deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Otlmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens * 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhchentlich— Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Wr.— 1W 2. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſetbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen hahen. iblivthet 55 † Dirſchönen 6). Amerikanerinnen. Novelle von Friedrich Spielhagen. Siebente Auflage. (Volksausgabe.) Leipzig. Verlag von L. Staackmann. 1880. . 8 8 5 8 2 8 * — 8 „ —* 8 8 3 S 8 5 —— I. Bad Tannenburg liegt, wie Jedermann weiß, in dem Thüringer Walde, an einer Stelle, wo das Terrain, welches bisher aus der Ebene in anmuthigen Hügeln emporſtieg, einen erſten Verſuch macht, ſich zu ſchrofferen Tannen⸗ und Fichten⸗ höhen aufzuſchwingen. Die uralte, epheuumrankte Burg, in deren drohenden Schatten ſich vor Zeiten die niederen Dorf⸗ hütten zuſammengedrängt haben mögen, und deren wohlerhal⸗ tenes Hauptgebäude jetzt als Dependance des Kurhauſes benutzt wird, iſt auf einem iſolirten Hügel erbaut; das Kurhaus liegt unmittelbar am Fuße des Schloßhügels in der Linie der Haupt⸗ ſtraße des Dorfes, über deren letzten Häuſern ſchon die Berg⸗ tannen rauſchen. Ein munterer Bach, deſſen reine Waſſer die zahlreichen Dorfgänſe kaum zu trüben vermögen, eilt plätſchernd in wohlgemauerter Rinne die ziemlich jäh abfallende Straße hinab. Das Dorf nimmt ſich jetzt mit ſeinen weißgetünchten, meiſt zweiſtöckigen, zum Fremdenbeſuch wohnlich eingerichteten Bauerhäuſern und den großen Kurgebäuden, die wiederum von dem alten Schloſſe auf dem Hügel überragt werden, gar ſtatt⸗ lich aus; die Geſellſchaft, die ſich hier, beſonders aus den Nach⸗ barſtädten, aber auch von weiter her, in den Sommermonaten zuſammenfindet, iſt verhältnißmäßig ſehr zahlreich; das Bad prosperirt zuſehends, und Doctor Kühleborn, der intelligente, kahlköpfige Eigenthümer, Director und Badearzt, reibt ſich jedes Jahr vergnügter die feinen weißen Hände. Es hatte keiner großen Ueberredungskünſte von Seiten eines Freundes bedurft, der ſich in dieſem Augenblicke zu einer Kur 1* in Tannenburg aufhielt, um mich zu bewegen, meine kleine Familie in einem ziemlich triſten Soolbade der Ebene auf ein paar Tage allein zu laſſen und den Ort, von deſſen reizender Lage ich ſo viel gehört, endlich einmal kennen zu lernen. Dieſer Freund hatte auf denſelben Schulbänken, wie ich— aber immer einige Bänke tiefer— geſeſſen. Er gehörte zur glücklichen Mi⸗ norität der mit erb⸗ und eigenthümlichem Grundbeſitz ausge⸗ zeichneten Menſchen: ein hochgewachſener, ſchöner Mann mit hellen Augen, denen man auf den erſten Blick anſah, daß ſie die Viſirlinie einer Büchſe mit unfehlbarer Sicherheit finden würden, und im Uebrigen: was die Leute„einen guten Jungen“, oder ſpäter„einen guten Kerl“ zu nennen pflegen. Ich hatte ihn nichtsdeſtoweniger, oder vielmehr: gerade deswegen immer ſehr lieb gehabt, denn ich war in Sachen der Freundſchaft ſtets der Anſicht, welche die vortreffliche Frau Primroſe in Sachen ihres Hochzeitkleides hatte: daß man bei der Wahl vor Allem auf die Tugend der Dauerhaftigkeit ſehen müſſe. Um ſo mehr fiel es mir heute, nachdem wir über eine Stunde in dem Kurgarten geſeſſen hatten, auf, nicht nur, daß ich die Converſation faſt allein führte— denn daran war ich in unſerem Umgange gewöhnt— ſondern daß ihm offen⸗ bar das ſorgfältige Signalement, welches ich von dem jüngſten meiner Kinder gab, wenig Theilnahme abzugewinnen vermochte, ja, daß ſeine Aufmerkſamkeit bei einer eingehenden Erörterung der Vortheile und Nachtheile des franzöſiſch⸗deutſchen Handels⸗ vertrages für den internationalen literariſchen Verkehr auf Null ſank, und in ſeine hellen Augen ein Schatten fiel, der nicht von dem Abend herrühren konnte, welcher allerdings ſchnell her⸗ einbrach. Ich verſuchte es noch mit dem Liebig'ſchen Kinderpulver und verfiel allmälig, als auch das nicht anſchlug, ebenfalls in ein Schweigen, das dem Orte und der Stunde auch wohl mehr entſprach, als angeregtes Geſpräch. Die Sonne mochte ſeit einer halben Stunde hinter den Schloßberg geſunken ſein, doch war die Luft, obgleich wir uns ſchon im Anfang des Herbſtes befanden, ſommerlich warm und erquickend zugleich. Durch die — . 5 bereits etwas gelichteten Kronen einer Gruppe prächtiger Bäume uns gerade gegenüber ſchimmerte eine matte Stelle, den herauf⸗ kommenden Vollmond verkündend. Von der Dorſſtraße her, die zwiſchen dem Kurhaus und dem Kurgarten hinlief, ertönte das Geknarr eines mit zwei Kühen beſpannten Wagens und das Hot und Hü des Führers. In dem Kurgarten wurde es ſtill; ein paar Damengruppen, die hier und da zerſtreut in den Lauben und unter den Bäumen ſaßen, ſchienen ſich zum Auf⸗ bruch zu rüſten; auf dem Raſenplatze vor uns zeigten ſich ein paar ſchöne Kinder, die ſich zu haſchen begannen; ein Herr, welchen ich ſchon ſeit einiger Zeit beobachtet hatte, wie er, ſich in einem Gartenſtuhl ſchaukelnd, bald die Wolken ſeiner Cigarre aufwärts in die blaue Abendluft blies, bald den Kopf herab⸗ beugte und ſich etwas in ein Büchelchen notirte, erhob ſich und kam, das Büchelchen in der Hand, über den Raſenplatz, winkte meinem Freund und ſagte: Es iſt Zeit! Ich werde heute einmal ausſetzen. Der mit dem Taſchenbüchelchen trat näher: Haben Sie Dispens? Das nicht; ich dispenſire mich ſelbſt. Darf ich die Herren mit einander bekannt machen? Sind Sie ein Verwandter des Dichters? fragte ich, nach⸗ dem wir uns begrüßt und der Kreisrichter Linder ſich nach⸗ läſſig in einen Gartenſtuhl an unſerer Seite hatte ſinken laſſen. Er ſelber; antwortete dieſer mit leichter Neigung des aus⸗ drucksvollen Kopfes. Ah! das iſt mir ja eine angenehme Ueberraſchung! Ganz auf meiner Seite! ſagte der Dichter mit einem liebe⸗ vollen Blick auf die überaus langen, künſtlich zugeſpitzten Nägel der Finger ſeiner weißen wohlgepflegten Hand. Sie werden hier, in dieſem ſtillen Winkel, wenig Anregung „zu neuen Liedern und Tänzen“ finden, fürchte ich. Sie ſagen das vom Standpunkt des Novelliſten; mit uns Lyrikern iſt das anders. Wer gern tanzt, dem iſt bald auf⸗ geſpielt; und er machte eine Bewegung, das perlengeſchmückte Notizbuch, das er auf den Tiſch gelegt hatte, in die Seitentaſche ſeines Rockes zu ſchieben. Dieſe Bewegung hatte etwas Zögerndes. Ich möchte wetten, Sie haben da ſo eben eine neue Me⸗ lodie aufgezeichnet. Der Dichter warf aus ſeinen langgeſchlitzten Augen einen ſchnellen forſchenden Blick auf mich und ſagte, indem er das Büchelchen, anſtatt es in die Taſche zu ſtecken, auf ſeinen Schooß ſinken ließ: Brüder in Apollo ſind einander Aufrichtigkeit ſchuldig. Ich fürchte nur, daß Herr— Bitte, thun Sie, als ob ich nicht zugegen wäre! ſagte mein Freund in einem etwas unhöflichen Ton, der mich veranlaßte, eifriger in den Dichter zu dringen, uns mit dem jüngſten Kinde ſeiner Muſe ſofort bekannt zu machen. Linder zog den Silberſtift aus dem Perlenbuch, öffnete es, aber, wie es ſchien, nur der Form wegen. Denn er ſchloß— nachdem er noch einmal wohlwollend auf ſeine Fingerſpitzen ge⸗ blickt— die Augen und recitirte mit leiſer, monotoner Stimme, indem er ſchärfer, als nöthig oder angenehm war, Rhythmus und Reime hervorhob: Die Sonne ging zur Rüſte, Es ſinkt herein die Nacht; Und drüben über dem Berge Erglänzt des Mondes Pracht. Du ſchöne, goldne Sonne, Wie lachte mir dein Glanz! Wie war durchglüht mein Herze Von deinen Strahlen ganz! Du lieber Mond, du holder, Wie labet mich dein Schein! Wie wallt dir fromm entgegen Die ganze Seele mein! Hier machte mein Freund eine ungeduldige Bewegung; Linder ſchien aus einem Traum aufzuwachen und fuhr mit etwas erregter Stimme fort, indem er meinen Freund durch die geſenkten Wimpern fixirte: 7 Ich kenn' zwei braune Augen, Darin die Sonne thront; Und kenn' zwei blaue Augen, Aus denen ſcheint der Mond. Fragt nicht, ob Mond, ob Sdnne Mein Herz zumeiſt begehrt— Sie haben mir alle beide Den armen Sinn bethört. Laſſen Sie dieſe Verſe nicht drucken, Linder; ſagte mein Freund. Weshalb nicht? fragte der Dichter, der das Perlenbuch nun wirklich in die Taſche geſteckt und ſich erhoben hatte. Weil fünfundſiebzigtauſend Dichter Sie des Plagiats be⸗ ſchuldigen würden. Linder zuckte die Achſeln. Ein feines Lächeln ſpielte für einen Moment in dem nicht allzudichten Schatten ſeines blonden Schnurrbarts. Und doch, was gäben Sie darum, ſagte er, wenn Sie eben dieſe Verſe engliſch in gewiſſe Ohren lispeln könnten. Wollen Sie ſchon fort? fragte ich. Ich muß noch vor dem Abendbrod ein Sitzbad nehmen, erwiederte der Dichter, indem er höflich den Hut zog, und dann, die Hände auf dem Rücken, ſich gemächlichen Schrittes in der Richtung des Kurhauſes entfernte. Das wird Sie abkühlen! rief ihm mein Freund nach. Ich finde, lieber Egbert, daß Du im Laufe der Jahre eine bedenkliche Einbuße an Deiner früheren Höflichkeit erlitten haſt, ſagte ich erſtaunt. Was hat der Menſch nöthig, uns ſeine elenden Verſe vor⸗ zuleiern, rief Egbert, heftig den Spazierſtock, den er zwiſchen den Knieen hielt, in den Sand ſtoßend, ſeine elenden Verſe! Die Verſe hätten beſſer ſein können, ohne klaſſiſch zu ſein, erwiederte ich; aber ich erinnere mich nicht, daß Du früher ſo empfindlich warſt. Und wenn der Menſch noch etwas dabei empfände, fuhr Egbert fort, ohne mich zu hören; aber freilich, es iſt ſein Glück, daß er nichts dabei empfindet; ſein Glück; ich könnte ihm jeden Knochen im Leibe— pah: es iſt kindiſch, daß ich mich über einen ſolchen Maulhelden noch aufrege. Da läuft ſchon wieder ſo ein Laffe. Ein junger ſtutzerhaft gekleideter Mann kam ſehr ſchnell durch den Garten, nach allen Seiten ſuchende Blicke werfend. Sie können mir gewiß ſagen, ob ſie ſchon zurück ſind? rief er, zu Egbert gewandt, über den Raſenplatz herüber. Thut mir keid! brummte Egbert. Wer ſind„ſie“? fragte ich, während der Stutzer weiter eilte. Egbert wurde roth, antwortete aber nicht, ſondern blickte eifrig nach den ſchönen Kindern auf dem Raſenplatze, zu denen jetzt ein halberwachſenes, nicht minder ſchönes Mädchen getreten war, welches die Kleineren ſpielend zu uns hintrieb, während ein paar Damen,— eine kleine, ſehr brunette junge Frau mit feurigen ſchwarzen Augen, die Mutter der Kinder, und eine noch kleinere, ſehr alte, überaus häßliche Dame an uns vor⸗ übergingen. Die häßliche Dame erhob ſchalkhaft drohend den Zeige⸗ finger ihrer ſchwarzbehandſchuhten Hand und ſagte mit einer meckernden Stimme: Sie werden ſich erkälten mit Ihrem Rheumatismus, und noch dazu umſonſt! Louis hat mir geſagt, daß ſie nicht vor neun Uhr zurückkommen können. Die alte Dame winkte und kicherte und nickte, und machte dann einen tiefen Knix, der für mich berechnet war. Die Kinder ſprangen an der jungen Frau heran. Das kleinſte, ein ſchwarz⸗ haariges, ſchwarzäugiges Mädchen von fünf Jahren, rief: Mut⸗ ter! Mutter! ſie wollen mir nicht glauben, daß ſie mir heute Jede einen Kuß gegeben haben. Die Gruppe entfernte ſich: Und ſie haben mir doch einen Kuß gegeben! rief die Kleine noch immer. Die Eine, und die Andere, die viel ſchöner iſt als die Andere! Aber um Himmelswillen, Egbert, wer ſind dieſe geheimniß⸗ vollen„ſie“, von denen hier alle Welt ſpricht, als ob„ſie“ nie⸗ mand anders bedeuten könnte, als eben nur„ſie“? rief ich. — 9 Egbert's Geſicht hatte noch lebhaftere Farben angenommen. Laß uns gehen! ſagte er kurz. Der Garten war beinahe leer; nur in dem einen Wege dicht am Ausgang ſtand eine Gruppe von Damen, die wir paſ⸗ ſiren mußten. Die Damen ſchienen ſich ſehr angelegentlich zu unterhalten; als wir in ihrer Nähe waren und Egbert mit einem flüchtigen Gruß vorüber wollte, wandte ſich die eine mit Lebhaftigkeit zu ihm und rief: Wir haben das Kränzchen jetzt zuſammen: Frau Oberpoſt⸗ directorin von Dinde, die beiden Fräulein Coſchwitz, Herr Plätzer, Herr Schwätzer, vielleicht auch Fräulein Kernbeißer und Frau Herkules. Frau Oberpoſtdirectorin von Dinde— ſie machte eine Handbewegung nach einer neben ihr ſtehenden Dame— wird den Vorſitz übernehmen. Nimmermehr! rief die Oberpoſtdirectorin in dem Tone tief⸗ gekränkter Beſcheidenheit; der kommt Ihnen zu, Frau Juſtiz⸗ räthin. Sie werden uns nicht im Stiche laſſen, lieber Baron! rief eine andere. Ich bedaure, meine Damen, ſagte Egbert, dem die ganze Scene unendlich peinlich zu ſein ſchien; aber ich würde bei meinen äußerſt mangelhaften Kenntniſſen gleichſam nur das fünfte Rad am Wagen ſein. O, wir fangen ganz klein an: mit dem BVicar of Wakefield; ſagte die Frau Juſtizräthin in ermuthigendem Tone. Bedaure dennoch! rief Egbert, indem er mir, der ich be⸗ ſcheiden ein paar Schritte vorausgegangen war, nacheilte und, ſeinen Arm in meinen Arm legend, mich aus dem Garten zog: Thu' mir den Gefallen und laß uns machen, daß wir fortkommen; ich glaube, die Menſchen hier ſind alle verrückt geworden. Wir gingen die Dorfſtraße hinab,— vorüber an der Directorwohnung, wo von dem zierlichen, weinlaubumrankten, ſäulengetragenen Balkon einige Herren durch Operngucker nach der Poſt hinüberſchauten, vor welcher der eben angekommene Wagen neue Gäſte ablud; vorüber an den letzten Häuſern, die ————— 10 immer kleiner wurden und endlich aufhörten. Dann begann die Chauſſee wieder zu ſteigen, ganz allmälig, bis zu einer Stelle, wo an der Wegſeite unter ein paar hohen, dickſtämmigen Pla⸗ tanen eine Bank angebracht war. Hier nahmen wir Platz. Ich blickte eifrig auf das Dorf hinab, deſſen weiße Häuſerwände und dunkle Schieferdächer jetzt das Licht des Mondes umſpielte, der in voller Pracht über dem hohen Walde hinter dem Dorfe heraufgeſtiegen wat. Die dunkle Silhouette der Berge ſetzte ſich ſcharf von dem hellen Hintergrunde des Himmels ab. In den tiefer liegenden, von leichtem Nebelflor überſchleierten Fel⸗ dern und Wieſen in unſerer Nähe zirpten die Cicaden, und ein Rebhuhn lockte ſeine Brut. Es war ſommerlich warm, kein Lüftchen regte ſich; ich erging mich im Lobe der ſchönen Nacht und der über alle meine Erwartung lieblichen Landſchaft, wäh⸗ rend mein Gefährte ſtumm und in ſich gekehrt an meiner Seite ſaß. Ich wandte mich lächelnd zu ihm und ſagte: Nun, Eg⸗ bert, geſtehe: iſt es die Sonne oder der Mond?— ſind es die braunen oder die blauen Augen, die Deinen Sinn verrückt haben? Egbert erhob ſich ſehr ſchnell, als wollte er ſich entfernen, und ſetzte ſich dann wieder, ohne ein Wort zu ſprechen. Ich legte meine Hand auf ſeinen Arm und ſagte in jenem milden Beichtigerton, der Balſam iſt für ein wundes Herz: Der Teufel ſoll mich holen, mon cher, wenn ich weiß, welche Tarantel Dich geſtochen hat. Haſt Du mich deshalb aus der ſüßen Ruhe ſtiller Familienfreuden hierhergeſprengt, um mir zu zeigen, daß Du der Mann biſt, liebenswürdige Kurgäſte beiderlei Geſchlechts grob zu behandeln, und mir hernach den Reſt meiner guten Laune durch ſeufzerreiche Schweigſamkeit vollends zu verderben? Sprich, Unglückſeliger, was Dir fehlt, oder ich aſſociire mich für die übrige Zeit meines Hierſeins mit dem Poeten, und leſe mit der Juſtizrath Scherwenzer, Scher⸗ wenzel, oder wie die gute Dame heißt, den Vicar of Wakefield! Noch einmal und zum litzten Mal: ſind es die braunen oder die blauen Augen jener geheimnißvollen„ſie“ oder ſind„ſie“ es alle beide? 3 11 Die blauen ſind es, die blauen! rief Egbert, abermals auf⸗ ſpringend und die Arme nach dem Monde ausſtreckend. Ich hatte hier offenbar nicht blos das vollſte Recht, ſon⸗ dern auch in der That die größte Luſt, in ein ſchallendes Ge⸗ lächter auszubrechen, aber ich bezwang mich und ſagte ernſthaft: Egbert, ich bitte Dich, rege Dich nicht unnöthig auf! Setze Dich lieber wieder her, und erzähle mir nun, als ein Freund dem beſten Freunde, was giebt es? was hat es gegeben? was wird es geben? Ein Unglück, rief Egbert, der offenbar nur die letzten Worte gehört hatte; ganz zweifellos ein Unglück: denn ich habe auch nicht die mindeſte Ausſicht, jemals— noch dazu, da ich nicht drei Worte— aber Du weißt ja gar nicht, um was es ſich handelt, und kannſt alſo gar nicht— Weißt gar nicht, kannſt gar nicht, närriſcher Kerl! Ich kann Alles, wenn ich Alles weiß! Alſo her zu mir, und er⸗ zählt! Alles der Ordnung gemäß, wie Polyphem ſeine Schafe melkt! Damit zog ich den Widerſtrebenden zu mir nieder auf die Bank, und er erzählte nicht ohne manches Stocken und Zögern: Es mag nun etwa vierzehn Tage her ſein, als ich Doctor Kühleborn eines Abends eilfertiger als gewöhnlich die Straße hinab traben ſah. Ich wollte ihn, ich weiß nicht wonach, fragen, trabte hinter ihm her und holte ihn dicht vor der Poſt ein. Er ließ mich natürlich nicht zu Worte kommen, ſondern rief: begleiten Sie mich und helfen Sie mir eine Familie empfangen, die ſich heut hat anmelden laſſen. Sie verſtehen ohne Zweifel engliſch? Alles wird mir jetzo klar— murmelte ich. Du ſagteſt? Nichts; bitte, fahre fort! Weshalb, Doctor? fragte ich. Er erwiederte nichts, hatte auch kaum Zeit dazu, denn in dieſem Augenblicke kamen zwei Wagen— eine offene Chaiſe und ein Gepäckwagen— mit Poſt⸗ hornklang und Peitſchenknall herangerollt und hielten vor der Poſt ſtill. In der Chaiſe ſaßen vier Perſonen: ein ſtattlicher Herr und eine corpulente Dame im Fond, zwei junge Damen auf dem Rückſitz. Ich ſtand ſo, daß ich beſſer die beiden letz⸗ teren ſehen konnte, oder vielmehr nur die eine, oder vielleicht frappirte mich die wunderbare Schönheit dieſer Einen ſo, daß ich nur ſie ſah. Nun, Du wirſt ſie ja morgen auch ſehen und mir Recht geben: ſo etwas Liebliches, Holdes, Wunderbares hat noch nie exiſtirt, ſo lange die Welt ſteht. Sie iſt der Inbe⸗ griff— mit einem Worte: es iſt nicht auszufagen, wie ſchön ſie iſt. Gehen wir alſo weiter! ſagte ich; wir ſtehen noch immer vor der Poſt! Ja ſo! der unglückſelige Menſch von Doctor rief mich, während er, Hut in der Hand, mit denen im Wagen ſprach, heran, und ich Einfaltspinſel muß denn natürlich folgen, als ob ich nicht hätte ahnen können, was mir bevorſtand. Kühle⸗ born nämlich, mit deſſen Engliſch es auch nicht weit her iſt, und der, der Himmel verzeihe es ihm, ſich nun einmal in den Kopf geſetzt hatte, daß ich ihm würde helfen können, ſtellt mich vor: Herr Egbert, Miſter Egbert! und ſtößt mich mit dem Knopf ſeines Stockes in die Seite, und raunt mir mit der verlegenſten Miene von der Welt zu: reden Sie doch mit ihnen und ſagen Sie ihnen: ich hätte im Kurhauſe die Zimmer für ſie in Bereitſchaft!— Nun denke Dir meine Lage. Alle die Augen ſtarr auf mich gerichtet: der Alte unter ſeinen buſchigen Brauen, die Alte unter ihren grauen Locken, die jungen Damen unter ihren breiträndrigen Strohhüten: alle mich anblickend, und ich nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen! nein, nicht ein Sterbenswort, und wenn ich zur Strafe dafür auf der Stelle hätte zehntauſend Klafter tief in die Erde ſinken ſollen, was ich bei Gott am liebſten gethan hätte. Wie lange dieſe hölliſche Situation gedauert hat, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ſie nicht lachte, ſondern mich mit ihren ſchönen ſanften Augen mit⸗ leidig anſah, und daß ihre Wangen ſich rötheten, als wollte ſie ſagen: armer Junge, ich kann mir ungefähr denken, wie Dir zu Muthe iſt. Und dabei ſtellte es ſich nun doch heraus, daß mir das ganze Unglück hätte erſpart werden können, denn der 13 alte Jaguar kann ſich gar wohl deutſch verſtändlich machen, wenn er die Herablaſſung hat, es zu wollen. Ich aber hatte meine Lection im Engliſchen weg und drückte mich von dem Wagen fort, wie ein Eſel, ein horrender Eſel, der ich bin! Egbert hatte ſich in die größte Aufregung hineingeſprochen und ſchlug mit ſeinem Stocke zornig auf die Erde. Ich fand ſelbſtverſtändlich die mir ſo lebhaft geſchilderte Situation un⸗ endlich viel mehr komiſch als tragiſch, hütete mich aber wohl, meine Empfindungen zu äußern. Im Gegentheil! es lag eine Welt voll Theilnahme in dem Ton, in welchem ich jetzt ſagte: Armer Junge! ich kann es mir denken! es muß gräulich geweſen ſein. Aber hoffentlich haſt Du ſeitdem Gelegenheit ge⸗ habt, Dich vor der Schönen im beſſeren Lichte zu zeigen. Gelegenheit! rief Egbert. Was heißt Gelegenheit, wenn man zum blödſinnigen Schweigen verurtheilt iſt. Ich ſehe ſie ieden Tag, aber das iſt Alles! Und dies Alles iſt viel; auch Blicke reden. Beſonders wenn man in Erinnerung jener verdammten In⸗ troduction die Augen nicht aufzuſchlagen wagt. Und Du verſtehſt wirklich gar kein Engliſch? Iſt es uns vielleicht auf der Schule gelehrt worden? und wo hätte ich es ſpäter lernen ſollen? Freilich, freilich! aber erzähle weiter. Wie leben die Eng⸗ länder? wie heißen ſie? intereſſiren ſie ſich ebenſo für die Ge⸗ ſellſchaft, wie dieſe ſich für ſie zu intereſſiren ſcheint? Es ſind keine Engländer, ſagte Egbert; ſondern Amerikaner aus den Südſtaaten, die der Krieg vertrieben hat. Miſter Cun⸗ nigsby nennt er ſich, Mr. Auguſtus Lionel Cunnigsby, und ich kann Dich verſichern, man ſieht dem Kerl förmlich die Sclaven an, die er Zeit ſeines Lebens zu Tode geprügelt haben mag. Er iſt ſo ſtolz wie Lucifer, und kann man es ihm verdenken, wenn alle Welt ſich vor ihm in den Staub wirft! Thut das alle Welt? Nun freilich! Du kennſt ja unſere guten Deutſchen! Wenn Jemand nicht innerhalb der Grenze ihres Zollgebietes, ſondern am Miſſiſſippi geboren iſt und dann die Güte hat, hierher zu 14 kommen und in jeder Beziehung zu thun, als ob ſie gar nicht auf der Welt ſeien, als höchſtens, um ihm die Stiefeln zu putzen — ſo iſt das Factum ſo merkwürdig, daß ſie aus dem Augen⸗ aufſperren und Mundaufreißen gar nicht herauskommen. Und nun laß ihn noch einen halben Kopf größer und einen halben Fuß in den Schultern breiter ſein, als ſonſt die Menſchen, oder gar einen ungewöhnlich braunen Teint und dunkle Augen haben — ſo regt ſich der alte Leibeigene von geſtern in dem Pfahl⸗ bürger von heute und drückt ſich vor dem großen Herrn ſcheu auf die Seite. Was kümmert ſie es, daß der Mann Zeit ſeines Lebens ein ganz gemeiner Sclavenzüchter geweſen iſt, daß an jedem Goldſtück, das er ihnen zuwirft, der Schweiß, vielleicht das Blut der unglücklichen Opfer ſeiner brutalen Habgier klebt, — ſie müſſen ſich vor ihm in ihrer Erbärmlichkeit proſtituiren— es iſt einmal gemeine Natur— ſie können nicht anders. Du übertreibſt, Egbert! und das in der gröblichſten Weiſe. Keineswegs! und Du würdeſt mir Recht geben, hätteſt Du, wie ich, die letzten vierzehn Tage dieſe Menſchen beobachtet. Kaum daß noch ein anderes Wort geſprochen wird, außer über die Amerikaner. Wie ſie leben, wie ſie ſich anziehen, gehen, ſtehen, ſprechen— Alles iſt der koſtbare Text zu unendlichen Commentaren. Mein Gott, die guten Leute ſind müßig; ſie ſind froh, einen Unterhaltungsſtoff zu haben! und dann! Tannenburg iſt kein Homburg oder Baden⸗Baden. Was dort ein Stern ſein würde unter tauſend Sternen, glänzt hier wie die Sonne am Himmel. Das Ungewöhnliche zieht überall die Blicke auf ſich. Dafür ſind wir Menſchen. Sag' lieber: dafür ſind wir Deutſche. Ich kenne fremde Länder freilich nicht wie Du, aber hältſt Du es für möglich, daß in dem jämmerlichſten engliſchen Badeort eine reiche deutſche Familie, die dort erſchiene, eine ſolche lächerliche Senſation erregen, daß man eine ſo kindiſche, ſich ſelbſt wegwerfende Abgötterei mit ihr treiben würde? Und das heute, heute, nachdem wir eben den ruhmreichſten Krieg geführt! Schlachten geſchlagen haben, die die Welt erſchütterten! heute, wo die ganze — 15 Welt athemlos darauf lauſcht, was Deutſchland demnächſt ſagen und thun wird! Egbert! rief ich lachend; auch Du! wie? ich glaube, ich habe noch Deinen Brief in der Taſche, in welchem Du uns Beide glücklich preiſt, daß wir nichts mit einem Kriege zu thun hatten, den nicht die Völker, den nur die Fürſten gewollt haben, der folglich auch nur den Fürſten zu gute kommen wird! 74 Das iſt unſere Sache! erwiederte Egbert eifrig; unſere eigene häusliche Angelegenheit, die die Anderen nichts angeht. Den Anderen ſollten und müßten wir zeigen, daß wir von jetzt an in unſeren eigenen Schuhen ſtehen wollen und ſtehen können, gleichviel, ob die Schuhe nach unſerem Geſchmack ſind, oder nicht. Aber— Aber die Juſtizrath Scherwenzel und die Oberpoſtdirectorin von Dinde ſind doch nicht die deutſche Nation! Egbert lachte. Nun ja, rief er; aber es iſt und bleibt doch ärgerlich! Da tragen ſie jetzt natürliche Blumen im Haar, die alten Schachteln, weil die ſchönen Amerikanerinnen es thun! Und nun dieſe neueſte Blamage mit dem engliſchen Kränzchen! Iſt es nicht zu arg! nur um die heilige Brahminenſprache in Paria⸗Demuth doch auch unter ſich radebrechen zu können, oder es gar ſo weit zu bringen, daß, wenn Doctor Kühleborn ſie mit dem Stocke in die Seite ſtößt, ſie nicht mit ſtummem, offenem Munde daſtehen, wie— komm! es wird kühl, wir wollen zurückkehren! Wir fingen an, langſam die mondbeſchienene Chauſſee nach dem mondbeſchienenen Dorfe hinabzuſteigen. Egbert war wieder ſchweigſam geworden. Ich ſuchte mir, was ich ſpeben gehört, zurecht zu legen, und wunderte mich, daß ich eine Scheu empfand, den Freund abermals auf die blauen Augen, die es ihm offenbar angethan hatten, zu ſprechen zu bringen. Ja, ich ertappte mich darauf, wie ich mich mit eben dieſen myſtiſchen Sternen in die zierlichſte engliſche Con⸗ verſation, die in meiner Macht ſtand, vertiefte. Höre, Egbert, ſagte ich, wie wär's, wenn ich Dir Unterricht 16 im Engliſchen gäbe? nach der beſten Methode; Du ſollſt reißende Fortſchritte machen. Pahl erwiederte Egbert; wer ſagt Dir denn, daß ich es lernen will! um mich lächerlich zu machen, wie die Anderen? um derſelben Ehre gewürdigt zu werden, wie der Laffe, der Bergfeld— Der junge Stutzer, der vorhin ſo eilig durch den Gar⸗ ten lief? Derſelbe. Er iſt ein Kaufmann aus Berlin, glaube ich— ein windiger, fader, hohler Geſell, wie nur einer! Sie haben ihn früher Alle zum beſten gehabt; jetzt iſt er der große Mann: die Damen alt und jung reißen ſich um ihn; die Männer lauſchen auf ihn, wie auf ein Orakel. Weshalb? weil er, wie es ſcheint, der Einzige in der Geſellſchaft iſt, der engliſch ſprechen kann und deshalb der Ehre gewürdigt wird, der Alten den Shawl tragen, für die jungen Damen Stühle herbeiholen zu dürfen, und was dergleichen Ritterdienſte mehr ſind. Und Linder, der Mann der Sonne und des Mondes? Spricht auch nicht engliſch, und iſt verdammt, aus der Ferne mit ſeinem Perlentaſchenbuch und Silberbleiſtift, ſeinem Battiſttaſchentuch, blonden Handſchuhen und gelben Schnurrbart zu coquettiren. Wohl bekomm's ihm! Und ſind ſie, oder iſt ſie wirklich ſo ſchön? Du wirſt es ja ſelbſt ſehen; erwiederte Egbert kurz. Wir gelangten in das Dorf. Die Häuſer warfen breite Schatten, zwiſchendurch lag das Mondlicht blendend auf der chauſſirten Straße. Aus vielen Fenſtern ſchimmerte Licht; vor den Thüren in dämmrigen Lauben ſaßen Kurgäſte; auf den Trittſtufen der Häuſertreppen kauerten Dorfmädchen, die halb⸗ laut ſangen. Zwiſchendurch rauſchte und plätſcherte der Bach in ſeiner ſteinernen Rinne. Als wir uns dem Kurhauſe näher⸗ ten, kam aus einer Seitenſtraße ein Wagen, der wenige Schritte vor uns an der Thür eines Flügels des Kurhauſes ſtill hielt. Ein junger Mann, der in dem Schatten der Thüre gewartet haben mußte, ſprang eilig die Stufen herab, öffnete den Schlag und war einigen Damen— drei, wie mir ſchien— und einem t — 17 Herrn beim Ausſteigen behilflich. Die hellen Gewänder der Damen ſchimmerten noch ein paar Augenblicke in dem Mond⸗ licht und verſchwanden dann in der Thür. Egbert war mit einem plötzlichen Ruck ſtehen geblieben. Ich fühlte ganz deutlich ſein Herz gegen meinen Arm ſchlagen, den ich unter ſeinen linken Arm geſchoben hatte. Als der nun leere Wagen ſich wieder in Bewegung ſetzte, athmete er tief auf. Es iſt lächerlich! Er lachte aber nicht, und, ſonderbarer Weiſe, ich auch nicht. Du wohnſt, ſoviel ich weiß, ebenfalls in dieſem Flügel, ſagte er; gute Nacht alſo! Kommſt Du nicht noch herauf in den Speiſeſaal? Nein; ich habe Kopfſchmerzen und will zu Bett gehen; gute Nacht! Er ging, aber nicht zu Bett, wie es ſchien, ſondern vorerſt einmal in den Kurgarten, vermuthlich, um in dem Schatten der Kaſtanien die heiße Stirn zu kühlen. Auch mir war die Stirn heiß geworden; ich lag noch lange auf meiner Stube im Fenſter, ſah in die helle Mondnacht hin⸗ ein, horchte dem Plätſchern des Baches, dem Rauſchen des Windes in den Bäumen, dachte darüber nach, wie närriſch doch dieſe Verliebten ſind, und träumte, als ich mich endlich zu Bett gelegt hatte und eingeſchlafen war, nicht von meiner Frau und meinen Kindern in dem zehn Meilen entfernten Soolbade, ſondern von den ſchönen Amerikanerinnen irgendwo in meiner nächſten Nähe. W Ich war am nächſten Morgen noch nicht aufgeſtanden, als mir der Kellner Louis ein Billet von Egbert brachte. Das Billet lautete:„Lieber Freund! Ich ſchäme mich meiner Kinde⸗ reien von geſtern und ich ſchreibe Dir, um Dich zu bitten, Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 2 Gnade vor Recht ergehen zu laſſen und mich nicht, wie ich es reichlich verdient habe, in gewohnter und beliebter Weiſe zu ſchrauben. Damit ich doch aber nicht ganz ohne Strafe aus⸗ gehe, habe ich eine Einladung zu einer kleinen Fuchsjagd bei meinem Freunde, dem Förſter Winzig oben auf dem Nonnen⸗ kopf, angenommen, die mich ſo ziemlich den Tag über in Athem halten und mir hoffentlich die Grillen vertreiben wird. Viel⸗ leicht kommſt Du nach; der Weg iſt nicht zu verfehlen, Du findeſt auch wohl Begleitung. Alſo ſei nicht bös und grüße Deine Frau, an die Du ja doch wohl heute Vormittag ſchreibſt(die Poſt paſſirt Tannenburg punkt zwölf, die zweite Poſt geht erſt in der Nacht), ohne aus der Schule zu plaudern.“ Nun, das iſt nicht übel, ſagte ich. Befehlen? ſagte Louis, der ſchon in der Thür war. Nichts; alſo Herr Egbert iſt auf die Jagd gegangen? Nicht, daß ich weiß, ſagte Louis, an der Thür umkehrend und ſeine eine Hand nachläſſig auf die Kugel des unteren Bettpfoſtens ſtützend, während die andere mit einem Tellertuch, das geſtern ſaubrer geweſen war, leiſe wehte. Miſter Egbert machten im gewöhnlichen Anzug, mit einem Stocke, den er von mir hat— ich habe ſehr gute und ſehr billige Stöcke, very fine, mein Herr, vielleicht ſind Sie noch nicht verſehen— doch ſchon? well!— eine halbe Stunde nach den Amerikanern fort. So, ſagte ich, die find auch ſchon wieder unterwegs? Nach dem Eiskopf, Miſter Bergfeld begleitet ſie; wenn Miſter Egbert, der über die Helenenquelle gegangen iſt, ſich be⸗ eilt, wird er noch vor ihnen auf dem Nonnenkopf geweſen ſein. Heuchler! ſagte ich. Befehlen, ſagte Louis. Ich meine, wie kann— Noch vor ihnen da ſein?— ſehr gut, mein Herr! Die Steinmannsſtraße— das iſt die Chauſſee, mein Herr,— macht einen ſehr großen Bogen, wegen der Steilität, mein Herr, über die Helenenquelle iſt es dreimal ſo nahe. Very near, Sir! Und Louis wedelte mit dem Tellertuch und zupfte, mit einem 8 ———— ——,— 19 Blick in den ihm gegenüberhangenden Spiegel, an ſeiner ſchwarzen Cravatte. Sie ſind kein geborener Engländer, Louis? ſagte ich. Louis lächelte glückſelig. Von wegen meines Engliſch, mein Herr? bitte um Ent⸗ ſchuldigung! das lernt ſich ſo, mein Herr; ein ordentlicher Kellner muß Sie alle Sprachen ſprechen, mein Herr; bin nicht immer in ſolchem kleinen Neſt geweſen, mein Herr; habe in Wien conditionirt, drei Jahre lang, im Kaiſer⸗Franz⸗Hotel, mein Herr. Auch in Wien geweſen, mein Herr? ſehr ſchön! war dann in Venedig, nur ſechs Monate: parlate italiano? Viele Engländer und Amerikaner dort. Kommt mir jetzt ſehr zu paß, mein Herr! wüßte nicht, was man in Tannenburg jetzt ohne mich anfangen ſollte. Es wird hier wohl nur noch engliſch geſprochen? Louis zuckte verächtlich die Achſeln. Möchten gern, mein Herr! aber, du lieber Gott, das lernt ſich nicht über Nacht. No haccent, Sir, no haccent! wie wir im Engliſchen ſagen. A little water, Louis! rief Frau Juſtiz⸗ rath Scherwenzel geſtern bei Tiſch. Die Miſſes Cunnigsby haben ſo gelacht, mein Herr! Man muß nämlich ſagen: glass of water, please, mein Herr! Sonſt nichts zu befehlen, mein Herr? Danke, nein! Very well, Sir! Louis zwinkerte mit ſeinen verſchwollenen Aeuglein, als wollte er ſagen: wir verſtehen uns! und eilte dann, im Vorüber⸗ gehen noch einen Blick in den Spiegel werfend, tellertuchwedelnd hinaus. Großer Gott, in welche Narrenanſtalt bin ich hier gerathen, ſprach ich während des Ankleidens bei mir ſelbſt. Das muß hier in der Luft oder im Waſſer liegen. Wenn ich das ge⸗ wußt hätte, würde ich bei meiner Anlage zur Narrethei mich dreimal beſonnen haben, ehe ich hierher kam. Und dieſer Egbert, dieſer Schwindler von einem Egbert! Fuchsjagd! fürwahr! nicht ganz ohne Strafe ausgehen... warte! ich will Dir Deine Heuche⸗ lei eintränken, Deine ſchändliche Heuchelei! Dieſe Amerikanerinnen 2* müſſen ja die reinen Circen ſein! As fair in form, as warm, Fet pure in heart, love' image upon earth, without.. Herr des Himmels, da fange ich wirklich ſchon an. Ich will meine Sünden beichten und meine arme Seele retten. Aber war es die herbſtliche Morgenſonne, die warm und golden in mein Zimmer ſchien, war es der dumpfe Klang fallender Kegel, der irgendwoher aus dem Kurgarten zu mir drang, war es eine Unruhe in meinem Blut oder meinen Ge⸗ danken— ich kam in dem Briefe an meine Frau nicht über die erſten vier Zeilen hinaus und warf die Feder verdroſſen hin. Die Poſt geht ja überdies erſt Mittags von hier weiter! So verließ ich denn mein ſonniges Zimmer und beſtieg den Burgberg, den ich wie einen alten Bekannten begrüßte und un⸗ geführ ſo fand, wie ich es erwartet hatte: ellendicke Mauern aus zum Theil unbehauenen Quadern, Spuren von Feſtungs⸗ werken, wohlverwahrtes Eingangsthor, enger Burghof, feuchter Schatten, behaglicher Sonnenſchein, zwiſchen ſanft im Winde ſchaukelnden Epheuranken liebliche Blicke in's weite Land! Darüber ein herrlicher blauer Himmel, an dem nur hier und da ein weißes Wölkchen langſam nach Weſten ſegelte, und aus dem Burghofe herauf das Lachen und Jubeln von Kindern, den⸗ ſelben ſchönen Kindern, die geſtern vor uns auf dem Raſen⸗ platze geſpielt hatten. Auf der Bank vor der Thür zu dem bewohnbaren und bewohnten Theile der Burg ſaßen zwei Damen, in denen ich die dunkeläugige Mutter der ſchönen Kinder und ihre überaus häßliche, mir als Fräulein Kernbeißer bezeichnete Begleiterin von geſtern Abend erkannte. Ich mußte, als ich aus der Burg kam, an ihnen vorüber. Man grüßte freundlich, hatte bereits erfahren, wer ich war; Fräulein Kernbeißer ſchrieb viel für die Albums der Novellenzeitungen; die zierliche kleine Frau, Frau Herkules, wie ich jetzt erfuhr— Gattin jenes unlängſt ver⸗ ſtorbenen Gelehrten, deſſen Grammatik der Zulukaffernſprache ein ſo großes und gerechtes Aufſehen erregte— ſelbſt als Schriftſtellerin thätig— ſie iſt die Verfaſſerin der reizenden Blätter aus dem Tagebuche eines ſechsjährigen Mädchens— 2¹ Ciel, wie dies merkwürdig iſt, rief Fräulein Kernbeißer; wie ſich die ſchönen Seelen doch immer zuſammenfinden! Jetzt fehlt uns nur noch Linder— Um Gotteswillen, laſſen Sie dieſen Menſchen fort, rief Frau Herkules; ich fürchte mich vor ihm. Er blickt immer ſo höhniſch aus ſeinen langgeſchlitzten Augen; man ſieht, daß er nichts auf der Welt liebt, als— Seine bewunderungswürdigen Fingernägel, wagte ich zu ergänzen. O, Sie ſpottſüchtiger Schalk! rief Fräulein Kernbeißer, und kicherte und nickte und zwinkerte mit den rothen Aeuglein, daß ich in heimlichem Entſetzen meinen Stuhl einen halben Fuß weiter von ihr fortrückte.— Ihnen hätte ich das nun gar nicht zugetraut! Aber die Mediſance ſcheint Euch Männern von heute ſo nothwendig zu ſein, wie das Rauchen. Diesmal in⸗ deſſen werden Sie wohl Recht haben. Man erzählt ſich ja gräßliche Geſchichten von dem Linder— der wahre Lovelace — ſeine letzte Affaire mit der Gräfin Ruppenheim— das iſt ja ein Skandal, ein poſitiver Skandal! Und dann ſeine grauenhafte Selbſtüberſchätzung! ſeine lächerliche Verachtung der Schriftſtellerinnen! Ich will nicht von mir reden,— was ſind am Ende meine kleinen lyriſchen Verſuche? Aber eine ſo geniale Schöpfung— Ich bitte Sie, Liebe! ſagte Frau Herkules mit ſchüchternem Erröthen. Ihr Tagebuch iſt ein geniales Werk! rief Fräulein Kern⸗ beißer; ein grenzenlos geniales Werk! Fragen Sie— O gewiß, ohne Zweifel! ſagte ich mit höflicher Verbeugung. Aber Hochmuth kommt vor dem Fall, fuhr das alte Fräu⸗ lein fort; die Gräfin Ruppenheim iſt ihm nicht gut genug ge⸗ weſen; jetzt zeigen ihm die Amerikanerinnen, daß es noch Mädchen giebt, für die er nicht exiſtirt, poſitiv nicht exiſtirt. Ich möchte ſie küſſen, die Mädchen, für die Verachtung, mit der ſie ſein abſurdes Coquettiren ſtrafen. Küſſen möchte ich ſiel Ich ſchob meinen Stuhl noch einen halben Fuß weiter zu⸗ rück. Der Gedanke, von dieſer Habichtsnaſe und dieſem wackeln⸗ 22 den Knochenkinn geküßt zu werden, konnte in den geſündeſten Nerven ein Gefühl von Seekrankheit hervorrufen. Sie ſind ſehr ſchön, dieſe Amerikanerinnen? ſagte ich, zu Frau Herkules gewandt. Daß Sie ſich nur ſelbſt in Acht nehmen mögen! erwiderte ſtatt ihrer die Habichtsnaſe. Ich bin verheirathet, mein Fräulein, und Vater von vier Kindern, entgegnete ich. Als ob das ein Grund für Euch Männer wäre, Euch nicht zu verlieben! ſagte die kleine Frau mit einem ſentimentalen Aufſchlag der großen dunklen Augen. Dann werden Sie ja um ſo beſſer über Ihren Freund wachen können, ſagte die Habichtsnaſe und wackelte vergnüglich. Ich kann Sie verſichern: es thut Noth, daß ſich Einer ſeiner annimmt. Es iſt ja ein Jammer, zu ſehen, wie ihm die Liebe zuſetzt. Doctor Kühleborn theilte mir im Vertrauen mit, daß er der letzten Wägung zehn Pfund verloren hat. Ich begreife unſere jungen Männer nicht. Nun, ich weiß nicht, meinte die kleine Frau, für dieſe holden Geſchöpfe könnte ich, glaube ich, auch ſchwärmen. Das verſtehen Sie nicht, Liebe! ſagte das alte Fräulein, indem ſie ſich ihren Shawl über die ſchiefen Schultern zog; wenn wir ſchwärmen, ſo iſt es für die Schönheit als ſolche; wir wollen hier, wie überall, nichts für uns. Bei den Männern iſt das anders. Für ſie iſt die Schönheit des Leibes, oder gar der Seele nur ein Vorwand; im Grunde ſeufzen ſie nach der ſchönen Mitgift, nach ein paar Reitpferden, Jagdhunden, Maitr... nun, ich möchte nicht gern für böswillig gehalten werden. Ich ſage nur: was kann Ihr Freund in dieſem Falle hoffen? Mein Freund iſt ſehr wohlhabend, ſagte ich. In der That, ſagten die beiden Damen zu gleicher Zeit. Sieh, ſieh, wer hätte das gedacht! Er iſt ſo einfach, der Herr Egbert, fuhr die mit der Habichtsnaſe fort, ſo ſehr einfach. Freilich, wenn er reich iſt, läßt ſich ſchon eher davon ſprechen. Wie hoch ſchätzen ſie ſein Vermögen? „ 23 Ich nannte irgend eine Summe und mußte wohl in der Eile etwas hoch gegriffen haben, denn die Damen ſahen ſich wieder an und ſagten, abermals aus einem Munde: wer hätte das gedacht! Und er iſt unabhängig? fragte das Fräulein⸗ Ganz und gar; Eltern todt, Brüder nie gehabt, Schweſtern reich verheirathet. Die Habichtsnaſe nickte nachdenklich. Nun, nun, ſagte ſie; das ſieht ſchon beſſer aus; indeſſen: nicht Jedem würde ein ſolcher Schwiegervater conveniren. Wer weiß, wie der Mann ſein Geld erworben hat! oder wie es drüben— Fräulein Kernbeißer wies mit ihrem Sonnenſchirm in die morgenhelle Landſchaft— mit ihm ſteht! Warum iſt er herübergekommen? und lebt hier in dieſem Winkel! Wer ſich verbirgt, pflegt es nicht ohne Grund zu thun. Vielleicht, wer weiß es, iſt er einer der Mörder des Präſidenten Lincoln! Um Gotteswillen! kreiſchte die kleine Frau Herkules. Warum nicht? fuhr die Andere fort; iſt Alles ſchon dage⸗ weſen! Und eines Morgens haben wir die Polizei hier! und ein paar Wochen oder Monate ſpäter trägt der ſaubere Herr ſeinen Kopf noch etwas höher! und die alte Dame machte mit ihrem Sonnenſchirme eine bezeichnende Bewegung. Ich ſchob meinen Stuhl abermals zurück und wäre dabei um ein Haar von der hochgemauerten Terraſſe, auf der wir uns befanden, in den Burghof unter die ſpielenden Kinder hinuntergeſtürzt. Die kamen jetzt die Treppe heraufgeſtürmt. Sie hatten ſich halbverwelkte Aſtern in die Haare geſteckt und das kleinſte Schwarzauge rief: Mutter, Mutter, wir wollen Amerikanerinnen ſpielen; und ich will die Andere machen, und Ella ſagt, ſie will die Andere machen. Und ich will auch die Andere machen, weil ich ſchönere Augen habe! rief Ella. Nein, ich habe ſchönere Augen, rief die Kleine und fing an zu weinen; Ella lachte höhniſch; die Anderen ſchrieen da⸗ zwiſchen; der Lärm wurde immer größer. Die Verfaſſerin der Blätter aus dem Tagebuche eines ſechsjährigen Mädchens ſah 24 unbeſchreiblich hilflos in den Aufruhr. Das alte Fräulein ſchalt; ich empfahl mich eilends und blickte, während ich den Burgberg hinabſtieg, noch ein paar Mal ſcheu zurück, ob die mit den rothen Augen und der Habichtsnaſe mir nicht auf den Ferſen ſei. Auf dem Platze vor dem Kurhauſe ſtand Doctor Kühle⸗ born, in, wie es ſchien, verdrießlichem Geſpräch mit einer alten Aufwärterin. Es iſt Ihre Schuld, hörte ich ihn rufen; bitten Sie ſich ein andermal den Schlüſſel aus. Die alte Frau ging fort, Doctor Kühleborn begrüßte mich, der ich ihm ſchon geſtern vorgeſtellt war. Nicht heiter, wie mir däucht, Herr Doctor, an dieſem heitern Morgen? fragte ich. O, es iſt auch ärgerlich, ſagte der Doctor, eine Priſe zur Naſe führend; Sie müſſen nämlich wiſſen, daß bei der alten Einrichtung in dem Kurhauſe keine Partoutſchlüſſel exiſtiren, ſondern Jeder, wenn er überhaupt verſchließen will, was neben⸗ bei gar nicht nöthig iſt, den Schlüſſel an den Thürpfoſten hängt. Nun nehmen die Amerikaner regelmäßig die Schlüſſel mit, und am Abend, wenn ſie zurückkommen und finden die Zimmer nicht in Ordnung, giebts einen Heidenlärm. Das iſt allerdings ſehr ärgerlich, ſagte ich; können Sie ihnen nicht in's Fenſter ſteigen? Möchten ſich wohl bei der Expedition betheiligen? ſagte der Doctor mit ſchlauem Lächeln. So einen Blick in ein un⸗ aufgeräumtes jungfräuliches Schlafgemach, he! Und Doctor Kühleborn berührte ſanft meine Rippen mit dem goldenen Knopfe ſeines Stockes. Ich bin verheirathet, Doctor, ſagte ich; und habe— Hätten Ihre Frau Gemahlin mitbringen ſollen, ſagte der Doctor eifrig. Soole? was? können hier auch Soole baden, können Alles baden, was ſie wollen. Und wo haben Sie ſolche reine Luft, wie in Tannenburg? und ſolches Waſſer! deſtillirt! Da ſprechen Sie von Fichtenau! Guter Gott, man könnte lachen, wenn man ſich nicht ärgern müßte. Remini⸗ ſcenzen an unſere Klaſſiker! Du lieber Himmel, als ob einem d 25 eine Schiller'ſche Ballade das Zipperlein, oder ein Monolog aus dem Fauſt den Rheumatismus kuriren könnte! A propos Rheumatismus! Es geht Ihrem Freund ſeit vierzehn Tagen ſchlecht, ſehr ſchlecht; der Rheumatismus, den ich glücklich aus den Gliedern fort hatte, hat ſich jetzt auf das Herz geworfen. Und der kleine Doctor lächelte ſchlau und bohrte mir den Knopf ſeines Stockes in die Seite. Sie meinen— ſagte ich. Der Doctor zwinkerte mit den Augen und ſagte geheim⸗ nißvoll: Verlaſſen Sie ſich auf meine Beobachtungsgabe; ich bin nicht umſonſt ſeit dreißig Jahren Badearzt; habe während dieſer Zeit mindeſtens ſechzig Ehen zu Stande gebracht; ge⸗ hört mit zum Geſchäft; Bäder müſſen ſich aus ſich ſelbſt rekru⸗ tiren; der junge Nachwuchs wächſt einem wieder zu; ſo ein Herzfehler bei einem Kinde iſt mir manchmal ſchon ein alter Bekannter vom Vater oder der Mutter her. Aber diesmal iſt der Fall ſchwierig. Ihr Freund iſt ſcheu; die Amerikaner ſind ſtolz; er ſpricht kein engliſch; ſie wollen nicht deutſch lernen. Und doch, wenn es gelänge! es wäre ein Triumph, ein richtiger Triumph! Bad Tannenburg, September 186*: heute verlobte ſich hier Miß Ellen Cunnigsby, Tochter des ſehr ehrenwerthen Mr. Auguſtus Lionell Cunnigsby aus Louiſiana, Vereinigte Staaten, mit Herrn Egbert, Rittergutsbeſitzer et cetera, et cetera. Geſchmackvoll arrangirte ländliche Feſte, an welchen die munteren Dorfbewohner aus ehrerbietiger Ferne freudigen Antheil nahmen et cetera, et cetera— ol ich würde es auf meine Koſten in ſämmtliche deutſche und diverſe engliſche und amerikaniſche Blätter bringen; es würde ein immenſes Aufſehen erregen; die Fichtenauer würden berſten vor Neid. Doctor Kühleborn ſah ſich auf dem leeren Flatze ſcheu um und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: Sie müſſen mir helfen, wahrhaftig, das müſſen Sie. Sie ſprechen ohne Zweifel engliſch; ich werde ſie vorſtellen; Sie müſſen den Dolmetſcher, den Vermittler ſpielen, und hernach machen Sie eine hübſche Ge⸗ ſchichte daraus! He! 26 Und der Jünger Aeskulap's berührte mit ſeinem Stabe ſpielend meine ſechſte Rippe. Aber ich denke, ſagte ich, es iſt ſchon ein Freier da in Perſon— Des jungen Kaufmanns Bergfeld? Hm! glaube nicht daran. Hat kein Vermögen, ſo viel ich weiß, und iſt, unter uns geſagt, ein grüner Junge. Man läßt ſich ſeine Dienſte gefallen, faute de mieux; voilà tout! Und überdies: es ſind ja zwei da. Er macht der älteſten den Hof: Miß Virginia, der mit den braunen Augen. Ihr Freund ſchwärmt für die blauen. Aber da ſeh' ich Frau Geheimrath von Puſterhauſen kommen. Sie wird mir ſagen wollen, daß ihre Nerven heute wieder in einer ſchrecklichen Auf⸗ regung ſind. Entſetzliches Weib! Darf ich Sie ihr vorſtellen? Nicht? Nun dann vielleicht heute nach Tiſche. Habe die Ehre! Doctor Kühleborn ließ mich ſtehen; ich ging in den Kur⸗ garten. In einer großen, nach vorne offenen Bretterlaube ſaß eine Geſellſchaft Herren und Damen, unter welchen letzteren ich die Oberpoſtdirectorin von Dinde erkannte und die Juſtizräthin Scherwenzel, welche aus einem Buche halblaut vorlas. Hinter ihrem Stuhl, das Tellertuch in der Hand, die krummen Beine übereinander geſchlagen, mit der heiterſten Miene überlegenen Könnens und Wiſſens auf die Geſellſchaft blickend, ſtand Louis. Das engliſche Kränzchen war alſo eine Thatſache geworden. Ich ſchlug einen anderen Gang ein, in deſſen Hintergrund ich Herrn Linder ſitzend erblickte. Er hatte die Beine auf einen zweiten Stuhl gelegt. Das Perlenbuch in der einen, den Silber⸗ ſtift in der anderen Hand, ſchien er mit hintenübergebeugtem Kopfe nach den poetiſchen Geſtalten auszuſchauen, die den blauen nach oben kreiſelnden Wölkchen ſeiner Cigarre demnächſt ent⸗ ſchweben würden. Ich hätte um Alles dieſes feierliche Zwiege⸗ ſpräch des Dichters mit ſeinem Genius nicht ſtören mögen und ſchlich aus dem Garten auf mein Zimmer, der Gefährtin meines Lebens von all' den Narretheiungen, ſo ich beobachtet, ſchuldige Rechenſchaft zugeben. Der Stoff war ſo ergiebig, daß ich bis Mittag nicht mit dem Briefe zu Ende kam, und auch noch den Nachmittag zu Hilfe nehmen mußte. Ich mußte lachen, als ich, die Zeilen noch ein⸗ mal überfliegend, überall auf die ſchönen Amerikanerinnen traf — die ſchönen Amerikanerinnen, die hier alle Welt— und mich nicht ausgenommen— in Athem hielten, denen zu Liebe mein treuloſer Freund mich in der ſchnödeſten Weiſe verlaſſen, um oben in den Bergen ihnen irgendwo zu begegnen. Denn daß ſeine Fuchsjagd weiter keinen Zweck hatte, war ja ſonnenklar. Ich hatte mir von Louis den Weg nach dem Nonnenkopfe, wo ich Egbert zu finden hoffte, beſchreiben laſſen, und wanderte mit dem Stock, den mir der Schlaue bei der Gelegenheit als „very fine“ aufgeſchwatzt hatte, rüſtig in die Berge. Der mit kleinen und großen Steinen überſüete Weg war ſehr ſteil, und zum Theil den heißen Strahlen der Nachmittagsſonne ausge⸗ ſetzt. Ich verſuchte es mit einem Pfade, der etwas ſeitwärts in den Tannen in derſelben Richtung führte, und hatte dieſen Pfad natürlich kaum eine halbe Stunde verfolgt, als ich mich über⸗ zeugen mußte, daß ich vom rechten Wege abgekommen ſei. Doch ging es immer aufwärts, und darauf kam es an; war mir doch der Nonnenkopf als der höchſte Punkt des Berges bezeichnet! Und nun empfing mich ja auch der Hochwald, in den ich ſchließlich gelangen ſollte. Ein prächtiger Wald! mächtige, zum Theil mit Moos bekleidete, vielhundertjährige Stämme, in deren ſchwarzen Häuptern es ehrwürdig rauſchte; weicher, aus den modernden Nadeln ſo vieler Winter aufgehäufter, mit Moos oder Haidekraut überſponnener Boden, auf den der Fuß wie auf einen Teppich lautlos trat; hier und da eine Quelle, die den Steingrund bloß⸗ gelegt hatte; Waldesfriſche und Waldesruhe; dann und wann ein Vogellaut, einmal das Rauſchen der ſchweren Flügel eines Auerhahns, den der einſame Wanderer aufgeſchreckt hatte, und wiederum tiefe Stille, bis aus weiter Ferne der Hornruf des Hirten, der ſeine Heerde heimwärts trieb, zu mir herüberklang. Denn die rothen Sonnenlichter ſpielten nur noch in den höchſten Wipfeln, unten zwiſchen den mächtigen Stämmen wob der Abend ſein dunkles Geſpinnſt; ich begann zu fühlen, daß ich nun ſchon drei Stunden lang, meiſt ohne Weg und Steg querwaldein 28 herumgelaufen war. Doch vergaß ich Hunger, Durſt und Müdig⸗ keit, als ich, plötzlich zwiſchen den Bäumen hervortretend, mich am Saume des Waldes und zugleich am Rande einer tiefen, jäh abfallenden Schlucht fand und mir über die Schlucht hinaus auf die ſich übereinander ſchiebenden, im Abendlicht verdämmern⸗ den Bergreihen ein voller Blick in die herrlichſte Herrlichkeit des Waldgebirges ward. Welche glanzvolle Pracht des licht⸗ grünen, von roſigen Wölkchen durchſegelten Abendhimmels! Welche anmuthige Schönheit der Linien dieſer langhin ſich ſtrecken⸗ den Bergrücken und ragenden Gipfel! Welches Weben der Schat⸗ ten in den Gründen! Da! war das nicht Hundegebell und die Stimme von Män⸗ nern hinter mir in dem Walde? Im nächſten Augenblicke hatte ich der Herrlichkeit, in der ich noch eben geſchwelgt, gefühllos den Rücken gewandt und drängte mich eilig durch die Stämme nach der Gegend hin, von der ich die Stimmen vernommen. Es währte nicht lange, ſo hatte ich einen Pfad erreicht, und plötzlich ſtand eine Geſtalt vor mir, die ſich mindeſtes ebenſo gut für den Geiſt des Waldgebirges, als für einen Menſchen von Fleiſch und Blut ſchickte; eine in Länge und Breite rieſenhafte, unten in mächtigen Stiefeln ſteckende, oben in eine grobe graue Joppe gehüllte, mit Flinte und Jagd⸗ taſche ausgerüſtete Geſtalt, die ein paar mich wüthend anbellende Teckelhunde an der Leine führte. He, Baumann! Nero! verdammte Thiere! wollt ihr Frieden halten! rief der Rieſe, als ich unwillkürlich vor den kläffenden, ſchnappenden Beſtien ein paar Schritte zurückfuhr, und dabei faſt über Egbert gefallen wäre, der nun auch zwiſchen den Bäumen hervortrat. Der treuloſe Freund verſteckte ſeine Verlegenheit, mich hier zu ſehen, hinter eine zärtliche Beſorgniß für die Sicher⸗ heit meiner Waden: Kuſch Dich, Baumann! ſtille, Nero! Mein Himmel, wie in aller Welt kommſt Du denn hierher? Alſo wirklich auf der Jagd! ſagte ich. Ja, was meinteſt Du denn? ſagte er. O, ich meinte nur ſo, ſagte ich. Egbert wandte ſich zu dem Rieſen und ſtellte mich ihm vor. 29 Der Unterförſter, oder, wie man es dort nennt, Kreiſer und Chauſſeeeinnehmer auf dem Nonnenkopf, Herr Hans Winzig, reichte mir ſeine ungeheure Fauſt und machte einen Verſuch, mir den Arm aus dem Gelenke zu ſchütteln, bei welcher Operation er fortwährend gutmüthig über ſein ganzes großes, nicht unſchönes Geſicht lächelte. Dann, nachdem ſich auch noch die vagabun⸗ dirende Jagdhündin Diana eingefunden und jägermäßig abge⸗ ſtraft war, ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Während wir auf dem ſchmalen Waldpfade hintereinander raſch dahinſchritten, brach das Dunkel herein, und der Mond ſchimmerte bereits durch die Wipfel, als wir auf eine Lichtung im Walde traten, wo neben der Chauſſee, welche hier die Höhe des Bergzuges erſtiegen hatte, ein kleines Gehöft lag. Dies war der Nonnenkopf. Ein paar halbnackte hübſche Kinder und eine kleine, ärmlich und freundlich ausſehende Frau, die dem Rieſen ungefähr bis zur Hüfte reichte, nichtsdeſtoweniger aber ſeine Gattin war, empfingen uns in der Thür. Bald ſaßen wir in dem kahlen Gaſtſtüblein um den Tannentiſch, auf welchem Frau Winzig ein frugales Abendbrod, aus Brod, Butter und Kornbranntwein beſtehend, in geſchäftiger Eile ſervirt hatte. Ich fand den Aufenthalt in dem öden, von einer einſamen Talgkerze matt erhellten, mit dem abgeſtandenen Rauch ſchlechten Tabaks reichlich durchdufteten Gemach nicht ſo anmuthig, daß ich nicht, nachdem die Begierde der Speiſe und des Trankes ge⸗ ſtillt war, zum ungeſäumten Aufbruch hätte mahnen ſollen; aber Egbert bat, noch ein wenig zu verziehen. Er fühlte ſich nach den Strapazen des Tages etwas ermüdet; überdies müſſe der Mond noch höher ſteigen, um uns auf dem Heimweg durch den dunkeln Wald hinreichend leuchten zu können. In der That ſah Egbert, was mir ſchon geſtern aufgefallen war, blaß und angegriffen aus, und ſeine ſonſt ſo klaren, feſten Augen hatten einen düſtern, unſichern Ausdruck. Er dampfte mächtig aus einer kurzen Jäger⸗ pfeife, und trank dazu mehr als billig von einem abſcheulichen Gebräu, das Frau Winzig unterdeſſen in der Küche bereitet und Herr Winzig uns als Grog präſentirt hatte. Dabei über⸗ ließ er, wie gewöhnlich, mir die Koſten der Unterhaltung, die 30 ich meinerſeits auf den Rieſen abzuwälzen ſuchte, der, wie es ſich jetzt mit Hilfe des Grogs herausſtellte, ein prächtiger Burſch war mit der ganzen harmloſen Jovialität und Geſprächigkeit ſeiner Landsleute. Ja, ſagte er, als ich mich mit beſcheidener Neugier nach ſeinen Verhältniſſen erkundigte, es geht unſer Einem kümmerlich genug: viel Arbeit, geringer Verdienſt, ſechs Kinder und eine kränkliche Frau; indeſſen man muß zufrieden ſein; es geht An⸗ deren noch viel ſchlechter, und ſo lange der liebe Gott Einem das Wenige geſegnet— Was er bei Ihnen in höchſt auffallender Weiſe zu thun ſcheint, ſagte ich. Der Rieſe legte ſeine ungeheure Fauſt auf den Tiſch und lachte, daß das kleine Gemach erdröhnte. Ei freilich! rief er, ſie nennen mich überall auf dem Walde den ſtarken Hans. Manchmal freilich iſt es ein bischen unbe⸗ quem, ſo groß und breit zu ſein; ich habe mir ſchon hundert⸗ mal an unſeren niedrigen Thüren den Schädel beinahe einge⸗ rannt, und man will in kein Bett recht paſſen, ſo daß ich am liebſten auf der glatten Diele, und am beſten im Walde ſchlafe — einmal aber iſt es mir doch gut bekommen, daß ich mein Hauskreuz tragen konnte, ehe noch der Pfaff Ja und Amen dazu geſagt hatte. Wie meinen Sie das? ſagte ich, indem ich dem Rieſen mein Glas zuſchob. Der leerte es auf einen Zug, wiſchte ſich mit dem Aermel über den Mund und wollte eben anheben zu erzählen, als Egbert, der während deſſen an das Fenſter getreten war, ſich zu uns wandte und ſagte: Wir müſſen aufbrechen, es iſt die höchſte Zeit. Wollen Sie nicht warten, bis die hübſchen Damen wieder zurückkommen? fragte der Rieſe. Egbert antwortete nicht; der Rieſe, dem ſein entſetzlicher Grog in den Kopf geſtiegen ſein mochte, ſteckte die Zunge in die linke Backe und wies mit dem Daumen über die rechte Schulter auf Egbert, der ſchon wieder am Fenſter ſtand. Ich blickte ihn ob 31 dieſes Uebermaßes von Vertraulichkeit ſtreng an, was aber keinen Eindruck auf ſeine umnebelte Faſſungskraft zu machen ſchien, denn er ſchnitt nur eine noch groteskere Fratze und ſchüttelte ſich vor innerem Lachen, wobei ihm das Blut in beängſtigender Weiſe in den dicken Kopf ſtieg. Ich fand nun auch, daß es hohe Zeit ſei, aufzubrechen. Die friſche, kühle Waldluft that unendlich wohl nach der dumpfen Luft der Gaſtſtube im Nonnenkopf. Der Mond ſchien glänzend vom blauen, faſt wolkenloſen Himmel; einzelne Stellen der Chauſſee lagen hell in ſeinem Schein, das Meiſte im Schatten der hohen Tannen. Wo ſie weniger dicht ſtanden, webte zwiſchen den rieſigen Stämmen ein zauberhaftes Zwielicht, das mit Elfen und Niren zu bevölkern gar nicht einmal einer Anſtrengung der Phantaſie bedurfte. Ich ſchwelgte in der Herrlichkeit der Nacht; Egbert ließ mich reden; er wünſchte offenbar, daß ich ihm Gelegenheit zu einer Erklärung geben möchte, deren ſeine Fuchsjagd reichlich bedurfte; aber ich war entſchloſſen, ihm dieſen Gefallen nicht zu thun. Vielleicht war es Aerger über dieſe meine Mitleidsloſigkeit, daß er jetzt, als ich auf den Rieſen zu ſprechen kam, deſſen Geſchichte ich gern gehört hätte, bitter an zu lachen fing und rief: Was lobſt Du den Kerl? Ich bin überzeugt, er prügelt ſeine Frau, ſo oft ihm der Schnaps zu Kopfe ſteigt, und ich glaube, das paſſirt ihm nur zu oft. Pah! Das Menſchenpack ekelt Einen ordentlich an, wenn man das mit anſieht! wenn man ſieht— O, rief ich in pathetiſchem Ton, indem ich wüthend mit meinem Stock auf das Tannicht an der Wegſeite ſchlug: es iſt eine nichtsnutzige, miſerable, faule, erbärmliche Welt! O des Jammers, des Jammers! O, o! Biſt Du toll geworden? rief Egbert. Ja, ich bin es, rief ich, mich mitten auf den mondbe⸗ ſchienenen Weg ſtellend und zum Himmel geſticulirend, kannſt Du es mir verdenken, wenn ich es bin! Ich habe dieſe Frau Förſterin geliebt vor zwanzig Jahren, als ſie noch keine ſechs Kinder hatte, ſondern vielmehr ſelbſt ein ſchlankes Kind war 32 und Grethel hieß. Ach, wie habe ich ſie geliebt! Ich hätte ihr ſämmtliche Sterne in ihr ſchimmerndes Gewand ſticken und den Mond als Medaillon um den Hals hängen können. Und da mußte der ungeſchlachte Rieſe kommen, und mir armen Jüng⸗ ling meine Liebe rauben! O, o, ol Um Gotteswillen, ſei ſtill! rief Egbert. O, o! Schweig, Unglücksmenſch; ich bitte Dich, ſchweig! Und dabei zog er mich mit kräftigem Arm von der hellen Chauſſee in das Tannendunkel,„ſo ſchnell, ſo leidenſchaftlich, daß ich unwillkürlich ſtill wurde und mit ihm in die Nacht hineinlauſchte. Ein Wagen kam auf der gerade an dieſer Stelle etwas an⸗ ſteigenden Chauſſee hinter uns her; es dauerte nicht lange, ſo traten die Pferde und der Wagen in das Helle. In dem Wagen — einer großen, offenen Chaiſe— ſaßen nur zwei Perſonen; der Kutſcher ging neben den Pferden. Die im Wagen waren, wie ich bei der großen Klarheit des Mondſcheins deutlich ſah, eine ältere Dame und ein älterer Herr, beide bis an die Naſen in Shawls gehüllt. Das Alles war ohne Zweifel nicht ſehr merkwürdig und rechtfertigte durchaus nicht den feſten Griff, mit welchem mich Egbert an der Schulter hielt; aber jetzt kam die Erklärung für unſere Banditenpoſition in der Geſtalt, oder vielmehr in den Geſtalten zweier Damen in lichten Gewändern und eines ſie begleitenden Herrn, die etwa dreißig Schritte hinter dem Wagen hergingen. Ich weiß nicht, ob das Zittern von Egbert's Hand, die noch immer auf meiner Schulter lag, ſich auf mich fortpflanzte — aber mein Herz ſchlug lebhafter in der athemloſen Stille, und meine Blicke hingen wie gebannt an den leicht dahinglei⸗ tenden, hellen Gewändern und an den Geſichtern, beſonders der einen Dame, die, allein an der Wegſeite gehend, ganz nahe an uns vorüberkam: ein reizendes, wie es mir ſchien, etwas bleiches Geſicht, in deſſen großen, nach oben gerichteten Augen das Mondlicht ſchimmerte,— an uns vorübergleitend, wie ein ſchönes Traumbild. 