Leihbibliothet 1. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literapir Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. t Seih- und Vſebedingungen.„ 1. Glensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. Leseprei Vei Rü S eines geliehenen⸗Buches wird von 5 4 ezahlt. Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun d den angenommen 3. Caution. Un eünte Perſonen müſſen, bei Entgegennahr ne eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 65 Büchen: auf 1 Monat: k 50 Pf..— Pf. sWärtige Whonner en haben für Hin⸗ und Zurücſendung Bücher auf e eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Druck und Verlag von Otto Janke. . Erſtes Capitel. Die„Penſionsanſtalt für Töchter höherer Stände“ in der Vor⸗ ſtadt von Grünwald war nicht ganz das Zuchthaus für junge Mäd⸗ chen, die nicht gut thun wollen— wie die Studenten von Grünwald und andere Spötter behaupteten; noch war die Vorſteherin des In⸗ ſtituts, Fräulein Amalie Bär— genannt die Bärin— durchaus der weibliche Drache, zu dem ſie die Läſterzungen gern gemacht hätten. Freilich ließ ſich nicht in Abrede ſtellen, daß am Tage die Rouleaur in den nach der Straße gehenden Fenſtern faſt immer herabgelaſſen waren und man nach neun Uhr Abends niemals mehr Licht in dem Hauſe erblickte; daß man die Penſionärinnen immer nur paarweiſe in einem mehr oder weniger langen, von einer Lehrerin geführten und von einer anderen Lehrerin geſchloſſenen Zuge auf den Promenaden ſah; daß kein Brief über die Schwelle des Hauſes kam oder ging, der nicht in dem Bureau des Fräuleins einer ſtrengen Cenſur unter⸗ worfen und gleichſam zuvor abgeſtempelt wurde; aber dieſe und ähn⸗ liche Anordnungen ſind zum Theil allen„Penſionsanſtalten für Töchter höherer Stände“ gemeinſam, zum Theil hatten ſie in diefem beſon⸗ deren Falle vielleicht eine beſondere Berechtigung. Unter den„höheren Ständen,“ auf deren weiblichen Nachwuchs das Inſtitut ſpeculirte, iſt faſt ausſchließlich der hohe Adel der Gegend zu verſtehen, da bürgerliche Mävchen ſehr ſelten angemeldet wurden und noch ſeltener Aufnahme fanden. Junge Damen von Adel aber, die auf dem Lande geboren und erzogen, in der doppelten Freiheit des Landlebens und der eximirten ſocialen Stellung aufgewachſeng ſind, die mit zwölf— Jahren ihre Ponys mit der Gewandtheit einer Kunſtreiterin tummeln, Fr. Spielhagen's Werke. KI. 1 X — 2 Durch Nacht zum Licht. und mit dreizehn Jahren den Humbug des geſellſchaftſichen Treibens oft beſſer kennen, als ihn andre Wädchen zu ihrem Glück vielleicht jemals kennen lernen; deren be e einziger männlicher Umgang überdies aus geſchäftigen Müſſiggängern: Krautjunkern, Officieren auf Urlaub und anderen Leuten von manchmal ſehr laxen Sitten be⸗ ſteht, ſolche junge Damen müſſen ein wenig kürzer geha wie ſonſtige Evatöchter, wenn die angebörene und anerzogene ſouve⸗ räne Willkür nicht vor der Zeit in üppige Blüthe ſchießen ſoll. So mochte denn Fräulein Amalie Bär, der verantwortlichen Hüterin dieſer koſtbaren, leicht zerbrechlichen Waare, die drakoniſche Strenge ihrer Hausordnung nicht ſo ſehr verdacht werden, ſo wenig wie der ſtrenge Blick ihrer vielleicht einſt ſehr ſchön geweſenen Augen und die Menge von Falten auf ihrer Stirn, die ſich jedes Jahr zu vertiefen und zu vermehren ſchienen. Sie war, wie ſo viele Menſchen, was ſie war, nicht, weil ſies gern war, ſondern weil ſie's ſein mußte. Es war ihr Beruf, ſtreng auszuſehen und Falten auf der Stirn zu haben, wie es der Beruf anderer Leute iſt, ſtets zu lächeln und ein ſo glattes Geſicht, als nur eben menſchenmöglich, zu machen. Aber, wie man auf die Autorität des größten Pſychologen hin, lächeln und immer lächeln und doch ein Schurke ſein kann, ſo iſt es auch möglich, das Ausſehen eines weiblichen Großinquiſitors und dabei ein echt weibliches, mildes, gütiges Herz zu haben. Fräulein Amalie Bär war der lebendige Beweis dieſ lichkeit. Fräulein Amalie Bär hatte es ſich blutſauer werden laſſen müſſen er Mög⸗ in ihrem Leben. Sie war eines armen Dorfpfarrers noch ärmere Tochter und begann mit vierzehn Jahren die dornenvolle Laufbahn einer Erzieherin in adeligen Familien auf dem Lande. Sie war ihrer Zeit ſehr hübſch und in Folge deſſen ſehr vielen Verſuchungen aus⸗ geſetzt; aber ſie hatte ſich aus allen Gefahren durch ihre Klugheit und Gewandtheit zu retten gewußt, bis ſie ſo alt wurde, daß es Niemand mehr in den Sinn kam, ſie zu verſuchen und ſie ſich von ihrem Gehalt und den Geſchenken, die ſie hin und wieder bekam, ſo diel zurückgelegt hatte, daß ſie ſich durch Gründung eines Penſionats eine Art von Unabhängigkeit verſchaffen konnte. Ihre von Jedermann lten werden, 05 Zweiter Band. anerkannte Ehrenhaftigkeit und Bravheit und die mancherlei Erfah⸗ rungen, die ſie auf dem Felde Frziehung gemacht hatte, berech⸗ tigten ſie zu einem ſolchen Unternehmen, und ihre vielfachen Verbin⸗ dungen mit adligen Familien ſicherten das Gedeihen desſelben. Sie hielt ſich an den Adel, weil der Adel ſie hielt; und nahm ungern Mädchen bürgerlicher Abkunf“ weil ſie ſicher ſein konnte, daß ſie für dieſe eine Penſionärin aus dem Bürgerſtande ſechs andere aus dem Adelſtande verlieren oder nicht bekommen würde. Indeſſen ging ſie von dieſem Princip doch ab, wenn der beſon⸗ dere Fall eine Ausnahme von der Regel dringend erheiſchte. So war es mit Sophie Robran geweſen. Der Geheimrath war der Arzt der Anſtalt und Fräulein Bär ihm zu vielfachem Dank verpflichtet. Es war daher ſelbſt Fräulein Amaliens adligen Kunden einleuchtend, daß ſie dem verwittweten Geheimrath die Bitte, an ſeiner Sophie ein paar Jahre lang Mutterſtelle zu vertreten, nicht wohl zurück⸗ weiſen konnte. Wie übertrieben die Fabeln von Fräulein Bär's Drachenhaftig⸗ keit waren, bewies am beſten ihr Verhältniß zu Sophie Robran. Sie war dem mutterloſen Weſen wirklich eine Mutter geworden; ſie hatte ſie behütet und beſchirmt vor jeder geiſtigen und leiblichen Gefährde, nicht um ihr Penſionhonorar ehrlich zu verdienen, nicht des guten Rufs der Anſtalt wegen, ſondern weil ſie das Kind von ganzem Herzen liebte, als ob's ihr eigenes geweſen wäre. Ja, Uebel⸗ wollende behaupteten, ſie habe das Mädchen weniger erzogen als verzogen; und ſo viel ſtand feſt, daß ſich Sophie— oder Sophiechen, wie die Bärin ſagte— erlauben durfte, was keine Andere, ſelbſt nicht Emilie von Breeſen, die zur ſelben Zeit in der Penſion wax, und für abſolut unzähmbar galt, ſich herauszunehmen wagte. Sophie durfte ihr mitten in der heftigſten Philippika gegen irgend eine Uebelthäterin, die etwas ganz Horribles begangen hatte(z. B. be⸗ hufs der beſſern Ueberſicht des am Hauſe vorüberpromenirenden Publichus runde Gucklöcher in die heruntergelaſſenen Rouleaux ge⸗ ſchnitten), um den Hals fallen und ſagen: Fräulein Malchen, Fräu⸗ lein Malchen, wer wird nur gleich ſo böſe ſein! Sophie durfte ihr Arbeitscabinet— jenes geheimnißvolle, von den jungen Damen nur 1* 4 Durch Nacht zum Licht. unter Schauern der Ehrfurcht betretene Adyton, in welchem die De⸗ peſchen an die Eltern expedirt und die angekommenen und abgehenden Briefe unterſucht und cenſirt wurden— zu jeder Zeit frank und frei betreten. Sophie durfte eben Alles. Aus dieſem Verhältniß der Lehrerin und ihrer Günſtlingin war ein Freundſchaftsverhältniß eigener Art geworden, nachdem Sophie die Penſion verlaſſen hatte und dem Hausweſen ihres Vaters als unumſchränkte Herrin vorſtand. Fräulein Bär ſchätzte Sophie's ge⸗ ſundes Urtheil ſehr hoch, verſchmähte es nicht, die ſo viel jüngere Dame in kritiſchen Fällen um Rath zu fragen; und, was noch mehr ſagen will, befolgte faſt immer den Rath, den dieſe mit der ganzen Unbefangenheit und Anſpruchsloſigkeit ihres Weſens, mehr im Scherz als im Ernſt, ertheilte. Ein ſolcher Fall war vor einigen Wochen eingetreten, als die Baronin Grenwitz ihre Tochter Helene„zur weiteren Ausbildung, beſonders in wiſſenſchaftlicher Hinſicht noch für einige Zeit in der Anſtalt aufgenommen wünſchte.“ Nun war dieſer Schritt in ſo fern ſchon auffallend genug, als Fräulein Helene ſoeben erſt aus einer anerkannt muſterhaften Penſion kam, in welcher ſie vier volle Jahre zugebracht hatte; er wurde aber noch viel auffallender dadurch, daß die Inſtructionen, welche Fräulein Bär von dem Baron einerſeits und von der Baronin andererſeits über das der jungen Dame zu gewährende Maß der Freiheit erhielt, ſchnurſtracks entgegengeſetzt waren. Wenn Fräulein Bär den ſchriftlich an ſie ergangenen Wünſchen der Baronin nachkam, ſo mußte ſie Helenen wie eine Staatsgefangene unter Schloß und Riegel halten; that ſie nach den mündlich an ſie gerichteten Bitten des guten alten Barons, der die Tochter in Perſon nach Grünwald escortirte, ſo mußte ſie der jungen Dame eine beinahe abſolute Freiheit gewähren. Da ſich die eine Erziehungsmethode eben ſo wenig wie die andere mit den in der Penſion herrſchenden Grundſätzen vertrug, ſo gerieth Fräulein Bär in eine nicht geringe Verlegenheit und ſie wandte ſich in dieſem Dilemma an ihre junge Freundin, von ihr Rath in dieſer myſteriöſen Angelegenheit zu heiſchen. Glücklicherweiſe hatte Sophie von ihrem Bräutigam Manches über die Verhältniſſe in Grenwitz erfahren und was ihr Franz unerklärt —————————— Zweiter Band. 5 gelaſſen hatte, ergänzte ſie durch die ihr, wie allen feinfühlenden Frauen, eigenthümliche Divinationsgabe. „Man hat Helene mit einem unwürdigen Menſchen verheirathen wollen,“ ſagte die junge Dame, als ſie bald nach Ankunft Helenens mit ihrer mütterlichen Freundin in dem geheimnißvollen Adyton des Arbeitscabinets über die Grenwitzer Verhältniſſe conferirte,„und Helene hat ſich, wie es recht und billig iſt, gegen eine ſolche Zu⸗ muthung aufgelehnt. Dafür hat man ſie auf eine Zeit lang aus dem elterlichen Hauſe verbannt. Wollen Sie nun durch übertriebene Strenge das ſchon ſo harte Loos des Mädchens noch härter machen? Gewiß, Fräulein Malchen, das werden Sie nicht! Thun Sie, was der Vater wünſcht. Behandeln Sie Helene nicht als eine Schülerin — denn dazu iſt ſie zu alt; behandeln Sie ſie als ein junges Mädchen, das vor einer thranniſchen Mutter und einem allzuſchwachen Vater, von denen jene ſie mißhandelte und dieſer ſie nicht zu ſchützen vermochte, zu Ihnen ſeine Zuflucht genommen hat. Denn das iſt, ſo viel ich ſehen kann, das Wahre an der Sache.“ Als Sophie ſo ſprach, ahnte ſie freilich nicht Oswald's Liebe für Helene, und Helenen's Liebe für Oswald, die, wenn ſie ihr bekannt geweſen wäre, ſie vielleicht etwas anderes hätte ſprechen machen, und als ihr ſpäter aus Franz' Berichten über die Kataſtrophe in Grenwitz und noch mehr aus einzelnen Aeußerungen Helenen's dieſer ſo überaus wichtige Punkt klar zu werden begann, ſprach ſie auch noch nicht anders, weil ihr das Weiterplaudern eines Geheim⸗ niſſes, über das ſie mit ſich ſelbſt noch nicht einmal im Reinen war, ein Verrath an ihrer Freundin ſchien. Denn das war ihr mittler⸗ weile Helene geworden; zum mindeſten war ſie mit inniger Neigung dem ſchönen Mädchen zugethan, wenn ſie auch ſehr daran zweifelte, daß die ſtolze, vornehm⸗ruhige Helene ihre Liebe in demſelben Maße erwiderte. Die Muſik hatte das Verhältniß zwiſchen den beiden jungen Damen vermittelt. Sie liebten beide dieſe edle Kunſt ſchwär⸗ meriſch und fanden mit Entzücken, daß ſie ſich nicht nur in dieſer ge⸗ meinfamen Liebe begegneten, ſondern auch in ihrem Wiſſen und Können ergänzten. Sophie war die Gelehrtere. Die Geheimniſſe des Generalbaſſes— für Helene ein Buch mit ſieben Siegeln— ———— 6 Durch Nacht zum Licht. waren ihr erſchloſſen, dafür war Helenens muſikaliſche Empfindung wenn nicht tiefer, ſo doch vielſeitiger. Im Vergleich mit Sophie war wiederum Helene eine Stümperin auf dem Clavier, dafür hatte ſie aber eine herrliche, umfangreiche, wohl geſchulte Altſtimme, während Sophie, wie ſie ſelbſt ſagte, nicht einen Ton in der Kehle hatte. So konnten denn die jungen Damen ſtundenlang, entweder auf Helenen's Zimmers in der Penſion, noch öfter aber in Sophie's Salon, ſpielen und ſingen, ohne jemals müde zu werden. Helene behauptete, daß noch Niemand ſie ſo gut begleitet habe, wie Sophie, und Sophie, daß ihr noch nichts einen größeren muſikaliſchen Genuß gewährt habe, als Helenen's füßer, melodiſcher, tief empfundener Geſang. Aber ſeltſam, trotzdem ihre Seelen ſich in dem Reich der Töne wahlverwandtſchaftlich fanden und ſchweſterlich küßten, verſtummten die Zungen, ſobald es ſich darum handelte, durch die Menſchenrede ſich menſchlich nahe zu treten. Das Geſpräch gerieth oft in's Stocken und man wandte ſich wieder zur Muſik, um eine Pauſe, die peinlich zu werden drohte, auszufüllen. Manchmal war es Sophie, als ob Helene eine gewaltſame Anſtrengung mache, dieſen Zauber, der ſie zum Schweigen zwang, zu zerbrechen; aber es kam bei ſolchen Ge⸗ legenheiten nie über das erſte Stammeln der Vertraulichkeit hinaus und ſchon im nächſten Augenblick verwandelte ſich das junge, nach Freundſchaft ſchmachtende Mädchen, in die vornehme, in ſelbſtzufrie⸗ dener Abgeſchloſſenheit und Unnahbarkeit ruhende Geſellſchaftsdame. „Sie iſt eine Marmorſtatue,“ ſagte Sophie zu ihrem Vater,„trotz ihrer ſchwarzen Haare und ihrer dunklen ſtrahlenden Augen. Man kann ihr auf keine Weiſe beikommen. Ich glaube, ſie iſt eine heim⸗ liche Waſſerfrau.“ Der Geheimrath lachte. „Du möchteſt nicht ſo ganz unrecht haben,“ ſagte er,„denn wenn in zwei durchaus verſchiedenen phyſiſchen Medien, wie Luft und Waſſer, auch phyſiſch durchaus verſchiedenartige Creaturen exiſtiren, die keine wahre Gemeinſchaft mit einander haben können, ſo iſt nichts logiſcher, als daß verſchiedene moraliſche Atmoſphären, Zweiter Band. 7 wie die, in welcher der Adel lebt, und die, in welcher wir leben, auch moraliſch verſchieden geartete Weſen hervorbringen müſſen, die niemals ſo recht von Grund der Seele aus Freunde werden können. Haſt Du während der Zeit, daß Du bei Fräulein Bär warſt, eine Freundſchaft geſchloſſen, die über die Penſion hinaus gedauert hätte?“ „Doch, Papa, mit Fräulein Bär ſelber,“ erwiderte ſchalkhaft Sophie. „Da ſiehſt Du's nun!“ ſagte der Geheimrath mit ſeinem ſati⸗ riſchen Lächeln,„man kann ſelbſt mit Bärinnen innige Freundſchaft machen, aber nimmermehr mit— Waſſerfrauen.“ Sophie war noch zu jung, um das Mißtrauen des Vaters, welcher ein langes Leben und eine reiche Erfahrung für ſich hatte, in dieſem Falle theilen zu können. Sie erklärte ſich Helenen's Zurück⸗ haltung durch eine angeborene oder anerzogene Scheu, aus ſich her⸗ auszutreten, und verzieh ihr dieſe Zurückhaltung um ſo lieber, als ſie ſich ſelbſt keineswegs frei davon fühlte. Galt ſie doch ſelbſt im allgemeinen für ſchroff und kalt, ſagte man ihr doch manchmal offen, daß ſie„gar nicht ſei wie andere junge Mädchen.“„Sie kann nun einmal nichts dafür,“ dachte ſie bei ſich,„man ſoll nicht Feigen pflücken wollen von dem Dornenſtrauch. Helene würde gegen Dich nicht anders ſein, und wenn die Robrans ſchon zu Zeiten Karl's des Großen Barone geweſen wären.“ Dieſe Anſicht machte Sophie's Herzen mehr Ehre, als ihrer Weltklugheit, und wenn ſie an dem Nachmittage des dritten Tages nach Oswald's Ankunft in Grünwald, wo Helene in ihrem Zimmer ſaß und an ihre Freundin Miß Marhy Burton ſchrieb, einen Blick über die Schulter der Schreiberin weg auf das Papier geworfen hätte, über welches die zierliche goldene Feder ſo raſch wegflog, ſo würde ſie ſich vielleicht zu ihres Vaters Anſicht, daß Waſſerfrauen wenigſtens mit Waſſerfrauen(Miß Mary Burton ſtammte aus einer altadligen engliſchen Familie) vertraulich umgehen können, bekehrt haben. Helene ſchrieb: „Es iſt das erſte Mal ſeit langer, langer Zeit theuerſte Mary, 8 Durch Nacht zum Licht. daß ich den Muth in mir fühle, Dir auf Deine Briefe— denn es liegt jetzt ein ganzes Packet da— zu antworten. Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen, Dir, die Du jetzt in die große Welt, in die Du gehörſt, eingetreten und neulich gar bei Hofe vorgeſtellt biſt,— Dir, der Braut und in kurzer Zeit der Gemahlin eines eng⸗ liſchen Peers, zu ſchreiben, daß ich, Helene von Grenwitz, der Du eine ſo glorreiche Zukunft prophezeiteſt,— vorläufig wiever erſt ein⸗ mal in Penſion zurückgeſchickt bin; in Penſion geſchickt wie ein un⸗ gezogenes Kind, in Penſion geſchickt wie ein Gänschen vom Lande! — Du ſtaunſt, Du lächelſt ungläubig; Du lispelſt ein:'t is im- Possible! und wenn Du dann endlich meinen wiederholten Verſiche⸗ rungen Glauben ſchenken mußt, ſo faſſeſt Du mich bei beiden Händen und rufſt: aber, for God's sake, was heißt dies? warum dies? und zwingſt mich, die traurige Geſchichte von Anfang an zu erzählen. Nun; ich ſehe keine Möglichkeit, dieſer Pein zu entrinnen, aber daß ich ſie abkürze, ſo viel ich vermag, wirſt Du begreiflich finden. „Alſo kurz, wenn auch nicht gut. „Das Verhältniß zu meiner Mutter, über das ich Dir im An⸗ fang ſo befriedigend ſchrieb, wurde in Folge meiner entſchiedenen Weigerung, die Gattin meines Vetters Felix zu werden, von Tag zu Tag ſchlimmer und ſchlimmer, bis der offene Bruch, den ich ſchon lange vorausgeſehen hatte, zuletzt unvermeiblich war. Ich habe mich bei der ganzen Affaire benommen, wie ich es mir und Dir ſchuldig zu fein glaubte. Es war ein heißer Kampf, das kann ich Dich ver⸗ ſichern. Meiner Mutter entgegen zu treten, erfordert Muth, und mein Vater unterſtützte mich, ſchwach wie er iſt, nur ſchwach. Nun wohl! der Kampf iſt vorüber,— die Todten ſind begraben und die Wunden fangen an zu heilen. Ja, Mary, die Todten! Mein Bruno, mein Stolz, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, mein Bruder, mein Freund, mein vielgeliebter Bruno iſt nicht mehr! Er iſt geſtorben im Kampfe für mich und hat ſeine junge Heldenſcele in einem Kuſſe auf meine Lippen ausgehaucht. Der wilde Schmerz über ſeinen Verluſt — denn als ich ihn nicht mehr hatte, wußte ich erſt, was ich an ihm beſeſſen— machte mich ſtumpf und gleichgiltig gegen Alles und gegen Alle um mich her. Wie dieſer Knabe mich geliebt hat, kann und Zweiter Band.. 9 wird Niemand auf Erden mich wieder lieben. Ich war ihm Sonne und Luft und Licht, ich war ihm Eſſen und Trinken; ich war ihm Schlafen und Wachen, ich war ihm das Leben. Wie oft, wenn er es mich mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen und zitternden Lippen verſicherte, habe ich ihn wegen ſeiner Ueberſchwänglichkeiten ausgelacht und geſagt: geh, Bruno, Du biſt ein Närrchen! jetzt gäbe ich viele Jahre meines Lebens darum, könnt' ich es aus ſeinem ſtolzen Munde nur noch einmal hören! Eine Ahnung, die ich nicht los werden kann, ſagt mir, daß ich in Bruno, mit Bruno alles, was die Erde von Seligkeit mir gewähren kann, gefunden haben würde, und daß ich mit ihm jede Ausſicht auf ein irdiſches Glück unwiederbring⸗ lich verloren habe. Du lächelſt, Du meinſt: ein Knabe! aber ich ſage Dir: Du haſt Bruno nicht gekannt. „Verlange nicht, daß ich Dir über dies Alles ausführlich berichte. Ich kann es nicht. Mein Herz iſt zu voll. Die Erinnerung an meinen todten Liebling verläßt mich keinen Augenblick, und ich möchte am liebſten die Feder aus der Hand legen und mich ſatt weinen. Sag', Maiy, ſoll es denn wirklich unſer Schickſal ſein, wie wir ſo oft in melancholiſchen Stunden behaupteten, unbefriedigt, ohne Freude, ohne Glück durch das Leben zu gehen, und ohne Hoffnung, daß die Zukunft die Wünſche der Gegenwart erfüllen wird? Soll das Glück nur immer aufleuchten wie eine Fata Morgana— zauberiſch ſchön und ebenſo vergänglich; oder uns ſtets in einer Geſtalt erſcheinen, die, mag ihr innerer Werth ſo groß ſein, wie er will, doch unſeren verwöhnten Sinn, unſere Vorurtheile, wenn Du willſt, verletzt? Freilich, Dein Loos ſcheint ein anderes werden zu wollen. In der Sphäre, in die Du durch Geburt und Erziehung gehörſt, findeſt Du den Mann, der Deinem Herzen theuer geweſen ſein würde, ſelbſt dann, wenn Dein Verſtand die Wahl Deines Herzens nicht gebilligt hätte. Ein Mann, ein Held, ein Lord! Glückliche, dreimal Glück⸗ liche, die Du Jemand gefunden haſt, zu dem Du, ſtolz, wie Du biſt, hinaufſchauen mußt! Lächle Dein ſtolzes ariſtokratiſches Lächeln über — Deine Freundin in der Penſion! „Freilich, ich habe es ſehr gut in dieſer Penſion. Man geht mit mir um, nicht wie mit einer Schülerin, ſondern wie mit einem 10 Durch Nacht zum Licht. Gaſt, und ich bin der Vorſteherin, einem Fräulein Bär, aufrichtig dankbar für die Güte, die zarte Rückſicht, mit der ſie mich behandelt, als wüßte ſie Alles. Vielleicht weiß ſie Alles. Dergleichen Ereig⸗ niſſe in Familien wie die unſere, pflegen nicht verſchwiegen zu bleiben. Habe ich ſelbſt doch Vieles, was im genaueſten Zuſammen⸗ hang mit meiner Verlobungsangelegenheit ſteht, erſt mehrere Wochen ſpäter erfahren, nicht durch meinen Vater, mit dem ich während der ganzen Zeit correſpondirte, der mich auch ein paar Mal von Gren⸗ witz aus beſuchte(mit meiner Mutter, die ſeit einigen Tagen, wie ich höre, in Grünwald iſt, bin ich außer aller Verbindung), ſondern durch eine junge Dame, ein Fräulein Sophie Robran, eine frühere Penſionärin der Anſtalt, deren Bekanntſchaft ich hier machte, und mit der ich eine Art von Freundſchaft geſchloſſen habe. Sie iſt die Braut unſeres Grenwitzer Arztes, der nach Grünwald übergeſiedelt iſt, und ſomit ſind ihre Nachrichten aus guter Quelle. Sie hat mir erzählt, was erſt nach meiner Abreiſe von Grenwitz ſtattgefunden und der Vater mir ſorgſam verſchwiegen hat, daß der junge Mann, von dem ich Dir ſchon im Sommer ſchrieb, unſer Hauslehrer, der Doctor Stein, mein Ritter und mein Rächer geworden iſt, inſofern wenigſtens, als er ſich mit Felir geſchlagen und meinem Herrn Vetter eine Lection ertheilt hat, die dieſer, wie ich aus derſelben Quelle erfahren habe, ſo leicht nicht wieder vergeſſen wird. Ich kann Dir nicht ſagen, wie wunderlich mich dieſe Nachricht berührte. Zuerſt— Dir darf ich es ja geſtehen— verletzte es meinen Stolz, daß mein Name nun mit dem Namen eines Mannes, wie Herr Stein, zu⸗ ſammen durch die Welt getragen werden ſollte; daß ein Fremder, ein Miethling, ſich in meine Angelegenheiten keck gemiſcht hatte, als wäre er ein Verwandter und ein Ebenbürtiger. Aber dann dachte ich an das alte Wort, daß, wenn die Menſchen ſchweigen, die Steine reden würden; dachte daran, daß kein Bruder ſich brüderlicher, kein Ritter ſich ritterlicher gegen mich hätte benehmen können, als es dieſer Mann vom erſten Augenblick an gethan hat: dachte vor allem daran, daß dieſer Mann meines Bruno's theuerſter Freund war— und ich vergaß meinen Stolz und fühlte nicht ohne einige Ver⸗ wunderung, daß ich dieſem Manne für ſeine viele Liebe und Güte Zweiter Band. 11 dankbar ſein konnte— ohne daß mich dieſer Dank, wie es doch ſonſt ſtets bei mir iſt, gedrückt hätte. Ja, noch mehr, ich fühlte ein Bedürfniß, ihn, der, wie ich hörte, auf Reiſen war, wieder zu ſehen, ihm perſönlich meinen Dank abzuſtatten; und als ich ihn heute ganz unerwartet an dem Fenſter, an welchem ich ſaß, vorübergehen ſah, da— Du wirſt mich auslachen, Mary! da fühlte ich, daß, als ich ſeinen Gruß erwiderte, mir alles Blut in die Wangen ſchoß, und, als er vorüber war, habe ich ihm noch lange nachgeſehen und dann habe ich mich in das Fenſter zurückgelehnt und dem Andenken Bruno's, das durch Stein's Anblick ſo plötzlich und ſo mächtig bei mir wach gerufen wurde, heiße Thränen geweint. Ich möchte, ich könnte ihn einmal ungeſtört ſprechen. „Doch hier muß ich abbrechen. Ich höre Fräulein Robran, die mit mir zu muſiciren kommt, mit Fräulein Bär im Nebenzimmer.“ Helene erhob ſich, den beiden Damen, die auf ihr entrez! in's Zimmer traten, entgegenzugehen. Sophie Robran eilte Fräulein Bär voraus und umarmte Helenen mit einer liebenswürdigen Lebhaftigkeit, die mit der ſalonmäßig vornehm ruhigen Haltung der jungen Ariſto⸗ kratin einigermaßen contraſtirte. „Ich habe eine ordentliche Sehnſucht nach Ihnen gehabt, Helene! Warum haben Sie mich ſeit neulich Abend nicht beſucht, wie Sie verſprachen? Fräulein Malchen hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert?“ „Point du tout!“ erwiderte Fräulein Bär, die Brille auf die Stirn ſchiebend, um wohlgefällig ihrem Liebling in die großen, freundlichen, blauen Augen zu ſchauen;„Du weißt, Sophiechen, daß Helene ganz frei über ihre Zeit disponiren kann.— Aber weßhalb ich eigentlich komme, liebe Helene! Hier iſt ein Brief für Sie, den einer Ihrer Diener überbrachte; ich glaube von Ihrem Herrn Vater.“ Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen, warf einen Blick auf die Adreſſe und ſagte: in der That von meinem Vater! und legte ihn auf ihre Briefmappe, die ſie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte. „Ich will nicht länger ſtören,“ ſagte Fräulein Bär;„Sophiechen 12 Durch Nacht zum Licht. kommt, Sie zum Muſiciren abzuholen. Soll ich Ihnen das Mädchen nachſchicken? und wann?“ „Sie kommen doch mit, Helene?“ ſagte Sophie, die ſich auf einen Stuhl an das Inſtrument geſetzt hatte, und einen Clavierauszug durchblätterte.„Ich habe ſehr ſchöne neue Lieder bekommen. Ein ganz herrliches von Schumann, das müſſen wir zuſammen durchgehen.“ „Recht gern,“ erwiderte Helene;„indeſſen ich möchte nicht lange bleiben, da ich heute Abend nothwendig einen Brief nach England zu beendigen habe, der morgen früh fort muß. Ich danke deßhalb für das Mädchen, Fräulein Bär. Ich werde noch vor Dunkelwerden wieder zu Hauſe ſein.“ „Ganz wie Sie wollen, liebe Helene,“ ſagte Fräulein Malchen, erſt Helene flüchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn küſſend.„Adieu, mes enfants!“ Und Fräulein Bär ließ die Brille wieder auf die Naſe gleiten, legte ihre Stirn in die geſchäftsmäßigen Falten und rauſchte in ihr Adyton zurück, aus dem ſie Sophie vor einigen Minuten auf⸗ geſtört hatte. „Wie geht es Ihrem Herrn Vater?“ fragte Helene. „Danke,“ erwiderte Sophie, noch immer in dem Clavierauszuge blätternd.„Es geht ihm viel beſſer; er iſt heute ſchon wieder ein paar Stunden länger aufgeblieben. Aber, nun leſen Sie auch Ihren Brief, Helene; und dann machen Sie, daß Sie fertig werden.“ „Sogleich,“ ſagte Helene, den Brief erbrechend; während Sophie weiter in den Noten las. Nach einigen Minuten blickte ſie auf und ſah Helenen den Brief in der herabhängenden Hand haltend, den Kopf in die andere geſtützt, offenbar in tiefes Nachdenken verſunken daſitzen. Die langen Wimpern verhüllten die ſtrahlenden Augen und die dunklen Brauen waren, wie in Unwillen, zuſammengezogen. „Was iſt Ihnen?“ rief Sophie, das Notenbuch zuklappend und auf's Clavier legend,„haben Sie ſchlimme Nachrichten erhalten?“ „Nicht doch!“ erwiderte Helene, die bei dem erſten Ton von Sophiens Stimme ſich wieder zuſammenraffte und zu lächeln ver⸗ ſuchte.„Nicht doch! Mein Vater wird morgen kommen, das iſt Alles.“ Zweiter Band. 13 „Um hier zu bleiben?“ „Und— Sie, Helene?“ „Ich dachte eben darüber nach. Mein Vater ſtellt es mir frei; indeſſen—“ Das junge Mädchen ſchwieg und derſelbe halb nachdenkliche, halb trotzige Geſichtsausdruck von vorhin war wieder da. Sie ſchien die Anweſenheit Sophiens vergeſſen zu haben. Plötzlich fragte ſie, die Blicke noch immer zu Boden ſenkend: „Würden Sie, wenn Sie beleidigt wären, jemals zuerſt die Hand zur Verſöhnung bieten?“ Sophie wurde durch dieſe Frage, deren Sinn ihr nicht verborgen war, einigermaßen in Verlegenheit geſetzt. Helene hatte zu ihr nie⸗ mals über ihre Angelegenheiten geſprochen, nicht einmal in Andeu⸗ tungen. Sie wußte alſo— durfte alſo von all dem nichts wiſſen, und doch vertrug es ſich ſchlecht mit Sophiens geradem Sinn und ihrer Freundſchaft zu Helene, eine Unwiſſenheit und Theilnahmloſig⸗ keit zu affectiren, die ihr fremd waren. „Es kommt darauf an,“ antwortete ſie nach einer kleinen Pauſe: „wie die Beleidigung war, und vor allem, wer der Beleidiger war.“ „Wie ſo?“ „Es giebt Beleidigungen, mein' ich, die es nur dadurch werden, daß wir ihnen dieſe Bedeutung unterlegen, und Beleidiger, die es niemals werden können— niemals werden ſollten— ich meine, die uns ſo nahe ſtehen, mit denen wir durch die Natur ſo eng verbunden ſind, daß es unnatürlich ſein würde, wenn—“ „Sie uns haßten,“ unterbrach Helene ſchnell Sophie.„Wenn nun aber doch dieſer Fall einmal einträte; wenn nun aber doch ſich haßte, was ſich lieben ſollte; ſich verfolgte, befeindete, bekämpfte, was ſich unterſtützen, gegenſeitig helfen und tragen ſollte— wie dann?“ Helene war aufgeſtanden; ihr Geſicht glühte; ihre Augen funkelten; ihre Hände ballten ſich— das Bild eines Weſens, das des Kampfes froh iſt und nur Sieg oder Tod, aber nimmer Er⸗ gebung kennt. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Sophie, ſich zu einer Ruhe 14 Durch Nacht zum Licht. zwingend, die ſie nicht beſaß;„das weiß ich aber, daß ich für meine Perſon niemals in die Lage kommen könnte. Ich würde Bruder oder Schweſter, und nun gar Vater oder Mutter, die mir das Leben gaben, niemals haſſen, möchte geſchehen, was da wollte. Sind ſie doch— ich ſelbſt. Wie kann man ſich ſelber haſſen?“ „Wiſſen Sie das wirklich ſo gewiß?“ erwiderte Helene.„Woher wiſſen Sie es? Sie haben niemals weder Bruder noch Schweſter gehabt, Ihre Mutter iſt Ihnen ſo früh geſtorben; Ihr Vater hat Sie, wie Sie mir ſelbſt ſagten, von jeher mit grenzenloſer Liebe über⸗ ſchüttet— aber ich— ich habe andere—“ Helene mochte fühlen, daß, wenn ſie noch ein Wort mehr ſpräche, ſie ihre Zurückhaltung in Zukunft nicht länger bewahren könnte, und brach mit einer Gewaltſamkeit ab, die von der Herr⸗ ſchaft zeugte, welche dies junge Geſchöpf bereits über ſich ſelbſt er⸗ langt hatte. „Doch wir verplaudern die Zeit,“ ſagte ſie, mit ganz veränderter Stimme, Miene und Haltung,„und noch dazu über recht unerquick⸗ liche Dinge. Eilen wir! wir wollen machen, daß wir an Ihren Flügel kommen.“ Es war nicht das erſte Mal, daß Helene einem Geſpräch, das zu vertraulich zu werden drohte, plötzlich eine gleichgiltige Wendung gegeben hatte. Sophie mußte ſich darein fügen, obgleich ihr dieſer Mangel an Vertrauen weh that, um ſo mehr, als ſie fühlte, wie einſam Helene daſtand, wie ganz nur auf ſich angewieſen, und welche Wohlthat es für ſie geweſen ſein würde, hätte ſie ihr übervolles Herz in das theilnehmende Herz einer wahren Freundin ausſchütten können. Sie fühlte ſich deßhalb auch diesmal nicht durch Helenens ſtolze Schweigſamkeit beleidigt; im Gegentheil! ſie war mehr als je entſchloſſen, ſich in Helenens Vertrauen lieber hineinzuſtehlen und hineinzuſchmeicheln, als Stolz mit Stolz, und Schweigſamkeit mit Schweigſamkeit zu erwidern. An Gelegenheiten dazu ſollte es heute nicht fehlen. Sie hatten, nachdem ſie bei Sophie angelangt waren, faſt ohne Unterbrechung muſicirt, bis es in dem zu ebener Erde gelegenen tiefen Zimmer zu dunklen begann. Sie hörten auf, weil ſie nicht mehr 1 Zweiter Band. gut ſehen konnten und gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab, während die Muſik noch in ihren Seelen nachzitterte und ſelbſt Helenens ſtolzes Herz ſich milder und weicher fühlte. Es war vor allem ein von Robert Schumann wunderbar ſchön componirtes Lied geweſen, das ſie in ſchmerzlich ſüßer Weiſe an ihren todten Lieb⸗ ling erinnert hatte. Noch klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im Ohr: Dein Angeſicht ſo lieb und ſchön, Ich hab' es jüngſt im Traum geſeh'n. Es war ſo mild, ſo engelgleich, Und doch ſo bleich, ſo ſchmerzensbleich. Und nur die Lippen, die ſind roth, Bald aber küßt ſie bleich der Tod.... Sie dachte an die Nacht, als Baron Oldenburg ſie mitten aus der Reihe der Tanzenden heraus an Bruno's Sterbebett holte: ſie ſah bei ihrem Eintritt das Auge des Knaben dunkel aufflammen in dem todtenblaſſen Geſicht... „Und nur die Lippen, die ſind roth, Bald aber küßt ſie bleich der Tod;“ murmelte ſie, wie wenn ſie mit ſich ſelbſt ſpräche. „Es ſcheint dies Lied auf Sie einen eben ſo großen Eindruck zu machen, als auf den Doctor Stein,“ ſagte Sophie. „Auf wen?“ rief Helene, jäh aus ihrer Träumerei erwachend. „Auf den Doctor Stein, Ihren Doctor Stein;“ erwiderte Sophie ſo gleichmüthig, als wenn ſie ſich nie über das Verhältniß, das möglicherweiſe zwiſchen Oswald und Helene ſtattfand, Gedanken gemacht hätte. „Wann haben Sie ihn geſehen?“ fragte Helene wieder in ihrer gewöhnlichen, ruhig vornehmen Weiſe. „Geſtern Abend, hier, zum erſten Mal. Er war ſchon zwei Tage in der Stadt, ohne Franz geſprochen zu haben. Geſtern traf Franz ihn zufällig auf der Straße und brachte ihn mit. Sonſt hätten wir wohl noch länger auf ſeine Viſite warten können.“ „Wie ſo?“ Durch Nacht zum Licht. „Nun, es ſah gerade nicht ſo aus, als ob ihm der Beſuch be⸗ ſonderes Vergnügen mache. Indeſſen kann ich darüber weniger urtheilen, da ich ihn geſtern zum erſten Male in meinem Leben ſah. Mir ſchien es, offen geſtanden, als ob ihm überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte. Franz ſagte, das ſei durchaus nicht der Fall, fand aber ſelbſt, daß Herr Stein ſich in der kurzen Zeit, wo ſie ſich nicht geſehen, merkwürdig verändert habe. Wie war er denn, ſo lange Sie ihn kannten?“ Sophie glaubte zu fühlen, daß Helenens Herz, als ſie dieſe Frage möglichſt unbefangen that, höher ſchlug. Doch war von dieſer Erregung nichts in dem Ton zu merken, mit dem ſie antwortete: „Ich habe Herrn Stein ſelten oder nie anders als in Geſell⸗ ſchaft geſehen, und Sie wiſſen, da hat man wenig Gelegenheit, die Menſchen zu ſehen, wie ſie wirklich ſind. Er ſchien meiſtens ernſt, faſt traurig, ſehr reſervirt und verſchloſſen, beſonders in den letzten Wochen. Doch mochten dazu auch die in meiner Familie herrſchenden Verhältniſſe nicht wenig beitragen. Wie war er denn geſtern?“ „Es iſt das ſchwer zu beſchreiben für Jemand, der, wie ich, kein großer Pſycholog iſt,“ antwortete Sophie, entſchloſſen, auf jeden Fall, auch wenn ſie Helene verletzen ſollte, die Wahrheit zu ſagen. „Er ſchien mir luſtig, ja ausgelaſſen, aber nicht heiter; geſprächig, aber nicht mittheilſam; witzig, aber nicht unterhaltend; mit einem Wort, eine lebendige Vereinigung von lauter Gegenſätzen, welche auf mich, die ich das leicht Verſtändliche, Klare, Einfache liebe, offen geſtanden, einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Beſonders mißfiel es mir, wie er über ſeinen Beruf und über ſeine hieſigen Verhält⸗ niſſe ſprach. Er ſchien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten. Er ſchilderte eine Geſellſchaft, die er bei Director Clemens mit⸗ gemacht, und ſchüttelte eine wahre Fluth von Hohn und Sarkasmen über die armen Menſchen aus. Er beſchrieb ſeine feierliche Ein⸗ führung in die Schule, die gerade an demſelben Morgen ſtattgefunden hatte und ſtellte das Ganze wie eine Scene auf einem Puppen⸗ theater dar. Franz hatte mir geſagt, daß er etwas Fauſtiſches in ſeinem Weſen habe; mir iſt er wie ein rechter Mephiſto vorgekommen. Auch fand ich ihn nicht ſo ſchön, wie Franz ihn mir geſchildert hatte. Zweiter Band. 17 Er ſah bleich und verfallen aus, als wäre er krank oder hätte mehrere Nächte nicht geſchlafen. Die großen Augen hatten etwas Unheim⸗ liches, Geſpenſtiſches. Ich mußte wahrlich an das: Es ſteht ihm an der Stirn geſchrieben, daß er nicht mag eine Seele lieben, oder wie es heißt, denken.“ 2 „Da muß er ſich allerdings ſehr verändert haben,“ ſagte Helene. Der Ton, in welchem das junge Mädchen dieſe Worte ſprach, war ſo traurig. Es that Sophie leid, daß ſie ſich von der geheimen Antipathie, die ſie in der That gegen Stein empfand, noch mehr vielleicht aber von dem Wunſch, Helene durch lebhaften Widerſpruch zu reizen, und ſie ſo gleichſam für ihre Verſchloſſenheit zu beſtrafen, hatte hinreißen läſſen. „Doch ſoll dies,“ ſagte ſie einlenkend,„nicht etwa mein end⸗ giltiges Urtheil über Oswald Stein ſein; es iſt nur eben ein erſter Eindruck. Wenn ich ihn öfter ſehe, werde ich wohl anders über ihn denken. Ich glaube ſogar, daß bei mir ein wenig Eiferſucht mit unterläuft. Franz machte ſo gar viel aus ihm, und Sie wiſſen, wir Bräute ſind in dieſer Beziehung ein wenig engherzig.— Da fällt mir übrigens ein, daß er jeden Augenblick kommen kann,“ rief ſie, ſich ſelbſt unterbrechend. „Wer?“ ſagte Helene;„Oswald?“ Ich hatte es wahrhaftig ganz vergeſſen. Ich, gedankenloſes Mädchen!“ „Was iſt es denn?“ „Stein und Franz hatten ſich verabredet, heute zuſammen eine Vorleſung bei Profeſſor Benzeler zu beſuchen. Und Franz iſt gleich nach Tiſch für meinen Vater auf's Land gefahren. Ich ſollte es Stein abſagen laſſen! Ob's wohl noch Zeit iſt?“ „Es iſt halb ſechs,“ ſagte Helene, an's Fenſter tretend, und nach der Uhr ſehend.„Es iſt beinahe dunkel geworden; ich muß machen, daß ich nach Haus komme.“ In dieſem Augenblick wurde an die Thür gepocht. „Er iſt es,“ riefen die beiden jungen Damen unisono, zuſammen⸗ ſchreckend wie ein paar Rehe, wenn im Walde ein Schuß fällt. Das Pochen wiederholte ſich. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 2 2. S — 18 Durch Nacht zum Licht. „Was ſollen wir thun?“ flüſterte Helene, die ihre ganze Selbſt⸗ beherrſchung verloren zu haben ſchien. „Offenbar Herein ſagen! was ſonſt;“ erwiderte Sophie, unwill⸗ kürlich lachend.„Herein!“ In dem Halbdunkel, das in dem Gemach herrſchte, mochte es dem Eintretenden nicht möglich ſein, die darin Befindlichen zu er⸗ kennen. Er blieb wie zaudernd an der Thür ſtehen. „Nur näher, Herr Doctor,“ ſagte Sophie, Helene's Hand feſt⸗ haltend.„Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie im Dunkeln empfange, aber es ſoll gleich Licht werden.“ Oswald war bei dieſen Worten herangetreten und hatte ſich vor den Damen verbeugt. Offenbar hatte er Helene, die dem Fenſter abgewandt ſtand, noch nicht erkannt. „Ich habe um Entſchuldigung zu bitten,“ ſagte er;„denn ich habe die Damen ohne Zweifel geſtört. Aber da ich Niemand auf dem Vorſaale fand—“ Er ſchwieg plötzlich; das Blut ſchoß ihm zum Herzen. Ein Schauder überrieſelte ihn. War die ſtumme Geſtalt neben Fräulein Robran nicht Helene? Er trat noch einen Schritt näher. Es war kein Zweifel. Dieſer Kopf, deſſen ſchöne Umriſſe er ſo oft andächtig bewundert hatte, konnte nur Helenens ſein.... Er hörte kaum noch, daß Sophie ſagte:„Sie erkennen wohl Fräulein von Grenwitz gar nicht? Ich will nur ſelbſt gehen, uns Licht zu beſorgen;“ er hörte nur die Thür ſich hinter Fräulein Robran ſchließen; er wußte nur, daß er mit ihr allein war. Er kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hand, um ſie mit heißen Küſſen zu bedecken. Die Ueberraſchung und die Dunkelheit begünſtigten Oswalds Kühnheit. Helene zitterte ſo heftig, daß ſie Alles geſchehen laſſen mußte und nur noch eben Kraft hatte zu ſagen: „Um Gottes willen, Oswald,— ſtehen Sie auf! Ich bitte Sie, ſtehen Sie auf!“ Es war die höchſte Zeit; denn ſchon kam Sophie, gefolgt von dem Diener, der eine Lampe trug, zurück. Oswald gelang es, ſeiner Bewegung Herr zu werden; Helene dagegen wandte ſich unter dem Vorwande, daß ſie der plötzliche Licht⸗ — Zweiter Band. 19 ſchein blende, nach dem Fenſter und blickte, während Sophie Franz' Abweſenheit erklärte, auf die Straße. „Dann will ich die Damen keinen Augenblick länger durch meine Gegenwart um den Genuß einer traulichen Unterhaltung bringen,“ ſagte Oswald, ſich zum Abſchied verbeugend. „Ei, Herr Doctor,“ erwiderte Sophie munter,„ſind Sie ein ſolcher Feind von traulichen Unterhaltungen, daß Sie durch Ihre Gegenwart dergleichen unmöglich machen? Setzen Sie ſich lieber, und ſtrafen Sie meinen Franz nicht Lügen, der Sie den unter⸗ haltendſten Geſellſchafter nennt. Kommen Sie, Helene, nehmen Sie hier am Kamine Platz. Fräulein Malchen wird ſich die Augen nicht ausweinen, wenn Sie auch etwas länger ausbleiben.“ Oswald war im Begriff geweſen, den ihm angebotenen Platz anzunehmen; als er indeſſen hörte, daß Helene möglicherweiſe nicht bleiben würde, begnügte er ſich, Sophiens Aufforderung vorläufig mit einer ſtummen Verbeugung zu erwidern. „Ich danke, liebe Sophie,“ ſagte Helene, ſich aus dem Fenſter umwendend,„aber ich muß in der That fort— ein ander Mal.“ Sie hatte ſcheinbar ihre gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen; nur ein ſehr ſcharfer Beobachter hätte vielleicht in dem etwas intenſiveren Roth der ſchönen Wangen die letzte Spur einer vorangegangenen Er⸗ regung und in den geſenkten Augenlidern die Abſicht bemerkt, dieſelbe vor den Blicken der Anderen zu verbergen. Oswald, der nach einem Mittel ausſpähte, Helene noch ein paar Augenblicke zu halten, ſah den Flügel geöffnet und Notenblätter auf⸗ geſchlagen. Er ergriff das erſte beſte; es war die Compoſition von Robert Schumann. „O, bitte, bitte, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er,„wenn Sie noch eine Minute Zeit haben, ſingen Sie dies Lied! Es verdient, von Ihnen geſungen zu werden.“ „Wir ſind es ſchon vorhin durchgegangen,“ ſagte Sophie,„es iſt in der That ſehr ſchön und Fräulein von Grenwitz fingt es vor⸗ trefflich. Wollen Sie, liebe Helene?“ Wenn es galt, Muſik zu machen, war Niemand eifriger als Sophie. Schon hatte ſie, Helenens Einwilligung für Durch Nacht zum Licht. haltend, das Heft auf den Notenpult gelegt, ſich auf die Kante des Stuhls, wie ſie es liebte, an den Flügel geſetzt und blickte jetzt, ein paar präludirende Accorde greifend, erwartend auf Helene. So ſah ſich dieſe, obgleich ſie ſich in dieſem Augenblick, wo die leidenſchaftliche Scene von vorhin noch in ihrem jungen vollen Herzen nachzitterte, keineswegs zum Singen aufgelegt fühlte, genöthigt, ihren Hut, den ſie ſchon in der Hand hatte, wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten. Oswald ſtand in der Entfernung von wenigen Schritten mit untereinandergeſchlagenen Armen an das Geſims des Kamins gelehnt, die Blicke unverwandt auf die beiden ſchlanken Mädchengeſtalten ge⸗ richtet. Und wohl mochte dies Bild ſeine Blicke feſſeln; es wäre ſchwer geweſen, ein reizenderes zu finden. Man konnte in dieſem Angenblicke zweifeln, welche von den beiden Erſcheinungen— nicht die ſchönere, denn das war unbeſtritten Helene— aber die intereſſantere war. Die Harmonie an und für ſich lieblichſter Züge, der Sammetton des dunklen Teints, der bläu⸗ liche Glanz des ſchwarzen Haares— das Alles ſprach für Helene und ſchien ſie in unerreichbare Höhen der Schönheit hinaufzurücken, aber der Ausdruck auf Sophiens Geſicht, wie ſie in Muſik verſunken daſaß, bald ſich über die Taſten beugend und die Accorde gleichſam lockend, bald den Blick halb nach oben gewandt, als blicke ſie den enteilenden Tonwellen nach, hätte wohl für den, welcher die höchſte Schönheit in der reinſten Geiſtigkeit findet, Alles erſetzt. Wie über eine reizloſe Landſchaft ein günſtiger Sonnenblick oft den wunder⸗ barſten Zauber auszugießen vermag, ſo durchleuchtete und durch⸗ glänzte die edle, kunſtdurchglühte Seele dieſes Mädchens ihr faſt unſchön zu nennendes Geſicht. Es war ein Beethoven'ſcher Zug darin,— das metevriſche Leuchten des freien Menſchengeiſtes durch die weite Nacht der Sinnlichkeit hinüber in unbegrenzte Lichtregionen. Und ſeltſam! in demſelben Maße, in welchem die Muſik den Aus⸗ druck Sophiens erhöhte, ſchwächte ſie die Herbheit in der energiſchen Schönheit Helenens ab, indem ſie den ſtolzen Zügen eine Weichheit gab, die ſie im gewöhnlichen Leben niemals zeigten. Die Eintracht ſüßer Töne weckte dort den ſchlummernden Genius und ſchläferte hier Zweiter Band. 21 den Dämon des Stolzes und Ehrſucht ein, ſo daß die poetiſche Er⸗ regung Beiden, obgleich in ganz entgegengeſetzter Weiſe zu gute kam. So dachte Oswald, während ſeine Blicke auf dem reizenden Bilde der muſicirenden Mädchen ruhten. Helene kam ihm beinahe fremd vor; er mußte ſich ordentlich erſt in ihre Schönheit wieder hineinleben, und doch machte ſie nicht mehr den überwältigenden Eindruck von ehemals. Er glaubte, es ſei die ungewohnte Umgebung, die intereſſante Erſcheinung Sophiens, die ihn in ſeiner Andacht ſtöre— er wußte nicht, daß ſeit der Zeit, wo er Helene zuletzt ge⸗ ſehen hatte, der Spiegel ſeines Geiſtes trüber geworden und nicht mehr im Stande war, ein reines Bild auch rein zurückzuwerfen.— Vergebens ſuchte er einen Blick Helenens zu erhaſchen. Wenn Sophie, in ihre vielgeliebte Muſik vertieft, ſeine Anweſenheit wirklich ver⸗ geſſen hatte, ſo ſchien es zum mindeſten mit Helene nicht anders zu ſein. Sie hob die Augen nicht einmal von den Notenblättern auf. Oswald freute ſich deſſen. Er ſchloß daraus, daß ſeine ſtürmiſche Begrüßung von vorhin, wenn auch vergeben, ſo doch noch nicht ver⸗ geſſen war. Man war, wie das zu geſchehen pflegt, von einem Lied in's zweite und vom zweiten in's dritte und vierte gekommen. Plötzlich aber erklärte Helene, nun nach Hauſe gehen zu müſſen. Oswald, der nicht anders glaubte, als daß eine Dienerin aus der Penſion draußen warte, ſann eben darüber nach, wie er ſeine Bitte, ſie be⸗ gleiten zu dürfen, am ſchicklichſten einkleiden könne, als ihn Sophiens Frage:„aber werden Sie denn noch allein gehen können?“ dieſer Mühe erhob. Was war natürlicher, als daß er mit einer höflichen Verbeugung Fräulein von Grenwitz ſeine Begleitung anbot, und Fräulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des ſtolzen Hauptes dieſelbe annahm. Sophie neſtelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu, und band ihr noch ein weißes Tüchelchen um den Hals,„auf daß Ihrer Stimme kein Schaden geſchieht, Helene!“ Oswald ſtand mit dem Hut in der Hand daneben, als die Thür, ohne daß man ein Klopfen gehört hätte, ſich öffnete und Herr Bemperlein raſch in's Zimmer trat. 22 Durch Nacht zum Licht. Oswald, der mit dem Rücken nach der Thür zu ſtand, wurde Bemperlein erſt gewahr, als er ſich auf Sophiens Gruß:„Guten Tag, Bemperchen!“ nach dem Kommenden umwandte. In demſelben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald. Sie hatten ſich, ſeit jener Nacht, wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau abzuholen kam und die Liebenden im Park überraſchte, nicht wieder geſehen. Sie waren damals in herzlicher Freundſchaft ge⸗ ſchieden; und heute, als ſie ſich nach ſo manchen Wochen wiederſahen, ſtreckte Keiner dem Andern die Hand zum Druck entgegen, lächelte Keiner dem Andern freundlich zu, begrüßte Keiner den Andern mit einem herzlichen Wort. Ihr ganzes Willkommen beſtand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen nichtsſagenden Phraſen, ſo daß Sophie, welche bis jetzt geglaubt hatte, daß Bemperlein und Oswald auf dem beſten Fuße ſtänden, nicht wenig verwundert war und nicht recht wußte, wie ſie ſich in dieſem ganz unvorhergeſehenen Fall be⸗ nehmen ſollte. Indeſſen ſollte dieſe peinliche Situation nicht lange dauern; denn Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgeſtellt, die, wenn ſie ſich wirklich des in früheren Jahren häufiger geſehenen Hauslehrers auf Berkow erinnerte, jedenfalls nicht für gut fand, dieſer Erinnerung Worte zu leihen, als Helene und Oswald das Zimmer verließen. Sophie begleitete ſie noch zur Thür hinaus, während Bemperlein, die Hände auf den Rücken, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet, an dem Kamin ſtehen blieb. Es war beinahe Nacht, als Helene und Oswald auf die ſchlecht erleuchtete Straße traten. „Welchen Weg nehmen wir?“ fragte Oswald. „Ich denke, es giebt nur einen Weg.“ „Nicht doch; wir können auch über den Wall gehen. Der Weg iſt näher und es geht ſich angenehmer dort, als auf dem holprigen Steinpflaſter.“ „Wie Sie wollen.“ „Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?“ Es war das erſte Mal, daß Oswald Gelegenheit hatte, Helenen zu führen. Er beeilte ſich nicht, das Vergnügen, Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch die Nacht zu wandern, abzukürzen. Der 3 . Zweiter Band. 23 Weg, den er vorgeſchlagen, war nicht nur der bei weitem längere, ſondern auch der bei weitem dunklere. Er führte zwiſchen der Stadt⸗ mauer und dem Feſtungswalle hin— eine angenehme Promenade im Sommer und bei Tage; aber jetzt an einem finſtern Herbſtabend wenig empfehlenswerth. „Es iſt doch dunkler, als ich gedacht,“ ſagte Oswald, als ſie aus dem dumpfigen Stadtmauerthor, wo die letzte Laterne brannte, auf den Wall gekommen waren;„ſollen wir lieber wieder umkehren?“ „Meinethalben nicht; ich gehe ganz gern ſo.“ „Hüllen Sie ſich wenigſtens recht feſt in Ihren Mantel; der Wind weht ſcharf vom Meer herüber und die Luft iſt feucht und kalt.“ Sie gingen einige Minuten ſchweigend. Das trockene Laub der Bäume, mit denen die Promenade beſetzt war, raſchelte unter ihren Füßen; klagende Töne ſtrichen durch die Luft— dem Seufzen und Stöhnen eines frierenden Kranken vergleichbar. „Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park ausſehen?“ fragte Oswald. „Das dachte ich eben auch,“ erwiderte Helene. „Ich möchte, ich könnte in dieſem Augenblicke dort ſein.“ „Was wollten Sie da?“ „Ich wollte in den wohlbekannten Gängen, zwiſchen den Tarus⸗ hecken unten im Garten, unter den Buchen oben auf dem Wall umherſchweifen und mich mit der Mondesſichel, die durch die Wolken ſchwankt und mit dem Nachtwind, der durch die Bäume und um das Schloß rauſcht, unterhalten von ſeligen Stunden, die nicht mehr ſind und nimmer wiederkehren können.“ „So denken Sie gern an Grenwitz zurück?“ „Sollte ich es nicht? Habe ich doch die glücklichſten Tage meines freudeloſen Daſeins dort verlebt! Was kümmern mich jetzt die Bitter⸗ niſſe, die in dieſen Kelch berauſchender Süßigkeit gemiſcht waren? Ich weiß von ihnen nichts mehr. Mir iſt, als hätte ich damals zum erſten und letzten Male in meinem Leben wahrhaft gelebt, und als ſei ich geſtorben mit den Blumen auf den Beeten und mit dem Sonnenſchein, der des Morgens durch die thaufriſchen Zweige ſpielte und bunte Schatten auf den Weg ſtreute. Wohl ihm, deſſen Leben wirklich mit jenem köſtlichſten Sommer zu Ende war!“ 24 Durch Nacht zum Licht. „Wohl ihm!“ flüſterte Helene. „Ja, wohl ihm! er hat eine Stunde lang in dem Anſchauen deſſen, was ihm das Schönſte, das Herrlichſte war, geſchwelgt und iſt dann dahingeſchwunden, wie ein roſiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne. Er hat ſie nicht zu koſten ge⸗ braucht die ſchwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags. Er hat ſich nicht vor dem ſcharfen Wind des Abends ſchaudernd zu verhüllen brauchen, er hat die ſchöne bunte Welt nicht in öde Nacht verſinken ſehen.— Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein; es iſt heute Abend ſchon das zweite Mal, daß ich mich von der Erinne⸗ rung an meinen todten Liebling fortreißen laſſe. Aber ich kann Ihnen nicht ſagen, wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe ſein Andenken in mir wachruft. Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten; die trocknen Augen wieder an zu tropfen.“ „Geht es mir denn anders?“ ſagte Helene, und ihre Stimme zitterte. „So haben Sie ihn auch geliebt? Aber nein, das wollte ich nicht fragen. Wie hätten Sie ihn nicht lieben ſollen, der ſo ſchön, ſo tapfer, ſo gut war, ſo hinreißend liebenswürdig, und der Sie ſo liebte! ſo unfäglich liebte! O, Fräulein von Grenwitz, wiſſen Sie denn wohl, wie ſehr er Sie geliebt hat? wiſſen Sie, daß er Sie bis in den Tod, daß er Sie mehr als ſein Leben geliebt hat?“ „Ich weiß es!“ ſagte Helene leiſe. „Mehr als ſein Leben,“ fuhr Oswald leidenſchaftlich fort,„über den Tod hinaus. Es war an dem letzten Tage, wenige Stunden vor ſeinem Tode, als er mir ein Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar, das er auf der Bruſt trug, zeigte und mich bat, es ihm mit in's Grab zu geben. Ich habe ihm ſeinen Wunſch nicht erfüllen können. Sie wiſſen, daß ich am nächſten Morgen ſchon das Schloß verließ, ohne zu wiſſen, ob— ich jemals wieder den Fuß über die Schwelle würde ſetzen, ob ich den theuren Todten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen können. Der Gedanke war mir entſetzlich, daß jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte, ich nahm es daher mit der Abſicht, es Ihnen, die Sie den einzig recht⸗ mäßigen Anſpruch darauf haben, zurückzuſtellen. Ich habe es ſtets— — — Zweiter Band. 25 ich habe es noch in meinem Gewahrſam. Wann, befehlen Sie, daß ich es Ihnen zuſende?“ Sie hatten das Feſtungsthor paſſirt und gingen in der Vorſtadt⸗ ſtraße unter den hohen ſauſenden Pappeln. Bei dem ungewiſſen Licht des Mondes, der eben aus den treibenden Wolken hervorlugte, ſuchte Oswald in Helenens Geſicht zu leſen. Es ſchien ihm bleich und heftig erregt. Ihr Arm lehnte ſich feſter auf ſeinen Arm, als ſie nach einer Pauſe antwortete: „Iſt Ihnen das Medaillon ſehr lieb?“ „Das können Sie fragen?“ „Nein, nein!“ verkennen Sie mich nicht— ich bin nicht un⸗ dankbar, bin gegen Liebe und Freundſchaft nicht unempfindlich. Be⸗ halten Sie das Medaillon! behalten Sie's zur Erinnerung an Ihren, an unſern Liebling.“ „Nur zur Erinnerung an ihn? Es iſt Ihr Haar, Fräulein Helene!— nur zur Erinnerung an ihn?“ „Und— an mich!“ Oswald nahm die kleine Hand, die auf ſeinem Arm ruhte und führte ſie an die Lippen. „Sie machen mich unſäglich ſtolz und glücklich,“ ſagte er,„ich habe nichts gethan, wodurch ich ſo große Huld und Gnade verdient hätte; aber freilich, wäre Gnade denn noch Gnade, wenn man ſie verdienen könnte?“ „Sie wollen mich durch Ihre Beſcheidenheit erdrücken. Sie wollen, daß ich Ihnen danken ſoll für alle Ihre Güte, wie ich Ihnen danken müßte und doch nicht danken kann. Sie ſind immer ſehr gut gegen mich geweſen; Sie haben zu mir geſtanden, als ich ſelbſt von meinen nächſten Verwandten angefeindet wurde, und noch zuletzt— „Habe ich nichts gethan, was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines Lebens wieder thun würde.— Doch hier ſind wir an Fräulein Bärs Haus. Iſt die Gitterthür verſchloſſen?“ „Nein.“ Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Hausthür. Oswald ſchellte. „Werde ich Sie wiederſehen?“ Durch Nacht zum Licht. „Ich komme öfter zu Robrans.“ Die Thür wurde von innen aufgeriegelt. „Gute Nacht.“ „Gute Nacht.“ Oswald ergriff Helenens Hand und drückte ſie ſtürmiſch an ſeine Lippen. Die Thür wurde aufgeſchloſſen. „Auf Wiederſehen!“ flüſterte Oswald. „Auf Wiederſehen!