— S—— Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard ottmunn Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. 256. cLeih- und 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen, Caution. Unbekannte Perſonen n bei Entgegennahme ein Buches, eine dem Werthe deſſelbe entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: wird von Tages iſt zu 24 Stun für wöchentlich 2 Bücher; 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 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Ein lauer Märzwind athmete in vollen Zügen durch die engen Gaſſen der kleinen Stadt und rüttelte an den Fenſterläden und polterte in den Schloten; und jedesmal, wenn es ſo an ſeinem Hauſe, das ein Eckhaus war, vorüber pfiff und brauſte, warf Herr Thomas Kempe von ſeinem Pult einen vorwurfsvollen Blick nach ſeiner Tochter Chriſtiane, die auf dem kleinen runden Tiſch vor dem Sopha das Abendbrod für den Vater zurecht⸗ ſtellte. Es iſt Alles fertig, Vater, willſt Du nun nicht erſt in Ruhe eſſen? ſagte das Mädchen. In Ruhe! murmelte der alte Herr; ſchöne Ruhe! hörſt Du? da! oben der Laden in der Giebelſtube hat nunmehro bereits zum zweiten Mal geklappt; der Sturm wird mir noch das Haus über dem Kopf zu⸗ Fr. Spielhagen, Ultimv. 2. Auflage. 1 O ſammenwerfen; und dabei ſoll man ruhig bleiben? Schöne Ruhe! und in einer Stunde geht der Zug! Er hatte die Brille, über deren große runde Glä— ſer er wiederum Chriſtianen zornig angeblickt, wie in Verzweiflung von dem ſtumpfen Näschen geriſſen und auf die Briefſchaften geworfen, in denen er ge— kramt. Ich will das Alles nachher in Ordnung brin gen, ſagte Chriſtiane; auch den Brief an A. H. Wiedehopf Söhne wegen der Graupen kann ich ſchreiben; ich weiß ja, um was es ſich handelt. Da haben wir's! rief Herr Kempe ſtatt aller Antwort, indem er mit unglaublicher Geſchwindigkeit von ſeinem hohen Seſſel herabkletterte und durch die Thür in den Laden ſtürzte, aus welchem das Zeter⸗ geſchrei einer Knabenſtimme erſchallte, das ſich mit dem überlauten Lachen einer männlichen Kehle wunder⸗ lich genug vermiſchte. Auch Chriſtiane war nach⸗ geeilt und ſah, in der Thür ſtehend, wie der Vater den noch immer ſchreienden Lehrjungen Auguſt am Ohr zerrte und dann das Wendeltreppchen hinunter huſchte, welches direkt aus dem Laden in den Keller führte. 3 Aber, Herr Emerich, was gibt es denn? fragte Chriſtiane; Sie ſollten doch nicht lachen, wenn Sie den Vater ſo aufgeregt ſehen. Sie haben Recht, Fräulein Chriſtiane, ſagte der junge Mann hinter dem Ladentiſch, indem er ſofort zu lachen aufhörte; aber es war auch zu komiſch. Friedrich zieht im Keller den Zeltinger ab, und ſteckt ein paar Handvoll Stroh an, weil ihm der Lack zu dick geworden iſt. Das leuchtet nun ein bischen hell von da unten herauf und der Bengel fängt an zu ſchreien, als ob das Haus brennte, und da ſoll Einer nicht lachen! Freilich, wenn ich ge⸗ wußt hätte, daß Fräulein Chriſtiane— Herr Emerich fuhr ſich mit den rothen Händen durch das lockige Haar, räuſperte ſich, konnte aber nur noch eben einen Blick ehrfurchtsvoller Zärtlich⸗ keit auf die Mädchengeſtalt in der Thür werfen, denn der kahle Kopf des Prinzipals erſchien bereits wieder hinter dem Gitter des Wendeltreppchens; gleichzeitig aber auch, zu Herrn Emerichs Glück, ertönte die heiſere Schelle an der Ladenthür. Ein paar Kunden waren eingetreten; Herr Emerich und der Lehrjunge Auguſt thaten ſehr geſchäftig.— — Ich bitte Dich, Vater, komm herein; die Suppe wird eiskalt, ſagte Chriſtiane. Herr Kempe hatte ſich nun wirklich an den Tiſch geſetzt und ein paar Löffel voll gegeſſen mit der Miene eines Mannes, der ſich eben ſehr geärgert und vollauf Grund dazu gehabt hat, nichts deſto⸗ weniger aber entſchloſſen iſt, diesmal, wie ſo oft, den Aerger hinunterzuſchlucken. Chriſtiane, welche ihm gegenüber Platz genommen, war ſo gewohnt, in dem guten alten Geſichte zu leſen; ſie kannte jeden Ausdruck ſo genau, wußte ſonſt ſo wohl, was die rothe Wolke auf der ſchmalen, kahlen Stirn be⸗ deutete, oder das Zucken der beiden dünnen, grauen Büſchel über den zwinkernden Augen, oder das Be⸗ ben der dünnen Lippen. Heute wußte ſie es nicht; heute war ihr ſeit langen zum erſten Male das Benehmen des Vaters räthſelhaft, ſo räthſelhaft wie der Grund der Reiſe nach ipzig, zu der er ſich Mittags plötzlich entſchloſſen. Was konnte es ſein? Er trennte ſich ſo ſchwer von ſeinem Hauſe und Geſchäfte, der alte Mann, und nur in den dringendſten Fällen— ſelbſt zur Meſſe, die er ſonſt regelmäßig beſuchte, war er in den letzten drei Jah⸗ 0 ven nicht mehr gereiſt. Das Neſt iſt mir verleidet, pflegte er zu ſagen, und Chriſtiane brauchte nicht zu fragen, weshalb; und dennoch!— Morgen war ultimo; aber es waren gerade für diesmal weder Wechſel einzucaſſiren, noch zu decken; auch ſonſt ging in dem Geſchäfte Alles den gewohnten, geordneten Gang; die eingelaufenen Briefe hatte ſie heute, wie immer, geleſen, und den größeren Theil derſelben heute, wie immer, nach den Anweiſungen des Vaters ſelbſt beantwortet. Kannſt Du es mir nicht ſagen, Vater? fragte ſie plötzlich, und ſie erſchrak vor dem Klange ihrer Stimme. Sie hatte es eigentlich gar nicht ſagen wollen, aber nun war es heraus. Was? erwiederte Herr Kempe; weshalb? Weil Du doch ſonſt, ſo viel ich weiß, keine Ge⸗ heimniſſe vor mir haſt, Vater, und mich Dein Schweigen ängſtigt. So? Keine Geheimniſſe! Haſt Du nicht auch welche vor mir? Schweigen— ängſtigt— ſo! Dein Schweigen ängſtigt mich auch; es iſt jetzt acht Tage her und Du haſt mir noch immer nicht ge⸗ ſagt, weshalb Du Weikert weggeſchickt. . Aber Vater! Aus den blauen Augen leuchtete es ſeltſam und auf den ſonſt ſo milden Lippen ſchwebte ein bittres Wort; aber ſie bezwang ſich ſofort wieder und kaum daß ein leiſeſter Ton des Vorwurfs noch mit an— klang, als ſie nach einer kleinen Pauſe fortfuhr: Haſt Du mich denn gefragt? Und warum hätteſt Du mich nach etwas fragen ſollen, worauf Du ſo gut eine Antwort haſt, wie ich; was Du ſo gut weißt, wie ich? Was weiß ich? Gar nichts weiß ich! rief der alte Mann, indem er ſeinen Löffel auf den Teller fallen ließ, und den Teller heftig zurückſchob; gar nichts, als daß Du partout eine alte Jungfer wer⸗ den willſt, denn ob der vornehme Herr Doctor ſich herablaſſen wird, nachdem er Dir Dein Geld durch⸗ gebracht hat— Vater! Ueber das bleiche Geſicht des Mädchens bis zu dem dicken, aſchblonden Haar, welches in kunſtloſen Wellen die feſte, breite Stirn umfloß, hatte ſich pur⸗ purne Gluth ergoſſen; ſie richtete ſich halb von ihrem Stuhle auf, ließ ſich aber alsbald wieder ſinken und ſagte mit einer Stimme, die nicht vergeblich nach Feſtigkeit rang: Du wollteſt nicht wieder ſo von Conrad ſprechen, Vater; es wird ja dadurch Nichts geündert und mir thut es ſo weh. Und— und ich möchte auch gar nicht, daß es anders wäre, weil ich einſehe, daß es nicht anders ſein kann. Conrad hat ſo unglaublich viel zu thun; es gehört ſo ſehr viel dazu, ſich in einer großen Stadt, bei der rückſichtsloſen Concur⸗ renz, eine Praxis zu verſchaffen; und Conrad iſt nun eben auf dem beſten Wege— Proſit Mahlzeit, ſagte Herr Kempe, die Ser⸗ viette neben ſich auf's Sopha ſchleudernd und ſich zwiſchen Sopha und Tiſch eilig hindurchzwängend; mir bleibt der Biſſen im Munde ſtecken, wenn ich das mit anhören muß, wovon Du ſelbſt kein Ster⸗ benswort glaubſt; und an Deiner Stelle würde ich mich ſchämen, Deinem alten Vater, der es immer ſo gut mit Dir meint, der Tag und Nocht an nichts denkt, als wie er ſein einziges Kind glücklich machen ſoll— laß mich! Ich kann allein fertig werden; ich brauche keine Hilfe— Er hatte die Mütze mit dem breiten Schirme 8 aufgeſetzt und quälte ſich mit dem langen rothen wollenen Shawl, und ließ es dann— aus alter Gewohnheit— doch geſchehen, daß Chriſtiane ihn aus den Verſchlingungen und Verknotungen wieder löſte und regelrecht bis an's Kinn einwickelte. Ich danke! es iſt ſchon gut; danke, danke! brummte er. Chriſtianen's beide Hände lagen auf ſeinen Schultern; er blickte zu ihr auf, den gewohnten Abſchiedskuß zu empfangen, aber ſie küßte ihn nicht; ihre blauen Augen ruhten ſo feſt auf ihm, daß er die ſeinen ſchnell wieder ſenkte. Vater, ſagte ſie— und die Stimme, welche dem alten Manne ſonſt lieblicher dünkte als alle Muſik, hatte in dieſem Moment für ihn einen ſeltſam un⸗ heimlichen Klang— Vater, ſage mir wenigſtens das Eine, daß es nichts mit Conrad iſt. Was ſoll's mit ihm ſein? dummes Zeug! was habe ich mit ihm zu ſchaffen! ich will von der Ge⸗ ſchichte nichts mehr wiſſen; ich habe genug andere Dinge in den Kopf zu nehmen; mich geht's nichts mehr an, Du biſt ja ſeit drei Jahren mündig und ſeit eben ſo lange iſt es nun ſchon, daß Dein Geld — 8 bei Goldheimer müßig liegt— Gott ſei's geklagt, Gott ſei's geklagt! Brauchſt Du das Geld, Vater? fragte das Mädchen raſch; o, ſo nimm es;— ſo viel Du willſt— Alles! es iſt ja Alles Dein! Alles mein, ſo! ſehr obligirt, ſehr obligirt! Frei⸗ lich der Herr Doctor machen ja jetzt keinen Anſpruch mehr auf die Zinſen; ſo mag das Witel zum— Gott verzeih mir die Sünde! Der Alte hatte ſich bei den letzten Worten los⸗ gemacht und huſchte nun in dem kleinen Zimmer umher, als müßte er ſeine paar Sachen, die ſeit dem Nachmittag ſchon bereit lagen, aus allen Ecken zuſammenſuchen. Chriſtiane raffte ſich aus dem ſchmerzlichen Nach⸗ denken auf. Hier iſt Deine Brille, ſagte ſie; Dein Mützchen ſteckt in der linken und die Doſe und das Taſchen⸗ tuch in der rechten Taſ Den Mantel ſoll Dir Anguſt tragen; aber dis Galoſchen mußt Du gleich anziehen; das iſt der rechte, bitte, laß mich Dir helfen. Sie war vor ihm hingekniet, und wie ſie ſich 10 nun ſo über ſeine Kniee beugte, fühlte er plötzlich. auf ſeinen Händen ein paar heiße Tropfen. Mein Kind, mein liebes, liebes unglückliches Kind! ſchluchzte der alte Mann, ſeine Arme um ihren Nacken ſchlingend. Nicht wahr, Vater? es iſt nichts, was Conrad betrifft? ich verlaſſe mich darauf; ſagte die leiſe Stimme an ſeinem Ohr. Sollte er der Wahrheit die Ehre geben? Die leiſe Stimme hatte wieder den ſeltſam unheimlichen † mahnenden Klang gehabt, als ob es das eigene Gewiſſen wäre, das aus ihrem Munde zu ihm ſpräche; aber er hatte es ſich ſo feſt vorgenommen, hatte mit dem klugen Weikert Alles ſo beſtimmt ver⸗ abredet, Alles ſo genau zurecht gelegt— Das Signal, das Signal! rief der Lehrling Auguſt mit ſeiner Zeterſtimme zur weit aufgeriſſenen Thür hinein, während Herr Emerich an dem Fen⸗ ſterchen, durch welches er von Pult zu Pult aus dem Laden in das Wohnzimmer mit ſeinem Prinzipal zu communiciren pflegte, Sturm trommelte. Da haben wir's! da haben wir's nunmehro; murmelte der Alte, der wie electriſirt von dem =— 11 Stuhl in die Höhe gefahren war; ich werde den Zug verpaſſen über all dem Gerede; es iſt nichts, gar nichts mit— es iſt von wegen der Roſinen bei E. F. Lick Söhne; es iſt eine Conjunctur, eine delikate Conjunctur— und daß der Laden oben verfeſtiget wird, und Friedrich nicht das Licht im Keller brennen läßt, und— Sei ganz unbeſorgt, Vater; ich werde nach Allem ſehen, und lebe wohl, Vater! Leben Sie wohl, Herr Prinzipal; glückliche Reiſe, Herr Prinzipal! Die Thür mit der klappernden Schelle hatte ſich hinter dem alten Mann und dem Lehrling, welcher ihm die Sachen nach dem nahe gelegenen Bahnhof trug, von ſelbſt wieder eingeklinkt; Herr Emerich, der mit ſeinen ſchönſten Verbeugungen dem Reiſenden bis zur Thür das Geleit gegeben, wandte ſich auf den Hacken um und ſah den Gegenſtand ſeiner Anbetung, das Ideal ſeiner Träume, regungs⸗ los im Laden ſtehen, mit geſenkten Augen, das Geſicht bleich— vor Furcht? vor Erwartung? Sollte es der rechte Moment ſein? ſollte er ſie wagen, die große Scene, die er ſeit zwei und einem 12 halben Monat allabendlich auf ſeinem Giebelſtübchen durchgeprobt? ſollte er ihr mit weit ausgebreiteten Armen und jenem ſchwärmeriſchen Ausdruck, deſſen Unwiderſtehlichkeit bereits ſtadtbekannt war, zu Füßen ſtürzen, rufend, wie nur er es ſo wunderbar konnte: O, Königin, das Leben iſt doch ſchön! Aber bevor Herr Emerich ſein leidenſchaftliches Herz hinreichend beruhigt, um ſich— was ſehr nöthig war— räuspern zu können, hatte ſie ſich, ohne die Augen auch nur aufzuſchlagen, langſam umgewandt, war langſam die vier Stufen zu dem Wohnzimmer hinaufgeſtiegen und hinter der Glas⸗ thür mit dem grünen, grauſam undurchſichtigen Vor⸗ hang verſchwunden. O, dieſe Nerven! ſeufzte Herr Emerich, ſich mit den beiden rothen Händen ver⸗ zweiflungsvoll durch die vollen Locken fahrend; dieſe unglückſeligen Nerven! Chriſtiane hatte in dem Wohnzimmer die durch des Vaters Abreiſe geſtörte Ordnung wieder her⸗ geſtellt, den Tiſch abgeräumt, die Stühle zurech gerückt; war dann an des Vaters Pult getreten, die Papiere zu ſichten, den Brief an A. H. Wiedehopf Söhne wegen der Graupen zu ſchreiben und aus der Kladde, welche ſie ſich von Herrn Emerich durch das Schiebfenſterchen reichen ließ, die Tagespoſten in die verſchiedenen Bücher einzutragen. Sie hatte alles ganz methodiſch gethan, ohne ſich ein einziges Mal zu verrechnen oder zu verſchreiben; aber auch ganz mechaniſch, während ihr ſo viel, ſo viel Ge⸗ danken, von denen der eine immer trauriger war als der andere, durch den Kopf gingen, und ſie zwiſchendurch auf das Seufzen und Klagen des Windes draußen hörte, oder das heiſere Klingeln der Schelle an der Ladenthür. Dann hatte ſie die Feder ausgewiſcht und den Schreibärmel abgeſtreift und ſorgſam zuſammen gefaltet und die Lampe ge⸗ nommen und das Zimmer verlaſſen, und ſich auf der Treppe beſonnen, was ſie gewollt; und war dann auf den Boden hinaufgeſtiegen, die klappernde Lucke zu ſchließen; und jetzt ſaß ſie wieder in dem Wohnzimmer an ihrem kleinen Secretär, die Lampe vor ſich, den Kopf in die Hand geſtützt, denkend, immer denkend, was ſo traurig, ſo namenlos traurig zu denken war; und draußen ſeufzte und klagte der Wind und von Zeit zu Zeit klingelte die heiſere Schelle an der Ladenthür. 14 Und je länger ſie ſo ſaß und nach Klarheit rang, um ſo dunkler wurde es in ihrem Kopf, um ſo dumpfer ſchlug ihr das Herz im Buſen. Kein Ausweg aus dieſem Irrſal, als der eine! mußte es denn ſein? konnte es denn ſein? es war ja ſo viel ſchrecklicher als der Tod. Für ihn zu ſterben— würde ſie ſich einen Augenblick beſinnen, auch nur einen? Ja, hatte ſie ſich nicht, als ſie noch beten konnte, aus voller unglückſeliger Seele den Tod ge⸗ wünſcht, der ſie von dieſer Qual befreite und ihn frei machte? Aber leben zu ſollen, wer konnte wiſſen, noch wie viele endlos lange Jahre, ohne Ziel und Zweck, wie ein abgeſchiedener Geiſt, der an den Stätten, wo er einſt geweilt, umherirrt, obſchon Keiner, Keiner auch nur im Traume ſein gedenkt— es war hart, grauſam hart; hart und grauſam wie der letzte Brief, den er ihr vor acht Tagen geſchrieben, als Antwort auf ihren Gratu⸗ lationsbrief zu ſeinem Geburtstage. Wäre es ein Meſſer geweſen, das er ihr in's Herz geſtoßen, ſo weh hätte es nicht gethan! Was zögerte ſie denn? worauf wartete ſie noch? Sie zog haſtig ein Schlüſſelchen, das ſie an einen S — einem Kettchen um den Hals trng, hervor, öffnete Schiebkaſten in dem Secretär, ein einzelnes Blatt heraus zu nehmen. Indem ſie ſich zurückbog, folgte der Kaſten, von welchem ſie das Schlüſſelchen nicht abgezogen hatte, der Bewegung, und ſchüttete ſeinen ganzen Inhalt auf die Platte des Secretärs. Es waren— außer jenem einzelnen Blatt— acht Packete Briefe, jedes in einer Hülle von wei⸗ ßem Papier, auf welchem eine Jahreszahl ſtand, und mit einem rothſeidenen Bande ſorgfältig zu⸗ ſammengebunden. Die Packete waren durch einander gewirrt, und ſie wollte ſie eben nur haſtig wieder in den Kaſten legen und konnte ſich doch nicht ent⸗ halten, ſie zu ordnen, wie ihre faufmänniſche Cor⸗ reſpondenz. Sie hätte nicht hinzuſehen brauchen; ſie kannte jedes Packet nach Umfang und Gewicht: das ſtattliche erſte— ihr liebſtes— ans dem Jahre 1849; und die noch immer ſtattlichen, wenn auch ſchon weniger umfangreichen und gewichtigen aus den Jahren 1850 und 1851; und dann wurden ſie immer kleiner, immer leichter von Jahr zu Jahr, und das letzte Jahr hatte in dieſen ganzen drei 16 Monaten nur ein einziges Blatt gebracht— das furchtbare Blatt! Sie griff darnach mit krampfhafter Haſt und ließ es wieder fallen, als hätten die zuckenden Finger weiß glühenden Stahl berührt; im nächſten Angen⸗ blick hatte ſie das Band von dem erſten Packet ge⸗ ſtreift und einen der Briefe— irgend einen— ſie waren ja alle gleich lieb und gut— entfaltet. Es war ein graues Conceptpapier und die ſchlechte Tinte war gans vergilbt; einem Anderen wäre die Lecture ſehr ſchwer geworden; ſie kannte jedes Wort aus⸗ wendig, ſie hätte mit geſchloſſenen Augen leſen können. Aber ihre Angen waren nicht geſchloſſen, ſie waren weit und ſtarr und heiß, wie eines Men⸗ ſchen, der in das Antlitz eines geliebten Todten blickt, und mit den weiten, ſtarren, heißen Augen las ſie: Endlich, endlich! der waidwunde Hirſch, dem die klaffende Meute tagelang an den Ferſen ge⸗ hangen, den die Bluthunde durch Geſtrüpp und Dornen gehetzt, er hat die breite Schlucht über⸗ ſprungen und iſt gerettet! Gerettet! Wer weiß, was Alles in dem einen Worte liegt! wer? Ich 17 kann es fragen und ſehe Dich, wie dies Blatt in Deinen Händen zittert, während Deine lieben Augen die Zeilen durchfliegen, und höre Deine liebe Stimme aufjubeln: er iſt gerettet, gerettet! Ja, mein Mädchen, Du weißt es, Du und Du allein! und weiter braucht's auch Keiner zu wiſſen, denn weiter kümmert ſich ja um den armen Flüchtling Keiner. Und Dein guter ehrlicher Vater, Deine ſanfte fromme Mutter? Ach, Geliebte, ich glaube es wohl: ſie freuen ſich ja auch, daß, als ſie kamen mit Stangen und Spießen, mich zu fangen— ge⸗ führt von dem Verräther— denn Niemand außer Weikert kannte den Verſteck— nur die Ziegel auf die Tyrannenknechte herunterklapperten, während ich, von ihren Kugeln verfolgt, über die Dächer floh— nicht um mein Leben! was lag mir daran! ich hatte es die Tage vorher hundertmal in die Schanze ge⸗ ſchlagen;— aber gefangen werden, wie ein wildes Thier, eingeſperrt werden, wie ein Raubmörder, in Waldheim Wolle ſpulen müſſen— gewiß! gewiß! ſie freuen ſich, daß es nicht ſo kam; und doch! werden ſie es jemals verwinden, daß ich gegen unſern gott⸗ geſalbten König mit den Waffen in der Hand ge⸗ Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 2 18 ſtanden; ja, daß ich Gott ſelbſt— dem ſcheinhei⸗ ligen, verlogenen, grauſamen Gott der Junker und Pfaffen— Krieg erklärt habe, Krieg, ſo lange ich eine Stimme habe, zu ſchreien: ihr lügt und trügt, und abermals: ihr lügt und trügt! Ich ſehe den nachdenklichen Zug, der Deinem lieben Geſicht ſo gut ſteht, und höre Dich leiſe, ſo ganz leiſe und verloren, fragen: was ſoll daraus werden? Mädchen! ſo frugen ſchon die Apoſtel in kleinmüthigen Stunden, aber der Gott, an den ſie glanbten, lebte doch und verließ ſie nicht, und ſo wird er uns— der gute, große, ſtrahlende Gott der Freiheit und der Liebe— nicht verlaſſen, wenn wir nur den rechten Glauben haben. Ohne den geht's freilich nicht, Geliebte! ja es muß ſchon ein rechter echter Glaube ſein, wenn der junge Menſch in der zerfetzten Blouſe und den zer⸗ riſſenen Stiefeln, der hier in der elendeſten Hütte eines elenden Schweizerdorfes beim letzten Tages⸗ ſchein dieſen Brief ſchreibt, zu welchem er ſich das Papier ſelbſt von ſeinen großmüthigen Gaſtfreunden — einem verhuzelten alten Mütterchen und ihrem hünenhaften Sohn, der mich anlacht, ſo oft er mich 1 ſieht, und mit dem es, glaube ich, nicht ganz richtig im Kopfe iſt— wenn er, ſage ich, nicht daran verzweifeln ſoll, es werde trotz alledem und alledem eine Zeit kommen, wo des ehrſamen Bürgers und Victualienhändlers Herrn Thomas Kempe einziges blondes Töchterlein Chriſtiane ſein— des obbemel⸗ deten jungen Menſchen— ehrſam Weib iſt. Nur ein Umſtand gibt mir zu denken: daß meine Tante Martina die Thorheit begangen hat, zu ſterben, nachdem ſie mich enterbt, und dafür Dich und noch ein halbes Dutzend junger Fräulein und Männlein, die kaum noch mit ihr verwandt, dafür aber an dem Teufelswerk der Revolution ſo unſchuldig ſind, wie ich etwa an der Wahl des Reichsverweſers, zu Erben eingeſetzt hat. Zehntauſend Thaler, die auf Dich allein fallen! Das geſällt mir gar nicht, Mädchen! Gleich und gleich! Du kennſt meine Grundſätze und— meinen Stolz, ſagſt Du? Immer⸗ hin— etwas miß er ſein eigen nennen, der junge Menſch nämlich, der keineswegs die Abſicht hat, zu morden und zu brennen, ſondern nach wie vor als ehrſames Schulmeiſterlein im Schweiße ſeines An⸗ geſichts ſein Brod zu eſſen, ſein freies, ganz freies 20 Brod! Geliebte, ich möchte mit dem Zimmer⸗ mannsſohne von Nazareth ſprechen: gieb's den Armen und folge mir nach: Könnteſt Du das wohl? o ja, wenn Du dürfteſt! aber darf der Menſch nicht, was er kann? Chriſtiane ließ das Blatt ſinken und ſtarrte mit den weiten, heißen Augen ſo vor ſich hin. Sie hatte es hundert Mal geleſen und jetzt war ihr, als leſe ſies zum erſten Mal. Darf der Menſch nicht, was er kann! Ja, das war's! Es mußte ja ſein Wahlſpruch ſein, der Wahlſpruch eines Mannes, der ſo viel konnte, ſo viel vermochte, daß, was die Anderen konnten und vermochten, wie der Zwerge mühſelig Schaffen neben eines Rieſen Walten ſchien. Hatte ſie nicht ſtaunen und immer nur ſtaunen müſſen, wie er damals in Zürich mit ſeinen dürf⸗ tigen Seminariſtenkenntniſſen ſich auf das Studium der Medicin warf und ihr nach wenigen Jahren ſein Doctordiplom ſchickte,„das ehrlich erworben iſt, obgleich ich kein Wort davon verſtehe;“ wie er dann nach Paris ging und drei Monate ſpäter ſchreiben konnte; mein Glück iſt gemacht! durch eine einzige Operation! halb Paris wallfahret nach meiner 21, beſcheidenen Wohnung fünf Treppen hoch in der Rue de['Oueſt! komm, Mädchen, komm! ich fürchte mich jetzt nicht mehr vor Deinem Capital ſammt allen Zinſen, die ich ſchon verzehrt habe und nun nicht weiter zu verzehren brauche!— Und dann und dann! dann hatte er mehr gekonnt, als das Alles; hatte, weil der alte eigenwillige Vater, die zaghafte Mutter, die dem Tode entgegenkränkelte, ſie nicht laſſen wollten, Paris aufgegeben und die ſichere, glänzende Zukunft; war zurückgekehrt in die Heimath, wo allerdings kein Gefängniß mehr des Amneſtirten harrte, dafür aber ein mittelalterlich⸗ ſtarrer Zunftzwang, der den jungen Gelehrten, um deſſen Freundſchaft ſich die erſten Pariſer Autoritäten bewarben, mit allen möglichen Prüfungen nachträg⸗ lich chikanirte, ſelbſt mit Schulprüfungen, zu denen der weiland Seminariſt von der erſten lateiniſchen Deklination bis zur griechiſchen Syntax Alles neu lernen mußte. Er hatte auch das gekonnt! Sie bedeckte das Geſicht mit beiden Händen; die ſo lange zurückgehaltene Thränenfluth brach gewalt⸗ ſam hervor.— Er hat es gekonnt, ja; aber ſeine Liebe hat es mich gekoſtet; und mir iſt recht ge⸗ ſchehen. Ich durfte das Opfer nicht annehmen, durfte ihn nicht in dieſe Frohnde zwingen. Weh mir, daß ich es that! es hat ſich grauſam gerächt. Der Brief wäre nie geſchrieben! Sie hatte nun doch jenes einzelne Blatt er⸗ griffen: Meinen verbindlichen Dank für Deine freund⸗ lichen Glückwünſche— Ein ſeltſamer Laut— halb Stöhnen, halb Wimmern entrang ſich ihrer gequälten Bruſt. Nein, nein! ich will es nicht noch einmal leſen! In den Zeilen ſteht es ja nicht; ſie ſind ja ſo höf⸗ lich, ſo glatt, ſo kalt— Sie richtete ſich jäh empor und ſtrich die blon⸗ den Haare, die ſich losgeneſtelt hatten, aus dem heißen, thränenüberſtrömten Geſicht. Und ich zögere! murmelte ſie durch die, von zornigem Schmerz zu⸗ ſammengepreßten weißen Zähne: als ob es darauf mehr als eine Antwort gebe! In dem Ofen glühten noch die Kohlen von dem Feuer, das ſie vorhin angemacht, des Vaters Reiſe⸗ ſachen daran zu wärmen, und nun ſchlug eine Flamme hell empor— ſie hatte den ganzen Juhalt des Kaſtens auf die glühenden Kohlen geſchüttet. —8 Es iſt vorbei, ſagte ſie. Die Hände waren in den Schooß geſunken, und ihr ſtarrer Blick verfolgte mechaniſch die rothen Funken, die an der luftigen ſchwarzen Aſche hinauf und hinunterliefen und erloſchen. Und dann ſah ſie — aber nur ganz ſchnell vorüberſchwebend, aus dem Dunkel kommend und wieder in Dunkel verſchwindend — ein wunderholdes Mädchenantlitz, ſo wunderhold, wie ſie wohl ſein mußte, die er jetzt liebte, und die einen ſo holden Namen hatte: Melanie! und von der ſelbſt der gute Onkel Kreppelmann ſchreiben mochte: man kann freilich nicht leicht etwas An⸗ muthigeres und Schöneres ſehen als die Tochter meines Prinzipals. Aber, weil ſie ſo hold und ſo anmuthig und ſo ſchön war und er ſie ſo heiß liebte— mußte er darum gegen ſie, die er doch einſt geliebt hatte, ſo grauſam, ſo furchtbar grauſam ſein! Was konnte ſie denn dafür, daß ſie anmuthlos und unſchön— nein, nein, das war es nicht! oder doch: dafür konnte ſie nichts: aber ihn halten, der nicht gehalten ſein wollte; ihm ſein Wort nicht wiedergeben, das er längſt gebrochen— ſich mißhandeln laſſen durch 24 ödes monatelanges Schweigen, durch einen Brief, in dem jedes höfliche Wort eine Beleidigung war — und immer noch harren, dulden; thun, als ver⸗ ſtände man es nicht, als verſtände man nichts, als ſei man blind und taub und fühllos, wie ein Stock, ein Stein— Nein, nein, ſtöhnte ſie: er ſoll ja frei ſein; er ſoll nicht wieder in die Lage kommen, ſo unedel ſein zu müſſen; er ſoll wieder er ſelbſt ſein dürfen, frei von dem Alp, von dem Geſpenſt, frei von mir— Sie riß ſich empor und eilte an des Vaters Pult, an welchem ſie auch ſonſt wohl ihre Briefe zu ſchreiben gewohnt war. Als ſie aus dem Fache, wo das Briefpapier lag, einen Bogen nahm, flat⸗ terte ihr ein beſchriebener Zettel entgegen, den der Vater nur aus Verſehen dorthin gelegt haben konnte. Es war ſeine Hand und— ſie ſah es mit dem erſten Blick— ein Denkzettel, wie er ihn ſich vor jeder Reiſe zu ſchreiben pflegte. Er würde das Blatt ſehr vermiſſen, der alte Mann, obgleich es nur eine ſeiner Grillen und ſein Gedächtniß noch ganz vorzüglich war. Bielleicht konnte ſie es mit dem Elf⸗Uhr⸗Zuge nachſenden, ſo hätte er es wenig⸗ —— —.— 5 ſtens morgen früh. Und wenn er wirklich etwas vergeſſen haben ſollte:— Hemden, Kragen u. ſ. w. —— — das hat er Alles;— 2. im Eiſenbahnwaggon einen Rückplatz nehmen— ich hoffe, er hat ihn bekommen;— 3. Grüner Maibaum, diesmal Nr. 12(in Nr. 11 rauchte es das letzte Mal und in dem Bettgeſtell pickte der Holzwurm); 4. Notar —.— Weikert ſofort Sſhe(der mich wohl erwartet, ſonſt bei Hüter); a. Bedenken wegen d des Sichtwech⸗ ſels über 4000 Thlr. und ob Chr.