33 Die Chanſſee lag wieder in ihrem ſtillen Scheine vor uns, das Geräuſch der ſich jetzt ſchneller bewegenden Räder erſtarb in der Ferne; Egbert athmete tief auf und ließ die Hand von meiner Schulter; wir traten unter den Tannen hervor. War es, daß eine Wolke über den Mond zog, oder war ſonſt ein Schatten herabgeſunken, aber es ſchien mir irgendwie in den letzten Minuten dunkler geworden. Wir gingen ſchweigend neben⸗ einander hin. Egbert, ſagte ich, dies war hochromantiſch; aber wie viel romantiſcher wäre es geweſen, wenn wir, anſtatt wie büngliche Kinder athemlos unter den Bäumen zu ſtehen, mit Juchhei⸗ raſſaſſa hervorgebrochen wären, die Alten aus dem Wagen ge⸗ worfen, Dich und Deine Schöne hineingeſetzt, den Pferden die Köpfe gewandt— Du biſt unerträglich! ſagte Egbert. Wohl möglich, ſagte ich, aber recht hat er doch: „Und kenn' zwei blaue Augen, Aus denen ſcheint der Mond!“ Menſch, willſt Du mich raſend machen! rief Egbert, indem er mich an beiden Schultern packte und ſchüttelte. Du raſeſt ſchon, ſagte ich. Er warf ſich an meine Bruſt und rief: Verzeihe mir! ich liebe ſie; ich liebe ſie! Armer Freund, ſagte ich, es ſieht beinahe ſo aus. Und Du haſt recht: es iſt, ſo viel habe ich bemerken können, ein holdes, liebliches, liebenswürdiges Geſchöpf. Ja, das iſt ſie, rief Egbert; ein holdes, holdes Geſchöpf, und ich bin der unglücklichſte der Menſchen. Ich wüßte nicht, warum, ſagte ich; denn ich ſehe durchaus nicht ein, weshalb Du das reizende Mädchen— wie heißt ſie übrigens?— Ellen— ſagte Egbert.. Alſo weshalb Du die ſchöne Ellen nicht heirathen ſollteſt, wenn Du nur willſt. Aber freilich! Die Hände in den Schooß legen, im Stillen ſeufzen, die Augen nicht zu erheben wagen, und banditenmäßig im Hintergrund lauern— das wird Dich Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 3 eben ſo weit nicht bringen. Da ſieh den Haſenfuß von Kauf⸗ mannsknaben! Seine ganze Ausſtattung iſt ſein bischen Engliſch und ſeine edle Dreiſtigkeit, und damit ſpaziert und fährt er hin mit den ſchönen Mädchen wie ein junger Gott. Ich habe Dir geſtern angeboten, Dich die Sprache Deines Engels zu lehren— Und bis ich ſo weit bin, ſagen zu können: ich liebe Dich, iſt ſie vielleicht ſchon drei Jahre verheirathet. Wenn Du ſo langſam lernſt— freilich. Indeſſen: ich hoffe, es ſoll ſchneller gehen. Bis dahin werde ich für Dich ſprechen; ich werde ihr ſagen— Um Hinmelswillen, mach' mich nicht unglücklich! Du ſprichſt von ihr wie ein Blinder von der Farbe. Ich habe ſie allerdings noch nicht bei Tage geſchaut, in⸗ deſſen, ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß ſie in der That blaue Mondſcheinaugen hat, ein ſanftes, zartes Geſicht, einen ſchlanken Wuchs— Egbert ſeufzte tief. Egbert, ſagte ich, ſtehen bleibend, und des Geführten Hand ergreifend und ſchüttelnd; Du ſollſt ſie haben; Garantie wird nicht übernommen, Koſten möglicherweiſe bedeutende verurſacht; aber haben ſollſt Du ſie! Egbert lächelte, weniger vermuthlich über meinen Scherz, als über die enge Copulirung des Subjectes du mit dem Objecte ſie, die für Leute in ſeiner Situation immer etwas Berauſchendes hat. So ſtiegen wir die nach Tannenburg zu ſich ſteiler ſenkende Chauſſee hinab und gelangten in das Dorf. Es war heute ſpäter, als geſtern, und ſo war es auch ſtiller auf der Gaſſe. Nur vor dem linken Flügel des Kurhauſes— ich wohnte in dem rechten— ſtanden ein paar Burſche und Mädchen, die zu einem offenen Fenſter in dem zweiten Stock emporſchauten und auf eine gar nicht üble Tenorſtimme lauſchten, die zu den Tönen einer Guitarre ſang: Gute Nacht! Die Sterne blinken Droben her in ſtiller Pracht; Und ſie blinken und ſie winken: Gute Nacht! gute Nacht! 35 Gute Nacht! An deinem Kiſſen Halten Engel treue Wacht; Fromme Menſchenherzen beten: Gute Nacht! gute Nacht! Schließ die milden blauen Augen, Die mir heut ſo lieb gelacht! Schlummre ſanft, du einzig Holde: Gute Nacht! gute Nacht! Es ſcheint, Egbert, ſagte ich, daß er ſich jetzt definitiv ent⸗ ſchieden hat. Egbert ſchwieg. Denn ſiehſt Du, Egbert, ſich entſcheiden iſt Alles. Dann ſtreicht man an der Geliebten Seite durch den mondbeglänzten Wald, oder wandelt wenigſtens mit ihrem Schatten in den ely⸗ ſäiſchen Gefilden der Poeſie. Gute Nacht! Gute Nacht! IIHI. Egbert's Wunſch einer guten Nacht ging für mich nicht in Erfüllung; im Gegentheil: ich wandte mein ſchlummerloſes Haupt hin und her auf dem Kiſſen, und als ich gegen Morgen ein⸗ ſchlief, folgten mir die kühnen Entwürfe, die mich wach gehalten hatten, in meine Träume, wo ſie dann noch viel kühnere und abenteuerliche Formen annahmen. Nichtsdeſtoweniger erwachte ich kampfesmuthig und mit hellem Kopf, als Louis mir den Kaffe brachte. Louis, ſagte ich, werden die Amerikaner heute am Mittags⸗ tiſch ſein? „Ves, Sir,“ ſagte Louis. So richten Sie es ſo ein, daß Herr Egbert und ich in ihrer Nähe zu ſitzen kommen. Wird ſich ſchwer machen laſſen, ſagte Louis achſelzuckend 3* 36 die neuen Gäſte werden Sie immer, wie ſie kommen, angereiht und rücken herauf, wenn alte fortgehen; nur die Amerikaner können Sie ſitzen, wo ſie wollen. Warum die? Louis würdigte eine ſo lächerliche Frage keiner Antwort. Louis, ſagte ich, dort auf der Kommode liegt einzelnes Geld, bringen Sie mir doch einmal davon einen Thaler. Louis that, wie ich ihm geheißen, und lächelte verſtänd⸗ nißinnig. Nun ſtecken Sie dieſen Thaler in Ihre rechte Weſtentaſche und denken Sie darüber nach, wie Sie uns heute Mittag in der angegebenen Weiſe placiren. Louis lächelte noch verſtändnißinniger. Und noch eins, Louis! Sie reden mich über Tiſch ein oder ein paar Mal engliſch an, aber mit lauter Stimme, verſtehen Sie! Louis machte ein bedenkliches Geſicht. Louis, Sie haben geſehen, auf dem Tiſche liegt noch miehr Geld, und in Ihrer Weſtentaſche iſt ohne Zweifel Platz für mehr als einen Thaler. Sie werden mich für geleiſtete Dienſte erkenntlich finden. Ich machte eine majeſtätiſche Bewegung mit der Hand, die Louis mehr als der Thaler zu imponiren ſchien, denn er ver⸗ beugte ſich, ſagte: Thank Fou, Sir! very well, Sir! und ver⸗ ſchwand mit meinen Sachen auf dem Arme. Noch war ich mit meiner Morgentoilette nicht zu Ende, als Egbert ins Zimmer trat. Er hatte augenſcheinlich nicht beſſer, oder vielmehr noch ſchlechter geſchlafen, als ich, denn er hatte tiefe Ränder unter den Augen und begrüßte mich mit einem äußerſt matten Lächeln. Theuerſter Freund! rief ich ihm zu; dieſe Lvrée der hoff⸗ nungsloſen Verzagtheit kleidet Dich ſchlecht. Wie! haſt Dein halbes Leben auf der Jagd zugebracht, und nun, da es endlich einmal gilt, ein wirklich edles Wild zu jagen, wird Dir das helle Auge trüb, irrt Dir die ſichere Hand und wanken Dir die ſtarken Kniee? 37 Das iſt etwas Anderes, ſagte er. Gar nicht, ſagte ich; gelernt will Alles ſein, vorläufig ein⸗ mal engliſch. Setze Dich; unſere erſte Lection beginnt! Ich drängte ihn in einen Stuhl, nahm ihm gegenüber Platz und ſchlug eines der wenigen engliſchen Bücher auf, die ich glücklicherweiſe bei mir führte⸗ Ganz nach dem Baſedow'⸗ ſchen Syſtem, ſagte ich; nun gieb Acht! Und er gab Acht, der arme Junge, und quälte ſeine Lippen und ſeine Zunge, um mir die Worte möglichſt genau nachzu⸗ ſprechen, und ſein Gehirn, die Phraſen zu behalten; aber mit dreißig Jahren lernt ſich eine neue Sprache ſchwer, und der gute Egbert hatte ſich Zeit ſeines Lebens weder um neue, noch um alte Sprachen einen Deut gekümmert. Mehr als einmal wollte mir die Geduld reißen, wenn er mit einer Hartnäckigkeit die der beſten Sache würdig geweſen wäre, Iam— ich bin thou amst— du biſt conjugirte; aber bei I 1ove— ich liebe thou l0vest— du liebſt, ging es entſchieden beſſer, als bei den Hilfsverben, und bewwunderungswürdig war die Conſequenz, mit der er, ſo oft ich ihn anſchrie: Do vou love me? in kläg⸗ lichem Tone: I love Jou tenderly! erwiederte. Ich war beinahe heiſer, und auf ſeiner ehrlichen Stirn ſtanden die hellen Schweißtropfen, als wir unſere erſte Lection, die beinahe drei Stunden gedauert hatte, beendigten. Es war die höchſte Zeit, um uns zu dem Mittagsmahl umzukleiden. Da ich Egbert's Widerſpruch fürchtete, hatte ich ihm nichts von meiner Verabredung mit Louis geſagt. Als ich abſichtlich ziemlich früh in dem Speiſeſaale erſchien, zog mich Louis auf die Seite und flüſterte mir zu, daß es ihm nicht möglich geweſen ſei, meinem Wunſche wörtlich nachzukommen, denn Frau Juſtizrath Scherwenzel und Frau Oberpoſtdirectorin von Dinde, die Geheimräthin von Puſterhauſen und die zwei Fräulein Töchter, welche alle in letzterer Zeit des Glückes der unmittelbaren Nachbarſchaft der Amerikaner theilhaftig geweſen wären, hätten bei einem Verſuch, ſie herunterzurücken, ein ſolches Zetergeſchrei erhoben, daß er davon hätte abſtehen müſſen. Doch habe er mir und Egbert die darauf folgenden Stühle reſervirt; er hoffe, daß ich für dies Mal mit ſeinem guten Willen für⸗ lieb nehmen würde. Die wüthenden Blicke, mit welchen mich die genannten Damen, die ſchon Platz genommen hatten, auszeichneten, bewieſen zur Genüge, daß Louis in der That nicht weiter hatte gehen können; und die erſchrockene Miene Egbert's, der bald darauf erſchien und ſich in ſo fürchterlicher Nähe des Gegenſtandes ſeiner An⸗ betung fand, ſöhnte mich mit dem Arrangement vollſtändig aus. Und dennoch waren die heiligen Stühle am Ende der Tafel noch leer, trotzddem die übrige, wohl aus hundert Perſonen be⸗ ſtehende Geſellſchaft ſchon verſammelt war, und, wie ich deut⸗ lich bemerkte, von Zeit zu Zeit ängſtlich harrende Blicke auf die große Hauptthür warf, durch welche ſie erſcheinen ſollten. Und ſie erſchienen. Voran Mr. Cunnigsby, der Mrs. Cunnigsby am Arm führte; dann Herr, oder vielmehr, da er ſo hoher Ehre ge⸗ würdigt wurde, Miſter Bergfeld, an jedem ſeiner weithin aus⸗ gehenkelten Arme eine der jungen Damen zur Tafel leitend. Mr. Cunnigsby präſidirte, ihm zur Rechten Miß Virginia und Mr. Bergfeld, auf der andern Seite, uns ſchräg gegenüber, die Mutter und Miß Ellen. Ich kann nicht behaupten, zu wiſſen, was für eine Suppe ich bei dieſer Mahlzeit gegeſſen, und ob das Rindfleiſch, das der Suppe folgte, mit Senf⸗ oder mit Capernſauce ſervirt wurde, denn all' mein Sinn war in meinen Augen concentrirt, und ich mußte mir geſtehen, daß dieſen Augen, ſo lange ſie verſtändnißvoll in die Welt blickten, nichts Reizenderes erſchienen war, als das junge Mädchen, das mir in der Entfernung von wenigen Fußen gegenüberſaß. Es war das Mondſcheingeſicht von geſtern Abend in Tagesklarheit überſetzt: eine unausſprechliche Lieblichkeit der reinen, vornehm feinen Züge, beſonders um den reizenden Mund, den ein gewiſſer Zug von Schwermuth nur noch reizender machte. Alles an dieſem Geſchöpf ſchien voll⸗ kommen; das reiche, hellbraune Haar, das in weichen, natür⸗ lichen Wellen das ſchöne Oval des Kopfes unfloß und hinten im Nacken zu einem griechiſchen Knoten verſchlungen war, der 39 weiße, ſchlanke Hals, die feinen, ſchmalen Hände, ſelbſt das kleine, anliegende, feingeränderte Ohr, das man ſo ſelten zu ſehen bekommt. Aber das Allerſchönſte waren vielleicht ihre milden, blauen Augen, über denen ſich freilich die langen, ſei⸗ denen Wimpern nur ein paar Mal während der Mahlzeit hoben. Das Mädchen war ſo bezaubernd, daß ich Egbert von aller Schuld freiſprach, ja mir eingeſtehen mußte, man brauche keines⸗ wegs vierzehn Tage lang ſo viel Holdſeligkeit vor ſich hin und wieder ſchweben zu ſehen, um darüber mehr oder weniger von Sinnen zu kommen. Es dauerte geraume Zeit, bis ich mich von der Trunkenheit, in die mich der Anblick des Mädchens verſetzt hatte, ſo weit erholen konnte, auch auf die übrigen Mitglieder der Familie ein beobachtendes Auge zu wenden. Die Mutter hatte ein rundes Geſicht, das früher vielleicht recht hübſch geweſen war, und deſſen gutmüthig behaglicher Ausdruck mit den grauen Locken unter der Spitzenhaube und dem Kleide von ſchwerer, ſchwarzer Seide vollkommen harmonirte. Einen ganz anderen Eindruck machte die Phyſiognomie des Paterfamilias: krauſes, dunkles, leicht ergrautes Haar über einer hohen, nach oben und den Schläfen zu kahlen Stirn; buſchige, ſchwarze Augenbrauen über dunklen, ſtechenden Angen, eine vornehme, römiſche Naſe über einem ſtreng geſchloſſenen, ſtolzen Mund, ein ſtark aus⸗ gearbeitetes Kinn, zu welchem der mächtige, ebenfalls ſchon er⸗ grauende Coteletbart majeſtätiſch herabſtieg; die Geſichtsfarbe, ein Gelb, das die Tropenſonne, die über Zuckerplantagen und Baumwollenfeldern brütet, bronzirt zu haben ſchien; ein Kopf, der einem römiſchen Imperator hätte gehören können, wenn man nicht zugab, daß er auf den Schultern eines Sclavenzüchters noch mehr an ſeiner Stelle war. Armer Egbert, ſeufzte ich unwillkürlich: ein ſolcher Schwiegerpapa iſt in der That eine bedenkliche Zugabe. Die andere Tochter, die auf derſelben Seite des Tiſches ſaß, wie wir, und die ich deshalb weniger deutlich ſehen konnte, ſchien in Allem das Widerſpiel von ihrer holden Schweſter, und mehr nach dem Vater geartet zu ſein. Sie war entſchieden 40 kleiner und voller als jene, ſehr brünet, mit blitzenden, dunklen Augen, die offenbar ihr Spiel meiſterlich verſtanden, und blitzen⸗ den, weißen Zähnen, über welchen ſich die rothen üppigen Lippen ſelten ſchloſſen, trotzdem ſie ſich viel mehr mit ihrem Vater, als mit ihrem Nachbar, dem jungen Mercursſohne, unterhielt, deſſen albernes Geſicht ich nur ſehen konnte, wenn die beiden Fräulein von Puſterhauſen neben mir— was ſie freilich oft genug thaten — die Köpfe zuſammenſteckten und kicherten. Dieſe jungen Damen hatten augenſcheinlich mit jenem Scharf⸗ ſinn ihres Alters und Geſchlechts herausgebracht, weshalb wir uns in ihre Nähe gedrängt hatten, denn ſie blickten bald den armen Egbert an und bald die ſchöne Ellen und drückten dann wieder wechſelſeitig den Schweſtermund auf das Schweſterohr. Durch dies Hinüber und Herüber der Mädchen wurde ich ſelbſt erſt auf einen Umſtand aufmerkſam, der mir bis dahin ent⸗ gangen war, daß nämlich— ſo weit dies möglich— die Ge⸗ ſichter Egbert's und Miß Ellen's denſelben Ausdruck ſcheuer Verlegenheit trugen, daß Beide kaum einmal von ihren Tellern aufſahen und doch eigentlich auf denſelben nichts zu ſuchen hatten, da ſie die Speiſen faſt unberührt an ſich vorübergehen ließen. Die Schweſtern von Puſterhauſen mußten ihre ſcharfſinnige Ent⸗ deckung der Mutter ſignaliſirt und dieſe wiederum ihren Freundin⸗ nen, Frau Juſtizrath Scherwenzel und Frau Oberpoſtdirectorin von Dinde, die intereſſante Mittheilung gemacht haben, denn wir kamen jetzt unter ein Kreuzfeuer ärgerlicher und hämiſcher Blicke, das auch das Herz des Bravſten hätte einſchüchtern können, beſonders wenn er, wie ich, die halblaut geſprochenen Worte hörte: alſo er will wirklich Ernſt machen, nun, Gott helf! Er wird dabei ſeinen dreiſten Freund dringend nöthig haben. Frau von Puſterhauſen! Frau von Puſterhauſen! bin ich zu dreiſt, wenn ich behaupte, daß Ihre Gänschen von Töchtern aus dem nächſten Teiche ſich mit den Schwänen vom Miſſiſſippi nicht meſſen können! iſt es Dreiſtigkeit, wenn ich über die un⸗ dankbare Mühe, die Ihr Euch Alle gebt, den kleinbürger⸗ lichen Anſtrich Eurer Garderobe, Eurer Manieren, Eurer 41 Sprache zu übertünchen, lachen muß! Ihr müßtet ja ſelbſt lachen, wenn Ihr Euch nur einen Augenblick ſehen könntet, wie Fräu⸗ lein Emma die Stellung von Miß Virginia nachzuahmen ver⸗ ſucht, die ſich in ihren Stuhl hintenüber lehnt und ſich dicht in den weichen, weißen Cachemirſhawl hüllt, oder wie Fräulein Käthchen jetzt die Stirn in die Hand ſtützt, wie Miß Ellen, oder wie Sie ſelbſt, Frau von Puſterhauſen, jetzt an Ihrem Zwirnsfaden von Uhrkettchen zupfen, gerade wie Mrs. Cunnigsby an der zolldicken Kette, die auf ihrem Buſen ſo behaglich thront! Daß Ihr Euch natürliche Blumen in die Haare geſteckt habt, wie die amerikaniſchen Damen, darüber will ich nicht fpotten, denn erſtens iſt es eine anmuthige Sitte, die meinen Beifall hat, zweitens werdet Ihr es ſicherlich mit der Zeit zu einer größeren Fertigkeit in dieſer Art des Putzes bringen, als Ihr heute an den Tag gelegt habt, und drittens ſehe ich, daß faſt alle Damen im Saal ſich ebenſo coiffirt haben. Dergleichen iſt anſteckend; aber das kann ich Euch verſichern, wenn ich ein Pflanzer aus Louiſiana, oder, ſagen wir, eine Frau oder ein Fräulein Pflanzerin wäre, ich machte nicht mehr Weſens aus Euch, als dieſe Amerikaner da am Ende der Tafel aus Euch machen. Rinderbraten oder Hammelbraten, Herr? fragte Louis auf engliſch, unſerer Verabredung gemäß. Keins von beiden, aber ſorgen Sie dafür, daß die Thür geſchloſſen wird, es iſt ein ſchauderhafter Zug hier, erwiederte ich, ebenfalls engliſch und mit lauter Stimme. Ich hatte meine Abſicht erreicht. Sämmtliche amerikaniſche Augen(von einem halben hundert deutſcher gar nicht zu ſprechen) richteten ſich in demſelben Moment auf mich, während ich einerſeits, um doch auch nicht müßig zu ſein, Mr. Cunnigsby firirte. Ich hatte die Genugthuung, daß der Sclaven⸗ halter, nachdem er mich unter ſeinen buſchigen Brauen wie einen armen Nigger, den er beim Reisſtehlen ertappt, angeſtarrt hatte, zuerſt den Blick abwandte, und die noch größere, daß er bald darauf Louis zu ſich winkte, augenſcheinlich, um zu fragen: wer zum Teufel der Burſche da ſeid 42 Nicht lange darauf wurde die Tafel aufgehoben. Der Sclavenhalter bot ſeiner Gemahlin wieder den Arm und ſchritt hoch erhobenen Hauptes durch die weitgeöffnete Thür hinaus, hinterher die Töchter und Herr Bergfeld. Was wollteſt Du um Alles in der Welt mit Deinem Engliſch? fragte Egbert ärgerlich; Du haſt ja eine ordentliche Scene pro⸗. vocirt! Laß mich nur machen, Schatz, erwiederte ich, indem ich ihn in den Kurgarten zog, in welchem ſich nach Tiſche die ganze Geſellſchaft zu verſammeln pflegte. Auch die Amerikaner waren da, auf einer erhöhten Stelle des Gartens in dem dichten Schatten einer Platane. An einer anderen Stelle, in nicht allzugroßer, aber doch reſpectvoller Ent⸗ fernung hatte das engliſche Kränzchen Platz genommen; die Debatten waren ſehr animirt, Gegenſtand der Tagesordnung ſchien meine Wenigkeit zu ſein. Wiederum an einem anderen Baume ſaßen— zu meiner nicht geringen Verwunderung— Herr Linder neben dem Fräulein Kernbeißer und der ſchwarz⸗ äugigen Frau Herkules, während die ſchönen, ſchwarzäugigen Kinder vor ihnen auf dem Raſen ſpielten. Vermuthlich ver⸗ arbeitete die Habichtsnaſe heute mich mit demſelben Wohlwollen, wie ſie geſtern Herrn Linder zerhackt hatte. Herr Bergfeld ſtrich mit ſeinem albernen Geſicht an uns vorüber. Ich grüßte und ſagte zu Egbert: Willſt Du nicht die Güte haben, mich dem Herrn vorzuſtellen? Bin ſehr erfreut, ſehr! ſagte der junge Dandy und wollte weiter. Wir müſſen uns, wie mir däucht, ſchon in Berlin irgend⸗ wo in einer Geſellſchaft getroffen haben, ſagte ich, ohne ſeine Eilfertigkeit zu beachten, mit kühner Stirn. Sehr wohl möglich, ſehr wohl möglich, bewege mich viel in Geſellſchaft. Sprechen auch engliſch, wie ich höre! Nicht mit der Meiſterſchaft, die man Ihnen hier gewiß mit Recht nachrühmt, aber doch ein wenig, genug, um mich verſtänd⸗ lich zu machen. Und, um nicht lange damit hinter dem Berge zu halten, Herr Bergfeld, ich wollte Sie um die Gefüälligkeit 43 bitten, mich mit Ihren amerikaniſchen Freunden bekannt zu machen. Egbert ließ vor Schreck meinen Arm fahren; der Dandy machte ein verlegenes Geſicht. Wie, Herr Bergfeld, rief ich, ſoll ich glauben, daß ein kühner, junger Ritter, wie Sie, in mir alten Familienvater einen Neben⸗ buhler ſehen kann? unmöglich. O Gott, das iſt es nicht; auf Ehre nicht! ſagte der Dandy, der ſehr roth geworden war. Im Gegentheil, ich wünſchte ſo⸗ gar, daß einer oder der andere der Herren— Sich mit Ihnen in das mühſelige Geſchäft, der Cavalier dreier Damen zu ſein, theilte? Habe ich Sie errathen? Ge⸗ ſtehen Sie! Allerdings, allerdings! ſagte Herr Bergfeld, mit dem weh⸗ müthigſten Blick auf einen Shawl, den er auf dem Arm trug und der für den Platz unter der Platane beſtimmt ſchien, man wird in Athem gehalten; aber das iſt es nicht. Im Vertrauen, ganz entre nous, ich weiß ſelbſt nicht, ob ich noch lange hier bleibe! In dem kleinen Geſicht des jungen Mannes lag ein Ver⸗ langen, ſich mittheilen zu dürfen, dem ich entgegenkommen zu müſſen glaubte. Sie fürchten— verzeihen Sie die Indiscretion!— Sie fürchten, daß, wenn Sie länger bleiben, Herzen brechen! Miß Virginia? habe ich es errathen? Herr Bergfeld erröthete abermals. Wenn Sie es denn wiſſen wollen: ja, oder auch nein: man kann niemals ſagen, wie man mit dem Mädchen daran iſt. Wir ſtanden wirklich ſchon ſehr gut mit einander, auf Ehre; aber ſeit vorgeſtern, wo Mr. Cunnigsby in Fichtenau geweſen iſt, weiß ich nicht mehr, woran ich bin. Man ſpricht fortwährend von einem Grafen, den er dort kennen gelernt hat und der, ich glaube heute ſchon, hierher kommen wird. So etwas iſt nicht angenehm, werden Sie mir zugeben; aber jetzt muß ich fort; bemerke, daß Miß Virginia nach uns herüberſieht— freue mich außerordentlich, Ihre werthe Bekanntſchaft gemacht zu haben— 44 Aber ſo erlauben Sie mir doch, Verehrteſter, rief ich, in⸗ dem ich, den verwunderten Egbert ſtehen laſſend, den Arm meines neuen Bekannten ergriff; ich nehme keine Weigerung an; ich habe mir nun einmal in den Kopf geſetzt, die Bekanntſchaft dieſer Amerikaner zu machen. Ich geſtehe, daß, während wir auf die Gruppe unter der Platane zuſchritten, mein Herz heftiger, als mir lieb war, ſchlug, — nicht für mich— was hat ein Gatte und Vater von vier Kindern zu fürchten!— wohl aber für meinen Freund, dem ich das ſchöne Mädchen dort aus den Tatzen ihres grimmigen Jaguar⸗Vaters reißen ſollte. Dennoch bewahrte ich die Haltung vollkommen; mein Hut verließ den Kopf nicht eine Secunde zu früh oder zu ſpät, und meine Verbeugung fiel mit mathematiſcher Genauigkeit in den für ſolche Gelegenheiten vorgezeichneten Winkel. Daß der Empfang, der mir zu Theil wurde, für meine Eitelkeit beſonders ſchmeichelhaft geweſen wäre, kann ich frei⸗ lich nicht behaupten. Nur in den braunen Augen von Miß Virginia blitzte ſo etwas wie Neugier; aber Miß Ellen hob die blauen Augen nicht von der Tiſchplatte, Miſſis Cunnigsby blickte fragend auf ihren Gatten, ihr Gatte blickte ſtirnrunzelnd auf Herrn Bergfeld, Herr Bergfeld, der ſehr verlegen ausſah, blickte mich an mit kläglichen Angen, die deutlich ſagten: Nun reden Sie doch wenigſtens! Ich habe mir das Vergnügen nicht verſagen können, be⸗ gann ich in meinem beſten Engliſch. Amerikaner, Herr? fragte Mr. Cunnigsby, ohne mich an⸗ zuſehen.. No Sir! Mr. Cunnigsby wandte ſein ſtattliches Haupt zu mir, lüchelte und ſagte in gebrochenem Deutſch: à Sehr erfreut, Ihre Bekanntſchaft zu machen; bitte um Ver⸗ zeihung, wenn ich war etwas ſcheu; hielt Sie für einen Lands⸗ mann; habe ſchlechte Erfahrungen mit meinen Landsleuten ge⸗ macht; überdies der letzte Krieg— Norden und Süden— Bruderkrieg— verheirathet, Herr? 45 Ves Sir! O, bitte, ſprechen Sie immerhin deutſch, ich ſehr gut ver⸗ ſtehe deutſch! Darf ich Sie machen bekannt mit meine Damen? Sie ſprechen gar nicht deutſch, Madam? wandte ich mich an Mrs. Cunnigsby. Ein einfaches No Sir, war die Antwort. Und die jungen Damen? fuhr ich fort, mich zu Miß Ellen wendend, die über ihre Arbeit gebeugt daſaß. Ebenſowenig, erwiederte der Vater an Stelle der Tochter. Das muß Ihnen den Aufenthalt hier einigermaßen erſchweren, ſagte ich zu Miß Virginia, die ebenfalls eifrig mit ihrer Arbeit beſchäftigt ſchien. Man hilft ſich, wie man kann; erwiederte Mr. Cunnigsby. Der trockene Ton, in welchem er das ſagte, ließ das Vergnügen, welches ihm meine Unterhaltung gewährte, nicht durchhören. Auch ſah es faſt ſo aus, als ob er mich ſo viel als möglich von der Geſellſchaft ſeiner Damen fern halten wollte, denn er ſtellte ſich breit zwiſchen ſie und mich, und fragte, immer in demſelben trocknen Ton, von welcher Stadt ich käme? Ich nannte Berlin. Er blickte mich ſcharf mit ſeinen ſtechenden Augen an und fragte: Kennen Sie unſern Geſandten dort? Ich mußte es verneinen. Oder— er nannte die Namen von verſchiedenen Perſonen, die mir ſämmtlich unbekannt waren. Sind Sie in Baden⸗Baden geweſen? Vor einigen Jahren. Ah! Kennen Sie den Grafen Saros? Angenehmer junger Mann. Hatte das Vergnügen, ihn vorgeſtern in— wie heißt es doch— ah! Fichtenau zu treffen; langweilt ſich dort ebenſo, wie ich mich langweile hier; habe ihn überredet, nach hier über⸗ zuſiedeln; erwarte ihn jeden Augenblick. Hoffe, noch ſonſt das Vergnügen zu haben. Und damit machte mir Mr. Cunnigsby eine ſtattliche Ver⸗ beugung, die Damen nickten in ihre Arbeitskörbe, und ich war entlaſſen. Entlaſſen— und empört über meinen Mißerfolg, noch mehr über die Inſolenz dieſer Amerikaner. Wie? dieſer Jaguar, dieſer Sclavenzüchter, dieſer Cottonlord, dieſer Rebell— er wagte es, ſeine Unverſchämtheit auch an mir zu probiren? mich kaum beſſer zu behandeln, als einen ſeiner Niggers? mich mit ſeinem erbärmlichen Deutſch zu regaliren? von der Geſellſchaft ſeiner Damen auszuſchließen, während er dieſen Fant von einem Kaufmannsknaben der Ehre ſeines intimen Umgangs würdigte? Und dieſe fette Lady! ſieht ſie nicht aus, als ob ſie ihr Leben lang auf einem Wollſack geſeſſen und Zuckerrohr gekaut hätte! und dieſe zimperlichen, hochnaſigen Dämchen, die vermuthlich nichts gelernt haben, als ſich in Hängematten zu wiegen, ſich von Sclavinnen Blumen in's Haar ſtecken zu laſſen und ſchön aus⸗ zuſehen! Waos ſchön! ſie ſind nicht einmal ſo ſchön! ich weiß nicht, wo ich über Tiſch meine Augen gehabt habe. Dieſe Miß Virginia ſieht aus wie eine hübſche Griſette, die ihre braunen Augen noch einmal zu Schaden bringen werden, und dieſe Miß Ellen iſt zweifellos ein Gänschen, eine vollſtändige Gans. Ich werde dem Egbert— Nun, Sie ſind ja ſchnell zu hohen Ehren gekommen, ſagte Fräulein Kernbeißer, als ich, um Egbert, der ſich zu dieſer Gruppe geſetzt hatte, abzuholen, herantrat. Wie finden Sie denn die jungen Damen? Charmant, ganz charmant! ſagte ich, indem ich mich in einen Stuhl ſinken ließ; bezaubernd. Doch ſchien die Unterhaltung nicht ſehr lebhaft; meinte Frau Herkules. Aber was verlangen Sie von einer erſten Vorſtellung, gnädige Frau! Man kann doch nicht gleich von Sonne, Mond, Sternen reden! Ich begreife dieſe Schwärmerei für unſere transatlantiſchen Schönheiten in der That nicht, ſagte Linder; man ſieht ſich bald an Feld und Wieſen ſatt, und an Gänſeblümchen doch am Ende auch. Da lobe ich mir unſere deutſchen Frauen. Sie 47 verhalten ſich zu jenen, wie ein Original zu einer ſchlechten Ueberſetzung, wie ein Flügel, von Meiſterhand geſpielt, zu einer Spieldoſe; und der Lyriker warf einen ſchmachtenden Blick in die ſchönen Augen der kleinen Frau Herkules. Gott, ich möchte Sie küſſen für dieſe Worte! rief das ſan⸗ guiniſche Fräulein Kernbeißer. Herr Linder verbeugte ſich lächelnd, indem er dabei die rechte Hand auf ſein Dichterherz legte. Egbert hatte ſich er⸗ hoben; ich folgte ſeinem Beiſpiel; wir verließen den Kurgarten und wandten uns in den Wald. Nun? fragte Egbert, als ich ſchweigend neben ihm her ſchritt. Ich zündete mir eine Cigarre an. Nun? fragte Egbert noch einmal. Lieber Junge, ſagte ich— aber willſt Du nicht auch rauchen? es philoſophirt ſich beſſer dabei. Alſo, was ich ſagen wollte: ſchlag Dir die Grillen aus dem Kopf. Sieh, mein Sohn, eine Minute Praxis iſt mehr werth, als tauſend Jahre Theorie, und man weiß auch nicht, wie naß ein Teich iſt, bis man zufülligerweiſe einmal hineinfällt. Und davor, nämlich vor dem Hineinfallen möchte ich Dich in Freundſchaft bewahren. Du würdeſt es aber thun, wenn Du— ich nehme gleich den Su⸗ perlativ— dieſe Miß Ellen zu Deinem ehelichen Weibe be⸗ kämſt. Nein, laß mich noch ein paar Minuten fortreden, denn ich habe für ein paar Stunden auf dem Herzen. Geſetzt alſo, Du überwändeſt alle Schwierigkeiten, Du lernteſt engliſch, der Jaguar verſpeiſte Dich nicht lebendig, ſondern legte Eure Hände ineinander, ſagte: hier ſind zwei Zuckerplantagen, ſo und ſo viel Acres Baumwollenpflanzungen und fünfhundert Neger beiderlei Geſchlechts in Wechſeln auf Rothſchild— nehmt dies, und ſeid glücklich' würdet Ihr, ich meine: würdeſt Du glücklich ſein? Ich zweifle daran; was ſage ich: ich weiß, Du würdeſt es nicht ſein. Denke Dir erſtens, mit Deiner Frau, dem Weibe, das an Deinem Herzen ruht, der Mutter Deiner Kinder, ſtets eine fremde Sprache ſprechen zu müſſen, die Dir nur mühſam von den Lippen, nie aus dem Herzen kommt: den Laut der Zärt⸗ lichkeit, der aus Deiner tiefſten Seele guillt, nicht articuliren, 48 das rechte Wort, das ſie überzeugen müßte, überzeugen würde, nicht finden zu können! Du fragſt, weshalb das? weshalb ſollte ſie nicht— Unglücklicher: ſie wird nie die Sprache Deiner Väter ſprechen lernen; die Tochter eines Sclavenzüchters wird ſich nie ſo weit herablaſſen; und eben ſo wenig, wie in Deine Sprache, wird ſie ſich in die Sitten Deiner Heimath hinein⸗ leben: unſerer Heimath, Egbert! Ich werde kommen, Dich' zu beſuchen, und das alte Haus wird nicht mehr das alte Haus ſein! Wehe der Cigarre, die durch den langen Corridor dampft! Der Duft des Theekeſſels und der ſteifleinenen Langeweile wird es vom Boden bis zum Keller durchwehen; der drawing-room — Du weißt ja gar nicht einmal, was ein drawing-room iſt!— wird das Grab Deiner Gemüthlichkeit, Deines Friedens, Deiner Hoffnungen auf Ruhe diesſeits und jenſeits des Grabes ſein. Und Egbert— Du heiratheſt doch nicht blos für Dich! Du heiratheſt auch für Dein Hof⸗Geſinde, für Deine Kathenleute, ſelbſt für Deine Milchkälber und Deinen Hühnerhof. Für dieſe Alle und dies Alles und für noch viel mehr ſoll und muß das treue Auge Deiner Hausfrau wie die Sonne ſein, und was kannſt Du von jenem Mädchen erwarten? ſie, die im Schooße eines brutalen Reichthums erzogen, in der Hängematte der Willkür groß geſchaukelt iſt, wie kann ſie, ſelbſt wenn ſie den guten Willen hätte, mit Deinen Dreſchern und Pflügern ſich auch nur verſtändlich machen, geſchweige denn heransfinden, wo die armen Leute der Schuh drückt und wie ihnen geholfen wer⸗ den muß? Oder wollteſt Du vielleicht das Geſetz der Natur umkehren und Deiner Frau nachfolgen, anſtatt ſie Dir: wohin ſollte das führen? würde es Dir vielleicht am Golf von Mepico unter den Baumwoll⸗Junkern des Südens behagen, die Dich“ als einen fremden Eindringling immer über die Achſel anſehen würden? oder wollteſt Du am Buſen von Neapel Dein Leben in Ruhe verdehnen oder auf den Boulevards von Paris ver⸗ tändeln? Du biſt zu dem Einen ſo wenig geſchaffen, wie zu dem Andern. Du würdeſt Dich immer und überall nach dem Wogenſchlage unſerer geliebten Oſtſee ſehnen und nach dem ehrlichen Platt unſerer Landleute und Fiſcher; Du biſt ein treues 49 deutſches Blut, an deſſen Herzen kein Herz ſchlagen kann, in welchem nicht daſſelbe treue Blut pulſirt, und nun gieb mir einmal Deine Cigarre, denn die meine iſt mir über dieſer langen Rede ausgegangen. Egbert, der nachdenklich neben mir hergeſchritten war, hob ſeine guten Augen und ſagte: Wie kommſt Du nur gerade jetzt auf dies Alles? Man muß beide Seiten der Medaille betrachten, erwiederte ich; ich habe eben einen Schimmer von der anderen Seite ge⸗ habt, einen flüchtigen Schimmer nur, aber genug für mich, wie für den Naturforſcher der Knochenſplitter genügt, das ganze Gerippe zu conſtruiren. Oder, wenn Du mich nicht für einen Gelehrten in dieſen Dingen anerkennen willſt, nimm mich für einen Propheten, einen Inſpirirten, deſſen Viſionen anticipiren, was da kommen wird, oder doch kommen könnte. Ich will es Dir nur geſtehen, ſagte Egbert; was Du mir da geſagt haſt, oder wenigſtens das Meiſte davon, iſt mir auch wohl ſchon durch den Kopf gegangen; ich habe mir geſagt: das iſt keine Frau für dich, oder auch: du biſt kein Mann für ſie; ich habe mir jeden Tag und jede Stunde geſagt: es iſt dein Unglück, und du willſt es dir aus dem Kopf ſchlagen, aber ſo bald ich ſie wieder ſehe, iſt Alles vergeſſen; ich ſehe nur ſie, ich kann nicht anders. Weißt Du, Fritz, es geht mir wie den armen Schnepfen, die das Licht von unſerem Leuchtthurm auf Arcona durch die Nacht glühen ſehen und herbei fliegen und ſich an den dicken Scheiben die Köpfe einrennen. Da findet ſie denn der Wächter am andern Morgen zerbrochen und zer⸗ ſchmettert auf der Erde liegen, und ſo wird man mich über kurz oder lang auch wohl einmal finden. Lieber Junge, ſagte ich, eine Schnepfe iſt eben eine Schnepfe, und hat einen Schnepfenverſtand in ihrem kleinen dummen Schädel. Sei, was Du biſt, ein Mann; renne nicht mit offenen Augen in Dein Verderben. Wenn der Leuchtthurm nicht zu Dir kommt, und dazu iſt wenig Ausſicht,— komme Du nicht zum Leuchtthurm. Steuere einen andern Cours, es iſt noch viel Platz unter dem Himmel. Du biſt nur ſchon zu lange Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 4 50 hier geweſen. Laß uns heute noch unſere Sachen packen; komm zu uns! meine Frau wird mit ſanfterem Wort, als ich es ver⸗ mag, Deine Wunden pflegen. Oder laß uns zuſammen durch die Berge ziehen, die Wandertaſche um die Schultern, den Stab in der Hand. Mit jeder Meile, die wir durchmeſſen, wird Dein Blut leichter fließen, und eines ſchönen Morgens, wenn Du aufwachſt, wirſt Du Dir die Augen reiben und ſprechen: Gott ſei Dank! es war ein böſer Traum. Nein, nein! rief Egbert; ich kann nicht fort; ich habe es ſchon, ich weiß nicht wie oft, verfucht; aber ich kann nicht. Der Menſch kann, was er ſoll, und, wenn er ſagt: ich kann nicht, ſo will er nicht. Egbert hatte nicht mehr gehört, was ich ſagte. Er hatte ſich an der Wegſeite in das Haidekraut geworfen; die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, er war außer ſich. Ich wußte nicht mehr, was ich ſagen ſollte. Daß die Leidenſchaft ſo tiefe Wurzeln bei ihm geſchlagen, hatte ich nicht geglaubt; ich hatte nicht bedacht, daß Egbert einer von den ganzen Menſchen war, die noch einer ganzen, vollen Leiden⸗ ſchaft fähig ſind, eines von den guten Kindern, die nie mit dem Feuer geſpielt haben, und, wenn es ſie nun erfaßt, ſich nicht zu rathen und zu helfen wiſſen. Dieſes Liebesfeuer, das ſah ich nun wohl, war mit ein paar Worten nicht auszublaſen; man mußte es ausraſen laſſen und von der kräftigen Natur des Kranken die Geneſung hoffen. So ſetzte ich mich denn zu ihm in's Haidekraut, und es gelang mir nach einiger Zeit, ihn wenigſtens ſo weit zu be⸗ ruhigen, daß er ſich eine neue Cigarre anzünden und mit mir vernünftig überlegen konnte, was denn nun, wenn einmal da⸗ geblieben werden mußte und ſollte, demnächſt für Schritte zu thun ſeien, dem Feinde näher zu kommen, oder ſonſt einen Vor⸗ theil abzugewinnen. Ich erzählte Egbert ausführlich, wie man mich empfangen, was der Jaguar mit mir geſprochen, und wie ich den Eindruck empfangen habe, als ob man ſich in der That für zu gut halte, mit einem gewöhnlichen, d. h. voraus⸗ ſichtlich weder reichen, noch vornehmen Menſchen zu verkehren. 51 Dagegen ſcheine allerdings der Umſtand zu ſprechen, daß man mit Herrn Bergfeld— der doch gewiß ein gewöhnlicher Sterb⸗ licher ſei— ſo intim geworden; indeſſen ſei der junge Kauf⸗ mann wohl nur ein pis aller geweſen, und er ſcheine ſelbſt unter dem Gefühle zu ſtehen, demnächſt einem höheren, nämlich dem angekündigten Grafen mit dem ausländiſchen Namen, weichen zu müſſen. Unter allen Umſtänden ſei es gut, daß ich mich habe vorſtellen laſſen, und daß man drüben wiſſe, ich ſei der engliſchen Sprache mächtig. Es werde ſich ſchon Ge⸗ legenheit finden, an dieſen Punkt wieder anzuknüpfen, auf miſerable Behandlung mache ich mich gefaßt, dergleichen dürfe, wo es ſich um einen Freund handle, nicht in Rechnung geſetzt werden. Unter ſolchen Geſprächen, die, wie das in ſolchen Dingen zu ſein pflegt, auf meilenlangen Umwegen immer wieder zu demſelben Punkte zurückführten, war der Abend hereingebrochen. Ich hatte eben zum Aufbruch gemahnt, als wir Jemand mit raſchen Schritten durch den Wald kommen hörten. Im nächſten Augenblicke trat eine Geſtalt um die Biegung, die der Weg gerade an dieſer Stelle machte, und kam auf uns zu. Wir hatten noch gerade Zeit, den Fremden zu muſtern. Es war ein hochgewachſener junger Mann, dem man den Ausländer ſchon auf die dreißig Schritte, die er noch von uns entfernt war, anſah. Er trug einen enganliegenden, mit Schnüren beſetzten, kurzen dunklen Rock, der ſeine zugleich kräf⸗ tige und ſchlanke Geſtalt vortheilhaft hervorhob; ebenfalls eng⸗ anliegende und gleicherweiſe ſchnurbeſetzte Beinkleider wurden nach unten zu von Stiefeln, die bis zur Wade reichten und vorn mit kleinen Troddeln geſchmückt waren, begrenzt. Eine barettartige Mütze bedeckte den dunklen Krauskopf und ſtand ſehr gut zu dem Geſicht, von dem ein mächtiger, an den Enden zu haarſcharfen Spitzen zuſammengezwickelter und gewichster Schnurrbart einen halben Fuß lang nach beiden Seiten aus⸗ ſtrahlte. Einen dunklen Mantel oder etwas der Art hatte er nachläſſig um die Schulter geworfen; ſo kam er auf uns zu, ohne daß er uns bemerkt haben mochte; denn er fuhr, als er dicht 4* 52 vor uns unſerer anſichtig wurde, wie erſchrocken einen Schritt zurück, faßte ſich dann aber ſchnell und fragte uns, indem er mit höflicher Beugung ſein Barett lüftete, in gebrochenem Deutſch: ob dies der rechte Weg nach Tannenburg ſei? Auf meine bejahende Antwort ſchien er zu zögern, und ich war im Begriff, ihm unſere Begleitung anzubieten, unterließ es aber, als ich an dem finſtern Ausdruck von Egbert's Geſicht ſah, daß er meine menſchenfreundliche Abſicht errathe und mißbillige. Der Fremde verbeugte ſich noch einmal und entfernte ſich durch den Wald mit ſchnellen Schritten. Wir folgten ihm langſam. Ich will verdammt ſein, ſagte Egbert durch die Zähne, wenn das nicht der Herr Graf iſt, auf den ſie warten. Natürlich iſt er es, erwiederte ich; und Du haſt ſehr un⸗ recht gethan, ſeine ſchätzenswerthe Bekanntſchaft nicht auf der Stelle zu machen. Einem möglichen Nebenbuhler die Zähne zeigen, wenn man ihm ſtatt deſſen eine Gefälligkeit erweiſen kann, iſt eine ſchlechte Philoſophie. Du wirſt auf dieſem Wege nicht weit kommen. Egbert biß ſich auf die Lippen, erwiederte aber nichts. Vermuthlich überlegte er bei ſich, während wir ſchweigend nach Tannenburg zurückgingen, wie ein beſchnürter und betroddelter ungariſcher Graf ſich wohl am beſten ausnehme: ob mit einem blanken Degen durch den Leib, oder mit einer Kugel durch die Bruſt, oder mit geſpaltenem Schädel? Ich für meinen Theil war ebenfalls nachdenklich geſtimmt. Der ſeltſame Handel, in den ich ſo unvermuthet verwickelt worden, war ohne Zweifel in ein neues Stadium getreten. Mich überkam eine Ahnung, daß Egbert's Spiel verloren ſei, nachdem es eigentlich noch nicht begonnen, und wenn ich auch auf der einen Seite eine ſchnelle, radicale Kur ſeines Liebesleidens einem langſamen Hinſiechen entſchieden vorzog, ſo hatte ich doch Egbert zu lieb, als daß ich ihm nicht die bei der Operation unerläßlichen Schmerzen gern erſpart hätte. Und dann— ſage ich es nur!— die rührende Schönheit der jungen Amerikanerin hatte einen Ein⸗ druck auf mich gemacht, den die Inſolenz des Jaguars nicht 53 hatte aufheben können. Ich wünſchte dem holdſeligen Geſchöpf, während ich ſie Egbert gegenüber nicht höher als eine ſchöne Blume oder einen bunten Colibri zu achten ſchien, in der Stille alles Heil und allen Segen, und war, wenn ich mich recht prüfte, mehr als je entſchloſſen, dem Freunde in dieſer Haupt⸗ und Staatsaction ſeines Lebens ein treuer Pylades zu ſein. Vorläufig wurde mit Oreſt verabredet, daß er ſich morgen früh um neun Uhr zur engliſchen Lection auf meinem Zimmer einzufinden habe. Von dem ungariſchen Grafen ſprach ich nicht weiter; ich war überzeugt, daß bei dem hohen Intereſſe, deſſen ſich fremde Culturformen in den bildungseifrigen Kreiſen der Tannenburger Kurgeſellſchaft zu erfreuen hatten, von dieſer neuen auffallenden Erſcheinung hinreichend geſprochen werden würde. IV. Und darin hatte ich mich denn auch nicht getäuſcht. An dem nächſten Tage und in den folgenden glich die Geſellſchaft einem Ameiſenſchwarm, in welchen unverſehens ein Maikäfer hineingefallen iſt. Welches Rennen, welches Laufen, welches Zu⸗ ſammenſtecken eifrig nickender Köpfe! welche Geſchäftigkeit nagen⸗ der, beißender Zungen! welche krampfhaften Anſtrengungen, dem wunderlichen Gaſt von einer, oder beſſer von allen Seiten zu⸗ gleich beizukommen! ihn wo möglich im Intereſſe der Republik auszubeuten, mit Schnürrock, Troddelſtiefeln, Barett und Dolman, Haut und Haaren liebevoll aufzueſſen! Wie heißt er? wo kommt er her? wo will er hin? wo liegen ſeine Güter? wie reich iſt er?— Dieſe und unzählige gleich intereſſante Fragen ſchwirrten und wirrten unaufhörlich durcheinander. Der erſte Punkt ließ ſich mit Hilfe des Fremdenbuches zu einem be⸗ friedigenden Abſchluß bringen, denn dort ſtand in großen, von 54 einem prachtvollen Schnörkel untermalten Schriftzügen deutlich für Jedermann zu leſen: Hernad, George, Comte de Saros⸗ Patak. Die zweite Frage ſuchte man, da man ſie nicht füglich bis in die romantiſchen Pußten des geheimnißvollen Ungar⸗ landes ergründen konnte, wenigſtens ſo weit als möglich zu verfolgen, nämlich bis nach Fichtenau, von woher der Fremde zuletzt gekommen war. Und nach Fichtenau wallfahrtete denn nun die Geſellſchaft in größeren und kleineren Trupps, um in dem Fichtenauer Fremdenbuche abermals: Hernad, George, Comte de Saros⸗Patak zu leſen und in der Fichtenauer Con⸗ ditorei, dem Kurhauſe ſchräg gegenüber, von denſelben Erd⸗ beertörtchen mit Schlagſahne zu eſſen, von welchen der Graf — nach Ausſage des Conditors— während ſeines zweitägigen Aufenthalts ebenſoviel Dutzend Exemplare mit außerordentlichem Appetit verſpeiſt haben ſollte.— Die Frage nach Wohin? mußte unbeantwortet bleiben, da der Graf die Reize von Tannenburg hinreichend groß fand, ihrer Erforſchung einige Wochen ſeiner koſtbaren Zeit zu widmen— zum nachhaltigen Entzücken Doctor Kühleborn's, der jetzt den kahlen Kopf noch höher als zuvor trug und Jedem, der es hören wollte, und Vielen, die es eben ſo gern auch nicht gehört hätten, erklärte, daß ſeit und mit der Ankunft des Grafen Saros der Weltruf ſeines Bades vollſtändig ſtabilirt ſei. Von Doctor Kühleborn konnte man auch, wenn gleich mehr in geheimnißvollen An⸗ deutungen und vagen Umriſſen, als mit der wünſchenswerthen genauen Detaillirung die übrigen Rubriken in dem Nationale des erlauchten Fremden ausgefüllt erhalten.„Stand“: Beſitzer unterſchiedlicher Güter in allen Theilen Ungarns, Reichthum alſo ungeheuer, aber wegen der vielen darin verwickelten Pferde⸗ und Schafheerden auf den weiten Pußten ſchwer zu bemeſſen. Für die Feſtſtellung der Rubrik:„beſondere Kennzeichen“ ſorgte die argusäugige Geſellſchaft ſelbſt. Die Länge ſeines ſchwarzen gezwirbelten Schnurrbartes wurde allgemein, wie auch von mir, auf einen halben Fuß rheiniſch geſchätzt. Auch darin kamen Alle überein, daß ſeine Augen, wenn auch klein, ſo doch ſchwarz und glänzend waren, daß ſeine Augenbrauen über der Naſe 55 zuſammenliefen und beſagtes Sinneswerkzeug mehr, als mit den Geſetzen regelmäßiger Menſchenſchönheit vereinbar ſchien, in der Mitte zuſammengedrückt und nach unten zu in die Höhe gerichtet war. Außerdem kennzeichnete er ſich den Damen durch ein Glas, welches er an einer ſeidenen Schnur um den Hals trug und ſehr oft in das rechte Auge klemmte— öfter als nöthig nach Ausſage der Herren, die am Billardtiſche mit ihm zuſammengetroffen waren und die untrügliche Schärfe ſeiner Sehorgane, ſö wie die nie fehlende Sicherheit ſeiner Hand nicht genug zu rühmen wußten. Doch dies waren Alles nur Beobachtungen, die auf der Oberfläche ſpielten, wie es von oberflächlichen Alltagsmenſchen auch nicht anders zu verlangen war— in den geiſtreichen Cirkeln der Geſellſchaft: in der Tafelrunde des Bicar von Wakefield, in dem Kreiſe, welcher ſich um die ſchwarzäugige Frau Herkules und das habichtsnaſige Fräulein Kernbeißer zu verſammeln pflegte, wurden jene Themata pſychologiſch vertieft und in ihrer culturgeſchichtlichen Bedeutung feſtgeſtellt. Linder, der in ſeiner hohen Miſſion und Eigenſchaft eines Prüfers und Kündigers der Herzen und Nieren, ein decidirter Parteigänger und bald in dieſem, bald in jenem Lager zu finden war, brachte die abenteuerlichſten Nachrichten aus beiden: wie das engliſche Kränzchen alles Ernſtes überlegt habe, ob man jetzt nicht auch. die ungariſche Sprache in den Bereich der Studien ziehen müſſe; wie die Fräulein Emma und Käthchen von Puſterhauſen ſich geſtern ſchon in ſchweſterlicher Eiferſucht auf die Gunſt des Fremden, der bis jetzt nur erſt durch ſein Augen⸗ glas mit ihnen geſprochen, die Augen beinahe ausgekratzt hätten wie andrerſeits zwiſchen Frau Herkules und Fräulein Kern⸗ beißer ein ernſtlicher Streit entſtanden ſei, indem die erſtere behauptete, daß ſie noch keinen ſchöneren Mann geſehen habe, als den Grafen, und überhaupt ein Deutſcher auf dieſe ro⸗ mantiſche Erſcheinung keinen Anſpruch machen könne, während das alte Fräulein ſchwur, daß ſie ſechs Liebhaber gehabt habe, die ſämmtlich Deutſche und alle ſchöner geweſen ſeien. O Gott, Gott, ſeufzte der Dichter, während er mir am zweiten Tage nach Tiſche über einer Taſſe Kaffe im Kurgarten dieſe Mittheilungen machte; warum haſt Du unſere Frauen ſo geſchaffen, daß ſie ſtets in der Fremde ſchweifen, während das Gute ſo nahe liegt! Sie können ſich doch wahrhaftig nicht beklagen, Herr Linder! erwiederte ich; Sie Auserwählter unter Tauſenden, Sie Gebene⸗ deiter der Damen! haben Sie es doch in zweimal vierund⸗ zwanzig Stunden dahin gebracht, daß Fräulein Kernbeißer gegen Sie nicht mehr die Krallen herauskehrt, und die langen Wimpern über den ſchwarzen Augen der kleinen Frau Herkules ſich in einer Weiſe für Sie heben, die viel ſagt. Viel, aber nicht Alles, erwiederte der Dichter, indem er ſeine Fingernägel Revue paſſiren ließ; ſie hat fünf Augenauf⸗ ſchläge; ich bin erſt beim dritten. Und dann, wie kann ich ſie heirathen, trotzdem feu Mr. Herkules ein hübſches Vermögen hinterlaſſen haben ſoll, da ich nicht weiß, ob ich in die Tochter nicht mehr verliebt bin, als in die Mutter. Das Kind! rief ich mit einem frommen Schauderblick auf den dreizehnjährigen Wildfang, der ſich eben mit ſeinen jüngeren Geſchwiſtern haſchte, daß die kurzen Röcke nach hinten flatterten und die ſchwarzen Lockenhaare in der Luft flogen. Was wollen Sie! ſagte der Dichter; dieſer Menſchenfrüh⸗ ling hat, wie der Frühling in der Natur, für jeden echten Poeten einen unwiderſtehlichen Zauber. Denken Sie an Dante's Beatrice, an Lord Byron's Janthe und nicht zuletzt an Horazens Matre pulchra filia pulchrior! Nun, dann laſſen Sie hören! ſagte ich, da ich bemerkte, daß der Dichter eine Bewegung nach ſeiner Bruſttaſche machte. Ich kann es Ihnen auch ſo recitiren, es iſt kaum eine Stunde alt; hören Sie! Der ſchönen Mutter ſchön're Tochter Du! Du holdes Bild der reinſten Jugendblüthe, Jungfräulich' Kind mit Deinem Blick voll Güte, Voll Leidenſchaft und ſel'ger Götterruh. Ich habe Dich in Deinem Glanz geſchaut! Nicht ſchöner iſt der Strahl der Maienſonne, Wenn ſie die Erde küßt in Morgenwonne Und Perlennaß von Roſenknospen thaut. 