“ erwiderte Helene noch leiſer. Es war Oswald, als ob ſie auch ſeinen Namen genannt hätte. Im nächſten Augenblick war ſie im Hauſe verſchwunden. Oswald ging nach der Stadt zurück in einer Aufregung, die aber keineswegs eine bloß freudige war. Eine reine, keuſche Freude konnte nicht mehr in ſein Herz einziehen; ſo wenig, wie man auf einem verſtimmten Inſtrumente eine Melodie rein zu ſpielen vermag. So war er in die Stadt zurückgekommen. Wo die Marktſtraße auf den Markt mündet, in dem ſtattlichen Eckhauſe waren die Fenſter hell erleuchtet; Wagen auf Wagen rollte vor die Thür; geputzte Damen und Herren ſtiegen aus und verſchwanden in dem Portale. Als Oswald, dicht an den Häuſern hinſchreitend, in unmittelbarſte Nähe der Thür gekommen war, fuhr eben wieder ein Wagen vor. Der Kutſcher parirte die feurigen Thiere zu gewaltſam und der Be⸗ diente, der eben in Begriff ſtand, vom Bock zu ſpringen, wurde un⸗ ſanft auf die Erde geſchleudert. Er raffte ſich ſogleich wieder auf, aber der Schmerz mußte gar groß ſein; er blieb wie betäubt ſtehen. Oswald, der eine einzelne Dame in dem Coupé bemerkt hatte, die ſchon, des Oeffnens der Thür harrend, aufgeſtanden war, griff nach dem Drücker, öffnete die Thür und ſtreckte eine Hand der Dame ent⸗ gegen, die, ihre kleine weißbehandſchuhte Hand ahnungslos auf ſeinen Arm legend, in einer Wolke von Muſſelin und Spitzen herabſchwebte. In dieſem Augenblick, wo das Licht aus dem Portale hell auf die Dame und auf Oswald fiel, ſtieß die Dame einen leiſen Schrei aus und blieb, Oswald mit großen Augen anſtarrend, wie feſtge⸗ wurzelt ſtehen. Eine glühende Röthe ergoß ſich über ihr Geſicht. Ihre Augen Zweiter Band. 27 flammten auf— es mochte unentſchieden bleiben, ob in Liebe oder Haß. Ihre Lippen zuckten,— augenſcheinlich hatte die plötzliche Ueberraſchung ſie gänzlich überwältigt. Der arme Bediente, der mit dem Hut in der Hand herangehum⸗ pelt kam, löſ'te den Zauber. „Verzeihen Sie, gnädige Frau—“ Ueber Oswalds Geſicht zuckte ein ſpöttiſches Lächeln. „Ich gratulire,„gnädige Frau,“ ſagte er leiſe, ihr die Hand bietend, ſie die Stufen hinaufzuführen. Oswald fühlte, daß die ſchlanken Finger ſich ſehr feſt in die ſeinen legten „Sie haben es ja gewollt,“ flüſterte ſie, und jetzt war es ent⸗ ſchieden, daß die großen grauen Augen nicht Haß, ſondern Liebe blickten.„Beſten Dank! Laſſen Sie ſich doch einmal bei mir ſehen. Ich garantire, daß Cloten Sie freundlich empfangen wird.“ Sie waren auf der letzten Treppenſtufe angelangt. Oswald verbeugte ſich: „Alſo auf Wiederſehen?“ „Auf Wiederſehen!“ Die junge Dame rauſchte in das Portal. Oswald ſtieg die Stufen hinab, an dem lahmen Bedienten vorüber, der, ſich noch immer die Kniee reibend, ſeinen improviſirten Collegen verwundert anblickte. Oswald lachte laut auf, während er weiter ſchritt.„Emilie von Breeſen— Frau von Cloten? Und blos, weil ich es gewollt? Und wenn ich es nun nicht will, nicht länger will? Was dann?“ Zweites Capitel. In den nächſten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt gekommen und hatten ihre Winterquartiere in den Kirchthürmen bezogen; auch behauptete man in gut unterrichteten Kreiſen, daß von den adeligen Familien, die den Winter in Grünwald zu reſidiren pflegten, keine von einiger Bedeutung mehr draußen ſei. 28 Durch Nacht zum Licht. Das regere Leben, das auf einmal in der ſonſt ſo ſtillen Stadt ſich bemerklich machte, bewies das zur Genüge. In dem Theater waren jetzt die Proſceniumslogen, die ausſchließlich für den Adel reſer⸗ virt waren, ſtets gefüllt. Des Nachts wurden die guten Bürger von Grünwald durch das Rollen ſchnell fahrender Carroſſen oft aus ihrem erſten Schlaf aufgeſchreckt, und zwölf Stunden ſpäter donnerten die⸗ ſelben Carroſſen abermals durch die Straßen, da die nächtlichen Ruheſtörer um dieſe Zeit ausgeſchlafen hatten und das unabweisliche Bedürfniß fühlten, einander nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen und ihre Anſichten über die intereſſanten Ereigniſſe der letzten Ballnacht, — wie oft der junge Graf Grieben mit dem jüngſten Fräulein von Nadelitz getanzt, und welch' ſonderbaren Kopfputz die alte Baroneß Renzien aufgehabt habe— gegenſeitig anszutauſchen. Geſtern war bei Griebens großer Ball geweſen; auf morgen hatten Grenwitzens zu einer Soirse— der erſten, die ſie in dieſer Saiſon gaben— initirt. Da die Etiquette erforderte, daß man ſich nach einer Geſellſchaft und ebenſo vor einer Geſellſchaft nach dem Befinden der betreffenden Gaſtgeber erkundigte, ſo mußten heute bei Griebens und bei Grenwitzens Viſiten gemacht werden. Das Rollen der Carroſſen wollte deßhalb heute Mittag kein Ende nehmen. Wenn Viſiten in größerer Zahl zu erwarten ſtanden, waren im Hoͤtel Grenwitz die ſonſt verſchloſſenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet. So auch heute. Ein Dutzend Viſiten waren ſchon abgefertigt, ein anderes Dutzend war noch in Ausſicht. Eben war eine Pauſe eingetreten. Es befand ſich augenblicklich Niemand im Salon, als die Baronin und der Baron. Wer die Beiden noch einen Moment vorher beobachtet hatte, als ſie die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirten, und ſie jetzt ſah, nach⸗ dem die Thür hinter jenen Damen ſich kaum geſchloſſen, würde ſich über ihr plötzlich verändertes Ausſehen zichechſt gewundert haben. Der alte Herr ließ ſich mit der Miene äußerſter Verdroſſenheit in einen Lehnſtuhl fallen und Anna Marie ſetzte ſich ihm ge enüber auf vas Sopha mit einem Geſicht, von dem jede leiſeſte Spur Lächeln hinter Wolken tiefſten Unmuths verſchwunden war. Augenſcheinlich Zweiter Band. 29 hatte, ehe der Beſuch kam, zwiſchen ihnen eine jener Scenen ſtatt⸗ gefunden, die in regelrechten Familiendramen nicht ungewöhnlich ſind, und es handelte ſich jetzt blos darum, wer von Beiden zuerſt den unterbrochenen Dialog wieder aufnehmen würde. In früheren Tagen wäre däs offenbar die Sache der kampf⸗ luſtigen, ſiegesgewiſſen Anna Marie geweſen. Merkwürdigerweiſe aber ſchienen die Gatten in jüngſter Zeit ihre Rollen ausgetauſcht zu haben. Seit Bruno's Tod und Helenens Entfernung aus dem elterlichen Hauſe war der Baron wie umgewandelt. Der ſonſt ſo gutmüthige, friedfertige, nachgiebige Mann war empfindlich, mürriſch, rechthaberiſch geworden. Dieſe Veränderung mochte zum Theil eine Folge ſeiner Kränklichkeit und Hinfälligkeit ſein, die in den letzten Wochen bedenklich zugenommen hatten; manchmal aber ſchien es faſt, als ob die Urſache noch tiefer läge, als ob die jüngſten Ereigniſſe den alten Herrn aus ſeiner Lethargie aufgerüttelt und ihm verſchiedene Dinge und Perſonen in einem andern Licht gezeigt hätten, als in welchem er ſie ſo lange Jahre geſehen hatte. Er, der früher kaum ein Glas Waſſer getrunken hatte, ohne ſeine Anna Marie dabei um Rath zu fragen, fing auf einmal an, für ſich ſelbſt zu handeln, ja für ſich ſelbſt zu denken und über Alles ſeine ganz beftimmten Anſichten zu haben, die er mit einer, bei beſchränkten Köpfen häufig beobachteten Hartnäckigkeit und Zähigkeit vertheidigte. Er hatte auch früher in langen Zwiſchenräumen einzelne Anfälle dieſes Eigenſinns gehabt; aber jetzt ſchien aus dieſen ſporadiſchen Erſcheinungen eine chroniſche Krankheit geworden zu ſein. Die Leute pflegen zu ſagen, wenn Jemand etwas, für ihn ganz Außergewöhnliches thut:„er lebt gewiß nicht mehr lange,“ und wenn dies Argument ſtichhaltig iſt, ſo mußten in der That die Tage des Barons gezählt ſein. Vielleicht war das wirk⸗ lich der Fall und der Baron hatte eine geheime Ahnung davon, die ihn zu dieſen unerhörten Anſtrengungen ſeiner Denk⸗ und Willenskraft veranlaßte, ähnlich wie alte, ſehr geſetzte Kanarienvögel kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Minuten lang mit nervöſer Heftigkeit im Bauer herumhüpfen und flattern. Eine ſolche nervöſe Heftigkeit lag auch in der Weiſe, in welcher der alte Mann jetzt aus ſeiner goldenen Tabaksdoſe eine Priſe nahm, 30 Durch Nacht zum Licht. den Deckel zuklappte, und ſodann, als ob ihm Anna Marie eben jetzt und nicht bereits vor einer halben Stunde das Stichwort gebracht hätte, ſagte: „Bleiben? es muß doch Alles einmal ein Ende nehmen— wir können doch Helene nicht für ewig bei Fräulein Bär laſſen.“ „Ich bin es nicht gewohnt,“ erwiderte Anna Marie, ihre Stickerei zur Hand nehmend— ſie liebte es mit einer Arbeit in der Hand geſehen zu werden, wenn Beſuch kam,—„ich bin es nicht gewohnt, heute ſo zu ſagen und morgen ſp. Andere Leute mögen anders darüber denken. Wir würden uns vor aller Welt lächerlich machen, wenn wir Helene nach vier Wochen wieder in's Haus nähmen.“ „Es ſind beinahe ſechs Wochen,“ brummte der Baron. „Vier oder ſechs, das bleibt ſich gleich.“ „Für mich nicht; ich bin ein alter Mann, ich kann morgen ſterben.“ „Das ſagſt Du ſchon ſeit zehn Jahren.“ „Wenn ich es ſeit zehn Jahren ſage,“ erwiderte der Baron, den die Liebloſigkeit, welche aus den Worten ſeiner Gattin ſprach, tief verletzt hatte,„ſo iſt es, weil ich mich ſeit zehn Jahren noch keinen Tag geſund gefühlt habe. Und einmal wird doch der Morgen kom⸗ men, wo ich nicht mehr bin, und deßhalb möchte ich meine Tochter ſo bald als möglich wieder um mich haben.“ „Nach Deinem Sohn fragſt Du nichts; ob Malte krank oder ge⸗ ſund iſt, das kümmert Dich nicht. Und doch iſt es Malte, auf dem alle unſere Hoffnungen ruhen. Du ſollteſt Gott danken, daß Du einen Sohn haſt, auf den das Majorat forterben kann; ſtatt deſſen iſt es Helene und immer wieder Helene, um die ſich bei Dir Alles dreht.“ „Ich danke Gott, daß ich einen Sohn habe und danke Dir, daß Du mir einen Sohn geboren haſt, nicht aber deßhalb, weil er mein Erbe, ſondern weil er mein Fleiſch und Blut iſt, das ich lieben kann, wie meine Tochter auch. Was das Majorat anbetrifft, ſo kennſt Du meine Anſicht darüber ſeit langer Zeit. Ich verabſcheue ein Inſtitut, das nur dazu dient, Zwietracht in der Familie zu ſäen.“ Der Baron nahm eine Priſe, augenſcheinlich in der Abſicht, ſich zu beruhigen. Doch ſchien das Mittel diesmal die entgegengeſetzte B——— Zweiter Band. 31 Wirkung zu haben, denn er fuhr nach dieſer Unterbrechung mit noch größerer Heftigkeit fort: „Weßhalb haſt Du Deine Tochter durchaus an Felix verhei⸗ rathen wollen? weil Felir möglicherweiſe einmal Majoratsherr wird! Weßhalb protegirſt Du Felir? weil er möglicherweiſe einmal Majo⸗ ratsherr wird! Weßhalb muß ich Felir um mich ſehen, den ich nicht leiden kann und meine Tochter entbehren, die ich liebe? weil Felix möglicherweiſe Majorathsherr wird.“ „Wiederhole Dich nicht ſo oft, lieber Grenwitz,“ ſagte Anna Marie mit einer Ruhe, die mit den rothen Flecken auf ihren Wangen und dem ſtechenden Blick ihrer großen, grauen Augen nicht recht harmonirte;„und ereifere Dich überhaupt nicht ganz unnöthigerweiſe ſo ſehr; Du wirſt Deinen Huſten wieder bekommen. Wie Du über das Majorat denkſt, bleibt ſich ziemlich gleich. Du kannſt, Gott ſei Dank, nichts daran ändern. Was aber mich anbetrifft, ſo erlaube, daß ich anders darüber denke und daß ich nach dieſer Seite hin thue, was ich für meine Pflicht halte. Wenn Du gegen Deine Kinder keine Pflichten haſt, ich habe welche. Wenn Du Deine Tochter wo möglich dem erſten beſten Abenteurer gäbſt, der ſie haben will oder den ſie haben will— Du brauchſt nicht ungeduldig mit Deinem kranken Fuß zu ſtampfen und Du wirſt Deinen Tabak auf den Teppich ſchütten, wenn Du ſo heftig mit der Doſe auf die Lehne klopfſt— ich ſage, wenn Dir es gleichgiltig iſt, wen Helene hei⸗ rathet, mir iſt es nicht gleich. Ich habe die Heirath mit Felix befür⸗ wortet, nicht aus Eigenſinn, den ich Anderen überlaſſe, ſondern weil ich die Heirath für eine gute Partie hielt, für die beſte, die ein Mäd⸗ chen ohne Vermögen machen kann. Wie wenig eigenſinnig ich bin, kannſt Du ſchon daraus ſehen, daß ich ſeit Felix' Unfall und ſeit der Doctor ihn für ſchwindſüchtig hält, durchaus nicht mehr ſo ſehr für die Heirath bin. Im Gegentheil, ſobald es ſich als ſicher heraus⸗ geſtellt haben ſollte, daß Felix nur noch kurze Zeit zu leben hat, ſo werde ich die Erſte ſein, die ihn fallen läßt, um ſo mehr, als von ihm nur Schulden zu erben ſind.“ Der alte Herr ſchien durch dieſen kaltblütigen Egvismus nichts weniger als angenehm berührt. Er hatte, wie ſchon oft in der letzten 32 Durch Nacht zum Licht. Zeit, ein dunkles Gefühl davon, daß ſeine hoch moraliſche Gattin eigentlich ein ſehr ſchlechtes Herz habe, und er ſeufzte tief. Es iſt bitter, am Spätabend ſeines Lebens einer Illuſion entſagen zu müſſen, mit der man ſich ein Vierteljahrhundert lang getragen hat. Er verfiel in ein ſtilles Brüten. Was ihn beſchäftigte, zeigten die Worte an, in die er nach einigen Minuten, während deren Anna Marie mit nervöſer Haſt ſchweigend geſtickt hatte, ausbrach: „Sei wenigſtens gut gegen ſie, wenn ſie heute Morgen uns zu beſuchen kommt.“ „Ich habe noch ſtets gewußt, was ich zu thun hatte,“ antwortete die Baronin, von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend;„ich werde es auch in dieſem Falle wiſſen.“ Der Baron mochte durch dieſe Verſicherung innerlichſt noch nicht ganz beruhigt ſein. Aber bevor er für ſeine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte, öffnete der Bediente die Thür und meldete: „Herr und Frau von Barnewitz.“ Alsbald traten auch die Genannten in das Zimmer. Herr von Barnewitz und Gemahlin waren erſt ſeit geſtern in der Stadt. Herr von Barnewitz war ein großer Jäger vor dem Herrn und trennte ſich nur ungern von ſeinen Hunden und Pferden. Er war ſeit dem Beginn der Jagdzeit nicht viel in's Zimmer gekommen und auf ſeiner ganzen Erſcheinung lag noch der Duft der letzten Fuchshetze. Seine Schultern und ſein rother Bart erſchienen noch breiter und ſeine Stimme klang noch lauter und heiſerer wie gewöhn⸗ lich. Hortenſe von Barnewitz dagegen war noch um eine Schattirung blaſſer und blonder, als im Sommer, und ſah um ein Bedeuten⸗ des fatiguirter und gelangweilter aus. Ihre Lippen waren dünner, und ihre blaue Augen ſtechender geworden. Offenbar fing ſie an, das Leben, Alles in Allem, unerſprießlich zu finden, beſonders ſeit geſtern Abend, wo man ſie auf dem Ball bei Griebens über jugend⸗ licheren und ſchöneren Erſcheinungen arg vernachläſſigt hatte. „Haben wir endlich das Vergnügen?“ ſagte Anna Marie, mit dem ſtereothpen huldvollen Lächeln, das ſie für ſolche Gelegenheiten ſtets bereit hatte, den Eintretenden ein paar Schritte entgegengehend. „Ganz auf unſerer Seite, gnäd'ge Frau!“ rief der Fuchsjäger, Zweiter Band. 33 der Baronin die magere Hand küſſend;„ganz auf unſerer Seite. Konnten bei Gott nicht früher. Geſtern Mittag gekommen; geſtern Abend bei Grieben's. Schade; daß Sie nicht da waren; famos, ſage ich Ihnen, beinahe ſo gut amüſirt, wie auf der letzten Treibjagd. Meine Frau hat ſich ennüyirt; hatte keinen rechten Anlauf. Leute ennühiren ſich immer, wenn ſie keinen Anlauf haben, ha, ha, ha!“ „Sie müſſen Karl's Ausdrucksweiſe entſchuldigen,“ ſagte Hortenſe, bei der Baronin auf dem Sopha Platz nehmend;„er hat in den letzten ſechs Wochen faſt ausſchließlich mit ſeinen Reitknechten und Förſtern verkehrt.“ „Und mit Dir, mein Schatz, ha, ha, ha!“ lachte der galante Gatte.„Na, Hortenſe, brauchſt nicht ſo bös zu werden. Ein Scherz muß unter Eheleuten erlaubt ſein.“ „Wie ſieht es denn bei uns aus?“ fragte Anna Marie, der Unterhaltung eine weniger pikante Wendung zu geben. „O, es geht;“ ſagte Herr von Barnewitz.„Das Winterkorn ſteht im Allgemeinen gut; ſtellenweiſe haben die Mäuſe Schaden gethan. Der Sommer war gar zu heiß. Ich denke, daß die Näſſe ſie jetzt ein bischen mürbe machen wird. A propos Näſſe, Grenwitz! Wir müſſen die Grabenangelegenheit endlich einmal reguliren. Wir erſaufen ſonſt, bei Gott, gelegentlich noch alle miteinander. Ich habe vor einigen Tagen auch mit Oldenburg geſprochen. Er gehört durch ſein Vorwerk Cona mit zu unſrer Feldmark. Er war auch der Mei⸗ nung, daß die Sache wo möglich noch in dieſem Herbſt in Angriff genommen werden müßte.“ „Ei, ſeit wann bekümmert ſich denn der Baron um die Land⸗ wirthſchaft? Das iſt ja ganz was Neues,“ ſagte Anna Marie. „Ganz was Neues, gnäd'ge Frau,“ beſtätigte Herr von Barne⸗ witz,„das Allerneueſte, ha, ha, ha! ſeitdem er von ſeiner letzten Reiſe zurück iſt; alſo ungefähr ſeit vierzehn Tagen. Ich glaube, er ſchnappt nächſtens über.“ „Oder heirathet Ihre Couſine Melitta,“ ſagte die Baronin lächelnd. „Sollte das nicht auf daſſelbe herauskommen?“ warf Hortenſe dazwiſchen. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 3 34 Durch Nacht zum Licht. „Aber, liebe Hortenſe, wer wird ſo ſatyriſch ſein!“ ſagte die Baronin, der ſatyriſchen Blondine ſchalkhaft mit dem Zeigefinger drohend. „Biſt eiferſüchtig, Schatz; biſt eiferſüchtig!“ rief Herr von Barne⸗ witz;„haſt ihr ſtets ihre Pouſſeurs beneidet, weil ſie immer an jedem Finger einen hatte!“. „Es iſt eine rechte Kunſt, von den Herren gefeiert zu werden, wenn man keine Mittel der Koketterie unbenutzt läßt,“ ſagte Hortenſe, ihre Mantille ſo weit fallen laſſend, daß ihre weißen Schultern zum Vorſchein kamen. „Na, ſo ſchlimm iſt ſie nun auch nicht,“ meinte der Gatte. Hortenſe zuckte die weißen Schultern. „Schlimm iſt ein relativer Begriff. Melitta hat in ihrem Leben ſo viel Anlaß zum Skandal gegeben, daß man es bei ihr allerdings nicht ſo genau nimmt.“ „Daſſelbe dürfte aber auch bei Baron Oldenburg der Fall ſein,“ meinte Anna Marie. „Möglich,“ meinte Hortenſe;„ich kenne Oldenburg nicht näher“— Hier mußte der Fuchsjäger nothwendig ſein Taſchentuch ziehen und ſich mit großem Geräuſch ſchnäuzen. „Nicht näher,“ wiederholte Hortenſe, die irgend eine myſteriöſe Verbindung zwiſchen ihren Worten und dem Schnäuzen ihres Ge⸗ mahls entdecken mußte, mit Nachdruck:„aber, wenn er ſich über Melitta's letzte Affaire wegſetzen kann, ſo muß er allerdings— viel vertragen können.“ „Letzte Affaire?“ ſagte die moraliſche Anna Marie, ihre Augen⸗ brauen in die Höhe ziehend;„ei, ei! das iſt ja das Erſte, was ich höre.“ „Geſchwätz, gnäd'ge Frau, Geſchwätz;“ ſagte Barnewitz, der ſich erinnerte, daß Melitta ſeine leibliche Couſine ſei, und daß er als Junge von ſiebzehn Jahren das ſchöne zwölfjährige Mädchen an⸗ gebetet hatte;„nichts als Geſchwätz von einigen alten Kathen⸗ weibern.“ „Alte Kathenweiber haben oft noch recht unbequem ſcharfe Augen,“ * ————B Zweiter Band. 35 bemerkte Hertenſe mit einem aufmerkſamen Blick nach den Stuck⸗ Ornamenten der Zimmerdecke. „Sie machen mich in der That neugierig,“ ſagte Anna Marie, ſich in ihrer Sophaecke zurechtrückend. „Es iſt dummes Zeug, gnäd'ge Frau, ich verſichere Sie,“ ſagte Barnewitz ärgerlich.„Ein paar alte Weiber aus unſerm Dorfe, die Nachts im Berkower Forſt Holz ſtahlen— ich wüßte ſonſt nicht, was ſie um die Zeit da zu thun hätten— erzählen, daß Melitta in ihrem Waldhäuschen heimliche Zuſammenkünfte mit Gott weiß wem? gehabt hat. „Das iſt ja eine ſehr pikante Geſchichte,“ ſagte Anna Marie. „Ja, und ſie wird noch dadurch pikanter,“ ſagte Hortenſe(immer noch die Augen nach der Decke gerichtet), daß der glückliche Gott weiß wer? ſtets auf dem Wege von Grenwitz gekommen iſt und ſich auf demſelben Wege wieder entfernt hat.“ Anna Maria's Augen wurden bei dieſer Nachricht ſo groß, wie ſie überhaupt werden konnten. „Wann ſoll dies geſchehen ſein?“ fragte ſie ſtreng.„Ich will nicht hoffen—“ „O, beunruhigen Sie ſich nicht!“ unterbrach ſie Hortenſe;„Felir iſt erſt ſehr viel ſpäter gekommen. Es war um die Zeit, als wir den Ball gaben und Oldenburg, der mit Karl die Tiſchzettel ver⸗ theilte, meine Couſine von Ihrem Doctor Stein zu Tiſch führen ließ und ihn hernach in ſeinem Wagen nach Hauſe brachte; eine rührende Aufmerkſamkeit, die in dieſem Fall etwas unwiderſtehlich Komiſches hat; ebenſo wie die Wärme, mit der ſich Oldenburg hernach Herrn Stein's annahm, als ihr Neffe Felir die fatale Geſchichte mit ihm hatte! O es iſt wirklich zu luſtig! Aber das muß man meiner Couſine laſſen, ſie verſteht's, unter ihren— Freunden Freundſchaft zu ſtiften.“ Der alte Baron hatte während dieſer intereſſanten Unterhaltung ſchweigend und wie es ſchien vollkommen theilnahmlos dageſeſſen. Um ſo mehr überraſchte die Heftigkeit, mit der er jetzt, den grauen Kopf unwillig ſchüttelnd, ſagte: „Frau von Berkow, iſt eine liebe Dame, die ich ſchätze; Baron 3* 36 Durch Nacht zum Licht. Oldenburg iſt ein Ehrenmann; ich habe ihn ſtets und noch kürzlich, als ich in wichtigen Geſchäften mit ihm zu thun hatte, als ſolchen kennen gelernt. Es thut mir weh, meine Herrſchaften, daß ich Sie in dieſer harten und liebloſen Weiſe ſprechen höre— ſehr weh! ſehr weh!“ Und der alte Mann zitterte vor innerer Erregung ſo, daß er die Priſe, die er zwiſchen den Fingern hatte, kaum zur Naſe führen konnte. Von Barnewitz nickte mit dem Kopfe, als ob er ſagen wollte: der Alte hat ſo Unrecht nicht; aber Hortenſe war nicht in der Laune, die verdiente Zurechtweiſung geduldig hinzunehmen. „Laſſen Sie ſich das nicht ſo unlieb ſein, Herr Baron,“ erwiderte ſie höhniſch;„Sie wiſſen, daß der Name dieſes Herrn Stein auch noch ſonſt eine gewiſſe Berühmtheit in der Chronik dieſes Sommers erlangt hat. Je öfter man denſelben alſo mit meiner Couſine zu⸗ ſammennennt, deſto ſeltener kann man ihn mit den Namen anderer Damen in Verbindung bringen.“ Es war ein Glück für den alten Herrn, daß er dieſe auf Helene gemünzte Anſpielung nicht verſtand, da es ihm nie auch nur im ent⸗ fernteſten in den Sinn gekommen war, ſeine Tochter habe zu dem Streit zwiſchen Oswald und Felir die Veranlaſſung gegeben. Indeſſen mochte Hortenſe doch fühlen, daß ſie zu weit gegangen ſei. Sie beeilte ſich deßhalb zu bemerken, es ſei ſchon ſehr ſpät, und wollte ſich eben zum Fortgehen erheben, als ein neuer Beſuch gemeldet wurde, der zum Bleiben zwang. Es ſollte Niemand von Hortenſe von Barnewitz ſagen, daß ſie einer Nebenbuhlerin das Feld geräumt habe. Und das war in mehr als einer Hinſicht Emilie von Cloten, die ſo eben ihrem Gatten voran in den Salon rauſchte. Emilie war ſeit vierzehn Tagen verheirathet. Sie hatte es vor⸗ gezogen, keine längere Hochzeitsreiſe zu machen, als von dem Gute ihrer Eltern, wo die Vermählung ſtattgefunden hatte, nach Grünwald. Sie wollte den Anfang der Saiſon nicht verſäumen. Sie durſtete, auf dem Schauplatz ihrer nächſten Triumphe zu erſcheinen, um von vornherein jede Concurrenz unmöglich zu macher. Emilie von Breeſen wollte nicht umſonſt Frau von Cloten geworden ſein, nicht umſonſt Zweiter Band. 37 die Frau eines Mannes, mit dem ſie ſich in einer eiferſüchtigen Laune verlobt, den ſie aus purer Caprice geheirathet hatte. Der Erfolg, den ſie auf den erſten Bällen dieſer Saiſon gehabt, entſprach ihren kühnſten Hoffnungen. Sie ſah die Männerwelt zu ihren Füßen und das Bewußtſein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten Schönheit. Siegesgewißheit ſtrahlte aus ihren großen mandelförmigen grauen Augen, Siegesgewißheit ſpielte um ihren großen, aber keineswegs unſchönen Mund mit den herrlich weißen Zähnen; Siegesgewißheit lächelte ſchalkhaft aus den Grübchen ihrer roſigen Wangen; Siegesgewißheit verkündete ſelbſt das Rauſchen ihres langen ſeidenen Kleides und das Winken und Nicken der weißen Straußenfeder auf dem reizenden Hütchen von ſchwarzem Sammet, aus dem das hellbraune glänzende Haar in üppigen Flechten hervorquoll. Herr von Cloten ſeinerſeits ſchien ſchon angefangen zu haben, das hohe Glück, der Gemahl einer ſo glänzenden Dame zu ſein, einiger⸗ maßen problematiſch zu finden. Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck einer Truthenne, die ſich Wochen⸗ lang über der Hoffnung des Glücks, dermaleinſt junge, anſtändige Truthühner auf dem Hofe ſpazieren führen zu können, halb blödſinnig geſeſſen und geträumt hat, und nun plötzlich ihre Brut als wilde übermüthige Entlein auf den Teich hinausſchwimmen ſieht. Wer ihn früher gekannt hatte, mußte die Bemerkung machen, daß er ſeinen blonden Schnurrbart weniger häufig drehte und feine Stimme nicht mehr ganz ſo ſelbſtgefällig ſchnarrte. Vielleicht trug zu dieſer ſicht⸗ lichen Verſtimmung auch die unerwartete und jedenfalls unerwünſchte Begegnung mit ſeiner treulos(und etwas feig) verlaſſenen Geliebten bei, wie umgekehrt dieſer ſelbe Zuſtand die gute Laune der jungen Frau noch weſentlich zu erhöhen ſchien. Hatte ſie doch das angenehme Bewußtſein, Hortenſe geſtern Abend vollſtändig verdunkelt zu haben für ſich, weßhalb ſollte ſie jetzt an dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin nicht ihre innige Freude haben? ſie mit allen Zeichen herzlichſter Freundſchaft bewillkommnen? und theilnehmend fragen, ob ſie ihre Kopfſchmerzen von geſtern Abend verſchlafen habe? „Wie ſchade, liebe Barnewitz, daß Ihre Migräne Sie zwang, vor 38 Durch Nacht zum Licht. dem Cotillon wegzugehen. Ich verſichere Sie, es war der reizendſte Cotillon, den ich je mitgemacht habe. Fürſt Waldenberg— Sie wiſſen, daß ich mit dem Fürſten den Cotillon aufführte— Mar Grieben hatte uns dringend darum gebeten— kannte eine Menge der reizendſten neuen Touren, wie ſie auf den Hofbällen in Berlin getanzt worden. Ich ſage Ihnen, ein ſolcher Cotillon iſt in Grün⸗ wald noch nicht getanzt worden. Nicht wahr, Arthur, es war zu allerliebſt!“ „O gewiß, gewiß!“ ſchnarrte der gehorſame Gatte, der mit der verwachſenen Comteſſe Stilow hatte tanzen müſſen;„ich verſichere Sie, meine Herrſchaften, es war jottvoll, auf Ehre, jottvoll!“ „Mir ſchien die Geſellſchaft, offen geſtanden, ein wenig gemiſcht,“ ſagte Hortenſe, die ſeit Emilien's Eintreten noch um einige Grade blaſirter ausſah;„ich habe nicht weniger als vier, ſage vier, bürger⸗ liche Artillerie⸗Offiziere gezählt.“ „Gott, das iſt wohl möglich,“ ſagte Emilie; obgleich ich aller⸗ dings keine Zeit gehabt habe, ſie zu zählen. Ich habe ſogar mit einem getanzt— Schulz oder Müller, oder wie er hieß, der nebenbei ſo ausgezeichnet walzte, wie man es ſich nur wünſchen kann.“ „Aber, liebe Emilie, konnten Sie denn das nicht vermeiven?“ fragte Hortenſe, ihre Mantille in die Höhe ziehend. „Ganz dieſelbe Frage, die Fürſt Waldernberg an mich ſtellte. Dur hlaucht, antwortete ich, ich ſchwärme gerade auch nicht für die Artillerie; aber ich tanze doch noch lieber mit einem Bürgerlichen, als daß ich ſitzen bleibe.“ Die Erwähnung eines Unglücks, welches Hortenſe geſtern Abend zweimal begegnet war, verſetzte die genannte Dame in eine Aufregung, welche die zarte Roſaſchminke auf ihren Wangen vollſtändig überflüſſig machte. Sie wollte eben die Thorheit begehen, durch eine heftige Antwort zu verrathen, wie ſicher ſie der von Emilien geſchleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte, als der Bediente„Herr und Frau ProfeſſorJäger“ meldete. Der Mann war ſo wohl geſchult, daß er diesmal nicht, wie ſonſt die Gemeldeten ſogleich in's Zimmer ließ, ſondern die Thür hinter Zweiter Band. ſich ſchloß und der weiteren Befehle ſeiner Herrſchaft gewärtig, kerzen⸗ grade an derfelben ſtehen blieb. „Sie erlauben meine Herrſchaften,“ ſagte Anna⸗Maria in end⸗ ſchuldigendem Tone, zu der übrigen Geſellſchaft gewandt,„daß ich Herrn und Frau Profeſſor Jäger empfange. Die Leute haben ſich ſtets treugeſinnt und ſich ihrer Stellung bewußt gezeigt. Ich halte es für unſere FPflicht, dergleichen Menſchen zu protegiren.“ Auf einen Wink der Gebieterin entfernte ſich der Bediente, und alſobald erſchienen der Fragmentiſt und die Dichterin, unter tiefen Verbeugungen, die von der adligen Geſellſchaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden. Nur der alte Baron erhob ſich, ſchüt⸗ telte Beiden die Hand und hieß ſie in ſeiner ungeſchminkten, herz⸗ lichen Weiſe willkommen. Wenn Primula, die etwas verſchüchtert aus den blauen Korn⸗ blumen, mit denen ihr Hut garnirt war, hervorblickte, einer ſolchen Aufmunterung in der That bedürftig zu ſein ſchien, ſo war das bei dem Herausgeber des Chryſophilos keineswegs der Fall. Freilich ſprach Demuth aus dem Blick ſeiner kleinen Augen, die über die goldenen Ränder der runden Brillengläſer verdächtig wegſchielten, als er jetzt mit gekrümmtem Rücken heran trat; freilich lächelte Beſcheidenheit aus den widerlichen Falten, die ſich um ſeinen großen Mund mit den herabgezogenen Winkeln lagerten, aber es war die Demuth und die Beſcheidenheit einer Katze, die ihren Buckel an dem Fuß der Leiter reibt, welche nach dem Boden führt, wo die fetten Täubchen girren. Er ging auf die Baronin zu, küßte ihr wiederholt die huldpoll dar⸗ gebotene Hand, verbeugte ſich dann tief vor den beiden anderen Da⸗ men, nicht ganz ſo tief vor den Herren, ſetzte ſich nach einigem Zögern auf den Rand eines Stuhls, der etwas außerhalb des Kreiſes ſtand, und harrte, den Kopf auf die rechte Seite geneigt, ob Jemand ſich gemüßigt fühlen würde, ihn mit einer Frage zu beehren. Das Geſpräch der Herrſchaften drehte ſich eben um ein höchſt intereſſantes Thema, um die Perſon Sr. Durchlaucht, des Premier⸗ lieutenants Fürſten Waldernberg, der vor einigen Wochen von ſeinem Garderegiment in der Reſidenz nach dem in Grünwald garniſonirenden Linienbataillon abcommandirt, und, wie ſich von ſelbſt verſteht, von 40 Durch Nacht zum Licht. dem erſten Augenblick ſeines Auftretens der Löwe des in der Stadt verſammelten Landadels geworden war. „Ich möchte nur wiſſen, weshalb er eigentlich abcommandirt iſt,“ ſagte von Cloten.„Felir, mit dem ich geſtern über ihn ſprach— a propos, gnä'ge Frau, es iſt ſehr gut, daß Felix das Zimmer hütet, er ſieht wirklich recht ſchlecht aus;— Felix meint, der Fürſt werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben; er ſoll der leidenſchaft⸗ lichſte Menſch ſein, der ſich denken läßt.“ „Gott, Arthur,“ ſagte Emilie,„Du ſprichſt, als ob Leidenſchaft ein Verbrechen wäre; ich wollte, es hätte Mancher mehr davon.“ „Sind die Waldernbergs nicht ſlaviſcher Abkunft?“ fragte Hor⸗ tenſe;„mir däucht, der Fürſt ſieht wie ein Mongole aus.“ „O, Sie haben ihn nicht wie ich in der Nähe betrachtet, liebe Barnewitz,“ ſagte Emilie;„er iſt einer der ſchönſten Männer, die ich je geſehen habe und er tanzt wie ein Gott.“ „Ich glaube, daß die Waldernbergs eine urſprünglich polniſche Familie ſind,“ meinte Anna Marie. „Bewahre, gnä'ge Frau!“ rief von Cloten,„rein germaniſch, auf Ehre, rein germaniſch.“. „Ich bin überzeugt, daß uns Profeſſor Jäger darüber etwas Genaueres mittheilen kann,“ ſagte die Baronin, ſich mit huldvollem Lächeln zu dem Gelehrten wendend. „Allerdings, meine Gnädigſte;“ rief dieſer, froh, eine Gelegen⸗ heit zum Auskramen ſeines Wiſſens gefunden zu haben;„allerdings, es hat mir ſtets bei meinen hiſtoriſchen Studien ein ganz beſonderes Vergnügen gewährt, den Genealogien der avligen Geſchlechter nach⸗ zuforſchen und ſo habe ich denn auch der Geſchichte der Familie Wal⸗ dernberg, die in vieler Hinſicht eine ſehr intereſſante iſt, eine beſondere Aufmerkſamkeit zugewandt. Die Waldernbergs ſind, wenn meine Gnädigſte mir dieſe Berichtigung verſtatten wollen, in der That rein germaniſcher Abkunft. Sie ſtammen urſprünglich aus Franken und ſind erſt mit dem deutſchen Orden nach Preußen gekommen. In ſpäterer Zeit haben ſie ſich allerdings mit polniſchen adligen Familien vielfach verſchwägert, wie ſie denn außer in der Lauſitz, wo die Stammherrſchaft Waldernberg liegt, in ruſſiſch Polen reich begütert Zweiter Band. 41 ſind. Auch der jetzige Fürſt hat Beides, ſarmatiſches und germaniſches Blut in ſeinen Adern. Seine Mutter, die Frau Fürſtin Stephanie Letbus aus dem Hauſe Waldernberg vermählte ſich im Jahre acht⸗ zehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg, wo ſie ſeit ihrer früheſten Jugend reſidirt hatte— ich erwähnte ſchon vorhin, daß ein Theil der Beſitzungen in Rußland liegt— mit dem Grafen Conſtantin Malikowsky, dem letzten Sproſſen einer ehemals ſehr reichen und mächtigen, ſpäter aber verarmten polniſchen Familie. Der Kaiſer Alexander, der, wie man ſagt, nach beiden Seiten hin Verpflichtungen hatte,(hier lächelte der Profeſſor ein ſchüchternes Lächeln) ſowohl gegen die junge Fürſtin, die Hofdame bei der Kaiſerin war, und ſehr ſchön geweſen ſein ſoll, als auch gegen den Grafen, deſſen Familie hauptſächlich durch ruſſiche Güterconfiscationen ruinirt war, ſoll die Heirath zu Stande gebracht haben, obgleich der Ruf des Grafen— die gnädigen Herrſchaften verzeihen die Wahrhaftigkeit des hiſtoriſchen Forſchers— einigermaßen, wie ſoll ich gleich ſagen? anrüchig war. Cavaliere müſſen ſich austoben— das verſteht ſich von ſelbſt, aber Graf Malikowsky hat es vermuthlich ein wenig zu arg getrieben. Wie dem auch ſei— aus der Ehe des Grafen Conſtantin Malikowsky mit der Fürſtin Stephanie Letbus ſtammt der Fürſt, der bis vor wenigen Jahren in ruſſiſchen Dienſten ſtand, dann, als mit dem letzten Fürſten Waldernberg der Mannsſtamm der Familie ausſtarb und die Herrſchaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel, durch die Gnade ſeiner Majeſtät ſucceſſionsfähig erklärt wurde, und als gefürſteter Graf von Malikowsky⸗Waldernberg— ſein ganzer Name iſt, wie den gnädigen Herrſchaften vielleicht noch nicht bekannt iſt: Raimund, Gregorius, Stephan gefürſteter Graf von Malikowsky⸗ Waldernberg, Erbherr von Letbus— in unſre Dienſte trat.“ Die Geſellſchaft war mit der tiefſten Aufmerkſamkeit dem genea⸗ logiſchen Vortrag des gelehrten Profeſſors gefolgt, mit derſelben Auf⸗ merkſamkeit ungefähr, mit welcher eine Geſellſchaft gewöhnlicher Krähen dem Bericht einer Eule über die Abſtammung eines Kolk⸗ raben, der von einem Flügelende bis zum andern vier Schuh mißt, zuhören würde. In das andächtige Schweigen ertönte urplötzlich die 42 Durch Nacht zum Licht.. Stimme des Bedienten, der mit nervöſer Haſt die Thür aufriß und in das Zimmer ſchrie: „Sr. Durchlaucht, der Fürſt von Waldernberg.“ Der nervöſe Bediente ſchien die im Salon verſammelte Geſell⸗ ſchaft elektriſirt zu haben. Im nächſten Augenblick ſtanden Alle ohne Ausnahme kerzengrade vor ihren Stühlen, die erwartungsvollen Blicke ſtarr nach der Thür gerichtet, durch deren weit aufgeſperrte Flügel der Fürſt ſo raſch hereintrat, daß Anna Marie ihm nicht ganz die drei Schritte, welche die Etiquette erheiſchte, ſondern nur einen und einen halben vom Sopha aus entgegen gehen konnte. „Sie haben die Güte gehabt, Madame,“ ſagte der Fürſt im reinſten Franzöſiſch, indem er der Baronin leicht die Hand küßte, „mir mit einer Einladung zuvorzukommen, bevor ich Gelegenheit hatte, mich dieſer Aufmerkſamkeit würdig zu machen. Verſtatten Sie mir, daß ich verſuche, das Verſäumte nachzuholen.“ „Ein Verſuch, mein Fürſt,“ antwortete Anna Marie mit ihrem huldvollſten Lächeln, ebenfalls auf franzöſiſch,„der bei einem Cavalier, wie Sie, des Erfolges ſicher iſt. Ich bedaure ſehr, daß ein unglück⸗ licher Zufall uns, die wir ſo ſelten das Haus verlaſſen, gerade neu⸗ lich, als Sie uns mit Ihrem Beſuche beehren wollten, vom Hauſe entfernt hatte. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Geſellſchaft vor⸗ ſtelle.— Der Baron, mein Gemahl— Herr und Frau von Barne⸗ witz— Herr und Frau von Cloten—⸗ „Ich habe bereits die Ehre“— ſagte der Fürſt lächelnd. „Profeſſor Jäger— ein vortrefflicher Gelehrter und treuer Freund unſeres Hauſes; Frau Profeſſor Jäger, eine Dame, deren poetiſches Talent Aufmunterung verdient.“ Der Fürſt verbeugte ſich gegen jede der ihm vorgeſtellten Per⸗ ſonen— auch vor den zuletzt Genannten, was allgemein auffiel— mit derſelben Würde und Höflichkeit und gab, indem er neben Anna Marie auf einem Lehnſeſſel Platz nahm, das Signal zum Niederſetzen. Während dieſes langen Selams hatte, wer den Fürſten noch nicht kannte, Gelegenheit gehabt, ſeine äußere Erſcheinung zu ſtudiren. Es war eine herkuliſche Geſtalt, die einem Preisboxer höchlichſt im⸗ ponirt und in einem Circus in der Tracht eines Athleten Furore ge⸗ Zweiter Band. 43 macht haben würde, für gewöhnliche Verhältniſſe aber vielleicht etwas zu koloſſal war. Auf dem großen, ſtarken Leibe, mit deſſen Höhe die Breite der mächtigen Schultern und die hohe Wölbung der Bruſt vollkommen harmonirten, ſaß auf einem zu kurzen Halſe, ein großer, mit kurzen krauſen ſchwarzen Haaren bedeckter, mehr eckiger als runder Kopf. Die Züge des Geſichts ſtimmten mit dem Uebrigen. Die Stirn war gerade und niedrig, die Augen von funkelnder Schwärze, aber klein, und erſchienen durch die ſchweren, mit dunklen Wimpern eingefaßten Lider noch kleiner. Die Naſe, ebenſo wie die dicken Lippen, war etwas aufgeworfen. Wangen und Oberlippen bedeckte ein Bart, der noch ſchwärzer und krauſer war als das Haupthaar. Das nach militairiſcher Sitte glatt raſirte Kinn war die energiſche Baſis dieſes energiſchen Geſichts. Alles in Allem ſtimmte die Behauptung Hor⸗ tenſe's, daß der Fürſt wie ein Mongole ausſehe, ebenſo wenig, wie die Emiliens, er ſei ein bildſchöner Mann, mit der Wahrheit; auf alle Fälle aber war es eine Erſcheinung, die viel zu eigenthümlich und viel zu charakteriſtiſch war, um häßlich genannt werden zu können, wenn ſie auch den ſtrengen Geſetzen der idealen Schönheit keineswegs entſprach. Ideale Eigenſchaften irgend welcher Art würde auch ein Phyſiognom vergebens in dem Geſichte des Fürſten geſucht, dafür aber eine höchſt energiſche Willenskraft, und vielleicht, wenn er noch tiefer geſchaut hätte, einen unbändigen Stolz entdeckt haben, der hinter der Maske eiſiger Ruhe, wie ein Löwe hinter den Gittern ſeines Käfigs, mit offenen Augen ſchlief und durch ein Nichts erweckt werden konnte. Der Fürſt trug die ſimple Uniform des in Grünwald garniſoni⸗ renden Regiments, aber die zwei Orden auf ſeiner Bruſt— ein kleines in Diamanten gefaßtes, wahrſcheinlich ruſſiſches Kreuz und der blaue Falkenorden zweiter Claſſe mit den Schwertern— bewieſen zur Ge⸗ nüge, daß man es hier mit einem Mann zu thun habe, deſſen Be⸗ deutung auch ohne Portépée und Epauletten geſichert war. Und dieſer höheren myſtiſchen, dem profanen Auge ſich nur durch das ahnungsvolle Gefunkel der Diamanten offenbarenden Bedeutung entſprach die Auszeichnung, mit welcher Anna Marie ihren durch⸗ lauchtigſten Gaſt behandelte; entſprach das beſcheidene Schweigen, in welches von Barnewitz und von Cloten ſeit ſeiner Ankunft verſunken S— — — „ Durch Nacht zum Licht. waren; entſprachen die Koketterien, mit welchen Hortenſe und Emilie ſich bemühten, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken; entſprach die Verlegenheit des Fragmentiſten und der Dichterin, die eine vage Empfindung davon hatten, daß ſie in dieſem edlen Kreiſe mehr als überflüſſig waren, und es doch nicht wagten, von ihren Stühlen auf⸗ zuſtehen und ſich zu verabſchieden. Der Fürſt und die Baronin nahmen die Koſten der Unterhaltung im Anfang faſt ausſchließlich auf ſich, bis es Hortenſe gelang, ſich durch eine dazwiſchen geworfene Bemerkung des Wortes zu bemächtigen und es eine Zeit lang zu behaupten, zum größten Aerger Emiliens, die ihrer Gegnerin dieſen Triumph unbeſtritten laſſen mußte, da ſie ſehr mangelhaft franzöſiſch ſprach und der rapiden Rede der Nebenbuhlerin kaum zu folgen ver⸗ mochte. Hortenſe, welche Emiliens Schwäche kannte, trieb die Bos⸗ heit ſogar ſo weit, ſich alle Augenblicke mit einem qu'en dites vous, chère amie? n'est-ee pas, Emilie! an ſie zu wenden und ſie ſo zu Antworten zu zwingen, die, wie witzig auch der Inhalt ſein mochte, in der Form ſehr viel zu wünſchen ließen. Wer die Wonne beobachtet hätte, mit der Hortenſe dieſen Triumph über ihre Feindin genoß, würde die Bemerkung gemacht haben, daß die Schadenfrende gar kein ſo ſchlechtes Vergnügen iſt. Dies Vergnügen ſteigerte ſich aber zum Entzücken, als der Fürſt Emilie zuletzt kaum noch beachtete und ſich ganz dem Reiz von Hortenſe's pikanter Unterhaltung hingab. Indeſſen war Emilie zu keck und leichtſinnig, um ſich durch eine momentane Riederlage um ibren guten Humor bringen zu laſſen. Der Fürſt war, obgleich ſie ihn vorhin, ihre Nebenbuhlerin zu ärgern, ſo gerühmt hatte, gar nicht nach ihrem Geſchmack, und wenn er nicht, wie er es geſtern den ganzen Abend gethan, deutſch mit ihr ſprechen wollte, ſo mochte er es bleiben laſſen. Emilie ſpielte mit ihren An⸗ betern, wie ein leichtſinniges Kind mit ihren Puppen; es war ihr im Allgemeinen ſehr gleichgiltig, ob ſich eine den Kopf zerbrach, oder in's Waſſer fiel; ſie war nur dann empfindlich, wenn eine ganz beſonders geliebte Puppe,— und ſie hatte zur Abwechſelung von Zeit zu Zeit auch ſolche, die ſie dann mit Zärtlichkeit und Küſſen überhäufte— nicht gegen ſie wieder zärtlich ſein und ſie auch ihrerſeits küſſen wollte. Eine ſolche geliebte, kalte, zum Verzweifeln kalte Puppe Zweiter Band. 45 war Oswald für ſie geweſen; ſie würde ihn vielleicht, wenn er und ſie in denſelben Verhältniſſen gelebt hätten, geheirathet und ſein treues Weib geworden ſein— zum mindeſten wiegte ſie ſich in nach⸗ denklicheren Stunden in dieſer Phantaſie— ſo war ſie doch vor⸗ läufig einmal Frau von Cloten geworden, und ſodann?— was wußte ſie's? was galt es ihr? war ſie doch jung und ſchön und zehnmal klüger als ihr alberner Gemahl mit ſeinem ewigen: wa'haftig — jottvoll auf Ehre!— weßhalb heirathen alberne Männer kluge ſchöne junge Frauen, noch dazu, wenn dieſe junge Frauen eine Nei⸗ gung haben, ſich in Phantaſien zu wiegen, die farbenreicher ſind, als die graue Gegenwart? Iſt es da Schuld der Frauen, wenn ſie ihre eigenen Wege gehen, die manchmal ſo ſchmal und dunkel ſind, daß Tugend und Ehre, die ſteten Begleiter einer ſittſamen Frau, auf den⸗ ſelben abhanden kommen?.. Emilie von Cloten hatte ſchon während der ganzen Viſite eine Gelegenheit erſpäht, mit Frau Profeſſor Jäger in's Geſpräch zu kommen, von der ſie vermuthete, daß ſie ihr Nachricht von Oswald, den ſie ſeit dem letzten Zuſammentreffen neulich Abend nicht wieder geſehen hatte, geben könne. So benutzte ſie denn jetzt den günſtigen Augenblick, wo der Fürſt ſich mit Hortenſe und der Baronin, der Baron mit dem Paſtor, und von Barnewitz mit ihrem Gemahl un⸗ terhielt, um ſich bei Primula nach„dem jungen Manne, der im Sommer bei Grenwitzens Hauslehrer war, Fels glaube ich, oder Berg, oder wie er ſonſt hieß,“ zu erkundigen, da„eine ihr bekannte Familie einen Erzieher ſuche.“ Emilie hatte ſich nicht geirrt; Pri⸗ mula konnte über Herrn Stein—„nicht Fels, obgleich er ein Fel⸗ ſenherz hat, nicht Berg, obgleich er berghoch über anderen Männern ſteht,“ ſagte die enthuſiaſtiſche Dichterin, ganz genaue Auskunft geben. Er komme faſt alle Tage zu ihr(Oswald war einmal dageweſen); er ſei wie Kind im Hauſe und ihr in treuer Freundſchaft ebenſo verbunden, wie im gleichen Streben nach dem Höchſten. Sie glaube freilich nicht, daß Oswald jetzt eine ſolche Stelle annehmen werde, da er in den„dumpfen Banden der Schule ſchmachte,“ indeſſen ſie wolle ihm das Anerbieten mittheilen. „Thun Sie das lieber nicht, beſte Frau Profeſſor,“ ſagte Emilie 46 Durch Nacht zum Licht. nach kurzem Bedenken;„Sie wiſſen, daß Herr Stein— wie konnt' ich doch den Namen vergeſſen!— nicht ganz friedlich aus unſerem Kreiſe geſchieden iſt. Er möchte das Anerbieten, wenn es ihm ſo gebracht wird, ohne weiteres zurückweiſen. Können Sie nicht— wie machen wir das nur?— ja! ſo geht's! Können Sie es nicht ſo ein⸗ richten, liebe Frau Profeſſor, daß ich, wie zufällig, einmal mit Herrn Stein bei Ihnen zuſammentreffe! Ich habe ſo ſchon lange das Ver⸗ langen gehabt, einmal den Arbeitstiſch der Dichterin der„Korn⸗ blumen“ zu ſehen!“ „Sie entzücken mich durch Ihre Güte,“ rief Primula,„ich kann nur mit dem Zeus der getheilten Erde ſprechen: wenn Sie wirklich in meine einfache Hütte treten wollen,„ſo oft Du kommſt, ſie ſoll Dir offen ſein.“ Sollen wir ſagen: ühermorgen Abend um ſieben?“ „Das paßt mir vortrefflich,“ ſagte Emilie. Emilie war ſo in dies intereſſante Geſpräch vertieft, daß ſie ihr Gemahl daran erinnern mußte, die Geſellſchaft ſei im Begriff auf⸗ zubrechen. Der Fürſt hatte ſich erhoben; die Andern waren ſeinem Beiſpiel gefolgt. „Madame,“ ſagte der Prinz,„j'ai l'honneur“— das Wort er⸗ ſtarb ihm auf den Lippen, denn ihm gegenüber in einem hohen Wandſpiegel erſchien plötzlich die Geſtalt eines wunderſchönen Mäd⸗ chens, das eben, ohne vom Bedienten angemeldet zu werden, in den Salon getreten war. Er wandte ſich faſt erſchrocken um und trat mit einer tiefen Verbeugung bei Seite, der jungen Dame Platz zu geben, damit ſie zur Baronin gelangen könnte. Die junge Dame war Helene von Grenwitz. Die Allen, mit Ausnahme des Barons und der Baronin un⸗ erwartete Erſcheinung Helenens überraſchte und intereſſirte Jeden in ſeiner Weiſe. Nur der Fürſt, der ſie heut zum erſten Male ſah, wußte nichts von dem Zwiſt in der Familie; für die Andern war die Grenwitzer Kataſtrophe ſchon ſeit Wochen ein mit Eifer, Gründ⸗ lichkeit und Scharfſinn nach allen Seiten hin ventilirtes Thema der Unterhaltung geweſen; und in Folge deſſen dieſe erſte Begegnung der Tochter und der Eltern das feſſelndſte Schauſpiel. Indeſſen, wenn man etwas Außerordentliches erwartet hatte, ſo ſah man ſich Zweiter Band. 47 getäuſcht. Der Baron, der Helene entgegen gegangen war und ſie auf die Stirn geküßt hatte, verrieth allerdings einige Erregung; aber Mutter und Tochter begrüßten ſich mit einet höflichen Kälte, die der Neugier und Skandalſucht der verſammelten Geberdenſpäher und Geſchichtenträger ſehr wenig Stoff bot. „Ah, guten Tag, liebes Kind,“ ſagte die Baronin auf franzöſiſch, Helenen ebenfalls, aber ſehr flüchtig auf die Stirn küſſend„Du kommſt ja zu recht gelegener Zeit. Erlauben Sie, mein Fürſt, daß ich Ihnen meine Tochter Helene präſentire.— Seine Durchlaucht, der Fürſt von Waldernberg, liebe Tochter, die neueſte und eben ſo glänzende wie neue Acquiſition unſeres Cirkels.“ Helene erwiderte die tiefe Verbeugung des Fürſten, ohne ſchein⸗ bar von ſeinem hohen Rang und ſeiner impoſanten Erſcheinung ge⸗ blendet zu ſein und wandte ſich dann zu Emilie von Cloten, von der ſie mit großer Herzlichkeit bewillkommnet wurde. Emiliens ſchnellem Blick war der Eindruck nicht entgangen, welchen die hinreißende Schönheit Helenens auf den Fürſten gemacht hatte. Mochte doch der Fürſt bewundern, wen er wollte, wenn nur Hortenſe um ihren Triumph kam. „O, wie reizend,“ rief ſie, Helene umarmend,„daß Du Dich einmal ſehen läßt. Ich wollte ſchon alle Tage zu Dir kommen; wir haben uns ja eine Welt zu erzählen!“ Und ſie faßte die Freundiu bei beiden Händen und zog ſie ein paar Schritte fort, um mit lei⸗ ſerer Stimme zu ſagen:„Du, der Fürſt iſt weg, totalement weg! er verwendet keins ſeiner ſchwarzen Augen von Dir. Wenn Du ihn haben willſt, ich will ihn Dir laſſen. Er tanzt ſehr ſchön, aber er iſt nicht mein Genre. Muntre ihn ein wenig auf; die Barnewitz ärgert ſich ſo darüber! Denke Dir, die alte Kokette will noch immer die erſte Rolle ſpielen, trotzdem ſie ſich jetzt ſelbſt die Adern blau ſchminkt, und geſtern bei Griebens zweimal ſitzen geblieben iſt. Wie geht es Dir bei der Bärin? und à propos: haſt Du nichts von Oswald Stein gehört? Gott, ich werde den Abend bei Euch nicht vergeſſen! Wir kamen mit unſerer Warnung zu ſpät, aber er hat ſich gut herausgeriſſen. Selbſt Arthur ſagt, er habe ſich ganz wie ein Cavalier gehalten. Dreh' Dich nicht um, der Fürſt kommt 48 Durch Nacht zum Licht. hierher. Er wird Dich auf morgen zum erſten Walzer engagiren wollen.“ Die ſchlaue Emilie hatte ganz recht gehabt. Der Fürſt hatte in der That, während er ſich noch immer mit der Baron unter⸗ hielt, fortwährend zu Helenen hinübergeblickt und ſo zerſtreut geant⸗ wortet, wie Jemand, deſſen Gedanken“ ganz wo anders ſind, zu ant⸗ worten pflegt. Plötzlich unterbrach er eine glänzende Phraſe Anna Marie's mit der Frage, ob morgen getanzt würde? und ob er in dieſem Falle die Erlaubniß habe, Fräulein von Grenwitz um einen Tanz zu bitten? Als beide Fragen mit einem huldvollen oui, mon— seigneur! beantwortet wurden, trat er mit einer Verbeugung zu den jungen Damen heran. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er auf Deutſch,„wenn ich die Damen in Ihrer Unterhaltung ſtöre. Aber ich kann nicht fortgehen, ohne wenigſtens den Verſuch gemacht zu haben, mich für morgen eines Tanzes zu verſichern. Darf ich hoffen, gnädige Frau? werde ich die Ehre haben, mein gnädiges Fräulein?“ Die gnädige Frau und das gnädige Fräulein hatten die Gnade, die Bitte Seiner Durchlaucht zu gewähren und Seine Durchlaucht verabſchiedete ſich darauf mit einer Eile, die deutlich bewies, daß ihn nur die Erledigung dieſes wichtigen Punktes noch gehalten hatte. Der Aufbruch Seiner Durchlaucht war für die übrige Geſell⸗ ſchaft, welche nur darauf gewartet hatte, das Signal, ſich ebenfalls zu verabſchieden, zu großer Zufriedenheit der Kutſcher und Bedienten unten auf der Straße, die, nicht minder wie die Pferde, anfingen, nachgerade ungeduldig zu werden. Die Equipagen waren davongerollt. Das Empfangszimmer im Hoͤtel war wieder leer bis auf den Baron und die Baronin(elenen hatten Clotens in ihrem Wagen mitgenommen); der unterbrochene Dialog konnte wieder aufgenommen werden. Aber es geſchah nicht. Der alte Mann fühlte ſich zu angegriffen und bei Anna Marie war die Frage: ob Helene in der Penſion bleiben ſolle, oder nicht? in ein ganz neues—tadium getreten, ſeitdem(und das war ſeit zehn Minuten ungefähr) ihrem ehrgeizigen Kopfe der Gedanke gekommen war, ob es nicht doch, Alles in Allem, beſſer ſei, ſich wieder mit Zweiter Band. 49 ihrer Tochter zu verſöhnen, die mindeſtens ebenſoviel und vielleicht mehr Ausſicht habe, als eine andere junge Dame, Fürſtin von Wal⸗ dernberg⸗Malikowsky, Gräfin von Letbus zu werden. Drittes Capitel. Ein Mann, der ſich in wenigen Wochen verheirathen will, pflegt, auch in den gewöhnlichen Verhältniſſen, einen ziemlich ſchweren Stand zu haben, wenn er über ſeinen Berufspflichten nicht ſeine Bräutigamspflichten oder umgekehrt dieſe über jenen vernach⸗ läſſigen ſoll. Aber bei Franz war dies Dilemma, das ſchon für manche unlösbar iſt, noch der leichteſte Theil ſeiner Aufgabe, trotzdem er als einer der Verkreter des Geheimraths in ſeiner ärztlichen Praxis (einen andern Theil hatte ein Collegen übernommen) während der nächſten Wochen vollauf zu thun. Schwerer aber als ſeine Berufs⸗ geſchäfte laſtete auf ihm die Ordnung der Geſchäftsverhältniſſe ſeines Schwiegervaters, die äußerſt verwickelter Natur waren. Es ſtellte ſich nach und nach heraus, daß die Schulden des Geheimraths keines⸗ wegs ſo bedeutend ſein würden, wenn es möglich wäre, das Geld, welches er überall ausſtehen hatte, wieder zu bekommen. Aber darauf war in den wenigſten Fällen zu rechnen. Die Schuldner des Ge⸗ heimraths wohnten meiſtens in Dachkammern und Kellerwohnungen; es waren Krüppel und Lahme, mit Gebrechen aller Art Behaftete, ſehr häufig Waiſen und Wittwen; nicht minder häufig aber auch ſchlechte Subjecte, welche die wohlbekannte Liberalität des Geheimraths auf ſchnöde Weiſe gemißbraucht hatten. Welche unerhörte und ach! ſo vergebliche Anſtrengungen hatte dieſer Mann gemacht, das Da⸗ naidenfaß des Proletariats zu füllen! mit welchem Eifer ſich zum armen Manne gemacht, um die Armuth rings um ſich her zu ver⸗ tilgen, dem fabelhaften Pelikane gleich, der ſeine Jungen mit dem eigenen Blute ätzt! In welche Verlegenheiten hatte er ſich geſtürzt, um Andere aus der Verlegenheit zu reißen! wie oft ſich um den Fr. Spielhagen's Werke. Kl. 4 3 50 Schlaf gebracht, damit ſein Nachbar ruhig ſchlafen könne! um anderer Leute Schulden zu bezahlen, ſich ſelbſt zu Wucherzinſen Geld ge⸗ borgt; um anderen Leuten in ihrem Geſchäft weiter zu helfen, ſich in die gewagteſten Speculationen eingelaſſen, von denen er nichts ver⸗ ſtand, die aber, wenn man den Unternehmern glaubte, einſchlagen und hundertfache Procente bringen mußten und die natürlich nie einſ hluzen und dem leichtgläubigen, gutmüthigen Geheimrath neue und immer neue Verbindlichkeiten aufluden. In dieſem Wuſt von mehr oder weniger unklaren Verhältniſſen ſich zurecht zu finden, und in jedem Falle zu entſcheiden, was für den Augenblick und in Zukunft dabei zu thun war, hätte einem ge⸗ wiegten Advokaten ſchwer fallen müſſen, geſchweige denn Franz, der in ſolchen Geſchäften natürlich wenig bewandert war. Aber die Liebe verlieh ihm hundertfache Kraft, und ſchärfte ſein natürliches Zart⸗ gefühl in dem eigenthümlichen Verhältniß zu ſeinem Schwiegervater, wo er fortwährend zu ermuthigen, zu beſchwichtigen, zu überreden hatte.„Würde ich mich doch keinen Augenblick beſinnen,“ ſagte er dann wohl,„Ihnen in's Waſſer nachzuſpringen, wenn ich Sie in der Gefahr des Ertrinkens ſähe und würden Sie, und würde doch Jeder, das, Alles in Allem, natürlich finden. Jetzt, wo Sie in einer Gefahr ſind, die für Manche etwas viel Gräßlicheres hat, als die Todes⸗ gefahr— denn ihr zu entrinnen, ſtürzen ſich viele unbedenklich in den Tod— riskire ich für Sie, nicht etwa mein Leben, das Sie mir nicht wieder ſchaffen— nein, nur ein paar tauſend Thaler, die Sie mir, wenn Sie geſund werden, wozu ja jetzt die ſchönſte Hoffnung iſt, jeder Zeit zurückerſtatten können, und an denen, wenn ſie wirklich verloren gingen, auch weiter nichts gelegen iſt.“ 6 So ſuchte Franz dem Schwiegervater über manche trübe Stunde wegzuhelfen, in welcher das Gefühl der Krankheit und das Bewußt⸗ ſein ſeiner Lage gar zu ſchwer auf ſeiner Seele laſtete. Franz hoffte, daß die vortreffliche Natur des Mannes das Uebrige thun würde. In der That hatte der Geheimrath kaum die Ueberzeugung gewonnen, daß— Dank der umſichtigen, energiſchen Hülfe ſeines Schwieger⸗ ſohnes— auch wenn er ſogleich ſterben ſollte, auf ſeinem Namen keine Unehre haften bleiben würde, als er ſich aller Sterbegedanken Durch Nacht zum Licht. Zweiter Band. 51 entſchlug und an nichts dachte, als daran, ſobald als möglich wieder geſund zu werden;„nicht ganz geſund,“ ſagte er,„denn das werde ich nicht wieder, aber halb geſund oder zwei Drittel, gerade geſund genug, um das Heu, das jetzt naß auf dem Schwaden liegt, trocken auf den Boden bringen zu können. Ich fühl' es jetzt, ich habe noch ein paar Abendſtunden vor mir; ich will ſie gut benutzen. Sie ſollen mir, lieber Franz, außer Ihrem baaren Gelde nicht auch noch Ihre Zukunft zum Opfer bringen.“ Leider war dies Opfer ſchon gbtacht Gerade in dieſer Zeit geſchah es nämlich, daß ein berühmter Univerſitätslehrer in der Reſidenz durch eine Monographie über den Typhus, die Franz in dieſem Sommer herausgegeben hatte, an einen ſeiner begabteſten Schüler— Franz hatte die erſten drei Jahre in der Reſidenz ſtudirt— erinnert wurde. Er ſchrieb an Franz, um ihm zu dieſem Werke,„das von ſeinem durchdringenden Scharfſinn ebenſo rühmliches Zeugniß ablege, wie von ſeiner, bei einem ſo jungen Manne ſtaunenswürdigen Gelehrſamkeit,“ zu gratuliren.—„Aber,“ fuhr der Brief fort,„indem ich Ihnen im Namen der Wiſſenſchaft für Ihr Buch danke, erlaube ich mir zuglich, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, den ich in eben ſo ſchleunige, wie ernſte Erwägung zu ziehen bitte. Zu Oſtern wird die Stelle des erſten Aſſiſtenzarztes an dem hieſigen großen Krankenhauſe frei. Ich wüßte unter unſeren jüngeren Gelehrten Keinen, dem ich dieſelbe ſo gern anvertrauen würde, wie Ihnen.“ Der Gelehrte verbreitete ſich ſodann weiter über die Vortheile, die für Franz aus dieſer Stellung reſultiren würden, und ſchloß mit den Worten:„Sie ſehen, es bietet ſich Ihnen hier eine Ausſicht, die günſtiger nicht gedacht werden kann. Ich bin, wie Sie wiſſen, ein ſehr nüchterner Beurtheiler der Menſchen und Dinge; aber wie die Verhältniſſe an unſerer Univerſität ſind, kann es nicht aus⸗ bleiben, daß Sie in wenig Jahren zum ordentlichen Profeſſor avan⸗ eiren. Ich bin überzeugt, daß mein Freund Robran, den ich beſtens zu grüßen bitte, die Sache ebenſo anſehen wird. Sprechen Sie doch mit ihm darüber und antworten Sie mir möglichſt bald.