————— ihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednurd Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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(Ritter Oswald ſizt' mit in einnnder golite nen Armen tiefſnnig in der Eke eiies athothi⸗ ſchen Sgals. Ritter Haus kritt wet) Ritter Hans, Danſen gehts wieder bünt äber Eke St jagen einander herum, iſe die Kazen im Mär tage! Des Abts Knechte ziehen jer den Küt zern, das will mir nicht behahen, druin vir) ließ ich die Warte Kann's nicht aſeben, weliũ der Schwachere alzeit unterdrkt, und noch obonß drein das edle Kriegshandwerk“ zu Word uis Raͤuberei erniedrigt wird. R Oswald. Was kümmert's nich Nur ſie haben's zu verantwotten. 2 Hans. Die Schufte ſollen aber richt und Handſchlag brechen. Hat Riebekfätt dem atmen Abte nicht alles vergeben Fake ihm nicht in ultichs Gotkeshauſe ewigen Fiben gelobt? Und jezt nekt er ihn, wo er eiß uis kann! Nitmt ihm eben die Butſen weß, Feſchs der Abt zu ſeines Kloſters Unkerhalt vom Rheib vertreiben lteß! Iſt' das⸗ titetmanniſch i delt Ride Antwovte R. Oswald. Ich bin nicht ſein Ritter! R. Hans. Wahr! Aber des Abts Beſchuͤ⸗ zer koͤnnteſt und ſollteſt du von Rechtswegen ſeyn. Erſt werden vie Schnapphaͤhne— weiß Gott, ſie verdienen vieſen Namen— die Abtei zerſtoͤren, und dann dich gewiß auch nicht ungenekt laſſen! Ich will dich einmal dran erinnern, wenn ſie deine Veſte ſtuͤrmen werden, aber dann wird's leider zu ſpaͤt ſeyn! R. Oswald. Sollen kommen, wenn's ih⸗ nen beliebt! Werden ſtets ihren Mann, und ſo Gott will, ihren Meiſter an mir finden. Ich ſuche keine Haͤndel, dieß iſt einmal mein Grund⸗ ſaz, dem ich bisher zu Frommen meiner innern Ruhe treu nachgelebt habe. Menſchenblut iſt ein koſtbares Gut! Man darfs nicht vergieſſen wie Waſſer! Es fließt nicht ſtromweis, wie dieſes, es quillt nur in Tropfen, und jeder ungerecht vergoßne Tropfen wird einmal dort in unſerer Suͤndenſchaale mit gewogen. R. Hans. Nun ſo wird einſt des Rieder⸗ forts ſeine Suͤndenſchaale ſo tief ſinken, daß er ſchnur ſtraks zur Hoͤlle faͤhrt!— Doch haͤlt dein Grundſaz, meiner ſchlichten Meinung nach, nicht allemal die Probe aus. Man ſoll, wie du denn vollkommen recht haſt, nicht ohne Noth Men⸗ ſchenblut vergieſſen, ſolls vielmehr nach aͤchter Ritterpflicht aus allen Kraͤften zu verhindern ſuchen, und daher iſts deine vor Gott beeidete — — L Schuldigkeit, dich des unterdruͤkten Abts anzu⸗ nehmen, damit des Haders und des Blutver⸗ gieſſens einmal ein Ende werde. 5 R. Oswald. Sieh! Sieh! Ritter Hans wird ordentlich warm, und predigt nicht uͤbel! Wenns dir einmal bei mir nicht mehr behagt, ſo kannſt du kuͤhn auf eine Pfruͤnde im Kloſter Anſpruch machen. Du haſt ſie redlich verdient! R. Pans. Spotte meiner nicht, Kamerad, ich verdiene dieß nicht! Kann's auch nicht ver— tragen! Und Hader mit mir wird dir als dem großten Friedensſchuͤzer wahrlich nicht angenehm ſeyn. R. Oswald. Haſt recht!'s wuͤrde mir ſchwer aufs Herz fallen, wenn ich mit dir uͤber eine unbeſonnene Rede rechten ſollte. Verzeih mir, und ſei, was du bisher ſo redlich warſt, mein treuer Freund! Sieh, du haſt recht! dein Grundſaz bleibt wahr, und eben deßwegen ſuche ich ihn laͤcherlich zu machen, weil ich ihn nicht umſtoſſen kann. Auch wuͤrde ich mich des Abts ſchon laͤngſt angenommen haben, wenn Rieder⸗ fort nicht ſein Gegner wäre. R. Hans. Iſt dir dieſer ſo furchtbar? Oder haſt du urſache, ihn zu ſchonen? Ihn, der dich einſt ſo herzangreifend kraͤnkte! dir dein großtes Gluk auf Erden, deine Mathilde raubte, ſie—— F. Oswald. Pfui, des war unddel däs war ſtraks wider unſern Vertrag. Haſt du unit mir nicht hoch und thener gelobt, ihren Nainen nie mehr in meiner Gegenwart zu vennen? R. Hans. Ich hab's, und wuͤrde mein Gelubde treu halten, wenn mich nicht die drin⸗ gende Noth zum Pruche zwaͤnge⸗ Ich muß dein Arzt ſeyn, und, um deine Sch lafſucht zu heilen⸗ mich auch äzenderer Rittel bedi enet. R. Sswald. Dann erſehl 5 du. deine ganzt Kur, und wandelſt die halb vetachſne W in einen offnen Krebsſchaden uni, den nienn mehr heilen kann. Bedeike, Fr daß 1 ein Weib habe das ſich liebevoll und truglos in meine Arme warf, meine ganze Gtgentiebe for⸗ vert, und mich hitdert, ſe meht an“M athilden zu denken. R. Hans. Auch ſoll dein Herz nicht Liebe zu Mathilden, ſondern Rache uͤber den Bund⸗ brchige nheiſchen, der den Landfrieden ſtört, und dich einſt ſo ungeſtraft bel eidigte, deine Mathilde mit Gewalt zu ſeinem Weibe wachte. S 3 in jahrelangen Kummer veifenkte. Oswald.(heftig.) Rittes! Bundbrü 3 wahrlich, du ſollſt mich nicht ſo unge⸗ ſtraft, wie er, beleidigen!(geßt ſehnel auf und ab) Freund!(Hanſens Hand ergreifend) theurer, geprufter Freund! habe Mitleiden mit mir Sei barmherzig, gedenke ihrer nicht mehr! Ddu haſt — 12 ʒenligr Sturnn in meiner Bruſt erregt! Fůhle⸗ wie's tobt.—— R. Hans. 6egt ſeine Hand an Dewulds drh ð hämert gewaltig! Sollte es moͤglich ſeyn—— R. Oswald. Ja, ja, leider iſt es moͤg⸗ lich! Ich habe Mathilden noch nicht vergeſſen, mein Herz haͤngt noch tren an ihr; ich liebe ſie heftig und zaͤrtlich; ich werde ſie ewig lieben! Fuͤhle jezt ganz das Schrekliche meiner Lage Fuͤhls, und hadre dann noch mit mir, wenn du kannſt. Ich habe ein Weib, die Liebe von mir heiſcht, die ſie ganz verdient, und ich— 3 — O Freund! o Verraͤther! du haſt mir ein Bekenntniß entriſſen, das ich ſo gerne mit. in mein Grab genommen haͤtte! R. Hans. Ich bedaute dich herzlich! und haͤtte ſch nur muthmaſſon können, daß dein Herz noch an Mathilden hienge, ich würde dir willig und gerne dieß traurige Bekenntniß erſpart ha⸗ ben. Aber wie ſollte ich dieß waͤhnen, da din ſo auf einmat, ſö ganz freiwillig dich an Diettichs Tochter hiengſt, ſie herzlich zu lieben ſchienſt, und endlich dieſen Schein durch ſchnelle Heurath mit ihr in den Augen aller deiner Freunde zur Wahr⸗ heit machteſt! R. Oswald. O, es war ein ſchänslicher Betruß meines Herzens! Dies kranke, ſieche Ding forderte Hetlung von mir, und waͤhnte ſie trug⸗ vl in Johannens Bebe zu finden. Auch graubte e — T2 ich Anfangs ſelbſt, daß ich, wenn ſie ſo liebvoll an mir hieng, in ihren Armen Mathilden ver⸗ geſſen wuͤrde: aber ich bin ſchaͤndlich hintergan⸗ gen und betrogen worden, fuͤhle nun zu lebhaft den Unterſchied zwiſchen dieſer und jener. Meine Liebe iſt mit Rieſenſtaͤrke erwacht, und wird mich bis ins Grab foltern! R. Hans. Sei ruhig, Freund! Harre in Geduld! Die Zeit wird deine Wunde heilen. Johanna wird dir bald einen Sohn gebaͤhren, und um des Kindes willen wird dir die Mut⸗ ter theuer werden. R. Oswald. O du truͤgſt dich! Es iſt nicht Mathildens Sohn! O wie ganz anders liebte ſie! Wenn ich von der Jagd ruͤkkehre, eilt Johanna freilich auch meiner Umarmung entgegen, und harrt ſchmachtend des Kuſſes, den mein Mund ihr reicht: aber Mathilde— o wenn ich noch ruͤkdenke an die Zeit, als ihr Vater ſie mir verhieß, als ſie meine Verlobte war!— da, da genoß ich nur Seligkeiten, die ich nie wieder genieſſen werde. Sie huͤpfte, dem jungen Rehe gleich, mir entgegen; ſie kuͤßte mich zehnmal, ehe ich ſie einmal kuͤſſen konnte; ſie trok⸗ nete den Schweiß ſorgſam von meiner Stirne, den die Sile, ſie etwas fruͤher zu ſehen, mir aus⸗ gepreßt hatte; ſie vergalt mir dieſe Eile mit neuen Kuͤſſen. Ihre Blike waren ſchmachtend, und doch heftig und fordernd; ihr Herz klopfte —. dem meinigen entgegen; ihre Haͤnde hielten mich feſt und umſchlungen.—— O! ich darf, ich ſoll mir dieß alles nicht denken, und doch denke ich's jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblik. Sprich ſelbſt, ob ich nun nicht Urſache genug habe, Riederforts Gegenwart zu meiden? Unedle Rache koͤnnte ſich hier leicht ins Spiel miſchen. Haͤtte ich Fehde mit ihm, mein Gefuͤhl wuͤrde mich uͤberraſchen, ich wuͤrde im erſten Gefechte nur ihn ſuchen, ſein treuloſes Herz durchbohren, und Mathilden zur Wittwe machen! R. Hans. Sie wuͤrde dir's danken, denn er begegnet ihr grauſam, behandelt ſie aͤrger als eine Magd. Oft muß ſie, wenn er mit ſeinen Spießgeſellen zecht, ihnen die Nacht durch auf⸗ warten, und oft mit ihren Kindern am Knechten⸗ tiſche ſizen. R. Oswald. Ha! das empoͤrt! das wü⸗ thet! das nagt! du trifſt mein Gefuͤhl. Fehde mit ihm waͤre mir in dieſem Augenblike Wolluſit. Freund! haͤtte ich kein Weib, wäre ich uͤberzengt, daß auch ihr Herz noch an mir hienge, daß ſie mir dieſe That vergeben konnte: noch heute for⸗ derte ich Riederforten, und kämpfte auf Leben und Tod mit ihm. Aber ſo—— Jede Aus⸗ ſicht iſt verſchwunden. O wäre ich noch frei! Ver⸗ maledeiet ſei die Stunde, in der Johanna mein Weib ward! Hätte doch dann noch Hoffnung!— — Darf den Gedanken nicht ausdenten,—— ———— e tegt Mordiuſt und Bo gen Min Weib darinne. R. Hans Hawaid ſii zin Wann Ge dente deiner Pflicht! Weh mir, pt ich ſo 1 ſchuldig den ſchreklichen Sturm inndir ertegte R. Oswald. Laß ihn austhhen er wů⸗ thet ſchon ſeit einem Jahr in meinem Fnhsine vielleicht wirds mir beßer⸗ wenn 4 im Fiein verbranst. 9 Vorigr. Der Shurmwächter. Edler Herr! Ritter Rie⸗ rtfort kaͤmpft ſchon ſeit Sonnenaufgang mit des Abts Knechten. Seine Reiſige ängſtigten dieſe hart, und hieben ſie ohne Barmherzigkeit nieder. Etwan zwanzig an der Zahl flͤchteten ſich jezt in dein Gebiete. Sie werſtekten ſich im gröſſen Kornfelde. Aber Riederfopt achtete Heines Scht. zes nicht. Jagt nun mit ſeinem ganzen Zroßß in dem ſchonen Korne umher, und ſucht die Fluch⸗ tigen auf. Seiner Gaͤule Huf zer tritt, die Ah ren, und das ganze Feld ſieht biner Fenne nicht wnWnih. R. Oswald. Cuid) Hal auch dieß nochi Unerhoͤrter Freveb! Die Knechte ſollen nufſizen. Ich will ihm zeigen, daß man mich nicht unge⸗ Fraft beleidige. Laß fatteln!(Thurmwoͤchter ab.) ——————————. 15 R. Hns. So Fehr ich Vorher zur Fthde rieth, ſo muß ich doch jezt— will ich anders dein Freund ſeyn— zur Mäſſigung rathen. Die Hize des Siegers muß Riederforten ent⸗ ſchuldisen, und verſteht er ſich wilig zum Er⸗ ſaz des Schndens) ſo chaſt du keine guͤltige ſache zur Fehde. R. Oswald. Rein Es iſt beſchloſſen! Ich will— Sch muß— P Doch ja, dein Rath war gut, war edel. meinetwegenz zeige ahm die Graͤnzſaͤulen, dM hoch genus Rehen, um ſeden ins Auge zu reichen. Fardere doppelten Erſaz des Schadens, und lei⸗ ſiet er dieſen, ſp— aneine Fehde mit ihm ein Ende⸗ M R. Huns. Sdhn umatitend) So handelſt du Froß indSel! Dis iuß eininhl vergolten wer⸗ den. Jch Lile deinen Vuftrag zu erfüllen. 2. DOsw ald. Abet Leiſteh mich recht: dop⸗ Lelten Eiſehdes Schaens Nur dieſe rkann mein Schweröt in der Scheipe bihlten. Die ſrengſte Bitigkeit ber Sie muß niei n Rachbart zum Beweiſe dienen, daß ich zwar 5 ünd Frieden liebe, aber bei⸗ des auch nicht ungeſtraft auf meinem Gebiete vitlezen laſte. * Ich muß, ich will unedle Rachfncht äbewi uden. Satle deinen n Gaul, und trabe hinauzu ihm grüß ihn von beißt mich zu dieſer Forderung. 8 1 Aa — 6 R. Hans. Sorge dich nicht. Deine Ruhe iſt mir zwar theuer, aber deine Ehre iſt mir ein noch wichtigeres Kleinod. Ich werde ihm mit Wuͤrde und Anſtand deinen Auftrag vor⸗ tragen, und nicht ein Haar breit von deiner ge⸗ rechten Forderung abweichen,(eilt ab.) Ritter Oswald allein. (Auf und abgehend) Ruhig, ruhig, toben⸗ des Herz, ich mag, ich will deinen thoͤrichten Wunſch nicht hoͤren! Fehde mit ihm waͤre dir freilich angenehm; die Eroberung ſeiner Burg, die Gefangnehmung ſeines Weibes, das Ziel aller deiner Wuͤnſche. Aber es darf, es kann nicht ſeyn.(Pauſe). Alle meine Sinne haben ſich mit meinem Herzen vereinigt; und haͤtte mein gutes Gewiſſen nicht Pflicht, Ehre und Religion zu treuen Waͤchtern erwaͤhlt: ich wuͤrde wahrſchein⸗ lich unterliegen, und ein Sklave ihres Willens werden. O es liegt ſo viel Beruhigung in dem Gedanken: Du handeiſt nach Pflicht und Gottes weiſer Ordnung! Aber ſuͤß muß auch die Selig⸗ keit ſchmeken, die Heißgeliebte ſeinen Armen zu entreiſſen, ſie zu erloͤſen aus ſeiner Tirannei, und mit ihr traulich zu koſen, von vergangnen Freuden, von zukuͤnftigen Ausſichten.(jangſam) Von zukuͤnftigen Ausſichten? Ich Thor! als ob 17 die je noch kommen wuͤrden? kommen koͤnnten? Alles iſt finſter und oͤde, wohin ich blike! Kein Schein der Hoffnung flimmert in der Zukunft; Meines Leidens Ende iſt nur mein Grahb! R. Oswald. Johanna. R. Oswald. Was bringſt du mir, gu⸗ tes Weib? Johanna. Der ungewoͤhnliche Lärm im Burghofe hat mich aufgeſchrekt. Ich hoͤre der Roſſe Wiehern und Waffengeklirre.(aͤngſtlich) Was beginnſt du? R. Oswald. Nichts, was dich beunru⸗ higen koͤnnte. Der wilde Niederfort hat im Kampfe mit des Abts Knechten mein großes Kornfeld ganz verwuͤſtet. Ritter Hans fordert eben in meinem Ramen von ihm Erſaz, leiſtet er ihn, ſo werden die Roſſe bald wieder auf die Weide eilen, und die Waffen ferner in der Ruͤſt⸗ kammer der Vernichtung entgegen raſten. leiſtet? R. Oswald. Dann— o wie kannſt du nur ſo fragen? Du wuaͤrſt nicht wuͤrdig mein Weib zu ſeyn, wenn du dann nicht ſelbſt den Harniſch mir umſchnalteſt, nicht ſelbſt das bloſſe Sp. kl. Erz. 28 Bdch. B Johanna. Wenn er aber nicht Erſaz 3 3 † 15 2 28— Schwerdt mir beim Abſchiedskuſſe freudig in die Hand druͤkteſi. Johanna. Ich wuͤrde beides willig und gerne thun, wuͤrde mit meinem innigſten Ge⸗ bete dich begleiten, und durch deſſen Erhoͤrung dich geſund wieder zu umarmen hoffen, wenn nicht—— Cſie ſtokt, und ſucht ihre Thraͤnen zu verbergen.) R. Oswald. Dein Betragen iſt ſehr ge⸗ heimnisvoll! Darf dein Gatte die Urſache nicht wiſſen?—— Johanna. Wollte ich wie du handeln, ſo wuͤrde ich ſie in meinem Innerſten ver⸗ bergen! R. Oswald. Wenn habe ich je Geheim⸗ niſſe gegen dich gehabt? wenn—— Johanna. Wenn? O Oswald pruͤfe dein Herz, erforſche dein Gewiſſen, und frage mich dann noch einmal! R. Oswald.(ernſthaft) Johanna! mir duͤnkt, du haſt einen Bund mit Riederforten geſchloſſen, willſt durch unverdiente Beleidigung mich, wie er, zur Fehde reizen. Johanna. Wie koͤnnte ein ſchwaches Weib mit dir rechten wollen? Ich fordre nur Aufrich⸗ tigkeit, die du mir freilich nicht gewaͤhren wiliſt. Oswald, o wende dich nicht ſo unwillig von mir, höre erſt, was ich dir zu ſagen habe: Oswald, du liebſt mich nicht, haſt mich nie geliebt! ————————————— ——— —— 1 R. Oswald. Weib! Nur dein Zuſtand be⸗ rechtigt dich, mir dieſe Beleidigung ungeſtraft zu ſagen. Urtheile alſo aus meiner Schonung: Ob ich dich wirklich liebe? Johanna. Nein, du liebſt mich nicht! Sieh, ſtandhaft erwarte ich Strafe, wenn ich Luge geſagt habe. Oswald, du liebſt mich nicht! Du bruͤteſt uͤber Plane, die dein und mein Ungluͤk befoͤrdern. Dein Auge droht mir vergebens. Ich wollte meiner Sache gewiß ſeyn, ehe ich ſprach. Ich bins jezt, und keine Dro⸗ hung ſoll mich abſchreken, dirs nochmals ins Ge⸗ ſicht zu ſagen: Oswald, du haſt mich nie ge⸗ liebt! R. Oswald. Woher nur dieſe kraͤnkende Vermuthung? Woher dieſer Stoff zur marter⸗ vollen Qual? Johanna. Du haſt mich, du haſi mei⸗ nen Vater betrogen! Du haſt mir Liebe geheu⸗ chelt. Ich habe dir getraut, und bin ungluk⸗ lich. Du haſt mich nicht aus Liebe, nicht aus Reigung, ſondern nur aus Rachſucht zu dei⸗ ner Gattin erwaͤhlt. Ich Unſchuldige mußte der Pfeil ſeyn, mit dem du einer andern Herz zu verwunden dachteſit. R. Oswald. Johanna, du raſeſt! Johanna. Mache dieſe Raſerei durch Be⸗ weiſe zum Unſinn, und ich will dir herzlich dan⸗ ken. O Oswald, haͤtteſt du, als du um mich B2 20 buhlteſt, mir dein Geheimnis entdekt, haͤtteſt du mir damals die eiternde Wunde deines Her⸗ zens gezeigt: ich wuͤrde jezt vergeben und ver⸗ geſſen koͤnnen. Aber mich ſo zu hintergehen! Mein Herz, das ſo voll Liebe gegen dich ſchlug, ſo ſchandlich wegzuwerfen! Mich zur Befoͤrderin einer unedlen, unerlaubten Rache zu machen!— Oswald! ſolch eine Begegnung empoͤrt auch ein Taubenherz, und fuͤllt es mit erborgter Galle⸗ R. Oswald. Genug, uͤbergenug all der unverdienten Vorwuͤrfe! Ich fordre Erklärung und Licht in dieſer Dunkelheit. Johanna. Es ſoll dir werden. Aber nimm dich in Acht, daß ſein heller Strahl dein ſtar⸗ rendes Auge nicht blende: Gatte, und bald Va⸗ ter eines ungluͤklichen Kindes, du liebſt nicht dein Weib! Du liebſt Mathilden! Liebſt ſie mit inniger Zaͤrtlichkeit, aus allen deinen Kraͤften, aus voller Seele. Hängſt nur an ihr, träumend und wachend! Und willſt jezt Fehde mit ihrem Manne beginnen; willſi ihn durch eine dreimal ſtaͤrkere Macht baͤndigen und toͤdten, um dann mit der frohen Witwe ungehindert buhlen zu koͤnnen. Nun, Oswald, nun? Wirds helle? Warum rollt dein Auge nicht mehr? Warum ſuchts Schatten unter ſeinen Wimpern? R. Oswald.(im aͤuſſerſten Kampfe mit ſich) Johanna! du handelſt unedel. Iſt dies der Weg zu meinem Herzen? 21 Fohanna. Ich folge nur deinem Bei⸗ ſpiele. Ich vergelte Gleiches mit Gleichem. R. Oswald. Schweig, und entferne dich! Johanna. Dieſer Befehl galt doch auf immer? Denn unverholen ſei dirs, ich kehre zu meinem Vater zuruͤk, und mache Mathilden Plaz. Er ſoll dann dich fragen: Warum du ſeine Tochter ſo muthwillig von dir ſtieſſeſt? Lebe wohl, einſt mein Mann, nun Mathildens Buh⸗ ler! Denke zuweilen an dein unglukliches Weib. Dich bald zu vergeſſen, ſoll meine Sorge ſeyn. (geht) Noch eins, was ſoll aus dem Kinde werden, deſſen Vater du biſt? g. Oswald. Weib! Nicht von der Stelle! Du bleibſt! Johanna. Ich bleiben? Unbarmherziger, ungroßmuͤthiger Mann! Ich bleiben? Hahaha! Ehe ich dies thue:— Doch ja, ich bleibe, ich bleibe. Bin einmal vom Satan dazu beſtimmt, das Werkzeug deiner verbotnen Luſt zu ſeyn, will dann meiner Beſtimmung nicht widerſtreben. Hoͤr's, Tirann, und juble im Voraus: Ich bleibe. Aber ſo bald du Mathilden unter dem Scheine einer Gefangenſchaft, oder unter irgend einem Vorwande auf deine Burg fuͤhrſt: dann eile ich fort, ſo weit mich meine Fuͤſſe tragen; und ſollteſt du mir den Ausgang verſperren: ſo will ich ihn finden, und ſollte er auch nur durch dieſes ſchwache Herz gehen! 22 R. Oswald. Johanna, einſt mein liebes, trautes Weib, einſt die Sanftmuth ſelbſt, ſei aufrichtig! Beichte deinem dir gewiß noch wer⸗ then Gatten: Welcher ſchaͤndliche Stoͤrer ſeiner Ruhe dich ſo hintergieng, dir eine Maͤhre ſtatt Wahrheit vortrug, dich und mich dadurch un⸗ gluklich machte? Glaube, traue meinem Worte: Du biſt ſchaͤndlich betrogen worden! Ich liebte einſt Mathilden, dies habe ich dir nie verhelt; aber einen ſchändlichen Luͤgner will ich den ins Angeſicht ſchelten, der auftreten und mir noch Abſichten auf Mathilden andichten oder bewei⸗ ſen kann. Johanna. Haſt du geendet? R. Oswald. Geendet. Und zwar ſo voͤl⸗ lig, ſo ganz, daß ich kein Wort mehr ſagen, keine Silbe deswegen mehr verlieren werde! Wohl deiner und meiner Ruhe, wenn du mir unbe⸗ dingt glaubſt. Aber auch unwuͤrdig mein Weib zu ſeyn, wenn du noch zweifelſt, noch arg⸗ wohnſt. Johanna. So muß ich ja wohl ſchwei⸗ gen, um meinem Kinde ß einen Va⸗ ter zu erhalten. Ich will alſo in geheim mei⸗ nen Kummer naͤhren und futtern, damit er wachſe und gedeihe; damit er gleich dem Jungen des Kukuks ſeine Ernährerin bald verzehre. Gehab dich wohl, Oswald! 23 R. Oswald. Noch mußt du ein wenig weilen! Ich habe den Namen des Verläum⸗ ders von dir geheiſcht, und du haſt ihn mir nicht entdekt. Es iſt deine Pflicht kuͤnftiger Verlaͤumdung zu wehren, ich fordre alſo Ant⸗ wort. Johanna. Sie ſoll dir auch werden. Der Verlaͤumder deines guten Namens, der Stoͤrer meiner Ruhe biſt du ſelbſt!(Oswald tritt zornig noͤher) Harre mit dem Ausbruche deines Grimms nur ſo lange, bis ich dir meine Beweiſe vorge⸗ tragen habe. Findeſt du ſie ſchwach, nagſt du ſie umzuſtoſſen: ſo unterziehe ich mich willig der Strafe, die jedem Luͤgner gebuͤhrt. Schon ſeit einigen Monden ſchlaͤfſt du unruhig; wilde Traͤume ſchreken dich oft an meiner Seite em⸗ por, und wenn ich dich zu beruhigen ſuche, wenn ich meinen Arm um deinen Naken ſchmiege, um⸗ armſt du mich oft noch traͤumend, und nennſt mich deine heiß, deine einzig geliebte Mathil⸗ de!—— R. Oswald. O Thoͤrin! Wie kann ein Traum dich beunruhigen, wie kann er zum Be⸗ weiſe dienen?—— Johanda. Traͤume ſind Spiegel der Seele. Träume ſind Affen unſrer täglichen Handlungen, ſind Verraͤther unſrer geheimſien Begierden, und willige Kupler unſers Herzens; ſie gewähren uns ſchlafend dasjenige, wornach wir wachend geizen⸗ 24 Doch nahm ich ſie, dieſer Wahrheit ungeachtet, nicht fuͤr Beweiſe deiner Untreue. Deine Ver⸗ irrung ſchmerzre mich; aber ich unterdruͤkte dieſen Schmerz, und ſuchte ihn mit deinen Lirbkoſun⸗ gen, die du mir wachend reichteſt, zu heilen. Aber geſtern— o koͤnnte ich dies unſelige Ge⸗ ſtern ganz aus der Reihe meiner Tage verban⸗ nen, ich wuͤrde mein Leben wiltig dafuͤr zum Opſer geben! Geſtern, wie ich im Haine ſpazie⸗ ren ritt, begegnete mir Riederfort. Er lenkte ſogleich ſein Roß auf mich zu, und fragte zornig: Ob er euch in der Burg treffen wuͤrde? Da ich ihm ſagte, daß ihr im hintern Forſte jaget, gab er mir eine Votſchaft an euch auf, die mein In⸗ nerſtes durchbohrte, die mich ganz ungluͤklich machte. R. Oswald. Und dieſe Botſchaft? Rede weiter, ich will alles wiſſen! Johanna. O daß ich ſie dir verſchweigen könnte: Sagt eurem Ritter, ſprach er, daß ich ſeiner tollen Streiche uͤberſatt habe. Er wagts, mein Weib verfuͤhren zu wollen; er umſchleicht wie ein Dieb meine Burg; er will die Mägde beſtechen, damit ſie ihm eine Unterredung mit ihr verſchaffen. Sagt ihm, daß ich alles ent⸗ dekt habe, und naͤchſtens ſirenge Rechenſchaft fordern werde. R. Dswald. Dies ſagte der Bube? Ah, der ſchandliche Verlaͤumder foll mirs darthun, 2 und dann?—— Johanna, traue ſeinen Wor⸗ ten nicht! Er iſt ein Luͤgner! Er will Saamen der Zwietracht zwiſchen uns ſaͤen. Er hat ſei⸗ nen Zwek erreicht; dein Herz iſt ein fetter Bo⸗ den, und verſpricht reiche Erndte. Johanna. Oswald! Oswald! Einſt mein Gatte, nun nicht mehr! Rein, nun warlich nicht mehr! Du biſt ein vollkommner Heuchler gewor⸗ den. Ich habe deine ganze Liebe— o ich habe noch mehr, als dieſe— ich habe ſogar deine Ach⸗ tung verloren. Du luͤgſt mir kuͤhn ins Beſicht! Ich habe dir nichts mehr zu ſagen. R. Oswald. Wie, du glaubſt dem Ver⸗ 8 raͤther mehr, als mir? Du nennſt mich einen Luͤgner? Beweis mir's, ſonſt hat meine Lang⸗ muth ein Ende. Johanna. Ich habe dir Gehorſam ge⸗ ſchworen, ich will meinen Schwur halten; ob du gleich den Schwur der Treue brachſt. Quã⸗ lende Eiferſucht belagerte dieſe ganze Nacht mein Herz; dieſen Morgen, als du ſo heimlich von meiner Seite wegſchlichſt, eroberte ſie es ganz; ich eilte deinen Tritten nach, und verbarg mich im nahen Erker. Ich hoͤrte dein Bekenntnis gegen Ritter Hanſen; ich ſah wie Ehre und buh⸗ leriſche Liebe mit dir kaͤmpfte, und wie die lez⸗ tere endlich obſiegte. Nie werde ich deiner Worte vergeſſen; noch aus meinem Todesſchlummer wird mich der Ausdruk weken: Vermaledeiet ſei — —————— die Stunde, in der Johanna mein Weib ward! —— Du ſchweigſt? Haſt fuͤr mich keine kahle Entſchuldigung in Bereitſchaft? Oswald! Os⸗ wald! du haſt mein Herz getoͤdtet! Du haſt meine Seele verwundet! R. Oswald. Cäuſſerſt bewegt) Johanna! Mein Weib! Mein beleidigtes, mein hoͤchſt ge⸗ kraͤnktes Weib, habe Mitleiden mit mir! Auch ich bin hoͤchſt ungluͤklich! Fohanna. O wenn du ſo ſprichſt, dann ſchmelzt mein Zorn wie der Schnee an der Fruhlings ſonne. R. Oswald. Längere Vertheidigung waͤre Thorheit. Deine Veweiſe ſind ächt, ſind nur zu wahr!—— Ich bin ein Meineidiger! Ich bin ein treuloſer Gatte! Aber ich bin beides wi⸗ der Willen. Ich kämpfte hartnaͤkig gegen dieſe Rie ſenliebe, kaͤmpfe noch; und wenn ich endlich unterliege: ſo iſt die Schuld nicht mein, ſo iſt es unwiderſtehlicher Zwang des Schikſals, das dieſe ewigdauernde Liebe in mein Herz grub. Gures, mit vollem Rechte zuͤrnendes Weib, ich gewähre dir durch dies Geſtändnis ſchlechten Troſt; aber ich ſpreche Wahrheit, die ich ſo gerne um deiner Ruhe willen dir verborgen haͤtte. Dieſe dir zu erhalten, erniedrigte ich mich zum Lügner, und wenn ich als ſolcher deine Liebe, deine Achtung ſogar verloren habe, ſo erwäͤge — 27 die Abſicht, und laß dieſer Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Johanna. Oswald, ich bedaure dich; aber ich bedaure auch mich, und vorzuͤglich mein Kind, das noch ungeboren die Liebe ſeines Va⸗ ters verloren hat. Du verſprachſt, du gelobteſt, du ſchwurſt ſogar, mich durch dies oͤde Leben zu begleiten, meine Stuͤze, mein Geleitsmann, mein Troſt zu ſeyn: und verlaͤßt mich nun ſo ganz, ſo auf einmal, ſo unvorgeſehn! Deine Liebe war mir alles! Sie war meine Speiſe, mein Trank! Soll ich nun in der Wuͤſte verſchmachten? Soll ich—— R. Oswald. Nein, Traute, nein! Kann ich dir auch nicht volle, aufrichtige Liebe ge⸗ waͤhren: ſo will ich doch mitleidsvoll dein Be⸗ gleiter ſeyn und bleiben. Nie treulos in Wer⸗ ken und Handlungen dir werden. Noch mehr, ich verſprechs und gelobs aufs neue: Ich will kaͤmpfen gegen dieſe Liebe, ich will ihr Anden⸗ ken aus meinem Herzen verbannen, ich will mein eigner Huͤter ſeyn; und wenn ich mich je uͤber einen treuloſen Gedanken ertappe: mich ſtreng ſtrafen. Sei indeß mit dieſem Verſpre⸗ chen zufrieden, bis ich dir ein beſſers zum Opfer dringen kann. Sei ruhig, Johanna, ich will ritterlich kämpfen, nur ſei ruhig! Johanna. O, ich bin's! ich bin's von dieſem Augenblike an. Du gleichſt einem ar⸗ „ men Manne, der volles Mitleid mit meiner hoͤch⸗ ſten Duͤrftigkeit hegt, und willig ſein ganzes Ver⸗ moͤgen, ſeine ſelbſt erbettelten Pfennige in mei⸗ nen Schoos ausleert. Sie reichen zwar nicht zu, meine Beduͤrfniſſe zu ſtillen: aber ſeine Gabe heiſcht doch meinen groͤßten Dank; da er mir alles gab, was er hatte, da er lieber ſelbſt Hun— ger leidet, um mich nur laben zu koͤnnen. O ſolch eine edle That verdient die groͤßte Belohnung! In meiner eifrigſten Liebe ſollteſt du ſie finden, wenn mich nicht Erfahrung uͤberzeugt haͤtte, daß dieſe fuͤr dich Strafe, und kein Lohn ſei. R. Oswald.(ſanft) Johanna! Ungroß⸗ muͤthige Johanna! Johanna. Ach Verzeihung, Theurer, Ver⸗ zeihung! Es ſoll warlich der lezte Vorwurf ſeyn, der meinen geſchwaͤzigen Lippen entwiſchte. Sei du großmuͤthiger wie ich, gieb mir den Friedens⸗ kuß!(er küßt ſe) O, welche angenehme Aus⸗ ſicht in die Zukunft, dieſer Mann ſoll einſt ganz mein ſeyn! Sprach ich ſo recht?—— Vorige. Ritter Hans.(welchet eben, als Ritter Oswald Johannen küßte, eintrat.) R. Hans. So recht, edle Frau, ſchnä⸗ belt nur zu! Nehmt im Voraus, was ihr von der Zukunft zu fordern habt; denn wir werden 29 auf einige Zeit eure Gegenwart meiden, und zum Kampfe ausziehen muͤſſen. Oswald, ich bringe üble Rachricht. Der wilde Riederfort will vom Erſaze nichts hoͤren. Ich habe, ſprach er, blos das verwundete Wild bis in ſeine Wildbahn ver⸗ folgt, dies kann er mir nach den Geſezen der Jäger nicht wehren; und wenn es dem friedfer⸗ tigen Oswald einmal belieben wird, einen ver⸗ wundeten Haſen bis an meine Burg zu verfol⸗ gen: ſo werde ichs ebenfalls micht hindern. Sage das deinem Burgfreunde, und trolle dich. Johanna. War das all eure Botſchaft? R. Hans. All meine Botſchaft! Johanna. Riederforts ganze und vollen⸗ dete Rede? Sieh, wie verwirrt ihr da ſteht; ihr habt noch weit mehr zu ſagen, und ſpart's bis zu meiner Abweſenheit. R. Oswald.(heimlich) Deine geſchwaͤzi⸗ gen Lippen ſuͤndigen abermals wider das Geluͤbde deines Herzens. Johanna.(ebenfalls heimlich) Ich hoffe, daß du am Ende mir dieß zu keiner Suͤnde anrechnen ſollſt.(zu Ritter Hanſen.) Vollendet eure Botſchaft. Der Inhalt derſelben iſt mir nicht unbekannt. Seid aber zugleich uͤber daß ich Riederforts Verläͤumdung gegen meinen Gatten nicht glaube. Erzaͤhlet kek, was ihr zu erzaͤhlen habt, und was eure Z ſo augen⸗ Setit preßt. 30 R. Hans.(für ſich) Da liegt Weiberliſt, wie die Schlange unter Roſen verborgen.