤnſten Perle in dem Diademe guter Fuͤrſten, Gebrauch zu machen, milderte das Todesurtheil auf eine achtjaͤhrige Feſtungs⸗ ſtrafe. Franz Heuerbach. Ein vierjaͤhriger Haß entzweite Franz Heuer⸗ bach von D—feld und Janaz Rodcl von W— born. Die beiden Dörfer, in denen ihre Eltern und in der Folge ſie ſelbſt anſaͤßig wa⸗ ren, lagen nur eine kleine Viertelſtunde von einander entfernt und hatten eine gemelnſchaft⸗ liche Schule, in welcher beide Knaben, welche in einem Alter waren, taͤglich zuſammenkamen und durch unausgeſttzte Neckereien ihren gegen⸗ ſeitigen Haß naͤhrten. Dieſer ſchien ihnen an⸗ geboren zu ſeyn; er zeigte ſich bei dem erſten Zuſammentreffen derſelben und endete ſich nur mit ihrem Tode, ohne in dieſer ganzen Zwi⸗ ſchenzeit je etwas von ſeiner Schaͤrfe zu ver⸗ lieren. Grinmiger als je zuvor warb derſelbe, als beide in die Juͤnglingsjahre traten und bei⸗ 118 de zugleich ſich iu daſſelbe Maͤdchen verliebten. Roͤdel war der beguͤnſtigte und erhielt Mariens Hand. Heuerbachs Haß ward von dieſem Au⸗ genblicke an zur Wuth, ſo wie dagegen Rddel jetzt nachgiebiger, oder vielmehr furchtſamer zu werden ſchien. Am Tage der Hochzeit geſcha⸗ hen nach der Gewohnheit des Ortes eine Men⸗ ge Freudeuſchuſſe, als das Brautpaar zur Kir⸗ che zog; einer derſelben trieb eine Kugel ſo dicht an des Braͤutigams Kopfe vorbei, daß dieſer betaͤubt niederſankz jedermann hielt Heu⸗ erbachen fuͤr den Thaͤter, gegen den jedoch nichts bewieſen werden konnte. Einige Wochen nachher trafen beide Feinde einander in der Schenke eines benachbarten Dorfes, welches eben ſeine Kirmiß feierte; Heuerbach, vom Weine und Rache erhitzt, ſuchte mit Rodeln Streit zu erhalten und brach endlich, da dieſer, durch eigne Furcht und ſeine Begleiter zuruckgehalten, dieſem ſorgfäͤltig auswich, ohne weitere Veran⸗ laſſung auf ibn los, gab ihm einige Stiche mit ſeinem Meſſer und wuͤrde ihn auf der Stelle ermordet haben, wenn nicht alle Gegen⸗ waͤrtige vereint denſelben zuruͤckgehalten und entwaffnet haͤtten. Heuerbach ward auf der Stelle verhaftet, mußte dem an ſeinen Wunden lange darniederlirgenden Rodel eine betraͤchtliche Entſchaͤdigung bezahlen, und ward auſſerdem noch zu eluer dreijaͤhrigen Feſtungsſtrafe verur⸗ 119 um nichts gebeſſert verließ Heuerbach, nach Beendigung ſeiner Strafzeit, den Karren, an welchem angeſchmiedet er drei Jahre gearbeitet hatte, und kehrte nach ſeiner Heimath zuruͤck. Sein Pater war immittelſt geſtorben, und ſein Erbe dunch die nachlaͤſſigen Adminiſtratoren ſeiner Mutter noch mehr, als durch die Entſchaͤdigung, welche er Rodeln bezahlen muͤſſen, und die uͤbrigen bedeutenden Koſten, welche jene boshaf⸗ te Verwundung veranlaßt hatte, ſehr geſchmol⸗ zen. Die erlittene Feſtungsſtrafe hatte den Haß, den er gegen ſeinen alten Feind hatte, nicht mildern konnen, ſie hatte denſelben vielmehr noch betraͤchtlich verſtuͤrkt, und die Abnahme ſeines Vermoͤgens, die er jetzt entdeckte und wovon er Roͤdeln einzig die Schuld gab, mußte den⸗ ſelben noch immer mehr erhoͤhen. Indeſſen hatte ihn die erlittne Strafe wenigſtens vorſich⸗ tiger gemacht, aber gerade deshalb war jetzt ſein Zorn ſeinem Feinde um ſo gefaͤhrlicher, da ſich derſelbe jetzt nicht mehr in leichter zu vermei⸗ denden dffentlichen und tumultuariſchen Angrif⸗ fen, ſondern in Argliſt und hinterliſtigen Nach⸗ ſtellungen aͤußerte. Gleſchwohl war Heuerbach nicht Meiſter genug uͤber ſeine Leidenſchaft, oder zu wenig mit den Kuͤnſten der Verſtellung bekannt, um den gluͤhenden Haß, von dem er gegen ſeinen Feind erfuͤllt war, ganz verbergen zu konnen. Er aͤuſſerte ihn vlelmehr bei allen Gelegenheiten durch die haͤrteſten Schimpfworte, denen er eini⸗ 120 gemal, vom Weine erhitzt, die Drohung laut beifuͤgte,„der Kerl verdiene nicht mehr, als daß man ihn todtſchlage, und es duͤrfe ihm lelcht ein⸗ mal in den Sinn kommen, dann thue er dies auch.““ Indeſſen brach der franzöſiſche Krieg aus, und da die Orte, in denen die beiden Feinde wohnten, auf dem linken Rheinufer lagen, auf welchem in den erſten Jahren dieſes verderbli⸗ chen Kriegs derſelbe gefuͤhrt ward und jeder, zu ſehr von eignem Elende gedruͤckt, blos fuͤr ſich ſelbſt zu ſorzen hatte, blos mit ſich ſelbſt be⸗ ſchaͤftigt war, ſo fehlte es an beſondern Veran⸗ laſſungen, den Haß bei dem Feinde zum lauten Ausbruch zu bringen. Rddel ſchlug ſich gleich beim erſten Vorruͤcken der Franzoſen, als Cuſtine in Deutſchland elnbrach, offentlich auf die Seite der Republikaner, und hatte daher, gleich ſo vie⸗ len andern ihm gleſchgeſinnten, nach Vertreibung der franzöſiſchen Armee, das Ungluͤck, von ged Prenſſen gepluͤndert zu werden. Angeber unn Hauptzeuge gegen ihn war Heuerbach geweſen, welcher uͤberhaupt immer eine beſondre und aus⸗ gezeichnete Anhaͤnglichkeit an die alte Herrſchaft verrleth, die, wie man allgemtin ſagte, einzig in ſeiner Abneigung gegen Rodel ihren Grund ſo ganz hatte, daß niemand zweifelte, er wuͤrde, wäre Rddel von der gegenſeitigen Parthel gewe⸗ ſen, der eifrigſte und wuͤthendſte Aahaͤnger der Franzoſen geworden ſeyn. Dleſe Angeberei ver⸗ 127 galt dann Rodel, als die Franzoſen in der Folge wieder vordrangen, mit gleicher Muͤnze, und Heuerbach hatte nun das naͤmliche Schickſal, welches jener zuvor gehabt hatte, er ward von den Franzoſen und ihren raͤchenden deutſchen An⸗ haͤngern gleichfalls ausgepluͤndert und bis aufden Tod mishandelt. Die Franzoſen blieben nun ohnausgeſetzt in dem Beſitze des Landes, Rodel erhielt die vollſte Auszeichnung der Parthei, zu der er ſich geſchla⸗ gen hatte und ward, als die Eroberer anfiengen, die in Beſitz genommenen Lande nach ihrer Ver⸗ faſſung zu organiſiren, als Prepoſe in den bei⸗ den bei einander liegenden Doͤrfern, in deuen die beiden Feinde wohnten, ernannt. In dieſer Eigenſchaft hatte er haͤufig Gelegenheit, ſeinem Feinde es fuͤhlen zu laſſen, daß auch er ihn noch eben ſo ſehr haſſe, als je zuvdr. Natuͤrlich konn⸗ te dies Betragen die Leldenſchaft Heuerbachs nicht kuͤhlen; er fuͤhlte jedoch zu gut, daß er der ſchwächere Theil war, und ohnmaͤchtige Schimpfworte, bisweilen von unvorſichtigen Drohungen begleitet, waren alles, was er jetzt ſeinem Feinde entgegenzuſetzen vermochte. Doch brach endlich bei einem republikaniſchen Feſte, das die Bauern feiern mußten, der Zwiſt unter beiden Feinden in eine Schlaͤgerei aus, bei der Roͤdel, der, wie alle Anhaͤnger der Franzoſen, unter den Bauern wenig Freunde 122 ——— hatte, durchgepruͤgelt ward, zur Rache aber burch die in dem Orte einquartirten Franzoſen Heuerbachen arretiren ließ. Fedoch ließ er den⸗ ſelben am andern Tage ſogleich wieder frei, well er wohl fuͤhlte, daß er es auf keine ge⸗ richtliche Unterſuchung ankommen laſſen durfte, indem er den Streit veranlaßt hatte, und von den bei demſelben mit gegenwaͤrtig geweſenen Bauern, die ihn alle als einen Anhaͤnger der Franzoſen haßten, kein guͤnſtiges Zeugniß erwar⸗ ten konnte. Drei Tage nach dieſem PVergehen erhielt der Prepoſee eine Ladung, vor dem Fridensrichter des Bezirks zu erſchienen, der in einem drei Stunden von ſeinem Wobnorte entfernten Staͤdt⸗ chen wohnte. Als Rodel dahin abreiſte, ſtand Heuerbach gerade an dem Hauſe einer Verwand⸗ tin, mit der er im Geſpraͤche begriffen war, von der er, als er den Prepoſee in Reiſekleidern an ſich voruͤber gehen ſah, Abſchied nahm, mit der Aeußerung, daß er nach Hauſe gehen wol⸗ le. Man ſah ihn auch wirklich bis an eine Muͤhle gehen, welche mitten zwiſchen den bei⸗ den Doͤrfern lag. Da es ſtark regnete, ſo ſtell⸗ te er ſich daſelbſt unter ein Wetterdach, unter welchem er einige Zeit ſtehen blieb, und dem Prepoſee, der ſelnen Weg nach einer andern Selte hin gegen den dort liegenden Wald zu, welchen er paſſiren mußten, fortſetzte, nach⸗ 123 ſtarrte. Kurz darauf verließ er noch waͤhrend des Regens dieſen Stand, und eilte auf ei⸗ nem Nebenwege mit ſchnellen Schritten dem Walde zu, in welchen Rodel ſo eben eingetreten war. Noch am naͤmlichen Abende fand ein Bau⸗ er, der mit Korn nach der Stadt gefahren war, wohln Rdodel berufen worden, und nun uruͤckkehrete, denſelben gleich am Eingange des Waldes tod liegen, und brachte den Koͤrper nach deſſen Wohnung zuruͤck. Der Friedens⸗ richter, den Rodels Verwandte ſogleich herbei⸗ riefen, veranſtaltete die geſetzliche Beſichtigung des Erſchlagenen, und man fand, daß ihm mit einem ſcharfen Inſtrumente der Hirnſchaͤdel ge⸗ ſpalten war. Gleich verbreitete ſich die Sage, Heuerbach habe dieſen Mord begannen, und der Friedensrichter verhaftete, nachdem er durch die Abhor mehrerer Zeugen alle die Umſtande erfahren hatte, welche wir oben bereits unſe⸗ ren Leſern erzaͤhlt haben, und die allerdings den vollſtaͤndigſten Verdacht gegen denſelben, und ſogar eine At von Gewißheit erzeugen mußten, den Inculpirten, den er an das Au⸗ klagetrbunal abſchſckre, von welchem er nach den noͤthigen weitern Einſchreitungen und der erforderlichen Einleitung des Prozeſſes an das Friminalgericht des Departements abgefuͤhrt ward. Hier wurden eine ganze Menge von Zeu⸗ gen nochmals vernommen, und das Schickſal des Angeklagten ſchien bereits vollſtaͤndig ent⸗ ſchieden zu ſeyn, ehe man noch ſeine Verthei⸗ digung gehort hatte. Der verjaͤhrte, hundert⸗ fach erwießene Hoß des Angeklagten gegen den Gemordeten, die haͤufig von ihm gegen denſel⸗ ben offentlich, ohne Scheu und immer im hoͤch⸗ ſten Grimme ausgeſtoßenen Drohungen gegen den⸗ ſelden, vorzuglich jene:„daß er ihn noch ein⸗ mal tooſchlagen werde, wenn es ihm einfiele,“ — die an ihm ſchon einmal veruͤbte todliche Mißhandlung, welche in wirklichen Mord ſchon damals ausgeartet ſeyn wuͤrde, wenn er nicht von deſſen Vollendung zuruͤckgehalten worden wöre, die Gewißheit, daß er damals den beſtimm⸗ ten und erwieſenen Vorſatz gehabt habe, denſel⸗ ben zu morden,— der drei Tage vor dem ge⸗ ſchehenen Morde mit ſo viel Erbitterung erneuer⸗ te Streit— und endlich das allerdings hoͤchſt verdaͤchtige Benehmen des Angeklagten zur Stunde der That ſelbſt, da er ſich geaͤußert hatte, nach Hauſe gehen zu wollen, gleichwohl bei der Muͤhle unterwegs ſtehen geblieben, dem Ermordeten mit ſtarren Augen gefolgt, und endlich ihm ſelbſt nachgeeilt war,— alles das waren eben ſo viele Beweiſe gegen den Ange⸗ klagten. Heuerbach hatte zu viel natuͤrlichen Ver⸗ ſtand, um die Gefahr zu uͤberſehen, in der er 125 ſich befand. Er geſtand dies alles ein, da er es ohnehin gegen ſo viele Zeugen nicht leugnen konn⸗ te; er gab zu, daß aller Verdacht, und ſelbſt ſogar alle Wahrſcheinlichkeit gegen ihn ſey, aber gleichwohl ſey er unſchuldig an dem Morde ſeines Feindes. Er habe allerdings die Abſicht gehabt, nach Hauſe zu gehen, gab er an, als er von ſeiner Baaſe geſchieden ſey; dies beweiſe auch der Weg, den er nach ſeinem Wohnorte zu genom⸗ men habe. Als ihn der Regen gendthiget habe, ſich unter das Wetterdach der Maͤhle unterzuſtel⸗ len, ſey es ihm eingefallen, daß er ſein Holzbeil im Walde zuruͤckegelaſſen habe, als er deſſelben Morgens dort Holz gehauen habe, und weil er gefuͤrchtet, daſſelbe moͤge bei dem anhaltenden Regen roſten; habe er ſich vorgenommen, daſſel⸗ be abzuholen. In dieſer Abſicht ſy er nach dem Walde zugegangen. Der noch immer anhaltende Regen habe ihn zur Eile gendthigt, und weder auf ſeinem Wege, noch im Walde ſelbſt, ſey er dem Prepoſee begegnet, von deſſen Morde er weiter nichts wiſſe, als daß er hieran vollig un⸗ ſchuldig ſey. Daß er demſelben auf ſeinem Wege nachgeſehen habe, ſey ein ſo unbedeutender Zu⸗ fall, daß er ſich deſſen nicht einmal mehr entſin⸗ nen koͤnne. Der oͤffentliche Anklaͤger, ein Menſch ohne Eingeweide, den die Natur ſo recht zu ſeinem Berufe geſchaffen zu haben ſcheint, witzelte mit grauſamem, empbrendem Spotte uͤber die unge⸗ 126 —— kuͤnſtelte Vertheidigung des Ungluͤcklichen, mach⸗ te die Richter auf alle die Gruͤnde aufmerkſam, welche wir oben angefuͤhrt haben, und die, wie er ſagte, einen ſo hohen Grad von faſt mathema⸗ tiſcher Gewißheit gaͤben, daß ſelbſt der Dedenu ſolche nicht leugnen koͤnne; er benutzte den von dem Angeklagten angegebenen Umſtand, daß er ſein Holzbeil im Walde haben holen wollen, in⸗ dem er anfuͤhrte, daß derſelbe ſelbſt den Geſchwor⸗ nen Gewißheit daruͤber verſchaffen wollen, wie ein Menſch, der unbewaffnet aufs Morden aus⸗ gehe, einem wehrloſen Reiſenden den Kopf mit einem ſcharfen Inſtrumente ſpalten könne, und gerieth in eine Art von Wuth, in der ihm der Ausdruck entſchluͤpfte, daß Heuerbach ſchon al⸗ lein um deswillen den Tod verdienet habe, weil er Rodeln den Preußen als einen Anhaͤnger der Franzoſen verrathen, und ſo dieſen braven Re⸗ publikaner denſelben uͤberliefert habe. Mehrere Vertheidiger traten auf, und fuͤhr⸗ ten mit Beredſamkeit und Scharfſinn die Verthei⸗ digung einer ſchlechten Sache. Oefters unterbrach ſie der dffentliche Anklaͤger mit Spott und Grim⸗ me, ſo daß der Maͤſident des Tribunals ſich eini⸗ gemal genbthiget ſah, denſelben zur Ordnung zu verweiſen. Nach einer acht und vierzigſtuͤndigen Sitzung erkannten die Geſchwornen den Ange⸗ kla gten einmuͤthig fuͤr ſchuldig, und der Praͤſident ſprach das Todesurtheil uͤber denſelben. Heuer⸗ 127 bachs Vertheidiger appellirten an das Kaſſations⸗ tribunal. Mehr, als Aufſchub, ſchien hierdurch nicht gewonneu werden zu können. Es war zu ſehr durch alle Umſtaͤnde erwießen, daß kein andrer, als Heuerbach, der Moͤrder ſeyn koͤnne. Der ffentliche Anklaͤger bemerkte dies mit vieler Bit⸗ terkeit, und Heuerbach, der dieſes zugab, er⸗ wiederte, daß er dies recht gut anerkenne. Auf⸗ ſchub ſey das einzige, was er beabſichte, weil er hoffe, daß Gott in dieſer Zwiſchenzeit gewiß die Wahrheit darſtellen und ſeine Unſchuld retten wuͤrde. Der Anklaͤger lachte, die Jury konnten dem Angeklagten eine Wohlthat nicht verſagen, welche ihi durch die Geſetze gegeben ward; er ward in das Gefaͤngniß zuruͤckgebracht, die Juty trennten ſich. Das Kaſſationsgerſcht nahm die Reviſion des Prozeſſes erſt nach eilf Monäten vor. Ein klei⸗ ner Fehler im Vorfahren, ein kleiner Verſtoß ge⸗ gen eine der vielen Foͤrmlichkeiten, welche der franzdſiſche peinliche Prozeß hat, beſtimmte daſ⸗ ſelbe, den ganzen Prozeß zu kaſſiren. Dleſer mußte alſo durchaus ganz von vornen angefan⸗ gen werden. Das Kriminaltribunal, ſo wie die Anklagejury, ſchienen beide gleichmaͤßig hier⸗ durch gekraͤnkt zu ſeyn, und beide ließen nach Einlangung dieſes Kaſſationsurtheils die Sache noch acht volle Monate liegen. Noch war 128 uͤber dieſelbe nichts beſtimmt, als Heuerbach im Gefaͤngniſſe ſtarb, und gewiß hierdurch ſich die Zufridenheit ſeiner Richter im hohen Gra⸗ de erwarb, welche durch die erhaltene Korrek⸗ tion eben nicht ſehr fuͤr ihn eingenommen wor⸗ den waren. Die Folgte zeigte, daß Heuerbach, indem er durch den Aufſchub gerechtfertigt zu werden hoffte, wirklich richtig gerechnet hatte. Aller⸗ dings hatte der Ungluͤckliche Rodeln nicht erſchla⸗ gen, ſo ſehr auch alle Umſtaͤnde ihn dieſer That zengten. Kurz nach Heuerbachs Tode ward in einem benachbarten Reichslande auf dem rechten Ufer ves Rheins der Chevalier B. ein franzoſi⸗ ſcher Emigrant, eingezogen, weil er nach verſchie⸗ denen Betruͤgereien ſeinen Hauswirth ermordet hatte. Als er ſich uͤberfuͤhrt und zur Beſtrafung reif ſah, erwachte in ihm das Gefuͤhl der Reue uͤber ſeinen vorigen Wandel, und er bekannte in dieſer Zerknirſchung eine Menge Bubenſtreiche, und unter dieſen auch den von ihm an Rodeln begangenen Mord mit den Umſtaͤnden, ie wir ſie hier wieder erzaͤhlen. B. hatte damals, als der unzaͤhlige Haufen ausgewanderten Franzoſen die Gegen⸗ den des Niederrheins unter Conde und Artois uͤberſchwemmt hatte, bei Rodel gewohnt, und 129 hatte nach dem beliebten Gebrauche dieſer Herrn mit ſeines Hauswirths ſchoͤner Frau einen Liebes⸗ handel angeſponnen, mit dem er ſchon ziemiſch weit gekommen war, als er von Roͤdeln entdeckt und durchgepruͤgelt ward. Das Vorbringen der Franzoſen unter Cuſtine und Bournonville im Jahre 1792 verhinderte ihn Rache on dem unbe⸗ ſcheidnen Ehemanne zu nehmen, er entfloh ſchnell, und bat ſeine Geliebte, fuͤr ſeine Sachen, dle er wegen ſchneller Flucht nicht mit ſich forrneh⸗ men konnte, Sorge zu tragen. Rodel lieferte dieſe Sachen, ſo bald er gewahr ward, daß ſol⸗ che ſich noch in ſeinem Hauſe befanden, den Franzoſen aus, und in dieſem Zizisbeate wollteu uͤberhaupt viele den Grund von Rddels republika⸗ niſchen Geſinnungen und von ſeiner Anhaͤngigkeit an die Feinde der Emigranten finden. Freilich war er der Mann nicht, der durch Grundſaͤtze und Nachdenken beſtimmt ward. Als die Franzoſen im Jahre 1793 wieder aus dieſer Gegend vertrieben wurden, forderte der Chevalier durch gerſchtliche Klage einen be⸗ ttaͤchtlichen Erſatz fuͤr die ihm durch Roͤdels Ver⸗ rath entkommenen Vermoͤgensſtuͤcke. Er ward zwar von den Gerſchten mit dieſem Anſpruche abgewieſen, weil Rodel ſich auf die von den Franzoſen erlaſſene Proklamation bezog, durch welche jeder, der Emigrantengut in Händen ha⸗ be, bei Todesſtrafe angewießen ward, daſſelbe Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. O ₰ 130 auszuliefern; dieſe Klage aber vermehrte doch die Foſten und den Verdruß, welche Rödel hatte, und verlaͤngerte deſſen Angſt. Rodel war daher gegen den Chevalier nicht viel weniger erbittert, als gegen ſeinen alten Feind Heuerbach. Einige Wochen vor Rodels Ermordung hatte B.„ von dem Elende und der Verzweiflung ſeine Lage angetrieben, ſich nach Frankreich ge⸗ ſchlichen, um den Verſuch zu machen, ob er von ſeinen Freunden einiges Geld, welches dieſe bei der Confiscation ſeines Vermdogens gerettet hat⸗ ten, erhalten könne. Auf der Ruckreiſe fuͤhrte ihn der Weg durch Rodels Wohnort, und der Zu⸗ fall wollte, daß er dieſem, als er gerade zum Friedensrichter gehen wollte, gleich am Eingange des Waldes begegnete. Mit was fuͤr Empfin⸗ dungen beide einander gewahrten, laͤßt ſich den⸗ ken. Der Franzoſe murmelte ſo etwas von Bou⸗ ere von Coquin zwiſchen den Zaͤhnen, verbiß aber ſeinen Jngrimm, da die Umſtaͤnde, unter denen er reiſte, ſeiner Rachſucht eben nicht foͤrderlich waren. Der Prepoſee dagegen, im Gefuͤhle ſei⸗ ner gegenwärtigen Wichtigkeit, gieng auf den Emigranten zu, und befragte ihn um ſeiheh Paß, mit der diktatoriſchen Drohung, daß er ihn, wenn. er keinen aufzuzeigen vermöchte, ohne weiters arretiten und der militäriſchen Commiſſion uͤberge⸗ ben werde. Dies wuͤrde den Emigranten dem gewiſſen Tode uͤbergeben haben; er machte daher den Perſuch, dem aufgebrachten Bauer zu entge⸗ 422 N hen. Da er aber ſah, daß dieſer ihm folge, und ſich zu ſehr ermuͤdet fuͤhlte, um demſelben ent⸗ fliehen zu koͤnnen, ſo blieb er ſtehen, und es entſpann ſich unter beiden ein Zank, der ſich damit endete, daß der Emigrant eigen kleinen Saͤbel, den er unter dem Rocke verborgen trug, entbloſte, und damit Roͤdeln den Kopf ſpoltete. Ein Seitenweg durch das Gebuͤſche rettete den Moͤrder, dem die Furcht nach der vollbrachten That neue Kraͤfte zur Flucht gab; er kam gluͤck⸗ lich bei Andernach uͤber den Rbein, uud Heuer⸗ bach waͤre durch einen ungluͤcklichen Zuſammen⸗ hang verdachtbrlngender Umſtaͤnde ſchuldlos das Opfer ſeines Verbrechens geworden, wenn ihn nicht der Tod hiervon befreit haͤtte, als jener ſchon laͤngſt wieder das wenige Geld, das er mit Lebensgefahr aus ſeinem ehemaligen Vaterlande abgeholt hatte, leichefertig verſchwendete, und durch dieſes erſte Verbrechen gehaͤrtet und von Notb gezwungen, neue begieng, uud ſo lange haͤufte, bis ihn endlich die Rache der Gerechtigkeit ereilte, und den ungluͤcklichen Heuerbach, db⸗ gleich zu ſpaͤt und erſt—— ie m jun S 4 Krars Sofen unen cwetan und Blutſchaͤnderin aus Liebe und Furcht. 115 Unter den unzaͤhligen Maͤdchen, welche in der wegen der Schonheit ihrer Bewohnerinnen beruͤhm⸗ ten S— ſchen Stadt W.„lebten, war Klaͤr⸗ chen, die Tochter des Schieferdeckers Boſe, all⸗ gemein für das ſchonſte anerkannt. Ihr Pater, Heinrich Boſe, war geſtorben, als Klaͤrchen noch nicht ſiebzehn Jahre alt war, und die Paar hundert Thnler, welche er ſeiner Tochter hinter⸗ ließ, deren Mutter mit ihr im Wochenbette ge⸗ ſtotben war, ſo wie die Unterſtuͤtzungen einer chen auch nur moßig begůterten Wrwandtin, konn⸗ ten das arme Maͤdchen nur auf kurze Zeit vor Mangel ſchuͤtzen. Ein aͤlterer Bruder Klarens hatte zwar einiges Vermdgen erheirathet, war aber dadurch ſo ſehr in die Sklaverei ſeiner Frau gekommen, doß er fuͤr ſeine Schweſter nichts thun konnte, wenn er auch mehr bruͤderliche Llebe ge⸗ gen dieſelbe gehabt hätte, als er wirklich hatte. — 133 Sie nahm daher als Stubenmagd Dienſie bei einer reichen Wittib, welche ſie mit Arbeit nicht uͤberlud, und unter die guten Herrſchaften ge⸗ hoͤrte, welche ihr Geſinde keinen Mangel leiden laſſen, ſich aber auch uͤbrigens um vaſſelbe nicht bekoͤmmern. Die Unſchuld des ſchdnen Klaͤr⸗ chens war daher einer Menge von Angriffen aus⸗ geſetzt, denen ihr guter Genlus ſie zwar wider⸗ ſtehen ließ, die aber gleichwohl ihr eine gewiſſe Leichtfertigkeit eigen machten, in welcher wir viel⸗ leicht großtentheils den Grund des Ungluͤcks muͤſſen, welches ſie traf. Klaͤrchens entſchiedener Llebling war Adam Duͤrer, der Sohn eines Schreiners, der eben erſt von einer ſechsjaͤhrigen Wanberſchaft zuruͤck⸗ gekommen war, um ſeinem Vater, der von ſei⸗ ner Profeſſion kuͤmmerlich lebte, Unterſtuͤtzung zu leiſten. Er war ein ſehr ſchoner Juͤngling, hatte in mehreren Hauptſtaͤdten gearbeitet, und von daher, außer einer anerkannten Geſchicklich⸗ keit in ſeiner Profeſſion eine gewiſſe Politur und Gefaͤlligkeit der Sitten mitgebracht, welche nebſt ſeiner galanten und hoͤchſt modernen Kleidung ihn allen Maͤdchen der Stadt empfahl. Um ſo mehr fand ſich Klare geſchmeichelt, daß er unter allen blos ſie ausſuchte. Bei den haͤufigen Zu⸗ ſamnenkuͤnften, welche dem Maͤdchen ihr Dienſt geſtattete, ward die Bekanntſchaft immer trauli⸗ cher, und es kam bald zur Eiklaͤrung, daß man ſich heirathen wolle. Adams Vater, bei welchem 134 Klare ſich eingeſchmeſchelt hatte, der ſeinem Sohn keinen Groſchen geben konnte, um ſich das Buͤrgerrecht zu erwerben, alſo auf Klarens obgleich geringes Vermogen hierhei rechnete, und zugleich von ſeinem Sohne ſich Unterſtuͤtzung, und von ihr ſe bſt ſich Pflege verſprach— hatte nichts gegen dirſe Verehlichung zu erinnern, nnd man kam dahin uͤberein, daß man ſich in einem hal⸗ ben Jahre heirathen wolle, weil Klaͤrchen noch ſo lange in ihrem Dienſſe bleiben mußte, um den nicht unbetraͤchtlichen Jahrlohn zu erhal⸗ ten. In dieſer Zeit des Aufſchubs aͤnderte ſich je⸗ doch das PVerhaͤliniß Ein entfernter Verwand⸗ ter Duͤrers ſtarb wit zweien ſeiner Kinder am Faul⸗ ſirber, und Duͤrer, deſſen einziger Verwandter, ward der einzige Erbe des großen Vermoͤgens, welches derſelbe hinterließ, und ſo auf einmol— was er vorher wohl ſelbſt nicht einmal im Traume gehofft hatte— ein reicher Mahn.