Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeem Ta Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗„ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterleen, ewelche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt;. 6 kernhchentlich 2 Bücher: 4 Fncher 6 Bieher auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre i Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. † F 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage leſgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ß der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. KHriminalgeſchichten voller bentheuer und Wunder und voch ſtreng der Wahrheit getreu. Zweyter Theil⸗ Hamburg und Leipzig⸗ 18 03. ——— . ———————— Jeronimo Zencopraſti. In jedem Verhaͤltniſſe und Stande, unter jeder moraliſchen Polhoͤhe gedeihen gute, große und weiſe Menſchen, ſo wie jede phiſiſche adäͤquate Naturprodukte hervorbringt, und ein wirklich gro⸗ ßer Mann, uͤberall ſelbſtſtaͤndig, und unabhaͤngig ſelbſt von der Gottheit, iſt unter allen Verhaͤlt⸗ niſſen frey und groß. Die äuſſern Verhaͤltniſſe ge⸗ ben dem Menſchen ſeine Beſtimmung und Rich⸗ tung, ſie konnen erwirken, daß er groß ſcheine; aber den Kern ſelbſt ergreifen ſie nicht, ſie koͤnnen nicht wirkliche Große ihm geben, und wem es die Natur nicht bey der Wiege ſang, der wird— ſelbſtſtaͤndig und abgezogen von denen auf ihn ein⸗ wirkenden Umſtaͤnden betrachtet— ſelten mehr als ein Alltagsmenſch werden.— Wahre, innre Groͤße wird ſogar nirgends ſichtbarer, erſcheint nir⸗ gends in ſchoͤnerem, hellerem, ergreifenderem Lich⸗ te, als wenn die aͤußern Umſtaͤnde derſelben entge⸗ N. 6 gen ſind.„Es iſt ein Schauſpiel fuͤr Gotter, fagt Seneka, einen Helden mit dem Schickſale im Kampfe zu ſehen;“*) und wahrlich es glebt kein erhabeneres Schauſpiel, als dieſes. So wird ein Moreau groͤßer auf dem Ruͤckzuge, als durch ſeine Siege, ſo werden Koszlusko und Lafayette der Gegenſtand der Bewunderung durch ihre Haltung im Ungluͤcke, und ſo ſtirbt Hannibal, verbrannt und ausgeſtoßen von ſeinen Zeitgenoſſen, groͤßer einen freywilligen Tod, als ſeine verworfenen ſie⸗ genden Feinde. Der Mann, deſſen in jedem Betrachte merk⸗ wuͤrdige Biographie hier den Leſern dargelegt wird, gehoͤrt in die Klaſſe jener Menſchen, deren innre Groͤße und Kraft entſchieden iſt, ſo wie oft ein Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Sein ganzes Leben hindurch lag er im Kampfe mit dem Schickſale, das nie aufhoͤrte, ihn mit der au⸗ ßerſten Haͤrte zu verfolgen; nie unterkag er dem⸗ ſelben, oft beſiegte er es; von der Wiege an von demſelben verfolgt, war es meiſt zweifelhaft, ob das Schickſal mit ihm oder er mit dem Schickſale ſpiele. Oft ſchien ihm daſſelbe zu lachen, es zeigte ihm eine Ausſicht von Groͤße und Gluͤck, die ſich, ſo wie er ſich denſelben zu nähern glaubte, immer weiter entfernte, und endlich ganz verſchwand; und grade hieraus entkeimte ihm ſtatt des erwarteten *) En ſpectaculum deo dignum, vix fortis cum mals fortuna compositus! Seneca. Gluͤcks ein großeres Uebel, indem ſo der Wurm das Bewußtſeyn in ihn gelegt ward, daß er nie glucklich werden ſolle, eine Ueberzeugung, die ihn um ſo viel reizbarer machte, die Schlaͤge ſeines Mißgeſchicks zu fuͤhlen, wenn er dagegen zu ver⸗ haͤrten glaubte.„Tauſend andre Karaktere waͤren durch dieſe unausgeſetzten Schlaͤge des Schickſals ſchlecht geworden, und dem Ungluͤcke unterlegen, deſſen ewiger Reiz immer ſcharfe und boͤſe Karak⸗ tere erzeugt, gute verdlrbt; aber unſer Held ward nie ganz ſchlecht; er konnte wohl vom Schickſale gedruͤckt, nle ganz unterdruͤckt werden, und erhielt ſich bey allen den ewigen Agitazionen, aus denen ſeln Leben zuſammengeſetzt war, der Relzbarkeit ſei⸗ nes Temperaments ohngeachtet, in einer ſteten Gleichheit, die wir um ſo mehr bewundern muͤſſen, weil ſie ſo ſehr erſchuͤttert ward. Verſchwenderiſch ausgeſtattet von der Natur mit allen ihren beſten und edelſten Gaben, waͤre er unter andern Umſtaͤn⸗ den vielleicht ein Held geworden von unerreichba⸗ rer Groͤße; unter denen, die ihn zuſammendruͤck⸗ ten, ward er nichts als ein gemeiner Raͤuber; die Natur ſchlen ihn zu einem Zaͤſar beſtimmt zu ha⸗ ben,— das Schickſal warf ihn in die Klaſſe ver⸗ abſcheuungswuͤrdiger Banditen herab.— Mit ſei⸗ nem großen fuͤhlenden Herzen, in welchem Raum fuͤr eine ganze Welt ſich fand, und mit den ſel⸗ tenſten Talenten, zum Erſchaffen, nicht zum Zer⸗ ſtdren gebildet, ſchien er beſtimmt zu ſeyn, das Gluͤck der Menſchen zu erſchaffen; aber das Schick⸗ ſal griff in die Maſchine, und er ward mit dem ſanften wohlwollenden Herzen ein Moͤrder und Raͤuber, zwar eln großer Menſch, ſelbſt in dem zerſtdrenden Gewerbe, das er trieb, noch in ſei⸗ ner Art wohlthaͤtig, aber doch nur— ein Mor⸗ der und Raͤuber. Wir haben eine Menge Geſchichten von edlen Raͤubern, und bey der Ueberſchwemmung hieran, welche die Romanenſchreiber uͤber das Publikum hergegoſſen haben, iſt die Rubrik von edlen Raͤubern verbraucht und ekelhaft, und es iſt gewagt, mit einer neuen Schilderung in dieſem Style aufzu⸗ treten. Wlr muͤſſen daher erinnern, daß dieſe Ge⸗ ſchichte nach einer in Rom allgemeinen Tradizion wahr ſey, daß der Held derſelben ſeinen Wirkungs⸗ kreis in der Haͤlfte des 17ten Jahrhunderts gehabt haben ſoll, und daß wir nicht beabſichten, das Ideal eines im Graͤßlichen edlen Menſchen aufzuſtellen; daß wir unſern Helden nicht einmal als edel be⸗ zeichnen, ſondern ſo wie er war, nicht gut und nicht ſchlecht, mit großen Anlagen und einem gu⸗ ten Herzen, aber durch das Geſchick verworfen und gezwungen, eine verabſcheuungswuͤrdige Lauf⸗ bahn zu gehen. Keine Uebertreibung und Putz wird hier ſtatt finden, wir geben die Geſchichte ſo, wie ſie in Rom ſich durch die Tradizlon erhalten hat, dort noch oft erzaͤhlt wird, und ſo zu uns gekommen iſt. Was hier noch Schmuck nnd Zu⸗ ſatz iſt, gehort der Tradizion und Volksſage, wel⸗ 9 — che freylich nur gar zu gerne ihr Ideal mit Zuſaͤ⸗ tzen und Phantaſien aufſchmuͤcken und entſtellen⸗ Der Kardinal Feroneſe war jung, reich und liebenswuͤrdig. Das Haus Feroneſe war eines der maͤchtigſten, reichſten und angeſehenſten in Ita⸗ lien; fuͤnf Paͤbſte hatte es bereits aus ſeiner Mitte aufzuzaͤhlen, ſeit ein paar Jahrhunderten war im⸗ mer einer, oft mehrere Glieder deſſelben dem hei⸗ ligen Kollegium einverleibt, und eben ſo lange be⸗ gleiteten die Feroneſes die erſten Stellen der Kirche und des Staats. Auch der jetzige Pabſt war wie⸗ der ein Bruder von dem Vater des Kardinals, und dieſer daher ſchon ehe er lallen konnte, zum Kardinale beſtimmt. Nie waren die Feroneſes rei⸗ cher und maͤchtiger geweſen, als jetzt, und daher die Erwartung, daß der Kardinal einſt Pabſt wer⸗ de, nicht uͤbertrieben, welche, als er kaum geboren war, ſchon die Familie von demſelben hatte, und als der Knabe heranwuchs und eine Menge liebens⸗ wuͤrdiger Eigenſchaften entwickelte, immer ver⸗ ſtaͤrkend naͤhrte. Hierauf arbeiteten alle Glieder der Familte, und niemand mehr, als der regie⸗ rende Pabſt mit allen Kraͤften los, da dieſer ſeinen Neffen mit aͤußerſter Zaͤrtlichkeit liebte, ſich mit dem Gedanken ſchmeichelte, ſeinen Nachfolger ſich ſelbſt zu geben, und die hoͤchſie Wuͤrde der 8 — Kirche auf ſeine Familie gleichſam zu vererben hofte. So ſehr ſich auch der Knabe, als er die Jahre erhielt, in denen er ſich ſelbſt zu beſtim⸗ men im Stande ward, gegen dieſe ihm gege⸗ bene Beſtimmung ſträubte, und ſo wenig er hier⸗ zu Beruf zu haben glaubte, ſo mußte er gleichwohl endlich nachgeben, da nichts im Stande war, den Eigenſinn der Familie und ſeiner Eltern zu brechen, und da ſein Bruder, der ihm durchaus unaͤhnlich, und obgleich eben ſo dumm, als haͤßlich und bos⸗ haft, doch der Liebling der Eltern war, den Er⸗ wartungen, die man in ihn ſetzte, und den Planen, welche man mit ihm vor hatte, nicht entſprechen konnte, und man dieſem daher die Sorge fuͤr die Fortpflanzung der Familie uͤbertragen, und die Schaͤtze derſelben ausſchließend ſichern wollte, ſo mußte er endlich nach langem fruchtloſem Wider⸗ ſtande dem Drange nachgeben, und er war gleich⸗ ſam gezwungen, Kardinal zu werden. Eine der vorzuglichſten Urſachen, warum der⸗ ſelbe ſo wenig Beruf zu der ihm bezeichneten Be⸗ ſtimmung in ſich fuͤhlte, und warum er mit ſo vielem Widerſtande hiergegen kaͤmpfte, war die Liebe.— Der Marcheſe Sami war mit dem Prin⸗ zen Feroneſe, des Kardinals Vater, nahe verwandt; von Kindheit auf mit einander erzogen, waren beyde die innigſten, unzertrennlichſten Freunde geworden. Dieſe Freundſchaft der Eltern theilte ſich auch auf ih⸗ ——— TT re Kinder mlt, und auch dleſe wuchſen, indem man ſie faſt nie trennte, und ihnen eine gemeinſchaft⸗ liche Erziehung gab, in gleicher Vertraulichkelt mit einander auf. So hatte ſich von den erſten Jahren an die innigſte Anhaͤnglichkeit zwiſchen dem Kardinal und der ſchoͤnen Joſephine, des Mar⸗ cheſe Sami einziger Tochter, gebildet, die nie durch einen Nebenumſtand geſchwaͤcht, immer ſich ver⸗ ſtaͤrkte und zu elnem hohen Grade von Heftigkeit gedieh, als beyde ſich den Jahren naͤherten, in denen das Herz der Juͤnglinge und Maͤdchen ſeine eigentliche Rechte zu behaupten anfuͤngt. Joſephine Samt war eines der reizendſten Maͤdchen ihrer Zeit. Da ſie faſt ganz unter Juͤng⸗ lingen herangewachſen war, ſo hatte ihr Karakter die Energie der Mannheit, ohne daß jedoch jener Zug der ſanften Welblichkeit verwiſcht geweſen waͤ⸗ re, der das andere Geſchlecht ſo unwiderſtehlich und hlureißend macht. Ihr Verſtand war eben ſo ausgebildet, als ihr Herz vortrefllch war. Bey dieſen Vorzuͤgen war ſie der Abgott von Rom, das Muſter, welches eitle Weiber und Maͤdchen kopirten, waͤhrend ſie ſelbſt, dieſer Vorzuge unbewußt, ſtill und anſpruchslos allen Glanz verſchmaͤhte, und den Triumph nicht zu bemerken ſchien, den ihre Vorzuge ihr uberall be⸗ relteten. Dies Maͤdchen liebte der Kardinal, undward wit gleicher Liebe von ihr wieder geliebt. Der 12 Stand, zu welchem Joſephinens Geliebter ge⸗ zwungen worden, hinderte zwar die Liebenden, ganz gluͤcklich zu werden, aber er hinderte dieſelben nicht, ſich zu lieben. Joſephine war ſtaͤrker, als die Konvenzion, ſie ſetzte ſich uͤber die Vorurthei⸗ le und Fehler derſelben hinweg, der geiſtliche Stand ihres Geliebten war keine Scheidung ihrer Liebe, denn der Kardinal hatte noch nicht aufge⸗ hoͤrt, liebenswuͤrdig zu ſeyn, und er war dem Maͤdchen durch den Widerſtand, den er aus Liebe zu ihm gegen ſeine Eltern geleiſtet hatte, und der ihr ein ſo dentlicher Beweis war, mit welcher Waͤrme ſie geliebt ward, nur noch theurer gewor⸗ den. Des Kardinals Eltern ſo wie jene Joſephi⸗ nens mißbilligten eine Verbindung, aus der nie gute, wohl aber unendlich viele nachtheilige Fol⸗ gen entſtehen konnten, und ſie erwirkten wenig⸗ ſtens eine Art von Zuruͤckgezogenheit unter bey⸗ den; aber nichts in der Welt konnte die Liebe der⸗ ſelben unterbrechen, die ſie uͤberall und bey alleu Gelegenheiten bekannten, nichts in der Welt Jo⸗ ſephinen bewegen, ihre Hand einem der vlelen Freyer zu reichen, welche ſich um dieſelbe bewar⸗ ben. Als nach elnigen Jahren dieſe Eltern ſtar⸗ ben, uͤberließen ſich die Liebenden ganz ihrer Lei⸗ denſchaft, und es fiel ihnen gar nicht ein, vor dem Publikum eine Verbindung zu verbergen, bey welcher ſie ſelbſt ſo wenig arges fanden. Eben dieſe Argloſigkeit machte ſie zu ſicher; in einer * ſchwuͤlen Stunde fiel Joſephinens Tugend— ſie ward ſchwanger. Es mußte, da nun auch der Kardinal und Joſephine ſelbſt dem Plane folgteh, der erſterem die dreyfache Krone verſchaffen ſolite, beyden alles daran gelegen ſeyn, daß dieſe Schwangerſchaſt nicht bekannt wurde, und gleichwohl ward ſie es. Da aber Joſephine alle Kunſt aufbot, um dieſel⸗ be zu verlaͤugnen, da ſie oft und ohne Zuruͤckhal⸗ tung oͤffentlich erſchien, wle zuvor, und durch kuͤnſtliche Mittel alle ſichtbaren Merkmale ver Schwangerſchaft zu verbergen und den Augen der Forſcher zu entziehen wußte, ſo blieb die Sache — wenigſtens großtentheils— im Dunkeln. Nie hatte ſich Joſephine mehr offentlich ge⸗ zeigt, als gegen das Ende ihrer Schwangerſchaft, und ſie verſaͤumte jetzt kein dffentliches Vergnä⸗ gen, an denen ſie ſonſt nur ſelten Antheil genom⸗ men hatte. Auf einem Balle, den ihr Oheim, der Ducca Ricei, dem roͤmiſchen Adel bey Geſegen⸗ heit des Geburtsfeſtes des Pabſtes gab, fühlte ſie die Schmerzen der herannahenden Feburt; ohne daß man es gewahr ward, eilte ſie i den hintern Theil des Pallaſtes, wo eine verſchwiege⸗ ne Hebamme, welche ihre mit jhrem Zuſtande vertraute Tante Ricct ihr verſchaffte, das Kind der Liebe glucklich empfing. Joſephine bot e ih⸗ re Kraͤfte auf, ſetzte Geſundheit und Leben auf das Spiel, und ging zur Geſellſchaft zuruͤck; 4 der Knabe, den ſie geboren, und welchen dle Heb⸗ amme durch elnen der geheimen Ausgaͤnge des Pallaſtes mit ſich fortnahm, ward Jeronimo ge⸗ nannt. Niemand war uͤber dieſen gluͤcklichen Aus⸗ gang mehr entzuckt, als der Pabſt; von dieſer Stunde an waren ihm Foſephine, die er bisher als das Hinderniß des Gluͤck ſeines Neffen ange⸗ ſehen, und daher nicht ſehr gellebt hatte, und der Sproßling ihrer Liebe, dem er aus gleichen Gruuden bisher eben auch den paͤbſtlichen Segen nicht ertheilt hatte, uber alles theuer, und von dieſer Stunde an liebte er beyde mit ungemeiner Zaͤrtlichkeit. Ihm, der dle Stimmung der Kar⸗ dinale und den Geiſt ſeiner Zeit auf das genauſte kannte, war außerſt viel daran gelegen, daß dieſe Geſchichte nicht bekannt werde, ſondern das tiefſte Geheimniß bleibe, da er wußte, daß der groͤßte Theil der Kardinäle, und beſonders alle jene, welche in reiferen Jahren ſtanden, ſo große Sun⸗. der ſie auch ſelbſt waren, oder doch geweſen wa⸗ ren, hieran Aergerniß nehmen, und aus dieſem Grunde ſeiner Zeit bey der Pabſtwahl ſeinem ge⸗ Uebten Neffen ihre Stimmen nicht geben wurden, daß dies den Feinden und Mitwerbern deſſelben Gelegenheit geben werde, ihm mit dem uberfluſſig⸗ ſten Erfolge zu ſchaden, und daß alles Skandal, beſonders von der Art, wle dieſes, auf das ſorg⸗ faltigſte von dem entfernt werden muſſe, der einſt der Oberſte einer Zunft werden wollte, deren er⸗ ſte Pflicht Keuſchheit war. Die zartliche Joſephine konnte indeß nicht ohne ihr Kind ſeyn. Sie erklaͤrte dem Kardinale, ſo wie dem Pabſte, daß es ihr ohnmoglich ſey, ohne daſſelbe zu leben. Dieſe, welche ſoviel ihr zu danken hatten, ließen ſich gerne den Plan ge⸗ fallen, welchen zu dieſem Zwecke Joſephine mit eben ſo viel Liſt als Kunſt entwarf und ausfuͤhr⸗ te, und halfen ſogar noch, denſelben auszufuhren, well ſie vorherſahen, daß ſonſt Joſephine das Kind dennoch immer bey ſich haben, und indem ſie kh⸗ re Zärtlichkeit fur daſſelbe nicht verläͤugnen kon⸗ ne, den Verdacht wieder aufregen wurde, der eben jetzt erſt ſich zu entfernen anfing. Joſephine hatte ein Maͤdchen bey ſich, das mit ihr in gleichem Alter und mit ihr erzogen wor⸗ den, und das ſie mit der Zaͤrtlichkeit einer Schwe⸗ ſter liebte. Dies Verhaͤltniß war allgemein be⸗ kannt, denn nie ſah man Joſephinen ohne ihre Freundinn Antonie. Antonie liebte mit gleicher Waoͤrme ihre Freundinn und Wohlthaͤterin, und erbot ſich zu einem Beweiſe ihrer Liebe, der, in⸗ dem ſie ihre Ehre und Ruf der Freundſchaft zum Opfer brachte, der groͤßte war, den ſie zu geben vermochte. Antonie ſpielte die Rolle einer Ge⸗ bäͤhrerinn und Wochnerin, und man gab ſich Muͤhe, es im Publikum bekannt zu machen, daß ſie von einem Knaben entbunden worden ſey.— 16 Joſephlne, deren Freundſchaft zu Antonien all⸗ gemein bekannt war, ſpielte die Rolle der ſchwe⸗ ſterlichen, theilnehmenden Freundin, erklaͤrte ſich zur Beſchuͤtzerinn des Kindes, au welchem ſie Mutterſtelle vertreten wolle, nnd ſchien ih⸗ re Liebe zu Antonlen auf dies kleine holde Ge⸗ ſchopf ubergetragen zu haben. Der Knabe er⸗ hielt den Namen ſeiner angeblichen Mutter, Zencopraſti, und mußte nun immer um Joſe⸗ phinen ſeyn. So ſehr hlerdurch der groͤßte Theil des Pub⸗ likums getaͤuſcht ward, ſo gab es doch gleichwohl auch Leute, welche das Gewebe der Kabale durch⸗ ſchauten, und es war den Feinden des Kardinals zuviel daran gelegen, uber denſelben ein gehaͤſſiges Licht zu werfen, als daß die Sache ganz unter⸗ druͤckt, und allen das glaubend gemacht werden konnte, was man allgemein geglaubt wuͤnſchte. Niemand aber durchdrang ganz das kuͤnſtliche Dunkel, in welches Joſephine die Sache gehuͤllt hatte, und dieſe war zu allgemein gellebt und be⸗ wundert, als daß nicht die Pfeile der Verlaͤum⸗ dung und boͤſen Sage großtentheils an ihr haͤtten abgleiten muͤſſen.— Manche hlelten das Kind ſogar fuͤr den Sohn des Pabſtes mit Antonie Zen⸗ copraſti erzeugt, da die Zaͤrtlichkeit, welche dieſer gegen daſſelbe auſſerte, jener Joſephinens um nichts nachſtand, und derſelbe taglich neue Be⸗ weiſe hiervon gab. Mit gleicher Zaͤrtlichkeit hing Kardinal an dem Kinde ſeiner Liebe, und er TF ſowohl, als der Pabſt ſuchten daſſelbe mit ver⸗ ſchwenderiſcher Freygebigkeit durch Gluͤcksguͤter fuͤr den Makel ſeiner Geburt zu entſchaͤdigen, welcher damals noch ſehr ernſthafte, nachtheilige Folgen fuͤr das unſchuldige Geſchoͤpf hatte, das ſeine Exiſtenz der außerehlichen Zaͤrtlichkeit von ein paar Liebenden zu verdanken hatte. Der Kna⸗ be ward mit Schaͤtzen und Guͤtern uͤberhaͤuft, de⸗ ren er eine Menge don dem Pabſte zu Lehnen er⸗ hielt, und bekam zugleich von dieſem ein ganzes Regiſter von jenen Stellen, deren es an jedem Hofe ſo viele, kaum aber an irgend einem mehr, als am Roͤmiſchen gibt, und welche, ohne daß dafuͤr irgend etwas gearbeitet zu werden, braucht, dem damit Bedienſtigten ungeheure Einkuͤnfte ab⸗ werfen. Der Kardinal trennte ſich faſt gar nicht mehr von dem Kinde und ſeiner geliebten Joſe⸗ phine, welche nun, da ſie durch den erſten Fehl⸗ tritt, den ſchoͤnſten Schmuck der Weiblichkeit, und die feſteſte Waffe der weiblichen Tugend,— die Schamhaftigkeit— verloren, und dagegen die Suͤßigkeiten ſinnlichen Genuſſes geſchmeckt hatte, ohne Znruͤckhaltung ſich der Liebe des Kardinals uberließ. So lebten beyde zuſammen in einer Art von wilder Ehe zum großen Aerger aller Beaten und Frdmmlinge, zur noch groͤßern Freude der Feinde des Kardinals und ſelner Mitwerber um die paͤbſtliche Krone, und zum großten Verdruſſe des alten Pabſtes, der dieſen Stein des Anſtoßes Spieß. Friminalgeſch. 3 Th. B — 18 mit aller Muͤhe nicht auf die Seite ſchaffen konn⸗ te, indem alle ſeine Bemuͤhungen ſich an der Lei⸗ denſchaft ſeines Neffens und Joſephinens bra⸗ chen, ſo ſehr er auch mehr als je wuͤnſchte, daß der erſtre alles beſeitigen moͤchte, was ihm an ſei⸗ nem Plane hinderlich ſeyn kdnnte, der jetzt immer naͤher ruͤckte, da der Pabſt immer mehr die Fol⸗ gen ſeines Alters ſpuͤrte, ſeine Kraͤfte ſchwinden und ſein Ende herannahen fuͤhlte.— Noch zwey Kinder waren die Folgen dieſer Verbindung, de⸗ ren Geburt eben ſo kuͤnſtlich verheimlicht ward, und welche beyde ſehr fruͤh ſtarben. Dieſer kleinen Immoralitaͤt ohngeachtet, war der Kardinal allgemein geachtet und geliebt. Er beſaß eine Menge guter Eigenſchaften, welche in die Augen fielen, und ihm aller Herzen erwar⸗ ben. Schon ſein Aeußres harte ſehr viel Anzte⸗ hendes, und trug, ſo wie die Gefaͤlligkeit ſeiner Manieren, und die bis auf das aͤußerſte getriebe⸗ ne Popularität, welche er ſich eigen gemacht hat⸗ te, und die gegen den rauhen Stolz der uͤbrigen Kardinaͤle ſo ſehr zu ſelnem Vortheile abſtach, ſehr viel dazu bey, ihm eine faſt allgemeine Zuneigung zu verſchaffen, welche er durch ſeine Freygebigkeit immer mehr befeſtigte. Die Stimme des Volkes, deſſen Liebling er war, ſchien ihn zum Throne Peters zu rufen, und eben ſo waren wenigſtens drey Vierthelle des heiligen Kollegiums theils duich ſeine Talente und guten Eigenſchaften, theils durch ſeine Freygebigkelt, und die noch grd⸗ 19 ßeren Erwartungen von derſelben beſtochen. Nut einen ganz kleinen Anhang hatte bis jetzt ſein Tod⸗ felnd und eifriger Mitwerber um die dreyfache Kroné, der Kardinal Contamino. Dieſer, glelchfalls aus einer der erſten Fami⸗ lien Roms herſtammend, nicht minder reich und mäͤchtig, als Feroneſe, war eln verjaͤhrter Feind dieſer Familte, die nur zu oft ſchon mit der ſeini⸗ gen in Kolliſion gekommen, und dleſer im Wege geſtanden war, welches er derſelben nie vergeſſen konnte, und ſo mannlgfaltig auch die Verſuche waren, welche der jetzt regierende Pabſt gemacht hatte, dieſen maͤchtigen Praͤlaten mit ſich und ſei⸗ ner Famille zu verſohnen, ſo war doch dies biöher immer mißlungen, alle die Gnaden, womit der Pabſt denſelben uͤberſchuͤttete, konnten hochſtens auf Wochen deſſelben Boshelt ſchwaͤchen, aber er fuhr fort, die Feroneſe's mit dem erbitterſten Haſſe zu behandeln. Schon dey det Wahl des jetzigen Pabſtes war er ein nicht unbedeutender Mitwerber deſſelben geweſen, er konnte es ihm nicht vergeſſen, daß er ihn beſiegt hatte, und war ſo wenig ſelnes Haſſes und der Rache, welche ihn verzehrte, Meiſter geweſen, daß er bey jener Wahl, als er ſich durch denſelben zuruͤckgeſetzt ſah, nicht nur der elnzige aus dem ganzen Kardinals⸗Kolle⸗ gio war, welcher demſelben ſelne Stimme nicht gab ſondern ſogar ſo weit ging, daß er denſelben ſo wie die uͤbrigen Kardinaͤle der Simonie dffent⸗ B 2 —— 20 uch beſchuldigte, dem erwaͤhlten die abſcheulichſten Laſter vorwarf und laut gegen deſſen Wahl prote⸗ ſtirte. Er war ein abſoluter Hyppokrit, der es in der Heucheley zu einer ſeltnen Fertigkeit gebracht hat⸗ te, die Menſchen und Vecrhaͤltniſſe kannte, und beyde mit außerordentlichem Scharfſiun zu be⸗ nutzen verſtand. Mit der äußerſten Leichtigkeit fand er da Schwaͤchen auf, wo er ſie ſuchte, und niemand verſtand es beſſer ſie zu benutzen, als er. Sonſt war er ſeinen Leidenſchaften unterlegen⸗ und die Natur ſchien die Schaͤrfe ſeines Karak⸗ ters und die Gefaͤhrlichkelt deſſelben damit maͤßi⸗ gen zu wollen, daß ſie eine ungeſtüme Hitze in ſeinen Karakter legte, die er nicht verlaugnen konnte, und die ſich gleich in einer fuͤrchterlichen Aufwallung zeigte; aber Erfahrung und reiferes Alter hatten dieſelbe zwar nicht gekuhlt, aber dieſe rau he Seite ſeines Karakters Zeſchliffen, und er hatte es gelernt, die Wut der Leidenſchaft, die ihn durchgluͤhte, in die Larve der Gefaͤlligkeit zu kleiden; langes Studium und Kunſt hatten ihn dem minder hellſehenden liebenswuͤrdig, dem hellerſehenden undurchdringlich gemacht, und es blieb ein Problem, ob er ſich gebeſſert oder ver⸗ ſchlimmert habe, welches zu loſen, auch der ſchaͤrf⸗ ſte Blick nicht vermochte. Er ſelbſt war ſich ein⸗ zig Zweck, und verſchmaͤhte kein Mittel, das ihm einen Erfolg verſprach. Selbſt ohne alle Mo⸗ ral war er der ſtrengſte Sittenrichter anderer, hehece 21 aber er ſchien mehr Nachſicht fuͤr ihre Schwaͤ⸗ che, als Galle uͤber ihre Verbrechen zu haben, und man fand ihn nie liebenswuͤrdiger, als wenn man von ihm eine Zurechtweiſung erhalten hatte. Dieſer gefaͤhrliche Menſch ſties uͤberall mit Feroneſe zuſammen. Reich, verſchmitzt und ehr⸗ ſuͤchtig ſiegte er ſehr oft uͤber denſelben. Arg⸗ los und ohne Falſch, wie er war, goͤnnte die⸗ ſer ihm gern ſeine Siege, Contamino'n aber galt es ſchon fuͤr ein Verbrechen, daß dleſer es wagte, ſich mit ihm in Kolliſion zu ſetzen. Selbſt in der Liebe zu Joſephinen ſtieß er mit demſelben zuſammen, um welche Contamino ſich mit einem Eifer bewarb, der es zweifelhaft machte, ob er mit mehr Eifer um die Krone des heiligen Pe⸗ ters oder um die Liebe dieſes ſchoͤnen Maͤdchens buhle. Und hier war es, wo derſelbe durch einen Auftritt auf das empfindlichſte gekraͤnkt, und auf das aͤußerſte gebracht ward, den wir, weil er den entſchiedenſten Einfluß auf das ganze zu⸗ kuͤnftige Schickſal Joſephinenus und unſeres Hel⸗ den hatte, unſern Leſern ausfuͤhrlich mittheilen wollen. Schon ſeit einiger Zeit hatte Contamlno, wel⸗ cher es zuvor darauf angelegt zu haben ſchien, den Pabſt und noch mehr deſſen Famllie zu beleidigen, und alle Gelegenheit auf ſuchte ſich mit demſelben zu necken, dieſe ſeine angewohnte Methode geaͤn⸗ 22 dert; er ſchloß ſich an den Pabſt und dle Familie Feroneſe an, und ſuchte jetzt eben ſo ſorgfältig Gelegenheit auf, dieſen gefuͤllig zu ſeyn, als er ſie zuvor geſucht hatte, denſelben zu ſchaden und ihnen Verdruß zu machen. Der Pabſt, der ſeine Leute kannte, durchſchaute Contamino'n, und ſah ein, daß dieſes nur Verſtellung war, welche den Zweck hatte, die Feroneſe's irre zu leiten, und die Gegenwirkung dieſer maͤchtigen Familie, wel⸗ che den Planen Contamino's ſo ſehr ſchaͤdlich wer⸗ den konnte, zu brechen. Er behandelte daher den⸗ ſelben nach Erforderniß, das heißt, er ſetzte Liſt der Liſt entgegen, und ließ denſelben keinen Au⸗ genblick aus den Augen, während er ihn mit Gna⸗ de und Freundſchaft überhaͤufte, und die Mine annahm, als ſetze er nicht das mindeſte Miß⸗ trauen in denſelben. Die uͤbrigen waren eben ſo, wle der Pabſt uberzeugt, daß nur das angefuͤhrte Motto die ſcheinbare Veraͤnderung in Contami⸗ no's Handlungsweiſe erzeugt habe, und der Kardi⸗ nal Feroneſe kannte noch elnen Grund, der einen großen Antheil an dieſer Veraͤnderung zu geben ſchien. Es war eine raſende Leidenſchaft, welche Contamino zu Joſephinen gefaßt hatte. Dieſer graue Sunder war in Joſephinen mit elnem Feuer verliebt, welches ſelbſt einen erſt angehenden Juͤng⸗ ling laͤcherlich gemacht haben wuͤrde. All das Feuer ſeiner Jugend ſchien wieder erwacht zu ſeyn, und er, dieſer große Kuͤnſtler in der Verſtellung, war ſo wenig Meiſter uber ſich ſelbſt, daß ſein Benehmen —————— 23 erſten Blickes jedem Beobachter dieſe ſeine Schwä⸗ che zeigte, welche um deſio auffallender ward, da er ſeine übrigen Liebſchaſten ſonſt eben ſo ſorgfal⸗ tig als kuͤnſtlich zu verbergen gewußt hatte, ſo, daß bisher nur wenige gewußt hatten, daß dieſer Mann, das Muſter und der Abgott aller Beaten und Froͤmmler, einer Leidenſchaft unterlaͤge, wel⸗ che das Aerger aller Froͤmmler iſt, und der er im Stillen der tiefſten Verborgenheit wirklich eine Menge Opfer brachte, ſo daß man ſagen konnte, daß er hierinn mehr ausſchweife, als alle andre, welche in dieſem Punkte auch noch ſo ſehr ver⸗ ſchrieen waren. Die Politik gebot dem Kardinal Feroneſe, es mit Contamino nicht nur nicht zu verderben, ſon⸗ derm denſelben vielmehr mit eben der Feinheit zu behandeln, mit welcher derſelbe ſich gegen ihn be⸗ trug; aus dieſem Grunde bat er Joſephinen, welche den entſchledenſten Abſcheu gegen Con⸗ ramino hatte, dieſen mit Gefaͤlligkeit zu behan⸗ deln, und dieſe, welche die Nothwendigkeit hier⸗ von einſah, entſprach dem Wunſche ihres Ge⸗ liebten, wie ſie ohnehin uͤberall zu thun gewohnt war. Dles gefaͤllige Betragen Joſephinens legte Contamino mit der ihm eignen Eigenliebe zu ſel⸗ nem Vortheile aus; er war eitel genug zu gkauben, Joſephine erwledre ſeine Liebe, welche taͤglich mehr anwuchs, und werde ohne Muͤhe ſeine Wuͤnſche begänſtigen. Er ward daher täglich kühner und zu⸗ dringlicher, überhaͤufte dieſelbe mit ſeinen Beſuchen, und ſchien ſich gar nicht mehr von ihr trennen zu wollen. Das feine Betragen Joſepbinens, und die Gefaͤlligkeit, mit der ſie deſſen Zudringlichkeit überſah, ſchienen ihm neue Beweiſe zu ſeyn, daß er der Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche täglich naͤher ruͤcke. Schon hatte er es gewagt, Joſephinen auf eine verdeckte Weiſe ſeine Leidenſchaft zu entdecken, und da die unermuͤdliche Geduld dieſes reizenden Maͤdchens hierdurch nicht erſchoͤpft worden war, ſo fing ſein Betragen nach gerade an, an Verwe⸗ genheit zu graͤnzen. Einſt als er bey Joſephinen allein und nie⸗ mand zugegen war, als der Knabe Jeronimo, der in einer Ecke mit einem Hunde ſpielte, verlor Contamino, well eben Joſephine ihm eine Hoflich⸗ keit geſagt hatte, die ihn ganz in Feuer und Flam⸗ men ſetzte, und aus der er alles hoffen zu durfen ſich berechtigt hielt, das Gleichgewicht ſo ſehr, daß er derſelben ſeine Leidenſchaft und Wuͤnſche ohne Hehl erdfnete, und als Joſephine noch immer die Indignatlon, von der ſie durchdrungen war, zu⸗ ruͤckhielt, und durch beſcheidne Wendungen und Zuruckweiſungen denſelben in die Graͤnzen der Be⸗ ſcheidenheit zuruckzufuͤhren trachtete, vergaß er ſich ſo ganz, daß er Joſephinen in ſeine Arme ſchloß, und ſie mit Kuͤſſen uͤberdeckte.— Das war mehr, als Joſephine ertragen konnte.— Von Abſchen und Ekel zur Wut gebracht, entwand 25 ſie ſich den Armen des bejahrten Fauns und ſtieß denſelben zuruͤck, indem ſie, als derſelbe hierdurch noch mehr gereizt, und dieſe Bemuͤhungen blos fuͤr Pruderie haltend, von ſeinem einmal angefan⸗ genen Werke nicht mehr laſſen wollte, gegen den⸗ ſelben kaͤmpfte. Der ſiebenjaͤhrige Jeronimo, der blsher weder von einem noch dem andern bemerkt worden war, und ruhig fortgeſpielt hatte, ſprang, den Hund, mit welchem er ſich beſchaͤftigt hatte, auf dem Arme haltend, herbey, und hielt, als er ſah, daß der Kardinal Joſephinen kuͤſſen wollte, und dieſe ſich dagegen ſtraͤubte, den Schwanz ſei⸗ nes Spielkameraden dieſem mit dem grobnaiven Ausdrucke dar, daß er hier kuͤſſen ſolle. Dieſe Bemerkung eines ohnehin ihm aͤußerſt verhaßten Geſchoͤpfs, der Reiz beleidigter Liebe, und der Gedanke, laͤcherlich geworden zu ſeyn, brachten den Kardinal auf das aͤußerſte, und er ging mit dem Ausdrucke weg, daß er ſich raͤ⸗ chen und dieſe Beleidigung Joſephinen und dem kleinen Baſtart, wie er Jeronimo'n nannte, nie vergeſſen werde.— Wir werden ſehen, daß derſelbe ſein Wort in ſeiner ganzen Fuͤlle gehal⸗ ten hat. Zwar aͤnderte Contamino nichts in ſeinem Be⸗ tragen gegen den Pabſt und die Feroneſe's, nur Joſephinen ſchien er zu vermeiden; lange aber war gleichwohl uͤberall in ſeinen Zuͤgen und Benehmen auffallend ſichtlich, daß er ſich auf das aͤußerſte 26 beleidiget fuͤhlte. Aber auch dies verlor ſich nach und nach, und die Begebenheit ward vergeſſen. Indeſſen ward der alte Pabſt ſichtbarlich im⸗ mer kraͤnker und elender. Daß er Gift erhalten habe, darinn ſtimmten alle Meynungen der Aerzte uͤberein, wie und wann er daſſelbe erhalten, blieb raͤthſelhaft, und ward erſt lange nachher entdeckt. Es hatte naͤmlich bey einer feyerlichen Gelegenheit der Pabſt ſich dffentlich vor dem Volke das Nacht⸗ mahl reichen laſſen; Contamino'n war die Ehre ertheilt worden, ihm daſſelbe zu reichen, und er hatte die Hoſtie, welche er demſelben reichte, mit aqua toffans backen, und auf dieſe Art vergiften laſſen. Der Giftmiſcher, deſſen ſich Contamino hierzu bedient hatte, bekannte bey ſeinem Tode, von den Biſſen des Gewiſſens gefoltert, dies Bu⸗ venſtuͤck, als Contamino bereits gleichfalls ſeine Laufbahn geſchloſſen hatte. Dies ſchrockliche Gift war damals noch weni⸗ ger bekannt, als dermal, ſo wenig wir auch noch jetzt von demſelben mehr wiſſen, als daß es eriſtirt, da— gewiß kann man bey der tiefen Verworfen⸗ heit der Moralitt ſagen,— gluͤcklicherwet⸗ ſe die Ingredienzen unbekannt ſind, aus denen es bereitet wlrd. Man hat ſich von deſſen Berei⸗ tung bisher eine Menge Maͤhrchen erzaͤhlt, indem man glaubte, es werde aus dem Geifer eines an den Sehnen aufgehangenen, bls zur Wut durch Martern gereizten, Menſchen bereitet, bls durch die Erfahrungen heruͤhmter Scheidekunſtler, und 27 beſonders elnen vor einigen Jahren zu Erfurt an⸗ geſtellten Verſuch gefunden worden, daß die Sub⸗ ſtanzen, aus denen daſſelbe beſteht, nach allen An⸗ zeigen aus dem Mineralreiche hergenommen ſeyn mdogen, und daß Arſenik das wahrſcheinlichſte Hauptingredienz deſſelben ſeyn duͤrfte. Die Er⸗ finderinn Toffana, ein altes Weib in Reapel, welche demſelben ihren Namen gab, machte an einer Menge Menſchen Verſuche mit dieſem Er⸗ zeugniſſe der Holle, das ſie unter dem Namen Lebensbalſam verkaufte. Manche behaupten, daß dies Weib, welches endlich in Neapel den Lohn ſeiner Schaͤndlſchkeit empfing, nicht Selbſterfin⸗ derinn dieſes Giftes ſey, ſondern blos daſſelbe wieder aufgefunden habe, daß berelts die Roͤmer in der Epoche ihrer Verworfenheit die Kenntniß der Bereitung deſſelben beſeſſen, und die in der Geſchichte der Giftmiſchungskunde ſo ſehr berühm⸗ te Lokuſta, welche zu Zeiten Nero's lebte, und deren ſich Agrippina und Nero dfters bedlenten, ein aͤhnliches Gift zu bereiten verſtanden haͤtte. — Uebrigens iſt daſſelbe um ſo gefaͤhrllcher, da es ohne Geruch und Geſchmack, von der Farbe des Waſſers, nicht gleich, ſondern erſt nach einem ge⸗ wiſſen Zwiſchenraume von Zeit, welchen die Gift⸗ kundigen ſelbſt beſtimmen, verlaͤngern und verkuͤr⸗ zen koͤnnen, wirkt, und da die Arzneykunde noch kein Mittel gefunden hat, deſſelben gefaͤhrliche Wirkungen zu hemmen, welche darinn beſtehen, daß der Pazient unter Laͤhmungen nach und nach * 23 verduͤrrt und gleich nach deſſen Tode die Glieder an den Baͤndern und Gelenken abzufallen pflegen. Jetzt wird es in Rom und Neapel faſt dffentlich verkauft, und in kteinen geſchliffenen mit Stroh⸗ matten uͤberlegten Glaͤſern, zu welchen zugleich ein Zeugniß der Aechthelt beygefuͤgt zu werden pflegt, um geringe Preiſe, die oft kaum einen bis anderthalb Louisd'ors auf die Porzion betragen, ſogar in das Ausland verſchickt. Die Aerzte kamen dariun uͤberein, daß der Pabſt dies gefaͤhrliche Gift erhalten habe, und daß ſolches bereits ſeine zerſidrenden Wirkungen bey demſelben zu aͤußern anfinge, aber uͤber die Hellungsart ſelbſt waren dieſelben hoͤchſt verlegen. Fruchtlos erſchoͤpfte ſich ihre Kunſt; zwar erwirk⸗ ten die ſchwelßtreibenden Mittel, welche, nachdem alle ſonſtigen Verſuche mißlungen waren, dem Pa⸗ zienten gereicht wurden,— eine Methode, die bey ei⸗ nem der folgenden Paͤbſte, dem braven Ganga⸗ nelli, gleichfalls wieder unter ähnlichen Umſtaͤnden, aber ebenmaͤßig ohne Erfolg angewendet ward— eine Verlaͤngerung des Lebens aber auch zugleich der Leiden des Vergifteten; Heilung war unmoͤg⸗ 8 lich, der Pabſt ſtarb. Der ganze Kirchenſtaat, und ſelbſt der bey weltem groͤßte Theil des helligen Kollegiums wuͤnſchten, daß der Kardinal Feroneſe der Nach⸗ folger ſeines Onkles werde; nur ein geringer Theil des letztern war von Contamino gewonnen oder 29 erkauft worden. Dieſer, welcher Feroneſe's Ueber⸗ legenheit ſehr bald inne ward, dieſen als den ein⸗ zigen Mitwerber anſah, der gegen ihn Stand hal⸗ ten koͤnne, und deſſen Leidenſchaft gegen dieſen Todfeind hierdurch zur aͤußerſten Erbitterung und Bosheit ſtieg, machte den Verſuch, ſich dieſes Rivalen auf eben die Art zu entledigen, wie er die Erledigung des paͤbſtlichen Stuhls erwirkt hatte; aber dieſer, welcher gewarnt worden, war auf ſeiner Hut, und ließ es Contamino'n durch den bitterſten Spott fuͤhlen, daß er es wiſſe, daß er deſſen Planen ausgewichen ſey, wodurch dann natuͤrlicher Weiſe die Wut dieſes Boſewichts neuen Schwung erhielt. Jetzt galt die Entſcheidung uͤber eine Krone, welche damals noch die ſchoͤnſte in der Welt ge⸗ nannt werden konnte. Contamino war in der In⸗ trigue Feroneſen weit uͤberlegen, und darum gab er der ihm ſo ſehr unguͤnſtig ſcheinenden Umſtaͤn⸗ de ohngeachtet die Hofnung noch lange nicht auf, ſondern arbeitete mit verdoppelter Anſtrengung, ſeinen Plan zu realiſiren. Er verſchwendete Geld, Weiber und Verſprechungen; die Jeſuiten, deren Macht damals grade auf der hoͤchſten Stufe ſtand, und welche Feroneſe einſt unvorſichtiger Weiſe be⸗ leidiget. hatte, unterſtuͤtzten ihn mit ihrer ganzen Macht, und verwendeten ihren ganzen Einfluß, um ihren Feind Feroneſe zu ſtuͤrzen; im Beicht⸗ ſtuhle ward ſeine Liebe zu Joſephinen als das ſchaͤndlichſte aller Skandale dargeſtellt, und ſein 3⁰ 3 — Wandel in das nachthelligſte Licht geſetzt. Man reizte die Kardinäle durch Spott, daß ſie die Pabſtwürde in dem Hauſe Feroneſe erblich ma⸗ chen wollten, oder ſtellte den ſchwaͤchern vor, wel⸗ chen Nachtheil hieraus die Kirche nehmen werde; kurz, die Intrigue war lebhafter, thaͤtiger, wirkſa⸗ mer, als ſie je bey der Wahl des Oberhaupts der Kirche geweſen war, und Contamino's Sache ſtand ſchon merklich beſſer, als die Kardinaͤle ſich, um der Kirche ein Oberhaupt zu waͤhlen, in das Konklabe einſchloſſen. Auch hier noch hatte Contamino's Intrigue neuen und großen Spielraum, und es iſt unmdg⸗ lich, alle die ungeheuren Kabalen zu ſchildern, welche derſelbe hier noch geltend machte. Unter allen war die fruchtbarſte, daß er eine Menge verkleideter Mävchen in daſſelbe zu bringen ge⸗ wußt hatte, welche vorzuglich ihm den Sieg uber ſeine Mitwerber verſchaften,— Kurz, am Tage der Wahl erhielt zum allgemeinen Erſtaunen Con⸗ tamino die meiſten Stlmmen, und ward Pabſt; Feroneſe erſchopfte ſich in ſeuchtloſen Verwun⸗ ſchungen. Von dieſem Angenblicke an war der Stu der Feroneſe's und vorzuglich das Ungläck Joſe⸗ phinens und des armen, jetzt erſt neunjaͤhrigen, in jedem Betrachte unſchuldigen Jeronimo's ent' ſchieden. Der neue Pabſt, der nun, da er zu ſeinem Zwecke gelangt war, keine Urſache mehr F. hatte, ſeine wahren Geſinnungen gegen dieſe von ihm ſo ſehr gehaßte Familie zu bemaͤnteln, aͤußer⸗ te ſeinen Haß glelch nach ſeiner Thronveſteigung mit graͤnzenloſer, unerſaͤttlicher Bosheit auf ei⸗ ne Art, welche auch ſeine eifrigſten Anhaͤnger nicht billigten. Das Andenken des vorigen Pabſts ward auf eine in der Geſchichte der Paͤbſte uner⸗ hoͤrte Art beleidigt und beſchimpft, demſelben die groͤbſten und niedrigſten Verbrechen angedichtet, alle ſeine Anordnungen umgeſtoßen, alle ſeine Handlungen zernichtet, und es ſchlen, als wolle derſelbe deſſen Andenken, nachdem er ſolches zu⸗ vor auf das aͤußerſte entehrt hatte, gaͤnzlich ver⸗ wiſchen. Die Lieblinge des vorigen Pabſts waren der vorzuͤglichſte Gegenſtand der Rache des jetzigen, und unter dleſen beſonders die Familie deſſelben, vor allen andern aber Joſephine und Jeronimo. Als dieſe bald darauf noch ihren einzigen Schutz, den Kardinal verloren, der entweder an ten Fol⸗ gen der erlittenen Kraͤnkung, oder noch wahr⸗ ſcheinlicher an Gift ſtarb, da fiel vollends die gan⸗ ze Rache Contamlino's, der nun gegen die jetzt ganz Huͤlfloſe ohne allen Ruͤckhalt handeln konnte, auf dieſe Ungluͤckliche. Er hatte damit angefangen, daß er noch zu Lebzeiten des Kardinals Jeronimo'n aller der Schenkungen beraubte, welche dieſer von dem vo⸗ rigen Pabſte erhalten hatte, indem er mit Beh⸗ ſtimmung der Kardinaͤle, welche bekanntlich ſich dem Willen des heiligen Vaters jederzeit gefällig 32 erzeigen, unter dem Vorwande, daß ſein Vor⸗ gaͤnger die der Kirche zugehorigen Guͤter zum Nach⸗ theile dieſer nicht verſchenken koͤnnen, dieſelbe zur Kirche zuruͤckzog. Als jetzt der Kardinal ge⸗ ſtorben war, dͤfnete ſich ihm ein neues Feld, Jo⸗ ſephinen und dem armen Jeronimo die Rache fuh⸗ len zu laſſen, welche er denſelben geſchworen hat⸗ te. i allgemeinen Verdruſſe des ganzen Adels und ſelbſt der meiſten Kardinaͤle ließ er offentlich die Geſchichte der Geburt Jeronimo's unterſuchen. — Joſephinens Freundinn, eben jene Antonie, welche, wie wir oben geſehen haben, bey dieſer Geſchichte eine ſo ſehr thaͤtige Rolle geſpielt hat⸗ te, und welche bisher immer fuͤr Jeronimo's Mut⸗ ter gehalten worden, war niedertraͤchtig und un⸗ dankbar genug, fuͤr ein paar Zechinen ihre Freu⸗ dinn und Wohlthaͤterinn, welcher ſie alles ſchul⸗ dig war, zu verrathen, ſie entdeckte die ganze Geſchichte, welche durch die Hebamme, dle Joſephinen bey der Geburt ihres Kindes bey⸗ geſtanden hatte, vollkommen Licht geſetzt ward. Jetzt hatte Contamino Feroni⸗ mo'n, welcher der vorzuͤglichſte Gegenſtand ſeines Haſſes war, alle Guͤter und das ſaͤmmtliche Ver⸗ moͤgen, welches der Kardinal demſelben geſchenkt hatte, und woruͤber Joſephine als Vormuͤnderinn beſtellt war, hinwegzunehmen. Er ging noch wei⸗ ter: mit teufliſcher Freude machte er, des allge⸗ meinen Skandals, welches hieraus entſtand, ohn⸗ geachtet, die ganze Geſchichte mit allen Umſtän⸗ den dffentlich bekannt, und ließ hierauf Joſephi⸗ nen auf Lebenszeit in ein Kloſter ſperren, den zehnjaͤhrigen Jeronimo aber ohne alle Barmherzig⸗ keit und Ruͤckſicht auf die Straße werfen, ohne ſich weiter um denſelben zu bekuͤmmern. Jeronimo hatte bishet unter den Augen ſel⸗ ner Eltern, deren Liebling er war, eine ſehr gute aber eben ſo zaͤrtliche Erziehung erhalten. Rie hatte er Mangel gefuͤhlt, auch nicht einmal das geringſte entbehrt; ein Heer von Bedienten draͤng⸗ te ſich, wenn er einen Wunſch aͤnßerte, dieſen zu erfuͤllen.— Man denke ſich daher die Lage eines zehnjaͤhrigen Knaben, der aus einer ſolchen Fulle, der er ſo gewohnt geworden, daß er glauben mußte, es konne gar nicht anders werden, und den Mangel und Entbehrniß kaum dein Namen nach kannte, plotzlich auf die Gaſſe geworfen ward, ohne irgend etwas weiters, als die Kleider, welche er an dem Leibe trug, ohne Freund und Bekannten, im eigentlichſten Verſtande huͤlflos in ein namenloſes Elend geſtoßen. DDieſe Grauſamkeit gegen ein in jeder Hinſicht ſchuldloſes Geſchoͤpf koͤmmt eigentlich nicht ganz allein auf Rechnung des Pabſtes, deſſen Sunden⸗ regiſter groß genug iſt, und keiner Vergroͤßerung mehr bedarf. Zwar hatte er beſtimmt genug be⸗ fohlen, den Knaben aus dem Pollaſte, welchen Syieß Kriminalge ſch. ⁊ Th. C roneſiſche Familie uͤberhaͤufte.— Jeronimo war raubt worden war. Zugleich kannte er die Geſir mehr empfehlen konnte, als wenn man ihm be 323 der Katdinal Feroneſe fur denſelben gekauft halte, und den er mit Joſephinen bewohnte, herauszu⸗ werfen, daß aber dieſer Befehl mit ſo großer Bar⸗ barey vollfuͤhrt werde, und man das bedaurungs⸗ wuͤrdige Kind in einen Zuſtand verſetze, in wel⸗ chem es nach aller Wahrſcheinlichkeit verhungern muͤßte, das hatte er nicht befohlen, und wir wol⸗ len zur Ehre der Menſchheit glauben, daß er es auch nicht beabſichtet hatte. Dieſe Barbarey hatte des Kardinals eigner Bruder veranſtaltet. Dieſes Ungeheuer an Leib und Seele war der einzige der Feroneſen, welchen Contamino nicht verfolgte, weil er der einzige war, der niedertraͤch⸗ tig genug war, demſelben zu ſchmeicheln. Von Kindheit an hatte er ſeinen Bruder gehaßt, ſich daher unmerklich an Contamino's angeſchloſſen, und war in manche Bubenſtreiche deſſelben verwi⸗ ckelt. Jetzt ſchmeichelte er demſelben mit unbe⸗ ſchrelblicher Niedertraͤchtigkelt, und erwirkte da⸗ durch, daß er von den Verfolgungen ausgenom⸗ men blieb, mit welchen Contamino die ganze Fe⸗ von jeher der Gegenſtand ſeines vorzuglichſten Haſ⸗ ſes geweſen, da er die betraͤchtlichen Schaͤtze des Kardinals, als deſſen einziger rechter Bruder, al⸗ lein geerbt haͤtte, deren er durch Jeronimo b nungen des Pabſtes gegen denſelben und deſſe Mutter, und wußte, daß nichts bey demſel 35 hulflich waͤre, ſeine Rache gegen dleſe Gegenſtaͤn⸗ de ſeines Haſſes in ihrer ganzen Fuͤlle befriedigen zu koͤnnen. Da Joſephine, nicht weniger von ihm gehaßt, als Jeronimo, wegen ihrem Umgange mit dem Kardinal allerdings ſtrafbar war, und Jeronimo nach den Geſetzen von ſeinem natuͤrli⸗ chen Vater nichts erben durfte, und alſo, wenn des Fardinals Schenkungen und Teſtament zer⸗ nichtet wurden, deſſen ganzes betraͤchtliches Ver⸗ moͤgen auf ihn, als des Kardinals geſetzlichen Er⸗ ben, zuruͤckfiel, ſo ward Feroneſe der eifrigſte Un⸗ terſtuͤtzer des Pabſies ih dem Plane, Jeronimo'n und Joſephinen zu verderben, und half ihm ſo treulich bey der Unterſuchung, welche, wie wir geſehen haben, uͤber Jeronimo's Geburt und Jo⸗ ſephinens Verhaͤltniſſe mit dem Kardinal angeſtellt wurden, daß man ſagen kann, die Unterſuchung wuͤrde ohne ihn nicht den fuͤr den Pabſt erwuͤnſch⸗ ten Ausgang genommen haben. Er war es daher auch, der, als er ſich in den Beſitz des Vermoͤgens ſetzte, welches bisher Jeronimo'n gehoͤrt hatte, die barbariſchen Befehle des Pabſtes mit einer Grauſamkeit voll⸗ ſtreckte, deren dieſer kaum ſelbſt fohig geweſen waͤre. Ohne Huͤlfe und Ausſicht blieb der ungluͤckli⸗ che Jeronimo an einer Ecke der Straße liegen, und füͤhlte zum erſtenmale in ſelnem Leben Hun⸗ C 2 36 ger; ein Gefuͤhl, von dem er zuvor nicht elnmal Begriffe gehabt hatte. Dieſer lehrte ihn betteln, und er that dieſes auf eine ſo eindringende Weiſe, daß die Voruͤbergehenden, ſo ſehr wenig ſie auch von dem Schickſale dieſes jetzt allgemein gehaßten Gegenſtandes geruͤhrt waren, ihm doch wenigſtens nicht ungerne gaben. Ein hochſt armer Fiſcher that fuͤr ſeine Verhaͤltniſſe am melſten; er gab dem armen Knaben Nachtherberge, und reinigte ihn; mehr konnte derſelbe ſelbſt nicht thun, und Jeronimo naͤhrte ſich von den Broſamen, die man an den Thuͤren der Kloſter ihm zuwarf, nud den Allmoſen, welche er auf der zuſammen bettelte. Ein Vierteljahr lang ohngefaͤhr hatte dieſe 1 Jamwetperiode gedauert, als ein alter Arzt, wel⸗ chen Jeronimo anbettelte, den kleinen Betteljun⸗ gen intereſſant fand, und denſelben uͤber ſeine Verhaͤltniſſe befragte. Jeronimo beantwortete dieſe Fragen mit ſo viel Geiſt und Richtigkelt, und gefiel dadurch ſo ſehr, daß der Arzt, der ſelb keine Familie hatte, denſelben aufzunehmen be⸗ ſchloß, und ihn mit ſich in ſeine Wohnung nahm, wo er ihn ſogleich tleiden ließ und zu vpſleg verſprach. Fiorottt,— ſo hieß Jeronlmo's nunmehrl ger Verpfleger— war ein bejahrter Mann, un verheurathet, voll Kenntniſſe, aber auch voll Eigenſinn, und Jerontmo, der denſelben als ſe nen Wohlthater überaus lleb gewann, und von ihm ſelbſt dagegen wieder eben ſo ſehr geliebt ward, hatte in jeder Hinſicht einen harten Stand, ſich in deſſen Launen zu fuͤgen. Chemie war ſein Lieb⸗ lingsfach, und bey dem betraͤchtlichen Vermdgen, welches er beſaß, war er im Stande, ſich dieſem Studium ausſchließend zu widmen, indem er die praktiſche Heilkunde als einen Nebenzweig anſah, und ſich nur wenig damit abgab. Jeronimo mußte ihm bey ſeinen chemiſchen Arbeiten Huͤlfe leiſten, und erhielt hierdurch ſehr ſchone Kennt⸗ niſſe in der Chemie, waͤhrend er ſich zugleich in allen uͤbrigen Zweigen der Szlenz unter der An⸗ leitung des Alten, und der beſten Lehrer, welche ihm dieſer hlelt, ohne irgend einen Koſtenaufwand zu ſcheuen, vervollkommnete. Seine natuͤrlichen Anlagen und der Fleiß, welcher ihm eigen war, ließen ihn bewunderungswuͤrdige Fortſchritte ma⸗ chen, und er, deſſen Geiſt Staͤrke genug hatte, die vorige beſſere Lage zu vergeſſen, fuͤhlte ſich un⸗ ter dieſen Verhaͤltniſſen vollkommen gluͤcklich.— Aber eben darum war es vielleicht vom Schickſa⸗ le beſchloſſen, daß dieſes Verhaͤltniß nicht lange beſtehe, da es nun einmal beſtimmt zu ſeyn ſchien, daß Jeronimo nie gluͤcklich werden ſolle. Der wackere Fiorotti Farb, als Jeronlmo noch nicht ſechzehn Jahre alt war. Er hatte be⸗ ſchloſſen, dleſen zum Erben ſeines ganzen Vermd⸗ gens einzuſetzen, wodurch Jeronimo im Stande geweſen waͤre, auf die geraͤuſchloſe und eben dar⸗ ₰ um um deſio gluͤcklichere Art fortzuleben, aufwel⸗ che er bisher bey ſeinem Wohlthaͤter gelebt hatte. Aber der Tod uͤberraſchte dieſen zu ſchnell, als daß er dies Vorhaben auszufuͤhren im Stande ge⸗ weſen waͤre. Vom Schlage geruͤhrt ſank Fiorotti waͤhrend des Eſſens vom Stuhle, und in fuͤnf Minuten war einer der redlichſten Menſchen we⸗ niger unter den Lebendigen. Zum zweytenmale hatte jetzt Jeronimo das Schickſal, um eine ihm beſtimmte Erbſchaft zu kommen, und auf eine eben ſo leidenſchaftliche Art aus dem Hauſe gejagt zu werden, als ihm ſolches zuvor ſchon einmal geſchehen war. Fiorot⸗ tis Erben, aufgebracht uͤber einen Menſchen, auf welchen ihr abgelebter Verwandter nicht nur viel aus ſeinem Vermoͤgen, welches ſie bereits als das ihrige anſahen, verwendet hatte, ſondern der auch noch das Verbrechen auf ſich hatte, daß er deſſen Erbe hatte werden ſollen, hatten nicht ſobald den Tod des alten wohlthaͤtigen Mannes erfahren, als ſie dieſen Gegenſtand ihres Neides ſchon ohne weiters, ſo wie er ging und ſtand, aus dem Hau⸗ ſe jagten. Diesmal fuͤhlte Jeronimo ſein Unglück und den Verluſt, welchen er an ſeinem zweyten Vater erlitten, lebhafter als zuvor, da ſein Verſtand reifer und ſein Herz faͤhiger war, dergleichen Ein⸗ druͤcke aufzunehmen. Er hatte Faſſung und Standhaftigkeit genug, um nicht zu jammern, aber in ſelnem Innern nagte ein tiefer, zehrender Gram. gZerriſſen vom Gefuͤhle ſeines Ungluͤcks warf er ſich auf das friſche Grab ſeines väterlichen Freundes, und vergaß dort, wie von dem Geiſte geſtaͤrkt, deſſen Huͤlle hier abgeſtreift lag, die Welt und ſein Ungluͤck, es war ihm, als ruhte er an der Seite des Geliebten eine Ruhe, die nichts 5 endliches mehr ſidrt. Aber als wenn er noch immer nicht unglück⸗ 3 lich genug waͤre, ſo ſchlen ihm das Schicklal nicht eeinmal dieſe Art von fürchterlicher Ruhe zu gön⸗ en Es war Abend geweſen, als Fiorott's Er⸗ ben den armen Jungen aus dem Hauſe gejagt hat⸗ ten, in welchem er einige Jahre ſo glucklich gelebt hatte, und er hatte ein paar Stunden auf dem Grabe ſeines Wohlthäͤters in dumpfer Verzweif⸗ lung geraſtet, als er, von ſelner Empfindung er⸗ ſchoͤpft, dort einſchlief. Es ward Mitternacht, und das Gaukeln der Phantaſie, welche ſo man⸗ che ungluͤckliche ſchon im Schlafe zu beneidens⸗ werthen Gluͤcklichen taͤuſchend umwandelte, hatte den ungluͤcklichen Schlafenden in beſſere Gefilde ſeines entſchlummerten Wohlthaͤters uͤbergezau⸗ bert⸗ als ihn, gleich als ob ihm jetzt auch nicht eine einzige wohlthaͤtige Empfindung gegonnt waͤ⸗ re, ein nahes Geraͤuſche aus ſeinem glucklichen Schlafe weckte. 