————— — 2 — — — * —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg gegennahme tſprchende Summe äbe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Mr.— Pf 1 2 „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. E — — — ——— Friedrich Spielhagens geſanelte Werke. Neue, vom Verfaſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (mit dem Portrait des Perfaſſers.) Zehnter Band. Durch Nacht zum Licht. Berlin, 1367. Druck und Verlag von Otto Janke. Durch Nacht zun Licht. (Fortſetzung von: Broblematiſche Naturen.) —— Roman von Fr. Spielhagen. Ex fumo dare lucem cogitat. Horatius. Dritte Auflage. Erſter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. ————— Berlin, 1867. Druck und Verlag von Otto Janke. *5 — Erſtes Capitel. Der rothe Sonnenball hing tief am Horizonte. In den Schluch⸗ ten des Gebirges dämmerten bereits blaue Schatten, während die waldbekrönten Hänge im warmen Abendſchein erglühten. Das Laub⸗ holz prangte in dem bunten Schmuck des Herbſtes; aber es kam ſeltener vor in dieſem Theil der Berge, wo Schluchten ab Schluchten auf, über die wellenförmigen Rücken der Hügel weg tiefdunkle Tannen⸗ waldungen ſich breiteten. Auf der Landſtraße, die rechts und links mit zwerghaften Obſt⸗ bäumen beſetzt, in vielfachen Windungen dem Kamm des Höhenzuges zuſtrebte, fuhr langſam einer jener altmodiſchen, breitſitzigen, mit Hemmſchuh wohlverſehenen und mit zwei ſtarkknochigen, ſteifbeinigen Gäulen beſpannten Wagen, wie man ſie hier in den Städten mie⸗ thet, wenn man eine mehrtägige Tour in das Gebirge machen will. Die Pferde lagen mit vornübergebogenen Köpfen feſt im Geſchirr, und arbeiteten ſich mühſam Schritt vor Schritt hinauf, denn der Weg war ſteil und der Wagen ſchwer, obgleich der Kutſcher mit einem gelegentlichen: Hot Brauner! Hü Fuchs! den ſinkenden Muth der Thiere anfeuernd, nebenher ging und die beiden Herren, welche das Fuhrwerk ſeit einigen Tagen in Gebrauch gehabti hatten, ſchon am Fuß des Berges ausgeſtiegen waren und gemächlich ein paar hundert Schritt hinterherſchlenderten. Fr. Spielhagen's Werke. X. 1 Durch Nacht zum Licht. Es waren ein paar junge Männer, die nach ihrer Haltung und ihren Mienen offenbar der beſten Klaſſe der Geſellſchaft, das heißt,] der Mittelklaſſe, in der ſich Intelligenz und Bildung faſt ausſchließ⸗ lich concentrirt, angehörten. Sie waren beide hochgewachſen und,“ wie es dieſem Alter ziemt, ſchlank und elaſtiſch; der Eine, etwas““ Kleinere, um deſſen Mund und Wangen ſich ein dichter, glänzend ſchwarzer Bart zog, wäre mit ſeinem feinen, geiſtreichen Geſicht dem ruhig prüfenden Auge von Männern wohl als der Bedeutendere er⸗ ſchienen, obgleich er nicht ganz ſ. Froß und bei weitem nicht ſo ſchön war, wie ſein Gefährte, der in den Städtchen und Dörfern, durch die ſie kamen, die Blicke der ſchmucken Weiber und Mädchen aus⸗ ſchließlich auf ſich zog. Die beiden jungen Männer waren eine Zeit lang durch die Breite des Weges, der hier, zur Verzweiflung der Pferde und Fuß⸗ gänger, mit kleinen Steinchen beſchüttet war, getrennt, ſchweigend neben einander her gegangen; jetzt, nachdem ſie die böſe Stelle paſſirt, näherten ſie ſich wieder und der mit dem dunklen Bart, die Hand zutraulich auf ſeines Begleiters Schulter legend, ſagte in freundſchaft⸗ lichem Ton:„Eh bien, Oswald! weßhalb ſo ſtill?“ „Ich gebe die Frage zurück, antwortete der Andre, die ſchönen ernſten Angen auf den Gefährten wendend. „Ich genieße mit vollen Zügen die Herrlichkeit dieſer abendlichen Landſchaft,“ ſagte Doctor Braun,„und der Genuß, wiſſen Sie, iſt wortkarg, weil er vor lauter Genießen keine Zeit zum Sprechen hat. Aber ſagen Sie ſelbſt, iſt es nicht wundervoll, dieſes Thüringen? iſt es nicht werth, das Herz Deutſchlands, alſo das Herz des Herzens dieſes unſeres Welttheils, d. h. der bewohnten Erde zu ſein? Blei⸗ ben Sie einen Augenblick ſtehen; wir haben gerade hier einen Blick, der einzig ſein würde, wenn er in dieſen lieblichen Bergen nicht tauſend und aber tauſend ſeines Gleichen hätte. Da iſt das Thal, aus dem wir heraufgeſtiegen ſind; Sie können jetzt deulich den mäandriſchen Lauf des weidenbeſetzten Baches durch die Wieſen unter⸗ ſcheiden. Da liegt das Dorf, ein ſchmutziges Neſt aus der Nähe betrachtet und jetzt wie ſchön! eingehüllt in ſeinen bunten Blälter⸗ mantel und mit den blauen Rauchſäulen, die ſo gerade aus den Erſter, Band. 3 Schornſteinen ſteigen und allmälig an der Wand des Berges zu einem blauen durchſichtigen Gewölk anseinanderwehe Und nun dieſe prachtvollen, mit Tannen beſtandenen Hügel! Wie e ſich in tiefen ſatten Farben hintereinander abheben! und nun dieſer Durchblick links auf die blauen Berge, über die wir heute Morgen gekommen ſind! Und über dem Allen dieſer einzig ſchöne Himmel, klar und tief und unergründlich wie eines geliebten Weibes Auge! O, es iſt etwas Göttliches in dieſen Linic and Lichtern! Sie ſind wahrlich mehr, als eine bloße Augenweide, als eine Studie für den Maler; ſie enthalten einen Troſt für uns und eine Mahnung. Ein Blick in das zauberiſche Antlitz der Mutter Natur lullt unſer wildes Herz zur Ruhe, läßt uns die abenteuerlichen Fratzen unſerer ſogenannten Cultur vergeſſen, ſtimmt uns zurück auf den tiefen Grundton unſeres Weſens und erweckt oder wiederbelebt in uns den Glauben, daß alles Wahre, Hohe und Schöne unendlich einfach iſt und daß der Quell der Befriedigung für Jeden fließt, der nur mit reinen Sinnen darnach ſucht.“ Oswald hatte, während Dr. Braun dieſe Worte lebhaft un eindringlich, wie es ſeine Weiſe war, ſprach, die Arme übereinander⸗ geſchlagen, mit trüben Blicken in die Ferne geſehen. Jetzt, als ſein Begleiter aufgehört hatte zu ſprechen, ſagte er und es ſchwebte ein ironiſches Lächeln um ſeinen Mund: „Sind Sie deſſen ſo gewiß? Und geſetzt, es wäre ſo, wie Sie ſagen: was kann der Unglückliche dafür, daß ſeine Sinne nicht rein⸗ ſind, daß er mit Blindheit geſchlagen iſt und den Quell der Befrie⸗ digung nimmer findet? Noch heute Abend werden wir einem ſolchen Unglücklichen gegenüberſtehen. Heffnen Sie ihm die blinden Augen, reinigen Sie ſeine verſtörten Sinne und ich will Sie wie einen Gott verehren!“ Dr. Braun ſchien über dieſe Worte, die zuletzt in einem leiden⸗ ſchaftlichen und bittern Ton geſprochen wurden, betroffen. Er ſchwieg einige Augenblicke, während ſie den Berg weiter hinauf ſchritten, dann ſagte er: „Ich glaubte, unſere lange Reiſe würde Sie ruhiger und heite⸗ rer geſtimmt haben, Oswald. Ich beginne an meiner ärztlichen Kunſt 1* 4 Durch Nacht zum Licht. zu verzweifeln, jetzt, da ich ſehe, daß die alten böſen Träume noch ſo mächtig in Ihnen ſind, wie zuvor. Sie ſchienen faſt geheilt von der verderblichen Sucht, ſich, wie der Heine'ſche Jüngling, an den Strand des Meeres zu ſetzen und die rauſchenden Wogen nach den uralten qualvollen Räthſeln des Lebens zu fragen, und nun?“ „Nun langweile ich Sie wieder mit den alten Jeremiaden? Nein, Franz, ich will Ihrer Seelenheilkunſt keine Schande machen und mir Mühe geben, die Welt ſo ſchön und vernünftig zu finden, wie Sie. Es war das nur eine Reminiscenz aus der Vergangenheit. Daß ſie mir gerade jetzt kommt, jetzt, wo wir dem Ziele unſerer Wallfahrt uns nähern, wo ich dem edlen unglücklichen Manne, den ich ſo unendlich verehre und liebe, dem ich ſo viel verdanke, nach einer ſo langen Zeit, wo ſich für ihn und mich ſo viel, ſo viel ver⸗ ändert hat, wieder unter die Augen treten ſoll— iſt das nicht ſo natürlich, ſo begreiflich! Ich bin treulich Ihrem Rath gefolgt, ſo weit ich es vermochte. Ich habe das Vergangene vergangen ſein laſſen; ich habe die Kunſt des Vergeſſens fleißig geübt, ich habe der Lebenden nicht gedacht und ſelbſt die Schemen geliebter Todten, wenn ſie ſich an mich drängten, in den Hades zurückgewieſen; aber hier erſcheint die Geſtalt eines Lebendigen, der geſtorben iſt, eines Geſtor⸗ benen, der noch lebt, und ich finde in meinem Hirn und Herzen keinen Zauberſpruch, dieſe ehrfurchtgebietende, thränenwerthe Geſtalt zu meiſtern, wie die anderen.“ „So laſſen Sie uns umkehren,“ ſagte Dr. Braun mit großer Lebhaftigkeit.„Wenn Sie in ſich nicht die Kraft fühlen, den Stand⸗ punkt, den Sie eingenommen haben, zu behaupten gegen jeden Ein⸗ wurf, gegen jede Autorität, ſo wäre es Wahnſinn, ſich in dieſe Ge⸗ fahr zu ſtürzen. Laſſen Sie uns umkehren; noch iſt es Zeit.“ „Nein,“ ſagte Oswald,„das wäre feig und thöricht zugleich. Wir beſiegen die Gefahr nicht, vor der wir fliehen. Ich muß Berger ſehen und ſprechen. Dieſe Zuſammenkunft wird die Probe zu dem Exempel ſein, an dem wir jetzt nun ſchon vier Wochen rechnen. Ent⸗ weder ich erhole mich an dem Anblick des Wahnſinnigen vollends von meinem eigenen Wahnſinn, oder—“ „Hier giebt es kein Oder,“ rief Franz.