— Was gewohnlich allen, die jähling durch die Laune des Gluͤcks aus dem Zuſtande der Noth in jenen des Ueberfluſſes verſetzt werden, zu geſchehen pflegt, geſchah auch Duͤrern;— er ward uͤbermüthig. Jetzt fand er, der noch wenige Wochen zuvor ſich die äͤuſſerſte Muͤhe gegeben hatte, die Hei⸗ rath ſeines Sohnes mit Klaren zu Stande zu in⸗ gen, ſchon den Gedanken an eine ſolche Verbin⸗ dung ſchaͤndlich, und ſein Sohn, welcher, nach ſeiner Meinung, jetzt eine der erſten Parthien 5. 135 des Landes war, und auf die reichſten und an⸗ geſehenſten Maͤdchen Anſpruch machen konnte, welche es ſich noch zum Gluͤcke zu ſchaͤtzen hat⸗ ten, den reichſten und ſchoͤnſten Mann in der Stadt zum Gatten zu erhalten, ſollte nie mehr daran denken, eine veraͤchtliche Dienſtmagd, die nichts als eine ertraͤgliche Larve beſitze, zu hei⸗ rathen. Anders dachte jedoch der Sohn. In ihm konnte eine ſo zufaͤllige Veränderung ſeines Gluͤck⸗ ſtandes keine Aenderung hervorbringen; er war uͤberzeugt, daß ſie auch bei ſeiner Geliebten,— haͤtte der Zufall ihr dies Loos zugeworfen,— keine Aenderung erzeugt haben wuͤrde. Er blieb Klaren getreu, und ſeine Liebe zu derſelben ward taͤglich ſtaͤrker. Der Pater bot alles auf, die Liebenden zu trennen, und verfehlte immer mehr ſeinen Zweck, da die von ihm gewaͤhlten Mittel demſelben gerabe zuwider liefen. Die Hinder⸗ niſſe, welche er den Liebenden machte, dienten gerade dazu, dieſelben feſter an einander zu ſchließen. Einſt warf er Klaren im Sturme ſeines Zor⸗ nes zum Hauſe hinaus, und drohte, ſie, wenn ſie ſich wieder darin ſehen ließe, zu mißhandeln. Nun hielten die Liebenden ihre Zuſammenkuͤnfte heimlich, und naͤhrten und ſtaͤrkten ihre Liebe mit Hoffnungen einer gluͤcklichern Zukunft, wenn Zeit und Beharrlichkeit die Geſinnungen des 36 harten Vaters geaͤndert haben wuͤrden, wie ſie mit der Schwaͤrmerei der Liebenden, die ſich ſo gerne an jedes Faͤdchen haͤngt, erwar⸗ teten. Sie hatten um ſo mehr Zeit, ihrer Liebe in Geheim zu pflegen, da der alte Duͤrer, ſeit⸗ dem er ein reicher Mann geworden war, ſich vorgenommen hatte, ſein Leben zu genießen, und dieſem PVorſatze nach ſeiner Weiſe treu blieb. Er brachte jetzt den ganzen Tag und den großten Theil der Nacht beim Weine und bei luͤderlichen Maͤdchen zu, und bekuͤmmerte ſich immer weniger um ſeinen Sohn und ſeine Llebe. Dies ver⸗ ſtarkte freilich die Hoffnungen der Liebenden, machte ſie aber auch immer kuͤhner. Man kam endlich zur Vorſtellung, daß, wenn gewiße Um⸗ ſtaͤnde bei Klaren eintraͤten, der Alte wohl nach⸗ geben und ſeine Einwilligung zur Heirath gewiß ertheilen wuͤrde, weil unter ſeinen vielen Fehlern auch der ſey, daß er zu fromm waͤre. Geſtutzt auf dieſes Dilemma forderte Adam, ward drin⸗ gender und ſtuͤrmiſcher.— Klarens Unſchuld fiel. Der erſte Schritt zu unerlaubten Handlun⸗ gen iſt, wie ſchon tauſendfaͤltig bemerkt worden, der halbe Weg zum Laſter. Der Juͤngling und das Maͤdchen uͤberließen ſich ſorgenlos den Ge⸗ nuͤſſen der Freude, und ſchienen den Becher der Wolluſt bis auf den letzten Tropfen erſchopfen 37 zu wollen.— Einſt uͤberraſchte der Alte die Si⸗ chere in einem Zoſtande, der alles Laͤugnen un⸗ moͤglich machte. Feig entfloh der Sohn, das Maͤrchen glaubte das Opfer der Wuth des Vaters zu werden. Aber es geſchah gerade das Gegentheil. Zwar ſchleß der Alte die Stube ab, und ver⸗ folgte den fliehenden Sohn bis weit vor das Haus; aber dann kehrte er auch kalt und ru⸗ hig zu dem zitternden Maͤdchen zuruͤck. Ohne Poltern, mit ſchneidender, verwundender Kälte hielt er Klaren vor, daß ſie die Verfuͤhrerin ſei⸗ nes Sohnes und eine H—re ſey, daß er ſofort zur Obrigkeit ellen wolle, um die Anzeige hiervon zu machen, und daß dann der Pranger und zehnjäͤhrige Zuchthausſtrafe ihr Lohn ſeyn werde. Klare wußte zu gut, daß aller Schein gegen ſie war, und daß der Alte es in Ruckſicht der Strafe nicht uͤbertrieb, da wirklich die Landes⸗ geſetzt hierin uͤbertrieben ſtrenge waren. Sie warf ſich dem Alten zu Fuͤßen, ſie flehte und beſchwor ihn ſo heiß und ruͤhrend um Scho⸗ nung, daß jeder, außer dieſem Elenden, ge⸗ ruͤhrt worden ſeyn wuͤrde. Sie verſprach ſogleich die Stadt und ſelbſt die Gegend zu rerlaſſen, und nie weder diefe noch ſeinen Sohn wieder zu ſehen,— ſie bot ihm ihre ganze wenige Habe, alles, was er nur wolle, an, wenn er ſie nicht der dffentliche Schande und der ſchweren Strafe preis gebe, welche ihr, als der angebli⸗ 138 — chen Verfüͤhrerin eines jungen Menſchen und ei⸗ ner Unkeuſchen, die Landesgeſetze andraͤuten. Lange blieb der Varbar fuͤhllos gegen die Bitten des Madchens, das ſich um ſeine Fuͤße ſchlang; nur erſt, als ihre Verzweiflung auf der höchſten Stufe ſtand, zeigte er den Schein einer Möglichkeit, daß doch noch mit ihm zu handeln ſeyn wuͤrde. Klare wiederholte ihre Verſprechungen. Sie erbot ſich, ihm ihre gan⸗ ze arme Habe, und ſelbſt noch den Magdlohn, den ſie in den drei naͤchſten Jahren erhalten wur⸗ de, einzuhaͤndigen. Boshaft laͤchelnd verwarf dies der Alte. Er wolle, ſagte er endlich, nicht nur Klaren den Gerſchten nicht überge⸗ ben, und die Sache verſchweigen, ſondern auch ſeine Einwilligung zur Heirath mit ſeinem Soh⸗ ne ertheilen, und dieſe ſogar noch mit beſten Kraͤften fördern, wenn—— Klare ſich ent⸗ ſchließen wolle, ihm eben das zu bewilligen, was i ſeinem Sohne, wie er geſehen habe, bewilliget haͤtte. Klara taumelte vor der Schaͤndlichkeit die⸗ ſes Antrags zuruͤck.— Ihre Tugend, ihr Ab⸗ ſcheu gegen den ekelhaften alten Laun, ihr gan⸗ zes Gefuͤhl rang mit der Furcht vor der offent⸗ lichen Beſchimpfung und der harten Strafe, welche derſelbe uͤber ſie bringen konnte. Der Alte machte Anſtalt; zu gehen, und als des Maͤdchens Verlegenheit wuchs, wlederholte e S ſeine Betheurungen. Er machte ſie darauf auf⸗ merkſam, daß auſſer ihnen beiden niemand et⸗ was von dem Vorgange wiſſe, der unter ihnen ſtatt haben ſollte, und daß ſie denſelben in ewige Racht begraben wuͤrden. Er ſchloß mit der Verſicherung, daß in drei Wochen Klare mit ſeinem Sohne Hochzeit halten ſolle.— Gedraͤngt und zerruͤttet von dem Sturme die⸗ ſer peinigenden Gefuͤhle gab weinend die Ar⸗ me ſich den eklen Umarmungen des grauen Boͤſewichts hin. Der bejahrte Suͤnder fand an dem Opfer ſeiner Schaͤndlichkeit ſo viel Behagen, daß er, in Wolluſt aufgelößt, den Laͤrm nicht hoͤrte, der wie ein Sturmwind ſein Haus durchraßet. Ein mächtiger Schlag ſprengte die Thüre des Gemachs, und Klarens Bruder ſtuͤrzte herein. — Er enteiß das Maͤschen dem Alten, und brachte es in ſeine Wohnung, wo er daſſelbe jetzt ungeſidrt unterbringen konnte, da ſeit acht Ta⸗ gen ſein Weib einer Eibſchaft wegen in eine ent⸗ fernte Gegend gereiſt war. Es war fuͤr Klaren kein Gluͤck, in die Haͤnde dieſes Menſchen gefallen zu ſeyn. Von Jugend auf ein Taugenichte, hatte er ſich we⸗ nig um Vater und Schweſter bekuͤmmert, war in ſeinem 15ten Jahre durchgegangen und Soldat geworden, hatte als ſolcher ein paar⸗ mal ſeine Herrn gewechſelt, eine Menge Schlech⸗ 140 tigkeiten getrieben, und es gab keine Art von Luͤderlichkeit, welche ihm nicht eigen war. Als — ſcher Deſerteur war er nach acht Jahren zu⸗ ruͤckgekommen, hatte durch ſeine ſchone Geſtalt einer ſchon bejahrten relchen Wittwe gefallen, dieſelbe geheirathet, trieb einen anſehnlichen Spezereihandel, und benutzte das Vermoͤgen ſeiner Frau in der großten Geheimniß zu ſeinen Vergnuͤgungen, wahrend er ſich gegen dieſe ſelbſt als ein hochſt gefaͤlliger kriechender Skla⸗ ve betrug, um Erbe ihres Vermoͤgens zu wer⸗ den. Der junge Duͤrer war, als er von ſeinem Vater verfolgt aus deſſen Hauſe floh, wegen ſeiner Geliebten in der peinlichſten Verlegenheit. Da er den heftigſten Zorn und die ungemeſſe⸗ ne Bosheit ſeines Vaters kannte, ſo fuͤrchtete er, derſelbe moͤchte Klaren entweder auf eine ſchauer⸗ liche Weiſe mißhandeln, oder ſie den Gerichten uͤbergeben, in welchem Falle er derſelben nicht nur nichts haͤtte nuͤtzen konnen, ſondern ſogar noch ſelbſt geſtraft worden ſeyn wuͤrde. Er eilte daher zu Klarens Bruder, weil er glaubte, daß dieſer ſich an dem Schickſale ſeiner Schweſter am meiſten heantheiligen wuͤrde, und daß dieſer der einzige ſey, dem er ſich anvertrauen konne, un⸗ terrichtete denſelben von der Sache, und beſchwor ihn, zu helfen. Boſe, der eine offentliche Be⸗ ſchimpfung ſeiner Schweſter befuͤrchtete, weil ſie zugleich auf ihn zuruͤckgewirkt haben wuͤrde, eilte 141 auch wirklich ſogleich nach dem Duͤreriſchen Hau⸗ ſe, und wir haben geſehen, in welchem kritiſchen Momente— obgleich noch immer zu ſpaͤt— derſelbe dort ankam. Indeſſen war es ihm nicht unwillkommen, daß er gerade in dieſem Momente kam. Als ein ſchlauer Kopf hatte er ſogleich vollſtaͤndig aus⸗ gerechnet, wozu dies gut ſeyn koͤnne. Kaum hatte er ſeine Schweſter in Stcherheit gebracht, ſo eilte er wieder zu dem alten Duͤrer zuruͤck, den er nun eben ſo in die Preſſe nahm, als dieſer vorher Flaren abgeaͤngſtiget hatte. Der alte Boͤſewicht zitterte jetzt eben ſo ſehr, da Poſe ihm die Schuld der Blutſchande, Nothzucht und Un⸗ keuſchheit vorhielt, als vorhin Klare gezittert hat⸗ te, da er ſie hierzu zwang. Boſe ſplelte genau dieſelbe Rolle gegen ihn, die er zuvor ſelbſt ge⸗ gen das Maͤdchen geſpielt hatte, und zwang ſo denſelben, ihm 400 Thaler baar, und eine Verſchreibung uͤber eben ſo viel in Mohatsfriſt auszuſtellen, und das Perſprechen, Klaren an ſeinen Sohn zu verheirathen, zu wiederholen, und auch uͤber dieſes eine Urkunde auszu⸗ ſtellen. Mit dieſem Schatze gieng jetzt Boſe erſt ins Wirthshaus, und dann zu Klaren zuruͤck, bei welcher er halbberauſcht anlangte. Er war mit den bei Duͤrern erhaltnen Vortheilen noch immer nicht zufrieden, ſondern wollte auch noch bei Kla⸗ 3 142 ren welche erhalten. Boſe war, wie wir gehort haben ein Menſch obne alle Moralitaͤt, ein Egviſt ohne alle Grundſätze. Er ſelbſt war ſein hoͤchſter Zweck, außer dieſem kannte er nichts heiliges. Er hatte ſich aller Begriffe von Tu⸗ gend und Laſter entwohnt, und verſagte ſich nichts, wat zu ſeinem Verguügen— welches allezeit ſein Hochſter Zweck war— fuͤhrte. In dem Zuſtande von Halbtrunkenheit, in dem er ſich jetzt befand, entſagte er vollig allen Gefüͤhlen der Natur; er ſah in Klaren nicht die Schweſter, e blos das ſchone Maͤdchen, das er vor kurzem in reitzend wollüſtiger Attidute mit einem Greiſe geſehen hatte, und von dem er wußte, daß ſie ſich da gleicher Attitude mit dem Sohne dieſes Greiſes befunden. hatte. Seine ganze Sinnlichkeit war rege, und Boſe war nicht mehr Herr uͤber ſich, ſo bald er ſich in dieſem Zuſtan⸗ de befand. Obne viele umſtaͤnde ſchlug er daher Klaren ein Dakapo vor. Er hatte geltende Gruͤn⸗ de genug, ſeine Forderung zu unterſiſtzen. Er drohte, gleich Duͤrern, den ganzen Perlauf deß Gerichten ſogleich anzuzeigen„ von welchen jezt Klara um ſo mehr zu furchten hotte, als ſie die Vergehungen, wegen den ſie zuvor ſchon ſo ſehr gebebt hatte, duſchein neues und weit gidße⸗ res Uebel vermehrt hatte. Er verſprach dagegen Perſchwiegenheit, die Anslieferung des von Dü⸗ rern erpreßten Geldes, und ſeine ganze Mitwir⸗ kung zur Vollziehung der verſprochenen Heirath, 143 wenn Klaͤrchen ſeine Wünſche befriedigte. Dem ſchwachen beaͤngſtigten Maͤdchen blleb kaum eine Wahl uͤbrig, und zum zweitenmale ward es ein Opfer ſeiner Furcht und des Mißbrauchs, wel⸗ chen ſchaͤndliche Menſchen von derſelben zu machen wußten. Zum Ungluͤck fuͤ beide hatte ein Ladendie⸗ ner, den Boſe im Hauſe hatte, dieſen ganzen Auftritt in dem Nebenzimmer beobachtet. Er war ein Brudersſohn der Boſeiſchen Frau, und derſelben einziger Erbe, wenn dieſe ohne Teſta⸗ ment ſtarb. Er wußte, daß ſeine Tante ihren Ehemann zum Erben einzuſetzen gedachte, und Boſels unartiges und rauhes Betragen gegen ihn verſtaͤrkte in hm den Hoß gegen denſelben. Jetzt hatte er eine ſehr ergiebige Gelegenheit, das erſte zu verhindern und den zweiten zu befriedigen. Er wußte, daß die Eiferſucht ſeiner Tante dieſel⸗ be abhalten wuͤrde, ein Teſtament zu Gunſten Boſe's zu machen, und daß dieſer wegen Ehe⸗ bruch und Blutſchande die haͤrteſte Strafe zu er⸗ warten hatte. Er rief daher noch waͤhrend den Traktaten welche Boſe mit der ungluͤcklichen Kla⸗ re pflog, einen Pockknecht, der gerade im Hau⸗ ſe Geſchaͤfte hatte, herbei, um durch dieſen Zeu⸗ gen zu verhuͤten, daß Boſe nicht laͤugnen konne, und eilte dann, da beide ſich vollſtaͤndig von dem Verbrechen Boſe's uͤberzeugt hatten, zu den Ge⸗ richten. Dieſe nahmen die Anzeige auf, und nachdem das Zeugniß des Packknechts dieſelbe be⸗ 144 ſtatiget hatte, ward Wache ausgeſchickt, ſich der Verbrecher zu bemaͤchtigen, und dieſelben in das Gefaͤngniß zu bringen. Boſe war, als die Wa⸗ che erſchien, wieder in ein Haus des Weins und der Freude, und Klare mit zerrißnem Herzen in ihren Dienſt zuruͤckgegangen. Die Wache holte letztere ſogleich von dort ab, und brachte ſie in das Kriminalgefaͤngniß; Boſe, der die Gefahr zeitig genug erfuhr, entfloh, und man hat ſeit der Zeit von ihm nichts wieder erfahren. Auch der alte Duͤrer verſchwand, noch ehe er arretirt werden konnte. Klara bekannte gleich im erſten Verhore ihre ganze Schuld mit allen Umſtaͤnden.— Das — Zeugniß des Ladendieners und des Packknechts beſtaͤtigten, daß ihre Ausſagen uͤber den letzten Auftritt mit ihrem Bruder wahr ſeyen; beide be⸗ zeugten, daß Klare ſich lange dem Auveingen dieſes Boſewichts widerſetzt, geweint, gejammert und gefleht habe, daß ſie nur auf das äuſſerſte gebracht, demſelben nachgegeben, und in einem Zuſtande geweſen ſey, dei an Verzweiflung ge⸗ graͤnzt habe. Das verſchoͤffte ihrer Angabe uͤber das mit Duͤrern dem Vater begangene Verbrechen der Blutſchande gleichfalls Glauben bei den Rich⸗ tern.— Jadeſſen war Klarens Schuld zu groß; die Furcht, welche die Unglckliche von Verbte⸗ chen zu Verbrechen fuͤhrte, hatte keinen, oder doch nur wenig geſetzlichen Werth, da ſie ſich im⸗ mer blos auf ein vsihergegangenes Verbrechen gruͤndete, und es ihr überhaupt an allen geſetzli⸗ chen Erforderniſſen fehlte. Alles, was das Ge⸗ richt fuͤr die bedaurungswuͤrdige Verbrecherin thun konnte, war eine Milderung der Strafe, welche disſelbe aus dreifacher Ruͤckſicht, als Unkeuſche, zweifache Blutſchaͤnderin und Chebrecherin verdient hatte, und das Urtheil fiel dahin aus, daß, ob⸗ gleich wegen dleſer Verbrechen die Inquiſitin eine Lebens oder wenigſtens ſehr harte Leibesſtrafe ver⸗ dient habe, dennoch, weil beide ihre Mitverbre⸗ cher abweſend, und daher derſelben Einbekennt⸗ niß mangle, welches zur Vollſtaͤndigkeit des Pro⸗ zeſſes, nach Vorſchrift der Geſetze, erforderlich ſey, derſelben auch die Furcht, welche ſie zu die⸗ ſem Verbrechen verleitet, bei ihrer Unerfahren⸗ heit wenigſtens einigermaaßen zur Entſchuldigung diene, Klare Boſe mit angehaͤngten Ruthen eine Stunde lang dffentlich an den Pranger zu ſiel⸗ len, und hiernaͤchſt des Landes auf ewig zu ver⸗ weißen ſey, welches Urtheil dann am 17ten Maͤrz 1725 vollſtreckt ward. eyieß Keiminlgeſc. 3 Lhl Hartmann Hartner. ——— N N Undurchdringlſch den Sterblichen ſind die Rath⸗ ſchluͤſſe der Gottheit, deren ſtrafende Gerechtigkeit auch dieſſeits ſchon den PVerbrecher ergreift und zuchtigt. Nie oder doch nur ſelten bleibt dieſe Strafe der raͤchenden Gottheit aus, wenn auch nicht immer das Auge der Menſchen ſcharf ge⸗ nug iſt, dieſelbe zu entdecken, wenn es auch die guälendſte aller Strafen, die Pein des Gewiſſens, den Schmerz, der das Innere des Verbrechers raſtlos durchwuͤthet, uͤberſieht. Haͤufig ſind da⸗ gegen die Faͤlle, wo die Natur ihr Tallonsrecht auffallender uͤbt, und wo auch der Kurzſichtigſte die Winke der Gottheit erkennt. Man erzaͤhlt zum Belege des Volksſpruͤchworts;„Es iſt nichts ſo klar geſponnen, enblich kommt es doch zur Sonnen;“ eine Menge Thatſachen, mehr oder weniger wahr; bei den meiſten derſelben geben unbedeutende, dfters kaum bemerkbare Kleinig⸗ keiten die Veranlaſſung zur Eatdeckung veralte⸗ ter, oft laͤngſt vergeßner Verbrechen, alle deuten auf eine gewiſſe Hinwuͤrkung des Schickſals zur 147 Aus findigmachung und Beſtrafung des Perbre⸗ cheis. Die gegenwaͤrtige Geſchichte aus den Krimi⸗ nalakten des peinlichen Gerichts zu L. ge⸗ ſchopft, kann als ein neuer Beleg hierzu angeſe⸗ hen werden, Im Hornung des Jahrs 1721 fand man in dem Walde, weſcher den Ort L. ringsumher einſchließt, einen Kaufmann ermordet, dtr all⸗ jaͤhrlich zweimal den Ort zu paſſiren pflegte, um nach der Frankfurter Meſſe zu reiſen. Dieſer Kaufmann, welcher Anton Friedrich Waſenhirt hieß und aus Muͤnden gebuͤrtig war, war durch ſeine dftre Durchreiſen und da er bisweilen einige Tage in L... bei ſeinen daſigen Freunden ſich aufhielt, allgemein in dieſein Orte bekannt. Man wuſte, daß er mit Juwelen einen anſehnlichrn Handel trieb, und ſtets eine Anzahl hiervon von betraͤchtlichem Werthe bei ſich hatte. Um ſo ſchmerzlicher fiel es den braven Einwohnern von L.„ als man denſelben jetzt in ihrem Walde mit zerſchlagnem Schaͤdel und von mehreren Sti⸗ chen durchbohrt fand. Der Mantelſack, welchen derſelbe auf ſein Pferd aufgeſchnallt gehabt hatte, war erbrochen, aber nichts aus demſelben ent⸗ wendet, als der betraͤchtliche Pack mit Pretioſen, welcher ſich darinn befunden hatte; das Pferd ſelbſt an einen Baumaſt angebunden. Alles K 2 148 ſchien zu beweiſen, daß einer der Einwohner von L. ſelbſt das Perbrechen begangen habe. Die⸗ ſer Verdacht, der den Einwohnern um deſto we⸗ her that, well er einen üͤblen Ruf auf alle warf, und ſie den Vorwünrfen ihrer Nachbarn ausſetzte, brachte dieſelbe um ſo mehr gegen den Thaͤter auf. Alle gaben ſich daher die aͤnſſerſte Muͤhe, den Urheber dieſer blutigen That zu erforſchen, und es blieb nichts unverſucht, was zu dieſer Entde⸗ ckung fuͤhren konnte. Glelchwol waren alle Be⸗ muͤhungen fruchtlos, ſo lange und anhaltend ſie auch fortgeſetzt wurden. Unter den armen Bewohnern von L... war Hartmann Hartner der ämſte. Sein Vater hatte fuͤr einen reichen Mann gegolten, und einen dieſem Rufe entſprechenden Aufwand gemacht. Bei ſeinem Tode fand ſich, daß deſſen großer Reichthum nur Scheln war, und dieſer ſein ein⸗ ziger Sohn, den er mit betraͤchtlichen Koſten auf einer benachbarten Schule hatte ſtudieren laſſen, erhielt nicht einmal ſo viel, als dazu erfordert wird, ein Handwerk lernen zu koͤnnen. Ein Verwandter nahm ihn aus Mitleid zu ſich und gebrauchte ihn zu Hausarbeiten, und als er end⸗ lich in ſeinem ſiebzehnten Jahre durch den Tod auch dieſer Stütze beraubt ward, blieb ihm nichts uͤbrig, als im Taglohne zu abeiten.— Durch raſtloſen Fleis und eine bochſt kaͤrgliche Lebens⸗ art gelang es ihm, ſich hierdurch nicht nur zu ernaͤhren, ſondern auch ſich ein kleines Vermb⸗ 149 gen zu ſammlen, und er henrathete jezt die Witt⸗ we eines Kraͤmers, die ihm ein Vermoͤgen von einigen hundert Thalern zubrachte. Hartmann, dem ohnehin das harte Gewerbe eines Holzhauers und Taglohners, wozu er in ſeiner erſten Jugend nicht angehalten worden, nicht behagte, trieb den Kram ſeiner Frau fort und hatte dabei einen ſo betraͤchtlichen Erwerb, daß man allgemein ihn ſchon fuͤr einen wohlhabenden Mann anerkannte. Als aber ſeine Frau nach einigen Jahren ohne Kinder ſtarb, er das Vermoͤgen ihren Erben aus⸗ liefern muſte, und nebſidem noch mit denſelben in elnen hoͤchſt koſtſpieligen Prozeß, wegen die⸗ ſer Erbſchaft verwickelt ward, da zerfiel dieſer Wohlſtand wieder ganz, nach ein paar Jahren ſah ſich die Obrigkeit des Orts vermüßigt uͤber das wenige Vermdoͤgen deſſelben den Ganthprozeß zu eroͤffnen, und Hartner bettelarm den Ort und die Gegend. Nach etwa ſechs Jahren kehrte derſelbe nach L. zuruͤcke, zahlte die Glaͤnbiger, welche bei ſeinem vorigen Concurſe einen Theil ihrer Forde⸗ rungen verloren hatten, puͤnktlich und vollſtaͤn⸗ dig aus, kaufte ein betraͤchtliches Guth, fieng ei⸗ nen bedeutenden Handel an, in welchem er alles mit baarem Gelde bezahlte, hielt Bedienten und Equtpage, und machte uͤberhaupt einen ſehr be⸗ traͤchtlichen Aufwand.