(zu Johannen) Ich habe geendet, und meinem Freunde nichts mehr zu ſagen, als daß ſein ſchoͤnes Kornfeld durch Riederforten ganz ver⸗ wuͤſtet ſei, daß der ſtaͤrkſte Hagel die reiche Erndte nicht ſo zerſtoͤren koͤnnte, wie Rieder⸗ fort.—— Johanna. Weil ihr dann ſo hartnakig ſchweigt, ſo will ich, zum Beweiſe der Wahrheit, euch den Inhalt eurer fernern Botſchaft erzählen; will wider die Natur eines ſchwachen Weibes meinen Gatten zur Rache gegen den Verlaͤum⸗ der ermuntern. Der wilde Riederfort waͤhnt faͤlſchlich, daß mein treuer Gatte um ſein Weib buhle; daß er aus dieſer Abſicht gleich einem Diebe ſeine Burg umſchleiche, und mit ſeinen Maͤgden Einverſtaͤndniß ſuche. Aus Rache ſucht er nun Haͤndel an ihm, und hat ſein Kornfeld abſichtlich zerſtoͤrt, um ihn zur Fehde zu reizen.— — Widerſprecht mir jezt, wenn ihr koͤnnt, ins Angeſicht. Widerlegt mich, wenn ihr Muth habt. R. Hans. Ja, Oswald, es iſt ſo. Er glaubt und traut dieſer falſchen Sage, und verlangt aus dieſer Urſache Fehde mit dir; will dich ſo lange reizen, bis du's nicht mehr dul⸗ den kannſt.— Um nicht Zwiſtigkeit unter Mann und Weib zu erregen, wuͤrde ich dir Rieder⸗ —— ₰ — 81 forts Wahn allein entdekt haben; da aber dein edles Weib ſchon davon unterrichtet iſt, und die Maͤhre ſo nimmt, wie jeder deiner Freunde ſie nehmen wird: ſo wäre laͤngeres Schweigen Thor⸗ heit geweſen. Johanna. Was willſt du nun beginnen? R. Oswald. Seine Beleidigung nicht rä⸗ chen, ſie dulden, denn(heimlich zu Johannen) ich habe ſie verdient. Johanna. Das wollteſt du? Dieſe Schmach koͤnnteſt du auf dem Grabe deines tapfern Va⸗ ters ſammeln? Dieſe Schande uͤber dein Weib, uͤber deine Nachkommen bringen? O pfui! O mehr als pfui! Aber wahrlich und gewiß auch nicht deine wahre Geſinnung! Deine Lippen zit⸗ terten, als du die ſchaͤndliche Duldung aus⸗ ſprachſt, und verriethen deutlich die Wuth dei⸗ nes Herzens. R. Hans. Ich gelobte dir, wenn du ehr⸗ lich und redlich mit mir handelteſt, dein Burg⸗ freund zu bleiben auf ewig, auszuziehen mit dir gegen all deine Feinde; aber verlaſſen muͤßte ich dich, und die Schwelle deines Gemachs beſudeln, wenn du im Ernſt ſo denken, in der That ſo feig handeln konnteſt. Fehde mit Riederforten fordert deine Ehre; immerwährender Verluſt der⸗ ſelben droht dir, wenn du ſeine Beleidigung nicht ahndeſt. 32 R. Oswald. O ſpornt mich nicht zur Thä⸗ tigkeit, zur Rache! der feſte Zuͤgel meines Ge⸗ wiſſens kann ſie ohnehin kaum bändigen; bald wird ſie die Bande zerreiſſen, und wild uͤber Riederforts Fluren jagen. Er hat unedel an mir gehandelt; aber gelaſſen will ich bleiben, ſo lange ich's vermag. Mit dir, trautes Weib, erſt ruhig ſprechen, und deinen Rath geduldig anhoren. Johanna. Wohl mir, wenn du ihn auch befolgſt! Mein Rath iſt Fehde mit Riederforten; mein Wunſch, Sieg uͤber den Tollkuͤhnen, wel⸗ cher ſo zuverſichtlich den ſchlafenden Loͤwen reizt. Du ſtaunſt uͤber meine veraͤnderte Geſinnungen, ich muß dir das Räͤthſel loͤſen. Das eiferſuͤchtige Weib wuͤnſchte Friede mit Riederforten; das ver⸗ ſoͤhnte Weib hat alles vergeſſen, und fuͤhlt nur die Beleidigung, welche Riederfort in vollem Maaße uͤber dich ausſchuͤttet. R. Oswald. Ich folge dir, Weib, ich fol⸗ ge dir willig. Gebe Gott, daß dir dein Rath nie gereue! Laß die Knechte aufſizen, Ritter, ſende Boten an alle Verbuͤndete und Lehnstraͤ⸗ ger, auf der Haide ſollen ſie zu uns ſtoßen; wir ziehen ſogleich fort, und vergelten indeß glei⸗ ches mit gleichem. R. Hans. Wohl geſprochen. Mein Eifer ſoll deiner Rache Fluͤgel geben, ſie ſoll den Kuͤh⸗ nen unvorbereitet uͤberfallen!(ab.) — Ritter Oswald. Johanna. Johanna. Mit dieſer Geſinnung biſt du mir noch theurer geworden, wenn anders un⸗ ſchäzbarer Werth doch noch groͤſſern Werth er⸗ reichen kann. Ich, dein mit beleidigtes, mit gekraͤnktes Weib, werde dir ſelbſt den Parniſch umſchnallen, und das bloſſe Schwerd in die Hand druͤken. Wenn bei dieſem Druke auch mein volles Thraͤnengefaͤß uͤberlaufen ſohte: ſo nimm dieſe Thranen nicht fuͤr Thraͤnen des Kum⸗ mers, ſondern fuͤr Vorboten der Freude uber deinen erkaͤmpften Sieg!—— Du haſt zwar mit deiner Ehre geſpielt, aber dies berechtigt Riederforten nicht, ſie auch zum Spiele zu wäh⸗ len, und jedem Buben preis zu geben. Sei ein Mann und räche dich!— Komm, mich verlangt dich geruͤſtet zu ſehen. R. Oswald. Allgewalt des Schikſals, wo⸗ hin wirſt du mich führen?(mit Johannen ab.) —— Eine waldigte, oͤde Gegend. (Mathilde einen vierjoͤhrigen Knaben an der Hand führend und ein noch kleineres Mädchen auf dem Arme tragend. Von der andern Seite Waih⸗ lingen.) Watblingen. Edle Frau, wagt euch nicht zu weit ins Dikigt, ich kömme eben von der Sp. kl, Erz 28 Bdch, 5 E 34 Kundſchaft zuruͤk. Die Feinde mehren ſich im Forſte, wie die Sperlinge am reifen Kornfelde. Des Abts Knechte ziehen von unten herauf, und Ritter Oswalds Reiſige, den euer Herr auch zur Fehde reizte, haben bereits die Anhoͤhe be⸗ ſezt. Jezt iſts keine Zeit zum Luſtwandeln, ihr koͤnntet leicht den Spaͤhern in die Haͤnde fallen. Kommt mit zuruͤk! Mathilde.(wehmuthig) Zuruͤk? Nein, ich muß vorwaͤrts. Leb wohl, alter Waiblingen! Daß ich auch eben dir begegnen mußte! Dei⸗ nem redlichen Blike muß meine Standhaftigkeit weichen. Leb wohl, Alter! In dieſem Leben ſe⸗ hen wir uns ſchwerlich wieder. Ich ſollte frei⸗ lich deine fuͤnfzigjaͤhrige Treue beim Abſchiede belohnen: aber Maxens reiche Erbin iſt ſo arm geworden, daß ſie ſelbſt betteln gehen muß. Lev wohl! Erinnere dich meiner auf deinem Sterbe⸗ lager, und denke, ſie iſt ſchon voraus gegangen, um mir dort den Lohn meiner Treue zu bereiten. Waiblingen. Was beginnt ihr? Waͤhn ich recht, ſo ſeid ihr auf boͤſem Wege. Ihr wollt euern Gatten und Herrn verlaſſen! Er iſt zwar euer Tirann, aber ihr gelobtet ihm doch ewige Treue, und wie ſoll euch einſt dort Beloh⸗ nung dafuͤr werden, wenn ihr hier nicht aus⸗ duldet? Edle Frau, folgt meinem Rathe, und kehrt zuruͤt. Verlaßt ihn nicht zur Fehdezeit! Er koͤnnte leicht argwoͤhnen, daß Verſtaͤndnis * 35 mit Oswalden euch zu dieſem Schritt verleitet haͤtte. Mathilde.(ſezt die Kinder auf die Erde) Da, ruht ein wenig. Waiblingen! du kennſt mein Herz, du kennſt die Geſinnungen deſſelben, und haͤltſt mich doch ſchlechter Handlungen faͤ⸗ hig? Ehe wuͤrde ich den ſchreklichſten Tod, als freiwillige Flucht von ſeiner Seite gewaͤhlt haben. Ich bin zu ſtolz, um der Welt mein Elend zu entdeken, du weißt am beſten, wie ſehr ich mich muͤhte, es vor aller Augen zu verbergen. Ich fliehe nicht, aber ich bin ausgeſtoſſen von ihm, verjagt aus der Burg, die ich ihm zur Morgen⸗ gabe brachte; ich ſoll, ſeinem Ausſpruche gemaͤß, mit meiner Natterbrut in dieſem Forſte ver⸗ ſchmachten. Waiblingen. Unmoͤglich! Das that er? Er? Das konnte er thun? Unmoͤglich! Ich hielte ihn aller Laſter faͤhig: aber daß er des ſchwaͤr⸗ zeſten Undanks auch faͤhig ſeyn koͤnnte, daß er— — O dieſe Nachricht widerſteht meinem Gedaͤcht⸗ niſſe, wie Speiſe dem fieberhaften Magen! Was konnte ſolch eine That veranlaſſen? Mathilde. Wild und raſend kehrte er vor kurzem vom Streite zuruͤtk. Ich war eben mit den Kleinen hier beſchaftigt, als er ins Gemach trat, mich ruͤkwaͤrts beim Haare faßte, und ohne ein Wort zu ſprechen, zur Thuͤre hin⸗ aus ſchlepte. Ich ſank zu Boden, und diente C 2 meinen Kindern, die er mir nachwarf, zur un⸗ beſchaͤdigten Unterlage. Fort mit dir, ſchrie er, fort mit allem, was dir angehoͤrt! Deine Schlan⸗ genliſt hat endlich geſiegt: dein Algeliebter, dein Oswald wird kommen, um dich aus meinen Haͤnden zu retten! Aber als mein Weib ſoll er dich nicht mehr ſehn. Als eine verſtoßne, ge⸗ aͤchtete und geſchaͤndete Buhldirne ſoll er dich vor der Veſte finden, und ſeines Siegs in Ruhe genieſſen! Unter dieſen und aͤhnlichen Schmaͤ⸗ hungen trieb er mich zum Thore hinaus, ließ die Zugbruͤke aufziehen, und rief mir noch von oben herab zu: daß er mir die Kinder vom Arme wegſchieſſen werde, wenn ich mich nicht gleich aus ſeinen Augen trolle. Waiblingen. Schreklich! Schreklich! Und wo wollt ihr nun hin? Mathilde. Wo der da oben mich him fuͤhrt! Ich habe keinen Pfennig bei mir, aber ich traue auf ſeinen Schuz und auf ſeine Huͤlfe. Er, der die jungen Raben fuͤttert, und die Li⸗ lien auf dem Felde kleidet, wird ſich meiner ar⸗ men Kinder auch erbarmen. Kann ich nur das Marienkloſter erreichen, ſo bin ich ſchon ge⸗ borgen. Waiblingen.(nimmt die Kinder auf den Arm) Kommt, ich will euch dahin leiten! Mathilde. Kehrt zuruͤk, Alter, man wuͤrde euch vermiſſen, und ihr ſollt nicht um — 3 meinet willen in euern alten Tagen ener Brod verlieren! Waiblingen. Edle Frau, ich diente euerm Vater ſchon zwanzig Jahr, als ihr das Licht der Welt erbliktet. Ich zog, als ihr mannbar wur⸗ det, mit euch auf Riederforts Burg, diente euch dort ehrlich und treu, und ihr wolit mich jezt verſtoſſen? Wollt mich zuruͤk ſenden auf eine Veſte, in der nur Trug, Liſt und Vosheit wohnt, aus der die Redlichkeit verjagt iſt? Das kann euer Ernſt nicht ſeyn! Mathilde. Guter, redlicher Greis! Eure Treue ruͤhrt mich, aber ſie macht meinen Ent⸗ ſchluß nicht wankend Ich kann, ich darf euch nicht mit in mein it ziehen; ihr muͤßt zuruͤk kehren! Waiblingen. Nun wohl, ich kehre zuruͤk! Aber, wenn die Boſewichter mich wie einen alten Hund herum ſtoſſen, mir dann und wann eine harte Brodrinde, die mein zahnloſer Mund nicht beiſſen kann, zuwerfen werden: ſo will ich mich in einen Winkel ſezen, ſie mit meinen Thraͤnen erweichen, und bei jedem Biſſen, den ich hin⸗ unter ſchluke, denken, das iſt der Lohn deiner fuͤnfzigjaͤhrigen Treue; dies die goldne Zeit, welche deine edle Frau dir ſo oft in deinen alten Tagen zu ſchenken verſprach. Nathilde. Schreklich und wahr, aber hadert nicht mit mir! Fragt den Vater unſer — 38— aller, warum er mir alles rauben, warum er mir nicht einen Pfennig uͤbrig ließ, um ihn dir beim Abſchiede in die in meinem Dienſte benarbte Haͤnde druͤken zu koͤnnen. Adolph. Da, Mutter, da! Gebt ihm den Silbergroſchen, den ihr mir neulich ſchenktet, ols ich den jungen Sperling fliegen ließ. Da, Waiblingen, da! Bete fuͤr meine arme Mutter! Waiblingen. O autes Kind! Und ich ſollte dich verlaſſen? Nicht auf meinen Armen tragen? Nein, Frau, ich folge euch, und wenn ihr mich wie einen Hund mit den Fuͤſſen von euch ſtoßt: ſo will ich doch am Scheidewege eurer wieder harren, und mit neuen Schmeicheleien euer Herz beſtuͤrmen. Mathilde. Ich will's nicht hindern, um der Kinder willen nicht, die ohne eure Huͤlfe verſchmachten wuͤrden. Wie weit iſt's denn von hier bis ins Marienkloſter, wo ich einſt erzogen wurde? Waiblingen. Starke fuͤnf Tagreiſen, die ihr mit dieſen Kindern in zehn nicht endigen wuͤrdet. Aber ſorgt euch nicht. Ich habe fuͤnf⸗ zehn Silbergroſchen bei mir, dafuͤr will ich euch ein Roß miethen, und fuͤr Brod ſoll ſchon auch rath werden. Ich will herzlich gerne fuͤr euch betteln, will weinen, und meine duͤrren Haͤnde ringen, damit jedes alte Muͤtterchen ſich meiner erbarme, und mir eine Gabe reiche. Aber laßt 39 uns lieber eilen,'s iſt hier warlich nicht ſicher! Ich hoͤrte ſchon vorhin Roſſe traben. Hoͤrt ihr, ſchon wieder! Es kommt naͤher— fort! fort! (wollen fort.) Vorige. R. Oswald. Reiſige. R. Oswald.(im Harniſche mit ofnem Viſire) Beſezt nur dort noch die Straſſe, und den lin⸗ ken Holzweg, ſo ſoll uns keine Maus entkom⸗ men. Um's Wild zu erlegen, muß man vorher das Lager umzingeln. Was ſchleicht dort im Gebuͤſche? Wahrſcheinlich Ausſpaher? Bringt ſte her! (Die Reiſige führen Waiblingen und Ma⸗ thilden hervor.) Mathilde.(fuͤr ſich) O Gott, auch dies noch! Er iſt's Er iſt's(ſucht ſich zu verbergen.) R. Oswald. Wohin, Alter, wohin? Was kundſchaftet ihr dort im Gebuͤſche? Waiblingen. Nichts, was euch beunru⸗ higen koͤnnte. Wir ſuchten da mit den Kindern Beeren, hoͤrten uͤberall Laͤrm, und wollten eben in unſre Huͤtte ruͤkkehren. R. Oswald. Dient ihr Riederforten? Waiblingen. Nein— Ja!—— Und doch ſo eigentlich nicht. War einſt ſein Forſter, nun gewaͤhrt er mir's Gnadenbrod. 4⁰ R. Oswald.(auf Matbilden zeigend) Ohne Zweifel eure Tochter? Und dies ihre Kin⸗ der? Waiblingen. Fa ja, meine Tochter, und ihre Kinder. R. Oswald.(zu Mathilden) Gute Frau, verbergt euer Geſicht nicht. Und wenn die Schoͤn⸗ heit ſelbſt ihren Wohnſiz drin aufgeſchlagen haͤtte: ich wurde ſie doch nicht beleidigen. Oswald kriegt nicht mit Weiberu, fuͤhrt nur gezwungen Fehde mit Maͤnnern!(ihr die Hand vom Geſichte ziehend) Wie nennt—— Gott, welche Aehnlichkeit!— — Oder waͤr's nicht Trug? Machilde!— um des Ewigen willen ſeid ihr's ſelbſt? Mathilde. Cauſſerſt bewegt) Ich bin's! R. Oswald. Mathilde! Wie! Warum? Was kaun?——— Mathilde?— und dies eure Kinder? Mathilde. Meine Kinder! R. Oswald.(langſam) Eure Kinder!— — Mathilde! Seht—— ich habe— ich woll⸗ te—— Weiß ich doch— Wenn nur!—— H Mathilde, Makhilde, verzeiht mir! Ich? ſchon füͤnf Jahr ſah ich euch nicht! Damals! O damals!—— Und dies eure Kinder? Hich! —— Vergebt! Ich!—— Weh mir! Nein! Ich muß euch verlaſſen!(ſchnell ab.) 47 Mathilde. Oswald, Oswald, kommt! Cergreift ibre Kinder) Nur fort! fort! Gott! Meine Angen! Finſter!(ſſe ſinkt zu Boden.) Saal in Ritter Oswalds Burg. Johanna. Der Thurmwaͤchter. (ſchon im Geſpraͤche begriffen.) Johanna. Er verſprach mir's doch ſo ſicher, ſo gewiß. Bei meiner Liebe zu dir, ſagte er, ſchwoͤre ich dir's: du ſollſt jeden Tag, ſollſt heute noch einen Boten erhalten; ſolſt erfahren, wie mir's geht, und was ich beginne. Sein Verſprechen berechtigte mir zur ſichern Hofnung. Es thut ihr weh, ſchon zum Erſtenmale betrogen zu werden. Ihr hoͤrt und ſeht alſo gar nichts? Thurmwaͤchter. Noch hoͤrte ich nichts, und den Gebrauch meiner Augen verhindert die dike Finſternis, die ſich gleich einem ſchwarzen Tuche uber die ganze Gegend ausgebreitet hat. Johanna. Wird der Mond heute nicht leuchten? Thurmwaͤchter. Er ſteigt erſt nach Mit⸗ ternacht empor, und noch ſind wir von dieſer mehr als eine Stunde entfernt. Johanna. Geht alſo wieder auf die Warte, und wenn ihr das hoͤrt, ſo meldet mir 5. 42 Thurmwaͤchter. Mein Ohr ſoll heute ſeine Kraft doppelt anſtrengen. Wollte Gott, daß ich eure Erwartung bald mit guter Nachricht befriedigen koͤnnte!(er will gehen, kehrt um) Noch eins, edle Frau, wollte ich euch bitten, und hätte es bald im Eifer euch zu dienen ver⸗ geſſen. Wenn unſer Ritter einen Boten ſendet: ſo unterlaßt nicht, ihm Nachricht zu geben, daß der Lehnstraͤger Ulrich von Wimpen mit ſeinen Reiſigen hier noch nicht eingetroffen ſei, und, der Laͤnge des Wegs nach zu urtheilen, vielleicht morgen noch nicht eintreffen wird. Unſer Herr wuͤrde alſo nicht uͤbel handeln, wenn er uns in⸗ deß vom Heere Beſazung ſchikte. Des Feindes Kundſchafter könnten leicht unſre Schwaͤche ent⸗ deken, und warlich, edle Frau, wir, in allen nur fuͤnfe, koͤnnten uns nicht gegen zwanzig wehren. Johanna. Sei ruhig. Ein Ueberfall von Riederforten iſt nicht zu fuͤrchten. Mein Rit⸗ ter wird bereits ſeinem Vorſaze gemaͤß die Veſte umzingelt haben, und ſicher keinen Mann ent⸗ wiſchen laſſen, der unſre Schwäche auskund⸗ ſchaften, oder uns aͤngſtigen koͤnnte. Thurmwaͤchter. Handelt, wie ihr's fuͤr gut befindet; aber ich bin im Streit und Kam⸗ pfe grau geworden, und habe aus Erfahrung gelernt, daß Vorſicht nie ſchade.(geht ab.) — 3 Johanna allein. O es iſt nicht recht, Oswald! Nein, du handelſt nicht edel, daß du meiner ſo bald, ſo ganz vergeſſen willſt.— Kann ich— oder viel⸗ mehr darf ich auch auf deine Liebe keinen An⸗ ſpruch machen: ſo ſollte doch Achtung gegen dein Weib dich anſpornen, ihre Angſt zu min⸗ dern, ihr Nachricht zu geben, wie du lebſt.— — Großmuth iſt eine ſo herrliche, ſo ſchoͤne Tugend: aber ihre Ausuͤbung ſo ſchwer, ſo herz⸗ angreifend. Sie ziert die Lippen, aber ſie ver⸗ wundet das Herz.—— O ich haͤtte weniger großmuͤthig handeln ſollen! Habe ihn ſelbſt hin⸗ geſendet zu den Mauern, die ſeine Allgeliebte umſchluͤſſen; iſt's ihm wohl zu verdenken, daß er jezt uͤber die Begierde jene zu erobern alles vergißt, und ſeine Liebe mit dem brennenden Oele der Hofnung naͤhrt: ſie bald zu ſehen, bald umarmen zu koͤnnen! Johanna, Johanna du haſt zu großmuͤthig gehandelt, haſt ſeine Liebe aufs Spiel geſezt. Mathilde wird ſie beſſer zu benuzen wiſſen, und ſie eifrig zu gewinnen ſuchen. Johanna. Der Thurmwaͤchter. Thurmwaͤchter.(eilig) Gute Nachricht, edle Frau. Freude! Frende! die erwuͤnſchten 44 Boten kommen; ich hoͤre Huftritte in der Ferne. Der Schall naͤhert ſich mit jedem Augenblike. Johanna. O eile, eile, oͤfne die Zug⸗ brüͤke! Pring ſie bald, bring ſie ja ſogleich zu mir. Ich habe dir Unrecht gethan, Oswald, ich habe dich beleidigt; verzeih mir! O guter Alter, eile doch, oͤfne die Pforte! Thurmwaͤchter. Will nur erſt wieder auf die Warte ſteigen, und nach ihrem Namen und Anbringen fragen. Johanna. Zu was die Umſtaͤnde! Kann's jemand anders, als Boten von ihm ſeyn? Willſt du mich noch laͤnger auf der Folter qualen?2 Siehſt du nicht, wie ich nach Nachricht duͤrſte? Thurmwächter. Ihr befehlt, und ich gehorche! Aber Pflicht waͤr's, erſt—— Johanna. O ich entlaſſe dich dieſer Pflicht! Eile, lieber Alter, eile! Ich will dir dieſe Eile dankbar, ich will ſie dir mit einem Kuſſe be— Fhiti⸗ Ich bitte dich, Alter!—— Thurmwaͤchter. Ich eile, ich eile! Sorgt nicht, ehe ſie kommen ſoll's Thor geoͤfnet ſeyn! Ceilends ab.) Johanna. Callein) Ah! Er hat meiner nicht vergeſſen! Oswald, waͤr's moͤglich, koͤnnte ich deine Liebe gewinnen? Koͤnnteſt du M athil⸗ den vergeſſen? Ich wuͤrde das gluͤklichſte Weib auf Erden ſeyn! Geliebt von ihm, einzig und allein von ihm: o, der Gedanke erquikt und —————— 45 labt, iſt Vorgeſchmak reiner Seligkeit!— Ha! cr; ſie kommen. Wie die Roſſe ſtampfen, wie ihre Harniſche klirren! Ich hoͤr's an der Feſtigkeit ihrer Tritte, ſie bringen Sieg's⸗Rachricht.— — Wenn er ſelbſt etwan käme? Wenn er mich troͤſten wollte, und dann fruͤh wieder aus mei⸗ nen Armen zu neuen Siegen eilte? O du traͤumſt zu ſchoͤn, ſolch ein Traum kann nicht zur Wirk⸗ lichkeit werden! Ein Knecht. Um Gottes willen, edle Frau, rettet euch! Flieht, flieht, Feinde kom⸗ men! Riederfort ſelbſt. Flieht in Garten hinab! Riederfort ſelbſt. Flieht! Ich will ihn mit mei⸗ nem Schwerdt aufzuhalten ſuchen.(eilends ab. Das Getümmel noͤhert ſſch.) Johanna.(äuſſerſt erſchroten) Was don⸗ nerte da in meine Ohren? Feinde! Rirderſort ſelbſt?— Ah, das iſt Trug der Sinne! Johanna. Riederfort. Reiſige. Riederfort.(den Knecht, welcher Nach⸗ richt brachte vor ſich herſtoſſend, und in der ofnen Thuͤre zuſammenhauend) Bube, ich will dir ler⸗ nen, ſich mir zu widerſezen; da deinen Lohn, der dich auf immer ſaͤttigen wird.(zu Johan⸗ nen die entfliehen will) Halt, edle Frau, halt! Muͤht euch nicht vergebens, ihr entkommt mir 46 nicht! Bedaure, daß ich euch in der Nacht be⸗ unruhigen mußte, und hoffe, daß der Schreken ohne Folgen voruͤber gehen wird. Fohanna. O ſchreklich, und doch nur zu wahr! Riederfort. Ja, ja, edle Frau, ich bin's ſelbſt; und ob euch gleich meine Ankunft uͤber⸗ raſcht haben wird: ſo hoffe ich doch, daß ihr mich am Ende noch willkommen heiſſen werdet. Seht, euer Ritter hat jezt Fehde, und weil er denn wider alle Kriegsregel ſeine Burg leer, und un⸗ vertheidigt ließ: ſo hab ich die Muͤhe uͤber mich genommen, ſie zu beſezen, und euch, wie ſich's ziemt und gebuͤhrt, gegen Feindes Anfall zu beſchuͤzen. Johanna.(ſehr ſchwach) Euer Spott iſt toͤdlich! Wo iſt Oswald? Auch in euern Händen? Oder beſiegt? Todt? O ſprecht, um Gottes wil⸗ len, ſprecht Wahrheit, ich will euch ſterbend dafuͤr noch danken. Riederfort. Keines von allen, edle Frau! Euer Ritter iſt weder beſiegt noch verwundet. Wir haben nur einen Tauſch getroffen, bei dem er freilich aller Wahrſcheinlichkeit nach verlieren wird. Seht, meine Burg iſt ein oͤdes Neſt, ihre Mauern ſind geborſten, Eulen und Uhus heken darinne. Wußte mich kaum mehr fuͤr Regen und Sturm darinne zu ſchuͤzen; und war ſtets in Sorgen, daß ſie einſi uͤber mich zuſam⸗ —— —— men ſtuͤrzen wurde; hätte ſie warlich kuͤnſtigen Sommer bauen muͤſſen, wenn euer Ritter ſie heute nicht ſo ungeſtuͤm von mir gefordert haͤtte. Er lagerte ſich am Abende dicht daran, und drohte ſie am Morgen einzunehmen. Meine Kundſchafter brachten mir Nachricht, daß er mit all ſeinen Leuten gegen mich ausgezogen ſei, und ſeine Veſte unbeſezt gelaſſen habe. Je, dachte ich, kannſt ja ſein Verlangen erfuͤllen; und weil er das Reſt haben will, es ihm frei⸗ willig räumen. Gedacht und ausgefuͤhrt. Ich zog mit Roß und Mann durch einen ihm unbe⸗ kannten Ausfall unter ſeinen Fuͤſſen weg, und will indeß ſeine Veſte bewohnen. Morgen kann er ſo fruͤh er will die meinige erobern, denn ſie ſteht leer, und die Eulen werden's nicht wagen, mit ihm zu ſtreiten. Johanna. Ich Elende! Ich Verlaßne! O er wird ſchreklich toben, wenn er den Raub erfaͤhrt! Riederfort. Sorgt euch nicht, es ſoll euch kein Leid geſchehen. Ihr ſollt mir nur zur Geiſſel, und wenn Noth an Mann kommt, zum Schilde dienen; damit er, wenn er mich belagert, ſeine Pfeile nicht gegen mich abdruͤkt. Ueberall, wo ſie am dikſten fliegen, will ich euch hinſtellen, und ich wette, er wird keinen einzigen gegen euch abdruken. 48 Johanna. O nein! Er wird barmherzig ſeyn, und mir den Tod gewaͤhren. Riederfort. Ich hoffe, er ſoll mehr Liebe und Achtung gegen euch hegen. Zwar ſiehe ich fuͤr nichts. Ich habe dieſen Morgen mein ehe⸗ moliges Weib, ſeine Buhldirne, aus meiner Veſte verſtoſſen. Ich war der Seufzer nach ihm, und der Thränen um ihn muͤde, und habe ſie ſammt ihrer Prut in den Forſt gejagt, in welchem er ſein Heer ſammlete. Leicht moͤglich, daß er ſie dort gefunden, und nün eben ſo traulich mit ihr, wie ich mit euch, koſet Ihr wißt ferner, daß alte Liebe nicht roſtet; und wenn er mit dem Weibe eben ſo wie mit der Veſte tauſchen will: ſo kommt's nur auf euch an, ob ihr den Tauſch eingehen wollt? Johanna. Schaͤndlicher Spotter, du kennſt das Herz des Weibes ſchlecht! Dolche ſind in der hoͤchſten Noth unſre Spielwerke, und Gift unſer Labetrunk. Eins von dieſen ſoll mich vor deinen Beleidigungen ſichern. Riederfort. Wie ihr wollt, wie ihr meint. Nur dies zur Verſicherung, daß ich den Tauſch, wenn er mir angetragen wird, doch eingehe. Will euer Herz ſchon zu gewinnen ſuchen; ihr ſollt ſehen und ſtaunen, wie ſtattlich ich's ver⸗ ſtehe, den Weibern zu hoffiren, und ihnen honig⸗ fuͤſſe Worte zu ſagen. Doch, ihr werdet des Schlafes und der Ruhe beduͤrfen, denn es iſt 49 ſchon Mitternacht. Sechs meiner treuſten Leute ſollen euch nach euerm Schlafgemach begleiten, und dafuͤr ſorgen, daß euch kein Laͤrm vor der Zeit weke, ich will indeß eure Vorräthe muſtern, und Anſtalt zur Vertheidigung machen. Gute Nacht, edle Frau!(zu einigen ſeiner Reiſigen) Begleitet ſie in ihr Schlafgemach, und bewacht ſie ſtreng!(zu Johannen) Euch iſt nicht edle Frau? Ihr ſeht ſo bleich aus? Johanna.(auf ihr Herz zeigend) Da, da! Ich hoffe die Wunde ſoll tödtlich ſeyn, es ſoll in ſeinem eignen Blute erſtiken!(will ab.) Riederfort. Solltet ihr eines Arztes be⸗ duͤrfen, ſo laßt mir's wiſſen, ich werde dann nach einem ſenden. Noch eins, edle Frau, ich werde den Thurmwächter zu euch ſenden. Redet ihm zu, daß er mir jeden Ausfall der Veſte ge⸗ wiſſenhaft anzeige, denn ſonſt werdet ihr mir ſchon erlauben, daß ich ihn ein wenig auf die Folterbank ſpanne. Johanna. O Gott, erloͤſe mich aus der Hand eines ſolchen Tirannen!(ab). Riederfort.(ihr nach) Schlaft wohl! WMorgen will ich, wenn ihr erlaubt, das Mor⸗ genbrod mit euch verzehren.(mit allen Reiſſ⸗ gen ab.) Sp. 1. Erz. 26Bbch. d Wald und Ausſicht nach Riederforts Veſte. Es iſt Nacht. (R. Oswald und R. Hans gehen im Vorder⸗ grunde auf und ab. Im Hintergrunde haben ſſch ſeine Reiſige gelagert.) R. Oswald. Beginne was du willſt, vollende, wie dir's behagt, und mein Dank wird ohne Graͤnzen ſeyn. R. Hans. Ich ſtuͤrme alſo mit Tags An⸗ bruch das Reſt? R. Oswald. Ja, ja, ſtuͤrme nur, ſtuͤrme! R. Hans. Und du willſt nicht unſer An⸗ fuͤhrer ſeyn? R. Oswald. Will nicht! Kann nicht!— Alle meine Glieder ſind gelaͤhmt; in dieſer zit⸗ ternden Hand vermag ich kein Schwerd zu fuͤh⸗ ren.— All mein Habe wohte ich willig gegen eine Einſiedlerkutte vertauſchen, wonnevoll in irgend einer Einoͤde leben. Meine einzige Ge⸗ ſellſchafterin ſollte meine Einbildungskraft ſeyn, und mich treflich unterhalten. O Ritter! O Freund! Ich ſah ſie, ich ſah ihre Kinder! Wäre ich's nur vermoͤgend dir den Blik zu mahlen, mit welchem ſie mich anſah. O es war ein Blik, Freund, nur ein einziger Blik! Aber die⸗ ſer Blik ſagte ſo viel, und wieder ſo wenig; er war ſo verſchloſſen, und doch ſo heredt. Ich wollte mich Jahre lang mit der Auslegung die⸗ ſes Blikes unterhalten, und wuͤrde all das, was er ausdruͤken wollte, doch nicht ergruͤnden. Du ſtaunſt? Nicht wahr, ich ſpreche Unſinn? Glaub's herzlich gerne; aber wenn dieſe Gefuͤhle Vorboten der Narrheit ſind: o ſo iſt ein Narr das gluͤklichſte Geſchoͤpf auf Erden! R. Hans. Oswald, ſei ein Mann! Zieh mit zum Sturme, mit zum Kampfe. Was wuͤr⸗ den deine Reiſigen denken, wenn du, indeß ſie fuͤr dich kaͤmpften, hier zaghaft im Gebuͤſche des Ausgangs harrteſi. R. Oswald. Deine Gruͤnde ſind ſchwer, ich fuͤhle ihr Gewicht, und vermag's nicht zu tragen; aber ich kann auch eben ſo wenig mit euch in Kampf ziehen, ich kann nur weinen, nicht käͤmpfen. Ich will Friede mit Riederfor⸗ ten, ich will Friede mit der ganzen Welt ma⸗ chen; damit ich ungeſtoͤrt mit meinem Herzen kriegen, und mich von ihm beſiegen laſſen kann. R. Hans. Oswald, Oswald, mit dir ſteht's uͤbel! Deine Mannheit hat dich verlaſſen, du biſt zum Weibe geworden, klagſt und jam⸗ merſt gleich dieſen. R. Oswald. Haſt recht. Klagen und jammern will ich! Klagen, weil all mein Gluk, all meine Ruhe mit ihr verſchwand. Jammern, weil ſie elend und ungluͤklich iſt. Ich kann mir's nicht verzeihen, und will mich ſtreng da⸗ D 2 fuͤr ſtrafen, daß ich die Unglukliche noch ungläk⸗ licher machte; ſie ohne Huͤlfe, ohne Rath fort⸗ ziehen, ſie nicht einmal bis ins Kloſter geleiten ließ. Wie leicht koͤnnen Raͤuber ſie uͤberfallen, wie leicht Woͤlfe ihre Kinder zerreiſſen, und die kaͤmpfende Mutter ſelbſt toͤdten? Ich muß ihr nach, ich muß ſie aufſuchen; ich muß ihr Schuz⸗ ihr Schirm ſeyn!— Kämpfe du indeß fuͤr mich! Lebe wohl, bis wir uns wiederſehen. R. Hans. Rein, ſo tief ſollſt du nicht fallen! Wenigſtens ſo lange nicht, als ich dies Schwerdt in der Fauſt fuͤhren kann. Denke an dein Weib, denke an den Jammer, welchen du ihr bexeiten wuͤrdeſt. Oswald,(haͤlt ihn zurük) ſteh ab von deinem Vorſaze, laß das Weib ei⸗ nes andern ruhig ziehen; der da oben iſt jeder Verlaßnen Vater, er wird auch ihr Schuz ſeyn⸗ Du haſt groß, du haſt edel gehandelt, daß du ihrem Anblike dich entzogſt, daß du ihr Raum geſtatteteſt, fortzufliehen. Vernichte dieſe ſchoͤne Handlung nicht, vermehre ſie vielmehr, und be⸗ ſiege deine verbotne Leidenſchaft. Ri. Oswald. O ihr Thoren mit eiskalten Herzen! O ihr albernen Weiſen, die ihr von Geheimniſſen ſchwazt, deren Wirkung ihr nicht verſteht, nicht begreift! Ritter, du biſt im Kam⸗ pfe aufgewachſen, biſt unter dem Druke der Wafe fen ergraut. Dein Herz gleicht einer Roſe, die im dunkeln Gebuͤſche empor ſchoß, wohl Knos⸗ 53 pen trieb, aber beraubt des erwaͤrmenden Son⸗ nenſtrahls nie aufbluͤhte. Wuͤrmer haben deine Knospen benagt; du haſt nie gebluͤht, nie ge⸗ liebt, und willſt doch von Liebe urtheilen, willſt ihre Wirkung durch kahle Sittenſpruͤche verhin⸗ dern? Liebe iſt ein reiſſender Strom, der jeden Damm, den man ihm entgegen ſtellt, zerreißt, und die umliegende Gegend ſchreklich verheert. Merke dir das, alter Knabe, und laß mich ru⸗ hig ziehen. Sieh, ich habe nicht Kraft zu käm⸗ pfen gegen Riederforten; aber Feuer durchgluͤht all meine Adern, und ſpannt meine Rerven zur Loͤwenkraft, wenn ich ſie mir in Gefahr denke. Waͤre ſie von hundert Feinden umrungen, ich wuͤrde in den Haufen dringen, wuͤrde die Hun⸗ derte toͤdten, um die Einzige zu retten. Ha, Alter, das iſt Wirkung wahrer Liche! R. Hans. Die ich vernichten muß. Sammle die wenige Vernunft, die du noch beſizeſt, und denke, daß du Ritter und Gatte biſt, hald Va⸗ ter ſeyn wirſi. R. Oswald. Gatte? Vater? Herrliche, ehrwuͤrdige Namen! Gatte eines geliebten Wei⸗ bes, Vater ihres Ebenbildes, o, das muß ein Gefuͤhl, eine Seligkeit ohne Gleichen ſeyn! Aber nicht Mathildens Gatte, nicht der Vater ihrer Kinder! Das iſt namloſe Qual, das iſt Hölle, das iſt hoͤlliſcher als Hoͤlle!