Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Heſebedingungen. 1. Oüensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Sgen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vbraus bezahlt werden und beträgt: für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: — auf 1 Mongt: 1 M.— Pf 3 2 „ S ⁰ ſ 6 Bücher: 1 M. 50 Pf. 2 F— Pf. . 2 E S 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei —„ Hin⸗ und Zurückſendung Gefahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene verlortne und Se i ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 3 — Friedrich Spielhagen's geſammelte Wetũe —— Neue, vom Verfuſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (Wit dem vrumi ves Perſaſſers.) Zwbifter Vand. Durch Nacht zum Licht. Ber Druck und Ver Durch Nacht zun Licht. Fortſetzung von: Broblematiſche Raturen.) Roman von Fr. Spielhagen. Ea fumo däre lucem cogitat. Horatius. 3 Dritte Auflage. Dritter Band. D Recht ver Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. Berlin, 1867. Druck und Verlag von Otto Janke. —— — * 8 . Erſtes Capitel. „Die Saiſon“ war in Grünwald ſeit langen Jahren nicht ſo glänzend geweſen, wie in dieſem Winter. Es war, als ob man ſchon den Hauch des kommenden Frühlings ſpürte, und die kurze Zeit, die noch blieb, gehörig ausbeuten wollte. Feſt reihte ſich an Feſt; der Himmel mochte wiſſen, wie die alten Herren und Damen das viele Kartenſpielen und die jungen das viele Tanzen, und wie die Einen und die Andern es aushalten mochten, jeden Abend um dieſelbe Zeit mit derſelben Geſellſchaft zuſammen zu treffen. Denn der Cirkel, in welchem ſich dies tolle Treiben bewegte, war ziemlich beſchränkt und beſtand aus vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Familien, wobei der Militair- und Beamtenadel— die Familie des Kommandanten von Grünwald, Exellenz von Boſtelmann, des Re⸗ gierungspräſidenten von Zitzewitz u. ſ. w. eingerechnet waren. Viel⸗ leicht begünſtigte aber auch gerade dieſe enge Peripherie das witzloſe Behagen, mit welcher ſich die Excluſiven unausgeſetzt in dieſem Kreiſe drehten, wo Jeder von Jedem Jedes wußte, oder zu wiſſen glaubte, oder zu wiſſen wünſchte, und es ſo an unerſchöpflichen Stoff für Klatſchereien nimmer fehlte. Jede Woche pflegte ein beſtimmtes Thema beſonders eifrig durch⸗ geſprochen zu werden. In der vorletzten war es das ſonderbare Be⸗ tragen der Frau von Cloten geweſen. Es hatten ſich natürlich zwei Parteien gebildet, die eine für die junge Frau, die andere für ihren Gemahl. Jene behauptete, daß Emilie nür aus Verzweiflung über die Treuloſigkeit Arthur's närriſch geworden ſei; dieſe, daß umgekehrt Arthur, närriſch geworden über die Treuloſigkeit Emilien's, in den Fr. Spielhagen's Werke. XII. 1 2 2 Durch Nacht zum Licht. Armen ſeiner früheren Geliebte Hortenſe von Barnewitz Vergeſſen⸗ heit geſucht habe. Die Parteigänger Emilien's ſchienen gewinnen zu ſollen, da dieſe junge Dame— ſei es aus Caprice, ſei es aus trif⸗ tigeren Gründen— plötzlich wieder in der Geſellſchaft erſchien, und, als ob nichts vorgefallen wäre, ihre alte Rolle einer übermüthigen Kokette womöglich noch eifriger als ſonſt zu ſpielen begann. So wandten denn die Geberdenſpäher, wie es ſchien, um einen Standal betrogen, ihre Luchsaugen in der neuen Woche auf das Verhältniß des Fürſten Waldenberg und Helenen's von Grenwitz, das ſchon ſo oft ausgebeutet und doch noch immer nicht erſchöpft, im Gegentheil nur immer intereſſanter geworden war. Man wollte wiſſen, daß in den allerletzten Tagen das Verhältniß eine definitive Form angenommen habe. Die Geberdenſpäher hatten recht geſehen; ſeit geſtern war He⸗ lene die Braut Sr. Durchlaucht, des Fürſten Raimund von Waldern⸗ berg, Grafen von Malikowsky, Erbherrn zu Letbus. Vorläufig allerdings im Stillen, da es noch geraume Zeit brauchte, bis die Präliminarien des Bundes, welcher die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte, abgeſchloſſen waren, und überdies die öffentliche Feier der Verlobung in der Reſidenz ſtattfinden ſollte, wohin der Fürſt gleich nach Neujahr zu ſeinem Regiment zurückkehrte und auch die Eltern des Fürſten, die Mutter aus Petersburg, der Vater aus Paris— zu kommen verſprochen hatten. So hatte die Baronin alſo ihr großes Ziel glücklich erreicht und die triumphirende Freude darüber war ihr eine reichliche Entſchädi⸗ gung für alle die Demüthigungen und Enttäuſchungen, für alle die in Sorge und Angſt durchwachten Nächte der letzten Monate. Sie trug ihr Haupt ſo ſtolz, wie nie zuvor. Verdankte ſie doch alle Er⸗ folge, die ſie im Leben gehabt hatte, und ſo auch dieſen letzten größ⸗ ten nur ſich allein; verdankte ſie doch nur ihrer Klugheit, Mäßigung, Umſicht und Schlauheit, daß ſie aus einem ſimplen adligen Fräulein, das keinen Pfennig im Vermögen hatte, Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Fürſten Waldernberg geworden war! Hatte ſie doch ihr Leben lang nicht blos mit den Verhältniſſen, ſondern mit Dritter Band. 3 den ihr zunächſt ſtehenden Perſonen kämpfen müſſen: mit ihrem ſchwachen, energieloſen, für große Pläne unzugänglichen Gemahl, mit ihrer ſtolzen, eigenwilligen Tochter! Hatte ſie doch für Alle denken und ſorgen, ihnen gleichſam das Glück aufnöthigen müſſen! Wahrlich, wenn dieſe durch ſie beglückten Menſchen für das Glück nicht dankbar waren,— es war nicht ihre Schuld! Waren ſie dankbar? jeder Andere, als die Baronin, hätte daran zweifeln müſſen. Die Mienen der Beglückten verriethen wenig oder nichts von innerer Freude und Erhebung; im Gegentheil, ſeitdem das entſcheid ende Wort geſprochen war, ſchien ein Schleier von Ver⸗ legenheit, ja von Unmuth über ihre Geſichter gefallen zu ſein. Des Fürſten dunkles Geſicht war noch um eine Schattirung dunkler ge⸗ worden, und ſeine ſchwarzen Augen hingen oſt mit einem eigenthüm⸗ lichen unerklärlichen Ausdruck an den ſchönen, ſtolzen Zügen ſeiner Verlobten, die auffallend blaß und ſtill einherſchritt und einer kalten Marmorſtatue viel ähnlicher ſah, als einer glücklichen Braut. In⸗ deſſen brauchte man(wenn man wollte) die Erklärung für dieſe melancholiſche Stimmung nicht weit zu ſuchen. Sie war gerecht⸗ fertigt durch die Sorge für den Vater, der ſchon lange gekränkelt hatte und nun mit einem Male ſehr ernſtlich krank wurde. In der Nacht, die dem Verlobungstage folgte, hatte der alte Herr wieder einen Anfall ſeiner alten Krankheit, der Gicht, be⸗ kommen, und die herbeigerufenen Aerzte erklärten ſofort, daß ſie diesmal für den Ausgang nicht ſtehen könnten. Seit dieſem Augen⸗ blick war Helene an das Schmerzenlager des Vaters gebannt, um ſo mehr, als derſelbe nur ſie um ſich ſehen, nur aus ihren Händen die Medicin nehmen, nur von ihr ſein Kiſſen geglättet haben wollte. Der frühe Winterabend begann bereits hereinzubrechen. Auf der Straße, die von hohem Schnee bedeckt war, herrſchte tiefe Stille, die nur von Zeit zu Zeit durch die Klingel eines Schlittens unter⸗ brochen wurde. Niemand war in dieſem Augenblicke bei dem Kran⸗ ken als Helene. Sie ſaß dicht an ſeinem Bett, hielt die welke, in Fieber zuckende Hand in ihren warmen, weichen Händen, und ſuchte, ſo gut es ging, die immer größer werdende Unruhe des Vaters zu beſchwichtigen. 1* Durch Nacht zum Licht. „Wo iſt die Mutter?“ fragte er plötzlich. „Sie iſt auf ihr Zimmer gegangen.“ „Und Dein— und der Fürſt?“ „Ich habe ihn gebeten, ein wenig ſpazieren zu gehen.“ „Lege meinen Kopf ein wenig höher! ſo! und gieb mir Deine beiden Hände!“ Der Kranke ſchwieg ein paar Augenblicke, dann ſprach er mit großer Klarheit nund Entſchiedenheit; daß man deutlich ſah, er hatte, was er jetzt ſagte, lange mit ſich herumgetragen und oft in ſeinem alten ſchwachen Kopfe überdacht:. „Mein liebes Kind! Reich ſein iſt wohl ein gutes Ding, wenn der, welcher reich iſt, auch ein gutes Herz hat; aber ich glaube, es iſt ſehr ſchwer, daß ſich Eines zum Andern findet, oder Eines bei dem Andern bleibt. Und Klugſein iſt wohl auch ein gutes Ding, aber ohne Gutſein iſt's gar wenig nütze. „Sieh, liebes Kind, Deine Mutter und ich, wir haben achtzehn Jahre zuſammengelebt und ich habe Deine Mutter nächſt Gott immer am meiſten geliebt und geehrt; ich glaube auch, daß ſie ſich Mühe gegeben hat, mich wieder zu lieben und lege es ihr nicht zur Laſt, daß— es ihr nicht gelungen iſt. Nein, nicht ihr; nur mir ſelbſt. Ich hätte mir eine Frau nehmen ſollen, die dem Alter nach und auch ſonſt mehr für mich paßte, aber ich war eitel und hoffärtig und wollte eine ſchöne, ſtattliche, kluge Frau, welche die Leute bewunder⸗ ten, und Deine Mutter war ſchön; ſtattlich und klug; viel zu ſchön und zu klug für mich, der ich ein unbedeutender, einfacher Menſch bin und mich nie recht auf die Welt verſtanden habe. So fühlte ich denn wohl immer im Stillen, daß ich nicht der Mann war, Deine Mutter glücklich zu machen; aber ſie hat es mich eigentlich niemals merken laſſen, als in dieſer letzten Zeit.“ Der alte Mann ſenkte traurig ſein graues Haupt und wiederholte: „In dieſer letzten Zeit, wo ſie Dich mit Deinem Couſin Felir verheirathen wollte, und ich nicht Ja und Amen dazu ſagen konnte, Da habe ich es wohl herausgefunden, daß wir in den wichtigſten und heiligſten Dingen ſo ganz verſchieden dachten und fühlten, und ob ich im Rechte war oder ſie— darauf kommt es hier nicht an— Dritter Band. 5 aber, mein liebes Kind, es iſt ein böſes Ding, wenn was ſich lieben ſollte, ſich nicht lieben kann; ein böſes Ding, liebes Kind, das einem wohl das Herz brechen mag.“ Und als der alte Mann ſo ſprach, rollten ihm die Thränen über die bleichen, runzligen Wangen. Helene ſaß ſtill und bleich da. Ihre Hände zitterten. Die Worte des Vaters mußten ſie in's tiefſte Herz getroffen haben. „Darum,“ fuhr der Baron nach einer kleinen Pauſe fort,„iſt es von jeher mein Grundſatz geweſen, daß die Eltern nicht hinein⸗ reden ſollen in die Liebe ihrer Kinder, ſondern nur Gott bitten, daß er ihr Herz zu einer weiſen Wahl lenke. So habe ich Dir denn damals und auch jetzt freie Wahl gelaſſen; damals haſt Du Dich nicht entſcheiden können; jetzt haſt Du Dich entſchieden. Ich will es Dir nicht verhehlen, daß ich mich in den Fürſten nicht habe finden können, und daß ich wohl möchte, Dein Gatte wäre weniger vornehm und weniger reich; aber auch ſo will ich zu Gott das Beſte hoffen. Du biſt ja ein gutes, kluges Mädchen und wirſt nicht leichtſinnig, nicht hoffärtig gewählt haben; nein, nein, nicht leichtfinnig, nicht hoffärtig, denn Du biſt mein gutes, kluges Mädchen,“ wiederholte der alte Mann, als Helene, die ihre Bewegung nicht länger beherr⸗ ſchen konnte, ihr ſchönes Haupt an ſeiner Bruſt verbarg und in ein leidenſchaftliches Weinen ausbrach. „Was iſt Dir, mein Mädchen,“ ſagte er, erſchrocken über dieſe plötzliche Heftigkeit, und dann, als ob ihm ein Gedankenblitz auf einmal die dunkeln Stellen im Hetzen ſeiner Tochter erleuchte:„Um Gotteswillen, Kind, Du haſt Doch nicht am Ende Dein Auge durch den Mammon blenden laſſen! Du liebſt den Fürſten nicht? Du biſt nicht der Stimme Deines Herzens gefolgt, die Dich vor dem düſtern, kalten Manne warnte, ſondern den Rathſchlägen Deiner Mutter? o, mein Kind, mein unglückliches Kind, ſo hat mich meine Ah⸗ nung nicht betrogen! Aber noch iſt es Zeit, umzukehren. Ich ſelbſt will mit dem Fürſten ſprechen, ſogleich will ich mit ihm ſprechen; er wird mit einem todkranken alten Manne Mitleid haben.“ Und er richtete ſich mit einer krampfhaften Anſtrengung in ſei⸗ nem Bett in die Höhe. Durch Nacht zum Licht. Es war ein fürchterlicher Kampf, der, während der Baron ſo ſprach, in Helenen's Herzen tobte. Gab es denn wirklich noch einen Ausweg aus dem entſetzlichen Labyrinthe, in welchem ſie ſich verwirrt hatte? Konnte der Schritt, der verhängnißvolle Schritt, zurückgethan werden? Um welchen Preis? um den Preis der Demüthigung ihres Stolzes! Mitleid ſollte ihr ſtolzer Verlobter haben! Mitleid mit dem alten Manne, ihrem Vater! Mitleid mit ihr ſelbſt... nimmer— nimmermehr! „Nein, nein, nein! rief ſie, beide Hände des Vaters ergreifend; „Du irrſt, Vater! Ich bin nicht unglücklich! ich habe mich nicht ver⸗ blenden laſſen! ich— ich liebe den Fürſten— ich werde ihn lieben, ich will verſuchen, ihn zu lieben; ich werde.. Sie konnte nicht weiter ſprechen; ein Krampf ſchnürte ihr die Kehle zu; ihre bleichen Lippen bewegten ſich, ohne die Worte bilden zu können, mit denen ſie ſelbſt ſich ihr Todesurtheil ſprach. „O, lieber, großer Gott!“ betete der alte Mann,„erleuchte mei⸗ nes Kindes Herz!— Kind, Kind! laß Deinen Vater nicht mit dieſer fürchterlichen Angſt aus dem Leben gehen!— Ach, wenn ich Dir doch Alles ſagen könnte, wie ich es fühle; o, dieſer Schmerz! mein Gott, mein.. Der Kranke fiel auf ſein Kiſſen zurück. Helene umfing ihn mit ihren Armen: „Vater, lieber Vater; ich will ja Alles thun, was Du verlangſt; ich will dem Fürſten ſagen— heiliger Gott, was iſt das?“ Die Hände des Kranken begannen zu zucken; kalter Schweiß be⸗ deckte ſeine Stirn.. Es war der Tod. Helene ſah es mit Entſetzen. Und keine Hilfe da, keine Hilfe!... Sie eilte nach der Klingel und riß daran, daß ihr der Glockenzug in der Hand blieb, dann ſtürzte ſie wieder zu dem Bett zurück, aber die kalten Hände zuckten nicht mehr; die rollenden Augen waren ſtarr. Welche Hülfe auch noch kam— ſie kam zu ſpät; und Helene warf ſich laut weinend auf die Leiche des guten alten Mannes, deſſen treues, braves Herz bis zum letzten Mo⸗ ment ſo warm für ſie geſchlagen hatte und nun ſtille ſtand für immer. X Dritter Band. 7 Zweites Capitel. Während oben der Tod mit einem Strich eine Lebensrechnung quitt machte, war unten in den Gemächern der Baronin der Trödel von Soll und Haben in vortrefflichem Gange geweſen. Die Baronin lebte und webte in dieſem Trödel und hatte einen gar ſcharfen Blick für Alles, was auf dem Markte vorging. Der Tod ihres Gemahls, den ſie mit Sicherheit erwartete, mußte ihre Situation ſehr weſentlich verändern, aber ſie war im Ganzen mit dieſer Veränderung keineswegs unzufrieden. Freilich die Erſparniſſe aus den Einkünften vom Majorat, die bis jetzt ihr und Helenen zu gute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Malte's mündigem Alter zum Capital geſchlagen wurden, gingen dann verloren; aber die Geſammtſumme dieſer Erſparniſſe belief ſich jetzt ſchon auf eirca hunderttauſend Thaler, alle in guten Papieren angelegt— eine kleine Summe, wenn man ſie mit dem Majorats⸗ vermögen verglich; aber immerhin genug, wenn man Stantow und Bärwalde, dic beiden Güter aus dem Nachlaſſe Harald's dazu rechnete. So hatte ſich Alles ganz nach ihrem Wunſch arrangirt und wenn alſo Grenwitz jetzt ſterben ſollte, ſo. In dieſem Augenblicke wurde der Baronin ein Brief gebracht. „Von Felix,“ murmelte ſie, einen Blick auf das Couvert werfend, und ſie trat dann an das Fenſter, um den Brief zu leſen. Der Brief war nur ſehr kurz, offenbar von der zitternden Hand eines Kranken mühſam geſchrieben und lautete: „Liebe Tante! Seit einigen Tagen geht es mit meinem Befin⸗ den ſo ſpottſchlecht, daß, wenn dieſer Brief in Ihre Hände kommt, ich möglicherweiſe nicht mehr am Leben bin, wenn man dies von Schmerz geplagte, aus dem letzten Loche pfeifende gottverdammte Daſein überhaupt noch Leben nennen kann. Wie's aber auch kommt, es iſt die höchſte Zeit, daß ich Ihnen über die*** Angelegenheit reinen Wein einſchenke.** iſt nicht, wie ich Ihnen geſagt habe, bereits abgefunden; er hat, bis das Legat Onkel Harald's verjährt Durch Nacht zum Licht. iſt, monatlich 400 Thlr., und dann, wenn er bis dahin reinen Mund hält, weitere 600 Thlr. zu fordern, die Sie ihm geben werden, wenn Sie nicht durch den Hallunken in des Teufels Küche gebracht ſein wollen. Pro Monat November habe ich ihm bereits 400 vor meiner Abreiſe von Grünwald geſchickt. Ich kann nicht weiter. Ihr treuer Felix. P. S. Laſſen Sie, wenn Sie mich ein wenig lieb haben, meine Spitz⸗ buben von Gläubiger ſo lange als möglich zappeln. Moſes Hirſch hat noch einen Wechſel über 1000 Thlr. von mir in Händen. Bieten Sie ihm 250; er hat dann immer noch 50 Procent.“ Die Baronin trat vom Fenſter zurück, ging an den Kamin, legte den Brief auf die glühenden Kohlen und wartete bis die Flamme ihn erfaßt und verzehrt hatte. Dann ſchritt ſie langſam in dem Zimmer, in welchem es bereits zu dunkeln begann, auf und ab. Dieſe mangel⸗ hafte Beleuchtung war die günſtigſte für ein Geſicht, das von Zorn förmlich entſtellt war. Sie murmelte Verwünſchungen gegen Felix, gegen Albert, gegen Oswald leiſe durch die Zähne.„Nicht einen Pfennig ſoll der Schuft haben, nicht einen rothen Pfennig! Ich werde ihn mir kommen laſſen und es ihm in's Geſicht ſagen, und dazu, daß er ſich hüten ſoll, noch ein einziges Wort... Was giebt's?“ unterbrach ſie ihren Monolog, als der Bediente abermals in's Gemach trat. „Herr Geometer Timm wünſcht in Geſchäftsangelegenheiten ſeine Aufwartung zu machen.“ Anna Maria ſchrak zuſammen. Dieſes ungerufene Kommen des gefährlichen jungen Menſchen ſah wie eine Drohung aus. Sie hatte auf einmal alle Luſt verloren, Herrn Timm in's Geſicht zu ſagen, daß er nicht einen rothen Pfennig von ihr zu erwarten habe. „Melden Sie Herrn Timm: ich ließe ſehr bedauern, ihn nicht empfangen zu können; der Herr Baron ſei gefährlich erkrankt!“ „Das habe ich ihm ſchon geſagt, Frau Baronin; aber er meint: er müſſe Sie in wichtigen Angelegenheiten ſprechen und wolle Sie nur zwei Minuten aufhalten“ „So laſſen Sie ihn kommen: aber— Sie können Licht bringen, Johann, und dann im Vorzimmer bleiben, im Fall ich etwas auszu⸗ richten hätte.“ „Zu Befehl, Frau Baronin.“ Dritter Band. 9 Gleich darauf trat, von dem Bedienten, der die Thür wieder hinter ihm ſchloß, hereingeführt, Albert Timm in das Zimmer. „Guten Tag, oder vielmehr guten Abend,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich der Baronin mit ſcheinbar vollkommener Unbefangenheit näherte;„ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, wenn ich zu einer ungelegenen Zeit komme. Der alte Herr iſt krank, höre ich? hoffe, es wird nicht viel zu ſagen haben; wäre wieder fortgegangen; aber ich habe Ihnen in der bewußten Angelegenheit eine neue wichtige Entdeckung mitzutheilen, die keinen Aufſchub verſtattet. Wollen wir uns indeſſen nicht ſetzen? Sie erlauben?“ Und Herr Albert Timm ſchob mit einem Ruck der Baronin einen Lehnſeſſel hin und hatte ſich in dem nächſten Augenblick in einen andern geſetzt. Anna Marie war noch immer nicht mit ſich einig, welches Beneh⸗ men ſie gegen dieſen Menſchen annehmen ſollte. Aber ſie fühlte wohl, daß man ſo leicht mit Herrn Albert Timm nicht fertig werde. So nahm ſie denn auf dem dargebotenen Seſſel Platz und ſagte in ihrem feierlichſten Ton: „Sie werden entſchuldigen, wenn ich Sie unter den Ihnen ſchon vom Bedienten mitgetheilten traurigen Umſtänden erſuche, ſich möglichſt kurz zu faſſen, Herr Geometer.“ „Bitte, bitte,“ ſagte Albert;„ganz mein Fall; bin im Handum⸗ drehen fertig. Die Sache iſt die: Ganz zufällig, wie denn überhaupt der Zufall eine merkwürdige Rolle in dieſer Angelegenheit ſpielt, habe ich in Erfahrung gebracht, daß zwei Perſonen, die zu der Zeit, als Fräulein Marie Monbert in Grenwitz war, im Dienſte des Baron Harald ſtanden, und von dem Herrn Baron mit ſeinem ganz beſon⸗ deren Vertrauen beehrt wurden, z. B. in die ganze Entführungsgeſchichte vollkommen eingeweiht waren, noch exiſtiren, und wie ich nicht zweifle, bereit ſein würden, in einem etwaigen Erbſchaftsproceſſe vor dem Gericht als Zeugen aufzutreten. Die Ausſagen dieſer Perſonen würden um ſo ſchwerer in's Gewicht fallen, als ſie Beide ſich nicht nur des beſten Leu⸗ mundes erfreuen, ſondern ſchon durch ihre Lebensſtellung beſonderes Vertrauen erwecken. Die eine dieſer Perſonen iſt Küſter in hieſiger Stadt, ein allgemein geachteter Mann; die andere— eine Frau— 10 Durch Nacht zum Licht. lebt in der Reſidenz und iſt trotz ihres hohen Alters noch immer in ihrem Berufe— der nebenbei ein halb ärzilicher iſt— thätig. Wenn ich überhaupt je gezweifelt hätte, daß der bewußte junge Mann, wirk⸗ lich, d. h. vor Gericht erweislich, der Sohn des ſeligen Baron Harald von Grenwitz ſei, ſo würde dieſer Zweifel nach dieſen neueſten Ent⸗ deckungen vollkommen bei mir geſchwunden ſein und ich glaube, Frau Baronin, daß Sie mir darin beiſtimmen werden.“ Wenn außer Felix Brief noch etwas nöthig geweſen wäre, um das Herz Anna Maria's zum Zorn zu entflammen, ſo war es die Weiſe, mit welcher Albert Timm das ihr ſo verhaßte Thema weiter führte. Den⸗ noch antwortete ſie mit der Ruhe, welche ſie ſich in Geſchäftsverhand⸗ lungen zur unumſtößlichen Pflicht gemacht hatte: „Darf ich Sie erſuchen, Herr Geometer, mir zu ſagen, zu welchem Zwecke Sie mich mit dieſen Mittheilungen beehren?“ „Recht gern, Frau Baronin; ich komme eigentlich nur deßhalb. Sie wiſſen, daß man für einen Vogel in der Hand mehr fordern kann, als für einen, der vorläufig noch auf dem Dache ſitzt, und daß, wer ein Ding billiger verkauft, als es werth iſt, gerechten Anſpruch auf den Titel eines Narren hat. Nun kennen Sie die Bedingungen, unter denen ich Baron Felix verſprochen habe, in der bewußten Erbſchafts⸗ angelegenheit reinen Mund zu halten“— „Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr Geometer. Ich weiß nichts von ſolchen Bedingungen; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben, Sie, einzig und allein zu dem Zweck, uns vor Ihnen Ruhe zu verſchaffen, durch irgend eine beliebige Summe abzufinden, und mein Neffe hat mir noch vor ſeiner Abreiſe die Verſicherung gegeben, daß dieſe Angelegenheit definitiv erledigt ſei. Ich muß Sie alſo ein für allemal bitten, nicht wieder auf abgethane Sachen zurückzukommen und mich zu entſchuldigen, wenn ich Sie heute nicht länger mehr bei mir ſehen kann.“ Die Baronin wollte ſich erheben, als Albert mit einem ſo ſcharfen, ſchneidenden Ton ſagte:„Bitte, behalten Sie noch einen Moment Platz, Frau Baronin!“ daß ſie dieſem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge leiſtete. „Ich habe es ſatt, länger mit mir ſpielen zu laſſen;“ fuhr Albert Dritter Band. 11 in demſelben Tone fort.„Wenn Baron Felir Ihnen nicht geſagt hat, was wir untereinander abgemacht haben, ſo hat er es aus Feigheit oder Berechnung nicht gethan. Uebrigens kommt auch gar nichts darauf an, ob Sie die alte Verabredung kennen oder nicht: denn ich komme gerade deßhalb her, um Ihnen zu ſagen, daß ich nach den neueſten Entdeckungen nicht länger geſonnen bin, Sie ſo leichten Kaufes los zu laſſen. Ich fordere jetzt rund und klar dreißigtauſend Thaler, zahlbar binnen hier und vierzehn Tagen: und erſuche Sie, mir eben ſo rund und klar zu antworten, ob Sie zahlen wollen oder nicht.“ „Dieſe Unverſchämtheit geht zu weit,“ ſagte Anna Marie, ſich von ihrem Sitz erhebend und nach der Schelle, die neben ihr auf dem Tiſche ſtand, greifend. „Laſſen Sie das Ding ſtehen,“ ſagte Albert kaltblütig;„das Klingling könnte Ihnen theuer zu ſtehen kommen. Bedenken Sie wohl, was Sie thun! Wenn wir aufhören, gute Freunde zu ſein, ſo giebt's einen Kampf auf Tod und Leben; und ſeien Sie verſichert: Albert Timm giebt keinen Pardon. Noch einmal: wollen Sie zahlen, oder nicht?“ In dieſem Augenblick wurde die Thür geöffnet. Der Bediente trat mit zwei brennenden Armleuchtern herein, dicht hinter ihm kam der Fürſt. Der Bediente ſtellte die Leuchter auf den Tiſch und entfernte ſich; der Fürſt bemerkte erſt, als er das halbe Zimmer ſchon durch⸗ ſchritten hatte, daß außer der Baronin noch Jemand da war. „Ah pardon, Madame,“ ſagte er,„ich glaubte von dem Bedienten zu vernehmen, daß Sie allein ſeien. Befehlen Sie, daß ich mich wieder entferne?“ „Nicht doch, mein Fürſt,“ erwiderte Anna Maria,„ich habe mit dem jungen Menſchen nichts mehr zu reden,“ und ſie machte gegen Albert eine Handbewegung, die ausdrücken ſollte, daß er entlaſſen ſei. Herr Albert Timm wedelte mit dem Hut, den er in den auf den Rücken gelegten Händen hielt und ſagte mit unvergleichlicher Kaltblü⸗ tigkeit, den einen Fuß ein* vorſtreckend: „Es ſcheint mir, gnädige Frau, Sie wollen, daß ich meine letzte Frage in Gegenwart dieſes Herrn wiederhole?“ „Wer iſt der junge Menſch?“ fragte der Fürſt einigermaßen ver⸗ 12 Durch Nacht zum Licht. wundert über Albert's Benehmen und das aufgeregte Weſen der Baronin. „Ein Menſch,“ antwortete dieſe,„der uns ſeit einiger Zeit unter dem Vorwande, im Beſitz von Gott weiß welchen Familiengeheimniſſen zu ſein, mit unverſchämten Forderungen verfolgt, ſo daß ich mich wohl genöthigt ſehen werde, die Polizei gegen ihn in Anſpruch zu nehmen.“ Der Fürſt blickte Albert aus ſeiner ſtattlichen Höhe herab von oben bis unten an, ging dann langſam nach dem Tiſch, nahm das ſilberne Glöckchen und ſchellte. Der Bediente trat ſofort herein. „Führen Sie dieſen Menſchen hinaus!“ ſagte der Fürſt. Der Bediente war über dieſen Befehl ſo erſtaunt, daß er nicht wußte, ob er recht gehört hatte, oder nicht. Er blickte mit einem ver⸗ legenen Geſicht von dem Fürſten auf Herrn Albert Timm(der noch immer, mit dem Hute wedelnd, ruhig daſtand), von Herrn Albert Timm auf den Fürſten. „Haben Sie nicht gehört,“ ſagte dieſer Letztere, die ſchwarzen Brauen drohend zuſammenziehend. Der Mann trat einen Schritt auf Timm zu. „Ich will Ihnen die unangenehme Alternative, von mir die Naſe eingeſchlagen zu bekommen oder aus dem Dienſt gejagt zu werden, er⸗ ſparen, guter Freund,“ ſagte Albert gemüthlich;„und deßhalb ſelber gehen. Was Sie anbetrifft, Frau Baronin, ſo ſprechen wir uns in kurzer Zeit wieder, aber aus einem andern Ton, und was Sie angeht, junger Menſch, ſo möchte ich Ihnen den guten Rath geben, ſich künftig nicht in Angelegenheiten zu miſchen, die Sie trotz des pompöſen Airs, das Sie ſich geben, durchaus nichts angehen.“ Der Fürſt machte eine Bewegung nach ſeiner linken Seite hin. Glücklicherweiſe hatte er den Degen im Vorzimmer abgelegt. Albert aber wartete weitere Entſchließungen des ſchwer gereizten Löwen nicht ab, ſondern verließ mit einer ſpöttiſchen Verbeugung das Gemach. Der Fürſt, dem ſo etwas im Leben noch nicht vorgekommen war, ſah ganz verblüfft drein, die Baronin blickte verlegen zu Boden. „So etwas könnte bei uns in Rußland nicht vorkommen,“ ſagte der Fürſt. Dritter Band. 13 „Ich bedauere, daß Sie der Zufall zum Zeugen einer ſo unange⸗ nehmen Scene gemacht hat,“ ſagte die Baronin. In dieſem Augenblicke kam der Bediente ſchreckensbleich wieder in's Zimmer geſtürzt und rief athemlos: „Gnädige Frau, kommen Sie geſchwind, der gnädige Herr liegt im Sterben.“ „Oh mon Dien!“ rief die Baronin und ſchien in Ohnmacht fallen zu wollen. Faſſung, Madame, Faſſung!“ ſagte der Fürſt.„Ertragen Sie was ertragen werden muß! Wollen Sie ſich auf meinen Arm ſtützen? Sie da! leuchten Sie uns!“ Drittes Capitel. Um dieſelbe Zeit— vielleicht noch etwas früher— waren in der Conditorei neben der Hauptwache am Markt— dem Verſammlungsorte der Grünwalder jeuuesse dorée— zwei Herren am Billardtiſche mit dem Eifer thätig, welcher geſchäftliche Müßiggänger ſo wohl kleidet. Die beiden Herren waren von Barnewitz und von Cloten. Von Cloten, welcher in allen Künſten, die keinen guten Kopf, ſondern nur ein ſcharfes Auge und eine ſichere Hand erfordern, excellirte, hatte ſeinem Gegner alle Partien abgenommen, und die natürliche Folge davon war, daß der junge Mann ſich einer ebenſo vortrefflichen Stimmung erfreute, als der Andere ärgerlich drein ſchaute. „Noch eine, Barnewitz?“ ſagte Cloton triumphirend, als er eben die zwölfte Partie mit einem glänzenden Triplé beendigt hatte. „Danke!“ ſagte Barnewitz, ſeine Queue auf das Billard werfend; „bin heute nicht in der rechten Stimmung; kann überhaupt bei dem verdammten Zwielicht nicht gut ſpielen.“ „Wollen uns die Lampen anſtecken laſſen.“ „Nein, danke! ein andermal! Kannſt mir morgen Vormittag Re⸗ vanche geben.“ Cloten legte jetzt ſeine Queue ebenfalls hin, trat vor den Spiegel und drehte ſich den blonden Schnurrbart, während Barnewitz ſich auf 14 Durch Nacht zum Licht. einen Sopha warf und gähnte. „s iſt verdammt langweilig,“ ſagte er;„man weiß doch bei Gott nicht, wie man den Nachmittag hinbringen ſoll.“ „Wollen ſpazieren gehen.“ „Bei der Hundekälte?“ „Partie Piquet?“ „ſt auch langweilig.“ „ne Flaſche Rothſpon?“ „Geht ſchon eher.“ „Ernſt! ne Flaſche Pichon und Licht!“ Der Kellner brachte das Verlangte. Cloten warf ſich Barnewitz gegenüber in einen Lehnſtuhl und ſtreckte die Beine von ſich. „Nu?“ „Nu?“ „Weißt Du nichts?“ „Nein; Du?“ „Nein.“ Nach dieſem Gedankenaustauſch trat, wie es wohl nicht anders ſein konnte, eine Ebbe ein und das Schiff der Unterhaltung blieb eine Viertel⸗ ſtunde lang auf einer Sandbank ſitzen, während deren die Herren ſchwei⸗ gend ihren Wein ſchlürften und ihre Cigarren rauchten. Cloten und Barnewitz waren, ſeitdem ſie im Sommer ſo hart an⸗ einander gerathen, äußerlich die beſten Freunde geweſen, während ſie ſich heimlich mit einem fortwährenden Mißtrauen beobachteten. Freilich war das Mißtrauen in dieſem Falle nur zu gerechtfertigt. Hortenſe Barnewitz war kaum in Grünwald angelangt, als ſie— die erfahrene Menſchen⸗ fiſcherin— ihr Netz nach ihrem alten Galan auswarf, und Cloten hatte um dieſe Zeit die Ehre, der Gatte der gefeiertſten Balldame zu ſein, ſchon zu problematiſch gefunden, als daß er derſelben nicht das ſtille Glück in den Armen ſeiner früheren Geliebten bedeutend hätte vorziehen ſollen. Barnewitz ſeinerſeits ließ es dem edlen Paar an Gelegenheit, ſich ungeſtört zu ſehen, nicht fehlen, da er ſich in Grünwald Hals über Kopf in einen Strudel von Vergnügungen ſtürzte, bei denen es dem rohen Edelmanne in jeder Beziehung mehr auf die Quantität als auf die Qualität ankam. Nichtsdeſtoweniger plagte ihn die Eiferſucht nach Dritter Band. 15 wie vor, und es war deßhalb keine geringe Genugthuung für ihn, als er mit eigenen Augen ſah, was allen Uebrigen ebenſo wenig entging: daß Emilie ihren Gemahl wie einen Schulbuben behandelte und offenbar einen würdigeren Gegenſtand für ihr liebebedürftiges Herz gefunden hatte. Barnewitz hatte ſchon lange eine Stunde herbeigewünſcht, wo er Cloten unter der Maske der Freundſchaft das Gerücht, welches über ihn und ſeine Frau in der Stadt circulirte, mittheilen könnte. Nun hatte er geſtern zufüllig neuen Skandalſtoff zu ſammeln Gelegenheit gehabt, und heute hatte er ſich über Eloten's Ueberlegenheit beim Billard hin⸗ reichend geürgert, um, nachdem er ſeine Zeit lang über eine paſſende Einleitung nachgedacht, plötzlich zu fragen: „Wie geht's Deiner Frau, Cloten?“ „Danke, gut; weßhalb?“ erwiderte Cloten, über dieſe brüske Frage nicht wenig verwundert. „Nun, man wird doch nach Deiner Frau fragen dürfen; oder iſt auch das nicht einmal erlaubt?“ „Allerdings, aber wie kommſt Du darauf?“ „Weil ſie in den letzten Tagen ſo außerordentlich liebenswürdig war.“ „Iſt das etwas ſo Merkwürdiges?“ fragte Gloten, nicht ohne einige Verlegenheit ſeinen Schnurrbart drehend. „Gewiß; denn ſie hatte die Zeit vorher Alle, Dich nicht ausge⸗ nommen, ſo ſchauverhaft tractirt, daß man über dieſen plötzlichen Wechſel einigermaßen erſtaunt ſein durfte. Uebrigens iſt's nicht mir allein auf⸗ gefallen; alle Welt ſpricht darüber.“ „Die Welt ſollte ſich doch nur an ihre eigene Naſe faſſen,“ ſagte Cloton, mit vor Aerger zitternder Hand ſein Glas füllend. „Gewiß; aber ſie thut's nun einmal nicht.“ „Der Teufel ſoll ſie holen.“ „Meinetwegen; aber wenn Du lieber von etwas Anderem ſprechen willſt, mir iſt's recht. Ich dachte nur, daß ich, als Dein älteſter Freund, die Pflicht hätte, Dich auf gewiſſe Dinge aufmerkſam zu machen.“ „Nun, ſo komm endlich einmal heraus mit der Sprache,“ ſagte Cloten mit nervöſer Heftigkeit:„was ſoll's? was giebt's?“ „Ich werde mich wohl hüten, wenn Du bei dem erſten Worte ſchon in eine ſo verteufelte Aufregung geräthſt.“ 16 Durch Nacht zum Licht. „Ich bin nicht aufgeregt,“ rief Cloten und ſtieß zum Beweis der Wahrheit ſeiner Worte ſein Glas auf den Tiſch, daß der Fuß abbrach und der Wein auf die Platte ſtrömte. „Du biſt ein wunderlicher Menſch,“ ſagte Barnewitz.„Warte doch, bis Du Urſache haſt, Dich zu ereifern. Was iſt's denn bis jetzt? Man erzählt ſich, daß Ihr nicht gerade Seide mit einander ſpinnt, daß Deine Frau ihre eigenen Wege geht, daß Ihr Euch manchmal ſo zankt, daß es die Leute in der Küche hören, und ſo weiter!“ „Wer erzählt ſich das?“ „Alle Welt.“ „Und was glaubſt Du davon?“ Barnewitz zuckte die Achſeln. „Ich möchte Dir nicht gern weh thun, Arthur; aber leugnen kann ich's nicht, daß mir das Betragen Deiner Frau höchſt verdächtig vor⸗ kommt. Es ſcheint mir, wie ſo ziemlich unſerem ganzen Kreiſe un⸗ zweifelhaft, daß ſie irgend ein Verhältniß hat und ich glaube auch, daß ich in Beziehung auf die Perſon die richtige Fährte habe. „Ich beſchwöre Dich, daß Du mir Alles ſagſt, was Du weißt,“ ſagte Cloten mit pathetiſcher Geberde. „Erinnerſt Du Dich der Geſellſchaft, die ich im Sommer gab? Aber, was ſollteſt Du nicht; wir wollten uns ja damals gegenſeitig die Köpfe einſchlagen, ha, ha, ha! Nun, ſchon auf dieſer Geſellſchaft hat Deine Frau mit dem verdammten Bengel, dem Doctor Stein auf eine ſchmähliche Weiſe coquettirt, daß es Allen auffiel, auch mir. Ich hatte die Sache indeſſen vollkommen vergeſſen, bis ich geſtern wieder daran erinnert wurde. Ich war geſtern, wie Du Dich erinnerſt, früher von Stilow's weggegangen, weil mir, offen geſtanden, der Wein zu ſchlecht war, und ich großen Durſt hatte. So gerieth ich denn in den Raths⸗ keller, wo die Geſellſchaft freilich gemein genug, der Wein aber vor⸗ trefflich iſt. Es ſaßen ſo ein Dutzend Menſchen: Literaten, Schauſpieler und ſonſtiges Geſindel um einen Tiſch und kneipten, unter ihnen unſer alter Bekannter, der Feldmeſſer Timm, der das große Wort führte. Ich ſetzte mich in einiger Entfernung, ließ mir ein paar Dutzend Auſtern und eine Flaſche Champagner geben und hörte zu, weil ich wohl zu⸗ hören mußte. Sie ſprachen Gott weiß was für verrücktes Zeug, von Dritter Band. dem ich kein Wort verſtand, und ich dachte noch ſo in meinem Sinn: welche Heuochſen doch dieſe Menſchen ſind, und wollte eben einnicken, als plötzich Dein Name genannt wurde, oder vielmehr nicht Dein Name, ſondern der Deiner Frau. Natürlich war ich ſofort wieder hell wach.—„Wer iſt das?“ fragte Einer.„Eine ganz famoſe Perſon,“ ſagte Timm.—„Nun, und die pouſſirt Freund Stein?“— So iſt es. —„Ein verteufelter Kerk, dieſer Stein— Wie iſt er denn an die ge⸗ kommen?“„Das iſt eine lange Geſchichte,“ ſagte Timm, und nun ſteckten ſie die Köpfe ſo zuſammen und ſprachen ſo leiſe, daß ich das Uebrige nicht verſtehen konnte. Jedenfalls lachten ſie dabei wie toll und ich hatte große Luſt, ihnen ein paar Flaſchen an den Kopf zu werfen.“ „Weshalb haſt Du's nicht gethan?“ fragte Cloten ärgerlich. „Ich fange in einem fremden Local nicht gerne Skandal an; es iſt mir zu oft ſchlecht bekommen,“ erwiderte der philoſophiſche Edelmann, ſich den Reſt der Flaſche in ſein Glas gießend. Eine Pauſe entſtand, die Cloten mit den in heftigem Ton ausge⸗ ſtoßenen Worten unterbrach:„Ich glaube kein Wort von alldem!“ Barnewitz zuckte die Achſeln. „'s iſt auch das Beſte, was Du thun kannſt.“ „Ich verbitte mir dergleichen!“ rief Cloten auffahrend. „Ich ſage nichts, als was die Welt ſagt;“ erwiderte Barnewitz, ſein Glas behaglich ſchlürfend. „Du meinſt wohl: über Dich ſagt die Welt nichts?“ fragte Cloten höhniſch. „Was ſagt die Welt von mir?“ rief Barnewitz jetzt ebenfalls auf⸗ ſpringend.„Der Teufel ſoll Den holen, der es wagt— und ich dächte, Du hätteſt vor allen Grund, Dein Maul zu halten.“ „Grund oder nicht. Ich ſehe nicht ein, weshalb ich nicht eben ſo gut ſprechen darf, wie Du.“ „So'n Kerl, wie Du!“ ſagte Barnewitz, die Hände in die Taſchen ſteckend, mit höhniſchem Grinſen;„Du denkſt wohl Wunder, welches Glück Du bei den Damen machſt.“ Wer weiß, zu welchen Handgreiflichkeiten dieſer Wortwechſel noch geführt haben würde, wenn ſich nicht gerade jetzt die Thür zum Billard⸗ zimmer geöffnet hätte und der Herr Profeſſor Jäger, nachdem er durch Fr. Spielhagen's Werke. KII. 2 18 Durch Nacht zum Licht. ſeine runden Brillengläſer einen vorſichtigen Blick hineingeworfen, in das Gemach geſchlichen wäre. Herrn Profeſſor Jäger's Erſcheinung gehörte niemals zu den rei⸗ zenden; heute Abend aber lag noch ein ganz beſonderer Duft von Wider⸗ wärtigkeit auf ſeinem blaſſen Geſicht. Sein ſtereotypes Lächeln mit den heruntergezogenen Mundwinkeln trat um ſo mehr hervor, als er ſich offenbar Mühe gab, die Stirn in die ernſteſten Falten zu legen und durch die runden Brillengläſer möglichſt melancholiſch drein zu ſchauen, ſo daß er Alles in Allem einem ſchwarzen Kater glich, der mit gekrümmten Buckel ſchnurrend die Beine Jemandes umſtreicht, den er im nächſten Augenblick grimmig in die Hände kratzen wird. So näherte er ſich den beiden Edelleuten, machte ihnen eine ſehr verbindliche Verbeugung und ſagte: „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, wenn ich die entente cordiale zweier Buſenfreunde ſtöre, indeſſen“— „Kommen Sie her, Profeſſor,“ ſagte Barnewitz, der ſehr froh über dieſe Störung war,„trinken Sie ein Glas Pichon mit; Kellner noch eine“— „Bitte, bitte, danke ergebenſt, bedaure nochmals unendlich, daß ich die Herren in dieſem gemüthlichen Plauderſtündchen unterbreche, indeſſen ich hörte in Ihrem Hauſe, Herr von Cloten, daß ich Sie hier finden würde und eine Sache von Wichtigkeit, die ich Ihnen mitzutheilen habe“— „Geniren ſich die Herren nicht,“ ſagte Barnewitz,„ich gehe ſo lange in's Leſezimmer.“ „Bitte, bitte— ich habe nur drei Worte“— „Na, immerzu, ruft mich nur, wenn Ihr fertig ſeid.“ Mit dieſen Worten ging Barnewitz in das Nebengemach, wo er die Ellenbogen auf den Tiſch und das Haupt in die Hände geſtämmt, ſich in die Lectüre des Grünwalder Amtsblattes vertiefte. Er war kaum fort, als Profeſſor Jäger ſich zu Cloten wandte und in geheimnißvollem Flüſterton ſagte: „Herr von Cloten, ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die Sie erſchrecken wird.“ Cloten wurde blaß und trat einen Schritt zurück. Sein erſter Gedanke war, daß ſein Pferdeſtall in Brand gerathen und Arabella Dritter Band. 19 und Macdonald, ſeine beiden Vollblutpferde, ein Raub der Flammen geworden. Aber der Profeſſor ließ ihn nicht lange in dieſer ſchrecklichen Ungewißheit, ſondern hauchte mit einer hohlen Geiſterſtimme, die Mund⸗ winkel ſo tief herunterziehend, daß ſie unter dem Kinn wieder zuſammen⸗ zuſtoßen ſchienen: „Ihre Frau Gemahlin“— „Ha!“ rief Cloten,„was ſoll's, was giebt's?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Jäger,„aber ich fürchte Schlimmes. Sehen Sie dieſes Blatt;(er faßte dabei in die Taſche und brachte ein zuſammengelegtes Stück Papier zum Vorſchein); ich hab' es ſo eben auf dem Schreibtiſch meiner Frau gefunden,— doch bevor ich Ihnen, was auf dem Blatt ſteht, vorleſe, ſchwören Sie wir, daß Sie nie ſagen wollen, von wem dieſe Nachricht urſprünglich ſtammt.“ „Ich ſchwöre, was Sie wollen,“ ſagte Cloten mit nervöſer Heftig⸗ keit,„was hat's mit dem Blatt auf ſich?“ „Gleich, gleich, laſſen Sie mich nun erſt ſagen, daß ſeit einigen Wochen eine Freundſchaft zwiſchen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entſtanden war, deren Intimität mich einigermaßen in Verwunde⸗ rung ſetzte, beſonders nachdem ich bemerkt hatte, daß ſich zu dieſen Zu⸗ ſammeukünften, die rein poetiſche Zwecke verfolgen ſollten— Sie wiſſen, Herr von Cloten, daß meine Frau Directrice des lyriſchen Kränzchens ift— ſtets, oder doch wenigſtens ſehr oft, eine dritte Perſönlichkeit ge⸗ ſellte, gegen die ich, offen geſtanden, von früher ſchon, eine unüberwind⸗ liche Antipathie hatte. Dieſe Perſönlichkeit iſt“— „Der Doctor Stein, weiß ſchon, weiter,“ ſagte Cloten mit athem⸗ loſer Haſt. „Sie wiſſen ſchon— in der That,“ ſagte der Profeſſor mit einem mephiſtopheletiſchen Lächeln, das unheimlich hinter den Brillengläſern hervorglitzerte,„o, ſo iſt mir ja der ſchwerſte Theil meiner Mitthei⸗ lungen erſpart. Nun, Herr von Cloten, wenn Sie es bereits wiſſen, will ich nicht weiter erwähnen, wie in meine ahnungsloſe Seele der erſte Feuerfunke des Verdachtes fiel, wie dieſer Funke durch mancherlei höchſt eigenthümliche Beobachtungen zur Flamme angeſchürt wurde, die mein Herz, das für das Glück meiner Brüder ſchlägt(ier legte der Profeſſor die ſchwarzbehandſchuhte Hand auf die linke Bruſt), zu ver⸗ 2* 20 Durch Nacht zum Licht. zehren drohte. Meiner Frau den Umgang mit der betreffenden Perſön⸗ lichkeit zu verbieten, wagte ich nicht. Sie wiſſen, Herr von Cloten, Dichtergemüther ſind exaltirt und der äſthetiſche Standpunkt, von welchem aus“— „Aber ich bitte Sie, Herr Profeſſor, kommen Sie zur Sache,“ rief Cloten, der wie auf Kohlen ſtand,„was ſteht denn auf dem Blatte?“ „Sehen Sie!“ ſagte Jäger, das Papier auseinanderfaltend,„es iſt das Brouillon eines Gedichtes, das ich, noch naß, auf dem Schreib⸗ tiſch meiner Frau, die, wie mir das Mädchen ſagte, einen Beſuch zu machen, ausgegangen war, ſo eben fand. Darf ich es Ihnen leſen?“ „Ja, in des Teufels Namen,“ rief Cloten, der in einer ſchrecklichen Aufregung war. Der Profeſſor Jäger rückte ſich ſeine Brille auf der Naſe zurecht, ſchob das Licht etwas näher und las mit halblauter, ſchnarrender Stimme, während ihm der junge Edelmann über die Achſel auf das Papier ſah: „Grünwald, den zehnten December 1847— Sie ſehen, das Datum ſtimmt genau. In's Album einer Fliehenden. „ Du fliehſt!— es leuchten die funkelnden Sterne Bei der ſauſenden Jagd durch kimmeriſche Nacht; Du fliehſt! und ach, es folgte Dir gerne Die ſo tren Deine heimliche Liebe bewacht! Doch die eh'lichen Ketten, die harten, die kalten, Mich feſt auf dem Lager, dem freudloſen, halten— Du fliehſt— ich bleib' in kimmeriſcher Nacht. „Sie ſehen, dieſe poetiſchen Uebertreibungen einer ſonſt ſo keuſchen, liebevollen Seele,“ ſagte der Profeſſor, der die letzten Verſe mit etwas unſicherer Stimme geleſen hatte. „Weiter, weiter,“ drängte Cloten, den eigenes Leid gegen die Leiden ſeines Nebenmenſchen gleichgiltig machte. Der Profeſſor fuhr fort: Du fliehſt! es blitzen die ſchnee'gen Gefilde, Es donnert der Huf auf der Fläche von Eis, Dritter Band. 21 Es ſchreckt Dich die Nacht nicht, die ſchaurige, wilde, Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis. Du fliehſt! und mit Recht, was ſoll denn die Stolze, Die Schöne beim Gatten, der Puppe aus Holze Und Leder? was ſoll ihr ein Lager von Eis? „Das geht auf mich!“ ſagte Cloten vor Wuth mit den Zähnen knirſchend. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ erwiderte der Profeſſor,„aber hören Sie weiter!“ Du fliehſt! und drüben am felſigen Strande, Im Häuschen der Amme, ſo traut und fo klein, Da fallen die drückenden, feſſelnden Bande, Da nennſt Du ihn Dein, da nennt er Dich ſein. Da ſtürzen die feurigen Bäche zuſammen, Da ſchlagen zum Himmel die ſprühenden Flammen, In der Kammer der Alten, ſo nieder und klein. Du fliehſt! doch ach! nicht dort iſt der Hafen; Zu nah iſt der Späher; ſein Ange, es wacht; Wollt Ihr ſelig den Schlaf der Vergeſſenheit ſchlafen, Flieht, wo ein milderer Himmel Euch lacht! Flieht bis zur Seine geweihetem Strome, Wo Notre⸗Dame vom heiligen Dome Mit Mutteraug' über Liebende wacht.“ Der Profeſſor faltete das Blatt zuſammen, ſchob es wieder in die Taſche und ſagte: „Dieſes Gedicht machte mich, der ich die Dichtweiſe meiner Gattin kenne und weiß, daß ſie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt, ſehr beſtürzt. Wie erſchrak ich aber, als ich von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter zwiſchen den umhergeſtreuten Papieren kramend, dies Zettelchen fand—(hier faßte der Profeſſor in die Weſten⸗ taſche)— kennen Sie dieſe Handſchrift, Herr von Cloten?“ „Es iſt die Hand meiner Frau!“ rief der junge Edelmann, einen Blick auf das Papier werfend;„was ſchreibt ſie? Laſſen Sie ſehen! „Es bleibt bei der Verabredung, liebe Primula! Alles iſt bereit. Rendezvous drüben bei der Lemberg. Morgen um dieſe Zeit liegt eine 22 Durch Nacht zum Licht. Welt zwiſchen uns. Werde ich Sie noch einmal umarmen? Ich bin bis drei Uhr zu Haus. Gern, ſehr gern ſähe ich Sie— aber dürfen Sie es wagen; ohne Verdacht auf ſich zu lenken? Ich überlaſſe es Ihnen. Adieu, adieu, Theuerſte! Noch heute frei! O, ich kann den Gedanken nicht faſſen. Adieu! tauſendmal adieu!“— Himmelhöllen⸗ element!“ rief der glückliche Gatte, das Papier in der Hand zerknitternd und in die Taſche ſteckend.„Jetzt wird mir Alles klar! wußte ich doch gar nicht, was dies ewige Beſuchen der alten Perſon in Fährdorf zu bedeuten hatte! Aber ich will ihnen das Spiel verderben; ich will—“ Da Herr von Cloten in dieſem Augenblick ſo recht eigentlich noch nicht wußte, was er wollte, ſo ſchwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnſchmerzen Geplagter im Zimmer auf und ab. Profeſſor Jäger betrachtete ihn, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt und die Hände mit ſympathetiſcher Rührung ineinanderlegend, durch ſeine runden Brillengläſer, wie eine Ohreule das Flattern eines Gimpels, der ſich auf eine Leimruthe gefangen hat. „Sie können nicht glauben, theuerſter Herr von Cloten,“ ſagte er, „wie tief meine Seele über dies Alles betrübt iſt, und glauben Sie, ich hätte gewiß geſchwiegen, wenn es nicht eines guten Schäfers Pflicht wäre, das Lamm aus dem Rachen des Wolfes zu reißen. Denn ein Wolf iſt dieſer Menſch. Ich habe ihn vom erſten Augenblick als ſolchen erkannt; aber man wollte ja nicht auf mich hören. Jetzt kommt es an den Tag. Noch dieſen Morgen war der Canonicus Schwarz, einer der Scholarchen des Gymnaſiums, bei mir und erzählte mir, daß auf An⸗ trag des Director Clemens bereits eine Disciplinarunterſuchung gegen den entſetzlichen Menſchen eingeleitet ſei, deren Reſultat ohne allen Zweifel die Entlaſſung, die ſchimpfliche Entlaſſung deſſelben zur Folge haben werde; und während ich noch überlege, wie man am beſten, am ſchla⸗ gendſten documentiren könne, daß man den Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe, muß mir heute Nachmittag der Zufall dieſe Papiere in die Hände ſpielen, die den klarſten Beweis liefern, daß alles Schlimmſte was man dieſem Menſchen nachſagte, noch immer nicht ſchlimm genug war. Ich wußte vom erſten Augenblick an, was die Pflicht mir gebot. Sicher, daß meine Gattin nie erfahren werde, wie ich ſie gewiſſermaßen in dieſer Sache bloßgeſtellt habe, der Discretion eines Edelmanns gewiß, eilte ich—“ Dritter Band. 23 „Ich muß Barnewitz mit in's Vertrauen ziehen,“ rief plötzlich Cloten; und er machte eine Bewegung nach dem Zimmer, in welches ſich Barnewitz zurückgezogen hatte. „Um Gott, Herr von Cloten,“ rief der erſchrockene Profeſſor, „wollen Sie mich unglücklich machen? Bedenken Sie, Sie haben geſchworen, mich und meine Frau nicht zu verrathen—“ „Dummes Zeug,“ ſagte Cloten,„Sie wollen doch nicht, daß ich allein mich auf eine ſolche verdammte Geſchichte— Barnewitz!“ „Was giebt's?“ ſagte der Gerufene, von ſeinem Amtsblatt auf⸗ ſchauend. „Komm einmal her! Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzu⸗ theilen.