— Niemand fiel hieruͤber etwas Arges ein; man wuſte, daß Hartner, als er ſich von L.„entfernt haite, auf das Comp⸗ 150 — toir eines Kaufmanns in S. gekommen war, und nach einiger Zeit einen kleinen Handel mit Bijouterie angefangen hatte, wozu ihm ſein Prin⸗ zipal die Waaren gegeben hatte, mit denen er im Lande umhergewandert war, daß er dieſen„ Handel immer erweitert und beträchtlich gewonnen hatte, dann auf einige Jahre verſchwunden und nach Pohlen gewandert war, von wo er dann, nachdem er dort, ſeinem Angeben nach, aͤuſſerſt gluͤckliche Geſchaͤfte gemacht hatte, jetzt zuruͤckge⸗ kommen war, um ſich in ſeiner Vaterſtadt zueta⸗ bliren. Hartner war ohngefaͤhr anderthalb Jahre nach der Ermordung des Kaufmanu Waſenhlrt aus 4. wezzgezogen. Er war ſechs Jahre auswaͤrts geweſen, und es waren ſchon bereits elf Jahre nach ſelner zweiten Rückkehr verfloſſen, welche er ſtets in L... zugebracht hatte, als nachfolgende unbedeutende Veranlaſſung Gele⸗ genheit gab, in ihm den Mörder Waſenhirts zu entdecken. Hartner, der unter die angeſehenſten Maͤn⸗* ner der Gegeod gehorte, und wegen ſeines Reich⸗ thums, ſeines untadelhaften Benehmens und der feinen Sitten und vielfaltigen Erfahrungen, wel⸗ che er ſich auf ſeinen Reiſen erworben hatte, al⸗ lenthalben Zutritt hatte und üͤberall geſchaͤtzt war, befand ſich einſt in einer anſehnlichen Geſellſchaft, welche ſich bei einem benachbarten Edelmanne ver⸗ 151 ſammelet hatte. Man ſprach von den Begeben⸗ heiten des Tags, und verweilte ſich unter dieſen bei einem Morde, der vor einiger Zeit in der Ge⸗ gend vorgefallen war, großes und allgemeines Aufſehen machte, und deſſen Thäter bis jetzt noch unentdeckt geblieben war. Ganz im Allge⸗ meinen ward die Ermordung Waſenhirts hierbei erwähnt, welche man bereits ſo ganz vergeſſen hatte, daß nur wenige der Anweſenden ſich der⸗ ſelben noch erinnerten. Einer der Anweſenden⸗ der ſich fuͤr einen daͤniſchen Offizier ausgab, den meiſten der uͤbrigen unbekannt und von allen ver⸗ nachlaͤſſigt, ſagte einige Worte von dem endlichen Triumpfe der Wahrhelt, und endete mit dem be⸗ reits oben angefuͤhrten Polks ſpruͤchworte:„Es iſt nichts ſo klar geſponnen, es kommt doch end⸗ lich zur Sonnen.“. Dies fiel Hartnern auf die Seele. Er be⸗ trachtete jetzt den Mann genauer, von dem dieſe ihn ſo ſehr ergrelfende Aeußerung kam. Seine nun einmal aufgeregte Phantaſie ließ ihn in dem einfachen Geſichte des Daͤnen etwas uͤbermenſch⸗ liches, in der Unbedeutenheit deſſelben ſtille, tiefe Verſchloſſenheit, in ſeinem bisherigen Schweigen die erhabne und unerforſchliche Haͤlte eines un⸗ durchdringlichen Weſens finden. Der Daͤne war ein hochſt einfaͤltiger Tropf, dem es nicht einmal einfiel, etwas ſcheinen zu wollen, das er nicht war. Er war eben ſo wenig Charlatan, als er wuͤrklichen innern Gehalt hatte, und es gehdrte 152 geradezu eine ſo ſehr emporte Phantaſie dazu, als es jene Hartners in dieſem Angenblicke war, um in dieſem gewohnlichen und hochſt trivialen Men⸗ ſchen etwas auſſerordentliches zu finden. Gleich⸗ wohl fand dieſes derſelbe, und in dieſer Ueberzeu⸗ gung, an die ſich die Furcht ſchloß, daß derſelbe ihn durchſchaue und ſein Geheimuiß wiſſe, ver⸗ mied von dieſem Augenblicke an Hartner den Daͤ⸗ nen mit aͤngſtlichſter Sorgfalt. Zum Ungluͤcke fuͤr ihn traf Hartner dieſen Menſchen nach acht Tagen abermal bei einem Feſte, welches der benachbarte Landrath D. zu R. gab. Das dummſtiere Aire welches derſel⸗ be auch hier wieder zeigte weil es ihm Natur war, galt Hartnern abermals fuͤr uͤbermenſchliche Su⸗ perioritaͤt. Ungluͤcklicherwtiſe fand der Daͤne ſich an Hartnern angezogen, und ſuchte daher einige⸗ mal ſich ihm zu naͤhern. Dieſer wich mit auffal⸗ lender Aengſtlichkeit aus, Dies Andrängen be⸗ ſtaͤrkte denſelben immer mehr in der Idee, daß der ſonderbare Fremde mit ſeinen Geheimniſſen vertraut ſey, und die Rache gegen ihn bereire, vor welcher er ſeit 18 Jahren noch nicht zu zittern aufgehort hatte. Gegen Abend praͤſentitte ſich der Geſellſchaft ein Taſchenſpieler, welcher dieſelbe mit ſeinen Kuͤnſten beluſtigte. Man fand Geſchmack an ſei⸗ nen Kuͤnſten, und uͤberhaͤufte ihn mir Geſchen⸗ ken und Lobe. Hierdurch zu immer großern Er⸗ 153 wartungen gereizt, erſchoͤpfte der Charladen ſeine Kunſit, dieſelbe immer mehr zu verdienen, und ſchlug endlich den Anweſenden vor, ihnen, wenn man ihm ein Zimmer einräumen und eine Stun⸗ de Zeit laſſen wolle, ſich vorzubereiten die Gei⸗ ſter verlebter großer Menſchen, und ſeibſt jene ihrer verlebten Verwandten, welche ſie verlangen wuͤrden, zu zeigen. Man nahm dieſen Por⸗ ſchlag an, und jeder der Anweſenden beſtellte ſich ein Paar Genter, welche der Optiker ihm darſtellen ſollte. Als die Reihe an den Daͤnen kam, verlangten dieſer den Moͤrder des vor 18 Jahren bei L.. ermordeten Kaufmann zu ſehen, von welchem man juͤngſtbin geſprochen hatte, und da er ſich des Namens nicht mehr erinnerte, wel⸗ chen der Verſtorbene gefuͤhrt hatte, ſo fragte er Hartnern, der zufaͤllig ihm nahe ſtand, um den⸗ ſelben) weil er vorausſetzte, daß dieſer, der ſo lange ſchon in dieſer Gegend gewohnt hatte, und zur Zeit des geſchehenen Mordes anweſend gewe⸗ ſeu war, denſelben wiſſen wuͤrde. Nichts in der Welt hatte einen unſchuldigern, deutungsloſern Zuſammenhang, als dieſer Vor⸗ gang. Der Daͤne fand, wie alle beſchraͤnkte Kd⸗ pfe, vorzuglichen Gefallen am Abentheuerlichen, an Spuk⸗ und Mordgeſchichten; vor 8 Tagen hatte man in ſeiner Gegenwart von jener Ermor⸗ dung erzaͤhlt; dieſe Erzaͤhlung hatte ſein Intereſſe geſpannt, er war daher ſeinem Geſchmacke und der Langeweile gefolgt, hatte ſich den Platz⸗ an 154 welchem jener Mord geſcheben war, zeigen, und die Mordgeſchichte ſelbſt dfter erzaͤhlen laſſen. Die Umſtaͤnde derſelben, die allgemeine Thellnah⸗ me an dem Schickfale des Getödteten, welche ſich noch bfs jetzt erhalten hatte, und ſein Geſchmack an dergleichen Erzaͤhlungen hatten ihm ein hohes Intereſſe an der Geſchichte gegeben, und ſeine Phantaſie, welche bei ſeinen beſchraͤnkten Gei⸗ ſtesfaͤhigkelten wenig Gegenſtände hatte, mit de⸗ nen ſie ſich beſchaͤfeigte, war ganz mit dem ge⸗ genwaͤrtigen beſchaͤftigt. So ward ſeine Beſtel⸗ lung an den Schattenſpieler veranlaßt, und es war eben ſo zufaͤllig, daß er Hartnern um den Namen des ermordeten Kaufmanns fragte, wie wir bereits geſehen haben. Dieſer dagegen fand dieſe Frage ſehr ominds, und kaum verſtattete ihm die Angſt, welche ihn hleruͤber beſiel, dieſelbe zu beantworten. Das Verlangen des Dänen ſelbſt war un⸗ ſchicklich, da man nicht wiſſen konnte, ob der Moͤrder des ungluͤcklichen Waſenhirts nicht noch lebte, in welchem Falle es dem Eeiſterbanner al⸗ lerdings unmöglich war, deſſen Geiſt erſcheinen zu laſſen. Einige aus der Geſellſchaft, welche an des Charkatans Faͤhigkeit, Geiſter zu zitiren, wirklich glauben mochten, machten auch ſofort dieſe Bemerkung, und halfen dadurch dieſem aus der Verlegenheit, denu da er hieraus ſchließen konnte, daß der Moͤrder allen Gegenwͤrtigen unbekannt war, ſo verſicherte er dreiſt, daß er, — 155 waͤre der Moͤrder tod, deſſen Geiſt,— wenn er aber noch leben ſollte, ſeine Figur der Geſell⸗ ſchaft zeigen wolle. Man nahm dies Anerbleten mit der volleſten Erwartung an, und der Schattenſpieler verſprach, mit dieſer Praͤſentation den Anfang zu machen. Es war ihm nichts leichter, als die Erwartung der Geſellſchaft zu befridigen. Er ſchob das Ge⸗ maͤhlde feines unbekannten Menſchen vor das Licht der Zauberlaterne, welche alle die Eiſchei⸗ nungen bewirkte, und es zeigte ſich ſofort eine allen unbekannte fremde Geſtalt, welche alle an⸗ ſtarrten. Die Beſtimmung der raͤchenden Gottheit woll⸗ te, daß Hartner einem Spiegel gegen uͤber ſtand, welchen der Schattenſpieler zu bedecken vergeſſen hatte. Als die Erſcheinung von den übrigen mit dem Ausdrucke des Erſtaunens empfangen ward, ſah derſelbe unmittelbar vor ſich, und ſah,— was jeder andre, der ſich auf ſeinem Standpunk⸗ te befunden haͤtte, auch geſehen haben wuͤrde, — ſeine eigne Geſtalt im Spiegel.— Die Duͤ⸗ ſternheit des Zimmers und der halbabentheuerliche, halb laͤcherliche Apparat, den der Taſchenſpieler in der Geſchwindigkeit herbeigeſchafft hotte, um die Erwartung zu ſpannen und Schauder zu erregen, das fahle Licht, welches dieſer durch ein paar Glaskugeln in das Zimmer ſparſam fallen ließ, die Blitze von angezuͤndetem Kalofonium, 156 unter denen die Erſcheinung ſich zeigte, vor allem aber die Herzensangſt, in der er ſich befand, die Gaukelei ſeiner regen Pbantoſie, und die Mar⸗ ter des aufgeregten Gewiſſens, ſehbſt die ſchwim⸗ mende Bewegung, welche ſein Bild im Spiegel durch den abſichtlich von dem Optiker angezuͤnde⸗ ten Rauch erhlelt; alles das wuͤrkte ſo ſehr auf Hartnern, daß er mit einem Schrei des Entſe⸗ tzens zu Boden ſiel. Dieſer Zufall, den mon fuͤr eine Waͤrkung der damals noch ganz ollgemeinen Geſpenſter⸗ furcht hielt, unterbrach natüärlicher Weiſe dle Präſentation und man beſchaͤftigte ſich allge⸗ mein damit, den Ohnmaͤchtigen, den man in ein anderes Zimmer gebracht hatte, wieder zu ſich zu bringen. Unter denen, welche ſich dies vorzuͤglich angelegen ſeyn ließen, befand ſich der Beamte von L.„ und da alſo auch die⸗ ſer der erſte war, welchen Hartuer, als er aus der Ohnmacht erwachte, anſichtig ward, ſo wuͤrk⸗ te dies abermal auf ſeine zerruttete Phantaſie, er glaubte, daß dieſer bereits der Unterſuchung ſeines PVerbrechens wegen erſchienen ſey, klagte ſich daher weinend deſſelben an, und endete mit der Bitte, daß man die Strafe, der er nun nicht mehr entgehen koͤnne, bald an ihm vollſtre⸗ cken und ihm nur nicht lange im Kerker leiden laſſen moge. ——————— . Alle Anweſende geriethen in die aͤuſſerſte Verlegenheit und glaubten Hartner hade den Verſtand verloren. Der alte Landrath D.. allein glaubte hier Zuſammenhang zu ſinden, ſo wenig er auch jezt noch ſich im Stande fuͤhlte, das Ganz e zu eiklären und ſolches zu ordnen. Er ſtellte daher elne Art von Prüͤ⸗ fung an, und da Hatner waͤhrend derſelben immer zuſammenhaͤngend ſprach, kein Zeichen irgend einer Verſtandsverwrrung zeigte, den ganzen Hergang des Mords mit allen Umſtaͤn⸗ den erzaͤhlte, ſich wiederholt deſſelben anklogte und die lebhafteſte Reue bezeugte, ſo ſieng man endlich an, die Möglichkeit dieſer Sache einzuſehen, und dies erwuͤrkte ſo viel, daß Hart⸗ ner, den man noch immer Anſtand nahm, als Verbrecher zu behandlen, eine Wache zuge⸗ ordnet erhielt, welche ihn in ſeine Wohnung begleitete und nicht mehr aus den Augen ließ.— Der Vorgang ward gerichtlich aufgenom⸗ men und die Unterſuchung gegen Hartnern nahm ihren Anfang. Gleich in dem erſten Verhdre wlederholte er alle bereits gethanene Geſtändniſ⸗ ſe, und gab als Mitſchulvigen dieſer That einen Tuchfabrikanten eines benachbarten Städichens an. Dieſer, der ſofort auch arretirt ward, ge⸗ ſtand gleichfalls ohne Umſtaͤnde die That. Aus beider Ausſagen ergab ſich nachſtehendes Reſul⸗ tat. 158 — Hollbaum— ſo hieß dieſer Tuchhaͤndler— hatte Hartners Bekauntſchaft in ſeinem Wohnor⸗ te gemacht, wohin H* ner jaͤhrlich einigemal zu kommen pflegte, um Waaren für den kleinen Kram ſeiner Frau einzukaufen. Er ſelbſt war f ein armer Laſttraͤger, deſſen ſich Hartner bedien⸗ te, ihm die eingekaufte Waaren auf einem Schie⸗ bekarren nach L. ſchaffen zu helfen.— Da dieſe Aushulfe dfters geſchah, und beide mitein⸗ ander immer unter Wegs in einem Wirthshauſe einzukehren pflegten, wo ihnen der Wein die Zungen loſte, ſo entſtand eine Art von Ver⸗ traulichkeit unter beiden, welche immer inniger ward. Einſt hatte auf dem Helmwege mit einer klei⸗ nen Fracht von Waaren Hartner ſeinem Freunde die traurige Lage, in welche ihn der Tod ſeiner Frau und noch mehr der lange dauernde und koſt⸗ ſpielige Prozeß mit deren Erben verſetzt hatte, er⸗ zaͤhlt, dieſer treuherzig dieſe Offenherzigkeit mit der Schilderung ſeiner eignen noch viel ſchlimmern Lage erwiedert, und belde hatten ſich in Klagen und Perwünſchungen ihres Schickſals erſchoͤpft, als Waſenhirts Unſtern dieſen Kaufmann gerade an ihnen vorbeifuͤhrte.„Haͤtten mir das Geld dieſes Mannes, brach Hartner aus, dann waͤre uns beiden geholfen.“ Er machte hierauf Holl⸗ baumen mit den Pechaͤltniſſen des Juwelenhaͤnd⸗ lers bekannt, ſo weit er folche ſelbſt kannte. Dieſer, um einen großen Theil unmoraliſcher als 150 Hartner, hatte hieran den Plan gereiht, dem Kaufmann die Pretioſen, welche er bei ſich fuͤh⸗ re, abzunehmen, wodurch ſie, wie er glaubte, beide Zeitlebens glucklich werden wuͤrden. Hart⸗ ner verwarf dieſen Plan nicht ganz, ſein beſſeres Gefuͤhl kämpfte nur gegen die Unrechtmaͤßigkeit — und ſeine Feigherzigkeit gegen die Gefahr der Ausfuͤhrung. Da Hollbaum indeſſen die Nacht bei ihm blleb, beide vom Weine immer mehr er⸗ hizt ſich von dem Schlaraffenleben unterhielten, das ſie fuͤhren wollten, weun ſie reich waͤren, und Hollbaum ſeinem Freunde die Ausfuͤhrung ih⸗ res Planes als aͤußerſt leicht darſtellte, ſo gab dieſer nach, und beide hrachten nun die Sache mit einander ins Reine. Noch war der Rauſch der Nacht bei weitem nicht von Hartnern verſchlafen, als Hollbaum denſelben weckte, und ihn erinnerte, daß es nun Zeit ſey, den Plan auszufuͤhren. Veide giengen zu einem ganz entgegengeſetzten Thore, als je⸗ nem, welches Waſenhirt zur Fortſetzung ſeiner Reiſe paſſiren mußte, vor den Ort, und durch einen Umweg in den Wald, wohin dieſen die Straße fuͤhrte. Sie hatten nicht die Abſicht, den Ungluͤcklichen zu ermorden, ſondern wollten ihn nur berauben, und dann ſeines Weges zie⸗ hen laſſen, da aber derſelhe Hartnern kannte, und als dieſer auf ihn zukam, ihn bei ſeinem Na⸗ men gruͤßte, beſann ſich Hollbaum kurz, daß nun derſelbe ſterben muͤſſe, um ſie nicht verra⸗ 160 then zu können, und ſchlug daher mit ſeiner Keule denſelben ſo klaͤſtig auf den Kopf, daß er ſogleich vom Pferde ſtuͤrzte. Da der Un⸗ gluͤcktiche äußſerſt heftig ſchrie, und die Raͤuber befuͤrchteten, ſein Geſchrei moͤchte Leute herzu⸗ fuͤhren, weiche in der Naͤhe arbeiteten, ſo vol⸗ lendeten beide mit ihren Meſſern den Mord, erbrachen den Mantelſack, ans dem ſie nichts, als die Pretioſen wegnahmen, wie ſie ſolches nach dem vorher wohl durchgedachten Plane aus dem Grunde beſtimmt hatten, weil ſie zu⸗ fällig durch die uͤbrigen Kleidungsſtücke und Weißzeug verrathen werden köunten, banden das Pferd an einen Baum, damit nicht ſolches zu fruͤh in einen benachbarten Orte ſpringe, und zu fruͤh dadurch Laͤrm entſiehe, und ver⸗ fuͤgten ſich dann auf dem vorigen Umwegen wieder nach L.. in Hartners Wohnung zuruͤcke, wo ſie die gemachte Beute theilten. Dieſe war äuſſerſt betraͤchtlich; der Kaufmann mußte windeſten fuͤr den Werth von 40,000 Thalern Juwelen bei ſich gefuͤhrt haben. Bei der Vertheilung kam Hartner offenbar weit beſſer zu, als Hollbaum, da beide den Werth ihres Raubes nicht verſtanden, und letzterm die far⸗ bigten Steine weit mehr in die Augen fielen, als die farbeloſen Demanten, welche daher Hartner ſaͤmtlich gegen ein Paar minder bedeutende Sma⸗ ragde erhielt, die er ſeinem Conſorten dafuͤr uͤber⸗ ließ. — 161 —— Beide blieben der Rolle getreu, welche ſie ſich vorgezeichnet hatten. Hartner legte es darauf an, bei der kaͤrglichſten Lebensart banqueroutt zu werden, lebte noch uͤber anderthalb Jahre in. L. auf eine ſehr aͤrmliche Weiſe, und wander⸗ te erſt dann aus, als jedermann uͤberzeugt ſeyn mußte, daß er der aͤrmſte Mann in L.„ſey⸗ und Hollbaum biieb noch faſt drei Jahre in ſeiner Vaterſtadt, wo er ſich ſtets kuͤmmerlich unter harter Arbeit als Taglohner naͤhrte. Hartner ver⸗ dung ſich noch einige Zeit, wie wir gehdrt haben, auf das Komptoir und erhielt von demſelben nach einiger Zeit Waaren zum Land⸗ verkaufe, welches ihm zugleich Gelegenheit gab, einige der geraubten Ringe vom geringſten Wer⸗ the zu verkaufen. Dies ſetzte ihn in den Stand⸗ die ihm anvertrauten Waaren unterm Preiſe zu verkaufen, und gleichwohl ſolche dem Kaufmanne gleich baar zu bezahlen, und da er wegen dieſes geringen Preiſes einen aͤnſſerſt ſtarken Abſatz hat⸗ te, ſo mußte dies jedermann glauben machen, daß er bei dieſem ſchnellen umſatze aͤuſſerſt be⸗ traͤchtlich gewlune. Endlich ſetzte er die ſämtll chen Pretioſen in Polen ab, und da er jetzt glaub⸗ te, daß er den Zweck der mit ſo vieler Muͤhe ver⸗ anſtalteten Täuſchung erreicht habe, und jeder⸗ mann ihn fuͤr einen durch gluͤckliche Spekulatio⸗ nen relch gewordenen Mann halten wuͤrde, kam er nach L. zuruͤck. Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. 162 Hollbaum dagegen war unmittelbar nach Pa⸗ ris gegangen. Da die Steine, welche er erhal⸗ ten, von geringerem Werthe waten, als jene, welche Hartnern zu Thelle geworden, und er ſelbſt mit dem Werthe derſelben vollig unbekannt ſich bei dem Verkaufe derſelben eines Juden bedient hatte, welcher ihn betraͤchtlich hierbei betrog, ſo war ſeine Ausbeute bei weitem nicht ſo reichlich, als jene Hartners. Er eruͤbrigte kaum 6000 Thaler, wofuͤr er ſich groͤßtentheils Tücher ein⸗ kaufte, welche er nach Deutſchland zuruͤckbrachte, und zufällig ſehr vortheilhaft verkaufte. BPieſer Gewinn machte, daß er den Haudel fortſetzte bei dem er immer gluͤcklich war, und da er durch denſelben endlich die nothigen Keuntniſſe ethalten hatte, ſo legte er, als er nach einer etwa zehn⸗ jaͤhrigen Abweſenheit in ſeine Vaterſtadt zuruͤck⸗ kehrte, dort eine kleine aber ſehr lucratwe S fabrik an. Die Gerichte erkannten beiden, als Räubern und Mordern, die Strafe des Rades zu, welche ſie am 17ten Hornung 1741 erlitten. Jacob der Dritte, Koͤnig von Schottlaud. Eine ſchottiſche Legende aus dem ſechszehnten Jahr⸗ i hundert. Jakob V, König von Schottland, hinterließ nur eine wenige Tage vor ſeinem Tode geborne Tochter, die durch ihre unglucklichen Schickſale ſo beruͤhmt gewordene Maria. Schon von der Geburt an ſchlen dieſelbe vom Schickſale gehaßt zu ſeyn. Der Cardinal Beauton, Miniſter Ja⸗ cob V. und Jacob Hamilton, Graf von Arran, der naͤchſte Verwandte und natuͤrliche Erbe Ma⸗ riens, ſtritten ſich um die Verwaltung des Rei⸗ ches und die Vormundſchaft der Prinzeſſin, wel⸗ che zugleich der Gegenſtand der geheimen Wuͤn⸗ ſche der Koͤnigin Mutter war. Arran ſiegte mehr durch die allgemeine Abneigung gegen ſeinen ver⸗ haßten Nebenbuhler, als durch die Gerechtigkeit ſeiner Anſpruͤche. Die Karakterſchwaͤche, die Unbeſtandigkeit und Unerfahrenheit dieſes Man⸗ 164 nes, der das Spielwerk ſeiner Guͤnſtlinge war, brachten beides, das Reich und ſeinen konigli⸗ chen Muͤndel aus einer Gefahr in die andere. Der durch ſeine Unbeſonnenheit veranlaßte Krieg mit England, und der gluͤckliche Foztſchritt der engliſchen Truppen nach der beruͤhmten Schtucht bei Pinkey, welche einzig durch die Ungeſchick⸗ lichkeit des Regenten verloren gieng, zwang den⸗ ſelben, um von Frankreich Huͤlfe zu erhalten, das Reich und die Prinzeſſin dem Intereſſe die⸗ ſer Krone zu opfern. Maria ward dem Dauphin, nachherigem Koͤnige Franz Il. von Frankreich zur Ehe verſprochen, und noch als Kind nach Frankreich ausgeliefert, um dort erzogen zu werden. Dieſer Schritt, der eigentlich die er⸗ ſte Veranlaſſung zu Mariens nachherigem un⸗ gluͤcklichem Schickſale und den zahlloſen Unord⸗ nungen, unter denen Schottland ſo lange blu⸗ tete, war, gob der Koͤnigin Mutter Gelezen⸗ heit, ſich die Regenrſchaft zu verſchaffen; die Aoftritte, welche die Reformation, ſo wie über⸗ all, auch hier veranlaßte, und welche dieſelbe mit der feinſten Politik als Mittel zu ihrem Zwecke benutzte, heſfen ihr ihre Plane vollfuͤhren, und ſie erhielt durch eine des Re⸗ genten die Regentſchaft. Die Konigin Mutter, Maria, aus e Hauſe der Guiſen in Frankreich, hatte alle zu dem erhabnen und wichtigen Poſten, den ſie jetzt errungen hatte, erforderliche Talente. Nach 165 der Schilderung, welche uns die Schriftſteller der damaligen Zeit, vorzuͤglich aber Robertſon, der mit dem ihm eignen Forſchgeiſte und Scharf⸗ ſinne aus jenen geſchoͤpft hat, von derſelben machen, war ſie ein aͤuſſerſt kluges und ſcharf⸗ ſinniges Weib, mit allen Kuͤnſten der Politik und Intrique auf das innigſte vertraut.— Sie ſcheint weder bos, noch ſchlecht geweſen zu ſeyn, und wenn ſie ſo ſchien, vielleicht auch wirklich manchesmal ſo handelte, dann moͤchte der Grund hlerzu wohl weniger in ihrem Her⸗ zen, als in der wirklich auf das hoͤchſte verwi⸗ ckelten Lage, in der ſie ſich befand, und den verderblichen Rathſchlaͤgen ihrer Raͤthe, mit de⸗ nen Frankreichs Politik ſie umgeben hatte, zu ſuchen ſeyn. Sie hieng mit oller Zaͤrtlichkeit einer Mutter an ihrer Tochter, und wuͤrde ſich deren Portheil freudig geopfert haben, wenn ſie ihn richtiger eingeſehen haͤtte; ſie liebte ihre Bruͤder, welche damals in Frankreich die Herr⸗ ſcherrolle ſpielten, ihre Familie und deren Glanz, und ihr Paterland zu ſehr; dieſe Eigenſchaf⸗ ten, die in ihrem Privatleben als Tngenden geglaͤnzt haben wuͤrden, wurden Schottland verderblich, und ſchlugen dieſem Reiche Wun⸗ den, welche ſelbſt jetzt noch nicht ganz vernarbt ſind. Um ſich die Regentſchaft zu verſchaffen, hatte die Konigin den Proteſtanten, welche ſeit einiger Zeit angefangen hatten, ihren Glauben geltend zu machen, und gegen die Intoleranz der damals noch herrſchenden katholiſchen Reli⸗ gionsparthei bald im offnen, bald im ſtillen Kampfe lagen, bisher geſchmeichelt, ſich lange um die Gunſt dieſer maͤchtigen und täͤglich mehr anwachſenden Parthei bemuͤht, ihnen die ſchonſten Hoffnungen und Ausſichten gegeben, ſogar wirkliche Zoſicherungen in Menge gethan, und durch dies Benehmen wirklich ihren Zweck ertelcht. Die maͤchtige Parthei der Proteſtanten war es, welche vorzüglich ihre Anſpruͤche auf die Regentſchaft und ihre Bemuͤhungen um dieſelbe unterſtuͤtzt hatte, und ſie hatte vorzuͤglich dieſer ihre Erhebung zu derſelben und die Erhaltung ihres Zweckes zu verdanken. Es läßt ſich aus vielen Gruͤnden vermu⸗ then, daß die neue Regentin auch wirklich die⸗ ſen Grundſätzen und ihren Verſprechungen treu bleiben wollte. Aber die Politik Frankreichs, und die Intrique und Intoleranz ihrer Bruͤder, der Herzogen ven Guiſe, brachten gar bald ei⸗ ne Aenderung hierin hervor.