—— Freund, gu⸗ ter, edler Ritter, ſag mir, ſahſt du ſie? 54 R. Hans. Ich ſah's, wie ſie aus einer Ohnmacht erwachte, ſtarr um ſich blikte, haſtig ihre Kinder ergrif, und gleich einem erſchrekten Reh ins Gebuͤſch eilte. R. Oswald. Das ſahſt du? Sahſt's, und weinteſt nicht? O ja! O gewiß! Du haſt uͤber ihr Ungluͤk Thraͤnen vergoſſen. Komm her, laß dir in dein redliches Angeſicht ſchauen, laß mich die Spur dieſer herrlichen Thraͤne aufſuchen, und ſie mit meinen Kuͤſſen bedeken.—— Pfui, der häͤßlichen Nacht, die mich dieſes herrlichen Anbliks beraubt. Sei barmherzig! Geſteh mir's offen! Hat ihr Anblik dich nicht zu Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt? 3 R. Hans. Ich geſteh's willig, mehr als eine Thraͤne traͤuffelte auf meinen Bart, als ich ihr unverdientes Leiden erwog, als ich—— R. Oswald. O dank, dank fuͤr dies Mit⸗ leid! Es macht mich zu deinem ewigen Schuldner! Aber jezt denke auch billiger. Dich Graukopf, dich eiſenherzigen Mann hat ſie bis zu Thräͤnen geruͤhrt.— Erwaͤge nun, welchen unnennbaren Eindruk ſie auf mich machen mußte? Verdople die Groͤße deines Mitleids, verdople es hundert, tauſend, millionenfaͤltig, und es wird die Groͤße meines Kummers doch nicht erreichen; denn ich liebe ſie, liebe ſie heiß, innig, zaͤrtlich, unnenn⸗ bar! O wenn du doch nur begreifen, nur den tanſendſten Theil eines Augenbliks fuͤhlen kaͤnn⸗ teſt, was das heißt: Ich liebe ſie von ganzem Herzen! Ha, dies Gefuͤhl, ſo kurz es auch dauerte, wuͤrde dich alten Knaben zu Boden druͤten, wuͤrde dein Blut verzehren, dein Mark austroknen, und veine Gebeine zu Aſche ver⸗ brennen. Wie ſie da ſtand vor meinem ſtarren⸗ den Auge, wie ſie aufblikte zu mir, bald mich, bald ihre Kinder anſah! O Hans, unſre Spra⸗ che iſt ein elendes Ding! Solch eine Empfindung laͤßt ſich durch ſie gar nicht ausdruͤken.—— So herzlich gerne moͤchte ich dir meinen dama⸗ ligen Zuſtand beſchreiben: aber er iſt unnennbar, wie die Seligkeiten des Himmels, wie die Qua⸗ len der Hoͤlle! Mein Blut ſchoß pfeilſchnell nach dem Herzen, und drohte es zu erſtiken. Der Anblik ihrer Kinder, der qualvolle Gedanke, daß ſie in eines andern Armen geruht habe, leerte es wieder bis auf den lezten Tropfen. Voll Begierde, mich in ihre Arme zu werfen, ſchrekte mich wieder das Gefuͤhl zuruͤk; Sie iſt das Weib eines Andern! Ich wollte ſprechen, ich vermocht's nicht. Als ich endlich dem uner⸗ träglichen Anblike entfloh, glichen meine Füſſe einem Kloze, der kaum zu erſchleppen war; meine Leidenſchaft ſchien mich beim Haar zuruͤk zu zerren. O, es war ein Gefuͤhl! Es war un⸗ nennbar! Es bleibt unnennbar! R. Hans. Armer Oswald! Bedauerns wuͤrdiger Freund! Dein Herz iſt todtlich ver⸗ X 56 wundet. Ich ſeh's, ich fuͤhl's, ich kann dich nicht heilen; dir ſtehen ſieche und kranke Tage bevor. Du wirſt binwelken in deiner Liebesglut, und gleich einem Baume verdorren. Deine Leidenſchaft iſt Meiſter uͤber dich geworden: ſie hat dich gleich einem Rieſen unter die Fuͤſſe ge⸗ treten, und mit ehrnen Feſſeln gebunden; du kannſt ihrer Sklaverei nicht mehr entgehen.— Ich will indeß deine Sache fuͤhren, will fuͤr dich kaͤmpfen; vielleicht erwekt dich das Kampf⸗ geſchrei aus deinem Schlummer. Der Tag graut ſchon, ich muß ſeinen erſten Schimmer benu⸗ zen, um den Ort zu entdeken, an welchem wir am leichſten die Veſte beſtuͤrmen koͤnnen. Gehab dich indeß wohl, und willſt du ein Mann ſeyn, ſo ruͤſte dich!(geht ab.) R. Oswald allein. (Er geht unruhig auf und ab, ziept ſein Schwerdt, ſtuzt ſich drauf, und faͤhrt mit der Hand uber ſein Geſcht.) Zur Stuͤze muß ich dich brauchen, aber dein Fuͤhrer kann ich nicht mehr ſeyn. Alle Kraft iſt dieſem Arme entſchwunden, ich gleiche einem Kinde; ich bin einem Wolfe ähnlich, dem man die Zähne ausgebrochen, und die Klauen abge⸗ ſchnitten hat. Ich vermag nicht zu ſtreiten⸗ Mathilde! Mathilde!—(gen Himmel) Du haſt mir eine Laſt aufgelegt, die ich nicht zu tragen vermag.— Ich kann nicht mehr widerſtreben; ich haſſe mein Weib, denn ſie hindert mich, Mathilden zu lieben. Ich muß die Bande, wel⸗ che mich an ſie feſſeln, zerreiſſen. Ich will, ich muß frei ſeyn! R. Oswald. Ein Haufen Reiſige(wel⸗ che Mathilden, ihre Kinder und Waiblingen in ihrer Mitte fuͤhren.) Ein Reiſiger. Freude, edler Ritter, Freude! Wir haben eiuen herrlichen Fang ge⸗ macht! Wir kundſchafteten auf Ritter Hanſens Geheiß im Forſte, und ſuchten einen Haufen Reiter, der am Abende ſich in die Veſte werfen wollte, bei unſerm Anblike aber pfeilſchnell ent⸗ floh. Lange forſchten wir vergebens, als wir endlich ein Licht erblikten, das in der Ferne leuch⸗ tete; wir ſchlichen naͤher, entdekten eine Huͤtte, und fanden darinne euers Feindes Riederforts Weib, ſammt ihren Kindern. Ein Anderer. Sie wollt's zwar läugnen, und gab ſich fuͤr des Alten Tochter aus: aber bald mußte ſie freiwillig geſtehen, daß auch ſie mich kenne, daß ich der alte Konrad ſei, der euch, als ihr noch um ſie freitet, Tag täglich ———— 58 begleitete, und oft Stunden lang die Roſſe hielte, wenn ihr in der Ferne traulich mit einander ſpracht. Waiblingen. Chervor tretend) Ich hoffe, edler Ritter, daß ihr uns freien Abzug und ſiche⸗ res Geleite nach dem Marienkloſter geſtatten werdet. Ihr fuͤhret nicht mit Weibern Krieg, und meine gelaͤhmte Hand kann euch auch nicht ſchaden. Ihre Gefangenſchaft— daͤchtet ihr eigennuͤzig— kann euch auch nichts frommen⸗ Ritter Riederfort wird nicht den ſchlechteſten eurer gefangnen Knechte gegen ſſe auswechſeln. R. Oswald.(der bisher unverwandt nach Mathilden hinſtarrte) Ich will, ich werde dein Verlangen evfuͤllen, nur ehe ich— nur vorher muß ich—— Czu den Reiſigen) Habt Dank fuͤr die That, und entfernt euch!(die Reiſige geben ab) Guter Alter, nimm die Kleinen zu dir. Geh links in die Huͤtte, dort wirſt du Felle ge⸗ nug finden, bereite ihnen ein Lager; die Aerm⸗ ſten beduͤrfen des Schlafs. Geh, Alter, geh, bewache ſie wohl. Ich muß mit deiner Frau allein ſprechen. Waiblingen. Waͤr's nicht beſſer?—— Herr, ihr handelt edler, wenn ihr uns ſogleich fortſendet. Bedenkt nur, daß ſie Riederforts Weib iſt, daß all euer Geſpraͤch die Sache nicht ändern kann. R. Oswald. Geh, ich gebiete dir's! Das Schikſal will's, ich muß ſie ſprechen. Waiblingen. Wenn ihr meinen guten Rath nicht faſſen wollt, ſo ſei's Gott befohlen, ich kann nicht widerſtreben.(geyt mit den Kin⸗ dern ab.) R. Oswald.(geht langſam gegen Mathilden) Mathilde! Edle Frau von Riederfort!(reicht ihr die Hand) Seid mir willkommen.(bittend) Mas thilde, bin ich keines Danks werth? Mathilde.(reicht ihm ſtillſchweigend die Hand.) R. Oswald.(ergreift ſolche mit Inbrunſt⸗ haͤlt ſolche feſt in der ſeinigen. Eine lange Pauſe⸗ Sie bliken einander traurig und ſchmachtend an.) O Mathilde! Einſt! Einſt! Ich—— ich kann nicht ſprechen.—— Da— da— Cer zeigt aufs Herz und weint ſichtbar.) Mathilde.(ſchluchzt und verbirgt ihr Ge⸗ ſicht.) R. Oswald. Auch du? Auch du?—— O noch mein! O ewig mein!(er umarmt ſie.) Mathilde.(zaͤrtlich) Oswald, mein Os⸗ wald!(abermals eine Pauſe. Endlich faͤhrt Ma⸗ thilde wie aus einem Traume empor; ſie entwindet ſich Oswalds Armen.) Nein! Nein! Ich kann, ich därf nicht.— Bin ich nicht Riederforts Weib? R. Oswald.(mit herabgeſenkten Armen) Weh! Weh mir! 0 3—— Mathilde. O doppeltes Weh uͤber mich! daß ich ſo ſchwach ſeyn konnte, daß ich euch entdekte, was ich durch fuͤnf lange Jahre mei⸗ nem eignen Herzen verbarg. Vergeßt des un⸗ ſeligen Augenbliks! Denkt es war Verſtellung.— R. Oswald. Nein, das war keine Ver⸗ ſtellung! Dein Herz ruhte an dem meinigen, es ſchlug mir Liebe entgegen. Du biſt noch meine Mathilde, du ſollſt es ewig bleiben! Mathilde. Habt ihr nicht?—— Cſich faſſend) Wie befindet ſich eure Johanna? R. Oswald. Pfui! Mathilde, pfui! Ah, das war grauſam. Das war—— O Ma⸗ thilde, das war mehr als unbarmherzig! Ma⸗ thilde, das war der Todesſtoß! Mathilde. Seid ihr weniger grauſam? Was quaͤlt, was draͤngt ihr mich ſo hart? Kann ich's aͤndern?(weinend) Gott im Himmel, kann ich's aͤndern? Was nuͤzt es euch und mir, wenn ich's frei geſtehe, daß ich euch nie vergeſſen kann, nie vergeſſen werde? Feſſeln uns nicht gleiche, nicht unaufloͤsliche Bande? Oswald, wir hatten uns nie mehr ſehen, nie mehr ſprechen ſollen. Euer Anblik hat mich ewig ungluͤklich gemacht. R. Oswald. Du liebſt mich alſo noch? Haſt mich noch nicht vergeſſen? Mathilde. Ja, ich liebe dich noch! Rimm's hin das Bekenntniß, und fuͤttre damit deine un⸗ erſättliche Leidenſchaft; aber laß mich nun auch 67 ruhig ziehen, laß mich's im Kloſter abbuͤſſen, daß ich ſo ſchwach war, dir dies zu geſtehen. Ich, das Weib eines Andern: Und geſtand frei⸗ willig—— o es iſt ſchaͤndlich! Aber auch weit ſchaͤndlicher von dir, daß du mich dazu zwangſi⸗ R. Oswald. Mathilde, vergieb mir Aerm⸗ ſten! Strafe mich, wie du willſt; aber verlaß mich nicht, verlaß deinen Oswald nicht! Mathilde. Was begehrſt, was forderſt du? Ich ſoll alſo bei dir bleiben? R. Oswald. Ja, Theure, ja! Verlaß mich nicht, oder ich muß verzweifeln. Mathilde. Bei dir? Oswald uͤberlege, bedenke: Bei dir bleiben? Wohl, und was ſoll weiter mit mir werden? R. Oswald. O ich will dich vor aller Menſchen Angen verbergen, ich will taͤglich dich ſehen, taͤglich dich ſprechen, ich will—— Mathilde. Sprich's nur aus: Ich will dich zu meiner Buhlerin machen; ich will heim⸗ lich aus dem Bette meiner Gattin ſchleichen, um dich umarmen zu koͤnnen. Ich will dich ent⸗ ehren, dir den Himmel rauben, und mit die⸗ ſem ſchreklichen Raube meine Leidenſchaft ſaͤtti⸗ gen. Ich will deine Aeltern noch im Grabe ſchaͤnden, und deine Kinder mit Unehre befle⸗ ken.— R. Oswald. Wahrheit, ſchrekliche Wahr⸗ heit! Aber auch des Beweiſes uͤbermäͤſſig genug, 62 3 daß du mich nicht mehr liebſt. Wer bedenken, uͤberlegen, die Folgen nach der Reihe herzaͤhlen kann, der hat nie, nie, nie geliebt. 2 Mathilde. Wohl mir und dir, wenn du dies glaubſt, glauben kannſt. Haͤtteſt du mich nicht ſo blizſchnell uͤberraſcht: ich wuͤrde dir nie meine Leidenſchaft bekannt, dir nie geſtanden haben, daß ich dich noch liebe. Es iſt beſſer fuͤr dich und mich, wenn wir uns vereinigen, einander zu haſſen. Unſre Liebe iſt ein ſchaͤnd⸗ liches Unkraut, das geil um ſich waͤchst, und wenn wir's noch obendrein pflegen und warten, den guten Saamen ganz erſtikt. R. Oswald.(ſpottend) Du predigſt vor⸗ treflich, ſo wie man's heiſcht und lehrt. Haſt recht, haſt uͤber genug recht. Du willſt, damit ich deinem kahlen Gleichniſſe doch ein anderes entgegen ſtelle; du willſt gleich dem Geſaͤttigten, der eben von der Mahlzeit aufſteht, dem Hun⸗ grigen Enthaltſamkeit lehren; du willſt den fuͤr Durſt ſchmachtenden Wanderer liebreich warnen, damit er durch jaͤhen Trunk an der kuͤhlen Quelle ſeiner Geſundheit nicht ſchade, und blikſt kalt in ſein Leiden, weil du ſelbſt ſchon laͤngſt deinen Durſt geſtillt haſt. O es iſt ausgemacht, du liebſt mich nicht mehr; haſt mich nie ſo innig, nie ſo heftig, wie ich dich geliebt. Mathilde. Grauſamer, ungerechter Mann, ich verdiene dieſe Vorwuͤrfe nicht; und wenn Vor⸗ wuͤrfe die Sache aͤndern koͤnnte, ſo wäre die Reihe an mir, ſie dir im vollen, im geruͤttelten Mate zu machen. Ich habe geduldet um dei⸗ netwillen mehr als je ein Menſch dulden kann. Ich habe des zuͤrnenden Vaters Schwerdt äber mich ſchweben ſehen, und habe um deinetwillen mein Haupt ruhig unter ſeine Scheibe gebogen. Ich habe gehungert, und mich mit Hofnung ge— ſaͤttigt; ich habe fuͤr Durſt geſchmachtet, und mich mit deiner Liebe gelabt. Ich habe ſehnlich nach Huͤlfe gefleht; ich habe dir tigliche Voten geſandt, und du haſt mich fuͤr al mein Leiden mit kalten, kahlen Entſchuldigungen hingehalten; haſt die Unmoͤglichkeit meiner Rettung vorge⸗ ſchuͤzt. Aber was iſt wahrer, ächter, treuer Liebe unmoͤglich? Kein Wunder alſo, daß ich endlich den ſchreklichen Qualen unterlag; von allen, ſelbſt von dir verlaſſen, mich in mein ſchrekliches Schikſal fuͤgte, dem Wuͤtrich meine Hand reichte, und Jahre lang geduldig an ſei⸗ ner Seite ſchmachtete. R. Oswald. Du ſprichſt Raͤthſel, deren Enthuͤllung ich zitternd entgegen ſehe. Theure, ſtets und noch immer heiß geliebte Mathilde, man hat dich ſchreklich hintergangen und betro⸗ gen. Deine Boten waren ungerreue Maͤnner; keiner hat dein Leiden zu meinem Ohre gebracht. Nach dem unſeligen Zwiſte mit deinem Vater ſchwaͤrmte ich Tag und Nacht um ſeine Veſte: 69— ich wollte, ſeinem ſchreklichen Verbote ungeacht, dich nur einmal noch ſehen, nur einmal noch ſprechen. Ich erniedrigte mich bis zur Schmei⸗ chelei, bis zur knieenden Abbitte: aber dein un⸗ verſoͤhnlicher Vater ſpottete meiner, und ſtieß mich mit dem Fuſſe zuruͤk. Ich litte die Schmach um deinetwillen; erhielte durch lange qualvolle acht Tage keinen einzigen Boten, auch nicht die geringſte Nachricht von dir. Eben war ich dei⸗ ner Entfuͤhrung nach Riederforts Veſte auf die Spur gekommen, und wollte mich zur Fehde mit ihm ruͤſten, als mir die ſchrekliche Nachricht durch deinen Vater ward: Du ſeieſt ſchon ſeit zwei Tagen Riederforts Weib. Gleich dem Stur⸗ me warf mich dieſe Nachricht zu Boden, und hob mich wieder zur Verzweiflung, zur ſchrekli⸗ chen Rache empor; Wuth kaͤmpfte mit meinem Verſtande, und uͤberwand ihn nur zu bald. O ich wuͤrde deinen Vater, dich und Riederforten ge⸗ mordet haben, wenn mein Koͤrper nicht zu fruͤh dem ſchreklichen Seelenkampfe unterlegen waͤre. Ein hiziges Fieber feſſelte mich auf meinem La⸗ ger; ich raſte einen Monden lang, und haͤtte einſt beinahe zwei meiner treuſten Diener erdroſ⸗ ſelt, welche mich abhalten wollten, zu dir zu eilen⸗ 3—— Mathilde. O ende, ende!—— Dein Leiden war ſchreklich, das meinige aber nicht minder. Die Beſchreibung deſſelben wuͤrde dir Thränen in Menge erpreſſen: nur deinen Kum⸗ mer vermehren, ihn nicht mindern, nicht heilen; dies kann nur der Tod.— O Oswald! Einſt wein Oswald!(reicht ihm ihre Hand) Laß uns vereint beten, damit er bald ſich nahe. R. Oswald. Erhoͤr's, Ewiger, erhoͤr's das bruͤnſtige der ungluͤklichſten Geſchoͤpfe deiner Erde! Laß mich jezt, laß mich in ihren Armen Es iſt die einzige Wohlthat, die du mir hienieden noch gewaͤhren kannſt. Mathilde. Wir muͤſſen uns trennen, Oswald, ich fuͤhl's, wir muͤſſen uns trennen. Ich wuͤrde meiner Leidenſchaft unterliegen, und einſt dort auf die Belohnung all meiner Leiden keinen Anſpruch machen koͤnnen. R. Oswald. Ich will deinen Vorſaz nicht hindern; er iſt löblich und gut, obgleich ſchrek⸗ lich und toͤdtend fuͤr mich. Aber ehe du von hinnen ziehſt, ehe du den Ungluͤklichſten der Sterblichen verlaͤßt, ſo reiche ihm den lezten Labetrunk. Geſtehe ihm frei und ungezwungen, daß du ihn noch liebſt, daß du ſein bleiben wuͤr⸗ deſt, wenn du es bleiben konnteſt; daß du nicht mehr an ſeiner innigſten, zaͤrtlichſten, unnenn⸗ baren Liebe zweifelſt. Mathilde. Was ſoll dir dies Bekennt⸗ niß fruchten, ſoll es dich noch unginttic machen? Sp. kl. Erz. 2s Bdch. E ————— R. Oswald. Mein, es ſoll meine Stůze⸗ mein Troſt, mein Stab ſeyn, in der finſtern Wuͤſte, die ich nun durchwandeln muß. Dies Bekenntniß ſoll meine Speiſe und meinen Trank wuͤrzen; es ſoll mich fuͤr Verzweiflung ſchuͤzen, und mir auf meinem Sterbelager den Tod ver⸗ ſuͤſſen; weil ich dich dort zu ſehen, dort zu um⸗ armen hoffe. Mathilde. Nun wohl, ſo nimm's hin das ſtrafbare Bekenntniß, hoͤre es um der edlen Abſicht willen, aus der du es forderſt. Ich habe dich mit gleicher Stärke immer ſehnlich und zaͤrt⸗ lich geliebt; ich liebe dich noch eben ſo unaus⸗ ſprechlich, als an dem Tage, da du mir deine Liebe entdekteſt, und ich wonnevoll in deine Arme ſank. Ich wuͤrde nie an deiner Liebe gezweifelt haben, wuͤrde es auch nie mehr, wenn nicht— — Doch zu was des unnoͤthigen Haders? Auch dies ſei vergeſſen!(ſeufzt) Ich will nie mehr daran zweifeln. R. Oswald. Nein, ſo ſcheiden wir nicht, Mathilde, ſo nicht! Ich fordere Erklaͤrung des ſchreklichen Wenns, das dein Seufzer mit Ge⸗ walt unterdruͤkte. Ich ſtehe hier rein und un⸗ ſchuldig vor Gottes Augen, ich wills auch in den deinigen bleiben. Sei aufrichtig, und be⸗ kenne mir deinen noch im Herzen verborgnen Zweifel. 5 Mathilde. Oswald, dringe nicht weiter in mich. Meine Großmuth, mit der ich die ſchrekliche That verſchweige, ſei dir ein Beweis der Allgewalt meiner Liede. In der Groͤße mei⸗ nes Schmerzens ſchwur ich zwar, dir's nie zu vergeſſen; aber du bereuſt, und aͤchte Reue heiſcht ja gewiſſe Vergebung. Oswald, ich zweifle nicht mehr!„ R. Oswald. O dein Herz ſtraft deine Lip⸗ pen luͤgen, ſelbſt dieſe ſind ungern die Diener deiner Großmuth. Nathilde, ich verlaß dich nicht eher, ich folge dir bis in die Zelle deines Kloſters, wenn du mir nicht Erkläͤrung ge⸗ waͤhrſt. Mathilde. So werde ſie dir denn! Ohne Vorwurf, ohne Galle, wenn's anders dein ver⸗ wundetes Herz vermag. Oswald! du nahmſt dir ein Weib, ein junges, ein ſchoͤnes Weib! Dir „drohte kein hartherziger Vater, dir fluchte er nicht; dich kerkerte niemand ein, und du nahmſt ſie doch! Wenn dies ein Beweis deiner immer⸗ waͤhrenden Liebe zu mir war: ſo kenne ich die Wirkung derſelben nicht. Als du ſie heim fuͤhr⸗ teſt, als du deinen Hochzeittag feierteſt: zogſt du abſichtlich an meiner Veſte voruͤber; der Trom⸗ petenſchall lokte mich in den Erker. Ich ſah's, wie du hinauf blikteſt zu mir, und dann mit voller Inbrunſt dein neues Weib umarmteſt; ſie mit Kuͤſſen uͤberſtroͤmteſt, und dich Wonne trun⸗ ken zu dem nachziehenden Haufen wandteſt; der auf dein Geheiß laut aufjubelte: Heil dem neuen Ehepaar Ewige Dauer ihrer graͤnzenloſen Liebe! — Oswald, wenn du damals mein Leiden geſe⸗ hen, den Kampf meines Herzens empfunden haͤtteſt: du muͤßteſt mich bemitleidet haben, wenn ich auch deinen Vater ermordet, deine Mutter vergiftet haͤtte. Meine Thränen ſtroͤmten unauf⸗ haltſam; ich konnte ſie nicht fuͤr meinem arg⸗ woͤhniſchen Gatten verbergen. In der Groͤße meines Schmerzens geſtand ich ihm mein Leiden, und fuͤllte ſein Herz mit Eiferſucht. Von dieſer Stunde an quaͤlte er mich mit Vorwuͤrfen, ſchlug mich oft jämmerlich, und behandelte mich aͤrger als eine Magd. Und dies alles um deinetwillen! Um der Liebe willen, die ich nie verläͤugnen konnte⸗ Geſtern, als du Fehde ihm ankuͤndigteſt, ver⸗ ſtieß er mich mit meinen Kindern ganz aus ſei⸗ ner Burg, nannte mich deine Buhldirne. Ich trug die Schmach um deinetwillen ruhig; aber— aber—— waren dies Beweiſe einer innigen Liebe? R. Oswald. Sie waren's doch, obgleich der Schein wider mich ſtreitet. So ſehr ich mich auch, als Troz meines Wunſches mein Koͤrper genaß, nach Nachricht von dir muͤhte, ſo erhielt ich doch keine beſtimmte. Endlich ward ſie mir durch deinen verſoͤhnten Bruder ſelbſt. Dieſer verſicherte mich, daß du vergnuͤgt und zufrieden *— b9 lebeſt; deinem Gatten ſchon einen Sohn geboh⸗ ren haäͤtteſt, und ihn bald wieder mit einem Kinde erfrenen wuͤrdeſt. Gluͤhende Eiferſucht be⸗ maͤchtigte ſich meines Herzens. Daher der Ent⸗ ſchluß, mir auch ein Weib zu waͤhlen; daher der hochzeitliche Zug dicht an deiner Burg vor⸗ uͤber, damit ich mich raͤchen koͤnnte. Denn all dieſes war Durſt nach Rache, und indem ich mein neues Weib umarmte, wuͤnſchte ich von ganzer Seele dich zu umarmen. Mathilde, O ich kenne dies Gefuͤhl, auch mich hat's oft gemartert! Ich verzeihe dir's um ſo williger, weil oft der Wunſch, eben ſo zu han⸗ deln, meine Seele ergrif. Wir ſind verſoͤhnt, laß uns nun ſcheiden. Ich werde deiner nie ver⸗ geſſen, und wenn ich taͤglich mein Gebet fuͤr meiner Kinder Wohl geendet habe: ſo wird ein neues, und eben ſo bruͤnſtiges fuͤr dein Wohl beginnen. Lebe wohl, Oswald! Haͤtte das Schik⸗ ſal uns vereint, wir wuͤrden den Himmel auf Erden genoſſen haben, und dies darf ja in die⸗ ſem Jammerthal der Pruͤfung nicht geſchehen. R. Oswald. Ich dich verlaſſen? Auf immer? Mathilde. Auf immer. Wir koͤnnen, wir duͤrfen uns nicht mehr ſehen. R. Oswald. Ich? dich nicht mehr ſehen? nicht mehr ſehen? Bedenke Mathilde, was du ſagſt: Nicht mehr ſehen? 70 Näth ilde. Nur eine kleine, kurze Zeit, nur hienieden nicht mehr Aber dort will ich dei⸗ ner ſehnſuchtsvoll harren: will die erſte ſeyn, die dir entgegen eilt, die dich umarmt. R. Oswald. Wohl! Es kann nicht lange dauern, dies martervolle Gefuͤhl;— o es muß bald enden. Mathilde, dort ſehen wir uns wieder! Aber ehe du ſcheideſt, mußt du mir noch eine, mußt du mir die lezte Bitte gewaͤhren: Schenke mir noch eine freiwillige Umarmung, noch eineu Kuß, und ich laſſe dich ruhig ziehen. Mathilde.(gen Himmel blikend) Ewiger, der du die Herzen und Nieren pruͤfſt, erwaͤge die Abſicht, und ſtrafe um ihrer willen die That nicht. Oswald, lebe wohl!(ſe umarmt und kußt ihn.) Vorige. Ritter Hans. Reiſige im Hintergrunde. (Der Tag bricht an.) R. Hans. Ritter Oswald, was beginnſt du? Du umarmſt das Weib eines Andern? Ha, ſchreklich und wahr! Aber die Strafe folgt die⸗ ſer kuhnen That auf dem Fuſſe. Hore und fuͤhle ſie! Riederfort hat uns ſchreklich hinter⸗ gangen: durch einen verborgnen Ausfall entfloh er ungeſehen unſrer Rache, nahm deine unbe⸗ * ſezte Veſte ein, und hält dein Weib gefangen. — 6 R. Oswald.(geingütti) Iſ dies all deine Botſchaft? R. Hans. Dein Thurmwaͤchter langte eben mit dieſer toͤdtlichen Nachricht bei mir an; Rie⸗ derfort hat ihn abſichtlich an dich geſchikt. Er läßt dir nun einen Tauſch zwiſchen deiner und ſeiner Veſte, und, da des ſchreklichen Schimpfes! — zwiſchen deinem und ſeinem Weibe anbie⸗ ten.—— Oöswald, erwache aus deinem Trau⸗ me!(zu einigen Reiſigen) Entfernt Riederforts Boten, damit ſie nicht daheim eures Herrn Schwaͤche verkuͤndigen.(die Reiſigen thun es N R. Oswald. Ich habe alſo keine Veſte, kein Weib mehr? Deſto beſſer! Ritter, lebe wohl, ich gehe in ein Kloſter, will dort fuͤr euch alle beten! Mathilde.(zieht Oswalds Schwerd aus der Scheide und drükt's ihm in die Hand) Oswald! Er haͤlt dein Weib gefangen! R. Oswald.(auffahrend) Wer ſprach dies zu mir? Mathilde. Ich ſprach's, und wenn du dieſe Schmach duldeſt, ſo muß ich dich ver⸗ achten. R. Oswald. Verachten? Mathilde. Und dein Andenken aus mei⸗ nem Herzen tilgen. Ueberleg's, fuͤhl's: Er haͤlt dein ſchuldloſes Weib gefangen! 72 R. Oswald. Rache!— Du haſt ſie ge⸗ wekt, und ſie ſoll ſchreklich wuͤthen! Rache ſei nun mein Loſungswort! Auf! Hin im ſchnellſten Fluge!(zu Mathilden) Ich treffe dich einſt wie⸗ der, da, dort, oder irgend wo; aber ich treffe dich ſicher, denn der Liebe iſt nichts unmoͤglich. Dies Schwerd, das du ſelbſt in die Hand mir druͤkteſt, reiche ich dir dann, mit des Boͤſe⸗ wichts Blute befiekt, zum frohen Willkomm; und wenn eine einzige deiner Thraͤnen nur einen Tropfen davon abzuwaſchen ſucht: ſo ſtoſſe ich mir's ſelbſt ins Herz.(ſtürzt fort, die Reiſigen folgen.) Eine waldigte Gegend, die ſich aber zur Rechten ofnet, und eine freie Amſicht nach Oswalds Veſte gewährt. R. Oswald. R. Hans. Hernach Rieder⸗ fort und Johanna. R. Oswald.(aus dem Dikigt hervor ſchlei⸗ chend.) Alſo keine Pofnung? gar keine? So ſoll und muß Blut fiteßen? R. Hans. Was ich ehe ſchon feſt glaubte, iſt zur einleuchtenden Wahrheit geworden. Alle geheimen Ausgaͤnge ſind verramlet, beſezt, be⸗ wacht. Liſt fruchtet nichts, ver ſchwendet nur die Zeit, und fuͤhrt nicht zum Ziele. Deine Fehde iſt gerecht, Gott wird dich ſchuͤzen, und dir beiſtehen. Fordre offen und laut zuruͤtk, was dein iſt; und wird er's weigern, ſo laß uns ſtuͤrmen. Geſchworen ſei' ſiebenfach in deine Rechte, daß ich nur ſterbend weichen, und mich im Fallen noch an die Mauer anklammern will, um einen Stein herab zu reiſſen, deſſen Luke dir zur Stuͤze deines Fuſſes dienen ſoll. R. Oswald.(wild loͤchelnd) Du ſprichſt gut, ſo wie ich's gerne hoͤre. O koͤnnte ich dieſe Mauern von einander reiſſen, hinein dringen, ihn uͤberfallen an der Seite meines Weibes, de⸗ ren zitternde Hand er eben mit einem Kuſſe be⸗ flekte.— Ha, dann ſollte mir's wieder wohl ſeyn!—— Wie's ſo ſtill und oͤde in der Veſie iſt, als ob man eben ein Hochzeitfeſt gefeiert haͤtte, und nun die wonnevolle Ruhe des Braut⸗ paars nicht ſtoͤren wollte. R. Hans. Du kannſt ſolch eine Vorſiellung dir machen, und noch muͤſſig ſtehen? Pfui der Schande! Johanna iſt dein Weib, und wer ihre Ehre antaſtet, beflekt die deinige. R. Oswald.(faßt Hanſens Hand) Du ziel⸗ teſt gut, dein Pfeil traf mein Herz, und ver⸗ wundete es tief!(gegen das Dikigt) Hervor, ihr Treuen, hervor! Vertheidigt die Rechte eures Herrn!(die Reiſigen drängen ſich in großer An⸗ zahl hervor) Laßt Trompeten ertoͤnen, damit er 74 S erwache aus ſeinem Wolluſtſchlafe, und die Stärke unſers Schwerdes fuͤhle. (Die Trompeten ertonen, Reiſige ſammlen ſich auf den Mauern, endlich tritt Riederfort her⸗ vor.) Riederfort. Ves giebt's? Was quaken da unten die Froͤſche ſo kuͤhn? Werfe Steine hinab, damit ſie in ihren Sumpf zuruͤk eilen. R. Oswald. Der Rächer iſt da, und for⸗ dert dich vor ſein Seaſticht Riederfort. Er ſet mir willkommen; ich habe ihn ſchon laͤngſt erwartet. Reicht mir mein Schild!(ſeine Reiſgen heben Johannen auf die Mauer, Riederfort faßt ſie mit ſeiner Linken, und zieht ſein Schweld) Ich bin zum Kampfe be⸗ reit, er ſoll beginnen! R. Oswald. Ha, des Frevels! Ha, des unausloͤſchlichen Schimpfes! Riederfort. Fuͤge hinzu: Ha der herr⸗ lichen Liſt! Nicht wahr, ich hab's reichlich ver⸗ golten, was du an mir verbrochen haſt. Du wählteſt mein Weib zu deiner Buhldirne, und ich mache dein Weib zu meinem Schilde. Ein jeder handelt nach Gutduͤnten! R. Oswald.(ſich auf ſein Schwerd ſtüͤzend, aus Uebermaas der Wutb zitternd) Schaͤndlicher Luͤgner! Dein Weib wandelt frei und ungehin⸗ dert umher, ſie eilt nach einem Kloſter, um Gott ihr namloſes Leiden zu klagen. ——— 75 Riederfort. Wie's ihr behagt, mich kuͤm⸗ mer's wenig, denn ſie iſt auf ewig von meiner Seite verbannt; aber mein Schild will ich beſſer bewahren, es ſoll mich ſchuͤzen vor jeder Gefahr; uͤberall ſoll's an meiner Seite ſtehen, dort, wo eure Pfeile am dikſten fiiegen, ſoll's glaͤnzen, und euren Muth ſchreken. R. Hans. Schaͤndlich! O mehr als ſchaͤnd⸗ lich! O ausdrukslos! Biſt du ein Ritter? Riederfort. Kuͤhner Frager, gieb acht, daß ich dir nicht nach Verdienſt antworte. R. Hans. O antworte, wie ſich's gebuͤhrt, und ich will dir innig danken. Oder bedarf dein Muth eines Sporns? Ich will ihn reizen und weken. Du biſt kein Ritter, du biſt ein Raͤu⸗ ber, ein zagvoller Boͤſewicht, ein feiger Schurke, der ſich, wenn Gefahr naht, hinter einem Wei⸗ berroke verkriecht. Meine Fehde mit dir hat geendet,(er ßiekt ſein Schwerd ein) aber meine Rache beginnt, wie ſie dir gebuͤhrt. Wandern will ich von nun an in der ganzen Gegend um⸗ her, wandern von einem Lande ins andere, und ausrufen, ſo lange ich athme: Riederfort iſt ein feiger elender Wicht, der ſich im Kampfe hinter ein Weib verſtekt! Weiber und Kinder ſollen uͤber dich ſpotten; und wenn man den groͤßten Grad von Zaghaftigkeit ſchildern will, und keinen Aus⸗ druk findet, ſo ſoll man den Namen Rieder⸗ 76 fort ausſprechen, und ſeinen Zwek erreicht haben. Riederfort. Mir, mir gilt dies? R. Hans. Dir! Dir! Dir, zaghafter Schurke! Dir, elender Bube! Dir, ſo lange, bis du hinter dem Weiberroke hervor kriechſt, mit dem Schwerde in der Hand mir gegenuͤber ſtehſt, und Rechenſchaft forderſt. Riederfort.