“ Barnewitz kam und Cloten erzählte ihm mit fliegenden Worten, um was es ſich handle, während der Profeſſor, ſich verlegen die Hände reibend, daneben ſtand. „Es iſt kein Zweifel,“ ſchloß Cloten,„ich will's nur geſtehen, ich habe auch ſchon einen ähnlichen Verdacht gehabt; freilich auf den Halunken, den Stein, wäre ich nicht gefallen. Aber es trifft Alles ein. Ich weiß, daß ſie heute wieder nach Fährdorf hinüber wollte und jetzt fällt mir ein, daß ſie ganz gegen ihre Gewohnheit aus⸗ drücklich ſagte, ſie würde vor Abend nicht zurückkommen; und da Du nun geſtern Abend auch— o, es iſt kein Zweifel, kein Zweifel! was ſoll ich thun? was ſoll ich thun?“— und der junge Mann ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn. „Was Du thun ſollſt?“ ſagte Barnewitz;„ſie laufen laſſen, wohin ſie will.“ „Verzeihen Sie,“ ſagte der Profeſſor,„daß würde einen unge⸗ heuren Skandal geben, dem jetzt meiner Meinung nach durch ener⸗ giſches Handeln noch vorgebeugt werden kann.“ „Der Profeſſor hat Recht,“ ſagte Cloten;„wir dürfen ſie nicht weg laſſen; aber ich allein— willſt Du mir helfen, Barnewitz?“ „Avec plaisir,“ antwortete Barnewitz,„ich habe ſo ſtets eine Pique auf den Bengel gehabt.“ „Aber periculum äu mora, meine Herren. Sie müſſen ſich ſofort auf den Weg machen;“ ſchnarrte der Profeſſor. S 24 Durch Nacht zum Licht. „Das wollen wir,“ ſagte Cloten;„komm Barnewitz, ich kann Dir unterwegs mittheilen, was ich für einen Plan entworfen habe. Der Profeſſor begleitet uns noch ein Streckchen.“ „Recht gern, recht gern,“ erwiderte der Profeſſor;„meine Zeit iſt freilich beſchränkt, ſehr beſchränkt. Ah,— zu dieſer Thür hinaus; bitte, bitte, gehen Sie voran!“ Und die drei Herren verließen eiligſt das Local. viertes Capitel. Die breite Eisfläche zwiſchen dem Feſtlande und der Inſel war ſeit Wochen ſchon eine ungeheure Brücke. Man hatte in der That beinahe vergeſſen, daß der Fuß auf gefrornes Waſſer trat und der Huf des Pferdes ſo laut an die Thür über dem Abgrunde pochte. Was ſollte man auch fürchten, wenn man die dicken Blöcke ſah, welche die Fiſcher zur Warnung um die für die Fiſche ausgehauenen großen Löcher ſtellen, vorausgeſetzt, daß man nicht unvorſichtigerweiſe hinein⸗ lief, oder fuhr, was doch am Tage kaum möglich war. Und ſo lange nun die ſchrägen Winterſonnenſtrahlen auf dem blanken Eiſe glitzern, das rechts und links von der Stadt meilenweit den Sund bedeckt, wimmelt es auf„der Bahn“ von Fußgängern und Schlitten, die meiſtens mit einem, oft aber auch mit zweien und gar nicht ſelten mit vier Pferden beſpannt ſind. Wenn aber die Sonne untergegangen iſt, wenn dann die Nebel anfangen, dichter zu wallen, wird der ſchwarze bewegliche Faden, der ſich den Tag über von der Stadt nach dem Fährdorfe zog, dünner und dünner. Die Fiſcher, die meilenweit draußen in den Waken gefiſcht haben, kommen auf ihren niedrigen Schlitten herein. Auf⸗ recht auf dieſen Schlitten ſtehend, die ſie mit einem langen, unten mit einer eiſernen Spitze verſehenen Stange forttreiben, huſchen ſie mit wunderbarer Geſchwindigkeit, einer hinter dem andern, durch den grauen Nebel, anzuſchauen wie Geſpenſter der Oede, wie Geiſter des Dritter Band. 25 Nordlands. Und jetzt leuchten hüben und drüben Lichter auf, ver⸗ einzelt von der Inſel her, aber auf der Stadtſeite häufiger und weiterhin ſichtbar; und jetzt beginnen auch die Sterne, die vorher nur hier und da aus dem Abendhimmel herabſchauten, in Maſſe zu glänzen und zu funkeln und zu ſchimmern, daß ſich das Auge nicht ſatt ſehen kann an dieſer Pracht. Aber es achtet Niemand darauf. Der ſchwarze bewegliche Faden iſt verſchwunden, nur hier und da noch ein verſpäteter Wanderer, der ſeine Schritte beſchleunigt, obgleich er weiß, daß ihm kein Unglück paſſiren kann, wenn er ſich auf der Bahn hält; oder ein Schlitten, einer jener kleinen, leichten, mit einem Pferde beſpannten Schlitten, wie ſie zur Vermittelung des Verkehrs von Fiſchern und Fährleuten in großer Anzahl während des Winters ausgerüſtet und vom Publicum eifrigſt be⸗ nutzt werden. Ein ſolcher Schlitten fuhr jetzt eben in ſchnellem Trabe durch den Abend dahin, der mit jedem Augenblicke dunkler und nebliger auf die Eisfelder herabſank. In dem Schlitten ſaß außer dem Fuhr⸗ mann nur noch ein Paſſagier, der eine Pelzmütze tief in das Geſicht gedrückt und den Mantelkragen hoch heraufgeſchlagen hatte. So lange ſie in der Nähe des Hafens noch heimkehrenden Schlitten und Fußgängern begegneten, wurde zwiſchen dem Fuhr⸗ mann und ſeinem Paſſagier kein Wort gewechſelt; als ſie aber draußen hinauskamen auf die weite Eiswüſte, die Lichter der Stadt hinter ihnen im Nebel verdämmerten und der Hufſchlag des ſtutz⸗ ohrigen Kleppers dumpfer ertönte, richtete ſich der Herr aus ſeiner Ecke auf und ſagte: „Alles in Ordnung, Claus?“ „Alles, Herr!“ erwiderte der hübſche Burſche, ſich halb auf ſeinem Sitze umwendend. „Haſt Du von Deinem Vetter Nachricht?“ „Ich bin geſtern ſelbſt noch einmal dageweſen; er wird Schlag fünf bei Barow am Strande halten. Er nimmt ſeine beiden beſten Pferde. Sie können damit in einem Trabe bis morgen um dieſe Zeit fahren.“ „So viel braucht's gar nicht. Du kennſt doch die Bahn bis Barow?“ 26 Durch Nacht zum Licht. „Ob ich ſie kenne! ich bin alle Tage herüber geweſen. Aber ich möchte einem, der keinen Beſcheid weiß, nicht rathen, nach der Seite zu fahren.“ „Weßhalb?“ „Die Barower haben Wake bei Wake in's Eis gehauen, und wo ſie aufhören, fangen unſere Fähr'ſchen an. Man hat rechts und links immer blankes Waſſer neben ſich. Hü, Foß!“ Der ſtutzohrige Klepper beſchleunigte ſein Tempo, und die beiden Männer verſanken in Schweigen. Beide ſpähten und horchten in die Nacht hinein, aber mit nicht ganz denſelben Empfindungen. Für Claus Lemberg war das Ganze ein vergnügliches Abenteuer, das ihm ungemein zuſagte, da es ſeine ſtarken Nerven auf wohlthuende Weiſe anregte und diejenigen Eigenſchaften ſeines Charakters, auf welche er am meiſten Gewicht legte: Muth und Verſchlagenheit zur Geltung brachte. Für den Andern war die Sache bedenklicher. Er war ſich bewußt, einen Schritt zu thun, den er nie wieder zurückthun konnte, einen Schritt, der über ſein Schickſal— doch das wollte nicht viel ſagen— aber auch über das Schickſal eines anderen Weſens ent⸗ ſcheiden mußte, einer Frau, die ſich durch ihre hingebende, auf⸗ opfernde Liebe Anſpruch auf ſeine Liebe erworben hatte, die Rang und Reichthum— jeden Vorzug ihrer Geburt und ihres Standes von ſich geworfen hatte, um ihm, nur ihm zu gehören, und die dort drüben, von wo jetzt die Lichter herüberzuſchimmern begannen, voll Angſt und Sorge ſeiner harrte. Und ſo war denn auch ſein Herz voll ſchwerer Sorge. Er hatte die Brücke hinter ſich abgebrochen; er eilte in eine Zukunft hinein, die ſo ſchwarz war, wie die Nacht, die ihn umgab, aber bei weitem nicht ſo voll heller, funkelnder Sterne. Doch gleichviel— der Würfel iſt geworfen; zurück geht's nicht mehr, ſo denn vorwärts, vorwärts.— Was iſt das! iſt das nicht ein Schlitten, der hinter uns her kommt? Oswald richtete ſich halb in die Höhe und lauſchte, aber Claus' ſcharfes Ohr hatte ſchon die Richtung erfaßt, aus welcher der Schall kam. „Es iſt ein zweiſpänniger Schlitten von drüben,“ ſagte er, etwas Dritter Band. 27 rechts aus der Bahn biegend;„die Pferde greifen gut aus; gleich werden wir d'ran ſein.“ Faſt unmittelbar darauf ſahen ſie auch ſchon den Schlitten;— eine dunkle Maſſe, die durch die Nacht blitzſchnell dahinglitt. Als ſie aneinander vorüber kamen, hemmte der Kutſcher den Lauf der Roſſe, und eine Stimme fragte: „Wir ſind doch auf der Bahn?“ „Nur immerzu!“ war Claus Antwort. Darauf fragte dieſelbe Stimme: „Und das Eis hält für zwei Pferde?“ „Auch für vier,“ antwortete Claus. „Danke!“ „Keine Urſach!“ Und die Schlitten ſetzten ſich wieder in raſche Bewegung. „Sonderbar,“ murmelte Oswald;„mir war, als ob ich Olden⸗ burg's Stimme gehört hätte. Welch' wunderliche Streiche einem die Phantaſie doch ſpielt.“ Die noch übrige Strecke bis Fährdorf wurde wieder ſchweigend zurückgelegt. In wenigen Minuten langten ſie an. Aus den Häu⸗ ſerchen oben auf dem Uferrande ſchimmerten Lichter. Unten an der Fährbrücke, wo das Gaſthaus ſteht, ging es noch lebhaft zu. Die Fenſter waren erleuchtet. Muſik ertönte. Schlitten ſtanden vor der Thür. Claus hielt; Oswald ſtieg aus. „Ich fahre am Strande hin, bis zu unſerem Hauſe,“ ſagte Claus, „und warte bis Sie kommen. Aber eilen Sie ſich. In einer halben Stunde geht der Mond auf, und man kann uns dann auf eine halbe Meile weit auf dem Eiſe ſehen.“. „Hab' keine Sorge. Wir wollen Dich nicht warten laſſen.“ Dswald ging an dem Gaſthauſe vorüber die ſteile Dorfſtraße hinauf, bog dann rechts ab und eilte an den kleinen Häuſern, die hart am Rande des Ufers erbaut ſind, dahin, bis er an das letzte derſelben kam. Durch eine Ritze des Ladens, mit dem das niedere Fenſter verſchloſſen war, dämmerte ein ſchwaches Licht. Oswald pochte dreimal in beſtimmten Zwiſchenräumen an den Laden. Gleich 28 Durch Nacht zum Licht. darauf wurde die Thür vorſichtig geöffnet. Oswald ſchlüpfte hinein. Auf dem Flur ſtand eine alte, hochgewachſene, ſtarkknochige Frau, mit einem Licht in der Hand; neben ihr eine junge ſchlanke Ge⸗ ſtalt, die ſich Oswald, ſobald er eingetreten war, in die Arme ſtürzte: „Kommſt Du endlich?“ „Endlich, Emilie? ich komme auf die Minute.“ „Gleichviel; ich bin faſt geſtorben vor Ungeduld.“ „Iſt Alles bereit?“ „Ja.“ „Hat Dich Jemand geſehen, als Du fortfuhrſt?“ „Niemand, außer der Jägerin. Sie wollte mich durchaus her⸗ über begleiten; ich konnte es ihr nicht ausreden. Sie iſt drinnen im Zimmer,“ „Die tolle Perſon.“ „Schilt ſie nicht, wir ſind ihr viel Dank ſchuldig; ſei freundlich zu ihr.“ „Sie wird die Verfolger auf unſere Spur bringen.“ „Ich fürchte nichts. Cloten iſt ganz ſicher. Ich habe ihm ge⸗ ſagt, daß ich vor Abend nicht wieder zurückkäme. Komm herein. Emilie zog Oswald in das niedrige Stübchen, wo Primula an dem Tiſch ſtand und Thee machte. Sobald ſie Oswald erblickte, eilte ſie in ſeine Arme. „Oswald,“ rief ſie,„dies iſt der letzte Augenblick! noch eine Taſſe Thee mit Rum, dann ſei's geſchieden, kühn und ohne Wanken!“ „Die Augenblicke ſind koſtbar,“ ſagte Oswald, ſich aus der Um⸗ atmung Primula's losmachend.„Wir müſſen fort, Emilie.“ „Nicht, ohne vorher dieſen Trank geſchlürft zu haben,“ ſagte Primula, den Thee in die Taſſe gießend.„Sie wiſſen, Oswald, draußen iſt's kalt und bei dieſer Nachtluft frieren auch wir, wir ewigen Götter.“ Primula's Verſuch, ſcherzhaft zu ſein, mißglückte, Thränen er⸗ ſtickten ihre Stimme; ſie ſetzte ſich auf einen Schemel, drückte die Hände vor das Geſicht und ſchluchzte. Aber ſchon im nächſten Augen⸗ blicke ſprang ſie wieder empor. Dritter Band. 29 „Keine weibiſche Schwäche, Primula!“ rief ſie;„hier heißt es, ſtark ſein. Trinkt, meine Freunde! trinkt, und dann hinaus in die dunkle Nacht und das ſternenglänzende Leben.“ „Komm, Oswald,“ ſagte Emilie, die ſchon reiſefertig daſtand; „die Jägerin hat Recht; eine Taſſe Thee kann uns nicht ſchaden; auf ein paar Minuten kommt es nicht an.“ „Ich wollte, wir wären fort,“ ſagte Oswald, ihr die Taſſe, die die ſie ihm bot, aus der Hand nehmend. Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als ſehr ſtark an den Fenſterladen gepocht. Alle ſahen ſich erſchrocken an. „Hollah!“ rief eine Stimme. „Um Gotteswillen, es iſt Arthur,“ ſagte Emilie.„Wir ſind verloren.“ „Lebt wohl, meine Freunde!“ rief Primula und ſprang in die Kammer nebenan, nachdem ſie vorher vergeblich verſucht hatte, die Thür des großen Kleiderſchrankes aufzureißen. „St!“ ſagte die alte Frau,„ſo leicht fängt man uns Fähr'ſche nicht. Sprechen Sie kein Wort!“ Sie trat an das Fenſter und rief: „Wer iſt da?“ „Iſt vielleicht Frau von Cloten hier? ich habe ihr eine wichtige Nachricht zu bringen.“ Die Alte wandte ſich um und flüſterte: „Machen Sie, daß Sie fortkommen; ich will ſehen, daß ich ihn hier aufhalte.— Was wollen Sie?“ Oswald und Emilie hörten die Antwort nicht mehr. Verſtoh⸗ lenen Schrittes, ſich an den Händen haltend, ſchlichen ſie aus dem Gemache, über den Flur nach der Thür, die hinten zum Hauſe hinauf auf den Rand des Ufers ging. Von dort führte eine Treppe hinab an den Strand. Unten hielt der Schlitten. Einmal im Schlitten, waren ſie gerettet. „Bleib' hinter mir,“ ſagte Oswald, als ſie an die Thür kamen. Die Thür war durch eine eiſerne Krampe verſchloſſen. Oswald 30 Durch Nacht zum Licht. öffnete vorſichtig. Alles war ſtill. Der Winterhimmel mit ſeinen Sternen ſchaute herein. „Es iſt Niemand hier,“ flüſterte Oswald,„komm!“ Sie waren kaum herausgetreten, als die Thür mit großer Ge⸗ walt zugeſchlagen wurde, von Jemand, der hinter derſelben geſtanden hatte, und ſich jetzt, wie um den Fliehenden den Rückzug abzuſchnei⸗ den, mit ſeinen breiten Schultern gegen dieſelbe lehnte. In ſolchen Momenten arbeitet der Geiſt ſchnell und Oswald erkannte bei dem Licht der Sterne und des Schnees in der breit⸗ ſchulterigen Geſtalt ſofort den Herrn von Barnewitz. „Wir ſind verrathen,“ murmelte er,„aber ſie ſollen es büßen. Fort, Emilie, in den Schlitten; ich komme nach.“ „Aber nicht ſogleich!“ ſagte von Barnewitz, auf Oswald zu⸗ ſpringend und ihn mit beiden Händen an den Schultern faſſend. Oswald riß ſich los und ein paar Schritte zurückſpringend, um Spielraum zu haben, ergriff er eine jener mit Eiſen beſchlagenen Piken, welche ſich die Fiſcher bei ihren Schlitten bedienen und von denen einige dicht neben ihm an der Wand lehnten und führte damit einen ſo gewaltigen Streich nach ſeinem Gegner, daß dieſer trotz ſeiner ungeheuern Körperkraft und rieſigen Figur ohne einen Laut von ſich zu geben, zu Boden ſtürzte. In einem Nu hatte Oswald Emilie eingeholt und ſeinen Arm um ihren Leib ſchlingend, trug er ſie beinahe die ſteile Treppe hinab. Unten an der Treppe auf dem Schnee des ſchmalen Strandes hielt der Schlitten. Er hob Emilie hinein und ſtieg ſelbſt nach. „Wir ſind verrathen, Claus,“ ſagte er; fahr zu, es geht um Tod und Leben.“ Claus ſchnalzte mit der Zunge und der ſtutzohrige Klepper trabte davon. „Dacht's mir,“ ſagte Claus, ſich halb umdrehend;„ſeit'ner Minute hält ein Schlitten nicht hundert Schritte von hier am Strande. Ich ſah, daß zwei Männer ausſtiegen und das Ufer hinaufkletterten; ich wollte eben nach und Sie warnen, da kamen Sie ſchon die Treppe Dritter Band. 31 hinab. Nun hat's nichts mehr zu ſagen. Ich wollte die Pferde ſehen, die Claus Lemberg ſeinen Foß einholen.“ „Das Vergnügen könnteſt Du bald haben,“ ſagte Oswald, der während deſſen nach hinten geſchaut hatte,„da kommen ſie ſchon. Es ſcheint, dieſe Stiere fallen nicht auf einen Streich und wollen noch mit einer Kugel Bekanntſchaft machen. Wo ſteht das Käſtchen, Claus, das ich Dir gab?“ „Dicht hinter Ihnen im Stroh.“ Oswald öffnete das Käſtchen, nahm eine der beiden Piſtolen, die es enthielt, heraus und ſpannte den Hahn. „Um Himmels willen, Oswald, was willſt Du thun?“ ſagte Emilie, die, ſo lange ſie im Schlitten waren, noch kein Wort ge⸗ ſprochen hatte. „Den Erſten, der Hand an mich zu legen wagt, über den Haufen ſchießen.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ „Für wen fürchteſt Du? für mich oder für ihn? Noch iſt es Zeit. Er wird Dir ſicher verzeihen, wenn Du jetzt umkehrſt; Dir höchſtens in Barnewitz' Gegenwart eine kleine Strafpredigt halten.“ „Wie Du nur ſo ſprechen magſt! Ich umkehren! lieber todt auf dem Grunde des Meeres.“ „Auch dazu kann Rath werden,“ murmelte Oswald. Es ſchien Oswald klar, daß der ſtutzohrige Klepper, ſo ſchnell er auch die ſcharfbeſchlagenen Hufen auf das Eis hieb, mit den zwei Racepferden, welche den Schlitten der Verfolger zogen, nicht auf die Dauer um die Wette fahren konnte. Der Vorſprung von einigen tau⸗ ſend Schritten, den er hatte, konnte nicht groß in Rechnung kommen, da die Entfernung von Fährdorf bis nach dem Dorfe Barow auf dem Feſtlande, wo ſie Claus' Vetter(der Verwalter eines Breeſen'ſchen Gutes, der ſich für„das Fräulein“ Alles zu thun und zu leiden be⸗ reit erklärt hatte) mit dem Schlitten erwartete, über eine Meile betrug. „Noch einmal, Emilie: Was wünſcheſt Du, daß ich thue, wenn ſie uns einholen?“ fragte Oswald, ſich zu der kleinen Frau herab⸗ beugend, die, in ihren Pelz gehüllt, ſchweigend daſaß. 32 Durch Nacht zum Licht. „Daß Du Dich vertheidigſt wie ein Mann.“ „Und wenn ich unterliege?“ „So ſpringe ich in die erſte Wake, der wir begegnen, beſſer auf dem Grund des Meeres, als zurück zu ihm.“ „Iſt das Dein wohl erwogener Entſchluß?“ „So wahr ich lebe und Dich liebe.“ Oswald beugte ſich herab und küßte das ſchöne blaſſe, kalte Antlitz. „Nun iſt es gut,“ ſagte er,„nun komme, was will.“ Es waren entſetzliche Minuten, und die ſchauerliche Umgebung erhöhte noch das Entſetzliche der Situation. Lautloſe Stille ringsumher, nur unter⸗ brochen von dem raſtloſen Hufſchlag des flüchtigen Kleppers und von dem eigenthümlich ſauſenden ächzenden Ton, den ein Gegenſtand hervorbringt, der mit großer Schnelligkeit über eine Eisfläche dahin⸗ gleitet— und ſo weit das Auge reicht, die fürchterliche Oede einer mit dünnem Schnee überdeckten Ebene, über welcher der Horizont nach allen Seiten wie eine bleierne Glocke liegt. Denn ſelbſt die Sterne waren jetzt in dem feinen Nebel verſchwunden, und dennoch wurde es mit jedem Augenblick heller und heller. Am grauen Him⸗ mel verkündete ein röthlicher Streifen den aufgehenden Mond. Man konnte den Schlitten der Verfolger deutlicher ſehen, ein großer, ſchwarzer Flecken, der immer größer und ſchwärzer wurde, in dem Maße, als die Helligkeit am Himmel zunahm. Seit ſie Fährdorf verlaſſen hatten, waren wenige Minuten ver⸗ floſſen, doch dünkten ſie Oswald eine Ewigkeit. Er ſpähte vorwärts aus nach dem Ufer, aber es war noch nicht zu entdecken; er ſah hinterwärts nach den Verfolgern; wieder war der große, ſchwarze Flecken größer und ſchwärzer geworden. Und heller und heller wurde es am Himmel; ſchon blinkte das geiſterhafte Licht auf dem ſchwarzen Waſſer in den Waken und auf den weißen Eisblöcken, die wie Prellſteine am Rande liegen, und immer größer und ſchwärzer wurde der große ſchwarze Flecken hinter ihnen. „Wir holen es nicht, Claus,“ ſagte Oswald. „Was gilt die Wette, Herr?“ erwiderte Claus;„ich will den Dritter Band. 33 Foß lebendig freſſen, wenn er nicht gewinnt. Herr, ſo'nen Pferd giebt's nicht weiter. Wir ſind unſer zwanzig Fähr'ſche und dreißig Grünwald'ſche, und jeder hat einen guten Gaul vor dem Schlitten aber der Foß ſchlägt ſie alle, alle. Hü, Foß!“ Und als ob der Fuchs ſich durch das Lob ſeines Herrn zu noch größerer Schnelligkeit angeſpornt fühlte, ſchüttelte er ſeine krauſen Mähnen und hieb mit noch raſcherem Tempo ſeine ſcharfen Hufen auf das Eis. „Aber die Pferde dort ſind keine gewöhnlichen.“ Claus lachte. „Und deßhalb gerade habe ich keine Sorge. Sie halten's nicht aus. Und überdies fürchten ſie ſich vor den Waken. Noch ein paar Minuten und ſie bleiben zurück, oder ich will den Foß lebendig freſſen.“ Sei es, daß der Fuchs ſich, um dem ſchrecklichen Schickſal zu entgehen, welches ihm, im Fall er ſich überholen ließ, bevorſtand, zu ganz unerhörten Anſtrengungen zuſammenraffte, ſei es, daß die Pferde Cloten's in der That bei dieſer ungewohnten Jagd über das glatte Eis weg zu ermüden begannen, oder die ſchwarzen Waſſer der Waken den Verfolgern den Muth raubten— aber Claus Pro⸗ phezeiung fing an in Erfüllung zu gehen, nachdem er ſie kaum ausgeſprochen hatte. Trotzdem es heller und heller am Himmel heraufdämmerte, wurde der ſchwarze Punkt hinter ihnen merkbar kleiner und undeutlicher, und als jetzt der Vollmond über den Rand des Horizontes aufſtieg und ſein bleiches Licht über die weiten Flächen ausgoß, war der ſchwarze Flecken auf dem Schneegefilde verſchwunden. „Na, habe ich's nicht geſagt?“ fragte Claus, ſich umwendend und ſeine weißen Zähne zeigend,„daß es keine Pferde giebt, die den Foß auf dem Eiſe einholen? Hü, Foß!“ Claus hatte ſich wieder zu ſeinem Pferde gewandt. Ueber dumpfdonnernde Tiefen weg, vorbei an unheimlich im Mondſchein glitzernden Waſſern ging die pfeilſchnelle Fahrt hinein in die öde Nacht. Um ihre Ohren pfiff der eiskalte Nachtwind, der klagend und heulend über die Schneefelder ſtrich. Oswald und Emilie waren Fr. Spielhagen's Werke. KII. 3 34 Durch Nacht zum Licht. ſich in die Arme geſunken. Froh der entronnenen Gefahr, in der Seligkeit einer Liebe, deren holde Blumen ſie am Rande des Ab⸗ grundes pflückten, vergaßen ſie gern auf Augenblicke, wie tief und voll Schrecken dieſer Abgrund war. Fünftes Capitel. Es war im März. In Frankreich war am vierundzwanzigſten Februar die Republik proclamirt worden. Das ungeheure Ereigniß verbreitete in concentriſchen Kreiſen ſeine Wirkung über die ganze civiliſirte Erde. Auch die Reſidenz war ſeit einigen Tagen davon erfaßt und eine fieberhafte Aufregung hatte ſich der Geiſter bemäch⸗ tigt— eine Verwirrung, ein nervöſes Zittern, wie ſie den Menſchen ergreifen, der aus tiefem Schlaf urplötzlich zum hellen Licht des Tages aufgeſchreckt iſt und noch nicht recht weiß, wo ihm der Kopf ſteht. Und dabei ein heimliches Grauen vor dem Dunkel der Nacht, in welcher man ſo lange in den dumpfen Banden eines unnatürlich tiefen Schlafes zugebracht, ein verworrenes Gefühl, daß es doch etwas ſehr Herrliches um das goldne Taglicht ſei; ein hoffnungs⸗ friſches Recken, ein thatendurſtiges Dehnen in allen Gliedern, ſo daß den Wächtern, die den rieſengewaltigen Schläfer im Schlaf be⸗ obachtet und bewacht hatten, ſchier unheimlich wurde und ſie unter einander ſprachen; wir werden ihn in eiſerne Banden ſchnüren müſ⸗ ſen, ſonſt ſteht er am Ende noch gar auf und dann wäre es um uns An einem ſchönen hellen Abend ging es„Unter den Buden,“ dem Hauptvergnügungsorte des ſoliden Bürgers, der ſich hier mit Frau und Kind des Sonntags Nachmittags an Weißbier, Muſik und Bratwürſten zu ergötzen pflegt, ſehr lebhaft zu. Wer indeſſen dem Treiben der letzten Tage in der großen Stadt fremd geblieben war, hätte für den erſten Augenblick zweifeln können, ob dies eine poli⸗ tiſche Verſammlung oder ein Volksfeſt ſei. Vielleicht war es Beides. — ———————— Dritter Band. 35 Hatte man doch die Arbeit, die ſtrenge Zuchtmeiſterin um einen Nach⸗ mittag, vielleicht nur um eine Stunde betrogen; erweckte doch ſchon der Umſtand, daß man in Maſſe da war, daß kein Poliziſt ſo leicht wagen würde, hineinzureden oder gar einzugreifen, ein Gefühl des Uebermuthes und der Ueberkraft, eine nicht alltägliche, gehobenere, freudigere Stimmung, zumal da der Frühlingshimmel ſo herrlich blauete, die ſchlanken, blätterloſen Zweiglein und Aeſtlein der Baum⸗ wipfel des Parks ſich ſo klar und ſcharf von dem blauen Himmel abhoben, und die Abendſonne ſo warm und hoffnungsreich herab⸗ ſchien auf die Tauſende von Menſchen, die unten auf dem weiten Platze zwiſchen den Kaffeehäuſern und dem Fluß auf der einen und dem Parke auf der andern Seite durcheinanderwogten und drängten, beſonders nach der hölzernen Tribüne am Rande des Parkes, die ſonſt für die Muſici beſtimmt, von der aber heute eine Muſik gar eigner Art erſchallte, eine Muſik, die dem Volke ſo ganz ungewohnt war und vielleicht deßhalb ihm koſtbarer dünkte, als die herrlichſten Walzer von Strauß oder Lanner. Weiter zu nach den Kaffehäuſern aber, wo man die Redner nicht mehr wohl verſtehen konnte, ging es luſtiger zu. Da konnten die Kellner kaum ſo viel Gläſer voll des allbeliebten Weißbiers herbeiſchaffen, als von den durſtigen Kehlen geleert wurden; da boten Semmel- und Wurſtverkäufer ihre Waare an, da quäkten die Cigarrenjungen mit den ſchrillen, unreifen Stimmen, da trieben ſelbſt Gaukler und Taſchenſpieler ihr luſtiges Handwerk. Durch die wogende Menge ſchlenderten Arm in Arm zwei Män⸗ ner, die ſich durch ihre Erſcheinung weſemtlich vor dem großen Haufen auszeichneten, welcher zum größten Theil aus Leuten der niedern Stände, zumal jungen Leuten zuſammengeſetzt war. Der eine dieſer Männer war ſehr lang und dürr; die grauen Augen unter den ſcharfgezeichneten Brauen blickten ſo hell und kühn, und um die feine, gerade Naſe zuckte es oft ſo bedeutungsvoll, daß man ſich den Ausdruck der unteren Partie des Geſichtes, die ein dichter, ſchwarzer, kurzgeſchorner Bart verhüllte, leicht ergänzen konnte. Seine Haltung war nachläſſig, wie die eines Mannes, der mit ſeinen Ge⸗ danken ſtets zu beſchäftigt iſt, um auf die äußeren Formen großes 36 Durch Nacht zum Licht. Gewicht zu legen, und ſeine Kleider, die aus den feinſten Stoffen beſtanden und nach der neueſten Mode gefertigt waren, ſaßen ihm ſo ſchlottrig bequem auf dem hagern Leibe, wie ſie nur bei Jemand ſitzen können, der dem Grundſatz huldigt, daß die Kleider ſeinet⸗ wegen und nicht er der Kleider wegen da iſt.— Die Erſcheinung ſeines Begleiters war vielleicht noch auffallender. Er war faſt um einen Kopf kleiner, als ſein hochgewachſener Gefährte, aber viel breiter in den Schultern., Trotzdem war ſeine Haltung gebeugt, wie die eines Mannes, der ſein halbes Leben über den Büchern hingebracht hat. Auch ſeine hohe ſchöngewölbte Stirn und die gro⸗ ßen tiefliegenden ſchwärmeriſchen Augen verkündeten den Denker, den Gelehrten. Sein Haar, das er ziemlich lang trug, war bereits ſtark ergraut, ebenſo wie die buſchigen Augenbrauen und der Bart, der ihm reichlich von Wangen, Lippen und Kinn bis auf die obere Bruſt herabfloß. Er ließ ſeine Augen unruhig über die Menge ſchweifen und theilte ſeinem Begleiter die Bemerkungen, die er machte, mit der leidenſchaftlichen Energie, die aus ſeinem ganzen Weſen ſprach, mit, worauf dann Jener lächelnd nit dem Kopfe nickte, oder ein kurzes treffendes Wort erwiderte. „Nun, wie gefällt Ihnen das Alles?“ fragte der mit den brei⸗ ten Schultern. „Gar nicht ſo übel,“ erwiderte der Lange. „Aber glauben Sie denn, daß ſich dies Volk jemals zu einer Revolution wird aufraffen können?“ „Weßhalb nicht?“ „Sehen Sie dieſe ſtupiden Geſichter, hören Sie dieſe frivolen Scherze, mit denen ſie ſich über den Ernſt der Situation und zu⸗ gleich über das dumpfe Gefühl ihrer eigenen Nichtigkeit wegzuhelfen ſuchen; bemerken Sie dort, wie das Volk zu derſelben Stunde, wo zuerſt von Freiheit und Recht öffentlich zu ihm geſprochen wird, auch noch Zeit und Luſt hat, an panem und eircenses zu denken — und Sie haben genug beiſammen, um den letzten Funken der Hoffnung, daß dieſe Menſchen je für ihre Freiheit nicht blos reden, ſondern auch kämpfen werden, zu erſticken.“ „Der alte Peſſimismus, Berger! und das jetzt, wo nach ſo Dritter Band. 7 05 vielen dunklen Leidensjahren die goldene Sonne endlich wieder ſcheint!“ „Gerade dieſer Sonnenſtrahl iſt es, der mein Herz mit ſolcher Ungeduld erfüllt. In den grauen Wintertagen finden wir es na⸗ türlich, daß die Bäume die kahlen Aeſte zum Himmel ſtrecken; wenn aber die erſten Frühlingslüfte wehen und der Himmel blaut, ſehnen wir uns unendlich nach dem grünen, im Winde ſäuſelnden und rau⸗ ſchenden Blättermeer. Und nun gar, wenn der Winter ſo lang und ſo hart war, daß er uns unſere Kraft unwiederbringlich geraubt hat und wir nicht hoffen dürfen, bis in den Sommer hinein zu leben!“ „Die Todten reiten ſchnell! Sie haben es in Paris geſehen!“ In dieſem Augenblicke trat ein Mann, der die beiden Herren ſchon ſeit einiger Zeit beobachtet hatte, wie Jemand, der nicht recht weiß, ob er ſeinen Augen trauen ſoll oder nicht, an ſie heran und ſagte zu Berger: „Seid Ihr es denn wirklich, Profeſſor?“ „Ei ſieh da, Herr Director,“ erwiderte Berger, ſich von Olden⸗ burg's Arm losmachend und dem, welcher ihn angeredet hatte, die Hand reichend;„wie kommen Sie denn hierher?“ „Ach Gott,“ ſagte der Mann,„das iſt'ne traurige Geſchichte; wollt Ihr ein paar Schritte mit mir kommen, ich möcht' Euch halter gern allein ſprechen.“ „Entſchuldigen Sie mich einen Augenblick!“ ſagte Berger zu Oldenburg und ging mit dem Manne obſeits. Oldenburg betrachtete die Geſtalt nicht ohne eine Verwunderung. Es war ein mächtiger Leib, mit breiter, hochgewölbter Bruſt und langen Armen, auf dem ein nicht minder mächtiger Kopf ſaß. In den plumpen, aufgedunſenen Geſichtszügen ſprach ſich neben viel Gutmüthigkeit und jovialer Laune eine Art von Schlauheit und Verſchmitztheit aus, die aber durchaus harmloſer Natur war. Es konnte dem Manne, ſeiner äußeren Erſcheinung nach, nicht eben be⸗ ſonders gehen. Sein grauer Filzhut hatte offenbar manchen Sturm erlebt, bevor er in dieſen zerknitterten Zuſtand kam. Der ſchwarze, äußerſt ſchäbige, mit vor Alter grau gewordenen Schnüren beſetzte Sammetrock hatte einſtmals beſſere Tage geſehen, ebenſo wie die .* 38 Durch Pacht zum Licht. % we leinenen Beinkleider, deren Farbe jetzt nicht mehr wohl zu beſtimmen war, oder die Stiefel, die auf bedenkliche Weiſe aus den Näthen zu platzen begannen. Ein rothſeidenes, mit genialer Kühn⸗ heit um den ſonnverbrannten, muskulöſen Hals geſchlungenes Tuch vollendete den Charakter heruntergekommener Künſtlerſchaft, der dieſer Erſcheinung aufgeprägt war. Berger ſprach einige Minuten lang angelegentlich mit dem Manne, darauf entfernten ſie ſich noch mehr und Oldenburg's ſcharfes Auge ſah, wie der Profeſſor ſeine Börſe zog und dem Andern mehrere Geldſtücke in die Hand gleiten ließ. Gleich darauf trennten ſie ſich; der Mann verſchwand in der Menge, Berger kam wieder zurück. „Wer war dieſe ſonderbare Figur?“ „Ein Mann, von dem ich Ihnen ſchon viel erzählt habe: Herr Director Caspar Schmenckel aus Wien.“ „O,“ rief Oldenburg;„weßhalb haben Sie mir das nicht ge⸗ ſagt? Ich hätte Czika's Brodherrn doch gern kennen gelernt.“ *„Er wird uns in den nächſten Tagen aufſuchen; der arme Mann iſt in Verzweiflung; ſeitdem ich ihn mit Fenobi und Czika vrlaſſen, hat ihn Unglück über Unglück getroffen. Sein Clown iſt ihm geſtorben, ſein erſter Künſtler weggelaufen und die andern hat er wegen chroniſchen Geldmangels entlaſſen müſſen. Jetzt treibt er ſich hier in den Kneipen der Reſidenz umher und giebt Vorſtellungen auf eigene Hand.“ „Wir müſſen für ihn ſorgen,“ ſagte Oldenburg;„er hat Czika gut behundelt und ſich meinen Dank verdient. Ueberdies ſcheint er ein guter Kerl. Doch laſſen Sie uns nach Hauſe gehen. Die Sache verläuft ſich, wie ſich vorausſehen ließ, für heute im Sande.“ Als die Beiden gingen, ſtand gerade ein junger Mann auf der Rednerbühne, der ſich erſt eben zum Wort gemeldet hatte. Er war von derber unterſetzter Geſtalt, das hübſche bartloſe Geſicht voll Geiſt und Leben, und wie er jetzt den Hut abnahm, die langen blonden Haare aus der ſanft gewölbten weißen Stirn zu ſtreichen, ſah er eher wie ein frühreifer Knabe, der ſich zum Scherz eine Brille aufgeſetzt„ hat, als wie ein Mann aus, der ſich berechtigt hält, zu Tauſenden zu ſprechen. Wenn der feine Schnitt ſeines Geſichts etwas Ariſto⸗ — 4* Dritter Band. 39 kratiſches hatte, ſo konnte er ſeiner ſehr unſcheinbaren Kleidung nach nicht zu den bevorzugten Klaſſen gehören. Seine Stimme war eigen⸗ thümlich hoch und ſcharf und klar, und hatte, wenn er lebhafter wurde, etwas Schmetterndes, wie Trompetenton, ſo daß ſie den gan⸗ zen weiten Platz bis in die fernſten Winkel ausfüllte. „Meine Herren,“ ſagte er, und es flog ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen;„was würden Sie von einem Manne ſagen, der den ſcharfen Pfeil im Köcher, und auch den ſtärkſten Bogen hat, dieſen Pfeil abzuſchießen und der es denn nun doch aus übergroßer Gutmüthigkeit vorzieht, den ſcharfen Pfeil, anſtatt vermittelſt des ſtarken Bogens, mit der ſchwachen Hand abzuſchnellen? Nun, meine Herren, wir gleichen durchaus dieſem thörichten Manne. Der Pfeil im Köcher iſt die Adreſſe mit den neun Wünſchen, wie wir die ge⸗ rechten Forderungen des Volkes beſcheidentlich nennen; die Deputation aus unſerer Mitte, durch welche dieſe Adreſſe Sr. Majeſtät morgen zugeſtellt werden ſoll, iſt die ſchwache Hand. Wie weit wird ſie den Pfeil tragen? bis zur Schwelle des Königsſchloſſes— nicht wei⸗ ter! Ich ſage Ihnen, meine Herren, die ſchwache Hand der Deputa⸗ tion wird vergeblich an die Pforte pochen; Seine Majeſtät wird un⸗ ſere„Wünſche“ nicht entgegen zu nehmen geruhen und die Deputa⸗ tion wird unverrichteter Sache zurückkehren.“ Bei dieſen Worten, die der Redner mit erhobener Stimme ſprach, ging ein Brauſen durch die Verſammlung, wie wenn über das Meer ein heftiger Windſtoß fährt. Einzelne riefen Bravo, ſo beſonders der ſtarke Herr in abgetragenem Sammetrock, der ſich bis dicht an die Tribüne durchgedrängt hatte, und den Redner mit großem Bei⸗ fall, welchen er durch Kopfnicken, Grunzen und Bravorufen kund gab, zuhörte. Aber der bei weitem größte Theil war offenbar gegen alle ertremen Schritte; auf jeden Bravoruf kamen hundert Kopf⸗ ſchüttler und Ziſcher. Der junge Mann ließ ſich durch dieſe Zeichen der Unzufrieden⸗ heit nicht einſchüchtern, ſondern wiederholte mit großer Emphaſe: „Die Deputation wird unverrichteter Sache zurückkehren! Und uns geſchieht damit ganz recht. Weßhalb brauchen wir die Hand zum Pfeileſchleudern, wenn der Bogen unbenutzt daneben im Graſe 66 Durch Nacht zum Licht. liegt? Wollen Sie wiſſen, wer der Bogen iſt? der Bogen ſind wir, das heißt: die ganze Verſammlung. Wenn wir, fünf⸗ bis ſechs⸗ tauſend, wenn wir hier ſind, in geſchloſſenem Zuge, die Adreſſe von dem Sprecher der Verſammlung voraufgetragen, hinrücken vor das Schloß— ich wollte die Thüren ſehen, die ſich nicht vor uns öffne⸗ ten, die Schranzen, die uns den Eingang zu verweigern wagten, den Höfling, der ſich erfrechte, uns zu ſagen: Meine Herren, Se. Majeſtät ſitzt beim Thee und kann Sie nicht empfangen.“ „Bravo, bravo,“ ſchrie der ſtarke Herr in dem Sammetrock und klatſchte wüthend in die Häude. Aber der Menge mißfiel dieſe hu⸗ moriſtiſche Behandlung einer ſo ernſten Sache durchaus. Ziſchen, Pfeifen, Schreien ertönte von allen Seiten; nur mit Mühe gelang es dem Präſidenten, einem Herrn in breitkrämpigem Hut und mit langem Bart, der wohl ein Literat oder dergleichen war, durch ener⸗ giſches Klopfen mit ſeinem Rohre auf den Tiſch die Ruhe ſo weit wieder herzuſtellen, daß der Redner fortfahren konnte. Der ſeiner⸗ ſeits nahm jetzt die ganze Kraft ſeiner hellen Stimme zuſammen und ſchmetterte in die Verſammlung hinein: „Ich habe den Antrag, in corpore auf's Schloß zu ziehen, nicht geſtellt, weil ich glaubte, daß er durchgehen werde, ſonder ur um Ihnen zu zeigen, weß Geiſtes Kinder Sie ſind. Pioniere Frei⸗ heit hat Sie ein Vorredner genannt! Ja wohl! Die Freiheit wird es weit mit Ihnen bringen, wenn Sie nicht einmal jetzt im Stande ſind, aus dem Vertrauensduſel ſich aufzuraffen, in welchem Sie ſchier dreißig Jahre geſchlafen“—. Was der junge Mann etwa noch weiter ſprach, konnte man nicht verſtehen, denn bei den letzten Worten war der Sturm, der ſchon lange gegrollt hatte, losgebrochen.„Herunter mit ihm!“ ſchrien die Zunächſtehenden;„Haut ihn!“ die in größerer Entfernung. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe letztere Drohung von den Beleidigten ausgeführt ſein würde, wenn nicht der ſtarke Herr in dem Sammetrock den jungen Redner, ſobald er von der Tribüne herabkam, enthuſiaſtiſch umarmt und ihn ſo zu ſeinem Freund und betreffenden Falls zu ſeinem Schützling erklärt hätte. Mit einem Mann aber von ſo herkuliſchem Bau anzubinden, mochte Niemand Dritter Band. 41 Luſt haben. Zum wenigſten erlaubte man den Beiden unangefochten eine Verſammlung zu verlaſſen, in welcher ſie ſich in ſo entſchiedener Minorität befunden hatten. Die neuen Freunde bogen in eine der Alleen, die in der Nähe der Tribüne von dem Platze vor den Buden in den Park führte. Sobald ſie allein waren, ſchüttelte der Herr im Sammetrock noch einmal dem jungen Mann mit den blonden Haaren die Hand und ſagte mit großer Herzlichkeit: „Ich freue mich ganz ausnehmend, die Bekanntſchaft einer ſo kreuzbraven Haut gemacht zu haben.“ „Gleichfalls, gleichfalls,“ erwiderte der junge Mann, ſeinen Be⸗ wunderer mit dem ſcharfen ſchnellen Blick ſeiner blauen Augen muſternd und zu dieſem Zweck ſeine Brille mit dem Zeigefinger höher auf die Naſe ſchiebend:„mit wem habe ich die Ehre?“ Der Herr im Sammetrock trat einen Schritt zurück, warf ſich in die Bruſt, lüftete ſeinen vielgeprüften Filz und ſagte: „Ich bin der Director Caspar Schmenkel aus Wien.“ „Ah!“ erwiderterte der Andere leichthin;„freue mich, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. Mein Name iſt Timm, Albert Timm.“ „Sie ſind nicht von der Kunſt?“ fragte Herr Schmenkel zu⸗ traulich. „Wie meinen Sie?“ fragte Herr Timm ausweichend. Herr Director Schmenkel machte die Geberde Jemandes, der einen ſehr ſchweren Gegenſtand mit beiden Händen ſchnurgerade in die Luft wirft, um denſelben mit dem Nacken wieder aufzufangen. „Aha!“ ſagte Herr Timm, dem es plötzlich klar wurde, auf welchem Gebiete der Kunſt der Director ſeine Lorbeeren pflückte: „Verzeihen Sie, daß mir ein Mann von Ihrer Bedeutung perſönlich noch nicht bekannt war; aber ich bin erſt ſeit wenigen Tagen hier.“ „Konnt's mir halt denken,“ erwiderte Herr Schmenckel, als ſie jetzt Arm in Arm weiter ſchritten;„ſind halt ein ganz andrer Kerl, als die Lumpen hier zu Lande; ſprechen frei von der Leber weg, wie's Ihnen um's Herz iſt. Caspar Schmenckel liebt ſolche Leute, und wenn er Ihnen mit irgend Etwas dienen kann, ſagen's nur gerade heraus!“ * 42 Durch Nacht zum Licht. „Sehr verbunden, Herr Director. Die Ehre Ihrer Bekanntſchaft iſt ſchon erfreulich genug. Ich vermuthe, daß Sie mit Ihrer Truppe jetzt hier in der Reſidenz Vorſtellungen geben?“ „Vorſtellungen geben? hm, hm!“ ſagte der Director Schmenckel und räuſperte ſich;„offen geſtanden, finden Sie Caspar Schmenckel augenblicklich nicht in loribus. Ich habe mich aus manchen Grün⸗ den genöthigt geſehen, meine alte Truppe aufzulöſen und bin jetzt mit der Organiſation einer neuen beſchäftigt— eine Aufgabe, die indeſſen, wie Sie ſich wohl denken können, ihre Schwierigkeit hat. Unterdeſſen“— „Privatiſiren Sie?“ „Gewiſſermaßen, ja; das heißt, ich gebe noch immer von Zeit zu Zeit in Freundeskreiſen Vorſtellungen, aber nur, um nicht aus der Uebung zu kommen, wiſſen Sie.“ „Natürlich,“ „So bin ich heute Abend in einem ſehr nobeln Local, das von der beſten Geſellſchaft beſucht wird, gewiſſermaßen engagirt und wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen“— „Sehr gütig.“ „Sie werden dort lauter brave Leute finden, vor denen man ſich nicht zu geniren braucht— alles Demokraten vom reinſten Waſſer, obgleich ſie verzweifelt wenig Waſſer trinken, ſollt ich meinen, ha, ha, ha! Ich gehe ſchon den ganzen Winter in dem„duſtern Keller“ aus und ein, aber niemals ſo gern und ſo oft, als ſeit den letzten acht Tagen, wo wir eine neue Wirthin haben.“ „In der That?“ „Ich werde ſtolz darauf ſein, Sie mit ihr bekannt zu machen. Frau Roſa Pape iſt ein Muſter ihres Geſchlechts. „Wie ſagten Sie!“ fragte plötzlich Herr Timm ſit großer Leb⸗ haftigkeit. „Ich ſagte, Frau Roſa Pape ſei ein capitales enzimmer.“ „Sagten Sie nicht, die Dame ſei erſt ſeit kurz haberin des Geſchäftes?“ „Allerdings, ſie war bis dahin Hebamme; die franzöſiſche Revo⸗ lution hat ſie zur Kellerwirthin gemacht.“ . —— Dritter Band. 43 „Das iſt originell.“ „Nicht wahr, aber Frau Roſa iſt auch ein Original. Sie hat einen wunderbaren Blick für's Geſchäft und als in Paris der Spec⸗ takel losging, ſagte ſie: jetzt kommt eine goldene Zeit für Keller⸗ wirthinnen mit weiblicher Bedienung!— Einen Tag darauf hatte ſie den duſtern Keller gepachtet.“ „Ich bin äußerſt begierig, die Bekanntſchaft einer ſo vortreff⸗ lichen Dame zu machen.“ Unter dieſen Geſprächen waren die beiden Freunde auf wenig betretenen Parkpfaden in die Nähe des herrlichen Thores gekommen, das von dieſer Seite unmittelbar aus dem Park in die Stadt führt. Die Verſammlung vor den Buden mußte, gleich nachdem ſie dieſelbe verlaſſen hatten, auseinandergegangen ſein, denn bereits berührte die Spitze des unabſehbaren Zuges, der ſich von jener Seite heranwälzte, das Thor. Hier ſtießen die Maſſen der Hereinkommenden auf die Schaaren derer, welche noch immer aus der Stadt nach dem Park zogen. Es konnte nicht ausbleiben, daß in dieſem Defilé ſich die Menge ſtopfte, zumal vor der Wache in unmittelbarer Nähe des Thors, wo eine Compagnie, Gewehr bei Fuß, aufmarſchirt war. Die Leute blieben ſtehen, ſich über dieſe außerordentliche Maßregel ihre Bemerkungen mitzutheilen; Andere traten heran, zu ſehen, was da zu ſehen ſei; in einem Nu war die Wache mit einem aus vielen Hunderten von Menſchen beſtehenden Halbkreis umringt, der mit jedem Augenblick enger wurde. Der die Compagnie kommandirende Hauptmann, ein langer Officier mit einem verbiſſenen Ausdruck in dem ſcharfmarkirten Geſicht, ſchoß wüthende Blicke auf die ihn um⸗ gebende Menge, ohne ſie indeſſen eines Wortes zu würdigen. Man ſah, wie es in ihm kochte. Plötzlich commandirte er mit ärgerlich quäkendem Tone:„Still geſtanden, richt' Euch! Gewehr guf! Ba⸗ taillon ſoll chargiren, g'laden!“ Die Ladeſtöcke raſſelten, n einem Nu war das Commando aus⸗ geführt. Es hatte vorläufig nur eine Drohung für die Menge ſein ſollen, aber, wie es in ſolchen Fällen zu gehen pflegt, man bewirkte gerade das Gegentheil von dem, was man gewollt hatte. Den Zunächſt⸗ 1 44 Durch Nacht zum Licht. ſtehenden wurde durch die von hinten heran Drängenden das Zurück⸗ weichen unmöglich, und dieſe hatte das Raſſeln der Ladeſtöcke nur noch neugieriger gemacht. Ein verderblicher Zuſammenſtoß des Mi⸗ litairs mit dem Publicum ſchien unvermeidlich. Da drängte ſich durch die Gaffer ein langer Herr und trat gerade auf den Hauptmann zu: „Erlauben Sie auf ein Wort.“ „Was wollen Sie?“ „Mein Name iſt Oldenburg; ich habe die Ehre, mit Herrn Grafen Grieben zu ſprechen?“ Der Officier faßte ſalutirend an ſeinen geim„Freue mich, Sie nach langen Jahren wiederzuſehen, Herr Baron. Kommen wie ge⸗ rufen; werde mich genöthigt ſehen, auf die Canaille da Feuer geben zu müſſen.“ „Gerade um das zu verhindern, erlaubte ich mir, mich Ihnen vorzuſtellen. Sie haben ein einfaches, aber unfehlbares Mittel, alle dieſe Leute zum Weitergehen zu bringen und ſo unſägliches Unglück zu verhüten.“ „Das wäre?“ „Laſſen Sie Ihre Mannſchaft in die Wache treten!“ „Wo denken Sie hin? dem Pöbel eine ſolche Conceſſion machen! Ueberdies iſt es gegen die Inſtruction.“ „So fordern Sie die Leute wenigſtens auf, nach Hauſe zu gehen!“ „Ich habe keine Luſt, mich mit der Crapule in eine Unterhal⸗ tung einzulaſſen.“ „Wollen Sie es mir denn geſtatten?“ „Wie's Ihnen beliebt,“ erwiderte der Officier, ſich mit kalter Höflichkeit von Oldenburg abwendend. Oldenburg trat ein paar Schritte auf den dichten Kreis zu und ſagte, ſeine Stimme ſo laut wie möglich erhebend: „Meine Herren, Ihr Stehenbleiben an dieſer Stelle iſt für Sie nicht ohne Gefahr. Viele von Ihnen ſind ja ſelbſt Soldat geweſen und wiſſen, daß der Soldat nach den Paragraphen ſeines Wacht⸗ buchs handeln muß. Zwingen Sie deßhalb Ihre Brüder, die hier in Waffen ſtehen, nicht, dieſe Waffen gegen Sie zu wenden. Laſſen Dritter Band. 45 Sie uns von unſerem Rechte der freien Bewegung Gebrauch machen und weiter gehen. Es wird ja auch nachgerade langweilig, hier immer auf demſelben Fleck zu ſtehen.“ „Er hat Recht!“ rief ein vierſchrötiger Bürger mitten aus dem Gedränge;„ich fange ſchon an, auseinanderzugehen, uff!“ Die Leute lachten, und als die ſchrille Stimme eines Cigarren⸗ buben anfing zu ſingen:„immer langſam voran, immer langſam voran!“ ſetzte ſich der dichte Haufen in Bewegung, zumal in dieſem Augenblick Geſchrei und Lärmen, das von einer andern Seite er⸗ tönte, die Neugierigen lockte. Eine Strecke die Akazien weiter hinauf— Unter den Akazien heißt die herrliche Hauptſtraße, die von dem Thor bis zum Schloß führt— war es nämlich zwiſchen dem Publicum und einer der vielen Patrouillen, welche zwiſchen dem Schloß und dem Thor ſeit einigen Stunden hin und her marſchirten, zu dem Zuſammenſtoß gekommen, der an der Wache durch Oldenburg's kluges und muthi⸗ ges Dazwiſchentreten noch glücklich vermieden war. Der Führer der Patrouille— eine zweite marſchirte, ſich in gleicher Höhe mit dieſer haltend, auf der andern Seite der Straße— war ein Officier von rieſigem Wuchs, deſſen finſter drohende Miene den feſten Entſchluß verkündigte, die geringſte Widerſetzlichkeit ſofort rückſichtslos zu ahn⸗ drn. Auch war ihm, wie er an der Spitze ſeiner Mannſchaft einher⸗ ſchritt, bis jetzt Alles ſo ſcheu ausgewichen, daß er zu dem verach⸗ tungsvollen Lächeln, das von Zeit zu Zeit über ſein dunkles Geſicht zuckte, einigermaßen recht zu haben ſchien. Da kam er an eine Stelle, wo ſich von der Straße ein enger, aber für gewöhnlich ſehr ſtark frequentirter Durchgang abzweigt. Dieſe Paſſage war mit Menſchen, welche ſehen wollten, was unter den Akazien vorging, vollgeſtopft. Von den Akazien drängten Andere dagegen. So ſammelte ſich hier ein gewaltiger Menſchenknäuel, in welchem die Verwirrung den höchſten Grad erreichte, als jetzt durch die heranmarſchirende Pa⸗ trouille eine zweite Stockung in die ſich ſo ſchon nur mit Mühe fort⸗ bewegende Maſſe kam. „Platz da!“ herrſchte der Officier, rückſichtslos in den Haufen hineinſchreitend. 5 46 Durch Nacht zum Licht. Die zunächſt Stehenden wichen rechts und links auf die Seite; aber die Andern drängten wieder zu. Ein buntes Durcheinander ent⸗ ſtand, in welchem der Officier mit nur wenigen ſeiner Leute von der Truppe getrennt wurde. „Platz da!“ wiederholte der Officier in noch barſcherem Tone. „Machen Sie nur ſelber Platz;“ rief ein junger Mann aus dem Haufen. Er hatte es kaum gerufen, als der Officier auf ihn zuſprang, ihn am Kragen ergriff und mit einem Ruck ſeines ſtarken Armes ſeinen Leuten zuſchleuderte: „Nehmt den Schreihals feſt;“ rief er. Die Soldaten ergriffen den jungen Mann, der vergeblich ſich los⸗ zureißen verſuchte. „Stoßt den Hund nieder, wenn er ſich widerſetzt!“ herrſchte der Officier. Wer weiß, ob die Soldaten dieſen Befehl nicht ausgeführt hätten, wenn in dieſem Moment nicht Herr Schmenckel ſich vor dem Officier hingeſtellt und ihm zugeſchrieen hätte: „Geben's den Ah los, Ew. Gnaden! oder's Wetter ſoll drein⸗ ſchlagen!“ Sie ſtanden ſich n Gardeofficier und der Mann aus dem Volke— einen Augenblick lang gegenüber, zwei rieſengewaltige Männer, überraſchend ähnlich an hohem Wuchs, gewölbter Bruſt, breiten Schul⸗ tern und langen, muskelkräftigen Armen; ja, wie ſie ſich ſo mit zornigen Blicken anſtarrten, ähnlich im Ausdruck der maſſiven plumpen Züge. Doch nur einen Augenblick ſtanden ſie ſo; im nächſten hatte der Officier ſeinen Gegner mit aller Macht vor die Bruſt geſtoßen, um ihn aus ſeiner unmittelbaren Nähe zu bringen und Raum für ſeinen Degen zu gewinnen. Indeſſen, er hätte ebenſo gut einen Felſen von der Stelle rücken können, als den Mann im Sammetrock. Der Stoß krachte dumpf auf ſeiner breiten Bruſt; das war Alles; aber zu gleicher Zeit reckte er ſeine mächtigen Arme aus, ergriff den Officier um den Leib, hob ihn vom Boden auf und ſchleuderte ihn mit ſolcher Gewalt gegen die Soldaten, welche genug zu thun hatten, ihren Arreſtanten zu halten, daß Officier, Soldaten und Arreſtant in einem Haufen über⸗ und unter⸗ einander rollten. 1* 1* Dritter Band. 47 „Hurrah!“ ſchrie die durch dieſe Kraftprobe entzückte Menge;„hur⸗ rah! drauf! drauf! nieder mit der Soldateska!“ Herr Schmenckel mußte ſich von der Hülfe und dem Muth der Menge nicht viel verſprechen. Er zog mit einem Ruck den Arreſtanten aus dem Haufen heraus und war mit ihm, ehe ſich noch der Officier wieder aufraffen konnte, in dem Gedränge, das ihm bereitwillig Platz machte, verſchwunden. Es war die höchſte Zeit, denn jetzt war es den von ihrem Führer getrennten Sectionen gelungen, die Menſchenmauer zu durchbrechen. Der Officier ſprang auf die Füße und commandirte mit einer vor Wuth kreiſchenden Stimme:„links aufmarſchirt! marſch! marſch! zur Attaque Gewehr rechts! fällt das Gewehr!