57 Was ſoll Dein Licht dem todesmatten Aar! Ach! nimmer hört ihr ſeinen Schlachtruf klingen, Scheu in dem Horſte birgt er ſeine Schwingen, Der ſtolzen Kraft, des kühnen Muthes baar. Dem müden Auge wird Dein Glanz zur Qual! Und doch! laßt mich die ſchwere Wimper heben, Noch dieſe eine Stunde will ich leben— Ich ſeh' die Sonne ja zum letzten Mal! Linder ſtarrte düſter vor ſich hin. Wie finden Sie es? fragte er in ſchwermüthigem Ton. Süß! Das glaube ich. Ich habe es heute bei Tiſche gemacht, während der Pudding ſervirt wurde, von dem die Kleine eine enorme Portion aß. Und die unglückliche Mutter? Sie wird ſich in ihr Schickſal finden. Und der Mond von geſtern und die Sonne von vorgeſtern? Linder lächelte. Sie ſind untergegangen, ſagte er; untergegangen für immer in dem Dunſtkreis, der den ungariſchen Pferdehirten umwittert. Da geht er hin. Der reine Schmitſon! Graf Saros ſchritt eben durch den Garten nach dem Platz unter der Platane, der ein für alle mal, als der beſte, den Amerikanern reſervirt war. Wir ſahen, wie ihm Mr. Cun⸗ nigsby ein paar Schritte entgegenging und mit großer Cor⸗ dialität die Hand ſchüttelte. Auch die Damen rreichten ihm, als er herantrat, eine nach der andern die Hand; die Mutter lächelte ſehr gnädig; Miß Virginia ſchien ihn zu necken, wäh⸗ rend er ſich zu Miß Ellen wandte, die den Kopf über den Arbeitskorb beugte. Reizender Anblick, ſagte Linder; Achill unter den Mädchen. Sehen Sie nur, wie die kleine braunäugige Pflanzerhere mit dem Pußten⸗Jüngling coquettirt! Racenkreuzung— das iſt die Hauptſache. Sagen Sie mir einmal Ihre aufrichtige Meinung, Herr Linder! welchen Eindruck macht der Graf auf Sie? Ich rieche Pferde, ſobald er in meine Nähe kommt, ant⸗ wortete Linder. Auch hat er jedenfalls Zeit ſeines Lebens viel mit Pferden hantirt; ſehen Sie doch nur ſeine Hände an! Ich halte etwas auf eine ariſtokratiſche Hand, reſpective Fuß. Man kann nicht ſagen, daß der Graf auf einem kleinen lebt. Er ſoll es auch nicht nöthig haben. Linder zuckte die Achſeln. Ungarn iſt weit von hier, und wer weiß, ob unter den Pferden, die der Herr Graf, wie ich höre, gern vorreitet, nicht einige faule ſind. Kühleborn hält ihn für reich, oder thut wenigſtens ſo; aber vergeſſen Sie nicht, daß der Doctor ein Intereſſe daran hat, ſeine Geſellſchaft ſo glänzend als nur irgend möglich herauszuſtaffiren. Was hat der Mann im An⸗ fang, als noch Wenige hier waren, mit mir gekrebſt! Ich war der Dichter der Dichter, der größte Lyriker aller Zeiten! Dann kam Ihr Freund; halb Rügen ſollte ihm gehören; der Fürſt von P. ſollte ein Betteljunge im Vergleich mit ihm ſein. Dann kamen die Amerikaner: ſie brachten Louiſiana und Texas in ihren Portefeuilles mit; jetzt iſt's das Geſtirn des Grafen, das culminirt. Ihr Freund ſteht im Nadir. Der arme Menſch — wenn Sie meinem ſympathetiſchen Herzen dieſen familiären Ausdruck geſtatten wollen— thut mir leid. Er ſcheint es mit ſeinen Paſſionen ſchrecklich ernſt zu nehmen, und die Hoffnungs⸗ loſigkeit ſeines Falles iſt jetzt wohl offenbar. Wie ſchnell man übrigens in jenem Quartier ſich abnutzt, und wie mitleidslos man, wenn man aufgebraucht iſt, weggeworfen wird, können Sie an dem armen Schelm, dem Bergfeld, ſehen. Eine aus⸗ gepreßte Citrone iſt doch ein ſtolzer Anblick. Der Genannte trat eben zu uns. Er wagte ſich gar nicht mehr in die Nähe des heiligen Baumes. Da er ſonſt nicht zu den beſonders ſcheuen Menſchen gehörte, mußte die Behand⸗ lung, welche er erfahren hatte, ſehr ſchlecht geweſen ſein. Was bringt Ihr, Fernando, ſo trüb und ſo bleich? ſagte Linder, indem er, um dem Angekommenen Platz zu machen, ſeine Beine von dem dritten Stuhl an unſerem Tiſche nahm. Sie haben gut ſpotten, ſagte der junge Kaufmann; mir 59 iſt wirklich ſchlecht genug zu Muthe. Haben Sie nicht ge⸗ ſehen, wie ſie mich bei Tiſche behandelt haben! nicht drei Worte haben ſie mit mir geſprochen. Es fiel allgemein auf, bemerkte Linder. Nicht wahr? fuhr Bergfeld eifrig fort; man mußte es wohl bemerken; dieſer Wechſel des Betragens iſt zu groß; aber ich werde es mir nicht gefallen laſſen; ich werde Rechenſchaft verlangen. Wenn Sie Miß Virginia herausfordern wollen, ſagte Linder, ſo wählen Sie mich wenigſtens zum Secundanten. Ach, wer ſpricht von Miß Virginia, erwiederte der junge Mann, ohne auf das fauniſche Lächeln, das unter dem blonden Schnurrbart des Dichters ſpielte, zu achten; von Mr. Cun⸗ nigsby will ich wiſſen, woran ich bin. Ich halte es wenigſtens nicht für Recht, zuerſt die Freundſchaft ſo weit zu treiben, daß man Geld von einem borgt— Hat man das gethan? fragte ich erſtaunt. Eine Kleinigkeit, erwiederte der junge Kaufmann; neulich auf der Tour nach dem Eiskopf. Der Wirth wollte das amerikaniſche Gold nicht annehmen; Mr. Cunnigsby wandte ſich an mich, ich hatte gerade einen Hundertthalerſchein in der Taſche— Der ſich viel ſtattlicher ausnahm, als ein Fünf⸗ oder Zehn⸗ thalerſchein, mit dem Ihre Zeche auch bezahlt geweſen wäre, bemerkte Linder. Nun ja, ſagte der junge Kaufmann; ich gebe das zu. Und dann erinnert man ſich an hundert Thaler, die man geliehen hat, eher als an fünf; aber freilich für ſolche Cröſuſſe iſt zwi⸗ ſchen hundert Thalern und fünf kein Unterſchied. Jedenfalls iſt das aber kein Grund, zu thun, als ob ich nicht mehr auf der Welt ſei, und mich zu den Partien, die ich früher immer arran⸗ giren mußte, nicht einmal mehr aufzufordern. Auch Patroklos iſt geſtorben, murmelte Linder. Wie ſagten Sie? fragte Herr Bergfeld. Ich meine, man bricht eben zu einer Partie auf, die Sie nicht arrangirt haben. 60 Vor dem Kurgarten war die Chaiſe, die der Kurhauswirth an die Gäſte zu verleihen pflegte, vorgefahren; die Geſellſchaft unter dem heiligen Baum brach auf; Graf Saros war den Damen beim Umhängen ihrer Shawls und Mantillen behilf⸗ lich; dann bot er Miß Ellen den Arm, während der Jaguar ſeine Frau und Miß Virginia führte. So ſchritten ſie durch den Garten, beſtiegen den Wagen(der Graf ſetzte ſich zu dem Kutſcher) und rollten davon. Es that mir leid, daß Egbert nicht Zeuge dieſes neuen Beweiſes der ſo auffallend raſch wachſenden Intimität zwiſchen den Amerikanern und dem Ungar geweſen war; indeſſen brachte jeder Tag, jede Stunde beinahe dergleichen. Bei Tiſche ſaß der Graf auf dem Platze, den ihm der arme Bergfeld ſo Hals über Kopf hatte räumen müſſen.(Herr Bergfeld hatte an dem zweiten Tiſche ein Unterkommen gefunden, von wo er unver⸗ wandten Auges nach ſeinem verlorenen Eden ſtarrte und in Folge deſſen unter den Compotſchüſſeln und Saucieren ein ſol⸗ ches Unheil anrichtete, daß keine Dame mehr neben ihm ſitzen wollte) Nach Tiſche Rendezvous unter dem heiligen Baum, oder Ballſpiel mit den jungen Damen, während die glücklichen Eltern wohlwollend zuſchauten; gegen Abend Spaziergänge in den Wäldern, ſehr häufig Ausfahrten, aber immer„unter ſich“ mit ſtrenger Ausſchließung der übrigen Bade⸗Plebs. Und was dieſem in den Augen eines unglücklichen Liebhabers ſchon hin⸗ reichend ſchauderhaften Treiben die Krone aufſetzte: es war augenſcheinlich, daß der Graf Miß Ellen— Egbert's Ellen!— der braunäugigen, lebhaften und eigentlich nicht minder ſchönen Virginia vorzog. Er trug mit Vorliebe ihren Shawl, führte, wo es irgend ging, ſie am Arm, richtete bei Tiſch faſt aus⸗ ſchließlich das Wort an ſie. Man hätte denken ſollen, daß dies Alles genug und mehr als genug geweſen ſei, um Egbert von ſeiner Leidenſchaft zu heilen, aber ſo eine rechte Liebe iſt wie ein alter Fuchs, der noch immer einen Ausweg findet, wenn der erfahrenſte Teckel⸗ hund ihn ſchon verloren giebt. Ich will jede Hoffnung fahren laſſen, ich will auf der Stelle 61 abreiſen, will thun, was Du willſt, rief er, ſobald ich ſehe, daß ſie die Bewerbungen dieſes widerlichen Menſchen irgendwie er⸗ muntert, ſobald Du mir beweiſen kannſt, daß ſie auch nur einen Schritt thut, den nicht die ganz gewöhnliche Höflichkeit vor⸗ ſchreibt. Bis dahin will ich an ſie glauben; ſo engelreine Züge können nicht lügen. Aber, lieber Freund, entgegnete ich, was Du für Kälte hältſt, iſt vielleicht nichts weiter, als Reſultat der Erziehung oder des Temperaments der jungen Dame, und beweiſt gar nichts da⸗ gegen, daß ſie in ein paar Monaten, oder Wochen— was weiß ich! Gräfin Saros ſein wird. Möglich, erwiederte Egbert; aber das will ich eben abwar⸗ ten. Ich will den Glauben an ſie nicht aufgeben, bis nichts mehr zu glauben iſt. Vorläufig laß mir meinen Glauben: ſo reine Züge können nicht lügen. Dabei blieb er, und vergebens, daß ich ihn beim Wort zu nehmen und das ſchöne Mädchen bei einem jener Schritte zu ertappen ſuchte, die Egbert von ihrem„Verrath“ hätten über⸗ zeugen können. Ihr Betragen gegen den Fremden hielt ſich in der That in den Grenzen einfacher Höflichkeit; ja, ich glaubte zu bemerken, daß ſie in den letzten Tagen noch ſtiller und ſchüchterner geworden war, als vorher, daß ſie wirklich nur ge⸗ ſchehen ließ, was ſie nicht ändern konnte, was ſie vielleicht gern gehindert hätte. Und dann kamen Augenblicke, oder vielmehr Blicke der Augen, welche eine Beobachtung, die ich das erſte Mal bei Tiſche gemacht hatte, zu beſtätigen ſchienen: ſchnelle, verſtohlene, ſich alsbald wieder ſcheu hinter den langen Wim⸗ pern verbergende Blicke, die Niemand gelten konnten, wenn nicht Egbert, der düſter und grimmig neben mir ſaß und von dem unberührten Teller das Schickſal ſeiner Liebe zu leſen ſchien. Ich hütete mich natürlich, den Hoffnungsfunken, den ich hier und da in der Aſche dieſes ſonſt ſo hoffnungsloſen Falles auf⸗ blitzen ſah, in die Seele des Freundes zu werfen und ſo das Unglück noch größer zu machen, aber ich kann nicht leugnen, daß ich mit einer Art von Angſt den Funken verfolgte und mit from⸗ men Wünſchen hütete und ſegnete. Die Sache war erſtens, daß 62 ich dem ſchönen Mädchen nicht nur nicht gram ſein konnte, ſondern in aller Stille und mit aller Ehrbarkeit, die einem Gatten und Vater ziemt, für ſie ſchwärmte; zweitens, daß ich meinen braven Egbert aufrichtig liebte und ihm von Herzen ein Glück gönnte, welches die gütigen Götter auf jeden Fall nicht für mich beſtimmt hatten, und drittens, daß ich den Herrn Grafen Saros⸗Patak abſcheulich fand und in jeder Beziehung dieſes Glückes vollkommen unwürdig erachtete. Nicht, daß ſich der Graf jene Inſolenz, in welcher Mr. Cunnigsby Meiſter war, ebenfalls hätte zu Schulden kommen laſſen! Auch er freilich ſuchte die Geſellſchaft nicht, wies doch aber die jüngeren Herren, die ſich an ihn drängten, nicht zurück, ſondern nahm ihnen mit einer Herablaſſung, die jene gewiß zu ſchätzen wußten, eine Partie Billard nach der anderen ab. Daß der Herr Graf ſeinen ariſtokratiſchen Gewohnheiten in dieſen bürgerlichen Kreiſen treu blieb, gern Wetten proponirte(die er regelmäßig gewann), auch Whiſt nicht gern den Point unter fünf Groſchen ſpielte— konnte ihm am Ende Niemand mit Recht verdenken, da ſeine Opfer ja freiwillig und mit einer ge⸗ wiſſen Wonne bluteten. Viel, ſehr viel ſchlimmer war in meinen Augen ſeine Haltung, ſeine Miene, ſein Lachen, der Ton ſeiner Stimme;— ich erzürnte mich ganz ernſtlich mit Frau Herkules, die nicht müde werden konnte, von dem„romantiſchen Zauber“ dieſer Erſcheinung zu ſprechen. Ich bitte Sie, gnädige Frau, rief ich, im Namen alles Schönheitsgefühls und aller Aeſthetik bitte ich Sie, ſagen Sie mir, was Sie an dieſer frechen Stumpf⸗ naſe, an dieſem öden Lächeln um die breiten Lippen, an dieſen rapiden Zickzackbewegungen der langen Arme, an dieſen unver⸗ hältnißmäßig kurzen Schritten der nicht minder langen Beine ſo Reizendes finden! Darüber läßt ſich mit Euch Männern nicht ſprechen, ſagte Frau Herkules mit ihrem zweiten Augenaufſchlage. Ich ſollte doch denken, meinte ich, es läßt ſich über Alles ſprechen. Frau Herkules ſchüttelte den Kopf. Sie würden mich nicht verſtehen, vielleicht auch nicht ver⸗ 63 ſtehen wollen. Man hört ſo ſchwer, wenn die Eitelkeit verletzt wird. Ich geſtehe, daß ich mir dieſen Mann kaum anders denken kann, als auf einem Steppenroß bei Sonnenuntergang über die Pußte jagend, oder in der Nacht mit Zigeunern um das Lagerfeuer liegend, und daß, wenn ich ihn mir ſo denke — aber noch einmal: es iſt ganz vergeblich, ſo etwas zu de⸗ tailliren. Es iſt damit wie mit der Liebe; man liebt entweder, oder man liebt nicht; aber warum man liebt, oder nicht liebt, wer kann das ſagen! Die älteſte Tochter, Linder's Maienſonne von vorgeſtern, kam herangeſprungen. Sie trug einen Blumenſtrauß an der Bruſt; ihre Wangen glühten, ihre dunklen Augen blitzten⸗ Wie kamſt Du zu den Blumen, Kind? fragte die Mama. Das Mädchen erröthete noch tiefer: Er hat ihn mir ge⸗ ſchenkt, ſagte ſie mit ſchüchternem Stolz. Wie das? Ich begegnete ihm am Teich, weißt Du, Mutter, wo der Gärtner wohnt; ich wollte ihn erſt nicht nehmen, da hat er ihn mir ſelbſt angeſteckt. Aber ſchlecht, ſagte die Mama, aus deren dunklen Augen der Widerſchein des Stolzes aus den dunklen Augen der Tochter leuchtete; ich will ſie Dir anders arrangiren, und aus dem Strauß bleibt noch dieſe Aſter für das Haar; ſo! Wer iſt„Er?“ wagte ich zu fragen. Das kann doch aber auch nur ein Mann fragen, erwiederte die putzſüchtige Mama; der Graf, mein Kind, nicht wahr? Nun natürlich! erwiederte das Kind, die vollen Lippen ſchürzend. Der ſchönen Mutter ſchön're Tochter Du! murmelte ich, indem ich mich erhob; es geht doch nichts über eine vernünftige Erziehung. Mein eigenes Verhältniß zum Grafen war ſehr oberflächlich. Nur einmal, gleich in den erſten Tagen, hatten wir— ich weiß nicht bei welcher Veranlaſſung— mit einander geſprochen. Da ich bemerkt hatte, daß er das Deutſche nur ſehr gebrochen ſprach, glaubte ich ihm eine Höflichkeit zu erweiſen, wenn ich ihn fran⸗ 64 zöſiſch anredete; er hatte mir ebenfalls auf franzöſiſch— und nebenbei in einem erbärmlichen Franzöſiſch— erwiedert, daß ich ihm eine Gefälligkeit erweiſen würde, wenn ich deutſch mit ihm ſpräche, da er ſich längere Zeit in Deutſchland aufzuhalten gedenke und ihm viel daran gelegen ſei, die Sprache des Lan⸗ des ſo ſchnell als möglich zu lernen. Ich war natürlich ſeinem Wunſche ſofort nachgekommen, aber es war bei einigen gleich⸗ giltigen Phraſen geblieben. Seitdem ſchien er mich viel eher zu meiden, als zu ſuchen. Zwar grüßte er mich höflich, wenn wir uns auf den Treppen und Corridoren des Kurhauſes, im Garten oder auf der Promenade begegneten; aber es war jene Höflichkeit, die deutlicher, als Worte ſagt: Sie thun mir einen unendlichen Gefallen, werther Herr, wenn Sie mir drei Schritte vom Leibe bleiben. Ich hatte entſchiedenes Unglück bei unſern hohen Fremden. Auch in meinem Verhältniß zu den Ameri⸗ kanern hatte ich nach jenem erſten kühnen Anlauf nur Rückſchritte gemacht. Mr. Cunnigsby blickte, ſo oft ich an ihm vorüber kam, durch mich hindurch in nebelhafte Ferne, und ſeine Damen ſchienen ſtrenge Ordre zu haben, mich niemals in der Nähe, ſondern ebenfalls in jenem fernen Nebelland zu ſuchen. Ich fing an, den Mann zu haſſen, und erging mich, um meinem Haſſe Luft zu machen, in Briefen an einen Freund in Berlin, der längere Zeit in dem Süden der Vereinigten Staaten gelebt hatte, in den heftigſten Schmähreden gegen die rebelliſchen Baum⸗ wollenjunker, und fragte, ob dieſer Jaguar, den ich mit einiger⸗ maßen lebhaften Farben ſchilderte, nicht der wahre Typus der Race ſei, von deren moraliſcher Verkommenheit er ſelbſt ſo haar⸗ ſträubende Dinge zu erzählen wußte. Je tiefer ich mich aber in dieſen Haß gegen den Mann hineinredete, der die Liebe des armen Egbert zu dem ſchönen Mädchen und nebenbei meine Eigenliebe ſo unbarmherzig unter die dicken Sohlen ſeiner Stiefel trat, und gegen jenen anderen Mann, deſſen ganzes Verdienſt meiner Anſicht nach in ſeinem gewichſten Schnurrbart, ſeinem Schnürrocke und ſeinen fabel⸗ haften Pußtenpferden lag und der deſſen ungeachtet die ſchöne Beute davonzutragen beſtimmt ſchien— ich ſage, je tiefer ich 65 mich in den Haß gegen dieſe beiden Menſchen hineinredete und hineinſchrieb, um ſo wunderlicher wurde mir die Abgötterei, mit der ſich die Badegeſellſchaft— ein paar Vernünftigere aus⸗ genommen— unter die Räder der Götzen in den Staub warf. Und doch ſollte dieſer Fanatismus der Selbſtentäußerung noch einer Steigerung fähig ſein, wie ein merkwürdiges Ereigniß, das an einem der nächſten Tage eintrat, deutlich genug bewies. V. Dies merkwürdige Ereigniß war nämlich nichts Geringeres, als die Ankunft des Landesfürſten, von dem der weitſichtige Doctor Kühleborn bei irgend einer Gelegenheit die Zuſage er⸗ halten hatte, ſich von dem blühenden Stand ſeines Bades aller⸗ höchſt ſelbſt überzeugen zu wollen, und der jetzt kam, ſein gnädiges Verſprechen einzulöſen. Doctor Kühleborn's Freude, als die Nachricht von dem Heil, das ihm bevorſtand, eintraf, war unermeßlich; wurde doch der ſo ſchon ſtabilirte Weltruf ſeines Bades jetzt noch mit dem rocher de bronce fürſtlicher Protection untermauert. Der herzogliche Sanitätsrath, auf den er nun ſchon ſo lange vergeblich gehofft, war jetzt ſo gut wie gewiß. Aber auch ſonſt war der Beſuch Sr. Hoheit für den Ort. von einer nicht leicht hoch genug zu ſchätzenden Bedeutung. Der Herzog war noch nie in Tannenburg geweſen. Wenn nun gleich das Scepter Sr. Hoheit ſich über volle fünf Quadratmeilen erſtreckte, und er auch erſt vor fünfundvierzig Jahren ſeinem hochſeligen Vater auf den Thron gefolgt war, ſo glaubten die Tannenburger doch, wenn ſie auf dieſe Dinge zu ſprechen kamen, über Vernachläſſigung von Seiten Sereniſſimi klagen zu dürfen. Freilich, der in die geheime Geſchichte des Ein⸗ Fr. Spielhagen's Werke. VII. 66 geweihte wußte es beſſer. Jemand, der, wie Sereniſſimus, ſchon die Heiterkeit im Titel führt, zürnt nicht ohne Grund über ein Menſchenalter hindurch, und die Tannenburger hatten Sereniſſimo Urſache zum Zorn gegeben. Auf Tannenburg hafteten nämlich gewiſſe koſtbare Privilegien, mit welchen irgend ein mittelalterlicher Sereniſſimus die Tannenburger, die ihn, der Himmel weiß aus welcher ſchweren Bedrängniß befreiten, belehnt hatte. Zu dieſen Privilegien hatte auch das Jagdrecht in den der Gemeinde gehörigen Wäldern auf den Bergen um Tannenburg gehört. Jahrhunderte lang war die Sache in Vergeſſenheit gerathen, und Sereniſſimi hatten Jahrhunderte lang in eben dieſen Wäldern nach Herzensluſt gejagt und auch wohl etwaige Jagdfrevler nach Herzensluſt in Kerker und Eiſen abgeſtraft. Da geſchah es, daß die Tannenburger ſich juſt bei der Thronbeſteigung Sereniſſimi vor fünfundvierzig Jahren jener Rechte und Privilegien erinnerten und dieſelben, die alle mit ſorgſam aufbewahrten Documenten wohl verbrieft waren, von Sereniſſimo in einem langjährigen Prozeß durch alle Inſtanzen erſtritten. Kann man ſich wundern, daß der tiefgekränkte Mo⸗ narch ſchwur, einen Ort, in welchem ein ſo illoyales, wider⸗ ſpänſtiges Volk lebte, nie mit Augen ſehen zu wollen? daß er, als ſpäter jene Privilegien mit anderen mittelalterlichen Exem⸗ tionen abgelöſt werden mußten und es ihm frei geſtanden hätte, die Tannenburger Jagd zu pachten, niemals einen Groſchen darauf bot, ja mehr als einmal äußerte, er würde dieſelbe jetzt nicht nehmen, und wenn ſie ihm die Tannenburger auf den Knieen anböten? Vergebens, daß die Tannenburger, denen aus anderen Grün⸗ den in neuerer Zeit viel daran lag, mit ihrem Landesherrn gut zu ſtehen, ihre frühere Hartnäckigkeit verwünſchten und Hoheit die verwünſchte Jagd mehr als einmal ſo zu ſagen auf den Knieen angeboten hatten; vergebens, daß Doctor Kühleborn, wiederum aus anderen Gründen, ſein großes diplomatiſches Genie für die gute Sache ſchon ſeit Jahren hatte ſpielen laſſen — es war Alles umſonſt geweſen. 67 Da legte ſich der Himmel, der die unnatürliche Entfremdung zwiſchen Landeskindern und Landesvater nicht länger mitanſehen konnte, in's Mittel, und wie er denn oft ſeine Mittel ſeltſam wählt, ſo auch in dieſem Fall. Es geſchah nämlich, daß die Auerhähne, die ſonſt das Waldgebirge innerhalb der fünf Quadratmeilen der Erblande Sr. Hoheit ziemlich gleichmäßig beſucht hatten, plötzlich wie auf Verabredung aus den übrigen Theilen verſchwanden, um in dem Tannenburger Forſt ein Aſyl zu ſuchen, und wie es ſchien zu finden. Alljährlich im März und April beim erſten Morgen⸗ grauen widerhallte der Wald von den Liebesliedern der leiden⸗ ſchaftlichen Vögel, und Sereniſſimus, der ein großer Jäger vor dem Herrn war und gerade für dieſe edle Jagd ein beſonderes Faible hatte, mußte ſich das von ſeinen Förſtern und Kreiſern erzählen laſſen, während ſich auf ſeinem Revier nie eine Auer⸗ hahnfeder mehr ſehen ließ. Wer möchte wagen, einen Blick in die Geheimniſſe des durchlauchtigſten Buſens zu werfen; wer den Kampf zu ſchildern zwiſchen dem Stolz des Herrſchers, der nicht nachgeben, und der Begierde des Weidmanns, die ſich nicht zügeln laſſen will! und wenn Timanthes das Antlitz des Agamemnon, der im Begriff ſteht, ſeine Tochter zu opfern, weiſe verhüllte, ſo muß ein doppelt dichter Schleier der Discretion über das Geſicht einer Hoheit fallen, die drauf und dran iſt, zum gemeinen Wilddieb zu werden. Aber ſo weit ſollte es nicht kommen; mühſam aber ſicher arbeitete ſich die Sonne landesväterlicher Huld durch das düſtere Gewölk gerechten Unmuths, und ihr erſter Strahl traf den glück⸗ lichen Doctor Kühleborn, den eine Angelegenheit ſeines Bades in die Reſidenz und in das Cabinet des Herzogs geführt hatte. Hoheit war ſehr gnädig geweſen, hatte dem Petenten ſeine Bitte ſofort bewilligt und hinzugefügt, er werde im Herbſte ſelbſt Gelegenheit nehmen und ſo weiter. Auf morgen hatte ſich der hohe Gaſt angekündigt, Tannen⸗ burg war in einer unbeſchreiblichen Aufregung. Man hatte, wie das ſo zu geſchehen pflegt, das große bevorſtehende Ereigniß ſchon ſeit Wochen beſprochen, aber nichts gethan, um ſich würdig 5* 68 darauf vorzubereiten; jetzt ſollte von dem Nachmittag um fünf, wo die Nachricht eintraf, bis morgen Vormittag um elf, wo der Herzog kommen wollte, Alles fertig ſein: Flaggenbäume, Guirlanden, die Dorfjungfrauen mit ihren weißen Kleidern, der Schulmeiſter mit ſeiner Anrede, die Schuljungen mit ihrem Choral. Doctor Kühleborn würde ſich gern in zwanzig Stücke zerriſſen haben, wenn er dadurch die Möglichkeit gewonnen hätte, an zwanzig verſchiedenen Stellen zu gleicher Zeit zu ſein; an⸗ ſtatt deſſen war er ſchon um ſechs Uhr ſo heiſer, daß er nur noch flüſtern konnte und mit dem verzweifelten Lächeln, das ſeine— Lippen umſpielte, den Anblick eines Atlas gewährte, in dem Augenblicke, wo derſelbe fühlt, daß er mit ſammt der Welt, die auf ſeinen Schultern liegt, zuſammenbrechen wird. Er wäre auch zuſammengebrochen, wenn er nicht treue Arme: gefunden hätte, die ſich bereitwillig ausſtreckten, den Wankenden zu ſtützen. Das engliſche Kränzchen conſtituirte ſich ſofort als „Comité zur Arrangirung der Feierlichkeiten bei Gelegenheit des Aufenthalts Sr. Hoheit, Herman des Hundertſiebenundneunzig⸗ ſten“ und erklärte ſich in Permanenz. Frau Juſtizrath Scher⸗ wenzel übernahm die Beaufſichtigung der Guirlanden⸗ und Kränze⸗Arbeiten, Frau Oberpoſtdirector von Dinde die Reviſion und Superreviſion der Waſchung und Herausſtaffirung der zur Einholung Sr. Hoheit deſignirten Dorfmädchen. Leider ſtellte⸗ ſich noch an demſelben Abeud zur Evidenz heraus, daß an einen Empfang Sereniſſimi durch weißgekleidete Jungfrauen gar nicht zu denken ſei, da Tannenburg ſich zwar ungeführ zweier Dutzend Jungfrauen erfreute, aber auf dieſe ganze Schaar nur ein weißes Kleid kam, welches der Schulzentochter Anna Maria Eisbein gehörte. Und hier war es nun, wo Frau von Puſter⸗ hauſen die beiden andéren Damen, die ihr einen ſo großen Vorſprung abgewonnen hatten, durch ein glänzendes Manöver nicht nur ein⸗, ſondern weit überholte. Sie kam und brachte ihre beiden Töchter, legte ſie gewiſſermaßen weißgekleidet auf den Altar des Vaterlandes; Emma ſollte Hoheit im Namen der Kurgäſte mit einem Gedicht begrüßen, Käthchen ihm einen Eichenkranz reichen zur Erinnerung an jüngſt erfochtene Siege 69 (Hoheit hatte ein halbes Bataillon in dem großen Kriege des Sommers mitmarſchiren laſſen). Der Eichenkranz mußte ſofort in einen Buchenkranz verwandelt werden, da es in der Um⸗ gegend gar keine Eichen, ſondern nur Nadelholz und Buchen gab; auch mit dem projertirten Gedicht ſah es mißlich aus, da Linder ſich weigerte, ſeinen Pegaſus für einen ſolchen Zweck zu ſatteln. Ich will ein Dutzend Gedichte auf Sie machen, mein gnädiges Fräulein, ſagte der Lyriker zu der ihn um ein paar Verſe anflehenden Emma: Sonette, Canzonen, Stanzen— was Sie wollen; aber für oder auf Se. Hoheit mache ich keine Verſe, um wenigſten ſolche, die er gern hören würde. Meine Muſe ſingt nur Liebe und Freiheit; für Tyrannen, ſelbſt in Duodez, iſt ſie ſtumm. Doch das waren am Ende nur Steine im Bach, die den Lauf des Waſſers nicht aufzuhalten vermochten. Die nun her⸗ einbrechende Nacht deckte eine Welt von Arbeit, Thaten heroiſcher Aufopferung(die alte Botenfrau, um nur eins zu erwähnen, ging in dieſer Nacht dreimal von Tannenburg nach Fichtenau und zurück, das letztemal mit zwei Bogen Flittergold); aber der Morgen fand Alles fertig, auch Doctor Kühleborn, der ſich kaum noch auf den Beinen halten konnte und deſſen Stimme jetzt dem Krähen eines ſehr jungen Hahnes an einem Regen⸗ tage auffallend glich. Und er kam— zur feſtgeſetzten Stunde— in einem Jagd⸗ wagen— ein ſtattlicher alter Herr mit grauem Schnurr⸗ und Knebelbart, militäriſcher Haltung; der Hofjägermeiſter hatte die Ehre, bei Hoheit im Wagen zu ſitzen, ein paar Herren ſeines Haushaltes folgten in einem zweiten. Es ging Alles nach Wunſch. Nur beim Eingang des Ortes, wo die Schulkinder poſtirt waren, wollten die feurigen Pferde vor dem leichten Jagdwagen nicht ſtehen; und der Kutſcher war genöthigt ge⸗ weſen, weiter zu fahren, wenn er Hoheit nicht in den Bach ſetzen wollte; ſodann war Hoheit auf der Weiterfahrt durch das Dorf nur noch in die Kuhheerde gerathen, die der alte, taube Kuh⸗ hirt, an den Niemand gedacht und der ſeinerſeits ebenfalls an Riemand, am wenigſten an den Herzog gedacht hatte, zur un⸗ 70 gelegenſten Stunde auf die Weide trieb. Da war es denn freilich Hoheit nicht zu verdenken, daß er, beim Kurhauſe an⸗ gelangt, Doctor Kühleborn's allerdings vor Heiſerkeit kaum ver⸗ ſtändliche Anrede mit einem wohlgemeinten: es ſei ſchon gut! kurz unterbrach und Fräulein Emma von Puſterhauſen bat ihm die zweite Hälfte des Gedichtes— es war von dem Paſtor angefertigt und allerdings etwas lang gerathen— nach dem Frühſtück zu recitiren. Hingegen mundete— was doch die Hauptſache war— das Frühſtück Hoheit gut; und er fühlte ſich ſo gekräftigt, daß er alsbald wieder den Wagen beſteigen und eine lange Spazierfahrt in die Wälder machen konnte, aus denen er ſo viele Jahre gewiſſermaßen ver⸗ bannt geweſen. Das Diner wurde um fünf Uhr in dem kleinen Saale des Kurhauſes ſervirt; außer dem Gefolge Sr. Hoheit hatte nur Doctor Kühleborn die Ehre, befohlen zu werden. Bis dahin konnte man eigentlich nicht ſagen, daß der ſo heiß erſehnte Tag gehalten, was er verſprochen, oder was ſich Kurgäſte und Dorfbewohner von demſelben verſprochen. Ho⸗ heit hatte ſich, wenn man der Wahrheit die Ehre geben wollte, weder um die Einen, noch um die Anderen gekümmert, und wenn Fräulein Emma von Puſterhauſen auch gerade nicht nöthig gehabt hätte, über den durchlauchtigſten Scherz in Weinkrämpfe zu fallen, ſo war doch nicht in Abrede zu ſtellen, daß der Opferdampf nicht recht gen Himmel ſteigen wollte, ſondern bei den Opferern blieb und ihnen hier und da ſchwer auf die Bruſt fiel. Doctor Kühleborn war ſo kühn geweſen, Sr. Hoheit über Tafel einige ehrfurchtsvolle Andeutungen nach dieſer Seite hin zu machen, und Hoheit hatte die Gnade gehabt, ſich die Kur⸗ liſte vorleſen zu laſſen, um ſich in der anweſenden Geſellſchaft einigermaßen zu vrientiren. Aus den wenigen adligen Namen, welche die Liſte ſchmückten, hatten Hoheit nicht viel gemacht.— Von Puſterhauſen, von Dinde— kenne die Sorte; hungriger Beamtenadel, knabbern an einem herum wie Ratten; aber: Hernad George Comte de Saros⸗Patak, Mr. Cunnigsby aus 71 Louiſiana.— Warum haben Sie mir das nicht gleich geſagt; hätte ſie zum Diner invitiren können; nach dem Diner vorſtellen. Doctor Kühleborn's Verlegenheit war groß. Die Ameri⸗ kaner und der Graf waren heute Morgen, als ob es für ſie keine deutſche Hoheit gebe, ausgefahren. Der Unglückliche wagte das Schreckliche nicht auszuſprechen, in der Tiefe ſeiner Seele hoffend und betend, die Flüchtlinge würden zur rechten Zeit zurücktehren und es ihm ſo möglich machen, dem Befehl Sr. Hoheit nachzukommen. Nach der Tafel, die um acht Uhr aufgehoben wurde, ſtand auf dem Programm: Beleuchtung des Kurgartens mit Talg⸗ lampen, farbigen Ballons und bengaliſchen Flammen. Die Dorfbewohner umdrängten in dichten Schaaren das Stacket, die Kurgäſte ſtanden in harrenden Gruppen, die Badekapelle ſpielte: Heil dir im Siegerkranz, und Hoheit betrat mit ſeiner Suite (Doctor Kühleborn, dem Oberjägermeiſter und den beiden Ca⸗ valieren) den Garten. Doctor Kühleborn fiel ein Felsblock vom Herzen. Die Amerikaner und der Graf waren zurück! Da ſtanden ſie— entfernt von den Anderen unter ihrer Platane — ruhig dem bunten Treiben zuſchauend. Ich ſah, wie Doctor Kühleborn die Schritte des Monarchen ſofort nach jener Stelle lenkte, wie er, vorauseilend, die Gruppe auf das Kommen des Geſalbten vorbereitete; wie die Gruppe ſich dem Herzog ent⸗ gegen langſam in Bewegung ſetzte, wie die beiden Mächte auf⸗ einander ſtießen und alsbald die Vorſtellung ſtattfand, während die Blicke aller Anweſenden gebannt an dem erhabenen Schau⸗ ſpiel hingen und die Kapelle:„Was iſt des Deutſchen Vater⸗ land“ ſpielte. Hier wurde meine Aufmerkſamkeit leider anderweitig in An⸗ ſpruch genommen, denn Fräulein Käthchen von Puſterhauſen, die mit ihrer Mutter und Herrn Linder dicht neben uns ſtand, fiel, nachdem ſie einen leiſen Schrei ausgeſtoßen, in welchem eine ganze Welt von Verzweiflung, oder doch wenigſtens die Verzweiflung an der ganzen Welt lag, Herrn Linder ohnmächtig in die Arme und mußte von dieſem, unter meiner und der beklagenswerthen Mutter Aſſiſtenz, hinter die Fronte gebracht 72 werden. Die Unglückliche hatte die Demüthigung, von dem dicht an ihr vorübergehenden Fürſten vollſtändig überſehen zu werden, nachdem ſie ihm heute Morgen den Buchenkranz überreicht, nicht ertragen können. Sie verlangte, als ſie wieder zu ſich kam, nach Hauſe, zu ihrer Schweſter, ihrer armen, nicht minder als ſie gekränkten und nicht minder kranken Schweſter, und ſo wankte ſie am Arm des gefühlvollen Linder aus dem Garten — hinter ihnen her die bethränte Mutter, in deren gramzer⸗ riſſenes Herz auch wohl der Kühnſte nicht unaufgefordert einen Blick werfen möchte. Als ich von dieſer Schreckensſcene zurückkam, war Egbert verſchwunden. Vermuthlich war auch ihm der Boden zu heiß unter den Füßen geworden, und ich war im Grunde froh, daß er fort war. Was noch zu ſehen blieb, würde wenig Erfreu⸗ liches für ihn gehabt haben. Die entente zwiſchen den beiden Großmächten war nämlich mittlerweile vollſtändig geworden; man hatte ſich zu einer gemeinſchaftlichen Promenade durch den lampenerhellten Garten vereinigt. Hoheit hatte ſeinen Ruf, ein Kenner der Frauenſchönheit zu ſein, bewährt, denn er führte Miß Ellen am Armz; einer der Cavaliere leitete Mrs. Cunnigsby, der andere Miß Virginia; der Graf war dem Oberjägermeiſter zugefallen, während Mr. Cunnigsby und Doctor Kühleborn (deſſen Augen Triumph leuchteten) den Zug ſchloſſen. So kamen ſie an mir vorüber. Hoheit radebrechte eben ein paar unglück⸗ liche engliſche Worte auf das grauſamſte von unten auf; Miß Ellen— ſie trug ein helles mit Blau garnirtes Kleid und ſah unglaublich reizend aus— hatte die Augen niedergeſchlagen, hob ſie aber, als ſie unmittelbar in meiner Nähe war und blickte mich mit einem Blicke an, der mir viel zu denken gab und der mir noch vor der Seele ſtand, als ich ein paar Stun⸗ den ſpäter, nachdem das Feſt zu Ende, mein Zimmer aufſuchte. Es hatte ein ſo ſonderbarer Ausdruck in dem Blicke ge⸗ legen, ein rührender Ausdruck von Hilfloſigkeit, ja von Angſt, der mir in's Herz ſchnitt. Was war das mit dem Mädchen? Sie fühlte ſich offenbar— wofür auch ſonſt ihre Bläſſe, ihre Schüchternheit, ihre manchmal leiſe gerötheten Augenlider zu 73 ſprechen ſchienen— nicht glücklich; und wie hätte ſie, die Zarte, Holde, ſich auch glücklich fühlen ſollen neben dieſem brutalen Vater, dieſer inſipiden Mutter, dieſer Coquette von Schweſter? Sie hatte mich heute Abend angeblickt, nicht wie einen Fremden, ſondern wie eine Schweſter ihren Bruder, von dem ſie, auch ohne daß ſie ſpricht, verſtunden zu werden hoffen darf. Und dann hatte ſie,— es war mir nicht entgangen— noch an mir vorüber nach einem Anderen ausgeſchaut, verwundert, ihn nicht zu finden, fragend, wo er ſei. Hatte das Egbert gegolten? wem anders? wäre es möglich, daß in der Seele des Mädchens ſich für einen Mann, mit dem ſie noch nie ein Wort geſprochen, eine Neigung entzündet hätte? Warum nicht möglich? hatte denn Egbert nicht denſelben Curſus durchgemacht? und war Fulia, als ſie den Romeo zuerſt erblickte, weniger von Romeo bezau⸗ bert, als Romeo von Julia? Für Jemand, der ſo ernſte Dinge in ſeiner Seele wälzt, wäre es kein Wunder geweſen, wenn er, über die matt erhell⸗ ten Corridore des Nebenhauſes nach ſeinem Zimmer ſchreitend, in eine falſche Thür gerathen wäre. Das Zimmer ſah aller⸗ dings genau aus wie mein Zimmer, aber es waren nicht meine Sachen, und zwei Lichter auf dem Sophatiſch pflegte Louis für mich auch nicht anzuzünden. Ich ging alſo wieder hinaus, um mir Aufklärung zu verſchaffen, und da kam Louis auch ſchon athemlos herbeigeſtürzt. Er bitte dringend um Entſchuldigung, daß er ohne vorher meine Erlaubniß eingeholt zu haben— aber es gehe nicht anders— es ſei ja auch nur für eine Nacht — und das Zimmerchen eine Treppe höher ſei freilich nur klein, aber man habe eine reizende Ausſicht— Beſonders in der Nacht, Louis. Louis hatte keine Zeit zu lächeln, denn die Herren vom Hofe, denen ich hatte weichen müſſen, kamen die Treppe herauf. Er konnte mir nur noch eben ein Licht in die Hand drücken, die Nummer des Zimmerchens mit der ſchönen Ausſicht nennen und mich meinem Schickſale überlaſſen. Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, aber Menſchen⸗ opfer unerhört, murmelte ich, während ich die Treppen hinauf⸗ —— 74 ſtieg; Emma und Käthchen von Puſterhauſen, ihr ſeid gerächt⸗ Hochmuth kommt vor dem Fall, der hier ſehr gefährlich werden kann, denn dieſe Hühnerſtiege iſt ſo ſteil und ſchmal, daß ſie direct zum ewigen Leben führen könnte. Hier iſt Nr. 94; in der That nicht eben groß, aber ſehr niedrig, und für Lieb⸗ haber hoher Temperaturen unſchätzbar; doch hier läßt ſich Ab⸗ hilfe ſchaffen. Ich lehnte mich in das ſchnell geöffnete Fenſter und blies den Dampf meiner Cigarre nachdenklich zu den Sternen empor. Das ſchöne Mädchen mit dem Blick des gehetzten Rehes kam mir wieder in den Sinn. Auch ein Menſchenopfer, murmelte ich, und um das es Jammer und Schade iſt. Das holde Ge⸗ ſchöpf hat es mir wirklich angethan; ich muß dem Räthſel dieſes Blickes auf die Spur kommen. Ein Lichtſchimmer fiel auf die hohen Pappeln, die vor mir leiſe im Abendwind flüſterten. In dem Zimmer unter mir wurde es lebendig. Eine Geſtalt trat an das Fenſter— eine weib⸗ liche Geſtalt, ich ſah die Silhouette deutlich in dem Laub der Pappel. Die Geſtalt drückte die Hände vor das Geſicht, ich hörte leiſes Weinen. Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf, daß das Zimmer unter mir das der jungen amerikani⸗ ſchen Damen ſein müſſe, und wer ſollte die weinende Geſtalt im Fenſter ſein, wenn nicht Miß Ellen. Ich ging auf den Zehen an den Tiſch und blies mein Licht aus; als ich abermals an das Fenſter trat, war der Schatten in der Pappel unverändert, und wieder hörte ich das leiſe Weinen. Dann richtete ſich die Geſtalt wieder auf; es mußte Jemand in's Zimmer getreten ſein, vermuthlich mehrere Per⸗ ſonen, denn ich hörte plötzlich laut und heftig ſprechen, aber das Fenſter unten war geſchloſſen worden, und ich konnte nicht verſtehen, was man ſprach. Ich hörte nur eine tiefe Stimme — offenbar die des Jaguars— ſchelten und zwiſchendurch eine oder ein paar Frauenſtimmen, von denen aber keine Miß Ellen gehören konnte, denn ſie waren ſcharf und lärmend, und das ſchöne Mädchen mit ihrem Cordelia⸗Geſicht konnte nur eine Cordelia⸗Stimme haben. Das dauerte wohl eine Viertelſtunde, dann wurde es ſtill; bald darauf verloſch unten das Licht. Ich ſchloß ebenfalls das Fenſter und ſuchte, da Louis keine Schwefelhölzer dagelaſſen und ich aus diplomatiſchen Gründen keinen Lärm machen wollte, beim Scheine der Sterne und des abnehmenden Mondes, der eben über die Berge heraufkam, mein Lager, nicht eben ver⸗ wundert, aber doch betrübt über das, was ich gehört. So hatte mich meine Ahnung, daß es in dieſer außerordentlich reſpec⸗ tablen Familie auch„ein Skelett“ gebe, nicht betrogen. Die Harmonie war nur ein Schein, den man der Welt vormachte; unter ſich lebte man in Hader und Zwietracht, und die arme Miß Ellen mußte es heimlich entgelten, daß man ſie vor den Leuten auf Händen trug. Denn daß irgend etwas, das auf Miß Ellen Bezug hatte, die Veranlaſſung des Zwiſtes in der Familie Cunnigsby geweſen ſei, daran zweifelte ich keinen Augenblick. WM Ich wünſche, wenn es möglich iſt, dies Zimmer zu behal⸗ ten, ſagte ich, als Louis mir am nächſten Morgen den Kaffe brachte. Ves, Sir! ſagte Louis und verſchwand; er hatte heute Mor⸗ gen mehr zu thun, als ſich mit mir in eine Unterhaltung ein⸗ zulaſſen. Anſtatt ſeiner erſchien ſpäter eine Aufwärterin, dieſelbe gute alte Perſon, die ich vor einigen Tagen dem Doctor ihre Noth klagen hörte, als die Amerikaner wieder einmal den Schlüſſel zu ihrem Zimmer mitgenommen hatten. Ich merkte jetzt auch, weshalb der Doctor bei der Gelegenheit ſo ſchreien mußte; die gute Alte war beinahe taub. Als ich ſie gebeten hatte, mir warmes Waſſer zu beſorgen, brachte ſie mir nach einiger Zeit einen Stiefelknecht, und als ich ihr pantomimiſch 76 begreiflich zu machen ſuchte, daß ich mich zu raſiren wünſchte, lächelte ſie freundlich und ſagte, wenn ich erſt ſo alt wäre, wie ſie, würde ich auch wohl Runzeln im Geſicht haben. Meine discrete Abſicht, ſobald ich die alte Frau erblickte, war geweſen, ſie über die Amerikaner, deren Zimmer ſie in Ordnung zu halten hatte, auszuholen; daran war nun freilich unter ſo erſchwerenden Umſtänden nicht zu denken. Ueberdies mußte ich mich mit meiner Toilette beeilen, wenn ich die auf neun Uhr feſtgeſetzte Abfahrt Sr. Hoheit nicht verſäumen wollte. Dennoch kam ich ſchon zu ſpät; die Wagen fuͤhren eben ab, als ich aus dem Hauſe trat. Ich ſah den hohen Herrn nur noch gnädig nach rechts und links winken, hier nach Doctor Kühleborn und der beinahe vollzählig verſammelten Badegeſell⸗ ſchaft, dort nach den Dorfbewohnern, die Hurrah ſchrieen,— und die Wagen bogen um die Ecke. Man ging in den Kurgarten, ſich gegenſeitig über die Er⸗ eigniſſe der letzten vierundzwanzig Stunden auszuſprechen. Es gab viel zu erzählen; jeder hatte ſeine beſonderen Beobachtungen gemacht. Das Hauptthema war natürlich die Ehre, welche den Amerikanern und dem Grafen von dem hohen Herrn wider⸗ fahren war. Geſtern Abend hatte er Miß Ellen nicht mehr von ſeinem Arm gelaſſen; heute Morgen bei Mr. Cunnigsby ſich nach ihr und den beiden anderen Damen angelegentlichſt erkundigt, ſchließlich ihn und ſeine Familie, und natürlich auch den Grafen, zu einem längeren Beſuche auf ſeinem Luſt⸗ und Jagdſchloß Malepartus eingeladen. Man fand es im Allge⸗ meinen ſelbſtverſtändlich, daß der hohe Herr ſich nur um die eigentliche Ariſtokratie der Badegeſellſchaft, das heißt um die Amerikaner und den Grafen, gekümmert habe, denn daß Frau v. Puſterhauſen und Frau v. Dinde trotz ihrer lächerlichen Prä⸗ tenſionen nicht vollſchlechtig, höchſtens halbſchlechtig ſeien, daran könne doch jetzt wohl kein Verſtändiger mehr zweifeln. In dem Kreiſe des engliſchen Kränzchens wurde die Frage, ob ein Eng⸗ länder oder ein Amerikaner von Geburt hoffähig, einſtimmig bejaht; die Sache ſei ſeit geſtern entſchieden. Die kleine Frau Herkules ſchwelgte förmlich in der„Poeſie“ des geſtrigen Tages —— 60 Die„ritterliche“ Geſtalt des hohen Herrn, ſein„chevalereskes“ Benehmen gegen die Damen, ſelbſt ſein„ſouveränes„Ueberſehen der„gewöhnlichen Menſchheit“— Alles wurde dithyrambiſch gefeiert, wie mir ſchien, nicht ohne Nebenabſicht. Ich weiß nicht, mit welchem ihrer fünf Augenaufſchläge die kleine Frau die Scene von Käthchen von Puſterhauſens Ohnmacht und Linders Hilfsleiſtung beobachtet hatte— aber ſie hatte ſie beobachtet, und es war offenbar, daß mit der„überſehenen gewöhnlichen Menſchheit“ niemand anders als das unglückliche Käthchen gemeint ſei. Auch Linder mußte es ſo verſtanden haben, denn er fing in ſeiner ſtill⸗ſathriſchen Weiſe an, das Wort„gewöhn⸗ lich“ in Schutz zu nehmen, da es mit„Wohnen“ zuſammen⸗ hänge, wovon wieder„Wohnung“ und„wohnlich“ abgeleitet ſeien, ſo daß er faſt behaupten möchte, eine„gewöhnliche“ Frau ſei eine, mit der es ſich gut wohnen ließe, weil ſie einem die „Wohnung“„wohnlich“ machen würde; wobei man dann ganz von ſelbſt als Gegenſatz an das Dichterwort über die Menſchen erinnert werde, bei denen, trotz mancher ſonſtigen Begabung, jene wohnlich⸗friedlichen Grazien leider ausgeblieben ſeien und an deren Buſen es ſich daher nie ruhen laſſe. Hier bemerkte ein anweſendes älteres Fräulein— nicht Fräulein Kernbeißer; ſie war über dergleichen Pruderieen hinaus— daß das Ge⸗ ſpräch eine Wendung nehme, in welcher es kaum noch für die Ohren junger Mädchen geeignet erſcheine, worauf ſich Herr Linder erhob und etwas von keuſchen Ohren und keuſchen Her⸗ zen murmelte. Niemand, der, wie ich, Herrn Linder ſeit acht Tagen beobachtet hatte, konnte zweifeln, daß der„ſchönen Mutter ſchön're Tochter“, und nicht weniger„der ſchön'ren Tochter ſchöne Mutter“ ſammt Mond und Sonne dem Dichter untergegangen waren und ihm jetzt andere Sterne leuchteten. Ich ging, Egbert aufzuſuchen, fand ihn aber nicht; ſo ſchritt ich weiter das Dorf hinauf dem Walde zu. Ein Pfad zweigte ſich rechts ab. Derſelbe lief etwas höher am Rande des Waldes, aber noch zwiſchen den Tannen hin; man hatte die letzten Häuſer des Dorfes und den Weg, der von dort weiter in den Wald führte, gerade unter ſich. Als ich langſam, die Hände auf dem 78 Rücken, in tiefer Nachdenklichkeit über die Liebe im Allgemeinen und Egbert's Liebe zu der ſchönen Ellen im Beſonderen jenen oberen Pfad dahinſchritt, ſah ich plötzlich, bei einer ſcharfen Wendung um einen moosbewachſenen Fels, den Freund. Er ſtand an eine Tanne ſich ſtützend, etwas vornüber geneigt, augen⸗ ſcheinlich etwas, das auf der Dorfſtraße unter ihm vorging, mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit beobachtend, denn er hörte mich nicht, bis ich dicht bei ihm ſtand. Nun, Egbert! ſagte ich. Er zuckte zuſammen, griff nach meiner Hand und deutete mit der anderen hinab. Da ſah ich denn freilich ein Schauſpiel, das auch wohl für weniger empfängliche Augen und Herzen hinreichend anziehend geweſen wäre. Wir blickten ungefähr zwanzig Fuß hoch auf einen kleinen Platz hinab vor einer der letzten, ich glaube der letzten Hütte des Dorfes. Der tiefer liegende Weg in den Wald führte un⸗ mittelbar an dieſem Hauſe und Platze vorüber, und ſo mochte es denn gekommen ſein, daß eine alte kranke Frau, die ich ſchon mehrmals in ſich zuſammengeſunken in einem Rollſtuhl auf dieſem ſelben Platze bemerkt hatte, die Aufmerkſamkeit einer jungen Dame, die des Weges gekommen war, erregte. Ein paar halbwüchſige Kinder, die der Alten zu warten hatten, mochten es vergnüglicher gefunden haben, in den Wald zu klettern und Heidelbeeren zu ſuchen, als den Stuhl mit der Kranken ſo zu rücken, daß ihr die höher ſteigende Sonne nicht direct in die armen hilfloſen Augen fiel. Und da war denn eine junge Dame des Weges gekommen, hatte geſehen, wie die alte Frau vergeb⸗ lich die paralytiſche Hand über den Augen zu halten ſuchte, hatte für's erſte einmal den Stuhl weiter gerollt, daß der Schatten von dem Verdeck über die Kranke fiel, und war jetzt beſchäftigt, dem armen Geſchöpf, das ſich in ſeiner Noth hin und her gewendet haben mochte, die Kiſſen wieder zurecht zu rücken und ſonſt eine bequeme Lage zu geben. Es war ein reizendes Bild: die ſchlanke, anmuthige, junge Samariterin, wie ſie ſich über den Wagen beugte, und, mit beiden Armen die Alte umſchlingend, ſie in die Höhe richtete; 79 wie die Alte die weißen Hände der jungen Dame an die zittern⸗ den Lippen drückte, wie dieſe ſolches Uebermaß des Dankes freundlich abwehrte, und dann, ſich ſcheu umblickend, ob ſie auch wohl Niemand bei ihrem barmherzigen Werk geſehen habe, der Alten noch einmal mit holdem Lächeln zunickend, auf dem Wege nach dem Dorfe zu davon eilte. Egbert richtete ſich auf und wandte ſich ab, die Thränen, die ihm in den Augen ſtanden, zu verbergen. Auch mir waren die Wimpern feucht geworden. Wir ſchritten eine Zeit lang, ohne zu ſprechen, nebeneinander den Waldpfad dahin, auf den die Sonne durch die Zweige der halbwüchſigen Tannen mit Schatten ſpielende Lichter ſtreute. Du weißt jetzt auch, weshalb ich in den letzten Tagen immer erſt eine Stunde ſpäter zu der engliſchen Stunde gekommen bin, ſagte Egbert. Ich ſah ihn fragend an. Ich habe nämlich herausgebracht, fuhr er mit einem Er⸗ röthen, um das ich ihn beneidete, fort, daß die Alte und die Andere um dieſe Stunde im Bade ſind, während die Herren Billard ſpielen, und daß ſie dieſe Zeit regelmäßig zu einem Spaziergang benutzt, immer hier hinaus, und— Und da ſtehſt Du denn hier, bis die Liebliche ſich zeigte, bis das theure Bild— Bravo, Egbert, ſo gefällſt Du mir! Und haſt Du nicht verſucht ihr zu begegnen— Das wohl— Und ſie anzureden— Egbert lächelte trübſelig. Ich würde auch viel herausge⸗ bracht haben. I love Jou tenderly— das iſt ja Alles, was ich ſagen kann. Und wäre für Deine Zwecke auch vollkommen genügend. Faſſe Dir das Herz, Egbert, an dem es Dir doch wahrhaftig ſonſt nicht fehlt. Tritt ihr morgen um eine Waldecke herum mit höflichem Anſtande entgegen, zieh' Deinen Hut und ſage: I love you tenderly! Und ſetze den Hut wieder auf, ergreife ihre Hand oder ihre Hände und ſage noch einmal: I love Fyou tenderly! Und wenn ſie nun, was ſie jedenfalls thun wird, mit holderröthendem Geſicht, zitternd vor Dir ſteht, laß ihre Hände los, faſſe ſie in Deine Arme und ſage zum dritten Male— nein! dann mußt Du nichts mehr ſagen, ſondern ſtumm— Halt ein, Unglücklicher, rief Egbert, Du machſt mich raſend. Das iſt auch eine Lection im Engliſchen, und die beſte, die ich Dir geben kann, erwiederte ich. Im Ernſt, Egbert, wir müſſen endlich von Worten zu Thaten kommen. Die Zeit ver⸗ rinnt. Haſt Du gehört, daß ſie Alle in wenigen Tagen Tannen⸗ burg verlaſſen und nach dem Jagdſchloß des Herzogs reiſen werden, wohin Du, ſo viel ich weiß, nicht eingeladen biſt? Egbert ſah mich erſchrocken an. Das hat auch noch gerade gefehlt, murmelte er. Allerdings hat das oder etwas der Art gefehlt, erwiederte ich, um Dich aus Deiner Thatenloſigkeit aufzuſpornen. Wie ſollen wir weiter kommen, wenn Du auch nicht einmal einen Verſuch machſt, durch die Dornenhecke zu dringen, hinter der Dein Röschen ſchläft. Und ich glaube gar nicht, daß ſie ſchläft; ich bin vielmehr überzeugt, daß ſie die ſchönen Augen weit offen hat, daß ſie ſehnſüchtig nach dem kühnen Ritter, der ſie erlöſen ſoll, ausſchaut. Ich theilte Egbert meine Beobachtungen von geſtern Abend mit und verſetzte ihn dadurch in die größte Aufregung. Es iſt nicht anders, rief er; ſie ſoll dieſes Scheuſal von Ungar heirathen. Es war mein erſter Gedanke, als wir dem Kerl im Walde begegneten, und Alles, was ich ſeitdem ge⸗ ſehen habe, hat meinen Verdacht nur beſtätigt. Ich ſchließe mich durchaus der Meinung des geehrten Vor⸗ redners an, ſagte ich; aber ich ziehe daraus nur den Schluß, daß Du endlich etwas thun mußt, den Gegner aus dem Sattel zu heben. Der Tauſend, Egbert! ein ſolcher Preis iſt doch wenigſtens eines Verſuches werth. Mein Gott, rief Egbert heftig; wenn Du ſo weiſe biſt, ſo ſage mir doch, was in aller Welt ich thun ſoll. Zeig' mir einen Weg, den man menſchenmöglicherweiſe gehen kann, und * 81 nenne mich einen erbärmlichen Schuft, wenn ich auch nur einen Augenblick ſchwanke. Ich hatte nie lebhafter gefühlt, als in dieſem Augenblicke, wie hoffnungslos eigentlich der Fall ſei, aber ich hütete mich wohl, das auszuſprechen. Die Sache war nun einmal auch meine Sache geworden, und ſeit geſtern Abend und heute Morgen mehr als je. Wir waren, fortſchreitend, auf den unteren Weg gerathen und hatten, dieſen verfolgend, das Häuschen erreicht, vor deſſen Thür der Rollſtuhl mit der Kranken noch immer ſtand, nur daß ihre Wärter, ein halbwüchſiger zerlumpter Bube und ein eben ſolches Mädchen, unterdeſſen mit blauen Mäulern aus dem Walde zurück waren und, in der Sonne ſitzend, den Reſt ihrer Beute aus des Jungen Mütze vollends verzehrten. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß wir an die Kranke, die uns plötzlich ſo intereſſant geworden war, herantraten. Sie war bei näherer Betrachtung nicht ſo alt und erwies ſich trotz ihres elenden Zuſtandes als eine freundliche, ja geſprächige Perſon. Sie heiße Minna König, erzählte ſie, und ſei ſchon als junges Mädchen contract geweſen. Vor zehn Jahren habe man ſie aus ihrem Heimathsorte hierher geſchafft, ſeitdem ſei ſie hier geblieben, in Koſt und Pflege bei dem guten Doctor, der nie einen Groſchen von ihr genommen, und ſie, wie es den An⸗ ſchein habe, nun auch wohl zu Tode füttern werde. Was ſie auch wohl in ihrer Heimath ſolle, wo ſie allen Menſchen zur Laſt ſein würde, um ſo mehr, als es ihrem Bruder, der Waffen⸗ ſchmied ſei, eben nicht ſchlecht, aber auch wohl nicht gut gehe. Denn ſie habe ihn ſchon ſo oft bitten laſſen, daß er vor ihrem Tode noch einmal herüberkommen möchte, aber, obgleich die Entfernung nicht volle vier Meilen betrage, ſcheue er doch die Reiſe und den Zeitverluſt, denn er ſei ein gar emſiger und ge⸗ nauer Mann, und müſſe es auch leider ſein, da er nicht weniger als vierzehn lebende Kinder habe. Lieber Gott, ſie wäre ja ſchon mit einem zufrieden geweſen, nicht mit einem, wie die da — ſie nickte nach den blaumäuligen Cannibalen— obgleich ſie auch nicht ſchlecht, nur ein bischen leichtſinnig ſeien und eine Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 6 82 alte kranke Perſon manchmal in der Sonne oder im Regen ſtehen ließen— ſondern ſo ein ſchmuckes Mädchen, wie die gute junge Dame, die manchmal des Morgens hier vorüber⸗ gehe und auch heute wieder vorübergegangen ſei. Solch ein Kind hätte ſie haben mögen, ja, ja, gerade ſo eines mit ſolchen ſchönen, ſanften, blauen Augen. Und dabei hob die Kranke, um uns mit beiden Augen an⸗ blicken zu können, mit der zitternden Hand das Lid von dem einen, wie es ſchien, für gewöhnlich geſchloſſenen Auge, und ſonderbar— ſo tief dieſe Augen auch in die großen Höhlen zurückgeſunken waren, ſie waren ſanft und blau und gewiſſer⸗ maßen ſchön. Wir nahmen von der Alten Abſchied, nachdem wir den Cannibalen eingeſchärft hatten, ja recht Obacht zu geben, und gingen nach dem Kurhaus, wo wir uns, da Egbert an ſeinen Verwalter zu ſchreiben hatte, trennten. Auf meinem Dachſtübchen angekommen, fand ich die taube Alte, die eben mit dem Reinmachen fertig geworden war. Da Zimmerſtaub eines von den vielen Dingen iſt, die ich nicht ver⸗ tragen kann, trat ich an das offene Fenſter und ſah, nach unten blickend, Mr. Cunnigsby und den Grafen, welche, von einem Jungen begleitet, der Angelruthen und einen Korb trug, die Dorſſtraße hinabgingen; in demſelben Augenblick erſchienen hinten auf einem ſonnigen Gange des Kurgartens zwei Damen, in denen ich Mrs. Cunnigsby und Miß Virginia zu erkennen glaubte und mit Hilfe meines Opernglaſes auch wirklich erkannte. Miß Ellen befand ſich, wenn ſie, wie wahrſcheinlich, von ihrem Spa⸗ ziergange zurückgekehrt war, allein. Bei dieſem Gedanken durchzuckte mich ein Schrecken, der nicht freudiger hätte ſein können, wenn ich ſelbſt der Don Quirote, und nicht blos der Sancho Panſa geweſen wäre. Hier war die Dulcinea, nur durch eine ziemlich dünne Zimmerdecke von mir getrennt; ich hatte den Freund noch vor einer halben Stunde zum Hondeln gedrängt; wie würde ein feuriger Liebhaber in dieſem Falle handeln? Und ich ſtimmte, mich an das Fenſter lehnend, mit halb⸗ 83 lanter Stimme das bekannte amerikaniſche Volkslied an, deſſen Refrain lautet: Long, long ago, long ago. Ich hielt nach der erſten Strophe inne und lauſchte. Das Fenſter unter mir wurde vorſichtig geöffnet, ich ſah das liebe Mädchen in meines Geiſtes Aug', wie Hamlet ſagt, mit er⸗ röthender Wange ſich hinter der Gardine verbergen; ich konnte jetzt leiſer ſingen. Aber mit dem amerikaniſchen Volksliede, ſo weit ich es kannte, war ich zu Ende. Wieder von vorn anfangen, ging ſchon nicht, um ſo weniger, als der Inhalt des Liedes auf die Situation doch eigentlich gar nicht paßte. Ich ſang alſo, auf engliſch natürlich, recitativiſch weiter, mit freier Variation des Themas von long ago: Weshalb ſahſt du mich, liebliche Maid, geſtern Abend ſo kummervoll an? Schauteſt du aus nach dem Freund, den ich hab'— ach, ſchon ſo lang, ſo lang! Ach, dieſer Freund, er liebt dich ſo treu, ſeit er dich ſah, von dem erſten Tag an, ja, juſt ſo lang, ſo lang! Brav iſt mein Freund, und reich iſt er auch! ach, ſchon ſo lang, ſo lang! ſtarben ihm Vater und Mütterlein, ſteht jetzt er allein in der Welt. Willſt du ihn haben, ſo ſag' es nur gleich, ſonſt währt die Sach' bis zum jüngſten Gericht; ja juſt ſo lang, ſo lang! Denn ach! er kennt nur drei engliſche Wort': ich lieb' dich treu, lieb' dich treu! er kann nicht ſprechen, wie gern er auch möcht'; wenn man kein Kind iſt, ſo lernt ſich das ſchlecht; wenigſtens dauert es lang. Doch ich ſprech' engliſch und ſchreibe es auch, wundervoll ſchön, wundervoll ſchön. Darf er dir ſchreiben, ſo ſage es mir; ich überſetz' es und ſchicke es dir. Willſt du, ſo dauert's nicht lang. Ich hatte, während ich ſang, immerfort ſcharf nach den beiden im Kurgarten luſtwandelnden Damen ausgeſchaut; mein ſchönes Auditorium unter mir mußte daſſelbe gethan haben, denn als jene eine entſchiedene Wendung machten, den Garten zu verlaſſen und auf das Kurhaus zugingen, wurde das Fenſter 6* 84 leiſe geſchloſſen. Auch ich hatte mich wohl gehütet, mich er⸗ blicken zu laſſen. Da wäre ich nun eben ſo klug wie zuvor, ſprach ich bei mir ſelbſt; aber eines iſt doch erreicht: ſie iſt klüger als vor⸗ her; ſie weiß jetzt, was ſie vorläufig zu wiſſen braucht: daß Egbert ſie liebt und daß ich bereit bin, ihr zu dienen; das iſt genug; daraus läßt ſich ſchon etwas machen, wenn man will. Aber wird ſie wollen? wird ſie das Ganze nicht für einen ſchlechten Scherz halten? Nun, nun, ich werde ja ſehen; ich will an ihren Mienen, an ihren Blicken hangen, will ſik bis in's Leben prüfen; ſtutzt ſie— wahrhaftig der reine Hamlet! Ich rieb mir vergnügt die Hände und ſetzte mich hin, meiner Frau, die ich bis dahin von Allem unterrichtet hatte, das Neueſte zu ſchreiben. Ich erflehte ſchließlich ihren hausmütter⸗ lichen Segen für das Werk der Freundſchaft und Liebe, dem ſich ihr Gatte geweiht hatte, und bereitete ſie darauf vor, daß ich ſelbigem Werke wohl noch einige Tage meiner koſtbaren Zeit würde widmen müſſen. Als ich von der Poſt zurückkam, ertönte die Mittagsglocke. Ich habe mein Couvert von dem zweiten Tiſch hinüber⸗ legen laſſen zu Ihnen: es iſt Ihnen doch recht? ſagte Linder, als ich in den Speiſeſaal trat. Mehr als das, Verehrteſter! Freilich werden Sie dadurch von Käthchen von Puſterhauſen getrennt, die bisher neben Ihnen ſaß, fuhr Linder, mit einem Blick auf ſeine Fingernägel, fort. Fräulein von Puſterhauſen wird ſich zu tröſten wiſſen, er⸗ wiederte ich. Der Dichter lächelte unter ſeinem blonden Schnurrbart. Denn, wiſſen Sie, ſagte er, man muß jetzt etwas für die armen Mädchen thun. Sie wollten nach dem Affront von geſtern eigentlich heute ſchon abreiſen; ich habe ſie überzeugt, daß es keine ſchlechtere Politik gebe, als nach einer Niederlage; wenn ſie auch noch ſo unverdient iſt, das Feld zu räumen, habe ich nicht Recht gehabt? Zweifellos. 85 Und was ich Ihnen noch ſagen wollte, der Graf ſoll ſich heute Morgen im Billardzimmer über Sie und Ihren Freund Egbert in ziemlich unfreundlicher Weiſe geäußert haben. Hat es etwas zwiſchen Ihnen gegeben? Nichts, das ich wüßte. Alſo Inſtinct? Sehr wahrſcheinlich. Ah! die Damen kommen. Linder begrüßte die eintretenden Damen von Puſterhauſen; die Mädchen trugen heute keine Blumen im Haar und ſahen ein wenig blaß und eingeſchüchtert aus, doch lächelte Fräulein Käthchen dem galanten Dichter hold entgegen, während Frau Herkules und Fräulein Kernbeißer, nach denen ich mich zu⸗ füllig umſah, ebenfalls lächelten, wenn auch nicht hold. Egbert war gekommen und hatte an meiner anderen Seite Platz genommen. Ich hielt es(von dem Satze ausgehend, daß, wenn man Jemand ſchwimmen lehren wolle, man ihn vor Allem ins Waſſer bringen müſſe) für das Beſte, ihm mitzu⸗ theilen, was ich gethan. Er gerieth, wie ich vorausgeſehen hatte, in die größte Aufregung, behauptete, während er ſeine Suppe mit unverſtändiger Haſt hinunterſchlang, daß ich toll, wahn⸗ ſinnig ſei, und daß ich ihn noch unglücklich machen würde. An dergleichen Vorwürfe von Seiten unſerer ſo ausnehmend verſtändigen, umſichtigen Herren Ritter ſind wir ehrliche Stall⸗ meiſter ſo gewöhnt, daß wir nicht mehr Weſens daraus machen, als etwa ein Droſchkenpferd aus einem kleinen Sprühregen. So ließ ich denn Egbert ausſchelten, ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, und gab ihm nur, als ſeine Schöne mit ihrer Geſell⸗ ſchaft, von dem Eifrigen unbemerkt, eintrat, einen kleinen Stoß an die Stelle, die Doctor Kühleborn mit dem Stockknopfe zu berühren pflegte. Er warf einen ſcheuen Blick nach der Thür und heftete dann die ſtarren Augen auf den Rand ſeines Tellers. Ich meinerſeits konnte keinen Moment darüber zweifelhaft bleiben, daß Ellen mein Recitativ gehört und verſtanden habe, denn ſie erröthete heftig, als ſie ſich uns, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen, ſchräg gegenüber ſetzte, und gab andere Zeichen von 86 Verlegenheit, die ich alle ſehr günſtig auslegte. Wenigſtens ſchien es mir kein ſchlimmes Symptom, daß der Graf ſich ver⸗ gebens bemühte, ſie in eine Unterhaltung zu verwickeln, und, als wäre ich an ſeinem Unglück ſchuld, mir von Zeit zu Zeit aus ſeinen kleinen, ſchwarzen Augen wüthende Blicke zuwarf. Ich hoffe, Ihren erlauchten Unwillen in noch höherem Maße zu verdienen, ſagte ich leiſe durch die Zähne, indem ich den Erzürnten überaus freundlich anlächelte. Wollen Sie tanzen, Herr Graf Almaviva, ſo ſpiel' ich Ihnen Cither dazu. Er ſchien mich vollſtündig zu verſtehen, denn er lächelte verächtlich und zwirbelte an den nadelſpitzen Enden ſeines ungeheuren Schnurr⸗ bartes, wandte ſich dann zu dem neben ihm fitzenden Mr. Cunnigsby und flüſterte ihm etwas in's Ohr, worauf der Jaguar ebenfalls an ſeinem Cotelett⸗Bart zu drehen und mich anzuſtieren begann. Ein paar Käfige mit Gittern davor, dachte ich, ihr zähnefletſchenden, ſchielenden Thiere, und die Menagerie iſt fertig. Und dieſem Pavian wollteſt Du ohne Kampf das holdeſte Geſchöpf ausliefern? murmelte ich, zu Egbert gewandt. Eher würde ich ihn mit dieſen meinen Händen erwürgen erwiederte Egbert mit großer Ruhe. Meine Damen und Herren, ſagte Doctor Kühleborn, der mit nervöſer Heftigkeit an ſein Glas geſchlagen und ſich darauf erhoben hatte: meine Damen und Herren! Große Ereigniſſe werfen ihren Schatten vorauf, und hinter glücklichen Ereigniſſen zieht ein Lichtſchimmer her, wie hinter einem Kometen. Ein ſolches glückliches, und wenn ich ſo ſagen darf, kometenartiges Ereigniß war der leider nur zu kurze Aufenthalt, mit welchem der durch⸗ lauchtige Fürſt dieſes Landes uns beglück that. Wenn ich„uns“ ſage, meine Damen und Herren, ſo denke ich dabei allerdings zunächſt an die Dorfbewohner, die jetzt— wenigſtens vffiziell — zum erſten Male den Landesvater erſchaut haben; ferner an mich, der ich— und es gereicht mir zu inniger Genugthuung, ſelbſt der Herold der Güte und Gnade meines Souveräns zu ſein— der ich, ſo zu ſagen, als einfacher Doctor medicinae geſtern Abend eingeſchlafen und heute Morgen als herzoglicher Sanitätsrath aufgewacht bin. (Allgemeine Senſation in der Geſellſchaft; lebhafte Rufe Hört, hört!) Aber, meine Herrſchaften, ich hoffe, Sie werden mir nicht widerſprechen, wenn ich Sie zu uns zähle. Zwar, ob Sie Sr. Hoheit für die Conceſſion der Zweigbahn, die jetzt bis hierher in das Herz unſerer Berge erbaut werden ſoll und in zwei bis drei Jahren fertig ſein wird— ich ſage, ob Sie Sr. Hoheit dafür zu Dank verpflichtet ſind, weiß ich nicht, denn ich weiß nicht, ob Sie die Reize von Tannenburg groß genug und meine Bemühungen um Ihr Wohl verdienſtlich genug ge⸗ funden haben, um in zwei oder drei Jahren wieder zu kommen, oder Ihre Verwandten und Bekannten hierher zu ſchicken— (Große Aufregung— Viele Stimmen: Ja, Ja!— eine Stimme, im erb⸗ und eigenthümlichen Beſitze des Herrn Linder: nein!) Ich danke Ihnen, meine Herrſchaften; dies iſt der ſchönſte Lohn für das Wenige, das meine ſchwache Kunſt vielleicht für Einen oder den Anderen von Ihnen hat thun können. Und wenn ich ein vereinzeltes Nein vernommen habe, das mich geſchmerzt at— 2 (Unruhe; lebhafte Rufe: Niemand hat nein geſagt!) Ich wiederhole: das mich geſchmerzt hat,— darf ich nicht annehmen, daß dieſer von der alleinigen Harmonie abirrende Ton ſtamme aus dem Buſen Eines, dem geſtern die Sonne der Majeſtät weniger warm geſchienen hat? Aber kann ſie gleichmäßig ſcheinen? Iſt es nicht ein Naturgeſetz, daß ihr Strahl die höchſten Berge zuerſt trifft, zuletzt von ihnen Ab⸗ ſchied nimmt? Können oder wollen wir den Lauf der Natur verändern? die ehrwürdigen Inſtitutionen, welche die Geſellſchaft gemacht hat, ja, welche die Geſellſchaft erſt zur Geſellſchaft machen, aufheben und zerſtören? Gewiß nicht, meine Herr⸗ ſchaften: Ehrt den König ſeine Würde; ehret uns der Hände Fleiß! ſingt der Dichter, der Dichter des Ideals und der Frei⸗ heit, meine Herrſchaften! (Bravo! bravo! ſehr gut! von allen Seiten.) Aber, meine Herrſchaften, es geziemt dem ſinnigen Menſchen, 88 den Ereigniſſen, die epochemachend in ſein Leben einſchneiden, auch äußerlich ein Merkmal zu errichten, bei dem nachwachſende Enkelgeſchlechter verweilen und ſagen können: Hier war es! Meine Herrſchaften: es giebt bei uns Fanny⸗, Eliſen⸗, Marga⸗ rethen⸗, Amalien⸗, Friederiken⸗, Auguſten⸗Quellen; wir haben Karl⸗, Ludwig⸗, Auguſt⸗, Alexander⸗Höhen und Felſen— aber, meine Herrſchaften, wir haben noch keinen Herzogſtein.. (Schallender Beifall.) Was ſoll ich weiter ſagen, wo die Geſellſchaft ſchon geur⸗ theilt hat! Soll ich ſagen, daß über dem verlaſſenen Porphyr⸗ ſchacht an der Landgrafenſchlucht ein Stein überragt, der noch keinen Namen hat? ſoll ich ſagen, daß eine kleine, würdige Feier herzurichten der ebenſo talentvollen wie umſichtigen Ver⸗ gnügungs⸗Commiſſion ein Leichtes iſt, beſonders wenn ſie ſich mit dem Comité zur Anordnung der Feierlichkeiten während des Aufenthalts Sr. Hoheit, des Herzogs, das ſich, ſo viel ich weiß, noch nicht wieder aufgelöſt hat, vereinigt? Soll ich Ihnen ſagen, meine Herrſchaften, daß ich immer der Meinung war, man müſſe das, was man thun wolle, bald thun, und daß das Barometer uns für morgen das zeiterſte Wetter verkündet— Hier erhob ſich ein ſolcher Sturm des Beifalls, daß der beredte Doctor die Unmöglichkeit, weiter zu ſprechen, lächelnd erkannte und ſich in Folge deſſen lächelnd niederſetzte. Die Tafel wurde unter großem Geräuſche aufgehoben; der projectirte Ausflug nach dem Porphyrfelſen zur Einweihung des„Herzogſteines“ wurde lebhaft beſprochen; die geſchickte Rede des Doctors allgemein bewundert. Ich fragte Linder, weshalb er dem guten Manne die Freude eines einſtimmigen Triumphes mißgönnt habe. Lieber Freund, erwiederte der Dichter, meinetwegen hätte der alte Humbug noch viel pfauenmäßiger ſich aufblaſen und Rad ſchlagen können, aber ich liebe in der Liebe das abgekürzte Verfahren, und mein Nein war Balſam in das verwundete Gemüth der Damen von Puſterhauſen, für das mir ſofort in Form eines unbeſchreiblich gütigen Blickes der ſüßeſte Lohn ward. 89 Ich hoffe, Sie werden diesmal Ernſt machen, Sie leicht⸗ beſchwingter Schmetterling. Was wollen Sie, erwiederte der Dichter mit ſeinem tra⸗ giſchen Lächeln, können Sie ſich einen ernſten Schmetterling vor⸗ ſtellen? und iſt es die Schuld des Schmetterlings, wenn er flatterhaft iſt, oder die Schuld des Gartens, in dem ſo ſehr viele Blumen blühen? Der Platz unter dem heiligen Baum war wie gewöhnlich beſetzt. Ich richtete meine Blicke unwillkürlich mehr als einmal auf die Gruppe, als ob ich dadurch meinem Scharfſinn zu Hilfe kommen könnte, der ſich abmühte, die Taktik des Feindes zu ergründen. So viel ſchien klar: man wollte Miß Ellen an den Grafen verheirathen, und das ſchöne Mädchen wollte nichts von dem widerlichen Menſchen wiſſen. Deshalb geſtern Abend ihre Thränen, deshalb ſpäter die Zankſcene, in welcher irgend ein Wort gefallen, ein Verdacht laut geworden ſein mußte, der auf Egbert, in zweiter Linie auf mich, als den Freund des verdächtigen Menſchen, führte. In Folge deſſen wiederum die Aeußerungen des Grafen heute Morgen im Billardzimmer gegen uns, und weiter die zornigen Blicke, mit denen man mich und Egbert(der ſie freilich nicht bemerkt hatte) über Tiſch beehrte. Das Alles war nicht ohne eine gewiſſe Genugthuung für mein Stallmeiſterherz, aber ich mußte mir doch auch ſagen, daß mein Ritter noch ſehr weit vom Ziel war, und nun mußte zum Ueberfluß ein ſchadenfroher Asmodeus in der gaſtfreund⸗ lichen Geſtalt des Herzogs uns die Schöne entführen, auf wer weiß wie lange, vielleicht für immer, denn möglicher⸗, ja wahr⸗ ſcheinlicherweiſe kamen ſie gar nicht nach Tannenburg zurück, wenn meine Combinationen richtig und ſie wirklich gegen Egbert Verdacht geſchöpft hatten. Haben Sie nicht gehört, Louis, zu wann die Amerikaner und der Graf nach Malepartus eingeladen ſind? Gleich, meine Herren! erwiederte Louis, der uns eben eine Karaffe mit Waſſer auf den Tiſch ſetzte. Louis ſah ſehr zer⸗ ſtreut aus, er hatte offenbar von den Anſtrengungen des geſtri⸗ gen Tages noch nicht ordentlich ausgeſchlafen. Ich wiederholte 90 meine Frage. Er antwortete nicht, ſondern blickte ſtarr nach der Gruppe unter dem heiligen Baume, ſchüttelte mit dem Kopfe, raffte ſich dann aus ſeiner Zerſtreuung auf, als an dem Tiſche der Frau Herkules heftig mit einem Löffel auf eine Untertaſſe gepocht wurde, und enteilte: gleich! gleich! rufend, in ſeinem gewöhnlichen, kurzen Gartentrabe. Ich glaube, Louis iſt toll geworden, ſagte ich. Oder hat ſich in Miß Ellen verliebt; bemerkte Käthchen von Puſterhauſen ſchnippiſch; ſie ſoll ja für die Herren unwider⸗ ſtehlich ſein. Man pflegt für gewöhnlich die Kellner nicht zu den Herren zu rechnen, brummte Egbert, dem dieſe Zuſammenſtellung ſeines Engels mit Louis denn doch über das Erlaubte zu gehen ſchien. Aber ein Kellner iſt, ſo zu ſagen, auch ein Menſch, be⸗ merkte Linder, der doch unmöglich Käthchen, ſein Käthchen! im Stich laſſen konnte. O gewiß! ſagte Frau von Puſterhauſen, die ſeit geſtern entſchieden demokratiſche Anflüge hatte. Denn das iſt ja eben das Herrliche der Liebe, fuhr Linder fort, indem er ſeinen Fingernägeln einen ſchwärmeriſchen Blick weihte, daß ſie keinen Unterſchied kennt zwiſchen Arm und Reich, Hoch und Niedrig, Adlig und Bürgerlich— hier hob der Sänger die müden Wimpern zu Fräulein Käthchen, die er⸗ röthend die ihren ſenkte. Ja, fuhr er in ſanfter Begeiſterung fort, wenn der Egoismus die Centrifugalkraft iſt, die Alles in Atome aufzulöſen droht, ſo iſt die Liebe die Centripetalkraft, die das Ganze, wie der Dichter ſagt, froh und leicht und freudig bindet. Ich wollte mich den verehrten Herrſchaften beſtens em⸗ pfohlen halten; ſagte eine Stimme hinter uns. Es war Herr Bergfeld in Reiſecoſtüm von großcarrirtem Wollenzeug. Ein großcarrirtes Plaid ruhte maleriſch auf ſeinen Schultern; eine ſchirmloſe mit einer Adlerfeder geſchmückte Kappe aus demſelben großcarrirten Stoff hielt er in dieſem Augen⸗ blicke in der Hand. Seine Beinchen waren in lederne Gama⸗ ſchen geknöpft, die in ein paar dickſohlige, nägelbeſchlagene Berg⸗ ſchuhe endeten. Eine Taſche hing über ſeiner rechten Schulterz 91 ein langer Stock mit langer, eiſerner Spitze vervollſtändigte das großcarrirte Coſtüm. Sie wollen fort, Herr Bergfeld, riefen Alle wie aus einem Munde. Ich muß fort, erwiederte der junge Mann mit einem Blicke nach dem Platze unter dem heiligen Baum— ein Blick, der ebenfalls von Allen verſtanden wurde. Und Sie werden Ihren Wanderſtab in ferne Länder tragen? wagte ich nach einer verlegenen Pauſe mit unſicherer Stimme zu fragen. Ich werde nach Fichtenau überſiedeln, erwiederte Herr Bergfeld. Fichtenau, das Concurrenzbad von Tannenburg, war von dieſem eine Stunde entfernt, und wenn man bedachte, daß die beiden Orte eine im Thalgrunde durch Wieſen ſich hin⸗ ſchlängelnde Chauſſee verband, ſo mußte auch wohl dem weniger Scharfſichtigen die tiefe Bedeutung von dem ernſten Bergcoſtüm des intereſſanten Reiſenden einleuchten. Leben Sie wohl! ſagte Herr Bergfeld; leben Sie Alle wohl! Thränen der Rührung erſtickten ſeine Stimme; er nahm von Frau von Puſterhauſen, mit der er noch keine drei Worte geſprochen haben konnte, wie von einer geliebten Mutter Ab⸗ ſchied, ſchien ſich von Emma und Käthchen, die er nur im⸗ mer als ein paar hohlköpfige Pfauen geſchildert hatte, nur ſchwer trennen zu können, ſchüttelte Linder und Egbert krampfhaft die Hände und flüſterte mir zu: ich möchte Sie gern noch ſprechen. Ich folgte ihm. Er warf, während wir den Garten ver⸗ ließen, keinen Blick nach dem heiligen Baum, während man ſich auch dort offenbar Mühe, oder doch die Miene gab, ſeinen Ab⸗ ſchied, der den ganzen übrigen Garten in Aufregung gebracht. hatte, nicht zu bemerken. Der junge Mann und ich ſtanden auf der Chauſſee; er hatte ſeine Sachen vorausgeſchickt, um ſich ganz der melancho⸗ liſchen Illuſion hingeben zu können, als ein Ausgeſtoßener in die weite, weite Welt zu wandern. Als wir an eine Stelle des Weges gelangten, wo ein Felſen auf der einen Seite und ein Tannengehölz auf der anderen uns den Blicken der alten Votenfrau, die eben an uns vorbei gekommen war, und des taubſtummen Hirten, der nebenan auf der Wieſe die Tannen⸗ burger Kühe weidete, entzogen, warf er ſich an meine Bruſt und ſchluchzte: Sie haben es immer gut mit mir gemeint; nehmen Sie ſich auch ferner meiner an. Herzlich gern, Verehrteſter, ſagte ich, mich ſanft aus den Armen des Aufgeregten windend; aber wie werde ich beim beſten Willen dazu im Stande ſein? Das weiß ich ſelbſt nicht, erwiederte der Wanderer, indem er ein(ebenfalls großcarrirtes) ſeidenes Taſchentuch hervorzog und ſich die Augen wiſchte; aber Sie ſind ſo klug; Sie werden ſchon ſehen, was ſich etwa thun läßt. Freilich, ſeit geſtern habe ich keine Hoffnung mehr, und darum gehe ich, allerdings vor⸗ läufig erſt nach Fichtenau, von wo ich doch noch einmal herüber⸗ kommen, wäre es auch nur in der Nacht, und zu ihren Fenſtern hinaufblicken kann. Was iſt auch in den Augen von Leuten, die hunderte von Sclaven beſitzen und mit Fürſten wie mit ihres Gleichen verkehren, ein armer Kaufmann, der, wenn er auch ſelbſtſtändig iſt und über ein kleines Capital frei disponirt, doch an der Börſe über die Achſel angeſehen wird und— Sagen Sie, Herr Bergfeld, unterbrach ich den Mittheil⸗ ſamen: haben Sie Mr. Cunnigsby ebenfalls von dem Stand Ihrer Angelegenheiten unterrichtet? Wie ſollte ich nicht, erwiederte der Wanderer; meine Ab⸗ ſichten waren die ernſthafteſten von der Welt; ich weiß, daß ich ein Dandy bin— wenigſtens nennen mich meine Collegen ſo — aber ich bin ein ehrlicher Kerl— Das ſoll Gott wiſſen! ſagte ich mit Ueberzeugung. Alſo Sie ſind von Anfang an ganz offen gegen den Amerikaner ge⸗ weſen— Bergfeld erröthete: Ich will nicht behaupten, von Anfang an, erwiederte er; man füllt ja doch nicht gleich mit der Thür in's Haus; aber— Wann machten Sie ihm dieſe Mittheilungen? An dem Abend auf dem Eiskopfe— Nachdem er die hundert Thaler von Ihnen geliehen? 93 Ja, auf dem Rückwege— Und— verzeihen Sie meine Indiscretion! hat er Ihnen das Geld zurückgegeben? Nein. Haben Sie ihn daran gemahnt? Heute Morgen. und Er ſagte, daß ihm die Rückzahlung für den Augenblick nicht convenire, da eine Geldſendung, die er täglich erwarte, noch immer ausbliebe. Er hat mir eine Anweiſung auf ſeinen Banquier in Berlin gegeben, zahlbar in acht Tagen. Hm! ſagte ich, und das genügt Ihnen? Ich bitte Sie! rief Bergfeld: T. Grauröder! das iſt ſo ſicher wie Geld. Grauröder, ja! aber der Amerikaner! Sie ſehen mich ver⸗ wundert an, Herr Bergfeld; als Kanfmann müſſen Sie frei⸗ lich dergleichen beſſer beurtheilen können, als ich; indeſſen ſchaden kann es, däucht mir, nicht, wenn Sie einmal in Berlin an⸗ fragen. Aber ich bitte, bitte Sie! rief Bergfeld abermals. Wie Sie wollen; ich würde es thun. Und nun leben Sie wohl! Ich muß zurück! Leben Sie wohl, rief der Wanderer, indem er mich wieder an ſeine großcarrirte Weſte zog; vergeſſen Sie einen Unglück⸗ lichen nicht! Da geht Nummer Zwei hin, murmelte ich, mich noch ein⸗ mal nach dem Wanderer umwendend; jetzt ſteht er wieder ſtill und winkt mit dem Taſchentuche! Ade! ade! Gott ſei Deinem armen Spatzenkopfe gnädig! Und der ſclavenreiche Mr. Cun⸗ nigsby leiht ſich hundert Thaler von einem armen Jungen, um eine Gaſthofszeche zu bezahlen, und giebt dem armen Jungen, anſtatt ihm die Auslage zurückzuerſtatten, eine Anweiſung au, Grauröder nebſt obligatem Fußtritt! Das gefällt mir gar nichtf Mr. Cunnigsby! Aber ähnlich ſieht es Ihnen, verzweifelt ähn⸗ lich! ¹ 2 94 Als ich wieder in den Kurgarten zurückkam, fand ich die Ame⸗ rikaner nicht mehr, dafür aber meine Geſellſchaft in großer Auf⸗ regung. Ich konnte erſt nach manchen Fragen erfahren, um was es ſich handelte. Gleich nachdem ich den Garten verlaſſen, hatte ſich auf der Straße vor der großen Eingangspforte eine Gruppe gezeigt, wie man ſie, jetzt kurz nach Beendigung des großen Krieges, nur zu oft auf dieſen Bergen ſah: ein noch junges Weib, um das ſich vier zerlumpte, halb verhungerte Kinder drängten, während ſie in einem kleinen Wagen noch zwei wenige Wochen alte Zwillinge hinter ſich her zog. Es war die Frau eines Soldaten, der hinten„bei Böhmen“, wie ſie ſagte, geblieben war. Der jammervolle Anblick hatte das Mitleid der Kurgäſte in ungewöhnlich hohem Grade erregt; Egbert war ſofort aufge⸗ ſprungen und hatte gerufen, hier müſſe geholfen werden, ob man nicht eine Collecte machen wolle? er ſei bereit, mit einem Teller herumzugehen; Herr Linder möge, damit man ſchneller zum Ziele komme, einen zweiten Teller nehmen und den andern Theil des Gartens— die Kegelbahn, die Holzlaube mit den Sechsundſechzig⸗Spielern u ſ. w. abſuchen. So ſprechend hatte er, um einen Anfang zu machen, ein paar Thaler auf einen Teller gelegt und war fortgeſtürzt, be⸗ gleitet von den beſten Segenswünſchen Frau von Puſterhauſen's, die es ſehr ſchön fand, daß ein ſo vortreffliches Werk gerade von ihrem Tiſch(und nicht von dem des engliſchen Kränzchens oder dem der Frau Herkules) ausgehen ſollte. Ich hatte in der Eile nicht bedacht, ſagte Egbert, der mir hernach, als wir allein waren, die Geſchichte noch einmal aus⸗ führlicher erzählen mußte; ich hatte in der Eile nicht bedacht, daß ich auch an Mr. Cunnigsby's Tiſch würde herantreten müſſen, da ſie den ganzen Handel mit angeſehen hatten und auch ihrerſeits von der ganzen Geſellſchaft geſehen werden konn⸗ ten, ſo daß es höchlichſt aufgefallen und mir der Himmel weiß wie ausgelegt ſein würde, hätte ich ſie und ſie allein über⸗ gehen wollen. Und dann meinte ich auch, ich dürfe, um des 95 guten Zweckes willen, nicht an mich ſelbſt denken, und ein paar Goldſtücke würden ſich unter den Thalern und Fünfſilber⸗ groſchenſtücken ſehr gut ausnehmen. Dennoch ſchlug mir das Herz, als ich den kleinen Hügel hinaufſchritt, aber ich ſchämte mich meiner Schwäche, trat, den Hut ziehend, reſolut auf ſie zu und hielt den ſchon ziemlich gefüllten Teller hin mit einer Geberde noch der armen Familie, die man von dem Platze aus ſehr gut ſehen konnte. Egbert athmete tief auf und knirſchte ein wenig mit den Zähnen. Weiter, lieber Egbert, ſagte ich, das Alles wußte ich ſchon, jetzt kommt die Hauptſache, ob Du wirklich Urſache haſt, ſo beleidigt zu ſein, wie Du es biſt. Ja, mein Gott, rief Egbert; ſo etwas läßt ſich nicht haar⸗ klein auseinanderſetzen. Ich kann Dir den unverſchämten Blick nicht ſchildern, mit dem er mich erſt und dann den Grafen an⸗ ſtarrte, als wenn er ſagen wollte: was zum Teufel will der Kerl! und dann das Achſelzucken des Grafen, der wieder den Alten anſtarrte, was wahrſcheinlich heißen ſollte: mag der Teufel wiſſen, was er will. Nun, bei Gott, da hatte ich genug. Ich ſetzte den Teller auf den Tiſch, nahm mein Portemonnaie, ſchüttelte Alles, was darin war— ich glaube, es waren noch ſo zwanzig Thaler zu dem Uebrigen, drehte mich auf dem Abſatz herum, und ging fort. Bravo, Egbert! und dann lachten ſie hinter Dir her? Ich glaube es, aber beſchwören kann ich es nicht. Es ſanſte mir in den Ohren, ſo wüthend war ich. Ich wundere mich nur, daß ich nicht auf der Stelle umgekehrt bin und ihnen geſagt habe: Ihr ſeid elende Schufte, alle Beide! Ohne Zweifel, ſagte ich; aber, Alles in Allem, Egbert, iſt es gut, daß Du es nicht gethan haſt. Denn ſchließlich hatten ſie doch das Recht, zu geben oder nicht zu geben, um ſo mehr, da ſie ſich dahinter verſtecken können, ſie hätten nicht gewußt, um was es ſich handelte. Und da Du das Lachen nicht be⸗ ſchwören kannſt, überdies der Begriff des Komiſchen ſo ſchwer definirbar iſt— 96 Du meinſt, ich hätte ihnen Grund zum Lachen gegeben, rief Egbert, ſage es nur gerade heraus! Sage es nur gerade heraus, daß Du Dich jetzt faute de mieus mit mir ſchlagen willſt. Im Ernſt, Egbert, ich glaube, Du läßt die Sache, wie ſie iſt— aus tauſend Gründen, von denen ich Dir nur einen nennen will: was ſoll aus Euch, ich meine aus Dir und ihr werden, wenn Du es bis zum Aeußerſten treibſt! Was auch ohne das werden wird: Nichts! murmelte Egbert. Und Du haſt noch immer kein Wort von ihr geſagt! wie benahm ſie ſich bei der Scene? Ich weiß es nicht, ſagte Egbert ärgerlich, fuhr aber, nach⸗ dem er eine Zeitlang geſchwiegen, wie mit ſich ſelbſt redend, fort: das arme Kind! ſie war über und über roth geworden, als ich herantrat; und als ich das Geld auf den Teller ge⸗ ſchüttet hatte und ſie noch emmal anſah, war ſie ganz bleich, und die Thränen ſtanden ihr in den großen, weitgeöffneten Augen. Egbert fuhr ſich ſelbſt mit der Hand über die Augen und eilte aus meinem Zimmer, wo dieſe Unterredung ſtattgefunden hatte. Ich ſelbſt verließ dieſen Abend mein Zimmer nur noch ein⸗ mal, um einen Brief nach Berlin auf die Poſt zu bringen, iu welchem ich einen Freund bat, ſeine ausgebreiteten Verbindungen zu benutzen, um mir gewiſſe Fragen über den ihm bereits ge⸗ ſchilderten Jaguar, der ſich in Berlin aufgehalten haben und bei T. Grauröder accreditirt ſein wollte, wenn irgend möglich, zu beantworten. Dann eilte ich zurück, um den Augenblick nicht zu verpaſſen, wann die Amerikaner, die nach der Scene mit Egbert zu einer Spazierfahrt aufgebrochen waren, zurückkommen würden. Ich hatte kein Licht angezündet, um mein Incognito ſo gut als möglich zu bewahren, und ging in leiſen Schritten auf und ab, von Zeit zu Zeit an das offene Fenſter tretend, zu hören, ob nicht ein Wagen die Dorfſtraße heraufkomme. Es war heute Abend ungewöhnlich laut auf der Straße⸗ 3 97 Die große ländliche Feier der Kirmeß nahte heran, und die Burſchen und Mädchen des Dorfes ſchwärmten ſchon ſingend, jodelnd, kreiſchend umher. Aus der etwas weiter die Straße hinab gelegenen Schenke erſchallte mißtönende Muſik. Es wurde ſpät, der Lärm unter meinem Fenſter ließ nach und hörte end⸗ lich auf; auch die Muſik in der Schenke verſtummte. Ich hörte jetzt deutlich das Rauſchen des Windes in den Pappeln und das Plätſchern des Springbrunnens in dem Kurgarten. Meine Ungeduld und meine Unruhe wuchſen mit jeder Minute. Ich wälzte die ſonderbaren Einzelnheiten der wunderlichen Affaire, in die ich ſo eigenthümlich verwickelt war, in meiner Seele hin und her, und verwünſchte zwiſchendurch den Eifer, mit dem ich mich zu dem unbequemen Amte des Helfershelfers gedrängt hatte, einem Amte, das mir eine undankbare Rolle nach der andern aufnöthigte, und jetzt ſogar die zweideutige eines Lauſchers an der Wand. Ich hatte nie in meinem Leben gelauſcht, weder an Wänden noch an Thüren, und was ich für mich ſelbſt ſtets verſchmäht hatte, mußte ich hier um eines Andern willen thun. Aber freilich, darin lag auch wenigſtens etwas von einer Ent⸗ ſchuldigung. Und dann: das ſchöne Mädchen hatte es mir nun einmal angethan; ſeitdem ich ſie heute Morgen ſo in aller Heimlichkeit Barmherzigkeit übend geſehen, war ſie mir in einem neuen liebenswürdigen Lichte erſchienen, von dem ſich die Geſtalten ihrer Verwandten dunkel und häßlich abhoben. Wie hatte ſie ſo gar keine Aehnlichkeit mit ihrer Schweſter, die mit Bergfeld ſo frei coquettirt und den armen Menſchen dann Hals über Kopf weggeſchickt hatte, man wußte nicht warum? vielleicht nur, weil dem Herrn Grafen der Verkehr mit einem Kaufmann nicht behagte. Und dann die Mutter mit ihren ewigen grauen Locken, dem ewigen ſchwarzen Seidenkleide, der ewigen pompöſen Gold⸗ kette und dem ewigen nichtsſagenden Lächeln auf dem fetten indolenten Geſicht! Und nun gar der Vater, der Jaguar, der ſich Hunderte von Thalern aus den Taſchen guter Bekannten lieh und keinen Groſchen für das hungernde Elend hatte! Nein, dies ſchöne, gute Kind gehörte, wenigſtens nicht im Geiſt und Herzen, zu dieſen falſchen, ſtolzen und hartherzigen Menſchen Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 7 Die Reine aus der unreinen Umgebung zu befreien, in der ſie, falls ſie darin verblieb, über kurz oder lang an Leib und Seele untergehen würde— war einfach Menſchenpflicht, die man er⸗ füllen mußte, wenn auch ein bischen Horchen an der Wand mit unterlief. Ich war wieder an das Fenſter getreten; der abnehmende Mond war über die Berge heraufgeſtiegen, aber nicht in blen⸗ dender Klarheit wie an den vorhergegangenen Tagen, ſondern trübſelig ſcheinend durch einen Woltenſchleier, derſich nach und nach zu einem braungelblichen Hof um ihn zuſammenzog. Kur⸗ güſte, die im Dorfe wohnten, gingen vorüber; ich erkannte Käth⸗ chen von Puſterhauſen an dem hellen Kleide und der hellen Stimme; die dunkle Geſtalt neben ihr war ohne Zweifel der treue Sänger. Dann war Alles wieder ſtill; ich hörte die Dorf⸗ glocke elf ſchlagen. Mir wurde ganz unheimlich bei dem melan⸗ choliſchen Wächteramt iu einem dunklen Zimmerchen— ich bil⸗ dete mir ein, es müſſe ein Unglück geſchehen ſein, und ich ath⸗ mete hoch auf, als endlich ein Wagen langſam die ſteile Dorf⸗ ſtraße heraufkam und vor dem Hauſe ſtill hielt. Ich konnte die Ausſteigenden nicht ſehen, da ein Holzdach über dem Perron hing; aber ſie mußten es ſein, denn es kam die Treppen herauf, und jetzt fiel auch der Lichtſchein aus den Fenſtern unter mir in die Pappeln. Ich hörte Stimmen, un⸗ deutlicher als geſtern, man hatte die Fenſter gleich beim Ein⸗ treten geſchloſſen. Aber die Stimmen wurden kauter, und war es die geringe Dichtigkeit der Wände und der Zimmerdecke, war es die durch die Aufregung noch geſteigerte Schärfe meines Gehörs: ich konnte deutlich zwei Männerſtimmen unterſcheiden. Der Graf war alſo mit eingetreten— um elf Uhr in der Nacht!— man konnte die Freundſchaft nicht weiter treiben. Aber die Unterhaltung ſchien gar nicht freundſchaftlich; die eine Stimme,— es war die des Jaguars— wurde lauter und lauter— und das waren doch entſchieden deutſche Worte, die ich da hörte: Sie wird wollen, Herr Graf, wenn ich will. Und jetzt miſchten ſich Weiberſtimmen hinein— alle ſchienen auf einmal zu ſprechen— ich konnte nichts Einzelnes mehr ver⸗ 99 ſtehen, und auf einmal ein lautes Weinen und dann ein geller Schrei— im Nu war ich aus meinem Zimmer, die Hühner⸗ ſtiege hinab— ich weiß noch heute nicht, wie ich es bei der Dunkelheit fertig gebracht habe, ohne den Hals zu brechen— und da ſtürzte mir auch ſchon der Graf entgegen, der an mir vorüber den Corridor entlang eilte und die Treppe hinunter⸗ polterte, während in dem Zimmer, deſſen Thür halb offen ſtand, wüthend an der Glocke gezogen wurde. Ich trat ſchnell entſchloſſen ein. Mit einem Blick überſah ich die Situation. Auf dem runden Tiſch in der Mitte des großen Zimmers brannten zwei Lichter; von den Fauteuils, die um den Tiſch ſtanden, war einer umgeworfen; auf einer Cau⸗ ſeuſe— ebenfalls in der Nähe des Tiſches— lag Ellen bleich und ohne Bewegung, während ihr die Schweſter aus einem Glaſe Waſſer in's Geſicht ſpritzte, Mrs. Cunnigsby im Zimmer umherlief, wahrſcheinlich nach Eau de Cologne oder etwas der Art ſuchend, und der Jaguar noch immer an der Glocke Sturm läutete. Er war es auch, der mein Eintreten zuerſt bemerkte und, wie ein wirklicher Jaguar, auf mich zuſtürzend und mir den Weg vertretend, mich auf engliſch anſchrie, was zum Teufel ich in ſeinem Zimmer zu ſuchen habe. Verzeihen Sie, ſagte ich ebenfalls auf engliſch, ich hörte aus dieſem Zimmer einen Frauenſchrei, der wie ein Hilferuf klang, und hielt es für meine Pflicht zu fragen, ob ich irgend⸗ wie von Nutzen ſein könne. Ich blickte dem Jaguar feſt in die Augen; ich ſah, wie er ſich vergeblich bemühte, den Blick zu erwiedern. Aber, fuhr ich fort, da ich ſehe, daß der jungen Dame der Unfall im Schooße der Familie ſelbſt zugeſtoßen iſt, und ſie überdies bereits wieder zu ſich zu kommen ſcheint, habe ich nur noch wegen meines Eindringens um Entſchuldigung zu bitten. Ich machte dem Jaguar, der mich noch immer mit wüthend⸗ ſcheuen Blicken anſtierte— einem Raubthier gleich, das gern zupacken möchte und es nicht wagt— meine ſtattlichſte Ver⸗ 7* 100 beugung und ſchritt zum Zimmer hinaus. Auf dem Flur be⸗ gegnete ich Doctor Kühleborn, der ſich eben durch die Hausleute, die das Sturmläuten herbeigezogen hatte, durch⸗ drängte. Ich ging g'rade unter dem Fenſter vorüber, ſagte er athem⸗ los, indem er mich auf die Seite zog. Sie kommen aus ihrem Zimmer. Was hat es denn gegeben? Ich fürchte, Ihr Amerikaner iſt ein Hallunke, ſagte ich. Um Gotteswillen, flüſterte der Doctor; wenn er Sie hörte! Ich werde es ihm in's Geſicht ſagen. Ich bitte Sie um Alles in der Welt, machen Sie keine Scene! vor den Leuten! was iſt es denn? Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt! ſagte ich, indem ich den Doctor ſtehen ließ und Louis, der ſich mittlerweile auch eingefunden hatte und mich mit demſelben dummverſtörten Geſicht von heute Nachmittag anſtierte, ein Licht aus der Hand nahm, um mich wieder auf mein Zimmer zu begeben. Unter mir war Alles ſtill geworden; auch im Hauſe wurde es wieder ruhig; aber es dauerte in dieſer Nacht ſehr lange, bis ich ſelbſt ruhig genug wurde, um einſchlafen zu können. VII. Als ich am nüchſten Morgen ſpät nach kurzem Schlummer erwachte, ſah ich zu meiner nicht geringen Verwunderung Doctor Kühleborn vor meinem Bette ſitzen. Er hielt den goldenen Knopf ſeines Stockes auf die dünnen Lippen gepreßt und betrachtete mich nachdenklich mit ſeinen verblaßten klugen Augen. Bleiben Sie liegen, ſagte er, indem er den goldenen Knopf eine beſchwörende Bewegung nach mir zu machen ließ und dann wieder an die Lippen führte, bleiben Sie liegen! Ich bin ge⸗ kommen, um mit Ihnen von der fatal— ehem!— von dem 101 kleinen Evenement geſtern Abend zu ſprechen, und da iſt es mir lieb, daß ich Sie— freilich gegen alle Kurregeln— noch im Bette finde. Erlauben Sie zuvörderſt, mich eines Auftrages von Seiten des Mr. Cunnigsby— hier machte der goldene Knopf eiue Bewegung nach dem Fußboden— zu ent⸗ ledigen. Er bedauert höchlichſt und, wie ich überzeugt bin, aufrichtig, Ihnen geſtern Abend ſo unfreundlich begegnet zu ſein. Er giebt zu, daß Sie, in Anbetracht der ſeltſamen Um⸗ ſtände, deren Zuſammenhang und Bedeutung Sie weder kannten, noch kennen konnten, gewiſſermaßen in Ihrem Rechte waren, wenn Sie unaufgefordert ſeine Wohnung betraten; bittet Sie aber, auf der anderen Seite bedenken zu wollen, wie ſehr das plötzliche Erſcheinen eines Fremden in einem Augenblicke häus⸗ licher Verwirrung ihn— ich meine Mr. Cunnigsby— in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Amerikaner und Familienvater irritiren, ja ſchmerzlich berühren mußte, und hofft, daß Sie in freundlicher Erwägung dieſer Punkte ſein rauhes Benehmen milde deuten und demgemäß entſchuldigen werden. Sehr ſchön geſagt, Doctor, erwiederte ich, indem ich mich auf den Ellbogen ſtützte, ſehr ſchön! aber verzeihen Sie die Frage: wieviel von dieſer ſchönen Rede kommt auf den Ameri⸗ kaner, wieviel auf ſeinen beredten Interpreten? Der Doctor berührte mit dem Stockknopfe meine Bettdecke an einer Stelle, unter der ſich vermuthlich in dieſem Augen⸗ blicke meine ſechſte Rippe befand und ſagte: Sie ſind ein Skeptiker! was ſollte aus meiner Anſtalt werden, wenn ich es nur mit Leuten Ihrer Art zu thun hätte? Indeſſen, diesmal iſt die Skepſis zu ſteptiſch. Sie wiſſen, daß Mr. Cunnigsby nur ſehr gebrochen deutſch ſpricht und mein Engliſch auch juſt nicht weit her iſt; ich will deshalb nicht beſchwören, daß dies ſeine Worte waren,— ipsissima verba— aber der Sinn, Werthgeſchätzter, der Sinn war es zweifellos, zweifellos— und was ich noch ſagen wollte, Werthgeſchätzter, auch ich perſön⸗ lich hätte Ihnen eine Bitte vorzutragen, deren ich mich eigentlich ſchäme, da ſie ſcheinbar, aber auch nur ſcheinbar, Werth⸗ geſchätzter, einen Zweifel an Ihrer ſo bekannten Discretion in 102 ſich ſchließt. Nicht wahr, es beleidigt Sie nicht, wenn ich Sie noch ausdrücklich erſuche, die— hm!— die Vorfälle von geſtern Abend mit dem Mantel der chriſtlichen Nächſtenliebe freundlichſt zuzudecken— freundlichſt zuzudecken. Das kann ich Ihnen nicht verſprechen, Doctor, ſagte ich. Der Doctor ließ vor Schreck faſt die Priſe, die er eben zur Naſe führen wollte, fallen. Denn, um es ohne Umſchweif zu ſagen, Doctor, fuhr ich fort und richtete mich noch mehr in die Höhe; ich halte, wie ich ſchon geſtern Abend die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen, Ihren Amerikaner für einen Hallunken, der ſeine transatlantiſche Sclavenzüchter⸗Brutalität, um nicht aus der Uebung zu kommen, hier an ſeiner unſchuldigen Tochter exercirt, die er, wie es mir ganz zweifellos iſt, an dieſen ungariſchen Pferdegrafen ver⸗ kuppeln will. Und Sie, lieber Doctor, um auch das noch zu ſagen, beurtheilen den Mann und ſeine Handlungsweiſe genau ſo wie ich, und verzeihen Sie mir die Bemerkung!— ich verſtehe es nicht, wie Sie, in welcher Eigenſchaft immer, die Partei dieſes Menſchen oder dieſer Menſchen nehmen können. Aber Werthgeſchätzter, Werthgeſchätzter, rief der Doctor; wer wird nur gleich ſo das Kind mit dem Bade ausſchütten! Die Partei dieſer Menſchen!— wer ſagt denn das! aber Sie können mir doch nicht verdenken, wenn ich, als alter erfahrener Mann, mir ſelbſt und Ihnen und jedem Andern den Rath gebe: miſchen wir uns nicht in Dinge, die uns nichts angehen! wenn ich außerdem als Director eines mächtig aufblühenden Badeortes wünſche, daß alle unangenehmen Auftritte ſo viel als möglich vermieden, alle Skandalgeſchichten ſchon im Ent⸗ ſtehen, ſo zu ſagen, ſtrangulirt werden. Und dann, Werth⸗ geſchätzter, ſprechen wir als Männer von Welt: mir muß daran liegen, und Ihnen würde, wenn Sie an meiner Stelle wären, ebenfalls daran liegen, daß die Partie zu Stande komme. Bad Tannenburg, im Erntemond: Heute wurde hier eine Ver⸗ lobung gefeiert, die in den ariſtokratiſchen Kreiſen viel von ſich reden macht. Die ſchöne Miß Ellen Cunnigsby, zweite Tochter des ſehr ehrenwerthen Mr. Auguſtus Lionel— 103 Hören Sie auf, um Himmelswillen! Sie machen mich krank, Doctor! Haben Sie denn ganz und gar vergeſſen, daß Sie dieſelbe Geſchichte ſchon einmal drucken laſſen wollten, blos daß in der erſten Auflage der Name des Helden anders lautete! Das iſt vorbei, Werthgeſchätzter, total vorbei, ſagte der Doctor, was hilft es, gegen den Stachel zu löcken! Und ab⸗ geſehen davon, ſo können wir doch unmöglich— und auch Ihr Freund kann unmöglich dem Glücke der jungen Leute hinderlich ſein wollen, um ſo weniger, wenn er wirklich, wie es ſcheint, ein Faible für ſie hat. Die Verbindung zwiſchen einem der größten Grundbeſitzer Ungarns und der Tochter eines Plan⸗ tagenbeſitzers, dem halb Louiſiana gehört— Wenn Sie über dieſen letzten Punkt ganz ſicher ſind, Doctor, ſagte ich, ſo übernehmen Sie vielleicht— und ich er⸗ zählte ihm die kleine Transaction zwiſchen Mr. Cunnigsby und Herrn Bergfeld auf dem Eiskopfe. Zu meiner Verwunderung ſchien dieſe Geſchichte keinen Ein⸗ druck auf den Doctor zu machen: Was wollen Sie, ſagte er, der Krieg hat die Verhältniſſe des Mannes derangirt; man hat ſogar einen Theil ſeiner Plantagen ſequeſtrirt. Er hat es gar kein Hehl, daß das baare Geld in dieſem Augenblicke etwas knapp bei ihm iſt. Mein Gott, Werthgeſchätzter, ich weiß das längſt; und da Sie ſchon ſo viel wiſſen, kann ich Ihnen ja auch wohl noch dies ſagen: ich habe mir eine Ehre daraus gemacht, einem Mann der Art während einer Periode vorübergehender Verlegenheit mein Haus, ich meine das Kur⸗ haus, gaſtfrei zu öffnen; ja ich habe keinen Augenblick Anſtand genommen, ihm auch meine Börſe anzubieten, und ich ſchätze es mir zur beſonderen Ehre, daß er vor wenigen Tagen von dieſem Anerbieten Gebrauch gemacht hat. Und der Grafd gehört der vielleicht auch zu Ihren Pen⸗ ſionären? Der Doctor ſchüttelte den grauen Kopf. Die Parteilichkeit macht Sie blind, Werthgeſchätzter, ſagte er; glauben Sie einem alten Praktiker, der's nun ſchon ſo ein dreißig Jahre und * 104 drüber treibt und dem während dieſer Zeit Individuen aus allen Nationen und Ständen unter die Finger gekommen ſind: Raſſe, Werthgeſchätzter, Raſſe! das iſt Alles; iſt das Einzige, das ſich nie verleugnet und auf das man ſich unbedingt ver⸗ laſſen darf. Und dann, wenn Sie meinen alten Augen nicht trauen wollen und etwa der Meinung ſind, daß ich, als Plebejer gleichſam— obgleich ich aus einer uralten Nürn⸗ berger Patricierfamilie ſtamme, die ſogar mit den Augsburger Fuggers verſchwägert war— aber angenommen, daß ich, als Plebejer, mich auf dergleichen nicht verſtände: eine Krähe kennt die andere, und wer nach Malepartus geladen iſt, braucht ſeinen Adelsbrief juſt nicht an der Kappe zu tragen. Aber ich will Sie nicht länger vom Aufſtehen abhalten, Werthgeſchätzter; habe ſelbſt noch eine Welt zu thun. Die Einweihung des Herzogenſteins heute Nachmittag— Sie werden doch von der Partie ſein?— und notabene, was ich beinahe vergeſſen hätte: auch ſie werden Theil nehmen— zum erſten Male— haben ſich ſonſt immer ſtreng ariſtokratiſch ausgeſchloſſen— aber ſolche Leute haben Tact— die Gäſte Sr. Hoheit können auf einem Feſte, das Sr. Hoheit geweiht iſt, nicht fehlen. Es iſt noch eine Welt heute Morgen in Ordnung zu bringen, und dabei muß mir noch dieſer Schlingel von Louis verrückt werden— Wie, Doctor! rief ich, der arme Menſch! er kam mir gller⸗ dings immer halb toll vor.— Nicht wahr? rief der Doctor, ganz meine Prognoſe! ein Faſelhans war er ſtets, aber ſeit geſtern ſcheint er wirklich halb übergeſchnappt. Alle Welt klagt über ihn, und wenn man ihn zur Rede ſtellt, führt er die kurioſeſten Reden, meint: er ſei auch ein Menſch, und was dergleichen Unverſchämtheiten mehr ſind. Ich habe ihm geſtern Abend gekündigt, und heute in aller Frühe hat er ſein Bündel ſchnüren müſſen. Aber nun ſtehen Sie auf, Sie Langſchläfer, es iſt ein himmliſcher Morgen, wir werden einen göttlichen Tag haben. Und der Doctor wehte mir einige Kußhände zu und hüpfte zur Thür hinaus. 105 Ein liebenswürdiger alter Herr! brummte ich, während ich mich ankleidete, ſo durchaus uneigennützig, ſo echt menſchen⸗ freundlich, ſo nur auf das Wohl ſeiner Nächſten bedacht! Ein weiſeſter Nathan mit einem ganz kleinen Beigeſchmack von Kuppler! Möchte ſich ſeinen Pelz redlich verdienen! Aber warte, alter Knabe! ich werde Dir Dein ſauberes Handwerk legen. Und der Miniſter des Innern, der engliſche Louis, hat ſein ſchmutziges Tellertuch zurückgeben müſſen! sic transit gloria! nicht einmal die Zeit hat man ihm gegönnt, ſein redlich ver⸗ dientes Trinkgeld von mir einzufordern! werde wohl heute auf meinen Kaffe vergebens warten. Ich ſah auf meine Uhr. Es war bereits Neun: die Stunde, in welcher Miß Ellen, während die beiden anderen Damen badeten, ſpazieren zu gehen pflegte. Ein Gedanke durchzuckte mich. Wie? wenn ich den Verſuch machte, Ellen zu ſprechen! ihr zu ſagen— ja, mein Gott, was nur eigentlich? aber das würde ſich finden—— Ich beeilte mich, fertig zu werden, als die alte Aufwärterin mit dem Kaffe kam. Das Fenſter ſchließen, damit man mich draußen nicht hörte, die Alte beim Arm ergreifen und ihr in das Ohr ſchreien: wo iſt die junge Dame unten— die mit den blauen Augen?— war das Werk eines Momentes. Die Alte nickte mit dem Kopfe und ſagte: Ja, ja, die arme junge Dame! Ich wiederholte meine Frage laut genug, daß ein Bild von Marmorſtein es hätte hören müſſen. Ja, ja, ſagte die Alte; Sie brauchen ſich nicht ſo anzu⸗ ſtrengen; ich höre heute ganz gut. Sie wollen wiſſen, wie es der armen jungen Dame geht? ja, ja! ſitzt unten, das gute Kind und weint, daß es Einem das Herz brechen könnte. Ich habe ihr auch geſagt: Liebes Fräulein, habe ich geſagt, heirathen Sie ihn nicht, wenn Sie ihn nicht mögen. Ja, ja! und da iſt ſie mir um den Hals gefallen, das arme Ding, und hat ſo geweint und geſchluchzt! Die Alte ſchüttelte den Kopf und wiſchte ſich die Augen. Ich drängte ſie auf einen Stuhl, lief an den Tiſch und ſchrieb 106 auf das erſte Blatt, das mir unter die Hände kam, in eng⸗ liſcher Sprache: Können und wollen Sie einem Manne, der verheirathet und Vater von vier Kindern iſt, vertrauen, ſo ge⸗ währen Sie mir eine Unterredung von wenigen Minuten; ich habe Ihnen Dinge von höchſter Wichtigkeit mitzutheilen. Es koſtete mich weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte, der Alten begreiflich zu machen, daß ſie das Blatt Miß Ellen bringen und auf Antwort warten ſolle. Entweder hatte ſie dergleichen Liebesdienſte ſchon öfter geleiſtet, oder, was wahr⸗ ſcheinlicher iſt: ſelbſt alte taube Bauernfrauen bewahren ſich für dieſe Dinge das angeborne Verſtändniß— genug! ſie lächelte ſchlau, ließ den Thaler, den ich ihr in die Hand ge⸗ drückt, in die Taſche gleiten, verbarg das Blatt ſorgfältig unter dem Wollentuche, das ſie über der Bruſt trug, und entfernte ſich mit einer Eilfertigkeit, die, in Anbetracht ihrer hohen Jahre, doppelt rühmlich war. Ich blieb zurück in der größten Aufregung. Würde ſie mir antworten? und was?