(wuͤthend) Ich fordre ſie! Schuz dem Sieger, und ich komme hinab, und ſtrafe dein frevelhaftes Maul mit blutigen Streichen. R. Hans. Schuz dem Sieger! Komm herab! Ungehinderte Ruͤkkehr uͤber meinem Leich⸗ nam in die eroberte Veſte, wenn du ſiegend ge⸗ endet haſt. Komm herab! Ich fordre dich auf Leben und Tod. Gott entſcheide! Oswalds Reiſige. Schuz dem Sieger! Freie Ruͤkkehr zu den Seinigen! Komm herab, und Gott entſcheide! Riederforts Reiſige. Hinab! Hinab! Sonſt ſeid ihr ewig beſchimpft. Riederfort. Schweigt! Bedarf's bei mir der Nahrung? Saht ihr mich je im Kampfe zit⸗ tern? Je ein Wort des Hohns ruhig dulden?— — Ich koͤnnte nach Recht und Gewiſſen den Kampf verzogern, bis ich die Fehde mit dem Buhlen meines Weibes geendet haͤtte: aber ich verachte dies Recht, und will auf der Stelle den 77 Frevel ahnden.(zu Ritter Hanſen) Bete, Alter, wenn du zu beten vermagſt, dein leztes Stuͤnd⸗ lein naht, bald wirſt du zu meinen Fuͤſſen roͤcheln, und deine Kuͤhnheit bereuen. Doch eins iſt Noth, denn oft wagt auch der geängſtigte Haaſe einen kuͤhnen Sprung.(zu ſeinen Reiſgen) Hoͤrt mei⸗ nen lezten Willen, und ihr da unten oͤfnet eure Ohren, damit ihr ihn auch vernehmt. Sollte ich unterliegen, ſollte es moͤglich ſeyn, daß ein zitternder Knabe den muthigen Loͤwen erdroßle: ſo laßt ihn die Fruchte ſeiner Frevelthat nicht genuͤſſen; vertheidigt die Veſte tapfer, ich ſchenke ſie euch zum Eigenthume, und mit dieſem Frei⸗ heit, nach Wohlgefallen im ganzen Gaue zu rauben und zu raͤchen den Tod euers Gebieters. Riederforts Reiſige. Sieg! Sieg mit ihm, damit er noch laͤnger unſer Herr und Vater ſei! Einer derſelben.(zu Riederfort) Aber wenn das Recht zum Unrechte ſich wandeln, wenn Tollkuͤhnheit die Tapferkeit beſiegen ſollte, was beginnen wir dann mit dem ohnmaͤchtigen Weibe?(auf Johannen deutend.) Riederfort. Wohl gefragt, ehrlicher Knappe, aber ich wili dir deine kluge Frage auch mit Vertrauen lohnen. Beobachte mich genau im Kampfe, und ſiehſt du mich ſinken, ſo lege dein Ohr auf die Mauer, und hoͤrſt du meinen lezten Athemzug, ſo ſtoſſe ihr dieſen Dolch ins X 78 Herz!(giebt ihm einen Dolch. Laut und honiſch lachend zu R. Hanſen) Nun behagt's, Alter, be⸗ hagt's? Die Frucht deines Sieges wird herr⸗ lich ſeyn! Oswalds Reiſige.(wuͤthend) Herab, herab, elender Spoͤtter! und weh euch allen, wenn ihr die That beginnt. R. Hans. Tauſendfache Marter ſoll ſie lohnen! Riederfort.(zu ſeinen Reiſigen) Zagt nicht, und thut, was ich gebot!(pinab) Ich komme zur Rechenſchaft.(ab von der Mauer.) R. Hans. Komm, deine Drohung ſoll mei⸗ nen Arm nicht laͤhmen, mein ſcharfes Schwerd nicht ſtumpfen, und ſollten deine Buben das Weib morden, ſo ſtirbt ſie doch gerächt! R. Oswald.(der bisher ſiaunend und hor⸗ chend da ſtand) Nicht du! Ich, ich muß Rache heiſchen, Rache nehmen! Ich gelobte es, und muß mein Geluͤbde erfuͤllen. Weg, weg, ich kämpfe! N. Hans. Du ſollſt, du darfſt nicht! Ich habe ihn berufen, und nur mir kann und darf er Rede ſtehen. Hoͤrteſt du's nicht, daß Gott entſcheiden ſoll, und(ernſt und nachdruksvoll) leicht koͤnnte er dich ſtrafen! Blik hinauf, dein ſchuldloſes, dein tugendſames Weib ruht in den Haͤnden mordſuͤchtiger Buben. Dies iſt dein Werk! R. Oswald. Mein Werk? Willſt du durch Verlaͤumdung meine Wuth laͤhmen? R. Hans. Haͤtte wohl Riederfort heimlich aus ſeiner Veſte entfliehen, liſtig die deinige erobern, und dein ſchuldloſes Weib gefangen nehmen koͤnnen, wenn du tapfer und vorſichtig gehandelt, nicht die koſtbare Zeit mit ſeinem verſtoßnen Weibe verkoſt, durch unnuͤzes, ent⸗ ehrendes Klagen verſchwendet haͤtteſt? R. Oswald. Auch du? Auch du? So ſei's dann! So mag dann Freund und Feind mir Fehde verkuͤndigen, ich will's ruhig dulden, bis der da oben mein Leiden wägt, und billiger als meine Bruͤder richtet.— Ich will deinen Kampf nicht hindern, aber wenn die Bosheit ſiegt—— R. Hans. Dann ſei du ihr Rächer, und bis dahin ſei alles vergeben und vergeſſen. Cer umarmt Oswalden) Wir ſcheiden als Freunde, damit wir uns hier oder dort wieder als Freunde nmarmen koͤnnen. (Die Vorigen. Ritter Riederfort, von zwanzigen ſeiner Reiſigen begieitet erſcheint auf der her⸗ abgelaßnen Zugbruke.) Riederfort.(höhnend zu R. Hanſen herab) Biſt du noch immer deines Lebens muͤde? Soll 9 ich wirklich kommen, um es blutend zu unden? R. Hans. Komm, Gott wird entſcheiden! Riederfort. Das wird er, denn du biſt zur Strafe reif, weil du dich in boͤſe Haͤndei 80 miſcheſt, und ſie ſo muthwillig vertheidigen willſt. Doch eins iſt noch Noth. Indeß ich mit dir kämpfe, muß die Fehde mit mir und Oswalden ruhen. R. Hans. Sie wird's! Keiner der unſern darf dich und die Deinigen antaſten. Riederfort. Und wenn der Kampf ge⸗ endet iſt, muß eine Stunde in Friede und Ruhe verflieſſen, ehe die Fehde beginnen kann. R. Hans. Es geſchehe, wie du forderſt, denn ich will deiner Zagheit keinen Dekmantel leihen. Riederfort. Ich ſchwoͤr's bei deinem zu⸗ kuͤnftigen Schikſale, de n Entſcheidung ich Gott anheim ſtelle. Riederfort. Auch die Uebrigen muͤſſen's bekraͤftigen. Alle Reiſige. Erſcheine zum Kampfe! Wir beeiden den Stillſtand einer Stunde! Riederfort. Nur Oswald ſchweigt, auch er muß ſprechen. R. Oswald. Langſam, unertraͤglich lang⸗ ſam wird ſie flieſſen dieſe Stunde: aber die Hof⸗ nung nahender Rache wird mich indeß ſtarken und laben. Ich ſchwoͤre, daß ich deinen Ruͤk⸗ zug nicht hindern, dir eine Stunde des Frie⸗ dens goͤnnen will, aber dann, dann—— Doch was nůzen Worte, wo Handlungen nur entſchei⸗ den koͤnnen! 871 R. Hans. Erſcheine! Erſcheine! denn nun iſt auch die kleinſte deiner Bedenklichkeit ver⸗ nichtet. Riederfort. Kuͤhner Schreier! Ich er⸗ ſcheine als Raͤcher.(er verläßt die Bruke, und erſcheint mit ſeinen Reiſigen auf der Ehne.) Johanna.(noch immer auf der Mauer, ſinkt auf ihre Knie) Allmaͤchtiger, ſtaͤrke du den Arm des Rächers meiner Ehre, und ſollte auch ſein Sieg meinen Tod foͤrdern, ſo iſt dieſer ja die einzige Wohlthat, die du mir hienieden noch gewaͤhren kannſt. R. Oswald.(mit geruͤhrter Stimme) Jo⸗ hanna, verzweifle nicht, dein Gatte lebt noch, und wird dich retten und raͤchen. Johanna. Aber nicht mehr lieben! Ohne ſeine Liebe iſt keine Freude, kein Leben fuͤr mich zu finden. (Ritter Hans ſammlete indeß zwanzig bewaf⸗ nete Reiſige um ſich, und gebot den nebrigen weitere Entfernung, ſelbſt R. Oswald zieht ſich mit ihnen zuruͤk. Hans eilt ihm nach, und umarmt ihn ſtillſchweigend.) (F. Riederfort erſcheint, F. Hans geht ihm mit den Setnigen entgegen. Die Reiſigen reichen ſich die Haͤnde, und ſammlen ſich im Kreiſe um die Kaͤmpfer.) Sp. kl. Erz. 28 Boch. F * 82—— R. Hans.(bietet Riederforten die Said) Ohne Haß und Groll!—— Riederfort. Am Ende; aber jezt auf Pflicht und Gewiſſen. g. Hans. Auf Leben und Tod, und Gott 6 entſcheide! Riederfort. Es geſchehe, wie du ge⸗ ſagt haſt. R. Hans. Dann bin ich meines Siegs gewiß. (Sie werden geſellt, und kömpfen mit Schwerd und Schilde. Der Sieg neigt ſich einige Mal auf Riederforts Seite; endlich ſammlet R. Hans die lezten ſeiner Kraͤfte: ein Streich, mit wel⸗ chem er Riederforts Haupt trift, macht dieſen taumelnd, ſein Schild ſinkt, und indem er ſich auf dieſes ſtuzt, wird er durch die gebfneten Schinen ſeines Harniſches von R. Hanſen durch⸗ bohrt; er ſinkt rochelnd zu Boden.) R. Oswald.(hervor ſtürzend. Gegen die Mauer Verzeihung, Belohnung, und was ihr noch fordern koͤnnt, wenn ihr meines unſchuldi⸗ gen Weibes i und ſie in meine Arme liefert. Einer der Reiſigen auf der Mauer. (ſeinen Doſch ſchwingend) Ich gelobte, ich erfuͤllen! 5 83 R. Oswald.(mit auſſerſter Heftigkeit) Frev⸗ ler! Weh dir! Weh euch allen, wenn ihr's duldet. Einige der Reiſigen. Centreiſſen dem Knappen den Dolch, und rufen) Er bietet Lohn und Vergebung! Nehmt, was er bietet. Beides iſt beſſer, als Fehde ohne Anfuͤhrer! Viele der Reiſigen.(hinab rufend) Hat er geendet? R. Hans. Gott hat entſchieden, und er ge⸗ endet! Gottes Barmherzigkeit entſcheide nun dort. Die Reiſigen.(auf der Mauer) Wir ſchwu⸗ ren, ihm treu zu dienen bis in den Tod! Wir haben unſre Pflicht erfullt, und muͤſſen nun fuͤr eignes Wohl ſorgen. (Dos Geſchrei wird allgemeiner, nur wenige widerſprechen, und ſuchen ſi ich Johannen zu naͤhern.) R. Oswald. Hoͤrt mich! hoͤrt mich! Ich will als Vater, als Wohlthaͤter mit euch ſpre⸗ chen, fordert, und ich will gewaͤhren. Allgemeines Geſchrei. Hoͤrt, hoͤrt ihn! Einige. Geht hinab, und unterhandelt. Andre. Wir gehen! Wir gehen! R. Oswald. Und wer ſchuͤzt indeß mein Weib? ——— Viele.(ſie umringend) Wir! Wir! Sorge nicht, wir ſind zum Frieden geneigt. (Einige Abgeordnete der Reiſigen erſcheinen, Rit⸗ ter Oswald naht ſich ihnen; ſie fordern freien Abzug und einen Jahrslohn, oder Annahme in ſeinen Dienſt, nach jedes Wohlgefallen. Os⸗ wald gewaͤhrt mit Freuden, nur wenige wah⸗ Len das Erſtere, die Meiſten geloben ihm Treue und Gehorſam. Die Veſte wird uͤberantwortet⸗ und Johanna im Triumphe von der Mauer her⸗ öbgeführt. Ritter Oswald zießt mit ſeinen Reiſigen ein. Allgemeiner Jubel erthnt.) Ein Gemach in der Burg. (Johanna von Reiſigen geleitet, trat ein. Von der andern Seite erſcheint R. Oswald, dann R. Hans mit Reiſigen.) R. Oswald.(Johannen entgegen eilend, ſie mit Heftigkeit umarmend) Mein Wei Mein ge rettetes Weib! JFohanna. In der Fuͤle meines Leidens, in der Groͤße meines Jammers flehte ich zu Gott, und bat ihn innig, daß er mich noch einmal ge⸗ rettet und geraͤcht in die Arme meines Gatten fuͤhren ſollte. Er hat mein Flehen erhoͤrt, ihm gebuͤhrt Dank!(ſie ſinkt betend auf ihre Knie nieder.) R. Oswald.(nach einer Pauſe) Und nun? Nun? Johanna.(aufſtehend) Nun will ich ſtand⸗ haft mein leztes Geluͤbde erfuͤllen, keine Thraͤne ſoll's truͤben, denn es ward feſt und mit reifer Ueberlegung geleiſtet. Ritter Oswald, lebt wohl! R. Oswald. Johanna! Johanna! Johanna. Mann, den ich einſt zu lieben gelobte, und ſo lange ich leben werde, hoch eh⸗ ren will, lebe wohl, und(mit ſtokender Stimme) vergiß diejenige, die ohne Vorſaz deine Tage truͤbte, und mit ihrer Zaͤrtlichkeit dein Herz quaͤlte. Haͤtte ich eher und fruͤher die Lage dei⸗ nes Herzens gekannt: ich wuͤrde dich nicht ſo hart gefeſſelt, oder wenigſtens die dir ſo uner⸗ traͤglichen Feſſeln läͤngſt vernichtet haben. Sie iſt nun frei! Dies ſei indeß dein Troſt; bald ſoll dich immer wachſende Hofnung laben, daß auch deine Feſſeln brechen werden. R. Oswald. Johanna! Befreite Johanna, du willſt mich verlaſſen? Johanna. Um der Geliebtern Plaz zu machen. Oswald! Einſt mein Oswald, nun nicht mehr! Vergiß des Weibes, das ſich dir aufdrang, und gedenke der Geliebten, die jezt 86 huͤlflos, trauernd und jammernd umher irrt⸗ Eile ihr nach, verkuͤndige ihr dein und ihr Gluͤk: fuͤhre ſie heim auf deine Veſte, ich werde den Genuß deines Gluͤks nicht ſtoͤren, wenn du auch noch ſo waker eilſt, ſo ſollſt du mich doch nicht mehr treffen. Zwar habe ich der Ruhe hoͤchſt noͤthig, aber ich will, ich mag nicht eher ſbr⸗ bis mein Geluͤbde erfuͤllt iſt. R. Oswald. Weib, ich habe dich gekraͤnkt, beleidigt, aber ich kehre mit dem feſten Vorſaze Johanna. Um den Kampf der ſchweren Pflicht aufs neue zu beginnen, und endlich doch zu unterliegen. Nein! Ich will der Entſchei⸗ dung nicht harren; jezt wird mir's noch zum Verdienſte, was ſpaͤter unerträglicher Swong ſeyn wuͤrde. R. Oswald. Was habe ich denn eigent⸗ lich verbrochen? Womit deinen Zorn ſo heftig gereizt? Johanna. Du fragſt? Du kannſt fragen2 R. Oswald. Mit vollem Rechte! Geboteſt du mir nicht ſelbſt Kampf mit Riederforten? Johanna. Weil ich— weil ich— Du zwingſi mich zu Vorwuͤrfen, die ich ſo gerne ver⸗ ſchweigen wollte. Oder wähnſt du vielleicht, daß ich nicht erfuhr, was ſo viele Augen ſahen? Indeß dein Weib deiner verſprochnen Botſchaft harrte, indeß ſie voll Zutrauen auf deine Zuſage im liebenden Irrwahne dem Feinde das Thor oͤfnete, vergaßt du ihrer ganz, lagſt in den Ar⸗ men der Geliebten, kuͤßteſt ihre Wangen, und ſchwurſt ihr ewige Liebe. Oder willſt du läug⸗ nen, was alle mir ins bleiche Angeſicht be⸗ eideten? R. Oswald. Verzeih, vergieb! Die All⸗ gewalt der Liebe—— Johanna. Eben weil ſie allgewaltig iſt, will ich ihr weichen. Mein Geluͤbde iſt vollendet, mein Entſchluß ſteht felſenfeſt; ich weiche, und wir ſcheiden auf immer! R. Oswald. Weib, ich laſſe dich nicht! Johanna. Willſt du mich noch länger quaͤlen? Huͤlflos verſchmachten und ſterben E hen? 7 R. Oswald. Du warſt mein Weib, du wirſt Mutter, ich fordre mein Kind von dir! Johanna.(ſtandhaft) Es ſoll dir werden! Hat's der Jammer nicht getoͤdtet, ſo ſoll' s dir werden! Bis zu ſeiner Geburt will ich das Lei⸗ den bekaͤmpfen, und die gerechten Klagen mil⸗ dern: aber wenn ich dir's ſende, mich losreiſſe von allen Banden, dann will ich des Jammers pflegen, dann will ich ihn vollauf nähren, da⸗ 88 mit er bald, recht bald mein Ueberwinder werde. Sollteſt du dann— doch nein, ich will's wenig⸗ ſtens jezt nicht denken! und doch, doch—— Sollteſt du dann des Kindes vergeſſen, die Rechte ſeiner Erſtgeburt ihm entziehen, und ſie Gelieb⸗ tern verheiſſen: ſo trifſt du mich einſt als deine Anklaͤgerin vor Gottes Throne! Und nun, laß mich willig ſcheiden! R. Oswald. Johanna, vergieb und bleibe! Johanna.(kalt) Du fuͤrchteſt vielleicht, daß ich zu meinem Vater ziehe, ihm mein Lei⸗ den klage, und ſeine Rache reize. Fuͤrchte nichts, nie ſoll er die Urſache meines Entſchluſſes er⸗ fahren, und wenn er meinen Aufenthalt erforſcht, ſo ſoll die Bitte ſeiner Tochter ſeinen Zorn ſchwaͤchen. Ich ziehe nach einem Kloſter, und werde dort fuͤr ſein, und— glaub's feſt und ſicher— auch fuͤr dein Wohl beten.(ſie eilt durch eine Seitenthüre ab, und verriegelt ſie von innen.) R. Hans.(naͤhert ſich Oswalden, und faßt ſeine Hand.) R. Oswald. Retter und Raͤcher, noch habe ich dir nicht gedankt, aber du ſahſt, du horteſt's, und wirſt fuͤhlen, daß ich's jezt wenig⸗ ſtens nicht vermag. 69 R. Hans. Oswald, dein Kampf hat be⸗ gonnen, ich hoffe, du wirſt ihn gleich dem mei⸗ nigen ruͤhmlich enden. R. Oswald. Iſt ſie nicht entflohen? Hat ſie nicht vor mir die Thuͤre verriegelt? R. Hans. Iſt ſie nicht tief gekraͤnkt? Nicht hoch beleidigt? R. Oswald. Wenn Reue nicht gnuͤgt, kann ich's aͤndern? R. Hans. Worte der Reue beweiſen nichts, nur Thaten können entſcheiden. Goͤnne ihr Ruhe und Zeit, beweiſe, was du ſprachſt, und ſie wird vergeben, vergeſſen!(will ſein blankes Schwerd in die Scheide ſteken.) R. Oswald.(es bindernd) Sehe ich nicht Blut an dieſem Schwerde? Iſt dies nicht Rie⸗ derforts Blut? R. Hans. Es iſt ſein Blut. R. Oswald.(darnach greifend) Gieb! Gieb! R. Hans. Und was willſt du damit be⸗ ginnen? R. Oswald. Ich gelobte, es ihr zu brin⸗ gen, das Schwerd der Rache, ich muß mein Geluͤbde erfuͤlen! Heute noch, ehe ſie meiner Nachſpaͤhe zu weit entflieht. Gieb! Gieb! Ich muß fort, nur wenige Reiſige ſollen mich beglei⸗ ten, die nebrigen dir dienen und gehorchen⸗ 90 Ere Sei und bleibe Burgherr, bis i wiederkehre, deine That verdient' 6. R. Hans. Oswald, Oswald, was be⸗ ginnſt du? R. Oswald. Ich muß mein Geluͤbde er⸗ fuͤllen, will's doch mein Weib auch thun, und gewiß ward's nicht ſo feierlich, ſo ſtreng geleiſtet. Freund, theurer Freund, gieb mir dein Schwerd! R. Hans. Nein, und wenn auch durch dieſe Weigerung unſre alte Fiunlchhk vernich⸗ tet werden ſollte.—— R. Oswald. Dachte ich's doch, daß die That dich blaͤhen, und du mir die Folgen wuͤr⸗ deſt fuͤhlen laſſen. R. Hans. Ich verzeihe dir jeden Anfall auf meinen Biederſinn, ich erlaube dir ihn ſo⸗ gar, wenn er dein wallendes Blut kuͤhlt, und dich fähig macht, deine Pflicht zu eyfuͤllen. R. Oswald. Meine Pflicht? Meine Pflicht? Gelobte, ſchwur ich nicht theuer und hoch, ſie zu rächen an ihrem tiranniſchen Gatten, zu brin⸗ gen, das mit ſeinem Blute beflekte Schwerd?— R. Hans. Und iſt das Erſtere nicht durch mich erfuͤllt worden, kann das Leztere nicht durch mich erfuͤllt werden? R. Oswald. Willſt du mir alles Wrhi Kauben? 91 R. Hans. Da dir's ſchadet und nicht nuͤzt, will ichs thun. Es iſt billig, es iſt mehr als billig, es iſt noͤthig, daß man der unſchul⸗ dig verſtoßnen Gattin, der umher irrenden Huͤlf⸗ loſen den Tod ihres grauſamen Verfolgers kund mache, und ſie benachrichtige, daß ſie ungehin⸗ dert heim kehren, im Namen ihrer unmuͤndigen Kinder ſein Haabe in Beſiz nehmen, und es fuͤr raubgierigen Haͤnden ſichern kann. Der Kampf hat mich ermuͤdet, aber nicht kraftlos gemacht: ich will noch heute, noch in dieſer Stunde aus⸗ ziehen, um dieſe Pflicht zu erfuͤllen, und bedarf ſie eines Schuz und Schirmvogtes: ſo will ich ohne Eigennuz dies Amt verwalten, und zu ge⸗ winnen ſuchen, was verloren wurde. R. Oswald. Und ich? ich? R. Hans. Du bleibſt daheim, und ſchuͤzeſt dein Eigenthum zu Gunſten deines nahen Er⸗ bens. R. Oswald. Und bettelſt um Verge⸗ bung bei deinem eigenſinnigen und verſtokten Weibe? R. Hans. Bei deinem gekraͤnkten, belei⸗ digten Weibe! muͤßteſt du ſprechen, wenn du dem Rathe der Vernunft achten wollteſt. Ab⸗ bitte des begangnen Fehlers entehrt den Mann nicht, erhebt ihn vielmehr zu groͤßern Ehren⸗ Wage ſie aufs neue mit Ernſte und Nachdruk⸗ 92 und die liebende Gattin wird und ver⸗ geſſen. R. Oswald. Wenn ſie aber widerſteht, wenn ſie auf ihrem Vorſaze beharrt—— R. Hans. So hindere ihn, bis Zeit und Gelegenheit ſie uͤberzeugen, daß der Ruͤkkehrende nicht allein Vergebung, ſondern auch Lohn ver⸗ dient. Ich eile—— ⸗ R. Oswald. Um Ruhm und Dank zu erndten, indeß dein Freund an der Thuͤre ſeines Weibes winſelt und bittet.— R. Hans. Du biſt mir Lohn ſchuldig, ich fordre ihn von dir! R. Oswald. Heiſche, er ſoll dir gewährt werden. R. Hans. Ich fordere deine Hand zum Unterpfande, daß du ritterlich kaͤmpfen und den herrlichen Sieg der Pflicht erringen willſt. Dies ſei mein Lohn! Wirſt, kannſt du ihn weigern? R. Oswald. O ich bin ungluͤklich, ich ver⸗ diene Huͤlfe, nicht Spott. R. Hans. Und ich erwarte meinen Lohn. Creicht ihm ſeine Hand.) R. Oswald.(ſchlaͤgt ein) So ſei's dann! Ziehe hin, ſage ihr, daß ihre Ketten geloͤst ſind, aber die meinigen mich noch ſchwer druͤken, ſage ihr, daß ich boffe—— 93 R. Hans.(ernſt) Ich werde ihr ſagen, was Gewiſſen und Pflicht heiſcht, auch ſoll dir Nachricht von mir werden, bis dahin lebe wohl und handle, damit ich dich einſt als Sieger um⸗ armen kann.(geht ab.) R. Oswald. Weit— weit iſt's mit mir gekommen! Der mannbare Ritter iſt zum Kinde geworden, das jeder Bloͤdſinnige nach Wohlge⸗ fallen gaͤngeln, leiten und ſtrafen kann.(er geht gegen die verriegelte Thuͤre, kehrt baſtig um) Nein! Nein! Mein Blut wallt zu ſtark, mein Herz klopft zu heftig! Heute nicht! Morgen! Mor⸗ gen! Erſt will ich ruhen.(bitter lachend) Ruhen? Ach, laͤg ich im Grabe, da wuͤrde, da koͤnnte ich ſanft ruhen!(geht abe) Ein Saal in R. Oswalds Burg. (Eben iſt die Sonne aufgegangen. R. Oswald tritt duſter und tiefdenkend ein.) R. Oswaid. Ha, das war eine Nacht: wenn noch mehrere und aͤhnliche folgen, ſo wird das gefolterte und gequaͤlte Herz doch endlich Ruhe finden. Immer ſtand ſie vor mir, reichte mir laͤchelnd ihre freie Hand, bat mich dringend und innig, Schuͤzer und Vater ihrer Kinder zu werden. Und ich Thor, ich unſinniger Thor * . „ wandte mich hartherzig von ihr, huͤllte mich in den Mantel meiner Pflicht, und ließ ſie uner⸗ hoͤrt ſtehen. So will dieſe Pflicht mich auch im Traume quaͤlen? Ha, das iſt ſchreklich! Wachend und ſchlafend kaͤmpfen zu muͤſſen! Das iſt un⸗ ertraͤglich. Eine Dirne.(tritt ttultrih und weinend ein.) R. Oswald. Wo iſt mein Weib2 Die Dirne. Ach, ich muß weinen, wenn ich daran gedenke—— R. Oswald. Wo iſt mein Weib? Die Dirne. Sie— ſie—(weinend) Wie ſie das Roß beſtieg, und ich—— haͤnderingend vor ihr ſtand, da— da— reichte ſie mir ihre Hand, und ſagte— ſagte— ſagte—— R. Oswald.(aufmerkſam) Was ſagte ſie? Die Dirne. Bringe meinem Gatten den lezten Abſchiedsgruß, und— ſage ihm, daß ich ohne Groll ſcheide, emſig und fleiſſig fuͤr ſein Wohl beten werde. R. Oswald. Und? uUnd? Die Dirne. Und dann—— und dann —— ſtach ſie den Gaul in die Seite, und er entfloh aus meinen Augen. Ich wollte ihr nach, ſie noch einmal ſehen, aber— Thraͤnen truͤbten Auge,—— ich— ich ſah ſie nicht mehr! —— 95 R. Oswald. Fort? Entſtohen? Ihrem reuenden, kaͤmpfenden Gatten entflohen? Ich will—— Cſich faſſend) So ſei's dann! Sie ſtreifte ſelbſt die Feſſeln von meinen Händen, und machte mich frei! Ich will dieſe Freiheit nuͤ⸗ zen, treflich nuͤzen.—— Nein! Rein! Sie ſoll nicht mit dem triumphirenden Gedanken ge⸗ ſchieden ſeyn; daß erfolgte, was ihr eiferſuͤchti⸗ ges Herz argwohnte. Ihr nach, Oswald, ihr nach! Niemand kann dem Manne ſein Weib verhelen Und dann will ich ernſt vor ihr ſtehen, und mit Nachdruk heiſchen, was ich zu erbetlen entſchloſſen war. Ohne mir ein Wott zu ſagen, ohne Abſchied zu nehinen, ohne—— nein, ſo behandelt man den Ritter Oswald nicht; er läßt ſich willi kränken, aber nicht öffentlich verach⸗ ten.—— Crufend) Benno, laß ſatteln, ich muß eilends von hinnen!(eilt ab.) Eine Zelle in einem Ronnenkloſter. (Der Abend beginnt; die Aebtiſin, welche die gelle bewohnt, iſt im Gebete begriffen.) Die Aebtiſſin. Eine Ronne. Nach⸗ her Johanna. Die Ronne. Vergieb, wenn ich dich ſtöre; aber eine fremde Rittersfran, welche eben 96— an unſrer Pforte angelangt iſt, wuͤnſcht dich ſehnlich zu ſprechen. Sie bat ſo dringend und innig, daß ich ihr den Verſuch nicht weigern konnte. Die Aebtiſſin. Friede ſei mit ihr! Sie ſei mir willkommen! Fuͤhre ſie herauf, damit ich ihre Bitte hoͤre. (Die Nonne geht ab, und erſcheint bald mit Jo⸗ hannen.) 6 Johanna.(vor der Aebtiſſin kniend) Ehr⸗ wuͤrdige, goͤnne mir deinen Schuz, nimm mich auf unter die Zahl der Geweihten, die Gott raſtlos und in Ruhe dienen; ich will dir's loh⸗ nen nach Kräften, und vergelten durch mein inbruͤnſtiges Gebet, ſo lange ich leben werde. Aebtiſſin.(ſie empor hebend) Wer biſt du? Wie nennſt du dich? Johanna. Ich glaubte einſt, die gluͤkliche Gattin eines tugendſamen Ritters zu ſeyn: aber ich war's nicht; ich waͤhnte einſt, eine gluͤkliche Mutter zu werden: aber alle Ausſicht iſt verlo⸗ ren, und ich komme in deinem Kloſter Troſt zu finden, und Gott ernſtlich zu bitten, damit er mich bald aus dieſer trugvollen Welt befreie. Aebtiſſin. Harre geduldig, bis er ruft, und murre nicht, wenn er dich laͤnger pruͤft. Doch du vergißt den zweiten Theil meiner 97 Frage, ich muß ihn wiederholen: Wie nennſt du dich? Johanna. Ich nenne mich Johanna von Hochburg, und war das Weib des Ritter Os⸗ walds, der einſt dein Kloſier ſchirmte. Aebtiſſin. Oswalds Weib? Und iſt der Ritter todt? Gefangen in der Fehde mit dem heilloſen Riederfort? Johanna. Rein, noch lebt er, und hat ſeinen aͤrgſten und groͤßten Feind beſiegt. Aebtiſſin. Und du haſt ihn verlaſſen? Johanna.(ſchmetzhaft) Weil er mich verließ! Aebtiſſin. Dich verließ? Darf ich der Sage trauen, die mir erſt vor kurzem ward, ſo kehrte er noch geſtern auf ſeine Veſte zuruͤk, und rettete dich aus den Klauen des boſen Un⸗ Johanna. Das that er! Aebtiſſin. Und du konnteſt ihn doch ver⸗ laſſen? Johanna. Konnte, mußte!—— D ich!—— Willſt du meine Wunde bluten ſehen? Aebtiſſin. Muß ich e wenn ich dein Arzt werden ſoll? Sp · ki. Erz. 25 Boch⸗ G 93 Fohanna. O ſie iſt unheilbar, nur der Tod kann ihre Schmerzen lindern.— Aebtiſſin. So ſpricht jeder, welcher an Gottes Aumacht und Barmherzigkeit zweifelt. Johanna. Ich traue, ich baue ja auf ihn; ich komme, um mich in ſeine Arme zu werfen. O ehrwuͤrdige Jungfrau, nimm mich auf in dein Kloſter, laß mich ablegen das Ge⸗ luͤbde der ewigen Armuth und Keuſchheit.—— Aebtiſſin. Ich kann dich nicht aufneh⸗ men in mein Kloſter, du darfſt nicht ablegen das ſchwere Geluͤbde!— Foͤhanna. Nicht? Gott im Himmel, warum nicht? Aebtiſſin. Weil der Menſch nicht ſchei⸗ den darf, was Gott zuſammen gefuͤgt hat. Du biſt Oswalds Weib, und mußt als dieſes deine Pflicht erfuͤllen. Johanna. Ich wars, bin's nicht mehr. Aebtiſſin. Hat er dich verſtoſſen, miß⸗ handelt, oder zu dieſem Entſchluſſe gezwungen? Johanna. Nein, das that er nicht! Aebtiſſin. Und du willſt ihn doch ver⸗ laſſen? Johanna. Weil er mich nicht mehr liebt; weil ich ohne Gegenliebe nicht bei ihm leben, ———— 99 nicht läͤnger durch meine Gegenwart ſein treu⸗ loſes Herz quaͤlen will. O er— es iſt ſchrek⸗ lich und wahr— er liebt Riederforts Weib, liebte ſie ſchon, als ihr Gatte noch lebte; jezt hat dieſer geendet, nun hindert ihn nichts, ſie zaͤrtlicher als je zu lieben. Aebtiſſin. Harre der Zeit, ſie wird den Irrenden ruͤkfuͤhren. Johanna. Ruͤkfuͤhren? Als Riederfort ſeine Veſte mit Liſt eroberte, und ſein ſchuld⸗ loſes Weib gefangen nahm: da trafen ihn die Boten, welche dieſe ſchrekliche Nachricht brachten, entfernt von ſeinen Reiſigen, in einer Einoͤde, und Riederforts Weib in ſeinen Armen. Eben kuͤßte er ſie—— bedenke, erwaͤge es: Er kuͤßte ſie! Aebtiſſin. War die Nachricht vielleicht nicht erdichtet, nicht——2 Johanna. Nein, ſie war ächt und rein; denn er bekraͤftigte ſie ſelbſt durch ofnes Geſtaͤnd⸗ niß, ſuchte ſeine Frevelthat durch Worte der Reue zu mildern. Aebtiſſin. Und du haſt nicht vergeben, vergeſſen? Weiche von hinnen! Wir beten hier taͤglich und ſtundlich: Vergieb uns unſre Schuld, ſo wie wir vergeben unſern Schuldigern! Du kannſt, du darfſt nicht mit uns beten⸗ G2 Johanna. Willig werde ich vergeben und vergeſſen; aber dulde mich in deinem Kloſter, und laß mich ein Geluͤbde erfuͤlen, das ich mit feſtem Vorſaze dem gelobte, und nicht widervufen kann⸗ Vebtiſſin. Gott hoͤrt das Geluͤbde des Weibes nicht, welches ſich von ihrem Manne trennen, die groͤßte ihrer Pflicht vernichten wil. Wenn ich nicht irre, ſo wirſt du bald das groͤßte Gluͤk des Weibes genieſſen, Mutter eines hol⸗ den Kindes zu werden? Johanna.(mit vieler Wehmuth) Bald, ach bald werde ich Mutter ſeyn! Aebtiſſin. Und was ſoll dann, koͤnnteſt du dein Gelbde erfullen, aus dem ungluͤklichen Kinde werden? Johanna. Sein Vater heiſchte es, ich ge⸗ waͤhrte ihm ſeine Forderung, und will es ihm gleich nach der Geburt ſenden. Aebtiſſin. Das wollteſt, das könnteſt du thun? Dich trennen von dei Kinde, das neun Monate unter deinem Herzen lag, dein Blut trank, und nun deine Milch trinken ſoll? Du konnteſt dies huͤlfloſe, unſchuldige Kind, dieſen Theil deiner ſeibſt fremden Miethlingen antrauen? Es unter ihren gefuͤhlloſen Haͤnden ungeruͤhrt martern, quaͤlen und ſterben ſehn? Weiche von hinnen! Der Hund, welcher ſeine Jungen nicht —— — TOI naͤhrt und traͤnkt, wird von mir verſtoſſen; das Weib, welches ihr Kind dem Tode opfert, wird von mir verabſcheut. Wo iſt eine Mutter, die ihres Kindes vergeſſen kann? fragt Gott in ſei⸗ ner Offenbarung. Hier ſieht ſie! will ich ant⸗ worten, und am Tage des allgemeinen Gerichts kaͤhn auf dich deuten, wenn er als Richter dieſe Frage wiederholt. Johanna. O dein Vorwurf iſt gerecht, dein Beweis hat geſiegt; ich will ſeine Mutter bleiben, es nicht von mir laſſen, liebreich pfle⸗ gen.