“s Einwilligung doch nicht am Ende juriſtiſch nöthig? b. Jedenfalls 6 die von ihm aufgekauften ſogleich mitnehmen, da 5. am folgenden Morgen(Ultimo) früh heraus zu 6. E. F. Lick Söhne(die letzten Roſinen 5 Pzt angegangen); Weiß u. Cv. Stiefelwichſe(mehr Glanz); 8. Frühſtücken(mäßig); dann direkt 9. (Sprechſtunde 9— 11) zum Herrn Doctor, R NB.! nicht einſchüchtern laſſen!!) Wenn glücklicher Ausgang(den kaum zu hoffen wage) 10. an Chr. ſchreiben(per express); wenn unglücklicher(wie an⸗ zunehmen) 11. direct zu Goldheimer wegen der Wechſel und Augen öffnen über ſaubern Schwieger⸗ ſohn— 26 Herr Emerich ſaß, die eine Hand in den Locken begraben, am Ladentiſche und blickte düſteren Anges nach dem Lehrling, der die Etiquetten auf den eben abgezogenen Zeltinger klebte. Seine Nerven hatten ſich definitiv beruhigt; aber die Gelegenheit war unwiederbringlich entſchwunden— es war die Tragik ſeines Lebens, daß beide— Nerven und Gelegen⸗ heit— niemals ſtimmten, niemals! Herr Emerich! Der Commis fuhr in die Höhe und ſah ſie auf der oberſten Stufe in der halb geöffneten Thür ſtehen, ihm mit einem Winke bedeutend, daß er herein kommen möchte. Das Herz ſchlug ihm bis in die Kehle; ſollte der große Moment doch noch heute Abend eintreten, jetzt, da ſeine Nerven nach der furchtbaren Erregung von vorhin unmöglich Stand halten konnten? Herr Emerich, ſagte Chriſtiane, ich muß mit dem Elf-Uhr⸗Zuge nach Leipzig; der Vater hat ein Papier vergeſſen, das er unbedingt morgen früh haben muß; auch erwartet er mich ohnedies halb und halb morgen— wenn auch mit einem ſpäteren Zuge. Wichtigere Briefe, die etwa einlaufen ſollten, — — laſſen Sie unbeantwortet— ich komme morgen Abend jedenfalls zurück. Friedrich ſoll mich zur Bahn begleiten. Sie haben mich doch verſtanden? Der Ausdruck von Herrn Emerich's Geſicht mochte die Frage nothwendig gemacht haben. Hatte er ſie verſtanden? Herr Emerich fragte es ſich ſelbſt einmal über das andere, als er wieder unten im Laden war und vor dem Ladentiſche in dem kleinen Raume, welchen die Syrupsfäſſer und Pflau⸗ menkiſten frei ließen, im Kreiſe umher lief, bis ihm ſchwindlig war. Hatte er ſie verſtanden? Sollte er es wörtlich nehmen? ſollte er es überſetzen in die Sprache der Liebe, der Leidenſchaft und der Nerven? War Leipzig nicht Leipzig, ſondern irgendwo eine kleinſte Hütte für ein glücklich liebend Paar? Und hieß der Friedrich, der ſie zur Bahn begleiten ſollte, in Wirklichkeit nicht Friedrich, ſondern Leopold Theodor Emerich? Hatte er ſie verſtanden? Herr Emerich fragte es ſich noch immer, als der Elf⸗Uhr⸗Zug längſt auf ſeiner Strecke weiter durch die ſauſende Nacht raſſelte. Die alte Dame, die ſchon von Dresden kam und noch immer allein im Coupé ſaß, hatte ſich ſehr gefreut, als nun doch 28 in Oſchatz noch Jemand einſtieg, und ſie hatte ſo⸗ fort ein kleines intimes Geſpräch eingeleitet über Reiſen im Allgemeinen und Zweck und Ziel ihrer Reiſe im Beſondern. Aber die junge Dame, die eingeſtiegen, hatte ſich, nachdem ſie auf die erſten Fragen mit einer beſcheidenen, ſanften Stimme ge⸗ antwortet, in Mantel und Kapuze gehüllt und ſchlief. Oder gab ſich wenigſtens den Anſchein, wie die alte Dame bei ſich ausmachte, nachdem ihr ſcharfes Ohr ein paar Mal aus der Kapuze heraus einen Ton vernommen, der genau wie ein unterdrücktes Schluchzen klang. Die alte Dame hätte gar zu gern gefragt, was der jungen Dame fehle, und konnte es ſich nicht erklären, weshalb ſie durchaus zu einer ſo naheliegenden, ja gewiſſermaßen durch die einfachſte Menſchenliebe und Chriſtenpflicht ge⸗ botenen Frage den Muth— an dem es ihr ſonſt keineswegs gebrach— nicht finden konnte; und ſo war es denn wieder ſtill im Coupé geworden wie zuvor, und mit unverminderter Eile über die weite, jetzt vom Monde beſchienene Ebene klapperte und raſſelte der Zug durch die ſauſende Nacht. H. Zur ſelben Stunde, in der Herr Thomas Kempe ſein Haus in Oſchatz verließ, waren in der Wohnung des Bangquier Goldheimer in Leipzig zwei Diener beſchäftigt, die bereits brennenden Lampen auf den Tiſchen und Kaminſimſen zu vertheilen und die Kerzen auf Kronleuchtern und Kandelabern an⸗ zuzünden. Die Leute thaten ihren Dienſt, während ſie ſo von Zimmer zu Zimmer ſchritten, methodiſch ruhig, kaum daß ſie gelegentlich einmal ein paar leiſe Worte mit einander wechſelten; und Fräulein Riekchen, die Wirthſchafterin, die hinter ihnen her ſich zu überzeugen hatte, daß Alles in Ordnung ſei, fand durchaus nichts mehr zu thun; und wenn ſie dennoch hier einen Fauteuil ein wenig vor und dort einen anderen eben ſo weit zurück ſchob, hier mit der Handfläche über die Sammetdecke eines Tiſches 30 ſtrich, dort ein Sophakiſſen anders legte, ſo war es nur, um— wie Jean zu Franz ſagte— ſich vor der Gnädigen aufzuſpielen, die eben aus ihrer Garderobe in den rothen Salon getreten war und ihnen durch die lange Flucht der Zimmer ent⸗ gegen kam. Sind Sie fertig, Riekchen? fragte Frau Gold⸗ heimer. Fix und fertig, gnädige Frau. Erlauben, gnä⸗ dige Frau— nur einen Augenblick! Fräulein Rielchen hatte ſich hinter die Gnädige geſtellt und an einem diamantbeſetzten Sammet⸗ bandeau, das die Dame in ihrem ſchwarzen Haar trug, zu neſteln angefangen, während Franz den Jean, wie ſie jetzt hinter der Gruppe vorübergingen, an⸗ lächelte und mit dem Ellenbogen in die Seite ſtieß. Iſt Mathilde wieder einmal ungeſchickt geweſen? fragte Frau Goldheimer. Nicht mehr als gewöhnlich, gnädige Frau. So! Wie weit iſt Melanie? Das gnädige Fräulein wird gleich fertig ſein. Iſt der Herr noch nicht wieder zurück? „Der Wagen iſt vor wenigen Minuten in den 31 Hof gefahren; ja, da hält er noch. Der Herr iſt jedenfalls in ſeinem Bureau. Hören Sie? Die Dame legte ihr Ohr an das Mundſtück des Sprachrohres, das aus dem Bureau ihres Ge⸗ mahls in ihr Bondoir führte. Biſt du allein, Lucia? Ja, lieber Guido, weshalb? ⸗ Ich möchte Dich gern auf ein paar Angenblicke ſprechen. Bitte, liebes Riekchen, Sie ſehen wohl einmal nach Melanie. Die Haushälterin war ſofort verſchwunden. Was mag er wollen? fragte ſich Frau Goldheimer, in⸗ dem ſie ſich in einen der Fauteuils, die um den Kamin ſtanden, ſinken ließ und abwechſelnd ihre beiden kleinen beringten weißen Hände betrachtete; er war heute Mittag ſehr verſtimmt; dieſe Männer ſind ſo entſetzlich launenhaft und wir armen Frauen — ah! da biſt Du ja, lieber Guido! Durch die niedrige Tapetenthür neben dem Kamin war die ſchmale Geſtalt ihres Gatten raſch herein⸗ geſchlüpſt und hatte auf einem Fauteuil neben ihr Platz genommen. Sein Geſicht hatte nicht mehr 32 den verdrießlichen Ausdruck von heute Mittag, als er es jetzt zu ihr wandte, nachdem er ſich vor dem lodernden Feuer die Hände gerieben. Du biſt noch einmal ausgeweſen? Es iſt ſo ungehener viel im Geſchäft zu thun; morgen Ultimo; die Zeichnungen für die neuen Emiſſionen der Charkow⸗Aſow und South⸗Eaſtern und eines halben Dutzend anderer Bahnen, die bei mir und Silbermann ausliegen, werden morgen Mittag geſchloſſen; natürlich lächerlich überzeichnet; mußte nothwendig mit Silbermann ſprechen, und da ſie für heute Abend hatten abſagen laſſen— aber wie geſchmackvoll Du wieder toilettirt biſt, ge⸗ ſchmackvoll und einfach; gerade wie ich es wünſche — der Silbermann wegen, der ich geſagt habe, daß es durchaus keine große Geſelſſchaft ſei, daß wir ganz unter uns ſein werden— ein bischen Muſik, eine Polka vielleicht für das junge Volk und damit baſta— Sie werden nun doch kommen? Ich habe geſagt, daß Du in Verzweiflung ſeieſt, daß Melanie in Verzweiflung ſei— Aber Guido! S Herr Goldheimer drehte den Kopf mit ſchneller Wendung nach dem nächſten Zimmer; es war nur einer der Diener; er rückte den Fautenil ein wenig näher und ſagte mit leiſem, nachdrücklichen Ton: In Verzweiflung, Lucia! und Du wirſt mir den Gefallen thun, wenn Silbermann's kommen, dies oder etwas der Art zu ſagen— Du und auch Melanie. Aber wir ſind gar nicht in Verzweiflung! au contraire! Es ſcheint ſo; aber ich habe meine Gründe— Natürlich! die haſt Du immer; ſagte die Dame, die runden Schultern zuckend. Natürlich, immer! erwiederte Herr Goldheimer; oder doch meiſtens, und ganz gewiß in dieſem Falle, und das Beſte iſt, daß Du dieſe Gründe vollkom⸗ men ſo gut kennſt, wit ich. Mit einem Worte, Lucia, ſo geht es nicht länger. Silbermann's ſind mit ihrer Geduld zu Ende und ihre Abſage heute war, wie ich ſofort herausgefühlt, eine Demonſtration. Melanie hat Eugen geſtern zu ſchlecht behandelt; er läßt ſich ziemlich viel gefallen— der gute Eugen— aber Silbermann ſelbſt hat erklärt, nun ſei es ge⸗ Fr. Spielhagen, ultimo. 2. Auflage. 3 nug. Ich habe das nicht von ihm— er war bis an den Hals zugeknöpft; auch nicht von Eugen, der ſich nicht ſehen ließ; ſondern von ihr, von der Sil⸗ bermann, bei der ich mich halb und halb einge⸗ drängt habe, denn ſie wollte mich zuerſt nicht ein⸗ mal annehmen. Sie iſt eine kluge und gute Frau, mit der man ſich, wenn man will, leicht verſtän⸗ digt; und nun wolle Du auch, und ſei auch klug und gut— was Dir ja nicht ſchwer fällt— und wir können noch morgen im Reinen ſein. Aber Melanie liebt doch nun einmal den Doctor; ſagte Frau Goldheimer, ſich mit halb geſchloſſenen Angen in den Fauteuil zurücklehnend; und er iſt auch wirklich ganz charmant, und Du ſelbſt zeichneſt ihn ja auf jede Weiſe aus, und ſeitdem er Dich behandelt, biſt Du erſt eigentlich wieder geſund; ich möchte behaupten, zum erfen Male ſeit zehn Jahren. Und dafür hat er ſein ſehr anſtändiges Honorar bekommen, und was Du ſonſt da ſagſt, das ſind Alles Phraſen, liebes Kind, von denen ich Nichts mehr hören will. Ich will nicht, daß Melanie ſich einer romantiſchen Affection willen, mit der ſie über⸗ morgen fertig ſein kann, für ihr Leben unglücklich 35 macht; will nicht, daß ſie dieſen hergelaufenen Doctor, dieſen Sohn eines verhungerten Dorfſchullehrers, der ſelbſt nichts viel Beſſeres als ein Dorfſchullehrer geweſen iſt und auch verhungert wäre, wenn ſich ſeine Verwandten, oder was ſie ſind, in Dingsda, in Oſchatz— Aber woher weißt Du das Alles? fragte Frau Goldheimer, ſich mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit in die Höhe richtend. Von unſerem alten Kreppelmann, der auch wohl früher den Mund hätte aufmachen ſollen; und frei⸗ lich hätte ich ſelbſt— aber wer kann denn immer an Alles denken, Alles combiniren? und von Euch hört man ja nichts, erfährt man ja nichts, obgleich der Doctor doch jedenfalls wiederholt in den ſtunden⸗ Aangen Converſationen, die Ihr mit ihm habt, auf ſeine Vergangenheit zusſjprechen gekommen ſein muß. Genug: er— ich meine der alte Kreppelmann— war heute Morgen zufällig in meinem Cabinet, als Wild herein kam; ich ſah mit dem erſten Blick, daß ſie ſich kannten, und wie ſollten ſie auch nicht, da Beide aus demſelben Neſt ſind; und mit dem zweiten Blick ſah ich, daß keinem von ihnen die Begegnung — — ———— 36 angenehm war, wenn der Doctor auch, was er wohl nun nicht mehr vermeiden konnte, dem Alten die Hand gab, und fragte, wie es ihm gehe. Ich kenne ihn ſchon länger, ſagte mein Herr Doctor, als der Alte gegangen war und ſprach dann von was Anderem; und als er gegangen, ließ ich mir den Alten rufen und— Ich bin unendlich neugierig. Gewiß nicht mehr als ich; aber wer kann den alten Schweiger zum Reden bringen! Ich wundere mich ſchon, daß er nur ſo viel geſagt hat. Er weiß ſicher mehr, er muß mehr wiſſen, denn er war es, deſſen Empfehlung mir das Depot des Martina Lebrecht'ſchen Nachlaſſes verſchaffte— achtzehnhun⸗ dertneunundvierzig,— wo ich das Geld nebenbei recht gut brauchen konnte. Wie die Sache zuſam⸗ menhing, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich nur noch, daß ich den alten Revolutionsnarren nach Dresden geſchickt hatte— während der Mai⸗ tage— und daß er der braven Fleiſcherswittwe, deren Vetter er, meine ich, war, bei der Abfaſſung ihres Teſtaments— ſie ſtarb in den Tagen— geholfen hatte. Zu den Erben gehörte auch die Tochter von dem Krämer— wie heißt er doch? Kempe, richtig: Thomas Kempe in Dingsda, in Oſchatz, die ihren Antheil noch immer bei mir ſtehen hat, während die Andern ihren Part vor zwei Jahren zurückzogen, als, nach der Beſtimmung des Teſtaments, die Legate frei wurden. Und der Thomas Kempe war es wieder, der, als der Menſch vor drei Jahren hier auftauchte, ihn bei mir accreditirte— wovon der Herr Doctor neben⸗ bei bis jetzt keinen Gebrauch gemacht hat.— Das Alles kam zur Sprache: und ich hatte— wie ge⸗ ſagt— durchaus die Empfindung, daß der Alte, ſag 9 wenn er wollte, zwar noch ein gutes Theil mehr von Eurem Freunde wüßte und erzählen könnte, aber ganz gewiß nichts Gutes. Und einen ſolchen verdächtigen, widerwärtigen, unheimlichen Mernſchen ſoll ich zu meinem Schwiegerſohn machen, der mich hernach zum Dank dafür, daß ich ihn in Gold faſſe, wo möglich noch iper die Achſel anſieht mit ſeinen hochmüthigen Chriſtenaugen— ſoll unſere Melanie etwa auch Chriſtin werden?— ihren Vater, ihre Mutter auch über die Achſel anſehen? Herr Goldheimer war aufgeſprungen und ging — 38 mit raſchen ſchleppenden Schritten in dem kleinen Teppichgemache hin und her. Das fahle Grau ſeines bartloſen Geſichts ſah in dem gedämpften Lichte der Ampel noch dunkler aus als ſonſt, und aus dem dunklen Geſichte blitzten unter den buſchigen Brauen die ſchwarzen Angen. Frau Goldheimer fühlte ſich in unbeguemer Weiſe im Bann dieſer blitzenden Augen und ſie athmete erleichtert auf, als jetzt in dem Saale nebenan ein Schritt ſich ver⸗ nehmen ließ, und warf dann wieder einen erſchrocke⸗ nen Blick auf ihren Gemahl, als ſie den feſten und doch raſchen Schritt erkannte. Guten Abend, lieber Doctor! rief Herr Gold⸗ heimer, dem hochgewachſenen Manne, der jetzt in der Portierenthüre ſtand, raſch entgegen tretend und mit großer Cordialität die Hand reichend; wie be⸗ ſchämen Sie mich, Sie Vielumworbener! Da ſind Sie ſchon in Toilette, während ich noch in meinem Arbeitscoſtüme ſtecke. Ich komme früh, ſagte Doctor Wild, ſeine hohe Geſtalt beugend, um der Dame im Fauteuil die lächelnd dargebotene Hand zu küſſen; zu früh, aber ich mußte doch mein den Damen allerdings ein 39 wenig leichtſinnig gegebenes Wort einlöſen und über den kleinen Scherz für heute Abend, deſſen Arrange⸗ ment ſie die Gnade hatten— Das iſt ja prächtig! rief Herr Goldheimer, ſich die Hände reibend; ich dachte ſchon— aber wie bringen Sie das nur Alles fertig, Sie Tauſend⸗ künſtler: Praxis, Dociren, grauſam gelehrte Bücher ſchreiben, Geſellſchaftsſcherze arrangiren— der reine Graf von Saint⸗Germain, mit Extrapoſt in derſelben Minute zu vier Thoren hinaus! Nun, ich will nicht ſtören; überdies muß ich machen, daß ich in den Frack komme. A revoir, à revoir! Und Herr Goldheimer verſchwand lachend und mit der Hand winkend durch eine zweite Tapeten⸗ thür, welche zu den ehelichen Schlaf⸗ und Garde⸗ robezimmern führte. Nun geſchwind, geſchwind, was bringen Sie? was haben Sie, lieber Freund? rief Frau Gold⸗ heimer. Etwas recht Hübſches, recht Geiſtreiches? Aber wie kann es anders ſein, wenn es von Ihnen kommt! Wo iſt Fräulein Melanie? fragte Wild, nach dem Saale ſchauend; ich möchte gern— 40 In den großen, ſtrengen, blauen Augen leuchtete es, aber er veränderte ſeine Stellung nicht, bis die leichte Mädchengeſtalt, deren Kleid er hatte rauſchen hören, dicht vor ihm ſtand und ihm beide Hände entgegen ſtreckte. Guten Abend, lieber Freund; Sie ſehen mich ſo ſtarr an; gefalle ich Ihnen nicht? Er hielt noch immer ihre kleinen Hände feſt; ſeine leuchtenden blauen Augen ruhten auf ihr mit einem großen zärtlichen Blicke, dem ſie es anſah, daß er ihre ganze Erſcheinung umfaßte, wie der goldene Rahmen des großen Spiegels in ihrer Garderobe. Ein dankbarer Aufſchlag der glänzenden grauen Augen; dann ſenkten ſich die langen dunklen Wimpern und ein reizend kokettes Lächeln ſpielte auf den zarten Wangen, um den holden kleinen Mund. Aber— Kinder, hätte ich beinahe geſagt! rief Frau Goldheimer. Sie haben es geſagt! erwiederte Wild, die Hände der Tochter frei gebend und ſich mit Leb⸗ haftigkeit zur Mutter wendend. Nun ja, ſeid Ihr es denn nicht! ſagte Frau Goldheimer ausweichend; da verbringt ihr die koſt⸗ —,— — 41 bare Zeit mit Complimenten, und wir haben keine Minute zu verlieren, wenn wir noch hören wollen, was unſer Freund für heute Abend erſonnen hat. Er that geſtern ſo geheimnißvoll; ich bin überzeugt, daß es etwas ganz Beſonderes iſt. Und das iſt es auch, ſagte der Doctor, für Melanie einen Stuhl heranziehend und ſelbſt Platz nehmend; eine Improviſation, von der ich— wäre es ſonſt eine? werden Sie ſagen, Fräulein Melanie — vor einer Stunde, ich ſchwöre es, noch keine Ahnung hatte; eine ellenlange Reihe lebender Bilder, zu denen ich, während ich mich ankleidete, meinem Schreiber, der zufällig kam, den Text in die Feder dictirt habe. Es iſt natürlich auch darnach; gräu⸗ liche Knittelverſe, in dieſem Genre: Er hatte ein paar Blätter aus der Taſche ge⸗ nommen und las: Unvorbereitet, wie ich bin, Tret' ich vor dieſen Vorhang hi Und ſo weiter, und ſo weiter. Introduction, Präludium; nun das Thema: Sie wiſſen, ſchon ſo mancher Weiſe Verglich das Leben einer Reiſe— ——————— — 42 Wie wunderſchön iſt der Vergleich, An allerneuſten Punkten reich! Zum Beiſpiel: Beſſer, als allein, Lebt ſich's und reiſ't es ſich zu Zwei'n; Auch weiß man dies in aller Welt: Zu beiden Dingen braucht man Geld; Und was denn ſonſt ein geiſtreich' Mann Von beiden Alles ſagen kann: Wie nur gedeiht, wer ſich nicht ziert, Und der nur gut fährt, der gut ſchmiert. Ja, fahren! hier iſt der Vergleich Noch ganz beſonders bilderreich; Sich ſträuben wäre ganz vergebens— Es wird zu einem Bild des Lebens— Und wie man da zu jeder Friſt Auf Fuhrwerk angewieſen iſt, Auf Fahren, Fahrgelegenheit Zur Winters⸗ und zur Sommerszeit— In der Jugend und im Alter gar, Mit braunem und mit weißem Haar— Das ſollt Ihr, liebe Herrn und Frauen, In unſerm Rahmen jetzo ſchauen. Allerliebſt, allerliebſt, rief Melanie, in die Hände klatſchend. Ich ſehe ſchon Alles! Zuerſt einen Kinderwagen! nicht? ——— 43 Gewiß! ſagte Doctor Wild mit einem Lächeln, das ſeine ernſten Züge ſonderbar verſchönte: Zuerſt, wem ſollt' es nicht behagen? Ein korbgeflocht'ner Kinderwagen, Darin ein roſenwangig Kind. Es läuft noch nicht; doch ganz geſchwind Gelaufen kommt der derbe Bube, Eutwachſen faſt der Kinderſtube, Und jedenfalls der Kindermagd. Sie weiß das ſelbſt, und ganz verzagt Lehnt ſie ſich an den Braven hier, Des Königs treuen Musketier. Paſſanten gehen ab und zu, Es iſt ein Bild voll ſel'ger Ruh, Ein ſinnig' Blatt von Ludwig Richter, Des Menſchenfrühlings zartem Dichter. Reizend, reizend! rief Melanie, deren glänzende Augen unverwandt an dem Vorleſer hingen; weiter, Lieber! weiter! Es ſind Nachbarskinder, nicht wahr? und er liebt ſie? Er liebt ſie! ſagte Doctor Wild lächelnd; wie ſollte er nicht! denn: Indeß verſchleißt das Flügelkleid, Indeß vergeht die Jugendzeit. Der derbe Junge wächſt heran, 44 Man ſieht im Jungen ſchon den Mann; Wenn Stein und Bein vor Froſt verbricht, Den braven Friedel kümmert's nicht; Beſonders wenn des Nachbars Käthchen, Ein wunderliebes kleines Mädchen, Sich allergnädigſt ließ erbitten, Zu fahren hier in ſeinem Schlitten— Und ſo weiter, meine Damen; wir bekommen nun noch einen Leiterwagen mit jungem Volke auf einer verregneten Landpartie; dann die Hochzeits⸗ kutſche; und dann natürlich; — ſteh'n ſie keck Auf eines Dampfers ſchmuckem Deck; Und fahren ſtolz, im Sonnenſchein, Hinauf den alten grünen Rhein. Und lieblich lacht der jungen Frau Wie Berg und Burg, ſo Wald und Au; Und Berge, Burgen, Wald und Au Sieht er im Aug' der jungen Frau— Frei nach Heine, meine Damen; aber dafür iſt es eine Improviſation; wir improviſiren nun noch das Interieur eines Eiſenbahnwaggons mit der Fa⸗ milie auf einer Reiſe nach Iſchl oder Baden⸗Baden; einen offenen Landauer auf dem Corſo, im Fond das Elternpaar, gegenüber die erwachſenen Töchter, daneben einige Courmacher auf ſtolzen Roſſen; ſchließlich ſehen wir die Promenade des erſten Bildes, nur daß jetzt nicht ſie, ſondern er führt, ein weiß⸗ haariger alter Mann in einem eleganten Rollſtuhl, den ein Diener ſchiebt: Die alte Dame geht daneben, Sie ſprechen von ihrer Jugend eben, Und ob der graue Invalide, Der dort, das Haupt gebückt, und müde, So unermüdlich dreht die Leier Um ein paar hingeworfne Dreier— Ob's wohl derſelbe Musketier, Der einſt in ſeiner Jugend Zier, Auf dieſer ſelben Stelle eben Dem Mädchen einen Kuß gegeben. Und dabei neigt die Dame ſich, Und küßt den Alten inniglich, Denn Leidenſchaft flieht und Liebe bleibt, Drum ſehe Jeder, wie er's treibt, Und dies nun, lieber Publikus, Iſt unſ'rer Künſte würd'ger Schluß. Der Doctor faltete die Blätter. Mein Gott, wie hübſch das wieder iſt; ſagte . Frau Goldheimer. Sie haben mich wahrhaftig or⸗ dentlich gerührt; geben Sie mir Ihre Hand, Sie — 46 wunderbarer Mann! Aber wie wollen Sie das nur Alles in Scene ſetzen? ich habe davon keine Ahnung; dazu gehören ja unzählige Requiſiten. Gar keine, erwiederte Wild, die dargebotene Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückend; abſolut gar keine! Der Humor von der Sache iſt, daß Alles, ſo zu ſagen, vor den Augen unſeres Publi⸗ kums geſchieht. Wir haben neulich großen Ruhm mit unſeren lebenden Bildern geerntet; unſre Lorelei, unſer Haideröslein, unſere Leonoren, unſer Gretchen — das war Alles ganz prachtvoll; aber auch der Aufwand! und die Vorbereitung! ſagten die Miß⸗ günſtigen. Sie ſollen es diesmal nicht ſagen dürfen; wir wollen ihnen zeigen, daß nicht unſer ganzer Reichthum in koſtbaren Gewändern beſteht; nicht wahr, Fräulein Melanie? Melanie hob die langen Wimpern. Unſer Reichthum! ſagte ſie. Was können wir thun, als dankbar die Broſamen aufleſen, die von Ihrem Tiſche fallen; die Sie mit leichter, über⸗ müthiger Hand von Ihrem Tiſche ſtreifen. Das klingt faſt wie ein Vorwurf, Fräulein Melanie. — 47 Kinder— jetzt muß ich Euch wirklich Kinder nennen, rief Frau Goldheimer, aber bedenkt Ihr denn gar nicht, daß trotz aller Improviſation ſo Manches doch ganz entſchieden vorher bedacht ſein will. Wen nehmen wir zu den Darſtellern? Zu den Nebenperſonen unſer junges Volk, er⸗ wiederte Wild, und aus der Geſellſchaft heraus. Dann den Vorhang wieder auf,— das wirh das rechte Leben geben. Den die Bilder einleitenden und manchmal auch begleitenden Text wird unſer theatraliſcher Freund— er iſt heute nur im erſten Stücke beſchäftigt— vortrefflich zur Geltung brin⸗ gen. Und was die Helden betrifft, die natürlich von Anfang bis zu Ende durch alle Metamorphoſen dieſelben bleiben müſſen— ich denke, Fräulein Melanie, wenn ich Sie ſo recht bitte— Ich will gewiß mein Beſtes thun— So iſt der Tag— ich meine: der Abend unſer, denn:„Leicht iſt's, folgen dem Wagen, den For⸗ tuna führt,“ ſingt Goethe, und mir iſt gar nicht bange, daß Lieutenant Herbert es allerwenigſtens zu einem succés d'estime bringen wird. Er iſt ſo grenzenlos unbedeutend, ſagte Melanie. Aber anſtellig, gewandt, und der Puder wird in ſeinen krauſen, braunen Haaren vortrefflich haften. Und Sie— Sie ſelbſt? Ich? Fräulein Melanie; lieber Himmel! ich werde ein wenig überall ſein der Bühne, am Flügel, eine hoffentlich nicht eintritt, enfin mich möglichſt nütz auf der Bühne, vor Pauſe auszufüllen, die als Knecht Ruprecht lich zu machen ſuchen— eine be⸗ ſcheidene Rolle, die doch aber auch geſpielt ſ Melanie antwortete mit eine cheln; ſie dachte an ihre eigene etwas daraus machen ließe ein will. m zerſtreuten Lä⸗ Rolle, ob ſich wohl der Glanzpunkt würde ohne Zweifel das Bild auf dem Deck des Rhein⸗ dampfers ſein: die junge Frau am Arme des jungen Gatten— Sie hatte ſich ſchon wiederholt in dieſer Situation geſehen— in perlgrauem Reiſekleide— etwas heller als das Grau ihrer Angen— grauem Strohhute mit grauſeidenem Schleier— immer ſo nüancirt, daß ihre Augen das Dunkelſte blieben. Den jungen Gatten an ihrer Seite hatte ſie nicht eben ſo deutlich geſehen; er hatte die Züge bald dieſes, bald jenes ihrer Anbeter gehabt, und ſo war es auch in dieſem M komente: es war nicht ganz 49 der anmuthig bewegliche Lieutenant Herbert, es war auch nicht ganz der ſtattliche Mann da an der andern Ecke des Kamins; und auf einmal war es ganz und gar und ſo deutlich, daß ſie faſt erſchrak und in demſelben Momente beinahe wieder gelacht hätte: die kleine ſchwärzliche Geſtalt Eugen Silber⸗ mann's mit den Handſchuhen in ihrer Lieblingsfarbe, die er aus Huldigung für ſie beſtändig trug, und mit dem beſtändigen Kneifer, deſſen glitzernde Gläſer beſtändig auf ſie gerichtet waren. Sie ſind nachdenklich, Fräulein Melanie? Ge⸗ füllt Ihnen meine Idee nicht, bitte, ſagen Sie es offen. Für mich iſt dieſelbe abſolut werthlos, wenn Sie ſich nicht von der Ausführung, die wir ja nun der reizendſten unſerer Feen anvertraut haben, ein wenig Amuſement verſprechen. Aber Lieber, Lieber; wie können Sie nur ſo ſchlecht ſein! ich bin überzeugt, daß nicht nur ich— daß wir uns Alle köſtlich amüſiren werden! nicht wahr, Mama? O gewiß, gewiß! ſagte Frau Goldheimer, deren Blicke während der letzten Minute ſtarr an der ſchönen Tochter gehangen hatten; gewiß, ohne Zwei⸗ Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 4 50 fel; nur— darf ich ganz offen ſein, lieber Freund? Herbert— er iſt ja ein ſo netter, harmloſer Menſch, aber die Herren Offiziere— über der⸗ gleichen wird dann im Caſino, auf der Parade, in den Geſellſchaften geſprochen— Worüber wird geſprochen, wenn man fragen darf? fragte Herr Goldheimer, mit der unbefangenſten Miene aus der Tapetenthür tretend, hinter welcher er den letzten Theil der Unterhaltung Wort für Wort gehört hatte. We want a hero, erwiederte der Doctor lä⸗ chelnd, nur daß der Held bei Leibe kein Held ſein darf. Für einen entzückenden kleinen Scherz, den ſich unſer Freund ausgedacht hat; ſagte Frau Gold⸗ heimer. Ich verſtehe, erwiederte der Bangquier; ich ver⸗ ſtehe. So nehmt doch Eugen Silbermann,— den hat noch im Leben Niemand für einen Helden ge⸗ halten. Ein blitzſchneller Blick aus Wild's mächtigen Augen flog von der Tochter zur Mutter, von der Mutter zur Tochter. Beide hatten die Wimpern 1 — 8 ſt 51 geſenkt: auf den Wangen der Mutter lag ein leb⸗ hafteres Roth; Melanie's zartes Geſicht war viel⸗ leicht um einen Schatten blaſſer geworden. Außer etwa er ſich ſelbſt; ſagte er mit einem i kaum merklichen Anfluge von Hohn, während ſein Blick auf Melanie haften blieb. Natürlich er ſich ſelbſt; erwiederte Herr Gold⸗ heimer, eine Vaſe auf dem Kaminſims zurechtrückend; wer in Wirklichkeit kein Held iſt, muß ſchon bei der Einbildung eine kleine Anleihe machen. Da 35 ¹ 5 35 wären wir alſo d'accord und aus der Verlegen⸗ 5 heit— ich für mein Theil aus einer doppelten. 1 Die Sache iſt— vor unſerem Freunde brauche ich ja kein Geheimniß daraus zu machen— daß ich Silbermann wegen einer unbedeutenden geſchäft⸗ lichen Mißhelligkeit, deren Schuld nicht ganz auf ſeiner Seite iſt, eine kleine Genugthuung— wenn ich mich ſo ausdrücken darf— ſchuldig bin. Und wie Silbermann's— er und ſie— nun einmal ſind, würde dies eine für ſie ſein. Wollt Ihr mir alſo einen Gefallen thun— Im Saale nebenan rauſchten Damenkleider und knarrten ein paar Männerſtiefel. Im nächſten Au⸗ 4* ————— 2 S genblicke war der kleine Salon, zehn Minuten ſpäter auch der Saal gefüllt, und nach abermals zehn Minuten ſchwärmte die ganze Flucht der für den Abend geöffneten Räume von einer eben ſo zahlreichen, wie glänzenden Geſellſchaft. Die Converſation war heute noch ganz beſonders lebhaft. Der morgende Ultimo verſprach ſehr intereſſant zu werden, und aus Berlin waren Nach⸗ richten angekommen, deren Tragweite, wenn ſie ſich beſtätigen ſollten, unberechenbar groß ſchien. Durch die ernſten Gruppen der Finanzmänner, hoher Civilbeamter und älterer Offiziere, die ſo gewichtige Dinge eingehend behandelten, ſchwärmte eine muntere, ja ausgelaſſene Ingend. Offenbar war etwas im Werke, das ſehr geheim gehalten wurde, obgleich Jeder in das Geheimniß eingeweiht ſchien, und ſelbſt von den älteren Damen und Herren mehrere hinter den Falten der grünſeidenen Gardine ver⸗ ſchwanden, mit welcher man eine der ſehr breiten Saalthüren, die auf den Corridor gingen, bedeckt hatte. Indeſſen ſtellte man die Geduld der übrigen, nicht eingeweihten Geſellſchaft, die ſich,— wie zu⸗ füllig faſt— aus den übrigen Räumen nach dem 53 Saal gezogen, keineswegs auf eine harte Probe; . denn ſchon nach wenigen Minuten trat der Prologus auf— ein ſehr beliebter, dem Hauſe befreundeter Komiker— dem man gern glaubte, daß er„unvor⸗ bereitet“ ſei, als er mit pathetiſcher Geberde auf ſeine Lackſtiefel und dann auf den Lorbeerkranz aus grünem Papier deutete, mit welchem man ſeine kahle Stirn bedeckt hatte. Und die Geſellſchaft kam aus der heiteren Laune, die der drollige Mann zu erwecken verſtanden, nicht mehr heraus; ja man glaubte ſelbſt mitzuſpielen, 6 weil die Darſteller der Phantaſie der Zuſchauer ſo gut wie Alles überließen. Ein Stuhl war ein Kinderwägelchen und im nächſten Augenblick ein Pferd; zwei Reihen Stühle, ſo geſtellt, mußte man für einen Leiterwagen nehmen, und wenn ſie ſo ſtanden, konnte man in ihnen nur die zwei Sitze eines Eiſenbahnwaggons ſehen. Zuſammengedrückte Bogen weißen Papiers galten als Schneeballen; Schlummerwalzen wurden zu Babies, ein Stück Ofenröhre, irgend wo her aus der Küchenregion, zum Schlot eines Dampfers. Bei einigen Bildern wurde ſo herzlich und ſo laut gelacht, daß der Ko⸗ ———— — miker ſeine Vorleſung unterbrechen mußte; und den⸗ noch, als der grünſeidene Vorhang zum letzten Male zuſammenrauſchte— über dem Paar, das man auf ſeiner Lebensreiſe begleitet vom erſten roſigen Ju⸗ gendmorgentraum bis zum letzten Abendſchimmer— und die Stimme des Vorleſers, welche von einer gehaltenen Rührung zu beben ſchien, verklungen war— da war es ſtill geworden in dem nur eben noch ſo lautem Saale, ganz ſtill— und dann er⸗ goß ſich eine lärmende Fluth von Complimenten über die Darſteller, welche ſich nun wieder in die Geſellſchaft miſchten. Sie hatten Alle ihre Sache allerliebſt gemacht; aber die Perle gebührte natürlich Fräulein Melanie! Welch rührendes Baby war ſie geweſen! und welch reizender Backfiſch mit den prachtvollen, langen, dunklen Zöpfen! Wie ſchön hatte ſie unter der Myrthenkrone im wallenden Brautſchleier ausgeſehen, und die junge Frau— das war nun gar entzückend! Freilich, wenn man ſich die Scene in Wirklichkeit überſetzt dachte— er ſah doch recht unbedeutend neben ihr aus, der gute Eugen.— Der Mann ſeiner Frau? wie?— Er hat dazu eine ausgeſprochene Anlage; aber dieſer . 5 55 Fall— ſcheint hoffnungslos? Der Doctor, glauben Sie?— Nun natürlich! So ſprach man in der Geſellſchaft; und auch ein Uneingeweihter würde bald herausgefunden haben, es müſſe zwiſchen dem ſtattlichen Mann und dem ſchönen Mädchen eine intimere Beziehung walten. Während man ihn, als den Autor und Arrangeur, mit Complimenten überſchüttete, die er beſcheiden von ſich auf Melanie abzulenken ſuchte, und Melanie wieder verſicherte, daß alles Verdienſt Doctor Wild zukomme, daß jedes Lob ihm und nur ihm gebühre, und ſie ſo, von der Geſellſchaft umringt, für den Augenblick wirklich das Intereſſe ausſchließlich auf ſich concentrirten, konnte man ſie recht wohl für ein Brautpaar halten, deſſen eben verkündete Verlobung von den verſammelten Freunden jubelnd begrüßt wird. Und ſo ſagte auch der kleine, ſchwärzliche Herr, der mit dem Wirth etwas abſeits von den Uebrigen in der Thür des rothen Salons ſtand, und fügte dann im Tone bitterſter Ironie hinzu: Uebrigens danke ich Ihnen, daß Sie ſich die 56 Mühe gegeben haben, uns noch perſönlich zu dieſem kleinen Familienfeſte zu citiren. Sie thun mir Unrecht, lieber Silbermann, ſagte 3 Herr Goldheimer eifrig; was kann ich, was konnten wir mehr thun, als Eugen die Hauptrolle zutheilen! Die Hauptrolle? ſchöne Hauptrolle! entgegnete der Andere. Wer ſteht jetzt an der Seite Ihres Fräulein Tochter? wer ſpricht jetzt mit Ihrem Fräu⸗ 1 lein Tochter? Wann iſt denn die Verlobung? Sie compromittiren ja das Mädchen, wenn das noch lange dauert. —— Herr Silbermann wollte ſich wegwenden; Herv ₰ Goldheimer, der bei den letzten Worten blaß ge⸗ worden war, legte ihm die Hand auf die Schulter⸗ Sie wollen nicht fort? ſagte er. Allerdings will ich das: warum? Lieber Silbermann, glauben Sie mir, ich bin in einer üblen Lage. Weiß ich. Sie haben morgen eine ſtarke Diffe⸗ renz zu zahlen. Das iſt es nicht. Ich habe für Deckung ge⸗ ſorgt; und ſchlimmſten Falles würden Sie— Wiſſen Sie das ſo gewiß? 57 Die ſchwarzen Augen des Mannes funkelten; er hatte den Gegner, wohin er ihn haben wollte. Sie hatten es mir verſprochen, lieber Silber⸗ mann! Sie hatten mir es auch verſprochen, lieber Goldheimer! Und ich werde es halten. Wann? Mein Verſprechen wäre morgen einzu⸗ löſen; Ihres war längſt fällig. Nun wohl; mein Verſprechen gegen Ihres: Hunderttauſend, oder wie viel Sie brauchen werden, morgen Mittag gegen Melanie, Zug um Zug. Es iſt mein Ulti⸗ matum und jetzt— Werden Sie nicht fortgehen. Das heißt? Ich acceptire. Die beiden Banquiers gaben ſich die Hände. Herr Goldheimer hielt die des Geſchäftsfreundes unbequem lange feſt. Mehrere ältere Damen und Herren hatten ſich eben jetzt nach dieſer Seite ge⸗ wandt; Herr Goldheimer wünſchte Hand in Hand mit Herrn Silbermann geſehen zu werden. Was war es? fragte Frau Goldheimer an dem 58 Ohr ihres Gemahls, als man einige Minuten ſpäter zur Tafel ging. Ich ſage es Dir hernach. Jetzt mache, daß Eugen mit Melanie wenigſtens an einem Tiſch zu ſitzen kommt! Ich beſchwöre Dich! Das Svouper, welches an kleinen Tiſchen zu ſechs oder acht Perſonen ſervirt war und bei dem man des in ſilbernen Kübeln bereit ſtehenden Cham⸗ pagners nicht eben ſchonte, war ungemein munter. Es wäre ſelbſt für Herrn Goldheimer, der Melanie glücklich mit Eugen an dem einen und Doctor Wild mit einer ſehr gefeierten Schönheit an einem anderen Tiſch placirt ſah, ungetrübt zu Ende gegangen, nur daß noch ganz zum Schluß eine jene Taktloſigkeiten vorfiel, vor denen, wie Herr Goldheimer zu ſeiner Nachbarin, Frau Silbermann, ſagte, man ſelbſt in der beſten Geſellſchaft nicht ſicher iſt. Ein junger, übrigens ſchon verheiratheter Banquier, der in ſeinem unermeßlichen Reichthum einen Freibrief ſah, bei jeder paſſenden und unpaſſenden Gelegenheit die an⸗ geborene Redegabe zu verwerthen, glaubte,„dem Dank⸗ gefühl einen Ausdruck geben zu müſſen, welches die Geſellſchaft Denen zolle, die ihr einen ſo hohen und —— ſo reinen Genuß bereitet.