„Wahrlich, Oswald, . Erſter Band. F Es war ein unergründlich wunderlicher Mann, ſchon in ſeiner äußern Erſcheinung. Denken Sie ſich eine faſt zwerghafte, aber ſehr wohl proportionirte, außerordentlich gewandte und bewegliche, Som⸗ mer und Winter, früh und ſpät mit einem ſchwarzen abgeſchabten Frack, ſchwarzen Kniebeinkleidern, ſchwarzen Strümpfen und Schnallen⸗ ſchuhen bekleidete Geſtalt, die, es mochte die Sonne ſcheinen oder regnen, ſtets mit dem Hut in der Hand über die Straßen ging. Denken Sie ſich auf dieſer kleinen Geſtalt einen, vielleicht im Ver⸗ hältniß etwas zu großen Kopf, mit einer feſten, an den Schläfen kahlen Stirn, unter der ein paar ſtechende Augen hervorblitzten, und mit einem Geſicht, das, ſcharf und fein und ſtreng, das Lachen ent⸗ weder nie gekannt hatte, oder es ſeit vielen, vielen Jahren verlernt zu haben ſchien— ſo haben Sie das Bild meines Vaters, des„alten Candidaten,“ wie ihn in W.... Jedermann und ſelbſt die Gaſſen⸗ jungen nannten, mit denen ich, wenn ſie ſich über ſeine Erſcheinung luſtig zu machen wagten, manchen blutigen Strauß ehrlich ausgefoch⸗ ten habe. Uebrigens paßte, außer etwa dem Beiwort„alt“, jener Spitz⸗ name gar nicht auf meinen Vater. Er hat ſich, ſo viel ich weiß, in ſeinem Leben um kein Amt, weder geiſtliches noch weltliches, bewor⸗ ben; und er wäre auch, trotz ſeiner eminenten Gelehrſamkeit, zu kei⸗ nem tauglich geweſen, denn er hätte ſich bei ſeiner wunderlichen, Gemüthsart und ſeinen Sonderlingslaunen in keins zu fügen ver⸗ ſtanden. Welche bitteren Erfahrungen, welch' trauriges Geſchick meinen Vater zu dem wunderlichen Heiligen, der er war, gemacht hatten,— ich habe in ſpäteren Jahren oft und vergebens darüber geräthſelt. Es war ein menſchenſcheuer Hypochonder, der, ſo weit es ihm mög⸗ lich war, jede Berührung mit der Geſellſchaft auf's ſorgfältigſte mied, und der in Folge deſſen auch von Jedermann aufs ſorgfältigſte ge⸗ mieden wurde. Die, welche auf Bildung und Religiöſität Anſpruch machten, erklärten ihn für einen Cyniker, weil er ſich von allen geſell⸗ ſchaftlichen Formen emancipirt hatte, und für einen Atheiſten, weil er ſich niemals in einer Kirche ſehen ließ; der Pöbel bekrenzigte ſich vor ihm, wie vor einem, der offenbar mit dem Gottſeibeiuns in 8 Durch Nacht zum Licht. näherem Verhältniß ſtand, als einem ehrlichen Chriſtenmenſchen lieb iſt. Hätte er zweihundert Jahre früher gelebt, würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeiſter und Zauberer verbrannt haben. Allerdings muß ich geſtehen, daß der gebildete und ungebildete Pöbel nicht ſo ganz Unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Anſichten zutraute, die in das Hirn eines gewöhnlichen Menſchen nicht paſſen. Er hatte die unſäglichſte Verachtung vor allem Auto⸗ ritätsglauben, da er ſich durch denſelben in der Freiheit ſeines Den⸗ kens beeinträchtigt ſah, und einen glühenden Haß gegen alle weltliche Tyrannei, weil ſie die Freiheit ſeines Handelns aufhob. Er erklärte die Republik für die einzige Staatsform, unter der ſich ein Mann, der den richtigen point d'honneur habe, glücklich fühlen könne. Jede Bevorzugung des Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen ſei eine Ungerechtigkeit, die nur durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieſer erklärlich werde. Zwiſchen einer Schaf⸗ heerde, die ſich von einem ſtumpffinnigen Knecht und einem biſſigen Köter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, daß ſich von einer, im Verhältniß unendlich geringen Anzahl Menſchen gängeln und hudeln laſſe— ſei der Unterſchied am Ende ſo gar groß nicht; nur daß die Menſchen ihrer Schande ein hübſches Mäntelchen umhängten, wozu die Schafe allerdings nicht im Stande ſeien. Vor allem grimmig war der Haß, mit der mein Vater den Adel haßte.“ Er verfügte über ein gänzes Lexikon von ſchmähenden Bei⸗ wörtern, ſobald er auf dieſen Stand zu ſprechen kam. Nie ſetzte er einen Fuß in das Haus eines Adligen, und Schüler von Adel, die ſich bei ihm meldeten, wurden ohne alle Umſtände zurückgewieſen. Einmal, als wir mit der Piſtole nach der Scheibe ſchoſſen— eine Fertigkeit, in der er excellirte— ſagte er mir, daß er in jüngeren Jahren gehofft habe, ſich durch eine Kugel an einem Adligen zu rächen, der ihn tödtlich beleidigt hatte. Unglücklicherweiſe ſei der Mann vor der Zeit geſtorben. Das iſt die einzige Andeutung, die ich je von meinem Bater über ſein früheres Leben gehört. Und in dem faſt ausſchließlichen Umgange mit dieſem Manne bin ich aufgewachſen. Wunderlich, wie er ſelbſt, war auch das Ver⸗ hältniß, das zwiſchen uns ſtattfand. Obgleich mein Vater mehr für Erſter Band. g mich that, als ſonſt die Eltern zuſammen für ihr Kind thun, obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte— ſo glaube ich doch nicht, daß er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein ſpiritualiſtiſcher Menſch. Entweder war ſein Herz einmal in ſeinem Leben tödtlich getroffen von einem Schlage, den es nie wieder überwand, oder er hatte auf der Retorte ſeines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt. Er that, was er that, aus Pflicht, aus Ueberzeugung des Rechten; denn, wie er ſelbſt ſagte: die Gerechtigkeit ſteht über der Liebe; ſie leiſtet Alles, was die Liebe leiſten kann und doch noch ein gut Theil mehr.“ „Mehr und auch nicht ſo viel,“ warf Franz ein;„was wir für geliebte Menſchen aus Neigung thun, ſollen wir für die andern aus Gefühl des Rechts thun, d. h. aus der Ueberzeugung, daß die In⸗ tereſſen aller Menſchen ſolidariſch ſind. Liebe und Gerechtigkeit ver⸗ halten ſich wie Individuum und Gattung. Die eine darf ohne die andere nicht ſein, denn wir brauchen ſie beide. All die tauſend klei⸗ nen Zärtlichkeiten, mit denen wir geliebte Menſchen überſchütten, kann die Gerechtigkeit uns nicht lehren, ebenſo wie uns die individuelle Liebe überall da im Stich läßt, wo es ſich um die Andern, d. h. um die Genoſſenſchaft, die Nation, die Menſchheit handelt.“ „Sie mögen Recht haben,“ erwiderte Oswald;„und das erleich⸗ tert mir auch ein Geſtändniß, welches ich ſo eben thun wollte. Ich ehrte meinen Vater hoch, aber ich liebte ihn nicht; ja ich emnpfand oft— worüber ich mir freilich erſt viel ſpäter klar geworden bin— eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem ſonderbaren Mann. Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber, ſeitdem ich eingeſehen habe, daß zwei grundverſchiedenere Weſen, wie meinen Vater und mich, die Natur nicht leicht ſchaffen kann. Wir waren uns körperlich ſo unähnlich, wie wir es an Gemüthsart und Neigun⸗ gen waren. Ich liebte ſchon als Knabe leidenſchaftlich Glanz und Pracht und alles, was ſchön iſt in Natur und Menſchenwelt. Ich begeiſterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden, die ſich des Jugendſchmuckes blonder Locken, rother Wangen und leuchtender Augen erfreuten; ich verkehrte gern in den Häuſern, wo es, nach meinen damaligen Begriffen, fein und vornehm herhing. Ich hielt 10 Durch Nacht zum Licht. ſehr viel auf meinen Anzug und hörte es gar nicht ungern, daß die Frauen mich einen hübſchen Jungen nannten. Sie können ſich denken, wie wenig im Grunde ein Burſche mit dieſen Neigungen und Bedürfniſſen zu der Geſellſchaft eines ein⸗ ſamen menſchenſcheuen Hyponchonders paßte, deſſen Lebensweiſe er natürlich halb und halb zu theilen gezwungen war. Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit ließ, die mit ſeinen ſonſtigen ſtrengen Anſichten nicht recht in Einklang zu bringen war, obgleich er meinen ariſtokratiſchen Neigungen für ſchöne Kleider und den Comfort des Lebens in einer Weiſe nachgab, die mir noch bis auf dieſe Stunde unbegreiflich iſt, ſo wußte ich doch, daß ich ihn durch dieſe meine Sympathien für eine Welt, die er verabſcheute, auf's innigſte kränkte, und gab mir deshalb Mühe, an dem Leben möglichſt wenig Ge⸗ ſchmack zu finden. Das gelang mir um ſo eher, als ich ſehr bald in der Einſamkeit, zu der ich mich im Anfang nur mit Widerſtreben verurtheilte, eine Quelle entdeckte, durch welche die ödeſte Wüſte in das blühendſte Paradies umgeſchaffen wird— ich meine die kaſtaliſche Quelle der Poeſie. Wir bewohnten ein kleines Haus, deſſen hintere Mauer ein Theil der Stadtmauer war. In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenſter durch die ellendicke Mauer durchgebrochen, ſo daß das Ganze einem Gefängniſſe ähnlicher ſah, als irgend etwas Anderm. Und doch, welche ſeligen Stunden habe ich hier in dieſem Stübchen verlebt! Aus meinem Fenſter hatte ich einen unbegrenzten Blick über Wall und Graben der Stadt weg, auf glatte, mit ſchönen Baum⸗ gruppen garnirte Teiche, über ſaftige, hier und da mit Weiden be⸗ wachſene Wieſen bis zu dem Meere, von dem ein dunkelblauer. Streifen durch die grünen Bäume herüberblitzte. Hier an dieſem Fenſter ſaß ich des Sommerabends, wenn die Sonne, wie dort, ſtrahlend und herrlich unterging, das Herz bis zum Ueberfließen voll von chaotiſchen Gefühlen, und in dem Hirn Gedanken ſpinnend, ſo bunt und ſchön und ach! auch ſo vergänglich wie Seifenblaſen. Ich erinnere mich noch an ein paar Verſe aus einem Gedicht, das ich als Student an einem trüben Herbſtabend in der Reſidenz machte, während ich, in dumpfes Brüten verloren, — 7 6 — Erſter Band. 13 finken mußte. Er rieth mir, nach Grünwald zu gehen. Ich folgte ſeinem Rath. 5 Von dieſem Augenblick an kennen Sie die Geſchichte meines Lebens, zum wenigſten in den Umriſſen. Sie wiſſen, daß ich in Grünwald den unglücklichen Mann kennen lernte, zu dem wir jetzt wallfahren. Sie werden ſich nun auch erklären können, wie un⸗ möglich es gerade für mich ſein mußte, dem Zauber von Bergers dämoniſcher Perſönlichkeit zu widerſtehen; wie ich in ſeinem Umgang nur noch tiefer in die Dornen der Widerſprüche gerieth, an denen mein Herz verblutete. Berger wollte, daß ich nach Grenwitz ging, in einer adligen Familie eine Stelle zu übernehmen, für die ich, wie der Erfolg ge⸗ lehrt hat, genau ſo gut paßte, wie der Habicht in den Taubenſchlag. Sie ſind den einzelnen Phaſen meines dortigen Lebens als aufmerk⸗ ſamer Zuſchauer mit den Augen des Philoſophen und des Freundes zugleich gefolgt. Wie viel Sie davon geſehen, wie viel Sie davon begriffen, wie vieles Ihnen unklar geblieben iſt— ich weiß es nicht und will es nicht wiſſen. Ueber einen Theil dieſer Ereigniſſe mag ich nicht reden; über einen andern darf ich es nicht. Als die Kataſtrophe, die Sie vorausgeahnt hatten, hereinbrach und die frivole Welt, in der ich mich dort bewegte, mir über dem Kopfe zuſammen⸗ ſtürzte— da ſtanden Sie treulich zu mir; Sie riſſen mich aus dieſem Wirrſal, und luden ſich damit eine Laſt auf die Schultern, über die Sie im Stillen wohl ſchon mehr als einmal geſeufzt haben werden. Aber nein! das iſt nicht möglich! Sie ſind ſo klug, wie Sie weiſe, und ſo weiſe, wie Sie gut ſind. Sagen Sie, Franz, welcher Odyſſeus hat Sie erzeugt, welche Penelope geboren, daß Sie Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, immerdar ſo ſichtbarlich in ihren gnädigen Schutz genommen hat?