— ——— bbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vyn Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Qution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vvraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. — ——— — „ 3„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, we che die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Dritte, vom Verfaſſer revidirte Auflage. ——— ————— Elfter Band. ——tllzeit voran. — ———— Leipzig. Verlag von L. Staackmann.— 4 1877. 1* Roman von Friedrich Spielhagen. Fünfte Auflagr. (Zweite Stereotyp⸗Auflage.) Leipzig. Verlag von L. Staackmann. 1877. Alle Rechte vorbehalten. — Erſtes Capitel. Der Fürſt hatte heute die Tafel früher aufgehoben, da für die Ankunft der Gäſte, welche morgen bevorſtand, noch Manches zu beſprechen und anzuordnen war. Er hatte ſodann beim Kaffee auf der Terraſſe die ſchon über Tiſch flüchtig berührten Gegen⸗ ſtände der Reihe nach gründlich mit den beiden zur Tafel befohle⸗ nen Herren ſeines Haushaltes erörtert. Jetzt wendete er ſich zu dem älteren derſelben und ſagtet Nehmen wir Alles in Allem, lieber Iffler, ſo wird uns der Beſuch noch immer theuer genug zu ſtehen kommen. Wir ſind, Dank der Sparſamkeit Ew. Durchlaucht, glücklicher⸗ * in der Lage, größere Ausgaben machen zu können, ohne nach iirgend einer Seite hin genirt zu ſein; erwiederte der Kanzleirath. Ich finde Sie bei dieſer Gelegenheit gegen die Gewohnheit 4 ſpendabel, lieber Iffler, ſagte der Fürſt lächelnd. S. Durchlaucht geruhen— begann der Kanzleirath. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, unterbrach ihn der Fürſt. Sdie haben dieſe Einladung weder angeregt, noch befürwortet. Und das wäre auch von Ihnen zu viel verlangt. Ich fürchte, Sie würden ſich mit dem Grafen ſchwer darüber verſtändigen, daß die Fürſten von Roda ein hundertfach verbrieftes Recht auf —Sitz und Stimme im Rathe der deutſchen Fürſten haben. Der Kanzleirath zuckte die Achſeln. Bei Ihnen, lieber Zeiſel, fuhr der Fürſt fort, indem er ſich zu dem jüngeren Herrn wendete, iſt das etwas Anderes. Frei⸗ i iſt das Preußenthum auch bei Ihnen nicht beſonders accre⸗ Fr. Spielhagen's Werke. Ll. 1 ——— — —— 2 ditirt; aber Sie ſind jung und der Einförmigkeit unſeres Leb⸗ gewiß ſchon längſt überdrüſſig und ſehnen ſich nach einer Ve änderung, beſonders wenn es dabei ein wenig bunt hergeht, w.“ wir ja wohl im voraus annehmen dürfen. Habe ich recht? Der Fürſt wartete die Antwort des Cavaliers nicht ab, und trat an den Rand der Terraſſe. Die beiden Herren ſahen ein⸗ ander an. Herr von Zeiſel zuckte die Achſeln. Der Kanzleirath hätte gern das Wort, das er auf den Lippen hatte, angebracht, da er aber, ohne ſich dem Cavalier auf ein paar Schritte zu nähern, es nicht hätte leiſe ſagen können, und der Fürſt, wenn er ſich umwendete, ihn doch auf derſelben Stelle finden mußte ſo begnügte er ſich damit, die Geberde des Cavaliers nachz 3 ahmen und über ſeine kahle Stirn ein paar Falten zu ziehen. Der Fürſt ſtand noch immer an dem Steingeländer und blickte! über die Wieſen unter ihm an den höher gelegenen Partien des — Parks hinauf in das Gebirge, deſſen einzelne ſich übereinander aufbauende Stufen der Abendſchein mit goldigen und roſigen Lich⸗ tern überhauchte. Von der höchſten Stufe ſchimmerten die Häus chen eines Dörfleins herüber, das dort auf einer Matte am Rande des Waldes lag. Die noch immer ſcharfen Augen des alten Herr blieben längere Zeit an dieſem Punkte haften; dann wendete er ſich mit Lebhaftigkeit um und ſagte zu dem Kanzleirath: Nach keiner Seite, ſagen Sie. Ich will Ihnen gleich eine zeigen: da, das arme Hühnerfeld! Es könnte das Geld brauchen, ſehr brauchen! Sie kennen ja meine Schrulle: Hühnerfeld iſt mein Barometer. Wenn die da oben zufrieden ſind, darf ich hier unten auch zufrieden ſein. Und die Hühnerfelder ſind es nicht. Können Sie es leugnen? Ich ſtelle es nicht in Abrede, Durchlaucht, erwiederte der Kanzleirath, aber wohl, daß die Leute mit Recht unzufrieden ſind. Der Brand des Dorfes im vergangenen Winter war ja eine große Calanität, und daß die Kartoffeln in dieſem Jahre ſo ſchlecht angeſetzt haben, iſt eine andere. Aber der Typhus iſt ja nun im Erlöſchen— Nachdem das halbe Dorf ausgeſtorben iſt, ſagte deßuſt Allerdings, ſagte der Kanzleirath, fünf ein halbes Procen bert Fe, ſich daran di Böhne auszubeißen. Und dann, meinen Sie, 3 be der eigentlichen Noth iſt durch Ew. Durchlaucht Freigebig⸗ it über das hinaus, was der arme Mann in einer ſolchen Lage erwarten hat, geſteuert, und für die möglichen Verlegenhei⸗ ten des nächſten Winters wird auch wohl Rath und Abhülfe ge⸗ ſchafft werden können, wie— ich darf es wohl ſagen— noch immer geſchehen iſt, ſo lange Durchlaucht das Regiment führen Um die feinen Lippen des Fürſten zuckte ein ironiſches Lächeln. Ein ſchönes Regiment, ſagte er, das ich mit dem Herrn Land⸗ rath theile, und noch dazu ſo ungleich! Ah bah, lieber Iffler, was iſt denn unſere ganze Arbeit, als ein Schöpfen in das Faß der Danaiden! Wenn wir ein paar Löcher glücklich zugeſtopft ha⸗ ben und das Waſſer in dem Faſſe ſteigt, kommt eine landräth⸗ liche Verordnung und bohrt ein neues, oder es platzt eine Groß⸗ machtslaune des großmächtigen Herrn Miniſters hinein und ſchlägt dem Faß den Boden aus. Wir haben es 1866 geſehen. Wie nöthig brauchten wir gerade damals unſer Geld, unſere Leute! Aber der Miniſter brauchte beides noch viel dringender, wie er ſagte, und da mußten wir natürlich Alles ſtehen und liegen laſ⸗ ſen und vor den Thüren anderer Leute fegen, die ſie nun einmal nicht rein halten können. Nun, ich ſollte mich eigentlich nicht beklagen. Es geſchah bei der Gelegenheit in Hannover und Heſ⸗ ſen, was ſeiner Zeit meinem Vater geſchehen iſt, trotz der De⸗ claration der Schutzmächte auf dem Wiener Congreß; ihm ge⸗ ſchehen iſt von demſelben Haus Brandenburg, dem 1723 auf den Reichstage zu Regensburg anbefohlen war, die Fürſten und Herren von Roda gegen fernere Bedrängniſſe, Beeinträchtigung und Vergewaltigung von Kaiſers⸗ und Reichswegen zu ſchützen. Nun, uns hat man doch auf unſerem Grund und Boden ge⸗ laſſen! Wir können uns alſo noch für gnädige Strafe allerunter⸗ thänigſt bedanken. Ein Jahr Sechsundſechszig wird ſobald nicht wiederkommen, Durchlaucht, ſagte der Kanzleirath. Sie denken, weil die Artiſchocke aufgegeſſen iſt! Bah, lieber Iffler, es ſind noch ein pagr Blätter da, die man in dieſen gier Jahren ebenfalls ſchon verſpeiſt hätte, wenn man nicht fürch⸗ 1* 4 — daß die Franzoſen die Revanche für Sadowa in saecula 8en culorum verſchieben werden? Ich habe ſehr ſichere Nachrichten, daß man Tag und Nacht in den maßgebenden Kreiſen davön ſpricht, träumt, und wir werden eines ſchönen Morgens aufwachen und uns verwundert die Augen reiben, wenn wir anſtatt unſe⸗ res guten deutſchen Hennig den galliſchen Hahn krähen hören. Sie lachen, lieber Zeiſel? Freilich, Ihnen, als geweſenem Sol⸗ daten, iſt der Krieg als Krieg willkommen; nur vergeſſen Sie nicht, daß Sie diesmal leicht in der Gefolgſchaft deſſelben Kriegs⸗ herrn kämpfen dürften, gegen den Sie Sechsundſechszig im Felde ſtanden. Und folgſt Du nicht willig, ſo brauch' ich Gewalt, wird der geiſtreiche Premier citiren, wenn er Euch Sachſen ſammt den Uebrigen ins Schlepptau nimmt. Sehen Sie ſich nur bei Zeiten vor, daß man Ihr Lieutenantspatent auch gehörig re⸗ ſpectirt. Sprechen Sie doch einmal mit dem Grafen, wenn er morgen kommt. Sie ſind ja anerkannt ein Meiſter im Reiten, da werden Sie ſich mit dem Rittmeiſter ſchnell verſtändigen. Ich wußte nicht, daß meine geringen Dienſte Durchlaucht bereits zu lange gewährt hätten; ſagte der junge Cavalier, auſ deſſen weißer Stirn bis zu den blonden Schläfen hinauf bei den letzten Worten des Fürſten ſich eine rothe Wolke gelagert hatte. Verzeihen Sie, lieber Zeiſel, ſagte der Fürſt, auf den Be⸗ eidigten zutretend und ihm mit einer ammuthigen Bewegung die Hand entgegenſtreckend, ich wollte Ihnen nicht wehthun, noch viel weniger Ihnen eine Unzufriedenheit zu erkennen geben, die zu empfinden ich weit entfernt bin. Im Gegentheil, ich danke Ih⸗ nen für Ihre treuen und ſorgſamen Dienſte, die ich während des Jahres, welches Sie nun bei mir ſind— wie ſchnell die Zeit vergeht!— niemals nöthiger gehabt habe, als eben jetzt. Sie ſind ja der Einzige von uns Allen hier, der da weiß, wie es in der großen Welt zugeht. Wer ſoll mir denn unſeren Gäſten die Honneurs machen helfen?— mir waren dieſe Dinge immer ziemlich fremd, und ich habe das Wenige, was ich da⸗ von wußte, mittlerweile verlernt— Der Fürſt ſchwieg. Er hatte den Faden ſeines Gedan⸗ kens verloren. Es begegnete ihm das in letzterer Zeit häufiger, S obgleich es ihm faſt immer mit einer für ihn und für die An⸗ dern peinlichen Anſtrengung gelang, ſich wieder zurechtzufinden. So ſtand er denn auch jetzt da und blickte mit gut geſpielter Aufmerkſamkeit nach dem Giebel des Schloſſes, um welches die Schwalben im Abendſonnenſchein ſpielten, und fuhr dann wie aus einem Traum erwachend fort: Als Sie, der Sie an dem Hofe Ihres Prinzen eine gute Schule durchgemacht haben. Und dabei fällt mir ein, lieber Zeiſel, ich wollte Sie fragen, ob es doch nicht am Ende nothwendig iſt, daß Sie ſelbſt morgen die Wagen zur Station begleiten. Nicht als ob ich glaubte, daß Porſt es an irgend etwas fehlen laſſen würde, aber es iſt doch am Ende beſſer ſo. Meinen Sie nicht? Ganz wie Ew. Durchlaucht befehlen, ſagte der Cavalier. Alſo abgemacht, ſagte der Fürſt. Wenn dann die Herren nichts weiter vorzutragen hätten— Der Kanzleirath verbeugte ſich; der Cavalier ſagte: Ich wollte mir noch erkauben, Durchlaucht um definitiven Befehl in Betreff der Faſanerie zu bitten. Der Kanzleirath that, als ob er nicht bereits eine Bewe⸗ gung zum Fortgehen gemacht hätte und verlor ſich in Betrach⸗ tung eines Albums, welches geöffnet auf einem der Tiſche lag, wobei er nicht bemerkte, daß er das Blatt über den Kopf be⸗ trachtete. Ich dächte, die Sache wäre heute ſchon bei Tafel ausrei⸗ chend beſprochen, ſagte der Fürſt. Es lag ein gewiſſer Unmuth in dem Ton, mit welchem er . as ſagte. Der Kanzleirath konnte ſich nicht von dem merk⸗ würdigen Blatt trennen. Durchlaucht befehlen alſo, daß ich die Faſanerie in Angriff nehmen laſſe, ſagte der Cavalier zögernd, und fuhr, als die Antwort des Fürſten ausblieb, mit ſeiner gewöhnlichen harm⸗ loſen Lebhaftigkeit fort: Es wäre dann wohl gerathen, daß ich noch heute Auftrag gebe. Die Stakete müßten ausgebeſſert und die Wege aufgeräumt werden, die in der That ſehr verwildert ſind. Prachatitz kann das ganz gut bis morgen oder ſpäteſtens übermorgen fertig haben, wenn er ein paar Dutzend Leute an⸗ ſtellt. Auch iſt die Ausſicht von den Fenſtern des Theehau⸗ ſes eigentlich nur nach dem Schloſſe zu frei; auf der Südſeite und nach dem Hirſchpark müßte ich nothwendig ein paar Bäume wegſchlagen, um die es mir freilich leid thut— So laſſen Sie ſie ſtehen, ſagte der Fürſt ärgerlich. Der Kanzleirath machte leiſe das Album zu, der Cavalier ſchaute verlegen darein. Oder ſprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, ſagte der Fürſt. Sie haben recht, lieber Zeiſel, wir waren bei der Tafel doch wohl nicht ganz ſchlüſſig; ich erinnere mich. Es iſt ja auch im Grunde ziemlich irrelevant, ob wir das Theehaus zur Verfügung haben oder nicht. Wie oft wird es denn ge⸗ ſchehen, daß der Thee da wirklich eingenommen wird! Zwei⸗ oder dreimal, wenn es hoch kommt! Alſo, wie geſagt, ſprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, oder ich will auch ſelber mit ihr ſprechen, wenn Ihnen das lieber iſt. Jedenfalls war⸗ ten Sie, bis ich Ihnen beſtimmte Ordre gebe. Guten Abend, lieber Zeiſel. Sie, lieber Iffler, muß ich nun doch noch eine Minute aufhalten. Der Cavalier verbeugte ſich und verließ die Terraſſe. Der Kanzleirath blieb, ein wenig unruhig, was der gnä⸗ dige Herr noch vorbringen werde. Ohne Zweifel wünſchte er ſeine vertrauliche Anſicht hinſichtlich der Faſanerie. Der Kanz⸗ leirath war entſchloſſen, ſeine Antwort von der Frageſtellung und dem Tone, in welchem der gnädige Herr fragen würde, abhän⸗ gen zu laſſen. Ich habe die Abſicht, ein wenig indiscret zu ſein, ſagte der Fürſt. Der Kanzleirath lächelte. Wie ſtehen Sie mit dem Doctor, ich meine, Sie und Ihre Damen? Da der Kanzleirath dieſe Frage nicht erwartet hatte und für den Augenblick ſchlechterdings nicht wußte, worauf dieſelbe zielte, ſagte er nicht ohne einige Verlegenheit: O, in der That ſehr gut, wie immer, ohne Zweifel! Wie immer? ſagte der Fürſt mit Betonung. ——— Daß ich nicht anders wüßte, Durchlaucht. Sie machen es mir ſchwer, indiscret zu ſein, wenn Sie ſel⸗ ber ſo ſehr discret ſind. Es iſt das gar nicht meine Abſicht, gnädiger Herr, ſagte der Kanzleirath; nur daß ich in der That nicht weiß— Nun, wenn Sie nichts wiſſen, lieber Iffler— und Sie ſehen in der That nicht aus wie ein Wiſſender— ſo kann ich mir auch meine Indiscretion erſparen. Guten Abend, lieber Iff⸗ ler, und erſcheinen Sie morgen eine Stunde früher zum Vor⸗ trag. Die Herrſchaften kommen um ein Uhr. Es wird im Laufe des Vormittags noch ſo Mancherlei zu überlegen ſein. Der Kanzleirath ging, unglücklich über ſeine Dummheit. Und doch hatte die Frage des gnädigen Herrn nur Eine Bedeutung haben können! Wie war es möglich geweſen, das nicht ſofort heraus⸗ zufinden? Und wie ſollte er das nun ſeinen Damen vorbringen? Aber ſchließlich hatte der Doctor doch die Schuld. Weshalb hatte er ſich immer noch nicht erklärt? Er mußte ſich erklären, heute Abend noch! Er hatte ja ſo wie ſo verſprochen, heute Abend vorzuſprechen, wenn er von Hühnerfeld zurückkam. Was gab es denn noch ſo Wichtiges? fragte der Cavalier, an den Kanzleirath, auf den er im Schloßhof gewartet hatte, herantretend. O nichts, wenigſtens nichts von Bedeutung, erwiederte der Kanzleirath. Nun, ſagte der Cavalier lachend, heute Abend werden Sie hoffentlich weniger zugeknöpft ſein. Ich hatte mir nämlich vor⸗ genommen, gegen acht Uhr zu Ihnen zu kommen, wenn Sie nicht in den Kegelklub gehen und Ihre Damen frei find. Es wird uns zum größten Vergnügen gereichen, ſagte der Kanzleirath ſtotternd. Ich komme alſo, rief der Cavalier, den Kanzleirath auf die Achſel klopfend und ſich in das Schloß wendend. Schon wieder eine Dummheit, fagte der Kanzleirath, den Hut abnehmend und die perlende Stirn vorſichtig bis zu der graublonden Perrücke mit dem ſeidenen Taſchentuche trocknend; nun habe ich ſie wieder Beide auf dem Halſe. Es iſt zum Verzweifeln! 8 Und der Kanzleirath verließ ganz zerknirſcht den Schloßhof und machte ſich auf den Weg nach ſeinem Hauſe, das, ein paar tauſend Schritte vom Schloſſe entfernt und ebenſo viele hundert Schritt von dem Städtchen Rothebühl, an der prachtvollen Chauſſee, welche vom Schloß zum Städtchen hinablief, aus Baum und Buſch freundlich zu ihm heraufgrüßte. Der Fürſt war, nachdem der Kanzleirath ihn verlaſſen, auf derſelben Stelle ſtehen geblieben, in tiefes Sinnen verloren. Das halb gütige, halb ironiſche Lächeln, welches während der Con⸗ ferenzen mit den Beamten ſeine Lippen zu umſpielen pflegte, hatte einem Ausdruck tiefer Bekümmerniß Platz gemacht. Es fällt eben Alles von mir ab, murmelte er. Dieſer Iff⸗ ler, der ſein Leben damit hingebracht hat, aus den Urkunden zu be⸗ weiſen, daß wir ſo gut ſouverän ſind, wie irgend ein Haus in Deutſchland: der dem Grafen ſeine Demüthigung vor dieſen über⸗ müthigen Hohenzollern nicht vergeben zu können behauptet— wie zahm iſt er jetzt! Wie macht er ſich bereit, mit klingendem Spiel in das feindliche Lager überzugehen! Ich kann mich 6 Niemand mehr verlaſſen, am wenigſten auf mich ſelbſt— das iſt das Bitterſte. Aus der großen, vom Flüßchen Roda durchſtrömten Park⸗ wieſe unten, auf welche jetzt zwiſchen den Bäumen hervor die Hirſche erſt einzeln, dann rudelweiſe heraustraten, wehte es kühl herauf. Der Fürſt war im Begriff, ſeinem Kammerdiener zu klingeln und ſich einen Ueberrock bringen zu laſſen, aber er zog den Finger, der bereits auf der Glocke lag, zurück. Sie konnte jeden Augenblick kommen, ſie ſollte ihn in dem leichten Sommer⸗ anzuge finden; er durfte jetzt, gerade jetzt nicht unnöthigerweiſe den alten Herrn ſpielen. Freilich konnte er auch in ſein Arbeits⸗ cabinet treten, deſſen Thür nach der Terraſſe offen ſtand, aber der Sonnenuntergang war ſo ſchön mit den goldenen, langge⸗ zogenen Wolkenſtreifen durch den mattgrünen Himmel und den in roſigem Duft verſchwimmenden Bergreihen. Sie liebte die⸗ ſes Schauſpiel ſo; ſie hatten daſſelbe ſo oft von dieſer Stelle aus gemeinſam bewundert und jede kleinſte Wandelung beobach⸗ tet, als ſie vor drei Jahren die erſten ſchönen Frühlingstage hier verlebten. — Drei Jahre! Die eine Hand auf die Steinbaluſtrade lehnend, ſtand der Fürſt da und blickte mit ſtarren Augen in den Sonnenuntergang. Aber er ſah nichts mehr von dem prächtigen Farbenſpiel! Es war der erſte wahrhaftige Sonnenſchein geweſen in ſeinem Leben; ein Licht wie aus einer anderen, beſſeren Welt, ein romantiſcher Wunderfrühling im Spätherbſt ſeines Lebens— es war ſehr, ſehr ſchön und köſtlich geweſen. Und wenn es geweſen und nicht mehr iſt, wer trägt die Schuld, als ich ſelbſt? Wer hat den Sonnenſchein verdüſtert, das Licht ausgelöſcht, dem Frühling ſeine Wunder genommen, ſeine Ro⸗ mantik abgeſtreift, als ich ſelbſt, ich ſelbſt! Ich ſelbſt? Was iſt denn meine Schuld, als daß ich gegen mich habe, was Andere für ſich haben? Sie war ſiebzehn, jetzt iſt ſie zwanzig; ich war zweiundſechszig, jetzt— ich habe die Zeit gegen mich. Das iſt es! 3 Der Fürſt ſchrak zuſammen, als er hinter ſich auf der Ter⸗ raſſe das Rauſchen eines Gewandes hörte. Er ſtrich ſich ſchnell mit der Hand über das Geſicht, und als er ſich umwendete, zeigte er der jungen Dame, die in einem Reitkleide von dunkel⸗ geünem Sammt, Baret, Handſchuhe und Reitpeitſche in der Rech⸗ ten, und das lange Gewand mit der Linken hebend, auf ihn zukam, ein lächelndes Geſicht. Sieh da, Hedwig! Du kommſt heut ſpät zu Deiner Pro⸗ menade, ſagte er, die Stirn der Dame mit ſeinen Lippen be⸗ rührend. Es gab ſo viel zu thun, erwiederte Hedwig; Conferenzen mit der Putzmacherin, da noch Einiges an den Herrlichkeiten, die Du mir haſt kommen laſſen— überreich und überreichlich, wie gewöhnlich— zu ändern blieb; dann die Zimmer auszuräumen, obgleich gerade nicht viel von meinen Sachen darin war— Die Zimmer, fragte der Fürſt, Deine Zimmer? Weshalb aus⸗ räumen? Haſt Du nicht Befehl gegeben, daß die beiden Zimmer in dem Rothen Thurm noch zu den Fremdenzimmern gezogen wer⸗ den ſollten? erwiederte Hedwig. * 10 Eine zornige Röthe flog über das bleiche Geſicht des Für⸗ ſten. Er drückte ſtatt einer Antwort ein paarmal heftig auf den Knopf der Glocke und rief dem alten Kammerdiener entgegen, der aus dem Vorzimmer durch das Arbeitscabinet ſchnellen Schrit⸗ tes herankam: Porſt ſoll hierherkommen, ſofort! Porſt iſt ſoeben, wie Herr von Zeiſel befohlen, auf dem Küchenwagen in die Stadt gefahren, erwiederte der Kammerdiener. Er mag, ſagte der Fürſt, ſich in Acht nehmen, wenn er zu⸗ rückkommt! Uebrigens warſt Du ja zugegen, als ich heute Mor⸗ gen die Befehle gab; und da Dein Herr Schwiegerſohn, wie ich! weiß, ſich ſeine Lection noch immer erſt einmal von Dir über⸗ hören läßt, ſo iſt mir der Eine ſo gut wie der Andere. Wer hat Euch geſagt, daß Ihr an die zwei Zimmer im Rothen Thurm Hand anlegen ſollt? Ich frage, wer? Aber, mein Gemahl, ſagte die junge Dame, wenn es ein Verſehen iſt— Es iſt kein Verſehen, ſagte der Fürſt, und auch kein Rer⸗ hören, man hätte denn abſichtlich nicht ſehen und nicht hi wollen— ich kenne das. Durchlaucht hatten ausdrücklich befohlen, daß die ſämmtlichen Wohnräume der hochſeligen Frau Fürſtin Durchlaucht für die gnädigen Herrſchaften eingeräumt werden ſollen, ſagte der alte Diener mürriſch, und die beiden Zimmer im Rothen Thurm— Die ſämmtlichen, die ſämmtlichen Zimmer; rief der Fürſt, aber doch ſelbſtredend nur die unbenützten; aber doch ſelbſtredend nicht die, welche die gnädige Frau vom erſten Tage an innegehabt Aber, mein Gemahl, ſagte die junge Dame, der dieſe Scene außerordentlich peinlich ſchien, noch einmal. Bitte, laß mich, ſagte der Fürſt, ihr ſeine Hand, welche ſtark zitterte, ſchnell entziehend: ich kann keine Diener brauchen, welche klar und deutlich gegebene Befehle ſo gröblich mißver⸗ ſtehen. Daß die Sache noch heute redreſſirt iſt, bevor die gnä⸗ dige Frau von ihrem Spazierritt zurückkommt! Du kannſt ab⸗ treten, Andreas! 8 — — — —— — 11 Aber wie magſt Du Dich nur über eine ſolche Bagatelle ärgern! ſagte Hedwig, ſobald Herr Andreas Gleich ſich entfernt hatte. Dein Comfort, Deine Ruhe ſind mir keine Bagatelle, er⸗ wiederte der Fürſt, indem er mit noch zitternder Hand über den glänzenden Scheitel der Dame ſtrich; am wenigſten jetzt, wo ich leider in der Lage bin, unſer Leben ſo uncomfortabel und un⸗ ruhig machen zu müſſen. Das läßt ſich nun freilich nicht än⸗ dern, aber über das Nothwendige hinaus ſollen ſie unſere Frei⸗ heit nicht beſchränken und die Gewohnheiten unſeres Lebens nicht ſtören. Wo wollteſt Du heute hin, liebes Kind? Nach der Faſanerie, erwiederte die Dame. Ich wollte Deine Befehle ſelbſt überbringen. Prachatitz iſt ſo gewohnt, mich dort oben ſchalten zu ſehen; er würde, fürchte ich, immer erſt auf meine Ordre warten. Aber ich denke ja gar nicht mehr daran; ſagte der Fürſt icht ohne einige Verlegenheit. Und ich bitte Dich, meinen unſchicklichen und kindiſchen Wider⸗ ſpruch von vorhin zu vergeſſen, ſagte die Dame; kindiſch in der That! Mein Wunſch, das Theehaus ſo zu laſſen, wie ich es damals fand— mit den vergilbten Kupferſtichen und den er⸗ blindeten Spiegeln, den ſchönen, alten, wurmſtichigen Rococo⸗ möbeln, dazu den kleinen Park mit den verroſteten Gittern, um⸗ geſtürzten Statuen und wild überwucherten Wegen— das iſt ja ſchließlich eine romantiſche Grille, die dem ſiebzehnjährigen Mädchen vielleicht nicht übel ſtand, aber doch jetzt nicht mehr recht für mich paſſen will. Du lachſt? Ja, wenn man vier Jahre ſo weglachen könnte! Möchteſt Du das Geheimniß verſtehen? ſagte der Fürſt. Es klingt faſt ſo; und für wen wollteſt Du es in Anwendung brin⸗ gen? Für Dich, für mich, für uns Beide? Er ſagte das noch immer lächelnd, aber um ſeine Lippen zuckte es. Ich muß fort, ſagte die junge Dame, es iſt die allerhöchſte Zeit. Alſo, lieber Freund, ich darf Prachatit die nöthigen Be⸗ fehle geben? Im Gegentheil; Du würdeſt mich ganz beſonders verbinden, wenn Du die Sache ruhen ließeſt und Herrn von Zeiſel dahin in⸗ ſtruirteſt. Auch die beiden Thurmzimmer mußt Du wieder nehmen. Und nun adien, und reite mir nicht ſo wild! Wir werden heute Abend Niemand zum Thee haben, Du wirſt mit mir vorlieb nehmen müſſen. Vorlieb nehmen? ſagte Hedwig. Das klingt wie ein Vor⸗ wurf für mich. Es ſollte keiner ſein, erwiederte der Fürſt. Denn Du weißt ſelbſt am beſten, wie gerade die Abend⸗ ſtunde Deine beſte Stunde iſt, wie gut es ſich da mit Dir plandert. Wirklich? ſagte der Fürſt. Er hielt die Hand der jungen Dame in der ſeinigen, ſeine Augen ruhten mit leidenſchaftlichem Ausdruck auf dem ſchönen Ge⸗ ſicht. Wieder zuckte es um ſeine Lippen, aber er fand das Wort nicht und ließ mit einem leiſen Seufzer ihre Hand aus der ſeinen gleiten. Ich will Dich nicht länger aufhalten, ſagte er. Die Dame hatte bereits die Thür zum Salon erreicht, als der Fürſt ihr nachrief:. Doch noch Eines, Hedwig! Hat denn der Doctor Dir in letzter Zeit eine Andeutung gemacht, daß er um ſeine Entlaſ⸗ ſung einzukommen beabſichtigt? Hat er das gethan? ſagte die Dame. Es ſchien, daß ſie mit der Schleppe ihres Kleides in der Thür hängen geblieben war; ſie bückte ſich ſehr ſchnell und ihre Wangen waren, als ſie ſich langſam wieder aufrichtete, geröthet. Um ſeine Entlaſſung, ſagte der Fürſt, der ein paar Schritte nach der Dame gemacht hatte, ihr die Schleppe loszulöſen. Er hat vorhin, als ich nach der Tafel einen Augenblick mit ihm allein war, darum angehalten, nicht in aller Form, aber doch in einer nicht mißzuverſtehenden Weiſe. Du haſt ſie ihm gegeben? ſagte die Dame. Ich werde mich wohl hüten, erwiederte der Fürſt, einer rei⸗ nen Caprice— denn mehr iſt es doch ſchließlich nicht— Vor⸗ ſchub zu leiſten. Wirken in's Allgemeine— das ſagen die Leute ſtets und reden ſich's auch ein, wenn ſie irgendwo ganz im Spe⸗ ciellen der Schuh drückt. Ich habe vorhin bei Iffler auf den Buſch geklopft; ich dachte, er habe ſich am Ende von der Eliſe einen Korb geholt, aber Iffler ſchien wirklich nichts davon zu wiſ⸗ ſen— freilich kein zwingender Beweis; er weiß ſelten, was er wiſſen ſoll— vielleicht bekommſt Du es heraus. „ Auf den ſchönen Zügen der Dame lag es wie eine Wolke und bei den letzten Worten des Fürſten flammte ein Blitz aus ihren dunklen Augen. Sie richtete den Kopf ſtolz in die Höhe, ſah dem Fürſten gerade in's Geſicht und ſagte: Es bedarf deſſen nicht; der Doctor iſt nicht der Mann, Dich oder ſich ſelbſt mit Sch zu täuſchen. Und ſind die Gründe, die er vorgebracht, nicht ſtichhaltig? Du ſprichſt ja, als ob Du dieſe Gründe kennteſt! neth ſie der Fürſt. Ich kenne ſie nicht, erwiederte die Dame noch lebhafter als zuvor; wenigſtens hat er ſie mir nicht mitgetheilt. Aber ich kann mir denken, was einen Mann, wie den Doctor, von hier treibt; ich kann mir denken, wie es ihn drängt, ſeine Kraft, ſein Wiſ⸗ ſen auf einem größeren Felde zu verwerthen; kann mir denken, wie ihm die Enge unſerer Verhältniſſe— Sie brach plötzlich ab, als fürchtete ſie, zu viel zu ſagen. Ihre Wangen hatten ſich mit einer brennenden Röthe überdeckt, der Fürſt dagegen war ſehr blaß geworden und mit blaſſen Lip⸗ pen ſagte er: In der That, Enge der Verhältniſſe! Nun, ich ſollte meinen, die Verhältniſſe, in denen ich ihn vor drei Jahren fand, aus welchen ich ihn vor drei Jahren zog, wären enger geweſen. Freilich, es verſtehen Wenige die Kunſt, ſich empfangener Wohlthaten gern zu errinnern. Und Wenige die ſchönere, 6eitührte Wohlthaten gern zu ver⸗ geſſen. Ich hoffe, liebe Hedwig, Du haſt dieſe Bemerkung nicht auf mich gemacht. Er fühlte die Kniee unter ſich wanken, nur mit Mühe hielt er ſich aufrecht. Sollte die Abrechnung, die er immer gefürchtet hatte, die er in letzter Zeit näher und näher hatte hereindrohen ſehen, jetzt erfolgen? Wie ſollte ich, ſagte Hedwig; Du kennſt ja meine Unart, bei jeder Gelegenheit Sylben zu ſtechen! Und welche Anwen⸗ dung hätte das auch auf unſeren Fall? Aber nehmen wir die Sache wie ſie liegt. Du haſt den Doctor damals auf drei Jahre engagirt, die Zeit iſt abgelaufen; Du wärſt der Letzte, der ihn halten wollte, wenn er ſelbſt ſich nicht mehr gehalten fühlt. Du irrſt, liebe Hedwig, ſagte der Fürſt. Ich will aufrich⸗ tig ſein und eingeſtehen, daß ich ihn ſehr ungern verlöre. Er kennt mich, ein Anderer müßte mich erſt kennen lernen; vor Al⸗ lem, ich habe mich einmal an ihn gewöhnt, ich habe ihn gewiſ⸗ ſermaßen gern. Und ganz abgeſehen von mir: Gräfin Ste⸗ phanie iſt, wie Du weißt, der ärztlichen Hülfe entſchieden be⸗ dürftig. Die Generalin ſelbſt iſt ſehr ängſtlich; ich habe ihr ver⸗ ſprochen, daß Stephanie meinen Leibarzt vorfinden wird, für deſſen Geſchicklichkeit ich mich verbürge. Wie fatal wäre es mir nun, nachdem Alles verabredet iſt und wir ſie morgen ſchon hier haben werden, mein Verſprechen nicht halten zu können! Aber der Doctor wird doch nicht alsbald fort wollen? ſragte Hedwig. Doch, doch, ſagte der Fürſt. Man hat ihm auf der Natur⸗ forſcher⸗Verſammlung neulich den Kopf ſo warm gemacht. Er muß ſich in kürzeſter Zeit entſcheiden. Es iſt fatal, wirklich recht fatal. Und doch bleibt Dir nur Eines übrig, ſagte Hedwig. Ich bin überzeugt, Du wirſt, wenn Du es ruhig überlegſt, zu dem⸗ ſelben Reſultate kommen. Der Fürſt lächelte. Nun gut, ſagte er, wir wollen es uns ruhig überlegen. Vor⸗ läufig haben wir uns in eine Aufregung hineingeſprochen, welche die Sache denn doch wohl nicht verdient. Mache Du Deinen Ritt, ich will eine Stunde leſen. Wir ſprechen heute Abend beim Thee weiter darüber. Adieu, liebe Hedwig! Er küßte der jungen Dame die Hand und begleitete ſie durch den Salon, an deſſen Fenſter er ſtehen blieb, um ſie unten im Schloßhof ihr Pferd, welches der Reitknecht nebſt dem ſeinigen am Zügel führte, beſteigen zu ſehen. 17 Der Fürſt hatte den Kopf in die Hand geſtützt; der Kammer⸗ diener, welcher keine Antwort bekam, wollte ſich geräuſchloſen Schrittes entfernen, als der Fürſt hinter ihm herrief: Du kannſt bei der gnädigen Frau, wenn ſie zurück iſt, an⸗ fragen laſſen, ob ſie vielleicht vorzieht, den Thee auf ihrem Zim⸗ mer zu trinken. Ich fühle mich ein wenig angegriffen, und muß doch morgen friſch ſein; auch habe ich ein paar nothwendige Briefe zu ſchreiben. Sehr wohl, Durchlaucht, ſagte Herr Gleich, die Thür leiſe hinter ſich zuziehend. Der Fürſt ſaß regungslos, die weißen ſchönen Hände auf der Decke ausgeſtreckt. Er dachte an morgen, wo die Ruhe und Stille um ihn her, die er ſo liebte, durch die laute Gegenwart von Menſchen, die er im Grunde haßte, geſtört ſein würde, und er nicht wohl, wie jetzt, ſich zurückziehen könnte, ſeinen Ge⸗ danken nachzuhängen. Ein fragliches Glück, Gedanken nachzuhängen, die vor uns hertrotten wie die Pferde eines Leichenzuges, und ich ſelbſt bin der Todte, den ſie zu Grabe tragen! Weshalb habe ich ſie mir denn eingeladen? Ich weiß es ſelbſt kaum noch, und doch habe ich recht gehabt; ich hatte nicht zu düſter geſehen; es ſtand ihr zu deutlich auf der Stirn geſchrieben, es blickte aus ihren Augen, es klang hervor aus jedem ihrer Worte, aus dem Ton ihrer Stimme! Nur eben jetzt! Wie das Alles ſcheinbar ſo ohne Beziehung geſagt war, und doch ſo abſichtsvoll! Wenn man vier Jahre weglächeln könnte! Vier Jahre— was wäre das! Wenn es noch vierzig wären! Und ich liebe ſie beſſer als ein Jüngling von zwanzig, mehr als ein ſie lieben kann! O, mein Gott, mein Gott wie ich ſie iebe! Der Fürſt warf ſich in ſeinem Seſſel herum, er konnte keine ſ finden. Er legte ſeine rechte Hand um das Gelenk der inken. Pah, ſagte er, ich bin nervös und fieberhaft; mein Nach⸗ folger wird nicht allzu lange zu warten brauchen. Und er iſt ein Herkules im Vergleich mit mir. Das Exerciren auf ihren Fr. Spielhagen's Werke. XI. 2 18 langweiligen Paradeplätzen erhält dieſe Leute friſch und dumm. Nein, dumm iſt er nicht, er iſt mir nur antipathiſch. Es wird eine ſolche Freude für mich ſein, meinen blühenden Nachfolger hier vor mir herumſpazieren zu ſehen, und für den Nachfolger des Nachfolgers iſt ja wohl auch ſchon geſorgt. Der Fürſt lachte. Es war kein heiteres Lachen, und dann ſeufzte er tief. Herr Gleich, der im Vorzimmer mit dem einen Ohr an der Thür ſtand, nickte zufrieden. So was kommt bei ihm immer nach, ſagte er, ſich jetzt em⸗ porrichtend; man muß nur jede Gelegenheit benützen; einmal wird er's doch merken. Und ich müßte ja ſchon viel weiter ſein, wenn der Dietrich nicht ein ſolcher Strohkopf wäre. Er ſagt, er könne nichts Beſonderes ſehen, wenn ſie ſo zuſammen ritten, und hören könne er auch nichts. Ich ſollte nur an ſeiner Stelle ſein; ich wollte ſchon hören, was zu hören, und ſehen, was zu ſehen iſt. Bweites Kapitel. Unterdeſſen war Hedwig den ſchönen, kunſtvollen Weg, welcher in vielen Krümmungen allmälig zur Faſanerie emporſtieg, in einer Eile hinaufgeritten, die dem Dietrich, ein ſo guter Reiter er war, das Folgen ſchwer machte. Und, was ſie ſonſt niemals unterließ, wenn er ihr in den Sattel half, oder ſie ſo allein durch den grünen Wald dahinſprengten: ſie hatte kein Wort mit ihm geſprochen, ihn nicht um ſeine Hochzeit mit Meta Pracha⸗ titz befragt, die noch in dieſem Sommer ſein ſollte, und wie es mit der Ausſtattung ſtehe. Auch die armen alten Weiber, die ihnen mit den großen Reiſigbündeln auf dem Rücken begegneten, und, ſich gegen die Felswand lehnend, der gnädigen Frau ihr „guten Abend“ zuriefen, waren heute keines Blickes, keiner Ant⸗ wort gewürdigt worden. òð Das geht ja, als wenn der Teufel hinterdrein wäre, brummte 10 Dietrich, ſeinem Pferde die Sporen gebend; wenn das ſo bei⸗ bleibt, ſtrecken die Thiere oben alle Viere von ſich. Aber gerade jetzt zog die Dame den Zügel an und begann die letzte Anſteigung langſamen Schrittes hinaufzureiten. Sie wollte nicht oben ankommen, ohne wegen der Faſanerie einen Entſchluß gefaßt zu haben, und ſie konnte gegen ihre Gewohn⸗ heit zu keinem Entſchluſſe kommen. Aber wie klein, wie gleich⸗ giltig erſchien auch alles Andere neben dem Einen, wovon jetzt ihre ganze Seele erfüllt war. Er wollte fort! Er hatte um ſeine Entlaſſung gebeten! Er hatte das thun können in dieſem Augenblicke, wo für ſie mit der Ankunft der Gäſte die ſchwierigſte, peinlichſte Lage herein⸗ drohte, wo ſie ihre ganze Kraft, ihren ganzen Muth würde auf⸗ bieten müſſen, wo ſie einen Freund nöthiger hatte als je! Er wollte fort! Nun gut, er ſollte fort, er ſollte ihr kein Opfer bringen, er ſollte die heißerſtrebte Freiheit endlich haben! Hedwig hätte laut aufweinen mögen, als ſie ſo in Gedan⸗ ken den Freund in die Welt entließ zur Nimmerwiederkehr, aber ſie hatte ja auf ein ganzes Glück ein⸗ für allemal verzichtet; ſo mochte auch dieſes halbe, dem grauſamen Schickſal abgerun⸗ gene, abgeſchmeichelte verwehen, wie die anderen Blüthen vom Baum ihres Lebens! Da ſtand das Pferd ſchnaubend vor der Gitterthür des Fa⸗ ſanerieparks und Hedwig erwachte aus ihrem ſchmerzlichen Traum. Der Reitknecht war herangekommen. Sie hieß ihn das Gatter öffnen und ritt im Trabe die von rieſenhohen Bäumen überdüſter⸗ ten, mit Gras und Waldkraut aller Art überſponnenen Wege hin nach dem kleinen Gehöft, in welchem der Böhme Pracha⸗ titz mitten zwiſchen ſeinen Putern, Hühnern und Faſanen ein kleines, epheuumranktes Haus allein bewohnte, ſeitdem ſeine Nichte Meta als Kammerjungfer in den Dienſt der gnädigen Frau ge⸗ treten war. Der Alte war nicht im Hauſe. Hedwig traf ihn in dem ofſenen Schuppen, wo die vor wenigen Tagen ausgekommene Faſanenbrut munter das ausgeſtreute Futter pickte, während die Truthühner, welche ſie ausgebrütet, bedächtig zwiſchendurch ſchrit⸗ 2* 20 ten, den an einem Beine befeſtigten Strick gravitätiſch hinter ſich herſchleifend. Gott zum Gruß, gnädige Frau, ſagte der Alte, die Futter⸗ mulde wegſtellend und den kleinen grünen Jägerhut ziehend. Ei, wer hätte das gedacht, bin lange nicht ſolcher Ehre gewürdigt, und die Küchlein ſind unterdeſſen ausgekommen: fünfundneunzig Stück. Waren ihrer hundert auf den Kopf, aber der hier hat mir fünf weggeputzt, bis ich ihn vor einer Stunde ſelbſt weg⸗ geputzt habe. Bei dieſen Worten hob Prachatitz einen todten Gabelweih, der neben ihm auf der Kiſte lag, an einem der langen Flügel empor. Dem habe ich auf den Dienſt gepaßt, ſagte er, aber er war ſo klug wie Unſereiner, und in die Falle wäre er nicht gegan⸗ gen, und hätte ich ein halbes Dutzend Tauben hineingeſperrt. Der Alte war ſo gewohnt, bei der gnädigen Frau allezeit ein gnädiges Ohr für ſeine Jagdgeſchichten zu finden, und des⸗ halb nicht wenig erſtaunt, als ſie jetzt, ohne den prächtigen Vo⸗ gel eines Blickes zu würdigen, die Reitpeitſche ungeduldig hin⸗ und herbewegend, ſagte: Ganz ſchön, Prachatitz, ganz ſchön, aber wix haben heute Anderes zu bedenken. Sie wiſſen, daß morgen„er Gubf und die Gräfin eintreffen; der Fürſt wünſcht, daß ie Faſan n Ordnung gebracht werde. Sie wollen alſo zu W9 ſo viel Arbeiter beſtellen, wie Sie brauchen, um won⸗ ch bis zum Abend fertig zu ſein. Herr von Zeiſel wird jedefalls kom⸗ men und Sie können ja das Nähere mit ihm beſprechen. Na⸗ türlich wird auch das Theehaus aufgeräumt; meine Malſachen nehmen Sie vorläufig in Ihr Haus. Sie haben doch den Schlüſ⸗ ſel bei ſich? Sie ging, ohne die Antwort des erſtaunten Jägers abzu⸗ warten, vorauf nach dem Theehaus, und ſtieg eilends die Treppe hinauf. Kopſſchüttelnd folgte der Alte und kopfſchüttelnd ſchloß er die mittelſten drei Fenſterthüren auf, an deren Scheiben die Dame bereits ungeduldig mit ihrer Reitpeitſche pochte. Sie ſchritt 67 21 ſchnell durch den mittleren Raum in das Seitengemach, welches ſie als Atelier benützt hatte. Das muß fort, Alles fort, ſagte ſie, auf die Staffelei in der Nähe des Fenſters deutend und auf die mancherlei Skizzen und angefangenen Bilder, welche an den Wänden hingen oder in die Ecken gelehnt waren; hören Sie, Prachatitz, Alles noch heute Abend, und Sie ſchließen es bei ſich in eine Stube und laſſen Niemanden hinein. Und nun gehen Sie und ſagen Sie dem Dietrich, er ſolle die Pferde vorführen. Iſt der gnädigen Frau etwas zugeſtoßen, fragte der Alte zögernd, oder dem gnädigen Herrn? Hedwig antwortete nicht; Jener wagte ſeine Worte nicht zu wiederholen und ging. Sie trat an die Staffelei und blickte, die Arme über den Buſen verſchränkend, auf das angefangene Bild— eine Land⸗ ſchaft, zu welcher die, welche man durch das Fenſter ſah, das Motiv gegeben. Pah, ſagte ſie, wie das ausſieht nach vierzehn Tagen! Und ich glaubte, diesmal wirklich etwas geleiſtet zu haben. Elende Stümperei! Und da ſagen ſie mir, ich wäre ein großes Talent. Er hat es nie geſagt, er weiß beſſer, was dazu gehört; was auch nür väze gehört, ſein täglich Brod mit ſeiner Hände Ar⸗ rich äerdienen. Und doch hätte ich es erreicht, wenn ich Süärbeitet hätte wie andere Frauen, wenn ich hätte arbeiter Aen; ich habe nur ſpielen dürfen— vier volle Jahre! Hätte ich Lie vier Jahre zurück! Sie ließ ſich auf einen Stuhl ſinken und ſaß da, mit ge⸗ ſpannten Brauen und ſtarren Augen vor ſich hinblickend, wäh⸗ rend es tief ſchmerzlich um ihren ſchönen Mund zuckte. Er wollte fort, und was blieb dann für ſie? Die Oede, die Leere! Die grenzenloſe Oede, dir fürchterliche, beängſtigende Leere! Ach, ſie hatte eine Vorempfindung gehabt, als er jetzt auf ein paar Tage verreiſt geweſen. Wie langſam die ſonnigen Stunden dahinge⸗ ſchlichen waren, wie verwelkt der Fürſt ausgeſehen hatte, wie unerträglich langweilig die übrigen Geſichter! 22 Und das mit anſehen zu ſollen, das ertragen zu ſollen in alle Zukunft! Mit einem dumpfen Angſtſchrei ſprang ſie empor; ihr war, als ob ſie erſticken müßte. Sie riß das Fenſter auf. Vor ihr lagen die Berge in dem milden Licht eines Spätabends im Juni. Obgleich die Sonne bereits untergegangen, war noch Alles hell; ja, auf den Matten des in ſanftem Bogen ſich herumſchwingen⸗ den Sattels, welcher den Faſanerieberg mit der Hauptmaſſe des Gebirges verband, lag von dem Widerſchein des Lichtes in den oberen Aetherräumen ein goldiger Schimmer. Ueber dieſen Sattel mußte er zurück, wenn er von Hühner⸗ feld kam. Sie dachte plötzlich daran— woran ſie kaum je wieder ge⸗ dacht— daß ſie ihn da zum erſtenmal geſehen hatte vor drei Jahren und daß es auch an einem ſchönen Juni⸗Abende ge⸗ weſen war. Sie war mit dem Fürſten von einem Spazierritt zurückgekommen und er hatte oben an dem einſamen Baum, der ſich jetzt ſo klar vom lichten Himmel abhob, auf ſeinen Wander⸗ ſtab ſich lehnend, geſtanden und in den Thalkeſſel, aus welchem ſich auf einem iſolirten Felſen das Schloß erhob, hinabgeſchaut und ſich kaum umgeblickt, als ſie dicht hinter ihm wegritten. Aber der Fürſt war in beſonders heiterer Laune geweſen, hatte den einſamen Wandersmann angeredet, der höflich antwortete; und ſo waren ſie in ein Geſpräch gerathen, welches den gan⸗ zen Weg in's Thal hinab nicht abbrach und den Fürſten ſo intereſſirte, daß er noch an dem Abend den jungen Gelehrten aus dem Gaſthofe„zu den drei Forellen“ auf das Schloß bitten ließ und ihn nicht eher verabſchiedete, als bis er ihm das Ver⸗ ſprechen abgenommen, wiederkehren zu wollen und zu verſuchen, ob er ſich in dieſe Verhältniſſe eingewöhnen könne. Er hatte es verſucht— drei volle Jahre lang: nun end⸗ lich war er zum Reſultate gekommen und er wollte fort. Wa⸗ rum nicht? er durfte es ja! Sie lachte laut, daß Prachatitz, der eben zur Thür herein⸗ trat, ganz erſchrocken ſtehen blieb und kopfſchüttelnd folgte, als ſie jetzt an ihm vorüber, zum Theehaus hinaus, die Treppe hin⸗ abeilte, ſich unten auf ihr Pferd heben ließ und davonſprengte. Das ſieht ſo aus, als bliebe ſie lieber allein, ſagte Diet⸗8* rich, der noch an dem Gurt ſeines Sattels ſchnallte. Ich ſoll ſie nicht aus den Augen laſſen, und ſie thut, was ſie kann, mir aus den Augen zu kommen. Unſereiner weiß nie, woran er iſt. Wer ſagt, daß Du ſie nicht aus den Augen laſſen ſollſt? fragte Prachatitz. Wenn Ihr mir die Meta erſt werdet gegeben haben, ſollt Ihr's wiſſen, vorher nicht. Hopp, Lieſe! Und der Diener ritt im Galopp davon, ſeiner Gebieterin nach, den Baumgang entlang, nach der ſtets offenen Weſtpforte der Faſanerie. Hier führte ein Vicinalweg vorüber, der in man⸗ chen Krümmungen durch das felſige Waldterrain oben auf die Höhe nach Hühnerfeld und in das Gebirge lief, während er nach unten wieder in den chauſſirten Weg fiel, welcher von dem Schloſſe heraufkam. Dietrich, der nicht anders meinte, als daß ſeine Gebieterin dieſe letztere Richtung eingeſchlagen, ritt, ſo ſchnell es der ab⸗ ſchüſſige Weg erlaubte, bergab, verwundert, daß der Vorſprung, den er der gnädigen Frau gelaſſen, ſo gar groß war. Unterdeſſen war Hedwig bergauf durch den Tann geritten, an⸗ fänglich ohne zu merken, wie der Diener ihr nicht folgte. Dann, als ſie nach wenigen Minuten an den Rand des Dickichts kam, fiel es ihr auf, daß ſie allein war. Sie hielt ihr Pferd an. Im Walde blieb Alles ſtill, auf der Haide zirpten die Gril⸗ lne und eine Lerche ſang hoch herab aus dem noch immer lich⸗ ten Aether. Und als ſie ſo in der milden Schönheit des Abends wie in einem reinen Spiegel ihr eigenes gramverdüſtertes Ant⸗ litz ſchaute und in dem tiefen Frieden der Natur rings um ſie her ihr zuckendes Herz das Einzige war, was fühlte und litt, über⸗ kam ſie jäh eine unendliche Traurigkeit. Unaufhaltſam entſtürz⸗ ten die Thränen ihren Augen; ſie weinte, wie ſie nie geweint, als könnte ſie mit ihren Thränen verinnen in dem All und Friede und Ruhe haben für und für. 24 So hielt ſie am Rande des Waldes, das Tuch vor die Augen gedrückt, während der Zügel auf dem Halſe des Pferdes ruhte, welches, den ſchlanken Hals erdwärts gebogen, ſich nach dem ſchnellen Ritt verſchnaufte und nun den feinen Kopf lang⸗ ſam hob, mit den glänzenden Augen die Hügelböſchung hinauf⸗ ſchaute, die Ohren nach vorn bewegte und endlich leiſe wieherte. Hedwig richtete ſich empor und griff, mit dem Tuch in der Rechten die Thränen trocknend, mit der Linken nach dem Zügel, das Pferd ſcharf nach dem Walde herumwerfend. Der Gedanke, jetzt in dieſer Stimmung von ihm geſehen zu werden, erfüllte ſie mit Entſetzen. Aber es war zu ſpät. Sie hörte hinter ſich den ſchnellen Trab eines Pferdes. Sieh da, Herr Doctor! Hermann hielt ſein Pferd an und rief, indem er den Hut zog: Noch ſo ſpät, gnädige Frau, ſo weit vom Schloſſe und allein? Ich war auf der Faſanerie, erwiederte Hedwig, und muß den Dietrich da irgendwo verloren haben. Erlauben Sie, daß ich Ihnen Geſellſchaft leiſte, da unſer Weg doch nun, wie es ſcheint, zuſammengeht? Bitte, ſagte Hedwig. Der junge Mann ſetzte den Hut wieder auf und lenkte ſein Pferd auf die linke Seite; ſo ritten ſie ein paar Minuten ſchweigend neben einander durch den Wald. Wie ſteht's in Hühnerfeld? fragte Hedwig endlich. Beſſer, erwiederte Hermann; ich habe nur noch drei Kranke und auch die werde ich durchbringen. Und wieder ſchwiegen Beide. Hedwig fürchtete, ſich zu verrathen; Hermann erging es nicht anders. Er hatte den Verſuch gemacht, ſich aus einer Lage zu befreien, die ihm, das fühlte er, verderblich werden mußte, wenn ſie es ihm nicht ſchon geworden war. Der Verſuch war halb und halb mißglückt; er wußte nicht, ob er ſich deshalb bitter tadeln, ob er ſich glücklich preiſen ſollte. Und was würde ſie 25 ſagen? Würde ſie das Opfer gnädig annehmen? Würde ſie es verwerfen? Darüber hatte er gegrübelt, während er den einſamen Weg nach dem einſamen Dorfe ritt; darüber hatte er geſonnen, wie er jetzt über die Haide daherkam und lange Zeit an der Buche ſtillhielt, wo er ſie zuerſt vor drei Jahren geſehen. Da hatte er wieder und ſtärker als je zuvor gefühlt, daß er nichts mehr habe, was er ſein Eigen nennen könne, daß ſein Leben nur noch der Widerſchein ihres Lebens ſei, daß ſein Leben in dieſer all⸗ mächtigen, hoffnungsloſen Leidenſchaft ſich verzehren werde, ob ſie ihn nun bleiben, ob ſie ihn gehen hieß. Darf ich mir den Rath der gnädigen Frau erbitten in einer Angelegenheit, die für mich perſönlich wichtig iſt? ſagte er. Er wußte nicht, woher er plötzlich den Muth bekommen, auch klang ſeine Stimme ihm ſeltſam fremd und ſein Herz ſchlug zum Zerſpringen. Was iſt es? fragte Hedwig und fügte dann, als Hermann nicht allſogleich antwortete, hinzu: Aber was kann es ſein, als die Angelegenheit, über welche der Fürſt noch eben mit mir geſprochen. Sie haben um ihre Entlaſſung gebeten. Ja, ich kann und muß Ihnen noch mehr ſagen: der Fürſt, der, wie Sie wiſſen, die gütige Gewohnheit hat, in ſchwierigen Fällen meinen Rath in Anſpruch zu nehmen, trug mir auf, Sie von Ihrem Entſchluſſe zurückzubringen. Sie wiſſen, gnädige Frau, ſagte Hermann tonlos, wie un⸗ endlich hoch ich Ihr Urtheil ſchätze, wie ganz ich geneigt bin, mich demſelben jederzeit unterzuordnen Um ſo größer iſt die Verantwortung, die ich übernehme, ſagte Hedwig mit einem ſchwachen Verſuch zu lächeln. Ich will es Ihnen nur geſtehen: Ihre Angelegenheit iſt während meines Spazierrittes mir unausgeſetzt durch den Sinn gegangen; ich habe mir das Für und Wider, ſo gut ich vermochte, klar zu machen geſucht. Und Sie haben entſchieden, daß ich gehen muß, nicht wahr, gnädige Frau? Ja, ſagte ſie, dafür habe ich mich entſchieden. 26 Sie blickte bei dieſen Worten ihren Begleiter an. Es ent⸗ ging ihr nicht, wie blaß er war und daß ſeine Lippen zuckten, wie die eines Kindes, das nicht in Weinen ausbrechen will. Ihre eigenen Augen wurden heiß. Und dann zürnte ſie ihm wieder, daß er ſchwankte, daß er ſchwächer war als ſie, daß er ihr die Laſt der Entſcheidung zuwälzte. Und während ihr Herz von ſo widerſtrebenden Empfindungen zerriſſen war, ſprach ſie ge⸗ meſſen und beinahe kalt: Ich gebe zu, daß Manches, wenn Sie wollen viel, ſehr viel für Ihr Bleiben ſpricht. Sie erfreuen ſich hier in unſeren lieblichen Bergen mancher Vortheile, die Ihnen nirgends wieder geboten werden, Sie mögen eine Stelle erlangen, welche es ſei. Sie ſind durch die Anſprüche, welche der Fürſt an Sie macht, ſehr gebunden, ich gebe es zu; aber Sie müſſen ſich doch wieder ſagen, daß in dem Moment, in welchem Sie dem Fürſten dienen, Sie auch den Hunderten dienen, die von dem Fürſten abhangen und die einen ſo gütigen, fürſorglichen Herrn ſchmerzlich ver⸗ miſſen würden. Und dann die Achtung, die Ihnen Jung und Alt hier entgegenbringt, die Dankbarkeit, die Sie ſich redlich erworben haben und die Ihnen ſo willig gezollt wird; das ge⸗ müthliche Verhältniß zu manchem braven Mann hier herum, der ſich vielleicht nicht durch Geiſt und Gelehrſamkeit auszeich⸗ net und mit dem ſich ein geiſtvoller und gelehrter Mann den⸗ noch nicht ungern unterhält; die Freundſchaft, ja die Liebe eines ſo feinen, liebenswürdigen, vielerfahrenen Herrn wie der Fürſt — was ſoll ich Ihnen die Vorzüge Ihrer Stellung herzählen, die Sie ſelbſt ſchon ſo oft willig anerkannt haben! Dennoch— Dennoch, gnädige Frau! Müſſen Sie fort aus einem einfachen Grunde. Sie kön⸗ nen hier nicht werden, was Sie zu werden beſtimmt, nicht leiſten, was Sie zu leiſten berufen ſind, und was Sie in Folge deſſen werden, was Sie in Folge deſſen leiſten müſſen, wollen Sie ſich nicht einer Sünde gegen den heiligen Geiſt ſchuldig machen. Als Sie vor drei Jahren kamen, trugen Sie ſich mit großen wiſſenſchaftlichen Plänen. Die Pläne ſind Pläne geblieben bei all der Muße, die Ihnen hier ſcheinbar für große zeitraubende ⁰ . Arbeiten blieb. Weshalb? Weil Sie ſich, wie wir Alle, durch das ewige Einerlei der ſtillen ſonnigen Tage, die wir hier ſo hinſpinnen, haben einlullen laſſen; weil Sie der Anregung ent⸗ behren, welche der Mann nur im Umgange mit Gleichſtreben⸗ den, Gleichringenden findet, des Spornes entbehren, welcher für jedes edlere Gemüth die Erfolge der Anderen ſind. Es hat mir wehgethan, Sie neulich ſo niedergeſchlagen, ſo tief traurig von der Naturforſcherverſammlung zurückkehren zu ſehen. Da hatten Sie erfahren, was wir in der Schule lernen: daß, wer nicht fortſchreitet, zurückgeht. Da hatten Sie jüngere Männer mit Erfolgen triumphiren ſehen, die Ihnen zukamen, und Sie hatten nebenbei am Wege geſtanden und ſich ſagen müſſen: Ich habe meine Zeit verloren. Hedwigs Wangen glühten, während ſie alſo ſprach. Die künſtliche Ruhe wich mit jedem Worte mehr und mehr der Leidenſchaft, die in ihr wühlte. Sie fuhr, ohne die Antwort ihres Begleiters abzuwarten, faſt als ſpräche ſie zu ſich ſelbſt, fort: Ich weiß, was es heißt, die glänzenden Ideale, an denen unſere jugendliche Seele ſich berauſchte, nach und nach verbleichen ſehen, bis ſie endlich wie abgeſchiedene Geiſter am Saume un⸗ ſeres Lebens ſchweben und, wenn ſie vorübergleiten, uns nicht mehr begeiſtern, wie ehemals, ſondern uns nur tief, ach, ſo tief traurig machen. Ich, das Kind des Dienſtmannes, die Leib⸗ eigene einer gräflichen Familie, habe es erfahren, ich! Und ich bin nur ein Weib; wir dürfen ja nicht den Anſpruch erheben, uns auszuleben, wir dürfen nur den Schmerz über dies un⸗ würdige Leben empfinden und ſehen, wie wir damit fertig wer⸗ den. Aber wenn ich mich in die Seele eines Mannes ver⸗ ſetze, wenn ich mir denke, ich hätte einen Bruder, einen Freund, und wüßte ihn in dieſer furchtbarſten Sklaverei und er zer⸗ bräche nicht die Ketten, komme danach, was da wolle— ich weiß nicht, aber ich meine, ich könnte den Bruder, den Freund nicht mehr lieben; ich müßte den aufgeben, der ſich ſelber aufgiebt. Hedwig riß den Kopf ihres Pferdes, das ſich, während ſie ————— 28 ſo im Schritt dahin ritten, nahe an das befreundete Pferd gedrängt hatte, heftig in die Höhe. Und das iſt denn doch nur eine Seite, nach welcher Sie Ihre Lage hier zu einem halben Müßiggang verurtheilt. Anderes kommt hinzu, was in meinen Augen nicht minder ſchwer in die Wagſchale fällt. Sie ſind, wie in der Wiſſenſchaft, ſo in dem öffentlichen Leben gezwungen, die Löſung der Aufgaben, um die es ſich heutzutage handelt, Anderen zu überlaſſen. Können Sie das verantworten? Haben Sie nicht wie Jedermann einen Platz auszufüllen in dem großen Heere? Und wie können Sie das hier? Die kleinen Anſtrengungen, die wir hier machen: unſere Gewerbeſchule mit den drei Schülern, unſere Fortbildungsan⸗ ſtalt für junge Mädchen, die wir aus Mangel an Theilnehme⸗ rinnen haben ſchließen müſſen— wie kläglich iſt das Alles? Wie beſchämend für Jemanden, der nur zu wollen braucht, um anderswo im Großen und in's Große zu wirken! Iſt denn die Pflicht gegen das Vaterland nicht die oberſte aller Pflichten? Ich habe kein Vaterland mehr, ſagte Hermann. Weil Sie Hannoveraner ſind, weil Hannover aufgehört hat, als ſelbſtändiger Staat zu exiſtiren? Weil Sie ſich, wie Sie ſagen, einer ſolchen Vergewaltigung uicht beugen wollen und können? Weil Sie hier im Dienſte des Fürſten einen Ausweg gefunden zu haben glauben aus dem Dilemma: Norddeutſch⸗ land, an dem Sie nun einmal hangen, in das Sie nun einmal gehören, ganz meiden, oder Preuße im eigentlichen Sinne des Wortes werden zu müſſen? Aber iſt das nicht eine ſeltſame Verblendung? Iſt unſer Fürſt deshalb ſouverän, weil wir Alle hier an dieſer Fiction feſthalten, oder uns doch den Anſchein geben, es zu thun? Sind wir deshalb weniger Preußen, weil wir Alle hier gegen die Hohenzollern'ſche Dynaſtie frondiren? Und dann, ich will Sie nicht zu einem Preußen machen, aber ein Deutſcher ſollen Sie ſein! Für das Deutſchland, das wir im Herzen tragen, ſollen Sie leben, ſtreben. Und können Sie das hier, in dieſem engen Thal, zwiſchen dieſen Bergen, über die den Schmetterling ſelbſt die weichen Schwingen tragen, und die doch uns die ganze große Welt des Wollens und Wagens, 1 —— 29 die jenſeits liegt, verdecken? Nein, nein! Das Alles iſt nicht gut; aus dem Allen kann nun und nimmer Gutes kommen. Und ſo ſage ich: gehen Sie, da das Schwierigſte gethan, da Sie zur Einſicht gekommen, daß Sie gehen müſſen. Ich bitte, ich beſchwöre Sie, denken Sie nur an ſich, denken Sie nicht an uns, an den Fürſten, an mich, an Niemanden. Das letzte Wort verlor ſich in ein krampfhaftes Schluchzen und ihre Thränen brachen unaufhaltſam hervor. In demſelben Moment hieb ſie ihr Pferd mit der Gerte über den Hals, daß es erſchrocken zuſammenzuckte und in Galop anſetzte, und da kam auch der Reitknecht in ſcharfem Trab um den Vorſprung, welchen an die⸗ ſer Stelle der Felſen machte. Er hatte, nachdem er aus dem Walde heraus war und die Strecke von dort hinab bis zum Schloſſe überſehen konnte, ſich überzeugt, daß die gnädige Frau den anderen Weg eingeſchlagen. Schnell war er zurückgeritten und ließ jetzt, an der Wegſeite Front machend und den Hut ziehend, die gnädige Frau und den Herrn Doctor vorüber⸗ ſprengen, um dann ſich ihnen anzuſchließen. Aber vergebens, daß er diesmal die zwanzig vorſchriftsmäßigen Schritte nicht reſpectirte, vergebens, daß er geſpannt auf jedes Wort lauſchte, welches die Beiden ſprechen könnten. Das Geſpräch war zu Ende, ſollte zu Ende ſein. Hedwig ritt dahin, ſcheinbar nur des Weges achtend, ohne mit einem Worte, mit einem Blicke von dem ebenfalls ſtummen Manne an ihrer Seite eine Antwort zu fordern. Und was hätte er auch antworten ſollen? Sagen: ich will gehen, während ſein Herz in ihm ſchrie: ich kann nicht gehen, jetzt nicht mehr, wenn ich es je vermocht! Und dann wüthete er gegen ſich, daß er ſich nicht entſchließen, daß er ſich nicht losreißen konnte und daß er keine Kraft habe, ſein ſchäumendes Pferd über die nie⸗ drige Hecke an der Wegſeite in die Tiefe zu ſpornen. Er war außer ſich. So kamen ſie auf die Chauſſee, vorüber an dem Gaſthof „zu den drei Forellen“ wo eben angekommene Reiſende vor der Thüre ſtanden und den Kellner fragten, ob der Herr und die Dame dort der Fürſt und die Fürſtin ſeien und ſich von 30 Jean belehren ließen, daß es eigentlich keine Fürſtin, fondern nur eine gnädige Frau gebe, da die Frau Fürſtin Durchlaucht ſchon vor fünfundzwanzig Jahren geſtorben und die gnädige Frau Sr. Durchlaucht nur zur linken Hand angetraut ſei. Der Herr neben der gnädigen Frau aber ſei der Herr Doctor Horſt und ſei ein gar lieber gefälliger Mann, mit dem Jeder gut auskomme, ob er gleich gar nicht von hier, ſondern aus Han⸗ nover ſei. Zwiſchen Hedwig und ihrem Begleiter wurde weiter kein Wort gewechſelt und ſie hemmten den Lauf der Roſſe nicht, bis ſie, über die Brücke durch das dunkle Thor ſprengend, auf dem Schloßhof hielten. Hermann ſprang vom Pferde und half Hedwig aus dem Sattel. Sie dankte, ohne die Augen aufzuſchlagen, nur durch ein Nicken des Kopfes und war im nächſten Moment im Portal des Schloſſes verſchwunden. Drittes Capitel. Wenn Du nur nicht wieder eine Dummheit gemacht haſt, ſagte Frau Kanzleirath Iffler, als ſie ungefähr um dieſelbe Zeit mit ihrem Gatten in eifrigem Geſpräch zwiſchen den neu angelegten Spargelbeeten ihres Gartens einherſchritt, während Lieschen in der Veranda an der Hinterſeite des Hauſes über dem Abendtiſch, der ſchon längſt für die erwarteten Gäſte ge⸗ deckt war, die Hängelampe anzündete. Aber liebes Kind! ſagte der Kanzleirath kleinlaut. Wollteſt Du mich doch nur einmal ausreden laſſen, fuhr Frau Iffler in gereiztem Tone fort. Iſt das wirklich Deine Meinung, willſt Du ſie dem Doctor geben, ſo mußt Du Herrn von Zeiſel das begreiflich machen und mußteſt ihn vor Allem heute Abend loszuwerden ſcit Aber das unluc iſt, daß Du niemals thuſt, was Du ſollſt, und niemals weißt, was Du — willſt. Geſtern haſt Du noch geſagt, wenn Herr von Zeiſel doch nur endlich den Mund aufthun wollte, und heute— Aber liebes Kind! murmelte der Kanzleirath. So laß mich doch nur ein einzigesmal zu Worte kommen! — und heute heißt es wieder, wenn Doctor Horſt doch nur endlich den Mund aufthun wollte; blos weil Durchlaucht ge⸗ fragt hat: wie ſtehen Sie mit dem Doctord als oh er nicht morgen fragen könnte: Wie ſtehen Sie mit Herrn von Zeiſel? Aber das iſt doch unmöglich, ſagte der Kanzleirath. Woher weißt Du das? Woher weißt Du, ob er nicht blos hat hören wollen, daß es mit dem Doctor nichts iſt, und ob er ſich nicht ſehr freuen würde, wenn er hört, daß es mit dem Herrn von Zeiſel auch nichts iſtd wenn er mit einem Worte— Mit einem Worte? fragte der Kanzleirath erſtaunt, als ſeine Frau plötzlich abbrach und eifrig nach der Veranda blickte. Lieschen war in's Haus gegangen. Frau Iffler nahm den Arm ihres Gatten und ſprach in einer Aufregung, die dem Kanzleirath das Herz unter der wei⸗ ßen Weſte unruhig klopfen machte: Es ſteht oben nicht, wie Ihr immer ſagt, trotzdem ich doch auch meine Augen im Kopfe habe und, Gott ſei Dank, ſehen kann; und der alte Gleich wird auch nicht umſonſt ſo geheim⸗ nißvoll thun. Heute Morgen hat unſer Kind bei ihr einen Beſuch gemacht, um mit ihr quatre mains zu ſpielen, und weil ſie Niemanden gefunden, der ſie anmelden konnte und das ſchon öfter vorgekommen iſt, geht ſie ohne weiteres durch das Vorzimmer bis in ihren Salon, und da hat ſie vor dem offe⸗ nen Flügel geſeſſen, ſo vornübergebeugt, den Kopf in beide Hände geſtützt, und Lieschen hat nicht anders gedacht, als ſie ſei über dem Spielen eingeſchlafen, und iſt leiſe herangetreten, und plötzlich hat ſie ſich aufgerichtet und ihr Geſicht iſt ganz mit Thränen übergoſſen geweſen, und ſie hat einen großen Schrecken gehabt, dann aber gleich zu lachen angefangen und geſagt: Lieschen ſolle ſich nicht wundern, ſie habe eben, ich weiß nicht was, geſpielt, und das habe ſie ſo traurig gemacht. Aber 32 Lieschen ſagt: ſie ſei gewiß, daß ſie aus einem anderen Grunde geweint habe; und es iſt auch aus dem Spielen nicht viel ge⸗ worden, denn nach einer Viertelſtunde hat ſie geſagt: ſie habe ſo arge Kopfſchmerzen und Lieschen möchte doch an einem der nächſten Tage wiederkommen. Aber Du hörſt ſchon wieder nicht zu, Iffler! Doch, doch, ſagte der Kanzleirath, wenn ich auch in der That nicht weiß— So warte doch nur einen Moment! ſagte Frau Fffler. Alſo Lieschen hat ſich empfohlen, und weil ſie nun ſchon ein⸗ mal eine Stunde frei gehabt, den Umweg durch den Schloß⸗ garten und unten durch den Wildpark machen wollen, und ſo iſt ſie die Terraſſe hinabgegangen und dann an der Roda hin und hat noch immer bei ſich gedacht: was es wohl da oben gegeben haben müſſe, als ſie plötzlich, wie ſie um den Schwanen⸗ fels biegt— weißt Du, gerade der erſten Wildhütte gegenüber, wo der Weg ſo ſchmal iſt— Durchlaucht in der Felſengrotte ſitzen ſieht, den Hut neben ſich auf der Bank und das Geſicht in beide Hände gedrückt, gerade wie ſie vorhin am Flügel ge⸗ ſeſſen hatte, ſo daß Lieschen, die ſchon dicht vor ihm geſtanden, auf den Tod erſchrocken geweſen iſt und nicht gewußt hat, was ſie um Alles in der Welt nun anfangen ſolle; und plötzlich hat er aufgeblickt, gerade Lieschen in's Geſicht, und Lieschen ſchwört, daß er beide Augen voll Thränen gehabt, gerade wie ſie oben, und ſo ſonderbar ausgeſehen hat, daß Lieschen es gar nicht beſchreiben kann. Dann hat er ſich natürlich gleich zuſammen⸗ genommen und angefangen von dem ſchönen Morgen zu ſprechen und wo Lieschen herkomme und wo ſie hin wolle, und ſo iſt er den ganzen Weg an der Roda hin mit ihr bis an das Wärterhäuschen am unteren Parkthor gegangen und hat fort⸗ während die ſonderbarſten Reden geführt: daß es nur ein Un⸗ glück auf Erden gebe, wenn man don Niemandem geliebt werde, und daß Lieschen, wenn ſie heirathe, ihren Mann gewiß recht lieben würde, weil ſie ein ſo gutes und beſcheidenes Mädchen ſei; und als Lieschen, um doch nicht ganz ſtumm zu bleiben, geſagt hat, ich werde niemals heirathen, Durchlaucht, iſt er ſtehen —————— ——————— 33 geblieben und hat ſie wieder ſo ſonderbar angeſehen und ge⸗ ſagt; ſie müſſe heirathen, ſie würde ihren Mann ſehr glücklich machen. Dann hat er ihr wiederholt die Hand gedrückt und iſt langſam zurückgegangen, und Lieschen ſagt, ſie habe noch aus der Ferne geſehen, wie er ſich noch ein paarmal mit dem Taſchentuch über die Augen gewiſcht. Iſt das nicht ſonderbar? Sehr, ſehr ſonderbar, erwiederte der Kanzleirath. Aber was ſchließt Du daraus? Ich ſchließe daraus, ſagte Frau Iffler, daß ich Recht habe und daß der Krug ſo lange zum Waſſer geht, bis er bricht, und daß noch lange nicht aller Tage Abend iſt. Sehr wahr, ſehr wahr, ſagte der Kanzleirath, aber— Du wirſt mich noch umbringen mit Deinem Aber, ſagte Frau Iffler heftig. Freilich, ich ſollte es ſchon längſt wiſſen, daß Du keinen Funken von Liebe für Dein Kind in der Bruſt haſt, wenn Du auch hundertmal wiederholſt, daß ſie eigentlich gar nicht verheirathet ſind, da Durchlaucht nicht einmal um den Conſens beim Könige eingekommen iſt, und daß ſie jeden Angenblick auseinandergehen können, ohne daß ſie ſich ſcheiden zu laſſen brauchen. Und auf dem letzten Hofball vergangenen Winter hat er ſich auch eine halbe Stunde mit ihr unterhalten, ſo daß es ſchon damals aller Welt auffiel; und ich möchte doch wahrhaftig wiſſen, was ſo Eine, von der man kaum weiß, wer ihre Eltern waren, vor unſerem Lieschen voraus hat, das ſo wunderhübſch ſingt und Clavier ſpielt, und Franzöſiſch und Eng⸗ liſch lieſt und Gedichte macht, und ſich in grünem Sammet ausnehmen würde wie eine Prinzeß, wenn ſie auch nicht reiten kann, was ſich Alles nachholen läßt, wofür ich ſchon ſorgen würde. Aber dafür iſt mein Vater auch fürſtlicher Hofprediger geweſen, und Dir wird man den Rothebühler Stadtſchreiber⸗ ſohn immer anſehen, und Art läßt nicht von Art. Frau Iffler warf einen grimmigen Blick auf ihren Gatten und eilte den Gang hinauf nach dem Hauſe, von wo die klare Stimme Herrn von Zeiſels, der eben angekommen war, ertönte. Der Kanzleirath war wie vom Donner gerührt ſtehen ge⸗ blieben; die wunderbare Perſpective, welche eben vor ihm Fr. Spielhagen's Werke. KI.. 3 34 aufgethan war, hatte ihn vollſtändig geblendet. Er hatte ein dunkles Gefühl, daß, was ſeine Frau da zuletzt geſagt, durch⸗ aus windig, närriſch und— ſozuſagen— abſcheulich unmoraliſch ſei. Und in demſelben Moment rückte er ſeine Brille höher und blickte nach dem Schloſſe hinauf, um deſſen hohe Zinnen der letzte Abendſchein ſpielte. Verheirathet ſind ſie im Grunde genommen nicht, murmelte 8 er, und Lieschen würde ſich in einer dunkelgrünen Sammetrobe wunderſchön ausnehmen; und reiten könnte ſie in der That auch noch lernen. Papa, Papa! ertönte eine ſentimentale Stimme ganz in ſeiner Nähe. Der Kanzleirath wachte aus ſeinem Traum auf. Vor ihm ſtand Lieschen, die blaſſen Wängelein ungewöhn⸗ lich geröthet, die lichtblauen Augen von einem lebhafteren Glanz erhellt. Wo bleibſt Du denn, Papa? Herr von Zeiſel iſt ſchon lange hier und eben kommt auch Doctor Horſt. Warum ſiehſt Du mich ſo ſonderbar an, Papa? Gefällt Dir mein Anzug nicht? Herr von Zeiſel hat mir ſchon die ſchönſten Complimente darüber gemacht. Du verdienſt, in Sammet und Seide zu gehen, murmelte der Kanzleirath mit gerührter Stimme. Wie meinſt Du, Papa? Armes unſchuldiges Kind! armes unſchuldiges Kind! mur⸗ melte der Kanzleirath, die junge Dame an ſich ziehend und ihr einen Kuß auf die Stirn hauchend. Gott, Papa, Du zerdrückſt mir ja meine neue Schleife, 9 rief Lieschen, ſich etwas ärgerlich aus der väterlichen Umarmung befreiend und eilig nach dem Hanſe zurücktehrend. Die lautere Unſchuld! ſagte der Karzleirath, ſeinen Kragen zurechtzupfend. Es iſt das eine ſonderbare Lage, eine ganz merkwürdige Lage. Zwei Freier auf einmal und im Hinter⸗ grunde— man muß eine abwartende Poſition einnehmen; man muß transigiren, man darf ſich auf keinen Fall engagiren, auf keinen Fall.. Die Geſellſchaft war beim Nachtiſch. Herr von Zeiſel erzählte die närriſchſten Geſchichten und wußte dann wieder ſo gefühlvoll zu ſprechen und mit ſeiner reizenden Tenorſtimme die erſten Tacte von den neuen Liedern anzuſchlagen, die er ſelber dichtete und componirte, daß Lieschens kleines Herz entſchieden nach der linken Seite hin ſchlug, wo der bezaubernde Cavalier ſaß und an ſeinem blonden Schnurr⸗ bärtchen drehte. Aber dennoch war Lieschen nicht ganz ſicher, ob ſie nicht auch Ja ſagen würde, wenn der ernſte Doctor zu ihrer Rechten das entſcheidende Wort zuerſt ſprach. Der Doctor war nach ihrem Vater ganz unbeſtritten der angeſehenſte Mann auf Schloß Roda, in dem Städtchen Rothebühl und in der ganzen Umgegend bis weit das Thal der Roda hinab, bis hoch hinauf in die einſamſten Dörfer des Waldes. Auch war Frau Doctor ein ſchöner Titel, der faſt ſo gut klang wie gnädige Frau, um⸗ ſomehr, als Herr von Zeiſel das Rittergut, welches zu der gnädigen Frau gehörte, mit ſeinem kleinen fürſtlichen Kammer⸗ junkergehalt— und andere Reſſourcen hatte er nicht— ſchwer⸗ lich würde kaufen können. So wurde es denn der jungen Dame, wenn auch nicht ohne einige Mühe, möglich, den beiden Herren gegenüber jene liebenswürdige Unparteilichkeit zu bewahren, welche ſie ſich zur Regel gemacht hatte und die auch von ihren Eltern noch immer gebilligt worden war. Sie hatte mit dem heute Abend noch ganz beſonders ernſt geſtimmten Doctor über die Mühſeligkeiten des ärztlichen Be⸗ rufs geſprochen und war dann wieder auf die Scherze des Herrn von Zeiſel mit mädchenhafter Schüchternheit eingegangen. Wie erſtaunt war ſie nun, als die Mutter ihr durch Stirnrunzeln, Kopfſchütteln und Augenwinken deutlich zu verſtehen gab, wie ſie mit ihrer Haltung keineswegs einverſtanden ſei, und der Vater, bei dem ſie ſich in ihrer Verlegenheit Rath erholen wollte, ihr nur mit Augenwinken, Kopfſchütteln und Stirnrun⸗ zeln antwortete. Sie verſuchte es jetzt, indem ſie den Ton wechfelte, den Doctor wegen ſeiner Melancholie neckte und Herrn von Zeiſel 36 ermahnte, endlich einmal den Ernſt walten zu laſſen, der doch die Grundſtimmung eines Mannes ſein müſſe; aber das arme Mädchen konnte es heute den Eltern nicht recht machen. Die Geberden der Mutter nahmen einen immer bedrohlicheren Cha⸗ rakter an und die Augenbrauen des Vaters erreichten faſt den Rand der dunkelblonden Perrücke. In ihrer gänzlichen Rathloſigkeit verſtummte Lieschen gänz⸗ lich und hatte nichts zu erwiedern, als die Mutter jetzt erklärte, daß das liebe Kind den ganzen Tag die heftigſten Kopfſchmer⸗ zen gehabt habe, und es die höchſte Zeit für ſie ſei, ſich zurück⸗ zuziehen. Herr von Zeiſel war außer ſich über ein ſo trauriges Ende eines ſo reizenden Abends und erklärte, noch mindeſtens eine Flaſche auf das ſpecielle Wohl des Fräuleins trinken zu wollen; der Doctor ſchien in ſeiner düſteren Zerſtreutheit die Entfernung der Damen kaum bemerkt zu haben; ſo mußte denn der Kanzlei⸗ rath nothgedrungen die Herren, welche keine Miene zum Auf⸗ bruch machten, dringend erſuchen, doch noch nicht aufbrechen zu wollen, und eine friſche Flaſche entkorken. Im Grunde iſt es mir lieb, daß wir noch einen Augen⸗ blick zuſammen bleiben, ſagte Herr von Zeiſel. Ich habe ſchon den ganzen Abend eine Frage auf den Lippen gehabt, die ſich doch in Gegenwart der Damen nicht wohl ausſprechen ließ. Ich bitte Sie um Himmelswillen, meine Herren, ſagen Sie mir, wenn Sie können, was war das heute bei Tafel für ein ſonderbarer Ton zwiſchen Durchlaucht und der gnädigen Frau? Der Kanzleirath, welcher ſelbſt viel darum gegeben haben würde, hätte er die Frage beantworten können, nickte geheimniß⸗ voll. Hermann war aufgeſtanden und ſchritt auf dem Garten⸗ wege vor der kleinen Veranda hin und her. Ihr Herren hüllt Euch in geheimnißvolles Schweigen, rief der Cavalier, ärgerlich lachend, und das iſt nicht recht. Ihr habt wahrhaftig nicht Urſache, Euch mir gegenüber in dieſer Weiſe zuzuknöpfen, ſobald auf gewiſſe Dinge die Rede kommt. Nichts könnte meiner Abſicht weniger entſprechen, ſagte der Kanzleirath würdevoll. Wer könnte tiefer als ich die Solidarität rer Sorge als ich dieſem Beſuch entgegenſehen? 37 empfinden, welche uns Alle gleicherweiſe an die durchlauchtige Perſon unſeres gnädigſten Herrn bindet? Wer könnte mit größe⸗ Wer? ſagte von Zeiſel mit ſchlauem Lächeln. dächte doch, die gnädige Frau— Wollen wir nicht aufbrechen? ſagte Hermann, an den Tiſch tretend. Aber ſo bleiben Sie doch noch ein wenig, rief der Cavalier, den Doctor auf den Stuhl zurückziehend. Ich wette, Sie möch⸗ ten ebenſo verteufelt gern wiſſen, wie ich, warum die gnädige Frau von dem Augenblicke an, als die Nachricht von dem Tode des jungen Grafen Caſimir Tyrklitz einlief und der Steinburger Erbherr wurde, und nun gar, ſeitdem der Beſuch auf's Tapet kam, ſo ganz augenſcheinlich den ſchönen Kopf hangen läßt und noch ein wenig düſterer als ſonſt aus den ſchönen Augen ſchaut. Ich meine, ihr könnte es ganz gleich ſein, ob die Tyrklitzer oder die Steinburger Linie erbt. Und doch müſſen da zweifel⸗ los perſönliche Intereſſen mit im Spiele ſein; aber welche? Ich wüßte Niemanden, der uns darüber Auskunft geben könnte, wenn nicht hier unſer verehrter Wirth, welcher damals, als ſich die Sache in Wiesbaden anſpann, von Anfang bis zu Ende dabei geweſen iſt. Was da, Kanzleirath, knöpfen Sie ſich einmal auf! Wir ſind ja unter uns. Iſt es wahr, daß Durchlaucht wirklich im Anfang an eine Ehe rechter Hand gedacht und die Sache zu Stande gekommen ſein würde, wenn der Steinburger ſie nicht hintertrieben hätte? Es war eine ſchwache Stunde im Leben unſeres gnädigen Herrn, ſagte der Kanzleirath, an ſeinem Glaſe nippend. Ich habe ein Faible für ſchwache Stunden, rief der Ca⸗ valier, und ich beſchwöre Sie, Herr Kanzleirath, bei dieſem Mond⸗ ſchein, der ſo discret durch den venezianiſchen Epheu fällt, bei dem Geſang der Nachtigall, der ſo verführeriſch aus dem Schloß⸗ park herübertönt, beſchwöre ich Sie, Kanzleiräthchen, geben Sie uns die Erzählung der ſchwachen Stunde unſeres Herrn! Nun, ich 38 Viertes Capitel. Der junge Mann hatte der Flaſche viel zu eifrig zuge⸗ ſprochen, als daß er hätte bemerken können, welch' ſonderbaren Ausdruck während ſeiner letzten Worte das Geſicht des Doctors annahm. Dem Kanzleirath aber kam die Wendung, welche das Geſpräch genommen, ſehr gelegen. Er hatte ſich im Laufe des Tages ſo viel Blößen gegeben und durfte nun endlich einmal mit ſeiner höheren Einſicht glänzen. So zupfte er denn an ſeinem Hemdkragen, verſicherte ſich, daß ſeine Perrücke an der rechten Stelle ſaß, nahm ſeine wichtigſte Miene an und ſagte: Die Herren kennen meine Denkſchrift— Der Kanzleirath machte eine Pauſe. Hermann hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ant⸗ wortete nicht; der Cavalier nickte; der Kanzleirath fuhr fort: Ich frage nicht ohne Abſicht. Dieſe Schrift, deren Autor ich mich, was die Herbeiſchaffung des gelehrten Apparates und die Anordnung des Stoffes betrifft, wohl nennen darf, wurde doch auf die Anregung und ſozuſagen unter den Auſpicien von Durchlaucht verfaßt, und war, wenn ſie auch erſt im folgenden Jahre erſchien, als der Verlauf der Ereigniſſe unſere Voraus⸗ ſicht ſo wunderbar beſtätigt hatte, doch bereits im Spätſommer des Jahres 1866, das heißt, gleich nach der Beendigung des Krieges und vor der Badereiſe Sr. Durchlaucht geſchrieben, die für uns Alle von den bedeutſamſten Folgen werden ſollte. Ich erwähne dieſes Umſtandes, um den Herren den Beweis zu lie⸗ fern, daß die künftigen Ereigniſſe diesmal auch nicht die Spur eines Schattens vorauswarfen in das Gemüth unſeres Herrn, der mir im Gegentheil gerade jetzt, wo alle Welt vor dem goldenen Kalb des Erfolges kniete, von ſeinem heiligen, unan⸗ taſtbaren und unveräußerlichen Recht mehr als je erfüllt ſchien. Wir kamen nach Wiesbaden und fanden die Zimmer, welche Durchlaucht nun bereits ſeit zwanzig Jahren eingenommen, von einer Familie aus Berlin occupirt: der Generalin Gräfin Turlow Excellenz nebſt Comteß Tochter und Begleiterin. Der Hotelier hatte, wie er ſagte und wie ſich allerdings herausſtellte, für 39 Durchlaucht eine Flucht von Zimmern, die um vieles ſchöner und comfortabler waren, reſervirt. Als ob Durchlaucht in's Bad zu reiſen braucht, um in ſchönen Zimmern zu wohnen! Herr Gleich, der Durchlaucht wie immer begleitete, und ich ſelbſt waren höchlichſt indignirt; aber Durchlaucht meinte mit einem melancholiſchen Lächeln, es ſei nun einmal das Zeichen der Zeit, daß das alte gute Recht durchaus nichts mehr gelte, daß das Alte dem Neuen weichen müſſe, vor Allem, wenn dieſes Neue aus Berlin komme, und wir könnten uns nicht früh genug mit dieſem Gedanken vertraut machen. In dieſer Weiſe ſcherzte er noch mehr, als ich die Ehre hatte, am Abend im Salon den Thee mit ihm einnehmen zu dürfen und, wie es ganz natürlich war, die Rede viel über die neuen Inſaſſen unſerer alten Zim⸗ mer ging. Sie wiſſen, Herr von Zeiſel, daß die Geſchichte des deutſchen Adels meine Specialität iſt. Ich wäre ſonſt wohl ſchwerlich im Stande geweſen, die Fragen Seiner Durchlaucht zu beantworten. Sind doch die Turlows ein verhältnißmäßig junger Adel, von dem noch nicht die Rede war, als man zum Beiſpiel den Namen Ihres Geſchlechtes, Herr von Zeiſel, bereits längſt in allen Ritter⸗ und Turnierbüchern findet. Die Turlows haben es nichtsdeſtoweniger weiter gebracht, als wir, meinte der Cavalier mit einem leichten Seufzer. Allerdings, das heißt, wie man es nehmen will, ſagte der Kanzleirath. Sie haben zu wiederholten Zeiten einen anſehn⸗ lichen Stand des Vermögens gehabt, ja unterſchiedlichemale große Gütercomplexe beſeſſen, denn ſie wurden von dem Hauſe Brandenburg, in deſſen Gefolgſchaft ſie in die Geſchichte treten und in deſſen Gefolgſchaft wir ſie finden während der drei Jahrhunderte, die ſie geſchichtlich exiſtiren, durch Huld und Gnade aller Art ausgezeichnet. Aber nimmer ſind ſie lange im Beſitz geblieben. Wenn auch einmal ein reicher Turlow mit unter⸗ läuft, ſo wußten es die Söhne meiſtens ſo einzurichten, daß ſie wieder ſo arm wurden, wie der Großvater geweſen war, und gewöhnlich verthat noch der jeweilige Beſitzer bei Lebzeiten, was ihm ſeine guten Dienſte in Krieg und Frieden eingetragen hat⸗ ten. Deshalb ſagt man auch in der Provinz, aus welcher das 40 Geſchlecht ſtammt: Er iſt ſo arm wie ein Turlow, wie man an anderen Orten ſagt: Er iſt ſo arm wie eine Kirchenmaus; mit einem Wort: die Turlows ſind ſo recht der eigentliche Typus des jungen Militäradels, der nur in der Gefolgſchaft und an den Höfen ſo rühriger kriegeriſcher Fürſten, wie es die Hohen⸗ zollern ſind, gedeiht und alle etwaigen Wandlungen, die in dem Hauſe des Lehensherrn vorgehen, genau mitmacht, wie der Schatten die Bewegungen ſeines Körpers. Das iſt in meinen Augen kein unfeines Leben, ſagte der Cavalier, an ſeinem blonden Bärtchen drehend. Auch in den meinen nicht, erwiederte der Kanzleirath raſch, und am wenigſten in den Augen unſers gnädigſten Herrn, der, wenn irgend Einer, die Treue zu ſchätzen weiß, und der auch an jenem Abend mit ſichtbarem Vergnügen anhörte, was ich etwa aus der Geſchichte der Turlows zu berichten wußte, be⸗ ſonders von Hans von Turlow, der im ſiebenjährigen Kriege ſich hervorthat, für ſeine Verdienſte von Friedrich II. in den Grafenſtand erhoben wurde und von deſſen kühnen Reiterſtücken man noch in der preußiſchen Armee ſich erzählen ſoll. Auch der jüngſt bei Sadowa gebliebene letzte Graf war ein kühner Reiter geweſen, und Durchlaucht, deſſen rückſichtsvolle Freund⸗ lichkeit wir ja Alle verehren, äußerte ſeine Genugthuung, daß er der Wittwe eines Mannes eine Gefälligkeit erwieſen habe, der, wenn er auch auf der unrechten Seite gekämpft, doch als braver Officier und treuer Vaſall ſeines Lehensherrn gefallen ſei. Da⸗ mit verabſchiedete mich Durchlaucht. Ich ließ mir in dieſer Nacht nicht träumen, was uns bereits der nächſte Tag bringen würde. Und wie hätte ich das auch gekonnt, ich, der ich aus jahrelanger Erfahrung wußte, wie ſcheu und ſchüchtern Durch⸗ laucht im Verkehr mit Fremden iſt, wie ſorgfältig er auf Reiſen, und nun gar im Bade, auch die Möglichkeit der Berührung mit der Geſellſchaft vermeidet. Zwar daß die Ercellenz Turlow am nächſten Tage Gelegenheit nahm, ſich durch mich Durchlaucht vorſtellen zu laſſen, ihm die Comteß Tochter zu präſentiren und wegen des Derangement um Entſchuldigung zu bitten, war ja ſelbſtverſtändlich; aber unter allen anderen Umſtänden hätte das 3 —— — 41 zu keinem Verhältniß geführt; Durchlaucht hätte auf der Pro⸗ menade vor den Dawen ſtumm den Hut gezogen und damit wäre die Sache abgethan geweſen. Und was geſchah jetzt? Es kommt mir heute, wo ich doch den Schlüſſel des Wunders habe, noch immer wie ein Wunder vor, wenn ich denke, daß wir am Abend dieſes nächſten Tages in unſeren alten Gemächern am Tiſch der Ercellenz den Thee einnahmen. Und wie dieſer Abend, ſo noch manche folgenden; und auf den Promenaden freundlichſte Begrüßungen, ja gelegentliche ge⸗ meinſchaftliche Ausflüge. Ich kannte meine Durchlaucht nicht wieder, obgleich ich ja für dieſes Intermezzo in der ſonſtigen Monotonie unſeres Bade⸗Aufenthaltes nur dankbar ſein mußte; auch von den übrigen Curgäſten um meine erceptionelle Stellung wahrlich nicht wenig beneidet wurde. Denn Ercellenz hatte den leiſe angedeuteten Wunſch Sereniſſimi pünktlich befolgt und war in Durchlauchts Intereſſe ſo excluſiv, wie Durchlaucht es nur immer hätte ſein können. Dieſe zarte Aufmerkſamkeit war Ex⸗ cellenz um ſo höher anzurechnen, als unter den Curgäſten gerade ſehr viel preußiſcher Adel, das heißt ſehr viele Bekannte der Familie waren, vor Allem viele Officiere, die nach dem eben beendigten Kriege an den Waſſern von Wiesbaden Stärkung für ihren geſchwächten Organismus ſuchten und wahrhaftig nichts dagegen gehabt hätten, in der Geſellſchaft höchſt reizender, in jeder Beziehung ausgezeichneter Damen ihre Nachmittage oder Abende zu verbringen. So verlebten wir die angenehmſte Woche, als Durchlaucht am achten Tage mit allen Zeichen großer Verſtimmung zu mir ſagte: Ich werde abreiſen müſſen; es kommt Jemand, mit dem ich nicht in einem engen Bade zuſammen ſein mag. Können Sie rathen, wer? Nun, meine Herren, es war Graf Heinrich Roda⸗Steinburg und was das Schlimmſte war, der Graf kam nicht blos zur Nachkur ſeiner bei Sadowa erhaltenen Wunden, er kam der Damen wegen, wie Durchlaucht ſoeben aus dem Munde der Ercellenz ſelbſt erfahren. Sie habe mit der Nachricht gezögert, 42 weil ſie die Abneigung unſeres Herrn gegen ſeine preußiſchen Verwandten kenne und es nun um ſo peinlicher empfinde, ein⸗ geſtehen zu müſſen, daß Graf Heinrich mit ihrer Familie ſehr lürt ſei, wie er denn auch im Kriege der Adjutant des Grafen Turlow geweſen war. Sie können ſich die Aufregung unſeres guten Herrn denken. Er liebte ſeine böhmiſchen Vettern wahrhaftig nicht und hatte auch im perſönlichen Sinne keine Urſache dazu; aber die Tyrklitzer waren doch wenigſtens immer und immer der guten Sache treu geblieben; hatten in dieſem Kriege wieder für Kaiſer und Reich treu gekämpft und zwei von den vier Söhnen des alten Grafen hatten ein vielleicht nicht ſchuldloſes Leben— die un⸗ gemeſſenſte Genußſucht iſt in der Tyrklitzer Linie erblich— durch ihren Heldentod gut gemacht. Aber die Grafen Steinburg, die ſchon vom Großvater her— dem erſten Sohne Erichs XXXIV., des gemeinſchaftlichen Stammvaters der drei Linien, wie die Herren wiſſen— von Kaiſer und Reich abgefallen waren, und die Durchlaucht deshalb niemals als ſeine Verwandten betrach⸗ tete, von denen er nie ſprach, wenn er es vermeiden konnte, und die er, wenn es ſich nicht vermeiden ließ, immer nur die Verräther nannte! Und nun mit dem letzten Sproſſen aus dieſer Linie zuſammenkommen zu ſollen, nachdem man ſich Menſchen⸗ alter hindurch vermieden, kein Rothebühler jemals einem Stein⸗ burger die Hand gedrückt— es war in der That hart, um ſo härter, wenn man bedachte, daß durch den Tod der beiden Grafen Tyrklitz dieſer Graf Heinrich der Succeſſion um eben⸗ ſoviel näher gerückt war; und weiter bedachte, daß die Tyrklitzer Grafen in demſelben Kriege gefallen waren, aus welchem der junge Graf Steinburg als Sieger, ſozuſagen, mit Orden ge⸗ ſchmückt und durch die höchſte Anerkennung Seiner Majeſtät geehrt, hervorging! Ich werde abreiſen, wiederholte der Fürſt noch mehrmals. Aber wir reiſten nicht ab, wir blieben. Der Graf kam und wartete ſeinem Senior auf; und wenn der Empfang auch gerade kein herzlicher war, ſo hatte der junge Herr ſich doch auch keineswegs zu beklagen. Sie kennen ja unſere Durchlaucht; er . — 43 haßt die Menſchen immer nur in Gedanken; wenn er ſie vor ſich ſieht, und gar, wenn er ihnen helfen kann, vergißt er Alles, was er vorher über ſie gedacht, gefühlt, und iſt die Freundlich⸗ keit, die Güte ſelbſt. Nun aber konnte unſer gnädigſter Herr dem Grafen helfen, und ich muß hier dieſen Umſtand um des pragmatiſchen Zu⸗ ſammenhanges willen gleich erwähnen, obgleich ſich derſelbe vor⸗ läufig meinen Blicken entzog, und Alles, was damit zuſammen⸗ hing, aus Rückſichten, die ich zu verehren habe, vor mir ver⸗ ſchwiegen blieb. Der Herr Graf war mit der Comteß Stephanie verlobt, ſo gut wie verlobt. Aber der Herr Graf war nicht nur arm, er hatte auch noch ſehr, ſehr beträchtliche Schulden, und an eine ſtandesgemäße Haushaltung des jungen Paares war vorläufig nicht zu denken. Zwar intereſſirte ſich die Prinzeſſin, welche mit Excellenz längſt befreundet war und dieſelbe nach dem Tode des Generals ſofort zu ihrer Oberhofmeiſterin ernannt hatte, lebhaft für die Ver⸗ bindung. Auch ſtand zu erwarten, daß Majeſtät ſeiner bewähr⸗ ten Milde gegen ſeinen treuen Diener nicht vergeſſen werde. Indeſſen, das waren alles nur Ausſichten, Möglichkeiten— und Durchlaucht hätte eben nicht Durchlaucht ſein müſſen, wenn er ſich trotz alledem und alledem nicht ſeinem armen jungen Ver⸗ wandten gegenüber als Senior der Familie und als Beſitzer eines mehr als fürſtlichen Vermögens gefühlt hätte. Möglich auch, daß unſer Herr bei dem Allen noch andere, politiſche Gedanken verfolgte, und gewiß, daß noch ein drittes Moment im Spiele war, welches— ich muß es um des Folgenden willen, das ſonſt ganz unverſtändlich wäre, wiederholen— von mir um dieſe Zeit nicht gekannt und nicht geahnt war, ſo wenig ge⸗ ahnt, daß ich im Gegentheil— die Herren werden mich verſtehen — die Empfindlichkeit Sereniſſimi fürchtete, wenn der junge Graf ſich eifriger, als es die geſellſchaftliche Courtviſie erfordert, um Comteß Stephanie zu bemühen ſchien, und ich die Verſtimmung unſeres Herrn, die manchmal, wenn wir allein waren, ſichtbar genug hewortrat, auf dieſen Umſtand ſchob und auf nichts we⸗ niger gefaßt war, als auf das, was nun in aller Kürze eintrat. * 44 Der Kanzleirath machte eine kleine Pauſe. Herrn von Zeiſels hübſches blondes Geſicht hatte etwas von dem Ausdruck eines Hühnerhundes, der endlich eine beſtimmte Witterung von der Kette bekommt, nach der er den ganzen Morgen geſucht hat; ſelbſt des Doctors ernſte dunkle Züge zeigten die geſpannteſte Aufmerkſamkeit. Der Kanzleirath durfte mit dem Effect, den er hervorgebracht, zufrieden ſein. Er nippte an ſeinem Glaſe, zupfte ein weniges an ſeinem Kragen und fuhr in ſeiner Er⸗ zählung alſo fort: In einer Nacht aber— ich hatte noch ſehr ſpät gearbeitet und war eben im Begriff zu Bett zu gehen— kam der Herr auf mein Zimmer: Er habe noch Licht bei mir geſehen, er könne nicht ſchlafen; ob ich noch eine Stunde mit ihm verplaudern wolle? Er bat ſich eine Cigarre aus, was mich ſchon nicht wenig wunderte, da der Herr bekanntlich nicht raucht, und fing an im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Ich ſchlug ein Thema nach dem anderen an, aber ich mußte nicht das rechte treffen, der Herr blieb einſylbig, antwortete kaum; ich wußte zuletzt nicht mehr, wovon ſprechen, ja ich ſchwieg endlich ganz Durchlaucht ſchien es nicht zu bemerken. Er ging mit der Ci⸗ garre, die er alsbald wieder hatte ausgehen laſſen, in der Hand auf und ab, bis er dieſelbe plötzlich in den Kamin ſchnellte und ſich mit der Frage zu mir wendete: Was würden Sie ſagen, Iffler, wenn ich mich noch einmal vermählte? Ich würde den Tag, an welchem ich das erlebte, zu den glücklichſten meines Lebens zählen, ſagte ich. Und was, meinen Sie, würde die Welt ſagen? Die Welt würde Ihnen Recht geben müſſen, Durchlaucht, erwiederte ich. Durchlaucht haben das Unglück gehabt, daß Ihre Ehe mit der Prinzeß Erneſtine kinderlos blieb; Durchlaucht haben gerade jetzt die dringendſte Veranlaſſung, die Folgen die⸗ ſes Unglücks zu bedauern. Was wäre natürlicher, als daß Durchlaucht ſich beeilten, das ſo lange Jahre Verſäumte nach⸗ zuholen. Es kommt nur ein wenig ſpät. 45 Aber nicht zu ſpät, erwiederte ich. Durchlaucht ſtehen jetzt in Ihrem zweiundſechzigſten Lebensjahre, in ungebrochener Kraft — der ſouveräne Hof, der Durchlaucht ſchon einmal eine ſeiner Töchter anvertraute, würde mit Freuden— Darum handelt es ſich nicht, ſagte Durchlaucht, nahm einen Leuchter und ließ mich allein, in großer Unruhe, wie ſich die Herren denken können. Die Verbindung mit einem ſouveränen Hauſe war ſelbſtver⸗ ſtändlich die einzige, welche der Verfaſſer der Denkſchrift, be⸗ treffend das fürſtliche und gräfliche Geſammthaus Roda, billigen konnte; ja in dieſem Angenblicke, wo es die Erkämpfung un⸗ ſeres guten Rechtes auf Einräumung von Sitz und Stimme im hohen Bundesrath des Norddeutſchen Bundes galt, wo ich dieſes Recht in meiner Denkſchrift ſo klar erwieſen, in dieſem Augenblicke, ſage ich, war eine Wiedervermählung unſeres Herrn mit einer Prinzeſſin von Geblüt ſozuſagen eine politiſche Noth⸗ wendigkeit. Und gerade jetzt hätte der gnädige Herr an mehr als einer Stelle anklopfen können. Hatten doch Mediatiſirte und Depoſſedirte daſſelbe Intereſſe daran, zu beweiſen, daß Recht Recht bleiben muß trotz aller Gewalt und Vergewaltigung! Darum handelte es ſich aber nicht, hatte der Herr im Fort⸗ gehen geſagt. Um was dann? Ich konnte die Nacht vor banger Erwartung kanm ein Auge ſchließen. Ich harrte am nächſten Tage mit Ungeduld der weiteren Mittheilung, welche mir der Herr verſprochen hatte. Der Tag verging, ohne daß es dazu gekommen wäre: Durch⸗ laucht machte mit der Geſellſchaft einen längeren Ausflug, von welchem man erſt gegen Abend retournirte. Ich war zum Thee in die Gemächer der Excellenz befohlen. Die Herrſchaften waren wie gewöhnlich allein. Die Stimmung, welche in der letzteren Zeit manchmal eine etwas gedrückte geweſen, war heute eine belebtere; zum Theil wenigſtens. Die Excellenz— eine un⸗ gemein geiſtreiche, liebenswürdige Dame— ließ die Unterhaltung nicht abreißen; Comteß Stephanie ſang und ſpielte, Durchlaucht, der den Platz am Flügel kaum verließ, ſchien entzückt und ſagte der Comteß die feinſten Schmeicheleien. Der Graf war allerdings 46 ſehr ſchweigſam, und was das junge Fräulein, die Geſellſchafte⸗ rin, betrifft, welche den Thee bereitete, ſo konnte ſie ſtill ſein, ohne daß es auch einem ſcharfſinnigen Beobachter aufgefallen ſein würde. Um kurz zu ſein, ich verließ gegen elf Uhr den Salon mit der Ueberzeugung, die Wahl Seiner Durchlaucht ſei auf keine andere als auf Comteß Stephanie gefallen; und das erklärte denn auch, in Anbetracht der Verhältniſſe, die ſonder⸗ bare Stimmung, in welcher ich den Herrn in der vergangenen Nacht geſehen hatte. In dieſe Betrachtungen verlor ich mich, als ich mich wieder auf meinem Zimmer befand. Ich dachte an meine Denkſchrift, die jetzt zum Drucke fertig war und nun ungedruckt bleiben würde; ja ich begann bereits ſie im Geiſte umzuarbeiten. So war es wieder ſehr ſpät geworden, ich konnte mich noch immer nicht entſchließen, zu Bette zu gehen; mir war, als müſſe die Entſcheidung, die ich herbeiſehnte, noch in dieſer Nacht eintreten, und meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Gegen zwei Uhr — mir iſt dieſe denkwürdige Nacht bis in die kleinſten Einzel⸗ heiten gegenwärtig— vernehme ich einen haſtigen Schritt auf dem Corridor, ein nervöſes Klopfen an meiner Thür und, be⸗ vor ich noch Herein ſagen konnte, tritt Durchlaucht in das Zim⸗ mer. Nie werde ich dieſen Anblick vergeſſen. Vor einer Stunde noch hatte ich ihn in Geſellſchafts⸗Toilette geſehen, converſirend, verbindlich lächelnd, mit der vornehmen Reſerve, die ihm ſo wohl läßt; jetzt ſtand er vor mir ohne Binde, das Hemd aufgeriſſen, die Haare wirr um die Stirne ſtehend, als hätte er daran ge⸗ zauſt und gezerrt, und das Schrecklichſte war, daß er dies Alles gar nicht zu merken ſchien, daß er offenbar jede Empfin⸗ dung der Zeit, des Orts verloren hatte, wie man es von den Nachtwandlern behauptet. Und wie ein Nachtwandler, mit verſtörter Miene und ſtarren Augen, wanderte er im Zimmer auf und nieder, ohne ein Wort zu ſprechen, und ich glaube, er würde es ebenſo wieder verlaſſen haben, bis ich mir endlich ein Herz faßte und ihn beſchwor“ dieſes fürchterliche Schweigen zu brechen und ſeinen älteſten und treueſten Diener des Vertrauens zu würdigen. Ich wagte zu gleicher Zeit anzudeuten, wie ich ſeine Scrupel ja nur zu be⸗ greiflich fände, wie ich aber, Alles in Allem, einer Wahl, welche der actuellen politiſchen Situation ſo volle Rechnung trage, mei⸗ nen allerunterthänigſten Beifall mit voller Ueberzeugung ſpenden könne. Das freut mich, ſagte er, freut mich um ſo mehr, als ich es von Ihnen keineswegs erwartet hatte. Die Verbindung von Durchlaucht mit Comteß Stephanie— fing ich an. Wollen Sie mich zum Beſten haben? ſchrie Durchlaucht, indem er von dem Stuhl, in den er ſich eben erſt geworfen, in die Höhe fuhr. Was ſprechen Sie von Comteß Stephanie! Ihre Verbindung mit Graf Heinrich iſt abgemachte Sache. Ich habe geſtern ſchon meinen Conſens gegeben und dem jungen Paare alle nur möglichen Conceſſionen gemacht. Die Sache iſt entſchieden, vollkommen entſchieden; für ſie! aber ich? aber für mich? O mein Gott, mein Gott! Die Herren können ſich mein Entſetzen vorſtellen. Ich glaubte einen Augenblick allen Ernſtes, der gnädige Herr habe den Ver⸗ ſtand verloren. Sie lächeln, Herr von Zeiſel; aber ich bin überzeugt, wären Sie an meiner Stelle geweſen, Sie hätten ſich ebenſowenig wie ich zu rathen und zu helfen gewußt. Vor einer Stunde wollten Sie die Helligkeit hinter dem Schloſſe durchaus für Feuerſchein halten und haben meine Damen nicht wenig da⸗ mit erſchreckt. Nun, da der Mond hell am Himmel ſteht und uns hier in die Laube ſcheint, können Sie freilich leicht behaup⸗ ten, Sie hätten von Anfang an gewußt, daß es der Mond ge⸗ weſen. Wer die gnädige Frau jetzt im grünen Sammetkleide ſich auf das Pferd ſchwingen und zum Schloßhof hinausjagen, oder auf einem unſerer Winterbälle in einer weißen Atlasrobe die Honneurs im Spiegelſaale machen ſieht, erkennt freilich das junge ſiebzehnjährige Mädchen nicht wieder, das bei der Excel⸗ lepz an jenem Abend in einem beſcheidenen ſchwarzen Kleide hinter dem Theetiſch ſtand und den Mund nur öffnete, wenn ſie, was nicht allzu häufig geſchah, angeredet wurde. Wie hätte ich denken, wie hätte ich ahnen können, daß ſie es war, welche 48 unſeren ſonſt ſo gemeſſenen, den Frauen gegenüber ſo reſervir⸗ ten, ja ſchüchternen Herrn bezaubert hatte! Ich nehme das Wort in ſeiner eigentlichen Bedeutung, meine Herren, denn nur durch einen Zauber kann ich mir, was damals geſchah, erklären. Die Tochter eines Sergeanten, der ſpäter in dem Hotel des Generals eine Art Haushofmeiſterſtelle, oder wie Sie es nennen wollen, bekleidet— ein Mädchen, das— ich ſpreche zu den Freunden, deren Discretion ich gewiß bin— unter aklen Umſtänden es ſchwerlich weit über eine Kammer⸗ jungfer gebracht haben würde und ſich noch in dieſem Augen⸗ blicke in einer Zwitterſtellung zwiſchen Kammerjungfer und Ge⸗ ſellſchafterin oder Geſpielin der jungen Comteß befand; auf der anderen Seite unſer hoher Herr, der Abkömmling eines Ge⸗ ſchlechts, das runde tauſend Jahre geblüht hat, der eben noch durch meine Denkſchrift vor ſämmtlichen Cabinetten Europas ſein Anrecht auf Sitz und Stimme unter den Fürſten Deutſch⸗ lands reclamirt hatte— ich überlaſſe Ihnen, meine Herren, ſich mein ſchmerzliches Erſtaunen auszumalen, als ich nun ſah, ſehen mußte, daß das für unmöglich Gehaltene doch möglich, daß es gewiß war, unſer gnädigſter Herr wollte dieſe junge Dame zu ſeiner Gemahlin erheben. Und dies, mein Herr von Zeiſel iſt, was ich vorhin als die ſchwache Stunde unſeres Herrn zu bezeichnen mir erlaubte. Ich bin ein Mann der unbedingten Pflichttreue, meine Herren, und ſo that ich auch in dieſem ſchwierigen Falle meine Pflicht, indem ich Durchlaucht meine allerunterthänigſte, aber unumſtöß⸗ liche Meinung ſagte, die dahin ging, daß er weder vor Gott, noch vor ſich ſelber, weder vor dem Andenken ſeiner erlauchten Ahnen, noch vor dem Forum der jetzt lebenden Menſchen, weder vor der Geſchichte, noch vor der Gegenwart ſein Vorhaben ver⸗ antworten könne. Ich weiß nicht, wie ſehr diefe Gründe bei Durchlaucht ver⸗ fingen; glücklicherweiſe hatte ich noch ein Argument in Petto: Und dann, Durchlaucht, ſagte ich, die Sache iſt ja ſo wie ſo eine Unmöglichkeit. Von Durchlauchts Legitimität einmal ab⸗ geſehen, wenn man davon abſehen kann, ſo bleibt Durchlaucht — 4 doch ohne allen Zweifel Mitglied des hohen Adels. Das preu⸗ ßiſche Landrecht aber läßt zwiſchen Mitgliedern des hohen Adels und Perſonen aus dem niederen Bürgerſtande nur eine Ehe linker Hand zu. Seit wann ſtehe ich unter dem preußiſchen Landrecht? rief Seine Durchlaucht. De facto leider bereits ſeit 1815; wagte ich zu erwidern, . aber auch de jure, wenn Durchlaucht ſich auf eine ſo eclatante Weiſe von der heiligen Pflicht des Souveräns, ſich nur eben⸗ bürtig zu vermählen, losſagen. Bleiben wir alſo beim preußiſchen Landrecht, ſagte Durch⸗ laucht. Die ganze Frage iſt, ſo viel ich weiß, controvers. Und geſetzt, die landrechtlichen Beſtimmungen über die Ehe zur linken Hand ſeien ſo unanfechtbar, wie ſie anfechtbar und in ſehr vie⸗ len Fällen bereits angefochten ſind, ſo gehören die Unterofficiere, Sergeanten und Feldwebel der Armee nach einer Cabinetsver⸗ fügung Friedrichs II. vom Jahre 1774 nicht zu dem niederen . Bürgerſtande Mithin ſtünde meiner Verbindung mit dem Fräu⸗ lein auch nach dieſer Seite hin nichts im Wege. Die Herren werden mir zugeben, dies war eine ſchwache, ſehr ſchwache— es war die ſchwächſte Stunde im Leben un⸗ ſeres gnädigen Herrn. Aber ich bemerkte ſchon vorhin: der Herr glich in dieſer entſetzlichen Nacht einem Raſenden; er war außer ſich. Ich habe ihn niemals ſonſt, weder vorher, noch auch, Gott ſei Dank, nachher ſo geſehen. Nur ganz allmälig gelang es mir, ihn einigermaßen zu beruhigen. Seine letzte Aeußerung hatte mir bewieſen, daß er ſich die Eventualität einer Ehe zur linken Hand bereits überlegt hatte, und Sie können ſich denken, .. daß ich mir dieſen Vortheil zunutze machte. Gegen eine der⸗ artige Verbindung hatte ich natürlich principaliter nichts ein⸗ zuwenden; ich erinnerte mich und erinnerte Seine Durchlaucht noch in jener Nacht an einen analogen Fall in der Geſchichte des fürſtlichen Hauſes und habe bei ſpäterer genauerer Nach⸗ forſchung noch einen zweiten der Art entdeckt. Dazu wird ſich das Fräulein nie verſtehen, ſagte Durch⸗ laucht. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 4 —— a — * 50 Dann haben Durchlaucht dem Fräulein dieſe Propoſition bereits gemacht oder nicht? fragte ich. Hier mußte Durchlaucht nun, gern oder ungern, mir einen Einblick in ſein Verhältniß zu der Dame gewähren, welches denn allerdings des Ueberraſchenden genug für mich enthielt. Ich er⸗ fuhr, daß Durchlaucht ſozuſagen vom erſten Augenblick an von der heftigſten Leidenſchaft für die junge Dame ergriffen worden war, daß er— gleichſam als Preis ſeiner Conceſſion zu der Ver⸗ bindung des Grafen mit Comteß Stephanie— ſeine eigene Ver⸗ bindung mit dem Fräulein von vornherein in's Auge gefaßt; daß er, bei ſeiner bekannten rührenden Beſcheidenheit, die er noch ſtets dem weiblichen Geſchlechte gegenüber bewährt, es nicht gewagt hatte und nicht gewagt haben würde, mit einer Erklärung hervorzutreten, wenn er nicht heute auf der Landpartie das Fräu⸗ lein abſeits von der Geſellſchaft in großer Traurigkeit überraſcht und Zeit und Ort günſtig für eine Erklärung gefunden hätte. Wie war die Erklärung aufgenommen worden? Unſer guter Herr wußte, ſtreng genommen, darüber keine Rechenſchaft zu geben, und dieſe nachträgliche Ungewißheit war denn auch der Grund der furchtbaren Aufregung, in welcher er ſich befand. Mir iſt zu Muthe, ſagte er, wie einem auf Leben und Tod Angeklagten, dem ſein Urtheil vorgeleſen iſt und der in ſei⸗ nem Fieber nicht gehört hat, ob es ſchuldig lautete, oder nicht⸗ ſchuldig. Wollen Durchlaucht mir verſtatten, dieſe delicate Angelegen⸗ heit weiter zu führen, ſagte ich hier. Durchlaucht können ſich unter keinen Umſtänden einem doch möglichen Refus ausſetzen. Ich glaubte nun freilich keineswegs an dieſen Refus, aber es ſchien mir die höchſte Zeit, daß hier die Diplomatie an die Stelle der perſönlichen Leidenſchaft trat, und mochte nun unſer Herr dieſelbe Ueberzeugung haben oder war ſeine Kraft ge⸗ brochen— ich erhielt die gewünſchte Erlaubniß und ließ mich am nächſten Morgen, ſo früh als ich, ohne die Schicklichkeit zu verletzen, irgend durfte, bei dem Fräulein melden. Die Herren werden natürlich nicht erwarten, daß ich über den weiteren Gang dieſer Angelegenheit mit einer Ausführlichkeit berichte, welche mir der Reſpect vor unſerem gnädigſten Herrn ebenſo wie mein Dienſteid verbieten. Ich darf nur ſo viel ſagen, daß ich ſchon manche wichtige und intricate Verhandlung geführt habe, aber keine, in welcher ich den Faden ſo oft verloren hätte, wie in dieſer. Ich war gekommen in der ſicheren Vorausſetzung, es werde Mühe koſten, meinen Vermittelungsvorſchlag dem Fräu⸗ lein acceptabel zu machen, und ich fand zu meiner freudigſten Ueberraſchung eine ſolche Gleichgültigkeit gegen alle und jede Form, eine ſolche Selbſtloſigkeit, um mich ſo auszudrücken, daß die Rollen gewiſſermaßen vollſtändig vertauſcht ſchienen, und ich es war, der mit allem Ernſt auf der Nothwendigkeit einer ge⸗ ſetzlichen Verbindung beſtehen mußte. Ja, es wäre mir wahr⸗ ſcheinlich gar nicht möglich geweſen, die mir damals unbegreif⸗ liche und noch heute unverſtändliche Abneigung der Dame gegen dieſe doch immerhin ſchon hinreichend lockere Form der Ehe zu beſiegen, wenn unſer Herr in einer geheimen Unterredung, welche noch im Lauf des Vormittags ſtattfand, nicht verſtanden hätte, die rechten Töne anzuſchlagen. Wenigſtens muß ich das aus dem Erfolge ſchließen, und auch unſerem Herrn kann dieſer Sieg nicht leicht geworden ſein. Ich ſehe ihn noch immer, als er von dieſer Unterredung kam, bleich, erſchüttert, faſſungslos in den Salon wanken, wo ich ſeiner harrte, ſich in einen Stuhl werfen und die Stirn in die Hand preſſen, ſo daß ich im erſten Augenblick nicht anders glaubte, als Alles ſei verloren, bis er auf mein reſpectvolles wiederholtes Fragen endlich hervorſtieß: Doch, doch, ſie willigt ein! Und wir reiſen noch heute Abend! Heute Abend! rief ich in meinem Erſtaunen, welches die Herren begreiflich finden werden. Und die kirchliche Ceremonie und die gnädigen Verwandten! und der Conſens Seiner Maje⸗ ſtät, der doch nach den landrechtlichen Beſtimmungen ſelbſt zur Giltigkeit einer Ehe linker Hand durchaus nothwendig iſt! Wir reiſen heute Abend, wiederholte Durchlaucht mit einer Heftigkeit, die keinen Widerſpruch duldete. Nun, meine Verehrteſten, Sie wiſſen, es iſt das Vorrecht der hohen Herrſchaften, immer den Tiſch gedeckt zu finden und 4* 52 auch niemals zu ſehen, wenn derſelbe abgedeckt wird; und ſo hatte denn ich, nachdem der Herr wirklich noch an demſelben Abend in Begleitung Gleichs und einer Kammerjungfer, die in aller Eile herbeigeſchafft war, mit der jungen Gemahlin nach Italien anfgebrochen und ich zur Regelung ſo vieler ſchwebender Angelegenheiten zurückgeblieben war— ich hatte, ſage ich, die dornenvolle Aufgabe, den Damen und dem Grafen gegenüber die Verantwortung gewiſſermaßen deſſen, was geſchehen war, nachträglich übernehmen zu müſſen. Ich darf ſagen, daß dies keine leichte Aufgabe war.— Ercellenz, die Frau Gräfin Mutter — eine ſo unendlich liebenswürdige, vortreffliche Dame ſie iſt — konnte doch ihre tiefe Erregung über das Geſchehene nicht verbergen. Noch weniger als die Frau Gräfin Mutter war Comteß Stephanie im Stande, für ihre Empfindungen immer einen wohlthuenden Ausdruck zu finden; aber eine peinliche Wendung nahm die Sache doch erſt dem Grafen Heinrich gegen⸗ über. Als ich im Auftrage des Fürſten ihm die Mittheilung machte, verfärbte er ſich und ſtand ein paar Angenblicke ſprach⸗ los da. Dann rief er mit Heftigkeit: Ich proteſtire dagegen! zu wiederholtenmalen; und auch, als ich ihm ſagte, daß es ſich nur um eine Ehe zur linken Hand handle, wollte er ſich durchaus nicht zufrieden geben. Hätte ich jetzt nicht gewußt, daß der Graf ſchon ſo lange officibs und nun ſeit geſtern officiell mit Comteß Stephanie verlobt war, ich hätte glauben müſſen, er ſelbſt habe— ganz andere Abſichten gehabt. Deſſen wird man den ſtolzen Herrn freilich nicht fähig halten, wenn man ihm näher getreten iſt und ihn beſſer kennen gelernt hat; aber für mich war der Graf damals doch eine verhältnißmäßig neue Er⸗ ſcheinung, in der ich mich nur ſchwer zurechtfand. Man kann es Durchlaucht und dem Herrn Grafen, wenn ſie ſo beiſammen ſind, wahrlich nicht anſehen, daß Erich MXXIV. der gemein⸗ ſchaftliche Stammvater Beider, und unſer gnädigſter Herr der rechte Großonkel des jungen Herrn iſt. Aber daß die Stein⸗ burger ſo lange in preußiſchen Dienſten waren, hat ſie zu an⸗ deren Menſchen gemacht. Es iſt ein wunderlich Ding, Ihr Herren, um das preußiſche Weſen. Das hat eine Schneide, . B 4 — — der ſich nichts abſchleifen läßt, und eine Höflichkeit, vor der man ſich in Acht nehmen mag. Ich weiß davon zu reden. Unſer gnädigſter Herr hatte, wie ich nun von ihm, der mich in die Transactionen eingeweiht, erfahren, dem jungen Paare ein be⸗ deutendes Jahrgehalt ausgeſetzt und die, wie geſagt, enormen Schulden des Grafen zu zahlen übernommen. Er ließ jetzt durch mich andeuten, aber auch nur andeuten, daß er es gern ſehen würde, wenn der Graf nach ſeiner Vermählung den preu⸗ ßiſchen Dienſt quittire. Aber das war ein Funke in ein Pulver⸗ faß. Die Ehre, preußiſcher Officier zu ſein, rief der Graf, iſt mir um keinen Preis der Welt feil, geſchweige denn um die paar tauſend Thaler, mit denen mir Durchlaucht dieſe Ehre abkaufen zu können meint! Ja, er verweigerte ſogar die An⸗ nahme des Capitals, welches ihm Durchlaucht zur Abzahlung der Schulden zur Verfügung geſtellt. Ich will nichts von ihm, weder Großes noch Kleines, ſagte er; ich bin bis jetzt ohne ihn fertig geworden und werde auch mit Gottes und meines aller⸗ gnädigſten Herrn Hilfe in Zukunft ohne ihn fertig werden. Und wie lange wird es denn dauern, bis ich den Gaul zwiſchen den Beinen habel Glauben Sie mir, lieber Kanzleirath, die Stein⸗ burger halten es länger aus, als die Rothebühler und Tyrklitzer zuſammengenommen. Nun, meine Herren, dieſe Prophezeiung iſt zum Theil ſchneller in Erfüllung gegangen, als ich oder irgend Einer damals ah⸗ nen konnte. Wer hätte für möglich gehalten, daß die Tyrklitzer Linie, die vor dem Kriege auf zehn Augen geſtanden hatte, und nach dem Kriege immer noch auf ſechs ſtund, bald auf vier, dann auf zwei ſtehen würde, und nun mit dem Tode des jüng⸗ ſten Grafen Caſimir gänzlich erlöſchen ſollte? Ich kann Ihnen ſagen, meine Herren, mir iſt gar wunderlich zu Muthe, wenn ich daran denke, und weiter denke, daß wir morgen in dem Grafen unſeren zukünftigen Herrn zu begrüßen und zu verehren haben werden. Hat aber ſchon für uns Beamte dieſes hoch⸗ wichtige Ereigniß mindeſtens ſeine zwei Seiten, ſo darf man wohl, ohne ſich einer Indiscretion ſchuldig zu machen, behaup⸗ ten, daß für die gnädige Frau— —— N* 54 Wollen wir gehen? ſagte Hermann, indem er aus dem brütenden Sinnen, in welches er während der Erzählung des Kanzleiraths verſunken geweſen ſchien, jäh in die Höhe fuhr. So nehmen Sie mich doch wenigſtens mit! rief Herr von Zeiſel, ſein Glas leerend und ſich ebenfalls erhebend. Der Kanzleirath wußte nicht recht, was er von dieſer plötz⸗ lichen Unterbrechung denken ſollte. Er hatte ſich bei ſeiner Er⸗ zählung vortrefflich unterhalten und war ja eben erſt bei ſeinem Thema angekommen. Aber vergeblich ſuchte er ſeine Gäſte zu längerem Bleiben zu überreden. Bereits wenige Minuten ſpäter wandelten ſie nebeneinander auf dem chauſſirten Wege, der, von Buſchwerk hie und da eingerahmt, in manchen Krümmungen den langgeſtreckten Hügelrücken zum Schloſſe emporſtieg. Der Cavalier war von dem reichlich genoſſenen Wein ſehr aufgeregt und ſang mit angenehmer Tenorſtimme ein Lied, in welchem ein adeliger Page und ein bürgerlich Kind in irgend eine Beziehung gebracht waren, die nicht klar hervortrat. Dann unterbrach er ſich, um ſeinem Geführten den Vorſchlag zu machen, hier in dieſer mitternächtlichen Stunde auf dem Kreuzweg, den ſie eben paſſirten, im Dämmerlicht des Mondes, der ſich hinter Wolken verbarg, mit ihm um die Eine, die Reine, die Kleine, die er meine, auf Leben und Tod zu kämpfen; wurde dann plötzlich wieder beinahe ernſthaft und ſetzte ſeinem Gefährten aus⸗ einander, in welch' ſonderbarer Lage er ſich der Dame ſeines Herzens gegenüber befinde. Sehen Sie, Doctor, ſagte er, uns Zeiſels geht es wie den Tur⸗ lows, nur ein Bischen ſchlechter; auch wir ſind ſeit undenklichen Zeiten Vaſallen unſerer Lehensherren geweſen, nur daß die Fürſten von Roda⸗Rothebühl uns nicht zu Grafen gemacht haben, und, wie die Sachen ſtanden, auch wohl nicht machen konnten. Aber ich fühle mich darum nicht minder adelig und bin nicht minder adelig, wie irgend ein ritterbürtiges Geſchlecht in Deutſchland. Und wenn auch die anderen Nebenzweige meiner Familie ſich mehr und mehr in das bürgerliche Leben verloren haben und ich mit einem Erröthen, welches Sie jetzt nicht ſehen, bekennen muß, daß in dieſem Angenblick ein Zeiſel in Leipzig Handſchuhe verkauft und —— —— 55 ein Anderer in Chemnitz Strümpfe fabricirt— der Hauptzweig hat ſich immer rein erhalten; ich wäre der Erſte, der eine Bürgerliche heirathete. Kann ich Das? Darf ich Das? Bliebe alſo nur eine Ehe zur linken Hand, wie Sereniſſimus ſie ge⸗ ſchloſſen hat. Aber was bei einem ſo hohen Herrn ſelbſtver⸗ ſtändlich iſt, würde doch bei Unſereinem ein wenig wunderlich ausſehen, denn wie der Dichter ſagt: Zwiſchen Sinnenglück und Seelenfrieden!— Apropos, Doctor des hohen Uraniden, unſeres gnädigſten Herrn! Wiſſen Sie, daß mir bei der Erzählung un⸗ ſeres trefflichen Kanzleiraths, bei der Sie, glaube ich, mehr als halb geſchlafen haben, ganz beſondere Gedanken gekommen ſind — Sichtblicke, Ueberblicke, Einblicke in unſere Verhältniſſe, von denen ſich jener Biedermann nichts träumen läßt, und daß ich jetzt mehr als je überzeugt bin: der Graf hat es zu verant⸗ worten, wenn damals nur eine Ehe linker Hand zwiſchen un⸗ ſerem Herrn und der gnädigen Frau zu Stande kam. Ich kenne unſeren Herrn, er iſt ein Jüngling mit weißen Haaren und würde ſeinen Entſchluß ausgeführt haben, wäre ihm die Ausführung deſſelben nicht unmöglich gemacht worden. Duch wen? Durch den Kanzleirath? Er iſt eine Null. Durch die Dame ſelbſt? Pah, das wäre gegen die Natur— contra na- turam, wie wir auf der Schule ſagten. Wie würde ein Mäd⸗ chen ſich mit der Linken begnügen, wenn ſie die Rechte haben kann! Bleibt nur der Graf. Er und er allein hatte ein reelles Intereſſe daran, daß keine rechte Ehe zu Stande kam; er und er allein, als Agnat, hatte die Macht, es zu verhindern, oder doch wenigſtens die Energie, dagegen zu reagiren und Gott weiß welche Contreminen ſpringen zu laſſen; und ſo erklärt ſich mir auch, warum in dieſen drei Jahren der Graf und die Gräfin von unſerem Hofe verbannt geweſen ſind, und nur das verſtehe ich noch immer nicht, weshalb dieſe Verbannung nun gerade jetzt aufgehoben iſt. Haben Sie denn keinen Schlüſſel zu die⸗ ſem Räthſel? Aber freilich, wir müſſen eben doch gute Miene zum böſen Spiel machen. Wollen Sie noch eine Cigarre auf meinem Zimmer rauchen?— Nein? Nun dann auf Wieder⸗ ſehen morgen, in keiner beſſeren Welt! 56 Die beiden jungen Männer ſchüttelten ſich die Hände und traten in ihre Zimmer, die an demſelben Corridor in einem Nebengebäude des Schloſſes lagen, welches das Cavalierhaus genannt wurde. Hermann öffnete das Fenſter und ſtarrte in die Nacht hin⸗ ein; und da waren ſie wieder, aus dem Dunkel glänzend: ihre Augen! Ach, dieſe großen, ernſten, ſchwermuthsvollen, glänzenden Augen! Sie hatten es ihm angethan vom erſten Moment, ſie hatten ſeine Seele getrunken, ſein Blut, ſein Leben; ſein ganzes Weſen war darein verſunken, wie in ein tiefes, abgrundtiefes Meer! Der junge Mann drückte die pochenden Schläfen in die Hände. Er hatte ein trübes Bewußtſein, daß auf dieſem Wege der Wahnſinn lauere; er wollte ſich aufraffen, zu Bette gehen, ſchlafen. Er ging in ſein Schlafcabinet und trat an den Tiſch, auf welchem ein Brief lag. Erſt jetzt fiel ihm wieder ein, daß der Diener, der ihm geleuchtet, geſagt hatte, daß Durchlaucht ein Billet herübergeſchict. Er erbrach das Siegel und las: Mein junger Freund! Laſſen Sie mich, bevor ich ſchlafen gehe, ein Unrecht gutmachen, das ich heute gegen Sie begangen habe. Sie wollen fort. Es ziemt mir nicht, Sie zu halien, wenn Sie ſelbſt ſich nicht mehr gehalten fühlen. Wie ungern ich Sie ſcheiden ſehe, will ich Ihnen nicht ſagen, weil, wenn ich es ſagte, es wieder eine Feſſel für Sie ſein würde. Mag es denn alſo geſchieden ſein. Wer, wie ich, in der Abend⸗ dämmerung des Lebens wandelt und gen Untergang ſchaut, muß ſich ja auf's Meiden gefaßt machen, muß ſich ja auf's Scheiden verſtehen! Aber laſſen Sie es nicht ſogleich geſchieden ſein. Ich darf es bitten, weil es nicht mein perſönliches Wohl iſt, das ich dabei im Auge habe, ſondern das Wohl Anderer, denen gegenüber ich eine Verbindlichkeit übernommen, bei welcher ich durchaus auf Ihre Unterſtützung rechnete. Sie wiſſen, was ich meine. Erlauben Sie mir alſo, Sie von heute für die nächſten Wochen als meinen Gaſt zu betrachten und treffen Sie unter⸗ — deſſen alle Mäßnahmen, welche die Einrichtung Ihres ſpäteren Lebens nothwendig macht. Da, wohin man Sie haben will, wird man ja wohl begreifen, daß ein Platz, den Sie ſo lange aus⸗ gefüllt, nicht von einem Tag zum andern wieder zu beſetzen iſt. Und damit wünſcht Ihnen eine gute Nacht Ihr immer wohl⸗ gewogener Erich. Hermann ließ den Brief langſam ſinken. Für wenige Wochen! ſagte er. Und das Fieber raſt nun ſchon drei Jahre in meinen Adern! So⸗ werde ich es ja wohl auch noch dieſe wenigen Wochen ertragen; und ſie ſelbſt muß begreifen, daß ich die gütige Hand, die dies geſchrieben, nicht ohne weiteres von mir ſtoßen kann. Fünſtes Capitel. Die jungen Herrſchaften, wie die Rothebühler ſagten, waren bereits drei Tage auf dem Schloß, und noch immer hatte ſich die Aufregung, welche das große Ereigniß in dem Städtchen hervorgerufen, nicht gelegt. Nie hatten die Gevatterinnen den Tag über ihre Arbeit ſo oft unterbrochen und über die Zäune herüber, welche die Gärtchen trennten, im eifrigſten Geſpräch die Köpfe zuſammengeſteckt; nie waren die Kaffeegeſellſchaften in der großen Laube vor der Apotheke zum Schwan am kleinen Markt⸗ platz ſo häufig geweſen; nie hatte Frau Büchſenſchmied Findel⸗ — mann, Frau Kaufmann Zeller, Frau Fabrik⸗Inſpector Körnicke der guten Frau Apotheker Hippe ihre Freundſchaft mit der Frau Kanzleirath ſo neidlos gegönnt; nie war die Eintracht der Da⸗ men ſo groß geweſen; nie hatten ſie die Gewohnheit der Frau Kanzleirath, immer und immer von ihrem Elischen zu reden, ſo lächerlich und unpaſſend gefunden als eben jetzt. Frau Kanzleirath war natürlich mit Elischen auf dem Schloſſe geweſen, um ſich den Herrſchaften zu präſentiren. Sie 58 durfte ohne Uebertreibung ſagen, daß der Empfang ihre Er⸗ wartung übertroffen habe. Sie für ihr Theil mache keine An⸗ ſprüche; ſie ſei eine alte Frau und es komme ihr nicht weiter darauf an, ob man ſie auszeichne oder nicht, wenn man ihr nur die nöthige Achtung erweiſe; und an der habe man es weder jemals vorher, noch auch bei dieſer Gelegenheit auf dem Schloſſe fehlen laſſen. Aber Elischen! Die Damen mögen es nun glauben oder nicht, Elischen ſei von der jungen Frau Gräfin empfangen worden wie eine Schweſter; und da ſehe man wie⸗ der, was ſie freilich immer geſagt, daß die echte Liebenswürdig⸗ keit und wahre Humanität ſich nur bei der echten, der wahren Ariſtokratie finde. Die Frau Gräfin ſei nach den erſten vier Minuten mit ihrem Elischen ſo vertraut geweſen, wie ihr Elis⸗ chen mit der gnädigen Frau— hier ſchob Frau Fffler ihr Haubenband energiſch unter das Kinn— in allen dieſen vier Jahren nicht geworden. Die Frau Gräfin habe ſogleich bemerkt, wie rein das Blau in Elischens Augen und wie zart Elischens Teint und wie geſchmackvoll ſich das Kind zu kleiden wiſſe; und das ſei umſomehr anzuerkennen, als die Frau Gräfin ſelbſt die ſchönſten blauen Augen und den lieblichſten Teint und die wundervollſten blonden Haare habe, von ihrer Garderobe gar nicht zu ſprechen, die natürlich bei einer ſo vornehmen, jungen, ſchönen Dame, die eben aus Berlin komme, nicht anders als über alle Erwartung geſchmackvoll und reizend ſein könne, und, wie ſie wohl nicht zu ſagen brauche, dem Zuſtand, in welchem ſich die junge Frau befinde, in der delicateſten Weiſe angepaßt. Hier richteten ſich die Blicke ſämmtlicher anweſenden Damen durch die Thür der Laube nach dem Schloß, welches über die Dächer des Städtchens herüber und gleichſam in die Laube hoch hineinſchaute, und ein gemeinſchaftlicher, energiſcher Verſuch wurde gemacht, Frau Kanzleirath an einem ſo hochwichtigen intereſſan⸗ ten Punkt feſtzuhalten. Aber Frau Kanzleirath konnte oder wollte den Inhalt des Geſpräches, welches ſie mit der Frau Gräfin über dies Thema allerdings gehabt, nicht mittheilen; überdies habe die Unterredung nicht lange gedauert, denn die Frau Gräfin habe eigentlich nur 3. 