“ Franz hatte geantwortet— aber ohne mit ſeinem Schwieger⸗ vater geſprochen zu haben. Er hatte das Anerbieten, deſſen Vortheile 4* 52 Durch Nacht zum Licht. ihm natürlich nicht entgangen waren, abgelehnt. Die Carriére, in welche man ihn hinein haben wollte, war, obgleich ſie dem Manne der Wiſſenſchaft die beſten Chancen bot und auch ſchließlich den welt⸗ lichen Ehrgeiz glänzend zu befriedigen verſprach, doch für die erſten Jahre vorausſichtlich nicht nur ſehr wenig lucrativ, ſondern erheiſchte ein unabhängiges, wenn auch kleines Vermögen, das Franz— ſeit einigen Tagen nicht mehr beſaß. Er hatte ſich durch ſeine Großmuth in die unangenehme Lage gebracht— in der ſich freilich viele wackere Männer befinden— ein Haus beziehen zu müſſen, ehe es noch ganz fertig und trocken iſt, oder deutlicher zu ſprechen: in einer Zeit, die er nothwendig noch zu ſeiner wiſſenſchaftlichen Fortbildung bedurfte, auf den Gelderwerb bedacht ſein zu müſſen. Und zu dieſem Zweck war Grünwald und die Situation, in welcher er ſich hier als Schwieger⸗ ſohn des geſuchteſten Arztes befand, ausnehmend geeignet. Deshalb— fahre wohl du glänzende Spiegelung von einem in der Fülle geiſtiger Arbeit und geiſtigen Genuſſes mächtig dahinrauſchenden Leben! „Weg du Traum, ſo gold du biſt, Hier auch Lieb' und Leben iſt.“ So tröſtete ſich Franz, während er den geliebten Menſchen ſeinen Ehrgeiz, ſeine Hoffnungen zum Opfer brachte, und ſeine größte Sorge war nur die, daß dieſe geliebten Menſchen, vor allep ſeine Braut, nicht etwas von dieſem Opfer erführen. Dieſe Sorge ſchien indeſſen unnöthig. Sophie erklärte ſich die Wolken, die ſich auf Franz Stirn in Augenblicken, wo er ſich un⸗ beobachtet glaubte, lagerten, einfach aus der Ueberlaſt ſeiner ärztlichen Geſchäfte und ſeine häufigen langen Zuſammenkünfte mit dem Vater aus demſelben Grunde. Seitdem der Zuſtand des Vaters keine directe Beſorgniß mehr einflößte, war der glückliche leichte Sinn Sophiens wieder in ſeine Rechte getreten. Sie beſorgte emſig ihre Ausſteuer und klagte gegen Franz in komiſcher Weiſe über den Wirrwarr, der durch die gleichzeitige Beſorgung ſo vieler und ſo verſchiedenartiger Dinge in ihrem Kopf hervorgebracht würde. Wie ſehr würde die frohe Laune, deren ſie ſich in dieſer Zeit erfreute, wo ſie ſich, wie ein ſingendes, zwitſcherndes, flatterndes Vögelchen, ihr Neſt zuſammentrug, Zweiter Band. 53 geſtört worden ſein, wenn ſie die Verhandlungen zwiſchen dem Vater und Franz mitangehört, wenn ſie erfahren hätte, daß das Geld, mit dem ſie ſo heiteren Muthes die langen Rechnungen bezahlte, aus Franz' Caſſe floß! Ueber den Kummer, bis zu dem Termin ihrer Hochzeit, auf deſſen Innehaltung Franz mit einer bei ihm ganz unge⸗ wöhnlichen Hartnäckigkeit beſtand, nicht fertig zu werden, hatte ſie ſich mittlerweile getröſtet; ja, offen geſtanden, hatte ſie das Unglück, mit einigen Dutzend noch nicht geſäumter oder gezeichneter Handtücher, Tiſchtücher, Servietten u. ſ. w. mehr oder weniger ihre Wirthſchaft anzufangen, niemals für ein ſo gar großes gehalten. So war denn für Sophie in dieſer Sturm⸗ und Drangperiode nichts empfindlicher, als daß der trauliche Cirkel, der ſich allabendlich um den Kamin des Wohnzimmers zu verſammeln pflegte, ſo gut wie geſtört war. Der Vater mußte, obgleich er jetzt jeden Tag länger aufblieb, doch ſehr fräh ſein Lager aufſuchen; Franz war oft bis tief in die Nacht hinein in der Stadt, oder mußte in ſeiner Wohnung arbeiten; auch der Deitte im Bunde, der alte Student, wie er ſich ſelber nannte, Bemperlein alias Bemperchen, ließ ſich ſeit einiger Zeit nicht mehr ſehen, ſo daß Sophie ſich endlich ſelbſt auf den Weg ge⸗ macht hatte, um ihn in ſeiner Wohnung aufzuſuchen, da ſi⸗ nicht anders glaubte, als er ſei krank und Franz habe es ihr aus über⸗ triebener Zärtlichkeit verſchwiegen. Aber ſie fand den alten Studenten in ſeinem Laboratorium, mitten unter Phiolen, Retorten, Büchſen und Inſtrumenten— anzuſchauen, wenn nicht wie Fauſt, ſo doch wenig⸗ ſtens wie Fauſts Famulus— jedenfalls ſehr fleißig und beſchäftigt, aber offenbar nicht lebensgefährlich krank. Bemperchen entſchuldigte ſich mit ſeinen Arbeiten— eine ſehr complicirte chemiſche Analyſe, bei der er ſich nicht unterbrechen dürfe— wie Sophie wohl glauben könne, daß er etwas übel genommen habel er, etwas übel nehmen! und Sophien übel nehmen!— es ſei wirklich nur die Analyſe ſchuld und zum Beweiſe werde er noch heute Abend zur gewöhnlichen Zeit kommen und die gewöhnliche Zeit dableiben. Sophiens blaue Augen konnten, obgleich ſie ein wenig kurzſichtig waren, in der Nähe doch recht ſcharf ſehen und ſo war ihnen ein gewiſſer Schleier von Verlegenheit, der über Bemperleins ehrlichem 54 Durch Nacht zum Licht. Geſicht hing, während er auf die langweilige Analyſe ſchimpfte, nicht entgangen. Als nun die junge Dame langſam nach Haus ging und darüber nachdachte, was wohl von Bemperchens Fortbleiben der eigent⸗ liche Grund ſein möchte, ſtieß ſie, als ſie um eine Straßenecke bog, beinahe an einen Herrn, der ihr ſehr raſchen Schrittes entgegenkam. „Pardon!“ ſagte der Herr, an ſeinen Hut greifend und weiter eilend. Es war Oswald Stein. Er hatte Sophie offenbar nicht er⸗ kannt.—* Dieſe unerwartete Begegnung gab Sophiens Gedanken plötzlich eine andere Richtung. Es fiel ihr ein, daß Bemperlein nicht wieder in ihrem Hauſe geweſen ſei, ſeitdem er Oswald, der eben mit Helenen fortgehen wollte, dort getroffen; daß die Begegnung der beiden Herren ſehr kalt, befremdend kalt geweſen war, und daß Bemperlein, über ſein Verhältniß mit Oswald gefragt, ausweichend geantwortet hatte. Hatte Oswald, der ſeitdem einige Abende auf kürzere Zeit(einmal zuſammen mit Helene Grenwitz) dageweſen war, Bemperlein ver⸗ ſcheucht? War Bemperlein eiferſüchtig? Da Sophie von Bemperleins früherem Verhältniß zu Oswald nichts wußte, ſo war es erklärlich, daß ſie trotz ihres Scharfſinns in ihren Vermuthungen jetzt ſo weit am Ziel vorbeiſchoß. Die Wahr⸗ heit lag in der That ganz wo anders. Wenn Anaſtaſius Bemperlein Jemand, den er einmal hochgeſchätzt und innig geliebt hatte, nicht mehr die Hand zum Gruß reichen mochte, ſo konnte man verſichert ſein, daß in die Milch ſeiner Denkungs⸗ art ein ſehr ſtarkes Gift geträufelt war. Anaſtaſius Bemperlein hatte DOswald Stein ganz vertraut. Er hatte ohne Furcht das Glück und das Leben geliebter Menſchen in ſeiner Hand geſehen. Er hatte all' ſeine ſchweren Bedenken gegen eine Verbindung, die ſo raſch geſchloſſen, die auf der ſo unſicheren Baſis gänzlich verſchiedener ſocialer Stel⸗ lungen ruhte, bekämpft. Er hatte ſich geſagt: das Alles ſei ja eitel Tand im Vergleich mit dem unſchätzbaren Werth wahrer Liebe. Iſt doch die Liebe ſtärker als Glaube und Hoffnung; wie ſollte ſie nicht mächtiger ſein, als bornirte Vorurtheile?— Er war ſchließlich dahin gelangt, in der Vereinigung Oswalds und Melitta's einen Sieg der Zweiter Band. 55 reinen Menſchlichkeit über die Barbarei der Civiliſation, einen Triumph der Wahrheit über die Lüge zu erblicken. Aber auch nur auf dieſer ſittlichen Höhe war das Vehältniß gerechtfertigt und möglich. Sank Einer der Beiden unter das Niveau, ſo waren Beide verloren. Bemperlein kannte Frau von Berkow ſeit ſieben Jahren; er wußte, daß ihr Herz gut und treu war; Bemper⸗ lein kannte Oswald ſeit eben ſo viel Wochen und er glaubte, daß Oswald ihrer werth ſei. Er glaubte es, weil— er mußte, weil ihm ein Zweifel an dem Geliebten ſeiner vielgeliebten Herrin ein Frevel ſchien. Und doch hatte ſich dieſer Zweifel an ihn herangeſchlichen, lang⸗ ſam, leiſe, wie ſich im Traum ein gräuliches Ungeheuer, dem wir vergebens zu entrinnen ſuchen, an uns heranwälzt. Er hatte dieſen Zweifel bekämpft, bis es nicht länger möglich war. Melitta war von ihrer zweiten Reiſe nach Fichtenau, zu welcher Bemperlein vergeblich ſeine Begleitung angeboten hatte, zurückgekehrt; aber, nachdem ſie ſich eine Stunde in Grünwald aufgehalten, ſogleich mit Julius nach Berkow weiter gereiſt, ohne nach Bemperlein ge⸗ ſchickt zu haben. Bemperlein erfuhr, daß ſie dageweſen, erſt durch den alten Baumann, der, Julius' Sachen zu ordnen und andere Com⸗ miſſionen auszurichten, in der Stadt zurückgeblieben war. Bemperlein hatte mit dem alten Mann niemals über Oswald geſprochen. Dies⸗ mal fing jener ſelbſt davon an. Er erzählte, daß Herr Stein zu gleicher Zeit mit ihnen in Fichtenau geweſen, aber, trotzdem er vom Kellner der gnädigen Frau Anweſenheit erfahren, ohne ſich ihr vorzu⸗ ſtellen abgereiſt war. Hier ſchwieg er, augenſcheinlich um zu hören, wie Bemperlein dieſe Nachricht aufnehmen würde. Als Bemperlein aber nichts weiter als: ſo, ſo!— in der That! drauf erwiderte, ver⸗ mochte der Alte nicht länger an ſich zu halten und ſchüttete ſein ganzes volles Herz und damit die volle Schale ſeines Zornes über Oswald aus. Er habe dem Musijö vom erſten Augenblicke an nicht über den Weg getraut, und nun ſei es ja ſonnenklar, daß der ſchlechte Menſch die arme gnädige Frau ſchändlich betrogen habe. Ueberdies habe er (Baumann) mit der gnädigen Frau geſprochen, in aller Ehrerbietung, Durch Nacht zum Licht. denn er ſei nur ein Dienſtmann und kenne ſeine Stellung, aber auch mit allem Ernſt, denn er habe ſie als Kind auf den Armen getragen und ſie immer väterlich geliebt, und ſie habe ihm gebeichtet, wie ſie's noch ſtets bei ſolchen und ähnlichen Gelegenheiten gethan, nicht ganz und nicht halb, aber für ihn, der ſie ſo genau kenne, wie die Fläche ſeiner Hand, gerade genug. Und da habe er, Jakob Baumann, großes Verlangen gehabt, den Musjö, der ſeiner gnädigen Frau ſo mitge⸗ ſpielt, niederzuſchießen, wie einen tollen Hund, und es habe wenig daran gefehlt, ſo hätte er es auch gethan,„einmal in der Nacht auf der Heide zwiſchen Grenwitz und Faſchwitz“ Aber jetzt danke er doch Gott, der ſeinen Arm zurückgehalten und ihm dies Verbrechen erſpart habe, um ſo mehr,„als er es nicht hat geſchehen laſſen, daß die Geſchichte der armen gnädigen Frau das Herz brach, ſondern ihr die Augen aufgethan und ihr den Weg gezeigt hat, auf dem allein für ſie auf Erden Heil zu finden iſt.“ Welches dieſer Weg ſei, darüber hatte ſich der alte Mann nicht weiter ausgelaſſen, ſondern war aufgeſtanden und, als wolle er alle weiteren Fragen unmöglich machen, ſchnell zum Zimmer hinausmarſchirt. Man kann ſich denken, wie dies Geſpräch, das ſeine ſchlimmſten Befürchtungen beſtätigte, Bemperlein ergriffen hatte und welchen Ein⸗ druck es auf ihn machen mußte, als er noch voll von dieſen Empfin⸗ dungen zu Robrans kam und der Erſte, der ihm dort entgegentrat,— Oswald war. Dieſe Begegnung hatte ihn ſo peinlich berührt, und eine mögliche Wiederholung derſelben dünkte ihn ſo abſcheulich, daß er ganze acht Tage brauchte, ſich von dieſem Schrecken zu erholen, und wer weiß, wie lange er noch gebraucht haben würde, wenn Sophie nicht ge⸗ kommen wäre, und ſeiner Unentſchloſſenheit ein Ende gemacht hätte. Der arme Bemperlein! er hatte in dieſen acht Tagen ſo nach ſeiner Freundin verlangt! er hatte ihr ſo viel Wichtiges, für Anaſtaſius Bemperlein erſtaunlich Wichtiges mitzutheilen! Glücklicherweiſe traf er Sophie dieſes Mal allein, als er nach einer Stunde im Wohnzimmer erſchien. Franz war eben dageweſen und hatte verſprochen, ſpäter wieder zu kommen. Es fiel Sophie auf, daß Bemperlein mehrmals fragte:„aber wir werden doch ſonſt Zweiter Band. 57 keinen Beſuch haben?“ und ſie brachte dieſe Frage natürlich mit den Vermuthungen, die ſie über Bemperleins Wegbleiben angeſtellt hatte, in Verbindung. Da es nicht ihre Art war, etwas lange auf dem Herzen zu behalten, ſo ſagte ſie, nachdem ſie Bemperlein, der mit dem Schüreifen unabläſſig in den Kohlen rührte, eine Zeitlang ſchweigend beobachtet hatte: „Nicht wahr, Bemperchen, der eigentliche Grund, weßhalb ſie acht Tage lang nicht gekommen ſind, iſt, weil Sie Oswald Stein hier zu begegnen fürchteten?“ „Wer ſagte Ihnen das?“ fragte Bemperlein, erſchrocken in ſeiner Beſchäftigung inne haltend. „Eine Frage iſt keine Antwort,“ erwiderte Sophie.„Nur heraus mit der Sprache, Bemperchen! Geheimnißkrämerei iſt im Verkehr mit ſo klugen Leuten, wie ich, ein ſchlecht rentirendes Geſchäft. Ich weiß Alles.“ „Was wiſſen Sie?“ rief Bemperlein in großer Aufregung von ſeinem Stuhl in die Höhe fahrend. „Aber, Bemperchen! ſagte Sophie,„wie können Sie nur ſo wenig Rückſicht auf meine Nerven nehmen! Es wird Einem ja ganz unheimlich, wenn man Sie mit dem glühenden Eiſen in der Hand da ſtehen ſieht, wie den Mann im Shakeſpeare. Beruhigen Sie ſich nur wieder! Ich weiß gar nichts. Aber Sie würden mir in der That einen Gefallen thun, wenn— aber erſt ſetzen Sie ſich einmal wieder und ſtellen den Schürer aus der Hand! ſo!— wenn Sie mir in aller Ruhe und Freundſchaft ſagten, was Sie eigentlich haben, denn je länger ich Sie betrachte, deſto veränderter kommen. Sie mir vor.“ „Fräulein Sophie,“ erwiderte Bemperchen,„Sie wiſſen, man kann ſelbſt gegen ſeine vertrauteſten Freunde— und ich habe zu Niemand in der weiten Welt größeres Vertrauen, als zu Ihnen— nicht immer ganz offen ſein, weil unſere Geheimniſſe in vielen Fällen nicht blos unſere Geheimniſſe, ſondern auch die Anderer ſind, und inſofern von uns heilig gehalten werden müſſen.“ „Aber Bemperchen,“ ſagte Sophie,„Sie können doch unmöglich glauben, daß ich mich in Ihre Geheimniſſe ſtehlen will! Ich bin 58 Durch Nacht zum Licht. weder ſo unbeſcheiden, noch ſo neugierig. Laſſen wir die Sache ruhen und ſprechen wir von was Anderm!“ „Nein, nein,“ rief Herr Bemperlein eifrig,„laſſen Sie uns davon ſprechen! Sie glauben nicht, wie ich mich danach geſehnt habe, mit Ihnen über— über gewiſſe Dinge— gewiſſe Perſonen — die—“ Herr Bemperlein hatte ſchon wieder das noch nicht erkaltete Schüreiſen ergriffen und ſtörte emſiger, wie je, in den glühenden Kohlen. Sophie ſah dieſem ſeltſamen Treiben kopfſchüttelnd zu. Es kam ihr der Gedanke, Bemperlein könnte ſich bei ſeiner chemiſchen Analyſe übermäßig angeſtrengt und ſein Kopf in Folge deſſen etwas gelitten haben. „Was mein Nichtkommen betrifft,“ fuhr Bemperlein plötzlich fort, „ſo haben Sie darin ganz Recht gehabt. Ich bin weggeblieben, weil ich mit Oswald Stein nicht wieder zuſammentreffen wollte.“ „Aber,“ ſagte Sophie,„Franz hat mir doch geſagt, daß Sie und Stein ſehr gute Freunde geweſen wären. Wodurch ſeid Ihr denn auseinandergekommen?“ „Wodurch?“ antwortete Bemperlein.„Ja, Fräulein Sophie, das iſt es ja eben, was ich Ihnen ſo gern ſagen möchte und doch nicht ſagen darf. Würden Sie mit Jemand umgehen, oder vielmehr, würden Sie nicht Jemand auf alle Weiſe auszuweichen ſuchen, der einen Dritten, den Sie eben ſo ſehr lieben wie verehren, tödtlich be⸗ leidigt hat?“ „Gewiß,“ ſagte Sophie,„denn dann hätte er ja mich ſelbſt be⸗ leidigt. Aber ſind Sie auch gewiß, daß die Sache ſich wirklich ſo verhält? Haben Sie auch beide Theile gehört? Was mich betrifft, ſo bin ich eben nicht ſehr entzückt von Herrn Stein, oder offen ge⸗ ſagt, er mißfällt mir deſto mehr, je öfter ich ihn ſehe; aber Franz, der ſonſt ſo klug iſt und die Menſchen ſo durchſchaut, ſchwärmt doch förmlich für ihn. Wie wäre das möglich, wenn Stein ein ſchlechter Menſch wäre?“ „Ich habe nicht geſagt, daß er ſchlecht iſt,“ erwiderte Bemperlein (eine große Kohle bearbeitend),„ſchlecht iſt überhaupt ein relativer Begriff; und was ich ſchlecht gehandelt nenne, nennt Herr Stein Zweiter Band. 59 vielleicht nur leichtſinnig, oder cavalierement gehandelt oder der⸗ gleichen. Ich nenne aber ſchlecht gehandelt, wenn Einer—“ Hier unterbrach ſich Bemperlein wiederum und hieb heftiger wie zuvor auf die große Kohle los. „Wie würden Sie es zum Beiſpiel nennen— ich ſpreche hier nicht von Herrn Stein— wenn Einer einem armen abhängigen ver⸗ waiſten, hülfloſen Mädchen, das Niemand, Niemand auf der weiten Welt hat, der es ſchützen könnte und würde, ſo lange von Liebe vor⸗ ſchwatzt, bis das Mädchen an dieſe Liebe glaubt, ſie zu heirathen verſpricht mit allen heiligen Eiden; und ſie dann hernach an einen Wüſtling verkauft und verräth— o, es iſt ſchändlich, ſchändlich!“ „Aber, um Gotteswillen, Bemperchen! hat Oswald ſo etwas gethan!“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, ich ſpräche nicht von Herrn Stein. Es giebt mehr Cavaliere auf der Welt, von denen Einer dem Andern ſo ähnlich ſieht, wie eine Natter der andern Natter.“ „Liebes Bemperchen, bitte, bitte, ſtellen Sie den Schürer hin— ich kann es wahrhaftig nicht mehr aushalten. Nehmen Sie dieſe Schlum⸗ merwalze, wenn Sie durchaus etwas in den Händen haben müſſen.“ „Danke!“ ſagte Bemperlein, den Schürer fortſtellend und die Walze nehmend, und darauf(die Walze wie ein Kind im Arm hal⸗ tend) in Schweigen verſinkend. Sophie fing jetzt alles Ernſtes an, ſich über Bemperleins auf⸗ geregten Zuſtand zu beunruhigen. Wie erſchrocken war ſie aber, als Bemperlein alsbald wieder aufſprang, das Kiſſen aus dem Arm auf die Erde fallen ließ, mit beiden Knien auf das Kiſſen hinkniete, eine ihrer Hände mit ſeinen beiden Händen ergriff und das Geſicht tief herabbeugend, in jämmerlichſten Tönen ſtöhnte:„O, Fräulein Sophie! Fräulein Sophie!“ „Um Himmelswillen, Bemperchen,“ rief die junge Dame,„ſtehen Sie auf! Wenn Jemand Sie ſo ſähe— uns ſo ſähe!“ „Laſſen Sie mich!“ murmelte Herr Bemperlein;„ich muß es Ihnen ſagen und kann es Ihnen nicht ſagen, wenn Sie mich mit Ihren großen Augen dabei anſehen, oder vielleicht gar anfingen zu lachen.“— 60 Durch Nacht zum Licht. Sophie wußte im erſten Augenblicke nicht, ob ſie über dieſe un⸗ erwartete Liebeserklärung lachen oder weinen ſollte. Um Bemperleins Willen hatte ſie faſt Luſt zu dem letzteren, während ſie für ihre Per⸗ ſon mehr zu dem erſteren geneigt war. „Bemperchen!“ rief ſie,„Bemperchen, beſinnen Sie ſich doch, was Sie ſagen! Bedenken Sie doch, was Sie thun?“ „Ich weiß es,“ murmelte Bemperlein,„ich hab' es mir ſelbſt hundert⸗ und tauſendmal geſagt: in meinem Alter—“ „Davon ganz abgeſehen,“ ſagte Sophie, bei der die Neigung zum Lachen allmälig die Oberhand gewann,„wie können Sie, Franz' beſter Freund, und— wofür ich Sie wenigſtens bis zu dieſem Augen⸗ blicke gehalten habe— mein beſter Freund—“ „Ich werde Ihr Freund, ich werde Franz' Freund bleiben,“ rief Bemperlein mit großer Lebhaftigkeit;„Liebe und Freundſchaft werden zuſammen in meinem Herzen Raum finden; die eine wird die andere nur noch inniger, noch tiefer, noch reiner, noch heiliger machen. „Aber, Bemperchen, mit ſolcher hohen platoniſchen Liebe verträgt es ſich nicht, daß ſie à la Don Carlos auf den Knien liegen. Wenn Franz in dieſem Augenblick zur Thür herein käme—“ „Und wenn er käme,“ rief Bemperlein aufſpringend;„il n a que le premier pas qui coüte; ich fühle jetzt, nachdem ich das erſte Wort geſprochen, nachdem ich mit Ihnen geſprochen, Muth, es aller Welt zu ſagen. Franz wird meine Wahl billigen, wenn er ſie kennt, wie ich ſie kenne.“ „Wie Sie mich kennen?“ „Und auch Sie werden es thun,“ rief Bemperlein, ohne auf Sophiens Unterbrechung zu achten, die Schlummerwalze wie eine Fahne ſchwenkend;„Sie werden dem armen Mädchen Freundin und Schweſter ſein; Sie werden es ſein um meinetwillen, der ich Sie ſo unendlich ſchätze und liebe; Sie werden es auch um ihretwillen ſein, denn, glauben Sie mir, Fräulein Sophie, ſie verdient es.“ „Aber von wem reden Sie denn eigentlich, Bemperchen?“ Ich dachte, Sie wüßten es ſchon längſt,“ ſagte Bemperlein, erſchrocken ſtehen bleibend; und dann ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu:„Marguerite Martin, Grenwitzens Gouvernante.“ — — Zweiter Band. 61 Glücklicherweiſe für Sophie war die Aufregung, in der ſich Bem⸗ perlein in dieſem Augenblicke befand, zu groß, als daß er hätte im Stande ſein ſollen, die Verwirrung zu bemerken, in welche ſie die unerwartete Löſung des Knotens verſetzt hatte. Sie war ſo nahe daran geweſen, eine große Albernheit zu begehen, indem ſie ihrem Freunde eine ſo große Albernheit zutraute! und doch ärgerte ſie ſich ein ganz klein wenig, daß ſie nicht ſelbſt der einzige Gegenſtand von Bemperlein's Anbetung war. Natürlich konnte eine ſolche Regung Sophien's Seele nur momentan berühren, wie ein leichter Wind die ſpiegelklare Fläche eines tiefen Sees nur im Vorübergehen kräuſelt, und noch ehe Bemperlein ſich von der Betäubung erholen konnte, in die ihn das Ausſprechen des großen Worts verſetzt hatte, war ſie wieder ganz die theilnehmende, kluge Freundin, nach der Bemperlein in ſeiner Herzensnoth verlangte. Ueber das Factum ſelbſt, daß Bemperlein, der ruhige, jungfräu⸗ liche Bemperlein, von einer Leidenſchaft ergriffen werden könne, wun⸗ derte ſie ſich im Grunde gar nicht. Ihre Hauptſorge war, daß der beſcheidene, argloſe, trotz ſeiner dreißig Jahre unerfahrene Freund in die Schlinge einer Kokette gefallen ſein könnte, und dieſe Sorge war um ſo begründeter, als ſie die braunen Augen Marguerite's ſchon einige Male in einem Zuſammenhang hatte erwähnen hören, der dieſen Verdacht zu beſtätigen ſchien. Ihre erſte Frage war deßhalb: „Kennen Sie denn Mademoiſelle Marguerite auch, Bemperchen? Das heißt, wiſſen Sie, daß ſie ein gutes Mädchen iſt, daß ſie ein gutes Herz hat— mit einem Worte, daß ſie meines braven Bem⸗ perchen's würdig iſt?“ „Sie meiner würdig?“ rief Bemperlein mit größem Enthuſias⸗ mus.„Sie wollen ſagen: ob ich ihrer würdig binꝰ“ „Ich habe genau das ſagen wollen, was ich geſagt habe. Ich, als Ihre beſte Freundin— denn dieſe Würde laſſe ich mir vorläufig noch nicht nehmen— habe das Recht und die Pflicht, ſtreng zu ſein und zu prüfen, ehe ich Ja und Amen ſage.“* „O, Fräulein Sophie, ich verſichere Sie, meine Marguerite iſt ein Engel.“ „Ihre Marguerite? ei ſieh' doch Einer das löwenkühne Bem⸗ „„ Durch Nacht zum Licht. perchen! ſeid Ihr ſchon ſo weit? Aber, Scherz bei Seite, Bemperchen! Was wiſſen Sie von der Engelhaftigkeit Ihrer Marguerite? ich meine von der Engelhaftigkeit, die auch für andere Sterbliche erkennbar iſt? Kommen Sie her! ſetzen Sie ſich ruhig zu mir an das Feuer und erzählen Sie mir Alles ordentlich von Anfang an. Hier haben Sie die Schlummerwalze wieder— das Schüreiſen laſſen Sie auf jeden Fall ſtehen.“ Trotz der ſcherzhaften Worte klang die Stimme Sophien's ſo treu und gut, und ihre großen blauen Augen blickten ſo theilnehmend und freundlich, daß Bemperlein nicht die mindeſte Scheu mehr ſpürte, das liebe Mädchen in das Allerheiligſte ſeines Herzens zu führen und ihr Alles zu ſagen, was er ſelbſt kaum zu denken wagte.— „Sie erinnern ſich, Fräulein Sophie,“ begann er,„daß ich Ihnen und Franz neulich erzählte, wie ich zu Grenwitzen's ging, um zu erfahren, was die Baronin, die nach mir geſchickt hatte, von mir wollte. Ich habe Ihnen auch erzählt, daß ich in dem Vorzimmer Mademoiſelle Marguerite traf und welch' eigenthümliche Scene ich mit ihr erlebte. Ich habe Ihnen aber nicht erzählt, und habe es mir auch ſo wenig wie möglich merken laſſen, welchen Eindruck dieſe Scene auf mich gemacht hatte. Wenn Jemand, wie ich, in großer Armuth aufgewachſen iſt, und oft mit Noth und Sorge zu kämpfen hatte, ſo lernt er es aus dem Grunde, was es heißt, hilflos und verlaſſen ſein. Deshalb iſt es auch ganz ſelbſtverſtändlich, daß unſer Einer, wenn er Jemand leiden ſieht, ganz anders fühlt und denkt, als der, welcher nie in ähnlichen Lagen war; und ſo werden Sie es auch natürlich finden, daß ich das Bild des armen, verlaſſenen, weinenden Mädchens nicht wieder los werden konnte. Immer ſah ich ſie vor mir ſtehen, wie ſie an der Thür geſtanden hatte, die zu den Zimmern der Ba⸗ ronin führt, ſchluchzend und die kleinen Händchen auf die Augen drückend, während die hellen Thränen durch die ſchlanken Finger rieſelten. Immer tönten mir die Worte im Ohr: oh, je suis si wal- heureuse! und ich quälte mich damit ab, herauszukriegen, weßhalb das arme Mädchen denn ſo ſehr unglücklich ſei? Denn daß es noch etwas mehr war, als das Gefühl ihrer Abhängigkeit überhaupt, daß ſie nicht deshalb, weil ſie wieder einmal, wer weiß zum wie vielten Zweiter Band. 63 Male? ungerechter Weiſe Schelte bekommen, ſo weinte,— das hätte ich beſchwören mögen. Ich quälte mich ſo darüber, daß ich die ganze folgende Nacht nicht ſchlafen und am andern Tage kaum die Zeit erwarten konnte, wo die Baronin mich empfangen wollte. Endlich ſchlug es zwei Uhr. Ich begab mich in das Hötel und wurde ſogleich vorgelaſſen. Die Baronin war allein in ihrem Zimmer. Sie war ausnehmend gnädig, erkundigte ſich nach Frau von Berkow; fragte, wie es mir in Grün⸗ wald gehe? ob ich ſehr viel zu thun habe? und rückte endlich mit der Sprache heraus. Sie könne ſich nicht entſchließen, ihren Malte auf das Gymnaſium zu ſchicken aus Gründen, die ſie mir auseinander⸗ ſetzte, die aber zu dumm waren, als daß ich ſie wiederholen möchte; ebenſowenig aber wage ſie es nach den traurigen Erfahrungen, die ſie gemacht— ſo lauteten ihre Worte— es noch einmal mit einem Hauslehrer zu verſuchen. Sie habe den Entſchluß gefaßt, ihn jetzt im Hauſe durch Privatlehrer unterrichten zu laſſen, die natürlich erprobte und geſinnungstüchtige Männer ſein müßten, und— dies war des Pudels Kern— ob ich, den ſie außerordentlich ſchätze, ſie in dieſem Werke unterſtützen und ihrem Sohne täglich ein bis zwei Stunden Unterricht in den alten Sprachen ertheilen wolle?— Nun können Sie ſich denken, Fräulein Sophie, daß ich unter anderen Verhältniſſen dieſe Zumuthung rundweg zurückgewieſen haben würde, denn, abgeſehen von Allem, was ſonſt dagegen ſprach, kann ich offenbar meine Zeit beſſer anwenden, als daß ich ſie dem albernen Jungen opfere, den ich noch dazu niemals habe leiden können; aber ich bedachte, daß ich auf dieſe Weiſe Gelegenheit gewinnen würde, öfter mit der armen Marguerite zuſammenzukommen, und da ich nichts eifriger wünſchte, als das, ſo ſchien mir der Vorſchlag der Baronin ein Wink des Himmels und ich acceptirte ihn ohne weiteres.“ „Bravo, Bemperchen!“ ſagte Sophie;„ich ſehe, daß Sie für eine harmloſe kleine Intrigue doch mehr Talent haben, als ich Ihnen zutraute.“ „O, es kommt noch beſſer,“ erwiderte Bemperlein lächelnd;„Sie werden über mein Genie ſtaunen. Im weiteren Verlauf des Ge⸗ ſprächs kam die Baronin auch auf den franzöſiſchen Unterricht zu Durch Nacht zum Licht. ſprechen und äußerte, es ſei ſehr unbequem, daß ſie, trotzdem ſie eine Franzöſin im Hauſe habe, auch einen franzöſiſchen Lehrer werde nehmen müſſen, da ſie zu Mademvoiſelle's grammatikaliſchen Kennt⸗ niſſen ſehr wenig Vertrauen habe. Ich ſagte ſogleich— ich weiß noch jetzt nicht, wo ich den Muth dazu hernahm— ich ſei über⸗ zeugt, Mademoiſelle würde die Grammatik ſehr ſchnell lernen und hernach in alle Zukunft lehren können, wenn ſie nur ein einzigesmal einen grammatikaliſchen Curſus durchgemacht habe. Meine Zeit ſei freilich ſehr beſchränkt, wenn aber eine halbe Stunde täglich— die Baronin ließ mich gar nicht ausreden und nahm ohne weiteres mein Anerbieten an. Schon am nächſten Tage ſollte der Unterricht beginnen.“ „Wann hatten Sie die Zuſammenkunft mit der Baronin, Bem⸗ perchen?“ „Geſtern vor acht Tagen, an demſelben Tage, als ich, noch voll von dieſer Unterredung und von einer andern, die ich, gleich als ich nach Hauſe gekommen war, mit— mit— ich kann nicht ſagen, Fräu⸗ lein Sophie, mit wem, gehabt hatte, zu Ihnen eilte und hier Herrn Stein traf.“ Bemperlein ſchwieg; ſein gutmüthiges Geſicht verdüſterte ſich, und er griff wieder nach dem Schüreiſen. Sophie nahm ihm daſſelbe ruhig aus der Hand, ſtellte es noch weiter weg und ſagte: „Sie waren an dem Abend aufgeregt und gingen bald wieder fort. Steht denn die andere Unterredung mit dem geheimnißvollen Unbekannten in irgend einer Verbindung mit Ihrer Geſchichte?“ „Nicht in directer, erwiderte Bemperlein, ſich wieder an die Schlummerwalze haltend,„nur inſofern, als ſie mein Intereſſe an der armen Marguerite noch ſteigerte, der— und die Folge hat meine Vermuthung auf die merkwürdigſte Weiſe beſtätigt— vielleicht etwas Aehnliches paſſirt ſein konnte— doch laſſen wir das!— Am nächſten Tage alſo begann der Unterricht. Die Lection mit dem Bengel, dem Malte, war vorbei; ich war allein in dem Zimmer zurückgeblieben, und erwartete meine Schülerin; Ihnen kann ich es ſagen, Fräulein Sophie: nicht ohne Herzklopfen. Warum? weiß ich freilich ſelbſt Zweiter Band. 65 nicht. Ich weiß blos noch, daß ich mir auf einmal wie ein recht ſchlechter Menſch vorkam. Ich hatte in meinem Leben noch keine Komödie geſpielt; und dieſer grammatikaliſche Unterricht war doch nichts weiter als eine Komödie. Ich hatte große Luſt wegzulaufen; aber da das doch nun einmal nicht ging, konnte ich nichts weiter thun, als meine Vatermörder zurecht zupfen, vor dem Spiegel eine zierliche Verbeugung machen und mit meinem beſten Accent fragen: Ah, bonjour, mademoiselle, comment vous portez- vous? Als ich dieſe Frage zum drittenmale— und diesmal zu meiner vollen Be⸗ friedigung— wiederholt hatte, trat die Erwartete mit einem Buch in der Hand in's Zimmer und ich gerieth durch die Furcht, ſie möchte meine Anſtandsübungen vor dem Spiegel geſehen haben, in eine ſolche Verwirrung, daß ich über und über roth wurde, und etwas ſtammelte, was möglicherweiſe franzöſiſch war, jedenfalls aber ſehr dumm geweſen ſein muß, denn Mademoiſelle Marguerite lächelte und ſagte etwas von bonté und enseigner, und dann weiß ich nur, daß wir einander gegenüber an dem Tiſche ſaßen und ohne ein Wort zu ſprechen, in den Büchern blätterten.— Was ſoll ich Ihnen noch weiter erzählen, Fräulein Sophie? das Beſte und Nothwendigſte wüßte ich doch nicht zu ſagen. Ich bin ſeit einer Woche jeden Tag eine Stunde lang mit Marguerite ungeſtört zuſammengeweſen. Gram⸗ matik haben wir nicht getrieben, zum wenigſten ſind wir über die erſte Seite nicht hinausgekommen— aber dafür hat ſie mir das Buch ihres Lebens aufgeſchlagen und ich habe es leſen dürfen, Wort für Wort, von der erſten bis zur letzten Seite. Ich ſage Ihnen, Fräu⸗ lein Sophie, es iſt kein ſchlechtes Wort darin, und keine Seite, deren ſie ſich zu ſchämen hätte. Sie hat ſich, wie ich, durch die Welt ſchlagen müſſen, das arme Ding— o viel ſchlimmer als ich! Ihre Eltern ſind ſo früh geſtorben, daß ſie ſie nie gekannt hat; Geſchwiſter, Verwandte hat ſie nie gehabt, außer einer böſen Tante, die ihr ein Höllenleben bereitet hat, bis ſie mit vierzehn Jahren unter fremde Leute gekommen iſt, die ſie doch wenigſtens nicht geſchlagen haben, wie die hölliſche Tante, Ach, Fräulein Sophie, wenn ich Ihnen erzählte, was das arme junge Ding ſchon gelitten hat, Sie würden Fr. Spielhagen's Werke. KI. 5 66 Durch Nacht zum Licht. ſagen: ſo etwas iſt nicht möglich: und Ihr Herz würde überfließen vor Mitleid, wie meines übergefloſſen iſt.“ Herr Bemperlein ſchwieg, weil er vor Bewegung nicht weiter ſprechen konnte. Sophie nahm ſeine Hand und ſagte:„Gutes Bem⸗ perchen!“ Bemperlein erwiderte warm den Druck und fuhr, nachdem er ſich einige Male, um ſeine Rührung zu bemeiſtern, laut geräuſpert hatte, alſo fort: „Sie hat mir nichts verſchwiegen; auch nicht, daß ſie in der letzten Zeit mit einem ſchlechten Menſchen(ich wiederhole, Fräulein Sophie, daß es nicht Herr Stein iſt) ein Verhältniß gehabt hat; mit einem Menſchen, der ſie auf die unwürdigſte Weiſe genasführt und betrogen und an einen notoriſchen Roue hat verkuppeln wollen. Doch dieſe Geſchichte iſt ſo niedrig, ſo gemein, daß ich ſie Ihnen nicht einmal mittheilen möchte, ſelbſt wenn ich Marguerite nicht ver⸗ ſprochen hätte, Keinem, er ſei, wer er ſei, je die betreffenden Per⸗ ſonen zu nennen.— Und nun,“— ſchloß Bemperlein, indem er Sophien's beide Hände in die ſeinen nahm,„was ſagen Sie zu dem Allen?“ Sophie wurde durch die plötzliche Frage einigermaßen in Ver⸗ legenheit geſetzt. Sie hatte ſich aus einzelnen hingeworfenen Aeuße⸗ rungen Helenen's, Oswald's und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen, das keineswegs ſehr ſchmeichelhaft für die junge Dame war; und auch Bemperlein's Erzählung war nicht im Stande geweſen, ihr einmal gefaßtes Vorurtheil ganz zu beſeitigen. Es that ihr weh, daß ſie den armen Mann, deſſen gutes Geſicht jetzt mit einem aufgeregten, ängſtlichen Ausdruck, als ob von ihrem Ausſpruch Leben und Tod abhinge, auf ſie gerichtet war, durch einen Zweifel an der Vollkommenheit ſeiner Auserkorenen kränken ſollte, und doch! lügen konnte und mochte ſie nicht, und antworten mußte ſie nun ein⸗ mal. So ſagte ſie denn mit einer allerliebſten Präceptormiene, das Köpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere bewegend: „Es iſt mit der Liebe ein eigenes Ding, Bemperchen. Ich habe während der Zeit, daß ich Franz kenne und liebe, oft darüber nach⸗ gedacht. Es iſt nicht Alles Gold, was glänzt, und nicht Alles Liebe, was wie Liebe ausſieht. Es giebt Empfindungen, die als ſolche ſehr Zweiter Band. 67 lobenswerth, aber trotz all dem nicht Liebe ſind, und die wir uns ja hüten müſſen, für Liebe zu nehmen. Und je edler ein Herz iſt, deſto leichter geräth es in die Gefahr, einen ſolchen Irrthum zu begehen, gerade wie der Vertrauenvollſte ſich am leichteſten falſches Geld für richtiges in die Hände ſtecken läßt; ich zum Beiſpiel, die, wenn ein falſches Viergroſchenſtück auf dem Markt war, es ſicherlich, wenn ich nach Hauſe komme, in meinem Portemonnaie habe. Es giebt aber keine Empfindung, die der Liebe ſo ähnlich ſieht, und durch die fich deshalb ein edles Herz ſo leicht täuſchen läßt, als das Mitleid. Wäre es nicht doch möglich, Bemperchen“— und hier legte die junge Dame ihre Hand auf Bemperchen's Hand—„daß, wie Ihr Intereſſe für Fräulein Marguerite zuerſt aus dem Mitleid entſprang, es auch noch bis auf dieſen Augenblick nicht eigentliche Liebe, ſondern eben nur Mitleid iſt?“ Bemperlein's Geſicht war bei dieſer gelehrten Auseinanderſetzung immer länger geworden. Er hatte ſich von Sophie eine wärmere Aufnahme ſeiner Nachricht verſprochen. Faſt kleinlaut fragte er daher: „Aber, Fräulein Sophie, wie unterſcheidet ſich denn Liebe von Mitleid? Iſt nicht die Nächſtenliebe, die doch die reinſte Form der Liebe iſt, mit dem Mitleid identiſch?“ „Die Nächſtenliebe wohl,“ erwiderte Sophie;„aber nicht die Liebe, von der wir ſprechen, die Liebe, die man empfinden muß, wenn man Jemand heirathen will; die Liebe zum Beiſpiel, die ich für Franz empfinde und die Franz für mich empfindet. Das iſt noch etwas ganz anderes, ganz anderes“— und die junge Philoſophin wiegte gedanken⸗ voll das weiſe Haupt. „Aber was iſt es denn?“ rief Bemperlein voll Verzweiflung,„wie ſoll man erfahren, ob man wirklich liebt?“ „Das iſt ſehr ſchwer,“ erwiderte Sophie,„und auch wieder ſehr leicht. Haben Sie zum Beiſpiel nur immer das Verlangen gehabt, Fräulein Marguerite aus ihrer abhängigen Stellung in eine beſſere verſetzt zu ſehen, ſie zu beſchützen, zu beſchirmen vor aller Noth und Gefahr; oder haben Sie auch manchmal gewünſcht“— Hier ſtockte die Philoſophin und wurde roth. „Nun?“ fragte Bemperlein eifrig. 5* 68 Durch Nacht zum Licht. „Ihr einen Kuß zu geben;“ ſagte Sophie, entſchloſſen, der Sache auf den Grund zu kommen, ſelbſt auf die Gefahr hin, indiscret zu werden. „Wenn's weiter nichts iſt,“ ſagte Bemperlein triumphirend;„die Frage kann ich mit Ja beantworten.“ „Bravo, Bemperchen! Und haben Sie ihr auch ſchon einen Kuß gegeben?“ „Nein!“ „Haben Sie ihr denn ſchon Ihre Liebe geſtanden?“ „Nein!“ „Wiſſen Sie denn, daß ſie Sie wieder liebt?“ „Nein.“ Die immer geringer werdende Herzhaftigkeit dieſer Verneinungen war ſo komiſch, daß ſich Sophie des Lachens kaum enthalten konnte. „Aber, Bemperchen,“ rief ſie,„wie wollen Sie denn das erfahren?“ „Ich werde ſie fragen,“ ſagte Bemperlein entſchloſſen. „Sehr gut! und wenn ſie nun Nein antwortet?“ „Das kann ſie nicht, das wird ſie nicht,“ rief Bemperlein, blaß vor großer Aufregung.„Ich habe daran noch gar nicht gedacht, aber das wäre ſchrecklich! Ich— ich habe es mir ſo ſchön ausgemalt, wenn ſie mein Weib würde, für das ich arbeiten könnte, und vas ich lieben könnte und das mich wieder liebte. Denn ich muß Jemand von ganzem Herzen lieben und ich muß fühlen, daß ich von ganzem Herzen geliebt werde, oder ich bin der unglücklichſte Menſch von der Welt. O, Fräulein Sophie, nicht wahr, Marguerite wird nicht Nein ſagen?“ Seine Stimme zitterte und ſeine Augen ſtanden voll Thränen. Das gutmüthige Mädchen war kaum weniger gerührt. Die Leiden⸗ ſchaftlichkeit Bemperlein's hatte eine ſympathetiſche Saite in ihrem Herzen angeſchlagen. Sie fühlte ſich plötzlich verpflichtet, die junge Liebe ihres dreißigjährigen Schülers aus allen Kräften zu beſchützen. „Wiſſen Sie was, Bemperchen,“ ſagte ſie mit großer Entſchieden⸗ heit,„wir wollen das bald erfahren. Bringen Sie Marguerite nur einmal zu mir.“ * „ —„ —— Zweiter Band. Bemperlein athmete hoch auf. „Darf ich das wirklich?“ „Nun natürlich. Ich kann nicht gut zu ihr gehen, weil das auffallen würde; aber hierher kann ſie ohne Aufſehen kommen. Sagen Sie ihr nur, ich wünſchte ſie kennen zu lernen. Wenn ſie Sie liebt, wird ſie ſich nicht lange bitten laſſen. Haben wir ſie erſt einmal hier, ſo findet ſich das Andre von ſelbſt.— Ja, ja,“ fuhr die junge Dame fort, und ſchnippte vergnügt mit den Händen, „ſo geht's, ſo geht's. Und wenn wir gute Freundinnen werden, ſo habe ich noch einen andern Plan— o, Bemperchen, einen andern Plan, wenn Sie den wüßten— ich ſage Ihnen, einen Plan,— nein, nein!— Sie kriegen es nicht zu wiſſen— und Franz auch nicht— Stl da kommt er! Kein Wort, Bemperchen, von unſerm Geheimniß! viertes Capitel. Mit Felir war in dieſer Zeit eine traurige Veränderung vor⸗ gegangen und es hatte faſt den Anſchein, als ob ſeine Gaſtvorſtellung in Grenwitz, bei welcher er ſo jämmerlich Fiasco gemacht, ſeine letzte Rolle auf dem glatten Parquet des Salons, das er ſo oft und mit ſo viel Glanz betreten, geweſen ſei. Wie an einem Hauſe, deſſen Holz der Schwamm zerfreſſen hat, nur ein Strebepfeiler weggenommen zu werden braucht, um es der Gefahr des Einſturzes nahe zu bringen, ſo hatte die an ſich nicht gefährliche Verwundung, welche er in dem Duell mit Oswald davon getragen, ſeinen ganzen, durch ein überaus wüſtes Leben zerrütteten Organismus vollends erſchüttert. Die Kugel hatte keine edleren Theile verletzt; an der ſorgfältigſten ärztlichen Behandlung hatte es nicht gefehlt, dennoch wollten die Wunden nicht heilen. Und als es damit anfing beſſer zu gehen, hatten ſich plötzlich höchſt bedenkliche Symptome einer ſchon weit vorgeſchrittenen Lungen⸗ krankheit gezei gt. Die herbeigerufenen Aerzte ſchüttelten den Kopf und 70 Durch Nacht zum Licht. ſprachen von der Nothwendigkeit einer Luftveränderung, eines längeren Aufenthaltes in ſüdlicheren Klimaten. Aber Felix wollte von Allem, was Andere doch ſo deutlich ſahen, nichts ſehen.„Die lumpigen Schrammen? pah! ich bin ſchon anders gezeichnet geweſen! Das bischen Fieber? lächerlich! mir iſt nach einer tollen Nacht ſchon ſchlimmer zu Muthe geweſen! Meine Lunge? dummes Zeug, was verſteht die alte Perrücke, der Balthaſar, von meiner Lunge; ich pfeife was auf alle gelehrten Perrücken. Felir von Grenwitz iſt ſo leicht nicht todt zu machen... Vielleicht war es, um ſich in dieſer Ueberzeugung zu beſtärken, daß der Bonvivant, nachdem er einige Wochen lang von Medicin und Haferſchleim ziemlich ſchlecht gelebt hatte, ſofort, als er kaum ſein Zimmer wieder verlaſſen durfte, zum mindeſten im Liebhaberfach wieder zu reüſſiren verſuchte. Er hatte gleich bei ſeiner Ankunft auf Grenwitz in der hübſchen, zierlichen, braunäugigen Marguerite eine Roſe geſehen, die zu pflücken es ſich ſchon der Mühe verlohnte, und er hätte ſich dieſe Mühe ſchon damals gemacht, wenn ihm Albert nicht (aus erklärlichen Gründen) ſo dringend davon abgerathen und er überdies in der Bewerbung um die ſchöne Helene und in der Ver⸗ führung ihres allerliebſten Kammermädchens Luiſe hinreichende Be⸗ ſchäftigung für ſeine Talente gefunden hätte. Jetzt, nachdem dieſe Rollen ausgeſpielt waren, fand er endlich, in der beſchaulichen Muße ſeiner Reconvalescenz, Zeit und Gelegenheit, der kleinen Marguerite die bedenkliche Ehre ſeiner Aufmerkſamkeiten zuzuwenden. Felir von Grenwitz kannte nur zwei Arten von Weibern; hübſche und häßliche; eine andere Eintheilung, tugendhafte und nicht tugendhafte zum Bei⸗ ſpiel, ſtatuirte er nicht. Er glaubte nicht an weibliche Tugend, hatte nie welche gefunden, höchſtens Caprice, kokette Schlauheit und die Kunſt, die Waare koſtbar zu machen, damit der Käufer den höchſt⸗ möglichen Preis bezahle. Felix von Grenwitz glaubte auch nicht an die Tugend der kleinen Marguerite, um ſo weniger als Johann, der vielgewandte Kammerdiener, ſehr bald herausbrachte, daß„Mamſell,“ während die Herrſchaften im Bade waren, eine Liebſchaft mit Herrn Geometer Timm gehabt habe. Timm aber, das wußte Felix ſehr wohl, dachte über die Frauen genau ſo, wie er ſelbſt— das Spiel Zweiter Band. 71 war alſo gewonnen, noch ehe es angefangen war. Sollte Felix von Grenwitz da zurückgewieſen werden, wo ein Albert Timm triumphirt hatte? Indeſſen, die Rechnung hatte ein Loch und es war deßhalb nicht halb ſo wunderlich, als es dem Don Juan ſchien, daß er trotz all dem und all dem zurückgewieſen wurde. Herr Albert Timm hatte wohl über das Herz, aber nicht über die Tugend des armen Mädchens triumphirt. Die kleine Marguerite hatte ein weiches, liebebedürftiges Herz und ſie hatte in ihrem Leben wenig, ach, ſo wenig Liebe erfahren. Aber die kleine Marguerite war ſtolz, ſtolz wie es arme, von Jugend auf geknechtete, mißhandelte, aber nicht unedle Naturen ſind, die gegen eine Welt voll Verachtung ſich nur dadurch ſchützen können, daß ſie einen abſoluten Werth auf ihre Selbſtachtung legen. Sie hätte dem Geliebten ohne Bedenken ihr kleines mühſam geſpartes Vermögen geopfert, aber nimmermehr ihre Unſchuld. Wenn über dieſe zu triumphiren ſelbſt Albert, den ſie liebte, nicht gelang, ſo mußte es Felir, den ſie verabſcheute, gewiß mißlingen, obgleich er wahrlich in der Wahl ſeiner Mittel ſehr wenig bedenklich war. Er ſchilderte ihr Albert's Charakter mit den ſchwärzeſten Farben; er verhöhnte die Aermſte, daß ſie ſich von einem Menſchen nasführen laſſe, der es auf weiter nichts abgeſehen habe, als auf ihre paar hundert Thaler; einem Menſchen, der ſich für Geld zu Allem gebrauchen laſſe, und der alles Geld, und hätte er ſich noch ſo viel zuſammengeſchwindelt, unbedenklich in einer Nacht verſpielen würde. Er bewirkte durch dieſe Schilderung, die leider keine Verleumdung war, nichts, als daß die Kleine mit hochgerötheten Wangen und flammenden Augen in ihrem gebrochenen Deutſch ſagte:„Und wenn Monsieur Albert wirklich iſt eine ſchlechte Menſch, ſo werden Sie dadurch nicht um ein'aar beſſer, Monsieur le baron!“ Das arme Kind! ſie ſollte ſich nur zu bald überzeugen, daß Monsieur Albert und Monsienr le baron Einer des Andern vollkommen werth waren! Sie war, als Herr Timm neulich Abends mit Felix conferirte, in dem Nebenzimmer geweſen und hatte geglaubt vor Scham und Zorn in die Erde ſinken zu müſſen, als ſie nun hören mußte, wie die beiden Herren über den Preis ihrer Tugend ſo ungenirt verhandelten, wie über den Preis eines Pferdes. Um jeden Zweifel an dem, was ſie nur halb gehört, zu verſcheuchen, 72 Durch Nacht zum Licht. hatte ſie es ſo einzurichten gewußt, daß ihr Herr Timm, als er fort⸗ ging, im Vorzimmer begegnete. Hier hatte ſie den genannten Herrn, heißblütig wie ſie war, zur Rede geſtellt und eine Antwort von ihm erhalten, die es nur zu erklärlich machte, daß Herr Bemperlein, der fünf Minuten ſpäter kam, ſie in Thränen gebadet fand. Indeſſen benutzte Felix, nachdem er ſo ſeinen vorzüglichſten Gegner aus dem Felde geſchlagen hatte, ſeinen Vortheil nicht weiter. Einmal war ihm die ganze Affaire für ſeinen Geſchmack viel zu ernſthaft geworden und ſodann nahmen gerade jetzt andere Angele⸗ genheiten ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließlich in Anſpruch. Mit ſeiner Geſundheit ſtand es ſeit einigen Tagen ſo ſchlecht, daß ſelbſt ſein Leichtſinn ſich gegen die Möglichkeit einer ernſteren Gefahr nicht länger verſchließen konnte. Die kaum geheilten Wunden brachen wieder auf; ein ſchleichendes Fieber nagte Tag und Nacht an ſeinen Nerven, und wenn er kaum eingeſchlafen war, weckte ihn ein quä⸗ lender Huſten aus ſo ſchrecklichen Träumen, daß Schlafloſigkeit im Vergleich mit ihnen noch eine Wohlthat ſchien. Zu der Sorge, die ihm ſeine Krankheit machte, kamen andere, die er ſonſt ſehr leicht genommen hatte, die aber jetzt ſein ohnedies angegriffenes Gehirn noch mehr verwirrten und ſeine hypochondriſche Stimmung verdüſterten. In ſeine Krankenſtube drängten ſich einzelne Leute, die ſich durchaus durch die Bedienten nicht hatten abweiſen laſſen— Leute mit höchſt bedenklichen Phyſiognomien und auffallend ſchmutziger Wäſche, die, wenn ſie denn endlich vorgelaſſen waren, eine große Brieftaſche öffneten und dem Herrn Baron„ein kleines Wechſelchen“ präſentirten, zweihundert, dreihundert Thaler—„eine wahre Kleinigkeit für den Herrn Baron.“ Vielleicht wäre es dem Herrn Baron leicht geweſen, dieſe ominöſen Papiere einzulöſen, wenn er jetzt war, was er zu ſein hoffte, als er ſie mit ſeiner Namensunterſchrift verziert aus der Hand gab, nämlich: der erklärte Bräutigam Helenen's, der Schwiegerſohn eines der reichſten Grundbeſitzer der Provinz. Aber leider war er das doch nun nicht⸗ hatte auch keine Ausſicht es zu werden und konnte ſich in Folge deſſen auch nicht weiter wundern, wenn die Baronin in den Privataudienzen, die er jedesmal, ſo oft eine jener verdächtigen Geſtalten die Schwelle * Zweiter Band. 73 ſeines Zimmers überſchritten hatte, nachſuchte, ſich bedeutend weniger geſchmeidig zeigte, als vor einigen Wochen, wo die Sonne ſeiner un⸗ überwindlichen Liebenswürdigkeit noch im Zenith ſtand. Felir wußte recht gut, daß ſeine Tante ſich zu einer Freigebigkeit, die ihrer Natur ſo gründlich widerſprach, nur darum verſtand, weil ſie in ihm den Mitwiſſer des großen Familiengeheimniſſes erblickte. Aber auch dieſes einzige, unerſetzliche Band hielt nur noch an dem letzten Faden. Es unterlag nämlich keinem Zweifel, daß nur die Furcht vor der„bornirten Ehrlichkeit des Barons“— eigene Worte ſeiner lieben⸗ den Gemahlin— die Baronin abhielten, es in dem mit Albert Timm entbrannten Kampfe auf's Aeußerſte ankommen zu laſſen, und Felir war keineswegs ganz ſicher, ob ſelbſt dieſe Furcht ſie bewegen könnte, den zwiſchen ihm und Albert geſchloſſenen Contract zu ſanctioniren. Er hatte deshalb bis zu dieſem Augenblick noch nicht gewagt, ihr die Höhe der Summe anzugeben, für welche er Alberts Verſchwiegenheit erkauft hatte. Felir Zaghaftigkeit in dieſer ganzen Angelegenheit hatte einen triftigen Grund in ſeiner eigenen mißlichen Lage. Er mußte die Tante in möglichſt guter Stimmung erhalten, um ihr die Summen abzulocken, die er für ſeine perſönlichen Bedürfniſſe brauchte. Es war ja ſpäter noch immer Zeit, ihr in Betreff Timms reinen Wein einzuſchänken. Wie grimmig auch Felir Oswald haßte und wie entſetzlich es ihm auch geweſen wäre, wenn es dem Verhaßten mit Alberts Hülfe gelang, ſich in den Beſitz des Vermögens zu ſetzen und am Ende doch Helene zu gewinnen— ſo mußte das Alles dem Augenblick und ſeinen ge⸗ bieteriſchen Forderungen untergeordnet werden. So ſtanden die Sachen, als am Morgen nach der Soirée, an der Felix natürlich nicht Theil nehmen konnte, die Baronin, nachdem ſie ſich vorher hatte anmelden laſſen, dem Patienten einen Beſuch ab⸗ ſtattete. Felix ſaß in einen weiten Schlafrock gehüllt, fröſtelnd dicht an dem heißen Ofen. Die großen, einſt ſo übermüthigen, jetzt ſo gläſernen ſtarren Augen, und die krankhafte, ſcharf abgeſchnittene Röthe auf ſeinen magern Wangen zeugten von den reißenden Fort⸗ ſchritten, welche die Krankheit in den letzten Tagen gemacht hatte. Er erhob ſich, über dieſen Beſuch außer der gewöhnlichen Zeit einiger⸗ 74 Durch Nacht zum Licht. maßen verwundert, halb aus ſeinem Stuhl und ſtreckte der Tante ſeine abgemagerte, fieberheiße Hand entgegen: „Bon jour, ma tante! ſoll ich ſagen, ſo früh oder ſo ſpät noch auf? denn ihr habt ja beinahe bis an den hellen Morgen getanzt. Ich habe den Baß bis hier in mein ſtilles Zimmer hinein hören können: brum! brum! brum! bis ich faſt verrückt über dem Gebrumm wurde; und wenn Sie mir das Fluchen nicht abgewöhnt hätten, ma tante, ich hätte, hol' mich der Teufel, den verdammten Kerl, der das Gebrumm fabricirte, bis in den tiefſten Pfuhl der Hölle ver⸗ wünſchen können.“ „Ich hoffe, daß es mit Ihrer Geſundheit heute nicht ſchlechter geht, als mit Ihrem Fluchen,“ ſagte Anna Marie lächelnd, indem ſie vor dem Kranken in einem Lehnſeſſel Platz nahm und eine Hand⸗ arbeit in Ordnung brachte, ein Beweis, daß ſie es au feinen längeren Beſuch abgeſehen hatte;„aber im Ernſt, lieber Felix, ich habe Sie aufrichtig bedauert, und komme, Sie wegen der nächtlichen Störung um Entſchuldigung zu bitten.“ „Sie ſind ja heute außerordentlich gnädig, liebe Tante.“ „Ich dächte, das wäre ich immer,“ erwiderte Anna Marie,„nur daß es Leute giebt, die ſich durchaus nicht davon überzeugen können.“ „Ich gehöre nicht zu dieſen, liebe Tante.“ „Ich weiß es, Felir, und Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich ſtets für Sie gethan habe, was in meinen Kräften ſtand.“ „Ja wohl, ja wohl,“ murmelte Felix und überlegte, ob der Augen⸗ blick wohl geeignet ſei, gegen ſeine Tante ein kleines Geſchäft zu er⸗ wähnen, in das er ſich mit einem gewiſſen Herrn Wolfſon(Firma: Wolfſon, Reinike& Co.) vor nun beinahe drei Monaten eingelaſſen hatte und das in wenigen Tagen regulirt werden mußte. „Die Geſellſchaft— die übrigens pünktlich zwei Uhr funfzehn Minuten aufgebrochen iſt, lieber Felir— war geſtern Abend recht animirt,“ fuhr die Baronin fort,„und es hat mir von Herzen leid gethan, daß Sie nicht daran Theil nehmen konnten. Es wäre wirk⸗ lich Zeit, daß Sie ſich endlich einmal wieder geſund meldeten.“ „Das weiß Gott,“ ſeufzte der Patient, ſich ungeduldig in ſeinem Lehnſtuhl herumwerfend;„man wird hier in dieſer verdammten Spelunke Zweiter Band. 75 noch ganz zum Hypochonder. Aber erzählen Sie ein wenig von geſtern. Wer war denn Alles da?“ „O, nicht eben viele, ich liebe, wie Sie wiſſen, die großen Féten nicht: Griebens, Nadlitzens, Barnewitzens, Clotens—“ „Die Zuſammenſetzung iſt nicht ſchlecht,“ meinte Felir,„haben ſich denn Hortenſe und Emilie nicht die Augen ausgekratzt?“ „Nicht doch! ſie ſind die beſten Freundinnen von der Welt, und überdies hatten ſie geſtern um ſo weniger Urſache, ſich gegenſeitig den Vorrang ſtreitig zu machen, als darüber, nach dem allgemeinen Urtheil der Geſellſchaft wenigſtens, ſchon anderweitig entſchieden war.“ „O, in der That! und wer war denn der Vogel Phönix?“ „Ihre Couſine, lieber Felix,“ ſagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend;„ſie ſah in der That ausnehmend ſchön aus, ſo daß ſelbſt ich davon überraſcht war, eben ſo wie von der Bewun⸗ derung, die ihr von allen Seiten gezollt wurde.“ Felix horchte hoch auf. Das Lob Helenens aus der Mutter Munde war eine ſo neue Melodie, daß er ſeinen Ohren nicht traute. „Es ſcheint, als ob die letzten Wochen doch— fünf, ſechs, ſieben — einen recht guten Einfluß auf ſie ausgeübt haben. Sie hat— acht, neun, zehn— ein gut Theil von ihrer hochmüthigen Arroganz verloren; die Gräfin Grieben machte mir geſtern ein Compliment über ihre ſittſame, echt weibliche Haltung.“ „Sie verzeihen, liebe Tante,“ ſagte Felir mit großer Bitterkeit, „daß ich mich über dieſe günſtige Metamorphoſe nicht ebenſo freue. Ich wollte, ſie wäre einige Wochen früher eingetreten. Vielleicht läge ich dann nicht hier, hilflos wie ein Pferd, dem die Flechſen durch⸗ geſchnitten ſind;“ und er ſchlug heftig mit der geſunden Hand auf die Lehne des Stuhls. „Ich geſtehe, daß Sie einigen Grund haben, ſich über Helene zu beklagen,“ ſagte die Baronin,„indeſſen, Haß und Rache ſind ſehr unchriſtliche Empfindungen, zumal unter Verwandten, die von Natur darauf angewieſen ſind, ſich gegenſeitig zu lieben— „O, gewiß,“ unterbrach ſie Felix;„Sie haben ganz recht, liebe Tante! auf dieſe Vorausſetzung war ja auch unſer ganzer Plan gebaut; — 76 Durch Nacht zum Licht. nur ſchade, daß Fräulein Helene nicht viel von der natürlich ange⸗ wieſenen chriſtlichen Verwandtenliebe wiſſen wollte.“ „Sie ſind bitter, Felix, und wie geſagt, ich räume ein, Sie haben ſich zu beklagen. Aber laſſen Sie uns jetzt von der Sache ſprechen, die mich eigentlich veranlaßt hat, Sie heute Morgen ſo früh zu beſuchen.— Ihr Geſundheitszuſtand, lieber Felir, macht mir ſo große Sorge, daß ich heute Nacht noch einmal ernſtlich darüber nachgedacht habe, und jetzt zu einem Entſchluſſe gekommen bin. Sie müſſen— und zwar ſobald als möglich— die beſprochene Reiſe nach Italien antreten.“ Felix ſollte heute Morgen aus einer Verwunderung in die andere fallen. Die von den Aerzten ſchon ſeit zwei Wochen dringend an⸗ gerathene Reiſe war von Anna Marie einfach aus dem Grunde be⸗ anſtandet worden, weil weder Felix,„wie ſie glaube“, noch ſie ſelbſt die dazu nöthigen Mittel für den Augenblick disponibel hatten. Auf einmal waren dieſe Mittel vorhanden! Wer die Conſequenz der Baronin kannte, mußte ſich ſagen, daß nur etwas ganz Abſonderliches ſie zu dieſer plötzlichen Willensänderung bewogen haben konnte. Was dieſes Etwas aber war, erfuhr Felix in dem weiteren Ver⸗ lauf dieſer wichtigen Unterredung nicht. Es war ihm im Grunde auch gleichgültig. Die letzten qualvoklen Tage und Nächte hatten ſeine Kraft gebrochen; der leichtſinnige Uebermuth, den er bis dahin prahleriſch zur Schau getragen, war einer finſtern Verſtimmung ge⸗ wichen, in welcher nur der eine Gedanke lebendig war, um jeden Preis wieder geſund zu werden. Zu dieſem höchſten Zweck waren ihm alle Mittel recht. Wollte ſeine Tante ihm zu der Reiſe, die auch er jetzt für eine Nothwendigkeit erkannt hatte, das nöthige Geld geben— gut! und um ſo beſſer, je mehr ſie gab! warum ſie gab? jetzt gab, nachdem ſie noch vor wenigen Tagen die Aufbringung der Reiſekoſten für eine poſitive Unmöglichkeit erklärt hatte,— was fragte er danach? kaum mehr als Jemand, der in Gefahr iſt zu ertrinken, danach fragt, woher der rettende Balken geſchwommen kommt, an den er ſich im letzten Moment noch anzuklammern vermag. Als die Baronin ſich nach einer Stunde erhob und ihre Arbeit Zweiter Band. 77 zuſammenpackte, war die italieniſche Reiſe eine beſchloſſene Sache. Schon in den nächſten Tagen, wenn Felir' Zuſtand ſich nicht ver⸗ ſchlimmerte, ſollte ſie angetreten werden.„Sie wiſſen, lieber Felix,“ ſagte Anna Marie,„ich bin dafür, daß etwas, was einmal geſchehen ſoll und muß, bald geſchieht. Und hier iſt noch dazu offenbar Gefahr im Verzuge. Ich würde mir ewig einen Vorwurf daraus machen, hätte ich nicht, was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, gethan, dieſe drohende Gefahr von Ihnen abzuwenden.