“ „Ich glaube, es iſt in meinem Leben Alles auf ganz gewöhn⸗ liche Weiſe zugegangen,“ ſagte Franz lachend,„und denken Sie nur ja nicht, daß ich von der Schlla nicht gefährdet und von der Charyb⸗ dis geſchädigt worden bin! Ich habe, wie Sie, auf dem Punkte ge⸗ ſtanden, an mir ſelbſt zu verzweifeln. Was mich gerettet hat, iſt eine Ueberzeugung, die zuerſt in dämmernder Ahnung, dann immer Durch Nacht zum Licht. klarer und deutlicher und zuletzt mit ſiegreicher Gewißheit in meiner Seele aufging, die Ueberzeugung nämlich, daß dieſe Welt ein Kosmos iſt, in welchem Jeder von uns, er ſei auch wer er ſei, mit Noth⸗ wendigkeit ſeine beſcheidene Stelle auszufüllen hat. Dieſer Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe erfüllt, ohne welche zuletzt das Leben unerträglich werden muß. Ich ſagte mir: dieſe Welt, von der Du im Grunde ſo wenig weißt, iſt ein ſo alter, ſolider, wohlbegründeter Bau, daß Du an dem Plan nicht verzweifeln darfſt, auch wenn Du ihn nicht ganz begreifen ſollteſt. Dieſes Menſchen⸗ geſchlecht, deſſen Geſchichte vielleicht auf eben ſo viel Millionen Jahre berechnet iſt, als wir jetzt davon Jahrtauſende kennen, iſt ein ſo un⸗ ergründlich wunderbares Phänomen der ſchaffenden Kraft, daß Du in Deinem Leben, und wenn es noch ſo lange währte, nur zu lernen und immer wieder zu lernen haſt. Die Kunſt, ſagt Gvethe, hat nie ein einzelner Menſch beſeſſen; aber, ſetze ich hinzu, die Philoſophie eben ſo wenig. Von dieſer Ueberzeugung ausgehend, faßte ich den Entſchluß, in dem Leben Sinn und Verſtand finden zu wollen, und ich kann nicht anders ſagen, als daß ich meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt geſehen habe. Schon auf der Schule mißtrauiſch gegen die Reſultate des rein ſpeculativen Denkens, widmete ich mich einer Wiſſenſchaft, in welcher uns die pſychiſchen Vorgänge gleichſam ad oculos demonſtrirt werden— der Medicin, zumal ihre praktiſche Ausübung noch den Vortheil hat, uns in fortwährende, intimſte Be⸗ rührung mit den übrigen Menſchen zu bringen, von denen wir uns — ſage man, was man will, von der Poeſie der Einſamkeit— ſtets nur zu unſerm eigenen Nachtheil entfernt halten. Wer die Solidarität aller menſchlichen Intereſſen— das oberſte Princip aller politiſchen und moraliſchen Weisheit— begriffen hat, weiß auch, daß ſeine individuelle Exiſtenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome iſt und daß dieſe Tropfen⸗Exiſtenz weder das Recht noch die Möglichkeit der abſoluten Selbſtändigkeit hat. Wenn die Men⸗ ſchen wie reife Früchte vom Baum fielen, möchte es ſchon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen geboren werden, um Jahre lang die hülfloſeſten aller Geſchöpfe und der —————— Erſter Band. S treuen Pflege der Eltern ganz und gar überlaſſen zu ſein; wo wir, wenn uns das Schickſal hold iſt, unter Brüdern und Schweſtern aufwachſen, um alle Freuden des Lebens mit ihnen nicht nur zu theilen, ſondern erſt von ihnen zu erhalten; wo wir noch ſpäter jeden wahren Genuß, jedes Feſt der Seele nur mit Anderen genießen und feiern können— da dürfen wir uns denn auch nicht länger ſträuben, zu ſein, was wir wirklich ſind: Menſchenſöhne, Kinder dieſer Erde, mit dem Recht und der Pflicht, uns hier auf dieſem unſeren Erbe auszuleben nach allen Kräften, mit den anderen Menſchenſöhnen, unſeren Brüdern, die mit uns gleiche Rechte und freilich auch gleiche Pflichten haben. Sehen Sie, Oswald, ſo wird die Welt ein Kosmos und wir hören auf, Atome zu ſein, die, wer weiß woher? und wohin? ohne ein vernünftiges Geſetz in dem unendlichen Raum umherwirbeln. Der Fehler Ihres Lebens, in welchen Sie freilich bei einer ſo wun⸗ derlich verlebten Jugend faſt mit Nothwendigkeit fallen mußten, iſt: daß Sie ſtets nur für ſich, nie wahrhaft für die Andern gelebt haben. So ſind Sie in eine ganz ſchiefe Stellung zur Welt gerathen, in der Sie der Welt und die Welt Ihnen nichts nützen konnte. Das wird jetzt anders werden. Sie haben der Freundſchaft zu mir das Opfer gebracht, einen Schritt zu thun, der, ich fühle es wohl— und jetzt beſſer, als zuvor— Ihrem ganzen Naturell äußerſt pein⸗ lich ſein mußte. Aber ich bin überzeugt, Sie werden ſpäter dieſen Schritt ſegnen. Das Probejahr, welches Sie auf dem Grünwalder Gymnaſium abſolviren wollen, wird auch in anderer Hinſicht für Sie ein Probejahr werden. Es wird ſich zeigen, ob Sie den ſchwerſten aller Siege, den Sieg über ſich ſelber, über die eigene ſouveräne Willkür erkämpfen können. Ich wollte, Sie wären wie ich, mit einem guten und klugen Mädchen verlobt, und müßten arbeiten und müßten kämpfen, wenn nicht zu eignem Nutz und Frommen, ſo doch für ſie, die Ihnen tauſendmal theurer iſt, als das eigene Leben, und Sie ſollten ſehen, wie leicht, wie ſpielend leicht Ihnen dieſer Kampf und dieſer Sieg ſein würde!“ Oswald antwortete nicht. Er fühlte ſich von der Wahrheit der Worte ſeines Gefährten überzeugt, aber auch zugleich in einer pein⸗ 16 Durch Nacht zum Licht. lichen Weiſe beſchämt. Denn das Antlitz der Wahrheit iſt ſtreng und flößt dem, welcher ihr nicht mit Hintanſetzung aller individuellen Neigungen, mit ganzer Seele anhängt, ein Grauen ein. So gingen ſie ſchweigend nebeneinander her, bis ſie den Gipfel des Berges und zugleich den Wagen erreichten, der dort oben ihrer harrte. Sie ſtiegen wieder ein, und bergab ging es jetzt in raſchem Trabe dem Städtchen zu, das in dem Buſen eines von waldum⸗ kränzten Bergen ringsum eingeſchloſſenen Thales, ſchon in duftiges Abendgrau gehüllt, zu ihren Füßen lag. Es war das Ziel ihrer heutigen Fahrt und wenigſtens für Oswald, der ganzen Reiſe— der Badeort Fichtenau, weit und breit berühmt durch ſeine reizende Lage, durch ſeine ſtärkenden Fichtennadelbäder und in neueſter Zeit durch die große und trefflich geleitete Anſtalt für Geiſteskranke, welche der intelligente und in der Pſychiatrie viel erfahrene Doctor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegründet hatte. Es waren wunderliche Empfindungen, die Oswalds Herz er⸗ füllten, während er, in ſeine Ecke gelehnt, Bäume und Felſen an ſich vorbeitanzen und ſich mit jedem Hufſchlag der Pferde auf dem ſteinigen Boden dem Orte näher geführt ſah, mit dem ſich in den letzten Monaten ſeine Gedanken ſo viel und ſo peinlich beſchäftigt hatten. Wie gleichgültig war der Name deſſelben an ſein Ohr ge⸗ klungen, da er ihn zuerſt in Grenwitz, als des Aufenthaltsorts von Melitta von Berkows krankem Gemahl, erwähnen hörte! Kannte er doch da Melitta noch nicht, wußte er doch noch nicht, daß er wenige Tage ſpäter in den Feſſeln der Liebe dieſes liebenswürdigen Weibes ſchmachten würde! Dann hatte er, obgleich ſelten und immer nur mit Widerſtreben ausgeſprochen, den Nainen von ihren Lippen vernommen und der Ort hatte für ihn in ſeiner damaligen ſeligen Stimmung die unheimliche Bedeutung gewonnen, wie für den Beſitzer eines herrlichen, prachtvollen Hauſes ein dunkles Zimmer, das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern ſpricht, weil ſich vor Jahren einmal eine ihm naheſtehende Perſon darin entleibt hat.— Dann war die Zeit gekommen, wo Melitta, Doctor Birken⸗ hains Einladung folgend, ihren ſterbenden Gemahl zu beſuchen ging— dann die peinlichen, ſchlimmen Tage, wo er ſie in Fichtenau Erſter Band. 17 wußte an der Seite des todtkranken Gatten; wo er von Fichtenau aus ihre Briefe erhielt, in welchen jedes Wort ein ſehnſuchtsvoller Kuß war. Da war ihm Fichtenau abwechſelnd wie das Grab und die Wiege ſeines Glückes erſchienen, je nachdem er durch Herrn von Berkow's Tod die Hinderniſſe einer Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt, oder ſich von ihr gerade durch dieſes Er⸗ eigniß für immer getrennt ſah.— Dann kam der unſelige Tag, wo er erfuhr, daß der Mann, in welchem er von vornherein inſtinctiv ſeinen gefährlichſten Nebenbuhler erkannt hatte, ſich bei Melitta be⸗ fand; als böſe Zungen ihm die gehäſſigſten Auslegungen dieſes auf⸗ fallenden Schrittes in's Ohr ziſchelten, und er, der Unglückliche, dieſen anſtößigen Verleumdungen mit nur zu willigem Ohr lauſchte, weil er ſelbſt ſchon an ſeiner Liebe zum Verräther geworden war, weil er, wie ein Schiffbrüchiger, der, ſich und ſeinen Raub zu retten, den beſten Freund mitleidslos von dem ſchaukelnden Brette in die Tiefe ſtößt, Melitta opferte, um ſeine neue Leidenſchaft für die ſchöne Helene vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen.— Und endlich, um das Maß voll zu machen, dem Verſtörten, von tauſend qualvollen Gefühlen Zerriſſenen, gleichſam den Beweis zu liefern, daß die ganze Welt aus den Fugen ſei und es auf eine Verirrung mehr oder weniger nicht ankomme, mußte dieſer Ort, wo, wie er wähnte, das vor kurzem noch ſo heiß geliebte Weib ſich in den Armen eines geiſtreichen Rous's für die Augenblicke, die ſie an dem Sterbebette ihres Ge⸗ mahls zubrachte, entſchädigte, derſelbe Ort ſein, wohin man den von ihm ſo hochverehrten Freund und Lehrer brachte, als ſein Genius die ſtrahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnſinns ausgelöſcht hatte. Da— und beſonders, als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den Knaben raubte, den er mit brüderlichſter Liebe umfing und ſein Verhältniß mit der hochadeligen Familie auf eine ſo eigenthüm⸗ liche Weiſe gelöſt wurde— als er den Nebenbuhler von ſeiner Kugel auf den Tod verwundet, zu ſeinen Füßen liegen und er ſich von dem geliebten Mädchen, und wäre es nicht aus tauſend anderen Gründen, ſchon durch dieſe That für immer getrennt ſah— da war ihm zu Sinnen, als ob es für ihn auf Erden keine paſſendere Zu⸗ fluchtsſtätte gebe, als eine Zelle neben der ſeines Freundes und Fr. Spielhagen's Werke. R. 2 18 Durch Nacht zum Licht. Lehrers in Doctor Birkenhains berühmter Heilanſtalt für Geiſtes⸗ kranke zu Fichtenau. So hatte er denn auch, als er mit Doctor Braun zu der Reiſe, die dieſer Letztere urſprünglich zur Verfolgung wiſſenſchaftlicher Zwecke projectirt hatte, aufbrach, ſogleich nach Fichtenau gewollt; aber Braun hatte den Beſuch dieſes Ortes unter dieſem und jenem Vorwande immer hinauszuſchieben gewußt; und zwar aus guten Gründen. Er hatte— ohne Oswalds Wiſſen— direct an Doctor Birkenhain geſchrieben und denſelben um eine detaillirte Schilderung von Ber⸗ gers Zuſtand gebeten. Doctor Birkenhain antwortete, daß bei Ber⸗ ger von Wahnſinn nur in ſo weit die Rede ſein könne, als er an der fixen Idee der abſoluten Nichtigkeit aller Exiſtenz leide, im Uebrigen aber im Vollbeſitz ſeiner geiſtigen Kräfte ſei, ja daß er den⸗ ſelben jetzt ſchon aus ſeiner Anſtalt entlaſſen haben würde, wenn der Kranke nicht ausdrücklich eine Verlängerung ſeines Aufenthaltes ge⸗ wünſcht hätte. Doctor Braun ſagte ſich nun, daß unter dieſen Um⸗ ſtänden ein Beſuch in Fichtenau für Oswalds excentriſches und jetzt mehr als je aufgeregtes Gemüth mit der größten Gefahr verknüpft ſei. Der Anblick eines Wahnſinnigen würde ihn zur Beſinnung ge⸗ bracht haben, der Verkehr mit einem ſelbſt noch in ſeinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihn möglicherweiſe in ſeinen ausſchweifen⸗ den Ideen noch beſtärken. In dieſer Beſorgniß hatte Franz den Beſuch von Fichtenau an das Ende, und nicht, wie Oswald wollte, an den Anfang der Reiſe gebracht, indem er hoffte, der vielfache Verkehr mit fremden Menſchen, die wohlthätigen Eindrücke einer Fahrt durch die ſchönſten, im feſt⸗ lichſten Schmucke des Herbſtes prangenden Gegenden würden Oswald zu einer ruhigeren, vernünftigeren Anſicht des Lebens bringen, und ihn ſo befähigen, Berger mit Ueberlegenheit, wenigſtens ohne Gefahr für ſich ſelbſt, gegenüberzutreten. Jetzt ſah ſich Franz in dieſer Hoffnung betrogen. Oswalds aufgeregtes Weſen gefiel ihm keineswegs und er wäre am liebſten umgekehrt, wenn dazu jetzt noch eine Möglichkeit geweſen wäre. So nahm er ſich wenigſtens vor, während er von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Oswald warf, der, in ſeine Ecke gedrückt, mit Erſter Band. 19 ſtarren Augen auf das Städtchen herabſah, den Beſuch ſo viel als thunlich abzukürzen, und den Freund während der Dauer deſſelben ſo wenig als möglich mit Berger allein zu laſſen. Drittes Capitel. Die Sonne war bereits ſeit einer halben Stunde hinter dem breiten Rücken des tannenbewaldeten Hügels, der Fichtenau von der Weſtſeite einſchließt, untergeſunken, als der Wagen mit den beiden Freunden aus den Bergen beraus in die Thalebene gelangte, in welcher das Städtchen liegt. Die müden Pferde, erfreut über den glatten Boden und das leichtere Rollen des Wagens, griffen wacker aus in der ſichern Hoffnung auf baldigen Abendhafer, und angefeuert durch die ſchrillen Töne einer Clarinette, die nebſt obligaten dumpfen Trommelſchlägen aus einem dichten Kreis von Menſchen herüber⸗ tönten, welcher ſich auf der Gemeindewieſe unmittelbar vor dem Ein⸗ gang in das Städtchen um eine Seiltänzerbande verſammelt hatte. Der Weg führte an dieſem Orte vorüber und da die gaffende Menge die etwas höher liegende Landſtraße dicht beſetzt hatte, war der Kutſcher genöthigt, langſamer zu fahren und zuletzt, da die Leute trotz ſeines Scheltens und Fluchens ſich in der Luſt des Schauens nicht ſtören ließen und wie angenagelt auf ihren Plätzen ſtanden, ſtill zu halten. Allerdings konnte man den guten Leuten ihre Unhöflichkeit nicht ſo hoch anrechnen, denn in dieſem Augenblicke gaben die wandernden Künſtler ihr vorzüglichſtes Stück, welches ſie immer bis zum Schluß der Vorſtellung aufſparten, um ihre Zuſchauer mit einem möglichſt günſtigen Eindruck zu entlaſſen. Aus dem kleinen Circus war bis zu dem Gipfel einer mäßig hohen, aber breitaſtigen Eiche, welche den Gemeindeanger ſchmückte, ein Seil geſpannt, von dem dünnere Stricke rechts und links nach dem Boden liefen, wo ſie von ſtämmigen Burſchen, die ſich im In⸗ tereſſe der Kunſt freiwillig zu dieſem Dienſt erboten hatten, feſt⸗ 2* 20 Durch Nacht zum Licht. gehalten wurden. Die immer ſchriller kreiſchende Clarinette und die immer lauter donnernde Pauke verkündeten, daß der große Augenblick gekommen ſei, in welchem der berühmte Acrobat, Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt,„die fliegende Taube,“ ſein,„vor allen Potentaten Aſiens und Europas mit unfäglichem Beifall producirtes Kunſtſtück, eine an der Spitze eines vierhundert Fuß hohen Thurmes befeſtigte Fahne auf dem durchaus ungewöhnlichen Wege eines aus⸗ geſpannten Seiles herabzuholen und dieſelbe auf demſelben ungewöhn⸗ lichen Wege rückwärts ſchreitend zurückzubringen, vor einem hohen Adel und kunſtliebenden Publikum Fichtenaus mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszuführen die Ehre haben werde.“ Nun war freilich aus dem vierhundert Fuß hohen Thurm, wel⸗ chen die Zettel an den Straßenecken verkündet hatten, eine vierzig Fuß hohe Eiche geworden; und die Feinde und Neider„der fliegen⸗ den Taube,“ welcher große Künſtler hätte keine Gegner! behaupteten, daß durch dieſe Abänderung des Programms das Wagſtück an Ge⸗ fährlichkeit ebenſo verliere, wie an Intereſſe. Aber war es Herrn John Cotterby's aus Aegypten Schuld, daß die Kaiſerlichen im dreißigjährigen Kriege den Thurm der kleinen Kirche am Markt bei einer Belagerung Fichtenaus, das von den Schweden beſetzt gehalten wurde, herunterkanonirten? daß die Väter der Stadt ſchon ſeit zwei Säculis alljährlich beſchloſſen, dieſen Thurm wieder aufzubauen, ſo⸗ bald einmal beſſere Zeiten für Fichtenau kämen? und ſchließlich, daß dieſe Zeiten noch immer nicht gekommen waren, die Kirche am Markt zum mindeſten bis auf dieſen Tag noch ohne Thurm daſtand? Ge⸗ wiß, wenn das Gewiſſen„der fliegenden Taube“ von jeder andern Schuld ſo rein war, wie von dieſer, ſo konnte er ohne Zagen ſein vor allen Potentaten der Erde ausgeführtes Kunſtſtück, auch trotz der Abweichung vom Programm, vor einem hohen Adel und kunſtſinnigen Publikum von Fichtenau, ohne zu erröthen, ausführen! Und ohne zu erröthen, man hätte denn den Carmin der Schminke für die natürliche Farbe der Scham nehmen müſſen, erſchien jetzt unter dem Quinquiliren der Clarinette und dem Tam⸗tam der Pauke, zu denen ſich in dieſem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines Triangels und das Kreiſchen einer verſtimmten Fiedel geſellte, Erſter Band. 21 auf dem kleinen, mit ſchmutzigen Laken behangenen Schafott, dem irdiſchen Ausgangspunkt ſeiner himmliſchen Reiſe,„die fliegende Taube,“ ein hübſcher, prächtig gewachſener Burſch mit dunkelm, von einem ſchmalen Meſſingreif, zuſammengehaltenen Lockenhaar, gekleidet in das etwas ſchmutzig gewordene Unſchuldweiß enganliegender Tricots und eines dito Wammſes, auf deſſen Schulterſtücke zwei Flügel ge⸗ näht waren, die ſchon manchen Flug geflogen und in Folge deſſen eine und die andere Feder verloren zu haben ſchienen. Ein ermuthigender Beifallsruf, in welchem das Ziſchen der Gegner ungehört verhallte, begrüßte den großen Künſtler, der ſich nach allen Seiten mit jener Grazie verbeugte, die ein ausſchließliches Geheimniß von Kunſtreitern, Seiltänzern und ſonſtigen Angehörigen der luftigen Gilde, und für jeden andern Sterblichen unnachahmlich iſt. Aber der Beifallsruf verſtummte, als jetzt gegen Aller Erwarten eine unförmlich dicke Geſtalt, welche ſich durch eine weiße Zipfelmütze, große blaue Schürze, und vor allem durch eine unförmliche purpur⸗ rothe Naſe, für jeden Einſichtsvolleren wenigſtens, als Bierwirth oder dergleichen, darſtellte, hinter dem ſich verbeugenden Künſtler auf das Schafott geklettert kam, ihm derb zwiſchen die Ikarusflügel auf den Nacken ſchlug und ihm einen ellenlangen Streifen Papier präſentirte, der unter dieſen Umſtänden kaum etwas Anderes, als eine unbezahlte Rechnung ſein konnte. Der Künſtler,— wäre er ſonſt ein Künſtler geweſen!— ſchien durch dieſes unerwartete Hereinbrechen der derben Realität in die heitern Gefilde der Kunſt in die bitterſte Verlegenheit geſetzt zu wer⸗ den. Eine pantomimiſche Scene folgte, in welchem die fliegende Taube durch häufiges Achſelzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen ſeiner Tricots, wo bei Beinkleidern, die in größeren Dimen⸗ ſionen angelegt ſind, die Taſchen zu ſitzen pflegen, ſeine von Jeder⸗ mann ohne weiteres zugeſtandene Zahlungsunfähigkeit zu betheuern und durch Händeringen und flehentliche Geberden den plumpen Wirth zu chriſtlicher Nachſicht zu ermahnen ſchien, während dieſer durch ſchreckliche Grimaſſen und wiederholtes Schlagen mit der Fauſt in die Fläche der Hand ſeine unerbittliche Hartherzigkeit genugſam an den Tag legte. 