1—— Auge und Ohr für Elischen gehabt. Elischen habe ſingen und ſpielen müſſen und die Frau Gräfin habe ſich nicht wenig ge⸗ wundert, daß Elischen die Gnadenarie aus Robert der Teufel mit franzöſiſchem Tert vorgetragen habe, und habe Elischen gefragt, ob ſie lange in Paris geweſen, worauf das Kind ganz roth geworden ſei und geantwortet habe, daß ſie eigentlich noch nie aus Rothebühl herausgekommen. Aber der Herr Graf— nebenbei der ſchönſte Mann, den man ſehen könne— groß und ſchlank und mit einem Vollbart— ſei nicht weniger höf⸗ lich zu Elischen geweſen, und— was ſie doch auch erwähnen müſſe— Durchlaucht habe ſich ſichtlich über die Bewunderung, die Elischen erregt, ſehr gefreut und geſagt: Ja, ja, wir Kleinſtädter haben noch Luſt und Zeit, uns mit nützlichen Dingen zu beſchäftigen; wir ſind nicht die Huro⸗ nen, für die Ihr Berliner uns haltet. Was iſt Huronen? fragte Frau Körnicke. Frau Kanzleirath hatte eben nur noch Zeit, einen Blick un⸗ ſäglichen Mitleids auf die Fragerin zu werfen. Es ſei die höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß die Frau Gräfin heute Nachmit⸗ tag den Beſuch erwiedere; Elischen ſei deshalb zu Hauſe ge⸗ blieben und ſie ſelbſt ſei auch nur einen Augenblick gekommen, um den Damen den Beweis zu liefern, daß ſie für ihr Theil nicht zu Denen gehöre, welche über neuen und vornehmen Be⸗ kanntſchaften die alten Freunde vergeſſen. Ich glaube, die gute Frau ſchnappt noch einmal über, ſagte Frau Fabrik⸗Inſpector Körnicke, als die Haubenbänder der Frau Kanzleirath kaum zur Gartenlaube hinausgeflattert waren. Das iſt ein hartes Wort, liebe Körnicke, ſagte die ſanfte Frau Apotheker Hippe. Ich ſehe auch nicht viel Gutes, was aus dem Allem für uns herauskommen wird, ſagte Frau Kaufmann Zeller. Wir haben uns bisher wohl genug befunden, auch ohne die Berliner Herrſchaften. Das ſprechen Sie Ihrem Manne nach, ſagte Frau Büchſen⸗ ſchmied Findelmann. Er iſt ſchon 1866 für Oeſterreich gegen Preußen geweſen. 60 Und Sie, ſagte Frau Zeller, ſind ſeit geſtern erſt für Preu⸗ ßen und— ſo viel ich ſehen kann— blos deshalb, weil der Herr Graf bereits in Ihrem Laden geweſen iſt. Aber, liebe Freundinnen, wollen wir die Politik nicht den Männern überlaſſen? ſagte Frau Hippe beſchwichtigend. Unſer Geſchäft iſt glücklicherweiſe nicht davon abhängig, ob ſie oben auf dem Schloſſe preußiſch oder öſterreichiſch ſind; unſer Porcellan geht, Gott ſei Dank, bis Holland und Amerika, ſagte Frau Fabrik⸗Inſpector Körnicke. Während ſo die weiblichen Honoratioren von Rothebühl es ſchwer fanden, dem großen Ereigniſſe gegenüber die friedliche Stimmung zu bewahren, welche für gewöhnlich um den Kaffee⸗ tiſch in der Laube der Apotheke ſchwebte, waren ihre Männer auf der Kegelbahn in dem Garten des Gaſthauſes zu den drei Forellen geradezu in einen hitzigen Streit gerathen. Und ich behaupte noch einmal: er ſieht dem Kronprinzen ähnlich, ſagte Herr Findelmann. Und ich: dem Herrn von Bismarck, ſagte der Kaufmann Zeller, indem er dabei höhniſch lachte. Er kann ja Beiden ähnlich ſehen, ſagte der Apotheker Hippe beſchwichtigend. Meinetwegen dem Teufel, wenn wir nur weiter ſpielen wollten, ſagte der Fabrik⸗Inſpector Körnicke. Die Sache iſt, daß Gevatter Zeller, weil er ſeine Strumpf⸗ waaren aus Chemnitz bezieht und ſein Backobſt aus Böhmen, ſächſiſch⸗öſterreichiſch geſinnt ſein zu müſſen glaubt, ſagte Herr Findelmann. Und Gevatter Findelmann preußiſch, weil der Herr Graf ſich geſtern in ſeinem Laden ein Paar Piſtolen zu kaufen ge⸗ ruht hat. Aber ſchließlich ſind wir doch ſeit 1815 Alle Preußen, wie wir vorher Sachſen waren, ſagte Herr Hippe. Preußen oder Sachſen oder Oeſterreicher, das iſt für mich ganz gleich; in ein paar Jahren ſind wir doch alle Republi⸗ kaner, ſagte Herr Körnicke. Das laſſen Sie unſeren Herrn Kanzleirath nicht hören! ſagte . — 61 Herr Hippe ängſtlich, als man jetzt den Genannten durch den Garten auf die Kegelbahn zukommen ſah. Wahrhaftig, Herr Kanzleirath— die große Ehre— wer hätte das gedacht! riefen die Herren durcheinander. Sehr obligirt, ſehr obligirt! ſagte der Kanzleirath, den An⸗ weſenden mit huldvoller Miene die Hand reichend. Aber ich konnte heute wirklich nicht früher kommen. Meine Frau er⸗ wartete den Gegenbeſuch der Berliner Herrſchaften und da durfte ich doch nicht fehlen. Nun, ſie ſind nicht gekommen, aber auf⸗ geſchoben iſt nicht aufgehoben. Und was die drei letzten Tage angeht— großer Gott, ich weiß noch heute nicht, wo mir der Kopf ſteht; eine Welt voll Geſchäfte, eine Welt! die Begrü⸗ ßung der Herrſchaften, lange Conferenzen des Morgens mit Durchlaucht, mit Durchlaucht allein in gewohnter Weiſe, oder mit Durchlaucht und dem Herrn Grafen bezüglich der Tyrklitzer Erbſchaft; Galaviſite meiner Damen auf dem Schloſſe, Mitngs⸗ tafel, Abendtafel— Verderben Sie ſich nur nicht den Magen, ſagte Herr Körnicke. Wie ſteht es denn oben? fragte Herr Hippe, um der üblen Wirkung von Herrn Körnicke's ſchlechtem Scherz zuvor⸗ zukommen. Gut, ſehr gut, ſagte der Kanzleirath, ich darf wohl ſagen, über meine kühnſten Erwartungen gut. Die Herren wiſſen, ich hatte bereits 1866 im Herbſte die Ehre, dem Herrn Grafen in Wiesbaden aufwarten zu dürfen und ein Zeuge, ein intimer Zeuge der wichtigen Ereigniſſe jener denkwürdigen Tage zu ſein. Jetzt darf ich es ſagen, das Weſen des Herrn Grafen war mir damals ſchon ausnehmend ſympathiſch und ich bedauerte im Herzen, daß zwiſchen ihm und der Herrſchaft noch die Tyrklitzer Linie ſtand, und wahrhaftig, einen leutſeligeren, liebenswürdi⸗ geren, charmanteren Herrn— Und dem Kronprinzen ſieht er ähnlich, ſagte Herr Zeller mit bitterem Spott. Und ich kenne Leute, denen ich weniger gern ähnlich ſähe, ſagte Herr Findelmann. 62. Aber wir ſind doch hier nicht beiſammen, um zu politiſiren, ſagte Herr Hippe ängſtlich. Ganz, was Durchlaucht heute Mittag ſagten, rief der Kanzlei⸗ rath eifrig; wahrhaftig, beinahe dieſelben Worte: wir ſind nicht beiſammen, um zu politiſiren! Unter uns: die Unterhaltung 3 hatte eine etwas peinliche Wendung genommen. Die gnädige 3 Frau iſt, trotzdem ſie ja geborene Preußin, ja die Tochter eines preußiſchen Soldaten iſt— hier lächelte der Kanzleirath ein ganz klein wenig— und in dem Hauſe, ja in der Familie eines preußiſchen Generals erzogen wurde, ſehr antipreußiſch, und das trat denn auch heute bei der Tafel ein wenig ſchärfer hervor, als im Intereſſe unſerer gnädigen jungen Herrſchaften wünſchens⸗ werth war. Man muß es dem Herrn Grafen laſſen, daß er ſehr ruhig und höflich blieb, trotzdem die gnädige Frau ſo weit ging, zu ſagen, daß Preußen ſich nicht eher zufrieden geben 3 werde, als bis es ſich mit ſämmtlichen Mächten Europas der Reihe nach gemeſſen. Das haben Sie ſelbſt in Ihrem Buch geſagt, Herr Kanzlei⸗ 11 rath, rief der Kaufmann Zeller, und hier auf dieſer ſelben Stelle haben Sie es hundertmal wiederholt. Geben Sie Acht!— haben Sie geſagt— dieſes Preußen wird noch ganz Deutſchland mit Stumpf und Stiel aufeſſen, haben Sie geſagt. Und das wäre auch nur ganz in der Ordnung! rief der Büchſenmacher Findelmann, auf den Tiſch ſchlagend. Der Friede iſt ein gutes Ding, Gevatter Findelmann, aber auch im Kriege giebt es zu verdienen, Gevatter Zeller, ſagte Herr Hippe. Und ſchließlich arbeitet Ihr doch nur Alle für die Republik, ſagte Herr Körnicke.„ Aber ich muß denn doch ſehr bitten— ſagte der Kanzleirath. Die Herren vom Kegelclub erfuhren nicht, um was der würdige Mann ſo ſehr bitten zu müſſen glaubte, denn in die⸗ ſem Augenblick ertönte das Geräuſch von ein paar Wagen, welche ſchnell vom Schloſſe her die Chauſſee herabkamen, die 31 kurz vor den drei Forellen in zwei Arme ſich theilte: der eine zur Faſanerie und höher hinauf in die Berge, der andere nach. —— wenn ich bitten dar dazu, Hedwig? Die Gräfin lachte hell auf. „antwortete Hedwig trocken. Wollen wir nicht weiter gehen? d ſagte der Fürſt. an kam zum Theehauſe. Der Fürſt die gewundene Treppe hinauf. Ich mache Durchlaucht viel Mühe, n Durchlaucht aber Der Fürſt drückte den ſchö ruhte. Ich bin nach dieſer Seite hin ni wiederte er, und ſeine Augen richteten ſich d auf Hedwig, die bereits oben auf der Terraſſe ſtand. Und doch wüßte ich Niemand auf Erd ſpruch auf Dankbarkeit hätte, ſagte des Fürſten nicht entgangen war. Der Fürſt ſeufzte. Ich glaube, Durchlaucht iſt ein wenig hypochondriſch, fuhr Stephanie mit ſchelmiſchem Lächel ſei nerin wird ſich Müh nen Arm, n fort; ſeine unterthänige Die⸗ he geben, ihm dieſe kleine Schwäche— die einzige, die ſie hat bemerken können— abzugewöhnen. a wären Sie freilich die Erſte, die ſich eine ſo undank⸗ bare Mühe gäbe, und Sie würden vermuthlich auch die Letzte ſein, erwiederte der Fürſt, indem er auf Stephaniens heiteren on einzugehen verſuchte. Durchlaucht belieben zu ſcherzen. tephanie fand das Theehaus, die Lage, die Einrichtung— ſie fand Alles entzückend. Ich habe d geſehen, rief ſie, aber kei aushielte. Wahrhaftig, die wahre Poeſie des Rococo! Und wie wundervoll dieſer Blick in die Berge, wechſelnd nach jeder Seite, und auf der einen immer ſchöner als auf der andern! Und, lles in Allem, wie behaglich, wie ganz geſchaffen zum Sinnen und Träumen! Das muß etwas für Dich geweſen ſein, Hedwig! Fr. Spielhagen's Werke. 2 5 f, im Coſtüme Louis XV. Wos ſagſt Du ürſt führte Stephanie iſn i auch von Herzen dankbar der in dem ſeinen cht gerade verwöhnt, er⸗ abei unwillkürlich en, der ſo viel An⸗ Stephanie, welcher der Blick 66 Du wußteſt von jeher in dem Sande des Alltagslebens die poetiſchen Perlen zu finden. Wahrhaftig, jetzt begreife ich erſt die Größe des Opfers, das Du uns gebracht haſt! Solchen Heimathswinkel des Herzens öffnet man nicht gern den Anderen. Aber die Anderen wiſſen es Dir auch zu danken. Nicht wahr, Durchlaucht? Gewiß, gewiß, ſagte der Fürſt, obgleich ich eigentlich ein wenig ungehalten ſein ſollte, denn Sie, meine Herrſchaften, ah⸗ nen doch kaum, wie groß das Opfer iſt. Ich ſehe, Hedwig, Du haſt ſelbſt Dein Atelier ausräumen laſſen; das heißt die Güte zu weit treiben. Ich meine, es heißt uns Eindringlinge für Barbaren er⸗ klären, ſagte der Graf. Bitte, bitte, liebe Hedwig, das mußt Du redreſſiren, rief Stephanie, und Du mußt mir erlauben, Dich hier zuweilen zu beſuchen. Du weißt, welches Intereſſe ich von jeher an Deinen Studien genommen habe. Und für die Malerei hatteſt Du im⸗ mer ein ſo entſchiedenes Talent. Du haſt es gewiß ſehr, ſehr weit gebracht. Nicht wahr, Durchlaucht? Das müſſen Sie den Prachatitz fragen, erwiederte der Fürſt lächelnd, jenen Alten mit dem grauen Bart, der uns vorhin in der Faſanerie herumführte. Er allein iſt begnadigt, die Arbeiten unſerer Künſtlerin bewundern zu dürfen. Gegen uns Andere — mich nicht ausgenommen— hüllt ſie ſich in ein eiferſüchtiges Dunkel. Freilich, Sie wollen nicht vergeſſen, liebe Gräfin, daß wir Alle hier vielleicht zu einſam gelebt und Alle etwas ein⸗ ſame Neigungen ausgebildet haben, die wir unſern Gäſten zu Ehren ein wenig ablegen wollen, nachdem unſere liebe Hedwig mit einem ſo guten Beiſpiele vorangegangen. Aber es iſt, glaube ich, Zeit, daß wir unſern Thee einnehmen. Er bat um Stephaniens Arm, ſie aus dem Seitengemache, in welchem das Geſpräch ſtattgefunden, nach der Rotunde zu führen, wo der Thee ſervirt war. Graf Heinrich führte Hedwig; der Cavalier und Hermann folgten. In dem Augenblicke, als der Fürſt mit Stephanie be⸗ reits an den Tiſch getreten war und die beiden Herren noch U — —————2 67 ein wenig im Hintergrunde zögerten, beugte der Graf ſeine hohe Geſtalt zu Hedwig herab und ſagte leiſe und dringend: Ich beſchwöre Sie, gnädige Frau, gewähren Sie mir einige Minuten ungeſtörter Unterredung! Hedwig hob die dunklen Augenwimpern und ſah den Grafen mit einem ſo eigenthümlichen Blick an, daß ihn ein Schauer durchbebte. Sie war viel ſchöner, als damals, wo ſie ja eigent⸗ lich noch ein halbes Kind geweſen war; aber welcher Trotz ſchürzte jetzt dieſe rothen Lippen, welcher Stolz blickte aus die⸗ ſen braunen Augen! Der Graf wußte nicht, ob er ſich freuen ſolle, eine Bitte gewagt zu haben, die ihm ſchon ſeit der erſten Stunde auf den Lippen geſchwebt hatte. Er hatte während des Thees Zeit, darüber nachzudenken; jedenfalls war er vorläufig ohne Antwort geblieben. Er miſchte ſich wenig in die Unterhaltung, die faſt ausſchließlich von dem Fürſten und Stephanie geführt wurde. Seine Augen ruhten wiederholt auf dem lebhaften Antlitze ſeiner Frau und glitten dann immer wieder zu Hedwig hinüber. Es kam ihm ſonderbar vor, daß er jemals für ſeine Frau ernſthaft gefühlt haben ſollte. Wieder und immer wieder verglich er ſie mit Hedwig, und er mochte den Vergleich anſtellen, von welcher Seite her er wollte, ſtets fiel derſelbe zu Ungunſten ſeiner Gattin aus. Selbſt die größten Schönheiten der reizenden Frau, ihr ungemein reiches blondes Haar, ihre weichen, von langen Lidern umfächerten blauen Augen, ihr blendend weißer Teint verblaß⸗ ten neben den dunklen tiefen Farben Hedwigs. Winterlicher Mondſchein neben Sommerſonnengluth, ſagte der Graf bei ſich und dann fuhr er jäh aus ſeinen Träumereien auf und ſuchte den Faden des Geſprächs, den er verloren, wieder zu erhaſchen. Weshalb nur, ſagte Stephanie, iſt dieſes reizende Haus trotz ſeiner ſchönen und bequemen Lage von ſeinen letzten Be⸗ ſitzern, ſowohl von Durchlauchts ſeligem Herrn Vater, als auch von Durchlaucht ſelbſt ſo arg vernachläſſigt worden? Ich kann mir nicht anders denken, als daß hier irgend eine r i Veranlaſſung vorliegt, die ich— offen geſtanden— herzlich gern kennen lernen möchte. 68 Sie irren, liebe Gräfin, erwiederte der Fürſt. Es handelt ſich hier gar nicht um einen galanten Roman, um ein dunkles Geheimniß, aus welchem ein paar ſchöne blaue oder braune Augen hervorſchimmern, vielleicht gar gezückte Degen blitzen. Im Gegentheil, das Ereigniß, das hier hineinſpielt, gehört der Ge⸗ ſchichte an. Wer glauben Sie, meine Damen und Herren, iſt es geweſen, der hier zuletzt gewohnt, der hier zuletzt an dieſer ſelben Stelle, an dieſem ſelben Tiſch ſoupirt, für wen jener Kronenleuchter zum letztenmal gebrannt hat? Nun, Sie würden es nicht rathen, und ſo will ich es Ihnen ſagen, wer es war⸗ kein Geringerer als Napoleon nach der Schlacht bei Jena. Ich wiederhole, lieber Graf, die Sache gehört der Geſchichte an, und ſo dürfen wir mit voller Ruhe darüber ſprechen und es kann Niemanden kränken, wenn ich der Geſchichte nacherzähle, daß mein hochſeliger Vater, ein Schüler Ruuſſeau's und begeiſterter Apoſtel der humanitären Beſtrebungen des vorigen Jahrhunderts, in dem Kaiſer der Franzoſen den Geſalbten Gottes, den Voll⸗ ſtrecker der großen Ideen der Menſchheit ſah, für welche er ſelbſt ſchwärmte. Ich, ſein Sohn, brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ſeine Begeiſterung für den Kaiſer auch nicht durch den Schatten des Egoismus getrübt wurde. Man hat daran gezweifelt, weil ein großer weltlicher Vortheil im Hintergrunde geſtanden habe: die unbedingte Herſtellung der ehemaligen Souveränetät, Ver⸗ mehrung des Gebiets auf den Umfang, den das Fürſtenthum zur Reichszeit beſeſſen, ja, die Krone eines neu zu errichtenden Herzogthums. Nun will und kann ich nicht leugnen, daß dies Alles ſich ſo verhielt, aber für meinen hochſeligen Vater— ich bin davon auf's tiefſte überzeugt— wer dies Alles nur Mittel zum Zweck, und dieſer Zweck kein anderer, als die Realiſirung ſeiner Träume von Menſchenwohl und Menſchenglück in groß⸗ artigem Maßſtabe. So begrüßte er den Kaiſer, ſo empfing er den Kaiſer, den er ſchon von Paris her kannte und deſſen Gaſt⸗ freundſchaft er nur erwiederte, als er denſelben auf dem Schloß ſeiner Ahnen willkommen hieß. Hier in dieſem Pavillon, deſſen Lage ihn wunderbar anzog, hatte der Kaiſer Wohnung genommen. Der Fürſt ſchwieg einen Augenblick und ſtrich ſich mit der 69 Hand über die Stirn, dann fuhr er, wie aus einem Traume erwachend, fort: Es war der Glanzpunkt in dem Leben meines unglücklichen Vaters. Er ſah ſich ſchon auf der Höhe, die ihm vor Vielen gebührte; er fühlte ſich bereits als das Centrum eines großen Kreiſes, bis zu deſſen äußerſten Grenzen ſein großes ſchönes Herz Leben, Licht und Wärme ausſtrahlte. Es war nur ein Traum. Nur zu bald ſah er, daß Napoleon ſeine Verſprechun⸗ gen nicht erfüllen wollte oder konnte, und daß es nur ein Traum geweſen, hat jenes ſchöne große Herz gebrochen. Die Gegen⸗ wart war ihm durch den Sturz ſeines Helden, durch die An⸗ feindungen, denen er ſich ſelbſt ausgeſetzt ſah, verbittert; die Zu⸗ kunft konnte ihm nichts mehr bringen; an die Vergangenheit mochte er nicht weiter erinnert ſein. Vor Allem hat dieſe Stätte, die gleichſam die Wiege jenes Traumes war, die ihm durch die grenzenlos ſchmerzliche Erinnerung zugleich geweiht und verflucht erſchien, ſein Fuß nie wieder betreten. Das Fürſten Stimme hatte bei den letzten Worten gezittert und wieder ſtrich er ſich mit der Hand träumend über die Stirn. Was mich nun betrifft, fuhr er in leichterem Tone fort, denn ich ſehe, liebe Stephanie, daß Ihnen dieſe Frage auf den Lippen ſchwebt, ſo habe ich meinen Vater ſo tief bewundert und ſo heiß geliebt, daß ich ihn ſelbſt in ſeinen Schwächen vereh⸗ rungswürdig und nachahmenswerth fand. Dieſer Park, den ſein Fuß nie betrat, galt auch mir von vornherein unbetretbar; und es hat lange gedauert, bis ich meine Scheu ſo weit überwinden und wenigſtens die Erlaubniß zur Wiedereinrichtung der Fa⸗ ſanerie geben konnte. Ja, ich will es jetzt geſtehen, es berührte mich förmlich unheimlich, als Du, liebe Hedwig, von Anfang an Dich ſo hiehergezogen fühlteſt. Ich meinte immer, Dich hier vor böſen Dämonen beſchützen zu müſſen. Nun freilich ſehe ich, wie unnöthig das war, und wie behaglich es ſich in dem verwunſchenen Hauſe Thee trinkt. Ich danke Allen, die mir zu der angenehmen Stunde verholfen: unſeren verehrten Gäſten, welche die erſte Veranlaſſung geweſen; Dir, liebe Hedwig, die Du uns Dein Aſyl geopfert; Ihnen, lieber Zeiſel, daß Sie bei 70 dem ſchönen Arrangement ſo wacker mitgeholfen, und Ihnen, beſter Doctor, daß Sie mir, trotz meiner Indispoſition, die Er⸗ laubniß gegeben, heute Abend auszufahren, aber jetzt gewiß an den alten Spruch erinnern werden, daß man die Tafel aufheben ſoll, wenn es Einem am beſten mundet. Der Fürſt gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Wagen hielten vor dem Pavillon. Als die Geſellſchaft auf die Rampe hinaustrat, ging eben der Mond über den Wäldern auf, wäh⸗ rend im Weſten der letzte Schein des ſcheidenden Tages den Horizont umdämmerte. Die Luft war ſommerlich warm; kein Lüftchen regte ſich in den hohen Bäumen, deren Silhouetten ſich ſcharf von dem lichteren Himmel abhoben. Ich möchte mir faſt den Vorſchlag erlauben, daß Durch⸗ laucht die Wagen ein wenig vorausſendet und wir zu Fuß gehen; ſagte der Graf. Bravo! ſagte der Fürſt. Wir müſſen etwas für die Damen thun. Mondſcheinpromenade, das iſt das Wort! So etwas darf man nicht verabſäumen. Ich weiß nur nicht, ob unſere theure Gräfin— nun denn, lieber Zeiſel, wollen Sie den Leu⸗ ten Beſcheid ſagen: bis zur großen Eiche, das iſt der halbe Weg; und mir dann Ihren Arm geben, ich möchte Sie etwas fragen. Die Wagen waren vorausgefahren. Der Fürſt ſah im Dunkeln ſehr ſchlecht und fürchtete, wenn er die Führung einer Dame übernähme, ſeine Schwäche zu verrathen. Selbſt jetzt ging er vorſichtig langſam. So kam es, daß die Anderen, der Graf und Hedwig, die Gräfin und der Doctor, bald eine Strecke voraus waren, und da die Erſteren in eifrigem Geſpräch, wie es ſchien, weiter ſchritten, die Letzteren langſamer gingen, um den Fürſten herankommen zu laſſen, zwiſchen den Paaren ein Zwiſchenraum entſtand, der die Freiheit der Unterhaltung ſehr begünſtigte. Haben Sie meinen Auftrag ausgeführt, lieber Zeiſel, und herauszubringen geſucht, was ihn eigentlich von uns treibt? fragte der Fürſt. Ich kann mir nicht anders denken, Durchlaucht, als daß 1 71 der von dem Herrn Doctor angegebene Grund der wahre iſt, erwiederte der Cavalier. Jedenfalls iſt Fräulein Iffler, wie Durchlaucht anfänglich vermutheten, nicht im Spiel. Ich glaube das mit Beſtimmtheit zu wiſſen. Das iſt ja ſehr unangenehm, ſagte der Fürſt. Ich hoffte noch immer, von jener Seite her für ihn eine Feſſel zu finden. Daß ich ſelbſt ihn nicht zu halten vermag, Euch Alle nicht zu halten vermag, habe ich immer gewußt und niemals tiefer em⸗ pfunden, als jetzt, wo über Roda dieſes neue Geſtirn aufge⸗ gangen iſt. Durchlaucht meinen— Unſern Grafen, lieber Zeiſel; wen anders könnte ich meinen! Geſtehen Sie nur, Sie ſind faſcinirt, Ihr Alle ſeid es. Der Rattenfänger von Hameln iſt ein Lehrbube gegen dieſen Meiſter. Worin ſeine Meiſterſchaft beſteht, ich weiß es nicht; aber wiſſen möcht' ich's, ſehr gern. . Der Fürſt ſagte das Alles in ſeiner heiterſten, ſcherzhafteſten * Weiſe, aber ſelbſt der junge Cavalier, ſo wenig er auf der⸗ gleichen zu achten pflegte, glaubte herauszufühlen, daß dieſe Heiterkeit gemacht ſei, daß dieſer Scherz einen bitteren Ernſt nur mühſam verhülle. Auch verfiel der Fürſt alsbald in einen andern Ton und fuhr ohne allen Uebergang fort: Die Wolken ziehen ſich immer dichter am politiſchen Hori zont zuſammen. Ich habe heute eine Nachricht aus Paris, die mich ſehr ſtutzig gemacht hat; ich kann die Empfindung nicht los werden, daß es bald zum Ausbruch kommen wird. Ich meine, Durchlaucht ſehen die Dinge doch zu ſchwarz, 6 ſagte der Cavalier. 3 Meinen Sie? ſagte der Fürſt in ſonderbarer Erregung. Nun, die Sache hat auch ihre lichte Seite, ihre ſehr lichte Seite, und aus dem Traume könnte doch noch Wirklichkeit werden. Ich bin ein deutſcher Fürſt, ſo deutſch wie Einer, aber gerade deshalb will ich kein preußiſcher Vaſall ſein, wenn ich es hindern kann; und wir werden die Feſſeln, in die uns Preußen ſchmi det, nie aus eigener Macht brechen können. Ich ſage das Ihnen, lieber Zeiſel, weil ich weiß, daß Sie den Erbfeind nicht da 72 finden, wo ihn die bornirte Menge ſucht; weil ich weiß, daß Sie mir nicht nur perſönlich attachirt ſind, ſondern meine Sache auch die Ihre iſt. Auf alle Fälle darf Durchlaucht meiner unbedingteſten Dis⸗ cretion verſichert ſein, ſagte der Cavalier. Ich weiß es, lieber Zeiſel. Und dabei fällt mir ein, ich habe ja ganz vergeſſen, Ihnen mitzutheilen, daß wir in den nächſten Tagen noch einen Gaſt mehr haben werden: den Mar⸗ quis de Florville, den wir im Herbſt 1866 in Rom als At⸗ taché der franzöſiſchen Geſandtſchaft trafen, und den ich als einen liebenswürdigen, vielfach unterrichteten jungen Mann ken⸗ nen und ſchätzen lernte. Er hat vor Kurzem ſeinen Vater be⸗ erdigt und kommt jetzt nach Deutſchland, um unſere agrariſchen Verhältniſſe zu ſtudiren. Ich hatte ihm in Rom von unſerer Muſterwirthſchaft erzählt. Er bittet um die Erlaubniß, ſich dieſelbe anſehen zu dürfen. Der junge Mann ſchien mir neben⸗ bei ein wenig verwöhnt. Sie werden gut thun, lieber Zeiſel, Porſt zu ſagen, daß er ein Paar unſerer beſten S ein⸗ richtet. Ganz wie Durchlaucht befehlen. Man darf alſo von dem bevorſtehenden Beſuche ſprechen? Weshalb denn nicht, lieber Zeiſel? Mein junger franzöſi⸗ ſcher Freund iſt doch kein geheimer Agent? Aber ich glaube, wir haben die Geſellſchaft wieder eingeholt. Wer iſt es? Die Frau Gräfin und der Doctor, wie es ſcheint. Da wird man über häusliche Angelegenheiten verhandelt haben. Die Gräfin hatte kaum bemerkt, daß ſie mit Hermann ſo gut wie allein war, als ſie ſich ſeinen Arm ausbat, um ſich auf denſelben feſter zu ſtützen, als ihr Zuſtand vielleicht erfor⸗ derte. Sie ſagte dabei: Dem Arzte gegenüber kann man ja ſeine Schwächen ein⸗ geſtehen, ohne ſich etwas zu vergeben, nicht wahr, Herr Doctor? O gewiß, gewiß! ſagte Hermann, deſſen Gedanken durchaus bei dem Paar weilten, welches eben vor ihnen her in dem dämmernden Walde verſchwand. — Ich bin ſonſt ſehr tapfer, fuhr die Gräfin fort, aber das Gefühl der großen Verantwortlichkeit macht mich zaghaft und feig. Sie werden mich auslachen, lieber Döctor; lachen Sie immerhin. Aber wenn Sie wüßten, was eine Frau empfindet, der nun ſchon zwei Kinder wenige Tage nach der Geburt ent⸗ riſſen wurden und die jetzt ein drittes erwartet— und wenn uns abermals ein Mädchen beſcheert werden ſollte, oder mein armer Heinrich ſtürbe— Warum ſollte der Graf ſterben? ſagte Hermann zerſtreut. Es wäre entſetzlich, ſagte die Gräfin; denn ſehen Sie, lieber Doctor: iſt die männliche Nachkommenſchaft ganz erloſchen— und der Stifter hat auf dieſen Fall nichts Ausdrückliches ver⸗ ordnet— ſo wird das Fideicommiß freies Eigenthum des zeit⸗ weiligen Beſitzers, alſo des Fürſten, der es mit gewiſſen Ein⸗ ſchränkungen vermachen kann, wem er will; ſo lautet die Suc⸗ ceſſionsordnung im preußiſchen Landrecht. In welchem die gnädige Frau, wie es ſcheint, ſehr be⸗ wandert iſt. Nun, man hat wahrhaftig Urſache, ſich darum zu beküm⸗ mern, wenn davon unſere ganze Zukunft und die Zukunft un⸗ ſerer Kinder abhängt, ſagte Stephanie eifrig; und das iſt ja hier durchaus der Fall. Freies Eigenthum, lieber Herr Doctor! Ich kann Ihnen ſagen, es hat mir ſchon manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet. Erlöſchen der männlichen Nachkommenſchaft! und wir armen Frauen werden für Alles verantwortlich gemacht! Iſt das nicht ein grauſames Unrecht, lieber Herr Doctor? Bitte, bitte, Sie können es mir ſagen: iſt es wirklich kein Zufall, wenn jetzt ſo viele fürſtliche Häuſer ausſterben? Schließlich ſind wir Alle ſterblich, gnädige Gräfin. Freilich, aber das beiſeite; ich wollte Sie eigentlich etwas Anderes fragen. Unſere arme liebe Durchlaucht beunruhigt mich. Ich habe ihn, wie Sie wiſſen, ſeit vier Jahren nicht geſehen. Damals war er ſo rüſtig, ſo munter, ſo— ich würde ihn jeden Augenblick ſelbſt geheirathet haben— und jetzt finde ich ihn ſehr gealtert, ſo gar nicht, wie ich ihn zu finden er⸗ wartete. Sagen Sie mir um Gottes willen, lieber Doctor, was ———m———— 74 iſt zweiundſechzig, was will das ſagen! Ich kann mir nicht anders denken, als daß er ernſtlich leidet. Sie dürfen gegen mich ganz aufrichtig ſein. Durchlaucht erfreut ſich Alles in Allem einer vortrefflichen Geſundheit. Wirklich! Gott lohne Ihnen das Wort! Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Aber ſo hat er irgend einen andern Grund des Kummers? Ich ſagte ihm das heute Abend geradezu und er ſeufzte; Herr Doctor, er ſeufzte! Bitte, erklären Sie mir das. Sie dürfen meiner vollkommenen Discretion ver⸗ ſichert ſein. Die gnädige Gräfin fordern wahrlich mehr, als wozu ich beim beſten Willen von der Welt im Stande bin, erwiederte Hermann, dem dieſes Geſpräch von Minute zu Minute pein⸗ licher wurde. Ich ſollte indeſſen denken, daß ſo manche Sorge, welche einem ſo gütigen, weitblickenden Herrn nicht erſpart bleibt, die drohende politiſche Lage— Um Himmels willen, rief Stephanie, kommen Sie mir nicht damit, wie mein Mann, der anzunehmen ſcheint, daß ich mich für nichts Anderes intereſſire, und fortwährend behauptet, wir würden binnen kurzer Zeit einen Krieg mit Frankreich haben. Aber, Herr Doctor, Sie find doch nicht Soldat; Sie ſind ja wohl nicht einmal Preuße, ich meine geborener Preuße, denn ſchließlich gehört Ihr Hannoveraner jetzt doch zu uns. Aber, großer Gott, ich glaube, nun fange ich am Ende auch noch an, zu politiſiren! Um wieder auf unſer Thema zurückzukommen, Sie kennen mich nicht lange genug, lieber Doctor, und wiſſen nicht, daß man mir Alles ſagen darf. Und dann vergeſſen Sie nicht, Hedwig und ich ſind von unſerem dritten Jahre an zu⸗ ſammen geweſen, zuſammen groß geworden. Und ich verſtehe in Folge deſſen Hedwig beſſer als irgend ein Menſch, vermuth⸗ lich ſogar als ſie ſich ſelbſt. Da kann mir denn ſo Manches nicht entgehen, was für Andere allerdings unverſtändlich ſein muß. Ich habe es ihr damals genug geſagt: Du machſt Dich unglücklich, Hedwig, und den Fürſten nicht glücklich. Es war 3 iſt dasd? Der bloße Einfluß der Jahre? Unmöglich. Der Fürſt 3 — 75 vergebens; ſie wollte ihren Willen haben. Sie hat ihn gehabt. Es iſt nicht immer gut, lieber Herr Doctor, wenn die Men⸗ ſchen ihren Willen haben. Freilich, freilich, murmelte Hermann. Wir waren auch Alle ganz conſternirt und gewiſſermaßen indignirt, fuhr Stephanie fort. Ich ſehe noch immer die be⸗ ſtürzte Miene von Mama und der Graf war wirklich ganz außer ſich. Nun, unter uns, wir hatten das vielleicht nicht um Hedwig verdient. Aber wir ſind Alle ein wenig egviſtiſch. Meinen Sie nicht? Wie ſchade, ich hätte Sie noch ſo Vieles zu fragen, aber vielleicht haben Sie morgen die Güte— Wo ſind die Anderen? fragte der Fürſt, der jetzt mit Herrn von Zeiſel herankam. Wir haben ſie verloren, ſagte die Gräfin. Wir werden ſie bei den Wagen wiederfinden, ſagte Herr von Zeiſel. Unterdeſſen hatte der Graf kaum bemerkt, daß er, ſchnell vorwärts ſchreitend, einen hinreichenden Vorſprung gewonnen hatte, als er mit leiſer leidenſchaftlicher Stimme ſagte: Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mir meine Bitte ſo ſchnell gewährt haben. Ich vermuthe, Sie haben keinen Grund, mir zu danken, erwiederte Hedwig. Sie hatte ihren Arm aus dem ihres Begleiters gezogen, und in ihrer Stimme zitterte eine Aufregung, die der Graf keineswegs zu ſeinen Ungunſten auslegte. Ich würde die Gnade einer Unterredung nicht erbeten haben, ſagte er, wenn ich irgend hätte hoffen dürfen, daß Sie die ſtumme Sprache meiner Blicke verſtehen würden, verſtehen wollten. So aber— Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn Hedwig, ich glaube, ich kann Ihnen alles Uebrige erſparen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich meinestheils nicht verſtehe, daß es mir gänzlich unfaßbar iſt, woher Sie, Herr Graf, den Muth nehmen, mich auch nur mit einem Blicke daran erinnern zu wollen, daß Sie und ich uns jemals vor dieſer Zeit gekannt haben. Und da — 76 ich nun weiß, was Sie mir ſagen wollten und Sie die einzige Antwort kennen, die ich Ihnen zu geben habe, ſo iſt ja wohl dieſe Unterredung zu Ende. Hedwig dachte in ihrer zornigen Aufregung nicht daran, daß, ſollte dieſe ſeltſame Scene wirklich zu Ende ſein, ſie ſtehen bleiben und die Anderen herankommen laſſen mußte. Sie ging mit haſtigen Schritten vorwärts, der Graf blieb an ihrer Seite. Er hatte vorausgeſehen, daß Hedwig ihm ſo antworten würde, und in die Leidenſchaft, die mit jedem Augenblick ſich mächtiger in ſeinem Herzen regte, während er ſo allein mit dem ſchönen Weſen durch den nächtlichen Park dahinſchritt, fielen ihre Worte wie Oel in loderndes Feuer. Dennoch ſagte er im gemeſſenen Tone ſicherer Ueberlegenheit: Freilich, gnädige Frau, iſt dieſe Unterredung zu Ende, wenn Sie es befehlen; aber Sie würden Unrecht damit thun, ſich ſelbſt und mir. Sich ſelbſt, denn es kann Ihnen nicht gleich⸗ giltig ſein, wie wir für jetzt und für die Folgezeit mit einander ſtehen; und mir thun Sie Unrecht, weil es dem Verbrecher ver⸗ ſtattet ſein muß, ſeine Vertheidigung zu führen. Ich bin mir keines Verbrechens bewußt, wohl aber, daß ich von Ihnen falſch beurtheilt werde; und ein ſolches Bewußtſein, gnädige Frau, drückt einen Mann von Ehre wie ein Verbrechen. In der That, ſagte Hedwig. In der That, gnödige Frau, und deshalb müſſen Sie mir verſtatten, das zu ſagen, was ich Ihnen an jenem Abend in Wiesbaden ſagen wollte und— Großer Gott, ſagte Hedwig, iſt es möglich, daß Sie mich daran erinnern dürfen, iſt es möglich! Es iſt möglich, gnädige Frau, und es iſt einfach nothwen⸗ dig. Es iſt nothwendig, daß, wollen wir zu einer Verſtändi⸗ gung kommen, ich da wieder anknüpfe, wo der Faden abriß— ich frage nicht, ob durch meine Schuld oder weſſen. Ja, bei Gott, gnädige Frau, heute müſſen Sie mich anhören und, da⸗ mit es Ihnen nicht allzu ſchwer wird, denken Sie, wir ſprächen nicht von Ihnen und von mir; denken Sie, wir ſprächen von dritten Perſonen: von einem jungen vierundzwanzigjährigen * — — 77 Manne und einem Mädchen von ſechzehn Jahren. Der junge Mann iſt Officier, von einem ſo alten und echten Adel, mit einem ſo großen Namen, daß er in der Geſellſchaft wohl oder übel eine Rolle ſpielen muß. Er verkehrt in hohen und höch⸗ ſten Kreiſen, am liebſten aber in dem Hauſe ſeines Generals, der, als Obriſt, Gouverneur der Cadettenſchule war, in welcher er erzogen wurde, und dem er nach jeder Seite hin Außer⸗ ordentliches verdankt. Die Gemahlin des Generals hat die Güte einer Mutter für den jungen Mann, und, wenn ſie ihn merken läßt, daß ſie es nicht ungern ſehen würde, ihn Sohn nennen zu dürfen, ſo iſt das wiederum ein Beweis mehr ihrer uneigennützigen Liebe, denn der junge Officier iſt arm, blutarm, und der General nichts weniger als reich. Dennoch ſpricht man allerorten— in der Geſellſchaft, bei Hofe— von dieſer Ver⸗ bindung als von einer ſelbſtverſtändlichen Sache. Da kommt der Krieg, den der junge Officier als Adjutant des Generals mitmacht, und der General fällt an der Seite des jungen Officiers, dem er ſterbend ſeine Gattin, ſeine Tochter anwertraut. Der Officier wird verwundet. Er geht in Geſell⸗ ſchaft der Damen, die ſich ſeine Pflege nicht nehmen laſſen wollen, in ein Bad und trifft dort mit dem Senior ſeiner Fa⸗ milie, von dem er ſich durch tiefgehende Familien⸗Differenzen geſchieden weiß, den er ſelbſt niemals vorher geſehen hat, zu⸗ ſammen. Auch jener protegirt gegen alle und jede Erwartung in auffallender Weiſe die beſprochene Verbindung. Der Offi⸗ cier thut, was er— gleichviel ob gern oder ungern— wie die Dinge nun einmal lagen, unbedingt thun mußte— was jeder Andere an ſeiner Stelle gethan hätte: er ſpricht nur öffent⸗ lich aus, was ſeit zwei Jahren Jedermann weiß, und— Die rührende Geſchichte iſt zu Ende, ſagte Hedwig. Sie haben ſie vortrefflich erzählt, ſo gar nichts hinzugeſetzt, ſo gar nichts weggelaſſen, bis auf das junge Mädchen, Herr Graf, das von ſechzehn Jahren, wiſſen Sie, mit welchem Ihre Geſchichte anfing, und das hernach nicht wieder vorkommt. Aber das war wohl nur eine feine Allegorie, nicht wahr? Sie wollten damit andeuten, daß das junge Mädchen zu denen gehört, die 78 in der Geſellſchaft nicht zählen und die Aufgabe haben, auf den Wink eines Auges ſpurlos zu verſchwinden, ſobald ſie im Wege ſtehen; und ſie ſtehen leider immer im Wege. Oder dachten Sie, in dieſem Theil der Geſchichte wüßte ich denn doch am Ende beſſer Beſcheid als Sie; wüßte beſſer, wie es dem jungen Ding zu Muthe war, wenn der Herr Graf kam und ging, und ging und kam und der Tochter vom Hauſe den Hof machte und— nein, Herr Graf, laſſen wir die Masken fallen, ſpielen wir nicht weiter eine Comödie mit einander, die ſich für uns Beide und gewiß für mich nicht ſchickt. Haben wir den Muth, uns offen in's Geſicht zu ſehen und die Wahrheit zu ſagen. Nur unter dieſer Bedingung kann ich eine Unterredung, die ich nicht gewünſcht, die ich nicht herbeigeführt habe, vor mir ſelbſt rechtfertigen. So hören Sie denn die Wahrheit, ich ſchäme mich der⸗ ſelben nicht, ich ſchäme mich nicht, es auszuſprechen: daß ich Sie damals geliebt habe mit ganzer, voller Leidenſchaft, und daß ich mich von Ihnen wieder geliebt glaubte! Ich will nicht unterſuchen, ob ich ein Recht dazu hatte, ob Sie mir ein Recht zu dieſer Annahme gegeben haben. Ich ſage nur: es war ſo; ich muß es ſagen, weil ich mich ſonſt in Widerſprüche ver⸗ wickeln würde, und ich darf es ſagen, denn ich war jung, kindiſch jung und unerfahren und konnte nicht begreifen, daß ein edles Herz etwas Anderes wollen könne als ſeine Liebe, daß es auf Erden ein Hinderniß, eine Schwierigkeit gebe, welche die Liebe nicht zu überwinden im Stande wäre. Nun, Herr Graf, ich muß jetzt ſelbſt darüber lächeln. Damals lächelte ich nicht, da⸗ mals lachte ich: ein wildes, verzweifeltes Lachen, als ich endlich mich nicht länger gegen die furchtbare Wahrheit verſchließen konnte, daß der Mann, den ich liebte, von dem ich mich wieder geliebt glaubte, zum Verräther an meiner, an ſeiner Liebe wer⸗ den konnte; als ich es,— denn keinem Andern hätte ich's ge⸗ glaubt— aus dem Munde dieſes Mannes hörte, und er nicht einmal die edle Grauſamkeit hatte, mir zu ſagen, daß unſere Liebe ein Irrthum geweſen ſei; nein, im Gegentheil, bei Allem, was ihm heilig war, ſchwur, daß er mich noch immer liebe, immer lieben werde. Und Sie, Herr Graf, glaubten wirklich, dieſe unerhörte Scene ſollte anders endigen? Sie glaubten wirklich und glauben vielleicht heute noch, daß es das letzte all⸗ mächtige Aufflammen der Liebe war in der bitteren Trennungs⸗ ſtunde, was mich an jenem Abend verhinderte, Ihre Hand von mir zu ſchleudern, den Kuß, den Sie mir zu geben wagten, nicht zu verweigern? Muß ich es wirklich ſagen, auf die Ge⸗ fahr hin, heute ſo wenig verſtanden zu werden, wie damals? Nun wohl, auf dieſe Gefahr hin! Mir war ein Kuß der Liebe, der erſte Kuß, heiliger, als dem Gläubigen die Hoſtie ſein kann. So hätte ich den erſten Kuß gegeben, ſo hätte ich den erſten Kuß genommen; und weiter hatte ich nicht vergeſſen aus der Lehre von dem Abendmahl, daß, wer unwürdig zum Mahle des Herrn tritt, ſich ſelber ißt und trinkt das Gericht! Das Gericht, hören Sie, Herr Graf, das Gericht! das allſogleich über den Verräther hereinbrechen müſſe. Und als kein Blitz⸗ ſtrahl vom Himmel niederzuckte, als der Verräther nicht vor meinen Füßen zuſammenbrach, als der Mond ruhig weiter ſchien und die Bäume über uns, als wäre das Unerhörte nicht ge⸗ ſchehen, ihre Wiegenlieder weiter ſäuſelten— da riß für mich der Vorhang, der mir mein Heiligſtes verhüllt hatte, mitten durch; ich ſah die Puppencomödie, die dahinter abgeſpielt wurde, und ich lachte, lachte, daß die Anderen herbeikamen und ver⸗ wundert fragten, was es gäbe. Und, da wir von den Anderen ſprechen, bemerke ich, daß wir vom rechten Wege abgekommen ſind. Wunderlich! Ich kenne hier jeden Schritt, aber das Mondlicht läßt eben Alles anders erſcheinen. Ach, jetzt ſehe ich, wir haben uns zu weit rechts gehalten und werden zu hoch auf die Chauſſée hinauskommen. Nun, von dort können wir glücklicherweiſe nicht mehr irren. Hedwig ſagte das in einem leichten Ton, der ſeltſam genug von dem abſtach, in welchem ſie zuletzt geſprochen. Der Graf rang vergeblich nach Worten. Die Unterredung hatte eine andere, eine ganz andere Wendung genommen, als er derſelben hatte geben wollen. Nun war er zornig über ſich ſelbſt, und in dem⸗ ſelben Augenblick war ihm Hedwig nie ſo anbetungswürdig, ſo — —— 80 begehrenswerth erſchienen. Er mußte ſich Gewalt anthun, daß er das ſchöne Weſen an ſeiner Seite nicht in ſeine Arme ſchloß, an ſeine Bruſt preßte und ihr ſagte: Sprich, was du willſt, demüthige mich, wie du willſt, ich liebe dich dennoch, wie ich nie geliebt, nie geahnt habe, daß ich lieben könne. Und dort ein paar hundert Schritte die Chauſſée hinab, die in dem Voll⸗ mondlicht hell ſchimmernd zwiſchen den dunklen Tannen lag, ſtanden die Wagen; um die Wagen her ein paar Geſtalten; die Geſellſchaft war ohne Zweifel bereits angelangt. Die Unter⸗ redung war zu Ende. Sie durfte ſo nicht zu Ende ſein; er ſagte ſchnell: Sie lachten, gnädige Frau, und gingen hin und gaben ſich einem alten Mann, nicht für Gold und Macht und Rang— deſſen ſind Sie unfähig, ich weiß es wohl— aber, um ſich an dem Verräther zu rächen und ſich für Ihr ganzes Leben un⸗ glücklich zu machen. Das iſt zu viel! rief Hedwig! das iſt ſchmachvoll! das iſt eine Beleidigung! Nein, gnädige Frau, keine Beleidigung, nur einfache, trau⸗ rige Wahrheit, die mir in's Herz ſchneidet, ſo tief, daß ich ſprechen mußte. Oder glauben Sie, ich würde nicht geſchwiegen haben, hätte ich Sie ſo glücklich gefunden, wie ich Sie unglück⸗ lich gefunden, wie ich Sie unglücklich finde? Ja, gnädige Frau, das traurige Vorrecht, Sie beſſer zu kennen als andere Men⸗ ſchen, das werden Sie mir trotz alledem und alledem doch laſſen müſſen. Ich hoffe Ihnen zu beweiſen, daß, was Sie Ihr Herz zu nennen belieben, nichts iſt, wie pure Eitelkeit, und das, was Sie mein Unglück nennen, nichts weiter iſt, als das Unglück, das Ihnen begegnet iſt, mich nicht unglücklich gemacht zu haben! Möchten Sie mir das beweiſen, gnädige Frau! ſagte der Graf. Was ſoll Ihnen Hedwig beweiſen? fragte der Fürſt, deſſen ſcharfes Ohr die letzten Worte aufgefangen hatte. Daß die gnädige Frau hier bei Nacht ſich ebenſo gut zu⸗ recht findet wie am hellen Tage, erwiederte der Graf. Sie iſt 6 81 mir eben den Beweis ſchuldig geblieben; wir wären ſonſt wohl zu gleicher Zeit mit den Herrſchaften angelangt und brauchten jetzt nicht Durchlaucht wegen des Aufenthalts um Entſchuldigung zu bitten. Ich will nur wünſchen, daß die Nachtluft unſerer Gräfin nicht ſchadet, ſagte der Fürſt zu Stephanie gewendet, die bereits im Wagen ſaß. O, die ganze Nacht möchte ich draußen bleiben! rief Ste⸗ phanie, ſich möglichſt dicht in ihren weichen Mantel hüllend. Stephanie übernahm es, die ſchweigſame Geſellſchaft wäh⸗ rend der kurzen Rückfahrt zu unterhalten. Es war Alles ſo überaus reizend geweſen, ſo ganz nach ihrem Herzen: das herr⸗ liche Wetter, der wundervolle Park, das liebe Theehaus, die anmuthige Unterhaltung, und nun zuletzt die Romantik einer nächtlichen Promenade durch den mondſcheindämmerigen Wald, während welcher ſie Gelegenheit gehabt, in dem Doctor einen ebenſo geſcheidten wie unterrichteten Mann kennen zu lernen, zu deſſen Acquifition ſie Durchlaucht nur Glück wünſchen könne und der auch für ſie ein rechter Troſt ſei. Mama ſei ſchon beſorgt geweſen. Sie wolle nun gleich morgen an die Mama ſchreiben, daß ſie ſich in dieſem wie in jedem anderen Punkte vollkommen beruhigen dürfe. Sie habe ſich Schloß Roda immer als einen reizenden Aufenthalt vorgeſtellt, aber es ſei mehr als das, es ſei ein Paradies. Sie ſind ſehr gütig, liebe Gräfin, ſagte der Fürſt zerſtreut. Sonſt antwortete Niemand. Man legte den übrigen Theil des Weges ſchweigſam und, wie es ſchien, verſtimmt zurück. Auch in dem anderen Wagen hatten die beiden Inſaſſen ſtumm neben einander geſeſſen. Nur einmal hatte der Cavalier geſagt: Ich glaube, Doctor, unſere Frau Gräfin iſt eine kleine Schlange. Meinen Sie nicht auch? Es fehlt ihr nur die Klugheit. Bewahre! ſagte der Cavalier lachend; in unſerm Paradies brauchen die Schlangen nicht einmal klug zü ſein. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 6 82 Siebentes Capitel. In das Zimmer der Gräfin wehte durch die weit geöffnete Balconthüre die warme würzige Gartenluft. Die Terraſſen unter dem Balcon, die Parkwieſen im Thal, die Wälder drüben auf den ſanft emporſteigenden Bergen lagen in vollem Vor⸗ mittagsſonnenſchein. Es that der Gräfin leid, daß ſie den Aus⸗ flug nach der Muſterwirthſchaft Erichsthal, zu welchem der Fürſt eingeladen, ausgeſchlagen hatte, um endlich an die Mama ſchrei⸗ ben zu können. Sie trat auf den Balcon, ſchaute in die Landſchaft, ging in das Zimmer zurück, ließ ſich in einen der Fauteuils ſinken, betrachtete ihre roſigen Nägel und dachte an den jungen Doctor und daß er einer der ſchönſten Männer ſei, die ſie je geſehen, und daß er auch recht wohl heute Morgen nicht nach Hühner⸗ feld, oder wie das Neſt hieß, hätte hinaufzureiten brauchen; trat dann wieder auf den Balcon, weil ſie ſich erinnerte, ge⸗ hört zu haben, daß man das Dorf vom Schloſſe aus auf dem Berge könne liegen ſehen; wurde etwas ärgerlich, als in dem blendenden Sonnendunſt auf den oberen Bergreihen nichts Ein⸗ zelnes mehr zu erkennen war; endlich ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch, betrachtete noch ein paar Angenblicke ihre Nägel und ſchrieb dann in einer leichten zierlichen Handſchrift: „Du biſt böſe, liebſte Mama, daß Du außer den paar Zeilen nach unſerer Ankunft noch immer ohne die verſprochene ausführliche Nachricht biſt; aber die Möglichkeit, ausführlich zu ſchreiben, wenn uns die Geſellſchaft den ganzen Tag in An⸗ ſpruch nimmt! Habe ich mir doch ſelbſt dieſe Morgenſtunde ertrotzen müſſen; die ganze Welt iſt ausgeflogen. Der Fürſt wollte durchaus meine Begleitung, aber Deine Stephanie war ſtandhaft: ſie weiß, was eine gute Tochter einer ſo guten Mama ſchuldig iſt. Liebſte Mama, ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich ich mich hier fühle une dankbar ich bin, daß Du damals Dei⸗ nen Willen durchgeſetzt haſt. Der arme Dagobert! Geſtern 7 1 83 ſagte mir Heinrich, wie es ſchien, nicht ohne Abſicht, daß er ſeine Güter, wenn der König nicht noch einmal aushilft, un⸗ möglich länger halten könne und die ganze Herrſchaft zum Herbſt ſubhaſtirt werden ſoll. Das würde denn eine traurige Situa⸗ tion für mich geworden ſein. Ich bedauere ihn von ganzem Herzen, er war wirklich ein gar zu lieber Menſch, wenn auch wohl von jeher ein wenig leichtſinnig. Nun, wir können ihm nicht helfen, und, wie geſagt, es iſt ja nun auch Alles für uns ſo glücklich ausgeſchlagen, wie ich es damals allerdings nicht hoffen konnte. Aber mein kluges Mamachen hat wie immer recht gehabt. Darin hat ſie freilich nicht recht gehabt, daß ſie nicht gleich mitgekommen iſt und ihre arme Stephanie allein hat rei⸗ ſen laſſen. Ich verſichere Dich, liebſte Mama, es hätte dieſer Zurückhaltung nicht bedurft, obgleich ich zugebe, daß es mehr comme il faut iſt, wenn Du ein wenig ſpäter und ſcheinbar erſt zu dem großen Ereigniſſe eintriffſt, denn das hier abzuwar⸗ ten, bin ich feſt entſchloſſen. Der Fürſt, welcher die Liebe und Güte ſelbſt gegen mich iſt, hat es nun einmal angeboten, hat es, wie er an Dich ſchrieb, ſehr ſchön und wünſchenswerth ge⸗ funden, daß der Erbe von Roda⸗Rothebühl⸗Steinburg— Tyr⸗ klitz nicht zu vergeſſen!— auf dem Schloſſe ſeiner Ahnen das Licht der Welt erblicke. Nun wollen wir ihn auch beim Wort halten. Du wunderſt Dich vielleicht, liebſte Mama, daß ich mit ſolcher Sicherheit von einem Erben ſpreche, aber ich bin dies⸗ mal meiner Sache ſo gewiß, als wäre das Kind ſchon getauft und hätte die Namen: Erich Heinrich Leopold, die er ja als Geſammterbe der drei Linien haben muß, bereits erhalten. Wie ich zu dieſer Sicherheit komme, ich weiß es, wie ge⸗ ſagt, ſelber nicht; es iſt auch noch gar nicht lange her, ich glaube, eigentlich erſt ſeit heſteru Abend, wo ich auf einem Ausfluge nach der Faſanerie eine lange, ſehr verſtändige, ganz hausmütterliche Unterhaltung mit dem Doctor hier gehabt habe, die mich ganz merkwürdig erquickt und beruhigt hat. Es iſt aber auch ein zu lieber, prächtiger Menſch, ein wenig 84 ſcheu und melancholiſch, wie aber, glaube ich dieſe Herren mei⸗ ſtens ſind, wenn ſie nicht, wie unſer lieber Geheimrath, fort⸗ während in der großen Geſellſchaft ſich bewegen, die denn auch die rauheſten Edelſteine etwas abſchleift. Bei dem Fürſten ſteht er hoch angeſchrieben und der Fürſt hat ihn mir in jeder Beziehung auf das Wärmſte empfohlen. Der Mann iſt rein wie Gold, hat er geſtern zu mir geſagt, dern Hannoveraner iſt, der Sohn eines kleinen Beamten am und man darf ihm unbedingt vertrauen. Indeſſen nehme ich 7 an, daß dieſes große Attachement des Fürſten weſentlich durch den Umſtand bedingt wird, daß der Doctor kein Preuße, ſon⸗ Hofe des Königs Georg, der den Knaben, deſſen Eltern früh ſtarben, auf ſeine Koſten hat erziehen laſſen. Da kann man es dem armen Menſchen freilich nicht verdenken, daß er 1866 als Freiwilliger den unglücklichen Feldzug gegen uns mitgemacht j hat. In der Schlacht von Langenſalzu— das, wie Du wiſſen mußt, nur wenige Meilen von hier liegt— iſt er verwundet worden und im folgenden Frühjahr, ich weiß nicht durch welchen 4 Zufall, hierher gerathen und in den Dienſt des Fürſten getre⸗ ten, der ſich doch gewiſſermaßen mit dem unglücklichen König Georg in gleicher oder doch ähnlicher Lage befindet und ſeine ehemalige Souveränetät ebenfalls nicht verſchmerzen kann. Aber darüber ſprechen wir ausführlich, wenn Du hierherkommſt. Es iſt das ein gar delicater Punkt und ich wünſchte wohl, daß 1 Heinrich etwas mehr Verſtändniß dafür zeigte. Aber Du weißt ja, daß Rückſichten nehmen nicht gerade ſeine ſtarke Seite iſt, und ſo hat denn die Converſation ſchon ein paarmal eine recht häßliche Wendung genommen, woran freilich im Grunde faſt immer Hedwig Schuld war, die ſo antipreußiſch thut, als hätte ſie mindeſtens ſelber durch den Krieg eine Krone verloren. Es iſt das ein recht häßlicher Zug von Hedwig, dem es auch hauptſächlich zuzuſchreiben iſt, daß wir noch gar nicht auf einen leidlichen Fuß kommen können. Du darfſt verſichert ſein, liebſte Mama, daß ich unſerer Verabredung ganz getren geblieben bin und es ihr gegenüber an Artigkeit nie habe fehlen laſſen. Ich bin ihr mit dem — 85 ſchweſterlichen Du entgegengekommen, habe ſie noch jedesmal, wenn wir uns das erſtemal am Tage ſahen, und am Abend, wenn die Geſellſchaft auseinanderging, umarmt; aber das ſcheint nicht den geringſten Eindruck auf ſie zu machen und ich glaube manchmal wirklich, das arme Kind hat vor Hochmuth den Ver⸗ ſtand verloren. Ich bedauere nur die liebe alte Durchlaucht, die doch wahr⸗ haftig nicht eine ſolche Mesalliance eingegangen iſt, um hinter⸗ her mit ſchnödem Undank belohnt zu werden und den ganzen Tag kein freundliches Wort von ſeiner Frau— wenn man dergleichen Frau nennen darf— zu hören und keinen freund⸗ lichen Blick zu erhalten. Ich habe genau darauf geachtet und kann es beſchwören, und trotzdem nimmt der liebe alte Herr die undenklichſten Rückſichten auf ſie, daß er wahrhaftig nicht mehr thun könnte, wenn ſie eine Prinzeſſin von Geblüt wäre und ihm ein Herzogthum zugebracht hätte. Nun, liebſte Mama, uns kann das ja eigentlich nur recht ſein, denn allzu ſcharf macht ſchartig; und ſo ſagte ich auch geſtern Abend, als wir nach Hauſe kamen, zu Heinrich, aber er wurde gleich ſo heftig und eigentlich recht unartig. Als ob ich etwas dazu könnte! Heinrich ſollte doch wirklich dankbarer ſein, wenn ich ihm ſein Faible für Hedwig niemals vorgerückt habe. Und er hat ſo gar keine Urſache dazu, wieder in ſeine alte Schwachheit zurückzufallen, denn Hedwig behandelt ihn nichts weniger als liebenswürdig, was ihr freilich um ſo leichter wird, da ſie es gegen Niemanden iſt. Mit dem Doctor, zum Beiſpiel, ſpricht ſie gar nicht. Der Himmel mag wiſſen, was der ihr gethan hat! Vielleicht neidet ſie ihm die Gunſt, in welcher er bei dem Fürſten ſteht; vielleicht verzeiht ſie ihm ſeine unglückliche Liebe zu einer kleinen Rothebühlerin nicht, der Tochter von des Fürſten Kanzleirath, einem unglaublich inſipiden Ge⸗ ſchöpf, das, wie ich höre, halb und halb mit einem Herrn von Zeiſel verlobt iſt, dem Cavalier des Fürſten, für den ſie auch wohl beſſer paßt, als für meinen Doctor. Du ſiehſt, liebſte Mama, ich habe mich ſchon ganz einge⸗ wöhnt und weiß von Allem ordentlichen Beſcheid. Das iſt ja auch nothwendig, wenn ich hier über lang oder kurz die Herrin ſein ſoll. Und nun, nachdem ich mich mit meiner liebſten Mama wieder einmal ſo recht ausgeplaudert, will ich nur Sophie klingeln, Toilette machen und eine Stunde ſpazieren fahren. Ich erwarte eigentlich den Doctor, aber er bleibt mir zu lange und vielleicht begegne ich ihm unterwegs, da ich weiß, wo er hingeritten iſt. P. S. Eben, als ich Sophie weggeſchickt hatte, um den Wagen zu beſtellen, kam der Doctor doch noch und ich habe wieder eine lange, höchſt intereſſante Unterredung mit ihm ge⸗ habt. Denke Dir nur meinen Schrecken: er will fort! Er hat ſchon an dem Tage vor unſerer Ankunft den Fürſten um ſeine Entlaſſung gebeten, die ihm Durchlaucht, Gott ſei Dank, ver⸗ weigert hat. Nun iſt er freilich geblieben, aber er hielt es für ſeine Pflicht, wie er ſagte, mir mitzutheilen, daß er nichtsdeſto⸗ weniger ſein Bleiben nur noch nach Tagen berechne. Ich habe ihm ſofort erklärt, daß er an ein Fortgehen nicht denken dürfe, daß wir ganz und gar auf ihn gerechnet haben, daß er unmöglich eine Dame in meiner Lage hilflos laſſen könne. Natürlich blieb dieſe kleine Attaque, die ich mit Willen etwas lebhaft machte, nicht ohne den gewünſchten Erfolg. Solche Leute widerſtehen uns ja nie, wenn wir es darauf anlegen. Er hat mir in die Hand verſprochen, nicht zu gehen, ohne vorher für ausreichenden Erſatz geſorgt zu haben— den alten, ſtumpfen Landdoctor von Rothebühl nehme ich natürlich nicht als Erſatz — und dabei habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Mann die ariſtokratiſchſte Hand hat, die man ſich denken kann. Er iſt ein Phänomen. Eben kommt die Cavalcade zurück. Ich höre ſie über die Brücke galoppiren. Ach, daß ich auf dergleichen nun ſo ganz verzichten muß! Es iſt zu hart! Und Hedwig macht ſich das natürlich zu nutze. Sie reitet nicht ſchlecht, obgleich ich glaube, nicht ſo gut wie ich, aber ſie kokettirt natürlich mit ihrer Kunſt⸗ fertigkeit und thut, als ob ſie nicht leben könne, wenn ſie nicht alle Tage ein paar Stunden im Sattel geſeſſen hat. Ich fürchte, es wird doch bei aller meiner Gutmüthigkeit auf die Dauer 87 recht ſchwer werden, Prinzeſſin Hochmuth gegenüber die Rolle, die wir uns vorgeſchrieben haben, durchzuführen. Adieu, liebſte Mama, ich höre Heinrich in ſeinem Zimmer und muß eilig ſchließen. Er bekümmert ſich freilich, Gott ſei Dank, nicht um meine Correſpondenz, aber es iſt immer unbe⸗ quem, wenn man weiß, daß der Mann jeden Augenblick herein⸗ kommen und Einem im Vorbeigehen auf das Papier ſehen kann; und Heinrich hat ſo ſcharfe Augen. Adien!“ Der Graf trat herein, ging quer durch den Raum auf den Balcon und blickte, ſich auf das Geländer ſtützend, zu den Bergen hinüber, in den Garten hinab. Dann kam er wieder in das Zimmer. Ah, ſagte er, ich hatte Dich nicht geſehen. Ich dächte, wir hätten uns ſeit geſtern Abend nicht geſehen, lieber Freund, ſagte Stephanie, die Briefmappe ſchließend. Freilich, ſagte der Graf, Du warſt ja ſo müde und ich auch. Und konnteſt doch ſo heftig gegen Deine kleine Frau ſein, ſagte Stephanie aufſtehend und ſich an die hohe Geſtalt des Gatten ſchmiegend. Ich heftig? erwiederte der Graf, das blonde Haar der jungen Frau ſtreichelnd. Wo denkſt Du hin! Lebhaft vielleicht, aber gewiß nicht heftig. Weiß ich doch gar nicht mehr, um was es ſich handelte. Jetzt erinnere ich mich. Du machteſt eine Bemerkung über das Verhältniß zwiſchen dem alten Herrn und Hedwig, die mir nicht gefiel. Und ich meine wirklich, wir ſoll⸗ ten die Delicateſſe haben, uns jedes Commentars darüber zu enthalten. Ich dächte, Du hätteſt ſeinerzeit genug darüber commentirt, ſagte Stephanie, die ſich in einen Fauteuil geſetzt hatte. Seinerzeit, ſagte der Graf, es hat eben Alles ſeine Zeit. Jetzt ſind wir hier zu Gaſte, und es iſt nur billig, wenn man gegen ſeine Wirthe freundlich und nachſichtig iſt. Nun, ich dächte, ich hätte es an Freundlichkeit und Nach⸗ ſicht aller Art nicht fehlen laſſen, ſagte Stephanie. Aller Art, mit Ausnahme vielleicht der rechten, ſagte der Graf, im Zimmer hin⸗ und hergehend. Laß mich offen ſein, 88 Stephanie; Deine Art Freundlichkeit gefällt mir nicht. Und was Du Nachſicht nennſt, hat etwas zu viel von der Abſicht, die man bekanntlich nicht merken darf, ſoll ſie nicht verſtimmen. Man merkt aber bei Dir die Abſicht. Du unterſchätzeſt den Fürſten. Er iſt bei allen ſeinen Schrullen ein echter Gentleman von feinſtem Tact. Man darf ihm nicht allzu deutlich den Hof machen. Meine Frau darf es wenigſtens nicht aus zwei Gründen: einmal, weil ſie meine Frau iſt, Du weißt, was ich damit ſagen will; ſodann weil ihn ſeine Frau— denn das iſt die Hedwig doch nun einmal— an dieſe Sorte Freundlichkeit — verzeihe mir das Wort— nicht gewöhnt hat, und es nun immer den Anſchein gewinnt, als wollteſt Du Hedwig eine un⸗ ſchickliche Concurrenz machen. Du biſt ſehr zärtlich für Hedwig beſorgt, ſagte Stephanie. Umgekehrt, ſagte der Grafe ich bin für Dich beſorgt, wenn ich Dein Betragen gern ſo ſchicklich wie möglich ſehen möchte. Du biſt mir auch gegen Hedwig zu freundlich; auch ſie wirſt Du damit nicht gewinnen, wirſt ſie nicht vergeſſen machen, wie Du früher oft und nur zu oft die Herrin herausgekehrt, ſie ihre abhängige Lage mitleidslos haſt fühlen laſſen. Frage Dich doch ſelbſt, ob Du von Hedwig bis jetzt etwas Anderes als höflich kühle Zurückweiſung erfahren haſt! Du wirſt mir zugeben, daß dieſes Schauſpiel für mich gerade nicht erbaulich iſt. Bin ich nicht, ſagte Stephanie, auch gegen die Anderen zu freundlich: gegen Herrn von Zeiſel, gegen den Doctor, gegen— Wenn ich ganz offen ſein ſoll, ja, erwiederte der Graf leb⸗ haft, beſonders gegen den Letzteren, bei dem Du abermals das Unglück haſt, an den Unrechten gerathen zu ſein. Der Mann haßt uns preußiſche Ariſtokraten mit dem doppelten Haß des Hannoveraners und Demokraten. Ich beehre ihn freilich nicht wieder mit meinem Haß— dazu finde ich keine Veranlaſſung— aber ich mag ihn auch nicht, und ich wünſchte wohl, daß wir, da wir uns ſeine Geſellſchaft nun einmal gefallen laſſen müſſen, ihm wenigſtens ſonſt für weiter nichts verbunden wären. Und das bringt mich auf den Punkt, über den ich eigentlich mit Dir ſprechen wollte. Du ſchriebſt ja wohl an Deine Mama; möchteſt . — 89 Du nicht hinzufügen, daß ich auf unſeren urſprünglichen Plan zurückgekommen bin und ſie bitte, den Geheimrath auf jeden Fall mitzubringen? Aber mein Gott, ſagte Stephanie ernſtlich erſchrocken, das geht ja nicht mehr, das würde den Fürſten empfindlich be⸗ leidigen und den Doctor dazu. Ich habe ihn ja gewiſſermaßen ganz ausdrücklich engagirt— noch heute Morgen— vor einer Stunde. Ich ſehe nicht ein, erwiederte der Graf, weshalb Du hier nicht ebenſogut, wie in Berlin gelegentlich— und noch dazu bei einer ſolchen Gelegenheit!— zwei oder drei Aerzte haben ſollteſt. Und nun, liebes Kind, muß ich Dich verlaſſen. Ich will noch vor dem Diner mit Zeiſel nach einem benachbarten Gute reiten, wo ein paar Pferde, die er als vorzüglich rühmt, zu kaufen ſind. Es iſt mir nicht angenehm, immer des Fürſten Pferde reiten zu müſſen, und die meinen mag ich mir nicht nachkommen laſſen. Wer weiß, wie ſchnell ich nach Berlin zurück muß. Adieu, liebes Kind, und nicht wahr, Du thuſt mir den Gefallen? Der Graf berührte die Stirne ſeiner Frau flüchtig mit den Lippen und verließ das Gemach. Stephanie war regungslos in ihrem Fauteuil fitzen geblieben, wie es ihre Gewohnheit war, wenn ſie mit ihrem Gatten eine lebhaftere Scene gehabt hatte. Sie hegte gar keinen Zweifel mehr über zwei Dinge: einmal darüber, daß der Graf auf dem beſten Wege ſei, ſich wieder in Hedwig zu verlieben, wenn er es nicht bereits gethan, und zweitens, daß er ſie im Verdacht habe, ſich für den Doctor zu intereſſiren. Sie wußte nicht, ob ſie ſich über das Erſtere mehr ärgern, oder über das Letztere mehr freuen ſolle. Daß der Graf ſchönen Frauen leidenſchaftlich den Hof zu machen pflegte, war ihr nicht gerade etwas Neues, aber ſie hatte ihn, trotzdem ſie ihm ein- und das anderemal dazu Gelegenheit gegeben, jetzt zum erſtenmal eiferfüchtig geſehen. Das war pikant, das ſchmeichelte ihrer Eitelkeit. Dem Willen des Grafen mußte ſie natürlich Folge leiſten; man konnte ihm nicht ungeſtraft widerſprechen oder 90 gar zuwiderhandeln. Aber die kleine Genugthuung, den ſchö⸗ nen Doctor vollends zu umſtricken, wollte ſie ſich wenigſtens ge⸗ währen. Dieſer Gedanke hatte etwas ſo Tröſtliches für Stephanie, daß ſie in einer zweiten Nachſchrift der Mutter den Wunſch ihres Gemahls ohne beſondere Bitterkeit melden und bei der Tafel mit jener Freundlichkeit erſcheinen konnte, die der Graf für ſo unangebracht und ſie ſelbſt für ſo bezaubernd hielt. Achtes Capitel. Und Stephanie konnte wenigſtens für ſich geltend machen, daß— um von den Andern zu ſchweigen— der Fürſt, auf den es doch hauptſächlich ankomme, für ihre Aufmerkſamkeiten keineswegs unempfindlich war, im Gegentheil, dieſelben in jeder Weiſe erwiederte. Er richtete bei den Mahlzeiten vorzugsweiſe gern das Wort an ſie und hatte ſtets ein gefälliges Ohr für ihr Geplauder. Er lächelte über ihre Scherze, allerdings in ſeiner ſtillen und manchmal leicht ironiſchen Weiſe, aber er lächelte doch; und wenn es irgend möglich war, ihre Behauptungen in Schutz zu nehmen, ſo that er es gewiß. Er war ihr ſehr dankbar, daß ſie des Abends einigemal auf dem Flügel in dem Salon ge⸗ wiſſe moderne Piecen vortrug, und ließ ſich angelegen ſein, ſie ſelbſt in der herrlichen Bildergallerie umherzuführen und ſie über die Styl⸗Unterſchiede der verſchiedenen Schulen und Meiſter zu belehren. Ja, er trieb die Gefälligkeit ſo weit, ihr einzelne Mappen aus ſeiner reichen Kupferſtichſammlung auf ihr Zimmer zu ſenden, und als Lady, ihr engliſches Wachtelhündchen, ein ſehr koſtbares Blatt arg benagt hatte, die Sache ſcherzhaft zu nehmen und das Thier wegen ſeines guten Geſchmacks zu be⸗ loben. Beſonders aber war es Stephanie's Zuſtand, der ihr übri⸗ 91 gens nicht im Mindeſten beſchwerlich fiel, auf welchen er die zarteſten Rückſichten nahm. Stephanie durfte keine Stufe hinauf⸗ und hinabſchreiten, ohne daß er ihr den Arm bot oder einen der Herren veranlaßte, es ſtatt ſeiner zu thun; und ſo hatte Stephanie kaum geäußert, daß es ſich in einigen zur ebenen Erde nach dem Terraſſengarten gelegenen Zimmern gar bequem wohnen müſſe, als er ſofort Befehl gab, dieſelben für die Gräfin einzurichten und um Entſchuldigung bat, daß er nicht von ſelbſt auf einen ſo ſelbſtverſtändlichen Gedanken gekommen ſei. Stephanie ließ ſich nach einigem Sträuben dieſe Verände⸗ rung gefallen, ſobald ſie ſah, daß der Graf nichts dagegen hatte; aber ſie war nicht wenig erſchrocken, als er ſchließlich um die Erlaubniß bat, für ſein Theil in den alten Zimmern, die ihm ganz beſonders zuſagten, bleiben zu dürfen. Es fiel ihr ein, daß der Graf wahrſcheinlich nur deshalb an dieſen Zimmern hange, weil dieſelben ſo nahe an den von Hedwig bewohnten lagen und von jenen nur durch den ſoge⸗ nannten Rothen Thurm getrennt waren, aus welchem eine Wendel⸗ treppe, die den beiden hier zuſammenſtoßenden Flügeln gemein⸗ ſchaftlich war, in den abgelegenſten, ſtillſten Theil des Schloß⸗ gartens hinabführte. Nun hätte ſie am liebſten die Sache rückgängig gemacht, aber die Einrichtung war getroffen und ſie mußte ſich begnügen, ihrem Aerger dadurch Luft zu machen, daß ſie dem Fürſten, als die Geſellſchaft nach dem Diner im Garten promenirte, in mildeſter Weiſe das Leid einer Frau klagte, die ihren Gatten über Alles liebe, die nur für ihren Gatten lebe und dann doch gelegentlich ſehe, wie leicht dieſer geliebte Gatte der Gattin entbehren könne. Es iſt nicht anders, ſagte ſie, zu ſolchem Verhältniß ge⸗ hören, wie die Franzoſen ſagen, Zwei: Einer, der liebt, und Einer, der ſich lieben läßt. Des Fürſten Stirn umwölkte ſich. Freilich, ſagte er, aber was müſſen wir nicht erſt entbehren lernen, und was iſt am Ende unentbehrlich! Sie, zum Beiſpiel, Durchlaucht, ſagte Stephanie. Ich? rief der Fürſt. Guter Gott, wem denn? „ 92 Aller Welt. Aller Welt? Das iſt ein weiter Begriff. Ich möchte gern aller Welt entbehrlich ſein, wenn ich es nur dem Einen oder dem Andern nicht wäre. Ich will von mir, ich will von uns nicht ſprechen, ſagte Stephanie, aber Hedwig— Für Hedwig iſt auf alle Fälle geſorgt, ſagte der Fürſt. Wer denkt daran? rief Stephanie. Und dann, für wen würde Durchlaucht nicht ſorgen? Und nun gar für Hedwig, die— aber es iſt wirklich abſcheulich, auch nur davon zu ſprechen! Sprechen Sie immerhin, ſagte der Fürſt. Ich denke öfter an den Tod, als Sie zu glauben ſcheinen, und der Tod hat für mich nichts Schreckliches. Aber was wollten ſie von Hed⸗ wig ſagen? Ich wollte ſagen, erwiederte Stephanie, daß Hedwig ja in einem Falle, den ich nicht ausdenken kann und mag, doch immer noch uns hätte, die wir ſie ſo lieben. Sollte dieſe Liebe wohl auf Gegenſeitigkeit bernhen? fragte der Fürſt mit einem ironiſchen Lächeln. Es iſt wahr, erwiederte Stephanie, Hedwig iſt ſo zurück⸗ haltend, ſo verſchloſſen; man kann ſo ſelten ſagen, woran man mit ihr iſt und, wenn ich aufrichtig ſein ſoll, eigentlich hat von uns Niemand ſich rühmen können, ihr wirklich nahegeſtanden zu haben, außer allerdings Heinrich. In der That, ſagte der Fürſt, die Augen ſtarr auf den Grafen und Hedwig richtend, die ſchon ſeit einer Viertelſtunde auf einer der tiefer gelegenen Terraſſen neben einander ſtanden und in den Wildpark hinabblickten. Der Graf ſchien etwas zu demonſtriren; er bewegte lebhaft den Arm; dann verſchwanden ſie in einem Heckengange, durch den man auf die letzte Stufe der Terraſſe gelangte. In der That, wiederholte der Fürſt. Freilich, ſagte Stephanie, und ich begreife das auch voll⸗ kommen. Sie haben ſo manches Aehnliche in ihren Charakte⸗ ren. Der ſelige Papa ſagte immer, Hedwig müſſe ein Mann ₰ 93 geworden ſein, die würde einen guten Soldaten abgegeben haben. Nun ja, Muth hat ſie— das iſt nicht zu leugnen, und da das die Eigenſchaft iſt, die Heinrich am allerhöchſten ſchätzt, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie ſich vielleicht gegenſeitig ein wenig anzogen. Der ſelige Papa hat mich oft damit geneckt und die gute liebe Mama machte ſogar manchmal ein bedenkliches Ge⸗ ſicht. Ich habe ſie natürlich immer ausgelacht. Mein Gott, Ihr Männer könnt nun einmal nicht anders, als ſchönen Frauen den Hof machen. Sollen wir uns darüber die Augen aus⸗ weinen? Wie thöricht wäre das! Nein, lieber machen wir ein Auge und wenn es ſein muß, beide zu. Wir wiſſen ja doch, der liebe Ungetreue wird ſchon zur rechten Zeit zurück⸗ kommen. Und nun gar ſeitdem Hedwig erlangt hat, was ihr Herz nur immer wünſchen kann und mein Heinrich hoffentlich ſich auch nicht zu beklagen braucht— aber was haben Durch⸗ laucht? Rief man da nicht? ſagte der Fürſt, der plötzlich Ste⸗ phanie's Arm losgelaſſen hatte, an das Steingeländer der Ter⸗ raſſe getreten war und in den Wildpark hinabblickte. Ich hörte nichts, ſagte Stephanie. In dieſem Augenblicke vernahm man deutlich den Schrei einer Frauenſtimme. Um Gott, was iſt das? rief der Fürſt, mit einer Schnellig⸗ keit, die man ſeinen Jahren nicht zugetraut hätte, die ſteilen Stufen der Treppe hinabſpringend, während auch ſchon ein paar Bediente aus dem oberen Theil des Gartens herbeige⸗ laufen kamen. Stephanie war zweifelhaft, ob ſie ebenfalls nacheilen oder auf eine Bank in der Nähe ſinken und dort das Reſultat des ſonderbaren Vorfalls abwarten ſollte. Sie entſchied ſich nach kurzem Beſinnen für das Letztere, indem ſie mehr verwundert als erſchrocken bei ſich ſelber ſagte: Heinrich wird doch nicht ſo unvorſichtig geweſen ſein! Hedwig hatte dem Grafen nicht ausweichen wollen, als er nach der Tafel mit ſeiner gewöhnlichen Ungezwungenheit an ſie WUee herangetreten war und über die Lage des Schloſſes vom mili⸗ täriſchen Standpunkt aus ein Geſpräch begonnen hatte. Man brauchte gar nicht erſt in den Chroniken nachzuleſen, ſagte er, um zu wiſſen, daß das Schloß zu einer Zeit erbaut iſt, wo man keine Geſchütze irgend welcher Art hatte, und alſo ein Felſen, der von den nächſtliegenden Höhen durch ein, ein paar hundert Fuß breites Flußthal ringsum getrennt iſt, aus⸗ reichende Sicherheit bot. Mir kommt ſo eine Burg auf ihrem ſteilen Felſen immer vor wie ein geharniſchter Ritter auf ſeinem ebenfalls geharniſch⸗ ten Roß, erwiederte Hedwig. Ein vortrefflicher Vergleich, ſagte der Graf lebhaft. Gerade das iſt es; man konnte dem Kerl von keiner Seite beikommen und das gab ihm in der Schlacht das Uebergewicht und ließ es ihn mit einem ganzen Haufen ſchlecht gerüſteter und bewaff⸗ neter Fußgänger aufnehmen. Wenn man ſich die Situation einer ſolchen Burg vergegenwärtigt, ſo hat man das ganze Mittelalter mit ſeinem Fauſtrecht der Ritter, der Winkelpolitik der kleinen Dynaſten, der Bannmeile der Städte und den übri⸗ gen charakteriſtiſchen Zügen, die ja jener Zeit, weil ſie ihr natür⸗ lich ſind, wohl ſtehen, aber über die man doch lachen muß, wenn man ſie heutzutage wiederfindet. Das Mittelalter ſoll ſonſt bei dem Adel beſſer accreditirt ſein, erwiederte Hedwig. Doch nur bei dem Theil des Adels, erwiederte der Graf mit Lebhaftigkeit, der nichts gelernt und nichts vergeſſen hat, bei dem Adel, der uns ſeine Einſichtsloſigkeit als Erbweisheit und ſeinen Starrſinn als Charakterſtärke verkaufen möchte und dadurch nichts weiter erlangt, als daß er ſich in den Augen aller intelligenten Menſchen proſtituirt und ſchließlich gegen ſein eigenes Fleiſch und Blut wüthet. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen. Auch auf Koſten des Charakters? Der Charakter leidet nicht darunter, daß man beiſammen läßt und zuſammen bringt, was zuſammen gehört. Zum Beiſpiel? fragte Hedwig. —.—— — — — 95 Nun eben, gleich Mittel und Zweck. Das heißt? Das heißt für uns, daß wir, wenn wir uns erhalten wollen — und wer möchte das nicht?— uns aſſociiren müſſen, ebenſo wie alle Welt ſich heutzutage aſſociirt, und daß wir uns eine Firma wählen, unter der wir gemeinſchaftlich für unſere Inter⸗ eſſen wirken und ſtreben können, weil die Intereſſen dieſer Firma weſentlich auch die unſeren ſind: ich meine ein ſtarkes König⸗ thum von Gottes Gnaden. Ein ſehr— kaufmänniſcher Gedanke für einen weiland reichsunmittelbaren Grafen! Wir Steinburger waren nie reichsunmittelbar, erwiederte der Graf, und wären wir es geweſen, ich würde es nicht kauf⸗ männiſch, ich würde es nur politiſch nennen, wenn wir einen Schein geopfert hätten, dem auch nicht die Spur von Weſen mehr anhaftete. Wie es denen erging und ergehen mußte, die kein Verſtändniß für die Lehren der Geſchichte haben, nun, ich dächte, das Jahr 1866 hat es hinreichend deutlich gezeigt. Ich habe kein Mitkeid mit Menſchen, die mit offenen Augen nicht ſehen wollen. Auch nicht mit einem alten Manne, deſſen Gaſt wir ſind, und zen wir, und wäre es auch nur aus dieſem Grunde, zu ſchonch haben? fragte Hedwig. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, erwiederte der Graf, und es thut mir aufrichtig leid, wenn ich in den politiſchen Disputen die wir nur allzu oft geführt haben, ſo freimüthig geweſen bin. Aber ſagen Sie ſelbſt, gnädige Frau, ob ich gleichgiltig bleiben kann, wenn ich den Fürſten Doctrinen aufſtellen höre— die Sie theilen, wollen Sie ſagen?— mag ſein; ich will einmal annehmen, daß Sie nicht ein grauſames Vergnügen empfinden, mich durch Widerſpruch zu reizen; daß es Ihnen mit Ihrer Freiheitsſchwärmerei das einemal und mit Ihrem Welfenthum das anderemal— obgleich ich Beides nicht recht zuſammen⸗ reimen kann— Ernſt iſt. Ich räume den Frauen gerne das Recht ein, Gefühlspolitik zu treiben. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ein Mann wie der Doctor nach Herzensluſt — Republikaner iſt. Leute ſeines Schlages ſtammen aus einer Claſſe, die jahrhundertelang im tiefſten politiſchen Schlaf gelegen hat. Ich ſage nicht, daß es die Schuld dieſer Claſſe iſt, aber es iſt doch nun einmal ſo. Kann man billigerweiſe verlangen, daß jene Leute in dem Moment, wo ſie, aus ihrem Schlaf er⸗ wachend, ſich die Augen reiben, die Welt ſehen ſollten wie ſie iſt? Daß ſie nicht ihre Träume— denn geträumt haben ſie die Hülle und die Fülle— mit der Wirklichkeit verwechſeln? Aber das iſt denn doch mit dem Fürſten etwas ganz Anderes. Wer wie er aus einem Geſchlecht ſtammt, das mitgeſprochen und mitgehandelt hat, ſo lange es eine deutſche Geſchichte giebt, der muß auf der Höhe des Moments ſtehen, muß wiſſen, wie die Dinge liegen. Wo wäre der Fürſt jetzt, wenn er 1866 die ohnmächtige Macht gehabt hätte, wie jene anderen Verblende⸗ ten, in das rollende Rad der Weltgeſchichte zu greifen? Es hätte ihn zu den Todten geſchleudert wie jene. Und der Fürſt iſt der Senior meines Hauſes! Es wäre unbillig, von mir zu verlangen, daß ich ruhig zuſehen ſoll, wenn ein Name wie der unſere in dem goldenen Buch unſeres Adels gelöſcht wird und, was ſchlimmer iſt, ſich ſelbſt auslöſcht. Der Graf hatte mit Lebhaftigkeit und Wärme geſprochen. Hedwig glaubte zum erſtenmal zu ſehen, daß in dem Manne, deſſen andere glänzende Eigenſchaften einſt ihr junges Herz be⸗ zaubert hatten, auch eine tiefe Ueberzeugung von der Berechti⸗ gung ſeiner Weltanſchauung lebe. Dieſe Weltanſchauung war das genaue Gegentheil deſſen, was ſie für das Rechte hielt, worüber ſie ſich mit Hermann in langen, ernſten, begeiſterten Geſprächen wieder und wieder verſtändigt hatte. Sie fragte„ ſich, was Hermann wohl erwiedern würde, wenn er an ihrer Stelle wäre; ſie ſagte ſich: ſiehe, hier iſt unſer Feind, unſerer ſchlimmſten Feinde einer! Und zugleich konnte ſie dieſen Feind, mit wie kühler Geringſchätzung er auch von ſeinen Gegnern geſprochen hatte, nicht wieder geringſchätzen, ihm die Achtung nicht verſagen, die ihr jede männliche Haltung abnöthigte. Sie antworten nicht? fing der Graf wieder an. Ueberzeugt habe ich Sie nicht, ich weiß es wohl; ſo halten Sie mich einer„ ner gen ber en, er⸗ ſie n? es. en bt, vie die de⸗ tte iſt zu er id, en. ne, e⸗ ti⸗ ar lt, en te 58 ganzen Regiment den Weg verlegen. er 97 Erwiederung nicht werth. Aber Sie gebe ich noch nicht auf. Frauen wie Sie tragen in ſich ein tiefes Gefühl der wahren Ordnung, ein dunkles und doch untrügliches Bewußtſein von dem, was iſt; ſind mit ihrem Herzen, was auch ihre Zunge ſpricht, da wo ſie die Kraft und die Macht ſehen. Und glau⸗ ben Sie, gnädige Frau, die Kraft iſt bei uns und unſer iſt die Macht.— Aber wo ſind wir denn eigentlich hingerathen? Sie wareu den zuletzt ziemlich ſteilen Pfad vollends hinan⸗ geſtiegen und befanden ſich jetzt auf einem Wege, welcher unter⸗ halb der Gartenterraſſen hinlief, von deren letzten ſteilen Fels⸗ wänden er auf der einen Seite eingeengt wurde, während auf der andern die gerade hier ſehr tiefe Roda ihre dunkelklaren Waſſer in langſam ſich drehenden Wirbeln vorüber wälzte. Drüben ſtiegen die mit Buſchwerk überſtreuten Wieſenhügel des Wildparks empor, welcher hier keiner Einzäunung zu bedürfen ſchien. Nur die ſchmale Brücke, die in einiger Entfernung nach einem Wildhäuschen führte, war mit einem Gitterthor verſchloſſen. Der Weg, welchen man an dieſer Stelle aus dem Felſen hatte herausſprengen müſſen, war ſo ſchmal und der Rand nach dem Fluſſe ſo ſteil, daß man nur eben neben einander gehen konnte. Ich glaube, der Weg iſt zu Ende, ſagte der Graf, nachdem ſie eine zeitlang ſchweigend neben einander hingeſchritten waren. Es ſcheint nur ſo, erwiederte Hedwig. Eine ſcharfe Bie⸗ gung um jenen Felſen dort, den wir den Schwanenfelſen nen⸗ nen. Etwas weiterhin iſt eine Grotte eingeſprengt, neben der ein Pfad wieder in die Gärten heraufführt Sie ging ſchnellen Schrittes voran, der Graf folgte. Ein muthiger und ſtarker Mann, ſagte er, könnte hier einem id, Er hatte die Worte kaum geſprochen, als um die Kante rn des Felſens herum ein rieſiger Hirſch trat, der die Beiden kaum ng erblickt hatte, als er das ungeheure Geweih ſenkte und wieder auf⸗ und wieder niederbewegte, wobei die ungeheuren Enden önen geen den eFelſen ſchlugen. er Das wird ernſthaft, ſagte der Graf“ Fr. Spielhagen's Werke. I. — 98 Es iſt der alte Hans, ſagte Hedwig weiterſchreitend; er thut mir nichts, wir ſind gute Freunde. In dieſem Augenblicke ſtieß das wüthende Thier ein dumpfes Gebrüll aus und kam, das Geweih noch tiefer ſenkend, in einem ſeltſam tänzelnden Schritt auf die Beiden los. Im Nu hatte der Graf Hedwig hinter ſich geriſſen und ſtand or dem Thier, es mit lauter Stimme anſchreiend, ob er es die! icht doch noch 6 wegſcheuchen könne; aber der Hirſch ſchien d durch nur zu grö⸗ ßerem Zorn gereizt. Seine Mähnen ſträubten ſich, die blut⸗ unterlaufenen Augen glühten und, ein paar Schritte zurück⸗ weichend, ſetzte er zum Sprunge ein. Um Gotteswillen, Hedwig, fliehen Sie! rief der Graf, in⸗ dem er ſich dem Thier entgegenwarf, bevor es noch ſelbſt zum Angriff übergehen konnte. 3 Seine Bewegung war ſo ſchnell geweſen und er hatte das Geweih ſo glücklich gefaßt, daß es einen Augenblick ausſah, als würde er ſeine Abſicht, das Thier von dem ſchmalen Pfad hinab in den Fluß zu ſtürzen, ausführen können. Aber es war nur 3 ein Moment, dann ſiegte die Rieſenkraft des Thieres über die * gewaltige Stärke des Mannes. Es drängte ihn, ob er auch mit äußerſter Anſtrengung rang, als wäre er ein leichter Knabe geweſen, gegen den Felſen, an deſſen Wänden es ihn annageln zu wollen ſchien. Hedwig konnte den furchtharen Anblick nicht länger ertragen. Laut ſchrie ſie auf; da krachte der kurze ſcharfe Knall einer Büchſe in ihren Schrei hinein Der Hirſch macht einen ungeheuren Satz vorwärts, ſchleuderte den Grafen bi 4 unmittelbar vor ihre Füße und brach dann ſelbſt zuſammen, im Todeskampf verendend. Drüben aber, jenſeits des Flußes⸗ auf der Parkwieſe, aus deren Büſchen er eben herausgetreten“ 3 war, ſtand der alte Prachatitz, die noch rauchende Büchſe jäger⸗ mäßig langſam aus dem Anſchlage nehmend. 3 Iſt er todt? rief er hinüber. Hedwig antwortete nicht. Sie war neben dem Grafen nieder⸗ gekniet, der, mit fahler Bläſſe bedeckt, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben, auf dem Rücken vor ihr lag. Er iſt für mich geſtorben, murmelte ſie. hut ofes em atte ier, och rö⸗ lut⸗ ück⸗ in⸗ um als tab mur die uch be eln cht rfe bi. en, 5 en r⸗ 99 Sie hob ſeinen Kopf, dem die Militärmütze entfallen war, empor und ſuchte ihn aufzurichten; und wie nun ſein todten⸗ bleiches Haupt an ihrer Bruſt ruhte, durchzuckte ſie der ſeltſame Gedanke, was ſie wohl jetzt empfinden würde, wenn ſie ſeine Gattin geworden wäre. Es war, als ob ihr der tiefe Schrecken jede andere Erinnerung ausgelöſcht, als ob Alles um ſie her verſunken und ſie mit dem Todten allein wäre in der Welt. Aber dieſer traumwache Zuſtand währte nur einen Moment. Durch das bleiche Geſicht flog ein Zucken, die Lider hoben ſich lahgſam von den Augen, die in ſeltſamer Starrheit zu ihr aufblickten. Was eben in Hedwigs Seele vorgegangen war, wiederholte ſich in der Seele des Grafen. Auf dem dunklen Hintergrunde der Todesohnmacht zeichnete ſich von dem Leben, zu dem er eben erwachte, nichts ab, als das eine Bild der ſchönen Frau, die ihn in ihren Armen hielt. Er ſah nur ſie, und ſah ſie ſo, als ob in dem reizenden Oval dieſes himmliſchen Geſichtes die ganze Welt umſchloſſen ſei. Dann trat die Wirklichkeit in ihre Rechte. Er ſah ein braunes bärtiges Geſicht, er hörte Hedwig ſagen: Was ſollen wir thun? Die Erinnerung deſſen, was geſchehen, kam zurück und mit der Erinnerung die Kraft. Er verſuchte ſich emporzurichten; es gelang ihm mit Hülfe des braunen Mannes, in welchem er jetzt den Förſter Prachatitz erkannte. Und da kamen auch um die Felſenecke ein paar Be⸗ diente, die über den todten Hirſch, der am Wege lag, klettern mußten, um bis zur Gruppe zu gelangen; und jetzt erſchien auch der Fürſt, von der ungewohnten Anſtrengung des raſchen Laufes die Treppen hinab und vor innerer Aufregung noch bleicher als gewöhnlich, mit düſterem Auge die wunderbare Scene, die er ſich kaum erklären konnte, überblickend, mit unſicherer Stimme fragend, was es denn gegeben habe. Der Graf hatte ſich ſoweit erholt, daß er ſelbſt eine Auf⸗ klärung verſuchen konnte. Die Sache hätte ſchlimmer ablaufen können und wäre ohne Zweifel ſchlimm abgelaufen ohne das 100 rechtzeitige Erſcheinen des Prachatitz, der einen Schuß gethan, welcher ſich mit dem Tellſchuß meſſen dürfe. Der Graf wollte bei dieſen Worten dem Förſter die Hand reichen und bemerkte erſt jetzt, daß er den rechten Arm nur mit Mühe bewegen konnte— wie es ſchien, in Folge einer ſtar⸗ ken Quetſchung, die er beim Kampfe oder im Fallen erlitten. Die beiden Diener hatten unterdeſſen den Hirſch auf die Seite ſchieben wollen und dabei war das gewaltige Thier dumpfen Falles von dem ſteilen Rande in das Waſſer geſtürzt. Ein Dritter, der noch dazu kam, und den Anderen helfen wollte, wäre in ſeinem Uebereifer beinahe hinterdrein gefallen; Alle wurden über und über mit Waſſer beſpritzt. Das hatte zu Lachen gegeben. Dennoch wollte die dumpfe Spannung, die über der ganzen Scene gelegen hatte, nicht weichen. Der Fürſt war ganz verſtört. Hedwig blieb ſtumm; der alte Prachatitz hatte ſich ſtill über die kleine Brücke entfernt; die Diener gingen flüſternd hinterher. Der Graf, der jede Hilfe abgelehnt hatte, war entſchieden der am meiſten Gefaßte. Er ſprach, obgleich ihm offenbar das Sprechen noch ſchwer wurde, mit Ruhe, ja mit Heiterkeit über den Vorfall. Er erinnerte ſich eines ähnlichen Ereigniſſes aus dem Leben des ihm befreundeten Prinzen, der von einem Keiler angenom⸗ men wurde und eben auch nur mit dem Leben davongekommen war. Freilich ſei das auf der Jagd geweſen, wo man auf dergleichen gefaßt ſein müſſe, während der alte Burſche, der ſeinen Vorwitz und einen Moment übler Laune ſo theuer be⸗ zahlt, unritterlich genug geweſen ſei, ſich einen waffenloſen Gegner auszuſuchen. Der Graf deutete mit keiner Sylbe an, daß es Hedwig geweſen war, welcher der erſte Angriff gegolten hatte; daß er ſelbſt leicht durch einen Sprung in das Waſſer oder ein paar Schritte rückwärts die Treppe hinauf ſich hätte retten können. Hedwig fühlte, daß es ihre Pflicht ſei, hier einzufallen und den Vorfall in das rechte Licht zu ſetzen; aber ſie vermochte den Ausdruck nicht zu finden, ſchwieg und wurde durch das Bewußt⸗ ſein ihrer Ungeſchicklichkeit nur noch ſtiller, verlegener. So gelangte man bis in den Garten hinauf, wo unterdeſſen Stephanie durch das Rennen und Rufen der Bedienten und nun gar durch den Schuß ſo in Schrecken geſetzt worden war, daß ſie Hermann, der jetzt auch herbeilief und eilends an ihr vorüber wollte, um ſeine Hilfe anſprechen mußte. Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob man meiner dort unten nicht noch dringender bedarf, erwiederte Hermann; und war im Vegriff, Stephanie, die ihm in halb wirklicher, halb geſpielter Ohnmacht faſt in den Armen lag, wieder auf die Bank, von der ſie ſich eben erſt erhoben, gleiten zu laſſen, als man bereits von unten heraufkam und der Graf ſchon von Weitem rief: Ich bitte um Entſchuldigung, liebe Stephanie. Um Gotteswillen, rief Stephanie, ſich ſchnell emporrichtend und dem Grafen entgegeneilend, was iſt geſchehen? Was haſt Du gethan? Gethan nicht eben viel, erwiederte der Graf, mir nur den Arm von einem tollen Hirſch ſo zurichten laſſen, daß ich Deine Begrüßung nicht einmal erwiedern kann, wie es ſich gebührt, und unſeren Herrn Doctor hier bitten muß, ſich meiner auf hoffentlich nicht allzu lange freundlich anzunehmen. Man hatte ſich für den übrigen Theil des Tages getrennt, da der Graf auf Hermanns Verordnung das Zimmer hüten mußte und den Wunſch ausgeſprochen hatte, mit ſeinem Kammer⸗ diener Philipp allein zu bleiben; der Fürſt ebenfalls erklärte, der Ruhe zu bedürfen und die Damen keine Veranlaſſung hat⸗ ten, ihre Empfindungen über das, was geſchehen war, auszu⸗ tauſchen. Wiſſen Sie, Doctor, ſagte Herr von Zeiſel, der erſt ſpät von Buchholz, dem benachbarten Gute des alten Herrn von Fiſchbach, wo er für den Grafen den Kauf der Pferde abge⸗ ſchloſſen, zurückgekommen war und jetzt erſt die Ereigniſſe des Nachmittags erfahren hatte, wiſſen Sie, Doctor, das iſt eine dumme Geſchichte. Wir waren ſchon ſo ſchön im Zuge; und wenn nun erſt der Marquis hier war, den Durchlaucht als einen Lebemann erſten Ranges ſchildert, ſo ſollte es erſt recht losgehen. Ich hatte Malortie's Hofmarſchall wieder durchſtu⸗ 102 dirt und war auf alle Eventualitäten eingerichtet: Tafel, Con⸗ cert, Ball in jederlei Geſtalt, Theater, was Sie wollen. Ich hatte eine Welt von Plänen im Kopf, und nun dieſer Unfall, der mir die ganze Geſellſchaft auseinanderſprengt und uns Alle wieder zu Einſiedlern zu machen droht! Es iſt zum Verzwei⸗ feln! Der Fürſt, von dem ich eben komme, auf das tiefſte ver⸗ ſtimmt— der Graf mit kalten Umſchlägen auf ſeinem tapfern Arm, die Gräfin vermuthlich mit dito auf ihren roth geweinten Augen, und unſere gnädige Frau— nun, bei der weiß ich freilich nie, was ich denken, wie ich ſie mir denken ſoll. Und Sie ſelbſt, Doctor, Sie finde ich nun gar abſcheulich. Ich werde zu IFfflers gehen, kommen Sie mit? Ich kann nicht. Nun wohl, ſo bleiben Sie hier und verwenden Sie die Zeit dazu, ein Recept gegen die Melancholie zu erfinden und nehmen Sie ſelbſt eine tüchtige Doſis. Der Cavalier ging lachend aus dem Zimmer. Hermann lachte ebenfalls und dann ſchlug er ſich vor die Stirn und ſagte: Es iſt ein Wahnſinn, daß ich bleibe. Hedwig aber ſaß auf ihrem Zimmer und ſchrieb: „Ich kann die Nacht nicht über dieſen Tag hereinbrechen laſſen, ohne Ihnen zu ſagen, was mir das Herz abdrückt. Sie haben mir heute das Leben gerettet. Was Sie gethan haben, hätte ein Anderer auch gethan, und überdies mache ich mir aus dem Geretteten nicht viel. Aber immerhin iſt es ein eigen Gefühl, Jemandem ſein Leben zu verdanken, beſonders wenn man von Na⸗ tur ſo wenig dankbar iſt, wie ich. Wollen Sie mir dies drückende Gefühl abnehmen? Ich weiß nicht, ob Sie gegen mich eine Schuld zu haben glauben; ich vermuthe es. Ich kann mir wenigſtens nur ſo die ſonderbare Unterredung, zu der Sie mich neulich gezwungen haben, erklären. Nun wohl: rechnen wir gegen einander ab! Sie ſollen mir, ich will Ihnen nichts mehr ſchuldig ſein. Wir ſind quitt. Vielleicht iſt es gut ſo und hat ſo ſein müſſen, damit wir uns begegnen und mit einander ver⸗ kehren können, nicht wie zwei alte Freunde, nicht wie zwei alte 103 Feinde, ſondern wie zwei ehrliche Menſchen, die ihre Forde⸗ rungen verglichen und ausgeglichen haben und nun Jeder mit ruhigem Herzen ihres Weges gehen können.“ Hedwig hatte das Billet geſiegelt und wollte der Kammer⸗ jungfer klingeln, als ihr der Gedanke kam, es möchte den Leu⸗ ten auffallen, daß ſie an den Grafen ſchrieb, und noch dazu ſo ſpät. Wäre es nicht beſſer, das Billet in ein Buch zu legen, das ſie dem Grafen zur Lectüre für die Nacht ſendete? Aber ihr Stolz ſträubte ſich gegen eine ſo kleinliche Handlungsweiſe und ſie klingelte. Iſt Auguſt im Vorſaal? fragte ſie die eintretende Meta. Auguſt hat um die Erlaubniß gebeten, nach Rothebühl hinabgehen zu dürfen, erwiederte das Mädchen. Und Du haſt ihm ſtatt meiner dieſe Erlaubniß gegeben? Ich glaubte, die gnädige Frau würde nichts dagegen haben und— Iſt ſonſt Jemand da? Nein, erwiederte Meta ſtockend. Glaubſt Du, den Kammerdiener des Grafen finden zu können? Er war noch eben im Corridor, erwiederte Meta ſchnell. So gieb ihm dies Billet für ſeinen Herrn. Es bedarf keiner Antwort. Meta nahm das Billet und entfernte ſich eilends, um wei⸗ terer Fragen überhoben zu ſein. Sie hatte den Auguſt weg⸗ geſchickt, um mit Dietrich, ihrem Verlobten, eine Stunde be⸗ quemer verplaudern zu können. Nun, fragte Dietrich, was gab es denn? Einen Brief? Der iſt gewiß für den Doctor. Was Du nur immer mit dem Doctor willſt, ſagte Meta. An wen denn? fragte Dietrich, indem er dem Mädchen mit einer geſchickten Wendung den Brief entriß. Du unartiger Menſch!* Still, man hört uns ja!— An den Grafen? Man könnte das Ding leicht aufmachen. Und er drehte das Billet in den Händen herum. 3 3 104 Wo Du Dich unterſtehſt, Dietrich. Unterſtehen? ſagte Dietrich. Dummes Zeug, man kann ſich Alles unterſtehen, wenn es Niemand zu erfahren bekommt. Aber das geht mich eigentlich nichts an. Was ſollſt Du denn damit? Ich ſolls des Grafen Philipp geben. Das will ich denn doch lieber ſelber thun, ſagte Dietrich. Aber Du thuſt es doch auch? Na, gewiß! Gute Nacht, dummes Mädel. Dietrich lief den Corridor hinauf. Meta wollte ihm nach, aber die Klingel aus Hedwigs Zimmer ertönte; ſie mußte zurück. Soll ich oder ſoll ich nicht? ſagte Dietrich, der unter einer der Lampen, die im Corridor brannten, ſtehen geblieben war, das Billet in der rechten Hand haltend und mit der Linken die Knöpfe an ſeiner Reitjacke abzählend. Ich ſoll! Na meinet⸗ wegen! Wenn ich partout nicht herausbringen kann, was ſie mit dem Doctor vorhat, ſo weiß ich doch jetzt, daß ſie in nacht⸗ ſchlafender Zeit an den Herrn Grafen ſchreibt. Das iſt ſchon immer etwas für den Alten. Reuntes Capitel. Der Marquis de Florville hatte ſeinen Beſuch jetzt beſtimmt angekündigt, auch Herr von Fiſchbach, der Edelmann, von wel⸗ chem der Graf die Pferde gekauft, ſich vorſtellen zu müſſen ge⸗ glaubt; ebenſo hatte Baron Neuhof, ein Gutsnachbar und früherer Camerad des Grafen, welchen dieſer gleich in der er⸗ ſten Woche aufgeſucht, mit ſeiner jungen Gattin die Gegenviſite gemacht; die Ankunft der Frau Gräfin Mutter Excellenz war — aus naheliegenden Gründen— eine Frage der allernächſten Zeit— und ſo ſtanden in der That belebtere, glänzendere Tage bevor, als Schloß Roda vielleicht ſeit zwei Menſchenaltern eſehen. hatte Herr von Zeiſel länger als ihm lieb war Muße, Molortie's Hofmarſchall wieder und wieder zu ſtudiren. — 105 Die Verletzung des Grafen hatte ſich zwar nur als eine Quet⸗ ſchung des Oberarmes herausgeſtellt, doch hatte er einige Tage ſtark gefiebert und mußte noch immer das Zimmer hüten; aber 3 auch die Anderen kamen nicht viel aus den Zimmern. Ein 3 kaltes Regenwetter war, im Anfang Juli, den ſchönen Junitagen gefolgt. In den Schluchten brauten unaufhörlich ſchwarzgraue Nebel, um dann als weißliche Wolken in phantaſtiſchen Formen an den Bergen hin⸗ und herzuziehen und dieſelben manchmal bis an den Fuß in dichte Schleier zu hüllen. Unaufhörlich tropfte es von den Nadeln der Tannen, die ihre gewaltigen Häupter hie und da drohend aus dem Dunſt hervorſtreckten; unaufhör⸗ e lich zauſte der Wind an den Büſchen und Beeten in dem r Schloßgarten und unaufhörlich ſauſten und rauſchten Wind und Regen um das Fürſtenſchloß, das bei ſolchem Wetter ſo alt ausſah, wie die Porphyrfelſen, von denen es aus dem Roda⸗ thale aufragte. t Dennoch würde der muthige Cavalier den Kampf mit den — böſen Regengeiſtern, welche ihm die Geſellſchaft in das Haus bannten, nicht geſcheut haben, wenn die Geſellſchaft nicht ſelbſt, wie er ſagte, die Waffen geſtreckt hätte. Aber was half es ihm, daß er das lange nicht benützte Billardzimmer wieder hatte in Stand ſetzen laſſen? daß er in den beiden Kaminen des ſchönen Bibliothekſaales fortwährend behagliche Feuer unterhielt und die ſchönſten Blattgewächſe und die herrlichſten Blumen aus den Treibhäuſern in den Winter⸗ . die verdeckte Reitbahn jeden Morgen wie eine Scheunendiele glattfegen ließ und die etwas kahlen Wände mit Tannenreiſern gar zierlich ausſchmückte? Es kam Niemand in das Billard⸗ zimmer, es wärmte ſich Niemand die Kniee an dem Feuer in der Bibliothek; ſeine Roſen und Azaleen blieben ohne Bewun⸗ derer und in der Reitbahn machten nur die Stallknechte den Pferden die nöthige Bewegung. Es iſt zum Verzweifeln! ſagte Herr von Zeiſel. Aerger könnten ſie's doch auch nicht treiben, wenn der Graf ſich beide „ Anme und Beine zugleich gebrochen hätte und wir jeden Augen⸗ garten bringen ließ, welcher an den Speiſeſaal ſtieß? daß er 106 blick erwarten müßten, daß er zu jeinen Vätern verſammelt würde! Da ſitzt Durchlaucht in ſeinem Zimmer über den alten Charteken, die ihm Gleich armweiſe aus dem Archiv herbei⸗ ſchleppen muß und die er wahrhaftig unſerem Bücherwurm, dem Kanzleirath, überlaſſen könnte. Von dem Grafen will ich nichts ſagen: er iſt der einzige Geſcheidte in der ganzen Geſell⸗ ſchaft; er würde viel lieber ſeine ſchönen Pferde ſelbſt reiten, als daß er ſie jetzt vor mir reiten läßt. Aber die Frau Gräfin! — Nun, ich will annehmen, ſie macht die Melancholie mit, weil ſie hier einmal Mode iſt, wie ſie jede andere Mode mit⸗ machen würde; und ſchwer genug mag's ihr werden mit den Augen! Sapriſti! Doctor, ſind Sie ein beneidenswerther Menſch! Sehen Sie, für ſolche Augen könnte ich mein Leben laſſen, wenn ich's nicht ſchon nach einer andern Seite verſagt hätte; obgleich dieſe Seite— unter uns, Doctor!— in letzter Zeit ganz ſonderbare Saiten aufzieht. Ich ſage Ihnen, Doctor, gehörte ich nicht zu den Rittern, die eine Leidenſchaft dafür haben, ge⸗ treu der Dame, der ſie zugeſchworen, für Alles, was ſie will, zu ſterben— ich müßte die Undankbare verlaſſen, die mich ver⸗ laſſen hat. Für wen? Ich würde natürlich in erſter Linie Sie in Verdacht haben, wenn man einen Weiberfeind wie Sie in Verdacht haben könnte. Sagen Sie, Doctor, haben Sie wirklich kein Herz in der Bruſt? Sind Sie in Drachenblut gebadet? Oder was iſt es, was Sie für Reize und Lockungen unempfindlich macht, denen wir frauenhaft Geſinnte widerſtands⸗ los unterliegen? Frauenhaft geſinnt! ein Goethe'ſches Wort, deſſen Tiefe nur der zu ermeſſen weiß, der iſt, was das Wort beſagt! Oskar von Zeiſel ſchämt ſich nicht, er iſt ſtolz darauf, es zu ſein. Aber Sie! Ich war noch nicht vierundzwanzig Stunden hier, da ſchwärmte ich für die gnädige Frau, daß ich fragte, ob die FPflicht mir nicht gebiete, mich in einen wilden Falken zu verwandeln, die Schöne mit ſtarkem Schnabel an den Flechten zu packen und mit ihr über die Haide weit zu fliegen, wie es die Pagen in den Volksliedern thun, wenn ſie in hoff⸗ nungsloſer Leidenſchaft für die Frauen und Töchter ihrer Lehens⸗ herren entbrennen! Sie aber blieben ſtarr und kalt. Dann 3 107 fand ich unten im Thal die holde Wieſenblume, welche die Menſchen Eliſe Iffler nennen— ich reimte nur noch Wieſe und Eliſe— und abermals blieben Sie kalt. Nun iſt ein neuer Stern an unſerem Himmel aufgegangen; ich ſchau' empor zu ſeinem milden Glanze aus meiner hoffnungsloſen Erdenferne im düſtern Schweigen ſchlummerloſer Nacht, und Sie, Glück⸗ licher, der Sie in Ihrer internationalen Heiligkeit ungeſtraft der Göttlichen nahen dürfen— zum drittenmal bleiben Sie kalt! Das deutet darauf, wir müſſen uns in mein Zimmer zurückziehen, um mit einer Partie Piquet am flackernden Kamin⸗ feuer in Geſellſchaft von ein paar guten Cigarren und einer Flaſche Burgunder dieſes Juliwinters trübe Schauer ritterlich zu bekämpfen. So ſprach der heitere junge Mann, der von dem erſten Tage ſeines Aufenthalts auf Schloß Roda eine herzliche Nei⸗ gung zu dem um mehrere Jahre älteren Doctor gefaßt hatte und den der Trübſiun, in welchen der Freund neuerdings immer tiefer zu verſinken ſchien, mit wahrhafter Bekümmerniß erfüllte. Er, der ſonſt die Dinge des Lebens ernſt genug nahm, grübelte ernſtlich darüber nach, was wohl die Urſache dieſer großen Ver⸗ ſtimmung ſein möchte. Aber vergebens, daß er hin⸗ und her⸗ rieth, vergebens, daß er mit Ernſt und Scherz in den düſteren Gefährten drang, ſich auszuſprechen und, wenn irgend möglich eine Laſt zu theilen, die ihm allein zu tragen offenbar zu ſchwer wurde. Hermann zeigte ſich nicht unempfindlich gegen die un⸗ eigennützige Theilnahme des guten jungen Mannes. Er dankte ihm mit Worten, die aus dem Herzen kamen, er drückte ihm warm die Hand, aber das war Alles. Und wenn dann Jener, der ſein Herz immer auf der Zunge trug, auf ſolche Verſtocktheit, wie er es nannte, bitter ſchalt, und, ſo weit es ihm überhaupt möglich war, böſe wurde, ſagte Hermann: Sie dürfen mir nicht zürnen, lieber Freund, ich gehöre nun einmal nicht zu den Menſchen, denen ein Gott gegeben hat, zu ſagen, was ſie leiden, beſonders wenn ſie ſich das Leid in ihres Sinnes Thorheit ſelbſt bereiteten. Und ich werde Sie 85— 108 nicht lange mehr quälen; in wenigen Wochen bin ich fort, und das erinnert mich, daß ich die Zeit ſo nützlich wie möglich aus⸗ fülle. Hier braucht man mich auf ein paar Stunden nicht und oben in den Dörfern auf dem Walde ſteht es wieder einmal gar nicht gut; ich will noch hinauf. Sollte ich zum Thee nicht zurück ſein, entſchuldigen Sie mich wohl. Hermann drückte dem Freunde nochmals die Hand, entfernte ſich ſchnell, beſtieg im Schloßhof ſein Pferd, das ſchon geſattelt ſtund, und ſprengte hinaus in die Berge, um allein zu ſein mit ſich und ſeinen Gedanken. Sie ſtimmten zu der Natur, wie ſie ſich ſeinen trüben Blicken in dieſen trüben Tagen bot, und er war ihr dankbar, wie einer Mutter, die den bekümmerten Sohn nicht fragt, die nur ſein Haupt an ihren Buſen nimmt, daß er ſich da ruhig ausweine. Sie fragten ihn nicht, dieſe ſchroffen Felſenhöhen in ihren wallenden Trauerſchleiern; ſie fragten ihn nicht, die dunklen Tannen, die ihre ernſten Häupter kummervoll hinüber und her⸗ über bogen; ſie fragten ihn nicht, die Waſſer, die an den Weg⸗ ſeiten in ihren ſteinernen Rinnſalen ſchluchzten; der Wind fragte ihn nicht, der ſeufzend durch das Waldthal ſtrich und ſeine brennende Stirn kühlte; der Regen nicht, der lang und lang⸗ ſam niederſäuſelte und ſeine heißen Lippen netzte; ſie fragten ihn nicht um ſein Geheimniß, denn ſie kannten es längſt, und ſo durfte er ihnen auch das noch geſtehen, was er am liebſten vor ſich verſchwiegen hätte, wenn es ſich hätte verſchweigen laſſen: daß zu dem Schlimmen noch das Schlimmſte gekommen, daß er verloren, was ihm in ſeinem trüben Leben der einzige wahr⸗ hafte Halt geweſen, daß er die Achtung vor ſich ſelbſt verloren. Ja, murmelte er, die Achtung vor mir ſelbſt, die das wi⸗ drigſte Geſchick, das ihn heimſucht, das furchtbarſte Unglück, das ihn trifft, dem Manne nicht rauben kann, ſo lange er noch im Stande iſt, zu handeln nach ſeiner Ueberzeugung, und die ihm unwiderbringlich entſchwindet, ſobald er fühlt, daß die Kraft von ihm weicht, daß er nicht mehr kann, was er ſoll; und deshalb leidet, nicht, was er leiden muß, was unſer Aller — 109. Erbtheil— nein, nur das Erbtheil des Schwächlings, der das verderbliche Gift ſo gierig trinkt, weil es ſo ſüß iſt. So ſprach der unglückliche Mann bei ſich und hielt an jener einſamen Buche auf der Haide, unter der er ſie zum erſtenmal geſehen. Er hörte den Wind durch die Blätter rau⸗ ſchen und ließ den Regen auf ſich niedertropfen und dachte, was furchtbarer war als Alles; dachte, was er kaum zu denken wagte, was er dem Wind nicht anzuvertrauen wagte, der eine Stimme hatte und es weiter tragen konnte; was ihm, wenn er es dachte, das Herz zuſammenkrampfte, daß er wie im Wahn⸗ ſinn ſeinem Pferde die Sporen gab und auf den ſchlüpfrigen Wieſenwegen durch den dichten Nebel dahinſprengte, als wäre die Hölle hinter ihm und wollte ihn gar verſchlingen. Er ritt nach Hühnerfeld, dem elendeſten der elenden Dörfer oben auf dem Walde; er ſtellte ſein Pferd in den Schuppen eines der erſten Häuſer, das Hufſchmiede und Wirthshaus zu⸗ gleich war, und ging, nach ſeinen Kranken zu ſehen, deren Zahl in den letzten Tagen wieder zugenommen hatte. Es gab da viel des Elends, ſo viel, daß ihm die Hilfe, die er brachte, bringen konnte, erſchien, wie das Thun eines Menſchen, der einen faulen Sumpf mit der Hand ausſchöpfen will. Er ſagte ſich das ſelbſt, wie er jetzt von einer der jämmerlichen Hütten zu der anderen ging; dennoch blieb das Leid, das ihn quälte, jenſeits der Schwellen dieſer Hütten, durfte nicht mit hinein in die qualmenden Stuben. Hier bedurfte man ſeiner, hier würde man ihn, wenn er fort war, ſchmerzlich vermiſſen. Die Leute hatten erfahren, daß er fort wollte. Sie klagten nicht, aber ſie fühlten es doch als ein neues Unglück zu den alten. Eine junge Frau meinte: Dann werden wir ja wohl Alle ſterben und verderben. Ein alter Mann fügte hinzu: Ja, ja, und wenn nun unſer Fürſt nicht mehr iſt, der doch noch half, wo er konnte, und der neue Herr aus Preußen an das Regiment kommt, der hat ja wohl kein Herz für den armen Menſchen. Das iſt nicht wahr, Großvater, ſagte ein junger Burſche. Er hat mir neulich, als ich oben im Walde Holz fuhr, einen Thaler geſchenkt, blos daß ich ihm ſagte, er müſſe rechts über — X —— ————— 110 die Faſanerie reiten, wenn er die gnädige Frau noch einholen wolle, die eben vorbei geritten war. Weiß nicht, ob er was für ſeinen Thaler gehabt hat. Und der Burſche lachte. Er hatte ſich gewiß nichts gedacht, der plumpe Burſche mit ſeinem plumpen Lachen; aber Hermann, als er jetzt im Nebel⸗ gerieſel über die Haide heimwärts ritt, gellte es im Ohr wie das Gelächter eines ſchadenfrohen Dämon, der frech heraus⸗ ſchreit, was der fromme Menſch im tiefſten Herzen ſcheu ver⸗ birgt. Ja, da war ſie wieder, die Schreckgeſtalt, die ihn vor⸗ hin verfolgt, da huſchte ſie wieder neben ihm her durch den Nebel, da hing ſie wieder auf ſeinem keuchenden Roß, da klam⸗ merte ſie ſich wieder an den Reiter und ſchlug die Krallenhände in ſein Herz. Herein, herein! rief der alte Prachatitz, den das Geräuſch der Pferdehufe in die Thür getrieben. Das iſt ein böſes Wetter, um darin herumzutraben; ich will den Gaul in den Stall ziehen. Hermann hatte ſich vom Pferde gleiten laſſen; er wußte nicht, wie er zu der Förſterei gekommen war; er fühlte ſich gänzlich erſchöpft und ſank, in die Stube getreten, faſt ohn⸗ mächtig auf einen Stuhl. Der Alte holte dienſtfertig aus dem Schrank eine Flaſche und nöthigte Hermann ein Glas Branntwein auf. Noch eins, ſagte er, das bringt Leib und Seele wieder zu⸗ ſammen; und ziehen ſich der Herr Doctor den naſſen Rock aus, ich will ſelbigen in der Küche trocknen, wenn Sie ſich unter⸗ deſſen dieſe Decke gefallen laſſen wollen. Von mir kleinem Kerl kriegten Sie doch keinen Rock über die Schultern. Hermann lehnte das Anerbieten des Alten ab; er fühle ſich wieder ganz wohl und müſſe doch in wenigen Minuten auf⸗ brechen. Erſt jetzt blickte er auf und war verwundert, in dem halbdunklen Gemach eine Menge Bilder herumliegen und herum⸗ ſtehen zu ſehen. Das ſind der gnädigen Frau ihre, ſagte Prachatitz. Ich ſollte ſie ihr aufheben, als ſie das Theehaus in Ordnung brach⸗ ten, wie ſie es nannten. Ich hatte ſie oben auf den Boden geſchloſſen, aber es regnete da herein und nun wollte ich ſie — eben in die Kammer tragen. Sie bekümmert ſich ja gar nicht mehr darum, als wär's Trödelwaare, und es ſind ſo ſchöne Sächel⸗ chen, ſehen Sie mal hier, Herr Doctor! nun, ich dächte doch, das wäre ein Meiſterſtück! Aber die arme gnädige Frau kann's ſchon Niemandem recht machen. Und er trug das Bild, da Hermann noch immer ſchwieg, unwillig fort. Niemandem? ſagte Hermann. Ja, ſagte der Alte, und von Ihnen, Herr Doctor, hätte ich's nun am wenigſten geglaubt. Sie habe ich noch immer für ihren beſten Freund gehalten und mir immer geſagt: der bleibt ihr treu, wenn die Anderen ſie verlaſſen. Die Anderen? ſagte Hermann. Ja, die Anderen, ſagte Prachatitz, wie ſie da ſind; es gönnt ihr ja Keiner die liebe Luft, die ſie athmet, und hat ihnen doch nur Gutes gethan, wo ſie gekonnt, und hat Niemand jemals ein böſes Wort von ihr zu hören bekommen. Die Menſchen ſind zu ſchlecht, zu ſchlecht! Aber dem Dietrich will ich's ein⸗ tränken; der Galgenſtrick kann lange warten, bis er die Meta zur Frau bekommt. Was giebt's? Was ſoll's geben, rief der Alte, mächtig aus ſeiner kurzen Thonpfeife dampfend; ſind ſie doch immer hinter ihr her mit lautem Gekläff wie Schäferhunde hinter dem Reh, das ſie im Walde aufgetrieben. Bald hat ſie dies gethan und bald das, bald dies geſagt und bald jenes; und das wird verdreht und verklatſcht und verträtſcht, daß Unſereiner mit der Hetzpeitſche dreinſchlagen möchte. Ja, ja, Herr Doctor, das bekommen Sie nicht ſo zu hören, aber vor Unſereinem da genirt man ſich nicht, wenn ich auch tauſendmal geſagt habe, ich will davon nichts wiſſen, würgt's allein hinunter. So iſt's alle dieſe Jahre gegangen; nun haben ſie wieder eine Geſchichte ausgeheckt, die ſchlimmer iſt, als die vorigen und mir wollen ſie's einreden, der ich doch am beſten weiß, daß Alles eine grauſame Lüge iſt. Um Gotteswillen, was giebt's? Nichts um Gotteswillen und um der Heiligen willen auch —— nichts, ſagte Prachatitz; die hören nicht hin und glauben's nicht, wenn ſie's hören, wie ich's nicht glauben will, unheiliger Chriſt, der ich bin, was ſie ſich da unten in Rothebühl erzählen, wo ich geſtern Nachmittags war, um Pulver zu kaufen beim Zeller. Ruft der gleich: Das iſt recht, daß Sie mir endlich die Ehre erweiſen, und ich habe es ſchon ſo lange gewünſcht, es von Ihnen zu hören.— Was zu hören? frage ich.— Sie wiſſen ja, was ich meine, ſagt er und gießt mir einen Kümmel ein vom aller⸗ beſten. Ich erzählte nun, wie ich in der Wildhütte bin und ſehe, daß der Zaun kurz und klein geſtoßen iſt und bei mir denke, da hat gewiß der Hans einmal wieder ſeinen Koller gehabt, und daß man das alte Thier todtſchießen müſſe, wie ich ſchon längſt gethan, wenn die gnädige Frau nicht immer Nein geſagt hätte; gehe dann in den Buſch, ein paar Stöcke zu ſchneiden und ſehe meinen Musje drüben jenſeits der Roda, wie er alle ſeine ſechzehn Enden auf einmal an dem Felſen probirt. Haſt wieder einmal ein Bad genommen, ſage ich; ich ſollte es Dir eigentlich geſegnen, daß es Dein letztes wäre, und nehme ſo die Büchſe an den Kopf. Da kommen ſie die Treppe hinab und gehen an der Roda hin, der Graf und die gnädige Frau, und will ihnen eben zurufen, ſie ſollten wieder umkehren; ſetzt ſich das Thier in Galopp und iſt im Nu an dem Schwanenfelſen, und ehe ich's noch denke, ſind ſie an einander, daß ich erſt gar nicht zum Worte kommen kann, bis mir das Thier das Blatt zuwendet— na, und da war's freilich mit ihm Matthäi am Letzten.. Und das war Alles? ſagt der Zeller und lacht ſo vor ſich hin; und die Frau Zeller, die während deſſen aus dem zweiten Laden, wo ſie das Zeug verkaufen, wiſſen Sie, Herr Doctor, gekommen iſt und zugehört hat, lacht auch ſo vor ſich hin.— Was denn ſonſt? ſage ich.— Nichts für ungut, ſagt der Zeller, ich meine nur ſo; wie finden Sie denn das ſeidene Kleid, das der Graf Ihrer Meta geſchenkt hat?