—— Aebtiſſin. Und es mit Thraͤnen des bit⸗ tern Kummers traͤnken, damit es ſchnell und bald ende, dich als ſeine Moͤrderin vor Gottes Throne anklage. Oder waͤhnſt du, daß das kleine Ebenbild des einſt ſo theuern Vaters dich nicht immerwaͤhrend an ihn erinnern, nicht aufs neue die unterdruͤkte Liebe zu ihm weken wird? Und iſt ſie nun gewekt, dieſe begehrende und hei⸗ ſchende Liebe: womit kannſt du ſie naͤhren? Vielleicht mit der Vorſtellung deines unauſioͤs⸗ lichen Geluͤbdes? O Weib, du fuͤhlſt nicht, was du beginnen willſt! Du ſuchſt Ruhe in einem Geluͤbde, das dir alle Freuden der Erde raubt, keine gewaͤhrt, nur jenſeitig hoſſen läßt. Du verlaͤßt ein Geluͤbde, das die groͤßten der irdi⸗ ſchen Freuden gewaͤhrt, und dir jenſeits eben ſo gewiſſen Lohn ſichert. — Johanna. Gott, was ſoll ich thun? Aebtiſſin. Ruͤkkehren zum reuenden Gat⸗ ten! Vergeben und vergeſſen, was er an dir verbrach; durch Guͤte ſeine Wunde zu heilen, durch zuvorkommende Liebe ſein Herz zu gewin⸗ nen ſuchen. Dies iſt der Rath, den ich dir nach Pflicht ertheilen muß. Wohl dir, wenn du ihn nuͤzeſt; weh dir, wenn du ihn verwirfſt. Vorige. Eine Nonne. Die Nonne. Ritter Oswald iſt vor unſern Mauern angelangt, und heiſcht mit vielem Un⸗ geſtuͤme deine Gegenwart. Johanna. Oswald? Mein Gatte! O Ehr⸗ wuͤrdige, ſchuͤze mich vor ſeinem Grimme! Aebtiſſin. Du wirſt des Schuzes nicht beduͤrfen. Harre meiner, bis ich wiederkehre, oder nach dir ſende. Vielleicht goͤnnt mir der Allguͤtige das Gluͤk, zwei Irrende zu ihrer Pflicht zu leiten. Es iſt das ſchoͤnſte Werk des Men⸗ ſchen, und wird ſeiner Verheiſſung gemäß dort ſicher belohnt.(ſie geht mit der Ronne ab.) Johanna.(aͤngſtlich auf und ab gehend) Wie iſt mir? O ſie hat mein Herz erweicht; ſie hat die Gruͤnde, mit welchen ich meine That deken wollte, vernichtet; ich ſtehe einſam, huͤlflos und —. —— 103 verlaſſen da. Mein erzuͤrnter Gatte droht, und ich— O koͤnnte er vergeſſen der verbotnen Liebe, wie gerne wuͤrde ich dann wieder zu gewinnen ſuchen, was ich ſchuldlos verlor! Ein Sprachgemach im Kloſter. Ritter Oswald. Nachher die Aebtiſ⸗ ſin nebſt einer Nonne. R. Oswald.(haſtig auf und nieder gehend) Lange werde ich nicht harren, lange nicht mehr des Verbots achten, daß kein Mann ſich der geneihten Zelle nahen ſolle. Sind dieſe faͤhig, entfohne Weiber zu verbergen: ſo kann der be⸗ leidizte Gatte ſie auch dort ſuchen. Lebtiſſin.(verſchleiert) Seid mir will⸗ komnen, edler Ritter, ich kann die Urſache en⸗ rer Heimſuchung im Voraus muthmaſſen.—— R. Oswald. Um ſo beſſer, dann bedarf's der Werrte mit euch nur wenige. Doch, damit ihr nich laͤnger zu muthmaſſen braucht, und eurer Siche vollkommen gewiß ſeid, ſo will ich euch beſſe unterrichten. Mein Weib entfloh mir dieſen Mirgen, ihre Spur fuͤhrte mich bis zu euern Mauern, und ich hoffe, ſie hier zu treffen. ro4 Aebtiſſin. Die Spur hat euch nicht irre geleitet. R. Oswald. Und ihr werdet ſie mir doch nicht weigern? Vebtiſſin. Gott ſoll mich bewahren, daß ich dem ſuchenden Manne ſein entflohnes Weib weigern ſollte! R. Oswald. Das hieſſe euch Gott ſprecher! Aebtiſſin. Nicht Gott, ſondern die Be⸗ gierde ſein Gebot nach Kraͤften zu erfuͤllen. R. Oswald. Und wo iſt ſie, die Halz⸗ ſtärrige, die Entflohne? Wo iſt ſie? Aebtiſſin. Sie harrt in meiner Zelle der Botſchaft, welche ich ihr in euerm Namen ſin⸗ den werde. R. Oswald. Dieſe iſt kurz und bimig. Sie ſoll erſcheinen, und das weitere ervar⸗ ten.— Aebtiſſin. Ritter, ihr habt euer Weib ſehr gekraͤnkt. R. Oswald. Jungfrau, mein Wiib hat mich durch ihre Flucht ſehr beleidigt. Aebtiſſin. Wenn das Weib den Gatten beleidigt, und der Gatte das Weib krinkt, ſo kenne ich ein herrliches Mittel dagegen.— S— —— „—— — 105 R. Oswald. Wirklich? Und wie nennt ſich dies Mittel? Doch nicht Kloſter? Doch nicht Ruͤkzahlung der Morgengabe in dieſes? Aebtiſſin. Rein, es nennt ſich: Verzel⸗ hung, Vergebung! Verſucht's und ihr werdet es bewaͤhrt finden. R. Oswald.(hoͤhniſch lachend) Moͤglich, daß bei euch Verdienſt ſei, was das Herz des Ritters ſchaͤndet. Doch daruͤber bedarf's keines Streites. Ich bin gekommen mein Weib zu ſe⸗ hen und zu ſprechen, und ich—— Aebtiſſin. Und ihr ſollt eure Abſicht ſo⸗ gleich erfuͤllt ſehen.(ſie naht ſich der Nonne, ſpricht heimlich mit ihr, und dieſe entfernt ſich) Euer Weib wird ſogleich erſcheinen. R. Oswald. Doch nicht ſchon eingehuͤllt in eure trugvolle Kleidung, mit welcher ihr den Blik des Kuͤhnen zu ſchreken glaubt? Mich wird ſie nicht taͤuſchen, nicht ſchreken; ich werde nur mein Weib ſehen, nur mit dieſer ſprechen. Aebtiſſin. Das hofte ich eher ſchon, dies wuͤrde ich von euch erfleht haben, wenn ihr's ge⸗ weigert haͤttet. Vorige. Johanna.(unterſtuzt von zwei ver⸗ ſchleierter Nonnen, die ſich dann nach dem Hintergrunde zurük ziehen.) Johanna.(zu ihrem Gatten wankend, will ſprechen, vermag's nicht, und bricht in lautes Schluch⸗ zen aus.) R. Oswald.(kalt) Spare deine Thräͤ⸗ nen fuͤr die Zukunft, vielleicht bedarfſt du ihrer. Johanna, ich kraͤnkte dich, ich truͤbte deine Tage, aber ich fuͤhle mein Unrecht, bekannte es, und bat um Vergebung. Du—— Johanna Ich— ich—— R. Oswald. Schweig und hore. Du widerſtandſt meiner Bitte, du entflohſt dem Ver⸗ ſoͤhnungskuſſe, du eilteſt heimlich aus meiner Burg, und verbargſt dich in einem Kloſter. Ich eilte dir nach, und traf dich—— Aebtifſin. Dafuͤr ſei Gott gedankt! R. Oswald.(ohne ſich hinderu zu laſſen) Ich koͤnnte jezt Rache heiſchen und nehmen, könnte dich rukfuͤhren und einkerkern in der Burg, die du pſflichtwidrig, heimlich und ſchaͤndlich ver⸗ laſſen haſt: aber ich haſſe allen Zwang, weil ich gleich dir ſeine Haͤrte gefuͤhlt habe. Du haſt mich verlaſſen, und ich komme dir zu ſagen, daß ich dich auch verlaſſen will. Unſer Bund iſt vernichtet; die Feſſeln, welche mich an dich —— —————— —————— — — —— 107 ketteten, ſind zerriſſen. Ich bin frei, ich habe kein Weib mehr. Ich verſtoſſe dich, wie du mich verſtoſſen haſt. Aebtiſſin. Und ich nehme ſie als meine Tochter an—— R. Oswald. Wie dir's behagt; aber von mir darf ſie nichts fordern, von mir wird ſie 1 etwas erhalten. Aebtiſſin. Und doch nehme ich ſe als meine Tochter, und ihr verwaiſtes Kind als mein eignes an. Schon unter dem Herzen der Mut⸗ ter von ſeinem Vater verſtoſſen iſt es ein Gegen⸗ ſtand der allgemeinen Erbarmung. Ich will's nach Kraͤften pflegen und erziehen; und wenn ſein Verſtand reift, wenn es ſich uͤberzeugt, daß ich nicht ſeine Mutter ſeyn kann, und es nun klagend nach ſeinen Aeltern forſcht; ſo will ich ihm ſagen: dein hartherziger Vater verſtieß dich, und deine Mutter toͤdtete Gram und Kummer! R. Oswald. O du willſt mein Herz ruͤh⸗ ven, aber meines Weibes That hat es ſchon ver⸗ haͤrtet.— Doch will ich des Kindes V bleiben. Aebtiſſin. Es bedarf Vater und Mut⸗ ter, willſt du ihm die leztere tet ſo mag es beide entbehren lernen. Johanna. Cheftig vien) Oswald du liebſt mich nicht mehr! og— R. Oswald. Johanna, du haſt mich verlaſſen! Johanna. Well ich furchtete, wäͤhnte—— R. Oswald. So wähne ferner, vielleiche macht dich und mich der Wahn gluͤklich, da es Wirklichkeit nicht vermochte. Eine der Nonnen.(tritt hervor⸗ ergreift Johannens Hand, und legt ſie in Oswalds Rechte; mit ernſtem feſtem Tone) Was Gott zufammen gefügt hat, kann, darf der Menſch nicht trennen! R. Oswald. Wer ſprach das?(zuruk ſchaudernd) Gott, welche Stimme! Die Nonne. Oswald gehorche, wenn du kuͤnftig noch Gluͤk genieſſen wilſ⸗ R. Oswald. Sie iſt's! Sie iſt's! Die Nonne. Cſchloͤgt ihren Schleier zurub) Ja es iſt Mathilde, es iſt Riederforts Witwe, und nuu Gottes Verlobte. Erſt dieſen Mor⸗ gen, als mir die ſchrekliche Rachricht ward, daß Riederfort ſein ruchloſes Leben geendet habe, ward mir's vergoͤnnt, dem Ewigen meine Tage zu weihen. Ich ſchwur's, und will's hal⸗ ten all mein Lebelang. R. Oswald. Du ſchwurſt? Willſt erfuͤllen? O Unerbittliche, Grauſame! ro Mathilde. Uns trennt eine unermeßliche Kluft, die meines Gatten blutender Koͤrper nicht fuͤllen kann. Meine Feſſeln ſind zerriſſen, die deinigen feſſeln dich um ſo ſtärker. Weh, weh, weh mir! wenn ich ſie durch Hofnung der Moͤglichkeit ſchwächen ſollte. Heute, nur heute darf ich noch mein Angeſicht vor dem Ange eines Mannes entſchleiern! Die Sonne geht unter, ich muß mein neues Geluͤbde er⸗ fuͤllen. Lebe wohl!(ſe verſchleiert ſich) Nun ſiehſt du mich nie wieder. R. Oswald.(auſſer ſich) Mathilde! Ma⸗ thilde! Mathilde. Dort ſteht dein verlaßnes, tief gekraͤnktes Weib: ſie zu troͤſten iſt deine Pflicht! Erfuͤlle ſie, wenn ich anders deiner in meinem Gebete gedenken ſoll.(ſſe faßt mit Nach⸗ druk ſeine Hand und leitet ihn zu Johannen) Grauſamer, du weigerſt mir meine lezte Bitte? Willſt nicht, daß ich die lezte meiner irdiſchen Frenden ſehen und genießen ſoll? Johanna.(innig gerührt, ſinkt in ihres Mannes Arme) Oswald, geliebter ver⸗ zeih, vergieb!. R. Oswald.(hingeriſſen, ſchlingt ſeinen Arm um ihren Raken) Johanna! Mein Weib! Es war ihre lezte Bitte, ich will ſie ehren und er⸗ fuͤllen all mein Lebelang! LTO Mathilde.(mit Wehmuth) Gott ſegne, Gott mache euch gluͤklich, und ſchenke euch und mir Vergeſſenheit des Vergangnen!(eilt ab.) (Eine lange Pauſe.) Vorige. R. Hans.(fuͤhrt Mathildens Kinder an der Hand.) R. Hans. Endlich ward mir mein Lohn. Er iſt groß, aber ich will ihn auch zu verdienen trachten. Weint nicht, gute Kinder, weint nicht; alle Wochen zweimal werdet ihr eure gute Mutter ſehen und ſprechen, und euer Erbe will ich ſchuͤzen und vertheidigen, wie die Loͤ⸗ win, wenn man ihre Jungen rauben will. Cerblikt die nebrigen) Was ſehe ich? Gott wär's moglich!(zur Aebtiſſin) Hat ſie gluͤklich vollendet? Aebtiſ ſin. nach Gottes Ge⸗ bote, und er wird ihr's lohnen mit kraͤftigem Beiſtande im Kampfe, den ſie nun beginnen muß. R. Oswald.(zu Fitter Hans) Freund! Auch du? Ich habe mein Weib wieder ge⸗ funden! ————— 5 — „——— III Fohanna. Trauter Ritter, mein Gotte liebt mich wieder, und Mathilde—— d ich habe nun nichts zu fuͤrchten! R. Hans. Und ich bin Vater dieſer Kin⸗ der geworden, ſo— ſo—(wiſcht eine Throͤne aus ſeinem Auge) ſo ſind wir ja alle gluͤklich! Aebtiſſin. Gott mehre euer Gluͤk taͤg⸗ lich, und lohne mir's, weil ich's nach Kraͤften foͤrdern half. FF H. Die ſchreklichen Folgen eines kleinen, unbedeutenden Leichtſinnes. Mu dem troſtreichen Bewußtſeyn, ſtets die Pflichten ſeines Standes erfuͤllt, und ſeine Kin⸗ der ſorgfaͤltig erzogen zu haben, entſchlummerte der Bergmann M—r ruhig in den Armen ſei⸗ ner weinenden Kinder. Er hinterließ einen Sohn und zwei Toͤchter, und dieſen zum Erbe ein klei⸗ nes ſchuldenfreies Haus zu S— g in S— n Der Sohn, welcher bereits als Bergmann ar⸗ beitete, uͤbernahm das Haus; ſeine Schweſter beſorgten die kleine Wirthſchaft, genoſſen dafuͤr die Koſt des Bruders, und ſuchten ſich nehenbet durch Nähen und Spizenkloͤpeln etwas zu ver⸗ dienen. Da ſie wenige Beduͤrfniſſe tannten, die Befriedigung mancher ſich uͤberdies verſagten, und folglich aͤuſſerſt wenige zu befriedigen hat ten: ſo lebten ſie in der Folge ruhig und zu frieden. Die aͤltere Schweſter war nicht ſchoͤn, die⸗ Blattern hatten ihr Geſicht entſtellt, und die Reize der Ingend ſehr gemindert; aber die uͤn⸗ Spekl. Erz⸗ 48 Boch⸗ „ gere bluͤhte gleich einer Roſe, und ward mit Recht das ſchoͤne Suſanchen genannt. Still, ſehr eingezogen, oft unwilkuͤhrlich traurend, keiner unſchuldigen Freude empfaͤnglich, lebte die erſtere. Munter und froͤhlich, immer ſcher⸗ zend und ſingend, huͤpfte die juͤngere einher: fand uͤberall Stoff zur Freude, erblikte nirgends Roth und Kummer, und lachte ſtets, wenn jene beides ahnete. Jede Arbeit gelang ihr leicht und gut, und eben dieſe Leichtigkeit gewaͤhrte ihr manchmal Ruheſtunden, wenn ihre Schwe⸗ ſter noch aͤngſtlich und anhaltend arbeitete. Auch der Bruder glich der altern Schweſter, arbeitete zwar ämſig und fleiſſig, war aber gleich ihr ängſtlich und unentſchloſſen in allen ſeinen Hand⸗ lungen; ſah oft die Muͤke fuͤr einen Elephanten an, befuͤrchtete Peſt, und prophezeite ſichere Theuerung, wenn im Sommer der Nordwind, und im Winter der Suͤdwind wehte. Großen, anhaltenden Kummer verurſachte ihm die ſich immer mehr entwikelnde und ver⸗ groͤßernde Schoͤnheit ſeiner juͤngern Schweſter⸗ Du wirſt, ſprach er oft zu ihr, fuͤr ein armes Buͤrgermaͤdchen zu ſchoͤn, du gefäͤllſt allen Juͤng⸗ lingen und Männern, und reizeſt ſie daher alle zur Verfuͤhrung. Den vierten Theil des vaͤter⸗ lichen Erbes wollte ich gerne miſſen, waͤrſt du minder ſchön, und herzlich gerne einen gleichen Theil zur Ausſtattung verſchwenden, wenn ich ———— —————— 115 dich mit Ehren unter die Haube gebracht hätte. Vergebens ſuchte Suſanchen dieſen Kummer durch die Verſicherung zu entkraͤften, daß ſie je⸗ der Verſuchung trozen, und ſo bald als moͤglich durch eine glukliche Heurath hindern wolle; ihr angſtvoller Bruder bangte und zagte ſtets aufs neue. Oft wollte er deßwegen dem nicht ganz geringen Vortheile eines auf ſeinem Hauſe haf⸗ tenden Brandwein und Weinſchankes entſagen, weil dieſer, ſeiner Meinung nach, allen maͤnn⸗ lichen Bewohnern der Stadt Gelegenheit gab, ſeine ſchoͤne Schweſter zu ſehen, zu ſprechen, und ihr unſchuldiges Herz zu verderben. Nur die heilige Verſicherung der ältern Schweſter, daß ſie in ſeiner Abweſenheit Suſanchen wie ihr Auge bewache, und jede Gelegenheit zur Ver⸗ ſuchung von ihr entferne, vermochte ihn, dieſen Vorſaz aufzugeben. Unter den Hunderten, welche Suſanchen ſchoͤn nannten, befand ſich auch ein junger Berg⸗ knappe, der mit ihrem Bruder in einer Grube arbeitete, gleich ihm ein kleines Haus beſaß, und, nach dem allgemeinen Ausdruke, eine Frau zu ernähren im Stande war. Er liebte Su⸗ ſannen bald aufrichtig und zaͤrtlich, wuͤrde oͤfſent⸗ lich um ihre Hand geworben und ſie als Gattin heim gefuͤhrt haben, wenn ihn nicht der Eigen⸗ ſinn einer noch lebenden Mutter daran gehin⸗ dert haͤtte. Dieſe fuͤhrte, ob ſie gleich alt und H 2 oft krank war, ſeine Wirthſchaͤft, konnte keine Magd um ſich dulden, und verſicherte ihren Sohn oft, daß ſie ſein Haus verlaſſen, und ihr Erbe einem Fremden zuwenden wolle, wenn er bei ihrem Leben eine Frau heim fuͤhren werde. Dieſe Geſinnung war in der Stadt allgemein bekannt; und da endlich der verliebte Berg⸗ knappe ſeine Reigung zu Suſannen dem Bruder erklaͤrte: ſo ſchuͤzte dieſer ſogleich dies Hinder⸗ niß als die Urfache der verweigerten Einwilligung vor; doch erlaubte er ihm in ſeiner Gegenwart fernern Beſuch bei Sufanchen, weil er als ge⸗ wiß voraus ſah, daß die alte Mutter bald ſter⸗ ben werde, und dann der junge ſehr ſittſam le⸗ bende Bergknappe fuͤr ihn ein willkommner Schwager ſehn wuͤrde.— Freilich hatte er ſich's ausdruͤklich bedungen, daß er bei den erlaubten Veſuchen mit ſeiner Schweſter noch nicht vok Liebe ſprechen, ſich nur nach und nach ihr an⸗ genehm und beliebt machen ſollte; aber ächte Llebe iſt keiner Verſtellung faͤhig, und ſo merkte es das ſchoͤne Suſanchen bald, daß der huͤbſche junge Mann nicht des Glaͤschen Weines, ſon⸗ dern vielmehr der angenehmen Schenkin wegen oft in ihrem Hauſe erſcheine. Dieſe Entdekung war ihr nicht unangenehm, ſelbſt bei der Por⸗ ſiellung, daß er ſie wohl einſt vom Bruder zum Weibe begehren koͤnne, empfänd ſie kein widri⸗ ges Gefuhl; aber ſie liebte ihn noch nicht, ſehnte 17 ſich nicht nach der Ankunft dieſes Zeitpunkts, und konnte mit freiem, unbefangenem Herzen ihren Geſpielinnen in's Angeſicht lachen, wenn ſie dieſe eine zukuͤnftige Braut nannten. Die erſten Jugendjahre der Maͤdchen ſchwinden ge⸗ meiniglich im frohen Scherze und muntern Sinne dahin; ſie ſehen es herzlich gerne, wenn die Juͤnglinge das Daſeyn einer nenen Schönheit fuͤhlen, und hinter ihnen beſiegt einher ſchlei⸗ chen; aber ſie ſind gleichſam noch unfaͤhig zur entſcheidenden Wahl, zur aͤchten, wahren Liebe gegen einem Einzigen; keiner mißfallt, keiner gefaͤllt auſſerordentlich, und alle diejenigen, wel⸗ che im ſo fruͤhen Alter, im Zeitpunkte des Er⸗ wachens und Keimens der Liebe heuratheten, werden mir in geheim geſtehen, daß ſie ihren Gatten anfangs nur angenehm fanden, nur erſt in der Zeitfolge innig und zaͤrtlich lieben lernten. Wir laſſen uns, ſprach einſt in meiner Gegen⸗ wart eine ſehr kluge Frau, bis ins zwanzigſte Jahr unſers Alters lieben, und nur, wenn wir dies erreicht haben, lieben wir erſt ſelbſt. Dieſe durch Erfahrung beſtaͤtigte Wahrheit traf auch bei Suſannen ein; ſie ließ ſich lieben, aber liebte nicht wieder, genoß die Wonnetage der ſorgenfreien Jugend in ganzer Fuͤlle, und lä⸗ chelte oft mitleidig, wenn ſie andere uͤber Sorge, Kummer und ſchlafloſe Naͤchte kagen hoͤrte. 118 Armes, bedaurungswuͤrdiges Maͤdchen, bald wird der Schlaf dein weinendes Auge fliehen, ſchwarze Sorge und nagender Kummer dein Herz qualen; bald wirſt du deine Haͤnde troſtlos ringen, und ſeufzend den Allmaͤchtigen fragen: Ob du denn gar keines Mitleids und Erbar⸗ mens wuͤrdig ſeiſt? Eine dir unbekannte, und eben deßwegen ſchrekliche Gefahr naht, ſie wird dich in deiner Sicherheit uͤberraſchen, und— 0 es iſt ſchreklich, aber wahr— zeitlebens elend und ungluͤklich machen. Dein ahnender Bruder hat recht, das allzu ſchoͤne Madchen gleicht der blühenden Roſe am Zaune des Gartens; jeder wird durch ihren Wohlgeruch gereizt, und ſtrekt die Arme durch die Luͤken, um die duͤftende Blu⸗ me zu pfluͤken. Doch ehe ich dieſe Wahrheit mit deinem ungluͤklicher Beiſpiele beweiſe, muß ich vorher die nahende Gefahr enthuͤllen. In eben dieſer Stadt lebte ein geſchikter und fleiſſiger Bergmann, denn er hatte mit ſeiner Frau ein Haus und ein maͤſſiges Kapital erhal⸗ ten, das ihn jezt nebſt ſeinem Arbeitslohne in den Stand ſezte, nach buͤrgerlicher Weiſe gut und anſtändig zu leben. Seine Gattin war nicht ſchoͤn, beinahe haͤßlich, aber ſie liebte ihn mit inniger Zaͤrtlichkeit; ehrte ſeine Wuͤnſche, befolgte ſeinen Willen, und zwang ihn dadurch zur Dankbarkeit und Liebe. Auch zollte er ihr dieſen verdienten Lohn im reichlichen Maaße, 179 kiebte zwar nicht mit dem heftigen Jugendfeuer, war aber ein ſehr gefaͤlliger Ehemann, blikte nach keiner ſchoͤnern umher, und fand daheim, wenn er von ſeiner Arbeit ruͤkkehrte, haͤußliche Gluͤkſeligkeit und Ruhe. Wie ihm ſeine Frau das dritte Kind gebahr, waͤhlte er Suſanchens Schweſter zu deſſen Pathen; er that dies ohne Abſicht, blos auf Bitte ſeiner Frau, weil dieſe it jener ſeit kurzer Zeit innige Freundſchaft geſchloſſen hatte, und gerne naͤher und feſter mit ihr verbunden ſeyn wollte. Zum gewoͤhnii⸗ chen Taufmale wurde auch Suſanne geladen, und erſchien in ihrem groͤßten Puzze. Johann, ſo hieß der Bergmann, hatte Suſannen ſchon oft als Kind und Maͤdchen geſehen: wie ſie aber jezt auf einmal als mannbare Jungfrau vor ihm erſchien, ein gut gewaͤhlter Anzug ihre Reize um vieles erhoͤhte: da ſtand er ſtaunend da, konnte kaum den gewoͤhnlichen Willkomm ſtatten, vermochte ſein Ange nicht von ihr zu wenden, und fuͤhlte bald— was er noch nie empfunden hatte— drangvolle, heftig heiſchende und begeh⸗ rende Liebe. Er zaͤhlte nur acht und zwanzig Jahre ſeines Alters, war ein wirklich ſchoͤner Mann, aber geſeſſelt durch aͤuſſerſt ſchwer zu zoͤſende Bande, und erblikte nirgends Ausſicht, jemals den nenen aber auch heftigen Wunſch ſeines Herzens zu befriedigen. Dieſer Gedanke, den ich noch wachende Vernunft mit Rechte — faßte, machte ihn anfangs mißmuthig und ſchuͤchtern; wie aber der Wein ſeinen Muth belebte, da gedachte er der Hinderniſſe nicht mehr, blikte immer ſtaͤrker ins hoide Anoeſicht des ſchoͤnen Suſanchens, und ward ganz natuͤr⸗ lich immer heftiger und feſter in ſie verliebt. Am Morgen des andern Tages gedachte er ſeiner Pflicht, der Unmoͤglichkeit der Erfuͤllung ſeines Wunſches, und trat freundlich an das Wochenbette ſeiner Gattin, aber ſeipe gewekte Einbildungskraft verglich ſie ſogleich mit dem reizenden Bilde, welches noch hell in ihrem Zauberſpiegel leuchtete; die arme Dulderin ſchicn ihm nun ein Scheuſal, er entdekte in dieſem Augenblike Fehler an ihr, die er in ſeinem dre⸗ jaͤhrigen Eheſtande nicht bemerkt hatte, ſchau⸗ derte wider Willen znruͤk, und haßte von dieſer Stunde an ſein Weib heftig und anhaltend, weil er es fuͤr die einzige Hinderniß anſah, die ſchoͤnſte und reizendſte der Sterblichen nicht be⸗ ſizen zu können. Einige Mondeu kaͤmpfte er, ehe er dieſem ſich immer mehrenden Haſſe Worte gab; aber wenn er bangend, wuͤnſchend und ſehnend, ſchuͤchtern und doch heftig liebend an Snſanchens Wohnung voruͤber gieng, und das Engeigeſicht ihn freundlich anlächelte: da ver⸗ mochte er nicht läͤnger zu widerſtehen, und mach⸗ te ſeiner ſtaunenden Gattin oft uͤber ein Nichts die bitterſten Sie liebte ihn noch ———— ————— —— 121 gleich zäͤrtlich und innig, und muͤhte ſich anfangs durch verdoppelte Zaͤrtlichkeit ſeine Zankſucht zu mindern; da aber dies Mittel ſeinen Haß nur noch mehrte, ſo bemaͤchtigte ſich ihres liebenden Herzens bald Gram und Verzweiflung, ſie ver⸗ nachläſſigte in dieſer Lage oft die haͤuslichen Pflichten, gab Gelegenheit zum verdienten Vor“ wurfe, und machte ſich dadurch immer noch ungluͤklicher. Vergeſſenheit ihres qualvollen Zuſtandes ward jezt ihr einziger Wunſch; ſie fand einſt durch Ungefaͤhr die Erfuͤllung deſſelben in einem kleinen Rauſche, trank nun taͤglich mehr und mehr, und gab dadurch ihrem ſie haſſenden Manne die gewuͤnſchte Gelegenheit, ſich taͤglich mehr von ihr zu entfernen, und end⸗ lich gar in einem beſondern Zimmer zur ebnen Erde von ihr getrennt ſeine Lagerſtaͤtte zu waͤh⸗ len. Obgleich die troſtloſe Gattin den Verluſt der Liebe ihres Mannes als die einzige Urſache ihrer aufallenden Veraͤnderung angab: ſo be⸗ wieſen ihr doch ſelbſt ihre Freunde, daß ſie ſich dieſen Verluſt nur einbilde, und verdachten es ihm nicht, wenn er ſich auf ſolche Art von einem luͤderlichen und betrunknen Weibe trennte. Keiner unter allen ſeinen Bekannten konnte die wahre Urſache errathen, weil Johann gar keine Gelegenheit zur Entdekung gab, aͤuſſerſt ſelten in Suſanchens Wohnung erſchien, und dieſe meiſtens augenbliklich wieder verließ⸗ Richt Verminderung ſeiner heſtigen Liebe, nicht Schuͤchternheit oder Kampf mit ſeiner Pflicht war die Urſache dieſes ſeltnen Beſuchs, dieſer gewoͤhnlichen ſchnellen Entfernung: er war ent⸗ ſchloſſen zu jeder moͤglichen Unternehmung, die ſeine Liebe foͤrdern konnte; er gieng immer aus dieſer Abſicht hin, aber wenn er ihren ſchon bekannten Geltebten dort traf, oder auch nur ein anderer freundlich mit ihr ſprach: ſo be⸗ mächtigte ſich ſeiner die heftigſte Eiferſucht, trieb ihn fort, um wenigſtens daheim ſich das unausſprechliche Gluͤk ihres Beſizes traͤumen zu koͤnnen. Zwei lange Jahre verſtoſſen auf dieſe Art, jeden Tag mehrte ſich ſeine Liebe zu der immer ſchoͤner werdenden Suſanne, uͤberall folgte ihm ihr Bild, wachend und traͤumend ſtand es ihm zur Seite, und doch hatte er unter dieſer langen Zeit noch keine Gelegenheit gefunden, ihr dieſe unendliche Liebe zu entdeken, oder zur Nahrung und Befriedigung derſelben entfernte Hofnung zu ſammlen. Nur einmal ſagte er zu ihr: Su⸗ ſanchen muß doch noch die Meinige werden! Aber die ſehr naive, beinahe unhoͤfliche Antwort, welche ihm das immer luſtige Maͤdchen auf dieſe Verſicherung erwiederte, wuͤrde einen andern ganz abgeſchrekt haben, nur ihn ſchlug ſie nicht nieder, belebte vielmehr alle ſeine Wuͤnſche aufs neue. Stets hofte er, daß ſein Weib ſich bald 12½ durch ihren leidenſchaftlichen Hang zum Trunke Geſundheit und Leben rauben wuͤrde, und er dann ungehindert um die Hand der ſchoͤnen Suſanne werben koͤnne. Kurz nachher gebahr die durchlauchtigſte Fuͤrſtin des Landes eine Prinzeſſin, alle treue Unterthanen jubelten uͤber dieſe frohe und gluͤk⸗ liche Begebenheit, feierten der erhabnen Mutter und Tochter zu Ehren Feſte, und ſangen Lieder der Freude. Auch die treuen Buͤrger der Stadt S— g nahmen Antheil an dieſer allgemeinen Freude, veranſtalteten ein Feuerwerk, welches des erhabnen Gegenſtandes wuͤrdig war, und un⸗ gefaͤhr eine ſtarke halbe Stunde von der Stadt entfernt, in einer romantiſchen, angenehmen Gegend abgebrannt werden ſollte. Alt und In“* ſah dem Tag des Feſtes mit Verlangen entgegem er erſchien ſchoͤn und heiter, aber da es eben in der Mitte des Sommers war, auch warm und ſchwuͤl. Wie die Hize des Tages ſich min⸗ drrte, und die Schatten ſich verlaͤngerten, wan⸗ derte alles nach der Gegend, in welcher das Feſt gefeiert werden ſollte. Unter den Tauſen⸗ den, welche dahin zogen, befand ſich auch das ſchoͤne Suſanchen; nur mit Muͤhe und durch vieles Bitten hatte ſie die Erlaubniß dazu erhal⸗ ten, und ward— weil weder Bruder noch Schwe⸗ ſter dahin giengen— der Aufſicht einer Nachba⸗ rin anvertraut, die zwar noch gleich ihr unver⸗ heurathet, aber um einige Jahre alter war, und im beſten Rufe ſtand. Munter und froͤhlich, tanzend und huͤpfend wanderten die beiden Freundinnen unter der denge nach dem beſtimmten Plaze, lagerten ſich am Gipfel eines Berges, um von da aus alles uͤberbliken zu koͤnnen. Beide hatten noch nie etwas aͤhnliches geſehen, der Anblik des kuͤnſt⸗ lichen Feuers, der ſteigenden Raketen und Leucht⸗ kugeln riß ſie daher zum Entzuͤken und Erſtaunen bin. Ihr Wunſch, noch weit mehr zu ſehen, war noch lange nicht geſtillt, als das Feſt ſchon endete, und die Zuſchauer nach ihren Wohnun⸗ gen zurük eilten; die Entzuͤkten merkten, ſahen Hies nicht, harrten immer auf neue Wunder, ℳ ſie auf dem Plaze des Feuerwerks noch Leute i Bichter erblikten, welche die Geraͤthſchaften ſanmleten. Endlich, als es in der Gegend im⸗ mer ßtiller ward, ein ſtarkes Gewitter hinter den Bergen hervor ſtieg, und ſeine Blize ſchon das Thal hei beleuchteten: da gewahrten ſie ihres Irrthums, und eilten heim. Noch hatten ſie nicht die Hälfte des Wegs zuruͤk gelegt, als das ſchnell einherziehende Gewitter ſie erreichte, die Gegend verdunkelte, mit heftigem Plazregen drohte, und die Eilenden zwang, in einer ein⸗ zelnen Schenke, die an der Straſſe lag, einzu⸗ kehren. Sie trafen dort verſchiedene Bürger aus der Stadt, welche Wein tranken, und ſez⸗ gere Freundin zu Suſannen; aber dieſe nas —— 125 den ſich ſtill in eine leere Eke. Bald hernach“ trat auch Johann, der in Suſannen verliebte Bergmann ein; er war ihr, von innerm Drange getrieben, gleich anfangs in der Ferne geſolgt, hatte ſich unfern von ihr auf dem Berge gela⸗ gert, nicht die Pracht des Feuerwerks, nicht das Knallen des Pulvers, nur Suſanchens Stimm gehoͤrt, und eilte nun aufs neue abſichtlich hin⸗ ter ihr her, weil er hofte, daß das nahende Ge⸗ witter ſie ſchreken und ihm Gelegenheit geben wuͤrde, ihr ſeinen Schuz zu bieten, und— man denke ſich die Wonne des ſchon Jahre lang Schmachtenden— an ihrem Arme zu wandeln. Eben wollte er ſeinen Vorſaz ausfuͤhren, als die zagenden Maͤdchen in der Schenke einkehrten; er folgte in froher ahnender Hofnung, gräßte ſie beim Eintritte, nannte Suſanchen ſcherzend ſeine Gevatterin, und ſezte ſich zu ihnen. Mich freut's herzlich, ſprach er, daß ich ſie hier treffe, nnd einmal Gelegenheit finde, ihnen eine kleine Ehre anzuthun. Sogleich forderte er den beſten, ſuͤſſeſten Wein, und trank es den beiden Freun⸗ dinnen zu. Anfangs nipten dieſe nur aus Be⸗ ſcheidenheit ein wenig; als aber bald das Ge⸗ witter ſchreklich tobte, ihre Angſt mehrte, und Johann immer noͤthigte: da tranken ſie mehr, und fanden, daß der ſuͤſſe Wein gut ſchmekte. Wir trinken zu viel, ſprach einigemal die kiä⸗ * munter und froͤhlich, fuͤhlte ſich leicht und wohi, und achtete der Warnung nicht. Sie ward ſo⸗ gar in der Folge Johannens Stellvertreterin, noͤthigte ihre Freundin ſelbſt zum Trinken, und ſpottete ihrer, wenn dieſe meinte, zu viel muͤſſe und werde ſchaden. Schon war das Gewitter voruͤber gezogen, ſchon endete der Regen, und ſchon hatte die vergnuͤgte Geſellſchaft die Flaſche zum Zweitenmale geleert: als Suſannens Freun⸗ din— wie ſie Johann zum Drittenmale fuͤllen ließ— mit Ernſte zum Aufbruche ermahnte. Das luſtige Suſanchen war dazu bereit und willig, und beide ſchluͤpften zur Thuͤre hinaus, ehe Johann mit der vollen Flaſche ruͤkkehrte. Beide ahneten ſeine Nachfolge, wollten die⸗ ſer entgehen, und wuͤrden ihr auch— indeß er zahlte und ſie ſuchte, entgangen ſeyn, wenn ſie nicht mehr getrunken haͤtten, als ſie trinken ſolten. Kaum traten ſie in die freie Luft, ſo begann die Wirkung des Rauſches auf der Stelle. Suſanchens Freundin konnte