22 Durch Nacht zum Licht. Das kunſtliebende Publikum von Fichtenau und Umgegend, von dem ein nicht kleiner Theil die Sache für baaren Ernſt nehmen mochte, ſperrte Mund und Naſe bei dieſem ſeltſamen Schauſpiel auf. Aber die ſchon forcirte Spannung wurde eine geradezu fieberhafte, als jetzt auf einen Wink des rothnaſigen Wirthes zwei ſchnurbärtige Geſellen in blauen Fracks und ſchwarzen dreieckigen Hüten, in welchen nur das unſchuldige Auge eines Kindes den ſtrafenden Arm der irdiſchen Gerechtigkeit verkennen konnte, auf vie Bühne geklettert kamen, unter fürchterlichem Geſichterſchneiden und Geſticulationen den unglücklichen Künſtler ergriffen und ihm die zahlungsunfähigen Hände auf den geflügelten Rücken banden. Und jetzt in dieſem peinlichſten Augenblicke von eines Künſtlers Erdenwallen ſollte es ſich zeigen, daß Gott Apollo ſeine Heiligen wunderbar aus aller Noth und Bedrängniß zu führen und ihnen die verdiente Apothevſe, wenn nicht in dieſem irdiſchen Jammerthal, ſo doch in himmliſchen Gefilden zu bereiten weiß. Aus den Zweigen der Eiche, da wo das Seil um den mächtigen Aſt geſchlungen war, erſchien die Geſtalt eines lieblichen Genius, mit Flügeln wie die„fliegende Taube,“ mit einem Kranz im Haar und in der Hand eine bunte Fahne,— offenbar dieſelbe, welche Herr John Cotterby aus Egypten ſonſt von vierhundert Fuß hohen Thür⸗ men zu holen pflegte, und die er heute in Ermangelung eines Thur⸗ mes, aus dem Himmel ſelbſt,— denn der geflügelte Genius war offenbar der Himmliſchen Einer— zu holen gezwungen war. Bei dem Erſcheinen des olympiſchen Boten befiel, wie das in der Natur der Sache liegt, die Diener der irdiſchen Gerechtigkeit und den ſchnappsnaſigen Spender hölliſchen Gebräues ein jäher Schrecken. Sie ließen ihr Opfer los und ſtürzten unter allen Symptomen ſitt⸗ licher Zerknirſchung in die Knie, während die fliegende Taube die Banden von den Händen ſtreifte und mit einer Geſchicklichkeit und Geſchwindigkeit, die ſeinem Namen und Ruf alle Ehre machte, den ſchwanken Pfad, der zum Himmel führte, hinan zu laufen begann.— In der Mitte angekommen, ließ er ſich vor der himmliſchen Er⸗ ſcheinung, die ihm ohne Aufhören mit der bunten Fahne Ermuthigung zuwinkte, auf ein Knie nieder, richtete ſich ſodann wieder auf, drehte ſich Erſter Band. 23 um und machte, der Erde und aller Erdenfurcht entrückt, den zer⸗ knirſchten Verfolgern eine Geſte, welche in einigen Gegenden des Vaterlandes unter der Bezeichnung„Jemand einen Eſel bohren,“ be⸗ kannt iſt. Beifallsruf und Gelächter begleiteten den humoriſtiſchen Künſtler bis hinauf in den Himmel, wo er aus den Händen des Genius, der dann in den Zweigen verſchwand, den Kranz auf das Haupt geſetzt und die Fahne in die Hand gedrückt erhielt, und wieder hinab zu dem Schafott, wo ihn die bekehrten Häſcher, bei denen mittlerweile der Glaube an das Ideal und die Göttlichkeit der Kunſt zum Durchbruch gekommen war, mit vielen Bücklingen empfingen, während der ſchnappsnaſige Wirth in einer Wallung, die, obgleich nach ſolchen Eindrücken erklärlich, ihm dennoch in den Augen eines billig Denkenden gewiß zur Ehre gereicht, die lange Rechnung von einem Ende bis zum andern durchriß und ſo den Zuſchauern die tröſtliche Gewißheit gab, daß die Freiheit der„fliegenden Taube“ für heute wenigſtens nicht weiter gefährdet ſei. Die Vorſtellung war zu Ende. Die Anſprache des edelmüthigen Wirthes und zugleich Directors der Geſellſchaft, welcher jetzt als Epilogus allein auf dem Schafott geblieben war und dem hohen Adel und kunſtſinnigen Publikum von Fichtenau und Umgegend für morgen eine noch viel glänzendere Vorſtellung verſprach, wurde mit lautem Jubel aufgenommen und die Zuſchauer entfernten ſich um ſo eiliger, als ſeit einigen Minuten ein gelegentliches Klappern von Geldſtücken auf Tellern an eine Pflicht erinnerte, der nachzukommen einigen Un⸗ dankbaren unnöthig ſchien, und anderen Dankbaren, zu ihrem größten Bedauern, unmöglich war. Indeſſen waren bei weitem die meiſten der Zahlungsfähigen ehr⸗ lich genug, den klappernden Teller an ſich herankommen zu laſſen, und wen die Ehrlichkeit nicht hielt, den bannte die Neugier, wie wohl der Genius aus der Eiche, den man bis jetzt nur aus der Ferne er⸗ blickt hatte, in der Nähe ausſehen möchte. Denn Niemand Geringeres als der Bote Apollo's ſammelte für die Bedürfniſſe ſeiner Söhne auf Erden. Und der ſchlaue Director hätte keine beſſere Wahl treffen können. Der Genius,(man wußte kaum, war es ein Mädchen oder ein Knabe) 24 Durch Nacht zum Licht. blickte aus ſo einzig ſchönen braunen Augen ſo beſcheiden bittend in die Geſichter, daß ſich die Börſen mit den Herzen öffneten. Freund⸗ liche Worte begleiteten das Kind überall hin, und einer und der an⸗ dere behäbige Spießbürger glaubte ſich für ſeinen Groſchen auch das Recht erworben zu haben, es in die braunen Wangen zu kneifen— eine Liebkoſung, die indeſſen jedesmal ſehr ungnädig von dem Genius aufgenommen wurde. Der Kutſcher hatte, ſobald ſich das Gedränge hinreichend ver⸗ laufen, weiter fahren wollen, aber Franz und Oswald, welche dem Schauſpiel von Künſtlers Erdenwallen und Apotheoſe mit großem Intereſſe und hier und da herzlichem Lachen gefolgt waren, befahlen ihm, halten zu bleiben, bis der behend durch die Menge ſchlüpfende Genius auch zu ihnen gekommen wäre. Der Genius ließ nicht lange auf ſich warten— ein Reiſewagen, mit zwei Herren darin, wog mindeſtens ein Dutzend Fichtenauer Spießbürger auf. Franz ſuchte in ſeiner Börſe nach kleiner Münze, als er durch einen lauten Ausruf Oswalds erſchreckt wurde. „Was giebt's?“ fragte er, verwundert zu Oswald aufblickend, der im Wagen in die Höhe geſprungen war. Oswald antwortete nicht, ſondern war mit einem Satze aus dem Wagen auf dem Boden und eilte auf den Genius zu, der, ſobald er den jungen Mann erblickte, den Teller ſammt den Silber⸗ und Kupfermünzen fallen ließ und ſich ihm in die Arme ſtürzte. „Czika, biſt Du es denn wirklich?“ „Ja, Mann mit den blauen Augen!“ antwortete das Kind, noch an ſeinem Halſe, zärtlich und innig; dann aber, ſich plötzlich gewalt⸗ ſam losreißend und ängſtlich nach dem Wagen blickend: „Kommſt Du mit dem Andern?“ „Nein, Czika!“ ſagte Oswald, wohl wiſſend, daß Oldenburg mit „dem Andern“ gemeint ſei.—„Biſt denn Du allein?“ „Nein; Mutter iſt bei mir; Mutter verläßt die Czika nicht. Komm, Herr, hilf mir das Geld ſammeln;“ und das Kind bückte ſich nieder und ſuchte nach den im Sande zerſtreuten Münzen. „Oldenburgs Kind in einer Seiltänzerbande!“ murmelte Oswald, in der Verwirrung, die ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte, mechaniſch Erſter Band. 25 Czika's Bitte Folge leiſtend und neben ihr auf den Knieen das um⸗ hergeſtreute Geld zuſammenraffend. Das kunſtliebende Publikum von Fichtenau fand dieſe Begrüßung und Umarmung eines ſcheinbar vornehmen fremden Herrn und eines Seiltänzerkindes merkwürdiger als Alles, was es an dieſem Abend geſehen hatte. Jung und Alt drängte ſich in dichtem und immer dichter werdenden Kreiſe heran und ſchien entſchloſſen, nicht vom Platz zu weichen, als bis es eine Aufklärung dieſer räthſelhaften Begeben⸗ heit erhalten hätte. Franz, der vom Wagen aus die Scene mit angeſehen hatte, war kaum weniger verwundert geweſen, als die Andern. Im nächſten Augenblick indeſſen fielen ihm die myſteriöſen Gerüchte ein, die über ein Zigeunerkind, welches der Baron Oldenburg mehrere Wochen lang auf ſeiner Solitüde beherbergt habe, bis es ihm eines Tages wieder entlaufen ſei, in der Gegend circulirt hatten; und mit jener Schnellig⸗ keit der Combination, welche guten Köpſfen eigenthümlich iſt, ſchloß er, daß Oswald, der jedenfalls bei ſeiner Intimität mit dem Baron um das Geheimniß wußte, in dem ſchönen Genius das Zigeunerkind erkannt habe. Sein nächſter Gedanke war, in Oswalds eigenem Intereſſe die wunderliche Scene abzukürzen, und die Senſation, welche dieſelbe ſchon erregt hatte, möglichſt zu vertuſchen. Er ſprang alſo aus dem Wagen, eilte auf Oswald zu und ſagte: „Laſſen Sie uns gehen! zum wenigſten bis ſich die Menge ver⸗ laufen hat.“ In dieſem Augenblick drängte ſich der Director der Bande, welcher von der kleinen Tribüne herab, wo er als Epilogus das Publikum haranguirte, ebenfalls die Scene beohachtet hatte, durch die Gaffer hindurch. Seine Neugier, zu erfahren, was es denn hier eigentlich gebe und ſein Aerger, das wichtige Geſchäft des Einſam⸗ melns im kritiſchſten Moment unterbrochen zu ſehen, hatten ihn ver⸗ geſſen laſſen, daß er noch im vollen Coſtüm des ſchnappsnaſigen Schenk⸗ wirths war, und ſich alſo, ohne der Würde der Kunſt etwas zu ver⸗ geben, nicht wohl in's Publikum miſchen könne. Franz, welcher nicht ohne Grund fürchtete, daß der tragikomiſche Auftritt durch das Her⸗ zukommen dieſer Perſonage erſt recht unangenehm werden möchte, ließ 26 Durch Nacht zum Licht. den Mann gar nicht zu Worte kommen, ſondern trat ihm entgegen und ſagte, ihn ein wenig auf die Seite ziehend, im gedämpften Ton, aber doch laut genug, daß es die Umſtehenden hören konnten: „Ich bin Arzt, mein Herr. Dieſer junge Mann(über die Schulter auf Oswald deutend, der noch immer neben Czika kniete) „iſt etwas excentriſch;“(mit einer Bewegung des Zeigefingers nach der Stirn)„Sie verſtehen mich. Hier iſt eine Vergütung für den Schaden, den er angerichtet hat.“ Der Mann, welcher dieſe im ernſteſten Ton gemachte Erklärung durchaus befriedigend fand und den etwaigen Ausfall in ſeiner Ein⸗ nahme durch die zwei harten Thaler, die ihm Franz in die Hand gedrückt hatte, mehr als gedeckt ſah, lächelte ſchlau und ſagte, ſeine Zipfelmütze ziehend und ſich voller Reſpeet verbeugend: „Verſteh', verſteh', Ihr Gnaden! Schaffen's ihn nur ſchnell weg, daß die Czika weiter ſammeln kann.“ „Wo wohnen Sie?d“ fragte Framz. „In der„Grünen Mütze,“ Ihr Gnaden. Ihr Gnaden werden einen armen Künſtler hoch erfreuen, wenn Sie ihm Ihre hohe Pro⸗ tection zuwenden wollen.“ „Gut, gut,“ ſagte Franz, und dann zu Oswald, der ſich unter⸗ deſſen erhoben hatte: „Ich bitte Sie, Oswald, laſſen Sie uns weiter fahren. Ich weiß, wo die Leute wohnen; Sie können ſie ja zu jeder andern Zeit aufſuchen.