— Meiner Meta? frage ich und muß wohl ſonderbar dreingeſchaut haben, denn die Frau Zeller fällt gleich ein und ſagt: das ſei ja nur ganz in — Rkkne————————=————— 113 der Ordnung, daß der Graf der Meta ein Kleid ſchenke, wenn ich ihm das Leben gerettet, und daß ihnen der Herr Graf auch einmal die Ehre erweiſe wie dem Findelmann, wenn auch nicht in Perſon, ſo doch durch ſeinen Kammerdiener. Nun aber werde ich fuchswild bei ſolchem Gerede und habe wohl den Kolben ein wenig hart auf die Erde geſetzt, denn der Zeller wird ganz blaß und das Weib fängt an zu heulen und ſagt: ſie habe ja nichts gegen die Meta ſagen wollen und ſie für ihr Theil habe ja auch nicht geglaubt, daß der Graf mit der Gnädigen ein Stelldichein in der Grotte am Schwanenfels ge⸗ habt und ich Alles geſehen, wie ſie ſich geherzt und geküßt, und den Grafen habe todtſchießen wollen und ſtatt ſeiner den Hirſch getroffen, und der Graf der Meta das Kleid geſchenkt und mir tauſend Thaler gegeben, damit ich reinen Mund halte. Das ſei Alles gewiß erlogen, wenn auch der Dietrich geſtern Abend in der Rothen Henne ſolche ſchlechten Reden geführt und geſagt habe: für nichts wäre nichts und der Graf werde wohl wiſſen, weshalb er auf einmal ſo ſplendid würde. Ich will's aber auch wiſſen, ſage ich und laufe wie toll aus dem Laden zum Städtel hinaus, die Chauſſee hinauf in das Schloß, wo ich mir denn die Meta laſſe und in's Gebet nehme. Die fängt natürlich auch an zu heulen und ſagt: ſie wiſſe ja von gar nichts, nur daß ihr der Herr Graf das Zeug zum Kleid mit einem Compliment durch ſeinen Kammer⸗ diener geſchickt habe, und das habe ihr der Dietrich ſo übel genommen, weil er auf den Philipp des Herrn Grafen ſo eifer⸗ ſüchtig ſei, und ſie könne doch nicht wiſſen, was der Dietrich in ſeiner Wuth Alles geſchwätzt habe. Ich alſo zum Dietrich und frage: Was haſt Du geſchwätzt, Kerl? Virb er ſo ver⸗ legen und dann aus purer Verlegenheit grob und ſagt: nichts habe er geſchwätzt, das ſei aber auch nicht in der Ordnung, daß der Philipp und die Meta immer auf dem Corridor zu⸗ ſammenſteckten, während er unten in den Ställen ſei. Sage ich zu ihm: Dietrich, ſage ich, wenn Dir die Meta zu ſchlecht iſt, ſo biſt Du mir noch nie gut genug geweſen, und damit Baſta! Aber daß Du mir das Mädel in's Gerede bringſ, das will Fr. Spielhagen's Werke. Xl. ——— 114 ich Dir eintränken. Jetzt will ich nur eben zum Herrn Grafen und mich für die tauſend Thaler bedanken, die er mir geſchenkt hat, weil ich ihn nicht todtgeſchoſſen. Wird der Kerl ganz blaß und ſagt: ich ſolle ihn nicht unglücklich machen und er wolle auch das nächſte Mal gewiß reinen Mund halten, wenn die gnädige Frau dem Herrn Grafen wieder einmal zu nacht⸗ ſchlafender Zeit kleine Billets ſchicke. Das lügſt Du wieder, Dietrich, ſage ich. Verſchwört ſich der Menſch, es ſei die pure Wahrheit. Er habe ja die Billets immer der Meta aus der Hand genommen und dem Philipp gegeben, der ſie dann hineingetragen. Und was er mit eigenen Augen geſehen, das werde ihm Keiner abſtreiten. Der Alte ſchwieg und ging an's Fenſter, das er öffnete. Der Regen hatte ein wenig nachgelaſſen, es ſchimmerte für den Augenblick heller durch die Bäume. Er blieb am Fenſter ſtehen, mächtig rauchend. Plötzlich knickte er die Pfeife entzwei, warf die Stücke hinaus und ſagte, ſich umdrehend, heftig: Und es iſt doch Alles erſtunken und erlogen. Meinen Sie nicht, Herr Doctor? Was wäre es denn nun, wenn es wahr wäre? Das ſage ich auch, erwiederte der Alte eifrig. Hab's mir ſchon hundertmal geſagt: was wäre denn daran? Warum ſoll die gnädige Frau dem Herrn Grafen nicht einen Brief ſchreiben oder auch mehrere— und— und— ſehen Sie, Herr Doctor. doch wurmt mich's, daß ich närriſch werden möchte. Der Diet⸗ rich iſt ein Lügenmaul, aber ſo frech könnte er's doch nicht treiben, wenn— wenn— Himmel⸗Höllen⸗Element! der Herr Graf mag ſich in Acht nehmen, daß er nicht wieder in die Lage kommt wie neulich. Ich möchte nicht immer bei der Hand ſein, und wenn ich's wäre, nicht immer ſo gut treffen. Der Alte fuhr ſich mit beiden Händen in die krauſen, grau⸗ ſchwarzen Haare, lief im Zimmer hin und her; plötzlich blieb er dicht neben Hermann ſtehen und ſagte in leiſem Tone: Ich muß es von der Seele haben, und Ihnen ſage ich's lieber als dem Pfarrer oben im Kirchdorf, den ich unter Euch Proteſtanten hier niemals für einen rechten katholiſchen Pfarrer halten kann. Was der Dietrich da geſagt hat, ich glaube es Alles, und hab's geglaubt, ehe er's geſagt hat. Sie war ja ganz verſtört an dem Abend, bevor ſie kamen, oben im Thee⸗ haus, und kommt jetzt nimmer herauf. Aber der Graf iſt alle Tage hier geweſen und ich habe ihm das Theehaus aufſchließen müſſen und er hat ſtundenlang am Fenſter geſtanden, wo man ein Stück von dem Wege nach dem Schloß und den Rothen Thurm ſieht; und den Tag vor der Geſchichte mit dem Hirſch kam er wieder in vollem Jagen und fragte ſo haſtig, ob nicht die gnädige Frau eben über die Faſanerie geritten ſei. Ich habe ſie nicht geſehen, ſagte ich, und hatte ſie auch wirklich nicht geſehen. Schaut er mich ſo ſonderbar an, daß mir's kalt über den Rücken läuft, ſagt aber nichts, ſondern läßt ſich wieder das Theehaus aufſchließen und bleibt eine Stunde da wie an⸗ genagelt am Fenſter. Das gefiel mir ſchlecht, Herr Doctor, denn— es mag ſich für einen gemeinen Mann nicht ſchicken, ſo etwas zu ſagen— aber ich liebe ſie, als wenn ſie mein eigen Kind wäre. Wenn ich ſie mal lachen ſehe, lacht mein ganzes Herz mit, und wenn ich ſie traurig ſehe, ſchmeckt mir den ganzen Tag die Pfeife nicht. Und ſie war in der letzten Zeit ſo traurig, Herr Doctor! Und daran iſt der Graf ſchuld, habe ich alle dieſe Tage bei mir geſagt, und das fehlte noch gerade. Er hat ſo ſchon einen ſchwarzen Stein bei mir im Brett, der preußiſche Herr, der Sechsundſechzig mein ſchönes Heimathland mit Feuer und Schwert verwüſtet hat, und kommt nun hieher, um meinem guten Herrn ſolch' Leid anzuthun und— Der Alte ſchwieg und ſeine Stimme klang ganz heiſer, als er nach einer kurzen Pauſe fortfuhr: Und da ich ſie neulich kommen ſah, ſo ganz allein an dem ſtillen Ort, in eifrigem Geſpräch, und ich auf der andern Seite hinter dem Buſch ſtand, die Büchſe in der Hand, da dachte ich, ob's wohl eine gar ſo große Sünde wäre, wenn ich ihm den Garaus machte, bevor noch größer Unglück geſchieht. Aber als die Hatz mit dem Hirſch losging und ich ſah, wie er mit dem wilden Thiere rang, daß es ſchier über Menſchenkräfte 8. war, da dachte ich— nein, da dachte ich nichts, aber ich ſchoß den Hirſch todt und nicht den Mann. Der Alte athmete tief auf, als er ſo ſeine Beichte beendigt hatte, und fuhr dann in viel ruhigerem Tone fort: Gott ſei Dank, daß ich's vom Herzen habe, und nun ſchel⸗ ten Sie mich weidlich aus, Herr Doctor, und ſagen Sie mir, daß ich ein ſchwarzgalliger Menſch bin, der am hellen Tage Geſpenſter ſieht. Aber das kommt von der Einſamkeit und dem Müßiggang. Ich habe zu wenig zu thun, Herr Doctor; aber der gnädige Herr kümmert ſich ja gar nicht mehr um uns, und der Herr Oberforſtmeiſter auf dem Jagdſchloß macht's dem gnädigen Herrn nach. Das meint der Herr Graf auch, und das muß man ihm laſſen: er hat in ſeinem kleinen Finger mehr Jägerblut, als unſere Durchlaucht und der Oberforſtmeiſter zu⸗ ſammen. Wenn er einmal an's Regiment kommt, weiß nicht, wie die Anderen dabei fahren, aber wir Grünröcke haben's beſſer— das iſt gewiß. Der ehrliche Alte wollte ſein Unrecht dadurch wieder gut⸗ machen, daß er nachträglich an ſeinem Feinde alle möglichen guten Eigenſchaften fand. Der Herr Graf habe ihn auch ſchon ein paarmal zu ſich entbieten laſſen und er habe immer taube Ohren gehabt. Nun aber wolle er morgen hin, und wenn das mit den tauſend Thalern auch ein dummes Gerede ſei, ſo müſſe man doch einen Menſchen, dem man das Leben gerettet, zu Worte kommen laſſen, und wenn's auch nicht einmal ein ſo vornehmer Herr wäre. Hermann hörte das Alles nur wie im Traum. Er ant⸗ wortete, ohne zu wiſſen, was er ſagte; und dann fand er ſich auf dem Wege nach dem Schloß, ohne ſich zu erinnern, wie er in den Sattel gekommen. Der Regenſturm, der nach der kurzen Pauſe wieder losgebrochen war, heulte und ſauſte durch den Wald, daß die Wipfel der Rieſentannen ſich hinüber und herüberbogen und die Aeſte knarrten und knackten. Das Pferd blieb ein paarmal ſtehen, aber Hermann ſpornte es weiter. Zehntes Capitel. Die Geſellſchaft war heute zum erſtenmal ſeit mehreren Tagen wieder einmal vollſtändig in dem ſogenannten perſiſchen Zimmer zum Thee verſammelt. Nur Hermann hatte ſich durch Herrn von Zeiſel entſchuldigen laſſen. Der Graf trug den rechten Arm noch in der Binde, ſonſt ſah man ihm die ſchmer⸗ zensreiche Zeit, die er durchgemacht, nicht mehr an. Er ging mit dem Cavalier in dem Gemach auf und nieder in behag⸗ lichem Geſpräch. Ich habe Ihnen noch gar nicht für die Mühe gedarkt, die Sie ſich mit den Gäulen gegeben haben, ſagte er. Was halten Sie denn jetzt, nachdem Sie ihn wiederholt geritten, von dem Wallach? Es wird ein famoſes Chargepferd, ſagte der Cavalier mit Enthuſiasmus. Nun, ſagte der Graf lachend, das Pferd hätten wir, fehlte alſo nur noch die Charge. Aber ich denke, wir werden nicht lange darauf zu warten haben. Was meinen Sie? Ich weiß es nicht, erwiederte Herr von Zeiſel; auf jeden Fall werde ich nicht von der Partie ſein. Weshalb haben Sie Ihren Abſchied genommen? fragte der Graf. Ich hatte mich bei Königgrätz auf einer Recognoscirung ein wenig zu ſtark engagirt, erwiederte der Cavalier; ich will nicht ſagen gegen den Befehl, denn ich hatte im Grunde keinen, aber doch gegen die nachträgliche Anſicht meines Oberſten, der für einige Fehler, die er an dem Tage gemacht, einen Sünden⸗ bock brauchte, und da ich für die Rolle eines Sündenbocks keine ausgeſprochene Neigung habe— Verſtehe, verſtehe, ſagte der Graf. Indeſſen, dergleichen iſt nicht irreparabel, und wenn es Ihnen unbequem ſein ſollte, wieder in die ſächſiſche Armee zu treten— ich habe in der unſrigen Verbindungen genug— Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn der Cavalier 118 ernſt, ich glaubte geſagt zu haben, daß es bei Königgrätz war, wo ich das letztemal den Degen zog. Ich weiß es, erwiederte der Graf, und wenn wir das nächſte Mal den Degen ziehen, wird es Schulter an Schulter ſein, und wir werden die Front nach Weſten haben. Die beiden Herren gingen ein paar Augenblicke ſchweigend neben einander her. Am Theetiſch ſprach der Fürſt von der morgen erwarteten Ankunft des Marquis. Der Graf hob wieder an: Haben Sie denn dieſen Vogel Phönir ſchon geſehen? Nein; Durchlaucht hat den Marquis auf der italieniſchen Reiſe im Herbſte Sechsundſechzig kennen gelernt. Und ſcheint ſehr viel Sympathie für ihn zu haben. Man muß es faſt annehmen. Es giebt Zeiten, wo dergleichen perſönliche Sympathien faſt eine Art von politiſcher Bedeutung gewinnen. Aber wir leben ja im tiefſten Frieden mit Frankreich, ſagte Herr von Zeiſel, der ſich plötzlich der ſonderbaren Aufregung erinnerte, in welcher ihm der Fürſt, als ſie an jenem Abend von der Faſanerie zurückkehrten, die bevorſtehende Ankunft des Marquis mitgetheilt hatte. Sie irren ſich, ſagte der Graf mit lauterer Stimme, als in welcher er bisher geſprochen. Wenn man Euch Heißſporne hört, ſollte man wahrhaftig glauben, es werde morgen ſchon losgehen, ſagte der Fürſt vom Theetiſch her. Freilich, Ihr müßt es am beſten wiffen— Wie meinen Durchlaucht? fragte der Graf an den Tiſch herantretend. 5 Weil Ihr die Situation gemacht habt, erwiederte der Fürſt. Wir gemacht? Nun freilich, durch Sechsundſechzig, oder wer wüßte nicht, daß ſeitdem die Revanche für Sadowa das Schibolet aller Parteien in Frankreich iſt. Die Sitnation iſt durch Sechsundſechzig nicht gemacht, er⸗ wiederte der Graf, ſie iſt nur klarer geworden, und das iſt, meine ich, allewege, im politiſchen wie im privaten Leben, ein Glück. 19 Die beiden Herren hatten ihre Stimme nicht erhoben. Sie hatten auch nicht ſchneller geſprochen; dennoch warf Herr von Zeiſel unwillkürlich einen bittenden Blick auf die Damen, von denen Stephanie offenbar ſeine Empfindung theilte, während Hedwig keinen Theil an dem Geſpräche zu nehmen ſchien. Der Herr Doctor kommt nun doch wohl nicht mehr, ſagte Stephanie. Das ſollte mir leid thun, ſagte der Graf. Ich habe mich ſchon auf das Vergnügen gefreut, ihm in Gegenwart der Herr⸗ ſchaften für die liebenswürdige Pflege zu danken, die er mir in dieſen Tagen hat angedeihen laſſen. Und dabei erinnere ich mich, gnädige Frau, daß ich auch Ihnen noch einen Dank ſchulde. Mir? fragte Hedwig, ohne aufzuſchauen. Ihnen, gnädige Frau, ſagte der Graf, ſich mit einem Blick verſichernd, daß ihn Alle hörten: für das treffliche Recept, das Sie die Güte hatten, mir noch am Abend meines Unfalls zu ſenden. Ein Recept? fragte der Fürſt. In Form eines Billets, ſagte der Graf lachend, in welchem ich mindeſtens einen feinſtyliſirten Dank für meine Heldenthat erwartete, und welches nichts weiter enthielt als den Rath: Hal⸗ ten Sie ſich ruhig und ſparen Sie das Eis nicht! Ein kalter Rath, für den ich Ihnen, gnädige Frau, den wärmſten Dank ſchulde, und den ich ſo treu befolgt habe, daß ich bereits heute Abend wieder weinen Platz am Theetiſch einnehmen kann. Der Graf verbeugte ſich vor Hedwig und ließ ſich auf einen Stuhl nieder mit einer Unbefangenheit, die wunderlich genug mit der Befangenheit contraſtirte, welche ſich auf den Geſichtern der Uebrigen nur zu deutlich ausprägte. Stephanie war ſehr roth geworden und hatte ſich ſchnell auf ihre Handarbeit ge⸗ beugt; Hedwig hatte nicht minder ſchnell die großen dunklen Augen zu dem Grafen erhoben und dann zum Fürſten, deſſen Blick mit einem ungewiſſen Ausdruck von ihr zum Grafen, vom Grafen zu ihr ſchweifte. Ihr Geſicht war auffallend bleich, um ihre Lippen zuckte es. Sie ſchien im Begriff, ein Wort zu 1— ſprechen, das dieſer ſeltſamen Scene ein für Alle unerwartetes Ende gemacht hätte, als ein Diener hereintrat und, den Cavalier beiſeite winkend, demſelben ein paar Worte zuflüſterte, über welche dieſer ſichtlich zuſammenſchrak. Was giebt's, lieber Zeiſel? fragte der Fürſt, dem in die⸗ ſem Augenblicke jede Unterbrechung recht kam. Wenn Durchlaucht verſtatten, ſo möchte ich— Und der Cavalier winkte dem Fürſten mit den Augen nach den Damen hin, er dürfe nicht weiter fragen; aber der Fürſt bemerkte in ſeiner Aufregung den Wink nicht und rief unge⸗ duldig: Aber ſo reden Sie doch, lieber Zeiſel: Sie ſehen ja, daß die Damen bereits anfangen ſich zu ängſtigen und das Unglück wird ja ſo groß nicht ſein. Ich hoffe, es iſt gar kein Unglück, ſagte der Cavalier, ſchnell gefaßt; ein ſonderbarer Zufall höchſtens, der ſich hoffent⸗ lich bald als ganz unverfänglich herausſtellen wird: man meldet mir, daß ſoeben das Pferd des Herrn Doctors reiterlos auf den Hof gelaufen iſt. O, mein Gott! rief Stephanie überlaut. Haſt Du noch niemals gehört, daß Jemand vom Pferde gefallen iſt? fragte der Graf. Der Doctor iſt ein ausgezeichneter Reiter, ſagte der Fürſt, man wird jedenfalls nachſehen müſſen. Wollen Sie, lieber Zeiſel— Ich bereits Befehl gegeben, ſagte der Cavalier, möchte aber um die Erlaubniß bitten, die Nachforſchungen ſ ſelbſt di giren zu dürfen. Thun Sie das, lieber Zeiſel, ſagte der Fürſt, un Sie das ja, und laſſen Sie mich, ſobald Sie können, wiſſen, wie dies zuſammenhängt. Der Cavalier war im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, als er ſich plötzlich am Arm berührt fühl te und, ſich um⸗ wendend, zu ſeinem größten Erſtaunen, ja Schtecken, Hedwig, die er eben noch am Theetiſch geſehen zu hahin glaubte, vor ſich erblickte. Ihr Geſicht war wie verzerrt und er erkannte ihre Stimme kaum, als ſie mit ſeltſam zuckenden Lippen ganz laut und doch tonlos rief: Er iſt todt, ſagen Sie es nur! Ich weiß von nichts; ich glaube es nicht, ſagte der Ca⸗ valier. Er iſt todt, wiederholte Hedwig; ich— Hedwig, um Gotteswillen, was iſt Dir? rief der Fürſt, in⸗ dem er Hedwigs Hand ergriff, die kalt und leblos in der ſeinen liegen blieb. Ich bitte Sie, lieber Zeiſel, machen Sie, daß Sie fortkommen! Wir ſind hier Alle in einer Aufregung, die doch wahrlich außer jedem Verhältniß mit dieſem leidigen Vorfall ſteht. Hedwig ſah ihn mit einem wirren Blick an; aber bevor ſie noch etwas erwiedern konnte, wurde die Thür abermals ge⸗ öffnet und ein zweiter Bedienter trat herein. Hat man ihn gefunden? rief der Fürſt. Zu Befehl, Durchlaucht, erwiederte der Mann, ganz vorn im Walde; Leute, die nach Hühnerfeld hinaufwollten; ſie ſind gleich wieder umgekehrt und haben ſich eine Tragbahre aus den Forellen geholt, auf der ſie ihn eben brachten. Nun? fragte der Fürſt, der ſehr blaß geworden war. Er war wie leblos, ſagte der Diener, aber Doctor Strupp— Das iſt der alte Arzt aus Rothebühl, ſagte der Fürſt, zu den Damen gewendeét. Er war gerade in den Forellen, als die Leute kamen, fuhr der Diener fort, und iſt auch gleich mit hinausgegangen. Er ſagt, es ſei nur eine Ohnmacht und habe weiter nichts zu be⸗ deuten. Ich werde zur Beruhigung der Damen ſelber einmal nach⸗ ſehen, ſagte der Fürſt. Wollen Sie mich begleiten, lieber Zeiſel? Du thäteſt gewiß auch gut, wenn Du Dich zurückzögeſt. liebe Stephanie, ſagte der Graf, ſobald die Herren das Zim⸗ mer verlaſſen hatten. Du warſt vorhin ſo ernſtlich erſchrocken und ich ſehe Dir an, daß Du Dich unwohl fühlſt. Der Ge⸗ heimrath wird Dir von Tage zu Tage nöthiger. Er bot ſeiner Frau den Arm. cciecccce —— 122 Es thut mir ſo leid, liebe Hedwig, ſagte Stephanie, die jetzt gern geblieben wäre, aber nicht wagte, der Aufforderung ihres Gatten keine Folge zu leiſten. Hedwig antwortete richt ſie regte ſich nicht. Sie ſchien nicht zu bemerken, daß der Graf nt ein paar entſchuldigenden Wor⸗ ten Stephanie zum Salon hinausführte. Dazu alſo hatte ſie ihn gebracht! Das hatten ſeine düſte⸗ ren Blicke, ſein trübes Lächeln bedeutet: ſiehſt du denn nicht, daß du mich zum Leben hinaustreibſt, wenn du mich von hier treibſt? Sie hatte es nicht verſtehen wollen, nun war es da. Er war gegangen— ohne Abſchied— auf Nimmer⸗ wiederkehr! Sie blickte wirr in dem Gemache umher; da ſchaukelten ſich auf den geſtickten Tapeten die bunten Papageien auf den ſchwanken Stielen der Palmeikblätter; da glänzten in dem Schein der Lichter der Kryſtallkrone die ſilbernen Kannen und Schalen auf dem Theetiſch; da waren die durcheinandergeſchobenen Fau⸗ teuils, und da ſtand ſie mitten in dem Prunkgemache allein. Alle waren gegangen, Jeder hatte ſeine Theilnahme zeigen dürfen, ſeinen Intereſſen folgen dürfen, wie ſie nun eben waren. Und ſie durfte ſich nicht regen, durfte nicht mit einer Miene verrathen, was in ihrem Herzen vorging, ſie mußte zurück⸗ bleiben, geduldig warten, bis ſie wiederkamen— o Schmach, o Schmach! Sie that ein paar haſtige Schritte nach der Thür und blieb wieder ſtehen. Und werden ſeine Wunden nicht wieder zu bluten beginnen und werden ſeine ſtummen todtenblaſſen Lippen nicht in einer fürchterlichen Sprache, die nur ich verſtehe, ſagen: du wagſt, zu mir zu kommen, die du dir jahrelang meine Liebe gefallen ließeſt und mich jetzt ruhig haſt ſterben laſſen, damit du den Andern lieben kannſt! Wie kannſt du ſagen, daß ich ihn liebe? Wer darf es ſagen? O, mein Gott, mein Gut Sie warf ſich wie zerſchmettert in den Seſſel, das Geſicht in die Lehne gedrückt. Aber was heißt dies nur? fragte der Graf. . 123 Er war, von Hedwig nicht bemerkt, in das Gemach getre⸗ ten und ſtand jetzt vor ihr. Ich begreife nicht, fuhr der Graf fort, wie ein Vorfall, der doch, weiß es Gott, herzlich unbedeutend iſt, die ganze Geſell⸗ ſchaft in eine ſolche Aufregung verſetzen kann. Ich bin mehr als einmal in meinem Leben geſtürzt und für todt liegen ge⸗ blieben. Ich komme eben von unſerm intereſſanten Patienten und bin ganz der Meinung des alten Rothebühler Arztes, ein ſolcher Dummkopf der Mann auch ſonſt zu ſein ſcheint, daß der Doctor in wenigen Tagen ſo wohlauf ſein wird, wie Einer von uns. Ich habe das dem Fürſten geſagt; er glaubt mir nicht, oder thut, als ob er mir nicht glaubt. Ich habe es Stephanie geſagt: dieſelbe Scene. Sie, gnädige Frau, denke ich, ſind von kräftigerem Stoff als dieſe ſo überaus zart organiſirten Naturen. Der Graf ſagte das in ſeinem leichteſten Ton. Er wollte ſich nicht merken laſſen, daß er über Stephanie's Betragen in innerſter Seele empört war, während in demſelben Augenblick die eiferſüchtige Wallung ſeine Leidenſchaft für Hedwig zum Ueberſchwellen brachte. Daß die Aufregung, in welcher er Hed⸗ wig fand, dem Doctor gelten konnte, war ihm nicht im Ent⸗ fernteſten in den Sinn gekommen; er wußte ja, was dies zu bedeuten hatte, und ſo ſagte er denn, ſich auf einen Stuhl an hrer Seite ſetzend, in leiſem vertraulichen Ton: Verzeihen Sie, gnädige Frau, meine Indiscretion von vor⸗ hin. Ich pflege mit der Gunſt einer Dame nicht zu prahlen, und es war keine Prahlerei, nur einfache Abwehr, für Sie ſelbſt. Es ſcheint, daß die Leute geſchwatzt haben; jedenfalls weiß Stephanie— durch ihre Kammerjungfer, glaube ich, die es wieder von meinem Kammerdiener hat— daß Sie an mich geſchrieben. Stephanie hat ſich ſelbſtverſtändlich ein ſo dank⸗ bares Motiv zu einer rührenden ehelichen Scene nicht entgehen laſſen, und bei Stephanie's Unberechenbarkeit iſt nicht abzuſehen, wer es noch erfahren wird, oder bereits erfahren hat. Ihre Mutter ſicher, wahrſcheinlich auch der Fürſt. Es lag mir natür⸗ lich daran, das Gerede zum Schweigen zu bringen. Sollte ich uicht das rechte Mittel gewählt haben— und ich muß nun faſt 124 annehmen, daß ich ein falſches gewählt— ſo bitte ich, ſagen Sie mir's offen, von Ihnen will ich gerne geſcholten ſein. Der Graf wartete auf Antwort, die ſeiner Ungeduld zu lange ausblieb. Haben Sie kein Wort für mich, gnädige Frau? fragte er leiſe und dringend. Verzeihen Sie, ich hörte nicht, was Sie ſagten, erwiederte Hedwig, die ſich plötzlich erhob und in dem Gemache hin⸗ und herzugehen begann. Der Graf biß ſich in die Lippen. War Hedwig ſo er⸗ zürnt, daß ſie nicht hören wollte; war ſie ſo aufgeregt, daß ſie nicht hören konnte, und durfte er dieſe Aufregung zu ſeinen Gunſten auslegen? Er würde das Letztere in einem andern Falle vielleicht gethan haben, aber während ſeine Angen Hed⸗ wigs ſchlanke Geſtalt verfolgten, wie ſie jetzt, ſcheinbar ſeiner gar nicht achtend, in dem Gemache hin⸗ und wiederging, ſprach er bei ſich: Ein einziger falſcher Schritt, ein unrichtiger Ton, und das Spiel iſt für immer verloren. So will ich es nicht wiederholen, ſagte er, will Ihnen lieber für die paar köſtlichen Zeilen danken, mit denen Sie mir— jetzt darf ich es ausſprechen— eine Laſt vom Herzen genom⸗ men haben. Aber Sie hören wieder nicht, was ich ſage. O doch, doch, erwiederte Hedwig, ich habe Ihnen eine Laſt vom Herzen genommen. Wie ſchwer wog ſie wohl, dieſe Laſt! Ich begreife Sie nicht, ſagte der Graf, begreife Ihren Spott nicht und Ihre Bitterkeit, jetzt nicht mehr, nachdem Sie, Sie ſelbſt mir die Hand zur Verſöhnung geboten; nachdem ich es von Ihrer eigenen Hand geleſen, daß das Vergangene ver⸗ gangen ſein ſoll, daß wir fortan wie Menſchen leben wollen, die ihre Forderungen gegen einander verglichen und ausge⸗ glichen haben. Ich hätte das nicht ſchreiben ſollen! Weil es den Geſchichtenträgern einen willkommenen Stoff gegeben hat? Was kümmert mich das! Warum denn ſonſt nicht? —,—— 125 Weil es eine Unmöglichkeit in ſich ſchließt; weil Ihr nun und nimmer mit uns einen ehrlichen Vertrag ehrlich halten werdet; weil, wenn Ihr tauſendmal behauptet, daß wir guitt ſind, Ihr in Eurem egoiſtiſchen Herzen noch immer unſere Gläubiger zu ſein wähnt, die ſich Wunder wie großmüthig dün⸗ ten, wenn ſie ihre Forderungen nicht gerade mit Gewalt ein⸗ treiben, aber es niemals für zu klein erachten, auf einem andern Wege zu ihrem Ziele zu kommen, und ginge dieſer Weg mit⸗ leidslos über unſer Herz. Sie ſchritt, während ſie ſo ſprach, immer im Gemach auf und nieder, daß die Schleppe ihres ſeidenen Kleides rauſchte und kniſterte, während das Licht von dem Kronleuchter jetzt hell über ſie hinſtrahlte, und dann wieder, in der Tiefe des Ge⸗ maches, ihre hohe Geſtalt von weichen Schatten umfloſſen war, gerade wie ihre Stimme jetzt in heller Leidenſchaft vibrirte und dann faſt zu einem Murmeln herabſank. Nicht zum erſten⸗ mal fühlte der Graf, der wie gebannt in ſeinem Fauteuil ſitzen blieb und jede ihrer Bewegungen mit aufmerkſamen Blicken ver⸗ folgte, daß hier eine ſchrankenloſe feſſelloſe Kraft daherbrauſte, die zu zügeln, zu bändigen, außer ſeiner Macht lag; und er fragte ſich, ob ein Weſen zu lieben, daß ihm in jedem Augen⸗ blick unfaßbar werden konnte, unfaßbar wurde, nicht Zeit und Mühe verlieren heiße. Sie dürfen nicht mit mir in Räthſeln ſprechen, wenn Sie wollen, daß ich Sie verſtehen ſoll, ſagte er. Ich verlange nicht, daß Sie mich verſtehen, Herr Graf, Sie oder irgend einer von Euch Anderen. Von Euchd und von Euch Anderen, gnädige Frau? Es iſt etwas hart für einen Ariſtokraten, wie mich die Leute nen⸗ nen, ſo ohne weiteres mit den Anderen zuſammengeworfen zu werden. Und worin beſtände denn der Unterſchied zwiſchen Ihnen und den Anderen? ſagte Hedwig, ſtehen bleibend, indem ſie die Arme unter dem Buſen verſchränkte und den Grafen voll mit den großen, dunklen, in Leidenſchaft blitzenden Angen an⸗ ſah. Immer wollt Ihr die ſeligen Götter ſein, die ſich von 126 uns das Opfer darbringen laſſen, niemals und unter keinen Umſtänden uns ein Opfer bringend. Aber ich will Ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen: Sie ſind ehrlicher als die Anderen, Sie haben nie die Heuchelei ſo weit getrieben, ſich für einen Heiligen auszugeben, haben nie geleugnet, daß Sie zur Rolle eines Opferlammes ganz und gar nicht geeignet ſind und daß Sie es uns gegenüber nicht anders zu halten gedenken, als Sie es überall im Leben halten: Allzeit voran!— Das war ja ſeit dem däniſchen Kriege Ihr Wahlſpruch und iſt es ja wohl noch? Allzeit voran! Ob nun, was wir erobern wollen, eine feindliche Batterie iſt, oder ein ſocialer Vortheil, oder ein ſchönes Weib— allzeit voran! Wir geben keinen Pardon, wir machen keine Conceſſionen, wir brechen ein Herz, das wir nicht beugen können. Daß Sie das meine nicht gebrochen haben, war, beim Himmel, nicht Ihre Schuld, war nur die Schuld davon, daß in mir ein Etwas lebt, was in allen Euren Geg⸗ nern leben müßte, wenn Ihr es mit Eurem„allzeit voran“ nicht ſo weit bringen ſollt, wie Ihr es in Wirklichkeit bringt. Und was wäre dies Etwas? fragte der Graf. Die Liebe zur Freiheit, der feſte Entſchluß, mich nicht knech⸗ ten laſſen zu wollen, es ſei von wem es ſei; nimmer mein Haupt zu beugen, wo meine Seele es nicht kann; mein Leben zu leben, wie ich es verſtehe, den Weg zu gehen, den ich mir vorgezeichnet, und mich durch nichts von dieſem Wege abbringen zu laſſen, durch keine Schmeichelei, durch keine Drohung, mag er dann führen, wohin er will, und wäre es— In meine Arme! rief der Graf, auf Hedwig zueilend, die teinen Schritt zurückwich, und nun, mit einem großen, ſtrengen Blick in ſein flammendes Geſicht ſchauend, ruhig ſagte: Sie haben den Augenblick nicht gut gewählt; wer mich hal⸗ ten will, müßte es ſchon mit beiden Armen thun. Sie ver⸗ geſſen, Herr Graf, daß Sie vorläufig noch den einen Arm in der Binde tragen. Und Sie, gnädige Frau, weshalb ich ihn ſo trage. Ich meine, Sie ſagten vorhin, wir wären quitt? Oder wollten Sie mir nur beweiſen, wie recht ich hatte, daß bei Euch 127 die Rechnung niemals ſtimmt? Es bedurfte dieſes Beweiſes nun nicht gerade, aber ich danke Ihnen dennoch. Und fürchten Sie nur nicht, daß dieſe unausgeglichene Differenz mich unruhig macht. Thäte ſie es, würde ich ſagen: geben Sie mir meine Ruhe wieder, reiſen Sie ſobald als möglich. Ich ſage es nicht, Herr Graf, hören Sie, ich ſage es nicht! Und jetzt fürchte ich, daß unſer langes tete-à-tete anfängt, Sie zu langweilen. Es ſcheint, daß die Anderen nicht wiederkommen; ich will Sie nicht aufhalten, wenn Sie dem Beiſpiel folgen und ſich auch zurück⸗ ziehen wollen. Sie machte eine Bewegung des Abſchieds, die der Graf mit einer Verbeugung erwiederte. Sie ſind heute Abend in einer furchtbaren Laune, ſagte er. So fürchten Sie ſich! Das iſt nicht gerade mein Metier, aber auch ebenſowenig das, mit mir ſpielen zu laſſen, wie Sie eben mit mir geſpielt haben. Eine kleine Zurechtweiſung? Sie ſind nicht in dem Gemach Ihrer Frau Gemahlin. Spannen Sie den Bogen nicht zu ſtraff. Ich habe nichts dagegen, wenn er bricht. Das könnte ſchneller geſchehen, als Sie denken. Ich denke, daß es nicht ſchnell genug geſchehen kann. Sie endigen mit Räthſeln, wie Sie mit Räthſeln angefangen. Es iſt ſchön, wenn das Ende dem Anfang entſpricht. Und doch wird es nicht das letzte Wort ſein, das zwiſchen uns geſprochen wird. Da Sie deſſen ſo ſicher ſind, wird es Ihnen ja recht ſein, wenn wir uns für heute mit dem, was geſprochen iſt, begnügen. Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau. Der Graf verbeugte ſich noch einmal und ging nach der Thür, in welcher er mit dem Fürſten zuſammentraf. Ah, ſagte der Fürſt, Sie Beide allein? Wo iſt die Gräfin? Stephanie hat ſich bereits auf meinen Wunſch zur Ruhe begeben, erwiederte der Graf. Der leidige Vorfall hatte ſie —— doch etwas angegriffen; auch ich war im Begriff zu gehen. Mit dem Herrn Doctor ſteht es hoffentlich gut? Ganz gut, das heißt, ich denke; ſagte der Fürſt. So will ich nicht länger ſtören; ſagte der Graf. Es vergingen mehrere Minuten, bevor in dem perſiſchen Gemache das Schweigen gebrochen wurde. Der Fürſt war in einer fieberhaften Aufregung; ein fürchterlicher Verdacht, der ihn alle dieſe Tage verfolgt hatte, war ihm heute Abend faſt zur Gewißheit geworden. Als der Graf vorhin des Billets erwähnte, das ihm Hedwig geſchrieben, hatte es ihn durchzuckt, als ſei er unverſehens auf eine Natter getreten. Eine ahnungs⸗ volle Stimme hatte ihm geſagt, daß es mit dem Billet eine andere Bewandtniß haben müſſe, um die Stephanie bereits wußte. Weshalb wäre ſie ſonſt ſo ſichtlich erſchrocken geweſen? Nun traf er ſie hier, gegen ſein Ertvarten allein und Beide in einer Aufregung, die unmöglich durch ein ruhig geſellſchaftliches Beiſammenſein hervorgebracht ſein konnte. Er ſchenkte ſich an dem Theetiſch ein Glas Waſſer ein und netzte ſeine zuckenden Lippen. Als er das Glas niederſetzen wollte, entglitt es ſeinen zitternden Händen und fiel klirrend auf das ſilberne Präſentir⸗ bret. Hedwig ſchien es nicht zu hören, ſie regte ſich nicht; ſie ſtarrte mit geſpannten Brauen vor ſich hin. Hedwig! ſagte der Fürſt. Sie blickte empor. Er hatte fragen wollen: Liebſt Du den Grafen? aber als ſeine Augen ihren dunklen Angen begegne⸗ ten, entſank ihm der Muth, das entſcheidende Wort kroch ſcheu zum Herzen zurück und über ſeine Lippen kam, er wußte ſelbſt nicht, wie: Es ſcheint, daß Du an dem Vorfall geringeren Antheil nimmſt, als ſelbſt Stephanie. Hedwig ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. Was ſagteſt Du? Ich ſagte, der Unfall unſers Horſt, für den Du doch ſonſt einiges Intereſſe an den Tag legteſt, ſcheint Dich im Grunde wenig zu kümmern. Er iſt ja nicht todt. Müſſen denn die Leute erſt ſterben, bevor ſie Dir intereſſant werden? Wieder ſtrich ſich Hedwig über die Stirn. Er iſt ja nicht todt, wiederholte ſie. Sie erhob ſich und ſchritt wieder im Gemach auf und nieder. Sollte ſie Allem ein Ende machen, jetzt gleich? Sollte ſie ſagen: Ihr quält mich; der Starke mit der beleidigenden Zuverſicht auf ſeine Stärke, der Andere mit ſeiner ſchwankenden Seele, die ſich nicht entſchließen kann zum Bleiben und nicht zum Gehen, zum Leben nicht und nicht zum Sterben; du, alter Mann, der du forderſt, was dir nicht zukommt, in keinem Sinne; ihr Alle quält mich und ich will die Qual nicht länger dulden. Sollte ſie das ſagen? Vor dem, was dann kam, fürchtete ſie ſich nicht, und nicht aus Furcht hatte ſie vorhin geſchwiegen und dem Grafen die plumpe Lüge durchſchlüpfen laſſen. Was galt es ihr, was aus ihr wurde! Aber der alte Mann! Der alte Mann mit dem ergrauenden Haar und den bleichen angſt⸗ erfüllten Zügen, er würde den Schlag nicht verwinden, den tödtlichen Schlag in ſein weiches, edles Herz. Er war ſehr, ſehr gut gegen ſie geweſen— damals! und hatte wohl ehrlich geglaubt, ſeinen Schwur erfüllen zu können. Und er war der⸗ ſelbe geblieben, voll immer gleicher liebenswürdiger Zuvorkom⸗ menheit und ritterlicher Zärtlichkeit. Nein, ſie konnte ihm das nicht anthun, es durfte nicht ſein, ſie durfte den Bund nicht brechen, bevor er ſelbſt ihn brach; ſie mußte ſchweigen und lei⸗ den, ſo lange er ſchweigend litt, wie jetzt, wo ihm der Schmerz die noch immer ſchönen Angen tief in die Höhlen zurückdrängte und tiefe Furchen über ſeine feine Stirn, durch ſeine bleichen Wangen zog. Armer alter Mann! Sie trat an ihn heran und beugte ſich nieder und berührte ſeine Stirn mit den Lippen. Im nächſten Angenblick hatte ſie das Gemach verlaſſen. Der Fürſt ſaß da, die Hand an die Augen gepreßt, als wolle er vor ſich verbergen, daß er weine. Er wußte es ja, es war nur Mitleid geweſen, Mitleid! Und er war ſo ſchwach, Fr. Spielhagen's Werke. XI. 9 — dies zu dulden, ſo arm, daß er dankbar für den Brocken war, der von dem Tiſch ihrer Liebe für ihn abfiel, ihrer Liebe zu dem verhaßten Mann, dem Verräther an dem heiligen Ver⸗ mächtniß ſeines Hauſes, dem Söldling des fremden Herrn, dem Glücksritter, der die ruchloſe Hand nach ſeinem Fürſtenhut aus⸗ ſtreckte, und nach ihr, die ihm theurer war als ſeine Fürſtlichkeit, als die ganze Welt! Durchlaucht haben gerufen, ſagte Herr Gleich, der ſchon ſeit einer Minute hinter ſeinem Herrn ſtand und jetzt that, als ob er eben in das Zimmer getreten ſei. Ah, Du biſt es, Andreas, ſagte der Fürſt; es iſt gut, daß Du kommſt, Du kannſt mich zu Bette bringen, ich fühle mich ſehr unwohl; gieb mir Deinen Arm. Durchlaucht nehmen ſich Alles ſo ſehr zu Herzen, ſagte Herr Gleich, als er ſeinen Herrn zu Bett gebracht hatte, und nun, ein paar Garderobeſtücke über dem einen Arm und die andere Hand an dem Zuge der Gardine, vor dem Bette ſtand. Die Menſchen danken es Durchlaucht ſchlecht genug. Wenn ich ſehe, wie Durchlaucht um den Herrn Doctor bekümmert iſt, und der Herr Doctor nichtsdeſtoweniger fort will, ich ſage immer bei mir: Andreas, ſage ich, der geht auch nicht von ungefähr, den treibt etwas von hier. Du haſt ihn nie leiden können, ſagte der Fürſt. Und iſt doch ſonſt ein recht leidlicher Menſch, ſagte Herr Andreas ſo vor ſich hin. Es werden viele Thränen vergoſſen werden, wenn er nun fortgeht. Befehlen Durchlaucht, daß ich die Gardine ſchließe? Ich befehle Dir, daß Du herausſagſt, was Du auf dem Herzen haſt, rief der Fürſt heftig. Herr Andreas zog die buſchigen Brauen zuſammen. Die Entſcheidung kam ihm ein wenig zu früh; war er doch ſelbſt noch nicht ganz entſchloſſen, welchen von beiden Trümpfen, die er in der Hand hielt, er ausſpielen ſolle. Was ſein Herr hören wollte, wußte er ſehr genau, und möglich war es ja auch, daß ſie es jetzt mit dem Grafen hielt, wie vorher mit dem Doctor. Der Brief, von dem ihm Dietrich erzählt, war verdächtig ge⸗ nug, und wenn der Dummkopf ihn aufgebrochen hätte, wäre vielleicht was zu machen geweſen, ſo aber war das nichts. Und den Grafen haßte der Fürſt ohnedies. Und dann, ſobald der Graf in's Spiel kam, nahm die Sache eine gefährliche Wendung; mit dem Doctor war es weniger geführlich und ſchließlich ſicherer. Wird's? ſagte der Fürſt. Da Durchlaucht befehlen, ſagte Herr Andreas, ſo iſt's frei⸗ lich meine Pflicht, und da es ja nun doch zu Ende geht, iſt's auch ſchließlich einerlei, wenn ich ſage, er hätte niemals kommen ſollen. Ich hätte freilich alles Andere eher erwartet, murmelte der Fürſt. Er will nicht darauf anbeißen, ſagte Herr Andreas bei ſich und laut ſagte er: Wenn man ſo drei Jahre lang Tag für Tag ſich ſieht und jung iſt und ſchließlich doch— Von wem ſprichſt Du? rief der Fürſt in die Höhe fahrend. Von dem Herrn Doctor Horſt, Durchlaucht. Du biſt ein Dummkopf, Alter, ſagte der Fürſt, ſich wieder in die Kiſſen lehnend. Herr Andreas biß ſich auf die dünnen Lippen. Aber er war jetzt zu weit gegangen, um nicht noch weiter gehen zu müſſen; und daß er ein Dummkopf ſein ſolle, ärgerte ihn auch. Durchlaucht meinten ſonſt wohl, daß ich Alles höre und ſehe, was um mich her paſſire; und wenn man ſo zuſammen⸗ nimmt, was man in dieſen drei Jahren gehört und geſehen hat— Er ſchwieg; der Fürſt lag nachdenklich da. Unmöglich wäre es nicht, murmelte er, und erklärte mir ſchließlich Manches. Der arme Menſch, freilich— da konnte er wohl nicht länger bleiben. Aber weshalb haſt Du mich nicht früher darauf aufmerkſam gemacht? Ich dachte nicht, daß Durchlaucht es ſo leicht nehmen würden. Wos iſt da ſchwer zu nehmen? Freilich, freilich, die arme 6 —————— Motte, die ſich die Flügel verbrennt— man ſieht das ſo ruhig mit an, aber es mag wehthun, recht weh! Ja wohl, Scheiden und Meiden! ſagte Herr Andreas. Und deshalb meinte, auch vorhin, es werden viele Thränen ver⸗ goſſen werden, wenn er fortgeht. Der Fürſt ſah ſeinen Vertrauten mit großen Augen ſtarr an. Du kannſt die Gardine ſchließen, Andreas. Herr Andreas that, wie ihm geheißen und verließ leiſen Schrittes das Gemach. Aber die Thür hatte ſich kaum hinter ihm geſchloſſen, als der Fürſt die Vorhänge wieder ausein⸗ anderriß und, im Bett aufgerichtet, in die Dämmerung ſtarrte, welche die Nachtlampe in dem großen koſtbaren Gemache ver⸗ breitete. Das alſo meint der Andreas? Darauf haben ſeine An⸗ ſpielungen früher und ſpäter, die ich nie recht verſtand, hinaus⸗ gewollt? Nun, es mag ja ſein— von ſeiner Seite; und eine gewiſſe Theilnahme von der ihren iſt gewiß nicht wegzuleugnen; aber auch nur ein ernſteres Engagement!— Pah, wo der An⸗ dreas die Augen gehabt haben mag! Und ſollte der kluge alte Menſch wirklich nicht ſehen, was ich ſo klärlich ſehe, was auch Stephanie offenbar ſieht und— ſie wollte ihn fort haben, ehe der Andere kam! Fürchtete ſie ihn, deſſen treue Ergebenheit ſie kannte, von dem ſie vielleicht wußte, daß gerade er ſie ſchärfer beobachten würde?— Und wie ſchlecht ſie ihn ſeitdem behandelt; das muß ja Allen auffallen, und vorhin dieſe Gleich⸗ giltigkeit nach dem erſten Schrecken! Ja, ja, er weiß darum, auch er; auf mich ging es, was er da vorhin phantaſirte: morde nicht den heiligen Schlaf!— ja, ja, ich habe Euch zu tief geſchlafen! Wer hätte das gedacht, daß der alte Mann noch ſo viel Blut hat!— beim Himmel, uu habe ich Euch zu viel Blut! Der Fürſt ſchrak zuſammen; es war ihm, als hätte eben, dort in der dunklen Ecke, eine Geſtalt geſtanden mit einem Meſſer in der Hand. Aber was er geſehen, war nur das le⸗ bensgroße Porträt ſeines Vaters geweſen, und das Meſſer eine weiße Rolle, welche der Vater in der Hand hielt. Ein Auf⸗ flackern der Nachtlampe mochte das Bild für einen Augenblick etwas heller getroffen haben. Es iſt Dein Blut, das in meinen Adern fließt, murmelte der Fürſt. Du haſt mir Deine Geſtalt gegeben, Deine Züge, ich gleiche Dir in Allem, nur daß ich noch unglücklicher bin, als Du. Auch ſie, die Du ſo heiß liebteſt, meine Mutter— ſie konnte Dich dem ſchlechteren Manne opfern; aber ſie hatte Dich doch einmal geliebt; Du haſt ſie einmal beſeſſen, und es war doch Dein Sohn, der Dir im Erbe folgte, für den Du Deine ſtolzen Pläne träumteſt, mit dem Du von Deinen ſtolzen Plänen ſprechen konnteſt. Aber ich! ach, ich muß ja immer nur von den Früchten leben, die meine Hand nicht erfaſſen kann, mit dem Waſſer meinen Durſt löſchen, das unter meinen Füßen verrinnt! Und der ſtolze Traum Deines Lebens trat Dir doch einmal in feſter, greifbarer Geſtalt entgegen. Es war eine Lüge, aber ſie kam von den Lippen des Herrn der Welt. Wer mag Dir verargen, daß Du daran glaubteſt! Ich, ich habe den Neffen ſtatt des Onkels, und ihn nicht einmal ſelber— ſeinen Abgeſandten nur, der heimlich auf heimlichem Wege zu mir ſchleicht, dem Wege des Verräthers! Dennoch, dennoch! ſo habe ich dies Preußen nie gehaßt wie jetzt; ich könnte jetzt thun, was ich vorher nicht gethan hätte. Und wieder ſchrak der Fürſt zuſammen. Ein furchtbarer Sturm brach jählings herein. Vor dem Fenſter des Schlafgemaches im Schloßgarten ſauſte und don⸗ nerte er durch die hohen Wipfel der Bäume und prallte gegen die Mauern und pfiff um die Thürme, und das alte Fürſten⸗ ſchloß bebte bis in ſeinen tiefſten Grund, als ob es fühle, daß es die längſte Zeit auf ſeinem Felſen geſtanden habe und noth⸗ wendig untergehen müſſe, wenn ſein Herr ſo furchtbare vater⸗ landsverrätheriſche Gedanken hegte, wie ſie jetzt durch ſein über⸗ reiztes Gehirn jagten und haſteten und immer wieder kamen, und nicht weichen wollten, wie tief er auch das graue Haupt in die ſeidenen Kiſſen drückte und den Schlummer herbeiſehnte, der ihn, und wäre es auch nur auf wenige Minuten, von ſei⸗ nen Qualen erlöſen ſollte. ₰ 134 Elſtes Capitel. Dem Regenſturm der Nacht war ein wonniger Morgen ge⸗ folgt. Um die grauen Zinnen des alten Fürſtenſchloſſes fluthete das goldene Julilicht ſo heiß, daß man die feuchten blauen Schatten in den tiefen Höfen bereits als eine Wohlthat em⸗ pfand. Von den Terraſſen, wo die Gärtner mit ihren Ge⸗ hilfen eifrig beſchäftigt waren, die Schäden der letzten Tage zu beſeitigen und zu erſetzen, ſtieg ein warmer Duft aus un⸗ zähligen Blumen und Blüthen. In dem friſch glänzenden Laub der Bäume zwitſcherten und ſangen und ſchwirrten die Vögel; aus den ſchimmernden Wieſen unten im Wildpark wallten leichte Nebelſtreifen durch die Schluchten hinauf in die Wälder, wäh⸗ rend die höheren Partien der Berge bereits in vollem Glanze ſtrahlten. Hermann ſtand an dem Fenſter ſeines Schlafzimmers und betrachtete lange das reizende Schauſpiel. Wer hätte das geſtern denken können, ſprach er bei ſich; geſtern ſchien es, als wollte die Natur den dunkeln Trauer⸗ mantel, in den ſie ſich gehüllt, nimmer wieder ablegen, und heute lacht ſie und ſtrahlt ſie wie eine glückliche Braut. Könnte man es dem Unglücklichen als Schwäche anrechnen, wenn er nicht ungerührt bleibt von dieſem milden Zuſpruch, wenn er der holden Botſchaft, die Himmel und Erde zu verkünden ſcheinen, frendig lauſcht, wenn in den verdüſterten Sinn der fromme Glaube wiederkehren will, daß noch Alles, Alles ſich wenden kann? Aber ich bin zu bitter enttäuſcht worden und die Qual des geſtrigen Tages war zu groß. Es bedurfte dieſes Zei⸗ chens nicht. Er ſtützte die Stirn in die Hand, die nach der Fiebernacht noch immer ſchmerzte, und ſtarrte wieder in die Landſchaft, lange Zeit, und dann ſchüttelte er wehmüthig den Kopf und machte eine Bewegung, wie wenn man ein Buch leiſe zumacht. Was ſollte ihm das jetzt! Es würde noch manche Stunde kommen, wo er in dieſem Buche blättern konnte nach Herzensluſt und Herzensſchmerz. ——— 135 Denn nun ſollte geſchieden ſein. Schwach, wie er ſich fühlte, er hatte jetzt die Kraft; und er war dankbar, daß er die Kraft hatte und doch ſein Herz nicht mehr raſte und tobte wie die Tage vorher; nein, wenn auch ein wenig dumpf, doch ruhig und gemeſſen ſchlug, wie das Herz eines Menſchen wohl ſchlagen kann, der ſcheiden muß, aber gern in Frieden ſcheiden möchte. In Frieden— in Frieden mit Allem und Allen, damit ich Frieden habe in mir ſelbſt, den Frieden, der mein Herz erfüllte, bevor mir das Schickſal dieſe Prüfung brachte, die ich ſo ſchlecht beſtanden habe. Ich glaubte, ein Eingeweihter zu ſein und ein Meiſter des großen Geheimniſſes und das Wort aus dem Grunde zu verſtehen, welches das trübe Räthſel dieſer Welt löſt, das große feierliche Wort: Entſagung. Ich ſehe jetzt, wie ſehr ich Anfänger war, wie viel ich noch zu lernen hatte. Gleichviel, die Prüfung liegt hinter mir; ich lebe, ich athme noch, und ſo kann ich ſühnen, was ich gefrevelt habe gegen den heiligen Geiſt der Freiheit und der Wahrheit. Ich habe in Ketten gelegen, die ich mir ſelbſt geſchmiedet; ſo kann ich mich auch ſelbſt befreien. Ich ſpotte dieſer Ketten nicht, ſie haben mir die Glieder allzu wund gedrückt, aber fallen ſollen ſie von meinen Händen, wie ſie von meiner Seele bereits ge⸗ fallen ſind. Ein paar Federſtriche, und ich bin äußerlich ſo frei, wie ich im Herzen meines Herzens bin. Er ging in ſein Zimmer und ſetzte ſich, um an den Fürſten zu ſchreiben. Es war im Grunde nur eine Schwierigkeit zu beſeitigen, aber Hermann fand bald, daß ſie nicht ſo leicht zu beſeitigen war. Er hatte dem Fürſten verſprochen, ihn nicht durch ein allzu plötzliches Scheiden ſeinen Gäſten gegenüber in Verlegenheit zu bringen; er hatte der Gräfin ſelbſt zugeſagt, nicht von Roda fortzugehen, bis ein Erſatz für ihn vorhanden ſei. Es waren zu dieſem Zweck bisher keine Schritte geſchehen; und daß man ſeinen Rothebühler Collegen, der vor einer halben Stunde von ihm gegangen, keinen einigermaßen ſchwierigen Fall anvertrauen könne, wußte er nur zu gut. Es war eine läſtige Verpflichtung; aber läſtig oder nicht, er war nicht gewohnt, es mit einer Pflicht leicht zu nehmen. —˖“U— 136 So ließ er denn ſeine Studiengenoſſen von der Univerſität her Muſterung paſſiren, ob nicht Einer unter ihnen ſei, der ſein Nachfolger werden möchte. Sie befanden ſich Alle in aus⸗ kömmlichen, zum Theil angeſehenen Stellungen. Es war nicht anzunehmen, daß irgend Einer von ihnen das ſchon Erreichte mit einem Poſten vertauſchen werde, der für einen ſtrebſamen oder gar ehrgeizigen Mann wenig Anziehungskraft haben konnte. Hermann fühlte wieder einmal tief, daß er hinter dem gro⸗ ßen Heereszuge zurückgeblieben war, ein Nachzügler, der in der Oede ſeinen Weg verloren. Und doch mußte Rath geſchafft werden. Aber war denn das ſeine Sache? oder ſeine Sache allein? Das Einfachſte ſchien, ſich direct an den Grafen ſelber, an den zumeiſt Betheiligten, zu wenden und ihn aufzufordern, ſeinerſeits die Angelegenheit zu betreiben. Es konnte dem vor⸗ nehmen Herrn ja nicht allzu ſchwer fallen, ſich einen Arzt zu ſchaffen; man brauchte ſich doch ſonſt keinen Wunſch zu verſagen. So legte er denn den angefangenen Brief an den Fürſten beiſeite, um dem Grafen in wenigen Zeilen ſeine Bitte vorzu⸗ tragen, und er hatte eben das Billet unterzeichnet, als der Diener anfragte, ob der Herr Graf ſich perſönlich nach dem Befinden des Herrn Doctors erkundigen könne. Hermann erhob ſich, dem Grafen entgegenzugehen, der als⸗ bald in das Zimmer trat. Der Tauſend, ſagte der Graf lachend, das hätte ich geſtern Abend nicht erwartet, als die Nachricht von Ihrem Unfall wie eine Bombe in unſere Geſellſchaft fiel und eine fürchterliche Ver⸗ wirrung anrichtete. Man muß an die Hilfskraft und Heilkraft eines Arztes glauben, der ſich ſelbſt ſo ſchnell helfen und heilen kann. Und doch ſcheint nach Allem, was ich gehört, der Fall ein ſehr ernſter geweſen zu ſein. Wie haben Sie denn das nur angeſtellt? Ich wollte mich gegen den Regen ſchützen, erwiederte Her⸗ mann, und vergaß dabei, daß der Sturz mit einem ſchlecht geführten Pferde noch empfindlicher werden kann, als der ſtürkſte Regen. 2h ganz wie ich dachte, ſagte der Graf. Nun, ich kann 137 mir lebhaft vorſtellen, wie Ihnen in dem Augenblick zu Muthe geweſen iſt. Aber Sie werden mir zugeben, daß Ihre Patien⸗ ten Ihnen Ehre machen und ich freue mich jetzt, wo Sie ſelber Patient ſind, doppelt, daß ich heute Morgen endlich im Stande war, die leidige Binde abzulegen. Ich wünſche, daß es nicht zu früh geſchehen ſei, ſagte Her⸗ mann. Wollen wir noch einmal nachſehen? Ich möchte Sie nicht gerne derangiren, ſagte der Graf. Wie Sie meinen, ſagte Hermann. Doch würde ich rathen, ſich noch für die nächſten Tage einiger Vorſicht zu befleißigen, wenn Sie bald wieder in den vollen Gebrauch Ihres Armes kommen wollen. Ob ich will; ſagte der Graf. Gewiß will ich das. Mein Urlaub iſt freilich erſt am ſechszehnten zu Ende, aber die Rolle eines Einarmigen würde mir auch bis dahin zu lange dauern. Und wer weiß denn, wie bald wir nicht beide Arme brauchen werden. Ich habe heute Morgen Briefe aus Berlin erhalten. Man beruft ſich darin auf ein bedeutendes Ereigniß, das geſterr ſtattgefunden haben ſoll; als ob uns hier die Zeitungen in's Haus gebracht würden, wie in der Behrenſtraße; als ob wir hier nicht immer einen oder zwei Tage hinter der Weltgeſchichte zurück wären! Ich habe keine Ahnung, was ſich ereignet haben kann, wenn der König im Bade und Graf Bismarck in Varzin iſt; und doch muß die Sache bedeutend ſein, da mein Cor⸗ reſpondent, ſonſt ein klarer, nüchterner Kopf, ganz vergißt zu ſagen, was es iſt. Nur ſo viel geht aus Allem hervor, daß es ſich um eine Differenz mit Frankreich handelt— ein Ge⸗ witter, das ſchon ſeit lange in der Luft ſteht und früher oder ſpäter— und meinetwegen lieber früher als ſpäter— doch einmal losbrechen mußte. Wir bekommen ja heut franzöſiſchen Beſuch; vielleicht kann man da etwas Näheres erfahren. Aber nun will ich Sie auch nicht mehr langweilen. Sie waren be⸗ ſchäftigt, wie ich ſehe. Der Graf war aufgeſtanden und hatte Mütze und Hand⸗ ſchuhe ergriffen, die er vor ſich auf den Tiſch gelegt. Ja ſo, ſagte er, da wäre es mir bald gegangen wie den Leuten, auf die ich noch eben geſcholten. Meine Frau, die ſich Ihnen nebenbei beſtens empfehlen läßt, hatte ebenfalls heute Morgen einen Brief aus Berlin, von ihrer Mutter erhalten. Die Gräfin wollte, wie Sie wiſſen, erſt im nächſten Monat zur Entbindung meiner Frau kommen, früheſtens zum Geburtstage des Fürſten am ſechszehnten; ſie hat ſich nun aber doch beſon⸗ nen, ſagen wir: beſinnen können, da ihre Prinzeſſin diesmal früher als ſonſt zum Herzog nach Hauſe reiſt und ſie alſo auch früher als ſonſt ihre Ferien hat, die ſie natürlich hier zubringen will. Sie wird ſchon in den nächſten Tagen eintreffen, das heißt— wir haben heute den ſechſten— am achten oder neunten, und— Sie werden daran ſofort die überängſtliche Mama erkennen— in Begleitung ihres Hausarztes, des ge⸗ heimen Rathes Winkler. Ich habe meine Frau ausgelacht, aber was ſoll man thun, wenn man Frieden haben will? Die gu⸗ ten Geſchöpfe meinen es ja nicht bös, auch wenn es einen noch ſo böſen Anſchein hat; und ich muß meiner Frau nachſagen, daß ſie diesmal gänzlich außer Schuld iſt und die Schwäche ihrer Mama nicht minder peinlich empfindet, als ich. Ich bin überzeugt, daß Sie ſich in unſere Lage verſetzen können. O gewiß, ſagte Hermann, und ebenſo werden Sie, wenn Sie die Güte haben, einen Blick auf dies Blatt zu werfen, mir nachfühlen können, aus welcher peinlichen Situation Sie mich durch Ihre Mittheilung geriſſen haben. Ah, ſagte der Graf, die Zeilen überfliegend, Sie wollen ernſtlich fort?. Sie erinnern ſich, Herr Graf, daß ich bereits vor Ihrer Ankunft den Fürſten um meine Entlaſſung gebeten hatte und nur auf den dringenden Wunſch Sr. Durchlaucht geblie⸗ ben war. Allerdings, allerdings, ſagte der Graf, um unſerthalben; ich meine, um der Gräfin willen. Das arrangirt ſich ja nun Alles recht ſchön. Ich darf von Ihrer Mittheilung Gebrauch machen? Und er faltete das Blatt zuſammen und ſteckte es in die Taſche. 4. ——————— 139 Doch nur der Frau Gräfin gegenüber, wenn ich bitten darf, Durchlaucht müßte wohl— Was Sie ihm mitzutheilen haben, von Ihnen jelbſt erfah⸗ ren, fiel der Graf ſchnell ein. Nun, natürlich, das verſteht ſich ja von ſelbſt. Aber noch einmal, ich will nicht länger ſtö⸗ ren. Guten Morgen, Herr Doctor. Hermann ſchaute mit bitterem Lächeln auf die Thür, durch die ſich eben der Graf entfernt hatte. Da habe ich mir wieder einmal eine recht unnöthige Sorge gemacht, ſprach er bei ſich. Daß Unſereiner doch ſo ſchwer be⸗ greift, wie leicht er zu entbehren iſt! Nun, Gott ſei Dank, der Weg ſteht offen, und diesmal will ich ihn bis zu Ende gehen. Er nahm den Brief an den Fürſten wieder vor. Was er geſchrieben, paßte nach der Mittheilung des Grafen nicht mehr; er mußte von vorn beginnen. Die Situation war ja jetzt ſo viel einfacher; dennoch wollten die rechten Worte nicht kommen. Die dumpfe Schwere in ſeinem Kopfe. immer peinlicher. Wiederholt mußte er abſetzen; endlich brachte er mit Mühe einige Zeilen zu Stande, die ihm, als er ſie überlas, gar nicht genügten, die er aber dennoch einſiegelte und adreſſirte. Durchlaucht ſind in Conferenz mit Herrn von Zeiſel und dem Herrn Kanzleirath, ſagte der Diener; ich werde das Billet ſchwerlich anbringen können. Verſuchen Sie es dennoch. Ganz gewiß, Herr Doctor. Der Diener war gegangen. Man wird zuletzt gar noch ſelber egviſtiſch, ſagte Hermann. Aber Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Er mußte lächeln, als er die Worte laut und ernſthaft ge⸗ ſagt hatte. Eine neue Weisheit in Deinem Munde, aber unter den Wölfen lernt man heulen. Was wäre jetzt zunächſt zu thun? Das Zelt abzubrechen, unter dem Du ſo lange— zu lange gehauſt. Es wird ſchnell genug geſchehen ſein. Er ließ ſeine Blicke durch das Zimmer ſchweifen. Wie 3 6 1 3 — S viel gehörte ihm denn von dieſer eleganten, ja reichen Aus⸗ ſtattung? Dieſes bequeme Sopha nicht, auf dem er ſaß, die⸗ ſer Tiſch mit der prunkhaften Decke nicht, an dem er geſchrie⸗ ben, der große Spiegel nicht, in welchem er ſein bleiches Geſicht ſah— ſo gut wie nichts; die kleine mediciniſche Bibliothek, die Inſtrumente zu ſeinen phyſikaliſchen und chemiſchen Experimen⸗ ten— das war Alles. Das Andere war nur das koſtbare Gewand, in das man den Statiſten hüllt, damit er an dem prächtigen Schauſpiel ſchicklich Antheil nehmen könne, und das er wieder abzuſtreifen hat, wenn er verabſchiedet wird. Und daran hatte ich dieſe ganze Zeit nicht gedacht! Und es lag doch ſo nahe, war ſo gar nicht zu überſehen, wenn man nur die Augen aufmachte. Aber ich war eben ein Blinder ge⸗ weſen; die Welt iſt nicht ganz ſo herrlich, wie ich ſie geträumt, im Gegentheil, ein wenig nüchtern und ärmlich. Deſto beſſer! deſto leichter werde ich in Zukunft wach bleiben können. Und während er das bei ſich dachte, ſanken ihm die Wim⸗ pern über die ſchlummermüden Augen. Als er ſie wieder öffnete, ſchien die Sonne hell in das Zimmer, von dem Hofe ertönte das Geraſſel von Wagen, das Wiehern von Pferden und rufende Stimmen der Leute. Aber es dauerte Minuten, bis er ſich dieſer Umſtände voll bewußt wurde. Endlich beſann er ſich, daß er geſchlafen, lange geſchlafen haben mußte. Er erinnerte ſich, daß der Graf um Zwölf bei ihm geweſen, und ſeine Uhr wies auf Vier. Wan⸗ kend erhob er ſich und trat an's Fenſter. Eine Equipage fuhr über den Schloßhof nach dem zweiten Hof, wo die Ställe und Remiſen ſich befanden; vor dem Portal ſtanden mehrere Be⸗ diente in großer Livrée; in dem Cavalierhauſe ſelbſt war ein Kommen und Gehen und Oeffnen und Schließen von Thüren und jetzt wurde auch an ſeine Thür geklopft. Herr von Zeiſel trat herein im Frack und weißer Binde und Weſte, den Chapeau unter dem Arm, in der linken Hand ein Paar Glacés, während er die rechte Hermann entgegen⸗ ſtreckte. Was werden Sie von mir denken, liebſter Freund, rief er, 141 daß ich mich den ganzen Morgen noch nicht um Sie bekümmert habe! Aber zuerſt, wie geht es Ihnen? Was machen Sie? Der Graf fagte, er habe Sie vollkommen wohl verlaſſen. Iſt es wahr? Ich finde, Sie ſehen ſehr angegriffen aus und Ihre Hand iſt heiß: Sie haben noch immer Fieber. Ich denke, nein, ſagte Hermann; ich komme eben aus dem Schlaf. Und ich habe Sie aufgeweckt, ſagte der Cavalier. Wie dumm! ich will auch gleich wieder gehen. Bleiben Sie lieber, ſagte Hermann, ein paar Minuten we⸗ nigſtens, und erzählen Sie mir, was es giebt. Eine halbe Stunde kann ich bleiben, ſagte der Cavalier, neben Hermann auf dem Sopha Platz nehmend. Ich habe möglichſt ſchnell Toilette gemacht, um noch ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Und was es giebt? Aber Sie haben ja ge⸗ ſchlafen, ſagten Sie. Vier Stunden. Vier Stunden, das iſt aller Ehren werth. Nun, ich finde das begreiflich nach ſolcher Nacht. Sie haben mir rechte Sorge gemacht. Und Sie haben mich ſo treulich behütet; ich habe Ihr gutes Geſicht wohl von Zeit zu Zeit geſehen, wenn ich einmal aus meinem Torpor aufwachte. War nicht auch der Fürſt da? Gewiß, ſagte Herr von Zeiſel; auch Gleich und ſelbſt der Graf auf eine Minute. Ich habe ſie Alle weggeſchickt, um allein bei Ihnen zu bleiben. Warum das? Der Cavalier ſah Hermann mit einem halb ſchelmiſchen, halb verlegenen Lächeln an. Sie führten ſo ſeltſame Reden, Sie Verſchloſſenſter der Menſchen, und da dachte ich, es wäre am Ende beſſer, wenn Jemand bei Ihnen blieb, der ein ſo windiges Gehirn hat, wie Ihr ergebenſter Freund und Diener. Nun, ſagte Hermann, was für Reden waren das? Mir dürfen Sie es ſchon ſagen; mir erzählen Sie jedenfalls nichts Neues. Wir ſprechen ein andermal darüber, ſagte der Cavalier lachend. Lieber jetzt gleich, ſagte Hermann. Sie ſehen, ich bin noch etwas nervös; nichts regt mehr auf, als eine unbefriedigte Neugier. Nun denn, ſagte Zeiſel, Sie lieben. In der That; habe ich das geſagt? Nicht geradezu, aber doch verſtändlich genug. In Gegenwart des Fürſten? fragte Hermann, dem das Blut in die Schläfe ſchoß. Nein, da führten Sie nur wirre Reden: Reminiscenzen aus Macheth, die mir nebenbei etwas peinlich waren. Ein älterer Herr und Fürſt läßt ſich nicht gern mit dem gnadenreichen Duncan vergleichen und ſich daran erinnern, daß er noch ſo viel oder zu viel Blut hat, ich weiß nicht, wie es heißt; aber ſpäter, als ich allein bei Ihnen war— lieber Freund, Sie ſprachen fürchterliche Dinge und tauchten ſo viele imaginäre Dolche in das Herz eines gewiſſen Herrn, daß mir's heute Morgen ordentlich leicht um's Herz wurde, als ich ihn lebend vor mir ſah. Wie iſt Ihnen dieſe Leidenſchaft nur ſo plötzlich gekommen? Aber habe ich ein Recht, danach zu fragen, der ich die ſchönſte der Frauen ſelber anbete! Und das treibt Sie nun wirklich von uns? Sie ſprechen in Räthſeln, lieber Freund, die zu löſen ich außer Stande bin. Was meinen Sie? Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht betrüben, lieb⸗ ſter Freund, erwiederte der Cavalier. Aber ich glaube es un⸗ ſerer Freundſchaft ſchuldig zu ſein, wenn ich Ihnen nicht ver⸗ hehle, daß mir ſogar der Fürſt mindeſtens eine Ahnung des wahren Motivs Ihres plötzlichen Entſchluſſes zu haben ſcheint. Unmöglich! rief Hermann. Ich war zugegen, fuhr der Cavalier fort, als ihm Ihr Brief überbracht wurde. Er las ihn, reichte ihn mir und ſagte: Was heißt dies? Ich zuckte natürlich discret die Achſeln und murmelte etwas von: doch einmal einen Entſchluß faſſen müſſen, als ich den Fürſten ſo ganz in Gedanken verloren vor —— 143 ſich hin ſagen hörte: vielleicht iſt es beſſer für ihn, wenn ich ihn jetzt auch weniger miſſen kann, als je vorher; und dann, Sie kennen ja ſein ironiſches Lächeln, fügte er hinzu, immer in demſelben verlorenen Ton: die Gräfin wird untröſtlich ſein, der Graf wird ſich zu tröſten wiſſen. Hermann athmete auf. Und daraus ſchließen Sie? Ich ſchließe gar nichts, ich ſage gar nichts, als daß es ſchändlich von Ihnen iſt, jetzt, gerade jetzt zu gehen, wo Sie mich, der ich ſo lange eine ſubalterne Rolle geſpielt habe, in meinem Glanze ſehen könnten. Das ſage ich Ihnen aber gleich: vor dem ſechszehnten laſſe ich Sie nicht weg und wenn Ihnen das Herz ſechszehnmal bricht. Ich habe ungeheure Projecte; ich werde mich ſelbſt übertreffen, und das Alles mit hoher obrig⸗ keitlicher— will ſagen durchlauchtiger Bewilligung. Denken Sie ſich, liebſter Freund, vorhin, als ich ſchon meine letzte Verbeu⸗ gung gemacht zu haben glaubte, ſagt der Fürſt: Ich weiß, daß meine guten Rothebühler die liebenswürdige Gewohnheit haben, ſich meines Geburtstages zu erinnern. Sie werden es auch diesmal thun. Nur ſind ihre Aufmerkſamkeiten meiſt beſſer ge⸗ meint, als ſie geſchmackvoll ſind. Und doch wäre auch das Letztere, da wir das Haus voller Gäſte haben, diesmal wirklich wünſchenswerth. Wie wär's, lieber Zeiſel, wenn Sie, ſo ganz unter der Hand, die Sache ein wenig in die Hand nehmen wollten.— Sie werden mir zugeben, liebſter Freund, der Wink war deutlich, ſehr viel deutlicher, als Durchlaucht ſonſt zu win⸗ ken pflegen. Aber die Sache iſt, daß ein wenig Eiferſucht gegen den Grafen mit unterläuft, vor dem man ſich nicht ungern als vielgeliebten Landesvater zeigen möchte. Freilich darf man auch den franzöſiſchen Gäſten nichts zu lachen geben; der Marquis ſieht ohnedies trotz ſeiner glatten Manieren aus, als ob er ſich innerlich fortwährend über uns luſtig machte. So iſt der Marquis gekommen? Ja, Sie Mann aus dem Monde, vor einer Stunde bereits, mit Extrapoſt wie der Teufel, er und ſein Secretair nebſt einem Kammerdiener und zwei Bedienten— eine ganze kleine Cara⸗ wane. Außerdem waren, wie Sie ſich erinnern— oder auch nicht erinnern, wann hätten Sie ſich je um dergleichen beküm⸗ mert!— Herr und Frau und Fräulein Adele von Fiſchbach und Baron Neuhof nebſt Frau Gemahlin zu heute geladen. Durchlaucht, der jetzt durchaus Hof halten will, hat zu morgen auch noch an Baron Manebach und die Herren von Kammer⸗ berg und von der Kuhruh Einladung ergehen laſſen, und es thut ihm, glaube ich, beinahe leid, daß nun außer dem dis⸗ reputirlichen alten Grafen Pechtiegel kein Adeliger mehr ſechs Stunden in der Runde aufzutreiben iſt. Uebermorgen kommt nun auch noch die Gräfin Excellenz, und dabei den Kopf voller Pläne für das Feſt am ſechszehnten! Deputation der ehren⸗ werthen Bürger, Serenade, Illumination, lebende Bilder, Feſt⸗ ſpiel: Barbaroſſa's Erwachen, Schlußtableau: Germania— blauer Rock, Berliner Blau natürlich, Bruſtharniſch, Gürtel von allerlei koſtbaren Steinen, auf dem Haupte einen ſtrahlenden Helm, in der Linken den Schild mit dem Reichsadler, in der Rechten den Flamberg— wozu hätten wir denn unſere Rüſt⸗ tammer!— über ihr die wehenden Zweige der deutſchen Eiche, im Hintergrunde die burgengeſchmückten Ufer des alten Rhein! Und nun muß ich fliegen, um die Honneurs zu machen und im Vorbeigehen Ihren ſchuftigen Johann aufzugabeln, damit er Ihnen ein kleines feines Diner aus der Küche holt. Sie könnten gleich mit dem Secretär des Marquis ſpeiſen, der Mi⸗ gräne hat und auch nicht zur Tafel kommt. Er wohnt hier neben uns. Ich mußte ihn doch im Cavalierhauſe unterbringen, obgleich ich im Malortie nichts darüber finden konnte, wie es mit den Secretären franzöſiſcher Marquis, die in Deutſchland auf Entdeckungsreiſen ausgehen, zu halten ſei. Gleich nach der Tafel geht's nach Erichtsthal in drei oder vier Wagen. Sie werden uns ſehen, bewundern, geſund werden, hier bleiben, Zu⸗ lage haben, mich hinauswerfen, wenn ich noch ein Wort ſpreche, und ſomit Gott befohlen! Der heitere junge Mann ſchüttelte dem Freunde die Hand und eilte davon. Hermann blickte ihm mit einem trüben Lä⸗ cheln nach. Glücklicher Menſch, ſagte er, wer doch auch wie Du das ſchwere Leben ſo auf die leichte Achſel nehmen und dabei ſo brav bleiben könnte! Ich weiß, Dir thut es leid, daß ich gehe, aber Du haſt Dir darum Deine weiße Binde nicht weniger ſorgfältig geknüpft und über Deine neuen Lackſtiefel keine ge⸗ ringere Genugthuung empfunden. Ich möchte Dich wohl heute in Deinem Glanze ſehen und Dein Winken und Stirnrunzeln,⸗ und Dein zufriedenes Lächeln, wenn Alles nach dem Schnürchen geht, ich möchte es wohl ſehen! Aber Hermann ſah, während er ſo ſprach, nicht ſeinen Freund, ſondern Hedwig, wie ſie in der Bildergalerie, wo ſich die Geſellſchaft vor der Tafel zu verſammeln pflegte, in ruhi⸗ ger Anmuth daſtand, die Verbeugungen der Herren mit jenem kaum bemerkbaren Neigen des Hauptes erwiedernd, das ihr eigenthümlich und, mochte ſie Vornehm oder Gering grüßen, immer daſſelbe war. Er ſah ſie ſich zu den Damen wenden, und während ſie die junge, hochmüthige Baronin Neuhof nur eben mit einem Blick der dunklen Augen ſtreifte, das ſchüchterne Fräulein Adele von Fiſchbach mit ernſter Freundlichkeit bewill⸗ kommnen. Der Fürſt trat mit dem Marquis heran; der Fran⸗ zoſe ſagte ihr die verbindlichſten Dinge und der Graf verwen⸗ dete keines ſeiner blauen, ſtahlharten Augen von der Gruppe, während er ſich ſcheinbar mit der ſchönen Neuhof unterhielt; und nun trat Herr von Zeiſel an Durchlancht heran und flü⸗ ſterte ihm ein paar Worte in's Ohr und Durchlaucht ſagte laut: Darf ich die Herren bitten, während er ſelbſt der alten Frau von Fiſchbach den Arm reichte. Und ſo weiter, ſagte Hermann, heute und die folgenden Tage und in alle Ewigkeit. Was geht es mich noch an? Der Diener trat herein mit einem großen Präſentirbrett, eilfertig. Er bitte um Entſchuldigung, er habe die Klingel des Herrn Doctor heute vielleicht einmal überhört, es gäbe heute gar ſo viel zu thun. Das Diner für den Herrn Doctor habe Herr von Zeiſel ſelbſt mit dem Chef verabredet; Herr von Zeiſel laſſe dem Herrn Doctor guten Appetit wünſchen; und dann habe er auch noch eine Karte von dem franzöſiſchen Herrn Fr. Spielhagen's Werke XI. 10 ———— —— 2 — 146 Secretär, dem er eben auch auf ſeinem Zimmer ſervirt habe, und der Herr Secretär laſſe fragen, ob er dem Herrn Doctor nach Tiſche aufwarten dürfe. Johann wollte dienſteifrig den Tiſch decken, aber Hermann hieß ihn nur etwas Brod und Wein dalaſſen und das Andere wieder fortnehmen. Er habe keinen Appetit und Johann werde drüben im Schloſſe wohl nöthiger ſein. Der Mann ließ ſich dieſe Erlaubniß nicht zweimal geben und verſchwand ſo eilig, wie er gekommen war. Hermann nahm die Karte zur Hand, welche neben der Weinflaſche auf dem Präſentirbrett lag, und las: M. Ludovic du Roſel. Der Name erweckte in ihm Erinnerungen an eine der trüb⸗ ſten und kummervollſten Zeiten ſeines Lebens, an die Zeit, als er noch am Hofe ſeines Königs und Herrn verkehrte und den Dank für die königliche Gnade, die dem Knaben und Jüngling auf der Schule und der Univerſität zu Theil geworden, in Form von Unterrichtsſtunden in den Naturwiſſenſchaften an die könig⸗ lichen Kinder abtragen mußte. Die Stunden ſelbſt hätte er gern gegeben, wäre es damit abgethan geweſen, aber das war es nun eben nicht. Er mußte viel Schlimmes mit in den Kauf nehmen, nichts Schlimmeres als die Berührung mit Menſchen, die ihn für Ihresgleichen anſprechen zu können glaubten, weil ſie ſich mit ihm auf demſelben Parquet begegneten, und die ihn nur zu oft mit einem Vertrauen beehrten, das für einen geraden Mann nichts weniger als erfreulich und oft geradezu beleidigend war. Unter dieſen Menſchen hatte ſich auch eine Zeit lang ein ge⸗ wiſſer Herr Charles Roſel befunden, der ſich für einen Pariſer ausgab, obgleich man ihm nachſagte, daß er aus einem Elſäſſer Dorf ſtamme und eigentlich Karl Roſe heiße. Er hatte an⸗ fünglich in der Stadt von Privatſtunden ein kümmerliches Leben gefriſtet und war dann— Niemand wußte wie— an den Hof gekommen, wo er ſich durch ſeine große Gewandtheit ſchnell angenehm und bald unentbehrlich zu machen wußte. Dann war er— wiederum ohne daß Jemand zu ſagen wußte wie— aus dem Hofkreiſe und aus der Stadt und ſogar aus dem Lande ve un — e— be, tor un re de 147 verſchwunden. Man hatte natürlich darüber ſeine Gloſſen ge⸗ macht und den Namen des Herrn Roſel oder Roſe in unlieb⸗ ſamſte Verbindung gebracht, einmal mit einer gewiſſen königlichen Caſſette, die man ſeit einigen Tagen vermißte, das anderemal mit dem Namen einer Dame aus der haute-volée, die eine plötzliche Reiſe zu ihren Eltern nach Galizien angetreten. Aber man war in dieſen Kreiſen an den kometariſchen Lauf ſolcher Wandelſterne zu ſehr gewöhnt, und nach kurzer Zeit war der Mann bis auf den Namen vergeſſen geweſen. Auch Hermann würde den Mann und ſeinen Namen ver⸗ geſſen haben wie die Anderen, hätte ſich ihm nicht Herr Roſel auf eine gewiſſe Weiſe intereſſant zu machen gewußt durch ver⸗ ſchiedene Unterredungen, die der Franzoſe auf das geſchickteſte herbeizuführen verſtund und in denen er ſich, wenn man ihm glauben wollte, als den glühendſten Freiheitsſchwärmer darge⸗ ſtellt hatte. Hermann hatte ihm nie ſo recht glauben können — des Mannes Thun ſtand in zu auffälligem Gegenſatz mit dieſen ſeinen Bekenntniſſen; ja es war ihm manchmal der Ver⸗ dacht gekommen, ob die feurigen Tiraden des Herrn Roſel nicht einfach geſchickt ausgeſtreute Leimruthen ſeien für die dummen Vögel, welche lange genug in der Sonne der königlichen Gnade geflattert hätten. Alles in Allem war ihm Herr Roſel ein Räthſel geweſen und geblieben und er hatte es für etwas mehr als ein Spiel des Zufalls gehalten, daß in des Mannes ſchma⸗ lem, grauem, von Leidenſchaften durchwühltem Geſicht die dunklen Augenbrauen über der Naſenwurzel zuſammenſtießen, und er alſo auch äußerlich war, was man in der Volksſprache hie und da ein Räthſel zu nennen pflegt. An das Alles dachte Hermann und er blickte mit einiger Spannung auf, als jetzt gepocht wurde, die Thür ſich öffnete, ein Herr ſchnell hereintrat und mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zukam. Es war Herr Charles Roſel 10* Zwölftes Capitel. Sie erinnern ſich meiner nicht mehr, ſagte der Herr, indem er die Hand, welche Hermann zu erfaſſen keine Miene machte, mit einer geſchickten Bewegung zurückzog. O doch, ſagte Hermann, nur daß die Verſchiedenheit der Namen— Charles Roſel oder Ludovic du Roſel, wie Sie wollen, ſagte der Herr; bei uns nimmt man das weniger genau als bei Euch, und nebenbei habe ich ein wirkliches Recht zu beiden Namen, welche jeder nur ein Theil meines vollſtändigen Namens ſind: Charles Ludovic du Roſel. Und Herr Charles Ludovic du Roſel verbeugte ſich noch einmal. Wollen Sie Platz nehmen, ſagte Hermann. Ich hörte zu meinem Bedauern, daß Sie unwohl ſeien, ſagte Herr Roſel, indem er der Einladung alsbald Folge leiſtete, und daß Sie bei Tafel nicht erſcheinen würden. Ich beſchloß ſofort, dieſe Gelegenheit womöglich zu benützen und Sie um eine Privatunterredung zu bitten, damit ich Ihnen ein paar Briefe übergeben und, falls es Ihnen genehm iſt, mit Ihnen weiter darüber plaudern kann, nachdem Sie dieſelben geleſen. Er hatte bei dieſen Worten zwei Briefe aus ſeinem Porte⸗ feuille genommen, welche er jetzt Hermann mit einem Lächeln auf den dünnen Lippen überreichte. Ich weiß in der That nicht— ſagte Hermann. Bitte, leſen Sie, ſagte Herr Roſel. Das Räthſel, welches den Mann umgab, war noch immer ſo dicht und dunkel, wie es ſeine Augenbrauen waren. Als Herr Roſel damals vom Hof verſchwand, war ſtrenge Ordre gegeben, vor den höchſten Herrſchaften mit keiner Sylbe des Vorfalls Erwähnung zu thun, ſelbſt den Namen des Mannes nicht zu nennen. Und hier in dieſem Briefe von höchſter Hand wurde der treue und bewährte Freund des Hauſes aufgefordert, dem Ueberbringer ein unbedingtes Vertrauen zu ſchenken; und 149 in dem zweiten Briefe von der Hand eines Mannes, der an dem Hofe der verbannten Königsfamilie ſtets eine große und verhängnißvolle Rolle geſpielt, bat man ihn, ohne Furcht dem bewährten Führer auf dem Wege zu folgen, welchen die Vor⸗ ſehung ſo ſichtbar vorgezeichnet, bis zu dem Ziele, das für alle Welfenherzen nur eines und daſſelbe ſein könne. Ich erlaube mir nicht den mindeſten Argwohn hinſichtlich W der Authenticität dieſer Schriftſtücke, ſagte Hermann, nachdem 1 er die Briefe mit einer immer wachſenden Unruhe geleſen; auch ſtimmt die Adreſſe gewiß, und doch kann gar kein Zweifel darüber ſein, daß ſie an eine falſche Adreſſe gerichtet ſind. Darf ich Sie deshalb bitten, dieſe Briefe wieder zu ſich zu nehmen? Sie wollen ſagen? fragte Herr Roſel, indem er Hermanns Aufforderung Folge leiſtete mit der Bereitwilligkeit eines cou⸗ lanten Kaufmanns, der eine Waare, die nicht angeſprochen hat, zurücknimmt. Ich will ſagen, erwiederte Hermann, daß ſich die hohe Frau, welche jene Zeilen geſchrieben, in Beziehung auf mich in einem Irrthum befindet, der, wie aus dem zweiten Briefe her⸗ vorgeht, von Allen, welche ſich in jenem Kreiſe bewegen, ge⸗ theilt wird. Und dieſer Irrthum beſtünde? fragte Herr Roſel. Dieſer Irrthum beſteht in der Annahme, fuhr Hermann fort, daß ich bis zur Kataſtrophe ausgehalten habe aus per⸗ ſönlicher Anhänglichkeit, wie vielleicht Manche, oder um eines äußeren Vortheils willen, wie gewiß Viele, oder um der Sache willen, wie gewiß die Meiſten. Ich aber blieb, weil ich die ————— Laſt einer Dankbarkeit abzutragen hatte und ſie nicht anders abtragen zu können glaubte. Unſereiner hat in einer ſolchen 3 . Lage nur ſein Leben zu bieten. Ich habe es gethan; es iſt 3 nicht meine Schuld, wenn ich mit dem Leben davongekommen bin. Da es aber einmal geſchehen iſt, ſo glaube ich ein Recht zu haben, dieſen Lebensreſt für mich zurückzufordern. Ich verſtehe Sie vollkommen, ſagte Herr Roſel. Deſto beſſer, ſagte Hermann, denn das würde auch die Ant⸗ 150 wort ſein, welche ich geben müßte und geben würde, ſollte ich jene Briefe beantworten, die ich eben deshalb lieber als nicht an mich gerichtet anſehen möchte. Herr Roſel hatte, während Hermann ſprach, wiederholt mit dem Kopfe genickt. Jetzt ſagte er: Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich noch einen Augenblick einen Gegenſtand verfolge, der Ihnen offenbar ſo peinlich iſt. Ich glaube Ihnen nachfühlen zu können, was es heißt, gegen ſeine Ueberzeugung— Verzeihen Sie, mein Herr, unterbrach ihn Hermann, ich ſagte nicht gegen meine Ueberzeugung; oder ſagte ich es, ſo meinte ich: überzeugt wie ich war, daß eine Sache nicht ſiegen könne, die ſo ſchlecht vertheidigt wurde. Unter der Sache aber verſtehe ich und verſtand ich damals die Autonomie der deut⸗ ſchen Stämme gegenüber der Vergewaltigung, die von Preußen ausging, den Kampf der Freiheit, die ich liebte und für die ich leben wollte, gegen die Herrſchaft einer brutalen Gewalt, die ich bis in den Tod haßte und als deren höchſten politiſchen Ausdruck ich den preußiſchen Militärſtaat anſah. Und— halten Sie dem Boten, der einen Auftrag auszu⸗ führen hat, ſeine pedantiſche Genauigkeit zu gute— iſt das heute noch Ihre Anſicht? Sollte dieſe Frage nicht bereits jenſeits der ſtricteſten Er⸗ füllung Ihres Auftrags liegen? erwiederte Hermann. Sie haben Recht, ſagte Herr Roſel. Mein Auftrag hat nichts mehr damit zu thun. Sie ſind, das iſt klar, für mei⸗ nen Auftraggeber verloren. Aber ich ſelbſt möchte Sie nicht ſo leicht verloren geben. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie nicht verſtehe. Dann hätten Sie mich, hätten wir uns nie verſtanden, ſagte Herr Roſel, und das würde ich ſelbſt Ihnen nicht glauben, wenn ich es aus Ihrem eigenen Munde hörte. Oder es wären nur Worte geweſen, wie Hamlet ſagt, was wir ſprachen an jenem Abend— Sie erinnern ſich gewiß, Sie müſſen ſich erinnern— Sie kamen aus dem Gemache der Prinzeſſinnen, ich aus dem des Prinzen— wir trafen in dem Vorzimmer zuſammen, gingen 151 zuſammen die Treppe hinab und hernach durch den Park, ſtill, Jeder in ſeine Gedanken verloren, bis wir durch die Gänge der verſchnittenen Tarushecken, vorbei an den verrenkten Sand⸗ ſteingöttern und abgezirkelten Schwanenteichen, bis zum Fluß kamen, der vom Abendſchein beleuchtet ſeine ſtillen Waſſer durch umbuſchte Ufer drängte. Drüben jenſeits des Fluſſes zogen ſich Wieſen, über denen eine Wolke Staare hin⸗ und wiederſchwebte; weiterhin in Abendduft und Abendgold verzitternde Felder, die endlich von einer blauen Hügelkette begrenzt wurden. Wir wa⸗ ren allein, kein Laut in der weiten Runde, kein Lauſcher in der Nähe; wir ſahen nach all der Unnatur, die hinter uns lag, endlich wieder ein Stück Natur vor uns, und da, werther Freund, öffneten ſich unſere Herzen und wir fanden, woran ich meines⸗ theils vom erſten Augenblicke an nicht gezweifelt hatte, daß wir, obwohl verſchiedenen Stammes und verſchiedene Sprachen redend, doch Angehörige waren eines und deſſelben Staates, des Staa⸗ tes der Vernunft und des Lichtes; Bürger waren derſelben Re⸗ publik der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die keine Fran⸗ zoſen und Deutſchen, die nur Menſchen kennt. Welcher Menſch, ich meine, welcher gebildete Menſch unſerer Tage bekennte ſich nicht ſchließlich zu dieſem ſchönen Glauben? ſagte Hermann, der ſich jenes Abends ſehr wohl erinnerte, aber auch des Mißtrauens, mit welchem ihn ſchon damals die glän⸗ zenden Reden des Fremden erfüllt hatten. Nur mit dem Unterſchied, fuhr der Franzoſe fort, daß bei den Einen dieſer Glaube bleibt, bei den Anderen ſich in die Praxis umſetzt; und ich müßte meine Menſchenkenntniß nicht ſo theuer erkauft haben, wenn es möglich wäre, daß ich mich hier in Ihnen irrte, wenn Sie nicht zu der ecclesia militans des alleinſeligmachenden Glaubens gehörten. Wir kamen damals dahin überein, erwiederte Hermann, daß dieſer Glaube nur immer in wenigen, ſehr wenigen Menſchen zur thatfrohen Leidenſchaft erglühen wird. Man ſollte, erwiederte Herr Roſel, dergleichen Ariome nie⸗ mals formuliren, die immer nur auf unſerer Unkenntniß der actuellen Verhältniſſe baſiren. Ich hatte ſchon an jenem Abend 5 die Empfindung, die bald ſo mächtig in mir wurde, daß ich die Probe auf das Exempel machen mußte und Knall und Fall mir liebgewordene Verhältniſſe aufgab. Ich ging, ohne Abſchied zu nehmen; wem außer Ihnen hätte ich auch ſagen können, was mich in die weite Welt trieb! und daß ich Sie wieder⸗ finden würde, ſagte mir mein Herz. Ich war ſeitdem ein wenig überall, in der Schweiz, in Italien, Spanien, in England, Rußland, zuletzt wieder in meiner Heimath. Ich habe meine Ahnung beſtätigt gefunden. Ich kann es jetzt mit Zahlen be⸗ legen, daß eine große, nach Hunderttauſenden von Köpfen züh⸗ lende republikaniſche Gemeinde über die ganze Erde verbreitet iſt, die einig iſt in ihren Principien, ja auch in den Mitteln und Wegen, die zum Ziele führen. Man hat es auf dem Congreß in Genf geſehen, ſagte Hermann. Allerdings hat man es geſehen, erwiederte Herr Roſel, das heißt, der hat es geſehen, der zu ſehen verſtand, der es ver⸗ ſtand, die ecclesia militans zu ſondern von der großen Maſſe, die nie begreift und nie begreifen wird, daß die ultima ratio der Könige gegen ihre Völker auch das letzte Zufluchtsmittel der Völker gegen ihre Könige iſt. Die Krönung des Gebäudes muß eben ohne Krone ſtattfinden. Ihr habt 1848 in Frankreich den Verſuch gemacht, ſagte Hermann, und habt es glücklich zum Imperialismus gebracht; wir beſchäftigten uns in demſelben Jahre theoretiſch und practiſch mit derſelben Frage. Die Antwort darauf iſt das Jahr Sechs⸗ undſechzig geweſen. Es koſtete allerdings einigen Häuptern die Krone, aber nur um ſie deſto feſter auf das Haupt eines An⸗ dern zu drücken. Nein, werther Herr, glauben Sie mir, die Freiheit der Völker in Ihrem Sinne iſt eine Utopie ebenſo, wie der ewige Frieden. Wer ſpricht vom ewigen Frieden! rief Herr Roſel. Doch nicht ich, der ich mich zu beweiſen bemühe, daß wir nur durch den Krieg aus der Stelle kommen können, daß ein Krieg zwi⸗ ſchen Frankreich und Deutſchland das ſicherſte, ja das einzige Mittel iſt, Deutſchland von ſeinen Tyrannen zu befreien. 153 Es iſt ein Verbrechen, dies nur zu denken! rief Hermann. In den Angen deſſen, der an den Worten klebt, erwiederte der Franzoſe, aber doch nicht für Sie, der Sie wiſſen, daß Frankreich und Deutſchland— ich meine das Frankreich und Deutſchland von heute— ſich gar nicht mehr bekriegen können, daß beide Völker den Frieden wollen und, wenn der Krieg doch kommt— und er wird kommen, ſo wahr ich Republikaner bin — er von den Fürſten und nicht von den Völkern ausgeht und in ſeinen Folgen auf die Fürſten und nicht auf die Völker zurückfallen wird. Die Völker ſind ewig, aber die Fürſten ſind ſterblich; für ein Volk iſt ein Krieg ein Aderlaß, für die Fürſten iſt er heutzutage eine Frage um Sein und Nichtſein. Ein Fürſt, der aus dem Kampf als Beſiegter hervorgeht, hat die Schlacht und hat die Krone verloren. Nun aber iſt doch in dem Kampf zwiſchen Frankreich und Preußen nur zweierlei möglich: entweder Preußen ſiegt oder Frankreich. Im erſten Falle iſt— glauben Sie Jemandem, der die Verhältniſſe ge⸗ nau kennt— Frankreich nach der erſten perlorenen Schlacht eine Republik.( Und in dem zweiten Falle? fragte Hermann. Laſſen Sie mich noch ein wenig bei dem erſten bleiben, ſagte der Franzoſe. Wir werden alſo die Republik haben und Ihr— nun, Ihr ſteht ja in dem Ruf, Euch gern in die Mode zu kleiden, die man ſpeben in Paris ablegte. Ihr wer⸗ det haben, was, wie es ſcheint, den Völkern nicht erſpart blei⸗ ben kann, und beſonders Euch Deutſchen nicht, die Ihr politiſch etwas ſchwerfällig ſeid, ich ſage: Ihr werdet haben, was wir ſoeben los wurden, die militäriſche Dictatur und den Imperia⸗ lismus, und da Ihr ein ſo ausnehmend gründliches Volk ſeid, vermuthlich in der allerſchrofſſten Form. Nun denn, wie iſt es möglich, daß ein gründliches philoſophiſches Volk, wenn ihm Zeit gelaſſen wird, die beiden Formen, auf die hente wie im Alter⸗ thum alle politiſchen Exempel hinauslaufen, die Republik und den Abſolutismus, zu ſtudiren, den Abſolutismus bei ſich, die Republik bei ſeinen Nachbarn— daß, ſage ich, ein ſolches Volk nicht zur Beſinnung, zur Einſicht kommen und eines ſchö⸗ 1 154 nes Tages uns die republikaniſche Mode nachmachen ſollte, wie es uns die imperialiſtiſche nachgemacht hat? Ohne daß Ihr dieſelbe vorher ablegtet? Ohne daß wir ſie vorher ablegten. Man verkauft ſeine Erſtgeburt wohl einmal für ein Linſengericht, vielleicht auch zwei⸗ mal, zum drittenmale gewiß nicht. Angenommen, ſagte Hermann, obgleich nicht zugegeben; aber angenommen, das wäre der Verlauf der Dinge im erſten Fall, ſo ſind Sie mir noch immer den zweiten ſchuldig. Wie nun, wenn Deutſchland unterliegt, wenn Frankreich ſiegt? So ſteht die Sache freilich für uns viel weniger gut, ob⸗ gleich nur hinausgeſchoben iſt, was uns, wie wir geartet ſind, auf die Dauer doch nicht entgehen kann. Aber für Euch iſt es profit tout clair. Ein beſiegtes Preußen iſt kein Preußen mehr; Ihr ſeid mit Einem Schlage die Hohenzollern los, das heißt den Alp los, der jetzt auf der deutſchen Nation liegt. Deutſch⸗ land kann und wird ſich wieder auf ſich beſinnen, wird— aber Sie würden mich mit Recht auslachen, wollte ich Ihnen im Ernſte auseinanderſetzen, was aus Deutſchland wird, werden muß, wenn es ſich ſelbſt wieder gewinnt. Und einige Provinzen verliert? Oder würdet Ihr Euch ſo große Dienſte nicht bezahlen laſſen? Nimmermehr! rief der Franzoſe, die Hand auf das Herz legend. Oder wenn es in der großmüthigſten aller Nationen egpiſtiſche Herzen gäbe, die ſich den Dienſt, welchen der Bruder dem Bruder leiſtet, bezahlen laſſen wollten, ſo wird ſich einfach zeigen, daß, was in einer barbariſchen Zeit, die Gott ſei Dank hinter uns liegt, ein Unglück und ein Uebel war, heute bei der Solidarität der Nationen keines von beiden iſt. Oder können ſich Brüder untereinander berauben? Bleibt der Raub nicht wenigſtens in der Familie? Und werden nicht Frankreich und Deutſchland, ja werden nicht alle Völker binnen kürzeſter Friſt eine einzige Familie ausmachen: die große Familie der vereinig⸗ ten Staaten Europas? Hermann ſchaute empor in die ſtechenden Augen, die unter der geraden Linie der Brauen unheimlich funkelten. Des Man⸗ 155 nes ganzes Geſicht, in welchem alle Leidenſchaften getobt hatten und nun ausgebrannt waren, war der Typ jener Spielerge⸗ ſichter, wie ſie Hermann hie und da in den Bädern beobachtet. Der Mann hatte eben eine Volte geſchlagen, und eine recht plumpe dazu. Das würde man in Wahrheit nennen können: corriger la fortune, ſagte Hermann. Und warum nicht? rief der Franzoſe; le malheur est une petise, ſagte der große Cardinal Richelien. Weshalb hätte der kluge Menſch ſeine beiden Augen, als um die Launen des blin⸗ den, dummen Glückes nach ſeinem Vortheil zu lenken, und ebenſo die Launen von Menſchen, die zum Glück dazu verdammt ſind, ewig blind und dumm zu bleiben! Der müßte allerdings ſehr blind ſein, der ſich der Füh⸗ rung eines— ſo gewandten Lenkers anvertraute, ſagte Her⸗ mann mit einem Spott, welchen zu verhüllen er ſich nicht die Mühe gab. Und doch beweiſen die Briefe, die ich Ihnen vorzulegen die Ehre hatte, daß es noch ſolche blinde Menſchen giebt. Ich weiß nicht, wen ich mehr bedauern ſoll, den Blinden oder den Sehenden, ſagte Hermann. Ich halte es mit den Sehenden, ſagte der Franzoſe, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen. Freilich heißt in die⸗ ſem Falle nicht Alles ſehen, nichts ſehen. Und was heißt Alles ſehen? Der Franzoſe warf von ſeinem Platz einen Blick durch das Fenſter auf den Schloßhof, von welchem man ſchon ſeit einiger Zeit das Geräuſch der Wagen gehört hatte, und blickte dann nach ſeiner Uhr. Ich will die Promenade mitmachen, ſagte er, und habe alſo nur noch wenige Minuten. Aber in wenigen Minuten läßt ſich viel ſagen und— viel hören, wenn man will. Hören Sie alſo: Alles ſehen, heißt ſehen, daß der Krieg unvermeidlich iſt. Es handelt ſich immer nur um einen casus belli; man hat ihn gefunden. In dieſem Angenblicke werden bereits die Würfel geſchüttelt, ſind vielleicht ſchon gefallen. Binnen acht, höchſtens 156 vierzehn Tagen haben wir den Krieg, das iſt keine Frage mehr, daß iſt ein fait. Das zweite aber iſt eine Frage: ſoll es ein Krieg zwiſchen Frankreich und Deutſchland ſein, die ſich lieben, oder ein Krieg zwiſchen Frankreich und Preußen, die ſich haſſen. Dieſe Frage zu entſcheiden, ſteht nicht bei uns, ſondern bei Ih⸗ nen, ich meine, bei den deutſchen Republikanern, auf deren Weis⸗ heit wir franzöſiſche Republikaner, die wir den Krieg haben wollen, haben müſſen, von vornherein gerechnet haben und rech⸗ nen. Sollten wir uns verrechnen? Es iſt unmöglich, wäre nur dann möglich, wenn die deutſchen Republikaner nicht wiſſen ſollten, was Caſtelar in Spanien ſchon längſt ausgeſprochen hat, was alle Republikaner in allen Ländern der Erde wiſſen: daß der ſtärkſte Hort, die eigentliche Zwingburg des Abſolutismus auf Erden die preußiſche Monarchie, der preußiſche Militärſtaat iſt. Fällt dieſe Burg in Trümmer, ſo iſt die Republik, die Weltrepublik nur eine Frage der nächſten Zeit, über welche die Einſichtigen leicht hinweggehen. Bleibt ſie ſtehen, wird ſie ſo⸗ gar befeſtigt, ſo iſt die Verwirklichung unſerer Ideale vielleicht auf Jahrhunderte hinausgeſchoben. Dieſe Burg aber kann nur fallen, wenn wir ſie iſoliren, wenn wir ſie mit einem breiten Graben umgeben, den wir nicht graben können, den uns die Sklaven des Glückes: blinde Könige und verblendete Fürſten graben müſſen, natürlich um hinterher ſelbſt hineinzufallen und uns den Weg zu bahnen. Scheint Ihnen dieſer Weg zu ſchwer, zu geführlich? Werden Sie mir jetzt ein Vertrauen ſchenken, welches Sie mir vorhin verweigerten? Werden Sie mich jetzt als den erprobten Führer annehmen, deſſen Hand Sie vorhin zurückwieſen? Die Wagen ſind vorgefahren, meldete ein Diener, der eilends in das Zimmer trat. Sogleich, ſagte Herr Roſel, und ſich dann wieder zu Her⸗ mann wendend: Sie zaudern, einzuſchlagen? Ueber Euch gründliche Deutſche! Aber ich kenne Euch ja nicht erſt ſeit heute, und Sie, theurer Freund, Gott ſei Dank, ſeit Jahren. Wir werden uns wieder⸗ ſehen, wieder ſprechen, und dann wird die letzte Wolke des Zweifels ſchwinden, die ich jetzt noch auf Ihrer Stirn bemerke. A revoir! Herr Roſel ergriff ſeinen Hut und eilte davon, Hermann in unausſprechlicher Aufregung zurücklaſſend. Was hatte er eben gehört? Was hieß dies? Was war dies? Die Phantaſie eines hirnverbrannten Kopfes? Ein wohl⸗ überlegter politiſcher Plan? Dieſe Briefe, die der Mann bei ſich führte— ſeine zuverſichtliche Sprache— die geheimniß⸗ volle Hindeutung auf ein Ereigniß, daſſelbe ohne Zweifel, von welchem man dem Grafen heute aus Berlin geſchrieben; der ſonderbare Accent, den der Fürſt, ſo oft er in den letzten Tagen von dem bevorſtehenden Beſuche des Marquis geſprochen, darauf gelegt, daß derſelbe ein alter Bekannter von ihm ſei, der zu Privatzwecken Deutſchland bereiſe— das Eintreffen des Fremden gerade in dieſem Augenblick in Begleitung dieſes Menſchen— Großer Gott, ſagte Hermann, wäre es möglich! Blinde Könige und verblendete Fürſten! Sollte er wirklich ſo verblen⸗ det ſein und ich zu der Rolle auserſehen, ihn vollends blind zu machen? Er trat an das Fenſter. Auf der anderen Seite des Hofes vor dem Portale hielten die Wagen. Die Geſellſchaft ſtand auf der Rampe. Er ſah Hedwig, wie er ſie vorher im Geiſte geſehen, Arm in Arm mit dem jungen Fräulein von Fiſchbach. Der Fürſt unterhielt ſich angelegentlich mit einem elegant ge⸗ kleideten jungen Manne, den Hermann nicht kannte und der ohne Zweifel der Marquis de Florville war. Eben trat Herr Roſel heran und wurde, wie es ſchien, von dem Marquis dem Fürſten vorgeſtellt, der ihm mit großer Zuvorkommenheit die Hand reichte. Hermann durchzuckte es. Er hatte die Hand zurückgewieſen, die der Fürſt jetzt in der ſeinen hielt! Der Marquis war zu Hedwig herangetreten und ging jetzt neben ihr. Es mußte eine ſcherzhafte Converſation ſein Der Marquis lachte und Hedwig lachte, heiter, ja übermüthig!“ Hermann trat von dem Fenſter zurück, er mochte nichts weiter ſehen, und während jetzt die Wagen aus dem dunklen Schloßthor in die ſommerhelle Landſchaft rollten, klangen ihm 158 im Ohr die Worte des Dichters von dem Einſamen, der gar pald allein iſt und den man ſeiner Pein läßt, während man lacht und liebt. Dreizehntes Capitel. Sie ſind zu gütig, Madame, ſagte der Marquis de Flor⸗ ville, als er Stephanie in den Wagen half, in welchem außer⸗ dem der Fürſt und Frau von Fiſchbach Platz genommen hatten. Die übrige Geſellſchaft hatte ſich auf die beiden anderen Wagen vertheilt, da der Graf und Baron Neuhof gebeten hat⸗ ten, noch erſt den Marſtall des Fürſten beſichtigen und dann zu Pferde nachkommen zu dürfen. Sie ſind wahrlich zu gütig, wiederholte der Marquis, ich habe das ſchöne Wetter nicht mitgebracht, das ſchöne Wetter hat mich mitgebracht. Auch dafür müſſen wir dem Wetter dankbar ſein, ſagte Stephanie. Ich bin es wenigſtens und mit Recht, ſagte der Marquis. Mein Gott, der erſte Sonnenſtrahl ſeit den acht Tagen, die ich in Deutſchland reiſe! Wiſſen Sie, meine Damen, was das für einen Franzoſen, und noch dazu für einen Südfranzoſen ſagen will, acht Tage ohne Sonnenſchein! Sie können es nicht wiſſen, höchſtens ahnen, wenn Sie denken, wie einem Deutſchen zu Muthe iſt, der acht Tage kein philoſophiſches Buch geleſen hat. Ich habe noch nie eins geleſen, ſagte Stephanie. Ah, die Damen, die Damen, ſagte der Marquis, ich ſpreche nicht von den Damen; ſie ſind überall eine Ausnahme zur Regel, das kosmopolitiſche Medium, welches die zerſtreuten Elemente miteinander verbindet und das ſich überall gleich bleibt, in Lon⸗ don, Paris, Rom oder— Rothebühl, ſagte der Fürſt. Sie ſagten, Monſeigneur? — 159 Rothebühl, meine Reſidenz, in der wir eben angelangt ſind, erwiederte der Fürſt lächelnd. Ah, ah, ſagte der Marquis, das Monokel in das rechte Auge klemmend und im Herzen die Stöße, die er vom holpri⸗ gen Pflaſter empfing, verwünſchend, das iſt Rothebühl! Nun, das iſt charmant, dieſes dunkle, mittelalterliche Thor mit dem hohen viereckigen Thurm, dieſe ſchmalen Gaſſen mit den gras⸗ überſponnenen Steinen, dieſe kleinen weißen Häuſer mit den grünen Jalouſien— das iſt ganz Poeſie, ganz deutſch. Man lachte und fuhr durch Rothebühl, wo das Geräuſch der Wagen in den Gäßchen die Unterhaltung nicht eben be⸗ günſtigte. Der Fürſt war in einer Stimmung, welche er nach der furchtbaren Nacht kaum hätte erwarten dürfen. Er empfand den hellen Tag, der die Geſpenſter verſcheuchte, ſchon als Wohl⸗ that und gab ſich gern der Illuſion hin, daß er doch am Ende Alles in einem Uebermaß ſeiner hypochondriſchen Laune zu ſchwarz geſehen habe. War der Graf ſchuldig, Hedwig brauchte es deshalb nicht zu ſein. Der Kuß geſtern Abend— der erſte, den er je von ihren Lippen empfing— war doch vielleicht mehr geweſen als ein Almoſen, war das Pfand eines Glückes ge⸗ weſen, an dem er ſchon ſo gänzlich verzweifelt war und das die Zukunft doch vielleicht in ihrem Schoße barg. Wenn der ſanfte, weiche Ausdruck, den das geliebte Antlitz heute gehabt, ſeine Hoffnung beſtätigte, ach, ſo mochte der Marquis von den furchtbaren Plänen, die er mitgebracht, ſchweigen, wie er bis jetzt geſchwiegen; ſo mochte er gehen, wie er gekommen war. Stephanie ihrerſeits war in der Verfaſſung eines Kindes, welches ſieht, daß es ſich unnöthigerweiſe geängſtigt hat. Sie hatte ſich geſtern Abend ſehr geüngſtigt. Die Billetangelegen⸗ heit in Gegenwart des Fürſten, in Gegenwart Hedwigs zur Sprache zu bringen, das war ſo ganz in Heinrichs ſchlimmſter Weiſe geweſen: eine ſo eclatante Rache für die kleine Scene, die ſie ihm deswegen gemacht hatte, eine ſo verſtändliche Droh⸗ ung: Du hoffſt vergebens mich einzuſchüchtern, ich werde meinen Weg dennoch gehen. Und das hatte er ihr, als er ſie auf ihr Zimmer geleitete, mit dürren Worten geſagt und ihr geradezu ir le — —— 160 befohlen, der Mama aufzutragen, den Geheimrath ſofort mit⸗ zubringen, der Dich kennt, liebes Kind und ſich durch Mangel an Selbſtbeherrſchung nicht aus der Faſſung bringen läßt, wie ich fürchte, daß es dem Herrn Doctor vielleicht in einem ent⸗ ſcheidenden Momente begegnen könnte. Das war ſehr deutlich geweſen und ſo hatte ſie ſich denn, ſobald er ſie verlaſſen, hin⸗ geſetzt und der Mama geſchrieben und ſie beſchworen, um Him⸗ melswillen Heinrichs Befehle nicht leicht zu nehmen und nicht ohne den Geheimrath zu kommen, am liebſten ſofort und nicht erſt, wie zuletzt verabredet, zum Geburtstag des Fürſten am ſechszehnten; das ſei noch beinahe zehn Tage hin; wenn ſie ſo lange noch von der liebſten Mama getrennt ſein ſolle, werde die liebſte Mama ihre Stephanie als ein Opfer der Angſt und Aufregung todt finden. Und nun mußte Stephanie lächeln, wenn ſie an dieſe pa⸗ thetiſchen Zeilen dachte, die heute Morgen kaum abgeſendet wa⸗ ren, als ein Brief von der Mama einlief, in welchem dieſe ihre Ankunft auf übermorgen feſtſetzte. Es handelte ſich jetzt nur noch um den Geheimrath, von dem die Mama nichts ge⸗ ſchrieben. Aber das würde ſich ſchon arrangiren laſſen. Und ſo blickte denn Stephanie aus ihren blauen Augen heiter in die heitere Landſchaft und ſah dann wieder ihr reizendes vis-a-vis an, den jungen Marquis mit dem braunen Teint und den brau⸗ nen Augen, in einem Anzug, wie man demſelben ſo elegant ſelbſt in Berlin nur ſelten begegnete. Und da war man auch wieder aus dem abſcheulichen Rothe⸗ bühl heraus auf der Chauſſée und die unterbrochene Conver⸗ ſation konnte wieder aufgenommen werden. Ich glaube jetzt zum erſtenmal in Deutſchland zu ſein, ſagte der Marquis aufathmend und ſein Monokel bald rechts, bald links wendend. Dieſes enge Thal, der braune Fluß, der uns zur Seite durch ſein ſteiniges Bett rauſcht, dieſe ſteilen Wände und vor Allem dieſe unendlichen Tannen; ich kann mir Deutſch⸗ land nicht ohne Tannen denken; wir Alle können es nicht; un⸗ ſere Dichter haben es uns nie anders geſchildert, wenn ſie ein⸗ mal, was allerdings ſehr ſelten geſchieht, viel zu ſelten, ich gebe m n⸗ n⸗ be 161 es zu, die Scene nach Deutſchland verlegen. Ob das nun George Sand oder Dumas fils iſt— immer iſt der Horizont von Tannen begrenzt, die, wie hier, von ſchroffen Felſenhöhen aufragen, oder in einem weiten Bogen eine braune Haide um⸗ ſchließen, über welche die untergehende Sonne ihre letzten me⸗ lancholiſchen Strahlen wirft. Ja, hier iſt Deutſchland oder nirgends! Und entſprechen unſere Menſchen hier ebenſo Ihren Vor⸗ ſtellungen, wie es die Landſchaft thut? fragte der Fürſt. Menſchen? ſagte der Marquis, rechts und links in den Bergwald blickend. Verzeihung, Monſeigneur, wo ſind Men⸗ ſchen? Ich habe auf unſerer Fahrt— das hübſche, kleine, verſchlafene Städtchen, wie heißt es doch gleich, abgerechnet— keinen Menſchen geſehen; aber auch das iſt charakteriſtiſch. Wir denken uns die deutſche Landſchaft niemals mit Menſchen er⸗ füllt, wie die franzöſiſche oder belgiſche; höchſtens ſtaffirt mit einem blonden Schäfer, der auf der Haide ſeine Heerde weidet und dazu auf einer Flöte traurige Weiſen bläſt, oder von einem Jäger mit wildem Bart und ſtruppigem Haar, der, eine ver⸗ dächtig lange Büchſe in den braunen Händen, durch den Wald ſchweift und eine flüchtige Aehnlichkeit mit Kain hat, als er eben ſeinen Bruder erſchlagen. Ein reizendes Bild, ſagte Stephanie, in welchem wir Frauen, wie es ſcheint, nicht weiter figuriren. Ah, Madame, ſagte der Marquis, die Frauen, die deut⸗ ſchen Frauen, das iſt etwas ganz Anderes! Das ſind für uns einfach Engel von Carlo Dolce mit ſanften Augen und goldigen Haaren, die auf Wolken von Guido Reni hoch über der niede⸗ ren Erde in den Himmel ſchweben. Wos hat er geſagt? fragte, als ſie Stephanie und den Fürſten lachen ſah, Frau von Fiſchbach. Stephanie überſetzte die letzten Worte des Marquis. Frau von Fiſchbach, eine ſtattliche Matrone mit bereits ergrauendem Haar konnte den Scherz nicht ſo ausgeſucht finden und lächelte zerſtreut. Der Marquis fand das begreiflich; Stephanies Ueber⸗ ſetzung war nicht beſonders correct geweſen. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 11 — ———— 162 Tauſend Dank, Madame, ſagte er, daß Sie die Gnade haben, meine unbedeutenden Worte zu wiederholen, aber Ihr deutſchen Frauen ſeid ſo gelehrt! Freilich, Ihr müßt es wohl ſein, wenn Ihr Eure Männer auf die Dauer feſſeln wollt. Wie, Herr Marquis, rief Stephanie, ſo hätten wir keine anderen Reize? Verzeihung, Madame, tauſend für einen: aber es darf Euch eben von dieſen tauſend nicht einer fehlen; Ihr braucht ſie alle. So wären unſere Männer Ungeheuer von Undankbarkeit und Ungenügſamkeit. Wie es die Jugend immer iſt, Madame; man heirathet in Deutſchland zu jung; ich meine die Männer— mit den Frauen iſt es natürlich anders. Bitte, erklären Sie mir das, ſagte Stephanie. Bedarf es einer Erklärung, Madame? ſagte der Marquis. Die Frau braucht die Liebe nicht zu lernen; ſie kommt, ich möchte ſagen, liebend auf die Welt; ſie liebt, ſo lange ſie lebt, ſie ſtirbt und liebt noch immer, ſie iſt die Liebe ſelbſt. Sie darf deshalb ſo jung heirathen, wie ſie will, ſie wird ſtets unter allen Umſtänden auf der Höhe der Situation ſein. Wir Män⸗ ner dagegen, ah, Madame, wir Männer ſind geborene Egviſten; der Egoismus iſt unſere Stärke, unſer Stolz, unſere Wiſſen⸗ ſchaft; eine ſchwache Stärke, ich gebe es zu, ein fluchenswerther Stolz, eine armſelige Wiſſenſchaft; aber bevor wir zu dieſer Einſicht gekommen, ja, iſt nicht die Liebe eben dieſe Einſicht!— vergeht das halbe Leben, und, wenn man jung heirathet, die halbe Ehe in fortwährenden herzbrechenden Kämpfen, in tauſend Kriſen, bei denen es ſich jedesmal um Sein oder Nichtſein handelt. Und die Folge? In Deutſchland liebt man ſich vor der Ehe am zärtlichſten und läßt ſich ſcheiden, wenn man ein paar Jahre verheirathet iſt; in Frankreich liebt man ſich vor der Ehe gar nicht, denn man kennt ſich nicht, man lernt ſich erſt in der Ehe kennen und lieben. Monſieur und Madame ſind erſt ſeit fünf Jahren verheirathet und lieben ſich ſchon ſo; wie oft habe ich dieſe Worte in Frankreich gehört! Fragen Sie ſich, Madame, wie oft Sie es in Deutſchland hörten! Aber wir 163 Franzoſen ſind eben ſo klug, nicht zu heirathen, bevor wir klug ſind. Klug ſein und jung ſein aber, das iſt für den Mann, wie ich bewieſen zu haben glaube, unmöglich. Wir heirathen deshalb— Wenn Ihr alt ſeid, ſagte Stephanie. Man iſt niemals alt, Madame, wenn man liebt, ſagte der Marquis. Stephanie wurde roth: ſie hatte in ihrem Eifer nicht be⸗ dacht, daß man in Gegenwart des Fürſten dieſes Thema ent⸗ weder gar nicht behandeln durfte, oder dem Marquis unbedingt recht geben mußte. Zum Glück für ſie kam man eben durch ein Dorf, welches ſich durch ſeine Reinlichkeit, durch die Solidität der Baulich⸗ keiten und den ſichtbaren Wohlſtand der Bewohuer vortheilhaft auszeichnete. Es gehörte, wie alle in dem Umkreiſe des Schloſſes, zu dem Gebiete des Fürſten. Nun, ſagte der Fürſt, als man ſich wieder außerhalb des Dorfes befand, jetzt haben Sie ja auch die Menſchen geſehen, die Sie vorhin in unſerer Landſchaft vermißten; es waren frei⸗ lich keine blonden Schäfer und halbwilden Nimrodsſöhne, ſon⸗ dern einfache deutſche Landleute. Aber welchen Eindruck haben ſie auf Ihr Auge gemacht, das freilich durch die glücklichen Bewohner des reichen, ſchönen Frankreich ein wenig ver⸗ wöhnt iſt. Ah, Monſeigneur, ſagte der Franzoſe, was hilft der Reich⸗ thum des ſchönen Frankreich Denen, welche ſeinen Boden be⸗ bauen! Ich kenne Frankreich, ich kenne den franzöſiſchen Land⸗ mann; ich habe nie bei ihm gefunden, was hier auf den Ge⸗ ſichtern Aller liegt, des Kindes, des Mannes, ja— und das iſt das Höchſte— auch auf dem Geſichte der Frau. Und das wäre? fragte der Fürſt. Zufriedenheit, ſagte der Franzoſe mit einer Verbeugung nach dem Fürſten, Zufriedenheit mit ihrem Loſe, das heißt bei dem Landmann, mit ſeinem Herrn. Der franzöſiſche Bauer iſt nicht zufrieden mit ſeinem Herrn, und er kann es nicht ſein. Er kennt ſeinen Herrn nicht, der in Paris lebt, um dort in un⸗ — 164 rühmlicher Trägheit oder in wenig ehrenvollen Zerſtreuungen das Mark ſeiner Aecker und ſein eigenes zu vergenden. Das Schloß ſeiner Ahnen ſteht leer; anſtatt ſeiner lebt in dem Neben⸗ hauſe der Pächter, den der Landmann haßt und alle Urſache zu haſſen hat. Dieſe Leute haben kein anderes Intereſſe, keine anderen Gedanken, als in möglichſt kurzer Zeit möglichſt reich zu werden. Es gelingt ihnen ſelten, denn ſie ſelbſt ſind mei⸗ ſtens ſchon ſchlecht genug geſtellt; aber, mag es gelingen oder nicht, der Landmann iſt unter allen Umſtänden das Opfer der zwiefachen Habgier des Herrn und des Pächters. Nichts Elen⸗ deres als der franzöſiſche Landmann, ſo lange er an der Scholle klebt, auf der er geboren; nichts Furchtbareres als der fran⸗ zöſiſche Landmann, wenn er ſich von der Scholle losreißt und ſich in eines der beiden Heere flüchtet, welche ihm offen ſtehen, ich meine in das Proletariat der großen Städte oder in die Armee. Dort wie hier bedeutet er, will er den Krieg; dort gegen Alles, was beſitzt, hier gegen Alles, was nicht Frank⸗ reich heißt. Sehr wahr, nur zu wahrl! ſagte der Fürſt. Aber glauben Sie nur nicht, daß wir hier im Paradieſe leben. Ich glaube kein ſchlechter Herr zu ſein und die Pflichten, die mir das Schickſal zugetheilt hat, treu zu erfüllen. Dennoch bin ich nicht im Stande, daß jeder Bauer, um mit Eurem Heinrich IV. zu reden, des Sonntags ſein Huhn im Topfe hat, nicht einmal hier in den reichen Dörfern des Thales, geſchweige denn oben in meinen armen Nagelſchmiededörſfern auf dem Walde. Der Fluch der Centraliſation, Monſeigneur, ſagte der Mar⸗ quis, der bei Ihnen freilich noch nicht die furchtbare Höhe er⸗ reicht hat, wie bei uns, aber auch ſchon fühlbar genug iſt; der Fluch der Centralſation, welche das Mark, das Blut der gan⸗ zen Natibr für ein paar Intereſſen opfert, die niemals die wahren Intereſſen der Nation ſind. und wie ſollen wir uns von dieſem Fluch befreien? fragte der Fürſt. Der Marquis antwortete mit einem leichten Achſelzucken und mit einem Blick auf die Damen, als wollte er ſagen: dar⸗ 165 1 über und über manches Andere werden wir ja reden, wenn wir erſt einmal unter vier Augen ſind. Der Fürſt verſtund den Wink wohl, aber er fühlte ſich außer Stande, ſogleich ein anderes Thema anzugeben. Die letzten Worte des Marquis waren ihm wie ein Hammerſchlag geweſen, gegen die verſchloſſene Thür, vor der er ſtand, und hinter welcher die Entſcheidung lag, die ſich— des Marquis Briefe hatten es geſagt— für Frankreich vorbereitete und mit Frankreich für Deutſchland; die Entſcheidung, zu der er ſelbſt beitragen ſollte, zu der beizutragen er geſtern Abend feſt ent⸗ ſchloſſen geweſen war. Geſtern Abend! Der Fürſt blickte düſtern Auges in die Landſchaft. Ueber die bunten Wieſen zu ſeiner Rechten, welche noch eben im Sonnenlicht gefunkelt hatten, zog der blaue Schat⸗ ten einer Wolke. War, was er jetzt dachte, auch nur der Schat⸗ ten einer Wolke, war es mehr? Der Marquis an ſeiner Seite ſchwieg noch immer; für den Fürſten war es ein nur zu be⸗ redtes Schweigen. Aber der Marquis wußte einfach für den Augenblick nichts mehr zu ſagen und gab Stephanie dadurch Veranlaſſung zu der Bemerkung, daß der junge Franzoſe doch Alles in Allem nicht ſo unterhaltend ſei, wie ſie heute Mittag, wo er ſich ſo angelegentlich mit Hedwig unterhielt, gedacht hatte. Auch daß er— offenbar an ihr vorüber— wiederholt nach dem zwei⸗ ten, unmittelbar folgenden Wagen lorgnettirte, in welchem Hed⸗ wig ſaß, gefiel ihr gar nicht. So ſchwieg auch ſie. Und was die würdige Frau von Fiſchbach anbetraf, ſo dankte ſie Gott, daß ſie nicht fortwährend zu einer Converſation, von welcher ſie ſo wenig verſtand, vielleicht an der unrechten Stelle zu lä⸗ cheln brauchte und daß die peinliche Situation ibrem Ende nahte. Bergwände zu beiden Seiten traten weiter und weiter ausein⸗ ander und ließen zwiſchen ſich eine fruchtbare Ebene, welche die Roda in vielfach ſich ſchlängelndem Lauf durchſtrömte, vorüber an Dörfern, die aus Buſch und Baum mit ihren weißen Häus⸗ Denn jetzt war man aus dem engen Thal heraus; die — ————— 3 ——— 166 chen und dem ſchlanken Thurm eines beſcheidenen Kirchleins freundlich herübergrüßten. Dann bog man rechts von der Haupt⸗ ſtraße ab und gelangte in wenigen Minuten nach Erichsthal, dem Ziele des Ausfluges. Der Oberverwalter empfing ehr⸗ furchtsvoll die ankommende Geſellſchaft. Der Fürſt hatte Befehl gegeben, daß die Arbeit des Tages nicht unterbrochen werde. Es kam ihm darauf an, ſeinen Gäſten die Wirthſchaft in vollem Betrieb zu zeigen. Ich will den Herrſchaften keine Sonntagscomödie vorſpielen, die leicht arrangirt iſt, ſagte er; was Sie ſehen werden, iſt Alltagsleben, aber ich hoffe, Sie werden dieſer ungeſchminkten Darſtellung der Wirklichkeit Ihren Beifall nicht verſagen. Man hatte gehofft, daß der Graf und der Baron Neuhof auf den ſchnelleren Pferden mit den Wagen zuſammen in Erichs⸗ thal eintreffen würden, aber noch war nichts von ihnen zu ſehen. Man wartete eine Viertelſtunde, bis der Fürſt, der dieſe Ver⸗ zögerung übel zu vermerken ſchien, den Vorſchlag machte, mit der Beſichtigung zu beginnen. Er bat die Herrſchaften, ihm zu folgen, und den Marquis im Beſonderen, möglichſt in ſeiner Nähe zu bleiben. Der Marquis verwünſchte im voraus die Langeweile, die ihm auf der unendlichen Promenade an der Seite des Fürſten durch die weitläufigen Räume der Wirthſchaft drohte. So wußte er es denn durch einige geſchicke Manöver bald ſo einzurichten, daß der würdige Herr von Fiſchbach an ſeine Stelle trat. Herr von Fiſchbach war ein Landmann aus der alten Schule Er hatte natürlich, wie alle Nachbarn, ſehr viel von des Fürſten Muſterwirthſchaft gehört und auch wohl ſelbſt ge⸗ ſprochen, obgleich er nie dort geweſen war. Er hatte immer behauptet, daß die Sache Schwindel ſei, gar nichts Anderes als ein Schwindel ſein könne. Jetzt ſah er eine Einrichtung, deren Vortrefflichkeit ſeinem geübten Blick nicht entgehen konnte, ſah Bekanntes, das er in dieſer Form kaum wiedererkannte, ſäh Neues, das er kennen zu lernen wünſchte. Seine Bewunderung ſtieg von Minute zu Minute und er gab dieſer Bewunderung einen ſo naiven Ausdruck, daß der Fürſt, dem ſeine Muſter⸗ * wirthſchaft und die Verbreitung ſeiner Principien ſehr am Her⸗ zen lag, ſich faſt nur noch mit dem alten Herrn unterhielt und ganz gegen ſeine Gewohnheit die übrige Geſellſchaft ſich ſelbſt überließ. Laß uns hier ein wenig ſitzen, ſagte Stephanie zu ihrer Freundin Neuhof, auf deren Arm ſie ſich ſtützte. Die Damen waren auf einen kleinen Nebenhof gerathen, der von der Milchwirthſchaft umſchloſſen wurde. Wo nur unſere Männer bleiben, fuhr Stephanie fort, ſie müßten ſchon längſt hier ſein. Sehnſt Du Dich ſo nach dem Deinen? ſagte die Baronin lachend. Ich für mein Theil habe nichts dagegen, wenn Curt auch einmal eine Stunde ohne mich fertig wird; dieſe Männer ſind ſo anſpruchsvoll. Ihr ſeid erſt ſo kurze Zeit verheirathet, ſagte Stephanie. Eben ſo lange wie Ihr. Mag ſein, aber Ihr lebt auf dem Lande, da gehört man⸗ ſich ganz, vielleicht ein wenig mehr, als Einem manchmal lieb iſt. In der Stadt, weißt Du, iſt das anders: der Dienſt, Spazierenreiten, Herren⸗Diners, Soupers, Zerſtreuungen aller Art; ich ſehe Heinrich manchmal den ganzen Tag nicht. Nun, an Zerſtreuungen ſcheint es Deinem Manne hier auch nicht zu fehlen, ſagte die Baronin. Ich dächte, Du hätteſt Dich nicht zu beklagen gehabt, er⸗ wiederte Stephanie. Er hat Dir, meine ich, heute ganz ernſt⸗ lich den Hof gemacht; er hat ſich ja faſt nur mit Dir unter⸗ halten. Meinſt Du, ſagte die Baronin. Nun ich kann Dich ver⸗ ſichern, Liebe, ſein Herz war nicht dabei und ſeine Augen auch nicht. Die waren natürlich bei mir, ſagte Stephanie mit einem Lachen, das etwas gezwungen herauskam. Vermuthlich, ſagte die Neuhof, ſich vornüberbeugend und mit der Spitze ihres Sonnenſchirmes Figuren in den feinen Sand des Hofes zeichnend. ———— Es iſt abſcheulich! ſagte Stephanie, mit ihren Thränen kämpfend. Arme Stephanie! ſagte die Neuhof. Stephanie brach in Thränen aus. Und in ſolcher Zeit, ſchluchzte ſie, wo ich jeden Augenblick— Ich denke, erſt Ende nächſten Monats, ſagte die Neuhof; aber Du mußt die Sache auch nicht ſchwerer nehmen, als ſie iſt. Man ſtirbt von dergleichen nicht ſo leicht; ich habe auch — gleichviel— ich meine, man ſollte in ſolchen Fällen dem Manne den Willen laſſen. Wir machen es durch unſere Thrä⸗ nen nur ſchlimmer, und Frauen, wie ich und Du, ſollte ich denken— Er ſieht mich ja gar nicht mehr an, er hat ja nur noch Augen für ſie, ſchluchzte Stephanie. Nun, da Du es ſelbſt ſagſt, erwiederte die Neuhof, will ich Dir nicht widerſprechen. Dieſe Männer ſind unbegreiflich. Und wie abſcheulich von ihr, die uns ſo viel Dank ſchuldet, ſagte Stephanie. Was wiſſen dergleichen Perſonen von Dank, ſagte die Ba⸗ ronin. Sie ſind von Jugend auf daran gewöhnt, mitzuneh⸗ men, was ſich ihnen bietet; und die Geliebten der Männer ihrer Damen zu ſein, ſcheinen ſie gar für eine Art FPflicht zu halten. Schließlich heirathen ſie dann den Kammerdiener. Stephanie lachte, ſchüttelte aber gleich wieder den Kopf und ſagte: 3 Hedwig iſt— Dem Fürſten zur linken Hand angetraut, ſagte die Neuht ich weiß es; aber, unter uns, das heißt denn Doch kaum etwas Anderes, als Maitreſſe ſein— eines alten Herrn noch dazu, wodurch die Sache nicht erbaulicher wird. Man kennt das ja. Mama und ich haben immer gefürchtet, er werde ſie noch. einmal in aller Form heirathen. Liebes Kind, erwiederte die Baronin, ſo etwas fürchtet man immer, aber es geſchieht nie; hier am wenigſten. Der Fürſt, trotz aller ſeiner zur Schau getragenen Freiſinnigkeit, iſt im Herzen ein vielleicht ſtrengerer Ariſtokrat, als ſelbſt Dein Mann; — —— 169 er wird, ſo oft er etwas gegen Euch hat, immer zuerſt auf den Gedanken kommen, Euch durch eine Heirath zu ärgern, aber er wird eines Tages über dieſen Gedanken wegſterben; ſie hat natürlich mittlerweile ihr Schäflein in's Trockene ge⸗ bracht— Und heirathet den Kammerdiener, ſagte Stephanie lachend. Nein, ſagte die Neuhof, den Doctor. Horſt? rief erſchrocken. Ich glaube, ſo heißt er. Aber wie kommſt Du fragte Stephanie mit einem ungläubigen Lächeln. Ich bin nicht darauf gekommen, erwiederte die Baronin, was geht die Sache mich an? Aber die Leute ſprechen ſo Mancherlei, und ich muß es Dir nur ſagen, auch von Deinem Mann und von ihr iſt in dieſen Tagen viel geſprochen worden; beſonders ſcheint ſich ein Menſch, ein Reitknecht glaube ich, ein großes Verdienſt um die Verbreitung dieſer Klatſcherei erworben zu haben. Dieſer Menſch, jetzt füllt es mir ein, Dietrich heißt er, hat einen Bruder, der bei meinem Manne dient, von dem es natürlich wieder mein Mann hat, und der ſagte mir: in den letzten Tagen habe jener Menſch ſeinem Bruder erzählt: das mit dem Grafen ſei Alles nicht wahr und von ihm erlogen, um ſeine Braut— eine Kammerjungfer der Hedwig, wenn ich recht erinnere— zu ärgern. Der eigentliche Geliebte von ihr ſei der wenn es darauf ankomme, ſo könne er es beweiſen. nicht, ob dieſe Dinge für Dich von Bereſſe ſind, N glaube aber doch, ſie Dir mittheilen zu müſ⸗ i; von ſo etwas läßt ſich immer einmal gelegentlich Gebrauch mihen. Aber ich wnke, wir müſſen uns wieder nach den Anderen umſehen. Die Baronin erhob ſch. Es wäre zu ſchändlich! ſagte Stephanie, der Baronin folgend. Weshalb das? ſagte die Baronin. Stephanie antwortete nicht. Unterdeſſen hatte der Marquis durch allerlei klüglich aus⸗ geführte Verzögerungen es dahin zu bringen gewußt, daß er mit Hedwig hinter den Anderen, die unter der Leitung des Fürſten eifrig weiterſchritten, zurückblieb und ſich zuletzt mit ihr allein befand. Ein wohlgepflegter Küchengarten ſtieß an eine Ecke des Hofes; der Marquis öffnete die Gitterthür und ſagte: Um Himmelswillen, Madame, laſſen Sie uns hier einen Augenblick eintreten und wieder zu uns kommen. Dieſe Algäuer Kühe, dieſe Merinoſchafe und Yorkſhirer Schweine— C'est plus fort que moi. Man wird, ſobald man mit dem Maſchinenraum fertig iſt, in dieſen Garten kommen, ſagte Hedwig. So wollen wir die Geſellſchaft hier erwarten. Aber mir däucht, für Jemanden, der eine weite Reiſe macht, um die deutſche Landwirthſchaft kennen zu lernen, iſt Ihr Eifer nicht eben groß. Die deutſche Landwirthſchaft? ſagte der Marquis. Ah, Ma⸗ dame, Sie können doch unmöglich an dieſes Märchen glanben! Und was hätte Sie ſonſt zu uns geführt? fragte Hedwig. Der Marquis wollte mit einem Blicke antworten, aber ſeine dunklen Augen ſuchten vergebens Hedwigs Augen zu begegnen, die mit einer gewiſſen Zerſtrentheit über den Garten ſchweiften. Ah, Madame, ſagte er, was führt den Unglücklichen, als das Gefühl ſeines Unglücks? Und wohin führt es ihn, als wieder in Unglück. Hedwig blickte jetzt ihren Begleiter an. Sehr wahr, ſagte ſie, aber dieſe Bemerkung können Sie doch unmöglich an ſich ſelbſt gemacht haben? Weil ich die Maske eines Menſchen trage, der entſchloſſen iſt, von dem Leben nur die heitere Seite zu ſehen? Aber, Ma⸗ dame, wer von uns geht denn ohne Maske? Sie ſelbſt am wenigſten. Dann müßten Sie mein wahres Geſicht geſehen haben, ſagte Hedwig, welche die ſonderbare Wendung des Geſprächs, das bis jetzt immer nur über die leichteſten Dinge hingeflattert war, faſt gegen ihren Willen zu intereſſiren begann. Ich habe es geſehen, ſagte der Franzoſe, es iſt vier Jahre her, aber einen ſolchen Anblick vergißt man in vier Jahren nicht, vergißt man nie: den Anblick eines Mädchengeſichts von ſechszehn Jahren, deſſen große Augen ſich zum erſtenmal über der Herrlichkeit der Welt öffnen und nun dieſe ganze Herrlich⸗ keit widerſtrahlen, einer Welt, die untergegangen iſt, die viel⸗ leicht nie gelebt hat und die, wenn ſie lebte, gewiß nicht ſo herrlich war, als die Poeſie des Herzens, die holden Illuſio⸗ nen, die hohen Aſpirationen einer keuſchen unberührten Seele. Ah, Madame, ſo habe ich Sie geſehen vor den Schöpfungen eines Raphael, eines Michel Angelo, unter den ehrwürdigen Trümmern des Coloſſeums, in der romantiſchen Einſamkeit der Campagna. Das war Ihr wahres Antlitz, das Antlitz der Corinna, an die Sie mich immer mahnten, nur daß ſie ſo viel jünger waren, ſo viel liebenswürdiger, ſo viel unſchuldsvoller als jene Schöpfung meiner genialen Landsmännin. Jetzt— Jetzt? Jetzt, da ich Sie wiederſehe nach vier Jahren, muß ich an ein anderes Buch denken, an den Titel wenigſtens eines Buches — von Balzac. Und der Titel dieſes Buches? Illusions perdues. So wäre die Maske, die ich trage, herzlich ſchlecht, ſagte Hedwig, oder es wäre vielmehr gar keine Maske, wenn meine verlorenen Illuſionen auf meinem Geſicht geſchrieben ſür und dort für Jeden zu finden wären. Verzeihung, Madame, erwiederte der Marquis;, ich ſagte nicht: für Jeden. Für jeden Andern mag die Maske eines Stolzes ausreichen, der ſich ſelbſt genug iſt, der keine Trauer um die Vergangenheit, keine Hoffnung auf die Zukunft kennt. Aber für den, welcher das Glück gehabt hat, Sie zu ſehen, wie ich Sie ſah, für den— Der Marquis hob beide Hände und ließ Sie dann wieder finken mit einer anmuthig traurigen Bewegung. Hedwig fühlte ſich ergriffen, umſomehr, als der Marquis nur die Wahrheit geſagt und ſie von dieſem Manne am we⸗ nigſten die Wahrheit zu hören erwartet hatte. Ihre Augen — —— ruhten mit einem wehmüthig freundſchaftlichen Ausdruck auf dem Geſichte des jungen Mannes, der ihr in dieſem Moment wie ein alter lieber Freund erſchien. Der Marquis, der den Blick der ſchönen Augen ganz anders verſtand, fuhr mit leiſerer und leidenſchaftlicherer Stimme fort: Muß ich noch ſagen, was Sie wiſſen, daß dieſes Glück mein Unglück war, jenes Unglück, das von Ihren himmliſchen Augen ausſtrahlte, und das fortan mein Führer geworden iſt durch dieſes öde Leben, dem ich immer folgen muß und das mich wieder dahin geführt hat, von wo es ausging, in das tödtliche Licht Ihrer himmliſchen Augen. Ja ſo, ſagte Hedwig, ich hatte es wirklich für einen Mo⸗ ment vergeſſen. Der Marquis wußte nicht recht, wie er dieſe Worte deuten ſollte; aber das ſpöttiſche Lächeln, das um Hedwigs Lippen ſchwebte, verkündete nichts Gutes. Madame, ſagte er, Sie ſehen mich in einer Verwirrung, die beſſer als Alles für die tiefe Empfindung meines Herzens ſpricht. Keine Entſchuldigung, Herr Marquis, ſagte Hedwig, es bedarf deren in meinen Augen ganz und gar nicht, im Gegen⸗ theil, ich bin Ihnen dankbar, aufrichtig dankbar. Der Marquis wußte noch viel weniger, als vorher, was er aus dieſen räthſelhaften Worten machen ſollte, und ſtand mit verlegener Miene da, als zum Glück für ihn der Fürſt mit ſeiner ganzen Geſellſchaft herbeikam. Er wendete ſich mit Leb⸗ haftigkeit zum Fürſten. Er hätte der Verſuchung, einen Blick in den Garten zu werfen, nicht widerſtehen können, Madame war ſo gütig geweſen, ihn ein wenig herumzuführen. Sie konnten ſich keiner beſſeren Führung anvertrauen, ſagte der Fürſt; meine Frau kennt den Namen jeder Pflanze und die Eigenſchaft einer jeden. Der Fürſt ſchien in vortrefflicher Laune. In der That hatte das Führeramt, dem er mit Eifer obgelegen, ihn auf eine Stunde die trüben Gedanken, welche ſeine Seele umnachteten, vergeſſen machen. Die aufrichtige Bewunderung des alten Edel⸗ 173 mannes war ihm höchſt erfreulich und ſchmeichelhaft geweſen. Herr von Fiſchbach galt in landwirthſchaftlichen Dingen für die höchſte Autorität in der ganzen Gegend und er hatte dieſe Autorität ſtets gegen die Beſtrebungen des Fürſten in die Wag⸗ ſchale gelegt. War er einmal gewonnen, ließ ſich nicht abſehen, wer nicht Alles ſeinem Beiſpiel folgen würde; der Fürſt ſah Hoffnungen, die er faſt ſchon aufgegeben hatte, endlich ſich er⸗ füllen; er empfand eine Zufriedenheit, wie er ſie ſeit manchen Jahren nicht empfunden. Der kleine Erfolg, den er ſoeben ge⸗ habt, machte den unbefriedigten Mann beinahe wieder an das Leben glauben, das denn doch nicht ganz unnütz geweſen war und das er mit keinem anderen vertauſchen wollte, wenn er auf Hedwigs Lippen immer das Lächeln ſah, mit welchem ſie ihn vorhin, als er in den Garten trat, begrüßt hatte; wenn die Freundlichkeit, mit welcher ſie jetzt ihren Arm in den ſeinen legte, ihr von Herzen kam. Und Hedwig fühlte wirklich dieſe Freundlichkeit und ihr Lächeln ſagte: Du biſt im Grunde doch beſſer als ſie Alle; ich kann mich ſchließlich auf Dich noch beſſer verlaſſen, als auf die Anderen alle. Ich vermiſſe die gnädige Frau und die Baronin, ſagte der Fürſt zu Herrn von Zeiſel gewendet. Ich ſah die Damen vor wenigen Minuten nach dem Ver⸗ walterhauſe gehen, erwiederte der Cavalier. Und dahin wollen auch wir, ſagte der Fürſt. Die Damen werden einer Erfriſchung bedürfen. Wir kommen doch nicht zu früh, lieber Zeiſel? Auf keinen Fall, Durchlaucht. Herr von Zeiſel hatte auf dem von Bäumen umgebenen Platz vor der Verwalterwohnung inzwiſchen ein Zelt errichten laſſen, unter welchem auf zierlich gedeckten Tiſchen eine Collation bereit war. Die Damen hatten auf Feldſtühlen Platz genom⸗ men, die Herren ſtanden umher, in den Händen die Gläſer, welche die Diener immer wieder mit Champagner füllten. In dem dichten Laub der hohen Bäume, durch welches die rothen Sonnenlichter ſpielten, zwitſcherten die Sperlinge; Schwalben ſchoſſen durch die klare Abendluft; girrende Tauben, welche auf — 174 den Dächern der Gebäude ſaßen, kamen mit hochgeſtellten Flü⸗ geln herabgeſchwebt, um ein paar Brocken wegzupicken und flat⸗ terten wieder davon; aus den Ställen her klang das gelegent⸗ liche Brüllen einer Kuh; ein Wagen mit Grünfutter kam eben über den Hof gefahren— es war ein friedlich ländliches Bild, deſſen Zauber ſich das empfängliche Herz des Fürſten willig hingab. Er war voller Aufmerkſamkeit gegen die Damen, voller Freundlichkeit gegen die Herren. Wie ſchade, daß der Graf und der Baron nun doch nicht gekommen ſeien, aber es ſollte ſie keine Strafe treffen; ſie hätten ſich durch ihr Fortbleiben ſchon ſelbſt hinreichend geſtraft. Dann erhob er ſein Glas und ſagte mit einer Stimme, die vor freudiger Rührung zitterte und mit einem Blick, welcher Allen gelten ſollte, aber auf Hedwig haften blieb: die Geſellſchaft werde es nicht als Widerſpruch empfin⸗ den und ihm nicht als Egoismus auslegen, wenn er das Wohl ſeiner Gäſte in dem Wunſche ausbringe, es möge ihm etn ſein, noch manchen Tag ſo zu verleben wie heute. Die Damen neigten ſich, die Gläſer der Herren klangen an einander; der Marquis, welchem Herr Roſel in aller Eile die Worte des Fürſten überſetzt hatte, trat einen Schritt vor und ſagte, ſich anmuthig verneigend: er habe kein Recht, im Namen der Geſellſchaft zu ſprechen, er ſpreche nur in ſeinem und ſei⸗ nes Freundes Namen; dennoch ſei er gewiß, daß er nur der Empfindung Aller einen Ausdruck gebe, wenn er wünſche und ſein Glas darauf leere: es möchten alle Fürſten der Welt dem gleichen, deſſen Gäſte ſie in dieſem Augenblick wären, und die Welt würde ſo ſetvti ſein, wie das ländliche Bild um ſie her, deſſen ſüßen Frieden auch nicht der Scaln einer Wolke trübe. Wieder klangen die Gläſer aneinander, aber in das Klingen der Gläſer hinein tönte diesmal der Hufſchlag von Pferden ſo plötzlich und ſo nahe, daß einige von den Damen einen Schrei nicht unterdrücken konnten. Das dazwiſchen liegende Gebäude hatte bis dahin den Schall der Hufe verſchlungen und ſo hiel⸗ ten der Graf und der Baron Neuhof in dem Augenblicke, in welchem man ihr Kommen hörte, auch ſchon vor der Geſell⸗ 175 ſchaft. Die Herren ſprangen aus den Sätteln, warfen den Reitknechten die Zügel zu und grüßten die Geſellſchaft. Ich bitte um Verzeihung, ſagte der Graf, aber als wir im Begriff waren, zu Pferde zu ſteigen, kamen die Zeitungen, die hielten eine N Aufregung ver ich ſeit heute Morgen mit Ungeduld erwartet hatte. Sie ent⸗ achricht, welche den Baron und mich in einige ſetzte und mich vor Allem nöthigte, ſofort noch einige Briefe nach Berlin zu ſchreiben. Was iſt es? fragte der Fürſt, deſſen noch eben lächelndes Antlitz auf einmal ſehr finſter geworden war, obgleich er ſich augenſcheinlich Darf ich Zeilen lenken? Mühe gab, ſeine Aufregung zu verbergen. die Aufmerkſamkeit Eurer Durchlaucht auf dieſe ſagte der Graf, indem er dem Fürſten mit einer Verbeugung ein Zeitungsblatt überreichte. Der Fürſt begann zu leſen. Die Geſellſchaft blickte ein⸗ ander betroffen an. Der Marquis war der Einzige, deſſen Geſicht vollkommen ruhig geblieben war. Er hatte, da deutſch geſprochen wurde, nicht verſtanden, um was es ſich handelte, und er ſah ſich jetzt nach Herrn Roſel um, der mit den Lippen ein oder zwei Worte bildete und dann mit großer Aufmerkſam⸗ keit einem Flug Tauben, welcher den Platz umkreiſte, zu fol⸗ gen ſchien. Nun, ſagte der Fürſt, das Blatt zuſammenlegend und dem Grafen zurückreichend, das iſt doch am Ende nichts Beſonderes. Aber was iſt es denn nur? riefen Einige von den Damen. Man ſcheint in Frankreich die Throncandidatur des Prin⸗ zen von Hohenzollern nicht eben gern zu ſehen, erwiederte der Fürſt, indem um des Mar dieſe Zeitung, er ſich zu den Damen wendete und, wie es ſchien, quis willen franzöſiſch ſprach; wenigſtens meldet die allerdings gut unterrichtet zu ſein pflegt, daß der franzöſiſche Geſchäftsträger vorgeſtern in dem Auswärtigen Amt in Berlin erſchienen iſt, um den peinlichen Empfindungen Ausdruck zu g aber ich ſehe eben, welche dieſe Angelegenheit in Paris erregt hat; in der That nicht, lieber Graf, weshalb Sie dieſe Nachricht ſo alteriren kann. Auch ich nicht, ſagte der Marquis. 