“ Felix führte die ihm gnädig dargereichte knöcherne Hand der Tante an ſeine Lippen und Anna Marie verließ das Zimmer. „Der alte Drache!“ murmelte Felix, indem er erſchöpft in ſeinen Lehnſtuhl zurückſank;„was mag ihr nur in die Krone gefahren ſein, daß ſie mit einem Male ſo ſpendabel wird? Ein wahres Glück, daß ich ihr nicht geſagt habe, wie viel der Schuft, der Timm fordert. Einmal freilich wird ſie's wohl erfahren müſſen; aber nicht, bevor ich in Italien bin. Uff! mein Arm! Ich muß eine gründliche Cur ge⸗ brauchen, und am Ende iſt ſich doch jeder ſelbſt der Nächſte.“ „Der leichtſinnige Patron!“ dachte Anna Marie, während ſie die langen Corridore entlang nach ihrem Zimmer zurückſchritt;„es iſt hart, daß ich, nachdem ich ſchon ſo viel für ihn bezahlt habe, auch noch dieſe horrible Ausgabe für ihn machen ſoll. Aber es geht nicht anders. Aus dem Hauſe muß er, und dies iſt die anſtändigſte und am wenigſten auffallende Weiſe, auf die ich ihn los werde.“ Die Erklärung zu dem Räthſel von der Baronin Großmuth war ſehr einfach. Der ehrgeizige Gedanke, daß ihre Tochter Helene min⸗ deſtens eben ſo viel Ausſicht habe als irgend eine andere junge Dame, die Gemahlin des Fürſten zu werden— hatte auf der Geſellſchaft geſtern Abend eine ſolche Nahrung bekommen, daß er bereits zu einem ganz ſtattlichen Plane emporgewachſen war. Der Fürſt hatte Helenen auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe ausgezeichnet. Er hatte nicht nur (gegen die Regel) zwei Tänze mit ihr getanzt; ſie überdies, ſo oft ſich die Gelegenheit bot, zu einer Extratour aufgefordert und in der großen Pauſe zur Tafel geführt, ſondern auch während des ganzen Abends, ſo zu ſagen, kein Auge von ihr gewandt und ſich gegen die Gräfin Grieben(die es fünf Minuten ſpäter der Baronin berichtete) 78 Durch Nacht zum Licht. mit dem größten Enthuſiasmus über die unvergleichliche Schönheit der jungen baronne ausgeſprochen. Dies Alles mußte umſomehr auf⸗ fallen, als die kühle Reſerve, welche der Grand Seigneur im allge⸗ meinen gegen die Huldigungen beobachtete, die ihm von Seiten des Provinzadels zu Theil wurden, bereits ſprichwörtlich geworden war. Was war im Vergleich mit dieſem ſtolzen Adler Neffe Felir, die arme Krähe, welche das Mißgeſchick und die Gläubiger ſo gründlich gerupft hatten? Und nun gar jetzt, wo die Aerzte immer bedenklicher die Köpfe zu ſchütteln begannen und von der Baronin auf's Gewiſſen gefragt, achſelzuckend das Geſtändniß gemacht hatten: ſie gäben dem jungen Baron— es müßte denn ein Wunder eintreten— höchſtens noch ein halbes Jahr! Was war Felir, wenn er aufhörte, der präſumtive Erbe des Grenwitzer Majorats zu ſein?— Richts! we⸗ niger als Nichts, ein ſehr koſtſpieliger Penſionär der Familie, deſſen einziges Verdienſt noch darin beſtand, daß er vorausſichtlich nicht lange mehr auf dieſe Penſion Anſprüche erheben würde. Nein, nein! dieſe Sonne war in Dunſt und Nebel kläglich untergegangen; fortan mußte eine andere, glänzendere, kraftvollere leuchten. Schwiegermutter Sr. Durchlaucht des Fürſten Waldernberg zu ſein, das verlohnte ſich der Mühe, es zu werden. Dann mochte der alte eigenſinnige— unerträglich eigenſinnige— Gemahl heute oder morgen ſterben und die Ueberſchüſſe aus den Einkünften der Güter, die ihr jetzt zu gute kamen, von den Curatoren des Majorats zum Capital geſchlagen werden! Blieb doch, was bis jetzt ſchon zurückgelegt war(und das war, Dank ihrer weiſen Sparſamkeit, ſchon ein ganz anſtändiges Sümmchen), außerdem das ſo bedeutende Legat Harald's,(das der freche Menſch, der Timm, nun wohl fürderhin unangefochten laſſen würde), und geſetzt auch, daß der Baron(wie es faſt den Anſchein hatte) ſeiner Helene den größeren Theil ſeines Vermögens hinterließ, ſo war doch die Dankbarkeit eines fürſtlichen Schwiegerſohns, dem ſie zu einer ſo ſchönen Gemahlin, und einer Tochter, der ſie zu einer ſo glänzenden Partie verholfen hatte, auch ein Vermögen, das reich⸗ liche Zinſen abwerfen mußte. Seltſam! ſeit dem Augenblicke, wo ſich für Helene dieſe ſchim⸗ mernde Perſpective öffnete, empfand ſie gar keinen Groll mehr gegen⸗ Zweiter Band. 79 das rebelliſche Kind. Selbſt der Stolz, über den ſie oft ſo bittere Klage geführt hatte, gereichte dem ſchönen Mädchen jetzt in ihren Augen zum Verdienſt. War doch eben dieſer Stolz augenſcheinlich neben der Schönheit, der er aber auch wieder als Folie diente) gerade die Eigenſchaft, welche den Fürſten offenbar beſtimmte, ihre Tochter anderen jungen Damen, den ſehr ſchönen, aber blonden und etwas ſentimentalen Fräulein von Nadelitz zum Beiſpiel, ſelbſt der hübſchen, koketten Emilie von Cloten, der anmuthigen, intriganten Hortenſe von Barfewitz den Vorzug zu geben.— Die Baronin empfand ſeit vorgeſtern Mittag eine förmliche Liebe zu ihrer Tochter, zu der ſchönen, glänzenden Tochter, welche(durch ihre kluge Ver⸗ mittelung) die ſchöne, glänzende Ausſicht hatte, Fürſtin von Waldern⸗ berg⸗Malikowsky, Gräfin zu Letbus, zu werden! Der erſte Schritt zu dieſem hohen Ziel war natürlich eine voll⸗ ſtändige Ausſöhnung zwiſchen ihr und Helene. Sie hatte ſeit der Kataſtrophe auf Grenwitz Reſpect vor einer Gegnerin bekommen, die trotz ihrer Jugend mit ſolcher Feſtigkeit aufzutreten vermochte. Fortan wollte ſie ſehen, ob ſie mit Güte und Liebe nicht doch weiter käme; und wie konnte ſie dieſe Liebe und Güte ſchöner bethätigen, als indem ſie das ungehorſame und doch geliebte Kind aus der Verbannung zurückrief, zurück(wenn nur der Felix erſt auf anſtändige Weiſe ent⸗ fernt wäre!) in das theure Vaterhaus zu den lieben Eltern, zu dem Vater, der ſehnſüchtig der Tochter harrte! Sie hatte das große Werk der Verſöhnung ſofort in Angriff genommen; heute noch hoffte ſie die Präliminarien zu beendigen. Es war ſpät am Abend deſſelben Tages. In der Penſions⸗ anſtalt des Fräulein Bär waren die Fenſter ſchon ſeit zwei Stunden dunkel, bis auf eins, das nach dem Garten hinter dem Hauſe ſah. Wer von dem Garten aus, oder von dem öffentlichen Park, der an den Garten ſtieß, dies Fenſter beobachtet hätte— und es lehnte in der That an den Stamm einer Buche die Geſtalt eines jungen Mannes, deſſen Augen durch die dichte Finſterniß unverwandt auf das matterleuchtete Fenſter gerichtet waren— konnte bemerken, daß das Lcht aus einer Lampe kam, welche ganz in der Nähe auf einem Bureau ſtand, und daß die Bewohnerin des Zimmers an dieſem 80 Durch Nacht zum Licht. Bureau ſaß, ſchreibend oder leſend— man konnte es nicht unter⸗ ſcheiden. Die Bewohnerin des Zimmers war Helene von Grenwitz. Sie ſchrieb, eifrig, mit hochgerötheten Wangen, wie junge Damen, die keinen Vertrauten haben, als eine Freundin, die Hunderte von Meilen entfernt wohnt, zu ſchreiben pflegen: „Du Kluge, Stille, mit Deinen klugen, ſtillen blauen Augen! Ach, wer wie Du, ſo ſtets ſich ſelber gleich, durch das Leben gehen könnte! Wer doch, wie Du, in ſich ſelbſt den Frieden hätte, in dem ſich, wie in einem tiefen ſtillen See, Alles in klaren Farben und ſcharfen Umriſſen ſpiegelt! Was Dir heute gut erſcheint, erſcheint Dir auch morgen ſo; was Du heute für recht hältſt, erklärſt Du auch morgen nicht für unrecht. Das Maß, mit dem Du die Menſchen miſſeſt, iſt das unwandelbar gleiche, ſtrenge; wer es nicht erreicht, den erkennſt Du nicht für Deines Gleichen und behandelſt ihn danach heute wie morgen und alle Tage mit der milden Freundlichkeit, um die ich Dich ſo oft beneidet habe.— Wie iſt das Alles bei mir ſo anders, ſo ganz anders! Mein Herz iſt ein wildbewegtes Meer und die Bilder des Lebens verzittern darin, ſchwankend und wechſelnd und mich ängſtigend wie ebenſoviele Geſpenſter. Zwar auf der Ober⸗ fläche!— nun ja! da iſt's ſcheinbar ruhig genug— wenigſtens ſagen es die Leute und ich fühle es ſelbſt; aber in der Tiefe? da kocht es und wühlt es— da keimen Wünſche, die ich mir kaum ſelbſt zu ge⸗ ſtehen wage; da ſprießen Gedanken, vor denen ich ſelbſt erſchrecke; da blüht die Sehnſucht nach einem unfäglich hohen, unſäglich köſtlichen Glück, die Sehnſucht, die ich Dir oft— und ach! niemals ſo, wie ich ſie wirklich fühle— geklagt habe und die Du lächelnd in das Reich der Träume verwieſeſt. Sollteſt Du Recht haben? Sollte die Leidenſchaft, die mich durchglüht, nie gekühlt werden? Sollte die Stimme, die oft in ſtiller Nacht— wie jetzt— aus meiner Seele ruft, klagend, ſehnſuchtsvoll, verzweifelnd— nie ein Echo finden?... Mir glüht die Stirn— meine Augen brennen— mein Herz pocht in ungeduldigen Schlägen. Was willſt Du, ungeſtümes, wildes Herz? Liebe? ja! Macht und Ehre und Glanz und Herrlichkeit? ja!.. Wie aber, wenn Du beides nicht auf einmal haben kannſt; wenn Du Zweiter Band. 81 das Eine oder das Andere opfern müßteſt? wie dann? was willſt du opfern? die Liebe— nein! die Herrlichkeit? nein, o nein!... Nun denn! ſo poche raſtlos unbefriedigt weiter und quäle mich ohn' Erbar⸗ men, bis dieſe Hand und dieſes Haupt es müde werden, deine fiebern⸗ den Schläge zu zählen. Ich ſehe Deine weichen blauen Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet; ich ſehe auf Deinen Lippen die Frage zittern: was haſt du, dearest? O, Liebſte, Theuerſte, Du ſollſt es mir ſagen. Seit einiger Zeit verſtehe ich mich ſelbſt nicht mehr. Ich ſchrieb Dir, daß ich Herrn St. zufällig vom Fenſter aus wiedergeſehen habe, und daß ich ſehr wünſchte, ihn einmal allein zu ſprechen. Dieſer Wunſch ſollte noch an demſelben Tage in Erfüllung gehen. Ich traf ihn bei Fräulein R. und er begleitete mich, da die Dienerin nicht kam, nach Hauſe. Wir hatten unterwegs ein Geſpräch, das mich ſehr alterirte, da es von Bruno handelte, und ich hatte endlich Gelegenheit Herrn St. den Dank abzuſtatten, den ich ihm von meiner Verlobungsaffaire her ſchuldete. Ich war tief bewegt, als er vor der Thür Abſchied von mir nahm. Der Zauber, den dieſer Mann ſtets auf mich ausgeübt hat und den ich nur von mir abzu⸗ ſchütteln vermag, wenn ich von ihm nichts ſehe und höre, war in ſeiner Nähe wieder mächtig geworden. Ich fühlte das und gerade deshalb— Du kennſt mich— vermied ich es nicht, ihn wieder zu ſehen, obgleich ich es leicht gekonnt hätte. Zwei Abende darauf traf ich ihn abermals, ebenfalls bei Fräu⸗ lein R. Diesmal war, als wir nach Hauſe gingen, die Dienerin zu⸗ gegen, aber da wir franzöſiſch ſprachen,— das Herr St. entzückend ſchön ſpricht; er ſagte mir, er ſei durch Abſtimmung ein halber Fran⸗ zoſe— war unſere Unterhaltung doch ungenirt. Was die zwei Tage gut gemacht hatten, verdarben dieſe zwei Stunden Zuſammenſein wieder und ich erkannte zu meiner größten Beſchämung— und mit Röthe der Scham auf den Wangen ſchreibe ich es nieder,— daß das Gefühl, welches mich in ſeiner Nähe überkommt, ſtärker iſt, als mein Stolz. Nicht, als ob er mir durch Geiſteshoheit, durch Mannes⸗ kraft eben imponirte! durchaus nicht. Er gleicht ſtreng genommen, gar nicht dem Ideal, das ich von dem S den ich lieben könnte, Fr. Spielhagen's Werke. XI. 6 82 Durch Nacht zum Licht. im Herzen trage; aber es iſt in dem Ton ſeiner Stimme, in dem Blick ſeiner großen plauen Augen, in ſeinem ganzen Weſen ein Etwas, was mich unſäglich rührt. Und dann— ich will Dir ja Alles ſagen, — ich weiß, daß er mich liebt, und wie es wohl unter dieſen Ver⸗ hältniſſen nicht anders ſein kann, hoffnungslos liebt, und das macht mir ihn werth, wie den Dolch mit der blanken Damascenerklinge und dem goldenen Griffe, den ich als Mädchen von zwölf Jahren einmal in der Rüſtkammer in Grenwitz fand, wie einen herrlichen Schatz mit mir auf mein Zimmer nahm und von dem ich mich ſeitdem nicht wieder getrennt habe. Ich weiß es— Oswald und der Dolch— ſie beide gehören mir, nur mir. Es iſt ſo unendlich ſüß, etwas ſein eigen zu nennen, von dem Niemand etwas weiß, Niemand etwas ahnt und das doch zu uns ſtehen wird, uns helfen wird in der letzten Gefahr, wenn alle Andern uns verlaſſen haben. Wenn ich Oswalds Blicke auf mich gerichtet ſehe, ſo iſt mir zu Sinnen, wie wenn ich den Dolch halb aus ſeiner ſammetnen Scheide zücke und in der Sonne funkeln laſſe... Aber es liegt Gefahr in dieſem Funkeln. Wie oft hab' ich die Waffe dann ganz herausgezogen, die haarſcharfe Spitze mir auf's Herz geſetzt und zu mir geſagt: ein Druck— und du athmeſt nicht mehr. f Und es liegt Gefahr in der Nähe dieſes Mannes— ein Wort von ihm— und er hat aufgehört, für mich zu leben, und wenn ich ſchwach genug wäre, es zu erwidern—— ich darf nicht daran denken; nicht daran denken, wie nah ich ſchon an dem Abgrund geſtanden habe! Ich habe mir vorgenommen, nicht wieder zu Fräulein R. zu gehen und dieſen Entſchluß auch durchgeführt. Vorgeſtern gegen Abend, als ich allein im Garten war— die Andern waren, Fräulein Bär an der Spitze, auf ihrem gewöhnlichen Spaziergange— hörte ich das Brauſen des nahen Meeres ſo deutlich, daß mich eine un⸗ widerſtehliche Sehnſucht befiel, mein Lieblingselement einmal wieder von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Unſer Garten ſtößt an eine Parkanlage, die ſich bis unmittelbar an's Ufer erſtreckt. Sie gehört der Stadt und iſt, wie ich höre, im Sommer eine geſuchte Promenade. Im Herbſt aber, noch dazu in dieſer kühlen, feuchten Abendſtunde, hatte ich in den breiten Alleen unter den hohen Bäumen nie Jemand Zweiter Band. 83 bemerkt. So öffnete ich denn die nicht einmal verſchloſſene Pforte und trat hinaus. Es war dunkler im Park, als es im Garten ge⸗ weſen war; lauter rauſchte der Abendwind durch die kahlen Aeſte der mächtigen Buchen; deutlicher hörte ich das Brauſen der See. Unter meinen Füßen raſchelte das Laub; über mir krächzten ein paar Krähen, die auf ven ſchwankenden Zweigen keine Ruhe finden mochten. Ich hüllte mich feſter in meinen Shawl und ſchritt weiter. Das mit jedem Augenblick tiefer hereinſinkende Dunkel und der kühle feuchte Athem des Waldes und des Meeres übten den alten Zauber auf mich aus, den ich ſo oft als kleines Mädchen empfunden hatte. Ich empfand keine Spur von Furcht; die Seligkeit, einmal mit mir und⸗ meinen Gedanken allein zu ſein, allein in einer Umgebung, die ſo ganz zu meinen Gevanken ſtimmte, ließ ein ſolches Gefühl gar nicht aufkommen. Ich eilte weiter und immer weiter, wie in einem Traum, bis ich an das Ende der großen Allee kam. Dort öffnet ſich ein kleiner von hohen Bäumen faſt überwölbter Platz, deſſen eine Seite vom Meere ſelbſt begrenzt wird, das bis unmittelbar an das mäßig hohe, aber ſteile Ufer brandet. Ein eiſernes Geländer faßt den Rand ein. Bänke ſtehen hier und da für die Spaziergänger, welche ſich, von der Wanderung ermüdet, an der Kühle des Platzes und der Ausſicht auf das Meer erquicken wollen. Ich lehnte mich auf das Geländer und blickte hinein in die dunkelnde und im Dunkel leuchtende Waſſerwüſte und ſah Welle auf Welle raſtlos heranrollen und auf den glatten Kieſeln des ſchmalen Strandes verſchäumen. Ihr Don⸗ nern, das jedes andere Geräuſch übertäubte, war Wiegengeſang für mein wildes Herz und lullte mich in wunderliche Träume von einem Glück, das tief und grenzenlos war, wie das tiefe, grenzenloſe Meer, an deſſen in Dunkel verzitterndem Horizont mein Blick hing; und— hätte das Glück ſonſt einen Reiz für mich!— ebenſo voll ſchauer⸗ licher Geheimniſſe und unberechenbarer Gefahren. Da ſchlug in unmittelbarſter Nähe eine Menſchenſtimme an mein Ohr. Ich fuhr aus meiner gebückten Stellung in die Höhe und vor mir ſtand Herr St. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er,„wenn ich Sie in Ihren Phantaſien ſtöre; aber der Zufall, Sie zu dieſer Stunde an dieſem 6* Durch Nacht zum Licht. Platze zu treffen, iſt zu ſeltſam, als daß ich darin nicht etwas mehr als einen bloßen Zufall erblicken ſollte.“ Ich war über dieſe plötzliche Begegnung ſo erſchrocken, und das Unpaſſende meines Schritts wurde mir mit einem Male ſo klar, daß ich kalt und ſcharf erwiderte: „Wie meinen Sie das, mein Herr? Ich will hoffen, daß es in der That ein Zufall iſt, was mir in dieſem Augenblick das Vergnügen Ihrer Gegenwart verſchafft.“ Er trat einen Schritt zurück. „Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er;„ich wußte nicht, daß meine Gegenwart Ihnen ſo läſtig war.“ Er verbeugte ſich, und ging. Der Ton, in dem er geſprochen hatte, ſchnitt mir ins Herz. Als er ein paar Schritte fort war, konnte ich's nicht länger ertragen. Ich nannte ſeinen Namen. Im nächſten Augenblick war er wieder an meiner Seite. „Herr St.,“ ſagte ich,„verzeihen Sie mir. Ich war erſchrocken; ich wußte nicht, was ich ſagte.“ „Nein, nein,“ ſagte er,„Sie hatten ganz recht. Es iſt kein Zufall, der uns hier zuſammenführt; von meiner Seite wenigſtens nicht. Ich ſah Sie in den Park treten; ich bin Ihnen gefolgt; ich hatte Sie keinen Augenblick aus den Augen verloren.“ „Und kommen Sie häufiger hierher?“ fragte ich, indem wir an⸗ fingen, die lange Allee wieder hinaufzugehen. „Ja,“ erwiderte er;„für einen Unglücklichen ſind das Dunkel und die Einſamkeit die paſſendſten Gefährten.“ Ich hatte nicht den Muth zu fragen, weshalb er unglücklich ſei; wir gingen ſchweigend nebeneinander weiter. Ich beſchleunigte den Schritt, denn der alte Zauber kam wieder über mich und ich wollte ihm entfliehen. Nach wenigen Minuten näherten wir uns der eiſer⸗ nen Gitterthür, die aus dem Park in den Garten führt. Zwiſchen den dichten Büſchen, unter den hohen Bäumen war ſehr dunkel. Mein Herz ſchlug zum Zerſpringen. Ich war feſt ent ſchloſſen, koſtete es mich auch das Leben, ſeine Liebe, ſollte er jetzt von Liebe ſprechen, zurückʒuweiſen und dennoch— dennoch wünſchte ich, daß er ſpräche, Zweiter Band. 85 zürnte ich ihm, daß er nicht ſprach. Es waren vielleicht nur wenige Secunden, aber ſie dünkten mich eine Ewigkeit— eine Ewigkeit von Furcht und Hoffnung. Da ſtanden wir an der Thür. Oswald öffnete ſie. Ich dankte ihm und wünſchte ihm gute Nacht. Er ant⸗ wortete nur mit einer ſchweigenden Verbeugung. Als die Thür hinter mir in das Schloß fiel, zuckte ich zuſammen, wie ein Gefangener, der das Kerkerthor, das ihn für immer vom Leben trennt, hinter ſich zu⸗ ſchlagen hört. Ich wollte im erſten Augenblick die Hand durch das Gitter ſtrecken und ihm ſagen— ich weiß nicht was— aber ich be⸗ zwang mich und ging, ohne mich umzuſehen, raſchen Schrittes nach dem Hauſe. Und als ich auf meinem Zimmer angekommen war, habe ich mich auf das Sopha geworfen und bitterlich, bitterlich ge⸗ weint, wie ich nie in meinem Leben geweint hatte, nie geglaubt hatte, daß Helene von Grenwitz weinen könne. Dann aber raffte ich mich empor und ſchwur mir zu, dieſe Schwäche, die mich ſo tief demüthigte, koſte es was es wolle, zu überwinden. Iſt doch mein Stolz mein einzig Gut, die blanke Waffe, mit der in der Hand ich mich jedem Gegner gewachſen fühle; ſelbſt meiner Mutter!.. Ich dachte mit Schaudern an den Moment, wo ich mich in dem Bewußtſein, mich vor mir ſelbſt erniedrigt zu haben, auch vor mir erniedrigen müßte; wo ich ihr nicht mehr muthig in die großen kalten ſtrengen Augen ſchauen könnte! Ich wußte, wußte es mit unumſtößlicher Gewißheit, daß dieſer Moment mein letzter ſein würde. Und ſo begab ich mich hernach zu Bett; aber es wollte kein Schlaf in meine Augen kommen. Ich lag da, die Hände über der Bruſt gekreuzt und wiederholte mir unabläſſig, was ich mir zuge⸗ ſchworen und wenn das Herz vor einem unſäglich jammerreichen Gefühl, das mir die Thränen in die Augen trieb, ſo ſchwer, ach ſo ſchwer wurde— ſo ſetzte ich die Spitze des Dolches auf das unge⸗ horſame, rebelliſche Herz und dann wurde es wieder ruhiger, de⸗ müthiger; es mochte fühlen, daß es in dem Kampfe zwiſchen Stolz und Liebe voch keine Ausſicht auf den Sieg habe. Zuletzt ſchlief ich ein und träumte, ich ſei mit meiner Mutter verſöhnt. Sie bedeckte mich mit Küſſen und Iuwelen; aber die Küſſe waren eifig und die 86 Durch Nacht zum Licht. Juwelen erkälteten mich bis in's innerſte Mark. Doch ließ ich es geſchehen und ſie nahm mich bei der Hand und führte mich durch dunkle Gänge in das hellerleuchtete Schiff einer Kirche, die voll Men⸗ ſchen war. Die Augen aller dieſer Menſchen waren ſtarr auf mich gerichtet. Dann war es plötzlich nicht mehr meine Mutter, die mich an der Hand hielt, ſondern ein großer fremder Mann in einer Uniform, die von Gold und Diamanten blitzte. Das Geſicht konnte ich nicht ſehen, er hielt es beſtändig nach der andern Seite gewandt. So traten wir an den Altar, auf deſſen Stufen der Prieſter ſtand. Die Orgel brauſte und Geſang fluthete durch die hohen Hallen. Ueber dem Prieſter hing ein großes hölzernes Cruzifix, ſo wie in der Capelle von Grenwitz eins hängt, das ich oft als Kind voll Grauſen betrachtet habe. Auch jetzt kam dieſes Grauſen wieder über mich, denn das Bild ſchüttelte, während der Prieſter ſprach, immer mit dem Kopfe und als ich genauer hinſah, trug es die Züge von Oswald, aber verzerrt und todtenbleich und in der Seite des Bildes ſtak mein Dolch bis an den goldenen Griff und ſchwarze Blutstropfen fielen lang und langſam herunter. Da öffnete es den Mund und ſchrie laut auf, laut und gellend und vor dem Schrei zerſtob die Menge, die Gewölbe krachten zuſammen und der Mann an meiner Seite wurde zum Gerippe. Vergebens, daß ich mich ſeinem Griff zu entziehen ſuchte. Es umſchlang mich mit ſeinen Knochenarmen und fuhr mit mir hinab in finſtere Tiefen— ſchneller, immer ſchneller, bis ich vor allem Entſetzen erwachte. Der trübe Herbſtmorgen blickte in mein Zimmer, aber noch immer glaubte ich, die Poſaunen zu hören und es dauerte geraume Zeit, bis ich mich überzeugen konnte, daß es die Hörnertöne eines Trauermarſches waren von einem militairiſchen Leichenzug, der an dem Hauſe vorüber nach dem nahen Frievhof ging. Ich verſuchte zu lächeln über den wunderlichen Traum und es gelang mir,— weil ich es wollte, weil ich den leeren Schreckbildern einer aufgeregten Phantaſie keinen Einfluß auf meine Entſchlüſſe zu⸗ geſtehen wollte. Ueberdies konnte ich mir bei ruhiger Ueberlegung wohl erklären, wie ich zu dieſem Traum gekommen war. Am Abend vorher hatte ich Oswald im Schmerz von mir Abſchied nehmen ſehen; an dieſem Tage ſollte ich meiner Mutter nach langer, langer Zeit ———— ————. Zweiter Band. 87 zum erſten Male gegenübertreten. Mein Vater hatte dieſe Zuſammen⸗ kunft vermittelt; er wünſchte, mich auf einer Geſellſchaft zu haben, die man zu geben beabſichtigte— ich mochte dem guten Vater dieſe Bitte nicht abſchlagen. Ich ging am Morgen zur Viſitenzeit hin. Das Wiederſehen war weniger peinlich, als ich erwartet hatte. Es war glücklicherweiſe viel Beſuch da— Clotens, Barnewitzens ꝛc., auch ein Officier— ein Fürſt Waldernberg— ein außerordentlich ſtattlicher, ſtolzer, wenn auch nicht ſchöner Mann. Er ließ ſich mir natürlich vorſtellen und bat mich für den Abend um den erſten Walzer. Bald darauf brach der Beſuch auf, ich mit. Emilie von Cloten— ich habe Dir ſchon von ihr geſchrieben— gratulirte mir, während ſie mich in ihrer Equipage nach der Penſion zurückfuhr, zu meiner„Eroberung.“ Ich erwiderte ihr, daß ich für Eroberungen, die ſo leicht zu machen wären, danke.„Chacune à son goüt,“ antwortete Emilie lachend.„Ich für mein Theil finde, daß, was man nicht im Fluge erobert, nicht des Eroberns werth iſt. Bei mir heißt es immer: l'amour ou la vie. Freilich ich bin eine Schwalbe und lebe von Mücken. Königsadler, wie Du, müſſen eine ſtolzere Beute haben; eine Beute, die ſich auch nöthigenfalls zur Wehr ſetzen kann. Mir iſt dieſe fürſtliche Beute, offen geſtanden, zu ſtolz. Aber für Dich— c'est autre chose. Gleich und gleich geſellt ſich gern.“ Die leichtfertigen Worte der Schwätzerin hatten meine Neugier rege gemacht; ich nahm mir vor, während der Geſellſchaft den Fürſten etwas genauer zu beobachten. In der Stimmung, in der ich war, kam es mir gelegen, meinen Stolz an dem Stolz eines Anderen zu meſſen. Hatte ich mir doch zugeſchworen, nie wieder einem weicheren Gefühl Eingang in mein Herz zu verſtatten; und da war es mir eine Art von Beruhigung, daß es noch andere Menſchen gäbe, die ebenſo dächten, wie ich. Meine Mutter empfing mich am Abend des folgenden Tages mit einer Güte— die ich zum mindeſten nicht um ſie verdient hatte. Es war offenbar ihre Abſicht, mir zu zeigen, daß ſie es auf eine wirkliche Verſöhnung abgeſehen habe. Sie küßte mich auf die Stirn, nahm mich bei der Hand und führte mich zu den Damen, die mich i 3 88 Durch Nacht zum Licht. ebenfalls mit Zuvorkommenheiten überhäuften. Es ſchien, als ob das ganze Feſt nur meinethalben gefeiert würde; als ob ſich Alles nur um mich drehte. Wo ich ſaß und ſtand, hatte ich einen Kreis von Herren und Damen um mich, wie eine Königin. Es war das erſte Mal, ſeit ich von Grenwitz fort bin, daß ich mich wiederum unter Meinesgleichen in ſtattlich ſchönen Zimmern be⸗ wegen konnte. Ich fühlte, deutlicher als ich es je gefühlt, daß dies die Umgebung ſei, in der ich einzig frei auftreten, daß dies die Luft, in der ich einzig frei athmen könne, daß ich, mit einem Worte, zum Herrſchen und nicht zum Dienen geboren ſei. Es erſchien mir auf einmal als eine keineswegs ſchwere Aufgabe, den Schwur zu halten, den ich in der Nacht mit glühenden Thränen in meine Seele gebrannt hatte; ich lächelte über— die Phantaſien des Mädchens in der Penſion! und lächelnd nahm ich die Huldigungen entgegen, die man mir verſchwenderiſch zu Füßen legte. Unter dieſen Huldigenden befand ſich auch Fürſt Waldernberg. Ich brauchte mich nicht näher nach ſeinen Verhältniſſen zu erkundigen. Alle Welt beeilte ſich, mir darüber Auskunft zu geben. Er iſt ein geborener Ruſſe und unermeßlich reich. Die Güter ſeiner Mutter, einer Fürſtin Letbus, liegen in allen Theilen Rußlands; Fürſt von Waldernberg iſt er ebenfalls durch ſeine Mutter, die aus dieſem Hauſe ſtammt. Seit er zur Succeſſion kam, iſt er aus ruſſiſchen in unſere Dienſte getreten. Sein Vater iſt ein Graf Malikowsky. Die Eltern leben noch beide, er iſt das einzige Kind. Du ſiehſt, liebe Mary, hier tritt zum erſten Male in meinen Briefen ein wirllicher Grande auf, der Euren ſtolzen Herzögen und Marquis ebenbürtig iſt; und ich dachte an Dich, während die ſchwarzen Augen des Fürſten, mochte er noch ſo fern von mir ſtehen, beſtändig zu mir herüber⸗ blitzten, ob ich in Deinen Augen, wäreſt Du zugegen, wohl ein auf⸗ munterndes Lächeln ſehen und darin leſen würde: Er iſt Deiner werth! Ich hoffte es, denn das Ausſehen und die Haltung des Fürſten iſt ſo vornehm, wie ſein Rang. Ich bemerkte mit einiger Beſchämung, wie traurig ſich unſere jungen Herren neben ihm ausnahmen und wie ſie ſich alle vergeblich bemühten, ſeine Art zu gehen und ſich zu tra⸗ — gen, nachzuäffen. Er unterhielt ſich mehremals angelegentlich mit mir. 1 Zweiter Band. 89 Eine ſeiner Aeußerungen iſt mir im Gedächtniß geblieben, weil ſie mir aus der Seele geſprochen war. Ich fragte ihn, weßhalb er, der Tauſende und aber Tauſende von Leibeigenen habe, in der Armee diene, wie unſere jungen Adeligen, die nichts auf der Welt beſäßen, als ihren Degen?„Weil,“ antwortete er,„ich zu ſtolz bin, da herr⸗ ſchen zu wollen, wo ich es nicht im ſtrengſten Sinne des Wortes kann.“—„Wie das, Durchlaucht?“—„Ich bin nicht Souverain. Meine Ahnen waren es; ich muß jetzt büßen für die Schwäche meiner Ahnen.“—„Würden Sie nicht die Oberhoheit aufgegeben haben?“— „Nimmermehr!“ erwiderte er— und es war dies das einzige Mal, wo ich eine Art von Bewegung in ſeinem kalten ſtolzen Geſicht ſah— „nimmermehr! tauſendmal lieber mein Leben! Aber,“ fügte er nach einer kleinen Pauſe hinzu,„ich kenne Jemand, der auch lieber ſterben, als ſich demüthigen würde.“—„Und wer wäre das?“—„Sie ſelbſt, mein gnädiges Fräulein.“ Die Geſellſchaft endete tief in der Nacht. Papa ließ mich in unſerer Equipage nach Hauſe fahren. Mutter verſprach, am nächſten Tage— das war heute— meinen Beſuch zu erwidern. Wirklich war ſie am Vormittag bei mir. Sie war wiederum ſehr gütig, ſagte mir viel Schmeichelhaftes über mein Benehmen geſtern Abend und daß ſie(ebenſo wie der Vater) dringend wünſche, mich wieder bei ſich zu Hauſe zu haben. Indeſſen ſolle es ganz bei mir ſtehen, ob ich überhaupt, und wann ich zurückkommen wollte.„Du haſt nicht ganz Deinen freien Willen gehabt, als Du gingſt,“ ſagte ſie;„ſo will ich wenigſtens die Beruhigung haben, daß Dein Kommen ganz freiwillig iſt.“ „Und Vetter Felir?“—„Er reiſt in einigen Tagen nach Italien. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Dir nicht zumuthe, mit ihm zu⸗ ſammen in unſerm Hauſe zu ſein.“ „In der That, wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint, ſo hat ſie zum mindeſten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen. Ich bin halb und halb entſchloſſen, zu thun, wie ſie und der Vater wünſchen.“. Das junge Mädchen hatte, wie es zu geſchehen pflegt, während ſie ſchrieb, alle die Wandlungen ihres Herzens in den letzten Tagen, 90 Durch Nacht zum Licht. die ſie zu ſchildern verſuchte, noch einmal durchgemacht. Das quälende Gefühl des Widerſpruchs zwiſchen Liebe und Ehrgeiz, das Bedürfniß, über ſich ſelbſt klar zu werden, hatte ihr die Feder in die Hand ge⸗ drückt und ſie hatte ſich ſchließlich in eine Ruhe hineingeſchrieben, von der ſie zu Anfang des Briefes möglichſt entfernt geweſen war. Sie hatte ſich, die Arme über dem Buſen gekreuzt, in den Stuhl zurückgelehnt und ſtarrte, in Träumen verſunken, vor ſich hin. Mecha⸗ niſch horchte ſie auf die Modulationen des Nachtwindes in den Pap⸗ peln vor dem Fenſter, in die ſich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des an dem Ufer aufrauſchenden Meeres miſchte. Dieſe Muſik rief mit den Erinnerungen früheſter Kindheit ganz andere Empfindungen wach, als die, in welche ſie ſich zuletzt hineingeſchrieben. Da plötzlich fuhr ſie zuſammen und lauſchte athemlos nach dem Fen⸗ ſter. Durch die klagenden Laute des Windes ertönte der Geſang einer weichen, tiefen Stimme. Zuerſt glaubte ſie, die Phantaſte habe ihr einen Streich geſpielt; aber als ſie deutlicher zuhörte, vernahm ſie auch die Worte. Die Stimme ſang: Dein Angeſicht ſo lieb und ſchön. Ich hab' es jüngſt im Traum geſeh'n. Es war ſo mild, ſo engelgleich, Und doch ſo bleich, ſo ſchmerzensbleich. Und nur die Lippen, die ſind roth, Bald aber küßt ſie bleich der Tod... Dann rauſchte der Wind wieder lauter auf, und die Stimme verwehte; dann klang es wieder deutlich herauf: Und nur die Lippen, die ſind roth, Bald aber küßt ſie bleich der Tod.. „ Helene bebte an allen Gliedern. Sie wußte, daß der Sänger nicht bis in das hochgelegene Zimmer ſehen konnte; aber ihr war, als ob ſeine Augen— die blauen träumeriſchen Augen— auf ihr ruhten. Sie wagte nicht, ſich zu rühren, ſie wagte kaum zu athmen. Noch einmal, aber ſchon ferner, kaum noch vernehmlich, ſang es: Und nur die Lippen, die ſind roth, Bald aber küßt ſie bleich der Tod.. Zweiter Band. 91 Helene dachte des Bildes im Traum, des blaſſen Gekreuzigten, der ſo wehmuthvoll ſein Haupt ſchüttelte, als der Prieſter über ſie den Segen ſprach; und ſie dachte an den Dolch, der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite geſtoßen war, und an die Blutstropfen, die lang und langſam herunterfielen, und ſie drückte ſchaudernd ihr Antlitz in beide Hände. Fünftes Capitel. Albert Timm hatte von dem Augenblick an, wo ihm in dem Grenwitzer Archiv der Zufall das bewußte, mit einem rothſeidenen Bändchen zuſammengebundene Packet vergilbter Briefe in die Hände ſpielte, nicht geruht, bis er, ſoweit es eben möglich war, alle Fäden des Geheimniſſes, an das er ſo unverſehens gerührt, aufgefunden und zu einem tüchtigen Gewebe geſchürzt hatte. Die Arbeit war keine leichte geweſen. Er hatte ſeine ganze Schlauheit, ſeine ganze Spür⸗ kraft aufbieten müſſen und ſchließlich, als in der Zuſammenkunft mit der Baronin und Felix der entſcheidende Moment kam, ſeine ganze Kaltblütigkeit und Kühnheit. Aber das Wagſtück war geglückt. Das gefangene Hochwild zappelte in dem Netze und der treffliche Jäger hatte— welcher Weidmann könnte es ihm verdenken!— ſeine helle Freude daran. Nun ade Mühe und Noth! willkommen herzliebe Bärenhaut, auf der es ſich nach gethaner Arbeit ſo ſüß ruht! Vier⸗ hundert Thaler monatlich ein volles rundes Jahr hindurch und dann „nach ſo vielen Leiden“ ein paar tauſend Thaler extra— Albert Timm wäre keine genügſame Rothhaut geweſen, wenn er es unter ſolchen Umſtänden nicht nicht mit unbedingtem Vertrauen dem großen Geiſte überlaſſen haben ſollte, fürderhin für ſein rothes Kind gnädig⸗ lich zu ſorgen! Indeſſen Albert Timm war trotz aller ſeiner Genügſamkeit ein zu guter Weidmann, um die alte Regel, daß man alle Zeit„zwei Stränge für den Bogen“ haben muß, nicht zu kennen. Albert Timm 3 ₰ 4 13 3 1 . Durch Nacht zum Licht. hatte einen zweiten Strang für ſeinen Bogen und die Geſchichte, wie er ſich dieſen Strang nach allen Regeln der Kunſt aus harm⸗ loſen Schafſaiten zuſammengedreht hatte, war ſo poſſierlich, daß ſich der Künſtler, ſo oft er daran dachte, eines humoriſtiſchen Lächelns nicht erwehren konnte. Oder war es vielleicht nicht poſſierlich, daß eben der Mann, dem die Beute eigentlich zukam, nicht nur keine Ahnung davon hatte, ſondern noch überdies in ſeiner gutmüthigen Dummheit der Buſenfreund des gewandten Wilddiebs geworden war? nicht poſſierlich, daß Albert Timm, als er eben(mit den erſten ſauer erworbenen vierhundert Thalern in der Taſche) in dem Rathskeller von Grünwald auf ſein eigenes Wohl und den glücklichen Ausgang der Jagd trank, dem lupus in fabula, Herrn Oswald Stein, be⸗ gegnen mußte und ihn mit eben demſelben Gelde, um welches er ihn verrieth, in Auſtern und Champagner tractiren konnte? Wer das nicht außerordentlich luſtig(oder witzig, wie Albert Timm ſagte) fand, hatte ohne Zweifel keinen Sinn für die komiſchen Conſtellationen, welche der Zufall im Kaleidoſkop des Lebens von Zeit zu Zeit zu⸗ ſammen ſchüttelt. Einmal dieſer Komik zu Liebe und dann auch wegen des„zweiten Stranges“ war Albert Timm ſeinem alten Bekannten von Grenwitz her mit offenen Armen entgegengekommen und hatte ſogar die Schel⸗ merei ſo weit getrieben, Brüderſchaft mit dem armen Gefoppten zu trinken. Er calculirte nämlich ſo:„Auf alle Fälle iſt es gar keine ſchlechte Speculation, der Intimus dieſes enterbten Ritters zu ſein. Halten Grenwitzens ihr Wort und zahlen pünktlich— nun gut: ſo iſt es ein ſchöner Zug von Gutmüthigkeit Deinerſeits, wenn Du dem Ritter etwas von dem Ueberfluß, den er ſelbſt unwiſſentlich Dir ver⸗ ſchafft hat, abgiebſt; will Anna Marie(Felir glaubte er ſicher zu ſein) den Eöntract brechen oder tritt ein anderer unvorhergeſehener Zufall ein, der Dich Deines Verſprechens entbindet— noch beſſer: ſo haſt Du durch Deine uneigennützige Freundſchaft mit dem Ritter für deſſen Recht Du dann kühn in die Schranken trittſt) die voll⸗ Biltigſten Anſprüche auf ſeine klingendſte Dankbarkeit. So oder ungefähr ſo hatte die erſte flüchtige Skizze des Plans ausgeſehen, den Albert an jenem Abend im Rathöskeller entwarf. —,—— Zweiter Band. 93 Seitdem hatte er ſeine müßigen Augenblicke(und er hatte deren jetzt reichlich) dazu angewandt, die Skizze ſorgfältig auszuarbeiten, und der neue Entwurf hatte ihm ſo gefallen, daß er ſchon überlegte, ob es nicht, Alles in Allem, gerathener ſei, die legitime, jetzt regierende Familie zu ſtürzen und Oswald als Prätendenten auszurufen. In⸗ deſſen mit der Thür in's Haus fallen, iſt nicht Indianerart und das trübe Waſſer fortgießen, bevor man reines hat, Sache eines Thoren. Albert fand bei reiflicher Ueberlegung, daß Oswald für die Rolle, die er ihm zugedacht hatte, noch gar nicht reif ſei. Oswald war ein Schwärmer; Schwärmer haben alle möglichen tollen Ideen im Kopf, zum Exempel:„Eigenthum ſei Diebſtahl,“ oder:„Die wahren Bettler ſeien die wahren Könige;“ und ſo weiter. Konnte ihm eine dieſer tollen Ideen nicht juſt in dem Augenblicke kommen, wo es galt, mit kecker Hand zuzugreifen? Freilich, Oswald hatte ſich, ſeitdem er ihn zuletzt geſehen, ſehr weſentlich verändert. Er ſchien die träumeriſche Sentimentalität abgethan zu haben und von einer wühlenden Unruhe, die ſich bald in ausgelaſſener, ja wilder Luſtigkeit, bald in höhniſch bitterer Satyre Luft machte, erfüllt zu ſein. Indeſſen— wer kann in problematiſchen Naturen je klar ſehen?— war doch vielleicht ein Bodenſatz von der alten Ivevlogie geblieben und der mußte erſt gründlich ausgetrieben werden. Dem aus ſeiner Zelle entſprungenen Fauſt mußte man die Umkehr unmöglich machen; man mußte ihm den Geſchmack am leichten Leben ein für allemal beibringen, und wie hätte er in dieſer edlen Kunſt einen beſſern Lehrmeiſter finden können, als den Großmeiſter aller luſtigen Geſellen, den unverwüſtlichen Albert Timm, deſſen Anblick ſchon eine lachende Perſiflage auf alle Kopfhängerei war? Und dann war noch ein Irrlicht, mit welchem man den im Irrgarten ſeiner Leidenſchaften taumelnden Ritter tiefer, unrettbar tief in den Sumpf locken konnte. Dieſes Irrlicht war die Liebe, die Liebe zu einer gewiſſen vornehmen, reichen Dame, um deret⸗ halben allein es ſich ſchon verlohnte, vom rechten Wege abzubiegen, eine Liebe, die der Ritter dem Freunde mittlerweile offen geſtanden hatte und die der Freund auf eine Weiſe ſchürte, die dem gewandteſten Marinelli zur Ehre gereicht haben würde. Hatte man den Ritter endlich ſo weit gelockt, daß eine Umkehr nicht mehr möglich war, ihn 94 Durch Nacht zum Licht. ſo lange im Kreiſe herumgedreht, daß er nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf ſtand, dann war der Augenblick gekommen, wo man an ihn herantreten und ſagen konnte: Werthgeſchätzter, was gebt Ihr Eurem Pylades, wenn er Euch alle die Herrlichkeiten, die bis jetzt für Euch nichts weiter waren, als die Bilder eines wollüſtigen Traumes, in allergreifbarſter Wirklichkeit verſchafft?... Leider bedurfte es bei Oswald kaum noch ſo vieler Mühe. Er war in dieſer Zeit haltloſer und unglücklicher, als er es je geweſen. Bergers Lehre von der damaligen Verachtung war ein böſer Same, der bei ihm auf einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen war. Und ſeit Oswald ſich von Melitta verrathen glaubte, um mit größerer Leichtigkeit an ihr zum Verräther werden zu können, hatte er den beſten Theil ſeiner Selbſtachtung unwiderbringlich eingebüßt. Es half ihm nicht, daß er bei dem Bruch ſeines Verhältniſſes zu Melitta alle Schuld auf ſie wälzte, daß er ſie eine herzloſe Kokette nannte, die ihn auf die ſchmählichſte Weiſe betrogen habe, und jetzt in den Armen ihres Buhlen über das arme(wer weiß, wie vielte?) Opfer lache. Immer wieder raunte ihm eine Stimme, die nicht zum Schweigen zu bringen war, zu: Du lügſt, Du lügſt! ein Weib, das ſo tiefe, liebe⸗ volle Augen hat, iſt nicht herzlos; ein Weib, das ſolcher Liebe fähig iſt, iſt keine Kokette; ein Weib, das ſo ebel fühlt und denkt, verräth den Mann nicht, von dem ſie weiß, daß ſie ſein Glück und ſeine Seligkeit ausmacht. Und ſelbſt ſeine Liebe zu Helene war nur noch ein ſchwacher Abglanz jener himmliſch reinen Flamme, die während ſeiner Liebe zu Melitta ſein Herz, wie der Mond die Nacht, erhellt hatte. Es war in dieſer Liebe viel von dem düſter lodernden Feuer einer gierigen, verzehrenden Leidenſchaft, einer Leidenſchaft, die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenſtande kennt. Zu dem Allem kam, daß er ſich in ſeiner Stellung grenzenlos unbehaglich fühlte. Seine Thätigkeit am Gymnaſium widerte ihn an, nachdem er kaum damit begonnen hatte. Die Tugenden, die der ſo unendlich ſchwierige Beruf eines Lehrers erfordert: Fleiß, Ausdauer, Geduld, Entſagung, hatte er in ſeinem Leben wenig geübt. Schon die dumpfe Luft einer Schulſtube und der Lärm einer ausgelaſſenen Zweiter Band. 95 Knabenſchaar waren eine Qual für ſeine überreizten Nerven. Und nun die Herren Collegen: dieſer von verwaſchener Humanität über⸗ fließende Director Clemens; dieſer ſtockſteife, hölzerne Profeſſor Snel⸗ lius; dieſer bei ſo wenig Witz ſo äußerſt behagliche Doctor Kübel; dieſe gelehrten Löwen Wimmer und Breitfuß. Gulliver, als er auf ſeinen berühmten Reiſen den menſchenähnlichen, und eben wegen ihrer Menſchenähnlichkeit ſo gräulichen Yahvo's begegnete, konnte gegen ſie keinen größeren Widerwillen empfinden, als Oswald gegen dieſe Schaar, mit der in tagtägliche genaue Berührung zu kommen, ſeine Stellung ihn zwang. Und dieſe Yahoo's waren noch dazu äußerſt zuvorkommend und zuthunlich; ſchienen gar keine Ahnung ihrer Häß⸗ lichkeit zu haben; überhäuften den Ankömmling mit allen möglichen Liebenswürdigkeiten; luden ihn unabläſſig zu Kegelabenden, Whiſt⸗ partien, äſthetiſchen Thee's und dramatiſchen Leſekränzchen ein! ſchienen ſich an ſeine reſervirte Haltung, an ſeine zurückweiſende Kälte gar nicht zu kehren— im Gegentheil, das Alles nur für die Unbehülflich⸗ keit eines jungen Mannes zu halten, der ſich noch nicht eben viel in guter Geſellſchaft bewegt hat, und nothwendig aufgemuntert werden muß. Auch die Damen mußten von dieſer Idee ganz erfüllt ſein, beſonders Frau Director Clemens, die offen erklärte, ſie wolle den ſcheuen jungen Menſcheu, der ſo allein in der Welt ſtehe, ein wenig unter ihre mütterlichen Flügel nehmen, und bereits angefangen hatte, dieſe Drohung in Ausführung zu bringen.„Ich mag Sie gern, lieber Stein,“ ſagte die energiſche Dame;„Sie haben ſich durch Ihren„Hauptmann“ einen Platz in unſerm Leſekränzchen und in mei⸗ nem Herzen erobert. Ich halte es für meine Pflicht, unſere jüngeren Collegen heranzubilden. Die wahre Humanität lernt ſich nur im Umgange mit gebildeten Frauen. Denn wie ſagt der Dichter:„Willſt Du wiſſen, was ſich ſchickt, ſo frage nur bei edlen Frauen an.“ Sehen Sie unſern Collegen Wimmer! Gott, was war das für ein ſchüchterner, unbeholfener Menſch, als er vor zwei Jahren von Halle hierher kam und was für einen charmanten jungen Mann hab' ich ſeitdem aus ihm gemacht! Na, mit Gottes Hülfe wird's mir mit Ihnen nicht ſchlechter gelingen.“ Oswald überſah natürlich die wirkliche Gutherzigkeit, die dieſen 96 Durch Nacht zum Licht. und ähnlichen Ergüſſen zu Grunde lag und hielt ſich nur an die lächerliche Form, die er mit Timm, den er regelmäßig nach den über⸗ ſtandenen Leiden aufſuchte, ſchonungslos verſpottete. Aber es gab in Grünwald, außer der Directrice des dramatiſchen Kränzchen, noch eine andere Dame, welche ältere und beſſere Rechte auf die Humaniſirung des jungen Wildfangs zu haben glaubte und ihrer Rivalin die Rolle, welche dieſelbe ſich angemaßt hatte, um ſo weniger gönnte, als ſie von ihr noch anderweitig in ihren heiligſten Gefühlen auf das tödtlichſte beleidigt war. Dieſe Dame war die Dichterin der Kornblumen. Primula zitterte noch immer, ſo oft ſie an den ſchrecklichen Abend dachte, wo man ſie hatte zwingen wollen, der Mörder eines großen Feldherrn und Helden zu werden, und ihr einziger Troſt war, daß ſie die ihr zugemuthete ſchmähliche Rolle kaum angefangen, geſchweige denn zu Ende geleſen. Aber wie dem auch war, ihr Haß und ihre Verachtung gegen die Menſchen, welche ſie ſo unwürdig behandelt hatten, blieben ſich gleich. Sie erklärte, daß der plötzliche unvermuthete Anblick der Director Clemens für ſie(Primula) von den allergefährlichſten Folgen ſein könne. Ja, ſie trieb in den erſten Tagen nach dem Ereigniß die Vorſicht ſo weit, ſo oft ſie ausging, ihren Gatten oder ihr Mädchen zwarzig bis dreißig Schrit vor ſich hergehen zu laſſen, um rechtzeitig von der etwaigen Annäherung des „Gorgonenhauptes“ avertirt zu werden; und obgleich ſich allerdings nach kurzer Zeit dieſe krankhafte Reizbarkeit einigermaßen legte, ſo verſetzte doch noch immer das bloße Ausſprechenhören von dem Namen der Uebelthäterin ſie in eine nervöſe Stimmung. Indeſſen ein ſo gleichſam paſſiver Widerſtand gegen eine Neben⸗ buhlerin genügte dem unternehmenden Geiſte Primula's nicht. Die Feindin, und nicht blos ſie, ſondern ihre ganze Sippe und ihr ganzer Anhang, durften nicht blos ſttillſchweigend verachtet, ſondern mußten poſitiv gedemüthigt werden. In's Herz mußte man ſie treffen, oder, wie die Dichterin in mänadiſcher Leidenſchaft ſich ausdrückte;„Der flammende Brand mußte ihnen auf den eigenen Herd geſchleudert werden.“ Das konnte aber nur auf eine Weiſe geſchehen, nur da⸗ durch, daß man das dramatiſche Kränzchen in die Luft ſprengte, — Zweiter Band. indem man ein anderes Kränzchen neben jenem errichtete, welches (unter Primula's Vorſitz) die ganze Intelligenz von Grünwald in ſich vereinigte und das der Schulleute ſo verdunkelte, wie der Mond einen Firſtern letzter Größe. Einem ſolchen Kränzchen in Grünwald vorzuſtehen, war Primula's ſeligſter Traum geweſen, als ſie noch im ſanften Schein der Abendröthe an der Seite des Fragmentiſten durch die Felder von Faſchwitz wandelte und ſich, in holder Ahnung der Triumphe, die ſie dereinſt feiern würde, von blauen Cyanen einen Kranz für ihr blondes Haar wand. Dieſen Traum glaubte ſie der Erfüllung nahe, als ſie, den Wallenſtein in der Hand und die Rolle der Thekla Wort für Wort im Kopf, über die Schwelle des Empfangszimmers bei Director Clemens ſchritt. Mußte doch dieſer Abend zu einem Triumphe für ſie werden! ſtand es doch zu erwarten — oder richtiger geſagt— war es nicht ſelbſtverſtändlich, daß, ſobald ſie(Primula) die erſten Verſe geleſen, ein ungeheurer Beifallsſturm ausbrechen, Alle ſich erheben, die Männer ihre Schilder(oder Bücher) zuſammenſchlagen und Männer und Frauen wie aus einem Munde rufen würden: Heil, dreimal Heil dem ſtolzen Licht, Das jetzt in unſer Dunkel bricht! O, Sängerin mit hohem Sinn, Sei Du nun unſre Königin! O, ſag' zu unfren Bitten: ja, Du liederreiche Primula! So lautete nämlich der Päan, den die Dichterin zum voraus auf das große Ereigniß gedichtet hatte. Nun freilich war es ſonnenklar, daß ſie den falſchen Weg zum Ziele eingeſchlagen. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Was ſollte ſie, die ſinnige Kornblumenkränzewinderin bei dem Kampfe tragiſcher Leidenſchaften, die Dichterin der berühmten Oden an den Maulwurf, den ſie am Wege fand, an den Maikäfer, der auf dem Rücken lag, in einem dramatiſchen Kränzchen? Ein lyriſches Kränzchen mußte es ſein und ein ſolches lyriſches Kränzchen im offenen ausdrücklichen Gegenſatz zu dem dramatiſchen Kränzchen der Director Fr. Spielhagen's Werke. XI. 7 Durch Nacht zum Licht. Clemens zu gründen, war der große Gedanke(welcher, nach dem Ausdruck der Dichterin ſelbſt)„wie ein mächtiger Frühlingsſturm, lind und doch unwiderſtehlich, tauſend Keime weckend und doch alles Andre vor ſich niederwerfend durch ihrer Seele tiefſte Schluchten brauſte.“— Wer mochte ſolchem Anhauch der Begeiſterung wider⸗ ſtehen? gewiß nicht der Fragmentiſt, der von einem gleichen Ehrgeize erfüllt und durch das Benehmen der Schulmänner in ſeiner Eitelkeit auf das empfindlichſte beleidigt war. Er wurde der erſte Schüler der Prophetin. Aber eine Prophetin und ihr Schüler machen noch keine Ge⸗ meinde aus, und Mann und Frau, ſie mögen ſo geiſtreich ſein, wie ſie wollen, ſind, wenn ſie des Abends an ihrem Theetiſch ſitzen, noch kein Kränzchen. Die erſte Bedingung für das Zuſtandekommen eines ſolchen war daher, daß ſich die Phrophetin und ihr Schüler auf die Menſchenfiſcherei begaben, das heißt: Theilnehmer für ihr Kränzchen zu gewinnen ſuchten. Die Sache war nicht ſo leicht. Der Profeſſor Jäger war in der Grünwalder Societät, die er als armer Student nur aus der Ferne geſehen hatte, verhältnißmäßig wenig orientirt. Seine Gemahlin dagegen kannte als Grünwalder Kind(ſiebente Tochter des Superintendenten Doctor Dunkelmann) freilich die Ge⸗ ſellſchaft, aber die Geſellſchaft, für die ſie Che der Candidat Jäger um ſie warb und ſie dann als ſein ehelich Gemahl unter das niedere Dach der Pfarre von Faſchwitz führte) lange, lange Jahre durch ihre Ueberſpanntheiten ein Gegenſtand des Schreckens und des Spottes zugleich geweſen war, kannte ſie auch; und obgleich die Prophetin ſchon ſeit mehreren Tagen vom Morgen bis zum Abend am Ufer ſaß und das Netz auswarf, hatten ſich doch erſt ſehr wenige Fiſche fangen laſſen. Das würde nun für die ehrgeizige Dichterin höchſt ſchmerzlich geweſen ſein, wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr erklärter Liebling Oswald geweſen wäre. Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primula's, von dem er ſchon ein großes Stück beſaß, ganz gewonnen und auch bis zu einem gewiſſen Punkte das Herz des Fragmentiſten. Beide hatten ihn dringend gebeten, die„Gaſtfreunde von Argos in den Ebenen des Skamander“ nicht zu vergeſſen und Oswald war in einer Zweiter Band. 99 Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt, hatte ſich während des Beſuches mit dem Profeſſor und der Profeſſorin in Sarkasmen gegen die Schulmänner und ihre Damen überboten und war zuletzt, als Primula ihren Kränzchenplan auf's Tapet brachte, mit dem größten Enthuſiasmus darauf eingegangen. Er hatte ver⸗ ſprochen, Herrn Geometer Albert Timm, der als geiſtreicher Kopf Jedermann in Grünwald bekannt war, für die Sache zu intereſſiren und die Dichterin hatte ihn für dieſen glücklichen Gedanken vor den Augen ihres Gemahls umarmt. Seit dieſem Beſuch war kein Tag verfloſſen, an welchem nicht ein poetiſches Epiſtelchen von Primula an Oswald eingelaufen wäre, in welchem ſie ſich nach dem Fortgang ſeiner Bemühungen erkundigte — Epiſtelchen, die Oswald ſorgfältig aufhob, um ſie, natürlich ohne den Namen der Schreiberin zu nennen, am Abend im Rathskeller von Grünwald dem„Rattenneſt“— dies war der Name einer ge⸗ ſchloſſenen Geſellſchaft, welche in dem genannten Lokal allabendlich ihre Sitzungen hielt, und zu der Oswald als außerordentliches Mit⸗ glied zu gehören die Ehre hatte— vorzuleſen, wo dieſe Lectüre jedesmal ein homeriſches Gelächter ſämmtlicher vereinigten Ratten hervorrief. Es war am Tage nach der Geſellſchaft bei Grenwitzen's, als ihm abermals eine dieſer auf roſa Papier geſchriebenen Anfragen durch des Profeſſors Diener Lebrecht überbracht wurde. Es mußte diesmal etwas Beſonderes ſein, denn Lebrecht(ein junger, blaſſer, verhungert ausſehender Menſch von funfzehn Jahren, der bis noch vor wenigen Monaten Waiſenknabe geweſen war) blieb an der Thür ſtehen und ſagte mit ſeiner hohlen Waiſenhausſtimme:„Um Antwort wird gebeten“, und auf dem Couverte ſelbſt ſtanden in der Ecke die Lettern: U. A. w. g. von einem Vergißmeinnichtkranz umſchlungen. Der Brief war abermals ein poetiſcher und lautete: AIn einen jungen Zar, der durch die Wolten flog. Der junge ſtolze Aar, Warum doch weilt er fern In grauer Krähenſchaar, Er, meines Lebens Stern? 7* 100 Durch Nacht zum Licht. Hab' ich es doch ſo gern Das braune Adlerhaar Des hochgebornen Herrn Mit blauem Augenpaar: Weiß nicht, wie mir geſchah! O köſtlicher Gewinn! Als ich in's Aug' ihm ſah, War meine Ruhe hin. Doch ſternhoch iſt ſein Sinn, Er ſchätzt nicht, was ihm nah, Daß ich ihm gar nichts bin, Ich weiß es,— Primula. Oswald las die Verſe zwei, dreimal durch, ohne zu begreifen, wie man auf ſolchen Unſinn eine Antwort verlangen oder geben könne⸗ bis er ganz unten in der Ecke rechts ein mikrofkopiſches tournez s'il vous plait entdeckte. Er wandte das Blatt um; auf der andern Seite ſtand:„Lieber O., ich muß mich ausnahmsweiſe einmal zur Proſa zwingen. Ich war geſtern in einer hochadligen Geſellſchaft, aus der ich Ihnen allerlei erzählen kann, wenn Sie es hören wollen. Heute Abend beſucht mich eine Dame(aus eben der Geſellſchaft), die ſehr deutlich den Wunſch hat blicken laſſen, mit Ihnen bei mir zu⸗ ſammenzutreffen, und die Ihnen etwas mitzutheilen hat, was vielleicht für Ihre Zukunft entſcheidend wird. Allerdings ſollte es mich innig ſchmerzen, wenn ich Sie verlöre; aber meine Freundſchaft für den jungen Adler(ſ. p. 1) iſt ſo rein, wie das Element, das er mit ſeinen mächtigen Flügeln peitſcht. Wollen Sie um ſieben Uhr ſein bei Ihrer Dienerin Primula.“ Ein freudiger Schrecken überfiel Oswald. Wer anders konnte die junge Dame ſein als Helene? Freilich der Schritt war kühn; aber was wagt die Liebe nicht?— Er warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen auf's Papier und gab ſie Lebrecht mit der ernſten Mah⸗ nung, das Briefchen gar nicht zu verlieren— eine Mahnung, die durch das äußerſt ſtupide Ausſehen des geweſenen Waiſenknaben einigermaßen gerechtfertigt ſchien. Die Stunden, die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte, ————— Zweiter Band. ſchienen ihm zu ſchleichen. Dazu wollte das Unglück, daß er gerade an dieſem Nachmittage zwei Lectionen geben mußte in einer höheren Klaſſe, deren Schüler er durch ſein ungleichmäßiges Benehmen gegen ſich aufgebracht hatte. Sie ließen es heute, wo ihr junger Lehrer launiſcher ſchien als je, nicht an Neckereien und Widerſpänſtigkeiten aller Art fehlen, und Oswald ließ ſich dadurch zu einer leidenſchaft⸗ lichen Heftigkeit hinreißen, die zwar die Ruhe in der Klaſſe ſofort wie⸗ der herſtellte, über die er ſich aber mehr ärgerte, als über alles Andere. Mißmuth und Zorn im Herzen verließ er das Gymnaſium. Nicht weit davon begegnete ihm Franz. Keine Begegnung konnte ihm in dieſem Augenblick ungelegener ſein. Er hatte die Freundſchaft dieſes trefflichen Menſchen ſehr wenig cultivirt, kaum daß er ein oder das andere Mal(und meiſtens nicht in der Abſicht, Franz zu treffen) bei Robrans geweſen war. Er wußte, daß er ſich durch dies Beneh⸗ men gegen einen Mann, dem er ſo viel verdankte, einer häßlichen Undankbarkeit ſchuldig machte; aber lieber das, als das peinliche Gefühl der Demüthigung, welches er jedesmal empfand, ſo oft der prüfende Blick des Freundes auf ihm ruhte. „Wie geht's, Oswald?“ ſagte Franz, von der andern Seite der Straße herüberkommend und ihm herzlich die Hand ſchüttelnd.„Sie müſſen verteufelt viel zu thun haben, daß Sie ſich gar ſo ſelten ſehen laſſen.“ „Nicht eben viel;“ erwiderte Oswald;„aber das Wenige, was ich zu thun habe, iſt deſto unangenehmer.“ „Wie ſo?“ „Dieſe Schule! eine einzige Stunde in der ſchnöden Tretmühle verdirbt mir die Laune für die übrigen dreiundzwanzig des Tages. Lieber Straßenkehrer, als Schulmeiſter.“ „Ich wußte es zum voraus, däß Ihnen das Ding anfänglich nicht behagen würde,“ ſagte Franz mit ſeinem freundlichen warmen Lächeln;„aber, Oswald, Sie wiſſen ja: es nimmt ein Kind der Mutter Bruſt— und ſo weiter; und dann, bedenken Sie doch: Entſagung, Opferfreudigkeit erfordert jeder Beruf und wäre es der— eines Straßen⸗ kehrers. Adieu, Oswald; ich muß in dies Haus hinein. Kommen Sie recht bald einmal zu uns; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen.“ * Durch Nacht zum Licht. Damit ging Franz in das von ihm bezeichnete Haus; Oswald ſetzte ſeinen Weg fort. „Entſagung, Opferfreudigkeit, murmelte er;„das klingt ſehr ſchön von den Lippen Jemandes, der ſich in ſeinem Beruf behaglich fühlt. Es iſt doch nichts widerwärtiger, als ewig mit ſolchen allge⸗ meinen Phraſen geſchulmeiſtert zu werden, die auf die Situation, in der wir uns befinden, paſſen, wie die Fauſt auf's Auge. Timm hat wirklich recht: Franz iſt ein langweiliger Pedant.