— Koͤnig Hein⸗ rich VII. von England, bekannt durch ſſeine Religionsreformation,— ſeine Barbarei gegen ſeine Unterthanen und ſeine Weiber,— ſein galligtes Temperament und ſein verbranntes Gehirn, hatte durch das ihm allezeit gefaͤllige Parlament ſeine beiden Toͤchter Maria und Eliſabetha fur natuͤrliche Kinder erklaͤren laſſen, und ſo dieſe Prinzeſſinnen des Rechts der Nach⸗ 167 folge auf einen Thron verluſtig gemacht, den gleichwohl in der Folge beide beſtiegen haben. Da Heinrich keine maͤnnlichen Erben hatte, ſo mußte auf dieſe Art die Krone Englands auf die junge Kdnigin von Schottland fallen, welche Heinrichs naͤchſte rechtmaͤßige Verwandtin war. Zwar hatte nach Heinrichs Tode deſſen aͤlteſte Tochter Maria, und als dieſe bald ſtarb, die juͤngere Eliſabeth den engliſchen Thron beſtiegen; ſie war aber durch ihren Verfolgungegeiſt und Re⸗ formatlonseifer ſehr kald den Katholken, welche damalt noch die ſtaͤrkſte Parthei in dieſem Reiche bildeten, verhaßt, und es fehlte dieſen nur an einem kuͤhnern Anfuͤhrer, an einem geltenden Vor⸗ wande und der erforderlichen Unterſtuͤtzing, um gegen ihre verhaßte Monarchin loszubrechen. Um erſtern waren die Gniſen nicht verlegen; der zwei⸗ te fand ſich dadurch, well Heinrich einſt dieſe ſei⸗ ne Tochter fuͤr ein uncheliches Kind hatte erklaͤ⸗ ren laſſen, und in dieſem Folle der Thron an deſ⸗ ſen naͤchſte Agnatin, Maria von Stuart, fallen mußte; und die letzte konnte von Schottland aus und eben ſo aus Frankreich, mit welchem durch die Heirath Mariens mit dem Dauphin die⸗ ſes Reſch nach dem Plane der Guiſen vereiniget werden ſollte, leicht geleiſtet werden. So ge⸗ dachten ſich dieſelben Schottlands als einer Brucke zu bedienen, um nach Eugland zu kommen. Hierzu kam noch die den Guiſen karakteriſtiſch elgne Jatoleranz, mit der ſie gegen die Prote⸗ 169 ſtanten, als gegen Ketzer wuͤtheten, welche ſie blind gegen alles Recht und die Folgen ihrer Hand⸗ lungen machten, und deren erſter Grundſatz es war, daß man mit den Ketzern nie Kontrakt zu balten brauche. Die Foͤnigin Regentin hieng mit der innig⸗ ſten Schweſterliebe an bieſen ihren Bruͤdern; ſie liebte ihr Vaterland— Frankreich— weit iehr. als das Land, welches ſie jetzt beherrſchte, und zog deſſen Vortheil dem Portheile des letztern vor; ſie wünſchte den Vortheil ihrer Tochter, und hatte die hoͤchſten Begriffe von den Einſich⸗ ten und der Macht ihrer Bruͤder. Dies alles machte ſie von den Guiſen überall durchaus ab⸗ haͤngig, und ſie war eigentlich blos das Inſtru⸗ ment, durch welches dieſe wirkten und han⸗ delten. Sie durfte daher den Prettſanten nicht Wort halten. Sie hatte denſelben gleiche Rech⸗ te mit den Katholiken verſprochen, und war nach einigen ſogar in ihren denſelben gethane⸗ nen Verſprechungen noch weiter gegangen. Von alle dem hlelt ſie nicht das geringſte, ſondern trat ſogar oͤffentlich auf die Seite der Katholiken uͤber, welche mit den Proteſtanten auch hier, wie damals, uͤberall in einem Zuſtande gegenſeitiger Feinbſchaft und Spannung lebten, deren Aus⸗ bruch in eine offne Fehde man taͤglich erwerten mußte. 169 Die Proteſtanten ruͤſteten ſich zur Vertheidi⸗ gung. Der Trotz, mit welchem die Regentin die Abgeſandten derſelben, als dieſe ihr gegen ih⸗ re Intoleranz Vorſtellungen machten, und ſie an ihre gethanenen Verſprechungen erinnerten, auf⸗ nahm und abwieß, erzeigte gegenſeitigen Trotz, und dieſe ſetzten ſich ſelbſt in den Beſitz deſſen, was die Regentin ihnen zugeſichert hatte. Die Regentin lud dagegen ihrerſeits die proteſtanti⸗ ſchen Prediger vor Gericht, und als dieſe mit ei⸗ ner bewaffneten Menge vor demſelben erſchie⸗ nen, gab dies Gelegenheit zu Vergleichen, welche von beiden Seiten ſchlecht gehalten, mehrfach erneuert, und immer wieder gebrochen wurden. Die proteſtantiſchr Parthei hielt ſich zu Perth verſammelt, wo die wuͤthenden Predigten ihrer Geiſtlichen, beſonders des durch ſeine Talente, Kenntniſſe und ſeinen Zeloteneifer bekannt ge⸗ wordenen Knex, das Feuer immer heller anblie⸗ ſen. Die Uebedachtſamkeit eines katholiſchen Prie⸗ ſters, welcher gleich ne einer der feurigſten Pre⸗ digten Knorens, Meſſe leſen wollte und daher den Altar ſchmuͤcke gab die erſte Veranloſſung, daß die Wuth der gegentheiligen Parthei losbrach. Die Proteſtanten fielen mit einer tumultuariſchen aber unwiderſtehlichen Gewalt uͤber die Kirchen in Perth her, zerbrachen die Altäre, zerſchlugen die Bilder, pluͤnderten die Kloſter und Kirchenſchaͤtze, 170 und machten in wenſg Stunden, die ſchönſten Gebäude der Erde gleich. Die Kduigin gerieth hieruͤber in den fuͤrchter⸗ lichſten Zorn. Sie zog ihre Truppen bei Stir⸗ ling zuſammen, und marſchirte mit denſelben, gegen 7000 Mann ſtark, auf Perth los. Auch die Proteſtanten ſammelten ein Heer, welches ſich mit jeder Stunde verſtaͤkte. Kein Theil hatte Luſt zum Angriffe, und man bot daher beiderſeits zum Vergleiche die Hand. Perth offnete ſeine Thore der Koͤntgln, wogegen dieſe eine allgemei⸗ ne Amneſtie und keine Truppen in die Stadt ein⸗ zulegen verſprach. Da dieſe Bediugnlſſe von der Regentin eben ſo wenig gehalten wurden, als ih⸗ re vorigen Zuſicherungen, ſo entſtand neuer Laͤrm, die proteſtantiſche Parthei, die ſich den Namen Lords oft Congregation beigelegt hatte, eilte ge⸗ gen Perth zuruͤcke, welche Stadt belagert ward. Nach einem hartnaͤckigen Widerſtande ward die Beſatzung, welche die Koͤnigin Regentin in der⸗ ſelben zuruͤckgelaſſen hatte, zu kapituliren ge⸗ zwungen. Jetzt erſt brech der Krieg, der bis⸗ her von keinem Theile mit Ernſt geführt worden war, mit dem wuͤthendſten Feuer und der grim⸗ migſten gegenſeitigen Erbitterung aus. Die Heere der Proteſtanten wuchſen auf ihrem Mar⸗ ſche, wie ein fortgewaͤlzter Schneeball. Reli⸗ gionswuth; der kriegeriſche Geiſt der Zeit und vorzuͤglich die Hoffnung, ſich bei den Unordnun⸗ gen eines Buͤrgerkriegs durch Raub und Pluͤnde⸗ 177 rungen bereichern zu können, ſchafften dem Hee⸗ re der Proteſtanten, deren Anfuͤhrer aus politi⸗ ſchen Gruͤnden eine ſehr ſchlaffe Mannszucht hielten und ihren Soldaten die vollkommen⸗ ſte Willkuͤhr ließen, einen unglaublichen Zu⸗ lauf. i Eine Haupturſache hiervon war die Pluͤnde⸗ rung, welche jedes Kloſter, welches dem prote⸗ ſtantiſchen Heere in den Weg kam, erfuhr. Die ſchottiſchen Kloſter waren durch den Aberglauben, der in Schottland mehr als irgendwo ſtatt gehabt hatte, ſaͤmtliche zu unermeßlichen Reichthuͤmern gekommen und die Schaͤtze, welche ſie in koſtba⸗ ren Metallen und Pretioſen beſaßen, waren jetzt eine um ſo verfaͤnglichere Lockſpeiſe zu ihrem Ruin, als ſie gegen die tiefe Armuth des uͤbrigen Landes viel zu ſehr abſtachen. Schon die Religionswuth⸗ welche die proteſtantiſche Parthei beſeelte, machte dieſelbe zu abgeſagten und erhitzten Feinden der katholiſchen Geiſtlichen und Monche, die noch heftigerte Begierde nach den Schaͤtzen derſelben trieb ſie zur Pluͤnderung, und es haͤtte hierzu der hitzigen Auffoderungen und der feurigen Beredſam⸗ keit ihrer Prediger nicht erſt bedurft. Die Anfuͤh⸗ rer derſelben ließen ihren Soldaten hierbei vollig freie Haͤnde, weil dies den Eifer derſelben ſtaͤrkte, ihrem Heere groͤßern Zulauf verſchaffte, und ih⸗ nen den Sold erſparte, welchen ſie ohnehin nicht ohne die groͤſte Schwierigkeiten aufzubringen ver⸗ mochten. Ueberall, wo ihnen ein Kloſter oder ² 172 eine Kirche aufſtieß, ward daher gepluͤndert, die Schaͤtze geraubt, die Moͤnche vertrieben, und das Gebaͤude der Erde gleich gemacht.— Was bei allem dem das erſtaunenswuͤrdigſte iſt, es geſchah bei der ganzen Folge dieſer gewaltſamen Handlungen kein Mord, wie ſaͤmtliche ſchottiſche Geſchichtſchteiber verſichern, und die ſchottiſche Reformation zeichnet ſich uͤberhaupt dadurch aus, daß ſie elnen weit minder blutigen Charakter hat, als die Religionsverbeſſerungen in den uͤbrigen Staaten Europas. Auf dem Zuge nach Dunbar, wohin die Ko⸗ nigin Regentin ſich zuruͤckgezogen hatte, und die proteſtantiſche Armee derſelben folgte, ſtieß dieſel⸗ be vorzüglich auf eine Menge Kloſter. Dieſer Theil des Landes war mit den Neſtern dieſer ſchaͤd⸗ lichen Thierart wie uͤberſäet, zahlloſe Schwaͤrme derſelbe hatten hier ihre Hoͤhlen errichtet, vielleicht well es die beſte und fruchtbarſte Gegend des Ko⸗ nigreichs war. Die Proteſtanten fanden dieſel⸗ be großtentheils leer und alle erfuhren, ohne Wi⸗ derſtand zu leiſten, das Schickſal, welches ihnen ſaͤmtlich von ihren Feinden zugedacht war. Ein einziges derſelben machte hiervon eine Ausnahme. Es war dem h. Mauriz geweiht, und war erſt vor etwa 15 Jahren merklich ver⸗ ſchonert und mit einer ſtarken Anzahl neu ange⸗ worbener Moͤnche verſtaͤrkt worden. Da es zwi⸗ ſchen Sitirling und Bunbar am Wege lag, ſo 173 mußte nothwendig die proteſtantiſche Armee an dem⸗ ſelben paſſiren, da ſie geraden Weges dem Heere der Konigin Regentin, welche bei Dunbar eine Poſition genommen hatte, folgte. Die Monche hatten daher bereits faͤmtlich in der großten Eile daſſelbe verlaſſen, als die proteſtantiſchen Trup⸗ pen vor demſelben anlangten, und nur wenige fielen denſelben auf der mit der groͤßten Eile und kurz vor der Ankunft der Proteſtanten, welche mit der Schnelle eines reißenden Stromes ſich naͤ⸗ herten, veranſtalteten Flucht in die Haͤnde. Eine Menge Kloſterknechte, verſtaͤrkt durch elnige Trup⸗ pen, welche die Regentin daſelbſt züuruͤckgelaſſen harte, um den Marſch det ihr nachfolgenden pro⸗ teſtantiſchen Armee aufzuhalten, vertheidigten das leir gelaſſene Kloſter, welches zu einer langwie⸗ rigen Vertheidigung befeſtigt genug war, und den Belagerern 8i6 Bunh ſehn zu drohte. Es mangelte vumls in Schottland ſehr an Feſtungen, und waͤhrend dem Zeitgeiſte zufolge in anbern Laͤndern Europas jeder Ritter ſeine Burg und faſt jeder Guͤtherbeſitzer ſein Haus nach der damaligen ſehr unvollkommnen Krlegskunſt befe⸗ ſtigte, fand man hier an den einzeln liegenden Schibſſern nur unbedentende Thuͤrme und ſchwa⸗ che Mauern, die hochſtens zur Schnzwehr gegen den erſten Anfall der jezuweilen ſich zeigenden Raͤuber dienten. Das Kloſter zum heiligen Mo⸗ ritz machte jedoch hiervon eine Ausnahme, Der 174 Kardinal Beautoun, Erzbiſchof zu St. An⸗ drews, der vorigen Konige Miniſter und zu ſei⸗ ner Zeit der reichſte und maͤchtigſte Privatmann des Reichs der einige Zeit zuvor in ſeinem Schloſſe zu St. Andrews von einigen fanatiſchen Ver⸗ ſchwornen ermordet worden war; hatte daſſelbe vor etwa 35 Jahren von Grund aus auf ſeine Koſten neu erbaut, ſeine Einkuͤnfte anſehnlich ver⸗ mehr, mehrere Moͤnche in daſſelbe aufgenommen, als es zuvor enthalten, und dabei daſſelbe ſo be⸗ feſtigen laſſen, daß bei der damaligen Unvollkom⸗ menheit der Kriegskunſt ſolches von vielen fuͤr unuͤberwindlich gehalten ward. Es lag,— wo eigentlich alle Monchskloſter hingehorten— in der Mitte eines Sumpfes auf einer mäſigen Erd⸗ erhohung und war mit dicken Mauern, Zugbruͤl⸗ ken, Thuͤrmen und Warten ringsumher eingefaßt⸗ Die Anfuhrer des proteſtantiſchen Heeres befuͤrch⸗ teten hier einen harten Stand, und gleichwohl konnten ſie dieſe Feſtung, deren Beſatzung ſie ſonſt zu jeder Stunde haͤtte beunruhigen konnen aicht in ihrem Ruͤcken liegen laſſen. Sie machten da⸗ her alle Anſtalten zu einer hartnaͤckigen Belage⸗ rung und waren nicht wenig erſtaunt, als ſchon nach drei Tagen die Garniſon zu kapituliten ver⸗ langte. Die feigen Knechte der Monche ſd wie die wenige Mannſchaft, welche die Regentin in daſſelbe geworfen hatte, und die zu ſchwach war⸗ um ſich ohne die Huͤlfe der erſteren allein verthei⸗ digen zu konnen, erhielten freien Abzug, die Mon⸗ 175 che waren mit ihren Schuͤtzen bereits entwichen, das Gebaͤude und die Feſtungsweirke wurden daher der Erde gleich gemacht, und die Armee rüſtete ſich, am andern Morgen nunmehr ihren Marſch gegen Dunbar ohne ein weiteres Hinderniß fort⸗ zuſetzen. Ein Thell der Armee uͤbernachtete auf den Truͤmmern. Die Soldaten ſuchten unter den Ruinen nach Schaͤtzen, welche ſie hier von den emflohenen Mönchen vergraben waͤhnten, weil dieſe, ihrer ſchnellen Flucht ohngeachtet, das Klo⸗ ſter ſozreln ausgeleert hatten, daß die habſuchtige Militz der Congregatlon zu murren begann, als ſie ihre Erwartung, große Schaͤtze daſelbſt zu fin⸗ den, ſo ſehr getaͤuſcht fand. Einige der Suchen⸗ den ſtiegen in ein zerbrochenes Gewolbe hinab, zu dem ſie den Eingang unter den durcheinander liegenden Steinhaufen entdeckt hatten. Es war eine weite Halle, wie man noch jetzt ſie in den alten Kloſtergehaͤuden finder, einige hervorragende Grabſteine und ein an der Ecke angebrachter Al⸗ tar zeugten, daß dies das ſogenännte Geiſeige⸗ woͤlbe des Kloſters, oder der Ort war, an wel⸗ chem die Monche bei gewiſſen Feſten an den Ghra⸗ bern ihrer dort ruhenden Stifter und Wohlihäter ihre Gebete verrichten und ſich eine gewiſſe Anzahl von Geiſelhieben geben mußten. Durch das dicke Gewoͤlbe drang in einigen Tropfen die Naͤſſe des nahen Sumpfes. Die tiefe Stille der Abgeſchie⸗ denheit, die in dieſem Souterrgin herrſchte, mach⸗ 176 te den Aufenthalt unter den hler ruhenden Tod⸗ ten und den ſtarren ſteinernen Geſtalten mit ver⸗ zertten Geſichtern in gigantesker Große, welche der Zahn der Zeit zu benagen angefangen und die abgelaufenen Jahte mit der Schwaͤrze des Mo⸗ ders bemahlt hatte, die als Mauſolaͤen der Stif⸗ ter und Wohlthaͤter der Moͤnche von den Waͤnden draͤuten, und den gemahlten grotesken Monchs⸗ figuren und Teufelsbildern ſparſam von einer in der Mitte des Gewolbes bleich und wolkigt bren⸗ nenden Lampe erleuchtet, doppelt fuͤrchterlich. Es war der ſchauerlichſte Ort der Kloſter, zugleich der Ort, an welchem ihr geheimſter Unfug und alle die unmenſchlichen Grauſamkeiten, welche man mit allem Rechte den Monchen ſchuld giebt, voll⸗ zogen wurden, und Snb ver⸗ ſchloſſen. 6 Die Snruen wirlten ſich vergeiſtentn bier nicht wegzugehen ohne einen Fund gethan zu ha⸗ ben, Sie durchſuchten mit Strohfackeln furchtlos das ganze Gewolbe, und ſchon gaben Sie alle Hoffnung auf, hier irgend etwas zu finden, als einer derſelben aus der Mauer Tone hervorgehen zu hdren glaubte. Aufmerkſam gemacht durch denſelben, bemuͤhten ſich die uͤbrigen um gleiche Entdeckung und fanden bald, daß der Entdecker ſich nicht getaͤnſcht hatte. Es war das dum⸗ pfe Aechzen des Jammers, das aus den Steinen empordroͤhnte, die Seufzer eines von der Welt ausgeſtoßnen Ungluͤcklichen, der unbemerkt ſich 127 duͤnkend durch die hinſterbende Klage des We⸗ hes ſeinem zuſammengepreßten Herzen Luft machte. Daß hier etwas unheimliches, unrechtliches ⸗ ſonderbares ſey, war gewiß. Die Streiter fuͤr die Religionsfreiheit kannten keine Furcht, und es ward beſchloſſen, die Sache zu ergtuͤnden. Vergebens ward nun nochmals das ganze Ge⸗ wolbe durchſucht, um den Eingang zu finden, der zu der unterirdiſchen Klauſe des lebend ver⸗ grabenen ungluͤcklichen Weſens fuͤhre, deſſen Seufzer hier ungehort bisher— nur Gott wuß⸗ te, wie lange— verhallt hatten. Vergebens brachen ſie— hitziger gemacht durch den frucht⸗ loſen Verſuch— mit ihren Lanzen einzelne Stei⸗ ne aus dem dichten, feſten Gewolbe. Zufaͤllig ſchob einer an einem großen Gemaͤlde voll Teu⸗ felslarven, das die Holle vorſtellen ſollte; das Gemälde wich, und es zeigte ſich hinter demſel⸗ ben eine eiſerne, mit Schloß und Riegel ſtark ver⸗ wahrte Thuͤre, deren Feſtigkeit den Findern nur zu bald zeigte, daß ſie uͤber ihre Entdeckung zu fruͤh gejubelt hatten. Doch gelang es endlich ihrer Anſtrengung, die Thuͤre zu dffnen. Ein Paar Keulenſchlaͤge zerſchlugen das Schloß, und die Thuͤre offnete den Schlund eines dunkeln Ganges, aus wel⸗ chem eine kalte Luft den Eintretenden entgegen⸗ Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. M 178 wehte. Sie folgten beim Scheine der Stroh⸗ fackeln dem Gange und ſtanden bald an einer an⸗ dern Thuͤre, welche ein maͤßiger Schlag leicht dff⸗ nete. Es war ein kleines reinliches Gemach, in welches ſie eintraten, von einer von der Decke herabhaͤngenden Lampe erhellt. In dem Kamine brannte ein waͤrmendes Feuer. Die Elnrichtung zeigte Gemaͤchlichkeit, und ſogar Pracht; es ſchien dem Bewohner dieſes Souterraine's, um ange⸗ nehm zu wohnen, nichts zu mangeln, als Licht, Luft, und das, ohne welches alle S¹8 der Welt nichts ſind,— Freiheit. In der Ecke dieſer unterirdiſchen Wohnung zeigte ſich ein prachtvolles Ruhebette, auf dieſem ruhte ein Greis. Die Zeit ſchien alle Leidenſchaf⸗ ten von dem ehrwuͤrdigen Geſichte getilgt zu haben. Nichts war mehr leſerlich auf ihm, als die unver⸗ wiſchbaren Zuͤge einer ſtarken Secle, ehmaliger Groͤße und Hoheit. Seine Kleidung war reinlich und gemaͤchlich, ſein ganzes Aeußeres zeigte von innerer und aͤußerer Ruhe, von ohnunterbroch⸗ ner ſorglicher Pflege. Der Greis ſtarrte die Eintretenden an, wel⸗ che Schrecken und Ehrfurcht an den Boden feſ⸗ ſelte. Endlich wagten dieſe die Frage: wer er ſey, wie er hieher gekommen. Langſam hob ſich die Geſtalt vom Lager, und zeigte mit der Hand nach dem geoͤffneten Munde, in welchem die Zunge fehlte, und an dem andern Arme 179 den Stumpf einer abgehauenen Hand. Dann läutete er drelmal mit einer Glocke, deren Zuͤge in dem Gewoͤlbe hiengen. Ein Kloſterbruder von gleich ehrwuͤrdiger Greiſengeſtalt trat aus einer in dem Gemache befindlichen Seitenthuͤre, und ſtarrte unter dem Eiagange, als er des Be⸗ ſuchs gewahrte. Die Soldaten bemaͤchtigten ſich ſeiner, weil ſeine Kutte ihren Fanatismus reizte. Man brachte beide vor die Anführer des Heeres, und der Kloſterbruder erzaͤhlte auf die erſte Frage den Zuſammenhang der Sache, deren Wahrheit der Greis durch Pantomimen be⸗ ſtutigte. Wir muͤſſen, um unſern Leſern verſtaͤndlich zu ſeyn, in die aͤltere Geſchichte Schottlands zuruͤckkehren, um das Räthſel zu loͤſen, welches die Generaͤle der Proteſtanten, mit dieſer genau bekannt, und dem Zeitpunkte aller dieſer Vor⸗ gaͤnge naͤher, ſich bald erklaͤrt hatten. Seit der Regierung Jacobs I. lagen die Kdnige Schottlands mit dem Adel dieſes Reichs in einer ſteten Fehde, welche nur waͤhrend der kurzen Regierung Jakobs IV. des Großvaters Mariens, durch ein kurzes Einverſtaͤndniß die⸗ ſes Regenten mit den Baronen unterbrochen ward, und Jakob V. Mariens Voter, unter⸗ lag ſchon wieder der Uebermacht deſſelben. Die ſchottiſchen Barone bildeten eine Gegenmacht M 2 180 ——— gegen die Beherrſcher, die oft kaum ſo maͤchtig waren, als einzelne ihrer Gegner; ſie waren von der Krone faſt ganz unabhaͤngig, und nur ſehr leiſe und zweideutig hielt das ſchwache Band der Lehngeſetze beide zuſammen. Jeder Baron uͤbte auf ſeinen großen Veſitzungen die Rechte eines unumſchraͤnkten Souveraines aus, und hatte gewoͤhnlich Macht genug, ſeine An⸗ maßungen gegen den ſchwachen Regenten des Staats vertheidigeu zu kdnnen. Die Konige fuͤhlten die Verwirrungen dieſer druͤckenden An⸗ rachie, und theils wirkliches edles Mitgefuͤhl mit den Leiden ihres gedruͤckten Volkes, theils Hertſchgierde trieb ſie an, dieſem Strome entge⸗ gen zu arbeiten. So bildete ſich eiue feindſelige Lage zwiſchen beiden, und der gegenſeitige Haß und die entgegenarbeltenden Plane aͤuſſerten ſich bald in dumpfen Bewegungen, bald in offnen Fehden. Thätiger, als alle ſeine Porgaͤnger, kampf⸗ te Jakob III gegen den Adel, aber auch zu⸗ gleich mit weniger Klugheit. Die Maasregeln, die er zur Erreichung dieſer Zwecke nahm, wa⸗ ren eben ſo gewaltſam, als aller vernuͤnftigen Politik geradezu zuwider. Er zeigte den Haß, welchen er gegen den Adel hatte, ſo dffentlich und ohne allen Hehl, daß er denſelben durch⸗ aus ſowohl von ſeiner Perſon, als allen Staats⸗ aͤmtern gaͤnzlich entfernte, in deren Beſitze ſich derſelbe hier, wie in allen Lehnsverfaſſungen, 181 ſeit undenklichen Zeiten befunden hatte, und ſetzte an deren Stelle einige Perſonen von der niedrigſten Art Cochran, ein Maurer, Leonard, ein Schmidt, Homil, ein Schneider, Rogers, ein Muſikant, und Torfſan, ein Fechtweiſter, waren des Konigs Lieblinge und Miniſter. Mit ihnen ſchloß er ſich in ſeine Reſidenz, zeigte ſich ſelten offentlich, und nur um den Adel, der ſonſt des Koͤnigs Perſon ausſchließend um⸗ gab, deſto bitterer zu beleidigen. Leuten von dem ungemeſſenen Stolze der ſchottiſchen Baro⸗ ne, war dieſe BVetrachtung weit ſchmerzlicher, ols die Grauſamkeit der vorigen Koͤnige gegen ſie. Er widerrief die meiſten Rechte und Vor⸗ zuͤge, deren Beſitz der Adel an ſich geriſſen hat⸗ te, und war auf dem Wege, dieſe anmaßende Volksklaſſe ganz in ihr Gleis zuruͤckzuweiſen. Ei⸗ ne Menge geheimer Verbindungen der Edelleute waren hiervon die Folgen, welche, ſo ernſthaft ſie