176 Dann faſſen Sie jedenfalls die Sache anders auf als Ihre Landsleute, ſagte der Graf, indem er ſich plötzlich zu dem Mar⸗ quis wendete, den er bisher gar nicht beachtet zu haben ſchien, und das iſt mir lieb. Ich möchte um Vieles nicht, daß ein Gaſt Seiner Durchlaucht die Anſchauungen theilt, die hier nie⸗ dergelegt ſind, von den Ausdrücken, deren man ſich bei dieſer Gelegenheit gegen Preußen bedienen zu dürfen geglaubt hat, ganz zu ſchweigen. Er hatte, während er ſprach, dem Marquis ein franzöſiſches Zeitungsblatt überreicht, das mit den deutſchen Zeitungen zu⸗ gleich gekommen war. Der Marquis blickte hinein und zuckte die Achſeln. Ein Zeitungsblatt, ſagte er, iſt nicht die Pariſer Preſſe, die Pariſer Preſſe iſt nicht Paris und Paris iſt nicht Frankreich. Ich freue mich, das zu hören, ſagte der Graf; wäre es anders, ſo würden wir ganz ſicher die längſte Zeit Frieden ge⸗ habt haben. O mein Gott, rief Stephanie. Dann müßteſt Du ja auch wieder mit, Curt, ſagte die Baronin. Aber ich möchte die Herren wirklich erſuchen, ſagte der Fürſt, ein Thema fallen zu laſſen, welches unter allen Umſtänden un⸗ erquicklich und mir jetzt doppelt peinlich iſt. Wie Durchlaucht wünſchen, ſagte der Graf. Ich fürchte nur, es wird nicht in unſerem Willen liegen, ob wir darauf zurückkommen oder nicht. Dann aber nicht mehr für heute, wenn ich bitten darf, ſagte der Fürſt, der durch die Hartnäckigkeit des Grafen ſichtlich ge⸗ reizt war. Die Geſellſchaft gab ſich Mühe, dem Beiſpiele des Fürſten zu folgen und zu thun, als ob nichts vorgefallen ſei. Aber die ſchöne, friedliche Stimmung, in welcher man die letzte halbe Stunde verbracht hatte, war geſtört und wollte ſich nicht wieder einſtellen. Dazu kam, daß der Fürſt ſelbſt innerlich der am wenigſten Gefaßte, ja im Grunde vollkommen faſſungslos war. Der Sonnenſtrahl war verſchwunden, der ihm für den Augen⸗ 8 8 plick die Welt erhellt hatte. Die Wolke, die er ſelbſt herauf⸗ beſchworen, war da, dunkler, drohender als je zuvor. Hatte er ſie wirklich ſelbſt heraufbeſchworen? hatten feindliche Dämonen es gethan? Sein unruhiger Blick ſtreifte den Grafen. Ja, das war ſein böſer Dämon; er glaubte den Mann immer ge⸗ haßt zu haben— er wußte jetzt erſt, wie ſehr er ihn haßte. Und der Marquis— weshalb hatte er ihn nicht gewarnt, wes⸗ halb ihn unvorbereitet in dieſe Situation kommen laſſen, ihm nicht geſagt, daß die Entſcheidung vor der Thüre ſei? Er hätte dann vielleicht doch noch gezögert, jetzt war es zu ſpät. Was war zu ſpät? Es hing ja Alles noch von ihm ab— nicht von ihm— von ihr, in deren Hand Alles lag, ſein Herz, ſein Glück, ſein Leben, ſein Schickſal. Und während er, von ſolchen Gedanken gefoltert, auf den Lippen ein verbindliches Lächeln, mit der Geſellſchaft ſcherste, ſuchten ſeine Augen immer den Augen Hedwigs zu begegnen. Warum mußte ſie gerade jetzt mit dem Grafen ſprechen, und ſo eifrig, daß ſie auch nicht einen Blick für ihn hatte? Da trat der Graf mit einer Verbengung zurück. Hedwig wendete ſich zu ihm; er ging ihr haſtig ein paar Schritte ent⸗ gegen und bot ihr den Arm, ſie von der Geſellſchaft ein wenig abſeits führend. Nun, Hedwig, ſagte er, ich hoffe, Du haſt Dir durch un⸗ ſere ſo äußerſt politiſchen Herren nicht ebenfalls die gute Laune verderben laſſen. Eine ſolche Bagatelle! Es iſt wirklich un⸗ verantwortlich. Ich ſprach noch eben mit dem Grafen darüber, erwiederte Hedwig; er hält die Sache für keine Bagatelle, und nach dem, was er mir mitgetheilt, kann ich ihm nicht Unrecht geben. Und darf man wiſſen, was er Dir mitgetheilt hat? fragte der Fürſt mit zitternden Lippen. Er ſagte es mir eigens zu dieſem Zweck. Und weshalb nicht mir ſelbſt? Du haſt ihm ja das Wort abgeſchnitten. That ich das? Nun, und was ſagt das politiſche Orakel? Wider ſeinen Willen trat die Bitterkeit, die er im tiefſten Fr. Spielhagen's Werke. XI. 12 . 178 Innern empfand, auf ſeine Lippen. Er war mit ſeinem vollen Herzen zu Hedwig gekommen, er hatte ein gutes tröſtliches Wort von ihr hören wollen— ſie ſprach Politik. Hedwig ſah wohl, was in ihm vorging; ſie fühlte ſich auch nicht beleidigt, ſie em⸗ pfand eher Mitleid, vor Allem aber, daß ſie die Wahrheit ſprechen müſſe. So ſagte ſie denn in mildem Ton: Man ſchreibt ihm aus Berlin, daß in den betreffenden Kreiſen eine große Aufregung herrſche und daß die Situation in der That ſehr ernſt ſei. Weil man ſie ſo haben will, ſagte der Fürſt; man kennt das. Mir däucht, erwiederte Hedwig, in der Sache kommt es auf daſſelbe hinaus und deshalb— Deshalb? Und deshalb wollte ich Dich recht freundlich bitten, die Augen nur auf die Sache gerichtet zu halten und Deinen kla⸗ ren Blick nicht durch perſönliche Empfindungen trüben zu laſſen. Und biſt Du ganz ſicher, daß Du Dich nicht durch perſön⸗ liche Empfindungen influiren läßt? Aber es handelt ſich doch nicht um mich! Freilich, ich hatte das ganz vergeſſen. Ich verſtehe Dich nicht, ſagte Hedwig. Oder willſt mich nicht verſtehen, ſagte der Fürſt, indem er ihren Arm losließ und ſich wieder zu der Geſellſchaft wendete: Wie wäre es, meine Herrſchaften, wenn wir jetzt an den Heimweg dächten? Die Sonne iſt im Untergehen; ich fürchte, die kühle Abendluft möchte den Damen unbequem werden. Wollen Sie Befehl geben, lieber Zeiſel? Die Wagen waren vorgefahren. Die Herren von Fiſchbach und Baron Neuhof empfahlen ſich mit ihren Damen; ſie hat⸗ ten ihre Equipagen nachkommen laſſen, da der Weg nach ihren Gütern über Erichsthal ging. Hedwig und Stephanie hatten pereits in einem der Wagen Platz genommen und man er⸗ wartete, daß der Fürſt ſich zu ihnen ſetzen werde, als derſelbe Herrn von Zeiſel heranwinkte. Ich möchte doch hören, was der Marquis von meinen Einrichtungen denkt. Wollen Sie die Güte haben, die Damen zu begleiten? Man langte ziemlich ſpät, und wie es ſchien, ermüdet auf dem Schloſſe an; wenigſtens blieb man nur noch kurze Zeit im Theezimmer und zog ſich dann zurück. Herr von Zeiſel hatte dem Marquis die Zimmer im Rothen Thurm angewieſen, die durch ihre Lage nach den Terraſſen⸗ gärten auf der einen, nach dem Engliſchen Garten auf der an⸗ deren Seite und durch ihre prachtwolle Ausſtattung zu den ſchönſten des Schloſſes und jetzt zu den Gaſtzimmern gehörten⸗ da die gnädige Frau mit Beſtimmtheit den Wunſch geüußert, daß dieſelben von nun an zu dieſem Zwecke benutzt würden. Herr Roſel war dem Marquis gefolgt; der Kammerdiener, Monſieur Baptiſte, hatte die Lichter angezündet und ſich ent⸗ fernt. Der Marquis warf ſich in einen Fauteuil und ſagte verdrießlich: Ah, was das ermüdend iſt, mein Lieber, und dabei die an⸗ genehme Gewißheit, daß wir ſchließlich denn doch pour le roi de Prusse gearbeitet haben! Hat der alte Herr wider alles Erwarten zu guterletzt refu⸗ ſirt? fragte Herr Roſel erſtaunt. Das nicht, erwiederte der Marguis, ſich eine Cigarette an⸗ zündend; im Gegentheil, er ſchien meine Argumente im Ganzen zu goutiren und die Gründe, weshalb ich ihm brieflich nicht wohl mittheilen konnte, wie weit die Sache ſchon gediehen, be⸗ greiflich zu finden; aber was iſt es denn nun, wenn wir wirk⸗ lich dieſen kleinen mediatiſirten Fürſten gewinnen, der mir heute ſelbſt geſagt hat, daß ſein Gebiet keine zehn Quadratmeilen groß iſt und der über die formidable Macht von einigen tauſend Ackerbürgern eine ſehr fragliche Gewalt hat? Warum haben Sie mich über dieſe Verhältniſſe nicht vorher gründlich unter⸗ Ich dachte, das Fürſtenthum ſei wenigſtens fünfmal o groß. Verzeihung, erwiederte Herr Roſel, ich habe von dieſen Dingen nicht geſprochen, weil ich annahm, daß der Herr Mar⸗ quis von früher her darüber vollkommen unterrichtet ſei und 12* S — 180 weil in der That gar nichts darauf ankommt. Der Herr Mar⸗ quis glaubte, das Territorium ſei fünfmal ſo groß; ich würde mich nicht wundern, wenn Herr Ollivier ſelbſt es für zehnmal ſouveräuſten aller Monarchen Europas machen können. Und das iſt denn doch ſchließlich die Hauptſache. Weshalb die Hauptſache, fragte der Marquis. Der Herr Marquis würde mich auslachen, wenn ich die Frage ernſthaft nehmen wollte. Nun gut, ſagte der Marquis, ich gebe zu, es würde eine vortreffliche Wirkung in Paris machen, wenn wir im rechten Aungenblick ankündigen könnten, daß der Neſtor der europäiſchen Regenten, das Haupt der deutſchen Legitimiſten, der regierende Großherzog von Roda— wie heißt das Neſt doch, durch wel⸗ ches wir heute kamen?. Gerolſtein, ſagte Herr Roſel, ſeine Augenbrauen zu einer undurchdringlichen Wolke zuſammenziehend. Der Marquis lachte hell auf. Sie könnten mit Ihrem ſpaßhaften Ernſt den Tod zum Lachen bringen; nun gut, ich will annehmen, daß unſere Miſ⸗ ſion ſo erfolgreich iſt, wie ſie wichtig iſt, und daß ich mich vor Allem nicht alle Tage ſo enuyiren werde wie heute. Nach meinen Beobachtungen, ſagte Herr Roſel, ſtehen dem Herrn Marquis die heiteren und ſchönen Tage in Ausſicht, welche ſich der Herr Marquis von dem hieſigen Aufenthalte verſprach und welche ihm dieſe kleine Miſſion, die ja allerdings unter den Anſprüchen des Herrn Marquis wäre, ſo acceptabel machten. Meinen Sie? Meinen Sie? ſagte der. Marquis eifrig. Nun ja, ich habe die Hoffnung keineswegs aufgegeben, wenn gleich die Gegenwart dieſes preußiſchen Grafen ein unerwartetes Hinderniß iſt. Er ſcheint ſehr ſcharfe Augen zu haben, dieſer Herr Graf. Was wäre ein Sieg in der Diplomatie oder in der Liebe ohne Hinderniſſe, ſagte Herr Roſel, und wo iſt ein Hinderniß, das für den Herrn Marquis nicht überwindlich wäre! 181 Herr Roſel hatte ſeinen Hut ergriffen und empfahl ſich mit einer tiefen Verbeugung. Elender Schmeichler! ſagte der Marquis, ihm nachblickend. Diesmal freilich hat er Recht. Er berührte die Glocke. Sie haben Ihre Zeit nicht verloren? fragte er den Kam⸗ merdiener, der eilfertig hereintrat. Gott bewahre, ſagte Monſieur Baptiſte, wie ſollte ich! Ich weiß Alles, was der Herr Marquis in Erfahrung gebracht wünſchten: die Localität, die Gewohnheiten des hieſigen Lebens und über das Verhältniß des Fürſten zu Madame— ich habe dem Herrn Marquis eine Welt mitzutheilen. Während ich zu Bette gehe, ſagte der Marguis; ich bin gerädert. Was Monſieur Baptiſte nun von den Erkundigungen, die er im Laufe des Tages eingezogen, ſeinem Herrn zum Beſten gab, klang ſo befriedigend, war zum Theil ſo amuſant, daß Letzterer mehr als einmal laut lachen mußte; und als der Kam⸗ merdiener ſich nach einer halben Stunde entfernte, war in dem Kopfe des Marquis ein Roman fertig, in welchem er eine ſo fascinirende, ſo dankbare, ſo glänzende Rolle ſpielte, wie ſie nach ſeiner Meinung dem Marquis Anatole Victor de Flor⸗ ville hier und überall nothwendig zukam. Vierzehntes Capitel. Die an dem ſchönſten Sommermorgen in der Laube der Apotheke zum Schwan um Frau Hippe verſammelten Damen waren ſo in ihr Geſpräch vertieft geweſen, daß ſie den Hufſchag eines Pferdes nicht gehört hatten, welches von ſeinem Reiter langſam aus der ſchattigen Seitenſtraße, die von Erichsthal heraufkam, über die Ecke des Marktplatzes bis an die Thür des Gaſthofes zur Goldenen Henne gelenkt worden war. Dort war — — 182 der Reiter abgeſtiegen, aber nicht in das Haus getreten, ſondern hatte nur eben dem Vetter von dem Dietrich auf dem Schloſſe, welcher in der Henne als Hausknecht functionirte und den ſie den dummen Caspar nannten, ſeinen Braunen übergeben und war dann über den Markt an dem plätſchernden Brunnen vor⸗ über gerade auf die Apotheke zugeſchritten. Das trifft ſich glücklich, ſagte Herr von Zeiſel, indem er die Damen der Reihe nach begrüßte und jeder die Hand reichte; das hätte ſich nicht glücklicher treffen können. Werthe Frau Körnicke, Sie würden mich verbinden, wenn Sie das allerliebſte Körbchen da an Ihrem Arm wieder auf den Tiſch ſtellen woll⸗ ten. Sie dürfen unmöglich fort, keine von Ihnen darf fort, ich würde ſonſt einer jeden von Ihnen einzeln meine Aufwartung machen müſſen, denn ich habe Sie Alle zu ſprechen. Erlauben Sie, hochgeſchätzte Frau Hippe, erlauben die andern verehrten Damen, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen ſetze. Aber um Himmelswillen, keine Umſtände, meine Damen! Werthe Frau Hippe, ich flehe Sie an, behalten Sie Ihren Stuhl, ich ſitze hier vortrefflich— ah, was das wohlthut nach dem lan⸗ gen Ritt! Und der Cavalier ſetzte ſich auf die oberſte der drei Stu⸗ fen, die zu der Laube hinaufführten, und blickte mit ſeinen blauen Augen ſo überaus freundlich zu den Damen empor, daß Frau Körnicke ohne weiteres den Korb wieder auf den Tiſch ſtellte, Frau Findelmann und Frau Zeller ganz vergaßen, daß ſie in bloßem Kopf und in entſchiedener Morgentvilette waren, und ſelbſt die beſcheidene Frau Hippe den Wunſch hatte, es möchte ganz Rothebühl an der Apotheke vorüberdefiliren und den Cavalier Sr. Durchlaucht auf der Schwelle Ihrer Laube ſitzen ſehen. Und nun, meine Damen, ſagte Herr von Zeiſel, Sie wiſ⸗ ſen, ich bin der undiplomatiſchſte Menſch von der Welt, da müſſen Sie es mir denn nicht übel deuten, wenn ich ohne lange Vorrede mit meinem Anerbieten herausrücke. Am ſech⸗ zehnten iſt der Geburtstag Seiner Durchlaucht; daß ein Ball ſtattfinden wird, daß die Damen ſämmtlich geladen werden, 183 brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, das verſteht ſich von ſelbſt, und daß die Damen wie immer gütige Folge leiſten, wage ich im Intereſſe unſerer Durchlaucht, der unglücklich ſein, würde, wenn auch nur Eine wegbliebe, vorausſetzen zu dürfen. Hier richteten ſich die Blicke der drei geſinnungstüchtigen Damen auf Frau Körnicke, die bis an ihre dichten braunen Flechten erröthete. Durchlaucht ſind immer ſo überaus gütig, ſagte F Frau Hippe. Ich danke, verehrte Frau, ſagte der Cavalier, ich danke Ih⸗ nen, meine Damen. Aber mich Ihrer freundlichen Zuſage zu verſichern war nicht der einzige Zweck meines Kommens. Das Feſt wird diesmal gewiſſermaßen unter außergewöhnlichen Um⸗ ſtänden ſtattfinden. Der kleine Kreis, der ſonſt Durchlaucht umgiebt, hat ſich durch die Anweſenheit der Berliner Herr⸗ ſchaften, durch den Beſuch der Gäſte aus Paris— die geſtern, als wir durch Rothebühl kamen, von der Schönheit unſeres Städtchens entzückt waren, meine Damen— anſehnlich erwei⸗ tert, und ſo iſt es denn auch der Wunſch Seiner Durchlaucht daß das Feſt ſozuſagen dieſen veränderten Umſtänden Rechnung trage und verhältnißmäßig größere Dimenſionen annehme. Es würde ſich alſo in erſter Linie darum handeln, die Einladungen zum Ball reichlicher als bisher auszutheilen. Durchlaucht hat mir vollkommen freie Hand gelaſſen, aber ich würde mich gänz⸗ lich unfrei fühlen, wenn ich nicht mit den Damen Hand in Hand gehen könnte. Es wäre alſo meine Bitte, daß Sie ſich der großen Mühe unterzögen und mir diejenigen Damen in Rothebühl bezeichneten, welche bisher keine Einladung erhalten haben, aber diesmal und vielleicht in Zukunft ſolche erhalten dürften. Bei Ihrer intimen Bekanntſ ſchaft mit den hieſigen Ver⸗ hältniſſen ſollte Ihnen das, däucht mir, nicht allzu ſchwer fallen. Darf ich hoffen, meine Damen? Die vier Damen ſahen eine die andere an. Da wäre vielleicht noch die Frau Körner, ſagte Frau Zeller nachdenklich. Um Gotteswillen, ſagte Frau Findelmann, wo denken Sie hin? 184 Warum nicht? ſagte Herr von Zeiſel. Eine würdige Frau— wir dürfen auch nicht allzu wähleriſch ſein. Alſo Frau Oekonom Körner. Und er notirte den Namen in ſeine Schreibtafel. Dann freilich auch Frau Blume, ſagte Frau Findelmann. Um Gotteswillen, ſagte Frau Zeller, die Gärtnerfrau! Seiner Durchlaucht wohl bekannt, ſagte der Cavalier. Nur keine Ercluſivität, meine Damen! Notiren wir: Frau Kunſt⸗ gärtner Blume. Dann können wir auch an Frau Heinz nicht vorübergehen, ſagte die gute Frau Hippe. Um Gotteswillen; riefen Frau Zeller und Frau Findel⸗ mann. Ehren wir den Nährſtand, meine Damen, ſagte Herr von Zeiſel. Alſo: Frau Hofbäcker Heinz; und da was dem Einen recht, dem Andern billig iſt, ſo erkauben Sie mir noch gleich Frau Hofſchlächter Schwarthals zu notiren. Das wären vier Damen mit ihren Töchtern, ſo viel ich weiß, zehn für den An⸗ fang. Vielleicht einigen ſich die Damen noch über einige Na⸗ men, und ich bitte in dieſem Falle um die Güte, mir die Liſte bis morgen früh zukommen zu laſſen, damit die Karten zum zwölften ausgeſchrieben werden können. Aber meine Damen, ich muß Sie noch länger aufhalten. Ich habe noch eine ganze Reihe von Bitten. Alſo Nummero zwei: Der Ball beginnt um Sechs, wie gewöhnlich, und endet um Neun, wie immer. Nach dem Ball große Illumination— Ah! riefen die Damen aus einem Munde. Der Terraſſen, des Gartens und Wildparks, fuhr Herr von Zeiſel fort. Ich verſpreche mir davon einen nicht unbe⸗ deutenden Effect und der Geſellſchaft, welche eben aus dem Saal heraustritt und nach Belieben in den erleuchteten Gängen promenirt, eine angehme Ueberraſchung, weshalb ich die Damen angelegentlichſt bitte, dieſen Theil des Programms vorläufig ge⸗ heimhalten zu wollen. In der Pauſe um ein halb Acht ſoll ein kleines Schauſpiel eingefügt werden, über welches ich noch nicht ganz mit nir einig bin und das ich deshalb hier über⸗ — 3—— — — gehe, um auf eine kleine Anſprache zu kommen, welche von einer der Damen an Seine Durchlaucht zu richten wäre, wenn er in den Saal tritt, und die zu übernehmen ich Frau Kör⸗ nicke freundlichſt erſuchen möchte. Ich? rief Frau Körnicke mit allen Zeichen des Schreckens. Sie, verehrte Frau, ſagte Herr von Zeiſel. Das Gedicht⸗ chen, nebenbei von mir, wird nur wenige Verſe enthalten. Aber weshalb gerade ich? ſagte Frau Körnicke in tödtlicher Verlegenheit. Mein Mann— Gerade, oder auch mit deshalb, ſagte der Cavalier. Es handelt ſich um eine Huldigung, die der Perſon Seiner Durch⸗ laucht gilt, und eine ſolche perſönliche, von allen anderen Inter⸗ eſſen und Beziehungen abſehende Huldigung darzubringen, iſt gerade die Gattin eines Mannes, der, wie Herr Körnicke no⸗ toriſch eine— verzeihen Sie den Ausdruck— etwas extreme politiſche Richtung verfolgt, die geeignetſte Vermittlerin, davon ganz abgeſehen, verehrte Frau, daß Sie Alles beſitzen, was zu dergleichen Rollen gehört: Stimme, Ausdruck, Jugend und die vortheilhafteſte Erſcheinung, wenn das Wort„Schönheit“ aus meinem Munde Sie beleidigen ſollte. Ja, ich muß noch mehr ſagen: Seine Durchlaucht würde es als eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit empfinden, wenn die Gattin unſeres erſten Fabri⸗ kanten ihn, der ein ſolches Intereſſe an dem Gedeihen von Rothebühl nimmt, begrüßte und er hat ſich zu mir in dieſem Sinne ausgeſprochen. Es iſt eine große Auszeichnung, ſagte Frau Zeller. Eine überaus große Ehre, ſagte Frau Findelmann. Ich meine, liebe Körnicke, Sie können ſich da gar nicht be⸗ ſinnen, ſagte Frau Hippe. Ich thäte es ja nur zu gern, ſagte Frau Körnicke, faſt mit Thränen kämpfend; die gute alte Durchlaucht, die immer ſo freundlich grüßt, und ich habe ſchon auf der Schule immer de⸗ clamiren müſſen, aber mein Mann— Ueberlaſſen Sie das mir, werthgeſchätzte Frau, ſagte Herr von Zeiſel, ſich von ſeinem unbequemen Sitz erhebend. Ich habe ſo wie ſo von meinem Programm nur den Theil vorgetragen, 186 welcher zum Departement der Damen gehört, und will mich nun eilends zu den Herren auf den Weg machen. Ich glaube, ſie ſind alle drüben in der Goldenen Henne, ſagte Frau Hippe. Es pflegt ſo ihre Zeit vor Tiſch zu ſein. Danke ergebenſt, ſagte der Cavalier; tauſend Dank, meine Damen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und bitte das verehrliche Comité— ſo darf ich ja wohl die wer⸗ then Damen bezeichnen— ſchon im voraus um Verzeihung, wenn ich Sie im Laufe dieſer Tage noch wiederholt behelli⸗ gen ſollte. Herr von Zeiſel reichte wieder allen Damen der Reihe nach die Hand, verneigte ſich, verließ die Laube, winkte draußen noch einmal mit dem Hut zurück, den er dann mit einem energiſchen: Gott ſei Dank, das hätten wir hinter uns! auf den Kopf drückte, um über den ſonnigen Marktplatz, vorüber an dem uralten Brunnen, nach der Ausſpannung zur Goldenen Henne zu gehen. Als Herr von Zeiſel dieſem Hauſe ſchon ganz nahe war, ſah er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen Herrn Roſel aus der weit offenen Thür heraustreten. Herr Roſel hatte den Cava⸗ lier nicht ſobald bemerkt, als er mit großer Aufmerkſamkeit nach dem Himmel hinaufblickte, an welchem ſich auch nicht das kleinſte Wölkchen zeigte, und dabei hinter drei oder vier Bauerwagen gerieth, die ausgeſpannt vor dem Hauſe hielten. Herr von Zeiſel ſah das Manöver ſehr wohl und ſagte deshalb: Bon jour, Monsieur Rosel. Ah, ſagte Herr Roſel, Monsieur de Zeisel, hier, zu dieſer Stunde! Herr Roſel zu dieſer Stunde, hier? ſagte der Cavalier. Das allerliebſte kleine Städtchen! ſagte Herr Roſel. Die Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert; ein Reiſender, wiſſen Sie, ein Liebhaber der Architektur— man muß die Zeit be⸗ nutzen. Da will ich Sie denn auch nicht länger aufhalten, ſagte der Cavalier, höflich den Hut ziehend. Ich theile Ihnen bei der Tafel meine Beobachtungen mit, — 187. ſagte Herr Roſel, den höflichen Gruſt nicht minder höflich er⸗ wiedernd. Sonderbar! ſagte der Cavalier und blieb einen Augenblick vor der Gaſtſtube ſtehen, aus deren halb geöffneter Thür ein nicht unbeträchtlicher Lärm ertönte. Das war abſcheulich von Ihnen, ſagte Herr Findelmann. Was muß der Mann nur von uns denken? rief Herr Zeller. Man muß die Gaſtfreundſchaft heilig halten, ſagte Herr Hippe. Und einem Wirth nicht ſeine Gäſte vertreiben, ſagte der Wirth, die ohnedies die Drei Forellen viel näher haben, wenn ſie auch dort niemals echtes Rothebühler zu koſten bekommen werden. Meine Herren! rief Herr Körnicke. Hört, hört! ſagte Herr von Zeiſel. Herr Körnicke verſtummte: aber der Cavalier, der ſich ohne weiteres rittlings auf einen Stuhl an den Tiſch geſetzt hatte, bat ihn, fortzufahren. Ich höre für mein Leben gern eine Rede, Herr Körnicke, ſagte er, und wer wüßte es nicht, daß Sie ein famoſer Red⸗ ner ſind. Sie ſind ſehr gütig, Herr von Zeiſel, ſagte Herr Körnicke, aber dieſe Mohren da würde ich doch ſchwerlich weiß waſchen können. Sind die Herren ſo ſchwarz, ſagte Herr von Zeiſel, indem er die Bezeichneten mit ſchalkhafter Aufmerkſamkeit zu betrach⸗ ten ſchien. Iſt mir noch immer lieber, als wenn ich ein Rother wäre, ſagte Herr Findelmann höhniſch. Und der ſonſt immer den Franzoſen das Wort geredet hat, ſagte Herr Zeller. Und dann doch einem Franzoſen die Thür weiſt, ſagte der Wirth. Ich habe ihm nicht die Thür gewieſen, ſchrie Herr Kör⸗ nicke; ich habe im Gegentheil ſelber gehen wollen, da ich Euch ſo darauf erpicht ſah, vor dem Franzoſen Eure ſchmutzige Wäſche zu waſchen. 188 Ich muß denn doch ſehr bitten, ſagte Herr Findelmann, in Gegenwart des Herrn von Zeiſel nicht ſo anzüglich— Iſt mir ganz gleich, ſchrie Herr Körnicke, und wenn der alte Herr ſelber hier wäre! Unter uns können wir ſagen, was wir wollen; es weiß doch Jeder, wie es der Andere meint, und daß, wenn es zum Schlimmſten kommt, Einer für den Andern ſteht, wie ich laufen würde und löſchen, wenn's hier drinnen beim Findelmann brennte, und der Findelmann laufen und lö⸗ ſchen würde, wenn's draußen auf der Fabrik beim Körnicke brennte; und ſo Jeder bei Jedem, wie wir hier ſitzen, durch ganz Rothebühl und durch ganz Deutſchland, ſollte ich meinen. Aber der Franzoſe weiß das nicht und meint das nicht. Der meint, wenn wir uns hier mit Worten tractiren, und Einer dem Andern kein gutes Haar läßt, das ſei Alles baare Münze und wir gönnten Einer dem Andern das Weiße in den Augen nicht. Das aber ſoll ſo Einer von drüben nicht denken, und beſonders jetzt nicht, wo ſie wieder auf uns ſchimpfen, wie's hier in der Zeitung ſteht und ich's mit meinen Ohren gehört habe, als ich Siebenundſechzig während der Luxemburger Affaire meine Reiſe durch Frankreich machte, und wo's mich genug gewurmt hat, daß ich immer hätte dreinſchlagen mögen, auch ein paarmal dreingeſchlagen und die ſchönſten Prügel bekommen habe, denn viele Hunde ſind des Haſen Tod, und damit wünſche ich den Herren einen guten Morgen. Bleiben Sie, Herr Körnicke! rief Herr von Zeiſel, dem Zornigen in den Weg tretend. Ich laſſe Sie nicht fort, bevor Sie mir die Ehre erwieſen haben, mit mir anzuſtoßen. Ja, Herr Körnicke, ich rechne es mir zur Ehre an, mit einem Manne Ihrer Geſinnung ein Glas zu trinken. Nun, nun, ſagte Herr Körnicke, dem Cavalier Beſcheid thuend, das Andere kann deshalb immer bleiben wie es iſt. Freilich, freilich, ſagte Herr von Zeiſel, wenn wir nur wiſſen, daß wir Alle ein Deutſchland und ein Vaterland haben. Ja, ja, Deutſchland, das ſoll leben! ſagte Herr Körnicke mit Enthuſiasmus. 189 Und Durchlaucht, unſer gnädigſter Fürſt daneben! ſagte Herr von Zeiſel. Meinetwegen! ſagte Herr Körnicke nach einem kurzen Be⸗ denken. Und da ich die Herren nun einmal beiſammen finde, ſagte Herr von Zeiſel, und in einer ſo liebenswürdigen Stimmung, ſo will ich nur gleich die Gelegenheit benützen und Ihnen be⸗ züglich des Geburtstages Seiner Durchlaucht einige Mitthei⸗ lungen machen, die Sie Alle, denke ich, gleicherweiſe intereſſiren werden. Herr von Zeiſel machte nun die Herren mit ſeinen Plänen bekannt. Daß dem Fürſten von den Stadtmuſicis ein Morgen⸗ ſtändchen gebracht wurde, war uralter Brauch; aber das halbe Dutzend Inſtrumente, über welches man mit Aufbietung aller Kräfte verfügen konnte, machte im beſten Falle keine beſondere Wirkung, die ſich aber Herr von Zeiſel davon verſprach, wenn der Rothebühler Männergeſang⸗Verein, der ſo Ausgezeichnetes leiſte, an dem Ständchen ſich betheiligen und vielleicht drei Stücke, über die man ſich ja leicht einigen werde, executiren wollte. Was die Herren dazu meinten? und beſonders Herr Körnicke, der ja notoriſch die kräftigſte Stimme— hier lächelte Herr von Zeiſel— in dem Geſangverein habe. Wenn dem alten— ich meine, wenn Seiner Durchlaucht ein Gefallen damit geſchieht, bin ich gern dabei, ſagte Herr Körnicke. Abgemacht, ſagte Herr von Zeiſel, und ich danke Ihnen zum voraus. Folgt Numero zwei. Numero zwei: die eigentliche Geburtstags⸗Gratulations⸗ Deputation, die ſonſt immer nur aus dem alten Bürgermeiſter und dem Stadtpfarrer beſtand, in welcher Herr von Zeiſel dies⸗ mal aber auch die Stadtverordneten⸗Verſammlung, und, wenn es ſein könnte, auch die Gewerke vertreten wünſchte, war nicht auf der Stelle zu erledigen, da man dieſerhalb erſt Umſprache mit den Betreffenden halten mußte. Doch ſagten die Herren ihre Unterſtützung zu und daß ſie auch ſonſt ihren Einfluß in jeder Weiſe aufbieten wollten, damit die Deputation in⸗ der von Herrn von Zeiſel gewünſchten Weiſe zu Stande komme. Dann kommt ſie zu Stande, ſagte Herr von Zeiſel. Wer wüßte nicht, daß die vier Herren, die hier ſitzen, ganz Rothe⸗ bühl in der Taſche haben! Was noch ſonſt etwa zu ſagen wäre, meine Herren, ſollen Sie von Ihren Gemahlinnen er⸗ fahren, deren Zuſtimmung ich mich bereits verſichert habe. Und was das Feuerwerk am Abend nach dem Balle betrifft— ja, meine Herren, ein Feuerwerk, ein brillantes Feuerwerk, bei wel⸗ chem ich mir die gütige Mitwirkung unſeres vortrefflichen Herrn Hippe erbitte, und die kleine Serenade, mit welcher man viel⸗ leicht den feſtlichen Tag am würdigſten beſchlöſſe— ſo ſprechen wir über dies und Anderes, ſobald ich mich wieder einmal auf eine Stunde freimachen kann. Aber jetzt iſt es die höchſte Zeit, daß ich in den Sattel komme und da wird auch eben von dem Caspar mein Brauner vorgeführt. Herr von Zeiſel ſchüttelte den Herren die Hände, beſtieg ſein Pferd, winkte aus dem Sattel noch einmal nach den Her⸗ ren, die ihm vor die Thür gefolgt waren, zog, als er über den Marktplatz ſprengte, vor den Damen, die er noch ſämmtlich in der Laube der Apotheke verſammelt ſah, den Hut und ver⸗ ſchwand in der engen Gaſſe, welche auf die Chauſſee mündete, die nach dem Schloſſe hinaufführte. Die Chauſſee ſtieg gleich hinter Rothebühl ziemlich ſteil bergan; aber das war nicht der einzige Grund, weshalb der Cabalier ſein munteres Pferd ſo langſam in dem dünnen Schat⸗ ten der Pflaumenbäume dahinſchreiten ließ. Bis jetzt war Alles über Erwarten gut gegangen, aber zwiſchen Rothebühl und dem Schloſſe lag noch das Haus des Kanzleiraths, und wenn er auch vorhin— allerdings auf einem bedeutenden Umwege— nach Rothebühl hineingekommen war, ohne das Ifflerſche Haus zu berühren, ſo ging das jetzt, wo er den directen Weg ritt, nicht wohl, beſonders deshalb nicht, weil der ſchwierigſte Theil der Aufgabe, die er übernommen, nur eben in dieſem Hauſe ſeine Erledigung finden konnte. Zwar war die Sache, um die es ſich handelte, im Grunde gar nicht ſo ſchwierig: er wollte Fräulein Eliſe Iffler bitten, am Abend, wenn der Fürſt in Begleitung ſeiner Geſellſchaft die Promenade durch den erleuchteten Park machte, aus der Schwa⸗ nengrotte in einem weißen, mit grünem Schilf und gelben Waſſerlilien garnirten Kleide und aufgelöſtem Haar im rechten Momente hervorzutreten und als Nire der Roda dem Herren von Roda ein paar Verſe herzuſagen, die der Verfaſſer in die⸗ ſem Augenblicke halblaut recitirte und die ſich von Fräulein Eliſens Lippen ohne Zweifel ganz wunderbar ausnehmen wür⸗ den. Die Frage war nur, ob Fräulein Eliſe die Verſe würde recitiren wollen. Vor vierzehn Tagen wäre das gar keine Frage geweſen; Fräulein Eliſe fühlte ſich für dergleichen Rollen geboren, Frau Iffler würde ſtolz geweſen ſein, ihre Tochter in einer ſolchen Rolle zu ſehen, und der Kanzleirath, ſo trocken er auch ſonſt war, mit Freuden der Metamorphoſe ſeiner Tochter in eine Waſſernixe durch ſeine runden Brillengläſer zugeſchaut haben. Aber in vierzehn Tagen kann ſich Vieles wandeln, und in die⸗ ſen letzten vierzehn Tagen hatte ſich viel gewandelt, nichts ſo ſehr, als das Verhältniß Oscars von Zeiſel zur Familie Iffler. Er war ſich keiner Schuld bewußt; er hatte, trotzdem er, ſeit die Gäſte auf dem Schloſſe waren, wirklich beide Hände voll zu thun hatte, im Anfang ſeine regelmäßigen täglichen Beſuche im Fffler'ſchen Hauſe gemacht, den Damen regelmäßig ſein Bouquet überreicht oder ſonſt eine kleine zarte Aufmerkſamkeit erwieſen, bis das ſonderbare Benehmen des Vaters, die Ein⸗ ſylbigkeit der Mutter, das Verſchwinden Eliſens, ſobald er das Haus betrat, ihm keinen Zweifel darüber ließen, daß er nicht mehr ſo gern geſehen werde wie früher, ja daß er überhaupt nicht mehr gern geſehen ſei. Er hatte den Karzleirath gefragt, was er verbrochen— der Kanzleirath hatte erwiedert: er ſei außer Stande, eine Frage zu beantworten, deren Urſache er nicht einmal ahne; er hatte der Kanzleiräthin dieſelbe Frage vorgelegt und dieſelbe Antwort erhalten; er hatte Eliſe beſchworen, ihm offen zu ſagen, wo⸗ durch er ſie beleidigt habe. Eliſe hatte die blauen Augen nieder⸗ geſchlagen und dann geſagt: Herr von Zeiſel, auch mir iſt mein Geheimniß Pflicht. Was bedeutete dies Alles? Der Cavalier zerbrach ſich vergebens den Kopf darüber. Liebte Eliſe den Doctor? Hatte man auf den Doctor gerechnet und wollte es ihn nun entgelten laſſen, daß der Doctor fort⸗ ging? Aber er hatte ihn doch nicht weggeſchickt, und eine un⸗ glückliche Liebe, eine verfehlte Elternhoffnung nehmen doch nicht ſo wunderliche Mienen an, und ſchließlich hatte er immer ge⸗ glaubt und zu glauben alle Urſache gehabt, daß er der Be⸗ vorzugte ſei. So mag ſie fallen, dieſe Blüthe vom Baum meines Lebens, hatte der junge Mann ſich in den erſten Tagen hundertmal wiederholt; wenn Oscar von Zeiſel verſchmäht wird, ſo wird er ſich zu tröſten wiſſen. Und er hatte ſich vorgenommen, Gräfin Stephanie's blaue Augen viel ſchöner zu finden als Eliſens und ein Sonett angefangen, in welchem der jungen Mutter rührend zartes Bildniß in ſeines dunklen Lebens öde Wildniß ſtrahlen ſollte; aber Stephanie's blaue Augen hatten zu oft an ihm vorüber nach dem Doctor geblickt und das So⸗ nett war nicht fertig geworden. Deſto beſſer und leichter war ihm ein anderes gelungen, zu welchem er erſt geſtern Nachmittag während der Fahrt nach Erichsthal den Stoff erhalten hatte. Das Sonett war Liebes⸗ troſt überſchrieben und handelte von einem jungen Fiſcher, der mit verweinten Augen in einen Bach ſtarrt, deſſen Wellen das Grab ſeiner unerträglichen Leiden werden ſollen, und den der Sang der Philomele aus dem nahen Fliedergebüſch wieder zum Glauben an den Frühling, an das Leben, an das Glück be⸗ kehrt. Der ſchöne Reim auf Philomele war Adele. Adele! ſagte der Cavalier, ſich im Sattel umwendend und einen Blick und einen Seufzer das Thal hinab nach Erichsthal und über Erichsthal weiter nach einem gewiſſen Rittergute ſchickend, durch deſſen fruchtbare Breiten der fiſchreiche Bach ſeines Sonetts plätſcherte: Adele! Aber nein, fuhr er fort, es ſoll Niemand von Oscar von 195 Halten Sie ſtill! wimmerte Eliſe. Du wirſt Dich daran gewöhnen, füßer Engel, rief die Kanzleiräthin. Du mußt auf der Höhe der Situation ſein, ſagte der Kanzleirath. Batterie Trab! donnerte Habermus. Ich kann nicht mehr! wimmerte Eliſe. Herr von Zeiſel war über Alles, was er ſah und hörte, in ein Uebermaß des Erſtaunens verſetzt und vergaß ganz, daß, wenn er auch, ſich unwillkürlich höher und höher in den Bü⸗ geln hebend, zuletzt mit dem ganzen Kopf über die ſcherbenge⸗ krönte Mauer wegragte, dieſer Kopf auch von drinnen und be⸗ ſonders von Eliſe geſehen werden konnte, die ſich auf ihrem hochbeinigen Schimmel faſt in gleicher Höhe mit ihm befand. Nun geſchah dies aber wirklich. Eliſe erhob die angſtvollen Augen von den Ohren ihres Schimmels in dem Moment, als der Schimmel nur durch die Mauer von dem Braunen ge⸗ trennt war, erblickte unmittelbar vor ſich den Kopf Oscars von Zeiſel, als ob dieſer Kopf, Oscar von Zeiſel zur gerechten Strafe und Anderen zum abſcheulichen Exempel, auf die Glasſcherben gepflanzt ſei, ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſank, wie es ſchien ohnmächtig von ihrem Schimmel in das Gras. Herr von Zeiſel fürchtete das wenigſtens, wenn er auch dieſe abſinkende Bewegung nicht mehr bis zu ihrem E Ende ver⸗ folgen konnte. Der Braune, dem die Situation ſchon längſt unbehaglich ſein mochte, hatte den gellenden Schrei zum Vor⸗ wand genommen, um mit einem Satze anzuſpringen, und Herrn von Zeiſel würde unzweifelhaft Eliſens Schickſal ebenfalls be⸗ troffen haben, wenn er ein weniger ausgezeichneter Reiter ge⸗ weſen wäre. Und auch ſo vergingen noch mehrere Minuten, bevor er des Braunen, der luſtig querfeldein courbettirte, wieder Herr werden und ihn nach der Mauer zrücklenken konnte. Aber der Raſenplatz war leer. Herr von Zeiſel würde Alles für einen Sommertagstraum gehalten haben, wäre er zu dergleichen mehr geneigt geweſen und hätte er nicht auf dem zerſtampften Raſen noch die Peitſche — ————— N 196 des biederen Habermus neben dem Schleierhut Eliſens, und auf der Bank unter dem Apfelbaum das Strickzeug der Frau Kanzleiräthin liegen ſehen. Er ſchwankte einen Angenblick, was er jetzt thun ſolle. Daß ſein ohnehin ſchon ſo äußerſt geſpanntes Verhältniß zur Familie durch das eben Erlebte nicht beſſer geworden ſein konnte, war klar; daß Eliſens Herz, nachdem er ſie in einer ſo überaus wunderlichen Situation belauſcht, ihm nicht wärmer entgegen⸗ ſchlagen werde, leuchtete ihm nicht minder ein; ja, da er eine ſehr lebhafte Empfindung für das Komiſche hatte, ſo mußte er fürchten, daß der Hauch der Poeſie, der bisher für ihn ſeine Wieſenblume umſchwebte, fortan mit dem Duft des Lächerlichen unweigerlich vermählt ſein würde. Dann aber ſiegte ſeine Gut⸗ müthigkeit. Vielleicht war das arme Mädchen an dieſer tollen Situation viel weniger Schuld, als ihre thörichten Eltern, und auf jeden Fall mußte er ſich überzeugen, ob ſie ſich keinen ernſt⸗ lichen Schaden zugefügt habe. So wendete er denn den Brau⸗ nen, galoppirte auf dem Fußſteige zurück bis vor das Haus, wo er aus dem Sattel ſprang, das Pferd an das Gitter band und entſchloſſen in das Haus trat. In der Wohnſtube trat ihm der Kanzleirath entgegen mit einem ſo verſtörten Geſicht, daß Herr von Zeiſel jetzt wirklich erſchrocken rief: Um Himmelswillen, Herr Kanzleirath, wie ſteht es mit Eliſe? Fräulein Iffler befindet ſich vollkommen wohl, erwiederte der Kanzleirath; ich meine ſo wohl, wie ſich eine junge Dame befinden kann, die ſich unter der Obhut ihrer Eltern einem unſchuldigen Vergnügen hingiebt und dabei— Doch nicht von einem Fremden belauſcht wird, Herr Kanzleirath? rief Herr von Zeiſel. Ich verſichere Sie, daß ich vollkommen unſchuldig bin. Und er erzühlte nun, wie er bis an die Mauer gekommen ſei. Ich bitte Sie, Herr Kanzleirath, fuhr er fort, wie konnte ich ahnen, daß Fräulein Eliſe, bei der ich nie die mindeſte Neigung zu dergleichen Künſten wahrgenommen hatte, und die, wenn ſie reiten lernen wollte, aus dem Marſtall des Fürſten — — —— 6 4 197 die beſten Pferde zur Verfügung hat; der ich ſelbſt mit größtem Vergnügen die nöthigen Lectionen gegeben hätte— wie konnte ich ahnen, daß ſie— Herr von Zeiſel, ſagte der Kanzleirath, ehren Sie den Willen der Eltern, welche Tag und Nacht über das Wohl ihres⸗ Kindes nachdenken und am beſten wiſſen müſſen, welches ihre Pflichten gegenüber ihrem Kinde und— ich darf wohl ſagen — gegenüber einem ſolchen Kinde ſind. Ich erlaube mir auch nicht den leiſeſten Zweifel, ſagte Herr von Zeiſel, weder an der Vortrefflichkeit ihrer Intentionen, noch an der gewiß hohen Beſtimmung, welche Ihrem Fräulein Toch⸗ ter vorbehalten iſt. Der Kanzleirath zupfte an ſeinem Hemdkragen und blickte den Cavalier ſtarr durch ſeine runden Brillengläſer an. Wir werden des Wohlwollens, das uns Herr von Zeiſel in den Tagen unſerer Niedrigkeit zuwendete, ſtets eingedenk ſein, ſagte er. Der Cavalier, der nicht wußte, was er mit dieſen in feier⸗ lichſtem Ton geſprochenen Worten machen ſollte, verbeugte ſich. Und zweifeln keinen Augenblick, fuhr der Kanzleirath fort, an ſeiner Discretion, jener oberſten aller Pflichten eines Mannes, der ſich in der gefährlichen Höhe des Hoflebens bewegt. Der Cavalier verbeugte ſich noch einmal. Seien Sie deſſen verſichert, Herr Kanzleirath, ſagte er. Wir ſind deſſen verſichert, Herr von Zeiſel, ſagte der Kanz⸗ leirath. Die Schnelligkeit, mit welcher Sie ſich in eine ſo gänzlich veränderte Situation— ich darf wohl ſagen, nicht ohne Schmerz, aber doch gefunden haben, iſt uns Bürgſchaft“ dafür. Ohne Schmerz? ſagte Herr von Zeiſel. Aber ich war ja längſt darauf vorbereitet. Waren Sie es wirklich? fragte der Kanzleirath, n werdend. Und Durchlaucht hatte es ja ſchließlich an Winken nicht fehlen laſſen, wo mein leicht verzeihlicher Mangel an Routine in ſolchen Dingen gar zu auffällig war. 198 Gott ſegne Seine Durchlaucht und Sie, mein junger Freund, ſagte der Kanzleirath, indem er die Hand des Cavaliers er⸗ griff und feierlich drückte. Wie leicht wiegt gegenüber einer ſo treuen und ſo edel ausgedrückten Geſinnung die kleine Unan⸗ nehmlichkeit, welche der Zufall vorhin herbeigeführt! So darf ich denn mein Herz ganz aufſchließen, darf dem Stolz und der Wonne eines Vaters Ausdruck geben, der ſich endlich am Ziel ſeiner Wünſche ſieht, die freilich Alles überſteigen— Anton, Anton! rief hier die Stimme der Frau Kanzlei⸗ rath, welche durch die nur angelehnte Thür dem Geſpräch mit fieberhafter Spannung gefolgt war und es jetzt für die höchſte Zeit hielt, dieſen doch möglicherweiſe ſehr unzeitgemäßen Bekennt⸗ 5 niſſen ein Ende zu machen. Anton, willſt Du nicht einmal einen Augenblick hereinkommen? Der Kanzleirath verſchwand und Herr von Zeiſel hörte, wie nebenan eifrig, wenn auch leiſe, zwiſchen den Gatten ver⸗ handelt wurde; auch Eliſens Stimme glaubte er einen Augen⸗ blick zu vernehmen. Der Kanzleirath trat wieder in das Zimmer. Ich hoffe, es iſt in Fräulein Eliſens Zuſtand keine Ver⸗ ſchlimmerung eingetreten? fagte Herr von Zeiſel. Durchaus nicht, ſagte der Kanzleirath, ſie befindet ſich vollkommen wohl. Die Damen laſſen ſich Ihnen angelegent⸗ lichſt empfehlen. Der Kanzleirath war womöglich jetzt noch mehr zugeknöpft, als er es im Beginn der Unterredung geweſen war. Herr von Zeiſel wußte nicht mehr, was er denken ſollte. So will ich denn nicht länger ſtören, ſagte er, ſeinen Hut ergreifend. Ich war in einer Angelegenheit gekommen, die ſich auf die Feier am ſechszehnten bezieht und hatte eine ſpe⸗ cielle Bitte an Fräulein Eliſe, durch deren Erfüllung, wie ich glaube, Seine Durchlaucht ebenſo erfreut wie überraſcht wor⸗ den wäre. Aber ich will lieber zu gelegenerer Zeit wieder⸗ Eine Bitte— an Eliſe— Seine Durchlaucht ebenſo er⸗ freut, wie überraſcht— ſagte der Kanzleirath mit einem un⸗ 199 ſichern Blick nach der Thür zum Nebenzimmer. Soll ich doch lieber— wollen Sie nicht doch lieber Ich denke, wir laſſen es für morgen, ſagte Herr von Ze ſel, deſſen Geduld erſchöpft war. Ich habe die Ehre, Herr Kanzleirath— Wollen Sie nicht doch— ſoll ich nicht doch lieber— ſagte der Kanzleirath. Aber Herr von Zeiſel war bereits zur Thüre hinaus, im Sattel, und galoppirte die Chauſſée hinauf, allerlei ärgerliche Worte murmelnd, welche zum Glück für die Familie Iffler der Wind verwehte, der durch die Pflaumenbäume und um des Reiters zornerglühte Wangen ſtrich. Fünfzehntes Capitel. In derſelben Stunde als der Cavalier die ſonnige Chauſſée nach dem Schloſſe hinaufſprengte, ritt Hermann langſam durch den ſchattigen Wald nach der Faſanerie. Es war derſelbe Theil des Waldes, durch den er vorgeſtern Abend gekommen war, das Herz ſo voll unausſprechlichen Leides, daß er des toſenden Sturmes nicht geachtet hatte; und heute Morgen war die zauberhafte Schönheit des Ortes und der Stunde, der wolkenloſe Himmel, der zwiſchen den Wipfeln der Rieſentannen herniederblaute, die goldenen Lichter, die durch die ſmaragdnen Zweige ſchlüpften und auf den mooſigen Stämmeng. ſpielten, die duftigen Schatten in den Waldgründen, der Geſang der Vögel, der wonneſame Duft der warmen Waldesluft— war Alles für ihn verloren, oder er empfand es nur, wie man den wohlgemeinten Zuſpruch eines Freundes empfindet, der heiter von heiteren Dingen ſpricht, während wir unabläſſig den trüben Gedanken nachhangen, die unſere verdüſterte Seele zur Wohn⸗ ſtatt erwählten. Geſtern noch hätte ihn der Gedanke, ſie unter vier Augen 200 ſprechen zn ſollen, in die größte Aufregung verſetzt; ja er würde freiwillig nicht eine Stunde heraufbeſchworen haben, die für ihn kein Glück mehr war, die für ihn und, wenn nicht Alles täuſchte, auch für ſie nur eine Qual ſein konnte. Jetzt aber handelte es ſich nicht um ihn; er wan ſich bewußt, daß auch nicht der Schatten einer Hoffnung, eines Wunſches, der ſich auf ihn ſelbſt bezog, in ſeiner Seele zu finden war, ſo wenig wie eine Wolke droben am blauen Himmel. Und ſo mußte er freilich geſinnt ſein, wenn er den Muth haben ſollte, ſein Pferd weiter bergan ſchreiten zu laſſen, wenn er jetzt abſteigen und das Gatter am Faſaneriepark öffnen, und, das Pferd am Zügel führend, unter den ungeheuren hundert⸗ jährigen Eichen den Weg zu Prachatitz' Häuschen einſchlagen ſollte. Er fand den Alten unter dem großen offenen Schuppen an einem der Holzhäuschen beſchäftigt, in welche zur Nacht die Puter mit ihrer Faſanenbrut getrieben wurden. Die Miene des Alten, den man ſonſt ſelten lächeln ſah, war heute beinahe heiter. Sehen Sie, Herr Doctor, ſagte er, hier hat heute Nacht ein Marder hineingewollt, in dieſes Aſtloch hier, das ich alter Graubart überſehen habe; und nun ſchauen Sie da mal hin, da hängt der Schelm bereits, oder doch ſein Balg, was auf daſſelbe hinauskommt. Ich habe heuer rechtes Glück mit mei⸗ nen Faſanen; noch iſt außer den fünf gleich im Anfang keines daraufgegangen, und ſie ſind jetzt ſo derb, daß ihnen nicht mehr viel paſſiren kann. Sehen Sie nur. Prachatitz zeigte auf eine Kette Küchlein, die munter durch die Büſche ſchlüpften, während die Puterhenne mit dem Strick am Bein ängſtlich hinterdrein ſchritt. Iſt es nicht ein Stolz? ſagte er, ſich die braunen Hände reibend, und fügte dann, als ſchäme er ſich ſeiner Heuchelei, in demſelben Athem hinzu: Sie hat auch ihre Freude dran ge⸗ habt, vorhin, und ich bin ſo froh, daß ich ſie endlich einmal habe lächeln ſehen und daß ſie wieder malen will wie in den guten Tagen, bevot dieſe Wirthſchaft über uns hereinbrach. 201 Und ſie wird ſich gewiß auch recht freuen, Sie zu ſehen, kom⸗ men Sie nur, Herr Doctor, ich will Sie gleich melden. Hermann folgte dem Alten, der ſchnellen Schrittes voraus⸗ ging. Es war doch ein eigner Zauber, der dieſes ſchöne Weſen umgab, ein Zauber, dem ſich Niemand, wie es ſchien, eutziehen konnte und deſſen Macht er ſelbſt, ſo ſehr er ſich dagegen ſträubte, jetzt wiederum ſpürte an dem unruhigen Schlagen ſeines Her⸗ zens, und immer ſtärker ſpürte, je mehr er ſich dem Pavillon näherte. Und, ſagte der Alte, plötzlich ſtehen bleibend und ſeine Stimme ſenkend, was mir da vorgeſtern durch den Kopf ge⸗ gangen iſt, das iſt doch Alles Hirngeſpinnſt und Teufelsſpuk geweſen, und ich habe es ihr heute, als ich ſo vor ihr ſtand und ihr in die reinen Augen ſchaute, ſo recht von Herzen ab⸗ gebeten. Und Sie, Herr Doctor, wollte ich noch recht ſchön bitten, daß Sie mir es nicht nachtragen und zu vergeſſen ſuchen, was ich, wenn mich der Teufel reitet, für ein grundſchlechter Kerl ſein kann. Kommen Sie nur gleich mit hinauf, Herr Doctor, ſie wird Sie gewiß ſprechen wollen. Prachatitz ging die Treppe zum Theehauſe hinauf; lang⸗ ſam folgte ihm Hermann. Der Gang war doch ſchwerer, als er gedacht. Endlich ſtand er oben vor einer der drei großen Fenſter⸗ thüren, durch welche Prachatitz eingetreten war und die er weit offen gelaſſen hatte. Da ſtehſt du abermals an der Schwelle, die dein Fuß nicht wieder betreten ſollte, ſprach er bei ſich, und wenn, was dich hiehergeführt, die ſelbſtſüchtige Schwäche wäre, welche die Menſchen Liebe nennen, du würdeſt dir ſelbſt der Verächtlichſte der Menſchen ſein. Gott ſei Dank! Die Liebe hat mit dieſem Schritt nichts zu thun. Die gnädige Frau bittet Sie, in dem Saal zu warten; ſie wird gleich kommen, ſagte Prachatitz. Sie ſitzt ſo in ihren Malſachen, fügte er wie zur Entſchuldigung hinzu. Hedwig hatte früher oft genug Hermann in ihrem Atelier empfangen. Prachatitz war gegangen. Hermann ſtand in der Rotunde und ließ ſeinen Blick mechaniſch über die alten Gobelintapeten ſchweifen, über die Marmorvaſen und Marmorbilder in den Niſchen, über all die verblichene Pracht des fürſtlichen Raumes, als ſähe er das zum erſtenmale. Eine ſeltſame Erſtarrung hatte ſich ſeiner bemächtigt; er verſuchte ſich zurückzurufen, was ihn hiehergeführt, was er ihr hatte ſagen wollen. Es war vergebens; er wußte nur, daß er ſie wiederſehen ſollte, daß dies die Thür war, durch welche ſie kommen würde, und daß die Zeit ſtillſtund, bis ſie kam. Die Tapetenthür wurde geöffnet, Hedwig trat herein in ſommerlich hellem Kleide und kam mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zu, ſchön wie immer, und doch— der Zauber war ge⸗ rochen. Er wußte wieder, was er ſollte, was er wollte, und daß die Wirklichkeit ihn nicht übermannen konnte, wie ſeine Träume es thaten. Sie kommen, Abſchied zu nehmen, ſagte Hedwig, nachdem ſie ſich ein paar Momente ſtumm gegenüber geſeſſen hatten. Ihre tiefe Stimme zitterte ein wenig, als ſie das ſagte und eine leichte Bläſſe flog über ihr Geſicht; aber als müßte ſie dieſe Schwäche ſo ſchnell als möglich überwinden, fuhr ſie, ohne Hermanns Antwort abzuwarten, fort: Sie haben einen weiten Weg nicht geſcheut, mich hier in meiner Einſamkeit aufzuſuchen, in die ich mich geflüchtet habe, dem Wirrwarr unten auf ein paar Stunden zu entrinnen. Um Hermanns Lippen zuckte ein bitteres Lächeln. Sie war die Einzige geweſen, die geſtern keine Theilnahme an ſeinem Unfalle gezeigt; ſie hatte auch heute kein Wort dafür. Er exiſtirte eben nicht mehr für ſie. Aber er wußte es ja längſt, daß es ſo war, mochte es denn ſein. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihre Muße in ſo un⸗ liebſamer Weiſe ſtöre, ſagte er. Was mich zu Ihnen führt, iſt eine Angelegenheit, die leider für ein ruhebedürftiges Gemüth ſehr wenig geeignet iſt und von der ich deshalb zum voraus bemerke, daß dieſelbe mich nicht perſönlich betrifft. Auch nicht mich? ſagte Hedwig, und es zog eine Wolke über ihre Stirn.„* 203 Auch nicht Sie, erwiederte Hermann, wenigſtens nicht direct, obgleich freilich Ihre Betheiligung unbedingt nothwendig iſt. So wird es vielleicht das Beſte ſein, wenn Sie mich hören laſſen, was es iſt. Sie hatte ſich in den Fauteuil zurückgelehnt, die linke Hand im Schoß, während die rechte mit der Schärpe ſpielte. Die großen Augen ruhten voll auf Hermann mit einem finſtern, faſt droheuden Ausdruck, als ſei ſie willens, ihm bei dem erſten Wort, das ihr mißſallen würde, die gegebene Erlaubniß wieder zu entziehen. Ich will mich bemühen, möglichſt kurz ſein, ſagte Hermann, und, kann ich es doch nicht vermeiden, etwas weiter auszuholen, ſo muß mich eben die Schwierigkeit der Sache, um die es ſich handelt, entſchuldigen. Es handelt ſich aber um Folgendes: Ich ſehe den Fürſten auf einem Wege, auf welchem ihn Nie⸗ mand, der es gut mit ihm meint, ſehen kann, ohne ihn zu warnen, wenn er darf; ohne ihn von demſelben abzuwenden, wenn er kann. Das erſte habe ich gethan; es iſt vergebens geweſen. Ich weiß Niemanden, der zu dem zweiten im Stande wäre, außer Sie, gnädige Frau, und ich wende mich deshalb an Sie. Ich glaube zu wiſſen, was Sie ſagen wollen, erwiederte Hedwig, und glaube auch zu wiſſen, daß Sie in einem Irrthum befangen ſind; aber bitte, ſprechen Sie weiter. Sie kennen die politiſchen Geſinnungen des Fürſten, fuhr Hermann fort, kennen ſie vermuthlich beſſer als ich, der ich wohl wußte, daß er Preußen haſſe, aber nicht wußte, daß die⸗ ſer Haß grenzenlos ſei, daß dieſer Haß ſelbſt die Schranken überrenne, die dem Patrioten ein für allemal geſetzt ſind. Ich weiß es jetzt— Sie hatte die Schärpe aus der Hand gleiten laſſen, ihr Geſicht trug nur noch den Ausdruck geſpannteſter Aufmerkſamkeit. Seit heute Morgen weiß ich es, fuhr Hermann fort. Der Fürſt hatte mich zu ungewöhnlich früher Stunde zu ſich be⸗ ſcheiden laſſen; er empfing mich in ſeinem Schlafzimmer. Das Bett war unberührt. Die fieberhafte Aufregung, in der er 204 ſich befand und die er vergebens vor mir zu verbergen ſuchte, bewies mir ohnedies, daß er die Nacht nicht geſchlafen haben konnte. Ich will Ihnen, gnädige Frau, nicht die Unterredung, welche jetzt zwiſchen ihm und mir ſtattfand, ausführlich wieder⸗ holen, ich wäre das auch vielleicht nicht einmal im Stande; ich will nur ſagen, daß ich die Mittheilungen, die mir der Fürſt machte, eher für die Phantaſien eines Fieberkranken, als für die wohlerwogenen Entſchlüſſe eines ſtaatsmänniſchen Kopfes halten mußte. Der Fürſt verſicherte mich mit einer Beſtimmtheit, die ihre Quelle nicht in den Zeitungsnachrichten haben konnte, welche uns bis jetzt vorliegen, daß der Krieg zwiſchen Frankreich und Preußen in Paris beſchloſſene Sache und alſo unvermeidlich ſei; daß dieſer Krieg in der allernächſten Zeit ſchon zum Ausbruch kommen werde. Er machte mich weiter mit den extravaganten Hoffnungen bekannt, die er an dieſen Krieg knüpft; wie Oeſter⸗ reich, Italien, Dänemark zu Frankreich halten, ganz Süddeutſch⸗ land, Hannover, Heſſen, Schleswig⸗Holſtein ſich erheben und das preußiſche Joch abſchütteln würden; und weiter theilte er mir die Entſchlüſſe mit, die er ſelbſt für dieſe Eventualität gefaßt habe: daß er kraft ſeines legitimen Rechtes, welches ihm keine Vergewaltigung habe rauben können, ſich auf die Seite ſtellen werde, wo er das Recht und die Ehre erblicke; daß er hoffe, ſein Beiſpiel werde das Signal des Losbruchs für unſere ganze Londſchaft ſein, und, wenn er ſich ja in dieſer Annahme täuſche, er für ſeine Perſon, ganz allein, wenn es denn ſo ſein müſſe, ſich an dem Kampfe gegen Preußen betheiligen wolle. Schließ⸗ lich machte er mir, von dem er vorausſetzte, daß ich ſeine An⸗ ſichten, ſeine Hoffuungen, ſeine Entſchlüſſe unbedingt theile, bil⸗ lige, das Anſinnen einer Miſſion, über die ich um des Fürſten willen ſchweigen und nur ſo viel ſagen will, daß ich dieſelbe auf der Stelle ablehnte, und dies mit einer Heftigkeit, die ich ſofort bereute. Weiter, weiter! ſagte Hedwig. Nicht, als ob ich jemals anders denken könnte, fuhr Her⸗ mann fort, ſondern weil ich mir dadurch meine Poſition un⸗ nöthig erſchwert hatte. Der Fürſt wußte jetzt, daß er auf mich 4 — 205 nicht zählen könne und er ſagte mir, daß er bereue, ſo weit gegangen zu ſein, und daß es meine Pflicht geweſen, ihn früher zu unterbrechen, bevor er mir ſein Geheimniß enthüllt. Ich nahm dieſe Kränkung ruhig hin; ich dachte wahrlich in dieſem Augenblicke an nichts weniger als an mich. Ich dachte nur, daß es meine Fflicht ſei, zu verſuchen, ſo viel in meiner Kraft ſtand, einen Herrn, den ich liebte und verehrte, vor dem augen⸗ ſcheinlichſten Verderben zu warnen. Ich habe dieſe Pflicht er⸗ füllt, gnädige Frau, ſo ſchwer mir dieſelbe auch durch den immer heftiger auflodernden Zorn des Fürſten gemacht wurde. Ich habe ohne jede andere Rückſicht als die, welche der jüngere Mann dem älteren ſchuldig iſt, geſprochen. Ich habe dem Fürſten zu beweiſen geſucht, daß es jetzt, wo es ſich um einen Krieg mit Frankreich handle, ganz anders liege als Sechsund⸗ ſechszig; ich habe ihm geſagt, daß er ſich zum Spielball in den Händen gewiſſenloſer Abenteurer hergebe; ihm den Beweis ge⸗ führt, daß mindeſtens Herr Roſel, den ich von früher kenne und der dieſe Bekanntſchaft zu erneuern die Frechheit gehabt, ein ſolcher Abenteurer der ſchlimmſten Sorte ſei; ich habe mich zu⸗ letzt nicht geſcheut, das Wort auszuſprechen, daß ein ſolches Unterfangen für jetzt und alle Zukunft in den Augen jedes Patrioten brandmarken wird— das Wort Landesverrath— es iſt Alles, Alles vergeblich geweſen. Und wie ſchieden Sie von einander? fragte Hedwig. Wie ich es nicht erwartet hatte, erwiederte Hermann, und doch nach meiner Kenntniß von der Herzensgüte und dem Seelen⸗ adel des Fürſten erwarten konnte. Ich war bereits an der Thür, als er mich wieder zurückrief und mit einem Händedruck, der faſt eine Umarmung war, ſagte: Sie meinen es doch gut mit mir, trotz alledem. Die Thränen ſtanden ihm dabei in den Augen. Ich ſchäme mich nicht zu ſagen, daß meine Rüh⸗ rung nicht minder groß war. Und was haben Sie beſchloſſen? fragte Hedwig. Zu beweiſen, daß der Fürſt ſich nicht geirrt hat, wenn er annimmt, daß meine perſönliche Liebe zu ihm jetzt nicht ge⸗ ringer iſt als vorher, und ſollte ich dabei wiederum die pein⸗ liche Rolle eines unbefugten und unbefragten Rathgebers über⸗ nehmen müſſen. So will ich Sie denn lieber direct um Ihren Rath fra⸗ gen und bitten, ſagte Hedwig. Was wünſchen Sie, das ich thun ſoll? Daſſelbe, was ich gethan habe, erwiederte Hermann. Ich bitte Sie, daß Sie mit dem Fürſten ſprechen, wie ich geſprochen, oder vielmehr, wie ich weiß, wie Sie ſprechen können und ſprechen werden. Und wenn ich nun bereits geſprochen hätte, ſagte Hedwig, geſtern Abend, gleich nach dem Eintreffen der Nachricht— und mein Erfolg um nichts günſtiger geweſen wäre als der Ihre? So müſſen Sie es noch einmal verſuchen! erwiederte Hermann. Muß ich das? Sie war aufgeſtanden und ſchritt durch das Gemach bis zu einem der Fenſter, in welchem ſie ſtehen blieb. Plötzlich wendete ſie ſich wieder um und ſagte mit Heftigkeit: Weshalb muß ich? Ich habe keine Antwort auf eine Frage, die Sie nur ſelbſt beantworten können, ſagte Hermann. Er hatte ſich erhoben, während Hedwig in der Rotunde auf⸗ und abſchritt, ſich dann wieder zu ihm wendete und jetzt mit größerer Ruhe ſagte: Geſetzt, ich müßte, und ich wollte, was ich müßte, was ſpricht dafür, daß ich erreichen würde, was Sie, ein Mann, nicht erreicht haben, deſſen Stimme in ſolchen Dingen doch ein ganz anderes Gewicht hat, als die einer Frau? Verzeihung, erwiederte Hermann, ein Mann, und wäre er noch ſo wohlgelitten, vermag in ſolchem Moment wenig über einen Mann; aber viel, ſehr viel eine Frau, die nicht an den Verſtand, ſondern an das Herz ſich wendet, und dieſe Frau vermag Alles, wenn ſie von dem Manne geliebt wird, wie der Fürſt Sie liebt. Eine flammende Röthe ergoß ſich über Hedwigs ſchönes 207 Geſicht und ihre Stimme klang ſonderbar erregt, als ſie nach einer kurzen Pauſe antwortete: Wäre dazu nicht erforderlich, daß die Frau den Mann ebenſo liebt, wie er ſie, oder, was freilich auf daſſelbe hinaus⸗ käme, daß der Mann ſich ebenſo von dieſer Frau geliebt glaubt? Gnädige Frau, erwiederte Hermann, ich weiß nicht— Was Sie darauf erwiedern ſollen, unterbrach ihn Hedwig. Weshalb nicht? Wir ſind einmal auf einen Punkt gerathen, wo es nicht mehr hilft, ſich zu verſtecken. Wie nun, wenn weder das Eine noch das Andere der Fall iſt? Wenn der Fürſt in dieſem Grade nicht von mir geliebt wird und ſich nicht von mir geliebt glaubt, wie dann? Würde nicht Alles, was ich ſage, ſagen könnte, von vornherein vergeblich ſein? Oder, wenn es das nicht ſein ſollte, müßte ich nicht einen Glauben erwecken, der einfach eine Täuſchung wäre? Ja, würde ich eben durch meine Bitten, durch die herzlichen Töne, die ich anſchlagen müßte, nicht nothwendig dieſe Täuſchung hervorrufen? Und kön⸗ nen Sie das pon mir verlangen? Sie!— Sehen Sie, da liegt ein Widerſpruch, den zu löſen Sie Ihren Scharfſinn vergebens aufbieten; und da liegt noch mehr: da liegt das Urtheil— Sie unterbrach ſich und ſagte dann in ruhigerem Tone: Nein, nein, es wäre ein ſchweres Unrecht, wollte ich in Ih⸗ rem guten Herzen eine Hoffnung erwecken, die nicht erfüllbar iſt, und Sie dadurch abhalten, auf andere Mittel zu ſinnen, wie man den Fürſten retten könnte. Hiüge ſeine Rettung wirk⸗ lich nur von mir ab, ſo wäre er verloren. Weil du ihn nicht retten willſt, ſprach Hermann hei ſich, während Hedwig wieder in dem Gemache auf⸗ und abſchritt; aber ich, ich darf den alten Mann nicht ſo leichten Kaufs ver⸗ loren geben, und ſo mag denn auch noch das geſagt ſein, ent⸗ ſtehe daraus, was da will. Verſtatten Sie mir noch ein Wort, gnädige Frau, ſagte er laut. Sie wiſſen, es iſt das Schickſal der guten und vielleicht etwas ſchwachen Herzen, ſich nicht beruhigen zu können, wenn nicht weniger gute, aber feſtere Herzen bereits ihr letztes Wort 208 geſprochen haben. Ich hatte in dieſen drei Jahren ſo reichlich Gelegenheit, den Fürſten zu ſtudiren; es iſt deshalb keine An⸗ maßung, wenn ich ausſpreche, daß ich ihn genau zu kennen glaube. Der Fürſt iſt, ſo ſehr er auch vom Gegentheil über⸗ zeugt ſein mag, kein Staatsmann, nicht einmal ein Politiker. Bedürfte es dafür noch eines Beweiſes, ſo wäre es der gänz⸗ liche Mangel an Ruhe, an Selbſtbeherrſchung, den er heute Morgen mir gegenüber an den Tag gelegt hat; ſo wäre es die kopfloſe fieberhafte Haſt, mit welcher er ſich in ein ſo un⸗ geheures Unternehmen ſtürzt. Aber es iſt hier und jetzt wie immer und überall. Bei der unendlichen Erregbarkeit ſeiner Phantaſie, bei der unglaublichen Empfänglichkeit ſeines Herzens verliert er nur allzu leicht die Sache, um die es ſich handelt, aus den Augen. Niemandem liegt, wie ihm, die Gefahr ſo nahe, ſtets die Sache mit den Perſonen zu verwechſeln. Es iſt meine innigſte Ueberzeugung, daß, mag er ſich mit den franzö⸗ ſiſchen Emiſſären vorher noch ſo weit eingelaſſen haben, ſeine angeborne Bedenklichkeit ihn dennoch ſtets vom letzten, äußerſten Schritt zurückgehalten hätte; daß ſelbſt der Ausbruch des Krieges ihn ſchließlich heute ebenſowenig wie Sechsundſechszig aus der Thatenloſigkeit eines langen Lebens aufrütteln würde. Was ihn bis zu dieſem Grade der Leidenſchaft entflammt, iſt ein perſön⸗ liches Moment, iſt die tiefe Abneigung, ich darf wohl ſagen: der Haß gegen den Grafen. Die Gegenwart dieſes Mannes, welche durch das unſeligſte Verhängniß zuſammenfallen mußte mit den anderen Momenten— das iſt es, was ihn zu dieſem Extrem treibt und ihn weiter und weiter treiben wird, bis von wo keine Umkehr mehr für ihn iſt. Hermann konnte den Ausdruck von Hedwigs Geſicht nicht mehr ſehen, während er dieſe Worte ſprach. Sie hatte die Stirn in die Hand geſtützt und hob auch den Kopf nicht, als ſie jetzt antwortete: Ich habe Aehnliches ſchon ſelbſt gedacht, aber was läßt ſich dagegen thun? Der Fürſt hat den Grafen eingeladen; er mußte wiſſen, was er that. Er hat es offenbar nicht gewußt, ſagte Hermann, wie mir 209 denn dieſe Einladung bis auf den Augenblick ein vollkommenes Räthſel iſt. Aber gleichviel: der Graf iſt hier, und ich meine, jede Stunde, die er länger hier bleibt, iſt für den Fürſen ein Schrit auf der Bahn zu ſeinem Verderben. Der Graf geht am ſechszehnten, ſagte Hedwig. Bis dahin iſt vielleicht Alles längſt entſchieden. Aber, mein Gott, rief Hedwig, in leidenſ ſchaftlicher Bewe⸗ gung ihr Haupt emporrichtend, was verlangen Sie von mir? Ich kann den Grafen doch nicht wegſchicken? Warum nicht, gnädige Frau? Ich glaube, daß dazu ein Wink von Ihnen genügt. Das Feuer aus Hedwigs dunklen Augen loderte Hermann entgegen; er hielt den Blick aus, ja, ſein Herz pochte zornig, als er ruhig fortfuhr: Ich meine, daß eine Andeutung von Ihnen, die Sie, gnä⸗ dige Frau, ja viel geſchickter machen würden, als ich es anzu⸗ geben im Stande wäre, für den Grafen genügen müßte und genügen würde. Und Sie verſprechen ſich wirklich von dieſem Schritt ſo viel? Ich wüßte wenigſtens für den Augenblick keinen anderen, geſchweige denn einen beſſeren, ſagte Hermann. Nun gut, ſagte Hedwig, das kann ich und will ich. Ich danke Ihnen, erwiederte Hermann; danke Ihnen aus tiefſtem Herzen um des edlen Mannes willen, der mir in die⸗ ſen drei Jahren ſo theuer geworden iſt, viel theurer, als ich es ſelbſt gewußt, und der wahrlich zu gut iſt, um einer phantaſti⸗ ſchen Laune— denn mehr ſind ſeine politiſchen Aſpirationen kaum— zum Opfer zu fallen. Und nun, da ich um ſeinet⸗ willen ruhig ſcheiden darf, da Sie ihn retten wollen, die Ein⸗ zige, die ihn retten kann— ich glaube, es iſt dies das letzte⸗ mal, daß ich, wie in alter Weiſe, als läſtiger Bittſteller Ihnen ohne Zeugen nahen durfte— laſſen Sie mich auch Ihnen Lebe⸗ wohl ſagen, gnädige Frau. Hermanns Stimme bebte bei dieſen Worten, wie ſehr er auch nach Feſtigkeit rang. Hedwig ſchüttelte abwehrend den Kopf. Nein, nein, ſagte ſie, nicht Lebewohl! Fr. Spielhagen's Werke. XI. 14 —————————————————— ——————— 210 Wie, gnädige Frau? Nicht Lebewohl! wiederholte Hedwig. Es wäre ja beſſer, viel beſſer für Sie— wenn Sie gingen, wenn Sie nie wieder mit einem Fuß jene Räume betreten, in denen für Sie nur Unheil brütet; aber eine Ahnung ſagt mir, daß Sie nicht gehen werden, nicht gehen dürfen, daß nicht ich es bin, daß Sie es ſind, der den Fürſten retten kann. Nein, blicken Sie mich nicht ſo fragend vorwurfsvoll an, ich werde halten, was ich verſprochen, aber— gehen Sie jetzt, ich bitte! Hermann war gegangen. Hedwig ſtrich mit beiden Händen über ihr glühendes Geſicht und ſchaute mit irren Blicken um ſich her. Plötzlich ſprang ſie auf und ſtürzte nach der Thür; ſie mußte ihn zurückrufen, ihm ſagen, daß ſie den Grafen nicht liebe, daß ſie es nicht ertragen könne, wenn er in dieſem Glau⸗ ben von ihr ſcheide, daß ſie ihn Niemandem opfere. Es war zu ſpät; der Platz vor dem Pavillon war leer, kein Laut ſich entfernender Schritte; Alles ſtill, nur das Singen der Vögel in den ſonnebeglänzten Bäumen. Sie kehrte langſam zurück und ging in ihr Atelier. Sie hatte ſich heute Morgen ihre Malſachen bringen laſſen, um die Zeit, die mit bleierner Schwere auf ihr lag, um ein paar Stunden zu täuſchen, und Prachatitz hatte das Atelier wieder ganz in der früheren Weiſe hergeſtellt, als wolle er ſie einladen, zu ihren alten Gewohnheiten zurückzukehren. Auf der Staffelei ſtund das Bild, an welchem ſie zuletzt gemalt. Sie ſchien es lange prüfend zu betrachten, aber ihre ſtarren Augen ſahen nichts — nichts als das ſchöne ernſte Antlitz des Mannes, der ſie ſo eben verlaſſen. Du hätteſt ein beſſeres Loos verdient, murmelte ſie; warum mußte dein Schickſal dich mir in den Weg führen, mich in deinen? Nun wird mein Schatten für immer dunkel in dein Leben fallen, wie dein Schatten in meines. Vielleicht habe ich dich nie verſtanden. Guter, Edler! viel zu gut, viel zu edel für dieſe Welt des Lugs und Trugs, des Unrechts und der Gewalt! du kannſt dich nur opfern; du haſt es von je gethan, für deinen blinden König früher, wie jetzt für den alten Mann . . —— 211 der nicht ſehen will. Und Jeder nimmt dein Opfer an; wie ſollten ſie nicht; es iſt ja ſo bequem! Und du zürnſt niemals! Ja, wenn du zürnen könnteſt, wenn du dich beſinnen könnteſt, wie ſtark du biſt, und ſie, die ohne dich und deinesgleichen nichts wären, in ihr NRichts zurückſchleuderteſt! Aber ich, ich zürne für dich, daß du nicht zürnen kannſt; ich will nicht, daß du ſo freundlich blickſt; ich will nicht, daß du immer nur für Andere lebſt! Wer weiß, wenn du für dich zu leben verſtanden hätteſt, ob es jetzt nicht mein Stolz und meine Luſt wäre, für dich zu leben, ob es nicht deine Schuld iſt, wenn ich jetzt noch meine Ketten trage. Du haſt mich dulden gelehrt; es war keine gute Lehre! Sie trat an das offene Fenſter, durch welches Wald und Wieſe und die im Sommerduft verſchwimmenden Berge und der tiefblaue Himmel zu ihr hereingrüßten. Sie breitete die Arme aus: ich komme, ich komme! Sie eilte aus dem Gemach in die Rotunde, aus der Ro⸗ tunde durch eine Tapetenthür in ein kleineres Hintergemach, aus welchem ſie unmittelbar in das Grüne und in den Schatten der rieſigen Bäume des Hügels trat, an den ſich der Pavillon mit ſeiner Rückſeite lehnte. Nun ging ſie unter den Bäumen hin, eilenden Schrittes, einer Fliehenden gleich; plötzlich blieb ſie wieder ſtehen. Was hatte er ihr doch zuletzt geſagt? was ihr aufgetragen? Das war es: ſie ſollte den Grafen fortſchicken, und ſie hatte es verſprochen. Eine Kette wieder an den fliehen⸗ den Fuß! eine Kette, von ihm geſchmiedet, der ohne Ketten nicht leben konnte und immer dafür ſorgte, daß auch Andere nicht ohne Ketten ſeien. Und nun machte ſich die überreizte Stimmung in Thränen Luft, deren ſie ſich ſchämte und die ſie doch nicht zurückhalten konnte. Ich bin nur ein Weib, rief ſie; ich bin nur ein Weib! Sie hatte ſich in der von hohen Bäumen umdüſterten Allee, durch deren Ausgang man einen Theil des Theehauſes wie in einem Medaillon eingerahmt erblickte, auf eine der Bänke ſinken laſſen. Ueber ihr ſäuſelten die Winde in den Zweigen, raſtlos ſangen die Vögel, ein paar Faſanen huſchten über den Weg; 14* 212 ſie ſah nichts, ſie hörte nichts, in ihre verzweifelten Gedanken verſunken, bis plötzlich ein Geräuſch ertönte, wie der Hufſchlag eines Pferdes. Erſchrocken fuhr ſie empor; vielleicht hundert Schritte von ihr tauchte aus einem ſchmalen Seitenpfade, der auf die Allee mündete, ein Reiter hervor; es war der Graf. Ihre erſte Regung war, zu fliehen, dann aber ſagte ſie ſich alsbald, daß es zu ſpät ſei, daß der Graf ſie ohne Zweifel ſchon bemerkt habe, und daß, wenn er ſie wirklich liebte, er in dieſem Angenblicke mehr Urſache habe, ſie zu fliehen, als ſie ihn. Da gab auch er bereits ſeinem Pferde die Sporen, war in dem nächſten Augenblicke bei ihr, ſprang aus dem Sattel und ſagte: Das nenne ich Glück, gnädige Frau! Ich reite nun ſchon eine Stunde die Kreuz und die Quer, da mir Niemand im Schloſſe zu ſagen wußte, wohin Sie gegangen, bis mir endlich einfiel, Sie könnten am Ende doch auf der Faſanerie ſein— eine ſehr entfernte Möglichkeit allerdings an dieſem heißen Tage, indeſſen— da ſind Sie nun und vor Allem: guten Morgen! Er bot ihr die Hand, von dem er den Handſchuh abge⸗ ſtreift hatte. Seine Augen glänzten und aus den glänzenden Augen und aus jedem Zuge des ſchönen männlichen Geſichts ſprach die leidenſchaftliche Liebe, die er für ſie empfand, deren Hand er jetzt in der ſeinen hielt und noch lange gehalten haben würde, wenn Hedwig ſie ihm nicht alsbald entzogen hätte. Warum ſuchten Sie mich? fragte ſie. Der Graf antwortete nicht ſogleich. Er hatte wohl das Abwehrende in Hedwigs Bewegung empfunden und den eiſigen Ton, in welchem ſie ihre Frage gethan; aber das war doch nur der Widerſtand geweſen, der ſich dem Waldbach entgegenſtemmt und an dem ſeine ſchäumenden Waſſer nur höher aufbrauſen. Jedesmal, wenn er ſie ſah, glaubte er, ſie nie vorher ſo ſchön geſehen zu haben; und jetzt, und hier, als ſie ihm unter dieſen Bäumen in der ſchattigen Einſamkeit des Parkes ſo plötzlich entgegentrat, überkam ihn wieder dieſelbe Empfindung mit einer ſolchen Allgewalt, daß Alles um ihn her zu ſchwanken ſchien und er krampfhaft nach der Mähne ſeines Pferdes griff. 213 Warum ich Sie ſuchte? ſagte er. Verzeihung, gnädige Frau, Ihr Anblick hat es mich wirklich vergeſſen machen. Es war durchaus keine Phraſe, was er ſagte, und Hedwig wußte es. Aber welchen Eindruck das auch in einem anderen WMoment auf ſie gemacht hätte, ihre Seele war eben jetzt zu tief in die nächtliche Fluth der Schmerzen getaucht und die Sonne und die Liebe hatten keinen Theil an ihr. Vielleicht beſinnen Sie ſich, ſagte ſie. Ich habe mich beſonnen, ſagte der Graf. Der Rauſch war vorüber. Es hatte in den letzten Worten Hedwigs ein Hohn gelegen, der ſeinen Stolz jäh aufgeſchreckt hatte. Um ſo gewaltiger und in ſeinem Sinne ſelbſtloſer die Leidenſchaft eben in ihm aufgeglüht war, um ſo ſtärker war der Rückſchlag. Ja, er fühlte jetzt deutlich, was er ſchon mehr als einmal dunkel gefühlt: Haß ſtatt der Liebe, Haß gegen ein Weſen, das ihn nur anlockte, um ihn abzuſtoßen, um ihn vor ſich ſelbſt zu demüthigen. Sein Geſicht, das eben nur noch die innere Gluth ſeiner Seele wiedergeſtrahlt hatte, nahm einen finſtern, drohenden Ausdruck an, und drohend klang ſeine Stimme, als er jetzt mit einem tiefen Athemzug fortfuhr: Sie erinnern ſich, gnädige Frau, was ich Ihnen geſtern aus meinen Briefen mittheilte. Ich ſagte Ihnen, daß man in Berlin die Situation für im höchſten Grade bedenklich halte. Nun ſchickt mir heute mein Correſpondent, der übrigens kein Anderer iſt als Baron Malte, den Sie kennen und deſſen Stellung, wie Sie wiſſen, ihn in den Stand ſetzt, ſo gut unter⸗ richtet zu ſein, wie irgend Jemand, per Expreß folgenden Aus⸗ ſchnitt aus einem Telegramm, welches geſtern Nachmittag im Miniſterium des Auswärtigen angekommen und auf das ich Ihre Aufmerkſamkeit lenken möchte. Der Graf nahm aus ſeinem Portefeuille ein Blatt. Es iſt die Antwort Grammonts, ſagte er, auf die angekün⸗ digte Interpellation; die erſten Zeilen ſind weniger wichtig, doch hier, wenn Sie die Güte haben wollen:„Wir hoffen, daß dieſe Eventualität ſich nicht verwirklichen wird; wir rechnen dabei auf die Weisheit des deutſchen und die Freundſchaft des ſpaniſchen N 214 Volkes; wenn es aber anders kommen ſollte, ſo würden wir, ſtark durch Ihre Unterſtützung und durch die der Nation, un⸗ ſere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.“ Der Graf faltete das Blatt wieder zuſammen und wartete, daß Hedwig etwas erwiedern werde; aber Hedwig antwortete nicht ſogleich. Das Alles war ſo ſchnell gekommen, der Moment zu handeln ſo plötzlich vor ſie hingetreten und in ſo anderer Geſtalt als ſie gedacht! Sie hatte vorhin, als ſie Hermann das Verſprechen gab, darauf gerechnet, daß ſie mit dem Grafen ruhig werde reden können, daß ſie im ſchlimmſten Falle, wenn ja das Geſpräch eine perſönliche Wendung nahm, dem zu be⸗ gegnen wiſſen werde. Sie hatte ſich geirrt; ſo durfte ein Ge⸗ ſpräch nicht beginnen, das gut enden ſollte; ſie hatte die Leiden⸗ ſchaft des Grafen leidenſchaftlich zurückgewieſen; wie war hier ein Einlenken möglich? Ihr Herz ſchlug zum Zerſpringen; ſie brachte nur mit Anſtrengung die Worte hervor: Und weshalb mir dieſe Mittheilung, Herr Graf, gerade mir? Sie waren ſonſt in dieſen Dingen ſcharfſichtiger, gnädige Frau, erwiederte der Graf. Sie haben mir noch geſtern Abend eine Probe Ihres Scharfſinns gegeben. Geſtern wußten Sie, ohne daß ich es Ihnen zu ſagen brauchte, daß die eingelaufe⸗ nen Nachrichten den Krieg zwiſchen Frankreich und Preußen be⸗ deuten. Heute, wo der Krieg ſo gut wie erklärt iſt, wiſſen Sie es nicht mehr, oder wollen es nicht wiſſen. Gleichviel. Mir geht es hier wie den Männern in Paris: ich muß meine Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche erfüllen. Dieſe Pflichterfüllung würde mir nun verhältnißmäßig leicht werden, wenn Sie die Gnade hätten, mich dabei zu unterſtützen; und ich bin jetzt in der peinlichen Lage, gnädige Frau, Sie direct fragen zu müſſen, ob ich auf Ihre Unterſtützung hoffen darf oder nicht? Und worin beſtünde meine Unterſtützung? fragte Hedwig. Auch das muß ich Ihnen ſagen! rief der Graf. Nun gut, Sie ſollen wenigſtens nicht darüber zu klagen haben, daß ich Ihnen etwas verſchwiegen. Ich würde eine Unterſtützung mei⸗ ner Abſichten darin ſehen und würde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie den Fürſten darauf aufmerkſam machen wollten, daß man 6 215 bei einem ſo hohen und möglicher Weiſe ſo gefährlichen Spiel ſeine Karten nicht ſo offen zeigen darf, wie er es geſtern Abend gethan und wie er es, wenn Sie wollen, dieſe ganze Zeit ge⸗ than hat und— Ich kann darüber mit dem Fürſten nicht reden, ſagte Hed⸗ wig; nach geſtern Abend— wo ich ihm ſofort mittheilte, was Sie mir geſagt, um von ihm auf das ſchärfſte zurückgewieſen zu werden— kann ich es nicht mehr. Die Sache liegt heute anders und ſchlimmer als ſie geſtern lag, erwiederte der Graf; vielleicht würden Sie heute gnädigeres Gehör finden. Sie müſſen mir verzeihen, Herr Graf, wenn ich, die ich den Fürſten beſſer kenne, darüber anderer Meinung bin. Ich hätte Ihre Macht über den Fürſten höher angeſchlagen, ſagte der Graf, indeſſen, Sie müſſen das beſſer wiſſen; und wenn Sie mich verſichern, daß Sie nach dieſer Seite hin nichts über ihn vermögen, ſo habe ich mich zu beſcheiden. Aber das werden Sie doch dürfen, gnädige Frau: als Dame des Hauſes den Herrn des Hauſes auf eine geſellſchaftliche Unſchicklichkeit — verzeihen Sie das Wort, ich weiß kein anderes zu finden— aufmerkſam machen? Herr Graf! Ich bitte noch einmal um Verzeihung, aber es handelt ſich hier nicht um Worte, ſondern um Thatſachen, und ich meine, es iſt eine Thatſache, die vor Aller Augen liegt, welche ſehen wollen, daß es gegen die Geſetze der Schicklichkeit verſtößt, mich hieher einzuladen und mir zur Geſellſchaft den Marquis de Florville zu geben; oder beſſer, mich in der Geſellſchaft dieſes Herrn zu laſſen, nachdem die Lage der Dinge eine Wendung genommen hat, wo er und ich ohne die peinlichſten Incon⸗ venienzen uns nicht mehr wohl auf dem Boden eines und deſ⸗ ſelben Zimmers bewegen können. Sie erlaſſen mir ſicherlich, gnädige Frau, den Beweis für eine ſo einfache Sache, ebenſo wie Sie es mir erlaſſen, die einfachen Folgerungen aus dieſen Prämiſſen zu ziehen. Der Graf blieb ſtehen, verbeugte ſich, die Hand an der 216 Mütze; und, ſich von Hedwig abwendend, fing er an, die Zügel ſeines Pferdes zu ordnen. Hedwig hatte ein paar Schritte gethan in grenzenloſer Ver⸗ wirrung. Das Geſpräch hatte genau die entgegengeſetzte Wen⸗ dung von der genommen, welche ſie demſelben hatte geben wol⸗ len, welche ſie demſelben geben mußte, wenn ſie ihr Verſprechen erfüllen, und mehr als das: wenn ſie die Lage ändern wollte, deren Gefahr ihr nie ſo klar geweſen war als jetzt. Wenn der Graf ſo von ihr ging, voll Zorn, tief beleidigt, ſtand Alles zu befürchten, mußte eine Kataſtrophe erfolgen. Und doch, was ſollte ſie thun? Ihm gute Worte geben, ſich auf's Bitten legen, von ihm erbitten, was jetzt geradezu wie ein Hohn klang? Und doch, und doch! Herr Graf, ſagte ſie, ſich umwendend, einen Augenblick! Sie befehlen, gnädige Frau? ſagte der Graf, den Fuß, den er bereits in dem Bügel hatte, zurückziehend. Ich wollte Ihnen eine Bitte vorlegen, die— Eine Bitte? Von Ihnen? Nun, gnädige Frau, das iſt etwas ſo Neues in Ihrem Munde— Sie machen mich in der That neugierig. Um ſeinen Mund zuckte, um ſeine Augen blitzte es. Hed⸗ wig wußte, daß es ſie nur ein Wort koſtete und der ſtolze Mann lag zu ihren Füßen; ſie konnte von ihm verlangen, was ſie wollte; aber ſie konnte, ſie wollte das Wort nicht ſprechen, das ſie zur Sklavin machte, und wäre es auch nur eine Lüge. Herr Graf, ſagte ſie, ich wende mich an Ihren Edelmuth, an die Großmuth, die dem Starken ziemt und die er ſich ver⸗ ſtatten darf, weil man ihn deshalb noch nicht der Schwäche zeihen wird. Was Sie von mir fordern, iſt unmöglich. Den Fürſten auffordern, ſeine franzöſiſchen Gäſte wegzuſchicken, heißt: ihm zumuthen, einzuräumen, daß er— wie Sie ſelbſt ſagten— eine Unſchicklichkeit begangen hat; ja noch mehr, heißt: ihn zwingen, einzugeſtehen, daß ſeine Politik eine Thorheit, vielleicht etwas viel Schlimmeres iſt. Das können Sie von dem Fürſten, und wenn von dem Fürſten, ſo können Sie es von dem alten Mann nicht verlangen, der ein langes Leben vergrollt hat, auf 217 den die ungeheure Laſt eines ſo furchtbaren Schickſals drückt, gleichviel ob verdient oder unverdient. Er hat die Kraft nicht mehr, ſich aufzuraffen; er kann nicht mehr ein Anderer werden, als er iſt. Und das verlange ich auch nicht von Ihnen; Sie ſollen ja bleiben, der Sie ſind, und werden es bleiben, auch wenn Sie den Fürſten ſchonen, wenn Sie thun, als ſähen Sie nicht, was Sie ſehen. Und Sie können das ſo leicht; Sie brauchen nur einen Beſuch abzukürzen, der Ihnen unter dieſen Umſtänden eine Qual ſein muß, vielleicht nie eine Freude geweſen iſt. Die Frau Gräfin kommt in den nächſten Tagen. Es liegt kein Grund vor, weshalb Sie Stephanie nicht ſo lange hier allein laſſen könnten, und ich— Nun, gnädige Frau, ſo endigen Sie doch; Sie wollten ſagen: ich würde glücklich ſein, Sie auf dieſe bequeme Weiſe losʒuwerden. Das war es, was ich erwartete, murmelte Hedwig. Und was Sie erwarten mußten, ſagte der Graf. Sprechen wir ganz offen, gnädige Frau; ich hatte und habe keine Ahnung, weshalb der Fürſt mich eingeladen hat. Die Tyrklitzer Erb⸗ ſchaft war offenbar nur ein Vorwand, den ich wohl durchſchaute, aber nicht, was dahinter ſteckte. Ich war in meiner Rathloſig⸗ keit kühn genug, anzunehmen, die Geſtalt, die holde Geſtalt der Geliebten meiner Jugend könnte dahinter ſtehen. Es war eine ungeheure Thorheit, dieſe Annahme, aber ich bin zu dem be⸗ ſchämenden Bekenntniß gezwungen, weil ich ſonſt nicht erklären könnte, weshalb ich kam, und nicht erklären könnte, weshalb ich jetzt nicht gehe. Nein, gnädige Frau, nicht gehe! Hätten Sie mich gerufen, nun, bei Gott, ich würde mich auch von Ihnen wegſchicken laſſen. Ihr Herz konnte ſich ja geirrt haben; dieſer Irrthum würde für mich ſehr ſchmerzlich, ſehr demüthigend ge⸗ weſen ſein, dennoch hätte ich Ihren Willen reſpectirt. Davon iſt jetzt keine Rede. Warum man mich hieher gerufen hat, ich weiß es nicht; deſto beſſer weiß ich, weshalb ich bleibe. Noch einmal, blicken Sie mich nicht ſo drohend an, gnädige Frau; Ihre Umgebung hat Sie etwas verwöhnt, mich ſchreckt man nicht ſo leicht. Und daß zwiſchen uns von dieſem Augenblicke 218 an der Kampf erklärt iſt, bedarf eben keiner Erklärung; ich kenne Sie nach dieſer Seite ſo gut, wie Sie mich darauf hin kennen, daß ich keinen Pardon gebe und ein Herz breche, das ſich nicht beugen laſſen will. Aber glücklicherweiſe für Sie und für mich iſt ja in dieſem Kampfe von dem Herzen überall nicht die Rede. Es iſt, ſoviel ich ſehe, ein Kampf der Intereſſen. Was Sie wollen, nun, Sie werden es recht genau wiſſen; Sie ſind ja ebenſo klug, wie Sie ſchön ſind. Was ich will, ich kann es Ihnen ebenfalls ſehr genau ſagen, und es iſt vielleicht gut, wenn Sie es wiſſen: ich will, daß der Fürſt die Ehre meines Hauſes nicht zum Spielball ſeiner phantaſtiſchen Launen macht; ich will, daß der Fürſt den Namen, den ich einſt führen ſoll, nicht mit dem Stempel des Hochverraths brandmarkt; ich hätte das nie gelitten, unter keinen Umſtänden, aber es giebt verſchiedene Mittel zum Zweck, und ich würde um Ihretwillen die mildeſten gewählt haben. Wenn ich dieſe Rückſicht jetzt nicht mehr walten laſſe, wenn ich auf dem kürzeſten Wege zu meinem Ziele zu gelangen ſuche und gelangen werde— Sie und Sie allein haben es zu verantworten. Wie ich— ſo Vieles in Ihrem Leben zu verantworten habe, erwiederte Hedwig mit bitterem Spott; wenn das Waſſer einmal trübe ſein ſoll, muß es freilich Einer getrübt haben. Und das Ganze iſt ja wohl nur die Fortſetzung von der Ge⸗ ſchichte, die Sie mir vor vierzehn Tagen auf eben dieſem Wege unter eben dieſen Bäumen erzählten. Dann hüten Sie ſich vor den letzten Capiteln, ſagte der Graf. Dieſe Drohung ſteht Ihnen gut, Herr Graf, ſehr viel beſſer, als die Schäfermaske; und hier trennen ſich ja wohl unſere Wege. Sie machte eine Bewegung mit der Hand und wendete ſich. Hedwig, ſchrie der Graf, Hedwig! Aber ſie hörte es nicht, ſie wollte es nicht hören, und ſchritt, ohne ſich umzuſehen, eilends dem Pavillon zu. Der Graf ſtand mit ausgeſtrecktem Arme da; dann ſtampfte er zornig den Boden mit dem Fuße, knirſchte mit den Zähnen, warf ſich auf's Pferd und ſprengte in raſender Eile durch die Allee davon. 219 Jünßzehntes Capitel. Wenige Minuten nachdem Hedwig den Pavillon verlaſſen hatte, war vor der Freitreppe der Wagen des Fürſten vorge⸗ fahren. Er hatte mit dem Marquis einen Ausflug nach dem Jagdſchloſſe gemacht und wollte ihm auf dem Rückwege die Faſanerie zeigen. Man hatte den Weg direct zum Theehauſe genommen; der Diener ſollte die Schlüſſel von Prachatitz holen. Aber die große Thür nach der Rampe hatte offen geſtan⸗ den; vermuthlich war Prachatitz zum Reinigen mit den Leuten drinnen. Jedenfalls brauchte man nicht nach den Schlüſſeln zu ſchicken. Die Herren ſtanden am Fuß der Treppe. Der Marquis ließ mit vortrefflich geſpieltem Intereſſe ſeine Blicke durch den Park und über das Theehaus ſchweifen. Aber das iſt charmant, das iſt entzückend! rief er. Ich habe, ſo lange ich ſo glücklich bin, in Geſellſchaft Eurer Durch⸗ laucht zu ſein, etwas wie franzöſiſche Luft um mich her zu füh⸗ len geglaubt; aber hier ſehe ich mich ganz in mein geliebtes Frankreich zurückverſetzt: dieſe Anmuth, dieſe Heiterkeit, dieſer vollendete Geſchmack— dazu dieſe Lichter und Schatten, dieſe Sonne— das Alles iſt franzöſiſch. Verzeihen Sie, Monſeigneur, das Wort iſt vielleicht nicht ganz ſchicklich, aber man kann doch ſchließlich für das, was uns gefällt, keinen treffenderen Ausdruck finden, als daß man ſagt: ganz wie bei uns! Vor Allem der Franzoſe kann es nicht. Und in dieſem Falle iſt der Ausdruck wirklich berechtigt, er⸗ wiederte der Fürſt mit Heiterkeit. Wenn einem Franzoſen die⸗ ſer Park wie ein Stück Frankreich vorkommt, ſo iſt es genau, was der Schöpfer deſſelben gewollt hat. Treten wir einen Augenblick hinein. Der Marquis bot dem Fürſten den Arm und ſo ſtiegen ſie die Steintreppe hinauf, verweilten noch ein paar Minuten auf der Rampe und traten in die Rotunde, deren ſchattige Kühle nach der langen heißen Fahrt doppelt angenehm empfunden wurde. 220 Der Fürſt war ein wenig erſtaunt, auch hier Prachatitz und deſſen Leute nicht zu finden, aber der Marquis ließ ihm keine Zeit, weiter daran zu denken. Der Marquis fand die innere Einrichtung womöglich noch geſchmackvoller als das Aeußere des Gebäudes; er bewunderte die Gobelins; er wußte die Seèvresvaſen auf den Kaminen nach pi 6 3 ihrem Werth zu ſchätzen; er amüſirte ſich vortrefflich an den chineſiſchen Figuren; er gerieth in Entzücken vor einer Marmor⸗ gruppe, welche die Befreiung der Andromeda durch Perſeus darſtellte und die, wenn es nicht eine Copie des bekannten Bild⸗ werks im Louvre von des Künſtlers eigener Hand ſei, ohne Zweifel von einem Schüler Pügets und unter den Augen des Meiſters gefertigt ſein müſſe. Der Fürſt hörte dem Geplauder des jungen Mannes mit Wohlgefallen zu und konnte dennoch ſeine Aufmerkſamkeit nicht zuſammenhalten. Der Inhalt der wichtigen Geſpräche, die er geſtern Abend und heute auf der Fahrt mit dem Marquis ge⸗ habt, beſchäftigte ihn unaufhörlich. Zwiſchen beiden Unterred⸗ 8. ungen lag die, zu welcher er heute Morgen Hermann hatte rufen laſſen, wie ein finſteres Gebirge zwiſchen zwei lachenden Thälern. Was der Marquis geſtern und heute ſo leicht, ſo einfach, ſo aus der Natur der Dinge hervorgehend dargeſtellt— Hermann hatte von Allem das Gegentheil behauptet, und mit ſeinen Auseinanderſetzungen, ſeinen Bitten einen um ſo tieferen Eindruck auf den Fürſten hervorgebracht, als dieſer gerade von dem jungen Hannoveraner eine wenigſtens bedingte Zuſtimmung durchaus erwartet hatte und von der Lauterkeit ſeiner Geſinnung, 1 von der Intereſſenloſigkeit ſeiner Rathſchläge nach wie vor auf das innigſte überzeugt war. Der Marquis ſeinerſeits hatte ſehr wohl bemerkt, daß der 1 Fürſt heute mit viel geringerem Eifer auf ſeine Pläne einging, ſich heute einer viel größeren Vorſicht im Ausdruck befleißigte; und er hatte daraus geſchloſſen, daß zwiſchen geſtern und heute auf den Fürſten eine Einwirkung ſtattgefunden haben müſſe, die wohl von Niemand ausgehen konnte als von Hedwig. Er hätte es gern herausgebracht und hatte bereits verſchiedene Anſpielun⸗ 5 — — 221 gen zu dieſem Zwecke verſucht; aber der Fürſt war immer aus⸗ gewichen und er hatte nicht weiter zu gehen gewagt. Ich ermüde Durchlaucht mit meinem Geplauder, ſagte er endlich, als er bemerkte, daß der Fürſt, der nachdenklich, den Kopf in die Hand geſtützt, in ſeinem Fauteuil ſaß, ſeit einigen Minuten nicht mehr geantwortet hatte. Nicht doch, nicht doch, ſagte der Fürſt aufblickend, aber Sie werden es begreiflich finden, daß ein Mann in meinen Jahren die wichtigen Dinge, welche der Gegenſtand unſerer Unterhal⸗ tungen waren, nicht ganz ſo leicht nimmt, wie Ihr jüngeren Leute; ganz abgeſehen davon, daß, was Sie wollen, für Sie im Grunde ſehr einfach, ſehr logiſch iſt, und Ihr Gemüth in Folge deſſen vollkommen frei ſein darf; mein Vorhaben aber, oder beſſer die Aufgabe, die Sie mir ſtellen, ſehr ſchwierig, ſehr dunkel und ſehr verworren iſt, und folglich auch meine Stim⸗ mung nicht anders als widerſpruchsvoll und ganz gewiß nicht heiter ſein kann. Verzeihung, Monſeigneur, ſagte der Franzoſe, ich verkenne keinen Augenblick die Größe des Opfers, das Sie bringen, die Höhe des Einſatzes, den Sie wagen, den Muth des Herzens, die Kühnheit des Geiſtes, mit welcher Sie ſich von gewiſſen Empfindungen losmachen, die der große Haufe heilig hält, ge⸗ wiſſe Traditionen über Bord werfen, welche die Welt nun ein⸗ mal ſanctionirt hat. Und fern ſei es von mir, weiter in Sie dringen zu wollen, da ich ſo ſchon die Empfindung habe, für meinen patriotiſchen Eifer Ihrer Nachſicht zu bedürfen. Aber, Monſeigneur, die Bemerkung müſſen Sie mir verſtatten, daß für mich als Perſon— wenn ich Kleines mit Großem ver⸗ gleichen darf— die Lage kaum minder ſchwierig und verwickelt iſt. Es iſt wahrlich kein Geringes für den Abkömmling eines ſo alten Geſchlechts, die Geſchichte ſeiner Ahnen vergeſſen zu ſollen; vergeſſen zu ſollen, daß ſo viele Geſchlechter der Marquis de Florville mit dem Hauſe Bourbon gekämpft, gelitten haben, und ſtatt deſſen in den Dienſt eines Mannes zu treten, der in meinen Augen und in den Augen Aller, die denken wie ich, ſchließlich doch nichts weiter als ein glücklicher Abenteurer iſt, 222 hervorgegangen aus der fluchenswertheſten aller Revolutionen und gewiſſermaßen nur die letzte Conſequenz dieſer Revolution; — das, ſage ich, Monſeigneur, iſt gewiß eine harte Prüfung, eine dornenvolle Aufgabe, und Gott mag es wiſſen, was ich empfinde, indem ich dieſe Prüfung auf mich nehme und dieſe Dornen in mein blutendes Herz drücke. Aber, Monſeigneur, es muß eben ſein! Für den Augenblick— es wäre mein Tod, wenn ich ſagen müßte: für immer!— aber für den Augenblick iſt die Sache der Legitimität in Frankreich hoffnungslos, das Steuer des auf der Sturmfluth der Zeiten dahintreibenden Staatsſchiffes iſt einmal den allzu ſchwachen Händen entglitten. Die ſchwanken⸗ den Wogen wechſelnder Volksgunſt müſſen ſich erſt wieder eb⸗ nen, bevor ſie in ihrem reinen Spiegel das heilige Bild des Königthums von Gottes Gnaden zurückſtrahlen können. Aber bis dahin, Monſeigneur, bin ich gezwungen und iſt jeder Ver⸗ ſtändige, Wohlmeinende mit mir gezwungen, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen— ein Satz, der im privaten Leben vielleicht noch angefochten werden kann und gegen den die pri⸗ vate Moral ſich ſträuben mag, der aber unbedingt im öffent⸗ lichen Leben gilt und den die politiſche Moral acceptiren muß. Anders aber liegt die Sache nicht. Der Speer, der die Wunde ſchlug, hat auch nur die Wunde heilen können. Der Schlund der Revolution konnte nur von dem geſchloſſen werden, den die Revolution gleichſam als ihre Incarnation, als ihre höchſte Potenz und Conſequenz erzeugte. Für den Augenblick iſt der Kaiſer und nur der Kaiſer im Stande, die Revolution zu bändigen, die zu unſeren Füßen, ich meine zu den Füßen Europa's gährt. Fällt der Kaiſer, ſo bricht das Chaos unaufhaltſam über uns herein, und er muß fallen, wenn er nicht losſchlägt. Der Erfolg des Plebiscits iſt nur ein Scheinerfolg; das freche Nein der großen Städte, die ſechzigtauſend Nein der Armee ſchnellen ſämmtliche ſieben Millio⸗ nen Ja in die Luft, die Republikaner wollen den Krieg, die Armee will ihn, der Kaiſer muß wollen gegen ſeinen Willen, muß im Intereſſe der Ordnung, im Intereſſe von Allem, was — — 223 dem edeldenkenden Menſchen heilig iſt, muß im Intereſſe des Friedens den Krieg wollen. Nun, Monſeigneur, ich meine, hier ſind doch auch unſere Intereſſen, die Intereſſen der franzöſiſchen und deutſchen Legitimiſten— wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf— identiſch. Ein ſo ſcharfſichtiges Auge wie das Ihre kann ſich doch durch die ſcheinbaren Unterſchiede nicht täuſchen laſſen, nicht dadurch täuſchen laſſen, daß die Revolu⸗ tion bei uns die rothe Mütze des Jacobiners und in Deutſch⸗ land eine uſurpirte Krone trägt? Hier wie dort handelt es ſich um die Frage: ſollen die Barbarei, die Frechheit, die bru⸗ tale Gewalt, der Diebſtahl ſiegen, oder die Civiliſation, die Humanität, die friedliche Entwickelung, das Eigenthum? Und dort wie hier kann es auf dieſe Frage doch nur Eine Antwort geben. Der Marquis hatte mit beſcheidener Lebhaftigkeit geſprochen und in einem gedämpften Ton, der auf die ſchattige Kühle des Pavillons berechnet ſchien. Drr Fürſt hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Seine Phantaſie weilte in der Vergangenheit bei ſeinem Vater, der ſich mit denſelben Gedanken getragen, über denſelben Plänen gebrütet, der auch nicht hatte zum Ent⸗ ſchluß kommen können; und in dieſem Schwanken zu einer Zeit, als es galt zu handeln, und in der Reue über ſein Schwanken, als die Zeit des Handelns vorüber war, ſein Leben hingebracht und ſich zum unglücklichſten Menſchen gemacht hatte. Dann dachte er daran, wie ſeltſam es doch ſei, daß die Unter⸗ redung gerade hier im Theehauſe ſtattfinden mußte, daß die Worte des franzöſiſchen Emiſſärs denſelben Raum erfüllten, in welchem ſein Vater einſt den Worten Napoleons gelauſcht, und daß ſein Vater dieſe Räume nie wieder betreten und daß er ſelbſt jahre⸗ und jahrelang dieſe Schwelle gemieden; und ob es nicht beſſer geweſen wäre, er hätte den pietätsvollen Schauder nicht gewaltſam unterdrückt, hätte nie den Fuß hieher geſetzt. Und weshalb hatte er es gethan? Ihr zuliebe, ihr, die es zu verantworten hatte, wenn er ſich in den Jahren, die er für eine glückliche Häuslichkeit aufbewahrt glaubte, in die Unruhe, den Kampf der Politik ſtürzte, ſein Leid, das Leid, das ſie ihm be⸗ rreitet, zu vergeſſen. Der Fürſt ſeufzte und ſtrich mit der Hand über die Stirn, als jetzt der Marquis ſchwieg. Er hatte die letzten Worte deſ⸗ ſelben gar nicht mehr vernommen; er gab eine Antwort, wie ſie ihm eben der Augenblick eingab, eine Antwort, die den Marquis nicht befriedigte und nicht befriedigen konnte. Ich muß wiſſen, woran ich bin, ſprach der Marquis bei ſich, und laut ſagte er: Ich begreife vollkommen, Monſeigneur, Ihre Zurückhaltung, ſo dringend auch der Moment Ihre Entſcheidung heiſcht, und — darf ich offen ſprechen?— ich wünſche Ihre Entſcheidung umſomehr, als ich fürchten muß, daß der Eindruck, den meine ſchwache Beredtſamkeit etwa hervorgebracht hat, jedesmal wieder durch einen Einfluß paralyſirt wird— dem gegenüber ich aller⸗ dings meine Machtloſigkeit peinlich genug empfinde. Was meinen Sie? fragte der Fürſt. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, ſagte der Marquis, daß Madame, Ihre Gemahlin, mein Hierſein nur mit wenig gün⸗ ſtigem Auge anſieht. Woraus ſchließen Sie das? fragte der Fürſt. Ich hoffte, annehmen zu dürfen, daß Sie vom Gegentheil überzengt ſeien. Ich bitte, mich nicht mißzuverſtehen, ſagte der Marquis; eine Dame von ſo vollendeten Formen würde auch einer etwaigen perſönlichen Abneigung gegen den Gaſt des Hauſes niemals einen Ausdruck geben, und ich ſchmeichle mir mit der Zuverſicht, daß Madame eine derartige Abneigung gegen mich nicht em⸗ pfindet; ich habe im Gegentheil für die unendliche Güte, mit welcher ſie ſich unſerer früheren Beziehungen erinnert hat, nur dankbar zu ſein, und bin es im höchſten Grade. Aber es han⸗ delt ſich hier nicht um perſönliche Fragen. Madame iſt die liebenswürdigſte Frau, und gewiß dadurch nicht weniger liebens⸗ würdig, daß ſie ein Intereſſe für Alles und auch für Politik hat. Daß die politiſchen Anſichten von Madame meinen Wün⸗ ſchen ſo entgegengeſetzt ſind, kann ich ihr nicht zum Vorwurf machen; es iſt eben mein Unglück. Das Sie auf jeden Fall überſchätzen, erwiederte der Fürſt. — 225 Ich kann Sie ſogar verſichern, daß der Haß meiner Frau gegen Preußen kaum geringer iſt als der meine. Ich hätte geſtern Abend, als der Herr Graf unſerer reizen⸗ den Idylle ein ſo unerwünſchtes Ende machte, faſt das Gegen⸗ theil geſchloſſen, ſagte der Marquis. Der Fürſt hob ſo ſchnell und mit einem ſo ſonderbar zor⸗ nigen Ausdruck die Augen, daß der Marquis die ſeinen un⸗ willkürlich ſenkte. Er hatte in dieſem Moment wirklich nur wiſſen wollen, was er von Hedwig nach dieſer Seite hin zu fürchten oder zu hoffen habe. Es ſchien, daß er ſtatt deſſen eine andere Entdeckung gemacht hatte, die ihm nicht minder intereſſant war, und er fuhr, mit Entſchloſſenheit die Spur ver⸗ folgend, fort: Wenigſtens iſt die Aufnahme, welche ſich der Graf von Seiten Madames zu erfreuen hatte, ein Beweis, wie wenig Ma⸗ dame ihre perſönlichen Beziehungen durch ihre politiſche Ueber⸗ zeugung beeinfluſſen läßt. Der Fürſt richtete ſich aus ſeinem Fauteuil jäh empor. Wollen wir aufbrechen? ſagte er; und dann, da er ſeine Heftigkeit ſofort bereute: Ich ſehe, jene Thür zu dem Cabinet iſt ebenfalls nicht geſchloſſen; man hat von dort einen ſchönen Blick in die Berge. Wie Monſeigneur befehlen, ſagte der Marquis. Sie traten in Hedwigs Atelier; der Fürſt blieb erſchrocken auf der Schwelle ſtehen. Er glaubte, daß Hedwig ſeit jenem Abend das Theehaus gemieden und ganz gewiß ihr Atelier nicht wieder hatte einrichten laſſen, und doch ſchien, nach den Vor⸗ richtungen zu ſchließen— dem offen ſtehenden Malkaſten auf dem Tiſch, der Palette, die auf dem Stuhl lag, dem Malſtock, der an der Staffelei lehnte— als ob ſie noch heute Morgen, noch eben erſt hier geweſen ſei. Ein vortreffliches Bild, ſagte der Marquis, ſein Monokel in das Auge klemmend. Ich meine: ein Bild, das vortrefflich werden kann, wenn die Ausführung, woran ich nicht zweifle, der Genialität des Entwurfes gerecht wird. Und wer iſt der⸗ Künſtler, wenn man fragen darf? Fr. Spielhagen's Werke. KI. 15 1 226 Ich muß annehmen: meine Frau, in deren Atelier wir uns befinden, erwiederte der Fürſt mit einem verlegenen Lächeln. Ah, ſagte der Marquis, das Monokel wieder ins Auge klemmend und das Bild von neuem mit erhöhtem Intereſſe be⸗ trachtend, in der That erſtaunlich! Der Fürſt wendete ſich mit einiger Ungeduld ab. Das Ent⸗ zücken des Marquis ſchien ihm etwas übertrieben, und es war ihm faſt, als ob ein leiſer Spott, der ihm das Blut auf die Stirn trieb, durch die Worte des jungen Mannes hindurch⸗ klänge. Er trat an das Fenſter. Nicht zweihundert Schritt von dem Pavillon in der großen Allee, die von dem Pavillon nach dem weſtlichen Parkthore führte, ſchritten Hedwig und der Graf; der Graf, das Pferd am Zü⸗ gel und eifrig ſprechend, Hedwig, wie es ſchien, mit geſenkten Augen und flammenden Wangen zuhbrend. So war es denn wirklich, was er gefürchtet! So ſtand es denn vor ſeinen leib⸗ lichen Augen das Schreckbild, das er nun ſchon ſo oft in ſeiner Phantaſie geſehen, im hellen, frechen Licht des Tages! Ein Rendezvous, zu deſſen Zuſtandekommen nichts weiter gehörte, als daß er ein paar Stunden über Land fuhr. Ein Stelldich⸗ ein, für welches der künſtlich aufgebaute Apparat des Ate⸗ liers im ſchlimmſten Falle den bequemen Vorwand abgeben mußte! Der Fürſt taumelte vom Fenſter zurück, faſt in die Arme des Marquis, der noch immer vor der Staffelei ſtand. Laſſen Sie uns gehen, ſagte er. Durchlaucht befinden ſich nicht wohl, ſagte der Marquis, ſchnell den Arm des Fürſten, der zu ſchwanken ſchien, ergreifend. Ich fürchte, die Hitze des Tages, vielleicht die aufregenden Ge⸗ ſpräche, mit denen ich Durchlaucht beläſtigt habe; ich bin be⸗ kümmert, wahrlich bekümmert. Eine vorübergehende Indispoſition, unter der ich bisweilen leide, ſagte der Fürſt, dem der kalte Schweiß auf der Stirn ſtand. Es iſt dumpfig in dieſen Räumen; ich denke, wir machen uns auf den Heimweg. Der Marquis leitete den Fürſten die Treppe hinab und 227 bemerkte dabei, daß derſelbe ſich offenbar nur mit Mühe auf⸗ recht hielt. Aber der Fürſt wollte nicht ſchwach ſein, ſein Körper ſollte gehorchen, wenn ſeine Seele Rache ſchrie. Auch athmete er wieder freier, als ſie nun unter den hohen Bäumen der Fa⸗ ſanerie der Chauſſée zufuhren. Es war ihm, als ob die Schnellig⸗ keit der Bewegung von ihm ausgehe, als ob die Kraft der Racepferde die ſeine ſei, als ob er noch ſei, was er vor Jah⸗ ren war, da er in eben dieſem leichten Wagen zur Jagd in die Berge fuhr. Ja, zur Jagd, zur Jagd! einer andern, höhe⸗ ren Jagd, als er ſie gejagt in den Tagen ſeiner Jngend! Da hatte er Krieg geführt gegen die Wildſchweine, die ſeinen Bauern die Saat verwüſteten. Jetzt mußte er ſein eigenes Gehege be⸗ freien von den frechen Eindringlingen. Er mußte es und ſollte er darüber zu Grunde gehen. Herr Marquis, ſagte er, ſich plötzlich zu ſeinem Begleiter wendend, wann ſagten Sie, daß Sie meine Entſcheidung haben müßten? Ich habe Ihre Entſcheidung, Monſeigneur, ſagte der Fran⸗ zoſe. Durch ſolche Augen ſchaut nur eine Seele, die ſich ent⸗ ſchieden hat. Er nahm die Hand des Fürſten und drückte ſie an ſeine Bruſt. Ich danke Ihnen, Monſeigneur; ich danke Ihnen im Na⸗ men Frankreichs, im Namen der Gerechtigkeit und der Hu⸗ manität. Gechszehntes Capitel. Nichts konnte dem Fürſten ungelegener kommen, als die große Geſellſchaft, die auf den Abend gebeten war. Er fühlte ſich nach der furchtbaren Aufregung des Morgens wie betäubt. Unfähig zu denken, einen Entſchluß zu faſſen, ganz die wider⸗ 15* 228 ſtandsloſe Beute der qualvollen Empfindungen, die ſeine Bruſt erfüllteu, lag er in ſeinem Schlafzimmer auf dem Sopha aus⸗ geſtreckt, ohne ſich zu regen, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne es zu bemerken, wenn der alte Kammerdiener von Zeit zu Zeit leiſe aus dem Vorzimmer hereinſchaute, auch wohl ſich auf ein paar Schritte dem Sopha näherte und ein⸗ oder das andere⸗ mal mit leiſer Stimme fragte, ob Durchlaucht gerufen, ob Durch⸗ laucht nichts zu befehlen habe? Herr Gleich war in Verzweiflung. Daß Durchlaucht heute Morgen mit dem Marquis auf der Faſanerie geweſen, wußte er; er hatte auch bald genug erfahren, daß die gnädige Frau den Vormittag oben zugebracht; aber der Bediente und der Kutſcher ſagten gleicherweiſe aus, daß ſie die gnädige Frau nicht im Theehauſe geſehen. So hatte zwiſchen dem Fürſten und der gnädigen Frau eine Begegnung nicht ſtattfinden können. Aber etwas mußte vorgefallen ſein. Herr Gleich ſchickte nochmals in die Ställe und ließ ſich ſeinen Neffen, den Dietrich, kommen, um ihn im Corridor genauer zu eraminiren. ℳ War von den Herren heute Morgen Jemand fort geweſen? — Gewiß war Jemand fort geweſen: der Herr Graf und 33 der Herr Doctor; wo der Graf geblieben, wiſſe er nicht, der Doctor aber ſei auf die Faſanerie geritten; das habe ihm Meta erzählt, die es von ihrem Onkel gehört, der vor einer Stunde auf dem Wege nach Rothebühl hinab durch das Schloß ge⸗ kommen ſei. Herr Gleich ſchalt den Dietrich diesmal nicht, daß er ihm eine ſo wichtige Nachricht nicht aus freien Stücken gebracht hatte. Er war zu erfreut, endlich einen feſten Punkt in ſeiner gänz⸗ lichen Rathloſigkeit und einen Gegenſtand zu finden, von dem 38 man Durchlaucht doch möglicherweiſe unterhalten könnte, wenn Durchlaucht ſich zur Abendgeſellſchaft ankleidete. Durchlaucht haben mir heute rechte Sorge gemacht, ſagte Herr Gleich, als ſein Gebieter eine Stunde ſpäter bleich, zu⸗ ſammengefallen vor ihm ſaß und er demſelben das noch immer dichte und lockige, wenn auch hie und da ſtark ergrauende Haar arrangirte. Ich hätte es beinahe auf Durchlauchts Ungnade —— — 229 ankommen laſſen und den Herrn Doctor, ohne befohlen zu ſein, geholt; aber dann meinte ich, da Durchlaucht den Herrn Doctor ſchon heute Morgen auf der Faſanerie geſprochen und gewiß über Ihren Zuſtand conſultirt haben— Doctor Horſt auf der Faſanerie? fragte der Fürſt. Was meinſt Du? Wann wäre er dort geweſen? Ich dächte, es müßte um dieſelbe Zeit geweſen ſein, als Durchlaucht oben waren, ſagte Herr Gleich. Von wem weißt Du das? fragte der Fürſt. Der Prachatitz war vorhin hier, ſagte Herr Gleich aus⸗ weichend. Welches Pferd hat er geritten? Den Brownlock, ſo viel ich weiß, antwortete Herr Gleich auf gut Glück. Der Fürſt ſtarrte ſein bleiches Geſicht im Spieget an. Gab es hier eine Verwechslung? Der Graf war in Civil geweſen, wie ſchon manchmal, aber er hatte ihn doch ganz ge⸗ nau geſehen. Nein, nein, es war keine Verwechslung. Der alte Fuchs, der Gleich, ſpürte noch immer auf der falſchen Fährte. Ich möchte gern noch ein paar Minuten allein ſein, Andreas. Der Fürſt ſchritt im Gemach auf und nieder. Ein ſeltſamer Zufall, ſprach er bei ſich; und wenn kein Zufall, wenn er ſie hätte ſprechen wollen um meinethalben— es wäre nicht ſchön von ihm; ich habe ihm keine Verſchwiegen⸗ heit abgefordert, die verſtand ſich von ſelbſt; aber vielleicht glaubte er mit ihr eine Ausnahme machen zu dürfen. Er ahnt nicht, der Gute, wie groß dieſe Büberei iſt und geht hin und verräth mich an meine ſchlimmſten Feinde. Und ſoll ich ihn warnen? ihn vor ihr warnen? immer und immer weiter mich ſchleppen in dieſen Sumpf der Schmach? Er lehnte ſich über ſeinen Arbeitstiſch, auf welchem ihr Bild ſtand: ein kleines, außerordentlich feines Paſtellgemälde, in Rom vor vier Jahren von einem eminenten Künſtler aus⸗ geführt. Er hatte es in Diamanten faſſen laſſen und die Faſ⸗ ſung hatte ihn nicht koſtbar genug gedünkt, und das goldene Geſtell, auf dem es ruhte, hatte ihm nicht würdig geſchienen, ſo viel Holdſeligkeit und Schönheit zu tragen. Er blickte lange auf das Bild. Zum erſtenmale erſchien es ihm leblos, todt, ein Stück bemaltes Elfenbein, weiter nichts. Plötzlich bebte er zuſammen: da war es wieder das holde melancholiſche Lächeln um den kleinen Mund, das ſtrahlende Licht der braunen Augen; der leichte Flor ſelbſt, der den ſchö⸗ nen Buſen züchtig bedeckte, ſchien ſich bewegt zu haben. Ja, ja, du lebſt, murmelte er, du ſchönes Bild! Mir lebſt du, wirſt du immer leben, und wenn ich dich hier vernichte— die Erinnerung könnte ich doch nicht vernichten; und wenn ſie ſelbſt mich verließe, ſie wäre doch bei mir hier und hier! Er berührte mit der zitternden Hand ſeine Bruſt, ſeine Stirn, und warf ſich vor dem Tiſch in den Seſſel. Es iſt ja Alles vergebens, murmelte er. Herr Gleich trat wieder herein, zu melden, daß Herr von Zeiſel ſich im Vorzimmer befinde. Die Geſellſchaft ſei verſam⸗ melt, nur Graf Pechtiegel fehle noch; ob Durchlaucht die Gnade hahen wolle? Iſt es der gnädigen Frau ſchon angeſagt? Die gnädige Frau kommt ſpeben und wird im Grünen Zimmer wie gewöhnlich mit Durchlaucht zuſammentreffen. Der Fürſt verließ ſein Gemach und nahm im Vorzimmer Herrn von Zeiſels Arm. Herr von Zeiſel bemerkte, daß ſich der Fürſt ungewöhnlich ſchwer auf ſeinen Arm ſtützte und daß der ſonſt elaſtiſche Schritt des alten Herrn ungleichmäßig und wankend war; aber er hü⸗ tete ſich, darüber eine Bemerkung zu machen, trotzdem Durch⸗ laucht unter dem Vorwande, zu angegriffen zu ſein und ſich für den Abend reſerviren zu müſſen, an der Mittagstafel nicht Theil genommen hatte. Er wußte, daß Durchlaucht Fragen nach ſeinem Geſundheitszuſtand nicht liebte. Wie ſteht es mit den Vorbereitungen? fragte der Fürſt, indem ſie weiterſchritten. Waren Sie in Rothebühl? Gewiß, Durchlaucht, und man iſt mir von allen Seiten mit — 231 einer Bereitwilligkeit entgegengekommen, die auf das beredteſte— für die warme Liebe ſpricht, welche man für Durchlaucht em⸗ pfindet. Herr von Zeiſel, der nicht ganz ſicher war, ob er mit ſei⸗ nen Einladungen nicht doch die ihm ertheilte Vollmacht über⸗ ſchritten habe, gab ein kurzes Referat ſeiner Unterhandlungen mit den Rothebühler Damen. Er bemerkte aber, daß der Fürſt nur ſehr zerſtreut zuhörte. Seine Augen waren ſtarr auf die Thür gerichtet, durch welche Hedwig eintreten mußte. Die gnädige Frau bleibt lange, ſagte er. Da iſt die gnädige Frau, ſagte Herr von Zeiſel, der Hed⸗ wig durch das anſtoßende Zimmer hatte kommen ſehen. Ein Zittern flog durch den Körper des Fürſten. Herr von Zeiſel faßte unwillkürlich den Arm deſſelben feſter; aber der Fürſt machte ſich mit einer gewiſſen Heftigkeit los und that einen Schritt auf die Thür zu. Hedwig trat herein, ganz in Weiß gekleidet, ohne jeden Schmuck. So, genau ſo hatte er ſie eben noch auf dem Bilde geſehen; ſo, genau ſo hatte ſie eben noch vor ſeines Geiſtes Augen geſtanden. Caſtruccio, ſagte er mit bebenden Lippen. Hedwig blickte ihn fragend an. Es war ihr entfallen, daß der römiſche Maler, der jenes Bild gefertigt, Caſtruccio gehei⸗ ßen hatte; ſo wußte ſie nicht, wie der Fürſt zu dem Namen kam. Aber für den Fürſten hatte der fragende Blick eine an⸗ dere Bedeutung: die der Zurückweiſung; und ſelbſt der herz⸗ liche Ton, in welchem Hedwig jetzt, als er ihr den Arm gereicht hatte und ſie unter Herrn von Zeiſels Vortritt nach dem Ge⸗ ſellſchaftsſaale ſchritten, ſagte: Nicht wahr, es geht Dir beſſer? konnte den Rückſchlag, den ſeine bis auf's Aeußerſte geſpannte Stimmung empfangen, nicht wieder gutmachen. Ich danke Dir, ſagte er, vollkommen gut. Und dann fügte er mit einer furchtbaren Anſtrengung hinzu: Du warſt heute Morgen auf der Faſanerie, nicht wahr? Ich habe ein wenig gemalt, erwiederte Hedwig. Sie hatte, als ſie von der Unterredung mit dem Grafen 3 232 zurückgekommen war, eilig den Pavillon verlaſſen und die Spur der Wagenräder auf dem Vorplatze nicht beachtet. . 