“ „Hurrah, hurrah!“ riefen die Soldaten, indem ſie im Geſchwind⸗ ſchritt auf die wehrloſe Menge eindrangen, die heulend und ſchreiend auseinanderſtob. Sechſtes Capitel“ Während unter den Akazien ſolche Scenen ſtattfanden und die Be⸗ wohner dieſer und der nächſtgelegenen Straßen in fieberhafte Aufregung verſetzten; während hier die Menge vor einer anrückenden Militairtruppe auseinanderſtob, um ſich an einem für den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu ſammeln, Verhaftungen in Maſſe vorgenommen wurden, Verwundungen nicht ausblieben und ſo die Erbitterung von beiden Seiten in beängſtigender Weiſe wuchs— lebten die Bewohner der abgelegenen Quartiere der großen Capitale ohne die geringſte Kunde dieſer Vorgänge in einem tiefen Frieden, der in einem gemeindeanger⸗ umgebenen idylliſchen Landſtädtchen nicht größer ſein konnte. In einem kleinen einſtöckigen Hauſe einer dieſer ſtillen Straßen, das durch einen Garten vor der Thür und das leichte eiſerne Gitter, welches den Garten von der Straße trennte, etwas Villaartiges hatte, ſaßen kurz vor Sonnenuntergang in der Stube links vom Hausflur an 48 Durch Nacht zum Licht. einem Fenſter, das durch eine Glaskugel mit Goldfiſchchen, ein Meſſing⸗ bauer mit einem goldgelben Canarienvogel darin, durch Blumen in Töpfen und Vaſen als das Lieblingsplätzchen einer Dame bezeichnet war (wenn auch das ſonſt unvermeidliche Nähtiſchchen fehlte), eine junge Frau und ein Mann, den man nicht wohl mehr jung nennen konnte, wenn er auch auf das Prädicat alt vorläufig, trotz ſeiner an den Schläfen etwas kahlen Stirn, noch keinen Anſpruch hatte, in eifriger Unterhaltung. In eifriger ernſter Unterhaltung, wie ſie zwiſchen zwei guten Freunden ſtattfindet, die ſich Monate lang nicht geſehen haben, zumal wenn ſich während dieſer Zeit ſo Manches in dem Leben der Beiden geändert, ja, wie in dieſem Falle, für Beide ein neues Leben be⸗ gonnen hat. „Und Franz iſt mit ſeinen hieſigen Verhältniſſen ganz zufrieden?“ „Ganz! wie würde ſich der gute Vater gefreut haben, wenn er— Die junge Frau vollendete den Satz nicht, ſondern wandte ſich nach dem Fenſter und machte ſich etwas mit ihren Blumen zu ſchaffen. Der Herr betrachtete ſie ein Weilchen liebevoll durch ſeine Brillengläſer, dann legte er leicht ſeine Hand auf ihren Arm und ſagte: „Sie müſſen ſich nicht blos ſtark zeigen, liebe Freundin; Sie müſſen es auch ſein— Sie, die Tochter eines ſolchen Vaters!“ „Sie haben Recht, Bemperchen; ich will verſuchen, ſo ſtark und vernünftig zu ſein, wie ich ausſehe. Aber jetzt laſſen Sie uns von was Anderem ſprechen. Was ſagt denn Marguerite zu dem neuen Plan?“ „Sie iſt entzückt oder charmèe, wie ſie ſagt. Ich glaube aber alles Ernſtes weniger über die Verbeſſerung unſerer Lage— obgleich, ganz entre nous, liebe Freundin, ein verheiratheter Student ein höchſt eigenthümliches Amphibium iſt— als darüber, daß ſie jetzt wieder in Ihrer Nähe leben kann. Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben!“ „Das gute Herz! und ich habe ſo wenig für ſie gethan, für ſie thun können! habe ſie eigentlich immer nur geneckt, und noch am letzten Abend— wiſſen Sie noch, Bemperchen, wie Sie als Autor erſchienen; Ihr Euch in dem Fenſter den verhängnißvollen Kuß gabt und Papa hernach beim Hochheimer die köſtliche Rede hielt, die letzte, die ich aus ——— ——— Dritter Band. 49 ſeinem Munde gehört habe? Jetzt weiß ich erſt, was zu der Stunde ſein edles Herz bewegte! Er nahm nicht blos für damals, er nahm für immer von uns Abſchied.“ Sophie kämpfte die Rührung, die ſie zu überwältigen drohte, ge⸗ waltſam nieder und fuhr fort: „Ich habe ſo wenig für Marguerite gethan und ſie im Gegen⸗ theil ſo viel für mich! Wiſſen Sie, Bemperchen, daß ich ſchwach genug war, ordentlich eiferſüchtig auf die Kleine zu werden, als ich aus Papa's Briefen ſah, in wie hoher Gunſt ſie bei ihm ſtand und wie er ſich gegen Eure Verheirathung faſt nicht weniger hartnäckig wehrte, als gegen die unſere?“ „Und doch iſt dieſe Verheirathung nur durch ſeine Bemühungen ſo bald zu Stande gekommen; zum mindeſten hat Marguerite es nur ihm zu danken, wenn unſere Einrichtung ſo glänzend ausfiel, wie ich ſie mit meinen ſchwachen Kräften allerdings nicht hätte herſtellen können. Sie wiſſen doch, was ich meine?“ „Die Timm'ſche Angelegenheit? Marguerite hat mir davon ge⸗ ſchrieben. Was mich dabei am meiſten gewundert, iſt, daß Timm ſo prompt das Geld zurückbezahlt hat.“ „Wir Alle ſind erſtaunt geweſen, Niemand mehr als ich, der ich wußte, daß er bis über die Ohren in Schulden ſteckte und ſchon aus dieſem Grunde dem Papa rieth, von ſeinem Verſuch, als von einem ganz vergeblichen, abzuſtehen. Mir hat die ganze Affaire, entre nous, viel Kopfzerbrechen und Herzensſchmerzen verurſacht, und ſo wenig Urſache gerade ich habe, Herrn Timm hold zu ſein, ſo hat's mir doch leid ge⸗ than, als er gleich darauf, einer Wechſelſchuld wegen, die er vielleicht, nur um uns zu bezahlen, contrahirt hatte, in den Thurm wandern mußte, in dem er ſo viel ich weiß, noch heute ſitz.“ „O!“ ſagte Sophie,„hat's mein alter Anbeter alſo endlich doch durchgeſetzt?“ „Ihr alter Anbeter?“ „Ja, wiſſen Sie das nicht? Ich habe noch mit Timm zuſammen Tonzſtunde gehabt, und ich kann ſagen, daß ich mit Niemand lieber ge⸗ tanzt und mich unterhalten habe, als mit ihm. Es iſt ein höchſt geiſt⸗ reicher und, wenn er will, ſehr liebenswürdiger Menſch, um den es Fr. Spielhagen's Werke KII.* 4 Durch Nacht zum Licht. wahrhaftig Jammer und Schade iſt, daß er mit ſeinen herrlichen Gaben ſo unverantwortlich wirthſchaftet. Er hat in dieſer Beziehung die größte Aehnlichkeit mit—“ „Mit Oswald Stein, wollen Sie ſagen, nur zu! Ich habe das bittere Gefühl, das mich, als wir noch in Grünwald zuſammen waren, jedesmal bei Nennung dieſes Namens überkam, glücklich beſiegt; er exi⸗ ſtirt für mich nicht mehr, beſonders nach ſeinen letzten Abenteuern.“ „Das iſt nicht recht, Bemperchen. Sie wiſſen, ich habe Stein nie beſonders gemocht, aber ſeitdem Ihr Alle gegen ihn ſeid und ſelbſt Franz, der ihn noch immer in Schutz nahm, anfängt, mit in den Chor einzu⸗ ſtimmen, habe ich große Luſt, mich auf ſeine Seite zu ſchlagen.“ „Natürlich,“ ſagte Bemperlein, mit einem leiſen Anflug von Bit⸗ terkeit,„es iſt doch eine alte Erfahrung, daß die Frauen einen Mann deſto lieber haben, je toller ers treibt. Mußte ich doch neulich ſelbſt von meiner Marguerite, die ihn ſonſt nicht ausſtehen konnte, ein in den ſanfteſten Tönen eingehauchtes pauvre homme! hören. Pauvre hommel Nun frage ich doch einen vernünftigen Menſchen! Alſo, wenn Jemand wie ein ungezogenes Kind durch das Leben raſ't, ſtatt nach Grundſätzen, ſtets nur nach ſeinen ſouveränen Launen handelt; wenn er, wie ein Kind, Alles haben muß, was ihm gefällt, um es, wenn's ihm nicht mehr gefällt, in thörichtem Zorn und Uebermuth wieder zu zerbrechen— wenn er, ſtatt ſeinen Nächſten zu lieben, mit ſeines Nächſten Frau bei Nacht und Nebel durchgeht, ſo ſagt man von ihm, womöglich mit einer Thräne des Mitleids im ſchönen Auge: Pauvre homme!“ „Bravv, Bemperchen,“ rief Sophie beinahe mit der alten Luſtig⸗ keit,„bravo! Sie könnten nicht ſchöner predigen, wenn Sie ſelbſt der betreffende unglückliche Nächſte wären! Aher, ſagen Sie, hat man denn von den loſen Vögeln noch immer keine Nachricht?“ „So viel ich weiß, nein! es iſt, als hätte die Erde ſie eingeſchluckt.“ „Aber wie erträgt denn der verrathene Gatte ſein grenzen⸗ loſes Leid?“ „Ach, man ſollte ſich eigentlich dieſer Menſchen wegen gar nicht weiter ereifern,“ erwiderte Bemperlein unmuthig,„ſie find es nicht beſſer werth, und wollen es nicht anders haben. Denken Sie ſich, Fräulein Sophie, wollte ſagen: Frau Sophie— dieſer Menſch, dieſer Cloten, Dritter Band. 51 der, als Stein mit ſeiner keuſchen Penelope durchgegangen war, that, als ob die Sonne niemals wieder für ihn ſcheinen könne, hat ſich nicht nur in überraſchend kurzer Zeit getröſtet, ſondern daſſelbe Unglück, das jener in ſeinem Hauſe angerichtet hat, in ſeines Nachbars Hauſe eben⸗ vfalls angerichtet. Herr von Barnewitz, der Vetter der Frau von Ber⸗ kow— der mit dem breiten rothen Bart, wiſſen Sie, und den breiten Schultern— o, Sie müſſen ihn ja geſehen haben— nein? na, es kommt auch nichts darauf an— eh bien, Herr von Barnewitz kommt neulich zur ungelegenen Zeit nach Hauſe, findet— ſo erzählen ſich die Leute— die Thür zum Zimmer ſeiner Frau verſchloſſen, wittert Un⸗ rath, zerſchlägt ein Fenſter, reißt den ganzen Fenſterflügel heraus, ſteigt in's Zimmer, erwiſcht Herrn von Cloten, der eben von der Dame zu einer Hinterthür hinausgeſchoben wird, und hat eine Auseinanderſetzung mit dem edlen Paar, in Folge deren Hortenſe nach Jtalien und Herr von Cloten, nachdem er acht Tage lang das Bett gehütet, auf ſeine Güter gereiſt iſt, ohne von Jemand Abſchied zu nehmen.“ „Da haben ja die Grünwalder Klatſchſchweſtern wieder etwas zu reden gehabt!“ „Das können Sie glauben, faſt ſo viel, als damals bei der Ver⸗ lobung von Helene Grenwitz mit dem Fürſten Waldernberg.“ „Wie ſteht es denn damit?“ „So viel ich weiß, ſoll die Verlobung, ich meine die eigentliche, officielle, in dieſen Tagen hier in der Reſidenz ſtattfinden. Anna Marie ſagte mir neulich, daß ſie mit Helene Anfang März hier ein⸗ treffen würde.“ „So ſind Sie alſo mit der Familie noch immer in Verbindung geblieben?“. „Ich hatte keinen rechten Grund, meine Stunden aufzugeben. Anna Marie beehrte mich fortwährend mit ihrer beſondern Gnade und überdies habe ich mich in der letzten Zeit mehr mit ihrem Weſen aus⸗ geſöhnt. Ich glaube, wir haben ihr vielfach Unrecht gethan. Sie hat gewiß ihre bedenklichen Seiten, aber man muß auch ſo gerecht ſein, anzuerkennen, daß die Verhältniſſe, in denen ſie lebt, eigenthümlich genug ſind. Wenn ſie Helene einen reichen Mann verſchafft, ſo thut ſie nicht mehr und nicht weniger, als was alle Frauen in ihrer Lage 4* 52 Durch Nacht zum Licht. auch thun würden. Und ihre Lage iſt keineswegs ſo glänzend, wie man glaubt. Seit dem Tode des Barons hat ſie von dem ganzen großen Vermögen außer dem, was ſie bis jetzt geſpart hat, und das kann— für die Anſprüche ſolcher Leute wenigſtens— nicht allzuviel ſein, eine verhältnißmäßig geringe Wittwenpenſion; und auch die fällt⸗ weg, im Falle Malte dem Beiſpiele ſeines Couſins Felix nachfolgen und auch an der Auszehrung ſterben ſollte, was nebenbei im höchſten Grade wahrſcheinlich iſt. Der Junge beſteht jetzt ſchon nur aus Haut und Knochen.“ „O,“ ſagte Sophie,„da wäre ja allerdings Helenen's glänzende Heirath eine Art von Nothwendigkeit im Sinn dieſer Leute, obgleich ich überzeugt bin, daß es für Helene eine traurige Nothwendigkeit iſt.“ „Weßhalb?“ „Im Vertrauen! ich glaube, ihr Herz hatte ſich bereits nach einer andern Seite entſchieden, als ſie dem Fürſten das Jawort gab. Wollte Gott, ſie wäre von Anfang an weniger zurückhaltend gegen mich geweſen; vielleicht wäre Alles anders gekommen.“ „Glauben Sie das nicht, in dieſem Mädchen ſteckt ein hartnäckiger Stolz, den kein einzelner Menſch, den, glaube ich, nur das Schickſal beugen kann. Sie wird Niemand einen unbedingten Einfluß auf ihre Entſchließungen geſtatten.“ „Sagen Sie, Bemperchen, was iſt denn eigentlich an dem Ge⸗ rücht, das Ihre Frau von Berkow und den Baron mit einander in einem— ſehr intimen Verhältniſſe leben läßt?“ fragte Sophie nach einer kleinen Pauſe. „Nichts, reinweg gar nichts,“ ſagte Bemperlein mit großem Eifer, „ich möchte nur wiſſen, was die Leute eigentlich wollen! Es beſteht eine Freundſchaft zwiſchen ihnen, die ſich von ihren gemeinſam verlebten Jugendjahren her datirt. Das iſt Alles. Wenn ſie Nachbarn ſind und ſich in Folge deſſen häufig ſehen, ſo iſt doch das wahrhaftig ganz un⸗ verfänglich. Sie könnten ſich ja heirathen, wenn ſie ſonſt nur wollten. Anſtatt deſſen reiſt der Baron nach Paris und läßt ſie in Schnee und Eis auf dem einſamen Berkow. Das beweiſt doch ſonnenklar, daß von Liebe zwiſchen ihnen die Rede nicht iſt, oder es müßte denn eine curioſe Sorte Liebe ſei“ Dritter Band. 53 In dieſem Augenblick ſchrak Sophie freudig zuſammen. In dem Fenſterſpiegel hatte ſie die Geſtalt eines ſchlanken, eleganten, ſchwarz⸗ bärtigen Mannes erblickt, der die nicht eben belebte Straße eiligen Schrittes heraufkam. „Franz kommt!“ rief die junge Frau, während ihre großen blauen Augen aufleuchteten und ein tieferes Roth ihre Wangen färbte;„wer⸗ ſtecken Sie ſich, Bemperchen!“„Aber, wohin?“ rief Herr Bemperlein, von dem Fenſtertritt herabſpringend. „Nur dort hinter die Portiere! Halten Sie in der Mitte feſt, daß ſie nicht auseinanderfällt— ſo!“ Die Klingel an der Hausthür ertönte, unmittelbar darauf wurde die Stubenthür geöffnet und Franz trat ſchnell herein. „Iſt Bemperlein nicht gekommen?“ „Siehſt Du ihn etwa hier?“ Nun ſah Franz Herrn Anaſtaſius Bemperlein freilich nicht, wohl aber auf einen Stuhl einen Herrenhut und überdies die Falten der Portière in einer Weiſe arrangirt, die nur dadurch möglich war, daß eine Hand hineingegriffen hatte und jetzt die beiden Theile feſt zu⸗ ſammenhielt. Er ſagte deßhalb: „Dieſer Bemperlein iſt doch ein ganz unzuverläſſiger, leichtfertiger, gewiſſenloſer Springinsfeld; ein Menſch ohne Treu und Glauben, ohne Grundſätze; ein Charlatan, von dem es mir ſchon hundertmal leid gethan hat, daß ich ihn Herrn Planke als Director ſeiner chemi⸗ ſchen Fabrik ſo lange empfohlen habe, bis derſelbe ihn mit tauſend Thalern jährlich und fünf Procent der Nettveinnahme engagirt hat; ein Don Juan von einem Bemperlein, der mit den Frauen ſeiner Freunde heimliche Zuſammenkünfte hat, beim Nachhauſekommen des Ehemannes ſich hinter der Portisre verſteckt, und dabei ſo dumm iſt, ſeinen Hut im Zinme ſtehen zu laſſen; ein Harlequin von einem Bemperlein—“ „Halt,“ ſagte der genannte Herr, den Vorhang auseinanderſchlagend, „ich bin erkannt!“ Die beiden Freunde eilten auf einander zu und umarmten ſich mit großer Herzlichkeit. Durch Nacht zum Licht. „Wißt Ihr, wen ich ſo eben geſehen habe?“ fragte Franz, nach⸗ dem man das Nothwendigſte durchgeſprochen. „Nun?“ riefen Bemperlein und Sophie. „Den Baron Oldenburg und Frau von Berkow.“ „Unmöglich!“ rief Bemperlein, einen verlegenen Blick auf Sophie werfend, welchen dieſe mit einem ſchalkhaften Lächeln beant⸗ wortete. „Was ich Euch ſage. Ich begegnete ihnen in der Nähe des Schloſſes Arm in Arm. Frau von Berkow hat mir ihre Adreſſe gegeben und mich gebeten, ſie zu beſuchen. Da! Lange Straße Nr. 54. Sie wohnt Chambre garnie. Daraus und aus dem Um⸗ ſtande, daß ſie die Kinder mit hat, vermuthe ich, daß ſie längere Zeit hier bleiben wird. Ich ſagte ihr, daß wir Bemperchen heut erwarteten, und ſie war über dieſe Nachricht ſehr erfreut. Auch Baron Oldenburg läßt grüßen und Ihnen ſagen, daß er ſeit geſtern mit Profeſſor Berger von Paris zurück ſei. Ihr wißt doch, daß ſich die Beiden in Paris getroffen und die ganze Revolution mitgemacht haben? Sie logiren Hötel de Ruſſie unter den Akazien. Ich habe Frau von Berkow gerathen, wenn ſie nicht ganz beſonders dringende Geſchäfte hier halten, die Stadt zu verlaſſen, da wir vorausſichtlich ſehr unruhige Tage haben werden. In der Albrechtsſtadt ſchwirrt und wirrt es wie in einem Ameiſenhaufen. Adjutanten und Or⸗ donnanzen jagen ventre à terre durch die Straßen. An der Al⸗ brechts⸗ und Bärenſtraßen⸗Ecke ſah ich ſogar ſchon Kanonen aufge⸗ fahren. Unter den Akazien ſoll es zu einem blutigen Zuſammenſtoß gekommen und ein Gardeofficier von dem Volke arg mißhandelt ſein. Einige nannten den Fürſten Waldernberg. Der Lärm iſt ſo groß geweſen, daß das Publicum das Opernhaus, trotzdem ein neues Ballet gegeben wird, gleich nach Beginn der Vorſtellung wieder verlaſſen hat. In der Fiſcherſtraße hat ein Volkshaufe einen Angriff auf einen Waffenladen gemacht, und ein Bekannter will in der Gelbſtraße die Anfänge einer Barricade geſehen haben. Mit einem Worte: die Stadt iſt in einer fieberhaften Aufregung und deßhalb, liebes Weibchen, wär' es recht gut, Du verſchaffteſt uns Thee mit Rum, anſtatt hier zu ſtehen und mit offenem Munde den Schreckensnachrichten zu lauſchen.“ Dritter Band. 55 Sophie fiel ihrem Gatten um den Hals, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen und eilte zur Thür hinaus, um das Abendbrot zu be⸗ ſorgen. Die beiden Freunde ſetzten ſich unterdeſſen auf das Sopha und beſprachen mit Ernſt und Gründlichkeit, wie es weiſen Männern geziemt, ihre eigenen und die öffentlichen Angelegenheiten. Siebentes Capitel. Der„Duſtre Keller“ war eines jener bedenklichen Locale, in welche ein anſtändiger Mann niemals den Fuß ſetzt, auch wenn er, ermüdet und durſtig von einem langen Geſchäftsgange, zur Frühſtücksſtunde daran vorüberkommt, und wohin auch junge Leute, die weniger Tu⸗ gend als Lebensluſt haben, nur zufällig einmal in der Nacht ge⸗ rathen, wenn ſie der Kobold des Unfugs weit ab von ihren gewöhn⸗ lichen Wegen in Regionen geführt hat, an die ſie, wenn ſie ſpät am nächſten Vormittage mit Kopfſchmerzen aufwachen, nur eine ſehr confuſe und nebenbei keineswegs angenehme Erinnerung haben. Uebrigens lag der„Duſtre Keller“ in der Nebenſtraße eines ganz faſhionablen Quartiers, und machte, wie die meiſten ähnlichen Locale, ſeine am Tage kaum wahrnehmende Exiſtenz, nach Sonnenuntergang durch eine Laterne aus rothem Glaſe bemerklich, welche bis an den hellen Morgen die Straße hinauf⸗ und hinabblickte und deren holder Schein für ſehr Viele eine unwiderſtehliche Anziehungskraft haben mußte. Wenigſtens war während der angegebenen Zeit das Local faſt immer mit Beſuchern überfüllt. So auch heute Abend. Es war kaum noch ein Platz zu haben in den vier oder fünf großen Räumen, aus welchen der„Duſtre Keller“ beſtand. Eliſe, Bertha und Pauline, die drei Biermamſells, hatten ihre liebe Noth, wenn ſie jedem durſtigen Gaſt das gefüllte Seidel bringen und bei jedem ſich wenigſtens doch ſo lange aufhalten mußten, bis er ihnen in die Wangen gekneipt oder mindeſtens ein verbindliches Wort geſagt hatte. Vielleicht hielten dieſe traulichen 56 Durch Nacht zum Licht. Zwiegeſpräche den raſchen Gang des Geſchäfts ein wenig auf, aber was ließ ſich dagegen thun? Durſtige Herren auf einer gewiſſen Bildungsſtufe wollen nun einmal die hübſche(und nur möglicher⸗ weiſe vom Bier etwas feuchte) Hand, welche ihnen den Pocal cre⸗ denzte, für einen Augenblick in der ihrigen halten und ein ſo natür⸗ liches Verlangen war in dieſem Falle um ſo gerechtfertigter, als die drei Mädchen in der That ſehr hübſch waren und dem Geſchmack der Wirthin des„Duſtern Kellers“ alle Ehre machten. Frau Roſalie Pape war eine Dame im Anfang der fünfziger Jahre, an deren Erſcheinung auf den erſten Blick nur der enorme Körperumfang auffallend war. Erſt wenn man eine genauere Beobachtung anſtellte, bemerkte man die Plumpheit der in Fett ver⸗ quollenen Züge, die Kürze und Stumpfheit der Finger an den flei⸗ ſchigen weißen Händen, und nur der ſehr ſcharfe Beobachter ent⸗ deckte, daß die braunen Haare, welche in reichlicher Fülle den Schä⸗ del der würdigen Matrone bedeckten, unmöglich echt ſein konnten, und daß die kleinen hellblauen Augen trotz der Freundlichkeit, welche fortwährend die breiten Lippen umſpielte, einen ſcharfen, ſtechen⸗ den, ja manchmal geradezu böſen und unheimlichen Ausdruck hatten. Indeſſen, ſo genau zu beobachten, war durchaus nicht Sache der Gäſte des„Duſtern Kellers.“ Für ſie war Frau Roſalie eine ganz charmante, prächtige Frau, unter deren Leitung der Ruhm des Lo⸗ cals heller als je ſtrahlen würde, und ſie freuten ſich, wenn die treffliche Frau ihren Platz hinter dem Buffet verließ, um die Runde durch den Keller zu machen, hier einen Bekannten vertraulich auf die Schulter klopfte, dort einen Fremden willkommen hieß, hier ein enthuſiaſtiſches Lob über die Trefflichkeit des Biers huldvoll entgegen nahm, dort einen etwaigen Tadel dadurch zu entkräften ſuchte, daß ſie das Glas des Klägers an den Mund führte und daraus einen Schluck that, der einem Feldwebel Ehre gemacht haben würde. So war ſie denn jetzt auch an ein paar Männer herangetreten, die in einer Ecke allein an einem kleinen Tiſche ſaßen und die Köpfe zuſammenſteckend ſich im Flüſterton mit einem Eifer unterhielten, der Dritter Band. 57 deutlich genug bewies, daß der Gegenſtand ihres Geſpräches von nicht ungewöhnlichem Intereſſe war. „Nun, Schmenkelchen, wie geht's?“ ſagte Frau Roſalie, die fette Hand auf die breite Schulter des ſtarken Herrn im Sammetrock legend;„mir däucht, Ihr ſeht ein wenig echauffirt aus. Trinkt nur nicht zu viel, damit Ihr hernach Eure Kunſtſtücke ordentlich macht. Ihr habt heute ein großes Publicum. „Ich fürcht', ich werd' heute Abend nir Geſcheidts mehr zu⸗ ſammenbringen;“ ſagte der Direktor, deſſen aufgedunſenes Geſicht ſehr ſtark geröthet war, mit lallender Zunge. „Aber, Schmenkel, Sie haben es ja verſprochen!“ erwiderte Frau Roſalie und ihre Augen blickten nichts weniger als freundlich,„eine Liebe, wißt Ihr, iſt der andern werth.“ „Mein Freund Schmenckel beſinnt ſich noch, verehrte Frau!“ ſagte der andere Herr, ein junger Mann mit blonden Haaren und einer Brille über den ſcharfen blauen Augen;„er iſt für den Augen⸗ blick nur etwas angegriffen von einem Rencontre, das wir vor einer Stunde unter den Akazien gehabt haben. Uebrigens freue ich mich ganz ausnehmend, verehrte Frau, daß ich durch Herrn Schmenckel Ihre neue Adreſſe erfahren habe; ich habe Sie nach Ihrer alten ſeit zwei Tagen in der ganzen Stadt vergeblich geſucht.“ Frau Roſalia Pape warf einen prüfenden Blick auf den Sprecher. Es lag in ſeiner ganzen Erſcheinung und in ſeiner Art zu ſprechen ein Etwas, durch welches ſie ſich angenehm berührt fühlte. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“ fragte ſie. „Ganz auf meiner Seite! Wollen Sie uns nicht für einen Augenblick die Ehre Ihrer Geſellſchaft gönnen?“ ſagte der junge Mann, Frau Roſalien den noch unbeſetzten dritten Stuhl am Tiſche präſentirend;„mein Name iſt Albert Timm— aus Grünwald— ich habe einen Empfehlungsbrief an Sie von einem alten Freunde, der Sie beſtens grüßen läßt. Darf ich mir erlauben, dieſes Docu⸗ ment in Ihre ſchöne Hände zu legen?“ und Herr Timm überreichte der Dame einen unverſiegelten Brief, den er aus einer ſehr ſchäbigen Brieftnſche genommen hatte. Frau Roſalie ſchien über dieſe Mittheilung ein wenig betreten. 58 Durch Nacht zum Licht. Sie warf abermals einen noch ſchärfer prüfenden Blick auf den Fremden, blickte dann in dem Raume umher, ob auch Niemand ſie beobachtete, entfaltete den Brief, wandte ſich ſo, daß das Licht der Gasflamme darauf fiel und las: „Liebe Roſalie! Ueberbringer dieſes iſt ein ſehr guter Freund von mir, dem Du unbedingt vertrauen kannſt. Er wird Dir in Beziehung auf die witzer Geſchichte eine Mittheilung machen, daß Dir die Augen übergehen werden. Wenn Du und Jeremias ihm beiſtehen wollt, zweifle ich nicht, daß wir einem gewiſſen Erben zu ſeiner Erbſchaft und uns zu einem Profit verhelfen können, der ſich gewaſchen hat. Adies! Es mag Dir immerhin wohl gehen, aber auch Deinem, Dich noch immer zärtlich liebenden T. G.“ „Sie kennen die Hand?“ fragte Herr Timm, als die Frau, nach⸗ dem ſie den Brief zweimal ſorgfältig geleſen, und dann nicht minder ſorgfältig zuſammengefaltet und in die Taſche geſteckt hatte, jetzt mit einem mißtrauiſchen Blick zu ihm aufſchaute. „Die Hand kommt mir allerdings bekannt vor,“ erwiderte ſie. „Na, das iſt vorläufig die Hauptſache. Das Uebrige will ich Ihnen zur gelegenen Zeit ſchon ſagen. Ich hoffe, daß Sie mir noch heute Abend das Vergnügen und die Ehre einer vertraulichen Unter⸗ haltung gewähren. Ich bin überzeugt, daß wir noch vor morgen früh die beſten Freunde ſind.“ Es war eine Zuverſicht und Beſtimmtheit in dem Auftreten des jungen Mannes, die, wenn ſie auch für Gebildetere einen leiſen An⸗ flug von Unverſchämtheit haben mochte, doch ſolchen rohen Seelen, wie Frau Roſalie, entſchieden imponirte. Sie erwiderte den ver⸗ traulichen Druck von Herrn Timm's Hand und erhob ſich, da gerade in dieſem Augenblick eine der Heben des„Duſtern Kellers“ heran⸗ trat, zu melden, daß man am Buffet nach der Gebieterin verlange. Herr Timm wandte ſich wieder zu Director Caspar Schmenckel aus Wien, welcher ſo betrunken oder in ſeine Gedanken ſo vertieft war, daß er der Unterredung zwiſchen ſeinem Freunde und Frau Roſalie wenig oder gar keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, und ſagte, die abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehmend: „Ich begreife nicht, wie Sie nur einen Augenblick zweifeln Dritter Band. 59 können. Ich ſage Ihnen, wie Ihr Euch ſo einander gegenüber ſtandet, fiel mir die Aehnlichleit auf, obgleich ich in dem Augenblicke wahrhaftig nicht viel Zeit hatte, lange Beobachtuugen zu machen. Ich gebe zu, der Zufall iſt ganz wunderbar, der Euch nach ſo vielen Jahren zum erſten Male, ohne daß Ihr von Eurer hochverehrlichen Exiſtenz auch nur eine Ahnung habt, an dieſem Orte und zu dieſer Stunde zuſammenbringt; aber was iſt's denn weiter? ich habe allen Reſpect vor dem Zufall, denn er hat mir ſchon oft im Leben aus der Patſche geholfen, wenn's mit allem Verſtand der Verſtändigen Matthäi am letzten war. Und dieſer Zufall iſt zu famos, als daß er nicht etwas mehr als bloßer Zufall ſein ſollte. Und was iſt's denn ſchließlich ſo Wunderbares? Sie machen vor zweiundzwanzig Jahren einem wollüſtigen Weibe den Hof und auch wohl noch etwas mehr als den Hof. Der Gemahl iſt während der ganzen Zeit ver⸗ reiſt und kommt nur nach Hauſe, um nachzuſehen, wie groß die Hörner ſind, die ſeine treue Gattin für ihn in Bereitſchaft hat und ſich nebenbei von dem Galan zum Fenſter hinauswerfen zu laſſen. Die Dame hat in ihrer Ehe nur ein Kind gehabt und dieſes einzigen Kindes Alter ſtimmt auf ein Haar. Sie ſind, ſagen Sie, im Sep⸗ tember Achtzehnhundertfünfundzwanzig in Petersburg geweſen, und der Fürſt iſt Mai ſechsundzwanzig geboren.“— „Woher wiſſen Sie denn das aber?“ fragte Herr Schmenckel und kraute ſich ungläubig den dicken Kopf. „Ich ſage Ihnen, Mann, daß ich es weiß. Das kann Ihnen doch genug ſein. Und geſetzten Falls, der Burſche wäre Ihr Sohn nicht, ſo—“ „Aber warum ſollt er denn halt nit mein Sohn ſein?“ rief Herr Schmenckel und ſchlug mit ſeiner ſchweren Fauſt auf den Tiſch;„ſeh ich halt aus, als ob ich dazu nit im Stande wäre?“ Herr Timm nahm die Brille ab, wiſchte die Gläſer rein, ſetzte ſie ſich wieder auf, ſchaute lachend in Herrn Director Caspar Schmenckels hochgeröthetes Geſicht und ſagte gemüthlich: „Hört mal, Alter, Ihr ſeid der pudelnärriſchſte Kauz, der mir in meinem Leben begegnet iſt. Erſt ſpreche ich mich vergeblich heiſer, um Euch zu beweiſen, daß Ihr der Vater von dieſem hoffnungsvollen 60 Durch Nacht zum Licht. Jüngling ſeid, und bei der bloßen Annahme, Ihr möchtet es nicht ſein, werdet Ihr grob und prügelt mich am Ende noch durch. Ich wollte aber nur dies ſagen: geſetzten Fall, der Burſche iſt nicht Ihr Sohn, ſo kommt darauf auch nicht ſo viel an. Wir wollen vorläufig einmal auf den Buſch klopfen, vorläufig einmal anfragen, ob ſich die gnädige Frau Fürſtin noch eines gewiſſen Herbſtes in Petersburg erinnert und ſo weiter, und ſo weiter— ich ſetze meinen Kopf gegen einen hohlen Kürbis: wir jagen ſie in's Bockshorn, daß ihnen die Rubel nur ſo aus den Aermeln fallen.“ „Aber werden ſie uns nicht die Polizei auf den Hals ſchicken?“ meinte Herr Schmenckel tieffinnig den Kopf ſchüttelnd. „Pah! ſie werden froh ſein, wenn ſich kein Dritter hineinmiſcht! Es giebt für Leute wie wir keinen beſſeren Bundesgenoſſen, als ſo ein ſchlechtes Gewiſſen— ich ſage Ihnen, ich habe Erfahrung in dieſem Fach.“ Herr Schmenckel dachte über den verzwickten Fall ſo tief nach, daß ihm vor lauter Nachdenken(und nebenbei von dem vielen Bier) der Kopf glühte. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der, wenn auch nicht Licht in die räthſelhafte Angelegenheit, ſo doch in den Charakter ſeines neuen Freundes werfen konnte. „Aber,“ ſagte er,„was habt denn nur Ihr eigentlich für ein Intereß an der ganzen Geſchicht?“ „Pfui, Herr Director,“ antwortete Timm mit großer Indignation; eine ſolche Frage hätte ich Ihnen nicht zugetraut! Haben Sie mich nicht aus den Klauen der Soldaten gerettet? Wäſcht eine Hand nicht die andere? giebt's auf der Welt nicht ein ſolches Ding, wie Dankbarkeit? Wenn Sie partout ein armer Teufel bleiben und auf den Jahrmärkten herumziehen wollen, während Sie von einer an⸗ ſtändigen Penſion von einigen tauſend Rubeln jährlich in Ihrem eigenen Hauſe leben und in Ihrer eigenen Equipage fahren können — mir iſt es recht! Verzeihen Sie, daß ich Sie mit dieſen Dingen behelligt habe und laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen.“ „Aber ſo nehmen's doch Vernunft an,“ rief Herr Schmenckel ängſtlich;„es fällt mir ja gar nit ein, es Ihnen irgendwie übel zu nehmen, daß Sie mich partout zu dem Vater von einem Fürſten —— Dritter Band. 61 machen wollen. Aber daß ich einen ſo vornehmen Sohn hab und gleich's erſte Mal, daß ich ihn erſchau, ſollt durchgewammſt haben, das iſt denn ſo erſtaunlich, wenn Caspar Schmenckel es einem An⸗ dern erzählen thät, der glaubt's halt nimmer.“ „Ich ſehe nicht ein,“ ſagte Timm,„weßhalb das um ein Haar erſtaunlicher iſt, als daß ich von den Tauſenden in der Volksver⸗ ſammlung ganz zufälligerweiſe unter tauſend andern Officieren dem Fürſten in den Weg laufen, ich ihn ganz zufälligerweiſe von früher her kenne, ſeinen Namen weiß, Ihnen den Namen nenne und Sie an den Namen eine Reminiscenz aus Ihrem Wanderleben knüpfen, die uns zu einer ſo unbezahlbaren Entdeckung verhilft. Ich kann Sie verſichern, daß ich im Anfang faſt eben ſo erſtaunt geweſen bin, wie Sie, aber dergleichen dauert bei mir, Gott ſei Dank, nicht lange.“ Herr Timm warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſtocherte ſich die Zähne. Herr Schmenckel betrachtete mit unendlicher Verwun⸗ derung, in die ſich eine Art von Grauen miſchte, den Mann, der ſich ſelbſt durch eine ſo außerordentliche Begebenheit nicht aus der Faſſung bringen ließ. Herr Schmenckel war nicht der Mann, ſich die Natur des Verhältniſſes, in welchem er zu ſeinem neuen Freunde ſtand, klar zu machen, aber er hatte doch ein unbeſtimmtes Gefühl davon, und er verſpürte, während er ſo auf ihn blickte, eine An⸗ wandelung von dem Wunſch, den jungen Menſchen durchzuprügeln oder ihn auf ſonſt irgend eine Weiſe für ſeine Ueberlegenheit zu ſtrafen, ähnlich wie ein Elephant manchmal eine entfernte Ahnung von dem Vergnügen haben mag, welches es ihm gewähren würde, wenn er ſeinen Kornak vom Halſe auf die Erde ſchleuderte und einige Minuten lang mit den Füßen auf demſelben herumtrampelte. Es war mehrere Stunden ſpäter. In dem„Duſtern Keller,“ in welchem es heute Nacht ſehr lebhaft zugegangen war— die Zeit war eine aufgeregte, die Geiſter erhitzt und die Kehlen trocken, ſo daß überall, wo die Umſtände es erlaubten, viel Bier getrunken und lange Reden gehalten wurden— waren nur noch wenige Gäſte hier und da zerſtreut, kleine Gruppen von drei und vier Perſonen— 62 Durch Nacht zum Licht. Leute von zum Theil wunderlichem Ausſehen, wie man ſie nur in großen Städten und auch da bei Tage und auf der Straße ſelten oder nie erblickt,— Männer in ſchäbiger, manchmal phantaſtiſcher Kleidung mit verwüſteten und dennoch intereſſanten Geſichtern und mit Augen, die bald in Leidenſchaft aufblitzten, bald ſtumpfſinnig in's Leere ſtarrten— ſeltſame Geſtalten, die, ohne daß ſie den Mund aufthun, dem kundigen Auge lange Geſchichten erzählen von ſtolzen Plänen und kindiſchen Thaten, von großen Talenten und noch größe⸗ rer Lüderlichkeit, von hohem Stolz und tiefer Schande, von ſinnloſer Schwelgerei und nagendem Hunger, von unerhörten Anſtrengungen eines Fleißes, der zu dem Schickſal des Siſyphus, und eines Ehr⸗ geizes, der zu den Qualen des Tantalus verurtheilt iſt, bis Fleiß und Ehrgeiz und jede Tugend, ja, jede Regung in dem Sumpfe apathiſcher Gleichgültigkeit verſinkt... Doch auch dieſe Gruppen löſten ſich allmälig auf; eine Flamme nach der andern wurde vyn den armen Mädchen, die ſchon ſeit einer Stunde hier und da in den Ecken, den hübſchen Kopf auf den runden Arm gelegt, geſchlafen hatten, ausgelöſcht, und zuletzt war Niemand mehr da als Herr Schmenckel, der auf einem der Sopha's ſeinen Rauſch ausſchlief, und zwei andere Herren, welche mit der Wirthin des Locals an einem runden Tiſchchen bei einer Flaſche Champagner ſaßen. Der eine dieſer Herren war Albert Timm aus Grünwald; der andere ein Mann in mittleren Jahren, der erſt vor einer Stunde etwa gekommen und von Frau Roſalie Herrn Timm als der Bruder ſeines Grünwalder Wirthes, Herr Jeremias Gutherz, vorgeſtellt worden war, und den man ſeiner Kleidung und ſeinem ganzen Aus⸗ ſehen nach für einen kleinen Bürger in nicht unebnen Verhältniſſen gehalten haben würde, für einen Gewürzkrämer vielleicht, oder Ta⸗ backshändler, wenn nicht in ſeinen ſchmalen, von dichten Brauen überſchatteten Augen ein Etwas gelegen hätte, das anzudeuten ſchien: die Beſchäftigung des Herrn ſei keine ganz ſo harmloſe, zum min⸗ deſten nicht immer eine ſo harmloſe geweſen. Die drei Perſonen hatten eine ſehr eifrige Unterredung geführt, deren Reſultat Herr Timm jetzt zuſammenfaßte. „Es handelt ſich alſo um zweierlei,“ ſagte er;„einmal, uns 4* Dritter Band. 63 einen Einblick in die Taufregiſter der St. Marienkirche, oder noch beſſer eine vidimirte Abſchrift des Taufzeugniſſes zu verſchaffen, zwei⸗ tens um die Auffindung der Hauptperſon in dieſer Komödie, ich meine des Herrn Oswald Stein.“* „Woraus wiſſen Sie denn aber, daß er ſich hieher wenden wird?“ fragte der Mann mit den ſeltſamen Augen. „Ich weiß es nicht, ich vermuthe es nur. Er ſchrieb mir vor acht Tagen aus Paris: er könne ſich dort nicht mehr halten und müſſe ſuchen, der Heimath näher zu kommen, ſo lange er die Reiſe noch bezahlen könne. Mir ſcheint es unzweifelhaft, daß er ſich hier⸗ her gewandt hat, reſpective wenden wird, wo er, wie ich von ihm ſelbſt weiß, ſchon als Student literariſche Verbindungen der verſchie⸗ denſten Art angeknüpft hatte und deßhalb noch am leichteſten hoffen darf, für ſich und ſeine Holde Subſiſtenzmittel herbeizuſchaffen. Nur glaube ich nicht, daß er unter ſeinem wahren Namen auftreten wird, um ſich nicht etwaigen unangenehmen Begegnungen mit den Ver⸗ wandten der Frau von Cloten, die ihm, wie ich weiß, überall nach⸗ ſpüren und ihn hier ſicher ſehr bald entdecken würden, auszuſetzen. Die Erledigung dieſes Punktes dürfte alſo die bei weitem ſchwierigſte ſein, wenn uns der Zufall, mein alter treuer Bundesgenoſſe, nicht hülfreich unter die Arme greift.“ „Das Item überlaſſen Sie nur ruhig meinem Freunde hier;“ ſagte Frau Roſalie, dem Herrn mit den ſonderbaren Augen die Hand vertraulich auf den Kopf legend;„und nun, ihr Herren, glaube ich, iſt es Zeit, daß wir uns trennen. Morgen iſt auch wieder ein Tag. — Ja, aber was fangen wir denn mit dem dicken Kerl da auf dem Sopha an, der heute für zwölf getrunken hat?“ „Wir werden ihn nach Hauſe bringen müſſen, wenn Sie, ſchöne Frau, nicht ein Plätzchen für ihn in Bereitſchaft haben;“— erwiderte Herr Timm mit einem bezeichnenden Blick. „Sie Schäker!“ ſagte die Dame, Herrn Timm in die Wangen kneipend;„ich werde Ihm das loſe Maul ſtopfen.“ „Aber hoffentlich doch nur mit einem Kuſſe!“ „Sie loſer Vogel!“ rief die Frau und ſchien nicht übel Luſt zu haben, das Mittel in Anwendung zu bringen. 64 Durch Nacht zum Licht. Herr Timm mußte das fürchten, denn er wandte ſich plötzlich zu Herrn Schmenckel und fing an, ihn erſt ſchwächer, dann ſtärker und zuletzt aus allen Leibeskräften zu ſchütteln. „Uff,“ lallte der Rieſe im Schlaf:„laßt mich los, ich will ſchon mit dem Bub' fertig werden.“. „Was will er?“ ſagte der Herr mit den ſonderbaren Augen. „O, er ſchwatzt im Schlaf,“ ſagte Herr Timm;„geben Sie mir einmal ein Glas Waſſer, Elischen, ich glaube, das wird ihn am erſten zu ſich bringen.“ Endlich ſtand der Koloß aufrecht da, aber nicht ohne zu ſchwan⸗ ken, wie ein Leuchtthurm im Sturm. Indeſſen konnte er ſich doch auf den Füßen halten und da Herr Gutherz zufällig ſeine Wohnung wußte, ſo ſchien die Aufgabe, ihn dorthin zu escortiren, wenigſtens ausführbar. Herr Timm faßte ihn unter den einen, der Mann mit den ſonderbaren Augen unter den andern Arm und ſo gelangten ſie, wenn auch nicht ohne einige Mühe, die Kellertreppe hinauf, auf die Straße. Die Nacht war ſo finſter, wie eine Nacht, in welcher kein Stern am Himmel ſichtbar iſt, nur ſein kann. Der Wind wehte in klagenden Stößen durch die öden Straßen und drohte ein paar Gaslichter, die noch brannten, ebenfalls auszulöſchen. Herr Schmenkel kam in der friſchen Luft wenigftens ſo weit zu ſich, daß er ſeine Begleiter zärtlich umarmte, ihnen ewige Freundſchaft ſchwur, und jedem hunderttauſend Silberrubel verſprach, ſobald es ſich als ſicher herausgeſtellt, daß der Fürſt Waldernberg, den er heut' unter den Akazien durchgeprügelt, wirk⸗ lich ſein Sohn ſei. So gelangten ſie endlich in die Straße und an das Haus und ſchließlich auch in das Stübchen des Hintergebäudes, in welchem Herr Direktor Caspar Schmenkel aus Wien ſeine temporäre Reſidenz genommen hatte. Herr Schmenckel taumelte auf ſein nicht eben allzu luxuriöſes Lager; und ſeine beiden Begleiter entfernten ſich, nachdem Herr Jeremias mit einer Blendlaterne, die er zu Timms nicht geringerer Verwunderung aus der Taſche zog, in alle Winkel des Zimmers geleuchtet, wo ſonderbare Geräthſchaften: eiſerne Kugeln, Kugeln von Meſſing, Flitterkram, Stangen und Stäbe von allen Sorten, Trommeln und Trompeten u. dergl. in wüſter Unordnung aufeinander⸗ geſchichtet waren. — Dritter Band. 67 ſtens fühle ich mich ſo von dem Scheitel bis zur Sohle,“ erwiderte Ol⸗ denburg aufſtehend und einen Gang durch das Zimmer machend. „Daß ich nicht“ wüßte!“ ſagte Melitta;„ich dachte, Du nähmeſt Dich in dieſem bra uhn Paletot ganz beſonders ſtattlich aus.“ „Ohne Scherz, Melitta; ich bin in der That in einer traurigen Ge⸗ müthsverfaſſung.“ „Das iſt ejn allerliebſtes Compliment für mich, die ich nur Dir zu Liebe— h6ren Sie wohl, mein Herr, nur um Ihnen eine, wie ich hoffte, angienehme Ueberraſchung zu bereiten— aus meinem traulichen Neſt die laznge Reiſe mit den Kindern hieher mache in dieſe langweilige Stadt; Ihren zu Liebe, damit wir uns unbeobachtet ſehen und ſprechen können, Chſumbres garnies genommen habe, wie eine Pächtersfrau, und die ich mirt für alle dieſe, wie ich jetzt wohl ſehe, verſchwendete Liebe und Güte ſam Ende noch ſagen laſſen muß: Du hätteſt auch wohl zu Hauſe bleispen können.“ „Willſt Mu es glauben, Melitta, daß mir dieſer Gedanke wirklich geſtern und hiute ſchon ein paar Mal gekommen iſt?“ „Das ißz ſtark!“ erwiderte Melitta und man ſah es ihrem Geſicht an, daß ſieſ im Augenblick nicht wußte, ob ſie die Worte Oldenburg's für Wahrhzeit oder für Scherz nehmen ſollte.“ Der Baron ließ ſie nicht lange in dieſer Ungewißheit; er ſetzte ſich wieder zug ihr, ergriff ihre Hand und ſagte: „Lizbe Melitta, meine Worte klingen ſehr hart, aber frage Dich ſelbſt, b ich als Mann nicht ſo fühlen und denken muß Daß ich Dir fihir Deine Güte in tiefſter Seele daukbar bin, brauche ich Dir nicht ju verſichern, denn das weißt Du, ſellteſt Du wenigſtens wiſſen. Auchdaß Du für mich Deinen guten Ruf auf's Spiel ſetzeſt, ſchlage ich ſhoch eben nicht an, denn es iſt ein jämmerlich Ding um das Urthhhir der Welt; ich hab's mein Lebenlang verachtet und Du haſt etwe ganz Anderes, was mich hindert, rechte Freude an dieſem Wieder⸗ ſeheſ zu haben; und ich will es Dir offen ſagen, was dieſes Etwas iſt. Siehh, Melitta, es iſt dem Manne angeboren, daß er für das, was er liebtſhh, auch ſorgen und ſchaffen will, ja noch mehr, daß er die Geliebte in eßhiner gewiſſen Abhängigkeit von ſich ſehen will, ich meine: abhängig von Pſeiner Kraft, ſeinem Muth, ſeiner Einſicht. An der Unmöglichkeit, 5* 5* 68 Durch Nacht zum Licht. das Verhältniß ſo zu geſtalten, iſt manche ſtarke Liebe ſchon geſtorben, verzehrt ſich manche ſtarke Liebe. So auch meine Liebe zu Dir. Ich kann, wie die Sache jetzt liegt, nur, ſo zu ſagen, im Vorbeigehen für Dich leben, ſorgen und ſchaffen, nicht zu jeder Stunde, jeder Minute, wie ich es wünſche, wie ich es muß, wenn ich glücklich ſein will. Auf dem Lande, wo wir, die Nachbarn, ungeſtört und unhelauſcht oft halbe Tage lang beiſammen ſein konnten, ging es noch: und dennoch war das Gefühl der Halbheit doch ſo peinlich für mich, daß ich den politiſchen Verhältniſſen dankbar war, und gern nach Paris ging, um mir einbilden zu können, es läge zwiſchen Dir und mir nur die Entfernung und weiter nichts Hier nun aber, in dieſer großen Stadt, überkommt mich das leidige Gefühl mit doppelter Gewalt; ja, es iſt, als ob der Moment, in welchem wir uns hier getroffen haben, ausgeſucht wäre, mir das Verkehrte, das Ge⸗ ſchraubte, das Unnatürliche unſeres Verhältniſſes ſo recht zu Gemüthe zu führen. Wir ſtehen hier auf einem Vulcan, der jeden“ Augenblick zum Ausbruch kommen kann. Schon ſchwankt der Boden,/unter unſern Füßen und ehe noch viele Tage vergehen, werden wir u erhörte Dinge erleben. Ich zittere nicht vor der Entſcheidung; im Gegencheil, ich ſehne ſie herbei, denn ſie iſt nothwendig und wird für uns zumn Heile aus⸗ ſchlagen. Aber um in den Tagen der Noth und Gefahr, dieh über unſer Volk hereinbrechen, feſt zu ſtehen, um ein ganzer Mann mach außen ſein zu können, muß ich erſt in mir ſelbſt zur Ruhe kommen)) und das kann ich unter dieſen Verhältniſſen nicht, das kann ich nur, wenn Du — mein-Weib biſt, Melitta, wenn ich uns Eines weiß, wenn Uch weiß, daß ich für Weib und Kinder rede, handle, kämpfe und, wenn hes ſein muß, falle. Melitta! in meinem, in Deinem, in unſer Aller Mamen, willſt Du, nachdem ich mehr Jahre um Dich gefreit habe, als Jacob um Rahel,— willſt Du endlich mein Weib ſein?“ Des Barons Stimme zitterte, obgleich er ſich augenſcheinliche ühe gab, ſo ruhig und überzeugend wie möglich zu ſprechen. Er hauch ſich noch zu Melitta gebeugt, die ihr ſchönes Haupt tief geſenkt hatte. Als er ſchwieg, blickte ſie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches, thuhnen⸗ überſtrömtes Geſicht. Sie ſagte mit leiſer Stimme: „Wollte Gott, Adalbert, ich könnte Dir, wie ich um Deinet⸗ um 7 meinet⸗, um unſer Aller willen, wünſche und möchte, mit Ja antworgten.“ — Dritter Band. 69 „Weßhalb kannſt Du es nicht?“ „Du weißt es.“ „Aber, Melitta, ſoll denn die Erinnerung an dieſen Mann, den Du unmöglich noch lieben kannſt, von dem Du ſelbſt ſagſt, daß Du ihn nicht mehr liebſt, uns ewig trennen! Haſt Du Dein Unrecht, wenn es unrecht war, dem Zuge eines Herzens, das ſich frei wußte, zu folgen, — nicht durch tauſend Thränen geſühnt? Biſt Du mir nicht noch, was Du mir immer warſt? Und, wenn denn doch einmal zwiſchen uns abgerechnet werden ſoll, haſt Du mir, wenn Du mich würdigſt, Dein Gatte zu ſein, nicht mehr zu vergeſſen und zu verzeihen, als ich Dir? Iſt es vernünftig, die Frau zu dem Opfer eines rigvroſen Sittengeſetzes zu machen, über das ſich der Mann mit Leichtigkeit hinwegſetzt? Wer hat dies unvernünftige Geſetz geſchaffen? Nicht ich, noch Du— was ſollen denn Du und ich ſich ihm beugen? Ich ſage Dir, der Tag der Freiheit, der heraufdämmert, wird dieſe und noch manche Satzung, die ein finſterer Mönchsſinn ausgrübelte, die Natur zu knebeln und zu quälen, aufheben und die Blätter, auf denen ſie verzeichnet ſtehen, in alle vier Winde wehen.“ „Wenn dieſer Tag kommt— und wenn er mir kommt,“ erwiderte Melitta;„ich will ihn mit freudigem Herzen begrüßen. Wenn es wirk⸗ lich ein Wahn iſt, der mich hindert, in Deine Arme zu fliegen und zu ſprechen: nimm mich, ich will Dein ſein nul und immerdar!— habe Mitleid mit mir! ich leide ja eben ſo viel darunter, wie Du; aber Adalbert: ich bin ein Weib; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlöſung hoffen und harren aber für dieſen Tag kämpfen, wie ihr, kann es nicht. Und bis dieſer Tag kommt, bis ich mich ſo frei fühle, we ich mich fühlen muß, wenn ich mit Ehren die Deine ſein will, muß es bleiben, wie es iſt.“ Meelitta hatte dies mit einer leiſen und traurigen, aber doch feſten Stimme geſagt, und Oldenburg fühlte, daß es Grauſamkeit ſei, weiter in ſie zu dringen. Er nahm ihre Hand küßte ſie und ſate „Laß es gut ſein, Melitta! Ich bin geduldig; ich weiß, daß Du mich nicht aus Eigenſinn dieſe Qualen dulden läßt. Das iſt genug. Und dann: der Tag der Erlöſung, den Du erharrſt und für den wir kämpfen, er muß ja doch einmal kommen.“ 70 Durch Nacht zum Licht. In dieſem Augenblick wurde die Thür geöffnet und der alte Bau⸗ mann meldete den erwarteten Beſuch an. Melitta fuhr ſich mit dem Taſchentuche über die Augen, während Oldenburg Sophie entgegenging, die von ihrem Gatten und Bemperlein escortirt, ſo eben zur Thür hereintrat. Melitta und Sophie ſahen ſich heute Abend zum erſten Male, aber man merkte nichts von der Förmlichkeit einer erſten Begegnung. Einmal hatten die beiden Damen von einander(beſonders Sophie von Melitta) ſo oft und ſo viel gehört, daß ſie ſich ſelbſt bis auf die Details der äußern Erſcheinung bekannt waren, und dann lag es in dem Weſen beider, ſich da, wo ſie ſich ſympathetiſch berührt fühlten, ohne alle Ziererei vertrauensvoll hinzugeben. Dennoch betrachteten ſie ſich natür⸗ lich, während ſie ſich die Hand reichten, und die erſten Worte wechſelten, mit nicht geringer Aufmerkſamkett, wobei denn Sophie die Bemerkung machte, daß Melitta viel weicher und milder erſchien, als ſie ſich die vornehme Dame vorgeſtellt hatte, und Melitta umgekehrt, daß Sophie lange nicht ſo ernſt und athenenhaft drein ſchaute, wie nach Bemperleins Beſchreibung die kluge, geiſtreiche Tochter des Geheimraths drein ſchauen mußte. Auch den Baron Oldenburg ſah Sophie heut zum erſten Male, ebenſo wie er ſie, und ſie warf vom Sopha aus manchen prüfenden Blick nach dem langen ſchwarzen Mann, der in der Mitte des Zimmers mit den beiden Herren plauderte, während er ebenſo von ſeinem Stand⸗ punkte aus die beiden Damen beobachtete und fand, daß ſie in der üppigen Fülle des gleicherweiſe weichlockigen Haares und in dem Schnitt und Ausdruck der großen Augen eine gewiſſe Aehnlichkeit hatten, wie zwei Roſen, von denen die eine dunklere, vollere, den ſchönen Kelch voll⸗ kommen erſchloſſen hat, während die andere hellere, die zarten gefärbten Blätter eben erſt zum Licht des Tages entfaltet. Wie ſich von ſelbſt verſteht, war Sophie vor allem begierig, zu ſehen, wie ſich Oldenburg und Melitta gegen einander benehmen würden, denn ſie hatte ſich, trotz Bemperlein's Betheuerungen, nicht ausreden laſſen, daß zwiſchen den Beiden ein intimes Verhältniß beſtehe; aber Melitta war zu ſehr Dame der großen Welt und Oldenburg beherrſchte ſich zu ſehr, als daß ſie den Ton achtungsvoller Höflichkeit nicht voll⸗ kommen hätte treffen ſollen. C ————— Dritter Band. 7 ½ An Stoff zur Unterhaltung konnte es in dieſem Kreiſe nicht fehlen, zumal in dieſen aufgeregten Tagen, wo eine fieberhafte Unruhe in den Geiſtern Aller wühlte, weil auf Alle der Schatten, welchen die großen Ereigniſſe immer vor ſich herwerfen, gleicherweiſe drückte. Franz war kein Politiker im eigentlichen Sinne. Seine Neigung für die Künſte, welche im Anfang ſeine Kräfte zu zerſplittern drohte und dann das Studium ſeiner herrlichen Wiſſenſchaft, in welchem er zuletzt die Ruhe und Befriedigung fand, die ſeiner harmoniſchen Seele Be⸗ dürfniß war, hatten ihm für die Politik wenig Zeit gelaſſen; aber er war in jeder Beziehung freiſinnig, und überdies hatte ihm ſein Be⸗ ruf vielfach Gelegenheit gegeben, die Bedürfniſſe des Volks an der Quelle kennen zu lernen, und ihm ſo die tiefe Ueberzengung von der abſoluten Nothwendigkeit einer Umgeſtaltung der ſocialen Verhältniſſe eingeflößt. Daß dieſe letztere ohne vorhergegangene Umwälzung der politiſchen nicht wohl bewerkſtelligt werden könne, war ihm, der den Blick mehr auf das Einzelne gerichtet hatte, nicht ebenſo klar ge⸗ worden.