“ Oswald, welcher jetzt, nachdem ſich das erſte überwältigende Er⸗ ſtaunen, die Czika unter ſolchen Verhältniſſen wieder zu finden, bei ihm gelegt hatte, die Wunderlichkeit der Situation wohl erkannte, fand Franz' Rath zu vernünftig, als daß er demſelben nicht hätte folgen ſollen. Die Czika hatte mit jener Selbſtbeherrſchung, die dies merkwür⸗ dige Kind' nur auf Augenblicke verließ, ruhig, als wäre nichts vor⸗ gefallen, ihr Sammelgeſchäft wieder begonnen; ja, ſie warf nicht ein⸗ mal einen Blick auf Oswald, ver jetzt, von Franz beinahe gezogen, nach dem Wagen zurückſchritt. Der Wagen rollte davon. Die Menge, in welcher ſich das von Erſter Band. 27 Franz mit ſolcher Geiſtesgegenwart erfundene Märchen von Oswalds Verrücktheit blitzſchnell verbreitet hatte, verlief ſich um ſo ſchleuniger, als die Kühle des bereits ſtark dunkeluden Abends ſie an die warme Suppe in der warmen Stube zu Hauſe mahnte. piertes Capitel. Es war etwa eine Stunde ſpäter. Der Abend war vollends herabgeſunken. Die Berge von Fichtenau hatten ſich in den doppelt dichten Schleier der Nacht und des Nebels gehüllt: vom dunkeln Himmel blinkten zwiſchen treibenden Wolken hier und da einzelne Sterne. In den Straßen des Städtchens war es ſtill geworden; aus den Fenſtern der niedrigen Häuſer ſchimmerten Lichter. Die Leute ſaßen nach dem frugalen Abendeſſen um das Ofenfeuer, und der Mann erzählte ſeiner Frau, die ſeit einiger Zeit aus guten Gründen ſich nicht in das Menſchengedränge wagen durfte, von den Wundern der Stärke, Geſchicklichkeit und Gewandtheit, deren Zeuge er draußen auf der Finkenwieſe geweſen war,und von dem verrückten Herrn, der mit ſeinem Doctor angefahren kam(jedenfalls um in Doctor Birken⸗ hains Anſtalt gebracht zu werden) und das hübſche Zigennerkind, während es mit dem Teller umherging, vor allen Leuten umarmt hatte.— Die alte halbtaube Großmuttex, die neben dem Ofen in ihrem Lehnſtuhl nickte und die Geſchichte nhrchalb gehbrt hatte, meinte: „Ja, ja, Zigeuner ſind Kinder des Satans, das weiß alle Welt. Mein Ur⸗Großvater ſelig hat noch ihrer fünf mit verbrennen helfen auf der Finkenwieſe.“ In der„Grünen Mütze,“ einer Freteite am Eingange in das Städtchen, nahe an der Finkenwieſe, ging es heute Abend ſehr lebhaft zu. Die„grüne Mütze“ war das Hauptquartier der wandernden Seiltänzerbande und mithin für den kunſtſinnigen Theil des Fichtenauer Publicums ein höchſt anziehender Punkt. Der lange Tiſch in der tabaksraucherfüllten Trinkſtube konnte die Zahl der Gäſte kaum faſſen, obgleich ſie ſich eng genug auf 28 Durch Nacht zum Licht. den Bänken zuſammendrängten; beſonders nach dem oberſten Ende zu, wo die„Künſtler“ im vollen Gefühl ihrer Bedeutung und im Hochgenuß einer frechen Zeche ſaßen und tranken. Der Director, Herr Caspar Schmenckel aus Wien, präſidirte, wie ſich's gebührte. Er hatte die Spuren ſeiner letzten Rolle bis auf einige Schminkflecken, die hier und da ſein aufgedunſenes Geſicht zierten, vollkommen ver⸗ wiſcht, d. h. er hatte die Zipfelmütze abgeſetzt und die große blaue Schürze ſammt den hineingeſtopften Kiſſen bei Seite gethan, und er⸗ ſchien nun in der ebenſo bequemen, wie eleganten Tracht eines Herrn, der Rock und Weſte ausgezogen hat und ſich über die mangelhafte Reinlichkeit ſeiner Wäſche im Bewußtſein ſeines Künſtlerruhmes und ſeiner breiten geſtickten Beinkleiderträger hinwegſetzt.— Eine größere Veränderung hatte Herr John Cotterby aus Egypten, der ſeinem Herrn und Meiſter zur Rechten ſaß, mit ſeiner Tvilette vornehmen müſſen, ſchon aus dem einfachen Grunde, weil ſeine Künſtlergarderobe ſich nur eines einzigen Paares von Tricots und dazugehörenden Wammſes erfreute, es mithin in ſeinem Intereſſe lag, das äußerſt ſchwierig zu conſervirende Unſchuldweiß dieſes Anzuges möglichſt zu ſchonen. Herr John Cotterby aus Egypten trug einen grauen kurzen Rock mit grünen Aufſchlägen und ſah, Alles in Allem, einem hübſchen Tyroler⸗Burſchen(der er nebenbei in Wirklichkeit war) ähnlicher als einem Sohne des geheimnißvollen Landes, welches der Nil durch⸗ ſtrömt, wenn nicht der ſchmale Meſſingreif, der noch immer ſeine dunkeln Locken zuſammenhielt und das entſetzliche Deutſch, welches er höchſt kunſtreich radebrechte, ſeine myſtiſche Abſtammung hinreichend documentirt hätten.— Von den beiden andern Künſtlern, die weiter unten am Tiſch ſaßen, war der Eine ein beſcheidener, ſtiller, langer Menſch, der es mit ſeiner Kunſt ernſt nahm und ſtets darüber grü⸗ belte, wie er in ſeiner berühmten Production„das tanzende Rieſen⸗ faß“ noch einen neuen Zug anbringen könnte; der andere, der Clown der Geſellſchaft, eine kugelrunde poſſierliche Perſon, die jedesmal, wenn ſie mit einem der Gäſte anſtieß, eine neue Fratze ſchnitt, was — da dieſe Procedur mindeſtens alle fünf Minuten einmal vorge⸗ nommen wurde— auf den Reichthum der Mimik dieſes Künſtlers einen annäherungsweiſe richtigen Schluß erlaubt. Erſter Band. 29 Herr Director Caspar Schmenckel war, ehe die Fülle reichlich genoſſener Spirituoſen das ſchöne Ebenmaß ſeines Körpers beein⸗ trächtigte, ein ſehr ſtattlicher Mann und der Held vieler galanten Abenteuer geweſen, in welchen ſelbſt vornehme Damen, die auf den breitſchultrigen Herkules ein wohlgefälliges Auge geworfen hatten, eine ſehr bedenkliche Rolle ſpielten. Herr Schmenckel kam gern nach dem dritten Schoppen auf dieſe Hervenzeit ſeines Lebens zu ſprechen, und da er heute Abend die geheimnißvolle Zahl, welche das keuſche Siegel ſeines Mundes löſte, ſchon mindeſtens um das Doppelte über⸗ ſchritten hatte, ſo wäre es für die Moralität der jungen Burſchen, welche, die Gläſer in der Hand, ſich um den Tiſch drängten, vielleicht beſſer geweſen, wenn ſie„die grüne Mütze“ gerade heute Ahend mit ihrer Gegenwart nicht beehrt hätten. Herr Schmenckels Phantaſie gehörte zur Kategorie der blühenden, und wo gewöhnliche Sterbliche nur Mücken tanzen ſehen, erblickte ſein rollendes Auge Elephantenheerden. Er ſpeculirte mit einer un⸗ glaublichen Kühnheit auf die Leichtgläubigkeit ſeiner Zuhörer; vor allem ſuchte er bei jeder Gelegenheit den Nimbus des Abeuteuerlichen um ſich und die Mitglieder ſeiner Geſellſchaft möglichſt dicht zu ziehen. Der Vorfall heute Abend auf der Finkenwieſe zwiſchen dem verrückten Herrn und der Czika war für dieſen Zweck viel zu geeignet, als daß ihn Herr Schmenckel nicht in ſeiner Weiſe hätte ausbeuten ſollen. Nun war freilich die Zigeunerin erſt vor einigen Tagen, als er mit ſeiner Truppe durch die Berge von Braunburg nach Fichtenau zog, ganz zufällig mit ihrem Kinde zu ihm geſtoßen, und Herr Schmenckel wußte von ihren Antecedentien ſo wenig wie irgend einer der Anweſenden; aber um ſo freieres Spiel hatte ſeine Phantaſie bei der Erfindung eines Märchens, das ſich den neugierigen Gäſten aufheften ließ, die wieder und immer wieder auf das ſchöne Kind und auf die Zigenunerin, die im erſten Theil der Vorſtellung als Tänzerin aufgetreten war, zurückkamen. „Ja ſchaun's, ihr Herren,“ ſagte Director Schmenckel,„das iſt eine geheimnißvolle Geſchichte und ich möchte ſie wohl erzählen, wenn ſelbige nit gar ſo ſehr unglaublich wäre.“ Herr Schmenckel tauchte ſeine rothe Naſe in ſein halbvolles Bier⸗ 30 Durch Nacht zum Licht. glas und goß den Inhalt deſſelben langſam hinunter, wobei er die um ihn Herumſitzenden aus ſeinen kleinen verſchwollenen Augen ſchleu anzwinkerte. „Erzählen's, erzählen's, Herr Director,“ ſchrie ein halbes Dutzend Stimmen. „Ein neues Seidel für den Herrn Director,“ ein anderes halbes Dutzend. „Es mag nun wohl ſo ein zehn oder zwölf Jahre her ſein,“ begann Herr Schmenckel, nachdem er den Inhalt des neuen Seidels noch vorher um ein bedeutendes verringert hatte,„als ich eine Reiſe nach Egypten machte.“ Bei dem Worte Egypten wandte ſich Aller Augen auf Herrn John Cotterby, der ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und geheimniß⸗ voll lächelte. „Was wollten Sie denn in Egypten?“ fragte eine Stimme. „Darf ich es ſagen, Cotterby?“ fragte Herr Schmenckel. „Fiderunkankinſavalilaloramei,“ antwortete der Egypter, der keine Ahnung hatte, wozu ſein Herr und Meiſter die erbetene Erlaubniß haben wollte. „Danke, Cotterby,“ ſagte Herr Schmenckel,„Beſcheidenheit ziert den Mann, aber weßhalb ſoll ich es verſchweigen, daß ich Ihretwillen die weite Reiſe machte. Sie müſſen nämlich wiſſen, meine Herren, daß der Ruf des Herrn Cotterby zu jener Zeit den ganzen Orient erfüllte, und daß man von nichts als von der fliegenden Taube ſprach. Ich ſagte zu mir, du mußt dieſen größten Künſtler, den die Erde je geſehen hat, für Deine Geſellſchaft gewinnen, ſo wahr du Caspar Schmenckel heißt. Geſagt, gethan: ich reiſe nach Egypten, wo Herr Cotterby ſich aufhalten ſollte, aber, wer nirgends zu finden war, das war Herr Cotterby. Endlich erfuhr ich von einem alten Derbiſch, der mir auch die ſprechende Schlange verkauft hat, welche ich morgen dem Publicum zu produciren die Ehre haben werde, daß Herr Cotterby ſich tief in der Wüſte bei den Pyramiden aufhielt, darf ich ſagen, weßhalb, Cotterby?“ „Tramtebaramta! Verzähl Sie, was Sie will!“ erwiderte der Egypter, mit einem großmüthig beſcheidenen Lächeln. Erſter Band. 31 „Herr Eotterby hatte ſich nämlich ſeit einiger Zeit in die Wüſte zurückgezogen und einen fürchterlichen Eid geſchworen, nicht eher wie⸗ der vor dem Publicum zu erſcheinen, bis er ſämmtliche Pyramiden auf dem Seil erſtiegen hätte.“ „Was ſind das, Phramiden?