1 Hatteſt Du Stephanie aufgefordert? fragte der Fürſt. Stephanie? erwiederte Hedwig. Weshalb? So warſt Du den ganzen langen Morgen allein? Doctor Horſt war auf einen Augenblick oben, erwiederte 1 Hedwig.. 3⁸ Alſo doch! ſagte der Fürſt bei ſich. Und dann fragte er weiter: Sonſt Niemand? Seine Durchlaucht und die gnädige Frau, ſagte Herr von Zeiſel, durch die Thür, deren beide Flügel von den Bedienten geöffnet waren, den Herrſchaften in den Spiegelſaal voran⸗ ſchreitend. Auch der Graf, ſagte Hedwig. Die Etikette erforderte, daß der Fürſt mit ſeiner Gemahlin eine Tour durch den Saal machte, die ihm bekannten Gäſte bewillkommnete und ſich durch den Cavalier die ihm noch un⸗. 3 bekannten vorſtellen ließ. Herr von Zeiſel war deshalb nicht wenig erſchrocken, als er, ein wenig auf die Seite tretend, ſah, daß Se. Durchlaucht den Arm der gnädigen Frau bereits los⸗ gelaſſen und ſich von ihr ab nach links gewendet hatte, während ſie ſelbſt die Richtung nach rechts genommen. Herr von Zeiſel hätte ſich in zwei Theile theilen müſſen, um ſeinen Pflichten nachzukommen, und er empfand dieſen Wunſch um ſo dringender, als heute Abend eine Menge Perſonen ſich in der Geſellſchaft befanden, die allerdings nach der an ſie ergangenen Einladung ihre Karten abgegeben hatten, aber weder Durchlaucht, noch der gnädigen Frau bekannt waren: Herr Baron Manebach nebſt 1 Gemahlin und zwei Söhnen, Herr und Frau von der Kuhruh nebſt einem Sohn und zwei Töchtern, Herr und Frau von 3 Engenſtein mit einem Sohn und einer Tochter; zwei junge Engländer, Mr. Alfred und Arthur Simpleton nebſt ihrem Bärenführer Mr. Dull, welche die jungen Barone Manebach auf ihrer Reiſe in England im vorigen Jahre kennen gelernt hatten und die jetzt auf ihrer großen Tour den Beſuch erwie⸗ derten und von Baron Manebach nach erhaltener Erlaubniß mitgebracht waren. Dazu noch ein halbes Dutzend unbekannter Herren und Damen— und nun Durchlaucht hier an dem einen Ende des Saales und die gnädige Frau an dem andern! Es war, wie Herr von Zeiſel im Vorübergehen zu Hermann be⸗ merkte, um aus der Haut zu fahren und ſich mit dem Chapeau⸗ Claque umzubringen: es hieß das Unmögliche von ihm fordern. Aber Herr von Zeiſel leiſtete das Unmögliche; Herr von Zeiſel war überall und er dunfte, als er nach einer Viertelſtunde ſich die perlende Stirn discret mit dem Battiſttuche trocknete, ſeine Blicke durch den Bilderſaal gleiten laſſen und ſich ſagen, daß er die Schlacht gewonnen habe. Es konnte nun nicht mehr viel paſſiren. Von Zehn bis Elf ſollte getanzt werden; um Elf war das Souper angeſetzt, um ein halb zwölf waren die Wagen befohlen. Für den Augen⸗ blick bingen die Bedienten mit ihren Theebrettern durch die ſich jetzt lebhafter bewegende Geſellſchaft. Herr von Zeiſel athmete auf. Er hatte eine freie Minute und dieſe freie Minute hatte er Fräulein Adele von Fiſchbach gelobt ſchon ſeit geſtern Nach⸗ mittag, wo er auf der Promenade durch die Muſterwirthſchaft faſt nicht von der Seite des hübſchen Kindes gekommen war. Ja, hier fand Oscar von Zeiſel, was er ſein langes vierund⸗ zwanzigjähriges Leben hindurch, Sehnſucht und Verzweiflung im Herzen, vergeblich geſucht: blaue Augen, die nicht kokettirten, einen rothen Mund, der ſich beim Sprechen nicht zierte; hier fand er Alles, ſelbſt eine ſehr ſtattliche Mitgift vorderhand und ein unverſchuldetes Rittergut in der dämmernden Ferne, wenn Herr und Frau von Fiſchbach nicht mehr ihre anſehnlichen Schatten auf dieſe Erde warfen— die ihnen der Himmel noch lange bewahren mochte! Ich bin kein Egviſt, ſagte Oscar von Zeiſel bei ſich: ich kann ſchwärmen ohne Nebengedanken, ſelbſt ohne dabei an eine unglückliche Liebe zu denken, über der ſich das friſche Grab kaum geſchloſſen. Nur einmal in einem köſtlichen, allzu kurzen Geſpräch, das er mit Adele in einer Fenſterniſche hatte, mußte die Erinnerung an jenes friſche Grab dennoch ſeine Seele umdüſtern, deun eine — —— ———— 234 Wolke flog über ſeine Stirn und er fragte ganz aus dem Zu⸗ ſammenhang, ob das gnädige Fräulein reiten könne. Aber ſeine Stirn wurde wieder heiter, als die junge Dame mit Lebhaftig⸗ keit antwortete: Nein, Mama findet das ſo unpaſſend für junge Mädchen! Gott ſegne Ihre Frau Mutter! rief der Cavalier mit einer Rührung, die ſich das junge Mädchen nicht zu erklären wußte, ebenſowenig wie den feierlichen Ernſt, mit welchem er in dem⸗ ſelben Athem um den Walzer bat und ſich dann raſch entfernte, oder, wie er zu Hermaun ſagte, dem er ſofort von ſeiner neue⸗ ſten Leidenſchaft Mittheilung machte, ſich mit blutendem Herzen losriß. Herr von Zeiſel mußte Hermann ſprechen. Es war ihm eben, als er mit Adele von Fiſchbach in der Fenſterniſche ſtand, der glänzende Einfall gekommen, dieſe junge Dame für ein le⸗ bendes Bild zu gewinnen, in welchem natürlich auch er figuriren und ſo die Gelegenheit haben würde, den Gegenſtand ſeiner jüngſten Anbetung noch vor dem ſechszehnten wiederholt zu ſehen und zu ſprechen. Dieſer geiſtreiche Plan war nur eine Seifenblaſe, wenn nicht mehrere lebende Bilder zu Stande ka⸗ men. Der Glanz, die Poeſie, ja das Zuſtandekommen des ganzen Feſtes hing, wenn man Herrn von Zeiſel hörte, davon ab. Mir iſt wirklich nicht nach Comödienſpielen zu Sinn, ſagte Hermann. Sagen Sie lieber: mir iſt nicht nach dem Leben zu Sinn! erwiederte der Cavalier. Das ganze Leben iſt eine Comödie. Und oft genng eine recht abgeſchmackte. Ich finde ſie heute Abend entzückend. Die Comödie? Die gnädige Frau, erwiederte Herr von Zeiſel, anbetungs⸗ würdig, ſchöner als je! Ich muß es ihr auf irgend eine Weiſe ſagen, vielleicht kann man dabei die Germania einfließen laſſen, oder umgekehrt; man wird ja ſehen. Herr von Zeiſel trat zu Hedwig, der er ſich zufällig, da ſie gerade die beiden jungen Engländer mit einem Kopfnicken ver⸗ abſchiedete, ungehindert nahen konnte. Hedwig hatte inmitten der lächelnden, converſirenden Ge⸗ ſellſchaft, ſelbſt converſirend und dann und wann geſellſchaftlich lächelnd, eine trübe halbe Stunde verlebt. Die Empfindung, welche ſie vorhin gehabt, als ihr Meta die Brillanten umhängen wollte, daß ſie ſich nicht für eine Geſellſchaft ſchmücken dürfe, in welche ſie mit keinem Gedanken, mit keiner Regung des Her⸗ zens gehörte, dieſe Empfindung hatte ſich ihrer immer ſtärker bemächtigt, ſo daß ſie ſich zwiſchen all dieſen Menſchen, die doch von Intereſſen irgend welcher Art bewegt wurden, wie ein ab⸗ ſchiedener Geiſt vorkam. Sie hatte kaum darüber nachdenken können, welche Bedeutung die Fragen des Fürſten vorhin ge⸗ habt. War er auf der Faſanerie geweſen? Hatte er ſo oder ſo gehört, daß ſie mit Hermann, mit dem Grafen dort geſpro⸗ chen? Es ſchien faſt ſo. Und hatte er ſie ſeine Unzufrieden⸗ heit darüber empfinden laſſen wollen, als er vorhin ſo ſchnell ihren Arm fahren ließ? Es ſchien nicht minder ſo. Und doch, was war ihr das Eine und das Andere? Selbſt jenes Mit⸗ leid, das ſie heute Morgen noch mit dem alten Mann em⸗ pfunden, der, vielleicht mit um ihretwillen, ſo Schweres auf ſich nahm und die letzten Tage ſeines Lebens ſich verkümmerte— jenes Mitleid, um deſſentwillen ſie ſich bis zur Bitte gegen den Grafen erniedrigt hatte— ſie empfand es jetzt nicht mehr oder kaum noch. Das bunte Spiel der Intriguen, das da vor ih⸗ ren Augen aufgeführt wurde und welches ſchon als ſolches früher ihren ſcharfſinnigen Geiſt beſchäftigt haben würde, hatte kein Intereſſe mehr für ſie; ſie fürchtete nichts, ſie hoffte nichts; ſie wünſchte nur, daß Alles bald für ſie vorbei ſein möge, wie der Müde den Augenblick des Einſchlummerns herbeiwünſcht. Und da kam der vielgeſchäftige Herr von Zeiſel und be⸗ ſchwor ſie, als hinge das Heil der Welt davon ab, doch die Gnade zu haben und am Abend des Geburtstages in einer Reihe von lebenden Bildern, die er beabſichtige, mitzuwirken. Was die gnädige Frau zu einer Germania meine? Es wäre ein Bild, das der Situation merkwürdig angepaßt ſei, da eine ſolche Germania— hier lächelte Herr von Zeiſel verbindlich— alle Parteien vereinigen müſſe, einer ſolchen Germania alle N 236 Parteien würden dienen wollen; daß überdies ſeine Verſe— die gnädige Frau will keine Verſe? Ich hatte, offen geſtanden, eigentlich mehr als bloße lebende Bilder— ein keines Feſt⸗ ſpiel im Sinne. Indeſſen— eine Germania mit ſo ſprechenden Zügen braucht in der That nicht zu ſprechen. Sie machen mich zum glücklichſten der Menſchen, gnädige Frau! Herr von Zeiſel verbengte ſich tief, die Hand auf dem Herzen. Der gute Menſch, ſprach Hedwig bei ſich, er hat mir ſo unzählige Gefälligkeiten erwieſen; ich ihm kaum eine, und wer weiß, ob mir noch viel Zeit bleibt, meine Schulden abzutragen. Der Marquis trat zu ihr heran. Er habe gehört, daß man tanzen werde; Madame werde ihn zum glücklichſten der Menſchen machen, wenn ſie die Frangaiſe mit ihm tanzen wolle. Hedwig mußte wider Willen lächeln; ſie hörte dieſelbe Phraſe auf franzöſiſch, die ſie vor ein paar Secunden auf deutſch ge⸗ hört. Es war eben überall daſſelbe Spiel mit blanken Rechen⸗ pfennigen. Sie hatte dem Marquis antworten wollen: ich werde nicht tanzen, aber in dem Moment ſah ſie das Geſicht des Grafen, der in ihrer Nähe ſtand und ſie mit einer halb lächelnden, halb drohenden Miene betrachtete. Du ſollſt mich nicht in dei⸗ nen Willen zwingen, ſagte ſie bei ſich und neigte zum Zeichen der Bejahung ihr Haupt mit einem Lächeln gegen den Marquis. Der Marquis dankte mit Ueberſchwänglichkeit. Er hatte ſeit geſtern Abend im Stillen doch einige Zweifel gehegt, ob er den Weg zum Herzen der ſchönen Frau nicht am Ende aber⸗ mals verfehlt habe. Der kleine Erfolg gab ihm ſein Selbſt⸗ vertrauen wieder. Er erwähnte der Scene im Küchengarten mit keinem Worte; aber jede ſeiner Geſten, jede ſeiner Mienen, jeder Ton ſeiner Stimme bat um Verzeihung, wenn er zu kühn ge⸗ weſen und ſich von ſeiner Leidenſchaft habe fortreißen laſſen. Es war ein altes Virtuoſenſtück, das der Mann da herunter⸗ ſpielte, mit einigen neuen Variationen, wie ſie die Situation erheiſchte; und Hedwig hörte das vollkommen heraus; aber der Ausdruck im Geſicht des Grafen, der ſie unverwandt beobachtete, * 2——— 237 ließ ſie das Stück, das ſonſt kein Intereſſe für ſie hatte, weiter anhören, und plötzlich ſchlug der Marquis ein Thema an, das wider ihren Willen ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. Der Marguis war entzückt geweſen von dem Theehauſe; er theilte ganz den Geſchmack Madames für die poetiſche Ein⸗ ſamkeit eines ſolchen Aufenthalts, den alle Muſen und Grazien umſchwebten. Auch habe er die Göttin dieſes Tempels, wenn nicht in Perſon, ſo doch in einem ihrer Werke verehren dürfen, deſſen Meiſterſchaft er erſt jetzt recht erkenne, wo er zwiſchen der Copie und dem Original eine Vergleichung anzuſtellen im Stande ſei. Monſieur Roſel habe ihm bereits Vieles von dem Herrn erzählt, der ja wohl in dem Hofhalt Seiner Durchlaucht eine bevorzugte Stelle einnehme. Er müſſe hernach Herrn von Zeiſel aufſuchen und ſich durch denſelben dem Herrn vorſtellen laſſen. So will ich Sie nicht länger aufhalten, ſagte Hedwig; dort finden Sie Herrn von Zeiſel mit eben jenem Herrn. Sie ſtand ein paar Augenblicke in Nachdenken verſunken; dann ging ſie entſchloſſen auf den Fürſten zu, der ſich mit dem alten Herrn von Fiſchbach unterhielt. Ich glaube, Herr von Fiſchbach, Ihr Fräulein Tochter ſucht Sie. Herr von Fiſchbach trat zurück. Ich muß Dich auf einen Augenblick ſprechen. Der Fürſt ſah ſie mit einem finſteren fragenden Blick an, folgte aber doch der Bewegung, die ſie andeutete. Du haſt mir vorhin keine Zeit gelaſſen, Dir zu ſagen, was den Doctor Horſt und den Grafen heute zu mir auf das Thee⸗ haus geführt hat. Du darfſt dem Doctor nicht zürnen, wenn er mir, von der er annahm, daß ich feſter in Deinem Ver⸗ trauen ſtehe, als es der Fall iſt, ſein volles, von Sorgen um Dich volles Herz ausſchüttete. Er verlangte von mir, ich ſolle meinen Einfluß aufbieten, um den Grafen, deſſen Dir unſym⸗ pathiſche Gegenwart in gefährlicher Weiſe auf Deine Entſchlüſſe einwirke, zur Abreiſe zu veranlaſſen. Da der Graf wenige Mi⸗ nuten ſpäter kam, konnte ich den Verſuch wagen. Mein Ver⸗ ſuch iſt mißglückt. Der Graf behauptet, und wohl nicht mit 238 Unrecht, daß Du ihn eingeladen habeſt, er folglich mit Fug und Recht hier ſei, und daß, wenn er und der Marquis in dieſem Augenblicke nicht wohl gleichzeitig Deine Gäſte ſein könnten, ohne Inconvenienzen aller Art zu veranlaſſen, es an dem Mar⸗ quis ſei, zu gehen. Nun iſt mir ja vollkommen klar, daß, wenn der Marquis nicht von ſelbſt zu dieſer Einſicht kommt, Du ihm nicht wohl zu derſelben verhelfen kannſt; aber ich könnte es ſehr wohl für Dich. Man wird es einer Frau immer verargen, daß ſie ſich in den Streit der Männer miſcht; die Bemühungen einer Frau, dieſen Streit zu ſchlichten, die Urſachen dieſes Streites zu entfernen, ſcheinen mir unbedenklich, und was etwa Bedenkliches daran iſt, will ich gerne auf mich nehmen, ſobald ich Deine Erlaubniß dazu habe. Ich kann Dir dieſe Erlaubniß nicht geben, ſagte der Fürſt. Ich bitte Dich darum. So bin ich in der peinlichen Lage, Dir dieſe Bitte abſchla⸗ gen zu müſſen. Es iſt, ſoviel ich weiß, meine erſte Bitte. Und dennoch kann ich ſie Dir nicht gewähren. Auch nicht, wenn dieſe erſte Bitte zugleich meine letzte wäre? Des Fürſten Blicke ſchweiften zu dem Grafen hinüber, der eben mit dem Baron Neuhof ſprach und in dieſem Momente nicht eben laut, aber doch laut genug lachte, daß es bis zu dem Fürſten herüberklang. Ihm war, als ob dies Lachen nur ihm gelten könne, als ob der Graf ſchon im voraus triumphire über den blinden Gehorſam, mit dem man ſeinen Befehlen folgte. Auch dann nicht, ſagte er. Er wußte nicht, daß er es laut geſagt hatte; er wußte es erſt, als Hedwig ſich plötzlich von ihm wendete. Er wollte ſie zurückrufen, ihr nacheilen, aber er ſah oder glaubte zu ſehen, daß man bereits angefangen hatte, ſich über dieſe Scene zu wundern; und da trat auch Herr von Zeiſel auf ihn zu, ihm den alten Grafen Pechtiegel zu präſentiren, der ſogleich mit lauter krähender Stimme um Entſchuldigung wegen ſeines ſpä⸗ ten Kommens bat; aber Durchlaucht wiſſe wohl: ein alter Capi⸗ tän auf Halbſold habe nicht jederzeit eine Equipage zur Ver⸗ „ „ 243 und wo es galt zu helfen— und wann und wo thäte auf dem Lande nicht Hilfe noth!— da war ſie gewiß mit Rath und That. Und als in dieſem Winter oben auf dem Walde der Typhus ſo arg wüthete, iſt ſie wirklich eine zweite Vor⸗ ſehung für die armen Menſchen geweſen. Das iſt ja Alles wahr, und dennoch— ſehen Sie, gnädige Frau— ſo iſt der Menſch nun einmal; mir ſelbſt wird es ſchwer, ſo recht von Herzen zu glauben, daß ſie das Alles um Gotteswillen thut, wie iſt es da den Leuten zu verdenken, wenn ſie ſprechen: ſie thäte es nur, damit die alte Durchlaucht ſie noch mehr be⸗ wundere und ſchließlich doch Ernſt und ſie auf ſeine alten Tage zu ſeiner rechtmäßigen Gemahlin mache, was ja wohl jetzt zu⸗ läſſig ſein ſoll, obgleich ich für mein Theil nichts davon ver⸗ ſtehe. Nun, dergleichen kann man Ihnen doch nicht nachſagen; und darum wiederhole ich: man wird Sie auf Händen tragen, wenn Sie einmal erſt Herrin ſind. Sie werden gewiß recht gut ſein, daran zweifle ich nicht, und Ihnen wird mans glauben. Stephanie hatte nie daran gedacht, ob ſie gut ſein werde oder nicht, wenn ſie erſt einmal Fürſtin von Roda war; auch die Frage, was die Leute von ihr ſagen würden, ſchien ihr nicht eben wichtig; ſie hörte von der Rede der alten Dame nur, daß Jedermann annehme, Hedwig lege es darauf an, des Fürſten rechtmäßige Gemahlin zu werden; und wie ſie nun die Angen hob und Hedwig wenige Schritte vor ihr mit dem Marquis in der Francaiſe ſich anmuthig hin⸗ und herbewegen ſah, und ſah, wie die Augen mehr als eines der Herren fortwährend die ſchlanke weiße Geſtalt verfolgten, und jetzt ſelbſt die Neuhof, die in ihrer Nähe tanzte, ſich zu ihr herabbeugte und ſagte: Sei nur nicht ſo traurig, Du wirſt auch einmal wieder ſchön wer⸗ den— da konnte ſie ihren Jammer nicht länger bekämpfen und ſie weinte heiße Thränen in ihr Spitzentaſchentuch und lä⸗ chelte zwiſchendurch die Baronin freundlich an und warf dem Fürſten eine Kußhand zu. Da kommt mein Alter, mich zu Tiſch zu führen, ſagte die gute Frau von Fiſchbach. Es ſchmeckt ihm nicht, wenn ich ihn nicht eſſen ſehe. Und da kommt der Baron Neuhof, um Sie 16 244 zu holen, liebe Gräfin. Nun, zu Ihnen gehört ein ſo ſtatt⸗ licher Cavalier. Der Tanz war zu Ende; man ging in den Muſchelſaal, um zu ſoupiren. Der Marquis, welcher zuletzt mit Hedwig getanzt hatte, führte ſie auch in den Speiſeſaal. Das ſüdlich lebhafte Antlitz des Mannes glänzte und ſeine heißen dunklen Angen ſtrahlten, als er mit ihr an dem Grafen vorüberſchritt. Der Graf knirſchte mit den Zähnen. Weshalb ſo ungnädig, lieber Graf? ſagte die Baronin Neu⸗ hof, die er am Arme führte. Ich könnte die Hedwig küſſen; ich finde ſie bewunderungswürdig. Sie rächt unſer armes hilfloſes Geſchlecht an Euch grauſamen Männern. Sie lachen; das iſt recht. Es klang noch ein wenig forcirt, aber Sie ſind auf dem richtigen Wege; Sie werden ſich ſchon in Ihr Schick⸗ ſal finden. Sie haben das Alles von Anfang an viel zu ernſt genommen. Oder nicht ernſthaft genug. Verfallen Sie ſchon wieder in den alten Fehler! Ich ver⸗ ſichere Sie, das Lachen iſt weit klüger und bequemer. Ich habe auch Stephanie dazu gerathen. Ach, was werdet Ihr für ein glückliches Paar werden, wenn Ihr Beide erſt einmal lachen gelernt habt! Um das in der Mitte des ſchönen großen Raumes herge⸗ richtete prachtvolle Buffet war eine Anzahl kleiner Tiſche arran⸗ girt, an welchen ſich die Geſellſchaft in zwangloſer Weiſe, heiter plandernd, niederließ. Iſt das nicht ein reizender Abend? ſagte Herr von Zeiſel, als er gegen das Ende des Soupers ſich auf einen Augenblick Hermann nähern konnte. Geht nicht Alles vortrefflich, wie am Schnürchen, trotzdem unſere Leute wenig Uebung haben und mehr als Einer heute zum zweiten⸗ oder drittenmale in dem Rocke ſteckt? Dennoch kein Kerl hingeſchlagen, kein Theebrett hingefallen, keiner Dame eine Saucière in den Schyß geſchüttet oder ein Loch in die Schleppe getreten! Und die Geſellſchaft ſelbſt! Hätte im Leben nicht geglaubt, daß wir ein ſolches En⸗ ſemble hier zuſammenbekommen würden: elegante Männer, lie⸗ — 245 benswürdige Frauen, himmliſche Mädchen! Ach, mein Freund, verzeihen Sie, ich dachte in dieſem Augenblick nicht an Ihre unglückliche Liebe. Dem Glücklichen ſchlägt keine Uhr, aber leider auch nicht einmal das Gewiſſen! Alles Würde, Anmuth, 5 Grazie, Harmonie, in der kein Mißton, trotzdem der ſchreckliche † alte Graf Pechtiegel— Himmel, was iſt das! . Herr von Zeiſel eilte quer durch den Saal auf den alten Herrn von Pechtiegel zu, der mit einem Glaſe Champagner in der Hand vor dem Tiſch ſtand, an welchem der Marquis an Hedwigs Seite mit noch einigen anderen Herren und Damen ſaß. Was da Spanien, was da hohenzolleriſche Candidatur! rief der alte Haudegen. Das ſind Alles nur Finten und Flauſen. Uns wollen ſie an's Fell, ſie haben's immer gewollt; aber ich will wiſſen, woran wir mit den Franzoſen ſind; ich habe im⸗ mer gewußt, woran ich mit den Franzoſen war! Der Mann ſcheint zu mir zu ſprechen, ſagte der Marquis zu der erſchrockenen Geſellſchaft. Will nicht einer von den 77 Herren die Güte haben, dem Herrn zu ſagen, daß ich nicht das Glück habe, ihn zu verſtehen? Aber ich verſtehe Sie ganz gut, mein ſchöner Herr! ſchrie der Alte. Ich— Wollen Sie mir erlauben, Herr Graf? ſagte Herr von Zeiſel, den Halbtrunkenen beim Arm ergreifend und ihn trotz 4 ſeines Schreiens und Sträubens durch eine Thür hinausführend, die ſich glücklicherweiſe in unmittelbarſter Nähe befand und von NM den Bedienten ſchnell geöffnet worden war. 1 Der Fürſt hatte ſich, ſobald die erſten lauten Töne an ſein K Ohr ſchlugen, ſofort erhoben und damit auch für die Anderen das Zeichen zum Aufſtehen gegeben. Dennoch hatte er nicht verhindern können, daß die häßliche Scene ſo ziemlich von Allen in dem Saale bemerkt war, trotzdem Jeder ſich die Miene gab, nichts gehört und nichts geſehen zu haben, und darin dem Bei⸗ ſpiele des Fürſten folgte, der ſich ruhig mit dem alten Herrn von Fiſchbach unterhielt und erſt ſeine Faſſung zu verlieren ſchien, als jetzt der Graf und Hedwig von verſchiedenen Seiten an ihn herantraten. 246 daß der Graf es hören mußte, wie fandeſt Du das? Der Unwille über das ſpeben Erlebte bebte noch auf Hed⸗ wigs bleichen Lippen. Ich bin empört, ſagte ſie, aber— Sie ſchwieg, da ſie plötzlich den Grafen neben ſich ſah. Ich dächte, ſagte der Fürſt, hier wäre kein Aber. Ein Aber würde uns zu Barbaren machen; und ſelbſt der Barbar reſpectirt die Gaſtfreundſchaft.— Ah, da ſind Sie ja, lieber Marquis. Der Fürſt hatte dem Marquis einen Schritt entgegen ge⸗ than und begann jetzt, ſich vertraulich auf den Arm deſſelben lehnend und mit offenbar abſichtlicher Freundlichkeit zu ihm re⸗ dend, eine Runde durch den Saal zu machen. Der Graf und Hedwig ſahen ſich ſtarr an. Er, der nicht wußte, wie weit ſie in dieſer Sache bereits gegangen war, glaubte in ihren Mienen nur Haß und Trotz, ſie wiederum in den ſei⸗ nen eine Herausforderung und Drohung zu leſen. Durchlaucht wünſchen aufzubrechen, gnädige Frau, ſagte Herr von Zeiſel. Darf ich um die Gnade bitten? Sie ließ ſich von dem Cavalier zu dem Fürſten begleiten. Der Fürſt hatte, während er mit Hedwig weiterſchritt, für jeden ſeiner Gäſte ein freundliches Wort; aber Herr von Zeiſel be⸗ merkte, daß er ſofort verſtummte, als ſie den Geſellſchaftsraum jetzt hinter ſich hatten und in das Grüne Zimmer traten, und daß, als er ſich vor der gnädigen Frau verbeugte, er ihr zum erſtenmal nicht die Hand küßte. Die letzten Wagen waren davongerollt; in den Sälen wa⸗ ren die Diener mit dem Abräumen beſchäftigt; die Herrſchaften hatten ſich längſt ſchon in ihre Gemächer zurückgezogen. Bap⸗ tiſte, des Herrn Marquis Kammerdiener, wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der Herr Marquis Herrn Roſel weg⸗ ſchicken und ſich zur Ruhe begeben werde. Der Marquis hätte nichts dagegen gehabt, wenn Herr Roſel gegangen wäre, aber Herr Roſel ſagte: Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich läſtig Nun, ſagte er zu Hedwig in ſcharfem Ton, und laut genug, 247 falle, aber ich halte es für meine Fflicht, den Herrn Marquis daran zu erinnern, daß wir in der That hier fertig ſind und 3 6** wir gut thun würden, an den übrigen Theil unſerer Auf⸗ gabe zu denken. Denken Sie immerhin, ſagte der Marquis, das iſt ja Ihr Metier. Ich für mein Theil bin noch nicht fertig. Wie, Herr Marquis, ſagte Herr Roſel, nachdem der Fürſt heute in aller Form ſein Verſprechen gegeben hat, das er un⸗ bedingt halten wird— was wollen Sie mehr? Sie nehmen die Sache auf einmal ſehr leicht, ſagte der „ Marguis, nachdem Sie mir noch geſtern Abend Gott weiß was ( Alles von der Wichtigkeit derſelben vorgeredet haben. Jetzt, da ich anfange, mich dafür zu intereſſiren, iſt Ihr Intereſſe zu Ende. Weil ich in der That nichts mehr zu thun ſehe, ſagte Herr Roſel. Mit dem Fürſten haben wir Alles, was wir hier haben können. Meine Mühe, einen Einfluß auf ſeine Umgebung zu gewinnen, iſt ganz vergeblich geweſen. Und Sie rechneten ſo ſicher darauf! Ich habe mich eben verrechnet, ebenſo wie ich mich in der Stimmung der Bürgerſchaft täuſchte. Ich bin den ganzen Mor⸗ gen in dem Städtchen und in der Umgegend herumgeſchlichen. Glauben Sie mir, Herr Marquis, wir werden alle dieſe Leute gegen uns haben, ſobald der Krieg losbricht; ja, wir haben ſie jetzt ſchon gegen uns. Nun gut, ſagte der Marquis, machen Sie daraus ein hübſches Expoſé, das wir dem Miniſter ſchicken können. Be⸗ nützen Sie dazu die Nacht, wenn Sie nicht müde ſind, aber verzeihen Sie mir, wenn ich für meinen Theil jetzt zu Bette gehen möchte. Und hat Sie die Scene vorhin nicht ſtutzig gemacht, Herr Marquis? fragte Herr Roſel. Pah! ſagte der Marquis. 6 Ich glaube, der Herr Graf und vielleicht auch der Herr Baron Neuhof ſtecken dahinter; der alte Vaurien würde ſonſt nicht ſo weit gegangen ſein. —— ——— * 248 Möglich, ſagte der Marquis, ein Gähnen fingirend. Herr Marquis, ſagte Herr Roſel, den Hut in die Hand nehmend, es ſollte mir unausſprechlich leid thun, wenn ich dem Erpoſé an den Herzog von Grammont einen Privatbrief an Monſieur Ollivier, mit dem ich, wie der Herr Marquis weiß, ſehr gut ſtehe, nachſchicken müßte, in welchem ich anzudeuten ge⸗ zwungen wäre, daß der lebhafte Briefwechſel des Herrn Mar⸗ quis mit dem Herrn Grafen Chambord vielleicht die Zeit des Herrn Marquis zu ſehr in Anſpruch nimmt, als daß der Herr Marquis auf die Intereſſen der actuellen Regierung, ſpeciell auf unſere Miſſion die nöthige Aufmerkſamkeit verwenden könnte. Ja ſo, ſagte der Marquis, weshalb haben Sie das nicht gleich geſagt? Wie viel brauchen Sie? Meine arme Mutter in Straßburg— ſagte Herr Roſel. Und die noch ärmere Internationale in London— Herr Marquis! Großer Gott! rief der Marquis, ich will mich nicht in Ihre politiſchen Geheimniſſe miſchen; hätten Sie doch nur dieſelbe löbliche Gewohnheit! Und Ihr Internationalen arbeitet uns doch nur in die Hände; mit einem Wort— Baptiſte, welcher aus langer Weile das Ohr an das Schlüſſelloch gelegt hatte, konnte nicht hören, was Herr Roſel antwortete; aber er hörte, wie der Marquis ſeine Caſſette auf⸗ ſchloß und wieder zuklappte und dann lachend ſagte: Sehen Sie, mon cher, ſo lange Sie es nicht zu arg trei⸗ ben, werden Sie mich bereit finden, für die Dummheit, Ihnen im Anfang zu weit getraut zu haben, den Preis zu zahlen. Aber, wie geſagt, zu arg dürfen Sie es nicht treiben. Ich danke, Herr Marquis, ſagte der Secretär, und da der Herr Marquis ſo gütig iſt, möge er mir erlauben, meine Dank⸗ barkeit in Form eines guten Rathes abzuſtatten: Nehme ſich der Herr Marquis in Acht! Ich bin überzeugt, der Herr Graf will nichts als einen plauſiblen Vorwand, um den Herrn Mar⸗ quis in einen Streit zu verwickeln. Die Politik iſt, wie die Sachen hier liegen, nicht wohl dazu 45 249 geeignet, ſagte der Marguis; wir haben es eben geſehen; man ſetzt die Leute, die eine andere politiſche Meinung haben als der Frrſt gunz einfach vor die Thür. Man kann den Herrn Grafen nicht vor die Thür ſetzen. Deshalb darf er ſich nicht in eine Lage bringen, wo dies bei Anderen unfehlbar geſchehen würde. So gebe ihm der Herr Marquis keinen Anlaß, der außer anderen auch noch die üble Folge haben könnte, den Herrn Marquis mit dem Fürſten zu verfeinden, das heißt: den Erfolg unſerer Miſſion auf das ernſtlichſte zu compromittiren. Mein lieber Herr Roſel, ſagte der Margquis, ich bin Ihnen ſehr verbunden, aber davon verſtehen Sie nichts. Und nun, gute Nacht! Der Margquis drückte auf die Glocke. Leuchte dem Herrn; und Du brauchſt nicht wieder zu kom⸗ men, ich werde allein zu Bett gehen. Der Marquis ſah ſich nicht ſobald allein, als er ſeine Ci⸗ garrette fortſchlenderte und mit ausgebreiteten Armen in dem großen Teppichgemach auf⸗ und niederzurennen begann. Die Schönheit Hedwigs hatte heute Abend ſeine Leidenſchaft auf das höchſte entflammt; die Gunſt, die ſie ihm durch die Annahme des Tanzes erwieſen, ihre Freundlichkeit während der Tafel, ihr ſichtbares Erſchrecken in der Scene mit dem alten tollen Herrn — es war ja, wenn man wollte, herzlich wenig; aber er war der Mann aus Wenigem Viel zu machen! er kannte die Kunſt! er! Sie liebt mich, ſie liebt mich! rief er erregt, und wenn die Liebe für ſie ein Märchen iſt wie für mich, ſo weiß ſie doch die Reize eines Verhältniſſes zu ſchätzen, das darum nicht we⸗ niger reizend ſein wird, weil es vorausſichtlich nur von kurzer Dauer iſt. Sie iſt nicht, wie dieſe inſipiden anderen deutſchen Frauen, wie dieſe blonde Gräfin zum Beiſpiel; ſie weiß nicht blos, was ſie will, ſie hat auch den Muth, ihren Willen durch⸗ zuſetzen. Wer das erreichte, was ſie erreicht hat, braucht nicht erſt ſeinen Muth zu beweiſen. Und von Scrupeln un nun gar nicht bei ihr die Rede ſein; ein alter Gemahl, der noch —— dazu nach der unrechten Seite eiferſüchtig iſt— auf dieſen widerwärtigen Grafen, dieſen preußiſchen Eiſenfreſſer aus dem Charivari, der immer ausſieht, als ob er am liebſten ein Gabel⸗ frühſtück aus mir machen möchte,— pah, Gelegenheit, Gelegen⸗ heit, das iſt's, nichts weiter! Durch des jungen Mannes Phantaſie zogen in bunten Schwärmen die tollfrechen Abenteuer aus dem Faublas. Er ſchwang ſich an zerbrechlichen Spalieren über Gartenmauern; er taſtete dunkle Hintertreppen hinauf und ſuchte die verborgene Feder an Tapetenthüren; er fand tauſend Hinderniſſe, die er alle beſiegte, zuletzt und am leichteſten den Widerſtand in den Armen der angebeteten Frau, war er erſt einmal bis zu ihr gelangt! Siebzehntes Capitel. Am Frühabend des nächſten Tages bewegte ſich eine lange Reihe fürſtlicher Equipagen die ſchöne Chauſſee hinauf, welche von Roda über die Faſanerie rechts durch den Wald nach dem Jagdſchloſſe und nach den in der Nähe des Jagdſchloſſes auf einem einſamen Bergkegel gelegenen Ruinen der uralten Rodaburg führte. Die wirkliche Entfernung vom Schloſſe betrug nur eine halbe Meile; doch hatte man, um die allzu ſtarke Anſteigung zu vermeiden, ſich in unzähligen Curven die Berge hinaufwin⸗ den müſſen. Der Weg war dadurch um das Doppelte lang geworden und auch ſo mußten die herrlichen Pferde ſich an manchen Stellen feſter in das Geſchirr legen und aus dem Trab in Schritt fallen. Aber Niemand, der für die Reize eines Bergwaldes an einem ſchönen Sommertage empfänglich iſt, könnte mit dieſem Tempo unzufrieden ſein, ſagte Herr von Zeiſel mit Enthuſias⸗ mus. Ich bitte Sie, meine Damen, ſind ſie nicht über alle Beſchreibung herrlich, dieſe goldenen Lichter auf den mooſigen Stämmen, auf dem kräuterüberſponnenen Waldgrunde, und dieſe — — 251 5 dämmerigen Schatten in den Waldeshallen, und nun, dieſer Blick hier in das duftige Blau des wilden Rodathales! Ach, ſchon iſt er wieder verſchwunden, aber wir werden ihn ein paar hundert Schritte weiter auf der Höhe noch einmal und groß⸗ artiger haben; und dazu eine allerdings etwas coupirte Ausſicht auf das Thal unſerer zahmen Roda mit dem Schloßberge; ich hoffe, Durchlaucht wird auf dem Punkt ein paar Minuten an⸗ halten laſſen, ich habe ihn wenigſtens darum gebeten.— Der Wagen von Durchlaucht hält ſchon; wollen wir einen Augen⸗ blick ausſteigen, meine Damen; darf ich bitten, Mr. Simpleton? Herr von Zeiſel war in einer fieberhaften Aufregung. Die Damen des Wagens waren Niemand anders als die Gegen⸗ ſtände ſeiner vorletzten und letzten Liebe: Fräulein Eliſe Iffler und Fräulein Adele von Fiſchbach. Er hatte heute Morgen einen großen Schrecken bekommen, als der Fürſt, dem er über ſeine für die Fahrt getroffenen Anordnungen referirte, zuletzt ſagte: Und ehe ich's vergeſſe, lieber Zeiſel, wir müßten auch wohl Ifflers wieder einmal eine Auf⸗ merkſamkeit erweiſen; ihn ſelbſt mag ich nicht, ich kann mich neuerdings in ſein Weſen noch weniger finden als ſonſt ſchon; auch ſeine Frau könnten wir wohl weglaſſen, aber wir haben eine Menge junger Mädchen in der Geſellſchaft, da mag die Tochter ſo mit unterlaufen. Sie könnten eine halbe Stunde vorher einen Wagen mit einem Billet hinſchicken. Seien Sie ſo gut, das Nöthige zu veranlaſſen. Herr von Zeiſel war außer ſich. Er hatte ſich ſeit geſtern Abend wie ein Kind auf die Fahrt gefreut, die ihn wieder mit Fräulein von Fiſchbach zuſammen und, wenn irgend möglich, in einen Wagen bringen ſollte. Er hatte eine ſüße Ahnung, daß ſich auf dieſer Fahrt ſein Schickſal entſcheiden werde. Auf alle Fälle wollte er das Philomelen⸗Sonett zu ſich ſtecken, und nöthigenfalls glaubte er, auch in Proſa ſein übervolles Herz ausſchütten zu können. Der wolkenloſe Sommerhimmel war ihm den ganzen Tag wie die Kuppel eines Domes erſchienen, aus dem die lieblichen Chöre unſichtbarer Engel herabtönten, die alle Adele, Adele ſangen— und nun, und nun! — —— 252 Aber das einmal entfeſſelte Unglück wollte ſobald nicht wieder ſchlafen gehen. Er hatte es beſonders geſchickt anzufangen geglaubt, als er ſich von dem Fürſten die Erlaubniß erbat, die jüngeren Leute in den drei letzten Wagen, von den älteren Herrſchaften getrennt, unterzubringen, um ſo in der Vertheilung freieſte Hand zu ha⸗ ben. Nun hatte er Fräulein Eliſe Iffler an Mr. Alfred Simpleton, den älteſten der beiden Brüder, gegeben, und ihnen nebſt dem jungen Herrn von der Kuhruh und der Baroneß Auguſte Manebach den erſten der drei Wagen angewieſen, wäh⸗ rend er ſelbſt für ſich und Fräulein von Fiſchbach und für die jüngſte Baroneß Clotilde von Manebach, mit Mr. Arthur Simpleton als Cavalier, den letzten Wagen reſervirt hatte. Er war noch einmal die lange Reihe der Wagen hinabgegangen, Alles war in beſter Ordnung; die erſten ſetzten ſich bereits in Bewegung; er eilte, zu ſeinem Wagen zu kommen und fand in demſelben allerdings Fräulein Adele, aber auch zu ſeinem Ent⸗ ſetzen ſtatt Mr. Arthur, Mr. Alfred Simpleton, und anſtatt Fräulein von Manebach Fräulein Eliſe Iffler. Die beiden jungen Engländer hatten in der Eile die Wagen verwechſelt. Das Unglück war geſchehen, es wieder gut zu machen in dieſem Augenblick unmöglich. Und da ſaß nun Herr von Zeiſel und erlaubte ſich, im Be⸗ wußtſein ſeiner Schuld, nicht, die Augen geradeaus zu richten, ſondern ließ ſeine Blicke nur rechts oder links ſchweifen und ihren Weg von der einen Seite nach der andern ſtets nur ohen über den blauen Himmel oder unten über ſeine eigenen und Mr. Alfred Simpletons Kniee nehmen. Ebenſowenig wagte er an eines der beiden jungen Mädchen unmittelbar das Wort zu richten, und wenn eine directe Anrede unerläßlich war, ſagte er: meine Damen; vermied auch gefliſſentlich jedes Thema, das ir⸗ gendwie eine perſönliche Wendung hätte nehmen können, ſondern hielt ſich beſtändig auf dem neutralen Boden der Naturbewunde⸗ rung und wurde in ſeinen Dithyramben von Mr. Alfred ſe⸗ cundirt, der alle fünf Minuten regelmäßig ein monotones beauti- kul oder very fine indeed einfließen ließ, worüber Adele von Fiſchbach hinter ihrem Sonnenſchirm ein paarmal herzlich lachte, während Eliſe Iffler von Allem, was um ſie vorging, nichts zu ſehen und zu hören ſchien, ſondern unverwandten Blickes vor ſich hinſtarrte. Wie ein egyptiſches Iſisbild, ſagte der ironiſche Herr von Zeiſel, als er jetzt den Damen aus dem Wagen geholfen hatte und nun endlich ein paar Schritte abſeits mit Adele ein freies Wort ſprechen konnte. Iſt die junge Dame immer ſo? fragte Adele unſchuldig. Ich weiß es nicht, erwiederte der ſchuldbewußte Cavalier. Aber ich denke, Sie verkehren ſeit einem Jahre täglich in dem Hauſe? fragte Adele. Seit einem Jahre? täglich? rief Herr von Zeiſel. Um Himmelswillen, wer kann Ihnen das geſagt haben! Ein paar Beſuche, meiſt geſchäftlicher Natur, und wenn daraus wirklich mit der Zeit eine Art von geſelligem Verkehr— ach, mein gnädiges Fräulein, Sie, die Sie in ſo glücklichen Verhältniſſen leben, glauben nicht, wie dem Einſamen zu Muthe iſt, wie er ſich nach Geſellſchaft ſehnt, in dieſer Sehnſucht oft mit der un⸗ bedeutenden, ja der unbedeutendſten fürlieb nimmt, während die gute, die beſte ſo nahe iſt! Hätte ich vor einem Jahre, als ich hieherkam, das Glück gehabt, Ihren trefflichen Herrn Vater, Ihre verehrte Frau Mutter kennen zu lernen und die Erlanb⸗ niß erhalten, Ihnen in Buchholz aufwarten zu dürfen, wie anders würde dies Jahr für mich vergangen ſein! Nun, ſagte Adele, es iſt wirklich ganz hübſch bei uns, ein bischen einfuch natürlich, wie ſich das für uns ſchikt; für Sie der Sie ſo verwöhnt ſind, vielleicht ein wenig zu einfach. Das iſt unmöglich! ſagte der Cavalier mit Enthuſiasmus. Das Einfache iſt meine Liebe, meine Anbetung, mein Leben; ich kann mein Glück nur in der Einfachheit finden. Nun dann können Sie es ja einmal mit uns wagen, ſagte Adele lachend. Ich hatte mir vorgenommen, ſchon morgen herüberzukommen, ſagte Herr von Zeiſel; nun aber hat ſich heute die Frau Grä⸗ fin Mutter definitiv für morgen angemeldet. 254 Dann alſo übermorgen, ſagte Adele. werden wieder einſteigen müſſen. Die kleine Unterredung hatte Herrn von Zeiſel merkwürdig erquickt; er fühlte ſich nicht mehr ganz ſo nervös; wenigſtens hatte er ſeine Augen, die vorher ruhelos umherſchweiften, ſo weit in der Gewatt, daß er ſie von Zeit zu Zeit auf Adelens friſches lachendes Geſicht wenden konnte. Auch war ſeine Natur⸗ bewunderung nicht mehr ganz ſo überſchwänglich, trotzdem man eben jetzt— unmittelbar unter der Höhe, auf welcher das Jagdſchloß lag— ſo recht im Herzen der Berge ſich befand, i und Majeſtät enthüllte und wie mit einem Zauberbann die übermüthige Geſellſchaft umfing, die ſtiller und ſtiller wurde, bis man zuletzt nur noch den Hufſchlag der Pferde und das Geräuſch der Räder ver⸗ nahm und erſt wieder freier aufzuathmen wagte, als man aus der grünen Waldesdämmerung heraus auf den freien Platz vor% dem Jagdſchloſſe gelangte. Hier begrüßte die Geſellſchaft der fürſtli von Keſſelbuſch, ein alter Herr mit langem ſ 1 bart, der ſeinerzeit mit dem Fürſten ſem noch immer eng befreundet war. Seit einigen Jahren ver⸗ ließ er ſeiner Kränklichkeit wegen nur noch ſelten das Haus, Aber ich glaube, wir 3 ———— che Oberforſtmeiſter„ chneeweißen Schnurr⸗ zuſammen erzogen und die⸗ welches, dem Jagdſchloß gegenüber, aus dem Grün der Büſche 3 und Bäume freundlich herüberblickte. Der Fürſt ſtellte den alten Herrn der Geſellſchaft vor und nahm die Meldung des Caſtellans entgegen, unter deſſen Füh⸗ rung man ſich alsbald an die Beſichtigung des Schloſſes machte eines ſchönen, von dem Vater des Fürſten angefangenen und) von ihm ſelbſt in den erſten Jahren ſeiner Regierung vollende⸗ 4 ten Baues in romaniſchem Styl, deſſen bedeutende Verhältniſſe vortrefflich mit der ernſten Natur rings umher harmonirten und von Kennern und Nichtkennern gebührend geprieſen wurden, ebenſo wie die innere Einrichtung, deren einfache Gediegenheit ganz dem Charakter und Zweck des Schloſſes angepaßt war. Die zahlreiche Geſellſchaft hatte ſich im Anfang ziemlich zu⸗ ſammengehalten, aber man hatte kaum den ſtattlichen, mit den — —— . „ſeltenſten Hirſchgeweihen und anderen Jagd⸗Trophäen geſchmück⸗ ten Vorſaal und die erſten Zimmer durchſchritten, als man ſich, da die Einen dem führenden Caſtellan folgten, die Anderen ſich von dieſem oder jenem beſonders koſtbaren Möbel oder merk⸗ würdigen Gemälde hatten feſſeln laſſen, zu trennen begann, und ſo währte es nicht lange, bevor ſich der Schwarm der Herren und Damen durch die beiden Etagen des Schloſſes und durch ſämmtliche Räume zerſtreut hatte. Der Fürſt, welcher dergleichen Verſtöße gegen die von ihm beliebte Ordnung ſonſt nicht eben gnädig aufnahm, ſchien es heute nicht zu merken. In ſich gekehrt, ſchweigſam, nur dann und wann ein Wort an den Oberforſtmeiſter oder an Herrn von Fiſchbach richtend, ſchritt er dahin, oft ſtehen bleibend und ſeine Blicke über die Gegenſtände in den Zimmern ſchweifen laſſend, von denen ein jeder ihm irgend eine Erinnerung er⸗ weckte. Es waren keine freundlichen Erinnerungen. „ Er hatte vor fündunddreißig Jahren, als das Schloß eben vollendet war, mehrere Sommer mit ſeiner jungen Gemahlin hier reſidirt und ſich in ein Glück hineinzuträumen verſucht, das niemals Wirklichkeit werden ſollte. Der kalte enge Geiſt der Prinzeſſin hatte zjede herzliche Annäherung ſeinerſeits ver⸗ eitelt und ihm nach und nach die kinderloſe Ehe zu einer Qual gemacht, von der ihn nicht einmal der nach vier Jahren er⸗ folgende Tod der beſtändig kränkelnden Frau vollſtändig erlöſte; der dunkle Schatten des unſeligen Verhältniſſes hatte ihm, dem uin ſeine liebſten Hoffnungen Betrogenen, das ganze folgende Leben verdüſtert. Er hatte mit dem liebebedürftigſten Herzen ein liebeleeres Daſein verſeufzt und von Stunde an die Frauen gemieden; er, der ſich durchaus bewußt war, in der Liebe einer Frau, die er aus voller Seele wieder lieben durfte, einen Schutz und Schirm finden zu müſſen gegen das Leben, das den Weich⸗ müthigen, Phantaſtiſchen wie eine öde liebeleere Wüſte und oft genug wie eine drohende, unheilvolle Sphinx anſtarrte. Und als nun endlich zu einer Zeit, wo fröhliche Enkel die Kniee glücklicherer Männer umſpielen, ihm eine Geſtalt entgegentrat die nur die weſenhafte Erfüllung ſeiner Träume ſchien; als mit einer Leidenſchaft, die er nicht zu äußern wagte, dieſe holo 1 ſelige Geſtalt in ſeines Herzens Herzen aufnahm, da hatte err erfahren ſollen, daß, was er bis jetzt für Schmerz und Leis“ gehalten, nur die Wolke geweſen war, die den Himmel trüb daß der fürchterliche erbarmungsloſe Sturm erſt jetzt über ihn“ hereinbrechen ſollte, wo er keine Kraft mehr hatte, demſelben zu widerſtehen, wo ihm, wie dem alten Lear in der Gewitter⸗ g nacht auf der Haide, kein Ausweg blieb als Wahnſinn oder Tod. Und dann raffte er ſich gewaltſam aus dieſem düſteren ſe Brüten auf und lächelte zerſtreut zu einer Bemerkung des alter Herrn von Fiſchbach, oder beantwortete eine Frage des Ober z forſtmeiſters und verſank dann wieder in ſein dumpfes Wehge⸗ fühl, das über ihm zuſammenſchlug wie das ſtille Waſſer eines“ Waldſees über dem Selbſtmörder, und fuhr erſchrocken auf, als f er ſich plötzlich, in der Fenſterniſche eines der Säle— die Herren ſeiner Begleitung bewunderten in einer anderen Ecke des Saales eine Sammlung alter Waffen— an der herabhängen⸗ den Hand ergriffen fühlte. Aber es war nicht Hedwig, deren Bild jetzt, wie immer vor ſeiner Seele geſtanden, es war Fräulein Eliſe Iffler, die ſeine Hand erfaßt und an ihre Lippen geführt hatte und, mit ſchwärmeriſchem Blick zu ihm aufſchauend, Mein hoher Herr! Gutes Kind! ſagte der Fürſt. Er wußte nicht recht, wie die junge Dame zu einer ſo ganz außergewöhnlichen, gegen alle Etikette verſtoßenden Handlung kam; vielleicht hatte er die ſchmerzlichen Gedanken, die ihn er⸗ füllten, zu deutlich auf ſeinem Geſichte gezeigt und die naive Kleine wollte ihm ihre Theilnahme auf dieſe ſonderbare Weiſe zu erkennen geben. Mein hoher Herr! ſagte Eliſe noch einmal. Vielleicht war es auch etwas Anderes: die Kleine hatte ein Anliegen und wagte nicht mit der Sprache herauszukommen. Und was konnte dies für ein Anliegen ſein, als ihr Verhältniß zu dem Doctor, von welchem er ſeinerſeits immer gewünſcht ———— 257 atte, daß es zu einer Heirath führe. Hermann hatte ſich heute perſönlich von der Partie entſchuldigt, da er ſeine Abreiſe nun, nachdem die Ankunft der Generalin mit dem geheimen Ralh definitiv auf den morgenden Tag feſtgeſtellt war, nicht länger verſchieben könne. Es war eine Art von Abſchiedsaudienz ge⸗ he. weſen. Der Fürſt hatte ſeine Empfindlichkeit nicht verbergen önnen und man hatte ſich nicht freundlich getrennt— Es thut mir ſelber herzlich leid, ſagte der Fürſt in gütigem Ton; aber vielleicht bringt die Zukunft, was die Gegenwart ver⸗ ſagt, wenn nicht mir, ſo doch Ihnen, liebes Kind, die Sie noch ſo jung ſind. O, ich werde zu warten wiſſen, ſagte Eliſe; ein ſo hohes Glück kommt dem beſcheidenen Herzen immer noch zu früh. . Erſcheint Ihnen dieſe Verbindung als ein ſo hohes Glück? fragte der Fürſt mit melancholiſchem Lächeln. Das können Durchlaucht fragen? flüſterte Eliſe, die Hand auf's Herz legend und ihre Augen ſchamvoll ſenkend. Nun, nun, ſagte der Fürſt, hoffen wir, daß Ihnen in Fülle die es ird, was Sie jetzt in der Jugend ſo heiß wünſchen, und hoffen 6 ir, daß es Ihnen nicht erſt im Alter wird. Was ich dazu die khun kann— es wird freilich herzlich wenig ſein— ſoll ge⸗ i Fiß geſchehen. Und nun, liebes Kind, ſehen Sie, daß Sie ſich er wieder an die junge Geſellſchaft anſchließen können. Eliſe wollte dem gnädigen Herrn noch einmal die Hand küſſen, aber er wehrte es freundlich ab und wendete ſich zu ſei⸗ n en Begleitern. Sie eilte davon, ganz berauſcht von einem Er⸗ ng folge, der ihre kühnſten Erwartungen ſo weit übertroffen, wenn die Mama auch immer geſagt hatte: Glaube mir, Elischen, es e handelt ſich nur darum, daß man den alten Herrn zum Reden z bringt. Per übrige Theil der Geſellſchaft ſchweifte noch immer in Gruppen, wie ſie der Zufall oder die Laune gebildet hatte, durch in die Räume des Schloſſes. Herr von Zeiſel, eingedenk des al⸗ en. ten Wortes, daß, wer die Tochter haben will, zuerſt der Mutter üß den Hof machen müſſe, ließ Frau von Fiſchbach nicht von ſei⸗ cht nem Arm und legte für die etwas corpulente Dame eine ſo Fr. Spielhagen's Werke. XI. 17 258 ängſtliche Sorgfalt an den Tag, wenn er ſie die Treppen hinauf⸗ oder hinabführte, als müſſe ein falſcher Tritt unabwendbares Verderben auf ſie herabziehen. Der Marquis hielt ſich, ſo weit es, ohne die Aufmerkſamkeit zu erregen, möglich war, in Hedwigs Nähe. Er⸗ konnte ſich freilich nicht verhehlen, daß einen weniger erfahrenen oder muthigen Mann als den Mar⸗ quis de Florville die ernſth, ja finſtere Miene der ſchönen Dame hätte ſtutzig machen können; ihm freilich konnte ein ſolches Ver⸗ ſehen nicht paſſiren. Im Gegentheil! er wußte es Hedwig Dank und hielt es für einen ſchlagenden Beweis ihrer Klugheit, daß ſie durch ihre ruhig geſellſchaftliche Haltung jede Möglichkeit eines Verdachtes abwehrte und die Blicke der Späher ſo gründ⸗ lich täuſchte.„ So dachte der Marquis, während er an Hedwigs Seite, die dem Fräulein von Fiſchbach den Arm gegeben, durch die Gemächer ſchritt, und er mußte jedesmal innerlich ſchadenfroh lachen, wenn er auf dieſer Wanderung an dem Grafen vorüber⸗ ſtrich, der ſich faſt ausſchließlich mit dem Baron Neuhof unter⸗ hielt. Er wird den Mann zu ſeinem Vertrauten gemacht ha⸗ ben, ſagte der Marquis bei ſich, und die Beiden ſtecken nun ihre Köpfe zuſammen und wundern ſich, daß ihnen kein ge⸗ ſcheiter Einfall kommt, wie ſie mich loswerden könnten— dieſe dummen deutſchen Beſtien! Der Graf hatte die vergangene Nacht faſt ſchlaflos hin⸗ gebracht. Der entſetzliche Gedanke, welchen er zuerſt faſt wie eine Verſündigung an Hedwig, mindeſtens doch an ſeinem eige⸗ nen Stolze mit Abſcheu von ſich gewieſen, war immer wieder und wieder in ſein überreiztes Gehirn zurückgekehrt und hatte endlich nicht mehr daraus weichen wollen. Er erinnerte ſich, daß der Marquis den Fürſten und Hedwig ſchon vor vier Jahren auf der italieniſchen Reiſe getroffen habe und damals wochenlang in ihrer Geſellſchaft geweſen ſei. Er dachte daran, welche Leidenſchaften damals in dem jungen ſiebzehnjährigen Mädchen gewühlt, wie ihr Herz von einer verrathenen Liebe geblutet und wie unwahrſcheinlich es ſei, daß dies junge blu⸗ tende Herz in der Liebe eines Greiſes Troſt gefunden; wie 5 . . wahrſcheinlich dagegen, daß ein jüngerer, überaus gewandter und ohne Zweifel auffallend ſchöner Mann, wie der Marquis, ſie beſſer zu tröſten verſtanden habe. Und weiter dachte er, daß der Marquis ſchon damals ſeinen Beſuch verſprochen und, wenn er mit der Ausführung deſſelben ſo lange gezögert, dies von anderen Umſtänden abgehangen haben konnte; jedenfalls die lange Dauer des Attachement von Seiten eines ſo frivolen Mannes im höchſten Grade auffallend ſei und auf die Intimität ihres früheren Verhältniſſes einen Rückſchluß erlaube. Daß aber den Marquis das Intereſſe an der deutſchen Landwirthſchaft nicht hiehergeführt, bedurfte keines Beweiſes; und war der Mann, wie es dem Grafen jetzt faſt zur Gewißheit geworden war, wirklich mur einer von den vielen franzöſiſchen Emiſſären, die in dieſem Augenblicke vor dem wahrſcheinlichen Ausbruche eines Krieges in Deutſchland herumreiſten— nun, ſo ſprach auch das nicht dagegen; man war ja gewandt genug, mehrere Intereſſen auf einmal zu verfolgen und das Nützliche mit dem Angenehmen auf dieſe bequeme Weiſe zu verbinden. Er hatte ſeinem Freund den Verdacht, der ſich mit dämo⸗ niſcher Gewalt immer tiefer in ſein eiferſüchtiges Herz bohrte, mitgetheilt, aber theils aus Wahrheitsliebe, theils aus Stolz ſogleich hinzugefügt, daß er ſeiner Sache keineswegs ſicher ſei, ja, ſo ſehr auch der Anſchein: ihr Benehmen geſtern Abend, der bloße Umſtand, daß der Marquis heute noch auf dem Schloſſe ſei, gegen Hedwig ſpreche, er ſie dennoch einer ſo elenden In⸗ trigue— er kam immer wieder auf das Wort zurück— für unfähig halte und jedenfalls, bevor er weiterzugehen wagte, die zwingende Beſtätigung abwarten müſſe. Der Baron hatte ihm nicht direct widerſprechen können; in ſolchen Dingen müſſe man allerdings mit der größten Norſicht operiren. Die Möglichkeit, daß Alles auf einem Irrthum beruhe, ſei ja durchaus vor⸗ handen, wenn er auch nach ſeinen Erfahrungen von den Frauen in der Sache ſelbſt etwas ſo Ungeheuerliches und Außerordent⸗ liches nicht ſehen könne. Dann war er, bemerkend, wie peinlich dieſe Wendung den Grafen berührte, auf den von ihm geſtern bereits angeregten Gedanken zurückgekommen, ob es nicht weit einfacher 17* 260 3 ſei, die Politik zum Vorwand zu nehmen, wenn man einen Vor⸗ wand nennen Fönne, was für den Grafen als preußiſchen Edel⸗ mann und Officier, der triftigſte Grund von der Welt ſei. Hatten doch die Zeitungen heute Morgen bereits die famoſe Phraſe des Pays von dem Caudiniſchen Joch gebracht, das für Preußen bereit ſei und unter das ſich Preußen, ohne Kampf beſiegt und entwaffnet, beugen würde. Ihr Kriegsgeſchrei ſoll bis jetzt ohne Antwort geblieben dein, ſagte der Baron; nun gut, gieb Du dem Burſchen die Antwort, die ihm gebührt. Sprich Du mit ihm die Sprache, die Preußen bis jetzt leider nicht geſprochen hat und ſchicke ihn ſeines Weges. Ich habe bereits wiederholt daran gedacht, erwiederte der Graf, aber es iſt unmöglich, nicht blos aus dem Grunde, den ich Dir geſtern mittheilte, ſondern vor Allem, weil ich, gerade als Officier, eine Sache, die der König noch nicht dafür geeignet hält, nicht zum Gegenſtand eines Streites machen kann. Du biſt nicht in der Lage des Königs, ſagte der Baron;. vielleicht ſind ſie in Berlin einfach nur noch nicht fertig. Jeder Tag iſt jetzt ſo und ſo viel Millionen Thaler und ſo und ſo viel tauſend Menſchen werth. Du biſt fertig, alſo: en avant! Es geht nicht, ſagte der Graf. Nun denn, rief der Baron ungeduldig, ich habe nicht ſo ſtrenge Rückſichten zu beobachten wie Du, von den anderen Be⸗ denken ganz zu ſchweigen. Laß mich für Dich handeln, ſo iſt die Sache abgemacht. Ich danke Dir, Curt, ſagte der Graf lächelnd, aber ich kann Dich nicht für mich in's Feuer ſchicken. Es iſt gut, Henri, daß Dein Muth über alle Zweifel er⸗* haben iſt; ſo müſſen wir uns freilich auf's Warten verlegen, erwiederte der Baron verdrießlich. Vielleicht brauchen wir das nicht lange zu thun, ſagte der Graf. Die letzten Worte waren bereits auf dem Platze vor dem Schloſſe geſprochen, wo ſich jetzt nach und nach die ganze Ge⸗ ſellſchaft zuſammenfand. Herr von Zeiſel drängte zur Eile, die 261 Sonne ging in einer Stunde unter; eine halbe Stunde brauchte man, um von dem Schloſſe durch den Bergwald auf den Gipfel und zur Ruine zu kommen. Er hat den Fürſten um die Er⸗ laubniß, das Zeichen zum Aufbruch geben zu dürfen. Für die älteren Herrſchaften ſtanden Wagen bereit, da ein, allerdings etwas ſteiler und beſchwerlicher Fahrweg bis unmittelbar unter die Ruinen führte. Die jüngere Geſelſchaft machte ſich unter dem Vortritt einiger Förſter zu Fuß auf durch den Wald, den man nach wenigen Minuten durchmeſſen hatte, um beim Heraus⸗ treten auf der andern Seite ſich des wunderſamſten Anblicks zu erfreuen. Vor den Wanderern ſtieg eine mäßig ſteile ſteinige Halde auf, deren ſcharfe oberſte Kante ein Streifen des herrlichſten Hochwaldes bekränzte. Die bereits tief ſtehende Sonne, welche man im Rücken hatte, ſendete ihre ſchrägen Strahlen die Halde empor, die mit den zahlloſen großen und kleinen übereinander gethürmten, hierhin und dorthin zerſtreuten Blöcken und Stei⸗ nen ausſah wie eine Stadt, die ein furchtbares Naturereigniß in Trümmer verwandelt oder ein grauſamer Feind dem Erd⸗ boden gleich zu machen verſucht hat. Die Stämme aber der Rieſentannen oben ſtanden vor dem dunkelblauen Schatten unter dem undurchdringlich dichten Wipfeldach in der Tiefe des Waldes gleich den doriſchen Säulen eines alten Tempels, welchen die Abendſonne eines ſüdlichen Himmels in Purpur malt. Still und hehr lag über dem großen Bilde ein wolkenloſer Him⸗ mel, in deſſen blauen Tiefen ſich das Auge mit Bewunde⸗ rung verlor. Man war überraſcht, entzückt und becomplimentirte in Ab⸗ weſenheit des Fürſten, der mit den älteren Herrſchaften gefah⸗ ren war, Herrn von Zeiſel, als ob er ein ſo ſchönes Tableau eigens für die Geſellſchaft arrangirt habe. Der Cavalier nahm ſo freundlich gemeinte Worte mit beſcheidener Dankbarkeit hin, im Stillen hoch erfreut, daß ihm in Gegenwart der Dame ſeines Herzens eine ſolche Auszeichnung zu Theil wurde, und über⸗ glücklich, als das friſche junge Mädchen ſich noch beſonders bei ihm bedankte. Er verbeugte ſich, die Hand auf dem Herzen, 262 Bitte, nun aber auch nicht zögern zu wollen, damit man zur rechten Zeit und womöglich noch vor den Wagen bei der Ruine ankomme. Die Halde war bald erſtiegen und man trat in den Wald, ſich noch einmal der Gluth auf den Stämmen freuend, die ſelbſt jetzt, als man unmittelbar vor ihnen ſtand, wie aus Bronce gegoſſen ſchienen, und die goldenen Lichter bewundernd, welche vor den Wandernden her hie und da einen der entfern⸗ teren Stämme ſtreiften und auf das wunderſamſte mit den blauen Schatten des Mittelgrundes und der ſchwärzlichen Nacht in der Tiefe des Waldes contraſtirten. Die vorher heiter plau⸗ dernde Geſellſchaft war ſtill geworden unter den lautlos ſtillen Bäumen und die Rufe der vorauseilenden jungen Engländer, welche ſich in der überflüſſigen Rolle von Pfadfindern gefielen, ſchallten wie häßliche Mißtöne in die ſchöne Harmonie. So ſagte Adele, und Herr von Zeiſel, der gerade allein mit ihr war, ſagte es auch und faßte nach ſeiner Bruſttaſche, wo das Philomelen⸗Sonett ruhte; aber zugleich fühlte er das Klopfen ſeines Herzens und er ſagte ſich, daß ſein Herz noch eine andere und beſſere Sprache ſprechen könne als dieſe künſt⸗ lichen Verſe, daß aber die Zeit für dieſe Herzensſprache erſt gekommen ſein werde, wenn das holde Mädchen nicht mehr ganz ſo unbefangen wie jetzt aus den blauen Augen zu ihm auf⸗ ſchaute. Er fragte ſich, wie es möglich ſei, daß er je vorher für blaue Augen geſchwärmt, ja, ob es außer dieſen hier, die ihm jetzt wie Sterne aus der Waldesdämmerung ſtrahlten, überhaupt blaue Augen gebe; und mit ſo wichtigen Fragen be⸗ ſchäftigt, wandelte er an der Seite der Gekiebten durch den Wald dahin wie durch einen wunderbar herrlichen Traum und erſchrak beinahe, als das Hallo der rufenden Engländer jetzt die Geſellſchaft auf dem freien Platze unter dem Gipfel am Fuß der Ruine empfing. In dieſem Augenblicke trafen auch, von der andern Seite kommend, die Wagen ein und man konnte gemeinſchaftlich die Beſichtigung der Ruine vornehmen, an der freilich nach der nach allen Seiten und verbarg ſeine Verlegenheit unter der — 263 Meinung einiger ſkeptiſcher Gemüther wenig zu ſehen war. In der That beſtanden die Ueberreſte der alten Rodaburg aus zer⸗ ſtreuten, mit Moos und Haidekraut überſponnenen, von Gebüſch theilweiſe überwucherten Trümmern, die einem unhiſtoriſchen Geiſt oder nicht romantiſchen Gemüth kein beſonderes Intereſſe ge⸗ währen konnten, umſoweniger, als der Tannenwald ſeine Wipfel rings umher ſo hoch aufſtreckte, daß man eine Ausſicht gar nicht gehabt hätte, wäre für eine ſolche nicht durch einen freiſtehenden, erſt in jüngſter Zeit von dem Fürſten erbauten runden Thurm geſorgt geweſen. Indem nun Einige, unter ihnen voran die jungen Eng⸗ länder, ungeduldig waren, dieſen Thurm zu erſteigen, von deſſen Zinnen man die herrlichſte Ausſicht über einen großen Theil des Waldgebirges haben ſollte, Andere wieder in den Ruinen oder im Walde umherſchweiften, kam die Geſellſchaft, die ſich eben erſt wieder zuſammengefunden hatte, abermals auseinander, und war noch keineswegs verſammelt, als der Fürſt, nachdem er kaum eine Viertelſtunde oben verweilt, bereits das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Weg bergab werde auch von den älteren Herrſchaften beſſer zu Fuß zurückgelegt als zu Wagen auf den abſchüſſigen Waldpfaden; ſo werde man längere Zeit brauchen, und mit einem Worte, lieber Zeiſel, Sie würden mich verbinden, wenn Sie die Geſellſchaft davon avertiren wollten. Der Fürſt war ſo ungeduldig, fortzukommen, daß er nicht einmal warten wollte, bis Herr von Zeiſel durch einige nach verſchiedenen Richtungen ausgeſendete Forſtleute und Bediente die Umherſchweifenden geſammelt hatte, ſondern ſich ſofort mit den in ſeiner Nähe Befindlichen in Bewegung ſetzte, während der Cavalier, in peinlichſter Verlegenheit über dieſe Rückſichts⸗ loſigkeit des ſonſt ſo zartfühlenden Herrn, den nach und nach Herbeikommenden mittheilte, daß Durchlaucht aus Sorge für die älteren Herrſchaften nicht länger haben warten mögen und er ſeinerſeits bitte, von dem ſchönen Schauſpiel des Sonnen⸗ untergangs Abſchied zu nehmen, damit nicht vor dem Jagdſchloß abermals ein Aufenthalt entſtehe. 264 Des Cavaliers Uebereifer hatte die Folge, daß die Ver⸗ wirrung, der er zu ſteuern gedachte, nun erſt recht einriß, indem Einige ſofort dem Fürſten nacheilten, Andere wieder auf die Fehlenden warten zu wollen erklärten und dann doch aufbrachen, ſo daß zuletzt auch Herr von Zeiſel nicht mehr wußte, wer ge⸗ gangen war, wer noch fehlte, und mit dem kleinen Häuflein, das ſich um ihn geſammelt hatte und bei welchem ſich auch zu ſeinem Troſt Fräulein Adele von Fiſchbach befand, nun eben⸗ falls den Rückzug antrat. Wo iſt die gnädige Frau? fragte Adele, als man bereits den ſchmalen Waldpfad wieder betreten hatte. Sie iſt gleich zu Anfang in Geſellſchaft Seiner Durchlaucht gegangen, ſagte eine Dame. Ich habe ſie nicht geſehen, ſagte eine Andere Ich dächte, auch der Herr Marquis wäre noch nicht wieder zum Vorſchein gekommen, meinte einer von den Herren. Auch der Graf nicht, ſagte ein Zweiter. Ich bitte Sie, der Graf war ebenfalls unter den Aller⸗ erſten, rief ein Dritter. Ich meine, man müßte der gnädigen Frau halber doch noch ein wenig warten, ſagte Adele. Freilich müſſen wir warten, ſagte Herr von Zeiſel; ich bitte Sie, meine Damen, ich erſuche die Herren. Hedwig hatte die Verwirrung, welche in der Geſellſchaft eingeriſſen war, erſt bemerkt, als ſie ſich, ſie wußte ſelbſt nicht, wie es zugegangen, plötzlich in den Ruinen allein ſah. Nun ſchritt ſie langſam auf dem unebenen Terrain zwiſchen den Trümmern hin und war den zerbröckelnden Mauern dankbar, daß ſie ihr einen Schirm gewährten gegen die Geſellſchaft, deren Lachen und Rufen noch eben zu ihr drang. Dieſe Ruinen waren ihr immer das liebſte Ziel, wenn ſie einmal einen langen Ritt machen wollte. Es träumte ſich gar ſchön unter den rau⸗ ſchenden Wipfeln der Urwaldstannen, zwiſchen den grauen Trüm⸗ mern der alten Burg, in welche hoch die weißen Wolken vom blauen Himmel herabſchauten, während die gelben Ginſterblumen, die in den Mauerſpalten wuchſen, melancholiſch im Abendwinde 265 nickten. Und dann die Ausſicht vom Thurm meilenweit, nach allen Seiten hin über das wogende Wäldermeer! Wie oft hatte ſie ſich aus dieſem Blick in die Weite neuen Muth und neue Kraft getrunken, die Enge dieſes Lebens zu ertragen! Es mußte ja doch einmal erreicht werden das Land der Verheißung, das jetzt in duftig blauen Streifen fernſter Bergketten mit dem Horizont zuſammenfloß. Ehe ſie ſich's verſah, ſtand ſie auf dem FPlatze vor dem Thurm, deſſen offene Thür ſie einzuladen ſchien, ſich wieder ein⸗ mal an dem Hoffnungsbild der Ferne zu erlaben. Sie brauchte dieſe Labung gerade jetzt. So ſtieg ſie die gewundene Steintreppe hinan, die in drei Abſätzen bis in die oberſte Etage führte, von der man auf einer kleinen Holzſtiege bis zur Zinne ge⸗ langte. In dieſer obern Etage befand ſich ein kleiner Bretter⸗ verſchlag, in welchem der Wärtel, der von dem Jagdſchloſſe aus die Fremden zu dem Thurm geleitete, Fernröhre, Flaggen und andere Utenſilien aufbewahrte, ebenſo wie das dicke Buch, in das er die Beſucher ihre Namen einzutragen bat. Als Hedwig an dieſem Gelaß vorüberkam, hörte ſie inner⸗ halb deſſelben ein Geränſch; ſie glaubte nicht anders, als daß es der Wärtel ſei, der die gebrauchten Sachen wieder in Ord⸗ nung bringe, und ſtieg die Holzſtufen hinauf. Und da lag es nun zu ihren Füßen, ihr geliebtes Meer grünragender Wipfel, aus dem hie und da eine kahle Felszacke inſelgleich hervorragte oder ein blauduftiges Waldthal wie ein verſunkenes Eden ſtill heraufgrüßte. Kein Laut in der weiten Runde, als dann und wann ein Ruf der ſich entſernenden Ge⸗ ſellſchaft, oder ein Geräuſch der Wagen, welche ſich in Bewe⸗ gung geſetzt hatten und auf den ſteilen ſteinigen Wegen in ihren Federn kreiſchten; dann verhallten auch dieſe Töne und der Schrei des Falken, der jetzt plötzlich hoch über dem Thurm flog, klang wie ein Triumphgeſchrei, daß er nun endlich ſein Revier wieder für ſich allein habe. Du ſollſt es ganz allein haben, ſagte Hedwig. Sie wendete ſich zum Gehen, als ſie einen eiligen Schritt die Treppe hinaufkommen hörte; ohne Zweifel war es einer von ————— 266 den Herren, der ſie zu ſuchen kam, von den Ueberläſtigen einer, die ſie den ganzen Tag umſchwärmt hatten und ihr auch jetzt dieſe paar Minuten Einſamkeit nicht gönnten. Der Marquis, welcher Hedwig nicht aus den Augen ge⸗ laſſen, hatte kaum bemerkt, daß ſie, nachdem der Fürſt bereits aufgebrochen war, keine Miene machte, mitzugehen, ſondern— ohne allen Zweifel abſichtlich— langſam und langſamer zwi⸗ ſchen den Ruinen einherſchritt und endlich ſogar eine andere Richtung einſchlug, die ſie noch mehr von der Geſellſchaft ent⸗ fernte, als er ſofort einem Beiſpiele folgte, das doch wohl nur für ihn gegeben ſein konnte, und der Dahinwandelnden leiſe, langſam nachging. Und nun verſchwand ſie im Thurm, der längſt von allen Neugierigen verlaſſen war. Er ließ ſich nur eben Zeit, ſeine Blicke umherzuſchicken und ſich zu vergewiſſern, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei und eilte dann, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Ah, der Herr Marquis! ſagte Hedwig. Sie hatte es nicht eben freundlich geſagt; von allen Läſti⸗ gen war ihr der Mann heute der läſtigſte geweſen; aber der Marquis hatte eine beſondere Auslegung für Hedwigs unfreund⸗ lichen Blick. Fürchten Sie nichts, Madame, ſagte er, die Stunde, die ich herbeigeſehnt, iſt endlich da. Hedwig war über eine Frechheit, an der ſie keine Schuld zu haben ſich bewußt war, die ganz und gar auf den Mann zurück⸗ fiel, im erſten Augenblicke weniger empört als erſtaunt. Sie blickte den Marquis mit großen Augen an, wie man Jemanden anblickt, der plötzlich etwas ſagt oder thut, deſſen man ihn nicht für fähig gehalten, wofür uns der Schlüſſel fehlt; dann aber erinnerte ſie ſich der Bewerbungen dieſes Mannes vor vier Jahren— Bewerbungen, deren freche Abſicht ſie damals nicht einmal verſtanden; erinnerte ſich der Scene vorgeſtern in Erichsthal und daß dies der Dank für die Güte war, mit wel⸗ cher ſie ſeine phantaſtiſche Liebeserklärung zurückgewieſen, und der Zorn kochte in ihrem heißen Herzen auf. Sie wollte, ohne den Mann einer Antwort zu würdigen, an ihm vorüber; aber er, —————— 267 der dieſes Schweigen, dieſe Flucht nur für einen Reſt von Schüchternheit hielt, die nur durch Kühnheit zu beſiegen ſei, vertrat ihr den Weg Ah, Madame, ſagte er, wagen denn wirklich die Herzen deutſcher Frauen nur unter dem Schleier der Nacht kühn zu ſein? Hier iſt kein Lauſcher in der Nähe; bis hieher hat der Graf ſeine Späher noch nicht geſendet. Wovon reden Sie? rief Hedwig, ſich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend. Der Marquis beantwortete dieſe Frage mit einem Lächeln, das Hedwig beleidigender dünkte, als irgend eines ſeiner Worte. Herr Marquis, ſagte ſie, ich muß, wenn ich Sie nicht für den verächtlichſten der Menſchen halten ſoll, annehmen, daß Ihre allzu lebhafte Phantaſie Ihnen die ſonderbarſte Täuſchung vorgegaukelt hat, daß Sie ſich in einem ungeheuren Irrthum befinden. Wie dem aber auch ſein mag; dieſe Scene, die über⸗ aus lächerlich ſein würde, wenn ſie nicht ſo überaus unſchicklich wäre, muß zu Ende ſein. Sagen, daß ſie ſich nicht wieder⸗ holen darf, hieße mich beleidigen; ausſprechen, wie Sie am leichteſten einer Verſuchung entgehen, der Sie ſo ſehr ausgeſetzt ſcheinen, verbietet mir die Erinnerung an die Freundlichkeiten, die Sie mir früher und ſpäter erwieſen haben, und mein Glaube an Ihre beſſere Natur, auf die Sie ſich ſo ſchnell als möglich beſinnen mögen. Diesmal wagte der Marquis nicht, Hedwig aufzuhalten, als ſie an ihm vorüber nach dem Eingang zur Treppe ſchritt und in der Oeffnung alsbald verſchwand. Wie in einer Bühnenverſenkung, ſagte der Marquis, mit dem Fuße ſtampfend. Er trat an die Brüſtung und ſchaute hinüber, hinunter, und ſah, wie Hedwig eben aus dem Thurm trat, als er plötz⸗ lich hinter ſich ein Geräuſch vernahm. Erſchrocken wandte er ſich um; der Graf ſtand vor ihm. Der Graf hatte mit einer größeren Abtheilung der Geſell⸗ ſchaft auf der Zinne des Thurmes geſtanden, als man unten Herrn von Zeiſel rufen hörte, daß Durchlaucht bereits aufge⸗ 268 brochen ſei. Man hatte ſich beeilt, dieſem Ruf nachzukommen; langſamer war der Graf gefolgt. Als er an dem kleinen Verſchlage vorüberkam, hatte er einen Blick durch die nur angelehnte Thür geworfen und das dort auf einem Tiſche ausliegende Fremdenbuch hatte ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt. In zerſtreuter Neugier war er eingetreten, hatte angefangen, in dem Buche zu blättern, ein paar Namen gefunden, die ihn intereſſirten, und weiter geblättert. So waren ihm einige Minuten verſtrichen, als er das Rauſchen eines Ge⸗ wandes hörte und durch die Spalte der Thür eine Dame die letzte kleine Holztreppe hinaufgehen ſah. Er glaubte Hedwig erkannt zu haben. Regungslos, mit hochklopfendem Herzen, das Blatt, welches er eben hatte umwenden wollen, zwiſchen den Fingern, ſtand er da.— Dieſe Leidenſchaft macht Dich zu einem feigen Kinde, ſprach er bei ſich. Und während er noch immer unſchlüſſig zauderte, ob er ſich Gewißheit verſchaffen ſolle oder nicht, hörte er einen zweiten Schritt— den Schritt eines Mannes— eilig die ſteinerne Wendeltreppe heraufkommen. Das Blatt, das er hielt, begann zu zittern; aber diesmal war es der Zorn, der ſeine Hand beben machte. Wer konnte der Eilige ſein, wenn nicht der Marquis? Und es war der Marquis. Wie er vorhin Hedwig durch die Thürſpalte geſehen zu haben glaubte, ſah er jetzt ſehr deut⸗ lich den Verhaßten daran vorüberfliegen und unmittelbar ver⸗ nahm er über ſich des Verhaßten Stimme. In dem Zinkdach, das er faſt mit dem Haupte berührte, war freilich ein kleines Fenſter eingeſchnitten, durch welches der Verſchlag Licht empfing. Aber es beſtand aus ſehr dickem Glaſe und war zum Ueber⸗ fluß feſt verſchloſſen. So war es dem Grafen nicht möglich, von der kurzen, in athemlos leidenſchaftlichem Ton geführten Unterredung der Beiden mehr als dann und wann ein Wort zu verſtehen. Sein Stolz wollte nicht zugeben, daß er für dieſe Bewegung Hedwig verantwortlich machen dürfe, aber die Eiferſucht raunte ihm zu, ſelbſt der Margquis könne dies nicht gewagt haben, ohne ihrer Verzeihung von vornherein ſicher zu 4 ſein. Und dann— gleichviel— wenn ſie es duldete— er wollte es nicht dulden; und ſein Herz ſchlug hoch, daß er end⸗ lich habe, wonach er geſucht. Da kamen ſie die Treppe herab— nein— nur ſie! na⸗ türlich! ſie durften ſich ja nicht zuſammen ſehen laſſen! aber er war noch oben, discret wartend, bis er ihr den nöthigen Vor⸗ ſprung gelaſſen! Das Rauſchen ihres Kleides war nicht mehr zu hören; mit einem Sprunge war der Graf die Treppe hinauf. Die beiden Männer ſtanden ſich gegenüber, ſehr nahe— es war nicht eben viel Raum auf der kleinen Plattform— und ſie ſtarrten einander mit glühenden Augen an. Das Ausweichen iſt hier ſchwieriger, als auf dem Parquet des Tanzſaales, ſagte der Graf. Ich habe nicht das Glück, den Herrn Grafen zu verſtehen, ſagte der Marquis. Es liegt vielleicht an meinem ſchlechten Franzöſiſch, ſagte ver Graf; ich beklage, daß ich nicht deutſch mit Ihnen reden kann, hoffe aber, daß wir dennoch zu einer Verſtändigung ge⸗ langen. Er hatte bei dieſen Worten die Thür zugemacht und ſich darauf geſtellt, als wolle er den Marquis an einem Fluchtver⸗ ſuch verhindern Der Margquis fühlte die Abſicht und das Blut ſchoß ihm in die Schläfen. Genug, ſagte er, und mehr als genug! Sie werden mir die Satisfaction für dieſe Beleidigung nicht verweigern. Das caudiniſche Joch iſt bereit, ſagte der Graf, indem er von der Thür heruntertrat, dieſe an dem Ringe in die Höhe zog und den Marquis mit einer höflichen Handbewegung ein⸗ lud, voranzugehen. Der Marquis taumelte zurück. Das caudiniſche Joch iſt bereit, wiederholte der Graf. Es giebt nur dieſen einen Weg, denn der andere über die Brüſtung da, ſechszig Fuß hinab auf den Waldboden, iſt doch wohl nicht nach Ihrem Geſchmack. Wenigſtens würde ich dieſen zweiten Weg nur gemeinſchaft⸗ lich mit Ihnen machen, ſagte der Marquis, vor Wuth zitternd. —— 270 Ich zweifle daran, ſagte der Graf; ſollten Sie nicht auch meinen? Eine Brutalität, deren nur ein Deutſcher fühig iſt, murmelte der Marquis. Wollte Gott, wir Deutſchen wären immer ſo brutal geweſen! erwiederte der Graf. Geniren Sie ſich nicht; es iſt nur der erſte Schritt, der etwas koſtet. Ihnen das Leben, ſagte der Marquis, an dem Grafen vor⸗ über die Treppe hinabſtürzend.. Das werden wir ſehen, erwiederte der Graf mit verächt⸗ lichem Lächeln, einen Blick grimmiger Zufriedenheit über den kleinen Raum werfend, wie ein Sieger über das Schlachtfeld, das er widerſpruchslos behauptet; folgte dann dem Marquis die Treppe hinab, durch den Wald und erreichte die Geſellſchaft faſt in demſelben Augenblicke mit ihm. Wenige Minuten vorher war Hedwig, die auf dem länge⸗ ren Fußpfade mehr Zeit gebraucht hatte, von einer anderen Seite eingetroffen. Sie bemerkte zwar die Anweſenheit der bei⸗ den Männer mit einiger Befremdung, ohne indeſſen auf den Gedanken zu fallen, daß unterdeſſen eine Begegnung zwiſchen ihnen ſtattgefunden haben könne. War doch die fieberhafte Le⸗ bendigkeit, mit welcher ſich der Marquis in die Converſation miſchte, für ſie nur zu erklärlich! Und was den Grafen betraf, ſo erinnerte ſein vornehm⸗ruhiges Geſicht nicht mit der leiſeſten Miene an die verhängnißvolle Scene, die auf der Zinne des Thurmes eben jetzt geſpielt hatte. Auch ließ ihr die Emſigkeit, mit welcher einige Herren der Geſellſchaft ſich jetzt um ſie bemühten und ihr bei dem Hinab⸗ ſteigen ihre Hilfe anboten, nicht viel Zeit zum Nachdenken. Herr von Zeiſel trieb die Geſellſchaft unaufhörlich zur Eile, in⸗ dem er die Gefahr der Bergnebel, die jetzt wirklich in den tiefe⸗ ren Schluchten zu ziehen begannen, als ſehr erheblich ſchilderte, ſogar von einem Gewitter ſprach, das durchaus in einer großen, weißen, goldgeränderten Wolke ſtecken ſollte und ſehr wahrſchein⸗ lich die Geſellſchaft noch unterwegs überraſchen werde. Man lachte, ſcherzte, ſuchte, indem man von Stein zu Stein ſprang, ————— einander an Gewandtheit und Schnelligkeit zu überbieten und gelangte in der heiterſten Laune auf dem offenen Platze vor dem Jagdſchloſſe an. Hier hatte unterdeſſen der Oberforſtmeiſter nach Verabredung mit Herrn von Zeiſel aus Stangen und Tannenzweigen eine große offene Laube herrichten laſſen, unter welcher mit Erfriſch⸗ ungen aller Art reichbeſetzte Tafeln nach der Anſtrengung der Wanderung den Meiſten doppelt willkommen waren. Man ver⸗ brachte, während die Sonne, die bereits hinter die Berge ge⸗ taucht war, nur noch auf den höchſten Zinnen des Schloſſes ſchimmerte und dann auch dieſe verließ, um oben die Ränder der weißen Wolken mit Purpur zu ſäumen, Thee trinkend oder Champagner ſchlürfend, eine behagliche halbe Stunde, bis die kühlere Luft, die aus den Waldthälern heraufwehte, ernſtlich zur Heimkehr mahnte. Der Weg bergab konnte freilich viel ſchneller zurückgelegt werden, dennoch war es bereits dunkel, als man auf Schloß Roda anlangte, und vollkommen Nacht, als man ſich eine Stunde ſpäter, nachdem noch einmal im perſiſchen Zimmer Thee und Erfriſchungen herumgereicht waren, bei Seiner Durchlaucht und der gnädigen Frau verabſchiedete. Das war ein heißer Tag, ſagte Herr von Zeiſel, als er auf ſeinem Zimmer angelangt war, ein heißer, glückſeliger Tag. Durchlaucht war mit ſeiner Launenhaftigkeit zum Verzweifeln; aber ſie war himmliſcher, als Worte es ſagen können, und ich bin ſo müde, daß ich Gott danke, wenn für heute Alles vorbei iſt: durchlauchtige Launen, langbeinige Engländer, Naturſchwär⸗ men, Waldduft, Sonnenſchein, Liebe, Alles! Und morgen Mittag nach der Station zum Empfang der Frau Gräfin Mutter, Diner um Fünf— eine Welt— hol' ſie der Geier! Es iſt genug, daß ein jeder Tag ſeine eigene Plage habe; heute bin ich zu nichts mehr gut als zum Schlafen. 272 Achtzehntes Capitel. Herr von Zeiſel ſchlief, ermüdet von des Tages Laſt und Luſt, ſo tief, daß er von dem auffallend regen Leben, welches bald nach Mitternacht die tiefe Stille des Schloſſes unterbrach, nichts hörte; nichts von dem Gehen und Kommen zwiſchen dem Schloſſe und dem Cavalierhauſe, nichts von dem Hin⸗ und Herlaufen der Leute auf den Corridoren, nichts von dem Ge⸗ räuſch, mit welchem man eine Stunde ſpöter drei Wagen au den Remiſen auf den Hof ſchob, bis man endlich laut und lauter an die Thür ſeines Zimmers pochte. Vor ſeinem Bette ſtand, mit einer Hicht in der Hand, der Diener und bat um Entſchuldigung, wen er Herrn von Zeiſel habe wecken müſſen. Was giebt's denn, fragte der Cavalier, ſich den Schlaf aus den Augen reibend. Die franzöſiſchen Herrſchaften wollen fort. Wie? was? rief der Cavalier, der ſeinen Ohren nicht traute. Und der Herr Roſel iſt in dem Zimmer des Herrn von Zeiſel und laſſen den Herrn von Zeiſel um ein paar Minuten bitten. Der Cavalier ſprang aus dem Bett, hüllte ſich in den Schlafrock und trat in ſein Wohnzimmer, wo er Herrn Roſel, bereits im Reiſeanzug, ſeiner harrend fand. Ich bitte tauſendmal im Namen des Herrn Marquis und in meinem eigenen Namen um Entſchuldigung, ſagte Herr Roſel, aber dieſe leidige Politik, mit der wir ein⸗ für allemal abge⸗ ſchloſſen zu haben glaubten! Man gönnt uns nicht die wohl⸗ verdiente Ruhe. Unſere Regierung glaubt, in ſolcher Zeit die Dienſte des Marquis nicht entbehren zu können. Der Marquis findet geſtern Abend beim Nachhauſekommen einen eigenhändigen Brief des Miniſters, in welchem dieſer ihn beſchwört, ihm zu⸗ liebe noch einmal das Neſſushemd des Diplomaten anzuziehen und unverzüglich zur Unterſtützung des Herrn von Benedetti 273 nach Ems abzugehen. Der Marquis iſt außer ſich, aber was thun? Zu einer ſolchen Bitte Ja ſagen, wenn man ſich ſo vortrefflich unterhält, i ſchner; Nein ſagen, wenn das Wohl Frankreichs, Deutſchlands, der Felt auf dem Spiele ſteht, noch ſchwerer, ja unmöglich. Der Lerr Marquis wollte anfänglich wenigſtens erſt den Morgen erwarten, aber ſeine Ungeduld läßt ſich nicht länger zügeln; er will, oder beſſer, er muß fort, ſo⸗ gleich, und bittet den Herrn von Zeiſel unt Pferde für unſere Equipagen nur bis Rothebühl, auf keinen Fall weiter, von dort werden wir ſelbſtverſtändlich Extraprſt nehmen. Seine Durchlaucht wird untröſt ich ſein, ſagte Herr von Zeiſel. Ich werde ſofort Befehl gelen, ihn zu wecken. Ich beſchwöre Sie— ſagte Herr Roſel. Auf meine Verantwor— ng! ſagte der Cavalier. Ich beſchwöre Sie, dies auf keinen Fall zu thun, ſagte Herr Roſel. Der Herr Marquis würde ſich das nie vergeben können. Er hat bereits in einem Briefe, welchen ich hier zu überreichen die Ehre habe und den ich Durchlaucht bei dem Lever zuzuſtellen bitte, Durchlaucht für ſeine unbeſchreibliche Güte gedankt, und er hofft mit Beſtimmtheit, dieſen Dank in wenigen Tagen, wenn dieſe leidige Affaire, wie wir Alle wünſchen, glück⸗ lich erledigt und er wieder frei iſt, perſönlich abſtatten zu dürfen. Wir kommen auf der Rückreiſ jedenfalls, und wäre es auch nur auf eine Stunde, nach dem lieben Roda. Alſo auf Wiederſehen, Monſieur! Herr Roſel ſtreckte dem Cavalier die Hand entgegen, die dieſer zögernd nahm. Die plötzliche Abreiſe in nächtlicher Weile, ohne vorherige Ankündigung, ohne Abſchied— in Malortie's Hofmarſchall war dieſer Fall nicht vorgeſehen; der Cavalier war ganz verſtört. Sie ſehen mich auf's Aeußerſte überraſcht, ſagte er. Ich weiß wirklich nicht— 6 Unſere Dispoſitionen. ſind getroffen, ſagte Herr Roſel dringend. Ich werde die nöthigen Befehle geben, ſagte Herr von Zeiſel entſchloſſen. Fr. Spielhagen's Werke. x. 18 274 zur Abreiſe fertigen Wagen, an die jetzt auch der Marquis, aus dem Schloſſe kommend, herantrat. Der Marquis war außer ſich, daß Herr von Zeiſel ſich nun doch hatte derangiren laſſen. Das ſei ganz und gar gegen ſeine Abſicht, wenn es ihn auch wahrhaft glücklich mache, nun Herrn von Zeiſel für ſeine Liebenswürdigkeit perſönlich danken und ihm ſeine ehrfurchts⸗ vollen Grüße an Madame und Durchlaucht perſönlich überliefern zu dürfen Der Marquis drückte dem Cavalier wiederholt die Hand und ſprang dann ſchnell in den Wagen; Herr Roſel folgte langſamer. Als er bereits den Fuß auf dem Tritt hatte, beugte er ſich zu dem Cavalier zurück unv ſagte auf Deutſch: Wir hoffen, als guten Dank für Ihre Gaſtfreundſchaft, in kürzeſter Friſt ein Stück blutiger Revanche für Sadowa zurück⸗ ſchicken zu können, das der Marquis an den alten Herrn und ſeine junge Gemahlin zu adreſſtren gedenkt, und das ich für mein Theil an Sie, den ſüchſiſchen Officier, adreſſire. Herr Roſel hatte an der Seite des Marquis Platz ge⸗ nommen; die drei Wagen ſetzten ſich in Bewegung. Herr von Zeiſel ſagte den Leuten, die umherſtanden und ſich in halb⸗ lautem Ton ihre Bemerkungen mittheilten, daß ſie nun wieder zu Bett gehen möchten und begab ſich zu demſelben Zweck auf ſein Zimmer Aber es dauerte lange, bis der Schlaf ſich wieder auf ſeine Augen ſenkte. Die Abreiſe des Marquis, die ihn bis dahin um des Fürſten willen nur unangenehm geweſen war, hatte durch die letzten Worte des Herrn Roſel einen ſonderbar zwei⸗ deutigen, myſteriöſen Charakter angenommen, der ihm viel zu denken gab. Was hatte der Mann mit dieſen Worten, deren Inhalt und Form ſo ganz der erſten höflichen Auseinander⸗ ſetzung widerſprach, ſagen wollen? Ein Stück blutiger Revanche für Sadowa, an den Fürſten adreſſirt— an mich adreſſirt? Sollte es wirklich zum Kriege kommen? Meint er, ich werde mich freuen, wenn wir geſchlagen werden? Nun ich habe Sechsundſechszig darüber anders ge⸗ Eine Viertelſtunde ſpäter ſtand er auf dem Hof neben den, 1 acht; damals hatte ich, wie wir Alle, entſchieden franzöſiſche Sympathien, aber ich glaube, man braucht nur ein paar Tage in perſönliche Berührung mit den Herren zu kommen, um von ſeiner Vorliebe gründlich geheilt zu werden. Dieſe franzöſiſchen Windhunde! Ich liebe den Grafen juſt auch nicht, aber das iſt denn doch ein anderer Mann; ich werde ihn wahrhaftig in dieſen Tagen einmal an ſeine Propoſition erinnern; man kann doch nicht zurückbleiben, wenn es wirklich losgeht. Dazu iſt der alte Herr von Fiſchbach ein enragirter Preuße. Adele wird nicht weniger gut preußiſch ſein; ich würde ihr zuliebe koſakiſch oder tartariſch werden, da liegt mir Preußen doch näher. Die Politik war ein Thema, das unter allen Umſtänden muf Herrn von Zeiſel wie ein Schlaftrunk wirkte, wenn der Trank, wie in dieſem Falle, ſtark mit Liebe gemiſcht war. Herr von Zeiſel ſchlief wieder ein; er ſollte nicht lange lafen. Ich bitte um Entſchuldigung, ſagte der Diener der aber⸗ mals vor dem Bette ſtand— ohne Licht diesmal, der Norgen dämmerte bereits durch die Vorhänge— aber der Herr Graf wünſchen eine Equipage zu einer Ausfahrt für den Tag nach Neuhof, und da heute Mittag noch Wagen an die Station müſſen, um Excellenz abzuholen, wußte der Wagenmeiſter nicht, welche Wagen genommen werden ſollen. Und der Stallmeiſter läßt fragen— Nehmt, was Ihr wollt, laßt mich zufrieden! ſchrie Herr von iſel, der aus einem himmliſchen Traum erweckt wm in wel⸗ hem er mit Adele Hand in Hand am Ufer eines Baches wan⸗ delte, drin ſilberne Fiſchlein ſpielten; und drüben auf dem an⸗ deren Ufer hatten die glücklichen Eltern geſtanden und Herr von Fiſchbach hatte aus der Schürze ſeiner Frau mit vollen Händen immer mehr ſilberne Fiſchlein in den Bach geſtreut und geſagt: Dies Alles iſt für Euch, ſeid glücklich! In Kukuks Namen, laßt mich zufrieden! ſagte Herr von Zeiſel noch einmal und legte ſich auf die andere Seite. Aber der Diener hatte kaum das Zimmer verlaſſen, als Cavalier aufrecht im Bette ſaß. Das war denn doch ein ſonderbares Zuſammentreffen! Um — —— —————— 276 zwei Uhr, das heißt drei Stunden früher als nöthig, um über Rothebühl den Anſchluß an die Bahn zu erreichen, reiſt der Marquis mit Sack und Pack. Jetzt um drei Uhr Morgens fährt der Graf nach Neuhof, wo er in anderthalb Stunden 3 bequem ſein kann und den Tag zubringen will, denſelben Tag, 1 an deſſen Abend ſeine Schwiegermutter kommt! Was bedeutet das? Was konnte es bedeuten als ein Rencontre? Aber die Herren waren ja geſtern Abend jeder in ſeiner. Weiſe noch ſo überaus heiter geweſen beim Imbiß vor dem Jagdſchloſſe und hernach noch beim Thee, und der Baron Neu⸗ hof hatte ſich ſo angelegentlich mit Herrn Roſel, den er früher gar nicht beachtet hatte, unterhalten. Ja gerade das war ver⸗ dächtig; man hatte Verabredungen getroffen, man hatte ſich ver⸗ ſtändigt; das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Das mich nichts angeht, ſagte der Cavalier; möge der Geier Beide holen, wenn ſie einen ordentlichen Kerl nicht ſchlafen laſſen wollen. Da wurden die Pferde vorgeführt und Oscar von Zeiſel ſprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett. Hatte denn der Graf ſchon einen Secundanten? War es nicht Pflicht eines Zeiſel, einem Roda⸗Steinburg im Kampfe beizuſtehen? Ich hätte ja den Herrn Roſel auf mich nehmen können— partie quarrée! Es iſt ſchändlich von dem Grafen, daß er an mir vorübergegangen iſt! Aber dieſe preußiſchen Ariſtokraten ſind am liebſten unter ſich und gönnen einem ehr⸗ lichen Kerl nicht einmal das Bischen Dreinſchlagen! Diesmal ging Herr von Zeiſel nicht wieder zu Bett, da er fühlte, daß er doch nicht würde ſchlafen können. Er zündete ſich eine Cigarre an und legte ſich auf das Sopha, über dieſe ſeltſame Geſchichte in Muße nachzudenken— Um dieſelbe Zeit ſchritt Hermann in ſeinem Zimmer auf und nieder zwiſchen den Koffern, die er bereits geſtern gepackt hatte, ſobald er erfahren, daß die Gräfin mit dem Geheimrath am folgenden Tage kommen werde. Er war ſofort entſchloſſen geweſen, daß die Ankunft der Erwarteten und ſeine Abreiſe auf denſelben Tag fallen müßten; daß er ſich durch nichts beſtim⸗ men laſſen dürfe, bis zum Geburtstag des Fürſten zu bleiben. Er hatte ſeinen Entſchluß dem Fürſten perſönlich mittheilen zu müſſen geglaubt; der Fürſt hatte ihn ſehr ungnädig angehört und ſehr ungnädig verabſchiedet. Hermann hatte ſich dadurch nicht irremachen laſſen; er hätte am liebſten die Stille und Einſamkeit, die geſtern im Schloſſe herrſchte, benützt, um, von Niemandem beachtet, von Niemandem gehalten, von Niemandem fortgeſchickt., einſam ſeine einſame Straße zu ziehen. So war der Tag vergangen, der Abend herangekommen. Die Geſellſchaft war von dem Jagdſchloß zurückgekehrt; er hatte das Rollen der Wagen gehört und einen flüchtigen Blick auf den von Fackellicht erhellten Schloßhof geworfen, als die Geſellſchaft eine Stunde ſpäter aufbrach, und war in ſeinem Herzen dank⸗ bar geweſen, daß er mit dem Allem nichts mehr zu thun hatte, daß man ihn unbehelligt auf ſeinem Zimmer ließ, wie einen Schauſpieler, der für den Abend ſeine Schuldigkeit gethan und nun ſtill zur Hinterthür hinausſchleicht, während der Lärm auf der Bühne ununterbrochen weiter geht. Morgen mußte er noch einmal hinauf auf dieſe Bühne, die Abſchiedsrolle zu ſpielen, eine leidige Rolle, die unleidlich geweſen wäre, hätte er ſich nicht mit dem Gedanken getröſtet: s iſt eben das letztemal! Er hatte ſeine Sachen vollends ge⸗ packt, ſeine Papiere geordnet, Briefe geſchrieben. Darüber war die Nacht hereingebrochen, deren Stille diesmal ſo wenig re⸗ ſpectirt wurde. Aber Hermann hatte nicht auf die Unruhe ge⸗ achtet; ſo war es ein, zwei Uhr geworden. Endlich war er fertig; er ſtand auf und trat an das offene Fenſter. Das erſte Morgengrauen dämmerte am öſtlichen Hori⸗ zont, aber noch war Alles ſtill, kein Vogellaut in den regungs⸗ loſen Bäumen. Wie oft hatte er ſo in ſeliger Frende den Tag herangewacht, der wieder eine Stunde bringen mußte, wo er ſie ſehen, ſie ſprechen durfte! Das war derſelbe Morgen⸗ ſtern, der ihm ſo oft in das Herz geſchienen; das waren die⸗ ſelben Berge, deren verſchleierte Formen zu unterſcheiden er ſein ſcharfes Auge gewöhnt hatte; das waren dieſelben Wipfel, die wie in tiefem Schlaf dem Anhauch der Frühe entgegenharrten; 278 das war daſſelbe geheimnißvolle Rauſchen und Raunen, das nur die Nacht kennt— es war Alles wie damals, und doch war Alles anders; es war nicht mehr dieſelbe Welt. Auf dem Hofe wurde es laut: man machte die Wagen des Marquis zur Abreiſe fertig. Auf dem Gange, der an dem Zimmer hinlief, war ein Kommen und Gehen und jetzt wurde an ſeine Thür gepocht. Auf ſein verwundertes Herein ſchlüpfte Herr Roſel in das Ich ſah Licht durch Ihre Thürſpalte, ſagte Herr Roſel, und wollte auf jeden Fall den Verſuch machen, mich Ihnen zu empfehlen. Ja, mein lieber Freund— ich nenne Sie ſo, obgleich Sie dem Drange, der mich zu Ihnen zieht, wenig Auf⸗ munterung haben zu Theil werden laſſen; aber die gemein⸗ ſchaftlichen Intereſſen ſind ein ſtärkeres Band als perſönliche Sympathien— ja, mein lieber Freund, der Kampf, deſſen Ausbruch ich Ihnen prophezeit habe, er beginnt, und beginnt in der Weiſe, wie ich ihn prophezeit habe. Unſere Herren gehen, einander die Hälſe zu brechen im Kleinen, wie ſie es, ſo Gott will, demnächſt im Großen thun werden. Aber das alte quic quid delrant reges ſoll diesmal nicht ſeine leidige Geltung haben; die Argiver diesſeits und jenſeits des Rheins werden den Wahnſinn ihrer Fürſten nicht büßen. Sie ſehen mich verwun⸗ dert an, lieber Freund; aber ſoll ich Ihnen auch Sand in die Augen ſtreuen, wie ich es eben bei dem lieben Herrn von Zeiſel auf Befehl des Marquis habe thun müſſen? Soll ich Ihnen auch erzählen von der diplomatiſchen Miſſion, welche den Marquis nach Ems führt? Dazu habe ich zu viel Hochach⸗ tung vor Ihnen, und wir haben unſere letzten Minuten zu wichtigeren Dingen zu verwenden. Ja, mein Freund, der Krieg um Troja entbrennt und wir werden auf derſelben Seite fech⸗ ten. Wir wiſſen, wo das heilige Bild der Pallas ſich befindet, das Bild der Herrſcherin; was kümmert uns die ſchöne Helena, die unſere lieben reges freilich als casus belli haben müſſen und natürlich auch diesmal haben. Ihr guter alter Menelaus, dem nun zwei Paris auf einmal geworden, nur daß er, wie es 279 ſcheint, den rechten behält, während der falſche bei Nacht und Nebel aus Lacedämons Fluren weichen muß! Es iſt zum Lachen, aber ſelbſt zum Lachen habe ich nicht Zeit. Auf Wieder⸗ ſehen alſo, mein Freund, mein Waffenbruder! Auf Wieder⸗ ſehen in der Ebene des Scamander, deſſen Wogen fortan nicht mehr die ſreien Männer hüben und drüben trennen ſollen! Herr Roſel war leiſe gegangen, wie er gekommen war; Hermann blickte ihm mit ſtarren Angen nach. Was hatte der Mann mit den unheimlichen Augen da ge⸗ ſagt? War es eine Ausgeburt ſeiner hirnverbrannten Phantaſie geweſen, in welcher ſich die einfachſten Dinge zu abenteuerlichen Fratzen verzerrten? Hatte er die Thatſache, daß der Marquis plötzlich abreiſen mußte, in ſeinem Geſchmack zu einem ſeltſamen Räthſel aufgeputzt, zu einem Räthſel, das vielleicht nicht ſo ſeltſam war, wenn man den Faden feſthielt, der ſich durch ſeine tollen Reden zog? Ja, ja, es war kein Räthſel, was der Mann erzählte; im Gegentheil, es war die Löſung der Frage; wer von Beiden weichen ſolle, der Graf vder der Marquis. Er hatte gedacht, daß es der Graf ſein müſſe; der Graf war anderer Meinung geweſen; er hatte den Marquis in einen Streit verwickelt, ihn zum Duell gezwungen, das, wie es auch ausfiel, den Marquis von Roda vertrieb. Es ſah dem Grafen gleich, zu einem ſol⸗ chen Auskunftsmittel zu greifen. Und was nun geſchehen ſollte, geſchah es mit ihrem Wiſſen, mit ihrer Zuſtimmung? Sie hatte verſprochen, ihren Einfluß bei dem Grafen geltend zu machen, ihn zur Abreiſe zu bewegen. Hatte ſie ihr Verſprechen nicht halten können? warum nicht halten können? Mußte der Graf nicht gehen, wenn ſie ihn ernſtlich bat? Ernſtlich! Es war ihr vielleicht nicht Ernſt damit geweſen, gewiß nicht Ernſt geweſen. Sie hatte ihn nicht verlieren wollen, hatte es lieber auf einen Kampf ankommen laſſen wollen, aus dem ihr Ritter natürlich ſiegreich hervorging, aus dieſem Kampfe wie aus jedem! Konnte er ſie vor einem tollen Hirſch beſchützen, weshalb nicht vor einem galanten Franzoſen, der noch dazu eine — —— —— —— 280 Art von Nebenbuhler war oder doch mit Leichtigkeit dazu ge⸗ macht werden konnte, wenn man wollte, wenn das Spiel ſich nur auf dieſe Weiſe gewinnen ließ. Ja, ja, ſo war es, es konnte nicht anders ſein. Den eitlen Marquis in die Paris⸗ maske zu bringen, war ja eine Kleinigkeit, und der gute alte Menelaus mußte dem wahren Paris noch dankbar ſein, daß er ihn von dem falſchen befreite! Und heute, vielleicht ſchon in ein paar Stunden war er wieder zurück, um ſich den Dank ein⸗ zufordern und— ſo lag ich aus, ſo führt' ich meine Klinge! Und ich ſoll das ruhig mit anſehen, mich womöglich auch noch bedanken, daß man ſo zartfühlend war, ſich in dieſer delicaten Sache meiner Dienſte zu entſchlagen? Ich will verdammt ſein, wenn ich das thue! wenn ich jetzt noch irgend ein Bedenken, eine Rückſicht gelten ließe, die mich ewig vor mir ſelbſt ver⸗ ächtlich machen müßten. Was ſollte ich denn noch hier? Ich habe den Fürſten gewarnt, beſchworen— er hat mich ungnädig angehört, den unberufenen, überläſtigen Rathgeber; mich geſtern noch verabſchiedet wie einen Diener, mit dem man unzufrieden iſt. Ich habe ſie die Stimme des Freundes hören laſſen— ſie hat ihr Ohr, ſie hat ihr Herz verſchloſſen! Ich habe nach allen Seiten gethan, was ich konnte; ich bin Niemand, Niemand etwas ſchuldig geblieben, mögen die Anderen ſehen, wie es mit ihrer Rechnung ſteht! Er nahm die Caſſette, in welcher er ſeine wichtigen Pa⸗ piere hatte, wieder aus dem Koffer und ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Von den Briefen, die vorhin geſchrieben waren, mußten ein paar umgeſchrieben werden, und dann war noch einer zu ſchreiben: ein paar Zeilen nur an den Einzigen, der es von Anfang an treu und ehrlich mit ihm gemeint und der auch der Einzige war, der ihn vermiſſen würde. Er hatte haſtig geſchrieben, wie Jemand, der fertig werden will; und als er jetzt haſtig die Caſſette wieder ſchließen wollte, entglitt dieſelbe ſeinen Händen und ſtreute die Papiere, welche ſie enthielt, auf den Schreibtiſch und auf den Boden. Hermann glaubte ſämmtliche Packete aufgeſammelt zu haben; aber er war zu ungeduldig, um ſich davon zu überzeugen, wie es die Wichtig⸗ % 281 keit der Papiere erheiſchte, und er es unter andern Umſtänden ſicher gethan hätte. Jetzt nahm er ſich nicht einmal die Mühe, das Licht, welches beim Umherleuchten am Boden und unter dem Schreibſecretär ausgegangen war, wieder anzuzünden. Er ſetzte den Leuchter auf den Tiſch und trat an das Fenſter. Die Dämmerung war ſchon weit vorgeſchritten; deutlich hoben ſich die Berge ab von dem helleren öſtlichen Himmel; der Park lag, in durchſichtiges Grau gehüllt, zu ſeinen Füßen, aber ſchon regte ſich hie und da ein Blatt in dem Hauch des Morgenwindes, ein paar Vogelſtimmen ertönten wie verſchlafen; dann war Alles wieder regungslos und ſtill. Heiß quoll es auf in dem Herzen des jungen Mannes. Er grüßte hinüber zu den Bergen und hinab in den ſtillen Garten. Ich habe euch ja ſo geliebt, und ihr ſeid ja nicht ſchuldig; ihr habt mir nie⸗ mals wehe gethan, lebt alle wohl!— Herr von Zeiſel lag noch immer ausgeſtreckt auf dem So⸗ pha, die ſonderbaren Ereigniſſe der Nacht in ſeinem bekümmer⸗ ten Herzen wälzend. Da hörte er auf dem Hofe, wo es in der letzten Viertelſtunde ganz ruhig geweſen war, ſchon wieder Roſſeshufe und, an das Fenſter ſpringend, ſah er nur eben noch, wie ein Reiter zum Thor hinausritt. Diesmal wartete er nicht, bis der Diener ihm abermals eine fatale Meldung gebracht hätte; er klingelte ſo heftig, daß die Schnur in ſeiner Hand blieb und ſchrie dem Johann, der denn auch alsbald kam, entgegen: Wer war denn das, der da eben fortritt? Der Herr Doctor, ſagte Johann, und hier iſt ein Brief, den mir der Herr Doctor, als er zu Pferde ſtieg, für Herrn von Zeiſel gegeben hat. Der Cavalier riß das Couvert auseinander und las: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich hätte Ihnen im Laufe des Tages doch Lebewohl ſagen müſſen, ſo mag es nun ein paar Stunden früher ſein. Und wenn ich nicht verſucht habe, noch einmal Ihre Hand zu drücken, ſo iſt es, weil ich Ihnen und mir den Abſchied erſparen wollte. Sie werden ſagen: das iſt keine Abreiſe, das iſt eine Flucht. Sagen Sie 282 es immerhin! Ich will in Niemandes Augen beſſer und tapferer erſcheinen, als ich bin, in Ihren Augen am wenigſten. Kein Menſch iſt verpflichtet, über das Maß ſeiner Kraft hinaus zu handeln und zu dulden, und ich bin an der Grenze meiner Kraft angekommen. Ich laſſe nur eben eine Laſt fallen, die ich nicht weiter tragen kann. Und wälzen ſie auf mich, werden Sie ſagen? Nein, mein Freund, Sie ſollen nichts zu verant⸗ worten haben. Für Sie bin ich einfach fortgeritten, und das ſei genug. Alles Andere überlaſſen Sie mir. Der Fürſt wird mir nicht verzeihen können, aber darauf bin ich gefaßt. Meine Sachen finden Sie in meinem Zimmer. Sie wollen ſie mir nach Hannover nachſchicken, wohin ich gehe. Meinen Goethe habe ich zurückgelaſſen; Sie hatten die Ausgabe immer ſo gern. Den Brownlock ſtelle ich in der Goldenen Henne ein; ich bitte Sie nicht, daß Sie ſich des ſchönen Thieres beſonders anneh⸗ men; ich weiß, daß Sie das ohnehin thun würden. Und nun noch einmal Lebewohl, lieber, einziger Freund, und mögen wir, bis wir uns wiederſehen, gelernt haben, daß, wer ſein Glück von Individnen abhängen läßt, einem Schatten nachjagt; daß wir nur Befriedigung finden können in dem ſtrengen Dienſt für das Große und Ganze, dem gegenüber wir uns nicht zu ſchämen brauchen, wenn wir weder groß, noch etwas Ganzes ſind.“ Nun, der müßte doch ein Engel ſein, der da nicht des Teufels werden ſollte! rief der Cavalier, den Brief auf den Tiſch ſchleudernd. Es fehlte nur noch, daß ich ſelber fort⸗ ginge! Und wer könnte es mir verdenken, wenn ich es thäte, bevor man mich wegſchickt! Dies wird mir Durchlaucht nie vergeben; ich hätte Alles wiſſen, ahnen, ich hätte ihn von Allem avertiren müſſen. Heiliger Malortie, iſt je ein Hofmarſchall in ſolcher Noth geweſen! Wie muß der Tag enden, der ſo angefangen hat! Reunzehntes Capitel. Nach der unruhigen Nacht war es heute ſehr ſtill auf dem Hof und in dem Innern des Schloſſes; unheimlich ſtill nach Herrn von Zeiſels Empfindung. Die Stunde war gekommen, in welcher er ſich nothwendig mit dem Uriasbrief, wie er das Schreiben des Margquis nannte, zu dem Fürſten begeben mußte, wenn er wenigſtens den Schein retten wollte, dem gnädigen Herrn die wichtige Nachricht, wie es ſich ziemte, zuerſt überbracht zu haben. Denn Herr von Zeiſel, obgleich er es ſich niemals merken ließ, wußte nur zu gut, daß er dem gnädigen Herrn für ge⸗ wöhnlich wenig zu berichten hatte, was derſelbe nicht bereits anderweitig erfahren. Er hatte das oft ſehr peinlich empfunden, vor Allem, weil die Quelle, aus welcher der Herr ſchöpfte, faſt niemals lauter und oft ſehr unlauter war. Aber heute Morgen hätte er gar nichts dagegen gehabt, wenn Herr Andreas Gleich ihm die Erfüllung ſeiner Pflichten vollſtändig abgenommen hätte. Herr Gleich war dieſem Wunſche heute ausnahmsweiſe nicht zuvorgekommen, obgleich er, noch bevor der Cavalier ſein Zim⸗ mer verlaſſen, die Ereigniſſe der Nacht: die Abreiſe des Mar⸗ quis, die Ausfahrt des Grafen, das Wegreiten Hermanns er⸗ fahren. Auf den letzteren Umſtand hatte er kein beſonderes Gewicht gelegt; er hatte ſich mit dem Plane, den ihm tief Ver⸗ haßten aus der Nähe des Gebieters zu entfernen, viel zu lange getragen, als daß er zu hoffen wagte, er werde ihn jemals ſo leichten Kaufes los werden. War er doch überzengt, daß all das Gerede von des Doctors Fortgehen nur eitel Wind ſei, den der Mann ausſäe, um ſich bitten zu laſſen, da zu blei⸗ ben und nebenbei noch ein höheres Gehalt vom Fürſten zu er⸗ preſſen. Aber die Abreiſe des Marquis und die Ausfahrt des Gra⸗ fen hatten ihm zu denken gegeben. Eine dunkle Ahnung, daß Beides in irgend einem Zuſammenhange ſtehen könne, hatte ſich ihm unwillkürlich aufgedrängt, da er aus flüchtig hingeworfenen Aeußerungen des Gebieters und noch mehr aus ſeiner eigenen Beobachtung zur Ueberzeugung gekommen war, daß das Ver⸗ hältniß der beiden Herren keineswegs beſonders gut ſei. In⸗ deſſen der eigentliche Zuſammenhang war ihm nicht klar ge⸗ worden und nur das hatte ihm ſofort eingeleuchtet, daß, welche Bewandtniß es auch immer mit den großen Neuigkeiten des Morgens habe, dieſelben keineswegs angenehm in das Ohr ſei⸗ nes Gebieters— der überdies in den letzten Tagen ganz aus⸗ nahmsweiſe verſtimmt gewefen war— klingen würden. Und da er die Marime hatte, beſonders Unangenehmes, ſo lange es ihn nicht direct anging, lieber durch Andere als durch ihn ſelbſt an den Fürſten kommen zu laſſen, war er heute Morgen, als er Durchlaucht einen guten Morgen wünſchte, mit ſehr leidender Miene vor demſelben erſchienen und er hatte auf Befragen ge⸗ antwortet: er habe eine ſehr ſchlechte Nacht zugebracht und ſei erſt gegen zwei Uhr eingeſchlafen, weshalb er auch wegen ſeines ſpäten Kommens um Entſchuldigung bitte. Der Fürſt hatte ihn darauf geheißen, ſich wieder hinzulegen, was aber Herr Gleich ſehr höflich und beſtimmt abgelehnt hatte. Er werde, wenn Durchlaucht es verſtatte, nur noch eine Stunde im Vorzimmer auf dem Lehnſtuhl nicken. Und da ſaß nun Herr Gleich im Vorzimmer auf dem Lehn⸗ ſtuhl, aber ohne zu nicken, höchſtens, wenn er einen Schritt auf dem Corridor hörte, um ſich zu überzeugen, ob das wohl Herr von Zeiſel ſein könne, der doch jetzt unbedingt bald kommen mußte, Durchlaucht Rapport zu erſtatten. Und jetzt war es wirklich des Cavaliers Schritt, und der Cavalier ſchaute zur Thür herein und fragte Herrn Gleich, der aus ſeinem tiefen Morgenſchlaf ganz verſtört emporſchreckte, ob Durchlaucht bereits auf ſei und ob er Durchlaucht ausnahmsweiſe jetzt ſchon in dringenden Angelegenheiten ſprechen könne. Herr Gleich ſagte, daß Durchlaucht allerdings ſchon auf und ſogar ſchon in ſeinem Arbeitscabinet ſei und daß er fragen wolle, ob er Herrn von Zeiſel vorlaſſen dürfe. Der Alte weiß noch von nichts, ſagte Herr von Zeiſel, oder will von nichts wiſſen; ich werde das ganze Vergnügen für mich allein haben. Durchlaucht laſſen bitten, ſagte Herr Gleich. Der Cavalier wollte fragen, wie Durchlaucht geſchlafen habe, aber er hatte ein ſolches Zugeſtändniß an den allmächtigen Kammerdiener noch niemals gemacht; ſo verſchluckte er denn ſeine Frage und folgte beklommenen Herzens dem Voranſchrei⸗ tenden, der ihm die Thür zum Arbeitscabinet des Fürſten öffnete. Der Fürſt ſaß an ſeinem Schreibtiſch in der Mitte des ſchönen Gemaches, ſo daß er den Blick durch die beiden Fenſter in die Berge hatte, und wendete ſich jetzt nach dem Eintreten⸗ den um. Das helle Morgenlicht fiel ihm dabei voll in das Geſicht, und in dem hellen Morgenlicht fah das Geſicht ſo bleich und verfallen aus, daß der gutmüthige Herr von Zeiſel die Schwere ſeiner Pflicht doppelt fühlte und die Neigung, die er bereits vorher verſpürte, nicht mehr zu ſagen, als unbedingt nothwendig ſein werde, vollauf berechtigt fand. Er begann alſo, dem gnädigen Herrn, der ihn mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen eingeladen, in möglichſt unbefangener Weiſe mitzutheilen, was er mitzutheilen hatte, und er zwang ſich, dieſe Unbefangenheit beizubehalten, trotzdem er die Miene des Fürſten aus Befremdung in Verwunderung, aus Verwunderung in Beſtürzung übergehen ſah. Ich kann nichts dafür, dachte er bei ſich; mögen ſie es verantworten, die es an⸗ geht; ich ſehe nicht ein, weshalb ich meine Haut zu Markte tragen ſoll.. Und ſo hielt er denn die befremdeten, verwunderten, beſtürz⸗ ten Blicke des gnädigen Herrn muthig aus, begnügte ſich mit einer Relation des Thatſächlichen, erwähnte nichts von Herrn Roſels letzten zweideutig unzweideutigen Worten, hütete ſich wohl, ein Wort von dem Verdacht laut werden zu laſſen, der jetzt bei ihm bereits zur Gewißheit geworden war, und über⸗ reichte ſchließlich das Schreiben des Herrn Marquis. Er be⸗ merkte, daß die Hände des Fürſten, als derſelbe das Schreiben entgegennahm und öffnete, heftig zitterten und daß er ſich, nach⸗ dem er die erſten Worte geleſen, ſofort abwendete, ohne Zweifel, um den Eindruck, welchen der Inhalt auf ihn machte, nicht ſehen zu laſſen. Er kam dieſer Abſicht des gnädigen Herrn 286 dadurch entgegen, daß er beſcheiden ſeitwärts trat und ſehr eifrig durch das offene Fenſter über die Gebüſche des Terraſſengar⸗ tens fort in die von grellem Morgenlicht überſtrömten Berge blicte, bis Durchlaucht ſeine Lectüre beendet haben und ihn wieder anreden würde. Aber Herr von Zeiſel mußte ſo lange in die Berge blicken, daß er zuletzt gar nichts mehr ſah und das Blut in ſeinen Ohren zu ſauſen begann. Er konnte es endlich nicht mehr aushalten und mußte ſich, auf die Gefahr der Indiscretion, nach dem Fürſten umwenden. Großer Gottl ſagte Herr von Zeiſel. Der Fürſt ſaß in ſeinen Arbeitsſtuhl zurückgeſunken, ganz bleich, mit faſt entſtellten Zügen, ohnmächtig oder einer Ohn⸗ macht nahe, den Kopf hinten übergelehnt, die rechte Hand, der der Brief entglitten war, ſchlaff herabhangend, während die zu⸗ ſammengeballte Linke krampfhaft auf das Herz gedrückt war. Herr von Zeiſel ſprang hinzu, aber der Fürſt lehnte, beide Hände ausſtreckend, die Hilfe ab und richtete ſich mit einer ge⸗ waltſamen Anſtrengung mühſam auf. Es iſt nichts, lieber Zeiſel, ſagte er, mein Herzkrampf, der mich in letzter Zeit mehr als billig plagt. Das geht ſchnell vorüber. Gleich weiß damit Beſcheid, ſchlimmſtenfalls hat unſer Doctor noch immer bald geholfen. Der Doctor? Großer Gott! Herr von Zeiſel hatte ſich vorgenommen, Hermanns Ange⸗ ——— legenheit erſt zuletzt vorzubringen und, wenn es ſein müßte, hier, 6 13 wo es ſich um ſeinen Freund handelte und ein Vertuſchen und Verſchweigen auch kaum möglich war, in möglichſt ſchonender Weiſe den wahren Sachverhalt anzugeben. Sollte er jetzt dem Fürſten, der durch das, was er erfahren, bereits ſo erſchüttert war, auch noch dieſes Leid anthun? Es ſchien unmöglich. Doctor Horſt iſt heute ſehr früh fortgeritten, ſagte er; ich vermuthe— 6 Er wollte ſagen: nach Hühnerfeld, aber er konnte eine poſitive Unwahrheit nicht über die Lippen bringen und ſchwieg verlegen. 