noch tau⸗ melnd weiter wandeln, aber Suſanchen, die weit mehr getrunken hatte, war's nicht vermoͤ⸗ gend; die Erde ſchien ſich unter jeden ihrer Tritte hoch empor zu heben, ſie wollte ihr nachklettern, und ſturzte natuͤrlich nieder. In dieſer Lage traf ſie der nacheilende Johann, er hob ſie em⸗ por, fuͤhrte ſie weiter, und trug ſie endlich in 8 —= — ſeinen Armen, weil ſie wirklich nicht mehr gehen konnte. Um Mitternacht erreichten ſie erſt die Stadt, Johann wuͤnſchte ſie noch weit entfernt, denn, indeß die Freundin voran oder hinten nach taumlete, genoß er die Erfüllung ſeiner kuͤhnſten Wuͤnſche, konnte das in ſeinen Armen ruhende Maͤdchen ungehindert kuͤſſen und an ſein Herz druͤken, denn ſie war ihres Bewußtſeyns vft nicht mächtig, und der Schuzgeiſt weiblicher Tugend, die edle Schamhafligkeit, war von der Betrunknen entwichen. Abſichtlich Leitete er beide zum Hauſe der Freundin. Dieſe war dar⸗ über innig vergnuͤgt, oͤfnete leiſe ihre Thuͤre, um ungeſehen nach ihrer Kammer ſchleichen und ihren Fehltritt vor aller Augen verbergen zu koͤnnen; aber Suſannens Schuzgeiſt wekte in dieſem Augenblike ſeinen Liebling aus ihrem Taumel, ſie umklammerte ihre ſcheidende Freun⸗ din, und bat ſie, ihr eine Schlafſtaͤtte zu gewaͤh⸗ ren. Vergebens gelobte Johann ſie ſicher bis an ihr Haus zu leiten, vergebens ſtellte er ihr den Zorn des Bruders vor, der ſchreklich toben wuͤrde, wenn ſie nicht heim kehre; ſie ahnete die ſchrekliche Gefahr, und wuͤrde nicht von ih⸗ rer Freundin gewichen ſeyn, wenn dieſe nicht ſelbſt Johannes Gruͤnde unterſtuͤzt haͤtte, weil ſie mit Grunde befurchtete, daß die trunkne Su⸗ ſanne die Treppe nicht erſteigen, und im Hauſe Laͤrm erregen wuͤrde. Unvermoͤgend der Gewalt zu widerſtehen, zu, ruͤkſinkend in den betänbenden Zuſtand eines Trunknen, gab ſie endlich nach. Die Freundin ſchied, und der verliebte Johann vergaß Pflicht und Rechtſchaffenheit, Tugend und Religion, trug die Schlafende an der Thuͤre ihrer Woh⸗ nung voruͤber nach der ſeinigen, von welcher er gewoͤhnlich den Schluͤſſel in der Taſche trug⸗ Seit langer Zeit bewohnte er, wie ich ſchon oben erwaͤhnte, ein Zimmer zur ebnen Erde; ſein Weib und ihre Magd, die des langen Aus⸗ bleibens ihres Herrn ſchou gewohnt war, ruhte ſchon lange, niemand ſah den Raͤuber der Un⸗ ſchuld, niemand ahnete, daß er ſein und eines guten Mäͤdchens Unglük befoͤrdern wuͤrde. Jedem, beſonders dem ungewohnten Rauſche folgt am Ende unwiderſtehlicher Hang zum Schlafe. Suſanchen befand jezt wirklich in die⸗ ſem Zuſtande, ſie wußte nicht, wo ſie war, wuͤnſchte nur zu ruhen und zu ſchlafen, und ſank willig aufs Bette des Verfuͤhrers nieder. Angſtvoll, zitternd und bebend fuhr ſie am fruhen Morgen aus ihrem Schlafe empor, als der Verraͤther ſie leiſe wekte, und, ehe die Be⸗ wohner der Stadt erwachten, zum heimgehen ermahnte. Sie weinte, raſte, wüthete, raufte — 129 im Haare, wie ſie ſich uͤberzeugte, daß ſie dieſe Nacht hindurch in dem Bette eines fremden Mannes, und wahrſcheinlich in ſeinen Armen geruht habe. Sie war zu unſchuldig, um ein wahrſcheinliches Verbrechen ſamt ſeinen ſchrekli⸗ chen Folgen zu ahnen, nur das erwachte Gefuͤhl verlezter Schamhaftigkeit quälte und marterte ſie. Vergebens ſuchte ſie der bereuende Suͤnder zu troͤſten, ſie weinte lauter und ſtaͤrker, und nur die Verſicherung, daß ſie durch ihr Geſchrei ſeine Frau weken und herbei loken werden, hemmte endlich ihre Klage, ſie raffte ſich ſchnell empor, und eilte mit verhuͤlltem Angeſichte von dannen, weil ſie aus Scham nicht aufzubliken wagte. Noch dämmerte es, und nur die Morgen⸗ roͤthe verkuͤndigte den kommenden Tag, als ſie zitternd und bleich die Thuͤre ihres Hauſes er⸗ reichte. Ihr um ſie bekuͤmmerter und noch wa⸗ chender Bruder oͤfnete ſolche. Mit ungeſtuͤmer Heftigkeit forſchte er nach der urſache ihrer ſpaͤten Ruͤkkunft, und nach dem HOrte ihres Aufenthalts. Sie wollte unbemerkt ins Haus ſchleichen, und war auf keine Antwort vorberei⸗ tet; aber die immer rege weibliche Gegenwart des Geiſtes rettete ſie aus der Verlegenheit. Ich bitte dich tauſendmal um Vergebung, ſprach ſie zu ihrem Bruder, daß ich dir ſo unnoͤthige Sorge und Kummer verurſacht habe, aber nicht Sp.kl. Erz. 28 Boc. 130 ich, ſondern das große Gewitter traͤgt die Schuld meines Ausbleibens; es erreichte uns nahe bei der— er Schenke, wir mußten dort bis gegen Mitternacht harren, und wie wir endlich in der Stadt anlangten, ſo war ich aͤuſſerſt matt und muͤde, dachte dich ſchon ſchlafend, wollte dich nicht weken, und uͤbernachtete bei meiner Freun⸗ din, die ihre Thuͤre noch offen fand. Der Bru⸗ der bewies ihr, daß ſie durch dieſe That ſeinen Schlaf gehindert, ihm großen Kummer verur⸗ ſacht habe; doch ſchien er mit dieſer Entſchuldi⸗ gung zufrieden, und eilte nach ſeiner Grube, die er am Morgen befahren mußte. Erſt, wie er fort war, und ſie nun einſam die moͤglichen Folgen ihres ungluͤklichen Rau⸗ ſches uͤberdenken wollte, fiel es ihr bei, daß ſie ihre Freundin von ihrer Luͤge unterrichten muͤſſe, ſchlich gluͤklich aus dem Hauſe, und traf ſie noch allein in der Kammer, Die Freundin gelobte Beiſtand und Verſchwiegenheit, doch forſchte ſie ängſtlich, bei wem ſie die Nacht zugebracht habe. Das ſchamvolle Suſanchen geſtand ihr dies nicht, ſondern erzaͤhlte, daß ſie Johann richtig bis an die Thuͤre ihres Hauſes gefuͤhrt, auch einigemal an ihrer Stelle angeklopft, und, wie er ein Geraͤnſch gehoͤrt, ſich entfernt habe; da aber niemand die Thuͤre geoͤfnet, und der Schlaf ſie indeß uͤberwältigt habe, ſo ſei ſie bis am Mor⸗ gen auf der Schwelle derſelben geſeſſen, wollte * dies aber ihrem Bruder nicht geſtehen, weil ſie ihm alsdann auch ihren Rauſch entdeken muͤſſe. Die Freundin war mit dieſer wahrſche nlichen Entſchuldigung zufrieden, und Suſanne erreichte ihre Kammer, ehe ihre aͤltere Schweſter erwachte. Auch von dieſer ward ihr in der Folge eine an⸗ haltende Strafpredigt gehalten, aber ſie achtete ſolche nicht, und harrte nur mit vieler Angſt der Ruͤkkunft ihres Bruders, weil ſie dieſen von jeher ſehr fuͤrchtete. Er kam, zankte noch lange, ſchilderte ihr anſchauend die moͤglichen Gefah⸗ ren, ſchwur hoch und theuer, daß er ihr nie mehr einen aͤhnlichen Spaziergang erlauben wer⸗ de; ahnete aber keine weitern Folgen, weil er ſich im Ruͤkwege wirklich bei Suſannens Freun⸗ din angefragt, und dieſe ihre Ausſage beſtätigt hatte. Er vergab ſogar am Abende der Bitten⸗ den willig, und verſprach des jugendlichen, un⸗ uͤberlegten Leichtſinns nicht mehr zu gedenken. Suſanchen war nun vor aller Entdekung ge⸗ ſichert, aber ihr Herz und Gewiſſen war deßwe⸗ gen nicht beruhigt; ſie gedachte der ungluͤklichen Nacht ſehr oft, und ſchauderte unwillkuͤhrlich, wenn ſie derſelben gedachte. Der Gedanke, daß ſie berauſcht in dem Vette eines Mannes ge⸗ ſchlafen habe, wekte heftiges Gefuͤhl der jung⸗ fraͤulichen Schamhaftigkeit, quaͤlte ſie ohne Unter⸗ laß, und verjagte ihren ſonſt ſo frohlichen Muth. Groͤßeres ungluͤk, ſchreklichere Folgen ahnete ſie c ₰ 2 132 nicht, denn ſie war wirklich zu unſchuldig, um ſolche ahnen zu koͤnnen; aber ein gewiſſes ihr unbekanntes ſchmerzliches Gefuͤhl marterte ſie, und dunkle Erinnerungen, die ſie ſelbſt nicht deutlicher zu enthuͤllen wagte, faͤrbten ihre Wan⸗ gen oft mit gluͤhender Schamroͤthe. Ihr immer noch treuer und hoffender Liebhaber, der junge Bergmann, kam bald hernach zum Beſuche, erfuhr von der Schweſter die nächtliche Bege⸗ benheit, argwohnte aber ſehr natuͤrlich nichts boͤ⸗ ſes, und bedauerte nur, daß er zu eben dieſer Zeit in der Grube arbeiten mußte, und ſie nicht begleiten konnte. Dieſe redlichen, aufrichtigen Geſinnungen gaben Suſanchen Stoff zu neuer Betruͤbniß; ſie fuͤhlte ſich unwillkuͤhrlich des gu⸗ ten Juͤnglings nicht mehr wuͤrdig, und mußte nach ihrer Kammer eilen, um dort ungeſtoͤrt wei⸗ nen zu koͤnnen. Indeß ſie weinte, bereute der zwar noch im⸗ mer heiß liebende, aber doch uͤberlegende Johann ſeine boͤſe That, zu welcher ihm heftige Liebe, Gelegenheit und Nacht verleitet hatten. Der Gedanke, daß er vielleicht ein ſchoͤnes, unſchul⸗ diges Maͤdchen ungluklich gemacht habe, ihr kei⸗ nen Erſaz leiſten koͤnne, folterte ſein Gewiſſen, das noch durch keine boͤſe That betaͤubt war, und oft laut und anhaltend ſprach. Er zitterte, wenn er die moͤglichen Folgen uͤberlegte, er wuͤnſchte herzlich mit Suſanchen ſprechen und 133 ſie beruhigen zu konnen: aber er wagte es nicht vor ihr zu erſcheinen, weil er feſt glaubte, daß ſie ihn als den Raͤuber ihrer Unſchuld verachten und haſſen muͤſſe. Dieſe Vorſtellung war ächt und wahr; Suſanne konnte ohne innern Schauer nicht an ihn denken, und eilte ſchnell nach ihrem Kaͤmmerlein, wenn ſie in der Stube eine Stimme hoͤrte, die der ſeinigen glich. Ich kann, dachte ſie ſchamhaft, dem Mann nicht ins Auge bliken, auf deſſen Bette ich vielleicht in der unanſtän⸗ digſten Stellung geſchlafen habe. Sonſt blikte ſie, wenn ſie ausgieng, immer mit munterm, unbefangnem Auge frei umher, jezt eilte ſie mit am Boden gehefteten Blike durch die Gaſſe, weil ſie ibn zu ſehen und zu begegnen fuͤrchtete. O theure, edle Jungfrauen, euer wahrer, aͤchter Stolz iſt nur unverlezte Unſchuld, ſo lange dieſe in enerm Auge thront, blikt ihr frei und gebie⸗ tend umher; aber wenn dieſe ſchwindet, dann gleicht ihr der Blume, die kein Thau traͤnkt, euer Haupt ſinkt unwillkuͤhrlich, ihr ſucht das Grab, um eure Schande darinne verbergen zu koͤnnen. Merkts, und werthet das unſchaͤzbare Kleinod, deſſen Verluſt unerſezlich iſt! Vierzehn Tage waren nun in duͤſterer, ban⸗ ger Qual verfloſſen, als Suſanchen krank wurde; ſie konnte die Urſache ihrer Krankheit nicht an⸗ geben, ihr Bruder und die Schweſter achteten ſee fuͤr eine Folge der Verkaͤltung in der Gewitter⸗ nacht, und erneuerten jezt ihre Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber; auch Suſanchen glaubte die Urſache um ſo mehr, weil der ungewohnte Rauſch vieles beitragen konnte; aber ihr Glaube, ihre Hof— nung war irrig, ihre Krankheit war das Be⸗ ginnen der ſchreklichen Folgen ihres Fehltritts. Freilich beſſerte es ſich bald wieder mit ihr: aber die ſchoͤne Roͤthe ihrer Wangen wollte nicht mehr ruͤkkehren; ihr ſonſt ſtets reger Appetit war ver⸗ ſchwunden, ſie konnte viele Speiſen nicht vertra⸗ gen, manche gar nicht genuͤſſen. Drei Monate verfloſſen auf dieſe Art, es wollte ſich nicht beſ⸗ ſern; Bruder und Schweſter wurden aufmerk⸗ ſamer, die leztere um ſo mehr, weil ein in ge⸗ heim beobachtender Umſtand ihre ſchrekliche Ver⸗ muthung beſtaͤrkte. Sie entdette ſolche ihrem Bruder, und nun begann Suſanchens Qual und Ungluͤk. Mit immerwaͤhrendem Ungeſtuͤm heiſchte er Entdekung, mit unausgeſezter Strenge ſuchte er ſolche zu foͤrdern. Suſanchen geſtand nichts, weil ſie, ihrer Meinung nach, ſo etwas nicht zu geſtehen hatte; denn noch immer ſchien ihr, un⸗ bekannt mit allen Umſtaͤnden, der wahre Zuſtand unbegreiflich. Dies hartnaͤkige Läͤugnen vermehrte des Bruders Zorn und Haͤrte; er ſperrte ſie ei⸗ nen Monat lang in ihre Kammer ein, er legte eine Kette an ihren Fuß, mit welcher er ſie täg⸗ lich an Bette und Tiſch anſchloß, und reichte ihr oft nur Brod und Waſſer. Er that dies blos deßwegen, um ſich ſicher von der Vermuthung ihrer Schweſter zu uͤberzeugen; er uͤberzeugte ſich wirklich, und doch geſtand Sufanchen nichts, verſicherte ſtets hoch und theuer, daß ſie ſich un ſchuldig fuͤhle, und wahrſcheinlich die kalte, regenvolle Nacht die Urſache ſei, welche ſie hin⸗ dere, ihre Unſchuld zu beweiſen. Der Bruder, welcher dies nach und nach ebenfalls zu glauben begann, und nicht vermu⸗ thete, daß ſeine Schweſter etwas, was doch bald entdekt werden muͤſſe, ſo hartnaͤkig verſchweigen werde, behandelte ſie unn ſchonender und guͤti⸗ ger; ſie durfte wieder an ſeinem Tiſche eſſen, und, wie ehemals, die kleine Hauswirthſchaft beſorgen helfen. Sehr angenehm war es der Ungluklichen, als ſie erfuhr, däß indeß ihr Bru⸗ der ihrem jungen Liebhaber unter einem ſchein⸗ paren Vorwande das Haus verboten habe. Er that dies, weil er ihn fuͤr den moͤglichen Urheber des wahrſcheinlichen Ungluͤks ſeiner Schweſter anſah; und ſie war damit ſehr zufrieden, weil ihr in ihrer ungluklichen Lage die Liebkoſung eines jeden Mannes aͤuſſerſt zuwider war, und ſie alle aus einem dunklen Gefuͤhle haßte und verachtete. Vorzuͤglich mied ſie wie ehe und zuvor den An⸗ blik ihres Verfuͤhrers, unter allen war ihr dieſer am meiſten zuwider; auch erſchien er nicht vor ihr, nur einmal erzaͤhlte ihr ihre Schweſter, daß er ſich, als ſie wegen der Gevatterſchaft ſein Weib beſuchte, ſehr ſorgfaͤltig und theilnehmend nach ihrer Geſundheit erkundigt habe. Was hat denn er darnach zu fragen? Dies war die Antwort, mit welcher Suſanchen dieſe Erzaͤhlung erwiederte, und es auch im Innerſten ihres Herzens eben ſo meinte, wie ihr Mund es aus⸗ ſprach. Johann duldete indeß ſtaͤrkere Qual und Angſt, als das bedaurungswuͤrdige Suſanchen. Sie hofte im Ueberreſte ihrer Unſchuld, in der Unge⸗ wißheit ihrer begangnen That immer noch auf Linderung und Ruͤkkehr ihrer vorigen Geſund⸗ heit; aber er ward durch ihre anhaltende Schwach⸗ heit uͤberzeugt, daß die boͤſe That vollendet ſei, und er ſich und die innig Geliebte ſeines Her⸗ zens ſchreklich ungluͤklich gemacht habe. Jeden Tag ahnete er Entdekung, jeden Tag fuͤrchtete er die graͤßlichen Folgen derſelben, immerwaͤh⸗ rend rang er nach Mitteln zur Rettung, und fand keines. Oft wuͤnſchte er ſehnſuchtsvoll, daß ſein Weib ſterben moͤge: aber er war noch zu unverdorben, noch nicht vollendeter Boͤſewicht, um dieſen gewuͤnſchten Tod zu foͤrdern. Die Nach⸗ richten, welche er in geheim und auf die gleichguͤl⸗ tigſte Art von Suſanchens Befinden einzuziehen ſuchte, uͤberzeugten ihn, daß die Aermſte ihren Zuſtand ſelbſt nicht kennen muͤſſe; dieſe Vorſiellung beruhigte ihn anfangs, ward aber in der Folge Stoff zur ſtaͤrkern Angſt, weil er als gewiß voraus V 1737 ſah, daß ſie eben dieſer Unwiſſenheit wegen ihren Zuſtand nicht verbergen, um ſo gewiſſer und fruͤher verrathen wuͤrde. Er achtete es daher, da er immer noch auf Rettungsmittel hofte, fuͤr hoͤchſt noͤthig, ſelbſt mit ihr zu ſprechen, ſie war zu troͤſten, ihr aber auch Verſchwiegenheit und laͤn⸗ gere Verhelung auf das ſorgfaͤltigſte anzuempfeh⸗ len. Er konnte aͤnſſerſt ſchlecht nur ſeinen Na⸗ men ſchreiben, dies allgemeine Huͤlfsmittel war alſo fuͤr ihn verloren, weil er ſich keinem andern vertrauen wollte und konnte; Suſanchen aber in geheim und allein zu ſprechen, war aͤnſſerſt ſchwer, weil ſie ſelten ausgieng, und auf der Gaſſe ein Geſpraͤch dieſer Art uͤberdies nicht moͤglich war. Noth und Liebe, die geſchikteſte Lehrmeiſterin in allen Faͤllen, ward ſeine Rathgeberin. Er wußte, daß Suſanchen eine gewiſſe Art Hauben, welche man damals trug, und ſchoͤn fand, vor⸗ zuͤglich geſchikt verfertigen konnte; auf dieſe Kenntniß baute er ſeinen Plan. Sein Weib hatte oft den Wuuſch geaͤuſſert, eine ſolche Haube zu beſizen, immer hatte er die Erfuͤllung deſſel⸗ ben hartnaͤkig verweigert, jezt nahte er ſich der armen Verachteten mit heuchleriſcher Freundſchaft, verſprach der daruͤber Erfreuten die Gewaͤhrung ihres Wunſches, bedung es aber ausdruͤklich, daß Suſanchen, als die geſchikteſte Arbeiterin, ſolche verfertigten, und zur Uebernahme der dazu er⸗ 138 forderlichen Sachen, welche er ſelbſt einkaufen wollte, auf den folgenden Tag beſtellt werden ſollte. Alles gelang nach Wunſche, die Beſtel⸗ lung geſchah, und Suſanchen konnte, ſo ſehr ſie es wuͤnſchte, den geforderten Beſuch nicht ausſchlagen, weil ſie ſich theils verdaͤchtig ge⸗ macht haͤtte, theils auch des Bruders wegen den Verdienſt nicht ausſchlagen durfte. Hoffend und wuͤnſchend, daß ſie wenigſtens den Mann nicht daheim treffen wuͤrde, ſchlich ſie am andern Nachmittage nach dem Hauſe, welches ſie, nie betreten zu haben, ſo ſehnlich wuͤnſchte. Johann, welcher ſchon den ganzen Tag auf ihre Ankunft harrte, empfieng ſie an der Thäre, ſie zitterte und bebte, als ſie ſeine Stimme hoͤrte, und wagte es nicht, ihr Auge aufzuſchlagen. Er ſah ihren Zuſtand, und bat ſie dringend, ſich zu faſſen; ſie thats, ſo gut ſie's vermochte, und ward von der Frau ſehr freundlich empfangen, die ſogleich ihr Geſchaͤft mit ihr begann, und dadurch Zeit zur Erholung goͤnnte. dache doch Suſanchen einen Koffee, ſo ſeltne Gaͤſte muß man ja aufs beſte bewir⸗ then, ſprach jezt Johann zu ſeiner Frau, und obgleich Suſanchen dieſe Ehre dringend verbat, ſo war jene doch bereit und willig dazu. Er hatte abſichtlich die Magd an dieſem Tage uͤber Land geſchikt, den Koffee im Hauſe ausgehen laſſen, und gebot ſeiner Frau, wie dieſe den S ——————— Mangel entdekte, und ihm ſolchen zufluͤſterte, ſchnell einen zu holen. Die Gute thats, und die Abſicht, Suſanchen allein ſprechen jn koͤn⸗ nen, war nun erreicht. Er benuzte ſie eilfertig. Suſanchen war ans Fenſter getreten, er nahte ſich ihr, und fragte ſie: warum ſie ſeit einiger Zeit ſo blaß ausſaͤhe, und immer kraͤnklich ſei. Suſanne. Wie ſoll ich's wiſſen? Johann. Muthmaſſen ſie denn gar nichts? Suſanne.(unruhig) Was ſoll ich denn muthmaſſen? Johann. Daß ſie wahrſcheinlich ſchwanger ſeyn koͤnnen. Suſanne. Ach Jeſus! Ach Jeſus! Ach Gott erbarme ſich meiner! Johann. Ich bitte ſie um Gottes willen, ſeyn ſie ruhig! Suſanne. Ich ruhig? ruhig? O Heiland der Welt! Wenn's ſo iſt, dann bin ich verloren, muß verzweifeln, in's naͤchſte Waſſer ſpringen, um mein Leiden zu enden. Ach, mein Bruder ſchlagt mich todt, bringt mich um!—— In dieſem ſchreklichen Tone jammerte ſie fort. Vergebens ſuchte ſie Johann zu troͤſten, ihr Lei⸗ den war zu groß, zu unermeßlich, und den ein⸗ zigen Troſt, der ihr Ruhe ſchenken konnte, daß — 140— ſeine Vermuthung ungegruͤndet ſei, konnte er ihr nicht gewoͤhnen. Noch jammerte Suſanne ſchreklich, noch raufte ſie ihr ſchoͤnes Haar, als Johann ſchon ſeine Frau ruͤkkehren ſah. Die Vorſtellung, daß ſie alles errathen, alles entde⸗ ken wuͤrde, wirkte kräftiger, als ſein vorherge⸗ hender Troſt. Suſanchen vergaß des kuͤnftigen Leidens, ſah nur die gegenwaͤrtige Gefahr, und ſuchte ſich zu faſſen. Indeß die Frau den Koffee kochte, gewann ſie Zeit, ihre Thraͤnen zu trok⸗ nen, und Johann nuzte ſolche, um ihr wirkli⸗ chen Troſt zu gewaͤhren. Er bat ſie vor allem auf das dringendſte, ihren Zuſtand, wie bisher, auf das hartnäkigſte zu verſchweigen, ſolchen auf alle moͤgliche Art vor jedem forſchenden Auge zu verbergen, dagegen verſprach er ihr ſichere Rettung, und die Mittel dazu, wenigſiens in acht Tagen bekannt zu machen. Suſanchen ant⸗ wortete nicht, aber ſie hoͤrte doch ruhig zu, und gewährte dem Troͤſter die angenehme Hofnung, daß er nicht ohne Wirkung ſpreche. Der Koffee ward nun aufgetragen, aus Zwang getrunken, und Suſanchen ſchlich heim, um die Groͤße ihres Ungluͤks zu faſſen und zu fuͤhlen. Ihr Zuſtand war ſchreklich und der Er⸗ barmung wuͤrdig; ſie ſchuͤzte Kopfweh vor, um ſich bald nieder legen und ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen. Rirgends erblikte ihr naſſes Auge Troſt und Huͤlfe, ſie verſank zu ihrem Gluͤke in eine Art von Nichtgefuͤhl und ſtumpfer Gleichguͤltig⸗ keit, ſonſt wuͤrde wahrſcheinlich Verzweiflung ge⸗ ſiegt, und ſie zum Opfer des Selbſtmords ge⸗ macht haben. In dieſem wirklich gluͤklichen Zu⸗ ſtande, war ſie faͤhig, die aufgetragne Arbeit ſchneller zu verfertigen, als es Johann vermu⸗ thete. Er war, als ſie ſolche brachte, nicht vor⸗ bereitet, konnte mit ihr ſehr wenig ſprechen, und ihr nur ſo viel zufluſtern, daß er ſie Abends in der Daͤmmerung hinter ihrem Hauſe am Gar⸗ tenzaune erwarte, und dann wichtige Dinge mit ihr verabreden wolle. Suſanchen erſchien zur beſtimmten Zeit, und forſchte begierig nach dem verheißnen Rettungsmittel. Ich habe, ſprach Johann, alles uͤberlegt, alles reiflich erwogen, uns bleibt keine andere Rettung als die Flucht uͤber die Graͤnze, je ſchleuniger wir ſolche begin⸗ nen, je gluͤklicher werden wir ſolche enden. Ich ſchwoͤre dir bei Gott dem Allmächtigen, daß ich dich auf dieſe Art retten, nie verlaſſen, und mit meiner Haͤnde Arbeit gut ernähren werde. Rorgen um Mitternacht erſcheine ich vor dei⸗ nem Fenſter, pake indeß deine beſten Sachen zuſammen, du erwarteſt mich dann, oͤfneſt ſtill die Hausthuͤre, und, ehe die Nacht endet, ha⸗ ben wir die boͤhmiſche Gränze erreicht. Suſanchen erſchrak aͤuſſerſt uͤber dies uner⸗ wartete Rettungsmittel, es minderte ihr Ungluk nicht, es mehrte ſolches vielmehr um ein großes. Ich, fort? in ein fremdes Land? Unmoͤglich! Unmoͤglich! Ach, was habe ich denn verſchuldet? Ach, warum haben ſie mich denn ſo unglüklich gemacht? Warum hat es denn Gott zugelaſſen? So jammerte ſie ununterbrochen, wenn Johann auf ſeinem Vorhaben beſtand, ſie durch Schilde⸗ rung der ſichern Folgen zu ſchreken, und zur Flucht zu bewegen ſuchte. Fußtritte in der Ferne zwangen ihn, forttpeilen; er flſterte ihr aber noch beim Abſchiede zu, daß er ſicher erſcheinen werde. Suſanne erwog ſeine Gruͤnde, ſah die Wichtigkeit ein: aber ſie war nicht vermogend, einen Entſchluß zu faſſen; wenn ſie der Flucht gedachte, ſo war's ihr, nach ihrem eignen Aus⸗ druke, als ob ihr der Jammer das Herz zerreiſ⸗ ſen wollte. Ich glaube ihr's willig, denn jeder haͤngt ſo feſt an den Ort ſeiner Geburt; muß er ihn verlaſſen, ſo iſt ihm aͤnſſerſt weh, und ſoll er auf immer von da entfliehen, ſo iſt das Ge⸗ fuͤhl namenlos und der Jammer ohne Gränzen. Oft wollte ſie wirklich ihre Sachen zuſammen paken; aber wenn ſie ein einzelnes Stuͤk ergriff, ſo zitterte ihre Hand, und willkuͤhrliche Thranen entſtuͤrzten ihrem Auge, ſie ließ es wieder ſinken, und flehte zu Gott um Huͤlfe. So vergieng der Tag, die Haͤlfte der Nacht, und Suſanchen wollte, konnte nicht fliehen aus dem Hauſe ihrer Eltern, aus den Armen ihrer Freunde, und wuͤnſchte nur zu ſterben. Will⸗ *— e 143 kommner waͤre ihr der Ruf des Todes geweſen, als das leiſe Klopfen des harrenden Johanns, der wirklich bereit und fertig zur Abreiſe unter ihrem Fenſter ſtand. Sie oͤfnete ſolches ent⸗ ſchloſſen: Ich kann, ich werde—— ich will nicht——! war alles, was ſie dem Harrenden zufluͤſtern konnte, der aber nicht weichen wollte, wie ſie das Fenſter ſchloß, und immer aufs neue zu klopfen begann. Angſt des Todes ergrif ſie, als ſie bald hernach ein Fenſter oͤfnen, und die fragende Stimme ihres Bruders hoͤrte; ſie war nicht vermoͤgend, das Bette zu verlaſſen; nur hoͤrte ſie, daß der Bruder mehrmals fragte, und endlich hinab gieng, um die Thuͤre zu oͤfnen; ſie ahnete Entdekung, und lag bis zu Anbruch des Tages in einer Art von ohnmäch⸗ tiger, gefuͤhlloſer Betäubung. Um dieſe Zeit trat ihr Bruder in die Kammer, wekte ſie durch ſeine Stimme zum Gefuͤhle empor, und gebot ihr aufzuſtehen, und einen Koffee zu machen; ſie taumlete hinab, taumlete noch ſtaͤrker, wie ſie den Bergmann Johann in der Stube auf der Bank ſizen ſah. Ihr Bruder hatte ſein Klopfen gehoͤrt, forſchte fragend nach der Urſa⸗ che, und Johann, dem eben keine beſſere Ent, ſchuldigung beifiel, bat dringend um Einlaß, und ein Glas Brandwein, weil er heftige Kolitſchmer⸗ zen fuͤhle, und durch dieſes Mittel ſolche zu ſtillen hoffe. Der Bruder war zur Huͤlfe bereit, ließ ſich am Ende zum Mitgenuſſe bereden, und blieb bei dem verſtellten Pazienten ſizen, mit welchem es ſich nach und nach zu beſſern ſchien, und der nun abſichtlich Koffee forderte, um Ge⸗ legenheit zu finden, mit Suſanchen ſprechen zu koͤnnen. Er hatte beim Trunke ſich theilnehmend, aber unbemerkt nach Suſanchens kraͤnklichen Um⸗ ſtaͤnden erkundigt, vom Bruder den moͤglichen Argwohn erfahren, ihn aber zu beweiſen geſucht, daß ſolch ein Argwohn oft hoͤchſt ungerecht ſei, und er noch ungerechter handeln wuͤrde, wenn er etwann das arme Maͤdchen deßwegen kraͤnke, und ſie dadurch noch ſtaͤrker und anhaltender krank mache. Der Bruder hoͤrte dieſen Troſt gerne, weil er ihn wuͤnſchte, verſprach die kranke Schweſter kuͤnftig ſchonend zu behandeln, und das Ende ihrer Krankheit in Geduld abzuwar⸗ ten. Jezt wuͤnſchte Johann herzlich, dies alles der troſtloſen Suſanne zu hinterbringen, ſie zur Ausdauer zur ermahnen, und endlich zur Flucht zu bewegen. Sein Vorhaben gelang ihm nur halb, der Bruder war immer gegenwaͤrtig, und wie dieſer endlich ſchied, vertrat die indeß auf⸗ geſtandne Schweſter ſeine Stelle noch weit ſorg⸗ faltiger. Er konnte nur abgebrochne Worte mit ihr reden, nichts ſicheres feſtſezen, und nahm endlich Abſchied, weil er kaͤnftighin beſſere Gele⸗ genheit zu finden hoffte. Wie er heim kam, fand er ſein Weib ſehr krank, ihr Tod war ſein einziger Wunſch, und die moͤgliche Erfuͤllung deſſelben machte ihm groſſes Vergnuͤgen; er eilte am Abende aufs neue zu Suſanchens Bruder; er hoffte, ſeiner Geliebten die nahende Hofnung entdeken zu koͤn⸗ nen, aber er traf ſie nicht, und erfuhr durch die Schweſter, daß ſie krank ſei, und das Bette huͤte. Anfangs wolite er ſich nach ihrer Kam⸗ mer ſchleichen, wie er aber das Unternehmen zu gefahrvoll fand, ſo vertraute er ſich am andern Morgen einem armen Weibe, welche in einer Huͤtte wohnte, verſprach ihr Lohn und Geſchenke, wenn ſie unter irgend einem erdich⸗ teten Vorwande zu Suſannen gehen, und ihr ingeheim die Nachricht bringen wuͤrde, daß ſein Weib gefaͤhrlich krank ſei, und er ſie dringend bitten laſſe, rnhig und ohne Sorge zu leben, weil ſich mit ihrem Tode alles aͤndern, und ſchnelle Huͤlfe erſcheinen wuͤrde. Das Weib vollzog den Auftrag mit Freude und Liſt; unter dem Vorwande einer Arbeit, gieng ſie gerade nach Suſanchens Kammer, traf ſie allein, und richtete ihre Botſchaft aus. Suſanchen hoͤrte dieſe mit vielem Vergnuͤgeu, weil dadurch ein moͤgliches Mittel erſchien, welches die ihr ſo ſchrekliche Flucht hindern konnte. Die liſtige Botin vergroͤſſerte Suſanchens geaͤuſſertes Ver⸗ gnugen um ein groſſes, weil ſie dadurch auch Sp ki, Erz. 2s Bdch. K — ihr Trinkgeld zu vergroͤſſern hoffte, und Johann zahlte es wirklich reichlich, weil auch ihm dieſe Erzaͤhlung viel Freude gewaͤhrte. Suſanchen hatte wirklich einiges Verlangen geaͤuſſert, bald wieder einige Nachricht zu hoͤren; die Vertraute mußte daher alle Tage zu ihr gehen; ſie brachte wirklich einige Arbeit, und kam dann immer, um nachzuſehen, ob ſolche fertig ſei. Einige Tage lautete die Botſchaft immer troͤſtender, aber ſchnell und unvermuthet beſſerte es ſich mit der Kranken; die erregte Hofnung ſchwand aufs neue, und bald ſo ſtark, daß Johann wieder die Flucht als das einzige Rettungsmittel anſah, und Suſannens Bruder zu beſuchen gieng, um es bei erſter Gelegenheit Suſannen aufs neue und dringendſte vorzu⸗ ſchlagen. Wie er hin kam, erzaͤhlte ihm der Bruder, daß ihm geſtern oder ehegeſtern ſechs zinnerne Teller waͤren geſtohlen worden, und er groſſen Argwohn auf ein armes Weib habe, welches Suſannen einige Arbeit brachte, ſie auch deshalb gerichtlich belangen wolle. Johann hoͤrte dieſe Erzählung mit groſſer Unruhe an, er fuͤrchtete, daß bei dieſer Gelegenheit das Weib wahrſchein⸗ lich alles bekennen, ſein und Suſanchens Ungluͤk beginnen werde. Ohne mit Suſannen geſprochen zu haben, eilte er fort und zur vertrauten Bo⸗ tin; mit wahrer Frechheit, die Kreaturen dieſer —— 141 Art eigen iſt, geſtand ſie den Diebſtahl, und fuͤgte hinzu, daß ſie die Teller als ein verdientes Botenlohn mit ſich genommen habe, weil Su⸗ ſanne ihr ſolches ſtets ſchuldig geblieben ſei, da ihr doch in ſolcher Gelegenheit von beiden Sei⸗ ten Lohn gebuͤhre. Johann durfte nicht zanken, mußte vielmehr bitten, damit ſie ferner ſchwei⸗ gen moͤge, und loste noch am nemlichen Abende die Teller aus, welche die Diebin bei einer Nach⸗ barin fuͤr zwei Thaler verſezt hatte. Am andern Tage uͤbergab er ſie dem Bruder, und hofte da⸗ durch alle