„Ich bin im Herzen Republicaner,“ pflegte er zu ſagen; aber ich trage kein Verlangen danach, die Republik proclamirt zu ſehen, weil ich nicht glaube, daß uns das eben weſentlich weiter brin⸗ gen wird, ſo lange wir das Uebel nicht bei der Wurzel erfaſſen. Des Uebels Wurzel ſehe ich aber in dem dumpfen Pfaffenglauben, welcher die Natur auf den Kopf ſtellt und die Menſchen ſtatt zu freien Bürgern dieſer Erde zu Heloten einer ſupernaturaliſtiſchen Welt erzieht, und anſtatt die Solidarität der Intereſſen aller Men⸗ ſchers u proclamiren,— eine Theſe, welche die Vernunft begreifen und die Thatkraft üben kann,— dunkel von einer allgemeinen Bruder⸗ liebe lallt, gegen die ſich, in dem Sinne wenigſtens, wie man ſie geiſt⸗ und ſinnlos von tauſend Kanzeln und Kathedern predigt, jedes geſunde Gefühl ſträubt.“ Franz ſprach ſeine Anſichten auch heute Abend gegen Oldenburg aus, aber er fand in dieſem einen entſchieden Gegner. „Ich glaube, Herr Doctor,“ ſagte er,„daß Sie dabei die Wir⸗ kung, welche ein nach den Principien der Vernunft geordnetes öffent⸗ liches Weſen— res publica, meine Damen, nannten es die Römer, und weil dieſe Bezeichnung die Sache am beſten deckt, kommen die 72 Durch Nacht zum Licht. modernen Völker, welche aus dem geheimen Weſen, oder vielmehr der geheimen Verweſung des Polizeiſtaates ein freies und fröhliches Leben machen wollen, immer wieder auf dieſelbe zurück— ich glaube, ſage ich, daß Sie den Unterſchied zwiſchen einer vernunftgemäßen und einer unvernünftigen Staatsform doch zu gering anſchlagen. Abgeſehen davon, daß die verſönliche und, ſo zu ſagen, materielle Freiheit die freie Bewegung auf den geiſtigen Gebieten nothwendig im Gefolge hat, ſo wird auch ganz gewiß die verderbliche Wirkung vernunftwidriger Religionslehren in der Republik viel geringer ſein, als in einem abſoluten Staate, gerade ſo wie ſchädliche Dünſte, die in einem geſchloſſenen Raume vielleicht tödtlich ſind, in der freien Luft ohne Gefahr eingeathmet werden können. Und dazu kommt noch dies: in einem Staate, der deſpotiſch regiert wird, iſt es nur zu gewiß, daß die weltliche Tyranney mit der geiſtlichen ein Schutz⸗ und Trutzbündniß eingeht, was in einem freien Staate, wo die Ge⸗ walt in aller Händen ruht, nicht wohl möglich iſt. Das Mucker⸗ thum in England zum Beiſpiel(obgleich ich England keineswegs als einen freien Staat im höchſten Sinne des Wortes anſehe) flüchtet ſich in einſame Fabrikdiſtricte, oder bildet in den Städten obſcure“ Conventikel, um die ſich ſchließlich Niemand kümmert; bei uns iſt es eine Macht, deren furchtbare Wirkung wir alle gefühlt haben, ein Gift, das ſich in allen Adern des Staatskörpers verbreitet und jede geſunde Kraft paralyſirt. Um es mit einem Worte zu ſagen: in einem freien Staate kann der Einzelne noch ſo krank ſein, aber das gemeine Weſen iſt und bleibt deßhalb doch ein Gemeinwohl; in'dem Polizeiſtaate giebt es wohl geſunde Private, aber das gemeine We⸗ ſen iſt nur eine große allgemeine Krankheit. Ich möchte, Sie hätten die Verhandlung mit angehört, die ich in Paris mit Berger über die ſchwere Noth einer Zeit geführt habe, die beinahe nur noch proble⸗ matiſche Naturen hervorbringt.“ „Wo iſt der Profeſſor?“ fragte Bemperlein;„ich hatte der Frau Doctor Hoffnung gemacht, den alten Freund ihres Vaters heute Abend hier zu ſehen.“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Melitta;„wiſſen Sie es nicht, Oldenburg?“ —— Dritter Band. 73 „Nein; ich habe ihn auf der Volksverſammlung unter den Buden von meinem Arme verloren und konnte ihn im Gedränge nicht wieder finden. Ich glaube indeſſen ſicher, daß er noch kommt.“ „Problematiſche Naturen,“ ſagte Franz, der in Gedanken ver⸗ loren, den letzten Theil des Geſpräches überhört hatte;„wiſſen Sie Herr Baron, daß ich dieſen Göthe'ſchen Ausdruck, als ich ihn— in dieſem Sommer war es— zum erſten Male vernahm, in Verbin⸗ dung mit Ihrem Namen hörte und zwar aus dem Munde eines Mannes, der mir ſehr theuer geweſen iſt und an dem auch Sie, ſo viel ich weiß, großen Antheil genommen haben?— Sie brauchen nicht ungeduldig mit den Fingern auf den Tiſch zu trommeln, Bem⸗ perlein, ich weiß, daß Sie ſich, ganz gegen Ihre ſonſtige fromme Denkungsart, in einen höchſt unfrommen Haß gegen Oswald Stein hineingeredet haben, und ich erwähne unſeres geweſenen Freundes hier auch nur, weil er mir, ebenſo wie ſein Lehrer Berger, immer als ein Typus der problematiſchen Naturen erſchienen iſt.“ Da Franz von dem Verhältniß Oswald's zu Melitta, zu Olden⸗ burg und zu Bemperlein auch nicht die mindeſte Ahnung hatte, ſo entging ihm natürlich die Röthe, welche ſo plötzlich in Melitta's Wangen aufflammte, daß ſie ſich, dieſelbe zu verbergen, tief auf ihre Arbeit beugte; und die Heftigkeit, mit welcher Bemperlein ſagte: „Ich dächte, Franz, dieſer Menſch wäre einer Erwähnung gar nicht mehr werth;“ reizte ihn nur zum Widerſpruch. „Denken Sie das auch, Herr Baron?“ ſagte er, ſich zu Olden⸗ burg wendend;„ſollten Sie auch einen Menſchen ſchonungslos ver⸗ dammen, deſſen größtes Unglück es vielleicht iſt, in vieſer Zeit ge⸗ boren zu ſein?“ „Nein,“ ſagte Oldenburg ruhig und ernſt;„ich habe das alte Wort, daß wir nicht richten ſollen, um nicht ſelbſt gerichtet zu wer⸗ den, nicht vergeſſen. Ich habe ſtets die herrlichen Gaben, mit wel⸗ chen die Natur jenen Mann verſchwenderiſch ausgeſtattet hat, auf⸗ richtig bewundert, und es ſtets lebhaft bedauert, wie ich es denn noch bis zu dieſem Augenblick thue, daß ein ſo reicher Geiſt, wie ein allzu üppig emporgeſchoſſener Baum, nur taube Blüthen tragen ſollte, von denen keine ſich zur Frucht entwickelt.“ 74 Durch Nacht zum Licht. Während Oldenburg ſo ſprach, hatten ſeine Augen feſt auf Me⸗ litta geruht, die jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrer⸗ ſeits ſo prüfend anblickte, als wollte ſie ihm bis auf den Grund der Seele ſchauen. Franz intereſſirte ſich für Oswald noch immer zu ſehr, als daß ihn Oldenburg's Worte nicht innig hätten erfreuen ſollen. Er erwiderte deshalb in ſeiner lebhaften herzlichen Weiſe: „Ich war überzeugt, daß Sie ſo über Herrn Stein urtheilen würden. Weiß ich doch aus Stein's eigenem Munde manche Aeuße⸗ rungen von Ihnen, die mir bewieſen, ein wie tiefes Verſtändniß Sie für ſeinen Seelenzuſtand hatten, und zeigte mir doch Ihre Intimi⸗ tät mit Berger, daß Sie ein Arzt ſind für die Kranken, nicht aber für die Geſunden, Bemperlein, die bekanntlich keines Arztes bedürfen. Berger und Stein ſind zwei Naturen, die ſich in Anlagen, Tempe⸗ rament und Charakter in überraſchender Weiſe gleichen. Wie hätten ſie, die ſich an Jahren ſo verſchieden ſind, auch ſonſt ſo ſchnell innige Freundſchaft ſchließen können— eine Freundſchaft, die, fürchte ich, mehr als Alles dazu beigetragen hat, in Stein die ausſchweifenden Ideen zu nähren und zu befeſtigen, die ihn über kurz oder lang zum Wahnſinn oder Selbſtmord führen müſſen.“ „Aber Sie ſehen doch, Franz,“ ſagte Bemperlein, der in Bezie⸗ hung auf Oswald immer ganz beſonders hartnäckig war,„daß Berger den Alp ſeiner Krankheit, die jedenfalls mehr phyſiſche als pſychiſche Urſachen hatte, glücklich von ſich abgeſchüttelt, und dadurch allein bewieſen hat, daß in ihm eine ganz andere Kraft ſteckt, wie in Stein.“ „Den Tag nicht preiſe, bevor der Abend kommt!“ erwiderte Franz,„ich wünſche natürlich ſo lebhaft, wie Jeder von Ihnen, daß der Profeſſor vollſtändig geneſen ſei, aber ich kann als Arzt nicht anders ſagen, daß ich einen Rückfall keineswegs für unmöglich halte, und wenn ich nicht ſehr irre, Bemperlein, ſo erwähnten Sie noch geſtern Abend, daß mein verſtorbener Schwiegervater ſich genau ſo über ſeinen Zuſtand ausgeſprochen habe.“ „Aber das wäre ja entſetzlich!“ ſagte Melitta. „Ich behaupte nicht, gnädige Frau, daß es ſo kommen wird, ich ſage nur, daß es ſo kommen kann.“ Dritter Band. 75 „Haben Sie an Berger in der letzten Zeit etwas Beſonderes bemerkt?“ fragte Melitta, zu Oldenburg gewandt. „Ja,“ ſagte dieſer nach einigem Bedenken,„ich kann es nicht leugnen, daß mir in den letzten Tagen ſein Weſen viel aufgeregter vorgekommen iſt. Seit der Februar⸗Revolution, an der wir, wie Ihnen bekannt ſein wird, thätigen Antheil genommen haben, ſcheint eine fieberhafte Ungeduld in ihm zu wühlen, die mich oft an die Un⸗ ruhe eines Löwen erinnert hat, der grollend hinter ſeinem Käfiggitter raſtlos auf⸗ und abgeht. Die Minuten werden ihm zu Stunden, die Tage zu Wochen. Vergeblich, daß ich ihn daran erinnere, die Ge⸗ ſchichte der Ideen zähle nach Jahrtauſenden.„Ich habe keine Zeit,“ iſt ſeine ſtete Antwort;„wenn Sie, wie ich, vierzig Jahre durch die Wüſte gewandert wären, würden Sie die Sehnſucht des müden Pil⸗ gers, nur einmal die Luft des gelobten Landes der Freiheit zu ath⸗ men, begreifen. Dieſes Zaudern und Zagen, dieſes Schwanken und Wanken werden mich noch zur Verzweiflung bringen.“— Aber meine Herren, was iſt das?“ Alles lauſchte. Von ferne her kam, das Raſſeln der Wagen über⸗ tönend, ein gleichförmig zitternder dumpfer und doch ſtarker Ton. „Es iſt der Generalmarſch,“ ſagte Oldenburg und ſein Wangen rötheten ſich;„ich kenne den Klang, gerade ſo ſchallte er am Abend des dreiundzwanzigſten Februar den Boulevard des Capucines herauf: Oldenburg hatte dieſe Worte kaum geſprochen, und die Geſell⸗ ſchaft erhob ſich eben, um an die Fenſter zu treten, als die Thür heftig aufgeriſſen wurde und ein Mann in das Zimmer ſtürzte, in dem man Berger kaum noch wieder erkennen konnte. Sein langes graues Haar hing in wahnſinnigen Streifen um ſein Haupt; Geſicht und Bart waren mit Blut beſudelt, das aus einer Wunde auf der Stirn zu kommen ſchien; ſein Rock war hier und da zerfetzt, als wenn ſcharfe Inſtrumente hineingeſchnitten oder geſtochen hätten. Seine Augen glühten, ſein Athem keuchte, als er jetzt, dicht an den Tiſch herantretend und die Geſellſchaft anſtarrend mit heiſern Tönen rief: „Auf! auf! Ihr ſitzt und ſchwatzt, während draußen Eure Brü⸗ 76 Durch Nacht zum Licht. der und Schweſtern gemordet werden! Auf! auf! mit dieſen unſern bloßen Händen wollen wir ihre Bajonnette auseinanderſchlagen und die Henkersknechte erwürgen.“ „Er wird ohnmächtig,“ rief Franz, indem er Berger, der ſchon während er ſprach, wie ein Trunkener geſchwankt hatte und jetzt zu⸗ ſammenbrach, in den Armen auffing. Die Männer ſprangen hinzu und trugen den Ohnmächtigen auf das Sopha. „Etwas Eau de Cologne, gnädige Frau,“ ſagte Franz;„danke, ängſtigen Sie ſich nicht, es hat diesmal noch nichts zu ſagen, aber ich fürchte für die Zukunft.“ Die Geſellſchaft umſtand den Kranken, deſſen Athemzüge ruhiger wurden, in dem Maße, als draußen der Generalmarſch in der Ferne verhallte. Ueuntes Capitel. Während die kleine Geſellſchaft in den Zimmern der Frau von Berkow in der Beletage ſo plötzlich und ſo fürchterlich aus ihrer Ruhe aufgeſchreckt wurde, ſaß auf einem Zimmer in der dritten Etage eine junge Dame, die vor einigen Stunden mit ihrem Gatten (dafür nahm man wenigſtens den jungen Mann, der ſie begleitete) in dem Hauſe angekommen war. Da auf den Reiſeeffekten„Paris“ ſtand und der Herr mit der Dame franzöſiſch geſprochen hatte, ſo nahm man im Hauſe an, daß es Franzoſen ſeien, um ſo mehr, als das Hötel gerade von Franzoſen ſehr ſtark frequentirt wurde. Frau Hauptmann Schwarz, die Beſitzerin des Höétels hatte ſelbſt die Frem⸗ den auf ihr Zimmer geführt und da die junge Dame angegriffen und leidend ausſah, theilnehmend gefragt, ob ſie etwas für Madame thun könn? Der junge Mann(die Dame öffnete nicht einmal den Mund) hatte gebeten, Thee zu beſorgen und im Uebrigen alle Dienſt⸗ leiſtungen abgelehnt. Bald darauf war der junge Mann ausgegangen. Dritter Band. 77 Er war kaum fünf Minuten fort, als eine Droſchke, die ſeit dem Augenblick, wo die Fremden gekommen waren, ein paar Schritte die Straße weiter hinauf gehalten hatte, vor dem Hauſe vorfuhr. Ein junger Mann ſtieg aus und fragte den Portier, ob ein Herr und eine Dame, die vor einer Viertelſtunde etwa aus Paris gekommen ſein müßten, zu Hauſe ſeien? Als der Portier antwortete, daß der Herr ſo eben mit dem Bemerken, er werde in einer Stunde etwa wieder kommen, das Haus verlaſſen habe, Madame aber, ſo viel er wiſſe, ſich auf ihrem Zimmer befinde, bat der junge Mann, ihn unverzüglich zu ihr zu führen. Der Portier— ein vielerfahrener Mann— ſah, daß der junge Mann, der übrigens offenbar den höheren Ständen angehörte, ſehr aufgeregt war, und da ihm neun Uhr Abends nicht die ganz geeignete Zeit ſchien, eine Dame, die noch dazu allein auf ihrem Zimmer war, in einem ehrbaren Hötel garni aufzuſuchen, ſagte er, er glaube nicht, daß die Dame noch zu ſprechen ſei; ob der Herr nicht lieber morgen früh wiederkommen wolle? „Ich habe es ſehr eilig,“ ſagte der junge Mann;„ich— ich muß die junge Dame in— Familienangelegenheiten ſprechen. Wollen Sie nicht einmal nafragen, ob fie nicht noch Beſuch empfängt, und ihr—“ er beſann ſich einen Augenblick—„und ihr dieſe Karte bringen.“ Bei dieſen Worten nahm er ein kleines Etui aus der Taſche und gab dem Portier eine Karte. Auf derſelben ſtand: Adolf von Breeſen. Die Hand des jungen Mannes zitterte ſo ſehr, als er die Karte hinreichte und ſein Geſicht war ſo blaß und verſtört, daß der Portier mehr wie je üherzeugt war, die Sache ſei nicht richtig und die Zu⸗ ſammenkunft des Herrn von Breeſen mit der franzöſiſchen Dame könne nur auf Koſten des ausgegangenen Herrn ſtattfinden. „Was will ich denn,“ ſagte er,„da hängt ja der Schlüſſel; ſie ſind alle Beide ausgegangen.“ Der junge Mann hielt das Etui noch in der Hand. „Ich bin überzeugt,“ ſagte er, indem er ein Goldück aus dem Etui nahm und es dem Portier in die Hand drückte,„daß die Dame zu Hauſe iſt und daß ſie mich empfangen wird, wenn Sie ihr die Karte bringen.“ 78 Durch Nacht zum Licht. Der Portier war ein ehrlicher Mann, aber er hatte eine zahl⸗ reiche Familie und mußte morgen das Schulgeld für die beiden äl⸗ teſten Kinder bezahlen. „Drei Treppen, die zweite Thür auf dem Corridor links,“ ſagte er mürriſch. Der junge Mann ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er ſprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinauf und und klopfte an die bezeichnete Thür. „Entrez!“ antwortete eine leiſe Stimme. Die junge Dame war, nachdem ihr Begleiter ſie verlaſſen— er hatte nach der langen Fahrt das Bedürfniß gefühlt, noch ein Stündchen in den Straßen umherzuwandern— unbeweglich in der Sophaecke ſitzen geblieben, den Kopf in die eine Hand geſtützt, wäh⸗ rend die andere ſchlaff an ihrer Seite herabhing. Der Schein der Lichter auf dem Tiſche vor ihr fiel hell in ihr Geſicht. Es mochte ein gar reizendes Geſicht ſein, wenn es, wie es wohl konnte, von Uebermuth und Lebensluſt ſtrahlte; aber jetzt war es blaß und die Züge waren zu weinerlichen Linien verzerrt. Die großen grauen Augen ſtarrten auf den Fußboden; die ſchönen Brauen waren düſter zuſammengezogen und die Lippen feſt aufeinandergepreßt. Mechaniſch ſagte ſie„entrez!“ als der Kellner klopfte, um den Thee zu bringen; ſie blickte nicht einmal empor, während er die Sachen auf dem Tiſch ordnete, und er mußte ſeine Frage: ob Madame noch etwas zu be⸗ fehlen habe? zweimal wiederholen, bevor ſie mit einem kurzen„Nein!“ antwortete, ja ſie hatte, ſobald er die Thür hinter ſich geſchloſſen, vergeſſen, daß er da geweſen war, und ſagte, als es unmittelbar darauf wiederum klopfte, ebenſo mechaniſch, wie das erſte Mal: nt „Emilie!“ Die junge Dame fuhr mit einem Schrei in die Höhe und ſtarrte den jungen Mann, der vor ihr ſtand, mit weitgeöffneten Augen an, als ob ſie jäh aus tiefem Schlaf erwache und nicht wiſſe, ob das, was ſie da vor ſich ſah, ein Traumbild ſei oder Wirklichkeit. „Emilie!“ wiederholte der junge Mann und breitete ſeine Arme aus. Dritter Band. 79 „Adolf!“ rief ſie, ſich an ſeine Bruſt werfend,„Adolf!“ Die Geſchwiſter hielten ſich umſchlungen, wie ſie ſich in den Tagen ihrer Kindheit umſchlungen hatten, wenn der Bruder aus den Ferien nach Hauſe kam und die Schweſter ihm ſchon bis an die Grenze des Parks entgegengegangen war. Aber die Tage der Kindheit und Unſchuld waren lange dahin. Emilie riß ſich aus den Armen des Bruders los, und rief, die Hände, wie um ihn abzuwehren, von ſich ſtreckend: „Wo kommſt Du her? was willſt Du hier?“ „Kannſt Du das fragen, Emilie?“ erwiderte er traurig;„was ich hier will? Dich! woher ich komme? von Paris, wo ich nach mo⸗ natelangem Suchen Deine Spur fand, in dem Augenblicke, als Du abreiſteſt, und von wo ich Dir von Stadt zu Stadt, von Gaſthof zu Gaſthof gefolgt bin, ohne daß es mir einmal gelungen wäre, Dich allein zu finden.— Nicht, als ob ich mich vor ihm fürchtete!“ ſagte der junge Mann, indem er ſich unwillkürlich ſtolz zu ſeiner vollen Höhe aufrichtete,„aber ich wollte freundlich und gut mit Dir ſprechen, und ich wußte, daß mir das in ſeiner Gegenwart nicht möglich ſein würde.“ Adolf von Breeſen näherte ſich ſeiner Schweſter und wollte ihre Hand ergreifen; ſie wich von ihm zurück. „Was willſt Du von mir?, murmelte ſie. „Emilie,“ ſagte er traurig,„iſt das die alte Liebe? Emilie! Kind! beſinne Dich! was ſoll ich anders wollen, als Dich aus dieſem unwürdigen Verhältniß befreien, das Dir ſchon längſt zur Qual ge⸗ worden iſt. O, ſage nicht nein! ich ſehe es ja an Deinen Augen, an Deinem blaſſen Geſicht, daß Du tief unglücklich biſt! Emilie, Schweſter, liebe, liebe Schweſter, folge mir! Bei unſerm alten Vater, der aus Gram um Dich vergeht, bei dem Andenken an un⸗ ſere ſelige Mutter, bei Allem, was Dir heilig iſt, beſchwöre ich Dich, folge mir!“ Emilie hatte ſich ſchluchzend und ihr Geſicht in den Händen verbergend in die Sophaecke geworfen. Adolf kniete vor ihr nieder. Er nahm ihre Hände in die ſeinen, er küßte ihre Stirn und Haar und Augen; er ſprach zu ihr in beredten Worten, wie ſie auch ein⸗ 80 Durch Nacht zum Licht. 3 fache Menſchen finden, wenn ihr Herz von treuer Liebe voll iſt. Er ſagte ihr, daß er nicht daran denke, ſie zu ihrem Gatten zurückzu⸗ führen, den er ſelbſt niemals habe leiden können, den ſie gegen ſeinen Willen geheirathet habe; daß ſie niemals in ihre Heimath zurückkehren ſolle, wenn ſie es nicht wünſche, daß er mit ihr nach Italien gehen, daß er ſie nie verlaſſen wolle. Er ſchlug alle Saiten in ihre Seele an, von denen er wußte, von denen er hoffte, daß ſie ihm antworten würden. Aber es war lange Zeit vergeblich. „Ich kann ihn nicht verlaſſen,“ war Alles, was ſie unter Schluchzen und Thränen immer wiederholte. „Aber um Gotteswillen, Emilie,“ rief der junge Mann;„iſt es denn möglich, daß eine Thorheit ſo lange währt? iſt es denn mög⸗ lich, daß Du dieſen Menſchen noch immer liebſt?“ „Ja, ja, ich liebe ihn; liebe ihn mehr, als ich ihn je geliebt habe;“ ſchluchzte ſie. Adolf ſprang empor und ging ein paar Mal mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab. Dann trat er wieder an Emilie heran und ſagte: „Ich will es glauben, weil Du es ſagſt; aber Emilie bei Dei⸗ ner Ehre— denn Deine Ehre iſt es, die auf dem Spiel ſteht— beantworte mir dieſe Frage: biſt Du ebenſo auch noch von ſeiner Liebe überzeugt?“ Ein heftigeres Weinen war Emilien's Antwort, und in dem Weinen ſchüttelte ſie mit dem Kopfe. .„O, mein Gott,“ ſagte Adolf bitter,„biſt Du ſo tief geſunken, daß Du einem Manne folgſt, der Dich nicht liebt? dem Du zur Laſt biſt? der viel darum gäbe, wenn er Dich nur wieder los wäre? iſt das meine ſtolze Schweſter? ſo will ich denn mein Wappen zerbrechen und vor jedem Lump auf der Straße die Augen niederſchlagen und wenn mich Jemand einen Buben ſchimpft, thun, als hätte ich es nicht gehört.“ Der junge Mann ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn und Thränen des Zorns und der Scham drangen aus ſeinen Augen. Emilie ſprang von dem Sopha auf. Dritter Band. 81 „Komm!“ ſagte ſie haſtig,„komm! Du haſt recht! ich bin ihm zur Laſt! er wird froh ſein, wenn er mich los iſt, komm!“ „Gott ſei gelobt!“ rief Adolf. „Sogleich wollen wir fort!“ ſagte Emilie, mit der Leidenſchaft⸗ lichkeit ihres Weſens den Entſchluß der letzten Secunde verfolgend; „ich will ihn nicht wiederſehen. Ich will ihm ſchreiben“— „Ja, ja!“ ſagte Adolf;„hier iſt ein Blatt aus meinem Porte⸗ feuille, Tinte und Feder iſt hier;— ſchreib ihm, aber nur wenige Worte!“ Einilie ſetzte ſich an den Tiſch, aber ſie hatte kaum ein paar Buch geſchrieben, als ſie von neuem in Thränen ausbrach. „O Gott, o Gott!“ ſagte ſie, die Feder ſinken laſſend,„ich kann es nicht.“ „Gieb mir!“ ſagte Adolf, ihr die Feder aus der Hand nehmend; „ich will es thun. Binde unterdeſſen Deinen Mantel um; ich bin gleich fertig.“ Während Emilie ſich den Mantel umband, ſchrieb Adolf mit fliegender Feder ein paar Zeilen. Er war nicht eben gewandt in ſolchen Dingen, aber in dieſem Augenblicke kamen ihm die Ausdrücke wie von ſelbſt. „Biſt Du bereit?“ Sie gingen die Treppe hinunter. Es begegnete ihnen Niemand. Adolf gab dem Portier den Schlüſſel zum Zimmer. „Sagen Sie dem Herrn, wenn er nach Hauſe kommt, Madame ſei ausgegangen und würde wohl ſo bald nicht wieder kommen.“ Adolf hatte Emilie in die Droſchke gehoben. Die Droſchke fuhr in ungewöhnlicher Eile davon. „Hm!“ murmelte der Portier, indem er den Schlüſſel Nr. 36 zu den andern an das Brett hing;„ich dacht's mir gleich, daß es ſo kommen würde. Nun, ich kann die Leute nicht halten, wenn ſie partout davon wollen.“ Fr. Spielhagen's Werke. R. 6 ee — 82 Durch Nacht zum Licht. Pehntes Capitel. In der Williamsſtraße, dem eigentlichen Faubourg St. Germain der Reſidenz, war kurz vor Neujahr durch den Hausmeiſter des Fürſten Waldernberg eines der größten und ſchönſten Hötels, deſſen Beſitzer vor einiger Zeit geſtorben war, gekauft worden. Der Fürſt ſelbſt, der bald darauf von Grünwald eintraf, hatte die innere Ein⸗ richtung überwacht und trotz der verſchwenderiſchen cher ſie ausgeführt wurde, ſo gefördert, daß er ſchon En anuar mit ſeiner zahlreichen Dienerſchaft und ſeinem Marſtall aus dem Hötel in der Bärenſtraße, wo er bis dahin reſidirt hatte, in die neue Wohnung überſiedeln konnte. Er bezog den einen Flügel des Erd⸗ geſchoſſes. Der andere Theil blieb vorläufig leer, da der Fürſt in der Einrichtung deſſelben dem Geſchmack und den Wünſchen ſeiner Braut(die nebſt ihrer Mutter Anfang Februar von Grünwald er⸗ wartet wurde) nicht vorgreifen wollte. Mit deſto größerem Eifer ließ er an der Ausſtattung der Beletage arbeiten, deren prachtvolle Räume für die Fürſtin Mutter, die den übrigen Theil des Winters in der Reſidenz zuzubringen gedachte, ſo wie zur Aufnahme der er⸗ warteten Gäſte beſtimmt waren. Der Fürſt hatte die Freude, auch dieſe Arbeiten vollendet zu ſehen, als er am 1. März die Reſidenz verließ, um ſeine Mutter von St. abzuholen, wo das Dampfſchiff, welches ſie von Petersburg nach Deutſchland brachte, am nächſten Tage ankommen mußte. Zu gleicher Zeit waren durch ſeinen Hausmeiſter für ſeinen Vater, den Grafen Malikowsky, der von München aus ſeine bevorſtehende An⸗ kunft angekündigt hatte, in dem Hötel de Ruſſie unter den Akazien eine Reihe von Zimmern gemiethet wurden. Es war an dem Abend, an welchem in dem Hotel arni der Langen Straße die oben geſchilderten Scenen ſtattfanden. In einem der prachtvollen Zimmer des Höte Waldernberg, in einem weichgepolſterten Lehnſtuhl, der na en Kamin gerückt . Dritter Band. 83 war, in welchem ein luſtiges Feuer brannte, ſaß die Fürſtin Letbus. Dicht neben ihr, die hohe Geſtalt zu ihr herabgebeugt, wie um der Mutter ſelbſt die Anſtrengung des lauteren Sprechens zu erſparen, ſtand der Fürſt. Wie jetzt das Feuer im Kamin noch heller auf⸗ flammte und die beiden Geſtalten grell beleuchtete, wäre die Gruppe mit dem Hintergrunde des im Schmuck mächtiger Spiegel und koſt⸗ barer Gemälde prangenden Gemaches ein herrlicher Vorwurf für den Pinſel eines modernen Rembrandt geweſen. Es war nicht leicht möglich, charakteriſtiſchere Typen für hinfällige weibliche Schwäche und wächtige männliche Kraft zu finden, als die Geſtalten der Mutter und des Sohnes. Während dieſer mit ſeinen breiten Schul⸗ tern und langen muskelſtarken Armen die Thaten des Herkules ver⸗ richten zu können ſchien, hätte man für jene, wie ſie ſo gebrochen, und trotz der Nähe des Kaminfeuers ſich dicht in ihre koſtbaren Pelze hüllend, daſaß, das Gewicht einer Fliege als zu ſchwer erachten mögen. Auch in den Geſichtszügen war keine Spur von einer Aehnlichkeit. So ſchlaff auch der Mund und ſo welk die Wangen der kaum vierzigjährigen Frau waren, und ſo ſchmal auch die Stirn mit den tiefen Schläfenhöhlen unter dem bereits ſtark ergrauenden Haar erſchien, ſo ſah der Kenner doch, daß dieſer Mund, dieſe Wangen einſt von vollendeter Schönheit geweſen, daß dieſes Haar in üppigen Wellen dieſe Stirn eingerahmt haben mußte. Die großen ſchwarzen Augen waren noch jetzt ſchön, wenn ſich die Lider, die ſie für gewöhnlich halb bedeckten, einmal hoben und eine lebhaftere Empfindung ihnen auf Momente den Glanz zurückbrachte, der in früheren Zeiten nur zu verſchwenderiſch und lockend geleuchtet hatte. Zu dieſer zarten ſchmelzenden Schönheit bildete die niedrige, mit dichtem krauſen Haar bedeckte Stirn des Fürſten, mit welcher der maſſive und trotz aller Energie plumpe Schnitt des übrigen Geſichtes harmonirte, den auffälligſten Gegenſatz.— Trotz dieſer Grundver⸗ ſchiedenheit ihrer phyſiſchen Naturen herrſchte zwiſchen Mutter und Sohn eine zärtliche Liebe, die bei jener an Schwärmerei grenzte und bei dieſem das einzige Gefühl war, das dem unbändigen Stolz, der herrſchenden Leidenſchaft ſeines energiſchen, aber beſchränkten Geiſtes, einigermaßen das Gegengewicht hielt. 6* 84 Durch Nacht zum Licht. „Adieu, liebe Mama,“ ſagte der Fürſt, indem er ſich noch tiefer herabbeugte und die welke Hand der Mutter an ſeine Lippen führte. „es iſt Zeit, daß ich gehe, wenn ich die Ankunft des Zuges nicht verſäumen will.“ „Adieu, mein lieber Sohn,“ erwiderte die Fürſtin;„heiße Deine Braut in meinem Namen willkommen. Sage ihr, daß ihr meine Mutterarme geöffnet ſind. Hat der Graf zugeſagt, ſich an dem Empfange der Damen zu betheiligen?“ „Ja, liebe Mama.“ „Nun denn, mein lieber Sohn, gehe mit Gott, der gang und Deinen Eingang ſegnen möge!“ Sie hauchte einen Kuß auf die Stirn des Fürſten, der ſich er⸗ hob und über die dicken Teppiche des Fußbodens geräuſchlos zur Thür hinausſchritt. Die Fürſtin blieb, nachdem der Sohn ſie verlaſſen hatte, in dem Lehnſtnhl zuſammengekauert ſitzen. Es konnten keine tröſtlichen Gedanken ſein, die in dieſem Augenblicke durch ihr Hirn zogen, denn der Ausdruck ihres Geſichtes wurde immer düſterer und düſterer, und immer ſtarrer blickten die ſchwarzen Augen in die Flamme des Kamins, ſo daß ſie in dem Widerſchein des Feuers aus dem blaſſen Geſicht unheimlich funkelten und blitzten. Zuletzt ſchauderte ſie aus dieſer Starrheit auf und klingelte mit der ſilbernen Glocke, die dicht neben ihr auf einem Tiſchchen ſtand.* Unmittelbar darauf trat ihre erſte Kammerfrau Nadeska herein. Nadeska war eine Leibeigene, die mit der Fürſtin zuſammen auf⸗ gewachſen war, und ſich durch ihre feine Schmiegſamkeit und vor allem durch ihre vollendete Gewandtheit in Durchführung von Intriguen aller Art der Herrin unentbehrlich gemacht hatte. Die Fürſtin hatte in ihrer keineswegs makelloſen Jugend einer ſolchen Perſon bedurft, und ſpäter, als ſie, krank an Seele und Leib, fromm gewor⸗ den war, nicht gewagt, eine Dienerin aus ihrer unmittelbaren Nähe zu entfernen, die alle ihre Geheimniſſe bis in die kleinſten Details kannte. Und dann hatte ſich Nadeska ſtets treu, ja in einigen Fällen im höchſten Grade aufopferungsfähig bewieſen. Nur einmal in einer Dritter Band. 85 der bedenklichſten Situationen, in welche die junge Fürſtin ihre böſe Neigungen führten, war Nadeska bei ihr in den Verdacht gerathen, falſches Spiel geſpielt zu haben. Aber Nadeska hatte bei allen Heiligen des Kalenders ihre Unſchuld beſchworen, und da keine Be⸗ weiſe gegen ſie vorlagen, hatte die Herrin ſie endlich wieder zu Gnaden angenommen. „Was befiehlt meine Fürſtin?“ ſagte Nadeska, mit einer Stimme, durch deren leiſen unterwürfigen Klang man dennoch eine gewiſſe Ver⸗ traulichkeit durchhören konnte. „Laß die Lichter in den Zimmern anzünden, Nadeska, und hörſt Du, Nadeska, daß die ganze Dienerſchaft ſich zum Empfang der Damen in der Hausflur aufſtellt. Wen haſt Du zu ihrer ſpeciellen Bedienung beſtimmt?“ „Ich dachte: Katinka, Mademviſelle Virginie und von den deut⸗ ſchen Mädchen Marie und Luiſe.“ „Es iſt gut. Du ſelbſt empfängſt die Damen an der Thür und begleiteſt ſie auf ihre Zimmer.“ „Hat meine Fürſtin ſonſt nichts zu befehlen?“ „Nein, Nadeska.“ Die Kammerfrau verneigte ſich und ging nach der Thür. Als ſie dieſelbe beinahe erreicht hatte, rief die Fürſtin ſie zurück. Sie trat wieder an den Stuhl. „Haſt Du den Grafen heute Vormittag beobachtet, Nadeska?“ „Ja, meine Fürſtin.“ „Haſt Du nichts beſonderes bemerkt?“ „Er ſchien noch ſtutzerhafter und geſchminkter als früher.“ „Sonſt nichts?“ „Nein.“ „Nadeska, ich habe eine unbeſchreibliche Angſt, daß er etwas gegen uns im Schilde führt.“ „Sie haben dieſe Angſt ſtets gehabt, meine Fürſtin, ſo oft der Graf einen Beſuch machte und haben ſie jetzt mehr als ſonſt, weil Sie ganz beſtimmt erwarteten, daß er der Einladung des Fürſten nicht folgen würde.“ „Ja, ſieht es nicht wie ein Hohn aus, daß er kommt? Was Durch Nacht zum Licht. will er hier? Aber es iſt nicht das allein. Er hat geſtern wiederum eine enorme Summe von mir verlangt.“ „Die Sie ihm hoffentlich gegeben haben.“ „Nein, Nadeska. Meine Geduld iſt erſchöpft, wie meine Caſſe. Michail ſagte mir, daß er das Geld nicht ſchaffen könne.“ „Er muß es ſchaffen. Bedenken Sie, was Alles auf dem Spiele ſteht!“ „Aber dieſe Tyrannei iſt unerträglich!“ rief die Fürſtin und die großen ſchwarzen Augen leuchteten im Widerſchein des Feuers wie glühende Kohlen. Nadeska zuckte die Achſeln. „Was wollen Sie dagegen thun! Sie wiſſen, der Graf haßt Sie eben ſo ſehr wie den Fürſten. Wenn er ſeinem Haſſe nicht nach⸗ giebt und das Wort ausſpricht, das Mutter und Sohn auf immer trennen würde, ſo iſt es nicht Furcht vor der Schande— wann hätte ſich der Graf jemals etwas aus der Schande gemacht!— ſondern nur Furcht vor der Armuth, die er noch mehr haßt. Laſſen Sie ihn heute erfahren, daß ihm ſein Schweigen nichts mehr einbringt und er wird es morgen brechen.“ Die Fürſtin wußte, daß ihre Vertraute recht hatte und ſie ächzte wie eine Gefolterte, indem ſie ihre mageren Hände zuſammen⸗ preßte. „O, Nadeska, Nadeska,“ wimmerte ſie; warum mußte der Graf in jenem unglückſeligen Augenblick kommen! warum mußteſt Du Deinen Poſten verlaſſen in dieſer einen Stunde, die Alles entſchied! Nur fünf Minuten vorher gewarnt und der Graf hätte mich allein gefunden, und wie groß auch ſein Verdacht ſein mochte, er hätte dies⸗ mal wie die andern Male keine Beweiſe gehabt!“ Nadeska ſtand ſeitwärts und etwas hinter der Gebieterin. Sie konnte alſo ungeſtraft eine höhniſche Fratze ziehen, bevor ſie in noch demüthigerem Tone antwortete: „Verzeihen Sie, Fürſtin! dieſes Mal war doch auch ohne das ein ſehr ſprechender Beweis da. Freilich, ein böſer Zufall war es immer, daß die Geburt des Fürſten neun Monate nach der Nacht erfolgte, in welcher er von einem fremden Manne, den er im Zimmer Dritter Band. 87 ſeiner Gemahlin fand, zwanzig Fuß hoch durch das Fenſter auf den Schnee geworfen wurde?“ Die Erinnerung an dieſen tragikomiſchen Vorfall verſcheuchte für einen Augenblick die Melancholie der Fürſtin. Die halb lächer⸗ lichen, halb abſcheulichen Scenen jener tollen Nacht zogen mit großer Klarheit an ihrem inneren Auge vorüber, und das Bild des Helden derſelben, des Mannes aus dem Volke, den die hochgeborene Dame mit ihrer Gunſt beehrt hatte, erſchien ihr wieder, wie er damals ihrem roh ſinnlichen Geſchmack erſchienen war: ein Ideal übermüthiger Ju⸗ gend und Manneskraft. „Ob er wohl noch lebt?“ fragte ſie, ganz in dieſe Erinnerung verloren. „Wer, meine Fürſtin?“ fragte Nadeska, die recht gut wußte, an wen die Gebieterin jetzt dachte. Die Fürſtin antwortete nicht und Nadeska begann geräuſchlos die Lichter in dem Salon anzuzünden. Eine wollüſtige Dämmerung verbreitete ſich in dem Gemache, die heller und heller wurde, ohne den ſanften Charakter zu verlieren, denn ſämmtliche Lichter brannten in Kelchen von roſigem Glaſe. Es war dies das einzige Licht, wel⸗ ches die reizbaren Nerven der Fürſtin ertragen konnten; auch am Tage, der für ſie übrigens erſt ſpät am Nachmittage anfing, waren die Fenſter ſtets mit roſenrothen Vorhängen geſchloſſen; Spötter behaup⸗ teten, die Fürſtin ſcheue das freche Licht des Tages nur, weil es für ihren durch eine ausſchweifende Jugend und ein frühes Alter ver⸗ wüſteten Teint allzu ungünſtig ſei. Nadeska hatte eben die letzte Kerze angezündet, als die dienſtha⸗ bende Kammerzofe in das Gemach ſchlüpfte und ihr(keine Meldung kam direct an die Fürſtin) etwas in's Ohr flüſterte. „Was giebt's, Nadeska?“ fragte die Fürſtin. „Der Graf läßt ſich melden,“ erwiderte die Vertraute. Die Fürſtin ſchrak zuſammen. „Was kann er wollen?“ ſagte ſie;„er ſollte jetzt auf dem Bahn⸗ hofe ſein!“ „Er wird ſich in der Zeit geirrt haben.“ „Möglich. Laß ihn kommen, aber bleib' im Zimmer.“ 88 Durch Nacht zum Licht. — P Auf einen Wink Nadeska's entfernte ſich die Kammerzofe, die in demüthiger Haltung an der Thür gewartet hatte. Gleich darauf trat raſchen Schrittes ein Herr herein. Es war ein ſchlanker, mit ausgeſuchter Eleganz gekleideter Mann, der auf den erſten Anblick fünfundzwanzig Jahre alt zu ſein ſchien, aber immer älter wurde, je länger und genauer man ihn anſah, bis er zuletzt nicht mehr weit von ſechszig entfernt ſein konnte. Indeſſen gelangte man nur durch eine ſehr ſcharfe Beobachtung zu dieſem Re⸗ ſultat, da die Maske bis in die kleinſten Einzelheiten mit vollendeter Feinheit durchgeführt war. Die ſchwarzen Haare und Augenbrauen, der lockige Bart, die ſchneeweißen Zähne, die runden Schultern und die vollen Hüften waren ein Triumph der Kunſt, und wenn der Kam⸗ merdiener auch noch den matten Augen neuen Glanz zu verſchaffen, das paralytiſche Zittern der Hände und die böſen feinen Falten, die wie Schlangen um die Augen herum lagen, wegzubringen gewußt hätte, ſo wäre Graf Ladislaus Malikowsky vielleicht für die Frauen (für eine gewiſſe Claſſe wenigſtens) noch immer ſo unwiderſtehlich geweſen, wie in den Tagen ſeiner Jugend, aus denen er nichts be⸗ halten hatte, als die raſtloſe Begierde nach Genuß und eine ſcham⸗ loſe Lüderlichkeit, die jetzt mit der kalten Berechnung des Alters Hand in Hand ging. Dieſe widerwärtige Caricatur eines Jünglings kam auf die Fürſtin zu, küßte ihr verbindlich die Hand und ſagte, indem er ſich in einen der Lehnſtühle, die um den Kamin herum ſtanden, ſin⸗ ken ließ: „Sie wundern ſich, Alerandrine, daß ich nicht mit den Andern zugleich erſcheine—“ „In der That.“ 3 „Glauben Sie nicht, daß es Mangel an Aufmerkſamkeit für die Braut meines Sohnes iſt“— der Fürſt ſwach dies letztere Wort immer mit ganz beſonderer Betonung und niemals, ohne ſeine falſchen weißen Zähne dabei zu zeigen—„im Gegentheil! gerade die zarte Sorge, die ich dem Wohl des jungen Paares widme, treibt mich, ich kann ſagen, athemlos hierher. Eine Entdeckung, die ich heute— aber, darf ich bitten, Alexandrine, daß ſich Ihre Kammerfrau ent⸗ Dritter Band. 89 fernt; meine Mittheilung erfordert unbedingtes Geheimniß“— flüſterte der Graf, ſich zu ſeiner Gemahlin hinüberbeugend. „Laß uns allein, Nadeska, aber bleib' im Nebenzimmer,“ ſagte die Fürſtin. „Alexandrine,“ ſagte der Graf, als ſich die Kammerfrau entfernt hatte, um in dem Nebenzimmer ihr Ohr an das Schlüſſelloch zu legen; „Sie hatten geſtern nicht die Güte, meiner, durch hartnäckige Verluſte im Spiel erſchöpften Cafſe mit der geringen Summe, um die ich Sie bat, auszuhelfen. Nun, ich hätte das übel nehmen können, zumal in Anbetracht des eigenthümlichen Verhältniſſes, in welchem wir zu einander ſtehen; indeſſen: ich für meine Perſon weiß mich einzuſchränken und möchte um Alles in der Welt nicht Ihnen, oder meinem Sohne(hier leuchtete das weiße Gebiß förmlich) beſchwerlich fallen. Um ſo mehr thut es mir leid, daß ich ſchon wieder Ihre Caſſe in Anſpruch nehmen muß, diesmal freilich nicht für mich, ſondern für Jemand, der allerdings größere Anſprüche machen kann, als ich.“ „Ich bin nicht ſo glücklich, den Sinn Ihrer Worte auch nur zu ahnen, erwiderte die Fürſtin ſich mit halb geſchloſſenen Augen in die Kiſſen ihres Stuhles zurücklehnend. „Vielleicht,“ ſagte der Fürſt, indem er in die Taſche ſeines Fracks faßte und einen Brief herausnahm, den er mit den in weiße Glacéhand⸗ ſchuh gepreßten zitternden Händen auf ſeinem Knie enlfaltete;„wird dieſer Brief, der mir vor einer halben Stunde durch einen jungen Menſchen überbracht wurde, die gewünſchte Aufklärung geben. Erlauben Sie, daß ich Sie mit der Lectüre deſſelben behellige.“ Der Graf wartete keine Antwort ab, ſondern klemmte ſeine goldene Lorgnette auf die Naſe und las, indem er dabei von Zeit zu Zeit über die Gläſer weg auf die Fürſtin hinüberblickte: „Hochgeborner Herr Graf! In dem Augenblicke, wo Se. Durch⸗ laucht der Fürſt Waldernberg ſeine junge Braut, Baroneß Helene von Grenwitz in die Arme der Fürſtin Mutter führt, iſt es gewiß wünſchens⸗ werth, daß unter allen Mitgliedern der Familie die Harmonie walte, ohne welche auch weniger wichtige Feſte leicht einen unerfreulichen Cha⸗ rakter annehmen. Sie ſelbſt, hochgeborner Herr Graf, haben, indem Sie über gewiſſe Vorgänge, welche in der Nacht vom 21. bis 22. November 3 S cceheeeee — 90 Durch Nacht zum Licht. 1825 im Hotel Letbus in St. Petersburg ſtattfanden, den Schleier chriſtlicher Liebe und weiſer Vergeſſenheit fallen ließen, ein Beiſpiel ge⸗ geben, dem ich gerne folgen würde, wenn die Umſtände es mir erlaubten. So aber bleibt mir nur die Alternative, meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht ſelbſt zu befürworten, oder Denjenigen, welche Urſache haben, gewiſſe Dinge vor Sr. Durchlaucht zu verheimlichen, mit der⸗ ſelben beſchwerlich zu fallen. Ich erlaube mir deßhalb, mich an Se. Excellenz den Grafen Malikowsky, als die zur Vermittelung des Geſchäfts geeignetſte Perſon zu wenden, mit dem Erſuchen, mir unver⸗ züglich 50,000(ſchreibe funfzigtauſend) Silber⸗Rubel bei einem der hie⸗ ſigen Banquiers anzuweiſen, widrigenfalis ich mich eben genöthigt ſehen würde, Sr. Durchlaucht ſelbſt in Perſon meine Aufwartung zu machen. „In der Zwiſchenzeit(die ich auf acht Tage de dato beſtimmen möchte) verharre ich u. ſ. w. Director Caspar Schmenckel aus Wien. „P. S. Sollten Sie vorziehen, perſönlich mit mir zu verhandeln, ſo bin ich jeden Abend von 7 Uhr an im„Duſtern Keller,“ Gertruden⸗ ſtraße Nr. 15 zu finden. D D „Nun, was ſagen Sie, Alexandrine?“ näſelte der Graf, indem er ſeine Lorgnette von der Naſe fallen ließ und den Brief wieder in die Taſche ſteckte. „Daß das Ganze ein ſchlecht erfundenes Märchen von Ihnen iſt.“ „Comment?“ rief der Graf in einem Erſtaunen, das diesmal nicht affektirt war. „Glauben Sie wirklich, mein Herr,“ ſagte die Fürſtin, zitternd vor Wuth und einer heimlichen Furcht,„es könne doch etwas Wahres an der Sache ſein, daß ich in eine ſo plumpe Falle gehen werde? daß ich nicht ſehe, wo daß Alles hinaus ſoll? daß Sie auf dieſe ſchamloſe Er⸗ findung nur deßhalb gefallen ſind, weil ich Ihrer tollen Verſchwendung nicht auch noch den Reſt meines Vermögens opfern will?“ „Wahrhaftig, Alexandrine, wer Sie ſo hörte, ſollte glauben, daß Ihr Gewiſſen ſo rein wäre, wie meine Handſchuhe. Der Zorn macht Sie ja blind, Theuerſte! Bemerken Sie doch gütigſt, daß in dem Briefe Dinge vorkommen, von denen ich gar keine Ahnung habe, noch Dritter Band. 91 haben kann, z. B. der Name des betreffenden Ehrenmannes. Bekannt⸗ lich hatte ich bis jetzt noch nicht die Ehre, zu wiſſen, weſſen Blut in den Adern meines Sohnes fließt.“(Hier ſchimmerte das Gebiß des Grafen in einer erſchreckenden Weiſe.)„Und übrigens haben Sie ja ein unfehlbares Mittel die Echtheit dieſes Briefes zu ermitteln. Laſſen Sie ſich den Verfaſſer kommen! er wird ſich doch in den zweiundzwanzig Jahren ſo ſehr nicht verändert haben, daß Sie ihn nicht wieder erkennen ſollten.“ „Sie denken, ich werde das nicht thun? Sie irren ſich Ich be⸗ ſtehe darauf, daß Sie mir dieſen Popanz, mit dem Sie mich einzu⸗ ſchüchtern verſuchen, vorführen. Geben Sie mir den Brief!“ „Avec le plus grand plaisir!“ erwiderte der Fürſt;„hier! Aber, Alexandrine, ich hoffe, daß dieſe Zuſammenkunft in meinem Beiſein ge⸗ ſchieht, ſonſt würde ich mich vor Eiferſucht nicht zu laſſen wiſſen.“ „Teufel!“ „O, mein Engel, nennen Sie ſo den Mann, dem Sie ſo viel Dank ſchuldig ſind?“ „Dank ſchuldig? Ihnen? Ich, der ich Sie aus dem Elend auf⸗ geleſen habe!“ „Dafür habe ich Ihnen einen ehrlichen Namen gegeben.“ „Ehrlicher Name! Ein Name, der durch jedes ſchnödeſte Laſter und jede ſchändlichſte Sünde geſchleift“— „Und doch noch immer gut genug war für die Freundin“— „Hüten Sie ſich!“ „Weßhalb? der Himmel iſt hoch und der Czar iſt weit. Uebrigens haben Sie recht zu verlangen, daß auf dieſes eine Verhältniß kein über⸗ mäßiger Werth gelegt werde. Weiß doch jeder Mann, daß Ihnen in einer gewiſſen Beziehung jeder Rang und Stand gleich war.“ „Das geht zu weit, ich— „Beruhigen Sie ſich, ma chère! Ich höre ſo eben einen Wagen vorfahren. Jedenfalls ſind es die lieben Unfrigen. Wir müſſen Ihnen ein Liebe und Freundſchaft geben.“ 6 war ungefihr zwei Stnnhe ſpäter. Helene von Grenni wanderte, nachdem ſie die Kammerfrau verlaſſen hatte, unruhig in 92 Durch Nacht zum Licht. ihrem prachtvollen Zimmer auf und ab. Die Baronin, welche von der Reiſe ſehr angegriffen war, hatte ſich bereits in ihr Schlafgemach begeben. Helene konnte nicht ſchlafen. Ihre Seele war von einer un⸗ beſtimmten und deßhalb um ſo fürchterlicheren Angſt bedrückt. Sie kam ſich inmitten der Herrlichkeit, die ſie umgab, vor, wie ein Kind in einem verzauberten Schloſſe, wo aus jedem Winkel, in welchem der Schein der Lichter weniger hell fiel, hinter jeder ſeidenen Gardine, die der Luftzug leiſe bewegte, ein unſägliches Grauen hervortreten konnte. War das die Erfüllung ihrer ſtolzen Hoffnungen! Sie konnte den Ein⸗ druck, den der Empfang im Salon der Fürſtin auf ihr leicht erregbares Gemüth hervorgebracht hatte, nicht wieder los werden. Noch immer fühlte ſie die eiſig kalten Lippen der Fürſtin auf ihrer Stirn; noch immer ſah ſie das widrig freche Lächeln des Grafen und die finſtere Miene des Fürſten... Es war ein unheimlicher Geiſt, der durch dieſes Haus ging. Und dieſem Geiſt hatte ſie ſich ergeben, hatte ſie ihre Freiheit, ihre Mädchenträume, ihre Zukunft geopfert. Um was dafür zu gewinnen? hohe Stellung, Reichthum... wie wenig begeh⸗ renswerth ihr das Alles in dieſem Augenblicke vorkam! wie gern ſie das Alles hingegeben hätte, eine Ahnung des ſeligen Glücks zurückzurufen, das in dem Sommer des vergangenen Jahres ihr Herz erfüllt hatte, wenn ſie aus ihrem kühlen Gemach in den goldigen Morgenſonnenſchein des Parkes hinaustrat und langſam zwiſchen den Blumenbeeten auf⸗ und abwandelnd, bei jeder Wendung um ein dichteres Bosquet Oswald zu begegnen hoffte. Wie weit, wie unerreichbar weit lag jetzt dies Alles hinter ihr! weit, wie das Paradies der Kinderjahre, das kein Sehnen und kein Frühling uns zurückbringt!... Sie war ſelbſt erſtaunt, daß ihre Gedanken gerade heute wieder und immer wieder nach Grenwitz zurückwanderten, daß tauſend kleine Scenen, die ſie vergeſſen zu haben glaubte, in ihrer Erinnerung erwachten,— ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder, als die Abendſonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldſtrahlenden Aether hing und über dem reifenden Korn glänzende Lichter wogten, während hoch über ihnen, verloren im tiefen Blau des Himmels, die Lerchen jubelten; ein anderes Mal, als ſie am heißen Nachmittage, ermüdet von dem monotonen Summen und Schwirren der Inſekten, auf einer Bank in einem kühlen Dritter Band. 93 Baumgang des Gartens eingeſchlummert war und ſie in dem Augen⸗ blick erwachte, als ihr Jemand— es war Bruno— einen Kranz von dunkelrothen Roſen auf's Haupt ſetzte, während wenige Schritte davon entfernt ein Anderer— Oswald war's— hinter einem Baum verſteckt lauſchte. Und immer waren es Bruno und Oswald, welche die fried⸗ lichen Bilder belebten— elyſiſche Geſtalten in elyſiſchen Gefilden. Waren doch Beide todt!... Helene hatte, als Oswald's Flucht mit Emilie das unerſchöpfliche Thema des Geſprächs in Grünwald war, unbeſchreiblich gelitten, denn jetzt erſt, als ſich eine Welt zwiſchen ihn und ſie gelegt, fühlte ſie, wie theuer ihr dieſer Mann geweſen war. Zwar bemühte ſie ſich ernſtlich, dieſe Leidenſchaft zu bemeiſtern und ſich mit dem Schickſal, das ſie ſich doch ſchließlich ſelbſt bereitet, auszuſöhnen; aber nur zu oft ertappte ſie ſich darauf, daß ſie die Perſönlichkeit ihres Verlobten mit der Oswald's verglich, um immer wieder zu dem Reſultat zu kommen, daß Jenem Alles fehlte, was dieſen in ihren Augen ſo liebenswürdig gemacht hatte: die anmuthig elegante Geſtalt und Haltung, die geiſt⸗ vollen und doch ſo zärtlichen Augen, die tiefe und doch ſo weiche Stimme, der immer wechſelnde und immer intereſſante Ausdruck des edlen Ge⸗ ſichts... Nie hatte ſie ſo lebhaft als an dieſem Abend gefühlt, wie ſtumm ihr Herz ihrem Verlobten gegenüber war. Sie dachte mit Ent⸗ ſetzen daran, daß, als der Generalmarſch auf der Straße geſchlagen wurde, von fern her das Brauſen und Toben der Volksmenge ertönte und der Fürſt aufſprang, um an ſeinen Poſten zu eilen, ſie weiter nichts empfunden hatte, als daß dies eine vortreffliche Gelegenheit ſei, ſich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Und immer ſchwerer wurde dem jungen Mädchen das Herz und immer trüber wurde es vor ihren Augen. Sie kam ſich grenzenlos un⸗ glücklich vor; ſie hatte Mitleid mit ſich ſelbſt, daß ſie ſo allein ſei, daß Niemand ihren Kummer theile. Aber hatte ſie ſich denn dieſe iſolirte Stellung nicht ſelbſt bereitet? hatte ſie die guten Menſchen, die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren, nicht mit kühler Höflichkeit zurückgewieſen? Wie ſehnte ſie ſich jetzt nach der guten alten Bärin, nach der klugen, herzigen Sophie Robran! Aber war nicht Sohie in der Reſidenz? konnte ſie die Freundin, die ſie in der letzten Zeit in Grünwald ſo vernachläſſigt hatte, hier nicht wieder aufſuchen? Helene 94 Durch Nacht zum Licht. klammerte ſich, während ſie ihr ſchönes Häupt in den ſeidenen Kiſſen verbarg, an dieſen Gedanken wie an einen Rettungsanker— die ſtolze Helene, die einſam ihre Bahn wie ein Stern ziehen zu können ſchien, unbekümmert um das Treiben der Menſchlein da unten in den niedern Menſchenhütten! Cilftes Capitel. Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu. Vergebens, daß man Truppen über Truppen anſammelte und Tag und Nacht in den Caſernen zum Gefecht bereit hielt; daß man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinandertrieb und die Schreier auf alle Weiſe ein⸗ zuſchüchtern ſuchte. Jeder Tag brachte neue und immer verhängniß⸗ vollere Unruhen; die Anſammlungen des Volks, beſonders auf den weiten Plätzen in der Nähe des Schloſſes, wurden immer bedrohlicher; immer öfter ertönte die aus gellendem Pfeifen und Hurrahrufen eigenthümlich componirte Volksfanfare, und immer ſeltener konnte das durch wochen⸗ langen überſtrengen Dienſt gegen das Volk erbitterte Militair dieſem prickelnden Reizmittel widerſtehen. Immer häufiger wurde auf jener Seite von den Pflaſterſteinen, die man ſchon hier und da aufzureißen begann, auf dieſer von der blanken Waffe Gebrauch gemacht. Bereits war die Zahl der mehr oder weniger ſchwer Verwundeten, welche in die öffentlichen Hospitäler abgeliefert waren, ſehr bedeutend. Beſonders verhängnißvoll war der letzte Abend geweſen. Eine Abtheilung Garde⸗ küraſſiere hatte, mit verhängten Zügeln und gezogener Waffe daher⸗ ſprengend, einen Volkshaufen in eine der dem Schloſſe benachbarten ſchmaleren Straßen hineingetrieben, deren Ausgang von der anderen Seite durch ein Piket Dragoner beſetzt war, welche Niemand durch⸗ ließen. Eine Scene grauenhafter Verwirrung entſtand in dieſer von beiden Seiten zuſammengeguetſchten Menge, in welche die Reiter, links und rechts Säbelhiebe austheilend, erbarmungslos ihre Pferde hinein⸗ zwangen. In das Angſtgeheul der Weiber und Kinder, in das Rache⸗ Dritter Band. 95 geſchrei der Männer miſchten ſich die Flüche der Soldaten, aber auch Drohungen und Verwünſchungen, die ihnen aus den Fenſtern der Häuſer von friedlichen Menſchen zugerufen wurden, welche erſt der Lärm in der Straße von ihrer Arbeit aufgeſchreckt hatte.— So verbreitete ſich die Bewegung in immer weiteren Kreiſen und ſelbſt in den entfernteſten Stadttheilen bildeten ſich Gruppen auf den Straßen, als man erfuhr, daß auch die wegen ihres Leichtſinns verrufene Kaiſerſtadt an der Donau eine vollſtändige Revolution gemacht, daß auch dort das alte Syſtem geſtürzt und der Vater der völkerberückenden Cabinetspolitik, der Alt⸗ meifter, durch deſſen erbärmliche Künſte ein ganzes Menſchenalter ſich hatte gängeln laſſen, aus ſeiner Herrſcherſtellung vertrieben ſei. Man jauchzte dieſen ungeheuren Thaten, die noch einen Monat vorher die Sanguiniſchſten für unmöglich erklärt haben würden, tauſendſtimmigen Beifall zu und Einer fragte den Andern: ob man die ſchändlichen Miß⸗ handlungen einer Kaſte dulden ſolle, wenn es nur eines muthigen Entſchluſſes bedürfe, um Freiheit und Gleichheit im Staate wieder herzuſtellen. Während ſo nach und nach ſelbſt die Gleichgiltigſten in den Strudel er Revolution hineingezogen wurden, ſaß Einer auf ſeinem Zimmer, nbekümmert um Alles, was rings um ihn her vorging, in apathiſcher Regungsloſigkeit. Als Oswald geſtern Abend von ſeinem zielloſen Umherirren in den menſchenüberfüllten Straßen nach Hauſe kam, das Zimmer leer und den Brief von Emiliens Bruder auf dem Tiſche fand, hatte er ſo laut aufgelacht, daß eine alte Dame, die ſchon ſeit zwölf Jahren die Zimmer nebenan bewohnte, aus ihrem erſten Schlaf aufgeweckt wurde. Dann hatte er ſich auf das Sopha geworfen. Er war zu abgeſpannt und müde, um zu Bett gehen zu können. Aber nach einiger Zeit fuhr er mit einem Schrei in die Höhe. Er war mit Emilien Arm in Arm am Rande eines Abgrundes liebkoſend und Liebe flüſternd einherſpaziert, plötzlich war ſie von einer Seite in die Tiefe geſtürzt, von Fels zu Fels, in ſchauderhafte Schlünde, aus denen ihr Jammern und Hülferufen bis zu ihm empordrang. Oswald ſuchte lange vergeblich das entſetzliche Bild loszuwerden, es hatte ſich allzutief in ſein überreiztes Gehirn ge⸗ prägt. Er hätte gern im Schlaf Ruhe und Vergeſſenheit geſucht, aber 96 Durch Nacht zum Licht. obgleich er ſich noch matter wie vorher fühlte, war doch die Müdigkeit ganz von ihm gewichen. Tauſend Gedanken und Bilder jagten ſich in regelloſer Folge durch ſeinen Kopf, ohne daß er im Stande ge⸗ weſen wäre, dieſen tollen Spuk zu bannen⸗ Er konnte nichts, als unthätig dem Treiben der Fiebergeiſter zuſehen. Die Scenen der letzten Tage vermiſchten ſich unaufhörlich mit Bildern aus der früheſten Ingend; und der große Herr, mit dem ſie auf der letzten Station in einem Coupé gefahren, verwandelte ſich urplötzlich in den alten Aus⸗ rufer ſeiner Vaterſtadt, deſſen lingel für die Buben ſo anziehend ge⸗ weſen war, wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Oswald raffte ſich gewaltſam aus dieſem Zuſtand auf. Er zog die Glocke und bat, das Feuer, das ausgegangen war⸗ wieder anzu⸗ machen. Dann ſetzte er ſich an das Feuer und dachte an die erſten Abende in Paris, wo er in ſeiner beſcheidenen Wohnung in dem fünften Stock eines Hauſes im Quartier Latin mit Emilie am Kamin ſaß und ſie ſich gegenſeitig gratulirten, endlich einmal„bei ſich zu Hauſe“ zu ſein. Sie hatten ſich über das Bedenkliche ihrer Lage mit Scherzen und Küſſen yinwegzuhelfen geſucht und herrliche Pläne für die Zukunft geſchmiedet. Aber aus der goldigen hoffnungsreichen kunft war eine graue troſtloſe Gegenwart geworden; die Sch waren verſtummt und die Küſſe waren fälter und kälter gewo n. Und dann kamen Abende, wo Oswald verſtimmt und mißmuthig iber vergebliche Wege zu Verlegern, die von ſeinen Manuſcripten„keinen Gebrauch machen tonnten“, nach Häuſe kam und Emilie in Thränen fand— in Thränen, von denen er ſich ſagen mußte, daß er und nur er allein ſie verſchuldet hatte. Dann kamen unſeligſte Scenen, wo die Reue über die eigene Thorheit ſich hinter Anklagen des Wankel⸗ muthes und der Liebloſigkeit des Anderen verbarg und in dem Hin⸗ über und Herüber unfreundlicher Worte der Liebe zartes Blümlein mitleidlos zertreten ward. Und doch war es hier immer Emilie ge⸗ weſen, die, gutmüthig und leichtſinnig, wie ſie war, und Oswald in ihrer Weiſe zärtlich liebend, die Hand zur Verſöhnung geboten hatte. „Ich mache Dir keine Vorwürfe“, hatte ſie daun oft geſagt,„ich wäre ganz glücklich, wenn ich nur ſähe, daß Du es biſt. Aber daß Du es nicht biſt, durch meine Schuld nicht biſt, das preßt mir Thrären Dritter Band. 97 aus.“.. Hatte ſie die Wahrheit geſprochen? Oswald hatte da⸗ mals daran gezweifelt— heute ſagte ihm eine Stimme, daß es doch ſo war und daß ſie ihn nie verlaſſen haben würde, wenn er nicht ſelbſt ſie von ſich getrieben hätte. Er nahm den Brief, den er auf dem Tiſche gefunden und ſtarrte auf das:„Lieber, lieber Oswald“— das von Emiliens zitternder Hand geſchrieben und hernach von der andern Hand durchgeſtrichen war und auf die beiden Flecken auf dem Papier— die Spur der Thränen, die ihr die Trennung von ihm ausgepreßt hatte. Oswald ließ den Brief in die Flamme fallen und er ſeufzte tief, als er ſah, wie ſie gierig das Blatt erfaßte und ver⸗ zehrte und der Zugwind die ſchwarze Aſche davonführte. So war auch das vorbei, vorbei.... Und wie er, den Kopf in die Hand geſtützt, in die verglimmenden Kohlen ſtarrte, fingen die Fiebergeiſter wieder an, ihre tollen Tänze zu tanzen. Bildſchöne Geſichter ſahen ihn an mit großen, liebevollen Augen und ſchnitten dann plötzlich eine häßliche Mohrenfratze; Director Clemens und Profeſſor Snellius kamen gravitätiſch einhergeſchritten im wichtigen Geſpräch, das ſie auf einmal abbrachen, um eine übermüthige Polka zu tanzen; Melitta, Helene und Emilie ſchwebten roſenbekränzt in einer goldenen Wolke hernieder, die zu einem grauen Regen wurde, in welchem die drei Hexen aus dem Macheth ihre Schlangenhaare ſchüt⸗ telten... So verging die lange, bange Nacht. Als die Dämmerung in die Fenſter hereingraute, wurden die Fiebergeiſter blaſſer und immer blaſſer. Oswald öffnete das Fenſter und ließ den kalten Morgenwind ſeine heiße Schläfe kühlen. Das erquickte ihn etwas; aber als es auf der Straße anfing, lebhafter zu werden, ſchloß er das Fenſter wieder und ließ die Vorhänge herunter; er mochte von dem Leben, das er ſo haßte, nichts ſehen und nichts hören. In dem Hotel war Emilien's Flucht nicht eben aufgefallen. Der Einzige, welcher etwas Genaueres von der Sache wußte, der Portier, fühlte im heimlichen Bewußtſein ſeiner Mitſchuld keine Neigung, ſich weiter darüber auszuſprechen. Man glaubte alſo, wenn man überhaupt in dieſen vielbewegten Tagen Zeit hatte, ſich um ſolche Nebenſachen zu bekümmern, daß die Dame nicht, wie man anfänglich gemeint hatte, die Fr. Spielhagen's Werke. KII. 7 Durch Racht zum Licht. Gemahlin, ſondern die Schweſter des Herrn, und der zweite Herr, der ſie abgeholt, der Gemahl der Dame geweſen ſei. So nahm auch Frau Hauptmann Schwarz an, als ſie am Mittag des folgenden Tages ſich bei Oswald melden ließ. Frau Hauptmann hatte die Gewohnheit, ſich, wenn ihre Gäſte eine Nacht unter ihrem Dache geſchlafen, perſönlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wünſchen zu erkundigen, und auf dieſe Weiſe eine Art von freundſchaftlichem Ver⸗ hältniß anzubahnen, wie es ihrem alten guten Herzen Bedürfniß war. Zu Oswald ging ſie heute Morgen mit doppeltem Intereſſe. Der junge Mann hatte in dem Blick ſeiner Augen und dem Ton ſeiner Sprache ein Etwas gehabt, das ſie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein Weſen mahnte, daß ſie ſehr geliebt und deſſen Verluſt ſie noch immer nicht verſchmerzt hatte. Sodann kam der junge Mann aus Frankreich, dem Lande, aus welchem jene ſchöne, junge unglückliche Freundin geſtammt, und wohin ſie ſich wahrſcheinlich ſpäter gewandt hatte. Freilich, ſie hatte nie wieder Nachricht von ſich gegeben, das arme Mädchen, und ſo war es nicht eben wahrſcheinlich, daß ſie noch am Leben war; aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht, ſich jedes⸗ mal über die Ankunft eines Franzoſen in ihrem Hauſe ganz beſonders zu freuen, weil ihr damit wenigſtens die Möglichkeit gegeben ſchien, etwas über die Verlorene in Erfahrung zu bringen. Wie erſtaunt und betrübt war deßhalb die gute Frau, als ſie Os⸗ wald heute Morgen ſo bleich und verfallen fand— ein Schatten nur noch des ſtattlichen jungen Mannes von geſtern Abend. Er hatte eine ſchlechte Nacht gehabt? Freilich, das mußte eine recht böſe, ſchlechte Nacht geweſen ſein, die einen jungen Mann ſo herunter bringen konnte. Ob ſie nach dem Doctor ſchicken ſolle? Nein? aber eine Taſſe kräftigen Bouillons mit einem“ Ei abgerührt? Qu'en dites vous, Monsieur? Die gute alte Dame trippelte davon, um den Byuillon ſelber zu be⸗ ſorgen, den Niemand ſo gut, wie ſie, zu bereiten verſtand. Und wäh⸗ rend ſie in der Küche damit beſchäftigt war, ſchüttelte ſie einmal über das andere ihr graues Haupt, weil der Monſieur Oswald— ſo hatte ſich der Fremde genannt— ſo ſehr gut deutſch ſprach und ſo recht krank und unglücklich ſchien und trotzdem der Verlorenen nur um ſo ähnlicher ſah. Ihr kamen dabei die Thränen in die Augen, und ſie nahm ſich Dritter Band. 99 vor, ſelbſt auf die Gefahr hin, indiscret zu werden, nach der Urſache ſeines Kummers zu fragen. Mit dieſem Vorſatze betrat ſie abermals Oswald's Zimmer und fand den jungen Mann in derſelben Stellung, wie ſie ihn verlaſſen hatte, auf dem Sopha ſitzen, die Arme über die Bruſt gekreuzt, die matten, ſchmerzlich ſtarren Augen auf den alten franzöſiſchen Kupfer⸗ ſtich an der Wand gegenüber geheftet, der die an den Felſen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darſtellt, zu deren Rettung Perſeus mit dem Gorgohaupt durch die Lüfte herbeieilt. Er hatte das Bild heute Morgen in der Dämmerung zuerſt bemerkt, und bei dem mangelhaften Lichte lange geräthſelt, was es wohl darſtellen möchte, bis er es endlich, als es heller wurde, herausgebracht hatte. Das Bild war manierirt, wie alle Producte der Zeit, in welcher es entſtand. Die An⸗ dromeda war ein wenig zu klein gerathen, ein Kind faſt in dem Ver⸗ hältniß zu dem ſehr langen und ſehr ſchlanken Heros, der, eben den Fuß auf den Felſen ſetzend, zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt, das ihn mit weit geöffnetem Rachen anſchnaubt und mit giftigen Ba⸗ ſiliskenaugen anſtiert. Dennoch war es nicht ohne Geiſt in der Con⸗ ception und nicht ohne Feinheit in der Ausführung. Beſonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich ſchönen Zügen des Mäd⸗ chens und der herviſche Zorn in dem Antlitz des Jünglings vortrefflich wiedergegeben und die Scenerie— ein einſamer Fels in dem grenzen⸗ loſen Meere— über deſſen Horizont die Morgenſonne auffteigt, deren Strahlen über die Wellen fort bis an den Felſen zittern— hatte etwas von Claude Lorraine's heiterer Kraft und Großheit. Oswald hatte mit einem Gefühl ſchmerzlicher Wehmuth das Bild wieder und wieder be⸗ trachtet. Der ſchöne Sinn der alten Mythe, daß kühner Muth den, der ihn beſitzt, mit Götterflügeln über Länder und Meere trägt, daß der Held mit dem Blick ſeiner Augen ſchon die Gefahr bändigt und ſchließ⸗ lich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schönheit auf rauhem Felſen in dem öden, unwirthlichen Meer des Lebens blüht— hatte ihn, den Muthloſen, den Träumer ſchmerzlich an Alles erinnert, was er Liebes und Schönes im Leben ſchon beſeſſen hatte, nur, um es nach ach! ſo kurzer Zeit auf immer wieder zu verlieren. Auch jetzt, während die Frau Hauptmann ſich auf ſeine Bitte zu 7* Durch Nacht zum Licht. ihm geſetzt hatte, und ihn von der Aufregung, die in der Stadt herrſche, von den blutigen Scenen, die geſtern Abend gar nicht weit von ihnen, in der Schweſterſtraße, vorgefallen wären, von den Volksverſammlungen unter den Buden erzählte und über die ſchlimme Zeit klagte, wo Alles drunter und drüber gehe und man zuletzt nicht mehr wiſſe, wer Koch und wer Kellner ſei, richteten ſich ſeine Augen wiederholt auf das Bild an der Wand. Frau Hauptmann bemerkte es und ſagte: „Ja! ſo ſah es vor fünfundzwanzig Jahre auch aus. Es gehörte einem Landsmann von Ihnen, einem lieben, braven Herru, der viele Jahre bei mir gewohnt hat und den ich wie eine Schweſter lieb hatte — das Bild iſt noch hier, aber er—“ Hier ſeufzte ſie ſo tief, daß Oswald, den das eigene Leid nicht für das Leid Anderer abgeſtumpft hatte, mitleidig fragte: „Er iſt todt, der Herr, nicht wahr?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte die alte Dame;„er iſt in die Welt hineingezogen, um ein Mädchen, das ich als mein Kind erzogen hatte— ein füßes, herziges Geſchöpf, vom Verderben zu retten; aber er iſt nicht wieder gekommen und ſie iſt nicht wieder gekommen, und ich beweine ihren Verluſt, obgleich jetzt beinahe fünfundzwanzig Jahre varüber verfloſſen ſind. Haben Sie, Monſieur— ach! es iſt eigent⸗ lich thöricht, daß ich darnach frage, aber möglich iſt ja am Ende Alles auf der Welt— haben Sie je etwas von einer Mademoiſelle Marie Montbert und einem Monſieur d'Eſtein gehört?“ Die alte Dame hat dieſe Frage ſo oft gethan und ſo oft nu ein kurzes„non, Madame““ zur Antwort erhalten, daß ſie kaum Oswald's bedauerndes Achſelzucken beobachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr: „Ach, ich wußte es wohl; Niemand weiß mir etwas von ihnen zu ſagen. Die Welt iſt ſo groß und der Menſchen ſind ſo viele: und in dieſer großen Welt in dem Menſchengetreibe, wie leicht ſind da zwei Unglückliche vergeſſen und verſchollen!“ Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit ſo fein und würdig, die tiefliegenden, aber noch immer lebhaften Augen blickten ſo freundlich und ſanft, und ihre Stimme klang ſo treu und gut, daß Oswald ſich wunderbar von ihr angemuthet fühlte, und ſie mit einer Dritter Band. 101 Wärme, die ihm von Herzen kam, bat, ihm etwas Näheres von jenen beiden Perſonen, deren unglückliches Schickſal ſie nach ſo langer Zeit noch ſo ſchmerzlich beklagte, mitzutheilen. Die Frau Hauptmann ſtrich ihre ſchwarzſeidene Schürze glatt und erzählte in ſchlichten Worten eine einfache, rührende Geſchichte. Ihr Gemahl, eine tapfere, aber überaus wüſte und unbändige Natur, hatte ſie durch ſeine Verſchwendung ſchon Jahre vorher, ehe er bei Waterloo durch einen heldenmüthigen Tod die Sünden ſeines Lebens quitt machte, gezwungen, für ihren Unterhalt ſelbſt zu ſorgen. Sie hatte in einem Hintergebäude des Hauſes, deſſen Herrin ſie jetzt war, eine geräumige Wohnung inne gehabt, von der ſie den größeren Theil an einzelne Herren wieder vermiethete. Sie hatte immer ge⸗ ſucht, mit ihren„Pflegekindern“ auf einem freundſchaftlichen, zum wenigſten guten Fuß zu ſtehen. Mit keinem war ihr das ſo gut ge⸗ lungen, als mit einem Herrn, Namens d'Eſtein, dem Abkömmling einer Familie franzöſiſcher Refugies, der ſich ſein mühſeliges Brot durch Unterrichtgeben in der unvergeſſenen Sprache ſeiner Heimath verdiente. Monſieur d'Eſtein war ein herzensguter, voller Schrullen ſteckender Hageſtolz, der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit Jedem, der ihn darum bat, ſeinen letzten Biſſen Brot theilte. Er hatte über Alles ſeine ganz beſonderen Ideen und trug ſich fortwäh⸗ rend mit weltumſtürzenden Plänen, während er dabei ſo harmlos wie eine Grille lebte. Monſieur d'Eſtein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in dieſer Zeit ein lieber treuer Freund geworden, dem ſie ohne Bedenken ihre mancherlei Sorgen und Noth klagen konnte, als eines Tages Monſieur Montbert, ein franzöſiſcher Obriſt, ſeinen Verwandten, Monſieur d'Eſtein, zu beſuchen kam. Der Obriſt war auf dem Wege nach Rußland— es war im Jahre 1812— und er hatte ein Töchterchen von acht Jahren bei ſich, ein liebliches Ge⸗ ſchöpf, das der Obriſt vielleicht um ſo zärtlicher liebte, als es ſich nicht des Vorzuges einer legitimen Geburt erfreute und Niemand auf der Welt hatte, der es liebte und beſchützte, als den Vater, den die Kriegsſtürme ſtets von einem Ende Europas nach dem andern fegten. Bis jetzt hatte ſie der Obriſt auf allen ſeinen Zügen bei ſich gehabt: 102 Durch Nacht zum Licht. aber der ſonſt ſo tapfere Mann ſchauderte vor dem Gedanken, ſein Kleinod den Gefahren einer Wintercampagne, deren Ausgang er ahnen mochte, preis zu geben, und die eigentliche Veranlaſſung ſeines dies⸗ maligen Beſuches— ſchon 1807 war er auf einige Monate in der Reſidenz geweſen— war, Monſieur d'Eſtein zu bitten, ſo lange der Feldzug dauere, die Sorge für die kleine Marie zu übernehmen, und wenn er(der Obriſt) nicht wiederkehren ſollte— da waren die Fa⸗ milienpapiere, da war baar und in Wechſeln das Vermögen, das er beſaß und— die Freunde ſahen ſich in die Augen und drückten ſich die Hände. Der Obriſt küßte ſein Töchterchen, verſprach ihr, in einem Schlitten mit zwei Rennthieren aus Rußland zurückzukommen, küßte ſie noch einmal, rief: Adieu mon cher! adieu ma petite! ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt davon. Der Oberſt Montbert machte ſein Verſprechen mit dem Renn⸗ thierſchlitten nicht wahr; ſein Töchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und auf den Vater, bis ſie ein großes Mädchen war, aber Schlitten und Vater kamen nicht. Marie war ein großes ſchönes Mädchen geworden, ſo ſchön, daß ſie in der ganzen Nachbarſchaft nur die ſchöne Marie hieß. Sie war auch ein gutes Mädchen, mit einem guten Herzen, das ſich mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden weinen konnte. Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantaſie, ein Hang für das Außerordentliche, Wunderbare— das Erbtheil ihres Vaters, des franzöſiſchen Reiterobriſten, deſſen abenteuerluſtiger, phantaſtiſcher Sinn, wie Monſieur d'Eſtein behauptete, nah an Wahnſinn geſtreift hatte. Der Frau Hauptmann und Monſieur verurſachte die Charakter⸗ eigenthümlichkeit ihres Pfleglings viel ſchwere Sorge, beſonders Mon⸗ ſieur, dem bei ſeiner herben, nüchternen Sinnesart alles Phantaſtiſche, Irrationelle, ein Gräuel war.„Das Mädchen darf keine Zeit zum Träumen haben,“ pflegte er zu ſagen;„ſie muß denken und handeln lernen. Sie muß in der proſaiſchen Proſa des Lebens ein Gegen⸗ gewicht gegen ihre bunte Traumwelt haben. In ſpaniſchen Schlöſſern kann kein Menſch wohnen.“ Nach dieſen Maximen entwarf er einen Erziehungsplan für die kleine Marie, deſſen Zweckmäßigkeit Frau ——* ˙ — Dritter Band. 103 Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung, die ſie vor Monſieur's Verſtand und Charakter hatte, niemals recht einleuchten wollte. Marie ſollte in den einfachſten Kleidern gehen, wie die Kinder kleiner Hand⸗ werker; ſie ſollte jede häusliche Arbeit verrichten lernen, und als ſie erwachſen war, trieb Monſieur die Conſequenz gar ſo weit, daß er ſie zu einer achtbaren Putzhändlerin in die Lehre gab— man konnte ja nicht wiſſen, ob ihr das in ihrem ſpäteren Leben nicht noch recht nützlich würde: Frau Hauptmann ſchüttelte zu dem Allen den Kopf: aber ſie ſöhnte ſich doch auch wieder mit Monſieur's Handlungsweiſe aus, wenn ſie bedachte, wie gut er's doch meinte, und beſonders, wenn ſie ſah, wie trefflich das Mädchen dabei gedieh, wie es mit jedem Tage klüger und ſchöner wurde und in ſeinem beſcheidenen Kattun⸗ kleidchen und dem einfachen Strohhütchen feiner und vornehmer ausſah wie eine Geheimerathstochter. Frau Hauptmann war ſtolz auf das Mädchen; ſie ſelbſt hatte nie Kinder gehabt, aber ſie meinte, daß ſie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben würde. Und war ſie denn nicht des Kindes Mutter? hatte ſie es nicht in geſunden Tagen gehegt und in kranken gepflegt? und hing es dafür nicht an ihr mit ſo zärtlicher Liebe, wie nur eine Tochter an ihre Mutter hangen kann? Frau Hauptmann war ordent⸗ lich eiferſüchtig auf dieſe Liebe(ſie hatte ſo wenig Liebe in ihrem Leben erfahren!) und ſah es gar nicht ſo gern, daß Marie zu ihr offenbar mehr Zutrauen und Liebe hatte, als zu ihrem Pflegevater. Aber dieſer war ſeinerſeits nicht weniger eiferſüchtig; ja es kam Frau Hauptmann manchmal vor, als ob Monſieur noch andere als blos väterliche Empfindungen gegen die ſchöne Nichte hege und als ob ſeine Erziehungsmethode, die Marie ganz in den kleinen Kreis der Häus⸗ lichkeit bannte, nicht blos durch pädagogiſche Rückſichten beſtimmt ſei. Monſieur war um dieſe Zeit erſt vierzig Jahre alt. Es war dies knum mehr als der Schatten eines Verdachtes, dem aber die folgenden Ereigniſſe Körper gaben. Eines Abends— es war an einem Sonntag— kam Monſieur von dem Spaziergang, den er mit Marie in den Park gemacht hatte, ſehr verſtimmt nach Hauſe. Auch Marie ſchien aufgeregt und hatte die Spur von Thränen in ihren ſchönen Augen. Sie ging gleich 104 Durch Nacht zum Licht. nach dem Abendeſſen zu Bett, und Frau Hauptmann bat Monſieur uun ſo lange, zu erzählen, was ſich ereignet, bis er ihr endlich willfahrte. Marie und er waren in traulichen Geſprächen in den ſchattigen Gängen des Parks auf⸗ und abgewandelt und endlich in eine der Gartenreſtauration getreten, weil Monſieur dem durſtigen Kinde ein Glas Limonade reichen laſſen und bei der Gelegenheit ſelbſt ein Gläs⸗ chen Liqueur trinken wollte. Sie hatten ſich kaum an ein Tiſchchen geſetzt, als zwei Herren, die vorher weiter weg geſeſſen hatten, ſich an dem Tiſchchen dicht neben ihnen niederließen. Monſieur, der den Herren den Rücken zukehrte, beachtete ſie nicht weiter und wurde erſt auf ſie aufmerkſam, als er ſah, daß Marie, während er mit ihr ſprach, von Zeit zu Zeit einen halb verlegenen, halb neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf. Er wandte ſich um, zu ſehen, was es gäbe. In demſelben Augenblick trat einer der beiden Herren 1 an ſie heran. Es war ein auffallend ſchöner Mann— Monſieur konnte das trotz all ſeines Aergers nicht leugnen— eine hohe, echt ritterliche Geſtalt, ein herrlicher Kopf, ein edles, wenn auch etwas verwüſtetes Geſicht, große, dunkelblaue Augen, die vornehm und freundlich zugleich blickten, als der Herr jetzt den Hut ziehend, in ſehr gutem Franzöſiſch— Monſieur und Marie hatten, wie gewöhnlich franzöſiſch geſprochen— fragte: ob es ihm und ſeinem Begleiter ver⸗ gönnt ſei, ſich der Geſellſchaft von Monſieur und Mademoiſelle an⸗ zuſchließen? Nun war Monſieur der höflichſte Menſch von der Welt, aber(ſo behauptete er) es habe in dem Weſen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen, das ihn ſofort mit tiefem Widerwillen gegen den⸗ ſelben erfüllte, und er habe deßhalb kurz und trocken geantwortet, daß er und Mademoiſelle es vorzögen, allein zu bleiben. Es hatte darauf einen kurzen Wortwechſel zwiſchen ihm und dem Fremden gegeben, der damit endete, daß er(Monſieur) aufſtand und(um der Sache ein Ende zu machen) Marie aus dem Garten führte, verfolgt von dem ſpöttiſchen Gelächter der beiden Cavaliere. Von dieſem Abend an datirte ſich eine merkliche Veränderung in Mariens Benehmen. Sie, die ſonſt ſo Heitere, Gleichmüthige, ließ das Köpfchen hangen, war bald blaß und bald roth, bald ausgelaſſen luſtig, bald zum Sterben Dritter Band. 105 traurig— weder Monſieur noch Frau Hauptmann wußten, was ſie daraus machen ſollten. Zu allen Unglück wurde Monſieur in der Zeit krank, daß er das Zimmer hüten mußte und in Folge deſſen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewöhnlich in Anſpruch nahm, ſo daß Marie ſich vielfach ſelbſt überlaſſen blieb. Sonſt hatte ſie Mon⸗ ſieur regelmäßig des Abends aus dem Atelier, in welchem ſie arbeitete, abgeholt, jetzt mußte ſie dieſen Weg allein machen. Was nun wäh⸗ rend dieſer Zeit geſchehen, in welche Schlingen das arme unglückliche Mädchen gefallen iſt— Frau Hauptmann hatte es nie erfahren. Aber eines Morgens, als ſie die Kleine wecken wollte, fand ſie das Zimmer leer und auf dem Tiſch ein Briefchen, in welchem die Un⸗ glückliche ſchrieb, daß Gründe, über die ſie ſich nicht näher erklären dürfe, ſie zwängen, die Stadt zu verlaſſen; daß ſie ihre Wohlthäter mit tauſend Thränen um Verzeihung bitte, wenn ſie ihnen jetzt für all ihre Liebe nur mit ſcheinbarer Undankbarkeit lohne; daß ſie aber zu Gott hoffe, es werde bald ein Tag kommen, wo all dieſes Leid ſich in Freude verwandele. Dieſer Tag war nie gekommeu, dafür hatte ſich für die arme Frau Leid auf Leid gehäuft. Monſieur war über die Nachricht von Marien's Flucht beinahe wahnſinnig geworden und hatte mit furcht⸗ barem Eid geſchworen, daß er von dieſer Stunde an nicht ruhen und nicht raſten wollte, bis er Marien aus den Händen des ſchändlichen Verführers befreit und ſich perſönlich an ihm gerächt habe. Monſieur d'Eſtein war der Mann, ſein Wort zu halten. In dem kleinen, ſchwächlichen Körper lebte ein energiſcher Geiſt. Das zeigte ſich jetzt, wo eine freche Hand das Glück ſeines Lebens grauſam zerſtört hatte. Denn die Frau Hauptmann konnte nicht länger zweifeln, daß der ſon⸗ derbare Mann die Verlorene mit all der Leidenſchaft, die ſo ver⸗ ſchloſſenen, wunderlichen Naturen eigenthümlich iſt, geliebt habe. Er betrieb die Nachforſchungen mit einer raſtloſen Thätigkeit, die von Erfolg gekrönt war. Er hatte die rechte Spur gefunden. Wohin ſie führte?— er ſprach ſich darüber nicht aus, wie er denn überhaupt die ganze Angelegenheit ſelbſt vor ſeiner alten Freundin in tiefes Ge⸗ heimniß hüllte. Er packte in ſeinen Koffer, was er zu einer längeren Reiſe brauchte, riß ſich von der Weinenden los, mit dem Verſprechen, Durch Nacht zum Licht. in acht Tagen ſpäteſtens Nachricht von ſich zu geben— aber ſeit⸗ dem waren nun beinahe fünfundzwanzig Jahre vergangen, und Frau Hauptmann wartete noch immer, daß Monſieur ſein Verſprechen erfüllte. Die alte Dame hatte in ihre Erinnerungen verloren ganz ver⸗ geſſen, daß es nicht ſowohl ihre Abſicht geweſen, das eigene Leid zu klagen, als das des jungen Fremden in Erfahrung zu bringen; und ſie wurde erſt durch die Bläſſe von Oswald's Geſicht, die, während ihrer Erzählung nur immer zugenommen hatte, daran erinnert. „Aber Sie ſind wirklich kränker, als Sie glauben, lieber junger Mann,“ unterbrach ſie ſich;„Ihre Hand iſt glühend heiß und— verzeihen Sie einer alten Frau!— Ihre Stirn brennt. Erlauben Sie mir, daß ich nach unſerm Arzt ſchicke!“ „Bitte, laſſen Sie das!“ ſagte Oswald, ſich gewaltſam empor⸗ raffend;„ich will Ihnen geſtehen: ich bin die ganze Nacht ſchlaflos geweſen, nli aus übergroßer Abſpannung in Folge der langen Reiſe.“ „So ühen Sie ſich wenigſtens jetzt noch einige Stunden hin!“ bat die alte Dame.„Ich weiß es wohl: die Jugend kann des Schla⸗ fes nicht entbehren, wie wir alten Leute.“ „Das will ich,“ ſagte Oswald, während ſich Frau Hauptmann erhob;„Sie ſollen ſehen: der Schlaf macht Alles wieder gut.“ „Das gebe Gott,“ erwiderte die alte Dame, Oswald noch ein⸗ mal freundlich die Hand drückend;„bitte, bitte, keinen Schritt weiter! Ich werde nach einigen Stunden wieder anfragen.“ Die Thür hatte ſich kaum hinter der Frau Hauptmann geſchloſſen als Oswald wie vernichtet in den Sopha zurückſank. Was hatte er eben gehört! daß dies die Fortſetzung der Geſchichte ſei, die ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clauſen in Grenwitz erzählt hatte— an jenem Abend, als er mit Timm in ihrer Hütte Schutz vor dem Regen ſuchte— daran hatte er ſchon nach den erſten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt. Stimmten doch alle Umſtände!— So, genau ſo, wie die alte Dame den fremden Ca⸗ valier geſchildert hatte, blickte noch heute das Porträt des Baron Harald von Grenwitz aus ſeinem breiten Goldrahmen; und hatte nicht das Dritter Band. 107 arme ſchöne Mädchen, die unglückliche Verführte Marie geheißen, wie die Pflegetochter des Monſieur d'Eſtein! Aber das war es nicht, was ihm jetzt das Blut erſtarren machte und alle ſeine Glieder wie im Fiebet ſchüttelte. Es war eine andere, furchtbare Ahnung, die aus den Tiefen ſeiner Seele mit dämoniſcher Gewalt heraufſtieg. Oder waren es auch nur wieder die Fiebergeiſter, die am lichten Tage ihren ſchauerlichen Spuk von neuem begannen? war es Wahnſinn, daß in ſeiner erhitzten Phantaſie aus dem Monſieur d'Eſtein, dem grillenhaften franzöſiſchen Sprachmeiſter, ſein Vater, der alte wunderliche Mann wurde? und aus der ſchönen Tochter des franzöſiſchen Obriſten die ſchöne junge Frau mit den holdſeligen Augen, um deren Knie er als Kind an hellen Sommermorgen in dem lauſchi⸗ gen Garten hinter der Stadtmauer geſpielt hatte, während die weißen Schmetterlinge ſich über dem blauen Ritterſporn wiegten? Und in immer wilderer Haſt jagten ſich die tollen Gedanken. Alte längſt vergeſſene Gedanken erwachten und gaben deutliche Antwort über die Kluft der Jahre hinweg; ſeltſame Zweifel, mit denen ſich der Knabe, der Jüngling getragen hatte, kamen wieder und ſagten: Du haſt ja nun unſere Löſung! So vieles Unerklärliche in ſeinem Leben zeigte auf einmal den tief verborgenen Sinn. Nicht greiſenhafte Schwäche war es alſo geweſen, was die alte Mutter Clauſen trieb, in ſeinem Ge⸗ ſicht fortwährend nach den Zügen des Baron Oskar zu ſuchen,„der mit dem Wodan ſtürzte,“ und nicht eine fantaſtiſche Laune, daß Albert Timm erklärte:„Sie haben das leibhaftige Gottſeibeiunsgeſicht der Grenwitzer Barone!“ Oswald ſprang vom Sopha auf nach dem Spiegel. Ein todten⸗ bleiches Geſicht mit unheimlich leuchtenden Augen ſtierte ihn an: „Sieh da! iſt der böſe Geiſt noch immer nicht zur Ruhe? ſind ihm noch nicht genug Opfer gefallen? erzeugt er ſich in ſeinen Opfern immer wieder? kann der Vampyr nicht an ſeinen eigenen Blicken ſterben? Eine Kugel? was? ſo gerade über den pochenden Schläfen in's fiebernde Hirn gejagt— ſollte die dem Spuk nicht ein Ende machen? Doch, das iſt der rechte Tod nicht, ſagt Berger; iſt nur Tauſch... Was bringt denn den rechten Tod, aus dem die Seele nimmer wieder zu dieſem gottverfluchten Daſein erwacht?.. 108 Durch Nacht zum Licht. Oswald fuhr mit einem Schrei zuſammen— eine Hand erfaßte ſeinen Arm und über die Schulter des Spiegelbildes weg ſchaute eine höhniſch lachende Fratze ihn an. „Hoho!“ ſagte Albert Timni„willſt Du unter die Komödianten, Dottore, daß Du vor dem Spiegel ſtehſt und Monologe declamirſt, die einem ehrlichen Menſchen eine Gänſehaut verurſachen könnten? Gottverfluchtes Daſein? laß Dich doch mal bei Licht beſehen. Schat! In der That! Du ſiehſt bedenklich aus! die kleine Emily, he? Sei froh, daß ſie fort iſt, bevor ſie Dich zum Schatten Deines Schattens machte! Du ſiehſt, ich weiß Alles, und weiß noch ein gut Theil mehr, was, wenn Du's hörſt, Dir wieder Luſt zum Leben beibringen ſoll, Du melancholiſcher Dänenprinz Du! Aber, bevor ich mein Wiſſen auskrame— laß eine Flaſche Portwein kommen oder dergleichen; ich bin heute Morgen noch ſo trocken, wie ein Stockfiſch.“ Herr Timm wartete in ſeiner gewöhnlichen Weiſe Oswald's Antwort nicht ab, ſondern klingelte ſelbſt und beſtellte Portwein und Caviar. Haben keinen? Gehen Sie in den Duſtern Keller, gleich um die Ecke, Mann, nicht drei Schritt von hier. Machen Sie eine Em⸗ pfehlung von Albert Timm an Frau Roſalie Pape und kommen Sie im Fluge zurück, Sie blondgelockter Jüngling!“ Herrn Timm's Behauptung, daß er heute Morgen noch nichts getrunken habe, war offenbar erlogen. Er verbreitete einen ſehr merk⸗ lichen Duft von Spirituoſen um ſich her, ſein Geſicht war ſtark ge⸗ röthet und ſeine Augen weniger hell wie ſonſt. Möglicherweiſe war er die ganze Nacht nicht zu Bett geweſen; ſeine ganze Erſcheinung ſprach für dieſe Annahme. Dieſe Wäſche war noch unſauberer als gewöhnlich und der braune Ueberrock hatte mit verſchiedenen weißen Wänden und ſchmutzigen Tiſchen allzunahe Bekanntſchaft gemacht. Herrn Timm's Umſtände hatten ſich, ſeit ihn Oswald zum letzten Mal ſah, augenſcheinlich bedeutend verſchlechtert. Er ſtellte das auch gar nicht in Abrede, im Gegentheil, er hob unaufgefordert den Schleier von dem reizloſen Bilde ſeiner letzten Monate. „Das Pech hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt,“ rief er, ſich auf den Sopha werfend und die Beine von ſich ſtreckend.„In dem — Dritter Band. 109 Augenblick, als ich die Entdeckung gemacht hatte, die ich Dir mitthei⸗ len werde, ſobald der Wein gekommen ſein wird, verſchwandeſt Du ſpurlos aus Grünwald. Am nächſten Tage hob die Polizei unſere „Ratte“ auf, als wir gerade beim Pharao ſaßen, und confiscirte— ich hielt gerade Bank— meine ganze Baarſchaft von einigen hundert Thalern, die ich um ſo nöthiger brauchte, als am nächſten Morgen ein Wechſel von ebenfalls einigen hundert Thalern fällig war, den ich natürlich nun nicht bezahlen konnte. Der verdammte Manichäer war ſo erboſt darüber, daß er mich in's Loch ſperren ließ, wo ich denn bis vor acht Tagen etwa geſeſſen habe. Wie ich losgekommen bin? Mein Wirth, der alte Schlingel, kam endlich auf den geſcheidten Ein⸗ fall, zu Moſes zu gehen und ihm zu drohen, er würde gewiſſe Ge⸗ ſchichten erzählen, wenn— na! laſſen wir das! ich ſtehe wieder auf freien Füßen und da kommen der Wein und die Auſtern. Hier Os⸗ wald! thu mir Beſcheid! Es lebe, wer ſich tapfer hält! Kerl, ich ſage Dir, ich bin außer mir vor Freude, daß ich Dich ſobald aufgetrieben habe. Ich hatte mich ſchon auf eine lange Jagd gefaßt gemacht. Und nun will ich Dir eine Geſchichte erzählen, daß Du vor Ver⸗ wunderung die Hände über den Kopf zuſammenſchlagen und vor Stau⸗ nen aus der Haut fahren ſollſt. Ja, wohl, aus der Haut! denn Du mußt den ganzen miſerabeln Menſchen, als welchen ich Dich hier vor mir ſehe, aus⸗ und den andern anziehen, ſo ich für Dich ohne alle Dein Verdienſt und Würdigkeit blos aus purer Freundſchaft zu Dir mit ſaurer Mühe bereitet habe. Und nun noch einen Schluck und dann an's Werk!“ Herr Timm ſchob den Teller mit den Auſterſchaalen, die er unter⸗ deſſen geleert hatte, von ſich, ſtürzte ein volles Glas hinunter, ſchenkte ſich wieder ein, holte aus der Taſche ein Bündel Papiere, die er vor ſich auf den Tiſch legte, ſtemmte die beiden Arme auf, lachte Oswald an und ſagte: „Was giebſt Du mir, mon cher, wenn ich Dich nun ſo nolens volens aus einem armen Schlucker zu dem Sohne eines Barons mit nebenbei einem Erbe von circa zehn⸗ bis zwölftauſend jährlicher Rente mache? Aber ich ſehe, Du biſt wirklich etwas ſtark angegriffen. Ich will Dich nicht länger auf die Folter ſpannen. Höre!“ Durch Nacht zum Licht. Es kommen im Seelenleben Zuſtände, wo das überreizte Gehirn das Ungemeinſte, Ungeheuerſte als etwas Alltägliches, Gewöhnliches hinnimmt. So war es jetzt mit Oswald. Daß Timm ihm die Be⸗ ſtätigung ſeiner Ahnung brachte, ihm gleichſam ſchwarz auf weiß be⸗ wies, daß er nicht geträumt habe, jede ausſchweifendſte Phantaſie durch ein ſchriftliches Document zu einem Factum machte, das ſich vor Ge⸗ richt beweiſen ließ— Oswald ſah in dem Allen nichts Außerordent⸗ liches. Da waren die Familienpapiere Marie Monberts. Ihr eigent⸗ licher Name war der ihrer deutſchen Mutter, Marie Herzog, die, nach Paris verſchlagen, dort die Geliebte des Obriſten Montbert geworden war. Und Herzog, das wußte Oswald, war der Familienname ſeiner Mutter. Hier war— durch Timm's unermüdliche Thätigkeit und geheimnißvolle Connexionen herbeigeſchafft— eine Abſchrift aus dem Kirchenbuche über die am 1. December 1823 in der St. Marienkirche ſtattgehabte Trauung des Herrn d'Eſtein, genannt Stein, und der Marie Eliſabeth Herzog. Und dann hier die Abſchrift eines Tauf⸗ zeugniſſes: Am 22. December 1823 wurde dem Herrn Amadeus Stein und ſeiner Ehefrau Marie, geborne Herzog ein Sohn geboren, welcher in der heiligen Taufe, den 23. Januar 1824, den Namen Oswald empfing. Hier waren die Briefe, die Baron Harald während ſeines verhängnißvollen Aufenthalts im Frühling 1823 in der Reſidenz an Marie geſchrieben, hier die Briefe, die Marie an den Baron gerich⸗ tet; hier ein Brief Herrn d'Eſtein's an Marie aus dem Sommer deſ⸗ ſelben Jahres, worin er ihr ſchreibt, daß er endlich ihren Aufenthalt in Grenwitz erfahren; ſie bei ihrer Seelen Seligkeit beſchwört, ihm zu folgen; daß er Alles zur Flucht bereit habe u. ſ. w. „Du ſiehſt, es ſtimmt Alles auf's Haar,“ ſagte Timm, nachdem er mit vielem Scharfſinn alle Fäden der verwickelten Angelegenheit“ entwirrt und zu einem feſten Gewebe vereinigt hatte;„die Identität der Perſonen kann durch Documente und durch Zeugen zugleich be⸗ wieſen werden und das Zeugniß der Frau Roſalie Pape, die Deine Mutter verkuppelt hat und hernach bei Deiner Geburt und bei Deiner Taufe zugegen geweſen iſt, ſchnellt alle möglichen Pfiffe und Kniffe der Advocaten der Gegenpartei in die Luft. Zwar wird das Weib ein Zeugniß, das es in der That einigermaßen compromittirt, nicht Dritter Band. 111 gern hergeben, aber für Geld kann man den Teufel tanzen ſehen und Frau Roſalie reden hören. Alſo deßhalb habe ich keine Sorge. Meine einzige Sorge iſt, daß Du die Sache nicht mit der uöthigen Energie betreiben wirſt. Ich will Dir nur geſtehen: Ich fürchtete das bei den einigermaßen verrückten Anſichten, die Du über manche Dinge haſt, ſo daß ich im Anfang ganz und gar zweifelte, ob es ſich überhaupt der Mühe verlohne, Dir von meiner Entdeckung Mittheilung zu ma⸗ chen, und ich in Folge deſſen gegen die Baronin einige Winke fallen ließ, die aber nicht ſo gnädig aufgenommen wurden“— „Mit einem Worte,“ ſagte Oswald, und er wurde noch blaſſer, als er es ſchon war,„Du haſt die Entdeckung an die Baronin ver⸗ kaufen wollen und ſie hat Dir nicht den Preis bezahlt, den Du for⸗ derteſt.“ „Sieh! ſieh!“ ſagte Albert mit aufrichtiger Bewunderung,„Du entwickelſt da einen Sinn für Geſchäfte, den ich Dir gar nicht zuge⸗ traut hätte. Nun, nimm an, die Sache ſei ſo, wie Du ſagſt. Das kann und wird Dich nicht hindern, von Deinem guten Rechte Gebrauch zu machen. Aber, Freundchen, periculum in mora! Wenn Du nicht bloß der Neffe, ſondern der Schwiegerſohn Anna Maria's werden willſt, mußt Du Dich beeilen. Es iſt ſo gekommen, wie ich Dir ſchon im Winter ſagte, daß es kommen würde. Helene hat ſich mit dem Fürſten Waldernberg verſprochen; die öffentliche Verlobung ſoll in die⸗ ſen Tagen ſtattſinden und zwar hier. Anna Marie iſt geſtern Abend angekommen und im Hotel Waldernberg bei der alten Fürſtin Letbus, der Mutter ſeiner Durchlaucht, abgeſtiegen. Nun habe ich, um in dem feindlichen Lager die nöthige Verwirrung zu bereiten, die unſern An⸗ griff unterſtützen ſoll, bereits eine herrliche Mine gegraben, die noch heute platzen muß. Ich bin wie von meinem Leben überzeugt, daß Helene den Fürſten nicht liebt und daß ſie noch im letzten Augenblick nein ſagen würde, wenn ſie wüßte, daß Du ihr Vetter biſt und ſie das Vermögen, das ſie durch Deine Vetterſchaft verliert, aus den Händen des Gemahls zurückerhalten kann. Daß ſich die Sache aber ſo verhält, wird ſie nur einem Menſchen auf Erden glauben und die⸗ ſer Menſch biſt Du ſelbſt. Oswald, bedenke, was auf dem Spiel ſteht. Ein einziger muthiger Schritt— und das Mädchen, das Du— 112 Durch Nacht zum Licht. leugne es nicht!— zum Raſendwerden liebſt, iſt Dein! Ein Ver⸗ mögen, das Deine kühnſten Wünſche überſteigt, iſt Dein! Du haſt mit einem Schlage Alles, wonach Andre Jahre lang vergeblich rennen, wofür ſie, wenn ſie die Chance hätten, ohne ſich lange zu beſinnen, ihr Leben einſetzen würden! Die Ueberraſchung bewirkt Wunder. Fahre nach dem Hotel Waldernberg in der Williamsſtraße; laß Dich bei der jungen Baroneß melden! ſag' ihr, wenn es ſein muß, in Gegenwart der Mutter, nicht, daß Du ſie heirathen willſt,— denn das verſteht ſich hernach von ſelbſt,— ſondern, daß Du jetzt nur unter den und den Umſtänden die Entdeckung gemacht haſt und ich will meinen eigenen Kopf freſſen, wenn Dir das Mädel nicht um den Hals fällt und ihren Fürſten zum Teufel ſchickt.“ Albert hatte ſich darauf gefaßt gemacht, dieſen abenteuerlichen Plan, der freilich ganz nach ſeinem Geſchmack und den auszuführen er ganz der Mann war, von dem zaghafteren Oswald zuerſt auf das Entſchiedenſte verworfen und im beſten Falle erſt nach langer Debatte angonommen zu ſehen. Wie freudig war er deßhalb überraſcht, als Oswald, der während der ganzen Verhandlung, den Kopf in die Hand geſtützt, ſchweigend dageſeſſen hatte, jetzt ſich erhob und ſagte: „Du haſt Recht. Es giebt nur das eine Mittel. Ich muß ſelber hingehen und zwar ſogleich.“ „Bruderherz!“ rief Timm aufſpringend und Oswald mit dem größten Enthuſiasmus umarmend;„das iſt das vernünftigſte Wort, das Du in Deinem Leben geſprochen haſt.“ Oswald machte ſich mit einem Schauder, der dem aufgeregten Timm entging, aus dieſer Umarmung los. „Laß mich jetzt allein,“ ſagte er,„ich bin, wie Du Dir denken kannſt, von dieſer Unterredung angegriffen. Ich muß mich zu der Scene, die mir bevorſteht, ſammeln.“ „Um Himmelswillen, nur keine neue Bedenken!“ rief Timm; „friſche Fiſche, gute Fiſche! Ich fürchte, ſobald ich Dir den Rücken kehre, fallen Dir tauſend Aber ein.“ „Ich gebe Dir mein Wort, daß ich noch in dieſer Stunde hin⸗ gehen werde. Die Papiere läßt Du mir doch hier? Ich könnte ſie glücklicherweiſe der Baronin gegenüber gebrauchen. Dritter Band. 113 Timm warf einen ſchlimmen mißtrauiſchen Blick auf Oswald. Er gab die Papiere ungern aus der Hand. Wenn Oswald falſch ſpielte, wenn— aber es war keine Zeit, ſich lange zu bedenken. Und in Oswalds Weſen lag ein Etwas, das jeden Widerſpruch ge⸗ wagt erſcheinen ließ— eine Entſchiedenheit in dem feſtgeſchloſſenen blaſſen Munde, ein düſtres Feuer in den großen Augen— Timm hatte ihn ſo noch nie geſehen. Es war nicht mehr der alte wankel⸗ müthige Oswald Stein, es war der Sohn Haralds von Grenwitz, der da vor ihm ſtand. „Meinetwegen,“ ſagte er,„mache, was Du willſt. Ich ſehe wohl, daß Du zum Aeußerſten entſchloſſen biſt. Aber, Oswald, wenn der große Wurf gelingt und jetzt zweifle ich nicht mehr, daß er gelingt— vergiß nicht den, der Dir die Würfel in die Hand ge⸗ drückt hat.“ „Sei überzeugt,“ ſagte Oswald mit einem umheimlichen Lächeln, „daß Du in dieſer Angelegenheit, was den materiellen Vortheil be⸗ trifft, nicht ſchlechter fahren ſollſt, als ich ſelbſt.“ Dies Verſprechen rührte den edelmüthigen Timm ſo ſehr, daß er nicht übel Luſt hatte, Oswald noch einmal zu umarmen. Der indeſſen machte eine ungeduldig abwehrende Bewegung, die einen Andern, als Herrn Timm, beleidigt haben würde. Herr Timm in⸗ deſſen lachte und ſagte:„Na, ich ſehe: Du biſt ſchon mitten in Deiner Rolle. Ich will Dich nicht länger aufhalten. Adieu, Oswald! mache Deine Sache gut! es iſt jetzt drei Uhr. Ich komme um vier wieder vor und frage, wie es abgelaufen iſt. Adieu ſo lange!“ Oswald ging, als Timm fort war, mit langſamen Schritten im Zimmer auf und ab. Dann trat er vor den Kupferſtich und be⸗ trachtete ihn lange mit ſtarren Augen.„Es iſt zu ſpät,“ murmelte er;„ich kann ihr Retter nicht werden, kann ſie nicht mehr von dem Felſen, an den das Schickſal ſie geſchmiedet hat, befreien. Aber ſehen will ich ſie noch einmal und mein Andenken von der Schmach reinigen, die dieſer Schurke wahrſcheinlich auf mich gehäuft hat. Sie ſoll nicht glauben, daß ich mich je unwürdiger Mittel bedienen konnte. Wer weiß, wie weit der Menſch, um zu ſeinem Zweck zu gelangen, meinen Namen gemißbraucht hat.“ Fr. Spielhagen's Werke. XlI. 8 Durch Nacht zum Licht. Er trat an den Tiſch und legte die Papiere zuſammen. Dann fing er an, ſich zu dem Gange, den er vorhatte, anzukleiden. Er kam nicht ſchnell damit zu Stande. Seine Glieder waren wie ab⸗ geſtorben, er mußte ſich mehrmals hinſetzen, um einen Anfall von Schwindel vorübergehen zu laſſen. Endlich war er fertig. Er ſteckte die Papiere in die Taſche und verließ das Zimmer. Zwölftes Capitel. Um dieſelbe Zeit fuhr durch die wenig belebte Straße, in welcher Doctor Braun wohnte, ein Wagen, deſſen raſches Rollen manches neugierige Geſicht an's Fenſter lockte. Es war eine herrſchaftliche, mit zwei wundervollen Pferden beſpannte Kutſche, an deren Schlage ein großes Wappen prangte. Auf dem Bock neben dem Kutſcher ſaß ein Jäger in glänzender Livrse. Die Kutſche hielt vor dem Hauſe des Doctor Braun, der Jäger ſprang vom Bock, riß den Schlag auf; eine junge, ſehr elegant gekleidete Dame ſtieg aus, und trat raſch durch den kleinen Garten vor der Thür in's Haus. „Iſt Frau Doctor Braun zu ſprechen?“ Ich weiß nicht,“ antwortete das Mädchen, und warf dabei einen ſcheuen Blick auf den ſchwarzen Sammtmantel und das reizende weiße Hütchen der Dame;„ich will mal nachſehen.“ „Iſt nicht nöthig,“ ſagte Sophie, die plötzlich im Schmuck einer ſehr langen Schürze in der Thür der Küche erſchien,„hier bin ich ſchon.“ Mit dieſen Worten eilte Sophie mit offenen Armen auf die junge Dame zu, die ihrerſeits den weißen Schleier zurückſchlug und Sophie entgegenflog: „Liebe Helene!“ „Liebe Sophie!“ Sophie zog die Freundin in die Stube, neſtelte ihr mit vor Freude zitternden Händen den Mantel los, nahm ihr den Hut ab, faßte ſie an beiden Händen und rief: — Dritter Band. 115 „Nun, laß Dich doch einmal beim Lichte beſehen, Du Liebe— ſchön, wie immer, wunderſchön! aber ſo blaß und ſo ernſt und an⸗ gegriffen, wie mir ſcheint. Kann ich etwas zu Deiner Erquickung thun? Du ſiehſt, ich habe die Küchenſchürze noch um.“ Helene lächelte. Es war ein ſchwermuthsvolles Lächeln, das ihre dunklen Augen nur noch dunkler machte. „Ich danke Dir, Sophie! ich wollte mich nur an Deinem Anblick erquicken. Ach, Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir ge⸗ ſehnt habe!