“ Unwillkürlich lenkte er ſeine Schritte nach der Wohnung ſeines Pylades. Albert wohnte im Schatten der Brigittenkirche, in dem Hauſe des Küſters Tobias Gutherz, eines Mannes, der in dem Geruch ganz beſonderer Heiligkeit ſtand, ſo daß Niemand recht be⸗ greifen konnte, wesbalb der höchſt unheilige Miether gerade dieſen Miethsherrn gewählt hatte, und noch weniger, wie ſich Beide ſchon ſeit langen Jahren ſo gut vertragen konnten. Albert war zu Hauſe. Er lag auf ſeinem Sopha und las. Der Duft einer feinen Havannah erfüllte das Gemach, welches in ſeiner grenzenloſen Unordnung ein ausnehmend paſſender Rahmen für den jungen Wüſtling war. „Ah, ſieh' da, Pompei, meorum prime sodalium,“ ſagte er, hei Oswalds Eintreten das Buch auf die Erde ſchleudernd und ſich auf⸗ richtend;„ich dachte ſo eben an Dich, ob Dir wohl der Horaz, wenn Du ihn Deinen Buben vom Katheder herab interpretirſt, ein ſo ver⸗ gnügtes Geſicht ſchneidet, wie mir, wenn ich ihn hier bei einer echten Havannah auf dem Sopha leſe. Iſt das ein famoſer Bengel! ich denke mir ihn immer als einen kleinen Kerl mit etwas kahlem Kopf, einer Andeutung von einem Bäuchelchen, lebhaften ſchwarzen Augen und üppigen kußgewohnten Lippen, der, die Hände auf dem Rücken, durch die Straßen Roms ſchlendert, links nach einer hübſchen Dirne ſchielt, rechts eine malitiöſe Bemerkung über einen Spießbürger macht und deſſen ganze Moral ſich in die Worte zuſammenfaßt: Vivat Falerner und ſchöne Mädchen, ohne ſie leben, lohnt nicht der Müh' Habe ich recht?“ „Ich glaube wohl.“ Zweiter Band. 103 „O Himmel, dieſe Grabesſtimme! Was iſt denn nun wieder los? Haſt Du einen Wechſel zu bezahlen?“ „Dieſe verdammte Schule!“ „Iſt's weiter nichts? Schick ſie zum Teufel, der ſie erfunden hat.“ „Mais il faut vivre, wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand ſagte.“ „Je n'en vois pas la nécessité, wie Herr von Talleyrand ant⸗ wortete, zum wenigſten nicht die nécessité, ſo zu leben.“ „Wie denn anders? ich habe noch etwa dreihundert Thaler; wenn ich damit au bont bin, und das dürfte bald ſein, muß ich arbeiten, oder mir eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Daß Du ein Narr wärſt! Ein Kerl, wie Du, der tauſend Mittel und Wege hat, fortune zu machen! „Zum Exempel?“ „Zum Exempel, wenn er die kleine Grenwitz heirathet, 6 mei⸗ ner Meinung nach, nichts eifriger wünſcht.“ „Das iſt leichter geſagt, als gethan.“ „Vielleicht doch nicht, wenn man den rechten Weg einſchlägt.“ „Und der wäre?“ „Mache, daß man Dir das Mädchen geben muß, man mag wollen oder nicht.“ „Was iſt mit dieſem Räthſelwort gemeint?“ „Du biſt heute merkwürdig ſchwer von Begriffen.“ Albert legte ſich in die Sophaecke zurück und blies(eine Lieb⸗ lingsbeſchäftigung von ihm) blaue Ringe in die Luft; Oswald brütete düſter vor ſich hin. Er überlegte, ob er Timm wohl das Geheimniß des Rendez⸗vous, zu dem er heute Abend eingeladen war, mittheilen könnte. Endlich kam, faſt gegen ſeinen Willen, heraus: „Ich habe heute einen curioſen Brief von Primula empfangen; ich möchte wohl wiſſen, ob Du beſſer daraus klug werden kannſt, als ich.“ „Laß hören,“ erwiderte Albert, in die Bewunderung eines pracht⸗ vollen Ringes, den er ſo eben zu Stande gebracht hatte, verloren. Oswald las die Ode an den jungen Aar und das myſteriöſe Poſtſcript. Albert ſprang vom Sopha in die Höhe. 104 Durch Nacht zum Licht. „Kerl, Du biſt der wahre Hans im Glücke!“ rief er;„die Sache iſt ja ſonnenklar. Die junge Dame kann Niemand anders ſein, als die kleine Grenwitz. Das Mädchen iſt wahrhaftig zehnmal geſcheiter und muthiger, als ihr jüngferlicher Galan, der die edle Kunſt, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, ſo wenig verſteht. Im Ernſt, Oswald, die Karten liegen jetzt ſo gut, wie Du ſie Dir nicht beſſer wünſchen kannſt. Freilich mit der Eroberung der Feſtung wird's nicht ſo ſchnell gehen. Die Jägerin hat offenbar mehr geſchwatzt, als ſie ſollte; aber gleichviel: in den Laufgräben biſt Du, und wenn Du nicht weiter kommſt, ſo iſt es Deine Schuld. Wann ſollſt Du bei Primula ſein?“ „Um ſieben.“ „Jetzt iſt es fünf; wir haben noch zwei Stunden Zeit. Komm! wir müſſen den Operationsplan reiflich bei einem Glaſe guten Stoffs überlegen. Karl der Kahle hat einen herrlichen Markobrunner, und aus dieſem Brunnen ſollſt Du zuvor trinken, daß Deine Unterneh⸗ mung Mark und Nachdruck hat und keine Spur von des Gedankens kränklicher Bläſſe. Komm!“ Sechstes Capitel. Primula ſaß in ihrem Studirzimmer an einem mit neuen Büchern, Journalen und Papieren bedeckten Tiſche. Nach dem Empfangszim⸗ mer, das gleichfalls erleuchtet war, ſtand die Thür offen. Sie hatte ſoeben ein längeres Gedicht beendigt, das noch heute Abend an die Redaction eines belletriſtiſchen Journals geſchickt werden mußte, in deſſen Briefkaſten ſchon dreimal, unter der Chiffre„P. V. in Gr.“ die Notiz geſtanden hatte:„Hochverehrte Frau! wir harren ſehn⸗ lichſt auf das verſprochene Manuſcript.“— Da lag es nun, das verſprochene Manuſcript! geſchrieben mit dem Herzblut der Dichterin! Eben war das letzte Pünktchen über das letzte i gemacht und ſchon ſollte es hinaus in die weite, liebeleere Welt, bevor noch er, der ſie Zweiter Band. 105 zu all' dieſen glühenden Strophen begeiſterte, eine Zeile davon gehört hatte.— Wenn er nur ſo früh käme, daß ſie ihm wenigſtens doch ein paar Verſe vorleſen könnte, ehe die junge Frau von Cloten an⸗ langte, in deren Beiſein es natürlich nicht möglich war! Da, horch! war das nicht die Klingel an der Hausthür? Die Hausthür wird geöffnet... eine tiefe männliche Stimme. er iſts! er iſt's! Dank ihr gütigen Götter! Primula erröthete, warf einen Blick in den Spiegel, der über ihrem Arbeitstiſche hing und ſtrich ſich die blonden Locken aus dem erröthenden Geſicht, ergriff eine Feder und fing an(ohne Tinte darin zu haben) mit nervöſer Heftigkeit auf einem weißen Blatt Papier zu kritzeln. „Störe ich, verehrte Frau?“ fragte bald darauf die tiefe Stimme neben ihr. „Ah, mein Gott!“ rief die Dichterin, die Feder aus der Hand werfend;„Sie ſind's, Oswald! Hatte ich Sie doch gar nicht kom⸗ men hören!“ „Sie waren ſo freundlich, verehrte Frau, mich in dem reizend⸗ ſten Briefchen, das ich je geleſen—“ „Sie Schmeichler! Wenn Sie die einfachen Verſe von heute Morgen ſo loben, was werden Sie dann zu dieſen ſagen, die ich heute Abend das Herz voll von Ihnen, mit glühender Stirn und pochendem Herzen geſchrieben habe. Ich muß Ihnen wenigſtens den Anfang vorleſen. Sie kommt vielleicht ſobald noch nicht, vielleicht gar nicht.“ „Aber wer iſt es denn?“ „Bitte, bitte, nehmen Sie Platz. In einer halben Stunde muß es auf die Poſt. Hören Sie! Was ſagen Sie zu dieſen originellen Alexandrinern, die mich eines Freiligrath nicht unwürdig dünken. Die Ueberſchrift lautet:„Der Löwe am Cap.“ Wenn die glühe Sonnenſcheibe ſank dem Hottentottenkrale, Wenn die Nacht herniederthauet, die geſpenſtiſch blaſſe, fahle, Wenn am Horizontesſaume ſich erhebt des Mondes Schale, Dann an der Lagune Rande brüllt es laut mit einem Male. 106 Durch Nacht zum Licht. Der einmal entfeſſelte kaſtaliſche Quell war nicht mehr zu hem⸗ men. Oswald mußte ſich in ſein hartes Schickſal ergeben und eine wahre Sündfluth kläglicher Verſe über ſich hiuſtrömen laſſen. Plötz⸗ lich ertönte die Hausglocke. Der Ton ſchien für die Dichterin nur ein Signal zu ſein, mit doppelter und dreifacher Geſchwindigkeit zu leſen, wobei ſie ihrem Hörer, gleichſam um ihn am Enffliehen zu hindern die Hand auf den Arm legte. Noch fehlten vielleicht nur noch dreißig Strophen, da rauſchte in dem Nebenzimmer ein ſeidenes Gewand und in der offenen Thür, die nach dem Empfangszimmer führte, ſtand plötzlich die graciöſe Geſtalt Emiliens von Cloten. „Ich ſtöre doch nicht, liebe Frau Profeſſor?“ fragte die junge Dame, mit einem halb ſcheuen, halb kecken Blick auf Oswald;„ſonſt gehe ich ſogleich wieder.“ „O nein, nein,“ erwiderte Primula in einem wehmüthigen Ton, das Manuſcript auf den Tiſch legend und ſich erhebend;„durchaus nicht! Ich las nur eben meinem jungen Freunde Stein ein paar Verſe aus einem Gedicht— o Gott, es iſt bereits halb acht, das Packet muß vor acht auf der Poſt ſein. Liebe Frau von Cloten, beſter Stein, entſchuldigen Sie mich für den hundertſten Theil eines Augenblicks. Verweilen Sie ſo lange in dem Soalon; ſobald ich das Packet expedirt habe, bin ich bei Ihnen.“ Damit ſchob die aufgeregte Dichterin ihre Gäſte ohne viele Um⸗ ſtände in das Nebenzimmer, indem ſie dabei Oswald zuflüſterte: „Jammer, nur von einer Dichterſeele zu faſſen! Die letzten Verſe ſind gerade die ſchönſten!“ Sie ließ die Portiere fallen, ſei es, um ungeſtört zu ſein, ſei es, um nicht zu ſtören; und Oswald und Emilie ſtanden einander gegen⸗ über, Oswald ſprachlos vor Erſtaunen über die ſo ſeltſame und un⸗ erwartete Auflöſung des Räthſels, und Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandtheit und Keckheit für einen Moment ſtumm und rathlos. Aber auch nur für einen Moment. Schon im nächſten hob ſie die geſenkten Wimpern, lachte Oswald ſchelmiſch aus ihren großen grauen Augen an und ſagte raſch und im Flüſterton: „Sie glauben doch nicht, daß es ein Zufall iſt, der uns hier zuſammenführt?“ Zweiter Band. 107 „Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll,“ antwortete Oswald, un⸗ willkürlich denſelben raſchen und heimlichen Ton anſchlagend. „So hat Ihnen die Profeſſorin noch nichts mitgetheilt?“ „Was?“ „Ich habe ihr weiß gemacht: ich hätte den Auftrag, Sie zu fragen, ob Sie in einer mir befreundeten Familie eine Stelle an⸗ nehmen wollten. Natürlich iſt kein Wort davon wahr. Mich führt nichts hierher, als—“ Ein Blick der glänzenden Augen und ein Zucken des reizenden Mundes füllten die Pauſe, welche die junge Dame in ihrer Rede machte, ſehr beredt aus. Oswald vermochte noch immer nicht, ſich in die eigenthümliche Situation zu finden. Er hatte Helene erwartet, er fand Emilie,— Emilie, deren lieblich kokette Erſcheinung ihn ſo wunderbar an einige der reizendſten und zugleich peinlichſten Scenen in dem wirren Drama ſeines Lebens mahnte, Emilie, der gegenüber er ſich von vornherein zu einer entſagungsvollen Rolle verurtheilt hatte, aus welcher der Uebergang in die eines Liebhabers nicht eben leicht war. Er hatte das ſehr beſtimmte Gefühl, daß er der jungen Dame irgend etwas, es ſei was es ſei, antworten müſſe; aber, von den verſchiedenſten Empfindungen auf einmal beſtürmt, ſuchte er ver⸗ geblich nach Worten. „Weshalb ſind Sie nicht zu uns gekommen, wie Sie neulich verſprachen?“ fuhr Emilie, durch dieſe Schweigſamkeit ihres Ritters einigermaßen entmuthigt, in dem Tone eines verzogenen Kindes fort, dem ein hübſches Spielzeug vorenthalten wird und das deshalb große Luſt hat, in Thränen auszubrechen;„iſt es recht, die Bitte— die unſchuldige Bitte einer Dame nicht zu erfüllen, und ſie dadurch zu einem Schritt zu zwingen, den ſie kaum vor ſich ſelbſt, geſchweige denn vor dem Urtheil der Welt verantworten kann?“ Oswald trat unwillkürlich einen Schritt zurück und erwiderte in halb ernſtem, halb ſpöttiſchem Ton:„Es ſcheint, gnädige Frau, daß es mein Schickſal iſt, Ihnen ſtets durch meinen plebejiſchen Mangel an ritterlicher Galanterie beſchwerlich zu fallen.“ Aber er hatte es kaum geſagt, als er es gern wieder zurück⸗ genommen hätte. Emiliens liebreizendes Geſicht, das bis dahin im 108 Durch Nacht zum Licht. roſigſten Lächeln geſtrahlt hatte, wurde leichenblaß. Ihre großen Augen wurden noch größer und ſtarr, wie die Augen Jemandes, der einen heftigen phyſiſchen oder pſychiſchen Schmerz zu erdulden hat; um ihre bleichen Lippen zuckte es krampfhaft, als ob ſie etwas ſagen wolle, und doch nicht die Kraft dazu finden könne. Ihre Glieder zitterten, ſie griff nach der Lehne eines Stuhls, der in ihrer Nähe ſtand. So tief hatte der Pfeil nicht verwunden ſollen. Oswald ſchämte ſich ſeiner Grauſamkeit, um ſo mehr, als es ihm mit der catoniſchen Strenge, die er herausgekehrt hatte, ſo gar ernſt nicht war. Er trat lebhaft auf Emilien zu; er ergriff ihre Hand, die er feſt hielt, obgleich ſie ſchwache Anſtrengungen machte, ihm dieſelbe wieder zu entziehen; er beſchwor ſie in leidenſchaftlichen Worten, ihm zu verzeihen: er bereue, was er geſagt habe;— ſein Herz ſei krank, ſein Kopf ver⸗ wirrt, ſein Mund ſpreche oft, wovon ſein Kopf und ſein Herz nichts wüßten.— Sie ſolle ihm Gelegenheit geben, zu ſich ſelbſt zu kom⸗ men, ſich vor ſich ſelbſt und vor ihr zu rechtfertigen.“ Emiliens Schmerz ſchien durch dieſe Worte und vielleicht mehr noch durch den innigen Ton, in welchem ſie geſprochen wurden, einiger⸗ maßen gelindert zu werden. Sie hatte ſich auf den Stuhl geſetzt, auf deſſen Lehne ihre kleine Hand vorher gezittert hatte; ihre Thränen begannen reichlich zu fließen, ſie duldete es, daß Oswald, der ſich über ſie beugte, dieſe Hand mit Küſſen bedeckte, während er nur noch in leiſen Worten, die mit jedem Augenblick leidenſchaftlicher und zärt⸗ licher wurden, ihre Verzeihung für ſeinen Wahnſinn— wie er es nannte— erflehte. Ihr Weinen wurde ſanfter, wie eines kleinen Mädchens Weinen, dem die Puppe, die ihr verweigert wurde, nun endlich doch unter Küſſen und Liebkoſungen in die Arme gelegt wird. Beide, Oswald ſowohl wie Emilie, ſchienen ganz vergeſſen zu haben, daß ſie ſich in einem fremden Hanſe befanden, wo jeder nächſte Augen⸗ blick ihnen eine beſchämende Verlegenheit bereiten konnte, und ſie durften von Glück ſagen, daß ein ebenſo unerwarteter wie lächerlicher Zufall ihnen die Beſinnung wieder gab, die ſie in der berauſchenden Süßigkeit des erſten Neigens von Herzen zu Herzen verloren hatten. Plötzlich ertönte nämlich aus dem inneren Gemach ein ſo gellen⸗ der Schrei, daß Oswald und Emilie entſetzt in die Höhe fuhren und Zweiter Band. 109 von dem einen Gedanken, die Dichterin ſtehe von oben bis unten in hellen Flammen, getrieben, in ihr Zimmer ſtürzten. Der erſte Blick, als ſie die Portiere auseinanderſchlugen, belehrte ſie nun freilich, daß die Dichterin nicht in Lebensgefahr ſei, und als ſie näher eilten, ſahen ſie denn auch, was geſchehen war. Primula hatte, verloren in der Bewunderung einer ganz beſonders gelungenen Strophe, der ſie noch im letzten Augenblick durch eine glückliche Verbeſſerung einen unbe⸗ ſchreiblich pathetiſchen Charakter gegeben hatte, ein Verſehen begangen, wie es großen Geiſtern— und denen gerade am leichteſten— begeg⸗ nen kann: ſie hatte ſtatt der Sandbüchſe das Tintenfaß ergriffen und den reichlichen Inhalt deſſelben bis auf den letzten Tropfen über ihr Manuſcript und von dort in einem ſchwarzen Sturzbach auf den Schoß ihres gelbſeidenen Kleides geſchüttet. Und da ſtand ſie nun, die vom grauſamſten Zufall verhöhnte Dulderin,— ſtumm, nachdem dem der erſte wilde Schrecken ihr den gellenden Schrei ausgepreßt hatte, die(mit Tinte arg beſudelten) Hände und die waſſerblauen thränenden Augen zur Zimmerdecke erhoben, als wollte ſie den Vater Apollo ſelbſt zum Zeugen anrufen des grauenhaften Schickſals, welches eines ſeiner begabteſten Kinder getroffen. Oswald und Emilie hatten Mühe, ihr Lachen über dieſen Anblick zurückzuhalten; aber alle An⸗ ſtrengung, ernſt zu bleiben, war vergeblich, als jetzt die Dichterin in tragiſchem Schmerz ihr Antlitz in beide Hände drückte und einen Augenblick nachher, wie der wildſten Zone wildſter Krieger mit ſchauer⸗ lichen Flecken betupft, vor ihnen ſtand. „Locht nicht, meine Freunde,“ ſagte die beleidigte Dame mit ſanfter Stimme, es ziemt den Freunden des verfolgten Genius nicht, zu jener argen Welt zu gehören, die es liebt, das Strahlende zu ſchwärzen—“ Die zum Weinen wie zur ausgelaſſenſten Luſtigkeit alle Zeit gleich bereite Emilie konnte hier nicht länger widerſtehen. Sie warf ſich in einen Lehnſtuhl und lachte, daß ihr die Thränen in die Augen kamen. „Frau von Cloten,“ ſagte Primula mit Würde,„ich muß Ihnen ſagen, daß Ihr Benehmen für ein zartbeſaitetes Gemüth wie das meinige, etwas tief Verletzendes hat;“ dann ſich zu Oswald wendend, 110 Durch Nacht zum Licht. mit dem Tone des ſterbenden Cäſar:„Oswald, das habe ich nicht um Sie verdient!“ und ſie wandte ſich, zu gehen. „Liebſte, beſte Frau Profeſſor!“ rief Emilie aufſpringend und ihr in den Weg tretend,„ich bitte tauſend, tauſendmal um Verzeihung, aber ſehen Sie ſelbſt, ob es menſchenmöglich iſt, dabei ernſt zu bleiben. Und ſie drängte Primula mit ſanfter Gewalt vor den Trümeau, vor welchem ſich ſonſt die Dichterin an ihrem eignen muſenhaften Anblick zu begeiſtern pflegte. Jetzt aber war Hineinſchauen, einen Schrei ausſtoßen, wie wenn ſie das Haupt der Gorgo erblickt hätte, und dann ohne weitere Vorbereitung Oswald, der glücklicherweiſe dicht hinter ihr ſtand, ohnmächtig in die Arme fallen, das Werk eines Augenblicks. „Bitte, klingeln Sie nach dem Mädchen,“ ſagte Oswald, indem er die Ohnmächtige nach dem Sopha trug. Auf Emiliens Sturmläuten erſchien denn auch alsbald Primula's Zofe; aber ſchon hatte die Dichterin ſich ſoweit erholt, daß ſie die Augen halb aufſchlagen und mit matter Stimme zu Oswald und Emilie ſagen konnte:„Ich danke Euch, meine Freunde! Ihr hattet ein Recht, zu lachen: du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas. Aber jetzt verlaßt mich! verlaßt eine Unglückliche, die das Leid, was ſie betroffen, ſtill in ſich verwinden muß! Kein Wort, o kein Wort! verlaßt mich!“ Was war da zu thun? Einem ſo beſtimmt ausgeſprochenen Wunſch mußte Folge geleiſtet werden. Fünf Minuten ſpäter ſtanden Emilie und Oswald, den der ſchläfrige Lebrecht die Treppe hinunter⸗ geleuchtet hatte, auf der Straße. „Mais, mon Dieu!“ ſagte Emilie,„ich habe gar nicht daran ge⸗ dacht, daß ich meinen Wagen erſt eine Stunde ſpäter beſtellt habe.“ „So wird Ihnen wohl nichts übrig bleiben, als meine Beglei⸗ tung anzunehmen und zu Fuß zurückzukehren.“ Emilie legte ihren Arm in den Oswalds, und ſo gingen ſie ein paar Augenblicke ſchweigend nebeneinander. Es war ein ſehr dunkler, ſtiller Abend. Die Herbſtſtürme hatten die Bäume kahl gefegt und ruhten jetzt von ihrer wochenlangen Arbeit. Der Winter ſtand vor der Thür, aber zögerte noch ein Weilchen, ehe Zweiter Band. er mit ſeiner ſtarren Fauſt daran klopfte. Auf den Straßen war es, weil die Laternen aus irgend einer aſtronomiſchen Rückſicht nicht brannten, äußerſt finſter. Es war daher nicht weiter auffallend, daß Emilie ſich eng an ihren Begleiter, der des Weges durchaus kundig ſchien, anſchmiegte. „Wiſſen Sie unſere Wohnung?“ fragte ſie. „In der Süder⸗Vorſtadt, meine ich?“— Es war dies dieſelbe, in welcher auch die Penſionsanſtalt des Fräulein Bär lag. „Ja. Es iſt ein weiter Weg.“ „Deſto beſſer.“ Ein ſanfter Druck des runden Armes belohnte Oswald für dieſe Galanterie. Sie waren, ohne weiter zu ſprechen, in ziemlich raſchem Gange bis an's Thor gekommen. Sobald ſie außerbalb der Stadt waren, fingen ſie, wie auf Verabredung, an, langſamer zu gehen. Oswald fühlte, daß das junge Weib, das an ſeinem Arme hing, in ſeiner Gewalt ſei, daß es in ſeiner Macht ſtehe, ſie— nach ihrem Sinne wenigſtens— glücklich zu machen. Die tugendhafte Wallung von vorhin, bei welcher der Stolz, der ſich nicht wegwerfen will, bedeutend mitgeſpielt hatte, war längſt verflogen. Die koketten Reize Emiliens, deren Macht er in der Fenſterniſche von Barnewitz ſchon hinveichend empfunden, hatten ihre unausbleibliche Wirkung auf ſein ſchwankendes, aber tief empfängliches Gemüth nicht verfehlt; und wenn er in dieſem Augenblicke auch an die glänzendere Schönheit Helenens und an das dachte, was er ſeine wahre Liebe nannte, für die er ſo viel, ſo viel geopfert hatte, ſo diente dies nur dazu, ihm die Süßigkeit einer verſtohlenen und gewiſſermaßen verbotenen Leidenſchaft deſto be⸗ rauſchender zu machen. „Zürnen Sie— zürnſt Du mir noch, Emilie?“ ſagte er mit dem einſchmeichelndſten Ton ſeiner weichen tiefen Stimme. „Ich Dir zürnen!“ erwiderte Emilie, und ſie ſchmiegte ſich noch enger und inniger an ihren Begleiter;„kann man da zürnen, wo man nichts möchte, als nur immer lieben, unfäglich lieben und— 4 „Und was, Du Holde—“ „Vielleicht auch ein wenig wieder geliebt werden.“ 112 Durch Nacht zum Licht. Das klang ſo kindiſch, treu und gut, daß Oswald nicht begreifen konnte, wie er jemals die Liebe dieſes liebenswürdigen Geſchöpfes hatte von ſich weiſen können. „Und doch,“ ſagte er,„haſt Du mir einſt gezürnt und hatteſt, weiß es der Himmel, der mit ſeinen goldenen Sternen auf uns her⸗ niederblickte, auch Urſache dazu. Wie ſoll ich Dir vergelten, Du Großmüthige, was ich— o, ich darf gar nicht an jenen Abend auf dem Balle in Grenwitz denken!“ „Wirklich?“ erwiderte Emilie heiter,„o, dann iſt Alles wieder gut, dann will ich nichts beklagen von Allem, was ſeitdem geſchehen iſt.“ „Von Allem, was geſchehen iſt? Was iſt geſchehen?“ „Wie Du fragſt! Bin ich nicht Frau von Cloten? Und weß⸗ halb bin ich es? Doch nur, weil Du meine Liebe verſchmähteſt. O, Oswald, ich kann Dir nicht ſagen, wie es in mir tobte, als ich Dich an jenem Abend verlaſſen hatte. Mein Herz wollte mir brechen; ich hätte laut aufſchreien können, ich hätte mich an die Erde werfen und mich todt weinen können. Und doch ſchickte ich Cloten zu meiner Tante, um bei mir um mich anzuhalten. Wie ich das konnte? Du kennſt uns Frauen nicht, wenn Du danach fragſt. Cloten, oder ein Anderer, es war mir Alles gleich in dieſem Augenblick. Ich hatte nur den einzigen Gedanken, mich an Dir zu rächen, indem ich mich ſo tief unglücklich machte, als nur möglich; damit Du mein Unglück auf dem Gewiſſen hätteſt, damit ich einſt zu Dir ſagen könnte: Du haſt es ja nicht anders gewollt.“ „Dies Einſt iſt früher gekommen, als Du wohl ſelbſt gedacht haſt; ich wollte freudig Jahre meines Lebens geben, ja auf der Stelle wollte ich ſterben, könnte ich Dich dadurch wieder ſo frei machen, wie Du warſt, als wir uns zum erſten Mal in Barnewitz ſahen.“ „Was hätte ich von meiner Freiheit, wenn ich Dich verlieren müßte?“ erwiderte Emilie zärtlich und neckiſch.„Nein, nein, Oswald, zehntauſendmal Reer ſo, wie es jetzt iſt. Wenn Du mich ein wenig lieb haben willſt— „Kannſt Du daran zweifeln?“ „Vielleicht; aber gleichviel, ein wenig nur und ich bin zufrieden; Zweiter Band. 113 mag ich dann immerhin Frau von Cloten heißen; magſt Du dann immerhin eine Andere lieben—“ „Eine Andere?“ „Ja, mein Herr, eine Andre, die allerdings ſehr ſchön, aber auch ebenſo ſtolz wie ſchön iſt, und die, das können Sie verſichert ſein, ihrem Stolz unbedenklich ihre Liebe opfern würde, wenn ſie, woran ich übrigens zweifle, wirklich lieben kann. O, Oswald, ich wollte, Du hätteſt ſie geſtern Abend geſehen! Ich weiß, die Leute ſchelten mich kokett und ich mag's auch wohl ſein, wenn's darauf an⸗ kommt, einen Narren am Seil zu führen; aber dann thu' ich's luſtig und nicht mit keuſchem Augenniederſchlagen, wie Helene. Ich kann Dir ſagen, daß ich mich geſtern für Dich geärgert habe. Ich dachte, der arme Menſch verſchmachtet vor Liebe, während die Dame ſeines Herzens ſich hier nach Herzensluſt die Cour machen läßt, und von wem? von dem Ausbund aller dünkelhaften Aufgeblaſenheit, die je in einen bunten Rock ſteckte; von dem König aller Ballhelden in Lack⸗ ſtiefeln und tadelloſen Glacés; von dem Muſterbild unſrer jungen Laffen, die ihm vergebens ſeine Kopfhaltung nachzuäffen und ſein Non Ma'am oni Ma'moiselle nachzuſchnarren ſuchen.“ „Und wer iſt dieſer Held?“ fragte Oswald mit einem Lachen, das vielleicht nicht ganz natürlich klang. „Ein Fürſt Waldernberg— Waldernberg⸗Malikowsky⸗Letbus—“ „Iſt es nicht ein ſchwarzer Mann, ſo lang, wie ſein Name, mit einem Geſicht, wie ein melancholiſcher Bulldog?“ „Ganz derſelbe. Schön iſt er nicht; witzig ebenſowenig, wahr⸗ ſcheinlich auch nicht einmal gut— aber, was thut's? Bei der Aus⸗ ſicht, Fürſtin von Waldernberg⸗Malikowsky⸗Letbus zu werden, und über einige hunderttauſend Seelen— der Fürſt iſt Ruſſe— zu commandiren, kann man über die Seelenloſigkeit ſeines Gemahls ſchon gnädiglichſt den Schleier der dunklen ſeidenweichen Wimper fallen laſſen.“ Während Emilie ſo nach dem Grundſatz, daß im Krieg und in der Liebe alle Mittel gelten, den Dämon der Eiferſucht zu ihrer Hülfe rief, waren ſie an die unmittelbare Nähe von Fräulein Bärs Haus, an dem ihr Weg vorüberführte, gekommen. Emilie ſchwieg Fr. Spielhagen's Werke. Kl. 8 114 Durch Nacht zum Licht. und zuckte zuſammen, denn aus dem Schatten der Pappeln vor der Gartenpforte löſte ſich plötzlich eine rieſige, in einen langen Mantel gehüllte Geſtalt, die dort geſtanden haben mußte, ab und kam lang⸗ ſam an ihnen vorüber. „Ouand on parle du loup“— flüſterte Emilie, als ſie einige Schritte weiter gegangen waren;„wenn es weniger dunkel wäre, ſo würde das ein intereſſantes Rencontre geweſen ſein.“ Die Begegnung des Fürſten zu dieſer Stunde, an dieſem Orte war eine Beſtätigung von Emiliens Worten, die nicht ſtärker ſein konnte. Der Tropfen Eiferſucht, der eben in ſein Herz getröpfelt war, ſetzte ſein Blut in Flammen, und brachte ihn mit jäher Schnellig⸗ keit in jene verzweifelte Stimmung, in welcher Emilie an jenem Abend in Grenwitz war, als ſie, von Oswald zurückgewieſen, Zorn gegen ihn und Eiferſucht gegen Helene im Herzen, hinging und Clotens Braut wurde. Nur war der Unterſchied, daß Emilie den Mann, in veſſen Arme ſie ſich ſtürzte, nie geliebt, und auf Oswalds Herz die reizende Frau, die jetzt ſo verführeriſch feſt an ſeinem Arme hing, vom erſten Augenblick an einen tiefen Eindruck gemacht hatte. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Emilie, als ſie bald darauf an einer auf derſelben Seite der Straße gelegenen Villa anlangten. Zwiſchen der Villa und dem Nachbarhauſe führte ein Weg, den Oswald kannte, direct in den Park. „Haſt Du Muth, noch ein wenig mit mir im Park zu gehen?“ flüſterte Oswald, ſtehen bleibend, ihr in's Ohr. „Warum nicht?“ erwiderte Emilie noch leiſer. Aber ihr Muth konnte doch ſo groß nicht ſein, denn während ſie die Strecke zwiſchen den beiden Häuſern und dann einen ab⸗ ſchüſſigen Weg, der zuletzt über eine kurze gewölbte Holzbrücke in den Park führte, hinabgingen, ſchlug ihr das Herz zum Zerſpringen und als ſie nun unter die hohen Bäume traten, durch deren ent⸗ blätterte Zweige der Nachtwind in dumpfen Tönen rauſchte, blieb ſie ſtehen und ſagte: „Es iſt recht dunkel hier.“ „So fürchteſt Du dich doch, Du Liebe?“ erwiderte Oswald, ſein Geſicht ſo tief herabbeugend, daß ſein Athem ihre Wange berührte. Zweiter Band. „An Deiner Seite nicht, und ginge es in den Tod.“ Emilie hing an Oswalds Hals; die Lippen, die ſich heute nicht zum erſten Male berührten, vermählten ſich in einem langen, glühen⸗ den Kuß. Sie wandelten in der Allee auf und ab. Was galt es ihnen, daß ſie kaum die Stämme der Bäume wenige Fuß von ihnen erkennen konnten, daß der kalte Athem des Meeres ſie anwehte,— je dunkler es war, deſto weiter war ihnen die Welt entrückt, die von ihrer Liebe nichts wiſſen durfte; je kälter es war, deſto öfter konnte er ihr den ſeidenen Shawl dichter um den ſchlanken Leib hüllen, deſto inniger konnte ſie ſich an ſeine Bruſt, in ſeine Arme ſchmiegen. Die ganze Gluth der Leidenſchaft, die in Emiliens heißem Herzen brannte, loderte auf in wilden Feuergarben. Sie küßte des Geliebten Hände, ſie küßte ſeinen Mund, ſie lachte, ſie weinte, ſie war außer ſich:„O, nimm mich mit Dir, Oswald! wohin Du willſt, an's Ende der Welt, wo uns Niemand kennt, uns Niemand unſere Liebe neidet. Ich frage nicht nach Rang und Reichthum. Ich habe nicht zu arbeiten gelernt; aber für Dich wird mir nichts zu ſchwer ſein.— Du lachſt, Du glaubſt mir nicht. O, ſtelle mich auf die Probe! nimm mich zu Deinem Weib, mach' mich zu Deiner Sklavin, mir gilt es gleich, wenn ich nur bei Dir ſein kann!— Und, Oswald, wenn Du mich nicht mehr liebſt, dann ſag' es mir gerade heraus; oder nein, ſag' es mir lieber nicht! nimm, ohne ein Wort zu ſprechen, einen Dolch und ſtoße ihn mir in's Herz, und dann, wenn's ja doch vorbei iſt, laß mir aus Barmherzigkeit die Wolluſt, meine Seele in einem Kuß auf Deinen Lippen auszuhauchen.“ So ſprach unter Küſſen und Koſen das leidenſchaftliche Weib, bald klagend, bald jubelnd, bald in abgebrochenen, ſtamenelnden Lauten, bald in ſtürmiſchen fliegenden Worten— einem jungen Vögelchen gleich, das Alles, was ſeine klopfende Bruſt erfüllt, auf einmal heraus⸗ ſchmettern und flöten möchte und es doch nur bis zum Zwitſchern und hie und da zu einem hellen Ton bringt. Sie konnte es nicht begreifen, daß Oswald ſich weigerte, ihr morgen vor aller Welt einen Beſuch zu machen und fortan die Ge⸗ ſellſchaften, die ſich in ihrem Hauſe verſammelten, zu frequentiren. 8* 116 Durch Nacht zum Licht. Sie malte ſich ein ſolches Verhältniß mit den reizendſten Farben aus. „Cloten iſt oft halbe Tage lang außer dem Hauſe. Wenn Du erſt einmal bei uns eingeführt biſt, ſo können wir die herrlichſten Stunden ungeſtört miteinander verleben.“ „Nimmermehr.“ „Wie, nimmermehr? möchteſt Du das nicht?“ „Wohl möchte ich es; aber die Frage iſt, ob ich es kann? Wie kann ich aber in Deine Geſellſchaft zurückkehren, aus der ich ſo, wie ich es gethan, geſchieden bin? Es iſt von je mein Grundſatz ge⸗ weſen, nie wieder den Fuß über die Schwelle eines Hauſes zu ſetzen, in welchem man mich einmal, gleichviel ob wiſſentlich oder unwiſſent⸗ lich, beleidigte. Denn was einmal geſchah, kann und wird öfter ge⸗ ſchehen und wenn es nicht geſchieht— das Vertrauen und die Harm⸗ loſigkeit des Verkehrs ſind doch fort und die kommen, wie die Unſchuld, nimmer wieder.“ „Aber was gehen Dich denn die andern Menſchen an? Wen ich nicht ſehen und beachten will, den ſehe und beachte ich eben nicht.“ „Das kannſt Du; aber ſiehſt Du denn nicht, daß das in meinem Falle ganz unmöglich iſt? Oder glaubſt Du, daß Herr von Barne⸗ witz, der junge Grieben, und wer noch zu der Sippe gehört, mich unbeachtet laſſen würden?“ „Sie ſollen nicht zu uns kommen, kein Einziger ſoll zu uns kommen. Ich will Niemand empfangen und wen ich empfange, ſo empfangen, daß ihm die Luſt wiederzukommen vergeht.“ „Aber Emilie, Kind, das Alles ſind ja bunte Seifenblaſen, die vor dem erſten Hauch der Wirklichkeit zerplatzen. Und wenn Du dich wirklich mir zu Liebe mit Deiner Geſellſchaft in einen Kampf einlaſſen wollteſt, in welchem Du nebenbei immer den Kürzeren ziehen müßteſt, wird Dein Mann mir, den er gewiß nicht liebt, zu lieben auch gar keine Urſache hat, daſſelbe Opfer bringen?“ „Arthur thut, was ich will; ich kann von Arthur Alles ver⸗ langen.“ „Und wäre er ſolch ein Thor,“ ſagte Oswald heftig;„ich will in dieſem Blindekuhſpiel nicht mitſpielen. Wenn Dein Mann Dich wirklich liebt, um ſo ſchlimmer für Dich und mich und für ihn. Ich —— ——— Zweiter Band. weiß, daß ihr Frauen in ſolchen Fällen die beneidenswerthe Kunſt beſitzt, eure rechte Hand nicht wiſſen zu laſſen, was eure linke thut; aber wir Männer ſind anders organiſirt; ich zum wenigſten. Ich rede hier nicht von moraliſchen Bedenken, über die man ſich zur Noth noch wegſetzen kann, wenn man den, deſſen Vertrauen man täuſcht, aus dem Grunde verachtet; aber ich würde Höllenqualen, die alle Wonne unſrer Liebe nicht beſchwichtigen könnte, erdulden, wenn ich mit meinen leiblichen Augen, den Mann, den ich verachte, ſeinen Arm in plumper Vertraulichkeit um Deinen Arm ſchlingen ſähe; wenn ich des Abends von euch ginge, und wüßte, daß Du— o, ich mag es nicht ausſprechen, was ich nicht einmal auszudenken wage.“ Emilie warf ſich ſchluchzend in Oswalds Arme:„O, laß mich immer bei Dir bleiben! laß mich immer bei Dir bleiben! laß mich nicht wieder in mein Haus zurückkehren! Ich will ihn nicht wieder ſehen! er ſoll nie wieder meine Hand berühren! ich habe ihn ja nie geliebt! O, Oswald, hab' Erbarmen mit mir! laß mich nicht ſo ſchwer büßen für Etwas, das ich ja doch nur aus raſender Liebe zu Dir gethan habe.“ „Armes, unglückliches Kind,“ murmelte Oswald, ſie zärtlich an ſich drückend,„armes unglückliches Kins; und unglücklich durch mich! das iſt das bitterſte Leid! Emilie, Holde, Süße, weine nicht ſo! Dein Schluchzen zerreißt mein Herz! Laß ab von dem Manne, der Dich ſchon ſo unglücklich gemacht hat, und nichts weiter kann, als Dich nur noch unglücklicher machen! Vergiß, daß Du mich je geſehen haſt! Kehre zurück zu Deinem Gatten. Du wirſt mit ihm nicht glücklich werden, aber wer iſt denn glücklich auf dieſer Welt! Du wirſt Dich an ihn gewöhnen, wie ſich der Menſch zuletzt ja an Alles gewöhnt. Und ſo wird Dir der Strom des Lebens verfließen, im Anfang vielleicht noch unwillige Wellen ſchlagen, dann allmälig ruhiger und träger, bis er zuletzt in dem todten Meere dumpfer Re⸗ ſignation gleichgültig mündet. O, mein Gott, mein Gott!... Komm, Emilie! es hilft uns nichts, daß wir einander unſer Leid klagen. Die Nacht iſt kalt, Deine Haare, Deine Kleider ſind naß 118 Durch Nacht zum Licht. von dem Nebelgerieſel, wie Deine Augen von hnet Du mußt nach Haus.“ Er ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und führte ſie den Weg, den ſie gekommen waren, zurück. Emilie ließ es geſchehen. Ihr leiſes Schluchzen hörte allmälig auf; ſie ſchien die Hilfloſigkeit ihrer Lage zu begreifen. Plötzlich aber, als ſie auf der Brücke waren, die aus dem Park herausleitet, blieb ſie ſtehen, faßte Oswalds beide Hände und ſagte mit leiſer, feſter Stimme: „Ich hab' es mir überlegt und anders iſt es nicht. Ich will ohne Dich nicht mehr leben, ſeitdem ich weiß, wie köſtlich das Leben mit Dir iſt. Wenn Du mich nicht lieben kannſt, ſo beſchwöre ich Dich bei Allem, was Dir heilig iſt, ſage es mir. Ich will kein Wort erwidern, kein Wort. Ich will nicht weinen, nicht klagen. Du ſollſt von mir nicht beläſtigt werden. Was ich dann thue, das weiß ich.“ „Emilie—“ „Nein, laß mich ausreden. Ich ſage Dir, ich will nicht ohne Dich leben. Wenn Du mich nicht liebſt, kann es Dir ja gleichgültig ſein, was aus mir wird. Wenn Du mich aber liebſt, ſo wirſt, ſo mußt Du fühlen, daß wir uns auch, ſo oder ſo angehören müſſen. Wie das geſchehen kann,— eich weiß es jetzt noch nicht; aber ich werde darüber nachdenken und Du wirſt darüber nachdenken und wir werden einen Ausweg finden. Jetzt, ſage mir: liebſt Du mich, oder nicht?“ „Ich liebe Dich!“ ſagte Oswald, und er zlaubi in dieſem Au⸗ genblick, was er ſagte. Emilie warf ſich in ſeine Arme:„Und ich liebe Dich, Oswald, wie Dich nie ein Weib geliebt hat, wie Dich nie ein Weib auf Erden lieben wird... Und nun,“ fuhr ſie in ruhigem Tone fort, während ſie langſam weiter ſchritten,„laß uns unſre Lage über⸗ denken. Vorläufig, das ſehe ich wohl, muß es ſo bleiben, wie es iſt; aber auch ſo muß ich Dich von Zeit zu Zeit ſehen, wenn ich nicht wahnſinnig werden ſoll. Hier in der Stadt, wo tauſend Augen uns bewachen, iſt es ſchwer; aber ich habe einen andern Plan. Drüben in Fährdorf(es war dies ein Uferdorf der Inſel, Grünwald ————— — ————— — Zweiter Bänd. 10 gerade gegenüber, wo die Fährboote anlegten) wohnt meine alte Amme, die mir unbedingt ergeben iſt. Sie iſt Wittwe und hat einen einzigen Sohn in meinem Alter, der für mich durch Waſſer und Feuer geht. Sie iſt kränklich; ich ſchicke ihr alle Tage etwas, habe ſie auch ſchon beſucht und es wird nicht auffallen, wenn ich ſie wieder be⸗ ſuche. Ihr Sohn iſt Steuermann auf einem Fährboote, das ihr ge⸗ hört, und er wird uns ſicher und verſtohlen hinüber und herüber bringen. Wenn in einigen Wochen, vielleicht ſchon Tagen, das Eis hält, iſt die Sache noch viel einfacher, wenn wir nicht bis dahin.. willſt Du, Oswald?“ „Der Plan iſt gut,“ ſagte Oswald;„beſonders deßhalb gut, weil ich keinen beſſeren wüßte. Wann wollen wir ihn in Ausführung bringen?“ „Morgen, wenn Du willſt.“ „Wann?“ „Um fünf Uhr Nachmittags. Das heißt, wir dürfen nicht zu⸗ ſammen hinübergehen. Ich will ſchon früher fahren. Du kommſt enn es dunkel iſt. Die Rückfahrt findet ſich⸗ Die Wohnung ttwe Lemberg— vergiß den Namen nicht— iſt das letzte rechts am Strand. O⸗ DOswald, Oswald! denke die Seligkeit mi r ſtundenlang ungeſtört beiſammen zu ſein! Doch jetzt, mein Oswald geh! man darf Dich nicht ſehen; ich muß allein nach Hauſe gekommen ſein. Leb' wohl,— leb wohl— auf Wiederſehen.“.. Die ſchlanke Geſtalt Emiliens war heimlich durch das Dunkel bis an die Thür der Villa geſchlüpft. Oswald hörte die Glocke ziehen. Die Thür wurde geöffnet und ſchloß ſich wieder. Oswald war allein. Er war allein; allein mit einem Herzen, in dem es finſter war, wie die finſtre Nacht, die wie ein ſchwarzes Leichentuch über der kalten, ſtarren Erde lag. Kein Hoffnungsſchimmer am Himmel und in ſeiner Seelez dunkel, Alles dunkel vom Aufgang bis zum Niedergang. Er konnte es Wrinen beſtimmten Gedanken bringen, nur zu dem einen, doß er ſterben möchte, daß es ein Glück für ihn ſein würde, wenn er ſeinen Leven ein Ende machte. Für ihn und für 120 Durch Nacht zum Licht. Andre! Heftete ſich nicht das Unglück an ſeine Ferſen? war es nicht fein Schickſal, Verwirrung und Leid zu bringen, wohin er kam? Und dieſer neueſte Bund, den er geſchloſſen, unwiderruflich, wenn er nicht treulos ſein wollte, wie— wie was? wie er noch ſtets geweſen war! Melitta— Helene— Emilie! Was hatte Emilie vor den An⸗ dern voraus, als daß ſie zufällig die letzte war?. So irrte er, von den Furien des eignen Gewiſſens gejagt, in dem Park umher bis an den Strand und wieder zurück und wieder an den Strand und wieder zurück. Die feuchtkalte Luft durchnäßte ſeine Kleider, er achtete es nicht; er ſtieß ſich an den triefenden Stämmen, er ritzte ſeine Hände in dem Hagedorn— er fühlte es nicht. Verwünſchungen gegen die Vorſehung, gegen die Menſchen, gegen ſich ſelbſt murmelnd, trank er in vollen Zügen aus dem der Leiden, die ſich„der Menſch in ſeines Sinnes Thorheit ſelbſt gegen der Götter Willen und des Schickſals Schluß bereitet.“ 4 Zuletzt fand er ſich,— er wußte nicht, wie er dahin gekommen war— vor der Pforte des Gartens von Fräulein Bär's Penſions⸗ anſtalt. Aus einem der Fenſter— Helenens Zimmer— ſchimmerte Licht. Es war das erſte Licht, das er jetzt ſeit Stunden geſehen und es war ihm, als ob in die Nacht ſeiner Seele ein Stern her⸗ nieder leuchte. Zwar Troſt und Hoffnung konnte ihm der Stern nicht bringen, aber er löste ſeine Verzweiflung in Wehmuth auf. Er verfiel in jene Stimmung, wo der Menſch ſich aus dem Chaos ſeiner eigenen Leidenſchaften befreit, voll ſchmerzlichen Mitleids die gramzerriſſenen Züge ſeines Genius betrachtet und das Leid der Welt in ſeinem eigenen Leide fühlt. Er meinte nicht ſich, er meinte des Menſchen Sohn, als er jetzt, ſich aufraffend und k. Weg nach der Stadt einſchlagend, die Stimme erhob und ſang: Dein Angeſicht, ſo lieb und ſchön,— Ich hab' es jüngſt im Traum geſehn. Es war ſo mild, ſo engelgleich, Und doch ſo bleich, ſo ſchmerzensbhich. Und nur die Lippen, die ſind rot Bald cher K ſie vleich der Tod. ½ — * Zweiter Band. Siebentes Capitel. Einige Tage ſpäter war beim Geheimrath Robran in dem Wohn⸗ zimmer eine kleine Geſellſchaft verſammelt, beſtehend aus dem Ge⸗ heimrath ſelbſt, ſeiner Tochter, Franz und einer jungen Dame, die, von Bemperlein bei Robrans eingeführt war: Mademoiſelle Mar⸗ guerite Martin. Man hatte zu Abend gegeſſen, nachdem man ver⸗ geblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet. Jetzt ſaß man um den Kamin; auf einem Tiſche in der Nähe Sophiens ſtand ſtatt der Theeſachen heute eine kleine Bowle, aus der die junge Dame aber nur ſelten ein oder das andere Glas füllte. Die Con⸗ verſation war nicht eben belebt; es ſchien ein Schleier von Wehmnth über den Geſichtern Aller zu hängen. Kein Fremder hätte glauben ſollen, daß dieſe ſtille melancholiſche Geſellſchaft nichts mehr und nichts weniger feierte, als was man im gewöhnlichen Leben einen„Polter⸗ abend“ zu nennen pflegt. Und doch war dies der Fall. Morgen in den erſten Vormittags⸗ ſunden ſollte in der Univerſitätskirche das junge Paar vom Profeſſor Doctor Schwarz eingeſegnet werden, um dann eine Stunde ſpäter nach der Reſidenz abzureiſen, wohin Franz dringende Geſchäfte riefen. In den Plänen, die Franz für die Zukunft entworfen hatte, war nämlich noch in der elften Stunde vor ſeiner Verheirathung eine große Veränderung eingetreten. Das Opfer, welches er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und dem Glück der Seinigen bringen wollte, war nicht angenommen worden. Als er an Profeſſor Kurzen⸗ bach ſchrieb, daß er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines Aſſiſtenz⸗ arztes an deſſen berühmtem Krankenhauſe ablehnen müſſe, glaubte er die Sache ein für allemal ahgethan. Aber Kurzenbach war nicht der Mann, einen ihm lieb gewordenen Gedanken ſo leicht aufzugeben. Er ſchrieb abermals an Franz, und— das hatte Franz nicht er⸗ wartet— zugleich an deſſen Schwiegervater. So erfuhr der Geheim⸗ 122 Durch Nacht zum Licht. rath, was ihm, nach Franz' Abſicht, für immer unbekannt bleiben ſollte. Er war wie aus den Wolken gefallen; aber der Entſchluß des energiſchen Mannes war auch im nächſten Augenblick gefaßt. Als Franz eine halbe Stunde ſpäter ihn zu beſuchen kam, empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand. In dieſer Stunde der Entſcheidung fand Robran ſeine ganze alte Geiſteskraft und Bered⸗ ſamkeit wieder. „Sehen Sie denn nicht, theuerſter Franz,“ ſagte er,„daß dies ungeheure Opſer, welches ſie mir ſo leichten Muthes und— Sie müßten ſonſt kein vom Weibe Geborner ſein,— ſchweren Herzens bringen, mich durch ſeine Größe niederdrückt und ſo zu ſagen mo⸗ raliſch vernichtet? Sie haben Ihr Vermögen für mich dahingegeben. Ich unterſchätze das wahrhaftig nicht: indeſſen das hat ſchon mancher Vater freudig für ſeinen Sohn gethan, weßhalb ſollte es nicht auch umgekehrt einmal ein Sohn für einen Vater thun? Aber, indem Sie dieſe Stelle ausſchlagen, opfern Sie mir etwas, das ſich nicht mehr zählen und berechnen läßt. Sie opfern mir Ihre ganze Zu⸗ kunft. Sie opfern mir den Ehrgeiz, der jedes edle, männliche Herz erfüllt, es in dem Berufe, dem man angehört, zur höchſtmöglichen Vollkommenheit zu bringen; ja, was am ſchwerſten in die Wagſchale fällt: Sie opfern mir auch, worüber Sie gar nicht frei verfügen können: die Pflicht, die Sie gegen Ihre Mitmenſchen haben. Wem wie Ihnen, viel gegeben iſt, von dem kann und muß auch viel ge⸗ fordert werden. Sie finden in der Reſidenz einen Wirkungskreis, um den Sie ſelbſt ein Cäſar beneiden würde, wenn ein Cäfar überhaupt jemals begreifen könnte, worin das wahre Herrſcherthum des Menſchen beſteht. Sie werden in Wirklichkeit ſein, wie die römiſchen Schmeichler ihre Neronen und Heliogabale nannten: decus und delciolae generis humani; eine Zierde und Wonne des Menſchengeſchlechts, denn Sie werden, wie einſt der göttliche Nazarener, Blinde ſehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferſtehen machen. Und von Ihren Worten und Werken begeiſterte Schüler werden ausziehen in alle Lande, und ſo wird der Kreis Ihrer Wirkſamkeit, wie der jedes wahrhaft großen und guten Menſchen, eine unendliche Peripherie gewinnen. Was Sie in Grün⸗ — Zweiter Band. 123 wald leiſten können, das können Andre auch⸗ Was Sie dort leiſten können, das können Wenige, und es iſt recht und billig, daß jeder Soldat in der großen Fortſchrittsarmee da marſchirt, wo ſeine Stelle iſt in Reih' und Glied. Und nun abgeſehen von dieſen innern und moraliſchen Grün⸗ den, die Sie gebieteriſch zwingen, auf den Ruf des großen Geiſtes, der durch Kurzenbach's Mund Ihnen geworden iſt, mit Hier! zu antworten, ſo ſprechen auch ſelbſt die äußeren Verhältniſſe mehr für als gegen die Sache. Ich weiß ſehr wohl, welche Motive Sie zu Ihrer Weigerung beſtimmten; aber— verzeihen Sie, Franz, wenn ich ganz aufrichtig ſpreche— ſollten Sie dabei, wenn auch nicht Ihre Kraft überſchätzt, ſo doch die meinige zu gering an⸗ geſchlagen haben? Ich bin, was ich einen Todescandidaten nenne; der Tod hat mich nur vorläufig gezeichnet, um mich bei nächſter Gelegenheit deſto ſichrer zu treffen; indeſſen ſobald tritt dieſe Ge⸗ legenheit denn doch vielleicht nicht ein; ich ſchätze, wenn Sie nicht etwas ganz Beſonderes dagegen haben, mein Leben immer noch auf ein vier, fünf Jahre, vielleicht noch länger. So lange werde ich meine Collegien leſen und meine Kranken beſuchen, nach wie vor, und wenn ich nicht allein fertig werden kann, ſo werde ich mir Jemand wählen, der mir nicht eine ſo gefährliche Concurrenz machen kann, wie mein vortrefflicher Schwiegerſohn, den man mir jetzt ſchon hier und da vorzuziehen anfängt. Im Ernſt, Franz, wir ſtehen uns vorläufig hier nur im Wege. Und wenn's doch einmal darauf ankommt, Geld zu machen, ſo iſt es beſſer: Sie gehen nach Oſten, und ſcheren Ihre Schafe und ich ſchere hier im Weſten die meinigen.“ Franz war durch dieſe Argumente nicht ganz überzeugt; aber er fühlte, daß der Geheimrath als Mann von Ehre nicht anders handeln könne. So ging er denn zu ſeiner Braut und ſagte ihr: daß er einen Ruf nach der Reſidenz erhalten habe Was ſie dazu ſage? „Ob Du dem Ruf folgen mußt,“ erwiderte Sophie nach kurzer Ueberlegung,„das zu unterſcheiden, muß ich natürlich Dir und dem Vater überlaſſen, denn ich verſtehe nichts davon. Wenn's aber 124 Durch Nacht zum Licht. ſein muß, werde ich gewiß nicht Nein ſagen. Wann ſollen wir fort?“ „Ich muß gegen Weihnachten ſpäteſtens da ſein; aber auch jetzt ſchon muß ich gleich nach unſerer Hochzeit auf ein paar Tage hinüber, um das Terrain zu recognosciren.“ „So reiſe ich mit Dir. Du ſollſt ſehen, daß ich gar nicht ſo unpraktiſch bin, wie Du glaubſt.“ Wer Sophie ſo ruhig, beinahe kühl über einen Plan ſprechen hörte, der für ihre und Franzen's Zukunft entſcheidend war, deſſen Ausführung ſie von Vaterſtadt und von Vaterhaus, von ihren Freun⸗ dinnen und Bekanntinnen, von tauſend und aber tauſend Gewohn⸗ heiten vielleicht für immer trennte— der hätte ſie wohl für kalt und gefühllos halten mögen. Und doch war ihr der Gedanke, ſich von dem Vater, den ſie ſo liebte, von dem ſie ſo ſehr geliebt wurde trennen zu ſollen, unſäglich ſchmerzlich; aber ſie wußte, daß er in der Stunde der Entſcheidung an den Grundſätzen, die er der Tochter eingeprägt, feſthalten und von ihr dieſelbe Feſtigkeit erwarten würde. Es war ein harter Kampf, den dieſe beiden edlen Herzen durchzu⸗ kämpfen hatten in der Nacht, die dem Abend folgte, an welchem Franz' Fortgehen von Grünwald definitiv entſchieden war— ein Kampf, wie ihn jedes Menſchen Sohn ein oder das andre Mal— und ach! wie mancher mehr als einmal— in ſeinem Leben durch⸗ kämpfen muß; ein Kampf, wo der Angſtſchweiß in ſchweren Tropfen von der ſchmerzlich gefurchten Stirn rinnt und das gequälte Herz ſtöhnt: Vater, wenn es ſein kann, ſo gehe dieſer Kelch an mir vor⸗ über! Aber als am nächſten Morgen Vater und Tochter ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, in die Arme ſanken und lange, lange um⸗ fangen hielten, da mochten wohl ihre Augen tropfen, aber ihre Stirnen waren heiter und in ihren Herzen tönten Himmelsmelodien. Von dieſem Momente an war Sophien's ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, Alles im Hauſe ſo zu ordnen, daß der Vater nach ihrer Entfernung wenigſtens den Comfort des Lebens, an den er ſich nun einmal gewöhnt hatte, nicht vermißte. Vor Allem handelte es ſich darum, ein weibliches Weſen zu finden, das ihre Stelle an der Tafel und beim Theetiſch ausfüllen und über⸗ — Zweiter Band. 125 haupt die Leitung der häuslichen Angelegenheiten übernehmen könnte. Ihre Wahl war bald getroffen. Bemperlein hatte, auf Sophiens ausdrücklichen Wunſch, ihr Mademoiſelle Marguerite ſchon am nächſten Tage nach der denkwürdigen Unterredung vor dem Kaminfeuer zu⸗ geführt. Sophie hatte an der hübſchen ſchwarzäugigen Franzöſin großes Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu ſeiner Wahl gratulirt. Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen, ob Marguerite nicht ſpäter, wenn ſie ſelbſt verheirathet war, dem Vater die Wirthſchaft führen könnte. Jetzt beeilte ſie ſich, dieſen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Der Vater, auf den„die kleine Lacerte,“ wie er das zierliche Figürchen nannte, einen ſehr günſtigen Eindruck gemacht hatte, fand den Plan ſeiner Sophie„ſo übel nicht;“ Franz „billigte“ ihn, und was Bemperchen anbetrifft, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß er mit Enthuſiasmus darauf einging. Er, als die geeignetſte Perſon, erhielt demzufolge den Auftrag, Marguerite's Sinn in dieſer Hinſicht zu erforſchen und bei einem ſo feinen Diplo⸗ maten wie Anaſtaſius Bemperlein, konnte es nicht überraſchen, daß ſeine delicate Miſſion mit dem entſchiedenſten Erfolge gekrönt wurde. Marguerite erklärte, daß ſie die ihr zugedachte Ehre de tout son coenr annehmen werde, ſobald ſie ſich von ihren jetzigen Verhält⸗ niſſen losgemacht habe. Jetzt fehlte alſo weiter nichts, als die gnä⸗ dige Entlaſſung der Demoiſelle Marguerite Martin aus dem Baron⸗ Grenwitz'ſchen Unterthanenverbande zu bewirken. Dies ging zu Aller Erſtaunen leichter, als man erwartet hatte. Der Baronin waren die klugen Augen ihrer Gouvernante ſchon lange unbequem geweſen, beſonders, ſeitdem in ihrem Hauſe ſo Mancherlei paſſirt war und noch paſſirte, was eine ſcharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte. Ueberdies hatte ſie ſtets den Grundſatz gehabt, mit ihrem Dienſt⸗ perſonal in beſtimmten Intervallen zu wechſeln, da ſie die Erfah⸗ rung gemacht haben wollte, daß„nur neue Beſen gut fegten;“ und Marguerite war ſchon weit über die gewöhnliche Zeit in ihrem Hauſe geweſen. So gab ſie derſelben denn ohne weiteres den ge⸗ forderten Abſchied und erlaubte ſogar, in Rückſicht auf die Verhält⸗ niſſe, daß ſie ſchon an einem der nächſten Tage in das Haus des Geheimraths überſiedelte. Daß Marguerite dabei,„in Anbetracht 126 Durch Nacht zum Licht. der bedeutenden Unbequemlichkeiten, ja offenbaren pecuniären Ein⸗ bußen, welche der Baronin aus ihrem plötzlichen Fortgehen er⸗ wüchſen,“ auf das Gehalt des laufenden Quartals verzichten mußte, verſtand ſich um ſo mehr von ſelbſt, als„die junge Perſon,“ wenn ſie der Baronin fünf Jahre lang mit unermüdlichem Eifer gedient, doch am Ende nichts weiter gethan hatte, als„ihre Pflicht und Schuldigkeit.“ So war Marguerite ein Mitglied der Familie des Geheim⸗ raths geworden und es iſt daher natürlich, daß ſie heute Abend bei dieſem, im engſten Kreiſe der Familie gefeierten Feſte nicht fehlen durfte. Auch war ſie die Einzige, welche heute Abend die Koſten der Unterhaltung ohne Mühe beſtreiten konnte. Zwar gab ſie ſich er⸗ ſichtlich Mühe, dem Ernſt des Augenblicks gerecht zu werden und die Gefühle der Andern nicht durch unzeitige Luſtigkeit zu beleidigen, aber bei ihrer angebornen Lebhaftigkeit wurde es ihr nicht leicht, lange ſchweigſam zu ſein, und alle Augenblicke nahm ſie mit ihrem muntern: dites-moi done, Mademoiselle Sophie! savez vous me dire, Monsieur le Docteur.. da, wie ein vergnügter Kanarienvogel, dem man das Bauer zugedeckt hat, ſobald der erſte Schreck vorüber iſt, wieder luſtig anfängt zu ſchmettern. „Aber ich möchte doch um Alles in der Welt wiſſen, wo Bem⸗ perlein bleibt,“ ſagte Sophie, nach der Uhr ſehend;„er hatte ver⸗ ſprochen um acht Uhr hier zu ſein; jetzt iſt es bereits halb zehn.“ „Vielleicht kann uns Fräulein Marguerite Auskunft geben,“ ſagte der Geheimrath. Moik pas du tout!“ erwiderte Marguerite, froh eine Gelegen⸗ heit zum Sprechen zu finden.„Ich nicht habe ihn geſehen ſeit geſtern Abend. Ich glaube beinahe, daß er iſt krank, denn er ſah dieſe Tage aus ſehr aufgeregt und nerveux.“ „Ich war heute bei ihm,“ ſagte Franz. „Nun!“ ſagte Sophie. „Ja, denkt Euch: ich habe den ſeltſamen Menſchen gar nicht zu Geſicht bekommen. Er rief durch die verſchloſſene Thür: er könne — —— Zweiter Band. 127 mich nicht ſehen; er habe eine wichtige chemiſche Unterſuchung, von der er keinen Augenblick fort dürfe.“ „Es wird doch nichts paſſirt ſein?“ ſagte Sophie,„willſt Du nicht lieber noch einmal zu ihm gehen, Franz?“ „Recht gern,“ ſagte Franz, ſein Glas leerend und aufſtehend. In demſelben Augenblicke erſchallte aber vom Hausflur her das unterdrückte Gelächter der Mädchen und des Bedienten. Alsbald ging auch die Thür auf und herein trat eine wunderlich heraus⸗ geputzte Geſtalt, die ſich durch zwei mächtige, an den Schultern an⸗ geheftete Gänſeflügel, durch einen Bogen in der Hand, nebſt obligatem Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken, durch einen Kranz auf dem Kopf unzweifelhaft als Amor präſidirte, wenn auch die Brille nicht ganz zu der dieſem Gott charakteriſtiſchen Blindheit und der ſchwarze Anzug zu der claſſiſchen Nacktheit, in welcher ſich der Sohn der Liebesgöttin faſt ausſchließlich gefällt, ſtimmen mochten. Dieſe ſeltſame Geſtalt näherte ſich zierlichen Schrittes der Ge⸗ ſellſchaft am Kamin, blieb in angemeſſener Entfernung ſtehen, ver⸗ beugte ſich und ſprach: „Hochverehrliches chriſtliches Brautpaar, ſehr würdiger chriſtlicher Brautvater und liebwerthe Demoiſelle!„ Ich bin, wie Jeder leicht erkennt, Der große Gott Amour. Wenn's irgendwo im Herzen brennt, Dann brennt durch mich es nur. Wer meinen Köcher raſſeln hört, Der ſchlägt die Augen nieder; Der Pfeil, der von dem Bogen fährt, Durchbohret Weſt' und Mieder. Und wen ſo traf' in's Herz der Schuß, Um den iſt es geſcheh'n; Von meiner Kunſt, o Publicus, Sollſt Du ein Pröbchen ſeh'n. Hier nahm Amor mit großer Oſtentation einen Pfeil aus dem Köcher und ſagte:„Haben Sie keine Angſt, meine Herrſchaften, die Sehne iſt ſehr ſchlaff und die Pfeile haben, wie Sie gefälligſt be⸗ merken werden, fauſtgroße Gummibälle ſtatt der Spitzen.“ Darauf —— —— — 128 Durch Nacht zum Licht. legte er den harmloſen Pfeil auf den harmloſen Bogen und ſchnellte ihn auf Sophie ab, die ihn geſchickt mit der Hand auffing und mit komiſchem Pathos an's Herz drückte. Dieſelbe Procedur wiederholte ſich bei Franz mit der Ausnahme, daß dieſer den Gummiball an den Kopf bekam. Nachdem Amor alſo bewieſen, daß er nicht vergeblich drohe, fuhr er fort: „Nun iſt's den Beiden angethan, Und hin iſt ihre Ruh'; Man ſieht es ihnen deutlich an: Es drückt ſie wo der Schuh. Sie ruhen und ſie raſten nicht, Mag's brechen oder biegen, Bis daß der Pfaffe Amen ſpricht, Und ſie ſich endlich kriegen. Dann heißt's: Ade, du Elternhaus, Ich muß nun in die Welt hinaus! Ade, ade lieb' Väterlein, Ade, es muß geſchieden ſein! Ade, du traute Freundesſchaar, Für die ich Licht und Leben war! * Ade, ihr lieben Leute! Ihr habt mich nur noch heute; Wann morgen blinkt der Abendſtern, Dann bin ich viele Meilen fern. Dieſe letzten Verſe ſprach Amor mit ſehr bewegter Stimme. Die Geſichter der Geſellſchaft um den Kamin, die im Anfang von Heiterkeit geglänzt hatten, waren nach und nach ernſter geworden; von der halboffenen Thür, in welcher ſich die Dienſtleute drängten, vernahm man unterdrücktes Schluchzen. „Trinken Sie ein Glas Bowle, Bemperchen,“ ſagte Sophie, Amor ein Glas präſentirend. „Auf Ihr Wohl, Fräulein Sophiechen,“ erwiderte Amor, das Glas auf einen Zug leerend.