Entdekung zu hindern; aber dieſer war damit nicht zufrieden, er forderte ſchiechterdings, um ſich in der Folge ſichern zu koͤnnen, den Namen des Thäters, und wie Johann dieſen unter allerlei erdichtetem Vorwande weigerte, ſo wurde dieſer zornig, und ſchwur, daß er ihn deßwegen vor Gerichte belangen, und zur Ent⸗ dekung zwingen werde. Dieſe Aeuſſerung machte den Johann aͤuſſerſt unruhig, er haͤtte leicht auch vor Gerichte dieſe Erklaͤrung vermeiden koͤnnen, aber er war un⸗ erfaͤhren in der großen juriſtiſchen Kunſt des Wendens, Drehens und Laͤugnens nach Wohl⸗ gefallen, ſah ſichere Entdekung voraus, oder ſich gar als den Dieb angeklagt, und ſuchte den Erzuͤrnten nur zu einer kleinen Friſt zu bewegen. Lange wollte dieſer auch dieſe nicht einmal ge⸗ waͤhren, endlich ward der Handſchlag angenom⸗ K 2 143 men, daß Johann den Namen des Diebs nach Verlauf von zwei Tagen treu und redlich anzei⸗ gen wolle. Er ſchied unn ſchnell, traf das ob 8 dem Streit zagende Suſanchen an der Haus⸗ thuͤre, zog ſie einige Schritte mit ſich fort, und erklärte ihr in Eile, daß jezt die Flucht unver⸗ meidlich ſei, und er ſie auch, ohne ſie beginnen, und dem ſchreklichen Elende ohne Huͤlfe uͤberlaſ⸗ ſen muͤſſe. Komm, morgen Abends, wenn's dämmert, nach dem Garten, ich will dort dei⸗ ner harren, und das noͤthige mit dir verabreden. Bei dieſen Worten ſchied er; Suſanchen war nicht vermoͤgend zu antworten, und ſchlich nach ihrer Kammer, um in der Einſamkeit die Groͤße ihres Jammers tragen zu lernen. Wie ſie am andern Abende nach dem Garten ſchlich, war ſie ſchon zur Flucht entſchloſſen. Der Gedanke, daß Johann auch ohne ſie fliehen, ſie allein zum Gegenſtande des Spottes und der innigſten Ver⸗ achtung ruͤklaſſen wuͤrde, hatte ſie dazu beſtimmt, und das ſchrekliche derſelben gemildert. Es muß Gottes Wille ſeyn, dachte die ungluͤkliche So⸗ pbiſtin, ſonſt wuͤrde er mich nicht mit Gewalt dazu zwingen, nicht neue Umſtaͤnde erweken, die mich unwiderſtehlich fortjagen. Dieſer Gedanke beruhigte ſie, gewährte ihr Kraft und Stäͤrke zur Vollendung; und ob er gleich ganz falſch iſt, einen ganz irrigen Begriff von Gott erregt: ſo geſtehe ich doch offenherzig, daß ich ihm kei⸗ — 14 nen, auch nicht den ſchuldigen Ungluͤklichen rau⸗ ben wuͤrde; er iſt oft ſein einziger Stab auf dem dunklen Pfade am Rande des Abgrunds, und ſein Moͤrder wuͤrde derjenige werden, der ihm ſolchen entreiſſen wollte. Johann harrte ihrer ſchon am Zaune, und erklärte ihr— ein deutlicher Beweis ſeines noch guten Herzens— daß er nur zwei Thaler mit ſich nehmen wuͤrde, weil er die uͤbrige geringe Baarſchaft ſeinem Weibe und Kindern als einen Erſaz ruͤklaſſen muͤſſe; doch gelobte er ihr da⸗ gegen, ſie nie zu verlaſſen, in der Fremde als ſein Weib zu betrachten, und zu ihrem Beſten, Tag und Racht zu arbeiten. Suſanchen hoͤrte dieſe Erklaͤrung mit vielen Thraͤnen, aber doch ſtandhaft an; ſie verſprach ſogar, nach ſeinem Verlangen, ihre beſten Sachen in einen Korb zu paken, um Mitternacht, wenn es auf dem Thurme zwoͤlfe ſchlage, mit dieſem aus dem Hauſe zu treten, und auf der b— ſchen Straſſe fort zu wandern, wo er ihrer an einem beſtimm⸗ ten Orte ſchon zu harren gelobte. Aeuſſerſt drin⸗ gend, und hoͤchſt wahrſcheinlich aus Aberglau⸗ ben, bat und beſchwor er ſie, ſich nnt, wenn ſie einmal das väterliche Haus S habe, nicht mehr umzuſehen, und verſicherte, daß als⸗ dann die Flucht ſicher und gut gelingen werde. Suſanchen ſagte ſeiner Bitte Erhoͤrung zu, und ſchied, um die wenigen Stunden, welche ſie noch im vaͤterlichen Hauſe durchleben ſollte, im Stillen verjammern zu koͤnnen. Ich fuͤhle es deutlich, daß ich bis jezt ſehr umſtaͤndlich erzaͤhlte, oft zu weitlaͤufig ward; da ich aver durch dieſe Geſchichte manches un⸗ ſchuldige Maͤdchen zu warnen hoffe: ſo gedenke ich abſichtlich jedes kleinen, geringfuͤgigen Um⸗ ſtandes, weil eben dieſe zuſammen genommen, das ſchrekliche Ganze veranlaßten, und ſogar deutlich beweifen, daß ein einziger, kleiner, in andrer Lage und Umſtaͤnden oft unbedeutender Fehltritt, unſer ganzes Leben muͤhſelig, elend und ungluͤklich macht, der Leiter und Fuͤhrer all unſerer Handlungen wird, dieſe an einander kettet, und indem wir uns oft zu retten geden⸗ ken, unaufhaltſam in einen Abgrund zieht, den wir nie mehr verlaſſen koͤnnen. Eben war das mit Verzweiflung kaͤmpfende Suſanchen auf ihre Knie geſunken, hatte in der Einfalt ihres Herzens Gott inbruͤnſtig gebeten, daß der Zeiger an der Uhr doch immer ſtille ſtehen, nie bis zur ſchreklichen Scheidungsſtunde vorruͤken moͤge, als dieſer ſein unveraͤnderliches Ziel erreichte, und es wirklich zwoͤlfe ſchlug. Jeder Schlag des Hammers traf ihr Herz, ſie ſollte fort, ſcheiden auf immer von Bruder und Schweſter, vom Grabe ihrer Eltern, von Freun⸗ den und Anverwandten, vom Orte ihrer Geburt und dem geliebten Vaterlande. Angſt und Furcht riß ſie empor, Jammer und Wehmuth ſturzte ſie wieder zu Boden. Theure Leſerin! dir be⸗ ſchied der Schoͤpfer ein feineres Gefuͤhl als mir, denke dir, fuͤhle ihren ſchreklichen Zuſtand, ich vermag ihn nicht zu ſchildern, und harre ihrer an der Hausthuͤre, bis ſie den namloſen Kampf geendet hat, und nun eingehuͤllt ins unempfind⸗ liche Gewand der nahenden Verzweiflung die grauſe Flucht beginnt. Horch, ſchon knarrt die Thuͤre; deine gefallne, aber ungluͤkliche Schwe⸗ ſter oͤfnet ſie. Ach, ſie wird nie mehr hinter mir knarren, denkt ſie, und ihr Muth ſinkt aufs neue. Ihre Lippen oͤfnen ſich zum lezten Abſchiede, ſie ſinkt ſtamlend auf der Thuͤrſchwelle auf ihre Knie, aber im Innern des Hauſes ent⸗ ſteht ein Geraͤnſch, ſchrekt und jagt ſie fort. Angſivoll und immer Entdekung ahnend, eilte ſie auf der Straſſe weiter. Noch hatte ſie das Gebot ihres kuͤnftigen Schuͤzers nicht uͤber⸗ treten, als ſie beinahe den Ort, wo ſie ihn treffen ſollte, erreicht hatte; aber jezt blikte der Mond hinter den Wolken hervor, und mit ihm die Hofnung, daß ſie wenigſtens noch einmal ihre Vaterſtadt in der Ferne ſehen koͤnne. Und ſollte ich auch zur Salzſaͤule werden, und allen leichtſinnigen Maͤdchen zur oͤffentlichen Warnung bis an's juͤngſte Gericht hier ſtehen, ſo muß ich ſie doch noch einmal ſehen! ſo rief ſie jammernd aus, und kehrte ſich ſchnell um. Die durch die 152 Wolken gebrochnen Strahlen des Mondes be⸗ leuchteten die Stadt hell; ſie ſuchte und fand das väterliche Haus; ſie ſuchte und fand den Kirchhof, und ihre erhizte Einbildungskraft er⸗ blitte dort weiſe Geſtalten, die ſie fuͤr Vater und Mutter nahm. Ach, ich unglukliches, ehr⸗ vergeßnes Kind, ſtoͤre ihre Ruhe im Grabe! ſtamlete ſie, und ſank ohnmaͤchtig zu Boden. Johann, der ihrer ſchon harrte, ſie in der Ferne kommen ſah, eitte zu ihrem Beiſtande herbei, und hatte große Muͤhe, ſie zu weken, und nach einem nahen Walde zu fuͤhren, wo er ihr Ruhe auf einem Stoke gewährte. Hier erſt ſah ſie, daß er mit einem großen Saͤbel und mit zwei Piſtolen bewafnet war. Dieſer Anblik ſchrekte ſie. Ach, er wird mich doch nicht et⸗ wan gar umbringen wollen? rief ſie weinend aus, und ſank bittend zu ſeinen Fuͤſſen nieder. Dieſer Gedanke, der Monchen unnatuͤrlich und uͤbertrieben ſcheinen koͤnnte, reihte ſich ganz natuͤrlich an die Ideen, welche ihr Herz be⸗ herrſchten: Sie liebte den Johann weder ehe⸗ mals noch jezt, er hatte ſie auf die ſchreklichſte Art äberraſcht, betrogen, ihr Ruhe, Gluͤk und Ehre geraubt. Eine That, die wohl Haß, aber nicht Liebe foͤrdern konnte; ſie entſtoh mit ihm nicht aus Leidenſchaft und Liebe, ſondern aus Schaam, Angſt und Furcht fuͤr der Schande und Strafe, die ihr daheim unwiderruflich drohte. —— 153 Zutrauen, Neigung zu. ihm, war ihrem Herzen fremd; ſie waͤhnte vielmehr, daß derjenige, wel⸗ cher ſie ehemals ſchon ganz ungluͤklich gemacht habe, ſie wahrſcheinlich nach einem Walde leite, um ſie dort zu ermorden, ihren Koͤrper vor aller Augen zu verbergen, und dann unentdekt, ungehindert heim kehren zu koͤnnen. Johann, der ſie wirklich innig liebte, erſchrak uͤber dieſen ſchreklichen Verdacht, ſank vor der Leidenden auf die Knie, und ſchwur einen fuͤrch⸗ terlichen Eid, daß er die Waffen blos zu ihrer Vertheidigung mit ſich genommen habe, und willig fuͤr ſie ſterben, eher ſich ſelbſt morden, als ſie beleidigen werde. Dieſe Erklaͤrung ge⸗ waͤhrte der Leidenden groſſen Troſt, und ſtaͤrkte ihr muthloſes Herz; es vermochte ihn zwar nicht als ihren Liebhaber zu betrachten, aber doch als Vater zu ehren. Sie ſank zum erſtenmale frei⸗ willig in ſeine Arme, und weinte an ſeiner Bruſt. Die Nacht war kalt und rauh, denn der Winter nahte ſchon maͤchtig, und der wehende Nordwind begann die Erde mit Froſt und Schnee zu bedeken. Johann ermahnte daher Suſaunen zum Aufbruche, aber die Kraͤfte des leidenden Peaͤdchens ſchwanden bald; ſie ſank athemlos zu Boden, und Johann mußte den Korb, oft auch ſeine Geliebte tragen, um ſie der drohenden Ge⸗ fahr zu entreiſſen. Erſt mit Tagesanbruch er⸗ 154 reichten ſie die Graͤnze, und bald hernach ein Dorf, in deſſen Wirthshauſe ſie Einkehr nah⸗ men. Johann gab ſich dort, um ſicherer zu ſeyn, und jeder laͤſtigen Nachfrage zu entgehen, fuͤr einen Deſerteur aus, und ward willig auf⸗ genommen. Wie aber die Wirthin Suſannen neben ihm erblikte, und naͤher betrachtete, rief ſie vol Mitieid aus: Ach, er unglaͤklicher Menſch, warum hat er denn das unſchuldige Blut mit ſich entfuhrt? Sende er das arme Mädchen wieder zuruͤk, da es noch Zeit iſt, ſonſt werden ihn ganz gewiß ihre armen troſtloſen Eltern bei Gott aagen, alles Gluͤk, aller Seegen wird von ihm weichen, und er wird einſt reuend und verzweifelnd ſterben muͤſſen, weil er ein fo huͤb⸗ ſches Maͤdchen mit ungluͤklich gemacht hat. Dieſe aufrichtigen, redlichen Worte machten auf Suſannen den ſtaͤrkſten Eindruk; ſie begann anhaltend zu weinen, wuͤrde willig ruͤkgekehrt ſeyn, und ruhig geduldet haben, wenn der lie⸗ bende Johann ſie nicht gehindert haͤtte. Er hatte fuͤr ſie ein Fruͤhſtuͤk beſtellt, aber jezt achtete er, um ſtärkern Eindruk zu vermeiden, Entfernung fuͤr das Beſte, und fuͤhrte Suſannen ohne La⸗ bung nach einem andern Dorfe, wo er ſie, um aͤhnliche Wirkung zu verhindern, fuͤr ſein Weib ausgab. Noch am naͤmlichen Abende erreichte er die Bergſtadt I—, wo er zu bleiben und Arbeit zu ſuchen beſchloß. Wie er am Morgen dieſen . 155 Entſchluß ausfuͤhren wollte, entdekte er manche und große Hinderniſſe. Das erſte und ſtaͤrkſte war die Religion. Die von ſo vielen Monarchen jezt eingefuͤhrte, und von ihren erlauchten Nach⸗ folgern befeſtigte Toleranz, war in dieſem Lande noch nicht verkuͤndigt; die Geſeze des Landes verliehen dem Vichtkatholiken keinen Schuz, er mußte ſich entweder zur allein herrſchenden Reli⸗ gion bekennen, oder ſeinen Wanderſtab fortſezen. Johann war zu dem erſtern um ſo mehr bereit und entſchloſſen, weil er ſich dadurch auch von ſeinem Weibe auf immer zu befreien, und die verhaßten Feſſeln des Eheſtandes zu zerreiſſen hofte. Seine Abſicht, mit welcher er die Reli⸗ gion ſeiner Väter verläugnen, und ohne Pruͤfung eine andere annehmen wollte, war alſo ſicher nicht rein und lauter, aber nur derjenige, wel⸗ cher in ſeiner Lage und Umſtanden, mit einer ſo allgewaltigen Liebe zu Suſannen begabt, anders gehandelt haͤtte, beſizt das Recht, den erſten Stein auf ihn zu werfen. Es iſt leicht, den er⸗ ſten Schritt zu vermeiden; aber es iſt aͤuſſerſt ſchwer, oft den menſchlichen Kraͤften unerreich⸗ bar, wenn man auf der halben Bahn ruͤktehren ſoll, hinter ſich unuͤberwindliche Schwierigkeiten erblikt, vor ſich reizende Thaͤler zu treffen hoft⸗ Das ſchoͤne Suſanchen war Johannens einziger Wunſch, war— wenn ich mich ſo kuͤhn, aber doch richtig ausdruͤken darf, ſein Gott und Him⸗ 156—— mel, ſie auf immer, und als Weib zu beſizen, das einzige Streben ſeines Herzens. Verarge es ihm alſo nicht, lieber Leſer, wenn er hier— was keiner thun ſoli, und doch Miltonen thun— der Zukunft vergaß, und nur des irdiſchen ge⸗ dachte. Seine Einbildungskraft, die in derglei⸗ chen Fällen leider nur allzu geſchaͤftigt iſt, be⸗ wies ihm uͤberdies, daß ihn in der Zukunft nur Freude und Wonne erwarten werde. Sie ge⸗ währte ihm Arbeit und Lohn in Fuͤlle, ſchenkte ihm eine eigene Huͤtte, wandelte dieſe in ein Pa⸗ radies um, ſezte Kinder wie die Hehlzweige an ſeinen Tiſch, und ihn mit ſeiner Suſanne mit⸗ ten unter dieſe. Ein Gluͤk, das er vielleicht durch Mord zu erringen geſucht hätte, wenn Noth ihn dazu gezwungen, und Gelegenheit dazu verleitet haͤtte. Mit dieſen und ähnlichen Gruͤnden ſuchte er auch Suſannen zu einem Entſchluſſe zu be⸗ wegen, den er auszufuͤhren beſchloſſen hatte. Sie fanden nicht ſo leicht Eingang in ihrem Herzen, und ihre Einbildungskraft mahlte ihr nicht ſo reizende Bilder. So ſoll ich denn auf ewig, rief ſie mit weinendem Tone aus, von meinen Freunden und Anverwandten, vom Grabe meiner Eltern entfernt, aus meinem Vaterlande verbannt leben? Nie! nie mehr ruͤkkehren? Nicht einmal den Troſt der Vorſtellung haben, daß ich ruͤtkehren koͤnnte O ich bin namlos elend, und ohne Huͤlfe verlohren! Vergebens ſuchte er die Unglükliche zu tröſten, vergebens ihr die reizende Zukunft zu ſchildern, welche ſich ſein leichtglaͤu⸗ biges Herz bereits als gewiß dachte. Sie liebte nicht wie er, und konnte folglich auch nicht gleich ihm fuͤhlen. Andere Gruͤnde, die der Verliebte endlich fand und faßte, wirkten ſtaͤrker. Nehmen wir, ſprach er, nicht die Religion des Landes an, ſo kann man uns hier nicht dulden, und ich dich nicht heirathen. Immer unſtaͤt und fluͤchtig muͤſſen wir umher irren, uͤberall wirſt du verſpottet und verachtet werden, und naht die Stunde deiner Entbindung, ſo werde ich mit meinem beſten Willen keinen Plaz finden, auf welchem du ſicher ruhen koͤnnteſt. Der lezte Be⸗ weggrund war fuͤr Suſannen der wichtigſte; ihre Einbildungskraft wirkte hier am ſtaͤrkſten, und ſchilderte ihr das Elend, welches ſie in ſolch einer Lage dulden wuͤrde und muͤßte, aufs ſchreklichſte und gräßlichſte. Auch ſie war nun entſchloſſen, und Johann eilte fort, um ſeinen und ihren Entſchluß den, jenigen bekannt zu machen, die ihm vorher aus dieſer wichtigen Urſache Unterſtuͤzung und Huͤlfe verweigert hatten. Er ward jezt liebreich gehoͤrt, und theilnehmend aufgenommen; denn es iſt derm Menſchen eigen, ſich herzlich zu freuen, wenn er einem Wanderer, der nach dem rechten Wege forſcht, nach dieſem fuͤhren kann. Er achtet es dann fuͤr Pflicht, ihn auf dieſem zu begleiten, 158 oder wenigſtens die Seitenwege anzuzeigen, auf welchen er in neue Gefahr gerathen koͤnne. So ergieng es jezt auch; man verſprach dem Johann Arbeit und Unterſtuͤzung, und verwies ihn ſamt ſeiner Geliebten an die Prieſier der Stadt, um beider Vorſaz zu foͤrdern. Dieſe nahmen, gleich guten Hirten, die um⸗ her irrenden Schaafe willig unter ihrer Heerde auf, bemühten ſich eifrig, ſie mit den Grundſäͤ⸗ zen der neuen Religion bekannt zu machen, und verſprachen ihnen nebenbei alle moͤgliche Unter⸗ ſtuͤzung auf ihrer kuͤnftigen Laufbahn. Wirklich mehrte ſich auch taͤglich die Zahl ihrer Goͤnner, beide wohnten bis jezt in einem Gaſthofe, der für ihre wenige Baarſchaft, die in zwei Thalern beſtand, allerdings ſehr koſtbar war; aber ſie hatten es bald nicht mehr noͤthig, fuͤr baares Geld zu zehren, jeden Tag wurden ſie geladen, oft aus aͤchter Gutherzigkeit, oft auch nur aus Reugierde, weil der Ruf von Suſannens Schoͤn⸗ heit ſich nach und nach in der ganzen Stadt verbreitete, und viele die ſchoͤne Fremde naͤher kennen zu lernen wuͤnſchten. Ueberall empfien⸗ gen ſie kleine Geſchenke, und nebenbei die Hof⸗ nung, daß man das kuͤnftige Ehepaar noch kraͤf⸗ tiger unterſtuͤzen wolle. Bis jezt hatte Johann, und mit ihm auch Suſanne, es allen auf das ſorgfältigſte verſchwie⸗ gen, daß er bereits in S— n verheirathet ſei⸗ 3 Er wollte dies auch noch ferner thun, weil er, ob er gleich uͤberzeugt zu ſeyn glaubte, daß die Veranderung der Religion auch die Ehe vernichte, kleine Hinderniſſe fuͤrchtete, die ſeinen Lieblings⸗ wunſch noch laͤnger verzoͤgern koͤnnten, und vor⸗ zuͤglich Suſannen die Beſchaͤmung erſparen woll⸗ te, daß ſie mit einem Ehemanne entflohen ſei, und vorher ſchon mit ihm in ſo enger Verbin⸗ dung gelebt habe. Jezt, da Suſanne von der wahren und aͤchten Liebe ihres kuͤnftigen Gatten taͤglich mehr uͤber⸗ zeugt wurde, ihn nach und nach wirklich zu lieben begann, ward ſie auf ſein und ihr kuͤnftiges 13 Gluͤk aufmerkſamer. Ihr fiel der Zweifel bel: Ob es denn auch ausgemacht, und gewiß ſei, daß die Veraͤnderung der Religion die gaͤnzliche Aufloͤſung der Ehe nach ſich ziehe, und ihn faͤhig mache, ſie oͤffentlich heirathen zu koͤnnen? Johann konnte ihre Frage nur mit der Verſicherung beantworten, daß er dies feſt glaube, und da dieſe Verſicherung ihr nicht gnaͤgte, ſo verſprach er ihr, ſich deßwegen einen Geiſtlichen offen zu entdeken, und ſeine Meinung zu hoͤren. Er gieng aus dieſer Abſicht wirklich fort, und brachte die Nachricht heim, daß nach der Verſicherung eines klugen Geiſtlichen, die Ver⸗ . änderung des Vaterlandes und der Religion volltommne Aufloͤſung der Ehe nach ſich ziehe. Doch ſei, fuͤgte er liſtig hinzu, nach dem Rathe 160 deſſelben, Verſchwiegenheit am beſten, weil ſonſt Suſannens guter Ruf verlezt wuͤrde, und die Entdekung noch uͤblere Folgen nach ſich ziehen koͤnne, wenn man uͤberzeugt wuͤrde, daß ſie mit einem damals noch wirklichen Ehemanne im vertrauten Umgange gelebt habe. Suſanne ſah die Urſache ein, ehrte ſie, und ſchwieg wie vor⸗ her. Es iſt moͤglich, daß dieſer Rath dem fra⸗ genden Johann ertheilt wurde; aber es iſt nicht wahrſcheinlich, und verliert in der Folge allen Glauben, weil er den Geiſtlichen nicht zu nennen wußte, am Ende dieſer Entſchuldigung gar nicht mehr benuzte, und am Tage, wie beide ihr Glaubensbekenntniß und zum erſtenmale die Ohrenbeichte ablegen ſöllten, Suſannen beredete, ſeiner Ehe im Beichtſtuhle nicht zu gedenken, und wenn der Prieſter fragen wuͤrde, ihn ſo wie ſich, fuͤr ledig auszugeben. Heftige Liebe, Fnrcht, die Unſchaͤzbare a8 immer zu verlieren, verleitete ihn zu dieſer Hand⸗ lung, und er beſtaͤtigte abermals die ſo ſichere und doch unbekannte Wahrheit, daß ein Fehl⸗ tritt jeden Menſchen zu neuen, und leider im⸗ mer zu groͤßern und ſtärkern verleitet. Sowohl Johann, als auch Suſanne, hatte auf des erſtern Erinnerung ihren Taufſchein auf ihrer Flucht aus dem Vaterlande mit ſich genom⸗ men, dies erleichterte ihre Trauung um ein groſ⸗ ſes, und da das Geſez nur einen ſechs Wochen ———— —— T67 langen Aufenthalt in einem Orte fordert, um oͤffentlich aufgeboten und getraut werden zu koͤn⸗ nen: ſo nahm der Pfarrer der Stadt keinen An⸗ ſtand, ſie nach Verlauf dieſer Zeit, an eben dem Tage, wie ſie ihr Glaubensbekenntniß ablegten, oͤffentlich in der Kirche zu verbinden. Unuͤber⸗ ſchwenglich groß war Johannens Freude, als er endlich Suſannen als ſein Weib heim fuͤhrte; auch ſie freute ſich deſſen aufrichtig, weil ſie nun ihre Ehre gerettet ſah, und dem Kinde, welches ſchon unter ihrem Herzen lebte, einen Vater ver⸗ heiſſen konnte. Einige angeſehene Bewohner der Stadt hat⸗ ten an dieſem Tage das Brautpaar ganz neu und * wirklich ſehr ſchoͤn gekleidet, andere nahmen es über ſich, ihnen ein Hochzeitmahl zu geben, wel⸗ ches im Wirthshauſe bereitet wurde. Eben hatte man getafelt, und wollte den Tanz beginnen, wie der Wirth ins Zimmer trat, und den Braͤu⸗ tigam hinab rufte, weil ein Fremder mit ihm zu ſprechen verlange. Johann erſchrak ob die⸗ ſer Nachricht, und bleichte maͤchtig, als er dem Wirth folgte, und einen guten Bekannten aus ſeiner Heimath vor ſich ſtehen ſah. Zum Gluͤke entfernte ſich der Wirth, und beide konnten un⸗ gehindert ſprechen. Der Bekannte war wegen Handlungsangelegenheiten aus S— n nach B—n geſchikt worden; er hoͤrte, daß heute ei⸗ ner ſeiner Landsleute hier ſeine Hochzeit feire, Sp. kl. Erz. 2s Bdch. 162 und war begierig, ihn näher kennen zu lernen. Er ſtaunte mit Recht, wie er den ſchon in S—n verheuratheten Johann als Braͤutigam vor ſich ſtehen ſah, und forſchte mit noch groͤßerem Rechte, wie dies geſchehen köͤnne, da daheim ein troſtloſes Weib, und drei verlaſſene Kinder ſeiner harrten? Johann konnte dieſe harte Frage nicht beantworten, nur ihn aufs dringendſte bitten, daß er hier ſchweigen, und daheim nichts von allem erzaͤhlen moͤge; er druͤkte ihm zum Lohne ſeiner Verſchwiegenheit die Haͤlfte ſeines ganzen Vermoͤgens in die Hand, und der Bote erzaͤhlte ihm dagegen, daß man ihn in ſeiner Heimath nicht fuͤr den Entfuͤhrer Suſannens achte, ſondern feſt glaube, daß die leztere ſich wahrſcheinlich aus Verzweiflung in einem Teiche erſaͤuft habe, und er hingegen in einem alten Schachte verungluͤkt ſei, weil er wahrſcheinlich aus kluger Abſicht am Tage zuvor ſeinem Weibe erzaͤhlt hatte, daß er in der Nacht wie er die Flucht begann, einen achten Schacht befahren wolle, in welchem er einen reichen Gang zu ent⸗ deten hoffe. Johann bat den Boten dringend, dies fuͤr ihn ſo gluͤkliche Geruͤchte nicht zu hemmen, weil die Sache nun doch nicht mehr zu aͤndern ſei, er nie mehr heim kehren koͤnne, und hier durch Entdekung ungluͤklich werden muͤßte. Der Vote verſprachs, und reiste wirklich ſogleich ab, ohne — 163 mit irgend Jemanden geſprochen zu haben. Johann trat mit leichtern, aber doch noch ban⸗ gen Herzen in den Tanzſaal; ſeine Wohlthaͤter hatten indeß die ſchoͤne Braut zum Tanze ge⸗ fuͤhrt; ſie gieng aus einer Hand in die andre, und nie in die ſeinige. Man ſcherzte mit ihr, beehrte ſie mit mancher Liebkoſung, die ſie mit Anſtand und Hoͤflichkeit erwiederte. Zu einer andern Zeit wuͤrde ihm dies Betragen nicht auf⸗ fallend, vielleicht angenehm geweſen ſeyn, aber jezt, da ſein Herz zur Trauer und Angſt geſtimmt war, vermehrte es beides, erregte groͤßere, und zwang ihn am Ende, den Saal zu verlaſſen, um im Stillen ſein Ungluͤk beklagen zu koͤnnen. Die ihn endlich ſuchende Suſanne fand ihn weinend in dem Gemache, welches ſie bisher be⸗ wohnten. Er verſchwieg ihr ſorgfaͤltig die Unter⸗ redung mit ſeinem Landsmanne, klagte aber um ſo ſtaͤrker uͤber ihr allzu freundliches Betragen gegen die Stadtherren, und ſchwur hoch und theuer, daß er Selbſtmoͤrder werden muͤſſe, wenn ſie ihm ferner Gelegenheit zur Eiſerſucht geben wuͤrde. Suſanne, die aus dieſer Aeuſſe⸗ „ rung die Groͤße ſeiner Liebe erkannte, verſprach in allem ſeinen Willen zu vollziehen, und be⸗ wegte ihn durch dies Verſprechen zur Ruͤkkehr nach dem Tanzſaale. Jeder der Gäſte hatte ihr ein Hochzeitgeſchenke beſtimmt, da ſie aber jezt ihr bisher ſo gefaͤlliges Betragen änderte, jeden La ſich nahenden Taͤnzer ihre Hand weigerte, und uͤberhaupt nur ſehr ſproͤde antwortete: ſo ver⸗ lieſſen viele, ohne ihre Geſchenke abzugeben, den Saal, und mehrere giengen ſogar mit dem Vorſaze heim, ſich nicht mehr um das ihrer Fuͤr⸗ ſorge unwuͤrdige Paar zu bekuͤmmern. Obgleich die kluͤgere Suſanne dieſe Veraͤnde⸗ rung bemerkte, und aller Entſchluß ahnete, auch ihren Gatten darauf aufmerkſam machte: ſo ach⸗ tete dieſer dies doch gar nicht, er war vielmehr damit vollkommen zufrieden, weil er auſſer dem Beſize ſeiner Suſanne kein Gluͤk kannte, dies nur ungeſtoͤrt genuͤſſen wollte, und jezt zu ge⸗ nuͤſſen hofte. Schon am andern Morgen be⸗ ſchloß er daher die bisherige Wohnung im Wirths⸗ hauſe zu verlaſſen, und eine andre zu beziehen, die er in einem entlegenen Ende der Stadt mie⸗ thete; er that dies wirklich aus der Abſicht, da⸗ mit die Stadtherren kuͤnftig unter anderm Vor⸗ wande ſein Weib nicht mehr beſuchen koͤnnten; doch wuͤnſchte er nebenbei auch im Verborgnen zu leben, um nicht aufs neue von einem reiſe⸗ den Landsmanne entdekt und erkannt zu wer⸗ den. Die ſchon hoch ſchwangere Suſanne erſchrak heftig, als er ſie noch am nemlichen Tage in dieſe Wohnung einfuͤhrte; ſie fand dort kein Bette, keinen Tiſch oder Stuhl, auf welchem ſie ruhen konnte, nur die vier leeren, und vom N 165 Rauche gefaͤrbten Waͤnde ſtanden vor ihrem Blike da; ſie begann zu weinen, und fuͤhlte aufs neue, daß ſie hoͤchſt ungluͤklich ſei. Vergebens ſuchte ſie Johann zu troͤſten, vergebens zu verſichern, daß er durch ſeiner Haͤnde Arbeit bald ſo viel verdienen wolle, um nach und nach das erfor⸗ derliche Hausgeraͤthe einzukaufen. Sie ſah nur allzu wohl ein, daß zur Erfuͤllung dieſes Ver⸗ ſprechens Jahre erſordert wuͤrden, erinnerte ſich mit ſtaͤrkerer Wehmuth des buͤrgerlichen Wohl⸗ lebens, welches ſie daheim genoſſen hatte, und konnte die vorwurfsvolle Frage nicht unterdruͤ⸗ ken: warum er ſie dieſem entriſſen, und ſo graͤn⸗ zenlos ungluͤklich gemacht habe? Johann ertrug dieſe gerechten Vorwuͤrfe mit ſtoiſcher Gelaſſenheit, nichts konnte ſeine Freude, die Geliebte ſeines Herzens nun auf immer zu beſizen, mindern; er hinderte ihre Thraͤnen nicht, aber er demuͤhte ſich doch, ſie mit neuen Gruͤn⸗ den zu beruhigen. Voll Freude brachte er am Abende einige Bund Stroh, und verſicherte ſie, daß er an ihrer Seite weit gluͤklicher auf dieſen, als entfernt von ihr auf ſeidnen Betten ſchlafen wuͤrde, und ruhte auch wirklich recht ſanft; in⸗ deß ſeine ungluͤkliche und fuͤhlende Gattin ſchlaf⸗ los und weinend an ſeiner Seite lag. Das we⸗ nige Geld, welches Johann noch hatte, und Su⸗ ſanne am Tage ihrer Hochzeit zum Geſchenke be⸗ kam, reichte in der Folge kaum zu, um die noͤ⸗ thigſten Hausbeduͤrfniſſe zu kaufen; an ein Bette war noch nicht zu denken, und Suſanne mußte acht lange Wochen hindurch jeden Abend ihr Strohbette nach der Stube tragen, und es am Morgen wieder in einem Winkel des Hauſes verbergen. Ein Tiſchgeſtelle war dann immer das Polſter, auf welchem ihr mattes Haupt ruhte. Ach, es war, ſagte ſie, als ſie einſt ihre Geſchichte erzaͤhlte, vom Alter ſchon braun ge⸗ faͤrbt; aber ich wuſch die Stelle, auf welcher mein Geſicht ruhte, bald mit meinen Thraͤnen weiß, die oft ganze Naͤchte hindurch aus mei⸗ nen Augen herab traͤufelten. O, ich glaube es, arme Dulderin, ich glaube es willig, und du, theure Leſerin, wirſt es mit mir glauben, wenn du dich in ihre Lage verſezen willſt, verſezen kannſt. Thu's, es wird dir frommen, und dich fuͤr jedem geringen, leichtſinnigen Fehltritte war⸗ nen, da ich dir den Beweis liefre, daß er ſo ſchrekliche Folgen nach ſich ziehen kann. Hat Suſanne wohl mehr verbrochen, als du bei an⸗ drer Gelegenheit und unter andern Umſtänden verbrachſt, und wie ſchreklich muß ſie buͤſſen, wie anhaltend wird ſie noch dulden muͤſſen? O, weine mit ihr, ſie iſt der Thraͤnen werth! Johann erhielte, was ich bisher zu erwaͤhnen vergaß, ſogleich nach abgelegtem Glaubens⸗ bekenntniſſe Arbeit, und ward als Bergmann in den nahen Bergwerken angeſtellt. Er arbei⸗ tete aͤuſſerſt fleiſſig, machte oft doppelte Fahrt, aber ſein Lohn reichte doch nicht hin, um den mannichfaltigen Mangel daheim zu lindern. Man denke ſich ein paar Eheleute, die auſſer den er⸗ forderlichen Kleidungsſtuken nichts beſizen zahle das Hausgeraͤthe, welches auch den Duͤrftigen zum nothwendigen Beduͤrfniſſe geworden iſt, bedenke dabei, daß man taͤglich eſſen will, eſſen muß, und erwaͤge dann, wie viel ſich vom Lohne eines Bergmanns zur Einrichtung ſeiner Haus⸗ wirthſchaft erſparen laͤßt. Erſt, als Suſannens Entbindung mit jedem Tage nahte, wurde es beiden moͤglich., ſich eine Bettſtelle zu kaufen, und um ſein geliebtes Weib nicht auf dem Strohe die muͤtterlichen Schmerzen dulden zu laſſen, um es nur mit einem ſchlechten Bette fuͤllen zu koͤnnen, mußte er ſeine und ihre beſten Kleider verpfänden. Er thats mit groͤßtem Vergnuͤgen, und ſie mit vieler Wehmuth, und war ſo gluk⸗ lich, auch noch ſo viel Geld zu erſparen, um dem erwarteten Kinde eine Wiege zu kaufen. Die Stunde ſeiner Geburt erſchien, und Su⸗ ſanne gebahr einen Knaben; der Vater kuͤßte ihn freudig, aber die