“ Die beiden jungen Damen hatten ſich bis zu Sophiens Abreiſe von Grünwald Sie genannt. Die Freude des Wiederſehens hatte das ſchweſterliche Du geboren. Sophie dachte daran, als ſie das erſte Du aus Helenens ſtolzem Munde hörte. Es rührte ſie und noch mehr der traurige Ton, in welchem Helene ſagte, daß fie ſich nach ihr ſo geſehnt habe. Ein ſolches Geſtändniß, das die Penſionärin von Fräulein Bär ſicher nicht gemacht hätte, kleidete die Braut des Fürſten Waldernberg gar ſeltſam. Das Alles fuhr Sophie durch den Kopf, während ſie, Helenens beide Hände noch immer feſthaltend, ihr tief und tiefer in die dunklen Augen ſah. „Arme Helene!“ ſagte es aus ihr heraus; ſie wußte vielleicht kaum, daß ſie es ſagte. Aber in Helenens Herzen erweckten die leiſen mitleidsvollen Worte all die Schmerzensgeiſter, welche die letzte bange Nacht mit ihr ge⸗ wacht und kaum gegen Morgen eine Stunde lang mit ihr in un⸗ ruhigem Schlaf gelegen hatten. Mitleid mit ſich ſelbſt, wie ſie es nie gekannt hatte, ergriff ſie, die Thränen kamen ihr in die Augen, und ſie warf ſich in Sophiens Arme, das ſchöne blaſſe Antlitz an der Freundin Buſen verbergend. „Um Himmelswillen, liebe Helene, was haſt Du;“ ſagte Sophie, ietzt ernſtlich beſtürzt;„ich habe Dich ja nie ſo geſehen, nie geglaubt, daß ich Dich ſo ſehen würde und am wenigſten jetzt, wo ich glaubte, daß in Deinem Leben Alles Herrlichkeit und Freude ſei.“ »Haſt Du das wirklich gedacht?“ fragte Helene, ſich aufrichtend, und Sophie mit den großen, ſchmerzlich ſtarren Augen forſchend anblickend. 8* Durch Nacht zum Licht. Sophie ſenkte vor dieſem Blick die Wimpern. Sie mochte nicht Nein ſagen, und Ja zu ſagen, erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht. Aber ſolches Schwanken dauerte bei ihr nicht lange. Jetzt oder nie war der Moment, Helenen Alles zu ſagen, was ſie ſo lange ſchon auf dem Herzen gehabt hatte. „Helene,“ ſagte ſie, klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend;„ich kann nicht lügen und mag nicht lügen, keinem Men⸗ ſchen gegenüber und zumal Dir gegenüber nicht, die ich ſo herzlich lieb habe. Komm, ſüße Seele, ſetze Dich zu mir hier auf's Sopha und laß uns ſprechen, wie's Schweſtern geziemt, die wir, wenn nie wieder, doch wenigſtens in dieſer Stunde ſein wollen. Wenn Du nicht Aufrichtigkeit von mir wünſchteſt, weßhalb wärſt Du denn, da Du ſo viel glänzendere Freundinnen haben könnteſt, gerade zu mir gekommen? Habe ich recht?“ „Sprich weiter!“ ſagte Helene, als ſei, nur die Stimme der Freundin zu hören, für ſie ſchon ein Troſt und eine Erquickung. „Du haſt mich gefragt,“ fuhr Sophie immer muthiger werdend, fort,„ob ich wirklich glaube, daß Du jetzt glücklich biſt? Ich glaube es nicht. Du ſiehſt nicht aus wie eine Glückliche. Dein ſchönes blaſſes Geſicht ſagt nein, wenn Deine Zunge auch ja ſagen ſollte. Ich habe oft und oft in Deinem Geſicht geleſen, lange, lange Ge⸗ ſchichten, von denen Du Stolze, Schweigſame mir kein Wort geſagt haſt, und ich will Dir erzählen, was ich geleſen habe? Darf ich?“ „Sprich weiter, Sophie! ſprich weiter!“ „Ich habe hier auf Deiner Stirn geleſen, daß Deinem Geiſte nur das Große, das Außerordentliche genügt, und ſelbſt das kaum — und hier in Deinen zauberiſch ſchönen Augen, daß Dein Herz ſich, wie nur ein Menſchenherz es kann, nach Liebe ſehnt. So iſt von jeher ein Zwieſpalt geweſen zwiſchen Deinem Kopf und Deinem Herzen. Du willſt herrſchen und willſt lieben zu gleicher Zeit und, liebe Helene, das geht nicht an. Die Liebe, die echte Liebe— und es giebt ja nur die eine— iſt demüthig; ſie duldet Alles und glaubt Alles; ſie will nichts, als Eins ſein mit dem Geliebten, in Freud und Leid. Sieh, ſüße Seele, mir iſt das Glück ſolcher Liebe zu Theil geworden, und ich weiß deßhalb, was ich ſage. Franz und ich haben — Dritter Band. 417 nur einen Willen. Er will das Gute, ich will's mit ihm, und ſollten unſere Anſichten wirklich einmal auseinandergehen— die Herzen bleiben doch verbunden; da findet ſich denn das Andere ganz von ſelbſt. Alle Freude iſt doppelt groß, und alles Leid trägt ſich doppelt leicht. Ich hab's erfahren, als mein guter Vater ſtarb. Was hätte aus mir werden ſollen, wenn ich Franz nicht gehabt hätte.“ Ich hatte, als mein Vater ſtarb, Niemand,“ ſagte Helene tonlos. „Ich weiß es, liebes Herz, und ich habe mich oft, wenn ich daran dachte, wie einſam Du warſt und wie Du ſo keine Menſchen⸗ ſeele hatteſt, der Du Dein Leid klagen konnteſt, an die Bruſt meines Franz geworfen, der dann manchmal gar nicht wußte, was mich ſo plötzlich und gewaltig zu ihm trieb. Du ſtehſt allein, ſelbſt jetzt noch, wo Du im Begriff biſt, Dich zu vermählen, und, was tauſend⸗ mal ſchlimmer iſt, Du biſt in Deinem Herzen überzeugt, daß es ſo bleiben, daß Dein Gatte nie Dein Freund, Dein Bruder, Dein Ge⸗ liebter ſein wird, vor dem Deine Seele ſo klar und offen liegt, wie ein kryſtallheller Bergſee, in den die liebe Sonne bis auf den tiefſten Grund hinabblickt.“ „Nie, nie!“ murmelte Helene. „Ich wußte es ja,“ ſagte Sophie traurig,„aber Helene, wenn es ſchon ſchlimm genug iſt, daß Du den Fürſten heirathen willſt, ohne ihn zu lieben, ſo iſt es noch viel, viel ſchlimmer, daß Du ſein Weib wirſt, während Du in Deinem Herzen das Bild eines andern Mannes trägſt.“ 1„ Eine dunkle Röthe ergoß ſich über Helenens Geſicht, als Sophie mit feſter Stimme dieſe letzten Worte ſprach und ſie dabei mit den großen blauen Augen ſo ernſt und vorwurfsvoll anblickte. „Nein, ſüßes Mädchen, ſchäme Dich nicht, daß Du ihn geliebt haſt. Deßhalb tadle ich Dich nicht, denn er iſt ein ungewöhnlicher Menſch, ausgeſtattet mit Allem, was wohl ein Mädchenherz feſſeln kann. Ich tadle Dich auch nicht, daß Du ihn noch liebſt,— wer kann die Liebe ſo leicht aus ſeinem Herzen reißen!— aber, Helene, da dem ſo iſt, heirathe den Fürſten nicht! Du darfſt es nicht, aus Achtung vor Dir ſelbſt, aus Achtung vor ihm, wenn er achtungs⸗ würdig iſt.“ 118 Durch Nacht zum Licht. „Es iſt zu ſpät;“ ſagte Helene, ihr Geſicht in den Händen ver⸗ bergend. „Nun und nimmermehr!“ rief Sophie mit einer Leidenſchaftlich⸗ keit, die bewies, wie tief ihre Seele erregt war;„nie iſt es zu ſpät, einen Irrthum zu bekennen, der Dich und ihn grenzenlos unglücklich machen muß. Verſteh' mich wohl, Helene! Ich ſpreche nicht für jenen unglücklichen Mann, der Deine Liebe, wenn er derſelben je würdig war, woran ich zweifle, jetzt durchaus verſcherzt hat. Ich bin niemals ſeine Freundin geweſen; die ſogenannten glänzenden Eigenſchaften laſſen mich ziemlich kalt, wenn ſie die Güte des Herzens nicht zur Folie haben, und in meinen Augen ſteht zum Beiſpiel der biedere gute Bemperlein tauſendmal höher, als Oswald Stein. Aber weil er Deiner nicht würdig iſt, mußt Du deßhalb einen Mann hei⸗ rathen, für den, mag er ſonſt noch ſo vortrefflich ſein, nun einmal Dein Herz ſtumm iſt? Giebt es denn nicht mehr Männer auf der Welt, als Oswald und den Fürſten? O, Helene, ich wollte, ich könnte mit Engelszungen reden, um Dein ſtolzes Herz zu rühren, daß Du Dich demüthigeſt vor der Wahrheit, daß Du alle Herrlich⸗ keit der Welt gering achteteſt vor der Seligkeit, mit Dir ſelbſt über⸗ einzuſtimmen.“ Helene bebte zuſammen, als ob wirklich der Hinmliſchen Einer zu ihr ſpräche. „O Du biſt gut;“ rief ſie,„wäre ich doch, wie Du!“ „Du kannſt es ſein, wenn Du nur willſt““ „Aber wie entrinnen aus dieſem Wirrſal? ich habe mein Wort gegeben; wie kann ich es zurücknehmen?“ „Sprich ganz offen mit dem Fürſten,“ ſagte Sophie, der dieſer Ausgang das einfachſte und natürlichſte ſchien. „Lieber todt!“ murmelte Helene. In dieſem Augenblicke wurde an die Thür gepocht; der Jäger trat herein mit einem Billet in der Hand. Er blieb kerzengerade an der Thür ſtehen. „Gnädigen Baroneſſe gehorſamſt zu vermelden, daß dies Billet ſo eben aus dem Palais durch einen Reitenden hierher geſandt W Helene griff haſtig nach dem Billet. —— * Dritter Band. 119 „Von meiner Mutter.“ Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zuſammen. „Was iſt's, Helene?“ „Meine Mutter hat ſo eben Nachricht aus Grünwald erhalten, daß mein Bruder ſehr ſchwer erkrankt iſt. Sie muß augenblicklich zurück.“ „Armes Mädchen!“ rief Sophie;„wie blaß und erſchrocken Du biſt! Soll ich mit Dir fahren?“ „Nein, nein!“ ſagte Helene;„bleib! Ich muß allein hin. Leb wohl, liebe Sophie! leb' wohl!“ Helene riß ſich aus Sophie's Armen. Sophie geleitete ſie bis zum Wagen. Sie hielt die Hand der Freundin feſt in der ihren und ſagte:„Laß von Dir hören, Helene! und, Helene, was Du auch thuſt, folge der Stimme Deines warmen Herzens, es räth Dir beſſer als der kalte Verſtand.“ „Ich will es,“ erwiderte Helene, ſchon im Wagen;„verlaß Dich d'rauf; ich will es. Leb' wohl!“ Der Jäger ſchloß die Thür. Der Wagen donnerte davon. Sophie ſah ihm nach, bis er um die nächſte Ecke gebogen war. Dann ſchritt ſie langſam, das liebe Geſichtchen ſinnend zur Erde geneigt, in das Haus zurück. Dreizehntes Capitel. In einem Zimmer der Beletage des Hotel de Ruſſie unter den Akazien befanden ſich an dieſem Nachmittag Berger und Director Schmenckel. Sie hatten eine lange Unterredung mit einander gehabt und Herr Schmenckel erhob ſich eben, um zu gehen. Berger ſtand ebenfalls auf. „Sie wiſſen doch genau, was Sie ſagen ſollen?“ „Ich ſollt' halt meinen,“ erwiderte Herr Schmenckel und räuſperte ſich. 120 Durch Nacht zum Licht. „Wollen wir's lieber doch noch einmal durchſprechen?“ „S könnte vielleicht nit ſchaden;“ erwiderte Herr Schmenckel. „Sagen Sie alſo: es thäte Ihnen leid, daß Sie der Fürſtin ſolche Ungelegenheit bereitet hätten. Sie ſelbſt würden nie auf dieſen Plan gekommen ſein, wenn der Menſch,— wie nannten Sie ihn doch?“ „Timm!“ „— Sie nicht darauf gebracht hätte. Jetzt wären Sie zur Ein⸗ ſicht gekommen, daß Ihre Handlungsweiſe ſich für einen ehrlichen Mann nicht zieme und Sie gäben der Fürſtin Ihr Wort, daß nun nimmer wieder ein Laut von dieſer Angelegenheit über Ihre Lippen kommen ſolle.“ „Kommen ſolle!“ wiederholte Herr Schmenckel, wie ein Schul⸗ bube, der dem Lehrer die Lection nachlallt. „Was den Menſchen, den Timm beträfe, ſo ſolle ſich Ihre Durchlaucht nur nicht ängſtigen, und ihn, wenn er etwa die Frechheit hätte, zu kommen und ihr Geld abzufordern, durch ihre Bedienten zur Thür hinauswerfen laſſen. Da Sie ihn in keiner Weiſe unter⸗ ſtützen würden, ſo hätte der Skandal, den er möglicherweiſe erregen könnte, nichts zu bedeuten. Haben Sie es jetzt ordentlich im Kopf?“ Ich denk, es wird nun gehen,“ ſagte Herr Schmenckel nach⸗ denklich. „Und, was die Hauptſache iſt, Sie nehmen kein Geld von der Fürſtin an, weder viel, noch wenig. Vergeſſen Sie das ja nicht!“ „Will's ſchon machen!“ ſagte der Director, mit einem plötzlichen Entſchluß den Hut auf den Kopf drückend;„adies, Herr Profeſſor!“ „Adieu!“ ſagte Berger, ihm die Hand reichend;„gehen Sie, und werden Sie wieder der ehrliche Mann, der Sie bis dahin ge⸗ weſen ſind.“ „Und nun,“ murmelte Berger, als die Thür ſich hinter Herrn Schmenckel geſchloſſen hatte,„iſt der Augenblick gekommen, die alte Schuld quitt zu machen.“ Er trat an das Bureau und nahm aus einer Schublade ein Käſtchen aus Ebenholz und ein Medaillon. Dann verließ er ſein Zimmer und ging den Corridor entlang, bis er an eine Thür gelangte, an der er einen Augenblick lauſchend ſtehen blieb⸗ Dritter Band. 221 Der Schlüſſel ſteckte im Schloß. Berger zog ihn geräuſchlos ab und klopfte: „Entrez!«“ rief eine krähende Stimme. Berger trat ein. Der, den er ſuchte, ſtand mit dem Rücken nach der Thür vor dem Spiegel, eifrig beſchäftigt, die letzte Hand an ſeine Toilette zu legen. Er wandte ſich in der Meinung, daß es der Kellner ſei, nicht nach dem Eintretenden um. Der warf einen ſchnellen Blick in dem Zimmer umher, ſchloß raſch und leiſe von innen zu und ſchritt dann bis mitten in das Gemach, wo er regungslos ſtehen blieb. „Was wollen Sie,“ ſagte der Graf Malikowsky, noch immer mit ſeiner Cravatte beſchäftigt. „Mit Ihnen eine alte Rechnung quitt machen,“ erwiderte Berger. Der Graf wandte ſich erſchrocken um und ſtarrte in Bergers bleiches, ernſtes Geſicht, das durck das ſchwarze Fflaſter auf der Stirn noch bleicher und ernſter erſchien. „Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ rief der Graf. „Mein Name iſt Berger. Was ich will, habe ich Ihnen bereits geſagt.“ „Wenn Sie eine Forderung an mich haben, wenden Sie ſich an meinen Kammerdiener. Ich befaſſe mich mit dergleichen nicht.“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Berger, ohne eine Miene zu ver⸗ ändern,„daß der Graf Malikowsky Forderungen, die man an ihn perſönlich gerichtet hat, gern durch andere Leute beantworten läßt und wären dieſe Andern ſelbſt Meuchelmörder; diesmal aber, hoffe ich, werden Sie eine Ausnahme von der Regel machen.“ Bei dieſen Worten trat er an den runden Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand, ſetzte das Ebenholzkäſtchen darauf, und nahm die beiden Piſtolen, die es enthielt, heraus. Der Graf hatte dieſem Beginnen mit einem Erſtaunen, das ihn ſprachlos und bewegungslos machte, zugeſehen. Der Anblick der Piſtolen brachte ihn indeſſen wieder zu ſich. Mit einer Schnelligkeit, die man ihm bei ſeinem Alter nicht hätte zutrauen ſollen, eilte er nach der Thür. Berger vertrat ihm, die Piſtolen in der Hand, den Weg. 122 Durch Nacht zum Licht. „Ein Verſuch noch, mir zu entwiſchen,“ ſagte er,„ein Hülferuf, und ich ſchieße Sie nieder, wie einen tollen Hund. Treten Sie an jene Seite des Tiſches, mir gegenüber; ſo!“ „Der Menſch iſt verrückt, murmelte der Graf, indem er, an allen Gliedern zitternd, Bergers Befehl Folge leiſtete. „Wohl möglich,“ ſagte Berger mit einem unheimlichen Lachen; „wenn ich's aber bin, ſo bin ich es durch Sie, mein Herr Graf. Sie kennen mich nicht mehr.“ „Nein! in der That, nein!“ „Kann ſein; ich habe mich, ſeitdem ich zum letzten Male die zweifelhafte Ehre hatte, Ihnen gegenüber zu ſtehen, einigermaßen ver⸗ ändert; ich will Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe kommen. Kennen Sie auch dieſe nicht mehr?“ Er drückte das Medaillon auf und hielt es dem Grafen über den Tiſch hinüber entgegen. Der Graf ſetzte ſeine goldene Lorgnette auf und blickte auf das Bild in der Kapſel. Es war das auf Email zierlich gemalte Portrait eines wunderſchönen braunäugigen Mädchens, in der Tracht des Anfangs der zwanziger Jahre. „Elevnore!“ rief der Graf, einen Schritt zurückprallend. „Ja, Eleonore;“ wiederholte Berger, das Medaillon wieder ſchließend und zu ſich ſteckend;„und nun werden Sie ja wohl auch hoffentlich wiſſen, wer ich bin und was das für eine Rechnung iſt, die wir miteinander abzumachen haben.“ Der Graf war ſelbſt durch ſeine Schminke hindurch bleich wie der Tod geworden; ſeine falſchen Zähne klapperten; er mußte ſich in einen Lehnſtuhl, der an dem Tiſche ſtand, ſinken laſſen, da er ſich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Berger ſchien ſich an dieſem kläglichen Anblick zu weiden. „Wie die Memme zittert,“ ſagte er;„wie ihm das faule Herz in der öden Bruſt an die Rippen pocht um das Bischen nichtsnutzige Leben! Elender Feigling, der nur den Muth hat, unſchuldige Mäd⸗ chen zu verführen, und in die Knie ſinkt, ſobald ihm ein Mann ge⸗ genübertritt! Hier, nimm die Piſtole, und mach' einem Leben voll Schande durch einen halbwegs ehrlichen Tod ein Ende.⸗ „Ich kann nicht!“ klapperte der Graf,„haben Sie Mitleid mit Dritter Band. 123 mir! Sie ſehen, ich bin ein alter Mann; meine Hände zittern vor Gicht; ich kann keine Feder, geſchweige denn eine Piſtole feſt halten.“ „Steht es ſo mit Dir?“ fagte Berger;„biſt Du weiter nichts als ein übertünchtes Grab? da wäre es wohl eine noch härtere Strafe, wenn man Dich leben ließe?“ Berger ſenkte die Stirn und ſann einen Augenblick nach. „Sei's denn,“ murmelte er. Er legte die Piſtolen wieder in das Käſtchen. Der Graf athmete auf. „Ich habe mich nach dieſer Stunde geſehnt dreißig Jahre lang; ich dachte wunder, wie ſüß der Trank der Rache ſein würde, aber das Gefäß, in welchem er mir geboten wird, ekelt mich an; ich mag ihn nicht.“ Berger hatte das geſagt, als ob er mit ſich ſelber ſpräche. Jetzt hob er den Kopf, heftete ſeine durchdringenden Augen auf den Grafen, der noch immer zuſammengekauert in ſeinem Lehnſtuhl zitterte und ſagte: „Ich bin mit Ihnen fertig. Ich will Ihnen Ihr jämmerliches Leben laſſen, aber unter einer Bedingung. Noch in dieſer Stunde reiſen Sie von hier ab und laſſen ſich nie wieder in Deutſchland ſehen. Ich will nicht, daß ein Bube, wie Sie, deutſche Luft athmet.“ „Wie Sie wollen, was Sie wollen,“ ſagte der Graf;„ich will froh ſein, wenn ich aus dem verdammten Lande weg bin.“ Berger ſteckte das Piſtolenkäſtchen in die Taſche. Da tönte von der Straße herauf wilder Lärmen. Berger war mit einem Satze am Fenſter. Volksſchaaren, Männer, Weiber und Kinder wälzten ſich die Akazien hinab.„Wir ſind verrathen! Man ſchießt auf uns! Zu den Waffen, zu den Waffen!“ „Zu den Waffen, zu den Waffen!“ ſchrie Berger, in wilder Freude die Arme in die Luft ſchleudernd;„endlich, endlich! Habe Dank, du großer Geiſt!“ Er wandte ſich vom Fenſter, packte den Grafen, den die Neugier von ſeinem Stuhle emporgetrieben hatte und der ihm jetzt in den Weg kam, vor die Bruſt, ſchüttelte ihn mit Rieſenkraft und ſchrie: „Hörſt Du, Memme, zu den Waffen! Ein ganzes Volk ruft es. Weiber und Kinder! Jetzt ſollen all die alten Sünden quitt 124 Durch Nacht zum Licht. gemacht werden, die Du und Deinesgleichen ſeit dreißig Jahren auf Euch geladen habt.“ Er ſtieß den Halbentſeelten verächtlich von ſich, ſchloß die Thür auf und ſtürzte hinaus. Er rannte an einen Officier, der eilig zum Zimmer hinein wollte. Es war der Fürſt Waldernberg. „Entſchuldigen Sie, mein Vater, wenn ich meinem Verſprechen, Sie zur Fürſtin zu begleiten, nicht nachkommen kann,“ ſagte der Fürſt athemlos.„Sie hören, daß die Emeute wieder im beſten Gange iſt, ich erwarte jeden Augenblick, den Generalmarſch zu hören.“ Der Graf war von der Scene mit Berger noch ganz außer ſich. Er ſtierte den Fürſten mit einem bleichen, verſtörten Geſicht an. „Was haben Sie, mein Vater?“ fragte der Fürſt, der jetzt erſt dieſe Veränderung bemerkte. „Scheren Sie ſich zum Teufel, Herr, mit Ihrem Vater!“ nief der Graf, bei dem der wilde Haß, den er ſo viele Jahre lang gegen den Sohn ſeiner Gattin gehegt hatte, endlich einmal zum Ausbruch kam;„ich bin Ihr Vater nicht, will nicht Ihr Vater ſein. Wenn Sie Ihren Vater ſehen wollen, gehen Sie zu Ihrer Frau Mama, Sie werden ihn eben jetzt da ſiuben. 4 „Was heißt das, mein Vater,“ ſagte der Fürſt, der zu fuchten begann, der Graf ſei wahnſinnig geworden. „Mein Vater,“ höhnte der Graf,„köſtlich, herrlich. Aber ich habe das Poſſenſpiel ſatt. Meinetwegen geht Alle zum Teufel.“ Er riß an der Glocke. „Den Wagen vorfahren laſſen, hören Sie!“ ſchrie er den Kelluer an. Und dann zum Fürſten gewandt:„Wollen Sie jetzt gehen, Herr, oder nicht?“ Der Fürſt ſah den Grafen an, wie Jemand, der nicht weiß, ob er ſeinen Augen und Ohren trauen ſoll. Plötzlich ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben. Er warf noch einen Blick auf den Grafen, der jetzt wie toll umherrannte, und verließ eilig das Gemach. Dritter Band. 125 6 vierzehntes Capitel. Herr Schmenckel wanderte langſam die Akazien hinab nach der Williamsſtraße. Er hatte die Arme auf den Rücken gelegt und den Hut tief in die Stirn gedrückt; die Leute gingen ihm aus dem Wege, denn er ſtierte unverwandt auf das Straßenpflaſter und murmelte fortwährend Unverſtändliches durch die Zähne. Aber Herr Schmenckel war keineswegs betrunken oder verrückt; er war nur etwas aufgeregt und repetirte die Lection, die ihm Berger eingeprägt hatte. Es war ein ſaurer Gang; aber Herr Schmenckel fühlte, daß er nur ſeine Pflicht thue, wenn er das Complot, in das der ſchlaue Timm ihn verwickelt, wieder zerſtöre. Ein wahres Glück, daß er ſich in ſeiner Herzensangſt dem Profeſſor entdeckt hatte! wie der zu reden wußte! daß es einem ordentlich angſt und bange wurde. Der Schmenckel hatt's ja immer geſagt, daß hinter dem Profeſſor halt etwas ganz Beſonderes ſtecke. Und daß die Czika nun ſchließlich doch ein Baronen⸗ kind war, das verwunderte den Caspar Schmenckel aus Wien gar nit. Es hatte ſo kreuznärriſche Augen gehabt, das Madel, und er hat's auch immer ganz beſonders gut behandelt; da war's am Ende gar nit ſo wunderbar von dem Baron Oldenburg, daß er dem alten ehr⸗ lichen Casperle eine Verwalterſtelle auf ſeinen Gütern angeboten hatte, wo er fortan ohne Sorgen leben konnte. Nein, Caspar Schmenckel aus Wien brauchte von Niemandem Geld zu erſchwindeln, Caspar Schmenckel konnte wieder frei den Kopf erheben, und— „Zum Tauſend, Alter, kommt Ihr erſt jetzt?“ rief plötzlich eine ſcharfe Stimme;„Ihr folltet ja ſchon mit Eurer Viſite fertig ſein.“ Der im ärgerlichen Ton ſo ſprach, war Herr Timm. Er war in der Williamsſtraße in der Nähe des Hotel Waldernberg auf und ab patrouillirt, um den Erfolg von Oswalds Unterredung mit der Baronin Grenwitz zu erfahren. Herrn Schmenckel glaubte er um dieſe Zeit ſchon auf dem Wege nach dem Duſtern Keller, wo ſie ſich 126 Durch Nacht zum Licht. ein Rendez⸗vous gegeben hatten für den Fall, daß ſie ſich auf der Straße verfehlen ſollten. Timm hatte nicht umſonſt Schmenckel eine Stunde früher als Oswald nach dem Palais geſchickt. Damit Os⸗ walds Zuſammenkunft mit der Baronin die rechten Früchte tragen konnte, mußte die Baronin zuvor einen gewiſſen Brief geleſen haben, und damit die Wirkung des Briefes nicht paralyſirt würde, mußte zuvor Herr Schmenckel mit der Fürſtin conferirt haben. In Herrn Timm's feinen, Plänen griff Eines in das Andere, wie die Räder eines Uhrwerks ineinander greifen. Herr Timm war deßhalb über Herrn Schmenckels Zurückkommen auf's Höchſte entrüſtet. „Es iſt rein um närriſch zu werden,“ fuhr er in noch ärger⸗ licherem Tone fort;„nicht einen Augenblick kann man Euch allein laſſen, ſo giebt's eine Dummheit.“ „Oho! nit ſo grob, Freundchen,“ entgegnete Herr Schmenckel, der ſich im Bewußtſein ſeiner tugendhaften Vorſätze dem ſchlangen⸗ klugen Mitſchuldigen gewachſen fühlte;„ſonſt komm' ich Dir auf den Buckel.“* Herr Timm ſah, daß er zu weit gegangen war. „Nun, nun,“ ſagte er einlenkend,„zwiſchen Freunden muß ein offenes Wort erlaubt ſein. Macht nur jetzt, daß Ihr hineinkommt, ſo kann noch Alles nach Wunſch ablaufen. Ihr ſeid doch heute Morgen beim Grafen geweſen?“ „Nein,“ brummte Herr Schmenckel. „Aber zum Teufel, weßhalb denn nicht!“ rief Timm, deſſen Aerger ſich von neuem regte. „Weil ich nicht wollte,“ ſagte Schmenckel trotzig;„weil ich mit Euch überhaupt nichts mehr zu thun haben will.“ „Aha!“ ſagte Timm,„Ihr möchtet die Fettfedern allein ziehen? ich habe mir die Finger verbrannt, um Euch die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen? Rein, theuerſter Freund, ſo dumm ſind wir nicht; für Nichts iſt Nichts.“ „Ich will nicht einen Kreuzer von dem Sündengeld,“ rief Schmenckel,„ich will der Fürſtin ſagen, daß ich ein ehrlicher Kerl bin und daß ſie ſich nicht weiter ängſtigen ſoll.“ „Schauſt Du aus dem Loch?“ ſagte Timm;„alſo blos ein klein ——— Dritter Band. 127 wenig verrathen wollt Ihr mich? Nehmt Euch in Acht, der Spaß könnte Euch theuer zu ſtehen kommen!“ „Ich werde thun was mir gefällt;“ ſagte Schmenckel eine ſehr entſchloſſene Miene annehmend und mit langen Schritten weiter gehend. „Ihr kommt nicht in das Haus;“ rief Timm und packte Schmenckel feſt am Arm. Schmenckels Antwort auf dieſe Herausforderung war ein Stoß, der Herrn Timm ſehr unſanft über das Trottoir weg gegen die Wand ſchleuderte. Im nächſten Augenblick hatte ſich die Thür des Palais hinter Schmenckel geſchloſſen. Durch den Wortwechſel mit Herrn Timm war er in eine Art von heroiſcher Stimmung gerathen, die ſich ausnehmend zu der Un⸗ terredung, welcher er entgegenging, eignete. So geſchah es denn, daß er ſich weder durch die glänzende Livrée des Portiers, noch durch die Pracht der Zimmer, welche er durchſchreiten mußte, imponiren ließ. Aber der Muth ſank ihm plötzlich wieder und das Herz ſchlug ihm hoch, als der Bediente jetzt vor einer Thür ſtehen blieb und leiſe ſagte:„Hier befinden ſich Ihre Durchlaucht, treten Sie nur ohne anzuklopfen ein; Sie werden erwartet.“ Herr Schmenckel fuhr ſich mit der Hand durch ſein dichtes Haar, räuſperte ſich, klemmte den abgeſchabten Hut ſeſt unter den linken Arm, öffnete mit der Rechten entſchloſſen, wenn auch vorſichtig, die Thür und trat ein. Eine roſige Dämmerung umgab ihn, und in der roſigen Däm⸗ merung bemerkte er zwei Frauen, von denen die eine in einem Lehn⸗ ſtuhl am Kamin ſaß, in welchem trotz des warmen Wetters ein helles Feuer brannte, die andere etwas ſeitwärts hinter dem Lehn⸗ ſtuhle ſtand. Beide Frauen richteten, als er ſich ihnen näherte, die Augen mit durchdringenden Blicken auf ihn. Dieſer Empfang ver⸗ anlaßte ihn, kleinere und immer kleinere Schritte zu machen und dann, nachdem er den Raum zwiſchen Thür und Kamin kaum halb zurückgelegt hatte, plötzlich ſtehen zu bleiben. „Treten Sie näher, lieber Freund,“ ſagte die Dame, die hinter dem Stuhle ſtand. Herr Schmenckel trat noch zwei ſehr kleine Schritte heran und 128 Durch Nacht zum Licht. blieb abermals ſtehen, feſt entſchloſſen, den auf ihn gerichteten fun⸗ keinden Augen, komme, was da wolle, nicht eine Linie näher zu treten. „Sie ſind der Mann, der an den Grafen Malikowsky vorgeſtern geſchrieben hat?“ fragte die Dame hinter dem Stuhl. „Ja, Ihr Gnaden.“ Herrn Schmenckel war es, als ob dieſe Worte, die er doch ohne Zweifel ſelbſt hervorgebracht hatte, am an⸗ deren Ende des Saals von einem andern geſprochen würden. Dies trug durchaus nicht dazu bei, ſeine heroiſche Stimmung von vorhin, die durch die roſige Dämmerung und die blitzenden Augen ſchon weſentlich beeinträchtigt war, wieder aufzufriſchen. Er wurde ſehr roth und räusperte ſich, um ſich zu überzeugen, daß wirklich er es ſei, der mit den Damen ſich unterhalte. „Sie heißen Schmenckel?“ fragte die Dame hinter dem Stuhl. „Ja, Ihr Gnaden.“ „Und waren vor vierundzwanzig Jahren in Petersburg?“ „Ja, Ihr Gnaden.“ „Und kamen zu der Zeit manchmal in's Hotel Letbus?“ „Ja, Ihr Gnaden.“ „Kennen Sie mich noch?“ Herr Schmenckel richtete ſeine Augen, die überall im Zimmer, nur nicht auf den beiden Frauen geweilt hatten, auf die Sprecherin und ſagte nach einigem Bedenken: „Ich ſollt's halt meinen, obgleich ich's juſt nicht beſchwören möcht! Wenn's nit gar ſo lang her wär', wollt' ich ſagen, Sie ſind die Nadeska, das Kammermadel von der gnäd'gen Frau, die mir im Anfang immer die Billeters und die Roſenſträucher von der gnäd'gen Frau in den ſchwarzen Bären brachte.“ „Nadeska beugte ſich über die Gebieterin und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, worauf dieſe in demſelben Ton etwas erwiderte. Darauf entfernte ſich Nadeska. „Wollen Sie ſich nicht ſetzen, Herr Schmenckel?“ ſagte die Fürſtin, ſobald ſie allein waren. Herr Schmenckel nahm ihr gegenüber auf dem Rande eines Lehn⸗ ſtuhls Platz. ₰ — —— —,— Dritter Band. 129 „Kennen Sie denn auch noch mich?“ fragte die Dame. Herr Schmenckel verbeugte ſich, indem er dabei die Hand aufs Herz legte. „Warum haben Sie ſich nicht direct an mich gewandt?“ fuhr die Fürſtin im Tone ſanften Vorwurfs fort;„weßhalb mußten Sie den Grafen in's Vertrauen ziehen? Bin ich jemals ungroßmüthig gegen Sie geweſen? war es meine Schuld, wenn unſre letzte Zu⸗ ſammenkunft ſo endete?“ Herr Schmenckel wollte etwas erwidern, aber die Fürſtin ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie noch lebten und wo Sie lebten, ich würde reichlich für Sie geſorgt haben; ja, ich bin noch dieſen Augenblick gern dazu bereit. Aber unter einer Bedingung: brechen Sie jede Verbindung mit dem Grafen ab, laſſen Sie ſich nie wieder bei ihm ſehen, und vor allen Dingen, wagen Sie nie, ſich dem Fürſten zu nähern! So lange Sie dieſe Bedingungen halten, fordern Sie, was Sie wollen, und wenn Alexandrine Letbus es erfüllen kann— es ſoll geſchehen.“ Die Fürſtin ſtreckte flehend ihre durchſichtigen Hände aus; ihre ſchwarzen Augen ſchimmerten wie von Thränen; die roſige Däm⸗ merung verklärte ihre bleichen, noch immer ſchönen Züge. Herr Schmenckel hatte ein empfindſames Herz in ſeiner breiten Bruſt und die Demuth der vornehmen Dame rührte ihn tief. „Laſſen's mich auch einmal ſprechen, gnäd'ge Frau;“ ſagte er; „ich bin der Schandbub nit, den Sie aus mir machen. Es wär' mir ja halt nimmer eingefallen, Ihro Gnaden, dem Herrn Grafen, je ſo ein Brief zu ſchreiben, wenn ich nit von einem kreuzſchlechten Menſchen— Timm iſt ſein Name— dazu beredet worden wär'. Ich wußt' ja gar nit, daß der Caspar Schmenckel aus Wien einen ſo gar vornehmen Herrn Sohn hätt'! Aber der Timm ſagt' zu mir: auf den Buſch klopfen, ſagt' er, kann man immer, das ſchadet nit. Da hat er mir den Brief geſchrieben und ſelbſt zum Grafen getragen. Der iſt noch an demſelben Abend zu mir in den Duſtern Keller ge⸗ kommen und hat geſagt, daß es ihm recht ſei, wenn ich Ew. Gnaden, der Frau Fürſtin,'s Leben biſſel ſauer machte; aber an den Fürſten Fr. Spielhagen's Werke. XI. 9 130 Durch Nacht zum Licht. ſelbſt ſollt' ich mich nit wenden, dann wär' der Spaß mit einem Male vorbei. Und dann wär's auch zu viel, was ich gefordert hätt', ein Viertel ſo viel wär' auch genug; er wollt' ſelbſt deßwegen mit Ew. Gnaden, der Frau Fürſtin, ſprechen, und heut' Vormittag ſollt' ich zu ihm kommen und da ſollt' ich's Geld in Empfang nehmen. — Nun mögen Ew. Gnaden, die Frau Fürſtin, es glauben oder nit, aber der Schmenckel aus Wien iſt'ne ehrliche Haut, die Nie⸗ mand nix zu Leid thun kann, geſchweige denn einer ſchönen Dame, die mal ſehr gut gegen den armen Caspar geweſen iſt. Und als nun Ew. Gnaden zu mir ſchickten und mir ſagen ließen: ich ſollt' halt nur mal ſelber vorſprechen, da ſagt' ich zu mir: Caspar, ſagt“ ich, geh' zur gnäd'gen Frau und ſag' ihr ſo und ſo, und ſie ſollt' nur ruhig ſein, der Schmenckel würd' ſich nimmer wieder bei ihr ſehen laſſen und was das Geld anbetrifft, ich ſag' Ew. Gnaden, nicht ein Kreuzer davon könnt' ich anfaſſen, wenn auch gleich ein Gulden d'raus würd'. Und ſo Ew. Gnaden, Frau Fürſtin, Gott befohlen! und wenn wir uns nit wiederſehen ſollten, bleiben's hübſch geſund und haben's nur kein' Angſt vor dem Caspar Schmenckel; der thut Ihnen nimmer was. Ich küß' die Hand, Ew. Gnaden.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich und machte ſeine ſchönſte Ver⸗ beugung; die Fürſtin ſchien ſehr gerührt. „Guter Mann,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme. Ihre Augen weilten mit Wohlgefallen auf der herkuliſchen Ge⸗ ſtalt des Mannes, der der Vater ihres Sohnes war. Die außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit Beider, ſowohl in Figur, als Geſichtsbildung, erfüllte ſie mit einer wehmüthigen Freude. Sie dachte der Tage, wo dieſer Mann, ein Löwe an Kraft und Gewandtheit, wenn nicht ihr Herz, ſo doch ihre Phantaſie beherrſcht, aber in demſelben Augen⸗ blicke überkam ſie auch die Furcht, der Sohn könne den Vater bei ihr finden,— ihr Sohn, der ſtolze, jähzornige Mann könnte jemals erfahren, daß der Poſſenreißer, der Seiltänzer ſein Vater, der Vater des Fürſten zu Waldernberg ſei. „Du mußt fort,“ ſagte ſie haſtig;„hier“— ſie ſtreifte von ihrem Finger einen prachtvollen Ring, deſſen Brillanten im Schein des Feuers in allen Farben des Regenbogens blitzten,—„keinen Dritter Band. 131 Widerſpruch! nimm! ich habe ihn lange getragen, ſchon damals, als Dich Nadeska zum erſten Male zu mir führte; nimm ihn zum An⸗ denken an Alexandrine Letbus! Doch jetzt fort, fort!“ Sie berührte die Feder der ſilbernen Glocke, die neben ihr auf dem Tiſche ſtand. Nadeska trat herein. „Führe ihn hinaus. Sorge, daß Euch Niemand ſieht.“ Nadeska ergriff Herrn Schmenckel, der gern noch etwas erwidert hätte, aber zu verlegen und zu verwirrt war, um ein Wort hervor⸗ bringen zu können, bei der Hand und zog ihn durch eine Tapeten⸗ thür, die links neben dem Kamine auf einen ſchmalen Corridor ging, von welchem man auf eine Nebentreppe in den Hof gelangte. Die Fürſtin ſank erſchöpft in die Kiſſen ihres Lehnſtuhls zurück und bedeckte Stirn und Augen mit der Hand. Sie bemerkte nicht, daß eine Portiére, rechts neben dem Kamin, deren Falten ſich ſchon einige Male während ihrer Unterredung mit Herrn Schmenckel leiſe bewegt hatten, auseinandergeſchlagen wurde und der Fürſt herein⸗ trat. Sie hörte ihn erſt, als er dicht vor ihr ſtand. Sie ſchlug die Augen auf und in demſelben Momente ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus,— ſein unerwartetes Erſcheinen und ein Blick in das todesbleiche, wildverſtörte Antlitz ſagte ihr, daß er Alles ge⸗ hört habe. „Gnade, Raimund, Gnade!“ ſchrie ſie, die krampfhaft gefaltenen Hände zu ihm emporſtreckend. Raimund's breite Bruſt hob und ſenkte ſich, als wehre ſie ſich gegen eine fürchterliche erdrückende Laſt und ſeine Stimme klang wie ein heiſeres Röcheln, als er jetzt, nach der Thür, durch die Schmenckel ſich entfernt hatte, deutend, ſagte: „War dieſer Mann, der ſo eben von Dir ging, mein Vater?“ „Gnade, Raimund, Gnade! willſt Du Deine Mutter tödten?“ „Beſſer Du hätteſt mich nie geboren, als von einem ſolchen Vater!“ Der gewaltige Mann zitterte, als ob ein heftiges Fieber ihn ſchüttelte— ein Stöhnen, das ſchauerlich durch das prächtige Ge⸗ nach hallte, brach aus ſeiner Bruſt. 9* 132 Durch Nacht zum Licht. „Um aller Heiligen willen, Raimund, höre mich an; ich will Dir Alles ſagen.“ „Ich brauche nichts mehr zu hören. Ich weiß nur ſchon zu viel. Der Graf hat mich Baſtard geſcholten; ich glaubte, er ſei wahn⸗ ſinnig; er hat mir nur den rechten Namen gegeben.“ Er griff mit den Händen nach der Seite,— er hatte den Degen im Vorzimmer abgelegt. Seine Augen blickten wild umher, als ſuche er eine Waffe. Seine Mutter verſtand den Blick: „Raimund, Raimund, was willſt Du thun?“ „Der Sache ſo ſchnell als möglich ein Ende machen.“ „Kein Menſch wird es je erfahren—“ „Wird es erfahren? Wer weiß es denn noch nicht? Nadeska, 4 der Graf, dieſer Mann,— ſoll meine Ehre, mein Rang, mein Ver⸗ mögen von der Laune einer Kammerfrau, von der Discretion eines herzloſen Roués, von der Schweigſamkeit eines Straßenhelden ab⸗ hangen? ſoll ich warten, bis es die Leute auf der Gaſſe mir nach⸗ rufen?“ „Ich will die Menſchen tödten, welche es wiſſen; ſie ſollen ſterben— Alle ſollen ſie ſterben, wenn nur Du mir bleibſt.“ „Und wenn ſie ſtürben, und wenn Niemand es wüßte, als Du und ich; ja Mutter, wenn Du geſtorben wärſt und das Geheimniß wäre in meiner Bruſt begraben, ich würde es ſelbſt da nicht ſicher glauben: ich würde mich und meine Schmach in dem tiefſten Grund der Erde verbergen.“ Die Fürſtin bedeckte das blaſſe Geſicht mit den mageren Händen. Aber hier war keine Zeit, ſich müßigem Jammer hinzugeben. Sie kannte den Charakter ihres Sohnes zu wohl, um nicht zu wiſſen, daß es ſich hier um Tod und Leben handele. „Raimund,“ rief ſie, wieder emporſchnellend,„Du tödteſt nicht blos Dich, Du tödteſt auch mich. Biſt Du doch mein Alles, meine Sonne und mein Licht! Ich habe nie ein Kind gehabt, außer Dir. Du weißt nicht was es heißt, ein Kind haben und lieben, noch dazu, wenn man wie ich, ſo unglücklich im Leben war! Ich habe den Grafen nie geliebt. Wie konnte ich auch einen Roué lieben, der ſeine Kraft wie ſein Vermögen in den abſcheulichſten Ausſchweifungen —— Dritter Band. 133 vergeudet hatte. Ich wurde ſeine Gemahlin, weil— weil der Czar es wollte. Und ich war damals noch ſo jung, und ſo leichtſinnig, aufgewachſen in dem Glanz und der Ueppigkeit des glänzendſten und üppigſten Hofes. Ich war dem Grafen nicht treu— ſo wenig wie er mir, ihm war es im Grunde gleich; aber er wollte eine Ge⸗ walt über mich erlangen, die mich zwang, ſeiner ſinnloſen Verſchwen⸗ dung machtlos zuzuſehen. Er hatte mir ſicher ſchon lange aufgelauert, bis es ihm endlich, ich weiß noch heute nicht durch welchen unglück⸗ lichen Zufall oder durch welchen ſchändlichen Verrath gelang, mir das Geheimniß zu entreißen. Seit dem Augenblick iſt mein Leben ein Leben unter des Henkers Beil geweſen, daß mich vor der Zeit zu einer alten Frau gemacht hat. Ich habe nichts gehabt, als Dich und Deine Liebe— die einzigſte warme Stelle in einer eiſig kalten Welt. Raubſt Du mir die, ſo muß ich unterliegen. Raimund, iſt dies der Dank für alle meine Liebe?“ Der Sohn hatte, während die Mutter ſo Wahrheit und Dichtung künſtlich und klüglich miſchte, mit einer Miene zugehört, die ſo finſter war wie eine ſchwarze Gewitterwand. „Gieb mir die Möglichkeit, zu leben,“ ſagte er,„und ich will leben. So kann ich es nicht. Ich kann nicht leben mit dem Bewußt⸗ ſein, daß mein Blut nicht edler iſt, als das, welches in den Adern meines Stallknechts fließt.“ „Bin ich nicht Deine Mutter?“ „Iſt jener Proletarier nicht mein Vater?“ „Ja, Raimund, er iſt es; und ihm verdankſt Du die ſtolze Kraft, ihm verdankſt Du, daß alle andern Männer neben Dir Schwächlinge ſind. Wollteſt Du lieber des Grafen Sohn ſein, der Erbe ſeiner markloſen Schwäche, ſeines vergifteten Blutes? Und wähnſt Du denn, daß in den Adern unſeres Adels nur adliges Blut rollt? daß Dein Fall der einzige iſt, wo ein entartetes Geſchlecht durch geſundes Pro⸗ letarierblut ſich wieder regenerirt hat? Soll ich Dir aus unſeren Kreiſen einige Anekdoten erzählen? Dir ſagen, von wem Deine Freundin Ludmilla ihre bezaubernden ſchwarzen Augen, und Dein Jugendfreund, der Graf Michael Oronzoff, ſein lockiges, blondes Haar 134 Durch Nacht zum Licht. hat? Und glaubſt Du, daß es in anderen und höheren Regionen anders und beſſer iſt?“ Die Fürſtin hob ſich halb aus ihrem Stuhl empor und flüſterte einige Worte ſo leiſe, daß ſie nur eben das Ohr des Sohnes erreichen konnten. Er aber ſchüttelte finſter den Kopf. „Steht es ſo mit uns?“ ſagte er,„ſo mögen wir nur unſere Degen zerbrechen und unſere Wappenſchilder in den Koth werfen. Ich habe meine Ehre blank gewahrt; ich habe keine Schuld, aber ich will die Schuld der Anderen ſühnen, ehe ſie noch größer wird, ehe ich, ohne es zu wiſſen und zu wollen, tiefer in dieſe Sumpfe ge⸗ rathe. Weißt Du, daß der Mann, mit dem ich vor drei Tagen unter 5 den Akazien in ein Handgemenge gerieth, jener Mann war?“— der Fürſt deutete nach der Thür, durch die ſich Herr Schmenckel entfernt hatte—„weißt Du, daß ich um ein Haar meinen Degen mit dem Blute deſſen gefärbt hätte, der mich Nein, nein! das Maß iſt ſchon übervoll.“ „Und Deine Braut?“ Der Fürſt zuckte zuſammen. Die Fürſtin ſah, wie tief dieſer Pfeil ihm in's Herz gevrungen war. Ein Schimmer von Hoffnung, ſie könne in dieſem Kampfe doch noch Siegerin bleiben, ging ihr auf. „Willſt Du Dein höchſtes Glück vernichten? dieſen Engel von Dir weiſen? willſt Du Dich vor ihr erniedrigen, vor ihr, der Stolzen, der Schönen? Unmöglich kannſt Du das! Du biſt gefeſſelt an das Leben mit Ketten von Stahl und mit Ketten von Roſen. Die einen kannſt Du, die andern darfſt Du nicht zerreißen.“ „Es iſt vergeblich,“ ſagte der Fürſt;„Du kannſt mir dieſe ——— —,—,—— fürchterliche Laſt hier“— er legte die Hand auf die Bruſt—„nicht wegreden. Lebe wohl!“ Er wandte ſich zu gehen. „Raimund!“ kreiſchte die Fürſtin, von ihrem Stuhl emporfahrend und den Sohn umklammernd,„was haſt Du vor?“ „Nichts Schimpfliches, davon ſei überzeugt,“ ſagte er, indem er ſich mit ſanfter Gewalt aus ihren Armen loszumachen ſuchte.„Lebe wohl!“ —————. —— Dritter Band. 135 „So gehe hin, Barbar, und tödte“— ſie konnte nicht ausreden; die ungeheuere Aufregung dieſer beiden letzten Scenen war zu viel für ihre zerrütteten Nerven, ſie ſank ohnmächtig in ihren Stuhl. In dieſem Augenblick kam Nadeska zurück. Ein Blick auf die Scene im Salon ſagte ihr, was geſchehen war. „Sie werden die Aermſte tödten,“ rief ſie, indem ſie der Ohn⸗ mächtigen zu Hülfe eilte.„Und weßhalb das Alles? Es wird nie verrathen werden.“ Der Fürſt lachte. Es war ein ſchauerliches Lachen. „Meinſt Du, Nadeska?“ ſagte er;„wenn Du nun aber im Schlafe ſprächeſt? oder haſt Du auch Deine Träume an die Fürſtin verkauft?“ Er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn und ſtürzte fort. Fünßehntes Capitel. Als der Fürſt, wie ein von den Furien gejagter Oreſt, durch die Vorzimmer eilte, begegnete er der Baronin Grenwitz, die von der Fürſtin Abſchied zu nehmen kam. Er glaubte vor Scham in die Erde ſinken zu müſſen, als ſie ihm mit ihren großen Augen ſtarr und prüfend in's Geſicht ſah. Sie ſagte etwas zu ihm, aber er hörte nicht, was es war. Es ſauſte ihm in den Ohren. Er ſtieß einen unarticulirten Ton aus, der eine Entſchuldigung vorſtellen ſollte. Dann ſtürzte er fort. Die Baronin ſah ihm mit düſteren, mißtrauiſchen Blicken nach. Anna Marie hatte, ſeitdem ſie das Palais betreten, keine frohe Minute gehabt. Der Empfang geſtern Abend hatte ſie auf die pein⸗ lichſte Weiſe berührt. Die erzwungene Haltung des Fürſten, die ver⸗ geblichen Bemühungen der Fürſtin, einen freundlicheren Ton in der Geſellſchaſt hervorzurufen, der kaum verſchleierte Hohn, mit welchem 136 Durch Nacht zum Licht. der Graf jedes wärmere Wort lächerlich zu machen ſuchte— das Alles hatte ſie mit banger Sorge für Helenens Zukunft erfüllt. Sie hatte die ganze Nacht ſchlaflos dagelegen und darüber geräthſelt, und ſie war— ſie wußte ſelbſt nicht warum— immer wieder zu dem Reſultat gekommen, die Fürſtin habe ſich einmal in ihrem Leben eine Untreue zu Schulden kommen laſſen, und müſſe ſich dafür noch heute die Tyrannei des Grafen gefallen laſſen. Vielleicht, daß zu dieſem Reſultat die allerdings auffallende Unähnlichkeit des Vaters und des Sohnes mitgewirkt hatte. So war ſie in der übelſten Laune und mit heftigſtem nervöſen Kopfſchmerz dazu, ſehr ſpät aufgeſtanden und hatte es gar nicht un⸗ gern geſehen, daß Helene am Nachmittag ihre Freundin Sophie zu beſuchen fuhr. Kaum war Helene aus dem Hauſe, als ihr zwei Briefe überbracht wurden, der eine aus Grünwald, der andere aus der Stadt. Sie erbrach den Grünwalder Brief zuerſt. Die Nachricht von Malte's Krankheit erfüllte ſie mit namenloſer Angſt. Sie hatte von ſeiner Geburt an für ſein Leben gefürchtet; ſo ſollte ihre Furcht alſo doch in Erfüllung gehen! Und wenn Malte ſtarb— was Gott in ſeiner großen Gnade noch gnädig verhüten wolle!— ſo fiel, da jetzt auch Felix nicht mehr war, das Majorat an einen Hauptmann von Grenwitz, den Sohn von ihres verſtorbenen Gemahls Vetter, dieſen Hungerleider, den ſie nie hatte ausſtehen können, der immer ausſah, als ob er nach dem Majorat ſchnappe, wie ein Hecht nach ſeiner Beute. Der ſollte fortan Herr ſein auf Grenwitz? Wahr⸗ haftig, da wäre es ihr noch lieber geweſen, wenn es ſich herausgeſtellt hätte, daß Oswald Stein Harald's rechtmäßiger Sohn war! Mechaniſch erbrach ſie den zweiten Brief. Er war von Albert Timm und lautete: „Gnädige Frau! Nach unſerer letzten Begegnung werden Sie es ſelbſtverſtändlich finden, daß ich die Waffen, die ich bis dahin für Sie gebraucht hatte, gegen Sie wandte. Herr Stein iſt von Allem unterrichtet. Ehe ein Jahr vergeht, iſt er— verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf!— Herr von Stantow und Bärwalde und Sie werden überdies die Zinſen von vierundzwanzig Jahren zu zahlen haben, d. h. Sie werden ruinirt ſein. Ich könnte mir nun ſchadenfroh die Hände — Dritter Band. 137 reiben; aber Albert Timm iſt eine gutmüthige Seele und will Ihnen zum Dank für Ihren Undank einen guten Rath geben. Machen Sie Frieden mit Herrn Stein, bevor es zu ſpät iſt! Beſſer ein magerer Vergleich als ein fetter Proceß, den man noch dazu verliert. Ich ſchicke Ihnen den Gegner noch heute zu, empfangen Sie ihn freund⸗ lich und wenn Sie ganz klug ſein wollen, geben Sie ihm Ihre Tochter, die er bis zur Raſerei liebt. Mit der fürſtlichen Heirath iſt es ſo wie ſo nichts, ſintemalen der Fürſt nicht eines Grafen, ſondern eines Seiltänzers Sohn iſt und die Sache ſo ſteht, daß die Welt nächſtens mit einem großartigen Scandal erfreut werden dürfte. Doch widerſtehe ich dem Wunſch, Ihnen über dieſe intereſſante Sache nähere Aufklärungen zu geben, die Sie wahrſcheinlich eben ſo unbeachtet laſſen würden, als gewiſſe andere Enthüllungen. Vielleicht, daß Sie nach der Unterredung mit Herrn Stein anderes Sinnes werden und ſich vor allem auch überzeugen von der aufrichtigen Freundſchaft, mit der ich verbleibe u. ſ. w.“ Zu jeder andern Zeit würde die Baronin in dieſem Brief nur einen neuen Verſuch von Seiten des Herrn Timm, die verloren ge⸗ gangene Poſition wiederzugewinnen, geſehen haben, aber heute Mor⸗ gen war ihr Gemüth verdüſtert, daß ihr Alles und ſo auch dieſer Brief in einem anderen Lichte erſchien. War denn am Ende in dieſer Welt des Lugs und Trugs nicht Alles möglich? Daß dieſer Timm mehr wußte als andere Leute, lag auf der Hand, und jedenfalls war doch die Conſequenz merkwürdig, mit welcher er die Wahrheit ſeiner Behauptung aufrecht erhielt; ja, hatte nicht Felix noch durch ſeine letzten Briefe bewieſen, daß er an dem Factum ſelbſt in keiner Weiſe zweifle? Die ſonſt ſo energiſche Frau fühlte ſich ganz erdrückt unter der Wucht all dieſer Sorgen. Und nun kam Helene, nach der ſie geſchickt hatte, gar nicht wieder zurück! und in einer Stunde ging der Zug, den ſie benutzen mußte, wenn ſie noch morgen früh in Grünwald ſein wollte! und noch waren die Sachen nicht gepackt, noch nicht ent⸗ ſchieden, ob Helene bleiben oder mitkommen wollte, noch nicht von der Fürſtin und dem Fürſten Abſchied genommen! Doch das Letztere konnte ja auch in Helenens Abweſenheit geſchehen. Der Drang des Augen⸗ 138 Durch Nacht zum Licht. blicks entb and von den ſtrengen Vorſchriften der Etiquette und hatte ſie doch die Fürſtin geſtern Abend gebeten, zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen! So verließ denn Anna Marie ihr Zimmer und ſchritt eilig über die Corridore und durch die Vorzimmer, als plötzlich die Thür, die zu dem Gemach der Fürſtin führte, auſgeriſſen wurde, der Fürſt, offenbar in der fürchterlichſten Aufregung, herausſtürzte und, ohne ein Wort mit ihr zu ſprechen, weiter eilte. „Das iſt doch ſeltſam;“ ſagte die Baronin. Da wurde die Thür wieder aufgeriſſen, Nadeska kam eilends mit verſtörtem Geſicht heraus. „Wo iſt die Fürſtin?“ fragte die Baronin. „Drinnen. Sie iſt krank; es kommt Niemand auf mein Klingeln. Ich wollte eben die Leute holen.“ „Thun Sie das,“ ſagte die Baronin,„ich will unterdeſſen bei ihrer Durchlaucht bleiben.“ Nadeska ſchien dies Arrangement keineswegs zu gefallen, aber ſie hatte keinen Grund, der Baronin den Zutritt zu verweigern. Sie eilte fort, während Anna Marie in die roſenrothe Dämmerung von der Fürſtin Gemach trat. Dieſe lag noch in ihrem Lehnſtuhl am Kamin. Die halbge⸗ ſchloſſenen Augen und die krampfhaft zuckenden Finger zeigten, daß der umnachtete Geiſt noch immer vergebens nach Bewußtſein rang. „Schaff mir meinen Sohn zurück, Nadeska,“ murmelte ſie;„er ſoll nicht mit dem Hercules ringen: der Vater iſt ſtärker, wie der Sohn. Siehſt Du, ſiehſt Du, wie er ihn um den Leib packt und in die Höhe hebt, jetzt wird er ihn zu Boden ſchleudern, hier gerade zu meinen Füßen, da, da—“ Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe, in die ſich gräßliches Lachen miſchte. Zwiſchendurch phantaſirte ſie: „Laßt es nur den Grafen nicht wiſſen; der Graf ſag'ts der Baronin, die Baronin ſagt's der ſchönen Tochter und hernach will die ſchöne Tochter den Seiltänzerſohn nicht Da kommt er ſchon mit dem zerſchmetterten Kopfe—“ Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Bruſt der Gemarterten. „— Dritter Band. 139 Sie fuhr in die Höhe und ſtarrte die Baronin mit verſtörten Blicken an Gleich darauf ſank ſie auf's Neue bewußtlos in den Stuhl zu⸗ rück. Da kam Nadeska mit ein paar ruſſiſchen Mägden. Der Kam⸗ merfrau ſchien ſehr viel daran gelegen, die Baronin zu entfernen. „Die Fürſtin hat oft dieſe Anfälle,“ ſagte ſie in ihrer glatten, demüthigen Weiſe, während die Dienerinnen die Ohnmächtige auf⸗ hoben und in ihr Schlafgemach trugen.