„Nun ſetzen Sie ſich aber wieder, ich bin noch nicht fertig.“ Amor trat jetzt einen Schritt zurück, klapperte mit ſeinem Köcher, Zweiter Band. 129 wie, um ſich zu überzeugen, daß er ſich noch nicht verſchoſſen habe, und ſprach darauf alſo: „So ſchröcklich, wie dies Beiſpiel zeigt, Iſt Amor's grauſe Macht; Doch wird's nicht immer ihm ſo leicht, Manch' Herz iſt ſtreng bewacht; Es ſchwärmt der gute Jüngeling,— Bei dieſen Worten blickte Amor anbetungsvoll auf Mademoiſelle Marguerite— Sie aber iſt ein ſchnippiſch Ding. Wenn er von ſeiner Liebe ſpricht, So ſagt ſie: ick verſteh' Sie nicht. Bei dieſer, für die Eingeweihten ſehr verſtändlichen Anſpielung konnte ſich Niemand eines Lächelns erwehren, aus dem aber ein lautes Gelächter wurde, als Mademoiſelle Marguerite, die von Allem, was Amor ſagte, kaum ein Wort verſtand, aus dem Lachen der Anderen aber merkte, daß irgend etwas ganz beſonders Witziges ge⸗ ſagt ſein müſſe, ſich zu Sophie wandte und ganz laut fragte: Qu'est-ce qu'il dit?“ Amor hatte Humor genug, in das Gelächter der Anderen mit einzuſtimmen; aber alſobald fuhr er mit noch größerem Ernſt als vorhin fort: Da kommt in allergrößter Eil' Der Jüngling denn zu mir Und fleht:„Mit deinem ſchärfſten Pfeil Triff's böſe Mädchen hier— Bei dieſen Worten legte Amor die Hand auf's Herz. Damit ſie wiſſe, wie es thut, Wenn Einer liebet treu und gut.“ Und ich ſodann:„Mein feiner Knab', Dein Flehen rühret mich, Den ſchärfſten Pfeil, den ich nur hab', Ich ſchieß' ihn ab für dich. Wen dieſer traf in's junge Herz, Der fühlt gar bald den Liebesſchmerz.“ Fr. Spielhagen's Werke. KI. 9 130 Durch Nacht zum Licht. Amor präſentirte einen Pfeil, den er bei den letzten Worten aus dem Köcher genommen hatte. An der Gummikugel vorn auf der Spitze war ein Zettel befeſtigt, auf dem etwas geſchrieben ſtand, was man aus der Entfernung nicht leſen konnte. Er zielte auf Mademoiſelle Marguerite und rief mit erhobener Stimme: Wenn das nicht gut vor Liebe iſt, Sagt mir's, wenn Ihr was Beſſ'res wißt. Der Pfeil flog vom Bogen, Mademoiſelle Marguerite in den Schooß. Amor aber wartete den Erfolg ſeiner Heldenthat nicht ab, ſondern wandte den mit Gänſeflügeln geſchmückten Rücken und eilte, von dem Gelächter der Geſellſchaft gefolgt, zur Thür hinaus. „Was ſteht auf dem Zettel, Marguerite?“ „Den Zettel müſſen Sie zeigen, Mademoiſelle!“ „Das verſteht ſich!“ So riefen Sophie, Franz und der Geheimrath, dem Bemper⸗ lein's dramatiſcher Scherz ausnehmend gefallen hatte, durcheinander. Aber Marguerite hatte kaum einen Blick auf den Zettel geworfen, als ihr ausdrucksvolles Geſicht von dunkler Röthe übergoſſen wurde. Sie riß in aller Eile das Papier ab und warf es in den Kamin; Sophie aber, die dies erwartet hatte, war ſofort mit dem Schüreiſen bei der Hand, ſchnellte den Zettel, ehe ihn die Flamme ergreifen konnte, geſchickt heraus, ergriff ihn und rief aufſpringend:„Ich hab's! ich hab's!“ Marguerite wollte ihr das Document entreißen, Sophie aber lief damit fort, Marguerite hinterher, während Franz und der Geheimrath ſich über die Anſtrengungen der kleinen Lacerte, an der ſchlanken Sophie, der ſie kaum bis an die Schulter reichte, hinaufzuſpringen, höchlichſt ergötzten. Bei ihrer Jagd kamen die jungen Damen in die Nähe der Thür, und da Bemperlein, der ſich unterdeſſen ſeiner himmliſchen Attribute entledigt hatte, gerade her⸗ eintrat, ſo ſtürzte ihm Marguerite, die ihren Lauf nicht ſo ſchnell hemmen konnte, direct in die Arme. „Seht Amor's heilige Macht!“ rief Sophie bei dieſem Anblick jubelnd.„Hier Marguerite, haben Sie Ihren Zettel wieder. Nach⸗ dem ich dieſen Erfolg geſehen, will ich gar nicht mehr wiſſen, was auf dem Recept geſtanden hat.“ 83 S Zweiter Band. 13¹ Bei dieſen Worten überreichte ſie mit einem tiefen Knix Mar⸗ guerite den Zettel, die ihn eiligſt im Buſen verbarg. „Sie haben Ihre Sache brav gemacht, Bemperchen,“ ſagte die übermüthige junge Dame ſodann;„ich muß Sie nothwendig auch umarmen.“ Damit nahm ſie den hocherröthenden Bemperlein ohne weiteres bei den Schultern und gab ihm einen herzlichen Kuß. „Ich rufe Sie zum Zeugen, Herr Geheimrath,“ rief Bemperlein, „daß die Damen ſich um mich reißen, ohne daß ich ihnen die ge⸗ ringſten Avancen mache, und daß, wenn Franz mich fordert, ich ihm keine Satisfaction zu geben brauche.“ Durch Ben perlein war ein anderer Geiſt in die Geſellſchaft ge⸗ kommen und Scherz und Lachen die Ordnung des Abends geworden. Die gute Laune des kleinen Kreiſes ſtieg in demſelben Maße, als das Niveau in der Bowle ſank. Nur Marguerite war ſtiller als vorher, indeſſen man hatte den Scherz weit genug getrieben und ließ die kleine Lacerte in Ruh; achtete auch nicht weiter darauf, wenn ſie den Platz am Kamin verließ und in dem großen Zimmer auf und ab gehend, ihren Gedanken nachhing; ja Franz, Sophie und der Geheimrath, die gerade in ein wichtiges Familiengeſpräch ge⸗ rathen waren, bemerkten nicht, daß Bemperlein geräuſchlos aufge⸗ ſtanden war, ſich Marguerite zugeſellte und mit ihr ein leiſes Ge⸗ ſpräch angeknüpft hatte, welches bald ſo intereſſant wurde, daß ſie nothwendig das tiefe Erkerfenſter aufſuchen mußten, wo ſie vor den Blicken der Geſellſchaft am Kamin durch die breiten Falten des ſchweren Vorhangs gänzlich verborgen waren. Leider aber war das Gewebe dieſes Vorhangs nicht dicht genug, auch die Schallwellen vollſtändig zu brechen und ſo geſchah es denn, daß nach Ablauf von ungefähr fünf Minuten die am Kamine durch ein Geräuſch erſchreckt wurden, das aus dem Erker kam und unmöglich durch etwas An⸗ deres hervorgebracht ſein konnte, als dadurch, daß die Lippen zweier Menſchen längere Zeit auf einander geruht und ſich plötzlich wieder getrennt hatten. Mit der Entſtehung dieſes höchſt eigenthümlichen Geräuſches hing es aber ſo zuſammen: 5 132 Durch Nacht zum Licht. Als das promenirende Paar— ganz zufüllig— in den dunklen Erker gerathen war, hatte Mademoiſelle Marguerite ſogleich wieder umkehren wollen, der löõwenkühne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone geſagt: „Haben Sie geleſen, was auf dem Zettel ſtand?“ Nun hatte Margverite es allerdings geleſen, aber ſie wäre keine kleine Lacerte geweſen, wenn ſie auf eine ſo directe Frage nicht mit: „Non Monsieur!“ hätte antworten ſollen. „Erlauben Sie denn, daß ich es Ihnen ſage?“ Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zit⸗ tern, ohne weder Ja noch Nein zu ſagen; Herr Anaſtaſius Bemper⸗ lein aber, der mit großem Scharfſinn das Zittern und das Schweigen zu ſeinen Gunſten auslegte, ſchlang ſeinen Arm um die feine Taille der kleinen Lacerte und flüſterte ihr in's Ohr:„Mademoiselle Mar- guerite Martin! je vous aime de tout mon coeur.“ Da das Zittern in Folge dieſer loyalen Erklärung nur noch zunahm, ohne daß von Seiten der Dame irgend ein Verſuch gemach wurde, ſich den Armen des Ritters zu entziehen, ſo ſagte dieſer noch leiſer und dringender: „Marguerite, antworten Sie mir: lieben Sie mich? Ja, oder nein?“ Da Marguerite auf dieſe kurze Frage mit einem kaum hör⸗ baren:„Oui!“ geantwortet hatte, ſo blieb einem in Liebesaffairen ſo ausnehmend bewanderten Manne, wie Herr Anaſtaſius Bemperlein, offenbar nichts Anderes übrig, als die Dame noch feſter in ſeine Arme zu ſchließen und ihr einen ſchallenden Kuß auf die nicht widerſtrebenden Lippen zu drücken. Und dieſer Kuß war eben jenes Geräuſch, das plötzlich an das Ohr derer am Kamin ſchlug. Sie ſahen ſich ſchweigend einander an. Der Geheimrath lächelte; Franz und Sophie aber, die ſich nicht 7 ſo gut beherrſchen konnten, brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. „Oh, mon Pien!“ rief die kleine Lacerte, erſchrocken aus des Ritters Armen ſchlüpfend. „Sei nur ruhig,“ erwiderte der Ritter;„Sie müſſen es ja doch erfahren.. — Zweiter Band. 133 „Sprach's, faßte die kleine Dame bei der Hand, ſchlug den Var⸗ hang zurück, trat wie der Edelknappe im Taucher„ſanft und keck“ auf die Freunde zu und ſagte: „Meine Freunde, ich habe das unausſprechliche Vergnügen, Ihnen Fräulein Marguerite Martin als meine liebe Braut vor⸗ zuſtellen.“ Da Bemperlein unter dem Siegel der Verſchwiegenheit Sophie in ſein Geheimniß eingeweiht, und dieſe es unter demſelben Siegel an Franz und den Vater weitergegeben hatte, ſo konnte, beſonders nach der Amorſcene und nun gar nach dem Kuß im Erker, durch dieſe Nachricht eigentlich Niemand ſo recht gründlich überraſcht werden. Indeſſen waren die Glückwünſche von Seiten der Freunde nicht weniger warm. Die Männer ſchüttelten ſich herzlich die Hände. Sophie küßte Marguerite mit einer bei ihr ſehr ungewöhnlichen Rührung, und es dauerte eine geraume Zeit, bis die hochgehenden Gefühlswogen ſich wieder zu einem klaren Spiegel ebneten. „Wir müſſen ein ſolches Ereigniß auch äußerlich durch eine ent⸗ ſprechende Feierlichkeit documentiren,“ ſagte der Geheimrath, griff nach der Klingel und hieß den eintretenden Diener, die letzte von den zwölf Flaſchen Johannisberger Cabinet bringen, die er einſt von einem Fürſten, deſſen durchlauchtigſte Perſon er durch ſeine Kunſt vom Tode errettet hatte, zum Geſchenk erhielt. Und als der edle Wein in den Gläſern funkelte, ſprach der Geheimrath: „Meine Lieben! In froher Stunde ſpricht ſich's gut von ver⸗ gangenem Leid, und ſo laßt denn auch mich das heiter ſchöne Bild des Augenblickes in einen dunklen Rahmen faſſen, aus dem ſeine glänzenden Farben noch um ſo viel heller ſtrahlen werden.— Ich habe in dieſen letzten Leidenstagen, wo ich, deſſen Pflicht und Amt es iſt, zu helfen, wo ich kann, ſelbſt ſo ganz hülflos auf dem Kranken⸗ bette lag, oft an ein Wort denken müſſen, ein klagendes, thränen⸗ reiches Wort, das die von Kriegsdienſten überbürdeten römiſchen Plebejer einſt ihren ſtolzen irdiſchen Göttern, den Patriciern, zuriefen: „Sine missione nascimur!“ zu deutſch, Ihr Mädchen:„Ohne Ur⸗ laub werden wir geboren.“ Ob unſere Kräfte in der endloſen Reihe der Kriege, die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und 134 Durch Nacht zum Licht. Frommen führt, aufgerieben werden, ob unſre Aecker brach liegen und unſre Weiber und Kinder ſterben und verderben— Euch küm⸗ mert's nicht. Zu den Waffen, zu den Waffen! tönt Euer Ruf Jahr aus, Jahr ein; und wir, wir müſſen frohnen Jahr aus, Jahr ein: „Sine missione nascimur.“ Der Geheimrath that einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe und fuhr mit bewegter Stimme fort: „Auch wir, ſo dachte ich weiter, auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts werden ohne Urlaub geboren. Die ungeheuren Auf⸗ gaben, die uns geſtellt ſind in der Wiſſenſchaft, in der Politik, auf jedem Gebiete menſchlicher Thätigkeit, nehmen von frühſter Jugend auf unſre Kräfte in eine erdrückende Frohnde. Zu den Waffen, zu den Waffen!— ſo ergeht auch an uns der ewige Ruf, ob unſre Waffen nun Feder oder Pinſel, Pflug oder Hammer, Cirkel oder Lanzette ſind. Und die Arbeit, die unerbittliche, gebieteriſche Arbeit, was fragt ſie nach dem Arbeiter? ob ſeine Schläfen im Fieber pochen, ob ſein Hirn bis zum Wahnſinn überreizt iſt, ob ſeine Glieder vor Ermattung zittern— ſie kümmert es nicht. Sie lohnt ihm mit Armuth, Krankheit und Noth und verlangt von ihm, dem Gemiß⸗ handelten, dem Geächteten vie Thaten eines Hercules. Ja, meine Freunde, auch wir ſind Proletarier im Frohndienſt der Arbeit, wie jene römiſchen Proletarier im Frohndienſt des Krieges und können mit ihnen klagen und ſagen: Sine missione nascimur! „Und dennoch, fragte ich mich: wie iſt es möglich, daß wir, Schwächlinge und Epigonen, wie wir ſind, Thaten vollbringen, neben denen ſich die des Hercules und andrer Herven wie die Spielereien von Pygmäen ausnehmen? daß unſre wegen ihrer Schlaffheit und Thatloſigkeit vielgeſcholtene Zeit trotz all dem und all dem ein kreißender Berg iſt, der nicht lächerliche Mäuſe, ſondern ſchnaubende Dampfroſſe, Rieſenwerke der Induſtrie, Triumphe der Erfindſamkeit aller Art ohne Unterlaß gebiert? Nur dadurch, meine Freunde, daß ſich das Verhältniß eines Zeitalters, wo der Kampf und die Arbeit der Menſchheit von einzelnen Heroen gethan wurde, während die große Maſſe als ein ſtumpfſinniges, thatenloſes Geſindel ſchreiend hinterzog, gerade umgekehrt hat. Heut zu Tage gilt der Einzelne, ————— Zweiter Band. 135 und wäre er noch ſo bedeutend, wenig; die ganze Kraft liegt in der Maſſe, die in dicht geſchloſſener Colonne, langſam aber unaufhaltſam auf der Bahn des Fortſchritts weiter drängt. Das iſt noch nicht Vielen klar geworden; ja Herrſcher, Fürſten und Fürſtenknechte, die eine dunkle Ahnung von der Sache haben, möchten in ihrem bru⸗ talen Egoismus und in ihrer frivolen Eitelkeit die alte Zeit wieder heraufführen, wo der Einzelne Alles und die Menge nichts war; aber es hilft ihnen wenig. Mit dem todesmuthigen Inſtinct der Wanderratte ausgerüſtet, marſchirt die Fortſchrittsarmee der Menſch⸗ heit in langer, unabſehbarer Linie heran, Schulter an Schulter, der Hintermann in den Fußſtapfen des Vordermanns, und wenn hier oder da eine Lücke entſteht, ſo ſchließt ſie ſich auch in demſelben Momente wieder. „Und dieſer Gedanke, meine Freunde, den ich mir ſo recht klar zu machen ſuchte, hatte etwas wunderbar Tröſtendes für mich. Ich dachte: was iſt daran gelegen, ob du heute oder morgen zuſammen⸗ brichſt; hinter dir marſchirt ein jüngerer, ſtärkerer Krieger, der ſofort über dich weg an deine Stelle treten und mit denſelben Waffen, die deiner ermattenden Hand entfielen, Größeres vollbringen wird, denn du.“ Bei dieſen Worten drückte der Geheimrath innig die Hand ſeines Schwiegerſohns; Sophie aber, die ſchon lange mit den Thränen ge⸗ kämpft hatte, warf ſich ſchluchzend in ihres Vaters Arme. „Nein, nein, mein Kind,“ ſagte dieſer, ihr das weiche Haar liebevoll ſtreichelnd:„Du mußt nicht weinen; ich wollte Dir und Euch Allen ja eben beweiſen, wie wir nicht weinen und klagen, ſon⸗ dern uns freuen müſſen, daß wir in den Andern und mit den An⸗ dern unüberwindlich und unſterblich ſind. Ja, es iſt ein ſchönes und wahres Wort, das ich noch heute in Freiligrath's Glaubensbekenntniß las:„Am Baum der Menſchheit drängt ſich Blüth' an Blüthe.“ Ich ſehe hier um mich herum Alles knospen und blühen, einen ganzen Menſchenfrühling im Kleinen. Wie lang' wird es dauern, und dieſe Knospen und Blüthen werden zu herrlichen Blumen und Früchten reifen. Ob ich's erlebe? ich wünſche es, ich hoffe es; aber ſelbſt wenn es nicht ſein ſollte, wenn es mir nicht vergönnt wäre, Eure Durch Nacht zum Licht. Kinder um meine Kniee ſpielen zu ſehen— nun denn, Ihr Lieben: Leid will Freud' und Freud' will Leid haben. Wo Blüthe ſich an Blüthe drängen foll, da muß das dürre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen werden, und wenn's geſchieden ſein muß, ſei's, wenn auch nicht fröhlich, doch muthig geſchieden.“ Während der Geheimrath ſprach, hatte man vor den Fenſtern auf der Straße ein dumpfes Geräuſch von Tritten und das ver⸗ worrene Gemurmel gedämpfter Stimmen gehört; dann war es wieder lautlos ſtill geworden, und als der Geheimrath das letzte Wort ſprach, da erſchallte in den prachtvollen Tönen eines gewaltigen Männerchors, leiſe wie Frühlingswehen, und doch mächtig wie Donnerſturm: Es iſt beſtimmt in Gottes Rath Daß man vom Liebſten, was man hat, Muß ſcheiden; Wiewohl doch nichts auf dieſer Welt Dem Herzen ach! ſo ſauer fällt, . Als Scheiden. Die im Zimmer ergriff es, wie wenn eine überirdiſche Stimme zu ihnen ſpräche. Sophie lehnte ſchluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Bruſt; in den Augen der Männer ſtanden die hellen Thränen; Marguerite, obgleich ſie kein Wort verſtand, war ſo ergriffen, daß ſie ihr Taſchentuch vor das Geſicht drückte und laut weinte. Dann erhoben ſich Alle und traten in den dunkeln Erker. Unter dem Fenſter auf der ſehr breiten Straße in einem weiten, von hellen Laternen bezeichneten Halbkreis ſtanden die Sänger— Männer des Handwerkervereins, den der Geheimrath vor Jahren geſtiftet hatte und deſſen Präſident Franz in den letzten Wochen geweſen war; weiterhin eine dunkle Menſchenmenge, Kopf an Kopf, Männer und Frauen, Bürger, Studenten, Proletarier— Alles bunt durcheinander, lautlos, regungslos, wie in einer Kirche. Und mächtiger flutheten die Toneswellen: „Nur mußt Du mich auch recht verſteh'n: Wenn Menſchen auseinandergeh'n, So ſagen ſie: Auf Wiederſehn! Auf Wiederſehn!“ Zweiter Band. 137 3 Die Töne waren verhallt; die Laternen wurden ausgelöſcht; ſtill, wie ſie gekommen waren, entfernte ſich die Menge. Wieder war es dunkel auf der Straße, aber in den Herzen der Menſchen, die da oben im Erker ſtanden und ſich innig umfangen hielten, war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen. Achtes Capitel. Die weiten Wälder von Berkow ſtehen entlaubt. Wo ſonſt durch grüne Dämmerung Vögel ſingend ſchlüpften und Käfer und Mückchen ſummend ſchwärmten, pfeift jetzt der kahle Herbſtwind durch kahle Aeſte und Zweige, und wo an den knorrigen Eichen das dürre Laub noch haftet, da flüſtert es nicht mehr lieblich, wie in der ſchönen Sommerzeit, ſondern raſchelt unheimlich und unwirſch. Nur die Tannen thun, als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu ſchaffen hätte; aber auch ihr Nadelhaar hat ſich dunkel gefärbt und ſie ſehen, da Alles um ſie her kahl iſt, ſchwärzer und ſchauriger aus, als je.. Auch in dem Garten hinter dem Schloſſe iſt der rauhe Herbſt durch die dichte Taxushecke, mit dem derſelbe von allen Seiten um⸗ geben iſt, hereingeſchnaubt, hat die Blumen von den Beeten gefegt und die langen Gänge voll dürrer, naſſer Blätter geweht. Auf der Terraſſe unter dem breitaſtigen Tannenbaum. dem Lieblingsplätzchen der Herrin, ſteht nur noch das runde Tiſchchen mit der Marmorplatte, weil ſein Fuß feſt in der Erde wurzelt; aber die grünen Bänke und Stühle ſind in's Gartenhaus getragen. . Auf dem Platz vor dem Hauſe, der durch ein Stacket von dem Wirthſchaftshof getrennt iſt, ſieht es melancholiſch aus. Die Laden nach dieſer Seite ſind faſt immer geſchloſſen, und werden nur von Zeit zu Zeit von innen durch eine alte runzlige Hand geöffnet, wo⸗ rauf dann wohl, wie eben jetzt zum Beiſpiel, das zu der Hand ge⸗ hörende alte runzlige Geſicht mit dem eisgrauen langen Schnurrbart 138 Durch Nacht zum Licht. auf ein paar Minuten herausſchaut, um zu beobachten, wie ein hoch mit Holz beladener Wagen von vier kräftigen Gäulen mit Mühe durch den tiefen Schlamm, der den Seiteneingang des Hofes zwiſchen den beiden Scheunen ſelbſt im Sommer zu einer bedenklichen Paſſage macht, geſchleppt wird. Der alte Mann zieht unwillig die buſchigen Augenbrauen zuſammen, wie der Knecht mit Hot! und Hü! und obligaten Peitſchenhieben die Kraft der Thiere auf's äußerſte antreibt. Er murmelt etwas von: infamer Schlingel! in den grauen Bart; erhebt aber ſeine tiefe Stimme nicht zu einigen kräftigen Flüchen, wie's ſonſt wohl ſeine Gewohnheit iſt; denn ſchließlich iſt doch nicht der Knecht ſchuld, ſondern der Pächter, der ſeit fünf Jahren nicht dahin zu bringen geweſen iſt, die böſe Stelle ausbeſſern zu laſſen. — Dieſer Pächter iſt überhaupt ein Gefäß des Zorns für den alten Mann. Einmal behandelt er ſein Vieh ſchlecht, ſodann iſt er ein Tyrann ſeiner Leute, drittens verſteht er(nach des alten Mannes Meinung) nichts von der Landwirthſchaft und ſchließlich hat er eine rothe Branntweinnaſe und iſt beſtändig heiſer, zwei Eigenſchaften, die in den Augen(und Ohren) des alten Mannes durchaus abſcheu⸗ lich ſind. Und zu dem Allen die entſetzliche Ausſicht, dieſen Men⸗ ſchen Zeit ſeines Lebens(denn er hat das Gut noch zwanzig Jahre in Pacht und ſo lange lebt der alte Mann nicht mehr) nicht aus den Augen zu bekommen; ihn, ſo zu ſagen, mit ſich herumſchleppen zu müſſen bis an's ſelige Ende, wie die vermaledeite Kugel, die dem Alten auf dem Schlachtfeld bei Waterloo in's Bein geſchoſſen wurde und drin ſitzen geblieben iſt bis auf dieſe Stunde; nein, ſchlimmer als die Kugel, denn die ſchmerzt doch nur im Frühjahr und im Herbſt und wenn's ſonſt mit dem Wetter nicht richtig iſt; aber dieſer Halunke von einem Pächter— der alte Mann verſenkt ſich in dies unerſchöpfliche und doch ſo unerquickliche Thema, die alten ſcharfen Augen dabei auf die bleichenden Gebeine eines Habichts heftend, den er vor vielen Jahren ſchoß, und zur Warnung aller Miſſethäter in den Lüften und auf der Erde an die Scheunenthür nagelte, bis die Stimme eines Knaben, der eben aus dem Garten getreten iſt und ſich auf dem Hof umgeſehen hat, zu ihm heraufſchallt, „Holla! Baumann!“. ——— ——— — Zweiter Band. 139 Beim Ton dieſer Stimme hellt ſich das Geſicht des alten Man⸗ nes auf, wie wenn ein Sonnenſchein über eine rauhe Gebirgslandſchaſt gleitet. Es iſt dieſelbe Stimme, zum mindeſten derſelbe Ton in der Stimme, der dem alten Mann nun ſchon ſeit einem Vierteljahrhun⸗ dert und darüber das Herz erwärmt hat. Er legt ſich mit den beiden Elbogen in das Fenſter und ſchaut herab in das ſchöne, zu ihm empor gewandte Geſicht des Knaben mit den hellbraunen freund⸗ lichen Augen. „Was giebt's, Junker?“ „Will Er nicht ein bischen mit mir ausreiten, Baumann?“ Der alte Mann wirft einen prüfenden Blick hinauf nach dem Himmel, an welchem trübe ſchwere Wolken ziehen, ſchaut dann wieder hinab und ſagt: „Es ſieht bedenklich aus, Junker. Ich vermeine, wir haben in einer halben Stunde einen tüchtigen Regen, oder auch Schnee, was noch vraiſemblabler iſt.“ „Ach, Baumann, Er hat auch immer was einzuwenden,“ ſagt der hübſche Junge ſchmollend;„der Pony ſteht ſich die Beine ſteif, und ich habe ſo große Luſt zu reiten.“ „Na, na!“ ſagte der alte Mann,„wir ſind ja erſt geſtern bis nach Cona geweſen.“ „Das iſt was Rechtes! die halbe Meile! Und der Doctor ſagt: ich ſoll alle Tage ausreiten.“ „Ja, wenn es der Doctor ſagt, ſo hilft es wohl nicht,“ erwidert Baumann, der nur nach einem triftigen Grund verlangt hat, um mit Ehren nachgeben zu können.„Ich will nur noch hier die Fenſter in dem Saal öffnen, dann komme ich hinab. Gehen Sie nur der⸗ weilen zur Frau Mama und ſagen Sie ihr Adieu!“ „Ja, aber mach' Er nur ſchnell.“ „Na, na!“ ſagt der alte Mann und ſein grauer Kopf verſchwin⸗ det vom Fenſter. Der Knabe eilt in das Haus zurück, aber ſeine Mutter iſt in dem„Gartenſaal“, wo ſie ſich gewöhnlich aufhält, nicht zu finden, auch nicht in der„rothen Stube“ nebenan, in die ſie ſich zurückzieht, wenn ſie ungeſtört ſein will. Der Knabe eilt aus dem Gartenſaal 140 Durch Nacht zum Licht. (deſſen Thür er natürlich weit aufläßt) in den Garten, den langen Gang zwiſchen den Taxuspyramiden hinab nach der Terraſſe. Da er die Mutter hier nicht findet und er's doch gar ſo ſehr eilig hat, ſo überlegt er, ob er ſich nicht mit dieſem Verſuch begnügen könne. Er ſteht einen Augenblick nachdenklich da, und ſchon will er den Rücken wenden, da fällt ihm ein, daß Baumann ihn ganz gewiß unterwegs fragen würde: Junker, haben Sie der Frau Mama Adieu geſagt? und daß er ſich dann ſchämen würde, wenn er, wie er doch nicht anders könnte, mit Nein antworten müßte; und er ſpringt mit einem Satz die Stufen, die zur Terraſſe führen, hinab und läuft tiefer in den Garten, dabei von Zeit zu Zeit Mama! rufend. „Hier!“ antwortet plötzlich eine Frauenſtimme ganz in der Nähe und raſch um ein dichtes Gebüſch biegend, das, im Schutz alter dickſtämmiger Linden, noch einen guten Theil ſeiner Blätter behalten hat, ſtürzt er beinahe ſeiner Mama in die Arme. „Was giebt's, mein Wildfang?“ ſagte Melitta, ihre Hände auf des Knaben Schultern legend. „Wir wollen ausreiten,“ ſagte der Knabe, der vor lauter Eile kaum Zeit zum Sprechen hat. „Aber der Himmel ſieht ſehr trübe aus.“ „O, Baumann ſagt— nein, das ſagt Baumann auch. Aber ich habe ſo große Luſt zum reiten. Bitte, bitte, liebe Mama!“ „Wenn es nicht ſchon ſo ſpät wäre,“ ſagte Melitta, nach ihrer Uhr ſehend,„möchte ich wohl mit.“ „Ach, bitte, liebe Mama, thu's ein ander Mal. Du mußt Dich erſt umziehen, und dann fängt es vielleicht vorher noch an zu ſchneien; und es wird gar nichts daraus.“ „Da könnteſt Du Recht haben,“ antwortet Melitta, unwillkürlich über den naiven Egoismus des Knaben lächelnd.„Dann mach', daß Du fortkommſt. Zieh Dir aber den Ueberrock an.“ Sie küßt den Knaben auf den rothen Mund und der Knabe ſpringt luſtig davon, um nach fünf Minuten mit dem alten Bau⸗ mann, der unterdeſſen Julius' Pony ſelbſt geſattelt hat— er über⸗ läßt das Satteln des Ponys ebenſo wie das von Melitta's Pferden Zweiter Band. 14¹ nie dem Stallknecht— aus dem Hauptthore in die kahlen Felder hineinzugaloppiren. Melitta wandelte, nachdem der Knabe davon geeilt war, wieder in den Gängen zwiſchen den langen künſtlich verſchnittenen Buchen⸗ hecken und den Taxuspyramiden auf und ab. Es waren dies die⸗ ſelben Gänge, in denen ſie an einem ſchönen Sommernachmittage, als die Sonne rothe Strahlen durch das grüne Laubdach auf die in üppigſter Blumenfülle prangenden Beete ſchoß, Arm in Arm mit Oswald gewandelt war. Wie hatte ſich ſeitdem die Scene verändert! Wo iſt der rothe Sonnenſchein hingeſchwunden? wohin das grüne Laub? und die bunten Blumen? Iſt dies dieſelbe Erde, deren weicher, balſamiſcher Odem war, wie ein Kuß des Geliebten? die⸗ ſelbe Erde, deren Gewand ſo hochzeitlich prangte? die beim funkeln⸗ den Licht unzähliger Sterne ſo bräutlich den hohen Himmel um⸗ armte?... Und ſie ſelbſt die junge Frau hat ſich kaum weniger verändert; aber bei ihr iſt nicht aus dem Sommer Winter geworden. Sie iſt verändert, aber wahrlich nicht zu ihrem Nachtheil. Wie ſie jetzt, an dem Ende des langen Ganges angekommen, umkehrt, und nun, während ſie den Gang wieder heraufkommt, dem bleichen Licht des Herbſtabends zugewendet iſt, kann man ſie deut⸗ licher ſehen, als vorhin. Wie anmuthig leicht kommt ſie daherge⸗ ſchritten! wie reizend ſchlank erſcheint der Wuchs, als ſie jetzt den ſeidenen Shawl feſter um die runden Schultern zieht und die Arme tiefer einwickelt! Wie ſchön rahmt das ſchwarze Flor-Tüchelchen, das ſie um den Kopf gebunden und unter dem Kinn zu ſammenge⸗ knüpft hat, das liebliche Oval des hübſchen Geſichtes ein! Und wie viel deutlicher iſt der Ausdruck unverwüſtlicher Herzensgüte, der dieſes hübſche Geſicht ſtets ſo anziehend machte, jetzt hervorgetreten! Und democh, wie viel ernſter blicken die braunen, weichen Augen! wie viel feſter iſt der allerliebſte Mund, deſſen rothe Lippen früher nur küſſen und lachen zu können ſchienen! Es iſt, als ob die ſchöne und edle Pſyche dieſer Frau ſich losgerungen habe von Allem, was ſie früher gefeſſelt hielt, und nun, frei von dem Nebel der Sinnlichkeit, mit ihrem Adel und ihrer Schönheit das ſüße, freundliche Angeſicht durchleuchte, wie das keuſche Licht des Mondes eine warme, milde Sommernacht. —— 142 Durch Nacht zum Licht. Woran denkt ſie, wie ſie jetzt langſam, die Augen auf den Bo⸗ den geheftet, den Gang herabkommt? Zuerſt wohl an ihren Sohn, daß er jetzt wieder ſo volle rothe Backen bekommt, und ſo munter und ſo kräftig wird, gerade wie Doctor Birkenhain vorhergeſagt hatte. Sie hat heute an Doctor Birkenhain geſchrieben, um ihm und ſich ſelbſt zu dem Eintreffen ſeiner Prophezeiung Glück zu wünſchen.— Dann, wie ſie jetzt an einer Niſche in der Buchenhecke vorüberkommt, wo eine kleine Bank, die den Augen des alten Baumann entgangen ſein muß, noch an dem Tiſchchen davor lehnt, bleibt ſie einen Augen⸗ blick ſtehen. Auf dieſer Bank hat ſie an Oswalds Seite an jenem Sommernachmittag geſeſſen, der für ſie und ihn ſo verhängnißvoll werden ſollte; und ſie hatten zwei weißen Schmetterlingen zugeſchaut, die ſich auf den weichen Flügeln über den Blumenwäldern der Beete wiegten und ſich haſchten und verfolgten und dann emporſtiegen in die blaue Luft, einen Augenblick ſich umarmend, dann ſich trennend, um hierhin und dorthin in die grüne Wildniß hineinzuflattern.„Ob dieſe Schmetterlinge ſich wohl je wiederſehen im Leben?“ hatte ſie gefragt, und Oswald hatte geantwortet:„Wohl möglich; aber ob, wenn ſie ſich wiederſehen, es mit derſelben Luſt geſchieht, das iſt eine andere Frage“ Sie hatte Oswald ſeit der Nacht, wo ſie das eiſte Mal nach Fichtenau reiſte, nicht wieder geſehen. Wenn ſie ihn jetzt wiederſähe? ſie bebte bei dem Gedanken zuſammen; denn ſie fühlte in dieſem Augenblick, daß ſie es wünſchte. Hatte ſie ihn doch ſo unend⸗ lich geliebt, war ſie doch mit ihm ſo unfäglich glücklich geweſen! Aber nein! Vernunft und Stolz gebieten ihr, den Treuloſen zu vergeſſen, der nur erobern, aber nicht das Eroberte erhalten konnte. Sie kreuzt die Arme noch feſter unter dem Buſen und ihr Ge⸗ ſicht blickt beinahe finſter, als ſie weiterſchreitet; aber bald erhellt es ſich wieder; und jetzt lacht ſie ſogar leiſe in ſich hinein. Was iſt es? Sie muß wieder an den Ausdruck von Oldenburgs Geſicht denken, als ſie neulich Abends, wo das Wetter ſo furchtbar war und er dennoch zur gewöhnlichen Zeit aufſtand, um nach Haus zu reiten, zu ihm ſagte: Willſt Du nicht lieber zur Nacht hier bleiben, Adalbert? und er ſie nun einen Moment ſcharf anſah und dann mit einer ge⸗ wiſſen Haſt und Verlegenheit die Einladung kurz zurückwies und ſich Zweiter Band. 143 empfahl. Oldenburg, deſſen Moralität man ſtets ſo arg verketzerte, der in dem Ruf ſtand, in ſeinem Leben unzählige liaisons dangereuses gehabt zu haben, ſo jungfräulich ſchüchtern, ſo zärtlich beſorgt für den guten Ruf einer Frau!— Warum behandelte er ſie ſo anders, als die Schaar der andern Weiber, an deren Lippen er ſich ſo bald ſatt geküßt?... Wird er heut' wohl kommen? Die Stunde, in welcher der Huf ſeines Almanſor auf dem Pflaſter des Hofes aufzuſchlagen pflegt, iſt ſchon vorüber. Die junge Frau blickt bedenklich zu den grauen Wolken hinauf, die immer tiefer und tiefer ziehen und aus denen jetzt einzelne Schneeflocken, die erſten in dieſem Jahr, lautlos herabſchweben, um auf der ſchwarzen Erde nach wenigen Augenblicken wieder zu zerfließen. Wenn Julius nur nicht zu weit reitet! aber er iſt ja in des alten Baumanns Hut, das könnte wohl das ängſtlichſte Gemüth von der Welt beruhigen. Vielleicht find ſie nach Cona ge⸗ ritten und kommen mit Oldenburg, der ſich zwiſchen ſeinen Büchern verſpätet hat, zurück.— Sie werden tüchtig durchgefroren ſein, wenn ſie kommen: und da iſt es wohl gut, wenn der Thee ſchon fertig auf dem Tiſch ſteht. Melitta ging ſchnell in das Haus zurück und beſtellte das Abend⸗ brod und die Lampe, denn es iſt beinahe dunkel geworden und ſie möchte gern noch etwas in Oldenburgs Tagebuch blättern. Er hatte ihr vor einiger Zeit daraus Reiſeſtizzen aus Aegypten vorgeleſeu und als er an dem Abend mit der Lectüre nicht fertig wurde, das Buch dagelaſſen und ſie gebeten, für ſich ſelbſt weiter zu blättern, und als ſie ihn lächelnd an die Gefahr erinnerte, ſein Tagebuch in den Händen einer Dame zu laſſen, erwidert: es ſtehe in dem Buche, ſo wenig wie in ſeinem Herzen etwas, das ſie nicht erfahren dürfe. Im Gegentheil! er wünſche, daß ſie Alles leſe, er wolle nicht beſſer und auch nicht anders ſcheinen, als er ſei.— Das war kühn geſprochen und— Melitta überzeugte ſich bald davon— auch kühn gehandelt. Denn es ſtehen gar eigenthümliche Dinge in dieſen, mit kecker Hand hingeworfenen Skizzen. Da weilt der Blick des Reiſenden auf den üppigen Reizen tanzender Ghawazie's. Da ſtehen halbnackte Nubie⸗ rinnen am Ufer, die in der glühenden Sonnenhitze das kreiſchende Rad der Sakkia drehen; da kauern auf dem Markt von Aſyut 144 Durch Nacht zum Licht.. ſchwarze Sklavinnen, die geſtern auf großen Nilbvoten aus Darfur gekommen waren. Aber bei allen dieſen Schilderungen nie ein Zug frivoler Sinnlichkeit! Er beſchreibt den Tanz dieſer Sonnenkinder mit der gehaltenen Ruhe eines Kritikers von Fach; beim Anblick der armen Frauen an den Waſſerrädern flucht er einer tyranniſchen Re⸗ gierung, die durch grauſame Steuern ſelbſt das ſchwache Weib zu frohnden zwingt; und auf dem Sklavenmarkte von Aſyut iſt ſein Herz tief betrübt, daß der Menſch, das Ebenbild Gottes, zum Thier, nein! unter das Thier herabſinken kann.„Jammer, Jammer,“ ruft er,„von keiner Menſchenſeele zu faſſen!— und das Jämmerlichſte dabei iſt, daß man bei dieſem Anblick menſchlicher Entwürdigung an ſich ſelbſt zu verzweifeln beginnt, denn man muß ſich doch, wenn man ehrlich ſein will, eingeſtehen, daß in der dunkelen Tiefe unſeres Herzens unter den feinen civiliſirten Gefühlen, die auf der Ober⸗ fläche glänzen, dieſelben ſcheußlichen Leidenſchaften ſchlummern, die ſich hier, wo ſie es unter einer glühenden Sonne dürfen, in grauen⸗ hafter Nacktheit ſchamlos proſtituiren.— Und ſo iſt überall der tiefe Ernſt erſichtlich, mit dem der Reiſende das Treiben der Menſchen veobachtet; die hohe Liebe, mit der er die Sache der Menſchheit zu der ſeinen macht, ſo daß man ſchlechterdings nicht weiß, wie dieſer Mann je in den Ruf eines phantaſtiſchen Sonderlings und frivolen Roués kommen konnte. Ja, es fehlt nicht an ſehr trockenen ſtatiſtiſchen Tabellen, volkswirthſchaftlichen Betrachtungen und anderen Zeichen eines nicht blos kühnen und tiefſinnigen, ſondern auch gelehrten und fleißigen Geiſtes. Und dazwiſchen ſtehen Verſe, beſonders häufig auf den erſten Seiten des Buches, die offenbar von einem viel früheren Datum, als die ägyptiſchen Skizzen ſind; zum wenigſten ſieht das Jemand, der, wie die Leſerin, mit dem Leben des Verfaſſers hin⸗ reichend vertraut iſt, um ſich der einzelnen Gelegenheiten zu erinnern,. welche zu dieſen, oder jenem Gedicht die Veranlaſſung waren. So erinnert ſie ſich noch ſehr wohl, daß der Baron, als ein Jüngling von etwa neunzehn Jahren, einſt mit einer jungen Dame — die damals ungefähr fünfzehn war— im Walde ſpazierte, nach⸗ dem ſie vorher an der Tafel ein Vielliebchen gegeſſen hatten, das der verlieren ſollte, welcher ohne dabei') pense zu ſagen, etwas Zweiter Band. 145 aus der Hand des Andern nähme. Sie aber hatte liſtig den reizend⸗ ſten Strauß gebunden und als der junge Mann den Strauß be⸗ wunderte, mit verſchämtem Lächeln geſagt: willſt Du ihn haben, Adalbert? und als er, vor Freude über die unerwartete Gunſt er⸗ röthend, ohne ein Wort zu ſagen, den Strauß mit zitternder Hand nahm, hatte ſie in die Hände geklatſcht und gerufen: j'y pense, j'y pense! wußte ich's doch, daß Du verlieren würdeſt!— Das war lange her und die Dinte, mit der das Gedicht geſchrieben war, bereits ein wenig gelb geworden. Das Gedicht aber lautete: Jy pense. Ich kenn' ein Mägdelein— Ny pense! Mit brauner Augen Schein— B Jy pense! In dunklen Locken weht ihr Haar, Ihr Lachen klingt ſo ſilberklar— Jy pense! Es war ein Sommertag— Ny pense! Im duft'gen Waldeshag— Ty pense! Ich nahm aus Deiner Hand den Strauß, Da lachteſt Du den Träumer aus: „Jy pense! j'y pense!“ Ach, ich vergaß das Wort: y pense! Nun tönt mir immerfort: Jy pense! Das Wort, es raubt mir Glück und Ruh', Sprich, liebes Mädchen, ſagſt auch Du: Ny pense! Nicht alle dieſe Gedichte ſind ſo ſonnig und hoffnungsfriſch wie dies; aber alle ſind an eine und dieſelbe Dame gerichtet. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 10 „ 146 Durch Nacht zum Licht. In der letzten Zeit waren die Gedichte ſeltener, ſie hatten philv⸗ ſophiſchen und politiſchen Reflerionen Platz gemacht. Nur auf einer der allerletzten Seiten ſtand mit kühnen Zügen, als habe die Seele des Schreibers, während er die Verſe ſchrieb, feurig geglüht in Liebe und Hoffnung: Ja, Du biſt mein! Ich hab' erweckt zum Leben Das ſchöne, kalte, blaſſe Götterbildniß, Du lebſt durch mich und ſo gehörſt Du mir! Und ich bin Dein! Mein Sehnen und mein Streben Wär' ohne Dich ein Irren in der Wildniß, Ich leb' durch Dich und ſo gehör' ich Dir! Die junge Frau lehnt ſich in ihren Stuhl zurück, läßt die Hände in den Schooß ſinken und ſtarrt lange Zeit, in tiefes Sinnen ver⸗ loren, vor ſich hin.— Stimmen dieſe letzten Verſe mit der Wahr⸗ heit?„Du lebſt durch mich und ſo gehörſt Du mir“... Ich ver⸗ danke ihm ja ſo unſäglich viel; er hat in meinen jungen Geiſt den goldnen Samen vielfacher Belehrung geſtreut, und wenn ich höhere Geſichtspunkte faſſen kann, wie andere Frauen; wenn ich mich für Kunſt und Wiſſenſchaft intereſſire; wenn ich ein Herz habe für die Armen und die Kranken— ſo iſt das ja Alles nur ſein Werk.— Und wer hat in allen Kämpfen meines Lebens treulich zu mir ge⸗ ſtanden, wo Niemand ſonſt ſich um mich kümmerte? er und immer wieder er! Und doch! wenn ich auch ſo durch ihn lebe, gehöre ich im denn nun wirklich dafür?.... Melitta ſtützt die Stirn in die Hand, wie um beſſer über ein Räthſel nachdenken zu können, deſſen Löſung doch nur das Herz und nimmermehr der Kopf weiß. So kommt ſie denn anch diesmal nicht damit zu Stande, und nur ſoviel iſt ihr klar, daß ihr Oldenburg nie ſo nahe geſtanden hat und nie ſo lieb geweſen iſt, wie jetzt.— Nun aber die andre Seite der Me⸗ daille:„Ich leb' durch Dich und ſo gehör' ich Dir.“ Freilich: er ſagt es, hat es mir hundertmal geſagt, wenn nicht durch Worte, ſo doch durch Thaten; aber— aber— iſt dieſe Liebe, die ſchon aus ſeinen früheſten Knabenjahren datirt, die er durch allen Wechſel ſeines wechſelvollen Lebens mit ſich herumgetragen haben will, nicht Zweiter Band. 147 eine Illuſion, wie ſie phantaſtiſchen Menſchen eigenthümlich iſt? eine der fixen Ideen, in welchen ſich ſehr eigenwillige Köpfe geſallen? Iſt dieſe Liebe nicht eine Don Quixoterie, in die ſich das, durch die fürchterliche Proſa des Alltagslebens beleidigte Gefühl eines von Natur großherzigen Menſchen flüchtet? und iſt nicht Alles gegen Eins zu wetten, daß dieſe Spiegelung nur aus der Entfernung ſo zauberiſch ſchimmert und winkt und in der Nähe in weſenloſen Dunſt zerfließt?.. Was kann ich ihm ſein? hat er nicht größere Zwecke zu ver⸗ folgen, als ein Weib glücklich zu machen? Kann ein ſo raſtloſer Geiſt ſich je in die engen Schranken des Familienlebens einſchließen? wird ihm, was er jetzt als ſein höchſtes Glück erſtrebt, nicht bald zur drückendſten Feſſel werden?. Melitta ſeufzt, wie ſie an dieſen Knotenpunkt in dem Gewebe gekommen. Sie hat mechaniſch das Buch wieder geöffnet und wie ſie darin blättert, ſtößt ſie auf eine Stelle, die ihr bis dahin ent⸗ gangen war: „Man ſagt, die Liebe ſei für die Männer bloß ein Lurus, für die Frau aber ein Bedürfniß; ein passer le temps für jene, eine Lebensaufgabe für dieſe. Aber wie oft iſt gerade das Umgekehrte der Fall! Wie oft iſt für die thatenloſe, müßige Frau(ich ſpreche hier von den wohlhabenden Klaſſen) die Liebe ein Lurusartikel neben vielen anderen, für den thatkräftigen, fleißigen Mann aber das reine, erquickende Element, aus dem er ſich immerfort neue Kraft und neuen Muth ſaugen muß! Für den Arbeiter(und das iſt am Ende jeder Mann, er mag Miniſterpräſident oder des Miniſterpräſidenten Schuſter ſein) iſt, wie Virgil es ſo ſchön ausdrückt: die Nacht der Preis des Tages. Und dazu kommt noch dies. Der Mann iſt für Zärtlichkeit viel dankbarer als die Frau. Eine Frau, beſonders wenn ſie ſchön iſt, wird von Jugend auf mit Aufmerkſamkeiten überhäuft; wohin ſie kommt, ſind hundert Hände bereit, ihr zu dienen; ſtets hat ſie einen Hof von Schmeichlern und Bewunderern um ſich her. Iſt es nicht natürlich, daß ihr, wie den übrigen Großen der Erde, der Kopf verdreht wird? daß ihr die Huldigung des Einzelnen nicht mehr ſo viel ſein kann? daß die Liebe in Folge des zu reichlichen An⸗ 10* 148 Durch Nacht zum Licht. gebots bei ihr ſinkt?— Und nun der Mann! Wenn er nicht aus⸗ nahmsweiſe ein Prinz iſt, wird im Leben ſtets ſo kurzer Proceß mit ihm gemacht! Auf der Schule, auf der Univerſität hat er wohl, wenn das Glück ihm günſtig iſt, ſogenannte Freunde, die ihm das Daſein einigermaßen verſchönern; aber kaum iſt er in das praktiſche Leben eingetreten, iſt auch die Freundesſchaar plötzlich und zwar für immer, zerſtiebt und er ſteht allein, muß allein allen Schmerz, alle Noth und— was beinahe ebenſo ſchlimm iſt, alle Freude tragen. Die Geſellſchaft erſchließt ſich ihm; aber wann? nachdem er Erfolge ge⸗ habt hat; und bis dahin? bis dahin iſt ein langer, ſtaubiger, ſchatten⸗ loſer, entſetzlicher Weg, der ihm den beſten Theil ſeiner Lebenskraft und Lebensfreude unwiederbringlich raubt. Hat er aber Erfolge ge⸗ habt, ſo wird er, wenn er vorher mit Geißeln gezüchtigt war, jetzt mit Skorpionen gezüchtigt. Selbſt ſeine Freunde werden jetzt ſeine Nebenbuhler; und er ſieht ſich, einzig auf ſich, auf ſeine Kraft, auf ſeinen Muth angewieſen, gegenüber einer Welt in Waffen, einer mit⸗ leidsloſen, neidiſchen, ſchadenfrohen, im beſten Falle gleichgiltigen Welt. Und o! der Seligkeit, wenn nun hier, in dieſem wüſten Ge⸗ dränge, eine warme, weiche Hand ſeine Hand treulich faßt und eine liebe Stimme zu ihm ſpricht: Sei ſtark! harre aus! wenn Alles Dich verläßt, ich will Dich nicht verlaſſen; wenn Andere Dir Deine Triumphe neiden, mich werden ſie ſelig machen, und wenn Dir Dein Werk mißlingt und ſie Dich verſpotten und verhöhnen, oder es Dir wohl gelungen iſt, ſie aber gleichgiltig und kalt daran vorübergehen— vann ſollſt Du Dein müdes Haupt an dieſe Bruſt lehnen, dann will ich Dir die fiebernden Schläfen mit meinen Küſſen kühlen, dann will ich Dir den köſtlichen Balſam guter, theilnehmender, tröſtender Worte träufeln in Dein armes zerriſſenes Herz!— O, dreimal glückſeliger Mann! jetzt laß die Welt ihr Aergſtes thun, Du zitterſt nicht, Du zagſt nicht! In Deines Weibes Liebe haſt Du den Punkt des Archimedes, auf den Dich ftützend, Du die Welt aus den Angeln hebſt.. Und ſo habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennen gelernt, der mit einer Liebe, die ſchlechterdings grenzenlos war, die mit dem ſtetigen Glanz des Nordſterns unerlöſchlich, un⸗ Zweiter Band. 149 wandelbar durch die Nacht ſeines Lebens brannte, an dem Weibe ſeiner Wahl hing; und ganz gewiß, wo wir in der Geſchichte einen Arnold Winkelried finden, der todesmuthig der Freiheit eine Gaſſe brach, der that es um der Freiheit willen? ja! um des Vaterlandes willen? ja! aber vor allem that er es für Weib und Kind, die ihm der Auszug und die Quinteſſenz von Welt und Leben waren.“ Melitta läßt das Buch in den Schooß ſinken, und ſchaut ſin⸗ nend vor ſich nieder; dann legt ſie es nieder auf den Tiſch, ſteht auf und holt aus einem Schrank ein Album, mit dem ſie ſich wieder an den Tiſch ſetzt. In dem Album ſind mit Bleiſtift, Kohle und Sepia hingeworfene Skizzen von Landſchaften, Köpfen u. ſ. w. Sie hat das Album ſeit dem Sommer nicht wieder in die Hand gehabt, und auch jetzt hat ſie es nicht vorgeſucht, um zu zeichnen oder zu malen. Sie ſucht darin, bis ſie an ein loſes Blatt kommt, auf dem das Profil eines Mannes mit kecken Strichen hingeworfen iſt. In der Ecke ſtehen die Lettern A. v. O. und das Datum: Juli 1844. Das Blatt hat ſich nicht von ſelbſt abgelöſt; es iſt augenſcheinlich herausgeriſſen. Wie man ſich doch nur in ſeiner Launenhaftigkeit ſo viel unnöthige Mühe machen kann! Nun muß das loſe Blatt ſorgſam auf ein anderes Blatt geklebt werden. So! jetzt nimmt es ſich wieder recht gut aus; aber o weh! da iſt das Datum und der Name fortgeſchnitten! Was iſt zu thun? Datum und Name muß jede der Skizzen haben. So nimmt denn die junge Frau eine Blei⸗ feder und ſchreibt: Adalbert von Oldenburg; den 22. November 1847; dann klappt ſie das Album zu, trägt es wieder in den Schrank und tritt an das Fenſter. Es iſt beinahe dunkel geworden und ſtatt der einzelnen Flocken von vorhin, fällt der Schnee jetzt ziemlich dicht herab, zerſchmilzt auch nicht mehr an der Erde, ſondern hat bereits eine dünne weiße Decke über den Raſenplatz gebreitet.— Melitta fängt an, ſich über das lange Ausbleiben ihres Julius ernſtlich zu bekümmern. Vielleicht iſt ihm doch ein Unglück zugeſtoßen, oder dem alten Mann. Sie macht ſich Vorwürfe, daß ſie den Jungen noch ſo ſpät hat fortreiten laſſen; ſie iſt dem Baumann bös, daß er nicht wenigſtens verſtändig geweſen iſt. Und auch Oldenburg kommt nicht. Wenn er hier wäre, Durch Nacht zum Licht. würde ſie ihn bitten, den Beiden entgegenzureiten. Wie gern würde er's thun. Sie geht voll Sorge in das Speiſezimmer, rechts neben dem Gartenſaal, von deſſen Fenſtern man eine kurze Strecke weit auf den Weg, der in den Wald über Grenwitz nach Cona führt, ſehen kann. Der Schnee fällt jetzt ſo dicht, daß man kaum noch den Waldrand hoher düſterer Tannen erblickt, obgleich er nur einige Hundert Schritte entfernt iſt. Sie öffnet das Fenſter und lehnt ſich, der Flocken nicht achtend, die auf ihr dunkles Haar wehen und auf ihrer Stirn zer⸗ fließen, weit hinaus.— War das nicht Hufſchlag?... da kommen ſie aus dem Walde, ein, zwei, drei dunkle Geſtalten: Oldenburg, der Alte und zwiſchen ihnen Julius; Almanſor und Brownlock im Trabe, der Pony in der Mitte, um nur mitkommen zu können, im vollen Lauf. Melitta weht mit dem Taſchentuch und ruft, und Julius antwortet mit ſeinem luſtigen Halloh! und ſchlägt den Pony mit der Gerte über den Hals, worauf der Pony unwillig den krauſen Kopf ſchüttelt und in eine ſo wüthende Carriere fällt, daß er ſeine lang⸗ beinigen Nebenbuhler ſchließlich doch noch um die Länge ſeiner eigenen ſtumpfen Naſe ſchlägt. 5 Die Reiter ſpringen aus den Sätteln. Julius läuft auf das Fenſter zu und ruft:„Ich war doch der Erſte, Mama!“ „Ja,“ ſagte Mama,„mach nur, daß Du herein kommſt, und ſag' Onkel Oldenburg, er ſolle ſich nicht ſo lange bei Almanſors Sattel aufhalten.“ Neuntes Capitel. Es war nach dem Thee. Julius war bereits zu Bett gegangen. Der alte Baumann hatte die Sachen abgeräumt und ſich dann mit einem wohlwollenden Blick auf ſeine Herrin und ihren Beſuch entfernt. Melitta und Oldenburg waren allein in der„rothen Stube.“ „Nun, ſag' mir einmal aufrichtig, Adalbert, weßhalb Du heute 151 Zweiter Band. ſo verſtimmt biſt,“ ſagte Melitta, die auf dem Sopha ſaß, während der Baron ſeiner Gewohnheit gemäß langſam im Zimmer auf- und abſchritt. „Ich bin nicht verſtimmt.“ „Nun denn, nachdenklich?“ „Das eher. Ich habe heute Nachmittag einen Brief von Birken⸗ hain gehabt.“ „Das trifft ſich ſeltſam; ich habe gerade heute Nachmittag an ihn geſchrieben.“ „Hatteſt Du in den letzten Tagen einen Brief von ihm?“ ſagte Oldenburg ſtehen bleibend und Melitta firirend. „Nein; weßhalb?“ „Hm!“ „Iſt das eine Antwort?“ „Gewiß und zwar eine ſehr vieldeutige.„Hm!“ bedeutet ſehr viel—“ „In dieſem Falle zum Beiſpiel?“ „Weißt Du, daß wir aller Wahrſcheinlichkeit nach, ohne eine Ahnung davon gehabt zu haben, mit Czika und Renobi und mit Oswald zu gleicher Zeit in Fichtenau geweſen ſind.“ Melitta wurde ſehr roth und wußte nicht ſogleich, was ſie er⸗ widern ſollte. Oldenburg ließ ihr aber auch keine Zeit zu einer Er⸗ widerung, ſondern nahm Birkenhains Brief aus der Taſche, ſetzte ſich an den Tiſch, Melitta gegenüber und ſagte: „Birkenhain ſchreibt nämlich, nachdem er mir auf meine Anfrage wegen Julius Auskunft ertheilt— Julius ſoll mindeſtens bis Neujahr mit allem Unterricht verſchont werden— Folgendes: „Sie haben ſich, Herr Baron, in Ihren Briefen ſo oft und ſo theilnehmend nach dem Profeſſor Berger erkundigt, deſſen Bekannt⸗ ſchaft Sie bei mir im Sommer gemacht hatten, daß es Sie intereſſi⸗ ren wird, von dieſem in der That außerordentlichen Manne einmal wieder zu hören. Sie erinnern ſich aus den Geſprächen, die Sie mit ihm geführt haben, daß ſein Wahnſinn zu der Kategorie der philoſophiſchen gehörte, und daß er ſeinen Fundamentalſatz, oder viel⸗ mehr ſeine fire Idee von der abſoluten Nichtigkeit alles Seins— 152 Durch Nacht zum Licht. dem großen Urnichts, wie er es nannte— mit der ganzen Gelehr⸗ ſamkeit und dem ganzen Scharfſinn, die ihm in ſo reichem Maße zu Gebote ſtanden, vertheidigte. Meine Hoffnung, den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit herſtellen zu können, bewies ſich leider ver⸗ geblich, und ich geſtehe, daß die Methode, welche ich bei ihm einſchlug, vielleicht nicht die richtige war. Ich wollte durch Clauſtration, Ent⸗ ziehung von Büchern u. ſ. w. ihm die Empfindung des Verlaſſenſeins, der Langweile wecken und damit zugleich die Complementsempfindun⸗ gen der Sehnſucht nach Geſellſchaft, nach Unterhaltung, mit andern Worten: die Luſt am Leben. Aber ich hatte den Fonds von innerm Leben, welche dem Kranken zu Gebote ſtand, bei weitem zu gering angeſchlagen. Er hätte Jahre lang von den Schätzen ſeines Geiſtes zehren können, und die einzige Folge meiner Bemühungen waren, daß er ſich ungeſtört tiefer und tiefer in ſein bodenloſes Urnichts verſenkte. Indeſſen hoffte ich doch noch immer auf eine günſtige Reaction, die meiner Meinung nach bei einem ſo urkräftigen Geiſte, wie Berger trotz alldem war, nicht ausbleiben konnte. In dieſer Zeit— es war genau an demſelben Tage, als Sie mit Frau von Berkow hier waren und ich vergaß damals nur bei der Eile, welche Sie hatten, mit Ihnen von dieſen Dingen, die mich höchlichſt intereſſirten, zu ſprechen, kam mir' ein Beſuch, welcher ſich bei mir für Berger angekündigt hatte, gerade recht. Es war dies ein junger Mann, Namens Doctor Stein,“— Oldenburg blickte nicht auf, als er an dieſe Stelle gekommen war— „von dem mir ein Grünwalder College, in deſſen Geſellſchaft er reiſte, geſchrieben hatte, daß er der Liebling und vertrauteſte Freund Bergers geweſen ſei. Ich verſprach mir von dieſem Beſuche die günſtigſten Reſultate, eine Hoffnung, die allerdings einigermaßen ab⸗ geſchwächt wurde, als ich die perſönliche Bekanntſchaft des Herrn Stein machte, eines auffallend ſchönen, vornehm ausſehenden Mannes, der aber, bei offenbar bedeutenden Gaben und tüchtiger Bildung, mit ſich und der Welt ſo zerfallen ſchien, wie wir das leider in unſerer that⸗ und haltloſen Zeit, die weder weiß, was ſie will, noch was ſie ſoll, nur zu häufig in höherem oder geringerem Grade bei den begabteſten Individuen finden. Freilich hätte ich bei reiflicherer Ueberlegung mir voraus ſagen können, daß Jemand, an den ſich Berger in der aller⸗ Zweiter Band. 153 letzten Zeit vor dem Ausbruche ſeines Wahnſinnes ſo innig attachirte, wohl ebenfalls ein Hypochonder ſein mußte. Aber, er war nun ein⸗ mal da und die Sache nicht mehr rückgängig zu machen; überdies hatte ich Herrn Stein, ehe ich ihn zu Berger ließ, ſehr beſtimmte Inſtructionen ſeines Verhaltens gegeben und erwartete nun mit großer Spannung das Reſultat dieſer Zuſammenkunft, bei der ich gefliſſent⸗ lich nicht zugegen war. Dieſes Reſultat war eigenthümlich genug. Als ich von der Unterredung mit Ihnen und Frau von Berkow nach Hauſe kam, begab ich mich ſogleich zu dem Kranken, der unterdeß mit ſeinem Beſuch auf meinen Wunſch einen Spaziergang in den Wald gemacht hatte. Mein erſter Blick überzeugte mich, daß etwas Beſonderes mit ihm vorgegangen ſein mußte. Er ging in heftiger Erregung auf und ab. So wie er mich ſah, blieb er vor mir ſtehen und ſagte:„Was halten Sie von einer Theorie, Doctor, die ſich praktiſch noch nicht erprobt hat?“—„Nicht viel!“ erwiderte ich,„wie kommen Sie aber darauf?“—„O, es iſt mir heute Abend ein Gedanke gekommen, der ſo nahe liegt, ſo nahe, daß ich nicht begreife, wie ich nicht ſchon früher darauf gekommen bin.“— Ich bat ihn, ſich näher zu erklären. „Ich kann es jetzt nicht,“ antwortete er,„aber ſobald ich dazu im Stande bin, ſoll es gewiß geſchehen.“— Ich mußte mich mit dieſem Verſprechen begnügen, denn es war vergebens, daß ich weiter in ihn drang. Ich hoffte von Herrn Stein mehr zu erfahren. Er war noch in derſelben Nacht abgereist,„dringender Geſchäfte halber,“ wie er mir in einem Briefchen, das von einer der nächſten Stationen datirt war, am folgenden Tage ſchrieb. Was zwiſchen ihm und Berger verhandelt war, blieb für mich Geheimniß; ich hörte nur von Andern, daß ſie am Abend in einer Fuhrmannskneipe geſehen waren, wo ſie mit Seiltänzern, die ſich zufällig im Orte aufhielten und durch eine ſchöne Zigeunerin mit einem noch ſchöneren Kinde,“— Oldenburgs Stimme zitterte etwas, als er dieſe Worte las—„die zur Geſell⸗ ſchaft gehörten, eben ſo viel Furore machten, als durch ihre Kunſt⸗ ſtücke, an einem Tiſche geſeſſen und getrunken hatten. Berger war an den folgenden Tagen ſehr ſtill und in ſich gekehrt; ich ließ ihn ruhig gewähren, denn ich wollte in die Kriſe, die in ſeinem Zuſtand Durch Nacht zum Licht. offenbar eingetreten war, nicht ſtörend eingreifen. Er hatte von Anfang an Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann er wollte. Es fiel deshalb auch weder den Wärtern, noch dem Pförtner auf, daß er am Morgen des ſiebenten Tages— es war der Tag, an welchem Frau von B. abreiste— gegen acht Uhr Morgens die Anſtalt verließ. Aber diesmal ſtellte er ſich im Laufe des Tages nicht wieder ein, wie ſonſt ſtets, auch nicht zur Nacht, auch nicht am folgenden Tage. Er war und blieb verſchwunden. Meine Stimmung in Folge dieſes Ereigniſſes können Sie ſich leicht denken. Indeſſen war ich, trotzdem die Recherchen, die ſofort mit aller Energie und Umſicht angeſtellt wurden, kein Reſultat hatten, feſt überzeugt, daß Berger nicht gewaltſame Hand an ſich gelegt haben könne. Er hatte ſich zu oft und mit zu großem Nachdruck gegen dieſes Mittel,„den gordiſchen Knoten nur noch feſter zu ſchlin⸗ gen,“ wie er es nannte, ausgeſprochen. Ein Brief von ſeiner Hand, den ich kurze Zeit darauf mit dem Poſtſtempel einer kleinen nord⸗ deutſchen Stadt erhielt, bewies mir zu meiner nicht geringen Freude, daß ich mich nicht geirrt hatte. In dieſem Briefe bat mich der ſelt⸗ ſame Mann um Verzeihung, wenn er mir durch ſeine heimliche Ent⸗ fernung von Fichtenau unruhige Tage bereitet haben ſolle; aber er habe nicht gewußt, wie er den Gedanken, von dem er mir Rechen⸗ ſchaft zu geben verſprochen, anders hätte ausführen können. Die Expedition, auf der er ſich in dieſem Augenblick in Geſellſchaft ſehr guter Leute und ſchlechter Muſikanten befinde, ſei eben die Ausführung dieſes Gedankens, der Gedanke ſelbſt aber ſei der, daß er die Asceſe, die praktiſche Seite ſeiner Theorie von der Nichtigkeit des Seins, nicht zwiſchen den vier Wänden ſeines Zimmers, überhaupt nicht in der Einſamkeit, ſondern nur in der Menſchenwelt und zwar vorzugs⸗ weiſe in den tiefſten Schichten dieſer Welt, in die er jetzt hinabgeſtie⸗ gen ſei, zur Geltung bringen könne. Ich ſolle ihn, wenn ich irgend ein Intereſſe an ihm nähme, dabei nicht ſtören, und gewärtig ſein, vaß er mir ſeiner Zeit die Reſultate ſeiner Expedition, die ſehr günſtig zu werden verſprächen, mittheilen würde.“ Oldenburg faltete Birkenhains Brief, nachdem er ihn ſo weit geleſen, wieder zuſammen und blickte zu Melitta hinüber. Zweiter Band. 155 „Wie iſt es, Melitta,“ ſagte er,„Du biſt doch mehrere Tage in Fichtenau geweſen; haſt Du von dieſer ſchönen Zigeunerin und ihrem Kinde, von denen mir eine Ahnung ſagt, daß es Kenobi und Czika geweſen ſind, auch etwas gehört?“ „Noch mehr,“ erwiderte Melitta;„es waren Fenobi und Czika und ich habe ſie geſehen und geſprochen.“ Oldenburg ſtützte den Kopf in die Hand.„Alſo doch!“ murmelte er,„und Du— warum haſt Du mir nichts geſagt?