7 . Daß er nicht wiederkommt, ſagte der Fürſt mit einem Lä⸗ cheln, das Herrn von Zeiſel in die Seele ſchnitt. Nun, über⸗ raſchen kann es mich nicht; er hat mir oft genug geſagt, daß er fort wolle, noch geſtern, und ich bin unfreundlich genug von ehm geſchieden. Warum ſollte er nicht von hier gehen, wo ihm der Boden unter den Füßen branntel Herr von Zeiſel war auf das tiefſte erſchrocken. Der Fürſt ſagte das Alles in einem ſo ſonderbaren Ton, als ob er gar nicht mit ihm, ſondern mit ſich ſelbſt ſpräche, und Herr von von Zeiſel fürchtete jeden Augenblick, es werde etwas kommen, was er auf keihen Fall gehört haben dürfe, und war feſt ent⸗ ſchloſſen, es auf keinen Fall zu hören; aber der Fürſt machte ieſer peinlichen Scene ein Ende, indem er, mit Anſtrengung eine alte Weiſe copirend, ſagte: Ich danke Ihnen recht ſehr⸗ eber Zeiſel, und wenn Sie dann nichts weiter vorzubringen en Der Cavalier wollte ſagen, daß er noch ſehr viel vorzu⸗ ingen habe, aber er war zu verwirrt, um einen Entſchluß faſſen zu können und fand ſich draußen auf dem Corridor, ohne recht zu wiſſen, wie er dahin gelangt war Hier kam ihm die Beſinnung wieder. Er ſagte ſich, daß es doch ſeiner gänzlich unwürdig ſei, in dieſer Weiſe, aus bloßer Furcht vor der Hef⸗ tigkeit des alten Herrn, den Unwiſſenden und Stummen zu ſpie⸗ len; daß es ſeine Pflicht geweſen wäre, ihn, den er ſo liebte und verehrte, bei einer ſolchen Gelegenheit nicht im Stich zu laſſen, daß er wenigſtens hätte müſſen: wenn Durchlaucht der Dienſ ſte eines treuen und ihm gänzlich ergebenen Mannes bedürfe, ſo bef Ls en Sie über Oscar von Zeiſel. Er war im Begriff, umzukehren, aber er wußte, daß er jetzt Herrn Gleich, der an ihm vorüber in das Zimmer des mädigen Herrn geſchlüpft war, bei demſelben finden würde, und r ſagte ſich, daß der Fürſt die Dienſte des in dieſem Angenblict jedenfalls nöthiger habe, als die ſeinen. Dennoch war es ihm in dieſer Stimmung unmöglich, die nge eben gehen zu wie ſie wollten. n id da kam ihm plötzlich ein Gedanke, der einen Ausweg aus dieſem Labyrinth ** Di zeigte. Weshalb iſt wenn ſie ihm in ſolch Und Herr von Zeiſel gi ten, ihn, ſobald es möglich zu empfangen. Hedwig ſaß in finſteres Brüten verſ von Zeiſels Billet brachte. en Au 288 Er iſt willkommen! ſagte Hedwig. Vielleicht ſendet ihn der Fürſt, dachte ſie; er mir den Scheidebrief. ſie denn ſeine Frau, ſagte er bei ſich, genblicken nicht zur Seite ſtehen will! ng, Hedwig in einem Billet zu bit⸗ ſei, in einer wichtigen Angelegenheit unken, als Meta Herrn vielleicht bringt Aber Herr von Zeiſel brachte keinen Brief, als er bald darauf bei der gnädigen Frau eintrat. Er ka Beſorgniß wegen Durchlaucht Luft von der Abreiſe des Marquis ſehr erſchüttert zu haben ſcheine, trotzddem er doch wohl kaum den wah könne, den freilich er ſelbſt nur muthmaße, o nur aus ungewiſſen Indicien ſchließe, Urtheil der gnädigen Frau einholen möchte. Und Herr von Zeiſel erzählte nun, in der Nacht mitgetheilt, und wie ihm die des Herrn Marquis von Anfang an nich geweſen, und ganz verdächtig geworden ſei, von dem Hoffourier Porſt erfahren, daß nahmsweiſe gar keine Briefe, keine Depeſ die dem Marquis den Befehl ſeiner Re mitteln können. Frau, fuhr Herr von Zeiſ mit der diplomatiſ ren Zuſ m nur, um ſeiner zu machen, den die Nachricht ammenhang ahnen der doch höchſtens über die er das ſichere was ihm Herr Roſel diplomatiſche Miſſion t eben wahrſcheinlich als er heute Morgen geſtern Abend auß chen gekommen ſeien gierung hätten über⸗ Er kam dann auf die ſonderbare Aeußerung Herrn Roſels zu ſprechen: die blutige Revanche die der Marquis an den Fürſten, Herr Roſ ſodann die plötzliche Ausfahrt des Grafe Baron, das heißt Demjenigen, an welchen ſi falls bei einem Ehrenhandel zuerſt wenden Dies Alles find, wie geſ für Sadowa, el an ihn adreſſirte; n zum Beſuch beim ch der Graf jeden⸗ mußte. agt, nur Muthmaßungen, gnädige el fort; es iſt ja möglich, daß es chen Miſſion des Marquis ſeine Richtigkeit hat, daß der Graf, Gott weiß aus welchem Grunde, drei Uhr Morgens für die geeignetſte Zeit zu einer Viſite hält. Aber — ½ W——* —— 289 wenn ich die große Aufregung bedenke, in welcher ſich der Graf alle dieſe Tage in Folge der politiſchen Ereigniſſe befunden hat, die hinreichend ſichtbare Mißſtimmung, mit der ihn die Anweſenheit der franzöſiſchen Gäſte erfüllte— die bedenklichen Nachrichten, welche noch geſtern die Zeitungen über die wahr⸗ haft tolle Haltung der franzöſiſchen Kammer brachten— wie leicht kann ein Funke in dieſes Pulverfaß gefallen ſein! Ver⸗ zeihen Sie, gnädige Frau, dieſen vulgären Ausdruck, aber mein Kopf iſt von der ſchlechten Nacht ein wenig angegriffen, und mein Herz iſt ſchwer, wenn ich denke, daß durch dieſe unſelige Politik ein Kreis auseinandergeriſſen wird, der ſich eben erſt zu einem ſo ſchönen— ich darf wohl ſagen, ideal ſchönen— Leben entfaltete; und nun muß unſer trefflicher Freund den Einfall haben, mitten in der Nacht ohne officiellen Abſchied auf⸗ zubrechen und mich dadurch in die unbequemſte, ja peinlichſte Lage zu verſetzen. Hermann war fort; auch das noch zu dem Uebrigen. Es war zuviel! Hedwig ſenkte den Kopf, die Thränen zu verbergen, die ihr in die Augen ſtiegen; aber ſie raffte ſich gewaltſam empor. Und glauben Sie, daß die Abreiſe Doctor Horſts mit der Angelegenheit, von der Sie eben ſprachen, in Verbindung ſteht? fragte ſie mit dumpfer Stimme. Ich habe es einen Augenblick vermuthet, erwiederte der Ca⸗ valier; handelt es ſich um ein Duell— und es ſcheint mir, daß die gnädige Frau ſich ebenfalls zu dieſer Annahme neigt — ſo iſt ja ein Arzt unbedingt nothwendig und unſer Doctor der nächſte, an den man ſich wenden konnte. Ueberdies habe ich durch meinen Diener erfahren, daß Herr Roſel heute Nacht, nachdem er bei mir geweſen, ſich zu Horſt begeben und län⸗ gere Zeit mit ihm conferirt hat; aber bei reiflicher Ueberlegung bin ich doch wieder von meiner erſten Annahme zurückgekommen. Einmal glaube ich ſicher, daß Horſt es mir geſchrieben hätte, wenn es ſich ſo verhielte, ſodann— und das iſt die Haupt⸗ ſache— mir wollte immer ſcheinen, als ob der Herr Graf und Horſt nicht beſonders zuſammen ſtünden, und ich glaube den Fr. Spielhagen's Werke. XI. 19 290 Grund zu kennen— aber Sie werden mich für einen Schwätzer halten, gnädige Frau, wenn ich weiter ſpreche, und für einen Schmeichler, wenn ich ſage, daß bei der grenzenloſen Verehrung, die ich Ihnen zolle, ein Geheimniß für mich Ihnen gegenüber gar nicht exiſtirt. Was für ein Geheimniß meinen Sie? fragte Hedwig. Ich wollte ſagen, fuhr der Cavalier fort, ich glaube den Grund zu kennen, welcher unſerem Freunde den klaren Geiſt ſo ſehr verdüſterte, daß er ſich ſo unceremoniell von unſerem Hofe trennen konnte, und dieſer Grund iſt derſelbe, weshalb es mir nicht eben wahrſcheinlich dünkt, daß der Herr Graf ſich in die⸗ ſem Falle an Horſt wendete. Mit einem Worte, gnädige Frau, ich glaube zu wiſſen, daß die Gräfin auf das verſchloſſene und deshalb nur um ſo weichere Gemüth unſeres Freundes einen allzu tiefen Eindruck gemacht hat; aber ich erzähle der gnädigen Frau jedenfalls nur, was dem Scharfblick der gnädigen Frau längſt klar geweſen iſt. Doch nicht, ſagte Hedwig, ich habe nie daran gedacht, und hat Doctor Horſt Ihnen je vorher oder in dem Briefe, von dem Sie ſprachen, eine dahin zielende Andeutung gemacht? Er, der verſchloſſenſte der Menſchen! ſagte der Cavalier. Würden Sie mich den Brief ſehen laſſen? fragte Hedwig. Hier iſt er, ſagte Herr von Zeiſel; ich habe ihn wiederholt geleſen, und doch würde er wir vollkommen dunkel geblieben ſein, wenn— aber ich bitte! Für Hedwig hatte der Brief keine Dunkelheit; aber als ſie damit zu Ende war, verſchwammen ihr die Zeilen vor den Augen, aus denen jetzt die Thränen unaufhaltſam hervor⸗ drangen. Nicht wahr, gnädige Frau, ſagte Herr von Zeiſel, hier iſt auch nur Eine Auslegung möglich? Nur die Liebe kann einen ſonſt ſo ruhigen, leidenſchaftsloſen Mann zu einer ſo unbeſon⸗ nenen Handlung treiben. Und nun nehmen Sie noch dies, gnädige Frau: die Frau Generalin Excellenz kommt heute mit dem Geheimrath. Geſtehen wir, gnädige Fran, Horſt mußte — — ſich dadurch beleidigt fühlen, nachdem er ſeine Abreiſe nur um der Gräfin willen, auf Bitten des Fürſten, auf Andringen der Gräfin ſelbſt, ſo länge hinausgeſchoben; jeder andere Arzt hätte ſich dadurch beleidigt gefühlt, auch ohne gerade für die ſchöne Patientin wärmer zu empfinden. Die Frau Gräfin iſt ja ge⸗ wiß in jeder Beziehung unſchuldig; ſie folgt hier, wie ich glanbe in den meiſten Dingen, blindlings dem Herrn Grafen; aber man wendet ſich doch in einer ſo wichtigen Angelegenheit, wie ein Duell iſt, nicht gern an Jemand, den man zum Fortgehen gezwungen hat. Und ich ſollte denken, daß Durchlaucht, dem ich von Horſts verzweifeltem Schritt pflichtſchuldige Mittheilung machte, die Sache nicht anders auffaßt. Der Cavalier ſchwieg. Hedwig ſaß mit zuckenden Lippen und ſtarren Augen da. Endlich ſagte ſie: Und in welcher Weiſe wünſchen Sie nun, daß ich in dieſer Angelegenheit mei⸗ nen Einfluß bei dem Fürſten geltend mache? Ich meine, erwiederte Herr von Zeiſel, die gnädige Frau würde uns Allen und Durchlaucht im Speciellen eine unend⸗ liche Wohlthat erweiſen, wenn Sie Durchlaucht auf die Mög⸗ lichkeit eines Rencontre zwiſchen dem Marquis und dem Grafen vorbereiteten; oder falls Durchlaucht— was mir wahrſcheinlich däucht— bereits eine Ahnung des wahren Sachverhalts hat — der Brief des Marquis muß eine Andeutung enthalten haben, ich könnte mir ſonſt Durchlauchts Erſchrecken nicht er⸗ klären— ihm über dieſe ſchwere Prüfung weghülfen, wie es ja eben nur die gnädige Frau vermag. Ich danke Ihnen, ſagte Hedwig. Ich danke Ihnen, gnädige Fran, ſagte der Cavalier, indem er aufſtand und Hedwig die Hand küßte. Sie ſind ſchon ſo oft unſer guter Engel geweſen, ſeien Sie es auch diesmal und immerdar! Der Cavalier war gegangen. Hedwig blickte ihm mit einem wehmüthigen Lächeln nach. Ja wohl, ſagte ſie, guter Engel! So hat er mich tanſendmal genannt, der alte Mann, aber es gibt keine guten Engel, nur böſe Menſchen. Sie klingelte und ſagte zu Meta, die alsbald hereintrat, 19* ——— 292 man ſolle Durchlaucht anſagen, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche, ſogleich. Meta kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, daß Durchlaucht bereits ausgefahren ſei, nach dem Jagdſchloſſe, ſage Herr Gleich. Zwanzigſtes Capitel. Der Fürſt, der vor einer halben Stunde gekommen war, ging mit Herrn von Keſſelbuſch in dem ſchattigen Garten der Oberforſtmeiſterei auf und nieder. Er hatte mit einer Stimme, die von Leidenſchaft zitterte und manchmal von Thränen halb erſtickt war, lange geſprochen, ſein Begleiter geſenkten Hauptes aufmerkſam zugehört. Jetzt ſchwieg er, und der Andere, die noch immer klaren blauen Augen zu dem blaſſen Geſichte des Fürſten erhebend, ſagte: Durchlaucht— Ich bitte Dich, nenne mich nicht ſo; ich bin zu dem alten Freunde gekommen, dem Geſpielen meiner Jugend; ich will eine Menſchenſtimme hören, die Stimme eines Menſchen, von dem ich weiß, daß er mich liebt. Denke, wir wären Jeder fünfzig Jahre jünger! Wenn ſich das ſo denken ließe! erwiederte der alte Mann mit melancholiſchem Lächeln. Aber wie Durchlaucht— wie Du willſt, Erich. So iſt es gut, ſagte der Fürſt. Wie Du willſt, wiederholte der alte Herr. Ach, wenn ich Dir doch jeden Wunſch ſo leicht erfüllen könnte! Aber es iſt ein eigen Ding mit den Wünſchen. Du haſt mich oft geſchol⸗ ten, daß ich ſo gar keine habe, daß Du ſo wenig für mich zu thun im Stande wäreſt. Nun, ich will mich nicht rühmen; es iſt vielleicht, daß mein Blut von Natur nicht ſo warm fließt wie das anderer Menſchen, oder daß es die Waldluft, in wel⸗ cher ich geboren und groß geworden bin, ſo kühl erhalten hat, 293 aber ich habe mich nicht ſchlecht dabei geſtanden. Mag ſein, daß ich manche Freude nicht kennen lernte, die Anderen zu Theil wird, aber ich habe auch viele Sorgen nicht erfahren, unter denen ich Andere leiden ſah; und ſo bin ich, der Ein⸗ ſame, in meinem einſamen Walde alt geworden, ohne der ver⸗ lorenen Jugend auch nur einen Seufzer nachzuſchicken, und jetzt ſeit Jahren ein todtkranker Mann, ohne mich nach dem Tode zu ſehnen. Ein ſolcher Mann iſt vielleicht wenig geeignet, Rath zu ertheilen in einer Sache, wie dieſe, oder man kann im vor⸗ aus wiſſen, welcher Art ſein Rath ſein wird. Er wird predi⸗ gen, was er immerdar gepredigt hat: fahren zu laſſen, was ſich nicht halten laſſen will; er wird Reſignation predigen. Und thäte ich es nicht, würden es nicht meine grauen Haare, meine gebeugte Geſtalt viel eindringlicher thun, als meine Stimme es vermöchte? Du ſagſt, Du kannſt nicht von ihr laſſen; aber auch nicht, wenn Du bedenkſt, daß Du nur läßt, was Dir nie zukam und deshalb nie wirklich gehörte? Du warſt zweiund⸗ ſechszig, als Du ſie zu Deiner Gemahlin erhobſt, ſie ſechszehn. Was hat ſechszehn mit ſechszig zu ſchaffen? So wenig wie das wache Leben des Tages mit dem Traum der Nacht, und weniger, denn der Traum kann uns durch den Tag begleiten, und der Traum unſerer Jugend iſt ausgeträumt für immer. Und ſage nicht, daß Deine Fürſtlichkeit und was damit zuſam⸗ menhängt, den Unterſchied der Jahre in den Augen der Dame aufwiegen mußte. Wäre es der Fall geweſen, ſo war ſie dop⸗ pelt und dreifach nicht werth, die Gattin Erichs von Roda zu ſein. Aber Du ſagſt ja ſelbſt: ſie ſei eine zu reine, groß an⸗ gelegte Natur, um ſich durch den Zauber der Macht blenden zu laſſen. Nun gut, ſo folge dieſer reinen Natur auch weiter; wolle nicht Ja ſagen, wo ſie Nein ſagt, wo ſie— ich muß es ausſprechen— gezwungen iſt, Nein zu ſagen, iſt ſie wirklich dieſe reine, groß angelegte Natur. Ja, Erich, es iſt nicht an⸗ ders: die Natur iſt gegen Dich. Sie hat kein Kind aus dieſer ſpät geborenen Leidenſchaft erblühen laſſen. Ein flammendes Roth zog über des Fürſten bleiches Geſicht. Du weißt nicht Alles, Gerhard, ſagte er. ————————— 294 Dann haſt Du mir nicht Alles geſagt, erwiederte der Ober⸗ forſtmeiſter. Nein, nein, rief der Fürſt, ich habe Dir nicht Alles geſagt. Ich muß es, denn ich ſehe, daß Du mich nicht verſtanden haſt. Sie iſt nie die Meine geweſen, Gerhard, ich habe nie, nie auch nur ihre Hand anders berührt, als ein Vater ſeiner Tochter Hand berühren würde. Ich kann es nur preiſen und lun ſagte der Oberforſt⸗ meiſter. Ich verdiene dies Lob nicht, ſagte der Fürſt. Es war mein freier Wille nicht; ich war der Sklave eines Wortes, das ich ihr gegeben, damals, in dem Wahnſinn einer Leiden⸗ ſchaft, die keine Grenzen kannte, in der Hoffnung, daß ſie mir, wenn ſie meine Liebe begriffen hätte, mein Wort zurückgeben würde— in der Furcht, ſie ganz zu verlieren, wenn ich mit dem Wenigen nicht begnügte— ach, Gerhard, Du ſagſt ja ſelbſt, Du habeſt die Liebe nie gekannt. Du weißt nicht, was ich damals litt, was ich ſeitdem gelitten habe, was ich leide. Er warf ſich an die Bruſt des Freundes und ſchluchzte wie ein Kind. Der Oberforſtmeiſter war tief erſchüttert. Armer Freund; ſagte er, ſteht es ſo um Dich! Ja, jetzt begreife ich Manches, was ich vordem nicht begreifen konnte. Aber, mein Fürſt und Freund, auf die Gefahr hin, Deinen höchſten Unwillen zu erregen— nun bleibe ich erſt recht bei dem, was mir die innere Stimme von vornherein ſagte. Erich! wie nun, wenn ſie wirklich Deine Tochter wäre, eine ſo ſtatt⸗ liche, ſo ſchöne, ſo gute Tochter, würdeſt Du Dich nicht glücklich preiſen müſſen? Würdeſt Du in der Liebe zu einem ſolchen Kinde nicht eine zweite, ſchönere Jugend wiederfinden? Und dies von Stigieikn übervolle Verhältniß, womit wollteſt Du es vertauſchen? Mit einem andern, das Dir ſchon, während Du es nur träumteſt, Litunif e ohne Zahl bereitet hat, und, wenn Du aus dieſem Traum eine Wirklichkeit machen könnteſt, Dir noch ſchlimmere Bitterniſſe bereiten würde? Es iſt zu ſpät, ſagte der Fürſt. An ein idylliſches Glück, — 295 wie Du es ſchilderſt, würde ich, würde ſie nie mehr glauben können. Ich weiß nicht, erwiederte der Oberforſtmeiſter. Es glaubt ſich leicht an das, was der Natur gemäß iſt. Und ahnt ſie wirklich Deine Leidenſchaft— ſie wird den Vater, den ſie in Dir geſucht hat, wiederfinden, wenn Du Dich nur erſt ſelbſt wiedergefunden haſt, und wird Dir doppelt dankbar ſein und Dich mit doppelter Liebe wieder lieben. Es iſt zu ſpät, wiederholte der Fürſt. Und wäre es zu ſpät, ſagte der Oberforſtmeiſter, ſo bliebe Dir doch nichts Anderes, ſo müßteſt Du doch laſſen, was nicht gehalten ſein will. Mein Fürſt und Freund, iſt es denn wirklich wahr, daß Ihr Hochgeborenen nicht lernen könnt, was wir An⸗ deren doch Alle lernen müſſen? Es muß wohl ſein, wenn ſelbſt ein ſo guter, edler Menſch, wie der, den ich in Dir liebe und verehre, es nicht lernen konnte! Aber Du biſt beſſer und wei⸗ ſer, als Du Dich ſchilderſt; ich weiß es, der Dich Dein Leben hindurch beobachtet, der geſehen hat, wie Vielem im Leben Du ſchon zu entſagen gelernt. Ja, war denn Dein Leben etwas Anderes als eine Kette von Entſagungen? Mit welchen ſtolzen Plänen haſt Du Dich getragen in den ſchönen Tagen unſerer gemeinſchaftlichen Jugendzeit! Für die ganze Menſchheit ſchlug Dein Herz; Du wollteſt— der Verkünder einer reineren Lehre, deren tiefſte Geheimmiſſe Du erkannt zu haben glaubteſt— ſie zu einer höheren, edleren Stufe emporheben. Die Menſchen ſind geblieben, wie ſie waren, wie ſie ewig ſein werden. Wie ſchlug Dein Herz für Deutſchland ſo warm! Du wollteſt aus ihm einen Staat der Freiheit, der Brüderlichkeit, der Gleichheit machen! Wo iſt die Freiheit, wo die Brüderlichkeit, wo die Gleichheit? Du haſt auf dieſe Träume verzichtet; Du haſt ge⸗ lernt, unter dem Druck eines Regiments, das juſt das Gegen⸗ theil von Deinen Idealen iſt, in aller Stille auf Deine Weiſe für das Wohl Deiner Unterthanen zu wirken; ja, Du dankſt Gott, daß Deine Jahre Dir erlauben, aus der Arena des po⸗ litiſchen Kampfes fernzubleiben; ſie einem jüngeren Geſchlecht zu überlaſſen, das zuſehen mag, wie es mit den Aufgaben des Jahrhunderts fertig wird, die es ſo leichten Muthes auf die übermüthigen Schultern nimmt. Das Alles haſt Du gelernt, Erich, haſt im Großen verzichten lernen, und wollteſt es nur da nicht, wo es ſich um das handelt, was Du Dein eigenes Glück nennſt? So hätteſt Du doch Dich ſelbſt immer mehr geliebt als die Anderen? Das will ich Niemand glauben, der es von Dir ſagte, ich will es Dir ſelbſt nicht glauben, wenn Du es ſagſt. Aber Du wirſt es nicht ſagen, nicht wahr, Erich, mein Fürſt, mein Herr, mein Freund— Du wirſt es nicht ſagen! Die Stimme des alten Mannes hatte bei den letzten Wor⸗ ten vor Rührung gezittert und mit zitternden Händen ergriff er jetzt die Hand des Fürſten. Ich danke Dir, Gerhard, ſagte der Fürſt, ich danke Dir von Herzen, wenn ich gleich— laß mich jetzt allein, Gerhard, ich muß mit mir allein ſein. Er zog haſtig ſeine Hand zurück. Der Oberforſtmeiſter unterdrückte einen Seufzer, der in ſeiner Bruſt aufſteigen wollte, wendete ſich und ging. Der Fürſt ſchaute ihm mit düſteren Augen nach. Worte, Worte! murmelte er. Wie mochte ich auch etwas Anderes von dem guten Menſchen erwarten? Wie konnte ich ſo thöricht ſein, zu wähnen, daß er nir helfen könne, daß mir ein Menſch helfen könne— was ſage ich helfen wolle! Es denkt eben Jeder nur an ſich, der da i Ruhe, und jetzt iſt er außer ſich, daß ich ihm ſeine Ruhe eſtört habe. Wenn er Alles wüßte— aber ich habe ihn nur ſchon zu viel wiſſen laſſen. Er hat am Ende Recht, daß er mich für ſeinesgleichen hält. Bin ich doch, wie er ſelbſt, zum Schwätzer geworden. Der Fürſt warf einen ſcheuen Blick um ſich her; kein Menſch war in dem Gange, in dem Garten zu ſehen. Aber es war ihm noch nicht einſam genug. Eine angelehnte Pforte führte unmittelbar in den Wald, auf einen Weg, der ſich in einem Bogen durch den Wald bis zu dem Jagdſchloß hinaufzog. Er ſchritt durch die Pforte in den Wald mit haſtigem Schritt, als würde er verfolgt. Plötzlich ſtand er wieder ſtill; 3— was hatte er nur gewollt? Weshalb hatte er ganz allein ſein wollen? Den Brief des Marquis zu leſen, den er nun ſchon ein dutzendmale geleſen hatte und den er jetzt wiederum ſo gierig las, als läſe er ihn zum erſtenmal: „Monſeigneur! Verzeihung, wenn mein allzu empfindſames Herz mich in eine Lage gebracht hat, die mich zwingt, in dieſer unſchicklichen Eile, zu dieſer ungewöhnlichen Stunde Roda zu verlaſſen, das mir ewig theuer ſein wird, ohne Abſchied von Ihnen zu gehen, der Sie mir immer als das hellleuchtende Ideal jeder menſchlichen und fürſtlichen Tugend erſcheinen wer⸗ den. Ach, Monſeigneur, bewunderte ich Sie weniger, liebte ich ſie minder, ſo würde mein Herz geſchwiegen haben, das laut um Rache ſchrie, als ich Ihr intimſtes Glück bedroht ſah, und bedroht von einem Manne, der Ihnen die Liebe ebenſowenig gönnt wie die Herrſchaft, und die Herrſchaft ebenſowenig wie das Leben. In der Sicherheit meiner uneigennützigen Liebe, getragen von dem Bewußtſein meiner reinen Abſichten, glaubte ich wagen zu dürfen, was ein Verbrechen geweſen ſein würde, wenn es zu ſeiner Ausführung nicht jeder Tugend bedurft hätte. Ich wollte eine Seele, die ich den Lockungen der Liebe nur allzu leicht er⸗ liegen ſah, durch jene Zauber, die zu lernen wir unſere Jugend opfern, verwirren und betäuben, um, wenn ſie, betäubt, verwirrt, dem Zauberer folgen wollte, die Stimme des warnenden Freundes ertönen zu laſſen, ihr zuzurufen: ſieh, das iſt das Ende, dies würde das Ende ſein, wenn du jetzt anſtatt in die reinen Hände des Freundes, in eines Verführers Arme gefallen wäreſt! Monſeigneur, ich wiederhole: ein kühnes Unternehmen, ein wahnſinniger Plan, von jener Kühnheit, jenem Wahnſinn, welche immerdar die Genien jeder herviſchen Handlung ſein werden. Laſſen Sie mich kurz ſein, Monſeigneur. Meine Abſicht iſt erreicht; jene ſchöne, aber allzu leidenſchaftliche Seele iſt ge⸗ warnt; ſie hat den Zauber empfunden, den Schwindel am Rande des Abgrundes gefühlt; ſie wird nicht weiter gehen, ſie wird zurückkehren, ſie wird jetzt wiſſen, daß man im Abgrund nicht wohnen kann, daß eine Frau, die tugendhaft bleiben will, nicht 298 den Geliebten, ſondern die Liebe, nicht den Verſucher, ſondern die Verſuchung fliehen muß. Daß der Weg zu dieſem Ziele von Gefahren bedeckt war, ich wußte es, Monſeigneur. Aber ich wäre der erſte Florville geweſen, der ſich durch dieſe Rückſicht hätte abſchrecken laſſen. Ich ſpreche nicht von der Gefahr, die ich lief, ſelbſt dem Zau⸗ ber zu erliegen— ich fühlte, daß die Freundſchaft mein Ta⸗ lisman ſein würde; ich ſpreche nicht von der Gefahr, von Ih⸗ nen verkannt zu werden— ich wußte, daß der beſte der Men⸗ ſchen auch der weiſeſte iſt; am wenigſten würde ich von der ver⸗ ächtlichſten aller Gefahren ſprechen, die ſich in der Mündung einer Piſtole concentrirt, wenn ich ſchweigen könnte, ohne in einer Situation, die ich ganz klar machen wollte, mehr als eine Dunkel⸗ heit zurückzulaſſen. Monſeigneur, der, gegen welchen ich die wankende Tugend beſchützen wollte, indem ich den Zauber, der von ihm ausging, durch einen größeren Zauber beſiegte, iſt ſcheinbar zum Ver⸗ theidiger der Unſchuld geworden. Ich beklage dieſe Wendung, und würde ſie noch mehr beklagen, wenn ſie zu vermeiden ge⸗ weſen wäre und wenn eine ſolche Täuſchung von Dauer ſein könnte; das aber iſt unmöglich. Wer wird im Ernſt glauben, daß jener Mann, der überall ſonſt Ihr Feind iſt, in dieſem heiligſten Punkt Ihr Freund ſein könne; wer nicht lieber an⸗ nehmen, daß Sie dem, welchem Sie Ihre Stellung, Ihr Le⸗ ben, Ihre Ehre anvertrauten, auch Liebe anvertrauen durften? Monſeigneur, in wenigen Tagen wird ein blendendes Licht die dunkle Situation Europas erhellen und die erſtaunte Welt wird endlich begreifen, daß Frankreich immer nur auf der Seite fechten kann, wo die Palladien der Nächſtenliebe, der Gerechtig⸗ keit, der Brüderlichkeit ſind, daß Frankreich die Vertheidigung der Selbſtſucht, der Lüge, der Tyrannei ſtets ſeinen Feinden überlaſſen wird. Monſeigneur, das kleine Duell mit der Wahrheit und der Lüge, der Lüge und der Perfidie, dem ich entgegengehe, iſt nur ein Vorſpiel des großen Kampfes, der hereinbrechen wird, auch 4 299 darin, daß er endigen wird wie jener. Ich werde dieſen armen König von Preußen eines ſeiner ſtolzeſten Ritter berauben müſ⸗ ſen. Es thut mir leid, aber dieſer ſtolze Ritter hat es nicht anders gewollt. Ich endige, Monſeigneur, wie ich angefangen, mit der Ver⸗ ſicherung der höchſten Vebe und tiefſten Ehrfurcht, welche für den beſten, den gütigſten Fürſten immer empfinden wird ſein ganz ergebener Victor Anatole de Florville.“ Der Fürſt ſteckte das zerknitterte Blatt wieder ein und murmelte, indem er weiterſchritt: welche Mühe er ſich giebt, der arme Junge, zu erklären, was für mich keiner Erklärung be⸗ darf. Weshalb ſollte er ſeine Jugend und Schönheit nicht auf den Markt bringen, wo ſo begierige Nachfrage nach dieſer Waare iſt? Und bei Gott! dies hätte ich begreifen können. Ich würde die Zauberkraft von ſo viel Anmuth und Geiſt re⸗ ſpectirt haben; aber ſo; entſetzlich, entſetzlich! Und wenn er in wenigen Stunden wußte, wie es hier ſtand, werden es nicht nächſtens die Spatzen von den Dächern pfeifen? Was hat ihn fortgejagt, den armen braven Horſt, als eben wieder dieſes Ge⸗ ſpenſt, das durch mein Haus geht, dieſes Skelett das mich aus jeder Ecke angrinſt und das ich ſelbſt bin, ja, jch ſelbſt— eine lächerliche Schreckgeſtalt, welche Alle vertreibt, die mich in beſſeren Tagen gekannt haben und nicht ſehen wollen, daß Erich von Roda ſo tief ſinken konnte. Und wieder ſtand er ſtill und blickte ſcheu um ſich her. Wenn er nun fiele, wenn ſie mir ſchon entgegenkämen mit der Nachricht! Pah! er wird mir die Freude nicht machen, aus dem Leben zu gehen; er weiß recht gut, daß es die einzige wäre, die er mir in ſeinem Leben machen kann. Dies verruchte Geſchlecht iſt unausrottbar wie giftiges Unkraut, wie der Schier⸗ ling dort; ich werde mir den Tod daran trinken. Und aus ihrer Hand den Giftbecher nehmen zu müſſen, aus ihrer Hand! Ja, ſie trägt Tod und Leben in ihrer Hand! nicht Leben, nur den Tod! Ich will und kann nicht leben ohne ſie; und mit ihr— ich hoffte es geſtern noch, heute hoffe ich es nicht mehr, heute iſt es unmöglich! * ——————————— 300 Der unglückliche Mann irrte weiter, den immer ſteileren Waldweg hinauf, der jetzt in einen Pfad mündete, welcher, den Felſen linker Hand abgewonnen, rechts unter ſich ein tief ein⸗ geſchnittenes Waldthal hatte, in deſſen Tiefe ein Bach nach der Roda rauſchte. Oben auf der Höhe des Felſens führte der Pfad zum Jagdſchloſſe, ja vermittelſt einer Steintreppe unmit⸗ telbar auf einen dreieckigen Altan, der geſtern, da er etwas ab⸗ ſeits lag, nur von einem Theil der Geſellſchaft aufgefunden worden war, die denn allerdings die ſchauerliche Romantik des Platzes nicht genug hatte rühmen können. Der Fürſt hatte ſich, erſchöpft von der Anſtrengung des Steigens und noch mehr von der in ihm wühlenden Leiden⸗ ſchaft, auf eine der zierlichen Bänke ſinken laſſen, mit welchen der Altan verſehen war, und ſtarrte, den Kopf in die Hand geſtützt, über das eiſerne Geländer in den Abgrund zu ſeinen Füßen. Ja, murmelte er, heute iſt es unmöglich, heute kann ich nur noch als ihr Ankläger vor ſie hintreten: dies haſt du gethan, dies teufliſche Verbrechen haſt du an mir verübt! Ihr Ankläger und ihr Richter! Aber dieſe tiefe dunkle Schlucht wäre nicht tief und dunkel genug, ſie und die Schande, die ſie über mich gebracht, zu begraben, und wenn dieſer Wald hier in Feuer aufginge, die Flammen wären nicht machtvoll genug, ſie und die Schmach, die ſie auf meinen Namen gehäuft, zu vertilgen von dem Angeſichte des Himmels! O Schande, o Schmach!— Hedwig! In der Thür, die von dem Altan in einen der unteren Säle des Schloſſes führte, ſtand ſie, in hellem Sommerkleide, den breitgeränderten Strohhut in der Linken. Die Lichter, die durch das dichte Gezweig der mächtigen Platane fielen, welche neben dem Altan aus dem Waldboden aufragte und mit ihrem kühlen Schatten den Platz bedeckte, zitterten über ſie hin. Und verweht, wie die leichten Nebel des Morgens vor dem Anhauch der Frühe, waren die fürchterlichen Gedanken, mit denen ſich eben noch der Fürſt getragen, vergeſſen der Haß, der ſein pochendes Herz erfüllt, vergeſſen die Rache, über der er gebrü⸗ 301 tet, vergeſſen Alles; ſeine ganze Seele erfüllt von dieſer Geſtalt, die ihm die Verkörperung aller Holdſeligkeit, aller Schönheit auf Erden war, die anzubeten, vor der ſich zu beugen ihn eine Macht zog, gegen die anzukämpfen ſo unmöglich ſchien, wie das Auge nicht zu ſchließen vor den Strahlen der Sonne. Und mit zur Erde geſenkten Augen, mit wankenden Knieen, bebend ſtand er vor ihr, ſeine zuckenden Lippen auf ihre Hände preſſend und murmelnd: Vergieb mir, Hedwig, vergieb mir! Sie geleitete den Faſſungsloſen zu der Bank zurück, von der er ſich bei ihrem Kommen erhoben hatte, und ließ ſich an ſeiner Seite nieder. Du haſt mir mehr zu vergeben, als ich Dir; ſagte ſie. Nein, nein, ſagte der Fürſt, ich bin ſchuldig, ich allein; ich habe— lies dieſen Brief. Er wollte ihr den Brief des Marquis reichen; Hedwig drängte ſeine Hand zurück. Ich bitte um Verzeihung, daß er ſo zerknittert iſt, ſagte der Fürſt. Ein ſchwacher Schimmer ſeines alten höflichen Lächelns ſpielte auf ſeinen bleichen Lippen und rührte Hedwig wider ihren Willen. Sie nahm den Brief, las und ſagte, das Blatt zurückgebend: Und was hältſt Du davon? Daß es ein Bubenſtück iſt, ein verruchtes Bubenſtück! rief der Fürſt, den Brief zerreißend und die zuſammengeballten Stücke über das Geländer ſchlendernd. Haſt Du es vom erſten Augenblicke an dafür gehalten? fragte Hedwig. Der Fürſt ſtarrte, keiner Antwort mächtig, vor ſich nieder. Hedwigs dunkle Augen hafteten feſt an dem bleichen Geſicht und mit feſter Stimme fuhr ſie fort: Du haſt es nicht dafür gehalten, konnteſt es vielleicht nicht. Das Bubenſtück hat ſich ja nicht vor Deinen Angen abgeſpielt; auch vor den meinen nur zum Theil. Was ich aber davon weiß, mußt Du zuerſt erfahren. Hedwig berichtete nun in ruhigen klaren Worten, was zwi⸗ ſchen ihr und dem Marquis früher und ſpäter vorgegangen von —————————— 302 der erſten Begegnung vor vier Jahren in Jtalien bis zu det vor drei Tagen in dem Garten zu Erichsthal. Sie wiederholte jedes Wort, das zwiſchen ihnen geſprochen, ſo weit ſie ſich deſſen erinnerte, und ihr Gedächtniß ließ ſie kaum bei gleichgiltigen Einzelheiten im Stich. Sie ſchilderte das Benehmen des Man⸗ nes in ſeinem Gemiſch von Galanterie und Phantaſterei, das manchmal ihre Verwunderung, öfter ihre Spottluſt erregt, bis in der wahnſinnigen Scene geſtern Abend auf der Zinne des Thurmes das Unglaubliche geſchehen. Das iſt es, ſagte ſie, was dieſen Mann betrifft; ich könnte mich ſchämen, über einen Narren ſo viel Worte zu machen, wenn ich es nicht müßte, um durch dieſes lächerliche Vorſpiel zu einer Tragödie zu kommen, deren beklagenswerthe Perſonen Du und ich ſind, nur daß ich noch vorher von einer dritten Perſon ſprechen muß. Der Fürſt ſaß da, ohne ſich zu regen. Die kühne. Sicher⸗ heit, mit der Hedwig auf das Ziel losging, um welches er ſelbſt ſo ſcheu herumgeſchlichen war und das er jetzt in uner⸗ reichbare Ferne gerückt wünſchte, raubte ihm den Athem. Von einer dritten Perſon, ſagte Hedwig. Du weißt, daß ich Graf Heinrich meine; auch von ihm habe ich eine Geſchichte zu erzählen, die freilich weſentlich anders lautet, als dieſe erſte; eine Geſchichte, die auch gar nicht lächerlich iſt, denn ſie hat mich ſehr viel Thränen gekoſtet, und die Dir nicht früher erzählt zu haben eben jenes Unglück iſt, deſſen ich mich vorhin gegen Dich ſchuldig bekannte. Halt ein! rief der Fürſt. Ich will, ich kann nichts weiter hören. ſparen, die im Grunde doch nur eine Wohlthat iſt Die Wahr⸗ heit iſt allewege eine Wohlthat. Ich habe Dir damals geſagt, daß mein Herz todtkrank war von einer unglücklichen Liebe; ich habe Dir nicht geſagt, wer der Mann geweſen, der mich ſo grenzenlos unglücklich gemacht. Ich mußte annehmen, daß Du, der Du mich nicht fragteſt, ebenſo dachteſt wie ich und es Dir genügte, zu wiſſen, daß ich Du mußt, ſagte Hedwig, ich kann Dir dieſe Qual nicht er⸗ Unruhe; Du ſehnteſt Dich nach der Muße, die dem Denker, dem ——— unglücklich war; daß ich bei Dir eine Zuflucht ſuchte aus einer Welt, die mir wie ein offenes Grab erſchien; daß ich, was noch von freundlicher Geſinnung, von dem Bedürfniß, wohlzuthun, von der Leidenſchaft, zu helfen, zu tröſten, in mir lebte, Dir widmen wolle, dem zartſinnigen Freunde; Dir und den vielen Deinen, die zu dem gütigſten Herrn, als zu ihrem Schutz und Schirm auf Erden, gläubig aufblickten; und daß ich hoffte, in dieſer ſchönen herrlichen Aufgabe die Ruhe meines Herzens, den Frieden meiner Seele wiederzufinden. Und ich ſchwur Dir in jener feierlichen Stunde, daß ich Dich nun und immerdar lieben wolle mit einer Tochter reiner Liebe. Ich habe Dir viel zu danken für die überſchwängliche Güte, mit der Du Deine Tochter überhäuft, für all das Schöne, Herrliche, mit dem Du ſie beſchenkt haſt, und von dem ihr nichts ſchöner und herrlicher däuchte als das Vertrauen, das Du ihr entgegenbrachteſt, als Du ſie nach und nach an Deinen Arbeiten Theil nehmen ließeſt, in Deine Sorgen einweihteſt— Du alle⸗ zeit für das Wohl der Deinen zärtlich Beſorgter! Und wenn ich mich nun in dieſer Stellung, die mich him⸗ melhoch hinweghob über das Elend meiner Jugend, die mir von Tauſenden und aber Tauſenden wohl mit Recht beneidet werden mußte, von Anfang an und im Anfang am wenigſten glücklich fühlte, wenn ich Dir keine gute Tochter war— Un⸗ dankbarkeit war es nicht, wahrhaftig nicht. Ich bin Dir ſtets von Herzen dankbar geweſen, ſo weit mein Herz für Dankbar⸗ keit empfünglich iſt, und werde Dir ewig dankbar ſein. Auch der Schmerz der Wunde war es nicht, an der mein Herz noch blutete— ich hatte mir geſchworen, daß dieſe Wunde heilen müſſe, und ich wußte, daß ſie heilen werde— nein, dies Alles war es nicht; es war die Ungenügſamkeit meines Herzens, die Ueberſchwänglichkeit meiner Phantaſie, der ungebändigte Thatendrang meiner Seele, der immerdar in's Grenzenloſe ſchweifte. Ich habe Dir viel Kummer damit bereitet, mein armer Freund. Dich verlangte nach Ruhe, ich brachte Dir die Gelehrten, dem Kunſtfreunde Bedürfniß iſt— ich regte Dich ————————— 304 zu dieſer, zu jener praktiſchen Unternehmung an und machte Dir einen Vorwurf, wenn ſo Manches nicht gedieh, das vielleicht nicht gedeihen konnte. Halt ein! rief der Fürſt. Ich kann es nicht hören, daß Du Dich ſelbſt ſo läſterſt. Die Unglücklichen, deren Thränen Du getrocknet, die Kranken, denen Du die heiße Stirn gekühlt, die Armen, in deren Hütten Du Brod und Arbeit gebracht— ſie zeugen gegen Dich. Sie zeugen nur dafür, erwiederte Hedwig, daß der Einzelne überall nicht viel vermag im Guten wie im Böſen. Und dieſe Einſicht, zu der ich denn doch bald gelangte, hat die Ruhe⸗ loſigkeit, mit der ich mich und Dich plagte, wohl gemindert, aber die Qual des Unbefriedigtſeins, unter der ich litt und Dich mitleiden machte, nur vergrößert. Aufgewachſen, wie ich war, in der ſtlaviſchen Abhängigkeit von einer verarmten adeligen Familie, die mir mit ihrem Stolz, der ſo übermüthig ſein kann, ihren großen Anſprüchen, die ſich ſo trefflich mit engſter Engherzigkeit vertragen, ihrer Vornehmthuerei, die ſo emſig nach Pfennigen rechnet, der wahre Typ des preußiſchen Junkerthums ſchien, hatte ich den Haß, den ich gegen dieſe Familie und ihre Untugenden eingeſogen, auf das ganze Preußen übertragen, und fand es im Anfang herrlich, daß hier alle Welt, Deinem Bei⸗ ſpiel folgend, nicht anders über Preußen und preußiſches Weſen dachte; ja, die ſeltſame Uebereinſtimmung der Empfindungen des Mädchens aus dem Volk und des hochgeborenen Fürſten in dieſem Punkte war es vielleicht vor Allem geweſen, was mich ſo ſehr zu Dir und, ich glaube, auch Dich zu mir zog. Nun aber, je länger ich unſere Verhältniſſe hier ſtudirte, um ſo deut⸗ licher wurden mir die Widerſprüche, die ſich aus unſerer Lage ergaben: die Unzulänglichkeit der Mittel, mit denen wir ſo Großes zu leiſten gedachten, die Unmöglichkeit in einer Zeit, wo Alles in's Ganze und Große ſtrebt, Volkswirthſchaft und Politik auf eigene Hand treiben zu wollen. Dieſe Einſicht, ſage ich, war ebenfalls die Quelle von Bitterniſſen für uns Beide, eine Quelle, die deshalb nicht weniger reichlich floß, weil wir ſie ſcheinbar unbeachtet unter unſeren Füßen hinſickern ließen. 305. Und um dieſe Zeit war es auch, wo ich anfing, anders über ihn zu denken, der mich ſo grauſam betrogen. Vielleicht war dieſe Grauſamkeit nicht ſo groß, vielleicht war dieſer Be⸗ trug nicht ſo unverzeihlich geweſen, vielleicht hatte er den Ver⸗ hältniſſen, von denen ich bis dahin ſo klein gedacht und deren fürchterliche Kraft ich jetzt zu ahnen begann, nur einfach Rech⸗ nung getragen; vielleicht hatte er von ſeinem Standpunkt: dem Standpunkt des armen, adeligen, ehrgeizigen Officiers nicht an⸗ ders handeln können; hatte er eine Jugendleidenſchaft opfern müſſen, die ihn in den Augen der Welt lächerlich, in der Armee unmöglich machte, ihn in der Geſellſchaft, bei Hofe unrettbar compromittirte; hatte er eine Verbindung eingehen müſſen, die in jeder äußeren Beziehung ſchicklich war und die man über⸗ dies allſeitig von ihm erwartete. Ich ſagte, ich fing an, anders über ihn zu denken; ich hätte ſagen ſollen: ich fing an, über ihn zu denken, das heißt, ich hörte auf, ihn zu haſſen, wie ich ihn bis dahin gehaßt hatte, mit der ganzen Energie meines leidenſchaftlichen jungen Herzens; ich ſuchte ihn zu verſtehen, ſeine Handlungsweiſe zu begreifen. Das Reſultat dieſes Nachdenkens war kein glänzendes für ihn, aber aus dem Haß wurde doch auch keine Verachtung; man kann nicht leicht Jemand verachten, dem man, wie man auch ſonſt über ihn denkt, einräumen muß, daß er weiß, was er will, und daß er die Kraft hat, ſeinem Willen Geltung zu ver⸗ ſchaffen. Ich konnte es gerade jetzt um ſo weniger, als ich vor mei⸗ nen Augen das Bild eines Mannes hatte, der, wahrhaft über⸗ reich ausgeſtattet mit allen Gaben des Geiſtes und Gemüths, ja auch der körperlichen Anmuth und Schönheit, nur dieſer ein⸗ zigen Gabe des feſten energiſchen Willens zu entbehren ſchien und dadurch in meinen Augen ſich um den beſten Theil ſeines Werthes brachte. Du weißt, daß ich von Doctor Horſt ſpre⸗ chen will. Es wäre ganz müßig, noch in dieſem Augenblicke darüber zu grübeln, ob ich ihn hätte lieben können, wäre er mir be⸗ geguet zu einer Zeit, wo mein Herz noch nicht ſein beſtes Blut in Fr. Spielhagen's Werke. XI. 20 206 einer großen unglücklichen Leidenſchaft verſtrömt haite. Es kann ſein; glaubte ich doch ſelbſt jetzt noch mehr als einmal ihn zu lieben, aber ich zweifelte ſtets, daß es ein Glück für ihn und mich geweſen wäre. Seine Weichheit würde meine Härte zu mleiſche Starrheit getrieben, ſeine Unſchlüſſigkeit meinen freien Muth zu unweiblicher Waghalſigkeit gereizt haben. Wenn ich in dem Grafen den Typ des ehrgeizigen, wie Stahl biegſamen und zugleich ſpröden preußiſchen Junkerthums zu erkennen glaubte, ſo ſah ich in Horſt das Bild des deutſchen Bürgerthums mit ſeiner Ueberfülle von Geiſt und Wiſſen, von Talenten aller Art, von Fleiß, Ehrbarkeit— köſtlichen Eigenſchaften, denen doch der rechte Lohn nicht wird und werden kann, da der angeborene und anerzogene Sinn des opferfrohen Duldens, des reſignirten Tragens, des zuwartenden Gewährenlaſſens wohl den Acker be⸗ ſtellen und die Saat ſähen, aber nicht die Ernte mit kräftiger Sichel ſchneiden und in die eigenen Scheuern bringen kann; ein Bild, das anzieht und rührt, aber auch eben ſo oft abſtößt und unſeren Zorn erregt. Ueber dieſe gemiſchten Empfindungen bin ich Horſt gegen⸗ über früher nicht hinausgekommen, und heute, wo er uns nun wirklich verlaſſen, zürne ich ihm wieder, und möchte auch wieder weinen, wenn ich denke, was ihn der abſchiedloſe Abſchied ge⸗ koſtet haben muß, was er mich noch koſten wird. Ich ermüde Dich, mein Freund, mit meinen Bekenntniſſen und darf ſie Dir doch nicht erſparen, wollen wir in einer Stunde nachholen, was wir jahrelang verſäumt haben. Und wie könnte das, was jetzt geſchehen iſt, klar werden, wenn wir nicht endlich einmal zuſammenrechneten, was geſchah; wie könn⸗ ten wir vor Allem uns darüber einigen, was nun geſchehen muß! Was aber geſchehen iſt, kann ich mit wenigen Worten ſagen. Als Du mit einer Hartnäckigkeit, die mir lange unbegreiflich war, auf dieſen Beſuch beſtandeſt, wäre es vielleicht meine Pflicht geweſen, den Schleier zu heben, der für Dich einen ſo wichtigen Theil meiner Vergangenheit bedeckte; aber dieſe Vergangenheit ſchien mir ein Grab, welches ſich von ſelbſt nicht wieder öffnen konnte, und duß ich ſelbſt es nicht wieder öffnen würde, deſſen war ich gewiß; von ihm aber— von Graf Heinrich— glaubte ich dieſen Widerwillen gegen Erinnerungen, die doch auch für ihn nicht erfreulich ſein konnten, vorausſetzen zu dürfen. In dieſem letzten Punkte hatte ich mich geirrt. Ich will nicht entſcheiden, ob, was ihn zu mir zog, der Wunſch war, wieder gut zu machen, was nicht wieder gut zu machen iſt, oder ob er nur dem Antrieb ſeiner Natur folgte, die ihn, wie das Raubthier, immerdar nach Beute jagen läßt, und wäre es uur, um zu jagen; vielleicht war es Beides, ich weiß es nicht; deſto beſſer weiß ich, wie es um mich ſelbſt ſtand, und davon muß ich jetzt reden. Vielleicht kann einer Frau nichts Härteres zugemuthet wer⸗ den, als den Mann, der ſie verlaſſen, der ſie auf Jahre hin⸗ aus unglücklich gemacht hat, an der Seite Derjenigen wiederzu⸗ ſehen, welcher ſie geopfert wurde, mit welcher er ſich für das Leben verbunden hat. Für die Verlaſſene liegt in dem bloßen Anblick der Bevorzugten ein ſchneidendes Urtheil, das auch ein demüthiger Sinn ſelten gerecht finden wird, und eine höhnende Herausforderung, die nicht zu beantworten einer leidenſchaftlichen Natur faſt unmöglich iſt. In meinem Falle war, was mir zu⸗ gemuthet wurde, doppelt hart. Ich kannte Stephanie ſo gut, wie überhaupt, glaube ich, ein Menſch einen andern kennen kann; war ich doch von früheſter Ju⸗ gend auf mit ihr zuſammen geweſen, hatte ſo unſäglich viel durch ſie gelitten! Und dieſes Weſen, bei dem jede anmuthige und zier⸗ liche Gabe der Natur durch eine frivole Eitelkeit getrübt iſt— ſie war ſeine Gefährtin, die Gefährtin eines Mannes, von dem ich jetzt weit ſtärker als damals den Eindruck einer Kraft empfing, die, wenn ihr nur das rechte Feld der Bethätigung geboten wurde, das Be⸗ deutendſte leiſten mußte, eines Mannes, der an der Seite einer hoch⸗ ſinnigen Frau, die der Leidenſchaftliche leidenſchaftlich lieben durfte, ſein ſtolzes Wort: Allzeit voran! zur Wahrheit gemacht hätte, nicht, wie jetzt, in dem engen und ſelbſtiſchen Sinn ſeiner Partei⸗ ſe ſondern in dem großen und edlen Sinn des Patrioten, der über ſeine Partei hinaus ein Vaterland hat. Und wenn Du mich nun fragſt, jetzt noch fragſt, was Deine 2 ————————— 308 düſteren Blicke mich alle dieſe Tage gefragt haben, ob die alte Leidenſchaft von neuem in mir erwachte, ob ich den Grafen liebe, nicht wie ich ihn damals liebte, aber dennoch liebe— ich hätte Alles, was ich geſagt, vergeblich geſagt. Aber Du wirſt es nicht fragen; Du wirſt Dir ſelber ſagen, daß, wer, wie ich, ſo ruhig, leidenſchaftslos über ſeine Empfindungen ſprechen kann, nicht die widerſtandsloſe Beute dieſer Empfindungen iſt, und Du kennſt mich hinreichend, um zu wiſſeu, daß von allem Unerträglichen der Zwang, den man auf mich auszuüben ſucht, das Unerträglichſte iſt. Nein, mein Freund, ich liebe den Grafen nicht. Sein Weg und mein Weg haben ſich hier und jetzt zum letztenmale ge⸗ kreuzt, um für alle Zukunft weit und weiter auseinander zu gehen. Daß ſich aber unſere Wege hier kreuzen mußten— Du wirſt mir zugeben: dies und Alles, was daraus gefolgt iſt und folgen wird— es iſt in keinem Sinne meine Schuld. Ich habe den Grafen nicht hieher eingeladen, ich habe ihm nicht den Marquis zur Geſellſchafr gegeben, habe dem Zufall nicht gebieten können, der ganz offenbar geſtern den Grafen zum Zeugen— und welch' einem Zeugen!— der Scene auf dem Thurme machte und ihm den Vorwand gab, den Vorwand zu dieſer Comödie, für deren Heldin ich ihm gerade gut genug war! ich! Nein, wende Dich nicht ab von mir und decke die Hand nicht über die Augen. Wir können uns nicht immer ver⸗ blenden, wir ſehen ja doch, wie es mit uns, um uns ſteht. Ich ſehe es wenigſtens ſo deutlich, wie die Lichter und Schatten, die hier zu unſeren Füßen durcheinander zittern. Ich kann 6. die Sonne nicht wegleugnen, die droben über uns ſcheint, ich kann die Wahrheit, die meine Seele erhellt, nicht Lügen ſtrafen. Ich bin Dir nicht, was Du wünſcheſt, daß ich Dir ſei, was Du glaubſt, daß ich Dir ſein könne, und ſo iſt ſelbſt die Frende an dem, was ich Dir wirklich bin, auf ein Geringſtes beſchränkt, und was übrig bleibt, iſt eitel Qual, in welcher Du Dein ſchö⸗ A nes Selbſt zerrütteſt und die Dich, wird ſie nicht von Dir ge⸗ nommen, nothwendig ganz zerſtören muß Denn anders iſt es nicht. Deine jetzige unſelige Lage iſt nur eine Folge der unſeligen Stimmung, welche unſer ſegen⸗ loſer Bund nach und nach in Dir bis zum Uebermaß genährt hat. Von dieſer Stimmung haſt Du Dich leiten laſſen, als Du dieſe Menſchen, die Du jahrelang gemieden, hieher beſchie⸗ deſt; ihr biſt Du gefolgt, als Du Dir ein Intereſſe an der Tagespolitik aufzwangſt, die Dir früher ſo fern gelegen hat; als Du Dich in einen Haß gegen Preußen hineinwühlteſt, der alle Grenzen überſpringt, in eine Liebe zum Erbfeinde, vor der das Vaterlandsgefühl erröthet; als Du das Gebot der Klugheit ebenſo wie das Geſetz des Patriotismus ſo weit vergeſſen konn⸗ teſt, um Dich, Deine hohe Stellung in der Welt, Deine reine Ehre einem Charlatan wie dieſem Marquis anzuvertrauen, und die leiſe Mahnung Deines Gewiſſens ebenſo mißachteteſt, wie den muthigen Vorwurf des Freundes, und nun erleben und dulden mußt, daß der Mann, den du haßt, jetzt vor Dich hintreten und auch nur mit einem Anſchein von Wahrheit ſagen darf: ich habe Dich aus einer ſo großen Gefahr befreit. Aber Dich wahrhaft freimachen, das kann jener Mann nicht, das kann einzig und allein ich. Ich kann es und will es. Ich kann und will Dich von dem Alp erlöſen, der auf Deinem ſchönen Leben laſtet, Dich von der Kette befreien, die Deine edlen Glieder blutig drückt; ich will und kann und muß Dich von mir ſelbſt befreien und erlöſen. Das war es, ſagte der Fürſt mit dumpfer Stimme. Das war es und das iſt's, erwiederte Hedwig, und anders kann es nicht ſein. Unſer Verhältniß war vielleicht von vorn⸗ herein eine Unmöglichkeit, jedenfalls iſt es das jetzt. Der trüge⸗ riſche Schatz, den wir heben wollten, muß in dem Angenblicke verſinken, wo das erſte Wort geſprochen wird. Ich habe es geſprochen— und er iſt verſunken. Und wäre er es bis zum Mittelpunkt der Erde, rief der Fürſt aufſpringend, er muß, er ſoll wieder an das Licht! Hed⸗ 310 wig, bei Allem, was Dir heilig iſt, beſchwöre ich Dich, wende Dich nicht von mir, zieh' Deine Hand nicht von mir; Du gie bſt mich nicht dem Leben wieder, wie Du ſagſt, Du nimmſt mir das Leben, Du giebſt mich dem Tode! Die Lüge iſt der Tod, nicht die Wahrheit, erwiederte Hed⸗ wig; die Lüge hat uns krank, todtkrank gemacht, in der Wahr⸗ heit werden wir wieder geſunden. So ſei es Wahrheit, rief der Fürſt, vor uns, vor den Menſchen, vor Gott, was bis dahin Lüge war. Ja Hedwig, es war Lüge, was ich Dir damals ſchwur, denn ich liebte Dich, ſobald ich Dich erblickte, wie nur je ein Weib geliebt iſt. Aber, Hedwig, jene erſte Lüge iſt auch die letzte geweſen, denn alles Andere iſt uur eine Folge dieſer erſten und letzten. Und wäre ſie wirklich ſo ganz unverzeihlich? Bedenke, Hedwig, wie das Alles über mich kam, den wilden Waſſern gleich, die ein Ge⸗ witter von den Bergen ſendet, urplötzlich, urgewaltig, unwider⸗ ſtehlich! Wie hätte ich da Zeit gehabt, Alles zu bedenken, an. etwas Anderes zu denken, als wie ich Dich mir gewinnen könnte; etwas Anderes zu fürchten, als daß ich Dich ganz verlieren würde? Ich hörte aus Deinem Munde, daß Dein Herz an einer unglücklichen Liebe verblutete, daß Du der Verzweiflung nahe warſt. Sollte ich der Unglücklichen, Verzweifelten von Liebe ſprechen? Und doch, Hedwig, hätte ich es gethan,— 3 Du ſagteſt ja ſelbſt damals, es ſind nicht die Jahre, die uns trennen— wer weiß, ob all dies Leid uns nicht wäre erſpart worden! Denn nun freilich mußte jener erſten Lüge die zweite und die tauſendſte folgen; nun freilich mußte unſer ganzes Le⸗ 3 ben eine Lüge ſein. Und alles Andere iſt ſo Folge jenes Er⸗ 3 ſten, daß es eben, wie jenes Erſte, immer nur gethan wurde in der Hoffnung, Dich zu gewinnen, in der Furcht, Dich zu 6 verlieren. Prüfe mein ganzes Leben ſeit jener Zeit, jede mei⸗ ner Handlungen, jedes meiner Worte, ob Du es anders findeſt. Du hatteſt mir nicht geſagt und ich hatte Dich nicht ge⸗ fragt, wer der Mann war, den Du liebteſt; ich hatte keine Ah⸗ nung davon, es könne der Graf ſein; aber ich wußte, daß Du dieſe Familie, die Dir Dein junges Lehen zur Qnal gemacht, haßteſt, verabſcheuteſt, verachteteſt; ich dachte nicht anders, als daß Jener in dieſem Haß einbegriffen ſei, und ich, der ich jene Menſchen wahrlich nie geliebt hatte, haßte ſie doch erſt eigent⸗ lich von dieſem Augenblicke. Dein Haß war mein Haß! Du weißt, wie Preußen an den Fürſten von Roda früher und ſpäter gehandelt hat, Du weißt, wie ich als meines Vaters Sohn gegen Preußen geſinnt ſein mußte. Aber was ich je von heimlichem Groll gegen Preußen empfunden— es war eine milde Regung im Vergleich zu dem Zorn, der mich jetzt erfaßte, ſeitdem ich Dich auf meiner Seite ſah, und ſah, wie Dein dunkles Auge Flammen ſprühte, und hörte, wie Dein be⸗ redter Mund in zornige Anklagen ſich ergoß, ſobald wir auf Preußen zu ſprechen kamen. Dein Haß war mein Haß! Und wie in dieſen Fällen, ſo war es immer und überall. Meine Seele war unter Deinem Einfluß wie das Inſtrument unter des Künſtlers Hand, wie die Erde unter dem Himmel, die jeden Sonnenſtrahl freudig empfängt, und auf die jede Wolke ihre dunklen Schatten wirft. Ach, Hedwig, es fiel ſo mancher dunkle Schatten auf Deine arme Erde und die geliebte Sonne verhüllte ſich mehr und mehr. Hedwig, was ich dar⸗ unter gelitten habe— ich will, ich kann es Dir nicht ſagen. Ss würde wie eine Anklage klingen und ſoll doch keine ſein; es würde wie ein Verzweiflungsſchrei klingen, Dein Mitleid zu erwecken, und das will ich nicht; arm, wie ich bin, grenzenlos arm und verlaſſen ohne Deine Liebe— von Deinem Mitleid tönnte und wollte ich nicht leben. Das habe ich mir unzähligemale geſagt, und wenn ich ſo in der tiefſten Nacht der Verzweiflung umherirrte, dann reichte ein Lächeln Deines Auges, ein gütiges Wort aus Deinem Munde hin, mich wieder hoffen zu machen, es könne noch Alles gut werden, wie— ſo ſagte ich mir in jenen hoffnungsfrohen Augen⸗ blicken— doch ſchon ſo Manches gut war. Ja, Hedwig, jene erſte Lüge mußte doch wohl keine ſein die vor den Augen des Allwiſſenden nun und nimmer Gnade findet; wie hätte ſie ſonſt Gnade finden können vor den Men⸗ ſchen, wie hätte aus unſerem Bund, wäre er eine ganz ſegenloſe unheilige Lüge geweſen, für ſo viel Menſchen Heil und Segen entſpringen können? Hedwig, es ſteht geſchrieben: an ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen! Du haſt ſie bisher mißachtet, dieſe Früchte— unſere Armen und Elenden wiſſen es beſſer. Wie oft, Hedwig, habe ich ſie ſagen hören: Gottes Segen über ſie, die uns Licht und Leben iſt, die uns dem Leben wiederge⸗ geben hat! Hedwig, die Stimme dieſer Armen wird Deine Stimme übertönen vor dem Ohr des Richters da droben, und hier auf Erden wirſt Du dieſe Stimme hören, wohin Du Dich wendeſt und ſie wird Dir ſagen: Du durfteſt ihn nicht ver⸗ laſſen, denn Du durfteſt uns nicht verlaſſen! Und, Hedwig, ſo ſprach es auch immerdar in mir: es kann ja nicht ſein, ſie kann dich nicht verlaſſen, denn ſie kann dieſe hier nicht verlaſſen. Aber würdeſt Du ſie nicht verlaſſen müſſen in der Stunde, da ich die Augen ſchloß? Die Stunde konnte fern, ſie konnte nahe ſein: einmal mußte ſie kommen. Aber, ob früher oder ſpäter, ſie raubte den Armen ihren Troſt, ihre Zuflucht, ver⸗ nichtete die ſchöne Saat, die Du geſäet, wie ein eiſiger Hauch des Nachwinters die Keime des Frühlings. Eine grenzenloſe Angſt ergriff mich, Hedwig, wenn ich das dachte— nicht für mich, ich ſchwöre es Dir bei meiner Ehre, nur für Dich, die Du dann erſt wiſſen würdeſt, was Du werth warſt. Du wußteſt es nicht; Du mußteſt es lernen, ehe es zu ſpät. Ich ſah nur ein Mittel: wenn Du die mit leiblichen Augen ſehen würdeſt, die nach mir, nach Dir hier ſchalten und walten ſollten und Dir ſagen mußteſt: dieſer hochmüthige Mann, der kein Herz hat für das Wohl und Weh ſeiner Mitmenſchen, der nie darüber nachgedacht hat, wie dieſes Wohl zu vermehren, dieſes Weh zu vermindern iſt, ja, der ſie kaum für ſeine Mit⸗ menſchen und ganz gewiß nicht für Seinesgleichen hält; der den jungen Burſchen, welcher den Pflug durch die Scholle drängt, nur daraufhin anſieht, ob er ein brauchbarer Soldat ſein wird oder nicht, der an der jungen Dirne, welche mit der ſchweren Laſt auf dem Haupte bergan ſchreitet, nicht die Kraft und den emſigen Fleiß, ſondern nur die üppigen Formen bewundert:— er, er ſoll hier Herr ſein! Dieſe eitle Stephanie, die nie den Fuß in eines Armen Hütte geſetzt hat, die nie an einem Krankenbette ge⸗ wacht, die nie ein gebrochenes Auge zugedrückt hat, die Armuth, Krankheit, Tod für eine Beleidigung ihrer ariſtokratiſchen Nerven hält, die den Schweiß von hundert Arbeitstagen für den erſten beſten frivolen Einfall, für das erſte beſte, eitle Gelüſt gedankenlos hingeben würde:— ſie, ſie ſoll hier Herrin ſein! Und die Kinder dieſer Men⸗ ſchen ſollen wieder Herren ſein nach ihnen und ſo ſoll dies verruchte Geſchlecht Herr bleiben immerdar! Hedwig, ich meinte, ein Schauder müßte Dich ergreifen vor dieſem Bilde, wenn Du es ſäheſt in ſeiner ganzen nackten Häßlichkeit; und wenn dieſer Schauder Dich ganz ergriffen, dann wollte ich vor Dich hin⸗ treten, wollte mich Dir zu Füßen werfen, wie ich jetzt zu Dei⸗ nen Füßen liege, und zu Dir ſprechen: Hedwig, laß uns der Lügenſchlange kühn den Kopf zertreten, laß uns der Wahrheit die Ehre geben, ſei Du meine Herrin, meine Fürſtin, ſei Du mein Weib vor Gott und vor den Menſchen! Um Gotteswillen, ſteh auf! ſchrie Hedwig, indem ſie ſelbſt von der Bank, auf welcher ſie geſeſſen, ſich raſch erhob und den Knieenden mit ſich emporzog. Sie ſtanden ſich Beide gegenüber, Beide zitternd, ſprachlos. Endlich ſagte Hedwig mit tonloſer Stimme: Erich von Roda hat mir geſchworen bei ſeiner fürſtlichen Ehre, daß er mich nie zum Weib begehren wolle. Ich habe ihm erſparen wollen, daß er ſein Wort brach, indem ich ihm das ſeine zurückgab und alle Schuld auf mich nahm. Es iſt vergeblich geweſen. Sie that ein paar raſche Schritte, dann wandte ſie ſich wieder um und, langſam zu dem Fürſten, der regungslos auf derſelben Stelle ſtand, zurückkehrend und ſeine Hand ergreifend, ſagte ſie: Erich, mein Freund, laß uns nicht ſo von einander gehen, nicht ſo; in dieſer furchtbaren Aufregung, in dieſem Sturm durcheinander wühlender Gedanken und Empfindungen, mit Groll im Herzen und trüben liebloſen Worten auf den Lippen. Laß uns unſer Haupt beugen vor dem Schickſal; es muß ja ſchließlich Jeder, der Hohe, wie der Niedriggeborene; aber wie wir es thun, das ſteht bei uns und entſcheidet über unſeren Werth. Laß uns einander werth ſein und bleiben. Der Fürſt ſtarrte ſie mit wirren Blicken an. Wie ſchön dies Alles klingt! ſagte er; wie Muſik der Engel, und iſt doch Alles Lug und Trug. Erich! Ja, Lug und Trug! rief der Fürſt. Wer iſt denn hier von uns Beiden, der der Wahrheit die Ehre giebt, ich oder Du! Ich habe Dir mein ganzes Herz enthüllt, warum ſagſt Du nicht, wie Dir's um's Herz iſt? Warum nicht, daß Du glücklich biſt, nun endlich den Vorwand zu haben, nach welchem Du ſo lange geſucht! Erich! Ja, preſſe nur die Hände auf Dein Herz! Du wirſt es fürder doch nicht vor mir verbergen können. Ich kenne es jetzt, ſein rührendes Geheimniß! Erich! Dies das Ende! Dies! Hören zu müſſen, daß der Mann, der mir Licht und Luft raubt, der mich Schritt vor Schritt aus dem Leben drängt, mein ſchlimmſter Feind, den ich haſſe, wie ich noch Niemanden und nichts auf Erden gehaßt habe, derſelbe iſt, an den ſie ihr Herz gehängt, damals, jetzt und immer— ihr Held, ihr Ritter, ihr Gott! Und das wagt ſie mir zu ſagen, mir in's Angeſicht! Unerhört, ſchamlos, entſetzlich! Zu viel, murmelte Hedwig, zu viel! Und dann, ſich zuſammenraffend, ſagte ſie mit einer Stimme, in welcher durch ihren Unwillen die Rührung hindurchklang: Ich wollte ſo nicht ſcheiden. Ja, ſcheiden, rief der Fürſt: es iſt Dein letztes Wort, wie es Dein erſter Gedanke war. So ſei es denn mein letztes, ſagte Hedwig. Hedwig! ſchrie der Fürſt, und noch einmal in angſtvollem und faſt kreiſchendem Ton: Hedwig! Und als ſie, wider ihren Willen faſt, ihren Kopf wendete, ſah ſie ihn, wie er, mit der rechten Hand den oberſten Stab des Gitters faſſend, den einen Fuß auf die Bank geſetzt, den Oberkörper vornübergebeugt, einem Raſenden gleich da ſtand. Wenn Du ſo von mir gehſt, Hedwig, bei Gott, dem All⸗ mächtigen, im nächſten Augenblicke liege ich zerſchmettert dort unten! Hedwig wußte, daß nicht das niedere Gitter, daß nur das Wort, das er von ihr erwartete, ihn von dem Ab⸗ grund trennte. Auf dieſe Weiſe ſie zu zwingen, Ja zu ſagen, wo Alles in ihr Nein ſprach— es war unedel, es dünkte ihr verächtlich, und mit düſteren Augen und grollender Stimme fragte ſie: Was verlangſt Du von mir? Aufſchub, keuchte der Fürſt, für wenige Tage, für wenige Stunden, gleichviel; ich kann Dich nicht ſo verlieren, ich kann es nicht. Auch wenn Du hältſt, was ſich nicht halten laſſen will? Es waren dieſelben Worte faſt, aus ihrem Munde, die er vor wenigen Minuten aus dem Munde des alten treuen Freundes gehört. Wäre er ihm gefolgt! Hätte er entſagt, als es Zeit war, entſagt, bevor er ſeine fürſtliche Ehre auf eines Meſſers Schneide ſtellte, wo ihm nur die Wahl blieb zwiſchen dem Tod und dem Wortbruch. Das zuckte blitzſchnell durch ſein Gehirn; er konnte den Ausweg nicht finden aus dem Labyrinth, in das er ſich verirrt. Da kam der Diener, den Hedwig vorhin nach dem Fürſten ausgeſchickt, zurück, um zu ſagen, daß Durchlaucht die Ober⸗ förſterei verlaſſen habe und nirgends zu finden ſei. Der Diener war ein alter umſtändlicher Mann, der ſeine Botſchaſt ausrichten zu müſſen glaubte, trotzdem die Gegenwart deſſen, den er geſucht, dieſelbe unnöthig machte; und dann ließ Herr von Zeiſel noch gehorſamſt vermelden, daß er in Abweſen⸗ heit von Durchlaucht und der gnädigen Frau ſelbſt nach der 316 Station zu fahren gedenke, um Excellenz die Frau Generalin abzuholen, wenn Durchlaucht nicht anders— Es iſt gut, ſagte der Fürſt. Und dann ſei hier ein Brief, den vor einer halben Stunde der Herr Graf durch einen expreſſen Boten auf das Schloß geſendet und den der Herr von Zeiſel geglaubt habe, gleich weiter befördern zu müſſen, weil vielleicht eine Antwort noth⸗ wendig ſei. Du kannſt dort im Saale warten, ſagte der Fürſt. Der alte Mann verbeugte ſich und zog ſich in den Saal zurück, wo er ſich ſo aufſtellte, daß ihn ein Wink des Herrn ſofort herbeirufen konnte. Mit Deiner Erlaubniß, ſagte der Fürſt. Er öffnete den Brief des Grafen und reichte das Blatt, nachdem er es geleſen, an Hedwig. Ich bitte Dich, ſagte er, der Inhalt betrifft Dich ſo gut wie mich. Hedwig nahm den Brief und las: „Durchlaucht! Der Herr Marquis de Florville hat die Unvorſichtigkeit gehabt, die gnädige Frau, Ihre Gemahlin, zum Gegenſtand ſeiner Galanterien zu machen. Ich habe den Herrn Marquis deshalb zur Rechenſchaft ziehen zu müſſen ge⸗ glaubt, die wohl in dieſem Falle keine andere als eine blutige ſein konnte. Das Duell hat ſoeben— neun Uhr Morgens— in un⸗ mittelbarer Nähe der Station Kirchenrode in Gegenwart der Herren von Neuhof und du Roſel als Secundanten und des Herrn Doctor Bertram aus Kirchenrode als ärztlichen Bei⸗ ſtandes ſtattgefunden. Ich habe um Eurer Durchlaucht willen den Gaſt Eurer Durchlaucht ſchonen zu müſſen geglaubt. Der Herr Marquis liegt in dem Bahnhofshotel an einer Verwund⸗ ung in der rechten Schulter darnieder, die ihn allerdings für den Augenblick kampfunfähig macht und ihm vielleicht für das Leben eine ſchmerzliche Erinnerung an ein paar leichtſinnige Stunden zurückläßt, ihn aber nach dem Ausſpruch des Arztes nicht verhindern wird, ſpäteſtens morgen in kleinen Abtheilungen ſeine Reiſe fortzuſetzen. 3 317 Durchlaucht, ich weiß, daß dieſer Vorfall, den ich nicht pro⸗ vocirt, dem ich im Gegentheil in jeder Beziehung die beſtmög⸗ liche Wendung zu geben geſucht habe, Eurer Durchlaucht nichts⸗ deſtoweniger ſehr ſchmerzlich ſein wird. Ich würde deshalb durch meine Gegenwart die Erinnerung an das Geſchehene in Durchlaucht nicht wieder wachrufen und die Gaftfreundſchaft Eurer Durchlaucht länger in Anſpruch nehmen, wenn dies auf irgend eine Weiſe thunlich wäre. Dies iſt aber nicht der Fall. Wollte ich mich jetzt von Eurer Durchlaucht beurlauben, ſo würde man ohne Frage darin einen Beweis erblicken, daß Durchlaucht mit dem Ausgang des Duells unzufrieden, oder mir doch in Folge deſſelben weniger gnädig geſinnt ſei, und ich brauche nicht zu ſagen, wie peinlich mir eine ſolche Auslegung ſein würde. Ueberdies wird die Neugier des Publicums, der ſich in ſolchen Fällen nichts unterſchlagen läßt, bald herausgefunden haben, daß die Urſache des Streites eine Dame war, welche Durch⸗ laucht ſo nahe ſteht, und meine plötzliche Abreiſe würde eine Auslegung hervorrufen, mit deren Detaillirung ich Durchlaucht billig verſchone. Ich erlaube mir alſo anzunehmen, daß es mit Durchlauchts ſpeciellen Wünſchen übereinſtimmt, wenn ich nicht vor Beendi⸗ gung meines Urlaubs, alſo nicht vor dem ſechszehnten abreiſe, nachdem ich Durchlaucht zu ſeinem Geburtstage meine ehrfurchts⸗ volle Huldigung dargebracht. Ich hatte, wie Durchlaucht wiſſen, nicht die Abſicht, die Frau Generalin von der Station abzuholen. Da mich dieſe Angelegenheit aber einmal bis hieher geführt hat, werde ich die Ankunft derſelben umſomehr erwarten, als ſie die geeignetſte Perſon ſein dürfte, meiner Frau Nachricht von dieſen Ereigniſſen zu geben. Ich ſelbſt werde die Frau Generalin nicht bis Roda begleiten, da ich den Zuſtand des Marquis, ſo wenig beun⸗ ruhigend derſelbe auch iſt, für dieſen Tag noch zu überwachen wünſche. Ich werde alſo die Nacht entweder hier oder bei dem Baron Nenhof zubringen und mich erſt im Laufe des mor⸗ genden Tages Eurer Durchlaucht und der gnädigen Frau, der ich meine Empfehlung zu machen bitte, wieder vor⸗ ſtellen.. Eurer Durchlaucht gehorſamſter Heinrich Roda⸗Steinburg.“ Er ſchreibt uns vor, was wir zu thun, ja, was wir zu denken haben, ſagte der Fürſt bitter, als Hedwig ihm den Brief zurückgab. Hedwig antwortete nicht. Die Worte des Fürſten waren nur eine Ueberſetzung ihrer eigenen Gedanken von heute Morgen: er iſt der Herr, weil er ſich die Situation ſchafft, wie er ſie braucht. Sie waren ſich in demſelben Gedanken begegnet und ſie hingen dieſem Gedanken ſchweigend nach, während zu ihren Füßen die Schatten mit den Lichtern ſpielten und zu ihren Häuptern in dem dichten Gezweig der Platane die Vögel zwitſcherten. Hedwig! ſagte der Fürſt. Er trat an ſie heran, aber ohne ſie zu berühren. Hedwig, vergieb mir meine Heftigkeit, ich war außer mir. Laß mich meine häßliche Drohung jetzt als freundliche Bitte wiederholen: faſſe keine allzuraſchen Entſchlüſſe! Unſere Inter⸗ eſſen ſind trotz alledem dieſelben, in dieſem einen Punkte we⸗ nigſtens. Es muß Dir um Deiner weiblichen Würde willen ſo viel daran gelegen ſein, wie mir um meiner Mannesehre willen, daß die Folgen dieſes unglückſeligen Ereigniſſes nicht zu hart auf uns zurückfallen. Das würden ſie auf Dich und mich, wollteſt Du— ich kann nicht ausſprechen, was ich nicht aus⸗ zudenken wage. Der Graf hat den Marquis gezwungen, von hier zu gehen, und mich, indem er Dich in dieſe Sache ver⸗ wickelte, gezwungen, ihm vor der Welt Recht zu geben. In dieſen beiden Punkten hat er ſein Spiel gewonnen. Das An⸗ dere aber und das Teufliſche iſt, daß er zwiſchen uns dieſe un⸗ ſelige Stunde heraufgeführt hat, die uns auf immer von ein⸗ ander ſcheiden, oder— Hedwig, ich will es nicht wiederholen, ich will nichts, als Dich bitten, Dich anflehen, ruhig zu über⸗ denken, ob er auch hier Recht behalten, oder ob er ſein Spiel in einer Weiſe verlieren ſoll, von der er ſich in ſeinem Hochmuth doch wohl nichts träumen läßt. Ja, ich fühle in jedem Nerv: das iſt die Entſcheidung, die ich heraufrufen wollte, als ich dieſe Menſchen hieher entbot. Sie iſt anders gekommen, als ich dachte, ſchärfer, ſchneidender— tödtlich ſchneidend. Vielleicht iſt es beſſer ſo; ich will zu dem Allmächtigen flehen, daß er es zum Beſſeren wende. Laß ihm Zeit; auch er braucht Zeit, der Menſchen trotzige Herzen zu erweichen. Laß uns Zeit, ein paar Tage nur, bis zu meinem Geburtstag! Es iſt ja ſo wenig, um was ich bitte, im Vergleich zu dem Ungeheuren, das für mich auf dem Spiele ſteht. Willſt Du Hedwig? Haſt Du mir eine Wahl gelaſſen? murmelte Hedwig. Anſpannen laſſen! rief der Fürſt, nach dem Diener ge⸗ wendet. Beide Wagen, Durchlaucht? ſagte der Mann herantretend. Der Fürſt blickte Hedwig an. Ich werde mit Durchlaucht fahren, ſagte Hedwig. Einundzwanzigſtes Capitel. So lange ich zurückdenken kann, ſagte der Nachtwächter Wenzel, als er mit dem Rathsdiener Müller des Abends um zehn Uhr auf dem Rothebühler Marktplatz am Brunnen ſtand, ſo lange ich als vereidigter Nachtwächter zurückdenken kann, und das werden nächſten Martini vierzig Jahre, ſind die Mädchen um dieſe Zeit des Jahres noch nicht ſo ſpät Waſſer holen ge⸗ kommen. Ja, ſagte der Rathsdiener Müller, und ich habe die Eimer, die von Anfang Juli bis Ende Auguſt nach der Verordnung von anno ſechs vor den Hausthüren mit Waſſer gefüllt ſtehen müſſen, noch nie ſo oft leer gefunden als jetzt. Ein Dutzend habe ich ſchon in Strafe nehmen müſſen und wir ſchreiben heute den dreizehnten Juli; wenn das ſo fortgeht, werden wir ja wohl bis zum September die offene Revolution haben. Krieg ſollen wir ja ſo wie ſo wohl bekommen, ſagte der Nachtwächter Wenzel. Iſt nicht ſo ſchlimm wie Revolution, ſagte der Rathsdiener; ich weiß es noch von Achtundvierzig, und werde mein Leben lang daran denken, als ſie ja wohl Alle närriſch waren und unſerer Durchlaucht und mir das Leben ſauer machten. Nun, ſagte der Nachtwächter Wenzel, ſie ſind ja auch ietzt wohl wieder eifrig dabei, aber dieſe Confeſſion macht er ihnen nicht. Conceſſion, Gevatter Wenzel, ſagte der Rathsdiener. Conceſſion oder Confeſſion, ſagte der alte Wenzel ärgerlich, das iſt Alles eins. Er heirathet ſie, wenn er ſich's einmal in den Kopf geſetzt hat. Ich kenne die alte Durchlaucht; na, mich gehts nichts an. Herr du meines Lebens, da ſchlägt's ſchon ein Viertel, und ich habe noch nicht Zehn abgeblaſen. Und der würdige Mann ſtieß in ſein großes Horn, daß man es draußen bis in Herrn Körnickes Fabrik auf der einen und bei Kanzleiraths auf der anderen Seite hören konnte, und ganz gewiß in der Gaſtſtube der Goldenen Henne, wo die Herren beim Biere ſaßen, und vor Allem in der Laube der Apotheke zum Schwan, wo die Damen noch immer conferirten. Aber die laute Mahnung fand heute wie die Tage vorher uur taube Ohren, und als der alte Wenzel ſeine Runde ge⸗ macht und nach einer halben Stunde wieder an dem Brunnen anlangte, waren weder in der Goldenen Henne, noch in der Apothele, noch in einem halben Dutzend anderer Häuſer des Marktes die Lichter gelöſcht; die Mädchen gingen noch immer ab und zu, Waſſer zu holen; und, wahrhaftig, da ſtund Ge⸗ vatter Müller in derſelben nachdenklichen Stellung, gerade wie vorhin, den einen Arm auf den Brunnenrand gelehnt, und ſagte, als Gevatter Wenzel herantrat— gerade als wäre unter⸗ deſſen kein Waſſer aus der Röhre gelaufen: Glaubt Ihr wirklich, Gevatter, daß er uns dieſe Conceſſion nicht macht? In der Wirthsſtube der Goldenen Henne aber, deren Fenſter der großen Wärme wegen geöffnet waren, ſprach Herr Findel⸗ 321 mann, das Reſultat einer langen Debatte über die Lage der Welt im Allgemeinen und des Fürſtenthums Rothebühl im Be⸗ ſonderen zuſammenfaſſend: Mit einem Worte, ich hätte es an des Königs Stelle nicht gethan; ich hätte dem Napoleon die Conceſſion nicht gemacht. Ich hätte zu dem Prinzen von Hohenzollern geſagt: ſetz' Dich nur immer auf den Thron, mein Sohn, hätte ich geſagt, und wenn ſie Dir was wollen, dann ruf' mich, ich werde es ihnen beſorgen. Und wir hätten Krieg mit Frankreich gehabt, rief Herr Körnicke, und vielleicht mit der halben Welt. Auch im Kriege giebt es zu verdienen, ſagte Herr Zeller. Der Krieg iſt ein Unglück, bei dem ſchon Mancher ſein Glück gemacht hat, ſagte Herr Hippe. Der Krieg iſt immer ein Unglück, ſagte Herr Körnicke, we⸗ nigſtens jeder Krieg, der etwas Anderes will, als den Feind von den Grenzen fernhalten; und darin muß ich dem Roche⸗ fort Recht geben. Das iſt auch ſo ein Rother, ſagte Herr Findelmann. Roth oder nicht, ſagte Herr Körnicke, recht hat er doch. Wie man den Krieg anfängt, das weiß man zur Noth, aber wie man daraus hervorgeht, das kann kein Menſch wiſſen. Und darum ſag' ich noch einmal: der König hat als ein braver, verſtändiger Mann gehandelt, wenn er ſich nicht gleich auf's hohe Pferd geſetzt, ſondern ganz vernünftig mit dem Benedetti geſprochen hat. Und ich denke, die Franzoſen werden auch noch Vernunft annehmen. Die und Vernunft, ſagte Herr Findelmann; nein, da lobe ich mir unſeren Herrn Grafen, der weiß, wie man mit den Kerls ſprechen muß; der hat kurzen Proceß gemacht. Ja, wohl, ſagte der Wirth; raus mit dem Kerl, wenn er nicht gehen will! Ja, das iſt ein Herr, der Haare auf den Zähnen hat, ſagte Herr Zeller. Der verſteht's, der iſt wie der Bismarck, ſagte Herr Findel⸗ mann. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 21 ——————————— ———— 322 Ja, ja, der hält das Haus rein, ſagte Herr Zeller. Und der hannöverſche Herr Doctor hat ſich auch ſchon aus dem Staube gemacht, ſagte der Wirth⸗ Das ſind Privatangelegenheiten, die uns nichts angehen, ſagte Herr Körnicke, ſich verlegen in dem dichten ſchwarzen Haar krauend. Wohl gehen ſie uns was an, ſagte Herr Findelmann; es kann uns als Preußen nicht gleich ſein, ob unſere Durchlaucht uns franzöſiſch oder hannöverſch machen will. Oder republikaniſch, ſagte Herr Zeller ironiſch. Was redet Ihr Alle auf mich ein, rief Herr Körnicke; geht hin und ſagt's dem alten Herrn, was Ihr gegen ihn auf dem Herzen habt. Das werden wir auch, ſagte Herr Findelmann. Am ſechszehnten, ſagte Herr Zeller, ſobald Ihre Frau das ſchöne Gedicht hergeſagt hat. Nun habe ich's aber ſatt! rief Herr Körnicke, indem er heftig den Stuhl zurückſtiß und aufſprang. Wer hat mir denn in den Ohren gelegen, ich könnte mich nicht ausſchließen vom Feſt und ich müßte die Sache in die Hand nehmen und die Bürgerdeputation führen und das Ständchen arrangiren und all das? Ich habe mich nicht dazu gedrängt und habe es ungern genug gethan und meiner Frau die Erlaubniß gegeben, Euch zu Gefallen und dem Herrn von Zeiſel, der ein braver Herr iſt, und der alten Durchlaucht, obgleich ich noch kein Wort mit ihm geſprochen habe und er immer auf die andere Seite ſieht, wenn er mir begegnet. Er iſt ein alter Mann, habe ich mir geſagt, der nicht mehr viel Geburtstage haben wird, und du bleibſt deshalb doch, der du biſt. Aber wenn Ihr mir ſo fommt, mögt Ihr ſehen, wie Ihr ohne mich fertig werdet. Ja, das werden wir ſehen, ſagte Herr Findelmann. Wir ſind früher immer ohne Sie fertig geworden, ſagte Herr Zeller.. N Aber meine werthen Freunde! fägte Herr Hippe. Und übrigens, rief Herr Körnicke, ſchon an der Thür, das muß ich Euch noch ſagen: Undankbar und ſpottſchlecht iſt es — 323 von Euch, wenn Ihr jetzt Alle ſo gegen den alten Herrn ſeid, der Euch zeitlebens nur Gutes gethan und dem Ihr Alle, wie Ihr da ſitzt, tauſend Dank ſchuldet und vor dem Ihr tauſend⸗ mal die Mütze gezogen habt und unſere allergnädigſte Durch⸗ laucht hinten und unſere allergnädigſte Durchlaucht vorn! Ich würde mir an Eurer Stelle doch erſt das neue Waſſer anſehen, ehe ich das alte wegſchüttete; ich denke, Euch wird mit dem neuen Waſſer noch ſo der Kopf gewaſchen werden, daß Euch die Augen übergehen. Und damit Gott befohlen! Herr Körnicke ſtürmte zur Gaſtſtube hinaus und warf die Thür hinter ſich ins Schloß, daß man es über den ſtillen Markt⸗ platz bis drüben in der Laube hörte. Drüben aber in der Thür der Laube ſtand Frau Körnicke und band ſich mit zitternden Händen die Bänder unter dem runden Kinn zu und ſagte: Wenn Ihr ſo denkt, dürft Ihr gar nicht zu dem Ball gehen; ich zum wenigſten ginge nicht hin. Aber erſtens halte ich es für ein leeres Gerede, daß er ſie nun wirklich heirathen will, und zweitens fände ich es nur recht und billig und an⸗ ſtändig, wenn er ſie heirathete; denn dieſe Ehe zur linken Hand, wie ſies nennen, das iſt ja doch nur eine gottloſe Erfindung von den vornehmen Herren, und ich meine, jede ehrbare Frau müßte wünſchen, daß ſo etwas gar nicht in einem chriſtlichen Lande exiſtire. Und was man jetzt hier Alles von ihr erzählt, daß ſie ein Verhältniß mit dem Franzoſen gehabt und dann ein Techtelmechtel mit dem Grafen, und nun gar, daß ſie mit dem Doctor heimlich verheirathet ſei, das iſt ja doch Alles ein elender Klatſch, den wir uns ſchämen ſollten, in den Mund zu nehmen und uns damit lächerlich zu machen. Es müßte noch ganz anders kommen, ehe ich ſo etwas von einer Dame glanbte, der bisher Niemand etwas hat nachſagen können, als daß ſie von Haus aus ein armes Mädchen geweſen iſt; und ich für mein Theil bin auch nicht ſo hoch geboren wie der Stoich, und ich meine, keine von uns iſt es, und wir ſollten deshalb lieber zu Unſeresgleichen Hhlten. 324 Das ſind Ihre Anſichten, liebe Körnicke, ſagte Frau Findelmann. Natürlich ſind es meine, ſagte Frau Körnicke. Was ſo ein kleines Gedicht, das man aufſagen ſoll, nicht Alles macht, ſagte Frau Zeller. Aber meine Damen! ſagte Frau Hippe. Das fehlte noch gerade! ſagte Frau Körnicke, ihren Hut⸗ bändern einen letzten Ruck gebend. Ich habe ſchon ſo viel ein⸗ ſtecken müſſen wegen des Gedichts, zu dem Ihr mich erſt, wie Ihr wohl wißt, lange habt bitten müſſen, und ich habe nun genug und die Damen werden ja auch wohl ohne mich fertig werden. Und da kommt mein Mann, mich abzuholen, und ich wünſche Ihnen eine wohlſchlafende Nacht. Endlich! ſagte Gevatter Wenzel. Nun werden die Anderen auch wohl gehen; aber das ſage ich Euch, Gevatter: es iſt ge⸗ rade wie vor vierzig Jahren, als der Blitz am fünfzehnten Juli in den Thurm ſchlug und die halbe Stadt abbrannte und am ſechszehnten die alte Durchlaucht ſtarb. Die Käuze hatten die ganze Nacht durch geſchrien, gerade wie jetzt, und ich ſage Euch, es giebt ein Unglück: Revolution oder Krieg, denn ich kenne unſere alte Durchlaucht, der iſt wie der hochſelige Herr, der machte auch nie nicht eine Confeſſion. Conceſſion, ſagte Gevatter Müller. Zweiundzwanzigſte⸗ Capitel. „Der Prinz von Hohenzollern wird nicht in Spanien re⸗ gieren. Wir haben nicht mehr verlangt und mit Stolz neh⸗ men wir von dieſer friedlichen Löſung Kenntniß. Ein großer Sieg, der nicht eine Thräne, nicht einen Tropfen Bluts ge⸗ koſtet hat.“ Der Geheimrath ließ das Zeitungsblatt, aus welchem er dieſe Zeilen vorgeleſen, auf ſeine Kniee ſinken und ſchaute die beiden Damen durch ſeine Brillengläſer verwundert an. Nun, meine Gnädigen, der Ueberbringer ſo trefflicher Nach⸗ richten hoffte ein freudiges Staunen hervorzurufen und ſich den holdeſten Dank zu verdienen. Ich verſtehe ſo wenig von dieſen Dingen, ſagte Stephanie. Wann hat der Conſtitutionel das gebracht? fragte die Generalin. Am zwölften, erwiederte der Geheimrath, in die Zeitung blickend. Und wir ſchreiben heute den vierzehnten. Wie langſam man die Nachrichten hier bekommt. Und was kann nicht ſeit⸗ dem ſchon Alles wieder geſchehen ſein. Aber Excellenz ſind auch zu ſteptiſch! rief der Geheimrath. Mag ſein, erwiederte die Generalin, man wird das mit den Jahren; und diesmal habe ich, wie Sie wiſſen, meine be⸗ ſonderen Gründe. Man war an meinem Hofe der Sache ſo ſicher. Indeſſen, möglich iſt ja Alles. Ich bin begierig, zu hören, was der Graf davon halten wird. Er kommt ja mit Neuhofs zum Diner, ſagte Stephanie. Um fünf Uhr, ſagte der Geheimrath aufſtehend. Es iſt jetzt Zwei und ich habe Durchlaucht verſprochen, ihm bei Tafel einen kleinen Vortrag zu halten über die Beobachtungen, welche ich während dieſer vier Tage hinſichtlich des Geſundheitszu⸗ ſtandes der Leute hier herum, über die klimatiſchen, die geolv⸗ giſchen Verhältniſſe und ſo weiter angeſtellt habe. Ich bitte Sie, meine Damen, was läßt ſich denn in vier Tagen beob⸗ achten, wenn man hiehergekommen iſt, ſich der liebenswürdigſten aller Frauen ganz zu widmen, und die andere Zeit von Di⸗ ners, Soupers und kleinen Ausflügen in die paradieſiſche Ge⸗ gend hinreichend in Anſpruch genommen iſt! Aber Durchlaucht würde das freilich nicht als genügende Entſchuldigung gelten laſſen. Man muß für die armen Menſchen immer Zeit haben, höre ich ihn ſagen. Doctor Horſt hatte immer Zeit für ſie. Ich haſſe dieſen ausgezeichneten Collegen, ohne das Glück ſeiner näheren Bekanntſchaft gehabt zu haben; er iſt Durchlauchts — dann haben wir den Krieg ganz gewiß. Nun, er hat nicht drittes Wort. Und wenn ich aus der groben Fahrläſſigkeit, mit der er unſere liebe Gräfin hier behandelt hat, mir einen Schluß verſtatten darf, ſcheint mir der Mann Alles in Allem ein leichtſinniger Menſch und ein großer Ignorant dazu geweſen zu ſein. Ganz meine Anſicht, lieber Geheimrath, ſagte die Generalin; vergeſſen Sie ja nicht, das dem Grafen auf das ernſtlichſte zu inſinuiren und ihm zu ſagen, daß ſich unſere Wünſche viel früher, als wir gedacht, erfüllen werden. Viel früher gerade nicht, Excellenz. Sagen Sie: viel früher. Ich habe meine Gründe. Wann hätte es der vorſichtigſten, weitſchauendſten aller Frauen daran gefehlt! ſagte der Geheimrath mit einem leiſen Anflug von Ironie, indem er der Generalin die Hand küßte. Ich habe die Ehre, mich den Damen bis zum Diner gehorſamſt zu empfehlen. Der Geheimrath hatte ſich kaum durch die offene Thür in den Garten entfernt, als Stephanie in Thränen ausbrach. Ach, wenn doch nur Alles erſt vorbei wäre! Ich werde diesmal ſicher ſterben! rief ſie. Aber liebes Kind, ſagte die Generalin, Du biſt wirklich wie ausgelauſcht. Ich muß mich manchmal ordentlich darauf be⸗ ſinnen, daß dies meine muntere, leichtblütige, ſonſt Alles ſo leicht nehmende Stephanie iſt. Nun ja, ich wollte, wie Du, daß Alles vorbei und glücklich vorbei wäre; die Situation würde dadurch eine ganz andere und für uns viel günſtigere. Und deshalb muß der Fürſt, muß Dein Mann, alle Welt in Er⸗ wartung und Spannung erhalten werden. Wenn etwas, wo⸗ von man ſich ſo viel verſpricht, noch nicht eingetreten iſt, kann man nichts Anderes thun, als ſagen, daß es morgen, heute, in jedem Augenblick eintreffen wird. Dann hat man, wenn nicht das Capital, ſo doch vorläufig die Zinſen. Es iſt dieſelbe Marxime, die unſer Prinz immer befolgt hat. Erklären wir Jeden, der den Krieg mit Frankreich nicht für eine abſolute Nothwendigkeit hält, für einen Dummkopf, pflegt er zu ſagen, „ 327 immer recht, unſer lieber Prinz, aber darin hat er recht, drei⸗ mal recht; wir werden es erleben. Und dann muß Heinrich fort und ich ſehe ihn vielleicht nicht wieder! ſchluchzte Stephanie. Die Generalin hatte nicht übel Luſt, gerade herauszulachen; der ſentimentale Ausbruch kleidete Stephanie doch gar zu wun⸗ derlich; aber man mußte Rückſicht auf das Kind nehmen. So zog ſie denn ein paar leichte Falten über ihre weiße Stirn und ſagte: Du biſt meines Wiſſens die erſte Turlow, die es nicht ſelbſtverſtändlich findet, daß ihr Mann ſein Leben Gott und dem König ſchuldig iſt. Aber Heinrich iſt in dieſen Tagen ſo ſehr gut gegen mich geweſen, ſagte Stephanie. Ich gebe es zu, erwiederte die Generalin, obgleich ich lieber geſehen haben würde, wenn er ſeine Beſuche bei Neuhofs auf die Hälfte der Zeit reducirt hätte; aber glaubſt Du, er wird weniger gut ſein, wenn ihm geſagt wird: Du kannſt jede nächſte Stunde Vater werden? Ich ſage Dir, Stephanie, ſchenke mir heute Nacht einen Enkel und ich ſtehe Dir für Alles. Für Alles, wiederholte die Generalin, die ſich erhoben hatte und jetzt vor dem Spiegel ihre grauen Locken arrangirte. Man müßte die Männer nicht kennen, wenn man nicht wiſſen ſollte, wie das ihrer Eitelkeit ſchmeichelt, ihre Energie anſpornt und ſie Entſchlüſſe faſſen, ausführen läßt, an die ſie vorher kaum gedacht haben. Nicht, daß ich an Heinrichs Energie zweifelte, aber bei einem ſo großen Spiel kann man nicht genug Trümpfe in der Hand haben; und dies wäre ein Haupttrumpf. Und nun gar unſere Durchlaucht, der gute, alte, confuſe Mann, der mit ſeinen graren Haaren noch ſolche Pagenſtreiche macht, er würd⸗ Reſpect vor einem fait accompli haben, dem ein Paroli zu biegen ihm denn doch Die Generalin beendete den Satz nicht, ſondern fuhr, ſich von dem Spiegel wieder in das Zimmer wendend, fort: Und phantaſtiſch, wie er iſt, würde er darin womöglich ein Zeichen des Himmels ſehen. Iſt doch das Ganze, ſo wieſe,— 328 pure Phantaſterei. Ihr ſeid hier Alle Phantaſten; es muß in der Luft liegen; Gott ſei Dank, daß ich dergleichen Einflüſſen nicht unterworfen bin, wenigſtens habe ich mir meine normale Stimmung bis jetzt bewahrt und hoffe, Euch Alle wieder zur Vernunft zu bringen, bevor viele Tage in's Land gehen. Ich wollte noch eine kleine Promenade machen, liebes Kind, Du biſt zu angegriffen und mußt verſuchen, eine Stunde zu ſchlafen. Ich werde Dich zur rechten Zeit wecken laſſen. Keinen Wider⸗ ſpruch, liebes Kind, wenn ich bitten darf. Deine alte Mama hat jetzt das Commando ergriffen, und Du weißt, daß ſie kei⸗ nen Ungehorſam duldet. Sie küßte Stephanie auf die Stirn; ein paar Minuten ſpäter wanderte ſie zwiſchen den ſonnenbeſchienenen Beeten, auf denen unzählige Blumen ſüße Düfte in die warme Luft ſende⸗ ten, unter ihrem grauen Sonnenſchirm langſam dahin, bis ſie den andern Theil der Anlagen jenſeits des Rothen Thurms erreichte, wo das dichte Gezweig der hohen Bäume Schatten und Kühlung ſpendete und an ſchicklichen Stellen placirte Bänke zur Ruhe einluden. Die Generalin nahm auf einer dieſer Bänke Platz. Es war ihr nicht um einen Spaziergang zu thun geweſen. Sie hatte allein ſein wollen, um ungeſtörter ihren Gedanken nach⸗ hängen zu können. Hier war ſie allein, und das leiſe Rau⸗ ſchen in den hohen Bäumen und dann und wann eine Vogel⸗ ſtimme, die bald wieder ſchwieg, und das monotone Plätſchern der Fontaine im Blumengarten ſtörte ſie nicht. Sie hatte Anderes zu thun, als auf Windesrauſchen, Vogelſtimmen und murmelndes Waſſer zu hören. Sie hatte über die ſchwierige Lage nachzudenken, die ſie hier vorgefunden, die Möglichkeiten zu überſchlagen, welche eintreten konnten, die Mittel zu erwägen, wie Alles zum guten Ende geführt werden mochte. Daß dieſes Ende aber ein gutes ſein werde, daran zweifelte ſie ihrerſeits nicht. War doch ſeit nun beinahe ſieben Jahren— ſeit Graf Heinrich als junger Lieutenant zuerſt in ihr Haus kam, die Hoffnung, ihre Stephanie einſt als Fürſtin von Roda⸗Rothebühl zu ſehen, der Angelpunkt geweſen, um den ſich all ihr Denken, Sinnen, Plänemachen bewegte. Hatte doch dieſe im Anfang ſo ſchwache Hoffnung immer dentlichere Geſtalt angenommen, war doch die dämmernde Ferne immer näher gerückt— und das ſollte nur ein Traum geweſen ſein, aus dem ſie wiederum als arme Generals⸗Wittwe erwachen ſollte, Schwiegermutter eines ſchuldenbehafteten Garde⸗Rittmeiſters, auf deſſen alten gräflichen Namen nicht einmal mehr ein Diner vom Garkoch zu haben war! Und weshalb? Weil hier ein Mädchen als gnädige Frau herumſtolzirte, das ſie ſich aus der Portiersloge hatte fommen laſſen aus purem Mitleid— nein, aus Mitleid nicht um für ihre Stephanie, die ſo grenzenlos ungezogen war, ein Spielding zu haben— gleichviel— weil die hier herum⸗ ſtolzirte mit ihrer hoffährtigen Miene und den Männern die Köpfe verdrehte und es mit ihrer raffinirten Koketterie nun glücklich ſo weit gebracht hatte, daß der alte Don Quixote noch dieſen letzten Narrenſtreich begehen und ſie alles Ernſtes hei⸗ rathen wollte. Lächerlich! ſagte die Generalin, und ſie lachte, da ihr der alte Graf Sylow einfiel, der, mit der goldenen Lorgnette vor den blöden Augen, in den Geſellſchaften immer hinter ſeiner jungen liebenswürdigen Frau herſuchte und den ſie deshalb ſelbſt Diogenes getauft hatte. Aber freilich, Diogenes war zum größ⸗ ten Ergötzen des ganzen Cirkels, trotz ſeiner ſiebzig Jahre, ſeiner wäſſerigen Augen, falſchen Haare, Zähne und Waden, glücklicher Vater geworden und hatte ihr ſelbſt noch neulich ganz ernſthaft verſichert, daß ihm das Kind mit jedem Tage ähnlicher werde. Man lachte in dem Kreiſe ſehr über Dio⸗ genes' Vaterſchaft; über Don Quixote's Vaterſchaft würde nie⸗ mand lachen; Don Quipote hatte noch ſehr klare Angen und eine vortreffliche Haltung und konnte noch wer weiß wie lange leben und— Das ſcharfgeſchnittene Geſicht der Generalin hatte, während ſie dieſen Gedankengang verfolgte, einen beinahe ernſten Ausdruck angenommen. Ja, hier war der Knoten, den man zerhauen mußte, wenn man ihn nicht löſen konnte, das Andere war ja Nebenſache. heute Morgen noch immer hatte Sechsundſechszig die würde es heute, wo ſeine nicht anders machen. ſo gar ernſt zu nehmen, wahl; er konnte ſich ja, Neuhof verlieben, die gar oder in der Himmel weiß war es einmal, hätte gethan? Sich aigrirt, Krone aufzuſetzen, ſelbſt di gelenkt. Konnte man ſich nicht, wenn man dergleich ganz und gar an der W ihren eigenen Mann, Der Menſch muß in habt haben, ſprach lichteit zu, würde er nich Ob es nun zum Kriege kam, nommen haben, wäre er nicht Heinrich war ein Narr! Er wenn er ſich die Hedwig? Es war ein Scandal, Stephanie gute Miene zum böſen Spiel machen, ihren Mann gelinde auslachen, die ganze Affaire als eine Kinderei behandeln müſſen. ihm ſentimentale Scenen geſpielt, ſich ein wenig in dieſen Doctor verliebt, und, um dem Ganzen die er zehnmal dringender geweſen, mand, der ſich nur irgend dazu qualificirte, müſſen? Und das Richtige hatte ſo nahe gelegen, Händen zu greifen geweſen; die kluge dies vor acht Tagen ſchon mit dürren Worten geſagt! 330 wie ſie trotz der Nachricht von glaubte, oder nicht— der Fürſt Fauſt in der Taſche geballt und Lage ſo viel ſchwieriger war, auch Heinrich hatte Unrecht gehabt, die Sache und würde ſie auch niemals ſo ge⸗ ſelbſt in Hedwig verliebt geweſen. hatte doch wahrhaftig die Aus⸗ verlieben wollte, in die dagegen gehabt haben würde, warum nun gerade wieder in daß es ſo war. Aber, nichts wen; Und was hatte ſie ſtatt deſſen e Eiferſucht des Fürſten auf Heinrich etwas Tolleres denken? Sollte man en an ſeiner eigenen Tochter erlebte, elt verzweifeln? Auf Heinrich, auf von dem ſie jeden Verdacht, und wäre hätte fernhalten, auf irgend Je⸗ hätte ablenken war mit Neuhof hatte es ihr über⸗ ſeiner Art bedeutende Qualitäten ge⸗ die Generalin bei ſich, während ſie mit der Spitze ihres Sonnenſchirms Schuörkel in den Sand zog. Stephanie's Caprice wäre ſouſt ganz unerklärlich und ebenſo die Hartnäckigkeit, mit der Heinrich ſich noch immer gegen un⸗ ſere Behauptungen ſträubt, ſelbſt doch wahrhaftig das Unſere gethan haben und die That⸗ ſachen deutlich genug reden. trotzdem die gute Neuhof und ich Gäbe er nicht innerlich die Mög⸗ t ſo keck die Unmöglichkeit behaupten — — 331 Darin hat er freilich Recht, daß es ſehr gleichgültig iſt, ob ſie den Menſchen liebt oder nicht, wenn ſie ſchließlich doch den Fürſten heirathet. Niemand auf der Welt kann es mir ver⸗ denken, wenn ich mit dieſem Unſinn aufräume, ſo oder ſo. Hätte man doch nur etwas Greifbares, etwas Plauſibles, ich weiß nicht, was ich darum gäbe! Die Generalin blickte auf, da ſie den Schritt Jemandes ge⸗ hört zu haben glaubte, der aus der Richtung des Cavalier⸗ hauſes, deſſen Giebel man durch die Bäume ſchimmern ſah, auf den Platz zukam. Sie ſchob ſich die grauen Locken, welche ihr, während ſie ſo gebückt dageſeſſen, etwas in die Stirn geglitten waren, zurück, verwiſchte mit dem Fuße die Schnörkel im Sande, lehnte ſich, behaglich mit ihrem Sonnenſchirm ſpielend, in die Ecke der Bank und blickte ſcharf nach den Gebüſchen, aus denen der Kommende alſogleich hervortreten mußte. Es war Herr Gleich, der alte Kammerdiener des Fürſten. Ein freudiger Schreck durchzuckte ſie. Wenn irgend Jemand auf der Welt, ſo war der alte Mann im Stande, ihr zu helfen. Sie hatte das vom erſten Augenblicke an herausgefühlt und alle Welt hatte es ihr beſtätigt. Es war ein merkwürdig glücklicher Zufall, der ihr gerade heute Morgen und hier den Mann in den Weg führte! Ein Zufall mußte es ſein. Der Mann hatte ſie offenbar nicht geſucht, wie ſie im erſten Angen⸗ blicke gedacht hatte. Er kam, den langen dürren Leib vornüber gebeugt, den grauen Kopf tief geſenkt, langſam den Baumgang daher, wiederholt ſtehen bleibend und in der Luft fingerirend, dann wieder ein paar Schritte machend, um abermals ſtehen zu bleiben, ſich die breitſchirmige Mütze abzunehmen und mit den Händen durch die grauen Haare zu fahren— das Bild eines Menſchen, der über eine wichtige Angelegenheit nicht mit ſich in's Reine kommen kann. Da mußte er, aufſchauend, ſie erblickt haben. Mit einem Ruck richtete er ſich in die Höhe, ſein Schritt wurde gleich⸗ mäßig, langſam, wie es ſich für einen alten Mann ſchickt; und das discrete Erſtaunen, mit welchem er, als er kaum noch ſechs Schritte von ihr entfernt war, ſie bemerkte, war ſo vortrefflich 332 geſpielt, und die Vorſicht, mit welcher er, die Mütze tief ziehend und ganz leiſe auftretend, um ſie nicht zu ſtören, vorübergleiten wollte, ſo natürlich ausgedrückt, daß die Generalin ſich nicht enthalten konnte, halblaut Bravo! zu ſagen. Excellenz befehlen? fragte Herr Gleich. Der Mann war ſo prompt ſtehen geblieben; es war kein Zweifel, er wünſchte angeredet zu werden. Sie haben eine Stunde frei? ſagte die Generalin. Zu befehlen, Excellenz, erwiederte Herr Gleich, eine halbe Wendung nach der Generalin machend. Durchlaucht iſt ausgefahren? Durchlaucht ſind nach einer Conferenz mit dem Herrn Kanzleirath ausgefahren. Allein? Zu befehlen, Ercellenz. Haben Excellenz noch ſonſt— Setzen Sie die Mütze auf und nehmen Sie da auf der Bank FPlatz. Excellenz! Ich wünſche es. Wie Exrcellenz befehlen, ſagte Herr Gleich, indem er in der anderen Ecke der Bank ſo vorſichtig Platz nahm, als wäre keineswegs zwiſchen ihm und der Gnädigen noch mindeſtens für drei Perſonen Raum. Dennoch war Gleich durch die ihm an⸗ gethane Ehre nicht im mindeſten in Verwirrung gebracht. Er hatte mit ſeinem Gebieter unzähligemale in derſelben Weiſe ge⸗ ſeſſen, ſtundenlang, in der guten alten Zeit, als er noch mit Durchlaucht ſozuſagen allein war. Und Erxcellenz die Frau Ge⸗ neralin hatte ihn damals in Wiesbaden auf einſameren Prome⸗ naden auch ſchon ſo mit Durchlaucht ſitzend gefunden. Durchlaucht iſt in dieſen Tagen oft allein ausgefahren, ſagte die Generalin; ich dachte, er ließe ſich immer und überall von Herrn Gleich begleiten. Herr Gleich zuckte zuſammen wie Jemand, dem eine offene Wunde rauh berührt wird. Durchlaucht will ſich nach und nach daran gewöhnen, ohne 6 6* 333 mich fertig werden; ſagte er mit einem bittern Lächeln um den zahnloſen Mund. Sie wollen ſich zur Ruhe ſetzen? Legen, Erxcellenz, legen! ſagte Herr Gleich und deutete mit vor Aufregung zitternder Stimme auf den Boden. Hypochondriſche Grillen, lieber Herr Gleich! ſagte die Gene⸗ ralin. Sie ſind nicht älter als der Fürſt ſelbſt. In einem Jahre mit ihm geboren, ſagte Herr Gleich, und in demſelben Monat und bin ſein Reitknecht geweſen von mei⸗ nem ſechszehnten bis zu meinem ſechsundzwanzigſten, zehn Jahre lang. Und nun vierzig Jahre ſein Kammerdiener, ſeitdem er anno Dreißig an's Regiment kam, und habe Alles ausgeſchla⸗ gen, was er mir angeboten, heute die Mühle in Erichsthal, morgen die Braunſteingrube bei Hühnerfeld und die Caſtellans⸗ ſtelle auf dem Jagdſchloß und ſo fort, nur um bei ihm bleiben zu dürfen, aus purer abgöttiſcher Liebe zu meinem gnädigſten Herrn, und muß nun das erleben! Die abgöttiſche Liebe zu ſeinem gnädigen Herrn hat ihm vermuthlich mehr eingebracht, als die ſämmtlichen aufgezählten Herrlichkeiten, dachte die Generalin bei ſich und laut ſagte ſie: Was muß man erleben, lieber Herr Gleich? Aber wenn man den alten Andreas zum Aeußerſten treibt, fuhr Herr Gleich fort, dann wird er ſo deutlich ſprechen, daß man ihn endlich doch wohl wird hören müſſen, vermeine ich, halten zu Gnaden. Was wird hören müſſen, lieber Herr Gleich? fragte die Generalin in freundlich theilnehmendem Ton, während ihr das Herz vor ungeduldiger Erwartung ſchlug. Daß nicht Alles Gold iſt, was glänzt, ſagte Herr Gleich, und daß ſchöne Worte den Kohl nicht fett machen. Was hat er davon gehabt als ſchöne Worte alle dieſe Zeit? Nichts als ſchöne Worte, nicht einen Pfifferling mehr! Wer hat ihn ge⸗ pflegt und gewartet, wenn er ſeinen Herzkrampf hatte und ſei⸗ nen Rheumatismus? Wer hat die Nächte bei ihm gewacht, ſo weh ihm ſelbſt die alten Knochen thaten? Nun, andere 334 Leute haben noch keine Nacht an ihn gewendet, keine Stunde einer Nacht; ſie haben derweilen ganz ruhig geſchlafen in ihren weichen Betten und haben dann freilich des andern Morgens friſch und glatt ausſehen können wie die Schlange im Pa⸗ radieſe. Sollte ſie ihn wirklich nur immer am Narrenſeil geführt haben? ſagte die Generalin bei ſich. Und darum, fuhr Herr Gleich fort, für nichts und wieder nichts ſind wir Anderen alle Narren und Dummköpfe und können jeden Tag gehen, lieber heute als morgen, und haben die böſen Blicke und die böſen Worte und die böſen Launen, wenn er wie ein Unſinniger umherrennt und keine Ruhe und Raſt hat, als hätte er ſeine Seele dem leibhaftigen Satan ver⸗ kauft. Gott verzeih' mir die Sünde! Der alte Mann hatte ſich immer tiefer in ſeinen Zorn hineingeredet. Er bebte am ganzen Leibe und dabei neſtelte er mit den langen weißen Fingern fortwährend an den oberen Kyöpfen ſeines ſchwarzen Fracks, als ſei es ihm zu eng über der Bruſt, in der ſo viel böſe Leidenſchaften kochten. Die Ge⸗ neralin ſaß da, an ihrer dünnen Unterlippe nagend. Es war offenbar, daß der Mann von derſelben Furcht bewegt wurde wie ſie ſelbſt; daß der armſelige Einſatz ſeines Lebens für ihn auf dem Spiele ſtand, wie der große Einſatz ihres Lebens für ſie, daß ihre Intereſſen zuſammenfielen, und daß man ihn auf jeden Fall für ſich gewinnen mußte. Es hilft nichts, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, ich muß ihm entgegenkommen. Und laut ſagte ſie: Sie thun mir von Herzen leid, lieber Herr Gleich, wahr⸗ haftig von ganzem Herzen. Aber Sie wollen doch bedenken, daß wir: ich meine die Gräfin, der Graf und ich ſelbſt, unter dieſer ſeltſamen Verbindung mehr gelitten haben als Sie. Ih⸗ nen, dem alten Diener, darf ich es ſagen, und ich ſage ihm ja nichts, was er nicht ſelbſt in ſeinem treuen braven Herzen fühlte. Nun, wir haben Geduld geübt und Alles ruhig getragen, wenn es uns auch— der Himmel mag es wiſſen— oft ſchwer ge⸗ nng geworden iſt. Zu befehlen, Ercellenz ganz recht, ſagte Herr Gleich. Ich habe mich auch in Geduld geübt und es ruhig getragen; aber noch iſt nicht aller Tage Abend, halten zu Gnaden, und wir können erleben, was Excellenz denn doch wohl nicht ſo in Ge⸗ duld hinnehmen und ruhig tragen würde; wir können es er⸗ leben. Unmöglich, ſagte die Generalin, unmöglich! Ein böſes Lächeln zuckte um Herrn Gleichs zahnloſen Mund. Es kitzelte ihn, daß er doch mehr wußte wie die gnädige Ex⸗ cellenz. Gar nicht unmöglich, Excellenz, ſagte er. Er hat nicht um⸗ ſonſt ſchon vorher das ganze Archiv durchſucht und über den alten Acten ganze Nächte geſeſſen und mit dem Herrn Kanzlei⸗ rath bei verſchloſſenen Thüren gearbeitet, heute wieder den gan⸗ zen Vormittag, und nun ſoll es richtig gemacht werden— ich vermuthe übermorgen, an ſeinem Geburtstage. Unmöglich, rief die Generalin noch einmal, abſolut un⸗ möglich! Das würden wir, das würde der Graf niemals dul⸗ den, niemals, niemals! Die Generalin hatte ſich während dieſer Tage die größte Mühe gegeben, ihrer Tochter und dem Grafen die Möglichkeit, ja die Wahrſcheinlichkeit dieſes Falles zu beweiſen; ſie hatte noch in dieſem Augenblick erwartet, daß die Reden des alten Kammerdieners darauf hinauslaufen würden, und jetzt war ſie doch beinahe ſo erſchrocken, als hätte ſie nie vorher daran gedacht. Excellenz würden nicht ſo außer ſich ſein, wenn Erxcellenz es wirklich für unmöglich hielten, ſagte Herr Gleich; und es ſoll ja wohl jetzt gar nicht mehr ſo unmöglich ſein wie früher, nachdem wir Alle vor dem Geſetz gleich ſind; und in den al⸗ ten Acten ſteht ſo Mancherlei, worauf man ſich ſchlimmſtenfalls berufen kann, von Präcedenzfällen oder wie es heißen mag, wovon Durchlaucht in letzter Zeit ſo oft mit dem Herrn Kanzlei⸗ rath geſprochen haben. Die Generalin hatte ihre Faſſung wiedergewonnen. Hier war keine Zeit, in müßige und noch dazu äußerſt unſchickliche Klagen auszubrechen. Hier war nur noch Zeit zum Handeln. La tece———— 336 Lieber Herr Gleich, ſagte ſie, ich will offen mit Ihnen ſpre⸗ chen. Die Sache mag ſich nun vom rechtlichen Standpunkte verhalten wie ſie wolle, geſchehen darf ſie nimmermehr, und wir würden Denjenigen, welcher im Stande wäre, ſie zu hintertrei⸗ ben, ja uns nur dabei eine weſentliche Hülfe leiſtete, glänzend belohnen. Excellenz ſind ſehr gnädig, ſagte Herr Gleich, und ich für mein Theil würde gewiß Excellenz und der jungen Frau Gräfin und dem gnädigen Herrn Grafen von ganzer Seele in dieſer Sache dienen, aber Excellenz werden mir zugeben, man müßte doch ſchon ſozufagen etwas haben, was man ihm vor die Augen bringen könnte, was man mit Händen greifen könnte. Sie haben dergleichen, ſagte die Baronin eifrig; geſtehen Sie es nur. Nun denn, ſagte Herr Gleich, nachdem er ſich ſcheu nach allen Seiten umgeſehen, hier wäre vielleicht etwas für den An⸗ fang; und er nahm aus der Taſche ſeines Fracks ein kleines, ſorgſam zuſammengebundenes Packet. Was iſt das? fragte die Generalin. Ich habe es vor einer Stunde gefunden, ſagte Herr Gleich, auf ſeinem Zimmer, zu dem ich mir von meinem Schwieger⸗ ſohn den Schlüſſel geben ließ, um doch einmal ein wenig nach⸗ zuſehen— und da fand ich das unter dem Secretär; kann nicht ſagen, wie es dahin gekommen. Es ſind Briefe, ſagte die Generalin, die das Band ab⸗ geſtreift hatte, von ihr an ihn— ohne Zweifel. Haben Sie ſie geleſen? Nur eben ſo hineingeſchaut, Erxcellenz. Excellenz werden jä ſelber leſen, ſagte Herr Gleich. Und glauben Excellenz Jemand, der Durchlaucht ganz genau kennt: das mit dem Herrn Grafen hat ſie nicht ſchlechter in ſeinen Augen gemacht; aber die Liebſchaft mit dem Doctor, der nicht beſſer iſt als unſer Einer, darüber kommt er nicht weg. Ich danke Ihnen, lieber Herr Gleich, ich danke Ihnen, 5 ——— ——— * 337 ſagte die Generalin, das Packetchen in die Taſche ihres Kleides gleiten laſſend. So will ich Ercellenz nicht weiter ſtören, ſagte Herr Gleich, der ſchon während der letzten Minuten mit der Mütze in der Hand vor der Generalin geſtanden hatte und ſich jetzt mit einer tiefen Verbeugung entfernte. Die Generalin blickte der dürren ſchwarzen Geſtalt nach, bis dieſelbe hinter den Büſchen verſchwunden war. Dann zog ſie das Packet wieder aus der Taſche. Sie konnte ihre Neu⸗ gier nicht zügeln, und hier war ſie ja ſo ungeſtört wie auf ih⸗ rem Zimmer. Es waren Alles in Allem einige zwanzig Blätter, mei⸗ ſtens nur Billets aus wenigen Zeilen beſtehend. Die zierliche Handſchrift machte der Generalin keine Schwierigkeit. Einige Stellen, bei welchen ſich die Verfaſſerin einer fremden Sprache bedient hatte, von der die Generalin vermuthete, daß es Eng⸗ liſch ſei, überſchlug ſie. So dauerte die Lectüre nur kurze Zeit. Nun, ſagte die Generalin, ich hatte mehr vermuthet, wenn das Beſte nicht noch in den Zeilen ſteht, die mir Stephanie überſetzen ſoll; etwas ſehr platoniſch oder ſehr vorſichtig, aber doch immerhin ſehr brauchbar, und ein paar Aeußerungen über ihn ſind geradezu hochverrätheriſch. Im rechten Augenblick muß es Wirkung thun. Sie blickte auf ihre Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Diner. Ich habe gerade Zeit, zu dem Kanzleirath zu fahren; der Geheimrath ſoll mich begleiten; wir müſſen Gewißheit haben, volle Gewißheit über den wichtigen Punkt; und der Menſch iſt dumm genug, daß man Alles aus ihm herausbringen kann, was man will. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 29 ——————————— Dreinndzwanzigſtes Capitel. In derſelben Stunde, als die Generalin mit Herrn Gleich conferirte, ſaß in der Laube des Ifflerſchen Gartens Herr von Zeiſel, bald auf ſeine Uhr ſehend und bald den Gang hinab nach der Thür des Hauſes, in welcher die ungeduldig Erwar⸗ teten ſich immer noch nicht blicken laſſen wollten. Herr Zeiſel hatte gar keine Zeit. Er hatte zu dem Feſte übermorgen noch eine Welt von Geſchäften in Rothebühl zu ₰ beſorgen und hatte überdies gehofft, eine Stunde herauszubrin⸗ gen, um in ſchlankem Trabe bis nach Buchholz zu reiten, Herrn von Fiſchbach die Hand zu ſchütteln, Frau von Fiſchbach ein Recept zu einer Gänſeleber⸗Paſtete zu bringen, das er ihr von dem franzöſiſchen Koch des Fürſten verſprochen, Fräulein Adele Geibels Gedichte zu überreichen, um die ſie ihn gebeten, und im Galopp zur rechten Zeit wieder zum Diner zurück zu ſein. Aber wenn er überall ſo lange feſtgehalten wurde, wie hier, konnte er die ſüße Hoffnung nur aufgeben. Es iſt unverantwortlich, ſagte Herr von Zeiſel, und dieſer Unſinn! Eine Probe im Coſtüm in der hellen heißen Sonne, weil ſie ohne Waſſerplätſchern nicht in die rechte Stimmung kommen kann. Waſſerplätſchern! Die guten Leute müſſen ver⸗ rückt ſein. Herr von Zeiſel warf einen verachtungsvollen Blick auf das ſechs Fuß im Durchmeſſer große Sandſteinbecken vor der Laube, in welchem ein kleiner melancholiſcher Triton aus einer Muſchel einen kaum ſichtbaren Strahl auf ein halbes Dutzend Goldfiſch⸗ chen herunterrieſeln ließ, die regungslos in dem zollhohen Waſſer des Beckens ſtanden und ihrem unvermeidlichen Schickſal, von der glühenden Juliſonne gar gekocht zu werden, mit Ergebung entgegenzuſehen ſchienen. Es iſt zum Verzweifeln! ſagte Herr von Zeiſel. Daſſelbe ſagte auch Fräulein Eliſe, als Frau Wieſebrecht ihr die Haken an dem Muſchelgürtel, der ihr Coſtüm abſchließen —— — — —— über ein ſo unerhörtes Betragen ſich hinreichend erholen konn⸗ ſollte, um eine Hand zu weit angeſetzt hatte, nachdem der Gür⸗ tel vorher ebenſoviel zu eng geweſen war. Unſere gute Wieſebrecht wird mit jedem Tage unzuverläſſi⸗ ger, ſagte die Kanzleiräthin, die in einer nervöſen Aufregung war. Meine Geduld iſt zu Ende. Denken Sie, meine nicht? ſagte Frau Wieſebrecht, die Scheere, die ſie eben ergriffen hatte, um die unglücklichen Haken aber⸗ mals abzuſchneiden, energiſch auf den Tiſch werfend und von ihrem Stuhl in die Höhe fahrend. Denken Sie, die alte Wieſe⸗ brechten hat nichts Anderes zu thun, als hier bei Ihnen Tag für Tag zu flicken und zu fitzen und zu fetzen, während die ganze Stadt auf ſie wartet und noch bis übermorgen ſechs Kleider zuzuſchneiden ſind bei Zellers und bei Blumes, die auf Kohlen ſitzen, und bei Bäcker Heinz, deren beide Mädchen ſich die Augen ausweinen, weil ſie nicht fertig werden ohne die alte Wieſebrechten; und das ſind doch Kleider, bei denen man weiß, woran man iſt, und nicht ſolches gottloſes Zeug, das kein Chriſtenmenſch trägt, und laſſen Sie es ſich geſagt ſein, Frau Kanzleirath, daß die alte Wieſebrechten nur für Chriſtenmenſchen arbeitet und für Chriſtenmenſchen auch noch zuverläſſig genug iſt, und daß Sie ſich in Zukunft Ihren ſündhaften Firlefanz allein machen und Nixe oder Naxe ſpielen können, ich weiß nicht, wie es heißt, aber wenn es Naxe hieße, wäre es nur eben recht, denn ſo herumzulaufen iſt eine Sünde und Schande in der Nacht, geſchweige denn am hellen Tage, und ſich ſo vor Mannsleuten ſehen zu laſſen, wozu ich kein Kind nicht hergeben möchte, und wenn's die alte Durchlaucht zweimal heirathen wollte, was ja doch Alles nur Unſinn und Thu⸗nur⸗ſo iſt, wo⸗ zu ich bis jetzt geſchwiegen und gedacht habe: der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht; und das wird das Ende vom Liede ſein und dann werden Sie ja wohl an die alte Wieſebrechten denken. Die erzürnte Dame hatte ihre Sachen mit zitternden Hän⸗ den in den großen Arbeitsbeutel zuſammengerafft und war zur Thür hinaus, bevor Mutter und Tochter von ihrem Schrecken 22* 340 ten, um auch nur ein Wort herauszubringen. Jetzt brach Fräu⸗ lein Eliſe in hyſteriſches Weinen aus, während die Kanzlei⸗ räthin, die eigene Aufregung kräftig bemeiſternd, ſagte: Die Großen der Erde können ſich nicht früh genug an die Undank⸗ barkeit der Menſchen gewöhnen. Du mißt auf der Höhe der Situation ſein, mein Kind. Sieh mich an, ich bin auf der Höhe der Situation. Ach Mama, ſchluchzte Eliſe, und ſie wird nun in der gan⸗ zen Stadt herumlaufen und es aller Welt erzählen. Mag ſie, ſagte die Kanzleiräthin; einmal muß es ja doch bekannt werden, und es ſollte mich wundern, wenn es nicht ſchon die Meiſten wüßten. Und nun, mein Kind, laß uns zu Herrn von Zeiſel gehen, der, glaube ich, ſchon ſeit einer halben Stunde auf uns wartet. Ich kann nicht, ſchluchzte Eliſe, mit einem Blick in den großen Spiegel, ich ſehe wirklich— Eliſe, ſagte die Kanzleiräthin in ſtrengem Ton, biſt Du meine Tochter? Laß mich wenigſtens den Regenmantel umnehmen, ſagte Eliſe. Und Dir den ganzen Anzug verdrücken? Eliſe, ich kenne Dich nicht wieder! Nur bis zur Laube, ſagte Eliſe, die Mädchen ſtehen Beide am Küchenfenſter. Nun denn, bis zur Laube, ſagte die Kanzleiräthin, die Zitternde in einen langen braunen Regenmantel hüllend, über welchen die aufgelöſten, mit Schilfblättern durchwebten blonden Haare lang herabfielen. Endlich! ſagte Herr von Zeiſel, als er den braunen Regen⸗ mantel, über welchen die Kanzleirathin ſorgſam einen großen rothen Regenſchirm ausgeſpannt hielt, den ſonnigen Weg her⸗ aufkommen ſah. Wir werden uns immer Ihrer Zuvorkommenheit erinnern, ſagte die Kanzleiräthin, nachdem ſie den Cavalier mit einem gnädigen Kopfnicken begrüßt. Herr von Zeiſel war neuerdings an die Seltſamkeiten der — 341 Ffflerſſchen Damen zu ſehr gewöhnt und begnügte ſich, dieſc. feierliche Anrede mit einer ſtummen Verbeugung zu erwiedern, während ſeine neugierigen Blicke nach der Geſtalt im Regen⸗ mantel glitten, unter welchem ein Paar rothe, mit Muſcheln be⸗ ſetzte Schuhe und die äußerſten bauſchigen Falten von einem Paar grünſeidener türkiſcher Beinkleider, wie es ſchien, hervorlauſchten, die der Cavalier mit dem Nixencoſtüm, das er erwartete, nicht recht in Harmonie bringen konnte. Ich denke, wir gehen gleich an die Probe, ſagte er, da ich annehme, daß die Damen mein Urtheil über das ohne Zweifel höchſt gelungene Coſtüm, welches mir der neidiſche Mantel ver⸗ hüllt, nicht weiter bedürfen. Wir glauben das Rechte getroffen zu haben, ſagte die Kanzleiräthin. Eliſe! Ich halte es nicht für unbedingt nöthig, ſagte der gutmü⸗ thige Cavalier, der bemerkte, daß Fräulein Eliſe den Mantel, welchen ihr die Mama von hinten abnehmen wollte, vorn angſt⸗ voll zuſammenhielt. Eliſe! ſagte die Kanzleiräthin noch einmal, und in dem Eingang der Laube, welcher als Schwanengrotte gelten ſollte, ſtand die Nixe der Roda, ſtand Oscar von Zeiſels Wieſenblume in einem unglaublichen Anzuge, den man, trotz mancher phan⸗ taſtiſchen Abweichungen von der ſtricten Obſervanz, für türkiſch hätte nehmen müſſen und Herr von Zeiſel auch ohne Zweifel ſo genommen haben würde, wenn ein krampfhafter Huſtenanfall ihn nicht gezwungen hätte, ſich blitzſchnell nach dem Baſſin umzuwenden und den unglücklichen ſechs Goldfiſchen durch ein weißes Taſchentuch, das er aus der Bruſttaſche zog und ſich vor das Geſicht drückte, einen tödtlichen Schrecken einzu⸗ jagen. Ich bitte um Verzeihung, ſagte Herr von Zeiſel hinter dem Taſchentuch hervor, es wird gleich vorübergehen. O Gott, die⸗ ſer Huſten! Ich bitte um Verzeihung. Und Herr von Zeiſel kehrte ſich mit Vorſicht um, zog lang⸗ ſam das Taſchentuch fort und zeigte ein Geſicht, welches der Huſtenanfall mit einer Farbe bedeckt hatte, die mit dem Roth der Goldfiſche oder auch dem von Eliſens muſchelbeſetzten Saffian⸗ ſchuhen kühn den Vergleich aushalten konnte. Ich bitte die Damen nochmals um Verzeihung, ſagte Herr von Zeiſel. Ganz ausgezeichnet, magnifique, vollendet geſchmack⸗ voll, ſo ganz im Charakter! Durchlaucht wird entzückt ſein; aber ich denke, meine Damen, wir beginnen. Ich werde mir erlauben, die allerdurchlauchtigſte Perſon unſeres gnädigen Herrn vorzuſtellen, der eben den ſchmalen Pfad an der Roda herauf⸗ kommt, und bitte Fräulein Eliſe, aus der Laube, wollte ſagen der Grotte, heraus⸗ und vor mich hinzutreten, wenn ich mich auf ſechs Schritte ungefähr genähert habe. Herr von Zeiſel entfernte ſich ein wenig von der Laube, wobei er abermals mit einem Huſtenanfall zu kämpfen ſchien, und kam dann würdevollen Schrittes auf die Laube zu, aus welcher Eliſe ihm jetzt entgegentrat. Etwas ſchneller, wenn ich bitten darf, ſagte Herr von Zeiſel. Ich dächte, ſchneller wäre eine Verletzung der weiblichen Würde, ſagte die Kanzleiräthin. Wie Sie wollen, ſagte Herr von Zeiſel; alſo, darf ich bit⸗ ten: Welch ſeltner Glanz— Fräulein Eliſe hob beide Arme in der Geberde des beten⸗ den Knaben und begann: „Welch' ſeltner Glanz beſtrahlt mein naſſes Haus!“ Feuchtes Haus, wenn ich bitten darf, ſagte Herr von —.—— Zeiſel. Das Waſſer iſt naß und nicht feucht, ſagte die Kanzlei⸗ 4 räthin. Herr von Zeiſel verbeugte ſich; Eliſe fuhr fort: „Sind es des goldnen Mondes Silberſterne?“ Trauten Mondes! mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ſagte Herr von Zeiſel. Gold und Silber würde ſich, fürchte ich, nicht gut in einem und demſelben Verſe ausnehmen. Wir finden„goldnen Mondes“ poetiſcher, ſagte Eliſe. Herr von Zeiſel verbeugte ſich; Eliſe fuhr fort! nen für Ihre Aufrichtigkeit, die wir Ihnen übr geſſen werden, aber entſchuldigen Sie die Bemer „Und in den ſtillen Lüften welch' Gebrans! Iſt es der Wälder Rauſchen aus der Ferne? Nein, Wälderrauſchen nicht und Mondenſtrahl Sie lockten mich empor die glatten Stufen: Die Lichter ſind es aus des Feſtes Saal, Und dankerfüllter Menſchen Jubelrufen.“ Sehr ſchön! ſagte Herr von Zeiſel, und meinte ſeine Verſe, nicht Eliſens Vortrag, der ihm entſetzich theatraliſch und über⸗ trieben vorkam. Wie müßte das aus Adelens Munde klingen! ſprach er bei ſich, während Eliſe weiter declamirte: „Ich ſollte fern ſein, die Du Dir erwählt—“ Verzeihen Sie, ſagte Herr von Zeiſel:„die Dein Stamm erwählt.“ Wir finden„die Du Dir erwählt“ unendlich ſinniger, ſagte die Kanzleiräthin. Ohne Zweifel, ſagte der Cavalier, nur daß der folgende Vers lautet:„Die ſtarken Wurzeln ewig friſch zu tränken,“ wo ſich doch„Wurzeln“ offenbar auf den„Stamm“ bezieht, den ich gewiſſermaßen aus den Waſſern der Roda herauswach⸗ ſen laſſe, während bei„die Du Dir“„Du“ doch offenbar Durchlaucht ſelbſt ſein würde und„die ſtarken Wurzeln“— nein, meine Damen, ich muß wirklich bitten:„die Dein Stamm erwählt.“ Herr von Zeiſel, ſagte die Kanzleiräthin, das iſt eine Frage, welche, glaube ich, nur das Herz einer Mutter entſchei⸗ den kann. Ich ſollte doch meinen, ſagte Herr von Zeiſel, daß die Logik auch etwas mitzuſprechen hätte; ja, und auch das Ohr. „Die Du Dir“ klingt gar nicht beſonders; für mein Ohr we⸗ nigſtens. Herr von Zeiſel, ſagte die Kanzleiräthin, wir danken Ih⸗ igens nicht ver⸗ kung: es kommt ſchließlich wohl weniger darauf an, wie es Ihnen im Ohr klingt. Für unſer mütterliches Herz iſt„die Du Dir“ Sphärenmuſik, 5* 344 und ich kenne noch ein anderes Ohr, dem die Worte nicht minder himmliſch lauten werden.„Die Du Dir erwählt“ heißt es und dabei bleibt es, und ich bitte nun fortzufahren. Und ich, meine Damen, rief Herr von Zeiſel, bitte, die Probe gefälligſt ohne mich zu Ende bringen zu wollen. Die Zeit iſt mir gerade heute Morgen ganz außerordentlich karg zugemeſſen, und ich muß fürchten, daß über der Vergleichung der Veränderungen, mit welchen die werthen Damen meine be⸗ ſcheidenen Verſe beehrt haben, der Abend herankommen würde. Frau Kanzleirath, mein gnädigſtes Fräulein— ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen. Herr von Zeiſel faltete ſein Manuſcript zuſammen, machte ſeine große Verbeugung und ſchritt den Gang hinab, ohne nur einen Blick nach den verlaſſenen Damen zurückzuwerfen, von denen die ältere, beide Hände in die Seite ſtemmend, mit zorni⸗ gen Augen dem Frevler nachſchaute, während die jüngere in die Laube zurückſchwankte und ſich dort auf die Bank finken ließ. Sie werden es bereuen! rief die Kanzleiräthin mit lauter Stimme. Ach, Mama, ich glaube, es kommt noch Alles anders! ſchluchzte Eliſe. Weil Du nicht auf der Höhe der Situation biſt, ſagte die Kanzleiräthin. Mein Gott, der Papa! ſagte Eliſe. Siehſt Du, daß ich Recht hatte! 3 Was iſt Dir, Mann? ſagte die Kanzleiräthin. Der Kanzleirath war, vor wenigen Minuten vom Schloß kommend, durch die Hinterpforte in ſeinen Garten getreten und hatte zuerſt, als er die Stimmen hörte, ſich wieder aus dem Staube machen wollen, war dann aber doch hinter den Hecken näher geſchlichen und ſo Zeuge der letzten Scene zwiſchen ſeinen Damen und dem Cavalier geworden. Jetzt, nachdem der Letztere ſich entfernt und er die Damen in ſolcher Aufregung ſah, hielt er den Augenblick für beſonders geeignet, ſeine Hiobspoſt an⸗ zubringen. Und da ſaß er nun auf der Bank neben ſeiner Tochter, 345 ſich mit dem rothſeidenen Taſchentuch Kühlung zuwehend, deren ſein erhitztes Geſicht in der That ſehr zu bedürfen ſchien. Was iſt Dir, Mann? rief die Kanzleiräthin noch einmal und ſchüttelte ihren Gatten derb am Arm. Eliſe hat Recht gehabt, murmelte er. Ich komme eben von ihm; der Heirathscontract iſt fertig; die Schenkungsurkunde über die Tyrklitzer Güter iſt fertig; wir ſind betrogen, ſchänd⸗ lich betrogen. Die für den Namen leer gelaſſenen Stellen hat er jetzt mit eigener Hand ausgefüllt; er denkt gar nicht daran, Eliſe zu heirathen. Er will ſie heirathen! O du gerechter Gott! kreiſchte Eliſe. Es giebt keinen gerechten Gott! rief der Kanzleirath pa⸗ thetiſch. Aber dumme Menſchen giebt es! rief die Kanzleiräthin, indem ſie ihren Gatten der Abwechslung halber jetzt mit beiden Händen an dem Kragen faßte und bei jedem Wort mehr oder weniger derb ſchüttelte. Dumme Menſchen giebt es, die niemals hören, was ihre Frauen ſagen. Du Unglücksmann, der uns mit ſeiner Dummheit noch zum Kinderſpott machen wird! Habe ich Dich nicht gewarnt und beſchworen an dem Abend, als Zei⸗ ſel und Horſt zum letzten Male bei uns waren: ſei vorſichtig, Anton, habe ich geſagt, es wird wieder einmal eine von Dei⸗ nen Einbildungen ſein; Du wirſt Dich blamiren! Aber Du Un⸗ glücksmenſch mußteſt es ja natürlich beſſer wiſſen. Nun iſt Horſt über alle Berge, mit Zeiſel ſind wir für immer auseinander, Durchlaucht heirathet die Portiertochter, und das Alles verdan⸗ ken wir Dir, Du Barbar, Du Rabenvater! Unſer armes Kind! murmelte der halberſtickte Kanzleirath. Sie ſtirbt. Laß ſie ſterben! rief die Kanzleiräthin. Das überlebt ſie doch nicht. Ja, laßt mich ſterben! rief Eliſe, die plötzlich aufſprang;“ das überlebe ich nicht. Sie wird ſich ertränken! rief der Kanzleirath, als Eliſe ein paar verzweifelte Schritte machte, in der augenſcheinlichen Ab⸗ ſicht, wie ſie war, ſich zu den ſechs Goldfiſchen hinunter auf den 346 Grund des Baſſins zu ſtürzen; aber in der Thür der Laube mit einem gellenden Schrei umkehrte und der nacheilenden Mut⸗ ter jetzt alles Ernſtes ohnmächtig in die Arme fiel. Mein Gott, was iſt das? fragte die Generalin, welche ſo⸗ eben in Begleitung des Geheimraths angekommen und von den ſchadenfrohen Dienſtmädchen unmittelbar in die Laube geführt war. Das arme Kind! ſagte der Geheimrath. Die Aufregung einer Probe zum Geburtstag Seiner Durchlaucht, wie es ſcheint, dazu die Hitze; wir werden ſie in's Haus ſchaffen müſſen. Und man geleitete Eliſe, die allmälig mit Hülfe des Riech⸗ fläſchchens der Generalin und einiger Hände warmen Waſſers aus dem Baſſin wieder zu ſich gekommen war, in's Haus, wo ſie von dem Geheimrath und ihrer Mutter gepflegt wurde, während die Generalin mit dem bekümmerten Vater die kühlere Veranda auf⸗ und niederſchritt in eifrigem Geſpräch über ver⸗ ſchiedene Dinge, welche für das gräflich⸗fürſtliche Geſammthaus Roda im Allgemeinen und für die Zukunft des Kanzleirath Iffler im Beſonderen von der äußerſten Wichtigkeit waren. Vierundzwanzigſtes Capitel. Auch auf dem Gute des Barons Neuhof, bei welchem der Graf ſich ſchon ſeit geſtern befand, waren die Zeitungen mit den friedlichen Nachrichten eingetroffen: der Verzichtleiſtung des Prinzen von Hohenzollern auf den ſpaniſchen Thron, der be⸗ ruhigenden Erklärung Olliviers in dem Vorſaal der franzöſi⸗ ſchen Kammer, des Steigens der Courſe an allen Börſen. Die beiden Freunde hatten ihren Herzen in den bitterſten Worten vergebens Luft zu machen geſucht, bis endlich die Scherze der Baronin: daß ja doch eine Kriegserklärung in nächſter Zeit be⸗ vorſtehe, und ſie dem, welcher ihr die meiſten Haſen und Hühner in die Küche liefere, Avancement in ihrer Gunſt und ſonſtige gnädige Auszeichnungen verſpreche, den leichtlebigen Baron zum 6. 