“ Und indem nun Max Lombard Doctor Wild's und Melanie's Verdienſte um den glorreichen Abend nicht ohne Empfindung feierte und ihre immer wiederkehrenden beiden Namen mit bunten phantaſtiſchen Redearabesken umſchlang, und die Geſellſchaft nun zuletzt, ſich von den Stüh⸗ len erhebend und mit den Gläſern zuſammenklingend, den„ſinnreichen Impreſario und ſeine reizende Primadonna“ leben ließ, und Primadonna und Im⸗ preſario nun auch nicht anders konnten, als mit den Gläſern zuſammenklingen— da ruhten des Doctors Augen mit einem herrlichen Glanz auf dem erröthen⸗ den Mädchen und dann flogen ſeine Blicke wie im Triumph über die Verſammlung, die der ſtattliche Mann um Hauptestänge überragte. Aber einen andern Ausdruck trug ſein Geſicht und ſeine Augen hafteten ſtarr am Boden, als er eine halbe Stunde ſpäter in der Bibliothek, den Ellenbogen auf den Sims geſtützt, an dem Kamin ſtand. Er war ganz allein in dem hohen, nur mäßig erleuchteten Gemach; alle Welt drängte nach dem zweiten, dem„weißen“ Saale, wo die Paare nach den Klängen einer feurigen Polka durch einander wirbelten, 60 die ein Virtuos aus der Geſellſchaft am Flügel zum Beſten gab. Die Töne kamen noch eben zu dem Einſamen in der Bibliothek, aber gedämpft und wie ſuchend nach ihm, der ſich fortgeſtohlen, übermannt von einer ſeltſamen Traurigkeit, die ihn mitten in der Feſtfreude, mitten in ſeinem Sieges⸗ rauſche jäh überfallen. Er hatte die Empfindung gehabt, die er ſich ſonſt mur beim plötzlichen Er⸗ wachen aus einem ſehr tiefen Schlafe gehabt zu haben erinnerte: als ob Alles, was er um ſich her ſah, auch nicht den entfernteſten Bezug auf ihn ſelbſt habe; als ob das ganze Bild vor ihm trotz des ſchimmernden Glanzes und der funkelnden Pracht nur ein Schattenbild ſei, eine Illuſion, die im nächſten Augenblicke verſchwinden könne und miſſe. Er warf ſich vor dem Kamin, in welchem die Buchenkohlen unter der grauen Aſchendecke allmälig verglimmten, in einen Fauteuil. Es war nur die Folge eines phyſiſchen Zuſtandes geweſen, natürlich: akute Anämie des großen Gehirns, momentane Pa⸗ ralyſe des Nervus sympathicus oder etwas der Art; aber dergleichen ſollte nicht eintreten, wenn man eben im Begriffe iſt, ſein Ziel zu erreichen, 61 das lange angeſtrebte, von Hinderniſſen umdornte, töſtliche Ziel! Hatte die ungeheure Anſtrengung die Kraft verzehrt? War das Ziel der ungeheuren An⸗ ſtrengung, des rückſichtsloſen Kraftverbrauches nicht werth? War es nicht wie der ätherhellen Gipfel einer, auf denen er damals, in den Alpen, ſo oft geſtanden, umhaucht von Schauern der Einſamkeit und doch nicht allein— ihr Bild war ihm über Schlüfte und zackiges Geſtein und eiſige Firnen all⸗ überallhin gefolgt. Bis hierher kam es nicht, oder doch nur als bleicher, blutloſer Schemen. Er richtete ſich jäh auf und machte eine Be⸗ wegung, als habe er etwas von ſich abzuwehren; und dann irrten ſeine Blicke durch das mit ſeltenſtem Geſchmacke ausgeſtattete Gemach— über die reich geſchnitzten Eichenholz⸗Geſtelle mit den Prachtbänden, die mit Atlanten, Globen, Kunſtwerken bedeckten Tiſche, von denen jeder ſelbſt ein Kunſtwerk war— bis ſie plötzlich an einem herrlichen, antiken Mar⸗ morkopfe, der ihm gegenüber in einer Niſche ſtand, haften blieben. Ein bitteres Lächeln zuckte um ſeinen Mund. Pallas Athene, murmelte er, zupfſt Du — 62 mir am Haar? Weißt Du nicht, daß Deine Helden nie auf Deine Mahnung hören? und daß der Wille des Zeus doch vollendet wird? Melanie! Sie war hinter den Bauſchen des halb aus⸗ einandergezogenen Gobelinvorhanges, welcher dieſen Theil der Bibliothek von einem kleinen Vorraume trennte, herausgetreten, wie ſchüchtern zögernd und dann auf ihn zufliegend, der ihr entgegeneilte. Zum erſten Male lag die holde, zierliche Geſtalt in ſeinen Armen, an ſeiner Bruſt; fühlte er die zarten, thau⸗ friſchen Lippen auf ſeinen Lippen; nur einen Mo⸗ ment, kurz wie ein Blitz, der im Aufflammen er⸗ liſcht, und wonnevoll wie eine Paradieſesewigkeit. Und dann das Leuchten von einem Paar zärtlicher Angen aus dem dunkleren Vorraum, das kaum hör⸗ bare Flüſtern ſeines Namens, das Winken einer kleinen, weißen Hand, das Rauſchen eines Ge⸗ wandes— und er war wieder allein und lehnte wieder an dem Marmorkamine mit hochklopfendem Herzen und fuhr ſich nach der Stirn, nach den Schläfen, in denen die Adern hämmerten, als wollten ſie zerſpringen, und breitete die ſtarken Arme d 2 — 63 aus: Mein, mein! hörſt Du, Pallas, mein! nach dem Willen des Zeus, der ſo viel mächtiger iſt als Dul! und über ihm waltet das Verhänguiß, dem er ſich beugen muß, wie wir Alle— Du auch— und ich und ſie— und das Verhängniß iſt's, was mich und ſie zuſammenſchlendert; und nun komme, was will! Es kam Jemand— eilig. Sollte es der Vater ſein, der Melanie in die Bibliothek hatte ſchlüpfen ſehen? Wäre er's! und Alles entſchiede ſich auf einmal! Es war nicht Herr Goldheimer, ein Bedienter nur, der den Herrn Doctor ſuchte. Man hatte nach dem Herrn Doctor geſchickt; hier war die Karte. Der Mann präſentirte mit reſpectvoller Miene und Geberde den ſilbernen Teller, auf welchem die Karte lag. Soll ich Beſcheid ſagen, Herr Doctor? Ich würde ſofort kommen! Jean verbeugte ſich und ging. Es kam recht ungelegen; aber Wild wußte, daß der Fall dringend war, und er wäre auch einem weniger dringenden Rufe, ſeinem Grundſatze gemäß, unbedingt gefolgt. „ 3 64 3 3 Sie wollen ſchon fort, lieber Doctor? Ich muß— die Baronin Halden— Sie werden noch nächſtens unſere ganze Ariſto⸗ 1 tratie haben, Sie Glücklicher! Und kommen nicht wieder? Aber meine Damen werden untröſtlich ſein, untröſtlich! Auf Wiederſehen alſo, lieber Doctor, auf Wiederſehen! Herr Goldheimer hatte es ſehr eilig, ſo verbind⸗ lich auch ſeine Worte waren; Wild hielt die Hand, die ſich ihm entziehen wollte, feſt. Bitte um Verzeihung! würden Sie mich, wenn ich mich morgen Vormittag— ſagen wir zwölf Uhr, die Minute kann ein Arzt ſchwer einhalten— melden — ließe, auf ein paar Augenblicke empfangen! Aber, lieber Doctor, habe ich mich je vor Ihnen — es iſt freilich morgen Ultimo, und ich werde 2 ganz enorm beſchäftigt ſein— indeſſen— 1+ So werde ich kommen; erwiederte Wild. 1 Er hatte nicht bemerkt, daß Herrn Goldheimers 1 3 Geſicht bei den letzten Worten einen ganz eigen⸗ 3 thümlichen, verlegen⸗düſtern Ausdruck angenommen. 1 5 6 Seine Augen waren auf Melanie gerichtet geweſen, die eben in einer Frangaiſe mit ihrem Tänzer ——— 65 zalancez aux places! ausführte. Der Partner ſchien ein Verſehen gemacht zu haben; ſie hob den Finger, ſchelmiſch lachend. In dem Moment wandte der Partner ſich um; es war Eugen Silbermann. Melanie machte ihm ein ironiſch tiefes Compliment und darüber hatte ſie wohl Wild's Hereinkommen nicht bemerkt; ſie ſah ihn auch jetzt nicht, trotzdem er ihr gerade gegenüber in der Entfemgg por r wenigen Schritten an der Thür ſtand. Er zögerte ein paar Angenblicke; und jetzt ſchwebte ſie im en awant deux gerade auf ihn zu bis unmittelbar in ſeine Nähe;— ſie ſah ihn nicht. Deſto deutlicher ſah er ihr lächelndes, von der Erregung des Tanzes ſanft geröthetes, holdes Ge⸗ ſicht, aus dem die dunkelgrauen Augen unter den langen ſeidenen Wimpern mit der unverhüllten Be⸗ wunderung ihres Partners ſchalthaft coquettirten. Und ſo ſah er es noch, als er ein paar Stunden ſpäter durch die alte, düſtre Stadt nach ſeiner Woh⸗ nung ſchritt. Der Mond, welcher vor Mitternacht aufgegangen war, verſteckte ſich ſchon wieder hinter den hohen dunkeln Giebeln. Ein lauer Wind ſauſte durch die leeren, hallenden Gaſſen; und er ſchritt Fr. Spielhagen, ultimo. 2. Auflage. 5 dahin, in Gedanken verloren, und wäre faſt mit einem kleinen Manne zuſammengerannt, der ihm entgegenkam und mit beiden Händen ſeine Mütze hielt, trotzdem er dieſelbe ſchon mit in den Shawl gebunden, welcher ſein Geſicht bis an die Naſe ver⸗ deckte. Entſchuldigen Sie, werther Herr! rief der Kleine, und war bereits um die Ecke. Wild war erſchrocken ſtehen geblieben. Die dürf⸗ tige Geſtalt, die zaghaft trippelnden Schrittchen, die weinerliche Stimme, welche aus dem dicken Shawl quäkte, und ſelbſt der dicke Shawl— was wollte der alte Mann hier— gerade jetzt! Und wenn er es nicht war, weshalb mußte ihm— gerade jetzt — dies Bild aus alten Tagen begegnen, aus den Tagen, an die er nicht erinnert ſein durfte, die von der Tafel ſeiner Erinnerung weggewiſcht ſein mußten, wollte er dem morgenden Tage feſt in's Auge ſchauen, ſo feſt, wie er eben dem Tode in's Ange geſchaut, dem er die ſichere Beute ſchließlich doch ab⸗ getrotzt. Hoch über ihm verzitterten in dem ſanſenden Wind die Klänge einer Kirchthurmglocke: Eins! zwei! 67 Was ſage ich von morgen! heute ſchon! und Gott ſei Dank! Dieſe Entſcheidung zehrt an meinen Nerven: und fiele ſie gegen mich— ich halte es mit dem tapfern Freiſchaarenführer: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende 5 . — III. Es hatte eine kleine Aufregung in dem alten, ſchmalen, hochgegiebelten Hauſe gegeben, als geſtern Abend noch ſo ſpät eine junge Dame von auswärts zum Beſuch bei Onkel Kreppelmann kam. Aber der alte Herr, der ſelten vor zwölf Uhr zu Bette ging, war auch dieſes Mal noch aufgeweſen, und er war nach einigen Minuten zu Frau Kummer in die Küche gekommen und hatte mit wenigen Worten Alles ſchicklich erklärt: wie Fräulein Chriſtiane Kempe ihrem Vater nachgereiſt ſei, um ihm ein paar wichtige Papiere zu bringen, die er vergeſſen und morgen nothwendig bei ſeinen Geſchäftswegen haben müſſe; und daß die junge Dame ſo ſpät nicht mehr in dem Grünen Maibaum habe vorfragen wollen; und wenn das Theewaſſer koche, wolle er's gleich ſelbſt mit hinein nehmen, und Frau Kummer möge unterdeſſen eines der beiden Meßzimmer in Ordnung bringen, denn ſeine Nichte ſei von der eiligen Fahrt ange⸗ griffen und ſolle ſich gleich hernach hinlegen, um ſo mehr, als ſie morgen in aller Frühe wieder her⸗ aus müſſe. Frau Kummer hatte, als ſie wieder allein war, den Kopf nicht wenig geſchüttelt; denn wenn Herr Kreppelmann auch nun bereits zwanzig Jahre bei ihr wohnte, ſo hatte ſie ihn doch noch nie ſo viel hintereinander ſprechen hören; aber es war gewiß Alles genau ſo, wie er ſagte, da es einen würdigeren, braveren Mann als ihn, in Frau Kummers Augen, in der weiten Welt überhaupt nicht gab. Ueberdies kannte ſie ſeine verwandtſchaftlichen und freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſe und Beziehungen ſo gut wie ihre eigenen; und Fräulein Chriſtiane Kempe aus Oſchatz war vor drei Jahren ſchon einmal bei ihm zum Beſuch geweſen; und was da aus dem gedämpften Geſpräch, das die Beiden in der Stube führten, dann und wann herausklang, ſo mochte es unterdrücktes Weinen ſein, oder nicht ſein; ſie hatte noch nie gelauſcht und wollte es auch auf ihre alten Tage nicht— an Herrn Kreppelmanns Thür am allerwenigſten. Und 70 da ward ja auch ſchon die Thür aufgethan,— juſt als ſie anklopfen wollte, um zu ſagen, daß das Zimmer für das Fräulein bereit ſei— und Herr Kreppelmann hatte ſeiner Nichte die Hand gegeben und ihr gute Nacht gewünſcht; und das Fräulein, das wirklich recht angegriffen ausgeſehen, hatte mit⸗ einer ſanften Stimme alle Hilfe, die ihr Frau Kummer geſchäftig anbot, abgelehnt, und nur ge⸗ beten, daß man ſie um ſechs Uhr morgen früh wecken möge, falls ſie die Stunde verſchlafen ſollte. Aber ſie hatte die Stunde nicht verſchlafen, war im Gegentheil ſchon vor der Zeit auf, und jetzt be⸗ reits ſeit einigen Minuten bei Herrn Kreppelmann in eifrigem Geſpräch, das ſich ganz gewiß nicht um den Kaffee drehte, welchen Frau Kummer eben fertig hatte, und wohl hätte hineinbringen können. Aber zu Frau Kummers Grundſätzen gehörte auch, daß ſie, wo es ſich irgend vermeiden ließ, nie ungerufen kam,— zumal wenn ſie— wie es hier doch offenbar der Fall— ſicher ſein konnte, die Betreffenden zu ſtören. Und da Herr Kreppel⸗ mann die beiden kleinen Meißner Taſſen, die, ſo lange er bei ihr wohnte, noch niemals gebraucht 71 waren, heute ſelbſt aus dem Schrank genommen, gereinigt und auf den Tiſch geſtellt hatte, konnte man ja nicht wiſſen, ob er ſich nicht am Ende auch den Kaffee ſelbſt vom Feuer holen würde. Und es war alſo ſicherlich nur in der Ordnung— und jede rechtſchaffene Canzleiſekretärswittwe, die ſeit dreißig Jahren möblirte Zimmer an einzelne Herren ver⸗ miethet, würde nicht anders gehandelt haben— wenn Frau Kummer den Kaffeetopf nur ſo eben ein wenig vom Feuer abrückte und bis auf weiteres mit den Keſſeln und Kannen ein Geräuſch machte, das mit den geringen wirthſchaftlichen Reſultaten in keinem rechten Verhältniß ſtand. Drinnen aber, im Zimmer des Alten, ſaß Chriſtiane auf dem beſcheidenen, mit ſchwarzem Leder überzogenen Sopha, und ſtarrte, den Kopf in die Hand geſtützt, auf die Vergißmeinnicht in dem Grunde der kleinen Taſſe vor ihr, während der Alte ſelbſt, ihr gegenüber, in ſeinem Lehnſeſſel kauerte— den lahmen Fuß in die Höhe gezogen— den großen Kopf mit dem buſchigen grauen Haar jetzt in tiefer Nachdenklichkeit auf die eingefallene Bruſt ſinken laſſend, und ihn jetzt wieder hebend, und ſich das Haar von der Stirn ſtreichend, um das M ädchen aus den tiefliegenden, halb erloſchenen Augen anzu⸗ blicken und das Wort zu ergreifen mit einer ge⸗ brochenen Stimme, die erſt nach einiger Zeit die nöthige Feſtigkeit gewann. Das iſt Alles gut und richtig, liebes Kind— nein, nein! richtig iſt es nicht, und deshalb iſt es auch nicht gut. Nur Du biſt gut, viel zu gut, wie die Welt einmal iſt, und vor Allem, wie er iſt— geworden iſt, wenn Du lieber willſt. Denn er war nicht immer ſo. Habe ich ihn doch von Kindesbeinen gekannt, und ſeine Entwickelung verfolgen können; denn wenn ich auch ſpäter ſelber nicht wieder hinaus⸗ kam in ihr einſames Bergdorf, ſo kam doch ſein Vater, der unruhige Geiſt, jedes Jahr ein und das andere Mal den weiten Weg hereingewandert, den Buben, von dem er ſich keinen Augenblick trennte, auf dem Buckel oder an der Hand; und als er bei Euch in Oſchatz war, iſt er oft genug hier geweſen und hat mich ſtets beſucht; und in den Maitagen in Dresden, weißt Du, hatte man mich ja hin geſchickt, unſere Ausſtände einzutreiben, es traute ſich Niemand von den jungen Leuten hinein— ja, da 73 habe ich ihn erſt recht kennen gelernt, und ich ſage noch einmal: da war kein Fehl und kein Falſch an ihm; und wäre er damals für die große Sache ge⸗ ſtorben, ſo wäre kein Himmel zu hoch und hehr geweſen, daß er nicht hätte darin eingehen können. Aber von der Zeit an iſt's mit ihm abwärts ge⸗ gangen, erſt allmälig, und dann ſchneller und ſchneller, und ich weiß nicht, wie lange ſchon— aber jetzt ganz gewiß iſt er dem Dämon verfallen. Chriſtiane blickte auf, mehr durch den unheim⸗ lich⸗myſtiſchen Ton, in welchem der alte Herr die letzten Worte geſprochen, als durch die Worte ſelbſt erſchreckt. Jo, ja, fuhr der Alte fort— und dabei blitzten die ſonſt ſo trüben Angen durch das Haargewirr, in welchem er mit der magern weißen Hand wühlte — dem Dämon, dem Teufel, der da Mammon heißt, und dem man nicht dienen kann, ohne ſeinen Gott abzuſchwören. Glaub' mir, mein Kind: ich, der ich ſeit fünfzig Jahren unter ihnen lebe, die tagtäglich um das goldne Kalb tanzen, die keinen Gedanken im Kopf und keine Regung im Herzen haben, welche nicht aus der einen großen Leiden⸗ 74 ſchaft ſtammten, oder in ſie zurückflöſſen; ich, der ich an Hunderten beobachtet habe, wie der Teufel, welcher Mammon heißt, erſt den kleinen Finger nimmt, den man ihm bietet, und dann die Hand, und endlich den ganzen Kerl— ich weiß, wie er ſeine Leute zeichnet, wie ſie aus den Augen blicken, — aus den harten, metallenen Augen— wie es hämiſch und höhniſch um ihre Lippen zuckt, wie herzlos und gottverlaſſen es aus ihrer glatten, höfiſchen Rede klingt. Das iſt ſein Bild nicht; murmelte Chriſtiane. Das iſt ſein Bild; ſagte der alte Mann, ſo, genau ſo hat er geſtern morgen vor mir geſtanden; ſo, genau ſo hat er auf mich herabgeblickt, hat er mit mir geſprochen,— mit mir, vor dem er che⸗ mals keinen geheimen Gedanken hatte, mit mir, den er mehr als einmal ſeinen zweiten Vater, ſeinen Vater im Geiſt genannt hat; denn von dem eigenen, dem rauhen Sonderling, habe er wohl das Tem⸗ perament und die Leidenſchaft der Freiheit, ich aber hätte ihn erſt die Brüderlichkeit gelehrt, ohne welche die Freiheit nichts iſt als ein brutaler Inſtinkt, der ganz gemeine Trieb des Selbſtgenuſſes, wie ihn der ————— Wilde und das Thier, und jeder Baum und jede Pflanze, ja und auch der Blitz hat, der im Selbſt⸗ genuß ſich ſelbſt verzehrt, denn darauf kommt es ſchließlich doch hinaus. Nein, nein! rief Chriſtiane, die beiden Hände, mit denen ſie während der letzten Minuten ihr Ge⸗ ſicht bedeckt hatte, wie zur Abwehr von ſich ſtreckend. Und ich ſage Dir: ja, und abermals jal er⸗ wiederte der alte Mann heftig. Er wird ſich ſelbſt verzehren und zerſtören und vernichten, ganz und gar, wie er ſein beſſeres Theil bereits vernichtet hat, als er ſein Herz von Dir wandte. Ich weiß, was Du mir entgegnen willſt; ich kenne die Theorie, die Du Dir zurecht gemacht haſt, und Gott mag wiſſen, was ſie Dich gekoſtet: die Theorie von dem ungewöhnlichen Menſchen, der nicht die gewöhnlichen Wege gehen kann, und für den Du viel zu unbe⸗ deutend ſeieſt. Unbedeutend! larifari! ich möchte wohl wiſſen, was an dem kleinen Judenmädchen, das ihn am Narrenſeil führt, viel Bedeutendes iſt. Und, was das anbetrifft, daß Du ihm im Wege geſtanden, ſo iſt es, bei ſ beſehen, doch auch nur der erbärmlichſte, nichtigſte Vorwand. Er iſt um Deinetwillen— oder doch eigentlich Deiner Mutter willen, die Dich nicht fortlaſſen wollte— * 8 von Paris in ſein Vaterland zurückgekehrt, in das jeder ordentliche Menſch von Gottes⸗ und Rechts⸗ wegen gehört. Sie haben ihm hier das Leben ſauer gemacht mit ihren elenden pedantiſchen Chikanen— ich gebe es zu. Iſt er daran geſtorben? hat er nur etwas dabei verloren? Im Gegentheil: er hat nachlernen müſſen, was er ſchließlich auf die Dauer doch nicht entbehren konnte, wenn er es in ſeiner Wiſſenſchaft ſo weit bringen wollte, wie er es gewiß bei ſeinen herrlichen Gaben, bei ſeinem raſtloſen Fleiß, bei ſeiner gewaltigen Willenskraft bringen kann und bringen wird, und ſchon gebracht hat. Denn es muß wohl etwas Großes um ihn ſein, wenn die alten ſtaubigen Perrücken dem jungen Mann, den ſie kaum erſt examinirt haben, freund⸗ lich zunicken, ja, ſich vor ihm beugen; wenn unſer berühmter Weberlich, der ſonſt Niemand neben ſich aufkommen laſſen will, nicht geruht hat, bis er ihn zu ſeinem Aſſiſtenten an dem Univerſitätskranken⸗ hauſe bekam; wenn Reich und Arm wetteifern, ihn zum Arzt zu haben. Freilich, die Armen haben 5 6 guten Grund, ſich an ihn zu wenden; ſie haben dann nicht blos den Arzt, ſondern auch die Arzenei umſonſt. Sein Feind muß es ihm laſſen: kleinlich iſt nichts an ihm, und was er thut, das thut er ganz. Des alten Mannes Aligen hätten einen eigenen Glanz bekommen, während er mit ſeltſam ſchwingen⸗ der Stimme alſo ſprach; über Chriſtianens bleiches Geſicht ſpielte ein melancholiſches Lächeln. Siehſt Du, Onkel Kreppelmann; ſagte ſie; Du kannſt nicht von ihm ſprechen, ohne ihn zu loben und zu preiſen, wie er es gewiß verdient, wenn er auch, trotz aller ſeiner Klugheit, nicht zu begreifen vermag, weshalb denn gerade ich zu ſeinem Glücke nothwendig bin. Das Lächeln ſchwand von ihren Lippen; ein ſtrenger, beinahe finſterer Ernſt lagerte ſich auf ihrem lieben ſauften Geſicht, und ihre milde Stimme klang tiefer und voller, als ſie jetzt, die großen ſchönen Augen feſt auf den alten Mann richtend, fortfuhr: Was er thut, das thut er ganz; und kleinlich iſt nichts an ihm! So hat er ſtets vor meiner Seele geſtanden, ſo ſteht er noch heute, ſo wird er ſtets vor meiner Seele ſtehen. Aber gerade deshalb darf ja auch ich nicht halb thun, was ich thue und thuen muß. Ich habe nur ſchon zu lange gezögert, zu lange mich in der Hoffnung gewiegt, es könne doch noch Alles gut werden. Mag ſein, was Du ſagſt, daß ich, wenn nicht ſeiner werth, wie Du meinſt, doch mehr werth bin, wie er wähnt; daß ich nicht ganz mehr das kindiſche, gedankenloſe Ge⸗ ſchöpf bin, das er einſt zu lieben geglaubt hat; daß ich vielleicht mehr hätte thun können, als ich gethan habe, ihm zu zeigen, wie redlich ich gearbeitet und geſtrebt habe, ſeiner immer würdiger zu werden. Mag ſein! was hülfe es, jetzt noch darüber zu grü⸗ beln, wo nichts mehr daran zu ändern, wo es zum Aeußerſten gekommen iſt. Ich muß eben dulden und tragen, was ich abzuwenden nicht die Kraft, oder die Einſicht, oder das Glück gehabt habe. Das aber wäre unerträglich, könnte er auch nur einen Augenblick für möglich halten: ich hätte Ja geſagt zu der erbärmlichen Intrigue, in die ſich der gute Vater— ganz gewiß ohne fich etwas Arges dabei zu denken, ganz gewiß nur, um mir in ſeiner Weiſe zu nützen— durch den ſchlechten Menſchen hat ver⸗ wickeln laſſen. 6 Eine dunkle Röthe flammte in ihren Wangen auf und ſchoß über die Schläſen bis in die Stirn. Sie erhob ſich eilends. Komm, Onkel, ſagte ſie, die Zeit verrinnt, der Boden brennt mir unter den Füßen. Gemach, gemach! ſagte der Alte, ſeine Uhr ziehend; es iſt kaum ſieben; vor acht kann ſelbſt Dein Vater nicht zu Lick gehen— das ſollte ja wohl ſein erſter Gang ſein?— und wir haben von hier bis zum Maibaum keine fünf Minuten— meine Lahmheit eingerechnet. Und unſer Kaffee will doch auch getrunken ſein; er iſt jedenfalls ſchon längſt fertig, wenn ich nach dem Lärmen ſchließen darf, den Frau Kummer in der Küche vollführt. Wes⸗ halb die alberne Perſon ihn nur nicht bringt? ich werde ihn wohl ſelber holen müſſen. Er hinkte nach der Thür, blieb aber auf halbem Wege ſtehen: Und Du glaubſt wirklich, er werde Dein Geld nehmend Ich hoffe, es wird nicht ſo weit kommen; er⸗ wiederte Chriſtiane; ich hoffe, der Vater wird ein⸗ ſehen, daß er mir dies nicht anthun darf. Sollte 80 er aber wirklich ſchon zu weit gegangen, oder zu feſt in jenes ſchlechten Menſchen Händen ſein, nun denn: ich weiß nicht, wie ich es durchführen und wie ich es ihm ſagen ſoll; aber daß ich es durch⸗ führen und zur rechten Stunde das rechte Wort finden werde— laß mir den Glauben, Onkel Kreppelmann; laß mir den Glauben! Sie ſtreckte ihm, plötzlich in Thränen ausbrechend, beide Hände entgegen. Der alte Mann zog ſie an ſich und küßte ſie, unverſtändliche Worte murmelnd, auf die Stirn. Dann ließ er ſie los und rief, die Thür aufreißend, nach dem Kaffee mit eiuer ſo lauten und drohenden Stimme, daß die gute Frau Kummer vor Schrecken das Präſentirbrett, welches ſie eben zur Hand genommen, klirrend auf den Eſtrich der Küche fallen ließ. zi W. Für Conrad Wild war es ein arbeitſamer Mor⸗ gen geweſen. Nach wenigen Stunden eines unruhigen, von grauenhaften Träumen gequälten Schlafes hatte er wieder zu der Wöchnerin gemußt; und wieder hatte es ſeiner ganzen Kunſt, der vollen Concentra⸗ tion ſeiner Geiſteskraft bedurft, bis auch dies durchgekämpft, und er dem jungen Gatten ſagen konnte, daß er jetzt— ſo weit Menſcheneinſicht reiche— für das Leben von Mutter und Kind ein⸗ ſtehen könne. Er hatte ſich nicht wieder niedergelegt, als er nach Hauſe gekommen, ſondern ſich ſofort an ſeinen Schreibtiſch geſetzt, einen Aufſatz zu beenden, den er einer gelehrten Zeitſchrift bis heute Mittag verſprochen. Er ſagte ſich, daß das Manuſcript auch wohl noch vierundzwanzig Stunden ſpäter zeitig genug in die Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 6 82 Hände der Redaction komme; aber er war gewohnt, ſeine Zuſagen pünktlich zu erfüllen, und ſo arbeitete erſort, obgleich es ihm ſeltſam ſchwer wurde und er, als er endlich die Feder aus der Hand legte, aus ſeiner Hausapotheke die ſtärkſte Doſis eines Medikaments nehmen mußte, welches ihm das fieber⸗ haft erregte Blut beruhigen und Klarheit in das überreizte Gehirn bringen ſollte. Er hatte die Lampe verlöſcht und ſchaute nun, am Fenſter ſtehend, mit den heißen, überwachten Augen in den grauen Morgen. Der Sturm der Nacht war gebrochen; aber noch immer wälzte ein mürriſcher Wind trübe Dunſtmaſſen vor ſich her nach Norden,— ins Nebelland, ins Todtenreich. Wie ſagt Spinoza? der kräftige Menſch denkt an nichts weniger, als an den Tod— ſo bin ich denn heute ein ſchwacher, ein recht ſchwacher Menſch. Heute? war ich es nicht ſchon, als ich den engen Seelen nachgab und mich hier einpferchen und ein⸗ dornen ließ, um nach kürzeſter Friſt einzuſehen, daß ich etwas übernommen, das ganz gewiß nicht, wie ſie es ſich gedacht, zu Ende geführt werden konnte — höchſtens ſo! 2 6 83 Ein ſchwermüthiges Lächeln flog über das düſtere, bleiche Geſicht. Er war an ſeinen Schreibtiſch ge⸗ treten und hatte ein Papier herausgenommen, das er entfaltete: eine Lebensverſicherungspolice, die er nach langem Suchen und vielfachen Bemühungen endlich in einer engliſchen Geſellſchaft erworben. In den Statuten, die dem Inſtrument beigefügt waren, hatte er einen Paragraphen angeſtrichen und ſein Ange haftete an den wenigen Zeilen, die auch dem Selbſtmörder die volle Auszahlung der Verſicherungs⸗ ſumme an ſeine Rechtsnachfolger garautirten, voraus⸗ geſetzt, daß der Betreffende bereits zwei Jahre der Geſellſchaft angehört. An dem Mittag des heutigen Tages waren für ihn die zwei Jahre voll. Es iſt nicht nach meinem Geſchmack, murmelte er; aber— was man von mir verlangte, war es noch weniger. Er blieb über den Schreibtiſch gebeugt ſtehen und ſchrieb eine längere Reihe größerer und kleinerer Zahlen untereinander, die er ſchließlich ſummirte. Die Summe war um fünf oder ſechs Hundert größer, als die in der Police verzeichnete. Das hat ſich ja bedenklich ſeit dem letzten Male 6* 84 vermehrt, ſagte er, ſich aufrichtend; indeſſen es wird ſchon herauskommen, wenn ſie meine ausſtehenden Rechnungen einziehen und dies hier unter den Ham⸗ mer bringen, ſie müßten es denn für Schleuder⸗ preiſe weggeben— und ſelbſt dann: die Bücher allein ſind das Doppelte werth. Baares Geld würden ſie freilich nicht vorfinden; ich darf nicht vergeſſen, im Laufe des Tages dafür zu ſorgen. Er klingelte; ſein Diener brachte ihm den Kaffee; auf dem Brette lag ein Zettel, auf welchem Johann, ſeiner Inſtruction gemäß, die Auslagen, die er während des Monats für ſeinen Herrn gemacht, heute, als am letzten, zuſammengeſtellt hatte. Ueber einen Groſchen war Johann nicht ganz im Klaren; es konnte ſein, daß er denſelben noch zu fordern hatte; es war aber auch wohl möglich, daß er ihn ſchon zurückerhalten. Es iſt gut, ſagte Conrad Wild; und als der Mann zur Thür hinaus war: ich glaube, ich würde lieber eine Million ſtehlen, als dem braven Kerl einen Groſchen ſchuldig bleiben! Nun, ganz ſo weit bin ich noch nicht; es müßte denn auch dies — ————————————M— ee 3 85 6 ein Diebſtahl ſein. Aber habe ich nicht um ſie ge⸗ worben als ehrlicher Mann, wenn ich mein Beſtes gab? und wird man nicht beſſer, geiſtreicher, liebens⸗ würdiger, auch ohne daß man es will, gegenüber einem ſo holden, geiſtvollen, liebenswürdigen Ge⸗ ſchöpf? und wer hat denn dieſe Leidenſchaft in meinem Herzen entflammt, als ſie ſelbſt, die mich auf jede Weiſe auszeichnete? als ihre weichen, liebebrütenden Augen, die ich immerfort auf mich gerichtet und ſich nur abwenden ſah, um zurückzukommen, wie ein Taubenpaar, das, kaum aufgeſcheucht, die entfalte⸗ ten Schwingen wieder zuſammenlegt und gierig an der ſüßen Nahrung weiter pickt? Nein, nein! kein Dieb und kein Betrüger, oder— ein betrogener nur! und wie leicht betrügt es ſich, wenn das Herz ein wenig mithilft; und wie grenzenlos ſchwer, wie unmöglich iſts, wo es ſtumm bleibt, nein! wo es ſich aufbäumt und ſchreit: ich will nicht, ich kann nicht, trotz eurer elenden, ſpießbürgerlichen Moral, trotz eurer ſteifleinenen Krämertugend, die über den Abtrünnigen, den Meineidigen, den Verräther die unſchuldgewaſchenen Hände ringt. Und nun— weg damit und für immer! Verflucht die Sekunde, in 86 der auch nur der Schatten eines Zweifels mir die Seele verdüſtert!— Wartet bereits Jemand? Es warteten bereits Mehrere im Vorzimmer, meldete Johann; auch eine Dame ſei dageweſen und habe den Herrn Doctor dringend zu ſprechen ver⸗ langt; ſie komme nicht als Patientin.