“ „Weil ich Deinen Kummer um die Verlorne zu erneuern fürcht“ weil ich— höre mich an, Adalbert, ich will Dir ſagen; ich hä Dir längſt ſchon geſagt, wenn ich dazu den Muth gehabt hätte.“— Und ſie erzählte Oldenburg ihr Zuſammentreffen mit der braunen Gräfin im Walde von Fichtenau, wie ſie ſich bemüht, die Zigeunerin zu bereden mit ihr zu kommen, welchen Schmerz es ihr bereitet, als all ihr Bitten, all ihr Zureden nichts fruchteten; und ſchließlich, wie ſie Lenobi das Verſprechen abgenommen habe, ihr das Kind zu bringen, wenn ſie einmal anderen Sinnes werden ſollte, und daß ſie(Melitta) der feſten Ueberzeugung lebe, es werde dies früher oder ſpäter geſchehen. Während die junge Frau ſo ſprach, liefen ihr die Thränen über die Wange und ihre Stimme zitterte vor innerlichſter Erregung. Oldenburg ſtand auf und küßte ihr ſchweigend die Hand; dann ging er mit ſtarken Schritten in dem Gemach auf und ab, während Melitta weiter erzählte, wie ſie, kurz vorher, ehe ſie die Zigeunerin getroffen, den Wagen der Seiltänzer überholt habe, und daß ſie ſich auch erinnere, einen Mann in blauer Blouſe, den ſie damals für einen Landmann gehalten, in dem ſie jetzt aber den Profeſſor Berger wieder erkenne, unter den Seiltänzern geſehen zu haben.„Es iſt kein Zweifel,“ fuhr ſie fort,„daß die guten Leute und ſchlechten Muſikanten, von denen Berger in ſeinem Briefe an Birkenhain ſpricht, Niemand anders ſind, als eben dieſe Seiltänzer, denen er ſich ange⸗ ſchloſſen und mit denen er, wie aus dem Briefe hervorgeht, nach Norddeutſchland, vielleicht ſogar in unſere Nähe gewandert iſt. Wenn Birkenhain den Ort genannt hätte, möchte ich Dir rathen, ſofort dahin zu reiſen und Alles zu verſuchen, enobi mit Dir zurückzubringen; ſo aber würdeſt Du Dich nur wieder auf eine Irrfahrt begeben, von 156 Durch Nacht zum Licht. der Du um eine ſchöne Hoffnung ärmer, verſtimmt und krank heim⸗ kehren würdeſt. Ich rathe Dir deshalb: ſchreibe an Birkenhain und warte, ehe Du etwas unternimmſt, ſeine Antwort ab. Freilich kann und will ich Dir nicht verhehlen, daß ich es, Alles in Allem für beſſer halte, Du überläſſeſt die Entwicklung dieſes wunderbaren Ver⸗ hältniſſes vertrauensvoll der Zukunft. Tenobi hat tauſend Mittel und Wege, Dir zu entſchlüpfen, wenn ſie will; ihr Entſchluß, zu uns zurückzukehren, oder uns Czika zu überlaſſen, muß das Werk ihres freien Willens ſein.“ „Wenn Du meinſt, daß Abwarten in dieſem Falle das Beſte iſt, weshalb räthſt Du mir denn, das Gegentheil zu thun?“ „Weil ich fürchte, daß Dir es unmöglich ſein wird, ruhig ſtill zu ſitzen, nachdem Du die Spur der Verlornen wieder aufgefunden haſt; weil ich weiß, daß Du Dich ſchmerzlich nach Deinem Kinde ſehnſt, weil ich fühle, daß die Reſignation, zu der Du Dich jetzt ver⸗ urtheilt haſt, unnatürlich iſt, und endlich—“ „Endlich?“ „Weil, wenn ich Dir zurede, nichts zu thun, um Czika wieder zu gewinnen, es den Anſchein haben möchte, als wünſchte ich Dir ein ſolches Glück nicht, und ich möchte um Alles nicht, daß auch nur der leiſeſte Verdacht einer ſolchen Liebloſigkeit auf mir haftete.“ „Das Menſchenherz iſt ein wunderlich Ding,“ ſagte Oldenburg, nachdem er ſeine Zimmerpromenade eine Zeitlang ſchweigend fort⸗ geſetzt hatte;„kannſt Du es glauben, Melitta, daß ich jetzt beinahe möchte, Du zeigteſt Dich weniger bereit, mir mein Kind und das Weib, das es geboren, wiederzugeben?“ „Unmöglich, Adalbert!“ „Und es iſt doch ſo. Ich habe mir vorgenommen, ſtets gegen Dich ſo rückhaltslos wahr zu ſein, wie ich es gegen mich ſelbſt bin, mich wenigſtens zu ſein bemühe, und da kann ich Dir auch dies nicht verſchweigen. Früher, als Du mir unerreichbar fern ſchienſt, wie die himmliſchen Sterne, ſehnte ich mich wohl nach anderen warmen Menſchenherzen, an ihnen zu erwarmen, an ihrem Schlage zu fühlen, daß es um mich her nicht todt ſei, wie in mir; oder ich ſtürzte mich in tolle Exceſſe und halsbrechende Abenteuer, um doch wenigſtens ſo Zweiter Band. zu irgend einem Gefühl des Daſeins zu kommen. Jetzt iſt das mit einem Schlage anders geworden. Seitdem mir der leiſeſte Hoffnungs⸗ ſchimmer, Du könnteſt doch noch dereinſt mein Weib werden, auf⸗ gegangen iſt, ſteht die Welt in ewiger Jugendſchöne wieder vor mir da; aber nun möchte ich auch die Quelle, aus der ich mir dieſe Ver⸗ jüngung getrunken habe, von aller Beimiſchung rein und ungetrübt erhalten. Wie Du mir Alles biſt, ſo möchte ich, daß ich Dir Alles wäre; daß Du kein anderes Verlangen hätteſt, als geliebt und immer mehr geliebt zu werden, wie ich kein anderes Verlangen habe, als Dich zu lieben und immer mehr zu lieben. Was kümmert uns die andere Welt? ſie iſt für mich verſunken und vergeſſen!“ Melitta hatte geſenkten Hauptes dieſen Sturm von Leidenſchaft über ſich hinrauſchen laſſen. Als Oldenburg ſchwieg, griff ſie nach dem Tagebuche, das aufgeſchlagen vor ihr auf dem Tiſche lag, wandte ein paar Blätter um und las: „Der Mann ſtrebt ſeiner Natur nach in's Allgemeine und Grenzenloſe; bei der Frau, wie ſie denn überhaupt der Natur näher ſteht, iſt der charakteriſtiſche Zug aller Creatur, die Eigenliebe, viel ſchärfer ausgeprägt. Der Mann repräſentirt die Centrifugal⸗, die Frau die Centripetalkraft der moraliſchen Welt. Ginge es blos nach jenen, ſo würde die Welt bald ein einziges großes Wolkenkuckusheim ſein, ginge es nur nach dieſen, ſo erhöben wir uns niemals über die Spitzen der Halme, welche über dem Lerchenneſt in der Ackerfurche nicken. Das Mittel, die beiden entgegengeſetzten Pole zu binden, iſt die Liebe. In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann, daß er nicht blos Bürger im Reiche der Geiſter iſt; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau, daß es noch höhere Intereſſen giebt, als die des häuslichen Herdes. Sie müſſen ſich alſo gegen⸗ ſeitig ergänzen; ſie muß ihn daran erinnern, daß die Menſchheit aus Menſchen beſteht; er ſie die großen Worte der Neuzeit: Freiheit, Brüderlichkeit, an denen unſere begabteſten Frauen erſt buchſtabiren, fließend leſen lehren.“ Melitta klappte das Buch zu und blickte zu Oldenburg hinauf, der, die Arme über die Bruſt gekreuzt, in einiger Entfernung von ihr ſtand. ——— gn. 158 Durch Nacht zum Licht. „Du hatteſt Recht,“ ſagte er,„mich nicht zum Apoſtaten meiner eigenen Ueberzeugungen werden zu laſſen: und nur das Eine möchte ich wiſſen, ob Dein Bekehrungseifer ganz lauter iſt, ob die Prieſterin nicht blos deshalb den Sünder ſo eifrig an die Gottheit weiſt, weil ihr die verlangenden Blicke, die er auf ſie ſelbſt richtet, läſtig werden.“ „Oldenburg!“ „Ja, Melitta, es muß heraus, es hckt mir ſonſt das Herz ab. Du weißt, wie unfäglich, wie grenzenlos ich Dich liebe. Der Wunſch, Dich zu beſitzen, iſt allmächtig in mir; ich habe ihn ſo lange genährt, daß mein ganzes Weſen ihm zugeſtrömt iſt, ſich in ihm concentrirt hat. Ohne Dich bin ich nichts: mit Dir wage ich es gegen eine Welt in Waffen. Ich weiß es wohl, daß man das Gute um des Guten willen thun muß, und daß, wer einen Lohn begehrt, ſeinen Lohn dahin hat; aber ich bin kein Heiliger, ich bin ein Menſch mit menſchlichen Schwächen und Leidenſchaften, die ihm, wie ein wildes Meer, über dem Kopf zuſammenſchlagen, wenn nicht die liebe, geliebte Hand rettend ſeine ausgeſtreckte Hand ergreift. Melitta, ſag', daß Du die Meine ſein willſt, und meine Thaten ſollen nicht geringer ſein, als meine Worte.“ Oldenburg war auf demſelben Platze, in verſelben Stellung ſtehen geblieben. Wie in ſeiner Haltung, ſo lag in dem Ton ſeiner Stimme mehr Trotz als Bitte. Dieſer Mann würde vor einem Dutzend auf ihn angeſchlagener Flintenläufe nicht niederknieen, oder ſich die Augen verbinden laſſen. Melitta fühlte das wohl; aber ſein Stolz beleidigte ſie diesmal nicht, wie es doch ſchon ſo oft der Fall geweſen war. Sie antwortete in einem beinahe demüthigen Tone: „Laß uns nicht übereilt handeln, Adalbert! Wie lieb Du mir biſt, das weißt Du und das muß Dir vorläufig genug ſein. Sieh', Adalbert, dieſer Brief kommt gerade recht, uns an unſere Pflichten zu erinnern. Du mußt Dein Kind wieder haben; ich würde keine Stunde meines Lebens wieder froh werden, müßte ich wirklich fürch⸗ ten: die Liebe zu mir hätte in Deinem edlen Herzen das heiligſte Gefühl erfickt. Und Adalbert, bedenke auch dies! Ich glaube es gern: Du liebſt das arme Weib nicht mehr, die einſt die Leidenſchaft ———— Zweiter Band. 159 des Jünglings entflammt hat; aber ſie iſt die Mutter Deines Kindes! Was willſt Du zu Deiner Czika fagen, wenn ſie Dich dereinſt fragt, warum denn eine Andere, als das arme Weib, welches ſie Mutter nennt, die Gattin ihres Vaters iſt?“ „Wo haſt Du Oswald Stein, ſeitdem Du ihn in Fichtenau ge⸗ ſprochen, zum letzten Mal getroffen?“ Oldenburg ſprach dieſe wenigen Worte langſam und mit ſchnei⸗ dender Schärfe. Melitta wurde durkelroth. Ein Funke von der böſen Leidenſchaft des verletzten Stolzes, die in Oldenburgs Herzen wüthete, ſprang auch herüber in ihr Herz und entflammte den Geiſt des Widerſpruchs, der Beiden ſchon ſo oft verderblich geweſen war. „Wer ſagt Dir, daß ich ihn überhaupt in Fichtenau geſehen habe?“ „Ich dachte es mir nur. Vielleicht, daß Du mir dieſe Begeg⸗ nung verſchwiegen haſt, wie jene andere.“ „Und wenn ich ihn nun in Fichtenau geſehen hätte?“ „So wäre das gerade, was ich erwartet habe.“ „Und wenn ich ihn nun ſeitdem noch oft geſehen hätte?“ „So bewieſe mir das, daß mein Hierherkommen für mich ebenſo unſchicklich, wie für Dich unbequem iſt.“ Oldenburg ging quer durch das Zimmer und nahm von dem Tiſchchen vor dem Spiegel Reitpeitſche und Handſchuhe. Als er wieder vor Melitta vorüberkam, blieb er ſtehen und ſagte:„Gute Nacht, Melitta.“—„Gute Nacht,“ erwiderte die junge Frau, ohne die Augen aufzuſchlagen. Er wartete einen Augenblick und noch einen, ob ſie ihn anſehen, ob ſie noch nicht ein Wort ſagen werde, aber er wartete vergeblich. Kein Wort, kein Seufzer entrahg ſich ſeiner ge⸗ preßten Bruſt; er ging nach der Thür, öffnete ſie leiſe und ſchloß ſie eben ſo geräuſchlos wieder. Melitta fuhr in die Höhe. Sie eilte nach der Thür; aber anſtatt dieſelbe zu öffnen, lehnte ſie ſich nur mit hocherhobenen Armen daran und brach in leidenſchaftliches Weinen aus.„Ich wußte es ja, daß es ſo kommen würde,“ murmelte ſie.„Armer, armer Adalbert!“ Plötzlich ertönte Hufſchlag dicht vor dem Fenſter. Sie eilte von der Thür nach dem Fenſter und riß es auf, lehnte ſich weit 160 Durch Nacht zum Licht. und rief:„Adalbert, Adalbert!“ aber der Sturm, der ihr die eiſigen Schneeflocken in's Geſicht ſchlug, verwehte ihre Stimme und der ſchwarze Schatten von Roß und Reiter, der noch eben über die weiße Fläche durch die graue Nacht lautlos dahinglitt, war im nächſten Augenblick ſchon im Hofthor verſchwunden. Zehntes Capitel. Der Winter iſt während der Nacht über die Inſel gebrauſ't, und noch immer wirbelt der Schneeſtaub, den er bei ſeiner eiligen Fahrt vom Nordland her aufſtöberte, dicht herab auf Dächer und Bäume, auf Wieſen und Felder, und wend man eine Zeitlang in die graue Luft ſieht, aus der die weißen Flocken herabwehen, iſt einem, als ſtiege man mit mäßiger Geſchwindigkeit aufwärts— immer aufwärts in eine graue Unenvlichkeit. Oldenburg ſcheint ſich heute an dieſem melancholiſchen Schauſpiel nicht ſatt ſehen zu können. Er ſteht am Fenſter ſeiner Arbeitsſtube auf der Solitüde und ſchaut unverwandt auf das Meer hinaus, oder vielmehr in die ſchneeerfüllte Luft hinein, denn von dem Meer iſt heute wenig oder nichts zu ſehen. Er hat den Tag über viele Stun⸗ den ſo geſtanden und kaum einmal ſeinen Hermann beachtet, der mit ſorgenvoller Miene ab⸗ und zugeht, und mehrere große Koffer, die in dem Zimmer offen ſtehen, voll Kleider, Wäſche und Bücher packt. Auch des treuen Dieners treue Gattin Thusnelde, die behäbige dicke Haushälterin, hat ſich wiederholt in dem Zimmer zu ſchaffen gemacht und einmal ſogar gewagt, dem Herrn zu ſagen, daß das Eſſen fertig ſei, darauf aber keine andere Antwort erhalten, als:„es iſt gut, Alte!“ Seitdem ſind ſchon wieder mehrere Stunden verfloſſen. Der Baron hat gleich nach Tiſche wegfahren wollen; aber er hat noch immer nicht Befehl zum Anſpannen gegeben. Daß ſich das Wetter aufklären ſoll, hofft er wohl ſchwerlich, denn die Vorrathshäuſer des Schnees ſcheinen unerſchöpflich und überdies wäre es das erſte Mal, Zweiter Band. 161 daß er ſich von der Ausführung eines Entſchluſſes durch ſchlechtes Wetter hätte abhalten laſſen; auch war, wenn er noch vor Abend die Fähre erreichen wollte, Mittag die ſpäteſte Zeit der Abreiſe geweſen. Es wird ihm damit wohl ſo eilig nicht ſein; vielleicht kommt ihm der Schneeſturm gerade recht, um wenigſtens einen äußeren Grund zum Bleiben zu haben; vielleicht erwartet er auch noch eine wichtige Nach⸗ richt, denn er hat im Laufe des Tages wiederholt gefragt:„Iſt Niemand dageweſen?“ und dann jedesmal, wenn der alte Hermann, wie er wohl nicht anders konnte:„Nein, Herrs Baron!“ geantwortet hatte, ſich wieder zum Fenſter gewandt und mit den Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt. Jetzt iſt es auch nicht eben mehr wahrſcheinlich, daß noch Jemand kommen wird. Der ſchmutzig rothe Streifen tief am weſtlichen Hori⸗ zont verkündet, daß die Sonne, die den ganzen Tag unſichtbar ge⸗ weſen iſt, im Meere verſinkt. Ein Sturmwind, der gegen die Fenſter raſſelt und klagend und heulend um das Haus und durch die hohen Wipfel der Tannen fährt, zerreißt die Schneeluft und die unendliche graue Waſſerwüſte mit ihren ſchaumgekrönten Wellen breitet ſich vor den Blicken des einſamen Mannes am Fenſter aus in ſchauerlicher Erhabenheit. Er öffnet die Thür und tritt auf den Balkon; er lehnt ſich auf das Geländer, durch deſſen eiſerne Stäbe der Wind in ſchrillen Tönen pfeift. Er wirft keinen Blick auf die hohen Kreide⸗ Ufer, die ſich rechts und links weit und weiter ſtrecken in einem un⸗ geheuren Halbkreiſe, und die jetzt mit den ſtarren Wäldern, die ſie auf ihren ſchroffen Stirnen tragen, von der untergehenden Sonne für einen Augenblick blutroth angeſtrahlt ſind. Er ſchaut nur immer hinab, wo hundert Fuß unter ihm das wilde Meer zwiſchen den Fels⸗ blöcken des Ufers donnernd brandet. Der weiße Giſcht wirbelt, in den ſcharfen Ecken der ſteilen Wände von dem wilden Winde empor⸗ getrieben, manchmal bis hinauf zu ihm und netzt ihm mit eiskalten Tropfen Stirn und Haar und Bart. Aber er achtet es nicht. In ſeiner Seele ſieht es wilder und ſtürmiſcher aus als da draußen in der Natur. Es iſt ihm, als wäre er ganz allein in der verödeten Welt, als bräche eben für dieſe verödete Welt die ewige Nacht herein und als wäre er verdammt, weiter zu leben in dieſer ewigen Nacht. Fr. Spielhagen's Werke. Kl. E 162 Durch Nacht zum Licht. „Es iſt ganz recht, murmelte er,„warum warſt Du der Hans Narr, der ſich wieder ruhig an dem Seile führen ließ, von dem er doch nun mittlerweile wiſſen mußte, wohin es ihn führte! Und dochk ſie war ſo lieb, ſo gut in dieſer Zeit, wie ſie es nie geweſen! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengeſange verſtopfen, der mir nie ſo nah und ſo ſüß getönt hatte! Sirenengeſang— das iſt es eben! Was weiß ein Weib von der treuen Liebe, deren ein Männerherz fähig iſt! Caprice Alles, Alles eitel Tand und Spielerei! ein Paar blaue Augen, eine glatte Zunge und höfliche Manieren dazu— ſo muß das Püppchen ausſtaffirt ſein, wenn es den guten Kindern gefallen ſoll. Ob das Püppchen ein Herz in der Bruſt, Hirn im Schäödel hat, das kümmert ſie nicht. Im Gegentheil: das iſt ſo unbequem, ſo langweilig, das paßt ſo gar nicht in die Puppenſtube. Und ſo ſei es denn abgethan, das Narrenkleid für nun und immer! wie das Abendroth dort an den Felſen verbleicht, ſo will ich von meiner Seele wegwiſchen dieſe roſige Lüge, und rauh werden, wie das winterliche Meer, und wie mich Niemand liebt, ſo will ich Niemand lieben. Ich will durch das Leben ziehen, einſam, wie jener Schneevogel ſich dort durch die pfadloſe Luft ſchwingt, unbekümmert, wie er, ob irgendwo am Ufer unter überhangenden Felſen das ſchützende Neſt bereitet iſt.“ „Das werden Sie nicht; denn Sie ſind ein Menſch, und der Menſch iſt viel mehr, denn die Vögel unter dem Himmel.“ Oldenburg wandte ſich verwundert um nach dem, der in einem tiefen, feſten Ton dieſe Wort geſprochen, dicht hinter ihm ſtand der alte Baumann. „Ich komme,“ fuhr der alte Mann, Oldenburgs ängſtlich fragen⸗ den Blick beantwortend, fort,„im Auftrage der Frau von Berkow.“ Was iſt's?“ ſagte Oldenburg, dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen getreten war;„ſprechen Sie es aus! Frau von Berkow iſt ſehr krank— nicht wahr?“ „Nicht Frau von Berkow!“ erwiderte Berger,„eine andere Frau, die vor einer Stunde ſammt ihrem Kinde zu uns auf den Hof ge⸗ kommen iſt, und die Sie, Herr Baron, vor ihrem Ende, das vielleicht nahe bevorſteht, noch einmal zu ſehen wünſcht.“ 163 Zweiter Band. „Eine Frau— mit einem Kinde!“— wie ein Schleier fiel es dem Baron von den Augen. „Kommen Sie!“ ſagte er.— Vor der Thür der Solitüde ſtand Melitta's, mit zwei kräftigen Braunen beſpannter Schlitten. Die Männer ſtiegen ein, Oldenburg ließ ſich von dem Kutſcher hinten auf der Pritſche Zügel und Peitſche geben und fort ging es im Galopp durch die düſtern Tannen; aus den Tannen hinaus in das ebene, ſich nach Faſchwitz zu allmälig ſenkende Land, das jetzt eine weite, von dem grauen Horizont be⸗ grenzte Schneefläche war, von der die ſpärlichen, mit Schnee bedeckten Bäume und Hütten ſich kaum abhoben. Auch der Weg war ver⸗ ſchüttet und ſelbſt die Gleiſe, die der Schlitten vorhin gemacht hatte, ſchon wieder zugeweht. Man mußte mit der Gegend ſehr vertraut und überdies ein ſo kundiger Roſſelenker ſein, wie es Oldenburg war, um in dieſer Wildniß hügelauf, hügelab, zwiſchen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Hoſſ ſetlaß dahinjagen zu können. Kaum ein Wort wurde unterwegs geſprochen, nach einer halben Stunde hielt der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhauſe von Berkow. Sie gingen in das Haus. „Wollen der Herr Baron nur gefälligſt in den Gartenſaal treten,“ ſagte der alte Baumann. Er ging voran in den Gartenſaal, wo auf dem Tiſch eine Lamße und in dem Kamin ein verlöſchendes Feuer brannte. Der Alte ſchob die Lampe höher, fachte das Feuer wieder an, und verſchwand dann durch die Thür, welche in die rothe Stube führte. Oldenburg hatte ſich an den Kamin geſtellt, ſeine kalten Hände zu wärmen. Tauſend Gedanken auf einmal wirbelten durch ſein Hirn, er ſchritt ein paarmal durch das Gemach, dann ſtellte er ſich wieder an den Kamin. „Melitta hatte Recht,“ murmelte er.„Ehe dieſes Unrecht nicht geſühnt iſt, kann von Glück für mich nicht die Rede ſein. Und wie ſoll es geſühnt werden? Iſt es doch der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären. Es war der Schatten von heute, der geſtern ſchon auf unſere Seelen fiel. Wie ſtumpfſinnig war ich, Durch Nacht zum Licht. wie verblendet von Leidenſchaft, daß ich die Mahnung nicht verſtand! Ja, ſie hat ältere, geheiligte Rechte, und wehe mir, wenn ich dies Recht mit Füßen trete! es würde immer wieder aufſtehen und gegen mich zeugen. Aber es iſt entſetzlich, daß die Erinnyen uns bis in den Tempel verfolgen, wo wir uns reinigen wollten von aller Schuld, bis in das Heiligthum, das unſer ganzes Glück umſchließt.“ Das Rauſchen eines Gewandes hinter ihm ſchreckte ihn empor. Er wandte ſich um, und vor ihm ſtand Melitta, blaß und ernſt. die ſchönen, lieben Augen glänzend von der Spur friſch geweinter Tbränen. „Melit'a,“ ſagte Oldenburg, die Hände nach ihr ausſtreckend, kannſt Du mir verzeihen?“ „Ich habe Dir nichts zu verzeihen, Adalbert,“ erwiderte ſie, ihre Hände in die ſeinen legend,„laß uns geduldig tragen, was wir doch tragen müſſen.“ Sie ſahen ſich ein paar Momente ſchweigend in die Augen. „Es liegt noch Manches zwiſchen uns,“ ſagte Oldenburg traurig, „ich kann Dir nicht bis auf den Grund der Seele ſchauen.“ „Wir müſſen eben geduldig ſein,“ ſagte Melitta. Oldenburg ließ ihre Hände los. „Wie geht es ihr?“ „Sie iſt ſehr ſchwach; in einem Zuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen; aver ſie erkennt mich wohl und hat ſchon mehrmals nach Dir gefragt.“ „Iſt Czika bei ihr?“ „Ja.“ „Darf ich ſie ſehen?“ „Laß mich erſt einmal allein hineingehen. Ich komme alsbald zurück.“ Nach einigen Minuten, während deren Oldenburg mit unter⸗ geſchlagenen Armen, die Augen nicht vom Boden hebend, in dem Saale auf⸗ und abgegangen war, erſchien Melitta wieder in der Thür: „Komm!“ DOildenburg folgte ihr durch die rothe Stube, in ein halbdunkles Gemach, Melitta's Schlafgemach. Es war das erſte Mal in ſeinem 165 Zweiter Band. Leben, daß er es betrat, und während ſie ihn an der Hand hindurch führte, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, welch' verhängniß⸗ voller Augenblick ihm den Zutritt in dieſes Heiligthum verſchaffte. An der Thür auf der entgegengeſetzten Seite blieb Melitta ſtehen und flüſterte:„hier iſt ſie.“ Sie traten ein. Es war ein großes, äußerſt ſtattliches, in der Roccoccomanier überladen möblirtes Gemach, das zu den Fremden⸗ zimmern in der Fronte des Hauſes gehörte. Schwere gelbſeidene Vorhänge verhüllten die Fenſter; die Stühle und Sophas waren mit demſelben Stoff überzogen, der getäfelte Fußboden blinkte in dem Schein des Feuers, vas in dem Kamin brannte. Auf dem von Amoretten getragenen Sims des Kamins ſtand eine vergoldete Stutz⸗ uhr, die den von Genien und Schmetterlingen umflatterten Eingang einer Grotte darſtellte, aus deren Oeffnung, ſo oft die Stunde ſchlug, ein Senſenmann hervortrat. Gemälde im Geſchmack jener Zeit, mit gezierten Schäfern, Schäferinnen und Schafen in breiten Goldrahmen ſchmückten die Wände. Von der Stuckdecke hing ein mächtiger Kron⸗ leuchter von Glaskryſtallen, die bei dem wechſelnden Licht, das in dem Gemache herrſchte, in allen Farben des Regenbogens ſpielten. Und inmitten dieſer Pracht, in einem großen Himmelbette, deſſen ſeidene Vorhänge halb zurückgeſchlagen waren, ruhte auf ſchneeigem Kiſſen ein armes, todtkrankes Weib, das im fernen Ungarlande hinter einer Hecke das Licht der Sterne erblickt und Zeit ihres Lebens nur in Scheunen und Ställen und öfter noch auf öder Haide unter freiem Himmel, oder im wilden Walde unter hohen Buchenhallen die Nächte zugebracht hatte. Ihre großen, im Fieber erglänzenden Augen wanderten unruhig über all' die Herrlichkeiten, die ſie umgaben, hin und blieben dann immer wieder auf ihrem Kinde haften, als ſei dies der einzige Punkt, wo ihr geängſtigter Geiſt ſich wieder auf ſich ſelbſt beſinnen könnte. Czika ſtand vor dem Bett, gekleidet in die phantaſtiſch bunte Tracht, die ſie im Intereſſe der Kunſt auch außel „der Bühne“ zu tragen pflegte. Ihr ſchönes Geſichtchen war noch ernſter und ſorgenvoller, als ſonſt. Sie verwandte keinen Blick von der Mutter. Man ſah ihr an, daß ſie ein volles Verſtändniß der Lage hatte; daß ſie ſehr wohl wußte, daß es der Tod ſei, der ihrer 166 Durch Nacht zum Licht. Mutter braune Wangen ſo gelb und die rothen Lippen ſo bleich machte, und mit ſo großen kalten Schweißtropfen die ſchmerzlich ge⸗ furchte Stirn bethaute. An einem Tiſchchen in der Nähe des Bettes ſtand der alte Bau⸗ mann. Er war eifrig beſchäftigt, einen kühlenden Trank zu bereiten und er blickte von ſeiner Beſchäftigung kaum auf, als jetzt Melitta und Oldenburg geräuſchlos in das Zimmer traten. Aber das ſcharfe Ohr der Kranken hatte ſie wohl gehört. Ein ſchwaches Lächeln der Befriedigung flog über ihr verwüſtetes Geſicht. Sie winkte die Beiden mit den Augen zu ſich heran. Czika war, wie ſie an das Bett traten, zwiſchen ihnen zu ſtehen gekommen. Fenobi ſchien das mit Befriedigung zu ſehen. Das Lächeln wurde heller, dann verſchwand es wieder und mit ihrem ge⸗ brochenen Deutſch ſagte ſie: „Legt Eure Hände auf der Czika Kopf!“ OHldenburg und Melitta thaten es. Oldenburgs Hand zitterte, als er die weichen Locken des ſchönen jungen Hauptes berührte. „Und gebt mir die beiden andern Hände!“ Kenobi nahm die Hände und als ſie die Kette ſo geſchloſſen ſah, murmelte ſie etwas, das Jene nicht verſtanden und das ein Fluch oder Segen, oder Beides ſein mochte, denn der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts wechſelte bei jedem Wort. Dann ſagte ſie: „Schwört, daß Ihr die Czika nicht verlaſſen wollt.“ „Wir ſchwören es,“ antwortete Oldenburg, während Melitta, unfähig ein Wort hervorzubringen, nur die Lippen bewegte. Kenobi ließ ihre Hände los, um ihre eigenen Hände über der Bruſt zu kreuzen. „Nun laßt Xenobi allein,“ ſagte ſie mit ſehr leiſer Stimme,„nur Czika ſoll hier bleiben und der alte Mann.“ Oldenburg und Melitta blickten ſich und dann den Alten an, der jetzt mit dem Trank in der Hand an das Bett trat. Er nickte mit dem ehrwürdigen grauen Haupte, als wollte er ſagen:„Thut, was ſie verlangt!“ Oldenburg wagte nicht zu widerſprechen. Er nahm Melitta s — 167 Zweiter Band. Arm und führte ſie aus dem Zimmer. Die Uhr auf dem Kamin hakte zum Schlagen aus. Der Senſenmann drinnen machte ſich bereit, aus ſeiner Höhle hervorzutreten. Sie gingen in den Gartenſaal zurück. Keines ſprach ein Wort. Oldenburg warf ſich am Kamin in einen Lehnſeſſel und ſtarrte düſter in die verglimmenden Kohlen. Plötzlich fühlte er Melitta's Hand auf ſeiner Schulter: „Adalbert!“ Er ſchaute fragend zu ihr empor. „Nicht wahr, Du reiſeſt nicht fort?“ „Wenn Du es nicht wünſcheſt— nein!“ „Und Du willſt geduldig warten, bis— bis Du mir auf den Grund der Seele ſchauen kannſt?“ „Ja.“ „Gieb mir die Hand darauf.“ Oldenburg drückte ihre Hand gegen ſein Geſicht; ſie fühlte ſeine Thränen fließen. Sie beugte ſich herab und küßte ihn auf die Stirn. Dann ſetzte ſie ſich ihm gegenüber und verſank, wie er, in ſtilles Brüten 3 Das Klingeln eines Schlitens nnterbrach das Schntigen Es war Doctor Balthaſar. Oldenburg ſagte dem alten Herrn, während er ſich die Hände am Kaminfeuer wärmte, um was es ſich handle. „Hm! hm!“ ſagte Doctor Balthaſar;„weiß ſchon; Lungentuberkel — Reiſe bei dem Hundewetter— kommt nicht wieder auf— hm, hm— wo iſt ſie denn?— wollen mal nachſehen.“ Als die Drei ſich zu gehen wandten, that ſich die Thür des Saales auf und der alte Baumann trat, Czika an der Hand, herein. „Sie kommen zu ſpät!“ ſagte er zu Doctor Balthaſar. Melitta zog Czika unter lautem Weinen an ihr Herz. „Hm, hm!“ ſagte Doctor Balthaſar;„alte Geſchichte— immer gerufen, wenn nichts mehr zu thun iſt— hm, hm— wollen mal nacieben. 2 168 Durch Nacht zum Licht. Elftes Capitel. Zwei Männer aus dem Dorfe haben unter Aufſicht des alten Baumann in dem Park von Berkow auf einer Stelle an dem Rande des Buchenwaldes, von der man im Sommer eine gar liebliche Aus⸗ ſicht auf eine Raſenfläche hat, die ſich nach dem Garten und dem Schloſſe zu allmählich ſenkt, den tiefen Schnee weggeſchaufelt und in der ſchwarzen Erde ein tiefes Grab gehackt und gewühlt, und in dem tiefen Grabe ſchläft nun die Zigeunerin, todesmüde von ihrer ruhe⸗ loſen Wanderung durch dies bunte ruheloſe Leben, das ihr ſo wenig Glück gebracht hat, den tiefen, ewigen Schlaf. Als nach einigen Tagen das Wetter ſich aufgeklärt hat, die Vor⸗ rathshäuſer des Schnees vorläufig erſchöpft ſind und es möglich ge⸗ worden iſt, die Gänge im Garten und durch den Park bis zu der Stelle am Waldesrande frei zu machen, kann man oft Melitta mit ihrem Julius und der kleinen Czika den Weg nach dem Grabe der Zigeunerin einſchlagen ſehen, das jetzt mit einem Granitblocke be⸗ deckt iſt, auf deſſen einer glattpolirten Seite der Name Fenobi ſteht. Melitta führt das braune Kind faſt immer an der Hand und ſpricht mit ihm viel öfter, als mit ihrem Sohne, der aber auch einerſeits mit einer Art von ritterlicher Zärtlichkeit um das Kind bemüht iſt. „Wenn die Bahn erſt ein bischen beſſer iſt, dann will ich Dich im Schlittet fahren, Czika. O, ich habe einen wunderſchönen Schlitten; ich will ihn Dir zeigen, wenn wir wieder nach Hauſe kommen. Und wir wollen beide ganz allein fahren; der Pony kennt mich beſſer, als irgend Einen; ich brauche bloß mit der Zunge zu ſchnalzen, ſo geht er davon wie der Wind, und wenn ich ſage: Brrr, Pony! ſo ſteht er ſtill wie ein Lamm. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Czika ganz allein ſpazieren fahren?“ „Wenn Czika mit Dir fahren will, warum nicht.“ Czika's dunkles Geſichtchen hatte ſich bei Julius kühnen Worten — ———————— Zweiter Band. 169 ein wenig aufgehellt; aber alsbald zieht wieder eine Wolke über ihre Stirn. „Czika wollte, ſie hätte Hamet wieder,“ ſagt ſie, mit den braunen Gazellenaugen in die Ferne ſtarrend. „Wer iſt Hamet, Czika?“ fragte Julius. „Hamet? Hamet iſt Czika's Eſel.“ „Pah, ein Eſel!“ ruft der Knabe, die Oberlippe verächtlich krümmend; aber ein Blick der Mutter genügt, ihm eine fliegende Schamesröthe über das ganze Geſicht zu jagen. „Wo iſt Dein Eſel, Czika?“ fragt er mit freundlicher Theil⸗ nahme. „Hamet iſt todt. Mutter und ich haben ihn im Walde einge⸗ ſcharrt.“ „Ach, das iſt ja ſchade. Na, laß es gut ſein, Czika; ich will Dir einen andern kaufen. Weißt Du, Mama, der Förſter Griebenow in Faſchwitz hat einen großen Eſel, mit ſo langen Ohren, Czika! der Pony ſcheut immer, wenn wir ihm begegnen. Aber das ſchadet nichts. Er muß ſich d'ran gewöhnen, ſonſt giebt's was“— bei vieſen Wor⸗ ten ſchwingt Julius ſeine Gerte—„ich will's ihm ſchon austreiben. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Baumann hinüberreiten und Czika den Eſel kaufen. Griebenow hat ihn mir ſchon ein paarmal ange⸗ boten. Nicht wahr, Mama?“ „Gewiß,“ ſagte Melitta;„er ſoll auch Hamet heißen.“ „O, das wird ſchön,“ ruft Julius;„und dann reiten wir alle Drei ſpazieren. Du auf der Bella, ich auf dem Pony und Czika auf dem Hamet, und dann— aber, ich fürchte, Hamet wird nicht mit⸗ tommen können,“ unterbricht er ſich ſelbſt und macht dabei ein ſehr bedenkliches Geſicht. „So reiten wir langſam.“ „Ja, das iſt auch wahr. Wir wollen ganz langſam reiten, Czika; ich möchte um Alles nicht, daß Du herunterfielſt.“ So plaudert der Knabe und Melitta ſieht mit innigſter Freude, daß ſein Geplauder und munteres Weſen auf Czika nicht ohne Wir⸗ kung bleiben. Sie denkt der Zeit, wo die braune Gräfin zum erſten Mal nach Berkow kam und wie ſie ſchon damals, ehe ſie noch eine . —— — 170 Durch Nacht zum Licht. Ahnung davon hatte, daß dies Kind Oldenburgs Kind ſei, den Wunſch gehabt, es bei ſich zu behalten und mit ihrem Julius zu⸗ ſammen zu erziehen, und wie wunderbar ihr Wunſch nun doch endlich in Erfüllung gegangen iſt. Und dann ſchweifen ihre Gedanken in die Zukunft hinaus, ob wohl eine Zeit kommen wird, wo ſie von dieſen Kindern als von„unſern Kindern“ ſprechen darf; und als ſie jetzt an dem Granitblock angelangt ſind, und ſie einen Kranz von Im⸗ mortellen darauf gelegt hat, da ſchließt ſie die Beiden in ihre Arme, herzt und küßt ſie und ſagt:„meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.“.. Melitta beſchäftigt ſich den ganzen Tag mit Czika und wenn Julius das hübſche kleine Mädchen nicht ſelbſt ſo lieb hätte, ſo könnte er darob leicht eiferſüchtig werden. Czika ſchläft auch bei der Mama und die Mama bringt ſie alle Abend ſelbſt zu Bett— oder vielmehr auf ihr Lager, denn Czika's Bett beſteht vorläufig noch aus wollenen, auf der Erde ausgebreiteten Decken, da ſie mit ihrem gewöhnlichen, melancholiſchen Ernſt erklärt hat:„Czika ſtirbt, wenn ihr ſie in ein Bett legt.“ Die Kleine ſucht ihr Lager ſehr früh auf, meiſtens ſobald es draußen dunkel geworden iſt, ſo daß Oldenburg, der erſt immer um dieſe Zeit von Cona herüberkommt, ſie nicht mehr im Zimmer findet. Einigemal iſt er dann mit Melitta an das Lager getreten, aber er thut es jetzt nicht mehr, da das Kind einen ſo leiſen Schlaf hat, daß das leichteſte Geräuſch ſie erweckt. Er begnügt ſich deßhalb damit, von Melitta zu hören, daß es„ihrer Tochter“ wohl geht, daß ſie mit„ihren Kindern“ ſpazieren geweſen, oder ausgefahren iſt, daß „ihre“ Czika ſie heute zum erſten Male„Mutter“ genannt hat. „Ich fürchte, ſie wird mich niemals Vater nennen mögen,“ ſagt Oldenburg traurig. „Wir müſſen Geduld haben, Adalbert,“ erwidert Melitta. Herrmann hat die Koffer ſeines Herrn mit größerem Vergnügen wieder ausgepackt, als er ſie an jenem melancholiſchen Tage vollgepackt hatte. Oldenburg denkt nicht mehr daran, zu reiſen, ſeitdem Melitta ihn zu bleiben gebeten hat und das Haus von Berkow jetzt Alles umſchließt, woran ſein Herz hängt. Jeden Tag gegen Dunkelwerden klingelt ſein Schlitten auf den Hof von Berkow, und die junge Frau * 7 Zweiter Band. begrüßt oft noch auf der Hausſchwelle ihren täglichen Gaſt. Seit dem Abend, der ihm ſein Kind wiedergeſchenkt hat, iſt Oldenburg ruhiger und heitrer, als er es je geweſen. Er ſcheint ſih Melitta's Wort, daß ſie am beſten geduldig trügen, was ſie doch einmal tragen müßten, zu Herzen genommen zu haben. Er weiß recht gut, was die Geliebte damit hatte ſagen wollen; recht gut, warum ſie ihn noch immer nicht mit ihren lieben, ſchönen Augen klar in die Augen ſehen kann. Er beklagt es, daß es ſo iſt, aber er, der den Adel von Me⸗ litta's Seele beſſer keunt, als irgend Jemand, hätte ſich am meiſten gewundert, wenn es anders geweſen wäre. Melitta liebt den Mann nicht mehr, der ihr Herz in einer unbewachten Stunde im Sturm der Leidenſchaft erobert, aber die Wunde, die dieſer Liebe Luſt und Leid ihrem Herzen geſchlagen, blutet noch und auch hier muß die Zeit be⸗ wirken, was dem Raiſonnement nicht möglich iſt. Ohne Frage iſt die Situation, in welcher Oldenburg ſich Melitta gegenüber befindet, nicht ohne Einfluß auf ſeine ganze augenblickliche Denk⸗ und Empfin⸗ dungsweiſe. Die Geduld, die Klugheit, die Vorſicht, deren er bedarf, um das Fahrzeug ſeines Glücks endlich in den Hafen zu ſteuern, laſſen ihn auch die Weltverbeſſerungspläne, mit denen er ſich früher trug, als unausführbar, bei Seite legen. Dafür widmet er ſich mit allem Eifer der Verwaltung ſeiner Güter und verfolgt die Politik des Tages mit nimmer müdem Intereſſe. Er bedauert, daß er, als im Sommer der Landtag zuſammentrat, die Zeit, welche er dem Vater⸗ lande ſchuldete, an den Ufern des Nil verträumt hat. Neue Quellen des Volkswohles zu öffnen, ſcheint ihm jetzt wichtiger, als die des Nil zu entdecken. Er ſpürt in ſeiner ſtillen Solitüde den Sturm der Revolution, der aus dem fernen Nachbarlande heraufdroht, und der mit ſeinem erſten Stoß das Gewitter, das dumpf über dem engen Vaterlande brütet, entfeſſeln wird. Melitta nimmt Theil an ſeinen Hoffnungen, Befürchtungen, an ſeinen Wünſchen, ſeinen Plänen, ſelbſt an ſeiner Ungeduld, daß die Stunde, von der er fühlt, daß ſie kommen müſſe, bald kommen möge. Sie begreift es vollkommen, daß er nach Paris zu gehen wünſcht, um mit den alten Freunden, die er dort hat, die neu gewonnenen An⸗ ſichten auszutauſchen. Er weiß, daß ſie diesmal nicht ihn fort haben Durch Nacht zum Licht. will; er weiß, daß ſie nur an ihn denkt, und gerade deßhalb entſchließt er ſich zur Reiſe. Kurz vorher erfährt man von der jetzt etwas mittheilſameren Czika einen wunderlichen Umſtand. Das Kind fängt plötzlich, nach⸗ dem in ihrer Gegenwart Paris mehremale genannt iſt, an, von einem alten Manne zu ſprechen, der ſchon lange bei ihnen geweſen ſei, und zuletzt die Mutter und ſie hierher geleitet habe. Nicht weit vor dem Hofthore von Berkow ſei er erſt umgekehrt. Der Mann habe auch nach Paris gewollt. Man dringt weiter in das Kind, und kann nicht zweifeln, daß der alte Mann, von dem es ſpricht, Berger geweſen iſt. Warum er die ſo treu Begleiteten an der Schwelle des Hauſes faſt verlaſſen hat? wer kann es wiſſen? wer, was der ſonderbare Heilige in Paris will? vielleicht drängt es ihn, dort, wo es Noth thut, die Schulter mit an's Rad zu ſtämmen; vielleicht will er ſich auch nur überzeugen, daß der kreiſende Berg der Revolution abermals ein Nichts gebären wird. Dennoch berührt Oldenburg die Nachricht ſeltſam. Er hat Berger in Fichtenau kennen gelernt, als er während des Sommers Melitta dort beſuchte. Er hat damals mit dem ſcharfſinnigen, enthuſiaſtiſchen Manne manches philoſophiſche und politiſche Geſpräch geführt, in welchem das Wort Revolution häufig genug vorkam. „Der Moderdunſt der Feſtungscafematten und die Stickluft des Polizeiſtaates, welche ich mein Leben lang habe einathmen müſſen— das hat mich gemacht, was die Leute verrückt nennen“— hatte der Profeſſor einmal geſagt;„mir iſt manchmal, als ob nur ein Athem⸗ zug freier Luft im Vaterlande mir die Laſt wegheben würde, die hier ruht;“ und dabei hatte er mehrmals auf die Bruſt gedeutet. „Ein Athemzug freier Luft im Vaterlande!“ Oldenburg wieder⸗ holt ſich das Wort, während er ſeinen Koffer packt;„ja wohl! das wird uns Allen, Allen die Bruſt leichter machen.“ Zweiter Band. 173 Zwölftes Capitel. Die Baronin Grenwitz hatte mit der ihr eigenen Zähigkeit den Plan, ihre Tochter zur Fürſtin Waldernberg zu machen, feſt gehalten; ſie hatte keine Mühe, ja— was bei ihr mehr ſagen wollte, keine Koſten geſcheut, hatte es ſich viel erheuchelte Freundlichkeit und Liebe, viel glatte Worte und noch glattere Mienen koſten laſſen, um die Pflichten einer liebevollen Mutter gegen ihre Tochter zu erfüllen. Sie hatte das Terrain Schritt für Schritt erobert. Zuerſt hatte der einſt ſo hoch in Gunſt ſtehende und zuletzt ſo tief gefallene Felir das Feld räumen und die von den Aerzten verordnete Reiſe nach Nizza antreten müſſen. Felir war gern in die Verbannung gegangen. Er hatte in Grünwald nichts mehr zu gewinnen und höchſtens den letzten Hoffnungsſchimmer auf Geneſung zu verlieren. Seine Exiſtenz in Italien war ihm von ſeiner großmüthigen Tante, die recht gut wußte, daß er kaum noch ein paar Monate zu leben habe, auf mehrere Jahre hinaus zugeſichert worden. Er hatte alle ſeine Angelegenheiten geordnet, über alles aufrichtig mit ſeiner Tante geſprochen und nur über die eine fatale Geſchichte mit dem Menſchen, dem Timm nicht. Er ließ Anna Marie in dem guten Glauben, daß der freche junge Mann von ihm vollſtändig eingeſchüchtert und mit ein paar hundert Thalern abgefunden ſei, da er ſelbſt durchaus keine Luſt hatte, ſeiner Tante durch Anrühren dieſes wunden Punktes die ſo nothwendige gute Laune zu verderben. Brieflich, dachte Felir, arrangirt ſich ſo etwas am beſten und wenn ſie ſieht, daß das Ding nicht zu ändern iſt, wird ſie ſich ſchon darein finden. So reiſ'te er denn ab, begleitet von den aufrichtigen Glückwünſchen ſeines Oheims und benetzt von den Thränen ſeiner Tante. „Gott ſei Dank, daß er weg iſt,“ dachte die Baronin, während ſie, das Taſchentuch vor die Augen drückend, durch die Schaar der Dienſtboten nach ihrem Zimmer zurückſchritt;„jetzt unverzüglich Helene wieder her— das Andre findet ſich.“ — —— 6 3 174 Durch Nacht zum Licht. Noch an demſelben Tage machte ſie einen Beſuch in der Penſion und hatte zuvörderſt eine lange Unterredung mit Fräulein Bär. Die Baronin war heute ſehr weich. Sie hatte ſo eben einem lieben Ver⸗ wandten, deſſen Schickſal ihr unendlich am Herzen lag, vorausſichtlich auf lange Zeit, vielleicht— hier mußte das Taſchentuch requirirt werden— für immer Lebewohl geſagt. Ihr Herz war in Folge deſſen tief betrübt.„Ach, glauben Sie mir, mein liebes Fräulein,“ ſagte ſie,„es iſt hart, ſich von einem Jüngling, den man wie ſeinen eignen Sohn geliebt hat, in dieſer Weiſe trennen zu müſſen; ſehen zu müſſen, wie eine fröhliche, junge Kraft ſo grauſam gebrochen iſt und mit ihr alle die Hoffnungen geknickt ſind, die man für die Zukunft auf ſie geſetzt hatte. Und auch die arme Helene wird den Schlag ſchmerzlich empfinden. War doch, wenn mich nicht Alles trügt, eine reine Nei⸗ gung zwiſchen den beiden jungen Verwandten, die vom Himmel ſelbſt ſo ſichtbar für einander beſtimmt waren, emporgeblüht, eine Neigung, die ſich, wie das ja ſo häufig iſt, anfänglich hinter einer ſcheinbaren Averſion keuſch verbarg, daß ich ſelbſt eine Zeitlang getäuſcht wurde, und— ganz entre nous, liebes Fräulein— dem armen Kinde deß⸗ halb recht böſe war. Jetzt“— hier ſpielte das Taſchentuch wieder ſeine Rolle—„weiß ich es beſſer. Aber um ſo größer iſt mein Verlangen, das liebe Kind wieder bei mir zu haben. Würden Sie mir es ſehr übel nehmen, liebes Fräulein, wenn ich das Ihren gütigen, klugen Händen anvertraute theure Kleinod ſobald wieder ent⸗ führte?“ Die Bärin hatte einen zu klaren Verſtand, als daß ihr die Widerſprüche zwiſchen dem früheren und dem jetzigen Benehmen der Baronin entgangen wären. Sie nahm alſo das Vertrauen der gnädigen Frau mit Zurückhaltung entgegen und fragte blos, ob Helene gleich jetzt, oder erſt ſpäter in das elterliche Haus zurück⸗ kehren ſolle? „Ich denke, wir überlaſſen das dem lieben Kinde ſelbſt,“ er⸗ widerte Anna Marie, die noch immer eine mögliche Weigerung He⸗ lenen's fürchtete, ich weiß,„ſie iſt ſehr gern bei Ihnen und überdies möchte ich ſie nicht durchaus in ihren Studien, Liebhabereien oder Plänen derangiren. Helene iſt bereits von meinen Wünſchen unter⸗ Zweiter Band. 175 richtet. Im Augenblick wollte ich weiter nichts, als Sie, liebes Fräu⸗ lein, bitten, Ihren Einfluß auf das Kind zu meinen Gunſten, zu Gunſten einer armen, durch einen ſchweren Verluſt betrübten Frau geltend zu machen.“ Anna Marie hatte kaum die Penſion verlaſſen, als Fräulein Bär ſich zu Helene begab, ihr die eben ſtattgehabte Unterredung mit⸗ zutheilen. Sie hatte zu dieſem Zweck ihre goldene Brille abgenommen, die officiellen Falten von der Stirn gewiſcht und ſo viel Freundlich⸗ keit mitgebracht, als eine ernſte pedantiſche Bärin nur immer gegen ein junges, ſchönes, ihrer Meinung nach von ihrer Mutter ſchlecht behandeltes Mädchen zu empfinden vermag. „Laſſen Sie uns offen gegen einander ſein, liebe Helene,“ ſagte die Bärin, die ſchlanke weiße Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knöchernen Finger nehmend;„meine liebe Sophie, die mir übrigens heute geſchrieben hat und Sie beſtens grüßen läßt, hat mir gleich im Anfang unſerer Bekanntſchaft Andeutungen gemacht, welche das ſonſt unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter einigermaßen erklären. Sie brauchen nicht roth zu werden, liebes Kind. Es iſt dabei kein Wort geſprochen worden, das Ihnen irgendwie zur Un⸗ ehre gereichte; im Gegentheil, wir beide, Sophie und ich, haben Sie, die Sie in ſo frühen Jahren ſo Vieles zu erdulden hatten, nur innig bedauert. Wir ſahen in Ihrer Entfernung aus dem elterlichen Hauſe nur eine Art ron Verbannung, zu gleicher Zeit aber meinten wir, daß mein Haus unter dieſen Umſtänden Ihnen ein wünſchens⸗ werthes Aſyl gemähren könnte. Sollte dies wirklich der Fall ge⸗ weſen ſein, ſollten Sie vielleicht ſelbſt jetzt noch dieſes Aſyl be⸗ dürfen, ſe ſagen Sie es mir. Es iſt nicht meine Art, Zwietracht zu ſäen, noch dazu zwiſchen Mutter und Tochter, aber wie die Sachen einmal liegen, halte ich es für kein Unrecht, Partei zu er⸗ greifen.“ Die Bärin ſchwieg, Helene ſchien bewegter, als es wohl ſonſt ihre Art war, aber ihre Selbſtbeherrſchung verließ ſie doch auch jetzt nicht. Mit einem beinahe heitern Tone ſagte ſie: „Sie ſind ſehr gütig gegen mich, Fräulein Bär, gütiger als ich es verdiene; aber Ihre fürſorgliche Güte hat Ihnen, glaube ich, 176 Durch Nacht zum Licht. mein Verhältniß zur Mutter in einem allzu ungünſtigen Lichte ge⸗ zeigt; wir haben uns eine Zeit lang etwas ſchroff gegenüber geſtanden, doch das iſt Alles von meiner Mutter hoffentlich ſo vergeſſen, wie es von mir vergeſſen iſt. Sie wiſſen, wie gern ich in Ihrem Hauſe bin, wie wohl ich mich hier fühle; ſollte aber meine Mutter, wie es den Anſchein hat, wünſchen, daß ich zu ihr zurückkomme, ſo halte ich es für meine Pflicht, dieſem Wunſche zu gehorchen, ohne danach zu fragen, ob es mit meinen perſönlichen Neigungen übereinſtimmt oder nicht.“ Die Bärin war durch dieſe Antwort keineswegs angenehm über⸗ raſcht. Sie war dem jungen Mädchen mit offenem Herzen entgegen⸗ gekommen; ſie hatte ſich gewiſſermaßen, um Helene Vertrauen ein⸗ zuflößen, bloßgeſtellt, und nun anſtatt des Vertrauens, anſtatt der Offenheit Zurückhaltung und diplomatiſche Kälte! Die gute alte Dame fühlte ſich tief verletzt und verließ in dieſer Stimmung das Zimmer, nachdem ſie mit vielem Geſchick das Geſpräch auf gleich⸗ gültigere Dinge hinübergeſpielt hatte. Daß die Baronin das Herz ihrer Tochter, zum wenigſten nach einer Seite hin, kannte, hatte ſie heute durch ihr Benehmen be⸗ wieſen. Es ſchmeichelte Helenen's Stolz, daß die Mutter ſich mit ihrem Wunſche nicht einmal direct an ſie zu wenden wagte, ſondern ſich dabei hinter Fräulein Bär ſteckte. Ihr Entſchluß, in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren, war bereits an dem Abend gefaßt, als ſie den letzten Brief an Mary Burton ſchrieb. Indem ſie der Freundin die Triumphe ſchilderte, welche ſie in dem Salon ihrer Mutter gefeiert hatte, die Huldigungen aufzählte, die ihr von allen Seiten zu Theil geworden waren, hatte ſie ein Vergnügen empfunden, das, um es gerade heraus zu ſagen, nichts Anderes war, als das ſüße Gefühl der Befriedigung einer tief verletzten Eitelkeit. Helenen's Freundſchaft für Miß Mary Burton ſchloß, wie das in Mädchen⸗ freunvſchaften oft der Fall iſt, den Neid keineswegs aus; und Fräu⸗ lein Burton hatte freilich, ohne es zu wollen, Alles gethan, dieſe böſe Leidenſchaft in der Freundin wachzurufen. Die junge Eng⸗ länderin hatte, aus ihrer Hamburger Penſion kaum in ihr Vaterland zurückgekehrt, eine der glärzendſten Partien gemacht, die zu jener —— Zweiter Band. 5 Zeit in England gemacht werden konnten. Helene erinnerte ſich noch recht gut, wie der Roman, der ſo unerwartet ſchnell und glück⸗ lich zu Ende geſpielt worden war, angefangen hatte. Sie und Mary hatten als Mädchen von vierzehn Jahren in Geſellſchaft der Pen⸗ ſionsvorſteherin und eines halben Dutzend anderer jungen Mädchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieſer Gelegenheit ein engliſches Kriegsſchiff, das dort vor Anker lag, beſichtigt. Die Officiere hatten, wie ſich denken läßt, die reizende Geſellſchaft mit größter Zuvorkommenheit empfangen und bewirthet; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen kleinen Ball arrangirt, der überaus heiter geweſen war. Beſonders hatte der Capitän der Fregatte, ein noch junger, ſchöner, von der ſüdlichen Sonne ge⸗ bräunter Mann, den jungen Damen gefallen und würde ihnen noch mehr gefallen haben, wenn er ſeine Landsmännin Mary Burton nicht ſo ſehr vor den übrigen Schönheiten ausgezeichnet hätte. Miß Mary Burton mußte ſich in Folge deſſen hinterher gar viel mit ihrem Fregattencapitän necken laſſen, bis man die Fahrt nach Helgoland und Alles, was damit zuſammenhing, über neueren und wichtigeren Ereigniſſen allmälig vergaß. Aber Zwei hatten die Sache nicht ver⸗ geſſen und das waren eben der Fregattencapitän und Miß Mary Burton. Als die junge Dame drei Jahre ſpäter nach England zurück⸗ kehrte, war eine der erſten Perſonen, denen ſie in dem Salon einer vornehmen Verwandtin begegnete, Capitän Crawley, oder vielmehr, da ſein Vater und ein älterer Bruder inzwiſchen geſtorben und er ſo ganz unerwartet die Titel und die unermeßlichen Reichthümer der Familie geerbt hatte: Lord Crawley de Crawley. Acht Tage ſpäter wurde die vornehme Welt durch die Vermählung Seiner Herrlichkeit mit Miß Mary Burton(einer jungen Dame, die ſchlechterdings Niemand kannte) auf das höchſte überraſcht. Niemand aber konnte durch dieſe Nachricht eigenthümlicher berührt werden, als Helene von Grenwitz. Sie war die intimſte Freundin Mary's geweſen; man hatte ſie ſtets mit Mary zuſammen geſehen, zuſammen genannt, aber — und das war wichtig— man hatte ſie auch immer für die bei weitem Schönere und Bedeutendere gehalten, und Niemand hatte dieſem Urtheil freudiger beigeſtimmt, als die beſcheidene Mary ſelbſt. Fr. Spielhagen's Werke. XI. 12 178 Durch Nacht zum Licht. Mary betete ihre glänzende Freundin an; Helene Grenwitz war in ihren Augen ein unerreichbares Ideal; ſie ordnete ſich ihr bei jeder Gelegenheit unter und wenn die jungen Mädchen für die Zukunft ſich ihre Pläne und Hoffnungen mittheilten, ſo baute Mary für Helene die prachtvollſten Schlöſſer, während ſie ſich mit einer ſtrohbedeckten Hütte am Rande eines murmelnden Baches begnügte. Helene hatte dieſe Huldigungen entgegengenommen, wie eine Prinzeſſin die Auf⸗ merkſamkeiten ihrer Hofdame. Mary hatte ihr ſo oft geſagt, daß ſie viel ſchöner, reizender ſei, als ſie ſelbſt,— Helene hätte von Natur weniger ſtolz und eigenwillig ſein müſſen, wenn dieſe unaufhörlichen Schmeicheleien zärtlicher, anbetender Liebe ohne Wirkung bleiben ſollten. 5 Und nun mußte dieſe demüthige Freundin die glänzendſte Hei⸗ rath machen, durch die ſie mit einem Male in die höchſten Sphären der Geſellſchaft gehoben, ja mit einigen regierenden Häuſern ver⸗ ſchwägert wurde, während ſie— Helene durfte gar nicht daran venken... Aber jetzt, wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde, mit Ehren aus dieſer ſie demüthigenden Lage zu kommen; jetzt, wo ihre ſtolze Mutter ſich zu Bitten, die ſie nicht einmal ſelbſt vorzubringen wagte, verſtand; jetzt konnte über den Weg, den ſie eingeſchlagen hatte, kein Zweifel ſein; und wenn Fräulein Bär in ihrer läſtigen Gutmüthigkeit ihr die Penſion als ein Aſyl anbot, ſo wußte ſie eben nicht, um was es ſich in dieſem Augenblicke handelte. Helene ging, nachdem Fräulein Bär ſie verlaſſen, mit ver⸗ ſchränkten Armen in ihrem Zimmer auf und ab. Endlich trat ſie an das Fenſter und ſtarrte in den herbſtlichen Abend hinein. An dem Himmel zogen langſam ſchwere dunkle Wolken, unter ihnen ſchwebten leichte graue Wölkchen pfeilſchnell dahin. Die beinahe kahlen Zweige der ſchlanken Pappeln wiegten ſich in dem ſcharfen Winde ſauſend und ziſchend hinüber und herüber; eine Krähe, die des Weges kam, ſetzte ſich auf ein paar Augenblicke auf den oberſten Wipfel eines der Bäume, ließ ſich mit herüber⸗ und hinüberwiegen, trächzte, als ob ſie ſich über die ungaſtliche Behandlung ärgere und flog dann wieder davon.— Helene öffnete das Fenſter. Der kühle, feuchte, mit dem herben Dufte der modernden Blätter vermiſchte —.————— Zweiter Band. 179 Hauch des Abends wehte ſie an. Lauter rauſchten die Pappeln in dem Garten und die hohen Buchen des Parkes und zwiſchendurch tönte in monotonen Cadenzen der dumpfe Donner der Meereswogen am Geſtade. Sie lehnte ſich hinaus; ſie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft, die im Nu ihre ſchwarzen Haare mit einem thauigen Schleier über⸗ zog. Sie ſtarrte nur immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend. Seltſame Viſionen zogen durch ihr Hirn. Stolze Paläſte erhoben ſich am Rande blauer Seen, in denen ſich dunkle Wälder ſpiegelten; und aus dem Palaſt ritt ein luſtiger Jagd⸗ zug mit Hallo und Trara, und an der Spitze des Zuges eine junge Dame auf einem Zelter neben einem Manne, der ſeinen ſchäumenden Rappen läſſig lenkte und ſein dunkles Geſicht fortwährend auf die junge Dame neben ihm wandte; und Alles, ſoweit das Auge reichte, — Schloß und See und Wald und Felder, die ſich weit und weiter am Ufer hinbreiteten, unabſehbar in's Land hinein— gehörte der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl, dem Ritter auf dem feurigen Rappen. Und dann verſanken Schloß und Wälder und Felder in dem See, und der See erweiterte ſich zu einem Meer, das an den hohen, mit Buchenwäldern gekrönten Kreidefelſenufern aufrauſchte; und oben auf den hohen Ufern in der Abendſonnengluth ſtand dieſelbe junge Dame, die vorhin auf dem Zelter ritt, neben einem Mann— der nicht der Ritter auf dem Rappen war— und ſie ſchauten zuſammen hinaus auf das wunderherrliche Schauſpiel der in dem wogenden Wellengebiete verſinkenden Sonne, und wie ſie ſo ſtanden und ſchauten, fügten ſie, wie betende Kinder ihre Hände ineinander und ſahen ſich an mit liebevollen, thränenüberſtrömten Augen... Da rauſchte der Wind lauter in den ſchlanken Pappeln und das junge Mädchen fuhr empor aus ihren Träumereien.— Sie warf einen Blick in die graue Dämmerung des Parkes. Zwei Geſtalten, ein Mann und eine Frau— wandelten Arm in Arm an der Oeff⸗ nung zwiſchen den Bosquets vorüber— nur einen Augenblick lang, aber das ſcharfe Auge des jungen Mädchens hatte Beide erkannt, glaubte mindeſtens Beide erkannt zu haben. Ein Gefühl, wie ſie es 12* — S 180 Durch Nacht zum Licht. noch nie gehabt hatte, überkam ſie. Sie mußte ſich überzeugen, ob ſie recht geſehen hatte, ob wirklich Oswald Stein mit Emilie Cloten zu dieſer Stunde an dieſem Orte ſich treffen konnten. Im nächſten Augenblicke hatte ſie den Shawl umgethan, den Hut mit dem dichten Schleier aufgeſetzt und war die Treppe, die nach dem Garten führte, hinab, durch den Garten geeilt und ſtand jetzt an der Pforte, die aus dem Garten in den Park führte.— Mit einem Male war ihr Muth verſchwunden— ſie ſchämte ſich einer Regung, die ſie zu einem ſo unweiblichen, ſo häßlichen Schritte verleiten konnte. Eben wollte ſie wieder in das Haus zurückkehren, als die beiden Geſtalten den Gang, der an der Gartenpforte vorüberführte, wieder herauf⸗ kamen. Sie drückte ſich hinter den Pfeiler des Thors, um nicht ge⸗ ſehen zu werden: aber ein Blick auf die Beiden hatte ſie überzeugt, daß ſie ſich vorhin nicht getäuſcht hatte.