auch waren, und obgleich in einige derſel⸗ ben ſelbſt des Koͤnigs Braͤder verwickelt wa⸗ ren, Jakob mit der ihm eignen Energie unter⸗ druͤckte, und mit der ihm eignen Grauſamkeit be⸗ ſtrafte. Eine derſelben, durch welche der Herzog von Albany, des Kdnigs Bruder, die Krone an ſich zu reißen ſuchte, ward jedoch ernſthaf⸗ ter. Albany hatte ſich des Beiſtandes Eduards VI., Koͤnigs von England, verſichert, welchem er verſprochen hatte, das ſchottiſche Reich als 132 ein Lehen von England zu beſitzen, und ver⸗ ſchiedene Grafſchaften abzutreten, und der Her⸗ zog von Gloceſter fuͤhrte zu deſſen Huͤlfe eine maͤch⸗ tige engliſche Armee nach Schottland. Die drohende Gefahr zwang den Konig, bei den Edel⸗ leuten, als der nach der damaligen Verfaſſung einzigen ſtreitbaren Volksklaſſe, Huͤlfe zu ſuchen. Zahlreich fanden ſich dieſelben bei ſeinen Fahnen ein, aber nicht in der Abſicht, dem Koͤnige Huͤl⸗ fe zu leiſten, ſondern um ſich an ihm zu raͤ⸗ chen, die alten Vorrechte, welche der Konig ih⸗ nen abgenommen hatte, wieder an ſich zu reißen, und vorzuͤglich, um ihre Rache an den Lieblingen des Koͤnigs, deren Uebermuth ihnen unertraͤglich war, zu kuͤhlen. Dies vollfuͤhrten ſie ſchon in dem Lager bei Lawder ganz im militairiſchen Sty⸗ le. Dert drangen ſie mit Gewalt in das Zelt des Kdnigs, ergriffen ſeine Lieblinge und hiengen ſie ohne weitern Prozeß auf. Ein einziger derſel⸗ ben, Namens Ramſey, entgieng ihrer Wuth da⸗ durch, daß er ſich in die Arme des Koͤnigs warf, von welchem die Edelleute denſelben nicht trennen konnten. Jakob entließ auf der Stelle ein Heer, das ihm ſo ſchlecht gehorchte, und welchem er ſo we⸗ nig trauen konnte, und verſoͤhnte ſich mit ſeinem Bruder. Dieſe Ausſohnung war jedoch nicht von Dauer. Bald entfloh Albany wieder von dem Hofe ſeines Bruders, und erneuerte ſein Buͤndniß mit dem mißvergnuͤgten Adel und dem Konige von England, deſſen Vollziehung nur der Tod des letztern hinderte. Zu gleicher Zeit rerdoppelte der Koͤnig und ſeine Lieblinge ihre Beleidigungen des Adels, der von ſeiner Seite dagegen auch die Konſpirationen verviel⸗ faͤltigte. Der Herzog von Rathſay, des Konigs aͤlte⸗ ſter Sohn, ein Prinz von 15 Jahren, ward in eine vieſer Verſchwoͤrungen verwikelt. Entwe⸗ der durch Ueberredung, oder, wie andere glau⸗ ben, durch Zwang, ſtellten die mißvergnuͤgten Edelleute dieſen jungen Prinzen an ihre Spitze, und traten mit der Erklaͤrung, Jakob die Kro⸗ ne zu nehmen, und ſolche ſeinem Sohne auf⸗ zuſetzen, in offnen Aufruhr gegen ihren Koͤ⸗ nig. Dieß riß den König aus der Unthaͤtigkeit, in die er bisher verſunken war. Er zog zu Felde, und ſtieß bei Bannokburn auf die Mißvergnuͤg⸗ ten. Das an Zahl und Tapferkelt den Trup⸗ pen des Königs überlegne Heer derſelben ſchlug die koniglichen Armee, der Kdͤnig ſelbſt blieb auf der Flucht. Erſt nach einigen Wochen fand man ſeinen Koͤrper, blos an der Kleidung noch kennt⸗ lich, welcher ohne kdnigliche Pracht zur Erde be⸗ ſtattet ward. Der Auftuhr war mit zu vlel Erbitterung und zu tragiſch ausgefuͤhrt worden, als daß der⸗ 184 ſelbe Belfall haͤtte erhalten koͤnnen. Schon am Tage der Schlacht erließ der Legant des Pabſtes, der damals noch das vollſte Anſehen hatte, und auf der hochſten Stufe der Gewalt und des Ein⸗ fluſſes ſtand, ein Abwahnungsſchreiben an die Inſurgenten, und mehrere der vornehmſten Edel⸗ leute aͤuſſerten ihr Mißfallen, daß die Sache ſo weit getrieben worden. Dies ſchwaͤchte die leidenſchaftliche Hitze der Aufruͤhrer, mehrere derſelben traten zuruͤck, und Jakob wuͤrde auch dieſen Aufruhr zu ſeinem Vortheile beendet geſe⸗ hen haben, wenn er nicht durch Zorn verblen⸗ det und die Hitze ſeines leidenſchaftlichen Tem⸗ peraments irre geleitet, eine Schlacht gewagt hatte. Noch dieſen vorausgeſchickten Praͤmiſſen kön⸗ nen wir jetzt mit Verſtaͤndigkeit unſern Leſern die Aufklaͤrung grben, welche der Kloſterbruder den Generaͤlen der proteſtantiſchen Armee uͤber die Verhaͤltniſſe des ungluͤcklichen Gefangenen gab. Es war Jakob III. ſelbſt, welcher befreit wor⸗ den war, jetzt ein faſt hundertjähriger Greis. Der Kloſterbrudrr, welcher denſelben bedient hat⸗ te, und auch jetzt wieder ſein Schickſal mit ihm theilte, erzählte deſſen Schickſale, wie wir ſie hier unſern Leſein mittheilen. Der Koͤnig war auf der Flucht in der un⸗ gluͤcklichen Schlacht bei Bunnokburn nicht ge⸗ 185 plieben, wie man bisher geglaubt hotte, ſon⸗ dern lebend in die Haͤnde ſeiner Feinde gefallen. Perlaſſen von allen floh er, nachdem er wie ein gemeiner Soldat bis zum Erllegen gekaͤmpft hat⸗ te, blos von zwei getreuen Dienuern vegleitet. Er war Sinnes nach Stirling zurüͤckzukehren, um dort fuͤrs erſte ſich in der feſten Burg ver⸗ theidigungsweiſe zu halten, und bann ſeine noch uͤbrigen wenigen Getreuen an ſich zu ziehen, um von neuem den Rebellen die Spitze zu bie⸗ ten. Da ihn die Nacht uͤberraſchte, und die ermuͤdeten Pferde auf keine Weiſe die Flucht fortzuſetzen im Stande waren, verfolgte der Ko⸗ nig, der ſeine Feinde ſich ganz nahe wufie, ſeinen Weg zu Fuße, und war ſo ungluͤcklich denſelben in der Dunkelheit der Nacht zu ver⸗ fehlen. Als er ſich beim daͤmmernden Morgen in der Gegend umſah, befand er ſich in der Mitte des feindlichen Heeres und ward bald von vier Reutern des Grafen Maſſey umringt. Mit der Anſtrengung eines Verzweiflenden kaͤmpfte der Monarch und ſeine Begleiter. Maſ⸗ ſey ſelbſt, der erbittertſte ſeiner Feinde drang endlich auf ihn und von ſeinem Schwerde fiel des Königs Hand getrennt vom Arme nieder; ſeine treuen Diener wurden an ſeiner Seite kam⸗ pfend niedergehauen.— Es war nun nicht ſchwer, den Fuͤrſten gefangen zu nehmen. Maſ⸗ ſey war wirklich geſinnt ihn auf der Stelle zu ermorden, ſeine Begleiter hinderten ihn aber 186 hieran, und der gefangne Monarch ward in der groſten Stille und durch eine Verhuͤllung den Au⸗ gen ſder Truppen unkeuntlich gemacht vor die Haͤupter der Inſurgenten gebracht. Dieſe durften es ihrer Sicherheit wegen nicht wagen, den Monarchen, deſſen Rachgierde ſie kannten, frei zu laſſen, und eben ſo wagten ſie es nicht, denſelben zu morden, da jetzt ſchon die Abneigung gegen die gewaltſamen Schritte, die ſie wieder ihren Fuͤrſten gethan hatten, ſo groß war, und ſie daher das auſſerſte befurchten muſten, wenn der Mord, den ſie an demſelben veruͤben wuͤrden, kund wuͤrde. Sie ergriffen daher das Auskunftsmittel, den Fuͤrſten durch ewige Gefangenſchaft unſchaͤdlich zu machen. Sie ließen denſelben in das Kloſter des h. Moritz bringen, deſſen Abt mit ihnen im Einverſtaͤndniſſe war, dort ward derſelbe von zwei vertrauten Moͤnchen mit anſtaͤndiger Sorgfalt ver⸗ pflegt und geheilt, waͤhrend die Inſurgenten den entſtellten Korper eines in der Schlacht Gebliebe⸗ nen mit den Inſignien und der Kleidung des Koͤ⸗ nigs bekleideten, und ſo die Nation mit der fal⸗ ſchen Nachricht ſeines Todes taͤuſchten. Als der Koͤnig nach ſeiner Geneſung ſich hoͤchſt unbaͤndig gebehrdete, und mit einer Art von Raſerei ſeine Befreiung zu erzwingen ſuchte, ſa⸗ hen ſich ſeine Waͤchter gezwungen, ihn zu feſ⸗ 1 ſeln, und der Abt befahl ihm die Zunge auszu⸗ nehmen, da das laute Geſchrei, welches derſelbe auch noch gefeſſelt fortſetzte, das Geheimniß zu verrathen drohte. Das Kloſter erhielt von den Inſurgenten anſehnliche Laͤndereien zur Verwal⸗ tung dieſer mißlichen Pflege und zur beſſern Be⸗ ſieglung des Geheimniſſes. Die Aebte hielten dies ſo gluͤcklich, daß waͤhrend den 60 Jahren, welche bisher abgelaufen waren, niemand, ſelbſt nicht einmal einer von den Moͤnchen hiervon et⸗ was ahndete. Der verletzte Abt war noch wei⸗ ter gegangen. Er unterdruͤckte das ganze Ge⸗ heimniß, von welchem bisher die Aebte und die zur Bedienung des Gefangenen auserwaͤhlte Moͤnche unterrichtet waren, und machte es blos ſeinen Nachfolgern zur Pflicht, den Gefangnen, uͤber deſſen Stand und Verhaͤltniſſe er dieſelbe ununterrichtet ließ, zu verpflegen. So war nun nur noch der einzige alte Kloſterbruder uͤbrig, der zuvor ſchon zur Bedlenung des ungluͤcklichen Fuͤr⸗ ſten aufgeſtellt war, ehe jener Abt mit Tode ab⸗ gieng, welcher von den Schickſalen und dem Stande des Gefangneu, untertichtet war, und von demſelben Auskunft geben konnte. Der kaͤrzlich ermordete Kardinal Beauton, Erzbiſchoff von St. Andrews, war durch die Beichte eines der Haͤupter der damaligen Inſur⸗ genten vor mehreren Jahren von der Sache un⸗ terrichtet worden, und ihm hatte es der Sterben⸗, de zugleich zur Auflage gemacht, fuͤr den ungluͤck⸗ 183 lichen gefangnen Monarchen Sorge zu tragen. Der Kardinal, ſelbſt ein Verwandter des un⸗ gluͤcklichen Prinzen eilte zum Kloſter und erhielt dort die Beſtätigung deſſen, was ihm in der Beichte anvertraut worden war. Da er des Ge⸗ fangnen Enkel, als deſſen Miniſter, unumſchraͤnkt beherrſchte, und durch dieſe Entdeckung ein Mit⸗ tel erhielt, denſelben von ſich wehr abhaͤngig zu machen, ſo entdeckte er dem Koͤnige die Sache und erhielt von dieſem den Auftrag, fuͤr den Ge⸗ fangnen auch zugleich fuͤr die engſte Bewahrung des Geheimniſſes Sorge zu tragen. Durch ihn zahlte daher auch der Koͤnig die betraͤchtlichen Koſten zur Wiederaufbauung des Kloſters, wozu Beauton blos den Namen hergab, und der Kardi⸗ nal, der von dem Koͤnige den gemeſſenſten Befehl erhielt, das Leben des Gefangnen zu ſchonen, und gleichwohl noch immer die Entdeckung des Geheimniſſes und die Eutfuͤhrung des Gefangnen von den zahlreichen Feinden des Koͤnigs befuͤrchte⸗ te, befeſtigte aus dieſem Grunde das neu erbaute Kloſter mit einem betraͤchtlichen Aufwande. Mit dem Kardinal war das Geheimniß vol⸗ lends erſtorben, und es war niemand mehr, der von den Schickſalen und dem Stande des Ge⸗ fangenen Auskunft zu geben vermochte, als der Moͤnch, welcher denſelben jetzt ſeit faſt 40 Jah⸗ ren bediente. Seit dieſer Zeit war derſelbe im⸗ mer um den Gefangenen geweſen, und beide lieb⸗ ten einander immer mehr, ſo wie ſie mit einander 6 immer mehr alterten. Der jetzt faſt hundertjaͤhr'ge Monarch beſaß noch alle ſeine Sinne ungeſchwaͤcht, und ſelbſt ſeine Geiſteskraͤfte hatte Kummer und Ungluͤck unangefreſſen gelaſſen, nur das Gedaͤcht⸗ niß war ihm ſchon uͤber Z0 Jahre geſchwäͤcht; erſt ſeit dieſer Zeit war er munter und froh gewor⸗ den, und hatte ſogar ſeine traurige Lage ſo lieb gewonnen, daß er jetzt in dies Maulwurfs⸗ leben zuruͤckverlangte. Im Kloſter ſelbſt wuß⸗ ten zwar die Ober, und ſogar die meiſten Wonche, daß in den Souterrains der Abtei ein Gefangener aufbewahrt werde, fuͤr deſſen gute Verpflegung das Kloſter Sorge tragen muͤſſe, und dieſe Verpflegung ward ihm auch gewiſſen⸗ haft geleiſtet; niemand aber bekuͤmmerte ſich weiter um denſelben, als der zu deſſen Auf⸗ wartung eigends beſtimmte Bruder, und daher kam es auch, daß die Moͤnche denſelben gaͤnz⸗ lich vergaßen, als ſie mit ihren Schätzen vor dem heranziehenden proteſtantiſchen Heere flohen. Die Kellerbewohner ihrerſeits wußten nicht das mindeſte von dem, was ober ihnen vorgieng, da der Bruder nur alle zehn Tage aus der unterir⸗ diſchen Wohnung heraufzuſteigen pflegte, um fuͤr die naͤchſten zehn Tage fuͤr den gefangenen Fuͤrſten und ſich die erforderlichen Nahrungs⸗ mittel zu empfangen, die uͤbrige Zeit aber ſich mit dem Konige und ſeſnen Breriere beſchaf⸗ tigte. 190 Da die Ahnen der Barone, vor denen der Monch jetzt ſeine Erzaͤhlung endete, dieſe Greuel⸗ that begangen hatten, ſo unterdruͤckten dieſe, um derſelben Andenken zu ſchonen, und den Haß, der dieſerhalb ſelbſt auf ſie haͤtte fallen muͤſſen, von ſich abzuleiten, die Sache, und grau⸗ ſamer noch, als jene, endeten ſie die Tage des alten Monarchen und ſeines redlichen Verpflegers ſchnell durch Gift. Die Verlegenheit der Geſete. In dem peinlichen Geſetbuche, welches Kai⸗ ſer Karl der V. im ſechzehnten Jahrhundert mit Zuziehung der Reichsſtaͤnde ausgehen ließ, um der Willkuͤhr, und Ungleichfoͤrmigkeit, den Misbraͤuchen und Unordnungen, welche in die⸗ ſem wichtigen Zweige der Rechtsgelehrtheit herrſch⸗ ten, ein Ende zu machen, beſtimmter uͤber das Verbrechen der Entfuͤhrung ſo unzulaͤnglich, daß die Einfaͤltigkeit dieſes offenbar mangelhaften Geſetzes ſchon manchen Richter in die aͤußerſte Verlegenheit ſetzte, und ſchon zu mancherlei „ 19 1 theils ſcandaleuſen, cheils komiſchen Auftritten Veranlaſſuug gab. Der II8te Aitikel des Karoliniſchen Strafgeſetzes, welcher die Ueber⸗ ſchrift fuͤhrt:„Straf derjenlgen, ſo Ehwelber oder Jungfrawen entfuͤhren“ lautet wortlich wie folgt:„So einer jemand ſein Ehwelb, oder ei⸗ „ne unverleymbde Jungfrawen, wider des Eh⸗ „manns oder des ehlichen Vaters Willen, einer „unehrlichen Weiß entfuͤhrt, darumb mag der „Ehmann oder Pater unangeſehen, ob die Eh⸗ „fraw oder Jungfraw ihren Willen dorzu giebt, „peinlich klagen, und ſoll der Thaͤter nach „Satzung unſrer Vorfahren und unſren Kayſer⸗ „lichen Rechten darumb geſtraft und derhalb „bey den Rechtsverſtaͤndigen Raths gebraucht „werden.“ Da Karl V. in Hinſicht dieſes Verbrechens keine Strafe beſtimmt, ſondern auf die gemelnen Rechte hinweiſt, welche dem Entführer und ſei⸗ nen Mitverbrechern die Strafe des Schwerdtes zuerkennen, ſo iſt es die allgemeine Meinung der Rechtsgelehrten, daß keine andre, als die Strafe der Enthauptung dies Verbrechen fuͤhnen konne. Indeſſen kann es niemand entgehen, daß Karls V. geſetzliche Verfuͤgung in dem ange⸗ fuͤhrten Arttkel ſeiner peinlichen Halsgerichtsord⸗ nung einſeitig und daher durchaus unvollſtandig — 192 ſey. Nicht blos, daß gegen das Maͤdchen oder Weib, welches ſich freiwillig entfuͤhren läßt, oder eigentlicher zu reden, davon laͤuft, keine Strafe angeſetzt wird, die doch den Mann, der mit ihr davon lief, treffen ſoll, der gleich⸗ wohl nicht mehr Schuld, als dieſe ſeine Gefaͤhr⸗ tin— oft ſogar noch weniger— trägt; das Geſetz ſpricht auch nur von dem Manne, der eine Frau oder Jungfrau—(von einer Witt⸗ we ſchweigt daſſelbe gleichfalls)— entfuͤhrt, und beruͤhrt mit keiner Sylbe den Fall, wenn ein Weib einen Juͤngling oder Mann entfuͤhrt. — Daß es dieſer Faͤlle gleichwohl gebe, wenn ſie auch ſeltner vorkommen, beweißt nachſtehen⸗ de wahre Geſchichte, die etwa vor 40 Jahren ſich wuͤrklich zugetragen hat.— Was ſoll dann der Rlchter machen, da das Geſetz uͤber dieſen Fall nichts beſtimmt, da er ſelbſt nichts weiter iſt, als der Prieſter und Ausleger der Geſetze, und kein anderes Geſchaͤft hat, als die geſetzli⸗ chen Vorſchriften auf einen unterliegenden Fall anzupaſſen? Soll er Eigenwillen unterſtellen, oder von der Gleichheit der Handlung und ih⸗ rer Moralitaͤt Schläſſe machen? Sell er dieſe Handlung fuͤr ein Verbrechen halten, da es das Geſetz nicht thut, welches doch einzig uͤber derſelben Werth und Unwerth, Zuläſſgkeit oder Verbot entſcheiden kann, oder ſoll er dieſelbe als unſtrafbar erkennen, weil ale Handlungen frei und erlaubt ſind, die das Geſetz ausdruͤcklich 193 verbietet, und die Freiheit der Handkungen ſo lan⸗ ge reſpektirt werden muß, als nicht ausdruͤckliche Vorſchriften dieſelbe beſchraͤnken, da doch eine ſolche Handlung der Geſellſchaft eben ſo ſchädlich und eben ſo gut ein Eingriff in die heiligen Rechte eines Dritten iſt, als jene, welche das Geſetz ſo ſcharf emport? Die Geſchichte, welche wir hler unſern Le⸗ ſern mittheilen, brachte daher zu ihrer Zeit die Richter, vor denen die Unterſuchung derſelben verhandelt ward, mehrere Unſverſitaͤten, bei wel⸗ chen dieſelben ſich Raths erholten, und das gan⸗ ze Heer denkender Rechtsgelehrten in nicht gerin⸗ ge Verlegenheit, aus welcher ſie der Tod der Ver⸗ brecherin, welche dieſelbe veranlaßt hatte, nach zwei Jahren zog, nach deren Umlauf dieſelben ſich noch immrr nicht vereinigt hatten. Dieſer machte zugleich der Fehde, die man mit vieler Hitze gekämpft hatte, waͤhrend dieſelbe immer im Gefaͤngniſſe ſchmachtete, ein plotzliches Ende.— Sie iſt ſo romantiſch als merkwuͤrdig und verdient daher in jeder Rückſicht, wie es uns ſcheint, un⸗ ſern Leſern vorgelegt zu werden⸗ Auguſt Hamar hatte ſeit einigen Monaten die Univerſitaͤt verlaſſen, wo er die Rechte und Philoſophie mit angeſtrengtem Fleiße ſtudiert hat⸗ te. Er war reich und nur von ſich abhaͤngig, da ſeine Eltern vor aͤngſt verſtorben waren. Er Spieß Friminalgeſch.3 Thl. N hatte ſich den Plan fuͤr ſein kuͤnftiges Leben ent⸗ worfen, Advokat zu werden, um in dieſer Lauf⸗ bahn nuͤtzliche Thaͤtigkeit und zweckmaͤßige Ver⸗ wendung ſeiner Kraͤfte mit der mdglichſten Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit und Zwangloſigkeiten zu vereinigen, welches unter allen Staͤnden wohl bei keinem ſo ganz, als bei dieſem, ſich vereinigen laͤßt. Zu dieſem Zwecke wollte er ſich jetzt noch durch Wie⸗ derholung alles deſſen, was er auf der hohen Schule erlernt hatte, bereiten, und ſich dann die Doktorwuͤrde ertheilen laſſesn. Auch hier⸗ bei blieb er dem Grundſatze getreu, ſo viel möglich ſich ſelbſt zu leben; erzog ſich von den Zerſtreuun⸗ gen und dem Tumulte großerer Staͤdte zuruͤck, und meethete ſich auf einem Donfe ein, deſſen reizende Lage am Rheine ihm zugleich jenen Ge⸗ nuß der ſchönen Natur bot, fuͤr welchen er aͤuſ⸗ ſerſt empfaͤnglich war. Still und eingeſchraͤnkt lebte er hier ganz dieſem Genuſſe und ſeinen Buͤchern, obgleich mehr erſterem, als letztern. Die Freuden des Landlebens, die er bis jetzt nur aus Dichtern kannte, da er zuvor immer in Staͤdten gelebt hatte, entſprachen ſo ganz ſeiner Schwaͤrmerei, daß er ſich ganz dem Genuſſe derſelben in dem romantiſchen Thale uͤberließ, welches er bewohn⸗ te, und daß er daruͤber ſeine Beſtimmung und ſich ſelbſt vergaß. Er ſchien ſich ſelbſt wie nach einer langen Einſperrung jetzt erſt zum erſtenmale gliederfrei geworden zu ſeyn, und in dem Genuſſe uͤberſaͤttigen zu wollen, welcher bisher ihm fremd geweſen war.— Darum traf man ihn ſchon vor Sonnenaufgang auf einem der benachbarten Huͤgel, dieſer erhaben ſchdnen Naturſcene harrend, und es war nichts ſeltenes, ihn nach Mitternacht nach Hauſe kehren zu ſehen, wenn ein ſchdner Abend ihn im Felde zuruͤckehielt. Im Dorfe ſelbſt war er ſchon in den erſten Wochen heimiſch geworden, und Alt und Jung kannte und liebte den ſchonen gefaͤlligen Juͤngling. Einſt war Hamar auf ein benachbartes weiß gegangen, wohin er regelmaͤßig alle Sonntage zu gehen pflegte, und erſt ſpaͤt Abends kehrte er von demſelben nach ſeiner Wohnung zurucke. Der ſchdne mondhelle Abend hatte ihn dort zu⸗ tͤckgehalten; in mancherlei Gefuͤhlen verloren; war er vor der Unde des Dorfs am Ufer des Fluſſes ſitzen geblieben, und zu ſpaͤt entdickte er daß der Himmel ſich uͤberzogen hatte, des Mon⸗ des Abglanz von Wolken bedeckt und die Nacht ſo ſchwarz geworden war, daß er nur mit Muͤhe den Heimweg finden konnte. Da er uͤber eine halbe Meile von ſeinem Wohnorte entfernt war, ſo bedurfte er bei der uͤbergroßen Dunkelheit faſt zwei Stunden Zeit, ehe er ſich der Kapelle nà⸗ herte, die vor dem Dorfe, in welchem er ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte, und zwar in bre N2 196 Entfernung eines guten Buͤchſenſchuſſes von dem⸗ ſelben erbaut war. Es war Mitternacht, und Hamar fand die Kapelle gegen die ſonſtige Gewohnheit er⸗ leuchtet. Fern von aller aberglaͤubſſchen Furcht naͤherte er ſich derſelben, ſeine Neugierde zu befriedigen. In dieſem Augenblicke fuͤhlte er ſich von hinten ergriffen, Haͤnde und Fuͤße ge⸗ bunden und den Mund mit einem Tuche ver⸗ ſtopft.— 68 ſanft als ſein Widerſtreben es zuließ, von ein paar ſtarken Armen gepackt, ward er einigemal äuſſerſt ſchnell im Kreiſe um⸗ hergedreht, die Lichter verloſchen, man verband dem Taumelnden die Augen, und trug ihn ei⸗ ne lange Strecke Wegs aͤuſſerſt ſchnell, und ſo viel er bemerken konnte, mit mannichfaltigen Drehungen fort. Aus dem Rauſchen des Waſ⸗ ſers und dem Plaͤrſchern der Ruder ſchloß er, daß man ihn in einen Nachen gebracht habe, ob dieſer ſich ſtromauf oder ſtromahwaͤrts fort⸗ bewege, vermochte er nicht zu beſtimmen, nur daß es ſchnell gehe, ſchloß er aus der Bewe⸗ gung der Luft. Ein weibliches Weſen ſchien ihn im Arme zu halten, und einige Kuͤſſe, von demſelben von Zeilt zu Zeit ſeinem Munde auf⸗ gedruͤckt, ſchienen ihm es verſtaͤndigen zu wollen, daß er nichts arges zu befuͤrchten habe. Sonſt herrſchte die tiefſte Stille umher. 