6ben ſchlug die Kirchenuhr zwblfe. Langſam ſtieg aus einem nahen Grabe, von welchem der 5 40 Stein, der daſſelbe bedeckte, hinweggehoben war, el⸗ ne Geſtalt, eine brennende Lampe in der Hand hal⸗ tend, und ging langſamen Schritts der Kirchhof⸗ thuͤre zu, deren Fluͤgel dieſelbe auseinander riß. In dem benachbarten Todtenhauſe regte es ſich fuͤrchterlich, wie das Brummen des Donners, der in der Ferne verhallt; einzelne Lichtſtrahlen zeigten ſich aus ſolchen Blitzen gleich durch die Hefnungen, welche die Schichtenweiſe auf einan⸗ der gehaͤuften Todenknochen bildete. Jeronimo, fern von der Furcht der Vorurtheile, harrte ru⸗ hig in der geſpannteſten Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, und ſtarrte erwartungsvoll in die Szene, deren Grauſen durch ein an der 6 Seite gegrabenes offnes Grab, aus welchem eine 1 vermummte Geſtalt, welche noch immer an dem⸗ ſelben arbeitete, den Grund ausſchopfte, und bey welchem ein Licht brannte, noch merklich vermehrt ward. Der Mond draͤngte ſich aus den Wolken, welche blsher ihn halb verborgen gehalten hatten, und vermehrte das Schauern durch die bleiche Helle, welche er verbreitete, und die langen Schatten der Geſtalten, welche Jeronimo ſchwebend um ſich Jetzt traten acht Menſchen zur offnen Kirch⸗ hofthure herein, und ſchleppten in ihrer Mitte ein Frauenzimmer, das an Haͤnden und Fuͤßen ge⸗ bunden, und deſſen Mund geknebelt war, um den Ruf der Huͤlfe und das Jammern der Angſt zu er⸗ ſticken. Zu ihnen traten auf ein gegebnes Zeichen noch ſechs Maͤnner mit Fackeln aus dem Beinhauſe kommend, und bildeten einen feyerlichen Kreis um das Weib, welches drey Schritte von dem ofnen Grabe niederkniete. Ein Moͤnch mit verbundnen Augen herbeygebracht hoͤrte dieſelbe Beicht, und kaum war dieſe geendet, da ſenkten drey der um⸗ ſtehenden ihr ihre Dolche bis an das Heft in die Bruſt, und warfen den halbentſeelten noch zu⸗ ckenden Lelchnam in die bereitſtehende Gruft, welche ein Theil derſelben verſcharrte, waͤhrend die uͤbrigen, nachdem ſie das Kirchhoſthor geſperrt hatten, in das ofne Gewolbe hinabſtiegen. Jeronimo glaubte getraͤumt zu haben, und lange konnte er ſich nicht uͤberzeugen, daß die Schroͤckensſzene, von welcher er jetzt Zeuge gewe⸗ ſen war, Wirklichkeit geweſen ſey. Der hoͤchſte Grad des Entſetzens hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt, denn gleich Anfangs war ihm die Ungluͤckliche, welche bey dieſem tragiſchen Schauſpiele die Haupt⸗ rolle ſpielte, beſonders intereſſant geweſen, und jedes Moment uͤberzeugte ihn mehr, daß er ſich nicht irre; die Ungluckliche, ſchaͤndlich Gemordete war keine andere, als— Antonie. Eben jene Antonie, welche unſre Leſer bereits bey der Geburt Jeronimo's kennen gelernt, welche die Rolle der Mutter deſſelben geſpielt, eine zeit⸗ lang im Publikum dafuͤr anerkannt und von ihm ſelbſt ſo lange dafuͤr gehalten worden, bis Joſe⸗ phine ſelbſt im Drange des Muttergefühls den 3 5 6 3 derſelben von dem Zeitpunkt an, als er aus dem 42 Knaben mit dem Geheimniſſe ſeiner Geburt bekannt gemacht hatte, welche nachher, von Feroneſen und dem Pabſie erkauft, Joſephinen und ihren Sohn verrathen hatte; eben dieſe Antonie war es, welche 3 hier unter den Dolchen der Moͤrder verblutete. Jeronimo liebte ſie nicht mehr; er hatte vielmehr Urſache ſie zu haſſen, da ohne den ſchaͤndlichen Undank und die Verraͤtherey derſelben er noch jetzt in dem Beſitze des Vermoͤgens geweſen waͤre, wel⸗ ches ſein Vater ihm hinterlaſſen hatte; aber ſein gutes Herz ſprach in dieſem Augenblicke zu ſehr fuͤr die Ungluckliche; welche an ſelnem Schickſale e⸗ nen ſo weſentlichen Antheil gehabt hatte, und das Gefuͤhl kleinlicher Rache war ihm zu fremd, als daß er deren Saͤttigung jetzt haͤtte ſchmecken kon⸗ nen. Gleichwohl war dies tragiſche Ende der Un⸗ glucklichen nichts anders, als eine Folge ihrer an Joſephinen und Jeronimo veruͤbten Verraͤtherey, und Jeronimo erfuhr kurz darauf die Geſchichte Pallaſte gejagt worden, welcher ſonſt ihm gehorte, bis zu ihrem tragiſchen Ende, welche wlr hier, um den ſchicklichen Ort nicht zu veſn⸗ un⸗ ſern Leſern mitheilen wollen. Antonſe hatte, wie wir oben gehoͤrt haben, das Geheimnlß, an welchem das Gluͤck Jeroni⸗ mo's und ſeiner Mutter hing, an den Herzog Fero⸗ neſe, Jeronlmos Onkle und den Pabſt verrathen 4. und dadurch beyde dieſe ihr ſo theuren Perſonen in das namenloſe Elend geſtuͤrzt, welches von nun an bis zu derſelben Ende ihr Loos blieb. Joſephine hatte ihr kurz zuvor einer durch ſie ent⸗ ſtandnen Schwaͤtzerey wegen einen Verweis gege⸗ ben, und als dieſelbe mit Unart widerſprach, die Drohung beygefuͤgt, daß ſie ihre Hand von ihr ab⸗ ziehen werde. Dies hatte auf das reizbare zur Rachſucht aͤuſſerſt geneigte Maͤdchen ſo heftig ge⸗ wirkt, daß ſie von nun an den bitterſten Haß ge⸗ gen Joſephinen, die ſo ſehr ihre Wohlthaterinn ge⸗ weſen war, und der ſie alles zu verdanken hatte, und gegen Jeronimo, der nun frehlich kein ande⸗ res Verbrechen hatte, als daß er Joſephinens Lieb⸗ ling war, faßte, und dieſer Haß war die vorzäg⸗ lichſte Urſache der an demſelben begangenen Verraͤ⸗ therey, fuͤr welche ihr der Ducca und Contamino einen Drittel von Jeronimo's Vermoͤgen verſpra⸗ chen. Getrieben durch ſo wichtige Beweggruͤnde war ſie zum Nachtheile Joſephinens und Jeroni⸗ mo's thaͤtiger geweſen, als man gewußt hatte; denn nicht nur, daß ſie an die Feinde derſelben alles verrieth, was dieſe beyde betraf, waͤhrend ſie gegen Joſephinen die Rolle teufliſcher Verſtel⸗ lung ſpielte, hoͤrte ſie nicht auf, dieſe gegen Jo⸗ ſephinen aufzuhetzen, und ſie war eigentlich Schuld, daß Joſephine ins Kloſter geſteckt, und Jeronimo dem Elende preis gegeben ward, da der Pobſt geneigt war, beyden auf ihre Lebenszeit eine obgleich aͤrmliche Penſion auszuwerfen. Als . 44 —— daß Schickſal dieſer beyden Ungluͤcklichen ent⸗ ſchieden war, und Joſephine ins Kloſter abge⸗ fuͤhrt ward, war ſie unmenſchlich genug, dieſer ihrer Wohlthäterinn mit dem bitterſten Spotte zu begegnen, welches dieſe mehr kraͤnkte, als ihr ubri⸗ gens hartes Schickſal ſelbſt, und niedrig genug, ſelbſt mit Hand anzulegen, als Jeromino aus dem Hauſe geworfen ward. Als Feroneſe in dem Beſitze von Jeronimo's Vermdͤgen war, dachte er an nichts weniger, als Antonien ſein Wort zu halten, und ein paar hun⸗ dert Goldſtuͤcke waren alles, was ſie von demſel⸗ ben erhielt, indem er ſie unter allerley Vorwand aufhielt. Es gelang ihm ſogar, dieſelbe dahin zu bringen, daß ſie ſich ihm ganz ergab, und ſeine Maltreße ward. Antonie war eln relzendes Geſchöpf, ganz zur Wolluſt gemacht; eine von den ſtark gebauten, feſten Bacchantinnen, welche den Becher der Wol⸗ luſt bis auf die letzte Hefe auszuſchlurfen pflegen und dann mit erneuerter und verſtaͤrkter Gierde das Spiel der Sinnlichkeit von vorne an beginnen. Der Dueca liebte ſie bis zur Raſerey, und ſie ver⸗ leitete ihn zu einem ungeheuren Aufwand, der mit ſeinem ſonſtigen Geize in einem großen Mißver⸗ haͤltniſſe ſtand.— Auch der Pabſt gehorte mter Antoniens Anbeter, und da Feroneſe denſelben uberall nothig hatte, und beyde durch das Band des wechſelſeitigen Jutreſſes ſich gegen einander 45 in elner Art von freundſchaftlicher Verbindung be⸗ fanden, wie ſolche unter allen Boſewichtern und unmoraliſchen Menſchen beſteht, ſo theilten ſich beyde mit dem vollkommenſten Einklange in ihren Beſitz, indem ſie ihre wechſelſeitige Eiferſucht wenigſtens kuͤnſtlich genng verbargen, und An⸗ tonie, in deren Schooß ſo viele Schaͤtze zuſam⸗ menfloſſen, ſpielte eine Rolle von ſeltner Große und Glanz. Natuͤrlich war ein alter kraftloſer Praͤlat und ein eben ſo ſehr an allen Kraͤften erſchoͤpfter miß⸗ geſtalteter Ducca nicht im Stande, das phyſiſche Beduͤrfniß einer Bacchantinn zu befriedigen, wel⸗ che ſo viel bedurfte, und es hatten Seine Heilig⸗ keit und der Herzog eine zahlloſe Menge Schwäger. Antonie wußte ihre Liebſchaften mit der größten Schlauigkeit zu verheimlichen, und durch mehrere Jahre glaubten beyde, auf ihre Treue Felſen bauen zu konnen, waͤhrend ſie ſelbſt ſchlau und kokett ge⸗ nug war, alle mogliche Reize und Abwechslung in ihren Genuß zu bringen, auf dieſe Art ihren beyden Liebhabern ſtets neu zu bleiben, und bey⸗ de ſich zu erhalten. Aber ſo wie bey dem ſteten Krelslaufe der Dinge es ein ewiges Geſetz iſt, daß alles ſich endet, und nichts weniger Beſtand haͤlt, als die Liebſchaft mit einer Vuhlerinn, in deren Genuß man ſich immer fruͤher oder ſpaͤter uͤberſäͤttiget, und deren man immer fruͤher oder ſpaͤter uͤberdruͤſſig wird, ſo erfuhr auch An⸗ tonie dies Schickſal, welchem noch keine Buhle⸗ 4 rinn entgangen iſt, kelne je entgehen wird; ihre Liebhaber fingen an, kälter gegen ſie zu werden. Vergebens bot ſie alle ihre Reize, alle Kuͤnſte der feinſten Koketterie auf, in denen ſie ſo ſehr Meiſterinn war: der Erfolg war hoͤchſtens ein vor⸗ uͤbergehender Triumph, nie von Dauer. Dies verſetzte ein ſo reizbares Geſchoͤpf, als Antonie war, in eine Art von Spannung mit ihren beyden Anbetern, welche immer anwuchs und bald uͤber⸗ all ſichtbar ward. Hierzu kam, daß nachgerade Antonie weniger vorſichtig in den kleinen Galan⸗ terien war, welche ſie als die eigentliche Wuͤrze ihres Lebens nebenher trieb, und daß beyde bereits ſehr unzweydeutige Spuren von denſelben erhalten hatten, welches auf dieſe eiferſuͤchtige Menſchen im hoͤchſten Grade wirkte. Einſt trafen beyde zugleich ſie in einer gewiſſen Lage mit einem jungen Menſchen an, welche ih⸗ nen gar keinen Zweifel mehr uͤbrig ließ, daß ſie betrogen waren. Es kam hieruͤber zu einer hochſt hitzigen Unterredung, in welcher Antonie, durch dies Benehmen Feroneſes und des Pabſts aufs hoͤch⸗ ſte gereizt, Bitterkeit mit Bitterkeit vergalt, Fe⸗ roneſen an die Erfullung ſeines Verſprechens, ihr einen Drittel von Jeronimo's Vermoͤgen auszulie⸗ fern, und den Pabſt an andre ihr gethanene Zu⸗ ſagen erinnerte, beyde mit Vorwuͤrfen uberhaͤufte, und mit der Drohung ſchloß, ihr ganzes bisheriges Verhaͤltniß allgemein bekannt zu machen.— Dar⸗ auf durften es natuͤrlſcherweiſe weder Contamino 65 65 47 noch der Ducca ankommen laſſen, und beyde lie⸗ ßen ſich daher alle Bedingungen ſogleich gefallen, welche Antonie ihnen zu ſetzen fuͤr gut fand, aber von dieſem Augenblicke an war der Tod dieſer Unvorſichtigen beſchloſſen. Schnaubend vor Rache entfernten ſich der Pabſt und Feroneſe, und bruͤteten den Entwurf ins reine, ſich an dem Weibe zu raͤchen, das ſo ſehr ſie mißhandelt hatte, und das ihnen beyden ſo gefaͤhrlich war. Sie waren bald uber die zu neh⸗ menden Mausregeln einig. In Roms Schlupfwinkeln haußte damals ei⸗ ne Bande von Moͤrdern und Raͤubern, deren Kuͤhnheit der Polizey Trotz bot. Vergebens ſtreng⸗ te dieſe ihre Wachſamkelt und alle ihre Kraft an, um den Staat von dieſer Peſt zu befreyen, welche taglich mehr um ſich griff. Keiner der eingefang⸗ nen konnte beſtimmnte Auskunft uͤber die Verhaͤlt⸗ niſſe und Ausbreitung der Bande geben, welche ſich ſogar in dem Maaſe zu vermehren ſchien, als ihr einzle Glieder entzogen wurden. Immer trieb ſie ihr Weſen fort, ohne daß man ihr bisher nä⸗ her auf die Spur hätte kommen konnen; ſie war in eigentlichſten Sinne überall und nirgends. Taͤglich horte man von Elnbruͤchen und Gewalt⸗ chaͤtigkeiten, jeden Morgen fand man eine Men⸗ ge Gemordeter auf den Straßen der Hauptſtadt, noch mehrere wurden vermißt, welche vermuthlich gleiches Schickſal gehabt hatten, welches Anto⸗ 48 nien, wie wir geſehen haben, zu Thell geworden war. Die meiſten der Großen Roms ſtanden mit der Bande im Bunde, und zahlten ihr regelmaͤßig eine Art von jährlichen Tribut, um ſich gegen ſie Sicherheit zu verſchaffen, welche der Staat ihnen nicht geben konnte, und welche bey der vollen Willkuͤhr, welche jedes Mitglied der Bande uͤbte, und der großen Unordnung, die bey dieſem Spitz⸗ bubenkorps herrſchte, bey welchem jeder that, was er wollte, ſelten groß und zuverlaͤſſig war, und zugleich um ſich ihrer gegen ihre Feinde auf eine andere Art zu bedienen, welche den Italiaͤ⸗ nern nur zu gelaͤufig iſt, die nie nach dem Stocke, ſondern immer nach dem Dolche der Banditen greifen, und nie eine Beleldigung vergeben. Ue⸗ prigens war dies Geſindel ſo beyſpiellos kuͤhn, daß auch in dem Innerſten ſeines Hauſes niemand vor demſelben ſicher blieb. Mit dieſer Horde ſtanden Contamino und Feroneſe vorlaͤngſt im Bunde, und mancher Mord, durch dieſelbe ausgefuͤhrt, ſtand bereits im Buche der Vergeltung verzeichnet, welches der große Weltrichter fuͤhrt. Auf den Ruf des Pabſtes er⸗ ſchlen ihr Anfuͤhrer Finetta, und uͤbernahm es, Antonlen auf jene Art aus der Welt zu ſchaffen, deren Ausfuͤhrung wir geſehen haben, und wozu er die Ungluͤckliche aus ihrem an den Pallaſt Fe⸗ roneſe anſtoßenden und mit dieſem durch eine ein⸗ gebrochene Thuͤre in Verblndung geſetzten Hauſe — ——̃,,—— —————— 4 mit ſo wenig Umſtaͤnden gradezu abholte, als ob er hierzu das Recht habe. Dies war das Ende einer Buhlerinn von ſelt⸗ nem Glanze, und es ſchien, als wollte das Schick⸗ ſal Jeronimo'n zum Zeugen der Genugthuung machen, welche es ihm an einem Weibe verſchaffte, das eine der vorzuͤglichſten Urſachen ſeines Un⸗ gluͤcks war, indem es ihn an den Ort fuͤhrte, wo daſſelbe ſein ſchaͤndliches Leben endete Wir kehren jetzt zu ihm und ſeiner Geſchichte zuruck. In Jeronimo wogte ein ganzes Meer von Empfindungen, als er die Greuelſzene ſah, welche wir oben unſern Leſern erzaͤhlt haben; er uͤberließ ſich ihnen mit einer Art von Betaͤubung und blieb ſtill und bewegungslos auf dem Grabe ſeines Wohlthaͤters liegen. Demohngeachtet entdeckte ihn einer der an Antoniens Grabe arbeitenden Banditen, und mit Blitzesſchnelle war er auf ein gegebenes Zeichen von denſelben umrungen, ge⸗ feſſelt, und mit verbundnen Augen in ein erleuch⸗ tetes Gewolbe gebracht, in deren Mitte Finetta in einem Armſtuhle ſaß, wie von der Laſt der Be⸗ rufsarbeit ausruhend. Jerontmo's Seele kannte keine Furcht. Es konnte lhm in den Haͤnden, unter welchen erſich befand, nichts ſchlimmers begegnen, als der Tod, und dieſer war ihm jetzt eine Art von Wohlthat, Sieß. Sriminalgeſch a Lh. D 50 die er mit Ergobenheit erwartete, mit Andacht wuͤnſchte. Er befand ſich in dem Zuſtande, in welchem es eine Art von ſchrocklicher Beruhigung iſt, daß man nicht ungluͤcklicher werden konne. Furchtlos und ohne Zagen erzaͤhlte er dem Ban⸗ ditenkoönige ſeine Geſchichte, um welche dieſer ihn befragte, ohne Zuſatz und Veraͤnderung mit jener Kaͤlte, welche allen den Ungluͤcklichen eigen iſt, die ſich uͤberzeugt finden, daß ſie nicht noch un⸗ glucklicher werden konnen, und endete damit, daß er nicht ſaͤumen moͤge, den Tod, der, da er zu⸗ faͤlliger Weiſe Zeuge der Geheimniße der Geſell⸗ ſchaft geworden ſey, fuͤr ihn doch unvermeidlich ſchiene, und der jetzt wirklich Wohlthat ihm wä⸗ re, an ihm vollſtrecken zu laſſen. 3 Wahrhelt und Groͤße haben eine Gewalt, wel⸗ che auch auf die verworfenſten und niedrigſten Men⸗ ſchen unwiderſtehlich wirkt. Finetta war weiter nichts, als ein gemeiner Moͤrder, der kein Ta⸗ lent hatte, als eine große Doſis Liſt und eben ſo viel Tapferkeit, aber die Furchtloſigkeit des jun⸗ gen Menſchen in einer ſolchen Lage, der eindrin⸗ gende Ton, in welchem er ſprach, ſeine ſeltnen Schickſale und gluͤckliche Bildung wirkten ſo ſehr zu deſſen Vortheile bey ihm, daß er, wie er in der Folge mehrmal erklaͤrt hat, es unmöglich fand, den Befehl zu ſelnem Morde zu geben, der doch, nach dem, was Jeronimo geſehen hatte, fur die eigne Sicherheit der Bande von aͤußerſter Wichtigkeit war. Nach einer in einer ihm gaͤnz⸗ 5 1 — lich unbekanuten Sprache aber nicht ohne viele Hitze unter den Mitgliedern der Bande gefuͤhrten Unterredung that derſelbe daher Jeronimo'n den Porſchlag, ein Mitglied ihrer Geſellſchaft zu wer⸗ den, indem er ihm zugleich ſagte, daß dies das einzige Mittel ſey, ſich von dem Tode zu retten, welchen die Sicherhelt der Geſellſchaft unvermeld⸗ lich mache. Dieſer Vorſchlag wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf den Ungluͤcklichen, fuͤr den in der gan⸗ zen Welt keine Huͤlfe mehr uͤbrig zu ſeyn ſchien. In dieſem Augenblicke rechnete er mit der ganzen Natur ab, in der er ohnehin allein und iſolirt ſtand, es ward ihm zur Wolluſt, mir der ganzen Menſchheit Fehde zu beginnen, welche ihn aus⸗ geſtoßen zu haben ſchlen, Rache und Zernichtung ich zum Gewerbe zu maͤchen, einzugreifen mit verbrecheriſcher Hand in das Rad der Schö⸗ pfung. Da ſchled ſein guter Engel von dem jetzt noch ſchuldloſen Edlen, er ſchlug ein in die Hand des Verbrechens und ward— Mörder und Räuber. Ein lauter Jubel uͤber die gluͤckliche Akqulſi⸗ tien durchhallte von der freudigen Menge ſeiner nunmehrigen Bruder das Gewolbe, als Jeronimo den ſchrocktiche Bluteyd der Verbrüderung ausge⸗ ſchworen hatte, und nun unter plelen Zeremonien als Mitglied der Bande eingefuͤhrt ward. Man 5 2 machte ihn mit den wenigen immer ſchlecht gehal⸗ tenen Regeln der Geſellſchaft, ihren Zeichen und ihrer Sprache bekannt, und Jeronimo erſtaunte uͤber den großen Umfang ihrer Geſchaͤfte, ihres Einfluſſes, und ihre Kuͤhnheit, noch mehr aber uͤber die ungeheure Summe von Verbrechen, wel⸗ che ſie uͤbten, ſo wie uͤber die Art von Phlloſo⸗ phie, mit welcher ſie jenen, welche noch philo⸗ ſophiren mochten, ihren Wandel beſchonigten. Die Bande zaͤhlte damals berelts uͤber vier hundert wirkliche Glieder, ohne eine dieſe Anzahl noch welt uberſteigende Menge ſolcher Menſchen, welche mit ihr ſich in Verbindung befanden, und von denen ſie in allen Faͤllen Gebrauch machen konnten, wo ſie derſelben bedurften. Die Glieder der Bande ſtanden zwar in einer Art von Verbindung, die aber außer wechſelſeitiger Huͤlfe zur Forderung des gemeinſchaftlichen Intereſſes keinen Grundſatz hatte; die Geſetze, welche der Bande gegeben wa⸗ ren, wurden nicht beobachtet, und waren ſelbſt den meiſten Gliedern derſelben unbekannt; jeder handelte nach eignem Gutduͤnken; an Subordina⸗ zion, welche ſonſt bey Verbindungen dieſer Art aͤußerſt ſtreng zu ſeyn pflegt, war nicht zu denken, 4 ünd Finetta war blos dem Namen nach Oberer. Daß auf dieſe Weiſe die ungeheuerſten Unordnun⸗ gen vorfielen, wovon der groͤßte Thell haͤtte verhu tet werden koͤnnen, wenn Finetta es verſtanden hätte, in dieſen Auswurf der Menſchheit wenig⸗ ſtens eine Art von Subordinazion zu bringen, 53 wird jeder elnſehen. Es war elne Horde von Hyaͤnen, dem Thierpack und der Aufſicht ihrer Waͤrter entſprungen, und auf die arme Menſch⸗ heit losgehetzt; eine Rotte wilder Menſchen mit Teufelslarven, den Ausdruck der Verwor⸗ fenheit im Geſichte tragend, denen jedes Bu⸗ benſtuͤck willkommen war. Jene derſelben, die ſich ſelbſt fuͤr den beſſeren Thell hielten, und ſich wirklich durch beſſere Ausbildung und ein feineres Benehmen auszeichneten, machten keine Profeſſton vom Raub, den ſie als ein veraͤchtliches Gewerbe ihren niederen Bruͤdern uͤberließen, und grade dieſe hatten das ergiebig⸗ ſte Gewerbe. Sie trieben blos den Mord, Vertllgung war kin eigentlichſten Wortſinne ihr Gewerbe. Sie makelten mit Gift und Dolch, und hatten unzaͤhlige Abnehmer ihrer Waare. Die meiſten Vornehmen Roms zahlten an einzle derſelben einen betraͤchtlichen Sold, und erhielten ſie in ihrem Dlenſte in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit. Welber waren ihre beſten Kunden. Fuͤr einen un⸗ glaublich gerlngen Preis konnte man durch ſie den redlichſten, beſten Menſchen abſchlachten, denn Menſchen hatten fuͤr ſie keinen Werth. Sie mordeten aus Langerweile und Neigung und ergötzten ſich an dem Gewinſel der Sterbenden, und den Zuckungen ihres Todtenkampfs. Dle Po⸗ lizey in Rom blieb unkraͤftig gegen ein Inſtitut, das die Protektlon aller Vornehmen hatte, und wenn je ſie es einmal wagte, thaͤtig zu werden, Z4. dann war Spott und Verluſt die Folge ihrer Be⸗ muͤhungen. Der Reſt waren Gauner von der gewoͤhnlichen Art und Verworfenheit. Jeronimo hatte viele und vortrefliche Talen⸗ te, eben ſo viele Kenntniſſe und ungeheuren Muth, der durch die Verachtung des Lebens, das ihm in den Verhaͤltniſſen, in denen er ſich befand, fuͤr nichts galt, noch zu Extremen geſtaͤhlt ward. Er war ein vollkommen ſchoͤner Juͤngling mit einer gewiſſen majeſtaͤtiſchen Grazie im Bau und An⸗ ſiand, welche ihm erſten Blickes das Uebergewicht uͤber alle, mit welchen er zuſammen traf, ver⸗ ſchaffte, ein Zug von melancholiſcher Schwaͤrme⸗ rey, die Folge ſeines Ungluͤcks, lag uͤber ſeinem Geſichte verbreitet, und machte ihn noch intereſ⸗ ſanter. Seine Schlauhelt war eben ſo augenfaͤl⸗ lig, als die Gegenwart des Geiſtes und die hervi⸗ ſche Tapferkelt, welche er uͤberall zeigte; lauter Talente, welche ihm den unbedingten und vollen Beyfall der Menſchenklaſſe verſchafften, unter welcher er jetzt lebte und wirkte. Es fehlte ihm nicht an Gelegenheit, von denſelben Proben abzu⸗ legen, wovon ſeine Kameraden Zeugen waren, und die ſie zur Bewunderung zwangen, und bald war er der Abgott der Bande. Nie erniedrigte er ſich ſelbſt zu einem Morde, und es ſiel das Bewußtſeyn von Kains Schuld ſchwerer auf ihn, als auf den erſten Morder, 4 wenn er einen zu leiten und anzuordnen gezwun⸗ gen war. Da wo es Vertheidigung gegen Ueber⸗ legenheit oder kuͤhne Angriffe galt, war das Feld ſeiner Wirkung; wo die Zuͤchtigung vornehmer Boſewichter Tagwerk war, nahm er ſeine Rolle t Freude. Er hielt es fuͤr Ruf des Schickſals, 4 die Rolle des Raͤchers zu uͤbernehmen, wo dle Gerechtigkeit zu ſchwach oder zu felg war, dieſe Rolle ſelbſt zu ſpielen; die Summe der Verbre⸗ chen zu vermindern, welche durch die Rotte, de⸗ ren Glieder geworden, taͤglich verubt werden, hielt er fuͤr hohen freudigen Beruf. Bald war er der Llebling der Bande, ſo we⸗ nig auch ſeine Grundſaͤtze und Handlungen mit jenen ſelner Kameraden uͤbereinſtimmten. Vielen derſelben hatte er das Leben gerettet, oder ſonſt wichtige Dienſte geleiſtet, manchen ſeinen An⸗ theil an der Beute großmuͤthig uͤberlaſſen; unter der großen Menge ihrer wirklichen Mitglieder wa⸗ ren nur wenige, welche nicht auf eine oder die an⸗ dere Weiſe ihm verbunden waren, wenige, welche ncht berelt waren, ihr Leben daran zu ſetzen, wo es Jeronimo'n galt, wenige nur, die ihn be⸗ neideten, keine, die ihn haßten. So ſtark iſt der Abglanz der Groͤße, daß ſie ſelbſt bey ſolchen Menſchen ſich Achtung und Liebe zu erzwingen 5. 5 Finetta's Bande war nicht die einzige ihrer 4 An. Außer ihr trieben noch deren mehr als fuͤnfzig ihr Weſen in Italien, und ſelbſ in Rom gab es 56 deren noch zwey, welche unter andern Anfuͤhrern und nach eignen Grundſaͤtzen wirthſchafteten. Sie hatten unter ſich nicht den mindeſten Zuſammen⸗ hang, jede handelte fur ſich, ſo wle es ihr belieb⸗ te, ihre Handlungen mochten mit jenen einer an⸗ dern Bande in Kolliſion kommen oder nicht. Keine hielt ſich an eine beſtimmte Spaͤhre, ſondern, da kein Kontrakt unter ihnen exiſtirte, und Menſchen dieſer Art uͤberhaupt keinen Kontrakt gelten laſſen, ſo griff jede in die Zweige der andern ein, ſo wie es ihr Vorthell mit ſich brachte, oder ſie es fuͤr gut fand, und der Auftrag an Finetta's Bande gegeben, jemand in Neapel zu morden, oder der Anſchlag, dort einen reichen Raͤuberfang zu thun, ward mit eben der Genauigkeit ausgefuͤhrt, als waͤre er Ceccarelli, dem kuͤhnen Anfuͤhrer der dor⸗ tigen Bande, welche die ſtaͤrkſte und maͤchtigſte in IFtalten war, ſelbſt gegeben worden. Hierdurch entſtanden unter dieſen Banden ſelbſt eine Menge Konflickte, Eiferſucht und Handwerksneid wirkten mit ihrer ganzen Schaͤrfe, jede uber die Art von Spaͤhre, in der ſie wirkte, oder das Territorium, uber welches ſie ſich eine Art von Herrſchaft ange⸗ maßt hatte, und ſuchte zugleich in jenes einzugrei⸗ fen, welches die andre fuͤr ſich erwaͤhlt hatte, und den Einfluß und die Wirkung derſelben zu ſchwaͤchen, oder ſich ſelbſt auf Unkoſten der andern zu erheben. Sie trieben es ſo weit, daß ſie die Rache ihrer Elferſucht bisweilen ſogar auf jene aus⸗ dehnten, welche mit einer andern Bande in Ver⸗ 37 bindung ſtanden oder dieſer Auftraͤge gegeben hat⸗ ten, und oft ward ein Boſewicht blos darum ge⸗ mordet, weil er einer Bande einen Auftrag gege⸗ ben hatte, zu welchem eine andre Bande ſich be⸗ rechtigt gehalten hatte. Sie ſelbſt haßien ſich wechſelſeitig mit dem gluͤhendſten Haſſe, und die Polizey haͤtte hieraus den entſchiedendſten Vor⸗ theil ziehen konnen, wenn ſie nicht zu ſchwach und indolent geweſen waͤre, oder es nicht der Vortheil ſo mancher Großen ſelbſt erfordert haͤtte, daß dieſe Rotten in ihrem Weſen blleben. Richt ſelten entſtanden aus dieſen Konflick⸗ ten die blutigſten Kaͤmpfe unter den verſchied⸗ nen Banden; ſie ruͤckten dann foͤrmlich, gleich ge⸗ ordneten Herren, auf einander los, mordeten ſich ſelbſt ohne Schonung, und fuͤhrten einen Vertil⸗ gungskrieg, der, indem er faſt immer die Haͤlfte derſelben wegraffte, die Menſchheit doch wenlg⸗ ſtens erleichterte, und die Epoche entfernte, die bey dem Mangel und der Unwirkſamkeit der Poli⸗ zey oft ſo nahe war, die Epoche naͤmlich, daß ein Krieg aller gegen alle entſtand, wie Hobbes ihn zum Grundgeſetze der Narur macht. Eiin ſolcher blutiger Kampf, der blutigſte, 6. deſſen ſich auch die aͤlteſten Glleder dieſer ſaubern Geſellſchaften erinnerten, war jetzt ausgebrochen. Finetta's Bande, jetzt die zahlreichſte und maͤch⸗ tgſte in Rom und der Gegend, dehnte ihren Wir⸗ kungskreis immer weiter und ungeſcheuter aus, 3 der Finettiſten auf das hochſte geſtiegen war, ver⸗ pie Vanden benachbarter Gegenden hatten faſt gar nichts mehr zu thun uͤbrig, und manche waren ſchon ſo weit herunter gekommen, daß ſie ſich ge⸗ zwungen ſahen, die Haͤuſer armer Bauern zu pluͤn⸗ dern, deren Ausbeute, weder der Muͤhe und Ge⸗ fahr, noch ihren Erwartungen entſprechen konnte, und darbten gleichwohl ein kuͤmmerliches Leben, 1 waͤhrend die Glieder von Finetta's Bande, oder ß wie ſie ſich nannten und auch von den uͤbrigen genannt wurden, die Finettiſten, im größten Glanze prunkten, und ohnausgeſetzt in Wolluſt ſchwelgten. Hierzu kam, daß dieſe im Gefühle ihres Uebergewichts einen beleidigenden Stols an⸗ nahmen, uͤber ihre aͤrmern Konſorten von andern Verbindungen bey allen Gelegenheiten beißend ſpot⸗ teten, und dleſen ihren Stolz uͤberall auf eine eben ſo entehrende als beißende Art fuhlen ließen. Es ₰ war daher ſchon dfters zu Prlvatzwiſtigkeiten unter einzeinen Gliedern der verſchlednen Banden ſgekom⸗ men, aber bey der furchtbaren Ueberlegenheit der Finettiſten hatte noch niemand es gewagt, wirkl che großere Feindſeligkeiten gegen ſie zu beginnen, welches dann zur Folge hatte, daß der Stolz und die Anmaaſungen derſelben immer hoher ſtiegen, und in eben dem Maaſe Haß und Wut der an⸗ dern gegen dieſelben anwuchſen. Jetzt, als der Uebermuth und die Inſolenz einigten ſich mehrere Banden gegen ſie, und es ſchien ein ernſtlicher Kampf werden zu wollen. . 59 WVergebens rieth Jeronimo, der die Folgen genau überſah, welche hieraus entſtehen mußten, und einſah, daß Finetta's Bande allen uͤbrigen, wenn ſie einzeln es wagen wollten, ſich mit ihr zu meſ⸗ ſen, uͤberlegen ſey, daß ſie aber unmoglich gegen ſie beſtehen konnte, wenn gemeinſchaftliches Intreſſe und Haß dieſe gegen ſie vereinigte, den Saamen der Zwletracht unter dieſelbe zu werfen, ihre Ver⸗ bindung aufzuloͤſen und ſo ſich ſelbſt das Ueber⸗ gewicht zu erhalten; der Uebermuth ſeiner Kame⸗ raden war zu groß, und man vernachlaſſigte ſei⸗ nen Rath, ſo groß auch ſein Anſehen und Einfluß waren, Was Jeronimo vorhergeſehen hatte, erfolgte 3 die Feinde der Flnettiſten, allerſeits von gleichem Haſſe und dem Durfte der Rache beſeelt, mißhan⸗ delten jetzt die Finettiſten ſelbſt, ſo wie ſie bisher von denſelben mißhandelt worden waren. Von Streitigkeiten einzelner Glieder kam es zu elnzelnen WMorden, und bald zu kleinen Streifereyen, inde⸗ nen lange die Finettiſten die Oberhand erhielten, welches dann natuͤrlicherweiſe abermal derſelben 6 Uebermuth und Sorgloſigkelt, ſo wie die Verach⸗ tung, welche ſie gegen ihre Feinde hegten, betraͤcht⸗ ich vermehrte. Endlich erfolgte von dieſen an die 3 Finettiſten eine foͤrmliche Herausfoderung zum 2 allgemeinen Kampfe auf ein benachbarſes Blachfeld. Auch jetzt ſtellte Jeronlmo der deshalb berſom⸗ 1 Bande vor, ſi e unnöglch ſo geg ten, die Sache ruhig abwarten konnten.— Der olgen zuvorzukommen, indem er zur Liſt, und die Feinde in einen Hinterhalt zu locken rieth; auch ihre verbundenen Feinde im ofnen Felde auszuhal⸗ ten, da dieſe ihnen an der Zahl faſt dreymal uber⸗ 5 legen ſeyen; daß dieFinettiſten dagegen bey einzelnen Streifereyen alles vor ſich haͤtten, weil ſie des Terrains und der Verhaͤltniſſe beſſer kundig, und liſtiger und kluͤger waͤren, als ihre Gegner, wes⸗ halb er dann rieth, den angebotnen Kampf im of⸗ nen Felde abzulehnen, und ſich auf einzelne Streif⸗ 3 zuge zu beſchranken, hierdurch den Feinden Abe bruch zu thun und immittelſt zu ſuchen, dieſelben unter ſich zu entzweyen und wohl gar einen Thell derſelben an ſich zu ziehen, welches ihnen um ſo 3 leichter gelingen muͤßte, als uͤber dieſer Fehde al⸗ les Brodgewerbe der ſaubern Geſellſchaften ſtllle ſtand, und ſie ſich blos mit ſich ſelbſt beſchaͤftigten, welches die Gegner der Finettiſten unmoͤglich lan⸗ ge aushalten konuten, waͤhrend dieſe bey den be⸗ rrächtlichen Schätzen, welche ſie aufgehaͤuft hat⸗ Uebermuth der Finettiſten war zu groß, als da ſie einen Rath hätten annehmen ſollen, der, ſo ein⸗ dringend und klug er auch war, der allgemeinen Stimmung derſelben ſo wenig entſprach⸗— Ue⸗ bereinſtimmend ward daher derſelbe verworfen, und die Herausfoderung mit dem ſtolzeſten Tone ange⸗ nommen— Vergebens ſuchte auch jetzt noch Jero⸗ uimo den faſt mit Gewißheit zu erwartenden uͤblen ieſer Anſchlag wurde als feig verworfen und be⸗ liebt, ſich mit denſelben im ofnen Felde ohne alles 1 ManduLriren zu raufen. So ruckten dann die beyden Partheyen an einem hlerzu beſtimmten Tage auf eine 4 Stadlen von Rom entfernte Ebue; die Finettiſten in einer glaͤn⸗ zenden Uniform, gleich als ob ſie zu einer feyerli⸗ chen Parade zdgen; ihre Gegner in den Lumpen des Geſindels, blos an einem blau und gelben Armbande ſich ſelbſt kenntlich. Jeronimo hatte ſich, um den Vorwurf der Feigheit, welcher ihm gemacht worden, den er, nach allem dem, was er bereits gethan hatte, ſo wenig verdiente, und der ihn daher doppelt krnken mußte, von ſich abzu⸗ lehnen, ausgebeten, im erſten Gliede kaͤmpfen zu duͤrfen, aber grade um ihn noch mehr zu demuͤthi⸗ gen, well er es gewagt hatte, der ganzen Ban⸗ de zu widerſprechen, ſiellte ihn Finetta zu e nem Korps, welches, da es eine Art von Re⸗ ſerve bildete, hinter die Fronte der Streitenden und in einige Entfernung von derſelben geſtellt ward. Als die Partheyen einander anſichtig wur⸗ den, begann eine Art von Krleg, deſſen Taktik den geblldetſten Heeren Ehre gemacht haben wůr⸗ de, und der mit einer Wut gefuͤhrt ward, wie ein gewohnlicher Krieg keine Beyſplele ltefett.— Beyde Heere marſchirten in krlegetiſcher Ordnung und gedrängten Reihen auf. Aber bald trennten ſich die Glieder der Gegner, und bildeten Plaͤnk⸗ 62 ler, die ſich uber das ganze Feld verbreiteten, und in dem Heere Finetta's, welches, well es ungleich ſchwächer war, als ſeine Feinde, immer in ge⸗ draͤngten Gliedern formirt bleiben mußte, großen Schaden antichteten, da die Kugeln der zerſtreu⸗ ten einzelnen Plänkler in dem gedraͤngten Haufen derſelben nie fehlten, waͤhreud dieſe denſelben nur wenig ſchaden konnten. Ruͤckten dieſe auf einen der vielen kleinen Haufen ihrer Felnde, die ſich außerhalb der Schußweite formiren, an, daun zerſtreuten dieſe ſich ſchnell, ünd kamen in einiger Entfernung geſammlet und formirt wieder zum Vorſcheine, oder ſie zogen ſich zuruͤck, und bie Fi⸗ nettiſten fielen von dem Bley ihrer Feinde, ohne jene ſelbſt zu ſehen, welche daſſelbe auf ſie abſchoſ⸗ ſen. So verliefen einige Stunden unter ſtetem hin und Herruͤcken der Finettiſten, welche immer mehr Leute verloren, und immer mehr ermuͤdet wurden. Durch dies geſchickte Monduvre hatte der feindliche Heerfuͤhrer, der Finetta'n„einem blos tapfern Manne ohne ſonſtige Talente, an kriegeriſchen Kenntniſſen weit uberlegen war, den⸗ ſelben und ſeine ſchon ſehr zuſammengeſchmolzenen 4 Lruppen von einem Terraln weggelockt, welches ihnen wenigſtens in ſowelt gänſtig war, daß es ei⸗ nen mit einem dichten Walde bewachſenen Berg in dem Ruͤcken derſelben hatte, auf welchen ſich dieſelben, wenn ſie gepraͤngt warden, werſen, dork formiren und ſammeln, und wieder agiren, oder im ſchlimmſten Falle ſich zerſtreuen und verſtecken und ſo ihre Flucht decken konnten. Und nun ſah ſich Finetta auf allen Seiten mit ſelner Schaar von einer weit uberlegenern Menge eingeſchloſſen, und zu ſpaͤt uberzeugte er ſich, daß er eine Menge Fehler gemacht habe. Von der Erbitterung ihrer Feinde konnten die Finettiſten keinen Parbon er⸗ warten, dieſe ſchlugen ihn der gebeugten Maſſe geradezu ab, als dieſelben hierum baten, und ver⸗ ſicherten ſie mit kalter Grauſamkeit, daß alle ſter⸗ ben muͤßten. Jetzt blieb ihnen nur noch die Wahl uͤber, ſich zu wehren, und durchzuſchlagen, aber ſie waren bereits zu muthlos, als daß ſie einen Verſuch der Art haͤtten wagen koͤnnen. Nur Je⸗ ronimo und einige wenige fuhren fort ſich zu ver⸗ theidigen, die uͤbrigen flehten mit aufgehobenen 8 Haͤnden zu ihren unverſohnlichen Feinden um Scho⸗ nung, welche ohne Ruͤhrung mit emporender Käl⸗ te ſie niederſchoſſen. Jetzt fiel auch Finetra von einer feindlichen Kugel getroffen, und ohnberufen uͤbernahm Jeronimo das Kommando det feigen Menge in dieſer gefaͤhrlichen Kriſe. Er that alles, um derſelben den Muth einzufloßen, den ſie jetzt ſo ndthig bedurfte, und es gelang ihm wenigſtens in ſo weit, daß ſie ſich mit blinder Hingebung ſel ner Leitung überließen. Er ſamwelte dieſelben, und marſchlrte im gedraͤngten Haufen in haſt⸗ 3 ger Eile dem Hügel zu, von welchem Finetta ſich ſo unbeſonnen hatte herablocken laſſen. Die entſchloſſenſten ſeiner Bande und die kühnſten — ieſen Schuͤtzen ſchikte er als vun 64 einiger Entfernung voraus und zu den Seiten, um ſo viel moͤglich ſich Luft zu verſchaffen, und wenn ſich ihm ein gedraͤngter Haufe entgegen⸗ warf, dann zog er ſeine Plaͤnkler an ſich, ſiel mit aͤußerſter Wut und Schnelligkeit uͤber ſol⸗ chen her, und zerſtreute ihn, an der Spitze ſei⸗ nes kleinen Haufens mpiend⸗ mit verzweifeln⸗ der Tapferkelt. 3 Der Anfuhrer der Feinde ſah bald ein, daß jetzt ein ganz andrer Geiſt, als zuvor, die Fine⸗ tiſten fuͤhre. Gleich bekannt mit den Kuͤnſten der Taktik ſammelte derſelbe ſeine zerſtreuten Haufen, um mit dieſen auf ſeine Gegner anzuruͤcken, und ſie mit einem Schlage zu zernichten. Aber dieſe waren im elgentlichſten Verſtande Geſindel, ge⸗ wohnt blos da zu morden, wo ſie keine perſonliche Gefahr ſahen, und keinen Widerſtand fanden. 1 Die Finettiſten, an Muth und Tapferkeit ihnen weit uͤberlegen, hatten, von dem Heldengeiſte h⸗ res Anfuͤhrers belebt, ſo eben Beweiſe der ſelte⸗ ſten Tapferkeit gegeben, wovvn ſie Zeuge geweſen, darum waren ſie trotz ihrer außerordentlichen Ue⸗ berlegenheit zu feig, um einen ofnen Kampf mit denſelben zu wagen, bey welchem ſie ſich ſelbſt perſonlich Gefahren ausgeſetzt haben wuͤrden, und es koſtete ihren Anfuͤhrern unbeſchreibliche Mähe„ dieſelben zu ſammeln und in Haufen zn bilden. Hierdurch gewann Jeronimo Zeit, ſich mit ſeinen Leuten auf den 3 ² 8 mit mehrerem Ernſte als zuvor ſelne Verhaͤltniſſe, in ſeiner Karrlere war, daß dieſe Talente; welche war, das fuhlte er, ſo wie die Laſt ſeines Schlck⸗ Schwere, und ſeln guter Geuus tief vernehm⸗ Beſtimmung betreten hatte.— Aber der gänzliche Mangel an Ausſicht; die Ueberzeugung, daß ſel⸗ Sieß Kriminalgeſch ath. 65 Huͤgel zu ziehen, indem er die felndliche Anie durchbrach. Kaum war er dort angekommen, als er mit aͤußerſter Eile durch den Wald ſetzte, und ſo mit dem Reſte ſeiner Mannſchaft in Sicherheit kam. Keiner war unter allen, der ihm nicht ſein Leben dankte, kelner, der ihn nicht als ſeinen Retter anſah. Mit Enthuſiasmus ward er allgemein als Chef der Bande an die Stelle des gebliebenen Fi⸗ netta's ausgerufen, ob er gleich der juͤngſte der⸗ ſelben war.— Er ſelbſt litt an einer im Gefech⸗ te erhaltnen Wunde. Jetzt bedachte ſich Jeronimo von neuem und da ihm die Zeit, welche er zur Heilung ſelner Wun⸗ de bedurfte, Muße hlerzu gewaͤhrte. Daß er nicht er beſaß, dieſer Muth, den er fuͤhlte, von der Natur ihm nicht gegeben waren, um auf die Art von denſelben Gebrauch zu machen, wie er dieſelben ubte; daß er nicht zum Raͤuber beſtimmt ſals uberhaupt in deſſen ganzer ſchrocklicher lich ihn aus einer Laufbahn zurück, welche er ſo 6 ſehr wider ſeinen Willen und ſo ganz gegen ſelne 66 — ne Feinde, und ſelbſt ſeine Geburt, und der Ma⸗ kel, welchen das Vorurthell damals noch beſtimmt auf alle Kinder der ehloſen Freuden geworfen hat⸗ te, ihm alle Wege zu einem ruhigen und ſichern Auskommen abgegraben hatten; ſein Stolz, der es ihm unmoͤglich machte, von ſeinen Feinden et⸗ was zu etbetteln, das ihm von Rechts wegen ge⸗ horte, und das ihm dieſe; wie er gewiß wußte, doch nicht gewähren wurden; die Gewißheit, daß dieſe, ſo wie ſie ſich ſeiner verſichert haͤtten, ihn verderben, und ihn vielleicht durch eben jene Men⸗ ſchen morden laſſen wuͤrden, uͤber welche er jetzt gebot; das Bewußtſeyn, daß er ihnen durch ſel⸗ nen bisherigen Wandel, ſo wie durch ſeinen Na⸗ men, der unter den Heiden der Banditen oben an verzeichnet ſtand, deßzſelben bekannt ſey, und daß ihnen daher ſogar diz Gerechtigkeit die Hand zu ſelnem Verderben biefen wuͤrde; die Ueberzeu⸗ gung, daß er nie anderg, als an der Spitze der BVande, deren Chef er war, Sicherheit fuͤr ſich hoffen konne, waren in der verzweifelten Lage, in der er ſich befand, eben ſo viele zuruͤckhaltende Brunde. Hierzu kam noch, daß er ſeinen Kame⸗ apen für die Sorgfalt und Treue, mit der ſie hn auf dem angeführten gefährlichen Rückzuge i er erſchöpft an Kräften und Blutverluſte nicht mehr fort konnte, aus den Händen des nachſetze den Feindes, von dem er keinen Pardon zu erhe ten hoffen konnte, mit eigner Gefahr und Ar vpferung gerettet hatten, indem ſie ihn auf den . Schultern trugen, und ofters gegen die Feinde, wenn ſie von dleſen gedraͤngt wurden, vertheldig⸗ ten, ſo wle fuͤr ihre ſorgfaͤltige Pflege und Wartung bey der Heilung ſeiner gefaͤhrlichen und ſchmerzhaften Wunde, an welcher er litt, Dank ſchuldig war; daß er dieſe in der gefaͤhrlichen Kriſe, in der ſie ſich befanden, jetzt nicht verlaſ⸗ ſen konnte, wenn er nicht ſich und alle zu Grun⸗ de richten wollte; ſein Widerſtreben, irgend eines Undanks ſich ſchuldig zu machen; der Gedanke, ſich an ſeinen Feinden raͤchen zu können;— ſeine Liebe zur Freyheit, fuͤr welche er Enthuſiaſt war, und die er in ſeinen gegenwaͤrtigen Verhältniſſen in ihrer ganzen Fuͤlle genoß; und endlich der Stolz, uber eine Menge Menſchen zu gebieten. Vor allem aber regte ſich in ihm der große Gedanke auf, aus der Zerſtorung, welche ſein Handwerk war, eine Art Erſchaffung zu bilden.. Mit kuͤhner Schwaͤrmerey traumte er ſich eine Welt, welche aus der Faͤulniß und Zernichtung, die er verbreitete, verjuͤngt hervorgehen ſollte, er waͤhnte eine beſſere Generazion ſchaffen zu können, well er es fühlte, daß die gegenwärtige einer W⸗ dergeburt beduͤrfe, und er glaubte den Moment Poſchen zu mäſſen, der jetzt ihm hietzu vorhenden u ſeyn ſchien.— Wer vermag es, daß döhne lld nuszumahlen, das bie erhlöte Phantaſſe des iungen Schwärmers ihm vorgaukelte! 6 68 Edler und der Wirklichkeit naͤher war die Be⸗ trachtung, die großtentheils ſeinen Entſchluß be⸗ ſtimmte, daß, wenn ihm das Schickſal nicht ver⸗ gdnne, ſeine ungeheuren Plane zu realiſiren, er ſchon Gutes genug wirke, wenn er Boſes verhin⸗ dere, oder die Maſſe von Boſem mindere, wel⸗ ches von ſeinen Konſorten begangen ward.— Wir haben gehoͤrt, daß bey der Bande, an deren Spitze jetzt Jeronimo ſtand, der Grundverband ſehlte, ohne welchen keine Geſellſchaft beſtehen kann,— Einlgung der Kraͤfte und des Willens, — daß blos das Intereffe des Augenblicks die Glleder derſelben zuſammen fuͤhrte, das eben ſo gegen das Ganze anſtieß, als es fur daſſelbe wirkte, weil es nicht geordnet war, und daß übrigens jeder von der Bande auf eigne Rechnung wirkte und handelte und alles that, was ihm be⸗ liebte. Durch dieſe Anarchie in der Anarchle, wie ich die Sache nennen mochte, waren Un⸗ ordnungen auf Unordnungen gehaͤuft, und die Verbrechen der Bande wuchſen zu einer ungeheuren Pohe, wobon ein großer, gewiß der größte Thell gehindert werden konnte, wenn ein Mann mit opf und Gefuͤhl an die Spitze der Geſchaͤfte trat. weicher die Bande führte, dieſe lenkte und ordne⸗ te, und darauf hlelt, daß ohne ſeine Weiſung und Erlaubniß kein Streich ausgeführt, keine That 1 gedbt ward.— Jeronimo uͤbernahm dies; und ndem er mit kühner Hand in das Richteramtdes Weteilenkers eingriff, machte er ſich zum Geſe⸗ 69 tze, blos Schurken zu morden, Redliche zu ſchuͤ⸗ tzen, das Laſter zu ſtrafen, Verbrechen zu ruͤgen, die Tugend zu ehren, und in ihre Rechte einzuſe⸗ tzen; er traͤumte dabey ſo etwas von Gleichheit der Guͤter und der Rechte, und der Wiederbringung ſaturniſcher Zeiten, und mlt dieſen Grundſatzen ward er Hauptmann der Banditen. In dieſer neuen Laufbahn verſchafften Jero⸗ nimo's Talente demſelben einen ſeltnen Glanz. Er trat dieſelbe unter hochſt unguͤnſtigen Ausſich⸗ ten an. Seine Bande war bls auf die Haͤlfte geſchmolzen, und auch dieſem kleinen Reſte von ſeinen zahlreichen Feinden der Untergang gedroht. Mehr als zwey Drittheile davon waren. Joch da⸗ bey in dem letzten Seh verwundet worden, und ohne alle Huͤlfe, da man ſich nur der wenigen A2erzte und Wundaͤrzte bedienen durfte, welche it der Bande elnverſtanden waren.— Außer K ſte Sorge ſeyn, der Bande jene Sicherheit zu ver⸗ ſchaffen, welche ihr jetzt ſo ſehr mangelte. Er wendete daher alle moͤgliche Kunſtgriffe an, um die gegen die Finettiſten vereinigten Banden unter ſich ſelbſt zu entzweyen, welches ihm ſo vollkom⸗ men gelang, daß ſchon nach einigen Tagen die ſtaͤrkſte derſelben ſich von der Verbindung trennte, und ſo, wie ſich die Extreme beruͤhren, ſo haßten dieſe jetzt ihre vorherigen Verbuͤndeten mit enem ch ſtaͤrkeren Haſſe, als ſie zuvor die Fin ſten 8 hutten, deren ewsite einehnſ a der Hulfe fur die Verwundeten mußte es ſeine e 4 das Mitleid ihrer Gegner rege machte. und da ſich dieſe Ausgetretenen allein zu ſchwach fuͤhlten, um es gegen die Rache ihrer auf das aͤußerſte ge⸗ gen ſie aufgebrachten vorigen Verbuͤndeten auf⸗ nehmen zu konnen, ſo gingen ſie nun mit den Finettiſten eine Verbindung ein, deren erſte Be⸗ dingniß war, daß ſie ſich denſelben inkorporirten, und Jeronimo als ihren Chef anerkannten, da der ihre an den Folgen der in dem beſchriebenen Gefechte erhaltenen Wunden geſtorben war. Nicht lange darauf trat auf Jeronimv's fortgeſetzte kuͤnſt⸗ liche Bemuͤhungen die zweyte der verelnigten Ban⸗ den unter gleichen Bedingungen zu den Finettiſten uͤber, welcher immer eine um die andere folgte, und in weniger als zwey Monaten waren nicht nur dieſe, ſondern die ſaͤmtlichen Banden des obern Italtens unter Jeronimo's Vefehlen verei⸗ nigt, deren einige ihre Chefs ermordeten; andre ihrer Anfuhrer unterwarfen ſich freywillig, und erhtelten von Jeronimo ſubordinirte Befehlsha berſtellen bey den verſchiedenen Abtheilungen, die er unter ſeiner Bande machte, welche zu einem emlichen ſtehenden Heere angewachſen war. 9 befand ch Jeronimo an der Spitze von ls dren tauſend Mann ſtaͤndiger Banditen ohne die faſt doppelt ſo zahlreichen Helfer und Feteie zu rechnen, welche mit der Bande in ſteter Verbindung ſtanden. Jeronimo traf un⸗ ſeinen Untergebenen nunmehr eine Elnrichtung — ob ihnen S und Dh 3 71 plin, welche ſo merkwuͤrdig ſind, daß ſie aller⸗ dings hier angefuͤhrt zu werden verdienen. Jeronimo hatte aus Erfahrung gelernt, daß die Quelle der Uneinigkeiten unter den verſchiede⸗ nen Banden und ihren Gliedern, und zugleich die Quelle der vorzuͤglichſten Unordnungen, welche durch ſie ausgeuͤbt wurden, darinn lag, daß ſie keine beſtimmte Wirkungsſpaͤhre hatten, eine der andern eingriff, und ſo der Handwerksneid rege ward; daß ſelbſt die einzlen Glieder derſelben kei⸗ ne angewieſene Beſtimmung hatten, und alſo auch unter dieſen ſelbſt ſtets Neid und Eiferſucht entſtehen mußte; daß es ferner an Geſetzen und Disziplin fehlte, und jedes Mitglied der Bande nach ſeinem individuellen Hange that, was ihm beliebte.— Um dleſem abzuhelfen, fing er damit an, daß er das große Terrain in Oberitalien, welches bisher die Szene geweſen war, auf der die verſchſednen jetzt unter ihm verelnigten Korps ihre blutigen Rollen geſpielt hatten, in einzle Kantons mit einer Genauigkeit einthellte, wit der man kaum bey der Einthellung der franzöſiſchen De⸗ partements zu Werke gegangen ſeyn mochte. Je⸗ der dieſer Kantone, deren Graͤnzen er genau ſummte, erhlelt eine den doritgen Verhält zuſagende Zahl Banditen als elne Art von ſänd⸗ tniſſen ger Beſatzung zugetheilt, welche einen dem ro⸗ nimo untergeordneten Anfuͤhrer erhlelt, der ſolche befehligre. ihnen ihre Verrichtungen anwieß, an Jernim Rapporte erſtattete, und von dieſem die 72 noͤthigen Befehle erhielt. Jeder derſelben erhielt wieder einige ihm untergeordnete Unterbefehlsha⸗ ber.— Rom war der Hauptort der Bande, und Jerontmo's Sitz, und hier konzentrirte ſich ihr Wirkungskreis. Jedes der Glieder der Geſellſchaft hatte ſeine eigne Spaͤhre angewieſen, und ſelne eignen Verrich⸗ tungen zu beſorgen, welche den Talenten eines je⸗ den angepaßt waren, ſo wie jede Unterabthellung ihren eignen Bezirk hatte. Bey Lebensſtrafe durf⸗ te keiner ſich außerhalb ſeiner Spaͤhre wagen; die Fbpfe der Befehlshaber und Unterbefehlshaber buͤrgten dafuͤr, daß ihre unterhabende Mannſchaft nicht außer ihrem angewleſenen Bezirke ſich Ui griffe erlaube. eisſtrafe in die allgemeine Kaſſe der Geſellſchaft ganze erhlelt mllitatriſchen Zuſchnitt, Alle hatten gleichen Anthell an dem Ertrage der gemeinſchaftlichen Arbeiten, welcher bey Le⸗ eingeliefert werden mußte, und alle Vlertel Jahre ſo vertheilt ward, daß alle gleichen Antheil, die Unterbefehlhaber einen, die Anfuͤhrer aber zwey Drittheile mehr erhielten. Die Austheilung ge⸗ ſchah, ſo wie die Rechnung, öffentlich vor einem Ausſchuſſe, der aus den Deputazionen aller einz Abthellungen zuſammengeſetzt war. Eine Art von Taktik ward eingefuͤhrt, welche Geſchaͤften, die dieſelbe uͤbten, zuſagte, und 3 ſo wie die Disziplin, welche Jeronimo einfuͤhrte, und nicht ohne dftre große Gefahr und Mähe handhabte, gleichfalls ſtreng militairiſch war. Au ßer dem Dienſte war eine vollkommne Gleichhelt“ Grundſatz der Bande, und die Streitigkeiten der einzlen entſchled ein hierzu durch allgemelne Wahl beſtimmtes Gericht, welches zugleich auch als pein⸗ liche Gerichtsſtelle uber alle Verbrechen derſelben mit aͤußerſter Strenge und Genautgkeit aburtheilte, und ſeine Urtheile auf der Stelle vollſtreckte.— Im Dienſte ſelbſt galt die ſtrengſte Subordinazion, Jeronimo entſchied allein alle dahin elnſchlagende Faͤlle, und war ermaͤchtiget, nothigen Falls alle und jede mit augenblicklichem Tode zu beſtrafen. — Kein elnzelner derſelben durfte bey Todesſtra⸗ fe fuͤr ſich alleln einen Auftrag uͤbernehmen und ansfuͤhren, ſondern es mußte dieſerhalb zuvor je⸗ derzelt erſt Jeronimo'n die Anzeige gemacht wer⸗ den, welcher daruber entſchied, ob ſolcher ausge⸗ fuͤhrt werden ſolle, oder nicht, die Rollen hlerzu austheilte, und das Maas und dle Art der Aus⸗ fuͤhrung beſtimmte, wodurch er dann die Macht echielt, tauſendfaches Unheil zu verhuͤten, welches er mit Eifer und Redlichkeit, nicht ſelten mit eign perſonlichen Gefahr that, ſo daß die Ftalläner mit Recht behaupten, daß, da das Banditenwe⸗ ſen damals in ſeiner groͤßten Ausbreitung und durch⸗ aus nicht zu verhindern geweſen, FJeronlmo wirk⸗ 3.. uͤber haben 2 ſogar noch manche wirklich n 1h ge⸗ than habe. So hatte Jeronimo einen eignen Staat im Staate gebildet, und er lenkte die Maſchine ſeiner Republick mit einer Geſchicklichkeit, deren nur eln Geiſt wie der ſeine faͤhig war. Sein Wirkungs⸗ kreis erhielt eine ungeheure, kaum glaubliche Aus⸗ dehnung. Seine Splone drangen in alle Geheim⸗ niſſe. Menſchen jeder Art, jedes Standes und Ranges ſtanden in ſeinem Solde, oder waren ihm untergebene Glieder.— Die Regierung zitterte vor ſeiner Macht.