Mutter benezte ihn mit Thraͤnen, und nannte ihn Benjamin. Nach ih⸗ rem Rathe waͤhlte Johann ſeine ehemaligen Wohlthaͤter zu Pathen des Kindes. Dies Zu⸗ trauen verſoͤhnte dieſe wieder, ſie verſprachen fuͤr das Kind zu ſorgen, und wiederholten dies ———=————— ———————. Verſprechen, als ſie es nach der Taufe der dan⸗ kenden Mutter uͤberbrachten. Eben ſaſſen alle bei einem kleinen Mahle, welches die Freigebig⸗ keit der Gevattern bereitet hatte, als ein Bote eintrat, und den freudenvollen Vater zu dem Pfarrer forderte. Er gieng, und keiner der Gaͤſte, ſelbſt Suſanne nicht, ahnete eine uͤble Folge dieſer Ladung, weil es ganz natuͤrlich ſchien, daß der Pfarrer noch irgend eine zur Taufe erforderliche Auskunft beduͤrfe. Man as und trank, war froͤhlich, wie ehe und zuvor, und gieng endlich von dannen, als die Daͤm⸗ merung das Ende des Tages verkuͤndigte. Noch mußte Suſanne lange der Ruͤkkunft ihres Gat⸗ ten harren, und fuͤrchtete ſchon neues Ungluͤk, wie er endlich laͤchelnd und freudig, aber doch bleich und entſtellt vor ihr Bette trat. Lange mußte Suſanne harren und bitten, ehe er ihr Wahrheit geſtand, nur die Groͤße ihres Jam⸗ mers, nur die Ueberzeugung, daß Ungewißheit ſie noch weit ſtaͤrker martere, zwang ihn endlich zum Geſtaͤndniſſe. Der Magiſtrat ſeiner Vater⸗ ſtadt hatte an den Pfarrer geſchrieben, und ihm berichtet, daß der nach J— gefluͤchtete Johann K— daheim boͤslicher Weiſe ein Weib und drei Kinder verlaſſen habe, die nun bei Gerichte Klage fuͤhre, und anzeige, daß eben dieſer Jo⸗ hann, dem Vernehmen nach, zu J— oͤffentlich eine zweite Frau geheurathet, und ſich des Ver⸗ brechens der Bigamie ſchuldig gemacht habe⸗ Das Gericht heiſchte daher am Ende gewiſſen⸗ hafte Rachricht von dem Pfarrer, und dann die noͤthigen Maasregeln zur Verhaftnehmung und Auslieferung des Verbrechers ergreifen zu koͤn⸗ nen. Der gutherzige Pfarrer hatte den ganzen In⸗ halt dieſes füͤrchterlichen Schreibens dem Jo⸗ hann vorgeleſen, und erwartete nun von ihm Aufklärung. Johann konnte und wollte die That nicht laͤugnen, aber er fuͤgte auch am Ende hinzu, daß er bisher feſt geglaubt, und es auch von andern gehoͤrt habe, daß die Veraͤnderung der Religion die ehemalige Ehe ganz vernichte. Der Pfarrer, welcher heller ſah, und die Geſeze beſſer kannte, bewies ihm die Unmoͤglichkeit die⸗ ſer Hofnung, und erklaͤrte ihm offen, daß er uͤberdies verpflichtet ſei, die ganze Geſchichte dem weltlichen Gerichte anzuzeigen. Johann flehte vergebens um Aufſchub, der Pfarrer ſchuͤzte ſeine Pfticht, die auf ihn fallende harte Verantwor⸗ tung vor, und konnte ihm nur den einzigen Troſt gewaͤhren, daß man ihn wahrſcheinlich nicht ausliefern, ſondern nur nach den Geſezen des Landes, und als einen Unkundigen vielleicht ſehr gnaͤdig und milde beſtrafen werde. Die Nacht, welche dieſer ſchreklichen Entde⸗ kung folgte, war fuͤrchterlich und qualvoll. Johann hofte das Beſte, aber Suſanne ver⸗ n0 muthete das Aergſte. Sie ſah ſich ausgeliefert ins Vaterland, ſtehend vor dem erzuͤrnten Rich⸗ ter, und verurtheilt zum gode, oder lebens⸗ langen Kerker. Gerne, ach herzlich gerne wuͤrde ſie die Zeit benuͤzt, mit ihrem Gatten und Kinde der drohenden Strafe entflohen ſeyn, wenn die Kraͤfte ihres Korpers ihr Flucht erlaubt haͤtten. Oft ſprang ſie im Anfalle der Verzweiſtung von Lager empor, und ſank kraftlos zu Bo⸗ nz oft bat ſie im klaͤglichſten Tone, und mit Haͤnden ihren Gatten, die Zeit zu nuͤzen, und der Rache der Gerechtigkeit allein zu entfliehen; aber er ſchwur ſtandhaft, bei ihr zu leben und zu ſterben, und ſuchte ſie durch tauſend Scheingruͤnde zu beruhigen. Schreklich und troſtlos, wüthend im Haare und Koͤrper, jammerte Suſanne, als endlich die Nacht wich, und die aufgehende Sonne ihr den lezteu Tag der Freiheit verkuͤndigte. Ihr Jammer war gerecht, ihre Ahnung richtig; denn bald hernach erſchien der Gerichtsdiener, und forderte ihren Gatten nach dem Rathhauſe. Ohnmaͤchtig ſank ſie auf ihr Thränenlager zu⸗ ruͤt, wie er ſchied, und hoͤrte nicht ſeinen Ab⸗ ſchied, nicht den Troſt des mitleidigen Gerichts⸗ dieners, welcher ſeine baldige Ruͤkkehr verſicherte, und endlich die Hausfrau zu ihrem Beiſtande herbei rief. In ihren Armen erwachte ſie wieder, um aufs neue klagen und jammern zu koͤnnen. 11 Wohlthätige Herzen erbarmten ſich ihrer, und verpflegten ſie ſorgfaͤltig. Zehn Tage hoͤrte ſie nichts von ihrem Gatten, als daß er im Ge⸗ faͤngniſſe ſchmachte; oft ſank ſie noch in dieſer Zeit ohnmaͤchtig in die Arme des Todes, und nur die unvertilgbare Mutterliebe wekte ſie wie⸗ der zum Leben, und hinderte die Verzweiſtung, ſie zum Selbſtmorde zu verleiten. Am eilften Tage, als der Ueberfluß ihrer jugendlichen Kraͤfte das Leiden der Seele beſiegte, und ſie ſchon ihr Bette verlaſſen konnte, erſchien das Gericht, um von ihr zu erfahren: ob ſie es wußte, daß Jo⸗ hann bereits verheurathet war, und ſie folglich als eine Mitſchuldige ſeines Verbrechens betrach⸗ tet werden muͤſſe? Suſanne wolte und konnte dies nicht laͤngnen, und winde nun auch, aber — Dank ſei es dem meßſchenfreundlichen Rich⸗ ter— aͤußerſt ſhohen als eine Gefangene be⸗ handelt. Man geſtattete ihr als einer Kranken noch fernern Aufetthalt in ihrer Wohnung, verpflegte ſie auf das ſorgfäͤltigſte, und wuͤrde ihr wahr⸗ ſcheinlich noch lange nicht die Thuͤre des Kerkers geoͤfnet haben, wenn Johann dies ſelbſt nicht gefordert, und endlich errungen haͤtte. Ihm traͤumte einige Tage nachher, daß man ſeine Suſanne ihren Anverwandten uͤbergeben, und nach ihrer Heimath zuruͤk gefuͤhrt habe. Von dieſem Augenblike an, begann er zu raſen, tobte „ 172—— gleich einem Wahnſinnigen, forderte unaufhör⸗ lich unter dem ſchreklichſten Geſchrei ſeine Su⸗ ſanne zuruͤk, und zerriß mit unnachahmlicher Srärke die Ketten, mit welchen man ihn feſſeln wolte. Um ihn zu beruhigen, und von dein Truge ſeiner Fantaſſe zu uͤberzeugen, beſchloß endlich das Gericht, ihm eine Unterredung mit Suſannen zu geſtatten; ſie war— als ſie die Urſache hoͤrte— dazu bereit, und ward zu ihm gefuͤhrt. Eben tobte und raßte er ſchreklich; als er aber ſeine Suſanne erblikte, eilte er ihr mit lautem Frendengeſchrei entgegen, umarmte Kind und Mutter mit Inbrunſt, und dankte Gott kniend, daß er ihm ein Gluk beſcheert habe, wel⸗ ches ſeinen Kerker in ein Paradieß verwandle. Ich laſſe dich nicht, rief er aus, du haſt mir vor Gottes Angeſicht geſchworen, Gluͤk und Un⸗ glük mit mir zu theilen, und ich fordre dich auf, deinen Schwur zu erfuͤlen. Suſanne verſprachs, und das menſchenfreundliche Gericht duldete ih⸗ ren Aufenthait in ſeinem Kerker ſo lange, bis man ihn überzeugte, daß Trennung auf einige Zeit erſelgen muͤſſe, und er ſie zwar jammernd, aber doch willig ſcheiden ließ. Sie ward, da man ſie ſehr ſchonend behandelte, und aus Man⸗ gel eines anſtändigen Gefaͤngniſſes nicht ihr Leiden durch einen finſtern Kerker vermehren wollte, nach der benachbarten Stadt S— ge⸗ 9 173 fuͤhrt, wo ſie in der Wohnung des verheura⸗ theten Gerichtsdieners zwar als Gefangne, aber doch ſehr gelinde und anſtaͤndig behandelt wurde. Hier ſtarb ihr kleiner Benjamin; er hatte ſeit ſeiner Geburtsſtunde nur das Leiden und den Jammer ſeiner Mutter getrunken; der ſchwache Koͤrper unterlag, und ſeine Seele entfloh nach einer beſſern Welt, wo ſein unſchuldiges Leiden delohnt ward. O heilige, o goͤttliche Religion, du bleibſt mein Stab und meine Stuͤze! du verheiſſeſt mir jenſeitigen Lohn fuͤr das Leiden hienieden, ich kann mir alſo auch die Gewiß⸗ heit des Lohns dieſes armen, unſchuldigen Kin⸗ des denken. Wie würde ich ſonſt meine Leſer beruhigen, was ihnen antworten koͤnnen, wenn ſie mich fragten; was dieſer arme Wurm ver⸗ brochen hatte, daß er ſchon in der Mutter Schooße namloſe Leiden dulden mußte, und ge⸗ boren wurde, um die Milch des Jammers trin⸗ ken, und an ihren Qualen langſam verſchmach⸗ ten zu muͤſſen? Gott hat ihn dem Elende entriſſen! Gott wird dort ſein Vater ſeyn! dachte die Mutter, als der Kleine in ihren Armen entſchlummerte; wie man ihn aber zu Grabe trug, und die Ge⸗ fangne ihm nicht den lezten Liebesdienſt erwei⸗ ſen, nicht bis zu ſeiner Ruheſtaͤtte nachwallen konnte, da weinte und jammerte ſie anhaltend⸗ Erſt einige Tage nachher war ſie vermoͤgend, den Tod ihres Schmerzenkindes ihrem Gatten durch einen Boten kund zu machen; er war ſehr geruͤhrt, als er dies vernahm, ließ ſie aber dringend bitten, ſich geduldig dem Willen des Hoͤchſten zu unterwerfen. Am andern Tage ſandte er ihr ein Pfund Zuker und Koffee. Ein geringes, und in dieſer Lage unerwartetes, vielleicht gar unſchikliches Geſchenke; aber wenn man bedenkt, daß Liebe ihn dazu verleitete, weil er aus Erfahrung wußte, daß Suſanne den Koffee leidenſchaftlich liebte, ihn oft in den Stun⸗ den des Truͤbſals ihr Labſal nannte: ſo wirds ihm wohl kein gefuͤhlvolles Herz verdenken, wenn er den Ueberreſt ſeines Schweißes zu einem Lab⸗ ſale fuͤr ſein Weib verwandte, das nur er und zwar granzenlos ungluͤklich gemacht hatte. Ihr wenigſtens gnuͤgte dieſer Beweis ſeiner Liebe vollkommen, denn ſie erinnerte ſich dieſes Ge⸗ ſchenkes, als ſie ihre Leidensgeſchichte erzählte, mit beſonderer Empfindung. Da ſah ich denn, ſprach ſie tief geruͤhrt, daß er mich recht herz⸗ lich und wahrhaft liebte, weil er ſeine lezten paar Groſchen zu einem Labſal fuͤr mich ver⸗ wandte, und lieber hungerte, wenn er mich nur ſtarken konnte. Von dieſer Stunde an wuͤnſchte ſie herzlich, ihm muͤndlich danken zu koͤnnen, weil auch ſie uͤberzeugt war, daß ihre Gegenwart ihm die groͤßte Gegenfreude machen wuͤrde; aber ſo emſig und fleiſſig ſie auch bat, ſo konnte und durfte ihr der Gerichtsdiener dieſe Bitte doch nicht gewaͤhren. Eben wollte ſie, wie ſie in ih⸗ rer Erzählung aufrichtig geſtand, die gelinde Nachſicht, mit welcher ſie behandelt wurde, miß⸗ brauchen, und an einem Morgen entfliehen, um ihren ſehnlichen Wunſch zu erfuͤllen, als ihr die ſchrekliche Nachricht ward, daß ihr Mann am Tage vorher auf Befehl des Obergerichts an das Kriminaigerichte zu E— ſei abgeliefert wor⸗ den, und ſie, laut eben dieſem Gebote ihm da⸗ hin folgen muͤſſe. Dieſer ſie ſo uͤberraſchende Befehl war ſehr natuͤrlich erfolgt, weil die Geſeze dies gleich An⸗ fangs geboten, das Obergerichte aber vorher zu entſcheiden hatte: ob man die Verbrecher, wie es verlangt wurde, an das Gericht ihrer Vater⸗ ſtadt ausliefern, oder im Lande ſelbſt unterſuchen und beſtrafen ſollte? Bisher hatte Suſanne im⸗ mer mit vollem Rechte die Auslieferung als das Schreklichſte betrachtet, was ihr auf ihrem Jam⸗ merpfade noch wiederfahren koͤnnte; jezt aber, als das Obergerichte entſchied, daß ein im Lande begangnes Verbrechen, auch im Lande unterſucht und beſtraft werden muͤſſe, achtete ſie dies Ur⸗ theil fuͤr eben ſo ſchreklich, weil ſie ſich nun in die Zahl der mit Eiſen und Ketten belaſteten Verbrecher verurtheilt ſah. Immer wähnte ſie, daß ſich ihr Leiden nie vergroͤſſern koͤnne; jezt bare Groͤſſe erreicht hatte. Sie weinte und jammerte ſchreklich, glaubte verzweifeln zu muͤſ⸗ ſen, und flehte innbruͤnſtig zu Gott, daß er ihr Leiden mit ſchnellem Tod enden moͤge. Aber ihr heißer Wunſch ward nicht erfuͤllt, ſie mußte dem Gerichtsdiener nach E— s Kerkern folgen; er ſchilderte ihr ſolche auf dem Wege dahin ſchreklich und furchtbar. Jedes ſeiner Worte war ein Dolchſtich in ihr leidendes Herz. Wie ſie die Thuͤrme dieſer Stadt endlich nahe vor ſich erblikte, und die Sonne noch hell auf ſie herab glaͤnzte, flehte ſie anhaltend, daß ihr Begleiter in irgend einem Hauſe der Vorſtadt die Daͤmmerung erwarten, ſie nicht dem Gaffen und neugierigen Blike des oft ſo unduldſamen Poͤbels preiß geben moͤge. Ihr ſchmelzender Ton traf ſein Herz, er ge⸗ währte ihre Bitte, und leitete ſie in der Dun⸗ kelheit nach der Stadt und ihren Kerkern. O es war ein harter Gang, den ſie jezt vollenden mußte; mit jedem Schritte vermehrte ſich ihre namloſe Angſt, und wie ſie endlich ſtile ſtanden an der eiſernen Gitterthuͤre, wie die Schlüſſeln an ihr klirrten, ſie ſic, oͤfnete, und hinter ihr wieder ſchnell ſchloß, da haſchte ſie verzweiftungs⸗ voll nach einer Stuͤze umher, fand keine, und gleitete an der ſchwarzen Wand ohnmächtig am Poden nieder. Erſt im Gemache des Gefaßgen⸗ ſah ſie ſtaunend, daß es eine weit hoͤhere, furcht⸗ waͤrters erwachte ſie wieder zur Empfindung ih⸗ res neues Leidens. Er meldete ihr, daß ihr Gatte ſie ſehnſuchtsvoll erwarte, nur einige Au⸗ genblike zu ſehen und zu ſprechen wuͤnſche; ſie hofte Troſt von ihm zu erhalten, und wankte dem Waͤrter nach, der ſie zu ihm fuͤhrte. Sie zitterte und bebte, wie dieſer eine Thuͤre oͤfnete, aus welcher ihr ein unertraͤglicher Geruch entge⸗ gen duftete; ſie ſchauderte fieberhaft, wie im Hintergrunde Ketten klirrten, und auf des Wärters Ruf eine mit dieſem belaſtete Geſtalt eilend vorwarts ſchritt, und die gefeſſelten Arme gegen ſie ausſtrekte. Es war ihr Gatte, ein dichter Bart entſtellte ſein Geſichte, ſein Hemde glich der ſchwarzen Mauer des Gemaches, dumpſichte, modernde Duͤnſte umgaben ihn, ſie konnte den Geruch nicht ertragen, ſtieß ihn mit Ekel und Abſcheu von ſich, und eilte nach dem Gange zuruͤk, um freier athmen zu koͤnnen. Erſt hier wards ihr einleuchtend, daß ſie den Aermſten tief gekraͤnkt, ihm wahrſcheinlich ſei⸗ nen lezten Troſt geraubt habe. Mitleid und Liebe ſtaͤrkten ihre Sinne, ſie drang in den noch offnen Kerker, ur' fand ihren Gatten heulend, und aus Verzweiflung ſich windend am Boden. Ihr Ruf riß ihn empor, er ver⸗ gab willig, und dankte innig, weil ſie nur rükgekehrt war, und ihn der Verzweiflung ent⸗ riſſen hatte. Er troͤſtete ſie mit der Hofnunz Sp.kl. Erz. 2s Bdch. M 173 daß ſie ganz gewiß bald ihre Freiheit erhalten werde, und bat ſie dringend, nur nicht von hinnen zu weichen, bis ſein Schikſal entſchieden ſei. Noch einmal konnten ſie ſich ſehen, und in Gegenwart des Waͤchters ſprechen; wie aber die Unterſuchung ihres Verbrechens begann, da ward ihnen jede Unterredung verweigert. Snuſanne blieb in der Wohnung des Waͤr⸗ ters, konnte dort ſpinnen, ward gewiſſenhaft dafuͤr bezahlt, und fand in der Folge einige Wohlthaͤter in der Stadt, welche ihr oft Speiſe ſandten, die ſie redlich mit ihrem weit haͤrter behandelten Gatten theilte. Alle Verhoͤre, welche man indeß mit dieſem vornahm, bewieſen ein anhaltendes Beſtreben, Suſannens Unſchuld zu vertheidigen, und ihr Schikſal zu mildern. Anfangs behauptete er, daß ſie gar keine Schuld an ſeinem Verbrechen trage, weil er ſie, wie ſie ihm ihre Hand ge⸗ weigert habe, durch einen falſchen Brief, in welchem er ſich den Tod ſeines Weibes berichten ließ, getaͤuſcht habe; wie aber Suſanne, unbe⸗ kannt mit jedem Truge, dieſe Liſt offen laͤug⸗ nete, und ſich ſelbſt als ſchuldig anklagte, da ſuchte er doch noch immer den groͤßten Theil der Schuld von ihr zu entfernen, und anhal⸗ tend zu beweiſen, daß ſie gar keine Strafe verdiene, weil er ſie zu jeder Mitwirkung ver⸗ leitet, und zur ſtraͤflichen Verſchwiegenheit be⸗ 179 dedet habe. Sich ſelbſt vertheidigte er eben⸗ falls nach Kraͤften, und beharrte bei der Ver⸗ ſicherung, daß er nicht aus Vorſaz, ſondern aus Unwiſſenheit gefehlt habe, weil in ſeinem Vaterlande die Ehe kein unaufloͤsliches Band ſei, und oft geringerer Urſachen wegen getrennt wuͤrde. Die Verhehlung ſeiner Ehe, die er ſo⸗ gar nach ſeiner eigenen Ausſage in der Beichte nicht bekannt hatte, laͤugnete er uͤbrigens gar nicht, und bewies nur, daß dieſe Verſchwiegen⸗ heit nicht aus Bosheit, ſondern, um Suſan⸗ nens Ehre zu ſchonen, erfolgt ſei. Ich hatte, ſagte er, allen erzaͤhlt, daß ich ſie blos deß⸗ wegen zur Flucht beredet hatte, weil ihr har⸗ ter Vormund unſere Liebe nicht billigen wollte, und konnte nun nicht mehr durch ofnes Geſtaͤnd⸗ niß ihre Ehre verlezen. Nach geſchloßnem Verhoͤre und verſtrichener Bedenkzeit wurden die Akten an das Obergericht des Landes eingeſchikt, und dies entſchied, daß der Johann K— wegen veruͤbter und uberwieſe⸗ ner Bigamie, nebſt dem bereits geduldeten Arreſte noch mit einer einjaͤhrigen Strafarbeit in Eiſen und zwanzig Streichen, die Suſanne M— als ſeine Mitſchuldige mit einer dreimonatlichen Ar⸗ beit in Eiſen und zehn Karbatſchſtreichen zu be⸗ ſtrafen, nach Verlauf dieſer Zeit aber in ihr Vaterland zuruͤk zu ſenden ſei. M 2 Suſanne ſank in Ohnmacht, wie ihr dies urtheil verkuͤndigt wurde, und jammerte kläglich, als ſie die Streiche dulden mußte. Nicht der Schmerz, denn ſie wurde menſchlich gezuͤchtigt, ſondern Schaam und Schande preßten ihr dieſe wehmuͤthigen Klagen aus. Noch ſtaͤrker ver⸗ mehrten ſich dieſe, und wurden zur unertraͤgli⸗ chen Pein, als ſie am folgenden Tage in der Mitte mehrerer Verbrecher ihre Strafbarkeit be⸗ ginnen mußte. Der Ruf, daß heute zum erſten Male die ſchoͤne Fremde oͤffentlich arbeiten wuͤrde, hatte ſich in der kleinen Stadt verbreitet, viele Neugierige ſammelten ſich am Ausgange de Gefaͤngniſſes; ſie hatte ihr vor Scham gluͤhen⸗ des Geſichte mit einem Tuche verhuͤllt, loſe Buben, die ihr Leiden nicht fuͤhlten und kannten, ſchlichen herbei, und riſſen es ihr vom Haupte. Angegaft und angeſtaunt, bemitleidet, aber auch verſpottet vom unempfindlichen Poͤbel ſtand ſie jezt zagend und zitternd da, ſollte arbeiten, und vermochte es nicht, ſank endlich zu Boden, und ward nach ihrem Leidensgemache ruͤkgetragen. Mein Herz iſt zerriſſen! mein Herz iſt tief ver⸗ wundet! rief ſie anhaltend aus, als ſie wieder erwachte. Wer den Sinn dieſes ſo einfachen Ausdrukes ganz zu fuͤhlen faͤhig iſt, wird ver⸗ mögend ſeyn, ſich den gräßlichen Zuſtand der Leidenden denken zu koͤnnen; ich vermag ihn nicht zu ſchildern. Roch ſechs Tage lang arbei⸗ gr tete ſie oͤffentlich. Glaubwuͤrdige Männer, wel⸗ che ſie in dieſer Zeit beobachteten, verſicherten mich, daß ſie ſiets anhaltend weinte, und oft den Stein, auf welchem ſie ſtand, mit ihren Thraͤnen befeuchtete. Am ſiebenten Tag ward ihr jugendlicher, ſtarker Koͤrper fuͤr das nam⸗ loſe Leiden ihrer Seele empfaͤnglich, ſie konnte ihr Strohlager nicht mehr verlaſſen, duldete ge⸗ laſſen die heftigſten Fieberanfaͤlle, und ſah mit freudiger Hofnung dem Ende ihres irdiſchen Lei⸗ dens entgegen. Als ſich dieſes naͤherte, und ſie ſchon den Kampf des Todes begann, verlangte ſie mit Heftigkeit ihren ehemaligen Gatten zu ſprechen. Er erſchien. Ich vergebe dir alles, ich will dich nicht bei Gott anklagen! ſprach ſie, und verſchied. „Dieſe lezten Worte der Sterbenden machten einen ſchreklichen Eindruk auf das Herz des Verfuͤhrers, des Urhebers all ihrer Leiden. Er ſprach kein Wort, ſtand ſtumm und ſtaunend da, auch nicht eine Thraͤne entauoll ſeinem ſtar⸗ ren Auge; er duldete es willig und gefuͤhllos, als man ihn von der Leiche entfernte. Sein ſtarker Koͤrper unterlag nicht, er mußte und konnte, wie ehe und zuvor arbeiten, aber er ſprach aͤuſſerſt wenig, lagerte ſich ſtets in einen einſamen Winkel, und verſchwand, wie die Zeit ſeiner Strafe geendigt war, am erſten Tage ſeiner Freiheit aus der Stadt und Gegend⸗ 182 Niemand ſah, Niemand hoͤrte etwas mehr von ihm! Edle, gefuͤhlvolle Leſerin! ſchenke dem An⸗ denken der todten Schweſter eine Thraͤne, und danke ihr innig, daß ſie dich durch ihr ſchrek⸗ liches Beiſpiel ſo anſchauend belehrte und warnte! Guter und liebender Juͤngling! bedaure dei⸗ nen ungluͤklichen Bruder, aber handle redlicher und weiſer als er, damit du nicht einſt gleich ihm, verfolgt vom Schatten der ungluͤklichen Geliebten uͤberall Ruhe ſucheſt, und ſie nirgends findeſi. ————————— —— IHI. Ich traue auf Gott! Eine wahre Geſchichte. Ats der fuͤrchterliche, dreiſſigjäͤhrige Krieg in Drutſchland wuthete, zogen viele Weiber ihren fuͤrs Vaterland kaͤmpfenden Maͤnnern nach, wel ſie ſich beim Heere ſicherer, als daheim dunkten, wo oft ungehindert Raͤuberhorden um⸗ herzogen und die groͤßten Grauſamkeiten aus⸗ uͤbten. Jammer und Elend wurde aber auch dort oſt der armen Weiber Lvos, weil ſie abe Gefahren und Muͤhſeligkeiten des Krieges dul⸗ den, und, wenn ihre Maͤnner im Kampfe fie⸗ len, hofnungslos und ohne Geld in ihre Hei⸗ math wandern mußten. Nach einer der vielen mordreichen Schlachten traf dieſes traurige Loos auch eine Hauptmanns und Lieutenants⸗Frau. Beide hatten in dieſer ihre Maͤnner verloren, und da ihnen jezt niemand mehr Speiſe und Wohnung gab, ſo mußten ſie verſuchen, ob ſie in der verlaſſenen Heimath ihre Aeltern und Freunde noch lebend, und bei dieſen einigen Er⸗ ſaz des Verluſtes finden wuͤrden. Ihre Män⸗ ner hatten unter einer Fahne gedient, waren im Leben vertraute Freunde geweſen, und hatten ihren Weibern oft geboten, daß ſie in dieſem traurigen Falle mit einander nach Hauſe zie⸗ hen und ſich auf der Reiſe nicht verlaſſen ſollten⸗ Sie befolgten jezt mit Thraͤnen den Willen ih⸗ rer Maͤnner, thaten es um ſo lieber, weil ſie beide aus einem Orte gebürtig waren und ohn⸗⸗ hin gleiche S traſſe wandern mußten. Noch hat⸗ ten ſie nicht die Haͤlfte des weiten Weges zu⸗ ruͤk gelegt, als ihre kleine Baarſchaft ſchon ganz zu Ende gieng. Sie mußten, um ihre Reiſe weiter fortſezen zu koͤnnen, mitleidige Her⸗ zen ſuchen, und fanden ſie meiſtens auf den Edelhoͤfen und Schloͤſſern, die unfern der Straſſe lagen. Die Hauptmanns⸗Wittwe war von Adel, die Frau des Lieutenants nur eine Buͤr⸗ gerstochter; der erſtern gluͤkte es daher oft, ein reicheres und groͤßeres Allmoſen zu erhalten, und gab ihr folglich alle Gelegenheit, ſich bei ihrer Begleiterin ein groͤßeres Anſehen zu er⸗ werben. Die Aermſte mußte, um Theit an dem Geſchenke zu nehmen, die Muͤhſeligkeiten der Reiſe doppelt dulden, beider Habſeltgkeiten tragen und in der Herberge kochen, wenn die erſtere ruhte. Wie ſie durch Franken reisten, ſahen ſie um Mittagszeit ein ſchoͤnes Schloß Se —* 185 vor ſich liegen, und lenkten nach dieſem hin. Sie lagerten ſich an der hohen Gartenmauer, ruheten ein wenig und oͤfneten ihren Pak, um ſich etwas beſſer anzukleiden. Unter dieſer Ver⸗ richtung begann folgendes Geſpraͤch: Hauptmännin. Nun hente traue und baue ich ganz auf den guten Edelmann, der die⸗ ſes ſchoͤne Schloß bewohnt. Lieutenantin.(ſeufzend) Ich traue auf Gott! Hauptmännin. Und ich auf den Edel⸗ mann! Ich hoffe gewiß, daß er uns ein gutes dittagsmahl nicht verſagen und mich mit ei⸗ nem huͤbſchen Reiſegeld verſehen wird. Freilich kann's ihr, wie neulich auf dem großen Edel⸗ hofe ergehen, wo ich an die Tafel gezogen wurde und ſie mit dem Geſinde eſſen mußte, aber ſie iſts ja von Jugend auf nicht beſſer gewohnt, und, wenn ſie nur ſatt wird, ſo hat's nichts zu ſagen. Lieutenantin. O nein!(gen Himmel bli⸗ kend) Ich traue ja auf ihn, und er hat mich noch nie ganz verlaſſen! Hauptmännin. Nun, wenn ich nicht mit ihr reiſete, ſo moͤchte es doch manchmal ubel ausſehen. Lieutenantin. Iſt das nicht auch gött⸗ uche Vorſorge? Iſt es nicht ganz ſein Werk⸗ 186— wenn er Ihnen mitleidige Herzen ofnet, damit Sie mir wieder das Ihrige oͤfnen koͤnnen? Hauptmännin. Wenn ſie's ſo nehmen will, ſo hat ſie ſchon Recht. Was ich uͤbrigens fuͤr ſie thue, thue ich gerne und werde es auch fernerhin nicht unterlaſſen.(nach dem Schloſſe hinblikend) Ein ſchoͤnes, ein herrliches Ge⸗ bäude! Es macht ſeinem Bewohner Ehre, und ich wette, was ſie will, der Herr deſſelben muß ein Mann von edlem Gefuͤhle ſeyn! Ich verlaſſe mich ganz auf ſeine Großmuth und hoffe gewiß, daß er mir dieſes Vertrauen lohnen wird. Komm ſie, wir wollen es ver⸗ ſuchen. Die Reiſenden hatten ſich gerade an dem Theile der Gartenmauer gelagert, auf welchem der Herr des Schloſſes, der ſchoͤnen Ausſicht wegen, ein kleines Luſthaus erbauet hatte. Er beſuchte es gemeiniglich jeden ſchoͤnen Morgen, war eben da, als die Reiſenden dort ankamen und hoͤrte im Stillen ihrem Geſpraͤche zu. Es behagte ſeinem Stolze weidlich, daß die Haupt⸗ mannin ſich ſo ganz auf ſeine Großmuth ver⸗ laſſe; er beſchloß auf der Stelle, dieſes Zu⸗ trauen, ihrer Hofnung gemaͤß, zu belohnen. Als er vernahm, daß beide nach dem Eingange des Schloſſes gehen wollten, eilte er ebenfalls durch den Garten dahin, empfieng ſie mit Her⸗ ablaſſung, bezeigte großes Mitleid mit ihrem traurigen Schikſale, bat ſie zum Mittagseſſen und fuͤhrte ſie nach einem Gemache, welches zur ebenen Erde lag. Hier verließ er ſie, mit der Bitte, nach Gefallen auszuruhen und eilte nach der Kuͤche, um fuͤr beide ein recht gutes Mahl bereiten zu laſſen. Unter mehrern Speiſen, welche er anordnete, befahl er auch, zwei kleine ganz aͤhnliche Torten zu baken; in eine derſelben ließ er zwanzig Goldſtuke einwikeln, unterſuchte ſolche ſelbſt, als ſie fertig waren, und gebot dem Diener, welcher die Speiſen tragen ſollte, daß er die mit Goldſtuken gefuͤllte Torte der Haupt⸗ maͤnnin, die leere hingegen der Lieutenantin vorſezen ſollte. Als alles bereit und der Tiſch gedekt war, begab ſich der Edelmann in das obere Gemach, in deſſen Boden, nach dama⸗ liger Sitte, uͤber dem Ofen des untern Zim⸗ mers ein Loch eingeſchnitten war, welches er im Stillen oͤfnete und nun mit begierigem Ohr dem Geſpraͤche der reiſenden Frauen zu⸗ hoͤrte. Anfangs war dieſes ſehr ſparſam und be⸗ ſtand meiſtens nur in abgebrochenen Worten, denn beide Rednerinnen waren ſehr hungrig und lieſſen ſich's treflich ſchmeken. Nur dann und wann, wann neue Speiſen erſchienen, frohlokte die Hauptmaͤnnin und fragte ihre Gefaͤhrtin im ſpottenden Tone, ob ſie nicht wahr prophezeihet — 3 habe, ob der gute Edelmann nicht mehr gäbe, als der Begierigſie erwarten koͤnnte. Gebe ſie nur Acht, ſezte ſie immer hinzu, das Reiſege⸗ ſchenk wird der Mahlzeit aͤhnlich ſeyn, und wir werden nicht mehr noͤthig haben, bei gemeinen Leuten ein Allmoſen zu erbetteln.— Endlich erſchienen die Torten; der Diener erfuͤllte getreu den Befehl ſeines Herrn, ſezte die mit Gold gefuͤllte der Hauptmännin, die leere hingegen der Lieutenantin vor, und gieng wieder fort, um den Speiſenden volle Freiheit zu goͤnnen, nach Gefallen zu ſprechen. Hauptmannin.(mit voller Verwunderung) Ach! ſogar Torten! Einſt meine Lieblingsſpeiſe! Ich habe ſie lange entbehren muͤſſen und will mir es nun recht herrlich ſchmeken laſſen. Es lebe unſer gaſtfreier Edelmann!(will die Torte brechen und füͤhlt jezt die natuͤrliche Schwere deſ⸗ ſelben) O der verdammte Koch, mir Frende und Appetit mit einem Mal! die Torte iſt elend gebaken, iſt ſchwer wie Blei. 36 ver⸗ ſtehe die Kunſt beſſer, ſie ht federleicht ſeyn. Lieutenantin) Laß ſie ſehen, iſt denn die ihrise nicht beſſer gerathen?(nimmt die andere Forte und wiegt ſie auf der Hand) O ja! O dieſe iſt leicht und gut. Wir tauſchen, ihr Magen vertraͤgt ſo etwas weit eher, als der meinige. —.————————— — Ohne die Antwort der armen Lientenantin zu erwarten, vertauſchte ſie jezt die beiden Torten und hatte ſchon ein gutes Stuͤk davon verzehrt, als jene die erhaltene erſt aufbrach. Einige Gold⸗ ſtuͤke fielen ſogleich auf den Teller. Lientenantin.(voll Erſtaunen) Gott, was iſt das?(die Torte betrachtend) und hier noch mehrere! Hauptmaͤnnin.(hinblikend) Gold? So viel? Woher?— War's in meiner Torte? gientenantin. Ja in der Torte! Und ſehen Sie nur, immer faͤllt mehr heraus! Hauptmaͤnnin. Nur her, nur her damit! Alles gehoͤrt mir! der liebe brave Edelmann hat mir es zum Geſchenke beſtimmt.(will den Teller nehmen.) Der Edelmann.(von oben herabſprechend) Nein! Nein! das Gold bleibt der Lientenantin! Beſtimmt hatte ich's zwar derjenigen, welche ſo feſt auf meine Großmuth bauete; aber Gott lenkte es weiſer! er bewies deutlich, daß dem feſten Vertrauen auf ihn Lohn ſolgen muͤſſe, und ich will ſeinem Beweiſe nicht widerſtreben⸗ Das Gold gehoͤrt ganz der Lientenantin! Innhalt. I. Oswald und Mathilde. Seite 3. II. Die ſchreklichen Folgen eines kleinen, unbe⸗ deutenden Leichtſinnes. 1a3. III. Ich traue auf Goto! 23 — — —————— e1 Sehce „— 4