— Na, und da habe ich ſie denn wieder weggeſchickt, ſagte Jo⸗ hann; wenn ſie nicht als Patientinen kommen, weiß ich ſchon immer, was das heißt. Der Herr Doctor werden ſich noch die ganze Bettelei ins Haus ge⸗ wöhnen. Der Herr Doctor ſind ausgegangen und damit Punktum. Wild hatte kaum gehört, was der Mann vor ſich hinbrummte, während er die Kaffeeſachen ab⸗ räumte und mit denſelben durch die Schlafſtube ver⸗ ſchwand. Er öffnete die Thür nach dem Vorzimmer, den erſten der Hilfeſuchenden einzulaſſen. Dem Erſten folgte ein Zweiter, ein Dritter, ein Vierter, in ununterbrochener Folge zwei Stunden lang, und Jeder ging befriedigt, beruhigt, getröſtet von dannen; und Keiner ahnte, wie friedearm, wie unruhig, wie troſtlos es während all der Zeit in dem Gemüthe des Arztes war, der ſo geduldig die Klagen an⸗ — 87 hörte, ſo gewiſſenhaft ſeine Unterſuchungen anſtellte, Reich wie Arm mit derſelben vornehmen Höflichkeit zur Thür begleitend und in der Thür den Nächſten mit einem Blicke der großen ſtrengen Augen und einem anmuthigen Winken der Hand auffordernd, zu ihm einzutreten. Man wußte, daß Doctor Wild ſeine Sprechzeit pünktlich einhielt; man drängte ſich deshalb in die erſte Stunde; das letzte Viertel der zweiten ſah nur noch einen und den andern Nachzügler, faſt immer von auswärts; und mit dem Glockenſchlage elf pflegte der letzte abgefertigt zu ſein. So hatte denn Wild außer der reich gekleideten, ſtattlichen Dame— einer polniſchen Gräfin, die eine halbe Stunde zu ihrem höchſten Erſtaunen hatte warten müſſen— zuletzt Niemand mehr im Vorzimmer geſehen; und er war deshalb, als er nach einer Minute die Frau Gräfin mit einer Karte an einen ſeiner Collegen wieder entließ, einigermaßen erſtaunt, noch einen kleinen Mann zu erblicken, der im Fenſter ſtand und, als er die Thür gehen hörte, ſich mit großer Lebhaftig⸗ keit umwandte. Ich komme— 88 Entſchuldigen Sie! ſagte Wild, die Dame bis zur Thür des Vorzimmers geleitend und ſich dort mit einigen Worten in franzöſiſcher Sprache von ihr verabſchiedend. Dann kam er langſamen Schrittes zu dem kleinen Manne zurück, der ganz verſtört an demſelben Flecke, in derſelben Haltung ſtehen ge⸗ blieben war, und ſagte in ruhig⸗geſchäftlichem Tone — als wenn der kleine Mann nur ein Patient mehr ſei: Wollen Sie gefälligſt hier herein treten. Der kleine Mann ließ die halb erhobene Rechte ſinken und dann die Linke, welche an dem dicken, rothen Shawl gezerrt hatte und ſchritt durch die Thür, welche Wild für ihn geöffnet. Was verſchafft mir die Ehre, Herr Kempe? ſagte Wild; und nach einer Pauſe, während welcher die Blicke des kleinen Mannes mit einer verwunder⸗ ten Neugier im Gemache umher gewandert waren: Meine Zeit iſt ſehr beſchränkt. Ich glaub's, ſagte Herr Kempe; ich glaub's; Sie wohnen hier ſehr ſchön, ſehr ſchön; im Dresdener Schloſſe iſt's nicht ſchöner! Sie haben ſicher nicht, mir dieſe ſchätzenswerthe Mittheilung zu machen, die Reiſe hieher unternommen. — —— Nein, ſicher nicht, gewiß nicht, erwiederte Herr Kempe, aber das ſagt man doch unwillkürlich, wenn man ſo was ſieht; das muß freilich ein Heiden⸗ geld koſten. Und— ich erlaube mir noch einmal zu be⸗ merken, daß meine Zeit ſehr beſchränkt iſt— der Zweck Ihres Beſuches? Dem kleinen Manne mußte bei dieſer Frage nicht wohl ſein. Er rutſchte auf ſeinem Stuhle hin und her und riß wie in Verzweiflung an dem dicken rothen Shawl, der ſich dadurch nur noch feſter ver⸗ knotete. Der Zweck meines Beſuches? Ei, Herr— Doctor, muß ich ja auch wohl ſagen, obgleich ich Ihr Pathe bin und immer meine Pathepflichten gegen Sie gewiſſenhaft erfüllt zu haben glaube— und ich habe es doch auch ſpäter an Nichts fehlen laſſen, ſondern etwa mehr gethan, als wohl mancher Andere an meiner Stelle gethan haben würde, weſſen ich mich indeſſen nicht weiter berühmen, ſondern hier wie alle Wege ſagen und bekennen will: Gott allein die Ehre! Und ich wüßte nicht, daß meine liebe Selige anderen Sinnes geweſen wäre und früher 90 oder ſpäter nicht als rechtſchaffene Frau und Chriſtin an Ihnen gehandelt hätte, als ſie damals unſer Kind nicht ein paar hundert Meilen weit in das ſündhafte ausländiſche Babel ziehen laſſen wollte; und was meine Chriſtiaue betrifft— meine arme, unglückliche Chriſtiane— Der alte Mann trocknete ſich mit dem baum⸗ wollenen Taſchentuche die kahle Stirn und fuhr ſich über die Augen, die, ſobald er ſeiner Tochter Namen ausgeſprochen, wunderlich zu zwinkern begonnen hatten. Wild hatte den Kopf in die Hand geſtützt und blickte auch nicht auf als Herr Kempe ſchwieg. Der alte Mann that ihm leid— er hätte ihm gerne den Schmerz erſpart, aber es mußte eben ſein. Wie ſollte er es ihm ſagen? 8 Er erhob ſich und trat an das Fenſter, wie er es zu thun pflegte, wenn er ein fehlendes Glied der Gedankenreihe, den rechten Ansdruck nicht finden konnte.— Auf der anderen Seite der heute faſt leeren Straße ging ein Mann, der den Hut tief in das Geſicht gezogen und den Rocktragen aufgeſchla⸗ gen hatte. Der Mann ging langſamen Schrittes, wie Jemand, der auf einen Anderen wartet, und — 91 jetzt wandte er ſich um und kam wieder zurück, einen verſtohlenen Blick nach dem Fenſter hinauf werfend, und, als er ihn dort ſtehen ſah, den Hut noch tiefer in die Stirn ziehend und ſeine Schritte beſchleu⸗ nigend, nach der Ecke der nahen Querſtraße, hinter welcher er alsbald verſchwand⸗ Dennoch hatte ihn Wild's ſcharfes Auge erkannt. Ein finſteres Lächeln flog über ſein Geſicht und ſeine Stimme klang ſcharf und rauh, als er jetzt mit verſchränkten Armen vor dem alten Manne, der noch immer an ſeinem ſtumpfen Näschen wiſchte, ſtehen blieb. Und wie, hat Ihnen nun der brave Weikert geſagt, daß Sie nach dieſer rührenden Einleitung zum Thema übergehen ſollen? Weikert! rief der alte Mann, erſchrocken zuſam⸗ menfahrend. Derſelbe! Oder ſollte er aus purem Zufalle da unten patrouilliren, während Sie mir hier oben eine Vorleſung über meine Pflichten halten, die in eine Drohung übergehen wird, ſobald Sie merken, daß die Lamentationen und die Thränen nicht verfangen wollen! Nicht wahr, verehrter Herr Kempe, das 92 klingt ſehr hart; aber Sie haben es ſich ſelbſt zu⸗ zuſchreiben. Wären Sie allein gekommen— ich hätte Ihnen auch dann geſagt, was geſagt werden muß, ganz gewiß; aber es wäre mir doch ſchwer geworden und ich hätte es Ihnen milder geſagt; jetzt wo Sie ſich von dieſem Menſchen begleiten laſſes und ſicher nicht blos begleiten laſſen; jetzt, wo Sie in dieſe Angelegenheit, die, ſo ſchmerzlich ſie für uns Alle iſt, doch unſere und nur unſere iſt und bleiben muß, dieſen Menſchen hineinblicken und hinein reden laſſen, von dem Sie wiſſen müſſen und wiſſen, daß er ein Bube und ein Schurke und mein ſchlimmſter Feind— Herr Kempe, ich meine, wir können jetzt gleich mit dem Ende anfangen, und da erlauben Sie mir denn, Ihnen zu ſagen, daß ich Ihr Fräulein Tochter nicht heirathen will und werde, weder jetzt, noch ſpäter, und nun haben Sie die Güte und ſagen Sie mir ohne Umſchweife, welche Bedingungen mir in dieſem Falle aufzuerlegen, Sie von Herrn Weikert inſtruirt ſind. Der kleine Mann ſchien, während die Feuer⸗ augen des Doctors auf ihn herabblitzten, noch kleiner zu werden. Sein kahles Köpfchen war, als gälte 6 ——ene 93 es, ſich vor einem Ungewitter zu ſchützen, beinahe ganz in den Falten des rothen Shawls verſchwun⸗ den; zuletzt war er von dem Stuhl herabgeglitten und ſtand, an allen Gliedern zitternd, vor Conrad. Sie wollen alſo Chriſtiane nicht heirathen? brachte er endlich heraus. Ich glaube es deutlich genug geſagt zu haben. Und— und auch nicht, wenn wir— ich Sie wegen gebrochenen Ehegelöbniſſes belange? Seltſamer Weiſe auch dann nicht. Und— und Sie wiſſen, daß Sie meiner Chriſtiane viertauſend Thaler ohne die Zinſen im Laufe dieſer acht Jahre ſchuldig geworden ſind. Sie werden nicht verlangen wollen— Der Himmel ſoll mich bewahren! im Gegentheil, ich hoffe in kürzeſter Friſt im Stande zu ſein, die genannte Summe Ihnen oder vielmehr Ihrem Fränlein Tochter mit Zins und Zinſeszins zurück zu zahlen. Wir nehmen doch den höchſten Procentſatz, nicht? In kürzeſter Friſt, ſagen Sie, wann wäre das wohl? Vielleicht morgen; möglicher Weiſe ſchon heute — onderenfalls in ſechs bis acht Wochen gewiß. —— klingt ſe zuſchreik hätte J muß, geword 94 Doctor Wild war an ſeinen Arbeitstiſch ge⸗ treten und hatte in ſeinen Papieren zu kramen be⸗ gonnen; er ſprach die letzten Worte in ruhigſtem, faſt nachläf gewandt. und den U und hielt d ſigem T. e und halb über die Schulter Herr Kempe wühlte durch den Shawl eberrock nach etwas in ſeiner Bruſttaſche abei unverwandt die zwinkernden Augen auf Wild gerichtet, als täme Alles darauf an, daß er bei dem, was er jetzt that, nicht beobachtet würde. Er Portefeuille ſelben Forn ſelben unter mehreren anderen Papieren von idlich hatte er die Brille und das dicke glücklich herausgelangt und aus dem⸗ dem⸗ tat einen länglich ſchmalen Streifen ge⸗ nommen, welchen er, ſich vorſichtig nähernd, faſt unter Wild's Arm Tiſch legte. Es iſt ſagte er. Geniren durch vor Jenen auf den nur um Lebens⸗ und Sterbenswillen, Sie ſich ja nicht, erwiederte Wild, einen flüchtigen Blick auf das Papier werfend: Vier⸗ tauſend und ſo weiter— ſehr ſchön, hier! Er hatte ſeinen Namen auf den Wechſel ge⸗ ſchrieben und reichte das Papier rückwärts an Herrn Kempe, der es zu den übrigen von demſelben Format legte. Und das wäre ja wohl Alles, was wir mit einander zu beſprechen hätten. Ja— das heißt— ſtotterte Herr Kempe. Dann habe ich die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen. Der Doctor hatte ſich ſo plötzlich umgewandt; Herr Kempe, der eben jene anderen Papiere aus der Brieftaſche genommen, legte dieſelben ſchnell wieder hinein; faſt wäre ihm vor Schrecken die Brieftaſche ſelbſt aus den Händen gefallen.— Und dann ſtand er auf der Straße und ſah ſich nach Herrn Notar Weikert um, der verſchwunden war und ihm jetzt in der Quer dſe aus einer tiefen Thorfahrt entgegen trat. Es zog da ſo, ſagte Herr Weikert. Nun? Es iſt ein entſetzlicher Menſch, erwiederte Herr Kempe, der ganz verſtört ausſah; ein entſetzlicher Menſch! Uueber das ſchmale Geſicht des Notars zog ein höhniſches Lächeln. Ein wenig ungeberdig? wie? ich hatte Sie ja ingt ſe hniß hätte 7 muß, zu machen; noch dazu alte Schuld, zu bezahlen hat. gehabt, daß wäre Ihrem Rathe nicht wäre zu Hauſe geblieben darauf vorbereitet; genug zahm machen. wechſel? Gar wenn er nur unterſchrieben hat.— die anderen? he? Die anderen? ich — ich— wir wollen den Burſchen bald Was ſagte er zu dem Sicht⸗ 85 Meinetwegen, — ich kam gar nicht dazu ₰ Der Notar war ſtehen geblieben Herrn Kempe in das blaſſe, verſtörte Geſicht: Kamen nicht dazu? Herr, ſind Sie bei Sinnen? auf der Stelle gehen Sie zurück! Nicht um alle Welt! ſchrie Herr Kempe ſo laut, daß ein paar Vorübergehende ſich umblickten. Still, ſagte der Notar; Leute. So geben Sie mir; gnügen daraus. Das iſt es eben, wimmerte der kleine Mann; es iſt unchriſtlich, ſich aus ſo etwas ein Vergnügen „wenn man, ſo zu fagen, und ſtarrte es hören Sie ja die ich mache mir ein Ver⸗ wie Sie, eine an den Betreffenden Und er hat es gleich heraus Sie dahinter ſteckten; ich wollte, ich gefolgt; ich wollte, ich „oder wäre wenigſtens in w a meinem alten Gaſthof eingekehrt, und nicht, weil cht⸗ Ihnen das bequemer war, in dem Wilden Mann, nur der ſeinem Namen Ehre macht daß ich die ganze Nacht kein Ange zugethan e, wovon mir ganz zu wüſt im Kopfe iſt, und ich kaum weiß, was ich ſpreche oder thue. te Es ſcheint ſo, ſagte der vcotar, und dor Sie t denn meiner Dienſte nicht mehr bedürfen— 5 Er lüftete den Hut; Herr Kempe hielt ihn am Rockſchooß und rief mit kläglicher Stimme: Sagen Sie mir doch wenigſtens, was ich nun mit den anderen Wechſeln anfangen ſoll? Stecken Sie ſich das nächſte Dutzend Pfeifen damit an, erwiederte der Notar mit hämiſchem Lachen. Ich habe die Ehre— Er ging, aber nun ein paar Schritte, dann trat er wieder zu dem kleinen Mann, der auf der⸗ ſelben Stelle ſtehen geblieben war, und ſagte: Sie haben es freilich nicht um mich verdient und Ihr Fräulein Tochter auch nicht; aber ich bin nun ein⸗ mal ein guter, dummer, uneigennütziger Kerl und— was lamentiren Sie nur! Er will Fräulein Chriſtiane nicht heirathen— das thut mir um Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 98 Fräulein Chriſtianen's willen ſehr leid, unbeſchreib⸗ lich leid; aber ich hatte es Ihnen vorhergeſagt. Man kann nicht Alles zu gleicher Zeit haben, und Sie für Ihr Theil haben nun das Geld. Begreifen Sie denn gar nicht— aber was ſoll ich Ihnen das Alles noch einmal auseinanderſetzen? Kommen Sie! Wohin! Der Notar rief einen Fiaker an: Zu Goldheimer Sohn, in der— Weiß ſchon, ſagte der Kutſcher. eib⸗ tan Sie ifen nen nen ner v. Auch Herrn Guido Goldheimer hatte der Morgen vielfache Aufregungen, zum Theil der peinlichſten Art, gebracht. Er pflegte ſonſt in ſeinem Cabinet, aus welchem man durch eine Thür mit matt ge⸗ ſchliffenen Scheiben in die Comptvirs gelangte— eine zweite führte auf den ſäulengeſchmückten Flur des Wohnhauſes— erſt um elf Uhr zu erſcheinen; heute hatte der erſte Procuriſt, Herr Samueli, deſſen Pult unmittelbar neben der Fenſterthür ſtand, den Chef bereits um zehn gehört, aber vergeblich auf das Zeichen geharrt, das ihn herein rief. Er wollte noch fünf Minuten warten und dann ſelbſt an⸗ klopfen; es war heute zu viel zu thun. Unterdeſſen ſchritt Herr Goldheimer haſtig in dem Gemache auf und nieder, von dem Kamine in der Tiefe des Zimmers, auf deſſen Sims eine prachtvolle Stutzuhr ſtand, bis zu dem großen Geld⸗ ſchrant— einem Meiſterwerke der Schloſſer⸗ und Stahlarbeiterkunſt— zwiſchen den beiden Fenſtern, über welchem eine ſchöne Marmorbüſte des Landes⸗ herrn von einem Ebenholz⸗Conſol herabſchaute. Ein paar Mal blieb er ſtehen und ſtarrte auf das bunte Muſter des dicken türkiſchen Teppichs, ober blätterte mechaniſch in den Brieſſchaften, die auf ſeinem Ar⸗ beitstiſch geordnet lagen, oder in den Zeitungen auf dem Conferenztiſch in der Mitte, und ſetzte dann ſeine Wanderung wieder fort, um am Kamin vor der Uhr, deren Zeiger mit grauſamer Gleichgiltig⸗ keit vorwärts rückte, einen Plan zu faſſen, den er bereits eine halbe Minute ſpäter vor dem Geld⸗ ſchrank wieder aufgab. Es war eine abſcheuliche Situation. Auf zwölf hatte Wild ſich angeſagt — er ſelbſt wollte ſich verleugnen laſſen— natür⸗ lich! und— ſo viel hatte er wenigſtens von Me⸗ lanie erlangt, daß auch ſie nicht zum Vorſchein kommen würde; aber was war damit gewonnen? Eine halbe Stunde ſpäter ſollte Herrn Silber⸗ mann's Kabriolet vorfahren; Vater und Sohn würden ausſteigen, der Vater, um zu ihm in ſein Cabinet, — ——— 101 der Sohn, um nach oben zu den Damen zu gehen; fünf Minuten darauf würde Eugen in dem Cabinet erſcheinen, um den beiden Vätern zu melden, daß er ſein Jawort habe, und die drei Herren wollten dann zuſammen nach der Börſe fahren, ihre— jetzt gemeinſchaftlichen— Geſchäfte abzumachen. Was ſollte es nun werden, wenn Melanie alles Ernſtes im entſcheidenden Augenblick Nein ſagte, wie ſie es eben geſagt, und wieder geſagt, obgleich er ſeine ganze Beredtſamkeit aufgeboten, ihr ſeine Lage— viel ver⸗ zweifelter, als ſie in Wirklichkeit war— vorgeſtellt; und ſeine Frau hatte dabei geſeſſen und das Taſchen⸗ tuch nur von den Augen gebracht, um einmal: quäle unſer Kind nicht! und das andere Mal: Du wirſt dem Vater das nicht anthun! zu ſagen, und dann hinter dem Taſchentuch weiter zu ſchluchzen. — O dieſe Weiber! dieſe Weiber! daß man ihnen ſo viel Rechte eingeräumt hat! daß man überhaupt nur fragt, und thut, als ob ſie einen Willen, einen vernünftigen Willen hätten! Und es konnte ja auch ihr Ernſt nicht ſein! Melanie, ſeine kluge Melanie, die immer den Nagel auf den Kopf traf, die in ſchwierigen Geſchäftsfragen, welche er ihr im Scherz 102 vorlegte, wie ſpielend ſich zurecht fand— ſie könnte wirklich, einer romantiſchen Grille willen— Herr Goldheimer, der zuletzt, einem Raubthier im Käfig gleich, eiligen, ſchleppenden Schrittes mit ſcharfen Wendungen hin und her gelaufen war, blieb abermals ſtehen und ſtampfte mit dem Fuß.— Ich haſſe ihn, den hochmüthigen Menſchen mit den ſtolzen blauen Augen— dieſen langbeinigen, breitſchulterigen Germanen, der auf uns, wie auf Sclaven, wie auf eine niedrige Kaſte, herabſieht, und uns eine über⸗ ſchwängliche Ehre zu erweiſen glaubt, wenn er uns wie ſeines Gleichen behandelt. Seines Gleichen! wer iſt er denn, daß er auf uns herabſehen könnte! Wenn er noch einer von ihrem Adel wäre, von den Junkern einer, deren Väter unſere Väter geknechtet und gemartert haben— es wäre ein Stolz, ſagen zu können: Mein Herr Baron, oder mein Herr Graf, es iſt allerdings ein wenig gegen meine Grundſätze und Ueberzeugungen, indeſſen, da Sie ohne meine Melanie— und ſo weiter!— es wäre doch etwas! Aber dieſer Schulmeiſterſohn, dieſer Demokrat, dieſer Atheiſt, dieſer Schwindler— der Menſch iſt ein Schwindler— woher nimmt er die ———— —— — — Mittel zu ſeinem Aufwande?— wenn ich nur ſeine Vergangenheit, ſeine Verhältniſſe— aber das iſt ja alles zu ſpät, viel zu ſpät; ich hätte vor einem halben Jahr daran denken ſollen— halb elf! Was wollen Sie? Herr Samueli, nachdem er mehreremals ver⸗ geblich geklopft, hatte ſich erlaubt, die Thür zu öffnen, ohne das Herein! des Herrn Goldheimer ab⸗ zuwarten, da eine ganze Reihe von äußerſt wich⸗ tigen Sachen vorläge, deren Entſcheidung er ganz unmöglich auf ſeine Verantwortung nehmen könne. Herr Samueli wußte ſich heute in ſeinen Chef nicht zu finden. Auf ſeine Mittheilung, daß die Kaſſe zur Ausgleichung der bewußten Differenz und zur Auszahlung der fälligen Coupons der beiden ruſſiſchen und der drei amerikaniſchen Bahnen noch mindeſtens hunderttauſend brauche, hatte Herr Gold⸗ heimer mit einer gewiſſen Gereiztheit: das weiß ich ſo gut wie Sie! geantwortet, und bei andern Fragen, die allerdings weniger brennend, aber doch noch hinreichend dringend waren, entweder ganz ge⸗ ſchwiegen, oder die Achſel gezuckt und ungeduldig ausgerufen: weiter, weiter! was kommen Sie mir 104 mit dieſen Bagatellen; machen Sie das doch, wie Sie wollen! weiter; weiter! Ich hätte für den Augenblick nichts weiter vor⸗ zutragen, ſagte Herr Samueli, ſeine Papiere zu⸗ ſammenlegend, außer daß ich heute Morgen an Fräulein Chriſtiane Kempe aus Oſchatz ihr Ultimo März vor zwei Jahren frei gewordenes und für ſie bereit liegendes Depot von Zehntauſend ſammt den aufgelaufenen Zinſen der letzten drei Jahre ausge⸗ liefert habe. Die Dame hat ſich von Kreppelmann vecognosciren laſſen; war mir übrigens ſelbſt noch wohl erinnerlich, da ſie mit ihrem Vater vor drei 5 Jahren einmal im Comptoir war. Der alte Herr Kempe präſentirte bei der Gelegenheit einen Credit⸗ brief für Herrn Doctor Wild, von welchem der Herr Doctor übrigens nie Gebrauch gemacht hat— Und das ſagen Sie mir jetzt erſt, Herr! rief der Banquier, aus ſeinem Seſſel emporſchnellend; ſind Sie bei Sinnen? — Herr Samueli hätte gern erwiedert, ob der Chef ſich nicht vielleicht in dem Subject ſeiner Frage geirrt habe; aber er hütete ſich wohl, ſondern that, 6 als habe er nur noch den letzten Befehl gehört, Herrn Kreppelmann, oder Kreppelmännchen, wie ihn die jüngeren Herren ſcherzweiſe unter ſich nannten, zu dem Chef zu beſcheiden. Sie ſollen ſogleich kommen, ſagte Herr Samueli, es iſt, glaube ich, wegen des Kempe'ſchen Depots; ich habe keine Ahnung, was er will; haben Sie eine Ob der alte Mann, der unter den buſchigen, tief in die Stirn herabhängenden, grauen Haaren ihn mit den matten blauen Augen anſtarrte, eine Ahnung von der betreffenden Sache habe oder nicht, mußte für Herrn Samueli unentſchieden bleiben. Wenigſtens autwortete er mit keiner Sylbe, ſondern ſchrieb erſt den angefangenen Satz ruhig zu Ende, wiſchte dann die Feder aus, rutſchte von ſeinem hohen Drehſeſſel herunter und hinkte durch die lange Flucht des Comptoirs nach der Glasthür, die ihm — zu Herrn Samueli's unausſprechlicher Ver⸗ wunderung— von Herrn Goldheimer ſelbſt geöffnet wurde. Das hat man nun von Leuten, die man vierzig Jahre ſchon im Geſchäft hat! herrſchte der Banquier den Eingetretenen an. Zweiundvierzig, wenn es auf mich geht, er⸗ wiederte der alte Mann, und Ihr Herr Vater hat immer freundlich mit mir geſprochen. Herrn Goldheimer's dunkles Geſicht verfärbte ſich. Ich habe keineswegs die Abſicht, unfreundlich gegen Sie zu ſein, lieber Herr Kreppelmann— wollen Sie nicht einen Stuhl nehmen?— aber ich finde es doch auch von Ihnen nicht eben freundlich, wenn Sie,— ein ſo alter, bewährter Mitarbeiter — mir in einer Sache, von der Sie wiſſen, daß ſie mir am Herzen liegt, ſo wenig entgegenkommen. Sie treffen geſtern hier mit dem Herrn Doctor Wild zuſammen; ich ſehe auf den erſten Blick, daß Sie ſich kennen, und daß keinem von Ihnen die Be⸗ gegnung lieb iſt. Als der Doctor gegangen, laſſe ich Sie rufen, bitte Sie, mir zu ſagen, was Sie von dem Herrn wiſſen. Daß ich nicht aus müſſiger Neugier fragte, lieber Herr Kreppelmann, fühlten Sie wohl und Sie theilen mir ja— ich muß jetzt glauben: noch in der erſten Erregung— Einiges mit; nannten unter Anderem auch den Namen unſeres alten Geſchäftsfreundes, des Herrn Thomas Kempe, der an dem Herrn Doctor wie an einem Sohn . 4 —— 107 gehandelt habe, und dem der Herr Doctor eigentlich Alles verdanke; und als ich meine Verwunderung darüber zu erkennen gebe, daß der Doctor nie in unſerer Gegenwart eines ſo intimen Verhältniſſes Erwähnung gethan, zucken Sie die Achſeln, und ich kann weiter kein Wort aus Ihnen herausbringen. Sie wiſſen von nichts, ich ſolle doch den Herrn Doctor fragen; Sie haben auch Herrn Kempe ſeit drei Jahren nicht geſehen— von der Tochter kein Wort. Und heute Morgen führen Sie die junge Dame zu uns, aſſiſtiren ihr bei der Aushändigung des Depot— was ſoll ich davon denken, Herr Kreppelmann? ich habe Sie ſtets für einen ſo braven, wackeren Mann gehalten— halte Sie natürlich noch dafür— Wüßte auch nicht, daß ich etwas gethan hätte, weshalb man mich jetzunder geringer taxiren ſollte; murmelte der Alte. Sie wollen mich nicht verſtehen, erwiederte der Banquier mit einem haſtigen Blick von dem un⸗ beweglichen Geſicht des Alten nach der Uhr, auf welcher der Zeiger mit grauenhafter Schnelligkeit vorwärts rückte— oder Sie verſtehen mich auch vielleicht wirklich nicht; Sie haben, ſo viel ich weiß, nie Kinder gehabt. Und ſo begreifen Sie die Aengſtlichkeit nicht, mit der ein Vater ſich über den Character eines Mannes aufzuklären ſucht— Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet; murmelte der Alte. Sehr ſchön, ſehr wahr! nur für mich nicht recht brauchbar, lieber Herr Kreppelmann! ich will auch gar nicht richten, ich will nur ein Urtheil haben, ein klares, poſitives Urtheil; und wenn nun Jemand, der— der— warum ſoll ich vor Ihnen, dem bewährten Freunde meines Hauſes, ein Geheimniß machen aus einer Sache— Welche die halbe Stadt weiß; murmelte der Alte. Eben deshalb! wenn alſo dieſer Jemand ſeine Vergangenheit, ſo weit ſie ſich eben verbergen läßt, auf das ſorgfältigſte vor uns verbirgt; wenn er die Namen ſeiner alten Freunde und Wohlthäter uns gegenüber niemals über die Lippen bringt; wenn dieſe Freunde, dieſe Wohlthäter ihrerſeits den Mann halb und halb und mehr als halb verleugnen, wien Sie es doch zum Beiſpiel ganz offenbar thun; wenn der brave Herr Thomas Kempe, der früher 109 in jeder Meſſe kam, ſein Conto perſönlich zu regu⸗ liren, ſich jetzt drei Jahre lang nicht hat ſehen laſſen, das heißt: genau ſo lange, als der Herr Doctor in meinem Hauſe verkehrt; und dieſer wiederum von einem Creditbrief, den Thomas Kempe für ihn bei uns— doch gewiß nicht zum Spaß— damals vor drei Jahren präſentirte, niemals Gebrauch macht, niemals ſpricht; und Fräulein Kempe ſich das Legat ihrer Tante, das allerdings ſchon ſeit zwei Jahren fällig iſt, jetzt, gerade jetzt auszahlen läßt, ohne uns auch nur vorher davon zu aviſiren— nun, mein lieber Herr Kreppelmann, Sie werden mir zugeben: es bedarf keines großen Scharfſinns, ſich aus dem Allen eine Geſchichte zuſammenzuſetzen, in welcher der Herr Doctor unter keinen Umſtänden eine ſehr Vertrauen erweckende Rolle ſpielt. Ich muß es natürlich Ihnen überlaſſen, ob Sie mir helfen wollen, die mir bis jetzt noch dunklen Partien dieſer Geſchichte aufzuhellen; aber ſelbſt, wenn Sie es vorziehen ſollten, mir Ihre guten Dienſte zu verſagen— auf die ich doch einigen Anſpruch zu haben glaube— nun denn, Ihr Schweigen iſt ſehr beredt; und ich werde es mir natürlich interpretiren, wie es mir paßt; ob es dem Herrn Doctor eben ſo paſſen wird, iſt freilich eine andere Frage, die ich nicht zu beantworten habe. Der Banquier war aufgeſprungen, ſeine Stirn glühte; er hatte, als er zu ſprechen begann, kaum gewußt, wo er hinaus wollte, und jetzt hatte er durchaus die Empfindung, daß er auf der rechten Spur ſei, daß es vielleicht nur eines ganz unbe⸗ deutenden Fingerzeiges bedürfe, ihn ein gutes Stück weiteß wenn nicht gar an's Ziel zu bringen. Würde ihm dieſer Fingerzeig werden? Seine ſchwarzen Angen hafteten unverwandt an der Geſtalt des Alten, der, den grauhaarigen Kopf in die welke Hand ge⸗ ſtützt, in tiefes Nachdenken verſunken, regungslos vor ihm im Seſſel ſitzen geblieben war. Und jetzt hob der Alte den Kopf; die Augen waren geröthet und hatten einen wunderlich wirren Ausdruck, wie Herrn Goldheimer däuchte, und ſo— wunderlich wirr— klangen auch die erſten Worte, als wenn er mit ſich ſelber ſpräche: Ich kann es nicht; er hat nicht gehalten,— aber er hat doch einmal für die Freiheit gekämpft, gelitten, und er iſt noch immer gut gegen die Armen— und— und— 111 Sein Blick, ſeine Stimme wurde feſter; er be⸗ ſann ſich augenſcheinlich jetzt erſt, daß er ſprach und zu wem er ſprach: Und wenn ſie, die es ganz allein angeht, ihn frei gibt, ganz frei; wenn ſie, das edelherzige Kind — eigens heute Nacht herüber gekommen iſt, ihm das zu ſagen, ihm die Steine aus dem Wege zu räumen, die ihr eigener Vater herbeigeſchleppt— was können wir ſagen, was können wir thun, einen Bund zu hindern, den ein Engel ſegnet? Der Alte hatte das Cabinet verlaſſen; der Bangquier blickte ihm mit finſterer Miene nach. Der Faſelant! daß man ſolche Menſchen um ſich duldet, die unſere Feinde ſind und bleiben und wenn ſie vierzig Jahre unſer Brod eſſen. Das hängt zuſammen wie die Kletten! Für die Freiheit gekämpft— gut gegen die Armen!— Larifari! Nonſens! Narren, Narren! und wenn ſie Methu⸗ ſalems Alter erreichen. Und nun das Mädchen gar! das edelherzige Kind, das ihn frei gibt, den ſauberen Herrn! es fehlte mr noch, daß ſie ſelber kommt, ihn Melanie ſelber bringt und ihre Hände in ein⸗ anderlegt! Wie hätte ich das verwerthen können! 112 Ich ahnte es ja, und nun ſchlägt es noch zu ſeinem Vortheil aus: eine verlaſſene Elvire, die ſich aufs Kuppeln legt— dieſe Race iſt heillos! Und was will ſie mit dem Gelde? ihm die Steine aus dem Wege räumen, die ihr eigener Vater— Herr Goldheimer, der ſeine ruheloſe Wanderung wieder begonnen hatte, blieb abermals ſtehen: ihr eigener Vater! alſo doch wenigſtens der! und mit Geld? das heißt, es ſind da alte Verbindlichkeiten, Verpflichtungen, Schulden— ich habe immer geſagt: ſo groß iſt ſeine Praxis noch nicht! im Gegentheil! er treibt den Aufwand nur, um möglichſt ſchnell eine große Praxis zu haben. Wenn man ihn da faſſen könnte! ſo ein bischen Bedenkliches, das ſich für den ſoliden Mann nicht ſchickte, den Herrn Doctor ein wenig compromittirte— es iſt ja dum⸗ mes Zeug; aber man würde ein großes Weſen daraus machen können, beſonders wenn der alte Herr ſelbſt— eine pathetiſche Scene— ich Narr! Der Banguier ſchlug ſich vor die Stirn. Es iſt alles zu ſpät! ich kann ihn nicht hier aus dem Teppich ſtampfen; aber ich gäbe— was wollen Sie? 3 Jean hatte eine Karte zu präſentiren; er habe dem Herrn geſagt, daß Herr Goldheimer ſchwerlich 7 t ſprechen ſein würde; aber der Herr mache es ſo dringend. . Der Banquier hatte einen Blick auf die Karte geworfen: Notar Weitert? ſind Sie toll? weshalb weiſen Sie den Menſchen nicht in die Comptvirs? Habe ich auch, gnädiger Herr! habe ihm geſagt, von dieſer Seite würden nur Privatbeſuche gemeldet; aber er ſagt ja: er käme in Privatangelegenheiten; er hat auch ein paar Worte hinten auf die Karte Herr Goldheimer drehte die Karte um: bittet in Angelegenheiten des Herrn Thomas Kempe contra Dr. W... dringend um eine kurze vertrauliche Unterredung. —— Ein freudiger Schrecken durchzuckte den Aufge⸗ regten; die ſchwarzen Augen, die ſich jetzt auf Jean richteten, ſchoſſen Blitze: Was ſtehen Sie noch da? der Herr möchte die Güte haben, einzutreten— hören Sie nicht? Der Banquier hatte ſich an ſeinen Arbeitstiſch geſetzt, und ſchien, als Weikert von Jean eingelaſſen Fr. Spielhagen, ultimo. 2. Auflage. 8 114 wurde, zü beſchäftigt, um ſeine Papiere ſogleich aus der Hand legen zu können; Herr Weikert kaunte das; er hätte die Secunde zu beſtimmen vermocht, wann der kleine, ſchwarze Herr die goldene Lorgnette von der ſtattlichen Naſe nehmen und, ſich zu ihm wendend, nach dem ſchon bereit ſtehenden Seſſel deuten würde. Ich hatte bisher nicht die Ehre? fragte der Banguier. In Ihre Comptoirs haben mich meine Geſchäfte ab und zu geführt, erwiederte der Notar. Die beiden Männer ſahen ſich ein paar Mo⸗ mente ſcharf ſpähend auf Stirn, Mund und Augen, und wandten dann gleichzeitig die Blicke ab. Jeder hatte genug und hatte ſo ziemlich das geſehen, was er erwartet. Und die ungeſchäftliche Geſchäftsſache, welche mir heute die Ehre verſchafft? begann der Banquier von neuem. Bezieht ſich auf dieſe Wechſel hier, erwiederte der Notar, die betreffenden Papiere aus ſeiner Brief⸗ taſche nehmend, im Betrage von zuſammen zehn⸗ tauſend fünfhundert Thalern in verſchiedenen Appoints 115 welche ſämmtlich heute fällig, ſämmtlich von Herrn Doctor Wild acceptirt ſind, und von denen ich an⸗ nehme, daß das Haus Goldheimer Sohn ſie nicht ungern discontiren würde. Und woher dieſe Annahme? fragte Herr Gold⸗ heimer. Er ſpielte mit ſeiner Uhrkette; aber die Finger zuckten, und ſo zuckten die Stirnmuskeln über den buſchigen Augenbrauen; Herr Weikert war ſeiner Sache ſo gut wie gewiß. Ich glaube aus Ihrer Frage und noch mehr aus dem Tone derſelben ſchließen zu dürfen, daß ich mich geirrt habe; ſagte er, ſich erhebend, und bitte wegen der verurſachten Störung um Ent⸗ ſchuldigung. Bleiben Sie ſitzen, verehrter Herr, bleiben Sie ſitzen! rief der Banquier; Sie haben mich mißver⸗ ſtanden, vollkommen mißverſtanden! Dann möchte ich, zur Verhütung fernerer Miß⸗ verſtändniſſe, mir den unmaßgeblichen Vorſchlag ver⸗ ſtatten, daß wir ganz offen mit einander ſprechen. Aber, verehrter Herr, ich bitte darum, ich bitte dringend darum! Wollen Sie mir einmal erlauben? 8* Der Banguier ließ die Wechſel, welche ihm der Notar mit dem flüchtigſten Schimmer eines Lä⸗ chelns auf dem ſchmalen Geſichte überreicht hatte, durch die Finger laufen. Es waren bedenkliche, zum Theil abſcheuliche Namen, die ſich da um Wild's Namen geſchaart hatten— wie Dohlen um einen verwundeten Falken— Namen, die in der Praxis anſtändiger Firmen gar nicht vorkamen, und die Herr Guido Goldheimer doch kannte— alle kannte— aus den Chroniken der dunklen Gaſſe, in welcher der Vater Iſaak Goldheimer ſeine dunkle Jugend verlebt. Und eine dunkle, ſehr dunkle Ge⸗ ſchichte war es, die er zwiſchen den kurzen, ver⸗ hängnißvollen Zeilen las, mit denen die Rückſeiten bedeckt waren— die Geſchichte eines Mannes, der ein Spiel ſpielt, das er nicht verlieren darf, weil die Summen, die da auf dem Avers verzeichnet ſtehen, nur der ſcheinbare Einſatz ſind— der wirk⸗ liche Einſatz aber ſeine Ehre, vielleicht ſein Leben. Jo, ſein Leben, ſeine Ehre! Er— Guido Gold⸗ heimer Sohn— hatte ſie jetzt in der Hand, wenn er für ſein Theil das Spiel richtig ſpielte! Und es war ja klar genug vorgezeichnet! Weshalb ſollte —— ————— 8 — 117 der alte Herr Kempe, deſſen Name überall die lange Reihe auf der Rückſeite ſchloß, die Wechſel angekauft haben, wenn nicht, um einen entſcheidenden Einfluß auf Wild zu gewinnen, ihm, ſo zu ſagen, die Be⸗ dingungen dictiren zu können? Weshalb verkaufte er die gewiß nicht mühelos und ohne große Koſten zuſammengekauften wieder? Weshalb hatte er ſich vor Allem noch heute dieſen Sichtwechſel über vier⸗ tauſend Thaler geben laſſen? Doch ohne Zweifel nur, weil der Verſuch mißglückt war, weil Wild— es ſah ihm das ſo ähnlich!