347 Lachen brachten, während der Graf— mit allem Dank für die Güte der Freundin— offen erklärte, ſeine tiefe Verſtimmung nicht bemeiſtern zu können. Dies iſt viel ſchlimmer als Olmütz, ſagte der Graf, und das hat ſchon Königgrätz nothwendig gemacht; was werden wir thun müſſen, dieſe Scharte auszuwetzen! Geſtehen Sie nur, lieber Freund, ſagte die Baronin, als der Baron das Zimmer verlaſſen hatte, um vor der Abfahrt noch einige Anordnungen in ſeiner Wirthſchaft zu treffen; ge⸗ ſtehen Sie: es iſt nicht, oder doch nicht allein der Soldat, der aus Ihnen ſpricht; Sie würden die Sache viel leichter nehmen, ſühen Sie nicht im Geiſte bereits die triumphirende Miene, mit welcher man ſie heute auf dem Schloß empfangen wird. Die ſcharfſichtige Frau hatte den Nerv der Frage berührt. Es war dem Grafen ein unerträglicher Gedanke, daß in dem Conflict zwiſchen ihm und dem Fürſten die Ereigniſſe nun gleichſam gegen ihn Partei nahmen und ihm nach allen Seiten hin Unrecht gaben. Wie ſeltſam und lächerlich mußte jetzt ſeine mit ſo großer Sicherheit ausgeſprochene Behauptung erſcheinen, daß es zum Kriege kommen müſſe und werde. Wie unpaſſend und thöricht die ablehnende Haltung, deren er ſich vom erſten Augenblicke an gegen den Marquis befleißigt! Wie tadelnswerth und ſtrafwürdig die Hartnäckigkeit, mit welcher er den Conflict genährt und geſchärft hatte, bis die Frivolität des Gegners ihm eine ſo bequeme Handhabe bot, die häkliche Sache in ſeinem Sinne zum Austrag zu bringen! Und in der That, fuhr die Baronin, ihren Gedanken ver⸗ folgend, fort, man hat dort einige Urſache, zu triumphiren und Sie, mein armer Freund, gegründete Veranlaſſung, finſter drein⸗ zuſchauen. Die Partie ſteht für Sie in dieſem Augenblicke wirklich nicht beſonders, und könnte doch ſo ſehr viel beſſer ſtehen, wären Sie meinem Rathe gefolgt, hätten Sie wenigſtens ein wenig mit meinen Augen ſehen, ſich ein wenig auf meine Beobachtungsgabe verlaſſen wollen. Ich weiß, wie ſchrecklich peinlich Ihnen dies Thema iſt, wie ſehr Sie mir es übel neh⸗ men, daß ich von Anfang an Recht gehabt habe, und daß Ihre 348 Schwiegermama mir mun auch noch Recht giebt. Mag ſich Ihr Stolz und— verzeihen Sie mir das Wort— Ihre Eitelkeit noch ſo ſehr dagegen ſträuben, Sie müſſen zur Einſicht ge⸗ kommen ſein, daß Hedwig Sie nicht liebt oder nicht mehr liebt, wenn Ihnen das weniger ſchmerzlich iſt; zweitens, daß Sie es ſich ſelbſt und mir, Ihrer Freundin— um von Stephanie zu ſchweigen— ſchuldig ſind, eine Dame zu vergeſſen, die nichts von Ihnen wiſſen will, und drittens— was Sie nach Nummer Eins und Zwei ohne weiteres zugeben werden— daß Sie das Mädchen weit überſchätzt haben; daß Sie einer Perſon, die kein Verſtändniß für die Ehre hat, von Graf Steinburg ge⸗ liebt zu ſein, nicht den Ehrgeiz zutrauen dürfen, ſich zur Für⸗ ſtin von Roda machen zu laſſen, aber ſehr wohl die ſpießbürger⸗ liche Sentimentalität, für einen demokratiſchen Phraſeur, mit dem ſie drei Jahre lang über Menſchenwohl und was weiß ich geſchwärmt, tugendſam in himmliſcher Liebe zu entbrennen, die gelegentlich auch wohl einen kleinen irdiſchen Beigeſchmack hat. Sehen Sie, lieber Freund, jetzt müſſen Sie ſelbſt lachen; ich habe Ihnen ſchon immer geſagt: es iſt nicht nur das Beſte, ſondern auch das Einzige, was Sie thun können: lachen, ſo⸗ dann die kleinen Schnitzer, die Sie gemacht haben, reumüthig eingeſtehen, in Zukunft ſich vor ähnlichen romantiſchen Vellei⸗ täten ſorgſam hüten, mir jetzt die Hand küſſen— einmal iſt genug— und nun den Shawl umhängen, denn ich höre Curt, der uns ankündigen wird, daß der Wagen vorgefahren iſt. Es war für den Grafen eine düſtere Fahrt von Neuhof durch das Thal der Roda, ſo goldig die Sonne auch aus dem blauen Himmel auf die braunen, tannengekrönten Felſen und die bunten Wieſen herabſtrahlte, und ſo hell auch das Lachen der Baronin klang, die in der munterſten Laune war und dem Grafen durch gelegentliches Schmollen andeutete, wie ſie es ihm ſehr übel nehme, daß er nicht in ihre muntere Laune einſtimmte. Sie hatte gut lachen! Für ſie war das Ganze ein amü⸗ ſantes Intriguenſtück, in welchem ſie von vornherein die dank⸗ bare Rolle der klugen uneigennützigen Freundin übernommen hatte, und das ſich nun, nach den nöthigen Verwicklungen im 349 fünften Acte ſo abſpielte, wie ſie es gewünſcht und vorausge⸗ ſagt. Aber er! Welche Rolle war ihm zugetheilt worden— nein, hatte er ſich ſelbſt zugetheilt, ausgeſucht, zurechtgemacht: die Rolle eines hochmüthigen Narren, der nicht ſehen kann, was alle Welt ſieht, der nach den Wolken greift und ſich wundert, daß er nichts in der Hand behält, als den Beweis ſeiner Narrheit! Ja, er war der Narr des Stückes, der klägliche Narr! und das nun, wie er es eben von der Baronin gehört, in der näch⸗ ſten halben Stunde von der Generalin abermals hören zu ſollen, und dann wieder von Stephanie und von aller Welt— dieſelbe gräuliche Melodie in immer neuen Tonarten, heute und morgen und in alle Zukunft— es war ein entſetzlicher Gedanke: ihm war zu Muthe, als müſſe er aus dem Wagen ſpringen und ſich den Kopf an einem der Felſen zerſchellen, an denen ſie auf der Fahrt ſo dicht vorüberſtreiften. In dieſer Stimmung war er auf dem Schloß angekommen; die Stunde, die man noch bis zum Diner hatte, ſollte ſchlim⸗ mer ſein, als irgend eine dieſer letzten Tage, in denen doch wahrlich an ſchlimmen Stunden für ihn kein Mangel ge⸗ weſen war. Die Generalin hatte ſein Kommen mit der größten Unge⸗ duld erwartet und den Auftrag gegeben, ihn, ſobald er ange⸗ langt ſei, wiſſen zu laſſen, daß ſie ihn, bevor er ſich zur Ge⸗ ſellſchaft begebe, in ihrem Gemach noch auf ein paar Augenblicke zu ſprechen wünſche. Nur auf ein paar Augenblicke, ſagte die Generalin, aber ich wollte Ihnen doch mittheilen, was ich heute Morgen in Er⸗ fahrung gebracht, und es Ihnen allein mittheilen, ohne daß unſere liebe Stephanie davon hört, die wir ein⸗ für allemal mit dieſen Dingen verſchonen müſſen. Sie ſprechen von der ſchanderhaften Nachricht aus Berlin, ſagte der Graf, als die Generalin nach den erſten Worten eine Pauſe machte. Doch nicht, erwiederte die Generalin. Ich bin überzeugt, daß es ganz gleichgiltig iſt, was die Zeitungen ſagen und was 350 Herr Ollivier ſagt; daß der Krieg bei denen, auf die es an⸗ kommt, beſchloſſene Sache iſt und wir folglich den Krieg haben werden. Es iſt eine Angelegenheit, die uns noch ein wenig näher angeht und deren Entſcheidung glücklicherweiſe bei uns ſteht. Mit einem Wort: es iſt das Verhältniß Hedwigs zu dem Fürſten. Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, ſagte der Graf; ich habe davon neuerdings ein wenig viel gehört. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich nicht mit Vorliebe von unangenehmen Dingen rede, erwie⸗ derte die Generalin, aber man kann ſich die Gegenſtände nicht immer wählen, dieſer gar drängt ſich uns gebieteriſch auf. Und dann iſt Hedwig ja immerhin eine Erſcheinung, die auch nur vom rein pſychologiſchen Standpunkte die Theilnahme eines Menſchenbeobachters herausfordert. Mir wenigſtens wird es ſtets ein merkwürdiges Phänomen ſein und bleiben, wie Je⸗ mand den Muth und die Klugheit haben kann, ſich eine Po⸗ ſition zu erringen, wie dieſes Mädchen ſich errungen hat, um wieder Alles preiszugeben und die widerſtandsloſe Beute ihrer vulgären Inſtincte zu werden. Dies wäre alſo die Einleitung, ſagte der Graf in einem ruhigen Ton, mit dem das Zucken ſeiner Lippen und das dü⸗ ſtere Feuer in ſeinen Augen ſehr wenig ſtimmen wollten. Wie wäre es, wenn wir nun an die Lectüre des Buches gingen, von dem ich übrigens glaube, daß es daſſelbe iſt, in welchem ich eben mit Frau von Neuhof einige Capitel durchgeblättert habe. O, wie charmant! rief die Generalin. Die liebe Neuhof! Ja, ja, Ihr ſolltet dergleichen Bücher immer mit einer Frau leſen— ich meine nicht mit der eigenen; man würde mit der nicht ſehr weit, oder leicht zu weit kommen— aber mit einer klugen und womöglich jungen Frau, von der ein Blick der Augen ſo manchen dunklen Punkt klar macht, den aufzuhellen eine alte Frau, wie ich, tauſend Worte braucht. Und die Generalin erzählte dem Grafen nun, wie ſie durch Combination ihrer eigenen Beobachtungen und der Mittheilun⸗ gen, die ihr geſchäftig von allen Seiten zugetragen wurden, zu uuf jener höheren Warte des ironiſchen Zuſchauers ſtehen blei⸗ 351 der Gewißheit gelangt ſei, daß, wahrſcheinlich ſchon ſeit Jahren, jedenfalls aber in der letzten Zeit zwiſchen Hedwig und dem Doctor Horſt ein Liebesverhältniß beſtanden habe, welches bei der Energie Hedwigs in allen Dingen ſicher die beſtimmteſte Form angenommen. Die Sache ſei ſo poſitiv, daß daran nur Jemand zweifeln könne, der gefliſſentlich nicht ſehen und nicht hören wolle, vor Allem nicht hören, was ſich hier auf dem Schloſſe die Dienerſchaft, von dem klugen alten Kammerdiener des Fürſten, bis zu den Leuten in den Ställen und in den Küchen, Einer dem Andern in die Ohren raune; worüber man in Rothebühl in jedem Bürgerhauſe, in jeder Bierſtube, ja auf der Gaſſe laut die unziemlichſten Scherze mache. Ich meine, ſchloß die Generalin, daß ein ſo einſtimmiges vollgewichtiges Zeugniß jedem Richter der Welt für eine Ver⸗ urtheilung genügen würde. So viel ich ſehe, ſind weder Sie, gnädige Frau, noch bin ich es, noch iſt irgend Jemand außer dem Fürſten Richter in dieſer Angelegenheit, ſagte der Graf. Nicht Richter, erwiederte die Generalin, mag ſein, aber Partei ſind wir doch gewiß; und ich verlange von Ihnen nichts, als daß Sie ſich auf dieſen Parteiſtandpunkt ſtellen. Ich gebe zu, ſagte der Graf, daß es nicht eben angenehm iſt, den Senior ſeiner Familie ſo übel aſſocirt zu ſehen; aber der Begriff einer Mesalliance iſt ſo weit— vielleicht gehört auch das in dieſen weiten Begriff. Sehr gut geſagt, lieber Henri, ausgezeichnet! erwiederte die Generalin. Sie müſſen erlauben, daß ich von dieſem Bonmot gelegentlich Gebrauch mache. Aber, lieber Henri, die Sache iſt wahrlich für Wortſpiele zu ernſt. Und wenn nun Mesalliance nicht einmal das rechte Wort wäre, wenn es ſich um eine Al⸗ liance, das heißt um eine wirkliche Verbindung, um eine legi⸗ time Ehe handelte, wie dann? Würden Sie auch noch dann ben wollen? Würden Sie auch dann ablehnen, Partei zu er⸗ greifen? Was ſage ich: würden Sie ſich nicht in dieſer Ange⸗ 352 3 zu einem Richter in jeder Bedeutung des Wortes berufen fühlen? Der Generalin, die ihre ſcharfen Augen unverwandt auf den Grafen gerichtet hielt, war es nicht entgangen, wie die Ge⸗ laſſenheit, welche er zur Schau trug, nur eine Maske war; wie das von ihr ſo klug genährte Feuer in dem leidenſchaftlichen Manne wilder und wilder aufloderte und er nur noch mit der äußerſten Anſtrengung ſeine Haltung bewahrte. Sie antworten mir nicht, fuhr die Generalin fort, und ich leſe aus Ihren Mienen: auch dieſes Thema iſt mir bekannt; wir haben es nun bereits drei Jahre lang nach allen Sei⸗ ten ventilirt. Wie nun aber, lieber Freund, wenn wir die eine Seite, die allein wichtige Seite, ich will nicht ſagen, außer Acht gelaſſen, aber doch nicht hinreichend beachtet hätten? Wenn wir über unſerem Hin⸗ und Herreden einigermaßen vergeſſen hätten, daß es noch einmal zum Handeln kommen könnte und dieſer Augenblick des Handelns nun gekommen wäre? Wenn Sie— ich muß annehmen, ohne es zu wiſſen, und ganz ge⸗ wiß, ohne es zu wollen, durch das Ungeſtüm, mit welchem Sie die Situation hier aufzuklären gedachten, dieſen Augenblick ſo recht eigentlich ſelbſt herbeigeführt hätten— würden Sie auch dann Ihre Natur ſo weit verleugnen, dieſe Tollheit ihren Gang gehen zu laſſen? Würden Sie mir auch dann nicht erlauben, den Beweis zu führen, daß der Fürſt ein Mädchen wie dieſes nicht zur Fürſtin von Roda machen kann und ſoll und darf? Und wie gedenken Sie zu beweiſen, daß jener Angenblick jetzt gekommen iſt? ſagte der Graf. Durch die Ausſage Jemandes, erwiederte die Generalin, der von dieſer Angelegenheit mehr weiß, als irgend Jemand; mit einem Worte durch die Ausſage Ifflers, welcher nach des Fürſten eigener Angabe und unter den Augen des Fürſten die Stipulationen des Ehecontractes ausgearbeitet und vor einer Stunde beendet hat. Und das haben Sie aus ſeinem Munded Aus ſeinem Munde. Wie iſt das möglich? erdient, aber gleichviel— haben Sie verſprochen, ihn zu 353 Was iſt einem alten Schwätzer unmöglich, der noch dazu die Dummheit gehabt hat, zu glauben, daß der Name ſeiner eigenen Tochter die anfänglich leer gelaſſenen Stellen des Con⸗ tractes ausfüllen werde? Haben Sie dem Manne— der übrigens keine Schonung ſchonen? Nein, erwiederte die Generalin nach kurzem Bedenken. Nun wohl! rief der Graf, von ſeinem Stuhl in die Höhe fahrend. . Was wollen Sie, Heinrich? Das iſt doch einfach, gnädige Frau. Heinrich, ich beſchwöre Sie, rief die Generalin, mit einer ſchnellen Wendung dem Grafen den Weg nach der Thür ver⸗ tretend; iſt es Ihnen denn wirklich ganz unmöglich, Ihren Stolz fahren zu laſſen, der Sie ſelbſt, uns Alle zugrunde richtet? Was wird die Folge ſein, wenn Sie jetzt, wie Sie beabſichtigen, zum Fürſten gehen und ihn zur Rede ſtellen, als daß Sie ihn in eine Poſition treiben, aus welcher er nicht mehr zurück kann, und wenn er es tauſendmal wollte. Weshalb haben Sie mir ſonſt dieſe Mittheilungen gemacht? Einmal, weil ich ſie Ihnen auf alle Fälle ſchuldig zu ſein glaubte, ſodann, um eine gänz beſtimmte Bitte an Sie zu richten. Und dieſe Bitte? Daß Sie mich gewähren laſſen, daß Sie nicht eher gewalt⸗ ſam eingreifen, als bis die Klugheit wirklich nichts mehr ver⸗ mag. Bedenken Sie, Heinrich, ich war durch nichts zu dieſen Mittheilungen gezwungen; jetzt ſeien Sie loyal gegen mich, wie ich es gegen Sie geweſen bin. Sehen Sie einem Gefecht, das Sie nicht engagirt haben, Gewehr bei Fuß bis auf Weiteres ruhig zu. Bis auf wie lange? Bis übermorgen. Bis zum Geburtstag des Fürſten? Bis zum Geburtstag des Fürſten. Wenn er an dieſem Fr. Spielhagen's Werke. XI. 23 354 Tage noch Hedwig wird zur Fürſtin von Roda machen wollen, thun Sie nach Ihrem Belieben. Nun wohl! ſagte der Graf. Ihre Hand darauf! Hier! Die Hand, die er der Generalin reichte, war kalt wie Eis. Wenn Sie ſich heute von der Tafel entſchuldigen ließen? ſagte die Generalin. Ich? ſagte der Graf. Ich habe einen grauſamen Appetit und bin glücklich, daß wir in fünf Minuten bei Tiſche ſitzen werden. Er hatte das Zimmer verlaſſen. Nun, ſagte die Generalin bei ſich, das hat ja verzweifelt Ein wahres Glück, daß ich von den Briefen nichts geſagt habe! Er brauchte nur den Schatten eines Vor⸗ wandes, um uns ohne Gnade zu opfern. Vielleicht hätte ich beſſer gethan, Stephanie's Vorſchlag zu folgen und ganz zu ſchweigen. Aber dann wäre er uns doch ſo oder ſo dazwiſchen gefahren; jetzt wird er ſein Wort halten— und auch den Mund, wenn der Geheimrath und ich heute Mittag die ſüße Prinzeſſin ein wenig in's Gebet nehmen. ſchwer gehalten. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Das Diner, an welchem auch der Oberforſtmeiſter von Keſſelbuſch und der Oberpfarrer aus Rothebühl theilgenommen hatten, ſchien zu Ende gehen zu wollen, wie es angefangen: 8 mit unbedeutender Converſation, an der Niemand ein eigent⸗ liches Intereſſe nahm und die wiederholt ganz geſtockt haben würde, wenn Herr von Zeiſel nicht noch immer wieder eine kleine Geſchichte zu erzählen gehabt hätte, an welche er gerade in dieſem Augenblicke lebhaft erinnert wurde. So war man bis zum Nachtiſch gekommen. Der Fürſt ſah bereits ungeduldig zu Herrn von Zeiſel hinüber, der Seine Durchlaucht durch einen Blick nach dem Buffet und ein leichtes Zucken mit den Achſeln erſuchte, noch einige Minuten zu ver⸗ ziehen, als der Geheimrath ſich plötzlich zum Fürſten wendete, von welchem er zwei Plätze entfernt ſaß, und mit lauterer Stimme, als nöthig ſchien, ſagte: Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, Durchlaucht das Re⸗ ſultat der Beobachtungen mitzutheilen, die ich auf Durchlauchts Wunſch und, ich darf wohl ſagen, aus eigenem wiſſenſchaftlichen Intereſſe in dieſen Tagen über die Zuſtände hieſiger Gegend angeſtellt habe. Meine Abſicht war, Sie nach der Tafel um dieſe ohne Zweifel äußerſt ſchätzenswerthen Mittheilungen zu erſuchen, er⸗ wiederte der Fürſt. Ich fürchte, Durchlaucht wird in ſeinen Erwartungen ſich getäuſcht finden, fuhr der Geheimrath fort; ich habe wenig zu berichten und möchte mit dieſem Wenigen vorläufig umſomehr zurückhalten, als daſſelbe leider in directem Gegenſatz mit der ſchriftlichen Relation ſteht, welche mein junger College im Frühiahr über dieſen Gegenſtand ausgearbeitet und Durchlaucht mir behufs ſchnellerer Information anzuvertrauen die Gnade hatten. Im Gegenſatz? ſagte die Generalin. Ei, das intereſſirt mich in der That— und was wäre das nun für ein Ge⸗ genſatz? Vielleicht, Ercellenz, erwiederte der Geheimrath lächelnd, derſelbe, der zwiſchen dem Alter und der Jugend beſteht. Und da ſieht natürlich das Alter Alles ſchwarz, was die Jugend roſig ſieht, ſagte die Generalin. Umgekehrt, Excellenz, ſagte der Geheimrath, oder doch keineswegs, wie Sie vermuthen. Mein Urtheil über die geſund⸗ heitlichen Zuſtände hieſiger Gegend, über die Lage der Leute im Allgemeinen und was ſonſt in dieſes Gebiet gehört, lautet un⸗ endlich viel günſtiger, als das meines jungen Collegen, der freilich nach der außerordentlich ſtarken Mortalität während der letzten Typhus⸗Epidemie in den Walddörfern keine Urſache hatte, den Kopf beſonders hoch zu tragen. 23* Der Herr Geheimrath kann doch damit unmöglich anden⸗ ten wollen, daß es die directe Schuld des Doctor Horſt geweſen iſt, wenn unſere Verluſte ſo groß waren? ſagte Hedwig, ſich von der andern Seite zum Fürſten wendend. Directe Schuld, gnädige Frau, Gott bewahre! rief der Ge⸗ heimrath. Wer hat das geſagt! Oder die Erfahrungsloſigkeit des Anfüngers müßte denn ſtraffüllig, das unſichere Umhertaſten des Neulings ein Verbrechen ſein. Hedwig blickte wieder und dringender als vorher den Für⸗ ſten an, der ganz augenſcheinlich ihrer ſtummen Bitte nicht Folge leiſten wollte. So vergingen ein paar Momente, bevor ſie zö⸗ gernd antwortete: Gewiß kann der Anfünger ſtraffüllig ſein und der Nuuling zum Verbrecher werden, wenn er im Beſitz einer Kunſt zu ſein prätendirt, von der er weiß und wiſſen muß, daß er ſie nicht beſitzt und in deren Beſitz er nun auf Koſten ſeiner Mitmen⸗ ſchen zu gelangen ſucht. Aber in dieſer Lage iſt mehr oder weniger jeder junge Arzt, gnädige Frau. Und an dem Segen des Himmels iſt Alles gelegen! ſagte der Pfarrer mit Anſpielung auf Hermanns notoriſch unkirchliche Geſinnung. Doctor Horſt hatte, bevor er hieh Jahre lang practicirt, ſagte Hedwig, ohne eines Blickes zu würdigen. Sie überraſchen mich, gnädige Frau, durch dieſe Notiz auf das Aeußerſte, ſagte der Geheimrath; ich würde— aber ich ſehe zu meinem Bedauern, daß ich bereits zu weit gegangen bin und bitte um Verzeihung, wenn eine rein wiſſenſchaftliche Frage, ohne Zweifel nur durch meine Ungeſchicklichkeit, eine per⸗ er kam, bereits mehrere den geiſtlichen Herrn Auch ich bin dafür, daß wir das Thema fallen laſſen, e Fürſt. Unmöglich! ſagte Hedwig. len Augen flammte über die ganze Geſellſchaft. ſönliche Wendung genommen hat. ſagte Ihre Wangen glühten und das lodernde Feuer ihrer dunk⸗ Es war laut⸗ ⸗— i 357 tos ſtill um die Tafel geworden; ſelbſt die Diener im Saal ſtanden bewegungslos oder huſchten auf den Fußſpitzen weiter, als wollten ſie keine Silbe von dem verlieren, was nun kom⸗ men mußte. Weshalb, liebe Hedwig? ſagte der Fürſt nach einer ziemlich langen Pauſe. Weil, erwiederte Hedwig, Du dies Thema jetzt und hier nicht fallen laſſen kannſt, ohne das alte Wort, daß der Ab⸗ weſende Unrecht habe, in einer Weiſe zu bewahrheiten, die dem ſchönen Ruf der Billigkeit und Gerechtigkeit, in dem Du bei aller Welt ſtehſt, wenig entſprechen würde. Ich danke Dir, daß Du für dieſen meinen guten Ruf ſo freundlich beſorgt biſt, ſagte der Fürſt mit bebenden Lippen. Ich nehme dieſen Dank buchſtäblich, ſagte Hedwig, und ich nehme ihn an für meinen abweſenden Freund, der Dir drei Jahre ſeines Lebens jede Stunde gewidmet hat, Dir und den Deinen— ich meine: den Armen, Elenden und Kranken von den Deinen— mit einer hingebenden grenzenloſen Liebe und Treue, die ihn— und wären ſeine Bemühungen nicht von dem Erfolge gekrönt worden, mit welchem ſie der Himmel be⸗ gnadigt hat— ein für allemal gegen Angriffe ſchützen ſollten, wie er ſie eben hier erfahren. Wollen wir unſere Unterhaltung auf der Terraſſe fortſetzen, ſagte der Fürſt; ich glaube, die friſchere Luft dort wird uns Allen wohlthun. Er erhob ſich plötzlich von der Tafel und that ein paar Schritte, bevor er ſich darauf beſann, daß er der Generalin, die neben ihm geſeſſen, den Arm zu bieten hatte. Ich bitte um Verzeihung, ſagte er, es iſt hier wirklich auf⸗ fallend ſchwül. Nun, beim Himmel, was iſt dies? ſagte Herr von Zeiſel zu dem Oberforſtmeiſter, als die Geſellſchaft jetzt auf der Terraſſe und in den zunächſt gelegenen Gartengängen promenirte. Was bedeutet dies? Daß hier ein Gewitter in der Luft ſteht, erwiederte der alte Herr mit einem melancholiſchen Zucken ſeines langen wei⸗ 358 ßen Schnurrbartes, und daß ich mich eilends wieder in meinen Wald begeben will. Adieu. Herr von Zeiſel trat an Hedwig heran, die, von der Ge⸗ ſellſchaft abgewendet, an dem Rande der Terraſſe allein ſtand und in die Gegend ſchaute. Gnädige Frau! ſagte der Cavalier. Hedwig hatte ihn nicht kommen hören; er ſah, als ſie für einen Moment das Geſicht nach ihm kehrte, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren. Ich danke Ihnen, gnädige Frau, ſagte Herr von Zeiſel, daß Sie ſich unſeres guten Doctors ſo tapfer angenommen haben; glauben Sie mir, es war nicht Feigheit, wenn ich ſchwieg. Ich weiß es, erwiederte Hedwig. Ich erhielt heute— eben als wir zu Tiſch gingen— einen Brief von ihm, fuhr Herr von Zeiſel fort; er ſchreibt aus Han⸗ nover, daß es ihm gut gehe und daß er, wenn es zum Kriege kommen ſollte— und er glaubt es mit Beſtimmtheit— ſeine frühere Eigenſchaft als hannöverſcher Militärarzt geltend machen werde. Nun, ich werde wahrhaftig auch nicht davon bleiben, wenn es losgeht, mag Durchlaucht dazu noch ſo böſe Miene machen. Aber darüber wollte ich nicht ſprechen. Horſt ſchreibt mir, daß er ein Packet Briefe vermiſſe, die er jedenfalls in einem Fache ſeines Secretärs zurückgelaſſen; ich habe nun den Secretär ſofort auf das allergenaueſte durchſucht und nichts ge⸗ funden und ich bin nun einigermaßen beſorgt. Weshalb? Horſt ſcheint an den Briefen ſehr gelegen, ſagte der Ca⸗ valier. So hätte er ſie beſſer verwahren ſollen; ſagte Hedwig, dem Cavalier durch ein Nicken andentend, daß ſie allein zu bleiben wünſche, als ſie jetzt die Stufen nach den tieferen Partien des Gartens hinabzuſchreiten begann. Trotz im Kopfe und Thränen in den Augen! ſagte der Cavalier, der ſchlanken Geſtalt nachblickend; den Fürſten, die gauze Geſellſchaft brüskiren um eines Manues willen, für den — —c— 8 359 man fünf Minuten ſpäter nicht das mindeſte Intereſſe zu haben ſcheint— ich verſtehe es nicht und werde es nie verſtehen; und dabei weiß ſie ohne Zweifel ſo gut, als hätte ſie es ſelbſt in Horſts Briefe geleſen, daß die Briefe, um die es ſich handelt, ihre eigenen ſind. Ich will nur wünſchen, daß nichts darin ſteht, was nicht darin ſtehen ſollte. Der Cavalier ſchüttelte bedenklich den hübſchen blonden Kopf, und ſchüttelte denſelben noch einmal, als er jetzt bemerkte, daß die Geſellſchaft, welche der Fürſt nach der Tafel eine Stunde beim Kaffee zuſammenzuhalten pflegte, ſich, wie der Oberforſt⸗ meiſter und der Pfarrer, bereits verabſchiedet hatte, oder, wie Neuhofs und der Graf, im Begriffe ſtand, ſich zu verabſchieden. Es war dies das Werk der Generalin. Sie hatte vorhin den Grafen beiſeite gezogen und ihn dringend gebeten, unter gleichviel welchem Vorwande mit Neuhofs aufzubrechen, und zwar ſo bald als möglich. Ich hoffe, lieber Freund, ſagte ſie, daß, Dank unſerem guten Geheimrath, der ſeine Sache vortrefflich gemacht hat, Ihnen jetzt der letzte Zweifel geſchwunden iſt. Ich konnte Ih⸗ nen die Scene nicht erſparen. Sie haben Ihr Verſprechen ge⸗ halten, ſo ſchwer es Ihnen augenſcheinlich wurde, und ſich nicht hineingemiſcht; nun thun Sie mir auch die Liebe und laſſen Sie mich weiter allein gewähren, ganz allein. Ich habe auch Stephanie gebeten, ſich zurückzuziehen. Die Abweſenden haben nicht immer Unrecht und Ihr ſollt diesmal glänzend Recht be⸗ halten. Und als der Graf düſter dareinſchauend zögerte— Ich erinnere Sie an Ihr Wort, Henri! Ich hätte es nicht geben ſollen. Aber Sie haben es gegeben und, glauben Sie mir, Henri, es iſt beſſer ſo. Eine Heuchlerin zu entlarven, iſt nicht die Sache eines Mannes; dazu iſt Euer Herz zu ſtolz und Eure Hand zu ungeſchickt. Ich bitte Sie, Henri! Sie können ſich doch unmöglich noch für ein Mädchen intereſſiren, das ihre Liebe zu dieſem Quackſalber an der Tafel des Fürſten vor den Domeſtiken eingeſteht! 360 — Der Graf lachte bitter. Ich danke Ihnen für dies Lachen, ſagte die Generalin und ſpäter ſoll Stephanie Sie für Alles entſchädigen. Inzwiſchen machen Sie unſerer ſchönen Baronin den Hof, die ſich dort das Köpfchen nach Ihnen ausdreht; und vor Allem machen Sie, daß Sie fortkommen. Die Eingeladenen waren weggefahren; Stephanie hatte ſich ſchon vorher von dem Geheimrath auf ihr Zimmer geleiten laſſen; Hedwig war auf die Faſanerie geritten; es blieb Nie⸗ mand, dem Fürſten Geſellſchaft zu leiſten als die Generalin; ſie hatte eigens um dieſe Erlaubniß gebeten, und der Fürſt hatte geantwortet, daß ihm nichts größere Freude gewähren könne. Er war während dieſer Tage noch nicht eine Minute mit der Generalin allein geweſen, ja, er hatte jede Gelegenheit dazu ſcheu vermieden; er wußte auch recht wohl, daß ſie ſich heute an ihn drängte, nicht aus Mitgefühl, ſondern aus grauſamer Neugier, aber er fühlte ſich ſo grenzenlos elend— und die Frau war ſo kalt und klug! Wenn ich doch nur den kleinſten Theil ihrer Kälte und Klugheit hätte! ſprach er wiederholt bei ſich, während er jetzt an ihrer Seite auf der Terraſſe hin⸗ und herwandelte und ih⸗ rem Geplander zuhörte, das munter um hundert Dinge ſpielte. Wird ſie nicht endlich zur Sache kommen? Aber die Generalin ſchien keine Eile zu haben. Sie theilte die intereſſanteſten Dinge von ihrem Hofe mit, von der Ehe . der prinzlichen Gatten, die in keiner Weiſe ſo ſchlecht ſei, wie man es im Publikum annehme, wenn man auch ſelbſtverſtänd⸗ lich eine Geßner'ſche Idylle in dieſer Sphäre nicht erwarten 1 dürfe. Ja, das Verhältniß zwiſchen dem Prinzen und der Prin⸗ zeſſin habe ſie oft ſchon an das zwiſchen dem Grafen und ih⸗ 1 rer Stephanie erinnert, wie denn beſonders der Graf in ſeiner 6 ſoldatiſch einſeitigen Tendenz, in der Hartnäckigkeit, mit welcher er ſeine Ziele verfolge, in dem ſtürmiſchen Muth, mit welchem er ſich in eine Gefahr ſtürze, dem Prinzen, deſſen intimer Freund er übrigens auch ſei, auffallend gleiche. 6 Ich protegire dieſe entente cordiale auf jede Weiſe; ſagte die Generalin; nicht, um Heinrich eine glänzende Carrière zu verſchaffen, die er ja doch ſo wie ſo machen wird— der Prinz ſagte mir noch in Moment meiner Abreiſe, daß, wenn wir Krieg bekommen, Heinrich ſofort zum Major avan⸗ ciren werde— ſondern um ſeinen Blick für die Aufgaben der großen Politik offen zu erhalten. Denn ſchließlich kommt doch Alles darauf an, daß der Menſch, nachdem er einmal in eine beſtimmte Sphäre ſozuſagen hineingeboren und ftr dieſelbe er⸗ zogen iſt, ſich nun auch in dieſer Sphäre erhält, und von Allen, die es gut mit ihm meinen, in dieſem ſeinem legitimen Beſtre⸗ ben gefördert wird. Nach dieſer Theorie, fagte der Fürſt, würde die Menſchheit niemals aus dem Kaſtenweſen der alten Egypter hinausgekom⸗ men ſein. Ich verſtehe mich wenig auf Geſchichte, erwiederte die Ge⸗ neralin; ich habe immer vollauf zu thun gehabt, die Menſchen, mit denen ich lebte, zu beobachten und, wenn es möglich war, zu begreifen; und da kann ich nicht anders ſagen, als daß ich normale Entwicklung, gleichmäßige Haltung, harmoniſche Zu⸗ ſtände, Behaglichkeit, Zufriedenheit, Glück immer nur da gefun⸗ den habe, wo die Leute in ihrer naturgemäßen Sphäre waren und blieben, und das Gegentheil überall, wo ſie ſich in einer Lage zurechtfinden ſollten oder wollten, für die ſie nun einmal der Himmel nicht beſtimmt hatte. Ich meine, Jeder, der offene Augen hat, müßte zu dieſem Reſultat kommen, für das mir jeder Tag, ja, ich möchte behaupten, jede Stunde einen neuen Beweis liefert. Der Fürſt warf einen ſcheuen ſchnellen Blick in das ſcharf⸗ geſchnittene Geſicht der Dame; er wußte, daß jetzt endlich kom⸗ men würde, was er ſchon ſeit einer halben Stunde gefürchtet und doch wieder mit fieberhafter Ungeduld erwartet hatte. Man erlebt allerdings nach dieſer Seite hin ſeltſame Dinge, murmelte er. Die ſeltſamſten, ſagte die Generalin, ſo ſeltſam, daß man am hellen lichten Tage zu träumen glaubt, bis man ſich darauf be⸗ ſinnt, daß man ſelbſt freilich ganz wach iſt und aus ſeinen ge⸗ 362 ſunden Augen blickt, die Anderen aber allerdings in den aben⸗ teuerlichſten Phantaſien befangen ſind. Ich hatte mir ohnedies ſchon vorgenommen, die wunderliche Sache, welche für Durch⸗ laucht aus mehr als einem Grunde intereſſant ſein wird, mit⸗ zutheilen. Die Generalin erzählte nun, wie ſie vor dem Diner mit dem Geheimrath einen Beſuch bei Ifflers gemacht, und wie ſie dort das hübſche, übrigens herzlich unbedeutende Kind, die Eliſe, in einem weniger phantaſtiſchen als abgeſchmackten, ja tollen Auf⸗ zuge ohnmächtig in den Armen ihrer Eltern gefunden; wie ſie nach mancherlei vergeblichen Fragen aus dem Kanzleirath, der ebenfalls ganz außer ſich geweſen, herausgebracht, daß es ſich um die Probe einer Aufführung zum Geburtstag des Fürſten gehandelt; und bei dieſer Gelegenheit— der Kanzleirath habe nicht ſagen können wie vielleicht durch ein Wort aus dem Munde des Herrn von Zeiſel, der die Probe abgehalten— ein rührend alberner Wahn, in welchem ſich das arme Kind ſchon ſeit längerer Zeit gewiegt: der Fürſt werde ſie an ſeinem Geburtstage zu ſeiner Gemahlin und Fürſtin von Roda erheben, plötzlich und unwiederbringlich zerſtört ſei. Durchlaucht kann ſich denken, fuhr die Generalin fort, welchen peinlichen Eindruck dieſe Scene auf mich gemacht hat, einen um ſo peinlicheren, als— auch nach der Beobachtung unſeres Geheimraths— die Eltern des Mädchens ſelbſt mehr oder weniger in dieſen Wahn⸗Ideen befangen waren. Der Geheimrath ſagte mir, daß dergleichen Fälle nicht ſelten vor⸗ kommen. Großer Gott, rief der Fürſt, jetzt erklärt ſich mir ſo Man⸗ ches: die Wunderlichkeit des Mannes in letzter Zeit, das extra⸗ vagante Benehmen des Mädchens neulich auf dem Jagdſchloſſe; — aber wie iſt das möglich? Wie kam ein in ſeiner Art geſcheiter, ja gelehrter Mann und meiner treueſten Diener einer zu ſolchem Unſinn; wie mag ein ſittſam erzogenes Mädchen, das ſonſt die Demuth und Beſcheidenheit ſelbſt iſt, zu einer ſo frechen Aſpiration gekommen ſein! Es iſt doch gänzlich un⸗ möglich, daß ich zu dieſer Verxücktheit, die mich zu gleicher Zeit 363 betrübt und empört, die Veranlaſſung gegeben habe durch ein Wort, das man hätte falſch auslegen, durch irgend eine meiner Handlungen, die man hätte mißdeuten können. Würden mir Durchlaucht eine Bemerkung verſtatten? fragte die Generalin. Ich weiß, was Sie meinen, erwiederte der Fürſt. Sie wollen, an Ihre vorhin aufgeſtellte Behauptung anknüpfend, ſagen: Du haſt die Grenze der verſchiedenen Sphären menſch⸗ lichen Seins nicht geachtet; was wunderſt du dich, wenn ſich dieſe eben in den Augen der Menſchen, die von dir abhangen, die zu dir als zu ihrem Vorbild und Muſter emporſchauen, in ſo heilloſer Weiſe verwirren und verwiſchen! Ungefähr das wollte ich allerdings andeuten, erwiederte die Generalin, und vielleicht habe gerade ich dazu ein gewiſſes Recht, die ich die beiden Sphären, welche in dieſem Falle ver⸗ wirrt und verwiſcht ſind, beſſer als irgend ein Anderer zu über⸗ ſehen vermag. Wie könnte ich wohl an ein Wunder glauben, deſſen einzelne Beſtandtheile ich ſozuſagen in dieſen meinen Hän⸗ den habe! Wie könnte mir die glänzende Dame imponiren, die ich als kleines kränkliches Mädchen in einem fadenſcheinigen Anzug und in— ich muß es leider ſagen— nicht eben ſaube⸗ rer Verfaſſung aus der Portierloge heraufgeholt habe, wo ihr Vater— ein wüſter, disreputirlicher und zuletzt dem Trunk in trauriger Weiſe ergebener Menſch— eben ſein elendes Leben ausgehaucht hatte! Lieber Himmel, dergleichen Momente prägen ſich ein! Man ſagt ſich: gut, das biſt Du jetzt, aber das warſt Du einſt; und wir mögen uns ſtellen, wie wir wollen: das Einſt ſchimmert bei allen möglichen Gelegenheiten durch das Jetzt deutlich hindurch. Und wie könnte es anders ſein! Wir ſind eben die Kinder unſerer Eltern, das heißt: die Erben der Tugenden und Schwächen ihres Blutes, wie wir ihre Geſtalt, ihre Haltung, ihre Mienen, ihre Stimme erben. Das Köhler⸗ kind, das man aus dem Schoße der Mutter in eine Prinzen⸗ wiege legte, würde im allerbeſten Falle ein Köhler auf dem Königsthron werden. So dachte ich heute an der Tafel, als unſere Hedwig jener Sympathie, die der Niedriggeborene mit 364 dem Niedriggeborenen ein⸗für allemal hat, einen ſo unverhüll⸗ ten Ausdruck gab. Es war wieder ganz das kleine Mädchen von ſechs, acht Jahren, das durchaus auf der Promenade der Bonne entlaufen und mit den Bürgerkindern ſpielen wollte, oder die ein wenig frühreife Schönheit von vierzehn, die ſich in den Kopf geſetzt hatte, ſie müßte Malerin werden, um ſich einmal von ihrer Hände Arbeit zu ernähren, und— unter uns— den ſchönen Maler heirathen zu können, der den jungen Mädchen Unterricht im Zeichnen gab. Nun, man ſollte über dergleichen nicht lachen, was ſo todesernſthaſft gemeint iſt, aber ich kann mich noch heute des Lachens nicht erwehren, wenn ich an dieſe Zeit denke und an die lange pa⸗ thetiſche Rede, die mir der überſpannte Menſch hielt, als ich ihn endlich doch wegſchicken mußte, und an die verzweifelten Thränen der jungen angehenden Künſtlerin, als ſie ihren Abgott mit den langen Haaren, ihren Meiſter, ihren Rafael zum letztenmal die Treppe hinabgehen ſah. Es war ja Alles ſo unglaublich kin⸗ diſch, albern und thöricht, und dennoch wieder ſo charakteriſtiſch, ſo ganz aus dem Weſen des Mädchens, und ich muß ſagen: des Proletarierkindes heraus. Für uns bleiben jene Menſchen, was ſie ſind: Maler, Doctoren, was weiß ich: nützliche, vielleicht ſehr achtenswerthe Individnen, die wir ſogar dann, wenn wir das Unglück haben, uns in ſie zu verlieben, nie für Unſeres⸗ gleichen halten. Ein Mädchen, wie Hedwig, fühlt ſich ſo ſehr, ſo ganz als die Gleiche dieſer Menſchen, daß ſie, wie zum Bei⸗ ſpiel vorhin, für einen Freund thun könnte und würde, was man im gewöhnlichen Leben nur für ſeinen Geliebten thut. Aber ich ermüde Durchlaucht mit meinem Geplauder und die arme Stephanie wird ſchon längſt nach ihrer Mama verlangen. Das gute Kind! ſie leidet viel, und trotzdem leidet ſie gern. Iſt ſie ſich doch vollauf bewußt, um was es ſich handelt, liebt und verehrt ſie doch Durchlaucht ſo, daß ſie mir noch heute ſagte: mir iſt, als ob ich das Kind für ihn zur Welt bringen ſollte! Die Generalin war gegangen; der Fürſt blickte ſtarr auf die offene Glasthür zum Salon, durch welche ſie verſchwunden war; aber er dachte nicht an ſie. Er dachte an Hedwig, wie * — 365 ſie in derſelben Thür ſtand vor vier Wochen, an dem Abend, als er ihr ſagte, daß Horſt fort wolle, und ſie ſo außer ſich gerieth, wenn ſie auch Geiſtesgegenwart genug hatte, zu behaup⸗ ten, daß er fortmüſſe, daß ſie ihn ſelbſt fortſchicken würde. Was kam darauf an, ob ſie dies geſagt oder das, ob man das Spiel ſo abgekartet oder ſo, wenn nur nachträglich Alles ſtimmte, wenn man das Spiel nur zu guterletzt gewann auf Koſten des alten Mannes, den man drei Jahre genasführt! Der Fürſt ſchlug ſich vor die Stirn und ſchaute mit wirren Blicken um ſich. Das Ganze war am Ende nur ein ſchlau erſonnenes Mär⸗ chen, ihn auf eine falſche Spur zu bringen; ein fein ausge⸗ klügeltes Stück boshafter Rache an ihr, die den ſtolzen Grafen verſchmäht und ſich nun natürlich in den beſcheidenen Doctor verliebt haben mußte! Aber er war ja ganz von ſelbſt auf denſelben Verdacht ge⸗ tommen, er trug ſich ja mit dieſem Verdacht ſchon ſeit vier Tagen, ſeit ſie ihm ganz offen erklärt, ſie habe mehr als ein⸗ mal den Mann zu lieben geglaubt. Ganz offen! Wie konnte man ganze Offenheit von einem Mädchen erwarten, das von Menſchen ſtammet, bei welchen die Lüge von Generation zu Generation ſich forterbt wie der Schmutz! Der Vater ein Trunkenbold, die Mutter wahrſcheinlich eine Metze— grauen⸗ haft, grauenhaft! Daß er daran früher nie gedacht hatte! Weshalb ſollte Eliſe Iffler nicht Fürſtin von Roda werden wollen! Sie hat doch anſtändige Eltern; ſo iſt ſie eigentlich zu gut für mich, und überdies hat die Sache gar keinen Reiz für den Kürſten von Roda, wenn er nicht mit Malerjünglingen, Doctoren und hergleichen concurriren kann! Der Firſt Lachte laut und brach plötzlich im Lachen ab. Ein Scharber lief ihm über den Leib. Es war gewiß die Abendluft, die kühl aus den Parkwieſen heraufwehte. Aber er hatte denſelben Schauder in den letzten Tagen öfter empfunden und am hellen Morgen, am heißen Mittag. Er hatte den Geheimrath ſchon conſultiren wollen; es war am Ende ganz zweckmäßig, wenn er den Geheimrath einmalkommenließ. 366 Der Geheimrath, den Gleich nach wenigen Minuten in das Cabinet führte, hatte ſchon über Tafel die Indispoſition Durch⸗ lauchts bemerkt und war jetzt doppelt betrübt, durch ſeine Un⸗ vorſichtigkeit die fatale Scene hervorgerufen zu haben, welche den Zuſtand Durchlauchts jedenfalls verſchlimmert hatte. Ob Durchlaucht ſich wohl entſchließen würde, ihm eine genauere Exploration zu verſtatten? Der Fürſt gab die Erlaubniß; die Unterſuchung dauerte lange; endlich richtete ſich der Geheimrath wieder auf. Nun? ſagte der Fürſt. Sie machen ein bedenkliches Geſicht? Daß ich nicht wüßte, Durchlaucht, erwiederte der Geheim⸗ rath; es wäre dazu in der That nicht der mindeſte Grund: von den Organen kein einziges weſentlich alterirt, von einer imminenten Gefahr nicht die Rede, wenn ich auch allerdings nicht in Abrede ſtelle, daß der von vornherein überaus zarte Organismus Durchlauchts ſehr erſchüttert iſt und einer langen Erholung dringend bedarf. Ruhe, Durchlaucht, Ruhe— das iſt es, wozu ich in erſter Linie rathe; unbedingte Ruhe, wie ſie in der Stellung Durchlauchts glücklicherweiſe leicht zu beſchaffen und den Jahren Durchlauchts— ich meine unſern Jahren, in denen man die Leidenſchaften der Ingend, Gott ſei Dank, hinter ſich hat— natürlich und erwünſcht iſt. Ruhe, ſagte der Fürſt, nachdem er den Geheimrath bis an die Thür begleitet, und leicht zu beſchaffen, ja wohl! ſie machen es mir leicht genug! Was iſt das für ein Packet, Andreas, das Du da auf den Schreibtiſch gelegt? Papiere, Durchlaucht, die Porſt beim Aufräumen in dem Zimmer des Herrn Doctors gefunden und von denen er meint, daß ſie der Herr Doctor ungern verlieren wurde und die er deshalb mir gegeben hat, der ich nun um Durchlauchts Be⸗ fehl bitte. Was geht das mich an? ſagte der Fürſt. Schickt ſie ihm nach, oder gebt ſie an Herrn von Zeiſel, wenn Ihr ſeine Adreſſe nicht wißt. Es ſind Briefe, Durchlaucht, die doch wohl nicht durch . 3 * ₰ 367 zu viel Hände gehen dürfen, meint der Porſt, der ſo ein wenig hineingeſchaut hat; vielleicht daß Durchlaucht es für paſſend er⸗ achtet, ſie der gnädigen Frau direct zuzuſtellen— Ich werde ſehen, ſagte der Fürſt, und Dir klingeln, wenn ich zu Bette gehen will. Herr Gleich verließ das Gemach, der Fürſt ſank wie zer⸗ ſchmettert in das Sopha zurück. Daß dieſe Verſuchung nun noch an ihn herantreten mußte! Daß er noch dieſe Schmach auf ſich nehmen ſollte! Wie wäre ſo etwas früher möglich geweſen! Nicht einmal der Gedanke, geſchweige denn die That! Aber das war ja das Fürchterliche, daß dieſe Leidenſchaft ſeine Seele erniedrigte, wie ſie ſeinen Körper zerrüttete. Und wenn er ſeine reine Hand vergeblich beſudelte? Wenn dieſe Briefe ihn nichts lehrten, als was er ſchon wußte? Oder wenn ſie ihm in die Hände geſpielt wa⸗ ren, nachdem ſie eigens zu dem Zweck geſtohlen! Und während der unglückliche Mann jeden Grund hervor⸗ ſuchte, dies nicht zu thun, klebte ihm die Zunge am Gaumen vor Begierde nach der verbotenen bittern Frucht; und während er ſich erhob, die Briefe einzuſiegeln und an Hedwig zu ſenden, hatte er das Gummiband, welches das Packet zuſammenhielt, abgeſtreift und ſeine Augen flogen gierig durch die Zeilen der ſchönen Handſchrift, mit denen die ſehr verſchieden geformten Blätter bedeckt waren. Die Generalin hatte Recht gehabt, als ſie zu ihrer Tochter ſagte: für einen Unbefangenen iſt es eine harmloſe Lectüre, be⸗ ſonders bei Tage; aber ich hoffe, es ſo einrichten zu können, daß er nicht unbefangen daran geht, und wenn wir einige weg⸗ laſſen, die gar zu idylliſch ſind, werden die andern heute Nacht ihre Wirkung nicht verfehlen. Je länger der Fürſt in dieſen Blättern las und die Data miteinander verglich und ſich beſann, bei welcher Gelegenheit wohl dies und bei welcher jenes geſchrieben ſein könne und den Werth der einzelnen Ausdrücke gegen einander abwog und dar⸗ über grübelte, wieviel„lieber Freund“— mehr beſage, als lieber Doctor“— in denſelben Maße verlor er den kleinen 368 Reſt von klarer Urtheilskraft, den ihm die Unterredung mit der Generalin noch gelaſſen; und es war keine Stunde vergangen, als ihm jedes dieſer Blätter vom ſchwärzeſten, ſchamloſeſten Verrath doppelt und dreifach getränkt ſchien. War es nicht Verrath, auch nur dem Namen nach die Ge⸗ mahlin des Fürſten von Roda zu ſein und trotzdem— aus Wiesbaden im vorigen Jahre, während Horſt eine Ferienreiſe die Moſel hinauf machte— an einen Mann im Dienſte dieſes Fürſten zu ſchreiben? „Es ſind jetzt verſchiedene fürſtliche Perſonen hier und ich bin immer von neuem über den Götzendienſt erſtaunt, den man mit ihnen treibt. Mir hat die irdiſche Größe niemals impo⸗ nirt; und wenn ich nun ſehe, wie ſcheu die Menſchen auf die Seite treten und wie willig ſie den Hut ziehen, wenn ein Fürſt vorübergeht, nicht, weil er etwa ein guter Menſch iſt, dem ſie Dank ſchulden, ſondern, weil er ein Fürſt iſt— ja, ſo kann ich nur annehmen, daß mein Gehirn und mein Herz anders ſind, als anderer Menſchen. Ach! nichts iſt gewiſſer: die Großen dieſer Erde ſind nur deshalb ſo erſtaunlich groß, weil die Klei⸗ nen ſo erbärmlich klein ſind“ Und hier: „Ich meine wirklich, je länger ich darüber nachdenke, daß ein König, ein Fürſt niemals, oder doch nur unter ganz außer⸗ gewöhnlichen Verhältniſſen, ein ſo guter und auch nicht ein ſo großer Menſch werden kann, wie er es im gewöhnlichen Gang der Dinge geworden wäre. Denn was macht den Menſchen gut, als daß er ſich als Gleicher unter Gleichen weiß und fühlt, deren Schickſal ſein Schickſal iſt, deren Freuden und Leiden ſeine Freuden und Leiden ſind oder es jeden Angenblick werden können; und was macht ihn groß, als daß er an den Hinder⸗ niſſen dieſer Welt die eingeborene Kraft bis zum äußerſten Maß erprobt und erweitert. Wann aber hätte je ein Fürſt, ſo lange er Fürſt war, ſich als der Gleiche ſeiner„Unterthanen“ gefühlt? Wann wäre er je, ſo lange man ihm als Fürſten diente, ſchmei⸗ chelte, huldigte, zum vollen Bewußtſein über das Maß ſeiner Kraft gelangt? Und wie ſollte er auch, wenn ihm Alles und 369 Jedes leichter gemacht wird als anderen Menſchen! Jeder an⸗ dere Menſch muß um das Weib ſeiner Wahl freien, muß ſich das Wild ſelbſt ſuchen, ſich auf ſeine Büchſe ſelbſt einſchießen, ſein übermüthiges Pferd ſelbſt müde reiten, die Thür, durch welche er gehen will, ſelbſt öffnen. Für den Fürſten giebt es nur offene Thüren! Denken Sie daran, lieber Freund, ſo oft Sie an Fürſten denken!“ Und hier: „Unſer Fürſt iſt der beſte unter ihnen, gewiß! aber iſt er es nicht, weil er der kleinſte iſt!“ Und dies: „Der Fürſt iſt ein guter Herr— aber er weiß es auch, und doch würde er ein beſſerer Herr ſein, wenn er es weniger wüßte.“ Und hier, aus der allerletzten Zeit, als Horſt neulich auf der Naturforſcher⸗Verſammlung war: „Die Geſundheit des Fürſten hat mir in dieſen Tagen ihrer Abweſenheit rechte Sorge gemacht. Es iſt das Herz, ſagen Sie. Ach! wenn wir ihn doch,„in die Welt weit aus der Einſam⸗ keit, wo Sinne und Säfte ſtocken,“ führen und locken könnten! Mein Freund! an dieſer Einſamkeit kranken wir hier Alle, der Fürſt, Sie und ich; Jeder, den ich anſehe, trägt den Leidens⸗ ausdruck. Ach, einen Athemzug aus der weiten Welt, wie er Ihnen jetzt wird! Und Sie haben den Muth, wiederzukehren! Es iſt der Muth des Selbſtmörders!“ Durchlaucht haben gerufen? fragte Herr Gleich, in der Thür erſcheinend. Er wußte recht gut, daß der Fürſt nur laut geſungen hatte: „Treibt der Champagner,“ oder etwas der Art; aber das Singen hatte ſo gräulich geklungen in der tiefen athemloſen Stille, und Herrn Gleichs Gewiſſen war denn doch wegen deſſen, was er heute Abend gethan, ein wenig unruhig. Die Medicin könnte am Ende doch zu ſtark wirken, meinte Herr Gleich. Wieviel Uhr iſt es? Gleich Drei, Durchlaucht. Der Fürſt trat an eines der Fenſter, deſſen Vorhänge Fr. Spielhagen's Werke. Kl. 24 370 er öffnete; Herr Gleich war hinzugeeilt; der Fürſt wendete ſich um: Nun, welchen Ausdruck hat denn mein Geſicht; den rechten Leidensausdruck, wie? Durchlaucht ſehen blaß aus von der durchwachten Nacht und dem grauen Morgenlicht, ſagte Herr Gleich. Der Fürſt riß das Fenſter auf. Einen Athemzug aus der weiten Welt, munnelte er; da liegt ſie, ich will hinein, in die Berge. Durchlaucht, es iſt drei Uhr, ſagte Herr Gleich, der anfing, zu fürchten, ſein Gebieter möchte wahnſinnig geworden ſein. Einen Wagen! rief der Fürſt, ſich heftig umwendend und mit dem Fuße ſtampfend. Den Jagdwagen! Warum biſt Du noch nicht fort? Sechsundzwanzigſtes Capitel. Die ſonnigen Stunden ſchienen Hedwig heute langſamer und träumeriſcher als ſonſt über Schloß Roda hinzugleiten, die Vö⸗ gel in den Zweigen lauter und doch trauriger zu ſingen, die Blumen auf den Beeten ſtärker und doch weniger erquicklich zu duften. War es eine Folge der ſchlaflos verbrachten Nacht? War es der Gedanke, daß die Sonne dieſes Tages die letzte ſei, die ſie über Roda würde untergehen ſehen? Denn morgen mußte es ſich entſcheiden, nicht für ſie für ſie war es längſt entſchieden— aber für den Fürſten, für alle Welt; morgen war die Friſt zu Ende, die er ſich erbeten hatte. Ach, ſie hatte bitter bereut, daß ſie, gegen ihre Ueber⸗ zeugung, gegen ihre Natur, dieſer Bitte, die eine Drohung ge⸗ weſen war, nachgegeben: ſie hatte dieſe Nachgiebigkeit bereits theuer bezahlt, würde ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach noch theu⸗ rer bezahlen müſſen. Es waren ſchlimme Tage für ſie geweſen, die ſie durchlebt — ———————— 371 in ſtundenlangem Beiſammenſein mit der Generalin, die ihr aus den troſtloſen Tagen ihrer geknechteten Jugend das Urbild der ſchlimmſten Tyrannei auf Erden war— der ſchlauen, abgefeimten Tyrannei, die ihre Brutalität hinter die glatteſten Formen verſteckt; mit dem Geheimrath, der die fanfteſte Stimme hatte, wenn er mit vornehmen Leuten ſprach, und der einen kranken Dienſtboten anherrſchte, wie einen räudigen Hund; mit Stephanie, die ſeit geraumer Zeit ſchon und nun beſonders ſeit Ankunft der Mutter, ihre frühere Munterkeit mit einer larmoy⸗ anten Duldermiene vertauſcht hatte und ihre ſchmachtenden Augen nicht von dem Grafen wendete, der, offenbar ganz abſichtlich, ſeine Frau, um die er ſich ſonſt in der Geſellſchaft ſo wenig bekümmerte, mit Aufmerkſamkeiten aller Art überhäufte; mit dem Fürſten endlich, der jetzt düſter und zerſtreut die Geſellſchaft gewähren ließ und ſich dann wieder mit fieberhafter Lebhaftig⸗ keit in die Converſation miſchte— das Bild eines Menſchen, der, von einem einzigen Gedanken vollſtändig beherrſcht, in allem Uebrigen nur noch mechaniſch lebt. Und ſie wußte, welches dieſer einzige Gedanke war. Sie las es aus der ſcheuen Miene, mit der er ſie gelegentlich ver⸗ ſtohlen betrachtete; ſie hörte es heraus aus den dürren Worten, die er an ſie richtete, wenn es die Schicklichkeit erforderte, daß er mit ihr ſprach; ſie hörte es heraus aus dem verlegenen Schweigen, in das er ſofort verfiel, ſobald er es nicht vermei⸗ den konnte, auf ein paar Augenblicke mit ihr allein zu ſein; ſie hörte, ſie ſah aus Allem: es that ihm leid! Es that ihm leid, daß er ſo weit gegangen! Es that dem Fürſten von Roda leid, daß er ſich ſo tief gedemüthigt, daß er vor ihr auf den Knieen gelegen, daß er ſein Schickſal in ihre Hände gegeben, daß ein Ja oder Nein von ihren Lippen über ſeine Zukunft entſcheiden ſollte! Und ſein Blick irrte nun umher, ob es im Himmel und auf Erden nichts gab, was ihn retten mochte aus dieſer Noth, und blieb dann hilfeſuchend auf ſeinen Verwandten haften, die ihm mit einemmal ſeltſam nahe getreten waren, ſo nah, daß er erſt jetzt die Schwere der Verſündigung empfand, die er an 24 372 ihnen zu begehen im Begriffe war, die er um eines Haares Breite an ihnen begangen hätte. Und ſie verſtanden dieſen Blick; ſie ſchöpften Hoffnung, Troſt aus dieſem Blick und den Muth, ihren Empfindungen Ausdruck zu geben, merken zu laſſen, wie ſie ſehr wohl wüßten, daß die Gefürchtete nicht mehr ganz ſo fürchterlich ſei. Wäürden ſie ſonſt die Stirn gehabt haben, dieſe Scene geſtern bei der Tafel zu arrangiren? Und der Erfolg hatte ihnen ja Recht gegeben, der Fürſt hatte durch ſein klägliches Verſtummen den ſchamlos⸗frechen Ausfall gegen einen Abweſen⸗ den ſanctionirt, von deſſen Lob ſein Mund und doch auch wohl ſein Herz früher ſo voll geweſen. Es war der Tropfen, der den Becher überlaufen macht. Hedwig fühlte es in der Tiefe ihres leidenſchaftlichen Herzens, daß dies das Signal ſei zu dem Bruche zwiſchen ihr und dem Fürſten; daß ſie auf ein freundſchaftliches Verhältniß, wie ſie es um ſeinet⸗, um ihrethalben gewünſcht und gehofft, fortan zu verzichten habe. Und in dieſer leidenſchaftlich⸗bitteren Stimmung war ſie hinaufgeritten auf die Faſanerie und hatte den alten Prachatitz gefragt, ob er ſich bereit halten wolle und könne, ſobald ſ' ihm Botſchaft ſende, zu jeder Stunde des Tages und der Nach an einem Punkte, den ſie angeben werde, ſie mit einem Gefährt zu erwarten und mit ihr zu gehen, wohin ſie jetzt ſelbſt noch nicht wiſſe. Und der Alte hatte ſich mit der harten Hand über die borſtigen Wimpern gewiſcht und geſagt: er habe es längſt kom⸗ men ſehen und ſie werde ihn bereit finden. Dann war ſie von der Faſanerie durch den Wald auf eine Klippe geritten, die trotzig⸗hoch hinausſchaute in das Roda⸗ thal. Sie hatte zum letztenmal einen Blick werfen wollen auf das wunderliebliche Bild, an dem ſie ſo oft Herz und Auge gelabt: auf die dunklen Wälder hüben und drüben, auf die ſonnigen Matten, auf die zackigen Berge, auf den Fluß, der ſich tief unten— eine braune Schlange— um den Felskegel zog, von dem das ſtolze Schloß, in Abendſonnengluth gebadet, — mächtig aufragte. Es hatte ein kurzer Abſchied ſein ſollen und ohne Wehmuth. Aber als ſie dort oben hielt und ihr zu Häupten die Rieſentannen ſchauerlich im Abendwinde flüſterten und durch die tiefe Stille das Rauſchen der Roda in ihrem ſteinigen Bett zu ihr hinaufmurmelte, und ein Falk mit luſtigem Schrei ſich vor⸗ überſchwang durch die blaue Luft, und der prächtige Rappe, ihr Lieblingspferd, ungeduldig mit dem ſchönen Kopfe nickte und das nackte Geſtein mit dem Eiſen ſchlug, daß es laut ertönte, — da waren ihr die Thränen heiß aus den Augen geſtürzt und eine Stimme in ihr hatte gefragt: ob es nicht ſein könne? ob ſie dieſe Herrlichkeit aufgeben und hinausziehen müſſe in die Wüſte der Welt, ein armes verlaſſenes Mädchen, das nur eben ihrem Sterne folgte, der ſie vielleicht in grenzenloſes Elend führte, aus dem es keine Rettung gab als den Tod. Und wäre es in den Tod, hatte eine zweite Stimme der erſten geantwortet, doch mußt du fort von hier; du kannſt nicht deinem Gott dienen und dem Mammon. Da war es ruhig in ihr geworden, ganz ruhig; und ſo war ſie zurückgeritten und hatte während der Nacht ihre Sachen geordnet wie Jemand, der zu einer langen, langen Reiſe auf⸗ bricht, von der er vielleicht nicht wiederkehrt. Aber in das kleine ärmliche Bündel, das ſie ſich zurechtmachte, war nichts gekommen von dem unendlichen Reichthum, der ihr aus den geöffneten Schränken und Laden entgegenglänzte und ſchimmerte, nichts von den herrlichen Kleidern von den zahlloſen Koſtbar⸗ keiten; nur die dürftige Habe, die ſie beſeſſen, als ſie noch hin⸗ ter dem Theetiſch der Generalin ſtand und die ſie ſorgfältig aufgehoben. Dann hatte ſie im Kamin Papiere verbrannt, und dabei waren ihr denn auch die Briefe in die Hand gekommen, die Hermann im Laufe der letzten drei Jahre an ſie geſchrieben. Es hatte ſie ſeltſam berührt, als ſie das Packet ſo in der Hand hielt; es war ihr gewichtiger vorgekommen, als die anderen alle, und einen Augenblick hatte ſie geſchwankt; dann aber hatte ſie 374 es auf die glühende Aſche geworfen und zugeſehen, wie die Flammen es verzehrten. Ich kann nicht von hier gehen mit dem Bilde eines Man⸗ nes im Herzen, ſprach ſie bei ſich. Es würde mir die Feſtig⸗ keit rauben, die der Augenblick von mir heiſcht, und würde mir das Vertrauen zu mir ſelbſt rauben, mein einzig Gut für die Tage, die da kommen werden. Dann war ſie auf den Balcon getreten und hatte, in die Dämmerung hinausſchauend, durch den ſtillen Morgen vom Schloßhofe her das Geräuſch eines Wagens gehört und bald darauf über die Brücke unten einen Wagen fahren ſehen, ohne zu ahnen, daß es der Fürſt ſei. Sie hatte es erſt heute Morgen von Meta gehört. Ihr erſter Gedanke war geweſen: er flieht vor dir! ihr zweiter: be⸗ nütze dieſe Stunde, die vielleicht nicht wiederkommt, zu deiner eigenen Flucht. Aber ſie hatte ihr Wort gegeben, bis zum Ge⸗ burtstag des Fürſten auszuharren; ſie mußte es halten, wenn vielleicht auch ihm, der es ihr ſo unritterlich abgezwungen, nicht mehr daran gelegen war, daß ſie es hielt. Und ſo wandelte ſie nun in dem morgenſonneüberſtrahlten Garten zwiſchen den Beeten, von denen ihr der Würzduft der Reſeda und des Heliotrops entgegenhauchte, unter den ſchattigen Bäumen, deren glänzendes Gezweig ſich leiſe im Morsenwinde hob und ſenkte, vaus deren dichten Kronen die Vögel raſtlos ſangen; und Morgenſonnenſchein und labender Schatten, ſäu⸗ ſelnder Wind und nickende Zweige, duftende Blumen und ſingende Vögel— alle ſagten ihr Lebewohl, und: lebet wohl! tönte es aus ihrem tiefſten Herzen wieder: lebet Alle wohl! Da ſah ſie Stephanie am Arm des Grafen, denen die Generalin und der Geheimrath folgten, den Gang heraufkom⸗ men; der Becher füßer wehmuthsvoller Abſchiedstrauer war ge⸗ leert, der bittere Tropfen des Haſſes mochte drinnen bleiben; ſie wendete ſich langſam in das Schloß. Wik danke ich Dir, Henri, daß Du gekommen biſt, ſagte Ste⸗ phanie, ſich zärtlich an die hohe Geſtalt des Gatten ſchmiegend. 375 Nur keine Aufregung, liebe Stephanie, ſagte der Graf, düſteren Blickes der zwiſchen den Büſchen Verſchwindenden nach⸗ ſchauend; Du weißt, wie ſtreng Dir der Geheimrath jede Emo⸗ tion verboten hat. Und dann— wollen Sie nicht die Güte haben, Herr Geheimrath, meine Frau ein wenig zu führen; ich möchte eine paar Worte mit Deiner Mama ſprechen, liebe Stephanie. Es iſt doch nichts Schlimmes? rief Stephanie. Aber ich bitte Dich, liebes Kind! rief der Graf etwas un⸗ geduldig. Laſſen wir die Politiker allein, gnädige Gräfin, ſagte der Geheimrath; von dieſen Dingen verſtehen wir jungen Frauen und Gelehrten doch nichts. Nennen Sie mich eine alte Frau! rief die Generalir wärts gewendet mit dem Finger drohend. Der Graf hatte vor einer Stunde eine wichti gebracht, die allerdings für die Generalin nichts enthalten hatte. Sie war feſt überzeugt gez mal zum Kriege kommen werde, und blatt, welches vorgeſtern Abend ſpä dem Grafen von ſeinem Freun überſendet war, nur ihre ₰ König hatte es abgelehz zu ung ihn eigentlich in vollem Roſſeslauf von Neuhof hatte herüberr jagen laſſen.. Leſen Sie, ſagte er, ihr einen Brief reichend, den er aus der Taſche nahm, als Stephanie mit dem Geheimrath nicht mehr zu ſehen war; er iſt ebenfalls von Baron Malte, der, wie Ihnen bekannt, mehr davon weiß und wiſſen kann, als ein Anderer. Hier dieſe Zeilen, wenn ich bitten darf. „Soeben komme ich von**, der mir ein Geheimniß anver⸗ traute, das ich Ihnen ſofort communicire, da es mir offenbar zu dieſem Zweck mitgetheilt wurde. Seine Durchlaucht, deſſen welfiſche Geſinnung diesſeits um ſo mehr bekannt iſt, als er aus derſelben nie ein Hehl gemacht, hat ſich neuerdings zu einer Handlungsweiſe hinreißen laſſen, welche der mildeſte Be⸗ urtheiler nicht anders als hochverrätheriſch nennen kann. Die Pe iſt durch einen Mr. Roſe oder Roſel herausge⸗ aus vorläufig unbekannten und auch irrelevanten em Herrn, dem Marquis de Florville, mit dem das Rencontre gehabt, und der jetzt noch zum Angeber geworden iſt. Es iſt forma, die ihre Centralſtelle na⸗ commandite, wie ſich jetzt her⸗ deren Verzweigungen über London laufen. Das ngeahndet hin⸗ or dem 379 Feſt morgen hundert Dinge der Erledigung. Herr von Zeiſel war in Verzweiflung, und auch der alte Gleich, den die Gene⸗ ralin beiſeite nahm, ſchüttelte bedenklich den grauen Kopf. Durchlaucht ſei heute Nacht in der That ganz ungewöhnlich er⸗ regt und, mit Reſpect zu ſagen, wie toll geweſen; und ſo allein in die graukalte Dämmerung hinauszufahren, ſei und bleibe ein wunderlich Stück, wenn Durchlaucht auch wohl je zuweilen gar abſonderliche Einfälle hätte und ſchon mehr als einmal gerade den Tag vor ſeinem Geburtstag auf ſeinem Gebiete hin⸗ und herkutſchirt ſei, ſich den Zuſtand der Leute aus der Nähe an⸗ zuſehen und ſich zu vergewiſſern, wie Durchlaucht das ſo aus⸗ zudrücken pflegte, ob er auch am nächſten Tage vergnügt ſein dürfe. Die Generalin that, als ob ſie großen Werth auf dieſe Mittheilung lege, aber der Graf konnte ihr nicht beipflichten. Das hätte die Sache unter gewöhnlichen Verhältniſſen zur Noth erklärt; es handle ſich jetzt nicht um patriarchaliſche Wallungen. Seine Unruhe wuchs mit jeder Minute; er wünſchte, daß Herr von Zeiſel Reitende nach verſchiedenen Richtungen ausſende. Der Cavalier war dazu bereit, meinte aber, daß nicht viel dabei herauskommen werde. Wenn Durchlaucht auf den Wald gefahren iſt, ſagte er, ich meine in die Berge, könnte man ebenſo gut ein geſtändertes Huhn ohne Hund in einem Runkelrübeufelde ſuchen; aber da ſich die Damen ſo ängſtigen und dem Herrn Grafen viel daran zu liegen ſcheint, Durchlaucht möglichſt bald zu ſprechen, wollen wir es verſuchen, während ich ſelbſt nach dem Diner mich hier ein wenig in der Nachbarſchaft umſehe. Durchlaucht hatte ſich in der letzten Zeit ſo ſehr an Herrn von Fiſchbach attachirt, daß er ebenſogut dorthin, wie irgend wohin ſonſt gefahren ſein kann; nach Rothebühl und Erichsthal muß ich ſo wie ſo, da iſt es ja nur ein Trab von zehn Minuten bis Buchholz. 380 Siebenundzwanzigltes Capitel. Herr von Zeiſel hatte es ſo eilig, fortzukommen, daß er nicht einmal das Ende des Diner abwartete, wie ſehr daſſelbe auch heute beſchleunigt worden war, und ſich ſchon vor dem Deſſert bei den beiden Damen— Hedwig hatte ſich entſchuldi⸗ gen laſſen— verabſchiedete. Gott ſei Dank, daß ich fort und im Sattel bin, ſagte Herr von Zeiſel, als er zum Schloßthor hinausritt; es fehlte nur noch Banquo's Geiſt, ſo war das Mahl auf Macheth' Schloß fertig. Und dabei ſo ganz en famille! ſo ganz wie in Berlin! ich kam mir lächerlich ausländiſch vor mit meinem ſächſiſchen Singſang unter dieſen ſchnarrenden preußiſchen Trompeten. Und nun dies Menu! Ich habe mich geſchämt! Man ſah ſo recht, daß der Herr nicht zu Hauſe war! Aber wie leicht wog ein verfehltes Menu im Vergleich zu Allem, was auf das Gemüth des wackern Cavaliers drückte! Es war ſo viel, daß er manchmal ordentlich bedauerte, kein Kind mehr zu ſein, um ſich in irgend eine ſtille Ecke ſetzen und recht von Herzen ausweinen zu können. Wie war er dieſen Weg noch vor wenigen Tagen ſo ſelig dahingeritten! Es hatten ſchon Wolken, ſchwere Wolken am Himmel geſtanden, aber die Sonne ſeiner Liebe hatte doch immer noch einen Weg gefunden, hin⸗ durch und gerade hinein in ſein Herz zu ſtrahlen; heute ver⸗ mochte gegen die trüben Erdennebel ſelbſt dieſe liebe Sonne nichts. Da unmittelbar rechter Hand vor ihm lag das Ffflerſche Haus wie ein memento mori. Was half es, daß er ſeinem Braunen die Sporen gab und im Vorüberjagen ſtarr nach links in das grüne Thal blickte, auf welchem er einſt die Wieſen⸗ blume ſeiner Gedichte gepflückt? Er ſah doch, daß ſämmtliche Jalouſien des Hauſes geſchloſſen waren, nicht gegen die Sonne, die längſt auf der andern Seite im Garten an den ſechs Gold⸗ ſiſchen weiter kochte, ſondern gegen die böſe ſchadenfrohe Welt, 381 zu welcher ohne allen und jeden Zweifel im Ifflerſchen Sinne Oscar von Zeiſel in erſter Linie gehörte. Vorbei! Vorbei! Aber in Rothebühl war die Sache nicht beſſer. Schien doch jedes Geſicht, welches am Fenſter ſich zeigte, als er durch die ſtillen ſonnigen Straßen trabte, darüber zu triumphiren, daß morgen nun doch, nach ſo vielen Vorbereitungen, nach ſo un⸗ endlichem Hin⸗ und Herreden aus dem Feſte nichts, ſo gut wie nichts werden ſollte! Da war der Marktplatz, da die Gaſtſtube zur Goldenen Henne— der Schauplatz ſeiner demagogiſchen Umtriebe an jenem Morgen; da die Laube der Apotheke, durch deren grüne Ranken die Kleider der abtrünnigen Damen zu ſchimmern und hämiſche Blicke auf Oscar von Zeiſel zu fliegen ſchienen, wäh⸗ rend er jetzt am Brunnen hinritt, deſſen Waſſer verſchlafen in der warmen Abendſonne murmelten. Vorbei! Vorbei! Vorbei und meiter Les zu der Fabrik vor der Stadt, wo Herr von Zeiſel ſein muthiges Pferd plötzlich anhielt, als er den Beſitzer in dem Thorwege ſtehen ſah. Wollen Sie nicht abſteigen? ſagte Herr Körnicke. Herr von Zeiſel dankte; er habe es ſehr eilig, müſſe noch nach Erichsthal, vielleicht bis Buchholz. Ich wollte Ihnen nur kurzen Bericht erſtatten, wie die Sachen hier ſtehen, ſagte Kerr Körnicke. Schlecht natürlich! rief Herr von Zeiſel. Daß ſie nicht ſchlechter ſtehen können, ſagte Herr Körnicke. Es iſt wahrhaftig, als ob ſie Alle des Teufels wären. Die Geſchichte mit dem franzöſiſchen Herrn hatte ſchon böſes Blut gemacht; nun rückt uns der Krieg immer näher, der ja nach den heutigen Nachrichten wohl ſo gut wie gewiß iſt, und man beſinnt ſich darauf, woran man ſonſt in dieſem ſtillen Winkel am liebſten gar nicht denkt, daß man doch Preuße iſt und— Herr Körnicke ſchwieg und klopfte nachdenklich den ſchlanken Hals von des Cavaliers Renner. Und wenn man ehrlich ſein will, Herr von Zeiſel, verübeln kann man es ihnen juſt nicht. Wer möchte denn, daß die heil⸗ loſe Wirthſchaft von ehemals wieder über uns hereinbräche, wo Niemand wußte, wer Koch oder Kellner war im Heiligen rö⸗ miſchen Reich, derweilen uns Jeder, der wollte, die Butter vom Brode nahm und das Brod dazu. Von der Noth hat uns Preußen doch nun einmal erlöſt, und kann uns auch fürder nur Preußen erlöſen; und deshalb muß Jeder, der es ehrlich mit Deutſchland meint, jetzt zu Preußen halten, wie ſehr es ihm auch ſonſt gegen den Strich gehen mag. Das weiß ich und ſühle ich ſo gut wie Einer, und es iſt mir ſauer genug ge⸗ worden, dem alten Herrn das Wort zu reden gegen meine Ueberzeugung. Und ſchließlich habe ich die Sache dadurch nur noch ſchlimmer gemacht, denn, wenn der alte Herr von mir ge⸗ lobt wurde, der ich den guten Leuten ſo ein Stück Satanas bin, ſo mußte es wohl ſehr ſchlimm mit ihm ſtehen, dachten ſie, und wurden nun erſt recht ſcheu und haben heute in der Stadtverordneten⸗Verſammlung beſchloſſen, daß man ſich nicht, weder in corpore— wir ſind nämlich unſerer Sieben— noch deputationsweiſe, an der Gratulation betheiligen könne. So ſagen ſie auch in den Gewerken, und meine Liedertäfler wollen nicht ſingen, wenn ich ſie nicht mit:„Ich bin ein Preuße“ an⸗ fangen und mit:„Was iſt des Deutſchen Vaterland“ endigen laſſe. Na, Herr von Zeiſel, da habe ich denn gedacht, das werde dem alten Herrn juſt keine große Freude machen an ſeinem Ge⸗ burtstage, und habe den Männern geſagt, wir wollten die Ge⸗ ſchichte dann lieber ganz ſein laſſen. Herr von Zeiſel mußte nun doch abſteigen, um Frau Kör⸗ nicke begrüßen zu können, die aus dem Wohnhauſe über den Hof herbeikam mit dem Ausdruck lebhafter Bekümmerniß auf dem hübſchen friſchen Geſicht. Ich kann wahrhaftig nichts dafür, ſagte ſie, indem ſie den Cavalier die Hand reichte. Ich weiß es, verehrte Frau, erwiederte der Cavalier, und“ danke Ihnen und werde Ihnen für Ihre Freundlichkeit inmet dankbar ſein. Die gute alte Durchlaucht, ſagte Frau Körnicke, während' 383 ſie ſich die hellen grauen Augen trocknete; wie gern hätte ich ihm die ſchönen Verſe hergeſagt, und ich würde meine Sache auch gewiß nicht ſchlecht gemacht haben; aber die Rederei war ja endlich gar nicht mehr auszuhalten, und wenn ſie auch für mein Theil ſchwätzen möchten, ſo viel ſie wollen— mein Alter⸗ chen iſt ein bischen heftig— Dummes Zeug, ſagte Herr Körnicke. Und man lebt doch nun einmal unter den thörichten Menſchen, und hernach ſollen die Kinder in die Schule gehen und— Es bedarf wahrlich keiner Entſchuldigung, verehrte Frau, ſagte der Cavalier; auch würde Ihre ohne Zweifel vortreffliche Leiſtung jetzt ganz vereinzelt bleiben, da ich mein Feſtſpiel aus anderen Gründen habe fallen laſſen, und Fräulein Iffler noch geſtern Abend— Iſt es denn wahr, daß ſie einen Schwan hat machen ſollen und nicht in's Waſſer gewollt hat? fragte Frau Körnicke. Großer Gott, rief der Cavalier, wie können Sie nur— Eine ſolche Gans ſein, dergleichen zu glauben, ſagte Frau Körnicke, welcher der Schelm ſchon wieder aus den grauen Augen blitzte, Nun, ich glaube es ja auch nicht, aber in der Stadt erzählt man es überall. Der Braune fing an, ungeduldig zu werden, ſehr zu ge⸗ legener Zeit für ſeinen Reiter, der durch die Wendung, welche das Geſpräch genommen, in nicht geringe Verlegenheit verſetzt war und ſich jetzt empfahl, nachdem er dem Ehepaar die Hände geſchüttelt. Man wird noch zum Kinderſpott werden, ſprach er bei ſich, während er im ſcharfen Trabe auf der Chauſſée weiterritt; und dabei weiß Keiner außer mir, wie kläglich es in Wirklichkeit um unſer Feſt ſteht. Es fehlte nur noch, daß Durchlaucht ſich in den Kopf ſetzte, gar nicht zurückzukommen, bis der Tag vorüber iſt. In dieſer Lage der Dinge iſt ſchließlich Alles möglich. Herr von Zeiſel kam nach Erichsthal, deſſen Verwalter un⸗ Reduldig war, verſchiedene wichtige Verabredungen für den morgenden Tag endgiltig getroffen zu ſehen. Wie viel Puter ſollten noch in die Küche geliefert werden? und waren ſechs Geſpann Pferde ausreichend, um die Rothebühler Damen zu⸗ ſammenzuholen und nach dem Feſt wieder nach Hauſe zu fah⸗ ren? Und wie war es mit dem Aufzuge der Knechte und Mägde von Erichsthal und von den anderen fürſtlichen Gütern während der Illumination? Sollten die Leute ſchon in Ord⸗ nung auf den Schloßhof ziehen, oder ſich erſt dort aufſtellen, wo man ſie dann allerdings mehr in der Hand hatte? Ich werde noch verrückt werden, ſagte der Cavalier, nach⸗ dem er dieſe und andere Fragen, ganz gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit, mit unſicherem Zögern nothdürftig beantwortet hatte; ein wahres Fegefeuer, das ich hier durchzureiten habe. Vor dem Reiter lag in der Tiefe der Ebene, in welche er jetzt hinabritt, ein Gutshof, zwiſchen Bäumen und Buſchwerk faſt verſteckt, daß nur eben die rothen Dachfirſten von einigen der Gebäude zu ſehen waren, und jetzt auch der oberſte Giebel des Herrenhauſes weiß zu ihm herüberſchimmerte. Er hob ſich im Bügel und ſendete Kuß und Seufzer vor ſich her, bevor er ſeinen Braunen in einen Jagdgalopp ſetzte, der ihn in we⸗ nigen Minuten zu einer Stelle brachte, wo von⸗dem längeren Hauptwege ein kürzerer Seitenweg an dem erlen⸗ und weiden⸗ umſchatteten Ufer des Baches entlang durch ein anmuthiges Wieſenthal nach Buchholz führte. Der Cavalier ritt mit Vorliebe dieſen Weg, den er bereits in ſeinem Philomelen⸗Sonett verherrlicht und der freundlichſte Traum bald darauf zum Schauplatz der köſtlichſten der Scenen ſich erwählt— die fata morgana eines Glückes, an deſſen Realität Oscar von Zeiſel eben nur im Traume glaubte. Der Braune war ſchon längſt aus dem poetiſchen Galopp in nüchternen Trab gefallen und vertauſchte denſelben jetzt mit einem melancholiſchen Schritt. Der Cavalier ſeufzte: Das kluge Thier weiß, daß der Ueberflüſſige keine Eile zu haben braucht! Plötzlich ſpitzte der Braune die Ohren und in demſelben Moment begann Oscars Herz heftig zu ſchlagen. Aus den 3 1 385 Erlenbüſchen, in welche der Pfad ſich verlor, ertönte eine friſche Mädchenſtimme in ein paar lauten Cadenzen, die ihm ſüßer wie der Lockruf der Nachtigall klangen. Die ſingende Ruferin machte eine kurze Pauſe, in welcher ſie, wie es ſchien, vergeblich auf Antwort gelauſcht haben mochte, denn ſie ſtimmte jetzt die erſten Tacte eines Volksliedes an, deſſen melancholiſche Weiſe ihm rührender ſchien, als der Philomele ſchluchzendes Klagen. Mein Gott, wie ich erſchrocken bin! Oscar war aus dem Sattel geſprungen und ſtand jetzt, den Zügel über dem Arm, den Hut in der Hand, erröthend vor der erröthenden jungen Dame, eine Entſchuldigung ſtammelnd, die kaum gehört wurde. Aber die freudige Beſtürzung währte nur einige Momente, dann ſchritten ſie, indem Herr von Zeiſel den Braunen am übergeſtreiften Zügel hielt, nebeneinander den ſchmalen Pfad zurück, welchen Adele eben gekommen war; er hatte bereits ge⸗ fragt, ob der Fürſt vielleicht bei Herrn von Fiſchbach ſei und eine verneinende Antwort erhalten. Der Fürſt ſei vorgeſtern dageweſen und habe ſo ſehr traurig ausgeſehen. Daß es mir in's Herz ſchnitt, ſagte Adele; ich habe den Herrn, der immer ſo gütig gegen mich iſt, ordentlich lieb ge⸗ wonnen, und da thut mir nun ſein Unglück in der Seele leid⸗ denn unglücklich iſt er, nicht wahr? Dem Himmel ſei es geklagt! ſagte Herr von Zeiſel ſeufzend. Und die gnädige Frau auch, fuhr Adele fort; und die habe ich ebenfalls ſo lieb gewonnen in der kurzen Zeit; und nun frage ich mich immer, weshalb haben ſich die Beiden nur ge⸗ heirathet? Gott mag es wiſſen, ſagte Herr von Zeiſel. Es ſchickt ſich vielleicht für ein junges Mädchen nicht, ſo etwas zu ſprechen, ſagte Adele, aber Mama und ich denken den ganzen Tag an nichts Anderes, und dem Papa geht es auch unaufhörlich durch den Kopf, obgleich er immer ſagt, wir ſollten uns um unſere eigenen Angelegenheiten kümmern. Papa, müſſen Sie wiſſen, ſchwärmt für den Fürſten und ſagt, nichts Fr. Spielhagen's Werke. Kl. 25 auf der Welt thue ihm mehr leid, als daß er der guten Durchlaucht vorher immer ausgewichen ſei. Aber es iſt ſo unrecht von mir, daß ich Sie von ſo traurigen Dingen unter⸗ halte. Weshalb unrecht, mein gnädiges Fräulein? Weil Sie immer ſo heiter und luſtig ſind. Ich heiter und luſtig? rief Oscar von Zeiſel im Tone ge⸗ kränkter Unſchuld. Ja, iſt es denn ein Verbrechen, wenn man heiter und luſtig iſt? Das gerade nicht, erwiederte Oscar, nur daß ich es nicht bin, und am wenigſten von allen Menſchen Urſache habe, es zu ſein. Wie können Sie ſo etwas ſagen, rief Adele, auch nur im Scherze ſagen! Wahrhaftig, Herr von Zeiſel, Sie ver⸗ fündigen ſich! Es iſt mein vollkommener Ernſt, gnädiges Fräulein, ſagte Oscar, die Hand auf's Herz legend, mit ſo feierlicher Stimme, daß Adele heftig erſchrak. Sie hatte— trotz des Cavaliers Verſicherung— daran feſtgehalten, daß er, wie alle Welt behauptete, mit Eliſe Iffler heimlich verlobt ſei und ſie nur ſeiner Armuth wegen noch nicht geheirathet habe. Sie war ſelbſtlos genug geweſen, ſich dieſe Lage des liebenswürdigen jungen Mannes zu Herzen und es ihm ſehr übel zu nehmen, daß er ſo leicht daran trug. Jetzt ſah ſie, daß ſie ſich geirrt und daß ſie eine wunde Stelle in ſeinem Herzen unzart berührt. Verzeihen Sie, Herr von Zeiſel, ſagte ſie, es war nicht hübſch von mir, an Ihrem Kummer zu zweifeln. Wie kann man wiſſen, wie einem Andern zu Muthe iſt. Sehr wahr, ſagte der Cavalier mit einem feurigen Blick nach dem jungen Mädchen, das mit niedergeſchlagenen Augen neben ihm ging, wie kann man das wiſſen! Und einen beſcheidenen Wunſch wird der Himmel ja auch erfüllen, fuhr Adele tröſtend fort. Aber ich bin nicht beſcheiden, rief Oscar, ich bin der Un⸗ beſcheidenſte der Menſchen, der ſich das Höchſte, das Herrlichſte wünſcht, was dieſe Erde bietet. Sie werden noch glücklich werden, verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf, ſagte Adele. Niemals, rief Oscar von Zeiſel, niemals! Mein Glück iſt unerreichbar wie die Sterne. Armer Mann, armer Mann! ſprach das mitleidige Mäd⸗ chen bei ſich. Und dann dachte ſie daran, wie wohlwollend ihr Vater gegen den Cavalier geſinnt war und wie er nur noch geſtern Abend geſagt hatte: dem Zeiſel gäbe ich gleich Buchholz in Pacht, wenn ich einmal das Wirthſchaften ſatt habe; und lang⸗ ſam zögernd kam über ihre Lippen: Sprechen Sie doch einmal mit meinem Vater. Darf ich? Soll ich? rief Oscar. Süßeſtes, himmliſchſtes Mädchen! Er hatte, weil er für den Augenblick ſeine beiden Hände brauchte, den Braunen losgelaſſen, der, als ein verſtändiges Pferd, ſeinem Herrn in einem ſo wichtigen Angenblick ſeines Lebens keine Ungelegenheit machte, ſondern ruhig hinterdrein ſchritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf hob, um nicht auf den Zügel zu treten. Das iſt abſcheulich von Ihnen! Das habe ich nicht um Sie verdient! ſchluchzte Adele, ſich aus den Armen des allzu kühnen Cavaliers reißend. Oscar von Zeiſel ſtand wie erſtarrt. Er ſollte mit dem Vater ſprechen! und für ſo ſüße, köſtliche, himmelerſchließende, ſeligkeitverheißende Worte nicht mit einem glühenden Kuſſe dan⸗ ken! Wann, ſeitdem Liebende mit den betreffenden Vätern zu ſprechen aufgefordert waren, hatte man dieſe Aufforderung nicht mit einem Kuſſe beantwortet! Ja, gab es überhaupt eine andere Antwort! Er ſagte und fragte das nicht in Worten, aber ſeine zärt⸗ lich⸗vorwurfsvollen Blicke, das wehmuthsvolle Zucken ſeiner rothen Lippen ſagten und fragten es; und, als die Liebenden 25* ijetzt vor ihm her durch ein Bosquet ſchritten, deſſen dichtes 388 Gezweig die rothen Abendſtrahlen durchzitterten, hielt der gute Braune es für angemeſſen, die Muße zu benutzen und ſich, ſo⸗ weit es die Zügel erlaubten, in dem kurzen ſaftigen Graſe güt⸗ lich zu thun. Um Gott, der Vater! ſagte Adele, als plötzlich ihr Name von der kräftigen Stimme Herrn von Fiſchbachs aus nächſter Nähe gerufen wurde. Haſt Du mir nicht geſagt, daß ich mit ihm ſprechen ſoll? ſagte der Cavalier, das erröthende Mädchen noch einmal an ſein Herz drückend. Adele! Adele! Und auch die Mutter, flüſterte Adele. Und auch die Mutter wird Ja und Amen ſagen, rief der Cavalier; komm mein holdes Mädchen, laß uns ihnen entgegen gehen. Ich fürchte mich vor der ganzen Welt nicht, am we⸗ nigſten vor Deinen guten Eltern. Unmittelbar hinter dem Wäldchen führte eine Brücke über den Bach, und als nun der glückliche Oscar, an der rechten Hand das geliebte Mädchen, in der linken den Zügel des Braunen, beſcheidenmuthig zwiſchen den letzten Büſchen heraus⸗ trat, ſah er— wie er ſie im Traum geſehen— Herrn und Frau von Fiſchbach drüben, ihn, im Begriff mit an den Mund gelegten Händen zum andernmal„Adele“ zu rufen, ſie, über das Geländer der Brücke ſich lehnend und die Fiſche, welche dort gegen die Strömung ſtanden, von einer mitgebrachten Semmel fütternd. Es war Oscars ſchöner Traum in die ſchönere Wirklichkeit überſetzt. Das letzte Zagen ſchwand aus ſeiner Seele, und die kleine Hand, welche einige Neigung ver⸗ ſpüren ließ, aus der ſeinen zu gleiten, kräftig feſthaltend, trat er an das würdige Paar heran und begann: Verehrter Herr von Fiſchbach, meine gnädige Frau— Ulrich, habe ich es Dir nicht geſtern Abend geſagt, rief die gute Frau von Fiſchbach, den Reſt der Semmel in's Waſſer werfend, um beide Hände erſt vor Verwunderung zuſammenzu⸗ ſchlagen und dann die Arme für Adele zu öffnen, die ſich in ſtürmiſcher Zärtlichkeit an den Buſen der Mutter ſtürzte. — 6 389 Freilich, ſagte Herr von Fiſchbach, aber— Lieber, theurer Herr, rief der Cavalier, die ein wenig zö⸗ gernd dargebotene Hand des würdigen Mannes ſchüttelnd, ich bitte, ich flehe Sie an: ſtören Sie die wunderbare Schön⸗ heit dieſer glückſeligen Stunde nicht durch ein unglückſeliges Aber! Nun meinetwegen, ich bin nie ein Störenfried geweſen, rief Herr von Fiſchbach mit herzlichem Lachen. Und Adele entzog ſich den Armen ihrer Mutter, um ſich in die ihres Vaters zu werfen, während Oscar von Zeiſel ſich beeilte, in herzlicher Dankbarkeit ſeine Lippen auf die Finger der guten Frau zu drücken. Ich dächte, wir machten nun, daß wir hereinkämen, ſagte Herr von Fiſchbach; die Forellen werden ſo wie ſo ſchon nicht mehr beſonders ſein; aber das kommt davon, wenn man ſolche Allotria treibt, wie dieſe jungen Leute hier, und ſich zum Abendbrod erſt lange ſuchen läßt. Wenn man ſich ſchließlich nur findet, flüſterte der glück⸗ liche Cavalier mit einem zärtlichen Blick auf ſeine junge ſchöne Braut. Achtundzwanzigſtes Capitel. Die Forellen hatten vielleicht fünf Minuten zu lange ge⸗ ſtanden, aber der Rheinwein hatte die rechte Zeit im Keller gelegen; und bei der zweiten Flaſche dieſes firnen Weines ſaßen die Herren noch lange nach dem Abendbrod, ſo lange, daß die Geduld des Jüngeren auf eine harte Probe geſtellt wurde. Aber der Aeltere lachte und ſagte: Da zappeln Sie nun, wie der Fiſch an der Angel; zappeln Sie nur noch ein bischen. Unſereiner wird früher oder ſpäter doch auf's Altentheil geſetzt, da muß man ſein Heu machen, ſo lange die Sonne ſcheint, das heißt: ſo lange man uns braucht. 390 So ſagte mein Vater, und hat uns zappeln laſſen, mich und meine gute Alte, daß wir ſchier aus den Heirathsjahren ſchon heraus waren, als wir uns endlich heirathen durften. Nun, da ſei Gott vor, daß ich es mit Euch ebenſo machte! aber ein wenig werdet Ihr mich wohl noch brauchen, Sie lieber Zeiſel, in erſter Linie. Ich muß Sie ja nun— gegen alles göttliche und menſchliche Gebot— Ihrem gnädigſten Herrn abſpänſtig machen; und da ſollten Sie doch ohne mich einen ſchweren Stand haben. Durchlaucht iſt Ihnen ſehr gewogen, man wird es ſchlau anfangen müſſen, ſehr ſchlau. Ich weiß nicht, erwiederte Herr von Zeiſel, ob Durchlaucht und ich noch lange gut mit einander fertig geworden wären. Unſere Anſichten gingen in neueſter Zeit doch ſchon manchmal recht weit auseinander, und wenn es ja noch zum Krieg kom⸗ men ſollte, ſo wäre ohnedies— Der Cavalier unterbrach ſich plötzich mit einem Blick auf Adele, die mit der Mutter in dem abenddämmerigen Garten auf⸗ und niederwandelte. Er hatte in den letzten Tagen die Mög⸗ lichkeit des Krieges oft genug in Erwägung gezogen und er hatte keinen Augenblick geſchwankt, was ihm in dieſem Falle zu thun bleibe; aber er war als der arme Oscar von Zeiſel, nach dem, ſo viel er wußte, im Grunde kein Menſch fragte, in den Krieg gezogen, nicht als der erklärte, anerkannte Bräuti⸗ gam des liebenswürdigſten Mädchens. Das fiel ihm jetzt ſchwer auf die Seele und er ſchluckte die Worte, die ihm in der Kehle ſtecken blieben, mit ein paar nachdenklichen Zügen aus ſeinem Römerglaſe hinunter. Blicke nach den beiden Frauengeſtalten, ſo wäre ja ohnedies Ja freilich, ſagte Herr von Fiſchbach mit einem — — abonnement suspendu. Daß Sie mit müſſen, iſt ja ſo ſicher, wie daß ich Sie zum Schwiegerſohn haben will, und wenn es nach mir ginge, könnten Sie mit Ihrem Schwiegervater zu⸗ ſammen aufbrechen. Aber wenn man fünfundfünfzig Jahre und kein Militär von Beruf und ein ſtarker Rheumatiker iſt, ſchickt es ſich, daß man erſt einmal euch Jüngeren das Feld läßt.„ Lieber Gott, wer wünſchte nicht, daß der Kelch an uns vorüber⸗ T —— 391 ginge! Ich beneide Keinen, der es nicht wünſchte, am wenig⸗ ſten Ihre Durchlaucht. Er möchte am liebſten die Zeit ſeit Sechsundſechszig, ja, was ſage ich, ſeit anno Fünfzehn und noch länger ausſtreichen, damit ein paar Dutzend ſtaubiger, motten⸗ zerfreſſener Pergamente doch ja gegen neun Zehntel aller Deut⸗ ſchen Recht behalten. Ich verſtehe es nicht, wie ein ſo guter und ſonſt ſo kluger, verſtändiger Herr in dieſem einen Punkte geradezu toll ſein kann. Da mußte er freilich dem Grafen gegenüber in eine ſchiefe, unhaltbare Lage kommen, obgleich ich deſſen Standpunkt auch nicht billigen mag. Den Krieg mehr oder weniger um des Krieges willen wollen, iſt abſolut nicht zu rechtfertigen, denn es heißt, wiſſentlich oder unwiſſentlich, die Elemente nähren, aus denen der Krieg erwächſt. Und auf die⸗ ſem Standpunkt ſteht, ſo viel ich ſehen kann, mit ſeltenen Ausnahmen, der ganze preußiſche Militäradel und Alles, was mit demſelben zuſammenhängt. Dieſe Tendenz giebt ihm nun in einer Zeit, die mit kriegeriſchen Elementen ſo geſättigt iſt, wie leider die unſere, ein ungemeines Uebergewicht über alle anderen Stände, gerade wie in einem Krankenzimmer der Doctor der wichtigſte Mann iſt, zu dem Alles in ſcheuer Ehr⸗ furcht aufblickt. Aber wenn außerordentliche Verhältniſſe einen andern Maßſtab für den Werth des Menſchen bedingen, ſo iſt das doch nur ein relativer Werth; und deſſen ſollten unſere Standesgenoſſen ſich bewußt ſein, oder ſie laufen Gefahr, ſich und uns Andere für die Zeiten, die doch kommen werden und müſſen, zu discreditiren, ja unmöglich zu machen. Sie haben mir aus der Seele geſprochen, ſagte der Cava⸗ lier, über den Tiſch herüber dem älteren Herrn die Hand rei⸗ chend. Jetzt erkläre ich mir auch, weshalb, wenn der Graf und ich vom Kriege ſprachen, wir über zwei ganz verſchiedene Dinge zu ſprechen ſchienen, und vielleicht auch, weshalb ich eine gewiſſe Abneigung gegen ihn nicht überwinden kann, trotzdem ich ihn im Grunde genommen bewunderte. Ja, ja, ſagte Herr von Fiſchbach lachend, ſo wie der Leo⸗ pard den Löwen! Stammen wir doch Alle von Raubthieren, wollte ſagen von Raubrittern— ich meine wir alten Geſchlech⸗ 392 ter— und da haben denn unſere preußiſchen Vettern noch ein wenig mehr von der urſprünglichen natürlichen Wildheit behalten, als wir zahm gewordenen Thüringer und Sachſen. Dies Bewußtſein giebt ihnen die ſtolzere und ſtraffere Haltung und die bewundert wieder die liebe Plebs. So der Eiſenbahn⸗ ſchaffner, der neulich, als ich mit Baron Neuhof auf dem Per⸗ ron gehe, ihm die erſte Klaſſe öffnet und mir ohne weiteres zu⸗ ruft:„Zweite Klaſſe weiter hinten!“ Ja, ja, lieber Zeiſel, die Neuhofs fahren heutzutage erſter Klaſſe; wir ſind in die zweite gerathen! Das iſt's! Und nun will ich Ihre Ungeduld nicht länger quälen. Kommen Sie! Ich habe noch ein paar Worte mit meiner Frau zu reden und da könnt Ihr junges Volk der⸗ weilen im Mondſchein ſchwärmen. Es war ein ſehr glücklicher Abend für Oscar von Zeiſel, und die Nacht begann ſchon herabzuſinken, als er ſich endlich wieder im Sat⸗ tel und auf der Chauſſee befand. Man hatte ihm ein wenig das Geleit gegeben und der Kuß, den er in Gegenwart der Eltern von dem Munde der Geliebten trinken durfte, ſchwebte noch auf ſeinen Lippen. Eine ſelige Stimmung füllte ſeine Bruſt und die raſche Bewegung des muthigen Braunen, der ſich von dem ſcharfen Ritt längſt erholt hatte, trug dazu bei, ſeinen Lebensgeiſtern einen nie gekannten Schwung zu geben. Alle edlen Empfind⸗ ungen, die je ſein Herz belebt, er glaubte ſie auf einmal zu empfinden; alle poetiſchen Gedanken, die je ſeine Phantaſie be⸗ geiſtert, ſchienen ſich in Wirklichkeit verwandelt zu haben: in die Strahlen des Mondes, die auf den Waſſern des Baches glitzerten, in das Säuſeln des Nachtwindes durch die Zweige der Bäume, in den Hufſchlag ſeines Pferdes auf der einſamen Chauſſée, in den Ruf des Rebhahns aus dem Weizenfelde, in den balſamiſchen Duft des friſch geſchnittenen Heues auf den Wieſen. O, Glück, o, Wonne! ſagte der junge Mann wieder und wieder. Iſt es denn möglich? Iſt denn nicht Alles ein Traum? Nein, Oscar, vorbei iſt es nun mit den Träumen. Jetzt heißt es: wachen, leben, ſchaffen für ſie, für mich, für die Menſchen, die von uns abhangen werden und die wir glle glücklich machen 393 müſſen, nicht ſo glücklich wie wir— das würde nicht möglich ſein, beim beſten Willen— aber doch glücklich, ſo glücklich, wie ein Menſch ſein kann, der nicht ſo liebt wie ich, der nicht ſo geliebt wird wie ich! Und eine Zukunft von Friede und Freude öffnete ſich ſei⸗ nem entzückten Blick: das friedliche, freudenreiche Leben des be⸗ güterten Landwirths. Er ſah ſich auf dem Felde zu Pferde inmitten der Schnitter und der Binderinnen; er ſah ſich auf dem Hofe ſtehen in Stulpenſtiefeln, während die vollen Wagen in das Scheunenthor ſchwankten; er ſah um ſich her die jubeln⸗ den Paare tanzen in der luſtigen Kirmeßzeit. Und wo er ging und ſtand, war ſie, die Herrin Bon Buch⸗ holz, die Königin ſeines Herzens, ſein holdes ſchlankes Mäd⸗ chen, ſein Weib, ſein Alles! Ihr runder Arm ruhte in ſeinem Arm mit ſchüchtern⸗zärtlichem Druck; ihre zarte, warme Hand lag in ſeiner Hand; ihre blauen, ſtrahlenden Augen ruhten in ſeinen Augen. O Glück, o Wonne! iſt es denn möglich! Das Wiehern des Braunen unterbrach die friedlichen Phan⸗ taſien und zugleich hob das Thier den Kopf und ſpitzte die Ohren und wieherte abermals in den dunklen Abend hinein, und jetzt hörte auch ſein Reiter Hufſchlag. Es mußten mehrere Pferde ſein, mindeſtens zwei, in vollem Jagen, denn der Schall, wenn ihn auch manchmal der Abend⸗ wind verwehte, näherte ſich ſehr ſchnell. Und vor dieſem dumpfen, näher und näher kommenden Donner erbebte dem ſonſt ſo muthigen Cavalier das Herz in der Bruſt. Eine Ahnung ſagte ihm, daß dieſe Reiter Boten ſein müßten, die ein Unglück kündeten. Waren es ein paar von den Leuten, die er ausgeſendet, den Fürſten zu ſuchen? Hatten ſie ihn gefunden, todt? Großer Gott, er hatte ſeit Stunden nicht an das gedacht, weshalb er eigentlich ausgerit⸗ ten war. Und näher und näher kamen die Reiter; der Braune, den Herr von Zeiſel angehalten hatte, um beſſer zu hören, ſcharrte den Boden, als könne er nicht erwarten, an der Jagd theilzunehmen, und ſtieg endlich gegen ſeine Gewohnheit, daß 394 der Cavalier ihn gewaltſam herunterdrücken mußte, in dem Augen⸗ blick, als die Reiter um die ſcharfe Biegung des Weges herum⸗ kamen und an ihm vorüberſchoſſen. Er gab dem Braunen die Sporen und war im Nu an der Seite der Reiter, in denen er jetzt den Grafen und den Baron Neuhof erkannte. Guten Abend, meine Herren! Warum die Eile? Ah, Herr von Zeiſel! Was giebt's, Herr Graf? Der Krieg iſt erklärt! Unmöglich! Das wäre ſchlimm! Glücklicherweiſe iſt die Nachricht ganz ſicher. Neuhof war auf der Station, als die Depeſche, die heute Abend um ſieben Uhr in Berlin angekommen, hier durch⸗ ging. Ein wahres Glück, daß es mir, als Sie ſchon fort wa⸗ ren, einfiel, noch einmal hinüber zu jagen. Ich hätte Dir doch die Nachricht auf jeden Fall gebracht, ſagte der Baron. Oder auch nicht; Du gehörſt zu den Leuten, die ſich ganz gut allein freuen können. War Durchlaucht bereits zurück? Nein; und was haben Sie herausgebracht? Er war in Erichsthal und Buchholz nicht geweſen; ich hoffe, daß er mittlerweile gekommen iſt. Zch hoffe es ſehr! Dies Alles wurde geſprochen, ohne daß die Reiter den Lauf ihrer Roſſe anhielten. Im Gegentheil, die edlen Thiere fanden jetzt erſt, da es zu Dreien ging, die rechte Freude am Wettlauf, und da alle drei gleich gute Renner waren, konnte kaum das eine oder das andere einmal um die eigene Länge vorauskommen. Aber auch in den Reitern zitterte eine nervöſe Erregung, die in dem ſauſenden Ritt durch die Nacht ein Gegengewicht fand— in ihren Ohren klang eine Muſik, für welche der Donner der flüchtigen Hufe den rechten Tact ſchlug: die Muſik zur Attaque blaſender Trompeten, die Jeder von ihnen mehr als einmal auf dem Schlachtfelde gehört. 395 So ging es weiter in Carrière durch die ſtille Nacht, daß Hecken und Bäume und einzelne Häuſer vorüberflogen, und jetzt ein Gehöft, in welchem die Hunde laut wurden, und wieder Hecken und Bäume und einzelne Häuſer, und jetzt Herrn Kör⸗ nicke's Fabrik, vor welcher der Beſitzer, ſeine Abendpfeife rau⸗ chend, ſtand: Halloh! Herr von Zeiſel? Gott bewahre mich! Der Krieg iſt erklärt! Der Cavalier hatte nur eben ſein Pferd ſo weit angehal⸗ ten, um Herrn Körnicke die Worte verſtändlich zurufen zu kön⸗ nen, und jagte jetzt den Andern nach. Was gab's? Ich ſagte es dem Körnicke nur. Was geht's den an? Da war ſie wieder die Kluft zwiſchen ihm und dem preu⸗ ßiſchen Grafen. Was geht's den an! Heiliger Gott, wen geht es nicht an? Weſſen Leben, weſſen Eigenthum ſteht jetzt nicht auf dem Spiel! Wie lange werden die guten Leute in Rothebühl, durch deſſen enge Gaſſen jetzt die Hufe der Pferde donnern, behaglich in ihren Stübchen vor den Thüren ſitzen und plaudern; werden die Mägde in Frieden Waſſer holen können aus dem plät⸗ ſchernden Brunnen? Wie lange wird der nächtliche Himmel nicht von Feuerzeichen brennender Städte und Dörfer geröthet ſein? Wie lange noch wird der Fuhrmann bei Nacht ſo ruhig wie bei Tage neben ſeinen klingelnden Gäulen, die Pfeife im Munde, einherſchreiten? Und ihn, ſie Alle ſoll es nichts an⸗ gehen! Und da halten ſie auf dem Schloßhof und ſchwingen ſich aus den Sätteln, während die Stallknechte den dampfenden Thieren in die Zügel greifen und aus dem Portale die Diener herauskommen. Iſt Durchlaucht zurück? Noch immer nicht, Herr Graf. 396 Rennundzwanzigſtes Capitel. Am folgenden Tage um die Mittagsſtunde bot der Schloß⸗ hof einen ſeltſamen Anblick. Eine Menge Menſchen wogte durch⸗ einander: Männer zumeiſt, aber auch viele Frauen, ſelbſt Kinder: Einwohner, Bürger von Rothebühl, Pächter, Knechte von den fürſtlichen Gütern im Thal, Bauern, Köhler„vom Walde“, Bergleute— eine bunte Schaar, die immer noch anwuchs, denn wenn auch Manche, des langen Wartens müde, gingen, ſo ſtröm⸗ ten in jedem Augenblick durch das dunkle Thor Andere herzu. Auf den Geſichtern aller dieſer Menſchen aber lag derſelbe Aus⸗ druck der Sorge, der Spannung; auf den Lippen aller dieſer Menſchen ſchwebte dieſelbe Frage: ob es denn wirklich zum Kriege kommen werde? nur manchmal— und faſt immer von älteren Leuten— wurde gefragt: ob er denn noch immer nicht gefunden ſei? Freilich würde es zum Kriege kommen, darüber ſei gar kein Zweifel; der Herr Graf habe geſtern Abend in eigener Perſon die Nachricht durch Rothebühl gebracht; heute Morgen ſei ja ſchon die gedruckte Depeſche angekommen; und vor einer halben Stunde auch die Botſchaft von dem Herrn Oberforſt⸗ meiſter, daß Durchlaucht die Nacht bei ihm zugebracht habe; und das ſei doch unverantwortlich von dem Herrn von Zeiſel, den Menſchen einen ſolchen Schrecken einzujagen und die Leute überall hinzuſchicken, nur nicht dorthin, wo jeder Durchlaucht am erſten geſucht hätte. Ja freilich, meinte ein ſtämmiger Pächter, der hinzutrat, aber für unſere Durchlaucht wäre es vielleicht ebenſo gut ge⸗ weſen, wenn er gar nicht zurückgekommen wäre; der wird an dem Kriege keine große Freude haben. Ja, ja, ſagte ein Anderer, da iſt unſer Herr Graf ſchon beſſer am Platze; und vorhin haben ſie ihn ja ſchon als unſere neue Durchlaucht leben laſſen, als der Bote von dem Herrn Oberforſtmeiſter noch nicht da war; aber er hat's nicht anneh⸗ men wollen. 5 397 Und daran hat er recht gethan, ſagte der ſtämmige Pächter. Freilich, der Alte lebt ja noch! rief ein Rothebühler Witz⸗ bold in der Gruppe. Die Anderen lachten. Und lebt hoffentlich noch manches gute Jahr, ſagte der Pächter, ſich unwillig abwendend. Das iſt auch ſo Einer, der das Herz wo anders ſitzen hat, ſagte der Witzbold. Und der es mit den Franzoſen hält, meinte ein Anderer. Das iſt kein echter deutſcher Mann! Und kein guter Preuße. Da iſt der Herr Graf am Fenſter! Hurrah, für unſeren Herrn Grafen, und abermals hurrah! und zum drittenmale hurrah! „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben,“ intonirte der Rothebühler. Die Umſtehenden fielen ein, und als jetzt an der Flaggenſtange auf der Zinne eines der Thürme eine große ſchwarz⸗weiße Fahne aufgezogen wurde und luſtig im friſchen Winde zu flattern begann, brauſte es in vollem Chor: „Die Fahne ſchwebt uns ſchwarz und weiß voran.“ Man drängte heran, nach dem Fenſter aufzuſchauen, an welchem der Graf noch immer ſtand— den Rücken der Menge zugekehrt und ſich eifrig mit einem Herrn unterhaltend, welcher vor einer halben Stunde mit Extrapoſt angekommen war. Man ſang um ſo lauter, je weniger der Graf darauf zu hören ſchien; kaum Einer oder der Andere wandte ſich nach dem Jagd⸗ wagen um, welcher in dieſem Augenblicke auf den Schloßhof gefahren kam und vor einer der Nebenthüren ſtillhielt. Zwei Herren ſtiegen aus und waren alsbald in der Thür verſchwunden⸗ War es nicht Seine Durchlaucht? fragte Einer. Gott bewahre: der Herr Oberforſtmeiſter und ein alter Herr mit weißen Haaren, ſagte ein Anderer. Da flatterte auf der Zinne des zweiten Thurmes die fürſt⸗ lich Roda'ſche Fahne in die Höhe, die dort immer wehre, wenn Seine Durchlaucht im Schloſſe war. Durchlaucht iſt zurückt riefen ein paar Stimmen. Hurrah für unſere Durchlaucht! Aber die Anderen ſahen die Fahne entweder nicht oder hielten ſich für verpflichtet, nun erſt recht ihrem Patriotismus Luft zu machen und mächtiger noch als zuvor, wie im Jubel erſchallte es jetzt: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße ſein!“ Dreißigſtes Capitel. Der Fürſt hatte ſich ſofort in ſein Cabiner zurückgezogen und durch Herrn von Zeiſel ſagen laſſen, daß er von der Fahrt ſehr angegriffen ſei und daß man ihm eine Stunde Ruhe gön⸗ nen möchte. Herr von Zeiſel ſtand mit dem Oberforſtmeiſter in der tie⸗ fen Fenſterniſche eines der Vorzimmer in leiſem Geſpräch. Er meint in einer Stunde, ſagte der Cavalier, aber ich habe den Herren bereits angedeutet, daß ſie ſich darauf gefaßt machen möchten, gar nicht vorgelaſſen zu werden. Wie kann er in dieſem Zuſtande Reden anhören und erwiedern! Es iſt ein Jammer, es mit anzuſehen, ſagte der Ober⸗ forſtmeiſter; geſtern Abend war er grau, heute Morgen iſt er weiß; er iſt binnen vierundzwanzig Stunden ein Greis ge⸗ worden. Wann kam er geſtern? fragte der Cavalier. Gegen Zehn, erwiederte der Oberforſtmeiſter; ich wollte eben zu Bett gehen, da höre ich einen Wagen im Schritt heranfah⸗ ren und vor meiner Thür ſtillhalten. Ich ziehe ſo, ohne ein Arg zu haben, das Rouleau ein wenig in die Höhe und laſſe es vor Schrecken fallen, als ich Durchlauchts alten Jagdwagen erkenne und ihn darin. Ich weiß nicht weshalb, aber mir war 399 ſofort, als müſſe es ein Urglück gegeben haben. Nun, und als er mir aus dem Wagen in die Arme ſchwankte und ich armer kranker Menſch den ſonſt ſo Rüſtigen faſt in's Haus tragen mußte, da konnte ich wohl nicht länger zweifeln, daß meine Ahnung mich nicht betrogen hatte. Herr von Keſſelbuſch wiſchte ſich mit dem Tuche über die feuchten Wimpern. Und wo iſt er während der ganzen Zeit geweſen? fragte der Cavalier. Gott mag es wiſſen, erwiederte der Oberforſtmeiſter, ſonſt weiß es Keiner, nicht einmal der Johann Kreiſer, der ihn ge⸗ fahren hat. Der alte Menſch war ganz gebrochen und weinte wie ein Kind, als ich ihn hernach in der Küche ausfragte. Sie ſind überall geweſen, in Hühnerfeld, in Dachsloch, bei den Braunkohlengruben, oben in Wüſttrumnei— er wußte es eben ſelbſt nicht mehr, die Kreuz und die Quer, von den Wegen ab, eine Schneiſe hinauf, eine andere wieder hinunter, auf Punkte, wohin ſonſt nur Hirſche und Wilddiebe kommen. Da hat er denn halten laſſen und iſt ausgeſtiegen und hat ſich auf einen Baumſtumpf oder Stein geſetzt, den Kopf in die Hände geſtützt und hat ſtundenlang ſo geſeſſen, ohne ſich zu regen, ohne ein Wort zu ſprechen, daß der alte Johann vor Kummer und Angſt faſt vergangen iſt. Er ſagte, und wenn man ihm eine Grafſchaft böte, er möchte den Tag nicht noch einmal er⸗ leben. Endlich gegen Abend, als die Pferde ſchon gar nicht mehr weiter gewollt, hat er ſich ein Herz gefaßt, und trotzdem er immer nur„in die weite Welt“ hat fahren ſollen, nach dem Jagdſchloß gelenkt, in deſſen Nähe, er weiß ſelbſt nicht wie, ſie ſchließlich gekommen waren. Hat er mit Ihnen ſelbſt gar nicht geſprochen? fragte der Cavalier. Doch, erwiederte der Oberforſtmeiſter, ein paar Stunden ſpäter, ſo um ein Uhr, als er aus einem unruhigen Schlaf, in welchen er alsbald gefallen war, erwachte. Aber da ſprach er nur von alten Zeiten, die er und ich gemeinſam verlebt, und der Refrain war immer, daß er ein alter Mann ſei. Er! du 400 lieber Gott! der nie vorher hat alt ſein wollen! Es war herz⸗ zerreißend! Der Oberforſtmeiſter ſchwieg und fragte dann, die Stimme noch mehr ſenkend: Wie hat ſie es denn aufgenommen? Ich weiß es nicht, ſagte Herr von Zeiſel; ich habe ſie geſtern den ganzen Tag und auch heute noch nicht geſehen. Es iſt ein ſchrecklich unheimlicher Zuſtand, Herr von Keſſelbuſch, und ich habe ſchon gedacht, wenn irgend Jemand, ſo ſind Sie im Stande, hier zu vermitteln. Hier iſt nichts zu vermitteln, mein lieber junger Freund, erwiederte der Oberforſtmeiſter, glauben Sie mir. Was Gott nicht zuſammengefügt hat, muß ſich trennen. Und ſo muß hier eine Trennung ſtattfinden, aber das Herz wird ihm darüber brechen. Er hat ſie zu ſich bitten laſſen, ſagte Herr von Zeiſel; ſie muß jetzt ſchon bei ihm ſein. Dann möge Gott ihr und ſein Herz lenken! ſagte der Oberforſtmeiſter, die Hände faltend. Unterdeſſen hatte der Fürſt ſich von Herrn Gleich umkleiden laſſen, ohne ein Wort mit dem alten Vertrauten zu ſprechen; nur ganz zuletzt, als Herr Gleich ihm das beinahe weiß ge⸗ wordene Haar arrangirte, ſagte er: Das hätteſt Du vorgeſtern Abend nicht geglaubt, nicht wahr? Du haſt mir einen ſchlimmen Dienſt geleiſtet. Herr Gleich, der ganz bleich und verſtört ausſah, hatte jetzt etwas erwiedern wollen, aber der Fürſt winkte mit der Hand und ſagte: Laß nur, Andreas, Du biſt ja doch nur Werkzeug in einer höheren Hand geweſen. Dann war er aufgeſtanden, mühſam, hatte ſich in ſein Ar⸗ beitscabinet begeben, aus der Schatulle auf dem großen Tiſch zwiſchen den beiden Fenſtern einige Papiere genommen und ſorg⸗ ſam zurecht gelegt, dann Alles wieder haſtig in die Schublade gethan und ſich zuletzt vor dem Tiſch in ſeinen Seſſel ſinken laſſen. 401 Und da ſaß er nun, vornübergebeugt, den Kopf in die Hände geſtützt, wie ihn der Johann Kreiſer geſtern im tiefſten Walde auf den Baumwurzeln hatte ſitzen ſehn. Und dieſelben Gedanken zogen wieder durch das tiefgeſenkte Haupt, dieſelben Gedanken, die ihn geſtern die großen weißen Wolken am ewigen Himmel, und der ſchwermuthsvolle Sonnen⸗ ſchein durch die dunklen Wipfel der Urwaldstannen, und das graue Moos auf den Porphyrfelſen gelehrt; er wollte ſehen, ob er die Lection noch wüßte. Er wußte nicht Alles mehr; es war, als ob die engen Zimmerwände, die Mauern auf ſeinen Kopf drückten, und ach! auch auf ſein Herz, das ſo dumpf und unruhig ſchlug; aber die Hauptſache wußte er doch noch, und das Andere würde ja wohl der Angenblick bringen. Ein leichter Schritt durch das Vorzimmer und das Rau⸗ ſchen eines Gewandes! Still, armes Herz, ſtill! Nur jetzt halt aus! Halt aus! Er hob langſam das Haupt. Hedwig ſtieß einen lauten Schrei aus. War der Mann da im Seſſel, der alte Mann mit den weißen Haaren und den tiefen Furchen im abgemagerten Antlitz, den eingeſunkenen er⸗ loſchenen Augen— war das er, der Fürſt! Hatte es ſo weit kommen müſſen! Sie eilte auf ihn zu, der ſich bei ihrem Eintritt hatte er⸗ heben wollen, aber kraftlos zurückgeſunken war; ſie fiel an ſei⸗ ner Seite auf die Kniee und preßte ſeine zitternden bleichen Hände gegen ihre von Thränen überſtrömenden Augen, gegen ihre heißen Lippen. Ein unendliches Wehgefühl, das in Luſt verzitterte, erfüllte des Fürſten Herz; er ſollte den Kampf, den er vierundzwanzig Stunden lang durchkämpft, noch einmal, in eines Augenblicks engen Grenzen, durchkämpfen! Er ſtöhnte laut; dann wurde es ruhig in ihm; und ruhig und mild ſagte er: Ich bitte, liebe Hedwig, ſtehen Sie auf! Hedwig erhob ſich, ein ſchmerzliches Lächeln auf den zucken⸗ den Lippen. Es hatte ſie eine harte Ueberwindung gekoſtet da⸗ Fr. Spielhagen's Werke. XI. 26 402 mals, bis ſie ſeinen dringenden Bitten nachgab, und das Du, das er ihr beinahe abgetrotzt, war ihr niemals echt erſchienen — und doch! und doch! Setzen Sie ſich, liebe Hedwig, hieher zu mir, ſagte der Fürſt; blicken Sie mich nicht ſo ſchmerzlich an, das raubt mir die geringe Kraft, über die ich noch gebieten kann, und Sie haben ja ſchließlich an der Veränderung, die mit mir vorgegan⸗ gen, keine Schuld. Die Natur hat nur ihr gutes Recht ver⸗ langt, das ich ihr vorenthalten zu können glaubte, und hat den Zauber, der ſie bannen ſollte, zerbrochen. Seine Augen blickten ſtarr: er ſchien faſt mit ſich ſelbſt zu ſprechen, als er nach einer kurzen Pauſe fortfuhr: Oben auf der Wüſttrumnei hab' ich's erfahren. Da wei⸗ dete einmal ein junger Hirte ſeine Schafe, und hörte ein Klin⸗ gen und Singen in dem Berge, und ging dem Schalle nach durch die Felſenſpalte, und tanzte eine kurze Sommernacht mit den ſchönen Elfen. Eine kurze Sommernacht, aber ſie hatte hundert Jahre gedauert, daß die wenigen Menſchen, denen er in der Morgenfrühe begegnete, erſchrocken vor dem Uralten flohen. Und als er ſein Dorf erreicht und die Sonne aufging und die erſten Strahlen ihn beſchienen, fiel er in Staub. Der Hirt bin ich, liebe Hedwig; die Hoffnung, Ihre Liebe zu erringen, war der Zauber, der mich die Zeit vergeſſen ließ. Aber die Zeit vergißt hichts und Niemaud, und holt ſchnell nach, was ſie ſcheinbar verſäumt. Sie hat bei mir nur einen Tag gebraucht. Einen ſchmerzensreichen Tag, mit deſſen Erzählung ich Sie nicht behelligen will; nur, was er mich gelehrt hat, will und muß ich Ihnen ſagen. Er hat mich gelehrt, daß Sie Recht gehabt haben von An⸗ fang an: daß ein alter Mann nicht um die Liebe eines jungen Mädchens werben darf und kann, ohne ſich an ihr und an ſich ſelbſt zu verſündigen. Die Jugend will leben, genießen; das Alter fragt nicht danach, ob der Menſch ſein Leben genoſſen hat; es giebt nichts heraus von der verlorenen Zeit, keine Stunde, keine Minute, und ſagt: bereite dich zum Sterben. 403 Das ſind ſehr einfache Wahrheiten, und doch, welche Schmer⸗ zen habe ich Ihnen und mir bereiten müſſen, bevor ich in den Beſitz derſelben gelangt bin! Laſſen Sie mich kurz ſein, denn das Sprechen wird mir ſchwerer, als ich gedacht. Hier in der Schatulle liegt der Contract, den ich unter dem Eindrucke unſerer letzten Unterredung von Iffler habe ausar⸗ beiten laſſen. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich mich ge⸗ fragt und wieder gefragt habe, ob ich dieſen Schritt vor mei⸗ nen Ahnen verantworten könne, und daß es mich einen ſchwe⸗ ren Kampf gekoſtet hat, das anerzogene, vielleicht angeborene Vorurtheil zu beſiegen. Ich darf Ihnen das jetzt ſagen, wo mir dieſer Kampf ſehr kläglich und dieſes Vorurtheil ſehr kin⸗ diſch erſcheint; jetzt, wo ich weiß, daß eine Macht uns ſcheidet, die ſich nicht beeinfluſſen läßt durch unſer Wähnen, Wünſchen, Wollen— daß die Natur uns ſcheidet. Aber, liebe Hedwig, auch die Natur iſt manchmal gütig, und ſcheidet, was ſie ſcheiden muß, in milder, ſchmerzloſer Weiſe. Der Fürſt ſchwieg und blickte wieder mit den ſtarren nach⸗ denklichen Augen vor ſich nieder. Was haben Sie beſchloſſen? fragte Hedwig leiſe. Ein trübes Lächeln ſpielte um die bleichen Lippen des Fürſten. Beſchlüſſe faſſen, iſt Sache der Jugend, ſagte er, welche Zeit hat, das Beſchloſſene auszuführen. Wollen Sie dem alten Manne verzeihen, wenn er das junge, in Kraft und Schönheit blühende Mädchen fragt, wie ſie ſich ihre Zukunft gedacht? Hat der Einzelne eine Zukunft, wenn die Zukunft des Vater⸗ landes auf dem Spiele ſteht? fragte Hedwig, den Kopf, welchen ſie in beide Hände geſtützt hatte, hebend und den Fürſten mit großen Augen anſchauend. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte der Fürſt. Die Thür aus dem Cabinet in den Salon ſtand offen, und die Fenſter des Salons, welche auf den Schloßhof gingen, mußten ebenfalls offen ſtehen; man hatte ſchon wiederholt von 25* 404 dort her das Summen und Schwirren der verſammelten Menge gehört und in dieſem Augenblicke erſchallten die Klänge des Arndtſchen Vaterlandsliedes: „Das ganze Deutſchland ſoll es ſein!“ Hedwig deutete ſtumm nach jener Seite. Der Fürſt ſchüt⸗ telte den Kopf und ſagte mit einem matten Schimmer ſeiner alten ironiſchen Weiſe: Die Botſchaft hör' ich wohl! Und ich, rief Hedwig, ich klammere mich an den Glauben, an die Ueberzengung von unſeres Volkes eingeborener Kraft und Herrlichkeit wie ein Ertrinkender an den rettenden Balken. Ja, wie ein Ertrinkender! Wir müſſen zugrunde gehen ohne dieſen Glauben; ich habe es immer gefühlt, aber ich weiß es erſt, ſeitdem ich dieſe Kriegsbotſchaft hörte und jeder Bluts⸗ tropfen in mir brauſend, jauchzend antwortete. O mein Gott, mein Gott! Ich habe ja das Ungeheure ganz allein tragen müſſen, habe Niemanden gehabt, deſſen Hand ich faſſen, in deſſen Auge ich ſchauen, in deſſen Herz ich mein übervolles Herz ausſchütten konnte! Ihre abwehrende Hand, Ihr vorwurfs⸗ voller Blick ſagen mir, daß nicht Sie es ſind, an den ich mich wenden dürfe, ich habe ja durch meinen Spott, meinen Zweifel dazu beigetragen, den Glauben in Ihnen nur noch immer mehr zu untergraben, das Bild unſeres Volkes in Ihren Augen zum Zerrbild zu machen! Schauder erfaßt mich, wenn ich dieſes Frevels denke; und doch! wie habe ich immer mein Volk ge⸗ liebt, wie heilig iſt mir in innerſter Seele ſtets ſein Bild ge⸗ weſen! Ihre edle ſchöne Seele kann ja nicht anders empfinden. Weg mit den finſteren Wolken des Unmuths! Fort aus dieſem Nebellande blinden Vorurtheils, kleinlicher Rechthaberei, ängſt⸗ lichen Zagens und Verzagens! Hinaus in das helle Sonnen⸗ land der friſchen frohen That! Die Sonne wird uns nicht in Staub verwandeln, ſie wird uns das Blut erfriſchen und die Kraft verjüngen! Auch Ihnen! Auch Ihnen! Es iſt heute Ihr Geburtstag; und wäre jedes Wort ein Tropfen meines 405 Herzblutes— ich wüßte Ihnen nichts Beſſeres, nichts Höheres zu wünſchen und zu ſagen. Sie ſtand hoch aufgerichtet, die Hände halb erhoben, ein himmliſches Feuer in den großen dunklen Augen, wie eine Pro⸗ phetin anzuſchauen. Des Fürſten Blicke ruhten auf ihr mit einem Ausdruck, der Bewunderung und Staunen zugleich verrieth. Sie haben ſich ſehr verändert, ſagte er, oder— ich habe Sie nie verſtanden. Hedwig ließ die Arme ſinken, das Feuer in ihren Angen erloſch: ihr Gebet war nicht erhört, der dürre Felſen blieb ver⸗ ſchloſſen, ſie mußte verſchmachten, gab es keine andere Möglich⸗ keit, ihren Durſt zu löſchen. Sie kniete neben ihm nieder, küßte ſeine herabhängende Hand, die ſie an ihre Lippen drückte, richtete ſich dann langſam wieder empor und ſchritt leiſe nach der Thür. Auf Wiederſehen, Hedwig, ſagte der Fürſt mit tonloſer Stimme; wir haben noch gar Vieles zu beſprechen. Er ahnt nicht, daß es das letztemal geweſen iſt! ſagte Hed⸗ wig bei ſich ſelbſt, als ſie ſich in der Thür noch einmal um⸗ wendete, einen Scheideblick auf ihn zu werfen. Aber ſie ſah die immer noch verehrte Geſtalt nur durch den Nebel der Thrä⸗ nen, die ihr heiß aus den Augen quollen. Noch gar Vieles murmelte der Fürſt, und gar Wichtiges, das Wichtigſte: ſie muß wiſſen, daß ſie fürder ihrem Herzen frei folgen darf; ſie muß es von mir hören, vielleicht, daß ſonſt ihr Herz doch nicht frei würde. Der Herr Graf bittet, ſogleich vorgelaſſen zu werden, ſagte Herr Gleich. Der Fürſt war ſo in ſeine ſchmerzlichen Gedanken verſunken geweſen, daß er den Kammerdiener gar nicht hatte eintreten hören. Herr Gleich mußte ſeine Meldung wiederholen. Er hat mich ja ſchon bei meiner Ankunft begrüßt, ſagte der Fürſt. Sag' ihm, daß ich ſehr, ſehr angegriffen bin; oder nein, laß ihn doch lieber kommen. Aber erſt nimm die Papiere dort aus der Schatulle. 406 Es war der von Iffler ausgearbeitete Ehevertrag, eine Schenkungsurkunde und ein kleines verſiegeltes Packet mit der Aufſchrift:„Briefe von Doctor Hermann Horſt. Im Falle ich plötzlich ſterben ſollte, der gnädigen Frau zuzuſtellen.“ Herr Gleich zögerte, als er das Packet zu den anderen Sachen legen wollte; die Aufſchrift hatte ihm einen Stich in's Herz gegeben; aber wenn auch— ſo konnte es doch nicht bleiben. Geſenkten Hauptes ſchritt er nach der Thür, durch die als⸗ bald der Graf hereintrat. Einunddreißigſtes Capitel. Der Graf war heute in voller Uniform, die breite Bruſt mit ſeinen ſämmtlichen, bereits ziemlich zahlreichen Orden ge⸗ ſchmückt. Der Blick des Fürſten haftete mit einer Empfindung des Staunens an der kriegeriſchen Geſtalt, die ſich ihm jetzt mit langſamen und doch elaſtiſchen Schritten näherte. Der Mann war ihm nie ſo mächtig, nie ſo reckenhaft erſchienen. Von der andern Seite ruhten die Augen des Grafen mit Theilnahme auf der gebrochenen Form des Fürſten, der vor wenigen Tagen noch mit faſt jugendlicher Rüſtigkeit einherge⸗ ſchritten war. Wenn er in demſelben immer einen perſönlichen Feind geſehen hatte und jetzt auch den Feind ſeines Landes, ſeines Königs ſehen mußte— der Feind lag am Boden; es widerſtrebte ihm, den ſo tief Gebeugten noch tiefer beugen zu müſſen. Ich erſuche Durchlaucht, Platz zu behalten und mir zu er⸗ lauben, mich zu Ihnen ſetzen zu dürfen, ſagte er mit milder Stimme, den Fürſten, der ſich erheben wollte, ſanft in den Seſ⸗ ſel zurückdrückend. Es iſt mir unſäglich peinlich, Durchlaucht — noch dazu an dieſem Tage— mittheilen zu müſſen, was ich doch um Durchlauchts, ja, ich darf ſagen, um unſer Aller willen nicht eine Minute länger verſchweigen darf. 407 Kehren Sie ſich nicht an meine zitternde Hand, ſagte der Fürſt; ſie zittert nicht vor Furcht. Wer erlebt hat, was ich, fürchtet ſich nicht mehr. Was haben Sie mir Schlimmes mit⸗ zutheilen? Dies! ſagte der Graf. Und er berichtete nun, wie die Nachricht, welche er geſtern bereits durch Baron Malte empfangen, heute durch den Polizei⸗ rath, der vor einer Stunde als Special⸗Commiſſär in der An⸗ gelegenheit von Berlin eingetroffen, in jeder Weiſe beſtätigt und vervollſtändigt ſei. Mr. Charles Ludovic du Roſel, oder wie er eigentlich heiße, Karl Ludwig Roſe, habe die ganze Corre⸗ ſpondenz des Fürſten mit dem Marquis abſchriftlich ausgeliefert; die Echtheit dieſer Abſchrift ſei durch die Originalbriefe des Fürſten, welche man bei dem noch immer in Hannover krank dar⸗ niederliegenden Marquis vorgefunden, conſtatirt worden, wäh⸗ rend wiederum die Erläuterungen Herrn Roſels einerſeits, an⸗ dererſeits die Ausſagen compromittirter Perſonen, die man ſchon verhaftet, oder die mit Beſchlag belegten Briefſchaften Anderer, die man noch verfolge, den anfänglich zum Theil dunklen In⸗ halt der Briefe vollſtändig aufgehellt und unwiderleglich bewahr⸗ heitet hätten. Der Graf hatte ſeine Relation mit jener klaren Ruhe ge⸗ macht, die man an ihm gewohnt war, nur daß ein gewiſſes Schwingen in dem Klang ſeiner Stimme je zuweilen verrieth, wie ſchwer ihm dieſe Ruhe wurde. Der Fürſt ſaß da, den Kopf in die Hände geſtützt, ohne ſich zu regen, wie er geſtern im Walde geſeſſen. Es gehörte vielleicht zu der herben Lection, an der er geſtern den ganzen Tag gelernt; ſein Kopf faßte es ja zur Noth, ſo würde es ſein Herz auch wohl faſſen lernen, wenn es auch jetzt von die⸗ ſen Bitterniſſen überquoll. Er hob ſein bleiches Antlitz. Ich danke Ihnen, ſagte er, für die ſchonende Weiſe, in welcher Sie ſich Ihrer Aufgabe erledigt haben und abſolvire Sie zum voraus von Allem, was bei ſolchen Dingen unver⸗ meidlich iſt und zu deſſen Execution man eben Polizeiräthe aus Berlin ſchict. Meine Papiere ſollen verſiegelt werden? 408 Es wird ſich das nicht vermeiden laſſen, Durchlaucht. Der Commiſſär iſt im Vorzimmer und bittet durch mich um die Er⸗ laubniß, hernach unverzüglich mit der Unterſuchung vorgehen zu dürfen. Ich ſelbſt verhaftet? Der Commiſſär hat den ausdrücklichen Befehl, zu dieſer Maßregel nur in dem Falle zu ſchreiten, daß Durchlaucht ſich nicht entſchließen könnte, ſein Ehrenwort zu geben, bis zur Ent⸗ ſcheidung der Sache keinen Verſuch zu machen, ſich dem Ur⸗ theile ſeines Richters zu entziehen. Seines Richters! ſagte der Fürſt, ſchmerzlich lächelnd. Meines Richters! Dieſe Hohenzollern Richter eines Fürſten von Roda! Nun wohl! ich gebe mein fürſtliches Wort. Können Sie es in Empfang nehmen? Ja, ſagte der Graf, nach einigem Beſinnen. Werde ich ein Verhör vor dieſem Commiſſär durchzumachen haben? Es iſt möglich, daß er im Laufe dieſer Tage eine oder die andere Frage an Durchlaucht zu richten haben wird, wenn Durchlaucht die Gnade haben will, den Herrn gewiſſermaßen als Gaſt auf dem Schloſſe zu betrachten. Er wird ſehr wenig Weſens von ſich machen und Niemand wird erfahren, in wel⸗ cher Eigenſchaft er ſich hier aufhält, wie Durchlaucht denn ver⸗ ſichert ſein darf— ich habe den ganz ſpeciellen Auftrag, Durchlaucht die Verſicherung zu geben— daß man Allerhöch⸗ ſtenoris nichts dringender wünſcht, als dieſe Angelegenheit den Augen des Publikums zu entziehen. Alſo ein geheimes Gericht? Ueber deſſen Strenge Durchlaucht ſich keinesfalls zu bekla⸗ gen haben wird. Der Fürſt lächelte. Ich kenne die preußiſche Milde, ſagte er; ſie hat ſich noch ſtets bewährt. Aber genug davon. Der Graf wollte ſich erheben; der Fürſt winkte ihm ſitzen zu bleiben. Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, ſagte er. Ich hatte ſchon vorher die Abſicht, eine Angelegenheit, die mir ſehr 409 am Herzen liegt, mit Ihnen zu beſprechen; die Situation, in die ich ſo unerwartet gerathen bin, macht es mir doppelt wün⸗ ſchenswerth, ja geradezu nothwendig. Ich bitte, ſagte der Graf. Der Fürſt beugte ſich über die Papiere, die vor ihm auf dem Tiſche lagen; ſeine Stimme wurde leiſe und unſicher; der Graf hatte Mühe, ihn zu verſtehen, als er jetzt fortfuhr: Sie können ſich denken, daß, nachdem ich mich einmal mei⸗ nes freien Willens begeben habe, ich keinen Finger mehr für mich regen werde und daß vor Allem meine Papiere nicht mehr meine Papiere ſind, ſie mögen nun auf jene durchſprochene An⸗ gelegenheit Bezug haben oder nicht. Dennoch möchte ich Sie mit dem Inhalt dieſer Schatulle bekannt machen; vielleicht fin⸗ den Sie ſich veranlaßt, dieſelbe unter Ihre beſondere Obhut zu nehmen. Zuerſt hier! Seine Hand zitterte heftig, als er jetzt ein paar zuſammen⸗ geheftete, mit der großen runden Handſchrift des Kanzleiraths bedeckte Bogen berührte: Hier! Es iſt der vollſtändig ausgearbeitete und bereits mit meiner Unterſchrift verſehene Contract einer projectirten Verbind⸗ ung rechter Hand zwiſchen mir und Hedwig. Er ſtockte und fuhr dann kaum hörbar fort: Der Contract iſt aus Gründen, die demüthigend für mich ſind, aber in keiner Weiſe ihr zur Laſt gelegt werden können, unnöthig geworden; ich weiß nicht, ob die Regierung ein ſo großes Intereſſe an dieſer Angelegenheit meines Privatlebens nehmen wird. Auf keinen Fall, erwiederte der Graf; ich übernehme es, kraft der discretionären Befugniß, die mir der Allerhöchſte Auf⸗ trag einräumt, das Document zu vernichten, falls Durchlaucht es wünſchen ſollte. So vernichten Sie es, ſagte der Fürſt. Dies hier bitte ich deſto ſorgfältiger zu bewahren. Er hob ein ähnliches Actenſtück empor und ließ es wieder auf den Tiſch ſinken. Dies hier iſt eine Schenkungsurkunde, datirt und giltig vom 410 heutigen Tage an, über die Tyrklitzer Güter an Hedwig für den von mir vorausgeſehenen und nun eingetretenen Fall, daß der Contract dort unausführbar werden ſollte. Sie wunderten ſich, daß ich ein ſolches Gewicht darauf legte, Ihren Antheil abgetreten und die Güter als freies Eigenthum zu erhalten. Sie wiſſen jetzt, welchen Gebrauch ich davon machen wollte. Darf ich— ich bin ein alter Mann und kann jeden Tag ſterben— darf ich hoffen, daß Sie dieſen meinen Willen re⸗ ſpectiren werden? Mit einer gewiſſen Einſchränkung, Durchlaucht. Es hatte ein paar Momente gedauert, bevor der Graf zu antworten vermochte. So hatte alſo die Gräfin doch recht ge⸗ habt, und auch ihre Vorausſage, daß auf den Geburtstag des Fürſten die Entſcheidung fallen werde, war eingetroffen! Was war hier vorgegangen? Welches Mittels hatte man ſich bedient? Sie glauben, daß man dies wird zu den Acten legen müſſen? fragte der Fürſt, ängſtlich zu dem Grafen empor⸗ blickend. Als Durchlaucht mir meinen Antheil für hunderttauſend Thaler abkaufte, fuhr der Graf fort, glaubte ich nicht anders, als Durchlaucht wünſchte in der Verwaltung der Güter nicht beſchränkt zu ſein; ich dachte nicht daran, daß Durchlaucht die⸗ ſelben veräußern oder verſchenken könnte. Ich würde ſonſt ſchwerlich auf Durchlauchts Propoſitionen eingegangen ſein. Die Güter ſind hundertundfünfzig Jahre Eigenthum des Geſammt⸗ hauſes geweſen, ein Zweig der Familie hat ſich nach ihnen ge⸗ nannt. Nun habe ich nichts dawider, finde es im Gegentheil vollkommen ſchicklich, daß eine Dame, welche die Ehre gehabt hat, ſich Durchlauchts Gemahlin nennen zu dürfen, bei ihren Lebzeiten und ſo lange ſie eine andere Verbindung nicht ein⸗ geht, in dieſer Weiſe ausgezeichnet wird. Aber ſie dürfte mei⸗ ner Anſicht nach die Güter weder vermachen, noch anderweitig darüber verfügen; dieſelben müßten vielmehr, je nachdem, an uns zurückfallen, oder ſich in eine ſchon im voraus zu beſtim⸗ mende Ablöſungsſumme verwandeln laſſen. Wenn Durchlaucht ſich mit dieſen Propoſitionen einverſtanden erklären, würde ich . —————.— 411 die ſtricte Ausführung des Vertrages als eine Ehrenpflicht be⸗ trachten. Wohl, ſagte der Fürſt; wollen Sie Iffler Auftrag geben, die nöthigen Umänderungen vorzunehmen. Der Graf verbeugte ſich. Und nun, ſagte der Fürſt, während eine brennende Röthe in ſeinen bleichen Wangen aufſtieg, ſind hier zuletzt noch einige Papiere— Briefe von ihr an— an den Doctor Horſt, die ich— die man mir— ich habe dieſelben erſt ſeit vorgeſtern Abend in Händen. Der unglückliche alte Mann ſchwieg in grenzenloſer Ver⸗ wirrung und Beſchämung; der Graf ſtarrte zornig vor ſich nieder. Das alſo war das geheimnißvolle Mittel, deſſen man ſich bedient: geſtohlene Briefe! Und er hatte ſich, indem er die Generalin gewähren ließ, gewiſſermaßen zum Mitſchuldigen einer ſolchen Erbärmlichkeit machen können! Ich ſchwöre bei meiner fürſtlichen Ehre, begann der Fürſt von neuem, daß dieſe Briefe kein Wort enthalten, welches mit meiner Angelegenheit in irgend einer Beziehung ſtände; Mit⸗ theilungen durchaus privater Natur, wie ſie zwiſchen jungen Leu⸗ ten ausgetauſcht zu werden pflegen, die ſich durch eine gewiſſe Uebereinſtimmung ihrer Ideen und Empfindungen zu einander hingezogen fühlen. Der Graf ſchaute auf. Ich werde Ihren Wünſchen gemäß die gnädige Frau fra⸗ gen, ob ſie die Briefe an ſich nehmen will, ſagte er; und nun, fuhr er mit einem Blick nach dem Vorzimmer fort, möchte ich um die Erlaubniß bitten— Ich verſtehe, ſagte der Fürſt. Der Graf drückte auf die Glocke und ſagte zu dem herein⸗ tretenden Gleich: 6 Führen Sie, ſobald Durchlaucht und ich das Cabinet ver⸗ laſſen haben, den Herrn Rath hieher und leiſten Sie ihm die Hilfe und geben Sie ihm jede Auskunft, die er etwa wünſchen wird. Dieſe Schatulle tragen Sie ſelbſt auf mein Zimmer und 412 ſagen Sie dem Herrn Rath, daß Sie es auf meinen Befehl thun. Ich ſelbſt werde Durchlaucht unterdeſſen— In mein Schlafcabinet, wenn ich bitten darf, ſagte der Fürſt. Der Graf bot dem Fürſten den Arm und leitete den Wan⸗ kenden ſorgſam hinaus. Sie mußten, um in das Schlafcabinet zu gelangen, wenn ſie nicht das Vorzimmer paſſiren wollten, durch den Salon, deſſen Fenſter auf den Schloßhof gingen. Die Menge war noch immer angewachſen; man hörte laut ſprechen, rufen, ſingen. Sollten Durchlaucht den Leuten nicht eine Aufmerkſamkeit ſchuldig ſein? ſagte der Graf. Wir werden ſie ohne das ſchwer⸗ lich los. Ich fürchte, meine Kräfte ſind erſchöpft, ſagte der Fürſt. Vielleicht, daß Durchlaucht ſich nur einmal hier am offenen Fenſter zeigten? Wenn Sie meinen, daß es ſein muß. Sie traten an das Fenſter. Von denen im Schloßhof hatten es ſofort Einige bemerkt, die wieder die Anderen auf⸗ merkſam machten. Im Nu waren Aller Augen empor auf das Paar gerichtet: den prächtigen ordengeſchmückten Officier, in deſſen Arm ein alter welker Mann mit weißen Haaren und bleichem kummervollen Angeſichte hing. Unſre Durchlaucht ſoll leben! riefen ein paar Stimmen. Aber ihr ſchwacher Ruf wurde übertönt durch ein brauſen⸗ des:„Der Herr Graf ſoll leben, hurrah, hoch!“ und:„Nieder mit den ſchuftigen Franzoſen!“ und:„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben—“ Ein unheimliches Lächeln irrte durch des Fürſten todten⸗ bleiche Züge: Dieſer Krieg ſcheint in der That ſehr populär zu ſein, ſagte er. Der Graf erwiederte nichts, aber es lag ein eigener Glanz auf ſeinen ſtolzen Zügen, als jetzt, da ſie ſich von dem Fenſter gewendet hatten und er den Wankenden weiterführte, hinter ——— 413 ihnen her, triumphirend, in den Klängen ſeines geliebten Liedes erſchallte: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße ſein!“ Sweiunddreißigſtes Capitel. Und derſelbe Glanz lag auf ſeinem Geſichte, während er jetzt durch die lange Flucht der Zimmer und Säle dahinſchritt und ſeine Augen von Zeit zu Zeit über die Stuckdecken und. parquettirten Fußböden, die hohen Spiegel, herrlichen Bilder, Vaſen und die tauſend anderen Koſtbarkeiten der prunkhaften Ausſtattung dieſer prachtvollen Räume ſchweiften. Es han⸗ delte ſich jetzt um größere Fragen, als um die: wer hier Herr war, und er wußte das wohl, aber die größeren Fragen würden entſchieden werden, wie dieſe, hier, und ſein ſtolzes Preußen würde aus jenem Kampfe als Sieger hervor⸗ gehen, wie er aus dieſem Kampfe als Sieger hervorgegan⸗ gen war. Plötzlich ſchwand der Glanz von ſeinem Geſicht und ſeine düſter blickenden Angen ſuchten den Boden. Ohne Opfer war dieſer Sieg nicht erkauft worden und einen letzten Kampf würde er den Sieger noch immer koſten. Noch immer, murmelte er, ſelbſt jetzt noch! Dieſes Weib iſt ein Dämon. Im Mittelalter würde ich ſie als Zauberin haben verbrennen laſſen; heute muß ich ſchon ſo mit ihr fertig werden. Aber die Generalin hat recht: ich allein hätte es nicht vermocht; dazu mußte ein Weib helfen; nur ein Weib kann ein anderes ſo treffen. Ohne dieſe Briefe hätte ich mein Richter⸗ amt allzu ſchonend ausgeübt, und doch verdient ſie nicht, daß ich ſie ſchone. Aber nicht wie ein Richter empfand der Graf, als er eine Viertelſtunde ſpäter, ein paar Papiere in der Hand, tief auf⸗ 414 athmend, vor der Thür von Hedwigs Zimmer ſtund, hei der er ſich zuvor durch ſeinen Philipp hatte anmelden laſſen. End⸗ lich öffnete er entſchloſſen die Thür und ſah Hedwig ſich gegenüber. Ich weiß es, rief ſie ihm entgegen, das Geheimniß hat nicht lange vorgehalten; der Fürſt iſt ein Gefangener in ſeinem eigenen Hauſe; das Verhängniß, das er ſelbſt heraufbeſchworen, iſt furchtbar ſchnell hereingebrochen. err Gleich hatte, als er die Schatulle auf des Grafen Zimmer trug, im Vorübergehen die ungeheure Neuigkeit an Meta erzählt, die trotz des ihr abgenommenen Verſprechens der Verſchwiegenheit nichts Eiligeres zu thun fand, als das eben Gehörte ſofort ihrer Herrin zu berichten. Wie ein Blitz hatte die Nachricht Hedwig duichzuckt. Die furchtbarſte Erregung ſprühte noch aus ihren glänzenden Augen, flammte noch auf ihren Wangen, während ſie jetzt, ſcheinbar des Grafen nicht achtend, in dem Gemache mit raſchen Schritten und leidenſchaft⸗ lichen Bewegungen auf⸗ und niederging und ſagte: So ſoll denn die Abrechnung auf einmal erfolgen nach allen Seiten; es iſt herzbrechend, denkt man nur an den un⸗ glücklichen alten Mann. Aber es mußte ja doch einmal ge⸗ ſchehen, früher oder ſpäter; Gott läßt ſich nicht ſpotten und was der Menſch ſäet, das wird er ernten. Und in einem Augenblick wie dieſer, wo die große Saat der Menſchheit ge⸗ ſchnitten werden ſoll, da, meine ich, wird und muß auch der einzelne Menſch ſein Schickſal leichter tragen als ſonſt. Der Fürſt empfindet das noch nicht— es iſt Alles zu plötzlich, zu gewaltſam gekommen— aber er wird es empfinden, und das iſt mein Troſt. Ich freue mich, ſagte der Graf, Sie jetzt ſo ſprechen zu hören— Jetzt unterbrach ihn Hedwig. Wann hätte ich je anders geſprochen? Welchen meiner Grundſätze brauchte ich heute zu verleugnen? Aber es wäre wohl vergeblich, mich darüber mit Ihnen verſtändigen zu wollen; und dann: ein philoſophiſch⸗po⸗ litiſches Geſpräch mit mir zu führen, ſind Sie wohl ſchwerlich 415 hier. Was haben Sie mir zu ſagen? Was ſind das für Papiere, die Sie da in der Hand tragen? Die Philoſophie war allerdings nie meine ſtarke Seite, er⸗ wiederte der Graf, aber die Politik werde ich doch wohl nicht ganz vermeiden können. Sie kennen, gnädige Frau, meine An⸗ ſichten in dieſer Beziehung, und ich bin überzeugt, daß ich meine Auffaſſung betreffendenorts werde zur Geltung bringen können, wenn man dort auch vorläufig anderer Meinung zu ſein ſcheint. Wenigſtens erklärt ſich nur ſo die Inſtruction des Unterſuchungs⸗ richters, nach welcher Sie, gnädige Frau, das milde Schickſal Seiner Durchlaucht zu theilen und zu verſprechen hätten, das Schloß nicht ohne Erlaubniß verlaſſen zu wollen. Der Graf machte eine Pauſe, ſowohl um ſeinethalben, denn das Sprechen wurde ihm ſeltſam ſchwer, als auch um Hedwigs halber, ob ſie vielleicht eine Antwort hätte. Aber Hedwig ant⸗ wortete nicht, ſie regte ſich nicht. Stumm, die Arme unter dem Buſen verſchränkt, ſtand ſie da; nur die Röthe ihrer Wan⸗ gen und das Zucken ihrer Naſenflügel bewies, daß ſie gehört, was der Graf geſagt. Der Graf fuhr fort: So lagen wenigſtens die Sachen noch vor einer halben Stunde; ſie liegen jetzt anders. Nach den Mittheilungen, die mir der Fürſt gemacht hat— Mittheilungen, deren Inhalt ich auf tiefſte beklage— iſt wohl kein Zweifel, daß Ihnen— vielleicht auch ihm— aber laſſen Sie mich nur von Ihnen ſprechen— ein Beiſammenſein, und wäre es auch nur inner⸗ halb derſelben Mauern, auf das äußerſte peinlich ſein würde. Und hier komme ich ſofort zu dieſem Papiere; es iſt eine Schenkungsurkunde der Tyrklitzer Güter an Sie, gnädige Frau, mit gewiſſen Einſchränkungen, über welche ich mich hernach aus⸗ laſſen zu dürfen bitte. Sie würden auf Schloß Tyrklitz das hoffentlich bald erfolgende und Sie vollſtändig entlaſtende Er⸗ gebniß der Unterſuchung abzuwarten haben, und ich würde mir meinerſeits dann den Vorſchlag erlauben, daß Sie noch heute Abend dahin aufbrechen. Iſt dies auch der Wunſch des Fürſten? fragte Hedwig. 416 Ich habe den Fürſten ſchonen zu müſſen und ihm die In⸗ ſtructionen des Commiſſärs, ſo weit dieſelben Sie, gnädige Frau, perſönlich betreffen, vorderhand verſchweigen zu müſſen geglaubt; doch meine ich, nach der Bereitwilligkeit, mit welcher er auf alle meine anderen Vorſchläge eingegangen iſt, ſeiner Zuſtimmung gewiß zu ſein. Wollen Sie mir das Document erlauben? fragte Hedwig. Hier iſt es. Und hier iſt die Antwort! ſagte Hedwig, indem ſie die Bo⸗ gen von einem Ende bis zum andern zerriß. Sie finden das ſehr unweiblich, nicht wahr? Der Graf lächelte ſpöttiſch. Im Gegentheil, ſagte er, ich finde unbeſonnene Hand⸗ lungen ſehr weiblich; indeſſen, guter Rath kommt über Nacht; der fleißige Iffler wird die Arbeit gern noch einmal machen und der Fürſt gern ſeine Unterſchrift noch einmal darunter ſetzen. Und jene anderen Papiere? Briefe, gnädige Frau, von Ihrer Hand an den Herrn Doc⸗ tor Horſt, wenn ich Durchlaucht recht verſtanden habe, die, ich weiß nicht durch welchen Zufall, nach der Abreiſe des Herrn gefunden und dem Fürſten ausgeliefert ſind. Der Fürſt möchte nicht, daß dieſe Briefe zu den Unterſuchungsacten gelegt würden und hat mich gebeten, dieſelben Ihnen zuzuſtellen, was ich hie⸗ mit gethan haben will. Hedwigs Geſicht hatte, während der Graf ſo ſprach, einen Ausdruck halb des Zornes, halb der Verachtung angenommen. Was wäre für einen Großen wohl zu klein, murmelte ſie; wie trefflich haſt Du, großer Mann, dieſe Kleinen gekannt! Sie hob den Kopf. Ich kann dieſe Briefe nicht annehmen, ſagte ſie laut; ja, ich bin erſtaunt, daß man mir dieſe Zumuthung macht. Wes⸗ halb ſendet man ſie nicht einfach an den Eigenthümer? Durchlaucht war vielleicht zu verwirrt, um auf einen aller⸗ dings ſo nahe liegenden Gedanken zu kommen, ſagte der Graf. Und für Sie war es ſo ſüß, mich durch dieſes Anerbieten, 417 von dem Sie im voraus wußten, daß ich es nicht acceptiren würde, zu demüthigen— in Ihren Augen, in meinen nicht! Ich frage nicht und will nicht wiſſen, wie die Briefe in des Fürſten Hände kamen; durch wie viel Hände ſie gegangen ſind, bevor ſie dahin kamen. Mögen die, welche es angeht, ſich in die Schmach theilen! ich— und wenn jede Zeile dieſer Briefe ein Liebesgeſtändniß und eine Liebeswerbung wäre, ich würde mich nicht zu ſchämen haben; ich könnte nur ſtolz darauf ſein, einen ſolchen Mann zu lieben, und glücklich, von ihm wieder geliebt zu werden. Ja, mein Herr Graf, ſtolz und glücklich, trotz des verächtlichen Lächelns, mit dem Sie mich beehren. Laſſen Sie es ſich ſagen, daß ich eine Ehre darin ſehe, in Ihren Augen verächtlich zu ſein. Wer iſt es denn in Ihren Augen nicht? Iſt es nicht Jeder, der nicht, wie Sie und die paar Auserwählten, zum Herrſchen geboren, und Sclave, wie er iſt, die ſclaviſche Neigung hat, etwas Herrliches und Heiliges über ſich anzuerkennen, dem er ſich willig opfert? Oder wäre Ihnen die Menge nicht verächtlich, die jetzt mit ihrem plebejiſchen Ge⸗ ſchrei den Schloßhof erfüllt, und die Sie längſt weggeſchickt hätten, wenn Sie nicht überlegten, daß es doch ſchließlich die⸗ ſelben Menſchen ſind, mit denen Sie die Schlachten ſchlagen, in welchen Sie ſich Ihre Orden holen? Oder den Tod! ſagte der Graf. Der auch Andere trifft, mit dem Unterſchiede, daß er für ſie einfache Pflicht, und keineswegs eine Auszeichnung iſt, welche der ganzen Familie zugute kommt. Oder dem Staat, ſagte der Graf. Dem Staat, den Sie kennen; dem Staat, in welchem Sie nichts weiter als eine ungeheure Domäne zum Nutzen und Frommen Ihrer Familie ſehen. Hätten Sie eine Ahnung da⸗ von, daß aus dieſem Kriege, den Sie ſeit Sechsundſechszig her⸗ beigewünſcht und herbeigeſehnt, den Sie und Ihresgleichen, hier und drüben, haben machen helfen, wenn nicht einzig und allein gemacht haben— hätten Sie eine Ahnung, daß aus dieſem Kriege Deutſchland frei und glücklich hervorgehen könnte im Sinne jener von Ihnen ſo tief vekachteten Schwärmer und Fr. Spielhagen's Werke. XI. 27 3 ₰ 418 Ideologen— Sie würden lieber Ihren Degen zerbrechen, als ihn in ſolcher Sache ziehen. Das iſt Ihr Patriotismus und Ihr Heldenmuth! Sollten wir nicht etwas von unſerem Thema abgekommen ſein? ſagte der Graf mit bebenden Lippen. Für Sie, erwiederte Hedwig, nicht für mich. Ich habe des Volkes Sache immer für meine eigene gehalten, und meine eigene Sache auch ein wenig für die des Volkes. Die Sehn⸗ ſucht meines Lebens iſt geweſen, daß das Volk zum vollen Be⸗ wußtſein ſeiner Kraft, ſeines Werthes kommen möchte, daß ich und Meinesgleichen, ſoviel an uns iſt, dazu beitragen könnten; ich hoffe zu Gott, daß dieſe Sehnſucht jetzt geſtillt wird. Viel⸗ leicht, daß dann das reichere Leben des Volkes auch für mich und Meinesgleichen Früchte bringt; daß das Volk ſich dankbar erweiſt und Mir und Meinesgleichen ein lebenswerthes Leben möglich macht. Verzeihen Sie, daß ich, ohne Rückſicht auf die Zeit, welche für den Herrn der Situation nicht anders als äußerſt koſtbar ſein kann, Sie mit dieſen Phantaſien behellige, für die Sie ſchwerlich ein Intereſſe und auch wohl kaum ein Verſtändniß haben. Hedwig nickte in ihrer alten ſtolzen Weiſe kaum merkbar mit dem Kopfe und wendete ſich, zu gehen. Der Graf ſtand da, das Geſicht ganz bleich, die Adern an ſeiner Stirn geſchwollen, ſein ſtarker Körper zitternd vor grim⸗ mem Zorn; dann raffte er ſich mit einer furchtbaren Anſtren⸗ gung auf und war im nächſten Augenblicke aus dem Gemach geſtürmt.. Hedwig lehnte an dem Pfoſten der Thür zum nächſten Zimmer; ihr Buſen flog, Thränen des Schmerzes und der Be⸗ geiſterung tropften aus ihren Augen. Sie hatte kaum ſo ganz gewußt, wie heiß ſie ihn geliebt, als eben jetzt, wo ſie den letzten Reſt ihrer Liebe auf dem Altar der großen und heiligen Sache geopfert, der ihr Leben fortan geweiht ſein ſollte. So fand ſie Meta, die nun in das Gemach ſchlüpfte. Ach, gnädige Frau, ſagte ſie, was haben Sie gethan! Das verzeiht er Ihnen nie! — 419 Du haſt es gehört, ſagte Hedwig, gleichviel! Ich weiß, daß Du mir treu biſt. Du kannſt Deine Treue jetzt beweiſen. Und Sie wollen wirklich hier bleiben, wo doch nun wohl Alles für uns vorbei iſt, ſagte Meta ſchluchzend, und wollen die prächtigen Güter in meinem ſchönen Böhmen nicht nehmen? Das verſtehſt Du nicht, liebes Kind, ſagte Hedwig. Ich will nicht hier bleiben und nach Böhmen will ich auch nicht, und Du mußt zu Deinem Oheim hinauf und ihm ſagen: heute Abend um zehn Uhr am Theehauſe; er weiß, was es bedeutet. Dreiunddreißigſtes Capitel. Der Abend war bereits tief hereingeſunken, aber auf Schloß Roda wollte es nicht dunkel werden. Aus allen Fenſtern ſchimmerten und ſtrahlten die Lichter; auf dem Schloßhofe warfen aus großen Candelabern brennende Pechkränze ihre rothe Gluth bis hoch hinauf an die alten Thürme; in den Gär⸗ ten ſchlangen ſich Ketten bunter Laternen von Aſt zu Aſt, die Terraſſen hinab, bis die letzten ſich in den braunen Waſſern der Roda ſpiegelten. Und durch die Säle, über die Höfe, die Gärten hinab und hinauf wogte, drängte eine aufgeregte Menge in buntem Durch⸗ einander, daß die ſeidene Robe der gnädigen Frau oft genng den dunklen Kattunrock der Bäuerin ſtreifte und der Herr im Frack ſich unverſehens von einem Mann in blauem Kittel an⸗ geredet ſah. Aber die gnädige Frau fühlte ſich heute nicht beleidigt und der Herr im Frack gab mit bereitwilliger Höflich⸗ keit die gewünſchte Auskunft; er habe es ebenfalls erſt heute Mittag erfahren, und er habe auch zwei Söhne, die mit müßten. Das ſieht halb aus wie ein Feſt und halb wie eine Volks⸗ 7* 420 verſammlung ſagte Herr von Fiſchbach zu Herrn von Zeiſel, als er deſſelben einmal habhaft werden konnte. Und iſt auch beides, erwiederte der Cavalier, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend; ich weiß nicht mehr, wo das Eine aufhört und das Andere anfängt, und will es nun gehen laſſen wie's Gott gefällt. Wer hätte das geſtern Abend denken kön⸗ nen! Von zweihundertfünfzig Eingeladenen hatten geſtern Abend 5 hundert abſagen laſſen— unter uns: hauptſächlich auf Anſtif⸗ ten Neuhofs, die damit eine Demonſtration gegen unſere Durch⸗ laucht beabſichtigten; heute kommen ſie Alle und, ſo viel ich ſehen kann noch fünfzig mehr Aus Rothebühl, wo geſtern die offen⸗ bare Revolution war, iſt alle Welt hier; und was ſo aus dem Walde und vom Lande herbeigelaufen, iſt gar nicht mehr zu 5 berechnen. Es will eben Jeder hören, erzählen, ſich unter Seinesgleichen wiſſen— Wofür er in dieſem Augenblick jeden Menſchen hält, ſagte Herr von Fiſchbach; und das mit Recht— einem ſo gewalti⸗ gen Ereigniß gegenüber ſind wir Alle gleich klein und hilfsbe⸗ dürftig. Freilich, erwiederte der Cavalier eifrig, und das iſt's, was ſie von heute Morgen an hergetrieben hat und noch immer hertreibt. Ich habe Leute geſehen, die ihre drei Meilen zu Fuß gemacht haben, um eine halbe Stunde hier zu ſein. Der Geburtstag unſerer armen Durchlaucht iſt eben nur ein Vor⸗ wand. Wer denkt heute an den! Er hat dem Grafen ſeinen Platz abgetreten. Wird der alte Herr ſich gar nicht ſehen laſſen? fragte Herr von Fiſchbach. Ich hatte mich recht darauf gefreut, Sie als meinen Schwiegerſohn vorſtellen zu können. Daran iſt ſchwerlich zu denken, ſagte der Cavalier ſeufzend. Ich war vorhin hei ihm, nach ſeinen Befehlen zu fragen— nur zum Schein; ich wußte ja, daß ich wieder dieſelbe Antwort erhalten werde: wenden Sie ſich an den Grafen! Aber ich gehe nicht wieder hinein, ich kann den Jammer nicht mit an⸗ ſehen. Der arme alte Mann, der über Nacht zum Greis ge⸗ worden iſt, wie er daſitzt, den Kopf in beide Hände geſtützt, 421 noch gerade ſo, wie der Johann Kreiſer erzählt, daß er geſtern oben im Walde ſtundenlang geſeſſen. Wer iſt bei ihm? Gleich, und Herr von Keſſelbuſch geht ab und zu; er will ſonſt Niemanden ſehen. Da kommen unſere Damen, fuhr der Cavalier fort. Laſſen Sie uns eine Promenade durch den Garten machen. Es ſoll hernach nun doch noch das Feuerwerk abgebrannt werden. Der Graf will es ausdrücklich. Er meint, das ſei die paſſendſte Unterhaltung, die wir unſeren Gäſten an dem heutigen Tage bieten können. Die Herren gingen Frau von Fiſchbach und Adele entgegen, die aus dem ebenfalls erleuchteten großen Gewächshauſe kamen⸗ Adele hing ſich in ihres Verlobten Arm und flüſterte: Gott ſei Dank, daß ich Dich endlich wieder habe. Ich bin ſo er⸗ ſchrocken. Worüber, liebſtes Herz? Mama und ich werden ſchon ſeit einer Viertelſtunde von zwei verſchleierten Damen in tiefſter Trauer verfolgt; es iſt ganz unheimlich. Siehſt Du, da ſind ſie ſchon wieder. Das ſcharfe Auge des Cavaliers hatte in den ſchwarzen Geſtalten ſofort die Frau Kanzleiräthin und Fräulein Eliſe er⸗ kannt. Die Erinnerung an alle die Stunden, die in der Ve⸗ randa des Ifflerſchen Hauſes mit dem Kanzleirath bei der Flaſche zugebracht, an alle Gedichte, in denen er Wieſe auf Eliſe gereimt, überkam ſein weiches Herz; er konnte ſich eines leichten Seufzers nicht erwehren. Wer ſind die ſchwarzen Schatten? fragte Adele. Es ſind die Schatten, die in das Leben jedes Menſchen, ich wollte ſagen: jedes Mannes fallen, erwiederte Oscar von Zeiſel mit nachdenklicher Miene; damit das Licht ihm deſto heller ſtrahle, damit er deſto dankbarer für das holde Licht ſei. Siehſt Du dort, wie es durch die Zweige ſchimmert, heller und immer heller, während die Schatten kleiner und immer kleiner werden, ſo daß nun Alles Licht und Glanz iſt. Und alles Licht und Glanz— in Deinem lieben Antlitz ſehe ich es vereinigt, und 422 ſo ſoll es mir ewig ſtrahlen Dein liebes Antlitz durch mein ganzes Leben, komme, was kommen mag. Die Liebenden blickten einander an mit trunkenen Blicken, die doch nicht ohne Wehmuth waren. Heute gehörten ſie ſich noch; morgen ſchon wollte Oscar ſich Urlaub nach Dresden er⸗ bitten, ſeine militäriſchen Angelegenheiten zu betreiben; und was mochte dann kommen! 5 Die Menge hatte zu den letzten Terraſſen gedrängt, von denen man den beſten Blick nach der großen Parkwieſe hatte, auf welcher jetzt— unter Herrn Hippe's kundiger Leitung— ununterbrochen bengaliſche Flammen leuchteten, Raketen empor⸗ ſtiegen, Feuerräder praſſelten. Einzelne laute Ausrufe des Staunens und der Bewunderung begleiteten jede beſonders ge⸗ 6 lungene Production, aber ein allgemeines Freudengeſchrei er⸗ ſcholl, als jetzt erſt matter, dann immer heller und heller, zu⸗ letzt in blendendem Glanz ein weißes Licht von einem Punkte . drüben am Waldesrande herüberſchimmerte, wie von einer Sonne, die plötzlich aufgegangen, und Alles ringsumher mit Tages⸗ 5 klarheit übergoß, beſonders die vorſpringende Ecke der mittleren Terraſſe, auf welcher in dieſem Moment der Graf, an einem Arm ſeine Schwiegermutter, an dem andern die Baronin Neuhof, erſchien, während Baron Neuhof Gräfin Stephanie führte. Die in der Nähe aufgeſtellte Muſik begrüßte mit einem dreimaligen Tuſch die Herrſchaften und intonirte dann, dem Grafen zu Ehren, die heute unzähligemal ſchon executirte Melo⸗ die des Preußenliedes, in welche die Menge enthuſiaſtiſch ein⸗ ſtimmte. Der Graf dankte wiederholt, zog ſich dann aber als⸗ bald von dem Rande der Terraſſe zurück, wie Näherſtehende bemerkt haben wollten, mit einem mißmuthigen düſteren Geſicht. In der That hatte die Miene des Grafen, ſeitdem er heute Mittag aus Hedwigs Zimmer gekommen war, keinen anderen Ausdruck gezeigt; nur einmal, als ihm während der Tafel ein Schreiben überbracht wurde, welches ſpeben per Eſtaffette ange⸗ kommen war und die eigenhändige Gratulation des Prinzen zu ſeinem Avancement enthielt, und daß der Prinz hoffe, ihn noch am ſiebzehnten Abends in Berlin zu ſehen, indem er Dinge. — 423 von der größten Wichtigkeit mit ihm zu beſprechen habe— als er das Schreiben geleſen und ſich nun erhob, die Anweſenden aufzufordern, mit ihm auf das Wohl Seiner Majeſtät zu trin⸗ ken und auf Preußens Wohl, das mit Gottes Hilfe, geſtützt auf ſein herrliches Heer, unter der bewährten Führung des Königs, glorreich aus dieſem Kriege hervorgehen werde— und die zahlreichen Gäſte dieſe Worte mit begeiſterten Hochrufen be⸗ antworteten— da war die trübe Wolke von ſeiner Stirn ver⸗ ſchwunden und ſeine ſtahlblauen Augen hatten in kriegeriſchem Feuer geglänzt. Aber das war eben nur ein Moment geweſen. Dann hatte ſich der ſtarre Ausdruck wieder eingefunden, und wie pünktlich er auch ſeinen Pflichten als Stellvertreter des er⸗ krankten Fürſten nachkam, und mit wie gleichmäßiger Höflichkeit er die unzähligen Anreden und Beglückwünſchungen erwiederte — die Generalin hatte erfahren, daß jene äußere Ruhe nur die trügeriſche Hülle der im Innern wühlenden Leidenſchaft war. Mit einer Heftigkeit, die an Raſerei grenzte, hatte er ihr die Brief⸗Affaire vorgeworfen und ſie beſchuldigt, die bis dahin loyalſte Sache in heilloſer Weiſe compromittirt zu haben. Stephanie, welcher die Mutter die Scene wiedererzählt hatte, war, im Bewußtſein ihrer Mitſchuld, in äußerſt gedrückter Stim⸗ mung geweſen, die Generalin hingegen hatte ſich nicht irre⸗ machen laſſen. Das iſt nun einmal die Art der Männer, ſagte ſie; ſie ſehen durch die Finger, wenn wir in ihrem Intereſſe Dinge thun, die ihr Hochmuth ihnen verbietet, und geht die Sache gut, iſt nicht weiter davon die Rede; geht ſie aber ſchlecht, iſt die Entſcheidung zweifelhaft oder nur noch nicht eingetreten, müſſen wir freilich ihre Spannung, ihre Unruhe, ihre Gewiſſensbiſſe entgelten. Aber haben wir denn etwas ſo Schlechtes begangen? fragte Stephanie erſchrocken. Kinderei! ſagte die Generalin. Es dauert keine acht Tage, ſo wird er uns auf den Knieen dafür danken. Morgen früh muß er ja ſchon fort, ſagte Stephanie. 424 Wir können es nicht ändern, ſagte die Generalin; übrigens kann man auch ſehr gut brieflich auf den Knieen danken. Und kehrt vielleicht nicht wieder! rief Stephanie, in Thrä⸗ nen ausbrechend. Die Generalin zuckte die Achſeln. Darum ſchaffe mir einen Enkel, ſagte ſie trocken; und nun laß um Himmelswillen Deine larmohante Miene! Die Männer wollen nicht ſehen, daß wir für ſie leiden. Stephanie litt wirklich; ſie hatte ſich den ganzen Tag un⸗ wohl gefühlt und würde geglaubt haben, daß ihre Stunde ge⸗ kommen ſei, wenn der Geheimrath nicht auf das beſtimmteſte verſichert hätte, daß es damit noch gute vier Wochen Zeit habe. Dennoch hätte ſie ſich jetzt gern zurückgezogen, nachdem ſie den ganzen Tag, ſo weit ihr Zuſtand es erlaubte, an Stelle Hed⸗ wigs die Honneurs gemacht, wagte aber nicht Nein zu ſagen, als jetzt ihr Gatte und Baron Neuhof herantraten, die Damen zum Feuerwerk zu geleiten. Sie hielt ſich nur mit Mühe auf⸗ recht und mußte— als das elektriſche Licht eben ſeine hellſten Strahlen ausſendete— doch bitten, daß man ſie auf ihr Zimmer bringe. Der Graf hatte die beiden anderen Damen losgelaſſen und ſeiner Gattin den Arm gegeben. Ich mache Dir ſo diel Mühe, ſagte Stephanie, und Du biſt ſo ſehr gut gegen Deine arme kleine Frau. Du weißt, daß ich dergleichen Phraſen in Deinem Munde gar nicht leiden kann, erwiederte der Graf mit einem flüchtigen Druck ſeines Armes. Warum hat ſich nur Hedwig, wenn ſie doch nicht bei dem Fürſten iſt, den ganzen Tag nicht ſehen laſſen? fragte Ste⸗ phanie. Der Graf antwortete nicht. Er hatte bemerkt, daß der Reit⸗ knecht Dietrich, offenbar Jemanden ſuchend, durch die Menge drängte und jetzt eilig auf ihn zukam. Der Mann ſah ganz verſtört aus. Was giebt's? fragte der Graf. Darf ich den Herrn Grafen um einen Augenblick bitten? Der Graf überließ Stephanie Herrn von Neuhof, der mit 5 425 den beiden anderen Damen auf dem Fuße folgte und trat mit Dietrich ein wenig auf die Seite. Dieſer Zettel iſt mir eben von dem Herrn Gleich für den Herrn Grafen übergeben worden, ſagte Dietrich. Von Herrn Gleich, wiederholte er, als ob mit dem Namen Alles geſagt ſei. Wirſt Du ein vernünftiges Geſicht aufſetzen, Dummkopf, herrſchte der Graf, welcher bemerkte, daß ein Kreis von Zu⸗ ſchauern ihn bereits umſtand, den Dietrich leiſe an. Zu Befehl, ſagte Dietrich zurücktretend. Der Graf warf einen Blick auf den offenen Zettel, faltete denſelben, ſteckte ihn zwiſchen zwei Knöpfe ſeiner Uniform und wendete ſich wieder zu den Anderen. Um Gotteswillen, was haſt Du? fragte Stephanie, die wohl bemerkt hatte, daß ihr Gatte, als er den Zettel las, bleich ge⸗ worden und zuſammengezuckt war. Nichts, abſolut nichts, erwiederte der Graf; eine rein ge⸗ ſchäftliche Meldung, die mich auf ein paar Minuten in Anſpruch nehmen wird. Es hat gewiß ein Unglück gegeben! rief Stephanie, einer Ohnmacht nahe, der Baronin Neuhof in die Arme ſinkend. Bitte, ſchaffen Sie ſie fort, ſagte der Graf zur Generalin. Und dann fügte er durch die Zähne hinzu: Wenn es ein Un⸗ glück giebt, ſo danke ich es Ihnen. Was iſt es denn? fragte leiſe der Baron. Der Fürſt iſt geflohen und Hedwig, erwiederte der Graf. Vierunddreißigſtes Capitel. Es war vor einer halben Stunde ungefähr geweſen, als der Dietrich durch die Menge ſchlenderte, welche die Gärten erfüllte, halb ſeine Meta ſuchend, die er den ganzen Tag noch nicht geſehen hatte, halb hoffend, daß er ihr nicht begegnen werde. Denn es gab heute Abend ſo viel hübſche Mädchen, 426 die, wenn der Herr Lakai in ſeiner ſchwarzen Schnürjacke und den gelbledernen Beinkleidern, das Käppchen kokett auf dem braunen Krauskopf und die klirrenden Sporen an den Stulp⸗ ſtiefeln vorüberſchritt, einander in die Seiten ſtießen und an⸗ fingen zu kichern— weshalb ſollte ich die Gelegenheit nicht mitnehmen? fragte ſich der Dietrich. Dietrich war im beſten Zuge, die Gelegenheit mitzunehmen und hatte eben mit ein paar beſonders drallen Dirnen oben „vom Walde“ ein ſehr ergötzliches und lächerliches Geſpräch be⸗ gonnen, als er ſich plötzlich von hinten am Arm ergriffen fühlte, und, ſich umwendend, ſeinen Vetter, den„dummen“ Caſpar aus der Rothen Henne daſtehen ſah. Er wollte den„dummen“ Caſpar, den er ſtets verleugnete, auch diesmal mit einem derben Fluche ſeines Weges ſchicken, aber der Caſpar wollte ſich nicht fortſchicken laſſen. Er hatte einen Brief für die gnädige Frau, den er der Meta geben ſolle, aber er habe im Schloſſe vergebens nach der Meta gefragt und auch keinen Menſchen gefunden, der ihm den Brief hätte abnehmen wollen— da ſei er denn ſeelenfroh, daß er endlich den Dietrich getroffen. Und von wem iſt der Brief? fragte Dietrich. Das ſoll ich Niemandem ſagen; erwiederte Caſpar Dann nehme ich Dir den Brief auch nicht ab, ſagte Diet⸗ rich, welcher den Brief bereits in den Händen hielt. Er hat es mir ſtreng verboten, ſagte Caſpar. Wer? fragte Dietrich. Je nun, der Herr Doctor, ſagte Caſpar, ſich hinter den Ohren krauend. Unſer Doctor? Ei freilich; er war eben angekommen mit Extrapoſt von der Station und gleich weiter nach der Faſanerie gefahren, aber nicht hier vorbei, ſondern über den Dachsberg, was ein heiden⸗ mäßiger Umweg iſt. Es iſt gut, ſagte Dietrich, und den Brief werde ich richtig abgeben. Dietrich ließ den Caſpar ſtehen, ebenſo wie die beiden länd⸗ — D D 427 lichen Schönen und entfernte ſich eilig in der Richtung eines der lampenerhellten Laubengänge, der in dieſem Augenblicke zu⸗ fällig ganz leer war. Hier angekommen, blickte er ſich noch einmal ſcheu um und erbrach dann, ohne ſich Zeit zu laſſen, das Orakel ſeiner Jackenknöpfe zu befragen, den Brief. So, ſagte er, nachdem er geleſen, ſo! Ich habe mich aus⸗ ſchelten laſſen müſſen von dem Alten hier unten, weil ich nichts herausbringen konnte, und von dem Alten oben, weil ich that, als hätte ich Wunder was herausgebracht; nun habe ich's end⸗ lich ſchwarz auf weiß. Dietrich hatte ſich auf eine Bank geworfen, welche in dem Laubengange ſtand, um darüber nachzudenken, was er nun mit ſeinem Raube anzufangen habe. Sollte er das Billet an die gnädige Frau bringen und ſagen, das Siegel ſei entzwei ge⸗ weſen und der Dietrich könne reinen Mund halten, wenn— ja wenn! aber ich glaube, ſie hat ſelbſt nicht viel übrig; und Meta ſagt, die Sache könne ſo gar nicht mehr lange dauern, und dann habe ich mein Pulver umſonſt verſchoſſen. Da iſt's doch am Ende viel beſſer, wenn ich's dem Alten direct gebe. Der Burſche überlegte noch immer, welcher Weg wohl der beſte, das heißt der gewinnbringendſte ſei, und fragte ſich eben, ob man nicht vielleicht die beiden Wege vereinigen könne, indem man den Brief an die richtige Adreſſe brachte, den etwaigen Lohn einſteckte und hinterher die Sache an den Alten verrieth. Aber der Alte würde den Brief auch haben wollen. Wie oft hatte er nicht geſagt: wenn wir nur was Schriftliches hätten! Dietrich ſah noch einmal in das Billet: „Ich komme eben in Rothebühl an, fahre ſofort über den Dachsſtein nach der Faſanerie weiter und werde Sie dort er⸗ warten. Vielleicht, daß Ihnen gerade die Verwirrung des Feſtes Gelegenheit giebt, für eine Stunde abzukommen. Auf jeden Fall mögen Sie wiſſen, daß es ſich um Tod und Leben handelt.“ Um Tod und Leben! ſagte Dietrich. Na, ganz ſo ſchlimm wird es wohl nicht ſein; die Sorte nimmt immer gleich den Mund voll. Oder ſollte ſie gar mit ihm weglaufen ſollen! 423 Ja, wahrhaftig, das wird es ſein; und dann iſt keine Minute zu verlieren. Der Alte muß es erfahren; der Alte wird wiſſen, was da zu thun iſt. Dietrich ſprang auf und lief, ſo eilig er, ohne Aufſehen zu erregen, konnte, durch den Garten dem Schloſſe zu. Der nächſte Weg war die Treppe im Rothen Thurm hinauf, über die Corri⸗ dore des Flügels in den Haupttheil des Schloſſes bis zu einem kleinen Seitencorridor, aus welchem eine Tapetenthür unmittel⸗ bar zu dem Vorzimmer führte, in welchem ſein Oheim ſich auf⸗ zuhalten pflegte. Als Dietrich eben die linke Treppe im Rothen Thurm hinauf wollte, hörte er, wie von der Treppe rechts Jemand herabkam; und da er ein ſehr leiſes Ohr hatte, unterſchied er bald, daß es eine Frau ſein müßte oder auch zwei. Es waren zwei und ſie ſtanden, als ſie den unteren Abſatz erreicht hatten, ſtill, nicht drei Schritte von Dietrich, der ſich dicht an die Mauer drückte und den Athem anhielt. Nun nicht weiter, liebes Kind, ſagte die Eine von den Beiden, die ohne allen und jeden Zweifel die gnädige Frau war, ſonſt ſähe man uns am Ende doch beiſammen; und habe tauſend Dank für Deine Treue, die ich Dir nie vergeſſen werde. Und nicht wahr, Du thuſt mir die Liebe und hältſt Dich ein paar Stunden in dem Zimmer, und nun leb wohl. Es war eine kleine Pauſe, in welcher Meta der gnädigen Frau die Hände zu küſſen ſchien, und dann hörte Dietrich, wie die gnädige Frau die Treppe weiter hinabging und die Meta leiſe vor ſich hin ſchluchzte. Nun iſt die Luft rein, ſagte Dietrich bei ſich, und, um den Vorſprung der Mauer tretend, faßte er die weinende Meta an beiden Händen. Meta ſtieß einen Schrei aus und wollte in die Kniee ſinken, aber Dietrich riß ſie unſanft empor. Nur keine Dummheiten, Mädel, ſagte er; ich habe Alles gehört und weiß auch, wo die Reiſe hingeht. Ach, um Gotteswillen, Dietrich, verrathe uns nicht! rief das tödtlich erſchrockene Mädchen. Es geht um Tod und Leben. So! ſagte Dietrich. Habt Ihr doch ſchon einen Brief gehabt? — D— ———— —+—— —— 429 Ich weiß nicht, was Du meinſt, ſagte Meta. Sie muß ja fort, wenn ſie nicht nach Böhmen will, was freilich viel vernünftiger wäre; aber bei ihr hilft kein Reden, wenn ſie ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat. Und ſo habe ich heute hinauf gemußt und dem Ohm Beſcheid geſagt, und nun iſt ſie eben fort, und Dietrich, um Jeſus und Maria willen, verrathe die arme, unglückliche gnädige Frau nicht! J, wie werde ich denn! ſagte Dietrich. Geh' Du nur auf Deine Stube, wenn Du es ihr einmal verſprochen haſt; ich komme nachher und leiſte Dir noch ein bischen Geſellſchaft. Dietrich gab Meta, die nur halb beruhigt war, einen Kuß, war in drei Sprüngen die Treppe hinauf und klopfte nach we⸗ nigen Minuten athemlos an die Tapetenthür, aus welcher als⸗ bald der graue Kopf des alten Gleich vorſichtig herausſchaute. Ein kurzes Geflüſter, ein Papier, welches gegeben und genom⸗ men wurde, dann ſchloß ſich die Thür ſo leiſe, wie ſie ſich auf⸗ gethan hatte. Vor der Thür in dem kleinen, halbdunklen Corridor auf einem Schemel kauerte Dietrich, der die Weiſung erhalten, auf alle Fälle bis auf Weiteres zu warten, in dem Vorzimmer aber unter der Hängelampe ſtand Herr Andreas Gleich, das Briefchen, nachdem er es aufmerkſam durchgeleſen, in der her⸗ abhängenden Linken haltend, während der Zeigefinger der Rech⸗ ten nachdenklich an der langen, ſpitzen Naſe ruhte, auf welcher noch die große Hornbrille ſaß, deren ſich Herr Gleich beim Leſen zu bedienen pflegte. So blieb er ein paar Minuten unbeweglich, dann war er zu einem Reſultat gekommen. Er ging entſchloſſen auf die Thür zu, die in das Schlafcabinet des Fürſten führte, war er doch heute ein Dutzendmal eingetreten, ohne gerufen zu ſein. Durchlaucht! Was willſt Du? fragte der Fürſt. Er ſaß vor ſeinem Arbeitstiſch, auf welchem heute die Actenbündel und Briefſchaften ebenſo ſorgfältig aufgeſchichtet waren, als ſonſt, nur daß um jedes Bündel, jedes Packet, ganz ſchmale Streifen blauen Papiers liefen, die mit einem Siegel 430 verſchloſſen waren. Aber der Fürſt hatte, als er gegen Abend hieher zurückkehrte, nachdem der Herr Rath aus Berlin mit ſeinem Secretär eine Stunde gearbeitet, keinen Blick für die unterdeſſen vorgegangenen Veränderungen gehabt. Er war nur an den Tiſch geeilt und hatte ſich überzeugt, daß das kleine in Diamanten gefaßte Paſtellbild noch auf ſeiner alten Stelle war; und vor dieſem Bilde hatte er auch jetzt geſeſſen und es nur ſo ein wenig mit dem Rücken der Hand bei Seite geſcho⸗ ben, als er ſich plötzlich von Herrn Gleich anrufen hörte. Durchlaucht, ſagte Herr Gleich noch einmal, es hat mir heute Morgen einen großen Stich durch mein altes Herz ge⸗ geben, als ich hören mußte, daß ich Durchlaucht einen böſen Dienſt geleiſtet mit den Briefen, obgleich Durchlaucht wiſſen mögen, daß ich nur dem Befehl der Frau Gräfin Excellenz ge⸗ folgt bin, als ich Durchlaucht die Briefe gab Und nun hat der Herr Graf ſie Durchlaucht wieder gebracht, und Durchlaucht hat ſie dort in der Taſche auf dem Herzen, obgleich ich es eigentlich nicht ſehen ſoll, und nun meine, wenn Durchlaucht dieſen Brief hier noch dazu thut, dann wird das Packet doch zu ſchwer und dick, und Durchlaucht geben mir's, daß ich die ganze Geſchichte in's Feuer werfe. Bei dieſen Worten hatte Herr Gleich den Brief Hermanns ausgebreitet vor dem Fürſten hingelegt. Der Fürſt hatte in Hermanns Briefen vergangene Nacht zu viel geleſen, um nicht auf den erſten Blick ſeiner noch immer jugendlich ſcharfen Augen zu ſehen, daß dieſe Zeilen von derſelben Hand ſein mußten. Und ſo iſt's damit zugegangen, fuhr Herr Gleich fort, in⸗ dem er mit wenigen Worten berichtete, wie das Billet in ſeine Hand gekommen;— und was das Schlimmſte, oder ſoll ich ſagen, das Beſte iſt: ſie hat es nun doch auf andere Weiſe erfahren, oder es iſt auch eine alte Verabredung geweſen, denn eben iſt ſie mit der Meta Prachatitz ihrer Hilfe, die nie etwas getaugt hat, davongelaufen, und wenn Durchlaucht nur noch ein bischen auf meinen Rath giebt, ſo läßt er ſie laufen und legt ſich ſchlafen und ſteht morgen friſch und geſund wieder auf, wo denn für Durchlaucht und ſeinen getreuen Knecht trotz — 431 alledem und nun erſt recht noch ein paar gute Jahre kommen ſollen, vermeine ich. Der Fürſt hatte, während Herr Gleich ſo ſprach, mit weit geöffneten Augen und ſtarrer blaſſer Miene dageſeſſen. Das hatte Herrn Gleich nicht beſorgt gemacht, denn er hatte es er⸗ wartet; aber er erſchrak auf's heftigſte, als ſein Gebieter jetzt mit einem Satze aufſprang und ohne Aufenthalt durch das weite Gemach in das Vorzimmer eilte. Hier ſtand er plötzlich wieder ſtill, und ſo war Herr Gleich im Stande, ihn einzuholen und mit zitternder Stimme zu fragen, was denn Durchlaucht nur eigentlich beabſichtige. Der Fürſt antwortete nicht; er ließ ſeine wirren Blicke rings durch das Gemach ſchweifen und Herr Gleich glaubte ganz gewiß, daß ſein Gebieter wahnſinnig geworden ſein müſſe, als derſelbe plötzlich nach einem Stuhl deutete, auf welchem Mantel und Mütze des Oberforſtmeiſters lagen, und nun auf den Stuhl zuſtürzte, ſich den Mantel umhing und die Mütze tief in das Geſicht zog. Du mußt mich begleiten, ſagte er, ich finde ſonſt den Weg nicht im Dunkeln. Ich gehe durch den Corridor, es wird mich Niemand erkennen; Du folgſt in einer Minute, ich warte auf Dich an dem Thor. Wir gehen rechts durch den Moorgrund, da begegnen wir Niemand; der Weg iſt hernach ſehr ſteil, aber auch kürzer. In einer Minute! Herr Gleich traute ſeinen Augen und Ohren nicht. War das wirklich ſeine Durchlaucht, er, der eben noch wie ein Greis von achtzig Jahren zuſammengekauert dageſeſſen, und jetzt ſo ſtraff daſtand, wie in ſeinen beſten Jahren und das Alles mit leiſer zwar, aber ſo klarer und ſicherer Stimme ſagte, als ob es gar nicht anders ſein könne? Zu Befehl, Durchlaucht, ſagte Herr Gleich; Durchlaucht kann ſich auf mich verlaſſen. Er öffnete dem Fürſten die Thür nach dem Hauptcorridor, der jetzt, wo alle Welt nach den Gärten drängte, gänzlich ver⸗ laſſen war, ſah, wie Durchlaucht in den Mantel des Herrn Oberforſtmeiſters gehüllt und wirklich in Geſtalt und Haltung und Gang dem Herrn Oberforſtmeiſter täuſchend ähnlich, den Corridor hinabging, riß ein Blatt aus ſeinem Portefeuille, auf das er ein paar Worte ſchrieb und das er dem Dietrich mit der Weiſung einhändigte, es ſofort dem Grafen zu bringen, und eilte dann, Mütze und Mantel, die im Corridor immer bereit hingen, ergreifend, mit langen Schritten ſeinem Gebie⸗ ter nach. JFünfunddreißigſtes Capitei. Aus den Fenſtern des Theehauſes dämmerte Licht. Pracha⸗ titz war eben gegangen, den Wagen zurechtzumachen; Hermann lehnte an der Treppenwange, in die Dunkelheit ſtarrend, die bereits mit dichtem Schleier Alles ringsumher bedeckte. Seine phyſiſchen Kräfte waren von der langen raſtloſen Fahrt nahezu erſchöpft und auf ſeiner Stirn lag ein Druck, der ihm das Den⸗ ken ſchwer machte, ſo daß er kaum noch wußte, weshalb er denn eigentlich Tag und Nacht gereiſt war in athemloſer Haſt, und doch, wie es ſchien, zu langſam, wenn Prachatitz die Meta recht verſtanden und der Fürſt bereits ein Gefangener war. Und einen ſolchen Augenblick konnte ſie wählen, den alten unglücklichen Mann zu verlaſſen? Oder hatte ſie den Augen⸗ blick auch nicht gewählt? war er ihr aufgezwungen worden? Durch wen? Wodurch? Durch wen anders, als durch den Grafen? Wodurch anders, als durch den Umſtand, daß er ſelbſt heute oder morgen das Schloß verließ, um zu ſeinem Regimente zu gehen? Aber die Meta wollte ja heute gehört haben, daß es ganz aus ſei zwiſchen den Beiden, und der alte Prachatitz ſagte auch, daß es unmöglich der Graf ſei, um deſſenwillen ſie fort wolle. Was ging es ihn ſelbſt an? Nicht um ihretwillen war er gekommen, und wenn ſie an dem Schickſal des Fürſten nicht einmal mehr den ganz gewöhnlichen menſchlichen Antheil nahm, ſo mußte er eben ohne ſie fertig zu werden ſuchen. Es war 433 ja im beſten Falle ſo wenig, was er jetzt noch bieten konnte: ein guter Rath vielleicht, ein tröſtliches Wort— ein Nichts; und doch meinte er, nicht ſtarken Herzens in den Krieg ziehen zu können, wenn er nicht dem alten Manne, den er ſo liebte, dieſes Nichts dargebracht zu ſeinem Geburtstage! Großer Gott! Hermann ſchaute zu den Sternen auf, die jetzt zahlreicher und heller aus dem nächtlichen Himmel zu funkeln begannen; er horchte auf das Raunen und Rauſchen des Windes in den Büſchen und Bäumen. Die Nacht war ſo ſchön— wie die vor vier Wochen, als die Geſellſchaft hier den Thee einnahm. Vier Wochen! Es konnte ebenſowohl vier Jahre her ſein; und doch war es wie⸗ der, als wäre es geſtern geweſen; gleichviel— er hatte an jenem Abend die Vorahnung dieſer Stunde gehabt. Hermann ſtieg die Treppe langſam hinauf und trat in die Rotunde. In dem Dämmerlicht der Kerzen, die Prachatitz an einem der Wandleuchter entzündet, blickten die mit Gaze ver⸗ hüllten Spiegel, Vaſen und Statuen geiſterhaft herab, und die eingeſchloſſene Luft ließ ihn an ein Grabgewölbe denken. Und wandelte er doch hier an dieſer Stelle über den Gräbern jener glückſeligen Tage— der einzigen, die ihm das Leben gebracht und die nun unwiederbringlich dahin waren. Ein leichter Schritt kniſterte auf dem Sande des Vorplatzes und kam die Treppe herauf. Hedwig, ſchrie er, beide Hände ausſtreckend, Hedwig! Sie hatte ſeine Hände ergriffen, ſie neigte ſich zu ihm; einen Augenblick ſchien es, als wolle ſie ſich an ſeine Bruſt werfen, dann aber richtete ſie ſich wieder auf. Wie kommen Sie hieher? Haben Sie meinen Brief nicht erhalten? Welchen Brief? Wenige Worte genügten, Hedwig mitzutheilen, was ihn hie⸗ her geführt; wie der fanatiſche gewiſſenloſe Elſäſſer, nachdem ſein großes Ziel erreicht und der Krieg gewiß, die Verſchwörung der Behörde verrathen habe, um, wie er Hermann ſelbſt geſagt, von Anfang an Verwirrung in den Regierungskreiſen zu er⸗ Fr. Spielhagen's Werke. XI. 28 434 regen und durch die harten Maßregeln, die man ohne Zweifel gegen die Schuldigen ergreifen würde, den Zorn der Republi⸗ kaner allerorten in Deutſchland anzuſtacheln, und ſo, wie er ſich ansdrückte, dem Kriege von vornherein die nationale Färbung zu nehmen und ſtatt derſelben den communiſtiſchen Stempel aufzudrücken. Ich ließ den Schurken ſprechen, ſagte Hermann, um ihn ſicher zu machen, und eilte dann, da ich die Sache einem Briefe nicht anzuvertrauen wagte, und einem Telegramm ſelbſtrerſtändlich nicht anvertrauen konnte, ſtehenden Fußes hieher, den Fürſten zu warnen, zu retten. Aber der Verräther hatte nach der an⸗ dern Seite ſein Handwerk ſchon ein paar Tage früher begon⸗ nen und ich bin ebenſoviel zu ſpät gekommen.. So kehren Sie zurück, woher Sie kommen, ſagte dedrig und laſſen Sie die Todten ihre Todten begraben. Hermann blickte auf. Das war ein anderer Ton der eben noch ſo milden Stimme, das war ein anderer Ausdruck der eben noch ſo weichen Augen; das war die Hedwig, die er nie ver⸗ ſtanden hatte, die er niemals verſtehen würde. Sie ſehen mich erſchrocken, vorwurfsvoll an, ſagte Hedwig, daß ich nicht ſo bereit bin wie Sie, wenn das Haus brennt, noch ein Amulet aus der Kindheit Tagen zu retten. Es iſt immer daſſelbe. Niemand weiß, wie dem Andern zu Muthe iſt, und will ihm doch das Geſetz ſeines Thuns und Laſſens vorſchreiben. Sie wiſſen nicht, wie mir zu Muthe iſt, können es nicht wiſſen; nicht wie ſie mich gequält und gepeinigt haben, bis jeder Blutstropfen in mir ſiedete, ſo daß ich wahnſinnig werden müßte, wollte oder könnte mich jetzt noch irgend Etwas, irgend Jemand halten. Nein, Niemand und nichts! Ich habe es heute Morgen empfunden, als ich den guten alten Mann ſah, dem der Kummer einer Nacht das graue Haar weiß ge⸗ färbt. Hätte mich etwas zu halten vermocht, dieſer Anblick wäre es geweſen. Was iſt das Scheitern ſeiner Pläne, die nie mehr waren als Seifenblaſen; was iſt dieſe ſogenannte Gefangen⸗ ſchaft, der man ihn jetzt unterwirft und die man in kürzeſter Friſt mit überſchwänglicher Huld und Gnade wieder gutmachen — —— ———— 435 wird— was iſt dies und alles Andere im Vergleich zu dem Kummer, den ich ihm bereitet habe, habe bereiten müſſen! Und weil ich es mußte, wollte ich nicht freveln an Allem, was un⸗ ſerem Leben Werth und Weihe giebt: an der Stimme meines Herzens, an dem Gebote meiner Vernunft, an der Freiheit gött⸗ lichem Geſetz— deshalb fühle ich jetzt mein Herz leicht und meine Seele frei, ſo frei, daß ich es ſelbſt ertragen kann, von Ihnen verkannt zu ſein, der Sie der einzige Menſch auf Gottes weiter Erde ſind, der mich rein und wahr geliebt hat und den ich wieder lieben würde, dürfte, könnte ich lieben. Ich darf es nicht, ich kann es nicht— jetzt nicht! Und was ſind wir, in einem ſolchen Augenblick von der Zukunft und von uns zu ſprechen! Nein, geprieſen und geſegnet ſei mir der Augenblick, der ungeheure, der mich— das irrende Atom— erfaßt und hinwegwirbelt in den Weltenkampf, wo der Einzelne und ſein Schickſal nichts mehr gilt, wo Alle ſich bereiten müſſen, Alles zu opfern. Und nun, ich höre Prachatitz, leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie wohl! Sie hatte, Hermann winkend, daß er ihr nicht folgen möge, den Pavillon verlaſſen; ein Peitſchenhieb, das Knirſchen der Räder im Sande— ſie war fort. Hermann ſank gebrochen in den Stuhl und bedeckte das Geſicht mit den Händen.. Leb' wohl, murmelte er, leb' wohl! Leb' wohl! hallte es wie ein dumpfes Echo durch den wei⸗ ten Raum. Entſetzt ſprang Hermann auf und ſein Haar ſträubte ſich, als er mitten in der Rotunde den Fürſten ſtehen ſah— das Geſpenſt des Fürſten mit weißen Haaren und geiſterhaften Zü⸗ gen, die Arme weit ausgebreitet nach der Thür, durch welche Hedwig verſchwunden war. Leb wohll rief der Fürſt noch einmal in herzzerreißendem Tone, dann fiel er mit lautem Weinen Hermann, der herzu geeilt war, in die Arme. Sie ſollte nicht in Unfrieden von mir ſcheiden, rief er ſchluchzend; ich wollte ihr ſagen, daß ſie frei lieben dürfe, daß 28* 436 die Erinnerung an mich ihr Leben nicht trüben dürfe. Sie hat meinen Segen nicht gebraucht; ſie braucht keines Menſchen Segen, keines Menſchen Liebe; ſie hat Keinen von uns geliebt, Keinen, Keinen. Er brach jäh zuſammen; Hermann glaubte, mit dem alten Gleich, der jetzt auch herbeigeeilt war, einen Todten nach dem Sopha zu tragen. Das konnte ja nicht anders kommen, ſagte Herr Gleich; der unſinnige Lauf die Berge hinauf! mir ſelbſt ſchlagen noch alle Glieder. Und er hat Alles von da gehört— er deutete auf die Thür nach dem dunklen Nebengemache, die noch offen ſtand. Das überlebt er nicht, Herr Doctor, das überlebt er nicht. Der alte Menſch war ganz erſchüttert; ſo hatte er es nicht gemeint; ſo hatte es nicht kommen ſollen! Er hatte ſeinen alten Herrn wieder für ſich haben wollen, wie in der guten alten Zeit, und nun— Das überlebt er nicht, murmelte er immer vor ſich hin, während er Hermanns Winken, der den Ohnmächtigen wieder zu ſich zu bringen ſuchte, willig Folge leiſtete. Er hatte ganz vergeſſen, daß es der ihm ſo tief verhaßte Doctor war, mit welchem er gemeinſam das Unglück, das nun hereingebrochen, bekämpfte. Gemeinſam und, wie es ſchien, vergeblich. Der Puls wurde 6 langſamer und härter, die Augenlider wollten ſich nicht heben, die magern weißen Hände fingerten ungeduldig auf der röcheln⸗ den Bruſt. Er will die Briefe los ſein; ſagte Herr Gleich. Was für Briefe? In ſeiner Bruſttaſche; nehmen Sie ſie nur, es ſind ja Ihre. Hermann nahm das kleine, mit dem Siegel des Fürſten und mit ſeiner Adreſſe verſehene Packet; der Sterbende verſuchte ſeine Hand zu faffen. Hermann gab ihm beide Hände; ein ſchwacher Druck— ein tiefer Athemzug, und das edle bleiche Haupt neigte ſich ſeitwärts. . 437 Es geht ſehr ſchnell, murmelte Hermann. Da kam ein raſcher Schritt die Treppe herauf; im näch⸗ ſten Augenblicke ſtand der Graf in der Rotunde mit einem Geſicht, das von dem eiligen Lauf glühte und mit blitzenden Augen, die in wildem Zorn aufflammten, als er plötzlich Her⸗ manns gewahr wurde. Was giebt es hier? herrſchte er. Einen Todten, ſagte Hermann, ſich langſam aufrichtend und auf die hingeſtreckte Geſtalt deutend, die er und Gleich bis jetzt dem Grafen verdeckt hatten. Der Graf zuckte zuſammen, faßte ſich aber alsbald wieder und kam feſten Schrittes heran, während Hermann und Gleich ein wenig auf die Seite traten. Er blieb vor dem Todten ſtehen und ſchaute prüfend in die bleichen Züge. Als er nach einigen Secunden ſich auf⸗ richtete, lag nur noch ein tiefer Ernſt auf ſeinem Geſicht und ſeine Stimme klang beinahe mild, indem er jetzt, zu Hermann ſich wendend, ſagte: Wollen Sie die Güte haben, mir mitzutheilen, wie dies gekommen iſt. Nehmen Sie vorläufig meinen beſten Dank entgegen. Auf dem Platze vor dem Pavillon ließ ſich das Geräuſch eines Wagens vernehmen. Es iſt der Wagen, in welchem ich heraufgefahren bin, ſagte der Graf; ich hatte zuletzt einen nähern Weg genommen; ein zweiter Wagen mit Herrn von Zeiſel, dem Oberforſtmeiſter und Herrn von Neuhof wird vermuthlich ſogleich hier ſein. In der That fuhr alsbald ein zweiter Wagen vor und die drei Herren traten in den Pavillon; der Oberforſtmeiſter lief herzu und ſank weinend an der Seite des Todten in die Kniee. Daß ich den Tag erleben mußte! ſchluchzte der alte Mann. Ueber Herrn von Zeiſels Wangen liefen die hellen Thrä⸗ nen und ſelbſt von des Barons Geſicht war der frivole Zug verſchwunden. Man hatte aus der Förſterei, wo Prachatitz' Gehilfe noch wachte, einen offenen Wagen herbeigeſchafft und auf Stroh und Decken die Leiche ſchicklich gebettet; der alte Gleich, der ganz außer ſich war, wollte ſeinen todten Herrn nicht verlaſſen. Die Herren hatten ſich auf die Wagen vertheilt, welche ſich eben in Bewegung ſetzten, als plötzlich ein heller Schein über ſie hin bis in die ferner ſtehenden Bäume fiel. Niemand hatte auf die Lichter geachtet, die auf dem Candelaber an dem ſchmalen Pfeiler zwiſchen zwei der Fenſter brannten. Die große Glas⸗ thür nach der Rampe und die ſchmale Hinterthür waren offen geblieben. Der heftige Luftzug hatte eine der Gardinen mit dem Lichte in Berührung gebracht, die Flamme war an dem mürben Stoff hinaufgeſchnellt und hatte an den alten ſeidenen Tapeten reichliche Nahrung gefunden; bevor man noch die Wa⸗ gen halten laſſen, hinausſpringen, die gewundene Treppe hinauf⸗ eilen konnte, ſtand der ganze innere Pavillon in Flämmen, die ſogar ſchon aus den Fenſtern hinausſchlugen. Laſſen Sie, meine Herren, ſagte der Graf, hier iſt nichts mehr zu retten. Und durch die Zähne murmelte er: Mag die Schmach des Verraths, der da geſponnen, ebenſo von unſerem Namen weggebrannt werden. Gechsunddreißigſtes Capitel. Der Graf, der jetzt Fürſt war, ſtand am Fenſter und ſchaute gedankenvoll in den Hof hinab, über welchen eben die Equipage langſam herangerollt kam, die ihn nach der Station bringen ſollte. Auf den Zinnen der Thürme lag der erſte ſchwache Frühſchein, röthliche Wolken ſchwammen hoch oben in dem licht⸗ grünen Himmel; die kurze Sommernacht war zu Ende. Die kurze Sommernacht— wenige Stunden nur, aber wie viel hatten dieſe wenigen Stunden gebracht! Sie hatten ihn zum Fürſten von Roda gemacht; ſie hatten ihm den ſeit Jah⸗ —— 439 ren heiß erſehnten, in heimlichen Gebeten vom Himmel erflehten Erben endlich geſchenkt. Als er, dem langſamer folgenden Wagen, der die Leiche des Fürſten trug, vorausfahrend, um die nöthigen Anordnungen treffen zu können, im Schloſſe anlangte, hatte man ihm bereits die Nachricht entgegengebracht, daß die Stunde der Gräfin ge⸗ kommen ſei. Er war ſofort in ihr Zimmer geeilt und hatte ſie ſelbſt in Krämpfen, die Generalin, die ſonſt nichts auf der Welt außer Faſſung brachte, ſehr beſorgt, und den Geheimrath, wie es ſchien, vollkommen rathlos gefunden. Die Stunde ſei viel zu früh gekommen— um mehrere Wochen— Folge der übergroßen phyſiſchen Anſtrengungen dieſes Tages und nun zuletzt der ſeeliſchen Erſchütterung bei der Nachricht von der Flucht Seiner Durchlaucht— dazu die ſchwache Con⸗ ſtitution der Patientin und gewiſſe bedenkliche Symptome— Glauben Sie für den Ausgang ſtehen zu können? fragte der Graf. Ich bitte Sie, Herr Graf, ſagte der Geheimrath, ohne Frage; das heißt: wenn gewiſſe Möglichkeiten, die ich nicht gerade für wahrſcheinlich— der Gang der Natur iſt ſchwer im voraus zu fixiren; ſie hat ſo manche Mittel und Wege— freilich, wenn wir in Berlin wären, ich würde ſelbſt bitten, einen meiner geſchätzten Collegen— Nun wohl, ſagte der Graf, der die Ueberzeugung erlangt hatte, daß der Mann der Lage nicht gewachſen war, ich werde Ihnen einen Collegen ſchaffen, mit dem ich Sie erſuche, ſich zu vernehmen. Es war ein ſchwerer Entſchluß für den Grafen geweſen, aber er hatte ſich geſagt, daß ſeine Maxime, ſich, wenn es die Erreichung eines Zieles galt, nicht durch Empfindelei beeinfluſſen zu laſſen, ganz gewiß zur Anwendung kommen müſſe, jetzt, wo vielleicht— wer konnte es wiſſen— die Fortexiſtenz ſeines uralten Stammes auf dem Spiele ſtand. So hatte er ſich denn zu Hermann begeben und denſelben von der Leiche des Fürſten, die man unterdeſſen in dem Schlafcabinet niedergelegt, an das Schmerzenslager ſeiner Gattin geholt. Die Generalin war ſehr beſtürzt, der Geheimrath außer ſich geweſen; aber der 440 Graf war in gewiſſen Momenten abſolut untraitabel, wie die Generalin es ausdrückte, und dies war unzweifelhaft einer von den gefürchteten Momenten. Er erklärte der Generalin, daß, wenn ſie nicht mit ſeinen Anordnungen einverſtanden ſei, ſie vielleicht zur Vermeidung von Mißverſtändniſſen beſſer thue, ſich auf ihr Zimmer zurückzuziehen, und dem Geheimrath, daß, im Falle die Herren ſich nicht verſtändigen könnten, er ſich ver⸗ pflichtet fühle, die Verantwortung dem zu übergeben, welcher, wie der Doctor Horſt, ſich bereit erklärt habe, dieſelbe zu über⸗ nehmen. Bei dieſer Entſcheidung war er geblieben, trotzdem über Stephanie's ſchmerzdurchwühltes Geſicht, als er ihr dieſelbe mit⸗ theilte, ein faſt ſeliges Lächeln gezogen war und ſie ſofort er⸗ klärt hatte, nun keine Angſt mehr zu empfinden und Alles gern ertragen zu wollen. Zwei Stunden ſpäter, um ein Uhr Morgens, hatte ein ſchwacher Schrei den Kammerfrauen im Vorzimmer verkündet, daß der Erbe von Roda geboren ſei. Aus dem Vorzimmer hatte die große Kunde über die Corridore ſchnell den Weg ge⸗ funden bis zu denen, welche trotz der ſpäten Stunde nach immer unten in der großen Halle, ja ſelbſt auf dem Schloßhofe die ſeltſamen Ereigniſſe dieſer Nacht beſprachen und derjenigen, die noch kommen ſollten, harrten. Einige hatten die frohe Botſchaft mit einem ſolennen Hurrah oder mit einem patriotiſchen Liede begrüßen wollen, das man unter den Fenſtern des Grafen ab⸗ ſingen ſollte; aber Andere hatten gemeint, in einer Stunde, wo der alte Herr todt auf dem Bette liege, könne man nicht wohl etwas Anderes ſingen, als:„Jeſus meine Zuverſicht,“ und das Beſte ſei jedenfalls, daß man vorläufig einmal ſtill nach Hauſe gehe. Das hatte den Anderen eingeleuchtet, und ſo war es denn in dem Schloſſe und auf dem Schloßhof nach beinahe vierundzwanzig Stunden ſtill geworden. So ſtill, daß der Wagen, der eben jetzt aus dem zweiten Hofe langſam herangerollt kam, ein lautes Geräuſch verurſachte. Der offene Wagen hielt vor dem Portale; der Kammer⸗ diener Philipp trug die Sachen des Herrn heraus— wenige 441 nur— was der Herr eben zur Reiſe brauchte— das Andere ſollte nachkommen; er legte den Mantel des Herrn in der Ecke zurecht, aber der Herr ſtand noch immer oben am Fenſter, ohne ſich zu regen, in Gedanken verloren. Sie waren nicht alle erfreulich, dieſe Gedanken: es waren ſogar recht ſchmerzliche darunter, die den Grafen, der jetzt Fürſt war, die Lippen zuſammenpreſſen und die Stirne ſenken machten. Es war nicht erfreulich, daß der Mann, in deſſen geſchick⸗ ten Händen eben die Zukunft ſeines Hauſes gelegen und der, wenn nicht Alles trog, dieſen koſtbaren Schatz über den Abgrund des Todes hinübergerettet hatte in das ſichere Leben, ohne den Dank abzuwarten, der ihm gebührte, ohne den Lohn, der ihm zukam, ohne Abſchied, leiſe, heimlich das Schloß verlaſſen hatte, und jetzt bereits wieder auf dem Wege nach der Welfenſtadt war, aus welcher er herbeigeeilt, den zu warnen, zu retten, für den jede Warnung zu ſpät kam, der nicht mehr gerettet werden konnte und wohl nicht mehr gerettet werden wollte. Und unerfreulich war die Unterredung geweſen, die er eben mit Herrn von Zeiſel gehabt, den er gebeten, während ſeiner Abweſenheit für Alles Sorge zu tragen, und der ihm mit höf⸗ lichen Worten für ein ſo großes Vertrauen gedankt und dann hinzugefügt, daß er leider nur bis zum Begräbniß ſeines gnä⸗ digen Herrn eine ſo verantwortliche Stelle übernehmen könne, da er dann unverzüglich nach Dresden müſſe, um ſeinen Wieder⸗ eintritt in die Armee perſönlich zu betreiben. Und unerfreulich war's, daß der alte Oberforſtmeiſter von Keſſelbuſch, als derſelbe ihm vorhin zu der Geburt des Sohnes und Erben gratulirte, die Bitte hinzugefügt, ihn von dem Po⸗ ſten, den er ſo lange, viel zu lange, innegehabt, zu entbinden und ihm zu vergönnen, daß er den kurzen Reſt ſeines Lebens in ſtiller Trauer um den verewigten Herrn und Freund ver⸗ bringe. Wollten ſie und der alte Gleich ſelbſt, der jetzt, halb todt vor Kummer und Gram, neben dem Todten ſaß und der Amt⸗ mann von Erichsthal, der bereits um ſeine Entlaſſung gebeten, 442 und wer ſonſt noch kommen und ihm den Dienſt und die Ge⸗ folgſchaft kündigen würde— wollten ſie ihm ſagen, daß er nicht würdig ſei, hier Herr zu ſein an der Stelle des Ge⸗ ſtorbenen? Das Geſicht des Mannes am Fenſter war immer düſterer geworden; aber plötzlich raffte er ſich mit einer gewaltſamen Anſtrengung empor. Pah, ſagte er, was hilft es ihnen, daß ſie ſeine Verdienſte aufzählen und ihre eigenen zuſammenrechnen, und nun heraus⸗ bringen, daß ich doch im Vergleich dazu ſo gar nichts werth ſei! Was haben ſie mit all ihrem Ameiſenfleiß, ihrer Bienen⸗ emſigkeit fertig gebracht, als einen kunſtvollen Bau, den der Tritt des erſten Beſten, welcher des Weges daherkommt, nieder⸗ wirft und zertrümmert? Iſt jene Menge, die hier den Platz ſo lange gefüllt hat, ſind ſie Alle, wie ſie da ſind, viel An⸗ deres, als mein Pferd, ohne das ich freilich wenig vermag, das aber doch nur erſt von dem Augenblicke werthvoll wird, wo ich mich in den Sattel ſchwinge und es hiehin lenke und dorthin und es zwinge, mir den Sieg erringen zu helfen? Wer von dieſen Menſchen allen hätte die freche Herausforderung zu be⸗ antworten gewagt, die jetzt von drüben her an uns ergangen iſt? Wer hätte nicht den Kopf geduckt und die Schmach ein⸗ geſteckt und den Verluſt, und Gott gedankt, daß er für ſein Theil doch noch das liebe Leben habe? So iſt's, trotz ihr, der Stolzen, Unzähmbaren, die für das Volk zu ſchwärmen vorgiebt, ſich womöglich ſelbſt für den Ge⸗ nius des Volkes hält. Ja, wenn das Volk ihr gliche! Sie thut ihm wahrlich zu viel Ehre an. Ich habe das Volk nie gehaßt, und ich haſſe ſie grenzenlos, wie ich ſie einſt grenzen⸗ los geliebt habe. Vorwärts! rief ſie, als ich heute Nacht ihren Pferden in die Zügel fiel, vorwärts! und der wahnſinnige Böhme peitſchte auf die Pferde und ſie hätte mich mitleidlos in den Sand tre⸗ ten und von ihren Rädern zermalmen laſſen. Vorwärts! Nun wohlan, vorwärts und voran! Allzeit voran! Es war das Wort des armen Steinburger Grafen, 443 der nichts hatte, als ſeinen Gott, ſein Pferd und ſein Schwert; es ſoll das Wort Heinrichs von Roda ſein; in ſeinen Sporen ſoll es klirren, wenn er ſtolz wegreitet über die Köpfe der ſtumpfen Menge; auf ſeiner Klinge ſoll es funkeln, wenn er ſeinen Schwadronen voranjagt in den Sieg, in den Tod. All⸗ zeit voran! Siebenunddreißigſtes Capitel. Die Sonne war geſunken am Tage von Gravelotte. Ueber den Höhen von St. Privat, dem Preis des Tages, um welchen die Garde im Verein mit den Sachſen den furchtbaren Strauß geſtritten, brütete die Nacht und deckte mit finſterm Schleier das entſetzliche Blutgeld, das der Tag gekoſtet und das noch ungezählt auf dem Schlachtfelde lag. Der Nachtthau, der nach Mitternacht ſtärker und ſtärker fiel und die furchtbaren Schmerzen, die jetzt, wo das Blut nicht mehr floß, in ſeinem zerſchmetterten Arm zu toben begannen, erweckten den Fürſten Heinrich aus ſeiner ſtundenlangen Ohn⸗ macht. Er hatte zuletzt geträumt: der alte Hans, der tolle Hirſch, habe ihn mit ſeinem Geweih an den Schwanenfels ge⸗ nagelt und Hedwig ſtand drüben am Ufer und rief: vorwärts, vorwärts! und lachte und höhnte, als er nicht von dem Felſen loskommen konnte, ob er ſich auch an dem zackigen Geſtein das Fleiſch von den Händen rang. Und nun war Hedwig ver⸗ ſchwunden, die Roda ſtieg und ſtieg, höher, immer höher, bis an ſeine Kniee, bis an ſein Herz; kälter, immer kälter, daß es ihn durch Mark und Bein ſchüttelte; ſiedend, rauſchend, ſchäu⸗ mend, Waſſer überall, ſo weit er ſehen konnte; aber ſobald er den Kopf niederbiegen und den Fluß austrinken wollte, der nun zum Meer geworden, kam der rieſenhafte Hirſch und legte ſich auf ſeine Bruſt, ſo centnerſchwer, daß er nicht mehr athmen 3 5 . 444 konnte, daß er um Hilfe rufen wollte, ſo ſehr er ſich deſſen ſchämte: Hilfe! Hilfe! Er mochte es laut gerufen haben, denn eine Stimme in ſeiner unmittelbaren Nähe ſagte: Uns hilft Niemand mehr, Herr Major. Wer iſt es? fragte der Fürſt. Der Johann Kreiſer, Herr Major. Der Johann Kreiſer, der lange Johann genannt, war aus 5 Roda, der Sohn von des verſtorbenen Fürſten altem Kutſcher. Fürſt Heinrich kannte ihn wohl. Er erinnerte ſich, daß, als ſie, ſchon nach Sonnenuntergang die letzte Attaque auf die fran⸗ zöſiſche Infanterie machten, die bereits im vollen Rückzuge war, aber wüthend, verzweifelt den Kampf aufnahm, der lange Jo⸗ hann dicht hinter ihm geritten war. Die Erinnerung war wie ein Blitz durch ſeine Seele ge⸗ fahren, während er bereits, kalt entſchloſſen, begann, ſich über ſeinen Zuſtand und über die Situation klarzumachen. Das Erſte war, daß er den Verſuch wagte, ſich ein wenig ₰ auf den Rücken zu drehen, um die linke Schulter und den 5 linken Arm frei zu bekommen, in welchem die ſchlimmſten Schmer⸗ zen wühlten. Aber die Wendung wollte ſich nicht ausführen laſſen, da von einem Sichſtützen auf den zerſchmetterten Arm nicht die Rede ſein konnte, und überdies ſein linkes Bein, wie er jetzt bemerkte, unter ſeinem Pferde lag. Er verſuchte es nochmals, aber die Schmerzen, die er ſich bei dieſer Bewegung verurſachte, waren ſo furchtbar, daß er bereits wieder eine Ohnmacht herannahen fühlte und vorläufig davon abſtehen mußte. Dann wollte er, wenn es möglich war, herausbringen, wo. er ſich befand; aber es vergingen mehrere Minuten, bevor er ſich aus den Einzelheiten ein ungefähres Bild ſeiner Lage zu⸗ ſammenſetzen konnte. Es ſchien, daß er in einem Graben lag, welcher den tief⸗ ſten Grund einer kleinen Terrainſenkung bildete. Auch erinnerte er ſich, daß, als ſie durch die franzöſiſche Infanterie ritten, er ſein Pferd eben über einen Graben hatte ſpornen wollen. In 6 — 445 dieſem Augenblick mußte er mit ſammt dem Pferde zuſammen⸗ geſchoſſen worden ſein. Das beſtätigte auch der lange Johann und fügte hinzu, daß er in dem Augenblicke auch noch ſächſiſche Cavallerie über den Bergrücken habe kommen ſehen, er wiſſe aber nicht, wie es nun weiter geworden ſei, denn da ſei es auch mit ihm Matthäi am Letzten geweſen. Fürſt Heinrich konnte den Johann nicht ſehen, der hinter ihm lag. Ich wache hier ſchon ſeit einer Stunde, Herr Major, ſagte der Johann; mir ſind beide Beine, als kämen ſie aus einem Mörſer, und was ich für Schmerzen aushalte, das mag Gott im Himmel wiſſen. Der Johann ſchwieg; er ſchien auf ein leiſes Wimmern zu hören, welches ganz aus der Nähe herzzerreißend ertönte. Das iſt der Auguſt Schwarz, Herr Major, ſagte Johann; aus dem zweiten Gliede. Er iſt der Letzte, außer uns, Herr Major; ſie ſind Alle nacheinander, Franzoſen und Unſere, ſtill geworden; der wird's auch nicht mehr lange treiben. Er jam⸗ mert ſchon, ſo lange ich wach bin, nach Waſſer; ich kann nicht zu ihm, er liegt zu weit weg. Wieder ſchwieg der lange Johann; auf des Fürſten von Durſt zerriſſenen Lippen ſchwebte eine Frage, die nicht heraus wollte, und endlich doch zögernd heiſer kam: Haben Sie noch einen Schluck, Kreiſer? Freilich, Herr Major, ſagte der lange Johann; wenn Sie nur ein bischen heranrücken wollten. Ich liege feſt, wo ich liege, ſagte der Fürſt, trotz ſeiner grauſamen Schmerzen lächelnd. So will ich's verſuchen, ſagte der lange Johann. Es waren vielleicht zwölf Schritte, welche die Beiden von einander trennten, aber jeder Zoll, den der lange Johann, die Finger in die Raſendecke krampfend, ſich weiter zog, mußte mit Höllenqualen erkauft werden, die den eiſernen Menſchen durch die zuſammengebiſſenen Zähne wimmern und ſtöhnen ließen wie ein Kind. Und plötzlich fiel dem Fürſten ein, daß es noch 446 keine Woche her war, als er dem langen Johann, weil er ſein Pferd nicht vorſchriftsmäßig geputzt, drei Tage Arreſt dictirt hatte, die der Johann, in Ermangelung eines Arreſtlocales, da⸗ durch abbüßte, daß er drei Tage hintereinander während des Rendezvous an einen Baum gebunden wurde. Laßt es gut ſein, Kreiſer, ſagte er. Ich bin gleich da, ſagte der Johann. Der Mann war ſo weit gekommen, daß er mit dem langen ausgeſtreckten Arm ihm die Flaſche reichen konnte— eine große lederne franzöſiſche Feldflaſche, die er ein paar Tage vorher bei einem Recognoscirungsgefecht erbeutet. Es iſt freilich nur Eſſigwaſſer, Herr Major, ſagte Johann. Der Fürſt trank mit gierigem Zuge. Plötzlich ſetzte er wieder ab; er durfte den Mann nicht ſeiner letzten Hilfe be⸗ rauben. Trinken der Herr Major aus, ſagte Johann; ich brauche es doch nicht mehr. Und nach einer Pauſe: Oder wenn der Herr Major zu ſtolz ſind, es von einem armen Kerl anzunehmen, ſo kaufen der Herr Major mir's ab. Der Herr Major haben gewiß noch ein paar Schüſſe in ſeinem Revolver; geben Sie mir einen— hier übers Ohr. Sie können noch durchkommen, Kreiſer, ſagte der Fürſt. Ich komme nicht durch, Herr Major; und wenn ich durch⸗ komme, was habe ich davon: Hunger und Kummer. Wir ſind unſerer zwölf Kinder; ich bin der älteſte; und die Penſion, die der Vater hat, reicht nimmer weit. Der Mann ſprach mit ſo ſeltſam klarer, ſchwingender Stimme, aber ſeine Rieſennatur konnte doch dem Wundfieber nicht länger widerſtehen. Er fing plötzlich an, von der Katherine zu reden, die nicht in's Waſſer zu laufen brauche, weil ſie einen Buben von Einem habe, der doch ein ehrlicher Kerl ſei, wenn ihn der Herr Major auch drei Tage hintereinander habe an den Baum binden laſſen. Dem Fürſten gingen die wirren Worte des Aermſten wie ein Schwert durchs Herz. Hätte ich dem Menſchen den 447 Arreſt nicht dictirt, murmelte er, ich weiß nicht, was ich darum gäbe! Aber ſein eigener Zuſtand war jetzt derart geworden, daß er daraus erlöſt werden oder binnen kürzeſter Friſt den Schmer⸗ zen erliegen mußte. Er machte eine verzweifelte Anſtrengung, ſein Bein zu befreien; in demſelben Augenblicke hob das Thier, das bis jetzt regungslos dagelegen, den langen Hals mit ſchauer⸗ lichem Stöhnen und warf ſich im Todeskampfe herum. Der Fürſt ſchrie laut auf in wahnſinnigem Schmerz, die Sinne ver⸗ gingen ihm. Er wußte, als er abermals erwachte, nicht, wie lange er ſo gelegen haben mochte. Doch mußte es ziemlich lange her ſein. Das Sternbild des Großen Bären, das vorhin noch gerade geſtanden, hatte ſich tief geneigt; kälter wehte der Wind durch die Thalmulde; Fieberſchauer ſchüttelten ihn, ſeine Zähne klappten. Dennoch war ſeine Lage nicht mehr ſo gräßlich; die Schmer⸗ zen hatten etwas nachgelaſſen und vor Allem war er von der entſetzlichen Laſt befreit; ſein Pferd hatte ſich im Todeskampfe von ſeinem Beine heruntergewälzt. Er konnte ſich, wenn auch mit unſäglicher Mühe, erſt auf den Rücken, dann auf die rechte Seite wenden und ſehen, was er zu ſehen erwartet: einen Hau⸗ fen Todter in wüſtem Durcheinander, dazwiſchen die Leiber von Pferden— eine grauenhafte Nachbarſchaft— unmittelbar vor ihm das verzerrte Geſicht des Johann Kreiſer, der keiner Re⸗ volverkugel mehr bedurfte. Das ſonſt ſo feſte Herz pochte dem tapferen Manne bange gegen die Rippen. So lange der Johann Kreiſer noch ge⸗ lebt, ſo lange er noch eine Menſchenſtimme gehört hatte, war ihm der Gedanke des Todes eigentlich noch nicht nahe getreten; jetzt, in dieſer ſtillen furchtbaren Todtenwacht, zu der er ver⸗ dammt war, ſagte er ſich, daß er werde ſterben müſſen, nicht, wie er es immer gedacht, an der Spitze ſeiner Leute, in vollem Roſſeslauf vom Pferde geſchoſſen, vor den Augen ſeiner Came⸗ raden, vor den Augen ſeines Commandirenden, vielleicht ſeines Königs und Herrn, ſondern hier in dieſem vergeſſenen Winkel 448 des Schlachtfeldes in tiefer finſterer Nacht, einſam, allein, um ein paar Tage nachher aufgefunden, vielleicht gar nicht gefun⸗ den, von franzöſiſchen Bauern eingeſcharrt, unter den„Vermiß⸗ ten“ aufgeführt zu werden: Major Fürſt Heinrich Roda⸗Stein⸗ burg vermißt— wie ein Marodeur, den die Weiber im Dorfe todtgeſchlagen! Und dem ſiebergequälten, ſchmerzgefolterten Mann kam ein Gedanke, den er nie bei ſich für möglich gehalten hätte, der Gedanke: ob der Handel wohl ehrlich, ob der Sieg wohl nicht zu theuer erkauft ſei. Und war es ein Sieg geweſen? Das Gefecht hatte ſtundenlang geſtanden, war erſt gegen Abend, als das ſächſiſche Armeecorps in die Feuerlinie rückte, wieder in Gang gekommen; war Bazaine trotz aller der fürchterlichen Verluſte durchgebrochen? War es möglich? War der Tag verloren? Fürſt Heinrich ſaß auf einmal aufrecht da; der für einen Soldaten gräßlichſte Gedanke hatte vermocht, was bis dahin unmöglich geweſen. Er ſchaute um ſich. Ueber den Rücken des Hügels leuchtete ein hellerer Schein; es mußte St. Privat ſein, das ſchon am Abend an mehreren Stellen gebrannt hatte, und weit in der Runde über die an⸗ deren Ränder der Mulde dämmerte Licht, ohne Zweifel von Bivouacfeuern— franzöſiſchen oder preußiſchen? Da! in weiterer Ferne, aber doch dem aufmerkſam lau⸗ ſchenden Ohr deutlich vernehmbar, ein preußiſches Hornſignal! und jetzt, etwas näher: von dem Muſikchor eines Bataillons: die Wacht am Rhein! Der Fürſt hatte oft im Stillen gehöhnt und gewettert, wenn aus den marſchirenden Colonnen, aus den lagernden Gruppen auf den Rendezvous, bei den Wachtfeuern ſtundenlang dieſelbe Melodie des neuen Liedes erſchallte, von rauhen disharmoniſchen Stimmen geſungen, von den Muſikchors den müden Leuten, die ſich nicht daran erſättigen konnten, vorgeſpielt; aber jetzt wur⸗ den ſeine Augen heiß; es war ein Gruß an den einſamen Verwundeten und eine Verheißung: das Feld, auf dem das 449 Lied geſpielt wurde, konnte nicht in des Feindes Händen ſein! Und hier ſo liegen, hier ſo verenden müſſen! ſeufzte der Fürſt. Er machte noch einmal einen Verſuch, ſich vollends auf⸗ zurichten, ob er ſich vielleicht weiter ſchleppen könnte. Es war unmöglich; das Bein, auf welchem das Pferd gelegen, war zer⸗ quetſcht oder gebrochen; er konnte es nicht von der Stelle be⸗ wegen; auch war ſeine Kraft ohnedies vollſtändig erſchöpft; er ſank, vor Schmerz ſtöhnend, auf den Boden zurück, welcher ihm jetzt eiskalt erſchien. Er glaubte, es wäre der Morgenthau; er wußte nicht, daß es ſein eigenes Blut war. Aber er hatte überhaupt nicht mehr die Kraft, ſich irgend etwas klar zu machen. Immer wirrer, wilder ſchießen die Phantaſien durch ſein erſchöpftes Gehirn. Er ſitzt an der reich⸗ beſetzten Tafel im Schloſſe zu Roda, er winkt einem Bedien⸗ ten, ihm das Glas mit Champagner zu füllen; dann wieder iſt er der lange Johann Kreiſer, der nichts auf der weiten Welt beſitzt, als ein paar Tropfen Eſſigwaſſer in der Feld⸗ flaſche und die will er für einen Revolverſchuß verkaufen. Er kann den Fürſten Heinrich von Roda und den langen Johann nicht mehr auseinanderbringen und auseinanderhalten. Einmal in einem beſonders klaren Momente ſagt er laut: Es iſt ja auch eines und daſſelbe. Auf einmal ſchlagen Menſchenſtimmen an ſein Ohr. Im Nu ſitzt er aufrecht. Gar nicht weit von ihm leuchtet ein heller Schein, der alsbald wieder verſchwindet, um nach einigen Se⸗ cunden abermals aufzublitzen. Iſt es ein Irrlicht auf dem Sumpfboden der Thalmulde? Iſt es die Laterne eines Trupps Krankenträger? Er will rufen, aber der Athem ſtockt ihm in der Kehle, die Zunge klebt ihm am Gaumen; nur ein leiſes heiſeres Stöh⸗ nen kommt über ſeine verbrannten Lippen. Wenn ſie ihn nicht finden, wenn ſie vorübergehen? Er kann es keine Stunde mehr aushalten. Zwei Schüſſe hat er noch in ſeinem Revolver. hat ſie Fr. Spielhagen's Werke. XI. ſich aufgeſpart für den äußerſten Fall. Er will einen abfeuern, den Leuten ein Signal zu geben; er zieht mit unſäglicher Mühe den Revolver heraus, aber ſeine ſteifen kraftloſen Finger taſten vergeblich nach dem Abzug, er wird nicht damit fertig und das Licht entfernt ſich mehr und mehr. Aber jetzt kommt es wieder näher und immer näher; es iſt, als ob ſich neues Leben durch die ausgetrockneten Adern des Unglücklichen ergießt; er murmelt ein Dankgebet, ſeine bren⸗ nenden Augen feuchten ſich, ein Schleier fällt darüber, durch den das Licht in Strahlen ſchimmert. Jetzt iſt es ſo nahe, daß er die Geſtalten unterſcheiden kann: eine, zwei, drei. Sie haben es eben nicht eilig; ſie hal⸗ ten ſich länger, als es ihm nöthig ſcheint, bei den einzelnen Todten auf, welchen der mit der Laterne in's Geſicht leuchtet, während die beiden Anderen— Heiliger Gott, was iſt das? Der Fürſt hat deutlich ge⸗ ſehen, wie der Eine mit einem Meſſer zwiſchen den Zähnen auf der Bruſt des Todten kniet und der Andere den linken Arm des Todten hebt und mit einem Sacré fallen läßt. Der Dritte hält die Laterne, dem Spießgeſellen zu leuchten und beſſer um⸗ ſchauen zu können. Das Licht fällt grell in ſein wüſtes, thie⸗ riſches Geſicht, aus welchem die Augen der Hyäne funkeln, und die Hyänenaugen ſehen jetzt den Daſitzenden. Er ſchwenkt un⸗ geduldig die Laterne. Macht, daß Ihr fertig werdet, ſagte er; da iſt ein Officier. Wie durch ein Wunder hatte der tapfere Mann ſeine Geiſtesgegenwart, ſeinen trotzigen Muth, ja ſein untrügliches Auge, ſeine feſte Hand wiedergefunden. Er nimmt nicht den Laternenträger, ſondern den erſten der Räuber auf's Korn, um für den zweiten noch Licht zu haben. Ein kurzer ſcharfer Knall und noch einer; der Laternenträger, der ſeine Geſellen rechts und links neben ſich ſtürzen ſieht, läßt in grauſem Schreck die Laterne fallen unmittelbar neben dem Fürſten und läuft da⸗ von, ſo ſchnell ihn die Beine tragen. Das Licht in der Laterne brennt weiter; es dient einem Trupp von Männern, die von — 451 den beiden Schüſſen herbeigelockt, eben über den Hügelrand kommen, zum ſichern Leitſtern. Aber der letzte helle Funken alter Kraft und Energie, der eben noch in der Feuerſeele des Mannes aufgeglüht war, iſt im Erlöſchen. Er glaubt Herrn von Zeiſels Geſicht über ſich zu ſehen und die Stimme des Doctor Horſt zu hören, aber er weiß nicht, ob es Wirklichkeit iſt oder Fieberphantaſie. Nur einmal wacht er von einem fürchterlichen Schmerze auf und da ſieht er des Doctors Geſicht und hört Herrn von Zeiſels Stimme und dann verſinkt Alles in tiefe finſtere Nacht todt⸗ ähnlicher Ohnmacht. Unterdeſſen tragen den mit einem Nothverbande Verſehenen, auf einer Tragbahre möglichſt weich Gebetteten und mit einem Mantel Zugedeckten ein paar ſtämmige Hannoveraner über das Schlachtfeld, während Herr von Zeiſel und Hermann nebenher gehen, Herr von Zeiſel in der Uniform eines ſächſiſchen Dra⸗ goner⸗Officiers, Herrmann in der eines preußiſchen Militär⸗ arztes. Herr von Zeiſel erzählt mit halblauter Stimme aus⸗ führlich, was er vorher nur in den allgemeinſten Umriſſen dem Freunde mitgetheilt. Ich hatte den Fürſten deutlich geſehen, als wir über den Hügelrücken kamen, an der Spitze ſeiner Leute: eine prachtvolle Charge; aber wir bekamen in demſelben Moment von einer ganz intacten Compagnie ein ſo furchtbares Feuer, daß wir in halben Zügen rechts abſchwenken mußten und jenſeits der Hügel⸗ welle mit den Preußen zuſammentrafen, die eben durch die an⸗ dere Compagnie geritten waren. Es ging ein wenig bunt her, lieber Freund, preußiſche und ſächſiſche Dragoner durcheinander; aber es war doch ein Geiſt und ein Zug in dem Ganzen. Im Nu hatten wir wieder Front gemacht und jagten in die Thal⸗ mulde zurück und durch, denn die Kerle waren mittlerweile bis auf die andere Seite gekommen, wo ſie wieder hinter einer Hügelwelle die prachtvollſte Deckung hatten, die ſie meiſterhaft benützten und uns mit einem Schnellfeuer empfingen, das ich nicht ſo leicht vergeſſen werde. Aber wir hatten uns einmal feſtgebiſſen, und da unſere Leute es den Preußen und die Preu⸗ 2 452 ßen es uns zuvorthun wollten, blieb die Sache nicht lange zweifelhaft. Was nicht um Pardon bat, wurde niedergeritten, und ich fürchte, manch armer Junge dazu, der gar zu gern Pardon genommen hätte. Mittlerweile waren wir aber weit genug von hier weggekommen, und da wurde Sammeln ge⸗ blaſen und noch einmal Sammeln; wir mußten unſere Leute zuſammenziehen und zurück. Ueberdies war es ſchon beinahe Nacht geworden. Jetzt erſt fiel mir auf, daß ich den Fürſten nicht wiederge⸗ ſehen hatte, als wir zur zweiten Attaque vorgingen. Es war freilich nur ein Theil von den Preußen geweſen, mit denen wir uns vereinigt hatten; ein paar Escadrons waren links geſchwenkt, um die Franzoſen in der Flanke zu faſſen. Er konnte bei dieſen Escadrons geweſen ſein, aber ich hatte, als wir durch die Thalſenkung jagten, mehr als einen hellblauen Rock zwiſchen den Rothhoſen liegen ſehen und— die Rodaer ſind unſere Lehensherren geweſen ſeit zweihundert Jahren und mein alter Vater ſitzt noch heute auf einem der Roda'ſchen Güter in Sach⸗ ſen. Ich bekam auf eine Stunde Urlaub und ritt herüber; Ihr Regiment war unterdeſſen hier eingerückt. Ich danke Gott, daß ich den finden mußte, den ich mir in dieſer Noth von allen Menſchen zuerſt herbeigewünſcht haben würde. Glauben Sie, Horſt, daß er durchkommt? Ich denke; ob man den Arm wird retten können, weiß ich freilich nicht. Man muß eben ſehen. Glücklicherweiſe war der Weg nach dem Verbandplatze, auf welchen ſie losgingen, nicht allzuweit. Der Fürſt, der bei dem ungeheuren Blutverluſte aus der Ohnmacht nur erwachte, um ſofort wieder in Ohnmacht zu fallen, wurde jetzt von Hermann, dem ein junger College aſſiſtirte, regelrecht verbunden. Das Reſultat war im Ganzen günſtig, beſonders wenn man die überaus kraftvolle Natur des Verwundeten mit in Anſchlag brachte, doch war es unmöglich, den Ausgang zu beſtimmen. Herr von Zeiſel hatte eben nur Zeit gehabt, dieſen Bericht abzuwarten, er mußte unbedingt zurück. Hermann ſeinerſeits hatte alle Hände voll zu thun. Er ſagte dem Freunde, daß 453 er hoffe, ihm morgen mit Sicherheit ſagen laſſen zu können, wohin man den Fürſten gebracht habe. Sein Regiment ſollte vorrücken; er ſelbſt war dazu deſignirt, einen Transport Leichtverwundeter zurück zu begleiten; wahr⸗ ſcheinlich würde er bis Coblenz gehen; vielleicht noch weiter. Herr von Zeiſel reichte aus dem Sattel dem Freunde noch⸗ mals die Hand. Und ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie es Ihrer Braut geht, ſagte Hermann. Vortrefflich, erwiederte Herr von Zeiſel, das heißt, ſie weint den halben Tag: ich trage immer einen Brief von ihr hier— er legte die Hand auf das Herz— das iſt mein Talisman dieſe ganze Zeit geweſen und— dann denke ich mit Georg im„Götz von Berlichingen,“ daß ein tüchtiger Regen und ein guter Reiter überall durchkommen. Es hat ſich heute bewährt, wo es Noth that; und ich danke deshalb Gott— um der Klei⸗ nen willen. Er wollte dem Pferde die Sporen geben, aber er hielt es nochmals an: Und, Doctor, Sie haben keine Nachrichten von ihr? Keine. Auf Wiederſehen alſo! Auf Wiederſehen! Achtunddreißigſtes Capitel. Es war acht Tage nach der Schlacht. In einem der gro⸗ ßen Säle des zum Lazareth eingerichteten Jeſniten⸗Seminars von Pont⸗⸗Mouſſon dämmerten die Nachtlichter dem Morgen entgegen. Trotzdem der obere Theil der hohen Fenſter weit geöffnet war, herrſchte in dem Raume eine ſchwüle, drückende 454 Atmoſphäre und jener eigenthümliche Dunſt, der dem Kundigen ſofort ſagte, daß hier Schwerverwundete lagen. Und hier nun, wohin man ihn in dem erſten Augenblick grenzenloſer Verwirrung gebracht, hatte ſeit acht Tagen der Major Fürſt Heinrich Roda⸗Steinburg gelegen. Prinzen und Fürſten waren gekommen, um ihre Theilnahme zu beweiſen; der König hatte ihm durch einen ſeiner Adjutanten das Eiſerne Kreuz mit den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken ſeiner beſonderen Huld und gnädigen Geſinnung überreichen und ſein Bedauern ausſprechen laſſen, daß die Zeit ihm nicht erlaube, ſich nach dem Befinden eines ſeiner tapferſten Officiere perſönlich zu er⸗ kundigen; es hatte an Aufmerkſamkeiten keiner Art gefehlt, auch war der Zuſtand der Wunden über alles Erwarten gut: die Kugel in der Schulter war gefunden und wenn der Arm gleich für immer gelähmt bleiben würde, hatte man doch nicht zu einer Amputation zu ſchreiten brauchen— dennoch hatte den Verwundeten eine trübe düſtere Stimmung nicht verlaſſen wollen, ja dieſelbe ſchien mit jedem Tage und in demſelben Maße zu⸗ zunehmen, in welchem die Beſſerung vorwärts ging. Er hatte auf das beſtimmteſte und, als man weiter in ihn drang, in faſt leidenſchaftlicher Weiſe abgelehnt, aus dieſem Saal, welchen er mit ein paar Dutzend Leidensgefährten theilte, von denen über die Hälfte gemeine Soldaten und Unterofficiere waren, in ein ruhigeres Gemach gebracht zu werden. Ich habe in der Schlacht vor dem Feinde keine beſſeren Chancen geſucht als meine Leute, ſagte er; ich will auch nach der Schlacht keine beſſeren haben. Man hatte das an der Tafel des Höchſtcommandirenden als Grille und Eigenſinn ausgelegt, aber ein wegen ſeiner loſen Zunge bekannter General ſagte: Ich glaube ſeit heute mit Beſtimmtheit zu wiſſen, weshalb er nicht aus dem Saale will. Nun? Weil das ſchönſte der Mädchen dort als Krankenwärterin functionirt. Wer iſt es? 4 Der General zuckte die Achſeln: Braucht die Schönheit einen Namen, königliche Hoheit? Und doch, ich habe ſie im Vorübergehen von einem der Kran⸗ ken, deren Abgott ſie zu ſein ſcheint, Fräulein Hedwig rufen hören. In den Acten des Centralcomités mochte wohl ihr voller Name ſtehen, aber hier nannte ſie Niemand unter einem an⸗ deren. Es hatte auch Niemand in dieſen Tagen Zeit und Luſt, ſich um Dinge zu bekümmern, die nicht zur Sache gehörten; es kam ſo ganz nur darauf an, daß Jeder ſeinen Poſten aus⸗ füllte, und Fräulein Hedwig füllte ihren Poſten aus. Die Aerzte wußten es und legten demzufolge für ſie eine Achtung an den Tag, die an Ehrfurcht grenzte; die Krankenwärter und Lazarethbedienſteten wußten es und räumten ihr, als ob es ſich von ſelbſt verſtände, eine unbeſtrittene Autorität über ſich ein; aber am beſten wußten es die Kranken. Sie wußten, daß, wenn ſie riefen, mochte es Tag ſein oder Nacht, Fräulein Hed⸗ wig an ihrer Seite war; ja, es bedurfte meiſtens der Bitte gar nicht; das ſchöne Mädchen ſchien mit ihren dunklen ernſten Augen in der Seele des Kranken zu leſen; und während ſie ſo vorüberging, ſtrichen ihre weißen Hände, denen man es nicht anſah, daß ſie zu arbeiten gelernt hatten, eine Falte glatt, rück⸗ ten eine Decke höher, als ob Alles eine Sprache ſpräche, die ihr Herz ohne weiteres verſtand. Und ſo zog denn über das ſchmerzenreichſte Geſicht ein freundlicher Schimmer, ſobald ſie herantrat; mehr als eine er⸗ kaltende Hand hatte ihre Hände im letzten Druck feſtgehalten; mehr als ein im Tode erbleichender Mund hatte ſeine letzte Bitte, ſeine letzte Beichte in ihr Ohr geflüſtert. Und nur Einer hatte nie gelächelt, wenn ſie unhörbaren Schrittes durch den Saal ging, hatte ihre anmuthigen Beweg⸗ ungen nicht mit Luſt verfolgt; nur Einer hatte ihren Namen nie über die ſchweigſamen Lippen gebracht. Nicht daß ſie für dieſen Einen geringere Sorge getragen hätte, als für die Anderen; ſie reichte ihm die Erfriſchungen, che ſeine heißen Lippen noch darum baten; ſie erneuerte die 456 Eisumſchläge keine Minute zu ſpät; ſie vergalt auch ſeine Schweigſamkeit nicht mit Schweigen, hatte im Gegentheil immer ein freundliches Wort, wie es nun eben der Dienſt, den ſie gerade leiſtete, mit ſich brachte, und nur die Frage, die ſie oft genug an die armen Soldaten richtete: ob ſie Angehörige zu Hauſe hätten, denen ſie Nachricht zu geben wünſchten? ob ſie einen Brief für ſie ſchreiben ſolle? dieſe und ähnliche Fragen hatte ſie nie an ihn gethan. Es war das freilich auch nicht nöthig geweſen und ſie hatte durch dieſe Unterlaſſung keine Pflicht der Krankenwärterin verſäumt. War doch kein Tag vergangen, ohne daß von dem Höchſt⸗ commandirenden Anfrage geſchah, wie Seine Durchlaucht die Nacht zugebracht? wie Durchlaucht ſich heute befände? Hatte der Höchſtcommandirende doch, trotz der Arbeit, die in dieſen Tagen auf ſeinen Schultern lag, zwei⸗ oder dreimal Zeit ge⸗ funden, ſich perſönlich nach dem Freunde umzuſehen und eine Viertelſtunde an ſeinem Bette zu ſitzen; kamen doch jeden Tag Cameraden, ihre Dienſte anzubieten; ſtand doch im Nothfalle ſelbſt der Telegraph für Seine Durchlaucht zur Verfügung, und hatte wirklich bereits am erſten Tage die Kunde von ſeiner Verwundung und was ſonſt für die Seinen zu wiſſen noth⸗ wendig oder wünſchenswerth war, in das Kriegsminiſterium nach Berlin und von dort nach Roda getragen. Nein, für Seine Durchlaucht den Fürſten Heinrich Roda⸗ Steinburg ſchien nach allen Seiten geſorgt; er mochte der be⸗ ſonderen Hilfe, des tröſtenden Zuſpruchs einer einfachen Kran⸗ kenwärterin wohl entbehren; und dennoch fühlte ſich vielleicht von allen dieſen Unglücklichen, deren Seufzer bei Tag und Nacht den Raum erfüllten, keiner ſo hilflos, keiner ſo troſtlos als dieſer Mann, über deſſen ſtolze Lippen nie eine Klage kam; war vielleicht das Lager keines dieſer Aermſten ſo dornenvoll als ſein Lager; wünſchte keiner ſich ſo ehrlich den Tod, der ihn von einem Leben erlöſen ſollte, das fürder keinen Reiz und keinen Werth mehr zu haben ſchien. 457 Was blieb von Heinrich von Roda, wenn er von dieſem Lager erſtand, als ſein Schatten? Er hatte immer nur mit dem Tode gerechnet, niemals mit dem Umſtand, daß der Tod an ihm vorübergehen und ihm nur ſein Mal aufdrücken würde, daß Heinrich von Roda zum Krüppel werden könne. Er warf ſich jetzt mit bitterſten Worten die Thorheit vor, eine ſo nahe liegende Möglichkeit nie in's Auge gefaßt zu haben — aber er hatte es doch nun einmal nicht gethan, und jetzt war das nie Gedachte zur ſchauderhaften greifbaren Wirklichkeit geworden. Nie mehr würde Heinrich von Roda eine linke Hand haben, die ſtark genug war, das ſtärkſte Pferd im raſendſten Laufe zu pariren; nie mehr würde er, den Pallaſch ſchwingend, ſeinen Schwadronen voraus, in den Feind jagen können. All⸗ zeit voran! Das war jetzt vorbei für immer! Für immer! Er biß die Zähne aufeinander vor grimmem Weh, wenn er's dachte. Dieſer Krieg, er hatte ihn herbeige⸗ wünſcht, herangezürnt; dieſer Krieg mit Frankreich war der eigentliche Inhalt ſeines Lebens geweſen, ſeine wahre Aufgabe, im Vergleich zu welcher alles Andere nur als Vorbereitung gelten konnte. Und jetzt ſollte er die Erfüllung dieſer Aufgabe Anderen überlaſſen, jetzt ſollte er von ſeinem Schmerzenslager das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Raſſeln der Kanonen, den dumpfen Tritt der Colonnen hören, die weiter gegen den Feind marſchirten; jetzt ſollte er im Geiſt ihren Siegeslauf verfolgen, ſollte nicht theilnehmen an dem großen Schlage, der vorbereitet wurde und von dem ihm ſeine Freunde aus dem Generalſtab mit Begeiſterung erzählten, ſollte nicht den Fuß des Siegers auf die in den Staub geworfene Hauptſtadt des Feindes ſetzen! Und was blieb, wenn ihm das genommen war? Wenn er von dem Felde weggedrängt wurde, wo er zu Hauſe war, wo ſeine Kraft lag, wo er es bis dahin kühn mit Jedem hatte aufnehmen können? Was blieb? Die Landwirthſchaft im großen Maßſtabe— was wußte 458 er von der Landwirthſchaft im Großen oder Kleinen? Die Verwaltung eines fürſtlichen Vermögens— war das ſo leicht wie Schuldenmachen? Die Muße eines großen Herrn auf ſeinen Schlöſſern, in der Reſidenz, auf Reiſen— ſie mußte zur öden Qual der Langeweile werden für Jemanden, der keine andere Wiſſenſchaft kannte als die des Krieges, keine andere Kunſt als etwa die der Belagerung. Hatte er doch jenes ple⸗ bejiſche Können, jenes demokratiſche Wiſſen von jeher gern Denen überlaſſen, die ihre Geburt dafür beſtimmte: Bürgerlichen oder herabgekommenen Adeligen: den Horſt, den Zeiſel. Sollte er mit den Horſt, den Zeiſel concurriren? Und nun mußte er ſie wiederfinden, hier, zu dieſer Stunde, die einſt ſo heiß, ach, noch immer ſo heiß Geliebte! Es hatte einen furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht, als er ſie— in einer frühen Morgenſtunde der erſten Nacht— in den Saal treten ſah— in demſelben ſchwarzen, vollkommen einfachen Kleide, das die junge Geſellſchafterin im Hauſe der Generalin getragen— von Bett zu Bett gehend, hier ſich ver⸗ weilend, dort leiſe vorüberhuſchend, bis ſie an ſein Bett kam — einen Moment ſtutzte und nun herantrat, ihm ſchweigend von dem Trank reichte, der vor ihm auf dem Tiſchchen ſtand, die Hand für einen Moment ganz leiſe auf ſeine Stirn legte und dann weiter ging zu den anderen Betten, während er den Kopf in die Kiſſen drückte und weinte wie ein Kind. So war ſie jeden Morgen um dieſelbe Stunde in den Saal getreten, um dann den Tag bis in den ſpäten Abend zu blei⸗ ben, kommend, gehend, wieder kommend— unermüdlich, un⸗ hörbar, Schmerzen lindernd, Troſt ſprechend, wo ihr Anblick, ihre Gegenwart ſchon als Labſal und Troſt empfunden wurde. Und jeden Morgen um dieſelbe Stunde hatte er wach ge⸗ legen, unverwandten Auges auf die Thür blickend, durch die ſie einzutreten pflegte, ungeduldig des Augenblicks harrend, da ſie eintreten würde. 459 Reununddreißigſtes Capitel. Und ſo lag er heute Morgen wieder. Es ſollte der letzte Morgen ſein. Auf heute war ein Sanitätszug angeſagt, der aus Deutſch⸗ land kam und noch am Abend von hier in die Heimath zurück⸗ kehrte, mit einer Auswahl transportabler Verwundeter, zu denen auch er, Dank der ausgezeichneten Pflege und ſeiner kraftvollen Natur, gehörte. Zurück! entſetzlicher Gedanke! Heim!— ſein Heim war das Schlachtfeld! Und ſie zum letztenmal zu ſehen, ach! ganz gewiß zum letztenmal! Die Thür ging auf, ſie trat herein. Der Dämmerſchein der Nachtlampen und des erſten matten Tagesſchimmers fiel in ihr jetzt ſo blaſſes, von dem ſchwarzen Flortuch eingerahmtes holdes Geſicht. Es war ihm nie ſo hold erſchienen; eine Wehmuth, wie er ſie nie zuvor empfunden, füllte ſeine Bruſt, wenn er dachte, daß ſie morgen ſo wiederkommen, wieder von Bett zu Bett gehen, auch an das Bett treten würde, in welchem er nicht mehr lag, in welchem ein Anderer lag, für den ſie dieſelbe Sorgfalt, dieſelbe weiche Hand, dieſelbe leiſe Stimme hatte. Es gilt ja nicht dir, ſagte er bei ſich, es gilt ja dem Kranken; dein einziges Anrecht an ſie war ja nur, daß du krank warſt. Von all der Liebe nichts geblieben, als nur ein wenig Mitleid. Er konnte es nicht ausdenken; ein raſendes Schmerzgefühl raubte ihm ſchier die Beſinnung, er ſah die geliebte Geſtalt nicht mehr vor den Thränen, die ſeine Augen füllten. Heinrich, ſagte eine leiſe Stimme, ob ſeinem Haupte, und eine Hand legte ſich ſanft auf ſeine Rechte, die auf der Decke ausgeſtreckt lag. Er führte die Hand an ſeine heißen Lippen, an ſeine Stirn. Laſſen Sie uns in Frieden ſcheiden, fuhr die ſanfte Stimme fort, und möge nie, wenn Sie an mich zurückdenken, ein bitteres 460 Gefühl die Erinnerung trüben; und ſo ſoll es ſein, wenn ich an Sie denke. Wir haben ſchon einmal mit einander abzu⸗ rechnen geſucht— als Sie mir das Leben gerettet vor dem wüthenden Hirſch— es war noch zu früh, zu viel Perſönliches trübte unſern Blick. Jetzt, da Sie das Vaterland gerettet ha⸗ ben, haben retten helfen vor dem wüthenden Feinde, jetzt, da der Einzelne freudig ſich dem Ganzen unterordnet und opfert, ſehe ich Sie doch deutlicher, klarer, als je vorher; vielleicht, daß unſere Rechnung jetzt beſſer ſtimmt. Und wie ſtände unſere Rechnung jetzt? fragte Fürſt Heinrich mit trübem Lächeln. 3 Fragen Sie unſeren Feind, erwiederte Hedwig; fragen Sie das Entſetzen, mit welchem er zuſammen ſich gegenüberſtehen, zuſammen und unwiderſtehlich ſich auf ihn werfen ſieht, was er für ewig getrennt hielt. Fürſt Heinrich ſchüttelte leiſe den Kopf. Das iſt wohl Ihre rechte Antwort nicht, ſagte er. Sie können ſich nicht wie ein blöder Schwärmer durch dieſen Schein einer Einigkeit täuſchen laſſen, die nur die Noth des Augenblicks hervorgebracht. Wie wir jetzt ſtehen, das ſehe ich wohl; wie werden wir ſtehen, wenn die Gefahr vorüber iſt? Werden wir nicht immer noch die alten Gegner ſein? Die gelernt haben, daß ſie gelegentlich zuſammenſtehen müſſen und zuſammenſtehen können, erwiederte Hedwig, und das iſt ſchon viel, viel mehr, als die Heißſporne auf beiden Seiten je gedacht haben. Im Uebrigen freilich wird es wohl bei der Gegnerſchaft bleiben, und doch wird auch die jetzt einen andern Charakter annehmen. Und welchen? Aus den Gegnern werden Nebenbuhler werden, Nebenbuhler um Deutſchlands Größe und Glück; Nebenbuhler, die einander weniger ihre Schwächen als ihre Tugenden ablauern, um alle womöglich in ſich zu vereinigen. So wollen Sie das Bürgerthum kriegeriſch und den Adel gelehrt machen? 461 Hedwig deutete auf eines der Betten im Vordergrunde des Saales. Dort, ſagte ſie, liegt ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren; er phantaſirt in allen Sprachen, die ich kenne, und noch in vielen, die ich nicht kenne;— wie mir die Aerzte ſagen, eines Schuhmachers Sohn, jetzt Docent an einer Univerſität. Er hat ſich— der Letzte der ganzen Mannſchaft— bei Mars la Tour auf einer Kanone zuſammenhauen laſſen, die er nicht verlaſſen wollte und die nur deshalb nicht in die Hände der Franzoſen fiel; ſein König hat ihn mit demſelben Kreuz geehrt, das hier auf Ihrem Nachttiſch liegt und— Hedwig ſchwieg. Fürſt Heinrich ſagte mit ſchmerzlichem Lächeln: Fahren Sie doch fort! Sie wollen ſagen: und hier liegen Sie, der Sie um nichts tapferer— und nur um ſo viel un⸗ wiſſender ſind. Sie deuten meine Gedanken ſchlecht, erwiederte Hedwig; ich wollte ſagen: und ſo müſſen Sie, wie ich es vorhin ausdrückte, die Tugenden Ihrer Gegner verſchmelzen mit Ihren angebore⸗ nen und anerzogenen Vorzügen. Fürſt Heinrich wies auf ſeinen Arm, der in der Schiene lag. War denn Ihr ſtarker Arm Ihre einzige Tugend? ſagte Hedwig. Dann hätte es wahrlich immer ſchlimm um das Wort geſtanden, das Sie ſich zum Leitſtern Ihres Lebens erwählt: Allzeit voran! Aber Sie ſind ungerecht gegen ſich. Sie ver⸗ geſſen den Muth, den vielerprobten, das ſtarke Selbſtgefühl, das Ihnen die feſte Haltung giebt, die frühe Gewohnheit zu be⸗ fehlen, den ſichern Blick für die realen Verhältniſſe— unſchätz⸗ bare Vorzüge, die Sie ſämmtlich in der neuen Lage, in welche das Schickſal Sie gebracht hat, auf das herrlichſte verwerthen können. Es iſt vielleicht ein wenig unpolitiſch, ſeinen Gegner über die Vortheile ſeiner Stellung aufzuklären, fuhr Hedwig nach einer kurzen Pauſe fort, in welcher Fürſt Heinrich, nachdenklich vor ſich hinblickend, ſtill dagelegen hatte, aber es iſt ja das letztemal, daß wir uns hier gegenüber finden— der Kranke 462 und die barmherzige Schweſter. So laſſen Sie mich, wenn nicht barmherzig, doch Ihre Schweſter ſein— für dieſe weni⸗ gen Angenblicke. Und dies nun iſt mein ſchweſterlicher Rath und Wunſch, daß Heinrich von Roda die köſtlichen Gaben, welche ihm eine gütige Natur in die Wiege legte, nun, da ihn das Schickſal auf ſich ſelbſt angewieſen, verwerthen möge für den unendlichen Kreis, den das Glück ihm erſchloſſen. Ja, unendlichen Kreis! Wenigſtens vermögen meine Blicke nicht zu ermeſſen, was ein Fürſt von Roda— der Beſitzer eines ſolchen Vermögens, der natürliche Beſchützer, Lenker, Leiter ſo vieler Menſchen zu leiſten vermag, bis zu welchem Umfang er ſeine Sphäre erwei⸗ tern kann, wenn er die Zeichen ſeiner Zeit verſteht. Und, Heinrich, Sie ſind der Mann, dieſe Zeichen zu verſtehen und was Ihr ſcharfer Verſtand erfaßt und Ihr ſtarkes Herz auf⸗ genommen hat, mit eiſernem Willen in's Werk zu ſetzen. Sie ſind hier unendlich beſſer geſtellt, als unſer verſtorbener, un⸗ glücklicher, edler Freund. Er war zu alt geworden, um neu zu lernen, und was er einſt gelernt, war das Fürſtenthum von Gottes Gnaden in den Händen eines weichen Gemüthsmenſchen, der in ſeinen Träumereien eine Welt hat, die ihm die wirkliche für immer verdeckt. Sie werden nicht träumen, Sie werden wachen, handeln, Sie werden ſo glücklich ſein, wie ein Menſch auf dieſer Erde glücklich ſein kann. Mit Ihnen als Gefährtin meines Lebens. Wer weiß! Sie hätten, wie Sie waren, wollten Sie die Harmonie Ihres Lebens nicht zerſtören, nie eine Andere als eine Ariſtokratin zu Ihrem Weibe machen können; und ich weiß nicht, ob ich, wäre ich als Ariſtokratin geboren, die wäre, die ich bin, und das beſäße, was Sie an mir halb haſſen und halb lieben. Da mußte denn freilich Stephanie mein Weib werden, ſagte Fürſt Heinrich. Auf jeden Fall iſt ſie es, das muß für Sie, den Mann der Thatſachen, genug ſein. Und dann, vergeſſen Sie nicht: ——— vernachläſſigt zu werden, ertragen wir nicht. Der Fürſt lag ſtill da, in das Morgenlicht ſchauend, das immer heller durch das hohe Fenſter, ſeinem Lager gegenüber, hereinblickte. Ich habe Sie oft im Zorn meinen böſen Dämon genannt, ſagte er. Ich glaube nicht an Dämonen und Engel, ſagte Hedwig lächelnd; ich glaube nur an Menſchen und daß, wo ihre Tugen⸗ den liegen, auch ihre Schwächen ſind. Wenn ich dieſen Satz auf Sie anwende, ſagte Fürſt Hein⸗ rich, ſo hüten Sie ſich vor ihrem Edelmuthe, der die Menſchen ſtets höher ſchätzt, als ſie in Wirklichkeit ſind. Sie haben darunter ſchon viel gelitten; ich fürchte, Sie werden noch viel darunter leiden. So ginge es mir nur, wie dem Volk, aus dem ich ſtamme, ſagte Hedwig; es hat von jeher ſeine Großen für größer ge⸗ achtet, als ſie waren, von jeher an ſeinen Idealen gläubig feſt⸗ gehalten und mit der traurigen Wirklichkeit vorlieb genommen. Und glauben Sie auch an dieſe Ideale? rief der Fürſt, ſich auf ſeinem geſunden Arm im Bette aufrichtend, glauben Sie an dieſe Ideale? Ich glaube daran, ſagte Hedwig ernſt. Aber Sie glauben nicht an das Volk, und daß es dieſe Ideale je verwirklichen wird, ſagte der Fürſt, auf das Kiſſen zurückſinkend. Sprechen wir nicht von mir, ſagte Hedwig. Sprechen wir von Ihnen, ſagte Fürſt Heinrich; meinen Sie, ich könne ruhig von hier gehen, für immer von Ihnen ſcheiden, ohne eine Ahnung, wie Ihre Zukunft ſich geſtalten wird? Hedwig, es iſt für mich ein unerträglicher Gedanke, Sie in das Getriebe des Alltagslebens geſchlendert zu ſehen. Täuſchen Sie ſich nicht über ſich ſelbſt. Dies hier iſt ein Leben voll Grauen und Schrecken der furchtbarſten Art; aber eben deshalb, und weil es im Dienſte einer großen Idee ſteht, hoch erhaben über der gemeinen Wirklichkeit. Und Sie ſind nach wir Frauen ertragen von Euch unſäglich viel, faſt Alles— nur 464 dieſer Seite verwöhnt, mehr vielleicht als Sie wiſſen. Hedwig, Sie haben dem einſt Geliebten, der zu Ihrem Feinde geworden war, abgeſchlagen, was er in eines Anderen Namen Ihnen bot; können, wollen Sie es nicht von dem Freunde, nicht von dem Bruder nehmen? Auch als das Weib des Doctor Horſt? Hedwigs Anugen ruhten mit einem ſonderbar wehmüthig lächelnden Ausdruck auf dem Geſicht des jungen Fürſten, der bei ihrer Frage zuſammengezuckt war, als hätte ihm Jemand rauh den zerſchoſſenen Arm berührt. Sie wiſſen recht wohl, daß der Heinrich, der jetzt hier liegt, nicht derſelbe iſt, der er vor vier Wochen war und daß er ebenſowenig mit Ihnen marktet wie rechtet. Und weiter: Sie werden nie jenes Mannes Gattin werden, wozu alſo die nutzloſe Grauſamkeit dieſer Frage? Ich habe es von Zeiſel, der Sie hier ſah, als er mich am erſten Tage beſuchte und den Sie zur Verſchwiegenheit verpflichteten— Horſt war in Ihrer unmittelbaren Nähe; Sie gaben ihm keine Nachricht. Ich gab ihm keine Nachricht, erwiederte Hedwig; dennoch iſt er und Stephanie! Sie waren eben in den Saal getreten. Hermann war am Eingange ſtehen geblieben, im Geſpräch mit dem Arzte, der ſie hereingeführt hatte; Stephanie näherte ſich, von einer Wärterin geleitet, raſch der Stelle an dem letzten Fenſter, wo Fürſt Hein⸗ rich lag. Bleiben Sie, ſagte der Fürſt, als Hedwig ſich entfernen wollte; Stephanie muß wiſſen, wer ſo lange ihre Stelle ein⸗ genommen. Er hielt ihre Hand noch feſt, als Stephanie bereits an ſeinem Bette kniete. Man hat es mir ja verſchwiegen, Heinrich, ſchluchzte ſie; ſie haben es mir ja erſt vor drei Tagen geſagt. Ich bin Tag und Nacht gefahren, und doch, ich wäre wohl kaum hieherge⸗ kommen ohne Doctor Horſt, der mich mit in den Sanitätszug nahm; da war ich denn freilich geborgen. Ach, mein armer, armer Heinrich! m he R w 465 Gutes Kind, ſagte der Fürſt, mit ſeiner Rechten das blonde Haar der Knieenden ſtreichelnd, gutes Kind, willſt Du nicht Hedwig begrüßen? Stephanie hatte in ihrer Verwirrung noch keinen Blick auf die ſchwarzgekleidete Dame an ihres Gatten Seite geworfen; jetzt hob ſie ihre Augen und, Hedwig erkennend, ſtreckte ſie, ohne ſich von den Knieen zu erheben, ihre Arme nach ihr empor. Ich danke Dir für Alles, was Du an ihm, an uns gethan haſt, ſagte ſie, und vergieb mir, Hedwig, vergieb mir! Sie bedeckte unter ſirömenden Thränen Hedwigs beide Hände mit Küſſen; ſie war außer ſich. Ich habe nicht mehr zu vergeben, als mir vergeben werden mag, ſagte Hedwig, die Knieende ſanft aufrichtend, und ſich zu Hermann wendend, der, um den Fürſten zu begrüßen, langſam herangekommen war, und nun, plötzlich ſtehen bleibend, Hedwig wie eine Geiſtererſcheinung ſtarren Auges anblickte. Sie ſpottet unſerer Vermuthungen und Berechnungen, ſagte Fürſt Heinrich, indem er Hermann lächelnd die Hand entgegen ſtreckte. Ich hätte es mir denken können, murmelte Hermann. Vietzigſtes Capitel. Der Sanitätszug, welcher den Fürſten Roda und ſeine Ge⸗ mahlin nach der Heimath führte, war eben— kurz vor Son⸗ nenuntergang— abgelaſſen worden. Ein Militärzug, der weuige Minuten ſpäter angekommen, hatte ſich auf denſelben Schienenſtrang geſtellt. Er brachte das Regiment, dem Hermann zugetheilt war und mit dem er ſofort weiter mußte. Die Soldaten— Landwehrleute, braune, bärtige Männer — ſtiegen aus den Wagen und haſteten durcheinander, hierhin, Fr. Spielhagen's Werke. XI. 30 466 dorthin, ihre Reihen ſuchend— es ſollte vom Bahnhofe ab⸗ marſchirt werden— für den Blick des Uneingeweihten ein Chaos, das ſich doch in wenigen zur vollkommenſten Ordnung gelichtet haben würde. Auf einer anderen Stelle wurde eine Batterie abgeladen; eine Kanone war tief in den weichen Boden geſunken; breit⸗ ſchultrige Kanoniere zogen ſie mit Hurrah aus dem Schlamm, an einer andern wurde eine e Stelle in dem Geleiſe ausgebeſſert, die vor wenigen 2 Minuten ein Zug paſſirt, der tau⸗ ſend gefangene Franzoſen gebracht hatte. Ein paar Dutzend Spitzärte waren in Bewegung, Hämmer ſchlugen raſſelnd gegen das Eiſen, der Pfiff der Locomotiven ſchrillte drein— Rufen der Leute, Wiehern der Pferde, Com⸗ mandoworte der Officiere— die Klänge der Muſik des Regi⸗ ments, deſſen Töte ſich eben in Bewegung ſetzte;„Lieb' Vater⸗ land, magſt ruhig ſein!“ Und Hermann, der mit Hedwig etwas abſeits von dem bunten Treiben ſtand, ſprach: Aus den Pflügen ſind Kgnonen geworden, aus der Holz⸗ art des Waldbauern die Spitaxt des Pioniers, aus der Arbeit des Landmanns, des Bürgers die Arbeit des Soldaten; den⸗ noch, es iſt wieder das vielgeplagte, mühſalbehaftete Volk— und an den Sorgen kann es ja auch nicht fehlen; wer von dieſen braven Männern Allen hat ſie zu Hauſe gelaſſen? Wer trägt ſie nicht, ſo laut er ſingt und ſo ausgelaſſen er ſich ge⸗ berdet, auf ſeinem Herzen, und trägt ſchwerer daran, als an dem Torniſter auf dem Rücken oder dem Zündnadelgewehr auf der Schulter? Der Torniſter wird beim Bivonac abgelegt, das Gewehr im Marſch von der linken auf die rechte Schulter genommen; was nimmt ihm die Sorge ab— die Sit um Weib und Kind? Hedwigs dunkle Augen hingen unverwandt an dem merk⸗ würdigen Schauſpiel. Daß ihnen ihr Lohn werde! murmelte ſie. Zweifeln Sie daran? fragte Hermann. Wenn ich mit Ja antwortete, erwiederte Hedwig aufblickend, ſagte ich nicht die ganze Wahrheit, und antworte ich mit Nein, verſchweige — 467 ich wieder meinen letzten Gedanken. Mein Herz iſt eben zwie⸗ fach getheilt. Nicht daß ich an dem Siege zweifelte, ich habe nie auch nur einen Augenblick gezweifelt, daß wir ſiegen wür⸗ den; wir haben geſiegt, wir werden ſiegen, Deutſchland wird aus dieſem Kriege hervorgehen in einer Macht und Herrlichkeit, die unſere kühnſten Hoffnungen weit üperflügelt. Aber, mein Freund, Sie und ich und Tauſende und aber Tauſende— wir haben des Vaterlandes Glück und Ehre auf dieſem Wege nie geſucht— werden wir, was wir ſo gefunden, zu bewahren verſtehen? Wird das gutherzige, leichtbeweg ſiche Volk nicht wieder des Sieges beſten Theil an die abtreten, die es zum Siege führten, und die den Sieg noch immer für ſich ausge⸗ beutet, das heißt, das Volk und ſchließlich ſich ſelbſt um den unermeßlichen Gewinn gebracht haben! Ich denke nicht, ſprach Hermann; ich habe ein unendliches Vertrauen zu unſeres Volkes eingeborener Kraft, zu ſeinem ge⸗ junden Sinn, ſeinem geraden Verſtande, ſeinem rſt tloſen, uner⸗ ſchöpflichen Genie. Wir haben es nicht ſo gewollt— ich gebe es zu, aber wer hat es ſchließlich ſo gewollt? Nicht einmal die, welche ſich jetzt den Ruhm laut oder in der Stille an⸗ maßen— die Ritter, deren ſtolzes Wort es war: Allzeit voran! Sie folgen ſchließlich auch nur dem Rufe, den der Genius der Nation an ſie ergehen ließ, wie an uns Alle; ſie werden ſchließlich auch nur getragen von der ungeheuren Woge, die uns trägt. Wohin? Wer wäre vermeſſen genug, das zu ſagen; aber wer wäre ſo lieblos, nicht zu wünſchen, es möge in den Hafen ſein, den Hafen nicht einer trägen Ruhe, aber einer Zukunft von Arbeit, die den Arbeiter lohnt, voll Licht, das Jedem, dem Hochgeborenen, wie dem Niedriggeborenen, dem Scepterträger, wie dem Tagelöhner voll und warm in's Herz ſcheint. Amen! ſagte Hedwig. Und nun, ich muß fort, Hedwig; wenn der Krieg mich verſchont, wenn ich wiederkehre— ich kann nicht ſagen: heim⸗ kehre— ich habe kein Heim— werde ich Sie finden? werden Sie ſich finden laſſen wollen? 468 Wer kann, wer möchte ohne Freunde ſein! ſagte Hedwig Hermanns Blick ſuchte den ihren— vergeblich. Wieder hafteten die dunklen Augen an dem großen Kriegsbilde, das ſich vor ihnen ausbreitete. Sie hatte ſeine letzte Frage wohl kaum vernommen; wußte wohl kaum noch, was ſie darauf ge⸗ antwortet. Ein Wehgefühl wollte in ſeinem Herzen aufſteigen; aber er hatte ja längſt alle Hoffnung aufgegeben, und dies war keine Zeit für privaten Kummer. Kaum noch vernehmbar er⸗ tönte die Muſik an der Spitze des Regiments; die letzte Com⸗ pagnie ſetzte ſich eben in Marſch. Als Hermann ſich noch einmal umwendete, ſah er Hedwig auf dem erhöhten Punkte, wo ſie zuſammen geſtanden. Das röthliche Licht der ſinkenden Sonne umfloß ihre dunkle Geſtalt, die jetzt von dem helleren Hintergrunde aufragte, ſchlank und groß ſchier über Menſchenmaß. Und jetzt hob ſie die Arme, zum Gruß, zum Segen. Er wußte es: es galt nicht ihm; es galt den Braven Allen, die mit ihm zogen in den heiligen Kampf für ein einiges und freies Vaterland. Letpzig. Druck von Grimme& Trömel. E ——