— Vergebens wagte es bisweilen die Polizey gegen ihn Einſchritte zu machen, dieſe hatten nie einigen Erfolg, und Verluſt und Spott war allemal das Loos derſelben. Es waltete da⸗ her eine Art von Kompoſizion zwiſchen ihr und 1 der Bande vor, und es gab ſogar bisweilen Falle, 3 wo ſie ſich dieſer ſo ſehr polizey widrigen Geſellſchaft zur Handhabung der allgemeinen Ordnung ſelbſt und mit dem beſten Erfolge bediente, wie dies ver⸗ ſchledenemal da eintrat, wo das Volk uͤber die Theu⸗ rung des Getraldes in elnen Aufſtand ausbrach, und mit einem Morde der Großen und Relchen in einer allge meinen Plunderung drohte. Ohnehin ſtanden die meiſten Poltzeyperſonen im Solde der Bande, un eine Wei der Sbirren waren wirkliche Mit⸗ 75 ſich von ihr jenen Schutz und Sicherhelt zu er⸗ kaufen, welchen die Regierung ihnen nicht ver⸗ ſchaffen konnte, und da Jeronimo ſein gegebenes Wort mit der aͤußerſten Strenge und Puͤnktlich⸗ keit hielt, ſo vermehrten ſich dieſe Einkuͤnfte taͤg⸗ lich mehr, und hlerdurch erhielt die Bande eine ungeheure und ſichere ſtaͤndige Einnahme. Der Pabſt, der elnen Mann auf einem ſo gefaͤhrli⸗ chen Poſten ſah, welchen er ſo ſehr beleldiget hat⸗ te, und von dem er dieſerhalb alles befuͤrchten zu muͤſſen glaubte, ſuchte elnige Zeit lang, ſich von dieſer Furcht auf die ihm gewoͤhnliche Weiſe zu befreyen; er ſetzte ungeheure Preiſe auf den Kopf des großen Banditen und bot alles auf, um deſſelben habhaft zu werden. Jeronimo, der ſei⸗ nen Mann kannte, und wußte, daß er denſelben nicht empfindlicher beleidigen konnte, als durch Verachtung und Spott, foppte denſelben im ei⸗ gentlſchſten Sinne des Worts, und befand ſich oft mitten unter den Sbirren und Soldaten, welche ihn zu fangen in ganzen Regimentern ausgeſchickt waren, und half dieſen ſich ſelbſt ſuchen. Als der Pabſt fah, daß er ſo wenig gegen die⸗ ſen Mann vermoge, welchen er ſo ſehr zu fuͤrchten Urſache hatte, und ſelbſt verſchiedenemal von frem⸗ den verdaͤchtigen Geſichtern ſogar im Vatikan ſich umrinst ſah, welche ihm kurzweg bedeuteten, daß· Jeronimo ſich jetzt raͤchen konne, wenn Verach⸗ tung ihn nicht hiervon bau ui S — verſchwanden, und aller Muͤhe ohngeachtet nicht wiedergefunden werden konnten, da fand auch er es nicht weiter ſchimpflich, ſich mit dem verhaßten Manne in Traktaten einzulaſſen, gegen welchen er mit aller ſeiner Macht nichts weiter auszurich⸗ ten vermochte. Jeronimo ſpannte die Summe, welche derſelbe an ihn zu bezahlen uͤbernahm, hoch genug. Jeronimo uͤbte in dem Geſchaͤfte des Laſters eine Art von Gerechtigkeit, die freylich mit ſel⸗ nem Gewerbe ſelbſt auf das ſeltſamſte kontra⸗ ſtirte. Nie duldete er es, daß einem Redli⸗ chen irgend auch nur das Geringſte zu Leide geſchah, er war vielmehr uͤberall, wo er es vermochte, der Schutzgott der Unſchuld und der Tugend. Das Leben der Menſchen ſtleg bey ihm im Preiſe in eben dem Verhaltniſſe, als es zu⸗ vor ſpottwohlfeil geweſen war, und indem er durch dieſe hohen Preiſe die Anzahl der Kunden ver⸗ minderte, von welchen ſonſt die Bande gedraͤngt war, und die fuͤr ein paar Skudi den Tod eines F. Menſchen erkauften, der ihnen nur eine hochſtun⸗ bedeutende Beleivigung zugefügt hatte, oft ſchon blos darum einen Menſchen morden ließen, well ihnen ſein Geſicht nicht gefiel, ſchoffte er ſich zugleich vor dem Andringen ſeiner Konſorten Ruhe, in die er nie ſoviel Moralitaͤt bringen konnte, daß ſie nicht jeden Skudt, ſey es auf welche Art es wolle, in ihre Taſche zu bringen gewuͤnſcht hätteu, ſo 4 ſehr auch derſelbe ſich bemuͤhte, dieſe Unmoglich⸗ kelt moglich zu machen. Kein Preis konnte ihn beſtimmen, daß Le⸗ ben eines Redlichen zu opfern, und oft war er, wo es einem Buben galt, hoͤchſtwohlfell im Preiſe eines auch noch ſo gefaͤhrlichen Mordes. Manche ließ er umſonſt abſchlachten, weil er es fuͤr Pflicht hielt, Schurken zu beſtrafen, gegen welche die Ge⸗ rechtigkelt zu ſchwach war, und well er glaubte, daß es Wohlthat fuͤr die Menſchheit ſey, ſie von Ungeheuern zu befreyen, welche nicht aufhoͤrten, dieſelbe zu beleidigen. Den Marcheſe Spacci, el⸗ nen der aͤrgſten Buben ſeiner Zeit, der ſeinen Va⸗ ter und Bruder vergiftet hatte, um Herr ihres Vermoͤgens zu werden, mordete er kaltbluͤtig mit⸗ ten unter den Bacchanalien, welche er feyerte; den Marchſe della Stirna ließ er am Altare mor⸗ den, weil er ein Maͤdchen, das er geſchwaͤngert hatte, auf die grauſamſte Weiſe ermordet, und nach der weinenden Mutter deſſelben geſchoſſen hatte; den Prinzen von Morgalont, der ein Tyrann ſei⸗ ner Unterthanen war, ihnen ihr Vermoͤgen raubte, ihre Tochter und Weiber ſchaͤnderte, ſie wie Skla⸗ ven geißelte, und Zwey derſelben im Kerker ver⸗ hungern ließ, weil ſie es gewagt hatten, ſich ſei⸗ ner Geilheit zu widerſetzen, als dieſe es auf ihre Weiber anlegte, hob er mit einem eignen betraͤcht⸗ lichen Verluſte ſeiner Leute auf, und nahm Ra⸗ che; und den Biſchof von Siena belagerte er form⸗ lich drey Monate lang in ſeiner Zidatelle, um ihm 26. die Schaͤtze zu entreißen, um welche er die Kirchen beſtohlen, und das Blut der Armen ausgepreßt hatte. So war er bald der Schutzgeiſt der Redli⸗ chen, und der Schiocken der Verbrecher; die d⸗ fentlichen Nachrichten ſprachen zu ſeinem Lobe, und das Volk betete den Mann an, der ſeine Lelden minderte, indem er der Schrocken ſeiner Tyrannen war.— Ein Wort von ihm, elne Drohung nur, verhoͤtete tauſendfaches Uebel, erſtickte eine zahlloſe Menge Verbrechen im Keime, die keiner zu bege⸗ hen wagte, der ſich von ihm beobachtet ſah, weil keiner ſeiner Rache entging. Eine Menge Redli⸗ cher ſtlegen durch ihn, denn ſeine Empfehlungen waren die geltendſten, da er ihnen Eindruck zu verſchaffen wußte. Die Disziplin, welche er bey ſeiner Bande hielt, und welche ſo ſehr ndthig war, um dieſen thierlſchen Haufen von Barbaren zu zugeln, war äußerſt ſtreng; aber er wagte hierbey nichts, da er nie anders als gerecht handelte, uud da er bon allen Gliedern derſelben angebetet ward, denen er dagegen wieder Freund, Vater und Bruder war⸗ Er ahnete die kleinſten Exzeſſe, welche ſich dieſelben zu Schulden kommen ließen, jedesmal mit exem⸗ plariſcher Schaͤrfe, und keine Ruͤckſicht eigner Ge⸗ fahr vermochte ihn von dieſem Grundſatze abzuge⸗ hen.— Als er die Befehlshaberſielle uber die Ban⸗ de autrat, war die Barbarey derſelben auf das Hochſte geſtiegen. Gleich im Anfange ſeines Kom⸗ mando's hatte er hiervon ein ſchrockliches Beyſpiel⸗ . Bey einer einige Stunden von Rom veruͤbten Raͤuberey war Vater und Sohn zugleich zugegen. Beyde wurden, bey der Gegenwehr, welche die Be⸗ raubten leiſteten, verwundet, ohne daß einer von dem Zuſtande des andern etwas wußte. Der Va⸗ ter, deſſen Wunde unbedeutend war, mordete dafuͤr die Weiber und Saͤuglinge der Beraub⸗ ten mit der empoͤrendſten Grauſamkeit, indem er, nachdem er am erſten ſeine vlehiſche Luſt geſaͤttigt, ihnen den Bauch aufriß. Nur ein einziger von den Angegriffenen entkam durch ſchnelle Flucht, welche er glelch im Anfange des Angriffs ergriff, alle uͤbrigen opferte der Ver⸗ wundete und ſeine Kameraden ihrer Rache, ſo wenig auch Mord in den Plan ihrer gegenwaͤrti⸗ gen Handlung gehorte, welche blos auf Raub ab⸗ geſehen war. Eine Strecke von dem Srte der That traf der Vater ſeinen Sohn an, der gleich beym Anfange des Gefechts gefaͤhrlich verwundet worden war, und den ſeine Kameraden zuruͤckgebracht hatten, Seine Wunde verhinderte denſelben, der Bande nachzueilen, und da von den Angefollenen einer entflohen und aller Wahrſcheinlichkeit nach auf ein benachbartes Ort geſprungen war, um Huͤlfe zu hohlen, ſo glaubte der Vater, der dle Geſellſchaft anfuͤhrte, daß dieſes derſelben gefaͤhrlich werden konne, weil ſein Sohn, an ſchneller Flucht verhin⸗ dert, ergriffen, und hierdurch er ſo wohl als ſeine Kameraden verrathen werden wuͤrde, welches e 80 um ſo mehr zu verhludern ſuchte, als er ein wohl⸗ habender zu Rom mit betraͤchtlichen liegenden Guͤ⸗ tern ageſeſſener Fleiſcher war. Dieſe Betrachtun⸗ gen uͤberwanden die vaͤterliche Liebe dieſes Unge⸗ heuers, und ſo ſehr der arme Junge flehte und jammerte, ſo gewiß er verſprach, mit der Eile der Fliehenden gleichen Schritt zu halten, und ſo ſehr ſelbſt die ubrigen fur denſelben baten, und dem⸗ ſelben fortzuhelfen, ihn ſogar, wenn es nothig waͤre, zu tragen ſich erboten, ſo konnte gleich⸗ wohl nichts des Barbaren Entſchluß aͤndern; der ungluͤckliche ward von ihm Beichte gehort und dann erſchoſſen, worauf er ihm die Kleider abzog, das Geſicht mit vielen Schnitten zerflelſchte, um den⸗ ſelben unkenntlich zu machen, und ihn ſodann oh⸗ ne Ruͤhrung liegen ließ. Jeronimo ſtrafte dieſe un⸗ 8 geheure That mit dem Tode des Ungeheuers, wel⸗ ches dieſelbe begangen, dem er beyde Haͤnde, und dann den Kopf abhauen ließ. Ein andrer hatte ſeine Frau und zwey Kameraden vergiftet, um die Wirkung eines von lhm neuerfundnen Giftes zu erforſchen, und Jeronimo ließ gleiche Strafe ge⸗ gen denſelben eintreten. Mit gleicher Strenge hielt er auf die Subordinazion, und eiferte gegen die Uebertretung der Geſetze des Bundes. Durch eine ſolche Strenge, wovon dieſe wenlgen Beyſpiele zeigen, erhielt er eine Ordnung bey der Bande, welche einem rechtlich disziplinirten Heere Ehre gemacht haben wurde. ——— 97 Jeronimo fuͤhlte die Laſt ſeines Standes in ihrer ganzen Schwere, aber er war ſtark genug, dieſelbe zu tragen. Eine gute Handlung, die er uͤbte, eine Bubenſtuͤck, das er verhinderte, war ſel⸗ nem Herzen reichlicher Lohn fuͤr allen den Gram, unter welchem es ſich abarbeitete, und ſtaͤrkte ihn, um maͤnnlich dulden und ausharren zu kdnnen. Eins fehlte noch, um ganz ihn ungluͤcklich zu ma⸗ chen,— eine ungluͤckliche Liebe— und auch damit kraͤnkte ihn das Schickſal, gleich als ob es nun einmal beſtimmt haͤtte, ſeinen ganzen Kocher auf ihn zu leeren. Jeronimo war ganz zur Liebe gemacht. Em⸗ pfaͤnglich fur alle Freuden, und Schwaͤrmer wie er war, war es ſonderbar genug, daß ſich bls jetzt noch nicht eine Leidenſchaft ſelner bemaͤchti⸗ get hatte, welche Karaktere dieſer Art ſonſt ſo fruͤh angreift.— Er war ſechs und zwanzig Jahre alt geworden, und hatte noch nicht die Freuden und den Schmerz gefuͤhlt, welche die Liebe uns giebt. Aber jetzt hatte ſeine Stunde geſchlagen. Er war auf dem Ruͤckwege von Ravenna, wo er die dortige Bande viſitirt hatte, als er unter⸗ wegs in einem Walde, durch welchen er fuhr, eine weibliche Stimme um Huͤlfe rufen horte, welche aus einem benachbarten Gebuͤſche zu kommen ſchien. Anfangs hielt er dies für eine Expeditlon ſeiner Bande, nachdem er aber mehrmal frucht⸗ Spieß. Rriminalgeſch. a Th 5 82 los das Zelchen gegeben hatte, welches die Ban⸗ diten ab⸗und von elnem Orte zum andern rief, ſprang er vom Wagen, und eilte in das Gebuͤſch und dem Orte zu, von welchem der Ruf zur Huͤlfe ertdute. Er war bald auf demſelben angekommen. Vier Kerls hatten ein junges Maͤdchen hierher ge⸗ ſchleift, und beſchäftigten ſich jetzt⸗ daſſelbe zu knebeln und zu halten, damit ein fuͤnfter ſeine viehiſche Luſt an demſelben befriedigen könne. Je⸗ ronlmo und ſein Begleiter begannen, ohne ſich viel zu beſinnen, den Kampf gegen die uberlegene Menge, wovon einer bey dem Frauenzimmer, das erſchdpft an Kraͤften in Ohnmacht da lag⸗ zur Wache zuruͤckblieb; die uͤbrigen ſich gegen ſie wendeten und mit äußerſter Ungeſtüm äber ſie herfielen. Jeronimo fand bald, daß er mit Maͤn⸗ nern zu thun hatte, welche eben ſo geuͤbt in den Waffen, als tapfer waren. Indeß gelang es ihm, einen derſelben zu Boden zu ſtrecken, waͤhrend ſein Kamerad einen andern verwun⸗ det hatte. Jetzt ließ Jeronimo, da er hier⸗ durch Luft bekam, ein durchdringendes Pfeif⸗ chen horen, und dieſe Liſt gelang. Seine Geg⸗ ner, welche dies fuͤr ein Zeichen hielten, das elne überlegene Menge herbeyrufen ſollte, ergriffen ſämtlich die Flucht und überließen Jeronimon das Mädchen, um welches der Kampf gekaͤmpft war. Es war nachgrade Zeit, daß Jeronim von ſeinen Feinden befreyt ward, da er aus meh⸗ teren Wunden blutete, und matt zu werden anfing. 33 Sie brachten das Maͤdchon in ihren Wagen, welches, indem es ihnen fuͤr ſeine Rettung dank⸗ te, ſie beſchwur, ſie nach Rom zuruͤck zu liefern. Es war ein junges, relzendes Geſchdpf von dem edeln altrdmiſchen Schlage, doppelt intereſſant durch die Unordnung, in welcher ſie ſich befand; — Jeronimo nahm um ſo mehr Antheil an der⸗ ſelben, als die romantiſche Art, auf welche er mit derſelben bekannt geworden, ſo ſehr auf ſeine Schwaͤrmerey wirkte.— Sie war die Tochter ei⸗ nes Silberſchmidts, das Muſter der Schoͤnheit und Grazle, die von khrer Eutfuͤhrung weiter nichts anzugehen wußte, als daß vor einigen Wochen ein Offizier bey ihrem Vater geweſen, und nachdem erdemſelben mehrere Silberwaaren abgekauft, ihm den Antrag gemacht habe, einem ungenannten Vornehmen ſeine Tochter zu einem ungeheuren Preiſe zu uͤberlaſſen, welchen ſchaͤndlichen Antrag ihr Vater mit der aͤußerſten Verachtung verwor⸗ fen, und den niedertraͤchtigen Kuppler aus dem Hauſe gejagt habe. Heute morgen, als ſie mit ihrer Mutter ſehr fruͤh aus der Kirche gegangen, ſey ſie jaͤhling in einer ſtillen Seltengaſſe von den fuͤnf Maͤnnern ergriffen worden, aus deren Hau⸗ den ſie Jeronimo ſo eben errettet, welche ihr den Mynd verſtopft, und ſie in einen ohnfern halten⸗ den Wagen geſchleppt haͤtten, der mit ihnen in dem ſchnellſten Laufe der Pferde davon und dem One zugeellt ſey, wo Jeronhno ſie angetroffen habe. Da dies das Ziel ihrer Reiſe geweſen zu ſeyn ſchiene, und die Pferde nicht weiter fortge⸗ konnt haͤtten, ſo habe man ihr hler die Haͤnde, welche ihr zuvor auf den Ruͤcken gebunden gewe⸗ ſen waͤren, entfeſſelt, das Tuch aus dem Munde genommon, mit welchem ſich zu erſticken ſie ſich bemuht habe, und ſo ſie in die Tiefe des Waldes geſchleift, ohne auf ihr Schreyen zu achten, in⸗ dem man ihr die Wahl gelaſſen, entweder gutwil⸗ lig die Beglerden des einen ihrer Begleiter, wel⸗ cher der Herr der uͤbrigen zu ſeyn geſchienen, und von dieſen Sua Excellenza genannt worden ſey, zu befrledigen, oder mit Zwang zuerſt von allen fuͤnfen mißbraucht und dann gemordet zu werden⸗ Sie babe mit dem aͤußerſten Abſcheu gegen dieſe Menſchen gekaͤmpft, ſey aber eben daran geweſen, zu unterliegen, als der gute Himmel Jeronimo'n noch grade zu rechter Zeit zu ihrer Rettung her⸗ beygefuͤhrt habe. Jeronimo brachte Jeanetten— ſo hies dies reizende Maͤdchen— in die Arme ihrer verzweifeln⸗ den Eltern zuruͤck, deren Dank ſich mit dem ihri⸗ gen vereinigte. Er gab ſich fuͤr einen Kaufmann aus Oſtla aus, und erſchien als ſolcher von nun an alle Tage in dem Hauſe des Maͤdchens, das er bald mit der unbeſchreiblichen Zaͤrtlichkeit und dem Feuer liebte, welches ſeinem Karakter eigen war. Jeanette fühlte gegen ihren Erretter den iunigſten Dank, welcher bald in die feurlgſte Liebe zu dem ſchdnen, edlen Manne uͤberging. 35 Jetzt fuͤhlte ſich Jeronimo zum erſtenmale in ſeinem Leben glucklich durch die Llebe dleſer reinen, ſchuldloſen Seele, und er vergaß und vergab es allen ſeinen Feinden, daß ſie ihn in die bedau⸗ rungswuͤrdige Lage gebracht hatten, in der erſich befand, und die er jetzt fuͤr ſein Gluck hielt, weil er glaubte, daß er unter andern Umſtanden ſeine Jeauette nicht kennen gelernt haben wuͤrde. Er nahm ſich vor, dle Bande zu verlaſſen, mit Jea⸗ netten jenſeits der Alpen zu fliehen, und dort ganz ſeiner Gellebten und der Natur zu leben. Eins war ihm noch uͤbrig. Er mußte Jea⸗ netten ſeinen Stand bekennen, und erwarten, ob ihr der blutige, gefuͤrchtete Raͤuberhauptmann noch eben ſo theuer ſeyn wuͤrde, als es der ſanfte, edle Mann war, den ſie bisher als Kaufmann geliebt hatte. Dann erſt konnte er erwarten, mit ihr ganz gluͤcklich zu werden. Er that dieſen wichtigen Schritt. Mit der ganzen Seelengroͤße und aller Standhaftigkeit ei⸗ nes großen Mannes trug er ſeiner Geliebten ſeine Geſchichte vor, die ſtumm und wie aus einem langen Tranme erwachend ſeine Erzaͤhlung anhor⸗ te. Als er geendet, und nun die Angebetete um Entſcheidung bat, da ellte das edle Maͤdchen im Kampfe der Verzweiflung weg, indem ſie Jeroni⸗ mo'n bat, heute ſie zu verlaſſen, und morgen Mittag wieder zu kommen.— Wie eine Ewig⸗ teit lang. ward Jeronimo'n dieſe Racht S 5 86 Morgen des anders Tags; elnem Wuͤtenden glelch ſtuͤrzte er zur beſtimmten Stunde in die Woh⸗ nung Jeanettens; heulend und haͤnderingend wank⸗ te ihm derſelben Mutter entgegen; die Ungluͤckli⸗ che hatte Glft genommen, und war ſeit heute fruͤh nicht mehr. Dieſer Schlag war zu hart fuͤr den Armen. Mit Gleichgultigkeit und Kaͤlte hatte Jeronimo alle die ſchrocklichen Schlaͤge des Schickſals bisher erlitten, nie hatte ihn ſeine Emſchloſſenheit und jener Gleichmuth der Seele, welcher den Grund⸗ karakter eines großen Geiſtes ausmacht, verlaſſen; dieſen Schlag fuͤhlte er tief. Wie durch einen Blitz von der hoͤchſten Hoͤhe des Gluͤcks in eine ſchwindelnde Tiefe heruntergeſtuͤrzt, ſah er ſein ganzes Gluͤck, ſeine ganze Seligkeit ſcheitern. Jahrtauſende voll ſeliger Empfindungen konnten dieſen einzigen Moment des Schmerzes nicht aufwlegen. Jetzt hatte er mit der ganzen Scho⸗ pfung abgerechnet, fuͤr ihn gab es kein Gluͤck mehr. Schon mehr als einmal hatte ihn in der Trau⸗ erlaufbahn, welche die Beſtimmung ihm ange⸗ wieſen hatte, der Gedanke angewandelt, zu enden. Ein Druck der Piſtole, ein Stich des ſcharfen Dolchs mit Maͤnnerkraft gefuͤhrt, eine kleine Do⸗ ſis Pulver, das die Gedaͤrme berſten macht, war im Stunde, alle die namenloſen Leiden zu enden, welche das Schickſal uͤber ihn verhaͤngt hatte; ein . Moment des Schmerzes konnte den Ungluckl⸗ chen von jahrelanger Pein erldſen. Mehrmal hat⸗ te Jeronimo ſchon die Piſtole angeſetzt; aber der Gedanke, daß es ſchimpflich ſey fuͤr den Mann von Geiſtesſtuͤrke und Muth, dem Schickſale zu weichen, ließ ihn eben ſo ſchnell wieder abſetzen. Jetzt war der Augenbtick da, wo er im Vegriffe ſtand, ſeinem Schickſale zu unterliegen; aber auch jetzt hielt ihn ſein Stolz hlervon zuruͤck. Er ſchämte ſich, ſchwaͤcher zu ſeyn, als das Schick⸗ ſal, und dleſem zu unterliegen. Er fuhlte es, daß Selbſtmord das Mittel feiger Schwaͤchlinge ſey, ſich von einem Schmerze zu befreyen, welchen zu ertragen ſie zu ſchwach oder zu feig ſind.— So nledrig ſeig wollte Jeronimv nicht enden, kalt und groß legte er die Piſtole von ſich, die er ſchon ergriffen hatte, und duldete als Mann.— Nie⸗ mand fand Spuren des ſchrocklichen Schmer⸗ zes an ihm, der bisher in ſeinem Innern gewuͤ⸗ tet hat, er ſchien aus ſeiner Seele weggewiſcht zu ſeyn. Zwey Gegenſtaͤnde beſchaͤftigten denſel⸗ ben jetzt ganz. Er wollte den Manen ſeiner Jea⸗ nette den Buben zum Opfer bringen, der einſt dieſelbe ſo ſchaͤndlich beleidiget hatte, und der⸗ nach der elgnen Art zu raiſonntren, die er hatte, die vorzuglichſte Urſache ſeines jetzigen Ungluͤcks war, da die Entfuͤhrung Jeanettens die Gelegen⸗ heit war, durch welche er dies ungluckliche Mäd⸗ chen kennen gelernt hatte, und alſo dadurch die 88⁸ mittelbare Veranlaſſung geworden war, daß er jetzt ſo namenlos ungluͤcklich war. Das zweyte war die Errettung ſeiner ungluͤck⸗ lichen Mutter. Dies bedaurungswuͤrdige Weib, deſſen Verbrechen darinn beſtand, daß ſie Jeroni⸗ mo'n das Leben gegeben hatte, ſchmachtete immer noch im Kloſter. Vergebens hatte lange Jeroni⸗ mo, der ſich ſelbſt als die Urſache dieſes traurl⸗ gen Schickſals anſah, und um ſo mehr ſich auf⸗ gefordert fuͤhlte, daſſelbe zu enden, ſich alle nur erdenkliche Muͤhe gegeben, den Aufenthalt derſel⸗ ben zu erforſchen, nie war er hierinn gluͤcklich ge⸗ weſen, und eben darum hatte er den paͤbſtlichen Unterhaͤndlern geglaubt, welche, als er bey den oben angefuͤhrten Unterhandlungen mit dem Pab⸗ ſte es zur erſten und einzigen Bedingnlß machte, daß ſeine Mutter befreyt werde, ihn verſicherten, daß dieſelbe vorlaͤngſt geſtorben ſey.— Jetzt hat⸗ te er neuere ſichere Spuren erhalten, daß ſie noch in einem unbekannten Kloſter lebe, und noch ihr Schickſal gleich hart ſey, und er verdoppelte ſeine Bemuͤhungen zu ihrer Rettung, die lange noch nicht ihm gelingen wollte. Leichter ward es ihm, den Buben zu entde⸗ cken, der einſt Jeanetten entfuͤhrt hatte. Seine eignen Theilnehmer an der That verriethen ihn. Es war Maleſino, des Pabſts Schweſterſohn, der als General die paͤbſtlichen Truppen kommandirte. Ein vollendeter Boſewicht, deſſen Suͤndenmaas 2 89 vorlaͤngſt voll war; und deſſen Tyranney keine Graͤnzen hatte. Erſt jetzt hatte er einen der Elen⸗ den, welche bey Jeanettens Entfuͤhrung ihm Huͤlfe geleiſtet hatten, mißhandelt, und durch Hunde hetzen laſſen, welche denſelben zerfleiſcht und beynahe zerriſſen hatten; nach dem ſieben⸗ jaͤhrigen Kinde deſſelben hatte er zum Zeltvertrei⸗ be Volzen geſchoſſen, die demſelben elne Senne des Kniees zerſchnitten hatten, wovon es fuͤr ſein ganzes Leben lahm grworden war. Zur Rache zu ohnmaͤchtig hatte deſſen unglucklicher Vater alle die geheimen Schurkenſtrelche ausgeplaudert, welche er dem Ungeheuer vollfuͤhren helfen, und wovon Jeanettens Entfuͤhrung keiner der grob⸗ ſten war. Dieſer Bube hatte Jeanetten dfters in der Kirche au der Seite ihrer Mutter geſehen, und eine Leidenſchaft fuͤr dieſelbe gefaßt, die ihn ver⸗ zehrte. Nicht gewohnt, ſeine Begierden zu zaͤh⸗ men, ließ er dem Vater derſelben Antraͤge machen, ihm die Unſchuld ſeiner Tochter zu verkaufen, und da dieſer den entehrenden Antrag mit Abſcheu von ſich wies, ſo veranſtaltete er ohne vlele Umſtände jene Entfuhrung, deren Erfolg wir geſehen haben. Fruchtlos bruͤtete er Rache uͤber denjenigen, der ihn an der Vollfuhrung ſeines Verbrechens gehin⸗ dert hatte, da dieſer ihm unbekannt blieb. Jeronimo ließ den Elenden in ſein m eignen Hauſe zwang ihn, den vn imn k 90 ten Kinde und noch mehreren durch ihn ungluck lich gewordenen Perſonen Schuldſcheine auf be⸗ traͤchtliche Entſchaͤdigungs⸗ Summen auszuſtellen, und ließ ihn dann niederſchießen. Dieſes Verfahren ward durch die Entſchädigten ſelbſt allgemein bekannt, Ganz Rom jubelte uͤber den Edelmuth des Raͤubers, denn ganz Rom hatte den Schurken verabſcheut, der durch ihn den Lohn ſeiner Verbrechen erhalten hatte, und dle Ungluck⸗ lichen bedauert, welche ſein Opfer geweſen waren. Aber dem Pabſte hatte Jeronimo an die Seele ge⸗ griffen, denn der Hingerichtete war ſein Liebliug geweſen,— Ueberzengt, daß er demſelben auf keine andre Art beyzukommen vermdoͤge, ließ er ihm wiſſen,„daß ſeine Mutter ihm fuͤr alle Handlun⸗ gen Jeronimo's zur Geißel bleibe, die er an derſel⸗ ben raͤchen werde, und daß er Anſtalten getroffen habe, daß der Tag, an welchem er der Pabſt ſter⸗ ben werde, auch der Todestag ſeiner Mutter ſey.“ Dies war Jeronimo'n an ſeiner ſchwaͤchſten Seite angegriffen. Er hatte immer mit der innig⸗ ſten Zärtlichkeit an ſeiner Mutter gehangen, die gluͤcklichen Taze der Kiupheit, welche er unter ih⸗ 3 rer liebevollen Pflege gelebt, die Innigkeit, mit welcher ſie ihn geliebt hatte, ſtanden tief und leb⸗ haft in ſeinem Herzen. Das ungluͤckliche Weib hatte ſchon ſo viel fur ihn, wegen ihm gelitten, unb er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dieſelbe ſeinetwegen noch mehr leiden ſollte. 91 Die ganze Bande ward daher in Bewegung geſetzt, dem, welcher den Aufenthalt derſelben auskund⸗ ſchaften wuͤrde, elne hochſt betraͤchtliche Belohnung zugeſichert, und berelts nach elnigen Wochen war Jeronimo ſo gluͤcklich, den Ort ihrer Aufbewah⸗ rung zu erfahren. Es war ein Kloſter an den pontlniſchen Sum⸗ pfen, in der ungeſundeſten und elendeſten Lage, wo⸗ hin dieſelbe gebracht worden war, und worin ſie ſeit ſo vielen Jahren ihr Leben vertrauerte. Sie lebte dort in ein Zimmer eingeſperrt, aus dem ihr nur ſelten auszutreten erlaubt ward, um unter der Aufſicht einer alten ſtrengen Nonne in den Gaͤrten des Kloſters die ſchlechte Luft einzuathmen, welche von den Ausduͤnſtungen des benachbarten Sum⸗ pfes verpeſtet ward. Schlecht genaͤhrt, und der toͤdtenden Langeweile preis gegeben, lebte ſie hier ein Leben, gegen welches ein plotzlicher Tod Wohl⸗ that geweſen wäre.— Um ſchrocklicher noch ſie zu quaͤlen, hatte man ſie von Jeronimo's jetzigen Verhaͤltniſſen unterrichtet, und unterlleß nicht von Zeit zu Zeit ſie von Schandthaten zu unter⸗ halten, welche dieſer ihr ungluͤcklicher von ihr noch immer geliebter Sohn begangen haben ſolle, oder ſie mit der peinlichen Nachricht zu quälen, daß derſelbe eingefangen, und den Tod der Miſſethä⸗ ter auf dem Rade geſtorben ſey, eine Nachricht die man dann von Zeit zu Zeit widerrief, um ſie on neuen Unthaten zu unterhalten, welche man demſelben zur Laſt legte, und dle ihr weher 92 thaten, als ſelbſt die Nachricht von ſeiner ſchmaͤh⸗ lichen Hinrichtung. Die Aebtiſſinn des Kloſters, in welchem Joſephine dies Marterleben lebte, war dem Pabſte gaͤnzlich ergeben, die blinde Voll⸗ ſtreckerinn ſeines Willens, den ſie immer noch grauſamen vollfuͤhrte; ein wahrer Teufel in Wei⸗ besgeſtalt. Als der Pabſt erfuhr, daß Jeronimo ſeinen Neffen getddtet, raubte er Joſephinen die wenige Freyheit noch, welche dieſelbe bisher genoſſen hat⸗ te. Die Ungluͤckliche ward in eln ſchrockliches Ge⸗ faͤngniß gebracht, wohln kein Scheln des Sonnen⸗ lichts eindrang, und dort ſogar gefeſſelt. Waſſer und Brod war jetzt ihre einzige Nahrung. Jeronimo raſte, als er dieſe unerhoͤrte Grau⸗ ſamkeit gegen eine unſchuldige Ungluͤckliche erfuhr. Mit dem groͤßten Theile ſeiner Bande ſturmte er das Floſter, die Aebtiſſinun mußte durch Geißeln gezwungen werden, den Ort anzugeben, wo Joſe⸗ phine verwahrt ward, und ſo ward dieſelbe ge⸗ rettet. Das Kloſter ging im Rauche auf. Joſephine genoß der Freyhelt, welche ihr Sohn ihr verſchafft hatte, und ihres beſſeren Gluͤcks nicht lange. So vieljaͤhrige Leiden hat⸗ ten ſie erſchopft, und ihren ohnehin zarten Koͤr⸗ perbau angegriffen; ein zehrendes Fieber nagte an ihrer Geſundheit, nach wenigen Monaten war ſie nicht mehr. Mit ihr ſchwand die letzte Freude⸗ welche Jeronimo hiernieden hatte. Kurz 2³ nachher ſtarb auch der Pabſt, der ſo vieles Un⸗ gluͤck uber dleſe Fawilte gebracht hatte, und ward auf dieſe Art Jeronimo's Rache entzogen. Noch zwey Jahre blieb Jeronimo in ſelner vorigen Spaͤhre, und es iſt der Volksſage nach ungewiß, ob er in der ganzen Zeit ſeiner Wirk⸗ ſamkeit mehr Gutes oder mehr Uebles gewirkt ha⸗ be. Aber immer hoͤher ſtieg ſeine Unbehaglichkeit und der Ueberdruß eines Lebens, das ihm keinen Genuß gewaͤhrte, und mit ſo vlelen Widerwaͤrtig⸗ keiten verknuͤpft war. Es war nicht mehr der bluͤ⸗ hende, ſchone Jungling, noch vor kurzem die Be⸗ wunderung aller; ſein matter, hinſterbender Blick, nur ſchwach noch von der Lebhaftigkeit ſeines Gei⸗ ſtes nnd dem Feuer ſeines Temperaments zeigend, ſchien laut zu verkunden, daß er mit allem abge⸗ rechnet habe,— ein achtundzwanzigjähriger Greis. Nur da, wo es irgend etwas außergewohnliches galt, belebte ſich der moraliſch Hinſterbende, ſchien er neue Schwungkraft zuſammen zu faſſen, und neu belebt zu werden. Jetzt brutete er noch uͤber einem großen Ent⸗ wurfe. In dem Gefuͤhle, daß der Wurm, der an der Blume ſeiner Jugend nage, ihn bald auf⸗ gezehrt haben werde; daß er dann enden muͤſſe; daß dann nothwendig das Gebaͤude, welches er mit ſo vleler Mühe aufgefuͤhrt habe, zuſammen⸗ ſtuͤrzen, und unter ſeinen Truͤmmern vielleicht eine ganze Generazion begraben wuͤrde; uͤberzeugt, 2½. daß er die großen Plane, welche ſeine kuͤhne Phan⸗ taſie, vor dem wirkſamer als jetzt, entworfen, nicht ausfuͤhren koͤnne, und daß keiner nach ihm ſie auszufuͤhren im Stande ſeyn werde; uͤberzeugt, daß nach ihm dle Zügel, welche er fuͤr ſeine Ban⸗ de erfunden, und mit denen er den Auswurf ſeiner Zelt, in ein Ganzes zuſammengefaßt, lenkte, in die Haͤnde eines Schwaͤchern kommen und ſo zerriſſen werden wuͤrden, weil dieſer ſie nicht zu halten verſtuͤnde, und daß dann namen⸗ loſes Unhell entſtehen muͤſſe, beſchloß er, ehe er abtraͤte, ſeinem Vaterlande und der Menſchhelt noch den wichtigen Dienſt zu leiſten, daß er ſie von dieſer Sorge befreye, die ſelbſt ihn, der die Folgen in ihrem ganzen Umfange kannte, ſchauern machte. Es war ſchwer, das Vaterland von einer ſo ſehr gefaͤhrlichen Menſchenmaſſe zu befreyen, ohne bieſe zu verrathen. Jeronimo's ſchoͤpfe⸗ riſcher Geiſt fand einen Ausweg, den einzigen vielleicht, der moͤglich war, und den auch nur er wieder ausfinden, auf dem nur er gluͤcklich ſeyn konnte. — hatte nach und nach ſelnen Leuten einen Geſchmack am Abentheuerlichen beygebracht. Je wilder, ſonderbarer, abentheuerlicher, muͤhſamer und verwickelter die Avanture war, um deſto will⸗ kommner war ſie denſelben. Ein gewiſſer Geiſt von Ehre,— wenn man es ſo nennen kann— belebt 95 ſie, und dleſer fand ſeinen Geſchmack und Nah⸗ rung am Außerordentlichen und Abentheuerlichen⸗ Auf dleſen Zug grhndete Jeronimo ſeinen Plan, an welchem er lange arbeitete, und den er end⸗ lich, von einem dazwiſchenkommenden gluͤcklichen Zufalle unterſtutzt, mit dem beſten Erfolge aus⸗ fuhrte. Er entwarfnaͤmlich ben Plan, mit ſeiner gan⸗ zen Bande Itallen zu verlaſſen, ſich elner der fruchtbaren Inſeln des Archipelagus zu bemaͤchti⸗ gen, welche den Tuͤrken entriſſen werden muͤßte, und dort eine eigne Republick zu ſtiften. Da er ſeine Grundſaͤtze politiſcher Freyheit der ganzen WMenſchheit nicht mittheilen, nicht alle von dem Joche der Tyanney befreyen, und ihnen eine beſſere Verfaſſung geben konnte, ſo wollte er doch wenig⸗ ſtens einen eignen Staat nach ſeinen Grundſatzen ſtiften, wo Freyheit und Menſchengluͤck zu Hauſe waͤren, die Menſchen ſich der Natur mehr naͤher⸗ ten, die konvenzionelle Scheidewand eingeriſſen, und Tugend und Moralität in ihre Rechte eingeſetzt wuͤrde; ein Staat, der den freyeren Gelſtern, die vor dem Geißeln der Tyranney und dem Zaͤhne⸗ fletſchen ihrer Inquiſitoren fluͤchteten, zur Reirs diene. Daß er dleſe ſchoͤne Welt, welche er ſich er⸗ träumte, mit Ungeheuern bevdlkern muͤſſe, brachte er in mindern Anſchlag. Er rechnete auf ihre Re⸗ generazion, wenn dle veranlaſſenden Urſachen, „ 96 welche ſie jetzt zu Bubenſtuͤcken reizten, entfernt waͤren; er glaubte, daß die einfacheren Verhaͤlt⸗ niſſe, in die er ſie zu verfetzen dachte, jene morali⸗ ſchen Reibungen entfernen wuͤrden, die er fuͤr die Quellen der Bosheit hielt, und daß ſie dem Man⸗ gel an Beduͤrfniſſen abhelfen wuͤrden, in dem er die vorzuͤglichſte Quelle des Laſters zu finden glanb⸗ te; denn er war bey ſeinem liebenden Herzen ge⸗ neigt zu glauben, daß alle Menſchen im Grunde gut, und blos die ſie umgebenden Verhaͤltniſſe und auf ſie einwirkenden Umſtaͤnde es wären, welche ſie ſchlecht machten. Dieſen Plan theilte er ſeinen Leuten mit, die er nach und nach fuͤr denſelben ſo einzunehmen wußte, daß ſie ſelbſt auf deſſen Ausfuͤhrung zu drin⸗ gen anfingen. Das Ganze hatte einen romantl⸗ ſchen Schwung, wie ihn dieſelben liebten, und je⸗ der mahlte ſich nach ſeiner Art und Weiſe das Schlaraffenleben, das er in der neuen Republik zu führen gedachte; jeder traͤumte ſich, dort gluͤck⸗ licher zu werden, als er jetzt war; alle tranken ſchon in Gedanken den Chieerweln, und ſchliefen bey den zirkaſſiſchen Grazien.— Jeronimo ver⸗ hehlte denſelben die Gefahren nicht, mit denen dies Unternehmen verbunden ſey, er ſchilderte ſie ihnen vielmehr in ihrem ganzen Umfange, und vergrdßerte ſie ſogar noch. Dies war Hehl in das Feuer gegoſſen, vermehrte den Muth der Bande, und entflammte ihre Begierde noch lebhafter, weil dadurch der Zug derſelben immer mehr den Ka 97 rakter des Abentheuerlichen und Außerordentlichen erhielt. Jetzt hatte Jeronlmo unter ſeinen Leuten eine Stimmung erzeugt, wie er ſie gewuͤnſcht hatte, und machte daher ernſtliche Anſtalten zu Ausfuͤh⸗ rung ſeines Planes. Eine Menge Abentheurer und Schwärmer ſchloſſen ſich an die Bande an, als die Sache ruchtbarer ward, und bald ſah ſich Feronimo an der Spltze von fuͤnftauſend Mann, welche taͤglich heftiger in ihn drangen, die vorha⸗ bende Expedizion auszufuͤhren. Ein gluͤcklicher Zus fall ſetzte ihn in Stand, dieſelbe beſchleunigen zu dunen. Der Baſſa Muradan von Albanien, eln aͤhn⸗ licher Schwaͤrmer, war in Inſurrekzion gegen die Pforte. Er hatte ſich vorgenommen, den Despo⸗ tismus einer grauſamen Regierung zu brechen, und das ſchoͤnſte Land Europa's von den Ketten zu befreyen, in welche die Tyranney ſeine Be⸗ wohner geſchlagen hatte.— Aus den Truͤmmern des Despotismus ſollte der Freyheit ein Altar auf der Stelle errichtet werden, wo ehedem ihr helliges Feuer zu Athen und Sparta brannte. Seit einem Jahre lag er dieſerhalb mit der Pforte in elnem Kampfe, deſſen Vortheile bisher noch immer auf ſeiner Seite geweſen waren, und ſo groß auch die Uebermacht war, mit welcher er es aufzunehmen hatte, ſo erſetzten doch Freyhelhölie⸗ Spieß. Kriminalgeſch. a Th⸗ 98 be und Enthuſiasmus, dieſe edlen Muͤtter gigan⸗ tesker Kinder, alles. Er hatte bereits betraͤchtliche Fortſchritte gemacht, eine große Strecke Landes erobert, und ruͤſtete ſich jetzt, durch dieſe Erobe⸗ rungen verſtaͤrkt, zu einem Hauptſchlage, der über das Schickſal Grlechenlandes entſcheiden ſollte. Dagegen that auch von ihrer Seite die Pforte al⸗ les, nicht nur, um die Plane Muradan's zu vereiteln, ſondern um ihn ſelbſt zu zernichten, und die Rache an ihm zu nehmen, nach welcher Tyrannen immer ſo ſehr lechzen⸗ Alle Baſſen wurden aufgeboten, waͤhrend des Winters noch ihre Korps zuſammen zu ziehen, und mit dem An⸗ bruche des Fruhlings ſollte ſich der Grosvezier ſelbſt an die Spitze einer Armee ſtellen, derglei⸗ chen die Pforte noch nicht auf den Beinen gehabt hatte. Muradan, der den harten Stand vorausſah⸗ welchen er haben wuͤrde, gerleth auf den Gedan⸗ ken, bey den chriſtlichen Maͤchten, deren Haß und Eiferſucht gegen die Tuͤrken, von dem Fanatismus der damaligen Zeit angefacht, er kannte, Huͤlfe zu ſuchen. Er verſprach dem Kdnige von Ungarn betraͤchtliche Beſitzungen, ſendete Geſandſchaften nach Pohlen, und vorzuglich nach Italien, w der Fanatismus die dreyfache Krone trug. Sei⸗ nue Geſandten glaubten vorzüglich auf den Pabſt zu wirken, und dieſen zu beſtimmen, einen Kreuz⸗ zug gegen die Türken zu Stande zu bringen, wenn ſie ihm veiſprochen, doß Muradan die chriſtlche 90 Religion ſelbſt annehmen, und in ganz Griechen⸗ land einfuͤhren wollte. Aber immer ſtand der Re⸗ ligionseifer der Paͤbſte ihrer Politik nach. Der Pabſt fuͤrchtete, es mit einer Macht zu verderben, welche den Muradan zernichten konnte, ehe noch der Kreuzzug gepredigt war, von dem er ſich oh⸗ nehin, da bereits der Fanatismus ſich zu verkuͤh⸗ len anfing, nicht viel verſprechen konnte. Ohn⸗ bedeutende Unterſtutzungen und zweydeutige Zuſi⸗ cherungen waren alles, was Muradan's Geſandte vom rdmiſchen Hofe und den uͤbrigen Hoͤfen, auf weiche derſelbe ſo ſehr gerechnet hatte, erhalten konnten; alle wollten erſt den Erfolg abwarten, ehe ſie handelten, um mit Sicherheit handeln zu konnen, und an den Folgen der Slege Muradan's Antheil nehmen, ohne ihm dieſelben erkaͤmpfen zu helfen. Muradan war der Mann fuͤr Jeronimo Schwaͤrmer wie er fuͤr Freyheit und Menſchen⸗ gluͤck, und gleich ihm von Feuereifer gegen Des⸗ potismus und Tyranney beſeelt, ſchien es das Schickſal beſtimmt zu haben, dieſe zwey gleichge⸗ ſchaffenen Seelen zuſammen zu fuͤhren, wenn auch ein noch ſo großer Raum ſie trenne, um gemein⸗ ſchaftlich zu ſiegen, oder zu ſterben, und gemein⸗ ſchaftlich unter den Truͤmmern ihrer großen und edlen Plane begraben zu werden. Muradan's Geſandte erfuhren in Rom nicht ſo bald Jeronimo's Plane, als ſie mit demſelben G 2 100 in Unterhandlungen traten, welche auch bald zu Stande kamen. Dieſen zufolge trat Jeronimo mit ſeinem ganzen Korps zur Unterſtutzung des Baſcha's auf, welcher dagegen deſſen Verpflegung beſorgte, etne beträchtliche Summe an daſſelbe zahlte, und nach Beendigung des Kriegs ihnen ei⸗ nige anſehnliche Inſeln im Archipelagus als ein freyes, unabhaͤngiges Eigenthum uͤberließ, und mit dieſem neuen Staate ein ewiges Buͤndniß abſchloß. Der Pabſt, der hierbey den doppelten Vor⸗ theil hatte, daß ſeine Staaten von einer ſo gro⸗ ßen Menge ſchädlicher Menſchen gereiniget wur⸗ den, und daß Muradan ohne ſeine eigne direkte Einwirkung eine ſo betraͤchtliche Hulfe erhielt, un⸗ terſtutzte dieſen Plan, machte bey den Verhand⸗ lungen zwiſchen Muradan's Geſandten und Jerv⸗ nimo den Vermittler, ließ dieſem aus ſeinem Kammerſchatze eine betraͤchtliche Summe als ein Geſchenk zu Beſtreitung der Reiſekoſten auszahlen und verſah die Bande reichlich mit Ablaͤſſen und Indulgenzen aller Art, denen er ſeinen Segen anhaͤngte, und hierdurch den Feuereifer derſelben für eine Sache verſtaͤrkte, welche ſie nun für de Sache der Religlon anſahen, und als ſolche dop⸗ pelt leb gewannen. 3 WMWit einer Armee, die ſich auf ſechs tauſenꝰ Mann bellef, marſchirte jetzt Jeronimo in Eil⸗ mörſchen nach Albanien, wo ihn der Paſcha um 101 ſo herzlicher willkommen hieß, als ſeine Felnde taͤglich ſich mehrten, und mlt dieſen ſeine Verle⸗ genheit immer mehr wuchs. Nicht immer geht die Freyheit ſiegreich aus dem Kampfe mit dem Despotismus hervor, der imwer ihren Athleten die aͤußerſte Anſtrengung gegen die ungeheuren Huͤlfs⸗ mittel koſtet, die jederzelt dem Despotismus zu Gebote ſtehen. Hier insbeſondere war der Kampf aͤußerſt ungleich; und nur die Talente Jeronimo's und Muradan's und der Enthuſiasmus ihrer Hee⸗ re konnten zum Theile das erſetzen, was ihnen an Staͤrke gegen die zehnmal uͤberlegene feindliche Macht abging. Muradan glaubte dem Schlage, der ihm be⸗ vorſtand, zuvor zu kommen, wenn er die Arme des Grosveziers angriff, ehe dieſelbe ſich geſam⸗ melt hatte.— Sein Heer beſtand einſchließlich der ihm von Jeronimo zugefuͤhrten Vepſtaͤrkung aus nicht mehr als achtzehntauſend Mann, de⸗ nen es ſehr an Waffen und Krlegsbeduͤrfniſſen ge⸗ brach, da der Grosvezier, der recht gut einſah, daß Muradan bey dem gaͤnzlichen Mangel an Hütfsquellen von ſelbſt fallen mäßte, durch meh⸗ rere ſtarke hin- und wleder verlegte Korps ihm alle Verbindung abgeſchnltten hatte, welche ſtets ihn beunruhigten, alle Zufuhren wegnahmen, und. indem ſie ſich immer zuruͤckzogen, ſobald der A⸗ banier auf ſie los ging, deſſen Angriff nie ſtan⸗ . den. Eben dieſe mißliche Lage war ein Grund „ 10 mit, warum Muradan und Jeronimo beſchloſſen, den Feind ſo ſchnell als moglich anzugreifen. Sie mußten, ehe ſie ſich der Hauptarmee naͤ⸗ hern konnten, die ſich im Ruͤcken mehrerer vor⸗ geworfener Korps ſammelte, und von dieſen ge⸗ deckt ward, zuerſt die kleinen Korps, welche dicht vor ihnen ſtanden, und ſie unaufhorlich beunru⸗ higten, wegjagen, dann zwey gioͤßere Korps, wovon das eine ihnen in der Fronte, das andere aber in der Seite ſtand, ſchlagen.— Mit dem gluͤcklichſten Erfolge verdraͤngten ſie die kleinern Korps, die ſich aber diesmal nicht, wie ſonſt, wenn ſie Muradan angriff, zerſtreuten, ſondern jetzt ſich auf die zwey groͤßern Korps warfen, ſich bey dieſen ſammelten, und dieſe verſtaͤrkten, woraus Muradan und Jeronimo ſchon jetzt den traurigen Schluß zogen, der ſich in der Folge nur zu ſehr beſtätigte, daß ſie von Verraͤthern umgeben ſeyen, welche, von dem Feinde erkauft, ihre Plane an dieſe verriethen. Jetzt theilten die beyden Heerfuͤhrer die Ar⸗ mee in zwey Korps, wobvon Jeronimo mit ſeinen Italiaͤnern das Korps, welches gegen Muradan's Fronte ſtand, und Muradan ſelbſt jenes, welches ihn in der Seite bedrohte, angriff. Mit unglaub⸗ licher Tapferkelt und Kriegskunſt ſchlug Jeronimo das Korps, gegen welches ſeine Beſtimmung ging. und das ihm an Anzahl reichlich dreymal uͤberle⸗ gen war, und zerſtreute daſſelbe, waͤhrend Mura⸗ 103 dan ſelbſt, der mit einem weit ſtärkeren Heere ei⸗ nen Feind zu bekampfen hatte, der bey weitem nicht ſo ſtark war, als der, welchen Jeronimo ge⸗ ſchlagen hatte, von dieſem geſchlagen und in die Flucht gejagt ward. Hierdurch ward Jeronlmo, dem das Seitenkorps der Feinde jetzt ſchon zum Theile im Ruͤcken ſtand, gezwungen, um nicht gaͤnzlich abgeſchnitten zu werden, ſich gleichfalls zuruͤck zu ziehen, und verlor die Frucht ſeines Sieges, indem er nicht nur abgehalten ward, den in Unordnung fllehenden Feind zu verfolgen, und ſelne Vortheile zu benutzen, ſondern ſogar ſich den Ruͤckzug erkaͤmpfen mußte, weil er bereits von dem Korps Muradan's abgeſchnitten war, wobey er zugleich noch wie im Vorbeyzehen einen Theil des ſiegreichen feindlichen Korps ſchlug.— Dies war indeß eine weitre Beſtaͤtlgung der Erfahrung, daß Muradan Verraͤther bey ſeinem Heere hatte. Hierdurch war demnach der Plan der beyden Heerfuhrer in ſo welt vereitelt, daß dieſelben ihre ganze Operazion von vorne anfangen mußte, wo⸗ durch dann der Feind Zeit gewann, die Zuſam⸗ menziehung ſelner Armee ohne Hinderniß zu be⸗ ſchleunigen. Zwar druͤckten jetzt Jeronimo und Muradan die vorgeworfenen Korps glücklicher zu⸗ rͤck, als das erſtemal, da ſie nun ihre Planemit der aͤnßerſten Strenge geheim hielten, aber mitt⸗ lerwelle hatte der Grosvezier ſeine Truppen zu⸗ ſammengezogen und organiſirt, und rückte jetzt ſelbſt ihnen mit einer furchtbaren Macht entgegen. 104 Muradan und Jeronimo bewieſen eben ſovlel Klugheit, als Tapferkelt, und der feindlichen Ueberlegenheit ohngeachtet war bis jetzt noch im⸗ mer der Vortheil auf ihrer Seite geweſen, nur fehlte es ihnen an Beduͤrfniſſen jeder Art, da der Grosvezier alles um ſich her verheerte, und ihnen alle Zufuhr abſchnitt. In dieſer Verlegenheit beſchloſſen ſie dem Gros⸗ vezier eine Schlacht zu liefern. Den Plan hier⸗ zu hatte Muradan ſelbſt entworfen, und er war in jeder Ruͤckſicht ein Meiſterſtoͤck der Kriegskunſt, das mit eben ſo viel Geſchicklichkeit ausgefuͤhrt als entworfen ward. Schon nelgte ſich die Schlacht zum entſchiedenſten Vortheile Muradan's, und zur gaͤnzlichen Riederlage des Grosvezlers, als ein großer Theil von der Armee Muradan's zu Ver⸗ raͤthern ward, und zu der Armee des Grosveziers uͤberging, welche zu gleicher Zeit auf allen Seiten wieder vordrang. Jaͤhling ſah ſich Muradan von allen ſeinen Tuͤrken verlaſſen, und hatte noch kaum ſo viel Zeit, zu Jeronimo zu eilen, der nen Itallaͤnern nun gleichfalls eingeſchloſſen war. Dieſe wußten, daß an keinen Pardon zu denken war, und fochten verzweiflend, wie Loͤwen⸗ Die Haufen der erſchlagnen Feinde lagen ſchich⸗ tenweiſe aufeinander, und bedeckten dleſelben gleich Schanzen gegen ihre Felnde ſelbſt. Feronimo Keß.— Nach zehnſtuͤndigem Kampfe ſcno und Muradan thaten alles, was ſich nur erwan 6 105 den Kraͤfte und Hofnung bey Jeronimo's klei⸗ nem immer duͤnner werdenden Haufen; da ſank Jeronimo von vielen Wunden erſchoͤpft, und ath⸗ mete nicht wieder. Der klelne Haufe noch leben⸗ der Streiter verlor die Haltung, als ſie ihren gro⸗ ßen Anfuͤhrer ſinken ſahen; ein ganzes Korps Spahis brach wuͤtend auf ſie ein; nicht ein einzi⸗ ger entkam. So fiel Jeronimo Zencopraſti, von dem Schickſale gewiß zu einer andern Rolle beſtimmt⸗ als jener, die er hatte ſpielen muͤſſen, und war wohlthaͤtig noch durch ſeinen Tod fuͤr die Menſch⸗ heit, indem er dieſelbe von einer Maſſe von Ver⸗ brechern befreyte, wie man ſie ſelten beyſammen findet. Keine Thraͤne floß ſeiner Leiche, kein Monument iſt ſeinem Andenken geweiht, und kein Stein bezeichnet den Ort, wo die Aſche des Hel⸗ den ruht, der gewiß ein beſſeres Schickſal ver⸗ dient hätte. Nur in den Erzählungen des Vol⸗ kes beruht noch ſein Andenken, das an den lan⸗ e Winteraenden deſſen Geſchichte ſeinen Kin⸗ ddern erzaͤhlt, mit einer Menge Albernheiten aus⸗ geſchmuͤckt; und noch jetzt einen Mann ſegnet, der oft es vor faſt zwey hundert Jahren an ſeinen Bedruͤckern geraͤcht hatte.— Nach der allgemeinen Volksſage war Jeroni⸗ mo der ſchoͤnſte Mann ſeiner Zeit, kelner äber⸗ 5 traf ihn an Staͤrke und Bewandheit, ſo wis kei⸗ er ihm an maͤnnlicher Schonbeit gleich kam, In 3 5 106 ſeinem Karakter zeigte ſich eine ſonderbare Mi⸗ ſchung von Gutem und Schlechtigkeit, wovon erſt⸗ res die Natur, letztre die Konvention und ſeine Schickſale ihm gegeben zu haben ſchien; erſtres ſchlen ihm eigenthuͤmlich, letztre durch Zwang in ſeinen Karakter eingedraͤngt zu ſeyn. Er hatte un⸗ geheure Talente, und niemand konnte es läugnen, daß er ein vortrefliches Herz hatte. Keine der nledern Leidenſchaften und Schwächen, denen die Menſchen ſo ſehr unterliegen, ſchien in ſeiner Seele Raum faſſen zu können, Die Schlaͤge des Schickſals, und des Gluͤckes launenhaftes Laͤcheln ſchienen beyde gleich wenig Eindruck auf ihn zu machen; er blieb ſich immer gleich.— Man hat ihn in den mannigfaltigen und angreifenden Situa⸗ zionen ſeines Lebens nie lachen und nie weinen ge⸗ ſehen, weil ſeine Seele ſtärker war, als Freude und Schmerz.— Phyſiſche Schmerzen ſchien er nicht zu kennen; er hielt einſt ſeine linke Hand uber ein Kohlfeuer, langſam ſie drehend, ohne ſeine Miene zu veraͤndern.— Unter andern Um⸗ ſtaͤnden haͤtte man ihm Tempel gebaut und Altä⸗ re errichtet.*) 8 *) Durch das Gemaͤhlde der Schickſale dieſes merk⸗ würdigen Mannes iſt zugleich das Verſprechen er⸗ fuͤllt, welches wir unſern Leſern in dem erſten Ban⸗ de der Friminalgeſchichten, in der Geſchichte des armen Fritzens thaten, in welcher Jeronimo Zencd⸗ pyraſti gleichfalls auf eine ſehr edle Weiſe aufgetreten iſt. Boirlier und Mainpré, ein ſeltnes Spiel der Natur. Unfaßbar reich iſt die Natur an Splelen, Ab⸗ weichungen und Aehnlichkeiten in allen ihren Thei⸗ len. Dieſe Naturſpiele, welche ſo oft unſer Er⸗ ſtaunen erzwingen, erzeugen nicht ſelten die ſon⸗ derbarſten und merkwuͤrdigſten Vorfaͤlle. Shakes⸗ peare hat aus einer ſolchen Aehnlichkeit von Zwil⸗ lingsbruͤdern den Stoff zu einem intereſſanten Schauſpiele genommen, uud die Verwechslungen dieſer beyden mit einander geben demſelben das hochſte Intereſſe. Noch ſeltner und auffallender iſt die Aehnlichkeit und die Verwechslung, welche in der Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zwi⸗ ſchen Boirller und Mainpré, zwey ſich ganz frem⸗ den Menſchen, wovon der eine aus Beaune und der andere aus Breſt war, zu einem der verwi⸗ ckeltſten Rechtsſtreite Anlaß gab, welchen uns Pu⸗ tenval erzaͤhlt, und noch mehrere andre franzbfi- ſche Schriftſteller mitgetheilt haben. Da dieſe in den Umſtaͤnden und Verhältniſſen faſt äberall von einander abweichen, ſo haben wir durch eine Zu⸗ 108 — ſammenſtellung derſelben ein Ganzes gebildes, wel⸗ ches wir hier mittheilen; weshalb ſich denn auch niemand wundern darf, wenn unſte Erzaͤhlung mit keinem einzlen derjenigen Schriftſteller, welche uns dieſe Thatſache aufbehalten haben, ganz uͤberein⸗ ſtimmt. Jakob Boirlier, Kaufmann zu Beaune, einer klelnen Stadt in dem ehmaligen Gouvernemeut Bourgoigne, hatte von ſeinen Eltern ein betraͤcht⸗ uches Vermoͤgen geerbt, das er in ſeinem acht⸗ zehnten Jahre antrat, indem er ſich mit Jeanette Deprelard, einem der ſchonſten Maͤdchen der Stadt, und zuglelch einer der reichſten Erbinnen vermaͤhlte. Er trieb das Gewerbe, bey welchem ſeln Vater reich geworden war, den Weinhandel naͤmlich, zu welchem die Lage und Produktion des Staͤdtchens, worlun er wohnte, ihm einen außer⸗ ordentlichen Vorſchub leiſiete. Boirlier war, wie alle junge Franzoſen, aͤu⸗ gerſt lebhaft, unruhig, ſade, ein Freund des Ver⸗ † gnuͤgens, deſſen Abwechslung er leidenſchaftlich ſtebte, leichtſinnig, bonvivant. Er und ſeine Freunde verſchafften der Waare, mit welcher er handelte, den meiſten Abſatz, er war, wie man im Volksſpruͤchworte zu ſagen pflegt, ſein beſter Kunde ſelbſt. Fruͤhzeitig im Genuſſe ſeines liebens. wördigen Weibes uberſättigt, rannte er von Vet⸗ gnügen zu Vergnuͤgen, verfaͤumte gaͤnzlich ſein Ge⸗ werpt und Hausweſen, und fand nach vier Jah⸗ 109 ren, die er in Huͤlle und Fuͤlle durchlebt hatte, daß nicht nur ſein betraͤchtliches Vermdͤgen rein aufgezehrt war, ſondern daß er durchaus auſ⸗ ſer Stande ſey; die bedeutenden Schulden, wel⸗ che er gemacht hatte, auch nur zum zehnten Thelle zu bezahlen.— Zum erſtenmale in ſei⸗ nem Leben ſtellte er vernünftige Betrachtungen an, und da er ſich durchaus ruinirt ſah, und das Anerbieten ſeines Weibes, welches eben ſo edel als ſchon war, mit dem Vermoͤgen derſel⸗ ben ſeine Schulden zu tilgen, theils nicht an⸗ nehmen wollte, theils auch ihm ſolches wenig helfen konnte, da die Eltern und Verwandte demſelben widerſprachen, da ſelne Glaͤubiger im⸗ mer dringender wurden, und ihm Arreſt bevor⸗ ſtand, ſo entfloh er bey Nacht und Nebel, nach⸗ dem er von ſeiner Gattinn ſchriftlich Abſchied ge⸗ nommeu hatte, und nahm Dienſte unter dem Regimente Auxervis, das eben zu Marſeille ein⸗ geſchifft ward, um in dem Kriege, welchen da⸗ mals Frankreich mit England fuͤhrte, zu irgend ei⸗ ner Landung gebraucht zu werden. Dies meldete er ſeiner Gattinn, von welcher er den ührente ſchriftlichen Abſchied nahm. Das Regiment Aurerols ſchiffte nach Oſtin⸗ dien, wo es um ein Drittheil durch die zur See 5 gewoͤhnlichen Krankheiten, Stuͤrme und alle Ar⸗ ten von Elend geſchwaͤcht ankam, und durch drey Bahre gegen die Englaͤnder mit abwechſelndem Er⸗ folge laͤmpfte. Am Ende des dritten Jahres war 110 die Franzoſiſche Armee theils durch das Schwerd des Feindes, theils durch das außerordentliche Elend, welchem dieſelbe groͤßtentheils durch dFe Schurkereyen und den Betrug der Approviantl⸗ rungs⸗Kommiſſairen, welche nicht um ein Haar beſſer waren, als ihre Nachfolger, die jetzigen fran⸗ zoſiſch⸗Republikaniſchen, ohnausgeſetzt unterlag, ſo erſchoͤpft und zuſammengeſchmolzen, daß der Chef derſelben es unmoͤglich fand, ſich gegen dle ſtets ſich verſtaͤrkenden und immer neue Kraͤfte eln⸗ ſammelnden Felnde ferner zu halten, und ſich da⸗ her gezwungen ſah, mit den traurigen Reſten ſei⸗ nes Heeres auf einigen Transportſchiffen nach Eu⸗ ropa zuruͤckzukehren, wo er nach einer abermals hoͤchſt beſchwerlichen und langwierigen Relſe mitten im Winter ankam, und im Hafen zu Toulon einlief.