197 Nach einer etwa drei Stunden langen Fahrt hielt der Nachen ſtill, und Hamar fuͤhlte ſich abermals ergriffen, und an das Ufer getra⸗ gen. Jetzt ſchloß ihn das weibliche Weſen, das ſfich im Schiffe ſo ſehr um ihn intereſſirt hatte, mit ſtuͤrmiſchem Feuer in die Arme, und man ſchob ihn aus einer langen Umarmung in einen Wagen, wohin zwei Begleiter ihm folgten, mit denen er pfeilſchnell davon fuhr. Erſchdpft ſank nach ein Paar Stunden der Juͤng⸗ ling in einen ſanften Schlaf. Als er erwachte, hielt der Wagen ſtill, und man brachte ihn uͤber einige Treppen in ein Zimmer, wo man ihn ent⸗ feſſelte, und Mund und Augen entband. Das Zimmer, in welchem ſich Hamar befand, war nichts weniger, als ein abſchreckender Ker⸗ ker, wohin er gebracht zu werden befuͤrchtet hat⸗ te. Es war ein ſehr niedlicher, reich moͤblirter Salon im neueſten Geſchmacke geziert. Die Laͤden waren verſchloſſen, und einige Lichter erhellten den Ort. Der Juͤngling vermochte nicht zu be⸗ ſtimmen, ob es Tag oder Nacht war, da er nicht wußte, wie lange er im Wagen geſchlafen ha⸗ be; noch weniger, wo er ſich befaͤnde. Er durch⸗ ſuchte ſeine Taſchen, und fand ſich unberaubt. Nichts konnte ihn über ſeine Lage und die Be⸗ ſtimmung, die man ihm zu geben vorhatte, belehren; daß er von Werbern aufgefangen ſey und unter irgend ein Truppenkorps gebracht *„ 193 — / werden ſolle, blieb ſeine letzte, wahrſcheinlichſte Vermuthung. Fin nfedliches Maͤdchen brachte ihm ein ausgeſuchtes Mahl mit lecktem Weine.... Frucht⸗ Jos ſuchte Hamar von demſelben Aufklaͤrung zu erhalten, das Maͤdchen ſchien ohne Sprache und Gehoͤr zu ſeyn. Er genoß von denen ihm vor⸗ geſetzten Gerichten, den Weſn ließ er ohnbe⸗ ruͤhrt. Der Verſuch, aus dem Zimmer zu gehen, blieb fruchtlos, er fand die Thuͤre von außen ver⸗ ſchloſſen. Gegen zwoͤlf Stunden mogte Hamar ſich hier befunden haben, als ſeine vorigen Beglei⸗ ter eintraten. Sie verſicherten ihn, daß er nicht das mindeſte Arge zu befuͤrchten habe, daß er an einen Ort gebracht werden wuͤrde, wo es ihm recht gut gehen, und daß er nach einigen Wochen ſeine volle Freiheit wieder er⸗ halten werde, von der er aber alsdann, wie man ſich uͤberzeugt halte, keinen Gebrauch wer⸗ de machen wollen. Beide beſchwuren unaufge⸗ fodert dieſe Verſicherungen mit einem ſehr feier⸗ lichen Eide, und machten zur einzigen Bedin⸗ gung derſelben, daß Hamar keine Widerſetzlich⸗ keit zeige. Sie verſprachen auf dieſen Fall ihm den Mund nicht zu verſtopfen, und ſelbſt ihm, da wo es ſich nur immer thun laſſe, die Bin⸗ de von den Augen abzunehmen; im Falle aber, daß er ſich widerſetze, haͤngten ſie die Dro⸗ 2929 hung an, ihn wie zuvor zu knebeln und zu binden, ja ſie kdnnten ihm dann ſelbſt weder fuͤr Mißhandlungen noch ſogar fuͤr ſein Leben buͤrgen. Hamar gab das Verſprechen ſich ru⸗ hig zu halten und ward mit verbundenen Au⸗ gen zu dem Wagen gebracht, der mit oft ab⸗ gewechſelten Pferden die Reiſe aͤuſſerſt ſchnell fort⸗ ſetzte. Gegen zwei Tage und eben ſo viel⸗ Naͤch⸗ te brachte, ſeiner Rechnung nach, Hamar in dem dicht verſchloßnen Wagen zu, der immer mit gleicher Schnelle durch oft abgewechſelte Pferde weiter gebracht ward, ohne daß derſelbe je laͤnger als ein paar Minuten anhlelt und ohne daß geſtattet ward, denſelben auch nur ein einzigesmal zu verlaſſen. Hoͤchſt elend und ermattet, ſo daß er ſich faſt außer Stande be⸗ fand, weiter zu reiſen, ließ man ihn endlich im innern Hofe eines großen Gebaͤudes abſtei⸗ gen.— Dies ſchien das Ziel der Reiſe zu ſeyn, denn' man hoͤrte auf, den Juͤngling mit der vorſichtigen Strenge zu behandlen, mit der man ihn auf der ganzen Reiſe hehandelt hat⸗ te. Man bemerkte ihm, daß er hier volle Bequemlichkeit und Ruhe finden werde, doß al⸗ les, was er verlangen werde, zu ſeinen Dlenſten bereit ſey, daß er frei und ungehindert in dem Schloſſe und deſſen Gaͤrten umherwandeln duͤrfe, nur daſſelbe zu verlaſſen, ſey ihm nicht geſtattet. — 200 Hamar benutzte dieſe Freiheit auf der Stel⸗ le. Der ganze Vorgang und die Lage, in wel⸗ cher er ſich befand, waren zu ſonderbar, als daß er nicht auf der Stelle ſich haͤtte bemuͤhen ſollen, ſeine Neugierde zu befriedigen. Man hatte ihm eine Reihe Zimmer angewieſen; de⸗ ren Moͤblirung eben ſo geſchmackvoll als praͤch⸗ tig war, Zwei Bedienten in reicher Lioree ver⸗ ſicherten ihn, daß die Anweiſung, ihn zu be⸗ dienen und ſeine Befehle zu erfuͤllen, ſie gluͤck⸗ lich mache. Eine auserleſene Bibliothek fand ſich in einem der Kabinette, welche man ihm angewieſen hatte, und eine Sammlung vortreff⸗ licher Gemaͤlde ſchmuͤckte zwei andere. Der Ausſicht zufolge lag das Schloß, in welchem er ſich jetzt befand auf der Spize eines hohen Berges; vor demſelben ein lachendes Thal von nackten Felſen umſchloſſen und gleichſam ver⸗ ſteckt, hinter ihm in maͤſſiger Abſtufung, ein dichter Buchenwald, uͤber welchem das Auge ſich verlor. Die Gaͤrten, welche an daſſelbe ſtießen, waren groß, ſchattig und prachtvoll, halb im engliſchen, halb im franzoſiſchen Ge⸗ ſchmacke angelegt. Ein tlefer mit Waſſer aus⸗ gefuͤllter Graben umfloß Haus und Gärten, zu denen ein einziges mit einer Zugbruͤcke verſehe⸗ nes Thor fuͤbrte, welches Hamar ſtets verſchloſ⸗ ſen fand. Sechs maͤnnliche Bediente, wovon einer eine Art von Caſtellan vorzyſtellen ſchien, und einige Weiber waren die Bewohner deſſel⸗ 201 ben, zu Wartung des Hauſes und der Gaͤrten beſtmmt. Man ſchien den Juͤngling aufmerk⸗ ſam und raſtlos zu beobachten, und ihn keinen Augenblick aus den Augen zu laſſen, ohne gleich⸗ wohl ihn Zwang fuͤhlen laſſen zu wollen. Et⸗ was naͤheres konnte derſelbe von niemand erfah⸗ ren; bei der großen Gefaͤlligkeit und Verehrung, die alle ihm bezeugten, waren alle ſtumm auf die Fragen, die er desfalls an ſie that, und alle ſchienen zu king zu ſeyn, um ausgeforſcht wer⸗ den zu köͤnnen. Hamar blieb immer ungewiß, wo er ſich befaͤnde und wozu man ihn beſtimmt habe, Wir wollen Hamarn in ſeinem glaͤnzenden Gefaͤngniſſe einige Zeit verlaſſen, und zu einer Perſon uͤbergehen, welche nach demſelben die Hauptperſon in der Geſchichte iſt. In dem Dorfe am Rheine, in welchem Ha⸗ mar, wie wir gehdrt haben, einige Zeit der Na⸗ tur und den Wiſſenſchaften lebte, wohnte, und zwar dem Zimmer des jungen Menſchen ſo gerade gegen uͤber, daß ſie aus jhren Fenſtern daſſelbe ganz durchſchauen konnte, in einem praͤchtigen Pallaſte dieſen Sommer uͤber die Wittwe von Willmer. Sie war die Wittwe eines Kaufmanns, der vor 46 Jahren mit funfzehn Thalern ange⸗ fangen hatte, und bei ſeinem Tode zwei Tnen Goldes hinterließ. Sie war die Tochter eines angeſehenen, obgleich wenig begüterten Landadli⸗ 202 chen aus einer der älteſten Familien in P. In ihrem 16ten Jahre war ſie dem vaͤterlichen Hauſe mit eeinem Bedienten ihres Vaters ent⸗ flohen, der ſie nach einem halben Jahre in Paris verließ. Charlotte von R. war bereits zu ſehr durch ihren Verfuͤhrer mit der NRiedrigkeit ver⸗ traut gemacht worden, um hierdurch verlegen zu werden. Sie fand bald einträgliche Geſchaͤfte als Freudenmaͤdchen im Palais Royal, und leb⸗ te mehrere Jahre von dieſem Gewerbe auf einem ziemlich glaͤnzenden Fuße. Die ſchaͤndliche und gefaͤhrliche Krankheit, welche dieſes Gewerbe ge⸗ wohnlich zur Folge hat, unterbrach dieſe Lauf⸗ bahn. Waͤhrend der Heilung derſelben kam Ka⸗ roline zur Ueberlegung; ſie fuͤhlte Reue über ih⸗ ren bisherigen Wandel, und bat in einem ruͤh⸗ renden Briefe— ihren Vater um Verzeihung, Unterſtuͤtzung und Wiederaufnahme. Der Va⸗ ter, ein ahnenſtolzer, hartherziger Mann, ant⸗ wortete mit empoͤrender Haͤrte, und drohte ihr, wenn ſie je es wagen wuͤrde, ihm unter die Au⸗ gen zu treten, ſie die ganze Wuth ſeiner Rache fuͤhlen zu laſſen. Charlotte kannte ihren Vater zu gut, als daß ſie es nun noch gewagt hätte, zu demſelben zuruͤckzukehren, und da ſie wirklich einen augenblicklichen Abſcheu an der Wolluſt hatte, weil die ſchrecklichen Folgen derſelben ihr noch zi neu waren, und ihr von der Krankheit 203 verunſtaltetes Aeußere ihr ohnehin keinen gluckli⸗ chen Erfolg verſprach, wenn ſie auch ihre vorige Laufbahn wieder betreten wollte, ſo verkaufte ſie die Reſte ihres Gluͤcks, und reiſte nach Mayland, der Vaterſtadt ihrer Mutter, woſelbſt dieſe noch nahe Verwandten hatte. Ein tragiſches Gemälde, das ſie dieſen von der unnatuͤrlichen Härte ihres Vaters machte, und ein Maͤhrchen, ches ſie ihnen von ihren bieherigen Schickſalen erzaͤhlte, verſchaffte ihr bei denſelben eine gute Aufnahme, und ſie nah⸗ men ſich ihrer mit ſo viel Eifer und Guͤte an, daß Charlotte, welche mit ihrer Geſundheit ihre vori⸗ gen Schdnheit größtentheils wieder erhalten hat⸗ te, zu einer ſehr gluͤcklichen Heirath Gelegenheit fand, und im Begriffe ſtand, dieſelbe einzuge⸗ hen, als die ihr einmal zur Natur gewordene Luͤ⸗ derlichkeit dieſe, und mit ihr ihren ganzen zeitheri⸗ gen Wohlſtand zernichtete.— Ihr Braͤutigam traf ſie nur einige Tage vor der bereits beſtimm⸗ ten Vermaͤhlung mit einem Bedienten des Hau⸗ ſes in einer Lage an, welche ihn ſehr beſtimmt belehrte, was er nach der Trauung von derſelben zu erwarten haͤtte. Eine gefaͤhrliche Verwundung des begluͤckten Nebenbuhlers durch den Dolch des eiferſuͤchtigen Verlobten, Ruͤckgang der Heirath und Verbannung Charlottens aus dem Hauſe ihrer Verwandten, waren die Folgen dieſer unge⸗ legenen Ueberraſchung. 204 Auch jetzt ward Charlotte nicht um ihr Aus⸗ kommen verlegen. Sie ergriff das vorige Gewer⸗ be eben ſo ſehr aus Neigung, als aus Noth. Nachdem ſie ſich ein Paar Jahre in den groͤßern Staͤdten Itallens herumgetrieben und mancherlei Schickſale erlitten hatte, fuͤhrte ſie ihr Gluͤcksſtern nach Albano, einem Staͤdtchen am albaniſchen Gebirge, wo ſie der Beſitzer eines Gaſtwirths⸗ hauſes fuͤr ſich und die Gaͤſte, welche bei ihm einkehrten, in Pacht nahm. Hier war es, wo Charlotte aus ihrer bisherigen niedrigen Laufbahn, die ohnehin mit ihren Reizen ſich ihrem Ende zu nahen ſchien, in eine beſſere verſetzt ward, welche ſie mochte auch noch ſo viele Unannehmlichkeiten haben, in jedem Falle weit gluͤcklicher war, als ſie es verdiente. Der Zufall, der nun einmal fuͤr Charlotten ein glaͤnzenbes Schickal beſtimmt zu haben ſchien, fuͤhrte, als kaum dieſelbe einige Wochen ihre Stelle begleitet hatte. den Kaufmann Willmer auf einer Handlungsreiſe von Deuſchland durch Ita⸗ lien in das Gaſthaus, in welchem Charlotte ihre Anſtellunh hatte. Dieſer getreu brachte ſie ihm den Abendeſſen auf ſein Zimmer, und gewandt in allen Kuͤnſten der Buhlerei, wußte ſie denſel⸗ ben bald auf ſich aufmerkſam zu machen. Ein Paar Glaͤſer Lactime Chriſti unterſtuͤtzten die Be⸗ muͤhungen der Dirne bei dieſem ſonſt nichts weni⸗ ger ale wolluͤſtigen Manne, und ſie ſchenkte ihm 205 eine Nacht auf ſeinem Zimmer. Am andern Morgen ſpielte Charlotte, wie ſie immer zu thun pflegte, wenn ſie einen Pinſel vor ſich hatte, die Rolle der gekraͤnkten Unſchuld piesmal mit ſo viel Natur, daß Willmer, der auſſer ſeinen kaufmän⸗ niſchen Spekulationen ein ſehr beſchraͤnkter Kopf war, ſich wirklich uͤberzeugt fuͤhlte, er habe durch Huͤlfe des Weines, den er am Abende dem Maͤd⸗ chen eingeſchwaͤtzt hatte, eine Unſchuld zernſchtet. Da er ſehr rechtliche Begriffe hieruͤber hatte, und ſich in Charlotten wirklich verliebt fuͤhlte, von der er am Abende zuvor ſchon erfahren hat⸗ te, daß ſie eine Deutſche ſey, ſo fieng er jetzt damit an, dieſelbe von ſeinen Verhaͤltniſſen zu unterrichten, und endete damit, daß er Char⸗ lotten durch eine Heirath wieder gut zu machen beſchloß, was er, ſeiner Meinung nach, uͤbel g macht hatte. Dies lautete nun hoͤher, als Charlotte ge⸗ ſtimmt hatte. Sie hatte durch ihre Rolle blos einen hoͤhern Lohn zu erhalten beabſichtet, das Anerbieten des Kaufmanns hatte ſie nicht erwar⸗ tet. Sie ergriff mit belden Haͤnden eine Gelegen⸗ heit zu einer ſo anſtaͤndigen und ſogar glaͤnzen⸗ den PVerſorgung, die ſie nicht mehr erwartet hatte, und noch am naͤmlichen Tage ward ſie demſelben angetraut, da ſie es nicht wagen durf⸗ te, das Eiſen, welches ſie ſchmieden wollte, kaͤlter werden zu laſſen, weil ſonſt leicht der 206 — * Braͤutigam Entdeckungen machen konnte, welche die ganze Sache ſicher ruͤckgaͤngig gemacht haben wuͤrden. Der Kaufmann Willmer war ein Mann, der zwar ſeine 48 Jahre ſchon durchlebt hatte, aber an Ruͤſtigkeit und Körperkraft einem Juͤnglinge von 20 nicht nachſtand. Als Sohn eines ſehr armen Vaters, der ſich mit Laſitragen ernährte, hatte er bis in ſein Zaſtes Jahr das Gewerbe ſeines Vaters getrieben, und war ſo arm gewe⸗ ſen, daß er es nicht einmal gewagt hatte, eine Frau zu nehmen, weil er es unmoglich fand Kin⸗ der zu ernahren. In ſeinem zwei und dreißig⸗ ſten Jahre hatte ihn eine zu große Laſt, welche er wegzubringen uͤbernahm, ſchadhaft gemacht; ein junger Wundarzt, der ſich in der Heilung der Leibesſchaͤden uͤben wollte, hatte ihn durch das Verſprechen einer Belohnung bewogen, ihm zum Experimente zu dienen, und als die Operation glucklich von ſtatten gieng und er denſelben in ei⸗ nigen Wochen ziemlich gluͤcklich hergeſtellt hatte, ihm die ſtipulute Belohnung von 13 Sle richtig ausbezahlt. Dieſe kleine Summe, welche Willmer in je⸗ der Hinſicht ſauer unter den Biſtouris ſeines Pei⸗ nigers verdient hakte, ward der Saame zu zwei Millioneu. Willmer fieng damit an, daß er fuͤr dies Geld Feuerſchwamm, Hemdekndpfe und der⸗ gleichen Kleinigkeiten einkaufte, erweiterte, da 25 2 das Gluͤck ihn beguͤnſtigte, immer ſeinen Handel und in 10 Jahren war er ſchon Beſitzer einer be⸗ traͤchtlichen Kattunfabrik. Nie verlaſſen vom Gluͤcke und bei einer maͤßigen Lebensart in allen Spekulationen gluͤcklich, war Willmer in ſeinem 48 Jahre ſchon Beſitzer einer halben Million, als er Charlotten heurathete, Uebrigens war er ein Schlag von einem Manne, wie gerade Char⸗ lotte ſich ihn wänſchte. Unbekannt durch ſein ganzes Leben mit den Welbern, mit denen er nie Umgang gepflogen hatte, war er eben ſo un⸗ bekannt mit allen Koketterien und Ausſchweifun⸗ gen, hat bei einer großen Portion Eigenſinn das beſte Herz von der Welt, war ein eben ſo arglo⸗ ſer Menſch als beſchraͤnkter Kopf, und verlebte ſeine Tage auf ſeinem Comptoir und unter ſeinen Arbelten, ohne ſich weiter um die Lebensweiſe ſeines Weibes zu bekuͤmmern, welches bei aller eignen Unabhaͤngigkeit den guten Kaufmann im eigentlichſten Verſtande deſpötiſirte, der mit dem Feuer eines ſiebenzehnjaͤhrigen Fuͤnglings ſie liebte. Nach 26 Jahren ſtarb Willmer als 72joͤhri⸗ ger Greis und hinterließ ſein Vermogen, das man auf zwei Millionen Thaler ſchaͤtzte, Charlotten, die er in ſeinem Teſtamente zur unbeſchraͤnkten Erbin deſſelben einſetzte. Charlotte, von Geburt und Tenfetgnent eine Halbitalienerin fuͤhlte ſich nicht ſobald von 208 der Art vom Zwange erlößt⸗ in dem ſie bisher gelebt und den ſie der Sage nach ſchon zu Lebzei⸗ ten ihres Ehegatten oft genug abgeſchuͤttelt hatte, und im Beſitze eines ungeheuren Vermdgens, als ſie anfieng ihr Leben nach ihrer Weiſe zu ge⸗ nießen. Sie war bei dem Abſterben ihres Ehe⸗ mannes, der jetzt bereits drei Jahre tod war, zwar ſchon 53 Jahren alt geweſen, und ihr Kor⸗ per und Geſundheit„on den Suͤnden ihrer Ju⸗ gend erſchlappt, aber ihr gluͤhendes Temperament verjuͤngte ſie in einem gewiſſen Punkte um 30 Jahre, und ſie konnte noch immer auf den Ruf einer ſchonen Matrone den vollſten Anſpruch ma⸗ chen. Ihr Aeußres verrieth die Bacchantin, und Feuer und Lebhaftigkeit waren durch ihr Alter, ihre mannſchfaltigen Erfahrungen und durch einen hellen Verſtand um nichts gemaͤßigt. Begehrlichkeiten ſprach aus ihrem gluͤhenden, luͤ⸗ ſternen Auge, das noch immer das bezaubernde Feuer der Jagend hatte, und ihr kochendes Blut zeiate noch immer die Rothe der Iagend auf ei⸗ ner Wange, welche die Zahl der Jahre und die Ausſchweifungen der Vorzeit weder mit falbem Gelb bekleitet, noch auch abgeduͤrrt hatten. Die zitternde unſchluͤßigkeit des furchtſamen Alters kaͤl⸗ tete noch nicht ihr Betragen⸗ ſie hatte vielmehr einen ſo hohen Grad von Entſchloſſenheit und Muth, und eine ſo große, durch nichts zu er⸗ ſchuͤtternde Feſeiskeit in Durchfuͤhrung ihrer Pla⸗ ne, daß ſie, mehr als irgend ein andrer weibli⸗ 209 lich er Charakter die Behauptung jenes Pſycholo⸗ gen rechtfertigt, der den Weibern dieſer Art eine unbiegſamere Feſtigkeit, als den Maͤnnern bei⸗ legt und behauptet, daß, waͤre ein Wechſel der Geſchlechter, oder doch der Rollen, in welche dieſelbe durch die Convention eingewieſen ſind, moͤglich, die weibliche Coquette ein Held gewor⸗ den ſeyn wuͤrde, deſſen Ehrgeiz und Charakter⸗ ſtaͤrke eine ruͤhmliche Carriere durchflogen ſeyn wuͤrden. Fama mag Charlottens Betragen um ein merk⸗ liches verunſtaltet haben, doch iſt es gewiß, daß ſie ſich immer die ſchoͤnſten maͤnnlichen Bedienten hielt, baumſtarke vielverſprechende Kerls, die nach einigen Wochen reichlich bezahlt, aber als Scelette ihr Haus verließen, und daß manche jun⸗ ge Maͤnner von gleichen Qualitaͤten betraͤchtliche Summen von ihr erhalten hatten.— Dabei ſtond ſie in dem Rufe einer Beate, baute Kirchen und ſtiftete Hoſpitäler, und man hielt ſich uͤberzeugt, daß die Jeſuiten, welche auch fuͤr ihre Kuppler galten, und von denen ſehr oft junge Patres in ihrem Hauſe wohnten, und nach einiger Zeit mit leichenartigen Geſichtern in ihr Kloſter zurückekehr⸗ ten, ihre Erben ſeyn, und durch ihre Reſchthuͤ⸗ mer die Schaͤtze vermehren wuͤrden, nche Lojo⸗ las Soͤhne durch ſo mancherlei Mutchſeit Jahr⸗ hunderten aufgehaͤuft hatte. Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. 210 Gewoͤhnt, nie laͤnger als einige Monate an einer Stelle zu bleiben, um ihre Scandale min⸗ der auffallend werden zu laſſen und um das Ver⸗ gnuͤgen der Abwechslung zu genießen, reiſte Ma⸗ dame Willmer ſtets auf ihren vielen Guͤthern um⸗ her, und pflegte auf keinem derſelben länger als ein paar Monate zu verweilen: Diesmal hatte ſie das Guth beſucht, welches ſie in dem Dorfe beſaß, in welchem Hamar ſich angeſiedelt hatte und welches durch ſeine reizende Lage und die geſchmackvolle Pracht ſeiner Einrichtung eines der ſchonſten war, welches der reiche Willmer beſeſſen hatte. Hamar beſuchte faſt taͤglich den ſchoͤnen Park, der an das Schloß der Wittwe ſties, war daher von derſelben gleich anfangs bemerkt, und da ſie ihn, wle wir gehort haben, von ihrem Fenſter in ſei⸗ nem eignen Zimmer beobachten konnte, ſehr bald ausgezeichnet worden. Hamar war ein bluͤhen⸗ der Juͤngling; ſeine eingezogene Lebensart und ſein regelmäßiger, keuſcher Wandel hatten ſeiner ſchonen maͤnnlichen Form das bluͤhendſte Anſehen unverdorbener Mannskraft erhalten, und Char⸗ lotte, die ſich auf ſo etwas verſtand, hatte daher den ſchoͤnen Juͤngling, der ſie zu ſo großen Er⸗ wartungen zu berechtigen ſchien, ſehr bald zum Gegenſtande ihrer Luͤſternheit gemocht. Hamar war keuſch aus Grundſaͤtzen und mit Strenge; ſein Hauswirth hatte ihm von der Witt⸗ we Willmer ein Bild entworfen, das ihn mit Ab⸗ 211 — ſcheu gegen dieſelbe erfullte, und er vermled da⸗ her mit Aengſtlichkeit, mit einer Perſon zuſam⸗ menzutreffen, die er ſo ſehr verachtete. Alle Be⸗ muͤhungen Charloteens, ſich des jungen Men⸗ ſchen zu verſichern, ſtrandeten an deſſen Eigeu⸗ ſinne, wie ſie es nannte, und wenn ja dieſelbe nach einer Menge muthvoller und faſt immer mis⸗ lungener Verſuche mit demſelben zuſammen traf, dann behandelte er ſie hoͤchſtens mit hoflicher zu⸗ ruͤckſtoßender Kaͤlte, meiſtens mit einer Verach⸗ tung, die von ſeinem ſonſt ſtets feinen und gebi'⸗ deten Betragen aͤußerſt abſtach, und ſich nur mit dem hohen Grade von tagendhafter Schwaͤrmerei entſchuldigen lies, welche ihm eigen war. Grade dies zuruͤckeſtoßende Benehmen ſchaͤrf⸗ te taͤglichtmebr Charlottens Leidenſchaft. Sie war nicht gewohnt, ſich zuruͤckgewieſen zu ſehen, die taͤgliche, ſtuͤndliche Beobachtung eines liebenswur⸗ digen Juͤnglings erhohte ihre Luͤſternheit, und das ungewöhnliche Betragen deſſelben den Reitz einer Eroberung, die ſie ungewohnlich und ſelten nennen konnte. Sie verdoppelte ihre Bemuͤhun⸗ sen, und da der Erfolg der naͤmliche blieb, ſo fuͤhlte ſich die Wittwe jetzt noch im Winter ih⸗ res Lebens— vielleicht zum erſtenmale— ver⸗ liebt. Charlottens Temperament machte ihr es un⸗ moͤglich, ihre Leidenſchaft zu beſiegen; ſie kaun⸗ te ſich ſelbſt ſo gut, daß ſie es nicht einmal ver⸗ S 2 2I 2 ſuchte, mit derſelben zu ringen. Auch war ſie das Weib nicht, welches dem Schickſale nachzu⸗ geben verſtanden haͤtte. Im Tumulte ihrer Lei⸗ denſchaft wollte ſie jetzt ſich ſelbſt Bande auflegen, die ſie ſonſt immer verabſcheut, oft genug laut verſpottet hatte, ſie lies dem Juͤnglinge ihre Hand und mit dieſer ihr ganzes Vermoͤgen nach ihrem Tode anbieten, und ſah auch hier ihre Er⸗ wartung an Hamars feſter uneigennuͤtziger Tu⸗ gend ſcheitern. Aufs aͤuſſerſte hierdurch gebracht, ſchrieb ſie es ſich ſelbſt vor, ungewoͤhnliche Mittel anwenden zu muͤſſen, um ihren Entzweck zu erreichen. So ergriff ſie die allerdings unzweckmaͤßige Maasre⸗ gel, den Juͤngling entfuͤhren zu laſſen. Schon ſeit einigen Wochen umlagerten Char⸗ lottens Kundſchafter Hamarn und beobachteten jeden ſeiner Schritte, um eine zu ihrer Abſicht guͤnſtige Gelegenheit zu benutzen. An dem Aben⸗ de der Entfuͤhrung zeigte ſich dieſe und wir ha⸗ ben geſehen, daß ſie dieſelbe nicht entſchluͤpfen ließen. Die Wittwe war hierbei ſelbſt zugegen, indem ſie mit einigen vertrauten Bedienten, die ſie zu dieſem Zwecke gewonnen hatte, in der Ka⸗ pelle vor dem Dorfe den Juͤngling erwartete und die ganze Veranſtaltung leitete. Sie war es, die den Juͤngling im Schiffe in den Armen hielt und ihn, als er in den Wagen gebracht ward, ſtuͤrmiſch umſchlang. Die Reiſe gieng an die ita⸗ lieniſche Grenze, wo in den Gebuͤrgen Piemonts 213 Charlotte das Schloß beſaß, in welchem wir Ha⸗ marn verlaſſen haben. Die verſchmitzten Beglei⸗ ter des Juͤnglings leiteten die Reiſe mit außer⸗ ordentlicher Vorſicht und Liſt, man vermied alle Staͤdte und ſogar ſoviel moglich die Orte; ein vorausgeſchickter Einverſtandner beſtellte zum vor⸗ aus da, wo es ndthig war, die Pferde, mit de⸗ nen man, vermittelſt anſehnlicher Trinkgelder, mit Pfeilſchnelle den weiten Weg zuruͤcklegte, in⸗ dem man nur ein einzigesmal raſtete, weil nur eins der Willmeriſchen Landhaͤußer am Wege lag, und weil man nirgends, als in dieſem, mit Sicherheit raſien zu konnen glaubte. Charlotte war von ihrer Leidenſchaft ſo ſehr erblindet worden, daß ſie die Unzweckmaͤßigkeit uͤberſah, welche in dem von ihr erwaͤhlten Mit⸗ rel lag, und in dem ſonderbaren Zuſtande zwi⸗ ſchen Liebe und Haß, in welchem ſie ſich befand, hatte ſie ſich vorgenommen, den Juͤngling zur Liebe zwingen zu wollen. Daß dies Mittel we⸗ niger helfen wuͤrde, als irgend ein fiel ihr nicht ein. Dem von ihr ertheilten Befehle zufolge leb⸗ te Hamar an dem Orte ſeiner Entfuͤhrung ein uͤppiges Leben, und nichts fehlte ihm als die vollſtaͤndige Freiheit, ſich zu entfernen, die er ſonſt augenblicklich benutzt haben wuͤrde. Nach acht Tagen der Ruhe und der Erholung, er⸗ ſchien endlich die Wittwe ſelbſt, und durch ſie 214 erſt erhielt Hamar die Aufklaͤrung uͤber ſein Schickſal, welche er bisher fruchtlos zu erhal⸗ ten geſucht hatte. Charlotte nahm keinen An⸗ ſtand, ihm Antraͤge zu thun, wie ſie kaum Meſ⸗ ſaline mit ardßerer Schaͤndlichkeit zu thun die Frechheit gehabt haben wuͤrde. Verſprechungen und Drohungen aller Art erſchopfte das geile Weib; umſonſt verſchwendete ſie alle bluterhitzen⸗ den Mittel, ohne Wuͤrkung war der Anblick wol⸗ luͤſtiger Gemaͤlde in des Juͤnglings Zimmer auf⸗ geſtellt, fruchtlos alle Verſuche, ſeine Wolluſt zu erregen, ſeine Gewinnſucht zu beſtechen;— Hamar blieb tugendhaft, und taͤglich mehnre ſich der Abſcheu, den dies ſchaͤndliche Weib ihm ein⸗ gefloßt hatte. Charlotte war der Wuth nahe. Ihre ver⸗ ſchmaͤhte Liebe gleng immer mehr in Haß uͤber; ſie glaubte ſich ſelbſt Genugthuung ſchuldig zu ſeyn, und gieng ſo immer mehr zu Extremen über, welche ſie ſtets weiter von ihrem Ziele entfernten. Sie ließ den Juͤngling in ein finſtres, enges Ge⸗ wolbe ſperren, von aller Gemächlichkeit entblöſt; hier waren elende Speiſen ſeine Nahrung, und bier ſollte er ſo lange eingeſperrt bleiben, bis er ſich entſchließen würde, Charlottens Liebe nur ei⸗ nen einzigen Tag lang zu befriedigen, nach deſ⸗ ſen Umlaufe man ihn, nach geleiſtetem Eide der Verſchwiegenheit, reichlich beſchenkt, zu entlaſſen verſprach⸗ 215 Auch dieſer Verſuchung widerſtand der helden⸗ muͤthige Juͤngling, der einen Stolz darin fand, Martirer der Tugend zu werden. Faſt ſechs Wochen lang ſchmachtete der Be. daurungswuͤrdige hier, taͤglich neuen Inſulten ausgeſetzt, welche Charlotte, mit jedem Tage wuͤthender, ihm bereitete, in der Hoffnung, daß dieſe ſeinen Entſchluß nach ihren Wuͤnſchen be⸗ ſtimmen wuͤrden. Auſſer ihr ſelbſt und einer ih⸗ rer Zofen, welche ihm das Eſſen brachte, ſah er kein menſchliches Weſen. Dieſe Zofe, Char⸗ lottens Vertraute, auf welche dieſe unbeſchraͤnk⸗ tes Zutrauen ſetzte, war indeſſen beſtimmt, den edlen Jüngling aus— unglücklichen Lage zu erloſen. Hamars edles, beldenmůthiges Berhen vereint mit ſeiner gluͤcklichen Geſtalt, gewann demſeiben zuerſt Hannchens Mitleid und bald ih⸗ re Liebe. Hanne war ein braves Maͤdchen, aus Zwang und Armuth die Dienerin ihrer reichen Gebieterin, die ihre Bedienten reſchlich bezahlte, gut hielt und den weiblichen Theil derſelben nicht mißbrauchte. Da ſie die einzige war, welche dem Gefangnen ſich naͤhern durfte, und ihre erwa⸗ chende Liebe zu demſelben ſie die empfindlichſte Seite ſeines Herzens finden ließ, da ſie ihm Troſt und Hoffnung zur Erloͤſung gab, ſo ent⸗ ſpann ſich bald ein Verſtaͤndniß unter beiden, und Hamar verſprach ihr, daß ſie, wuͤrde ſie ihn retten; die Seine werden ſollte. Hannchen 216 dagegen das mne, zu ret⸗ Durch ſie erfuhr der zuerſt, daß er ſich in Jtalien befinde, denn bis jetzt hatte er dieſe Entdeckung noch nicht machen kdnnen; durch ihre Hülfe ward er frei. Sie verſchaffte ihm eine Feils. die Stäbe zu zerſchneiden, wel⸗ che das genſter ſeines Gefaͤngniſſes vergitterten, und ein Seil, ſich durch daſſelbe hinabzulaſ⸗ ſen. Noch mußte unten Hamar den Sümpf durchwapen, der den das Schloß umzlehen⸗ den Graben fin⸗ und er befand ſich dann im Freien.. wüg nis zu Alles gelang nach Wunſch S ſeu⸗ ſen Nacht, und Hamar eilte zu den Gerichten des erſten Ortes, auf welches der ihm unbekaun⸗ te Weg ihn fuͤhrte, dieſen die Sache anzuzeigen und genugthuende Gerechtigkeit zu fordern. Die Wittwe Will mwar zu angeſehen und maͤchtig⸗ und der gan Forgang zu ſonderbar und auffal⸗ lend, als daß die Gerichten auf die bloße unbe⸗ gruͤndete Anzeige eines unbekannten Fremden ge⸗ gen dieſelbe ſtrengere Maasregeln haͤtten ergreifen ſollen. Sie berichteten daher den Vorgang an den koͤniglichen Statthalter, der in einer entfern⸗ ten Gegend ſich auf ſeinem Landgute befand; bis zur Ankunft der Eutſcheidung beſſelben muß⸗ te der Juͤngling in einem en zu⸗ ruͤckbliebei. m) nndhnnt osi 217 Dieſe Entſcheidung verzogerte ſich faſt auf vier Wochen. Die Wlttwe durch Hamars Flucht zur Raſerei gebracht, hatte demſelben uͤberall nach⸗ ſetzen laſſen; ihre Spuͤrer ſchlugen jedoch faſt alle den Weg nach Deutſchland ein, weil es am wahr⸗ ſcheinlichſten war, daß der Juͤngling dahin geflo⸗ hen ſey. Nach einiger Zeit erhielt ſie jedoch Nachricht, wo derſelbe ſich dermal befinde und daß er gegen ſie Klage erhoben habe. Sie eil⸗ te daher nach Deutſchland zuruͤcke; die Befeh⸗ le des Statthalters, ſie afzuſuchen⸗ et zu ſpaͤt. Die Gerichten vernahmen nun die Aus⸗ ſagen derienigen, welche ſie in Charlottens Schloſ⸗ ſe fanden, und ſchickten mehrere Abſchriften der⸗ ſelben an die Regierungen jener Laͤnder in Deutſchland, wo, wie man wuhit„ dieſe Gu⸗ 4 beſaß. Hieran hatte Charlotte nicht ſie befand ſich ſehr ruhig auf ihrem Gute im ſchen, als die dortigen Gerichten nach den erhaltenen Steckbriefen ſie verhafteten. Sie gab die ganze Geſchichte bei denen mit ihr angeſtell⸗ ten Verhdren fuͤr einen Scherz aus, und ſtellte ſich hoͤchlich verwundert, daß man dieſelbe von einer ſo ernſthaften Seite naͤhme, und ſie des⸗ halb gar gefangen geſetzt habe.— Die Gerichten ließen indeſſen Hamarn kommtn, und durch dieſen erhielt die Wahrheit ihre Rechte, und Charlotte war gezwungen, ihre Schande einzubekennen. 218 Die Akten wurden an eine Univerſität ge⸗ ſchickt, um das Urtheil von derſelben einzuholen. Da, wie wir im Eingange angefuͤhrt haben, die peinlichen Geſetze uͤber dieſen Fall nichts beſtim⸗ men, ſo veranlaßte dieſer Vorgang einen unge⸗ heuren Streit der Rechtsgelehrten, an welchem mehrere Univerſitaͤten, denen, um mehr Be⸗ ſtimmtheit zu erhalten, die Akten nach und nach zugeſchickt wurden, Antheil nahmen, und noch war die Sache bei weitem nicht ausgemacht, als nach zwei Jahren Charlotte im Gefaͤngniſſe ſtarb. Ihre Mitbetheiligten an der Entfuͤhrung wurden zu zehnjähriger Zuchthausſtrafs verurtheilt, Ha⸗ mar erhielt fuͤr die erſtandenen Leiden 4000 Rthl. zur Entſchaͤdlgung aus dem Ruͤcklaſſe der Wietwe, und heirathete bereits vor Ausgange des Rechts⸗ ſtreits ſeine Retterin Hannchen. Lange noch ſprach man von der Verlegenheitder Ge⸗ ſetze, bis endlich die Geſchichte vergeſſen ward, deren Andenken wieder zu erneuern wir uns hier Paulina. Nach dem Franzbſiſchen der Semaines eritiqus 7. Auguſt 1797 und den Muſageten 1. Stuͤck. Keine groſſe Begebenheit iſt wohl reicher an ſon⸗ derbaren Auftritten, als die franzöſiſcher Revo⸗ lution. So wie dieſe Umwaͤlzung des Staats und des gewohnlichen Ganges der Dinge den Lel⸗ denſchaften großern freien Splelraum gab, ſo ſah man hierdurch Erfolge entſtehen, welche bei dem gewoͤhnlichen Gleiſe der Dinge wohl ſchwer⸗ lich je— oder doch gewiß nicht in ſo gedraͤngter Zuſammenhaͤufung— ſich entwickeln konnten, — Im großen Tumulte der allgemeinen Erſchüt⸗ terung konnte der Beobachter, zerſtreut durch die Mannichfaltigkeit der ihn umgebenden Gegen⸗ ſtaͤnde, nur auf jene ſeinen Blick mit Aufmerk⸗ ſamkeit heften, deren Große denſelben vor den uͤbrigen auf ſich zog, die kleinern giengen ſeinem Blick verloren. Indeſſen ſind doch dieſelben eben 220 ſo intereſſant als wichtig; wichtig vorzuglich da⸗ durch, weil ihre Zuſammenſtellung der Stoff wird, aus dem wir eigentlich einzig richtig den Geiſt der Zeit und die Einwuͤrkung der großen Begebenheit ſelbſt, von welcher ſie Folgen ſind, auf die Generation ſchließen koͤnnen, weil dieſe Zuſammenſtellung einzig uns berechtigt, auf den Charakter des Volkes zu ſchließen, welches jetzt ſeine Rolle ſpielt, und weil dieſe eigentlich allein es ſind welche dieſen Charakter darſtellen und aus⸗ druͤcken. Es iſt darum doppelter Schade, daß dieſelben im allgemeinen Geraͤuſche der Dinge un⸗ bemerkt untergehen, und es waͤre zu wuͤnſchen, daß jeder, der es vermag, ſich aufgefodert fuͤhlte zur Mittheilung einzler Begebenheiten nach Kraͤf⸗ ten beizutragen.— Wir, die wir blos die Un⸗ terhaltung des Publilums zum Zwecke haben, werden, indem wir dieſe zu befriedigen trachten, zugleich jenen Zweck dadurch zu erreichen ſuchen, daß wir mehrere dergleichen Begebenheiten, die in jener großen Ereigniß ihren Stoff haben, mit⸗ theilen; dieſelben mogen nun— wie das leider meiſt der Fall iſt— tragiſchen Gehalts oder ko⸗ miſch ſeyn, wie die gegenwaͤrtige, die in jeder Hinſicht ſo luſtig als moraliſch iſt. WVor etwa 17 Jahren entfuͤhrte ein Boͤſewicht, den wir Rambour nennen wollen, weil die Ge⸗ ſchichte ſeinen Namen der Schandſaͤule vorenthal⸗ ten hat, die Tochter des Poſtmeiſters Sainteur bei YPpern. Pauline war damals erſt zehen Jah⸗ a21 re alt, aber ihre Bildung verſprach eine vollen⸗ dete Schoͤnheit, ſo wie die Lebhaftigkeit ihres Geiſtes, ihre Munterkeit und Naivetaͤt, und ih⸗ re Ausbildung, an welcher ihr Vater bisher nichts geſpart hatte, ſie ſchon jetzt zur angenehmen Ge⸗ ſellſchafterin machten, und von dieſer Seite noch weit mehr verſprachen. Rambour, der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Nancy, ſeit drei Jahren Herr eines unermeßlichen Vermogens, welches er in dieſer Zeit ſchon weit uͤber die Hälf⸗ te geſchmolzen hatte, einer von denen Menſchen, die durch Exzeſſe aller Art Koͤrper und Seele ver⸗ wuͤſten, in mancher Hinſicht ſchon damals in ſei⸗ nem 21. Jahre Greis, ſonſt ein unbedeutender Menſch, ſah das vielverſprechende Geſchoͤpf bei einer Durchreiſe durch den Wohnort ihres Vaters mit der Bizarrerie, welche nach und nach dem Geſchmacke aller abgeſtumpften Wolluͤſtlinge eigen wird, welche ſich in ſinnlichen Genüſſen erſchdpft, und daraus Ekel geſchopft haben, verliebte er ſich in das unreife Maͤdchen, das noch mehr Kind als Maͤdchen war, und entfuͤhrte daſſelbe ihrem Vater, ob mehr durch Perfuͤhrung, oder Zwang, giebt der Gewaͤhrsmann unſerer Geſchichte nicht an. Vergebens wendete der Poſtmeiſter alles an, ſein verlornes Kind wieder zu erhalten; der Raͤu⸗ ber hatte ſeine Maasregeln ſo gut genommen, daß es gar nicht eutdeckt ward, daß der Raub durch ihn veruͤbt worden, und da der PVater des Maͤdchens auch nicht die entfernteſte Spur des 222 — begangenen Raubes auffand, ſo war es ihm nun da weniger moͤglich, denſelben ausfindig zu ma⸗ chen. Rambour fuͤhrte ſeine Beute nach Paris, von dort ſchleppte er ſie einige Zeit in dem ſüd⸗ lichen Frankreich, welches er bereiſte, umher, und brachte ſie dann wieder nach Paris, wo er ſich auf eine Weiſe derſelben entledigte, welche jener, auf welche er ſolche erhalten hatte, ahn⸗ lich war. Als naͤmlich Paulina einſt des Mor⸗ gens aufſtand, vermißte ſie ihren Entfuͤhrer, und als ſie unten wegen demſelben nachfragte, war man ſehr erſtaunt, ſie noch hier zu ſehen, weil Rambour ſchon vor Anbruch des Tages Pa⸗ ris mit Extrapoſt verlaſſen hatte. Der Boͤſewicht war wirklich fort, und das Jammern des verwalſten Geſchopfs, das ſich in dieſer großen Stadt ohne alle Bekanntſchaft und von allen verlaſſen fand, ſchien nur wenig Ein⸗ druck auf den fühlloſen Aubergiſten und ſeine eben ſo fuͤhlloſen Hausgenoſſen zu machen, welche ſich mit ihren gewohnlichen Verrichtungen beſchaͤftig⸗ ten, ohne die Thraͤnen der Ungluͤcklichen zu be⸗ merken, und ohne ihren Jammer zu hoͤren. Un⸗ gluͤcklicherweiſe wuſte Paulina nicht einm M genau den Namen des Orts, wo hr Pater wohnte, und niemand konnte den Poſtmeiſter Saintour, wel⸗ chem ſie anzugehdren vorgab. Zum Gluͤcke fuͤr Paulinen wohnte dem Gaſt⸗ hauſe, in welchem Rambour ſie verlaſſen hatte, 223 gegenuͤber eine bejahrte Wittwe von Stande. Dieſe, als ſie von ihren Leuten die ſo eben be⸗ kannt gewordene Geſchichte bei dem Fruͤhſtuͤcke ver⸗ uahm, intereſſirte ſich um den Gegenſtand, wel⸗ cher in derſelben die Hauptrolle ſpielte. Sie ließ Paulinen zu ſich bringen, wahrſcheinlich blos in der Abſicht, um ihre Neuglerde zu befrledigen, um aus dem Munde der ſeltnen Unglüͤcklichen ihre ſonderbare Geſchichte zu vernehmen, und ſie dann etwa mit einem kleinen Geſchenke und vie⸗ lem guten Rathe zu entlaſſen, wie es die Men⸗ ſchen gewoͤhnlich Ungluͤcklichen zu geben pflegen, wenn die Erzaͤhlung ihres Ungluͤcks ihre Neugier⸗ de befriedigt hat. Paulina erzaͤhlte der Wißbegierigen ihre un⸗ gluckliche Geſchichte mit der liebenswuͤrdigen Nai⸗ vetaͤt, welche ihrem Alter— und der Grazie, welche ihrer Perſon eigen war. Als ſie geendet, warf ſie ſich zu den Füßen der Dame, und bat ſo ruͤhrend um ihre Huͤlfe, daß dieſe ihr dieſelbe nicht verſagen konnte. Die Frau von Epernon war die ſechzigjaͤhri⸗ ge Wittwe eines Edelmanns, der ſie bei ſeinem Tode in den Beſitz ſeines ſehr betraͤchtlichen Ver⸗ mögens geſetzt harte, welches ſie jetzt in an⸗ ſpruchloſer Ruhe genoß. Sie hatte keine Kinder, nicht einmal Verwandte, und nichts wuͤrde die⸗ ſelbe gehindert haben, ihre Wohlthaͤtigkeit uͤber eine große Anzahl Nothleidender zu verbreiten, wenn nicht ihr Geiz noch großer geweſen waͤre, 224 als ihre wirkiich unbeſtreitbare Herzensguͤte. Ohne Aufwand, nur mit einer Kammerfrau unb zwei Bedienten, lebte ſie einfach und beſchraͤnkt im Be⸗ ſitze von einer Tonne Goldes, welche ſie taͤglich zu vermehren zweckte, um den fromm phant aſti⸗ ſchen Plan auszufuͤhren, einſt von ihrem Reich⸗ thume eine milde Stiftung anzulegen, welche ih⸗ ren Namen wenigſtens bei den Tagdieben verewi⸗ gen ſollte, die durch dieſelbe in den Stand kom⸗ men ſollten, faullenzen zu koͤnnen.— Es war eine gemeine Seele, weder gut, noch ſchlinm, Sklavin ihrer augenblicklichen Einfaͤl⸗ le, ihrer Leidenſchaften und einſeitigen Begrif⸗ fe, ein ſchwaches, ſtets von andern abhaͤngiges Weib. 45 Dieſe Matrone unterlag auch diesmal einer augenblicklichen Ruͤhrung, welche bei der ruͤhren⸗ den Erzaͤhlung Paulinens ſich ihrer bemaͤchtigte. Sie verſprach mit enthuſiaſtiſchem Eifer, ſich der Huͤlfloſen anzunehmen und ſie nie zu verlaſſen, und fuͤhlte nach drei Stunden, wie ihr das bei allen ihren regelloſen Anwandlungen, den bloßen Aufwallungen einer fliegenden Hitze, ſtets ge⸗ ſchah, ſchon die lebhafteſte Reue wegen dieſes Verſprechens, welches ſie mit einem Koſtgaͤnger mehr belaͤſtigte.— So fruͤh zuruͤckzugehen und ſich des Mädchens ſogleich wieder zu entledigen, deſſen ſich anzunehmen, ſie eben erſt mit ſo vie⸗ lem Eifer verſprochen hatte, konnte ſie gleichwohl nicht, und in dieſem Zwange ward Pauline von 225 ihr der Kammerfrau zur Huͤlfe beigeordnet, um auf dieſe Art von derſelben doch wenigſtens eini⸗ gen Mutzen zu ziehen. Paulinens ſchoͤne Bildung, die ſich taͤglich mehr entwickelte, ihre natuͤrliche Grazle, ihr Ver⸗ ſtand, ihre einſchmeichlende Gefaͤlligkeit verſchaf⸗ ten ihr bald das Wohlwollen ihrer Wohlthäterin. Pauline war eine kleine Schmeichlerin, kannte die Launen ihter Gebieterin und wuſte ſich in die⸗ ſelben zu ſchmiegen, und bald ſchenkte ihr dieſel⸗ be ihre Zuneigung, die ſich taͤglich verſtaͤrkte, und die endlich in die Zaͤrtlichkeit einer Mutter uber⸗ gieng. Madame d'Eperon gewohnte ſich nach und nach an den Gedanken, daß Pauline ihr die Lůcke ausfuͤllen konne, welche das Schickſal ihr gelaſſen, indem es ihr Kinder verſagt hatte, und daß ihr hier wohl herzlicher fuͤr ihre Wohlthaten gedankt werden wuͤrde, als von den Bettlern, deren Indolenz ſie durch eine Stiftung zu erhal⸗ ten ſich vorgenommen hatte. Pauline erhielt nun eine moderne Erziehung. Man bilbete ihr Aeußeres aus, und gab ihr den Firniß der Mode. Sie entſprach den Bemuͤhungen, die man auf ſie ver⸗ wendete, und ward eine Coquette des gewöhnlichen Schlags, mit einer glaͤnzenden Auſſenſeite, einem nicht bdſen Herzen, großem Verſtande, aber mittle⸗ rer nicht feſter Moralitaͤt; eine leichtſinnige Thoͤrin, Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. 226 —— die die Huldigung des Univerſums in Anſpruch nimmt. Als beſtimmte Erbin der reichen Frau von Eperon ſpielte Pauline eine glaͤnzende Rolle. Die Liebhaber draͤngten ſich, von Paulinen nach dem Eigenſinn ihrer Laune und dem Grundſatze gemaͤß behandelt, ſo lange ihre Wohlthaͤterin lebe, nicht zu heurathen, weil dieſe ausdruͤcklich es ſo ver⸗ langt hatte. So dauerte es bis zum Jahre 179 3. Die Revolution, allen kleineren Leidenſchaften ſo unguͤnſtig, entzog Paulinen jetzt einen Liebhaber um den andern. Die Emigration, der Krieg⸗ die ohne Carriere des politiſchen Glanzes eigne mancherlei Schickſale, kurz, die alle ergreifende allgemeine Thätigkeit, welche dieſe große Begeben⸗ heit veranlaßte, trieb dieſelbe auseinander; Pau⸗ line wuͤrde eine Roialiſtin geworden ſeyn, wenn nicht ihr Leichtſinn ſie unfaͤhig gemacht haͤtte, ei⸗ ner Parthie anzuhangen. Aber bald ward es aͤr⸗ ger. Die Reichthuͤmer der Madame d'Eperon waren zu bekannt, als daß nicht dieſelbe in die Revolutlon hͤtte verwickelt werden muͤſſen. Um 12 Uhr Mittags ward Paulinens Wohlthaͤterin aus ihrem friedlichen Hauſe vor das Revolutions⸗ tribunal abgeholt, und noch war man mit der PVerſieglung ihrer Erbſchaft, welche der Republik zufallen ſollte, nicht ganz zu Ende, als ſchon ihr Kopf unter der Guillotine gefallen war.— Pau⸗ line blieb in dem verſiegelten Hauſe mit ihrer 227 Schönheit, ihren Talenten und ihrem leichtſinni⸗ gen Herzen allein. Aber auch ſie, die man nicht verſiegelt hatte, ſchien dazu beſtimmt zu ſeyn, von den Braven der Republik, als Theil der Erbſchaft in Anſpruch genommen zu werden. Brave Leute des Auss ſchuſſes entſiegelten die Erbſchaft, welche die Re⸗ publick gethan hatte. Man ſchien Paulinen nicht zu achten, denn es war den Buͤrgern drr Commiffton wohl um etwas anders zu thun.— Endlich kam ſie doch zum Vorſchein. Der Buͤr⸗ gercommiſſalr faßte ſie ins Auge, Pauline ihn. Ein Herkules der Revolution im Grenadiermda⸗ ſe, buſchig von Haaren und Augbraunen, mit einem ungeheuren Backenbarte und einem Haar⸗ knebel uͤber den Lippen, der Derbheit des Kno⸗ chenbaues, die den Mann der Revolution bezeich⸗ nete, und ſtarkangedeuteten Muekeln unter den ſchroff anliegenden Pantalons, von 31 Jahren, mit der Vollmacht des Wohlfahrtsausſchuſſes in der Hand, pflegt nicht blode zu ſeyn. Die Be⸗ kanntſchaft war bald gemacht.— Uebrigens ſchien es, als ſollte man ſich ſchon geſehen haben, wohl gar einander kennen. Man fragt ſich, kommt zu Erklaͤrungen, zweifelt noch. Zehn Jahr mehr auf der Stirne des Raͤubers, zehn Jahr mehr auf dem Buſen einer Schdnen, aͤn⸗ dern ſehr die Zuͤge.— Und doch erkennt man ſich endlich. Sie ſind es beide; er der Perfüh⸗ P2 3 3 228 rer, ſie das verfuͤhrte Maͤdchen, Jean Louis— jezt Achilles— Rambour und Pauline, noch immer Pauline Saintour. Die Wiederfindung hat Intreſſe, und In⸗ treſſe erzeugt Liebe. Ueberdem war der Mann mit den ſtarken Lenden keine zu verachtende Par⸗ thie. Im Stande der Revolution liebte man ra⸗ ſche Maasregeln, und ſo ward man auch hier ohue viele Umſtaͤnde einig. Man kannte ja ein⸗ ander ſchon, wuſte bereits, was man an einan⸗ der hatte. Man eilte anf das Gemeindehaus, Chaumette ſprach den Segen.— Nach man⸗ chen dergleichen Geſchaͤften ward Rambonr Liefe⸗ rant. Man fuͤhrte ein glaͤnzendes Haus und ward doch Millionaͤr. Rambours bisherige Schickſale waren ſehr ein⸗ fach geweſen. Durch unablaͤſſige Verſchwendung war er mit ſeinem vaͤterlichen Erbe zu Ende. Er machte Bankerutt, und zwar ſo ungeſchickt, daß ihm gar nichts uͤbrig blieb. Da brach die Revo⸗ lution aus. Gleich Anfangs betrog er einen Emigranten um 1005 Louisd'or, welche dieſer ihm anvertraut hatte. Et ward ſiaͤndiger Zenge beim Revolutſonstribunal, und als Commiſſair bei dem Verſieglungsgeſchaͤfte gebraucht. Hier hatte er vollauf Arbeit und Erndte, und hier fand er Paulinen wieder, die ihm der Himmel nun einmal we es ſchien, zur Frau beſtimmt hatte. 229 Drei Jahre hatte das Gluͤck des Ehepaars gedauert, da brachte das fatale Syſtem der Mo⸗ derantiſten Stockung in die Finanzen. Selbſt das Lieferungsgeſchaͤft hatte wenig Gedeihn, denn Rambour war ein gehaßter Jakobiner und die Parthei des Tages wollte ſelbſt liefern. Große Contrakte waren gemacht und verungluͤckt, der Aufwand des Hauſes koſtete ſchoͤne Suͤmmchen. Die Glaͤubiger wurden unartig. Man fuͤrchtete eine betraͤchtliche Luͤcke in der Kaſſe, wohl gar ſich beſchraͤnken zu muͤſſen; aber unſer Held ward nicht verlegen. Als Mann von Perſtand, hatte er bald ſeinen Plan gemacht. E rug ihn Pau⸗ linen vor. Das Mittel, ſich aus aller Verle⸗ genheit zu retten, war leicht. Man wolle ſich vor der Welt ſcheiden laſſen; die Buͤrgerin fo⸗ dere 800000 Livres, welche ſie in die Ehe ein⸗ gebracht habe, und welche von ihr empfangen zu haben, der redliche Buͤrger eingeſtehen werde. Er werde ſie herausgeben muͤſſen und wuͤrklich herausgeben. Eine ſo ſtarke Herauszahlung wuͤrde ihn zu Grunde richten; er verſtehe jetzt das Falliren beſſer. So beruhigt und mit dem Sümm⸗ chen im Trocknen ſolle ein neues Eheband die verſtellte Scheidung aufheben. Pauline goutirte das Plaͤnchen, das Rambour nach allen geſetzli⸗ chen Förmalitäten ins Reine brachte. Alles ge⸗ ſchah. Scheidung, Zahlung, Bankerutt, nur die Wiedervereinigung hatte Anſtaͤnde, die un⸗ ſer Held nicht berechnet hatte. 