„Sie muß dann ganz allein ſein; die Nähe jeder fremden Perſon verſchlimmert ihren Zuſtand.“ „Ich werde nicht ſtören, meine Liebe,“ ſagte die Baronin kalt, „um ſo weniger, als ich noch in dieſer Stunde abreiſen muß. Ich werde mich ſchriftlich bei Ihrer Durchlaucht entſchuldigen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte Nadeska;„weiß die auch ſchon mehr, als ſie wiſſen dürfte?“ Die Baronin begab ſich in einer unbeſchreiblichen Aufregung in ihre Gemächer zurück. Was hatte ſie geſehen! was gehört! der wahn⸗ ſinnige Anblick des Fürſten, die wildverworrenen Reden der Fürſtin, das verdächtige Benehmen der Kammerfrau, die offenbar in dieſem Familiendrama hinter den Couliſſen nur zu gut Beſcheid wußte— was ſollte ſie denken? was ſagen? was thun?... Es war vielleicht das erſte Mal in ihrem Leben, daß dieſe kluge und energiſche Frau vollſtändig rathlos war. Aber ſank nicht der Boden unter ihren Füßen? brach nicht wie morſches Rohr zuſammen, was ſie für ſtolze unzerſtörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten? Der Fürſt ein Baſtard! ein jahrelang mühſam verborgen gehaltenes Familiengeheimniß der ſchimpflichſten Entdeckung nahe! und in ihrem eigenen Hauſe, ſtand es denn da beſſer? ihr Sohn, der rechtmäßige Erbe des Vermögens, zum Tode erkrankt— der illegitime Sproß des Vorgängers in der Herrſchaft aus der Verſchollenheit auftauchend, in der Rechten ein Teſtament, das ihn zum Herrn des Vermögens machte, welches die Baronin ſeit ihrer Verheirathung als das ihrige angeſehen hatte! Wo ein Ausweg aus dieſem Labyrinth? Und was würde Helene zu dem Allen ſagen? wie würde ihr Stolz ſich winden, wenn ſie erfuhr, daß der Diamantenſchmuck des fürſtlichen Ranges nichts war, als ſchnödes ſchlechtes Glas, mit dem zu ſchmücken, eine Courtiſane ſich wohl bedacht hätte? 140 Durch Nacht zum Licht. Ein Wagen rollte ſchnell in den Hof des Palais. Es war Helene. Der Baronin ſchlug das Herz, als ob jetzt erſt die Entſcheidung ein⸗ trete. Ein paar bange Augenblicke und die ſchöne Tochter eilte, bleich und verſtört, in das Zimmer und warf ſich der Mutter mit einer Leidenſchaftlichkeit in die Arme, die gegen ihre ſonſtige gemeſſene, faſt kalte Haltung eigenthümlich abſtach. „Gott ſei Dank, daß Du kommſt!“ ſagte Anna Maria;„ich muß fort; ich wollte Dich fragen, ob Du mich begleiten willſt?“ „Kannſt Du das fragen?“ rief Helene;„ich hier bleiben und ohne Dich? hier, wo mich die Mauern erdrücken!—“ „So biſt Du nicht gern hier, Helene?“ „Nein, nein! ich liebe den Fürſten nicht; ich habe ihn nie ge⸗ liebt!“ Und Helene verbarg ihr Geſicht an dem Buſen der Mutter. Die Baronin war auf's höchſte überraſcht. Was Helene da ſagte und noch mehr, der Ton, in welchem ſie es ſagte, dazu ihr ſeltſam von Leidenſchaft durchglühtes Weſen gaben ihr einen nie ge⸗ ahnten Einblick in das Herz des jungen Mädchens. Sie hatte ein dunkles Gefühl davon, daß ihr große weite Regionen des Lebens bisher gänzlich verborgen geblieben waren, und daß ſie, trotz all der Klugheit, auf die ſie ſich ſo viel zu Gute that, bisher im Dunkeln getappt hatte. „Warum haſt Du ihm denn Dein Wort gegeben?“ fragte ſie. „Ich weiß es nicht; ich war— ich wußte nicht, was ich that. Aber jetzt weiß ich es; ich kann den Fürſten nicht heirathen; ich muß mein Wort zurück haben; wenn Du darauf beſtehſt, daß ich es halte, ſo muß ich ſterben.“ „Und wenn ich nun nicht darauf beſtehe?“ Die Reihe, in Erſtaunen zu gerathen, war jetzt an Helenen; ſie ſah die Baronin mit verwunderten Angen an. „Was ich Dir ſage, mein Kind. Ich habe heute Morgen Ent⸗ deckungen gemacht, die mich, milde geſprochen, ſehr ſtutzig gemacht und mir die Ueberzeugung eingeflößt haben, daß wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorſicht zu Werke gegangen ſind, der ſich möglicherweiſe ſehr ſchwer hätte rächen können.“ Dritter Band. 141 „Ich verſtehe Dich nicht, Mutter,“ ſagte Helene. „Ach, es iſt auch kaum zu begreifen,“ klagte Anna Marie,„ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht. Ich bin eine unglück⸗ liche Frau!“ Und die Baronin warf ſich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an bitterlich zu weinen. Helene hatte die Mutter noch nie weinen geſehen. Der unge⸗ wohnte Anblick rührte ſie tief. Sie kniete neben ihr nieder und ſuchte ſie mit ſchmeichelnden, freundlichen Worten zu tröſten. Aber es war vergeblich. „Es iſt nicht nur dies, obſchon es ſchon ſchlimm genug iſt,“ ſchluchzte Anna Marie,„auch wir ſind mit einer ähnlichen Schmach bedroht—“ urnd in dem Drang des Moments, getrieben von dem Verlangen aller Hilfloſen, ſich, koſte es was es wolle, an einen An⸗ deren anzuſchließen, erzählte ſie in fliegenden Worten von den An⸗ ſprüchen, die Oswald möglicherweiſe auf ihr Vermögen habe, und daß, wenn dieſe Anſprüche gerichtlich anerkannt würden, ſie, die Mutter und die Tochter, Bettlerinnen ſeien. Helene hatte dieſer Erzählung in athemloſer Spannung zugehört. Ihre Farbe wechſelte in jedem Augenblick; ihre Augen waren feſt auf die Mutter geheftet, ihre Hände hielten die Hände der Mutter krampfhaft umfaßt. „Bettlerinnen, ſagſt Du? beſſer das, und ein reines Gewiſſen haben, als in der Fülle dieſes Glanzes vor Angſt vergehen! Komm, Mutter, ich fürchte mich nicht vor der Armuth! Du haſt mir oft ge⸗ ſagt, daß Du arm geweſen biſt, ehe Du den Vater heiratheteſt. Warum ſoll ich etwas vor Dir voraushaben? ich ſehe nicht, daß Dich der Reichthum glücklich gemacht hat, auch den Vater nicht; er hat es mir in ſeinen letzten Augenblicken geſtanden. Ich habe es noch eben mit meinen eigenen Augen geſehen, wie viel glücklicher als wir, die Menſchen ſind, die nichts haben, als ihre Liebe; auf nichts vertrauen, als auf ihre eigene Kraft. Ich habe Kraft; ich kann und will für Dich arbeiten, wenn es nöthig ſein ſollte. Aber jetzt laß uns fort von hier. Du biſt krank und angegriffen, Deine Hände ſind eiskalt und Deine Stirn brennt— bleib hier ſitzen. Ich will Deine Sachen 142 Durch Nacht zum Licht. packen. Du brauchſt Dich um nichts zu bekümmern, ich bin in fünf Minuten fertig.“ „Nein,“ ſagte die Baronin,„laß das mich mit Hilfe unſerer Marie beſorgen. Du kannſt ein anderes Geſchäft übernehmen. Wir können nicht fort, ohne wenigſtens ſchriftlich von der Fürſtin Abſchied zu nehmen, da ihr Unwohlſein und unſere Eile nichts Anderes zuläßt. Schreib' ihr in wenigen Worten: freundlich und höflich, nicht mehr und nicht weniger, als das unumgänglich Nothwendige.“ „Ich will es thun,“ ſagte Helene, indem ſie ſich an das Bureau ſetzte, während die Mutter ſich in die Schlafgemächer begab. Helene hatte kaum die Feder in der Hand, als ein Geräuſch hinter ihr ſie von dem Papier aufblicken machte. Mitten im Zimmer ſtand Oswald, bleich wie der Tod, die großen im Fieber leuchtenden Augen auf ſie gerichtet. Helene war ſo erſchrocken, daß ihr die Stimme verſagte, daß ſie keine Bewegung zu machen im Stande war. Sie glaubte im erſten Moment eine Erſcheinung zu ſehen. Oswald mochte das bemerken. „Ich bin es wirklich,“ ſagte er;„verzeihen Sie mein plötzliches Erſcheinen. Ich fragte nach der Baronin; man hat mich hierher gewieſen.“ „Ich will die Mutter rufen,“ ſagte Helene, indem ſie ſich erhob. „Bleiben Sie,“ ſagte Oswald;„ich bitte Sie darum; ich habe nur zwei Worte zu ſagen; ich ſage Sie Ihnen lieber und leichter, als der Baronin.“ In Oswald's Erſcheinen und Weſen lag etwas ſo Feierliches, daß Helene nicht den Muth fand, ſeine Bitte abzuſchlagen. „Wollen Sie ſich nicht ſetzen,“ ſagte ſie tonlos, indem ſie ſich wieder in ihren Stuhl ſinken ließ und auf einen anderen in ihrer Nähe deutete. Oswald ſetzte ſich. „Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob Ihnen Ihre Frau Mut⸗ ter von gewiſſen Intriguen erzählt hat, mit denen ſie ſeit einiger Zeit beläſtigt wird und deren Seele Herr Timm iſt?“ „Ich habe heute Morgen das erſte Wort davon gehört.“ „Ebenſo wie ich. Und das iſt es gerade, was mich hierher ge⸗ Dritter Band. 143 trieben hat. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, ja ich könnte nicht ruhig ſterben, wenn ich denken müßte, daß Sie, Fräulein von Grenwitz, glauben könnten, ich hätte mich je ſo unwürdiger Mittel und eines ſo niedrigen Werkzeugs gegen Sie bedienen können. Wollen Sie das auch Ihrer Frau Mutter ſagen?“ „Ich will es.“ „Und ſagen Sie ihr auch, und glauben vor Allem Sie ſelbſt es mir, daß ich nichts ſo ſchmerzlich beklage, als daß man Sie je mit dieſer Sache behelligt hat.“ „So iſt Alles doch nur eine Erfindung des Herrn Timm?“ „Nein, mein Fräulein,“ erwiderte Oswald mit traurigem Lächeln, eine Erfindung jenes Menſchen iſt es nun wohl nicht. Ich fürchte nur zu ſehr, daß es die lautere Wahrheit iſt, und das iſt der zweite Grund, weßhalb Sie mich hier ſehen.“ „Sie glauben doch nicht, daß wir uns jemals ſträuben würden, gerechte Anſprüche anzuerkennen?“ „Sie werden gar nicht in dieſen Fall kommen; ich fühle keinen Wunſch in mir, dieſe Anſprüche zu erheben. Ich würde das nie und unter keinen Umſtänden gethan haben, und jetzt am aller⸗ wenigſten.“ Er warf einen Blick im Zimmer umher. Die Pracht der Aus⸗ ſtattung erinnerte ihn ſchmerzlich daran, wo er war. „Jetzt am allerwenigſten,“ wiederholte er;„hier ſind die Pa⸗ piere, die in dieſer unglücklichſten aller Geſchichten beweiſend ſind. Ich wünſche, daß Ihre Frau Mutter ſie in Gewahrſam nimmt, um auf alle Fälle gegen die Machinationen jenes Menſchen geſichert zu ſein.“ Er legte das Packet Papiere, welche ihm Timm vor einigen Stunden überbracht hatte, vor Helene auf das Bureau, und verbeugte ſich zum Abſchied. „Einen Augenblick noch, mein Herr,“ ſagte Helene, indem ſie ſich ebenfalls erhob;„glauben Sie, daß meine Mutter, daß ich ein ſolches Geſchenk annehmen werde? Was hat Ihnen das Recht gegeben, ſo klein von uns zu denken?“ ℳ6 glaube, mein gnädiges Fräulein, daß Ihr Stolz diesmal 144 Durch Nacht zum Licht. irrt. Es handelt ſich ſelbſtverſtändlich nur um mich, der ich den ſehr Wunſch habe, mich von einem häßlichen Verdachte zu reinigen. Es war unnöthig, mich daran zu erinnern, daß es der Mutter des Majoratsherrn von Grenwitz, daß es der Braut des Fürſten zu Waldernberg ziemlich gleichgiltig ſein kann, ob ſie ein paar hunderttauſend Thaler mehr oder weniger im Vermögen haben.“ „Die Verhältniſſe haben keinen Einfluß auf unſere Pflichten,“ erwiderte das junge Mädchen, ſich aufrichtend und die ſchöne Lippe verächtlich krümmend:„und glauben Sie nur nicht, daß es der Stolz des Reichthums und des hohen Ranges iſt, der mich ſo gleichgiltig gegen Ihr Anerbieten macht. Dieſen Augenblick ſind wir im Begriff, nach Grünwald abzureiſen, wo mein Bruder auf den Tod erkrankt iſt, und dort auf dem Pult liegt der Anfang eines Briefes, worin ich der Fürſtin zu ſchreiben gedachte, daß ich nun und nimmermehr die Gattin ihres Sohnes werden könne.“ Die dunklen Augen Helenen's leuchteten, das heiße Blut färbte das Incarnat der lieblichen Wangen tiefer— ſie war Oswald ſo ſchön, ſo einzig ſchön nie erſchienen. Und das in dieſem Monient, wo er bereits im Herzen Abſchied genommen von einem Leben, das keinen Reiz mehr für ihn hatte! gerade jetzt mußte ihm dieſe herrlichſte Schönheit, dieſes höchſte Ideal ſeiner glänzendſten Träume, nicht in unerreichbarer Ferne— nein, in unmittelbarer Nähe erſcheinen, dem kühnen Wunſch, dem feſten Willen vielleicht erreichbar! Weßhalb ſagte ſie ihm, daß ſie den Fürſten nicht heirathen werde, und ſagte es in dieſem herausfordernden Ton, wenn ſie ihn— den Schwankenden, Treuloſen, Wankelmüthigen— nicht demüthigen wollte durch die Kraft des Entſchluſſes, mit welchem ſie der Herrlichkeit entſagte, nur um ſich ſelbſt treu zu bleiben? Dieſe Gedanken jagten in wilder Flucht durch Oswald's Ge⸗ hirn, das, überreizt durch Schlafloſigkeit und Fieberträume, mit einer wunderbaren Schnelligkeit arbeitete und die Reſultate eauyliieſ Gedankenreihen wie in dem Brennpunkt eines Hohlſpiegels über⸗ blickte. Er wußte, daß ſie ihm dies nimmermehr geſagt haben würde, wenn ſie ihn nicht zu irgend einer Zeit geliebt hin Dritter Band. 145 leicht noch liebte, und dabei wußte er auch mit unumſtößlicher Ge⸗ wißheit, daß er und ſie durch Alles, was geſchehen war, auf immer unwiederbringlich von einander geſchieden ſeien. Es war deßhalb keine Bitterkeit, ſondern nur tiefe Trauer in dem Ton, in welchem er jetzt die Augen unverwandt auf das himmliſch ſchöne Antlitz des Mädchens gerichtet, ſagte: „Laſſen Sie uns einander nicht mit heftigen, liebloſen Worten betrüben. Wer weiß, ob wir im Leben noch viele Worte mit ein⸗ ander zu wechſeln haben werden! Mir iſt zu Muthe, wie einem Sterbenden, und was ich ſpreche, ſpreche ich nicht für mich, der ich keine Wünſche mehr hege, ſondern aus innerſtem Drang nach der Wahrheit, von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt habe. Helene, ich habe Sie geliebt von dem Augenblick, als ich Sie zum erſten Male an jenem unvergeßlichen Sommerabend im Park von Grenwitz ſah; und ich weiß es auch: wenn ich mir ſelber treu geblieben wäre, Sie würden mich wieder geliebt haben; Sie würden einſt die Meine geworden ſein. Aber, weil ich mich ſelbſt verlaſſen, haben auch Sie ſich von mir gewandt und jetzt liegt zwiſchen uns eine Kluft, die niemals ausgefüllt werden kann. Und was uns einander auf immer nahe zu bringen ſchien,— die Ent⸗ deckung, die ich heute Morgen machte— hat uns erſt recht auf ewig getrennt. Ich fühle es wohl: Sie werden nun und nimmermehr ein Geſchenk, wie Sie es nennen, von mir annehmen wollen, und ich wollte eher meine Hand auf glühende Kohlen legen, als ſie nach dem Erbe des Mannes ausſtrecken, der meine Mutter zur unglücklichſten aller Frauen gemacht hat. Dazwiſchen giebt es keinen Vergleich, wäre auch alles Andere, wie es ſein ſollte. Und nun, Helene, ehe wir— wohl auf immer— ſcheiden, habe ich eine Bitte, reichen Sie mir über die Kluft weg, die uns trennt, die Hand, zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben.“ Helene legte ihre Hand in die ausgeſtreckte Hand Oswald's. So ſtanden ſie und ſahen ſich einander tief in die Augen, und wie ſie ſo hineinſchauten, ſahen ſie alle, die goldigen Sommermorgen⸗ ſtunden, die ſie im Park von Grenwitz unter ſäuſelnden Bäumen ver⸗ lebt und alle die purpurnen Abende, wo ſie durch den grünen Buchen⸗ Fr. Spielhagen's Werke. XII. 10 146 Durch Nacht zum Licht. wald bis zum Meeresſtrande wanderten— und dann ſahen ſie nichts mehr, denn ein grauer Thränenſchleier hatte ſich über die lieblichen Bilder gedeckt. „Leb' wohl, Helene!“ „Leb' wohl, Oswald!“ „Für immer!“ „Für immer!“ Oswald preßte die Geliebte nicht in die Arme. Eine heilige Scheu hielt ihn gefeſſelt. Er ahnte es: die Zeit der Sühne, die ihm noch blieb, war kurz, und, einen neuen Schwur zu beſiegeln, den zu halten er keine Kraft in ſich fühlte, war kein Entgeld für ſo viel ge⸗ brochene Schwüre. Er ließ die Hand, die er noch immer in der ſeinigen hielt, los und— im nächſten Augenblick war Helene allein. Sie ſtand noch, die Augen ſtarr auf die Thür, vurch die Os⸗ wald verſchwunden war, gerichtet, als die Baronin wieder in das Zimmer trat. „Es iſt die höchſte Zeit, Helene,“ ſagte ſie; der Wagen hält unten. Biſt Du bereit?“ a 7 „Was ſind das für Papiere dort auf dem Tiſche?“ „Hat er ſie nicht wieder mitgenommen?“ „Wer?“ „Oswald.“ „War er hier? was wollte er?“ „Abſchied nehmen. Nimm die Papiere zu Dir, Mutter. Er brachte ſie Dir.“ „Helene, Du biſt bleich und haſt geweint; was bedeutet dies? Liebſt Du dieſen Mann? ſoll ich auch mein letztes Kind verlieren?“ „Sei ruhig, Mutter; ich werde Dich im Unglück nicht verlaſſen. Doch da liegt ja noch der Brief an die Fürſtin. Einen Augenblick, Mutter!“ Sie ſetzte ſich an das Bureau und ſchrieb mit fliegender Feder einige Zeilen. „So, jetzt auch das geſchehen, und ich bin wieder frei! an Dritter Band. 147 Mutter, ich will Dir zeigen, daß ich noch Kraft und Muth genug zum Leben habe. Komm!“ Und ſo zog ſie die Baronin, die ſich willig der höheren Energie ihrer Tochter fügte, mit ſich fort aus dem Gemach. Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Wal⸗ dernberg und eine halbe Stunde darauf die Reſidenz verlaſſen. Sechszehntes Capitel. Als Oswald, ohne kaum zu wiſſen, wohin er ſich wandte, die Straße hinabeilte, fühlte er ſich plötzlich von Jemand am Arm ergriffen. Es war Herr Timm. Herr Timm hatte nach dem Zuſammentreffen mit Herrn Schmenckel ſeinen Beobachtungspoſten in der Nähe des Palais auf einige Zeit aufgeben müſſen, um ſich in dem Hofe eines der nächſten Häuſer das Blut abzuwaſchen, das nach der Berührung von Herrn Schmenckel's ſchwerer Fauſt ſeiner Naſe und ſeinem Munde reichlich entſtrömt war. Timm war ſo zornig, wie er es kaum je im Leben geweſen. Es war die Wuth des Jägers, dem das Wild die kunſtreich gewebten, ſchlau geſtellten Netze plump zerriſſen hat. Dieſer Tölpel von einem Schmenckel mit ſeiner dummen Ehrlichkeit! wie hatte er den Menſchen bearbeitet, wie hatte er ihm die Zukunft golden ausgemalt, und nun! Es war zum Raſendwerden! Der ſchöne, leichte, ſichere Gewinn dahin! und weßhalb? um nichts und wieder nichts, um einer ehrlichen Laune willen! Und wenn nun Oswald eine ähnliche Dummheit begeht! man kann die Spatzenköpfe ja keinen Augenblick allein laſſen. Und dabei will das verdammte Blut gar nicht wieder ſtehen. Was der Lümmel für einen feſten Griff hat!... So hatte der Märtyrer der dummen Ehrlichkeit weder Herrn Schmenckel noch den Fürſten wieder aus dem Palais kommen, noch hatte er Oswald hineingehen ſehen, und er kam jetzt noch eben zur 10* 148 Durch Nacht zum Licht. rechten Zeit, um dieſen, der die Straße hinab mehr lief, als ging, einzuholen. „Holla, Herr!“ „Was giebt's?“ „Ja, das frage ich.“ „Biſt Du's?“ „Wer ſonſt? Wie iſt es abgelaufen? hat die Alte klein beigege⸗ ben?“ und er wollte vertraulich ſeinen Arm in Oswald's Arm legen. Oswald trat einen Schritt zurück: „Rühre mich nicht an!“ ſagte er;„oder ich zerſchmettere Dir den Kopf an der Wand.“ „Hoho!“ ſagte Timm, jetzt ſeinerſeits zurückweichend;„iſt der auch verrückt geworden?“ „Elender Bube!“ knirſchte Oswald;„Menſch, der aus dem Laſter eine Speculution und aus der Gemeinheit ein Gewerbe macht; laſſe Dich nie wieder auf meinem Wege ſehen, oder Du wirſt es bereuen!“ Er wandte ſich von Timm, der in dem erſten Augenblick blaß geworden war und dann in ein tolles Gelächter ausbrach, und eilte weiter. Es war ihm einerlei, wohin ihn ſeine Füße trugen! Er ging, wie im Traum und wie Traumbilder erſchien ihm auch, was er ſah und hörte: die neugierigen, erſchrockenen Geſichter von Kin⸗ dern und Frauen in den Fenſtern und Thüren; die dichten Haufen von Männern, die ſich unter wilden Geſticulationen und lauten Ausrufungen Unerhörtes mitzutheilen ſchienen und dann auseinander⸗ ſtoben, wenn eine Patrouille anmarſchirt kam; das Rennen und Laufen, das Schreien und Pfeifen von Straßenbuben; und dazwiſchen das Wimmern der Sturmglocken von den Thürmen. Dann, je weiter ſich Oswald von dem vornehmen Quartier, aus dem er kam, ent⸗ fernte, wurde ein anderer Ton deutlicher: ein eigenthümliches Knat⸗ tern und Praſſeln und ein dumpfer Donner, vor dem die Häuſer ſelbſt erzitterten. Aber das Alles vermochte nicht, ihn aus ſeinem wachen Traume aufzurütteln; der Schmerz um das eigene zerſtörte Lebensglück hatte ihn taub und blind gemacht gegen den Schmerz eines ganzen gemiß⸗ —. — Dritter Band. 149 handelten Volkes. Da ſchreckte ihn jäh ein fürchterlicher Anblick empor. Aus einer Seitenſtraße kam eilenden Laufs ein junger Menſch, rufend:„Verrath, Verrath! ſie ſchießen auf uns!“ Des jungen Menſchen Blouſe war zerriſſen und mit Blut befleckt; ſein Antlitz war bleich, ſein Haar verwirrt; er taumelte, wie ein Trunkener, und plötzlich ſtürzte er, unmittelbar vor Oswald, zuſammen. Oswald hob ihn auf, im Nu hatte ſich ein Haufe von Männern und Frauen um ſie geſammelt.„Er ſtirbt,“ riefen die Männer;„Fluch über unſere Henker!“ Die Weiber heulten; eine rief:„Nehmt ihn doch dem Herrn ab, ſeht Ihr nicht, daß er ſich ſelbſt kaum auf den Beinen halten kann.“ Ein Mann nahm den Sterbenden aus Oswald's Armen. Da fühlte Oswald ſich von Jemand aus dem Gedränge gezogen. Als er ſich umwandte, erblickte er Berger. Oswald's Seele war in den letzten Stunden von ſo viel Außerordentlichem be⸗ ſtürmt worden, daß ſelbſt das Seltſamſte, Unerwartetſte ihn vorbereitet traf. Und wenn es einen Menſchen gab, den er in dieſem Augenblick zu ſehen wünſchte, ſo war es ſein Freund und Lehrer, ſein Schickſals⸗ genoſſe. Oswald fragte nicht: wie? und woher? er ſtürzte ſich dem Wiedergefundenen in die Arme. „Gut, daß Du da biſt,“ ſagte Berger haſtig, komm, laſſe die Todten ihre Todten begraben. Wir wollen ſchaffen und arbeiten, ſo lange es Tag iſt.“ Sie eilten zuſammen weiter. Mit jedem Schritte, den ſie machten, kamen ſie dem Krater der Revolution, die ſeit ein paar Stunden zum Ausbruch gekommen war, näher. In dieſem Stadttheile erhoben ſich ſchon, von tauſend tapfern und geſchickten Händen aufgethürmt, Barricaden, die von todesmuthigen Männern und Knaben, meiſtens aus den niedern Volksclaſſen, beſetzt wurden. Man konnte von der Widerſtandsfähigkeit dieſer improvi⸗ ſirten Feſtungen keine allzu großen Hoffnungen haben, wenn man ſah, daß ſie meiſtens aus einem, wenn es hoch kam, aus mehreren umgeſtürzten Wagen, abgeriſſenen Planken und anderen in der Eile zuſammengerafften Gegenſtänden erbaut waren, und daß die Waffen ihrer Vertheidiger zumeiſt in alten roſtigen Säbeln, Lanzen, Flinten ehne Schloß und ähnlichen Inſtrumenten beſtanden. S 3 150 Durch Nacht zum Licht. 8 Berger blieb hier und da ſtehen, Rath ertheilend, anfeuernd, mit ſeiner tiefen tönenden Stimme zu den Waffen; zu den Barricaden! rufend; aber ſo oft Oswald ſich an dem Bau einer derſelben bethei⸗ ligen wollte, hielt er ihn davon zurück: „Nicht hier!“ ſagte er;„dies ſind nur unſere Vorpoſten, die doch wieder eingezogen werden müſſen. In dieſen graden breiten Straßen laſſen ſich keine Barricaden mit Erfolg vertheidigen. Das Gros der Revolution ſteht weiter zurück.“ So kamen ſie in die Lange Straße, in die Nähe des Hötel garni der Frau Schwarz. Das Hötel war ein Eckhaus, an ihm vorbei führte eine ſchmale Gaſſe, in welcher der Duſtre Keller lag, in die Schweſterſtraße. In dieſem Quartier ſchwirrte und wirrte es wild durcheinander. Vom Schloßplatz her krachten die Gewehrſalven und ſchmetterten die Kanonenſchläge; aber noch nirgends ſah man den Anfang von Bar⸗ ricaden. „Sind dieſe Menſchen wahnſinnig,“ rief Berger:„wenn ſie ſich hier nicht verſchanzen wollen, wo ſoll es denn geſchehen?“ Auf den Stufen des Hötels, umdrängt von Volkshaufen, ſtand ein Herr mit weißer Halsbinde und ſprach eifrig auf die Leute ein: „Se. Majeſtät hat die Deputation huldvollſt zu empfangen geruht“ —„Was da Majeſtät!“ ſchrie eine zornige Stimme;—„Se. Ma⸗ jeſtät geruht jetzt eben huldvollſt, ſeine getreuen Unterthanen nieder⸗ zukartätſchen!“ rief eine andere.„Meine Herren,“ quäkte der Redner, „geben Sie nicht Gefühlen des Haſſes und der Rache Raum! Se. Ma⸗ jeſtät willigt in die Zurückziehung des Militairs, ſobald Sie die Waf⸗ fen aus der Hand gelegt“—„Und Ihre Kehlen dem Meſſer des Mörders dargeboten haben,“ rief mit gewaltiger Stimme ein Mann, der plötzlich neben dem Redner in der weißen Halsbinde auf der Treppe erſchien. Es war Berger. Sein graues Haar hing ihm wild um das unbedeckte Haupt; ſeine Augen glühten, es war, als ob die Revolu⸗ tion ſelbſt Geſtalt und Stimme angenommen hätte.„Nun?“ rief er weiter,„Ihr audert und zagt und verhandelt noch immer, wäh⸗ rend Eure Brüder wenige Straßen von Euch ermordet werden? Dritter Band. 151 Willſt Du denn ewig glauben, Du gläubiges, ſo oft und ſo ſchmählich belogenes Volk? Dir wird keine Conecſſion gemacht, die Du nicht er⸗ kämpfſt, und keine Freiheit gewährt, die Du nicht mit Deinem Blute bezahlt haſt. So feilſcht und markt denn nicht länger, gebt ihn her, den theuren Preis um das theure Gut! Um der Freiheit willen greift zu den Waffen!“ „Zu den Waffen! zu den Waffen!“ donnerte es von allen Sei⸗ ten.„Wir wollen ſiegen oder ſterben! zu den Waffen!“ Die waffenloſen Arme ſtreckten ſich wie zum Schwur in die Luft. Berger war von der Treppe hinabgeſprungen. Man umringte ihn; man drückte ihm die Hände. Einige forderten ihn auf,„die Sache in die Hand zu nehmen,“ da es doch ohne Führer nun einmal nicht gehe.“ Berger ſah ſich um. Plötzlich eilte er auf einen langen Herrn los, der ſich raſch durch die Menge drängte. „Das iſt der Mann,“ ſchrie er, den langen Herrn bei der Hand faſſend.„Er muß unſer Führer ſein! Treten Sie auf die Treppe, Oldenburg, und ſprechen Sie! ein paar Worte nur! das verſteht ja Niemand ſo gut wie Sie.“ Oldenburg war mit einem Satze auf der Treppe. „Meine Herren!“ rief er, ſeinen Hut lüftend,„huldigen wir der Mode des Tages und bauen wir eine Barricade. Ich habe vor zwei Wochen eine kurze Lehrzeit im Barricadenbau auf den Straßen von Paris durchgemacht. Wenn Sie in Ermangelung eines Beſſern ſich meiner Künſte bedienen wollen— ich bin herzlich gern bereit, mit Ihnen zu bauen, mit Ihnen zu kämpfen, mit Ihnen zu ſiegen, wenn's ſein kann, mit Ihnen zu ſterben wenn's ſein muß.“ In dem ſtählernen Klang von Oldenburg's Stimme, in ſeiner leichten und doch ſo eindringlichen Art zu ſprechen, lag ein Zauber, dem der Volkshaufe nicht widerſtehen konnte. Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es aller Herzen. „Sie ſollen unſer Führer ſein,“ rief es von allen Seiten;„der Schwarzbart ſoll unſer Führer ſein.“ „Nun denn! rief Oldenburg mit erhobener Stimme:„Alle Mann hoch an die Barricade! 152 Durch Nacht zum Licht. Ein wunderbares Treiben folgte dieſem Zauberwort. In die wild durcheinander wogende Menge kam plötzlich Ordnung. In all den Köpfen lebte nur der eine Gedanke, ſich ein Bollwerk zu ſchaffen und alle Hände arbeiteten nur nach dem einen Ziel. „Wir müſſen in zehn Minuten fertig ſein, meine Herren,“ rief Oldenburg,„oder wir brauchen gar nicht anzufangen.“ Oldenburg machte durch unerſchütterliche Kaltblütigkeit und geniale Schnelligkeit des Blicks und des Entſchluſſes ſeinem Anführerpoſten Ehre. Er ſchien auf allen Punkten zugleich zu ſein und ſeine klare tönende Stimme glaubte man allen Punkten zugleich zu hören. Hier wurde auf ſeine Anordnung das Pflaſter aufgeriſſen, dort wurden die Flieſen des Trottoirs ausgehoben und mit denſelben die umgeworfenen Wagen, die auch hier, wie überall, wo die Zeit drängt, als Baſis der Barriegde dienen mußten, nach der Außenſeite bepanzert. Ausge⸗ hobene Thüren, Rinnſteinbrücken, mit Sand gefüllte Säcke, vervoll⸗ ſtändigten die Feſtigkeit des Baues, der mit einer Schnelligkeit heran⸗ wuchs, die mit dem Fieber der Leidenſchaft, das in allen Pulſen pochte, Schritt hielt. Jede Sehne, jede Muskel war bis zum Aeußerſten an⸗ geſpannt; Knaben trugen Laſten, die in ruhigen Augenblicken kaum ein Mann hätte bewältigen können; Männer, die ſonſt vielleicht nur die Feder zu führen gewohnt waren, ſchienen plötzlich Muskeln von Stahl bekommen zu haben. Vor Allen aber zeichnete ſich ein Mann in einem abgeſchabten Sammetrocke aus, in Vergleich mit deſſen Tha⸗ ten die Leiſtungen der Anderen nur Pygmäenwerk waren. Wo es etwas zu heben oder zu ſchleppen gab, das man nicht bewältigen konnte, rief man lachend nach dem„Hercules“— ſo hatte den Mann im Pammetrock der Volkswitz nach den erſten fünf Minuten getauft — und der Hercules ſprang hinzu, reckte ſeine mächtigen Arme aus, oder ſtemmte ſeine breiten Schultern dagegen, und die Centnerlaſt ſchien plötzlich federleicht zu werden. „Bravo, Herr Schmenckel!“ rief Oldenburg dem Hercules auf die Schulter klopfend,„aber ſchonen Sie Ihre Kraft; wir werden ſie noch nöthig haben.“ „Pah, Ew. Gnaden, Herr Baron,“ erwiderte Herr Schmenckel, Dritter Band. 153 indem er ſich mit dem Aermel über ſein von Schweiß triefendes Ge⸗ ſicht fuhr,„das will noch nit viel ſagen.“ „Hercules, hierher!“ erſchallte es von einem anderen Punkte. „Komm ſchon!“ ſchrie Herr Schmenckel und ſprang dahin, wo man ſeiner bedurfte. „Jetzt fehlt es am Beſten noch,“ murmelte Oldenburg, indem er das mit jeder Secunde wachſende Werk überſchaute und einen prüfen⸗ den Blick auf die Dächer der die Barricade flankirenden Häuſer warf, die man auf ſeinen Rath abzudecken begann; wenn Berger keine Waf⸗ fen bringt, iſt Mühe und Arbeit umſonſt.“ Da kam Berger in Begleitung von fünf oder ſechs meiſtens jün⸗ geren Männern. Jeder von Ihnen trug eine Büchſe. Ein paar Andere ſchleppten einen Sack, in welchem ſich Munition befand. Berger, der ſchon Tage lang vorher die Gelegenheit zut Revo⸗ lution, die er vorausgeahnt, ſtudirt hatte, kannte alle Waffenläden in der Runde und hatte ſich jetzt der Vorräthe eines derſelben bemächtigt. Ein Jubelruf erſchallte, als die kleine Schaar bei der Barricade an⸗ langte. Gleich darauf wurde noch eine alte lange einläufige Vogel⸗ flinte und ein verroſteter Carabiner mit Pfannenſchloß aus irgend einer Rumpelkammer herbeigeſchafft, und zuletzt noch zwei Paar Piſtolen aus den Wohnungen einiger Officiere, die man mit Hülfe des Adreß⸗ kalenders in der unmittelbarſten Nähe glücklich ausgekundſchaftet hatte. Die Waffen wurden vertheilt, und jedem Schützen ſein Poſten auf der Barricade angewieſen; jeder Schütze hatte einen Mann als Lader bei ſich: in der Küche des Erdgeſchoſſes eines der nächſten Häuſer wurden unter Aufſicht eines alten einäugigen Mannes, der ſchon die Befreiungs⸗ kriege mitgemacht und ſich zu dieſem Poſten erboten hatte, Kugeln ge⸗ goſſen; Straßenjungen, dieſe luſtigen Sturmvögel jedes Barricaden⸗ kampfes ſollten die Kugeln den Kämpfern zutragen. Die Viertelſtunde, die Oldenburg als die längſte Zeit, in welcher man fertig werden müſſe, beſtimmt hatte, war verlaufen; und ſchon der nächſte Moment bewies, wie richtig er gerechnet. Die Büch⸗ ſen waren kaum geladen und die Männer eben an ihre⸗ Poſten getreten, als ein Bataillon Infanterie die Straße heranmarſchirt kam. An ſeiner Spitze ritt ein Major. Er ließ in einiger Entfernung von 154 Durch Nacht zum Licht. der Barricade ſeine Truppe Halt machen und ritt bis auf wenige Schritte heran. Es war ein alter grauhaariger Mann mit einem gutmüthigen Geſicht, dem offenbar bei Erfüllung ſeiner blutigen Pflicht nicht ſonderlich wohl war. Seine Stimme klang hohl und zitterte ein wenig, als er jetzt, ſo laut er vermochte, rief: „Ihr da! ich muß hier mit meine Leute durch, und wenn Ihr das Dings, das Ihr da gebaut habt, nicht gutwillig wegräumt, ſo muß ich von die Schußwaffe Gebrauch machen. Das ſollte mich Eurethalben leid thun!“ Oldenburg trat auf die Barricade. „Im Namen der Männer hier;“ ſagte er, ſeinen Hut höflich gegen den Major lüftend;„erkläre ich Ihnen, daß wir entſchloſſen ſind, Einer für Alle und Alle für Einen zu ſtehen und die Barricade zu halten, ſo lange es uns möglich iſt.“ Oldenburg's Erſcheinung und ſeine Rede imponirten dem alten Krieger ſichtlich. „Sie ſind der Anführer von die Leute?“ „Ich habe die Ehre.“ „Sie ſcheinen ein verſtändiger Mann. Da müſſen Sie doch ein⸗ ſehen, daß das Dings da nicht lange halten kann und daß Ihr mit Eure paar Schüſſe nicht weit kommen werdet. Reißt das Ding run⸗ ter und die Sache iſt gut.“ „Es thut mir leid, Ihnen dieſen Gefallen nicht thun zu können und meine erſte Entſcheidung wiederholen zu müſſen.“ „Nun denn,“ rief der alte Mann mehr verdrießlich als zornig, „ſo ſoll Euch Alle der Deibel holen!“ Mit dieſen Worten warf er ſein Pferd herum und galoppirte zu ſeiner Truppe zurück. Oldenburg war froh, daß die Unterredung zu Ende war. Sein ſchneller Blick hatte ihm gezeigt, daß das gütige Zureden des Majors ſeinen Einfluß auf die Menge nicht verfehlt hatte und daß mehr als Einer unentſchloſſen und zaghaft dreinſchaute. In einer Volksmenge verraucht der größte Enthuſiasmus ſo ſchnell. Er wandte ſich um und rief: „Iſt Einer unter Ihnen, der es füßer findet, für das Vaterland Dritter Band. 155 und die Freiheit leben zu bleiben als zu ſterben, der můge es jetzt ſagen! Noch iſt es Zeit.“ Die Männer ſtanden regungslos und lautlos. Wohl mochte manches Herz ſtärker gegen die Rippen pochen; aber Jeder fühlte, daß der Würfel geworfen und daß jetzt umzukehren, ſchimpflicher Verrath ſei. Da ſchlugen drüben die Trommeln den Sturmmarſch und ihr eherner Klang ſchmetterte die letzten Bedenken weg. „Jeder Mann an ſeinen Poſten!“ rief Oldenburg mit einer Stimme, die hell wie Trompetenton das Raſſeln der Trommeln über⸗ tönte;„kein Schuß fällt, kein Stein wird geſchleudert, bevor ich das Zeichen gebe.“ Oldenburg blieb auf der Barricade ſtehen und ſah die Colonne im Sturmſchritt heranrücken. In der Mitte die Tambours und der Major, der mit ſeiner Grabesſtimme commandirte: „Bataillon halt! Legt an! Feuer!“ Die Salve krachte, die Kugeln hagelten in die Barrikade und gegen die Wände der Häuſer. „Gewehr rechts, Marſch, Marſch!“ „Hurrah!“ ſchrien die Soldaten, indem ſie ſich mit gefälltem Bajonnet gegen die Barricade ſtürzten. „Hurrah!“ ſchrie Oldenburg, indem er noch immer auf der Bar⸗ ricade ſtehend, den Hut ſchwenkte. Und die Büchſen der Barricadenvertheidiger krachten und die Steine praſſelten von den Dächern auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten hinab, und als der Rauch und Staub ſich verzog, ſah man die Compagnie, die in kriegeriſcher Ordnung heranmarſchirt gekommen war, in wilder Verwirrung fliehen, vorauf ein reiterloſes Pferd und zwiſchendurch kleine Gruppen von drei, vier Mann, welche Todte oder Verwundete eiligſt aus dem Bereiche der Barricade trugen. Von den Männern des Volks war nur einer, und ſelbſt der durch keine feindliche Kugel verwundet. Der alte Carabiner war bei dem erſten Schuſſe geſprungen und ein Stück davon hatte den Neben⸗ mann des Schützen leicht am Kopf geſtreift. Dieſer Unfall trug in⸗ deſſen nur zur Erhöhung der guten Laune bei. Man ſchrie Hurrah, 156 8 Durch Nacht jun Licht. man gratulirte einander, man lachte, man ſcherzte, man war in der beſten Stimmung. Es gab vielleicht in dieſem Augenblick nur Einen hinter der Barricade, der die Siegesfreude nicht theilte und das war Oldenburg. Von der Nothwendigkeit des Kampfes war er ebenſo überzeugt, als ihm ein glücklicher Ausgang deſſelben problematiſch war. Er hatte die Februartage in Paris mit durchlebt und durchfochten und der Unterſchied der beiden Revolutionen konnte ihm nicht entgehen. Dort hatte er ein Volk geſehen, das mit dem vollen Bewußtſein der Un⸗ haltbarkeit der Regierung, gegen welche es ſich auflehnte und mit dem vollen Verſtändniß der Situation in den Kampf zog— hier fand er die größte Unklarheit über die endlichen Ziele, und zum Theil die naiveſte Unkenntniß in Betreff der gegenwärtigen Lage. Aber iſt es doch nicht immer die freie, geiſtgeborne That, deren der Genius der Menſchheit zu ſeinen Zwecken bedarf. Wirkt er doch auch in dem dunklen Triebe, der aus geheimnißvollen Tiefen unauf⸗ haltſam zum Lichte drängt. Wenn dieſe harmloſen und im Grunde wenig politiſchen Menſchen, welche die geringſten Zugeſtändniſſe zur rechten Zeit befriedigt haben würden, nicht für den freien Staat der Zukunft, ſondern nur gegen die brutale Herrſchaft einer einzelnen Kaſte fochten— die großen Folgen konnten nicht ausbleiben, und wer ein krankes Glied abſchneidet, rettet dadurch vielleicht den ganzen Körper. So ſuchte ſich Oldenburg die ſchweren Bedenken, die ihm die Phyſiognomie dieſer Revolution einflößte, weg zu philoſophiren. Er war auf dem Platze vor dem Schloſſe geweſen, als die verhängniß⸗ vollen zwei Schüſſe, die das Signal zum Ausbruch wurden, fielen, und das Militair ſeine erſten Attaquen en masse auf das wehrloſe Volk machte. Er und andere wackere Männer hatten vergeblich dem Blutvergießen Einhalt zu thun geſucht, indem ſie ſich mit Gefahr des Lebens durch die Soldaten drängten und den commandirenden Officieren den Wahnſinn dieſer Metzeleien klar zu machen ſich be⸗ mühten. Offener Hohn und im beſten Falle mürriſch grobe Abweiſung war Alles, was man ihren Gründen entgegenzuſetzen hatte. Als Oldenburg ſah, daß er ſo nichts mehr nützen könne, und daß es bis Dritter Band. 157 zum Aeußerſten gekommen ſei, hatte er Melitta's Wohnung in der Langen Straße zu erreichen geſucht, um ſie und die Kinder vor dem hereingebrochenen Sturm in Sicherheit zu bringen. Aber er hatte einen weiten Umweg machen müſſen, denn ſchon hielt das Militair alle Zugänge von der Schloßſeite her beſetzt und nur mit Mühe entging er mehrmals der Gefahr verhaftet zu werden. So kam es, daß er erſt in dem Augenblick im Hotel garni anlangte, als die ver⸗ ſammelte Menge unſchlüſſig deliberirte, ob man ſich ernſtlich zur Wehr ſetzen ſolle oder nicht. Oldenburg ließ ſich nur eben noch ſo viel Zeit, im Hötel nach Melitta zu fragen, wo er denn zu ſeiner Freude vernahm, daß ſie ſchon ſeit einer Stunde mit den Kindern zu Frau Doctor Braun(in eine Vorſtadt, bis zu welcher der Aufſtand ſchwerlich dringen konnte) gefahren ſei, und dann hatte er ſich, von ſeiner einzigen Sorge befreit, mit ausgebreiteten Armen in den Strom der Revolution geworfen. Und jetzt ſtand er, nachdem der erſte Sturm glücklich zurück⸗ geſchlagen war, mit über der Bruſt gekreuzten Armen auf der Barri⸗ cade an einer ſichern Stelle, von wo er zugleich die Bewegungen des Feindes, und den Raum hinter der Verſchanzung überſchauen konnte, und erwartete voll Ungeduld die Rückkehr Bergers, der ſich mit einer Patrouille aufgemacht hatte, um wo möglich noch mehr Waffen auf⸗ zutreiben und ſodann die Verbindung mit den nächſten Barricaden herzuſtellen. Denn bis jetzt fehlte es noch gänzlich an einer Orga⸗ niſation des Aufſtandes. Kein gemeinſamer Plan machte ein gemein⸗ ſames Handeln möglich; an jeder Barricade wurde eine iſolirte Schlacht geſchlagen. Dazu kam, daß es bereits ſtark zu dunkeln begann, und die Nacht, wenn ſie auch dazu beitragen mochte, das Militair über die Stärke ſeines Feindes im Unklaren zu laſſen, doch auch ſchon die nur allzu große Verwirrung auf Seiten des Volks noch ſteigern mußte. Berger, der in dieſem Augenblicke kam, brachte noch einige Gewehre, aber ſonſt wenig tröſtliche Kunde. Die nächſten Straßen waren zwar ebenfalls verbarricadirt, aber die Barricaden meiſtens ſehr ſchwach conſtruirt und noch ſchwächer beſetzt, zumal, die in der unmittelbar benachbarten Schweſternſtraße. „Ich glaube, ſie werden ſich dort nicht allzulange mehr halten, 158 Durch Nacht zum Licht. ſagte Berger,„und dann ſind wird verloren, weil uns das Militair durch dieſe enge Gaſſe hier“— er deutete auf die Gertrudenſtraße, welche an dem Hötel garni vorbei aus der Langenſtraße in die Schweſternſtraße führte—„in den Rücken kommen kann. Wir müſſen nothwendig auch dieſe Gaſſe ſperren und beſetzen, was mit leichter Mühe geſchehen wird; ich habe Oswald und Schmenckel den Auftrag gegeben, dieſe Arbeit auszuführen.“ „Wem?“ ſagte Oldenburg, der keine Ahnung hatte, wie Oswald hierher kommen ſollte und ſich deßhalb verhört zu haben glaubte. Aber er hatte keine Zeit Berger's Antwort abzuwarten, denn ſchon ertönte wiederum der Sturmmarſch und die zweite Compagnie rückte heran. Diesmal ritt der Major nicht auf ſeinem Schimmel mit. Der alte Mann, den bei dem erſten Sturm eine Kugel am Kopf verwundet hatte, war bereits auf dem Wege in's Lazareth. Der zweite Sturm war hartnäckiger, wenn auch nicht erfolgreicher, als der erſte. Der commandirende Hauptmann ließ in raſcher Folge drei Salven hinter einander geben, und dann warfen ſich die Soldaten mit großem Ungeſtüm auf die Barricade. Aber da Oldenburg mit vollem Bedacht ſein Feuer bis zu dieſem Moment aufgeſpart hatte, ſo war der Anprall höchſt verderblich für die Stürmenden, die in allernächſter Nähe von den Kugeln und Dachziegeln ſo arg mit⸗ genommen wurden, daß ſie abermals ihre Todten und Verwundeten mit ſich ſchleppend, eilend den Rückzug antraten. Aber diesmal hatten auch die Vertheidiger ihre Verluſte. Ein junger Mann, der ſich unbeſonnen ausgeſetzt hatte, wurde durch die Bruſt geſchoſſen und war auf der Stelle todt, einem Andern hatte eine von der Mauer zurückprallende Kugel den Arm zerſchmettert. So hatten die Barricadenmänner die Bluttaufe bekommen, und jetzt erſt fühlten ſie ſich mit der Sache der Revolution unauflöslich verbunden. Männer, die ſich heute zum erſten Male ſahen, ſchüttelten einander die Hände und gelobten ſich, zuſammen auszuharren und bis in den Tod gegen die Tyrannei zu kämpfen. Frauen, die ſonſt jedem Volkshaufen ſorgſamſt auszuweichen pflegten, gingen zwiſchen den Kämpfern umher und reichten ihnen Wein und Brod. Unter dieſen Samariterinnen zeichnete ſich eine durch ihre ſtattliche Erſcheinung Dritter Band. 159 und ihre ehrwürdigen grauen Haare aus. Es war die Frau Haupt⸗ mann, die heute Abend für ihre Leidenſchaft, den Durſtigen zu tränken, den Hungrigen zu ſpeiſen und dem Kranken beizuſtehen, reichliche Nahrung fand. Und nun wurden auf Oldenburgs Rath, der die Vortheile dieſer Maßregel von Paris her kannte, in den Fenſtern aller Häuſer, die von der Barricade beherrſcht wurden, Lichter entzündet und ſo eine feierliche Illumination improviſirt, zu welcher der volle Mond, der klar und mild aus dem blauen Frühlingshimmel herabſchaute, reich⸗ lich beiſteuerte. Es war ein ſeltſamer Gegenſatz: die hehre Ruhe dort oben in den himmliſchen Gefilden und hier unten die in dem Fieber der Revolution zuckende Stadt, in welcher ſich das Geheul der Sturm⸗ glocken mit dem Krachen der Kanonen, dem Gepraſſel des Kleingewehr⸗ feuers und dem Hurrahrufen und Wuthgeſchrei der Kämpfer ver⸗ miſchte. Und um das grauſige Bild noch grauſiger zu machen, wälzten ſich jetzt über die Dächer fort lange glühende Rauchwolken. Es war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen, welche die Stadt einzuäſchern drohten;— wer hatte heute Nacht Zeit, zu löſchen und zu retten! Oldenburg ſuchte mit den Augen Berger, der aber nirgends zu entdecken war. Er wollte ihn fragen, was es mit Oswald zu be⸗ deuten habe, denn es fiel ihm jetzt ein, daß er vorhin eine Geſtalt geſehen hatte, die ihn flüchtig an Oswald Stein erinnerte. Da er⸗ tönte lautes Geſchrei aus der Gertrudengaſſe her und einige Schüſſe krachten. Oldenburg, der nicht anders glaubte, als daß das Militair die Barricade der Schweſternſtraße genommen habe und jetzt durch die Gertrudengaſſe herandringe, raffte eilig einen Theil ſeiner Leute zuſammen und ſtürzte mit ihnen die Gaſſe hinein. In der That war hier ein Ueberfall im Werke geweſen und die Gefahr nur durch Schmenckels Rieſenkraft und Oswalds und Bergers todesmuthige Tapferkeit abgewendet worden. Oswald hatte ſich den Barricadenbauern in der Gertrudengaſſe angeſchloſſen, um Oldenburg, den er zu ſeiner nicht geringen Ver⸗ wunderung mitten in dem Volksgewühl auf der Treppe des Hötels als Redner und hernach als Anführer der Barricade erblickt hatte, 160 Durch Nacht zum Licht. aus den Augen zu kommen. Es war ihm unmöglich, dem Manne, den er bald wie ein höheres Weſen verehrt, und bald als ſeinen ſchlimmſten Feind gehaßt hatte, jetzt gegenüberzutreten, und ſo den alten Streit in ſeinem Buſen von neuem anzufachen. Er war ſo müde, ſo ſterbensmüde! Der Sturm um ihn her war Wiegengeſang für ſein müdes, krankes Herz, und während er bei dem erſten Sturm auf die Barricade, den er noch mit abſchlagen half, die Kugeln um ſich pfeifen hörte, dachte er nichts, als: möchte doch eine davon für dich beſtimmt ſein! Er ſprach dieſes Gefühl gegen Berger aus, als ſie, auf der fertigen Barricade der Gertrudengaſſe ſitzend, ſich einen Augenblick von ihren ungeheuren Anſtrengungen ausruhten. „Nein,“ erwiderte Berger,„ſo iſt es nicht recht. Der Tod als ſolcher bezahlt die Zechen nicht, er zerreißt die unbezahlten Rechnungen nur und wirft ſie den Gläubigern vor die Füße. Aber der Tod für die Freiheit, ja— der bezahlt ſie.“ Er ergriff Oswalds Hand, ſich ſcheu umſehend, wie um ſich zu vergewiſſern, daß ihn Niemand höre: „Ich fürchte mich vor dem Leben, Oswald. Eine ſchauerliche Zufluchtsſtätte iſt der Tod, aus dem man wieder erwachen kann. Der Tod des Selbſtmörders iſt nach meiner Philoſophie ſolch ein Tod; wäre er das nicht, ſo hätte ich mir ſchon längſt das Leben genommen. Denn ſterben, um vor ſich ſelbſt zu fliehen, iſt leichter, als für An⸗ dere zu leben. Ich habe es jetzt erfahren. Ich habe aus dem Kelch des Menſchenſohnes, der ſich zu den Zöllnern und Sündern ſetzt, getrunken; aber der Trank iſt grauenhaft bitter, Oswald! Im Anfang hatte ich noch Muth und Kraft; aber jetzt, nachdem ich es kaum ein halbes Jahr geführt, iſt mein Muth geſchwunden und meine Kraft gebrochen. Meine Nerven ertragen es nicht mehr. Darum habe ich dieſen Tag, an dem das Volk ſich endlich emporgerafft hat aus ſeiner ſchmachvollen Apathie, mit namenloſem Jubel begrüßt. Wenn ich für mein Volk ſterben kann heute, wo ich es zum erſten Male ſeit einem Menſchenalter nicht verächtlich finde— ſo iſt dies ein Glück, wie ich es ſo groß und ſchön nimmermehr gehofft habe. Und dann,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„iſt mir heute auch noch viel anderes 1 Dritter Band. 161 Glück beſchieden. Ich habe meinen älteſten und am meiſten gehaßten Feind und meinen jüngſten und am meiſten geliebten Freund wieder⸗ gefunden.“ Er drückte Oswald's Hand, der lächelnd ſprach: „Den älteſten Feind wiedergefunden? das nennen Sie ein Glück?“ Berger erzählte Oswald mit wenigen Worten ſeine Begegnung mit dem Grafen Malikowsky heute Morgen, und daß Schmenckel, der mit ihnen gewaltig an der Barricade gearbeitet, der Vater des Fürſten Waldernberg ſei.„Der Proletarier eines Fürſten Vater, der Fürſt eines Proletariers Sohn— das gäbe einen hübſchen Stoff zu einem modernen Romane,“ ſagte er mit düſterem Lächeln. „Vielleicht kann ich Ihnen ein Pendant zu Ihrer Geſchichte geben,“ erwiderte Oswald; und er theilte Berger die Entdeckungen mit, die er vor wenigen Stunden in Betreff ſeiner Geburt gemacht hatte. „Das iſt wunderbar,“ ſagte Berger:„ſehr wunderbar. Und ſagteſt Du mir nicht, daß Du Helene geliebt haſt?“ „Mehr als mein Leben.“ „Und haſt die Welt und ihre Herrlichkeit doch von Dir gewieſen, um treu zu bleiben Deiner alten Fahne?“ Oswald ſchüttelte den Kopf. „Nein, Berger,“ ſagte er;„ich bin nicht ſo gut und ſo groß, wie Sie in Ihrer Güte und Größe glauben. Sie konnte nie die meine werden. Es war zu viel geſchehen, das ſich nie vergiebt und noch weniger vergißt. Ich hatte ihr eine Andere vorgezogen und ſie mir einen Andern. Eben jener Fürſt Waldernberg war ihr Ver⸗ lobter.“ „Iſt er es denn nicht mehr?“ „Nein. Ich fand ſie im Begriff, die Stadt zu verlaſſen. Sie hat ſich noch in der zwölften Stunde darauf beſonnen, daß ſie ein Herz im Buſen trägt, deſſen Sehnen aller Reichthum der Welt nicht ſtillen könnte.“ „Wunderbar, wunderbar!