— Die Minuten verrannen— ich eilte von der Thür nach dem Fenſter, von dem Fenſter nach der Thür, als ob der Boden unter meinen Füßen brennte—— Da hörte ich die Alte die Hühnerſtiege herauf keuchen. Sie brachte Antwort! Ich vertraue Ihnen; aber ich kann Sie hier nicht ſehen. Ich werde ausgehen— nach dem Rabenthal— Dieſe Handſchrift des kleinen engliſchen Billets war ſehr kritzlich, und ich zählte in der Eile vier oder fünf orthographiſche Fehler; aber was hat die Liebe mit der Orthographie zu ſchaffen, noch dazu mit der Orthographie junger Damen aus den amerikaniſchen Südſtaaten! Die Hauptſache war, daß ſie ja geſagt und den Ort des Rendezvous ſo ſchicklich als möglich gewählt hatte. Gleich hinter dem Kurhauſe führte ein ſchmaler Pfad am Fuß des Burgberges auf eines der Nebengäßchen des Dorfes, deſſen alterthümliche Bauernhäuschen auf uralten cyklopiſchen Untermauern ruhen. Der Weg war ſchmal und ſteil, nicht überall ganz ſauber und vielleicht deshalb wenig freqnentirt, 107 trotzdem er der kürzeſte in das Rabenthal war, das man ſonſt nur auf einem langen Umwege erreichen konnte. Das Raben⸗ thal hatte auch ſeine Schattenſeiten, oder vielmehr es hatte eigentlich gar keine Lichtſeite, denn es war ſehr eng, zwiſchen hohe, ſteile Felswände eingeklemmt, und die Waſſertropfen, die beſtändig von den Farrenkräutern und Mooſen zwiſchen dem trotzigen Geſtein herabſickerten, funkelten und blitzten nur, wenn die Sonne am höchſten ſtand. Das war nun freilich ſehr ſchön und poetiſch, aber auch an einzelnen Stellen ſehr naß, und dieſe poetiſche Näſſe trug ebenfalls dazu bei, das Rabenthal für proſaiſch trockene Gemüther unzugänglich zu machen. Ich hatte mich trotz meiner Ungeduld auf dem Wege durch das Dorf nicht ſehr beeilt, um Miß Ellen einen Vorſprung zu laſſen; ſobald ich aber das letzte Haus— eine halbverfallene Gipsmühle mit erblindeten Scheiben— hinter mir hatte, be⸗ ſchleunigte ich meine Schritte und erblickte nach wenigen Mi⸗ nuten ein helles Kleid, das ich bald darauf— einigermaßen athemlos vor Eile und Aufregung— erreichte. Nicht zum mindeſten vor Aufregung! Selbſt für einen Gatten und Vater von vier Kindern verliert die Schönheit nichts von ihrem dä⸗ moniſchen Zauber, und wenn auch in dieſem Falle die Reinheit meiner Theilnahme für das holde Geſchöpf nicht durch den Schatten eines perſönlichen Wunſches getrübt war, ſo war doch der Reiz des Abenteuerlichen, der bis jetzt über dieſem ganzen ſeltſamen Handel lag, ſo groß, und das Gefühl der Verant⸗ wortlichkeit, die ich freiwillig übernommen, ſo drückend, daß, als ſie mir die Hand entgegenſtreckte und ich zum erſten Mal die ſchlanken Finger in den meinen fühlte, mein Herz wild ſchlug und es mir nicht gelang, auch nur ein Wort, geſchweige denn das rechte Wort zu finden. Aber dieſe Verlegenheit währte nur ein paar Momente. Die Bläſſe der lieblichen Wangen, die gerötheten Lider der ſchönen verweinten Augen, das angſtvolle Beben des zarten Buſens— das Alles gab mir, in dem Grade, als es mich bis in die tiefſte Seele rührte, Beſonnenheit, Muth und vor Allem die Sprache zurück. Ich ließ ihre Hand aus der meinen 108 und ſagte, indem ich ſie durch eine Bewegung einlud, auf einem moosbewachſenen Stein Platz zu nehmen, der von einem weit vorſpringenden Felsblocke überwölbt und ganz trocken war: Ich danke Ihnen, liebes Fräulein, daß Sie mir vertraut haben. Ich hoffe, Sie ſollen es nie bereuen. Was in meiner Macht ſteht, Ihnen zu dienen, darauf mögen Sie ſo ſicher rechnen, als ob ich Ihr älterer Bruder wäre. Sie blickte zu mir empor— ich war an ihrer Seite ſtehen geblieben— und wollte etwas erwiedern, aber Thränen er⸗ ſticten ihre Stimme; ſie barg das Geſicht in beide Hände und weinte bitterlich. Ich ſprach ihr Troſt und Muth ein, ſo gut ich es ver⸗ mochte, und wie es denn in ſolchen Momenten, wo nur Einer ſpricht, während zwei ſprechen ſollten, zu geſchehen pflegt, daß der Eine viel mehr ſagt, als er im anderen Falle geſagt haben würde, ſo erzählte ich ihr denn nach und nach Alles von An⸗ fang an: wie ich Egbert gefunden, wie er mir das Geheimniß ſeiner Liebe ſchon in der erſten Stunde offenbart, wie ich ihm abgerathen, wie er treu geblieben, wie ich dann wieder ſeine Liebe auf alle Weiſe begünſtigt, trotzdem ich mir in keinem Augenblicke das Bedenkliche und Gefährliche eines ſolchen Ver⸗ hältniſſes verhehlt; wie aber gerade das Auftreten des Grafen, der ihrer in jeder Beziehung— nur nicht vielleicht in der des Vermögens— unwürdig ſei, Egbert's Leidenſchaft nur erhöht und ebenſo mein Verlangen, eine Entſcheidung herbeizuführen, geſchärft habe. Und eine Entſcheidung müſſe jetzt eintreten, wenn, wie ich gehört, ſie Tannenburg in wenigen Tagen mit dem Jagdſchloß des Herzogs vertauſchte in Geſellſchaft des Graſen, als deſſen Verlobte ſie dann wohl nach Tannenburg zurückkehren würde— falls ſie überhaupt zurückkehrte. Das junge Mädchen hatte durch ihre jetzt ſpärlicher fließen⸗ den Thränen hindurch mir eifrig zugehört, und das hatte mir auch den Muth gegeben, weiter und weiter zu ſprechen. Als ich des Grafen erwähnte, ſah ich, wie ein Zucken durch den ſchlanken Körper flog. Sie ſchüttelte heftig den Kopf und blickte mich dann mit ihren großen feuchten Augen angſtvoll an. 109 Ich weiß es, daß Sie ihn nicht lieben, ſagte ich; und wenn ich es nicht ſchon vorher gewußt hätte, würde mich die Scene geſtern Abend, deren freiwillig⸗unfreiwilliger Zeuge ich geweſen bin, über Ihre Gefühle nach dieſer Richtung hin aufgeklärt haben. Aber, theure Miß, der Widerſtand ſo manches jungen Mädchens gegen eine ungewünſchte, ja verhaßte Verbindung iſt durch das Drängen und Drohen liebloſer Verwandten gebrochen worden, und ich wiederhole: die Reiſe, die Sie vorhaben, erfüllt mich für Sie mit ſchwerer Sorge. Sie werden das Schloß des Herzogs als die Braut des Grafen verlaſſen. Nein, nein! rief das Mädchen, indem ſie plötzlich aufſprang und die Hände wie zur Abwehr von ſich ſtreckte: nie werde ich dieſen Menſchen heirathen! nie! lieber ſterben als das! Ich hatte mit Abſicht die Gefahr, die ſie lief, zu einer Verbindung mit dem Grafen gezwungen zu werden, ſo groß geſchildert, um ſie zu einer beſtimmten Erklärung zu drängen. Dennoch überraſchte mich die ſo plötzlich hervorbrechende Leiden⸗ ſchaft des jungen Mädchens dergeſtalt, daß ich einen Augenblick ganz überhörte, wie ſie auf einmal, während ich nur immer engliſch geſprochen hatte, deutſch zu reden begann. Dann frei⸗ lich kam mir mit dieſem Gedanken ein anderer, der mir ein ganz neues Licht über die Situation ausgoß. Sie ſind eine Deutſche, rief ich; geſtehen Sie es: Sie ſind eine Deutſche, ſind nicht die Tochter jenes Mannes, gehören gar nicht zu jener Familie! O, dann iſt Alles gut, kann noch Alles gut werden! Welche Bande Sie auch immer mit jenen Menſchen verbinden, wenn es nicht die des Blutes ſind— ſie werden ſich löſen laſſen. Ich bitte, ich beſchwöre Sie: vertrauen Sie ſich mir an! Eine ſolche Gelegenheit, es frei zu können, kommt uns ſo leicht, kommt uns vielleicht nie wieder. Aber klar muß ich ſehen können, wenn ich helfen ſoll, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen, daß ich ihm helfe, und Sie müſſen das wollen, wenn Sie ihn lieben, wie ich jetzt mehr als je glaube. Ja, ja, ich— o mein Gott, was ſoll ich thun! was ſoll ich thun! ich bin das unglücklichſte Geſchöpf! murmelte das 110 arme Kind, indem es auf den Steinſitz zurückſank und das Geſicht mit den Händen bedeckte. Sie hatte die letzten Worte wieder englich geſprochen. Ich ſtand rathlos dan Die Vermuthung, daß ſie nicht die Tochter ihres Vaters, daß ſie eine Deutſche ſei, kam mir jetzt thöricht, ja abgeſchmackt vor. Plötzlich ließen ſich irgendwo über uns in den Tannen, welche die Felſen krönten und durch die ſich ein Pfad, den ich nicht kannte, ziehen mochte, Stimmen hören. Ellen ſprang auf, zitternd. O, mein Gott, flüſterte ſie, wenn das mein Vater wäre! ich bin verloren! er würde mich tödten! Sie ſtund mit vornüber gebogenem Kopfe lauſchend. Die Stimmen kamen jetzt, obwohl noch immer nicht deutlich, aus größerer Rähe zu uns. Um Gotteswillen, retten Sie mich! rief das Mädchen, krampfhaft mit ihren beiden Händen meine Hände erfaſſend. Wenige Schritte von uns, gegenüber der Seite, von der die Stimmen zu kommen ſchienen, zog ſich zwiſchen den ſteilen Felſen eine mit Steingeröll ausgefüllte Schlucht in die Höhe, über die ſich im Frühjahr ein jetzt ausgetrockneter Waſſerfall in das Rabenthal ergießen mochte. Die Schlucht war ſehr eng und verlor ſich oben in dichten Tannen. Wenn es mir gelang, hier hinaufzuklimmen— und in ſolchen Momenten gelingt einem Alles — war ich in weniger als einer Minute für Jeden ſpurlos verſchwunden, und das Mädchen kam, wenn man ſie traf, von einem einſamen Spaziergange. Ich drückte ihr die Hände, ſagte ihr mehr durch Blick und Geberde, als mit Worten, daß ſie den Weg, den wir gekommen, zurückgehen möge, und war ſchon im nächſten Augenblicke in einem tollkühnen Anlauf die Schlucht halb hinauf. Die Steine, auf die ich meine Füße ſetzte, wichen unter mir fort und polterten hinab, die Farrenkrautbüſche und Ginſterſtauden, an die ich mich klammerte, blieben mir in den Händen— aber ich arbeitete mich— ich weiß nicht wie— in unglaublich kurzer Zeit vollends in die Höhe, freilich nicht, ohne, oben angelangt, mit kochender Bruſt, athemlos den Stamm 111 einer Tanne umklammern zu müſſen, um mich nur auf den Füßen halten zu können. Und nun, als mir eben der Athem und die Beſinnung all⸗ mälig wieder kamen, hörte ich zu meinem Schrecken die Stimmen, denen ich hatte ausweichen wollen, ganz in meiner Nähe. Es war offenbar: ich hatte mich, wie man das in Bergſchluchten ſo oft thut, in der Richtung, aus der die Stimmen erſchallten, geirrt, und war ihnen mit Aufbietung aller meiner Kraft ent⸗ gegen gelaufen. Was ſollte ich thun? Zurück konnte ich nicht, ohne den Hals zu riskiren— wozu mir denn doch, Alles wohl erwogen, eine unbedingte Nöthigung nicht vorzuliegen ſchien. Es blieb mir nichts übrig, als auf dem Pfade, der, wie ich jetzt ſah, an dieſer Stelle dicht an dem Rande der Schlucht hinführte, weiter zu ſchreiten, mit der Miene Jemandes, der ſich auf einer Morgenpromenade an friſcher Waldluft, Sonnenſchein und Vögelzwitſchern harmlos ergötzt und dazu behaglich die Melodie von„Herr Heinrich ſaß am Vogelheerd“ pfeift. Ich hatte kaum die erſten drei Tacte gepfiffen, als die Stimmen, die mir nun ſchon ziemlich nahe waren, plötzlich verſtummten. In der Gewißheit, im nächſten Augenblicke auf den Feind zu ſtoßen, pfiff ich herzhaft weiter und war eben bis zur„lieben Nachtigall“ gekommen, als bei einer Wendung des Pfades plötzlich— Herr Linder vor mir ſtand, während ein helles Gewand, das nur die flüchtigen Glieder Käthchen's von Puſterhauſen umſpielen konnte, zwiſchen den Stämmen der Tannen davonflatterte. Die Ueberraſchung war zu groß und zu angenehm, als daß ich ein herzliches, wenn auch ſtilles Gelächter hätte unter⸗ drücken können, in welches der Dichter, nach kurzem Beſinnen, ebenſo herzlich, wenn auch noch ſtiller, einſtimmte. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, ſagte ich, aber wer hätte ahnen können, daß— Wir ſchon ſo weit wären, unterbrach mich der Sänger mit einem bezeichnenden Blick nach der Richtung, in welcher das helle Gewand verſchwunden war. Ja, lieber Himmel, ich hatte das auch geſtern um dieſe Zeit noch nicht geahnt; aber 112 dieſe Tannen ſcheinen mit ihrem Duft auch Liebe auszuſtrömen, alſo daß der ganze Wald davon erfüllt iſt. Ich glaube, hier irgendwo herum muß der Venusberg liegen, und es ſoll mich gar nicht wundern, wenn ich eines ſchönen Morgens oder lieber Abends der hohen Frau ſelber begegne. Was Ihnen um ſo leichter paſſiren könnte, als ſie für flötenſpielende Schäfer und im Walde irrende Minneſänger immer ein beſonderes Faible gehabt hat. Freilich, ſagte Linder, und kann man es ihr verdenken? die Liebe koſtet Zeit— und wer hat ſo viel Zeit als ein Schäfer? die Liebe weiß nicht, was ſie will— ein irrender Minneſänger weiß es auch nicht. Ach Gott, wer iſt vor ſeinem eignen Herzen ſicher! Und der Dichter ſeufzte tief, während er ſeine Cigarren⸗ taſche hervorlangte und mir ebenfalls von ſeinem Vorrath anbot. Nur, wer keins hat, meinte ich. Sehr wahr, entgegnete Linder, ſehr wahr; und folglich der um ſo weniger, deſſen Herz— danke, ſie brennt ſchon— deſſen Herz um ſo reicher iſt. Ja wohl, der Reichthum des Herzens, der Ueberſchwang der Empfindung— das iſt es, was den Willen irrt, daß wir die Uebel, die wir haben, lieber er⸗ tragen, als zu unbekannten fliehen. Denn, geſtehen wir es uns, lieber Freund, ein Uebel iſt der Schaukelzuſtand all dieſes Neigens von Herzen zu Herzen, dieſes Langens und Bangens in ſchwebender Pein. Alle kann man ſie doch nicht heirathen, aber wiederum der Gedanke, eine zu heirathen, und hinterher, wofür doch Millionen gegen eins ſpricht, zu finden, daß ſie die Rechte nicht war— das iſt zu furchtbar; vor dieſem Ge⸗ danken erbleicht die Farbe der robuſteſten Entſchließung. Und was ſagt ſie dazu? O, ſie ſagt gar nichts— das iſt eben das Reizende an ihr. Ich haſſe die ſpirituellen Weiber, die ſchon Alles wiſſen, ſchon Alles tauſendmal empfunden haben. Nein, ſie lächelt nur, verdeckt mit einer holden, ſtummen Pauſe die tiefſten und breite⸗ ſten Lacunen ihrer Bildung, und lächelt wieder, als hätte ſie das geiſtreichſte Ding von der Welt geſagt. Sie iſt ein Engel. 113 Sollte Ihnen dieſe ſtummlächelnde, ſeelenloſe Pſyche nicht mit der Zeit langweilig werden? fragte ich. Unmöglich! rief Linder. Sie kann mir nicht langweilig werden, denn ſie langweilt mich bereits; aber gerade dieſer Um⸗ ſtand ſcheint mir entſcheidend. Ich ſehe in dieſer Langeweile, die, wie ich anzunehmen Grund habe, ſchon jetzt gegenſeitig iſt, die reine Negation, welche, nach den Geſetzen der Polarität, aus ſich die reine Poſition einer glücklichen Ehe hervortreibt. Spielen Sie nicht mit dem Feuer, lieber Freund, Sie möch⸗ ten ſich garſtig verbrennen. Ich hör Ulyſſen, den vielerfahrenen, reden, entgegnete Lin⸗ der; aber ich kann Sie verſichern, ich ſpiele gar nicht, im Gegentheil: ich bin noch niemals ſo proſaiſch ernſt geweſen. Es hat ja Jeder, der kein Neuling iſt, ſo eine Art von Maßſtab für ſeine Empfindungen. Der Eine kann, wenn er ernſtlich liebt, nicht rauchen, der Andere nicht ſchlecht über die Frauen ſprechen hören; ich für mein Theil kann, wenn ich gründlich verliebt bin, alſo nicht heirathen will— denn ich werde nie⸗ mals aus Liebe heirathen— kein Sonett machen. Ganz natürlich! man greift nie zu künſtlichen und noch dazu fremden Formen in Augenblicken wahrer Erregung. Heute Morgen nun — Sie werden aus dieſem Umſtande mit Leichtigkeit den rich⸗ tigen Schluß ziehen— wurde ich angenehm überraſcht und zugleich über die proſaiſche Ernſthaftigkeit meiner Abſichten freundlich aufgeklärt, als ich, einem Verſprechen nachzukommen, das ich geſtern etwas leichtfinnig Fräulein Käthchen gegeben hatte, ein Gedicht auf ſie machen wollte und dabei ohne Weiteres in die Form des Sonetts gerieth. Ich weiß nicht, ob ich— Aber, lieber Freund, wie können Sie zweifeln! rief ich, Sie wiſſen, wie hoch ich Ihr Talent ſchätze, und für Alles, was Sie mir mittheilen, ſelbſt für das vielleicht weniger Gelungene, dankbar bin. Nun, es iſt in der Form nicht ſo ſchlecht, ſagte der Dichter, urtheilen Sie ſelbſt! und er recitirte, indem er ſtehen blieb, und Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 8 114 mich durch eine ſchmale Spalte der faſt geſchloſſenen Lider ſeiner langgeſchlitzten Augen firirte: „In jeder andern Stadt ein ander Mädchen!— Das war mein wildes Wort in frühern Tagen— „Der Thoren ſpotte ich, die Ketten tragen Aus federleichten, weichen Sommerfädchen; Nein! neue Lieb' in jedem neuen Städtchen!“ Nun muß der Spötter bitter ſich beklagen, Nun fühlt er ſelbſt in Ketten ſich geſchlagen, In Ketten ſond'rer Art, mein Joldes Käthchen! Des Armen denk' ich, den am Strand, dem flachen Von Liliput, das Volk der ſchlauen Kleinen Umſtrickte tauſendfach in wen'gen Stunden. Wie er erwacht, er weiß nicht, ſoll er lachen, Soll er der Schmach, der unerhörten, weinen: Doch lachend, weinend— iſt er überwunden“ Bravo! ſagte ich. Nicht wahr, ſagte der Dichter, es iſt nicht ſchlecht; und dann, wiſſen Sie, kann es für ſpätere Zeiten nicht ſchaden, wenn ich jetzt ſchon gleichſam zu Protokoll gebe, daß die Sache zum Lachen iſt. Oder zum Weinen, meinte ich. Oder zum Weinen; wir können uns ja darin theilen; es wäre ungalant, wenn ich Alles für mich behalten wollte. Aber, um auf etwas Anderes zu kommen, werden Sie heute Nach⸗ mittag von der Partie ſein? Ich denke. Ich auch! ſagte der Dichter; ſolche Wald⸗ und Wieſenpar⸗ tien ſind von dem ſchalkhaften Gott der Liebe eigens erfunden, um Gelegenheit zu machen. Auf Wiederſehen alſo! Der Dichter reichte mir die Hand mit leiſem Druck und ging in das Kurhaus, zu dem wir unter ſo gewichtigen Ge⸗ ſprächen unvermerkt zurückgekommen waren. Ich eilte in den Kurgarten, wo ich Egbert im Schatten eines Baumes ſitzend bemerkt hatte, wie er mit der Miene des ——— 115 Weiſen von Syrakus geheimnißvolle Figuren in den Sand zeichnete. Ich ſalutire den gelehrten Herrn, ſagte ich, an ſeiner Seite Platz nehmend: Ihr habt mich weidlich ſchwitzen machen. Du ſiehſt in der That ſehr echauffirt aus, erwiederte Egbert mürriſch, ich habe Dich vergebens erwartet; wo biſt Du geweſen? Eurer Gnaden zu dienen: im Dienſte Eurer Gnaden, er⸗ wiederte ich, mir den Schweiß abtrocknend, der mir noch immer von der Stirn perlte. Haſt Du ſie geſehen? fragte Egbert, ſich mit Lebhaftigkeit zu mir wendend, ich nicht. Das glaube ich; man kann ſich nicht mit zwei Herren zu gleicher Zeit ein Rendezvous geben. Egbert ſah mich ſo erſchrocken an, als ob er plötzlich Spu⸗ ren eines im Stillen bereits weit vorgeſchrittenen Wahnſinns an mir entdeckt habe. Biſt Du— Verruͤckt? o nein, ganz und gar nicht, und nun höre ein⸗ mal aufmerkſam zu! Ich erzählte ihm Alles, was mir, ſeitdem wir uns geſtern Abend getrennt hatten, begegnet war. Die Ohnmachtsſcene mit dem enteilenden Grafen und dem hilfeklingelnden Vater verſetzte ihn in unbeſchreibliche Wuth; ich hatte alle Mühe, ihn zurück⸗ zuhalten, daß er nicht ſofort hinlief, um an dem Grafen per⸗ ſönliche Rache zu nehmen. Mit einem nicht minder großen, wenn auch weniger peinlichen Intereſſe erfüllte ihn die Erzäh⸗ lung des Stelldichein im Rabenthal, das leider abgebrochen werden mußte, als ich hoffen durfte, die junge Dame endlich zum Sprechen gebracht zu haben. Indeſſen waren doch ver⸗ ſchiedene Punkte in ein klares Licht geſetzt worden. Zuerſt ihre Liebe zu Egbert, von der Egbert jetzt ſo wenig wiſſen wollte, als ob eine ſolche Vermuthung auszuſprechen, oder gar von einer Gewißheit zu reden, eine perſönliche Beleidigung für ihn in ſich ſchließe. Ich bitte Dich, rief er, ſage mir nichts mehr davon! Ich 8* 116 weiß, daß es unmöglich iſt. Ich will mich nicht mit einem Gedanken tragen, der mir wie ein Frevel vorkommt, ein Frevel an dieſem holdſeligen Mädchen. Und was hat ſie im Rabenthal gewollt? Irgend einen zwingenden Grund muß ſie doch gehabt haben, und das kann nur die Liebe geweſen ſein. Oder die Verzweiflung, ſagte Egbert; denn das iſt ja klar, daß man ſie zwingen will, den verdammten— Egbert zer⸗ malmte das Ende der Phraſe zwiſchen ſeinen knirſchenden Zäh⸗ nen, ſchluckte es mühſam hinunter und fuhr dann fort: Nun ſucht das arme Mädchen Hilfe, wo es Hilfe findet, und wes⸗ halb ſollte ſie da nicht Dich— Ebenſo gut nehmen, wie einen Andern? ſehr ſchmeichelhaft! Aber, Egbert, wir haben nicht Zeit, mit einander Verſteckens zu ſpielen. Sage mir lieber, wie kommt ſie zu ihrem Deutſch? und was bedeutet es, daß man dieſen Umſtand ſo ſorgfältig verheimlicht hat? daß der Amerikaner mir ſelbſt und überall verſichert hat, Niemand von ſeiner Familie außer ihm verſtehe eine Silbe deutſch? Ich erkläre mir das ſehr einfach, erwiederte Egbert; er weiß es vermuthlich wirklich nicht, daß ſie deutſch verſteht; ſie ſind ja ſchon ſeit mehreren Monaten in Deutſchland: in Baden, Berlin, was weiß ich. Sie wird es heimlich gelernt haben, zu ihrem Vergnügen. Du ſiehſt ja, daß ſie von der übrigen Fa⸗ milie ſo gut wie losgetrennt iſt. Vielleicht hat ſie auch ein ganz beſonderes Sprachtalent; dieſe amerikaniſchen Damen ſollen ja manchmal erſtaunlich viel wiſſen. Ich murmelte etwas von mangelhafter Orthographie, in⸗ dem ich den Zettel, den ſie mir heute Morgen durch die taube Alte geſchickt hatte, aus der Weſtentaſche nahm und ihn Egbert überſetzte. Egbert ließ ſich den Zettel geben, ihn mit ſtrenger, faſt finſterer Miene betrachtend, wie ein Lehrer ein ſehr mißrathenes Exercitium. Dann faltete er ihn mehrmals zuſammen— offen⸗ bar in tiefſter Zerſtreuung— und ſteckte ihn— augenſchein⸗ lich, ohne zu wiſſen, daß er es that— in ſeine Weſtentaſche. 117 Ich dachte großmüthig, Weſtentaſche iſt Weſtentaſche, und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf den bedeutenden Vortheil, der uns durch den Umſtand, daß Miß Ellen deutſch verſtand, erwachſen ſei. Jetzt kommt es wahrlich nur auf Dich an, rief ich; darauf, daß Du die erſte beſte Gelegenheit benutzeſt, ihr Deine Liebe zu ge⸗ ſtehen, endlich einmal für Dich ſelber zu ſprechen. Ich für mein Theil bin froh, daß ich meines undankbaren Dienſtes überhoben bin. Ihr braucht mich nicht mehr; nun ſeht aber auch ſelber zu, wie Ihr fertig werdet. Du wirſt mich nicht verlaſſen, Fritz! ſagte Egbert, indem er meine beiden Hände ergriff und mir angſtvoll mit ſeinen guten Augen in die Augen ſchaute. Es waren dieſelben Augen, deren ich mich von der Tertia her ſo wohl erinnerte, wenn er des Morgens um halb acht die lateiniſche Präparation noch nicht angefangen hatte, und ich ihm, behufs ſchnellerer Geſchäftserledigung, die Bedeutungen der fürch⸗ terlichen Worte mit Bleiſtift am Rande notirte. Ich drückte ihm die Hände. Wir gingen bis zum Mittag im Kurgarten auf und ab, die Möglichkeiten der Fahrt heute Nachmittag beſprechend. Zu der wurde lebhaft gerüſtet. Nach getroffener Verab⸗ redung ſollte das Mittagsmahl heute eine Stunde früher ein⸗ genommen werden, und zwar in der offenen Halle des Gartens, da der große Saal im Kurhauſe bereits zu dem Ball, mit dem das Feſt würdig geſchloſſen werden ſollte, geſchmückt wurde. Doch fand ſich die Geſellſchaft in der Halle nur ſehr ſpärlich ein. Einige hatten vorgezogen, lieber ein ſicheres Frühſtück ein⸗ zunehmen, als auf ein unſicheres Mittagbrod zu warten, und erſchienen in Folge deſſen gar nicht. Zu dieſen gehörten die Amerikaner. Andere waren mit ihrer Toilette nicht fertig ge⸗ worden und kamen zum letzten Gang— wie die Damen von Puſterhauſen(ſchmerzlich erwartet von Herrn Linder, der ſeinen Gram über das lange Ausbleiben der Angebeteten vergeblich durch doppelte Portionen zu bekämpfen geſucht hatte); wieder Andere waren wohl rechtzeitig erſchienen, aber offenbar in der übelſten Laune. Dies war der Fall mit dem geſammten eng⸗ 118 liſchen Kränzchen, vor Allem mit Frau Juſtizrath Scherwenzel, deren blaßrothes Haubenband, das ſie ſehr feſt unter dem Kinn zuſammenzubinden pflegte, fortwährend in der Nähe des rechten Ohres der Frau Oberpoſt⸗Directorin von Dinde in wackelnder Bewegung war, während die kleinen, blaſſen Augen der Dame beſtändig giftige Blicke nach der Seite des Tiſches warfen, wo ſich die Schaar der Treuen um Frau Herkules und Fräulein Kernbeißer geſammelt hatte, und wo ebenfalls ungemein eifrig converſirt wurde mit gelegentlichem Peletonfeuer ärgerlicher Blicke nach der Richtung des engliſchen Kränzchens. Ich ſah auch, wie Doctor Kühleborn, als girrende Friedenstaube, von einer Partei zur anderen flatterte, aber ohne daß ihm Jemand ſein Oelblatt abnehmen wollte. Ich hatte die Geſellſchaft wäh⸗ rend meiner Anweſenheit in Tannenburg eifrig genug ſtudirt, um ungefähr zu wiſſen, was dieſe Aufregung hervorgebracht hatte, und wo meine Wiſſenſchaft zu Ende ging, konnte Linder, der Allwiſſende, nachhelfen. Die Sache iſt die, ſagte Linder, indem er einen Hühner⸗ flügel tranchirte, daß wir nur vier große Leiterwagen, zu zwanzig Perſonen jeden, haben; außerdem die Chaiſe des Wirthes, die von den Amerikanern occupirt iſt, des Doctors Phaston, in welchem nur für zwei Platz, und ein paar Einſpänner, die alle ſchon beſetzt ſind. Das hat bei ſonſtigen ähnlichen Gelegenheiten ausgereicht; man behalf ſich eben und theilte friedlich die Leiden einer Leiterwagenfahrt. Aber die Anweſenheit des Herzogs hat den Samen der Zwietracht in die Geſellſchaft geſtreut, und dieſer Samen iſt in den letzten zwei Tagen herrlich aufgegangen. Meine Schwiegermama— hier lächelte der Dichter— iſt durch das Benehmen des eng⸗ liſchen Kränzchens bei Emma's und Käthchen's Unfüllen tödt⸗ lich beleidigt und hat ihnen offene Fehde angekündigt. Nicht minder offene Fehde, wenn auch aus einem mir näher liegen⸗ den Grunde, wüthet zwiſchen meinem blonden Käthchen und der brünetten Frau Herkules, die, ach! nicht mehr mein iſt. Wiederum haben die Lorbeeren des engliſchen Kränzchens Fräu⸗ lein Kernbeißer nicht ſchlafen laſſen; ſie hat proponirt und es 119 durchgeſetzt, daß die Kinder der mater pulchra bei der Ein⸗ weihung des Herzogenſteines eine große Rolle ſpielen— ich glaube, Blumen ſtreuen ſollen— oder ein ähnliches Nonſens, während mater pulchra ſelbſt als Waldfrau erſcheinen und ein Gedicht— natürlich von Fräulein Kernbeißer— recitiren wird. Nun bringen Sie einmal dieſe Capulets und Montecchis in den drei Leiterwagen unter, denn einer geht ab für die Muſik. Kühleborn's diplomatiſches Genie wird ein weites Feld haben. Sehen Sie nur, wie er vielgeſchäftig von einer Gruppe zur andern rennt! Und da kommen die Wagen ſchon! In der That rangirten ſich dieſe eben auf dem großen Platz vor dem Kurhauſe. In demſelben Augenblicke brachen auch die drei Hauptparteien, die Führer voran, aus dem Kur⸗ garten auf und eilten in ſchnellem Schritt, der zuletzt in einen kurzen Trab fiel, den Wagen zu, um im Namen der Partei von denſelben Beſitz zu ergreifen. Unglücklicherweiſe aber war dieſen dreien eine vierte Partei zuvorgekommen, eine Schaar von meiſt jüngeren, alleinſtehenden Herren, die die Kegelbahn und das Billardzimmer zu vereinigen pflegte, und die es ſich ebenfalls nicht nehmen laſſen wollte, bei der Fahrt„unter ſich“ zu ſein. Vergebens, daß Doctor Kühleborn mit ſeiner ganzen Beredtſamkeit für„bunte Reihe“ plaidirte. Der Kegelklub wollte nichts davon wiſſen; wer noch zu ihnen hinauf wolle, möge kommen, aber hinunter ſtiegen ſie nicht wieder. So blie⸗ ben denn für die Anderen eigentlich nur noch zwei Wagen, die zu beſteigen man ſich beeilen mußte, denn die Pferde, von dem großen Lärm rings um ſie her erſchreckt, fingen an unruhig zu werden. Frau Herkules, die ſehr nervös war, kreiſchte, die ſchönen Kinder ſchrieen; Doctor Kühleborn, dem die Geduld zu reißen anfing, nahm einen Befehlshaberton an und machte die Sache nur noch ſchlimmer; der Wagen des Kegelklubs, der ſeine Ladung eingenommen— auch Egbert und ich hatten hier ein Unterkommen gefunden— ſetzte ſich in Bewegung; von dem Muſikantenwagen, der, vorauffahrend, ſchon die Ecke des Kurhauſes paſſirt hatte, erſchallten programmmäßig die feierlichen Klänge von:„Muß i denn, muß i denn zum Städtl hinaus“ 120 zur Verzweiflung einiger Dorfhunde, die der Spektakel herbei⸗ gelockt. Mein letzter Blick fiel auf die Wirthschaiſe, welche noch immer der Amerikaner harrte, und auf Käthchen von Puſter⸗ hauſen, welche offenbar keinen Platz hatte finden können, und jetzt an Linder's treuem Arm von Wagen zu Wagen geleitet wurde, aber ohne daß ſich von irgendwoher liebevolle Hände nach ihnen auszuſtrecken ſchienen. VI. Indeſſen mußte ſich doch irgendwie Alles arrangirt haben, denn als wir nicht weit hinter Tannenburg die ſteil anſteigende Chauſſee langſam hinaufklommen, konnten wir, da wir die zweiten in der Reihe waren, die ganze Karavane an einer Stelle überblicken. Die Chaiſe mit den Amerikanern ſchloß den Zug; aber ich ſah ſie nur einen Augenblick, dann machte der vielfach ſich ſchlängelnde Weg eine Biegung. O du herrliche Fahrt durch das Waldgebirge im zauber⸗ haften Licht eines Herbſtnachmittags! wie gern denk ich deiner, wenn im ſchattig kühlen Zimmer ein bequemer Fauteuil mich umfängt! Wie hüpfte mir das Herz im Leibe bei den ener⸗ giſchen Stößen des Leiterwagens, die ich, gerade über einer der Achſen ſitzend, ſo zu ſagen, aus erſter Hand erhielt! wie ner⸗ venſtärkend waren die elektriſchen Schläge, welche man in das Rückgrat empfing, ſobald man einen Verſuch machte, an der guirlandenumwundenen Leiter nach hinten ein Lehne zu ſuchen! welch herzliches Gelächter erweckte es, wenn man, während der muntere Wagen über einen Stein hüpfte, ſeinem vis-à vis in die Arme flog! Wie blendend ſchön war der Glanz der ſchrägen Sonnenſtrahlen, die nicht müde wurden, mir auf der ganzen Fahrt direct in die Augen zu ſcheinen! wie tief poetiſch der Geſang der Jünglinge des Kegelklubs, die, von der Situation 121 begeiſtert, in folgerichtiger Ideenaſſociation„Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten“ unisono anſtimmten! wie aufregend der Momenr, als an einer abſchüſſigen Stelle des Weges der vierte Wagen, deſſen feurige Pferde doch auch ein Vergnügen haben wollten, aus der Reihe brach und in raſſelnder Eile an uns vorüber⸗ donnerte, während die geängſteten Inſaſſen— die Damen des engliſchen Kränzchens mit ihren Herren— ein Zetergeſchrei erhoben, laut genng, alle ſeit zwei Jahrtauſenden eingeſchlafe⸗ nen Dryaden des Waldes aus ihrem Schlaf zu wecken! O du herrliche, herrliche Fahrt! man fühlte förmlich eine Ent⸗ täuſchung, als du nach zwei Stunden, ohne daß ein roman⸗ tiſcher Unfall eingetreten wäre, vor dem Chauſſeehauſe auf dem Nonnenkopf ein ganz gewöhnliches Ende nahmſt! Denn hier war die erſte Station der Feſtfahrer. Vom Nonnenkopfe ſollte nach dem Programm unter Vortritt der Muſik und Führung des Herrn Winzig, den man zu dieſem Zweck engagirt hatte, paarweiſe durch den Forſt auf ſchmalen, nur dem Jäger bekannten Pfaden zur Landgrafenſchlucht ge⸗ zogen werden, wo über dem verlaſſenen Porphyrſchacht der Stein ſich erhob, dem die Feier des Tages galt. Den Rück⸗ weg wollte man in der Kühle des Abends zu Fuß machen über die Helenenquelle, auf einem ziemlich ſteilen, aber viel näheren Wege. Man war froh, die Wagen los zu ſein, über deren mangelhafte Conſtruction nur eine Stimme war. Das unglück⸗ liche Vergnügungs⸗Comité wurde mit Vorwürfen überſchüttet; Doctor Kühleborn bewies vergeblich, daß eine Leiterwagenfahrt die geſündeſte Motion von der Welt und die Menſchheit eigent⸗ lich erſt krank geworden ſei, ſeitdem man die Thorheit begangen habe, die Wagen in Federn zu hängen. Nun, meine Nerven werden dies ſobald nicht verwinden, ſagte Frau von Puſterhauſen, die ſich, in Ermangelung eines ihrer würdigeren Platzes, auf einen Chauſſeeſtein geſetzt hatte; Du kannſt von Glück ſagen, Käthchen! Käthchen war, als ſie am Arm ihres Sängers durch die überfüllten Leiterwagen irrte, von dem Inhaber eines der Ein⸗ ſpänner, einem behäbigen Bremer Kaufmann, der in weiſer 122* Vorſicht dies Fuhrwerk ſchon geſtern Mittag mit Beſchlag be⸗ legt hatte, aufgefordert worden, das noch reſtirende Drittel ſeines Sitzes(zwei Drittel brauchte er nothwendig ſelbſt) ein⸗ nehmen zu wollen, und ſie hatte dies Anerbieten angenommen, während ſich der Sänger noch irgendwo auf einen Leiterwagen klemmte. Die Folge davon war, daß der Bremer, den man im Puſterhauſen'ſchen Lager bis dahin gar nicht beobachtet hatte, auf dem Nonnenkopfe der dankbaren Mutter in aller Form vor⸗ geſtellt und von derſelben des gnädigſten Empfanges gewürdigt wurde. Ich fürchte nur, Herr— A. B. Meier, ſagte der Bremer, Firma A. B. Meier und Compagnie. Ach, danke! mein Gedächtniß iſt ſo erbärmlich, ich fürchte, Herr Abemeier, mein Käthchen wird Sie ſehr beläſtigt haben. Im Gegentheil, rief Herr A. B. Meier, im Gegentheil, die Laſt iſt ganz auf meiner Seite! zweihundert Pund Zoll⸗ gewicht netto unter Brüdern! und der joviale Bremer lachte überlaut, Frau von Puſterhauſen lächelte, Fräulein Emma ticherte, und Fräulein Käthchen ſchlug erröthend die Augen nieder. Spiritus flau, Leberthran begehrt, murmelte Linder, der neben mir ſtand und eben ſo wie ich dieſe Scene beobachtet hatte; meinen Sie nicht? Ich hatte nicht Zeit, die weiteren Coursnotirungen des Sängers abzuwarten, denn meine Aufmerkſamkeit war bereits anderweitig in Anſpruch genommen. Die Amerikaner, welche mit ihrer Chaiſe den Zug geſchloſſen hatten, waren eben angelangt. Der Graf, welcher neben dem Kutſcher auf dem Bock geſeſſen, war herabgeſprungen, den Damen beim Ausſteigen behilflich zu ſein; Mr. Cunnigsby verhandelte mit dem Kutſcher, wie es ſchien, nicht zur Zufriedenheit des Mannes, der wiederholt den Kopf ſchüttelte und, als der Amerikaner ſich von ihm abge⸗ wandt hatte, ein Geſicht ſchnitt, während er langſam die Stränge ab⸗ ſtreifte. Dies fiel mir auf. Die anderen Wagen waren bereits wieder umgekehrt, oder im Begriff, fortzufahren. Sollte der Amerikaner den Rückweg zu Wagen machen wollen und ſo — —— 123 einen Plan, den ich heute Morgen mit Egbert verabredet hatte, vereiteln? Ich ſuchte Egbert, konnte ihn aber nicht entdecken. Viel⸗ leicht war er ſchon vorausgegangen. Der Zug, in den unter⸗ deſſen— Dank dem unermüdlichen Eifer Doctor Kühleborn's und ſeines Generalſtabes— eine Art von Ordnung gekommen war, ſetzte ſich eben in Bewegung, voran der Rieſe, als Führer, dann die Muſik, welche:„Wer hat dich, du ſchöner Wald“ blies; dann die Jünglinge des Kegelklubs, fahneſchwenkend und unisono den Tert zur Melodie ſingend, hinter ihnen die ſchö⸗ nen Kinder der ſchönen Mutter, weißgekleidet und Blumenkörbe tragend, dann die übrige Geſellſchaft, paarweiſe, die Amerika⸗ ner— was man ſehr beifällig bemerkte— mitten darunter, Ellen am Arm des Grafen, wie ich nur noch eben flüchtig ſah, denn ich hatte mich hinter ein paar krauſe, junge Tannen ge⸗ ſteckt, ungeduldig harrend, daß der Zug ganz an mir vorüber⸗ gezogen ſein würde. Endlich waren die Letzten im Walde verſchwunden, der Platz vor dem Förſterhauſe war leer bis auf die Chaiſe der Ameri⸗ kaner; der Kutſcher ſtand bei den Pferden und kraute ſich hinter dem Ohr, von dem er die Mütze geſchoben hatte. Ich trat raſch auf ihn zu. Nun, ſagte ich, und Sie bleiben hier, Chriſtian? wollen denn die Amerikaner zurückfahren? Sie wollen ja wohl, ſagte Chriſtian. Haben Sie denn das gleich ausgemacht, Chriſtian? Es ſchien mir, als ob Sie mit dem Amerikaner ſich nicht einigen könnten. Es war nichts nicht ausgemacht, ſagte Chriſtian; aber ich dachte, ich könnte auch zurückfahren, wie die Andern. Willſt ſtill ſtehen, Fuchs! und Chriſtian ließ ſeinen Peitſchenſtiel un⸗ ſanft auf die Rippen des Sattelpferdes fallen. Und heute iſt noch dazu Vor⸗Kirmeß, Chriſtian; da wird gewiß in der Schenke getanzt; es wird ſpät werden, bis Sie zurückkommen. Chriſtian warf einen verzweifelnden Blick nach dem Himmel⸗ an welchem die heiße Nachmittagsſonne ſchon ziemlich tief ſtand. 124 Hören Sie, Chriſtian, ſagte ich, wenn vorher nichts aus⸗ gemacht war, ſind Sie eigentlich gar nicht verpflichtet zu bleiben; es müßte Ihnen denn auf das Trinkgeld, das Ihnen der Ame⸗ rikaner verſprochen haben wird— Chriſtian lachte höhniſch. Ja wohl verſprochen! ich habe aber noch keinen Groſchen zu ſehen bekommen, und fahre ſie nun ſchon drei Wochen lang jeden Tag im Walde herum. Ich griff in die Taſche. Chriſtian, ſagte ich; ich glaube, Sie werden noch lange vergeblich auf das verſprochene Trinkgeld warten. Jedenfalls ſind fünf Thaler in Ihrer Hand beſſer, als zehn, die mög⸗ licherweiſe in des Amerikaners Portemonnaie ſtecken bleiben. Und nun machen Sie, daß Sie Ihre Pferde wieder angeſchirrt bekommen, und trinken Sie heute Abend auf meine Geſundheit. Chriſtian ſah mich verblüfft an, kratzte ſich mit der einen Hand hinter dem Ohr, ließ aber gleichzeitig aus der andern — der größern Sicherheit wegen— das Geld in ſeine Taſche gleiten, ſchob dann die Mütze mit einem reſolutem Ruck zurecht und griff den Pferden in die Zügel, ſie wieder vor den Wagen drängend. Recht ſo Chriſtian, ſagte ich; unſer Einer will auch ſein Vergnügen haben. Chriſtian, der ſchon wieder auf dem Bock ſaß, grinſte, hieb auf die Pferde und fuhr ſo ſchnell davon, als ob ſtatt der Amerikaner ſein eigenes böſes Gewiſſen in der Chaiſe ſäße. Ich verfolgte den davonrollenden Wagen mit den Blicken, bis er hinter einer Waldecke verſchwunden war, dann eilte ich dem Feſtzuge nach. Von dem war natürlich nichts mehr zu ſehen, aber ich hörte, wenn auch nur ſchwach und undeutlich, die Klänge der Muſik. Ich hoffte, in zehn Minuten die Wallfahrer einzuholen. Unglücklicherweiſe theilte ſich der Weg. Ein Pfad führte durch den Hochwald bergab, ein anderer an dem Rande des Waldes hielt ſich auf der Höhe, ja ſchien noch höher führen zu wollen. Ich ſchlug nach kurzem Beſinnen den letzteren ein, da ich mich erinnerte, gehört zu haben, daß der zukünftige ———— 125 Herzogenſtein einer der höchſten Punkte der Umgegend ſei. Frei⸗ lich verſtummte die Muſik, nachdem ich kaum hundert Schritte gemacht hatte, aber ſie konnten doch nicht„Wer hat dich, du ſchöner Wald“ mit Grazie in infinitum ſpielen. Schön war der Wald— das empfand ſelbſt ich, ſo ſehr auch mein Kopf in dieſem Augenblicke mit anderen Dingen an⸗ gefüllt war. Noch nie hatte ich ihn ſo ſchön geſehen, noch nie ſo tiefe ſatte Lichter auf den bemooſten Stämmen und in den dunklen Pyramiden der ehrwürdigen Tannen, noch nie ſo köſt⸗ liche blaue Schatten in den Gründen, in die mein Blick von Zeit zu Zeit fiel. Und dann die märchenhafte Stille, daß es ordentlich ein lautes Geräuſch machte, wenn mein Fuß auf ein vertrocknetes Zweiglein trat. Und dazu, in dieſer kühleren Abendſtunde nach dem heißen Tage, der würzige Harzduft, von dem der ganze Wald erfüllt war, wie ein Tempel von Weih⸗ rauch! und das melancholiſche Zirpen der Vögel— die einzigen Stimmen, die ſolche Stille nicht ſtören, die ſie nur noch ſtiller, noch feierlicher machen! Ja, der Wald war ſchön, und das Leben war ſchön und die Liebe! Ich dachte der Gattin und der Kinder in der Ferne, und ſegnete ſie mit meinem beſten Segen! und dachte Egbert's und ſeiner holden Geliebten, und wünſchte ihnen von ganzem Herzem, daß ſie ſo glücklich werden möchten, wie ich mich ſelbſt in dieſem Augenblicke fühlte! Aber jetzt hätte ich den Zug doch mittlerweile erreicht haben müſſen. Wenn ſie auch einen Vorſprung von zehn Minuten hatten, ſo war ich doch bereits eine Viertelſtunde gegangen, und gewiß noch einmal ſo ſchnell, als der ſchwerfällige Zug mit ſeinen Muſikanten, Fahnenſchwenkern und blumentragenden Kindern. Ich ſtand ſtill, um mich zu orientiren. Der Pfad, auf dem ich mich befand, konnte, das ſah ich nun wohl, nicht der rechte ſein; indeſſen das Unglück war nicht groß. Ich mußte, wenn ich mich rechts durch den Wald ſchlug, auf den andern Pfad treffen, vorausſichtlich direct auf die Wallfahrer, die ich jedenfalls ſchon überholt hatte, ſo daß ich bei demſelben raſchen Tempo gewiß die zwei Seiten des Dreiecks in derſelben Zeit 126 zurücklegte. Das Unterholz war nicht allzu dicht, der Boden allerdings faſt überall mit Heidelbeerkraut fußhoch überſponnen, aber— es führt kein anderer Weg nach Küßnacht— und ich trat muthig in die Waldeshallen. Anfangs ging es bergab— aber es mußte ja bergab gehen. der andere Pfad hatte auch bergab geführt; dann ging es bergauf, aber das war ein Glück, denn, wenn es immer bergab ging, konnte ich unmöglich auf den Herzogenſtein kommen, der doch bekanntlich einer der höchſten Punkte in der Umgegend war. Dann ging es wieder bergab, aber dergleichen launen⸗ hafte Terrainverhältniſſe ſind eben die Eigenthümlichkeit von Waldgebirgen; dann ging es wieder bergauf,— aber dies wird doch nachgerade zu arg! Zerklüftetes Urgeſtein, von nackten knotenreichen Tannenwurzeln, wie von Polypenarmen, umrankt; zwiſchendurch mächtige Farrnkrautfächer, unter denen eine Quelle von den Felſen ſickert und unten den ſchwarzen Waldboden, auf dem ich ſtehe, durchweicht! Da möchte man doch zu einer wilden Katze werden, um hinauf zu kommen! Und doch, wenn dies der Fuß des Herzogenſteines wäre, der eine Fuß, den er in den Wald ſetzt, während der andere auf der entgegengeſetzten Seite in der Landgrafenſchlucht ſteht! Aber ſo müßte ich doch jetzt die Geſellſchaft hören, zum wenigſten die Muſik: wer hat dich du ſchöner Wald... ja wohl, ein ſchöner Wald, ein ver⸗ herter Wald! das iſt nun ſchon das zweite Mal, daß er mich nasführt, und diesmal noch dazu unter höchſt erſchwerenden Umſtänden. Ich zog meine Füße aus dem Moorboden, in welchem ſie zu verſinken drohten, ſetzte mich in einiger Entfernung auf einen trockenen Stein und überlegte, was ich nun thun ſollte. Das Zurück war nicht minder bedenklich, als das Vorwärts. Wer ſtand mir dafür— ich gewiß nicht!— daß ich in dieſem La⸗ byrinth von hinab— hinauf, hinauf— hinab den pfadloſen Pfad, den ich gekommen wieder finden würde? Ueberdies war jetzt bereits eine Stunde vergangen, ſeitdem ich das Förſterhaus verlaſſen, und man hatte höchſtens zwei Stunden auf dem Herzogen⸗ ſtein bleiben wollen, um noch mit dem letzten Abendlicht nach —,— 127 Tannenburg zurückzukehren. Traf ich alſo die Geſellſchaft nicht bald, ſo hatte ich die Gewißheit, ſie überhaupt nicht mehr zu treffen, und das würde mir des armen Egbert's wegen ſehr leid gethan haben. Die ſchöne, ſchöne Gelegenheit des Heimwegs durch den dunkelnden Wald— eine Gelegenheit, auf die wir ſo ſehr gerechnet hatten und die uns doch ohne meine Dazwiſchen⸗ kunft entgangen wäre! Jetzt war es wieder möglich, ſich an Ellen zu drängen, wenn ich muthig ſecundirte, und da ſaß ich hier im tiefen, tiefen Wald, verirrt, gefangen— es war zum Verzweifeln! Ich ſprang von meinem Sitze auf und begann reſolut die Felſenterraſſe zu erklimmen, vielleicht, daß noch Alles gut ging, ich wenigſtens, oben angelangt, einen Ueberblick über das Terrain bekam. Es war ein beſchwerliches Stück Arbeit, viel beſchwer⸗ licher, als ich irgend gedacht hatte, und ging ſehr langfam von Statten; denn die Höhe wurde immer ſchroffer. Der Schweiß rieſelte mir von der Stirn in die Wimpern; meine Bruſt kochte, und jetzt ſtand ich vor einer Felswand, die ſich glatt und ſenk⸗ recht wohl zwanzig Fuß über mir erhob. Dies geſchah ſo plötzlich, und der Eindruck der abſoluten Unmöglichkeit, hier weiter zu kommen, war ir Abeenge daß ich in Ge⸗ lächter ausbrach.⸗ Seſam, öffne dich ſagte 6 inden i mit meinem Sto gegen die Felswand pochte. Aber, ſei es, daß ich nicht den rechten Fleck getroffen, ſei es, daß deutſche Berggeiſter auf arabiſche Zauberformeln nicht vereidigt ſind— die Wand öffnete ſich nicht, und es blieb mir nichts übrig, als zu ſehen, ob ſie nicht nach rechts oder links ein Ende nahm. Das that ſie denn auch vernünftigerweiſe in einiger Entfernung, und das Steigen und Klettern begann von Neuem. Die Bäume fingen an, weniger hoch und dicht zu ſtehen, hörten endlich ganz auf, und ich erklomm eine abſchüſſige, mit Steinen und Haidekraut überdeckte Fläche und ſtand oben auf dem kahlen Gipfel des Berges. Keine Spur von einer Landgrafenſchlucht, von einem Herzogenſtein; hier und da in der Nähe eine Lichtung, von deren einer Rauch aufſtieg, ſonſt überall 128 die dunkleren und helleren Wipfel des Waldes, und in der Ferne die ganze Kette des Gebirges, in der ich den Eiskopf mit ſeinem Thurm, den großen und kleinen Adlerberg und andere mir be⸗ kannte Höhen unterſchied. Während ich die Felſen emporklomm, war es dunkler ge⸗ worden; ich hatte in meinem Eifer nicht darauf geachtet, oder hatte es ſelbſtverſtändlich gefunden, daß zwiſchen den Felſen unter den hohen breitkronigen Bäumen der Abend ſchneller hereinbrach. Jetzt blickte ich zum Himmel auf und ſah, daß eine große ſchwarze, an den Rändern ausgezackte Wolke ſchnell von Oſten und zwar gegen den Wind, der ſich plötzlich erhoben hatte, heraufzog. Der Wald wurde dunkel unter ihr, hier nur und da noch einige ſonnebeſchienene Stellen, die aber alsbald ver⸗ ſchwanden, ſo daß nur ein einziges fahles Licht ſich über das Wäldermeer breitete, deſſen grüne Wellen jetzt zu rauſchen be⸗ gannen, während der Wind in eigenthümlich klagenden, langen Stößen darüber hinſtrich. Dazu leuchteten die fernen Höhen⸗ züge, welche die Sonne noch traf, in beinahe unheimlichem Glanz, bis auch der urplötzlich erloſch und in demſelben Augenblick, unter gewaltigem Heulen des Sturmes, ein wolkenbruchartiger Regen niederfiel. Hier war keine Zeit zum Beſinnen. Ich eilte, was ich konnte, von der kahlen Höhe herunter, um unter den Bäumen wenigſtens einigen Schutz vor dem Wetter zu finden. Dann, als ich dort angekommen, fiel mir ein, daß man nicht wiſſen könne, wie lange das dauern würde, und daß ich doch wohl am beſten thäte, den Reſt des Tageslichtes zu meiner Rückkehr zu benutzen. Ich hatte mich noch, ehe ich den Gipfel verließ, überzengt, daß der Rauch, den ich von der einen Lichtung hatte aufſteigen ſehen, aus dem Schornſtein des Förſterhauſes kommen müſſe, und ich glaubte, die Richtung einhalten zu können. So eilte ich mit langen Schritten bergab durch den Wald und hatte wirklich hier unten zwiſchen den dicken Stämmen weniger von dem Unwetter zu leiden. Aber über mir tobte und raſ'te die wilde Jagd. Die ſchwarzen Wolken ſtreiften faſt die hinüber und herüber ſchwan⸗ 129 kenden Häupter der Baumrieſen, die, wie von Schmerz gefoltert, ſtöhnten und ächzten, während ſie gegenſeitig mit den knorrigen Rieſenarmen auf einander losſchlugen. Dazu praſſelte und klatſchte der Regen— Ihr armen Kinder in Euren weißen Kleidchen, dachte ich, wie wird es Euch ergehen! Diesmal begünſtigte mich der launiſche Geiſt des Waldes. Ich war kaum eine halbe Stunde immer querwaldein getrabt, als ich plötzlich, zu meiner nicht geringen Keberraſchung und Freude, aus den Bäumen heraus auf den Platz vor dem Förſterhauſe des Nonnenkopfes trat. In demſelben Augenblicke mit mir langte, von der andern Seite kommend, die Geſellſchaft an. Jupiter Pluvius! in welchem Zuſtande! helle Sommerkleider, bunte Bänder, kokette Strohhüte, nickende Federn, wallende Fahnen— Alles, Alles zu einem unterſchiedsloſen Grau zu⸗ ſammengeregnet— ſo drängte ſie nach dem Förſterhauſe, das, aus einer kleinen Gaſtſtube, einer etwas größeren Wohnſtube und einer rauchigen Küche beſtehend, kaum dem vierten Theil der Eindringlinge ein kümmerliches Obdach gewährte. Ein kleiner Kuhſtall und ein offener Schuppen bargen wohl auch noch einige Verzweifelte, aber das mußte auch dem Verzagteſten einleuchten: hier konnte die geſchlagene Armee nicht Fuß faſſen; ſie mußte weiter zurück nach Tannenburg, das man in einer Stunde höchſtens zu erreichen hoffen durfte, und naſſer, als man ſchon war, konnte man auf keinen Fall werden. Ich hatte eben mit einigen Herren, unter denen auch Egbert war, dieſen Plan beſprochen und den Vorſchlag gemacht, daß die Muſik mit„Wer hat dich, du ſchöner Wald“ wiederum voranziehen müſſe, den Verzagten Muth zu machen und den Muth der Muthigen zu erhöhen, als aus dem Hauſe her ein großer Lärm ertönte. Der Amerikaner ſchien eben erſt von der kleinen Frau Winzig in ſichere Erfahrung gebracht zu haben, daß ſeine Hoffnung, auf dem Nonnenkopfe den Wagen, in welchem er gekommen, wieder zu finden, durch das Verſchwinden von Wagen, Roſſen und Roſſelenker illuſoriſch geworden ſei. Sein Zorn war, wie unter dieſen Umſtänden faſt verzeihlich, ſehr groß; er fluchte mit anerkennenswerther Geläufigkeit und verlangte Fr. Spielhagen's Werke. VII. 9 130 in peremptoriſchem Ton für ſich und ſeine Geſellſchaft Zim⸗ mer. Natürlich konnte dieſem Verlangen ſchon aus dem Grunde nicht gewillfahrt werden, weil überhaupt nur ein Zimmer disponibel, und dies eine noch dazu anderweitig beſetzt war. Es hatte ſich nämlich herausgeſtellt, daß die ſchönen Kinder der ſchönen Mutter in dieſem Unwetter unmöglich weiter mit⸗ genommen werden konnten, um ſo weniger, als das kleinſte Schwarzauge— das der Regen im wildeſten Spiel getroffen haben mochte— ſich bereits erkältet hatte und mit brennender Stirn und klappernden Zähnen in einer Ecke des überfüllten Gaſtzimmerchens auf einem eiligſt improviſirten Lager fieberte. Die Stube mußte geräumt werden, an ein Unterbringen der Amerikaner war gar nicht zu denken, beſonders da jetzt der Rieſe, der unterwegs ſeinem Lieblingsgetränke eifrig zugeſprochen hatte, ſeiner Frau zu Hilfe kam und dem ſcheltenden Ameri⸗ kaner, wenn nicht in gutem, ſo doch in verſtändlichem Deutſch erklärte, er würde ihn und ſeine ganze Bagage zum Hauſe hin⸗ aus werfen, falls er nicht ſelbſt— und zwar unverzüglich— für ſein Fortkommen ſorgte. Einem ſo höflichen Erſuchen des Rieſen nicht nachzukommen, mochte dem Amerikaner mißlich erſcheinen, um ſo mehr, als einige Herren, die den letzten Theil des Streites mit angehört hatten, ihre Empörung über die Brutalität des Sclavenzüchters ziemlich unverhohlen zu erkennen gegeben. Daß ich zu dieſen Herren gehörte(die andern waren Egbert und Linder), brauche ich wohl kaum zu bemerken. Ich erlaubte mir, Mr. Cunnigsby auf engliſch mitzutheilen, weshalb er das Zimmer, das bereits von zwei Damen— Frau Herkules und Fräulein Kernbeißer — und vier Kindern beſetzt ſei, nicht haben könne; daß es mir freilich ſehr leid thue, wenn ſeine Damen ſich noch einmal dem Unwetter ausſetzen müßten, daß dies aber genau der Fall ſei, in welchem ſich noch ungefähr dreißig andere Damen ebenfalls befänden, und daß er wohl thun werde, ſich der Geſellſchaft anzuſchließen, die bereis im Abmarſch begriffen ſei. Der Jaguar ſah mich an, als ob er die größte Luſt ver⸗ ſpürte, mich zu verſchlingen, erwiederte aber nichts, ſondern drehte 131 ſich auf dem Abſatz um, ſeine Gemahlin mit ſich fortziehend, während der Graf Miß Ellen, die während der Zeit blaß und zitternd daneben geſtanden hatte, den Arm reichte, und Linder mit jener Geiſtesgegenwart, die dieſen frauenhaft geſinnten Mann ſo vortheilhaft vor andern jungen Männern auszeichnete, Miß Virginia, um die ſich Niemand bekümmerte, ſeinen Arm bot, S— der auch ohne Zögern— ſo groß war der Drang der Um⸗ ſtände— angenommen wurde. Ich hielt Egbert einen Augenblick zurück und ſagte: Egbert, jetzt oder nie! In dieſem Zuſtande des abſoluten Durchgeregnetſeins iſt dem Menſchen Alles möglich, das Schlech⸗ teſte, wie das Beſte. Ich habe gethan, was ich konnte; thue Du das Deine. Wenn das Wetter nicht nachläßt— und ich hoffe, es läßt nicht nach— wird der Rückzug nach Tannen⸗ burg zu einer Déroute werden, und da muß ſich ein Moment finden, wo Du Dich Ellen als Ritter zeigen kannſt. Dann weißt Du, was Du zu thun und zu ſagen haſt. Und nun komm! Egbert antwortete nichts; aber das war ein gutes Zeichen. Es war ſeine Gewohnheit, nicht zu ſprechen, wenn er zum Han⸗ deln entſchloſſen war. Auch war ſein Schritt, mit dem er jetzt, den Andern nach, über die Wieſe vor dem Förſterhauſe in den Wald eilte, ſo energiſch, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Wir holten bald die Geſellſchaft ein, die ſich auf einem breiten, aber ſehr ſteinigen Wege nur mit Mühe fortbewegte. Das Wetter wüthete fort, ja es ſchien ſeine Wuth noch zu ſteigern. Das Krachen in den alten Tannen war wirklich ent⸗ ſetzlich; die Gefahr, von einem herunterfallenden Aſte oder einem ſtürzenden Baume erſchlagen zu werden, drohend genug; und die Lage der Geſellſchaft in der That erbarmenswerth. Vor allen natürlich hatten die Frauen zu leiden, deren dünnes Schuh⸗ zeug längſt durchgeweicht war, da wir fortwährend in Waſſer⸗ bächen waßeten, während ihre langen triefenden Kleider, mit denen der Sturm ſpielte, ihnen das ſchnellere Vorwärtsſchreiten unendlich erſchwerten. Man mußte es den Herren laſſen, daß ſie ſich rüſtig und mit Aufopferung ihrer ſelbſt der Bedrängten 9* 132 annahmen; nichtsdeſtoweniger kam der Zug nur langſam von der Stelle; die Dunkelheit brach erſtaunlich ſchnell herein, und wir hatten immer noch nicht den Rand des Plateau's erreicht, von welchem mehrere ſteile, aber verhältnißmäßig kurze Wege nach Tannenburg hinabführten. Egbert und ich hatten uns fortwährend, ſo gut es gehen wollte, in unmittelbarer Nähe der Amerikaner gehalten; ſchon einige Mal ſchien der erſehnte Moment gekommen, wo Egbert ſich Ellen's hätte bemächtigen können; aber wenn der Graf auch hin und wieder den Arm des jungen Mädchens losgelaſſen hatte, um ſelbſt beſſer fortkommen zu können, ſo war er doch immer dicht an ihrer Seite geblieben. Ich fing an, ſehr unge⸗ duldig zu werden; Egbert blieb ſchweigſam, verwandte aber kein Auge von dem dicht vor uns ſchreitenden Paar. Endlich traten wir aus dem Hochwald auf den kahlen Rand; aber nun traf uns auch das Wetter mit voller Gewalt. Ein wahrer Wolkenbruch goß auf uns herab, oder vielmehr wurde uns von der tollen Windsbraut entgegengeſchleudert, während aus den Schluchten, in die wir hinab ſollten, dichte Nebel uns entgegenwallten und den ſchwachen Reſt von Tageslicht gänzlich auszulöſchen drohten. Die Verwirrung wurde grenzenlos, alle Ordnung löſte ſich. Ein Theil der Geſellſchaft flüchtete wieder unter die Bäume, während ein anderer den breiteren und ſehr ſteinigen Fahrweg verfolgte, den wir bisher gegangen und der auch hier weiter hinab führte, und ein dritter Theil, den Zu⸗ rufen einiger des Weges kundiger Herren nach, in einen Wald⸗ pfad drängte, wo die mannshohen Tannen wenigſtens einigen Schutz verſprachen. Da ſah ich Ellen unmittelbar an meiner Seite, allein, angſt⸗ voll um ſich blickend. In demſelben Momente war aber auch Egbert da. Ich ergriff beide Hände des Mädchens und ſagte: wollen Sie ihm vertrauen? er wird Sie ſicher geleiten! Ein neuer Guß brach über uns herein, zugleich zuckte eine fürchterliche Helligkeit durch den Waſſerdunſt, der ein gewaltiger Donner folgte. Ich mußte gerade in den Blitz hineingeſehen haben, denn 133 ich ſtund einen Moment wie geblendet; als ich wieder um mich zu blicken vermochte, ſah ich Egbert und Ellen nicht mehr. Sie konnten nur in dem ſchmalen Waldpfad, der ſich dicht vor uns aufgethan hatte, verſchwunden ſein. Ich folgte ihnen nicht; was ſollte ich auch bei ihnen? wenn ſie ſich jetzt nicht fanden, war Alles vergebens geweſen; auf jeden Fall konnte ich nichts mehr thun. Es waren nur noch Wenige, die unter den großen Bäumen ſtanden; die Amerikaner und der Graf waren nicht unter ihnen; ſie mußten alſo bereits den Fußweg eingeſchlagen haben. Das that denn auch ich, da ich meinte, daß Frau von Puſterhauſen und ihre Töchter, die ich bei den Nachzüglern entdeckte, unter dem Schutze des Bremers und einiger anderer Herren(zu denen Linder nicht gehörte) wohl ohne mich nach Hauſe kommen würden. So begann ich denn den ſteinigen Weg hinabzuſteigen, ohne mich eben ſehr zu beeilen. Das Wetter hatte mit der furcht⸗ baren Exploſion augenſcheinlich ſeinen höchſten Trumpf ausgeſpielt; es regnete zwar noch immer ſtark, aber doch mit einer gewiſſen Gleichmäßigkeit, die ſehr angenehm gegen die ungeſtümte Raſerei von vorhin abſtach. Ueberdies war ich allmälig durch Alles, was ich heute Nachmittag erlebt, in beſte, ja übermüthige Laune gekommen, in der ich das Ganze und das Einzelne höchſt ergötzlich fand, beſonders die Copulation Egbert's und Ellen's auf der kahlen Haide am Rande des Waldes unter Donner und Blitz. Meine Gedanken weilten fortwährend bei ihnen. Ich kannte den Weg, den ſie gingen, gut genug, um mir die Situation vollſtändig vergegenwärtigen zu können. Der Weg war ſchmal— ſo mißten ſie nahe bei einander bleiben; an einzelnen Stellen ſteil und ſteinig— ſo mußte er ihr die Hand reichen, mußte ſie ſich auf ihn ſtützen. Das gab ihm gleich die köſtlichſte Gelegenheit, ihr ſeine Liebe gleichſam handgreiflich zu machen. Eine zartfühlende Fran weiß in ſolchen Situationen ſehr hald den Mann, der liebt, von dem, der nicht liebt, und wiederum den Mann mit anmuthig⸗feinen Sitten von dem rohen Mann zu unterſcheiden. Und dann werden ſie ja doch auch 134 ſprechen. Er wird ſagen: ich ſegne dieſes Unwetter, das mir ein Glück verſchafft— nein, das wird er nun juſt nicht ſagen; aber etwas der Art. Und dann wird ſie ſagen— ja, was wird ſie denn ſagen? Wie lächerlich, daß ich mir darüber den Kopf zerbreche, als ob ich das Alles in einer Novelle zu ſchreiben hätte! Hop, heiſſa! daß ich keine zu ſchreiben habe, ſondern hier im Walde umherlaufen kann, im lieben, naſſen Walde, während da ein paar hundert Schritt weiter unter wirklichen Tannen eine wirkliche Novelle ſpielt! O ich Diplomat, ich Kuppler, ich Tauſendſaſſa! Und ich ſprang und lachte, daß die Andern, von denen ich jetzt die Letzten erreicht hatte, ſich verwundert umblickten. Die Amerikaner ſah ich nicht; ſie mußten ſchon einen zu großen Vor⸗ ſprung haben; aber Jemand kam uns von unten herauf ent⸗ gegen, eiligen Schrittes. Es war der Graf; er hatte vermuthlich Miß Ellen voran im Zuge geglaubt, hatte ſie dort nicht gefunden, und ſuchte ſie jetzt unter den Nachzüglern. Er kam dicht an mir vorüber; ich konnte deutlich trotz der hereinbrechenden Dunkel⸗ heit ſehen, daß ſein plumpes Geſicht von Eile und Aerger glühte. Ich hörte ihn dann nach kurzer Zeit wieder hinter uns her kommen und ſah ihn abermals an uns vorübertraben. Er kannte offenbar jenen zweiten Weg nicht und wußte nun nicht mehr, wo er das Mädchen ſuchen ſollte. Ich machte mir die Freude, ihm auf franzöſiſch zuzurufen, ob er etwas verloren habe? Er antwortete, was ich nicht verſtand,— möglicher⸗ weiſe einen ungariſchen Fluch. Ich lachte. So ging es bergab, immer bergab. Der Regen ließ mehr und mehr nach. Die Geſellſchaft, die jetzt ſicher war, in wenigen Minuten unter Dach zu ſein, fing an, den Humor von der Sache zu empfinden. Die Männer ſcherzten, die Damen, die bisher lautlos durch wahre Waldbäche gewadet waren, kreiſchten, wenn ſie jetzt über eine ſchmale Rinne ſpringen ſollten, und— wahrhaftig! da erſchallte ja wieder aus den kunſtgeübten Kehlen eines halben Dutzend der Jünglinge des Kegelklubs uniſono: „Wer hat dich, du ſchöner Wald!