— die halb zur Ver⸗ ſöhnung und halb zur Drohung ausgeſtreckte Hand des alten Mannes ſtolz zurückgewieſen, ſtolz in der ſicheren Zuverſicht, er werde ſich heute Mittag das Ja Melanie's und den Segen von Melanie's Eltern holen— leicht, wie man Kirſchen vom Baum pflückt! Ein finſterer Schatten nach dem anderen jagte über Herrn Goldheimer's dunkles Geſicht, während er ſo, combinirend, calculirend, Rache brütend, in den vminöſen Papieren blätterte. Nur Eins war bedenklich— und Herr Goldheimer, der ſich bereits zu dem Notar gewandt hatte, mußte noch einige Unterſchriften prüfen. Es waren dies hier offenbar 118 die Steine, welche ihm der Alte in den Weg gelegt, und„das edelherzige Kind“ wieder weg zu räumen ſo eifrig bemüht war. Zu dem Zwecke hatte ſie ſich ihr Vermögen aushändigen laſſen— ſelbſt die Summen ſtimmten ſo ziem̃lich— und der Herr Doctor würde natürlich, wenn er ſich hier abgewieſen und ſeine ſtolzen Hoffnungen geſcheitert ſah, die Ret⸗ tung„des Engels“ gerne und willig annehmen. Aber mochte er, mochten ſie Alle doch nachher thun, was ſie wollten! Es handelte ſich ja nur um dieſe eine Stunde, die ſich jetzt für ihn entſcheiden mußte. ₰ Hier hatte er es ja Schwarz auf Weiß, daß der e Mann, der in einer Stunde kommen wollte, um die Hund Melanie's zu begehren, ein Schwindler, ein Abenteurer war, den ſein eigener Onkel oder Pflegevater— Gott weiß was— aufgegeben— und die Tochter— von deren Anweſenheit in Leipzig, von deren„edelherzigen“ Abſichten der Vater Kempe und der Notar offenbar keine Ahnung hatten— mun ja, der konnte man getroſt die thränenreiche Elviren⸗ rolle zutheilen, ohne fürchten zu müſſen, daß die Engelflügel ſichtbar würden. Und zahlte und rettete ſie dann wirklich hinterher— deſto beſſer, ſo 119 bekam man ja das Anlagecapital wieder; aber das war für den Augenblick und war überhaupt ganz gleichgiltig. Um dies zu erreichen, was jetzt kein bloßer Wunſch mehr, was jetzt allernächſte Möglich⸗ keit, war keine Summe zu groß! Herr Goldheimer ſchichtete die Papiere, die er ſo ſorgfältig geprüft zu haben ſchien. Ich werde Ihnen die Wechſel discontiren, ſagte er, ſelbſtverſtändlich— Wir haben ſie ſehr theuer gekauft, unterbrach ihn der Notar; die Wechſel des Herrn hatten noch vor einem halben Jahre einen ſehr niedrigen Cvurs —— ————— —, in den betreffenden Kreiſen; in letzter Zeit ſtanden ſie beinahe pari. Es war ein richtiges Speculations⸗ papier. Und man ſoll nicht unrichtig ſpeculirt haben, ſagte der Banguier; ich werde ſie pari nehmen. Herr Samueli, darf ich bitten? Der Procuriſt war eingetreten und bengte ſich ſehr nahe zu ſeinem Chef, während Herr Weikert 1 der Rokokouhr auf dem Kaminſims eine eingehende Betrachtung widmete. Der Banquier gab dem Commis mit halblauter Stimme ſeine Inſtructionen; —— 120 Herr Samueli brachte den Mund an das Ohr des Chefs: Haben Sie die Wechſel ſehr genau geprüft? Der Banquier nickte. Der Herr Notar da iſt ein notoriſcher Lump; ich habe neulich drohen müſſen, ihn durch den Comptoirdiener hinauswerfen zu laſſen. Der Bangquier nickte abermals und ſagte dann laut: Wollen Sie ſo gut ſein, ſelbſt das Nöthige zu veranlaſſen, Herr Samueli? Herr Samueli hatte das Nöthige veranlaßt; der Notar knöpfte ſich den Rock über einem ziemlich umfangreichen Packete zu und nahm ſeinen Hut. Herr Goldheimer begleitete ihn bis an die Thür. Und was ich ſagen wollte, Herr Notar; würde es wohl Ihren Intentionen nicht widerſprechen, wenn ich Sie bäte, mir— aber es müßte freilich ſofort geſchehen— den alten Herrn herzuſchicken, der Sie ſicher hier irgendwo in der Nachbarſchaft erwartet? Ich weiß wirklich nicht— O, Sie finden ihn gewiß, wenn Sie wollen, lieber Herr Notar; und ich— ich würde ſehr dank⸗ bar— ſehr erkenntlich ſein. Sie haben doch Ihre Adreſſe aufgegeben? Ich verkehre gern mit in⸗ 6 12¹ telligenten Männern, von denen man überzeugt ſein kann, daß ſie auch ein halbes Wort verſtehen. Und daſſelbe Intereſſe, welches ich an Dr. Wild und Allem nehme, was ſich auf ihn bezieht, vorzüg⸗ lich auch an den Perſonen, die in ſeinem früheren Leben eine ſo wichtige Rolle ſpielten, wie der brave Herr Thomas Kempe— überdies ja ein alter Kunde von uns— dieſes Intereſſe— Ich verſtehe, ſagte der Notar mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln; nur daß ich nicht weiß, ob die entente cordiale, welche ich zwiſchen Ihnen und dem Herrn Doctor vorausgeſetzt, und, wie ich jetzt ſehe, mit Recht vorausgeſetzt habe, durch die Mit⸗ theilungen der Perſonen, die dem früheren Leben des Herrn Doctors Ich verſtehe, ſagte der Bangquier, ebenfalls eigenthümlich lächelnd; aber was können ſie dem glücklichen Beſitzer jener Papiere— er deutete nach ſeinem Arbeitstiſch, auf welchem die Wechſel jetzt unter einem goldenen Briefbeſchwerer lagen— noch viel Neues erzählen? Man kann nicht wiſſen, ſagte Herr Weikert, die Achſeln zuckend. Nicht genug wiſſen, ſagen Sie lieber! So wüßte ich zum Beiſpiel gern, ob Sie— Sie ſelbſt, Herr Notar, nicht ebenfalls zu denjenigen Perſonen ge⸗ hören, welche den Herrn Doctor gekannt haben, bevor— Bevor er Wechſel— acceptirte? Sie wollten ein anderes Wort brauchen; geniren Sie ſich nicht; zwiſchen Männern von Welt, wie wir, iſt ſolche Gene ſehr unnöthig, ſehr deplacirt. Wenn Sie alſo etwa gegen den Herrn Doctor, um deſſen intime Verhältniſſe Sie ſich doch, mindeſtens in letzterer Zeit, ganz ſpeciell gekümmert haben müſſen— Ich kenne den Herrn bereits ſeit langer— ſeit ſehr langer Zeit. Wir haben zuſammen auf den Bänken derſelben Dorfſchule geſeſſen. Ich hätte es mir faſt denken können; Jugend⸗ freundſchaften ſind unverwüſtlich. Derſelben Dorf⸗ ſchule? in der That! und da haben ſich die Herren ohne Frage ſpäter noch oft genug im Leben getroffen; man begegnet ja den lieben Jugendfreunden auf Tritt und Schritt. Freilich! und ſo war ich auch neunundvierzig ſehr — 123 liirt mit Conrad Wild— in Dresden. Sie kennen die Rolle, welche er damals geſpielt hat? Der Banquier zuckte ungeduldig mit den Achſeln. Pah! ſagte er; man iſt ja amneſtirt; und ſo ein paar Jahre Zuchthaus, die man nie abſitzt, geben dem Manne in den Augen mancher Leute noch ein gewiſſes Relief. Etwas aus jüngſter Zeit, mon cher! eine kleine liaison dangereuse mit einer Dame aus der Geſellſchaft— ein junger, unverheiratheter, vielbeſchäftigter Arzt— Um des Advokaten dünne Lippen ſpielte ein böſes Lächeln. Ich werde damit ſchwerlich dienen können; ſagte er; ich gehöre nicht eigentlich zur Geſellſchaft; wenig⸗ ſtens mache ich keine Anſprüche darauf, wie mein genialer Freund, dem es freilich nicht zu verdenken iſt, wenn er derjenigen Geſellſchaft, in welche er durch ſeine Geburt gehört, durch ſeine Verwandtſchaft, durch alle Bande, die ſonſt dem Menſchen heilig ſind— Den Rücken wendet! Natürlich! natürlich! Der arme alte Herr Kempe! und hat es ſich ſo viel koſten laſſen! Freilich, was thut ein Vater nicht 124 für ſein Kind, noch dazu, wenn es, wie es ſcheint, ſein einziges iſt. Sie ſcheinen vortrefflich unterrichtet, Herr Gold⸗ heimer. Ein ganz klein wenig, nur ſo eben, was man für's Haus und im Hauſe braucht; ſagte der Ban⸗ quier, ſich die Hände reibend; man hat doch ſchließ⸗ lich ſeine Augen, um zu ſehen; und da ſieht man denn Manches— Manches, zum Beiſpiel, daß der Geſchmack von Fräulein Kempe in gewiſſen Dingen, oder für gewiſſe Perſonen— nun, nun, lieber Herr Notar, dies iſt eine vertrauliche, ganz vertrau⸗ liche Unterredung. Der Geſchmack junger Damen iſt ja auch, Gott ſei Dank, variabel; es läßt ſich da viel thun, wenn man nur die rechten Mittel kennt; und was die Wechſel hier von unſerem gemein⸗ ſchaftlichen Freunde betrifft, ſo ſind ſie ja— unter uns— faul, ſehr faul; aber doch nur vom kauf⸗ männiſchen Standpunkt— vielleicht haben Sie noch andere, bei denen eine kleine Ungenauigkeit, eine geiſtreiche Extravaganz, ein geniales Quiproquo, wiſſen Sie— nun, lieber Herr Notar, vielleicht beſinnen Sie ſich, und unterdeſſen ſchicken Sie 125 mir den alten Herrn; und halten Sie ſich heute Nachmittags in Ihrer Wohnung, oder beſſer: ſprechen Sie ſo gegen fünf noch einmal vor, und laſſen Sie ſich wieder direkt bei mir melden; ich werde um die Zeit vorausſichtlich Ihrer ausgezeichneten Dienſte abermals bedürfen. Die Mahagonithür war hinter dem Notar ge⸗ räuſchlos ins Schloß gefallen; Herr Guido Gold⸗ heimer rieb ſich die Hände: Dummköpfe ſind ſie Alle, auch die Klügſten! Welch albernes Geſicht der Menſch machte! Er glaubte, mit mir ſpielen zu können und ich habe mit ihm geſpielt, ihn ſo im Kreiſe herumgedreht, daß er nicht mehr weiß, was rechts oder links iſt. Deſto beſſer; deſto ſicherer kann ich mich darauf verlaſſen, daß er thut, was ich will. Der Banquier ging wieder auf und nieder, aber nicht mehr mit dem dumpfen, ſchleppenden Raub⸗ thierſchritt von vorhin; die Lackſtiefel traten ſo feſt auf, daß es ſelbſt auf dem dicken türkiſchen Teppich ein Geräuſch gab, und das ſchwärzliche Geſicht, das ſich jetzt in dem Spiegel beſchaute, ſah ordentlich wie verjüngt und beinahe hell aus, wurde aber ———— 126 ſofort wieder mehrere Jahre älter und dunkelte ſtark ein, als es ſich dem Zifferblatte der Rokokouhr auf dem Kamine gegenüber befand. Schon halb Zwölfl Der Sieg war ja jetzt ſo gut, wie gewiß; aber doch immer noch nicht gewiß; und wie ſchnell war eine Stunde vergangen, obgleich man es auf der anderen Seite auch wieder als ein Glück betrachten mußte, daß für irgend welche ungeſchickte Zufälle, die das Spiel durchkreuzt hätten, eigentlich gar keine Zeit blieb. Das reine Blindekuhſpiel! Dort die edel⸗ herzige Tochter, die es ſich hinter dem Rücken des Vaters 10,000 Thlr. koſten ließ, dem ſauberen Herrn Bräutigam eine andere Frau zu verſchaffen; hier der biedere Vater, der, ohne Wiſſen der Tochter, eben ſo viel riskiren wollte, den wackeren Schwiegerſohn zurückzukaufen, aber doch ſchlau genug war, ſich nach Deckung unzuſehen in dem Momente, wo der Handel bedenklich wurde. Dann der abge⸗ wieſene Liebhaber, der ſeinen Rivalen erſt einmal in Wechſelarreſt bringen will, um freie Bahn zu haben. Prächtig, prächtig! wie das Alles paßt, ineinandergreift, welch Capital daraus zu ſchlagen 127 iſt. Das wird der alte Eſel ſein— mein lieber, mein würd'ger, mein beklagenswerther Freund! Herr Guido Goldheimer war dem Vater Chri⸗ ſtianen's, welcher von Jean eben faſt zur Thüre hineingeſchoben war, mit weit ausgeſtreckten Händen entgegengegangen, und hatte ihn jetzt in einen Fau⸗ teuil gedrückt, um unmittelbar vor ihm ſich auf den Rand eines anderen Fauteuil zu ſetzen, und, indem er die kalten, zitternden Hände des alten Mannes noch immer feſt hielt, abermals zu rufen: Mein vortrefflicher, unglücklicher Freund! ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſchmerzlich ich bewegt bin, daß wir uns nach drei langen Jahren ſo— unter ſo betrübenden Verhältniſſen wieder ſehen müſſen! Und doch bin ich froh, daß ich Sie ſehe, froh, daß ich Sie endlich habe, den Einzigen, dem ich mein übervolles Herz ausſchütten darf, weil er daſſelbe gelitten hat, ja, ich ſehe es, in dieſem Augenblicke noch leidet, was ich gelitten habe und leide! Herr Goldheimer ließ die kalten, zitternden Hände los, um denſelben Gelegenheit zu geben, nach dem baumwollenen Taſchentuche zu greifen und die zwin⸗ kernden Augen zu trocknen. Die Situation ſchien zu erfordern, daß er ſelbſt mit dem weißen Batiſt ſich über das Geſicht fuhr. Ich danke Ihnen, hochgeehrter Herr, ſchluchzte der kleine Mann hinter dem baumwollenen Taſchen⸗ tuch; ich bin allerdings in einer entſetzlichen Lage und weiß noch gar nicht, ob ich nicht gezwungen ſein werde, aus unſerer Reſſource auszuſcheiden. Und wie ich meiner armen Chriſtiane wieder unter die Augen treten ſoll, der ich kein Sterbenswort von dem Allen geſagt habe, ſondern daß ich hierher machen müßte wegen der Roſinen von E. F. Lick Söhne— ſehen Sie, hören Sie, hochgeehrter Herr Goldheimer, mir wird ſelber ganz dunkel vor den Augen, wenn ich blos daran denke; und es iſt gewiß recht ſchön und menſchenfreundlich von Ihnen, daß Sie ſich das zu Herzen nehmen; aber daß Sie das⸗ ſelbe leiden ſollten, was wir leiden, weil er nun Ihr Schwiegerſohn wird, anſtatt unſerer, wollte ſagen meiner, nachdem meine Chriſtiane nicht ge⸗ ruht, bis ihre Mutter, meine gute Seelige, ihr kleines Vermögen, und ſie ſelbſt vom erſten Augen⸗ blicke an die ſämmtlichen Zinſen der Zehntau⸗ ſend von ihrer Tante Martina, die bei Ihnen deponirt ſind, hergegeben bis vor drei Jahren, wo er mit einem Male nichts mehr von uns nehmen wollte, und ich ſagte gleich: Chriſtiane, ſagte ich, Du ſollſt ſehen, nunmehro, da er von Dir nichts mehr nimmt, nimmt er Dich auch nicht— daß Sie darüber ſo ſchrecklich unglücklich ſein ſollten— hören Sie, ſehen Sie, das begreife ich nicht. Der Banquier, der immer noch an ſeiner ſtatt⸗ lichen Naſe herumgewiſcht hatte, blickte mit dem Ausdruck eines ſo großen Erſtaunens auf, daß auch Herr Thomas Kempe ſein ſtumpfes Näschen in Ruhe ließ und ſeinerſeits erſchrocken den Banquier anſtarrte. Begreifen Sie nicht? ſagte der Banquier in ge⸗ dehntem Ton, dann nehmen Sie an, daß meine Tochter kein Herz hat, daß es ihr gleichgiltig iſt, ob der Mann, den Sie denn doch— aber wäre es möglich, daß Sie mich, daß Sie uns für fähig halten, aus dem Unglück einer ſo braven Familie Vortheil zu ziehen? daß— Der Banquier ſchien vergeblich nach Worten zu ſuchen; den kleinen Mann beſchlich eine dunkle Em⸗ pfindung, daß er dem Herrn Goldheimer Sohn irgend wie ein großes Unrecht gethan habe. Fr. Spielhagen, ultimo. 2. Auflage. 9 130 Der Herr Weikert, ſtammelte er— Soll ich einen Fremden in mein Herz ſehen laſſend rief der Banquier mit einer pathetiſchen Handbewegung nach einem der zwei Diamantknöpfe, die auf ſeiner Chemiſe funkelten; und auch er würde mich verſtanden haben, wenn er mich hätte ver⸗ ſtehen wollen; wenn unſer inniger Wunſch, den jungen Mann zu ſeiner Pflicht zurückzuführen, rea⸗ liſirt werden könnte, ohne daß der Herr Advokat ſelbſt auf gewiſſe Hoffnungen, Pläne verzichten müßte, die übrigens durchaus ehrbar, durchaus loyal ſein mögen. Aber daß Sie— Sie— Warum haben Sie denn meine Wechſel discon⸗ tirt? rief Herr Kempe ganz verzweifelt. Der Buſen des Banguiers wurde von ſtolzem Unwillen ſo geſchwellt, daß jetzt auch der dritte Dia⸗ mantknopf aus der ausgeſchnittenen Weſte auftauchte. Das Haus Goldheimer pflegt das Vertrauen, mit welchem man es betraute, nicht zu täuſchen! ich würde die Schulden des Herrn Doctor bezahlt haben, und wenn ich anſtatt zehntauſend— Sechstauſend, ſagte Herr Thomas Kempe. Mit Ihrem Sicht⸗Wechſel von heute— 131 Der kleine Mann ſprang von ſeinem Stuhle auf: Den nicht, den nicht! rief er ganz außer ſich. Ei, Herr Jeſus, wie kommt denn der dazwiſchen! ei, Herr Jeſus! den muß ich wieder haben! das würde mir meine Chriſtiane im Leben nicht ver⸗ geben, wenn ich den aus den Händen ließe! Sie weiß ja, ſo wie ſo, nichts davon, das arme Kind — ich habe ja Alles, ſo zu ſagen, auf meine Kappe genommen; und es ſollte ja auch nur eigentlich eine Drohung ſein, ein letzter Verſuch, ſo zu ſagen, dies Felſenherz zu erweichen. Aber, wie er mich em⸗ pfangen hat— ſehen Sie, hören Sie, ich bin kein ſchlechter Menſch, hochverehrter Herr Goldheimer, ich kann Niemand nichts zu Leide thun, und wenn ich einem meiner Lehrlinge mal am Ohr zupfe, dann muß er es ſchon recht ſehr ſchlimm gemacht haben; und nun gar der Conrad, auf den ich immer ſo ſtolz geweſen bin, wenn ich es mir auch nie habe merken laſſen; und wenn er's wollte, ich würde ihm den letzten Groſchen bringen, ſo in meinem Ver⸗ mögen— aber der getretene Wurm krümmt ſich ſchließlich auch, und als ich wieder auf der Straße ſtand— ich weiß noch jetzt nicht, wie ich die Treppe 9* 132 hinunter gekommen bin— und der Weikert mir zu⸗ redete, ich ſolle das ſchöne Geld doch nicht zum Fenſter hinauswerſen und Sie würden für den künf⸗ tigen Herrn Schwiegerſohn gewiß ein Uebriges thun — ich will es Ihnen geſtehen: ich glaubte nicht recht, was mir der Herr Weikert ſchon längſt in die Ohren getuſchelt. Er hat, ſo zu ſagen, eigentlich nie etwas getaugt, und an Conrad, ſagt meine Chriſtiane, hat er damals in Dresden vor ſechs Jahren in der unglücklichen Maigeſchichte wie ein Schelm gehandelt, und, wenn ich ganz aufrichtig ſein ſoll: es hat mich eigentlich gefreut, als ſie ihm neulich, wie er wieder drüben war, einen Korb gegeben; und daß Conrad, wenn er auch, Gott ſei es geklagt, von dem lieben Gott nichts wiſſen will, ein, eine— na, hochverehrter Herr Gold⸗ heimer; es iſt nun einmal nicht anders! Niemand kann über ſeinen Schatten ſpringen, und die vier oder fünf von Ihrer Nation, die in unſerem Städt⸗ chen wohnen— aber ſchließlich glauben wir doch Alle an einen Gott, und hier in Leipzig, und nun gar in Ihrem ſchönen Hauſe— da ſieht es freilich anders aus, und Sie, hochverehrter Herr Gold⸗ —— 133 heimer, zeigen ja auch, daß Sie ordentlich ein chriſt⸗ liches Gemüth haben, und Ihre liebe Frau iſt gewiß ſo, wie Sie, und Ihr Fräulein Tochter— ſiebzehn Jahre, ſagt der Herr Weikert— du lieber Gott, und ſie liebt ihn von Herzen und das Herz bricht ihr, wenn ſie ihn laſſen ſoll, denn— das muß wahr ſein— ſo einen, wie den Conrad, findet man nicht zum zweiten Male, und wenn meine Chriſtiane dies Alles ſo wüßte und hier wäre, hören Sie, ſehen Sie: ich war alle dieſe Zeit und noch geſtern Abend, als ich abreiſte, fuchswild; aber es wäre doch wohl beſſer geweſen, ich hätte auf ſie gehört, und nicht auf den Weikert, der gleich ſchön angefangen, als er mich geſtern Nacht ſtatt in den Grünen Maibaum in den Wilden Mann ein⸗ logirte, wo es noch viel ſchlechter iſt und ein ſolcher Heidenlärm die ganze Nacht, daß ich kein Auge zu⸗ gethan, ſondern immer an die Chriſtiane gedacht habe; und ſehen Sie, hören Sie, jetzunder bin ich überzeugt, ſie würde Ihrem Mädel um den Hals fallen und ſprechen: nimm ihn denn und der gütige Gott möge Euren Bund ſegnen. Amen! Der gute, alte Mann hatte wieder zu dem baumwollenen Taſchentuche ſeine Zuflucht nehmen müſſen. Der Banquier ſecundirte ihm dies Mal nicht mit dem weißen Batiſt. Seine ſchwarzen Augen funkelten vor Verachtung, Aerger und Zorn; das bartloſe Geſicht war wieder ſehr eingedunkelt, und hatte ganz den Ausdruck, als ob Herr Goldheimer Sohn dem Herrn Thomas Kempe anſtatt des alten wollenen Shawls einen neuen hanfenen Strick um den Hals wünſche. Dieſe Schlafmützen ohne Hirn und ohne Galle! dieſe unheilbaren Cretins! Da hatte er den Menſchen kommen laſſen, um ihn vollends in die Rolle des unglücklichen Vaters hinein zu reden, und dann das Treppchen hinauf in den Salon vor Melanie zu bringen— mit dem rothgeweinten Näschen, dem bunten Kattuntaſchentuch in den unbehandſchuhten Händen, dem dicken verknoteten Shawl unter dem hohen Rockkragen aus der Urväter Zeit: ſieh dieſen würdigen Greis, Melanie, den trauernden Vater einer Tochter, welche verzweifelt— und jetzt, jetzt konnte er froh ſein, wenn er den alten Dummkopf aus dem Hauſe hatte, bevor ſein Geplärr noch zu Melanie's Ohren kam. £— Guido, Guido! ertönte eine dumpfe, geiſterhafte Stimme. Herr Thomas Kempe ſah ſich erſchrocken um, und riß die zwinkernden Augen weit auf, als der Bangquier von ſeinem Stuhle emporſprang, nach der Wand eilte und ſein Ohr auf eine ſilberne Muſchel oder etwas der Art hielt, welche aus der Tapete hervorblinkte. Unſere Melanie iſt in Ohnmacht gefallen; ich beſchwöre Dich, komme ſogleich! Der Banquier brachte ſeinen Mund an die Stelle, wo eben ſein Ohr gelegen, und ein paar Töne erſchallten, die ſo gräulich klangen, daß der alte Herr jetzt ebenfalls in die Höhe fuhr, nach ſeiner Mütze griff und eine Minute ſpäter wieder einmal auf der Straße ſtand, ohne zu wiſſen, wie er dahin gekommen. Herr Guido Goldheimer aber rief mit kreiſchender Stimme in das Comptoir, daß er für keinen Menſchen zu ſprechen ſei, und ſtürzte dann die ſchmale Treppe hinauf, welche aus ſeinem Cabinet direkt in das Boudoir ſeiner Frau führte. FE Herr Goldheimer war vorhin, nachdem er ſeine ganze Beredtſamkeit vergeblich aufgeboten, und ſich zuletzt in ſeiner Verzweiflung ſchier wie ein Raſender geberdet hatte, kaum durch die Tapeten⸗ thür aus dem Rothen Salon verſchwunden, als ſeine Gattin das Spitzentaſchentuch von dem weinenden Geſicht nahm und ihr gepreßtes Herz mit einem tief geſeufzten: Ach! Gott ſei Dank! erleichterte. Gott ſei Dank, ſagte ſie noch einmal; dieſe Männer ſind ſo entſetzlich gewaltſam, ſo plump! was mußt Du gelitten haben, Du armes, liebes — mein ſüßes, füßes Kind! Sie war aufgeſtunden und hatte ſich zu Melanie in das kleine halbrunde Sopha dem Kamin gegen⸗ über geſetzt, indem ſie die Hände derſelben in ihre Hände nahm und drückte und ſtreichelte, und ihr — * 137 das dunkle Haar aus der Stirne ſtrich und die ſchönen Augen küßte. Melanie nahm die mütter⸗ lichen Liebkoſangen mit einer Ruhe entgegen, die an Kälte grenzte, und richtete ſich zuletzt ungeduldig aus den Armen, die ſie umſchlungen hielten, auf. Das iſt Alles recht gut, Mama; aber wir kommen damit nicht weiter. Und in einer Stunde, oder ſo, wird Conrad hier ſein. Du hörſt ja, daß der Papa geſagt hat, er ſoll auf keinen Fall angenommen werden. Er wird ſich auch abweiſen laſſen! Frau Goldheimer blickte ihre Tochter erſchrocken an; Melanie's ſchöne Augen waren ein wenig ſeit⸗ wärts und nach unten gewandt mit dem ſtarren Ausdruck concentrirten Nachdenkens. Was iſt nun Deine eigentliche Meinung? ſagte ſie leiſe. Meine eigentliche Meinung? erwiederte Frau Goldheimer verwundert; aber, ſüßes Kind, Du kannſt doch darüber nicht mehr in Zweifel ſein! Ich bin es aber; Du haſt dem Papa das Wort geredet, und haſt dann wieder für mich geſprochen und geſagt, daß ſich Eugen mit Conrad gar nicht 138 vergleichen laſſe; der Papa war ja ganz außer ſich darüber— Es war auch ungeſchickt von mir, rief Frau Goldheimer eifrig; ich hätte es in Papa's Gegen⸗ wart nicht ſagen ſollen. Er dachte dabei gewiß an etwas, woran ich wirklich nicht gedacht hatte— Nun? ſagte Melanie, als die Mama plötzlich ſchwieg. Frau Goldheimer drückte das Tuch gegen die Augen. Das ſind alte Geſchichten, ſagte ſie; ehe Du— bevor ich— ach, liebes Kind, wir Frauen können ja nie thun, was wir gerne thäten; wir ſind ja immer gezwungen, uns in die Verhältniſſe zu ſchicken. Beſonders wir jüdiſchen Frauen! Bei den Chriſten iſt es etwas Anderes; aber ich kann nicht finden, daß es deshalb beſſer wäre. Im Gegen⸗ theil! die Liebe hält auch da nicht vor, und, was übrig bleibt, iſt die Miſere, oder doch Sorge und Einſchränkung und gewaſchene Handſchuhe und das⸗ ſelbe Kleid in drei Geſellſchaften hintereinander; denke doch nur geſtern an die Frau von Wilberg— die alte roſa Fahne, diesmal mit einer Garnitur von Spitzen— unechten natürlich— und ihr Mann iſt —, — ———3 139 Oberſt! Wenn wir unſere Männer nicht lieben, vielleicht nie geliebt haben, ſo können ſie bequem Tauſende ausgeben, wo die armen Menſchen noch keinen Thaler übrig haben; und glaube mir, liebes Kind: das iſt denn am Ende doch die Hauptſache, beſonders, wenn man es von Jugend auf nicht anders gewohnt geweſen. Aber ich denke, erwiederte Melanie,— und ihr Blick war noch immer derſelbe ſeitwärts nach unten gekehrte, ſtarre, nachdenkliche— ich denke, Papa iſt reich; und was er da jetzt von ſeinen Verlegen⸗ heiten erzählt, das ſagt er doch nur ſo, um mich einzuſchüchtern; und— Um Gottes Willen, glaube das nicht, Kind! rief Frau Goldheimer, die Hand Melanie's er⸗ greifend; er hat es mir heute Nächt zugeſchworen; und wenn er es auch ſonſt mit dergleichen ſo genau nicht nimmt, wo es gilt, ſeinen Willen durchzuſetzen — Silbermann hat geſtern bei Tiſch Andeutungen gemacht, Andeutungen, Kind, ich ſage Dir, ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen; es wurde mir ſchon ganz dunkel vor den Augen. Dann iſt doch noch immer Dein Vermögen, 140 Mama; und dann, Mama, es iſt ja wohl möglich, daß Papa augenblicklich ſich in Verlegenheit befindet, aber daß er darin bliebe— nein, Mama, das glaube ich nicht. Silbermann's ſtanden vor ſechs Jahren ganz ſchlecht— ich erinnere mich deſſen natürlich nicht; aber Ihr habt ja oft genug davon geſprochen — und was Herr Silbermann gekonnt hat, das kann Papa auch. Und ſchließlich iſt denn doch noch immer Wild's Praxis Frau Goldheimer öffnete weit ihre Augen: Iſt das Dein Ernſt, Kind! Die paar tauſend Thaler! Du lieber Himmel, die reichen noch nicht zu Deiner Garderobe!. Gott, Mama, das weiß ich Alles, ſagte Me⸗ lanie ungeduldig; aber wenn Ihr Wild gegenüber nichts Beſſeres vorzubringen wißt, als daß Papa ruinirt iſt, hat er doch vollkommen recht, zu er⸗ wiedern: dann habe ich ja mehr als Ihr. Nein, Mama, ſo werdet Ihr mit Wild nicht fertig. Sie hatte ſich aus der Sophaecke erhoben und ſchritt mit geſenkten Augen in dem kleinen Gemache auf und nieder. Die Blicke der Mutter verfolgten —— ———————— — * ——— 3—————— . 141 mit einem Ausdrucke zärtlicher Unruhe die dahin⸗ wandelnde zierliche Geſtalt. Weißt Du, Melanie, ſagte ſie, wenn ich Dich ſo ſehe— kein Prinz wäre für Dich zu gut; und Du haſt auch von jeher gehabt und bekommen, was Du gewollt haſt, und daß Du es in dieſem Falle nicht ſollteſt, mir bricht es noch das Herz; und darin haſt Du ja recht: ſo ſchlimm ſteht es nun wohl nicht mit Papa; und wenn ich mich in Deine Stelle verſetze, ich würde auch lieber mit Wild drei Treppen hoch in einer Miethswohnung leben, ob⸗ gleich ich mir das ganz furchtbar denke, als mit Eugen in ihrer prachtvollen Bel⸗Etage; denn die Eltern wollen ja dann, wie mir Herr Silbermann geſtern ſagte, herunterziehen, wegen der Terraſſe nach dem Garten, weil Frau Silbermann im Sommer möglichſt viel im Freien ſein ſoll, bis ſie nach Iſchl gehen— ach, und da wollten wir uns im Juli Alle treffen; wir und Silbermann's und Ihr; und nun zu denken, daß Alles nur ein Traum ge⸗ weſen iſt! Frau Goldheimer mußte wieder ihre Zuflucht zu dem Taſchentuche nehmen; aber ſie hatte es 142 kaum an die Augen gebracht, als ſie ein lauteres Raſcheln von Melanie's ſeidenem Morgenrock ver⸗ nahm und, aufſchauend, Melanie bereits in der Thür erblickte. Was willſt Du, Kind? Mich anziehen laſſen, erwiederte Melanie; und ich möchte Dir den Rath geben, es ebenfalls zu thun; es iſt bereits elf. Sie hatte es halb über die Schulter geſagt und ſo ruhig, als ob heute Morgen Alles in dem ge⸗ wohnten Geleiſe ſich bewegte! als ob nicht in einer Stunde die Entſcheidung für ihr Leben getroffen werden müßte! Seltſames Kind, murmelte die Mama; wenn ich nur wüßte, was ſie eigentlich will; ſie weiß es gewiß, ſie weiß immer, was ſie will; und immer hat ſie recht. Was ſie wohl heute anzieht? ich will ſie nicht ſtören, aber ich bin wirklich neugierig. Das hellgraue Seidenkleid mit dem viereckigen Ausſchnitt; das Haar auf der Stirn ein wenig ge⸗ krauſt, aber nur ganz wenig, hinten in langen Zöpfen; Alles recht frei und leicht und— luftig. Melanie hatte kindlich ſagen wollen; aber ſo 143 oder ſo, das Wort war nicht über ihre Lippen ge⸗ kommen; und es lag auf ihrem reizenden Geſicht kein kindlicher Ausdruck, als ſie ſich jetzt, während die Kammerjungfer mit dem Arrangement ihres üppigen Haares beſchäftigt war, unverwandten Blickes im Spiegel betrachtete— demſelben großen venetianiſchen Spiegel, deſſen prachtvoller Rahmen ihre ganze Geſtalt umſchloß, und an den ſie geſtern Abend hatte denken müſſen, als Wild's mächtige Augen ſo groß auf ihr ruhten.— Kein Prinz wäre für mich zu gut— wenn er doch ein Prinz wäre, aber ſo— drei Treppen hoch in eine Miethswoh⸗ nung— Sie hüllte ſich unwillkürlich dichter in den wei⸗ chen Frifirmantel, und ihr junges Geſicht wurde ſo düſter, daß die ſchöne Königin im Märchen nicht finſterer geblickt haben kann, da ihr das Spieglein an der Wand die ſchlimme Mär brachte von Schnee⸗ wittchen über den Bergen bei den ſieben Zwergen, die noch tauſendmal ſchöner ſei. Du biſt heute wieder einmal entſetzlich unge⸗ ſchickt, Eliſe! Das arme Mädchen war mit der größten Be⸗ 144 hutſamkeit zu Werke gegangen, aber das aufgelöſte Haar ihrer jungen Gebieterin floß in breiten, glän⸗ zenden Wellen über die Stuhllehne herab bis auf den Teppich; ſie konnte es nicht bewältigen. Ich werde Dich wieder fortſchicken müſſen, rief Melanie und ſtampfte mit einem ihrer kleinen Füße. Riekchen, können Sie mich nicht von der ungeſchick⸗ ten Perſon erlöſen! Fräulein Riekchen's blaſſes Geſicht hatte ſpeben zur Thür hereingeblickt; ſie ſchlüpfte jetzt eilfertig ins Zimmer. 3 Das Kammermädchen war mit Thränen in den Augen gegangen; Fräulein Riekchen hatte leiſe hinter ihr den Riegel vorgeſchoben und kam jetzt, die mageren Hände hoch erhoben, zu Melanie zurück. Ach, mein liebes, gnädiges Fräulein, Sie ſind ja ſo klug, und haben ſich gewiß gleich gedacht, daß ich nicht ſo ohne Urſache gekommen bin! Denken Sie ſich nur— aber ich kann Sie ja dabei immer weiter friſiren; wie neulich Abend als Gretchen? weiß ſchon!