— Dort waren die betruͤbten Reſte dieſes ehedem ſo glaͤnzenden Heeres kaum zwey Tage ausgeſchifft, als ſchon wieder ein Be⸗ fehl das Kriegsminiſters einlief, die Regimenter ſo ſchnell, als moͤglich, vollzaͤhlig zu machen und nothduͤrftig zu organiſiren, um ſogleich wieder ei⸗ geſchifft zu werden, und an einem Orte zu agltren, welches in einem der Generalitaͤt verſchloſſen zuge⸗ ſtellten Befehle, der erſt auf einer gewiſſen Mee⸗ reshohe gedfnet werden durfte, beſtimmt war.— Man eilte dieſen Befehl zu vollſtrecken, und da man mit einem unglaublichen und ſonſt ganz un⸗ 6 herkommlichen Zwange zu Werke ging, um Sol⸗ daten zu preſſen, die man auf die Schlachtbant 1LT fuͤhren konne, ſo waren in weniger als vier Wochen deren ſchon genug beyſammen, um die Regimenter, freylich noch nothduͤrftiger, als der Befehl lautete, zu komplettiren, die man dann nebſt einigen an⸗ dern Regimentern, welche zur Verſtaͤrkung dazu ſtießen, auf Schiffe packte, und mit ihnen in die See ſtach. Die Erxpedlzion war nach Gibraltar beſtimmt, welche Feſtung den Franzoſen von jeher ein Dorn in den Augen war, ſo lange ſie dieſelbe in dem Beſitze der Englaͤnder wiſſen. Man wußte, daß ſie nur ſchlecht beſetzt war, und glaubte, daß ſie noch ſchlechter verproviantirt ſey, und hatte da⸗ her den Plan eutworfen, ſie durch einen Coup de main zu uͤberrumpeln, oder wenn dies mißlinge, ſie von der Landſeite, ſo wie zur See eng zu blo⸗ quiren, um durch den Hunger die Garniſon zu zwingen, daß ſie kapitulire, und die Feſtung uͤber⸗ gebe.— In beyden Betrachtungen hatte man ſich betrogen, denn als die Franzoſen ſich unterhalb Gibraltar ausſchifften, um dieſe Feſtung zu uͤber⸗ raſchen, wurden ſie von den Englaͤndern ſo wohl empfangen, daß ſie einige tauſende auf dem Platz ließen, und mit dem Reſte ſich in ihre Schiffe zu⸗ ruͤckziehen mußten. Unter denjenigen, welche man, als man in der ofnen See auf den Schif⸗ fen den erlittenen Verluſt zu berechnen, gemaͤch⸗ lich Zeit hatte, nicht mehr vorfand, war auch Bo⸗ irlier, von dem man nlchts weiter wußte, als daß er auf dem Ruͤckzuge von einem feindlichen Kaval⸗ 112 leriſten einen Soͤbelhleb über das Geſicht erhal⸗ ten hatte, von welchem er zu Boden gefallen war, und muthmaßte man daher, daß er, wenn er auch nicht an dieſer Kopfwunde auf der Stelle geblieben ſey, doch von den Pferden der die fliehen⸗ den Franzoſen in gedraͤngten Haufen verfolgenden Kavallerie zertreten worden ſeyn muͤßte. Wir uͤbergehen die Vorfaͤlle des Kriegs, die ganz nicht in unſte Geſchichte gehdren, und die uns jetzt, da der Held derſelben keinen Antheil mehr an derſelben nimmt, ohnehin nicht mehr in⸗ treſſiren konnen, und uberſpringen einen Zeitraum von zehn Jahren, indem wir es uns vorbehalten, unſte Leſer in der Folge noch kurz von dem zu un⸗ terrichten, was in dieſer Zwiſchenzeit merkwuͤrdi⸗ ges mit Boirlier vorgegangen war, und begnuͤgen uns jetzt, zu ſagen, daß es einſt Abends an der Hausthoͤre der Madame Boirlier pochte, und als man dieſelbe dfnete, ein Bettler eintrat, der in Lumpen gekleidet ſich halb zu vermummen be⸗ ſtrebte, und bey dem Geſinde darauf beſtand, ſo⸗ gleich zu der Dame des Hauſes gebracht zu wer⸗ den, weil er eben ſo dringende, als wichtige Ge⸗ heimniſſe mit ihr zu verhandeln habe. Nicht ohne Widerſtand ließ Madam Boirlier endlich denſelbe vor ſich kommen; kaum war er eingetreten, ſo ſank ſie demſelben, der Lumpen ungeachtet, welche ihn hedeckten, mit der vollſten Zaͤrtlichkeit in die Arme, denn es war ihr geliebter, laͤngſt ſchon als todt beweinter Gatte S Dle Freude dieſer Wledervereinigung war rein und dauernd; das neuvereinte Ehepaar koſtete alle die Suͤßigkeiten treuer Llebe, welche ſie vorher bey dem Feuer und dem Leichtſinne der Jugend nur wenige Wochen genoſſen hatten, dauernd, und taͤglich ſchlen ihre Liebe ſich zu verſtaͤrken. Boirlier vermled es ſorgfaͤltig, von dem Vergan⸗ genen zu ſprechen, er ſchten ſogar die melſten Gegenſtände, ſie mochten im naͤheren oder ferne⸗ ren Bezuge zu ihm geſtanden haben, vergeſſen zu haben und gleichſam wiedergeboren zu ſeyn, und ſeine Gattinn war zu beſcheiden, um dieſe Szenen und Verhaͤltniſſe, deren Erinnerung ihrem Gatten nicht anders als hoͤchſt unangenehm ſeyn konnten, auch nur auf das leiſeſte zu beruͤhren; ſie freute ſich vielmehr, daß ihr Gatte ſeine vorheri⸗ gen Verhaͤltniße und Lagen ſo ganz vergeſſen hat⸗ te, daß er oft ſelbſt im Andenken an dieſelben irre ward, und Dinge und Perſonen verwechſelte, die er ſonſt nur zu genau gekannt, und daß er jetzt ein ganz anderes Leben fuͤhrte. Von den Schickſalen, welche er nach der Trennung von ſeinem Weibe gehabt hatte, ſprach Boirlier hochſt ſelten, und nie anders, als mit einer Art von Zwang; nur bey den letztern acht Jahren weilte er gerne, und unterhielt ſeine Gattinn und Freun⸗ de oft und freudig von den Schickſalen, die er waͤhrend derſelben in den engliſchen Beſitzungen in Nordamerlka gehabt hatte, wohin er, nach⸗ Spieß. Kriminalgeſch. 2 Th⸗ H 174 dem er bey Gibraltar unter den Verwundeten vom Schlachtfelde aufgehoben und geheilt wor⸗ den und engliſche Dienſte genommen hatte, ge⸗ bracht worden war. Jedermann wunderte ſich uber die Aenderung von Boirliers Karakter, nie⸗ mand mehr, als ſeine Gattinn, die mit voller Liebe taͤglich mehr an ihm hing.— Er war jetzt eben ſo fleißig, thaͤtig und nuͤchtern, als er ſonſt ausſchweifend, nachlaͤſſtg und laͤderlich ge⸗ weſen war; die leichtſinnige Jovialität, die ihm ſonſt elgen geweſen war, hatte ſich in eine Art von menſchenſcheuer Furchtſamkeit umgemo⸗ delt. Er hatte ſeine vorherigen Handlungsgeſchaͤfte aufgegeben, weil er, wie er ſagte, bey denſelben nie ſeinen Vortheil finden kdnnen, und trieb einen Spedizionshandel, bey dem er, beſonders durch Verſendungen nach Breſt, durch ſeine glucklichen ſtets wohlberechneten Spekulazionen in kurzem un⸗ geheure Summen gewann; und bald kannte man in ihm den reichſten, aber auch zugleich den brav⸗ ſten, fleißigſten und nuͤchternſten Einwohner in Beaune. So waren vier Jahre verfloſſen, als ein hochſt⸗ ſonberbarer Zufall die Ruhe dieſes gluͤcklichen Ehe⸗ paars ſtorte. Es war der erſie ſchone Tag des herannahenden Fruͤhlings, und die beyden Ehe⸗ leute ſaßen nach dem Mittagseſſen beyſammen an dem ofnen Fenſter, als eine Poſichaiſe, mit vier Pferden beſpannt, vor der Hausthure anfuhr⸗ Halt! rief es aus dem Kutſchenſchlage dem Po⸗ r15 ſtillon zu, dieſer dfnete ſich und heraus ſprang — noch ein Boirlier, der mit Haſt in die ofne Hausthuͤre ſprang, und Madame Boirlier, die eben aus der Stube trat, mit Ungeſtuͤm in ſeine Arme preßte. Auf ihr Schreyen ſprang der erſte Boirlier, oder jener, mit welchem ſie bisher ge⸗ lebt hatte, zu ihrer Huͤlfe herbey, und ſah— ſein Ebenbild, wie in einem Spiegel, das eben ſo bald ſeiner anſichtig ward, und ſich zu freuen ſchten, ihn hier zu ſehen, indem es ihn ſeinen lieben Mainpre nannte, und ſich herzlich freute, ihn, den lange verlornen, in ſeinem Hauſe wieder zu ſehen. Das aͤußerſte Erſtaunen feſſelte indeſ⸗ ſen dieſen, ſo wie die Hausfrau, die ſich von bey⸗ den in Anſpruch genommen ſah, welches dann bald ſich auch dem neuangekommenen mittheilte, als dieſer die allgemelne Verwirrung entdeckte.— Der bisherige Beſitzer des Hauſes und die Frau gewann am erſten die Faſſung wieder; er wunder⸗ te ſich, wie ein Fremder, deu er nie geſehen noch gekannt habe, ihn bey einem Namen benenne, den er nie gefuͤhrt habe, und ihn mit einer Vertraulichkeit behandle, die er ſich nicht zu er⸗ klären wiſſe, noch mehr aber wundere er ſich, wie dieſer Fremde die Dreuſtigkelt haben konne, ſeine Frau durch ſeine unartige Zudringlichkeit zu mißhandeln, und dadurch ihn auf das groblichſte zu beleidigen. Dieſem haͤngte er an, daß der ungebetene Gaſt ſein Haus um ſo ſchneller raͤu⸗ H 2 116 men moge, als er ſonſt in dle Nothwendigkeit verſetzt ſey, von ſeinem Hausrechte Gebrauch zu machen, und ihn vor die Thaͤre werfen zu laſſen. Der Ankdmmling gerleth in Wut, ſchimpfte den Hausherrn einen niedertraͤchtigen Betruͤger, und bezog ſich endlich auf Madam Broirlier als ſeine Frau, die, unvermdoͤgend vieſe ſonderbare Szene auszuhalten, weggebracht werden mußte, waͤh⸗ rend man den Ankdmmling mit Huͤlfe des Geſin⸗ des und der herzugerufenen Nachbarn wirklich aus dem Hauſe warf. Dieſer ellte ſogleich zu den Gerichten, um dieſen ſonderbaren Fall anzuzeigen, und Haus⸗ Vermoͤgen und Gattinn zu reklamiren. Da dieſer Vorfall eben ſo verwickelt als uberraſchend war, und einer von beyden nothwendig ein abſcheulicher Betruger ſeyn mußte, ſo wurden hlerauf beyde arretirt, ſo wie auch die ungluͤckliche von beyden in Anſpruch genommene Gattinn, da man nicht wiſſen konnte, in wie fern ſie an der Betruͤgerey Antheil genommen hatte, und alſo mit ſtraͤflich war oder nicht. Gerne wurden wir mit der Aufloſung des Raͤth⸗ ſels ſo lange zuruͤckhalten, bis der Gang der Ge⸗ ſchichte und die Folge der gerichtlichen Unterſu⸗ chung daſſelbe ſelbſt entwickeln wuͤrden, und dieſe ſo lange in Ungewißheit laſſen, als es die Gerich⸗ te blieben, denen die Entſcheidung dieſes Rechts⸗ falls, der gewiß einzig in ſeiner Art iſt und wohl 117 auch bleiben durfte, nicht wenig Arbeit machte; allein die Verwechslung der Namen und Perſo⸗ nen, da wir, um die Spannung nicht zu unter⸗ brechen und dem Gange der Geſchichte ganz zu folgen, beyde Arretirte, einen wie den andern ſo lange Boirller nennen muͤßten, bis die Wahrheit entdeckt ward, wuͤrde nothwendig ſowohl bey uns als den Leſern elne hoͤchſt unangenehme Verwir⸗ rung erzeugen, und Undeutlichkelt üͤberall zur Fol⸗ ge haben; wir wollen daher lieber zuerſt den Ausgang der Sache kurz anfuͤhren, und das Raͤthſel nach und nach loſen, ſo wie ſolches eine ußerſt fleißige der Wichtigkeit des Gegenſtandes durchaus wuͤrdige Unterſuchung nach und nach im Verlaufe mehrerer Jahren den Richtern aufloſte, und dle Gewißheit der Erfahrung beſtaͤtigte, die ein allgemeines Weltgeſetz zu ſeyn ſcheint, daß „wie truͤbe auch der Nebel ſey, der bisweilen die Wahrheit umhullt, dieſe doch endlich durchdrin⸗ ge, und in voller Klarrheit, der Sonne gleich, hervortrete.“ Die Sache entwickelte ſich naͤmlich durch dreyjaͤhrige hoͤchſt ſonderbare Verhandlungen da⸗ hin, daß jener, der zuerſt zuruͤckgekommen war, und mit der von beyden in Anſpruch genommenen Ehefrau vier Jahre lang in einer wirklich glöͤckli⸗ chen Ehe gelebt hatte, wie er uberzeugt ward, und endlich ſelbſt eingeſtand, der wahre Boirlier nicht ſey, ſondern, daß er ein ſchaͤndlicher Be⸗ trüͤger war, der Mainpre hies, aus Breſt gebür⸗ 118 — tig und der grobſten Schelmereyen ſchuldig war, und daß er die außerordentliche Aehnlichkeit, die er mit dem wahren Boirller gemein hatte, und deſſen Offenherzigkeit kunſilich zu mißbrauchen ge⸗ wußt hatte. Die Unterſuchung, wodurch ſich dies heraus ſtellte, iſt in allen ihren Theilen eben ſo ſonderbar, als der Gegenſtand, welchen ſie zum Zwecke hat⸗ te. Der ganze Bewels, auf welchem die Erhal⸗ tung endlicher Gewißheit beruhte, beſteht aus ei⸗ ner Menge einzler kleiner Theile, welchem ſaͤmt⸗ lich, einzeln genommen, nichts weniger als befrle⸗ digend ſind, und blos zuſammengeſtellt ein kunſt⸗ liches Ganzes bilden.— Wir wollen ſaͤmtliche Vorfaͤlle unſern Leſern mittheilen, ſo wie ſie Pu⸗ tenval und die uͤbeigen franzoſiſchen Schriftſteller, welche uns dieſen merkwuͤrdigen Vorfall aufbe⸗ wahrt haben, mit mehr und weniger Umſtaͤndlich⸗ keit erzaͤhlen. Der Prozeß ward an dem Palemente zu Di⸗ jon anhaͤngig gemacht, wohin auch die Arre⸗ ſtanten gebracht wurden. Nie hat ein Rechts⸗ ſtreit mehr Aufſehen gemacht und nie war das Intereſſe des Publikums lebhafter und geſpann⸗ ter geweſen. Der Saal, worinn das Parla⸗ ment ſelne Sitzungen dffentlich hielt, konnte die Menge der Zuhdrer nicht faſſen, ſo oft dle Reihe der Verhandlung denſelben traf. Die Verhandlungen dauerten drey Jahre, waͤhrend ———————————— 119 welchen bald die Sache Boirlier's, und bald jene Mainpré's beſſer ſtand; einigemal ſogar hatte letztre das Uebergewicht, und es ſchien, als ob dieſer den großen Preis— Frau und Vermoͤgen — echalten und erſtrer als Betruͤger geſtraft wer⸗ den wuͤrde. Die geſchickteſten Advokaten Frank⸗ reichs erſchopften ihre Kunſt an einem Rechtsſtrei⸗ te, an welchem ſich das ganze Koͤnigreich bean⸗ theiligte, und noch in der Haͤlfte des letzten Jahrs war die Sache zweifelhaft, daß niemand wußte, wie man daran war.— Wir wollen dem Gange des Rechtsſtreits ſelbſt folgen. Schon der erſte Punkt deſſelben, die Ver⸗ haftung der Betheiligten naͤmlich, verurſachte ei⸗ ne Menge Verhandlungen, deren Erledigung faſt ein halbes Jahr dauerte. Eines jeden Theils Ad⸗ vokaten wollten ihren Kllenten vom Arreſte befreyt wiſſen, und den Gegner im Gefaͤngniſſe behalten haben. Mainpré's Anwaͤldte fuͤhrten an; ihr Klient ſey im Beſitze eines anſehnlichen Vermd⸗ gens, das ſelbſt dann nicht von dem Gegner in Anſpruch genommen werden kdnne, wenn auch ihr Klient der wahre Boirlier nicht ſey, da er es waͤhrend den vier Jahren von ſeiner Zuruͤckkunft an erſt erworben, zuvor aber nicht beſeſſen habe, weshalb ſolches auf jeden Fall eine Frucht ſeines Fleißes ſey, und daher von jenſelts nie in Anſpruch genommen werden kon⸗ ne. Dies Vermdͤgen ſey ſtark genug, um zur Sicherheit zu dienen. Auch beweiſe der gute 120 Leumund und die allgemein anerkannte gute Mo⸗ ralitat, welche ihr Klient waͤhrend den letzten vier Jahren bewieſen, daß er an keine Flucht gedenke, und ſchon aus dieſer Ruͤckſicht habe er alles fuͤr ſich; auch nehme er nichts in Anſpruch, was er nicht ſchon beſitze. Dagegen ſey der Gegner deſ⸗ ſelben ein Vagabund und Abentheurer, ohne Vermoͤgen und blos gekommen, um auf gut Gluͤck einem rechtlichen Manne das Seine zu rauben, von ihm ſey weiter nichts bekannt, als daß er jetzt da ſey, und muͤſſe derſelbe daher nothwen⸗ dig im Verhafte blelben, um ſeiner Zeit die Stra⸗ ſe ſeiner Schaͤndichkeit an ihm vollſtrecken zu können. Boirlier's Advokat verſetzte dagegen. Das Vermoͤgen, welches ſein Klient in Gold, Wech⸗ ſeln und Pretioſen bey ſich habe, und das von den Gerichten bereits in Beſchlag genommen worden, ſey nicht viel unbetraͤchtlicher, als jenes, womit der Gegner ſich ſo ſehr bruͤſte, und jenes, welches fuͤr denſelben unterwegs ſey, und in kurzer Zeit ankommen werde, uͤberſteige daſſelbe um ein merk⸗ liches, dadurch ſey alſo die Sicherheit fuͤr ſeinen Klienten eben ſo und noch beſſer begruͤndet, als jene des Gegners. Dies Vermoͤgen, welches ſein Klient ſich erworben, habe er in einem fremden Lande ohne allen andern Fond, als jenen ſeines Fleißes erhalten, wogegen der Gegner dasjenige was er beſitze, mit dem Fonde des Vermdgens der Frau und dem rechtmaͤßigen Vermdogen ſeines Kli⸗ 12T enten erworben habe, welches alſo als Fruͤchte deſſelben dieſem ganz zufallen muͤſſe. Hierzu komme, daß ſein Klient, ſelbſt wenn er der wah⸗ re Boirller nicht ſey, nur wenig ſtrafbar ſeyn wuͤrde, wogegen der Gegner in dieſem Falle des ſchwerſten Todes ſchuldig ſey, da er, wenn jener nur ein Verbrechen zu begehen habe vorhaben kon⸗ nen, ſolches wirklich begangen, den rechtmaͤßi⸗ geu Elgenthuͤmer um ſein Vermoͤgen, den Gat⸗ ten um die Gattinn betrogen, und mit dieſer durch mehrere Jahre in verbotnem Umgange ge⸗ lebt habe. Es ſey alſo keine Proportlon zwiſchen den Verbrechen, deren beyde ſchuldig ſeyen, und wenn der eine entlaſſen zu werden verdiene, ſo muͤſſe glelchwohl der Gegner in dem Arreſte be⸗ halten werden. Der Anwald der Madame Boirlier fuͤhrte an; wenn von den jenſeitigen Advokaten von Sicher⸗ heit geſprochen werde, dann habe doch wohl ſeine Klientin die beſte zu leiſten, da niemand derſelben Vermoͤgen in Anſpruch nehmen koͤnne; im uͤbri⸗ gen koͤnne auch auf ſie nie Strafe erfallen, weil alle Umſtaͤnde bezeugten, daß ſie an keinem Ver⸗ brechen Antheil habe, da die Aehnlichkeit unter den beyden Maͤnnern, welche den Namen Boir⸗ lier beyderſeits ſich beylegten, ſo außerordentlich ſey, daß ſelbſt das Tribunal, deſſen Weisheit nie⸗ mand bezweifle, und welches hierinn um ſo eher urtheilen konne, da es wiſſe, daß hier von einem Betruge die Sprache ſey, und daß einer der bey⸗ 122 den Streltenden untergeſchoben ſey, nicht die min⸗ deſte Unglelchheit unter denſelben faͤnde, welches alſo um ſo weniger einem Weibe zugemuthet wer⸗ den koͤnne, das unmoglich den hohen Grad von Aufmerkſamkeit habe haben konnen, der gleich⸗ wohl noch immer unzulaͤnglich ſey, da daſſelbe keinen dergleichen Betrug habe ahnen koͤnnen, und ſeinen Gatten ſogar in vierzehn Jahren nicht geſehen habe.— Zudem ſey noch unentſchieden, ob derjenige, mit welcher ſie die letzten vier Jah⸗ re in ehelicher Verbindung gelebt habe, nicht der rechte ſey, und in dieſem Falle konne ohnehin der⸗ ſelben um ſo weniger irgend auch nur der gering⸗ ſte Vorwurf gemacht werden. Nach halbjaͤhrigen Debatten hieruͤber entſchled das Parlament dieſen Vorpunkt dahin, daß in Anbetracht, weil die von den Gefangnen anerbo⸗ tene Sicherheit, wie betraͤchtlich ſie auch immer ſey, dennoch mit dem Verbrechen, wovon die Fra⸗ ge ſey, in keiner Proportion ſtehe, und weil jeder derſelben in dieſem ſeltnen Prozeſſe gleiche Ver⸗ haͤltniſſe haben muͤſſe, welche verruckt werden wuͤr⸗ den, wenn einer derſelben entlaſſen, und der an⸗ dre zuruͤckbehalten wuͤrde, die beyden maͤnnlichen Gefangenen noch ferner in einem honetten Arreſte zu behalten, die Frau aber bis zum Ausgange des Rechtsſtreits in einem Kloſter aufzubewahren ſey. Nun erſt nahm der eigentliche Rechtsſtreit ſei⸗ nen Anfang.— Man fing damit an, jene zu 123 perhdren, welche den Boirller vor ſeiner erſtern Eutweichung genau gekannt hatten.— Anne Louvet, ein achtzigjaͤhriges Weib, das bey Boirlier Amme geweſen, gab an, daß der Knabe Boirlier am linken Schenkel eine klelne braune Marke habe, und an dieſer beſonders kenntlich ſeyn muͤſſe. Dieſer Flecken fand ſich auch wirklich bey Boirlier; Mainpré aber hatte genau an der naͤmlichen Stelle eine breite Narbe von einer erhaltnen Wunde, und benutzte dieſen Um⸗ ſtand ſehr gluͤcklich, indem er angab, daß er dieſe Marke gehabt, ſolche aber durch die erhaltne Wun⸗ de, drren Narbe noch ſichtbar ſey, veeletzt wor⸗ den waͤre. Die Amme gab ferner an: Boirlier habe im⸗ mer mit großer Zaͤrtlichkeit an ihr gehangen, und ſie hahe faſt ganz von ſeiner Wohlthaͤtigkeit ge⸗ lebt; als aber derſelbe vor vier Jahren zuroͤckge⸗ kommen, habe er ſie gar nicht mehr kennen und ſich ihrer gar nicht mehr erinnern wollen; ſie habe ſogar S gehabt, ſich ihm kennilich zu machen. Malnpré verſetzte hlerauf, daß er ſich des al⸗ ten Weibes noch recht gut erinnert, daß er aber. well er den Vorſatz gehabt habe, ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe von Grund aus umzuaͤndern, dieſelbe nicht habe kennen wollen, um ſich einer koſtſpieligen Bekanntſchaft zu entladen, welche, wie ſie ſelbſt 124 angebe, auf ſeine Koſten gelebt habe, welches ſich mit den Verhaͤltniſſen ſeines erſchoͤpften Ver⸗ moͤgens nicht ferner vertragen habe. Mademoiſelle Fanchon, welche Boirliers Mab treſſe vor ſeiner Entweichung geweſen, gab an, daß derſelbe in einem Duelle kurz vor ſeiner Ent⸗ weichung eine Wunde am rechten Arme erhalten habe, wovon die Narbe noch ſichtbar ſeye, und denſelben kenntlich machen muͤſſe; allein es fand ſich bey der desfalls vorgenommenen Beſichtigung, daß beyde faſt an der nämlichen Stelle des rechten Oberarms Narben von erhaltnen Wunden hat⸗ ten, nur war jene, welche Mainpré dort auf⸗ zeigte, groͤßer, als die, welche der aͤchte Boirlier dort hatte. Mehrere Einwohner von Beaune, welche zu⸗ vor zu des wahren Boirlier's genauſten Freunden gehoͤrt hatten, gaben an, daß derſelbe nach ſeiner Zuruͤckkunft vor vier Jahren ſie nicht mehr kennen wollen, und ſich ſehr vieler intreſſanter Szenen der Vorzeit gar nicht mehr erinnert habe.— Mainpré antwortete denſelben, ſo wie er der An⸗ me geantwortet hatte, daß er naͤmlich ſie noch recht gut gekannt, ſich ihrer aber habe entſchlagen wol⸗ len, well er den, auch wirklich ausg⸗fuhrten, Grundſatz gehabt habe, ſein Leben ganz umzuͤn⸗ dern, und alle Gelegenheit zu vermeiden, zu dem vorigen Wandel zuruͤckzukehren.— Andre von Boirller's alten Freunden ſagten dagegen aus, „ 125 daß derſelbe ſich ihrer und der zwiſchen ihnen lu der Vorzeit vorgefallenen Szenen recht gut erinnert und alle Umſtaͤnde durchaus genau gewußt habe. Man hat bemerkt, daß Mainpré den Accent der Provinzial Ausſprache nicht ganz hatte, als derſelbe vor vier Jahren angekommen war, aber Boirlier hatte denſelben dermal auch nicht, und ſchten ſogar oft um den Ausdruck verlegen zu ſeyn⸗ — Boirlier hatte etwas engliſch geſprochen, jetzt ſprachen beyde Gegner dieſe Sprache eben ſo fertig, als ihre Mutterſprache. Man hatte weiter bemerkt, daß Malnpré eine andre Hand ſchreibe, als Boirller vor ſeiner Ent⸗ weichung geſchrieben hatte, und gar keine Kennt⸗ niſſe des Weinhandels beſaß, den dieſer zuvor recht gut verſtanden hatte; aber Boirlier ſchrieb jetzt ſelbſt ſo ſchwerfaͤllig und ſchlecht, daß ſeine Schreib⸗ art gleichfalls der vorigen ganz unaͤhnlich war, und auch die Weinprobe und den Weinhandel hatte er vergeſſen. Man erinnerte ſich ſehr vernuͤnftig des Um⸗ ſtands, daß Mainpré, als er vor vier Johren nach Beaune gekommen, ſich das Wohnhaus ſeiner⸗ Frau hatte zeigen laſſen, und alſo daſſelbe nicht gewußt hatte, wohin gegen Boirlier gradezu an daſſelbe angefahren war.— Aber Mainpré gab hierauf an, daß er um ſo mehr geglaubt habe, 126 ſelne Frau habe das von ihnen zuvor bewohnte Wohnhaus verkauft, und alſo ihre Wohnung mit einer andern vertauſcht, als er ſo viel Schulden hinterlaſſen, daß er ſich uͤberzengt gehalten habe, daſſelbe habe zu deren Tilgung verkauft werden muͤſſen, unb um ſich bey den fremden nunmeh⸗ rigen Bewohnern deſſelben nicht zu kompromittiren, habe er lieber ſich deshalb zuvor Gewißhelt ver⸗ ſchaffen wollen. Boirlier hatte, wie wir wiſſen, bey der Expe⸗ ditlon auf Gibraltar einen Hleb uͤber das Geſicht erhalten, wovon er die Narbe auf der Stirne trug; ein Umſtand, von welchem man ſich viel verſprach. Aber Mainpré war mit allen Verhaͤlt⸗ niſſen des Regiments Auxerois, deſſen Expedizion in Oſtindien und auf Gibraltar ſo genau bekaunt, als Boirlier ſelbſt, und zeigte eine Narbe auf dem Vorhaupte vor, welche er bey Gibraltar erhalten habe, und die nach Angabe der Chtrurgen von el⸗ nem erhaltnen Hiebe herruͤhrte. Da Boirlier dieſe Wunde auf den Ruͤckzuge erhalten, und da⸗ rauf auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war, ſo konnte niemand genau angeben, ob er dieſelbe in das Geſicht oder auf dem Haupte erhalten ha⸗ be. Man ſchrieb dieſerhalb zwar nach Gibraltar, aber auch dort war aus den Regiſtern des Ho⸗ ſpitals weiter nichts zu erfinden, als daß Bolr⸗ lier von einer Kopfwunde geheilt worden, oh⸗ ne zu beſtimmen, ob er dieſe Kopfwunde im Ge⸗ 127 ——— ſichte oder an welchem Thelle des Hauptes er ſolche gehabt hatte. Mainpré hatte die Taufzeugniſſe und uͤbrigen Atteſtate in Haͤnden, welche Boirlier mit ſich ge⸗ nommen hatte, als er zum Regimente Auxerois gekommen war, und die um ſo kenntlicher wa⸗ ren, als ſie bey dem Regimente praͤſentirt und von dieſem viſitirt waren.— Boirlier gab an, daß Mainpré ihm dieſe Paplere zu Philadelphia geraubt habe; wogegen dieſer mit Lachen antwor⸗ tete, daß dieſe Angabe zu ſehr den Stempel der Unglaublichkeit an ſich trage, als daß er ſolche anders als mit Lachen beantworten konne, und gewiß ſtritt die Vorzeigung dieſer Paplere uͤberall für Mainpré, und verſchaffte demſelben auch bey ſenen Richtern und dem Publikum lange das Uebergewicht uͤber ſeinen Gegner. Manſtellte den Verſuch an, die beyden Streiter durch Aerzte und Wundaͤrzte viſitiren zu laſſen, welche einmuͤthig das Gutachten abgaben, daß ſie, einige zufaͤllige Difformitaͤten von erhaltnen Wun⸗ den abgerechnet, auch nicht die mindeſte Unaͤhn⸗ lchkeit an denſelben bemerkt haͤtten, und daß dieſe Gleichheit das ſonderbarſte und auffallendſte Wun⸗ der der Natur ſey. MNun ließ das Parlament verſchiedene Leute us Breſt kommen, welche zu der Anverwandſchaft 1 Mainpré's gehorten, und hofte von dieſen einige 128 Auskunft erhalten zu konnen; dieſe ſagten zwar aus, daß einer der beyden Arretirten zuverlaͤſſig ihr Vetter Mainpré ſey, welcher ſich mehrerer der aͤrgſten Bubenſtuͤcke ſchuldig gemacht habe, und hierauf fluͤchtig geworden ſey; ſie waren aber eben ſo, wie alle uͤbrigen, außer Stande, zu beſtimmen, welcher von beyden derſelbe ſey. Madame Boirlier gab an; Sie ſey ſo ganz außer Stande, hierinn eine naͤhere Beſtimmung angeben zu koͤnnen, daß ſie vielmehr zweifelhafter, als alle uͤbrige ſey. Alles, was ſie von einiger Beziehung angab, beſtand darinn, daß ihr Gatte nach ſeiner Zuruͤckkunft einen ganz andern Karak⸗ ter und ſelbſt einen andern Humor gehabt, daß er manches vergeſſen gehabt, oder nicht wiſſen wollen, und daß ſie ſich dieſerhalb oft nicht in ihn finden koͤnnen; aus Beſcheidenheit und Schonung aber habe ſie nie in ihn gedrungen, weil ſie gewußt habe, daß ihm die Erinnerung an die vorigen Verhaͤltniſſe und Gegenſtaͤnde der Vor⸗ zeit unmoglich angenehm ſeyn koͤnne. Am auffal⸗ lendſten ſey es ihr geweſen, daß er ſogar in ſeinem eiguen Hauſe keiuen rechten Beſcheid gewußt habe, und fremde geweſen ſey. Man verhoͤrte die beyden Gefangenen uͤber ihre Jugendgeſchichte, vorzuͤglich uͤber die Geſple⸗ len ihrer Jugend, aber obgleich hier Malnpré viel Lücken gab, ſo konnte doch auch Boirlier, der ſelbſt ſchon wieder manches vergeſſen hatte, die Richter 125 nicht befriedigen, und Mainprs erzählte dagegen wieder manche Vorfaͤlle aus Boirlier's Jugend, und Szenen, welche dieſer mit ſeinen Geſpielen wirklich gehabt hatte, wie dleſe bezeugten, deren jener ſich nicht einmal erinnern konnte.— Man leß nichts unverſucht, um beyde irre zu fuͤhren, und ſo hinter die Wahrheit zu kommen; aber Maln⸗ preé, der die Rolle Boirlier's jetzt ſchon vier Jah⸗ re lang geſpielt hatte, hatte ſich dieſelbe ſchon ſo ganz eigen und gelaͤufig gemacht, und er war zu verſchmltzt und beſonnen, als daß er hier auch nur die geringſte Bloße haͤtte geben ſollen. Die Zahl der Zeugen, welche in dieſem ganz einzigen Rechtsſtreite abgehdrt wurden, bellef ſich uͤber zwey hundert, wovon wir noch einige derje⸗ nigen merkwuͤrdigen anfuͤhren wollen, deren Aus⸗ ſagen vorzuglich dazu dienten, um endlich ein Gauzes zu bilden, und den PVerbrecher zu üͤber⸗ zeugen. Jean Carrier, Friſeur zu Beaune, ſagte aus: Er habe den Boirller von Jugend auf friſirt, und ſey derſelbe auch nach ſeiner Zuruͤckkunft ſeln Kun⸗ de geblieben. Derſelbe habe ſtets auf der Mitte des Kopfs eine kleine Glatze, in der Groͤße eines holben Laubthalers gehabt, welche zu bedecken, er immer ſeine Kunſt habe aufbieten muͤſſen, auch habe derſelbe auf der rechten Seite einen Haar⸗ ſcheitel gehabt. Beydes habe er nach ſeiner Zurck⸗ Sypieß Kriminalgeſch a Th. 130 kunft vermißt, ihm auch ſeine Bemerkungen hier⸗ uͤber mitgetheilt, aber zur Antwort erhalten, daß die Haare ſich ausgewachſen haͤtten. Eben dies gab auch Mainpré bey dem Gerich⸗ te an, als er daruͤber gefragt ward, und da Boit⸗ lier dieſe Zelchnungen noch auf dem Kopfe hatte, und der Friſeur ſolche anerkannte, ſo antwortete Mainpré auf dieſen Vorhalt anfangs ziemlich un⸗ befriedigend, half ſich aber, nachdem er ſich von ver erſten Ueberraſchung erholt hatte, damit, daß die Natur, welche das ſonderbarſte Spiel mit ihm treibe, hier gegen ihn zu Gunſten elnes Betruͤgers gewirkt habe, welchem ſie eine Marke gelaſſen, die ſie ihm geraubt haͤtte, denn auch er habe die⸗ ſelbe gehabt Jacques Buſſy, Schuhmacher, gab an: Er habe das Boirlieriſche Haus ſeit ſechs und dreyſig Jahren mit Schuhen verſorgt, und insbeſondere fuͤr den Heiden unſrer Geſchichte einen eignen Lel⸗ ſten gehabt, weil derſelbe einen äußerſt feinen und niedlichen Fuß gehabt habe. Seit ſeiner Zuruͤck⸗ kunft aber habe dieſer Leiſten nicht mehr gepaßt, ſondern der Fuß deſſelben habe faſt ein Drittel in der Länge und Breite mehr gehabt, als zuvor, Mainpré beantwortete dieſen Umſtand damit. daß ſeine Füße durch die vielen Fußrelſen, welche et waͤhrend ſeiner Abweſenheit gemacht habe, ſich ausgedehnt hätten, konnte aber dies nicht ganz demonſtriren, und ſich noch weniger da heraushe⸗ 131 fen, als man ihm ſagte, daß der Leiſten ganz zu dem Fuße ſeines Gegers paßte. Ekben ſo blieb er eine genugthuende Aufloſung ſchuldig, als Alerander Rennes, der ehedem Boirlier's Bedienter geweſen, eine haarloſe Stel⸗ le beſchrleb, welche dieſer unter dem Kinne hatte, wle er beym Raſiren deſſelben ſtets bemerkt hatte, — und dieſe ſich zwar bey Boirlier, nicht aber bey Mainpré ſo fand. Uebrigens behauptete Mainpré immer, daß er Boirlieren gar nicht kenne, und dieſen in ſei⸗ nem Leben nie geſehen habe, wogegen dieſer darauf beſtand, daß ſie in Amerlka zwey Jahre lang den vertrauteſten Umgang gepflogen und eben ihrer ſonderbaren Aehnlichkeit wegen die nhe Freunde geweſen ſeyen⸗ Der Prozeß neigte ſich zum Schluſſe, und nach ſo vielen einzlen Zuſammenſtellungen war es entſchieden, daß das naͤchſtens zu erdfnende Ur⸗ thell zu Gunſten Boirlier's ausfallen werde, als zwey Perſonen erſchienen, welche auf einmal die ganze Sache zur Gewißhelt, und Mainpré'n zum 6 Geſtaͤndniſſe ſeiner ſeltnen Betruͤgerey brachten. Dies waren zwey Kreolinnen, deren eine Mainpré in Boſton geehlichet, und die er in der Folge ver⸗ laſſen, nachdem er ſie betraͤchtlich beſtohlen hatte. Die andere war derſelben Schweſte, die bey ihr 52 132 im Hauſe gewohnt hatte, und nun die Begierde nach Rache mit derſelben theilte.— Mary Steway,— ſo hies dieſe Kreolinn, — hatte den Verraͤther mit jener leidenſchaftli⸗ chen Waͤrme geliebt, welche den Kreolinnen ſo vorzuglich eigen iſt, und nachdem ſie ihm die groß⸗ ten Opfer gebracht, hatte derſelbe ſie um eine nam⸗ hafte Summe beſtohlen, und ſie verlaſſen. Da ſie denſelben fuͤr einen Englaͤnder gehalten, ſo war ſie, emflammt von jener unerſaͤttlichen Rachgierde, welche gleichfalls ein weſentlicher Karakterzug der Kreolinnen iſt, nach England gereiſt, um ihn aufzuſuchen, und hatte, als ſie dort nirgends ſeine Spur fand, ſich ſchon wieder angeſchickt, nach einem mebrjaͤhrigen Aufenthal⸗ te in ihr Vaterland zuruͤckzukehren, als ſie die ausfuͤhrliche Erzaͤhlung der gegenwaͤrtigen Ge⸗ ſchichte, ſo wie wir ſolche unſern Leſern bisher mitgetheilt haben, in einem engliſchen Blatte las. Sie eilte hierauf ſogleich nach Frankreich, um den Richtern Malnpré's die Wahrheit zu ent⸗ huͤllen, wozu ſie vielleicht allein im Stande wat, da ſie, als Mainpré in ihrem Hauſe wohnte, und von den Wohlthaten ihrer Liebe lebte, die beyden Gefangenen unendlichemal beyſammen geſehen, und ſich daher eine eigne Fertigkeit erworben hat⸗ te, dieſelben von einander zu unterſchelden.— Wirklich erkannte ſie dieſelben auf der Stelle von einander, und that vor dem Parlamente eine vollſtaͤndige Ausſage der Verhaͤltniſſe, in weichen 133 ſie dieſelben zu Boſton gekannt hatte, welche mit den Angaben, die Boirlier in dieſer Hinſicht be⸗ relts gemacht, Mainpré aber abgelaͤugnet hatte, durchaus uͤbereinſtimmte. Jetzt erſt verlor der Ungluͤckliche die Haltung und bekannte nicht blos die an Boirlier verubte Betruͤgereyen, ſondern noch eine ganze Kette von Schurkereyen, welche wir, ſo wie ſeinen Lebenslauf uͤberhaupt, unſern Leſern mittheilen wollen. Mainpré war aus Breſt, der uneheliche Sohn einer Obſthaͤndlerinn und, wie es ſich in der Fol⸗ ge zeigte, des Wllhelm Boirlier's, Vaters unſers Helden, welcher damals in Breſt geſtanden und die Handlung erlernt hatte, wo er dann dieſen Sohn außerehlich erzeugt, und ſich mit deſſen Mutter um eine betraͤchtliche Summe Geldes ab⸗ gefunden hatte. Er war alſo der natuͤrliche Bru⸗ der Boirlier's, und von daher mag dann auch die außerordentliche Aehnlichkeit zwiſchen denſelben gekommen ſeyn, welche indeſſen, da beyde ihrem PVoter nur wenig aͤhnlich ſahen, noch immer ein hoͤchſt merkwuͤrdiges Spiel der Natur iſt.— Mainpré war um drey Jahre aͤlter, als ſein Halbbruder, und niemand weder in Breſt noch in Beaune erfuhr etwas von deſſen Exiſtenz und der fruͤheren Verbindung des alten Boirlier's, deren Folge er geweſen war; er ſelbſt erfuhr ſolche erſt in reiferen Jahren von ſeiner Mutter, als ſein 134 natuͤrlicher Vater bereits todt war, welchen er ſonſt ſicher in Anſpruch genommen haben wuͤrde. — Der junge Mainpré, der den Namen ſeiner Mutter fuͤhrte, wuchs wild auf, ohne daß weder ſeine Mutter, noch deren Ehegatte, den ſie ſich mit dem von Boirlier's Vater erhaltenen Gelde verſchafft hatte, ſich um denſelben viel bekuͤmmer⸗ ten. Sie trieben ihren Obſthandel einige Zeit fort, fingen aber endlich einen Weinzapf an, wo⸗ bey ſie zugleich ein Bordel von der niedrigſten Art hielten, an deſſen Vergnuͤgungen beyde ſich ohne allen Scheu, jedes nach ſeiner Weiſe, bean⸗ theillgten. Unter dieſen Auſpizien wuchs der junge Mainpré heran, und leiſtete fruͤh ſchon ſeinen nichtswuͤrdigen Eltern bey ihrem Gewerbe und den verworfnen Kreaturen, die derſelben Hand⸗ lungsartikel ausmachten, ſo wie bey ihren Beu⸗ telſchneidereyen und Prellereyen, wegen welchen ſein Stiefvater in Unterſuchung kam, huͤlfreiche Dienſte. So dauerte es bis in deſſen dreyzehn⸗ tes Jahr. Damals verrieth Mainpré einem der Gaͤſte des Hauſes, welchem durch eine der Dir⸗ nen und ſeinen Vater Uhr und Boͤrſe entwendet worden war, fuͤr eine Belohnung von drey Li⸗ vres die Urheber des Diebſtahls, und da ſeine Eltern dieſerhalb gar nicht aufhdren wollten, ihn zu mißhandeln, ſo entſprang er denſelben, und trieb ſich elnige Zelt in den Straßen von Breſt bettelnd herum, bis ein Abbé, der bey der dor⸗ tigen Kathedralkirche Korherr war, ihn aufnahm⸗ 135 Dieſer Pfaffe war ein Pederaſt, hatte ſich in den ſchonen Betteljungen verliebt, und nahm ihn daher zu einem Zwecke von der Gaſſe zu ſich auf, mit welchem derſelbe ſchon in dem Schandhauſe ſeines Stiefvaters bekannt geworden war. Bey ihm erhielt der Junge dann auch wenigſtens eini⸗ ge Erziehung, obgleich er bey der volligen Frey⸗ heit, welche er hatte, und dem vielen Gelde, welches der verliebte Alte ihm gab, zugleich das zugelloſeſte Leben fuͤhrte. Indeß ließ nach eini⸗ gen Jahren die Leidenſchaft ſeines bejahrten Lieb⸗ habers nach, und derſelbe behlelt den Jungen nur noch um deswillen bey ſich, damit ſolcher nicht ſeine Laſter verrathen moͤchte, und er daher ihm jetzt wenig Geld mehr gab, der Junge aber viele Beduͤrfniſſe hatte, ſo legte ſich dieſer auf das Stehlen und Betruͤgen, nicht blos bey dem Pfaf⸗ fen, bey welchem er im Hauſe war, ſondern bey jedem, wo ſich ihm eine Gelegenheit hierzu bot⸗ — Als Mainpré achtzehn Jahre alt war, ſtarb der Korherr, und dieſer, der an dem, was er ſich durch Stehlen und Betrugen erworben, und was er von dem Alten durch ein Legat ſeines Teſta⸗ ments ererbt hatte, ein Vermdͤgen von faſt acht⸗ zehn tauſend Libres ſich geſammlet hatte, trat in das Haus ſeines Stiefvaters zuruͤck, mit weſ⸗ chem er die ſaubre Wirthſchaft, bey welcher jener inzwiſchen reich geworden war, mit treiben half. Als ein Jahr nachher ſeine Mutter ſtarb, und ſeln Stiefvater, mit welchem er einen Erbbertrag 136 errichtet hatte, zufolge deſſen der letzlebende des andern Erbe ſeyn, uͤbrigens ihr Vermoͤgen unge⸗ trennt bleiben ſollte, ihm zu lange lebte, ſo be⸗ ſchleunigte er deſſen Tod durch Gift, kam hieruͤ⸗ ber in Unterſuchung, war aber ſo gluͤcklich, allen desfalſigen Verdacht von ſich abzulehnen, und lebte, nachdem dieſer Prozeß geendigt und er wie⸗ der frey geworden war, auf einem ſehr glaͤnzenden Fuß, wodurch er dann mit ſeinem Vermdgen in⸗ nerhalb zwey Jahren fertig ward. Da er wegen dem im Publikum noch immer nicht erloſchenen Verdachte wegen der Vergiftung ſeines Stiefva⸗ ters in Breſt keine Ausſichten fuͤr ſich ſah, und ſich zugleich ſeiner jetzigen Lage, welche ſo ſehr mit ſeinen vorigen Verhaͤltniſſen abſtach, ſchaͤm⸗ te, ſo nahm er Dienſte bey dem Regimente Dau⸗ phiné, und kam mit dieſem, welches gleichfalls zu der Expedizion von Gibraltar ſo wie zu jener in Oſtindien gebraucht ward, nach Oſtindien und Gibraltar. Nach dem ungluͤcklichen Ausgange der Gibraltarer Unternehmung ward die Flotte“ auf welche der Reſt der Landungstruppen wieder eingeſchifft worden, durch einen Sturm an die portugiſche Kuͤſte verſchlageu; dort fand Maim⸗ pré, welchem die Strenge der militairiſchen Su⸗ bordinazion nicht behagte, Gelegenheit zu entflee⸗ hen, und ellte nach England, woſelbſt damals alle franzoſiſchen Deſorteurs willkommen waren, mit denen er dann auch gleiches Schickſal hatte⸗ indem man ſie hundertweiſe nach Amerika ſchick⸗ 137 te, theils well man ihnen zu wenig traute, um ſie in England zu laſſen, theils auch, weil man durch ſie die Bevolkerung dieſes Landes verſtaͤrken wollte. Sie erhielten dort eine betraͤchtliche Strecke Landes angewieſen, um daſſelbe zu kultiviren, ih⸗ re Wohnungen und nudthigen Wirthſchaftsgebaͤude wurden ihnen ſo wie das erforderliche Handwerké⸗ zeug auf Koſten der Regierung geſtellt, und von dieſer uͤberhaupt ihnen alle moͤgliche Unterſtutzung geleiſtet.— Mainpré hatte die goldnen Berge erwartet, die jeder Wandrer nach Amerika ſich vorſtellt, und welche man in England ihm vorgemahlt hatte; um ſo unertraglicher war ihm ſeine Lage. Er ver⸗ ließ daher die ihm uͤbergebene Pflanzung und eilte auf gut Gluͤck nach Boſton, wo er durch einen Zufall die Bekanntſchaft der Miß Mary Steway machte. Dieſe war eine Kreolinn, in ihrer Bluͤ⸗ thezeit nicht haͤßlich, jetzt aber bereits in den Jah⸗ ren des Abnehmens, welches bey ihr um da frůͤ⸗ her eintrat, als ſie bisher keinen Genuß des Le⸗ bens verſchmaͤht hatte. Mainpré war ſchoͤn und verſchmitzt, die Kreoliun feurig und verbuhlt; und es waͤhrte daher nicht lange, ſo war das Verſtaͤnd⸗ niß unter beyden das vollkommenſte und vertrau⸗ teſte, das man denken kann. Mainpré hatte hier⸗ bey keine andre Abſicht, als ſich mit dem betraͤcht⸗ lichen Vermogen der Miß Steway zu berelchern, dieſe aber bezweckte eine wirkliche Verbindung, und, da ſie demſelben ganz traute, und ihn witk 133 lich mit aͤußerſter Leidenſchaft liebte, ſo brachte ſie ihm außerordentlich viele und betraͤchtliche Opfer, waͤhrend dieſer ſie immer mit Entſchuldi⸗ gungen hinhielt, weil er auf einem der benachbar⸗ ten Orte mlt der Tochter eines Pachters Bekannt⸗ ſchaft erhalten hatte, die er ausſchweifend liebte, und welche er zu ehelichen Sinnes war, da ihre Tugend ſeinen Angriffen widerſtanden hatte, und eben dadurch ſeine Leidenſchaft vermehrt worden war. Als Miß Steway hiervon Spur echlelt, und Malnpré'n mit dem ihr eignen Temperaments⸗ feuer desfalls zur Rede ſetzte, wußte er ſie durch beharrliches Laͤugnen zwar zu hintergehen, konn⸗ te aber doch, da er dieſelbe fuͤrchtete, ſich jetzt nicht mehr anders helfen, als daß er ſie ſich an⸗ trauen ließ, nachdem ſie ihm durch einen Ehekon⸗ trakt zuvor ihr ſaͤmtliches Vermdoͤgen nach ihrem Tode verſichert hatte.— Den Umgang mit ſel⸗ ner Geliebten ſetzte er in der Stille fort, und ward endlich durch Geld und Intriguen Meiſter ihrer Unſchuld. Als die Folgen dieſes Umgangs ruchtbar zu werden anfingen, wagte der Boͤſewicht den Ver⸗ ſuch, ſich ſeiner Frau auf dem Wege zu entledi⸗ gen, auf welchem er ſich ehedem ſeines Stiefva⸗ ters entlediget hatte, und als dieſer mißlang und er entdeckt zu ſeyn glaubte, entwendete er ſeiner Fran ihre Juwelen und ſaͤmtliche Baarſchaft und 132 entfloh mit einem eben abgehenden Schiffe nach Europa. Dies ward durch einen Sturm an die ſchottlaͤndiſche Kuͤſte verſchlagen, und ſcheiterte ohnweit derſelben; Mainpré aber, der hierdurch um ſein geſtohlnes Vermoͤgen gekommen war, ward von einigen Fiſchern aufgefiſcht und zu einem Landgeiſtlichen gebracht, der ihn aus Barmherzig⸗ keit aufnahm, ihn pflegte, und endlich nach Eng⸗ land ſchaffte, von wo aus er, nachdem er ſich durch eine erlogene Erzaͤhlung ſeiner uͤberſtanduen Schickſale ſo viele Geld zuſammengebracht hatte, als zur Ruckreiſe nothig war, nach Frankreich überſchiffte. Ohne alle Huͤlfsmittel und vollig Bettler ſiel ihm der Plan ein, Volrlier's Rolle zu ſpielen, den er mit unglaublicher Verſchmitztheit ausfuͤhrte. Da Boirlier, nachdem er mit mehreren Ver⸗ wundeten von dem Schlachtfelde aufgenommen, nach Gibraltar gebracht und dort geheilt wor⸗ den war, mit den uͤbrigen Krlegsgefangenen nach England gebracht worden war, ſo traf auch ihn das Schickſal, ſich durch die Vorſpieglungen des Gluͤcks, das in Amerika ihm bluͤhen werde, taͤu⸗ ſchen zu laſſen, er kam dort nur um einige Won chen ſpaͤter an, als Mainpré, und erhielt eine Pflanzung angewieſen, welche an jene anſtieß, die dieſer kurz zuvor erhalten hatte. Beyde erſtaun⸗ ten, als ſie zum erſtenmale ſich ſahen, und die erſtaunende Aehulichkeu gewahr wurden, welche 140 unter ihnen beſtand, und dieſe gab dann die Veranlaſſung, daß dieſelben Herzensfreunde zu⸗ ſammen wurden, doch huͤtete ſich Mainpré, ſel⸗ nen Freund von der Art von Verwandſchaft zu unterrichten, welche zwiſchen ihnen beſtand. So large Malnpré auf der ihm übergebenen Pflanzung blieb, war er Boirlier's täglicher und einziger Geſellſchafter, und es waren wenig Stun⸗ den des Tags, welche dieſelben nicht zuſammen zubrachten. Hierbey erzoͤhlten ſie ſich dann wech⸗ ſelſeitig ihre Schickſale, wobey Mainpré freylich ſeinem Freunde nicht mehr von den ſeinigen mit⸗ theilte, als er fuͤr gut fand; Boirlier dahingegen blieb der Wahrheit in allen Umſtaͤnden getreu, und Malnprẽ, der, gleich als ob er damals ſchon den Plan gehabt haͤtte, welchen er in der Folge ausgeführt hat, ſich um die unbedeutendſten Klei⸗ nigkeiten in den Schickſalen und Verhaͤltniſſen Boirliers erkundigte, ward hierdurch mit dieſen in einem ſo hohen Grade vertraut, daß er dadurch im Stande war, Boirlier's Rolle mit ſo viel Na⸗ tur zu ſplelen, und hierbey ſo wenig Luͤcken zu ge⸗ ben, welche er dann immer auf die Gebrechlich⸗ keit ſeines Gedachtniſſes, und die mannigfaltigen Schickſale, die er blsher uͤberſtanden habe, ſchob, indem er es zugleich unter dem Vorwande, daß ihm die Ruͤckerinnerung an ſein voriges Leben ei⸗ ne unangenehme Empfindung mache, ſorgfaͤltig vermied, von den Verhaͤltniſſen Boirlier's vor 147 ſeiner Abreiſe, und ſelbſt deſſen Schickſalen bis dahin, wo ſie in Amerika zuſammen gelebt hat⸗ ten, zu ſprechen, weil er befurchtete, daß er hie⸗ rinn eine Bldſe geben mochte. Als Malnpré, wie wir gehoͤrt haben, die ihm anvertraute Pflanzung verließ, hlieb Boirlier auf der ſeinen zuruͤck, bis endlich die haͤufige Anfaͤlle der Wilden, welche die Pflanzungen uͤberfielen und beraubten, und die Beſitzer derſelben morde⸗ ten, auch ihn nothigten, dieſelbe zu Lerlaſſen, worauf er glelchfalls nach Boſton zog, und dort anfangs einen kleinen Handel mit Frucht und Ge⸗ naͤnken trieb, welchen er nach und nach immer mehr erwelterte, und dadurch endlich ein außer⸗ ordentlich betraͤchtliches Vermogen ſammelte, mit welchem er nach Europa zuruͤckkehrte, um, ge⸗ beſſert durch ſeine Schickſale, ſich mit ſeiner Gat⸗ tinn zu verſohnen, und dieſelbe fuͤr die Wider⸗ woͤrtigkeiten zu entſchaͤdigen, welche er ihr zuge⸗ zogen hatte. In Boſton war Boirlier wieder ſeines Freun⸗ des taͤglicher Geſellſchafter, und wohnte ſogar ei⸗ nige Zeit bey demſelben im Hauſe, wodurch dann Mainpré's Gattinn dieſelben an dem aͤußerſt fei⸗ nen und hochſtunbedeutenden Unterſchied kleiner Zuge, vorzuglich aber an den Narben am Kopfe, welche bey Malnpré tiefer am Hinterhaupte, bey Boirlier aber etwas weiter in der Stirne ſich be⸗ 142 fanden, unterſcheiden lernte, lndem ſie ſelbſt di⸗ ter bekannte, daß die Aehnlichkeit zwiſchen ihrem Gatten und ſeinem Freunde ſo außerordentlich und frappant ſey, daß, wenn man ſie nicht taglich bey⸗ ſammen ſaͤhe, und ihre Geſtalten mit angeſtreng⸗ tem Forſchgelſte gleichſam ſtudire, es auch ihr unmoglich ſeyn wuͤrde, dieſelben von einander zu unterſcheiden. Als Malnpré ſeine Frau verlleß, blieb Boir⸗ lier in Boſton, und trieb ſeinen Handel mit dem gluͤcklichſten Erfolge ſo lange fort, bis er ein an⸗ ſehnliches Vermogen ſich erworben hatte, mit welchem er nach Europa uͤberſchiffte, um die Fruͤch⸗ te ſeines Fleißes in Ruhe zu genißen, wo er dann Haus und Frau bereits okkupirt fand. Malnpré hatte um da weniger Anſtand genommen, die Rolle deſſelben zu ſpielen, da, ehe er Amerika verlaſ⸗ ſen, ſich in Boſton das Geruͤcht verbreitet hatte, Boirlier ſey auf einer damals unternommenen Handlungs Reiſe von einer Klapperſchlange gebiſ⸗ ſen worden, und an den Folgen dieſes giftigen Biſſes geſtorben. Er bekannte uͤbrigens jetzt frey⸗ willig alle die großen und kleinen Verbrechen, die er begangen hatte, und verſicherte, daß ſeine Schick⸗ ſale ihn zu Reflexlon gebracht und gebeſſert htten, ſeine begangenen Schlechtigkeiten haͤtten ihn innigſt gereut und eben daher habe die melancholiſche Lau⸗ ne geruhrt, welche man immer mehr an ihm be⸗ merkt habe; er wuͤrde gewiß jederzeit in der Folge 143 ein guter morallſcher Menſch geblleben ſeyn, wenn 3 nicht Boirlier zuruͤckgekommen waͤre. Da er durch dieſen ſein ganzes Gluck ſcheitern und ſich der ſchwer⸗ ſten Strafe ausgeſetzt geſehen, ſo habe er ſich in deſſen einmal übernommener Rolle zu behaupten geſucht, und ſey ſo gleichſam gezwungen worden, nochmals einen Bubenſtreich zu begehen. Das Parlament verdammte Mainprẽ zum Ra⸗ de, und ſetzte Boirlier'n wieder in ſeine Rechte ein. Die Gattinn deſſelben waͤhlte das Kloſter. Bertha von Thuͤngersfeld⸗ Eine Legende der Vorzeit. In den ſchonen Thaͤlern des Frankenlandes eine kleine halbe Stunde unterhalb Wuͤrzburg am lin⸗ ken Ufer des Malufluſſes liegt ein Frauenkloſter, Himmelspforten genannt, deſſen weitlaͤufige Ge⸗ baͤude den Augen des auf der an dem rechten Ufer des benannten Fluſſes hinziehenden Chauſſee Vor⸗ beywandernden einen angenehmen Ruhepunkt ge⸗ waͤhren, und ihm den Wunſch abndthigen, daß dieſe ſchonen Gebaͤude, von denen man eine der reizendſten Ausſichten haben muß, ſo wie die noch ſchonere in dem eine Stunde weiter unter⸗ halb liegenden Orte Zoll, wo ſie ſich ſogar zwey der reichſten Monchs⸗Kldſter, eines von Mon⸗ chen, das andere von Nonnen bewohnt, in ei⸗ nem kleinen Dorfe beyſammen befinden, von ar⸗ beitſamen und thatigen Manufakturiſten bewohnt⸗ und dadurch die widrige Empfindung entfernet werden moͤge, die ſich des vernuͤnftigeren unwill⸗ kuhrlich bemaͤchtigt, wenn er ſieht, daß dieſe Prachtgebaͤude, welche der Sitz der Thaͤtigkeit 145. und Induſtrle ſeyn koͤnnten, jetzt dem Aberglau⸗ ven und der Stupiditaͤt geweiht ſind.— Bey dieſem Himmelspfortner Kloſter findet ſich ein gro⸗ ßer Stein, den jedesmal der Schwager Poſtillion, um ſein Trankgeld zu verbeſſern, den Reiſenden zu zeigen pflegt, wenn er derſelben Augen und Auf⸗ merkſamkelt auf das Kloſter gerichtet ſieht, und dabey die Bemerkung macht, daß man vor eint⸗ gen Dutzend Jahren dieſen Stein, deſſen Aufſchrift Regen und Ueberſchwemmungen ausgewaſchen und die Zeit verwiſcht hat, gehoben, unter demſel⸗ ben ein Gewolbe und darinn einen Hammer, Krug und Menſchengerippe gefunden habe, wodurch die Sage beſtaͤtiget worden, daß weiland vor hundert und ſo viel Jahren hier einen Nonne aus dem Klo⸗ ſter Himmelspforten lebendig eingemauert worden ſey. Kommt man daun auf die naͤchſte Sta⸗ zion, dann wird dieſe Kunde beſtaͤtigt, und man erfährt uberall in der Gegend die Wolksſa⸗ ge, welche wir hier unſern Leſern ausflhrlich mit⸗ theilen. Gegen das Ende des ſiebenzehnten Jahrhum ders lebte im Frankenlande ein ſehr reicher Ritter, Namens Hans von Thuͤngersfeld. Er hatte ſich fruͤh mit Adelhaide, Heinrichs von Moͤhren Toch⸗ ter, verehlicht, welche ſchon in dem zweyten Jahre threr Ehe ſtarb, und demſelben eine Tochter, Ber⸗ Spieß. Kriminalgeſch. 3 Th. 8 146 tha, die Heldinn unſrer Geſchichte, hinterließ. Bald nach dem Tode ſeiner Frau heurathete Thuͤngersfeld zum zweytenmale das Fraͤulein Ku⸗ nigunde, Junkers Wolf von Lauda zweyte Toch⸗ ter, von welcher er acht Tochter, aber keinen Sohn erzeugte. Kunlgunde war grade das Gegenſtuͤck zu Thůn⸗ gersfeld erſter Gemahlinn. So wie dleſe ſanft, mild, wohlthaͤtig und anſpruchlos geweſen war, ſo war jene dagegen rauh; herrſchſuͤchtig⸗ boshaft und intriguant. Ihr Geiz vermehrte anſehnlich die Schaͤtze des alten Ritters, und gleichwohl fand ſich, obgleich der Ruf den Reichthum deſſelben noch um ein merkliches vergroßerte, kein Freyer zu ih⸗ ren ſaͤmtlich bereits mannbaren Toͤchtern, die im moraliſchen das Ebenbild ihrer Mutter, und dabey eben ſo hoͤßlich als boshaft waren. Um deſto mehr meldeten ſich derſelben um Ber⸗ tha, das Wunder der Schoͤnheit, Sanftmuth, und Guͤte. Dies mußte natuͤrlicherweiſe den Groll, welchen Kunigunde von Ingend auf ge⸗ gen dieſelbe gehabt hatte, um ein merkliches ver⸗ ſtaͤrken, und Kunigunde, welche von jeher gegen Bertha ganz Stiefmutter geweſen war, behande te dieſelbe mit der unartigſten Haͤrte, welche das ſanfte Maͤdchen immer mit Duldung und lundlicher Ergebenheit vergalt, ob es ſich glech bequemen mußte, bey ſeinen juͤngern Geſchwiſtern die niedrigen Dienſte einer Magd zu leiſten, und alle die Unarten zu dulden, welche dleſe mißge⸗ ſtalteten und verzogenen Geſchoͤpfe ſich gegen ſie erlaubten. Bertha's Mutter war die elnzige Tochter des alten Moͤhren geweſen, und hatte daher denſelben, bis auf wenige Lehen, welche an die Lehnsherrn nach deſſen Tode zuruckfielen, allein beerbt, wo⸗ durch Vertha eine der reichſten Parthieen des Lan⸗ des war.