“ So zogen wir lachend, ſcherzend, ſingend in Tannenburg — ein und trennten uns auf dem Platze vor dem Kurhauſe, die Herren unter dem Verſprechen, ſich ſo bald als möglich in dem Speiſeſaale zu einer Bowle zuſammenzufinden. Ich hatte mich vergeblich nach Egbert umgeſchaut. Ver⸗ muthlich war er ſchon vor mir angekommen, denn der Weg, den er gegangen, war der bei weitem kürzere. Gern hätte ich ihn ſogleich aufgeſucht, aber die Vernunft gebot denn doch, ſich nach dieſer wunderlichen Berg⸗ und Waſſerfahrt erſt einmal umzuziehen. In dem Kurhaus war ein großer Lärm. In allen Zim⸗ mern zu gleicher Zeit wurden die Klingeln gezogen, wurde nach warmem Waſſer, nach Handtüchern, nach Thee und Arac ge⸗ rufen. Die Noth war groß, denn der vielgewandte Louis fehlte überall, ein über Hals und Kopf aus dem Nachbarſtädt⸗ chen verſchriebener Kellner wußte nirgend Beſcheid, und mit der guten tauben Alten konnte ſich keiner verſtändigen. Ich half mir ſelbſt auf meiner Manſarde, ſo gut ich konnte. Meine Ungeduld, Egbert zu ſprechen, ließ mich in kürzeſter Friſt aus meinen naſſen Kleidern in trockene kommen; dann eilte ich in den andern Flügel und traf Egbert in ſehr derangirter Toi⸗ lette, wie er eben mit ſeinem Stiefelknecht, der zu weit war und die durchgeweichten Stiefel nicht energiſch genug faßte, in einem grimmigen Kampfe lag. Abſcheuliches Thier! ſchalt der Zornige, welcher Eſel hat dich gemacht! Ach, Fritz, ſie iſt ſchöner, lieblicher, als ich ſagen kann, als ich mir je habe träumen laſſen, daß ein Geſchöpf auf Erden ſein könne. So, nun bricht das Ungethüm noch entzwei— was ſie geſagt hat? ich weiß es nicht; ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht. Bitte, ſchließe doch einmal die Kommode auf— nein, den oberſten Kaſten, links!— Wir ſind einig. Sie wird nie einen Andern heirathen, nie!— Gott, das iſt ja ein Badetuch, ich ſagte ja: linksl danke! Nun mögen ſie kommen, Alle,— ich will ſchon mit ihnen fertig werden. — Ob man uns geſehen hat? natürlich! wir trafen hier vor dem Kurhauſe zuſammen. Ich ſagte dem Alten: ich habe mir die Erlaubniß genommen, Ihrem Fräulein Tochter auf der 136 letzten Strecke des Weges behilflich zu ſein. Der Affe von einem Grafen, der auch da war, wollte ſich wichtig machen und meinte: ich würde ein ander Mal beſſer thun, zu warten, bis man mich zu dergleichen aufforderte; ich ſagte, ich wüßte ſehr gut, was ich zu thun hätte, und er wäre ſicherlich der Letzte, von dem ich Rath erbitten oder annehmen würde. Dieſer Schuft! hätte er nur noch ein Wort geſagt, ich hätte ihn zu Boden geſchlagen; aber er hielt wohlweislich ſein freches Maul und trollte ſich. Aber wir kommen noch einmal zuſammen, und dann mag er ſich vorſehen. So, nun bin ich fertig. Ich habe einen furchtbaren Durſt. Wir wollen eine Flaſche Champagner trinken; ich könnte ein Meer austrinken! Bei dieſen Worten umarmte mich der gute Junge. Ich er⸗ wiederte die Umarmung von Herzen. Konnte ihm doch Keiner ſein Glück mehr gönnen, als ich! hatte doch Keiner zu dieſem ſeinem Glücke ſo viel geholfen, als ich! dennoch, oder vielmehr gerade deshalb, konnte ich mich der Sorge nicht erwehren. Wußte ich doch am beſten, wie ſchwer es gehalten hatte, den Stein ſo weit zu wälzen, und bis zum Gipfel hinauf war noch ſo mancher Schritt! Dieſe Siegesfreude ſchien mir frevelhaft voreilig. Ich dachte an die Furcht des Mädchens vor ihrem Vater, an die Brutalität dieſes Vaters; auch den Grafen konnte ich nicht— in dieſem Falle wenigſtens nicht— für einen ſo verächtlichen Gegner halten. Er war reich und frech und be⸗ ſaß das Vertrauen der Eltern. Ich machte Egbert auf das Alles aufmerkſam, während wir über den Corridor nach dem Speiſeſaale ſchritten. Aber er wollte nichts davon hören. Wir hatten in ſeltſamſter Weiſe die Rollen gewechſelt. Ich, der ich immer zum Handeln ge⸗ drängt hatte, mahnte jetzt zur Vorſicht; Egbert, der Zweifler, der Fainéant, war auf einmal zum kühnen, ſiegesgewiſſen Rit⸗ ter geworden. Was willſt Du, rief er, indem er die Hand auf den Drücker der Saalthür legte: ſeitdem ich weiß, daß ſie mich liebt, iſt mir alles Andere gleichgiltig. Im Saale ging es bunt her. Eine große Anzahl von S— ——— ——— 137 Herren hatte ſich bereits um einen langen Tiſch zuſammenge⸗ funden; jeden Augenblick kamen andere hinzu, von denen, die ſchon ſaßen, mit Halloh und Lachen begrüßt. Manche Coſtüme waren in der Eile wunderlich gerathen. Auch das erweckte Scherz und Gelächter. Die ſonſt ſo decente Ruhe im Saale hatte heute Abend einem übermüthigen Lärmen Platz gemacht. Die wenigen Damen, die anfänglich noch zugegen geweſen waren, zogen ſich bald zurück. Man unterhielt ſich in burſchikoſem Ton. Die Kellner eilten ab und zu, dem immer neuen Rufen nach Champagner(dem einzigen Wein, der im Kurſaale getrunken werden durfte) zu genügen. Man machte ſich mit den gefüllten Gläſern von Tiſch zu Tiſch Beſuche, um anzuſtoßen und die erlebten Abenteuer auszutauſchen. Die Scene wurde mit jeder Minute lärmender. Ich hatte mich mit Egbert gleich Anfangs an den größeren Tiſch geſetzt, der zumeiſt von Jünglingen des Kegelklubs ein⸗ genommen war. Eine Hand legte ſich auf meine Schulter; es war Linder. Er ſchien mich ſprechen zu wollen; ich ſtand auf, er zog mich geheimnißvoll in eine Ecke. Sie haben ſich viel um die Amerikaner bekümmert, ſagte er; wiſſen Sie etwas Authentiſches über Mr. Cunnigsby's Ver⸗ hältniſſe? Nein, erwiederte ich, weshalb? Der Sänger machte ein noch geheimnißvolleres Geſicht. Sie kennen mich genug, ſagte er, um zu wiſſen, daß ich kein Prahler bin; aber ich glaube, heute Abend alles Ernſtes eine Eroberung gemacht zu haben. Sie ſahen, daß ich oben auf dem Nonnenkopfe Miß Virginia meinen Arm bot; ich habe ſie auf dem ganzen Wege nicht aus dieſem Arm gelaſſen. Wir haben nicht viel mit einander geſprochen; mein Engliſch be⸗ günſtigt nicht eben eine ſehr lebhafte Converſation; aber ſie hat ſich während des ganzen Weges auf mich geſtützt, in einer Weiſe, für die es uur eine Erklärung giebt. Ich gratulire, lieber Freund! ſagte ich. Danke! ſagte Linder, indeſſen, wie Wrangel im Wallen⸗ ſtein ſagt: es ſind ſo manche Zweifel noch zu löſen. Ich will 138 für dieſes Mal ſicher gehen. Ich nehme ein paar Rittergüter in Deutſchland lieber, aber ich bin auch mit einigen Zucker⸗ plantagen in Louiſiana zufrieden; nur, wie geſagt, ſicher müſſen ſie ſein. Aber was wird Fräulein Käthchen dazu ſagen, rief ich lachend, noch dazu nach dem Sonett von heute Morgen? Käthchen iſt für mich verloren, antwortete der Dichter in ſeinem tragiſchen Tone; ein Mädchen, das ſich Hals über Kopf in Leberthran ſtürzt, kann nicht das Weib Arthur Linder's wer⸗ den. Ich habe ſie aufgegeben, oder ſie mich, wie Sie wollen. Ich ſehe, daß Sie ungeduldig werden; nur noch Eins. Der Graf— da kommt er eben herein— ich habe ſeine Bekannt⸗ ſchaft ebenfalls nebenbei gemacht; er iſt auf Ihren Freund fehr ungehalten. Ich geſtehe, daß ich Egbert's Benehmen gleicherweiſe nicht ganz zu billigen vermag. Man iſt einem anerkannten Liebhaber einige Rückſichten ſchuldig, und ſein Benehmen vor⸗ hin gegen den Grafen, als wir vor dem Kurhauſe zuſammen⸗ trafen, war— um es milde auszudrücken— rückſichtslos im hohen Grade. Aber mon dieu, was iſt denn das! Ich antwortete nicht, ſondern eilte von Linder fort nach dem Tiſche des Kegelklubs, wo meine Anweſenheit in hohem Grade nöthig ſchien. Man hatte ſich von den Sitzen erhoben, man ſprach, man ſchrie durcheinander. Ich ſah, wie der Graf, der eben in den Saal getreten war, ſchimpfend und heftig geſticulirend vor Egbert ſtand. Laſſen Sie Ihre Hände in Ruh'! hörte ich Egbert's helle und ſtarke Stimme rufen: oder ich ſchlage Sie nieder wie einen Hund! Ich wollte zwiſchen die Streitenden ſpringen, aber ſchon war es geſchehen. Egbert, deſſen herkuliſche Kraft ſelbſt unter ſeinen kräftigen Landsleuten ſprichwörtlich war, hatte den Grafen, ſo lang und breit er war, mit einem Fauſtſchlage zu Boden gebracht. Der Graf erhob ſich ſogleich wieder und ſprang, ehe wir ihn aufhalten konnten, mit einem Wuthgeheul auf ſeinen Gegner zu, der ihn mit einem zweiten Fauſtſchlage empfing. Der Graf ſtürzte abermals zu Boden, diesmal ohne ſich wieder erheben zu können. 139 Es thut mir leid, ſagte Egbert, aber die Herren ſind Zeugen, daß er es nicht anders gewollt hat. Ich hatte mich mit Linder und einigen Andern bemüht, den Grafen aufzurichten. Er lag ſo ſtarr da, daß ich einen Augen⸗ blick glaubte, Egbert habe ihn getödtet; aber dieſer Schrecken war glücklicher Weiſe unnöthig geweſen. Nach ein paar Momenten ſchlug er die Augen auf, blickte wild umher und konnte ſich, wenn gleich nicht ohne große Anſtrengung, mit Hilfe Linder's und der Andern in die Höhe heben. Ich war, als ich ſah, daß ihm augenſcheinlich kein ernſteres Leid, als was ich ihm von Herzen wünſchte, geſchehen war, zurückgetreten, da ich es für unſchicklich hielt, als Egbert's Secundant mich mehr als unbedingt nöthig mit ſeinem Gegner zu befaſſen. Linder und noch ein Paar führten den Grafen aus dem Saal, und die Thüre hatte ſich kaum hinter der Gruppe ge⸗ ſchloſſen, als die bange Stille, die während des Kampfes ſelbſt und der folgenden Ohnmachtsſcene in dem Raume geherrſcht hatte, einem großen Lärm Platz machte. Jeder wollte ſeine Auffaſſung der Angelegenheit zur Geltung bringen; doch hörte ich aus der babyloniſchen Verwirrung ſo viel heraus, daß man beinahe allgemein auf des Grafen Seite ſtand und die ſchmäh⸗ liche Behandlung einer ſo vornehmen Perſon als eine Art von Majeſtätsverbrechen anſah. Nur einige Brummſtimmen behaupte⸗ ten: der Graf ſei zu brutal geweſen, Egbert habe ſich das nicht bieten laſſen können. Es ſei gut, daß der Graf endlich einmal an den Rechten gekommen iſt. Seine Unverſchämtheit hätte ſchon längſt eine Lection verdient. Möglicherweiſe waren die Eigenthümer dieſer Brummſtimmen ſolche Jünglinge des Kegelklubs, deren Verluſte an den Grafen beim Whiſt oder Billard das Maaß des Erträglichen überſtiegen hatten. Wenigſtens behauptete Egbert das, als wir einige Minuten ſpäter auf ſeinem Zimmer angekommen waren. Er hatte ſich eine Cigarre angezündet und rauchte, in der Sophaecke ſitzend, als ob Alles in beſter Ordnung ſei und ihn kein Menſch, noch ehe die Cigarre ausgeraucht, auf Tod und Leben gefordert haben werde. 140 Ich wußte, daß es ſo kommen würde, ſagte er, und bin deshalb doppelt froh, daß ich es nicht provocirt habe. Er ſtolperte über meine ausgeſtreckten Füße; ich bin überzeugt: mit Willen, denn, anſtatt ſich zu entſchuldigen, wie es ſeine ver⸗ dammte Pflicht war, wurde er ſofort grob, und zwar in der gemeinſten Weiſe. Ich glaube, er hat gedacht, ich würde mich durch ſeine Bramarbasmiene einſchüchtern laſſen und ihm das Feld räumen. Jetzt wundert er ſich vermuthlich ſchon darüber, wie ſehr er ſich verrechnet hat. Ich ging mit unruhigen Schritten auf und nieder, jeden Augenblick erwartend, daß es an die Thür pochen würde. Egbert hatte auch noch kaum die letzten Worte geſagt, als ich Schritte auf dem Corridor hörte. Ich öffnete die Thür, Linder ſtand davor. Sogleich zu Ihren Dienſten, ſagte ich, indem ich mich wieder in das Zimmer wandte. Es iſt Linder, ſagte ich zu Egbert. Bon, erwiederte Egbert, macht es ganz nach Belieben unter Euch ab. Mir iſt Alles recht. Ich drückte dem braven Jungen die Hand und ging hinaus. Iſt es Ihnen genehm, daß wir die Verhandlungen auf meinem Zimmer vornehmen, fragte Linder. Mir war durchaus nicht lächerlich zu Muthe, aber Linder's diplomatiſcher Ton und zugeknöpfte Haltung hätten mich doch faſt zum Lachen gebracht. Ich pflege nur die heiteren Dinge ſcherzhaft, die ernſten aber deſto ernſter zu nehmen, fuhr er fort, während wir die Treppe hinaufſtiegen, und der Fall iſt ſehr ernſt in jeder Be⸗ ziehung und in jedem Sinne. Es iſt mir ein Räthſel, daß ſich der Herr Graf Saros⸗Patak nicht ſämmtliche Rippen im Leibe zerbrochen hat: procumbit humi bos— ich verſtehe jetzt erſt die onomatopoetiſche Schönheit dieſes Verſes. Auch iſt er noch bis auf dieſen Augenblick gewiſſermaßen im Dunkeln über ſeinen Zuſtand, da ihm beide Augen von den Schlägen, die übrigens mit bewunderungswürdiger Kunſt beide Male auf den oberen Theil des Naſenbeines applicirt wurden, einigermaßen 141 verſchwollen ſind, ſo daß ich kalte Unſchläge verordnet habe. Aber, um in medias res zu kommen: mein Freund, der Herr Graf Saros⸗Patak, iſt auf meine Vorſchläge mit der aner⸗ kennenswertheſten Bereitwilligkeit eingegangen. Ich proponire alſo: gezogene Piſtolen, zehn Schritt Diſtance, Rendezvous der Wald irgendwo, Zeit morgen früh, aber nicht zu früh, da ich nach ſolchen Strapazen gern ein paar Stunden länger ſchlafe. Ich glaube, daß fünfzehn Schritt auch hinreichen würden, ſagte ich, da mein Freund nicht nach Blut dürſtet, und der Graf Ihnen die Feſtſtellung der Bedingungen überlaſſen zu haben ſcheint. Keinen Zollbreit mehr, erwiederte Linder; der Fall iſt, oder ſagen wir, die Fälle waren zu ſchwer. Ich habe nie einem Rencontre beigewohnt, wo die Nothwendigkeit, daß Einer auf dem FPlatze blieb, ſo indicirt war. Wenn Ihnen der Graf ſo nah ſtände, wie mir Egbert, würden Sie geneigter ſein, die Sache in einem beſſeren Lichte zu ſehen. Verzeihen Sie, erwiederte Linder, ich laſſe mich in dieſen Dingen nie von Gefühlswallungen beſtimmen, obgleich Sie nach den Mittheilungen, die ich vorhin die Ehre hatte, Ihnen zu machen, leicht ermeſſen können, wie ſehr ich in dieſer ganzen Angelegenheit auch gemüthlich afficirt bin. Der Graf ſteht mir ſeit ein paar Stunden ſo nah, wie man ſich, ohne blutsverwandt zu ſein, überhaupt nur ſtehen kann. Ich wußte nicht mehr, was ich aus Linder machen ſollte. War ich mit ihm wirklich auf der Grenze angekommen, wo der Schalk aufhörte und der Narr anfing? Glaubte er alles Ernſtes auf Miß Virginia einen ſo tiefen Eindruck gemacht zu haben? oder— was wahrſcheinlicher, mindeſtens ebenſo wahrſcheinlich war— hatte die üppige Schönheit des Mäd⸗ chens ihn wirklich um ſeine blaſirte Ruhe gebracht? und ſpiegelte ihm ſeine Eitelkeit vor, daß es ihm ein Leichtes ſein werde, eine Kokette an ſich zu feſſeln und die Hinderniſſe, die ſich der Ver⸗ bindung der reichen Pflanzerstochter mit einem vermögensloſen preußiſchen Kreisrichter entgegenſtellten, aus dem Wege zu räumen? Glaubte er ſich die Familie zu verbinden dadurch, daß er entſchieden für den Grafen Partei ergriff und den Nebenbuhler deſſelben unſchädlich machen half? Aber wenn, wie ich wünſchte und hoffte, das Duell einen für Egbert günſtigen Ausgang nahm?— Mein Freund iſt ein ausgezeichneter Piſtolenſchütze, ſagte ich: und unendlich kaltblütig. Wenn ich ein Freund des Grafen wäre, ſo würde mich das Duell mit großer Sorge erfüllen. Linder zuckte die Achſeln. Ich vermuthe, daß auch der Graf mit Piſtolen umzugehen verſteht, ſagte er;— ad vocem Piſtolen! Wie kommen wir zu dieſem nothwendigen Requiſit? Führen Sie welche mit ſich? Nein; Sie? Ich glaube kaum, ſagte Linder nachdenklich: die Piſtolen, zu denen ich gelegentlich kam, haben es niemals lange bei mir ausgehalten. Aber ich erinnere mich, gehört zu haben, daß der Poſthalter hier welche hat. Vielleicht leiht er ſie uns. Sollen wir einmal anfragen? Ich hatte nichts dagegen. Wir machten uns durch das dunkle Dorf auf den Weg nach der Poſthalterei. Der Poſt⸗ halter— ein Veteran aus den Befreiungskriegen— war ſofort bereit, unſerem Wunſche nachzukommen. Es hätten ſchon öfter Herren damit nach der Scheibe geſchoſſen. Der alte Schnauzbart humpelte in das Nebenzimmer und kam alsbald mit den Waffen zurück: einer rieſigen Reiterpiſtole mit Pfannenſchloß, und einem andern ganz kurioſen Inſtrument, das ſchon mehr Carabiner als Piſtole war und, nach der ſonder⸗ baren Conſtruction und der Ornamentirung zu ſchließen, einem ſehr reſpectablen Büchſenſchmied aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges ſeine Entſtehung verdankte. Es ſind mir ſchon hundert Thaler für die da geboten worden, ſagte der Schnauzbart triumphirend: aber ich gebe ſie nicht dafür weg; und was die andere betrifft, die habe ich einem franzöſiſchen Dragoner in der Schlacht von Waterloo, den ich vom Pferde hieb, abgenommen. Ja, ja, das ging heiß her an dem Tage! 143 Linder, der mit großer Aufmerkſamkeit die beiden Mord⸗ inſtrumente betrachtet hatte, ſah mich jetzt fragend an. Ich denke, ſagte ich, das weiland Eigenthum des franzö⸗ ſiſchen Dragoners in die Hand nehmend, wir begnügen uns mit dieſer hier. Habe auch noch Kugeln und Pulver, ſagte der Alte; es kommen öfter Herren zu mir, die ein wenig nach der Scheibe ſchießen wollen. Die Herren müſſen ſich nur vorſehen, der Ab⸗ zug geht ein bischen ſchwer. Und das war ein Glück, ſonſt hätte mich der Kerl unfehlbar todtgeſchoſſen. Wir ließen den Alten gewähren, um keinen Verdacht zu erregen, und verabſchiedeten uns dann unter vielen Dank⸗ ſagungen von ihm, die Reiterpiſtole nebſt obligatem Kugelbeutel mit uns nehmend. Es wird uns nichts übrig bleiben, ſagte Linder, als wir wieder durch die dunkle windige Nacht nach dem Kurhauſe zu⸗ rückſchritten: wir müſſen morgen nach S. fahren. Dort finden wir hoffentlich ein Paar, das noch aus dieſem Jahrhundert ſtammt. Dazu war allerdings Ausſicht, inſofern S. bekanntlich eine einzige große Gewehrfabrik iſt. Nichtsdeſtoweniger ver⸗ wünſchte ich Linder's Einfall; ich hatte bereits an das Nicht⸗ vorhandenſein von Waffen die Hoffnung geknüpft, das leidige Duell auf unbeſtimmte Zeit hinausſchieben, vielleicht vereiteln zu können. Dann, fuhr Linder fort, machen wir die Sache, denke ich, ſo: S. iſt drei Meilen von hier. Wir können um Mittag dort ſein; unſere Geſchäfte werden uns nicht lange in Anſpruch nehmen: wir diniren im Deutſchen Hauſe, wo man nebenbei ſehr gut ſpeiſt. Wir nehmen den Rückweg über Fichtenau, wo wir um vier oder fünf eintreffen. Dort kann das Duell in aller Stille— ſo weit man bei einem Piſtolenduell von Stille reden kann— vor ſich gehen. Aerztliche Hilfe iſt dort ſo gut wie hier; und ſollte ja Einer auf dem Platze bleiben, was ich übrigens durchaus nicht wünſche, nun— nach meiner Phi⸗ loſophie ſtirbt es ſich überall gleich ſchlecht. Ich werde alſo, 144 wenn es Ihnen recht iſt, den Wagen auf ſieben Uhr beſtellen. Gute Nacht. Der philoſophiſche Dichter ſtieg die Treppe zu ſeiner Etage hinan; ich begab mich noch einmal zu Egbert, den ich in der Sophaecke in derſelben Poſition fand, in der ich ihn zuletzt geſehen, nur daß die Tabakswolke um ihn her ſeitdem bedeutend an Dichtigkeit zugenommen hatte. Ich theilte ihm die Verab⸗ redungen mit, die ich eben mit Linder getroffen. Er gab gleich⸗ giltig zu Allem ſeine Zuſtimmung, wurde aber ſofort beredt, ſobald ich nur einmal Ellen's Namen genannt hatte. Mit einem Feuer, das ſein gutes Geſicht eigenthümlich verſchönte, erzählte er mir nun ausführlich die Einzelheiten ſeiner Liebeswerbung, wie ſie anfangs beide kein Wort geſprochen, wie er ſie nur immer geführt und geſtützt und halb getragen habe, wie ſie dann plötzlich in Thränen ausgebrochen ſei, und wie er da an⸗ gefangen zu reden, er wiſſe ſelbſt nicht mehr was, und wie ſie zuerſt nur immer ſtärker geweint, dann aber ſtiller und ſtiller geworden ſei, und ihren Kopf zuletzt für einen Augenblick an ſeine Bruſt gelehnt habe. Ja, rief er aus, es war nur ein Augenblick, aber wenn ich hundert Millionen Jahre lebe, ich würde ihn nicht vergeſſen! Und da ſollte ich einem ſolchen Affen, einem ſolchen grinſenden Pavian das Feld räumen! Ich will es zufrieden ſein, wenn er findet, daß er mit den Schlägen, die er erhalten, ſehr gnädig weggekommen ſei; läßt er ſie aber noch nicht in Ruhe, wagt er, ſeine frechen Hundeaugen noch immer zu ihr erheben: nun dann, ſo ſchieße ich ihn todt wie einen Hund, und ich glaube nicht, daß meine Gewiſſensbiſſe hinterher ſehr groß ſein werden. Ich kannte Egbert hinreichend, um zu wiſſen, daß dies ſeine ganz eigentliche Meinung von der Angelegenheit ſei, und daß es mir gar nichts helfen würde, wollte ich verſuchen, ihn für den Grafen milder zu ſtimmen. Ich wußte, daß von dem Augenblicke an, wo das ſchöne Mädchen ihm ihre Liebe zu er⸗ kennen gegeben, er ſie als die Seine betrachtete und, wie er ſelbſt niemals von ihr laſſen, ſo auch gegen eine Welt ſie ver⸗ theidigen würde. Beſcheiden in ſeinen Anſprüchen, aber mit 145 felſenharter Feſtigkeit auf dem beſtehend, was er einmal für ſein gutes Recht erkannt, ſich ſelbſt und ſeinen Worten treu durch alle Schwankungen der Verhältniſſe und alle Launen des Zu⸗ falls— ſo hatte ich ihn gekannt, als wir noch zuſammen auf der Schulbank ſaßen, ſo hatte ich ihn damals geliebt; ſo fand ich ihn, ſo liebte ich ihn auch in dieſem kritiſchen Augenblick. Wir kamen auf alte Zeiten zu ſprechen; er ſchien ganz vergeſſen zu haben, was mich noch ſo ſpät auf ſein Zimmer geführt; nur an der liebevollen Pietät, mit der er bei jenen Frinnerungen weilte, an der ungewöhnlich großen Wärme, mit welcher er ſodann über meine Verhältniſſe, Ausſichten, Pläne, über meine Frau und meine Kinder ſprach, erkannte ich die tiefinnere Erregung ſeines edlen Herzens. Es war ſpät ge⸗ worden, als wir uns endlich die Hände ſchüttelten und ich ihn verließ, um meine Manſarde aufzuſuchen. Als ich über den Platz ſchritt, der die beiden Flügel des Kurhauſes trennte, ſah ich zwei Männer in eifrigem Geſpräch, das, als ich in die Nähe kam, verſtummte. Auch drückten ſie ſich auf die Seite. Trotzdem und trotz der Dunkelheit hatte ich in den beiden Geſtalten Mr. Cunnigsby und den Grafen erkannt. Was hatten die Beiden jetzt die Köpfe zuſammenzuſtecken? und noch dazu hier, auf dem windigen Vorplatz, in dunkler Nacht? Dieſe Frage war ebenſo einfach, als die Antwort ſchwierig. Etwas Gutes war es ſicher nicht, über dem dieſe edlen Seelen brüteten. Das war mein letzter Gedanke, bevor der Schlaf auf die Wimpern des von mancherlei Strapazen dieſes ereigniß⸗ reichen Tages gänzlich Erſchöpften ſank. Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 10 K. Ich hoffe, Sie haben gut geſchlafen, Werthgeſchätzter! ſagte Doctor Kühleborn. Ich rieb mir die Augen, denn mein Schlaf war ſehr feſt geweſen, und ich konnte mich nicht gleich in die Situation finden. Da ſaß der Doctor, in derſelben Poſition wie geſtern Morgen, den Stockknopf an die dünnen Lippen gedrückt, mich mit ſorgen⸗ voller Miene betrachtend. Ach ſo! ſagte ich. Ja wohl, ſagte der Doctor; ich mußte leider geſtern Abend noch einmal nach dem Nonnenkopfe hinauf. Der Zuſtand der Kleinen war mir beunruhigend erſchienen, glücklicherweiſe hat ſich die Natur geholfen; ich habe Alle ſchon heute Morgen wieder hierher zurückbringen können. Aber kaum bin ich dieſer Sorge ledig, als ſich bereits eine zweite meldet. Ich höre mit inniger Betrübniß von der gräulichen Scene, die geſtern Abend in dem, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, geheiligten Raume des Kurſaales ſtattgefunden hat. Beſter, Werthgeſchätzter! be⸗ ruhigen Sie mich, wenn Sie können! Nicht wahr, es wird keinen Skandal geben! Mein Gott, ja! junge Leute ſind eben junge Leute, man iſt heftig, man wird ausfallend, es kommt zu Worten, oder, wie diesmal zu Real⸗Injurien, aber ſo etwas läßt ſich doch auch wieder beilegen, wenn man will. Und hier bleibt doch gar nichts Anderes übrig, als es zu wollen. Ich bitte Sie, Werthgeſchätzter! was wird der Herzog ſagen! wie kann ich wagen, jemals wieder vor den Augen meines gnä⸗ digſten Herrn zu er ſcheinen, wenn er hört, daß einem ſeiner Gäſte, den er morgen in ſeiner eigenen Equipage nach Male⸗ partus abholen laſſen wird, unter meinem Dach eine ſolche Unbill angethan iſt! Ich bin außer mir. Das Wenigſte, was geſchehen muß, iſt, daß Ihr Freund den Grafen in aller Form um Verzeihung bittet. Sie müſſen Ihren ganzen Einfluß auf⸗ wenden, daß dies in aller Kürze, wo möglich heute Morgen 147 noch geſchieht. Nicht wahr, Werthgeſchätzter, ich habe nicht ver⸗ geblich auf Ihre Unparteilichkeit, Ihre Klugheit, Ihre Discre⸗ tion, Ihre Humanität gerechnet? Doctor Kühleborn nahm eine Priſe und blickte mir über die Gläſer ſeiner Brille weg fragend in die Augen. Ich hielt dieſen durchbohrenden Blick mit der nöthigen Ruhe aus und ſagte: Darf ich wiſſen, ob Sie im Auftrage des Grafen zu mir kommen, Herr Sanitätsrath? Wie können Sie glauben, Werthgeſchätzter! rief der Doctor unwillig, indem er einige verſtreute Schnupftabakskörner ſorg⸗ fältig von ſeiner Chemiſette klopfte. Um ſo beſſer, ſagte ich; denn nach meiner Erfahrung thut man in dieſen Dingen um ſo mehr, je weniger man thut. Zwiſchenträger pflegen den Handel nur zu verwirren. Aus dieſem Grunde haben Linder und ich für heute Morgen eine Wagenpartie verabredet; wir hätten gern Egbert mitgenommen, aber er muß nothwendig Briefe an ſeinen Verwalter und ſeinen Rechtsanwalt ſchreiben, ſo daß er uns erſt gegen Mittag nach⸗ folgen kann. Auf den Grafen habe ich natürlich keinen Einfluß. Dieſen Theil der diplomatiſchen Aufgabe muß ich Ihnen über⸗ laſſen. Und nun erlauben Sie, daß ich mich erhebe, Herr Sanitätsrath; ſonſt bekomme ich Schelte von Linder. Sie ſind mein guter Engel, rief der Doctor, indem er ſich erhob. Sie verdienen einen Orden. Im Ernſt. Soll ich Ihnen einen verſchaffen? Ich gelte etwas bei Sr. Hoheit. Er iſt freilich mehr Jäger, als Gelehrter, mehr Krieger, als Be⸗ förderer der Künſte und Wiſſenſchaften, aber— Laſſen Sie es gut ſein, Herr Sanitätsrath, ich nehme Ihren guten Willen für die That. Nun denn, adieu, adieu! kommen Sie wohlbehalten wieder! Und der Doctor tänzelte, mir Kußhände zuwehend, aus dem Zimmer. Gott ſei Dank! dachte ich, während ich mich ſchneller als gewöhnlich ankleidete; den wäre ich los! Er würde die Poli⸗ zei in zehnmeiligem Umkreiſe aufbieten, wenn er wüßte, wie 10* 148 weit die Sache ſchon gediehen iſt. Freilich, vom Standpunkte jener Tugenden, die er mir angedichtet, ſollte man Alles thun, was man kann, ein ſolches Attentat gegen die geſunde Vernunft zu verhindern; aber Egbert würde ſchöne Augen machen, wenn ich ihm damit käme. Ich ſeufzte tief, indem ich das Nöthige in meine kleine Reiſetaſche packte, und ſeufzte abermals, als ich an den Thüren der Amerikaner, hinter denen Alles ſtill war, vorüberſchritt. Ich hatte ſchon einen Fuß auf der erſten Treppenſtufe, als plötzlich die taube Alte hinter mir ſtand, mir einen Zettel in die Hand gab und dann mit wunderlichen Geberden, die vermuthlich ausdrücken ſollten, daß ich um Gottes und aller Heiligen wil⸗ len ſie nicht verrathen ſolle, in derſelben Thür, aus der ſie ſo plötzlich gekommen, verſchwand. Da der Zettel offen und nicht adreſſirt war, ſo konnte er eben ſo gut auch an mich gerichtet ſein. Er war ſehr kurz, nichtsdeſtoweniger brauchte ich einige Zeit, bevor ich ihn ent⸗ ziffern konnte, denn er war mit Bleifeder, ſehr flüchtig, und — geſtehe ich es nur!— wieder ſehr unorthographiſch, wenn⸗ gleich diesmal deutſch geſchrieben. Er lautete(corrigirt) ſo Ich bleibe Dir treu, Geliebter, bis in den Tod! Und wiederum ſeufzte ich. Armes Kind! es iſt gewiß keine Phraſe bei ihr. Sie denkt an den Tod in dieſer ſeligen Maienzeit der erſten Liebe, wo andere junge Mädchen mit Fug und Recht nur Lebensgedanken haben! Mir wurden die Augen feucht, als ich noch einmal, langſam die Treppe hinabſchreitend, auf die kindiſchen Schriftzüge blickte. Wie hilflos war dieſe Hand! wie mochte ſie gezittert haben, als ſie dies Bekenntniß von dem klopfenden Herzen riß! und doch, welche Energie lag in den einfachen Worten! welche ſtille Kraft, die zerreißbar ſcheint, wie ein Florband, und doch feſt hält bis in den Tod! Und wüßte ſie nun gar erſt, was im Werke iſt! daß, wenn es das Unglück will, ihre Liebe bis über den Tod ſich wird ſchwingen müſſen in eine dunkle trauervolle Zukunft— Ich verſcheuchte dieſe böſen Gedanken, ſo gut es gehen wollte, 149 und eilte über den Platz vor dem Kurhauſe, wo der Ein⸗ ſpänner, der uns nach S. bringen ſollte, ſchon bereit ſtand, zu Ebgert hinauf. Wie geht es, Egbert? Gut. Und Du biſt Deiner Sache, biſt Deiner Hand ſicher? Da ſieh' ſelbſt, erwiederte Egbert lächelnd, indem er mir ſeine Hand reichte. Sie lag ſo ruhig in der meinen. Ich drückte ſie herzlich und ſagte: Hier iſt auch noch etwas für Dich, und mun gehab' Dich wohl! Ich verließ ihn eilends; er ſollte ſein Entzücken für ſich haben. Als ich nach unten kam, fand ich Linder, wie er eben auf den Wagen ſtieg. Ich ſtieg von der andern Seite ein, wir reichten uns, indem wir uns ſetzten, die Hände; das leichte Fuhrwerk rollte ſchnell davon, zum Dorfe hinaus, hinein in die ſonnige morgenfriſche Welt. Wir hatten ſchon beinahe eine Meile zurückgelegt, ohne daß ein Wort geſprochen wurde. Ich hing meinen eigenen Gedanken nach, und Linder ſchien gänzlich von ſeiner Cigarre in Anſpruch genommen. Mit einem Male ſchnellte er die Aſche heftig fort und ſagte, ſich zu mir wendend: Es iſt doch nichts unleidlicher, als wenn man eine echte Havannah angebrannt zu haben glaubt und nach den erſten paar Zügen in Zweifel geräth, ob es nicht eine ganz gemeine Pfälzer iſt. Paſſirt Ihnen das eben? fragte ich. Iſt mir wenigſtens heute Morgen paſſirt, erwiederte Linder verdrießlich. Es wäre indiscret von mir, wollte ich Sie mit Fragen be⸗ läſtigen, ſagte ich, da ich zu bemerken glaubte, daß der Dichter zu weiteren Mittheilungen aufgefordert zu ſein wünſche. O nein, erwiederte er, es beläſtigt mich gar nicht, wenn Sie wiſſen wollen, was es iſt. Im Gegentheil! es entlaſtet nein Gemüth, das ſich von der Sache gedrückt fühlt. Ich habe 150 trotz meines Skepticismus, von Zeit zu Zeit katholiſch⸗naive Anflüge, in denen man nach einem Beichtiger verlangt. Sie ſind zu dieſem ehrwürdigen Amt beſonders geſchickt, denn Sie ſind, als Novelliſt, wenigſtens der Halbbruder des Dichters, um mit Schiller zu reden, und können ſich, in Folge dieſer nahen Verwandtſchaft, hoffentlich ungeführ in dem Labyrinth eines Dichterherzens zurecht finden. Folgen Sie mir in einen beſonders dunklen Gang. Was ſehen Sie! nichts! aber, nachdem ſich Ihr Auge an die Dämmerung gewöhnt, welches Bild erblicken Sie, an⸗ fangs in undeutlichen Umriſſen, dann immer farbenbeſtimmter, farbenprächtiger? Sie täuſchen ſich nicht! ich bin es! und die Dame, die eben an meinen Buſen ſinkt, iſt Miß Virginia, oder genauer Frau Virginia Linder⸗Cunnigsby, denn die Trauung hat eben ſtattgefunden. Der ſtattliche Herr, der die Hände ſegnend über uns aunsſtreckt, iſt mein Schwiegervater, Mr. Auguſtus Lionel Cunnigsby. Im Mittelgrund bemerken Sie meine corpulente Schwiegermama, meine ſchöne Schwägerin, Ellen, ſeit vier Wochen Gräfin Saros, in einer reizenden Familien⸗ gruppe. Der Hintergrund: eine vornehme Villa irgendwo in einer anmuthigen Gegend. Sie ſehen das Bild ganz deutlich? Gut. Genau ſo deutlich ſah ich es geſtern Abend, als wir den ſchändlichen Berg von dem Waldrand in dem grauſamen Wet⸗ ter herunterkletterten, und die kleine Pflanzerhere ſich ſo ver⸗ führeriſch feſt auf meinen Arm, auf meine Schulter lehnte. Es waren himmliſche Momente! ich glaubte, ganz Louiſiana und Teras da an mein Herz zu drücken! Was ſoll ich weiter ſagen! ich hätte kein Dichter ſein müſſen, und ich hätte das trenloſe Käthchen nicht eben erſt verloren haben müſſen, wenn dieſe glorreiche Eroberung, die mir, wie alles Glorioſe, im Traum ge⸗ ſchenkt war, mir nicht den Kopf hätte verrücken ſollen. Der Realiſirung dieſes Traumes hätte ich eine Welt geopfert, wes⸗ halb ſollte ich ihr nicht Ihren Freund opfern! Ich that es, that es mitleidslos. Man muß in großen Augenblicken groß handeln können. Ich verſtehe Sie nur halb, ſagte ich. Wie das von dem Halbbruder des Dichters auch nicht anders 151 zu erwarten iſt, entgegnete Linder ruhig; aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, mich Ihnen ganz verſtändlich zu machen. Um alſo ganz offen zu ſein: der Graf war, als wir ihn auf ſein Zimmer gebracht hatten, ſtreng genommen, in einem unzu⸗ rechnungsfühigen Zuſtande. Ich nahm die Verantwortung auf mich, die Duellbedingungen zu dictiren. Seine Antworten waren unklar, man ſpricht nicht eben deutlich mit einem naſſen Schwamm auf dem Geſicht. So kam das Duell zu Stande. Sie ſehen mich voller Entſetzen an, aber hören Sie weiter. Was Sie mir ſagen wollen, habe ich mir Alles noch während der Nacht geſagt. Ich ſtand auf mit dem feſten Entſchluß, das Duell, das ich geſtern ſo eifrig zu Stande gebracht, heute, wenn es irgend möglich ſein würde, zu verhindern. Ich ging zum Grafen und that, als ob noch Nichts be⸗ ſchloſſen, Alles noch in der Schwebe ſei, es noch jeden Augen⸗ blick bei ihm ſtände, die Sache in Güte beizulegen. Ich brachte alle nur erdenklichen Gründe vor, von denen ich hoffen durfte, daß ſie für ihn von Gewicht ſein müßten: ſein provocirendes Betragen gegen Egbert, Egbert's ſehr verzeihliche Gereiztheit, die Wahyrſcheinlichkeit, daß das Duell für ihn einen ſchlimmen Aus⸗ gang nehmen könne, die Verzweiflung Ellen's, wenn er fallen ſollte, der Schmerz ſeiner erlauchten Verwandten im fernen Ungarlande bei der Nachricht von ſeinem Tode— ich war ſcharfſinnig, gefühlvoll, weiſe, beredt, ich hoffte das Beſte von meiner Beredtſamkeit. Und was war das Reſultat? Haben Sie wohl ſchon einmal eine Hyäne beobachtet in den Augen⸗ blicken, bevor der Wärter, der jetzt mit den Fleiſchſtücken noch beim Barribal iſt, zu ihr kommt? wie ſie den borſtigen Rücken ſträubt, die Zähne fletſcht, vor Wuth und Ungeduld heult, in dem Käfig auf und ab läuft, und an den Wänden hinaufſpringt? Nun— das iſt das Bild des Grafen, wie ich ihn vor einer Stunde ſah. Genau ſo lief er vor mir in dem Zimmer auf und ab; ja er ſprach in ſeiner Wuth ganz geläufig deutſch und ſchwur, daß er Ihres Freundes Blut haben müſſe. Ich kann Ihnen nicht ſagen, welch abſcheulichen Eindruck der Menſch auf mich gemacht hat. Sie wiſſen, ich habe niemals für ihn ge⸗ 152 ſchwärmt und ſtets gefunden, daß er eher wie ein aufgeputzter Pferdeknecht ausſieht, als wie ein Graf; aber heute, wo er gar nicht geputzt war, ſondern in einem, nebenbei ſehr unſauberen, Schlafrock ſteckte,— das dicke Haar ungekämmt, der Schnurr⸗ bart zerzauſt, die kleinen ſtechenden Augen noch von geſtern ver⸗ ſchwollen, auf der Wäſche noch Tropfen des Blutes, das geſtern ſeiner erlauchten Naſe entfloſſen— er ſah nicht aus wie ein Pferdeknecht, er ſah aus wie ein— ja, ich weiß keinen menſch⸗ lichen Vergleich— er ſah aber aus wie eine Beſtie, und eine recht gemeine dazu. Linder ſchwieg. Ich hatte— zum erſten Male, ſeitdem ich ihn kannte— den Eindruck, daß es ihm möglicherweiſe Ernſt war um das, was er ſagte. Auch fuhr er nach einer kurzen Pauſe mit noch erregterer Stimme fort: Sie können ſich denken, daß ich die größte Luſt hatte, meine Hand von dem unſaubern Ungethüm abzuziehen und ihm meine Cartellträgerſchaft zu kündigen. Wenn ich es nicht that, ſo war es, um mir nicht die Möglichkeit zu rauben, den ſchlimmen Handel, den ich hatte einfädeln helfen, zu einem guten Ausgang zu bringen. Und ich habe noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. So ſeltſam es klingen mag: trotz des Wüthens der Beſtie hatte ich den ganz beſtimmten Eindruck, daß ſie feig iſt. Ich möchte darauf ſchwören, und darauf baue ich meinen Plan. Wir müſſen den rechten Augenblick abpaſſen, etwa, wenn ſie auf die Menſur treten und ihm der Piſtolenkolben anfängt in der Hand heiß zu werden. Ich denke, er wird auf jede nur einigermaßen anſtändig ausſehende Bedingung zurücktreten, und Ihre Aufgabe würde es dann eben ſein, Egbert, deſſen Gutmüthigkeit mir über jeden Zweifel erhaben ſcheint, zu einer ſolchen Bedingung zu oermögen. Ich weiß nicht, ob wir die Rechnung nicht ohne den Wirth machen, entgegnete ich; ich glaube, die einzige Bedingung, auf die hin Egbert zurücktreten würde, wäre die, daß der Graf die Bewerbung um Ellen in aller Form aufgäbe, und ſo feig, wie der Graf ſein mag— und ich glaube ebenfalls, daß er feig iſt,— dazu wird er ſich denn doch nicht verſtehen wollen. 153 Linder zuckte die Achſeln: Der Tod iſt ein bittres Kraut; und ich möchte wetten, daß der Herr Graf einen ganz ordinären Abſcheu vor dieſem vulgären Gericht hat. Er zündete ſich eine friſche Cigarre an, und Jeder von uns verſank wieder in Schweigſamkeit. Trotz der Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang der Affaire, die Linder in mir zu erwecken verſucht, blieb mein Herz beklommen. So feſt ich auch auf Egbert's vielerprobte Kalthlütigkeit, auf ſein falkenſcharfes Auge und ſeine ſichere Hand rechnete— welcher Zufall treibt nicht oft in dieſen Dingen ſein plumpes Spiel! und wenn die Welt auch nicht viel an dieſem ungariſchen Grafen verlor, ſo konnte ich mich doch mit dem Gedanken nicht ausſöhnen, daß gerade Egbert's freund⸗ liches Gemüth für alle Zukunft durch eine ſo häßliche Erinnerung verdüſtert werden ſollte. Und dann, würde man ihm je ver⸗ geben, daß er die entente cordiale zwiſchen dem übrigen Theile der Familie Cunnigsby und dem Grafen ſo grauſam zerſtört? war er nicht im günſtigſten Falle dem Ziele ſeiner Wünſche ferner als je?— Ich wetterte im Stillen auf dieſe böſe Welt, in der das Einfache, Natürliche, Selbſtwerſtändliche immer und immer auf Hinderniſſe ſtößt, und anſtatt der Vernunft und Schicklichkeit die Unvernunſt und die Unſchicklichkeit triumphiren. Selbſt das herrliche, mir noch unbekannte Thal, durch das wir fuhren, mit ſeinen ſchroffen Tannenhöhen, zwiſchen denen ſich die chauſſirte Straße in mäandriſchen Windungen bergab ſchlängelte— das Plätſchern des Baches, den wir bald zur Rechten, bald zur inken hatten, da wir ihn oft auf hölzernen Brücken überſchritten— der helle Sonnenſchein, der die herbſtlich klare Luft durchleuchtete und nach der Sturmesnacht doppelt erquicklich war— Nichts war im Stande, mich aus meinem dumpfen Brüten zu erwecken. Die Schattengeſtalt der Sorge, die mit auf's Schiff ſteigt und ſich zu dem flüchtigen Reiter auf's Pferd ſetzt, hatte eben auch auf unſerm Gefährt, ſo klein es war, einen Platz gefunden. Das enge Thal erweiterte ſich, die Ebene that ſich auf; aus der Ebene ragten vor uns die Thürme des Städtchens, das wir erſtrebten. Nicht lange, und unſer Wägelchen rollte über ein urvorweltliches Pflaſter durch ein enges, alterthümliches 154 Thor faſt unmittelbar auf den Marktplatz, wo es vor dem „Deutſchen Hauſe“ mitten in einer anſehnlichen Burg von durch⸗ einandergeſchobenen Kärrner⸗ und Bauerwagen ſtill hielt. Linder, den Geſchäftsreiſen oft nach S. gebracht, wurde von dem jungen Wirth des Gaſthofes, der ſelbſt an den Wagen kam, ehrfurchts⸗ voll begrüßt. Es ſei gerade Jahrmarkt und das Haus über⸗ füllt, für ſolche Gäſte finde ſich aber immer ein Platz— Und ein gutes Mittagseſſen, wie es des Deutſchen Hauſes würdig iſt, bemerkte Linder. Der Wirth lächelte. Die Herren ſollten zufrieden ſein und von dem alten Chateau Margaux ſei auch noch ein Fläſchchen im Keller. Die Ausſicht auf ein gutes Diner verſetzte den betrübten Dichter ſofort in die behaglichſte Laune, die ſich noch ſteigerte, als die Schweſter des Wirthes— ein junges, ſchwarzäugiges, rothbäckiges, ſchlankes Mädchen— ebenfalls in der Thür er⸗ ſchien und den Herrn Kreisrichter knixend willkommen hieß. Mein Gott, rief Linder, iſt denn das— Jettchen, ſagte der junge Mann, nun natürlich, Herr Kreis⸗ richter; ſie iſt ja drei Jahre fort geweſen, um die Landwirth⸗ ſchaft aus dem Grunde zu lernen. Jetzt iſt ſie hereingekommen, um mir bei meiner Hochzeit zu helfen, die in vier Wochen ſein ſoll. Linder war mit einem Sprunge aus dem Wagen und reichte dem jungen Mädchen mit einer Lebhaftigkeit die Hand, welche deutlich genug bewies, wie empfänglich ſein großes Herz für die Schönheit in jeder Geſtalt war, und wie erhaben über das engherzige Vorurtheil der Standesunterſchiede. Dann wandte er ſich zu mir und ſagte: Wenn es Ihnen recht iſt, ſo ſetze ich mich mit unſerer reizenden Wirthin hier über die wichtige Frage des Mittageſſens in's Ver⸗ nehmen, und Sie beſorgen während der Zeit das Andre,— ein Geſchäft, auf das Sie ſich auch jedenfalls beſſer verſtehen, als ich Mann des Friedens. Selig ſind die Friedfertigen, dachte ich, als ich mich durch die Wagenburg hindurch und über den Marktplatz weg in die 155 engen Gaſſen des Städtchens wandte; und glücklich der Dichter, der, dem Finken gleich, von jedem neuen Zweige luſtig das alte Lied ſingt, während wir proſaiſchen Kinder dieſer Welt die Sorgen und Mühen des Lebens geduldig auf die vielerprobten Schulternenehmen. Meinſt Du nicht auch, altes Bäuerlein, das Du Deine drei magern Gänſe, die Dir Niemand abnehmen will, wahrſcheinlich ſchon ſeit dem frühen Morgen durch dieſe Gaſſen karrſt? und Du, graubärtiger Mann des Handwerks, der Du eben in Deine niedere Hausthür trittſt, Dir den ſauren Schweiß von der rußigen Stirn zu wiſchen und für einen Angenblick das roſige Licht zu athmen! Und ſiehe! Du haſt, was ich ſuche. Da ſtehen und hängen ja Büchſen, Jagdflinten und Piſtolen in Deinem beſcheidenen Schaufenſter. Dir lieber, als jedem Andern, will ich das Sündengeld zu verdienen geben. Ich trat auf den bärtigen Mann zu und trug ihm mein Verlangen vor. Damit kann ich dienen, Herr, ſagte der Bärtige, indem er mit mir aus der Hausthüre in den Flur trat, der zugleich der Laden war; ich habe keine große Auswahl, da wir kleinen Hand⸗ werker den großen Fabriken darin keinen Widerpart halten können, aber es findet ſich ſchon, was Sie ſuchen, und gute Waare iſt Alles— darauf können Sie ſich verlaſſen. Der Mann hatte mehrere Piſtolen aus dem Schaufenſter und dem Schranke genommen und zeigte mir dieſelben. Die Arbeit war, ſo weit ich es beurtheilen konnte, ausgezeichnet, und ich fühlte die Wärme, mit welcher der Meiſter ſich über die Einzelnheiten der Conſtruction und Ausſchmückung verbreitete, und die Mordwaffen ſo liebevoll handhabte und ſo ſorgſam wieder auf die Seite legte, als ob es ſeine Kinder wären. Und waren ſie es denn nicht? hatte er nicht in innerem Herzen ge⸗ ſpürt, was er mit ſeinev Hand erſchuf? hatte er nicht Vater⸗ freude empfunden, wenn es ihm gut gerathen, und den Schmerz eines Vaters, wenn Fleiß und Mühe und Zeit vergebens ge⸗ weſen war? Wir waren ſchon längſt über ein Paar ſchöner gezogener Piſtolen Handels einig, als wir noch immer— er hinter dem 156 Ladentiſch, ich vor demſelben— in eifriges Geſpräch verwickelt waren. Des Meiſters biedre Art gefiel mir ungemein; die hohen Begriffe, die er von ſeinem Handwerk hatte, ſeine alt⸗ fränkiſche Weiſe, die Dinge und Menſchen von heute zu ſehen, ſelbſt mancher Urväterausdruck, der ihm im Laufe des Ge⸗ ſpräches, als müßte es nur ſo ſein, von den bärtigen Lippen kam, dazu die ſonderbare Umgebung— der enge Waffenladen, in den durch die blinden, in Blei gefaßten Scheiben des ſchmalen hohen Fenſters das Licht der Sonne nur gedämpft fiel,— von dem Hofe her, nach welchem die Thür offen ſtand, das Gackern von Hühnern und das Pochen des Hammers aus der Werkſtatt— das Alles gab mir das köſtlichſte Bild einer längſt vergangenen Zeit, als wär's ein Capitel aus der Geſchichte Gottfried's von Berlichingen mit der eiſernen Hand, von ihm ſelbſt geſchrieben. Auch ſagte mir der Meiſter, daß er nur ſelten aus ſeinem Städtchen herausgekommen ſei und es ſeit zehn Jahren nicht ein einziges Mal verlaſſen habe, höchſtens des Sonntags Nachmittags einmal, mit ſeinen Kindern einen Spaziergang vor das Thor zu machen. Er ſchäme ſich faſt, es zu ſagen, aber er habe in Tannenburg, von wo ich heute Morgen gekommen, eine kranke Schweſter, die nun ſchon ſo viele Jahre da ſei, daß ſie es nun kaum wohl lange noch treiben werde, und die ſo ſehr verlange, ihn noch einmal vor ihrem Tode zu ſehen. So heißen Sie König? fragte ich, da mir der Name ein⸗ fiel, den mir die arme Kranke in dem Rollſtuhl genannt hatte. Ja wohl, Chriſtian König, verſetzte der Meiſter: hat der Herr vielleicht meine Schweſter einmal geſehen? Gewiß, erwiederte ich, und ich theilte ihm mit, wie ich ſeine Schweſter getroffen an jenem Morgen, als Ellen ihr das Kopfkiſſen zurecht rückte, und wie ſie mir von ihrem Bruder erzählt habe, und wie es mir allerdings, wenn er ſie noch ein⸗ mal ſehen wolle, hohe Zeit ſcheine, daß er ſich nach Tannen⸗ burg auf den Weg mache. Der Meiſter ſeufzte und ſagte: Ja, ja, es muß nun auch geſchehen. Es iſt immer ein verlorener Tag, und das iſt —— 157 viel, wenn man vierzehn Kinder hat, aber das arme Wurm ſoll nicht ſterben, ohne daß ihr Wunſch in Erfüllung gegangen iſt. Wiſſen Sie was, Meiſter, ſagte ich: friſche Fiſche, gute Fiſche; auf meinem Wagen iſt noch ein Platz, fahren Sie mit mir; ich habe freilich noch ein Geſchäft in Fichtenau, aber von Fichtenau iſt es nur eine kleine Stunde bis nach Tannenburg. So können Sie noch zu guter Zeit da ſein. In Tannenburg ſind Sie mein Gaſt, und morgen, oder wann Sie wollen, gehen Sie wieder zurück, falls ſie nicht erlauben, daß ich Sie zurückfahren laſſen darf. Der Meiſter kraute ſich in dem dichten grauen Haar. Der Herr iſt ſehr gütig, und ich würde es ſchon annehmen, aber was wird meine Alte dazu ſagen? Das können wir ſogleich von ihr erfahren, erwiederte ich, als jetzt eine kleine, reſolut ausſehende Frau mit einer großen Suppenſchüſſel von dem Hofe, wo die Küche liegen mochte, hereintrat, hinter ihr her ein paar halbwüchſige Burſche und Mädchen, welche der wichtigſten Angelegenheit des Tages bis zu ihrem geheimnißvollen Urſprung auf dem heiligen Feuer des Heerdes nachgeſpürt hatten. Erſt muß er vor allen Dingen eſſen, ſagte die reſolute Frau König, als ich ihr meinen Wunſch vortrug, komme der Herr mit herein: ſo was muß man bei Tiſch abmachen; da verliert man keine Zeit, und die Jungen müſſen auf's Feld, um die Kartoffeln anfzuheben. Ich ſah, daß ohne meine Vermittelung der Meiſter ſchwer⸗ lich Urlaub von ſeiner geſtrengen Ehehälfte erhalten würde, und folgte mit den Anderen der Suppenſchüſſel in das ärmliche und niedere, aber ungemein ſaubere Wohngemach, wo auf einem tiſchtuchloſen maſſiven Tannentiſch ſieben irdene Teller(mit obligaten zinnernen Löffeln) ſtanden, die alsbald aus der dampfen⸗ den Suppenſchüſſel bis an den Rand gefüllt wurden. Ich ſetzte mich, nachdem das Gebet geſprochen, in beſcheidener Nähe des Tiſches nieder und ſah mit Vergnügen, wie Vater, Mutter, Kinder und Lehrburſche es ſich ſchmecken ließen. Unterdeſſen wurden die Verhandlungen über das von mir angeregte toll⸗ 158 kühne Project lebhaft fortgeſetzt, unter dem Vorſitz der reſoluten Frau Meiſterin, die auch ſonſt die Koſten der Debatte mit großer Zungenfertigkeit faſt allein beſtritt. Ja ſehen Sie, lieber Herr: Reiſen koſtet Geld, und wo nichts iſt, da hat der Kaiſer ſein Recht verloren. Kinder ſind ein Segen, aber viele Hunde ſind des Haſen Tod. Zwar geht es uns jetzt, wo unſere acht älteſten aus dem Hauſe ſind, beſſer, und könnte noch beſſer gehen, wenn er— mit einem Seitenblick auf den Meiſter, der ehrbar ſeine Suppe aß— in eine der großen Fabriken als Werkführer gehen wollte, was ſie ihm oft genug angeboten haben, und das mit Grund, denn einen beſſeren Büchſenſchmied finden ſie nicht, aber, jung ge⸗ wohnt, alt gethan; wer nicht wagt, nicht gewinnt; wie ich mich bette, ſo liege ich, und wer ſich grün macht, den freſſen die Ziegen. Der— abermals mit einem Blick auf den Meiſter, welcher eben jedem der Kinder ein großes Stück Brot zum Deſſert abſchnitt— iſt viel zu gut. Wenn der könnte, er ſchnitte ſich ſelbſt entzwei und fütterte die ſchlechten Menſchen mit ſeinem eigenen Fleiſch und Blut! Frau, ſagte der Meiſter, dem bei dieſem kannibaliſchen Gedanken der Biſſen im Munde ſtecken zu bleiben ſchien. Nun marſch, Ihr Buben, rief die Meiſterin, ja ſo, der Vater muß noch erſt das Gebet ſagen; man vergißt noch wahr⸗ haftig den lieben Herrgott über all' den Geſchäften!