“ fragte eine Stimme. „Pyramiden,“ belehrte Herr Schmenckel,„ſind große Steinhaufen, die die alten Egypter ihren Göttern errichteten, an die tauſend Fuß hoch und darüber, und ſo ſteil, daß kaum eine Katze hinauf kann. Ganz oben ſteht ein ſpitzer ſteinerner Pfahl, Obelisk genannt; an dem befeſtigte Herr Cotterby ſein Seil, das andere Ende unten ließ er von zweitauſend ſchwarzen Sklaven halten, und ſo ſpazierte er rauf und runter, daß dem, welcher es ſah, die Haare zu Berge ſtanden. So fand ich Herrn Cotterby in der Wüſte und natürlich war mein Wunſch, ihn für meine Geſellſchaft zu gewinnen, größer als je; aber er wollte nicht. Was werde ich alſo thun? Ich werde in der Nacht mit Gefahr meines Lebens auf die Pyramide klettern, und als am nächſten Morgen Cotterby oben ankommt, werde ich ihn um den Leib faſſen und ſchreien: Entweder Sie laſſen ſich für dreitauſend Thaler jährlich engagiren, oder ich expedire Sie Hals über Kopf von dieſer Pyramide herunter, ſo wahr ich Caspar Schmenckel heiße— darf ich ſagen, was Sie antworteten, Cotterby?“ Der Egypter nickte bejahend. „Wenn Sie Herr Schmenckel aus Wien ſind,“ ſagte Herr Cot⸗ terby,„ſo hätten Sie ſich ſo viel Umſtände gar nit zu machen brauchen. So bald ich mit dieſer Pyramide fertig war, wäre ich doch ſo wie ſo zu Ihnen nach Wien gekommen. Es giebt nur einen Schmenckel, wie es nur einen Cotterby giebt; Beide gehören zuſammen, wie das Brod und die Butter. Doch das wollte ich Ihnen eigentlich ja gar nit erzählen, meine Herren,“ ſagte Herr Schmenckel, ſein Glas leerend und das geleerte gegen das Licht haltend, wie um ſich zu überzeugen, daß kein Stoff mehr darin ſei. „Ein Seidel für Herrn Director Schmenckel!“ riefen ein Dutzend Stimmen. „Danke, danke! meine Herren! Ihr Wohl!— ſondern wie ich die Bekanntſchaft von Madame Tenobi, oder Kuſſuk Arnem, wie ſie 3 Durch Nacht zum Licht. eigentlich heißt, gemacht habe. Aber die Geſchichte iſt faſt noch un⸗ glaublicher, und ſpielt in gewiſſe Regionen hinein, die mich zwingen, nur in allgemeinen Andeutungen—“ „O, das thut nichts!— Erzählen Sie nur!“ riefen die Zuhörer, noch näher zuſammenrückend. „Na, ſo hören Sie denn!— Kurze Zeit, nachdem ich Herrn Cotterby auf obenbemeldete Weiſe für meine Geſellſchoft gewonnen, gab ich einige Vorſtellungen in Konſtantinopel auf dem Platz vor dem Palaſt des Sultans, der ſich ganz ungemein für unſere Kunſt in⸗ tereſſirte und uns die Erlaubniß gegeben hatte, das Seil an der oberſten Zinne des Palaſtes, auf dem flachen Dache ſelbſt, zu be⸗ feſtigen. Nun müſſen Sie wiſſen, daß in dem oberſten Stockwerk dieſes Palaſtes die Frauen des Sultans wohnen, weshalb man den⸗ ſelben auch Harem nennt. Ich hatte immer ungeheures Verlangen danach gehabt, einmal in einen ſolchen Harem, der ſonſt für Alle ſtreng verſchloſſen iſt, zu gelangen; und nun erſt recht, nachdem mir Cotterby geſagt hatte, daß, wenn er an dem oberſten Stock vorbei⸗ käme, ihn immer die ſchönſten ſchwarzen Augen durch die Ritzen der Bretter, mit denen die Fenſter des Harems vernagelt ſind, anblitzten. — Was thue ich alſo? Ich ſage zu Cotterby:„Cotterby,“ ſage ich, „Sie können ja Alles, was Sie wollen. Wie wär's, wenn Sie mich morgen in die Karre nähmen, mit der Sie das Seil rauf und runter karren, und mich oben auf dem Dache raus ließen? Ich muß einmal ſehen, wie's da oben ausſieht. Sie können mich morgen ja wieder auf demſelben Wege zurückbringen. Wollen Sie?“—„Warum nicht?“ ſagt Cotterby,„wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thun kann.“— Am nächſten Tage ging die Sache vor ſich. Ich ſtecke mich in die Karre; Cotterby karrt mich rauf auf das Dach, ſtülpt die Karre um, und, da bin ich denn oben auf dem Dach, ganz allein, denn Cotterby war, um kein Aufſehen zu erregen, ſogleich wieder umgekehrt.— Nun mögen Sie mir glauben oder nit, meine Herren; aber ich verſichere Sie, daß mir in dieſer Situation doch etwas wunderlich zu Muthe war. Wie leicht konnte aus den Dachluken der ſchwarze Kopf eines Wächters auftauchen— und dann wäre es um mein Leben geſchehen geweſen. Indeſſen ich ſaß nun einmal in Erſter Band. 33 der Falle und wollte nicht wieder umkehren, bis ich den Speck ge⸗ koſtet hätte. Als ich noch ſo überlege, was ich nun beginnen ſoll, höre ich mit einem Male Säbelraſſeln und Sporenklirren auf der Treppe, die zu dem Dache führt. Es war der Sultan ſelbſt, der Herrn Cotterby von oben herab bewundern wollte. Ich, in meiner Herzensangſt, laufe nach dem nächſten Schornſtein, der aus dem Dach herausragt, krieche hinein und plumps!— zum Beſinnen war keine Zeit— ſo eine zwanzig Fuß heruntergerutſcht und wohin glauben die Herren? direct in den Kamin von der Schlafſtube der Favoritin des Sultans.— Hier muß ich indeſſen die geehrten Herren um Verzeihung bitten, wenn ich, um die Ehre einer Dame nicht zu compromittiren, nur andeutungsweiſe ſo viel ſage, daß die nächſten vierundzwanzig Stunden zu den ſchönſten gehören, die Caspar Schmenckel in ſeinem Leben gehabt hat, daß ich am folgenden Tage von Herrn Cotterby, der etwas der Art geahnt haben mußte und eine noch größere Karre wie gewöhnlich mitgebracht hatte, auf die an⸗ gegebene Weiſe abgeholt wurde,— daß wir noch in derſelben Nacht Konſtantinopel verließen und ſeit dieſer Nacht meine Geſellſchaft um eine vorzügliche Künſtlerin reicher und der Palaſt des Sultans um ſeine ſchönſte Blume ärmer war.“ Herr Schmenckel ſah ſich triumphirend um. Er konnte mit dem Eindrucke, den ſeine Geſchichten auf die in athemloſer Spannung Horchenden hervorbrachten, zufrieden ſein.— In dieſem Augenblick kam die Dame, welche an der Kaſſe zu ſitzen pflegte und überhaupt die inneren Angelegenheiten der Geſellſchaft verwaltete, eilig in die Trinkſtube gerannt und flüſterte Herrn Director Schmenckel etwas in's Ohr, wovon die Geſellſchaft nur die Worte: Frauenzimmer— fortgelau⸗ fen— verſtehen konnte. Herr Director Schmenckel ſchien die Mitthei⸗ lung ſehr übel aufzunehmen. Sein Geſicht verfinſterte ſich zuſehends. Er murmelte etwas von Teufel und Dreinſchlagen und verließ den Tiſch, ohne auch nur ſein Seidel auszutrinken— ein Beweis, daß die Nachricht, welche ihm ſo eben hinterbracht worden war, überaus wichtig ſein mußte. Und wichtig war die Nachricht denn auch, und beſtand in nichts Geringerem, als darin, daß die ſchöne Blume, die Herr Schmenckel 3 Fr. Spielhagen's Werke. X. 34 Durch Nacht zum Licht. vor zehn Jahren etwa aus dem Palaſt des Beherrſchers aller Gläu⸗ bigen auf eine eben ſo kühne wie verſchlagene Weiſe raubte; die, ſeitdem er ſie pflückte, jedenfalls ſtets an ſeinem breiten Buſen geruht hatte, daß dieſe Blume ſammt der Knospe, welche, wie ſich vermuthen ließ, unter der ſorgſamen Pflege des Herrn Director Schmenckel erblüht war— vom Sturmwind entführt, vom ſchwerbeleidigten Sultan zurückgeraubt, auf alle Fälle in ihrer Kammer, im ganzen Hauſe nicht zu finden ſei. Mamſell Adele hatte dieſe Entdeckung ge⸗ macht, als ſie die Zigeunerin aus ihrer Kammer zum gemeinſchaft⸗ lichen Mahle der Damen der Geſellſchaft, welches in einer andern Kammer ſervirt war, holen wollte. Mamſell Adele(eine Dame mit einem Ueberfluß von ſchwarzen Locken, deren Aechtheit von neidiſchen Gemüthern angezweifelt wurde, einem braunen energiſchen Geſicht und einer ſtets rauhen, heiſeren Stimme) erzählte Herrn Schmenckel die von ihr gemachte Entdeckung mit der ganzen Zungenfertigkeit und der draſtiſchen Kraft, über welche nur Damen verfügen können, die gewohnt ſind, von der Freitreppe einer Bretterbude herab das Publi⸗ cum zu haranguiren. Für Herrn Schmenckel war dieſe Nachricht, deren Wahrheit eine unter ſeiner Leitung durch das ganze Haus veranſtaltete vergebliche Nachſuchung beſtätigte, ein Blitz aus heiterm Himmel. Die Flucht der Zigennerin und ihres Kindes war ihm, was einem Menageriebeſitzer der Tod ſeiner beſten Löwin ſammt ihren Jungen iſt. Er verlor in den Beiden ein Kapital, das er für ſo gut wie nichts erworben und welches doch die reichſten Zinſen zu bringen verſprach— den Schmuck, die Zierde, den Glanz, die Poeſie ſeiner Geſellſchaft. Selbſt Herr John Cotterby aus Egypten wäre leichter zu erſetzen geweſen— fliegende Tauben mögen ſelten ſein, indeſſen, man findet ſie— aber ein Genius mit ſolchen Augen, mit dieſem freundlich⸗ernſten Lächeln, das den filzigſten Spießbürger in einen leichtſinnigen Verſchwender umwandelte— Herr Schmenckel hätte kein Mann, er hätte kein Director ſein und vor allem hätte er heute Abend ſtatt der vielen Seidel braunen Bieres eben ſo viel Schoppen von der weißen Milch frommer Denkungsart getrunken haben müſſen — wenn er einen ſolchen Verluſt mit ſtoiſcher Ruhe hätte ertragen ſollen. Herr Schmenckel war ein Mann, er war Director, er hatte Erſter Band. 3 Si Bier und keine Milch getrunken— und Herr Schmenckel gerieth in einen ganz unglaublichen Zorn, deſſen erſter Ausbruch ſich natürlich gegen die Ueberbringerin der Hiobspoſt wendete, um ſo mehr, als Herr Schmenckel das eiferſüchtige Temperament dieſer Dame(ebenfo wie ihre übrigen Tugenden und Schwächen) aus langjährigem, ſehr vertrauten Umgang hinreichend kannte. Er beſchuldigte ſie in Aus⸗ drücken, die ſelbſt zwiſchen guten Freunden unſtatthaft ſind, die Zigen⸗ nerin durch ihre Intriguen zur Flucht gezwungen zu haben.