— Das Vermoͤgen, welches Hans von Thuͤngersfeld beſaß, konnte, ſo hochſt betraͤchtlich es auch war, ſeinen Tochtern nichts nuͤtzen, da es blos in Mannlehen beſtand, die alſo, well er blos Tochter und keine Soͤhne hatte, nach ſeinem Tode an den Biſchoff von Wuͤrzburg als Lehns⸗ herrn zuruͤckfielen. So viel nun auch Kunigunde an baarem Gelde zuſammenſcharrte, ſo mußten doch die Theile, welche einſt auf ihre Toͤchter fie⸗ len, weniger betraͤchtlich ausfallen, well deren zu viele waren, und, wie das Spruͤchwort ſagt, „viele Schweſtern und Bruͤder, ſchmahle Theile und Guͤter“ machen. Kunigunde hatte daher kei⸗ ne grdßere Angelegenheit, als daß Bertha ins Klo⸗ ſter gehen moge, damit derſelben großes Erbe auf ihre Tochter fallen, und ſo die Haͤßlichkeit derſel⸗ ven uͤberſehen machen, und ihnen Maͤnner ver⸗ ſchaffen, oder doch ihr Auskommen ſichern und be⸗ gruͤnden moͤge. Dieſer niedertraͤchtige Eigennutz, der ſich das harmloſe Maͤdchen zum Opfer auserſehen hatte K 7 2 148 verbunden mit dem verjaͤhrten und täglich ſtei⸗ genden Haſſe gegen daſſelbe, und der Eiferſucht, daſſelbe ihren elgnen geliebten Tochtern uͤberall vor⸗ gezogen zu ſehen, war die Urſache, daß Kunigun⸗ de alle die vielfachen Bewerbungen zuruͤckzuweiſen und zu vereitlen wußte, welche um Bertha geſcha⸗ hen, und waͤhrend ſie derſelben ohnausgeſetzt die Seligkeiten des Kloſterlebens anpries, und die Beſchwerlichkeiten des Eheſtandes mit den ſchwaͤr⸗ zeſten Farben ſchilderte, verdoppelte ſie ihre Miß⸗ handlungen und Haͤrte gegen das arme Maͤdchen, um ſo daſſelbe eher zu bewegen, oder vielmehr zu zwingen, den Schleyer zu nehmen, deſſen Qualen noch immer Wohlthat gegen die jetzigen Leiden deſſelben zu ſeyn ſchienen. Gleichwohl verfehlte ſie ihren Zweck. Bertha hatte es ruhig geſchehen laſſen, daß alle Bewer⸗ bungen um ſie unter den nichtigſten Vorwaͤnden abgewieſen wurden, und ſo bereits die Jahre er⸗ relcht, iu welchen die Mädchen anfangen, um Maͤnner verlegen zu werden, und ertrug ſtand⸗ haſt alle die Martern, welche eine boshafte Stief⸗ mutter und ihre noch boshaftere Zungen ihr ſo reich⸗ lich zuberelteten, aber ins Kloſter zu gehen, konn⸗ te ſich das Maͤdchen nie entſchließen, ſo wenig Freuden auch in der Welt bisher fur ſie gebluͤht hatten. Der zurelchende Grund dieſer Beharrlichkelt war— die allmaͤchtige Liebe.— Bey einem 149 Einlager, welches der Markgkaf Frledrich von Anſpach, zu einer Fehde ziehend, auf dem Schloſ⸗ ſe ihres Vaters gehalten hatte, hatte ſie Franz von Hainberg, deſſen Kriegshauptmann und ei⸗ nen ſeiner Lieblinge kennen gelernt. So kurz auch der Aufenthalt des Markgrafen auf dem Schloſſe ihres Vaters war, der nur einige Tage dauerte, ſo war er doch lang genug, um zwiſchen Ber⸗ tha und dem Hainberger ein Llebesverſtaͤndniß zu erzeugen, da waͤhrend den Banketen und Feſten, welche die Gegenwart des Markgrafen auf dem Schloſſe des Thuͤngersfeld veranlaßte, das Maͤd⸗ chen weniger, als ſonſt beobachtet ward, und ſonach Gelegenheit genug hatte, mit ihrem Ge⸗ liebten, ohne bemerkt zu werden, beyſammen zu ſeyn, und ſo hatten beyde ſich ewige Treue ge⸗ ſchworen, und unkerhielten jetzt ſchon durch drey Jahre das innigſte Llebesverſtaͤndniß durch einen ohnunterbrochenen Briefwechſel, welchen eine ver⸗ traute Magd in dem Hauſe des alten Thuͤngersfeld beſorgte. Hainberg war arm, und nur von gerlnger Herkunft. Er verdankte ſeine Exiſtenz ſeiner Ta⸗ pferkeit und der Gnade des Markgrafen, ſeines Herrn, welche jene ihm verſchafft hatte. Dieſer hatte ihm verſprochen, ihn nach Beendigung des Feldzugs, in welchen er jetzt denſelben begleitete, mit anſehnlichen Beſitzungen zu belehnen, und dann, hofften dle Liebenden, werde der alte Thuͤngersfeld der Fuͤrſprache des Markgrafen, 150 welche dieſer ſeinem Lieblinge um Bertha bey demſelben zu thun verſprochen hatte, nicht ausweichen konnen, und ſo der große Wunſch aller Liebenden,— die Heurath ohne Anſtand erfolgen. Drey Jahre lang hatte bereits die Korreſpon⸗ denz der Liebenden gedauert, und eben glaubten ſie dem lange erſehnten Ziele um ein betraͤchtliches naͤher geruͤckt zu ſeyn, da die Fehde, welche der Markgraf dieſe Zeit uͤver mit abwechſelndem Erfol⸗ ge gegen ſeinen Bruder gekaͤmpft hatte, ſich jetzt ihrem Ende naͤherte, und der Markgraf Hainbergen, deſſen Tapferkeit er vieles von dem gluͤcklichen Er⸗ folge ſelner Waffen verdankte, bereits die anſehn⸗ lichen Lehen benannt hatte, mit welchen er ihn zur Belohnung ſeiner Tapferkeit beſchenken wollte, als ein ungluͤcklicher Zufall dieſe frohe Ausſicht zer⸗ nichtete. Bertha pflegte eine Menge Tauben; bey die⸗ ſen Thlerchen brachte ſie alle die Stunden zu, wel⸗ che ihr die ihr angewleſenen Verrichtungen, die ſie immer mit Puͤnktlichkeit erfullte, uͤbrig ließen⸗ Kunigunde gab ihr dieſen unſchuldigen Zeitvertreib aus der dkonomiſchen Ruckſicht gerne zu, wellſie reichlich den Zehnden des Taubenſchlags fuͤr ihre Kuͤche erhielt. Der Taubenſchlag war dann auch der einzige Ort, wo Bertha allein war⸗ und nicht beobachtet ward. Dort ſchrieb ſie da⸗ her ihre Briefe an ihren Hainberg, unterhleit 15T ſich mit denen, die ſie von demſelben erhlelt, und bewahrte dieſe in einem Kaſten auf, den ſie ſehr kuͤnſtlich unter den Dachſparren zu verbergen gewußt hatte. Durch einen Sturm ward in einer ſtuͤrmi⸗ ſchen Herbſtnacht jener Theil der Bedachung, wo ſich der Taubenſchlag befand, zuſammengeriſſen, und der Kaſten, worinn ſich das Portefeville Bertha's befand, fiel mit einem Theile des Da⸗ ches in den Hof, und ward ſo am Morgen von dem Finder den Alten zugeſtellt.— Bertha woll⸗ te und konnte nicht längnen, es ergleng daher von Kunigunden und ihrem ſchwachen PVater, der von ſeinem Welbe geleitet ſich lange ſchon daran gewoͤhnt hatte, ſeine Tochter als eine fremde anzuſchen und zu behandeln, ein fuͤrch⸗ terliches Gericht uͤber ſie, und ſie ward nach einer Menge Mißhandlungen in eine Art von Verlies geſperrt, wo ſie bey kuͤmmlicher Nah⸗ rung mehrere Tage lang ſich ſelbſt uͤberlaſſen ward. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Kunlgunde Muße genug gehabt, den ſchwachen Alten vollkommen zu bearbeiten, der ohne viele Muͤhe zugab, daß Ber⸗ tha in ein Kloſter geſteckt werden muͤſſe, als Ku⸗ nigunde den Ort traf, wo er am reizbarſten war, naͤmlich ſelnen Ahnenſtolz angriff, und ihm bemerk⸗ lich machte, daß durch die Heurath Bertha's mit einem Bärgerlichen ſein Adel und die Verdienſte ſei⸗ 152 ner Voreltern beſchimpft wuͤrden, und man daher alles anwenden muͤſſe, dieſe zu verhuͤten. Da nun Bertha ohne Ruͤckhalt ſich gegen ihre Eltern mit der groͤßten Feſiigkeit erklaͤrt hatte, daß ſie nie und unter keiner Bedingung von Hainbergen laſ⸗ ſen werde, ſo war der alte ſchwache Mann ſehr bald uͤberzeugt, daß es kein andres Mittel gebe, ſeiner Familie den gewaltigen Schimpf einer Miß⸗ heurath zu erſparen, als wenn man das Maͤdchen ins Kloſter braͤchte. Kunigundens ältre Schweſter war grade Aeb⸗ tiſſinn im Kloſter zu Himmelspforten. Dies Weib, mißgeſtalteter noch und boshafter als Ku⸗ nigundens Toͤchter, war, nachdem ſie ihre Ju⸗ gend auf eine gar nicht kloͤſterliche Weiſe durch⸗ lebt, endlich ſchon als Matrone in das benannte Kloſter eingetreten, well ſie keinen Mann mehr erhaſchen konnte, und hatte dort durch Beſtechun⸗ gen und Intriguen es ſehr fruͤhzeitig dahin ge⸗ bracht, daß ſie von den Nonnen zur Aebtiſſin erwaͤhlt ward, denen ſie dafuͤr die vollſte und ungebundenſte Freyheit ließ, der ſie ſich ſelber, obgleich mit der aͤußerſten Vorſicht, uͤberließ. — Dies Weib, das alle Fehler Kunlgundens nun noch in weit groͤßerm und auffallenderem Maaße beſaß, hatte eine außerordentliche Vorliebe fuͤr die Kinder ihrer Schweſter geaͤußert, und war daher, und bey dem aͤußerſt intriguanten, grau⸗ ſamen und fuͤhlloſen Karakter, der ihr eigen war ganz gemacht, Kunigundens Plane auszufuhren, „ 153 — welche darinn beſtanden, Bertha durch Liſt oder Gewalt dahin zu bringen, daß ſie die Geluͤbde der Nonnen ablege. An ſie wendete ſich daher Kunigunde, waͤhrend die gefangene Bertha in der Einſamkeit die Entwickelung ihres Schickſals erwartete, und erhlelt alsbald von ihr die Verſi⸗ cherung, daß ſie alles uͤbernehmen und beſorgen wolle, daß ſie ihr nur das Maͤdchen ins Kloſter liefern und ihr dann ganz uͤberlaſſen ſolle, ohne ſich weiter im geringſten um daſſelbe zu bekuͤm⸗ mern, denn, ſetzte ſie hinzu, mir und der Kir⸗ che wird, dafuͤr ſtehe ich, niemand mehr daſſelbe rauben. In dieſes Weibes Haͤnde lieferte in der groß⸗ ten Stille der ſchwache Alte und ſein boshaftes und geiziges Weib die ungluͤckliche Bertha. Die Aebtiſſinn uͤbernahm das zitternde Maͤdchen aus den Haͤnden des gefuͤhlloſen Paares, verſicherte nochmals, daß ſie fuͤr alles ſtehe, und erhielt da⸗ gegen die freudige Gegenverſicherung, daß ihr nun das Maͤdchen ganz uͤberlaſſen ſey, und man ſich fernerhin gar nicht mehr um daſſelbe bekuͤmmern werde. Die Domina fing damit an, daß ſie ſich das Zutrauen Bertha's zu bemaͤchtigen ſuchte. Bey dem unſchuldigen, argloſen Geſchoͤpfe ward ihr dies nicht ſchwer. Sie ließ derſelben alle Freybeit, oh⸗ ne ſie gleichwohl einen Augenblick aus den Au⸗ gen zu laſſen. Sie ſuchte ihr mehrere Nonnen 154 aus ihrem zahlreichen Konbente zur Geſellſchaft aus, die ſich ihrer Relgung bemaͤchtigten. Das Maͤdchen glng in die Falle, die man ihr gelegt hatte; ſie fand Geſchmack an dem Kloſterleben, von dem man ihr eine ſo ſchoͤne Seite zeigte, und an der Behandlung, die ſie hler genoß, und die ſo ſehr von derjenigen unterſchieden war, welche ſie in ihrem väterlichen Hauſe echalten hatte.— Nur ihre Liebe zu Hainbergen, und das Verſpre⸗ chen zur Treue, welches ſie ihm gethan hatte, hielt ſie zuruͤck, den Schleyer zu nehmen, der fuͤr ſie jetzt ſo viel Reize hatte. Die Domina, welche ſie zu Vertrauten ihrer Liebe gemacht hatte, ver⸗ ſprach ihr, ſie mit ihren Eltern zu verſoͤhnen, von dieſen Verzeihung, und die Erlaubniß, ihren Ge⸗ liebten heurathen zu duͤrſen, zu erwirken, und ſie ſo in Hainbergs Arme zu liefern. Dankend warf ſich das Mädchen vor der Schlauen nieder, welche, um ſich ihres Vertrauens vollends zu be⸗ maͤchtigen, ihr eine ihrer eignen Liebesgeſchichten erzaͤhlte, deren ungluͤcklicher Ausgang, wie ſie verſicherte, ſie beſtimmt habe, in das Kloſter zu gehen, um dort unter dem Schleyer Ruhe zu ſu⸗ chen, welche ſie auch gluͤcklich unter demſelben ge⸗ funden habe. Vor allem mußte nun der Aufenthalt Hain⸗ bergs ausgeforſcht werden, von welchem Bertha, die ſich nun ſchon über ein halbes Jahr im Klo⸗ ſter befand, ſeit acht Monaten nichts gehort hat⸗ te.— Immer hatte das arme Maͤdchen gezit⸗ 5 155 tert, wenn ſie an der Tafel der Aebtiſſinn die vorbey reiſenden Prieſter und Moͤnche von den Schlachten erzaͤhlen hoͤrte, welche der gewaltige Markgraf von Anſpach, deſſen Fehde ſich erneu⸗ ert hatte, als ſie eben ihrem Ende ganz nahe zu ſeyn ſchien, erzaͤhlen horte. Biswellen horte ſie dann auch durch dieſe das Lob Hainbergs, der un⸗ terdeſſen zum Kriegsobriſten vorgeruckt war, und zitterte fuͤr das Leben ihres Geliebten, waͤh⸗ rend ſie in das Lob des Helden einſtimmte. Die Aebtiſſiun verſprach, ihr beſtimmte Nachricht von ihrem Gellebten zu verſchaffen, und dem⸗ ſelben ihren dermaligen Aufenthalt kund zu thun. Arglos uͤberließ Bertha derſelben dleſe Einlei⸗ tung. Einſt war au der Tafel der Aebtiſſinn ein Monch, der viel von ſeinen Reiſen und dem Un⸗ gemacht, welches er ausgeſtanden, erzaͤhlte, und dabey ſich in eine weitlaͤuſige Schilderey der Zu⸗ faͤlle einließ, die er erſtanden, als er durch die Gegenden gezogen, die jetzt des Markgrafen Kriegs⸗ volker beſetzt hielten.„Habt ihr, fragte, wie von ohngefaͤhr, die Aebtiſſiun, wohl auch des Markgra⸗ fen tapfern Krlegsobriſten, Franzen Haiuberg, ge⸗ ſehen, oder von ihm gehoͤrt?“ Wohl hab' ich das, ehrwuͤrdige Frau, entgegnete der Monch, und er⸗ zaͤhlte dann lang und viel von deſſen Thaten und Ruhme, und den Laͤndereyen, welche der Mark⸗ graf ihm verliehen, und deſſen Tapferkeit und Milde, und ſchloß damit, daß er verſicherte, wie 156 der Held der ſchönen Graͤfinn von Burgacker gar wohl werth ſey, mit welcher er vor vier Wochen getrauet worden. Bertha horchte hoch auf und wollte ihren Oh⸗ ren nicht trauen, als ſie dieſe Erzählung horte. Als aber der Moͤnth fortfuhr, die Trauungsfeyer⸗ lichkeiten zu erzaͤhlen, welche er mit angeſehen, und mit aͤchter Monchsberedſamkeit die geringſten Kleinigkeiten, welche dabey vorgefallen ſeyn ſoll⸗ ten, auszukramen, da verlor das ungluͤckliche Maͤdchen die Beſinnung, und ſank mit einem Schrey des Entſetzens zu Boden. Die Aebtiſſtun brachte ſie ſelbſt hinweg und ſuchte ſie, als ſie wieder Faſſung gewann, damit zu beruhigen, daß in der Erzaͤhlung des frommen Monchs auch wohl ein Irrthum ſeyn konne, indem ſie dieſelbe bat, nur noch drey Tage lang ruhig zu bleiben, binnen welchen der Bote zuruͤckkommen muͤſſe, welchen ſie um Nachrichten an die Aebtiſſin eines Hloſters in der Gegend, wo Hainberg kaͤmpfte, geſchickl Dieſe drey Tage dehnten ſich dem liebenden Maͤdchen zur Laͤnge der Ewigkeit aus. In der Haͤlfte des dritten erſchien, als Bertha eben bey der Aebtiſſinn war, ein Kloſterknecht, welcher derſelben einen PVrief der Aebtiſſinn zu Marien⸗ runde, in deſſen Gegend des Markgrafen Volker ſtanden, uͤbergab. Mit erkuͤnſteltem Entſetzen reichte die Alte, nachdem ſie denſelben geleſen 157 den Brief dem Maͤdchen hin, das kaum ihn halb geleſen hatte, als es ſchon das Bewußtſeyn ver⸗ bor. Er enthielt leider die Beſtätigung deſſen, was bereits der Mdnch erzaͤhlt hatte, daß naͤm⸗ lich Bertha's Geliebter, nachdem der Markgraf ſelne Heldenthaten koniglich belohnt habe, vor ei⸗ nigen Wochen mit der ſchdnen und relchen Graͤ⸗ finn von Burgacker vermaͤhlt worden, und daß noch jetzt die Feyerlichkeiten der Vermaͤhlung nicht geendet ſeyen. Dabey war dann im Nonnen⸗ ſtyhle der Biſchof benannt, welcher die Trauung verrichtet, und die Prieſter, welche demſelben hierbey aſſiſtirt haͤtten, und wie dieſe dafur von dem Brautpaare und dem Markgrafen belohnt worden, und was dergleichen Dinge mehr ſind, die außer den Nonnen niemanden intereſſiren kdn⸗ nen, von dieſen aber mit dem ihnen eignen Kleinig⸗ keitsgeiſte mit der lebhafteſten Begierde verſchlun⸗ gen zu werden pflegen, die ſie ſogar die Haupt⸗ ſache uͤberſehen macht. Die Intrigue, welche hier geſpielt ward, war freylich zu fein, als daß ein ſo trugloſes, zutrauliches Geſchoͤpfe, als Bertha war, dleſel⸗ be haͤtte durchſehen konnen.— Der durchreiſen⸗ de Monch, der zuerſt dieſe Maͤhre im Kloſter er⸗ zählt und ſo viel von den welten Reiſen, welche er gemacht habe, gefaſelt hatte, war niemand anders, als ein Moͤnch aus dem benachbarten Koſter des heiligen Franzlsmus, der noch nicht 1. viel welter gerelſt war, als aus ſeinem Kloſter nach Himmelspforten zu der ehrwuͤrdigen Frau Aebtiſſinn, welche ihn mit einem guten Eſſen und einigen Silbermuͤnzen beſtochen hatte, nach der verabredeten vorgangigen Einleitung die Lugen zu erzaͤhlen, welche das arme Maͤdchen ſo heftig an⸗ gegriffen hatten; und der Brief, welchen die Aeb⸗ tiſſinn von Marienrunde geſchrieben haben ſollte, und den ſich die ſchlaue Aebtiſſinn in Gegenwart Bertha's eigends in der Abſicht, um die Sache naturlicher und wahrſcheinlicher zu machen, brim gen ließ, war von dem fetten Beichtvater des Klo⸗ ſters zuſammengeſtoppelt⸗ der von einem alten Briefe, der ehedem nach Himmelspforten gekommen war, das Wachs abgemacht und dem gegenwaͤrti gen untergeſchobenen Schreiben aufgedruckt hatte, um nichts zu wagen, wenn etwa Bertha Ver⸗ dacht nehmen, und das Siegel unterſuchen werde. Dieſe Vorſicht war indeſſen uͤberfluͤſſig; das argloſe Mädchen würde bey dem großen Zutrauen, welches ſie in die Aebtiſſinn ſetzte, einer bloſen muͤndlichen Erzaͤhlung derſelben ſchon vollen Glau⸗ ben beygemeſſen haben. Vertraut mit den Wider⸗ waͤrtigkeiten des Schickſals, das von ihrer erſten Kindhelt an ſie ſtiefmotterlich behandelt hatte, wuͤrde ſie eine gänſtige Nachricht eher bezweifelt haben, als dieſe unglůͤckliche. Nach einigen ven zwelflungsvoll durchlebten Tagen bat ſie auf den Knieen die Mebtiſſinn, ſie in die Zahl ihrer Non⸗ nen aufzunehmen.. — n⸗ 159 Dies ſchlaue Weib machte im Anfange einige Anſtaͤnde, indem ſie heuleriſch die Ungluͤckliche damit zu troſten ſuchte, daß ſie noch immer eine andre vortheilhafte Heurath treffen konne; nur nach und nach gab ſie den ſtuͤrmiſchen Bitten des betro⸗ genen Maͤdchens nach, und nach vier Wochen hat⸗ te Bertha das unauflosliche Geluͤbde abgelegt, und ſtack unter dem ungluͤcklichen Schleyer. Wir wollen die arme Betrogene nun einige Zeit verlaſſen, und ſehen, was indeß Hainberg⸗ der von dieſer fuͤr treulos und meineydig g ne Hainberg, machte. Es war Wahrheit, daß derſelbe Wunder der Tapferkeit gewirkt, daß er von ſeinem Herrn zum Kriegsobriſten befordert, und mit mehreren der ſchoͤnſten Lehen belohnt worden war. Aber es war ein Gedichte der Hoͤlle, daß er ſich verehe⸗ lichet habe.— Er war nie ſeiner angebeteten Ber⸗ tha untreu, geworden, vielmehr hing er mit allem Enthuſiasmus der gluͤhendſten Liebe an dem hol⸗ den Maͤdchen. Ihr Name war es, den er aus⸗ rief, wenn er in die dreymal ſtaͤrkere Schaar der Feinde ſeines Fuͤrſten eindrang; der Gedanke an ſie ſtaͤrkte ihn zu den Heldenthaten, vor denen ſelbſt der Ruf erſtaunte, denn nur durch dieſe, das wußte er, konnte er Bertha's Beſitz verdienen. Lange, als Bertha ſchon im Kloſter war, ſetz⸗ te er ſeinen Briefwechſel mit derſelben fort, der aber, da die Magd, welche denſelben zuvor beſorgt 160 hatte, auf dle geſchehene Entdeckung aus dem Hauſe des alten Thuͤngersfeld gejagt worden, im⸗ mer in die Häͤnde des Alten fiel. Dieſe ließen die Briefe unbeantwortet; als aber endlich Hainberg ſtuͤrmiſcher ward, und meldete, daß er ſelbſt kom⸗ men wolle, da mußte Karitas, Bertha's zweyte Schweſter, demſelben in Bertha's Namen ſchrei⸗ ben, daß Bertha ſeit einigen Wochen die Gattinn eines wuͤrdigen Mannes ſey, und ſie beauftragt habe, dieſes ihm zu ſchreiben, und ihn zu bltten, ſie nicht weiter mit Briefen zu belaͤſtigen. In die Schwerdter der Feinde eilte verzwelf⸗ lend Hainberg, als er dieſen Brief erhielt, an deſſen Wahrheit er nicht zweifelte, ſuchte den Tod und fand ihn nicht.— Gleich drauf ſchloß der Markgraf Friede, und Hainberg mit Ruhm gekrdnt, aber die Verzweiflung im Herzen, ging auf eines der von ſeinem Fuͤrſten erhaltnen Guͤ⸗ ter, dort die Ruhe zu finden, die er vergebens ſuchte. Da er abſichtlich ſich blos auf ſich ſelbſt beſchraͤnkte, blos ſeinem Kummer lebte, und mit niemand Umgang hatte, ſo war Bertha ſchon uͤber ein Jahr Nonne, ehe er erfuhr, daß er betrogen worden. Da er zwar hoͤrte, daß ſeine Geliebte Nonne ſey, das Kloſter aber, in welchem ſie leb⸗ te, nicht beſtimmt erfahren konnte, ſo nahm er ſich vor, ſie aufzuſuchen, ſie, waͤre es auch im Mittelpunkte der Erde, zu finden, und dann ſollte ſie ſein werden, und wenn die ganze Holle ſich entgegenſetze. 161 Da Hainberg mit Recht muthmaßte, daß Bertha in elnem der vielen Klöſter Frankens ſchmachte, wovon dies ſchone Land wimmelt, wie von giftigen Inſekten der Nilſchlamm, ſo fing er dort ſeine Unterſuchung an, nachdem er vergebens alles angewendet hatte, die Wohnung ſelner Ge⸗ liebten auf leichteren Wegen zu erfahren, welches ohnehin um ſo ſchwieriger war, da dieſe bey Ab⸗ legung der Geluͤbde einen andern Namen anneh⸗ men muͤſſen, und nicht mehr Bertha, ſondern Fidele hieß, und des Famillennamens der Non⸗ nen in den Kloſtern ſo wenig gedacht wird, daß ſelten jemand denſelben weiß, und ſie ſelbſt den⸗ ſelben, wie man Beyſplele hat, biswellen vergeſ⸗ ſen. Indeſſen war hler der Zufall ihm guͤnſtig. Wir uͤbergehen die Kloͤſter, worinn Hainberg bereits ſeine Geliebte aufgeſucht hatte, die Aben⸗ theuer, die er hierbey beſtanden, die Verkleidun⸗ gen, welche er zu dieſem Zwecke angelegt, und die Rollen, die er zu dieſem Behufe geſpielt, ſo wie die Mittel, durch welche er ſich verlaͤſigt hat⸗ te, daß ſie in denſelben nicht ſey, aus dem ſehr zureichenden Grunde, well wir dieſelbe ſelbſt nicht wiſſen, indem die Tradizion dieſelbe uns nicht auf⸗ bewahrt hat, und weil wir, ſo leicht uns es wer⸗ den moͤchte, dieſelbe in relchlichem Maaſe hinzu⸗ zudichten, unſern Leſern nicht Fikzion, ſondern Wahrheit liefern, wenigſtens nirgends mehr ſa⸗ gen wollen, als die Volksſage enthaͤlt, der wir nichts beyſetzen mogen. Spieß. Kriminalgeſch. 3 Th. 2 162 Seitdem Bertha das Geluͤbde abgelegt hatte, beobachtete man ſie im Kloſter weniger. Man fand es nicht mehr der Muͤhe werth, auf dieſelbe ſo genau zu wachen, als zuvor, da man es fuͤr un⸗ moͤglich hielt, daß Hainberg oder ſie ſelbſt die Kuͤhnheit haben ſollten, einen Frevel an der Kir⸗ che zu begehen, und eine derſelben geweihte Jung⸗ frau in die ſuͤndliche Welt zuruͤckzufuͤhren. So war es ihr dann auch ohnbenommen, durch die gegen den Main gebauten Fenſter des Kloſters die Ausſicht in die ſchoͤne Gegend zu genießen, und in die Welt zu blicken, fuͤr welche ſie verloren war. Hier, wo ſie ihren Kummer nachhangend vft gan⸗ ze D age zubrachte, entdeckte ſie Halnberg, der eben mit der Reihe ſeiner Unterſuchungen an die⸗ ſem Kloſter ſtand, und erkannte erſten Blickes ſei⸗ ne geliebte Bertha, ſo bleich auch ihr Antlitz, ſo trub ihr Auge, und ſo kummerſchwer ihre Zuͤge waren.— Sein treuer Freund, Albrecht von Ruͤdern, ſchlich ſich unter einer Moͤnchskaputze in das Kloſter, und fand bey der vollkommnen Freh⸗ helt, welche die Aebtiſſinn die Nonnen, beſonders mit Moͤnchen, genleßen ließ, leicht Gelegenheit, Bertha von dem geſchehenen Betruge zu unterrich⸗ ten.— Das Maͤdchen gerieth in Wut, uͤber die ſie ſo wenig Melſter war, daß ſie dieſelbe der Aeb⸗ tiſſinn fuͤhlen ließ, und ihr im Angeſichte des ganzen Konvents eine Situazion vorwarf, in wel⸗ cher ſie die Heuchlerinn einſt bey dem Belchtiger des Kloſters uͤberraſcht hatte, und die ſich ſchlecht 163 zu dem Geluͤbde der Keuſchheit ſchickte, das die Nonnen bey der Profeſſion feyerlich ſchworend ab⸗ legen muͤſſen. Der Haß der Aebtißlnn, der bis⸗ her nur geſchlafen hatte, wachte hierdurch mit verdoppelter Staͤrke auf; indeß verbiß dieſe Mei⸗ ſterinn im Heucheln ihren Zorn, weil ſie das Auf⸗ ſehen fuͤrchtete, das ſie durch Bertha's Beſtra⸗ fung erregen moͤchte, und ſpielte die Rolle der großmuͤthig Vergebenden. Von dieſem Augenbli⸗ cke an aber bewachte ſie den Gegenſtand ihres Haſ⸗ ſes mit Argusaugen, theils um Gelegenheit zu finden, ihre Rache an der Ungluͤcklichen zu ſaͤtti⸗ gen, theils weil ſie ſchlau genug war, um einzu⸗ ſehen, daß die ſanfte Bertha eine außerordentliche Veranlaſſung haben muͤſſe, um in jene Wut zu gerathen, von welcher ſie noch kein Beyſpiel geſe⸗ hen hatte, und deren ſie dieſelbe gar nicht einmal faͤhig hielt, weshalb ſie gleich muthmaaßte, daß Bertha von dem durch ſie derſelben geſpielten Be⸗ truge Nachricht erhalten haben, und daß wohl gar Hainberg in der Naͤhe ſeyn muͤſſe, und zwi⸗ ſchen Beyden ein Verſtaͤndniß beſtehe. Sie verdoppelte daher Aufſicht und Spaͤhe auf Bertha's Schritte, und es ward ihr nicht ſchwer, zu erfahren, daß dieſe durch die auf den Main ziehenden Fenſter des Kloſters alle Nacht vermittelſt eines Fadens Briefe wechſelte.— Sie gab, um deren Inhalt zu erfahren, Bertha'n ein Geſchafte, das ſie auf einige Zelt von ihrer Zelle 8 164 entfernte, und ihr Muſe gonnte, dieſelben zu un⸗ terſuchen. Bertha war ſo unvorſichtig geweſen, die erhaltnen Briefe ſchlecht zu verwahren, und ſo fand die Aebtiſſin nicht nur, daß Hainberg in der Naͤhe war, ſondern ſogar die naͤchſtfolgende Nacht beſtimmt war, Bertha'n zu entfuͤhren, wel⸗ che auf einer Leiter durch das mehrangefuͤhrte Fen⸗ ſter in die Arme ihres Geliebten fliehen ſollte. Die Nacht erſchien, und Bertha eilte nach der Verabredung ihrem harrenden Geliebten in die Arme. Ein bereltgehaltner Nachen brachte ſie glucklich uber den Main, und eben wollten ſie die um jenſeltigen ufer ſtehenden Pferde beſteigen/ um einem Orte zuzuellen, wo ſie auf immer ſich ver⸗ einigen wuͤrden, da brachen aus dem nahen Wein⸗ berge die dort im Hinterhalte verſteckten Kloſter⸗ knechte mit dem Schutzvogte des Kloſiers hervor, und umringten die Fluchtlinge. Hainberg und ſein Freund Ruͤbern fielen, fechtend wie die Ld⸗ wen, unter den Streichen der Menge, man be⸗ maͤchtigte ſich der ohnmaͤchtigen Bertha, und brachte ſie ins Kloſter.— Dort hielt die boshafte Alte, mit denen auf Bertha nicht minder ergrimm⸗ ten Nonnen, grinſend von der Freude der geſit⸗ tigten Rache, Gericht uͤber die Unglckliche, ein⸗ muͤthig ward ihr die Strafe zuerkannt, einge⸗ mauert zu werden.— Man grub an dem naͤml⸗ chen Orte des Ufers, wo man Bertha'n gefangen⸗ und ihren edlen Geliebten erſchlagen hatte, ein enges Gewolbe, das ganze Konvent der Nonnen 165 fuhr betend mit ſchwarzen Kerzen in der Hand“ das ungluckliche Opfer gefeſſelt in ihrer Mitte, uͤber den Main, der Belchtiger des Kloſter ſprach das ſchroͤckliche„Vade in pace“ und langſam, damit ſie nicht Schaden nehme, ließ man die ungluͤckli⸗ che Bertha auf Seilen in das kalte Gewolbe hin⸗ ab, ausgeſteuert mit einem Stricke, Hammer und Nagel, einem Krug Waſſer und Brode, und ſchob den ungeheuren Stein auf die zugemauerte Hefnung, den noch jetzt des Wandrers Auge, wenn er die Schauergeſchichte hort, thraͤnend und mit Entſetzen erblickt.— Ob die Ungluͤckliche den ſchroͤcklichen Hungertod gelitten, oder von der durch ihre Ausduͤnſtung verdickten Luft erſtickt worden, oder von der Verzweiflung ergriffen, von dem ihr mitgegebenen Stricke, Hammer und Na⸗ gel Gebrauch machte,— das weiß nur Gott, der alles weiß, und mit Gerechtigkeit dieſe in der bar⸗ bariſchen Vorzeit nur gar zu haͤufig getriebene Monchsbarbarey rugen wird. . Zwey merkwuͤrdige Ahndungen. Es glebt ſo manches in der Natur, welches zu ergruͤnden, Phlloſophen, Phyſiker und Metaphy⸗ ſiker ſich blsher fruchtlos beſtrebt haben. Die Wirkungen unbekannter Urſachen werden vielleicht einſt, wie wir hoffen wollen— etwa bis zum Jah⸗ re 2440.— auch noch in Weſenheit und Grund⸗ urſachen erkannt werden, bis dorthin aber muͤſ⸗ ſen wir dieſe Wirkungen, die wir, ohne ihr Ver⸗ anlaſſung zu kennen, durch unſte Sinne wahr⸗ nehmen, als Ausfluͤſſe einer hoͤhern Macht vereh⸗ ren, ohne irgend einer Regung des Aberglaubens oder einer feigen und aberſinnigen Furcht Raum zu geben. Unter dieſe Klaſſe gehoren vorzuͤglich die ſo⸗ genannten Ahndungen. Niemand kann es laͤug⸗ nen, daß es deren gibt, obgleich der Schwachſin⸗ nige und Aberglaͤubige deren uͤberall ſieht, wo der Vernänftige keine findet, und indem der Letz⸗ tre die natuͤrlichen Urſachen ſehr leicht entdeckt, 167 welche anſcheinende Ahndungen bey dem we⸗ niger Aufgeklaͤrten erzeugen, ſo reicht doch biswellen auch der groͤßte Scharfſinn nicht zu, andre zu er⸗ klaͤren, welche wirkliche pſychologiſche Phoͤnomene bilden. Unter dieſe gehdren folgende zwey wahre Ge⸗ ſchichten. Die erſte derſelben hat ein vor kurzem verſtorbener, angeſehener und ſehr redlicher Mann ofters erzaͤhlt, und obgleich mez als bekannt an⸗ nahm, daß derſelbe, wie ſehr ek auch ſonſt als ein hochſt rechtſchaffner, zuverlaͤſſiger und gar nicht aberglaͤubiſcher Mann anerkannt war, doch gerne ſeine, uͤbrigens ſehr merkwuͤrdigen Reiſen mit Abentheuern auszuſchmuͤcken pflegte, mit denen es nicht immer ſo ganz richtig war, mehr um die Ge⸗ ſellſchaft, welcher er erzaͤhlte, zu unterhalten, und ſelner Erzaͤhlung mehr Lebhaftigkelt und Intereſ⸗ ſe zu geben, als um ſich und ſelne Schickſale merkwuͤrdig zu machen, ſo nahm man doch die Erzaͤhlung, welche wir hler unſern Leſern ganz ge⸗ treu ſo mittheilen, wie er dieſelbe zu erzaͤhlen pflegte, durchgehends als wahr an, thells weil er ſie nie, ohne von elnem lebhaften Schauer durch⸗ drungen zu ſeyn, mittheilte, der, wenn ſeine Angabe Fikzion geweſen waͤre, weggefallen ſeyn wuͤrde, theils weil er ſolche nicht gerne und ſelten erzaͤhlte, da man ihm ſonſt eine wahre Gefaͤllig⸗ kelt that, wenn man ſelne Erzaͤhlungen anhoͤrte, welche der gaſtfreye Mann immer mit elnigen Fla⸗ ſchen Rheinwein vergutete,(weshalb es ihm dann 168 auch nie an Zuhorern fehlte)— theils well er im⸗ mer, ſo oft er dieſe Geſchichte vollendet hatte, traurig ward, und in tiefes Nachdenken verfiel, und nie auch nur den kleinſten Umſtand in der Erzaͤhlung aͤnderte, welches ihm ſonſt, ſo oft er zum zweytenmale ein Maͤhrchen in ſeine Erzäh⸗ lungen einflocht, bey ſeinem ſchwachen Gedaͤcht⸗ niſſe jedes mal begegnete. Wir uͤberlaſſen es uͤbrigens unſern Leſern, uͤber die Glaubwuͤrdigkeit des Faktums nach eig⸗ nem Belieben zu urthellen, und desfalls pſycholo⸗ giſche Unterſuchungen anzuſtellen, indem wir blos unſerm Zwecke, denſelben zu unterhalten, getreu bleiben. Gleiches gilt auch in Hinſicht auf die zweytere der hier dargeſiellten Vorfaͤlle. Dieſe hat Cicero, Roms groͤßter Standsmann und Phlloſoph, ein Mann gleich ehrwuͤrdig durch ſeine Aufklaͤrung, mit welcher er um viele Jahr⸗ hunderte den Genius ſeiner Zelt uͤberſprang, als durch ſeine ſtrenge Redlichkeit, die er gleichfalls vor der verderbten Moralitaͤt deſſelben voraus hatte, in ſeinen Schriften mitgetheilt. I. Ich war,— ſo erzaͤhlte unſer Gewaͤhrsmann, den wir Baron Flamberg nennen wollen, weil der 169 Name zur Sache nichts thut— mit dem Grafen D' in Venedig. So innig unſre Freundſchaft von der erſten Kindheit au geweſen(ſie waren zu⸗ ſammen erzogen worden) und ſo gut wir uns auf der ganzen nun in das vierte Jahr andauernden Reiſe mit einander vertragen hatten, ſo war doch ſeit einiger Zeit eine gewiſſe Kaͤlte unter uns ein⸗ getreten, und alle Verſuche, welche wir wechſel⸗ ſeitig machten, uns einander wleder zu naͤhern und die vorige Vertraulichkeit unter uns herzuſiellen, ſcheiterten oder gelangen nur auf einige Tage.— Wie mit Gewalt aus einander geſprengt trieben wir jedesmal wieder auseinander, und es ſchien uns eine Wohlthat zu ſeyn, wenn wir uns nicht ſechen mußten. O' war ausſchweifend. Sein lebhaftes Tem⸗ perament trieb ihn uͤberall zu Exzeſſen, und er fand in dem wohlluͤſtigen Italien uͤberfluͤſſig Gelegen⸗ heit, dieſen ſeinen ungluͤcklichen Hang im Ueber⸗ maaſe zu befriedigen. Ich war ſtreng und nuͤch⸗ tern aus Temperament und Grundſaͤtzen, und ſo wie ſich des Grafen Leidenſchaften immer mehr entwickeiten und auffallender zeigten, ſo verſtaͤrk⸗ te ſich dieſe Strenge bey mir noch mehr, da deſ⸗ ſen Leidenſchaften, welche immer in einem grel⸗ len Lichte erſchienen, ein neuer Abhaltungsgrund mehr fuͤr mich wurden, mich denſelben preis zu geben. Niemand ſchien mehr berechtigt zu ſepu, denſelben von ſeiner falſchen Bahn zuruͤckzuhalten ais ich, da ich einige Jahre und Erfahrungen 170 vor ihm voraus hatte, und da mir unſte Freund⸗ ſchaft, und— ich darf es ſagen— ein reiſerer Werſtand hierzu nicht blos ein Recht gaben, ſon⸗ dern mich ſogar dazu aufforderten. Aber grade dieſe Vorſtellungen waren es, wel⸗ che den Grafen immer weiter vou mir entfernten, vielleicht weil ich ſie mit zu vlel Waͤrme machte. O' hatte ein hoͤchſt reizbares Temperament, und elne ſtarke Doſis Stolz, der keine Superioritaͤt anerkannte, noch weniger uber ſich gelten ließ. Er nannte meine freundſchaftlichen Vorſtellungen eine Anmaaſung, die er nie ertrug. So war es dahin gekommen, daß wir einander nie ſahen, ohne daß ſich die Bitterkeit und Abneigung vermehrte, wel⸗ che die Verſchiedenheit unſtes Temperaments er⸗ zeugt, und die Verſchiedenheit unſter Grundſatze verſtaͤrkt hatte. Jeder von uns ging fortan ſelnen eignen Weg, ohne ſich um jenen, wel⸗ chen der andre einſchlug, zu bekuͤmmern, und bald ſahen wir uns nicht mehr, als wenn wit uns zufaͤllig auf der Treppe begegneten,(wir wohnten im naͤmlichen Hauſe und auf dem naͤm⸗ lichen Gange) wo wir uns dann mit kalter, zu⸗ ruckſtoßender Hoflichkeit ein paar Worte ſagten, und froh waren, wenn wir ſcheiden konnten. Selt ein paar Monaten hatten wir uns gar nicht geſehen, und jeder ſchlen ſich deshalb beſſer zu befinden. Ich wußte nichts von des Grafen damaliger Lebensweiſe, und es vergingen Wo⸗ —— chen, ohne das ich an ihn dachte, da mich eben das Studium der Aſtronomie, welche ich da⸗ mals vorzuͤglich liebte, den ganzen Tag uͤber be⸗ ſchaͤftigte. Deſto ſonderbarer fand ich es, daß O“, an welchen ich Tage nicht dachte, einige Naͤchte hintereinauder der Gegenſtand melner Traͤume war. Jedesmal verſetzte mich der Traum in den Pallaſt des Marcheſe Cartoloni an dem Markusplatz, ich ſah den Grafen dort in den Armen eines reizenden Weibes, und ein Abbate, der jedesmal in dem Pallaſte zugegen ſchien, bat mich dann immer, den Grafen vor der Gefahr zu warnen, welcher er ſich bey dem Eintritte in den Pallaſt ausſetzte; dann ſah ich wieder dort Os von Banditen jaͤm⸗ merlich ermorden.— Ich machte mir mehr Bewe⸗ gung und trank nun jedesmal vor dem Schlafen⸗ gehen einige Glaͤſer Limonade, um mein Blut zu beruhigen;— umſonſt, die Traͤume kamen jede Nacht wieder, und ich ſtand melſtens ermuͤdeter auf, als ich mich nledergelegt hatte. Ohngefaͤhr gegen die zehnte Nacht ergriff ich, muͤde mlch immer von den naͤmlichen Traͤumen ab⸗ plagen zu laſſen, das entgegengeſetzte von den Mittel, welche ich bisher gebraucht hatte. Ich nahm gegen meine Gewohnheit eine ziemliche Por⸗ zion Wein zu mir, und entſchlief im halben Rau⸗ ſche.— Es war eine gluͤhend heiße Auguſt⸗ nacht, und die Fenſter meines Schlafzimmers . offen. Ich mochte einige Stunden geſchlafen ha⸗ ben, als ich ein äußerſt heftiges Brauſen, wie das Tohen einer Windsbraut, zu vernehmen glaubte. Es war mir, als wuͤrfe der Orkan die Fenſter meines Zimmers mit ſolcher Kraft gegen einander, daß die Scherben des zerſprungnen Glaſes umherklirrten. Dann ſchien mich der Orkan zu faſſen, und in ein duͤſtres Gemach des Pallaſtes Cartolont zu tragen, wo der oben an⸗ gefuͤhrte Abbate mich beſchwur, meinen Freund vor den Gefahren zu warnen, die ihn umſchweb⸗ ten, und ihn ſogleich— waͤre es nothig, ſelbſt mit Gewalt— aus Venedig zu reißen. Ich erwachte, richtete mich im Bette auf, ſuchte mich zu ermuntern, und ſelbſt das Andenken des Trau⸗ mes zu verwiſchen; nach einer halben Stunde ſchlief ich unter dem ſuͤßeſten Spiele der Phanta⸗ ſie, durch welche ich mich in das Vaterland zu⸗ ruͤckgezaubert hatte, wieder ein.— Jetzt erneu⸗ erte ſich die vorlge Szene wileder, und der Ab⸗ bate zeigte mir vier Menſchen, welche ihre Dol⸗ che ſchliffen trube, ſchrockliche Geſichter, mit der beſtimmteſten Mordluſt in der Teufels Larbe. —„Hier, ſagt er mit feyerlichem Tone, wer⸗ den die Dolche fuͤr deinen Freund geſchliffen; hier wird er morgen bluten.“— Ich erwachte im Fieberſchauer— Ich ſprang aus dem Bette, ſchloß die Fenſter und ging nachdem ich alles Waſſer, welches ich bey der Hand hatte, ver⸗ ſchlunge hatte, eine gute halbe Stunde im Zim⸗ 173 mer umher, und las dann noch bey der Nacht⸗ Lampe eine gute Weile in einem Werke, welches ich am Tage zuvor erhalten und das ausneh⸗ mend viel Intreſſe fuͤr mich hatte.— Kaum war ich wieder eingeſchlafen, als der Traum, und zwar fuͤrchterlicher und noch lebhafter als zuvor, von vornen anfing. Ich war wieder in die duͤ⸗ ſtre Halle des Pallaſtes Kartolont zuruckverſetzt; O' lag gefeſſelt am Boden mit der Angſt des nahen Todes kaͤmpfend, um ihn vier Kerls mit Dolchen und ein etwas aͤltlicher Mann mit der widrigſten Bosheit im Geſichte, ſpottelnd mit teufliſchem Hohne uͤber die Angſt des betenden Ungluͤcklichen. Plotzlich ſielen auf ein gegebenes Zeichen die Banditen uͤber den Grafen her, der unter ihren Strelchen ſank. Ich erwachte, und in der ſchroͤcklichen Angſt, die mich befallen, und trunken vom Schlafe, ſprang ich mit wenigen Schrltten in das Schlafzimmer des Grafen, das auf dem naͤmlichen Gange ſich befand, auf wel⸗ chem auch ich ſchlief. Erſchrocken fuhr derſelbe aus dem Schlafe empor, und vergalt mir die Zuͤrtlichkeit, die ich in dem frohen Gefuͤhle, ihn wiedergefunden zu haben, und in dem Momente, in welchem meine ganze alte Freundſchaft wleder erwacht war, an ihn verſchwendete, mit Vorwuͤr⸗ fen.„Deine Maͤhrchen, ſagte er, als ich ihm die Urſache, welche mich zu ihm getrieben hatte, er⸗ zaͤhlte, mit aͤußerſter Rauhigkeit, werden mich eben ſo wenig beſtimmen, als deine uͤbrigen Poſſen; und 174 ich bitte dich, mich mit einem ſo wie dem andern ein fuͤr allemal zu verſchonen.— Jetzt wuͤnſchte ich zu ſchlafen.“ Die Härte, mit welcher der Graf mich von ſich ſtieß, that mir webe. Beleidigt verließ ich ſein Zimmer, ohne ein Wort zu ſagen. Die Erſchopfung nothigte mich, den groͤßten Theil des folgenden Tages das Bette zu huͤten. Ich war nicht im Stande, die Bilder aus meiner Seele zu verbannen, welche mich ſo oft und anhal⸗ tend beſchaͤftigten. Ich bereitete mich fuͤr die fol⸗ gende Nacht auf einen aͤhnlichen Kampf vor, und wunderte mich um ſo mehr, da ich dieſe Nacht uber alle Erwartung gut ſchlief.— Deſto ſchrock⸗ licher war die folgende. Mehr wachend als traͤumend ſchien es mir ge⸗ gen Mitternacht, als durchdraͤnge ein furchterli⸗ ches Zwiſchen mein Schlafzimmer, unter welchem O's klaͤgliche Stimme eiuigemal laut mich um Huͤlfe rief, und dann unter konvulſiviſchen An⸗ ſtrengungen zu verrocheln ſchien. So peinlich das Abarbeiten war, unter welchem mein Geiſt litt, ſo ſehr beſtrebte ich mich ruhig zu blelben, und bald gelang es mir, wleder einzuſchlafen. Es war ſpaͤt am Morgen, als ich erwachte; mein Bedienter meldete den Kammerdlener des Grafen, der mich zu ſprechen verlange, und ſchon lange im Vorzim⸗ mer meines Erwachens harre. 175 Paſtocct, des Grafen Kammerdiener, den er in Rom angenommen hatte, hing mit ſchwaͤr⸗ meriſcher Waͤrme an ſeinem Herrn. Auch er miß⸗ bllligte deſſen Lebensweiſe, mußte aber troz alles Widerſtrebens grade der Corrifaͤe deſſelben ſeyn. Dieſe Nacht hatte er, wie gewoͤhnlich, auf ſeinen Herrn bis gegen Mitternacht gewartet, wo er dem Schlafe unterlag. Hler ſchroͤckte ihn genau der naͤmliche Traum empor, der auch mich gemar⸗ tert hatte. Da ſein Herr gegen ſelne Gewohnhelt dieſe Nacht nicht nach Hauſe kam, ſo ſtieg die Angſt des ehrlichen Purſchen mit jedem Augenbli⸗ cke, und weil er von der Spannung, welche zwl⸗ ſchen ſeine Herrn und mir beſtand, nichts wußte, ſo glaubte er von niemand ſicherer erfahren zu konnen, wo ſich ſein Herr befinde, als von mir. Um ſo naͤher war er der Verzweiflung, als ich ihm die Traͤnme, von denen auch ich gefoltert worden war, erzaͤhlte. Dies ſonderbare Zuſammentreffen unſrer Traͤu⸗ me beaͤngſtigte uͤbrigens auch mich doppelt, ſo we⸗ nig ich aberglaͤubiſch war, und ſo wenig ich Werth in dieſelbe legte. Dieſe Beaͤngſtigung ſileg, als mir Paſtocci ſagte, was ich blsher nicht gewußt hatte, daß der Graf mit der jungen und koketten Gattin des ſchon bejahrten Marcheſe Kartoloni ſeit einiger Zeit ein Liebesverſtaͤndniß unterhalten, und alle Abende bey derſelben geſchwelgt hatte, waͤhrend der Marcheſe die Zeit in einer der vlelen Privatgeſellſchaften zubrachte, von welchen es in 176 Venedig wimmelt, aus welcher er erſt nach Mit⸗ ternacht ſchled, um welche Zelt der Graf, durch eine Seitenthuͤre entlaſſen, gegen Morgen zuruͤck⸗ kehrte. Wir kamen darinn uͤberein, ſogleich auf Kund⸗ ſchaft auszugehen, weil, wenn es des Grafen Ret⸗ tung, oder die Entdeckung eines Bubenſtreichs gaͤlte, keine Zeit zu verlieren ſey, da jede Minute die Sache in tleferes Geheimniß huͤllen konne. — Ein Gerlchtsdiener, der den Kammerdiener abrief, unterbrach dleſe Betrachtungen.— Man hatte den ungluͤcklichen O von einer Menge Wunden durchbohrt im Kanal gefunden; ſein Kammerdiener ward gerufen, den Körper anzuen⸗ kennen. Alle Unterſuchungen, welche man anſtell⸗ te, um den Moͤrder zu entdecken, waren frucht⸗ los. Ich mußte aus Venedig abreiſen, ohne meinen bedaurungswuͤrdigen Freund raͤchen zu konnen⸗ Nach achtzehn Jahren kam ich nach Venedig zuruͤck. Der Zufall machte mich mit der Marche⸗ ſe Kartoloni bekannt. Sie war ſeit langer Zeit Wittwe und eine der angeſehenſten Damen in Ve⸗ nedig. Sie ſelbſt rief unter Thraͤnen das Anden⸗ ken meines gemordeten, noch jetzt ihr theuren Freundes zuruͤck. Von ihr erfuhr ich dann auch die ganze ſchauerliche Geſchichte. 177 Ein alter Hauskaplan, der in dem Kartolo⸗ niſchen Hauſe lebte, war der Vertraute der Mar⸗ cheſa und des ungluͤcklichen Os. Er war der Zwl⸗ ſchentraͤger ihres Verſtaͤndniſſes. Der Marcheſe, ihr Gemahl, ſchien, ſo etferſuchtig und verdacht⸗ voll er auch ſonſt war, diesmal nichts zu merken, und beſuchte nach ſeiner Gewohnheit jeden Abend die Geſellſchaft, in welcher er ſich zu unterhalten. pflegte, und worlnn das Splel das Hauptvergnü⸗ gen der Unterhaltung war. Dieſe Zeit war immer zur Zuſammenkunft des Grafen und der Marcheſa beſtimmt, und man trennte ſich nicht eher als um Mitternacht, um welche Zelt der alte Herr heim⸗ zukehren pflegte; wo dann der Abbate den Grafen durch eine Seitenthuͤre entließ. Das Anſehen, in welchem der Abbate bey dem Marcheſe und ſeiner Gemahlinn ſtand, war der Gegenſtand der Efferſucht der andern Haus⸗ genoſſen geworden; alle bemuͤhten ſich eifrigſt, denſelben zu ſtuͤrzen; und vergalten ihm bie In⸗ ſolenz, mit welcher er dieſelben behandelte, relch⸗ lich mit dem erbitterſten Haſſe. Der Graf und die Marcheſa waren, wie alle Llebende, unvor⸗ ſichtig, und wußten ihr Verſtaͤndniß nicht ſorfaͤl⸗ tig genug den Blicken der Neuglerde und der Spaͤher zu entziehen. So ward daher ſolches ſehr bald unter der Dienerſchaft des Marcheſa bekannt. Ein alter Haushofmeiſter, der lange in der Gunſt ſeines Herrn mit dem Abbate riva⸗ Spieß. Kriminalgeſch 2 Th. M 178 liſirt hatte, und es demſelben nie vergeſſen konn⸗ te, daß er ihn aus derſelben verdrangt hatte, fand dieſe Gelegenheit, den verhaßten Abt zu ſtuͤrzen, zu erwünſcht, als daß er dies Verhalt⸗ niß nicht mit den gehaͤſſigſten Farben ausgemahlt ſeinem Herrn haͤtte hinterbringen ſollen.— Der Marcheſe gerieth in Wut, doch wollte er ſich zu⸗ vor von der Wahrheit der Anzeige ſelbſt uͤberzeu⸗ gen. Hierinn kam der Abbate ihm zuvor. Durch einige dem Marcheſe entfahrne Worte hatte die⸗ ſer entdeckt, daß die Sache verrathen war, und ohne Bedenken ergriff er die Parthie, nun ſelbſt zu verrathen. Mit aͤchter Pfaffengewandheit wußte er ſich zu entſchuldigen, und von nun an war er der getreue Gehuͤlfe des eiferſuͤchtigen Mar⸗ cheſe, dem es durch ihn leicht ward, ſich von den Verhaͤltniſſen zwiſchen ſeiner Gemahlinn und dem Grafen zu uͤberzeugen.— Er raͤchte ſich als Italtaͤner. Der verraͤtheriſche Pfaffe mußte den Grafen, als er eben von der Marcheſa ſchled, durch einen Vorwand in ein Gewolbe locken, in welchem vier gedungene Bravo's langſam den Ungluͤcklichen mordeten, waͤhrend Kartoloni ſich an ſelnen Martern weidete mit teufliſcher Freude⸗ — Die Marcheſa mußte in ein Kloſter wandern, wo ſie bis zu ihres Gemahls Tode Muße hatte, ihres Lieblings Schickſal und ihr eignes zu be⸗ jammern. Die Stunde des Mords war die naͤmliche ge⸗ weſen, in der ich jene Schauerſcene getraͤumt hatte⸗ „ II. Poplus war mit ſeinem Freunde Voltejus nach Apullen gereiſt. In elnem Dorfe, welches das Ziel der Reiſe fuͤr Voltejus war, trennten ſich beyde, Voltejus ging zu ſeinen daſelbſt wohnen⸗ den Verwandten, denen ſein Beſuch galt, Popius blieb in einem dffentlichen Hauſe uͤber Nacht, um am andern Tage ſelne Reiſe fortſetzen zu konnen. Hier ergriff in der Tiefe der Nacht den Po⸗ pius das Schauergeſicht im Traume, daß ihm ſein Freund PVoltejus erſchlen, und winſelnd und trau⸗ rig ihn bat, ihn von dem Morde zu retten, der ſo eben ihm bereitet werde.— Popius erwachte, ſchauerte und ſchlief wieder ein. Eine gute Welle darauf hoͤrte Popius zum zweytenmale die Huͤlfe⸗ rufende Stimme ſeines Freundes, die ihn beſchwor, ihn aus den Haͤnden ſeiner Moͤrder zu retten, und ihn ermahnte zu eilen, indem, wenn er noch Mo⸗ mente ſaͤumte, alle Huͤlfe zu ſpaͤt ſey.— Wirk⸗ lich horte bald drauf Poplus die Stimme ſeines Freundes unter klaͤglichem Gewinſel verhallen, und erwachtet im Fiberſchauer.— Als er nach einer guten Weile wieder einſchlief, erneuerte ſich das Traumgeſicht, im Todengewande, blaß, und von einer Menge tiefer Wunden entſtellt, erſchien ihm ſein Freund, der im großen, tiefen Tone der Spek⸗ M 2 „ 180 tren ihm ſagte, daß jetzt, da er zu ſeiner Rettung herbeyzueilen geſaͤumt habe, alle Huͤlfe zu ſpat, und er ſchaͤndlich gemordet ſey. Zugleich beſchwor er ihn, ſelnen Tod zu raͤchen, von deſſen Schaͤnd⸗ lichkeit er ſich und ſeine Morder uberzeugen könne, wenn er mit Anbruche des Tages zum Thore des Ortes eile, und dort einen mit Miſt bedeckten Wagen unterſuchte, unter welchem ſein Koͤrper hinweggebracht werden ſolle. Weniger abſichtlich als durch Zufall, da er in aller Fruͤhe weiter zu reiſen ſich vorgenommen hatte, erſchien Poplus noch vor Anbruche des Tages an dem Thore; ein kurz darauf ankommender Wagen mit Miſt ſpann⸗ te ſeine Neugierde, er bewog die Waͤchter, den⸗ ſelben zu unterſuchen, und fand— tief unten mit Miſt bedeckt, von Wunden entſtellt und verblu⸗ tet, den Koͤrper ſeines Freundes, in der Stunde der Mitternacht von der Habſucht ſeiner Verwand⸗ ten ermordet⸗ Petrowna Narefskin. Unter die wenigen Menſchen, welche der Zaar Pe⸗ ter der große von Rußland vorzuͤglich ſchaͤtzte, ge⸗ hoͤrte auch Alerander Narefskin, Obriſt bey der Leibgarde un.“ General der Infanterie, Seine ausgezeichneten Kenntniſſe, die ihn uͤber ſeine rohe Nation erhoben, der er um Jahrhunderte vorge⸗ ruͤckt war, ſeine allgemein anerkannte Biederkeit, ſeine angenehme Unterhaltung, ſeine unepſchuͤtter⸗ liche bey mehreren gefaͤhrlichen Vorfaͤllen bewie⸗ ſene Treue und Anhaͤngigkeit an ſeinen Monar⸗ chen und ſein Muth machten ihn vor allen der Gnade des Kaiſers wuͤrdig. Peter hatte keine ei⸗ gentlichen Lieblinge, die ſelnem Karakter eigne Wildheit und Haͤrte, welche damals noch mehr als jetzt der Grundzug des ruſſiſchen National⸗ karakters war, war durch ſeine fruͤhere Erzlehung um nichts gemildert worden, und ſeine Reiſen konnten wohl ſeinen mit dem umfaſſendſten Ta⸗ lenten von der Ratur ausgeſtatteten Geiſt halb⸗ wegs ausbilden, und ihn faͤhig machen, jene Einrichtungen ohne Grundſaͤtze und Konſequenz ⸗ 192 ſeinen barbariſchen Staaten zu geben, die von den Schmeichlern ſeiner Zeit ſo ſehr erhoben wurden, und den Halbbarbaren, welche dieſelben bewohn⸗ ten, vermittelſt Knute und Flintenkolben einen Anſtrich von Civiliſatton zu ertheilen, ſein Gefuͤhl aber zu verfelnern, zu berichtigen und zaͤrter zu machen vermochten ſie nicht, und er blieb ſein gan⸗ zes thaͤtiges Leben hindurch mit dieſem im Ruͤck⸗ ſtande. Narefskin war der einzige, der ſich der wahren Freundſchaft des Kaiſers ruͤhmen konnte, und ſo ſehr er von den Launen dieſes ungebilderen Mannes zu dulden hatte, der oft ſeine Lieblinge im Aufwallen des Zornes faͤhrmannmaͤßig ſelbſt durchpruͤgelte, ſo ſehr ward er durch die Gutmä⸗ thigkeit, mit welcher derſelbe ſeine Unarten ſogleich wieder zu verbeſſern ſuchte, und die Waͤrme und Herzlichkeit, mit welcher derſelbe faſt ausſchlieſ⸗ ſend an ihm hing, wleder mit demſelben ver⸗ ſohnt, und an ihn angezogen. Auch war er der einzige, der ſich ſtets in deſſen Gnade erhielt, und er genoß deſſen Freundſchaft bis zum letz⸗ ten Momente auf eine ſehr ausgezeichnete Wei⸗ ſe.