— So, nun macht, daß Ihr fortkommt; Lieſel kann auch mitgehen, Dörthe bleibt hier und hilft mir beim Flachs. Die kleine Frau verließ mit den Kindern die Stube, der Meiſter ſchüttelte den Kopf: Das geht wie ein Mühlrad, und mahlt Alles ohne Unterſchied, grob und fein, wie's eben kommt. Da kam die mit dem Mühlrad ſchon wieder in's Zimmer. Sie hatte einen alten Ranzen in der Hand, den der Meiſter als Handwerksburſche auf der Wanderſchaft getragen haben mochte. So, ſagte ſie, das wird ausreichen, ein paar Strümpfe und ein Hemde habe ich ſchon hineingepackt. Und nun mach' Du auch, daß Du fortkommſt, damit der Herr hier nicht ewig und drei Tage auf Dich zu warten hat. Und für die alte 159 Grete habe ich eine Flanelljacke eingepackt, ſie ſollte ſie erſt zu Weihnachten haben, aber wer weiß, ob ſie den noch erlebt. Na, Mann, brauchſt nicht ſo finſter d'rein zu ſehen. Ich meine es nicht bös mit der Grete, trotzdem ich auch nicht viel Liebes von ihr erlebt habe; beſſer iſt ſie immer, als Dein Bruder, der ſchlechte Menſch, dem Gott verzeihen möge, was er an uns gethan hat; ich kann's nicht. Und nun Gott befohlen, Chriſtian, und das bindeſt Du um den Hals— dummes Zeug! was gut gegen die Kälte iſt, iſt auch gut gegen die Wärme; und komm geſund wieder! Bei dieſen Worten hatte die Meiſterin ihrem Eheherrn einen dicken wollenen Shawl um den Hals gewickelt, den faſt Erſtickten umarmt, mir dir harte, ſchwielige Hand gereicht und uns im eigentlichen Sinne des Wortes zum Hauſe hinausge⸗ ſchoben. Als ich mich noch einmal umblickte, ſah ich ſie in der Thüre ſtehen und ſich mit der Schürze die Augen wiſchen. Der Meiſter — dieſer kluge Odyſſeus— ſah ſich nicht um. Vielleicht konnte er vor dem wollenen Shawl den Kopf nicht bewegen; viel⸗ leicht traute er der Feſtigkeit ſeiner Entſchließungen nicht und fürchtete, er werde ganz und gar umwenden, ſobald er nur erſt den Kopf nach ſeiner weinenden Penelope zurückgewandt. X. Es war mittlerweile ein Uhr geworden, und die höchſte Zeit, daß wir uns auf den Rückweg machten. Ich fürchtete ſchon, daß Linder mich mit Ungeduld erwartet haben würde, und begab mich ſogleich, in dem Gaſthof angekommen, nach dem Garten hinter dem Hauſe, in den man ihn hatte gehen ſehen. Der Garten war nicht ſehr groß, doch konnte ich den Dichter nicht entdecken und wollte eben wieder umkehren, nachdem ich 160 wiederholt ſeinen Namen gerufen, als ich ſeine Geſtalt plötzlich hinter einer dichten Rebenpflanzung auftauchen ſah. In dem⸗ ſelben Augenblicke wurde auch eine weibliche Geſtalt ſichtbar— die dunkeläugige Wirthsſchweſter, deren ſonnegeküßte rundliche Wangen noch von einer dunkleren Gluth überzogen wurden, als ich grüßend herantrat. Sehen Sie, lieber Freund! ſagte der Dichter mit der rei⸗ zendſten Unbefangenheit, wie wir uns in Ihrem Intereſſe abge⸗ müht haben. Weintrauben! delikate Weintrauben! Sie lieben ſie ſicher; jeder Dichter muß ein Freund dieſer duftigen Kinder des Herbſtes ſein. Ich entgegnete, daß ich Weintrauben ſehr liebe und daß wir binnen zehn Minuten unterwegs ſein müßten. Machen Sie Fräulein Jettchen nicht unglücklich, ſagte Lin⸗ der; ſie würde es Ihnen nie vergeben, wenn Sie ein Diner, dem ſie jetzt eben mit dieſen zarten Früchten den poetiſchen Segen geben wollte, mit barbariſcher Eile, wie ein Eiſenbahn⸗ ſtetionsbeefſteak, behandelten. Es war nicht ſchwer zu ſehen, woher des Dichters zärt⸗ liche Beſorgniß für die rechte Würdigung von Fräulein Jett⸗ chen's Kochkunſt ſtammte, aber wie gern ich auch ſonſt, ſobald Amor ſich in's Spiel miſcht, durch die Finger ſehe— dies⸗ mal war ich unbarmherzig. Hatte ich doch innerhalb der letzten fünf Tage fünfmal geſehen, wie bald ſich der poetiſche Freund über verkorene Liebesmüh' zu tröſten wußte! und auf jeden Fall vertrug das leidige Geſchäft, dem wir obzuliegen hatten, keinen Aufſchub. So hatte ich denn über Tiſch kein Ohr für des Dichters Klage über die Flucht der Zeit und die Süßigkeit des Augen⸗ blicks, kein Auge für die beredten Blicke, die unter ſeinen geſenk⸗ ten Lidern nach der ſchönen Kellnerin flogen, und von dieſer aufgefangen und, wie mir ſchien, gelegentlich zurückgegeben wurden— nur ſeinen Abſchied von der Holden ließ ich ihn⸗ allein nehmen, während ich mit dem Meiſter das Piſtolenkäſtchen im Wagen befeſtigte: eine Minute darauf rollten wir wieder durch das dunkle Thor; Linder ſteckte das weiße Battiſttuch, mit 161 dem er Fräulein Jettchen einen graziöſen Abſchied zugeweht hatte, in die Taſche und nahm ſtatt deſſen das Perlenbuch zur Hand, um zu verſuchen, ob Apoll ihm die Ruhe wiedergeben könne, welche Amor ihm entwendet hatte. Ich ſtörte ihn nicht in ſeinem Verſuche. Der Meiſter, der vornübergebeugt auf ſeinem Sitze ſaß, ſchien ganz verſunken in die Betrachtung der Welt, die er ſeit zehn Jahren nicht geſehen hatte, und unterhielt ſich nur von Zeit zu Zeit leiſe mit dem Kutſcher; ich fühlte mich ernſt, ja traurig geſtimmt, und, je näher wir unſerem Ziele kamen, um ſo mehr. Auch die Gegend, durch die uns heute Nachmittag der leichte Wagen trug— es war eine andere, als die von heute Morgen, da wir über Fichtenau zurück mußten— auch dieſe Gegend, ſo wunderbar lieblich ſie aus bunten Wieſen unter Baum⸗ und Buſchwerk, munter zum Thal plätſchernden Bächen, dunklen Tannenwäldern und ſtillen herbſtlichen Feldern zu mir herüber grüßte— ſie konnte mir keinen Troſt, keine Heiterkeit bringen. Ich wurde nur melancholiſcher, je ſchöner die Erde prangte, je leuchtender der Himmel hernieder blauete. Wer konnte wiſſen, ob der Freund meiner Jugend, mein guter, lieber Kamerad, dieſe Erde, dieſen Himmel nicht zum letzten Male ſah! Mein Fuß ſtieß an den Piſtolenkaſten, den wir unten in den Wagen geſtellt hatten. Da waren die Mordwerkzeuge, und der, der ſie gefertigt, ſaß da ſo ſtill und friedlich, und dachte nicht an Blut und Mord, ſondern an ſeine Frau und ſeine vier⸗ zehn Kinder und vielleicht an die Schweſter in Tannenburg. Wie lebhaft mir die Scene wieder vor die Seele trat, als Ellen die alte Perſon in den Armen hielt und das hellblaue Band von ihrem Strohhut auf den Schultern der Alten lag. Ach! dieſe ſelbe ſchöne, ſanfte Ellen— ſie war die Urſache all' dieſes Unglücks; an dem milden Licht ihrer blauen Augen hatte ſich dieſer unſelige Streit entzündet, der vielleicht nun ſo bald in Blut gelöſcht werden ſollte!— Wie würde ſich meine Frau ängſtigen, wenn ſie dies wüßte? Wie traurig würde ſie ſein, wenn das Duell für Egbert einen üblen Ausgang nahm! Ich ſeufzte tief. Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 11 162 Ja, ſagte Linder, der Wagen ſtößt entſetzlich, ein wahrer Seelenverkäufer von einem Fuhrwerk, und dabei ſo unregel⸗ mäßig, daß man beſtändig aus dem Rhythmus herausgeſtoßen wird. Ich hatte ein reizendes Thema: eine Pflanzertochter an den Ufern des Miſſiſſippi, die ſich läſſig in einer Hängematte ſchaukelt, während ſchwarze Sclavinnen ihr mit Palmenblättern Kühlung zuwehen, und ein deutſches Bürgermädchen, welches geſchäftig die Gäſte des Hauſes bedient. Der Dichter ſieht beide, und indem ſich nun ſein Blick von der einen zur an⸗ deren wendet, entſtehen die geiſtreichſten Beziehungen und effect⸗ vollſten Lichter; aber, wie geſagt, wer kann denn bei dem Ge⸗ polter im Versmaß bleiben! Gott ſei Dank, da iſt endlich Fichtenau! In der That tauchten eben die erſten Häuſer des Städt⸗ chens in den Tannen auf; die Berge traten auseinander und ließen bunten Wieſen Raum, durch welche die Fichte, müde von ihren tollen Sprüngen in den Bergen, gelaſſener dahinzieht. Ich war in früheren Jahren einmal in Fichtenau geweſen und hatte mir von dem idylliſchen Städtchen und ſeinem immer⸗ grünen Thal eine ſchöne, durch klaſſiſche Reminiscenzen geheiligte Erinnerung bewahrt. Während der Tannenburger Tage hatte ich wiederholt gewünſcht, dieſe Erinnerung durch erneuerten Be⸗ ſuch aufzufriſchen; aber Egbert's Angelegenheiten hatten mich ſo in Athem erhalten— und jetzt brachten mich dieſe Angelegen⸗ heiten doch hierher! Wir hielten an dem„Kurhauſe“ ſtill.— Auf der Veranda vor demſelben ſaßen zwei Herren, die ſich alsbald erhoben und uns entgegen kamen. Es waren Egbert und Herr Bergfeld (etzterer noch immer in dem großcarrirten Coſtüm). Linder machte ſich ſogleich auf den Weg nach der„Goldenen Henne“, wo, der Verabredung gemäß, der Graf um dieſe Zeit bereits abgeſtiegen ſein mußte. Eine Viertelſtunde ſpäter ſollten die Parteien von der„Goldenen Henne“ und dem„Kurhauſe“ zugleich aufbrechen, um ſich auf einer ſchon vorher bezeichneten Stelle des Waldes, dicht hinter dem Städtchen, zu treffen. Meiſter König wollte, während der Knecht das müde Pferd 163 fütterte— ich hatte ihn gebeten, den Einſpänner weiter nach Tannenburg zu benutzen; wer konnte wiſſen, wann und wie wir zurückkehren würden!— einen Gevatter beſuchen; ich blieb mit Egbert und Bergfeld vor dem Kurhauſe ſitzen. Ich habe Herrn Bergfeld, auf deſſen Discretion wir uns verlaſſen können, mit unſerem Vorhaben bekannt gemacht, ſagte Egbert, als Antwort auf einen fragenden Blick von mir. Der im carrirten Coſtüm erröthete heftig, ſchüttelte Egbert's Hand, dann die meine, und rief mit großer Wärme: Ich weiß dieſe Ehre zu ſchätzen, meine Herren! es wird ſtets zu den angenehmſten Erinnerungen meines armen Lebens zählen, daß ich eines ſolchen Vertrauens von ſolchen Männern gewürdigt wurde. Ich mußte lächeln, ſo trüb mir zu Muthe war. Ich dachte an den„Laffen“, mit welchem wenig ſchmeichelhaften Ausdruck Egbert in den erſten Tagen den jungen Mercursſohn ſtets be⸗ zeichnet hatte, und dachte, wie gemeinſchaftliches Leid einſtige Nebenbuhler doch ſo ſchnell unter einen Hut bringt! Ach! fuhr der Carrirte fort; Sie können gar nicht ahnen, welche Wohlthat Sie mir durch Ihre Freundſchaft beweiſen, denn Sie wiſſen nicht und können nicht wiſſen, was ich ge⸗ litten habe und noch leide. Es iſt ſchrecklich, der Erfüllung ſeiner heißeſten Wünſche ſich ſo nah' zu glauben und dann auf einmal— an die Luft geſetzt zu werden, wie man zu ſagen pflegt, ohne zu begreifen, weshalb. Er kann ſie doch nicht Beide heirathen wollen— Hier machte Egbert eine ungeduldige Bewegung, ſtand auf und begann in der Veranda hin und her zu gehen. Herr Bergfeld nahm in Ermangelung von zwei Zuhörern mit einem vorlieb und fuhr, ohne ſich zu unterbrechen, fort: obgleich ich dem Menſchen faktiſch Alles zutraue, aber faktiſch Alles! Denken Sie doch nur— ich habe das Herrn Egbert noch gar nicht er⸗ zählt, weil ich ihn nicht noch mehr aufbringen wollte— er hat ja hier ſchon eine ähnliche Geſchichte gehabt, während der drei Tage, die er hier zugebracht: ein Fräulein Libbeke aus Ham⸗ burg, Firma F. A. Libbeke— die große Colonialwaarenhand⸗ 14½ 164 lung— Sie müſſen die Firma ja kennen, wenn Sie auch nicht in Hamburg weiter bekannt ſind— F. A. Libbeke, der im vorigen Jahre, als die Roſinen ſo aufſchlugen, blos in dieſem Artikel binnen zwei Tagen achtzigtauſend Thaler verdiente— nicht? merkwürdig! F. A. Libbeke iſt ja ein Schwager von dem Bremer A. B. Meier, der übrigens heute mit den Puſterhauſen⸗ ſchen Damen hier war— alle Welt nennt ihn ja mit Fräu⸗ lein Käthchen verlobt— ja, was ich ſagen wollte: der Graf hat denn ſogleich mit Fräulein Libbeke angeknüpft, und die Sache war auch richtig in den drei Tagen ſo weit gediehen, daß blos noch das Jawort von dem alten Libbeke fehlte. Na, das wäre ſchon zu haben geweſen, denn Grafen, und beſonders ausländiſche mit einem recht langen Namen, ſtehen im Ham⸗ burger Cours ſehr gut notirt, gleich hinter Mark Banco; leider aber hatte ſich Fräulein Libbeke ſchon an einen preußiſchen Ar⸗ tillerie⸗Offizier verplempert von dem Schleswig⸗Holſteiniſchen Kriege her, wiſſen Sie— der hört von der Geſchichte, macht ſich auf, kommt her, und— na, das Uebrige können Sie ſich denken. Aber zu einem öffentlichen Scandal iſt es nicht ge⸗ kommen; unſere preußiſchen Offiziere, wiſſen Sie, wenn ſie auch wie der Lieutenant Schulze nicht adelig ſind, haben Haare auf den Zähnen; der Herr Graf hat vorgezogen, klein beizugeben, und da gerade an dem Tage die Amerikanerinnen hier waren, iſt er denn nach Tannenburg übergeſiedelt. Gott, und das iſt noch nicht das Schlimmſte! Er hat ja auch der Tochter von dem Kurhauswirth, der nebenbei ein reicher Mann iſt— wir machen auch mit ihm Geſchäfte in Braunſtein— na, der hat er ja auch einen Heirathsantrag gemacht, aber der alte Jvél iſt eine wunderliche alte Schraube, dem ſo leicht nicht beizu⸗ tommen iſt, und der ſoll ihm geradezu geſagt haben: Hören Sie, Guter, ſoll er geſagt haben, ich kann wohl eine Harzer Kuh von einer Algäner unterſcheiden, aber einen ungariſchen Grafen von einem Schwindler, wenn der Schwindler nun mal Graf ſpielen will, das kann ich nicht.— Na, ſo arg wird es nun nicht geweſen ſein, obgleich man von dem Joél curioſe Dinge zu hören bekommen kann, aber das ſteht ſeſt 165 Es iſt Zeit aufzubrechen, ſagte Egbert, der herantrat. Höre, Egbert, ſagte ich, mir hat hier unſer Freund ſo⸗ eben diverſe Geſchichten von dem Grafen erzählt, die mich zweifeln laſſen, ob man ſich überhaupt anſtändigerweiſe mit ihm ſchlagen kann. Um Gottes willen, rief der Carrirte: Sie wollen mich doch nicht noch auch in dieſe Geſchichte verwickeln! Ich glaube, Herr Bergfeld, daß Sie als Mann von Ehre— Aber was giebt es denn nur? rief Egbert ungeduldig. In dieſem Augenblicke ſah ich Linder in für ihn ganz un⸗ gewöhnlicher Eile unter den Linden, welche die Straße über⸗ wölben, daher kommen. Ein paar Schritte hinter ihm ging Louis, der Engländer; ich eilte, von der Ahnung getrieben, daß Linder Nachrichten von Wichtigkeit bringen müſſe, ihm entgegen: Was giebt's, Linder? Seltſame Dinge, ſagte Linder, ſtehen bleibend, und nach Louis ſich umblickend, der zögernd herankam. Nur immer heran, mein vortrefflicher Freund! es kurz zu ſagen: Der Graf iſt nicht gekommen, und Louis hier behauptet, daß er auch nicht kommen werde, und behauptet ferner, den Grund zu wiſſen, weshalb er nicht kommen wird, will ſich aber blos Ihnen an⸗ vertrauen. Auch Egbert und Bergfeld waren jetzt herangetreten. Reden Sie, Louis, rief ich, was giebt's? Ach, meine Herren, ſagte Louis kläglich, ich kann wirklich nicht— und er warf ſo ſcheue, verwirrte Blicke um ſich, daß ich alles Ernſtes fürchtete, der arme Menſch habe den Verſtand verloren. Louis, ſagte ich in väterlichem Tone: ich habe Sie immer für einen treuen, ehrlichen Menſchen gehalten. Die Sache iſt von höchſter Wichtigkeit, und Sie können vor uns ganz offen reden. Was iſt's mit dem Grafen? Ach, meine Herren, er iſt Sie ja gar kein Graf nicht! rief Louis, indem er die Hände vor der Bruſt zuſammenſchlug. Wir ſtanden ganz ſtarr vor Erſtaunen ob dieſer ſeltſamen Kunde. 166 Sie ſind toll, Louis, ſagte ich endlich, während Egbert un⸗ gläubig den Kopf ſchüttelte, Linder ſich lächelnd den Bart ſtrich und Herr Bergfeld in einem plötzlichen Anfall von Kampfes⸗ wuth Louis am Kragen faßte und ſchüttelte. Ruhig, Ihr Herren! ſagte ich; die Sache muß genauer unterſucht werden. Kommen Sie, Louis, trinken Sie ein Glas Wein, und erzählen Sie, was Sie wiſſen. Ich hatte dem armen Menſchen, der ſich in ſeiner Angſt und Verwirrung fortwährend die trockenen Lippen mit der trockenen Zunge zu feuchten verſuchte, von dem Tiſch, an dem wir geſeſſen hatten, ein Glas eingeſchenkt. Glücklicherweiſe war Niemand in der Nähe, der dieſe ſonderbare Conferenz hätte beobachten können. Louis leerte das Glas auf einen Zug und ſagte: Ich weiß Sie es ja auch erſt ſeit vorgeſtern Morgen. Er hatte ſich ja ſo herausſtaffirt, daß ihn ſeine eigene Mutter nicht wieder erkannt hätte. Aber vorgeſtern Morgen, als Karl nicht gleich da war und ich für ihn am Billard markirte— wiſſen Sie, Herr Linder, Sie ſtanden am Fenſter und laſen die Illuſtrirte— Gott ſtrambach! ich ſage Sie, es fährt mir noch durch alle Glieder, wenn ich daran denke— macht er Sie ein Quadruplé, daß ich beinahe vor Schreck aufgeſchrieen hätte. Herr du mein, ſage ich bei mir, ſo ein Quadruplé!— und indem ich das noch ſo denke— richtig, da macht er Sie wieder daſſelbe Quadruplé— na! und da wußte ich, daß er es war. Wer? riefen wir Alle wie aus einem Munde. Der Billardcaspar aus dem Café Stephan, mit dem ich ja ein ganzes Jahr im Kaiſer Franz Hotel in Wien ſervirt abe. Wir ſahen uns Einer den Andern der Reihe nach an und brachen dann ſämmtlich, wie von einem elektriſchen Funken durchzuckt, in ein ſchallendes Gelächter aus. Sie können es mir glauben, meine Herren, ſagte Louis, der den Sinn unſerer Heiterkeit mißverſtand: das Quadruplé macht ihm Keiner nicht nach, und wenn der Kaiſer Franz 67 Joſeph ſelber mit der Krone auf dem Kopfe gekommen wäre und geſagt hätte: das iſt ein Graf, ich hätte doch geſagt: es iſt der Billardcaspar; und er hat es ja auch ſelber einge⸗ ſtanden. „ Hat er das? rief ich. Nun gewiß! rief Louis: ich war zuerſt ganz wie närriſch und wußte gar nicht, wo mir der Kopf ſtand, ſo daß ich wohl ein wenig unaufmerkſam geweſen ſein mag, obgleich mich der Herr Director deshalb noch nicht hätte fortzuſchicken brauchen. Na, er hatte mich geſtern Morgen fortgeſchickt, und ich war hierher gegangen, weil ich glaubte, ich würde in der Goldenen Henne ankommen können. Aber damit war es Sie nichts, und ich habe eine alte Mutter, meine Herren, die ich erhalten muß, und Der arme Junge wiſchte ſich die Augen; ich ſchenkte ihm noch ein Glas ein; er trank es unter vielen dankbaren Ver⸗ beugungen und fuhr dann fort: Da dachte ich denn heute: willſt einmal zu ihm gehen und ihm in's Gewiſſen reden. Denn es iſt ja doch zu arg, dachte ich, daß der Billardcaspar in Tannenburg den Grafen ſpielt, und du hier in Fichtenau auf das Pflaſter geſetzt biſt. Ich alſo hin nach Tannenburg gemacht, ſo gegen zehn Uhr heute Morgen und werde dann gleich auf ſein Zimmer gehen und ihn auch richtig treffen, wie er eben ſeinen Koffer packt. Guten Tag, Caspar Weyer, werde ich ſagen, denn ſo heißt er eigentlich, meine Herren. Es hilft Dir nichts mehr, denn ich kenne Dich. So? ſagt er, kennſt Du mich? nun, ich habe Dich längſt gekannt, und wenn Du nicht den Mund hältſt, ſo ſoll Dir das den Mund ſtopfen, und damit hält er mir eine Piſtole vor das Geſicht. Aber, meine Herren, ich war Sie mittlerweile nun auch ganz rabiat geworden. Oho! ſagte ich, Caspar, ſo leicht geht das hier zu Lande nicht, und wenn Du mir jetzt nicht auf der Stelle funfzig Thaler giebſt, ſo gehe ich hin und ſage es dem Director, und gehe hin und ſage es dem Herrn Egbert, und dem Mr. Cunnigsby, und Allen will ich es ſagen, und— Still, ſagte er, Louis, ich habe ja nur geſpaßt. Und Du ſollſt das Geld auch haben, oder höre, Louis, ſagte er, Du kannſt noch viel mehr verdienen, wenn Du mir helfen willſt. Ich weiß ſchon, ſagte ich. Nichts weißt Du, heute Abend entführe ich ſie. Egbert ſprang auf: Was ſoll das heißen?„y Ruhig, Egbert, rief ich; laß ihn ausreden. Und Sie, Louis, beeilen Sie ſich; was meint er damit? Ach Gott, ſagte Louis, es iſt ja wirklich wahr; er hat Alles mit Mr. Cunnigsby verabredet. Die Miß Ellen will ihn ja nicht, und nun ſoll er ſie entführen. Aber das iſt ja zu toll, Louis, ſagte ich. Ja, das iſt es auch, rief Louis, eine richtige Schandge⸗ ſchichte; aber es iſt ganz gewiß wahr. Er ſoll ſo thun, als ob er die jungen Damen ſpazieren fahre, und dann ſoll er ſie nicht wieder zurückbringen, und die junge Dame, meinen ſie, würde ſchon Ja ſagen, wenn ſie ſieht, daß es nicht anders geht. Und ich ſoll ihn um acht Uhr auf dem Nonnenkopf erwarten, und ſoll ſo gleichſam als Bedienter mit ihm reiſen, und ich armes Menſchenkind habe auch zu Allem ja geſagt, aber wenn ich Sie es ſo recht bedenke, ſo kann einen die Geſchichte doch an den Galgen bringen— Um Himmelswillen, rief Egbert; laß uns machen, daß wir fortkommen! Aber wohin? rief ich, der ich mich ebenfalls voller Unruhe erhoben hatte; wenn ſich dies Alles ſo verhält, treffen wir ihn ſicher nicht mehr in Tannenburg. Wir müſſen— Direct nach dem Nonnenkopf, das verſteht ſich von ſelbſt. Es iſt jetzt ſechs Uhr. Wir können von hier aus über den Falkenſtein, die Helenenquelle in zwei Stunden dort ſein. Da müſſen Sie aber ſehre ſchnell machen, ſagte Louis be⸗ denklich. Kommſt Du mit, oder nicht? rief Egbert, der ſchon auf der Straße ſtand. Nun natürlich, rief ich. Ich auch, ſagte Bergfeld, den langen Gebirgsſtock, den 169 7 treuen Begleiter auf ſeinen Fahrten durch die weite, weite Welt, muthig ergreifend. Sie müſſen auch mit, Louis! ſagte ich. Gleich, Herr! ſagte Louis. Linder war ruhig ſitzen geblieben. Ich komme nicht mit, lieber Freund, ſagte er, denn ein ſolcher zweiſtündiger Dauer⸗ lauf wäre für einen Herzleidenden, wie ich, mit Selbſtmord identiſch. So bleiben Sie hier und fahren Sie mit Meiſter König in dem Einſpänner nach Hauſe. Es muß auch Einer von uns in Tannenburg ſein, um Mr. Cunnigsby im Auge zu behalten, der nach Allem, was ſcheint, in dieſe Schurkerei verwickelt iſt. Bergfeld, Louis und ich erreichten Egbert im Trabe, und nun ging es zuſammen, halb im Trabe, halb im Schritt, die ſtaubige Hauptſtraße von Fichtenau entlang, zu nicht geringer Verwunderung der Kurgäſte, die gemächlich von ihrem Abend⸗ ſpaziergange aus den reizenden Anlagen zurückkamen. Dichter hinter Fichtenau führt ein Fußweg rechts ab in den Wald auf den Falkenſtein, unſere erſte Station. Niemand von uns kannte den Weg, außer Egbert, der ihn aber auch nur ein⸗ mal gegangen war, ſo daß ich, als wir in den Wald gelangten, wo es unter den hohen Bäumen ſchnell zu dunkeln begann und bald rechts, bald links die Pfade in den dichten Tann liefen, eingedenk der geſtern und neulich gemachten Erfahrung, als ſicher annahm, wir würden uns verirren. Aber ich vergaß, daß an unſerer Spitze ein Weidmann marſchirte, deſſen eigentliche Heimath Wald und Feld war, und der ſich in dieſer ſeiner Heimath mit einer Leichtigkeit und Sicherheit zurecht fand, wie der Schiffer auf dem Meer. Berg⸗ auf, bergab, jetzt rechts, jetzt links, bald auf geebnetem Pfad, bald querwaldein, wo ein Stück Weges abzuſchneiden war, ging es, als gälte es das Leben, Egbert immer voran, Felſenſtufen hinunterſpringend oder erklimmend, durch die Büſche brechend, mit der Kraſt eines verfolgten Hirſches, wir Anderen hinter⸗ drein, athemlos, keuchend, jeden Augenblick glaubend, die tolle Jagd aufgeben zu müſſen, und immer wieder durch Egbert's Beiſpiel und Zuruf angefenert, verſuchend, weiter mit ihm glei⸗ chen Schritt zu halten. Am beſten gelang das im Anfang noch Louis, deſſen kleine, trumme Beine eine überraſchende Schnelligkeit entwickelten und der trotz alles Stöhnens und Schnaufens ſeinen redſeligen Mund öffnete, ſobald er an meine Seite kam. So erfuhr ich denn in abgebrochenen Sätzen noch Eines und das Andere aus der privaten Geſchichte des Herrn Hernad George, Grafen Saros⸗Patak, alias Billardcaspar: wie er ein Wiener Kind ſei und auch dort ſchon immer den großen Herrn geſpielt und ſeinen ſchlanken Wuchs, ſein Bischen Franzöſiſch zu allen mög⸗ lichen Schwindeleien ausgebeutet habe. Nun ſei er ein paar Jahre in Peſth Kellner geweſen, und da ſei ihm jedenfalls der Gedanke gekommen, als ungariſcher Graf ſein Glück zu verſuchen. Louis berichtete weiter, daß ſein ehemaliger College viel Geld habe blicken laſſen und geſagt habe, der Aufenthalt in Tannen⸗ burg allein hätte ihm über zweihundert Thaler eingebracht. Das Leben, das er führe, ſei das luſtigſte und leichteſte Leben von der Welt, ſein Hauptplan aber ſei immer geweſen, ein reiches Mädchen zu heirathen, wenn auch nur, um ſie ſich her⸗ nach von den betrogenen Eltern mit einer möglichſt großen Summe abkaufen zu laſſen. Ein paar Mal ſei er ſchon dicht daran geweſen, aber immer ſei etwas dazwiſchen gekommen; hier aber, denke er, ſoll es ihm endlich glücken. Mr. Cunnigsby zweifle nicht im mindeſten, daß er ein reicher Graf ſei, und Mr. Cunnigsby könne Miß Ellen gar nicht leiden und ſei froh, ſie— wie er denke— auf gute Weiſe los zu werden. Er habe aber eine große Summe verſprochen, ſobald die Heirath einmal vollzogen ſei, und deshalb ſolle nun eben das Mädchen entführt werden, weil man daran zweifle, ſie im Guten über⸗ reden zu können. Und die andere Tochter ſoll dabei helfen? fragte ich. Ach Gott, ſie wird Sie wohl müſſen, keuchte Louis, dieſer Miſter ſoll ein ſchrecklicher Menſch ſein. Egbert unterbrach dieſe ſtoßweiſen Mittheilungen, indem er uns abermals zurief, wir möchten uns ſputen; es ſei jetzt kein 171 Grund mehr, langſam zu gehen. Die Sache war, daß wir allerdings die Höhe des Berges erreicht hatten und jetzt auf dem breiten Rücken fortſchritten, aber der Weg— derſelbe, den wir geſtern in Sturm und Regen von dem Nonnenkopfe gekommen waren, eine uralte Fahrſtraße, über welche die Cim⸗ bern und Teutonen ſchon ihre Karren geſchleppt haben mochten — war überaus ſteinig, und die Dunkelheit mittlerweile ſo groß geworden, daß, wer nicht Egbert's ſtählerne Muskeln und falken⸗ ſcharfe Augen hatte, bei der Eile, mit der wir vorwärts ſtürm⸗ ten, fortwährend Gefahr lief, den Hals, wenigſtens die Beine zu brechen. Ich traute mir zu, noch weiter mit Egbert Schritt halten zu können, aber die beiden Andern, das ſah ich wohl, mußten wir zurücklaſſen. Uebrigens waren wir längſt auf dem Wege, den jeder Tannenburger kannte, und es kam nicht ſo viel darauf an, ob die Andern ein paar Minuten ſpäter eintrafen; die Hauptſache, den edlen Grafen feſtzuhalten, konnte jedenfalls von uns allein ausgeführt werden. So machte ich denn Egbert den Vorſchlag, mit ihm weiter zu gehen, während die Andern langſamer nachkämen, was denn Egbert zufrieden und Berg⸗ feld und Louis ſehr zufrieden waren. Wenige Minuten ſpäter hatten wir ſie ſchon ſo weit zurückgelaſſen, daß wir nichts mehr von ihnen hörten. Ich theilte unterdeſſen, ſo weit mir der Athem es verſtattete, Egbert mit, was ich eben von Louis gehört. Es iſt ein uner⸗ hörter Gaunerſtreich, ſagte ich, und wie gut der Schurke die Zeit gewählt hat! Jetzt verſtehe ich auch, weshalb er heute Morgen durchaus auf das Duell beſtanden: er wollte uns Alle aus dem Wege haben. Und morgen ſollten ſie ja zu dem Herzog abgeholt werden! Das iſt ein zweiter Grund geweſen, die Sache zu beſchleunigen, denn er mußte mit Recht fürchten, bei dieſer Gelegenheit doch über kurz oder lang entlarvt zu werden! O, über den Hallunken! aber der edle Mr. Cunnigsby iſt nicht um ein Haar beſſer. Das arme Mädchen, das arme, arme Mädchen! murmelte Egbert und verfiel jetzt, wo der Weg plötzlich ganz ſanft und glatt wurde, in einen Trab, daß auch ich hätte zurückbleiben 172 müſſen, wären wir nicht eben, ehe ich es gedacht, auf den freien Platz, der das Förſterhaus auf dem Nonnenkopf umgab, herausgetreten. Ein Wagen hielt vor der Thür: ſie ſind's, ſie ſind's! ſchrie Egbert und ſtürzte in mächtigen Sätzen, wie ein Schweißhund, der die Beute endlich vor ſich ſieht, über die Wieſe auf das Haus zu. Ich nahm meine letzte Kraft zuſammen und er⸗ reichte es faſt zugleich mit ihm. Der Knecht bei den Pferden war ein Menſch, den ich nicht kannte, der Wagen war ein ver⸗ deckter Wagen— doch ſah ich das Alles nur ſo im Vorbei⸗ fliegen, denn wir eilten in den dunklen Flur und ſtießen die Thür zu dem Gaſtzimmer rechter Hand auf, durch deſſen Fenſter wir hatten Licht ſchimmern ſehen. Welch eine Scene bot ſich unſern Augen dar! Mitten im Zimmer erblickten wir den Elenden, der mit einem Arm die unglückliche Ellen umfaßt hielt und im Begriff ſchien, ſie mit Gewalt aus dem Zimmer zu ziehen, während ſie ſich aus allen Kräften ſträubte. Einen Schritt davon ſtand Virginia, ſehr bleich, und ſchien der Schweſter zuzureden. In dem Moment, als wir hereinſtürzten, ſtieß der Graf, oder, wie ich ihn wohl jetzt bei ſeinem rechten Namen nennen muß: Cas⸗ par— die Aermſte im erſten Schreck von ſich, ſo daß ſie Egbert geradezu in die Arme flog. Virginia ſchrie laut auf, und Caspar rief, indem er einen Revolver, den er unter den Kleidern hervorgezogen haben mußte, auf Egbert richtete: Ich ſchieße Euch todt, ich ſchieße Euch todt! Da ein Revolver immerhin ein Ding iſt, das mit Vorſicht behandelt ſein will, und der Menſch mit ſeinen aus dem grauen Geſicht glitzernden ſchwarzen Augen, ſtarrenden Schnurrbart und vor Wuth grinſenden Zähnen desperat genug ausſah, ſo hielt ich es für das Beſte, ihm mit einem geſchickt geführten Schlage den Revolver aus der Hand zu ſchleudern, ſo daß derſelbe weit fortflog, glücklicherweiſe ohne ſich zu entladen. Caspar ſprang nach ſeiner Waffe, ich ihm nach, im nächſten Moment hatten wir uns umfaßt, Jeder bemüht, den Andern zu Boden zu ringen. Zu gleicher Zeit war der Knecht bei den Pferden— aufmerk⸗ 173 ſam gemacht durch unſer Erſcheinen und durch den plötzlich in der Wirthsſtube entſtehenden Lärm— hereingekommen und war, um ſeinen Patron zu befreien, über Egbert hergefallen. Die Frauen— zu denen wir jetzt auch die Frau Kreiſerin rechnen müſſen, die aus der Küche herbeigelaufen kam— ſchrieen, die Männer kämpften— es war eine Scene gräulicher Verwirrung. Wunderbarer Weiſe blieb der wackelige Tiſch, auf welchem das einzige Licht ſtund, das den Kämpfenden leuchtete, unberührt; und das war für mich ſpeciell ein großes Glück, denn ich ſah in dem Scheine deſſelben, während ich mit Caspar rang, plötz⸗ lich etwas über mir aufblitzen, wonach ich inſtinctmäßig griff, ehe ich mir noch bewußt wurde, daß es ein Dolch war, den der Verzweifelte über mir ſchwang. Der Stoß fiel in meine aus⸗ geſtreckte Hand, und da ich das Handgelenk erfaßt hatte, gelang es mir, ihn daran feſtzuhalten, während er wie ein Raſender ſeinen Arm wieder frei oder doch wenigſtens die Waffe in die andere Hand zu bekommen ſuchte. Ich weiß nicht, welchen Ausgang dieſer Kampf für mich genommen hätte, wenn Egbert nicht unterdeſſen mit ſeinem Gegner fertig geworden wäre, der, hätte er Egbert gekannt, eben ſo gut einen Bären zum Kampf herausgefordert haben würde und jetzt, von den Schlägen der Bärentatze niedergeſchmettert, unfähig ſich zu regen, am Boden lag; daſſelbe Schickſal wurde denn auch binnen der nächſten halben Minute dem Caspar zu Theil, und es fehlte nicht viel, daß Egbert, der nun einmal im Zuge war, mich, da ich ihm in den Arm fiel, damit er dem Elenden nicht den Garaus mache, nicht ebenfalls ſo unſanft gebettet hätte. Glücklicherweiſe wurde Ellen in dieſem Moment ohnmächtig, und der zornige Bär mußte für den Augenblick die Wahlſtatt räumen, um den ohnmächtigen Preis ſeines Kampfes und Sieges hinüber in das Wohnzimmer der Familie Winzig zu tragen, gefolgt von Frau Winzig, die heulte, und von Miß Virginia, die weinte, und, ihrem Ausſehen nach zu ſchließen, ebenfalls nicht weit von einer Ohnmacht war. Unterdeſſen hatte Caspar ſich wieder ſo weit erholt, daß er aufſpringen und nach der offen ſtehenden Thür ſtürzen konnte, wo er auf eine Perſon prallte, die genau in dieſem Augenblicke die ganze Höhe und Breite derſelben ausgefüllt hatte. Dieſe Perſon war niemand Geringeres als der Kreiſer, Herr Hans Winzig, der den ganzen Nachmittag im Dienſte ausgeweſen war und jetzt zu ſeiner höchſten Verwunderung ſein friedliches Haus als den Schauplatz ſolcher Scenen wiederfand. Doch ließ ich ihm nicht Zeit, ſich lange zu wundern, ſondern hieß ihn, nachdem ich ihn mit wenigen Worten über den Sach⸗ verhalt aufgeklärt, die Gefangenen beobachten, während ich hinüber⸗ ging, zu ſehen, was aus Ellen geworden ſei. Das arme Kind war noch immer ohnmächtig. Als Gatte und Vater(von vier Kindern) glaubte ich das Recht und die Pflicht zu haben, die Frauen zu bitten, der Ohn⸗ mächtigen die Kleider zu löſen und dieſem Liebeswerk in den allererſten Stadien zu aſſiſtiren; dann ergriff ich Egbert am Arm und führte ihn zu unſeren Gefangenen zurück, über deren Schickſal doch etwas feſtgeſetzt werden mußte. Mittlerweile hatte ſich auch der Bauer ſo weit erholt, daß wir ihn, nachdem er Urfehde geſchworen, zu ſeinen Pferden, die ungeduldig zu werden anfingen, entlaſſen konnten. Nicht ſo ein⸗ fach war die Sache mit dem Grafen. Er hatte ſich an den Tiſch geſetzt und den Kopf in beide Hände geſtützt. Unſeren Fragen, Anſchuldigungen, Drohungen ſetzte er nur hartnäckiges Schweigen entgegen. Nur als fünf Minuten ſpäter Bergfeld und Louis anlangten und als Beiſitzer in den Gerichtshof eingereiht wurden, blickte er auf den Letzteren mit Augen, aus denen ein ſo wölfiſcher Haß ſprühte, daß ich froh war, den Revolver und den Dolch in Sicherheit gebracht zu haben. Da aus dem Menſchen ſchlechterdings nichts herauszubringen war, ſo gab ich den Andern ein Zeichen. Wir verließen das Ziinmer, das wir hinter uns abſchloſſen, und begaben uns auf den Flur, um über das, was demnächſt zu geſchehen habe, mit gedämpfter Stimme Berathung zu pflegen. Die Hauptſache ſchien, ſich bis auf Weiteres der Perſon des Verbrechers zu ver⸗ ſichern; hier wußte der Rieſe ſofort Rath. In dem Hinter⸗ 175 gebände war ein kleines, mit eiſenvergittertem Fenſter und ſtarker eichener Thür verſehenes Gelaß, in welches renitente Waldfrevler geſteckt wurden, oder doch wenigſtens geſteckt werden konnten, da ein ſolches Ereigniß während der zehnjährigen Dienſtzeit des Rieſen noch immer nicht eingetreten war und er in Folge deſſen das Gelaß als Rumpelkammer zu benutzen pflegte. Eine aus mir beſtehende Deputation überzeugte ſich unter Begleitung des Rieſen von dem augenblicklichen Zuſtand dieſes Gewahrſams, und als die Deputation den Aufenthalt, für eine Nacht wenigſtens, erträglich fand, und nachdem ſie angeordnet, daß ein Strohſack als Lager hineingeſchafft werde, wurde der Gefangene, der es für das Gerathenſte hielt, ſich nicht länger zu ſträuben, dahin abgeführt, nachdem der Förſter, der ſich auf dergleichen vollkommen verſtand, nach Waffen bei ihm viſitirt und keine gefunden. Wir hatten eben Hernad George, Grafen Saros⸗Patak in die Rumpelkammer geſperrt und wandten uns wieder nach dem Hauſe, als ich mich von Jemand am Rockſchoß feſtgehalten fühlte. Es war Bergfeld. Sein kleines Geſicht war ſehr ernſt, ſeine ſchmalen Aeuglein mit ängſtlicher Spannung auf mich gerichtet: Wenn es nun aber doch ein Graf wäre! ſagte er. Ich glaube nicht, erwiederte ich, jedenfalls müſſen wir es darauf ankommen laſſen. Und, fuhr der Aufgeregte fort, wenn er kein Graf, ſondern wirklich ein weggelaufener Kellner iſt, glauben Sie nicht, daß ich wieder einige Chancen habe? Wie? rief ich, Herr Bergfeld, nach der Behandlung, die man Ihnen hat zu Theil werden laſſen! Sehen Sie, ſagte der Carrirte vertraulich, daraus mache ich mir nun nicht viel. Ich bin drei Jahre lang für unſer Ge⸗ ſchäft gereiſt, da lernt man Einiges ertragen; und dann, ſie liebt mich; ich bin überzeugt, ſie liebt mich, aber ſie hat nur nicht gedurft, das iſt es! ſie hat nur nicht gedurft! Dann kehren Sie auch wohl mit uns nach Tannenburg zurück! Wenn Sie es gütigſt verſtatten, rief der junge Mann, indem er meine beiden Hände ergriff und wieder und wieder drückte, ich würde Ihnen ewig, ewig, ewig dankbar ſein. Ich denke, wir benutzen den Wagen, um zurückzukommen; die beiden Damen und Sie und Egbert können d'rin ſitzen, ich werde mich zu dem Menſchen auf den Bock ſetzen. Louis kann hier bleiben und Herrn Winzig den Delinquenten bewachen helfen. Gleich, Herr, ſagte Louis. Ich klopfte an die Thür der Stube, in welcher ſich die Mädchen befanden. Virginia öffnete. Wie geht es Miß Ellen? fragte ich engliſch. Beſſer, antwortete die junge Dame. Glauben Sie, daß ſie ſtark genng iſt, die Rückfahrt antreten zu können? Die Antwort von Miß Virginia war ein Strom von Thränen, der unaufhaltſam aus ihren dunkeln Augen brach. Sie ergriff, gerade wie es eine Minute vorher Bergfeld gethan hatte, meine beiden Hände und murmelte in, wie es ſchien, fürchterlichſter Angſt Worte, die ihr Weinen und Schluchzen vollkommen unver⸗ ſtändlich machten. Unterdeſſen war auch Miß Ellen an die Thür gekommen. Sie ſah noch ſehr blaß aus, aber war viel ruhiger und gefaßter als ihre Schweſter. Ihre Augen ſuchten an mir vorüber Egbert, der hinter mir ſtand. Ich bat die Damen, ſich fertig zu machen. Miß Ellen that dies ruhig, Miß Virginia unter fortwährendem Schluchzen und Weinen, das dem jungen Mercursſohn durch die Seele ſchnitt und das er vergeblich durch leiſes Zureden zu beſchwichtigen ſuchte. Es ſchien mir wiederholt, als ob die junge Dame mich unter vier Augen zu ſprechen wünſchte, aber ich hatte mit den Anordnungen unſeres Rückzuges ſo viel zu thun, daß ich ihrem Wunſche nicht willfahren konnte. Es zeigte ſich, daß die Sitze des Wagens noch verſchiedene mit Damenſachen angefüllte hölzerne Laden bargen. Einen Reiſeſack, der offen⸗ par dem Grafen gehörte, gab ich dem Rieſen in Verwahrung. Endlich konnten wir abfahren. Es war nicht natürliches Wohlwollen und Ueberſchwang von 177 Nächſtenliebe allein, weshalb ich die beiden jungen Paare in die trauliche Gemeinſchaft eines engen vierſitzigen Wagens ge⸗ packt hatte— ich hoffte, auf der Heimfahrt von dem Bauer, dem Wagen und Pferde gehörten, etwas Näheres über den durch unſere Dazwiſchenkunft zerſtörten Schurkenplan des„Gra⸗ fen“ zu hören. Auch hatte ich mich in meiner Hoffnung nicht getäuſcht. Leichtlebig, gewinnſüchtig und gewiſſermaßen aben⸗ teuerluſtig, wie es die Art dieſes Völkchens iſt, war er von dem „Grafen“ durch eine Summe Geldes gewonnen worden, ihn und die Mädchen quer durch das Gebirge nach dem Städtchen F. am Fuß deſſelben zu fahren, von wo man in einer Stunde die Eiſenbahn erreichen konnte. Um was es ſich handelte, dar⸗ nach behauptete der leichtſinnige Menſch nicht gefragt zu haben, konnte aber nicht leugnen, daß ihm die ganze Sache einiger⸗ maßen verdächtig geworden ſei, da die eine junge Dame ſo traurig ausgeſehen und beim Ausſteigen auf dem Nonnenkopf ſo geweint habe. Freilich, wenn er gewußt hätte, daß der Graf gar kein Graf, ſondern ein Kellner ſei, würde er ſich nicht in den Streit der Herren gemiſcht und ſich die Prügel erſpart haben, die er von Herrn Egbert erhalten. So ſchwatzte der Menſch; ich ließ ihn ſchwatzen und ſam⸗ melte die Körner Wahrheit, die ohne allen Zweifel in der Lügenſpreu ſteckten. Unerklärlich blieb mir nur, wie Mr. Cun⸗ nigsby— ein ſo großer Schurke er auch ſein mochte— zu dieſem Bubenſtück ſeine Einwilligung habe geben können. Hatte er geglaubt, das arme Mädchen in dieſer unerhörten Weiſe in eine ihr verhaßte Verbindung zu zwingen? vielleicht zu gleicher Zeit durch dieſe Flucht den erwünſchten Schwiegerſohn vor der Gefahr des Duells mit dem gefährlichen Egbert zu retten? und hatte er hernach das Ganze für eine wirkliche Entführung aus⸗ geben wollen, in die dann auch die älteſte Tochter verwickelt worden ſei? Es gab kaum eine andere Erklärung; aber dann — welcher Abgrund von Schlechtigkeit war die Seele dieſes Mannes! Freilich, freilich! was weiß ein Sclavenzüchter von Ehre und Rechtlichkeit? Hat ein ſolches Scheuſal Eingeweide wie ein anderer ehrlicher Menſch? War es nicht Longfellow, Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 12 178 der in einer kleinen, ſchauerlich ſchönen Ballade einen ähnlichen Stoff behandelt: wie ein Pflanzer ſeine Tochter an einen Scla⸗ venſchiffscapitän verkauft? But the voice of nature was too weak; He took the glittering gold! Then pale as death grew the maiden's cheek, Her hands as icy cold... Ja, ja! die Stimme der Natur! es wird bei ihm nicht großen Kampf gekoſtet haben, die zu übertönen mit dem Klang des gleißenden Goldes; und die todtbleiche Wange des Mäd⸗ chens hatte ich ja nur eben erſt geſehen, hatte eben erſt, als ich ihr in den Wagen half, ihre eiskalten Hände in den meinen gehabt! Und jener Pflanzer hatte doch noch einen Schimmer von einem Grunde für ſeine Unthat; er war ein armer Teufel und mußte vielleicht das Geld haben; aber dieſer Mr. Cun⸗ nigsby, der ſelbſt ein reicher Mann iſt,— freilich! wer weiß, wie es mit ſeinen Verhältniſſen ſteht! Die Anleihen, die er von allen Seiten contrahirt, laſſen wenigſtens auf eine bedenk⸗ liche augenblickliche Verlegenheit ſchließen. Unter allen Umſtänden werden wir einen ſchweren Stand mit dem ehrenwerthen Gentle⸗ man haben; er wird den freien Amerikaner und den Jaguar nach Möglichkeit herauskehren, obgleich er, wenn er nicht ganz toll iſt, uns dankbar ſein muß, daß wir ihn von dem„Grafen“ befreiten. Da muß man die Schraube anſetzen und für die arme Ellen ſo viel als möglich herauszupreſſen ſuchen; vielleicht auch für die Andere, die möglicherweiſe mehr leichtſinnig als ſchlecht iſt und jedenfalls ganz unter der Furcht vor ihrem Jaguar⸗Vater ſteht. So ſann und calculirte ich, wührend ich oben auf dem Bock neben dem Kutſcher ſaß und unter andern Befürchtungen auch noch die hatte, mir den grauſamſten Schnupfen zu holen. Denn der Abend war kalt geworden, in dem Walde nebelte es, und der Nebel wurde dichter, je mehr wir uns auf unſerer raſchen Fahrt bergab Tannenburg näherten. Das war eine unverhält⸗ nißmäßige Abkühlung nach unſerem zweiſtündigen Dauerlauf 179 über Stock und Stein, und einem Kampf auf Tod und Leben! Aber aus dergleichen dürfen wir braven Stallmeiſter uns frei⸗ lich nichts machen, während unſere Ritter im wohlverſchloſſenen Wagen an der Seite ihrer Dulcineen ein reizendes Capitel in dem Roman ihrer Liebe leſen. O, dieſer mühſeligen, ſchweiß⸗ triefenden, zähneklappernden Stallmeiſterei! Endlich— endlich — da iſt Tannenburg! XI. Auf der Seite, von welcher wir kamen, hat man nur wenige Schritte durch das Dorf bis zum Kurhaus; aber ſchon auf dieſer kurzen Strecke nahm man wahr, daß etwas Außerordent⸗ liches vorgefallen ſein mußte. Es ſtanden Leute in Gruppen beiſammen, die immer dichter wurden, je mehr wir uns dem Kurhauſe näherten. Vor dem Flügel, wo die Amerikaner und ich wohnten, und wo wir vorfahren mußten, hielt eine große Chaiſe, angeſpannt. Ein Haufen Neuhieriger umgab ſie, der auch ſofort unſern Wagen umdrängte. Da ſind ſie, da ſind ſie! riefen verſchiedene Stimmen durch⸗ einander. Ich ſprang vom Bock und wäre beinahe über Doctor Kühle⸗ born gefallen, der eben auf unſeren Wagen zugeſtürzt kam. Sind Sie es, ſind Sie es wirklich! rief der kleine Mann. Der Himmel ſei gelobt! welche Angſt haben wir ausgeſtanden! Wo um Alles in der Welt haben Sie denn geſteckt, meine Damen! Und wo iſt der Graf? und wie kommen Sie Alle zuſammen? Auf einen Augenblick, Herr Sanitätsrath, raunte ich dem Eifrigen zu, indem ich ihn, während Egbert und Bergfeld den Damen beim Ausſteigen halfen, am Arm ergriff und einen Schritt auf die Seite zog; hat Ihnen Linder geſagt— * 180 Ader Linder iſt noch gar nicht wieder hier. Unmöglich. Und der alte Meiſter König— Iſt vor einer halben Stunde zu Fuß gekommen, ſitzt oben auf Ihrem Zimmer und erwartet Sie. Aber laſſen Sie uns zu den Damen! Dieſe waren mittlerweile ausgeſtiegen. Der Doctor ſtand wie auf Kohlen. Und Sie wiſſen gar nicht, was hier vorge⸗ gangen iſt? rief ich, ihn noch immer am Arm feſthaltend. Nun natürlich, entgegnete der Doctor; wir glaubten Alle, den Damen und dem Grafen ſei oben in den Bergen ein Un⸗ fall begegnet; Mr. und Mrs. Cunnigsby wollten ihnen eben auf gut Glück nachfahren. Aber um Himmelswillen, wo iſt denn der Graf? Sie ſollen es ſogleich erfahren, murmelte ich, indem ich ſeinen Arm losließ und mich zu den Andern wandte, die noch immer von dem Haufen umdrängt waren. Kommen Sie, meine Damen, und Sie, Herr Sanitätsrath, begleiten uns wohl gefälligſt. Ich hatte Ellen's Arm genommen und drängte mich, ohne viel Umſtände zu machen, durch die Gaffer. Miß Birginia (der Herr Bergfeld treu an der Seite blieb), Egbert und der Doctor folgten. So ſchritten wir in das Kurhaus, die Treppe hinauf. Ich fühlte, wie das gute arme Mädchen zitterte und ſchwankte. Muth, Muth, liebes Kind, flüſterte ich: er ſoll Ihnen nichts zu Leide thun dürfen. Es wird noch Alles gut werden. Mit dieſen Worten öffnete ich die Thür zu dem Salon der Amerikaner, in welchen ich ſchon einmal ſo unerlaubt und unerwünſcht eingedrungen war. Mr. Cunnigsby ſtand, mit dem Hut auf dem Kopf, voll⸗ ſtindig zur Reiſe fertig da. Als er uns erblickte, fuhr er einen großen Schritt zurück, mit einem unverſtändlichen Ausruf, der jedenfalls kein Segen war, und einem Ausdruck des Schreckens in dem erbleichenden Geſicht, der meinen ſchlimmſten Verdacht vollauf beſtätigte. Mrs. Cunnigsby trat eben aus dem Neben⸗ zimmer mit einer Schachtel in der Hand, die ſie mit einem 181 lauten Kreiſchen fallen ließ. Sie war alſo ebenfalls im Complott. Ich ließ die arme Ellen, die ſich nicht mehr auf den Füßen halten konnte, ſich in einen der Fauteuils ſetzen und ging auf den Jaguar zu, der in dem Maße, als ich mich ihm näherte, vor mir zurückwich, bis er an den großen runden Tiſc) ſtieß, an dem er nothgedrungen, aber nicht ohne die zitternde Hand auf die Platte zu ſtützen, ſtehen blieb⸗ Wir kommen, mein Herr, ſagte ich auf Deutſch, uns Ihren Dank zu erbitten. Wir, das heißt, die Herren Egbert und Bergfeld dort und ich, haben Ihre Fräulein Töchter ſoeben von einem Schurken befreit, von deſſen Schurkerei Sie wohl keine Ahnung hatten? Ich ſah, während ich ſprach, wie der Mann mit einer An⸗ ſtrengung, die einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre, nach Faſſung rang, und wie dieſe Anſtrengung keineswegs vergeblich war. Die Bläſſe der Angſt wich aus ſeinen Zügen, um einer zornigen Röthe Platz zu machen; er ſchnellte ſich wie mit einem Ruck empor, ſchlug ſich den Hut feſter auf den Kopf und ſagte durch die zuſammengeklemmten Zähne, engliſch: Dies iſt ein gemeines Complott, deſſen Urheber Sie ſind. Aber ich werde Ihre Unverſchämtheit nicht dulden. Zuerſt er⸗ ſuche ich Sie, mitſammt Ihren Helfershelfern ſofort mein Zim⸗ mer zu verlaſſen! Und dabei wies er auf die Thür mit einer Hand, die ſo befehlshaberiſch deutete, und einem Blick, der ſo drohte, daß Herrn Bergfeld, wie er mir hernach anvertraute, der Muth entſank, und auch ich mich auf einen Moment betreten fühlte. Aber auch nur für einen Moment. Die Miene der Frau, die ſich dicht hinter ihrem Gatten hielt, war zu kläglich und zeigte deutlich, was jener durch ſeine Frechheit zu verhüllen ſuchte. 5 werde nicht gehen, wenigſtens jetzt noch nicht, erwiederte ich, und zweitens erſuche ich Sie, im Intereſſe dieſer Herren deutſch zu ſprechen, wenn Sie nicht wollen, daß ich als Dol⸗ metſcher diene, was aber dieſe uns Allen peinliche Scene nur 182 verlängern würde. So ſage ich Ihnen denn in aller Kürze, daß der Mann, den Sie für einen Grafen gehalten haben, nichts iſt, als ein ganz gemeiner Schwindler, nebenbei geweſener Kellner, und daß Ihnen das unbegrenzte Vertrauen, welches Sie dieſem Menſchen ſchenkten, um ein Haar ſehr theuer zu ſtehen gekommen wäre. Das iſt eine Lüge, eine verdammte Lüge, donnerte Mr. Cun⸗ nigsby, erfunden von Ihnen und jenem Herrn da(er deutete auf Egbert), aber es ſoll Ihnen wenig helfen. Ich werde mir vor Ihren Nachſtellungen Ruhe zu verſchaffen wiſſen, und Sie — er fuhr auf Doctor Kühleborn los— Sie könnten auch etwas Beſſeres thun, als hier ſtehen und ruhig zuſehen, wie dieſe jungen Leute einen alten reſpectabeln Mann und Fremden, der kaum Ihre Sprache ſprechen kann, beſchimpfen. Mein werther Herr, ſagte der Sanitätsrath; ich verſichere Sie, ich bin ſo verwirrt, ſo paralyſirt von dieſem Auftritt,— von Allem, was ich hier höre und ſehe, daß ich mich in einer tödtlichen Verlegenheit befinde. Dies Alles muß ja zweifellos auf gröblichen Mißverſtändniſſen beruhen. Ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Sie, verehrteſter Herr— fuhr er, ſich zu mir wen⸗ dend, fort; ſehen Sie wohl zu, was Sie thun! Es iſt mir unbegreiflich, wie Sie ſo etwas denken, geſchweige denn ſagen können! Einem alten, reſpectabeln Mann! wiederholte Mr. Cun⸗ nigsby; es iſt eine Schande, es iſt unerhört. Aber ich werde mich an unſern Geſandten wenden. Ich will doch ſehen, ob ein Bürger der Vereinigten Staaten in Deutſchland ſo ſtraflos ver⸗ leumdet und beſchimpft werden kann. Mr. Cunnigsby hatte das ſo pathetiſch, ſo ſalbungsvoll ge⸗ ſagt, ſo ganz mit der Stimme und Miene eines gekränkten Ehrenmannes, dazu klang ſein gebrochenes Deutſch ſo ſchutz⸗ und ſchonungsbedürftig, daß Herr Bergfeld abermals unſere Sache als hoffnungslos aufgab; Egbert verlegen daſtand; der Sanitätsrath nicht wußte, ob er jetzt nicht ſeine Autorität als Arzt, Director und Familienfreund aufbieten und dieſer Scene auf jeden Fall ein Ende machen müſſe; und ich ſelbſt in Ver⸗ 183 legenheit war, wie ich meiner feſten Ueberzeugung, daß der Amerikaner ſein Kind habe verkaufen wollen, Geltung verſchaffen ſollte, ohne, was mir unwürdig ſchien, die Tochter ſelbſt gegen den Vater zum Zeugen aufzurufen. Mr. Cunnigsby glaubte dieſen Augenblick, der für ihn viel⸗ leicht ſo günſtig nicht wiederkam, benutzen zu müſſen. Er ſchritt hocherhobenen Hauptes nach der Thür, öffnete dieſelbe und ſagte mit einer majeſtätiſchen Handbewegung: Darf ich die Herren jetzt erſuchen— Guten Abend, Mr. Jones, ſagte eine Stimme von draußen. Mr. Cunnigsby fuhr, wie vom Blitz getroffen, von der ge⸗ öffneten Thür zurück, durch die jetzt ein kleiner ſchwarzbärtiger, brillentragender Herr und ein anderer, großer, breitſchultriger, dem der zugeknöpfte Rock und der ſtarke Schnurrbart etwas Militäriſches gaben, in das Zimmer traten. Der letztere Herr ſchloß die Thür und blieb in der Nähe derſelben ſtehen. Der kleine ſchwarze Herr kam heran und war in die Nähe des Tiſches, auf dem die Lichter brannten, gelangt, als Mrs. Cun⸗ nigsby ebenfalls ihn erkannte und einen noch viel gelleren Schrei ausſtieß, als vorhin, und auch die jungen Damen durch man⸗ nichfache Zeichen ihre Beſtürzung zu erkennen gaben. Ah, ſagte der kleine ſchwarze Herr; ich ſehe zu meiner großen perſönlichen Genugthuung, daß mich die verehrten Damen noch nicht ganz vergaßen!— Sehr gut!— Herr Hockelheim, wollen Sie gefälligſt ein ſcharfes Augenmerk auf die Thür haben! Unſer lieber Miſter Jones entſchlüpft einem oft, wo man es am wenigſten erwartet. Erlaube mir, mich den werthen Herren perſönlich vorzuſtellen: Willibald Scherzer, Verlagsbuch⸗ händler aus Berlin. Sie, verehrter Herr(ſich zu mir wendend), habe ich die Ehre, wenigſtens von Anſehen, zu kennen, abgeſehen ſelbſtverſtändlich von der intellektuellen Kenntniß aus Ihren Werken, die ich verehre— Sie haben mir durch Ihre Briefe an unſern gemeinſchaftlichen Freund und Hausarzt, Doctor Tiger, über jenen Herrn da(auf Mr. Cunnigsby deutend) einen ſehr großen Dienſt erwieſen, indem Sie mich auf die Spur dieſes ſchlauen Herrn brachten, die mir gänzlich verloren gegangen. 184 Die Erſcheinung des kleinen ſchwarzen Fremden war(da er mit ſeinem Begleiter bereits an der Poſt ausgeſtiegen, wir ihn mithin nicht einmal hatten vorfahren hören) für uns Alle ſo überraſchend, daß wir Einer den Andern anſahen, als ob immer der Andere im Alleinbeſitz der Erklärung dieſer ſelt⸗ ſamen Geſchichte ſein müßte. Für den weiblichen Theil der Familie Cunnigsby— von dem Hausvater ganz abgeſehen— ſchien dieſelbe eines erläuternden Commentars allerdings we⸗ niger zu bedürfen, denn die corpulente Mama(die übrigens auch in Reiſekleidern war) hatte ſich in einen Stuhl geworfen und rang die Hände, wobei ihre Augen fortwährend ſtarr auf Mr. Cunnigsby gerichtet blieben, und die beiden jungen Damen waren ſich, offenbar getrieben von demſelben Gefühle derſelben Gefahr, in die Arme geſunken und ſchluchzten ſtill eine an dem Buſen der andern. Dieſer Anblick brachte mich zuerſt wieder zur Beſinnung. Ich vermuthe, daß wir die Verhandlungen auch ohne die Damen fortführen können? ſagte ich zu Herrn Willibald Scherzer. Ohne Zweifel, ohne Zweifel, erwiederte dieſer mit großer Höflichteit. Im Gegentheil! ich bin Ihnen ſehr verbunden, daß Sie mich auf die Unſchicklichkeit, eine derartige Verhandlung vor Damen zu beginnen, aufmerkſam gemacht haben. Allerdings, wenn Madame die Güte haben wollte— So laſſen Sie uns wenigſtens die jungen Damen entfernen. Darf ich Sie bitten,— nur hier herein; wir werden Sie hoffentlich nicht lange allein zu laſſen brauchen. Mit dieſen Worten führte ich die beiden Mädchen mit ſanfter Gewalt in das Nebenzimmer, in welchem bereits Lichter brannten, und welches, ſo weit ich in der Eile ſehen konnte, das Schlafgemach derſelben war, und drückte die Thür hinter ihnen in's Schloß. So, ſagte Herr Scherzer, indem er ſich einen Reiſeſhawl von dem Hals wickelte, denſelben in ſeinen Hut that, den Hut auf den Tiſch ſetzte und ſich mit ſichtlicher Befriedigung die Hände rieb; wir ſind jetzt in der That ungenirter und können 185 freier reden. So bin ich Ihnen vor Allem, meine Herren— ich habe gewiß die Ehre, in Ihnen Doctor Kühleborn vor mir zu ſehen— ſehr angenehm, Ihre ſchätzenswerthe Bekannt⸗ ſchaft zu machen!