— denken Sie ſich, liebes, gnädiges Fräulein, der Jean,— er iſt ja ein Sauſewind, dem man auf den Dienſt paſſen muß, und das 145 Horchen an den Schlüſſellöchern iſt eine Abſcheulich⸗ keit; aber die Leute laſſen es ja nicht und der Jean hat wenigſtens ein wirkliches Intereſſe an ſeiner Herrſchaft und meint es im Grunde gut, weshalb ich ihm denn auch Manches durchgehen laſſe;— und da kommt er eben ganz bleich vor Aufregung und erzählt, er habe unten von einem Mann, dem er es gar nicht angeſehen, fünf Thaler erhalten, daß er ihn dem Herrn melde; und weil ihm das verdächtig vorgekommen, habe er noch ganz beſon⸗ ders aufgepaßt und jedes Wort gehört; und der Herr iſt ein Notar geweſen und es iſt nur von dem Herrn Doctor die Rede geweſen, und es hat ſich um Wechſel gehandelt, die der Herr Doctor aus⸗ geſtellt und nun natürlich nicht einlöſen kann, und Jean ſagt: ſo viel er davon verſtehe, ſei es mit dem Doctor rein aus, und er könne von Glück ſagen, wenn er heute Nacht nicht im Schuldthurm ſchlafe. Ach, liebſtes, beſtes, gnädiges Fräulein, ich bin ja ganz außer mir, wenn ich bedenke, daß Jemand, der auftritt, als wenn ihm die ganze Welt gehöre, keinen rothen Dreier, ſo zu ſagen, in der Taſche hat; denn, denken ſich doch das gnädige Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 10 Fräulein nur, wie er geſtern Abend ſo eilig fortgeht und ihm Jean den Ueberzieher anhilft, fällt etwas heraus— zwiſchen die vielen Kleider— und ſie können es nicht finden, und der Herr Doctor ſagt: laſſen Sie nur, es wird nichts von mir geweſen ſein; und iſt doch von ihm geweſen— heute Morgen hat's der Jean gefunden— ein wunderſchönes, funkelnagelneues Portemonnaie, aber nichts d'rin: keinen Thaler, keinen Groſchen, keinen Pfennig, blos ein paar Viſitenkarten! Da kann man ſich denn freilich nicht wundern, ſagt der Jean, wenn man von ihm heute einen Louisd'or und dann wieder vier Wochen lang nichts bekommt, während der junge Herr Silbermann— Wie viel hat er Ihnen dafür gegeben, daß Sie mir dieſe ſchönen Geſchichten erzählen ſollen? Melanie hatte ſich erhoben; Riekchen legte den Friſirmantel zuſammen mit zitternden Händen, und die dünne Stimme zitterte, als ſie jetzt, die gebrauch⸗ ten Sachen in den Toilettekaſten kramend, erwiederte: Das habe ich nicht um das gnädige Fräulein ver⸗ dient, daß mich das gnädige Fräulein noch immer für nichts Beſſeres halten, als die Anderen. Und 147 wenn man ſo etwas hören muß, da ſollte man ſich doch das nächſte Mal lieber die Zunge abbeißen, als ſie ſich ſo verbrennen; und die Ohren ſollte man ſich zuſtopfen, damit man gar nicht hören kann, was die Leute ſagen, denn was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, und mich geht es doch ſchließlich nichts an, wenn der Herr Doctor bereits eine Braut hat, und nicht erſt ſeit geſtern, ſondern ſeit neun oder zehn Jahren, wo ſie denn freilich nicht mehr ſo jung ſein kann, und ſchön ſoll ſie ja auch nicht ſein, und das bischen Geld, was ſie ge⸗ habt hat, hat er ja auch wohl ſchon verbraucht; und da kann man es dem Herrn Doctor allerdings nicht verdenken, wenn er ſich anderweitig umthut, ſagt die neue junge Putzmacherin, die vorhin hier war, mir meine paar Fähnchen ein wenig aufzu⸗ ſtutzen; und ſie iſt ja auch aus Oſchatz und kennt die ganze Geſchichte. Iſt ſie noch hier? rief Melanie. Sie hatte ſich plötzlich umgewandt, und Riechen hätte vor Schrecken faſt die Kämme aus der Hand fallen laſſen: ſo bleich ſah das gnädige Fräulein aus und ſo funkelten ihre Augen. 10* — ——————— ———— 148 Ich dachte, es käme auf daſſelbe hinaus, wenn ich—— Auf der Stelle ſchaffen Sie mir die Perſon, auf der Stelle! rief Melanie, mit den kleinen Füßen ſtampfend. Um Gott, gnädiges Fräulein, laſſen Sie es mich nicht entgelten! ſtammelte Riekchen; ſie ſah ein wenig leichtfertig aus und es kann ja ſein, daß ſie gelogen hat— Ueber Melanie's bleiches Geſicht zuckte ein un⸗ heimliches Lächeln; aber ſie erwiederte nichts, ſondern deutete nur mit finſter zuſammengezogenen Brauen nach der Thür, von welcher Riekchen eben den Riegel zurückſchob. Elischen, die ſchon vergebens zweimal geklopft hatte, ſchaute herein. Im Vorzimmer iſt eine Dame, die das gnädige Fräulein dringend zu ſprechen wünſcht. Es ſei in einer wichtigen Angelegenheit; ſie meint, das gnädige Fräulein würde ſie wohl annehmen, wenn ich ihren Namen meldete: Fräulein Chriſtiane Kempe— Riekchen ſchlug, in einer blitzſchnellen Wendung nach ihrer Gebieterin, die mageren Hände zuſam⸗ men und die Augen nach oben, als wolle ſie dem — — 149 Himmel dafür danken, daß er in dem rechten Au⸗ genblicke die Rechte geſchickt. Auch mußte ihre junge Gebieterin Blick und Geberde ſofort verſtanden haben, denn ſie wurde wo möglich noch bleicher als zuvor, und dann ſagte ſie ganz ruhig: Ich könnte die Dame am Ende gleich hier empfangen, meinen Sie nicht, Riekchen? Dann, bitte, führen Sie ſie hier⸗ her, Riekchen! Sie ſtand vor dem Spiegel.— Das iſt die Ret⸗ tung; das Andere würde er Alles mit der Fußſpitze fortſtoßen, und wie würde es gar in meinem Munde klingen! Doch dies! es wird mir natürlich das Herz brechen— da iſt ſie! ſchön iſt ſie nicht, wie es ſcheint; aber ſie ſieht wie eine Dame aus. Melanie wandte ſich langſam um und ſah jetzt das Geſicht, das ſie eben im Spiegel beobachtet, unmittelbar vor ſich. Es war noch immer nicht ſchön, doch gewiß auch nicht häßlich und beſonders hatten die großen blauen Augen einen ganz eigen⸗ thümlichen Zauber, obgleich ſie in dieſem Moment wie durch einen Schleier blickten. Aber ſchon im nächſten Augenblicke hob ſich der Schleier und die großen blauen Augen ſchauten ſo warm und mild, 150 und zugleich ſo klar und leuchtend, daß Melanie die langen ſeidenen Wimpern ſenkte, und, auf eine Cau⸗ ſeuſe, die in der Nähe ſtand, deutend, die Dame mit leiſer Stimme Platz zu nehmen erſuchte. Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie hier empfange, ſagte ſie, ſich ein Tabouret heranrückend, meine Bonne iſt ſchuld, die— Chriſtiane hatte ſich, als ſie eintrat, nicht um⸗ geſehen und verwandte auch jetzt keinen Blick von der reizenden Geſtalt, die ſich eben niederließ, leicht und anmuthig, wie ein Vögelchen, das die Flügel zuſammenlegt. Der Schleier wollte wieder über die Augen ſinken, aber hatte ſie ſich denn nicht immer die, die er jetzt liebte, ſchön und anmuthig vorge⸗ ſtellt! und wäre es nicht ſchmerzlich für ſie geweſen, wenn ſie ſie anders gefunden! Ich habe Sie ja nur ſehen und ſprechen wollen, ſagte ſie; Sie kennen— mein Name war Ihnen nicht bekannt? Ich erinnere mich nicht, ſagte Melanie. So komme ich wenigſtens nicht zu ſpät. Denn daß Sie von mir hören würden— in allernächſter Zeit, davon war ich überzeugt, als mein Vater 151 geſtern Abend— aber Sie können das Alles ja gar nicht verſtehen. Ich verſtehe Sie in der That nicht, liebes Fräu⸗ lein, ſagte Melanie; aber ich bitte Sie, ganz frei, ganz offen zu mir zu ſprechen, wie wenn Sie— zu einer Schweſter ſprächen. Sie hatte ſich erhoben und zu Chriſtiane auf die Cauſeuſe geſetzt und bei den letzten Worten— in einer Wallung, die das holde Geſicht wunderbar anmuthig machte— die Hände derſelben ergriffen. Zu einer Schweſter! wiederholte ſie. Chriſtiane hielt die zarten Hände feſt. Ihr Buſen wogte, ihre Augen blickten ſtarr; wehmuths⸗ voll zuckte es um ihren Mund; und plötzlich hatte ſie Melanie unſchlungen und küßte ihr mit leiden⸗ ſchaftlicher Zärtlichkeit Stirn und Augen. Eine Schweſter! ſchluchzte ſie; meine Schweſter: ich will Ihnen ewig dankbar ſein für das Wort, das mir das Siegel von den Lippen nimmt! Jo, nun kann ich ſprechen; nun kann ich Alles ſagen, Alles, denn ich weiß nun, daß Sie mich verſtehen werden, vielleicht ſchon ahnen, gewiß ſchon ahnen, was ich zu ſagen habe! Aber es ſoll doch geſagt 152 —— werden, um der Andern willen, damit Sie ihn ver⸗ theidigen, ihn ſchützen können, wie ich es früher ſo oft gethan, gegen Angriffe, die ja einen Schein von Berechtigung haben— ach! wer begreift ihn denn, wer kann ihn denn begreifen, als wer ihn liebt! Sie trocknete ſich die Thränen ab; und als ſie jetzt, Melanie's Hand wieder nehmend und zärt⸗ lich feſthaltend, zu ſprechen fortfuhr, ſchwebte nur noch ein ſchwermüthiges Lächeln um ihre Lippen. Ich habe ihn geliebt— ich darf wohl ſagen, von dem erſten Augenblicke an, als er— es ſind nun zehn Jahre und ich war damals ſehr jung, noch„ jünger, als Sie— über unſere Schwelle trat. Sein Vater und meine Mutter waren Vetter und Baſe, und mein Vater ſein Pathe, und da kam er denn wohl manchmal in unſer Haus; aber doch auch nur ſelten, denn er war auf ſeinem väterlichen Dorfe im Gebirge in großer Einſamkeit und Armuth aufgewach⸗ ſen— das hatte ihn ſo ſcheu und ſo ſtolz gemacht; und hernach auf dem Seminar hatte er ſich auch ſo wildfremd gefühlt unter all den Betern und Frömm⸗ lern— ſagte er mir ſpäter, als er Vertrauen zu mir gewonnen hatte und mich— liebte. 153 Eine Purpurgluth ſtieg in Chriſtiane's Wangen auf und ſchwand wie Abendſonnenſchein in Sommer⸗ regenwolken. Ich darf es ſagen, jetzt, wo er mich nicht mehr liebt. Jetzt liegt die Welt offen vor ihm, die große ſchöne Welt, die ſeine rechte Heimath iſt; was kann ihm jetzt noch meine Liebe ſein! Damals— ja damals war ich ihm ein Stückchen blauer Himmel, das zu dem Gefangenen durch die Eiſenſtäbe ſeines Kerkers freundlich herniederblickt, ein Vögelchen, deſſen einfacher Sang die dumpfe Stille unterbricht — und, wenn es hoch kam, eine Menſchenſeele, die nicht ganz ſtumm blieb, die doch wenigſtens ein Echo hatte für ſeine Klagen— die Klagen eines leidenſchaftlichen Herzens, das im Takt mit der All⸗ täglichkeit, ja der Gemeinheit ſchlagen ſoll! eines Feuergeiſtes, der gen Himmel loht und an dem die Menſchlein hier unten ihre Süppchen kochen wollen! Ach, Sie lachen nicht, wenn Sie mich ſo reden hören; Sie ſagen ſich: die Arme hat ſo viel über das Alles nachgedacht, hat es ſich nach allen Seiten klar zu machen geſucht, und da ſind ihr denn, wäh⸗ rend ſie es ſo wandte und ſo, allerlei Bilder und S————————— 154 Gleichniſſe gekommen, von denen vielleicht kein ein⸗ ziges ganz zutrifft; aber ich weiß, ich ſehe es an Ihren geſpannten Mienen, an Ihren ſchönen, klugen Augen, mit denen Sie mir die Worte von den Lippen nehmen, daß Sie mich verſtehen: verſtehen, was ich ihm damals geweſen bin, bis der Tag kam, den er ſo lange herbeigeſehnt; bis das Volk aufſtand, ſich ſein gutes Recht mit den Waffen in der Hand zurück zu fordern. Wie hätte er zu Hauſe bleiben können! er, dem ſchon lange der Boden unter den Füßen brannte! und wie hätte er ſich nicht opfern ſollen, er, deſſen Muth keine Gefahr kannte! Er hat für die Sache, die er für die rechte und gute hielt, ſein Leben auf's Spiel geſetzt, und ſie vertheidigt, bis es nichts mehr zu vertheidigen gab, bis Alles ganz verloren und zu Ende war, und er es erleben mußte, daß Menſchen, Freunde— für die er ſeinen letzten Blutstropfen hingegeben haben würde, zu Verräthern wurden an der Freiheit, an der Freund⸗ ſchaft— doch das wiſſen Sie Alles ſicherlich aus ſeinem Munde— ich habe es nur aus ſeinen Briefen; wir haben uns ſeit jenem Maientage, als er mit der Flinte auf dem Rücken über unſere Garten⸗ 155 mauer ſprang, ſich an die Spitze ſeiner Freiſchaar zu ſtellen— ich habe ihn ſeitdem nur einmal wieder geſehen, hier in Leipzig vor drei Jahren— eine kurze, traurige Stunde, an die ich ſelbſt jetzt nur ſchaudernd denken kann. Sie ſtrich ſich mit der Hand über Stirn und Augen! Aber ich bin ja nicht hier, Ihnen das Herz ſchwer zu machen; ich will es Ihnen ja mit Muth füllen, daß es gefeit iſt gegen Alles, was ſie früher oder ſpäter vorbringen könnten, Eure Liebe zu trüben, indem ſie ihn verdächtigen, der doch, wie er nun einmal iſt— und wer, der ihn liebt, möchte ihn anders!— hat handeln müſſen, wie er gehandelt hat. Er kam damals aus Paris!— dem großen Paris— in dies kleine! und zu welchem Zwecke? ein Mädchen wieder zu finden, das, weil es ihm vor ſieben Jahren einmal auf ſeinem Wege begegnet, ein paar Schritte mit ihm zuſammen auf ſeinem Wege gegangen war, ihm ſeine Bürde damals vielleicht mit gutmüthig ungeſchickter Hand ein wenig hatte tragen helfen— den Anſpruch erhob, er ſolle ſie dafür zur Gefährtin ſeines Lebens machen, ſeines — 156 Lebens, welches jetzt in ſo ganz andere, höhere, glänzendere Bahnen geleitet war. Ach! liebes, ſüßes, holdes Mädchen, ich kann Ihnen das Alles nicht bis in's Einzelne klar legen, und es bedarf deſſen auch nicht. Es bedarf nur, daß Sie feſt halten: die Einzige, die vielleicht ein Recht hätte, ihm des⸗ halb gram zu ſein, iſt es nicht; die Einzige, die dabei gelitten hat, ſagt: es mußte ſo ſein, es konnte nicht anders ſein; er iſt mir nichts ſchuldig geblieben, nichts! Wieder flammte die Purpurgluth in ihren Wangen auf und blieb länger; und ſie hatte die langen Wimpern auf die glühenden Wangen geſenkt, als ſie jetzt fortfuhr: Es muß auch das geſagt ſein; es wird Ihnen, die Sie im Schooße des Reichthums groß geworden, wie ein Vögelchen im warmen, ſeidenweichen Neſt — es wird Ihnen wie eine fremde, häßliche Mär in's Ohr klingen; aber hören Sie dennoch— um ſeinethalben, der ja doch kein Anderer wird, ſo wenig wie Jemand, der über die Straße geht, durch ein wenig Staub, welcher ſich an ſeine Sohlen heftet; aber ſie wollen aus dem Bischen Staub einen 157 Flecken machen, einen böſen Flecken an ſeiner Ehre, die ſo rein iſt und ſo rein bleiben ſoll, wie Ihr Spiegel dort— Conrad hatte eine reiche Tante— reich für unſere kleinbürgerlichen Verhältniſſe. Sie war kinder⸗ los; er war ihr nächſter Verwandter, und es war längſt ausgemacht, daß er ſie beerben würde, ob⸗ gleich ſie mit ſeinem Vater, ihrem Bruder, in ſchwerem Unfrieden gelebt und Conrad immer treu zu ſeinem Vater gehalten und immer geſagt hatte, er würde ſich, und wenn er zehn reiche Tanten hätte und ſie ihn alle zum Erben einſetzten, deshalb nicht weniger auf ſeine eigenen Füße ſtellen. Das hatte denn wieder Mißhelligkeit zwiſchen ihm und der alten Dame gegeben, die ihn im Grunde ſehr liebte und hoch mit ihm hinaus wollte; und als er nun gar an der Revolution Theil nahm und ſie ihn aus den Fenſtern ihres Hauſes in Dresden auf der Barrikade ſtehen ſah— ſie ſagen, die alte Frau ſei aus Kummer darüber geſtorben. Das iſt nun wohl zu viel, aber ſie ſtarb allerdings wenige Tage darauf und hatte ihr Vermögen an mich und noch vier Andere vermacht, die ihr ſämmtlich kaum noch 158 verwandt waren; Conrad's Name kam in dem Teſtament nicht vor; er war enterbt. Ich bot ihm den auf mich gefallenen Theil, welcher, wie die übrigen Legate, in der Bank Ihres Herrn Vaters deponirt war, bis ich, die jüngſte der Erben, mündig ſein würde— ich bot ihm meinen Theil an! er ſchlug es aus und wieder aus; und endlich, als ich zu bitten nicht nachließ und traurig fragte, ob es denn wirklich zwiſchen mir und ihm noch ein Mein und Dein gebe— da nahm er von mir— nein! nein! da nahm er von dem Unſern, das ja doppelt ſein war, ſo viel er brauchte, um nicht zu verhungern, um die angefangenen Studien fortzuſetzen, zu vollenden— in Zürich, in Paris. Aber ſeitdem er vor drei Jahren aus Paris hierher kam— ſeitdem liegt ein Creditbrief meines Vaters bei Ihrem Herrn Vater unbenutzt. Sie blicken mich ſtarr an; Sie mögen es nicht ausſprechen: Und Du ließeſt ihn da noch nicht frei! Verzeihen Sie mir, wenn Sie können und bitten Sie für mich bei ihm, daß ich ihm das angethan, daß ich ſein Leben ſo verdüſtert! Aber unſer Herz iſt ja ein verzagt, trotzig Ding, und dann ſchrieb 159 mir der alte Herr Kreppelmann, der ein gar guter Freund meiner Familie und mein und auch Conrad's Pathe iſt und der den Conrad über Alles liebt— Onkel Kreppelmann ſchrieb mir immer: Du darfſt nicht ſolche Anſprüche machen, Mädchen; ſo ein Mann, wie Conrad, hat ganz andere Dinge zu thun, als Briefe und noch dazu Liebesbriefe zu ſchreiben; kommt er doch nicht einmal mehr zu mir, dem er ja ſonſt Alles mittheilte, vor dem er ja ſonſt kein Geheimniß hatte! Ach, Conrad hatte ein Ge⸗ heimniß vor dem alten Manne, das doch nicht lange eins bleiben konnte; und nach langer Pauſe ſchrieb Onkel Kreppelmann— es ſind nun vielleicht acht Wochen— wieder an mich— und da hörte ich zuerſt Ihren Namen, Ihren ſüßen Namen, holdes Mädchen; und da habe ich Sie mir ſo— nein, ſo ſchön doch nicht gedacht, wie ich Sie nun vor mir ſehe. Und dann wollte ich an Conrad ſchreiben und — ich kann das nicht ſo ſchildern; es bedarf deſſen auch nicht— wir Mädchen ſind nun einmal wunderliche Geſchöpfe, und wenn wir, wie ich, ſechs⸗ undzwanzig Jahre alt geworden ſind: voll über⸗ 160 triebenen Stolzes jetzt, und dann wieder voll falſcher Scham— und, und— es verging ein Tag nach dem andern, bis geſtern Abend mein guter alter Vater, der ſich in Conrad gar nicht zu finden weiß, plötzlich hierher reiſte, um— aufgeſtachelt ohne Zweifel von einem ſchlechten Menſchen, der Conrad damals in Dresden auf die ſchmählichſte Weiſe ver⸗ rathen hat und ſeitdem immer ſein erbitterter Feind geblieben— es kommt ja nicht darauf an, wie ich es erfuhr— aber der Vater war zweifellos hierher gereiſt und iſt in dieſem Augenblicke hier, um in einer Weiſe, die Sie ſchwerlich verſtehen würden, wenn ich ſie Ihnen zu ſchildern verſuchte, Conrad die ſchlimmſten Verlegenheiten zu bereiten— Ver⸗ legenheiten, die offenbar von jenem ſchlechten Manne darauf berechnet ſind, daß ſie Ihrem Herrn Vater, vielleicht auch Ihnen zu Ohren kommen— zuſam⸗ men mit meinem Namen und dem, was ich Ihnen eben erzählt, nur nicht ſo, ſondern wie es Conrad's Feinde, wie es die erzählen werden, die Ihr junges, liebendes Herz von ſeinem Herzen reißen wollen. Ich ſah, ich durchſchaute das Alles mit einem einzigen Blick. Ich bin meinem Vater nachgereiſt 161 und habe heute Nacht den guten Onkel Kreppel⸗ mann durch mein unerwartetes Kommen erſchreckt; ich brauchte ſeinen Rath, ſeine Hilfe. Aber das ſeltſamſte Mißgeſchick hat mich anf meinem Wege heute Morgen verfolgt. Mein Vater war nicht in dem Gaſthofe, in welchem er abzuſteigen pflegt; ich habe die halbe Stadt vergebens nach ihm durch⸗ ſucht; dann war ich zweimal bei Conrad, ihn zu warnen, ihm Alles zu ſagen— ich würde ja wohl die rechten Worte gefunden haben; aber heute Morgen wurde ich abgewieſen— was ſollte ich thun? und eben war er wohl wirklich nicht mehr zu Hauſe. Da dachte ich in meiner Noth: geh zu ihr! ſprich zu ihr! ſag' ihr Alles! iſt ſie das edelherzige Ge⸗ ſchöpf, das ſie ſein muß, da er ſie liebt, da ſie ihn liebt, ſo wird ſie dich anhören, dich verſtehen; und was ſie auch wider ihn vorbringen, wird ſie weglächeln, wie die Sonne die Nebel weglächelt, die aus den Sümpfen ſteigen. Und es war mein guter Geiſt, der mir das rieth. Er hat mich zu einem Engel geleitet, der, wie er ſelbſt rein und gut iſt, Alles rein und gut macht, was er mit ſeinen zarten Händen Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 11 ————— berührt. Und Ihr Vater wird lächeln, wenn er hört, daß wir eine ſolche Kleinigkeit ſo ernſt ge⸗ nommen haben, und Conrad— nein, lächeln wird er nicht. Er wird ſogar ſehr ernſt blicken, denn er iſt ein ernſter Menſch mit einem kinderweichen Herzen, obgleich es manchmal anders ſcheint; und es wird ihm nahe gehen, wie wenn er einem Kranken Schmerzen bereitet hat, hat bereiten miüſſen. Aber dann ſagen Sie ihm— Ihnen wird er es glauben— J 9 daß ich nicht krank bin, daß ich fröhlich bin in meinem Herzen, wenn mir auch jetzt die Thränen in den Augen ſtehen. Und nun, Du holdes Ge⸗ ſchöpf, Du meine junge, ſüße Schweſter, ſei glücklich, wie Du ihn liebſt; ſeid glücklich, wie Ihr Euch liebt! Melanie war allein. Sie ſaß auf der Cauſeuſe und wiſchte ſich mechaniſch die Thränen von den Wangen. Es waren nicht ihre eigenen Thränen. Aber ihr eigenſtes Lächeln war es, mit welchem ſie ſich jett in dem großen Spiegel betrachtete— ein grauenhaftes Lächeln, das ihren ſonſt ſo reizen⸗ den Mund ſeltſam verzerrte. Der Spiegel hatte nicht gelogen: Schneewittchen war tauſend Mal 163 ſchöner als ſie! Sie brachte dieſe Empfindung nicht in den poetiſchen Ausdruck; ſie dachte nicht an das Märchen; aber daß ſie nicht werth ſei, der, die eben von ihr gegangen, deren Thränen ſie eben von ihren Wangen abgewiſcht, deren Kuß ſie noch auf der Stirne fühlte— daß ſie nicht werth ſei, ihr die Schuhriemen zu löſen— die Empfindung hatte ſie doch. Nur für einen Moment. Sie beugte ſich vornüber und entfernte aus der Spitzenfriſur an ihrem Buſen, die ein wenig zer⸗ drückt war, ein paar unſchöne Falten. Dann bin ich es eben nicht, ſagte ſie; und wenn ich es nicht bin, und er ein ſo edler Menſch iſt, ſo paſſen wir eben für einander nicht; ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Er ſoll es von mir hören; er muß es von mir hören; es giebt jetzt kein anderes Mittel mehr. Papa würde nicht den Muth haben, es ihm zu ſagen; er würde es auch Niemand glauben, außer mir, es von Niemand hinnehmen;— es wird eine furchtbare Scene werden. Sie verließ die Garderobe, ſich zu der Mama 11* zu begeben, die gewiß jetzt mit ihrer Toilette fertig war und ſie erwartete. Aber, wie ſie durch ihr Zimmer ging, war ihr ſonſt ſo ſchwebender Schritt langſam und wie gebrochen; und kaum im Rothen Salon angelangt, ließ ſie ſich auf das Sopha fallen in einem Zuſtande der Erſchöpfung, welcher einer Ohnmacht hinreichend ähnlich ſah, um von der be⸗ ſorgten Mutter ſofort für eine ſolche gehalten und durch das Sprachrohr in das Cabinet des Herrn Goldheimer hinab ſignaliſirt zu werden. VII. Um Himmelswillen! was geht denn hier nur wieder vor? rief Herr Goldheimer, athemlos aus der Tapetenthür ſtürzend: iſt denn heute Alles darauf angelegt, mich toll zu machen! Melanie, Mädchen, aber ſo nimm doch Vernunft an! iſt es an der Zeit, in Ohnmacht zu fallen, als wenn wir hier Komödie ſpielten? Lucia, Frau, biſt Du von Sinnen? willſt Du auch noch eine Zuſchauerſchaft haben? Großer Gott, das fehlte noch gerade! Herr Goldheimer hatte Melanie's ſchönen Arm, an welchem er unſanft gezerrt, zu ſpät los ge⸗ laſſen, um zu ſeiner Gattin zu ſtürzen und die Hände derſelben von den vergoldeten Knöpfen des elektriſchen Apparates fort zu reißen. Der Apparat hatte bereits ſeine Schuldigkeit gethan, und während Melanie einer Situation, die ſo unbehaglich zu 166 werden drohte, nun auch ihrerſeits ein Ende machen wollte, indem ſie ſich wieder in die Höhe richtete und erklärte, daß der Anfall vorüber ſei, kamen von verſchiedenen Seiten Fräulein Riekchen und Elischen, Melanie's Kammerzofe, und Jean und Franz und etwas ſpäter noch ein paar andere männliche und weibliche Domeſtiken, denen Allen geſagt werden mußte, das gnädige Fräulein ſei unwohl geweſen; aber es ſei wieder gut und ſie könnten wieder gehen. Die Leute waren gegangen, nicht ſchnell genug für Herrn Goldheimer, der die letzten beinahe zur Thür hinaus getrieben. Waren doch die Minuten ſo koſtbar! wann ſollte er denn, was er ſeit einer Stunde unten in ſeinem Cabinet ſo mühſelig herbei geſchafft und herbei geſcharrt, um dieſer ver⸗ trakten Liebe Melanie's zu Wild das Herz auszu⸗ brechen— wann und wo ſollte er es verwerthen, wenn nicht hier? wenn nicht jetzt zu dieſer Friſt, der kurzen Friſt, die ihm noch bis zur Entſcheidung blieb! Und mit einer Kunſt, die dem geſchickteſten Advocaten Ehre gemacht haben würde, fing er nun an, was er von dem alten Kreppelmann, von dem Notar, von Chriſtianen's Vater über Wild in Er⸗ fahrung gebracht, aneinander zu reihen, zu gruppiren, zuſammen zu ſtellen zu dem Bilde eines Mannes, der Treue und Redlichkeit und Ehre kaum von Hö⸗ renſagen kennt, der mit eiſerner Stirn die Dank⸗ barkeit, die er ſchuldet, ableugnet, ja in ihr Gegen⸗ theil: in den ſchnödeſten Undank verkehrt; und nach⸗ dem dieſer Mann ſo Alles, was dem Menſchen ſonſt heilig und ehrwürdig iſt, aus dem Wege geräumt und unter die Füße getreten, mit einer Frechheit ſonder Gleichen die unſauberen Hände nach dem erſten Preiſe ausſtreckt, der höchſten Prämie, dem Hauptgewinne, nach Melanie Goldheimer, meiner Melanie, meinem einzigen Kinde, für das ich ge⸗ plant und gearbeitet habe, für das ich ſpeculirt habe! Was wäre mir für mich an dem Gelde gelegen? Mein Vater iſt ein armer Junge geweſen, der ſeine Brodrinde in einem Glaſe Waſſer aufgeweicht und ſeine Schularbeiten bei einem Talglichte gemacht hat, das außer ihm auch noch der alten Großmutter und den Eltern und ſeinen drei Brüdern, die alle ge⸗ ſtorben ſind, weil ſie ſeine Zähigkeit nicht hatten, leuchten mußte; und ich ſelbſt, ich bin ein einfacher Mann, der nicht raucht und nicht trinkt und— für wen bin ich denn jetzt in die Hauſſe gegangen, um den ungeheuren Gewinn mitzunehmen, wenn die Wiener Notirungen nicht noch im letzten Augenblicke — und nun von Dir im Stiche gelaſſen zu werden, die es ein einziges Wort koſtet, mich aus meiner Verlegenheit zu reißen! Deine arme Mutter, die es wahrlich um Dich verdient hat, glücklich zu machen! Dich ſelbſt für Deine ganze Zukunft in eine Po⸗ ſition zu bringen, um die Dich jedes Mädchen be⸗ neiden wird: in eine wahrhaft fürſtliche Poſition— Ach, Melanie, mein ſüßes, geliebtes Kind, Du wirſt dem Vater das nicht anthun! Du wirſt mir das nicht anthun! rief Frau Goldheimer, indem ſie mit ausgebreiteten Armen und das zerdrückte Spitzen⸗ taſchentuch wie eine Nothflagge ſchwenkend, auf ihre Tochter zuging. Melanie hatte an dem Kamine in einem der kleinen Seidenfauteuils geſeſſen— denſelben, in welchem ſie geſtern Abend ſaß, als Wild ſeine Im⸗ proviſation vortrug— und ſie hatte, während ihr Vater ſprach, nicht ein einziges Mal die langen Wimpern gehoben, hatte bei all den außerordent⸗ lichen Dingen, welche er da vortrug— zu Herrn ———— „ 169 Goldheimer's heimlicher Verwunderung— auch nicht eine Bewegung der Ueberaſchung, des Schreckens, des Zweifels, der Verzweiflung gemacht. Nur die Bläſſe ihrer Wangen, ein gelegentliches Zucken der Mundwinkel, ein lebhafteres Heben und Sinken des zarten Buſens ſchienen dafür zu ſprechen, daß ſie wirklich hörte, was er ſagte, daß ſie bei der Sache war. Und Melanie war durchaus bei der Sache ge⸗ weſen, hatte jedes Wort gehört; aber jedes Wort hatte ſie nur in der Ueberzeugung beſtärkt, welche ſie von Anfang an gehabt, daß der Schwerpunkt, die Entſcheidung ganz wo anders liege— ganz wo anders! Und da war wieder das Bild von geſtern Abend vor ihren halbgeſchloſſenen Augen aufgetaucht— dasſelbe, das ihr geſtern Abend hier gekommen, als er die Verſe las, welche das junge, eben vermählte Paar auf dem Decke des Rheindampfers zeigten— dasſelbe Bild m derſelben Klarheit des Sommer⸗ morgens und des Sonnenſcheins, der in den Falten ihres grauſeidenen Reiſekleides mit zarten Reflexen ſpielte und auf den goldenen Rändern von Eugen Silbermann's Pince⸗nez— 170 Bei ihr ſelbſt lag die Entſcheidung! einzig und allein bei ihr! bei ihr: ob der Vater, deſſen Stimme von tiefſter angſtvoller Erregung zitterte, in einer Stunde die Börſe beherrſchen und die Curſe dicti⸗ ren, oder ſich davon ſchleichen würde, als ein ge⸗ ſchlagener Mann, der das Spiel von vorn beginnen muß; ob die Mutter dort das dolce far niente, an das ſie ſo gewöhnt, in welchem ſie ſich ſo glück⸗ lich fühlte, weiter leben durfte oder nicht; ob der kleine Eugen Silbermann, Dankesworte ſtammelnd, ihre Kniee umklammern; ob der mächtige Mann, deſſen Herz ſie geſtern, als würde es zerſpringen, an ihrem Buſen hatte klopfen fühlen, zerſchmettert zu ihren Füßen zuſammenbrechen ſollte! Und ein ſonderbares Gefühl, wie ſie es ſo noch nie gehabt, durchſchauerte und durchrieſelte ſie bis in die Spitzen ihrer ſchlanken Finger— ein Gefühl, das aus ſüßeſter Luſt und aus Grauſen unheimlich gemiſcht war; aber die Luſt war, viel ſtärker als das Grauſen, ſo ſtark, doß Frau Goldheimer, welche eben mit ausgebreiteten Armen auf ſie zukam und bemerkte, wie ihre Augen ſich plötzlich ſchloſſen, wäh⸗ rend es um die leicht geöffneten Lippen ſeltſam 171 zuckte, ſchon wieder im Begriffe war, die elektriſchen Klingeln in Bewegung zu ſetzen. Aber da hatte Melanie ſich auch ſchon erhoben und ſtand jetzt ruhig da, die Eltern mit einem Lächeln anſchauend, das zu der Situation und zu ihren Worten ſo wenig zu paſſen ſchien. Ich habe ſchon vorhin der Mama geſagt, daß Ihr Wild denn doch ſehr unterſchätzt, wenn Ihr glaubt, ihm damit entgegentreten zu können. Du wirſt es empfinden, Papa, in dem Momente, wo er zur Thür herein kommt; Du wirſt das Meiſte davon gar nicht vorzubringen wagen. Und was das Mädchen betrifft, mit dem Wild verlobt ſein ſoll und von der Du meinſt, daß ich ſchon um ihret⸗ halben ihm entſagen müßte, und wenn ich ihn noch ſo ſehr liebte, und daß ihr Vater Dir mitgetheilt habe, wie ſie entſchloſſen ſei, ihre Rechte an Conrad in jeder nur möglichen Weiſe geltend zu machen— es thut mir leid, Papa, daß ich Dir auch darin widerſprechen muß. Fräulein Kempe iſt eben bei mir geweſen— in meinem Toilette⸗Zimmer; wir haben eine lange, intime Unterredung gehabt; ſie giebt Wild vollkommen frei, ſie erhebt auch nicht die mindeſten Anſprüche, im Gegentheil, ſie iſt, wenn ich ſie recht verſtanden, Willens, Conrad's Schulden, aus denen Du ein ſo großes Weſen machſt, Papa, zu bezahlen; auf jeden Fall hat ſie mir ſchon im voraus förmlich ihren Segen gegeben, und wenn ſie Wild auch heute Morgen vergeblich geſucht hat, und er alſo von der Geſinnung der Dame vorläufig wohl noch nicht unterrichtet iſt— ich möchte Dir doch nicht rathen, Papa, gegen Wild ſo von dem Verhältniſſe zu ſprechen, wie Du es eben gethan, ich könnte, falls er ſich an mich wendete— der Fall würde ja unbedingt eintreten— keinesfalls Deine Worte beſtätigen. Und mun möchte ich mich ein wenig in der Bibliothek ausruhen, Mama, denn ich fühle mich wirklich etwas angegriffen; und, Papa, wenn Wild kommt und nach mir fragt, und Ihr es für paſſend oder wünſchenswerth haltet, daß ich mit ihm ſpreche, ſo ſchickt ihn nur immer zu mir. Melanie hatte ihre Mutter auf die Stirne ge⸗ küßt, dem Vater noch einmal zugelächelt und war gegangen— als ob ſie eine Herzogin wäre, ſagte Herr Goldheimer, ſeine Frau mit einem ſtarren Blicke der ſchwarzen Augen anſehend. Was ſoll 173 denn das nun heißen? was ſoll ich ihm denn nun ſagen? Will ſie ihn, oder will ſie ihn nicht?