— Mit Peters Tode aͤnderte ſich dieſe gluͤck⸗ liche Lage. Es bedarf keiner Anfuͤhrung, daß Narefkin durch dies Verhaͤltniß mit dem Monarchen eine Menge Felnde erhielt. So wenig er ſich in Re⸗ glerungsangelegenheiten miſchte, und ſo ſorgfaͤltig er ſich bemuͤhte, niemand zu beleidlgen, ſo war es doch ſchon Verbrechen genug, daß er der 183 Perſon des Monarchen ſo nahe geſtanden war, und dies allein machte ihn zum Gegenſtande des faſt allgemeinen Haſſes der Großen, die ſich von ihm verdraͤngt glaubten. Selbſt Peters Gemahlinn, Catharina I. liebte ihn nicht, weil einſt in einer unartigen Laune Peter ihr uͤbel be⸗ gegnet hatte, wovon ſie Narefskin für die Urſa⸗ che hlelt, ſo ſehr unſchuldig derſelbe auch hieran war, und ſo ſehr er wegen dieſes ungegruͤndeten Verdachts ſich bey der Kaiſerinn zu rechtferti⸗ gen ſuchte. Nur Narefskins Gemahlinn, Feo⸗ dorowna eine gebohrne Prinzeſſinn von Mint⸗ ſchow, erhielt denſelben noch, da die Kalſerinn dieſer wegen einiger ihr vordem geleiſteten Dien⸗ ſte ihre Gnade nicht entziehen zu duͤrfen glaub⸗ te, und ſo blieb Narefskin, ſo ſehr auch ſeine Feinde gegen ihn arbeiteten, noch einige Zeit im Beſitze ſeiner Staatsbedienungen, obgleich von allem Einfluſſe und ſelbſt ſogar vom Hofe entfernt. Ungluͤcklicherweiſe arbeitete Narefskin ſeinen Feinden ſelbſt in die Haͤnde. Es mag ſeyn, daß die Entfernung vom Throne, in der man ihn er⸗ hlelt, und welchem nahe zu ſeyn, er nun einmal gewohnt war, und die mannigfaltigen Demuͤthi⸗ gungen, welche ihm wlederfuhren, ſelne Galle empfindlich reizten, oder daß der Haß, den er von jeher gegen den Fuͤrſten Mentſchikow hatte, durch deſſen dermalige große Macht und das ſchranken⸗ loſe Anſehen, in dem er bey der Kaiſerinn ſtand, 184 ihu zu heftig angriff, genug, er war ſo unbeſon⸗ nen, in einer groͤßern Geſellſchaft gegen Mentſchl⸗ kow heſtig zu ſchimpfen, auf die Verhaͤltniſſe, in welchen derſelbe zur Kaiſerinn ſtand, in den haͤr⸗ teſten und unanſtaͤndigſten Ausdrücken zu ſchmaͤ⸗ hen, und ſich eine Menge Drohungen gegen den⸗ ſelben zu erlauben. Natuͤrlich, daß manche der Anweſenden nichts eifrigeres zu thun hatten, als dies dem gefuͤrchteten Miniſter ſogleich zu hinter⸗ bringen, und ſich und ihm die Freude zu machen, den gehaßten Narefskin zernichten zu koͤnnen, na⸗ tuͤrlich, daß Mentſchikow ſogleich zur Monarchinn eilte, um ihr den Vorgang mit den gehaͤſſigſten Farben zu ſchildern, daß dann Narefskin, als er kaum aus der Geſellſchaft in ſeine Wohnung zuruͤckgekehrt war, arretirt, in ein Gefaͤngniß ge⸗ bracht, und ihm der Prozeß als Hochverraͤther gemacht ward. Vergebens waren alle Fürbitten fuͤr den Un⸗ gluͤcklichen, vergebens warf ſich ſeine Gemahlinn zu den Fuͤſſen der Monarchinn, und flehte um Verzeihung und Gnade; Mentſchikows Einfluß war zu groß, ſelne der Kaiſerinn bey ihrer Thronbe⸗ ſteigung eben jetzt erſt geleiſteten Dlenſte zu wichtig und neu, und er ſelbſt zu ſehr Narefskins Feind, zu ſehr ehedem von ihm uͤberſehen und jetzt von Uhm beleidigt worden;— Gnade nannte man die Unmenſchlichkeit, daß Narefskin nicht hingerich⸗ tet, ſondern mit Einziehung ſeiner Guͤter nach Spbirien geſchickt ward⸗ 185 In ſeln ungluckliches Schickſal ward auch ſei⸗ ne Gemahlinn verwickelt. Auch ſie hatte das un⸗ verzethliche Verbrechen begangen, Mentſchikowen einſt beleidigt zu haben, und die Demuͤthigung⸗ mit der ſie jetzt zu dieſem ſtolzen, rauhen Manne um Erbarmen flehte, vermochte nicht, einen Men⸗ ſchen zu beſänftigen, den nichts in der Welt zu beſäuftigen vermochte, und der wohl Jahrhunder⸗ te lang zu haſſen, mit dem heißeſten, gluͤhendſten Rachedurſt zu haſſen, aber nicht eine Minute zu vergeben und menſchlich zu ſeyn vermochte. Man entzog ihr ſogar ihr Eigenthum, das ohnbeſtrit⸗ ten ihr zugehoͤrte, und nie ihrem Gatten gehort hatte; in Fuͤlle erzogen und im hoͤchſten Glanze gealtert, ſollte die Ungluckliche jetzt erſt all den Druck des Elends und Mangel in doppelter Schwere fuͤhlen. Um ganz ſie zu zertruͤmmern, riß man mit ſinnreicher Bosheit ihre Tochter⸗ das elnzige Kind ihrer blisher ſo gluͤcklichen Ehe, pas ſie mit der hoͤchſten, gluͤhendſten Mutterlle⸗ be liehte, aus ihren Armen und ſperrte dieſelbe in ein Kloſter ein, deſſen Bewohnerinnen ſich be⸗ wuͤhen ſollten, den Kelm des Guten, den ihre vortrefliche Mutter in ſie gelegt hatte, und der eben erſt in der ſchoͤnſten Bluͤthe ſich zu entwi⸗ celn anfing, zu erſticken, oder, wie man ſagte, den Stolz und Emporungsgelſt zu daͤmpfen, den ihre Mutter ihr eigen gemacht haͤtte.— Da er⸗ wachte in Feodorownen das Gefuͤhl ihrer innern Große, das ſtolze, praͤchtige Bewußtſeyn ihert 185 Erhabenheit, das ſie blsher ihrem Gatten und Tochter zum Opfer gebracht hatte, ſie fing an ſich groß und frey zu fuͤhlen; einmal noch ernle⸗ drigte ſie ſich zu einer Bitte, zu der ſchonen Bit⸗ te, ihrem Gatten an den ſchauerlichen Ort ſeiner Verzweiflung folgen zu duͤrfen, und wanderte dann, wie zu einer Luſiparthie, an ſeiner Seite ins Elend, ohne Thraͤne, ohne Jammer mit dem I hoͤchſten, erhabenſten weiblichen Heroismus, ein Muſter einer guten Gattinn, eines großen Wei⸗ bes.. „Gefeſſelt, auf elnen Schliten geworfen, ward der ungluͤckliche General, Jon einem ro⸗ hen Offiziere und zwoͤlf Mann Wache begleitet, nach ſeinem Beſtimmungsorte Turuchansk abge⸗ fuͤhrt. Einen traurigern Aufenthalt fuͤr den ungluͤck⸗ lichen Verbannten hatte Mentſchikow nicht aufzu⸗ finden gewußt. Mangaſca, oder wie es gewoͤhn⸗ licher genannt wird, Turuchansk iſt die nordlichſte Stadt in Sybtrien, ſie liegt unter dem ſechs und ſechzigſten Grad noͤrdlicher Breite. Schon unter dem ſechzigſten Grade noͤrdlicher Brelte hort der ſtrengen Kaͤlte wegen das Land auf, produktions⸗ fahig zu ſeyn, und bleibt ungebaut. Bey der Feſtung Argunsk bereits, die erſt unter dem funf⸗ zigſten Grade der Breite liegt, thut ſich ſelten das Erdreich uͤber anderthalben Schuh auf, gefriert von der naturlichen Kaͤlte das Queckſilber ſo feſt⸗ 187 daß es ſich mit elnem gekaͤlteten Hammer ſchla⸗ gen laͤßt, und die innre Kaͤlte der Erde macht es unmoͤglich, Brunnen zu graben. Hleraus laͤßt ſich auf den fuͤrchterlichen Grad der Fäaͤlte ſchlle⸗ ßen, der zu Turuchansk, ſechszehn Grad der Po⸗ le naͤher, Geſchoͤpfe und Pflanzen erſtarrt. Die Stadt liegt an der Muͤndung des Fluſſes Turu⸗ chan, und zwar am noͤrdlichen Ufer des nikolai⸗ ſchen Arms, der ein Arm des Jeniſeiſtroms iſt, und eine Werſte von hler, flußabwaͤrts den Tu⸗ ruchan aufnlmmt. Ohngefaͤhr hundert holzerne Haͤuſer, oder vielmehr armſellge Huͤtten bilden dieſen elenden Ort. Das ewige Eis, das man in duͤnne Rinden ſpaltet, und vor die meiſt aus Ma⸗ rienglaſe oder dhlgetraͤnktem Papiere beſtehenden Fenſter auf die Art befeſtigt, daß man erwaͤrmtes Waſſer an die Ecken deſſelben angleßt, und ſo ſolches an die Balken des Fenſtergefimſes anfrle⸗ ren laͤßt, ſchuͤtzt nothduͤrftig gegen die oft allen lebenden Geſchoͤpfen unertraͤgliche Kaͤlte. Nur wenige Stunden erhellt der Tag dieſe noͤrdliche Gegend und relchlich achtzehn Stunden iſt zur großten Zeit des Jahres uͤber Nacht; im Som⸗ mer ſieht man dagegen die Sonne die ganze Nacht durch uͤber dem Hortzont, und wenn ſonſt ihre Abſtrahlen auf dem ewigen Schnee, der mit einer undurchdringlichen Rinde uͤberzogen iſt, ſich bre⸗ chen, dann ſtarrt das Ange ob des durchdringen⸗ den Abglanzes, und erblindet fruͤhzeitig. Getrock⸗ nete und gebrockelte Fiſche vertreten die Stelle des . Brodes, das bey dem vollen Mangel an Getral⸗ debau hier unter die Artikel des Luxus gehort, und dieſe nebſt dem Fleiſche der Rennthlere, der Peszi, der weißen Woͤlfe und Baͤren, dann eini⸗ ger Arten von Waſſervogeln ſind die Nahrung der ungluͤcklichen Einwohner, welche meiſtens ſich nur auf einige Zeit hier niederlaſſen, um ſich mit der Jagd der ebengenannten Thlere, deren Fell hier den vorzuglichſten Ruf hat, und daher in dieſen Gegenden am ſtaͤrkſten geſucht und am liebſten gekauft wird, zu bereichen, und ziehen dann nach einigen Jahren in Gegenden, welche von der Natur weniger ſtiefmuͤtterlich behandelt wurden, In die holzerne Feſtung, welche den vor⸗ zuglichſten Theil der Stadt ausmacht, ward Narefskin nach einer faſt viermonatlichen Reiſe, auf der er alle Arten von Widerwaͤrtigkeiten, Demuͤthigungen und Mißhandlungen erdulden muͤſſen, von denen er verſchiedenemale krank niedergeworfen worden war, zu dem Komman⸗ danten gebracht, der ſeinetwegen bereits die Befehle des Hofes, oder vielmehr des allein regſerenden Menutſchikows erhalten hatte. Er war eine Kreatur dieſes Miniſters, ein aͤußerſt rauher, wilder Menſch, ohne Sitten und Ge⸗ fuͤhl, ſtets von Brandtwein berauſcht. Da Mentſchikows beſtimmte Befehle ihn zur Haͤrte gegen den unglucklichen Verbaunten anwleſen, 189 und er wußte, daß er ſich bey dieſem nicht beſ⸗ ſer empfehlen konnte, als durch die puͤnktlichſte Erfuͤllung derſelben, und wenn die Leiden, mit welchen er das ungluͤckliche Opfer ſeines Haſſes peinigte, durch die ungeheure Enrfernung ſo vies ler hundert Meilen zu der Hauptſtadt und den Ohren ſeines Goͤnners kaͤmen, ſo kann man ſich leicht die viehiſche Rohheit denken, mit welcher Munſchevski,— ſo hieß dieſer Unmenſch— den Ungluͤcklichen empfing. Hierzu kam noch, daß Narefskin dieſen Elenden, der zuvor unter ſei⸗ nem Regimente gedlent hatte, einſt einer Unſitt⸗ lichkeit wegen ſcharf geſtraft hatte, und Mun⸗ ſchevski war der Mann nicht, der ſo etwas ver⸗ geſſen konnte. Als der General vor ihn gebracht wurde, ſaͤttigte er ſich mit niedrigem Hohne an dem Un⸗ gluͤcke des Gefangenen. Standhaft duldete die⸗ ſer die ſchneldende Bosheit des Elenden, der ihm ſogleich Sklavenkleider anlegen ließ und ihn als einen gemeinen Verbannten behandelte. Als aber der Boͤſewicht, um ihn auf das empfindlichſte zu kraͤnken, auch ſelne Gattinn als Sklavlnn be⸗ handeln wollte, die unſchuldige; die nichts verbro⸗ chen hatte, und blos im hohen Gefuͤhle ihrer Pflicht ihren bedaurungswuͤrdigen Gatten hierher begleitet hatte,— da brach ſein Gefuͤhl, und er ſtroͤmte in Verwuͤnſchungen gegen den Barbaren dus, der ſo zu handeln vermochte. JFalt ließ dieſer ſeinen General, dem er ſonſt oft, da er 68 190 ſelbſt noch Korporal geweſen, nledergeworfen nach Rußiſcher Art die Fuͤße gekuͤßt hatte, feſſeln und verurtheilte ihn als einen Rebellen zu den Patocken. Unter den Strafarten dieſes halbgebildeten Volkes, die alle unerhoͤrt grauſam und barbariſch ſind, iſt die Strafe der Patocken nach jener der eigentlichen Knute die barbarlſchſte und haͤrteſte. Nackt wird der zu pelnigende auf den Miſt gewor⸗ fen, und der Zuchtmeiſter ſchlaͤgt ihm tauſende von gemaͤßigten und der Kraft nach ſtets abge⸗ meſſenen Schlaͤgen auf alle Theile des Bauches und des Ruͤckens, von denen immer einer hagel⸗ recht Dicht neben dem andern gegeben wird, ohn⸗ gefaͤhr ſo, wie man an manchen Orten die Haͤute abzuklopfen pflegt, um ſie wuͤrde zu machen. Die Folge hiervon iſt, daß die aͤußre Bedeckung ſich abloͤſt, und die ganze Haut zu einer ungeheuren Dicke anſchwillt. Der Zuſtand, in welchen die⸗ ſe Manipulation den Leidenden verſetzt, erfordert eine Heilung von mehreren Wochen, in denen der Ungluͤckliche, der auf keiner Seite liegen kann, well alle gleichmaͤßig zerſchlagen und ange⸗ ſpannt ſind, welt fuͤrchterlichere Schmerzen lel⸗ det, als waͤhrend der Strafe ſelbſt, und nicht ſelten in dieſem ſchmerzhaften, ruheloſen Zuſtande erliegt. Dieſe ſchroͤckliche Strafe, die er vorher, als er noch auf dem Gipfel ſeines Gluͤckes ſtand, nie, 191 auch ſelbſt nicht gegen die aͤrgſten Verbrecher an⸗ gewendet hatte, mußte jetzt der Greis erdulden. — Seine Gattin, aus der Familie eines der er⸗ ſten Fuͤrſtenhaͤuſer des Reichs, mußte huͤlflos durch mehrere Wochen den Ungluͤcklichen leiden ſehen, und waͤhrend dieſer Zeit mit ihm darbend von den wenigen halbfaulen gedorrten Fiſchen leben, welche ihr Plager ihnen kaͤrglich reichen ließ, denn es war einer ſeiner erſten Befehle geweſen, ihr das we⸗ nige, das ſie zu Unterſtutzung ihres Gatten mit⸗ gebracht hatte, abzunehmen, und nur mit vieler Muͤhe hatte ſie es erwirkt, daß ſie nicht auch als Sklavinn behandelt ward. Das Loos der Ungluͤcklichen, welche nach Sy⸗ birten verbannt werden, iſt unmenſchlich hart. Der Augenblick, in dem das Verbannungsurtheil uber ſie ausgeſprochen wird, raubt ihnen vollends noch die wenige Freyheit, welche barbariſche Geſetze und eine unmenſchliche Verfaſſung ihnen ſonſt gewaͤhrten. Von dieſem Augenblicke an ſind ſie verurtheilte Sklaven, und wenn die Ge⸗ ſetze ihnen zuvor noch wenigſtens eine Art pre⸗ cairer Sicherheit gewaͤhrten, dann laſſen ihnen ſolche jetzt nur noch ſo wenig uͤbrig, daß ſie faſt den Iloten des alten Sparta's, deren tödliche Mißhandlung eine nur wenig geahndete Hand⸗ lung war, und auf welche zu gewiſſen Zeiten Sparta's Jugend, wie auf wilde Thiere, Jagd machte, gleich ſtehen. Sie muͤſſen fuͤr den Staat arbeiten, und den Ertrag ihrer Arbeit demſelben 192 abliefern, der von ſeiner Seite dagegen gar nichts fur ſie thut; ſie ſtehen unter den willkuͤhrlichen Befehlen eines thranniſchen Gonberneurs, der das Recht des Lebens und Todes nach Willkuͤhr uber ſie uͤbt, ſie der unbedeutendſten Kleinigkei⸗ ten wegen oft mit den haͤrteſten koͤrperlichen Strafen belegt, und gegen deſſen Barbarey keine Abhuͤlfe moglich iſt, theils weil keine Vorſchriften zur Behandlung der armen Ver⸗ bannten da ſind, welche die Willkuͤhr des Gou⸗ verneurs einſchraͤnken, und theils weil es un⸗ moglich iſt, gegen denſelben in der auf mehre⸗ re hundert Meilen entfernten Hauptſtadt eine Klage zu fuͤhren, welche er vhne Muhe im erſten Keime erſticken kann, wenn auch der Gepeinigte eine Moglichkeit, dieſelbe geltend zu machen, auf⸗ finden kann. Außer dem Gouverneur iſt noch jeder Offizier und ſogar jeder Soldat Herr dieſer Ungluͤcklichen. Ungeſcheut mißhandeln dieſe dieſelben bey jeder Veranlaſſung und auch ſehr oft ohne dieſe, und wenn der Arme im Gefuͤhle ſeiner aufgeregten Menſchheit ſich zu Wehre ſetzt, und etwa einen ſeiner Peiniger mißhandelt, dann iſt dies ein Ka⸗ pitalverbrechen, und jer kann ſich gluͤcklich nennen⸗ wenn die Knute nicht ſeinem bedaurungswuͤrdigen Leben ein Ende macht. Nach einem ausdruͤcklichen Geſetze Peters dürfen die Verbannten nicht das mindeſte Eigen⸗ 193 thum haben. So oft es daher den Soldaten ein⸗ fällt, durchſuchen dieſe die Hätten dieſer Ar⸗ men, und nehmen denſelben, was ihnen anſteht, wobey es gewohnlich ohne Mißhandlungen und Gewaltthaͤtigkeiten nicht abgeht. Keiner derſelben darf ſich hiergegen ſetzen, und ſo iſt der Ungluͤckli⸗ che und ſeine Familie oft in einer Viertelſtunde der mit Muͤhe durch mehrere Monate auf kommen⸗ den Winter zuſammengebrachten Nahrungsmittel, der mit Gefahr erhaltnen Pelze und ſeines ganzen armſeligen Erwerbes beraubt. Dies iſt das Verhaͤltuiß, in welches Narefs⸗ kin von ſeiner bisherigen Gidße herabgeſtoßen ward. Als er von der erſtandnen Mißhandlung durch die treue Pflege ſeiner Gattinn halb gene⸗ ſen war, ließ ihm der Gouverneur ſeinen kunfti⸗ gen Aufenthalt anweiſen und die Vorſchriften ſei⸗ nes kuͤnftigen Lebens ertheilen. Zum Aufenthal⸗ te ward ihm eine anderthalb Meilen von der Fe⸗ ſtung eben erſt neu angelegte Kolonie angewieſen. Sie beſtand aus zehn Haͤuſern von Verbannten bewohnt, und in dem eilften wohnte ein Unterof⸗ fizier, der uͤber dieſe und einige andere anſtoßende Dorfer die Aufſicht hatte. Der General erhielt das noͤthige Holz und das erforderliche Werkzeug zur Erbauung des zwolften, deſſen Fertigung ubrigens ſeine Sorge war, und wozu man ihm drey Monate Zeit gab, binnen welcher Fliſt ſol⸗ ches daſtehen mußte; denn es war nun einmal Spieß Kriminalgeſch a Th. N 194 beſilmmt, daß noch ein Haus oder Huͤtte geſchla⸗ gen werden ſollte, und alſo nicht mehr willtuͤhr⸗ lich, ob Narefskin by einem ſeiner Ungluͤcksge⸗ faͤhrten ſtaͤndige Aufnahme finden wuͤrde, oder nicht. Dabey erhielt er eine Flinte, ſechs Pfund Pulver und eben ſo viel Bley, nebſt Lebensmit⸗ teln auf acht Tage auf Koſten der Regierung, die aber, weil die Reglerung ſich nur um den Skla⸗ ven und nicht um deſſen Weib bekuͤmmert, fuͤr Narefskin und ſelne Gattin nur auf vler Tage zulangten. Gleichwohl aber war dieſelbe, obgleich ſie bey Berechnung der Lebensmittel als eine Freye, und gewiſſermaßen als Reiſende betrachtet wor⸗ den, bey Austheilung der Arbeit als Sklavinn berechnet, denn ſie erhlelt, gleich denen Verbann⸗ ten ihres Geſchlechts, einige Pfund Wolle, um ſolche in einer gewiſſen Zeit fur die Frau des Gou⸗ verneurs zu Garn zuzubereiten. Narefskin ward ſehr genau beſtimmt, daß er alle Woche einmal nach Turuchansk kommen muͤſſe, um dort an den offentlichen Arbeiten zu arbeiten, welche darinn beſtanden, daß die Gefangenen die baufallige hol⸗ zerne Feſtung vor dem volligen Einſturz bewahren und zu einem Gebaͤude, welches der Gouverneur fur elnen Kaufmann aus Tobolks zur Aufbewah⸗ rung ſeiner Waaren um einen ſehr theuren Preis aufzufuͤhren uͤbernommen hatte, die Materialien beyfuͤhren mußten; und weiter ward er angewie⸗ ſen, eine beſtimmte Quantitaͤt von Zobel— Her⸗ melin— weiße Wolf⸗und Baͤrenpelzen und jenen — — 195 des weißen und blauen Peszl fur die Reglerung und den Gouverneur jaͤhrlich zu liefern. Der Ko⸗ ſakenhetmann oder Obriſte, die Offiziere und ſelbſt der Korporal, der das Kommando uͤber das Dorf hatte, welches Narefskin mit noch zehn an⸗ dern Ungluͤcklichen bewohnten, beſtimmten zu⸗ Zleich jeder fuͤt ſich eine Anzahl dieſer Pelze, wel⸗ che an ſie abgeliefert werden mußten, und zwar jeder mit einer elgnen Art von Drohung, welche ſie, wie Narefskin wußte, recht gut geltend ma⸗ chen konnten. Schon dleſe Anzahl von Pelzen ſchien dem Ungluͤcklichen, der an ſo etwas nicht gewoͤhnt, und mit der Jagd dieſer Thiere, von denen er vorher nie eines lebendig geſehen hatte, gaͤnzlich unbekannt war, unmöglich aufzubringen, und außer dieſen ſollte er nun noch ſo viele erle⸗ gen, um ſich und ſeiner Gattinn die Lebensmittel, Kleldung und uͤbrigen Unentbehrlichkeiten des Le⸗ bens und ſelbſt das zu dieſer Jagd nothige Pulver und Bley zu verſchaffen, da um alles das die Re⸗ gierung ſich nicht bekuͤmmert. Er ward nun noch mit den Geſetzen der Ko⸗ lonle, oder eigentlich jenen, womit der Gouver⸗ neur die tyranniſchen Vorſchriften der Reglerung, welche wir oben angefuͤhrt hatten, noch mehr hartete, bekannt gemacht, und welche vorzuglich darinn beſtanden, ſich nicht uͤber eine Meile von der Kolonie zu entfernen, nicht uͤber Nacht au⸗ ßer dem Hauſe zu ſeyn, ſich nie ſpäter als acht N2 196 uhr Abends mit einem der uͤbrigen Koloniſten in Geſellſchaft treffen zu laſſen, und keine Mam⸗ montsknochen, wenn er welche faͤnde, zu unter⸗ ſchlagen, fuͤr deren Einlieferung an den Gouver⸗ neur einige Portionen Brandtwein zur Belohnung feſtgeſetzt waren, ſo wie auf deren Unterſchlagung Todesſirafe geſetzt war.— Dieſen Geſetzen hat⸗ te der dirigende Koſakenkorporal abermal einige Kolontalgeſetze beygefuͤgt, die eben ſo boshaft und grauſam als kindiſch waren, und worunter zum Beyſpiel ſich eines befand, welches die armen Verbannten bey einer beſtimmten Anzahl von Peit⸗ ſchenhieben anwies, in einer gewiſſen Entfernung vor der Huͤtte des Korporals die Mutze abzuneh⸗ men, und wieder ein anderes, das denſelben un⸗ ter einer doppelten Anzahl von Hieben befahl⸗ wenn er bey der naͤchtlichen Runde, die er, der offenbaren Unmoglichkeit zu emſliehen ohnerach⸗ tet, faſt alle Naͤchte machte, an ihren Huͤtten die Namen rief, mit entbloͤſtem Haupte— bey der grimmigen Kaͤlte— unter der Thure ihres Hau⸗ ſes vor ihm zu erſcheinen, und ſo den Unglůckl chen ſogar die wohlthaͤtige Ruhe des Schlafes entzog. Man wies Narefskin und ſeine Gattinn nun in die Huͤtte eines andern Verbannten, um dort, bis ſie ihre eigne Huͤtte gebaut haͤtten, zu woh⸗ nen. Die Wohlthaͤtigkelt ſeiner Ungluͤcksgefaͤhr⸗ ten, welche von dem innigſten Mitleid gegen ihn durchdrungen waren, ſoͤhnte ihn mit dem Gedau⸗ 197 ken aus, unter dieſen gemelnen Verbrechern von der roheſten und niedtigſten Gattung zu leben, die meiſtens wegen begangenen Raͤubereyen und andern dergleichen Schurkenſtreichen hierher ver⸗ wieſen worden waren; ein Gedanke, der ſeinem Gefuͤhle peinlicher war, als ſeine uͤbrigen Leiden, Freywillig halfen ſie ihm ſeine Huͤtte erbauen und liehen ihm zu deren Eiurichtung die vorzuͤglichſten Nothwendigkeiten, ſie verſorgten ihn in der erſten Zeit mit Lebensmitteln, und gaben ihm Anwei⸗ ſung, die Thiere zu faͤllen, deren Pelz ihm Nah⸗ rung, Kleidung und alle Beduͤrfniſſe geben, und ihn vor den Knutenhleben ſichern mußten, die, wenn auch nur das mindeſte an der beſtimmten Abgabe fehlte, ſeiner warteten. Und gleichwohl darbte er kaͤrglich, und litt oft Hunger, ſo ſehr auch er und ſeine arme, tugendhafte Gattinn ſich ab⸗ arbeiteten, da die Preiſe der Pelze, die ihm zum Vorfauſe uͤbrig blieben, viel zu gering, dagegen olle Beduͤrfniſſe, welche aus der weiten Eutfernung hergeſchafft werden mußten, zu theuer waren, und die große Anzahl derer, die er abliefern mußte, ihm nur wenige zum Verkaufe uͤbrig ließen. Wenigſtens ohne auffallende Mißhandlungen hatte Narefskin hier faſt zwey Jahre gelebt und war ſeines Elends bereits gewohnt worren, als unverſehens ihm einſt das zu Theile ward, was er und ſeine Gattinn zwar ſtets wünſchten, aber nie zu hoffen wagten, was bey der Vertraullchkeit mit ihrem Jammer, die ihnen taͤglich mehr eigen ward, 198 und der Gleichguͤltigkeit gegen die Schlaͤge des Schickſals, die taͤglich hoͤher bey lhnen ſtieg, noch das einzige war, deſſen Entbehrniß ſie ſchmerzte— der Anblick ihrer Tochter. Petrowna war die einzige Frucht einer ohnun⸗ terbrochnen gluͤcklichen Ehe, und daher der Gegen⸗ ſtand der innigſten Liebe ihrer Eltern, welche ſie mit unglaublicher Sorgfalt auferzogen. Fruh ent⸗ wickelte ſie ſich zur vorzuͤglichen Schoͤnhelt, durch welche ſie um ſo vortheilhafter ſich auszeichnete, als damals die verunſtaltete Kalmuckiſche Bildung noch mehr Natlonalzug der Ruſſen war, als jetzt, wo die Vermiſchung mit andern Europaͤiſchen Na⸗ tionen jene widrigen Zuge mehr verdraͤngt, und den Nationalſchlag verſchoͤnert hat. Eiue Erzieherinn, welche der General fuͤr ſeine Tochter aus Deutſch⸗ land hatte kommen laſſen, unterſtutzte deſſen vor⸗ trefliche Gattinn, welche eigentlich das Geſchaͤft die Erziehung ſich nicht nehmen ließ, und da hier eine gluͤckliche Auswahl geſchehen war, und Narefskin uͤberdem noch die geſchickteſten Lehrer zum Thelle aus der weiten Fremde her verſchrieb, ſo gedieh Petrownens Geiſt und Herz zu einer Vortreflichkelt, die ſie zum allgemeinen Muſter machte. Sie war ſechzehn Jahr alt, als ihr Vater geſtuͤrzt ward. Man hatte ſie, wie oben ange⸗ fuͤhrt worden, damals in ein Kloſter geſteckt. Der Sohn des Fuͤrſten G. der als Obriſier 199 unter der Garbe ſtand, hatte ſelt einem Jahre ſich um ihre Liebe bemuͤht, und war eben im Begriffe um ihre Hand zu werben, als jener un⸗ gluͤckliche Wechſel in ihrer Familie elntrat. Der Obriſte war ein edler Mann, deſſen Gefuͤhle nicht von den aͤußern Umſtaͤnden abhingen. Obglelch ſein Vater jetzt Miniſter, Menſchikows vertrau⸗ ter Freund und mit ihm verſchwaͤgert war, ſo blieb es ihm doch aller angewandten Bemuͤhun⸗ gen ohngeachtet unmoͤglich, Narefskins Schickſal zu mildern, und alle ſelne und ſeines Vaters Muͤhe ſcheiterte an dem eifernen Haſſe des Bar⸗ baren. Dieſer Haß und die Ungnade der Mo⸗ narchinn vermochten indeſſen nicht, ſeine Liebe zu Petrownen zu mindern und den Vorſatz, ſie zu ſeiner Gattinn zu machen, umzuwandlen. Aber eben ſo unerſchuͤtterlich blieb die Kaiſerinn dabey, ihm die Vermaͤhlung mit der Tochter des gehaß⸗ ten Verbannten zu unterſagen, und ſie verbot ihm ſogar, dieſelbe zu beſuchen und zu ſprechen. Eben dieſer Befehl, den Obpiſten nie zu ſprechen, ward auch Petrownen durch eine eigne Ordre er⸗ theilt, in der ſie die Verfuͤhrerinn des Obriſten genannt ward. Aber die Befehle des Despoten ſcheiterten an der Allgewalt der Liebe. Der junge Fuͤrſt fand haͤufig Gelegenheit, die Gellebte, von der er mit gleicher Waͤrme wleder geliebt ward, zu ſprechen, und beyde unterhielten durch Huͤlfe einiger wohl gewaͤhlten Zwiſchentraͤger eine ununterbrochene 200 6 Korreſpondenz. Sie kamen dahin uͤberein, daß der Obriſte alles anwenden ſollte, um Narefs⸗ kins Zuruͤckberufung zu erwirken, welches dieſer fuͤr weniger ſchwierig hielt, als er es ſtehts fand, weil er glaubte, daß die Zeit den Haß gegen Narefskin kaͤlten wuͤrde, und er die Gnade ſei⸗ ner Monarchinn vielleicht zu ſehr in Rechnung brachte. Petrowna hing mit aͤußerſter Zaͤrtlichkelt an ihren Eltern, und dieſem Geſuͤhle ſtand die Liebe zu ihrem Gliebten, ſo warm dieſelbe auch war, weit nach. Das ungluͤckliche Schickſal derſelben ſchwebte ſtets vor ihren Augen, und ſie hatte kei⸗ nen hoͤhern, feyerlicheren Wunſch, als ihnen daſ— ſelbe zu erleichtern. Dieſer Wunſch ward immer heißer, und die Sehnſucht nach ihren Eltern im⸗ mer mehr bey Petrownen rege, je weniger die Bemuͤhungen des jungen G. fuͤr derſelben Be⸗ ſtes gelingen wollten. Durch die Fruchtloſigkeit dieſer Bemuͤhungen ward der Entſchluß, deu Petrowna vorlaͤngſt gefaßt hatte, denſelben zu folgen, immer mehr beſtaͤrkt, und nichts vermoch⸗ te ſie mehr von deſſelben Ausfuͤhrung abzuhalten, als der junge Fuͤrſt ihr einſt ſchrieb, daß ein abermallger Verſuch, den er fuͤr dieſelbe gewagt, und von welchem er ſich alles verſprochen habe, mißlungen ſey, und die Monarchinn mit Unwil, len erklaͤrt habe, daß, ſo lange ſie lebe, Narefs⸗ Fin keine Hofnung habe, zuruckberufen zu werden⸗ 201 ———— oder auch nur ainige ſeines Schickſals zu erhalten. Petrownens Herz ſnhni nicht lange zwl⸗ ſchen der Liebe zu ihren Eltern und zu lhrem Ge⸗ liebten; es entſchied bald fuͤr das erſtere gewiß reinere, erhabnere Gefuͤhl. Sie verkannte die Groͤße der Anſtrengung und die Gefahren nicht, welche eine ſo ungeheure Reiſe, als jene in den nordlichſten Theil Sybirlens war, erforderte und auf ſich hatte; die Sehnſucht nach ihren Eltern uͤberwog dieſe Furcht. Sie kannte die Lage, die ſ ihrer wartete, und gegen welche ihre derma⸗ lige nicht anders als hochſt gluͤcklich genannt wer⸗ den konnte; aber eben dieſe Betrachtung ſtaͤrkte ihren Muth, wenn ſie ſich ihre guten ungluͤckli⸗ chen Eltern kaͤmpfend mit dem tiefſten Elende und erliegend unter der Laſt deſſelben dachte, und ſich erinnerte, daß es Pflicht ſey, ihnen dieſe er⸗ leichtern zu helfen.— Sie entfloh aus dem Klo⸗ ſter, das bisher ihr Kerker geweſen war, und verfolgte den Weg nach Turuchansk, welchen ſie ſorgfaͤltig ausgeforſcht hatte. Sie hatte ſich Mannskleider verſchafft, ihr Geſicht gefaͤrbt, und ſich bewafnet, und ſo gelang es ihr, indem ſie ſich fuͤr einen der jungen Pur⸗ ſche ausgab, die blsweilen nach jenen Gegenden zlehen, um ſich durch die Jagd der Pelztragen⸗ den Thlere dort einiges Vermoͤgen zu ſammlen, mit beyſpielloſer Muͤhe, Anſtrengung und Ge⸗ 202 fahren den ungeheuren Weg von elnigen hundert Meilen, von denen biswellen mehrere nur von einer einzigen Famllie bewohnt find, zuruͤckzule⸗ gen; eine Reiſe, die man wirklich ein Wunder nennen kann, wenn man dieſen Weg uͤber we⸗ nig bewohnte nicht angebaute und mit ewigem Eiſe und Schnee bedeckte Steppen, deren Durch⸗ wandlung ganze Horden von wilden Thieren hoͤchſt gefaͤhrlich machen,— und ein zartes ſiebzehnjaͤhriges Maͤdchen, das, in der hoͤchſten Gemaͤchlichkeit erzogen, Mangel, und Strapa⸗ zen auch nicht einmal dem Namen nach kannte, auf demſelben denkt, und dabey nicht vergißt, daß es des Zeitraums von faſt einem halben Jahre fuͤr daſſelbe bedurſte, um ſolchen zuruͤcklegen zu konnen. Mit Muͤhe erkannte Narefskin ſeine Tochter, als ſie einſt des Abends als Juͤngling in ſeine Huͤt⸗ te trat. Der Zeltraum von zwey Jahren, der ſelt ihrer lezten Trennung abgelaufen war, haͤtte Pe⸗ trownen fuͤr ſich ſchon unkenntlich gemacht, ohne daß es hierzu erſt noch der Verkleidung, welche ſie umhuͤllte, bedurft haͤtte.— Wir wagen es nicht, die Empfindungen dieſes Widerſehens zu ſchil⸗ den. Petrowna behauptete die Rolle, welche ſie einmal zu ſpielen angefangen hatte. Sie behielt die maͤnnlichen Kleider, die ſie trug und begleitete in dieſen ihren Vater auf die Jagd⸗ 203 die ſie ſehr erlernte, und mit eben ſo viel Geſchick⸗ lichkeit als Muth trieb, und zur Flſcherey, die nun fuͤr die Familie doppelt ergiebig ausfiel. Der Mutter half ſie in ihren haͤuslichen Arbelten und uͤbernahm gerne und willig die geringſten Magd⸗ arbeiten, um der gellebten Mutter Erleichterung zu verſchaffen, die ſie bey ihrer zunehmenden Schwaͤche immer mehr nothig hatte.— Ohne dieſen ihren Fleiß wurden die Eltern immer mehr in die traurigſte Lage gekommen ſeyn, da auch der Vater an Alter und Schwachheit und den Folgen des Elends, das ihn umgab, und der un⸗ gewohnten Anſtrengung, die er ohnausgſetzt an⸗ wenden mußte, um ſeinen Unterhalt zu gewin⸗ nen und die Abgaben aufbringen zu koͤnnen, ſiechte, welche leztre, ohne auf ſeln Alter und zunehmende Schwaͤchlichkeit Ruͤckſicht zu neh⸗ men, immer die naͤmlichen blleben.— Der Aufſeher des Dorfs ward durch ein Geſchenk, und das Verſprechen, alle Jahre elne gewiſſe Anzahl von Pelzen mehr fuͤr ſich zu erhalten, gewon⸗ nen, zu dieſem Beſuche zu ſchwelgen und von dem Gouverneur war nichts zu befuͤrchten, da derſelbe ſeinen Wohnſitz nicht verlleß und noch nie heraus gekommen war, um die Kolonlen zu unterſuchen, deren Obhut er gaͤnzlich den Aufſehern uͤberlleß. So verbreitete ſich durch die Huͤlfe dieſes ed⸗ len Maͤdchens eine Art von traurigem Wohlſtaude 204 uͤber die Famllie, man fing an, ſeines Elends gewohut zu werden, und daſſelbe in mancher Hinſicht ſo gar lieb zu gewinnen. Wechſelſeiti⸗ ger Troſt und Liebe wuͤrzte die Arbeit, Gnug⸗ ſamkeit und Arbeit die armſelige Koſt.— Was aus dem jetzigen Ueberfluße der Jagd, oder ei⸗ nigen weiblichen Arbeiten, denen Petrowna und ihre Mutter den großten Theil der Naͤchte durch blagen, eruͤbriget ward, ward dazu verwendet, n beyden Alten eine gewiſſe Bequemlichkeit zu verſchaffen, deren ſie immer mehr bedurf⸗ ten. Petrowna ward nach und nach der fer⸗ rigſte Jaͤger in der ganzen Kolonte; keiner ſchoß ſicherer, keiner wußte die Pelze mehr zu ſchonen und beſſer zu behandeln, keiner griff muthiger den grimmigen weißen Baͤren und den Wolf an, als ſie. Neunzehn Monate waͤhrte dies Gluͤck der Familie, als ein neues Ungluͤck daſſelbe aber⸗ mal zerruͤttete. Petrowna hatte am ufer des ohnfern flleſ⸗ ſenden Arms des Jeneiſei eine kleine Bucht ge⸗ graben, ſo wie es auch unſce Fiſcher zu thun pflegen, da die Fiſche dergleichen Buchten bey ſtuͤrmiſcher Witterung ſtark beziehen, und ohne⸗ hin dort leichter und mit weniger Gefahr ge⸗ fangen werden koͤnnen. Sie war jetzt beſchaͤf⸗ igt, dieſelbe zu vergroͤßern und arbeltete zu dieſem Zwecke unverdroſſen, die beeiſte Erde zu vurchſtechen. Der Zufall fuͤhrte ſie hlerbey auf — 305 elnen ſogenannten Mammonts⸗Knochen, den ſie, da inzwiſchen auch ihr Vater dazu gekom⸗ men war, in kurzer Zeit ausgegraben hatten, und jetzt nach den ſtrengen Kolonialgeſetzen dem Gouverneur auszullefern beſchloſſen. Die Mammonts⸗Knochen oder Horner, un⸗ ter welchem Namen dieſelben bekannt genug ſind, ſind eben ſo ihres innern Werthes als ihrer Sel⸗ tenhelt wegen vorzuͤglich geſchaͤtzt, und gehoren unter Sybiriens theuerſte Seltenheiten. Sie wur⸗ den vordem haͤufiger, ſeit achtzig Jahren ſeltner und nun faſt gar nicht mehr an den Ufern der Fluͤſſe Jeneiſei, Obi, und der Lena gefunden, wo ſie meiſt nicht tief unter der Erde lagen. Man haͤlt ſie fuͤr Knochen und Zaͤhne von Elephanten, und verwendet ſie gleich dieſen. Die Eigenſchaf⸗ ten und gewoͤhnlich auch die Farbederſelben ſind die des Elfenbelns. Seltner fand man gelblich⸗ te, braune und dunkelblaue, und zu dieſem Far⸗ benwechſel ſucht man die Urſache in der Erdart, in welcher dieſelben— wer kann berechnen wie lange?— vergraben gelegen waren. In den hoͤhern Gegenden findet man dieſelben gewöhn⸗ lich friſch, weiter abwaͤrts muͤrber. Wie und wodurch ſie dorthin gekommen, bleibt uns ein Raͤthſel. Dieſe Mammpnte werden zu aͤußerſt hohen Preiſen bezahlt. Dbgleich ſie das Eigenthum der Krone ſind, und daher den Koloniſten bey Lebens⸗ 206 ſtrafe verboten iſt, elne an jemand anders abzu⸗ liefern, ſo ward doch haͤufig mit denſelben Unter⸗ ſchleif getrieben, wozu die haͤufige Nachfrage und die uͤbertrieben hohen Preiſe die Finder verleiteten. Fuͤr die Einlieferung derſelben wird den Verbann⸗ ten eine Quantität Brandtwein,— das lecker⸗ ſte Traktament der Bewohner dieſer unwirth⸗ ſchaftlichen Gegenden— gereicht, und ihnen nebſt dem noch eine nicht unbetraͤchtliche Menge von den Haͤuten, welche ſie der Regierung abliefern muͤſ⸗ ſen, dafuͤr abgeſchrieben. Mit dem Entſchluſſe, den Fund am naͤmli⸗ chen Tage noch, zufolge der Geſetze dem Gouber⸗ neur einzuliefern, eilten Narefskin und ſeine Toch⸗ ter der Stadt zu, von der ſie etwa zwey Mel⸗ len entfernt waren. Auf der Mitte des Wegs begegnete ihnen ein Koſake von der Garniſon des Guberniums. Kaum hatte dieſer Narefskins rei⸗ chen Fund entdeckt, als er ſich mit demſelbe aͤuſ⸗ ſerſt freundlich in ein Geſpraͤch einließ. Endlich ruͤckte er mit dem Vorſchlage heraus, ihm das Mammontshorn zu uͤberlaſſen, wofuͤr er eine nicht unbetraͤchtliche Quantitaͤt Brandtwein zu entrichten verſprach. Narefskin, den Geſetzen getreu, verwarf dleſen Antrag, und fuͤhrte dem Kalmucken mit vieler Beſcheidenheit das Verbot der Geſetze an. Dieſer dagegen verſuchte von ſeiner Seite alles, denſelben dazu zu bereden, ihm das Horn zu uͤberlaſſen, das er ſchon zu ver⸗ 2b7 bergen wiſſen werde, und ward endlich, da Na⸗ refskin auf deſſen Ablieferung beharrte, ſo ſehr entruͤſtet, daß er denſelben unter den niedertraͤch⸗ tigſten Schimpfworten und Verwuͤnſchungen mit der Peitſche, die er trug, mißhandelte.— Die⸗ ſe unanſtaͤndige Behandlung erweckte jaͤhling in Narefskin all das in ihm ſchlafende, muͤhſam unterdruͤckte Gefuͤhl ſeiner hoͤhern Wuͤrde, und er ſchoß, ehe es Petrowna, welche den Koſaken von ihrem Pater abzuhalten ſuchte, es verhindern konnte, im Uebermaaſe ſeiner auf das hochſte ge⸗ relzten Empfindung, den Koſaken mit ſeiner Jagdflinte nieder. Kaum war derſelbe von dem Schuß geſtuͤrzt, da fiel die ganze Schwere der That mit allem ih⸗ rem eirdruͤckenden Bleygewichte Narefskin auf die Seele und raubte ihm alle Beſinnung. Petro⸗ wna riß ihn weg, der Koſake athmete nicht mehr. Der ungluͤckliche Mammontsknochen, der dieſe traurige Geſchichte veranlaßt hatte, ward nun an den der Solhe vorgeſetzten Wiſ abgeliefert. Petrowna hielt ſo wie ihr Vater den nieder⸗ geſchoßnen Koſaken fuͤr tod, und da niemand in der Naͤhe geweſen war, als derſelbe niedergeſchoſ⸗ ſen ward, ſo hoften beyde, daß der Thaͤter unbe⸗ kannt bleiben wuͤrde. Dieſe Hofnung ward indeſ⸗ ſen nicht erfullt.— Der Koſake war zwar ſchwer 258 verwundet, aber noch nicht tod. Als ein andrer Soldat von der Garniſon einige Stunden drauf zufaͤlligerweiſe dieſen Weg kam, fand er denſelben noch lebend. Er hatte ſich aus der Betaͤubung wieder erholt, und ſeine Wunde, ſo gut er es ver⸗ mochte, verſtopft, war aber nicht im Stande, zur Garniſon zuruͤckzukehren. Der Koſake lud den Verwundeten auf ſeine Schultern und brachte ihn ſo nach Turuchansk. Dort erzaͤhlte derſelbe bey dem desfalls gerichtlich angeſtellten Verho⸗ re den Vorgang natuͤrlicherweiſe nicht ganz ſo wie er ſich wirklich ereignet hatte, ſondern gab an, Narefskin habe ben gefundenen Mammont, mit welchem er denſelben angetroffen, unterſchla⸗ gen wollen; er habe daher, als er ſolches be⸗ merkt, demſelben bedeutet, daß er, um ſolches zu verhuͤten, ihn begleiten werde, welchem die⸗ ſer ſich widerſetzt, und als er darauf beharrt, ihn niedergeſchoſſen habe. Dem Begleiter Narefs⸗ kins gab er das beſte Zeugniß.— Die Folge die⸗ ſer Anzeige war, daß Narefskin in der folgenden Nacht arretirt und unter tauſendfaͤltigen Mißhand⸗ lungen nach Turuchansk in das Gefaͤngniß ge⸗ bracht ward. In dem am andern Tage desfalls ſogleich an⸗ geſtellten Verhdre geſtand Narefskin ohne Hehl, daß er den Koſaken in der Aufwallung des durch die⸗ ſen auf das hochſte gereizten Zorns geſchoſſen ha⸗ be, erzaͤhlte aber die Geſchichte ſo, wie ſie ſich 209 wlrklich zugetragen hatte. Der Auditeur, welcher die Unterſuchung fuͤhrte, war eben ſo wenig, als der Gouverneur ſelbſt, dazu geneigt, der Entſchul⸗ digungen einiges Gewicht zu geben, und beyde wa⸗ ren zu ſehr gegen den ungluͤcklichen Greis einge⸗ nommen, um ſeiner Erzaͤhlung, daß der Koſake ihn zur Unterſchlagung des gefundnen Knochens habe verleiten und zwingen wollen, Glauben bey⸗ zumeſſen, beſonders da der Verwundete auf ſei⸗ ner Ausſage beharrte, und dieſe Beſchuldigung ein fuͤr allemal laͤugnete. Nur ein paar Stunden brauchte man, um das Gericht mit praͤclpitirter Elle zu endigen, denn man hatte nichts angelegentlicheres zu thun, als den ungluͤcklichen gehaßten Greis zu ver⸗ dammen. Der Audlteur ſprach das Urthell, welches ſogleich von dem Gouverneur die zur Vollſtreckung erforliche Beſtaͤtigung erhielt, daß Alexander Narefskin als vorſetzlicher und bos⸗ hafter Moͤrder und Veruntreuer des Staatsei⸗ genthums die Knute zum Tode erhalten ſollte. — Dieſe ſchauerliche Strafe beſteht darinn, daß der Verurthellte an der Richtſtaͤtte ſich zu⸗ vor ſelbſt ein vier Schuhe tiefes, ſechs Schuhe langes und zwey Schuhe breites Grab graben muß, und dann von dem Knutenmeiſter zuerſt eine beſtimmte bald groͤßere, bald geringere An⸗ zahl Peitſchenhiebe auf den Ruͤcken und den Bauch Spieß. Kriminalgeſch. 3 Th⸗ O 210 erhoͤlt; hlerauf wendet der Knutenmeiſter erſt die eigentliche Knute an, laͤßt die an dem Ende derſelben angebrachten Hacken in den Kdoͤrper des zu Knutenden einfallen, wodurch er dem⸗ ſelben Riemen von Haut und Fleiſch abreißt, und endlich durch einige nach ſeinen Handwerks⸗ kenntniſſen abgemeſſene tiefere Einſenkungen der Hacken ihn vollends toͤdtet, wobey die Ungluͤck⸗ lichen dann dfters noch halblebend in das ofne Grab eingeworfen, und zugeſcharrt worden. Die Vollſtreckung dieſer Grauſamkeit ward diesmal nur durch die Dazwiſchenkunft Petrow⸗ mens aufgehalten. Sie war, als ihr Vater ar⸗ retirt ward, eben mit einigen andern Koloniſten auf der Jagd, der Baͤren, denen ſie Nachts aufpaßten, und kam erſt am andern Morgen zu⸗ ruͤck. Kaum hatte ſie von ihrer verzweiflenden Mutter, welche durch ihre Schwachhelt ſchon ſeit einiger Zeit an das Bett gefeſſelt war, die Arretirung ihres Vaters erfahren, ſo eilte ſie nach Turuchansk vor das niedergeſetzte Gericht, um deſſen Rettung zu verſuchen. Da alles frucht⸗ los war, ſo gab das edle Maͤdchen ſich endlich ſelbſt als die Moͤrderinn des Soldaten an. Dies hemmte die Vollſtreckung der Strafe und gab zu neuen Unterſuchungen Anlaß. Man ſah den ſchonſten, erhabenſten Wettſtreit kindlicher und vaͤterlicher Liebe, der die Unterſuchuug immer verwickelter machte. Richter und Gouverneur 21T blieben kalt, wie die Gegend, welche ſie bewohn⸗ ten. Der Verwundete blieb zwar dabey, daß er von dem alten Narefskin geſchoſſen worden, aber Petrowna wußte demohngeachtet die Sache ſo zu verwickeln und ihren Angaben ſo vlel Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu geben, daß das Gericht immer verwirrter ward, und man war nahe daran, den Knoten auf aͤcht ruſſiſch⸗ ſybiriſche Art zu zer⸗ hauen, und Vater und Tochter mit einander der Knute zu uͤbergeben, als die Kerkerwache Petrow⸗ nens Geſchlecht entdeckte, welches blsher nicht erkaunt worden, und die von dem Gouverneur ſo wie von dem Auditeur fuͤr das gehalten wor⸗ den war, wofuͤr ſie ſich ausgegeben hatte, naͤm⸗ lich fuͤr einen Bauernpurſchen aus Riga, der hieher gekommen ſey, um ſich von dem Pelzhan⸗ del etwas zu erwerben. Der Gouverneur, der etwas von der Liebe des Obriſten Fuͤrſten G. zu Petrownen wußte, glaubte jetzt doch etwas vor⸗ ſichtiger und ordentlicher zu Werke gehen zu muͤſ⸗ ſen, weil er die Ungnade des Furſten, deſſen Ein⸗ fluß er zur Gnuͤge kannte, befurchtete. Noch ein guͤnſtiger Umſtand trat ein. Der verwundete Koſake war am fuͤnften Tage geſtor⸗ ben, und hatte kurz vor ſelnem Tode durch den Po en der ihn zum Tode bereitete, die Gerich⸗ ſich berufen laſſen, vor denen er ſein Ge⸗ wiſſen erleichterte, den Hergang ſeiner Verwun⸗ N 212 dung der Wahrheit gemaͤs erzaͤhlte, und ſo Na⸗ refskin wenigſtens zum großen Theile entſchuldig⸗ te, denn, ſelbſt nach der Aeußerung des Gouver⸗ neurs konnte jetzt die Todesſtrafe wenigſtens nicht mit der bereits beſtimmten Haͤrte angewendet wer⸗ den, obgleich Narefskin derſelben immer noch als Moͤrder und weil er als Sklave ſich an einem Soldaten vergriffen, worauf Peters I. Verban⸗ nungsgeſetze die Todesſtrafe beſtimmen, des To⸗ des ſchuldig war. Noch ein weſentlicher Umſtand gab der S⸗ che Narefskins eine beſſere Wendung. Der Chl⸗ rurgus, der die Unterſuchung an dem Leichnam des verwundeten Koſaken vornahm, fand die Wunde nicht todilich; die Kugel war blos an der Achſel eingedrungen, und hatte dieſe weder zer⸗ ſchmettert noch ſonſt einen edlen Theil zerriſſen. Blos der ſtarke Blutverluſt hatte die Wunde ge⸗ faͤhrlich gemacht, der Wundarzt verſicherte, daß wenn der Verlebte gleich aufgenommen worden waͤre und Huͤlfe erhalten haͤtte, in einigen Wo⸗ chen ſchon ſichre Heilung haͤtte erfolgen muſſen, die anch jetzt, des ſtarken Blutverluſts und erlit⸗ tenen Verkaͤltung des Verwundeten ohngeachtet, erfolgt ſeyn wurde, wenn nicht derſelbe der aus⸗ druͤcklichen Vorſchrift des Arztes zuwieder wäh⸗ rend der Hellung eine unmaͤßige Menge Brandt⸗ wein zu ſich genommen und ſo das Wundfieber zu einer ſolchen Hohe geſpannt haͤtte, daß keb 213 ne Arzney gegen daſſelbe mehr wirken konnte, und er an der ſo genannten Mund ſperre ſterben mußte. Alles dies gleichwohl den ungluͤcklichen Narefskin nicht gerettet haben, da der Perlebte nochmals bey ſeiner letzten Ausſage niederholt hatte, daß er ſelbſt und nicht Petrowna ihn nie⸗ dergeſchoſſen und dieſe letztre noch denſelben hier⸗ von abzuhalten ſich bemuͤht habe. Aber das Schickſal, das bisher dieſer ungluͤcklichen Fami⸗ lie ſo ſehr uͤbel mitgeſpielt hatte, ſchien ſich ge⸗ gen dieſfelbe erſchoͤpft zu haben, und ſie nun mit der ihm eignen Laune von der tiefſten Stuſe des Ungluͤcks, auf welche es dieſelbe herunterge⸗ worfen hatte, wieder zu dem vorigen Gluͤcke er⸗ heben zu wollen. Ein bloſer Zufall fuͤhrte den General der Kavollerle R..„der eben Sybirlen durchreiſte, um dieſe Zeit nach Turuchansk, wo er in dem Hauſe eines der dort wohnenden Kaufleute ab⸗ ſtieg.— Die ruſſiſchen Militairgeſetze weiſen je⸗ den Kommanbanten eines Platzes oder elner Fe⸗ ſtung an, ſobald ein im Range oder dem Alter der Dienſtjahre ihm vorgehender Offizier in ſeinem Bezirke erſcheint, demſelben auf der Stelle das Kommando abzugeben; vermoͤge dieſes Regle⸗ ments iſt von dieſem Augenblicke an, ſelbſt 214 wenn jener nur durchreiſt, der Kommandant nichts weiter, als ein dieſem untergeordneter Garniſonsoffizier, und dieſer uͤberkommt das ganze Kommando mit allen ſeinen Theilen. Dieſem Zufalle, der den General R. jetzt hier⸗ herfuͤhrte, hatte Narefskin ſein Leben und ſei⸗ ner Familie kuͤnftiges Gluͤck einzig und ganz zu verdanken. In Gemaͤshett dieſes Reglements eilte Mun⸗ ſchevski, ſo wie er die Ankunft eines im Range ihm vorgehenden Generals der Kavallerie in Tu⸗ ruchansk vernahm, ſogleich zu demſelben, um ihm nach ruſſiſch⸗militairiſcher Manier die Hon⸗ neurs zu machen, und ihm zugleich das Komman⸗ do zu uͤbergeben. Bey dieſer Gelegenheit erzaͤhlte er demſelben Narefskins neueren Unfall.— R.. der den unglucklichen Narefskin immer geſchaͤtzt hatte, ein vertrauter Freund des Obriſten G... war, und deſſen Liebe zu Petrownen, deren Ver⸗ luſt er ſeit ihrem unbegreiflichen Verſchwinden noch nicht zu beweinen aufgehoͤrt hatte, kannte, ubernahm aus dieſer Ruͤckſicht und in der Hoß⸗ nung hierdurch hier helfen zu koͤnnen, das Kom⸗ mando, welches in dergleichen Faͤllen ſonſt ge⸗ woͤhnlich mit einem Gegenkomplimente verbeten wird. Er ließ ſich ſogleich die Akten vorlegen und zog uͤber alle Umſtaͤnde jene genaue und unpar⸗ theyiſche Kundſchaft ein, welche der Gouverneur, 215 verblendet von ſelnem Haſſe gegen Nanſaln, blsher Wegangen hatte. Als er alles auf eine fuͤr Narefskin guͤnſtlge Weiſe eingeleitet hatte, ſchickte er die Akten zur Entſcheidung nach Petersburg und erſtattete des⸗ falls einen ausfuͤhrlichen Bericht an die Monar⸗ chinn. Er ſprach ſo warm, ſchilderte ſo ruͤhrend Narefskins Ungluͤck, ſeine Leiden, ſeine Duldung, die heroiſche Treue ſeiner edlen Gattinn, die er⸗ habne Liebe ſeiner Tochter, die ſeltne Aufopfe⸗ rung ihrer kindlichen Liebe, daß die Monarchinn, innig geruͤhrt durch dieſe Schilderung und durch die Akten von derſelben Wahrhelt uͤberzeugt, dem ungluͤcklichen nicht blos alle Strafe nachließ, ſondern ihm auch die Erlaubniß zur Ruͤckkehr nach Petersburg ertheilte, wobey ſie ihm zugleich eine zwar kleine, aber zu ſeinem anſtaͤndigen Unter⸗ halte hinlaͤngliche Penſion anwies. Der Gene⸗ ral blieb ſo lange in Turuchansk, bis dieſer Be⸗ fehl dort angekommen war, den er ſogleich der Familie bekannt machte, und dleſe ſelbſt mit nach Petersburg zuruͤck nahm. Als dort Narefskin mit Gattin und Toch⸗ ter der Monarchinn ſich dankend zu Fuͤßen warf, umarmte dieſe huldreich die Muſter der Gatten⸗ und Kinderltebe, und uͤberreichte Narefskin eine Urkunde, die ihn in ſein Vermoͤgen wieder einſetzte, indem ſie ſagte:„wer ein ſo gutes Weib 216 an ſeiner Seite und eine ſo edle Tochter erzogen hat, muß ſelbſt ein guter Menſch ſeyn.“— Pe⸗ trowna ward einige Tage darauf in Gegenwart der Kaiſerinn mit ihrem Geliebten verbunden, und Narefskin bewies in der Folge noch oft, daß er es werth war, von der Kaiſerinn begnadigt wor⸗ den zu ſeyn. — Schinderbanns. Johann Vickler, vom PVolke Schinderhanns ge⸗ nannt, well er einige Zeit das Gewerbe eines Ab⸗ deckers zu treiben ſich gendthigt geſehen hatte, iſt durch die aberglaͤubiſche Furcht, welche der ganze, große Volkshaufe Deutſchlands und Frankreichs vor ſeinem Namen hatte, beruͤhmter geworden, als er eigentlich zu werden verdient hätte. Aber immer noch iſt dieſer beruͤchtigte Räuberhaupl⸗ mann der neuern Zeit merkwuͤrdig genug durch ſeine Schickſale und die Rolle, die er ſeit fuͤnf Jahren in einem ziemlich ausgebreiteten Wir⸗ kungskreiſe ſpielte, um mit Recht die Theilnahme des Publikums,— wenn auch gleich nicht in ei⸗ nem ſo hohen Grade, als ſie ihm zu Theile ge⸗ worden iſt— zu verdienen. 3 Ohne ausgezeichnete Talente, ohne Erzie⸗ hung und Kenntniſſe, ohne Ehrgeiz⸗ mit be⸗ ſchraͤnkten Wunſchen, ohne alles das, was den 218 Menſchen vor andern auszelchnet, ohne alles, was zum merkwuͤrdigen Manne macht, iſt Vick⸗ ler blos durch einen Zuſammenhang en ſich ganz gewoͤhnlicher, wenigſtens nicht außerordentlicher Zufuͤlle, durch des Schickſals launenhaftes Spiel ein beruͤhmter Raͤuber geworden, und in ſo ferne, dieſer Mißhandlungen des Schickſals wegen, das ihn in die Karriere zwang, in der er jetzt auf der Guilottine enden wird, merkwuͤrdig. Der einwirkende, ihn beſtimmende Zuſammen⸗ hang der Umſtaͤnde, der ihn gewiſſermaaſen zwang, in die Rolle zu treten, die ihm nicht na⸗ turlich geweſen zu ſeyn ſcheint, verdiente eine pſy⸗ chologiſche Unterſuchung uͤber den Zuſtand einer weder durch Natur noch durch Kultur zu einer gewiſſen Staͤrke gereiften Seele, wenn ſie ſich grade in den Momenten befindet, die uͤber Vick⸗ lers Moralltst entſchieden. Es verdiente die ent⸗ ſchiedenſte Ruckſicht ſeiner Richter, daß der Un⸗ gluͤckliche, uͤber den ſie vielleicht mit eben dem Vorurtheile des Haſſes und der Furcht das Ur⸗ theil ſprechen, mit welchem der Pobel zweyer Nationen uͤber ihn aburtheilt, gleichwohl ein gu⸗ ter Menſch iſt, ob er gleich ein ſchlechter Staats⸗ buͤrger war, daß ein eiſernes Geſchick ihn zwang, der Geſellſchaft ſchaͤdlich zu werden, daß er ſelbſt als Moͤrder und Raͤuber nie ganz ſchlecht war, daß er ſeine Verbrechen in eine Art von Syſtem ordnete, welches den Grad ihrer Verderblichkeit minderte, denn es iſt gewiß, daß Verbrechen⸗ 219 aus Wohlthaͤtigkeit und Herzensguͤte begangen, eben ſo gewiß die mildernde Nachſicht des Rich⸗ ters bey einem Menſchen verdienen, deſſen Ver⸗ ſtand ſchlechter war, als ſein Herz, der im Dran⸗ ge des Gefuͤhls und uͤberwaͤltigt von einer ergrei⸗ fenden Szene blos lezteres fragte, ohne erſt mit erſterem Reflexionen anzuſtellen, die bey einer nur unvollkommenen Kenntniß der Moral ohnehin immer unfruchtbar bleiben und von dem warmen Schlage eines bey fremdem Unglucke zerfließenden Herzens uͤberwaͤltiger werden mußten, als dieſe Abweichungen von dem Gleiße des Gewoͤhnlichen unter die ſeltnen Phaͤnomene der Pſychologie und Moral gehdren. Aus dem glucklichen Zuſtande eines wohlha⸗ benden Landmannes ward Vicklers Vater durch die gewohnlichen Quellen des Ungluͤcks, Krieg und Wucher, die, wie immer, vereint in den letz⸗ ten zehn Jahren ſo viel tauſend gluͤckliche Fami⸗ lien aus der Fuͤlle haͤuslichen, ruhigen Genuſſes in das Eiend brachten, zum Bettler gemacht. Als im Jahre 1793. zum erſtenmale Frankreichs Heere die gluͤcklichen Gegenden jenſeits des Rhei⸗ nes uͤberſchwemmten, und der franzoſiſche Gene⸗ ral B.„„ der ſeinem an den Heilsausſchuß erſtatteten Berichte zufolge in einem dreytaͤgigen Sturme auf das Lager Hohenlohes bey Trier kei⸗ nen Mann— ſondern nur den kleinen Finger ei⸗ nes Grenadiers verlor, die Gegenden der Moſel 220 uberſchwemmt hatte, verlor Paul Bickler, der ſich ſeit einigen Jahren in dieſer Gegend nieder⸗ gelaſſen hatte, ſeine Schaafe, ſein Hornvieh und ſein ganzes Eigenthum durch Plunderung. Er war gendthigt, ſich wieder Vleh anzuſchaffen, das er ohne Gelb, wle er war, borgen mußte. Anſtrengende Frohnden, die er für die kaͤmpfen⸗ den Heere mit demſelben leiſten mußte, und die eintretende Viehſeuche, dle ſich domals ſchon in jenen Gegenden zeigte, von wo ſie ſich in der Folge uber den groͤßten Theil Deutſchlands ver⸗ breitete, raubten ihm daſſelbe zum zweytenmale. Es fanden ſich auch jetzt wieder, wle das erſte⸗ mal, gefaͤllige Menſchen aus dem Stamme Ju⸗ da, welche ſich bereit zekaten, ihm anderes zu borgen, von jener wohlthaͤtigen Menſchenklaſſe, die ſich des Elends ihrer Bruͤder freuen, weil mit dieſem ihr Gewinn in glelchem Maaſe ſteigt.