— die Erklärung ſchuldig, daß dieſer Herr, der ſich, wie ich höre, hier Mr. Cunnigsby aus Louiſiana nannte, im verfloſſenen Winter bei mir in Berlin als Mr. Jones aus Virginia, durch den Seceſſionskrieg aus ſeiner Hei⸗ math vertrieben, introducirt, mir die Hälfte der Beletage eines meiner Häuſer für nebenbei achthundert Thaler abgemiethet, für ungeführ dieſelbe Summe Möbel gekauft und mich ver⸗ leitet hat, dafür bei dem Verkäufer Bürgſchaft zu übernehmen, ſodann dieſelben Möbel an einen dritten verkauft, das Geld eingeſteckt und ſchließlich, wie ich wohl kaum hinzuzufügen brauche, ohne von mir oder von dem Möbelhändler Abſchied zu nehmen, in einer ſtürmiſchen Frühlingsnacht dieſes Jahres aus Berlin ſich entfernt hat, mit Zurücklaſſung einiger ſehr großer ſchwarzer Koffer— ganz eben ſolcher, wie ich da einen ſtehen ſehe, die ſich aber bei nachträglicher Unterſuchung mit Stroh, Steinen und anderem ebenſo nützlichen, wie werthloſen Material angefüllt fanden. Da, wie Sie ganz richtig ver⸗ muthen, Mr. Jones die Vorſicht gebraucht hatte, uns ſeine demnächſtige Adreſſe nicht einmal anzudeuten, geſchweige denn aufzugeben, und er das Geheimniß verſteht, ſein Incognito vortrefflich zu bewahren, ſo würden ich und ſeine übrigen Ge⸗ ſchäftsfreunde wohl noch lange ohne dieſe wünſchenswerthe Auskunft geblieben ſein, wenn dieſer Herr(mit einer Ver⸗ beugung nach mir hinüber) nicht, wie ich ſchon vorhin anzu⸗ denten mir erlaubte, durch einen Zufall, den ich als einen glücklichen bezeichnen muß, uns den verlorenen Faden gleichſam wieder in die Hand gedrückt hätte. Seine Schilderung des Mannes war— wie man das aus ſolcher Feder nicht anders erwarten kann— ſo treffend, daß ich, ſobald mir unſer ge⸗ meinſchaftlicher Freund und Hausarzt Einſicht in den betreffen⸗ den Brief verſtattet, nicht einen Augenblick an der Identität des ſehr ehrenwerthen Mr. Auguſtus Lionel Cunnigsby mit dem nicht minder ehrenhaften Mr. Charles Jones und noch 186 einem dritten Herrn, auf den ich gleich zu ſprechen kommen werde, zweifeln konnte, um ſo weniger, als eine ſofort bei T. Grauröder angeſtellte Recherche ergab, daß ein Mr. Cunnigsby, zum wenigſten in den Büchern von T. Grauröder, nicht exiſtirte. Ich machte mich alſo heute Morgen mit dem Frühzuge in Begleitung jenes Herrn, in welchem ich Ihnen den Polizei⸗ wachtmeiſter Hockelheim vorzuſtellen mir erlaube, auf den Weg und ſchätze mich glücklich, meinen Gaſtfreund aus Berlin in einer ſo angenehmen Lage wiedergefunden zu haben. Der ſchwarze Herr nahm hier ſeine Brille ab, rieb, wäh⸗ rend er uns freundlich anlächelte, die Gläſer, ſetzte die Brille wieder auf und blickte dann, plötzlich ein ſehr ernſtes Geſicht machend, auf Mr. Cunnigsby, als erwarte er, daß dieſer Herr ſich demnächſt äußern werde. Der Amerikaner hatte während der langen Auseinander⸗ ſetzung des ſchwarzen Herrn ruhig dageſtanden, den Hut immer noch auf dem Kopfe, die Finger der rechten Hand in ſeinem bis oben zugeknöpften Paletot, die buſchigen Brauen ſo feſt zuſammengezogen, den Mund in ſo energiſche Falten gelegt, daß Herr Bergfeld(wie er mir ebenfalls hernach mittheilte) noch in dieſem Augenblicke geſchworen haben würde, das Ganze beruhe auf einer heilloſen Verwechſelung der Perſonen, und wir Andern wenigſtens nicht wußten, was wir denken und glauben ſollten. Mit Ausnahme von Mrs. Cunnigsby, die ihr fettes Geſicht in die fetten Hände gedrückt hatte, waren unſer Aller Augen auf den ſo arger Dinge Angeklagten ge⸗ richtet, der jetzt die rechte Hand aus dem Rocke nahm, eine wegwerfende Bewegung machte und im wegwerfendſten Tone und ſeinem gebrochenſten Deutſch ſagte: Well! dies mag ſein oder es mag auch nicht ſein; aber ich habe die Ehre zu ſein ein amerikaniſcher Bürger und Gentleman; und als Gentleman zu Gentlemen fordre ich Sie jetzt zum letzten Male auf, zu verlaſſen dieſes Zimmer, welches iſt mein Zimmer. Was dieſen Herrn hier angeht, der die hilfloſe Lage eines Fremden aus⸗ zubeuten gedenkt, ſo iſt er ein Schwindler und Lügner, upon my word and honour, a swindler and liar, der mir ſchuldet 187 tauſend Dollars, wie ich vor Gericht beweiſen werde. Und nun,— good evening, gentlemen!„ Er ging auf die Thür zu, als wollte er ſie uns öffnen. Der Conſtabler⸗Wachtmeiſter aber, der dort poſtirt war, mußte die Sache anders auffaſſen, denn er ſtellte ſich mit ſeinem breiten Rücken gegen die Thür und rief in dröhnendem Baſſe: Zaruck! Laſſen Sie ihn ja nicht hinaus, ſchrie der kleine ſchwarze Herr, den die letzten ehrenrührigen Aeußerungen des Ameri⸗ kaners einigermaßen aus der Faſſung gebracht zu haben ſchienen; laſſen Sie ihn um's Himmelswillen nicht hinaus; wir könnten lange auf ſein Wiederkommen warten. Wie? Mr. Jones, ich bin ein Schwindler und Lügner? ich bin Ihnen tauſend Dollars ſchuldig? iſt die Frechheit erhört? Wiſſen Sie, Herr, daß wir allen Grund zu vermuthen haben, daß Sie ebenſo⸗ wenig Mr. Charles Jones aus Virginia, wie Mr. Auguſt Lionel Cunnigsby aus Louiſiana, ſondern ein deutſcher Schneider aus dieſer Gegend ſind, der im Jahre Achtzehnhundertſieben⸗ undfünfzig ausgewandert, zuletzt in der zehnten Avenue in New⸗ York gewohnt hat und Gottlieb Lebrecht König heißt? Die ſchwarzen Augen des ſchwarzen Mannes funkelten ordentlich durch die Brillengläſer, während er ſo keck auf Mr. Cunnigsby, alias Mr. Jones zuſchritt, als ob derſelbe nie in ſeinem Leben die Sclavenpeitſche und den Revolver, ſondern nur immer Nadel und Scheere gehandhabt hätte. Dieſer ſeiner⸗ ſeits brach, als Herr Scherzer jene neue unerhörte Anſchuldigung vorbrachte, in ein ſchallendes Gelächter aus; aber dies Ge⸗ lächter klang ſo hohl und röchelnd, daß, wer Ohren hatte, zu hören, die ſchuldige Seele des Mannes daraus hervorhören mußte. Wenigſtens hatte ich durchaus dieſe Empfindung; und zugleich fuhr mir, als Herr Scherzer den Namen König nannte, mit der Schnelligkeit des Blitzes ein Gedanke durch den Kopf, der von dem Mittagstiſche in der Wohnung des ehrlichen Waffenſchmiedes in S. ausging, und bei der Perſon deſſelben ehrlichen Waffenſchmiedes, die gerade über unſern Häuptern in meiner Stube auf mich warten ſollte, endete. In demſelben 188 Moment war ich auch an dem ſchnurrbärtigen Wachtmeiſter, der mir willig Platz machte, vorüber, die Hühnerſtiege hinauf, in meine Manſarde hinein, wo denn richtig der würdige Meiſter an einem Tiſche ſaß und ſich mit der Lectüre irgend eines meiner Bücher die Zeit vertrieb, die ihm allerdings lang genug geworden ſein mochte. Den trefflichen Mann bitten, mir zu folgen, ihn bei der Hand ergreifend, die Hühnerſtiege hinab, in das Zimmer, das ich ſoeben verlaſſen, ziehen— das Alles war ſo ſchnell ge⸗ ſchehen, daß ſich die Situation in dieſem Zimmer noch nicht im mindeſten verändert hatte. Ich ergriff eines der Lichter, leuchtete damit dem Ameri⸗ kaner in's Geſicht und rief, zu dem Meiſter gewandt:„Kennen Sie dieſen Mann?“ Lebrecht! rief der Meiſter, die Hände im Uebermaß des Erſtaunens emporreckend: Lebrecht! Und zum dritten Male kreiſchte die arme Frau in ihrem Lehnſtuhl auf— diesmal aber ſo grell, daß die Mädchen aus dem Nebenzimmer weinend und ſchreiend hervorſtürzten und die unglaubliche Verwirrung, welche nach der letzten großen Kataſtrophe im Zimmer herrſchte, nur noch vermehrten. Aber ſelbſt in dieſem entſcheidenden Augenblicke bewahrte Mr. Cunnigsby⸗Jones⸗König die Kalthlütigkeit, die ihn ſchmückte. Who is this man? ſagte er, mit einer verächtlichen Hand⸗ bewegung nach dem Meiſter. Ach, Lebrecht, Lebrecht! rief hier ſeine Gattin, indem ſie ſich aus ihrem Fauteuil erhob und mit gefalteten Händen und thränenüberſtrömten Augen auf ihn zu ſchritt: Laß es ſein! es hilft Dir doch nichts mehr! Ein Wuthgeheul brach aus der breiten Bruſt des zu Boden gehetzten Jaguars. Verdammtes Weib! knirſchte er: ich wußte es ja, daß Du mich verrathen würdeſt. Die arme Frau bebte vor dem Wüthenden zurück. Ich unterſtützte die ganz Geknickte und rief: Nun meine Herren, ich dächte, dies löſte jeden Zweifel. Es bedarf wahrhaftig 189 keines großen Scharfblicks, um zu ſehen, daß dieſe zwei hier Brüder ſind! In der That war die Aehnlichkeit zwiſchen den beiden hochgewachſenen, breitſchultrigen, grauhaarigen, bärtigen Männern unverkennbar, ſo unverkennbar, daß ich kaum begriff, wie ſie mir nicht im erſten Momente aufgefallen war. Zwar, wer hätte in dem ehrlichen deutſchen Handwerksmeiſter und Klein⸗ bürger den Bruder des Sclavenzüchters und Baumwollenjunkers aus Louiſiana ſuchen ſollen! Doch an Dies und Aehnliches zu denken war jetzt keines⸗ wegs die Zeit. Zweierlei ſchien für den Augenblick vor Allem geboten, einmal: im Intereſſe des Herrn Scherzer uns der Perſon des Delinquenten zu verſichern, ſodann: ihn von ſeiner Familie zu trennen, für die nach meinem Gefühl und nach dem, was ich bis dahin und jetzt eben beobachtet und geſehen, von dem böſen und jetzt ſo ſchwer gereizten Menſchen das Schlimmſte zu befürchten ſtand. Meine Kenntniß des Lokals kam mir in dieſem Dilemma zu Statten. Das Zimmer links neben dem Salon, in welchem wir uns befanden, war ein Eckzimmer und konnte außer der Thür in den Salon nur noch eine auf den Corridor haben. Ich theilte Herrn Scherzer mit wenigen Worten meinen Plan mit, den dieſer Herr mit ſchnellem Verſtändniß durchaus billigte. Dann ſchritt ich auf Herrn Lebrecht König, der ſich jetzt, da er ſich rettungslos von allen Seiten umgarnt ſah, in einen Stuhl geworfen hatte und in dumpfem Brüten vor ſich hin ſtarrte, zu und fragte ihn höflich, ob er ſich gutwillig in jenes Eckzimmer begeben und ſich dort einſchließen laſſen wolle? Er erhob ſich ſchweigend und ſchritt mit mir und dem Wachtmeiſter, der ſich uns auf einen Wink von mir anſchloß, nach jenem Zimmer, die Augen auf den Boden geheftet, ohne auch uur einen Blick auf ſeinen Bruder, oder ſeine Frau oder ſeine Töchter zu werfen. Das Eckzimmer war, wie ich vermuthet hatte, ſein Schlafzimmer. Es ſah ſehr wüſt in demſelben aus; eine Menge Sachen lagen durcheinander geſtreut auf dem Bett, den Stühlen, auf der Erde, wie wenn Jemand in aller Eile das Nothwendigſte zu einer 190 Reiſe zuſammengeſucht und das Andere den Zurückbleibenden aufzuräumen gelaſſen hätte. In einer Ecke ſtand noch einer jener ſchwarzen rieſenhaften Koffer, deren Bedeutung nach Herrn Scherzer's ſcharfſinniger Analyſe mir nun ebenfalls klar war. Ich entzündete an dem mitgebrachten Licht eines der beiden, die auf dem Tiſche ſtanden, während der Herr Wachtmeiſter einen techniſchen Blick über das Lokal gleiten ließ und ſodann, auf Herrn Lebrecht König zutretend, im Tone väterlicher Er⸗ mahnung alſo ſprach: Nun will ich Ihnen was ſagen, Män⸗ necken, machen Sie keine Fiſematenten nicht, ſondern verhalten Sie ſich hübſch ruhig und ordentlich, ſonſt kriegen Sie es directe mit mir zu thun, und das könnte ſehr eklig für Sie werden. Darf ich noch ein paar Worte mit dieſem Herrn hier reden? fragte hier Herr Lebrecht König, indem er plötzlich das ſtattliche, jetzt ſo tief gebeugte Haupt hob und mich firirte. Wenn der Herr mit Ihnen reden will, warum nicht? ſagte der Wachtmeiſter, indem er eines der Fenſter öffnete und die Entfernung deſſelben von dem Erdboden maß. Der Ex⸗Sclavenzüchter trat an mich heran und ſagte mit gedämpfter Stimme und zum erſten Male ſehr fließend deutſch ſprechend: Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß es ſich mit dem Grafen wirklich ſo verhält, wie Sie geſagt haben? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, erwiederte ich. Und ich habe mich von dieſem Schurken täuſchen laſſen! murmelte er, ich! Er verſank für ein paar Augenblicke in Nachdenken; plötz⸗ lich hob er den Kopf wieder und ſagte mit einem chniſchen Lächeln: Ich will Ihnen reinen Wein einſchenken, Herr. Jener alte Mann iſt wirklich mein Bruder. Wie er plötzlich von S. hierher geſchneit iſt, will ich nicht fragen; er hat mir immer im Wege geſtanden. Ich bin aus Amerika nach Deutſchland gekommen, um auf Koſten meiner Landsleute, deren Gutmüthig⸗ keit nud Leichtgläubigkeit ich von früher her kannte, zu leben; vielleicht auch durch meine Töchter eine Fortune zu machen. Meine Töchter ſind unſchuldig. Da mich der Graf ſo un⸗. erhört beſchwindelt hat, mögen die beiden andern Herren ſie heirathen. Es kann Ihrem Freund nicht daran liegen, den Vater ſeiner Frau im Zuchthauſe zu wiſſen; Herr Bergfeld iſt ein grüner Junge, aber wie der Fall nun liegt, mag er paſſiren. Vor Allem werden Sie ſich mit Herrn Scherzer auseinanderſetzen müſſen. Was mich ſelbſt betrifft, ſo ſollen Sie mich billig finden, wenn man mir billige Bedingungen ſtellt. Und nun gehen Sie in— Gottes Namen! Sie ſind es, der mich in dieſe Lage brachte; Sie haben die Pflicht, mich wieder herauszureißen. Auf Wiederſehen alſo! Er nahm den Hut, den er bis dahin noch immer auf dem Kopfe gehabt, ab und machte mir eine ſtattliche Verbeugung, die ich— vermuthlich in Anerkennung der unvergleichlichen Geiſtesgegenwart und Kaltblütigkeit dieſes koſtbaren Hallunken, der meiner Klugheit und meinem Einfluß noch eben ein ſo ſchmeichelhaftes Compliment gemacht hatte,— ebenſo höflich erwiederte. Dann verließen der Wachtmeiſter und ich das Zimmer, jener durch die Thür nach dem Corridor, die er hinter ſich abſchloß, ich durch die in den Salon, wo ich die Geſell⸗ ſchaft in verſchiedenen Situationen fand, die einem Genremaler die koſtharſten Motive geliefert haben würden. Nicht weit von dem runden Tiſch, und noch im vollen Lichte der Kerzen, das von ihren dicken thränenüberſtrömten Wangen reflectirte, ſaß Mrs. Cunnigsby⸗Jones⸗König, die mit dem Reiſehute, der nun nicht mehr nothwendig war, in der Eile auch die ehrwürdigen grauen Locken abgenommen hatte und in Folge deſſen einen mit blondem, bereits ergrauendem Haar ſpärlich bedeckten Kopf präſentirte. Sie hatte mit beiden Händen die Hände ihres Schwagers, des ehrwürdigen Meiſters, der auf dem Rande eines Stuhles vor ihr ſaß, erfaßt und ſchüttete ihm mit von Thränen vielfach unterbrochener Stimme ihr übervolles Herz aus. Neben ihnen, den kahlen Kopf nachdenklich auf die eine Seite geneigt, den goldenen Knopf ſeines Stockes an die dünnen 192 Lippen gepreßt, ſtand der Sanitätsrath, die wunderbare Mär von dem Betrug, den man ihm geſpielt, mit durſtigen Ohren einſaugend. An dem Tiſche ſelbſt auf der anderen Seite ſaß Herr Willibald Scherzer, der mit einem Bleiſtift ſehr eifrig in ſeinem Taſchenbuche Zahlen ſchrieb— möglicherweiſe diejenigen, welche die Summe, um die ihn der„Gaſtfreund“ betrogen, aus⸗ drückten— und nur von Zeit zu Zeit ſeine funkelnden Brillen⸗ gläſer auf Mrs. Cunnigsby⸗Jones⸗König wandte, die jetzt, die amerikaniſche Lady gänzlich aufgebend, im reinſten Dresdener Dialect erzählte, wie ſie unter dem Vorwande, die Vermißten aufzuſuchen, Tannenburg hätten verlaſſen wollen, um nicht wieder zurückzukehren; wie ſie nichts beſäße, als das ſchwarzſeidene Kleid, das ſie trage(die dicke Uhrkette ſei unecht), und wie ihre Töchter ihre paar„Fahnen“ immer wieder auseinander⸗ getrennt und wieder zuſammengenäht hätten, daß es„ach was ausſehe“. In den großen ſchwarzen Koffern ſei nichts als— Stroh und Steine, Stroh und Steine, murmelte Herr Scherzer, der ſich wieder über ſeine Zahlen beugte. Nu eben! ſagte die arme Frau; aber ich bin ja nicht ſchuld daran, und meine armen Kinder ſind nicht ſchuld daran! Ach herrcheſes! meine armen Kinder! Meine Blicke richteten ſich auf die beiden andern Gruppen im Zimmer, von denen die eine, in der Nähe des Fenſters, mich innig rührte. Es waren Ellen und Egbert. Das ſchöne Mädchen ſaß da, bleich, mit verweinten Augen, die in dieſem Momente mit einem rührenden Ausdrucke der Liebe und Dank⸗ barkeit zu dem Geliebten erhoben waren, der, eine ihrer Hände in der ſeinen haltend, über ſie gebengt ſtand und mit jener Beredtſamkeit, die nur die Liebe lehren kann, eifrig und leiſe zu ihr ſprach. Die zweite Gruppe befand ſich in der Tiefe des andern Fenſters, zum Theil von dem Vorhange bedeckt, ſo daß ich von der Dame nur den Saum des Kleides und von dem Herrn nur die carrirten Beinchen ſehen konnte und einen carrirten Arm, der fortwährend eine Bewegung von einer Stelle, wo unter der unſichtbaren carrirten Weſte zweifellos ein .——Ü——— 193 treues Herz ſchlug, in die Luft und wieder zurück nach der be⸗ ſagten unſichtbaren Stelle machte. So leid es mir that, die Herzensergießungen ſo vieler Menſchen auf einmal zu unterbrechen, war ich mir doch der Dringlichkeit des mir ſoeben zu Theil gewordenen Auftrages zu bewußt, als daß ich nicht mit einem energiſchen Räuſpern die Aufmerkſamkeit auf mein Wiedererſcheinen hätte lenken ſollen. Herr Scherzer ſchloß ſein Notizbuch und erhob ſich, der Medi⸗ cinalrath nahm den Stockknopf von den Lippen; beide traten auf mich zu. Meine Herren, ſagte ich: dieſe wunderbare Angelegenheit erfordert unſere ganze Umſicht und Energie. Dazu kommt, daß wir die Schritte, über die wir uns hoffentlich einigen werden, bald thun müſſen. Die beiden Herren ſahen mich, weiteren Aufklärungen ent⸗ gegenharrend, fragend an. Laſſen Sie uns, ſagte ich, zu einer Conferenz zuſammen⸗ treten, an welcher auch dieſer würdige Mann— ich deutete auf den Meiſter— Theil nehmen muß. Unterdeſſen mag der Diener der irdiſchen Gerechtigkeit— Herr Hockelheim trat eben wieder in den Salon— hier Platz nehmen und unſern Ge⸗ fangenen bewachen, während die Damen ſich in ihr Zimmer— Ihre Zimmer, verbeſſerte der Sanitätsrath; die Unglück⸗ lichen haben ja vier Zimmer nun ſchon über vier Wochen gehabt! Deſto beſſer, ſagte ich: alſo in ihre Zimmer zurück⸗ ziehen, wohin wir ihnen ſofort das Abendbrod ſchicken wollen, lieber Sanitätsrath— die armen Mädchen müſſen ja vor Aufregung, Hunger und Kummer beinahe ohnmächtig ſein. Offen geſtanden fühlte ich ſelbſt meine Kräfte nach den gewaltigen Strapazen des Tages faſt erſchöpft, indeſſen hier mußte gehandelt ſein; das Glück der beiden lieben Menſchen⸗ kinder, die ſich unter ſo ſonderbaren Umſtänden gefunden und dort in der Ecke ſich verſicherten, daß ſie ſich liebten und nie, nie wieder von einander laſſen wollten, mußte ſicher geſtellt werden, trotz aller Müdigkeit in den Gliedern. Die weinende Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 13 194 Mutter— dieſe entthronte Königin, die jetzt ihre graue Locken⸗ krone demüthig in der Hand trug und noch immer verſicherte, daß ſie keine Schuld und daß ſie es ja immer geſagt habe— die weinende Mutter und die weinenden Töchter, die beide von der Schönheit waren, welche Thränen nur noch verſchönern, — wurden von dem Sanitätsrath in ihre Zimmer— auf der andern Seite des Salons— geführt; der Wachtmeiſter Herr Hockelheim nahm in dem Salon ſelbſt neben einer Flaſche Nothwein Platz, und wir, das heißt: Kühleborn, Herr Scherzer, der Meiſter, Egbert, Bergfeld und ich begaben uns eine Treppe tiefer in das„Sprechzimmer“ des Sanitätsraths, um uns vor⸗ erſt einmal an ſchnell herbeigeſchaffter kalter Küche und ein paar Gläſern Champagner zu reſtauriren und dann, oder viel⸗ mehr ſchon während deſſen, gemeinſam zu berathen, was nun geſchehen ſolle? XII. Eine ſichere Baſis der Verhandlungen war glücklicherweiſe bereits vorhanden. Noch während wir die Treppe zuſammen hinunterſchritten, hatte Egbert, mir ſeinen Arm um die Schulter legend, zugeflüſtert: Sieh zu, wie Du den Schwarzen zu⸗ frieden ſtellſt, und wie wir den Vater los werden; ich bin zu Allem und Jedem bereit, und ſollte es mich mein Vermögen koſten; worauf ich in demſelben Tone: juſt ſo viel wird's wohl nicht ſein, und daß es Dir auf ein paar Tauſend in dieſem Falle nicht ankommt, weiß ich.— Sodann hatte mich Herr Bergfeld, als wir kaum das Zimmer betreten, in eine Ecke gezogen, mir die Hände gedrückt und mir zugeraunt: Sehen Sie, ich habe doch Recht gehabt: ſie liebt mich, ſie will mich heirathen. Ich mache mir gar nichts daraus, daß ————————— 195 ihr Vater ein Schneider iſt; mein Vater— hier räuſperte ſich der junge Mann und wurde ſehr roth— mein Vater iſt ſelbſt Kammerdiener geweſen. Ich drückte dem braven Jungen von Herzen die Hand. Es war ihm ſchwer geworden, dies Bekenntniß, um ſo ſchwerer, als er bisher immer von ſeiner Familie in Ausdrücken geſprochen hatte, die dunkel auf ein uraltes, in letzter Zeit in ſeinen Ver⸗ mögensverhältniſſen allerdings etwas zurückgekommenes Patrizier⸗ geſchlecht hindeuteten. Aber die Liebe fällt in gute Herzen, wie ein befruchtender Regen auf gutes Land, und der goldene Samen, der verborgen ſchlief, geht auf und bringt Früchte hundert⸗ und tauſendfältig. Meine Herren, ſagte ich, als der Kellner, der die Erfriſchungen gebracht, uns wieder verlaſſen hatte und der Rauch aus einem halben Dutzend Cigarren— auch der Meiſter war mit einer Havannah— wohl der erſten in ſeinem Leben— verſehen worden— zur Decke des hohen Gemaches ſtieg— während Alle auf einmal ſprachen und Jeder dem Anderen ſeine individuelle Anſicht von den merkwürdigen Ereigniſſen begreiflich zu machen ſuchte— Meine Herren! in Erwägung, daß die ſo höchſt com⸗ plicirten Fragen, welche uns zur Beantwortung vorliegen, wie vorauszuſehen war, bereits eine ungemein animirte Debatte her⸗ vorgerufen haben, möchte ich, der ich, wie ich glaube, feſter als einer von Ihnen die verwirrten Fäden dieſer verwickelten An⸗ gelegenheit in der Hand halte—(Hört! hört! von dem Platze des Herrn Scherzer, der ſein Taſchenbuch bereits wieder geöffnet hatte)— mir erlauben, mich Ihnen— mit allem ſchuldigen Reſpect vor den älteren und erfahrenern Herren der Verſamm⸗ lung— als Präſidenten in Vorſchlag zu bringen. Da von keiner Seite ein Widerſpruch erhoben wird, nehme ich an, daß die Verſammlung meine Wahl billigt, und ertheile demnächſt Herrn Büchſenſchmied Chriſtian König das Wort, indem ich ihn bitte, uns aus dem Leben ſeines unglücklichen Bruders, ſo weit er es ſelbſt kennt, Einiges mitzutheilen, und uns ſo in den Stand zu ſetzen, beſſer, als wir es jetzt vermögen, dieſen ſeltſamen und beklagenswerthen Charakter zu beurtheilen. 13* 196 Aller Augen wandten ſich auf den ehrlichen Meiſter, der ohne alle Verlegenheit, wenngleich ſichtlich ergriffen, alſo anhub: Das will ich gern thun, liebe Herren, obgleich ich nicht viel zu erzählen habe. Unſer Vater war Büchſenſchmied, wie es auch mein Großvater geweſen. Wir waren unſer drei Ge⸗ ſchwiſter: ich, als der älteſte, ſollte Büchſenſchmied werden, um das Geſchäft übernehmen zu können, Lebrecht wurde zu einem Schneider in die Lehre gethan, die Schweſter, die jetzt hier iſt und von dem guten Doctor da nun ſchon ſo lange erhalten wird— was ihm der liebe Gott vergelten möge, da ich es nicht kann— war damals ſchon kränklich und mußte im elter⸗ lichen Hauſe bleiben, ohne eben helfen zu können. Vielleicht war das für den Lebrecht ein Unglück, daß ihn der Vater juſt ein ſo ſtilles Handwerk lernen ließ. Er war ein ſtarker, wilder, muthiger Knabe, der ſich lieber in Feld und Wald umhertrieb, als in der engen Stube hockte, und aus dem man wohl einen rechten Jägersmann oder dergleichen hätte machen können, der aber zum Schneider verdorben war. So hatten denn ſein Meiſter und der Vater viel mit ihm abzuſetzen, aber er lernte doch das Seine, denn er war von jeher ſehr geſchickt, und es gelang ihm eigentlich Alles, was er in die Hand nahm. Dann ging er auf die Wanderſchaft und blieb lange fort, kam auch überall herum, bis nach England, wo er ein paar Jahre blieb und wo er leicht ſein Glück hätte machen können, denn die Wittwe ſeines Meiſters hatte ein Auge auf ihn geworfen, da er denn, wie obbemeldet, ein gar ſtattlicher Burſche war, und begehrte ihn zu ihrem Ehegatten, aber er hatte ja wohl eine andere Liebſte— wie er ſich denn immer mit den Weibern viel zu ſchaffen machte— die Frau kam dahinter, Summa: er ſetzte ihr den Stuhl vor die Thür und kam wieder nach Deutſchland. Da hat er denn gearbeitet hier und dort, überall nur kurze Zeit, zuletzt in Dresden, wo er ſeine jetzige Frau kennen lernte, ſo die Tochter ſeines Brodherrn und ein gar ſchönes Mädchen war. Die heirathete er denn vom Fleck weg, und das war gut, weil er es ſonſt nimmer gethan hätte, und auch nicht gut, denn ſo ein Geſell, wie der Lebrecht— das ——— 17 giebt mein Tage keinen guten Ehemann. Item: ſie waren Mann und Frau, und kamen nach S., eigentlich nur zum Be⸗ ſuch; dann blieben ſie da, weil juſt ein alter Meiſter geſtorben war und ein junger ſich ſetzen konnte, hauptſächlich aber, weil der Lebrecht doch keine beſſere Ausſicht hatte. Nun ging das Leid für mich an. Unſere Eltern waren geſtorben, ich hatte das Geſchäft übernommen, war ſchon ſo lange verheirathet, daß ich bereits ſechs Kinderchen zu ernähren hatte, und die Schweſter, die immer kränker geworden, mußte ich auch erhalten. Juſt zu der Zeit fing das auch mit den Fabriken an; wir kleinen Hand⸗ werker konnten nicht ſo billig arbeiten; da war denn der Ver⸗ dienſt ſchlecht; es ging knapp zu, und manchmal ſchaute gar der Hunger zur Thür hinein. Das war ſchon ſchlimm genug, aber ſchlimmer wurde es, als der Lebrecht jeden Tag kam und ſagte, ich ſolle ihm helfen und ich müßte ihm helfen, es fehlte ihm dies und es fehlte ihm das in der Wirthſchaft, im Laden. Ich half, wo ich konnte, es war freilich blutwenig, aber wenn's auch viel geweſen wäre— ihm würde es doch nichts geholfen haben, denn er konnte das Seine nicht zuſammenhalten, es war, als ob er an jedem Arm ſtatt der Hand ein Sieb hätte und ein großlöchriges dazu. So ging das Elend mehrere Jahre und wurde immer größer, als er nun noch zwei Kinder in die Che bekam, die ſchönſten Kinderchen, die man ſehen konnte. Die Leute im Ort hätten ihn gern unterſtützt, ſchon der Frau und der Kinderchen wegen, aber zuletzt wurden ſie es müde, weil ſie ſahen, daß er ſich nicht helfen laſſen wollte, denn, je ſchlechter es ihm ging, deſto höher wollte er hinaus, und je mehr er den Leuten ſchuldig war, um ſo hochmüthiger ſah er ſie über die Achſel an und ſchimpfte über das Lumpenvolk und Krämerpack, denen er noch einmal zeigen werde, was er für ein Kerl ſei. Da kam er eines Tages zu mir und ſagte, er wolle nach Amerika; ich ſollte ihm das Geld dazu geben. Ich hatte es nicht, aber ich dachte auch, daß es das Beſte wäre, wenn er fortginge, und ſo ſammelte ich denn für ihn und bekam endlich die Summe zuſammen. Er nahm das Geld, ohne zu danken. Meine Alte hatte für die Frau und die armen Würmer, die damals ſo ein ſieben und acht Jahr zählen mochten, die Bün⸗ del zurecht gemacht, und da fuhren ſie eines Morgens— ich weiß es noch wie heute: es war ein kalter Februarmorgen und meine Frau war in der Nacht in ihr achtes Wochenbett gekommen— ja, da fuhren ſie eines Morgens mit dem Hau⸗ derer fort nach Amerika. Der Meiſter ſchwieg und rieb ſich die buſchigen Augen⸗ brauen. Hat er denn nie wieder von ſich hören laſſen? fragte ich. Ein paar Mal noch, im Anfang, erwiederte der Meiſter, um Geld zu fordern, das ich ihm nicht geben konnte, beim aller⸗ beſten Willen nicht. Dann ſchrieb er nicht wieder; gber von Andern, die hinübergeſchifft waren, um ihr Glück drüben zu verſuchen, und nach Hauſe berichteten, erfuhren wir, daß es ihm nicht ſchlecht gehe; er habe einen Kleiderladen etablirt und ein Putzgeſchäft, das vielen Zuſpruch habe, da die Töchter, die unterdeß herangewachſen, durch ihr ſchmuckes Ausſehen viel Käufer herbeilockten. Die Sache hat ſeine Richtigkeit, rief hier Herr Scherzer, der ſeine Ungeduld, zu Wort zu kommen, nicht länger zügeln konnte; ſtimmt ganz mit dem Reſultat der Nachforſchungen, die ich in New⸗York habe anſtellen laſſen. Sie müſſen nämlich wiſſen, meine Herren, daß durch einen Zufall— aber ich bin Ihnen zuvor eine kurze Relation des Verhältniſſes ſchuldig, in welchem ich ſelbſt mit dem— ehem!— mit dem Manne ge⸗ ſtanden habe. Er kam Anfang Februar dieſes Jahres nach Ber⸗ lin, ſtieg in einem der erſten Hotels ab, ſuchte nach einer paſ⸗ ſenden Wohnung; ein Commiſſionär wies ihn in eines meiner Häuſer, wo gerade eine Wohnung leer ſtand. Ich nahm ihn, wofür er ſich ausgab: einen reichen ſeceſſionirten Pflanzer, den der Krieg vertrieben, um ſo mehr, als er ſofort auf meine Forderung einging, ſo daß es mir ſchon leid that, nicht mehr gefordert zu haben. Der Contract wurde in ſeinem Hotel ab⸗ geſchloſſen, wo mir die großen Koffer, mit denen der ganze Flur verbarrikadirt war, beſonders imponirten. Die Frau war ſehr an⸗ genehm, die Töchter ſehr ſchön— ich bin ſonſt ein vorſichtiger Mann, meine Herrſchaften, aber ich wäre ein ungläubiger Tho⸗ mas geweſen, wenn ich in dieſem Falle Mißtrauen gehabt hätte. Der ſogenannte Mr. Jones erkundigte ſich nach meiner Frau, indem er den Wunſch ausdrückte, der Gattin ſeines Wirthes ſeine Damen zuführen zu dürfen. Später erfuhr ich freilich, daß er ſchon damals recht gut gewußt hat, daß ich nicht ver⸗ heirathet ſei. Ich erbot mich natürlich nichts deſtoweniger zu allen Dienſten, beſonders auch dazu, die Damen in der Stadt herumzuführen; und unter uns, meine Herren, darauf hatte man es gerade abgeſehen. Wir wurden ſehr bekannt mit ein⸗ ander, trotzdem ich nicht in demſelben Hauſe wohnte— wäre ſonſt doch wohl früher hinter die Schliche gekommen. Ich machte mir ein Vergnügen daraus, die Bürgſchaft für die gekauften Möbel zu übernehmen, da der ſogenannte Mr. Jones vorgab, daß ſeine Creditbriefe ausgeblieben ſeien. Hier ſeufzte Doctor Kühleborn ſehr tief; die Phraſe ſchien ihm bekannt. Was ſoll ich Sie lange aufhalten, meine Herren, fuhr der ſchwarze Mann fort; ich übernahm die Möbel, ich bezahlte die Rechnungen bei G. Herſon, ich bezahlte den Reſtaurant, von dem man das Eſſen holen ließ. Die Bekanntſchaft dieſer Damen iſt mir ſehr theuer zu ſtehen gekommen. Der ſchwarze Mann lächelte ein ſauerſüßes Lächeln, indem er einen ſummirenden Blick über die einzelnen Items in ſeinem Notizbuch gleiten ließ. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß dieſe Damen, wie Sie ſich auszudrücken belieben, Sie zu dieſen Ausgaben ver⸗ leitet haben, rief hier Egbert, der ſchon während der ganzen Rede des Herrn Scherzer Zeichen großer Erregtheit hatte blicken laſſen. Herr Scherzer ſchaute verwundert von ſeinem Notizbuche auf. Ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu verſtehen, ſagte er. Die Sache iſt, ſagte ich— Laß mich! rief Egbert, dem bereits die Röthe des Zornes in die Stirn geſtiegen war; ich wollte dem Herrn nur bemerken, 200 daß ich kein Wort dulden werde, welches auch nur den leiſeſten Zweifel an der Ehrenhaftigkeit„dieſer Damen“(letztere beiden Worte mit großer Emphaſe) durchblicken läßt, und was be⸗ ſonders Miß Ellen, oder Fräulein Ellen— Lenchen, ſagte hier der Meiſter. Egbert warf dem Meiſter einen wüthenden Blick zu. Oder Lenchen— gleichviel!— betrifft, ſo habe ich die Ehre, Ihnen zu erklären— Aber, geehrter Herr, rief hier der ſchwarze Mann, ich be⸗ greife gar nicht, was Sie von mir wollen! ich habe ja keine Silbe geſagt, welche die Ehre der Damen compromittirte; aber Sie werden mir doch zugeben, daß,— abgeſehen von dem ganzen amerikaniſchen Schwindel, den wir einmal dem Manne allein in Rechnung ſetzen wollen, obgleich der ſtillſchweigende Conſens der Damen ſtrafrechtlich einen dolus involvirt, ich ſage: Sie werden mir zugeben, daß, wenn ein vorſichtiger Geſchäfts⸗ mann, wie ich, ſich zu der Höhe einer nicht unbedeutenden Sunme für fremde Damen in Koſten ſetzt, er dies nicht thun wird, ohne eine Hoffnung— Es kommt gar nicht darauf an, was Sie gehofft, oder wie theuer Sie ſonſt Ihre Großmuth zu verkaufen gedacht haben, donnerte Egbert, ſondern ob man Ihnen Hoffnungen gemacht hat; und hier erkläre ich noch einmal, daß ich kein Wort dul⸗ den werde, welches Fräulein Ellen— Lenchen, ſagte der Meiſter zur Steuer der Wahrheit, aber offenbar ohne Hoffnung, in dem Lärm gehört zu werden. Und ich erkläre ebenfalls nochmals, ſchrie der kleine ſchwarze Herr heftig, daß ich Fräulein Ellen oder Fräulein Lenchen weder genannt, noch gemeint habe; aber, ich ſehe nicht ein, wes⸗ halb ich leugnen ſoll, daß die Avancen, welche mir die ältere der jungen Damen— Wenn Sie damit Miß Virginia meinen ſollten, ſagte hier Herr Bergfeld, der ſich, vor Aufregung zitternd, von ſeinem Stuhle erhob, ſo bin ich meinerſeits in der Lage, Sie erſuchen zu müſſen, in Ihren Ausdrücken über Fränlein Virginia— Luischen, ſagte der Meiſter in reſignirtem, aber feſtem Ton. ————— 201 — Der ſchwarze Herr fuhr ſich mit beiden Händen an den Kopf. Aber meine Herren, meine Herren, ſchrie er; ich weiß wahr⸗ haftig nicht mehr, was ich denken ſoll. Ich glaubte, das Opfer eines ſchändlichen Humbugs, Schwindels und Betruges zu ſein, und ſehe mich hier einer Behandlung ausgeſetzt, ſtoße auf ein Mißtrauen, eine Feindſeligkeit, deren Motive auch nur zu ahnen ich weit entfernt bin. Ich— Niemand konnte verſtehen, was Herr Scherzer vielleicht noch ſagte, denn Alle ſprachen jetzt wieder durcheinander. Egbert und Bergfeld— dieſe geſchworenen Freunde— waren auf⸗ geſprungen und redeten und geſticulirten auf Herrn Scherzer ein. Ich zog ſie an den Rockſchößen zurück und erklärte ihnen auf das Beſtimmteſte, daß ich ſofort gehen und mich zu Bett legen würde, wozu ich überdies die größte Luſt hätte, wenn ſie mir von dieſem Augenblick an nicht die Verhandlung mit Herrn Scherzer ganz allein überließen und auf ihrem Zimmer das Reſultat des Congreſſes abwarteten.— Dies wirkte. Die beiden Heißſporne ſahen ein, daß ihre Gegenwart hier nur vom Uebel war, und entfernten ſich, mit dem Bemerken, daß ſie auf Egbert's Zimmer meiner harren würden. Und wäre es bis zum erſten Hahnenſchrei! rief Bergfeld. Gott ſei Dank, daß dieſe jungen Herren fort ſind, ſagte Herr Scherzer, deſſen Muth, ſobald Jene das Zimmer ver⸗ laſſen, außerordentlich gewachſen war: ich geſtehe, daß ich nur noch mit Mühe an mich gehalten habe. Aber, geehrter Herr, ſagen Sie mir nur, was wollten die jungen Leute, daß ſie bei jedem Worte, das ich ſagte, wie toll auf mich losfuhren? Ich erklärte nun mit aller möglichen Discretion dem ſchwarzen Herrn die Lage der Dinge. Er, aber auch der Sanitätsrath, der bei dieſer Gelegenheit bemerken mußte, wieviel unmittelbar unter ſeinen Brillengläſern paſſirte, wovon ſich ſeine Philoſophie nichts träumen ließ, und der gute Meiſter, dem es, nach dem geſpannten Ausdruck ſeiner ehrlichen Züge zu ſchließen, blut⸗ ſauer wurde, ſich in den verwickelten Combinationen und Per⸗ — —————=. 202 mutationen des Geſellſchaftslebens zurecht zu finden— Alle hörten ſie mir mit der größten Aufmerkſamkeit zu. Als ich zu Ende war, ſagte Herr Scherzer mit einem Blick in ſein Notiz⸗ buch: Wenn ich Sie recht verſtanden habe, geehrter Herr, ſo würde Herr Egbert aus Gründen, die ſich, wie Sie eben ſo fein wie richtig bemerkten, einer genaueren Erörterung entziehen, geneigt ſein, für Herrn König— König, Königsby, Cunnigsby! ſehr gut!— alſo für Herrn König aufzukommen, ſo weit überhaupt die Sache mit Geld gut zu machen iſt. Verzeihen Sie, unterbrach ich ihn, das iſt die conditio sine qua non. Wollten meine Clienten den gerichtlichen Weg ein⸗ geſchlagen wiſſen, hätte unſere Verhandlung keinen Sinn. Wer geſchädigt iſt, ſoll entſchädigt werden— damit aber ſei es genug. Sehr wohl, ſagte Herr Scherzer, es kommt alſo nur dar⸗ auf an, ob Ihr Freund oder Ihre Freunde im Stande ſind, zu leiſten, wozu ſie ſich verpflichten. Ich bin ein Geſchäftsmann, n Sie ſollen jede Sicherheit haben, die Sie wünſchen; mein Freund iſt ſehr vermögend— Ich zweifle nicht daran; aber die Schadenrechnung wird etwas lang werden. Ich habe vorhin ſchon die einzelnen Items hier untereinander geſtellt; wenn Sie gütigſt einen Blick auf dieſes Papier werfen wollen: 400 Thaler erſtes Quartal; 400 Thaler, da nicht contractmäßig gekündigt iſt— der Con⸗ tract liegt zu Ihrer Einſicht jederzeit bereit,— ich habe die Wohnung freilich noch rechtzeitig vermiethet, aber ſie hätte doch ebenſo gut leer bleiben können— alſo 400 Thaler zweites Quartal, Möbel 800 Thaler, Reſtaurateur 180 Thaler, Modehändler 400 Thaler. Gott du Gerechter, rief der Meiſter, die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagend. Baar 200 Thaler, dito 24. März— Notabene den Tag vor ihrer Abreiſe— 100 Thaler. Summa 2480 Thaler. Dazu Reiſe nach Tannenburg und zurück für zwei Perſonen— Sie gehen ſehr in's Detail, ſagte ich. — 203 Geehrter Herr, man muß wohl— ein Geſchüftsmann— ein Verlagsbuchhändler wenigſtens muß wohl— Ihr Herren Schriftſteller freilich— Freilich, freilich! ſagte ich; aber um ſo mehr wundere ich mich, daß, wenn auch die jungen Damen noch ſo ſchön und liebenswürdig waren, Sie ſo große Summen einem Manne creditiren konnten, den Sie nicht kannten— Lieber Freund, iſt es mir denn anders gegangen? ſagte der Sanitätsrath ſeufzend; auch ich bin das Opfer einer be⸗ klagenswerthen Leichtgläubigkeit geworden; und dieſer Graf— er hat freilich bezahlt; aber wenn dieſe Geſchichte ruchbar wird, und— Herr des Himmels, daran habe ich ja noch gar nicht gedacht! Doctor Kühleborn ſprang vom Stuhle, als hätte man ihm eine volle Ladung der elektriſchen Batterie, die hinter ihm in einer Ecke des Zimmers ſtand, in den Nacken geleitet, und fing an, mit kurzen Schritten auf und ab zu laufen. Morgen ſollen die Wagen kommen, die ſie nach Male⸗ partus holen! Was ſoll man ſagen? was thun? Se. Hoheit wird außer ſich ſein, und hat er nicht Urſache? eine ſolche heilloſe Myſtification einer allerhöchſten Perſon iſt ja noch nicht dageweſen, ſo lange die Welt ſteht. Ich bin um den Titel, um Reputation, die Tannenburger ſind um die Eiſenbahn,— es iſt entſetzlich, entſetzlich! Der Kerl— ver⸗ zeihen Sie, lieber Meiſter, aber er verdient wirklich keinen beſſeren Namen,— er muß exemplariſch beſtraft werden; das iſt die einzige Genugthuung, die wir Sr. Hoheit geben können! Ich ſehe nicht, daß die Sache dadurch beſſer wird, ſagte ich; im Gegentheil! Wir müſſen Alles thun, den Scandal zu verdecken, zu vertuſchen. Warum ſoll ein Reiſender nicht eine Nachricht erhalten, die ihn zwingt, über Nacht abzureiſen, ſelbſt wenn er für den nächſten Tag bei einer Hoheit ein⸗ geladen iſt? Unſer Gefangener aber muß noch heute Nacht fort.— Noch heute Nacht, wiederholte ich; noch in dieſer Stunde. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. 204 Ich erhob mich, wie ein Richter, wenn die Sache ſpruch⸗ reif iſt. Meine Beſtimmtheit hatte nicht verfehlt, den gewünſchten Eindruck zu machen. Der Meiſter kraute ſich in dem buſchigen Haar, der Sanitätsrath führte eine ſehr bedächtige Priſe an ſeine lange Naſe, Herr Scherzer nahm ſeine Brille gb und fing an, die Gläſer zu putzen. N Denn ſehen Sie, meine Herren, ſagte ich, auch ange⸗ nommen, ja zugegeben, daß noch ein oder der andere Hotel⸗ wirth in Baden⸗Baden, oder wo unſer Freund ſich noch ſonſt aufgehalten haben mag, von ihm mnyſtificirt iſt,— wir wiſſen es nicht, und wo kein Kläger iſt, da iſt kein Richter, und wenn ſich nun auch wirklich die Gerichte in die Sache miſchten, zu ihrem Gelde können ſie den Betrogenen doch nicht verhelfen. Im Gegentheil erweiſen wir Allen, die noch betrogen werden könnten und ſehr wahrſcheinlich betrogen werden würden, einen Dienſt, wenn wir den vielgewandten Mann nach Amerika zurück⸗ ſchicken, denn daß er ſofort Europa verläßt, wäre natürlich die erſte Bedingung, die wir ihm auferlegen. Man kennt ihn in Amerika auch ſchon, ſagte Herr Scherzer, und das hat mich ja eben auf die richtige Spur gebracht. Ich fand nämlich, als er fort war, in dem Secre⸗ tär einen Brief, der ſich unter andere unwichtige Papiere ver⸗ irrt hatte und ſeine, wie ich jetzt weiß und damals gleich ahnte, richtige New⸗Yorker Adreſſe trug. In dieſem Briefe drohte ein Mr. Smith in Ausdrücken, die ich hier dieſes guten Mannes wegen nicht wiederholen will, mit einer Wechſelklage und deutete auf andere Unregelmäßigkeiten hin, die den ge⸗ ſchäftlichen Charakter des Herrn in dem bedenklichſten Lichte zeigten. Der Brief liegt in meinem Koffer; ich kann denſelben ſofort produciren, wenn Sie ſich nur ein paar Minuten— Ich denke, wir laſſen das bis morgen, unterbrach ich den Eifrigen. Vorläufig wollen wir uns einmal, wenn es Ihnen recht iſt, zu unſerem Gefangenen verfügen und ihn mit unſerem Beſchluſſe bekannt machen. Das Weitere findet ſich dann ſchon. 205 Herr Scherzer und der Doctor ſchienen noch immer gewich⸗ tige Bedenken gegen meinen Plan zu haben; aber der ehrliche Meiſter ſagte, indem er treuherzig meine Hand ergriff: Gott ſegne Sie, lieber Herr, daß Sie dem Unglücklichen forthelfen wollen. Vielleicht beſſert er ſich, wenn er ſieht, daß es noch Menſchen giebt, die ſich des Sünders erbarmen. Und wenn er ja auch wohl was Schlimmeres verdient hat— es iſt hart für einen ehrlichen Kerl, ſeinen leiblichen Bruder im Zuchthaus zu wiſſen— Die Stimme des braven Mannes zitterte, ich drückte ihm die Hand und ſagte: Kommen Sie, meine Herren! Ich ergriff ein Licht und ging voran; die Anderen folgten; zwei davon mehr mechaniſch, glaube ich, als aus Ueberzeugung. In dem Kurhauſe war ſchon Alles ſtill, die Treppe knarrte unter unſeren Schritten, als wir Einer hinter dem Anderen hinaufſtiegen. Die Thür aus dem Salon nach dem Corridor war weit geöffnet, vermuthlich von Herrn Hockelheim in der Abſicht, ſich ſein Wächteramt zu erleichtern, da die Eckſtube, in welcher der Gefangene ſaß, nur nach dem Salon und dem Corridor je eine Thür hatte, ſo daß der Verbrecher, falls er ja hätte ausbrechen wollen, jenen oder dieſen paſſiren mußte. Herr Hockelheim richtete ſich, als wir in den Salon traten, ſo ſtrack aus dem Fauteuil, in welchem er geſeſſen hatte, auf und öffnete ſeine Augen ſo weit, daß die Vermuthung, der Brave ſei nach der anſtrengenden Reiſe bei der Flaſche(die übrigens leer war) ein wenig eingenickt, nahe lag. Nun, wie ſteht's, Hockelheim? fragte Herr Scherzer mit leiſer Stimme. Alles in Ordnung, brummte der Wachtmeiſter und räuſperte ſich. Er hat ſich ſeit einer Stunde nicht gerührt. Ich unterdrückte die Bemerkung, daß dieſe zarte Rückſicht für die gegenſeitige Ruhe auch wohl von Herrn Hockelheim gewiſſenhaft beobachtet ſei, und erſuchte ihn, uns die Thür zu⸗ dem Gefangenen zu öffnen. 206 Ich glaube, er ſchläft, ſagte Herr Hockelheim, den Schlüſſel umdrehend und die Thür aufſtoßend. Die Lichter brannten auf dem Tiſch in der Mitte, das Zimmer war nicht eben groß, man konnte es alſo ſehr gut mit einem Blick überſehen; aber obgleich zehn Augen(worunter vier mit Brillen und zwei durch ein Pince-nez) auf einmal hineinſchauten, konnte doch keiner derſelben ſich rühmen, Herrn Cunnigsby⸗Jones⸗König zu entdecken. Donnerwetter! ſagte Herr Hockelheim. Wir Anderen ſagten nichts, ſondern blickten uns mit Mienen an, die eben nicht viel, dafür aber alle daſſelbe aus⸗ drückten. Donnerwetter! ſagte Herr Hockelheim noch einmal. Ich ging an das Giebelfenſter, es war geſchloſſen; ich ging an das Fenſter in der Fronte— es war nur zugedrückt. Ich ſtieß es auf— der Nachtwind rauſchte in den Pappeln, von denen die eine ihre ſchlanken, elaſtiſchen Zweige beinahe in's Fenſter ſtreckte. Glauben Sie, daß er da hinaus iſt? fragte der Sanitäts⸗ rath, der mir über die rechte Schulter ſchaute. Meinen Sie, daß man da hinab kann? fragte Herr Scherzer, der mir über die linke Schulter blickte. Das ſieht ihm ähnlich, ſagte der Meiſter. Donnerwetter! ſagte Hert Hockelheim zum dritten Male. Hier liegt ein Papier— an Sie, rief Herr Scherzer, der wieder an den Tiſch getreten war. Es war ein Blatt, das aus einem Portefeuille geriſſen ſchien. Die Handſchrift war, obgleich nur mit Bleifederzügen, deutlich, ja kühn. Die Zeilen lauteten: Herrn Geehrter Herr! Wenn dieſes Ihnen zu Händen kommt, bin ich hoffentlich ſchon einige Meilen von hier. Ich habe geſchwankt, ob ich Ihre Rückkehr abwarten oder Tannenburg verlaſſen ſolle, mich aber bei reiflicher Ueberlegung zu dem Letzteren entſchloſſen. Nach meinem Gefühl kann die Angelegenheit beſſer in meiner 2——————— 207 Abweſenheit arrangirt werden, als wenn ich zugegen bin, um ſo mehr, als ich mich überzeugt halte, daß Sie meinen Vor⸗ theil nicht minder gewiſſenhaft wahren werden, als den Ihrer Freunde, mit deren Intereſſen ja, genau beſehen, die meinigen zuſammenfallen. Laſſen Sie mich Ihnen nur noch wiederholen, daß ich zu der Verbindung meiner Kinder mit Ihren Freunden zum Voraus meinen Segen gebe. Ich bin noch hinreichend mit Geld verſehen, um bis nach Hamburg zu gelangen, wo ich unter der Adreſſe Mr. Philip Phillips aus Boſton, zur Zeit Hamburg, Hotel de lEurope, weiteren Nachrichten, vor Allem einer Anweiſung auf einen dortigen Banquier, behufs der Deckung der Hotelrechnung und der Ueberfahrt nach New⸗York, binnen hier und drei Tagen entgegenſehe. Sie werden zugeben müſſen, ich gehe ganz loyal zu Werke, und ich hoffe zuverſicht⸗ lich, daß Sie ebenſo handeln werden. Ich wünſche nicht, daß meine Frau mir nachkommt. Sie wird bei einem ihrer Kinder eine friedlichere Heimath finden, als ich ihr bereiten kann. Ich höre die Poſt von Fichtenau kommen. Leben Sie wohl, empfehlen Sie mich meiner Frau und meinen Kindern, meinem Bruder, ſowie den übrigen Freunden, Se. Durchlaucht nicht zu vergeſſen, und laſſen Sie ſich nicht durch eine übel an⸗ gebrachte Milde verleiten, jenen ſchlechten Mann, der uns in einer ſo grauſamen, eines Gentleman vollſtändig unwürdigen Weiſe getäuſcht hat, die ganze Strenge unſeres gerechten Zornes empfinden zu laſſen. Ihr ſehr ergebener Philip Phillips. Grüßen Sie auch den braven Conſtabler, der in dem Zimmer nebenan ſo geſund ſchnarcht. Wie finden Sie das? ſagte Herr Scherzer. Ganz im Stil des Mannes, erwiederte ich, das Blatt zu⸗ ſammenfaltend; übrigens glaube ich, daß er wirklich uns Allen durch ſeine Entfernung einen großen Gefallen erwieſen hat. Mir nicht! brummte Herr Hockelheim. Ich mußte unwillkürlich lachen; Doctor Kühleborn, der in ſeiner Eigenſchaft als Badedirector einen feinen Sinn für 208 Humor hat, ſtimmte mit ein, Herr Scherzer ließ ſich durch unſere Heiterkeit anſtecken; der brave Meiſter lachte, weil er uns Andere lachen ſah; wir Alle lachten, nur Herr Hockelheim micht, den ich aber gleich in Verdacht hatte, ein hoffnungslos proſaiſches Gemüth zu ſein. Wir gingen durch den Salon leiſe zurück, um die Damen, falls ſie ſchliefen, nicht zu wecken. Sie würden, was heute Nacht geſchehen, morgen auch noch früh genug erfahren. Dafür ſuchte ich verſprochenermaßen noch Egbert auf, der, gewaltig rauchend, auf ſeiner Stube in dem Lehnſtuhl ſaß und Herrn Bergfeld, der auf dem Sopha eingeſchlafen war, mit ſeinem Plaid zugedeckt hatte. Ich theilte ihm das eben Erlebte mit. Er wollte es an⸗ fangs gar nicht glauben, dann brach auch er in ein Gelächter aus, das ihn um ſo mehr erſchütterte, als er, des Schläfers auf dem Sopha wegen, nicht in ſein gewöhnliches ſchallendes Stentor⸗Gelächter ausbrechen wollte. Plötzlich wurde er wieder ernſthaft und ſagte flüſternd: Das arme Mädchen! es iſt doch furchtbar, einen ſolchen Vater zu haben. Vollkommen iſt nichts unter der Sonne, lieber Freund! erwiederte ich; ihr wird dafür ein deſto beſſerer Mann, wie es in Don⸗Juan heißt: Der Gatte wird Vater nun ihr ſein. Wir drückten uns kräftigkich die Hände. Soll ich unſern Freund dort mitnehmen? fragte ich. Laß ihn ſchlafen, erwiederte Egbert; den armen Kerl! ſeine Beinchen mögen ihm müde genug geworden ſein; aber er hat ſich wie ein Mann gehalten. Ich werde ihm noch eine Decke überdecken. Nochmals ein Händedruck; dann ging ich. Meine Glieder waren wie zerſchlagen, ich hatte Mühe, die Hühnerſtiege hinauf zu kommen; aber in meinem Kopf war es ganz licht und in meinem Herzen wogte es, wie lauter freundlich⸗ſchöne Melodien. Sonderbar, ſagte ich, während ich mich auf mein hartes Lager ſtreckte, höchſt ſonderbar! faſt unglaublich! wenn ich das ————————————— 209 in eine Novelle brächte, ſie würden ſagen: wie übertrieben!“ wie unwahrſcheinlich! welche Verletzung der Beſcheidenheit der Natur! Meine Geſchichte iſt zu Ende, denn was noch kommt, das verſteht ſich ja von ſelbſt. Oder ſoll ich noch erzählen, wie wir am nächſten Morgen in aller Frühe den Herrn Grafen aus ſeiner Polterkammer erlöſten und ihn mit der Ermahnung, ſich nicht wieder unter anſtändigen Leuten ſehen zu laſſen, laufen ließen? Soll ich das Erſtaunen Linder's ſchildern, als er am anderen Tage in Tannenburg wieder eintraf, das poetiſche Herz zum Ueberſtrömen voll von dem Eindruck einer himm⸗ liſchen, jungen Schwedin— ſie hat ungeheure Güter in Darle⸗ karlien, und er iſt entſchloſſen, ſie zu heirathen!— die er geſtern in Fichtenau auf einem Gang durch den Garten des Kurhauſes— o, es war die anmuthigſte Begegnung von der Welt!— geſehen, d. h. geliebt, d. h. beſiegt hatte? was denn nebenbei auch der Grund geweſen war, weshalb er nicht mit dem Meiſter hatte zurückkommen können? Oder ſoll ich ſchildern die mundaufſperrende Verwunderung unſerer eigenen Geſellſchaft, als, trotzdem wir alle Betheiligten zum ſtrengſten Stillſchweigen. verpflichtet, die Wundermär von dem amerikaniſchen Pflanzer, der kein Amerikaner und kein Pflanzer, ſondern ein Schneider aus Deutſchland, von dem ungariſchen Grafen, der kein Ungar und kein Graf, ſondern ein Billardkellner aus Wien geweſen, ſich verbreitete? wie Fräulein Kernbeißer ſagte, die Welt ſei ab⸗ ſolut zu ſchlecht und zu verlogen für ein gutes, offenes Herz (womit ſie ihr eigenes meinte); wie Frau Herkules ſeufzend eingeſtand, ihr Gefühl habe ſie von Anfang an vor dem Grafen gewarnt;— wie das engliſche Kränzchen den„Vicar of Wakefield“ ſtill zuklappte und Frau Scherwenzel und Frau von Dinde verſicherten, der Accent jener Menſchen ſei ihnen ſofort verdäch⸗ tig geweſen? wie Frau von Puſterhauſen erklärte, in einem Bade, wo ſo etwas vorfalle, anſtändigerweiſe nicht länger bleiben zu können, und mit ihren Töchtern abreiſte in Begleitung des Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 14 210 Herrn A. B. Meyer aus Bremen, Firma A. B. Meyer u. Co., der ſich acht Tage ſpäter mit Fräulein Käthchen öffentlich ver⸗ lobte?(heimlich waren ſie ſchon ſeit dem ſtürmiſchen Rückzuge vom Nonnenkopf verlobt geweſen). Soll ich erzählen, daß die Wagen Sereniſſimi am folgenden Tage wirklich eintrafen und nach Malepartus nur mit einem Briefe beſchwert zurückkehrten, in welchem Doctor Kühleborn ſeinem gnädigſten Herrn ich weiß nicht welches 4 für ein U machen zu müſſen in der ſchauder⸗ haften Lage war? Dies und anderes der Art könnte ich noch erzählen, aber es verſteht ſich das Alles, wie geſagt, von ſelbſt; auch verließen wir— Madame König und ihre Töchter Helene und Louiſe — Egbert, Bergfeld und ich— Tannenburg in aller Kürze, um uns zuförderſt in das Bad zu begeben, wo meine Frau weilte, die, wie Jeder, der ſie ſah, die liebliche Helene ſofort in's Herz ſchloß und um ihretwillen auch die andere Schweſter und die Mutter in Gnaden aufnahm. Seitdem iſt ein Dreivierteljahr verfloſſen. Egbert und Berg⸗ feld ſind beinahe eben ſo lange glückliche Gatten. Von dem Letzteren glaube ich, daß er glücklich iſt. Wenigſtens verſichert er es Jeden; er betet ſeine Frau an, die er ſtets Virginia nennt und immer nennen wird, und ſchwört, daß eine wirth⸗ ſchaftlichere, ſorgſamere Frau in der ganzen Königſtraße nicht eriſtire. Die Mutter lebt bei ihnen. Bergfeld iſt ſtolz auf ſie; er behauptet, die Frau ſei ein Schatz, ſie verbreite über ſein ganzes Geſchäft einen Nimbus von Reſpectabilität; das ſchwarze Seidenkleid und die goldene Kette ſeiner Schwieger⸗ mutter— dem Guten ſcheint noch immer keine Ahnung von der Unechtheit— der Kette nämlich— aufgegangen zu ſein! — haben ſeinen Credit um das Doppelte erhöht. Von Egbert weiß ich, daß er glücklich iſt, obgleich er ſich weniger geläufig, als ſein Schwager(in deſſen Geſchäft er ein paar tauſend Thaler angelegt hat) über ſein Glück ausſpricht. Selbſt der Schatten, der von der Geſtalt jenes bedenklichen Mannes, welcher der Vater ſeiner Helene iſt, in ſein Glück fällt, iſt weniger ſchwarz, als wir Alle fürchteten. Er zahlt — 21¹ jenem Manne eine jährliche Penſion, die ſofort verfallen ſoll, ſobald auch nur die mindeſte Klage über ihn von dem Rechts⸗ Anwalt in New⸗York, durch deſſen Hände das Geld geht, Egbert zu Ohren kommt. Und dann, ſagt Egbert, wenn ſie keinen guten Vater hat— ſo iſt ſie doch aus guter Familie, denn einen beſſeren Mann als ihren Onkel, den braven Büchſen⸗ ſchmied in S., giebt es nicht. Egbert bezieht ſeine Jagdflinten nur von ihm und hat unter den Jägern, ſeinen Nachbarn und Freunden, ſo viele Beſtellungen zuſammengebracht, daß der Meiſter jetzt mit drei Geſellen arbeitet und kaum im Stande iſt, die Menge der Aufträge auszuführen. Ein Sohn des Meiſters, ein prächtiger Burſche von ſechszehn Jahren, iſt bei Egbert auf dem Gute, die Landwirthſchaft zu erlernen. Die alte paralytiſche Tante iſt dieſen Frühling in Tannenburg ge⸗ ſtorben. So ſagte mir ein guter Bekannter aus Tannenburg, der dieſer Tage hier war, um ebenfalls zu Egbert zu gehen, der ihn als Kammerdiener, Hausdiener, was weiß ich, engagirt hat. Es iſt Louis. Er war ſehr glücklich, denn eine derartige Stellung zu erlangen, ſei von jeher der höchſte Wunſch ſeines Lebens geweſen. Während er mir das erzählte, hatte er eines ſeiner krummen Beine vor das andere geſetzt, ganz wie er in Tannenburg ſtand, wenn er mir des Morgens den Kaffe ge⸗ bracht hatte und mich einer privaten und confidentiellen Unter⸗ haltung würdigte. Engliſch habe ich ihn diesmal nicht ſprechen hören. Für dieſen Sommer werde ich nicht nach Tannenburg, ſondern in ein anderes Bad gehen. Hernach ſoll ich an die See. Mein Freund Egbert hat ſich ausbedungen, mich nebſt meiner ganzen Familie beherbergen zu dürfen. Wenn Du auch hinkommen willſt, lieber Leſer, verſpreche ich Dir, im Falle Du, wie ich vorausſetze, ein guter Menſch biſt, die beſte Aufnahme. Mein Freund iſt die Gaſtfreiheit ſelbſt. Die Reiſe wirſt Du am bequemſten ſo machen: Du nimmſt ein Billet auf der Eiſenbahn und fährſt, bis Du ans Meer kommſt. Dort ſteigſt Du zu Schiff und bitteſt den 1* 212 „ Kapitän: Nord⸗Nord⸗Oſt, oder Süd⸗Süd⸗Weſt, oder wie der Wind gerade weht, zu ſteuern, bis Du an eine Bucht kommſt, wo rechts ein ſtattliches Landhaus zwiſchen mächtigen Buchen über grüne Parkwieſen zu Dir herüberſchimmert. Da ſoll er die Segel reffen und den Anker fallen laſſen, denn da iſt es. 8 8 g14 61 enae