— Soll er ihr Jawort haben, oder ſoll er es nicht? Ich werde mich doch von dem Mädchen nicht zum Narren halten laſſen! Er wollte ihr nach; ſeine Gattin warf ſich ihm mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Schnelligkeit in den Weg und rief: Um Gottes Willen, Guido, laß mein armes Kind nun zufrieden! Es hat heute ſchon genug gelitten! Und ich kann es auch nicht mehr aushalten— wir können es Beide nicht mehr aushalten! Ich glaube, Ihr ſeid toll! kreiſchte der Banquier, ſich mit den Händen in das dichte, blauſchwarze, nur an einzelnen wenigen Stellen mit Grau leicht untermiſchte Haar fahrend, Beide toll! oder Ihr wollt mich toll machen! Könnt es nicht mehr aus⸗ halten? und es iſt noch nichts geſchehen, kein Ent⸗ ſchluß gefaßt, keine Verabredung getroffen; im Gegen⸗ theil! was ich mühſam zuſammen gebracht und auf⸗ gebaut, umgeworfen wie ein Kartenhaus! und Ihr könnt es nicht mehr aushalten! Göttlich! Er brach in ein heiſeres, unheimliches Lachen aus; — euceeenee9eSece e 174 aber er hatte doch nicht gewagt, ſeine Lucia auf die Seite zu ſchieben und Melanie in die Bibliothek nachzueilen. Statt deſſen rannte er nun in dem kleinen Salon umher— mehr als je einem ge⸗ fangenen Raubthiere gleich— Verwünſchungen, Drohungen vor ſich hinmurmelnd, um plötzlich vor der Uhr auf dem Kamin ſtehen zu bleiben und zu rufen: Zwölf Uhr! und um Zwölf wollte er kommen! Ich denke, er ſoll nicht angenommen werden, ſagte Frau Goldheimer; Gott der Gerechte! Sie deutete mit zitternder Hand auf die Portiere⸗ thür, die in den„Gelben Saal“ führte; denn quer durch den Saal kam jetzt ein Schritt, den ſie ſehr genau kannte, den ſie ſeit einem Jahre ſtets, ſo oft ſie ihn hörte, mit einem verſtändnißinnigen Lächeln zu Melanie hinüber begrüßt: ſein Schritt! Auch Herr Goldheimer hatte den Schritt er⸗ kannt. Wie ein Blitz war er durch die Portieren⸗ thür geſchoſſen und hatte die Thürflügel, welche für gewöhnlich in der Wand ruhten, haſtig hinter ſich zugeſchoben, um durch die letzte Spalte ſeine Lucia am Kamin in einem Fauteuil zuſammenſinken, und, ſich wendend, Conrad Wild's ſtattliche Geſtalt vor ſich ſtehen zu ſehen. Fräulein Melanie iſt krank? im Salon? Im Salon? meine Melanie? Die Leute, unter denen einige Verwirrung herrſchte, ſagten ſo. Es ſchien, daß Sie für Nie⸗ mand zu Hauſe ſein wollten, außer für Ihren Haus⸗ arzt, wie ich mir gegen Jean's Autorität anzu⸗ nehmen erlaubte. Was iſt mit Fräulein Melanie? Aber nichts, abſolut nichts, lieber Doctor; das heißt, ſie hatte eine kleine Anwandlung von— mein Gott, wann haben unſere Frauen dergleichen nicht! aber es iſt längſt wieder gut, vollkommen gut; meine Frau wird— die beiden Damen werden — ſie wollten ausfahren— wenn Sie alſo ſonſt in Eile ſind, lieber Freund, geniren Sie ſich meiner Frauenzimmer wegen nicht— man kommt bei ihnen am folgenden Tage meiſtens noch immer zeitig genug— Und Sie ſelbſt? Ich! großer Gott, ich habe nicht Zeit, an mich zu denken; ich habe heute den Kopf ſo voll! ich bin ſo— 176 Fieberhaft aufgeregt, ſagte Wild. Er hatte die Hand des Banguiers ergriffen und nach dem Puls gefühlt, indem er gleichzeitig ſeine Uhr hervorzog: vierundzwanzig, fünfundzwanzig— hundert bis hundertzwei in der Minute; das iſt ein wenig viel, lieber Herr Goldheimer, ſelbſt wenn man für gewöhnlich einige achtzig zählt. Sie ſollten ſich wirklich mehr in Acht nehmen, werther Herr; oder wir haben die Herzbeutelentzündung vom vergangenen Herbſt noch in dieſem Frühjahr in höherem Grade. Er hatte den Banquier, idem er ihn am Hand⸗ gelenk feſt chielt, mit ſanfter Nöthigung in einen Stuhl gedrückt und ſelbſt vor ihm Platz genommen. Die beiden Männer ſaßen ſich ſo ein paar Momente ſtumm gegenüber, der Banquier vorn übergebeugt, ohne aufzublicken, mit den Quaſten des Seſſels ſpielend, Wild hinten übergelehnt, die Arme leicht über der breiten Bruſt verſchränkt und die großen, ſtrengen, leuchtenden Augen feſt auf den Gegner ge⸗ richtet, als wolle er, vor dem Beginn des Kampfes, noch einmal überſchlagen und berechnen, wer der Stärtere ſei. Der flüchtigſte Schimmer eines Lächelns ſpielte durch ſeine ernſten Züge, als er jetzt zu ſprechen begann: Herr Goldheimer! ich habe als Arzt die Ge⸗ wohnheit, ſobald ich erſt einmal mit der Diagnoſe eines Falls im Reinen bin, auch über den einzu⸗ ſchlagenden therapeutiſchen Weg nicht lange zu ſchwan⸗ ken, ſondern, das Ziel im Auge, mit aller Ent⸗ ſchloſſenheit auf dem kürzeſten Wege darauf los zu gehen. Verſtatten Sie mir in der Angelegenheit, in welcher ich mir dieſe unterredung erbeten, nicht anders zu verfahren, um ſo weniger anders, als, wie die Sachen liegen, die größte Lyalität und Offenheit von beiden Seiten gebieteriſche Pflicht iſt und jeder Winkelzug, jede diplomatiſche Fineſſe ſelbſt, uns verderblich werden kann. Vielleicht hätten wir ſchon früher dieſen Weg betreten ſollen; aber wir haben keine Zeit, über Geſchehenes oder Unter⸗ laſſenes uns die Köpfe zu zerbrechen; und ſodann, was für mich entſcheidend iſt: ich weiß erſt ſeit geſtern Abend mit der vollen Gewißheit, die mir in meiner Situation unumgängliche Nothwendigkeit war, daß, wie ich Melauie ſchon längſt geliebt habe, ſie Fr. Spielhagen, Ultimv. 2. Auflage. 12 178 mich wahrſcheinlich ebenfalls ſchon lange geliebt hat und jedenfalls jetzt liebt. Durch des Banquiers graubleiches Geſicht zuckte es und die ſchwarzen Augen hoben ſich mit blitz⸗ ſchnellem, feindlichen Aufſchlag, ſenkten ſich aber ſofort wieder, als ſie dem klaren, ſtetigen Blick des Mannes ihm gegenüber begegneten. In meiner Situation, wiederholte er, in welcher ich es nicht anf ein Vielleicht ankommen laſſen durfte, ſondern feſten, ganz feſten Grund unter den Füßen haben mußte, ſo feſten Grund, daß ich vor den Vater der Geliebten hintreten und mit dem⸗ ſelben Athem ihn um ſeine Einwilligung und um die Bezahlung, die ſofortige Bezahlung meiner Schulden bitten konnte. Manchem Anderen gegen⸗ über würde mich ohne Zweifel die bloße Möglichkeit einer ſolchen Conſtellation, die jetzt eine Wirklichkeit und eine Nothwendigkeit geworden iſt, ein wenig verlegen gemacht haben; aber ein Mann von Welt, der auch ein Börſenmann iſt, wie Sie, weiß zu gut, daß man unter Umſtänden auch etwas riskiren muß, und als ehrlicher Kaufmann riskiren darf, 5 wenn man ſich darauf gefaßt gemacht hat, die Differenz zu bezahlen. Und wieder zuckte es durch des Banguiers dunkles Geſicht, aber die ſchwarzen Augen hoben ſich diesmal nicht; und Wild fnuhr nach einer kurzen Pauſe, während ſein Blick unverwandt an dem dunklen Geſicht haftete, mit einem Lächeln fort, das diesmal deutlicher hervortrat, und länger um ſeine Lippen ſchwebte: Man erzählt ſich, Herr Goldheimer, daß auch Sie heute eine ſtarke Differenz zu zahlen haben werden, eine ſehr ſtarke Differenz, neben der ſich meine zehn⸗ tauſend Thaler Schulden ſehr— ſehr kindlich aus⸗ nehmen; aber in Wahrheit ſind meine Schulden auch meine geringſte Sorge. Wenn man, wie ich, bereits zehn Jahre oder ſo von Schulden lebt, wird man es zuletzt einigermaßen gewohnt. Seit den letzten drei Jahren haben wiederholt Kataſtrophen für mich herein gedroht, die ich noch immer zu beſchwören wußte; und obgleich die Lage diesmal, Dank den Bemühungen des Herrn Weikert— der Mann iſt bei Ihnen geweſen? hat Ihnen Wechſel von mir angeboten, die Sie natürlich zurückwieſen?— ich 12* 180 dachte es mir! er gehört zu den gründlichen Schurken, die nicht leicht etwas halb thun— ich ſage, ob⸗ gleich meine Lage diesmal entſchieden bedenklicher iſt: ich habe die Geduld meiner reichen Freunde hier nochnicht erſchöpft, denn ich bin ihnen bei meinen kleinen Finanz⸗ operationen ſtets ſorgfültig aus dem Wege gegangen und ich würde mich mit Hilfe derſelben, falls Sie, Herr Goldheimer, mir Ihren Beiſtand verſagt hätten, auch heute mit meinen Gläubigern zu arran⸗ giren gewußt haben. Aber die Differenz— meine Differeng bezahlte ich damit nicht. Zum erſten Male irrte ſein Blick ſeitwärts und ſeine klare feſte Stimme bebte. Meine Differenz bezahle ich mit dem höchſten Gute eines Mannes in meiner Situation: mit dem Vertrauen zu mir ſelbſt, das ich auf immer ver⸗ lieren würde, wenn ich jetzt und hier nicht reüſſire; bezahle ſie mit dem Zweifel, ja der Verzweiflung an allen glänzenden Idealen, die mir auf immer zu häßlichen Fratzen werden, wenn ich die Alles gethan, gelitten, geopfert habe, um— Hekuba; wenn— aber ich vergeſſe, daß ich zu einem matter- of-fact-man ſpreche, der mit ſolchen Expectorationen 181 wenig anzufangen weiß, beſonders wenn ihm der Kopf von ſeinen eigenen Angelegenheiten ſchwirrt. Ich erlaube mir anzunehmen, daß ich Ihr Schweigen nach dem bekannten Grundſatze richtig deute und daß ich Ihre Zuſtimmung habe, und, weil ich ſie habe, jetzt mit dem Freimuth eines Freundes über Ihre Differenz ſprechen darf. Seine großen prächtigen Augen ruhten wieder voll auf der ſchmalen, dunkeln Geſtalt des Mannes vor ihm, der bei ſeinen letzten Worten zuſammen⸗ gezuckt war, als ob er aus dem Seſſel aufſpringen wollte, und dann zurückſank, wie wenn ihn eine unſichtbare Hand, gegen deren Kraft die ſeine macht⸗ los war, wieder in den Seſſel drückte. An Sie, lieber Herr Goldheimer, iſt die Ver⸗ ſuchung herangetreten, Ihre Differenz bezahlen zu wollen mit dem Glück Ihres einzigen— ich meine mit dem Glück Melanie's, das an der Seite dieſes — Strohmannes nicht blos compromittirt, nein unwiederruflich, unwiederbringlich verloren wäre. Unwiederbringlich, ſage ich, Ihr Freund,— Ihr Arzt! Man lebt nicht ungeſtraft das Leben unſerer jeunesse dorée; Keiner thut es, aber man geht — ————— — 2 daraus als Banquerotteur hervor im moraliſchen und auch im phyſiſchen Sinne, wenn man— Eugen Silber⸗ mann iſt. ſagen brauche, wo es keine Warnung mehr iſt, ſon⸗ dern ein Glückwunſch nach überſtandener Gefahr. Oder einer Gefahr doch, die überſtanden werden. Ich freue mich, daß ich dies jetzt erſt zu muß, die zu überſtehen ich Ihnen helfen kann. Ja, ich: Es iſt lächerlich, nicht? und trotzdem! Ich komme unmittelbar zu Ihnen von Max Lombard, der im Begriffe war, zur Börſe zu fahren, wo Sie nebenbei in ſpäteſtens fünfzehn Minuten ſein müſſen. Ich habe mithin doppelten Grund, mich kurz zu — ——— faſſen, und ſo denn, kurz und gut! Max Lombard intereſſirt ſich für mich nicht blos, weil ich ihm geſtern Abend den Stoff für eine ſeiner geiſtreichen Tiſchreden gegeben habe, ſondern weil er gin und nicht erſt ſeit geſtern— für die ₰ Dienſte, welche ich ihm und ſeiner jungen Familie habe leiſten können, aufrichtig dankbar und ergeben iſt. Dazu kommt, daß er eine dunkle Ahnung mit ſich herumträgt, er dilettire nicht nur in den ſchönen Künſten, ſondern auch in der Finanzkunſt, wo die. Sache, in Anbetracht ſeiner Millionen, bedenklich zu . 183 werden droht. Er ſehnt ſich nach einem Mentor, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, iſt überzeugt, daß Sie dieſer Mentor ſein könnten, weun Sie wollten, und giebt ſich der Hoffnung hin, daß Sie wollen werden, wenn er es Ihnen überläßt, die * Bedingungen der entente cordiale zu dictiren, wobei er als ſelbſtverſtändlich vorausſetzt, daß Sie heute damit den Anfang machen. Er erwartet Sie am Eingange der Börſe und hofft, Ihnen von dem Ge⸗ ſicht abzuleſen, daß der ſegensreiche Bund zwiſchen den Häuſern Lombard und Goldheimer Sohn an . dem unvergeßlichen Ultimo dieſes Märzmondes bis zu den ſpäteſten Zeiten nachwachſender Enkelge⸗ ſchlechter auf der unerſchütterlichen Baſis gegen⸗ ſeitiger Achtung, Liebe— und ſo weiter, und ſo weiter— weshalb ſoll ich dem guten Jungen ſeine nichſi Piſchrede verderben! Und nun, lieber Herr Goldheimer, habe ich Sie nur ſchon zu lange auf⸗ gehalten. Eilen Sie zur Börſe, wo man Sie mit offenen Armen empfangen wird; ich will einen Be⸗ ſuch im Rothen Salon abſtatten, wo man mich, 5 glaube ich, halb und halb erwartet. Wild hatte ſich erhoben; aber ſelbſt dabei und 184 während er den Fautenil zurückſchob, verwandte er kein Auge von dem ſchwärzlichen Geſicht des Mannes ihm gegenüber, als ſei es ein Panther oder eine andere wilde Beſtie, und dieſe Beſtie würde in dem Moment, wo er mit der Wimper zuckte, auf ihn einſpringen. Und wirklich hatte Herr Goldheimer während der Unterredung ganz vergeblich verſucht, den Blick der leuchtenden, blauen Augen auszuhalten; aber jetzt mußte es ſein. Er konnte das nicht länger ertragen, erdulden: die unerhörte Keckheit, mit der dieſer pfennigloſe Abeuteurer auftrat, die ſou⸗ veräne Verachtung des Geldjuden, die aus Allem, aus ſeiner Freundlichkeit ſelbſt hervorblickte, die Protector⸗ miene, die er gegen ihn— Guido Goldheimer!— anzunehmen wagte! Und wenn die Vortheile der Verbindung mit dem jungen Max Lombard noch zehnmal ſo groß wären— er wollte ſie nicht, durch dieſen Menſchen nicht, den er haßte, den er fürchtete, gegen den ſich Alles in ihm empörte, der ihm im Wege ſtand, der ihm aus dem Wege mußte, den er mit Wolluſt unter die Füße getreten, mit den Füßen zertreten hätte, und der jetzt, als er die Augen mit gewaltſamem Entſchluß zu ihm aufſchlug, —— — vor ihm ſtand, machtvoll wie ein eherner Thurm, gegen den ein Knabe mit Muſcheln wirft. Und doch! Sie ſind ſehr gütig, ausnehmend gütig, lieber Herr Doctor; aber ein wenig ſchnell, ein wenig— wie ſoll ich ſagen!— allzu ſelbſtvertrauend; allzu ſehr von oben her auf uns kleine Leute herabſehend, die ſo anmaßend ſind, ebenfalls ihre Anſichten zu haben, ihre Wünſche, ihren Willen zur Geltung bringen zu wollen. Und wenn ich nun nicht wünſchte, daß Melanie einen Chriſten heirathete? So kann Sie getroſt mein Weib werden, der ich mich längſt von jeder poſitiven Religion losge⸗ ſagt habe. Aber ſie ſoll einen Juden heirathen! Eugen Silbermann? Das wäre denn meine Sache. Und doch auch ein wenig die Ihres Fräulein Tochter, ſolle ich denken. Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß ich mindeſtens ſeit geſtern Abend der Liebe Melanie's gewiß bin. Herr Doctor, Sie wagen, von meiner Tochter zu behaupten— Daß ſie mich liebt, nicht mehr, nicht weniger: Sie werden nicht verlangen, daß ich damit einer Dame etwas Schlimmes nachzuſagen glaube. Schlimm oder nicht; aber meine Melanie wird nie die Frau eines Mannes werden, der— Nun, Herr Goldheimer, der? Im Stande wäre, es mit dem Herzen und dem Glücke meiner Tochter eben ſo cavalierement leicht zu nehmen, wie er es mit dem einer anderen Dame und mit ihrem Gelde nicht minder gethan hat. Alſo auch das! Und aus dem Munde der Dame ſelbſt— Fräu⸗ lein Chriſtiane Kempe— heute erſt— in dieſer Stunde erſt— Aus ihrem Munde? in der That? aus ihrem Munde! Nun wohl! Er war, als Herr Goldheimer Chriſtianen's Namen nannte, zuſammengezuckt und eine finſtere Wolke hatte ſich zwiſchen ſeinen Augen gelagert und lag noch da, als er jetzt, die Arme über der Bruſt verſchränkend, mit leiſer Stimme, aber jede Sylbe dem Gegner zuzählend, ſagte: Es iſt in meinen Augen immer beſſer, und jedenfalls ehrlicher, wenn dergleichen Verhältniſſe, — 187 deren Mutter die Thorheit und deren Vater der Unverſtand iſt, und aus denen deshalb nichts als Unheil und Unglück kommen kann, abgebrochen, de⸗ finitiv abgebrochen werden, bevor man mit ſehenden Augen ein Verhältniß für das Leben eingeht. Beſſer und ehrlicher und auch viel weniger grauſam, als ſie, mit der Maske des treuen Gatten vor dem be⸗ gehrlichen Geſicht, unter dem Schleier der Nacht fortzuſetzen— meinen Sie nicht, Herr Goldheimer? Der Banquier hatte die drohende Haltung ver⸗ loren; ſein Geſicht war grau wie Aſche geworden. Sie wiſſen— ſtammelte er. Seit einem ſtürmiſchen Abend des letzten De⸗ cembers ſchon, wo mich mein Beruf— ich war in der Nähe beſchäftigt geweſen und in dringenden Fällen iſt der erſte Arzt für ein geängſtigtes Mut⸗ terherz immer der beſte— in ein kleines Haus führte;— Sie kennen das kleine Haus, Herr Gold⸗ heimer, das Sie vor einer ganzen Reihe von Jah⸗ ren mit einem gewiſſen Luxus einrichteten, der jetzt recht fadenſcheinig geworden iſt, wie Sie ſich über⸗ zeugen würden, wenn Sie einmal wieder, und dann vielleicht bei Tage, das kleine Haus betreten wollten. 188 Sie haben es ſeit Jahren nicht gethan— nun, das pflegt ja ſo zu ſein; aber, Herr Goldheimer, Frau Rebecca, wie ſie ſich nennt, und ihre drei Kinder gehören zu meiner Armenpraxis! Ich hatte nicht die Abſicht, von dieſen Dingen zu ſprechen, bevor ich ein beſſeres Recht hätte. Sie haben mich in eine Rolle gedrängt, die mir, ich fühle es, ſehr ſchlecht ſteht, und nun— ſtränben Sie ſich nicht länger, mein beſſeres, mein gutes Recht anzuerkennen. Ein Wort nur noch mit Ihrer Frau Gemahlin zwi⸗ ſchen Melanie und mir bedarf es keiner Worte mehr. Sie waren bis zur Thür nach dem rothen Salon gekommen. Auf Wild's Klopfen ertönte ein mattes Herein; er wandte ſich zu dem Banquier: Sie ſind in dieſem Augenblicke noch nicht im Stande, gute Miene zu dem zu machen, was Ihnen, ſehr mit Unrecht, als ein böſes Spiel erſcheint. Ich bin in höchſtens fünf Minuten wieder bei Ihnen; Sie ſetzen mich dann, wenn es Ihnen recht iſt, an der Univerſität ab— großer Gott, das akademiſche Viertel iſt ſchon vorüber— und fahren weiter nach der Börſe, um mit Max Lombard den Curszettel zu dictiren. ———————— ———— —— 189 Er winkte lächelnd mit der Hand, Herr Gold⸗ heimer lächelte ebenfalls; aber als die mächtige Ge⸗ ſtalt des Verhaßten jetzt nicht mehr vor ihm auf⸗ ragte und die gewaltigen Augen auf ihn herab⸗ blitzten, verzerrte ſich ſein Geſicht; die ſchwarzen Augen ſprühten, die Zähne knirſchten auf einander, die Fäuſte ballten ſich. Daß Du verflucht ſeiſt! keuchte er, verflucht! Seine Hand lag auf dem Kryſtallknopfe der Thür und ſank wieder herab. Alles vergebens! Alles verloren! Wenn er den Verhaßten, den Enut⸗ ſetzichen nicht hatte zurückhalten können— was ſollten dann die Frauen thun? Seine Frau, die für ihn ſchwärmte; Melanie, die ihn liebte! Verflucht, verflucht! ich Tropf, ich Feigling, ich Narr! Und Herr Goldheimer fiel ganz gebrochen in den nächſten Stuhl, die glaſig ſtarren Augen auf die Thür gerichtet, die ſich jeden Moment öffnen konnte, ihm den Verhaßten zu zeigen, wie er Hand in Hand mit Melanie hereintrat, ſich den Segen des Vaters zu erbitten! In dem rothen Salon aber ſprach Wild zu 190 Frau Goldheimer, die vor ihm ſaß, und deren beide Hände er in den ſeinen hielt: Ihren Segen habe ich, verehrte Frau und ich habe ihn nicht erſt jetzt. Wenn je eine Mutter wußte, daß ihre Tochter geliebt wurde, und wie ſehr — ſo wußten, ſo wiſſen Sie es, unter deren milden, freundlichen Augen unſere Liebe aufgeblüht iſt und ſich entfaltet hat, ſchön und herrlich wie eine Blume im Lichte der Sonne. Ich danke Ihnen— mit Worten zu dieſer Stunde, mit der thatkräftigen Liebe eines treuen Sohnes für mein ganzes Leben. Er küßte Frau Goldheimer's Hände; über das Geſicht der gutmüthigen Frau ſtrömten die heißen Thränen. Gott ſegne Sie, lieber Conrad; ich kann es Ihnen nicht ausdrücken, wie glücklich es mich macht. Ich habe ja nie etwas dagegen gehabt, und wenn Goldheimer Ja ſagt und ſich das mit Max Lom⸗ bard ſo gut arrangirt— ſo glänzend wird es ja immer nicht werden und auf das Meißner⸗Service, das der König nicht hat kaufen wollen, weil es ihm zu theuer war, wird Melanie ja nun auch wohl verzichten müſſen, und bis nach Aegypten, für das 191 ſie ſo ſchwärmt, werdet Ihr ſchwerlich auf Eurer Hochzeitsreiſe kommen, wenn Sie ſagen, daß Sie Ihre Patienten nicht ſo lange allein laſſen können, und ich kann mir meine Melanie überhaupt gar nicht recht als eine Frau Doctorin denken— nein, wahrhaftig, lieber Wild, das kann ich nicht, wenn Sie auch lachen— es iſt mir rein unmöglich: mit den vielen Leuten im Wartezimmer und dem Por⸗ zellan⸗Schild an der Hausthür, das ich wirklich ganz indiscret und abſcheulich finde, und der Nachtklingel — na, meinetwegen, mir ſoll ſchließlich Alles recht ſein, wenn es Goldheimer und Melanie recht iſt. Sie iſt in der Bibliothek. Gott, was wird das ſür eine Glückſeligkeit ſein! und wollen Sie es wohl glauben, lieber Wild, es iſt noch keine zehn Minuten her, ging ſie da zur Thür hinaus und ich meinte nicht anders, als es ſei Alles vorbei und keine Ahnung, daß Ihr Euch ſchon geſtern Abend verlobt hattet! Warum hat ſie es denn nicht geſagt? Die ganze Scene vorhin wäre unmöglich geweſen— eine ſo häßliche Scene, lieber Wild! ich darf gar nicht daran denken! Sie dürfen es auch nicht, ſagte Wild, ſich er⸗ 192 hebend; dies und alles Andere liegt hinter uns, und vor uns die Zukunft, von der ich nichts ſo deutlich ſehe, als das kleine bezaubernde Diner, das ſie uns heute— ganz entre nous, wenn ich bitten darf— in gewohnter Weiſe, die eben nur Ihre Weiſe iſt, arrangiren werden und an deſſen Menu Sie jetzt wirklich ein paar Minuten ruhig denken miſſſen. Er hatte gelacht, als er es ſagte und dabei Frau Goldheimer's rundliche kleine Hände noch ein⸗ mal küßte; und er hatte gelacht, als er in der Thür ſtand und mit Augen und Hand noch einmal heiter grüßte. Aber wie er jetzt durch das Zimmer ſchritt, welches die Bibliothek von dem rothen Salon tre e, war jede letzte Spur heiteren Lachens aus ſeinem Geſichte verſchwunden. Einmal ſtand er ſtill und faßte krampfhaft nach dem Herzen und dann raffte er ſich mit einer ungeheuren Anſtrengung auf und ſeine bleichen Lippen lächelten wieder.— Ich will's — und wäre der Preis auch weniger köſtlich, ja wäre er des Kampfes nicht werth— ich wills. Melanie! Sie hatte am Kamin geſeſſen— gerade wie 193 neulich als Gretchen vor dem Bilde der mater do— lorosa— vornübergebeugt, das Geſicht in die flachen und die langen, dunklen Flechten, von denen ſich die eine gelöſt— gerade wie neulich— waren ihr über die Schultern ge⸗ fallen und berührten mit den Spitzen den Teppich. Sie hatte, wie es ſchien, ſeinen Schritt nicht gehört, nicht das Rauſchen des Gobelin⸗Teppich's; und als er jetzt zärtlich leiſe ihren Namen nannte, ſprang ſie mit einem Schrei der Ueberraſchung, der trefflich herauskam, ihm entgegen, an ſeinen Hals, und ihre Lippen zitterten auf ſeinen Lippen. Den letzten, den letzten! Sie hatte ſich alsbald wieder aus ſeinen Armen frei gemacht, und ſtand nun, halb von ihm abge⸗ wendet, da, die eine Hand gegen die Stirn drückend, mit der anderen winkend, daß er ſie verlaſſen ſolle. Wild faßte mit raſchem Griff dieſe und zog die ſich vergebens Sträubende an ſich: Wie, Mädchen, was heißt das? Du biſt ja mein, meine Melanie! meine ſüße, holde Braut! Sie hing mit geſchloſſenen Angen, wie halb ohn⸗ mächtig an ihm. Fr. Spielhagen, Ultimo. 2. Auflage. 13 194 Ich kann nicht, murmelte ſie; ich kann meinen gütigen Vater nicht in ſeiner Noth verlaſſen; ich kann die geliebte Mutter nicht dem Elend preis⸗ geben. Noth? Elend? Du träunmſt, Melanie! hohle Masken, Dich zu ſchrecken, nichts weiter! Sie werden nie ihre Einwilligung geben! Sie haben ſie gegeben; ich komme von Deinen Eltern. Was auch zwiſchen mir und Dir lag; es iſt Alles aus dem Wege geräumt, Alles! Sie hatte es ja gewußt; ſie hatte es ja voraus⸗ geſagt: er würde Alles aus dem Wege räumen, Alles! Auch dieſer Verſuch, ſich loszuwinden, war vergeblich; aber ſie hatte nun einmal angefangen; und jedenfalls mußte ſie wieder aus ſeinen Armen ſein, bevor ſie das letzte Wort ſprach. Die ſchönen Augen blickten mit ſanftem Vorwurf zu ihm auf: Auch die Erinnerung an Deine erſte Liebe? Sie war bei Dir? Ja. So wird ſie, ſo muß ſie Dir geſagt haben, daß ſie mich frei giebt; ich weiß es, als wäre ich zugegen geweſen. Und irrte ich mich dennoch— verfolgte 195 ſie mich wirklich mit einer Liebe, die ich nicht mehr erwiedern kann— nun, ſo war ſie auch die nicht werth, die ich jemals für ſie zu empfinden glaubte, empfunden habe. Noch einmal, Melanie: weg mit den böſen Träumen! fort mit den hohlen Masken; Aug' in Auge, Mädchen! Melanie! meine Melanie! Du darfſt es ſein; Du kannſt es ſein! Du biſt es, denn Du willſt! Er hatte ſie wirklich losgelaſſen; jetzt kam er wieder auf ſie zu mit ausgebreiteten Armen. Sie wich nicht zurück, ſie vegte ſich nicht; keine i leidenſchaftlicher Wallung in dem holden, blaſſen Geſicht; ein leichtes Zucken nur der feinen Naſen⸗ flügel, und ein kaum hörbares Schwingen in der weichen, klangvollen Stimme: Sie irren ſich, lieber Freund: ich will nicht. Er war ſtehen geblieben, die Arme ſanken lang⸗ ſam herab; in ſeinen Augen begann es ſeltſam un⸗ heimlich zu leuchten; auf der hohen, weißen Stirne trat plötzlich eine blaue Ader drohend hervor. Aber ihre langen Wimpern zuckten nicht; ſo ſtanden ſie — Aug' in Auge— ein paar Secunden. Dann war dies Alles, Alles nur Comödie? 196 Wenn Sie es ſo nennen wollen! Und wie ſoll ich es ſonſt nennen? und wie ſoll ich Dich nennen! Dich! Um Gotteswillen, morden Sie mich nicht! Er riß die Knieende, Zitternde an beiden Händen empor und ſchleuderte ſie von ſich. Wie das immer gleich an ſeinen Leib denkt! Wird die Dirne mir nicht noch ſagen, daß wir ja trotzdem Freunde bleiben können? ſo ein kleines conto-meta-Geſchäft? ſtiller Theilhaber? Discretion ſelbſtverſtändlich? Er war vor der Büſte der Pallas ſtehen ge⸗ blieben. Du haſt es mir geſtern geſagt; ich habe nicht auf Deine Warnung gehört. Wen ihr verderben wollt, ihr ſchnöden Götter, dem raubt ihr ja zuvor den Verſtand. Er ſchritt langſam nach der Thür und blieb noch einmal ſtehen. Sag' Deinem Vater, er ſolle das da wegnehmen laſſen und eine Phryne— poh! Er hatte ſich nicht die Mühe genommen, ſich 197 nach ihr umzuſehen, die irgendwo in einem Fauteuil zuſammengebrochen lag; und ſo ſchritt er hinaus. Die große Thür der Bibliothek führte auf den Flur, aus dem die breite, mit koſtbaren Teppichen belegte Marmortreppe nach unten leitete. Langſam ſtieg er die Treppe hinunter. Jean hatte ſich vor⸗ hin gegen Franz gerühmt, er wolle dem Doctor, mit dem es ja nun doch aus ſei, wenn er herab⸗ komme, das leere Portemonnaie zurück und bei der Gelegenheit ſeine ganze Verachtung zu erkennen geben. Aber ſo oder ſo, die Gelegenheit mußte nicht ſo günſtig ſein, wie Jean gedacht hatte; we⸗ nigſtens behielt er ſeine Verachtung ganz ſtill für ſich und das Portemonnaie in der Taſche, half dem Herrn Doctor mit aller Höflichkeit den Ueberrock anziehen, und öffnete ihmzuvorkommend die Glasthür zu dem Veſtibül, wo dann der galonnirte Portier, nicht minder zuvorkommend, dem Herrn Doctor die Haus⸗ thür öffnete und gleich offen ließ, weil in demſelben Moment eine Halbchaiſe vorgefahren kam, in welcher zwei Herren ſaßen. Als Wild vorüberſchritt, machte der Diener ge⸗ rade den Schlag auf; aber der jüngere von den 198 beiden Herren, der im Begriff war, auszuſteigen, zog den lackirten Stiefel, welcher bereits auf dem Tritt ſtand, eiligſt wieder in den Wagen, wobei ihm das goldene Pince⸗nez von der Naſe fiel, während der ältere über ſeine Schulter einen wüthenden Blick aus ſeinen ſchwarzen Augen auf Wild ſchoß. Wild ſeinerſeits ſchien die Beiden nicht mehr zu beachten, als der Zuſchauer einer Poſſe ein paar Figuren beachtet, die in dem Momente auftreten, wo er ſich, angeekelt von dem ſchalen Treiben, von ſeinem Sitze erhebt und hinausgeht. Du, ſieht das nicht gerade ſo aus, als ob er uicht wiederkommen wollte? ſagte ein Student zu einem anderen, als Doctor Wild eine Stunde ſpä⸗ ter ſeine öffentliche Vorleſung über„Hygieine“ für heute geſchloſſen hatte. Weshalb? ſagte der Andere. Du hörſt ja, daß er es gar nicht wird bewältigen können; ich kenne ihn ſchon aus dem vorigen Semeſter; der lieſt bis zum letzten Augenblicke, der bricht nicht mitten drin ab, und es iſt gerade jetzt ganz famos. Haſt Du ſchon mal eine richtige Kohlenſäurevergiftung mit an⸗ geſehen? Dreißig Procent in der Atmoſphäre reichen hin; ich glaube, wir haben hier nächſtens ſo viel. Es iſt eine ſchauderöſe Luft; vielleicht ſah er des⸗ halb ſo abgeſpannt und bleich aus; ſeine Stimme zitterte ja zuletzt ordentlich. 200 Er wird hungrig geweſen ſein. Ich wenigſtens habe einen pyramidalen Hunger; mach', daß wir fortkommen. Die Beobachtung des kleinen blonden Studenten war ganz richtig geweſen: Wild hatte ſehr bleich ausgeſehen und ſeine Stimme hatte bei den letzten Worten, mit welchen er die Aufgabe für die nächſte Lection übermorgen: Vergiftungen durch Pflanzen⸗ ſtoffe— angab, einen ſeltſam dumpfen, gebroche⸗ nen Klang gehabt; und dann, während die Stu⸗ denten bereits ihre Mappen zuſammenlegten, hatte er noch immer auf dem Katheder geſtanden und ſtarr vor ſich hingeblickt, wohl ohne Etwas zu ſehen: wenigſtens erwiederte er die Grüße ſeiner Zuhörer nicht, als er langſamen Schrittes das große, über⸗ füllte Anditorium verließ. In der Halle begegnete ihm ein junger College. Sie erſparen mir einen Weg; ich wollte eben zu Ihnen und Sie bitten, mich auf— auf einige Tage in meiner Praxis zu vertreten. Wollen Sie verreiſen, College? Nein, aber ich fühle mich nicht ganz wohl. Ueberarbeitung, Abſpannung— ich habe mich ſchon —————— —————————————— 201 dieſe ganze Zeit unr noch durch Chinin aufrecht ge⸗ halten. Sie ſehen ſchlecht aus; ich bitte, ſchonen Sie ſich, es kommt mir auf ein paar Tage mehr nicht an. Sind die Leute davon unterrichtet? Sie wiſſen ein für allemal, daß ſie ſich an Sie zu wenden haben, wenn ich verhindert bin. Bei Einigen will ich es noch ſpeciell ſagen. Gut. Machen Sie nur, daß Sie bald nach Hauſe kommen und halten Sie ſich ſtill. Ich ſehe mich noch heute Abend nach Ihnen um. Sie werden einen ſtillen Mann an mir finden. Der College lachte; ſie ſchüttelten ſich die Hände; jener ging in ſein Anditorium. Wild fand vor der Univerſität den Miethwagen, deſſen er ſich auf ſei⸗ ner Praxis zu bedienen pflegte, um ſich für gewöhn⸗ lich gegen zwei Uhr an dem Hotel, in welchem er zu Mittag ſpeiſte, abſetzen zu laſſen. Ich werde Sie heute länger brauchen, vielleicht bis vier. Schadet nichts, Herr Doctor; wohin? Wild gab die Adreſſe des erſten Uhrmachers, zu einiger Verwunderung des Kutſchers, dem es ganz 202 neu war, daß Herr Chandefond zu„unſerer“ Praxis gehörte. Aber noch verwunderter war Herr Chaudefond, als Doctor Wild, der ihm übrigens wohl bekannt war, ſeinen Chronometer nebſt Kette zum Verkauf anbot. Das iſt eine engliſche Arbeit von der vorzüg⸗ lichſten Güte, ſagte der Uhrmacher, das Werk durch ſein Glas betrachtend, eine Arbeit erſten Ranges; gewiß ein Geſchenk? Hoffentlich kein Grund für Sie, es nicht zu kaufen. Das nicht, Herr Doctor, aber für Sie, es nicht zu verkaufen. Ich würde ein Werk von der Koſt⸗ barkeit hier ſehr ſchwer, vermuthlich gar nicht los werden und es nach Paris oder nach London ſchicken müſſen; das heißt: ich würde Ihnen kaum annähernd den wahren Werth bezahlen können. Verzeihen Sie mir eine allerdings ſehr indiscrete Frage, Herr Doctor; weshalb wollen Sie die Uhr verkaufen? Aus einem ſehr einfachen Grunde: ich brauche Geld für— eine mir ſehr nahe ſtehende Perſon; ich brauche es augenblicklich— und ich bin in die⸗ ſem Augenblicke nicht bei Caſſe. Wie viel brauchen Sie? Fünfhundert Thaler. Hier ſind ſie, und hier, Herr Doctor, iſt Ihre Uhr; ich ſchätze es mir zur Ehre, einem Manne, von dem ich ſo außerordentlich viel Gutes gehört, eine kleine Gefälligkeit erweiſen zu können. Ich bin Ihnen ſehr dankbar; aber es iſt mir unmöglich, Ihre Freundlichkeit anzunehmen. Run denn, ſo laſſen Sie mir die Uhr; aber unter einer Bedingung: daß Sie dieſelbe jeder Zeit für denſelben Preis von mir zurückkaufen dürfen. Iſt es Ihnen recht? Wenn die Uhr den Werth hat. Darüber ſeien Sie ganz ruhig.