— Es waren Oswald und Emilie, die hier, in heimlichem, eifrigen Geſpräch verloren, vorüber⸗ gingen. Helene ſchlug das Herz zum Zerſpringen; jetzt verſtand ſie Emilien's neuliche Frage, ob ſie nichts von Oswald Stein gehört habe; jetzt verſtand ſie Emiliens Angſt auf dem Balle in Grenwitz, als Cloten und die übrigen jungen Adligen Drohungen gegen Oswald laut werden ließen... Alſo genarrt! und genarrt von wem? von einem Menſchen, den eine Emilie Cloten gewinnen konnte„ Helene ſchlich auf ihr Zimmer, warf Shawl und Hut wieder ab, und jetzt war es entſchieden, daß ſie ſobald als möglich zu ihren Eltern zurückkehren würde. Dreizehntes Capitel. Der Fürſt von Waldernberg hatte, bis er Helene von Grenwitz kennen lernte, dem Leben in Grünwald kein beſonderes Intereſſe abzugewinnen vermocht. Daß er ſich gelangweilt, daß ihm Stadt und Leute beſonders mißfallen hätten, konnte man nicht füglich ſagen, denn dieſe Gemüthszuſtände kamen eigentlich bei ihm nicht vor, zum —— Zweiter Band. 181 wenigſten bemerkte man an ihm nie Symptome davon. Sein ſtrenges, ernſtes Geſicht verrieth niemals weder Vergnügen noch Langeweile, weder Wohlgefallen noch Mißfallen; es ſchien, als ob dieſe Züge in dem nordiſchen Klima, aus dem der Fürſt ſtammte ein für allemal gefroren wären und weder im Feuer der Liebe, noch des Haſſes auf⸗ thauen könnten. Und ſo war es bis zu einem gewiſſen Grad wirk⸗ lich. Zu der Höhe des Selbſtbewußtſeins, auf welcher er ſtand, reichten die gewöhnlichen Regungen gewöhnlicher Sterblicher nicht hinan. Er konnte nicht über eine witzige Anekdote in Lachen aus⸗ brechen, oder über eine Dummheit die Naſe rümpfen. Niemals hörten ſeine Bedienten ein böſes Wort von ihm; niemals gerieth er vor ſeinen Soldaten in kindiſchen Zorn. Dennoch zitterten ſeine Leute vor ihm, und der General ſelbſt flößte den Musketieren keinen ſolchen Reſpect ein, als der Premierlieutenant Fürſt Waldernberg; denn jene wußten, daß der gnädige Herr zwar nicht ſchalt, aber ſie bei dem geringſten Verſehen ſofort entließ und dieſe erzählten ſich in Caſernen⸗ und Wachtſtuben: Der Fürſt habe die üble Gewohnheit, einen Soldaten, der ſich auch nur den kleinſten Subordinationsfehler gegen ihn zu Schulden kommen ließe, ſofort über den Haufen zu ſtoßen— ein Verfahren, das er nur ganz kürzlich erſt in der Reſidenz beobachtet habe und welches nebenbei der Grund ſei, weßhalb er von ſeinem Garderegiment zu dem in Grünwald garniſonirenden Linien⸗ regiment abcommandirt wurde. Dieſe Geſchichte war nun allerdings, wie viele ähnliche, eine Mythe; der Fürſt war nach Grünwald ge⸗ ſchickt, um Fortification, Hafen⸗ und Küſtenvertheidigung und andere nützliche Dinge zu ſtudiren, und ſich ſo zu der hohen Stellung, zu welcher ihn, wenn nicht ſein militairiſches Genie, ſo doch jedenfalls ſein hoher Rang berechtigte, vorzubereiten— aber die Mythe bewies doch, wie der gemeine Mann, der für die Tugenden und Fehler ſeiner Vorgeſetzten ein ungemein ſcharfes Auge hat, über den Premier⸗ lieutenant Fürſt Waldernberg dachte. Uebrigens ſchienen auch die Officiere ihn mit einigem Mißtrauen, zum wenigſten mit großer Vor⸗ ſicht zu behandeln. Es fiel Niemand an dem gemeinſamen Mittags⸗ tiſch, oder des Abends im Caſino, oder wo ſonſt die Herren zuſammen⸗ kamen, ein, gegen ihn den cordialen Ton anzunehmen, der ſonſt unter 182 Durch Nacht zum Licht. den Kameraden üblich iſt. Im Gegentheil, man ging ihm eher aus dem Wege, oder beſchränkte ſich, wo das nicht möglich war, auf das Nothwendige; ſo vor Allen des Fürſten Compagniechef, ein kugel⸗ runder Herr, der ſeinem Premierlieutenant mit der Spitze ſeines Helmes kaum bis an die Schulter reichte, und ſich um ſo kleiner vorkommen mochte, als er das Unglück hatte, nicht vom Adel zu ſein. Es war komiſch anzuhören, und erregte ſelbſt das Lächeln des alten ſchnauzbärtigen Feldwebels, wenn Hauptmann Müller beim Exerciren mit faſt kläglicher Stimme bat:„Premierlieutenant Fürſt Waldernberg, wollen Sie die Güte haben, einen Gedanken weiter herauszutreten.“ So ſah ſich denn der Fürſt weſentlich auf ſich ſelbſt angewieſen — auch in den Abendgeſellſchaften, die er von Zeit zu Zeit beſuchte. Er traf hier wiederum die Kameraden, die ihm ſchon auf dem Pa⸗ radeplatz ausgewichen waren und eine Schaar alter und junger Land⸗ evelleute, deren Geſpräche über Ackerbau und Viehzucht ihn, der mehr Güter beſaß, als jene Morgen Landes und ſoviel Schäfer als jene Schafe, nicht eben intereſſiren mochten. Was aber die Frauen be⸗ trifft, ſo waren ſie, trotzdem ſich ſehr liebenswürdige darunter befan⸗ den, wie die ſchönen Fräulein Friederike, Natalie und Gabriele von Nadelitz die etwas verblühte, aber deſto gewandtere und intereſſantere Hortenſe von Barnewitz, die ebenſo kokette, wie pikante Emilie von Cloten— entweder nicht nach dem Geſchmack Seiner Durchlaucht, oder der Fürſt war gegen die Reize des ſchönen Geſchlechtes im Allgemeinen ſehr unempfindlich, zum mindeſten war es eine Zeit lang unmöglich, zu behaupten, daß er dieſer oder jener Dame auffallend den Hof mache. Da ſah der Fürſt die ſchöne Helene von Grenwitz in dem Salbn ihrer Mutter und ſchon in den nächſten Tagen circulirte das Gerücht — man wußte nicht, wer es zuerſt aufgebracht hatte,— Se. Durch⸗ laucht bete die ſchöne Helene von Grenwitz an, ja die Verlobung werde nicht lange auf ſich warten laſſen. Das Gerücht erhielt ſich und wurde durch eine Menge Einzelheiten, deren Auffindung dem Spürſinn der betreſſenden Geſchichtenträger und Geberdenſpäher alle Ehre machte, bekräftigt. Die Gräfin Grieben wußte auf das be⸗ Zweiter Band. 183 ſtimmteſte, daß der Fürſt beinahe alle Abend zu Grenwitzen's komme; Frau von Nadelitz, daß er jeden Mittag nach der Parade auf ſeinem prachtvollen tſcherkeſſiſchen Hengſt an der Penſion des Fräulein Bär vorüberreite; Frau von Sylow, daß er, in ſeinen Mantel gehüllt, mehrere Nächte ſtundenlang vor dem Haus auf⸗ und abpatrouillirt ſei; Hortenſe Barnewitz flüſterte der Comteſſe Stilow in's Ohr: Jetzt weiß ich, weßhalb der arme Felix Hals über Kopf nach Italien geſchickt wurde, und Comteſſe Stilow meinte darauf: Sie ſollen ſehen, liebe Hortenſe, es dauert nicht acht Tage, ſo iſt Helene, die für immer verbannt ſchien, wieder bei ihren Eltern. Ein Lächeln des Triumphes erhellte aber Aller Geſichter, als die Prophezeiung der zahnloſen Comteſſe Stilow nun wirklich eintrat und Helene Grenwitz aus ihrem beſcheidenen Stübchen in der Penſion des Fräulein Bär in die ſtattlichen Räume des Hötel Grenwitz über⸗ ſiedelte. Merkwürdigerweiſe ſchien der alte Baron, der dieſen Schritt früher ſo dringend gewünſcht hatte, jetzt am wenigſten darüber erfreut. Der alte Herr war in dieſer letzten Zeit ausnehmend launiſch, wider⸗ ſpruchsvoll und heftig geweſen, daß man den ſonſt ſo gutmüthigen, freundlichen Mann kaum wieder erkannte, und Jedermann die arme Anna Marie, die dieſes Kreuz mit ſo chriſtlicher Geduld und Sanft⸗ muth trug, bedauerte und bewunderte. „Ach, glaube mir, liebe Helene,“ ſagte die treffliche Dame zu ihrer Tochter, als ſie Beide am erſten Abend auf dem Sopha im Soalon ſaßen, nachdem der Baron das Gemach verlaſſen hatte, um zu Bett zu gehen;„es iſt jetzt recht ſchwer mit Deinem Vater aus⸗ zukommen, und ich bedarf Deiner freundlichen Stütze mehr als je. Malte iſt noch zu jung und ich fürchte zu herzlos, als daß ich zu ihm Vertrauen haben könnte. Ich bin ſo lange gewohnt, Alles allein zu tragen, daß ich mich in das Glück, eine Freundin und Vertraute zu haben, kaum zu finden weiß;“ und die Frau vergoß Thränen, während ſie ihre Nähſachen zuſammenpackte, um dem Gemahl in das eheliche Schlafgemach zu folgen. In der That ſchien das Verhältniß zwiſchen Mutter und Tochter ſich für die Zukunft viel günſtiger als früher geſtalten zu wollen. 184 Durch Nacht zum Licht. Beſonders zärtlich zu ſein, lag ebenſo wenig in der Natur der Einen wie der Andern; ſie behandelten ſich wie zwei Gegner, die ihre Stärke gegenſeitig erprobt und gefunden haben, daß ſie doch beſſer thun, Hand in Hand zu gehen. Nachdem Anna Marie ſo den zweiten Schritt zur Erreichung ihres Zieles zurückgelegt hatte, verfolgte ſie ihren Weg mit größerer Sicherheit. Wie es ſchien, durfte ſie mit ihren Reſultaten in der That zufrieden ſein: Fürſt Waldernberg war faſt allabendlicher Gaſt in ihrem Hauſe, und da er kein Boſton ſpielte, auch nicht anzunehmen war, daß ihn die Unterhaltung mit dem Grafen und der Gräfin Grieben, die halbe Nachbarn waren, und ebenfalls ſehr häufig kamen, um mit dem Baron und der Baronin eine Partie zu machen, beſon⸗ ders anzog, ſo konnte der Magnet wohl nur Helene ſein, mit der er ſich denn in der That auch faſt ausſchließlich beſchäftigte. Anna Marie ſorgte dafür, daß der Fürſt und Helene ſtets mög⸗ lichſt ungeſtört blieben; und da in dieſen Kreiſen die älteren Herr⸗ ſchaften ihre Zeit ſchlechterdings nur mit Kartenſpielen hinzubringen vermochten, und jüngere Leute ſelten eingeladen wurden, ſo gelang ihr das meiſtens ganz vortrefflich. Der Fürſt und Helene waren in dem kleinen einfenſtrigen Boudvir, neben dem großen dreifenſtrigen Salon, wo die Kartentiſche ſtanden, oft ſtundenlang allein, bis man zur Tafel ging, wo ſie dann, während die Andern die Glücksfälle des Spiels eifrig durchſprachen, wiederum ſo ziemlich auf ſich ſelbſt angewieſen waren. Es ſprach für die converſationellen Talente des Fürſten, daß die junge anſpruchsvolle Dame ſeiner Unterhaltung nicht müde wurde. Und doch konnte man das, was er vorbrachte, für gewöhnlich nicht eigentlich intereſſant nennen, jedenfalls nicht die Art, wie er es vor⸗ brachte. Niemals hörte man ihn in jenem lebhaften Ton und ſchnellen Tempo ſprechen, in das junge Leute(und der Fürſt war noch ſehr jung, vielleicht vierundzwanzig Jahr) ſo leicht verfallen, wenn ſie auf Lieblingsthemata kommen, oder durch Widerſpruch gereizt werden; es war immer derſelbe monotone Silbenfall, wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Sätze Sectionen wären, die in gleichmäßigem Schritt und Tritt vorbeimarſchirten. Es war deßhalb auch bezeichnend, Zweiter Band. daß der Fürſt ſich am liebſten der franzöſiſchen Sprache, welche dieſe logiſche Zweckmäßigkeit ſchon in ſich ſelbſt hat, bediente, obgleich er auch das Deutſche correct und fließend ſprach. Vielleicht trug der Umſtand, daß die Unterhaltung faſt ausſchließlich in dem fremden Idiom geführt wurde, weſentlich dazu bei, Helenen die Fremdartigkeit dieſes Geiſtes weniger fühlbar zu machen. Dazu kam, daß der Fürſt, wie in ſeinem Aeußern, ſo in ſeiner Denk⸗ und Empfindungsweiſe, Ruſſe und nicht Deutſcher war. Die Erinnerungen ſeiner Kindheit, ſeiner Knaben⸗ und Jünglingsjahre, bis auf die kurze Zeit, die er in Paris und jetzt nun in Deutſchland verlebt hatte, waren ruſſiſch. Er war Page an dem Hofe des Kaiſers Nikolaus geweſen und der täg⸗ liche Anblick dieſes prächtigen Monarchen, mit dem er ſogar, wie man behauptete, beſonders in Geſtalt und Haltung, eine gewiſſe Aehnlichkeit hatte, mochte nicht ohne Einfluß auf den Charakter des jungen Fürſten geblieben ſein. Seine militairiſche Erziehung hatte er in der Cadetten⸗ anſtalt des Michailow'ſchen Palaſtes erhalten, desſelben Palaſtes, durch deſſen gewaltige Räume in jener ſchauerlichen Nacht der Kaiſermord dröhnend ſchritt, als die Gemahlin Paul's I., erſchreckt durch das dumpfe Getöſe verworrener Männerſtimmen und des Waffengeklirres, die jüngſten Großfürſten Nikolaus und Michael aus den Betten riß, um mit ihnen durch die langen Zimmerreihen zu der Wohnung des Kaiſers zu eilen; ihr der eiſige Graf Pahlen entgegentrat, ſie halb mit Gewalt nach ihren Zimmern zurücknöthigte, und bedächtig die Thür ſchloß:„Restez tranquille, Madame; il n'y a Pas de dangers pour vous.“. Aehnliche Geſchichten wußte der Fürſt gar manche zu erzählen und ſie verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemüth des phan⸗ taſtiſchen Mädchens. Es war damit wie mit den Abenteuern, mit denen der kriegeriſche Mohr die Seele des venetianiſchen Patricier⸗ kindes berauſchte. Desdemona mochte vor dem Blut, das in jenen Erzählungen in Strömen floß, ſchaudern; aber der Held erſchien ihr nur um deſto bewundernswerther, und wenn es Helenen aus dieſen Palaſterinnerungen des ruſſiſchen Pagen auch oft eiſig kalt anwehte, ſo beſtrickte ſie doch das Geheimnißvolle und Schauerliche derſelben mit einem unwiderſtehlichen Zauber. Sie träumte ſich in ein Leben 186 Durch Nacht zum Licht. hinein, im Vergleich mit welchem das Leben, das ſie jetzt führte, gar kleinlich und kläglich erſchien. Sie ſah ſich als Ehrendame an einem Hofe, wo Schönheit und Geiſt noch Alles vermögen; ſie dachte ſich als die Seele großartiger Unternehmungen, als die Vertraute von Generalen und Staatsleuten und dann blickte ſie aus ihren Träu⸗ mereien auf das finſtere ruhige Antlitz des rieſengewaltigen Mannes, der ſie mit ſeinen ſonderbaren Geſchichten in dieſe ſonderbaren Phan⸗ taſien gewiegt hatte und fragte ſich, ob ſie es wohl wagen würde, an dieſer Hand die hohen Regionen zu betreten, wohin ſie die heißeſten Wünſche ihres ſtolzen, ehrgeizigen Herzens trugen⸗ Es mußte dem Fürſten wohl viel daran liegen, dem ſchönen jungen Mädchen vertraulich näher zu treten, denn er legte ihr gegen⸗ über die kühle Reſerve ab die er gegen alle Andern beobachtete. Er ſprach ſelbſt über ſeine Familienverhältniſſe mit großer Offenheit. Er ſagte, daß er von ſeinen Eltern eigentlich nur ſeine Mutter kenne, daß er ſeinen Vater nur ſehr ſelten zu ſehen bekomme. Seine Mutter lebe in Petersburg, wo ihr Einfluß bei Hofe noch immer ſehr groß ſei, obgleich eine unheilbare Krankheit die einſt bildſchöne lebensluſtige Frau in wenigen Jahren verwüſtet und zur trübſinnigen Schwärmerin gemacht habe. Sein Vater, der Graf Malikowsky, bringe den größten Theil des Jahres auf Reiſen zu, heſonders in Bädern, da er, trotz ſeiner Jahre und Kränklichkeit, den heiteren Genuß des Lebens noch immer leidenſchaftlich liebe und ſo in den Bädern das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden könne. Er(der Fürſt) ſtehe zu ſeinem Vater eigentlich in gar keinem Verhältniß. Alle Jahre ſchrieben ſie ſich ein oder zweimal bei beſonderen Gelegenheiten kurze Briefe; jetzt habe er den Grafen, als er im Sommer in der Reſidenz dem Könige den Lehnseid leiſtete, zum letzten Male geſehen und er ſei über ſein verfallenes Ausſehen, das der alte Herr vergebens durch die raffinir⸗ teſten Toilettenkünſte zu verſtecken ſich bemühe, erſchrocken geweſen. Der Graf und die Gräfin harmonirten, wie das bei ſo verſchiedenen Naturen erklärlich ſei, ſehr wenig mit einander. Der Graf komme alle Jahre einmal nach Petersburg, ſtelle ſich bei Hofe vor, zeige ſich ein oder das andere Mal im Palais Letbus und verſchwinde dann wieder, um abermals ein Jahr lang aus Homburg, Baden⸗ —— ———— Zweiter Band. 187 Baden, Pyrmont u. ſ. w.„freundliche Grüße“ an ſeine Gemahlin zu ſenden. Auch ſonſt hielt der Fürſt mit ſeinen Anſichten nicht zurück. Er hatte offenbar über Mancherlei, was ſonſt jungen Leuten ſeines Standes ſehr gleichgültig zu ſein pflegt, nachgedacht; aber, da er nichts weniger als ein geiſtreicher Kopf war, da er Alles nur von dem einen unver⸗ änderlichen Standpunkt des Officiers und Ariſtokraten betrachtete und beurtheilte, ſo hatten ſeine Anſichten und Gedanken alle etwas Steifes, Hölzernes, als ob es eben ſo viele wohlgedrillte Recruten geweſen wären. Von ſeinem Berufe hatte er eine ſehr hohe Meinung. „Ich halte den Kriegerſtand,“ fagte er,„nicht nur für den edel⸗ ſten, ſondern auch für den nützlichſten; für den edelſten, weil er allein jede Kraft des Mannes wach ruft und erprobt, für den nützlichſten, weil er die Grundbevingung für alle übrigen Stände iſt, die ohne ihn gar nicht exiſtiren könnten. Daß der Bauer in Frieden ſeinen Kohl bauen, der Handwerker ruhig in ſeiner Werkſtatt ſitzen, der Künſtler ungeſtört in ſeinem Atelier, der Gelehrte in ſeinem Studir⸗ zimmer arbeiten kann, das haben ſie dem Krieger zu verdanken, der für ſie am Thore ſchildert, des Nachts für ſie die Straßen pa⸗ trouillirt, lärmende Pöbelſchaaren zu Paaren treibt und gegen den Feind, der das Land bedroht, in den Kampf zieht. Mit dieſem Stande verglichen ſind alle andern niedrig und gemein, und daß er der unbeſtritten höchſte und edelſte iſt, zeigen auch die Herrſcher, in⸗ dem ſie ſich für gewöhnlich und bei feierlichen Gelegenheiten ſtets in die Tracht desſelben kleiden. Deßhalb ſollte aber auch nur ein Adliger 7 Officier werden dürfen. Daß man neuerdings auch angefangen hat, den Bürgerlichen Zutritt zu unſern Reihen zu verſtatten, halte ich für 1 einen beklagenswerthen Fehler, der ſich früher oder ſpäter empfindlich 36 an uns rächen wird.“ 1„Aber glauben Sie denn, daß der Bürgerliche unbedingt zu dem Berufe untauglich iſt?“ fragte Helene. „Ohne Zweifel,“ erwiderte der Fürſt mit Nachdruck.„Jagd und Krieg müſſen oder müßten wenigſtens dem Adel reſervirt bleiben, nicht, weil Bürgerliche überhaupt nicht auch eine Büchſe abſchießen, 188 Durch Nacht zum Licht. oder einen Säbel ſchwingen können, ſondern weil ſie es nicht in dem rechten Geiſte, mit dem rechten Geiſte können. Der bürgerliche Geiſt iſt nun einmal ein ſpecifiſch anderer, als der adlige; es ſind das Unterſchiede, die ſich nicht mehr in Worte faſſen laſſen, die aber nichts⸗ deſtoweniger vorhanden und für jeden— für mich zum wenigſten— ſehr fühlbar ſind. Nehmen Sie, zum Beiſpiel, den Begriff der Standesehre. Ein Bürgerlicher, der keine Ahnen hat, die denſelben Degen führten, den er jetzt an der Seite trägt,— was kann es ihm ſein, ob er dieſen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht? Ich habe noch keinen bürgerlichen Officier gekannt, bei dem es mir nicht mindeſtens zweifelhaft geweſen wäre, ob er bei einer thätlichen oder groben wörtlichen Beleidigung den Beleidiger ſofort niederſtoßen würde. Nun aber frage ich Sie, wie kann bei ſolch' einem Mangel an dem richtigen point d'honnenr überhaupt von kriegeriſchem Sinn und Geiſt die Rede ſein? Aber die Frage hat auch eine praktiſche Seite. Der Geiſt der Neuerung, des frechen Ungehorſams gegen die von Gott eingeſetzte Ordnung regt ſich überall. Dieſer Geiſt kann nicht, wie man in unſerem Staate leider! leider! angefangen hat, durch Güte und Conceſſionen, ſondern nur durch eiſerne Strenge und durch Gewalt niedergehalten werden. Des gemeinen Soldaten, der drei Jahre lang in unſerer Zucht und Aufſicht geweſen iſt, ſind wir ſicher, nicht ebenſo des bürgerlichen Officiers. Schicken Sie einen Zug unter Anführung eines Lieutenant Schulze oder Müller gegen einen rebelliſchen Pöbelhaufen, und es iſt zehn gegen eins zu wetten, er wird in demſelben irgend einen Bruder oder Vetter Schulze oder Müller entdecken und in Folge deſſen Anſtand nehmen, im rechten Augenblick Feuer! zu commandiren. Nehmen Sie dagegen die Offi⸗ ciere aus dem Adel und nur aus dem Adel, ſo kann dergleichen gar nicht vorkommen, und Sie können mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Grünwald zu Boden ſchmettern.“ Gegen die Zugeſtändniſſe, welche der König in dem Frühling desſelben Jahres durch die Znſammenberufung des verſammelten Ständetages der liberalen Partei und dem Zeitgeiſt überhaupt ge⸗ macht hatte, ſprach ſich der Fürſt wiederholt mit großer Entſchieden⸗ heit aus. Zweiter Band. 189 „Ich ſehe nicht ab,“ ſagte er,„wohin dies Treiben führen ſoll. Wenn der König, wie ich gern glaube, nicht will, daß ſich ein Blatt Papier zwiſchen ihn und ſein Volk ſtelle, nach deſſen Paragraphen er regieren muß, er mag wollen oder nicht, ſo dürfte er auch nicht einmal den Schatten des Conſtitutionalismus heraufbeſchwören. Dem Schatten folgt der Körper. Ich geſtehe, daß ich über die Langmuth des Königs, dieſen frechen Schreiern gegenüber, empört bin und daß ich lange Zeit Anſtand genommen habe, ob ich einem Monarchen, der ſo die erſten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes verkannte, mit Ehren dienen könne.“ Wenn ſo der Fürſt ſeine ruſſiſch abſolutiſtiſchen Ideen zum Maßſtab der Dinge machte, ſo geſchah es wohl, daß ſich in Helenen's von Natur gutem und liebevollem Herzen etwas wie ein mit Grauen gemiſchter Widerwillen gegen den, der in kaltem Ton ſo Unmenſch⸗ liches behauptete, zu regen begann. Aber wenn ſie auch zu einer andern Zeit vor den furchtbaren Conſequenzen der Grundſätze des Fürſten zurückgeſchaudert ſein würde, ſo hatte jetzt die Wunde, die ihrem ſtolzen Herzen Oswald's Verrath geſchlagen, ſie ſchwer gereizt, und wie das bei heftigen Geiſtern zu geſchehen pflegt, in das andere Extrem geſtürzt. Helene haßte Oswald; ſie weinte Thränen des Zorns und der Scham, wenn ſie dachte, wie theuer ihr dieſer Menſch und wie nah ſie der Gefahr geweſen war, ihm zu zeigen, wie lieb ſie ihn hatte. An dem Verrath ſelbſt zweifelte ſie jetzt nämlich durchaus nicht mehr. Das Benehmen Emilien's war ſeit einiger Zeit ſo ver⸗ ändert, daß es auch den Unbefangenſten auffiel. Die junge Frau, welche ſich früher nur in dem tollſten Strudel der Vergnügungen wohl zu fühlen ſchien, floh jetzt die Geſellſchaft ebenſo, als ſie dieſelbe früher geſucht hatte, und wenn ſie es nicht vermeiden konnte, in ihren alten Cirkeln zu erſcheinen, hatte ſie nur Spott und Hohn für Alles, wofür ſie vormals ſchwärmte. Sie fand die Officiere albern; erklärte Tanzen für ein kindiſches Vergnügen und einen Bal masqué für den Gipfel aller Lächerlichkeit. Sie behandelte die Damen mit unverhüllter Ironie und die Herren mit offener Verachtung, beſonders ihren Ge⸗ mahl, der bei dem Allen gar nicht wußte, wie ihm geſchah, und dem nur höchſtens ſoviel nach und nach klar zu werden ſchien, daß unter 190 Durch Nacht zum Licht. den vielen dummen Streichen, die Arthur von Cloten Zeit ſeines Lebens begangen hatte, der, eine raffinirte Kokette, wie die„himm⸗ liſche Emilie von Breeſen“ zu ſeinem ehelichen Gemahl gemacht zu haben, jedenfalls der dümmſte war.— Die Meiſten lachten und ſagten: es iſt eine Laune von der kleinen Frau; ſie wird ſchon wieder zur Vernunft kommen; Andere, die weniger harmlos waren, meinten: dahinter ſteckt mehr. Wenn eine junge Frau die ganze Welt(ihren Gemahl nicht ausgeſchloſſen) en canaille behandelt, ſo thut ſie es ſicher einem Mann zu Liebe, der für ſie die ganze Welt iſt. Wer vieſer Glückliche ſein mochte, darüber zerbrach man ſich vergebens die Köpfe. Die Einen riethen auf den jungen Grafen Grieben, der ihr früher ſtark den Hof gemacht hatte, die Andern auf Herrn von Sylow, wieder Andere ſogar auf den Fürſten Waldernberg— und nur Helene Grenwitz wußte, daß Alle ſich irrten und daß der Gegenſtand von Emiliens Liebe nicht in den ariſtokratiſchen Kreiſen des Grünwalder Faubourg St. Germain zu finden war. Hätte Anna Marie gewußt, welch trefflichen Bundesgenoſſen ſie in dieſem Augenblick für die Ausführung ihres großen Planes an Oswald Stein hatte, ſie würde dieſem„ſo überaus abſcheulichen und gefährlichen jungen Mann“ vielleicht weniger gram geweſen ſein. Jedenfalls ſchien ſich das Verhältniß zwiſchen dem Fürſten und Helene ganz nach ihrem Wunſche geſtalten zu wollen. Sie hielt es wenigſtens für ein gutes Zeichen, daß Hel⸗ne nicht darauf drang, die Unter⸗ haltungen in dem kleinen Solon neben dem Spielzimmer durch Hinzu⸗ bitten anderer junzer Leute zu beleben und als ſie(Anna Marie) kürzlich die Bemerkung wagte:„das wäre ein Schwiegerſohn nach meinem Sinn,“ nicht die ſchönen Brauen verächtlich zuſammenzog, ſondern die dunklen Wimpern auf die erröthenden Wangen ſenkte. 3 ¹ . Zweiter Band. Pierzehntes Capitel. Wer Oswald Stein und Albert Timm des Nachts in dem Raths⸗ keller von Grünwald hinter der Flaſche ſitzen ſah— Beide voll Scherz und Witz und luſtiger Geſchichten— hätte wohl glauben müſſen, daß dies zwei junge Männer ſeien, welche genau nach dem Motto der illuſtren Geſellſchaft„die Ratte,“ zu welcher ſie Beide zu gehören die Ehre hatten, lebten und ſih ſo gleichſam ex ofücio„des Lebens freuten.“ Und doch traf dies nur für Albert Timm zu, der ſich dieſen erſten und einzigen Glaubensatikel der geheimen Brüderſchaft und deſſen humoriſtiſches Was iſt das: Lebe wie du, wenn du ſtirbſt, wünſche wohl geſpeiſt zu haben, in der That zu den Maximen ſeines Daſeins gemacht hatte. Bei Oswald dagegen war dieſer Humor nur das Mittel, die ihn unabläſſig quälende Sehnſucht nach einem edleren Leben zu betäuben. In das wilde Allegro ſeines jetzigen Lebens tönte wie Aeolsharfenklänge die Erinnerung an Alles,„was ſein einſt war;“ an ſeine ſchwärmeriſche Jugendzeit, wo roſige Wölk⸗ chen den Horizont umſäumten, hinter dem die geheimniß⸗ und wunder⸗ volle Zukunft lag; an die ſeligen Tage von Grenwitz, wo ſich für ihn die alte Sage vom Paradieſe wiederholen zu wollen ſchien; an ſeine Freundſchaften mit großen, zum mindeſten guten Menſchen: mit Berger, Oldenburg, Franz, Bemperlein.. wohin, wohin das Alles? Die Jugend verſunken für immer und mit ihr all' die holden roſigen Träume der Jugend; aus dem Paradieſe nichts geblieben, als der bittere Geſchmack der Frucht von dem Baume der Erkenntniß, daß Wankelmuth der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen können; und ſeine Freunde?... Von Berger hatte er am Thor des Irrenhauſes wohl auf ewig Abſchied genommen; in Oldenburg haßte er jetzt ſeinen Nebenbuhler und den reichen Ariſtokraten, den Sohn des Glücks, der ſich leicht hinwegſchwingt über die Hinderniſſe, an denen Andere ihre Kraft ausgeben;— gegen Franz, der ſich ſeiner in einer der verwickeltſten Lagen ſeines Lebens ſo brüderlich ange⸗ „ 192 Durch Nacht zum Licht. nommen, hatte er ſich der gröbſten Undankbarkeit ſchuldig gemacht, die er vergebens durch die Unmöglichkeit, mit dem in ſich gefeſteten, ſich ſtreng begrenzenden, leidenſchaftloſen Mann bei ſeiner ganz ent⸗ gegengeſetzten Natur auf die Dauer Freundſchaft zu halten, zu recht⸗ fertigen ſuchte;— und von Bemperlein, dem guten, harmloſen, ehr⸗ lichen Menſchen, der ihm eine ſo enthuſiaſtiſche Freundſchaft entgegen getragen hatte, trennte ihn das quälende Bewußtſein, ihn in ſeiner geliebten Herrin tödtlich beleidigt zu haben, ſo daß, wenn er ihm auf der Straße begegnete, er in peinlicher Verlegenheit nach der anderen Seite blickte.. Und was hatte er für ſo viel verlornes Glück eingetauſcht?.. Die allerdings ſeltenen Augenblicke, wo Oswald nicht umhin konnte, über ſeine Situation ernſtlich nachzudenken, waren unerfreulich genug. Seine Stellung an der Schule war jetzt nach kaum drei Monaten ſo gut wie unhaltbar. Director Clemens' ganze Humanität reichte nicht mehr hin, alle die großen und kleinen Sünden, welcher ſich Oswald in ſeinen dienſtlichen Beziehungen ſchuldig machte, mit dem Mantel der Liebe zuzudecken, und Frau Director. Clemens erklärte mit An⸗ ſpielung auf eben denſelben unglücklichen jungen Mann vor dem ver⸗ ſammelten dramatiſchen Kränzchen,„daß ſie eine Schlange an ihrem Buſen genährt.“ Und wohl hatte die würdige Dame Grund zu einer ſo furchtbaren Anklage. Sie war Oswald mit der ganzen dreifachen Freundſchaft der Mutter zweier heirathsluſtiger Töchter, der Gymna⸗ ſialdirectorgattin und der Vorſteherin eines dramatiſchen Kränzchens entgegengekommen und ſie war in dieſer dreifachen Eigenſchaft auf das ſchwerſte gekränkt worden. Oswald hatte die ſchüchterne Neigung, ſo in den Herzen Fredegundens und Thusneldens für ihn entkeimt war, nicht nur nicht erwidert, ſondern dieſe Opfer ſeiner Laune in einer Geſellſchaft(o! man hatte Alles ganz genau erfahren!) Gänſe genannt, denen zur Vollkommenheit nur die Federn fehlten! Er hatte die Directorin, die Gemahlin ſeines Chefs, mit einer alten Truthenne verglichen, die vor lauter Hochmuth über die ausgebrüteten Gänschen nicht weiß, wo ihr der leere Kopf ſteht, und ſchließlich hatte er das dramatiſche Kränzchen nicht nur zu beſuchen aufgehört, nachdem er dreimal unter überreichem Beifall geleſen, ſondern er war— ſo zu Zweiter Band. 193 ſagen mit klingendem Spiel— in's feindliche Lager übergegangen und wirkliches Mitglied des lyriſchen Kränzchens geworden, das unter Frau Profeſſor Jägers ſpecieller Oberleitung ſchnell zu einem Glanz herangewachſen war, der das ſeit zehn Jahren beſtehende Kränzchen der Dramatiker bereits vollſtändig verdunkelte. Gewiß, wenn Oswald auch nur das Bewußtſein dieſer Greuelthat auf dem Gewiſſen hatte, ſo wäre die Wolke düſteren Unmuths, die beſtändig über ſeinen Augenbrauen hing, nur zu erklärlich geweſen. Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten, als dieſe Treu⸗ loſigkeit. Sein Verhältniß mit der jungen Frau von Cloten, in das er ſich aus Laune, halb und halb aus wirklicher Neigung ſo Hals über Kopf geſtürzt hatte, fing an, auf ſeiner Seele mit bleiernem Gewicht zu laſten, um ſo mehr, als die leidenſchaftlich unbeſonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimniß zu verrathen drohte. Emilie hielt ſich kaum Oswalds Liebe verſichert, als ſie der ganzen Welt den Handſchuh hinwerfen zu dürfen glaubte.„Dich zu lieben, von Dir geliebt zu werden, iſt mein einziger Wunſch und Wille— alles Andere iſt mir gleichgiltig;“ ſo ſagte ſie und danach handelte ſie. Sollte ſie jetzt, wo ihr Herz zum erſten Male wußte, was es wollte, ihre ausſchweifenden Wünſche zügeln? Und ſie liebte Oswald mit der ganzen Gluth eines überaus zärtlichen, liebeglühenden Herzens, und mit der ganzen Rückſichtsloſigkeit einer Frau, welche die Welt ſtets nur als einen Spielball ihrer ſouverainen Willkür betrachtet hat. Vergebens, daß Oswald ſie an die Pflichten ſeiner Stellung, an die äußere Beſchränktheit ſeiner ganzen Lage erinnerte.„Ich begreife nicht, wie Du zwiſchen der Langweile, Deine Buben zu unterrichten und dem Vergnügen, das wir Einer in des Andern Geſellſchaft haben, noch wählen kannſt; laß doch die alte dumme Schule ſein und lebe für mich.“—„Aber, liebes Kind, ich lebe jetzt ſchon beinahe nur für Dich und wenn das noch eine Zeit ſo fortgeht, wird mein Director nicht nur nichts dagegen haben, ſondern ſelbſt den Wunſch ausſprechen, daß ich ausſchließlich für Dich lebe.“—„O, das wäre zu herrlich,“ rief Emilie, in die Hände klatſchend;„dann führen wir meinen Lieb⸗ lingswunſch aus und gehen nach Paris, wo uns nicht ſo viele alberne Fr. Spielhagen's Werke. XI. 13 194 Durch Nacht zum Licht. Menſchen auf Tritt und Schritt belauern.“ Oswald zuckte die Achſeln.„Und wovon leben in Paris?“ Emilie machte ein langes Geſicht; im nächſten Moment aber lachte ſie ſchon wieder und rief: „das findet ſich, wenn wir nur erſt fort wären.“ Das Verlangen, aus Grünwald, wo in der That ihr Verhältniß jeden Augenblick der Gefahr einer für Beide gefährlichen Entdeckung ausgeſetzt war, wegzukommen, war in der letzten Zeit bei Emilie zu einer fixen Idee geworden, auf die ſie bei jeder Gelegenheit zurückkam. Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zügen ungeſtört genießen und ſich nicht jede halbe Stunde verſtohlenen Zuſammenſeins durch tage⸗ lange Sorge und Angſt gewinnen. Bis jetzt hatten ſie ihre Rendez⸗ vous entweder in Primula's Boudoir oder drüben in Fährdorf bei Emiliens alter Amme, der Frau Lemberg, gehabt, wohin jetzt, da die Meerenge zwiſchen der Inſel und dem Feſtlande mit dickem Eis be⸗ deckt war, die Ueberfahrt keine Schwierigkeit hatte. Primula war in das Verhältniß eingeweiht, nachdem Emiliens Unbedachtheit eine lächer⸗ liche Entdeckungsſcene herbeigeführt, und es war charakteriſtiſch für die Dichterin der Kornblumen, daß ſie, nachdem ihre erſte eiferſüchtige Regung glücklich vorüber war, dieſen„Liebesbund“ ausnehmend romantiſch, die Liebenden in ihrer Hülfloſigkeit, gegenüber einer„kalten, liebloſen Welt,“ höchſt bejammernswerth und ſich ſelbſt als Be⸗ ſchützerin ſo„herviſcher Leidenſchaft“ vollkommen bewunderungswürdig fand. Sie faſelte ſich immer tiefer in dieſe ſchöne Rolle hinein und die Abonnenten der„Zeitloſen,“ in deren„Album“ Primula Veris ihre Gedichte ſchrieb, bekamen jetzt von nichts weiter als von„licht⸗ ſcheu krummen Liebesfaden, geheimer Liebe ſtill verſchwiegenem Thun und vor allem von„des treuen Bundes keuſcher Wächterin“ zu leſen, unter welcher letzteren Bezeichnung man, wie es in einem der folgen⸗ den Strophen ausdrücklich hieß, nicht etwa an„den Mond, den kalten Geſellen“ zu denken hatte. Auch Primula war durchaus für Emiliens Plan:„Flieht, meine Freunde,“ ſagte ſie,„flieht unter einen milderen Himmel als dieſen rauhen kimmeriſchen, der nur über wilden Kyklopen und ſeelenloſen Ichthyophagen graut. In Schnee und Eis will ſelbſt die blaue Cyane nicht gedeihen, geſchweige denn der wilden Liebe rothe Roſe.“ Zweiter Band. 195 Oswald war nicht ſo blind, daß er das Wahnſinnige dieſes Pro⸗ jectes nicht hätte einſehen ſollen, aber einerſeits ſagte ihm auch wieder das Abenteuerliche deſſelben zu, andererſeits lockte ihn der Gedanke, ſich aus all dieſem Wirrſal mit einem kühnen Schritte befreien zu können, gleichviel, wohin der Schritt führte; und ſchließlich war bei ihm aus der frivolen Koketterie mit der reizenden Emilie eine Leiden⸗ ſchaft geworden, die, wenn ſie nicht ſein Herz erwärmte, zum mindeſten ſeine Phantaſie entflammte, und gegen die er ſich um ſo weniger wehrte, als er in ihr eine Art von Entſchuldigung für ſeinen ſonſtigen Wankelmuth fand. Er fing an, den Fluchtplan in ernſtliche Ueber⸗ legung zu ziehen, umſomehr, als der Reſt ſeines kleinen Vermögens, wie es bei der Lebensweiſe, die er jetzt führte, wohl nicht anders ſein konnte, ſehr raſch zuſammenſchmolz, und mithin, was einmal ge⸗ ſchehen ſollte, bald geſchehen mußte. Oswald hätte in dieſer Bedrängniß gern den Rath ſeines Freun⸗ des Albert vernommen; aber er wagte jetzt nicht mehr über Emilie mit ihm zu ſprechen. Im Anfang freilich hatte er über ſeinen neueſten Roman dann und wann ein Wort fallen laſſen, und der kluge Albert gehörte zu den Menſchen, die nur mit halbem Ohre zu hören brauchen, um ſich in der verwickeliſten Sache zu orientiren. Er hatte, ohne Oswald durch neugierige Fragen läſtig zu fallen, in Kurzem ſo ziem⸗ lich Alles, was er zu wiſſen wünſchte, herausgebracht. Er wußte, das Oswald bei der Jägerin und drüben in Fährdorf heimliche Zu⸗ ſammenkünfte mit der jungen leichtſinnigen Frau hatte, und er ließ ſich auch vadurch nicht irre machen, daß Oswald über Emilie plötzlich zu ſprechen aufhörte, ſondern ſchloß nur daraus, daß beſagtes Ver⸗ hältniß in ein Stadium getreten ſei, wo Schweigen Pflicht war. So weit hatte es nun freilich nach Timms Wunſch nicht kommen ſollen. Timm hatte nichts dagegen, daß Oswald ſeinen Geſchmack am ariſtokratiſchen Leben durch eine Liebelei mit der vornehmen Dame auffriſchte, und ſich ſo noch mehr von der Nothwendigkeit ein Ver⸗ mögen zu beſitzen, überzeugte, aber es paßte ihm gar nicht, daß aus dieſer Liebelei eine L nicht berechnen ließ, was noch Alles daraus e vor Allem Oswalds romantiſcher Liebe zu iebſchaft in beſter Form wurde, von der ſich gar ntſtehen konnte, und die Helenen verderblich zu 13* 196 werden drohte. Und doch hatte auf dieſe Liebe Timm eigentlich ſeinen ganzen Plan gebaut. Wenn Oswald nichts bewegen könnte, ſich in den Erbſchaftsſtreit mit der Familie Grenwitz einzulaſſen, ſo follte die Hoffnung, auf dieſe Weiſe Helene zu erobern, den Ausſchlag geben. So durfte denn Oswald nicht für Helenen, aber auch umge⸗ kehrt, Helene nicht für Oswald verloren gehen. Und auch dieſer letztere Fall war neuerdings möglich geworden. Albert, der die Augen überäll hatte, war es nicht entgangen, daß Fürſt Waldernberg tag⸗ täglich zu Grenwitzens kam; und auch ſonſt hatte er mehrere ver⸗ dächtige Zeichen eines im beſten Fortgang begriffenen Verhältniſſes zwiſchen dem Fürſten und Helene entdeckt; ſo z. B. bei einem Gärt⸗ ner verſchiedene herrliche Bouquets, die vom Fürſten beſtellt waren und„heute Abend in's Hötel Grenwitz geſchickt werden ſollten.“ Außerdem hatte er, ſeitdem der Schnee lag und die jeunesse dorse von Grünwald Schlittenpartien nach allen möglichen Richtungen der Windroſe arrangirte, Helene wiederholt an der Seite des Fürſten in einem prachtvollen Schlitten geſehen, deſſen koſtbare Decken und in ruſſiſcher Weiſe neben einander angeſchirrte drei Pferde ihn als Eigen⸗ thum Sr. Durchlaucht bezeichneten. Er hatte Oswald wiederholt auf einen ſo gefährlichen Nebenbuhler aufmerkſam gemacht, aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Dieſe Lage der Dinge mißfiel Albert durchaus und er ging mit ſich zu Rathe, wie er, nach ſeinem Ausdruck:„Die Karre in ein anderes Geleis bringen könne.“ Im Hötel Grenwitz hatte er ſich ſeit längerer Zeit nicht ſehen laſſen. Seine vierhundert Thaler pro Monat November hatte ihm Felix, der die Summe von ſeinem Reiſegelde nahm, praenumerando bei ſeiner Abreiſe zugeſchickt: mit dem Erſuchen, ſich für die Zukunft „in allen geſchäftlichen Angelegenheiten“ direct an ſeine Tante, die Frau Baronin, wenden zu wollen. Albert hatte von dieſer Erlaubniß bis jetzt noch keinen Gebrauch gemacht, da es ſelbſt für ihn ſchwer hielt, in dem beſcheidenen Grünwald vierhundert Thaler in einem Monat vurchzubringen und er überdies gerade in der letzten Zeit viel Glück im Pharao gehabt hatte. Indeſſen nahm er ſich vor, dieſen Beſuch baldmöglichſt zu machen und bei der Gelegenheit die Situation genauer zu ſtudiren. Durch Nacht zum Licht. —— — — —— Zweiter Band. 197 Gerade in dieſen Tagen geſchah es, daß Albert eines Abends, als er eben ausgehen wollte, durch die Stadtpoſt einen Brief erhielt, deſſen Lectüre ihn ſo verſtimmte, daß er ſeine urſprüngliche Abſicht, in den Rathskeller zu gehen, wo heute„die Ratte“ eine außerordent⸗ liche Sitzung hielt, vorläufig aufgab und ſtatt deſſen einen Beſuch bei ſeinem Wirth, dem Küſter Tobias Gutherz machte, jenem Mann, der mit dem Geruch ſeines heiligen Lebenswandels das ganze alte Quar⸗ tier enger winkliger Straßen um die alte Brigittenkirche erfüllte. Herr Tobias Gutherz war Junggeſelle, weil er zu häßlich war, eine Frau zu bekommen, wie er ſelbſt ſagte; weil ſein gottgeweihter Sinn einen ſo weltlichen Gedanken nicht aufkommen ließ, wie die Leute behaupteten. Aber Beides konnte wohl der Grund nicht ſein, denn Herr Tobias war weder häßlich, ſondern ein ganz ſtattlicher Mann in der Mitte der Vierziger, dem eine hohe, an den Schläfen kahle Stirn ein ſehr ehrwürdiges Anſehen gab; noch war Herr Tobias gottesfürchtig, oder ſeine Gottesfurcht hätte darin beſtehen müſſen, daß er des Sonntags Jahr aus Jahr ein in ſchwarzem glänzenden Frack, dito Inexpreſſiblen, und hinten am Rockkragen feſtgeſtecktem ſchwarzem Talar(der Amtstracht der Küſter in jener Gegend) mit ſcheinheiliger Miene durch ſeine Kirche ſchritt und den„andächtigen Zuhörern“ den Klingelbeutel unter die Naſen ſchob. Daß Herr Tobias böſen Geiſtes Kind war, wußten allerdings nur ſehr wenige Menſchen in Grünwald, wo ſich der wackere Mann ſeit einigen zwanzig Jahren aufhielt; vielleicht nur Einer und dieſer Eine war der Bewohner der beiden Zimmer in der Beletage ſeiner Amtswohnung: Herr Geometer Albert Timm. Herr Tobias hatte in einer Stunde, wo der Geiſt des von ihm heißgeliebten Grogs ſtärker war, als der Geiſt der Lüge, die Maske fallen laſſen und Herrn Timm„dem famoſen Kerl“ ſein wahres Geſicht gezeigt. Herr Tobias Gutherz und Herr Albert Timm hatten ſich in dieſer Stunde Du genannt und eine Freundſchaft geſchloſſen, deren Feſtigkeit und Dauer durch eine auffallende Gleichheit der Nei⸗ gungen für Weiber, Wein und Würfel und die Gemeinſchaft ver⸗ ſchiedener zarter Geheimniſſe garantirt wurde. Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe zu ſeinem Wirth — „ 198 Durch Nacht zum Licht. und Freunde in das Stübchen hinter dem Sprechzimmer und fand den vortrefflichen Mann bei der angenehmen Beſchäftigung, ſich ein Glas ſeines Lieblingsgetränks zu präpariren. „Kannſt mir auch eins zurecht machen;“ ſagte Albert, ſeinen Hut auf einen Stuhl ſchleudernd und ſich ſelbſt in die Ecke des vortrefflich gepolſterten Sophas werfend. „Wie gewöhnlich, Albertchen?“ fragte der gefällige Wirth, ein zweites Glas nebſt Theelöffel aus dem Wandſchrank nehmend und neben dem dampfenden Waſſerkeſſel auf den Tiſch ſtellend. „Eher ein bischen mehr als weniger;“ war die myſteriöſe Antwort. Während Herr Tobias nach dieſem Recept den heißen Trank zurechtbraute, ſtarrte Albert ſchweigend auf ſeine Stiefelſpitzen. „Du biſt heute nicht bei guter Laune, Albertchen!“ ſagte Tobias, von ſeiner Beſchäftigung aufblickend. „Müßte lügen, wenn ich das Gegentheil behaupten wollte.“ „Was giebt's? Hat die kleine Louiſe Dir's angethan?“ „Der Teufel ſoll die kleine Louiſe holen.“ „Oder iſt Dir ein Wechſelchen präſentirt, an das Du nicht mehr gedacht hatteſt?“ „So etwas der Art.“ „Na, was iſt's denn?“ fragte Tobias, den für Albert bereiteten Grog umrührend und das Glas vor ihn auf den Tiſch ſetzend. „Hier nimm einen Schluck, und dann heraus mit der Sprache!“ Albert nahm das Glas, koſtete, ob es weder zu heiß noch zu kalt, weder zu ſüß noch zu herb, weder zu ſtark noch zu ſchwach war, und als er ſich überzeugt, daß in allen Punkten das rechte Maß ge⸗ troffen, leerte er es auf einen Zug bis über die Hälfte. „Haſt heut' Abend ein gutes Gefälle,“ ſagte Tobias gemüthlich⸗ „Na, ſchieß los!“ „Du erinnerſt Dich, daß ich in Grenwitz während des Sommers ein Techtelmechtel mit der kleinen ſchwarzäugigen Here von Franzöſin anfing,“ ſagte Timm. „Weiß ſchon,“ ſagte Tobias mit ſchlauem Lächeln;„um was es ſich handelt.“ Zweiter Band. 199 „Nichts weißt Du; das Ding war in einer Hinſicht ſo ſchev, wie eine wilde Ente. In anderer Hinſicht war ſie freilich auch wieder dumm genug, wie Du ſchon daraus ſehen kannſt, daß ſie mir, als ich in ſolcher Penur war, Dreihundert borgte, die ſie in der Spar⸗ caſſe hatte.“ „Das war edel von ihr.“ „Ja, aber jetzt will ſie ſie wieder haben.“ „Haſt Du ihr einen Wechſel gegeben?“ „Nein.“ „So ſag', Du haſt nichts bekommen, abgemacht Sela!“ „Das geht nicht ſo leicht. Sie hat mächtige Freunde, mit denen ich es nicht gern verderben möchte.“ „Wie ſo?“ „Ich ſagte Dir doch, daß Marguerite ſeit einiger Zeit nicht mehr bei Grenwitzens iſt?“ „Nein, kein Wort. Wo denn?“ „Beim Geheimrath Robran.“ „Wie kommt ſie dahin?“ „Ich glaube, durch den Candidaten Bemperlein, den Duckmäuſer, der, wie ich höre, jetzt des Geheimraths rechte Hand, und wie Andere ſagen, mit meiner Pouſſage verlobt iſte „Wohl bekomm's,“ meinte Tobias.„Aber wer hat Dich denn nun eigentlich getreten?“ „Denrgalte Geheimrath ſelbſt. Hier—“, bei dieſen Worten zog Albert den Brief, den er vor einer halben Stunde erhalten hatte, aus der Taſche;„ſchreibt der alte Sünder: Geehrter Herr! Wie mir Fräulein Marguerite Martin, die mir jetzt die Ehre erweiſt u. ſ. w. u. ſ. w. Da die Beziehungen, welche früher zwiſchen Ihnen und der jungen Dame beſtanden, gänzlich und für immer— Sie wiſſen am beſten weshalb— abgebrochen ſind, ſo werden Sie es ſelbſtver⸗ ſtändlich finden, daß Sie als Mann von Ehre, ein Capital, das Ihnen unter ſo ganz anderen Vorausſetzungen zur Dispoſition geſtellt wurde, keinen Augenblick länger behalten können. Schließlich noch die Bemerkung, daß die junge Dame ſelbſt aus einer leicht erklärlichen Scheu, die ganze Sache wahrſcheinlich auf ſich hätte beruhen laſſen, 200 Durch Nacht zum Licht. —— wenn ich nicht, zufällig von der Baronin Grenwitz hörend, daß Fräu⸗ lein Martin während der Zeit ihres Aufenthaltes in jener Familie ein kleines Capital ſich erſpart habe, in die junge Dame gedrungen wäre und ſo den Sachverhalt erfahren hätte; u. ſ. w. u. ſ. w. Nun, was meinſt Du dazu?“ fragte Albert, den zerknitterten Brief wieder in die Taſche ſteckend. „Die Sache liegt allerdings ſchlimm,“ erwiderte Ehren Tobias, ſich den ergrauenden Kopf kratzend.„Der Geheimrath gilt ſo viel in der Stadt, beſonders jetzt, wo er, der Teufel mag wiſſen wie? ſeine Schulden bezahlt hat, daß Du nicht gegen ihn aufkommſt; ich fürchte, Du wirſt bezahlen müſſen.“ „Ich fürchte es auch,“ ſagte Albert.„Die verdammte Plauder⸗ taſche, die Baronin! Es iſt bloße Rache von ihr; aber ſie ſoll's mir büßen. Ich will die Daumſchrauben anziehen, daß—“ Albert ſchwieg und goß den Reſt aus ſeinem Glaſe in die Kehle. „Höre, Albertchen,“ ſagte Tobias;„in welchem Verhältniß ſtehſt 1 Du eigentlich zur Baronin? Ich hoffe, Albertchen, mein Junge, daß Du zu dem vielen Gelde, welches Du in letzter Zeit— ich kann wohl ſagen, ſehr gegen. Deine Gewohnheit— haſt blicken laſſen, auf anſtändige Weiſe gekommen biſt?“ 3 „Wie mrinſt Du das?““ „Nun, die Baronin iſt noch immer ſo übel nicht, und—“ „Du biſt verrückt. Die alte Schachtel! Das fehlte noch grade.“ „So ſage, wie kommſt Du zu dem Gelde?“ „Erſt ſage mir, was es für eine Bewandtniß hat mit dem Ver⸗ hältniß zwiſchen Dir und den Grenwitzens, auf das Du ſchon ein paarmal geheimnißvoll hingedeutet haſt.“ „Willſt Du mir dann ſagen, wie Du zu dem Gelde kommſt?“ „Gut! ſo wollen wir uns erſt Jeder noch ein Glas zurecht. machen und dann an's Erzählen gehen; aber reinen Mund gehalten, Albertchen, reinen Mund gehalten!“ „Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus,“ meinte Albert. Herr Tobias nickte ſchmunzelnd mit dem ehrwürdigen Haupte, Zweiter Band. 201 miſchte mit kunſtgerechter Hand den Grog, knöpfte ſeine ſchwarze Weſte auf, lehnte ſich in den Stuhl zurück und ſprach: „Ich war nicht immer in Grünwald und nicht immer Küſter in St. Brigitten.“ „Weiß! die Reſidenz hat die unbeſtrittene Ehre, Dich den ihren zu nennen, und weſſen Küſter Du geweſen biſt, ehe Du Küſter an St. Brigitten wurdeſt, wird der Teufel wohl am Beſten wiſſen.“ Tobias Gutherz ſchien dies für ein großes Compliment zu neh⸗ men. Er lächelte vergnügt in ſich hinein und ſchlürfte behaglich ſeinen Grog. „Nicht ſo grob, Albertchen,“ ſagte er,„ſonſt erzähle ich nicht weiter. Mein Vater war Bedienter, und ich wurde von der zarteſten Jugend auf zu demſelben Berufe beſtimmt. Wie groß mein Talent in dieſer Beziehung war, magſt Du daraus entnehmen, daß ich, als ich kaum zwanzig Sommer zählte, mindeſtens ſchon ein Dutzend Herren gehabt hatte. Um dieſe Zeit kam mir der Gedanke, endlich einmal mein eigener Herr zu ſein und da ich mir während meiner Dienſtzeit ein nicht unerkleckliches Sümmchen geſpart hatte“— hier lächelte Ehren Tobias mit dem linken Auge und dem linken Winkel ſeines Mundes— „beſaß ich Capital genug, um eine kleine Wirthſchaft anzufangen.“ „Mag auch ne ſchöne Wirthſchaft geweſen ſein,“ meinte Albert. „Allerdings!“ ſagte Tobias, indem er noch ein Stück Zucker in ſeinen Grog that;„zum mindeſten war in meiner Wirthſchaft das höne Geſchlecht ſehr zahlreich vertreten. Da ich das Princip hatte, Ar weibliche Bedienung in meinem Local zu haben und das„Café utherz“ immer ſtark frequentirt wurde, ſo hatte ich faſt ſechs bis acht junge Damen, welche die Honneurs machten, bei mir.“ Albert Timm ſchien dieſe ſtatiſtiſche Notiz ſehr großes Vergnügen zu bereiten. Er lehnte ſich in ſeine Ecke zurück und brach in ein ſchallendes Gelächter aus, während Ehren Tobias wiederum nur lächelte— diesmal zur Abwechſelung mit dem rechten Auge und dem rechten Mundwinkel. „St! ſt! Albertchen,“ ſagte er,„die Leute hören es auf der Straße. Wie kann ein kluger Jüngling, wie Du, ſo unvorſichtig laut lachen; ich habe mein ganzes Leben lang immer nur gelächelt und 202 Durch Nacht zum Licht. habe mich dabei ſehr gut geſtanden. Doch das bei Seite.— Die jungen Mädchen waren natürlich immer hübſch, ja ich kann wohl ſagen, daß ich von allen meinen Collegen ſtets die hübſcheſten hatte. Dies verdanke ich aber, ehrlich geſtanden, weniger mir ſelbſt, als dem Scharfblick und dem Geſchmack einer Dame, mit welcher ich früher, als ich mal mit ihr bei einer Herrſchaft zuſammen diente, ein zärt⸗ liches Verhältniß gehabt hatte, und jetzt noch immer in freundſchaft⸗ lichem und geſchäftlichem Verkehr ſtand. Dieſe Dame, mit Namen Roſa Pape, war in ihrer Art ein merkwürdiges Frauenzimmer mit einem wunderbaren Genie für ihr Geſchäft.“ „Ich kann mir ſchon denken, was das für eine Art Geſchäft war,“ meinte Albert. „Nichts kannſt Du Dir denken, junger Menſch,“ erwiderte Tobias.„Frau Roſa Pape war eine vortreffliche Frau, deren Geſell⸗ ſchaft von den anſtändigſten Damen nicht blos geſucht, ſondern auch obendrein mit ſchwerem Gelde bezahlt wurde und deren Nachtklingel die ganze, ſehr ſtark bevölkerte Straße, in welcher ſie wohnte, kannte. Aber Roſa Pape intereſſirte ſich nicht blos für junge Frauen, ſondern auch ganz konſequenterweiſe für diejenigen, welche es noch einmal werden konnten, und ſo hatte ſie denn unter den hübſchen Stuben⸗ mädchen und Nätherinnen eine nicht minder ausgebreitete Kundſchaft, als unter den Regierungsräthinnen und Kaufmannsfrauen. „In Folgen deſſen war Niemand beſſer als ſie im Stande, die Bekanntſchaft ſolcher jungen Perſonen mit jungen Cavalieren, die ſich nach einer temporären Lebensgefährtin ſehnten, zu vermitteln, und da ſie ſich immer ſehr anſtändig für ihre Hilfeleiſtungen bezahlen ließ, ſo war ihr Publicum das nobelſte, das ſich denken läßt: lauter Herrn von, Barone, Grafen, ja ſelbſt Prinzen von Geblüt wandten ſich vorkommenden Falls an die verwittwete Frau Roſa Pape. „Eines ſchönen Tages kam nun Frau Roſa zu mir und theilte mir mit, daß ein ſteinreicher Baron ihrer Bekanntſchaft ſich ſterblich in ein hübſches Kind verliebt und ſie(Roſa) beauftragt habe, ihm ſelbiges, koſte es was es wolle, zu ſchaffen. Sie habe auch ſchon mit dem Baron einen herrlichen Plan entworfen, zu deſſen Ausfüh⸗ rung aber noch ein„Kammerdiener“ nöthig ſei. Es ſei Geld, viel Zweiter Band. Geld bei der Affaire zu verdienen; ob ich Luſt habe, mit von der Partie zu ſein. „Nun hatte ich gerade in der letzten Zeit einige unangenehme Auseinanderſetzungen mit der Polizei gehabt, die leicht zu noch un⸗ angenehmeren Folgen führen konnten; und ich ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit, mich in ſo anſtändiger Geſellſchaft eine Zeit lang aus der Reſidenz zu entfernen. Vierundzwanzig Stunden ſpäter war ich mit der jungen Dame, um die es ſich handelte, in dem Wagen meines neuen Herrn auf dem Wege nach— nun rathe einmal, Albertchen?“ „Das mag der Kukuk wiſſen: aber Du wollteſt mir nicht Deine ganze intereſſante Lebensgeſchichte erzählen, ſondern ſagen, wie Du nach Grenwitz gekommen biſt,“ ſagte Albert, der, mit ſeinen Ange⸗ legenheiten beſchäftigt, nicht mit der gewöhnlichen Aufmerkſamkeit hin⸗ gehört hatte. „Du hörſt ja, daß ich ſchon auf dem Wege dahin bin,“ ſagte Tobias, Albert über den Rand ſeines Glaſes mit dem linken Auge anzwinkernd;„denn mein neuer Herr war der Baron von Grenwitz und das Ziel unſerer Reiſe Schloß Grenwitz, wo Du in dieſem Sommer geweſen biſt.“ Ein Indianer, der in dem Graſe der Prairie die Spur des Fein⸗ des entdeckt, den er verfolgt, kann nicht alle Sinne ſchärfer anſpan⸗ nen, als es Albert that, ſobald er dieſe letzten Worte vernommen, die ihn in Ehren Tobias eben jenen Kammerdiener erkennen ließen, der in der Erzählung der Mutter Clauſen eine ſo zweideutige Rolle geſpielt hatte. Aber er verrieth mit keiner Miene, keinem Worte, wie wichtig die ihm eben gemachte Entdeckung war, ſondern fragte mit vortrefflich geſpielte Unbefangenheit: „Der alte Baron? Der Tauſend! wer hätte dem alten Knaben dergleichen zugetraut.“ „Nicht der jetzige, ſondern ſein Vetter aus der älteren Linie, Baron Harald, oder der wilde Harald, wie er noch immer bei denen, die ihn gekannt haben, heißt. Ich ſage Dir, Albertchen, es war ein fideles Leben, das wir anno domini achtzehnhundert zweiundzwanzig auf Schloß Grenwitz führten. Wein und Weiber die Hülle und die 204 Durch Nacht zum Licht. Fülle; und dabei Komödie geſpielt, zum Todtſchießen lächerlich. Denke Dir: meine gute Freundin Roſa—“ „War denn die auch da?“ „Allerdings! habe ich Dir denn nicht geſagt, daß der Baron ſie als Großtante engagirt hatte?“ „Als was?“ Tobias lächelte— diesmal mit beiden Augen und Mundwinkeln: „Sie ſpielte mit Perrücke und Krückſtock die alte Großtante des Barons, da das alberne Ding, die Marie,— Marie Montbert hieß der Aff und war ein ſo ſchmuckes Mädel, daß einem die Augen über⸗ gingen, wenn man ſie anſah,— was wollte ich doch ſagen? Ja! die Marie hatte eine Anſtandsdame aus der Familie des Barons als conditio sine qua non, wie wir Lateiner ſagen, gemacht. Na, nun hatte ſie ihre Anſtandsdame, eine famoſe Anſtandsdame, he, Albert⸗ chen, he!“ und Ehren Tobias kicherte und ſtieß Albert freundſchaft⸗ lich in die Seite. „Nun, und wie ging die Sache zu Ende?“ fragte Albert, der Eile hatte, über das, was er ſchon wußte, wegzukommen. „Ja, ich habe ſie nicht zu Ende kommen ſehen, denn wir, d. h⸗ Roſa und ich, brannten ſchon vorher durch. Offen geſtanden fürch⸗ teten wir: die Geſchichte möchte ſchief ablaufen, denn Marie hatte in der Reſidenz manche Freunde, die Lärm machen und uns alle zu⸗ ſammen, zum wenigſten mich und Roſa, in des Teufels Küche brin⸗ gen konnten. So empfahlen wir uns denn eines ſchönen Tages, oder vielmehr Nachts, ohne Abſchied zu nehmen, nachdem wir noch Eines oder das Andere, was uns gerade in die Hände kam, als Andenken an Grenwitz mitgenommen hatten. Hier in Grünwald trennten wir uns, oder wurden getrennt. Ich wurde nämlich ſo krank, vermuthlich von dem guten Leben, das ich in Grenwitz geführt hatte, daß ich nicht weiter konnte, und in's Spital gebracht werden mußte. Was ich damals für ein Unglück hielt, ſchlug mir hinterher zum größten Glück aus. Denn der verſtorbene Superintendent Dunkelmann, der Vater von der Profeſſor Jäger, der damals Spitalgeiſtlicher war, ver⸗ liebte ſich ſo in mein beſcheidenes Lächeln, daß er mich, als ich wieder geſund war, nothwendig zum Bedienten haben mußte— na! und von 1 —.— — . Zweiter Band. 205 dem Bedienten eines Geiſtlichen bis zum Küſter iſt nur ein Schritt; und Herr Tobias ſchlürfte behaglich den Reſt aus ſeinem Glaſe. „Und haſt Du von Deiner Freundin Roſa je wieder etwas gehört?“ „Sie lebt in der Reſidenz und treibt ihr Geſchäft mit der dop⸗ pelten Buchführung ſchwunghafter als je. Wenn Du'mal nach der Reſidenz kommſt, Albertchen, vergiß ja nicht, ſie zu beſuchen. Sie wohnt Gertruden⸗ und Pferdeſtraßenecke, zwei Treppen hoch.“ „Wir wollen uns das doch gleich notiren,“ ſagte Albert, die Adreſſe in ſeine Brieftaſche ſchreibend;„aber was iſt denn aus der Marie, oder wie das dumme Ding hieß, geworden?“ „Ja, das iſt eine curioſe Geſchichte. Kurze Zeit nachdem wir fort waren, iſt wirklich einer ihrer Freunde, ein Herr von Eſtein, ge⸗ kommen und hat ſie dem Baron wegſtibitzt, der ſich darüber ſo ſchwer geärgert hat, daß er bald darauf geſtorben iſt. Aber nun kommt das Curivſeſte von Allem. Denke Dir, Roſa iſt kaum wieder in ihrem Geſchäft, als ſie eines Nachts herausgeklingelt wird, von wem? von eben dem Herrn von Eſtein, und zu wem? zu eben derſelben Marie, die in Kindesnöthen liegt.“. „Nicht möglich!“ rief Albert, einen Augenblick die angenommene Gleichgiltigkeit vergeſſend. „Was ich Dir ſage. Roſa hat es mir damals gleich geſchrieben und ich habe mich halb todt gelacht über den Spaß. Erſt ein Mäd⸗ chen verkuppeln und dann, ha, ha, ha!“ Tobias fand die Sache ſo komiſch, daß er diesmal gegen ſeine Grundſätze gerade herauslachte. „Ha, ha, ha!“ ſtimmte Albert ein.„Sehr gut, ha, ha, ha! Vielleicht weiß Frau Roſa auch, was aus dem Kinde geworden iſt?“ „Möglich,“ ſagte Tobias,„aber ich glaube, ſie will nichts davon wiſſen. Sonſt hätte ſie wohl, als Baron Harald damals in allen Blättern dem, welcher ihm über das Verbleiben der Marie Auskuuft geben könnte, eine große Belohnung bot, ſich gemeldet. Ich glaube, ſie hat die Folgen der Geſchichte gefürchtet und hat's gemacht wie ich und reinen Mund gehalten, bis zwanzig und einige Jahre lang Gras darüber gewachſen iſt. Na, aber nu, Albertchen, iſt die Reihe an Dir, mir zu erzählen, wie Du in letzter Zeit zu Deinem Gelde kommſt.“ 206 Put Nacht jm Licht. „Tauſend! da fällt mir ein, daß ich noch in die„Ratte“ muß,“ rief Albert aufſpringend.„Es iſt ja cheute Stiftungstag! Adieu, Tobias, ein ander Mal— ich kann wahrhaftig nicht bleiben.“ Und Albert ſetzte ſeinen Hut auf und entfernte ſich eiligſt, ohne⸗ ſich an das Schmollen ſeines Wirthes und Gaſtfreundes Ehren Tobias Gutherz zu kehren, der ſich alsbald daran machte, ſeinen Aerger in ſeinem Lieblingsgetränke zu ertränken— eine Abſicht, die ihm ſo voll⸗ kommen gelang, daß der Nachtwächter, der um Mitternacht den Schlüſſel zum Kirchhof holen wollte, eine halbe Stunde klopfen mußte, bis ſich Herr Tobias unter dem Tiſche, unter welchen er nach dem. ſechsten Glaſe geſunken war, hervorarbeiten konnte. 2 33 2 . Ende des zweiten Bandes.