230 Mit achtmalhunderttauſend Aores und einer vollguͤltigen Scheidungsurkunde in der Hand, fand Pauline es doch ein wenig einfältig, einen Mann wiederzunehmen, mit dem ſie drei Jahre gelebt hatte. Eine Menge Freier umgaben die reizen⸗ de Wittwe, deren Vergleichung mit dem Jakobi⸗ ner nicht zu deſſen Gunſten ausfiel. Hatte er einſt Paulinen verlaſſen, ſo fand ſich jetzt Gele⸗ genheit, Wiedervergeltung zu uͤben. Zudem liebt eine junge Frau die Mode, und jetzt waren die Jakobiner aus der Mode gekommen. Das Geld, welches Panline jetzt beſaß, reichte kaum an jenes, was ihr von der Madame d'Epe⸗ ron beſtimmt war, in deren Beerbung Ram⸗ bour ihr zuvorgekommen war, und n n fuͤhlte etwas von der Wahrheit des Dichters, der da Es iſt kein groͤßeres Vergnügen Als den Betruͤger zu betruͤgen. Das Herz ſprach in dieſe Raiſonnements, die es wohl gar ſelbſt veranlaßt hatte.— So ergriff man ſeine Parthie. Der Jakobi⸗ ner ward abgewieſen; man hielt ihn den Schei⸗ dungsbrief dar, gegen deſſen Guͤltigkeit ſich nichts einwenden ließ. Fruchtlos war ſeine Wuth, er ſah ſich in ntt eignen Schlinge ge⸗ fangen. 3 Die Freiheit, in welcher Pauline lebte, ge⸗ fiel derſelben, ſie wuͤnſchte dies Leben fortzuleben. Aber ſie hatte ſich noch nicht ganz der gewöhnli⸗ chen konventionellen Begriffe entwohnt, und fand es doch ehrenvoller unter der Firma eines Man⸗ nes ſofort zu wirthſchaften, als auf eigne Rech⸗ nung. Wenn ſie auch ſtark genug geweſen waͤ⸗ re, dem Vorurtheile zu trotzen, ſo konnte ſie es doch nicht ertragen, daß dies Porurtheil ſie an manchen Orten ausſchließen ſollte. Darum wuͤnſchte ſie ſich an einen bejahrten Mann zu ver⸗ heurathen, der ſich mehr mit ihrem Vermogen, als mit ihr ſelbſt beſchaͤftige, die Honneur des Hauſes mache, ſeinen Abtritt naͤhme, wenn es Madame fuͤr gut faͤnde, und der der erſte ihres Geſindes— ſelten etwas mehr ſey. Mit die⸗ ſem Wunſche fand Paulinen einer von jenen Men ſchen, die man uͤberall ſieht, die ſich in alles mi⸗ ſchen und deren eigentliches Talent es iſt, alles zu verderben. Sie hatte ſich an niemand beſſers wenden konnen. Binnen acht Tagen und noch fruͤher hatte derſelbe ſchon ſeinen Mann gefunden, den er aus der entfernten Prorinz unmittelbar fuͤr ſeine Clientin beſchrieb; noch acht Tage, und der Beſchriebene ward Paulinen vorge⸗ ſtellt. Es fand ſich, daß er nach Wanſche ausge⸗ fallen. Schon in den funfzigen, aber am Kor⸗ per eiſenfeſt, der die bisweilen etwa eintretenden 232 leeren Stunden gut auszufuͤllen verſprach, und dann ſchien der Mann anch geſchmeidig zu ſeyn. Sonderbar genug, daß gleich nach den erſten Komplimenten Pauline und der Fremdling ſich on einander angezogen fuͤhlten; ein Gefuͤhl, das beide ſich nicht verſtaͤndigen konnten, entwickelte ſich mit jeder Minute mehr. Man verſtand ſich taͤglich beſſer, und ſchon nach einigen Tagen wur⸗ den die Praͤliminarien erffnet, bei denen wirklich Paulinens Herz mitzuſtimmen ſchien. Man frag⸗ te nach der Geburt, den Beweiſen des Herkom⸗ mens. Pauline verſprach, ſie kommen zu laſſen, aber ſie beſorgte, daß das Zeit erfordern moge, denn ſie hatte den Namen ihres Geburtsorts, aus dem ſie ſo fruͤh entflohen war, vergeſſen— Dies fuͤhrte zur nahern Erklaͤrung; Pauline war offenherzig in ihrem Geſtaͤndniſſe.— Die Span⸗ nung des Freiers waͤchſt mit jeder Sekunde; die Zeit der Flucht,— der Name des Vaters— — Nun da— meine Tochter!— umarme dei⸗ nen Vater. Nach dem erſten Feuer der Freude ſchien doch der Alte grämlich zu werden. G6 war, als wenn es ihm doch lieber geweſen waͤre, mit Paulinen auf eine andere Art verwandt zu werden. Endlich geſteht er, daß eigentlich die achtmalhunderttäuſend Livres, welche Pauline beſaß, der Magnet geweſen ſeyen, der ſo kraͤf⸗ tig ihn aus eer Provinz nach Paris gezogen S 23 habe.— Aber Saintour war als ſehr reich, und als nicht geizig bekannt?— Reich war er geweſen, aber ein Schurke hatte ihn ruinirt, der ihn in einen betruͤgeriſchen Bankerott hiuein⸗ gezogen, und ſo gezwungen hatte, ſelbſt bankerott zu werden. Und dieſer Raͤuber war kein anderer, als— Rambour, von dem Pauline geſchie⸗ den hatte.— Pauline, beſtimmt vom Schickſale, ſich und ihren Vater an einem Nichtswuͤrdigen zu raͤchen, reſtituirte deſſelben Verluſt. Zum er⸗ ſtenmale empfand ſie, daß es ſeligere Em⸗ pfindungen gebe, als jene, welche ſinnliche Genuͤſſe gewaͤhren. Sie kam von den Verir⸗ rungen zuruͤck, denen ſie bisher ſich hinge⸗ geben hatte, und bedauerte nichts ſo ſehr, als daß ſie dies Gluͤck nicht fruͤher kennen gelernt hatte. Noel Leo Morgard. Der Prophet auf der Galleere. * E⸗ iſt gewiß, ſagt Bayle, daß es kaum irgend ſchaͤdlichere Menſchen giebt, als Propheten. Ue⸗ berall finden ſich Schwaͤrmer joder Schwaͤchlinge welche in Verſuchung gerathen, ihre Vorherſa⸗ gungen wahr zu machen, und ſo durch jene zu Verbrechen gefuͤhrt werden. Nie ſollte daher die Polizei ſolche Menſchen dulden, ſie mogen ihre Divinationsgabe herleiten, woher ſie wollen. Die meiſten ſind ohnehin Betruͤger, nur die we⸗ nigſten Thoren und Schwärmer. Folgende Geſchichte zeigt, wie ſehr Bayle recht hat, und wie wahr deſſen ſcharfſinnige Be⸗ merkung ſey, daß ſich zu einem Propheten leicht zehen Thoren und Schwaͤrmer finden, welche es ſich zum Geſchaͤfte machen, ſeine P in Erfuͤllung zu bringen. S * 23 Noel Leo Morgard gab im vorletzten Jahr⸗ hunderte in Paris einen Kalender heraus, in wel⸗ chem er nach dem Gebrauche ſeiner Zeit die Wit⸗ terung vorherverkuͤndigte; eine Abgeſchmacktheit, die ſich auch noch jetzt in den meiſten unſerer Ka⸗ lender findet. Seine Witterungsanzeigen trafen zufällig mehrmal zu, und dadurch kuhner gemacht. wagte er es im Jahre 1713, einige unbedeutende und vermuthlich nicht ſchwer vorherzuſehende Din⸗ ge zu prophezeien. Dieſe giengen in Erfuͤllung, und Morgard erhielt hierdurch die gelebritaͤt eines Propheten. In dem Kalender, den er fuͤr das Jahr 1714 herausgab, wagte er es, ſeln Prophetenweſen im Gioͤßern zu treiben. Er prophezeihte darin, daß in dieſem Jahre eine große Staatsveraͤnde⸗ rung in Frankreich ſtatt haben wuͤrde. Es wer⸗ de ein weitausſehender Aufſtand gegen den da⸗ mals noch unmuͤndigen Ludwig XIII. entſtehen, fur welchen ſeine Mutter als Vormuͤnderin herrſch⸗ te; die Konigin Mutter wuͤrde von ihrer Höhe herabgeſtuͤrzt werden, die ganze Staatsform eine Aenderung erhalten. Der Aufſtand werde we⸗ nig Biut, und die ganze Umwaͤlzung der Dinge wenig Muͤhe koſten, denn Geſtirne und Schick⸗ ſal ſeyen den Inſurgenten guͤnſtig. Dieſe wür⸗ den ohne Gefahr und faſt ohne Widerſtand ihr Werk anfangen und vollenden. Groß ſey der Lohn aller, die hieran ſich beanthelligen wuͤrden, 236 und ſelbſt fuͤr den unbedeutendſten Dienſt wuͤrde jeder uͤber ſeine koͤhnſte Erwartungen belohnt wer⸗ den. Jeder ohne Unterſchied wuͤrde ſich bei der veraͤnderten Form, welche der Staat erhalten wuͤr⸗ de, beſſer befinden. Er bezeichnete viele Große als Theilnehmer der Revolution mit den Anfangs⸗ buchſtaben ihrer Namen. Schwulſt und ſchwaͤr⸗ meriſcher Unſinn verhuͤllte nur halb die Deutlich⸗ keit des Vortrags, und hob die Sache noch mehr durch das geheimnißvolle Helldunkel, in welches ſie dieſelbe huͤllte. 2 Am kten Jenner 1714 ward dieſer Alma⸗ nach in den Straßen von Paris feil geboten. Der Geiſt der Zeit, der an aller magiſchen und aſtronomiſchen Faſelei Geſchmack fand, und al⸗ les, was dies Gepräge hatte, mit Heißhunger verſchlang, das Gewagte und Außerordentliche dieſer Vorherſagung und die Perſonlichkeiten, auf welche dieſelbe ſich einließ, verſchaffte dieſen Blaͤttern einen ungeheuern Abſatz. In weniger als drei Tagen waren bereits 18 000 Exemplare abgeſetzt, und man mußte mehrmal neue Auf⸗ lagen veranſtalten, welche eben ſo reißend ab⸗ giengen. In dieſem Kalender hatte Morgard zugleich noch prophezeiht, es werde in der erſten Woche des Jenners ein blutiger Vorgang zwiſchen einem PVater und ſeinem Sohne in Paris erfolgen. Die⸗ — S X 232 ſer werde letzterm das Leben koſten; und dieſer tragiſche Vorgang werde gleichſam nur das Vor⸗ ſpiel der allgemeinen Bewegungen ſeyn, welche bald im ganzen Konigreiche ſtatt haben wurden. Der Zufall ließ dieſe Prophezeiung in Erfuͤlung gehen. Morgard hatte hierbei ſich beſtimmt geaͤuſ⸗ ſert, daß Vater uud Sohn, die Helden ſeiner Pro⸗ phezeiung, beide Milicären ſeyn, daß das Mi⸗ litaͤr ſich an dieſem Vorgange beantheiligen und daß es dabet zu blutigen Auftritten kommen werde.. Dies alles traf ein. Ein bejahrter Offizier, der in der Vorſtadt St. Germain wohnte, erſtach am 4ten Jenner ſeinen Sohn, den er in einer nicht mehr zweideutigen Lage mit ſeiner Maitreſſe antraf. Der Sohn war als Offiziere bei elnem andern Regimente geſtanden, und als die Offi⸗ ziere von dem Regimente des Vaters, dieſen der Gerechtigkeit zu entziehen und zu verbergen ſuch⸗ ten, kam es zwiſchen ihnen und den Offizieren von dem Regimente des Sohnes, welche den Mdr⸗ der ausgeliefert wiſſen wollten, zum Streite. Die Soldaten der beiden Regimenter, von ihren Offizieren herbeigerufen, nlhmen Antheil an der Fehde ihrer Vorgeſetzte; es floß Blut. Die Sache kam ſo weit, daß die beiden Regimen⸗ ter gegen einander auedruͤckten, und nicht ohne 233 Muͤhe konnte dieſer zufaͤllige Aufſtand belgelegt werden. Es laͤßt ſich leicht denken, wie groß der Ein⸗ druck war, den dieſe faſt buchſtaͤbliche Erfuͤllung von Morgards Vorherſagung auf das Publikum machte. War dieſer ſchon durch mehrjaͤhrige gluͤck⸗ lich erfullte Vorherſagungen des Weiters als ein guter Aſtrolog bekaunt, hatte ſchon die Erfüllung einiger von ihm geſchehenen Vorherſagungen ihm den Kredit als Prophet verſchafft, ſo ſchrie jetzt Paris und ganz Frankteich Wunder und Beifall uͤber ihn. Jedermann hielt ſich uͤberzeugt, daß die dem Staate draͤuende Revolution, welche er vorhergeſagt hatte, eben ſo puͤnktlich in Erfuͤllung kommen werde, als der tragiſche Vorgang, wel⸗ chen wir ſo eben erzaͤhlt haben. Faſt niemand bezweifelte dies mehr, und alle fiengen ſchon an, ſich zu der Rolle zu bereiten, welche ſie hierbei zu ſpielen gedachten. Der Prophet hatte vorhergeſagt, jene Par⸗ thei, welche gegen den Hof auftreten wuͤrde, werde die ſiegreiche ſeyn. Geſchick und Sterne ſeyen ihr und ihren Anhaͤngern guͤnſtig. Dies war genug, um zu erwürken, daß alles ſich ruͤ⸗ ſtete, ſie zu verſtaͤrken, um Antheil an dem Loh⸗ ne zu erhalten, den der Prophet ſo glaͤnzend den Siegern verheißen hatte. Noch exiſtirte dieſe Par⸗ thei nicht, aber es ſchien, als wolle ſie ſich bil⸗ 239 den. Deutlich zeigten dies die zwar jetzt noch leiſen Bewegungen, die man bemerkte, und die immer ſtaͤrker und auffallender ſich aushreiteten. Von den Großen, welche Morgard— kenntlich genug— in ſeiner Vorherſngung als thaͤtige Mit⸗ wirker bezeichnet hatte, ſchienen manche ſich jetzt ſchon wirklich zuſammen zu draͤngen, und man mußte auf einen reifenden gemeinſchaftlichen Pan aus den haͤufigen und zutraulichen Verſammlun⸗ gen dieſer Menſchen ſchließen, die ſonſt ſo eifrig einander geſucht hatten. Das Volk ſchien bereit zu ſeyn, an einem Schlage Antheil zu nehmen, den es wuͤnſchte, weil es die Regierung haßte, und weil es dabei zu gewinnen hoffte. Dieſe zweideutigen Bewegungen, dieſe ge⸗ ſpannte Lage konnte den Auſpaſſern des Hofes nicht entgehen. Die Menge überſtimmender Be⸗ richte, welche derſelbe uͤber die Lage der Sachen erhielt, machten ihn aͤngſilich. Man hatte kei⸗ nen Grund, auf den man bauen konnte, keinen Leitfaden, um ſich aus dieſem ſonderbaren Labi⸗ rinthe herauszufinden, und gleichwohl vergroͤßerte jeder Augenblick die Unordnung und die Gefahr, und dennoch durfte man keine Entwicklung ab⸗ warten. Man erſchoͤpfte ſich in Muthmaßun⸗ gen und Berathungen ohne weiter zu kommen. Endlich beſchloß man da anzugreifen, wo man bis jetzt noch die einzige Bloͤße fand. Am a8. Jenner ward Morgard artetirt und in die 240 Baſtille gebracht, von wo man ihn nach eini⸗ gen Verhoͤren in die Conciergerie abfuͤhrte. Es gieng die Sage, man habe einen Jeſuiten und zwei Große arretiren wollen, welche aber be⸗ reits entflohen geweſen ſeyen. Indeſſen ward die Sache auf eine Art behandelt, die ihr das Aufſehen benahm, und den Gegenſtand ſelbſt als unwichtig darſtellts. Man machte Morgar⸗ den nicht als Hochverraͤther, ſondern als Zau⸗ berer den Prozeß, der ſich damit endete, daß er ſchon am 27. Hornung deſſelben Jahrs auf koniglichen Befehl nach Marſeille auf die Ga⸗ leere gebracht ward. Der eigentliche Zuſam⸗ menhang der Sache ward dem Publikum vorent⸗ halten. Erſt mehrere Jahre nachher erfuhr man das ganze Verhaͤltniß. Heinrich II. Prinz von Conde, der in der Folge wirklich dffentlich die Unruhen anfieng, die hier blos eingeleitet worden, waͤre als naͤch⸗ ſter Verwandter und muthmaslicher Thronerbe der Vormund des minderjaͤhrigen Konigs gewe⸗ ſen, wenn deſſen Mutter, Moria aus der Familie der Medici, dieſe nicht fuͤr ſich zu er⸗ ſchleichen gewußt haͤtte. Sie hatte dieſe und die damit verbundene Regentſchaft dem Priu⸗ zen durch Intrique und Gewalt entriſſen und beherrſchte Volk und Adel auf eine Art, die frei⸗ 241 lich nicht geeigenſchaftet war, dieſe mit ihrer Uſurpation auszuſoͤhnen. Conde baute auf dieſe Unzufriedenheit und glaubte, daß es nur wenig Anſtrengung beduͤrfe, die Regie ung zu ſtuͤrzen, ſobald er auf irgend eine Weiſe das Volk hierzu gewonnen haͤtte. Der Plan zum Aufſtande war fein ange⸗ legt und bis auf das kleinſte Detail genau be⸗ rechnet. Sein Schoͤpfer war der Liebling des Herzogs, der Jeſuit Pater Daniel. Dieſer ſchlaue Moͤnch, der ſich nicht wenig damit wußte, daß er der einzige ſeines Standes war, den der Herzog äm ſich leiden konnte, war in alle Geheimniſſe ſeines Goͤnners eingeweiht. Da er ſich, wenn der Herzog ſeinen Zweck er⸗ reichte, die glaͤnzendſte Rolle verſprechen konn⸗ te, und dieſer Rathe blindlings folgte, ſo half er nicht nur eifrig die Wuͤnſche deſſelben aus⸗ fuͤhren, ſondern er war es, der ſie belebte, beherrſchte. Nicht leicht war ein Menſch ge⸗ ſchickter zu Ausfuͤhrung einer groſſen Intrique, als dieſer Monch, wenn anders das Bild ihm gleicht, welches die Schriftſteller jener Zeit von ihm entworfen haben, und nicht bald ſcheint jemand den Geiſt ſeiner Zeit und des Polkes, unter welchem er lebte, genauer gekannt zu haben, als er. Er kannte das Mßverguugen, das in allen Staͤnden gegen die Regierung Spieß Kriminalgeſch. 3 Thl. 242 Mariens von Medicis, oder eigentlicher ihres Lieblings, des Herzogs von Ancre, der ſie und das Koͤnigreich regierte, herrſchte. Sein Goͤnner dagegen ſchien die Liebe des Volks und die Hoffnung zu beſſeren Zeiten in ſich zuſ ver⸗ einigen. Es ſchien ihm nur ein Hauptſchlag ndthig zu ſeyn, um alle Parthien zu Gunſten des Herzogs und zum Sturze der Regierung zu vereinigen, und bei dieſem Hauptſchlage galt es vielleicht nicht blos eine Vormundſchaft, ſondern den wahrſcheinlichen Beſitz eines Throns, da der kleine Koͤnig und ſein einziger Bru⸗ der, der Herzog von Orleans, beide ſo ſchwaͤch⸗ lich waren, daß niemand fuͤr di⸗ ſelbe ein hoͤheres Alter hoffte.. Es kam darauf an, die geſpannte und ſſt kriegeriſche Lage zu benutzen, in der ſich Re⸗ gierung und PVolk gegenſeitig befanden und zu⸗ gleich dem Schlage zuvor zu kommen, der die Regentin, eiferſuͤchtig auf den Herzog, muth⸗ maslich demſelben bereitete. Der Jeſuit berech⸗ nete den Geiſt der Zeit und des Volkes, und er hielt ſich uͤberzeugt, daß, gelaͤnge es ihm„ dem Haſſe gegen die Regierung den Fanatis⸗ mus beizufugen, nſchts mehr dabei gewagt ſey⸗ die Inſurrektion zu organiſiren, und mit aller Kraft loszubrechen. Die aberglaͤubige Vorlie⸗ be des damaligen Zeitgeiſtes zu aſtrologiſchen Deu⸗ tungen, und das allgemeine Zutrauen, welches man damals zu dieſem Firlefang und den Pro⸗ phezeungen aus denſelben hatte, ſchien ihm hier⸗ zu eine ſehr guͤnſtige Gelegenheit zu geben. Er wußte, daß Morgard, der zufaͤlligen Erfuͤllung ſeiner Wetterprophezeiungen wegen, einen groſ⸗ ſen aſtrologiſchen Kredit beim Publikum hatte, und bediente ſich daher deſſelben geſchickt zu ſeinem Zwecke. Der in der Folge durch den Mord des Herzogs von Ancre ſo beruͤhmt ge⸗ wordene Marquis de Vitry erkaufte es ohne Schwierigkeit von Morgard, daß dieſer die an⸗ gefuͤhrten Prophezeiungen in ſeinem Kalender ſo abdrucken ließ, wie Pater Daniel ſolches verlangte, denen er einige aus ſeiner eignen ſchwaͤrmeriſchen Fabrik mit unterſchob.— Man berechnete, daß ein Kalender die am meiſten ge⸗ leſene Volkslektuͤre iſt, und daher einen um ſo umfaſſenderen und tiefern Eindruck machen muͤſſe, wenn ein ſo wohl accreditirter Prophet, als Mor⸗ gard, dazu ſeinen Namen herlieh.— Man glaubte ferner mit allem Scheine der Richtigkeit, daß unmoͤglich der Hof von einer ſo geringfuͤgigen Lektuͤre, als die eines Kalenders, Notiz nehmen, und dieſen wohl nicht einmal zu ſehen bekommen wuͤrden, und wenn ja der Hof dieſe Sache er⸗ fahren und weniger geringfuͤgig finden wuͤrde, als man ſolches erwartete, ſo hoffte man, daß deſſen Ahndung blos Morgarden treffen und die⸗ ſer hoͤchſtens als ein Wahnſinniger behandelt und * Q 2 e mit ein Paar Wochen Arreſtſtrafe davon kem⸗ men wuͤrde. Im alleraͤußerſten Falle hielt man ſich dadurch fuͤr geſichert, weil Vitty mit Mor⸗ garden unter einem fremden Namen verhandelte, da er demſelben ganz unbekannt zu ſeyn glanbte; Morgard konne alſo, ſchloß man hieraus, wenn er auch gegen alle Erwartung in eine ernſthafte Unterſuchung gerieth, und den Zuſammenhang der Sache angebe, ihnen ſchon aus dem Grun⸗ de nicht ſchaͤdlich werden, weil er niemand zu be⸗ nennen wiſſe. Der Plan hatte, wie wir geſehen haben, wirklich den beabſichtigten Erfolg. Das PVolk, fur Morgards Prophezeihungen praͤvenht, und eben ſo ſehr gegen die Regierung eingenommen, glaubte an die Erfuͤllung der Vorherſagungen, hoffte darauf weil es ſolche wuͤnſchte, und berei⸗ tete ſich um ſo eifriger, an der Juſurrektion Theil zu nehmen, als der Prophet zugleich allen denen, die ſich hiervon beantheiligen wuͤrden, ein glänzendes Loos und Belohnung in Ueberfuͤlle zugeſichert hatte. Denen, welche Morgard, obgleich nur mit den Anfangsbuchſtaben ihrer Namen, doch kenntlich genug als thaͤtige Haupt⸗ akteurs benannt hatte, muſte dies zur Auffode⸗ rung dienen, und ihnen gewiſſermaſen einen Eini⸗ gungspunkt feſiſetzen, wie ſolches eben auch zu⸗ traf. Manche derſelben, welche hierbei bezeich⸗ net waren, und eigentlich gar nicht zu den Miß⸗ 245 — verguuͤgten, ſondern offenbar zur Parthei des Hofes gehorten, werden hierdurch verdaͤchtig ge⸗ macht, ihre Wuͤrkungskraft fuͤr ihre Parthei da⸗ durch gelaͤhmt; und ſie zum Theile ſogar gewiſ⸗ ſermaßen mit Gewalt gendthigt zu der Parthei der Misvergnuͤgten uͤberzutreten. In jedem Falle muſten eine Menge derjenigen, welche fuͤr die Sache des Hofs Parthei genommen hatten, hier⸗ durch davon abgehalten werden„denn ſobald die Prophezeihung darinn eintraf, daß wirklich ein Aufſtand ausbrach, ſo war wohl in den Augen aller nichts gewiſſer, als daß auch jener Theil derſelben, welcher der Inſurrektion einen gluͤckli⸗ chen Erfolg verſprach, eben ſo gewiß erfuͤllt wer⸗ de, und wer wollte ſich dann noch zwecklos einem bereits entſchiednen Erfolge opfern und nicht viel⸗ mehr an den Belohnungen der Siegenden Anthell nehmen? So hatte es allerdings den hoͤchſten Grad von Wahrſcheinlichkeit, man kann ſogar ſagen, eine Art von Gewißheit, daß, wenn der Prinz von Conde die erſten Bewegungen gemachr haben wuͤrde, alles auf ſeine Seite getreten und der Plan eben ſo leicht ausgefuͤhrt worden waͤren, als der Prophet ſolches vorhergeſagt hatte. Der Zufall, der die Vorherſagung des Kindermords in der erſten Jennerwoche, welche ein Zuſatz Morgards war, ſo genau in Erfuͤllung gehen ließ, war der Sache, wie man leicht einſehen wird, auſſerſt guͤnſtig, und Pater Daniel mit ſeinen Mitbeantheiligten war hierdurch des Er⸗ folgs um ſo gewiſſer. Sehr wahrſcheinlich wuͤrde er ſich auch nicht getaͤuſcht haben, wenn nicht ein von demſelben unvorhergeſehner Zufall die ganze Sache vereitelt hatte. Es hatte namlich Vitry, als er Mor⸗ garden das Manuſcript zum Abdrucke zuſchick⸗ te, die Unvorſichtigkeit begangen, das Billet, mittelſt welchem Pater Daniel ihm daſſelbe zu⸗ geſchickt hatte, welches ſowol ſeine Addreſſe als die Benennung des Prinzen Conde enthielt, und ſehr deutliche Aufſchluͤſſe uͤber den ganzen Plan gab, bei Morgarden liegen zu laſſen. Dieſer hatte dadurch vollſtaͤndige Kenntniß des Ganzen erhalten, und da er leicht vorausſehen konnte, daß er, wenn der Zweck erfuͤllt wurde, noch ei⸗ ne anſehnliche Belohnung zu erwarten habe, und auf dieſe Erfuͤllung ziemlich verlaͤſſig hoffen durf⸗ te, ſo zeigte er die Sache nicht an, erzählte aber dieſelbe genau bei dem erſten Verhdre, als er ar⸗ retirt ward, in der Hoffnung, dadurch nicht blos Strafloſigkeit zu erhalten, ſondern ſogar noch be⸗ lohnt zu werden. Der Pater Daniel erfuhr ſogleich dieſen unvermutheten Verrath, und er ſowol, als der Prinz und PVitry, waren bereits entflohen, als der Hof ſich ihrer bemaͤchtigen wollte. Mor⸗ 247 gard erhielt ſtatt der gehofften Belohnung die Strafe der Galeere, die ihm, als einen ſchwaͤr⸗ meriſchen Narren und aberwitzigen Betruͤger dem Volke darſtellte, und ſo ward der Plan in aller Stille und geheimer unterdruͤckt, als er angelegt worden war. Ende des dritten Bandes. „ — ———— — 5/S g14 oece