“ murmelte Berger,„Ihr Beide, der Baronenſohn, der ſich zu den Proletariern hält, der Proletarierſohn, der unter den Fürſten ſitzt, Nebenbuhler um die Gunſt derſelben Fr. Spielhagen's Werke. XI. 11 162 Durch Nacht zum Licht. Dame! und ſie Dich verſchmähend, weil ſie von Deiner noblen Ab⸗ kunft keine Ahnung hat, und den Fürſten wählend, weil ſie glaubt, daß in ſeinen Adern dasſelbe Blut rollt, auf das er ſo ſtolz iſt. Schade, ſchade, daß dies die Welt nicht weiß und wiſſen darf. Sie würden dann vielleicht dahinter kommen, was es mit dem Unterſchiede von adeligem und bürgerlichem Blut auf ſich hat!“ „Sie ſcheinen es mit dieſem Unterſchied jetzt allerdings nicht mehr ſo genau wie früher zu nehmen; ich erinnere mich einer Zeit,. wo Sie es für eine moraliſche Unmöglichkeit erklärten, der Freund eines Adligen zu ſein.“ „Du ſpielſt auf meine Freundſchaft zu Oldenburg an,“ ſagte Berger ruhig.„Ich ſage Dir, Oswald, wenn es je einen Menſchen gab, der es verdiente, daß man ihn liebt und ehrt, ſo iſt es Olden⸗ burg. Wenn es überhaupt einem Menſchen möglich geweſen wäre, mich mit dem Leben wieder auszuſöhnen, ſo war es Oldenburg. Wenn ich mich je vor einem Menſchen demüthigen und meinen Herrn und Meiſter in ihm erkennen könnte, ſo wäre es wiederum Oldenburg. Ich weiß, daß Du ihm grollſt, weil die Frau, die Du verlaſſen haſt, in ihm ſchließlich ihre Welt fand. Das iſt nicht recht, Oswald! Oldenburg hat ſtets mit Freundſchaft von Dir geſprochen. Es wäre mir ſehr lieb, Oswald, wenn ich Euch verſöhnt wüßte, bevor ich von Euch auf immer ſcheide.“ „Erſt kommt die Reihe an mich,“ ſagte Oswald;„wiſſen Sie, Berger, was Sie in Grünwald ſagten? Du wirſt vor mir ſterben, ſagten Sie, die große Schlange hat ein zähes Leben und Du biſt weich, viel zu weich für dieſe harte Welt.“ „Das war damals. Dies letzte Jahr hat die große Schlange alt und ſtumpf gemacht. Doch, was iſt das?“ Ein Lärm, der aus einer Kellerkneipe, deren Treppe nicht weit vor ihnen mündete, herauftönte, machte die beiden Männer von ihren Sitzen auffahren. Sie ergriffen ihre Waffen und eilten, gefolgt von anderen Männern, die mit ihnen die Barricade beſetzt hielten, dem Keller zu, wo jetzt raſch hintereinander mehrere Schüſſe fielen. Es waren dies dieſelben Schüſſe, die auch Oldenburg aus ſeiner momentanen Ruhe auf der Barricade in der Langen Straße emporgeſchreckt hatten.„ Dritter Band. 163 Siebenzehntes Capitel. Albert Timm war nach dem heftigen Wortwechſel mit Oswald ſtehen geblieben und hatte dem Enteilenden mit einem ſo grellen Lachen, daß die Vorübergehenden ihn verwundert anſchauten, nach⸗ geblickt; dann war er in einer andern Richtung davongeeilt, heftige Worte vor ſich hinmurmelnd, mit den Zähnen knirſchend und die Fäuſte ballend. Albert Timm war wüthend, und er hatte von ſeinem Standpunkte einige Urſache dazu. Seine Lage war eine verzweifelte. Die Schulden, die er in Grünwald und anderswo hinterlaſſen hatte, drückten ihn nicht beſonders— er war groß im Ertragen ſolcher Laſt!— aber auch mit der geringen Baarſchaft, die er mit nach der Reſidenz genommen, war er ſchon ſeit mehreren Tagen zu Ende, und wenn ſelbſt das nicht ſo viel ſagen wollte, ſo waren doch all die herrlichen Ausſichten auf eine glänzende Zukunft, wie ſie ihm ſeine lebhafte Pbantaſie vorgegaukelt hatte, zerſtoben wie bunte Seifenblaſen. So hatte er, ſich und die ganze Welt verfluchend, ſchon mehrere Straßen zurückgelegt und kam jetzt in Quartiere, wo die Revolution ſchon ihre Fahne erhoben hatte. Er freute ſich deſſen, nicht weil er irgendwelche Sympathien für die Sache des Volks und der Freiheit gehabt hätte, ſondern aus dem inſtinctiven Bewußtſein, daß er, der Abenteurer, der Heimathloſe, in einer Zeit, wo alles drunter und drüber ging, zwar nichts verlieren, möglicherweiſe aber viel gewinnen könnte. Das gab ihm ſeine ganze Elaſticität wieder; er ſchrie luſtig Hurrah mit der Menge, ſtimmte aus voller Kehle in den Ruf:„Zu den Waffen! auf die Barricaden!“ ein, und hatte ordentlich ſeine herzinnige Freude, als der Lärmen und Tumult, je weiter er nach dem Duſtern Keller— dem Ziel ſeines Weges— kam, in raſcher Progreſſion wuchs. So gelangte er in die Lange Straße, gerade in dem Augenblicke, als auch Oswald und Berger von einer andern Seite dort eintrafen. Er bemerkte die Beiden wohl, auch Herrn Schmenckel, der, um Berger zu ſprechen, welcher ihm in dem Hötel garni ein Rendez⸗vous gegeben hatte, gekommen war. Durchaus 164 Durch Nacht zum Licht. nicht gewillt, ſich vor ſeinen beiden Feinden ſehen zu laſſen, drückte er ſich auf die Seite und wollte eben in die Gertrudenſtraße hinein⸗ biegen, als er ſich von Jemand am Rockſchoß feſtgehalten fühlte. Als er ſich umſah, erblickte er ſeinen Freund und Gönner, Ehren Jeremias Gutherz. „Nun, wie iſt's abgelaufen?“ fragte der geheime Poliziſt, der mittlerweile Timms Freundſchaft ſich erworben und in die Intriguen deſſelben vollkommen eingeweiht war. „Alles vergebens!“ erwiderte Timm ärgerlich,„Mühe und Arbeit umſonſt, ganz umſonſt! Ich könnte die beiden Schufte“— er deutete auf Oswald und Schmenckel—„in der Hölle braten laſſen.“ „Hm, hm!“ ſagte der Geheime;„das müßt Ihr mir in Ruhe erzählen. Kommt mit zu Roſalien; aber erſt wollen wir doch noch hören, was der verrückte Profeſſor dort zu ſagen hat.“ „Kennt Ihr den?“ fragte Timm. „St! wir kennen ihn!— belogenes Volk— ſehr gut!— zu den Waffen— ausgezeichnet! warte! Dich wollen wir kriegen! Und da kommt ja auch noch der lange pommerſche Baron, der in den Volksverſammlungen ſo aufrühreriſche Reden führt— da haben wir ja das ganze Neſt zuſammen!— Barricaden bauen— bravo! Hurrah! † alle Mann an die Barricade, hurrah!“ ſchrie der Geheime und ſchwenkte ſeinen Hut in vortrefflich geſpielter Begeiſterung. Dann griff er Timm beim Arm und ſagte:„Nun wollen wir machen, daß wir wegkommen, ſonſt bauen uns die Kerle noch mit in die Barricade hinein.“ Die beiden Spießgeſellen drückten ſich in die Seſ und verſchwanden im Duſtern Keller. Frau Roſalie Pape empfing ſie mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: „Nun, Ihr Schäfchen, kommt Ihr mit vollem Beutel? hat's ge⸗ fleckt, he?“ „Halt's Maul!“ ſagte der Geheime,„und ſchaff uns Bier, wir müſſen bald weiter.“ „Ohne mir geſagt zu haben, wie's ſteht mit“— ſagte die wür⸗ dige Matrone entrüſtet und machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens. Dritter Band. 165 Herr Timm zuckte ſtatt der Antwort mit den Achſeln und zog die beiden leeren Taſchen ſeines Beinkleides heraus. Frau Pape war eine choleriſche Natur, und das Fehlſchlagen ſo großer Hoffnungen erfüllte ſie mit einer gerechten Indignation, die ſich in einer Fluth von Schimpfwörtern, von welcher einige Tropfen auch auf den Geheimen und Timm ſpritzten, Luft machte.„Aber ich will's dem Schmenckel, dem Dickwanſt eintränken,“ rief ſie;„er ſoll mir nur wieder kommen und ſein Bier, wie gewöhnlich nicht bezahlen können, ich will ihm heimleuchten, dem cRten Lüderjan!“ In dieſem Augenblick ertönten die Salven von dem Sturm auf die Barricade in der Langen Straße. Und faſt unmittelbar darauf erſchallte großer Lärm vor den Kellerfenſtern. Man begann die Barricade zu bauen, welche die Gertrudengaſſe ſperren ſollte. Der Geheime und Timm, die durch eines der Fenſter verſtohlen heraus⸗ ſchauten, ſahen Oswald, Berger, Schmenckel und andere Männer bei der Arbeit. Sie retirirten, gefolgt von der Wirthin tiefer in den Keller hinein. „Das ſieht reizend aus!“ ſagte der Geheime,„wir ſind von allen Seiten eingeſchloſſen, und wenn ſie uns hier finden, ſchlagen uns die Schufte wo möglich todt.“ „So ſchlimm ſteht es noch nicht,“ ſagte das Weib,„ich will Euch glücklich hinausbringen. Kommt nur mit!“ Sie führte die Beiden aus dem letzten Zimmer durch eine Thür ein paar Stufen hinab in einen noch tiefern Keller, der als Vorraths⸗ raum diente. An der Mauer brannte ein Gasflämmchen. Das Weib drehte die Flamme höher. „So!“ ſagte ſie,„nun geht durch die Thür!“— ſie deutete auf eine eiſerne Thür der Wand gegenüber;„Ihr kommt dann auf einen langen ſchmalen Hof; auf dem haltet Euch links; ſo kommt Ihr durch das Haus von meinem Brauer auf die Schweſterſtraße. Adieu!“ „Iſt ſie immer offen?“ fragte Timm, als er fand, daß die eiſerne Thür nicht verſchloſſen war. „Nur heute,“ erwiderte Röschen,„wir müſſen noch mehr Bier herein haben. Die Kerle ſind ja wie die Schwämme.“ ———————————————— 166 Durch Nacht zum Licht. Als die Ehrenmänner durch die eiſerne Thür auf den Hof des Nachbarhauſes, von dieſem in das Haus und ſo ſchließlich oberhalb der Barricade auf die Schweſternſtraße, die an dieſem Theil ſchon von Militair beſetzt war, gelangt waren, blieben ſie ſtehen und blickten ſich an. Ein und derſelbe Gedanke ſchoß Beiden durch den Kopf. „Das wäre eine famoſe Mauſefalle,“ ſagte Timm. „Wenn Ihr dabei helfen wollt,“ erwiderte der Geheime,„ſo habt Ihr bei dem Präſidenten gewonnen Spiel. Wir brauchen ſolche Leute wie Ihr. Ich habe ſchon auf alle Fälle über Euch mit dem Alten geſprochen.“ „Und Rache an den verdammten Schuften hätten wir obenein.“ „Die Sache iſt freilich nicht ohne Gefahr,“ meinte der Geheime. „Wer nicht wagt, nicht gewinnt,“ ſagte Timm;„der Gedanke, meine Freunde auf eine ſo angehme Weiſe zu überraſchen, iſt zu ſpaßhaft. Wenn Ihr nicht von der Partie ſein wollt, thu' ich es allein.“ „Nun denn, kommt,“ ſagte der Geheime;„wollen ſehen, ob die Herren vom Militair darauf eingehen.“ Und die Beiden ſchritten geradewegs auf den Oberſt von Schna⸗ belsdorf zu, der wüthend über den hartnäckigen Widerſtand der Barricaden in der Langen⸗ und Schweſternſtraße, die er zu nehmen commandirt war, umgeben von ſeinen Officieren, in einiger Ent⸗ fernung hielt. Als Frau Roſalie, nachdem ſie ihren Freunden fortgeholfen, in das Schenklokal zurückgelangte, fand ſie Herrn Schmenckel mit zehn oder zwölf andern Barricadenmännern, die ſich hier nach den Strapazen gütlich thun wollten. Es waren meiſtens alte Kunden des Duſtern Kellers, dieſelben haarbuſchigen Geſellen, die man ſo manche Nacht vorher hier hatte die Köpfe zuſammenſtecken und auf die„verrotteten Zuſtände, die ſchändliche Polizeiwirthſchaft, die verthierte Soldateska“ hatte ſchimpfen hören. Herr Schmenckel hatte immer in hohem An⸗ ſehen bei dieſen Leuten geſtanden; jetzt, wo man geſehen, daß er nicht blos freimüthig reden, ſondern auch muthig handeln konnte, war er der gefeierte Held des Tages. Dritter Band. 167 Unter dieſen Umſtänden hielt Roſalie es für gerathener, die Ausführung ihrer Drohungen lieber noch etwas aufzuſchieben und die Bedienung der Barricadenmänner dem hübſchen Elischen zu über⸗ laſſen, während ſie ſelbſt ſich an das Comptvir ſetzte. Das hübſche Elischen wollte Herrn Schmenckel, deſſen Galanterie durchaus univerſaler Natur war, ganz beſonders wohl. Sie hatte vorhin einen Theil des Geſprächs zwiſchen der Wirthin, Timm und Gutherz mit angehört, und es war ihr ſehr verdächtig vorgekommen, daß ſich die Beiden durch die Hinterthür entfernt hatten. Elischen glaubte ihrem Liebling von dem Geſchehenen Mittheilung machen zu müſſen, und wäre es auch nur geweſen, um Herrn Schmenckel zu be⸗ weiſen— was ſie ſchon hundertmal behauptet hatte— daß Frau Roſalie eine falſche Katze ſei. Schmenckel verkannte keinen Augenblick die Wichtigkeit von Elischens Mittheilungen. Wenn es im Keller eine Hinterthür gab, durch die man auf die Schweſterſtraße gelangen konnte, und Timm und Gutherz,(dem Schmenckel gar nicht traute), dieſe Thür kannten, ſo war es jedenfalls ſehr räthlich, nachzuſehen— ob dieſe Thür auch wohl verſchloſſen ſei. Schmenckel ließ Elischen von ſeinem Schvoß auf den Boden gleiten und erzählte den Männern am Tiſch, was er ſo eben gehört. Alle waren ſeiner Meinung, daß unverzüglich eine Recognoscirung nach dieſer Seite vorgenommen werden müßte. In dem Augenblick, als die Männer ihre Waffen ergriffen und ſich nach der Thür wandten, die in den von Elischen bezeichneten Lagerkeller führte, wurde die⸗ ſelbe von der andern Seite geöffnet und ein Haufe Soldaten ſtürzte herein, zwiſchen ihnen Albert Timm und der Geheime. Das ſo plötzliche Erſcheinen der blanken Helme und Gewehre und die Schüſſe, welche die Soldaten, glücklicherweiſe ohne zu treffen, abfeuerten, erfüllten Einige der Barricadenmänner mit einem ſo paniſchen Schrecken, daß ſie Hals über Kopf die Kellertreppe hinauf auf die Straße ſtürzten. Hier begegneten ihnen Berger und Oswald, die durch die Schüſſe herbeigerufen waren, und nun Schmenckel zu Hülfe eilten, der bis jetzt ganz allein gegen die Uebermacht kämpfte. Schmenckel hatte einem der Soldaten das Gewehr, das jener ſo eben erfolglos auf ihn abgefeuert hatte, entriſſen, und mit dem 168 Durch Nacht zum Licht. Kolben, und, als dieſer abgeſprungen war, mit dem eiſernen Lauf ſo mächtig auf die Eingedrungenen losgeſchlagen, daß bereits zwei oder drei kampfunfähig am Boden lagen und die Andern in vollem Ent⸗ ſetzen zur Thür wieder hinausretirirten. Dort aber trafen ſie auf ihre nachfolgenden Kameraden, und ſo entſtand eine fürchterliche Ver⸗ wirrung, die grauenhaft wurde, als Oswald, Berger, Schmenckel und die andern Männer, die ſich von ihrer Ueberraſchung erholt hatten, mit ihnen zugleich in den Lagerkeller drangen, der nun der Schauplatz eines überaus grimmigen Kampfes wurde. Die Angreifer waren in dieſem Augenblick vielleicht um die Hälfte ſtärker als ihre Gegner, und dazu waren ſie viel beſſer be⸗ waffnet; aber dieſe Vortheile wurden durch die ungeſtüme Tapferkeit Bergers und Oswalds und vor allem durch Schmenckels Rieſen⸗ kraft reichlich aufgewogen. Der gewaltige Mann ſchwang unermüd⸗ lich ſeine fürchterliche Waffe und kein Streich fiel vergeblich auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten. So mähte er ſich bis zu der Thür durch, die auf den Hof führte, und zu der jetzt einige der im Keller befindlichen, von Entſetzen erfaßten Soldaten hinauswollten, während immer neue von jener Seite nachdrangen. Und nun hatte er dies Ziel erreicht. Mit den unwiderſtehlichen Händen ein paar der zwiſchen Thür und Angel Eingekeilten am Genick packend und ſie in den Keller hinreißend, ſchlug er die ſchwere eiſerne Thür zu, ſchob den gewaltigen Riegel davor, lehnte ſich mit ſeinem breiten Rücken dagegen, und rief, während er ſeinen Flintenlauf im Wirbel ſchwang: „Nun haben wir's Häufle beiſammen, Profeſſor! Naus und nein kommt keiner mehr. Dafür laſſen's nur den Caspar ſorgen.“ Das Grauſige dieſer entſetzlichen Scene, wo in einem engen, dumpfigen, kaum erhellten, unterirdiſchen Raume Menſchen wie wilde Thiere gegen einander wütheten, hatte jetzt ſeinen höchſten Grad 6 erreicht. Die Angreifer wehrten ſich wie Verzweifelte; aber da ihnen die donnernden Kolbenſtöße ihrer Kameraden gegen die eiſerne Thür keine Hülfe gewährten, ſo war der endliche Ausgang des Kampfes nicht zweifelhaft. Doch hätte das Gemetzel noch lange dauern können, wenn jetzt nicht Oldenburg mit einem Theil ſeiner Mannſchaft von Dritter Band. 169 der Barricade in dem Keller erſchienen wäre und gedroht hätte, jeden Soldaten, der nicht ſofort die Waffen ſtrecken würde, augenblicklich über die Klinge ſpringen zu laſſen. Die Soldaten, welche keine Aus⸗ ſicht auf Rettung mehr hatten, ergaben ſich, und ſtiegen einer nach dem andern aus dem tieferen Keller in das Lokal, wo ſie ſofort ent⸗ waffnet wurden. Die armen Menſchen gewährten einen jämmerlichen Anblick. Es war kaum Einer unter ihnen, der nicht mehrere Wun⸗ den davon getragen hätte. Ihre ſchmucken Uniformen zerfetzt, athem⸗ los, bleich vor Schrecken und Ermattung, mit Staub und Schmutz und Blut beſudelt— ſo ſtanden ſie da— umringt von den Barri⸗ cadenmännern, unter denen ebenfalls faſt keiner war, der nicht ähn⸗ liche Spuren des Kampfes an ſich getragen hätte. Aber noch barg der Keller Fürchterlicheres. Als man mehr Licht berbeigeſchafft hatte, entdeckte man, daß zwei Körper regungslos in ihrem Blute lagen, ein Soldat und ein Civiliſt. Der Soldat hatte ſich auf ſeiner wil⸗ den Flucht das Bajonnett ſeines eigenen Gewehrs durch die Bruſt gerannt und war wohl augenblicklich todt geweſen; dem Civiliſten hatte ein fürchterlicher Hieb den Schädel zerſchmettert; er röchelte noch, als man ihn die Treppe hinauftrug, verſchied aber nach wenigen Augenblicken. Man glaubte anfangs, es ſei einer der Barricaden⸗ männer, aber es kannte ihn Niemand. Auch Oswald trat an den Tiſch, auf dem der Todte lag, und als er einen Augenblick prüfend in das entſtellte Antlitz geſchaut hatte, ſah er zu ſeinem Entſetzen, daß die ſtarre blutende Maſſe Niemand anders war, als der König aller luſtigen Geſellen, der unerſchöpfliche Spaßvogel und Luſtig⸗ macher— ſein bnon compagno ſo vieler durchſchwärmter Nächte, derſelbe Mann, von dem er ſich vor wenigen Stunden in Hader und Streit getrennt hatte— Albert Timm. 170 Durch Nacht zum Licht. Achtzehntes Capitel. Eine Stunde ſpäter war in dem Kampf an der Brrricade der Langen Straße eine Pauſe eingetreten. Das Linienregiment, welches nun ſchon fünfmal vergeblich geſtürmt hatte, war durch einige Ba⸗ taillone Garde verſtärkt worden, die bis jetzt in der Fürſtenſtraße gekämpft und ſchon mehre Barricaden genommen hatten. Die Taktik dieſer Truppen beſtand darin, daß ſie nicht in ganzen Colonnen, ſon⸗ dern in aufgelöſten Schützenzügen rechts und links an den Häuſern der Straße ſo gedeckt wie möglich vorgingen, um ſich dicht vor der Barricade zu einer Sturmcolonne zu vereinigen. Aber wenn ſo ihre Verluſte weniger bedeutend waren, konnten ſie ſich doch auch keiner beſſern Erfolge rühmen. Die Belagerten ſparten ihr Feuer ſo ſyſte⸗ matiſch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven, die noch dazu ſeit der letzten Stunde viel kräftiger geworden waren, ſo kalt⸗ blütig ab, daß ihre Poſition geradezu uneinnehmbar ſchien. Wirklich hatte ſeit einigen Minuten das Feuern von Seiten des Militärs auf⸗ gehört, und die Barricadenmänner konnten ſich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verſchnaufen. Es that ihnen wahrlich Noth. Zum größeren Theil auf das Aeußerſte erſchöpft, pulvergeſchwärzt, faſt Alle leichter oder ſchwerer verwundet, ſaßen und lagen ſie einzeln und in Gruppen umher, wunderlich beleuchtet von dem rothen Lichte der Wachtfeuer, welche man mitten auf der Straße entzündet hatte, dem weißen Schein der Kerzen in den Fenſtern und den milden Strahlen des Vollmondes, der noch immer groß und ſtill oben in dem blauen Aether ſchwamm. Zwiſchen den Gruppen der Kämpfer ſah man Frauen und Mädchen, die ihnen aus den Küchen der Nachbarhäuſer Lebensmittel zutrugen. Auch an Wein und Bier fehlte es nicht, und es ſchien beinahe, als ob die Leute hier und da des Guten zu viel gethan hätten. Wenig⸗ ſtens erſchallte von Zeit zu Zeit aus einer oder der andern Gruppe, rohes Jauchzen, Johlen und Schreien, das aber meiſtens bald einer Stille Platz machte, die nach ſolchem Ausbruch doppelt unheimlich ſchien. ——— Dritter Band. W Auf einer der Barricade eingefügten Tonne ſaß Oldenburg. Er ließ die langen Beine herabhangen und blies mächtige Dampfwolken ans ſeiner Cigarre. Seine Miene war die eines Mannes, der eine ſchwere Verantwortung übernommen hat, aber vor derſelben nicht zurückbebt, weil er genau weiß, was er will und warum er es will. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß, wenn die Barricade über⸗ gehen ſollte, er an der Spitze der Männer, die er in den Kampf ge⸗ führt, fallen würde; aber daran dachte er am wenigſten. Der Tod für eine gerechte Sache hat für den Braven nichts Fürchterliches, ja Oldenburg glaubte etwas wie eine leiſe Todesſehnſucht in ſeinem Herzen zu verſpüren. Schien doch die ſüße, feſt gehegte Hoffnung, Melitta bald die Seine nennen zu dürfen, ſeit den letzten Tagen weiter als je hinausgerückt. Er konnte ſie nicht tadeln, daß die Er⸗ innerung ihres Verhältniſſes mit Oswald wie ein Alp auf ihrer Seele laſtete und es ihr unmöglich machte, die Augen muthig zu dem beſſeren und treueren Manne aufzuſchlagen; aber grade weil er das Gefühl, das ſie trennte, ehren mußte, ſtand er rathlos und hoffnungs⸗ los da. Er hatte ſich oft das Wort wiederholt, das Melitta, wenn ſie ihn traurig ſah, ſo rührend zu ſprechen wußte, das Wort Ge⸗ duld!— aber vergebens! er verzehrte ſich in der Ungeduld, für ſein Glück nichts thun zu können, als müßig die Hände in den Schvoß zu legen und auf ein unbeſtimmtes Etwas mit gläubiger Seele zu harren. Da brach die Revolution aus und Oldenburg athmete auf, wie Tauſende mit ihm. Hatte doch Jeder eine unerträgliche Laſt ge⸗ tragen, die er jetzt loszuwerden hoffte! Es war Oldenburg lieb, daß Melitta nicht zugegen war. Er hatte ihr gleich beim Beginn des Barricadenbaues durch den alten Baumann Kunde ſagen laſſen, und daß er ſie dringend bitte, an dem ſichern Orte, wo ſie ſei, zu bleiben. Er dachte bei ſich, als er den alten Mann entſandte: wir ſehen uns entweder nie oder glücklicher als vorher wieder; jetzt müßte nur noch Oswald da ſein und an meiner Seite für die Freiheit und Melitta kämpfen. Der Ausgang ſollte mir ein Gottesurtheil ſein und Melitta dem Ueberlebenden den Kranz des Siegers reichen. Und ſein Wunſch ging in Erfüllung. Seit einer Stunde kämpfte 172 Durch Nacht zum Licht. Oswald an ſeiner Seite, kämpfte, wie Jemand, dem der Tod lieber iſt, als das Leben. Wo es unter den feindlichen Kugeln eine ſchad⸗ haft gewordene Stelle der Barricade auszubeſſern, oder ſonſt etwas Gefährliches zu thun gab, da war Oswald ſicher zu finden, und da Oldenburg gerade die bedenklichſten Poſten für ſich ſelbſt in Anſpruch nahm, ſo kamen ſie ſehr oft dicht nebeneinander zu ſtehen. Aber ſo⸗ bald die Gefahr vorüber, zog ſich Oswald ſofort zurück, und Olden⸗ burg folgte ihm nicht, da die Abſicht, ihm ausweichen zu augenſchein⸗ lich war. Und doch drängte es den edlen Mann, in dieſer Stunde, die vielleicht für die Beiden die letzte werden konnte, dem ehemaligen Freunde zu ſagen, daß ſie, was auch geſchehen war, vergeſſen und ſich die Hand reichen wollten, die ſo tapfer für eine große und gute Sache zu ſtreiten wußte. Oldenburgs Blicke hafteten auf Oswald, der in einiger Ent⸗ fernung von ihm, die Büchſe in der Hand, mit Berger neben einem der Wachtfeuer ſtand. In der wechſelnden Beleuchtung traten die Geſtalten bald in ein helles Licht, bald flog ein blauer Schatten über ſie hin. Das gab ihnen etwas Seltſames, Ueberirdiſches. Olden⸗ burg mußte an die Schemen denken, die an den Ufern des Acheron dem Fährmann winken. Er erhob ſich und trat auf die Beiden zu. „Was meinen Sie, meine Herren,“ ſagte er,„werden wir uns dieſer Ruhe lange erfreuen?“ „Ich glaube,“ erwiderte Oswald;„ſie haben ſich entweder nur verſchoſſen, oder ſie ziehen noch Verſtärkungen heran.“ „Das Letzte iſt wohl das Wahrſcheinlichere. Was meinen Sie, Berger?“ Berger hatte, die Arme über der Bruſt gekreuzt und mit den großen Augen unverwandt in die Flamme ſehend, dageſtanden. Plötzlich ſtreckte er die Hände vor ſich hin und ſagte in einem hohlen geiſterhaften Ton: Horch! ſie kommen! Die Erde zittert unter ihnen. Wie ſie die Gäule peitſchen, die es müde ſind, immer neue Gewaltsmittel gegen das arme Volk herbeizuſchleppen! Da ſpringen ſie herab. Und nun ſtopft nur die eheren Schlünde voll bis zum Berſten, wir wollen—“ ——— Dritter Band. 173 „Berger!“ ſagte Oldenburg, ihm die Hand auf den Arm legend. Berger zuckte zuſammen, wie Jemand, der jäh aus einem tiefen Traume geweckt wird. Er blickte verſtört umher. „Was giebt's?“ fragte er, Oldenburg anſtarrend. „Sie ſind durch die übermäßigen Anſtrengungen erſchöpft, Ber⸗ ger, legen Sie ſich eine Stunde hin. Ich will Sie rufen laſſen, wenn es Noth thut.“ „Erſchöpft,“ ſagte Berger, indem er wieder in einen träumeri⸗ ſchen Zuſtand zurückfiel;„ja wohl erſchöpft, bis zum Tode erſchöpft; aber deshalb genügt auch eine Stunde nicht. Wenn ich ſchlafen ſoll, ſo ſei es wenigſtens den ewigen Schlaf!“ In dieſem Augenblick trat Schmenckel, der die Wache auf der Barricade gehabt hatte, an die Gruppe heran und ſagte: „Es iſt halt etwas Beſonderes im Werk; ich glaube es geht jetzt mit Kanonen los.“ Berger fuhr in die Höhe. „Sagte ich es nicht?“ rief er,„jetzt naht die Stunde der Ent⸗ ſcheidung. Auf, auf, ihr wackern Männer, alleſammt! Noch einen luſtigen Tanz mit den ſchlangenhaarigen Furien des Lebens und dann zur ewigen Ruh' in die kühle Todesnacht. Auf! auf!“ Bei dieſem Ruf ſprangen Einige der Kämpfer empor von ihren Lagerſtellen am Feuer, griffen zu den Waffen und eilten Berger nach an ihre Poſten. Andere blieben liegen und lachten über den blinden Lärm. Aber auch ſie waren raſch genug auf den Beinen, als jetzt ein Schlag, der die Häuſer in ihren Grundveſten erbeben machte, losſchmetterte und Kartätſchenkugeln in die Barricade und gegen die Häuſerwände praſſelten. „Jetzt wird es ernſt,“ ſagte Oldenburg, ſich zu Oswald wendend. Aber der Platz, wo Oswald geſtanden hatte, war leer. „Er weicht mir aus,“ ſprach Oldenburg traurig;„und doch, mein Gewiſſen iſt rein; ich habe mir nichts gegen ihn vorzuwerfen.“ Er eilte nach der Barricade, wo jetzt die Anweſenheit des Haupt⸗ manns nöthiger war als je. Zu der einen Kanone, die den Reigen eröffnete, hatten ſich jetzt och drei andere geſellt, und beinahe ununterbrochen krachte der Don⸗ 174 Durch Nacht zum Licht. ner und raſſelte der eiſerne Hagel gegen die Barricade. Es war kein Zweifel: man wollte Breſche legen und dann den Sturm mit vorausſichtlich beſſerem Erfolge wiederholen. Oldenburg, der das Leben der Leute nicht unnütz auf's Spiel ſetzen wollte, hatte Befehl gegeben, ſo gedeckt wie nur möglich ſich aufzuſtellen und das Feuer der Belagerer nicht zu erwidern, ſondern jeden Schuß bis zu dem Augenblick des Sturmes aufzuſparen. Außerdem hatte er die Stein⸗ ſchlenderer auf den Dächern um das Doppelte verſtärkt. Zuletzt wählte er die Männer, die ſich bisher am muthigſten gezeigt hatten, zu einem Elitecorps aus, das ſich dem ſtürmenden Feinde blindlings entgegenwerfen und kämpfen ſollte, bis die Anderen Zeit gehabt hätten, ſich hinter die Barricaden der Nebenſtraße zu retten. Oldenburg hatte kaum dieſe Anordnung getroffen, als die Bat⸗ terie mit noch fürchterlicherer Gewalt zu arbeiten begann und dann plötzlich verſtummte. Einen Augenblick tiefe Stille. Tiefe Stille, und dann der eherne Klang von zwanzig Trom⸗ meln, die den Sturmmarſch ſchlagen. Und mit jedem Schlage rückt die Colonne näher heran— eine lebendige Mauer, ſcheinbar unauf⸗ haltſam in ihrem Andrang. Kein Laut erſchallt auf der Barricade. Oben auf den Dächern 3 ſtehen die Männer und Knaben, die ſchweren Steine in den Händen; in den Fenſtern der Häuſer, an den Schießſcharten der Barricade 4 ſelbſt lauern die Schützen, die Büchſe halb zu Wange ſchon erhoben. Und mit dem Tacte der Trommeln rückt die lebendige Mauer heran. Deutlich ſchon ſieht man die ſchmucken Gardeuniformen; man ſieht die bartloſen Geſichter der Leute und das ſchwarze, finſtere bärtige Antlitz des rieſigen Officiers, der voranſchreitet. Und jetzt ruft der Officier ein Commando, das die Trommeln verſchlingen, und wie er mit dem blitzenden Degen winkt, rufen die Soldaten: Hurrah! hurrah! hurrah! und ſtürzen eilenden Laufs heran. Aber ehe ſie die Barricade erreichen, krachen zwanzig Feuerſchlünde, ſchmet⸗ 6 tern Hunderte von Steinen in die lebendige Mauer und ſie ſchwankt 7 und wankt wie eine Meereswoge, die mit vorüberhängendem Kamm gegen den Felſenſtrand heranſchäumt. Dritter Band. 175 Doch rollt ſie weiter und jetzt prallt ſie gegen die Barricade. Der Officier reißt mit ſeinen Händen große Stücke heraus. Nichts ſcheint ſeiner Rieſenſtärke widerſtehen zu können. Da ſpringt ihm ein Mann im Sammtrock, der als Waffe den Lauf eines Gewehrs ſchwingt, von dem der Kolben abgebrochen iſt, entgegen. Als der Officier den Mann erblickt, taumelt er wie vom Blitz getroffen zurück und ſchreit ſeinen Leuten zu:„Halt! halt!“ Sie ſtehen. Die Barricadenmänner benutzen dieſe Pauſe und geben eine volle Salve. Der Officier fällt mit dem Geſicht vornüber todt zur Erde; mit ihm ſtürzt ein halbes Dutzend ſeiner Leute mehr oder weniger ſchwer verwundet. Ein fürchterlicher Schrecken bemächtigt ſich der Soldaten. Vergebens ſuchen die Officiere ſie in den Kampf zu treiben. Die Barricade iſt abermals gerettet; man ſchreit einmal über das andere Hurrah, man umarmt ſich mit Thränen der Freude in den Augen. Aber der Sieg iſt theuer erkauft. Während ein Theil der Beſatzung die halb zerſtörte Barricade wieder aufbaut, iſt der andere Theil mit den Verwundeten und Todten beſchäftigt. Der im Sammtrock trägt den Leichnam eines Mannes herbei, der in der erſten Reihe wie ein Held gefochten hat, und von den feindlichen Bajonnetten durchbohrt, an ihrer Seite gefallen iſt. Oldenburg eilt herbei, ihnen zu helfen. „Iſt er todt?“ Sa Sie legen ihn neben einem der Feuer hin auf die Erde. Das bleiche Antlitz iſt ſo ſtill, ſo voll Frieden, und um die blaſſen Lippen ſchwebt ein ſanftes, ſeliges Lächeln.. Oldenburg ſchaut zu Oswald herüber, den an der andern Seite neben der Leiche kniet. Er erſchrickt. Das Antlitz des jungen Man⸗ nes iſt eben ſo bleich, wie des Todten Antlitz, und ſeine Augen ſtieren wie im Wahnſinn. „Mein Gott, Oswald, ſind Sie verwundet?“ „Ich fürchte, ja,“ erwidert Oswald und ſinkt neben Bergers Leiche zuſammen. 176 Durch Nacht zum Licht. Ueurzehntes Capitel. Seit der Nacht der Barricaden iſt die Sonne zweimal aufge⸗ gangen. Ein wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt. Von dem lichten Himmel heben ſich ſcharf die prächtigen Paläſte ab, deren gewaltige Säulen und reichgeſchmückte Frieſe in der goldenen Morgenſonne gebadet ſind. Und in der goldenen Morgen⸗ ſonne baden ſich auch Tauſende und aber Tauſende glücklicher Men⸗ ſchen, die in unabſehbaren feſtlichen Schaaren die Stadt durchwallen. All den Wallern iſt zu Sinn, wie frommen Pilgern, die lange, lange Zeit durch öde Wüſten, über rauhe Gebirge nach dem heiligen Bilde einer Madonna zogen, und jetzt haben ſie die Heilige erſchaut und ſie hat ihnen Vergebung der Sünden und Frieden, Freude und muthiges Vertrauen in's Herz zurückgelächelt. Jetzt ziehen ſie wieder zur Hei⸗ math, ſtill und bewegt, oder laut in frommen Liedern die Heilige preiſend, die ſo große Wunder an ihnen gethan... „Armes, wunderſüchtiges Volk! Als ob alle Heiligen des Kalen⸗ ders dir helfen könnten, wenn du dir ſelbſt nicht hilfſt! Als ob die Sünden eines Menſchenalters in einer Nacht geſühnt, als ob ein todt⸗ kranker Staat in einem Tage geſunden könnte! Du willſt ſchon ver⸗ geben und vergeſſen, Denen, die dir noch nie, nie etwas vergeben, und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen geſündigt, niemals vergeſſen haben; noch tragen deine Häuſer die Spuren des brudermörderiſchen Kampfes, noch ſind die Dächer, deren Steine du in deiner Verzweif⸗ lung auf die Köpfe deiner Feinde hinabſchleuderteſt, abgedeckt; noch iſt das Pflaſter nicht wieder eingefügt, das du aufriſſeſt, dir einen Wall zu ſchaffen gegen frechen Uebermuth; noch find die Todten nicht begraben, die ihr Blut für dich vergoſſen,— noch harren auf ihrem Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlöſung—“ Es war Oldenburg, der zu ſich ſelbſt die Worte ſprach, während er an dem Fenſter eines Zimmers in dem Hötel garni ſtehend, hinab⸗ ſchaute auf die Menſchen, die jetzt über dieſelbe Stätte fröhlich zogen, Dritter Band. 177 wo vorgeſtern Nacht die Barricade ragte, an der mit ſolcher Erbitte⸗ rung und Hartnäckigkeit gekämpft wurde, und deren heldenmüthige Vertheidigung ſo viele Opfer gefordert hatte. Das Hötel beherbergte zwei dieſer Opfer. Unten, ein paar Fuß von der Straße, auf welcher die fröhlichen Menſchen vorüber wimmelten, lag in einem Sarge ein bleicher Mann, von deſſen Wangen ein grauer Bart weit auf die breite Bruſt heräb⸗ floß über eine tiefe Wunde, der vorgeſtern Nacht das Blut des edel⸗ ſten Herzens entſtrömt war. Und hier in dieſem ſelben Zimmer lag auf ſeinem Leidenslager hingeſtreckt ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwär⸗ mers tödtlich verwundet wurde, und deſſen üppige Jugendkraft bis zu dieſer Stunde unter unſäglichen Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte. Nach dem Sturm, bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing, hatte das Militair keinen neuen Angriff ge⸗ macht; ſei es, daß man die Poſition wirklich für uneinnehmbar hielt, ſei es, daß die ſchwankenden Gemüther, bei denen die Entſcheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, ſei es, daß der Tod des Fürſten Waldernberg, der mit einer an Raſerei grenzenden Kühnheit den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine Beſtürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Führer die Erfolgloſigkeit eines abermaligen Verſuchs vorausſehen ließ. Man hatte ſich begnügt, von Zeit zu Zeit durch eine Kartät⸗ ſchenladung die Barricadenmänner aufzuſchrecken; endlich war gegen fünf Uhr Morgens der letzte Schuß gefallen. Oldenburg hatte auf ſeinem Poſten ausgehalten, bis er ſich über⸗ zeugte, daß in der That kein abermaliger Angriff zu befürchten ſtehe und das Militair Befehl zum Rückzug erhalten habe. Dann erſt hatte er Schmenckel, der als ſein treuer Knappe kaum von ſeiner Seite gewichen war, zu ſich gerufen und ſie hatten zuſammen die ſchon halb abgeräumte Barricade, als die letzten Aller, verlaſſen. Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Thränen in den Wimpern erzählt, daß der Officier, der vor ihren Augen gefallen, Fr. Spielhagen's Werke. XII. 12 Durch Nacht zum Licht. ſein Sohn geweſen ſei. Oldenburg hatte den ſehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Caspar ſehr verworrenem Leben mit nicht geringem Erſtaunen angehört, beſonders die Geſchichte der letzten Tage— die Intriguen des unſeligen Albert Timm, deſſen Leichnam in das Hospital getragen war, des wackeren Jeremias Gutherz, der den Ueberfall in dem„Duſteren Keller“ geleitet und der der Erſte geweſen war, der ſich aus dem Staube machte; die Conferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der Fürſtin Letbus, und daß Timm ihm auch geſagt habe, auf welche Weiſe er aus Oswald Stein alle Tage, die er wolle, einen Baron Grenwitz machen könne. Oldenburg kannte die Welt und beſonders die vornehmen Re⸗ gionen, in welche Schmenckels Geſchichten hineinſpielten, zu genau, als daß er an der Möglichkeit, ja Wahrſcheinlichkeit ſolcher Vor⸗ kommniſſe hätte zweifeln ſollen. Wußte Oswald von ſeiner Abſtammung?— doch das war ja am Ende ſo gleichgiltig! Es war nicht anzunehmen, daß der Tod zwiſchen dem Sohne des Barons Harald oder des Sprachlehrers Stein einen beſonderen Unterſchied machen würde, und Oswald ge⸗ hörte dem Tode. Eine Stunde nach ſeiner Verwundung war es entſchieden. Um dieſe Zeit kam die erſte ärztliche Hülfe, deren ſich die Barricade zu freuen hatte, in der Perſon des Doctor Braun, der in Begleitung Melitta's anlangte. Melitta war noch bei Sophie geweſen, als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes brachte, und daß Oldenburg in der Langen Straße die Barricade commandire. Melitta war ſogleich entſchloſſen geweſen, zu Oldenburg zu eilen, und Sophie ſah nur zu wohl, daß es Franz in einer Stunde, wo Tau⸗ ſende ihr Leben auf's Spiel ſetzten, nicht im Hauſe litt, und trug es deshalb ſtill, als er erklärte, Melitta begleiten zu wollen. Der alte Baumann und Bemperlein, der ebenfalls anweſend war, ſollten bei Sophie bleiben und ſich ihrer und der Kinder annehmen. Melitta und Franz hatten einen mühſeligen Weg, bis ſie endlich nach mehrſtündiger Wanderung auf den größten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens ihr Ziel erreichten. — Dritter Band. Das Wiederſehen mit der Geliebten entſchädigte Oldenburg tau⸗ ſendmal für Alles, was er ihrethalben gelitten hatte. Melitta um⸗ armte und küßte ihn unter Thränen in Brauns Gegenwart, ſie hing ſich an ſeinen Arm, ſie konnte ſich nicht trennen von dem, den ſie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte, und den ſie jetzt, von Pulver geſchwärzt, in der ganzen Glorie ſeiner ſtolzen Mannheit wiederſah, bis er ihr in's Ohr flüſterte, daß drinnen im Hötel Oswald auf den Tod verwundet liege. Da hatte Melitta ihren Arm aus ſeinem Arm gezogen und hatte— ernſt und bleich, aber nicht beſtürzt— geſagt, daß ſie den Kranken pflegen wolle, wie es ihre Pflicht ſei. Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen— eine Ewig⸗ keit für Die, welche am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten, der ſich jetzt in ſeinen Raſerei im Bette aufbäumte, ſo daß es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte, ihn zu halten, und ein anders Mal in ſich überſtürzender Haſt die Bilder ſchilderte, die ſich in wahnſinniger Fülle durch ſein überreiztes Gehirn drängten. So hatte er, der ſonſt ſo Verſchwiegene, das Geheimniß ſeiner Geburt enthüllt und damit Niemand ſo ſehr überraſcht, als die gute Frau Hauptmann, die ſich lange nach ihrer Marie geſehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte, nur, um ihn ſterben zu ſehen. Die alte Dame ſchwebte wie ein guter Geiſt lautlos durch das Zimmer und wenn ſie gerade im Augenblicke nicht beſchäftigt war, ſah man, wie ſie die Hände faltete und betete, daß ihr der Sohn der geliebten Tochter erhalten bleiben möge. Aber dazu war ſchon ſeit dem erſten Augenblick keine Hoffnung mehr geweſen. Franz hatte ſofort erklärt, daß Oswald ſterben müſſe, daß er einen, höchſtens zwei Tage noch leben könne. Indeſſen ſei es möglich, daß er vor dem Tode noch einmal zum Bewußtſein erwache. Melitta ſah dieſem Augenblick, wenn er ja eintreten ſollte, mit Wehmuth entgegen. Sie wußte jetzt, daß ſie Oswald nur als einen unglücklichen Bruder liebe. Oswald hatte in ſeinen Phantaſien ihren Namen nicht einmal über die Lippen gebracht; er hatte immer nur von einer lieben, ſchönen Frau geſprochen, gegen die er arg geſündigt 12 180 Durch Nacht zum Licht. habe, und die ihm, was er an ihr gefrevelt, nicht verzeihen könne. Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen Thränen ausgepreßt; und Melitta hatte ihm die Thränen von den Wangen gewiſcht und nur immer gewünſcht, ſie könnte ihm ſagen, daß ſie ihm längſt ver⸗ ziehen habe. Da ſeufzte der Verwundete ſo tief, daß Oldenburg ſich ſchnell im Fenſter umwandte und an das Bett trat, an welchem Melitta ſaß. Aber das Seufzen war kein Schmerzenslaut geweſen, der tiefe Athem⸗ zug einer Bruſt, von der eine unerträgliche Laſt genommen iſt. Was Franz vorhergeſagt hatte, war eingetreten— die Schmerzen waren verſchwunden und mit ihnen die letzte Hoffnung des Lebens. So lange die Schmerzen in den von der Kugel zerriſſenen Ein⸗ geweiden gewüthet hatten, war der Geiſt des Aermſten in einen Ab⸗ grund des Schreckens verſenkt geweſen, unter Larven, die ihn aus ihren hohlen Augen geſpenſtig anſtierten, unter Ungeheuer, die ihre ſcharfen Zähne in ſein Fleiſch hackten, unter Todte, die in ihre Laken gehüllt dahin huſchten, und wenn ſie an ihm vorüberkamen, ein liebes, ſtarres Antlitz entſchleierten. Und immer finſterer war der Abgrund geworden— durch enge Höhlengänge mußte er ſich quetſchen, ver⸗ folgt von dämoniſchem Geheul, das an den Felſengewölben gräßlich widerhallte,— glühendheißer Höllenbrodem rings um ihn her.. Da hörte er eine Stimme ſeinen Namen rufen: Oswald! Oswald! Und vor dem ſilbernen Klang dieſer lieben fanften Stimme ver⸗ ſchwanden die Larven und die Geſpenſter, verſtummte das Heulen der Dämonen. Die engen heißen Höhlengänge erweiterten ſich zu hohen, luftigen Gewölben, die ſich zu bewegen und hin⸗ und herzuwiegen begannen, ſo daß es nun keine Steinbogen mehr waren, ſondern die majeſtätiſchen Kronen uralter Rieſenbäume, durch deren. dichtes Laub fingende Vögel hüpften und hier und da goldige Sonnenſtrahlen ſpielten. Und abermals: Oswald! Oswald! ertönte die Stimme und er flog dem Klange nach durch die blauen Waldesſchatten, über mooſigen Grund, durch welchen ſilberne Waſſeradern ſickerten. Und lichter, immer lichter wurde es um ihn her— aus der kühlen Däm⸗ merung heraus, an deren Rande er gern verweilte, ſchaute ſein Auge — — — Vdamit iſt die blutige Ernte noch nicht vollendet. Dritter Band. in ein Land voll blühenden Lebens, goldiger Ernten und lachenden Sonnenſcheins. Und wie ſein Auge ſich des ungewohnten Anblicks erlabte, ſchwebten her über die blumigen Auen und die reifenden Kornfelder Hand in Hand zwei hohe ſchöne Geſtalten. Zuerſt er⸗ kannte er ſie nicht, aber als ſie näher und immer näher kamen, er⸗ kannte er ſie wohl. Es waren Oldenburg und Melitta Und er ſtreckte ihnen die Arme entgegen und ſagte:„Ihr guten Menſchen, könnt Ihr mir verzeihen?“ Da neigten ſie ſich zu ihm und er fühlte ihre Küſſe auf ſeinen Lippen. Er hätte laut aufweinen mögen vor ſeliger Luſt, aber er vermochte es nicht. Eine ſüße Müdigkeit goß ſich durch ſeine Glie⸗ der. Er wollte die Augen aufſchlagen, aber eine warme, liebe Hand deckte ſich darüber, das Land voll Ernten und Sonnenſchein verſank, die hohen Geſtalten verſchwebten in weichen Nebeln, lauter rauſchte es aus dem Wald, tiefer und tiefer tauchte er zurück in die kühle Dämmerung, und dann ward es Nacht— uranfängliche, ewige Nacht. Und wieder iſt die leuchtende Frühlingsſonne zweimal aufgegan⸗ gen, wieder trägt die ungeheure Stadt ein feſtliches Kleid; aber die Farbe dieſes Kleides iſt die der Trauer, denn das Feſt, das ſie feiern, iſt ein Todtenfeſt. Schwarze Fahnen wehen von den Thürmen und den Zinnen des Schloſſes, Trauerflore ſieht man überall aus den Fenſtern hangen, mit Trauerfloren ſind die Hüte der Frauen, ſind die Hüte der Män⸗ ner, ſind die Arme der Unzähligen alle umwunden, die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen, wo zwiſchen den im Mittagsſonnenſchein gebadeten Tempeln auf einer Eſtrade die Särge Derer ſtehen, die in der Schreckensnacht fielen— einhundert⸗ ſiebenundachtzig Särge— einhundertſiebenundachtzig Todte— darunter Frauen und Kinder— unſchuldige Blumen, die dem grauſen Schnit⸗ ter, als er die Garben mähte, aus denen die Saat der Freiheit emporblühen ſollte, unter die erbarmungsloſe Senſe kamen. Und ſelbſt Noch liegen in den Durch Nacht zum Licht. Hospitälern, in den Häuſern überall in der Stabt Schwerverwundete, von denen noch Mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer ſchauen wird. Und nun beginnen von allen Thürmen in feierlichen Klängen die Glocken zu läuten,— dieſelben Glocken, die in der Barricadennacht den Schlachtruf heulten. Die kirchliche Handlung iſt vollendet. Der Zug ſetzt ſich in Bewegung. Ein Zug wie ihn die Stadt nimmer ſah, wie er vielleicht einzig iſt in der Welt Geſchichten. Da ſchweben die gelben, von reichen Kränzen umwundenen Särge, in unabſehbarer Reihe auf den Schultern der Bürger hin durch die blaue Frühlingsluft und zwanzigtauſend Menſchen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit. An jedem Sarge iſt ein Zettel mit dem Namen des Todten. Namenloſe Namen! Wer war Oswald Stein? wer war Eberhard Wolfgang Berger?.. Was thut der Name? was thut es, was ſie im Leben waren? was ſie im Leben thaten und litten, fehlten und ſündigten, ſtrebten und irrten? Der Tod für die Freiheit krönt alles Streben, ſühnt alle Schuld. Das fühlten auch die Hunderttauſende, die rechts und links in gedrängten Reihen am Wege ſtehend, den Zug an ſich vor⸗ überziehen laſſen, und vor jedem Sarge die Häupter ehrfurchtsvoll entblößen. Und ſo geht der unabſehbare Zug lang und langſam in lautloſer feierlicher Stille zum Thore hinaus nach ſeinem Ziel, dem Hügel vor der Stadt, wo von den Barricadenkämpfern an den Tagen vorher ein großes Viereck ausgeſchaufelt iſt. Der Zug geht in die Grube hinein. Die Träger ſetzen ihre Särge ſtille nieder und ſchreiten weiter, und ſo die Anderen, bis der Zug hindurch iſt. Und die Tauſende ſtellen ſich in andächtigem Schweigen rings umher. Gewehrſalven krachen, und an den Gräbern ſeiner Märtyrer betet ein ganzes Volk. Für wen? Für die Todten? ——— Dritter Band. 183 ruhe, in ihrem ewigen Schlaf. Aber die Lebenden! Ihnen iſt nicht das ſchlechtere, doch das ſchwerere Loos gefallen. Sie ſollen ſchaffen und wirken in dem heißen Staub der Alltäglich⸗ keit, raſtlos, ruhelos, denn nimmer ſchläft die Tyrannei. Sie ſollen arbeiten und wachen, daß die Nacht nicht wieder hereinbreche, in welcher es dem Braven unheimlich und nur dem Schlechten heimlich war, die Nacht, durch deren dunkle Schatten ſo viele romantiſche Larven und phantaſtiſche Geſpenſter huſchten, die Nacht, die ſo arm war an geſunden Menſchen und ſo reich an problematiſchen Naturen, — die lange ſchmachvolle Nacht, aus welcher nur der Donnerſturm, der Revolution durch blutige Morgenröthe hinüberführt zur Freiheit und zum Licht. Sie bedürfen der frommen Wünſche nicht in ihrer kühlen Grabes⸗ Im Verlage von Otto Janke in Berlin iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: William Hogarth. Roman von A. E. Brachvogel. (Verf. des„Nareiß. ²) 3 Bde. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Der ſo allgemein beliebte Dichter hat in dieſem neuen Werke ſeiner Feder ein Kunſtgebilde geſchaffen, das ſeine übrigen hiſtoriſchen Romane weder an Fülle des geſchichtlichen Stoffs, Reichhaltigkeit und Spannung dramatiſch be⸗ lebter Handlung, noch an der Gröſte und hinreißenden Gewalt der Situationen irgendwie nachſteht. Brachvogel führt uns, ähnlich wie bei Friedemann Bach, in William Hogarth— dem Shakeſpeare der Palette— eine leidende, ringende, ſiegende und im Siege erſchütterte Künſtlernatur vor's Ange, die meiſt tragiſch bewegt, nur in kontemplativen Momenten ſeinen genialen Pinſel in die reichen Farben der Lebensironie taucht, eine Künſtlernatur, in der ſich ſowohl das unſterbliche Genie aus der Leidenſchaft gebiert, als auch die Unendlichkeit und— zugleich Endlichkeit alles Kunſtſchaffens hienieden bewahrheitet. Hogarth ſteht vor uns als der urſprüngliche, wahre Menſch, der ſich in allen Lagen des Daſeins, ja ſelbſt im Irrthum köſtlich bewährt, deſſen ſchlimmſte Fehler ſtets die innere ſittliche Liebenswürdigkeit leuchtend bewahren, der lebendige Sohn ſeiner Zeit, aber ragend in alle Zeiten!— Jeder Band des Werkes hat ſeine eigenen Vorzüge. Der erſte Band macht uns mit dem blendend reichen Coſtüme des Hofes Georg Il. vertraut; wir lernen die politiſchen Verwicke⸗ lungen der Zeit, die glühenden Parteiconflicte der Häuſer Stuart und Han⸗ nover, die conſpirationsluſtige Geſellſchaft, die Anhänger Walpole's, Hogarths 3 kennen— den Letztern ſehen wir noch in den traditionellen Anfängen der Lehr⸗ jahre befangen. Im 2. Band tritt uns der Hof Georgs II., Bolingbroke und das Parlament entgegen. Der 3. Band führt Hogarth in ſeiner Blüthe vor, Hogarth, den feinen Kenner und Zeichner der engliſchen Geſellſchaftszuſtände, welcher mit der Mythologie brach, um in ſtreng moraliſtrender Weiſe im Geiſte Popes, Swifts neben den Dichtern und Schriftſtellern auch als bildender Künſt⸗ ler ſeine Zeit, ihre Vorzüge und Laſter weltgerichtlich darzuſtellen. Der Roman genügt ſomit nach allen Seiten; Sprache und Darſtellung verleugnen den Dichter nicht, der die Kunſt verſteht, dem Leſer Theilnahme für die Perſonen und Zuſtände, die er vor ihm werden läßt, einzuflößen und wie Wenige Cultur⸗ Romane zu ſchreiben. Der Humor und bie Satyre, die Hogarth auszeichnet, finden in dem Schriftſteller, welcher dieſen Künſtler der deutſchen Leſewelt wieder vorgeführt, gleichfalls einen treuen Wiederhall. —————— —— ——— — ———— —— —— — —— — —— 2