— Zwar wollte PVickler ſich kein Vieh mehr an⸗ ſchaffen, bis der Krieg geendet ſey, aber die Be⸗ reitwilligkeit, mit welcher die Wucherer ihm zu borgen verſprachen, ihr Dringen, daß er doch ja kaufen moͤge, und ihre Verſicherungen, der Zahlung wegen nicht dringend zu werden, veraͤn⸗ derten dieſen Vorſatz; er borgie zum zweyten⸗ male ſchlechtes Vieh zu dem ungeheuren Preiſe, der damals in den Gegenden des Kriegsſchau⸗ platzes allgemein war, und den der Wucherer, der aus ſeiner Verlegenheit Nutzen zog, noch mehr ſteigerte. Kaum beſaß er dieſes einige Wo⸗ 20r chen, als bey einem ueberfalle der Franzoſen daſſelbe ſchon wieder weggenommen ward. Noch⸗ mals kaufte Vickler ſich Vieh an, da ſeine vo⸗ rigen Glaͤubiger, die berechnet hatten, daß ſein Vermoͤgen noch zureiche ſie zu bezahlen, unter der Bedingung, daß er nochmals bey ihnen ein⸗ kaufe, ihm mit der Foderung der vorigen Schuld zuzuſehen, und ihm neues Vieh zu borgen ver⸗ ſprachen, welches abermals nach einiger Zeit von den Franzoſen weggenommen ward. Jetzt beſetzten auch die Franzoſen die Gegend, in welcher Vickler wohnte, nachdem ſie aus der⸗ ſelben die allürten Heere verdraͤngt hatten, mit Beamten ihrer Auswahl, indem die vorigen theils freywillig, tb⸗lls gezwungen auswanderten. Es iſt bekannt, A jene Indlviduen, welche ſich hierzu damals gebrauchen ließen, großtentheils eben nicht vom beſten Werthe waren. Jener, unter deſſen Gerichtsbarkeit Vickler kam, war einer der uͤbelſten. Sehr bald hatten ihn die Iſraeliten, welchen der Krieg und die bisherigen ungluͤcklichen Schickſale der Gegend faſt alle Bauern derſelben lelbeigen gemacht hatten, ſo vollkommen in ihrer Gewalt, daß er ganz von ihnen abhaͤngig war.— Das Dekret der Na⸗ zionalverſammlung, dle eroberten Laͤnder nach den Franzoſiſchen Geſetzen zu behandeln, ward von ihnen mit der ihnen elgnen Induſtrie und Scharſſinne benutzt. Nach dieſen war es ihnen 222. unbenommen, liegende Gruͤnde zu erkaufen, wel⸗ ches ihnen zuvor in der Gegend, in welcher Vick⸗ ler wohnte, nicht erlaubt war. Um hiervon den Vortheil zu ziehen, der ſich ihnen bot, klagten ſie nun gegen die Bauern ihre Schuldfoderungen mit ohnnochſichtlicher Haͤrte ein, und die meiſten der von den Franzoſen neu angeſtellten Beamten boten ihnen theils aus Unkenntniß, theils aus Eigennutz hierbey die Hand. Da bey dem auſ⸗ ſerordentlichen Geldmangel in dieſen von den Franzoſen vdllig ausgeſogenen Gegenden keiner der ungluͤcklichen Schuldner zu bezahlen im Stan⸗ de war, ſo erfolgte eine faſt allgemeine Aufſte⸗ ckung der liegenden Guͤter derſelben; und die hierdurch erzeugte uͤbergroße Konkurrenz, ſo wie der Mangel an baarem Gelde ſetzte dieſelben auf den dffentlichen Steigerungen zu wunglaublich ge⸗ ringen Preiſen herunter, ſie wurden um ein Spottgeld den Juden, als den noch einzig, ubri⸗ gen Leuten von Vermoͤgen, zugeſchlagen. Dles Schickſal traf auch den armen Paul Vickler. Er verlor ſeine Guͤter und ſein ganzes Vermoͤgen. Nur ein paar Lumpen und die Ver⸗ zweiflung blieb ihm uͤbrig. Johann, der Held unſerer Geſchichte, war damals nur erſt etwas uͤber ſiebzehn Jahr alt. Zwar war er groß und ſtark gewachſen, aber fuͤr ſeine Erziehung war ſo wenig geſchehen, daß es 223 ihm unmoͤglich ſchien, ſich ſelbſt ernaͤhren zu kon⸗ nen. Als kleiner Junge hatte er ſeines Vaters Schaafe und Rindvieh gehuͤtet, dies und ein aͤrmlicher Unterricht in der Dorſſchule im Leſen und Schreiben war alles, war er an Kenntniſſen erhalten hatte. Zum Ackerbau und ſonſtigen Handarbeiten war er theils wegen ſeiner Jugend, theils auch, weil man ihn fuͤr kraͤnklich gehalten hatte, nicht angehalten worden, und daher fehl⸗ ten ihm hierzu Kraͤfte und Geſchick; ſeine Er⸗ werbfaͤhigkeit war dieſerhalb ſehr beſchraͤnkt. Ei⸗ nige Zeit verſchaffte er ſich durch Botengehen in naͤhere und entferntere Orte einen kaͤrglichen Verdienſt. Da dieſer unſicher und aͤrmlich war, und er bey demſelben ſein Auskommen nicht fand, ſo nahm er nicht ohne den aͤußerſten Widerwil⸗ len bey einem Abdecker Dienſte als Knecht.— Unter allem dem Schweren Drucke der Verach⸗ tung, mit dem das Vorurtheil dieſe bedaurungs⸗ wuͤrdige und doch ſo nothwendige Beſchaͤftigung brandmarkt, und die ungluͤcklichen Menſchen, welche dieſelbe treiben, aus der uͤbrigen Geſell⸗ ſchaft ausſidßt, lebte hier der junge Vickler meh⸗ rere Monate bey einem harten, rauhen Herrn ein trauriges Leben bey kaͤrglicher Nahrung und ekler, ſchwerer Arbelt, bey der er taͤglich ſein Schickſal, und diejenigen, die ihm ſolches berei⸗ tet hatten, verfluchte. Der kleine Lohn, den er erhielt, reichte nicht zu, ſeine unentbehrlichſten Beduͤrfniſſe zu befriedigen, und ſeinen noch un⸗ N 224 gluͤcklicheren Eltern, wovon die Mutter durch Fammer und Elend ſchon ſeit einiger Zeit auf das Siechbette geworfen war, zu unterſtutzen. Das Gefuͤhl, daß er zu etwas beſſerem beſtimmt ſey, und daß blos Laune des Geſchicks ihn ohne eigne Schuld elend gemacht habe, folterte ihn unablaſſig, und erzeugte in ihm eine Bitterkelt, die zwar nie ſeine natuͤrliche Herzensguͤte ganz verwiſchen konnte, aber doch der vorzuͤglichſte Grund ſeiner folgenden Handlungen ward. Ar⸗ muth, Elend und Verachtung ſind die traurigen, furchbarſten Urſachen von Verbrechen und Laſter, und der Menſch, der ſich mit wohlwollendem, fuͤh⸗ lendem Herzen zu den Menſchen hingezogen fuhlt, wird, wenn er ſich von dieſen zuruͤckgeſtoßen und verachtet ſieht, wenn gar nirgends eine wohlthaͤti⸗ ge Seele von dem Schickſale ihm in den Weg ge⸗ legt wird, hellenden Balſam in ſein wundes, blu⸗ tendes Herz zu legen, nur ſelten kein Boſewicht werden. Hier finden ſich die erſten Keime der Rolle, zu der der ungluͤckliche Vickler ſich entſaltete. Es iſt unter dieſen Umſtaͤnden noch immer ein fuͤr ſein Herz ſprechender umſtand, daß der Groll, der in ſeinem Buſen keimte, nicht das ganze Menſchengeſchlecht, ſondern nur die ihm zunaͤchſt anſtoßenden Gegenſtaͤnde, die Juden und franzd⸗ ſiſchen Beamten, dle Urſachen ſeines Unglücks, traf.— Dieſe haßte er mit der umfaſſendſten 35 — Boshelt, die täglich ſich noch verſtaͤrkte, und je⸗ desmal zur Wut ward, wenn er das ekelhafte Geſchaͤfte des Abziehens krepirter Thiere verrich⸗ ten mußte. Haͤufig ſchwur er dann unter dieſem, ſich zu raͤchen, jetzt gleich ſich zu raͤchen, aber die ihm eigne Sanftmuth der Seele verkuhlte je⸗ desmal die Leidenſchaft, ſo wie das Geſchaͤfte en⸗ dete, welches dieſelbe angefacht hatte. Nur ein ſtiller, dumpfer Haß blieb zuruͤck, der aber taͤg⸗ lich mehr in ihm um ſich griff, und nach und nach ſein ganzes Weſen ausfuͤllte. Es waͤre pſychologiſch wichtig, die Gradatio⸗ nen der Leidenſchaft, die taͤglich mit neuen Zu⸗ ckungen in der Seele des damals noch reinen und guten Juͤnglings Wurzel faßte, den Kampf ſei⸗ nes beſſern Selbſt gegen die Entwuͤrfe die ſie er⸗ zeugte, die erneuernden, verſtaͤrkenden Urſachen, die peinvollen Momente, in denen er ſich unter ihrem Drange abarbeitete, den Zuſtand ſeines zerriſſenen, gequaͤlten Herzens in dieſer entſchel⸗ denden Epoche zu verfolgen, zu unterſuchen und zu ſchildern, und vielleicht waͤre dann der Be⸗ weis gefuͤhrt, daß der ungluͤckliche Vickler faſt ohne eigne ſelbſtſtaͤndige Thaͤtigkeit der Seele durch die Allgewalt der Umſtaͤnde in die Lauf⸗ bahn gezwangt, auf ihr unwiderſtehlich fortge⸗ rollt ward, die er jetzt durch den Nachrichter endet. Dies iſt indeſſen nicht moglich, da Vick⸗ Spieß. 2 Th. 226 ler, durch deſſen Angaben wir einzig naͤhere Kenntniß von dieſer ſtufenweiſen Vorbereltung er⸗ halten konnten, hieruͤber nichts anzugeben weiß, well er ſich nicht ſelbſt beobachtete und weil die⸗ ſe Vollendung ihm ſelbſt unbewußt in ihm vor⸗ ging. So vorbereitet that Vickler einen Schrltt naͤ⸗ her zu ſelner folgenden Laufbahn, die man un⸗ ter allen Umſtaͤnden Beſtimmung nennen kann. Als im Jahre 1793. die franzoſiſche Armee auf dem ünken Rheinufer zuruͤckgedraͤngt ward, forſch⸗ te ein kommandirender dſtreichiſcher Offizier in dem Orte, in welchem damals PVickler als Knecht diente, nach einem der Gegend kundigen verlaͤſ⸗ ſigen Menſchen, den er als Bote brauchen wol⸗ le. Man brachte ihm Vicklern, der bey den haͤufigen Botengaͤngen, die er vordem verrichtet hatte, alle Wege und Schlupfwinkel der ganzen Gegend und in elnem weiten Umkreiſe auf das genauſte kannte. Veckler, der vorlaͤngſt ge⸗ wuͤnſcht hatte, eine andre Art ſich zu ernaͤhren kennen zu lernen, war bey den anſehnlichen Be⸗ lohnungen, die ihm verſprochen wurden, glelch bereit, ſich zu den ihm uͤbertragenen Geſchaͤften gebrauchen zu laſſen, und bey ſeinem guten Ver⸗ ſtande, bey der großen Schlauheit, die ihm na⸗ tuͤrlich eigen war, bey der genauen Kenntniß, die er uͤber das Lokale hatte, und dem tiefen, feſten Haſſe, mit dem er die Franzoſen haßte, 227 war er bald der brauchbarſte Spion der S cher geworden. Durch ſtete Uebung entwlckelte hier derſelbe immer mehr jene Schlauheit, Muth und Gegen⸗ wart des Geiſtes, welche ihm die Natur verlie⸗ hen hatte. Er ward meiſtens von den Freykorps gebraucht, und bald gehoͤrte er faſt ausſchließend dieſen an. Der leichte, weniger geordnete, freye⸗ re Dlenſt derſelben, bey welchem perſoͤnlicher Muth, Tapferkeit und Liſt ſich weit mehr geltend machen konnen, als bey der regulairen Militz, hatte den aͤußerſten Reiz fuͤr ihn, und, ſo lange dieſelben in den niedern Gegenden des linken Rheinufers blieben, war er von ihnen unzertrenn⸗ lich. Seln guter, natuͤrlicher Verſtand ließ ihn von den Evolutionen derſelben eine Art von Tak⸗ tik abſehen, die er in der Folge bey mehreren Gelegenheiten geltend machte, aber die Raub⸗ ſucht dieſer Truppen, die bey elner ohnehln mln⸗ der ſtrengen Dis ciplin unter den Umſtänden, in denen ſich dieſelben befanden, ule ganz unter⸗ druͤckt werden konnte, und unendlichemal durch Liſt und Gewalt Befriedigung ſuchte und fand, erſchlappte noch vollends ſeine ohnehin lare Mora⸗ lität, und dieſe uͤblen Beyſpiele wirkten ſo uͤbel auf denſelben, daß hauptſaͤchlich dleſen alles das Uebel zugeſchrieben werden muß, welches Schin⸗ P2 228 derhanns in der Folge mittelbar oder unmittelbar veranlaßte. Man kennt die Urſachen nicht, aus denen Vickler ſich von ſeinen geliebten Freykorps trenn⸗ te, und in der Gegend ſeiner Heumath zuruͤck⸗ blieb, als dieſe ſolche verließen. Nach dieſer Trennung befand ſich derſelbe wieder in ſeiuer vorigen uͤblen Lage, und vielleicht ſogar in einer noch uͤblern. Er hatte bisher viel Geld verdient, das er eben nicht zu Rathe gehalten hatte, und ſich auf dieſe Art zu einer fuͤr ſeine Verhaͤltniſſe luxuridſen Lebensart gewoͤhnt; die leichte Art, ſich einen anſehnlichen Verdienſt ohne Muͤhe zu verſchaffen, hatte ihn vollends gemaͤchlich und arbeitsſcheu gemacht. Hierzu kam noch, daß jetzt ſeine Eltern, dle bey den dſtreichiſchen Frey⸗ korps als Marketender gehandelt und gleichfalls allen Erwerb mit unbeſchreiblichem Leichtſinne ver⸗ zehrt hatten, ebenfalls wieder in die vorige Ar⸗ muth zuruͤckfielen. Vickler hing immer mit der waͤrmſten Liebe an dieſen, vorzuͤglich an ſeiner Mutter, und der Mangel, der dieſe druͤckte, that ihm unendlich viel weher, als der, an dem er ſelbſt litt. Von ſelnem ganzen nicht unbetraͤchtlichen Erwerbe beſaß er noch drey halbe Laubthaler. Zwey derſelben hatte er bey einem Beſuche, den er nach einer Trennung von einigen Wochen ſei⸗ 229 nen Eltern in der Strohhuͤtte machte, in der die Mutter erkrankt lag, denſelben gegeben, und war eben beſchaͤftigt, ſich mit ihnen uber die Mit⸗ tel zum weitern Fortkommen zu berathſchlagen, als eine Anzahl Franzoſen in das Dorf ſtuͤrm⸗ ten, und durch das Jammergeſchrey, das ſich gleich nach ihrer Ankunft hoͤren ließ, der Fami⸗ lie verkuͤndete, daß ſie ihr gewoͤhnliches Geſchaͤf⸗ te, das Pluͤndern angefangen hatten. Die Huͤtte, in der ſich Schinderhanns bey ſeinen El⸗ tern befand, blieb, ihres aͤrmlichen Ausſehens ohngeachtet, nicht verſchont; fuͤnf dieſer Nieder⸗ traͤchtigen drangen bewafnet in dieſelbe und raub⸗ ten den ungluͤcklichen Bewohnern derſelben und mit dieſen ihren jetzigen Inqullinen, der Vick⸗ leriſchen Familie alles was ſie vorfanden, und das bey letztrer in den drey halben Kronen des Schinderhanns, einem magern Pferde, das deſſen Vater zugehoͤrte, und bey ſeinen jetzigen unſteten Wanderungen ſelne Eſſekten trug, und den Lumpen, mit welchen die kran⸗ ke Frau bedeckt war, beſtand.— Vickler der Sohn hatte ſich den Raͤubern, als dieſe das Strohlager ſeiner kranken Mutter durchſuchten, und die Kranke unbarmherzig auf die Seite warfen, widerſetzt, und hierbey einen Kolben⸗ ſtoß vor die Bruſt erhalten, der ihn ſinnlos zu Boden warf, und ihm eilnen Blutauswurf und Bruſtbeſchwerden zuzog, an denen er mehperz Tage litt. . 230 In dieſen Tagen, welche ſelner Angabe nach die ungluͤcklichſten ſeines Lebens waren, hader⸗ te er ohnausgeſetzt mit dem Schickſale. Hun⸗ gernd und an allem Mangel leldend, durch das Elend ſeiner Eltern und den Jammer ſeiner ge⸗ liebten kranken Mutter auf das hochſte gereizt, wandelte ihn einigemal der Gedanke des Selbſt⸗ mords an, der aber immer von dem Wunſche, ſich an denen, die er immer fuͤr die Urheber ſei⸗ nes Ungluͤcks hielt, zu raͤchen, verdraͤngt ward, ein Wunſch, der einem ungebildeten, auf das aͤußerſte gebrachten Unglucklichen ſo natuͤrlich iſt. — Von dieſer Zeit an erlitt Vicklers Karakter eine vollige Umwandlung. An die Stelle der ihm bisher natuͤrlichen, nie, ſelbſt in den Mo⸗ menten des Grams und der Verzweiflung nicht ganz verwiſchten Jortalitaͤt, trat ein finſtrer, zuruͤckſtoßender Ernſt, und ſtatt der auffallenden Gutmuͤthigkeit, die uͤber ſein ganzes Weſen ver⸗ breitet war, und ſich in jeder ſelner Handlungen und in ſeinem ganzen Thun entfaltete, zeigte ſich eine feindliche Bitterkeit. Jetzt war er zu allem faͤhig, ein Unheil zu ſtiften luͤſterner, un⸗ gluͤckwuͤnſchender Boſewicht. Die gutherzigen Troſtungen des armen Bauers, dem die Huͤtte zugehoͤrte, in der ſich damals Schinderhanns mit ſelnen Eltern befand, und die Huͤlfe, wel⸗ che derſelbe dieſen Ungluͤcklichen zu leiſten ſuch⸗ te, wodificirten in etwas deſſelben Wut, aber kein Laͤcheln des Gluͤcks vermochte von nun an 237 den Zug menſchenfeindlicher Bitterkeit zu ver⸗ wiſchen, den die peinlichen Reflerionen einiger Tage in deſſen Seele eingegraben hatten. Als Vickler ſich wieder im Stande fuͤhlte, das Strohlager verlaſſen zu konnen, vermochte er es nicht laͤnger, das Elend ſelner Eltern an⸗ zuſehen. Mit dem feſteſten Vorſatze Huͤlfe zu ſchaffen, aber ohne alle Ausſicht hierzu, verließ er fruͤh morgens die Wohnung des Elends. In dem ohnfern des Dorfes liegenden Walde fand er das Pferd eines franzoſiſchen Kavalleriſten an ei⸗ nen Baum gebunden, und den Beſitzer deſſelben im nahen Gebuͤſche mit einer Bauerndirne der ſinnlichen Liebe ein Opfer bringen. Das empd⸗ vende dieſer ſittenloſen Scene hob den Haß, der in ſeinem Innern gegen die Franzoſen wuͤthete, und der erſt vor einigen Tagen durch die von den⸗ ſelben erſtandne Pluͤnderung und Mißhandlung neuen Reiz erhalten hatte, zu einer großern Hd⸗ he lebhaft empor; das Gefuͤhl eigner Noth, das ihn noch nle verlaſſen hatte, vermiſchte ſich mit demſelben, und es ergriff ihn der Gedanke, daß er hier Gelegenheit fände, ſelner Rache ein Op⸗ fer zu bringen, und zugleich der druͤckenden Noth zu ſteuern, unter welcher er und ſeine El⸗ tern erlagen. Raſch loſte er, ohne ſich weiter zu beſinnen, die Zuͤgel des Pferdes von dem Baumaſte, an welchem dieſelben befeſtiget ren, ſchwang ſich in den Sattel, und wa 332 Beſitzer deſſelben aus den Augen, als dieſer noch kaum dieſe ſonderbare Entwendung ſeines Pfer⸗ des gewahr geworden war. Durch die ihm hin⸗ länglich bekannten Seltenwege des Waldes ent⸗ zog er ſich bald allen allenfalſigen Nachſetzungen. In dem auf dem Pferde befeſtigten Felleiſen fand er gegen Vermuthen nlchts, als einige unbedeu⸗ tende Kleidungsſtuͤcke, die er nebſt dem Pferde und deſſen Sattel einem acht Stunden von ſei⸗ nem bisherigen Aufenthaltsorte wohnenden Juden verkaufte. Piſtolen und Karabiner vergrub er im Walde, und traf am folgenden Tage mit dem geldſten Gelde wieder bey ſeinen Eltern ein. So wenig auch nach dem Verhaͤltniſſe des wahren Werths Vickler fuͤr das Pferd von dem Juden, an den er ſolches verkaufte, erhal⸗ ten hatte, ſo war dieſe Summe doch gleichwohl immer bedeutend genug, und der Erwerb derſel⸗ ben ſo leicht, daß, wenn auch der hebraͤiſche Kaͤu⸗ fer Vicklern weniger angelegentlich aufgefodert haͤt⸗ te, ihm mehr ſolche Waare zu bringen, dieſer ſich von ſelbſt hlerzu aufgefodert gefuͤhlt haͤtte. Er befriedigte hierbey ſeine Rache gegen die Franzoſen, gewann eine anſehnliche Summe oh⸗ ne Anſtrengung, und glaubte ſich den Vorwurf eines Diebſtahls— der ohnehin bereits nur noch wenig auf ihn wirckte— nicht machen zu duͤrfen, da er blos dem Feinde ſeines Vaterlandes nahm, 233 wozu nach ſeinen Begriffen jeder 5. tiget war. . Er kannte von ſeinen vorigen Streifereyen her eine Menge muthiger, liſtiger, arbeitsſcheuer Taugenichtſe, und da er das Beduͤrfniß fuͤhlte, bey den Geſchaäften, zu denen er ſich nun be⸗ ſtimmt hatte, Unterſtuͤtzung zu haben, ſo war zwiſchen dieſen und Vicklern bald elne Verbin⸗ dung zu Stande gebracht, die ſich damals noch auf bloſe Entwendungen von Pferden, die ſie den Franzoſen abnahmen, erſtreckte. Da dieſe da, wo ſie nicht vor dem Feinde ſtehen, in Auf⸗ bewahrung ihrer Pferde und Effekten aͤußerſt nach⸗ laͤſſig ſind, ſo ward es Vicklern und deſſen Kon⸗ ſorten leicht, aus den Staͤllen der Kantontrungen, von den Remontetransporten, und elnigemal ſo⸗ gar von dem Transporte der Bagage und Ka⸗ nonen dieſelben zu ganzen Kuppeln wegzuneh⸗ men. Bisweilen, obgleich nur einigemal, kam es hierbey zu Plaͤnkeleyen mit einzlen Franzoſen, welche ſich grade bey den Pferden befanden, oder derſelben Bedeckung ausmachten, und dieſe fie⸗ len immer zum Vortheile Vicklers und ſeiner Ka⸗ meraden aus. Die Rotte mehrte ſich daher mit jedem Tage, ihr Gewerbe ward taͤglich erweltert, und bald gewiſſermaaſen ins Große getrieben. An die Beraubung eines Deutſchen hatte Vickler noch nicht gedacht, er beſchraͤnckte ſich in der w angetretenen Laufbahn. 234 Bey dem gluͤcklichen Erfolge der Geſellſchaft ſtieg die Kuͤhnheit derſelben taͤglich hoͤher. Die Anzahl der von ihnen den Franzoſen abgenomme⸗ nen Pferde iſt ſehr betraͤchtlich. Bald beſchraͤnk⸗ ten ſie ſich nicht mehr blos auf dieſe, ſondern nah⸗ men alles, was ſie fuͤr franzoſiſches Eigenthum hielten; und in die Gegenden des Sohnwaldes und Hundruͤcks, woſelbſt ſie ihren Hauptſitz hat⸗ ten, und woher ſie ihre Streifereyen bis ge⸗ gen Zweybruͤcken und Lautern ausdehnten, wag⸗ te ſich bald eden ſo wenig mehr ein einzelner Franzoſe, als in jene des Speſſarts und des Roͤhngebuͤrges. Das Militair und die Civllobrigkeiten er⸗ wachten endlich aus ihrem langen Schlummer, und beyde verelnigt, gelang es, einige von Vick⸗ lers Kameraden einzufangen. Das Militairge⸗ richt verurtheilte ſie zum Tode. Auch Bickler ward von einem Inden, dem er eben ein den Franzoſen abgenommenes Pferd verkaufen woll⸗ te; verrathen, um die nicht unbetraͤchtliche Be⸗ lohnung zu verdlenen, die auf die Entbeckung el⸗ nes der beruͤchtigten Pferdediebe geſetzt war. Man brachte ihn nach Simmern, wo er Gele⸗ gen helt fand, am zweyten Tage aus dem Gefaͤng⸗ niß zu entwiſchen, indem er den Kerkerwaͤrter, als dieſer ihm Eſſen brachte, in eben das Ge⸗ fangniß einſchloß, welches er ſeit zwey Tagen be⸗ wohnt hatte. Daß dieſer Verrath ſeinen ohnehin ihre Spitze. 235 großen Haß gegen die Juden noch merklich er⸗ hohte, iſt leicht begreiflich. Ohnabgeſchreckt ſetzte Vickler ſein Geſchaͤft mit verdoppeltem Eifer fort. Da ſeine von dem franzoſiſchen Militair verurtheilten Kamera⸗ den bis zum Momente des Todes ihre Gehuͤlfen nicht verrathen hatten, und die jetzige ſtrenge Auf⸗ ſicht der franzoſiſchen Ctvil⸗und Militairbehorden groͤßere Vorſicht, mehr Einheit in der Zuſammen⸗ wirkung und mehr Kraft in der wechſelſeitigen Un⸗ terſtutzung nothwendig machte, ſo ward nun die Verbindung Vicklers und ſeiner Kameraden mehr geordnet und enger befeſtigt, und PVickler trat an Bey allem dem gingen nun die Geſchaͤfte derſelben viel ſchlechter, als zuvor, da die Fran⸗ zoſen jetzt aufmerkſamer und wachſamer geworden waren. Nur ſelten und nie ohne die groͤßte Liſt und aͤußerſte Gefahr gelang es den Verbuͤndeten, ein ſchlechtes Pferd oder den magern Pack eines aus Frankreich zur Armee kommenden Soldaten zu erhalten, die nie Muͤhe und Gefahr lohnten, und wovon bey der Vertheilung auf einen der Verbuͤndeten kaum ein paar Groſchen zum Thei⸗ le fielen. Vickler, der bey ſeiner Flucht zu Sim⸗ mern allen ſeinen vorigen Erwerb zuruͤcklaſſen muͤſſen, fand ſich daher in ſeinen alten 236 Ein Zug ſeiner Redlichkeit, die ihn nie ganz verließ, und die oft in der Folge mit ſeinen uͤbri⸗ gen Handlungen im auffallendſten Kontraſte ſtand, ſprengte damals die Bande. Der groͤßte Theil derſelben hatte ſich in der Gegend von Trier zu⸗ ſammengezogen, in der Hofnung, von einem dort paſſtrenden Transporte Pferde, welche aus Weſitphalen durch Holland zur franzoſiſchen Ar⸗ mee am Rheine gebracht wurden, einige zu erha⸗ ſchen. Wirklich gelang ihnen dieſes durch folgen⸗ de ſonderbare Liſt.— Der großte Theil der Ver⸗ buͤndeten, die ſich in ziemlich bedeutender Anzahl zuſammen gefunden hatten, machten in der Ent⸗ fernung elner halben Meile mehrere Pelotonfeuers, und ellten dann ſchnell auf die andere Seite, wo ſie dies Manduvre wiederhohlten. Die Schuͤſſe erhielten durch den Wiederhall der nahen Gebuͤr⸗ ge eine groͤßere Wirkung und der Anfuͤhrer des betraͤchtlichen Kommandos, welches die Remon⸗ tepferde eſcortirte, der Gegend ohnehin unkundig, glaubte ohne weiters den Nachrichten, welche Vicklers Bande eben ſo ſchnell als geſchickt zu verbreiten wußte, daß die Oeſtreicher uͤber den Rhein geſetzt ſeyen, die von allen Selten zuruͤck⸗ gedraͤngten Franzoſen von zwey Seiten angegrif⸗ ſen haͤtten, und ſich bereits ganz in der Naͤhe befaͤnden. Ein ſchneller Ruͤckzug deſſelben gegen die franzdſiſche Grenze war die Folge, und Vick⸗ lers Bande hatte bey der Unordnung, womit die⸗ ſer geſchah, Gelegenheit, ohne weitre Muͤhe und 237 Gefahr vierzehn der ſchonſter Pferde wegzuneh⸗ men. Man eilte, dieſelben einem Muͤller zu verkaufen, der ſeit einiger Zeit mehrere betraͤcht⸗ liche Pferdelieferungen an die Lieferanten der fran⸗ zoſiſchen Armee gethan hatte, und der dieſelben ziemlich gut bezahlte. Zur Abholung des Geldes 4 ward eben derjenigen Verbuͤndete abgeſchickt, der den Verkauf abgeſchloſſen hatte, und dieſer fand fuͤr gut, mit dem erhaltnen Gelde einen Sel⸗ tenweg einzuſchlagen, und uͤber den Rhein zu ſchiffen. Die Bande fand ſich hierdurch in die groͤßte Verlegenheit geſetzt. Von allem Gelde entbloßt und um den muͤhſamen Erwerb einer beſchwerde⸗ vollen Spekulation gebracht, fehlte es ihr in die⸗ ſem Augenblicke an allen Huͤlfsmitteln. Ohne ſich viel zu bedenken, erbrachen daher in der naͤchſten Nacht einige von derſelben den Stall des Pferdehaͤndlers, dem die erbeuteten Pferde verkauft worden waren, und nahmen dieſe zu⸗ ruͤck. Pickler mißbilligte dies Benehmen, er verlangte, daß dieſe Pferde ſogleich dem Muͤller zuruͤckgegeben wuͤrden, eine Foderung, welche bey der ganzen Bande Widerſpruch fand. Doch erwarb Vicklers natuͤrliche Beredſamkeit, und das Anſehen, in welchem er bey ſeinen Kamera⸗ den ſtand, ihm endlich einige Anhaͤnger, worun⸗ ter ſich der in der Folge zu Koͤlln guillottinirte Karl Beyer, der immer mit der vorzuglichſten 238 Liebe an ihm hing, am thaͤtigſten ſeiner annahm. Seine Gegner machten dagegen Vicklers Grund⸗ ſaͤtze laͤcherlich, und da das Beduͤrfniß und die Noth, in der ſich alle befanden, ihnen das Wort ſprach, ſo erklaͤrten die meiſten, ſie wuͤrden es nie zugeben, daß die Pferde zuruͤckgegeben wur⸗ den, und ſchon war dieſe Entſchließung faſt von allen angenommen, als BVckler, nur noch von dreyen ſeiner Lieblinge unterſtuͤtzt, beſtimmt den Befehl gab, Beyer ſolle die zuſammengekoppel⸗ ten Pferde auf der Stelle dem Muͤller zuruͤckbrin⸗ gen, und er wuͤrde denjenigen, der ſich auch nur im geringſten widerſetzen werde, auf der Stelle niederſchießen. Gleichwohl konnte dieſe Zuruckbringnug des Raubs nicht ſo ganz ohne alle Umſtaͤnde geſchehen, es kam unter den ſtrei⸗ tenden Partheyen zur Thaͤtigkeiten, bey welchen Schinderhanns zwey ſeiner Kameraden verwun⸗ dete, und in dieſem Tumulte wurden vier der geſtohlnen Pferde von den kluͤgſten der Geſell⸗ ſchaft weggeritten, die ſich ſofort zerſtreute. Die uͤbrigen Pferde brachte Vickler dem beraubten Muͤller unter einem klug erdachten Vorwande ſelbſt zuruͤck, der ihm dafuͤr zwey Karolin ſchenk⸗ te, welche er auf der Stelle unter ſeine ihm treu gebliebenen Kameraden vertheilte, um allen Verdacht von ſich zu entfernen, als habe er bey der geforderten Zuruͤckgabe die hierbey zu erwar⸗ tende Belohnung im Auge gehabt. ———— 239 Der Geldmangel, der bey Vicklern jetzt ein⸗ trat, entſchied gleichwohl uͤbet deſſen kuͤnftiges Betragen und machte ihn, da ſeine blsherigen Raͤubereyen ſich mit dem von den koaliſirten Ar⸗ mee beguͤnſtigten und vielleicht auch aus dem Kriegsrechte zu rechtfertigenden Grundſatze, daß jeder Deutſche dem Feinde des Vaterlandes ſo viel Schaden zu thun berechtiget ſey, als er koͤnne, rechtfertigen laſſen, fuͤr die Zukunft zum eigentli⸗ chen Raͤuber. Bisher hatte ſich Vickler begnoͤgt, blos die Franzoſen zu berauben, ſorglich verhuͤ⸗ tete er jeden Schaden, den ſeine weniger gewiſ⸗ ſenhaften Kameraden einem Einwohner ſeines Vaterlandes zufuͤgen wollten, und wir haben ihn fuͤr dieſen ſeinen Grundſatz mit eigner Gefahr kaͤmpfen geſehen. Noch befleckte keine Blut⸗ ſchuld ſein Gewiſſen. Von nun an werden wir ihn als Raͤuber und Moͤrder im eigentlichſten Sinne des Worltes kennen lernen, und die Zuͤge von Edelmuth und Gutherzigkeit, welche dfter noch uns ſeine Handlungen zeigen, vermoͤgen nicht, uns mit ſeinen uͤbrigen Schandthaten aus⸗ zuſdhnen. Vicklers Herzensguͤte ließ ihn das erſte Ver⸗ brechen dieſer Art begehen, von welchem er ſchritt⸗ weiſe zu allen uͤbrigen fortruͤckte.— Er kam un⸗ mittelbar nach dem kurz erzaͤhlten Vorgange in das Dorf, in welchem ſeine Eltern ſich einige Zelt aufgehalten hatten, und er ſelbſt, wie wir 240 oben gehoͤrt haben, mit ihnen mißhandelt wor⸗ den war. Seine Eltern waren weiter gewan⸗ dert, den gutherzigen Bauer aber, der denſelben Aufenthalt gegeben, ſein Bord mit ihnen getheilt, und die kranke Mutter verpflegt hatte, traf er in den jammervollſten Umſtaͤnden an. Drey ſeiner Kinder lagen nebſt der Frau an einer damals in dieſer Gegend epldemiſirenden Seuche darnieder, der ungluͤckliche Gatte und Vater dleſer Familie, eben erſt von derſelben geneſen, und noch unver⸗ moͤgend ohne Unterſtuͤtzung umherzugehen, beſaß nichts in der Welt, dieſelben und ſich ſelbſt zu laben, und die Ungluͤcklichen befanden ſich bereits mehrere Tage ohne Nahrung, ohne Arzney und zum Theile ſogar ohne Bedekung, da die Frau waͤhrend der Krankheit des Mannes alles und ſelbſt die unentbehrlichſten Kleldungsſtucke verkauft hatte, um demſelben Arzney und Labung zu ver⸗ ſchaffen. Vicklern brach das Herz, als er dieſen Um⸗ fang von Jammer überſah. Mitleid und Dank⸗ barkelt, beydes Gefuͤhle, welche beweiſen, daß ſein Herz noch immer nicht ſchlecht und ſeine Seele noch nicht zu jenem Grade von Faͤulniß und Verderbtheit heruntergeſunken war, die man zu den Verbrechen, die er jetzt zu begehen ellte, vorausſetzt, erfullten ihn ſo ganz, daß er wel⸗ nend den Schwur that, hier zu helfen, es moge anch gehen, wie es wolle. 24 1 Er fing damit an, daß er das Kleld, welches er trug, einem im Orte wohnenden reichen Juden feil bot. Dieſer, der Vicklers Verlegenheit ſah und ſie benutzen wollte, bot ihm elne Kleinigkeit fur dies reinliche, gute und noch faſt ganz neue Kleidungsſtuͤck, und als er in Vorwuͤrfe uber die⸗ ſen Wucher ausbrach, warf der Jude ihn mit Huͤlfe ſeiner Sdohne unter vlelen Stoßen und Schlaͤgen aus dem Hauſe. Vickler war gend⸗ thigt, auf ein zwey Stunden entferntes Dorf zu laufen, um dort das Kleld an einen andern Troͤd⸗ ler zu verkaufen. Er brachte den Erlos der ungluͤcklichen Fami⸗ lie, und fuͤhlte in dem Danke derſelben ganz die Wonne, mit welcher elne gute Handlung uns belohnt. Dieſe gewiß edle Aufopferung zog jedoch Vick⸗ lern ein phyſiſches Uebel nach ſich. Er hatte ſich auf dem Wege, den er, um das Kleld verkaufen zu konnen, zuruͤcklegen mußte, erhitzt, und war auf dem Ruͤckwege von einem ſtarken Platzregen durchnaͤßt worden, gegen welchen ihn die lelne⸗ ne Weſte, mit der er jetzt nur noch bedeckt war, nicht ſchuͤtzen konnte. Ein ſtarker Rhevma⸗ tismus war hiervon die Folge, der ihn zwey Tage bey der durch ihn geretteten Bauernfami⸗ lie zu verwellen zwang. Die ſorgfaͤltige War⸗ tung und Pflege, die er, ſelbſt krank, dieſe Franken in dieſer Zelt lelſtete, iſt eln neuer Spieß Kriminalgeſch. a Th. 8 242 wels, oder vielmehr die unthaͤtige Ruhe, welche er waͤhrend derſelben wider ſeinen Willen genoß, hatte die naͤmliche Wirkung auf ihn, wie ſein voriges Siechthum. Ueberhaupt moͤchte man ſa⸗ gen, daß jede Krankheit ſein moraliſches Weſen mehr angriff, als ſein Phyſiſches. Der Untha⸗ tigkeit feind arbeitete ſich in dem Zeitpunkte der Ruhe ſein Geiſt unter Reflexionen ab, zu denen er bey ſeiner gewoͤhnlichen Thaͤtigkeit ſich nicht Zeit nahm; dann uͤberwaͤltigte ihn das Gefuͤhl der uͤblen Lage, in die er und ſeine Eltern, wel⸗ che er mit der aͤußerſten Zaͤrllichkeit liebte, ohne elgne Schuld gerathen waren, es regte ſich das Bewußtſeyn auf, daß er eine beſſere Beſtimmung habe, als Pferde zu ſtehlen und Anfuͤhrer von Gaunern zu ſeyn, eine tiefe Bitterkeit, die viel⸗ leicht an Menſchenhaß grenzle, umgriff ſeine Seele, und er ſtand jedesmal mit verderbterer Seele von dem Siechbette auf. Diesmal eutwi⸗ ckelte ſich ſein Haß und die in ihm ſchlummernde Rachſucht gegen die Juden und die von den Fran⸗ zoſen eingeſetzten Beamten, welche vereint er fuͤr die Urheber ſeines Ungluͤcks hielt, weil durch ſie ſein Vater zum Bettler gemacht worden, noch weit mehr durch die Erzaͤhlungen ſeines ungluͤcklichen Wirths, deſſen Schickſale mit jenen des alten PVickler ſo ziemlich uͤbereinſtimmten. Von einem betraͤchtlichen Bauerngute war ihm durch die Blianz zwiſchen den Iuden und dem Beamten der Republik nichts weiter uͤbrig geblieben, als die, — daß in ihm der Vorſatz zur Reife kam, denſelben 43 ſonſt von ſeinem Taglohner bewohnte kleine Huͤt⸗ te, in der jetzt die kronke Famille auf dem Stroh lag, und das ſchone Haus, das er zuvor befeſſen hatte, war jetzt in den Haͤnden eben jenes Juden, der Picklern bey dem Anbieten ſeines Kleides aus dem Hauſe geworſen hatte, und eine Gelſel des Landvolks der ganzen Gegend war. Die Erzaͤhlung brachte den Haß Vicklers gegen dieſen Juden auf das hoͤchſte, und ſeine Rachſucht hatte kelnen Zuͤgel mehr. Seln Wirth mahlte ihm den Geldvorrath des Hebraͤers ſo leb⸗ haft, und zeigte ihm ſo deutlich, daß es gar nichts unrechtmaͤßiges ſey, demſelben einen Theil ſelues zufammengeraubten Gutes wleder abzunehmen, zu berauben. Zum Ungluͤcke des Juden ließen ſich— am dritten Tage Carl Beyer mit Franz Heckmann, die beyden Lieblingsgefaͤhrten Vicklers, im Otrte ſehen, und ſich ſogleich bereit finden, dieſem den Fang machen zu helſen. Leicht ward in der fol⸗ genden Nacht das Haus des Juden durch Einſtoſ⸗ ſung der Thuͤre mit einem Balken erbrochen, die Familie deſſelben und er ſelbſt mißhandelt und ge⸗ bunden, und waͤhrend einer der Verbuͤndeten mit der geſpannten Piſtole die Kehlen derſelben im Zaume hielt, durchſuchten die Uebrigen gemaͤchlich das Haus, und nahmen das, was ihnen anſtand mit ſich fort. Die Beute beſtand in etwa fünf hundert Gulden Geld, einigem Silberzeug, Wä⸗ Q 2 244 ſche und Kleldungsſtuͤcken, womit ſich die Raͤuber, der Schlupfwinkel und Wege kundig, mit voll⸗ kommner Sicherheit entfernten. Ein Schritt auf dem Wege des Laſters ſchnei⸗ det, wie eine ewige Erfahrung lehrt, dem, der denſelben betritt, den Ruͤckweg ab, und verhaͤr⸗ tet die Seele gegen alle beſſere Eindruͤcke. Bald ſammelte ſich wieder um Vicklern ein Theil ſeiner bey dem Vorgange im Walde bey Trier auseinan⸗ dergegangenen Bande, und nun erſt fing das ei⸗ gentliche Raͤuberweſen derſelben an. Sie fanden es jetzt nicht mehr der Muͤhe werth, mit großer Muͤhe und Gefahr einem reiſenden Soldaten ſeine paar Groſchen zu rauben, oder auf Militairpferde zu lauern, auch war dieſe Erwerbquelle durch die vereinte Wachſamkeit der Civil⸗und Militairbe⸗ hoͤrden, und die genauen Vorſichtsmaasregeln, welche hiergegen getroffen wurden, ſehr beſchraͤnkt, und nahe am Vertrocknen. Schinderhanns oͤfne⸗ te ſich und ſeinen Geſellen eine ausgedehntere und lucrativere Laufbahn. Der Grundbegriff des Sanskulottism, dieſer Grundſatz aller ehrlichen Leute von Vicklers Schla⸗ ge, ward jetzt philoſophiſcher Lehrſatz der Bande. Alle Reichen ſind Schurken, nur durch unrecht⸗ maͤßige Mittel reich geworden, alle Schurken und Wucherer ſind unſre Feinde; wir uͤben das Strafamt des Naturgeſetzes, und handeln in ih⸗ rem Geiſte, wenn wir ihnen das nehmen, was ſie zu viel und wir zu wenig haben. Dies war das —.———— 245 Dilemma derjenigen von Vicklers Bande, welche es nicht uͤberfluͤſſig fanden, uͤber ihre Handlungen zu philoſophiren. Von nun an ward das Gewerbe des Raubs und der Dleberey in ſeinem ganzen Umfange, in der ausgedehnteſten Beziehung und unter allen Formen getrleben. Zwar ward BVickler kurz hier⸗ auf auf einem Diebſtahle bey einem Tuchhaͤndler in Saarbruͤcken ertappt und gefaͤnglich eingezogen, dieſe Gefangenſchaft aber diente blos dazu, daß ſich die Umgriffe der Bande erwelterten. Waͤh⸗ rend den paar Tagen, welche er in dieſem Aufbe⸗ wahrungsorte zubrachte, beſchaͤftigte er ſich unab⸗ läſſig mit Plaͤnen zu Erwelterung ſeiner Bande und ihrer Geſchaͤfte. Es bildete ſich eine Art von Syſtem aus, nach welchem er kuͤnftig wirken und — rauben wollte, er vervollkommnete ſeine Hand⸗ werkskenntniſſe durch die Spekulatlon, zu der er Muße genug hatte, und entwarf eine Menge, in der Folge leider nur zu genau ausgefuͤhrter, Pla⸗ ne. Schon in der fuͤnften Nacht durchbrach er mit ſtarkem Arme die zerbrechlichen Mauern ſele nes Geſaͤngniſſes, und eilte zu den Selnen. Noch zweymal ward in der Folge Schinder⸗ hanns, und zwar jedesmal durch Verrätherey el⸗ niger zu ſeiner Vande gehoͤrilgen Welber arretirtz das erſtemal entwiſchte er denen ihn eskortirenden Gensdarmen unter den Thoren von Landau, als eben dieſelben bey der Wache ihre Ankunft melde⸗ ten, indem er ſich durch die Pferde derſelben 246 durchdraͤngte, ein paar Straßen durchlief, und endlich in ein Haus ſprang, auf deſſen Boden er ſich, ſelbſt ohne Vorwiſſen des Eigenthuͤmers, acht Tage lang verſteckt hielt, binnen welcher Zeit er ſich von dem tuͤrkiſchen Korne, das zum Trocknen daſelbſt aufgehaͤngt war, dem dort aufgeſchuͤtte⸗ ten Haber, und dem Waſſer, das er aus der Dachrinne in den regneriſchen Raͤchten, die zu ſeinem Gluͤcke eben einfielen, naͤhrte; und das zweytemal vertrieben ſeine Kameraden, welche ihres Anfuͤhrers Verhaftung erfahren hatten, die ihn begleitende Gensdarmerie mit Gewalt.— Gluͤcklicher waren ſeine Raubgenoſſen, von denen in den erſten vier Jahren ihrer Verbindung in dem ganzen großen Terrain, das der Schauplatz ihrer Schandthaten war, nicht mehr als ſechſe einge⸗ fangen wurden, von denen zwey aus den Gefaͤng⸗ niſſen zu entwiſchen Gelegenheit fanden, und die vier uͤbrigen, die ſich durch nichts bewegen ließen, ihre Kameraden zu verrathen, auf laͤngere oder kürzere Zeit zur Strafe bffentlicher Arbeiten in Ei⸗ ſen verdammt und in das Innere der Republik abgefuͤhrt wurden. Die Bande wuchs nach und nach weit ber zwey hundert Mann an. Alle Taugenichtſe in der großen Landſtrecke von der Grenze Hollands bis gegen Landau und zwiſchen der Grenze des al⸗ ten Frankreichs und dem Rheine, alle, die der Freyheltskrieg ruinirt, denen er Vermoͤgen und Moralitaͤt geraubt hatte, waren entweder wirkli⸗ che Mitglieder der Bande, denen Diebſtahl und Raub Beruf geworden war, oder ſtanden doch ſonſt mit derſelben in Verkehr. Die Anzahl der letztern, die ſich blos mit Kundſchaft und Ver⸗ rath, mit Vertrodlung und Verbergung des Raubs beſchaͤftigten, und ohne ſich an demſelben unmit⸗ telbar zu beantheiligen, eine untergeordnete Rolle dabey uͤbernommen hatten, und von der Bande ſelbſt hoͤheren oder geringeren Sold erhielten, kann wohl relchlich viermal ſo ſtark, als die Zahl der eigentlichen Raͤuber ſelbſt angenommen wer⸗ den. Durch dle Aushuͤlfe dieſer ward es der Bande moͤglich, der ernſthafteſten und angeſtreng⸗ teſten Bemuͤhungen der Polizey ohngeachtet ſo lan⸗ ge und in einem ſo großen Umfange thaͤtig zu blei⸗ ben, ohne daß mehr als elne im ganzen genom⸗ men ſehr unbedeutende Anzahl ihrer Glleder auß⸗ gefangen worden waͤre. Sonderbar iſt es und verdient daher eigends angefuͤhrt zu werden, daß grade die ſchlauſten und muthigſten dieſer Raͤuber am meiſten und leichte⸗ ſten der Polizey in die Haͤnde fielen; eln Umſtand, der ſich daraus erklaͤren laͤßt, daß grade dieſe Vor⸗ zuge von Muth und Liſt, deren ſie ſich zu gut be⸗ wußt waren, denſelben eine uͤbertriebene Kuͤhn⸗ heit und ein unbegreifliches Selbſtvertrauen eigen machten, welche, indem ſie hierdurch die noͤthige Vorſicht außer Acht ließen, dieſelben in die Händt der ſie verfolgenden Pollzey jagten. Eiln bey der 243 Raubverbruͤderung gelelſtet, verband Picklers Konſorten zum feſten Beyſtande in allgemeiner Noth, zu einem— nicht immer thaͤtig geleiſteten — Gehorſam gegen den Anfuͤhrer der Bande, und durch ihn verſprachen ſie, einander in keinem Fal⸗ le zu verrathen. So ſehr auch faſt alle dieſe Men⸗ ſchen unter das geringſte Geſindel gehoͤrten, ſo feſt hielten doch alle, deren ſich die Polizey be⸗ maͤchtigte, dieſen letztern Theil des Verſprechens, und keiner der Eingefangenen verrieth die uͤbrigen, obgleich bey dem offentlichen Verhore Bayers Schinderhanns ſelbſt in dem Audienzſaale des peinlichen Gerichts zugegen war, und dem Ver⸗ hafteten grade zur Seite ſtand, eine Kuͤhnheit, die allerdings ohne Grenzen iſt. Schlnderhanns ſelbſi, der ſo oft ſeinen Kameraden vorpredigte, daß ein ſolcher Verrath den Verhafteten nichts helfen und ihm die Strafe der Geſetze nicht erleichtern konne, waͤhrend er den uͤbrigen ſo ſehr ſchade, macht hiervon eine Ausnahme, indem er bey dem ge⸗ ſchloſſenen Verhoͤre, welches dermal zu Mainz uͤber ihn gehalten wird, ſeinen Richtern alle ſeine Genoſſen, ſelbſt jene, welche auch nur in entfern⸗ terer Beziehung mit der Bande geſtanden, anglebt, die dann, dieſer Angabe ſich nicht verſehend, ohne Muͤhe und Umſchweif gefangen genommen werden. Die Bande war nie ganz und nur ſelten in gro⸗ ßerer Anzahl verſammelt. Ihre Glieder waren in dem großen Landſtreiche, der den Schauplatz ihrer Handlungen war, zerſtreut und beſchraͤnkten ſich ————— 249 dagegen auch genau auf dieſen, gleich als ob ſie ſich ſelbſt eine geographiſche Grenze geſteckt haͤtten. Mit jener Bande, welche weniger zahlreich im Elſaß bis in die Schweiz faſt zu gleicher Zeit ihr Weſen trieb, und mit jener, die in den Jahren 1800. und 180r. in einigen Gegenden Deutſch⸗ lands geſpuͤrt wurden, ſtand dieſelbe in gar kei⸗ nem Zuſammenhange. Mit letzterer, die faſt ganz aus Deſerteurs der deutſchen Armeen und einigen wenigen verdorbenen Handwerkern der Gegend, wovon ihr vorzuglich Schloſſer wegen ihren Hand⸗ werkskenntniſſen willkommen waren, beſtand, die ein ehmaliger Offizier, wegen Luͤderlichkeit und Schurkereyen von ſeinem Regimente weggejagt, in einen ſchnell voruͤbergehenden Zuſammenhang ge⸗ bracht, und eine kraftvolle Polizey der Reichskret⸗ ſe ſehr ſchnell bis auf die geringſte Spur vertilgt hatte, hat ſie verſchiedentlich einige Mitglieder ge⸗ wechſelt, vorzuͤglich zu der Zeit, als die franzdſi⸗ ſchen und hollaͤndiſchen Truppen in das Innere von Deutſchland vorgedrungen waren, die einhei⸗ miſchen Truypen ſich aus denſelben znruͤckgezogen hatten, und durch dieſe Vorfaͤlle des Kriegs alle vaterlaͤndiſche Polizey gelaͤhmt war. Dieſer Zerſtreuung und der großen Ausdeh⸗ nung ihres Wirkungskreiſes ohngeachtet, ſtanden die Glieder gleichwohl mit einander in engem Zu⸗ ſammenhange, und die Hekonomie des Ganzen verlot dadurch nichts an Kraft und Stetigkeit⸗ Die Kette der Kommunikation war in dem gan⸗ 250 * zen Zeitraume des gemeinſchaftlichen Wirkens nle unterbrochen, und der ungebildete, aber geſunde Verſtand des Schinderhanns ſchopfte aus ſich ſelbſt ohne Unterricht und Beyſpiel die zuſagendſten Mittel zu dem Zwecke gemeinſamer Ordnung und Unterſtuͤtzung. Die Mitglieder der Bande erhiel⸗ ten von ihm ihre Richtung, Vorſchriften, Nach⸗ richten, Warnungen und Befehle, waͤhrend man⸗ che derſelben ihn nicht einmal perſonlich kannten. Sein ſchopferiſcher Erfindungsgeiſt hatte eine Menge Zeichen und Signale erfunden, durch wel⸗ che mit erſtaunenswuͤrdiger Genauigkeit die zer⸗ ſtreuten Mitglieder der Bande von allem, was ſie betraf, unterrichtet wurden. Es wuͤrde intereſſant ſeyn, dieſe Zeichenlehre auseinander zu ſetzen, die mit ſo viel Schlauheit entworfen, allen denen, welchen ſie galt, und grade nur dieſen verſtaͤndlich war, und die gewiß die einfachſten und gemein⸗ kenntlichſten Regeln und Grundſaͤtze hatte, da weder der, welcher ſie erfunden, noch jene, fuͤr welche er ſie erfunden hatte, verwickeltere Begriffe auseinader zu ſetzen faͤhig waren. Unbedeuten⸗ de Zuckungen der Geſichtsmuskeln, eine gleichgul⸗ tig ſcheinende Lage der Hand verſtaͤndigte haͤufig die in Geſellſchaft uneingeweihten vermiſchten Verbuͤndeten von den wichtigſten Planen; ein ge⸗ brochener Baumaſt, hingeſtreute Aehren und Blät⸗ ter unterrichteten die Abweſenden von der Rich⸗ tung und der Beſtimmung, die ihnen bezeichnet war, und zeigten nach ihrer Verſchiedenheit von 25r den Plaͤtzen, wo Vicklers Genoſſen Waffen und Raubgeraͤthe verborgen hatten. Unbedeutende Kleinigkeiten, oft blos hingeſtreute Lumpen, und Blechſtuͤcke, Schiefer, Riſſe in Baumrinden, an Scheidewegen hingeworfne Kohlen waren eben ſo vlel beſtimmende Werkzeuge in dem Regiſter dieſer Zeichenkunde. Wie mancher Argloſe ging nicht an dieſen Signalen unbekuͤmmert voruͤber, die ihm ſelbſt nahen Raub und Mord ſignaliſirten! Bey der Aufmerkſamkeit, welche die Verbun⸗ deten, ſobald ſie einen Plan zur Reiſe gebracht hatten, auf den Gegenſtand deſſelben widmeten, konnte niemand ſo leicht hoffen, derſelben zu ent⸗ gehen. Mehrere, welche Spuren eines gegen ſie gemachten Anſchlages erhalten hatten, vereitelten dieſen zwar durch obrigkeitliche Huͤlfe, aber ſie verſchoben deſſen Ausfuͤhrung nur, die immer noch ſpaͤter erfolgte, wenn die Bande es ſich gelegener fand. Von den melſten der Maasregelu, welche die Polizey gegen die Verbuͤndeten nahm, waren die⸗ ſelben jedesmal unterrichtet, und daher kam die erſtaunliche Schwierigkeit, ſie zu vertilgen und ſich ihrer zu bemaͤchtigen. Einige Munizipalitats⸗ glieder ſtanden mit derſelben in der Art von Ver⸗ bindung, daß ſie von denſelben Paͤſſe gegen gute Bezahlung erhlelten, die bey dem unſteten Leben der Bande derſelben unentbehrlich waren. M den Haͤſchern und mehreren Mitglieder der Gens a52 — d'armerle hatten ſich gleichfalls einige in Verbln⸗ dung geſetzt. Die allgemeinen Jagden, die man gegen die⸗ ſelben machte, waren daher meiſt ohne Erfolg, und haͤufig trieben Vickler und ſeine Konſorten noch ihren Spott damit. Bey den genauen Ver⸗ bindungen, welche dieſelben uͤberall hatten, ward es ihnen nicht ſchwer, in den Haͤuſern der mit ihnen Einverſtandnen mit voller Gemaͤchlichkeit die Beendigung des gegen ſie angeſtellten Strelf⸗ zugs abzuwarten. Schinderhanns ſelbſt machte ſich einigemal das Vergnuͤgen, einem ſolchen Streifzuge ſelbſt beyzuwohnen, und ſich ſelbſt ſu⸗ chen zu helfen, woraus er zugleich noch den Vortheil ſchoͤpfte, daß er die hierbey gemachten Anordnun⸗ gen kennen und uͤberſehen lernte, und hierdurch in den Stand geſetzt ward, ſich beſſer gegen die⸗ ſelben vorſehen zu koͤnnen. Haͤufig neckte er die Polizey dadurch, daß er durch ſeine Auhaͤnger die Nachricht verbrelten ließ, als befaͤnde er ſich eben mit dem groͤßten Theile ſeiner Bande in ei⸗ ner Gegend, von der er grade zwanzig bis dreißig Meilen weit entfernt war. Durch dieſe Liſt wen⸗ dete er die allgemeine Aufmerkſamkeit nach jener Gegend hin, und ermuͤdete die Aufficht der Poli⸗ zey, waͤhrend dem er hierdurch es ſich erleichterte, in jenen Gegenden, in denen er ſich wirklich be⸗ fand, und wo ihn niemand vermuthete, ſein Handwerk treiben zu koͤnnen. 233 Die gewoͤhnliche Art dergleichen Geſindels, ſich in abgelegenen Muͤhlen, Hoͤfen und einzeln von den Ortſchaften entfernt ſtehenden Gebaͤuden anzuſiedeln, deren Bewohner wegen dleſer Ent⸗ fernung von aller Huͤlfe zum Einverſtaͤndniſſe mit dieſen Banden ihrer eignen Sicherheit wegen ge⸗ noͤthiget werden, war Vicklern zu verbraucht und zu allgemein. Seine Konſorten, wovon ohnehin der groͤßte Theil anſaͤſſige Leute waren, gegen welche niemand Verdacht hatte, wohnten ſelbſt mitten in volkreichen Doͤrfern und Staͤdten, ihre Haͤuſer und Wohnungen waren jederzeit ein ofnes Aſyl fuͤr alle Verbuͤndete, und waͤhrend die Poli⸗ zey, die dieſe Bande fuͤr gewoͤhnliche Strauchdle⸗ be anſah, die verborgnen Schlupfwinkel und ent⸗ legnen Hoͤfe und Muͤhlen durchſuchte, lebten jene gemaͤchlich und richtig mitten unter guten Staats⸗ buͤrgern, und ſpotteten uͤber die Kurzſichtigkeit ei⸗ ner Polizey, die, indem ſie ſie mit Verachtung als Diebe des gewoͤhnlichen Schlags behandelte, ihnen ihre Geſchaͤfte ſo ſehr erleichterte. Die Mannigfaltigkeit in Plan und Ausfuͤh⸗ rung, deren ſich die Bande befleißigte, trug gleich⸗ falls viel dazu bey, die Beendigung ihres Unwe⸗ ſens der Poltzey zu erſchweren. Die faͤhigern Mitglieder der Bande zeigten einen ſteten Wechſel in Kleldung und Geſchaͤften. Bald als wandern⸗ de Handwerkspurſche, bald als Landkraͤmer, die ihre Waaren anboten, bald als Roß⸗uud Vieh⸗ yaͤnbiet dhſreſften ſie alle Orte, verſchafften N 254 ſich Eigang in alle Haͤuſer, lernten den Vermö⸗ gensſtand ihrer Einwohner und die Verhaͤltniſſe ihrer Wohnungen kennen, beriefen dann mit Bli⸗ tzesſchuelle ihre Konſorten zuſammen, und ver⸗ ſchwanden mit dem Raube, den ſie ſich auserſe⸗ hen hatten, in eine andere Gegend, nach welcher zu reiſen, der Wechſel ihrer Kleidung und ihres Anſtands und die Paͤſſe, welche ſie bey ſich fuhr⸗ ten, ihnen leicht machten. Jede Art von Dlebſtahl war ihnen zur Fer⸗ tigkeit geworden. Doch zog Schinderhanns und der groͤßte Theil ſeiner Gefaͤhrten den ofnen Raub vor, bey welchem ſie Muth und Liſt zugleich ent⸗ wickeln konnten. Hier wurden nach erſpaͤhter ſchicklichſten Gelegenheit die Haͤuſer erbrochen, haͤnfig mit außerordentlicher Staͤrke und Liſt gan⸗ ze Gefache der Gebaͤude eingeriſſen, vermummte Raͤuber ſtuͤrmten bewaffnet in das Haus, zuͤnde⸗ ten an einer Blendlaterne eine Menge kleiner Wachslichter an, dle ſie an die Waͤnde anklebten, ſchroͤckten die Bewohner aus dem Schlafe, feſſel⸗ ten dieſelbe, indem ſie mit einfachem duͤnnem Bindfaden die Daumen ihrer auf den Ruͤcken zu⸗ fammengehaltnen Haͤnde zuſammen banden, war⸗ fen ſie unter mannigfaltigen Mißhandlungen in ein Zimmer zuſammen, in welchem einige von ihnen ſie bewachten und mit geſpanntem Hahn dem, der einen Laut ausſtoßen wuͤrde, das Ge⸗ hirn zu zerſchmettern drohten, waͤhrend die uͤbri⸗ gen das Haus durchſuchten, Schloſſer, Verſchlaͤ⸗ ge und Kuͤſten erbrachen, und alles, was ihnen anſtand, mit ſich fortnahmen. Einige andere hielten indeſſen vor dem Hauſe in verſchlednen Richtungen, Wache, oder machten,— wie dies einigemal geſchah— einen fuͤrchterlichen Laͤrm durch Abfeurung ihrer Gewehre, um die uͤbrigen Nachbarn und Einwohner von aller Huͤlfleiſtung abzuſchroͤcken.