— Es iſt mir eine Ehre und eine Freude geweſen, ſagte Herr Chaudefond, Wild unter verbindlichen Complimenten zur Thür begleitend. Wild's Fahrt durch die Stadt dauerte mehrere Stunden; aber nur ein und das andere Mal, und immer mun auf wenige Minuten, ließ er den Wagen vor einem der ſchönen und eleganten Häuſer halten, 204 in welchen er ſonſt ſo viel verkehrte. Deſto länger blieb er in ein paar Vorſtadtſtraßen, welche faſt nur von kleinen Handwerkern, Arbeitern, ja hier und da von wirklichem Proletariat bewohnt waren, und die er für gewöhnlich nur in den ſpäteren Nach⸗ mittagsſtunden und zu Fuß beſuchte. So erregte denn auch die übrigens ſehr beſcheidene Equipage jedesmal in dieſen dunklen Quartieren eine gewiſſe Aufmerkſamkeit; aber der Kutſcher meinte, es müſſe heute wohl noch etwas Beſonderes ſein, denn er war doch zuvor ſchon wiederholt mit Doctor Wild hier geweſen und hatte nie bemerkt, daß die Leute, wie ſie es heute wiederholt thaten, aus den kleinen Häu⸗ ſern heraus kamen, um den Herrn Doctor bis an den Wagen zu geleiten. Ein bleiches Weib mit einem bleichen Kinde auf dem Arm weinte und ſchluchzte und wollte dem Herrn Doctor die Hände küſſen, und küßte, als er es ihr wehrte, den Saum ſeines Rockes; und ein zweites Mal war es ein alter, blinder Mann mit ſchneeweißem Haar, der, als Wild herauskam, ſich hinter ihm her an die Thür taſtete, und als der Wagen weiter rollte, und der Kutſcher über das Verdeck zurückſah, ———— noch in der Thür ſtand, die Hände gefaltet, mit dem lichtloſen Auge nach oben blickend. Ein drittes Mal waren es ein Mann und eine Frau, die hinter dem Wagen her lachten und Grimaſſen machten und ein paar zerlumpten Nachbarn, die neugierig herzuliefen, Geld zu zeigen ſchienen, das ſie ſoeben erhalten.— Denen geben Sie nichts wie⸗ der, Herr Doctor, erlaubte ſich der Kutſcher zu be⸗ merken; und Wild erwiderte mit einem melancho⸗ liſchen Lächeln: es ſoll das letzte Mal geweſen ſein. Der Nachmittag war faſt vergangen, als der Wagen über die ſchönen Promenaden und freien Plätze nach der inneren Stadt rollte und vor einer Apotheke ſtill hielt. Wie ſteht es mit unſrer Armencaſſe? fragte Wild. Es iſt in der letzten Zeit ein wenig ſcharf ge⸗ gangen, Herr Doctor, wegen der vielen und hart⸗ näckigen Fälle von Intermittens; aber wir haben noch immer einige Thaler. Hier ſind abermals hundert. Aber weshalb denn ſo viel, Herr Doctor? ich erinnere Sie ſchon, wenn der Vorrath zu Ende geht. Nehmen Sie immer; und was ich ſagen wollte: geben Sie mir doch zwei Gran acidi hydrocyanici; ich brauche es freilich erſt übermorgen für meine Vorleſung, aber ich könnte es vergeſſen. Soll ich gleich die entſprechende Doſis liquor amonii caustici hinzufügen? Ich danke; es iſt nicht meine Abſicht, mit dem Tode zu ſpielen. In dem Moment, als Wild das Fläſchchen mit der Blauſäure zu ſich ſteckte und nach ſeinem Hute greifen wollte, der auf dem Ladentiſche ſtand, tau⸗ melte er ſeitwärts und wäre zu Boden geſtürzt, wenn der ſchnell zuſpringende Apotheker mit Hilfe des ebenfalls herbei eilenden Proviſors ihn nicht gehalten und nach einem für die harrenden Kunden bereit ſtehenden Seſſel geführt hätte. Um Himmelswillen, Herr Doctor, was haben Sie? Nichts, das iſt es eben; erwiederte Wild, mit blaſſen Lippen lächelnd;— zu mir genommen näm⸗ lich, ſeit heute Morgen, ſeit neun Uhr, glaube ich; und dabei bis zu dieſem Moment in ununterbroche⸗ ner Thätigkeit! Das ſcheint ſich die Natur doch nicht gefallen laſſen zu wollen. Geben Sie mir, ich 207 bitte, ein Glas Rothwein und ein Stückchen Semmel! Man hatte das Verlangte ſchnell herbeigeſchafft.— Wie wunderbar gut das iſt, ſagte er, während er den Wein langſam ſchlürfte und von dem Brode aß. Das iſt mein Blut, oder wird es wenigſtens; das iſt mein Leib!— Wahrlich, es iſt nur billig, wenn man an dieſen einfachen Genuß der einfachſten Nahrung das große Wunder knüpfte. Es iſt ja ein Wunder in ſich ſelbſt. Das mußte ihm an jenem Abend klar werden— am Abend vor der Nacht! Er hatte es nur ſo während er den letzten Tropfen aus dem Glaſe ſog und die Krumen ſorgfältig von dem Teller ſtrich. Dann reichte er den beiden Herren die Hand; ich danke Ihnen, danke Ihnen recht herzlich! Die ſahen ſich, als Wild hinausſchritt, ein wenig verwundert an; die Wärme des Tones, in welchem Wild gedankt, ſtimmte nicht eigentlich zu dem ge⸗ ringfügigen Dienſt. Und: ich danke Ihnen herzlich, ſagte Wild zu dem Kutſcher, als er denſelben wenige Minuten ſpäter vor ſeiner Wohnung entließ. 208 Ja, was heißt denn das? ſagte der Kutſcher, die Goldſtücke in ſeiner Hand betrachtend, und dann die Thür, in die der Doctor eben gegangen war. Und er hat gar nicht geſagt, wann ich morgen kommen ſoll! In der Wohnung hatte Johann ſeinen Herrn ungeduldig erwartet. Es iſt nun bereits zweimal ein junger Menſch hier geweſen, Herr Doctor, ſagte Johann; ein recht impertinenter junger Menſch, der mit der Zunge an⸗ ſtieß und dickes, krauſes, pechſchwarzes Haar hatte und auch ſonſt nicht wie ein ehrlicher Chriſtenmenſch ausſah. Und das zweite Mal war er ſo unver⸗ ſchämt mit ſeinem Gerede von: Sie müßten zu Haus ſein, und das dritte Mal würde er einen Anderen ſchicken und was er ſonſt noch für Redensarten machte, wobei er immer den Hut auf dem ſchwarzen Kopfe behielt, trotzdem ich ihm ſagte, daß in dem Vorzimmer von dem Herrn Doctor kein Menſch nicht den Hut aufhaben dürfe, als etwa der Herr Doctor ſelber; und da habe ich ihm denn den Hut etwas angetrieben, Herr Doctor, daß er ihm auf die lange Naſe zu ſitzen kam— 209 Iſt nur Einer von— ich meine: iſt nur Einer dageweſen? Ich habe an dem Einen juſt genug gehabt, Herr Doctor. Sonderbar, murmelte Wild; und ſonſt war Niemand hier? Die Dame. Welche Dame? Die heute Morgen ſchon zweimal hier war; die keine Patientin iſt, wiſſen Sie, Herr Doctor. Wie ſah ſie aus? So weit ganz reputirlich, Herr Doctor; wie eine richtige Dame, wenn ſie auch keine ſolche Trara an ſich hatte, wie die polniſche Gräfin heute Morgen. Aber ſie hatte ſo etwas Aengſtliches und Wehlei⸗ diges im Geſicht, und wir haben dieſen letzten Mo⸗ nat ſchon ſo viel an die Sorte verthan, Herr Doctor, und das ſagte ich ihr auch; aber ſie ſagte: ſie wolle Nichts von dem Herrn Doctor; ſie habe nur etwas an den Herrn Doctor abzugeben, was ſie aber nothwendig ſelber abgeben müſſe. Na, das ſind denn ſolche Fiſematenten— Es iſt gut, ſagte Wild. Fr. Spielhagen, Ulkimo. 2. Auflage. 14 210 Er hatte ſich an ſeinen Arbeitstiſch geſetzt und in einigen Rechnungen zu blättern begonnen, die Johann im Laufe des Tages hatte eiufordern müſſen: Rechnungen von kleinen Handwerksleuten, von der Wäſcherin, — unbedeutende Poſten, die Wild ſummirte, wo⸗ rauf er einen größeren Schein an Johann gab, der ſogleich gehen ſollte, die Rechnungen zu bezahlen. Aber das iſt ja viel mehr, als ich brauche, Herr Doctor! Deine Auslagen ſind ebenfalls dabei. Auch dann, Herr Doctor, ich bekomme ja nur— Es iſt richtig ſo, geh' nur! und wenn ich mich verrechnet haben ſollte, gehört Dir der Reſt; und nun mach', daß Du endlich fortkommſt. Johann erwiederte Nichts. Es war ja offenbar, daß der Herr ſich verrechnet hatte; aber er ſah ſo eigen aus; es war ihm ſicher etwas ſehr Schlimmes paſſirt: ein Patient geſtorben, den er durchzubringen gehofft, wie neulich, wo er ein paar Tage wie tieffinnig geweſen war,— oder etwas der Art. Man kann jetzt doch nicht mit ihm ſprechen, dachte Johann; Du willſt ihn nur in Ruhe laſſen; beim 21¹ Auskehren findet es ſich wohl.— Wer ſchellt denn da ſchon wieder? Sind Sie zu Hauſe, Herr Doctor? Auf keinen Fall für die Dame, rief Wild; auf keinen Fall! Er hatte ſeinen Seſſel heftig zurückgeſtoßen und ging im Zimmer unruhig auf und nieder, nach dem Vorzimmer lauſchend, von wo jetzt Johann's Stimme ſich vernehmen ließ in heftigſtem Wortwechſel mit einer anderen Stimme— einer männlichen! Gott ſei Dank! Ich will ihm nur zu Hilfe kommen; die Farce muß doch ihren Abſchluß haben. Johann, laß den Mann los. Der iſt ja noch viel impertinenter, rief Johann, indem er fortfuhr, das Individuum, welches er am Kragen gepackt hielt, derb zu ſchütteln. Es iſt nun ſo ſeine Natnr, ſagte Wild; noch einmal: laß ihn los! Wollen Sie hereinkommen! Du kannſt gehen, Johann. Herr Weikert raffte ſeinen Hut vom Boden auf und folgte Wild in das Zimmer. Sie halten ſich eine ſchöne Sorte Bedienten, Herr Doctor! Der Menſch— 212 Hat die natürliche Averſion eines ehrlichen Mannes gegen einen Schurken. Was führt Sie zu mir? Johann, der, Kampfesluſt in jedem Zuge ſeines breiten Geſichts, noch einmal hineingeblickt hatte, ſchloß auf einen entſchiedenen Wink ſeines Herrn ärgerlich die Thür; Wild wandte ſich wieder zu dem Notar, der, bleichen Antlitzes, vor Furcht und Wuth am ganzen Leibe bebend, da ſtand und jetzt aus ſeiner Brieftaſche eine Anzahl Papierſtreifen pro⸗ ducirte: Ich habe die Ehre, Herr Doctor, Ihnen im Auftrage des Herrn Banquier Goldheimer Sohn— Herrn Weikerts widerliche Augen, die bis jetzt ſcheu ſeitwärts oder auf den Boden geblickt hatten, hoben ſich hier mit einem frechſchadenfrohen Zwinkern, ſenkten ſich aber alsbald wieder, nachdem ſie kaum das vornehm ruhige Antlitz geſtreift hatten. Goldheimer Sohn, wiederholte er, in den Pa⸗ pieren blätternd, und ſeine Stimme zu geſchäfts⸗ mäßiger Monotonie zwingend, für 6320 Thaler Wechſel in zehn Appoints zu präſentiren, welche ſämmtlich heute fällig ſind. Der Kaſſenbote der 213 Firma iſt im Laufe des Nachmittags bereits zwei⸗ mal hier geweſen; aber weder waren Sie zu Hauſe, noch war für Deckung geſorgt. Ich habe daher den Auftrag, Ihnen die Wechſel zur Zahlung vorzulegen, bringe auch eine Vollmacht— Sparen Sie ſich den Reſt Ihrer Litaneil Ich verſtehe. So erhebe ich denn Namens der Firma Goldheimer Sohn wegen der Wechſel— Sie verzichten auf nochmalige detaillirte Angabe?— Proteſt. Und nun—? Und nun, ſagte Herr Weikert, habe ich hier von derſelben Firma noch einen Wechſel neueren, ich möchte ſagen: neueſten Datums— einen Sichtwechſel, Herr Doctor— Der Notar blickte wiederum auf und wiederum vergebens: die vornehme Ruhe auf dem Antlitze des Mannes ihm gegenüber wurde auch nicht durch den leiſeſten Schatten von Beſtürzung, Schmerz, Zorn — irgend einer Leidenſchaft, ja nur einer Regung getrübt. Er mußte ſich damit begnügen, die geſetz⸗ liche Formel noch einmal herzuleiern; ja, er hätte ſchließlich ſehr gewünſcht, daß Wild ihn wieder unter⸗ 214 brochen hätte. Wild that es nicht; er ſtand da, die Arme über der breiten Bruſt verſchränkt, ohne ſich zu regen, ohne, wie es Herrn Weikert ſchien, anch nur mit der Wimper zu zucken; und ſo ſah ihn Herr Weikert noch ſtehen, als er ſich eine Minute ſpäter mit einer Höflichkeit, die ironiſch ſein ſollte, empfohlen hatte, und ſich dann eilig hinausdrückte. Und Herr Weikert hörte auch Nichts, während er jetzt im Vorzimmer vor dem großen Spiegel ſeine etwas derangirte Toilette wieder in Ordnung brachte: keinen Wuthſchrei, kein Stöhnen— Nichts; auch nicht, als er, um noch ein wenig länger lauſchen zu können, die Saalthür mit großem Ge⸗ räuſch aufmachte und ſchloß, aber drinnen ſtehen blieb: Nichts, gar nichts! Ordentlich unheimlich ſtill war's, und Herr Weikert mußte ſehr behutſam zn Werke gehen, indem er nun die Thür zum zweiten Male öffnete und— den groben Bedienten, der übrigens nirgend zu erblicken war, ein wenig zu ärgern— bei'm Hinausgehen, ſo weit er nur konnte, hinter ſich offen ließ. H. Wild ſtand noch immer regungslos auf derſelben Stelle. Wie ſollte es nun geſchehen? Er hatte unterwegs daran gedacht, ob es ſich nicht ſo einrichten ließe, daß es bis auf Weiteres den Anſchein eines natürlichen Todes hätte: eines Gehirn⸗ oder Herzſchlages, der ſeinem Leben auf der Stelle ein Ende gemacht, während er, nach den Anſtrengungen des Tages behaglich ſeine Cigarre rauchend, in der Sophaecke ſaß, oder am Fenſter beim letzten Abendlicht, in einem Buche, in einer Zeitung blätternd, wie ihn die Damen in der Bel⸗ Etage des Hauſes gegenüber gewiß oft geſehen hatten. Aber wie lange würde das Weitere auf ſich warten laſſen? wie lange der Schein vorhalten? 216 Ein paar Stunden vielleicht, wenn es hoch kam, ein paar Tage. Dann würde ſich langſam, aber unwiderſtehlich, und dann ſchneller und ſchneller und zuletzt wie ein Lauffeuer über die Stadt husbreiten: Doctor Wild hat ſich mit Blauſäure vergiftet, weil dieſen letzten Ultimo zehntauſend Thaler Wechſel auf ihn liefen, von denen er keinen Groſchen bezahlen konnte. Und darum! um elende zehntauſend Thaler! Nein! nicht darum! In einer Viertelſtunde konnten ſie da auf dem Schreibtiſch liegen, wenn er wollte. Als er heute Morgen dem reichen Grafen Halder ſagte, daß die Gefahr vorüber ſei, daß Mutter und Kind leben bleiben würden, hatte ſich der junge Mann ſchluchzend an ſeine Bruſt geſtürzt, und gerufen: Sie haben auch mir das Leben ge⸗ rettet! Wie ſoll ich es Ihnen danken?— Und Max Lombard! der gute Junge! ihm würde es nicht nur eine Freude ſein— er würde es wie einen Orden tragen; das Bewußtſein, mich gerettet zu haben. Gerettet? wovon? Vom Tode.— Wer da gerettet werden könnte! und was liegt „ 217 an den paar Jahren, von denen wir thun, als ge⸗ hörten ſie uns und nicht dem ſchnöden Zufall, der mit ihnen umſpringt wie der Wirbelwind mit dem Kehricht? Ja, ich will gerettet ſein! von der Herr⸗ ſchaft des Zufalls, der Tyrannei des Lebens— ich habe es ſatt. Ich habe es ſatt und überſatt. Das iſt es — müde bin ich— todmüde— müd zum Tode. Er ſank in den Lehnſtuhl vor ſeinem Schreib⸗ tiſch. Hier hatte er— wie viele Tage wohl, wenn er die Stunden zuſammenrechnete!— geſeſſen und ſtudirt und ſein Gehirn zermartert, dem Geheimniß des Lebens auf die Spur zu kommen, dem Tode die ſichere Beute ſtreitig zu machen mit Menſchenwitz und Menſchenkunſt. Es lag eine hohe Ironie darin, daß hier, gerade hier auf dieſem Platze, das allzu geſchäftige Hirn zur Ruhe kommen; daß er hier, gerade hier den ſo eifrig geſuchten Schlüſſel zum Räthſel des Lebens finden ſollte— den Tod: den Tod sans phrase— den ehrlichen, gründlichen Tod, der or⸗ dentlich aufräumt, gewiſſenhaft die Lichter ausmacht, und geduldig wartet, bis die letzten Funken in der Aſche verglimmt ſind. Da glimmen ſie noch und haſten ſich, die armen Schelme, als wüßten ſie, daß es mit ihnen zu Ende geht. Und weshalb ſollten ſie's nicht wiſſen? der Todesgedanke kann's ihnen ja geſagt haben, als ſie ſich begegneten. Nun möchten ſie ſich retten. Wohin? ach wohin? Er war aufgeſtanden, ohne daß er es gewollt, und ſaß jetzt an dem Flügel, ohne daß er zu ſägen vermocht hätte, wie er dahin gekommen. Er hatte ſich oft an dem Flügel die hämmernden Pulſe be⸗ ruhigt in der Stille der Nacht— ein paar leiſe Takte aus den Oratorien ſeines hochverehrten Händel, aus den Sonaten ſeines vielgeliebten Schubert— oft genug auch ein wenig nur von der kunſtloſen und doch zauberkräftigen Muſik, die er in ſich ſelbſt hatte— ein wilder und doch rythmiſcher Reigen, ein Ariel⸗ lied für die ſchwärmenden Lebensgeiſter—: dann war Alles gut geweſen— Alles! Heute wußte der tiefſinnige Händel keine Auf⸗ löſung zu finden; heute war Schubert's liederreicher Mund ſtumm, und von Ariel's Harfe erklangen ein paar ſchrille, disharmoniſche Töne, die wie Spott und Hohn durch die ſtille Seele gellten. 219 Er ſtand auf und ſchloß ganz leiſe das In⸗ ſtrument. Was ſollten ihm jetzt dieſe Stimmen von Holz und Draht? was ſollten ihm Geiſter⸗ Eine Menſchenſtimme— eine ſanfte, klare die ihm ſagte: es giebt eine Seele, die Dich verſteht, die da weiß, daß Du nicht aus dem Leben fliehſt wie ein Feigling aus der Schlacht; daß Du nicht aus dem Leben Dich wegſtiehlſt wie ein Dieb aus dem Hauſe, bevor die Wächter ihn greifen; wie ein Stutzer aus dem Salon, damit die Leute über ſein plötzliches Verſchwinden ſprechen— daß Du gehſt, weil Du nicht bleiben kannſt, und nicht bleiben kannſt, weil es ſich nach Deinem beſten Wiſſen, nach Deiner innigſten Ueberzeugung des Bleibens nicht verlohnt. Eine ſanfte, klare Menſchenſtimme! Er ſtützte die brennende Stirn in beide Hände. Und doch gab es einmal eine ſolche Stimme: klar und ſanft, ſo lieblich ſanft! es war das Schönſte an ihr, die ſanfte Stimme und die Augen, die großen, blauen treuen Angen! Aber war die ſanfte Stimme nicht ein Echo 220 nur irgendwoher aus dem Walde, dem ſtillen Walde, in den der übermüthige Knabe hinein rief, was ihm eben auf die Lippen kam? Und waren die Augen nicht nur deshalb ſo blau, weil irgend wie ein Stück Himmel hinein ſchien? und nun brauchte nur eine Wolke vorüber zu ziehen, und die Augen wurden trüb und tropften ſentimentale Thrä⸗ nen— wie damals, als wir uns hier wiederſahen — zum letzten Mal. Und was kann ſie heute ſo Dringendes bei mir gewollt haben, daß ſie dreimal gekommen iſt? Mir meine Briefe wieder bringen? ſie mag ſie gern ver⸗ brennen! ihre Briefe ſich zurückgeben laſſen? Frei⸗ lich, es muß da ja Alles ordentlich zugehen, ordent⸗ lich und pedantiſch; das Hauptbuch muß ſtimmen: Debet und Credit: heute Morgen dort, um ſich den Wechſel discontiren zu laſſen; hernach zu mir, ſich von meinem Rechtlichkeitsgefühl eine Quittung darüber zu erbitten, das, wie die Dinge nun einmal lagen, ſie wirklich und wahrhaftig, als gute Haushälterin, gar nicht anders gekonnt. Nun wohl! ſie ſoll nicht vergebens hier geweſen ſein; ſie ſoll die Quittung haben. —.— 221 Er hatte nun doch noch einmal das Schlüſſelbund von dem Kaſten nehmen müſſen, in welchen er die Lebensverſicherungspolice gelegt und den Reſt des Geldes— gerade ſo viel, wie für ein anſtändiges Begräbniß, und was damit zuſammenhängt, reichte. Er konnte ſie nicht gleich finden— ſie lagen tief verſchüttet unter anderen Papieren— aber endlich fand er ſie doch: ihre Briefe. Es waren nicht allzu viele in Anbetracht der langen Zeit, durch welche die Correſpondenz ge⸗ laufen; einige mochten auch wohl fehlen, die auf der Reiſe und in den mancherlei wunderlichen Situatio⸗ nen ſeines Lebens abhanden gekommen; aber die meiſten hatte er doch aufbewahrt als liebe Ange⸗ denken in den erſten Jahren und hernach— er wußte ſelbſt nicht weshalb: aus Gewohnheit, aus Scheu, aus Trotz gegen ſein Gewiſſen, das ihm ſagte: jedes dieſer leichten Blätter wiegt ſchwer und ſchwerer gegen dich. Und ſo hatte er einen zu den anderen gelegt: die letzten hatte er nicht mehr geleſen. Weshalb auch! konnten es doch nur immer wie⸗ der dieſelben Alltagsgedanken ſein, dieſelben dürftigen Empfindungen einer kleinen Seele, die in den engen 222 Schranken des Hauſes ſich einzig wohl fühlt und an den Dornen der Gartenhecke ſchon die matten Schwingen zerreißt, wenn ſie ſich wirklich einmal zu einem kühnen Fluge aufraffen will.— Es hat mich toll gemacht, ſagt der arme Hamlet; er hatte gewiß in der Taſche neben ſeiner Schreibtafel ein Packet ſolcher intereſſanten Ophelia⸗Briefe! Sie würde ſicher auch den alten Polonius nicht verlaſſen haben und mit ihrem Hamlet nach Paris gegangen ſein, wenn er ſie auf dieſe Probe geſtellt hätte; die Ophelien haben immer einen Grund, nicht nach Paris zu gehen; dafür gehen ſie dann ſchließlich in's Waſſer. In der romantiſchen Zeit; jetzt ſind auch ſie praktiſch geworden; jetzt ſchicken ſie den Vater Po⸗ lonius und erbitten ſich ein Accept über ihre Aus⸗ lagen, und gehen dann mit Polonius oder auch allein — ſie kennen das ja— zu irgend einem Gülden⸗ ſtern, und laſſen ſich klingende Münze dafür geben. Seine Augen liefen mechaniſch über ein Blatt, das gerade oben lag. Es war aus der Zeit, als er, der junge Flüchtling, in Zürich den Entſchluß gefaßt hatte, Medicin zu ſtudiren. — 0 05 „Ich ſoll Dir ſagen, was ich von Deinem neuen V Plane halte? liebſter Conrad, was kann ich ſagen, als das Eine, das heute in der Predigt vorkam: Der wahren Liebe müſſen alle Dinge zum Beſten dienen.— Ich weiß, liebſter Conrad, Du magſt die Paſtoren und zumal unſern Paſtor nicht, und er hat es gewiß nicht um Dich verdient; aber als er das heute ſagte, da war mir's, als habe gar nicht er, als habe ein Anderer es geſprochen, der nur das Eine ſagte, und ſonſt nichts weiter; ganz gewiß hörte ich nichts mehr, und kann Dir auch gar nicht be⸗ ſchreiben, wie es ſo über mich kam, doß ich den Kopf auf das Buch beugen und mich recht aus⸗ weinen mußte. Und dabei wurde es mir ſo leicht um's Herz, wie es mir alle die Zeit nicht geweſen iſt, und noch immer, während ich dies ſchreibe, klingt es mir im Herzen wieder: Der wahren Liebe müſſen alle Dinge zum Beſten dienen. Behalte mich nur lieb, Conrad, wie ich Dich!“ Das Blatt entſank ſeiner Hand. Es iſt doch ſchade um ſie; murmelte er, jam⸗ merſchade. Und ſie war wenigſtens immer ehrlich, keine Spur von Comödienſpiel; ehrlich und wahr. 224 Das iſt freilich nicht Alles in Wiſſenſchaft, Kunſt und Leben; aber es iſt viel, ſehr viel und ſehr— ſehr ſelten. Und vielleicht, wenn ich ſie von An⸗ fang an zu meiner Kameradin gemacht, wenn ich ſie hätte Theil nehmen laſſen— aber würde ſie es je gewollt haben! Er hatte ein anderes Blatt ergriffen: „Du nimmſt nun einen ſo hohen Flug, ich bin ja ſo glücklich darüber und ſo ſtolz, und manchmal wird mir doch bange um's Herz wo bleibe ich? was wird aus mir? und dann iſt mir's wieder wie damals, als Du mir zuerſt von Deinen Alpen⸗ wanderungen ſchriebſt, und daß Du auf dem Pilatus geſtanden, und viele tauſend Fuß unter Dir habe der See gelegen, und drüben all die ſtillen Berg⸗ rieſen mit den Eisſtirnen und den lang herabwallen⸗ Schneemänteln— ich wollte mir ein Bild davon machen, ſo recht groß und weit, und wenn ich dachte: jetzt! ja, da ſah ich Dich oben auf einem unſerer kleinen Berge ſtehen; unſere Schweiz war's; aber die große Schweiz, Deine Schweiz war's nicht. Da hätte ich oft weinen mögen und dann mußte ich mir doch ſagen: Du biſt eben nicht dageweſen. Wärſt Du da, kein Berg ſollte Dir zu hoch und zu ſteil ſein, und dann ſtündeſt Du oben und wüßteſt, wie groß und ſchön die Welt iſt. Lache mich nicht aus, Conrad! und weshalb ſollteſt Du es auch, wenn ich mit einem Stolz, der doch nicht ohne Demuth iſt, bekenne: ich bin das blöde, junge Ding nicht mehr, als das Du mich zuletzt ſahſt. Ich habe mich redlich bemüht, Deiner immer würdiger zu werden. Nicht wahr: ich darf es ſagen? ich zahle damit ja nur, was ich Dir ſchuldig bin, mein Held, meine Sonne, mein Leben!“ Er wandte das Blatt um und ſah nach der Adreſſe. War dieſer Brief an ihn? und hatte er ihn je geleſen? oder, wenn er ihn, wie es ſchien, geleſen, was hatte er ſich dabei gedacht? oder war er nicht von ihr? Selbſt die Handſchrift erſchien anders— eine feſte klare Hand mit einem eigenthümlich charakteri⸗ ſtiſchen Ausdruck, kaum noch erkennbar als dieſelbe, die einſt ſo probeſchriftsmäßig deutlich geſchrieben, und dann wieder ſo kindiſch gekritzelt hatte. Ein trübes Lächeln zog über ſein bleiches Geſicht. Was ſoll das jetzt, wo es zu ſpät iſt, wo es Fr. Spielhagen, Ultimv. 2. Auflage. 15 zu Ende geht und zu Ende iſt mit dem Helden⸗ thum und der Sonne und dem Leben? Und im Hauſe iſt's ſtill und auf der Gaſſe— das iſt eine gute Zeit, die rechte Zeit. Er hatte die Briefe eingeſchlagen und ſchrieb die Adreſſe; es war in der Tiefe des Zimmers, wo der Tiſch ſtand, noch eben Licht genug. Er ſchob mit der Linken das Packet auf die Seite und nahm mit der Rechten das Fläſchchen mit dem geſchliffenen Glasſtöpſel. Still Alles, auf der Gaſſe, im Hauſe— ſet ſam ſtill, ſo ſtill, daß er das dumpfe Klopfen ſeines Herzens zu hören glaubte. Es war nicht Furcht, was es ſo klopfen machte— ganz gewiß nicht; und doch hing es ihm ſo ſchwer, ſo ſchwer in der Bruſt, daß er hätte weinen mögen. Still doch auch du, armes Herz! du ſollſt ja Ruhe haben; ſtill! Aber das war nicht ſein Herz! Durch die laut⸗ loſe Stille ſchallte es deutlich genug, wenn es auch nur ein leiſes, ganz leiſes Klopfen war— an ſeiner Stubenthür. Wer konnte es ſein? es war ja Niemand in der Wohnung außer ihm und die Saalthür hatte — er vorhin, als Weikert ging, laut in's Schloß fallen hören. Und abermals pochte es: ſein Haar ſträubte ſich, und dann begann ſein Herz, das ſich zuſammen⸗ gekrampft, hoch zu ſchlagen von einer Lebenswelle, die übermächtig hervorgerauſcht kam aus geheimniß⸗ vollem dunkelklaren Born. Wenn es ein Geiſt war — es war ein guter Geiſt— Chriſtiane! Er war aufgeſprungen und ihr entgegen geflogen; ſie ſtanden ſich gegenüber. Chriſtiane! rief er noch ein einmal. Conrad! Der letzte Abendſchein fiel durch die Tiefe des Zimmers gerade in ihr Geſicht. Ja, das waren die Augen, die treuen, blauen Augen, die er vorhin im Geiſte geſehen; das war die Stimme, die lieb⸗ lich ſanfte Stimme, die er vorhin gehört durch die geiſterhafte Stille, die ſeine todesmüde Seele unfloß. Liebe, geliebte arme Chriſtiane! Er lag zu ihren Füßen und drückte ſein weinen⸗ des Geſicht auf ihre Kniee; ſie weinte auch und legte ihre Hände ſchüchtern auf ſein Haupt, auf das dichte, weiche, kurzgewellte Haar, das ſie ſo zum erſten Male 15* 228 berührte— und ſuchte ihn dann wieder zu ſich auf das Sopha zu ziehen und ſprach zwiſchendurch: Ich bin nicht arm, wenn Du mich noch ein wenig liebſt— ich bin ja dann ſo reich, ſo grenzenlos reich und glücklich. Aber Du darfſt nicht ſo weinen, Con⸗ rad; dann weiß ich nicht, was ich ſage, und nicht, was ich thue, und ſage und thue vielleicht, was ich nicht ſagen und thun will. Armer, armer Conrad! ſie war ſo hold, ſo ſchön und konnte Dir das thun! Ich weiß Alles, Conrad, von dem guten Onkel Kreppelmann; und daß ſich Herr Goldheimer die Uebereilung des Vaters ſo zu Nutze gemacht hat; aber Onkel Kreppelmann hat ihm, ſobald er es er⸗ fahren, einen Abſagebrief geſchrieben und auf das Pult gelegt und iſt gegangen, um nicht wieder zu kommen; der Vater iſt ganz gebrochen und Du mußt dem alten Manne verzeihen,— er hat es ſo bös nicht gemeint, er hat es gar nicht bös gemeint; und als ich ihn nun endlich fand und ihm ſagte, daß ich ſchon ſeit heute Morgen das elende Geld mit mir herumtrage und nicht loswerden kann, weil Du mich nicht annehmen wollteſt und auch wohl nicht zu Hauſe warſt— da iſt er mir um den Hals gefallen und ————— 229 ſteht jetzt unten auf der Straße mit dem guten Onkel Kreppelmann; und ich mußte Deine Thür weit offen finden, und da bin ich nun— hier haſt Du— haſt Du es, und ſchüttle damit die ſchlechten Menſchen von Dir ab wie Staub— er⸗ bärmlichen Staub, der auf Deine Kleider gefallen— und nun leb wohl, Conrad, leb tauſendmal wohl! Sie hatte das Geldpacket, das ſie aus dem Ledertäſchchen genommen, neben ſich auf das Sopha gelegt und wollte ſich erheben; Conrad hielt ſie zuvück. Chriſtiane, weißt Du, daß, wenn Du von mir gehſt, um nicht wieder zu kommen— nein! Das nicht— das wäre feig; ich will Dich nicht zwingen, keinen leiſeſten Zwang auf Dich ausüben und das würde einer ſein— aber Chriſtiane, das darf ich ſagen: ich ſehe jetzt, als hätte es mir ein Gott of⸗ fenbart, was ich an Dir geſündigt und gefrevelt habe, und wenn Du der gute Engel biſt, als der Du mir eben erſchienen, gieb nicht zu, daß ich in thatloſer Reue mich verzehre und aushöhle; halte die Hand über mir, wie Du es eben gethan! 230 Er beugte wieder ſein Haupt auf ihre Kniee; ſie ſuchte ängſtlicher als vorhin ihn aufzurichten. Conrad, Du darfſt nicht länger ſo vor mir knieen; ich kann Dich nicht ſo knieen ſehen, vor mir knieen ſehen— ich kann es nicht. Du mußt mein Stern bleiben, oder die Nacht bricht für mich herein. Weil eine dunkle Wolke über Dir hinzog— wollteſt Du Deine himmliſche Abkunft vergeſſen? Wenn Du das thäteſt, Conrad, ſiehe, dann dürfte auch ich Dir zürnen, dann hätteſt Du mich wirklich verrathen; was Andere Dir ſein können, ich kann es auch, und kann mehr; ich weiß es jetzt, wenn ich es früher in meinen muthigſten Stunden kaum zu hoffen gewagt. Aber Du ſollſt nicht ihr, Du ſollſt nicht mir, Du ſollſt keiner Anderen, Du ſollſt Niemand gehören, als Dir ſelbſt, als Deinem Genius, als Deiner Menſchenliebe— Deiner großherzigen, göttermächtigen Menſchenliebe— ich habe es von Onkel Kreppel⸗ mann, der Dir oft und oft gefolgt iſt, wo Du allein zu ſein glaubteſt, und Dich geſehen hat, wo Du Deine Linke nicht merken ließeſt, was Deine Rechte that— ich weiß es, wie groß, wie mächtig Du die Menſchen liebſt, die Armen, die Elenden— und ſo, 231 mein Geliebter, mein Alles, bleibe Dir nur ſelbſt treu und Du wirſt ewig groß und gut ſein. Sie hatte ihre Lippen auf ſeine Stirn gedrückt und ſich dann erhoben. Er hatte ſie nicht länger gehalten. Er ſtand ein paar Schritte vom Sopha, geſenkten Hauptes, ihr mit den Augen folgend, wie ſie jetzt nach der Thüre ging und dann ſich um⸗ wandte und im nächſten Momente in ſeinen Armen lag, den mächtigen Armen, die ſie emporhoben, als wäre ſie ein Kind, und ſie wieder losließen und wieder umfingen, während eine Stimme an ihrem Ohr flüſterte: Mit Dir, mit Dir! Und dann ſtanden ſie am Fenſter im letzten Abendſcheine, der röthlich durch die Wolken fiel, die den Tag umdüſtert, und winkten und grüßten hinab zu ein paar alten Männern, die ſeit zehn Minuten drüben auf dem Trottoir gingen, von Zeit zu Zeit ein paar beſorgte Worte wechſelnd und dann zum Fenſter aufſchauend, an dem jetzt die Beiden ſtanden, ſich umſchlungen haltend, und wieder grüßten und winkten. Und die beiden alten Männer fielen ein⸗ ander in die Arme, zur nicht geringen Verwunder⸗ ung von ein paar Vorübergehenden, die ſich um⸗ N 232 wandten und nicht anders glaubten, als die guten Leute ſeien ein wenig närriſch geworden. Jetzo iſt Alles in Ordnung, Gevatter, ſchluchzte Herr Thomas Kempe; jetzo iſt Alles reguliret. 1 Nicht mehr als billig, Gevatter, nicht mehr als billig, murmelte Kreppelmännchen, ſich lächelnd die grauen Wimpern trocknend; wir haben ja heut Ultimo. Leipzig. Druck von Grimme K Trömel.