— Ueberhaupt hatte Schinderhanns allen dergleichen Expeditionen einen militatriſchen Zuſchnitt gegeben, er ſelbſt hatte den Plan durch⸗ dacht und eutworfen, theilte die Rollen aus, fuͤhrte die Wachen auf, lenkte das Ganze und befand ſich immer an der Spitze des Angriffs, waͤhrend die uͤbrigen die ihnen auferlegte Rolle mit militairiſcher Puͤncklichkeit und Genauigkeit ausfuͤhrten; und einzig hierdurch ward der Ban⸗ de der jedesmalige gluckliche Erfolg zu Theil, der uͤberall ihre Bemuͤhungen kronte. Die ſogenannte Jeruſalems Korreſpondenz war keiner der minder eintraͤglichſten Gewerb⸗ zweige fuͤr die Bande. Ein meiſt ſehr ſchlecht ſti⸗ liſirter Brief befahl demjenigen, der zum Tribut auserſehen war, an einen gewiſſen beſtimmten Ort innerhalb einer genau vorgeſchriebenen Zeit eine feſtgeſetzte Summe Geldes zu liefern. Im Saͤumungsfalle ward mit Brand und Morde ge⸗ droht, die dann auch richtig vollſtreckt wurden, wenn der Aufgefoderte der Foderung nicht genüg⸗ te. Bey dieſer Puͤnktlichkeit in Ausfuͤhrung der Drohungen zogen die Verbuͤndeten betraͤchtliche 276 Summen. Man rechnet bls achtzehn Braͤnde, welche auf dieſe Art von Schinderhanns Gefaͤhrten angelegt worden. Im Jahre 180r. ward ei⸗ ner von denen, die ſich dieſem Zweige der Indu⸗ ſtrle vorzuͤglich gewidmet hatten, von dem Krimi⸗ nalgerichte des Donnersbergs zum Tode verur⸗ theilt. Seinem Eyde getreu verrieth er auch nicht einen einzigen ſeiner Gehuͤlfen, ſondern blieb bis an ſein Ende dabey, daß er alles allein eingeleitet und ausgefuͤhrt habe. Nur eine einzige Aeußerung entfiel ihm vor ſeinen Richtern im Verlaufe des Prozeſſe; die Aeußerung, daß, wenn er ja auch andere in ſeinen Prozeß verwickeln wollte, dies ihm doch nichts helfen koͤnne, und er wuͤrde es daher doppelt bedauern moͤſſen, ungluͤckliche Wittwen und Waiſen gemacht zu haben. Eine andre, noch boshaftere Spitzbubenſpeku⸗ lation, die vorzuglich dieſer letztre gleichfalls uͤbte, beſtand in dem Kinderraube. Die ſchuldloſen Lieb⸗ linge reicher Eltern wurden von den Gaunern ent⸗ fuͤhrt, und die weinenden Beraubten durch Briefe unterrichtet, daß ſie gegen eine feſitgeſetzte an ei⸗ nen beſtimmten Platz hinterlegte Summe ihre Kin⸗ der zuruͤckerhalten koͤnnten, im entgegengeſetzten Falle ward mit dem Tode der armen Kleinen ge⸗ droht, deren zerſtuͤckelte Glieder den Eltern zuruͤck⸗ geſchickt werden ſollten. Auch dies war eine rei⸗ che Fundgrube fuͤr die Bande; die Drohung des Mords ward indeſſen an keinem Kinde vollzogen, weil— Schinderhanns erklaͤrte, daß er denjeni⸗ 237 gen, der Hand an ein ſo unſchuldiges Geſchdpf legen werde, ohne Schonung nlederſchießen werde. Ueberhaupt hat Schinderhanns, der es tref⸗ lich verſtand, ſeine zuͤgelloſen, vollig moralloſen Ge⸗ fährten, meiſt Menſchen ohne alle Kultur und ohne Eingeweide zu zuͤglen, eine Menge Morde und gro⸗ ßere Schandthaten verhuͤtet. Er hatte ſein und ſeiner Konſorten Verhalten in elne Art von Sy⸗ ſtem gebracht, auf das er mit Feſtigkeit hielt, und der erſte Grundſatz deſſelben war es, immer die we⸗ niger gewaltſamen Mittel zum Zwecke anzuwenden, und ſo wenig zu ſchaden, als es die Ausfuͤhrung des feſtgeſetzten Planes erlaube. Dieſen Grund⸗ ſatz, der zuverlaͤſſig bey ihm blos aus einem guten Herzen floß, ward ſeinen weniger guten Ka⸗ meradeu durch die Vorſtellung, daß dies Betra⸗ gen ihre Strafen mildere, und ſie weniger verhaßt mache, und durch die vollſtaͤndigſte Ausfuͤhrung der Folgen, welche beſonders der letztere Umſtand auf ſie ſaͤmtliche und ihr Gewerbe haben wuͤrde, von ihm eingeſchaͤrft und zur unverbruͤchlichen Ver⸗ haltungsregel gemacht. Es war ein Ausfluß dieſes Grundſatzes, daß die Bande vorzuͤglich den Reichen Krieg erklaͤrt hatte. Sie waren es, deren Ueberfluß zu decimiren Schinderhanns Beruf zu haben glaubte; von d n Spieß. 2 Th. 258 Spionen der Bande umlagert und in allen ihren Handlungen belauſcht, entging nur ſelten eine be⸗ deutendere Summe, die ſie eben eingenommen hatten, den Blicken und der Habſucht der Bande. Vickler machte in Ruͤckſicht ihrer den ſonderbaren Unterſchied unter jenen, die es durch Erbſchaft ge⸗ worden, und jenen, welche ſich ſelbſt Vermoͤgen erworben hatten, und ſo wenig delikat er auch ge⸗ gen die Reichen uͤberhaupt war, ſo behandelte er doch noch immer die erſitern ſchonender als die letztern, weil in ihm der Glaube feſt geworden war, daß ohne Wucher nlemand relch werden konne, und daß es nicht ſuͤndlich ſey, ihren Erwerb denſelben auf eine Art abzunehmen, die nach ſeinen Begriſſen nicht viel anſtoͤßiger war, als jene, durch welchen ſie ſich denſelben verſchafft hatten. Gegen Juden, Kauf⸗ leute und vorzuͤglich die Vieh⸗und Kornhaͤndler kannte er keine Schonung. Von dem Gelde, das er dieſer von ihm ſo ſehr gehaßten Menſchenklaſſe abnahm, that er manches Gute Er bemuͤhte ſich mit dem anhaltendſten Eifer, ſo oft er ſich in dem Beſitze einer betraͤcht⸗ lichen Summe ſah, Famillen zu finden, die ohne ihr Verſchulden ungluͤcklich geworden waren. An dieſe theilte er dann freygebig— oft betraͤchtliche Summen aus, entzog ſich großmuͤthig und uner⸗ kannt ihrem Danke, und weinte oft im ſanfteſten Erguſſe ſeines Herzens Thraͤnen der Freude uͤber eine gute Handlung, die er eben vollbracht hatter 250 Ohne dieſen ſchonen Zug ſeines Herzens wuͤrde Schinderhanns ſich Schaͤtze geſammelt haben; aber er beſaß nicht viel mehr als ein Bettler, da er gefangen genommen ward. Vorzuͤglich wa⸗ ren verarmte und durch den Krleg ungluͤcklich ge⸗ wordene Bauernfamilien der Gegenſtand ſeiner Wohlthaͤtigkeit. Oft erhielt der arme Nachbar ei⸗ nes eben ausgepluͤnderten Pallaſtes Vicklers gan⸗ zen reichen Antheil an der gemachten Beute. Kein ſelbſtbegangner Mord druͤckt ſeln Gewiſ⸗ ſen. Die mehrfach begangenen Morde kommen ſaͤmtlich auf Rechnung ſeiner Raubgenoſſen, und wurden von dieſen unmittelbar ausgefuͤhrt. Sein grenzenloſer Haß gegen Juden und franzoſiſche Beamten fuͤhrte bey der Bande als Grundſatz ein, daß keinem von dieſen beyden Menſchenklaſſen Par⸗ don gegeben werden duͤrfe. Keiner derſelben durf⸗ te daher auch, wenn er Vicklers Genoſſen in die Haͤnde flel, auf Schonung hoffen. Selbſt wan⸗ dernde Betteljuden waren von dieſer Strenge nicht ausgenommen, die ſogar auch einigemal denen, die erſt Aemter in der Republick zu erhalten ſuchten, todtlich ward, denn Schinderhanns war der Mey⸗ nung, daß dieſe vorzuglich gefaͤhrlich waͤren, w wie er ſagte,„ſie erſt noch beſonders viel freſ muͤßten, ehe ſie fett wuͤrden.“ Aber nie leg unmittelbar ſelbſt Hand an die Opfer, ſeln ſt Wegſchleichen war in dieſem Falle eine Art 260 Befehl fuͤr ſeine Genoſſen, dieſelben abzuſchlach⸗ ten. Entwendungen gemeiner Art, bey denen er weder Liſt noch Tapferkeit entwickeln konnte, liebte er nicht; er hielt ſie gewiſſermaaſen unter ſeiner Wuͤrde, uud entſchloß ſich nur dann zu denſelben, wenn Bedurfniß und Noth ihn dazu zwang. Von der ihm elgnen Tapferkeit hat er außeror⸗ dentliche Proben gegeben. Sein ungeſtuͤmer, durch Grundſaͤtze und Er⸗ ziehung nicht gebildeter Karakter riß ihn zu man⸗ chen Exzeſſen hin. Die Waͤrme, mit der er ſich an allen fremden Leiden beanthelligte, hat manche ſonderbare, bisweilen grauſame Erfolge veranlaßt. So ließ er einſt einen Saͤufer, der ſein Vermd⸗ gen durchgejagt, Weib und Kinder ungluͤcklich ge⸗ macht, und eines derſelben gelaͤhmt hatte, bis zum Tode pruͤgeln, und als dieſer wirklich nach einigen Tagen ſtarb, ſchickte er der Wittwe eine Summe Geldes, die nicht viel geringer war, als das Ver⸗ moͤgen, das ihr luderlicher Ehemann durchgejagt hatte, und raubte einem Muͤller, der im Streite einem Bauern, dem Vater von vier Kindern, den Arm zerſchlagen hatte, vierhundert Thaler, die er ſogleich dem Verwundeten als eine Entſchaͤdigung zuſtellen ließ. Haͤufig verhuͤtete Schinderhanns Unheil, das von ſeineu Kameraden beabſichtet war. Haͤufig gegen alle Angriffe Vicklers, und wer ſein Herz in 261 diente er ſelbſt Leuten zur Sauvegarde, und ſicher⸗ te ſie gegen die gewiſſe Beraubung ſeiner in der Gegend verbreiteten Bande. Ein armes Dienſt⸗ maͤdchen, das weinend in dem Wirthshauſe, in dem eben Schinderhanns zugegen war, erzaͤhlte, daß es vierzig Gulden, den ſauern Erwerb mehre⸗ rer Dienſtjahre, bey ſich trage, und von der Ban⸗ de des Schinderhannes, die ſich ſeit ein paar Ta⸗ gen in dieſer Gegend verſpuͤren laſſen, beraubt zu werden fuͤrchte, begleitete er ſelbſt durch eine Stre⸗ cke von anderthalb Meilen, verließ daſſelbe nicht eher, bis er es in Sicherheit wußte, und entließ dann ſolches mit der Aeußerung, daß Schinder⸗ hanns nicht ganz ſo ſchlecht und grauſam ſey, als ihn die Leute machten, daß er ihr ſo eben einen Be⸗ 3 weis hiervon gegeben habe, da er ſie bis hieher be⸗ gleitet habe, und daß er ihr gerne noch ein Geſchenk zum Andenken geben wuͤrde, wenn ſie nur einen Tag ſpaͤter gekommen,„denn jetzt, ſagte er, in⸗ dem er ſeine Taſchen umkehrte, bin ich weit aͤr⸗ mer als du;“ ein Umſtand, der dem Herzen die⸗ ſes beruͤchtigten Raͤubers gewiß ſehr das Wort ſpricht. Armuth war uberhaupt ein ſicherer Schutzbrief Anſpruch nahm, der hatte ſoleicht nichts von ihm zu fuͤrchten. Einem Ladendiener des Kaufm L. aus Zweybruͤcken, dem ſeine Bande tauſe Reichsthaler genommen hatte, ließ er dieſe Summe ſogleich wieder zuſtellen, als dieſer ihm vrſullu⸗ 262 daß er dies Beld ſelnem Herrn wleder erſetzen, und dann mit Weib und Kindern betteln gehen muͤßte, und einem Bauern, dem der Erldoͤs aus ſeinen Och⸗ ſen geraubt worden war, die er zur Bezahlung el⸗ ner dringenden Schuld verkauft hatte, mußte dies Geld augenblicklich zuruͤckgegeben werden, Schin⸗ derhanns legte demſelben noch zwey Karolin bey, da dieſe dem Bauern an der Schuld, auf welche er gedraͤngt war, noch fehlten, und gab demjenl⸗ gen von ſelnen Kameraden, der denſelben beraubt hatte, in der erſten Aufwallung ſeines Zornes noch obendrein ein paar derbe Maulſchellen, we⸗ gen ſeinem, wie er ſagte,„unverantwortlichen“ Geize. So gluͤcklich kamen freylich nur wenige weg, und da, wo Schinderhanns nicht ſelbſt zugegen war, uͤbten ſeine Raubgenoſſen alle Schandthaten der verderbteſten Menſchen. Nur ſeine Gegenwart konnte dieſe Elenden zuͤglen, und ſie wurden in dem Maaſe unmoraliſcher als ſie ſich von ſeinen Blicken entfernten. Im Jahre 1 goo ſchien ſich die Laufbahu der Bande ſchlieſſen zu wollen. Immer mehr verſtaͤrk⸗ te ſich die Mannſchaft derſelben, und immer kuͤh⸗ ner und unbeſonnener wurden ihre Handlungen, waͤhrend in eben dem Maaſe wachſamer und thaͤ⸗ tiger die Polizey ward. Wie aus einem langen Schlafe ſchien ſie zu erwachen, als im Herbſte des beſagten Jahres einer der Verbuͤndeten ſelbſt die Anzeige machte, daß die ganze Bande in der 263 Gegend von Kreuznach zuſammengedrängt ſey. Die aus der ganzen Gegend zuſammengezogene Gensd'armerie und die im ganzen Umkreiſe aufge⸗ botenen Bauern, die man ſeit einiger Zeit als flie⸗ gende Garden, zu organiſiren angefangen hatte, umſtellten nach einem ſehr gut angeordneten Pla⸗ ne die Gegend und die Jagd auf den beruͤhmten Schinderhanns begann. Wirklich kam derſelbe auch bey dem eine Meile unterhalb Kreuzuach an dem Nohefluß liegenden Orte Bretzenheim ſehr ins Gedraͤnge. Zum Gluͤcke für ihn waren es nur neun Gensd'armes, welche auf ihn und noch vier ſeiner Kameraden ſtießen. Mit unglaublicher Tapferkeit und Liſt wehrten ſich dieſelben gegen die ſie draͤu⸗ genden uͤberlegene Zahl, mit der ſie ein heftiges Gewehrfeuer wechſelten, und entzogen ſich durch die anſtoßenden Gaͤrten und Weinberge, wohin ihre Verfolger ihnen zu Pferde nicht folgen konnten, der ſo nahe drohenden Gefahr. Durch die ihnen genau bekannten Schlupfwinkel und Seitenwege entkamen ſie dem Streifzuge, und langten gluͤcklich im Sohn⸗ walde an, wohin niemand ſie verfolgte, niemand ſie verfolgen konnte. Der Streifzug hatte indeſſen doch die Folge. daß die Bande ſo ſehr auseinander geſprengt und erſchreckt ward, daß ſie ſich in der Folge nie wieder ganz ſammelte. Elner von derſelben, der, von den Bauern umrungen, ſich lange vertheidigte, ward bey dieſer Gelegenheit erſchoſſen, und Carl Be Vicklers Liebling, gefangen genommen. 264 Mit dieſer Gefangennehmung war der Streif⸗ zug eigentlich erdfnet worden. Ganz den Grund⸗ ſatzen und Vorſchriften der Bande zuwider und der ausdruͤcklichen Warnung Vicklers ohngeachtet, hielt ſich Beyer bereits mehrere Tage auf einem Hofe in der Gegend von Stromberg auf, wo eine der Toͤchter des Hauſes ſeine Gellebte war. Dem allgemeinen Grundſatze der Polizey zufolge war der Streifzug vorzuͤglich gegen die von den Ort⸗ ſchaften entlegnen Wohnungen gerlchtet, und der Hof, in welchem Beyer ſich aufhielt, war einer der erſten Orte, die durchſucht wurden. Die Strei⸗ ſerey fing Nachts um zwey Uhr an, und bereits um drey Uhr war Beyers Aufenthalt von den Streifern umſtellt, deren Aufuͤhrer eingelaſſen zu werden verlangte. Der Eigenthumer, der Beyern Verbindlichkeit ſchuldig war, und von ihm betraͤcht⸗ liche Summen erhalten hatte, vielleicht auch ſelbſt zu der Bande als ein untergeordnetes Mitglled ge⸗ hoͤrte, weigerte ſich die Thuͤre zu dfnen. Dle Strelfenden ſtießen daher dieſelbe ein, und befan⸗ den ſich bereits vor der Thuͤre des Zimmers, in welchem Beyer ſich befand, ehe dieſer, der Muth und Gegenwart des Gelſtes verloren hatte, et⸗ was zu ſeiner Rettung gethan hatte. In dieſem Fritiſchen Momente fand Beyers Gellebte noch ei⸗ nen Ausweg, den einzigen, der noch moglich war, und ouf welchem derſelbe auch wirklich beynahe ge⸗ ete worden waͤre. Aus der Stube, in welcher ſch Beyer befand, ging durch den obern Boden 26 ches im Winter die Waͤrme der untern Stube ſich der obern mittheilte. Auf den Schultern ſelner Geliebten ſtieg Beyer durch dleſe Defnung in die obere Stube, wo er ſich in den dort ſtehenden ein ſchmales Loch in den obern Stock, durch wel⸗ Mehlkaſten im Mehl verbergen ſollte, bis das Streifkommando abgezogen waͤre. Als nun die Streifenden von neuem Anſtalten machten, die Stubenthuͤre einzudraͤngen, oͤfnete Beyers Geliebte dleſelbe, und die ganze Familie brach in Vorwuͤrfe gegen den Friedensrichter, der dieſelbe anfuͤhrte, 1 aus, weil dieſer, ohne ihren Verſicherungen zu trauen, mit Gewalt eingedrungen ſey. Gutwil⸗ lig wurden jetzt dieſem alle Winkel des Hauſes geoͤfnet und ſchon bereitete ſich das Kommando zum Abzug, als einer von denſelben es aufallend fand, daß ein friſches Strohlager ſich in der Wohnſtube der Fawilie befand, welches um ſo gewiſſer von einem fremden Beſuche zeige, der ſo eben erſt daſſelbe verlaſſen hatte, als in der Ge⸗ gend bekennt war, daß der Eigenthuͤmer des Wohnhanſes Betten genug fur ſeine Famllie be⸗ ſitze. Da dieſer dieſen Umſtand nicht befriedigend auseinanderſetzte, ſo entſtand ein neuer Verdacht, das ganze Haus ward nochmals durchſucht, und man zog Beyern aus dem Mehle hervor, in 5 ſich derſelbe verſteckt hatte. Die Verhaftung dieſes ſeines Freund ſchmerzte Vicklern tief, er bruͤtete uͤber Plan zu ſeiner Rettung, die aber alle unzulaͤnglich wa⸗ 266 ren, da dieſer ſogleich an das peinliche Gericht nach Kolln abgefuͤhrt und, wie ſich Vickler perſoͤnlich uͤberzeugte, dort ſo gut verwahrt ward, daß ſeine Befreyung unmoglich war. Schinderhanns eilte daher nach dem Sohnwalde zuruͤck, wo er in dem Haufe eines dort wohnenden Kohlers ſich ſeinem Schmerze uͤberließ. Er verſuchte es, die Bande hier um ſich zu verſammlen, um vereint zu Beyers Befreyung alles zu wagen, was Muth, Liſt und Verzweiflung auszufuͤhren im Stande ſind, aber die Glieder der Bande waren zu ſehr verſprengt, und zu furchtſam gemacht worden; es fanden ſich nur wenige bey ihm ein. Hier war es denn auch, wo Schinderhanns ſeine Geliebte fand, die in der Folge manches Abeutheuer und jetzt ſeine Gefangenſchaft mit ihm theilt. Seln Hauswirth war ein armer Köhler, den bald die Freygebigkeit ſeines Gaſts fuͤr denſel⸗ ben elngenommen hatte. Unter ſeiner zahlreichen Familie befand ſich auch eine huͤbſche Tochter, wel⸗ che durch die Gefaͤlligkeiten, die ſie Vicklern erwles, zuerſt deſſen Aufmerkſamkeit und dann deſſen Liebe erhielt. Sie erwiederte dieſe leztre, und bald leb⸗ ten dieſelben mit des Vaters Einverſtaͤndniße als Eheleute, da dieſer, dem Vickler ſich entdeckt hatte, lelcht begriff, daß Vickler jetzt unmoglich ſich die Prauung von einem Geiſtlichen erwirken konnte, und ſich daher deſſen Verſprechen, in der Folge noch dieſe nachholen zu wollen, gnügen ließ. Um⸗ deſto weniger waren die Bruͤber ſeiner Geliebten mit 267 dieſer Verbindung zufrieden, obgleich ſie Vicklern viel zu ſehr fuͤrchteten, um elne laute Aeußerung gegen dieſelbe zu wagen, und hierlun liegt der Grund der lange nachher geſchehenen Verhaftung deſſelben zu Frankfurt, welche wir weiter unten erzaͤhlen werden. Einige Monate lebte hier Vickler vollkommen ruhig und gluͤcklich. Die Nachricht, daß ſein Freund Beyer ehſtens von dem Tribunale zu KolUn abgeurtheilt werden ſollte, riß ihn aus den Armen der Liebe und der Ruhe, in denen er bisher geruhet hatte. Er eilte nach Koͤlln, ohne auf die Vorſtellungen und Thraͤnen ſeiner Geliebten zu achten, um ſeinen Freund zu retten, oder wenig⸗ ſtens doch ihn noch einmal zu ſehen. Nur das. leztere war ihm moͤglich, und er befand ſich waͤh⸗ ½ rend des groͤßten Theils der oͤffentlichen Verhand⸗ lung des Beyeriſchen Prozeſſes in dem Audienz⸗ ſaale des peinlichen Gerichts, wie wir oben ſchon 7 angefuͤhrt haben. Waͤhrend dieſen Verhandlungen, wobey er, wie man ſich leicht denken kann, ſeiner ſehr haͤu⸗ ſig erwaͤhnen hoͤrte, machte einer der Umſtehenden die Bemerkung, daß Schinderhanns, wie man jetzt wiſſe, als Knecht zu Endtenpfuhl im Sohnwalde dienen ſolle. Da die Wohnung ſeines Schwieger⸗ vaters nur anderthalb Meilen von der Forſteret Endtenpfuhl entfernt war, und dieſer als Köhle wirklich von dem dort wohnenden Foͤrſter abhaͤn gig war, ſo fand Vickler, daß ſein bisheriger Auß⸗ 268 enthaltsort ihm jetzt keine Sicherheit mehr gewaͤh⸗ re. Er reiſte daher mit einem Paſſe, den ihm ei⸗ ner ſeiner Kameraden verſchaffte, und worinn er Jacob Schweikard benannt war, uͤber den Rhein, indem er zugleich ſelne Geliebte hiervon benachrich⸗ tigte, und ihr einen Ort bey Frankfurt auwies, wo ſie ihn finden konne. Schinderhanns hatte ſeinem Schwiegervater verſprochen, ſein bisheriges ſchaͤndliches Gewerbe aufzugeben, und, wenigſtens damals noch, ſcheint ihm dies Verſprechen Ernſt geweſen zu ſeyn. Er kaufte in Fankfurt Waaren ein, mit denen er die Dorfmaͤrkte beſuchte. So wenig reichlich der Er⸗ werb auch war, den er ſich hierdurch verſchaffte, ſo hielt er doch mehrere Monate das Verſpre⸗ chen, welches er ſelnem Schwiegervater gethan hoatte. Nach einem faſt ſechsmonatllchen Aufenthalte in Deutſchland trieb ihn die Liebe in den Sohn⸗ wald zuruͤck. Vergebens hatte er bisher ſeine Ge⸗ liebte erwartet; ſie war zweymal uͤber den Rhein gegangen, ihn aufzuſuchen, hatte ihn aber nie fin⸗ den koͤnnen, und war daher jedesmal wieder zu ihrem Vater zuruͤckgekehrt. Vickler, der bisher ruhig in Deutſchland als herumziehender Landkraͤ⸗ mer ſich genaͤhrt hatte, hatte ſich haͤufig gewundert, noch immer von den Raͤubereyen und Mordthaten zu horen, die fortwaͤhrend auf ſeinen Namen ver⸗ uͤbt wurden, er war haͤufig vor ſich ſelbſt gewarnt worden, und hatte oft wahre und falſche Anekdo⸗ er ſich durch ſeine Reiſe nach dem Sohnwalde aus⸗ 269 ten von dem famdoͤſen Schinderhanns in den Dorf⸗ ſchenken den ſtaunenden Bauern ſelbſt erzaͤhlt; er wußte daher recht gut, daß er nichts weniger als ver⸗ geſſen war, und kannte alle die Gefahren, denen ſetzte. Aber heftig in ſeinen Leidenſchaften und kuͤhn in ſeinen Unternehmungen beſiegte die Liebe alle Einwuͤrfe, welche ſein Verſtand ihm machte, 5 und in zwey Tagen reiſte er von Frantfurt in den Sohnwald zuruck. Dort hatte waͤhrend ſeiner Abweſenheit alles eine andere Geſtalt erhalten. Seine Raubgenoſ⸗ ſen hatten ſich gleichfalls dieſe Gegend zu ihrem Aufenthalte auserſehen, die Armuth der dort woh⸗ 13 nenden Koͤhler hatte die meiſten derſelben veran⸗ laßt, an ihren Raͤubereyen Antheil zu nehmen, dies und die Furcht dieſer armen in einzelnliegen⸗ 1 den Huͤtten wohnenden Leute gaben dieſe ganz in die Gewalt der Raͤuber, welche dieſe Verlegen⸗ helt ohne alle Schonung benutzten, und eine Ty⸗ ranney ohne Gleichen uͤber dieſelben ausuͤbten. Schinderhanns erſchien, und ſein altes Anſehen über die Bande war ſogleich hergeſtellt. Ruhe und Frleden kehrten in die Huͤtten des Sohnwal⸗ des zuruck, als er mit gebietender Strenge ſeinen Konſorten Ordnung gebot; die Raͤnbereyen der⸗ ſelben, an welchen Vickler ſich nun auch wieder beantheiligen mußte, brachten einen Ueberfluß i dieſe Wohnungen der Armuth, den derſelben Be wohner vorher nlcht gekannt hatten, und dieſe 270 verehrten mit dankbarem Herzen dafuͤr Vicklern als ihren Wohlthaͤter, fuͤr welchen ſie Gut und Blut aufzuopfern berelt waren. Der Sohnwald und die mit ihm in Verbin⸗ dung ſtehenden Waldungen, die blos durch den Namen von ihm geſondert, bedecken ein unge⸗ heures Terrain. Seine Laͤnge wird auf fuͤnf und ſeine groͤßte Brelte auf zwey Tagreiſen gerechnet. Außer einigen wenigen Doͤrfern finden ſich in die⸗ ſer ungeheuren Holzung nur die Wohnungen der Forſter, einige einzelne Wirthshaͤuſer zum Behufe der Reiſenden, deren nur wenige dieſe Wildniß be⸗ treten, und die Huͤtten der Koͤhler, welche hier wohnen und nur dann die Sitze ihrer Armuth verlaſſen, wenn ſie in die naͤchſten Orte gehen, um die nothigſten Beduͤrfniſſe zu kaufen. Ohne alle Ausbildung wachſen ihre Kinder als Halb⸗ wilde heran. Der Wald, welchen ſie bewohnen, iſt ihre Welt, hier kennen ſie jede Staude und jeden Baum; kaum iſt es ihnen bekannt, daß auch außer dieſen es noch Menſchen gebe. Die rohſten Speiſen ſind ihre Nahrung, Brod, von ſelbſtgebautem Heldekorn erzeugt, oder von den nächſten Ortſchaften, welche hier Holz und Koh⸗ len holen, herbeygeſchafft, iſt ſchon ein Artikel des Lurus. Ihre Lebensart macht ſie ſtumpf, tapfer und rauh. Gegen dieſe Menſchen und dies Terrain kann kaum eine Armee etwas aus⸗ richten. Es war bekannt genug, daß die Bande des Schlnderhannes hier ihren Sitz habe, daß * 277 ſie von hier auszog, um zu rauben, und jedes⸗ mal reich, mit Beute beladen, zuruͤckkehrte, die⸗ ſe in Ruhe zu verzehren. Haͤufige Streifungen und alle Anſtalten, welche die Polizey gegen die⸗ ſelbe vorkehrte, blieben durch die Unterſtuͤtzung der Koͤhler und die Kenntniß des Locales ohne Erfola. Endlich ward die ganze Gegend und alle Gensd'armerie des Departements aufgeboten, dem Unweſen ein Ende zu machen. Da die Ban⸗ de zugleich Gewißheit erhielt, daß unter den Koͤh⸗ lern des Waldes ſelbſt die Polizey ſich Spione erkauft hatte, und daher ihre Sicherheit taͤglich ſchwankender ward, ſo zerſtreute ſie ſich abermal; nur zwey Glieder derſelben, die ſich eben ſo wie Vickler mit Doͤchtern des Sohnwaldes verehlichet hatten, dlieben mit dieſem zuruͤck. Schinderhanns hatte ſich bisher an keinem Raube perſoͤnlich beancheiligt, und war dem Ver⸗ ſprechen getreu geblieben, das er desfalls ſeinem Schwiegervater gethan hatte, der nicht aufhoͤrte, ihn von ſeinem ſchaͤndlichen Wandel abzumahnen. Nur eine einzige Ausnahme hatte er ſich erlaubt, da ihn ſeine blutduͤrſtige Rachſucht gegen dle Ju⸗ den hlnriß, einen derſelben, der unvorſichtig ge⸗ nug ſich in den Sohnwald wagte, berauben und morden zu helfen. Jetzt erneuerte er, von ſelnem Schwiegervater dringend hierzu aufgefodert, ſel⸗ nen Eyd, und verſprach ſogar ſeinen Haß gegen die gehaßten Juden zu beſiegen. Um ſeine kuͤnf⸗ 272 Geld, welches nach und nach als Ausbeute ſeines Raubs ihm durch die Haͤnde gegangen war, hat⸗ te er thells verlebt, großtentheils aber wieder an Duͤrftige verſchenkt, und der ganze Reſt ſeiner Habſchaft beſtand in einem geringen Vorrathe kleiner Waaren, den er, als er uͤber den Rhein zuruͤck ging, zu R.. bey Frankfurt hatte ſtehen laſſen. Mit dieſem wollte er und ſeine Geliebte, mit welcher er ſich bey erſter guͤnſtiger Gelegenheit prieſterlich trauen zu laſſen verſprach, den Hand el als wandernder Kraͤmer fortſetzen, und im Falle dies nicht gehen wollte, dann wollte er ſich unter irgend ein Militatr Deutſchlands anwerben laſſen. Die beyden Kameraden, welche bey ihm im Sohn⸗ walde zuruͤckgeblieben waren, aͤußerten— ob⸗ gleich viellelcht mit wenigerem Ernſte— gleichen Vorſatz, und nach einigen Tagen zogen dieſelben, ſämtlich von ihren Welbern begleitet⸗ uͤber den Rhein. 3wey Tage vor ihrer Abreiſe waͤren dieſelben beynahe der franzoſiſchen Juſtiz in die Haͤnde ge⸗ fallen, und eben das beſchleunigte ihre Reiſe uͤber den Rhein, da ſie hierdurch vollſtandig uͤberzeugt wurden, daß kelne Sicherheit in den jenſeitigen Gegenden, ſelbſt im verborgenen unwirthſchaft⸗ lichen Sohnwalde mehr fuͤr ſie ſey. Unter den Bruͤdern der Geliebten des Schinderhanns war der Dritte ein gallichter, jachzorniger Junge, der Vicklern mit bitterm, unverſoͤhnlichem Haſſe haß⸗ de, Seitdem Schinderhanns nicht mehr der ge⸗ füͤrchtete Raͤuberhauptmann war, der ͤber etn Kei⸗ nes Heer furchtbarer Menſchen gebot, hatte der⸗ ſelbe dieſen Haß, den er ſonſt muͤhſam unterdruck⸗ 6 te, bey jeder Gelegenhelt offen geaͤußert. Es war zn zu mancherley unartigen Auftritten zwiſchen ihm 13 und Vicklern gekommen, welche lezterer uͤbrigens 13 nicht ſehr achtete, da er ſelnem Feinde an korper⸗ lichen Kraͤften uberlegen war, und hierdurch ſo⸗ 3 wohl als durch den Beyſtand ſelnes Schwiegerba⸗ ſeh ters, dir immer Vicklers Parthey nahm, denſel⸗ ben im Reſpekt hielt. 3 6 Jett hatte aber dieſer junge Menſch bey ſei⸗ 3 nrer Schweſter uͤber Vicklern die Fuͤlle ſeines Haſ⸗ ſes in einer Fluth von Schimpfworten ergoſſen, in welche er gegen dieſen und ſie ſelbſt ausbrach. D dieſe ihren Geliebten bertheldigte, und Schmä⸗ — . hingen mit Schmaͤhungen vergalt, ſo kam es teruͤber unter beyden zu Schlaͤgen, bey denen na⸗ trlicherweiſe Vicklers Gellebte als der ſchwaͤchere Cheil ſehr den kuͤrzern zog. Ihr Schreyen zog Vicklern herbey, der mit einem ſeiner Kameraden ch in der Naͤhe befand, und beyde pruͤgelten den reitſuͤchtigen tuͤchtig durch. Ergrimmt bis zur But uͤber dieſe Mißhandlung ellte derſelben nach kreuznach, und zeigte dem dortigen Friedenstich er den Aufenthalt des Schinderhanns an. Von m angefuͤhrt erſchienen am andern Morgen die gensd'armen, und nur mit der zußerſten Muh elang es Pickler und ſeinen Kameraden, den Syieß Kriminalgeſch ⁊ Ty⸗ S S a ſelben zu entgehen, und ſich in einem hohlen Bau⸗ me zu verbergen, in welchem ſie zwey Tage lang verborgen blieben, bis Vicklers Schwlegerbater ſie benachrichtigte, daß die Gefahr voruͤber ſey, und die Polizeywache zuruͤckgekehrt wäre.— Der Bru⸗ der der Geliebte des Vicklers, der alle Urſache hatte, ſich nach dieſer mißlungenen Verraͤtherey nicht mehr vor Sinderhanns ſehen zu laſſen, ent⸗ floh mit der Polizeywache und eilte nach Frank⸗ furt, um dort ſich unter die kaiſerlichen Truppen anwerben zu laſſen. Dorthin wanderten nun auch Schinderhanns mit ſeinen Gefahrten und ihren Weibern. Zum unglucke fur dieſe ſtießen ſie in der Gegend von Hochſt auf einige Mainzer Huſaren, welchen ſie auf einem Seitenwege zu entgehen ſuchten. Sie lagerten des Abends auf elner Muͤhle zwey Stur⸗ den von Frankfurt. Waͤren ſie an demſelben Ta ge noch in dieſe Stadt gegangen, ſo waͤre wahn ſcheinlich ihre Verhaftung noch jetzt nicht erfolgt und es gehort unter die augenſcheinlichen Fuͤgun gen des Himmels, daß die Furcht vor den Huſarer ſie von dem graden Wege abbrachte, auf welchen ſie gemaͤchlich noch vor Abend Frankfurt erreich haben wurden. Auf den audern Morgen war vo ner Streifzug beſtmmt, die Muͤhle, in der ſic en Kur⸗ und Oberrheiniſchen Kreiſen ein allgt zchinderhanns befand, ward von einer Strei arthie durchſucht, und die verdaͤchtigen Reiſen den, die keinen Paß aufzeigen konnten, arretirt 273 Schinderhanns, der wohl wußte, daß er es in keinem Falle auf irgend eine Unterſuchung ankom⸗ men laſſen durfte, gab an, daß ſie vom jenſeitigen Rheiuufer heruͤbergereiſet ſeyen, um ſich bey dem kaiſerlichen Werbekommando in Frankfurt anwer⸗ ben zu laſſen, an welches dieſelben ſofort, da ſie blos verdaͤchtig waren, abgeliefert wurden. Als Vickler in das Werbhaus eintrat, fiel ſein erſter Blick auf den entflohenen Bruder ſei⸗ ner Geliebten, der ſich bereits als Rekrut daſelbſt befand. Dieſer hatte nicht ſobald die neuange⸗ kommenen erkannt, als er dem Werbekommando den Fang entdeckte. Schinderhanns ward hierauf mit ſeinen beyden Konſorten gefeſſelt, und dem Magiſtrate uͤbergeben, von welchem ſie nach des⸗ falls mit dem Reglerungskommiſſaire zu Mainz gepflogener Kommunikativn nach Mainz abgelie⸗ fert wurden, wo ſie jetzt von einem hierzu konſti⸗ tuirten Militairgerichte ihr Urtheil erwarten. Vickler iſt ein wohlgebauter, junger Mann von einigen zwanzig Jahren. Seln nervigter Korperbau zeigt von der ihm eignen Stärke. In ſeinem Geſichte widerſpricht eln gewiſſer Zug von Schwermuth der Jovlalitaͤt, die noch uͤberall ſichtbar leſerlich iſt. Er hat nicht das wilde Ausſehen ſeines Standes, und niemand wuͤrde in ihm den beruͤch⸗ tigten Anfuͤhrer der Raͤuber und Morder erken⸗ nen. Die ihm natuͤrliche Gutherzigkeit iſt uber ſein ganzes Weſen verbreltet. Seine Kleidung iſt S 2 276 ſchon und ſogar modern, ſein Anſtand ordentllch, nicht baͤuriſch. Auch im Gefaͤnguiſſe verlaͤßt ihn die ihm eigne Munterkeit nicht; in den Unterre⸗ dungen, die er mit den haͤufig ihn beſuchenden Fremden, unter denen ſich einigemal Perſonen von hohem Range befanden, in Gegenward eines dffentlichen Beamten haͤlt, zeigt er Beſcheidenheit und Verſtand. Exr aͤußert nicht die geringſte Be⸗ ſorgniß wegen der Zukunft, und ergtebt ſich mit Standhaftigkeit und Ruhe der Seele in ſein Schick⸗ ſal. Offen und ohne Umſchweife beantwortet er ſeinen Richtern jede Frage, und erzaͤhlt mit Freymuͤthigkeit ſelnen ganzen Wandel. Mit Recht ſagt er dabey, daß blos das Schickſal und eine Kette von unguͤnſtigen Umſtaͤnden ihn auf die Bahn geworfen habe, auf der er jetzt im Gefuaͤng⸗ niſſe ſtille ſtehe⸗ Der Erbſchleicher. Di M— ſchen Landesgeſetze beſtlmmen in Hin⸗ ſicht des Vermoͤgens, welches ein aus ſeinem Wohnorte abweſender zuruͤck gelaſſen hat, oder welches ihm waͤhrend ſeiner Abweſenheit zugefallen iſt, daß ſolches unter obrigkeitlicher Aufſicht vor⸗ mundſchaftlich verwaltet, im fuͤnf und zwanzigſten Jahre der Abweſenheit aber auf der Erben Anſte⸗ hen der Abweſende offentlich vorgeladen werde. Wenn derſelbe alsdann nicht erſchelnt, dann uͤber⸗ kommen deſſen Erben das Vermoͤgen gegen eine zu ſtellende Kaution, und muͤſſen zwar, wenn der Abweſende innerhalb der naͤchſt darauf folgenden fuͤnf und zwanzig Jahre zuruckkehrt, demſelben ſol⸗ ches wieder ausliefern, die Nutzungen und Fruͤch⸗ te aber, welche ſie in dieſer Zwiſchenzeit von dem⸗ ſelben gezogen, werden demſelben nicht zuruͤckge⸗ geben, ſondern blelben den Erben. Erſt im funf⸗ zigſten Jahre der Abweſenheit wird der Verſchol⸗ lene fuͤr wirklich todt gehalten, und dann erſt 278 geht das volle Eigenthum ſeines Ruͤcklaſſes an die Erben deſſelben uͤber, welche bis dahin daſſelbe nur unzinslich beſitzen. Im Jahre 1764. reiſten Michel Pultar und Johann Hof aus ihrem Geburtsorte R.. weg. Sie waren ein paar fluchtige Jungen von ſechs⸗ zehn bis achtzehn Johren, ihre Eltern waren Schiffleute geweſen, und ſie ſelbſt in dieſem Stande aufgezogen worden. Vor ein paar Wo⸗ chen hatten beyde ihre Vaͤter an einer in der Ge⸗ gend herrſchenden anſteckenden Krankheit verloren, und da ſie von denſelben ein betraͤchtliches Vermd⸗ gen geerbt hatten, das nun unter die ſtrenge Ver⸗ waltung von ein paar geizigen Vormuͤndern kam, ſo ward ihnen ihr Geburtsort und die Gegend zu enge, und da ſie ſich nebſt dem noch fuͤrchteten, in dem damaligen Kriege als Soldaten gezogen zu werden, ſo entfernten ſie ſich heimlich und ſchiff⸗ ten rheinabwaͤrts nach Amſterdam. Von dort aus ſchrieben ſie nach einigen Wochen ihren Ver⸗ wandten und Vormuͤndern, meldeten ihnen ihren Aufenthalt, und daß ſie Sinnes waͤren, ihr Gluͤck auf dem Meere zu verſuchen und als Matroſen auf einem Schiffe der oſtindiſchen Kompagnle⸗ Schiffe Dienſte genommen haͤtten, mit welchem ſie ehſtens nach Batavia abſegeln wuͤrden. Es vergingen nun mehrere Jahre, ehe man in R. einige Nachricht von den beyden Avan⸗ 279 turiers erhielt. Nach etwa zehen Jahren ſchrieb Pultar; er hatte ſich in Batavia niedergelaſſen, wo er durch eine Heurath mit einer Kreolinn ei⸗ ne Art von Gluͤck gemacht hatte, und berichtete jetzt ſeinem Bruder zu R.. ſelne Vechaͤltniſſe, dem er zugleich einige Geſchenke fuͤr ihn und ſeine uͤbrigen Geſchwiſter ſchickte. In dieſem Schrei⸗ ben bezog ſich Pultar auf vorherige Briefe, wel⸗ che er nach Hauſe geſchrieben, die aber ſeine Ver⸗ wandten nie empfangen hatten. Er ſchrieb in der Folge noch verſchiedenemal und endlich blieben Briefe und Nachrichten von ihm ganz aus. Von Hof hoͤrte man in R.. gar nichts. Es hatte ſich zwar einſt die Nachricht verbreitet, er waͤre von dem Schiffe, mit welchem er nach Bata⸗ via fahren wollte, ins Waſſer gefallen und ertrun⸗ ken, aber niemand konnte uͤber dieſe Sage Ge⸗ wißheit verſchaffen, noch den Grund derſelben an⸗ geben; es blieb alſo bloſe Sage. Auch Pul⸗ tar hatte einſt geſchrieben,„daß er wohl fuͤr immer in Batavla bleiben werde, ſo wenig es ihm auch dort gefiele, und ſo ſehr er ſich nach ſeinem Vaterlande zuruͤckſehne, weil die Strapa⸗ zen einer Seereiſe, und vorzuͤglich der un⸗ gluͤckliche Fall ſeines Freundes Hof ins Waſſer ihm eine ungeheure, nie mehr zu beſiegende Furcht vor dieſem Elemente eingejagt habe.“ Dies ſchien nun allerdings jene erſtere Nachricht zu beſtaͤtigen, welche ein bettelnder Ma⸗ 280 troſe in Umlauf gebracht haben ſollte, aber es war damit wenigſtens noch kein gerichtlich hinlaͤng⸗ licher Beweis gewonnen, um deſſen zuruͤckgelaſſe⸗ ne Erbſchaft in Empfang nehmen zu konnen. abweſend war, und daher die Erben deſſelben ſein Vermdgen nach den Landesgeſetzen gegen Kaution zur Nutznieſung haͤtren erhalten konnen, ſaͤumten ſie gleichwohl immer noch, bey den Gerichten Als Hof ſchon uͤber funf und zwanzig Jahre ² hierum anzuſtehen, weil ſie durch Pultarn mit leichter Muͤhe einen Todesſchein zu erhalten hof⸗ ten. Es war ihnen laͤſtig, Kautien zu ſtellen und gleichwohl auch nach deren Stellung uͤber den ſtaͤndigen Beſitz der Erbſchaft nicht verſichert zu ſeyn, einige derſelben waren uberdem nicht einmal im Stande, die erfoderliche Sicherheit aufzubringen, und keiner von ihnen kannte die Entfernung von Batavia, die Schwierigkeiten des Briefwechſels dahin und die Beſchwerlichkeit, die es fur Pul⸗ tarn haben mußte, den Todesſchein eines Men⸗ ſchen zu erhalten, von dem man nicht einmal wußte, ob derſelbe und wo er ertrunken ſey. Auf das Schreiben, welches die Hofiſchen Erben an ultarn desfalls erließen, erfolgte keine Antwort; umten nicht, von Zeit zu Zeit neue an den⸗ en zu erlaſſen, welche glelchfalls ohne Ant⸗ rt blieben, und ſo verſtrichen noch fuͤnf Jahre, daß die Erben irgend einen Genuß des Ver⸗ gens des Abweſenden, wohl aber manche Ko⸗ ————————— 291 ſten fuͤr das Porto ihrer unzweckmaͤßigen Brief⸗ ſchreiberey hatten. Das Vermoͤgen des Abwe⸗ ſenden, daß bey ſeiner Abweſenheit in ohngefaͤhr acht tauſend Gulden beſtanden hatte, ward noch immer vormundſchaftlich verwaltet, und war be⸗ reits uͤber ſechzehn tauſend Gulden angewachſen. Da die Erben des abweſenden Johann Hof nie von Pultarn auf ihre vielfaͤltigen Briefe Ant⸗ wort erhielten, ſo brach ihnen doch endlich die Geduld, und ſie fanden, daß es doch beſſer ſey, die Nutzungen des Vermogens ſelbſt zu ziehen, als ſolche zu der Maſſe anwachſen zu laſſen, welche doch immer mancherley Zufaͤllen unterworfen war. Sie bereiteten ſich daher eben vor, ihre Anſpruͤche desfalls eheſtens bey den Gerichten geltend zu ma⸗ chen, als mit einemmale ihre ganze Hofnung un⸗ terbrochen ward. Es ruckte naͤmlich im Jahre 1705, ein kalſer⸗ liches Kavallerieregiment, das zuvor einige Zeit weiter abwaͤrts am Rheine gelegen hatte, in die Gegend von R. und eine Abthellung deſſelben erhielt ſeine Quartlere in dieſem Orte ſelbſt ange⸗ wieſen. Gleich am zweyten Tage nach der Ane kunft dieſes Regiments bekam indeſſen daſſelbe ge⸗ gen alles Vermuthen den Befehl, noch am naͤm⸗ lichen Tage aufzubrechen, und gegen den Feit vorzuruͤcken. Ein Kuraſſter dieſes Regiments fi unbermuthet kurz vor dem Abmarſche ſelnem Win⸗ 282 the, Ignaz Hof, um den Hals, liebkoſte ihn wei⸗ nend und gab ſich fur ſeinen ſo lange ſchon abwe⸗ ſenden Bruder Johann an. Ignaz fand ſich bald durch die Thraͤnen und Llebkoſungen deſſelben uͤberzeugt, und eilte die Famille zuſammenzuru⸗ fen. Zum Unglucke war von derſelben grade nie⸗ mand im Dorfe anweſend, als eine Schweſter, welche ſich eben ſo leicht uberzeugte, daß der ge⸗ genwaͤrtige Soldat ihr ſo lange vermißter Bruder ſey. Beyde erboten ſich ſogleich, zu dem Obriſten des Regiments zu gehen, und den Abſchied ihres Bruders zu erwirken, er moͤge auch koſten, was er wolle, welches dagegen dieſer auf das dringend⸗ ſte verbat. Er habe, ſagte er, nach vielem uͤber⸗ ſtandnem Unglucke vor drey Jahren bey einem In⸗ fanterieregimente Dienſte genommen, ſey, weil er im Rauſche ſich gegen ſelnen Offizier aufgelehnt, gezwungen geweſen, von dieſem Regimente zu de⸗ ſertiren, um dem Tode, der auf dieſen Subordi⸗ nationsfehler unausbleiblich folge, zu entgehen; und habe dann bey dieſem Kavallerieregimente un⸗ ter einem fremden Namen Dlenſte genommen. Dle Verwendung der Hofiſchen Geſchwiſter um ven Abſchied wuͤrde ihn verrathen, und einem gewiſſen Tode zufuͤhren. Sie moͤchten alſo, bat er ſie, mit ihrer Verwendung einhalten, er wol⸗ le ſchon ſehen, wie er von ſelnem Regimente loskomme, und bitte ſeine Geſchwiſter um„ nichts, als um etwa Geld. Es wurden daher in der Eile einige Louisdor's fur denſelben auf⸗ 1 7.— gebracht, tauſend Segungswuͤnſche begleiteten den Abzlehenden, der wenige Minuten darauf mit ſeinem Regimente abmanſchirte. Einige Monate nachher, als die Armee nach der beruͤhmten Erſtuͤrmung der Mainzer Linien die Winterquartiere bezog, erſchien bey den Hofi⸗ ſchen Geſchwiſtern zu R. ein Brief, Johann Hof unterſchrieben, deſſen Schreiber ſie flehentlich bat, ihm etwas Geld zu ſeiner Unterſtützung zu ſchicken. Die redlichen, gutmuͤthigen Leute ſchoſ⸗ ſen ſogleich ſechs Loulsdor's zuſammen, welche ſie einem Einwohner eines benachbarten Staͤdtchens, der eben nach Frankfurt reiſte, ohnfern welcher Stadt Hofs Regiment lag, zur Beſorgung an denſelben uͤbergaben. So blieb es nun einige Jahre ruhlg; die Ho⸗ fiſchen Geſchwiſter hoͤrten nichts mehr von ihrem Bruder, ſie glaubten, derſelbe ſey in einer der vielen Aktionen, an denen dieſer menſchenfreſſen⸗ de Krleg ſo reich war, geblieben, und bedauerten denſelben herzlich; eben ſo ſehr aber ſchmerzte es ſie, daß ſie nun noch weniger als zuvor im Stande waren, deſſen zuruͤckgelaſſenes Vermoͤgen zu erhaln ten, weil derſelbe jetzt nicht mehr als verſchollem angeſehen werden konnte, da er eben erſt ſich ge⸗ meldet hatte, und noch weniger deſſen Todesſchein nach geſetzlicher Erforderniß beygebracht werden 284 konnte, weil er ſich einen andern Namen beyge⸗ legt hatte. Im Jahre 1799. erſchien indeſſen derſelbe wieder. Er war von den kaiſerlichen Truppen deſertirt und hatte bey einem vaterlaͤndiſchen Re⸗ gimente Dienſte genommen, bey welchem er nun abermal einen andern Namen angenommen hatte. Dies entſchuldigte er damit, weil die M— ſchen Lande mit dem Oeſtreichiſchen Hauſe Kartel hat⸗ ten, und alſo von beyderſelts keine Soldaten, welche einem oder dem andern entlaufen ſind, in . Militairdienſte aufgenommen werden durften, ſon⸗ dern vielmehr lediglich ausgellefert werden muß⸗ ten. Er war mit ſelner Kompagnie in R... wieder einquartirt, und eines ſeiner erſten Ge⸗ ſchaͤfte war, ſich den Hofiſchen Verwandten dar⸗ zuſtellen, Dle ganze Familie verſammlete ſich und bewillkommte herzlich den Ankoͤmmling. Dieſer erzaͤhlte eine Menge der ſonderbarſten Abentheuer, welche er beſtanden, wie er an eine Schwarze ver⸗ heurathet geweſen und ein betraͤchtliches Vermo⸗ gen geſammelt habe, aber um beydes gekommen ſey, weil eine ungeheure Schlange ſeine Frau auf⸗ gefreſſen und deren Verwandte ihm ſein Vermogen wieder genommen haͤtten, und ſchloß damit, daß er jetzt ſeinen Abſchied ſuchen und ſich im Preuſſi⸗ ſchen ſeßhaft machen wolle, weil er auf den dorti⸗ gen Seidenfabriken am lelchteſten Arbeit ſinden —— 287 konne, denn er habe bey ſeinem Aufenthalte in Indlen das Seidenwirken erlernt⸗ Der Erzaͤhler ließ ſich wenig auf die Famlllen⸗ und drtlichen Verhaͤltniſſe ein, doch kannte er die Maͤnner aller Glleder der Famille, und daß er ſie nicht gleich von Lngeſicht erkannte, daran war wohl die Laͤnge der Zeit, welche mauche weſent⸗ tiche Veraͤnderungen bey denſelben hervorgebracht hatte, die Urſache. Auch er hatte ſich nach dem Zeugniſſe aller ſo ſehr veraͤndert, das er ihnen durchaus unkenntlſch geworden war. Gleichwohl zweifelte keiner derſelben, daß er wirklich der ſo lange abweſende Johann Hof ſey, ſo manche Bloͤſen er auch gab, wenn von Familienverhaͤltniſſen die Rede kam, welches er mit einem Mangel am Ge⸗ dächtniſſe entſchuldigte, das ein Sonnenſtich im heißen Klima Afiens ihm geſchwaͤcht habe. Selbſt die alte jetzt achtzigjaͤhrige Mutter, welche nach der Abreiſe dleſes Sohns nochmals geheurathet hatte und nun zum zweytenmale Wittwe geworden war, ward endlich uͤberzeugt, daß der gegenwaͤrtige Soldat wirklich ihr ſo lange abweſender Sohn Jo hann ſey, obgleich ſie am laͤngſten gezwelfelt hatte, weil ihr derſelbe zu jung ſchien, da ihr abweſen⸗ der Sohn jetzt ſchon einige und funfzig Jahre alt ſeyn mußte, und der gegenwaͤrtige mit demſelben. gar kelne Aehnlichkelt in der Geſtalt hatte, deren ſie ſich noch recht gut erinnerte, 286 So war es an dem, daß derſelbe jetzt ſchon auf ſeine taglich wiederholten Foderungen das bis⸗ her vormundſchaftlich verwaltete Vermoͤgen aus⸗ gellefert erhielt. Der Vormund nahm jedoch An⸗ . ſtand, ſolches fur ſich allein und ohne obrigkeitliche Erlaubniß auszuliefern. Er befragte ſich daher bey dem Beamten und erhielt von dieſem die Weiſung, dem Soldaten bey Strafe eignen Erſatzes keinen Heller eher von dieſem Vermoͤgen zu uͤberliefern, 6 bis dieſer ſich zuvor bey der Obrigkeit gehorig le⸗ gitimirt haben werde. Dieſem wollte zwar dieſer Befehl anfangs nicht behagen, doch erklärte er, daß er ſolchen ſehr vorſichtig und rechtlich finde und daß er ſich ſogleich legitimiren und um den Em⸗ pfang ſeines Vermdoͤgens melden werde. Dies unterließ er jedoch und da kurz darauf vas Regiment die Gegend verließ, ſo ging auch dlesmal wieder ſeine Foderung ohne Erfolg vor⸗ über. Ernſtlicher wiederholte derſelbe jedoch ſolche im folgenden Jahre. Während des langen Waf⸗ fenſtillſtandes kam er in Urlaub nach R... Er foderte jetzt ſein Vermoͤgen bey dem Amte, und da alle Hofiſche Geſchwiſter und Verwandte ihn fuͤr ihren Bruder Johann gerichtlich anerkannten, ſo nahm der Beamte keinen Anſtand, ihm daſſelbe ausliefern zu laſſen. Das Vermdoͤgen beſtand in Gutern, ausgeliehenen Kapitalien und nur weni⸗ em vorraͤthigen baaren Golde, weil das eingehen⸗ de baare Geld gleich wieder als verzinsliches 287 Kapital von der Vormundſchaft angelegt zu wer⸗ den pflegte. Er fing damit an, die Kapitalien aufzukuͤndigen und die Guͤter zum Verkaufe auszu⸗ bieten. Zugleich ſuchte er um ſeinen Abſchied vom Regiemente an, der ihm nicht wohl verſagt werden konnte, weil er die Adminiſtration ſeines betraͤcht⸗ lichen Vermdgens nun ſelbſt uͤbernommen hatte, und jetzt vorgab, daß er ſich im Lande ſeßhaft ma⸗ chen wollte. Er erhielt daher ſogleich von ſeinem Hauptmanne eine Verlaͤngerung ſeines Urlaubs auf unbeſtimmte Zeit und die Verſicherung, daß ſein Abſchied ehſtens erfolgen werde. Waͤhrend der Zeit, als er denſelben erwartete, fuhr er einſt mit zweyen ſeiner Bruͤder in eine be⸗ nachbarte Stadt, wohin dieſe ihre Frucht zum Verkaufe zu bringen pflegten. Da dieſe Stadt an der preuſſiſchen Grenze lag, ſo ward ſolche haͤu⸗ fig von preuſſiſchen Offizleren beſucht, welche zu ihrem Vergnuͤgen aus der Nachbarſchaft dahin heroͤber zu kommen pflegten. Auch jetzt waren meh⸗ rere derſelben und unter dieſen der Huſarenrittmel⸗ ſter von B.. hereingeritten, welcher ſich von zwey Huſaren begleiten laſſen, die unſerm Erbneh⸗ mer auf der Straße begegneten.„Was T.. Wol⸗ fer, in welcher Uniform ſteckſt du?“ redeten die⸗ ſelben ihn an, nachdem ſie ihn eine Weile betrach⸗ tet hatten.— Dieſer laͤugnete, die Huſaren zu kennen, welche dagegen ihrerſeits behaupteten, ihn recht gut zu kennen, er heiße Ernſt Wolfer, ſey 285 aus Berlin gebuͤrtig, und vor acht Jahren von ih⸗ rem Regimente, bey welchem er zwolf Jahre ge⸗ dient habe, deſertirt. Es that unſerm Avanturier Noth, ſich von denſelben loszumachen und zu ent⸗ 3 kommen. Dies half ihm indeſſen nicht viel, denn nach ſechs Tagen erſchlen ein Korporal mit drey Mann von dem Regimente, bey welchem er jetzt diente, in R.. nnd fuͤhrten ihn gefangen zu dem Regimente. Es war naͤmlich bey dieſem ein preuſ⸗ ſiſcher Huſarenofſizier angekommen, welcher ihn 3 als Deſerteur zuruͤckfoderte, und da die M. Truppen auch mit den preuſſiſchen Kartel hatten, ſo mußte auf dieſe Requiſition unſer Held abge⸗ holt und die Sache unterſucht werden. — Dieſer ſtak jetzt furchterlich in der Klemme. Zwar konnte man nicht viel dagegen haben, daß er, wie er berelts eingeſtanden hatte, ſich einen falſchen Namen gegeben hatte, aber er ward nun befragt, warum er dies gethan habe. Die Ur⸗ ſſche, welche er gegen die Hofiſchen Geſchwiſter des⸗ falls angegeben hatte, konnte er hier nicht ange⸗ hen, weil er ſonſt, ſobald er ſich als einen Kaiſer⸗ lichen Deſerteur angab, vermoge des beſtehenden Kartels an die Kaiſerlichen ausgeliefert werden muß⸗ te. Schon bey dieſer Frage blieb er daher im Ver⸗ yore ſtecken. Er verſuchte zwar, ſich durch elnige Lugen heraus zu helfen; dieſe geriethen ihm aber po ſchlecht, daß er ſogleich der Unwahrhelt dieſer Angaben uberzeugt ward, Da er nun die Faſſung 289 vollends verlor, ſo ward er ſehr leicht uberzeugt, daß er wirklich unter dem preuſſiſchen Huſarenregi⸗ mente gedient habe und von demſelben deſertirt ſey. Er geſtand jetzt, daß er Johann Wolfer heiße, eines Haͤfners Sohn und aus Berlin gebuͤrtig ſey⸗ daß er, als er von den preuſſiſchen Huſaren deſer⸗ tirt, unter den Kaiſerlichen Truppen Dlenſte ge⸗ nommen, und mit dieſen zuerſt in das Ort R.. gekommen ſey, wo er von ſeiner Schlafſtelle aus die Unterredung der Hofiſchen Erben wegen der Erbſchaft ihres abweſenden Bruders mit angehoͤrt habe, und dadurch zu der Spekulation veranlaßt worden ſey, welche er ſo gluͤcklich ausgefuͤhrt hatte. Er hatte von dieſer Zelt an ſich bemuͤht, die no⸗ thigen Familienkenntniſſe zu erhalten, und ſich mit den PVerhaͤltniſſen des Abweſenden bekannt zu ma⸗ chen, zu welchem Zwecke er bey andern Einwoh⸗ nern des Orts ſich anf eine ſchickliche Art genau erkundiget hatte, und nachdem er ſich zugleich noch äberzeugt hatte, daß keiner der Hofiſchen Verwand⸗ ten den abweſenden, wenn er auch ſelbſt wieder zuruͤckkommen wuͤrde, erkennen wuͤrde, ſo nahm er ſich vor, die Rolle deſſelben zu ſpielen. Er hatte anfaͤnglich nur die Abſicht, von den Ver⸗ wandten elniges Geld zu erhalten, und es fiel ihm nicht ein, ſich der ganzen Erbſchaft des Abweſen⸗ den bemeiſtern zu wollen, als ihm aber dieſes uber Spieß. Kriminalgeſch. 2 Th. ——————— unter vormundſchaftliche Verwaltung geſtellt. 290 alle Erwartung gelang, ſo nahm er ſich vor, dieſe Gelegenheit ſo gut zu benutzen als möglich, und vie Sache ſo weit zu treiben, als es geben wollte. Sein Plan war, die Erbſchaft zu verſilbern, die Kapitalien einzutreiben und dann mit denſelben nach Ungarn zu wandern, wo er unter einem frem⸗ den Namen die Fruͤchte ſeiner Spekulation ruhig und ſicher genießen zu konnen hoffte⸗ Bey dieſer Unterſuchung fand ſich zugleich, daß Wolfer jenes Geld, welches die Hofiſchen Erben ihm einige Jahre zuvor, als er noch unter den Kai⸗ ſerlichen Truppen ſtand, geſchickt hatten, nicht erhalten, und daß der Bothe, der ihm ſolches uber⸗ liefern ſollte,— ein Spekulant andrer Art,— ihm hierinn zuvorgekommen war, und ſolches fuͤr ſich unterſchlagen hatte. Mit der Erbſchaft ſelbſt war er, ſeitdem er ſolche ausgeliefert erhalten, ſehr wirthſchaftlich um⸗ gegangen, und es fehlten an derſelben im ganzen kaum ſechszig Gulden, welche er immittelſt zu ſelnen Beduͤrfniſſen verwendet hatte. Wolfer ward nun an die Preuſſiſchen Trup⸗ pen ausgeliefert, von denen er wegen ſeiner De⸗ ſertion und der jetzt mißlungenen Spekulation Pruͤ⸗ gel genug erhlelt.— Die Erbſchaft ward wieder * Kurz nach dieſem Vorgange erſchten auch wie⸗ der Michel Pultar in R..„ Er kehrte ſo arm 1 zuruͤck, als er weggegangen war. Mancherley Un⸗ gluͤcksfalle hatten ihm ſeinen Erwerb in Batavia wleder entriſſen und ſein Gluͤck zernichtet, Krank⸗ heiten ſein Weib und Kinder weggeraft; es war ihm kaum ſo viel uͤbrig geblieben, um nach Europa zuruͤckzukehren, und in ſeinem Geburtsorte R... bey ſeinem dort zuruͤckgelaſſenen Vermdͤgen das Gluͤck zu ſuchen, welches er in einem fremden Welt⸗ theile vergebens zu finden ſich bemuͤhet hatte.— Er bezeugte nicht nur, daß Johann Hof gleich auf der erſten Reiſe nach Batavia vo Schiffe in das Meer gefallen und ertrunken ſey, ſondern gab auch deſſen Verwandten die Wege an, welche ſie einzu⸗ * ſchlagen hätten, um aus Amſterdam desfalls einen legalen Todesſchein zu erhalten, welchen ſie auch ohne viele Weiterungen erhielten, und wodurch ſie endlich den unwiderruflichen Beſitz der Erbſchaft gerichtlich erhielten. Ende des zweiten Theils, — 6— — * 6 S— 2 OS g16 oeqe