— Mamſell Adele, deren Temperament überhaupt nicht zu den ſanften gehörte und die ſich in dieſem Falle noch dazu ganz unſchuldigerweiſe angeklagt ſah, antwortete in einem Tone, der ihre innere Erregung nur zu deutlich verrieth. Herr Schmenckel gehörte zu den heroiſchen Naturen, die im Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit(beſonders wenn ſie getrunken haben) keinen Widerſpruch vertragen können und deren Wahlſpruch in entſcheidenden Momenten das ſtolze:„Thaten und keine Worte“ iſt. Mamſell Adele fühlte kaum die ſchwere Hand des Meiſters auf ihrer Wange, als ihr heißes Herz in Flammen gerieth und ihre Zunge Sturm zu läuten begann, ſo laut und ſchrill, ſo ohrenzerreißend und markerſchütternd, daß die Trinker drinnen von ihren Biergläſern in die Höhe fuhren und nach der Thür eilten, in der Meinung, es ſei auf dem Flur, wo die Scene zwiſchen Herrn Schmenckel und Mamſell Adele ſpielte, ein Unglück geſchehen. Der Anblick ſo vieler ungebetener und unerwünſchter Zeugen, brachte den um die Ehre ſeiner Geſellſchaft beſorgten Director einiger⸗ maßen wieder zu ſich, und die Dame, welche ihre Ehre vor ſo vielen Männern compromittirt ſah, vollends außer ſich. Vorher hatte ſie gedroht, dem Director ihre Nägel fühlen zu laſſen, jetzt fügte ſie der Drohung die That hinzu. Das Staunen des kunſtſinnigen Publicums von Fichtenau(ſo weit es in der„Grünen Mätze“ verſammelt war), den gefeierten Künſtler, den Helden ſo vieler Abenteuer, den Bändiger des Pyramiden⸗ beſteigers, den Räuber des großpaſchalichen Harems in ſolcher Noth und Bedrängniß zu ſehen— iſt unbeſchreiblich. Einige wollten dem geſchlagenen Feldherrn(denn Manſell Adele's Angriffe wurden ſtets mit unwiderſtehlicher Energie, Kraft und Gewandtheit ausgeführt) zu 3* 36 Durch Nacht zum Licht. in blauen Blouſen und Gamaſchen, die regelmäßig mit Roß und Wagen in der„Grünen Mütze“ einkehrten und die Seiltänzerwirth⸗ ſchaft, die ſie in ihrem gewöhnlichen Comfort ſtörte, mit mißgünſtigem Auge betrachteten), ſprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen, was denn wieder von den Kunſtenthuſiaſten äußerſt mißliebig auf⸗ genommen wurde.— Zornige Geſichter, drohend erhobene Arme, ſchimpfende Stimmen hinüber und herüber, war ein Tableau, dem blitzſchnell ein anderes folgte, in welchem ſelbſt der Wirth der„Grünen Mütze“, der, die kurze Pfeife im Munde, mit olympiſcher Ruhe in der Küchenthür lehnte, nichts Einzelnes mehr zu unterſcheiden ver⸗ mochte, ſo ſehr auch ſein Auge daran gewöhnt war, die dichten Staub⸗ wolken zu durchdringen, welche ſich auf dem Flur einer Fuhrmanns⸗ kneipe um einen Knäuel von Menſchen lagern, von denen jeder Ein⸗ zelne mit der natürlichen Waffe der Fauſt oder der künſtlichen eines Schemelbeins auf den wirklichen oder vermeintlichen Gegner losſchlägt. „ Hülfe kommen, Andere lachten und hetzten, wieder Andere(Männer 1 Fünftes Capitel. Oswald hatte, nachdem er mit Franz in dem eleganten„Cur⸗ hauſe“ von Fichtenau gaſtliche Aufnahme gefunden, dem Verlangen, die kleine Czika noch heute Abend aufzuſuchen, nicht widerſtehen kön⸗ nen. Er hoffte von der braunen Gräfin zu erfahren, wie ſie in dieſe wunderliche Geſellſchaft gerathen ſei, und zugleich ſie zu bereden, ent⸗ weder zu Oldenburg zurückzukehren, oder ihm doch wenigſtens das Kind zu überlaſſen. Er glaubte durch Klugheit bewirken zu können, was der Heftigkeit des Barons unmöglich geweſen war, um ſo mehr, als die braune Gräfin ihm wohlzuwollen ſchien, und die kleine Czika offenbar zu ihm größeres Vertrauen hatte, als zu dem„Andern“, der ihr Vater war. Und dann war es außer ſeiner perſönlichen Zuneigung zu dem ſchönen Kinde und der Zigeunerin, die ihm an jenem ver⸗ hängnißvollen Nachmittage, als er ſich auf dem Wege zu Melitta im —— Erſter Band. 37 Walde verirrte, zuerſt begegnet waren und ſo gleichſam ſein Verhält⸗ niß zu Melitta vermittelt hatten; die hernach auf ſo ſeltſame Weiſe in ſeine Bekanntſchaft mit Oldenburg verflochten wurden,— noch ein anderes Gefühl, das Oswald zu raſchem Handeln trieb. Die Dank⸗ barkeit, zu welcher ihn Oldenburgs ritterliche Hülfe bei Bruno's Tod und in dem Duell mit Felix verpflichtet hatte, drückte ihn. Er mochte einem Manne nicht verpflichtet ſein, gegen den er von vornherein eine faſt inſtinctive Abneigung empfunden, den er hernach während ſeiner Liebe zu Melitta als ſeinen Nebenbuhler gefürchtet hatte; einem Manne, deſſen kühne Kraft ſeinem ſchwankenden Geiſte, ſo ſehr er ſich dagegen ſträubte, gewaltig imponirte, und den er dennoch— der Himmel weiß, mit welchem Recht!— der Charakterloſigkeit und Zweideutigkeit des Betragens zieh; ja, von dem er, wenn Oldenburgs und Melitta's Verhältniß dem Bilde entſprach, welches die Barnewitz und andere Geberdenſpäher und Geſchichtenträger davon entwarfen— während der ganzen Zeit auf die demüthigendſte Weiſe düpirt worden war. Gelang es ihm jetzt, dieſem befreundeten Feinde einen großen Dienſt zu leiſten, ihm ſein Kind, welches er ſchon verloren gegeben hatte. wieder zuzuführen— ſo war die drückende Schuld der Dankbarkeit abgetragen, ſo war die Rechnung quitt, und Oswald Stein brauchte vor dem Baron Oldenburg, wenn das Schickſal ſie einmal feindlich gegenüberſtellte— und der junge Mann ahnte, daß ein ſolcher Augenblick irgend einmal kommen werde— nicht die Augen beſchämt niederzuſchlagen. Dieſe Gedanken und Empfindungen erfüllten Oswalds Seele, während er in Begleitung des Hausknechts aus dem„Curhauſe“ durch die ſtillen Straßen des Städtchens nach der„Grünen Mütze“ ſchritt, die ihm von Franz als das Hauptquartier der Seiltänzer bezeichnet worden war. Franz ſelbſt war im Curhauſe zurückgeblieben, da er zu discret war, ſich in ein Geheimniß zu drängen, welches man vor ihm verbergen zu wollen ſchien. Oswald hatte nämlich, als er ihm lachend erzählte, wie er es angefangen habe, den Leuten die wunder⸗ liche Scene mit dem Seiltänzerkinde zu erklären, ein Schweigen beob⸗ achtet, das Franz kaum anders auslegen konnte, als: ſein Gefährte wolle oder dürfe über dieſe Angelegenheit ſich nicht weiter auslaſſen. Durch Nacht zum Licht. Er hatte deßhalb, als Oswald bemerkte, es ſei heute Abend wohl ſchon zu ſpät geworden, um Berger noch aufzuſuchen, blos: ich glaube auch! geantwortet und Oswald ſeine Begleitung nicht angeboten, als dieſer, nachdem er eine Viertelſtunde lang ſchweigend in dem Zimmer auf⸗ und abgegangen war, erklärte, noch eine Promenade in der Abendkühle machen zu wollen. Franz fügte ſich in die Launen ſeines launenhaften Gefährten um ſo leichter, als er in dieſem Augenblicke mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt war. Er hatte gehofft, in Fichtenau einen Brief ſeiner Braut vorzufinden, ſich aber in ſeiner Erwartung getäuſcht geſehen. Das Ausbleiben des Briefes erfüllte ihn mit einiger Sorge, um ſo mehr, als Sophie ſonſt ſehr pünktlich zu ſchreiben pflegte und ihre Ankunft in Fichtenau ſich überdies ſchon um einige Tage verſpätet hatte. Er tröſtete ſich mit der Hoffnung, daß die letzte Poſt, welche, wie man ihm ſagte, jeden Augenblick ein⸗ treffen müſſe, den ſehnlichſt erwarteten Brief bringen würde. Unterdeſſen erreichte Oswald das gaſtliche Dach der„Grünen Mütze“ gerade in dem Augenblicke, als es einen Theil des krauſen Inhalts, welchen es heute Abend beherbergte, durch die offene Haus⸗ thür auf die Straße entſandte, wo der Maſſenkampf, der bis dahin auf dem Flur gewüthet, ſich in einzelne Gruppen aufzulöſen begann, die, den Trümmern eines umhergeſtreuten Scheiterhaufens gleich, noch für einen Moment um ſo heller aufflackerten, um im nächſten aus Mangel an Nahrung zu verlöſchen. Der Frieden wurde um ſo leichter hergeſtellt, als eigentlich Niemand ſo recht wußte, weßhalb man ſich überhaupt mit ſolcher Wuth befehdet, und es für nichts und wieder nichts gerade genug blaue Augen und rothe Striemen gegeben hatte. Freilich war die Aufregung noch immer groß und der Lärm noch immer laut genug, aber es war das nur die Brandung des Meeres nach dem Sturm— hohe Wellen, deren beſte Kraft ſchon gebrochen iſt. Man fluchte und ſchimpfte, man drohte und prahlte— aber man ſetzte ſich wieder und ertränkte den Reſt der Feindſeligkeit in Bier. Die Sorge um Czika hatte bei Oswald den Widerwillen, den ihm unter anderen Umſtänden dieſe wüſten Scenen eingeflößt hätten, kaum aufkommen laſſen; glücklicherweiſe ſah er weder ſie noch Renobi in dieſem Wirrwarr, aber ſchon der Gedanke, daß die Beiden in ein Erſter Band. 39 ſolches Pandämonium geſchleudert ſeien, war ihm entſetzlich und be⸗ feſtigte in ihm den Entſchluß, ſie, koſte es, was es wolle, daraus zu erlöſen. Er drängte ſich durch die Streitenden und Scheltenden, die ſeiner gar nicht achteten, hindurch, ſich bei Dieſem, bei Jenem nach der Urſache des Streits und nach der Zigeunerin und ihrem Kinde erkundigend. Niemand hatte Zeit oder Luſt, ihm Rede zu ſtehen, bis er ſich endlich zufällig an einen jungen Menſchen wandte, der etwas weniger wüſt als die übrige Geſellſchaft ausſah, und der ihm er⸗ zählte: es ſeien ein paar von der Seiltänzerbande davongelaufen— eine Zigeunerin mit ihrem Kinde— und darüber ſei die Schlägerei entſtanden. Uebrigens ſei der Mann dort, der ſich eben das Blut aus dem Geſicht wiſche und ſo lebhaft geſticulire, der Director der Truppe und an den möge ſich der Herr nur wenden, wenn er noch mehr wiſſen wolle. Oswald athmete bei dieſen Worten des jungen Menſchen hoch auf. Renobi und Czika waren fort, gleichviel wohin, wenn ſie nur aus dieſer Hölle erlöſt waren. Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht gerathener ſei, umzukehren, ohne ſich mit den Seiltänzern weiter einzulaſſen; aber das Verlangen, mehr zu erfahren— vielleicht den Ort, wohin ſich Fenobi möglicherweiſe hingewendet haben könnte, überwand dieſe Bedenken und er trat auf die Perſon zu, welche ihm als der Chef der Geſellſchaft bezeichnet war. Herr Director Schmenckel hatte mit der, ſeinem vielgewandten Geiſte eigenen Elaſticität, die verlorene Harmonie ſeiner Seele in dem Kampfe, aus welchem er ſo eben, mit ehrenvollen Wunden vedeckt, hervorgegangen war, wiedergefunden. Er beſaß, ſobald ſich nur der erſte Sturm der Leidenſchaft gelegt hatte, in einem hohen Grade jene philoſophiſche Reſignation, welche ſich in das Unvermeidliche mit Würde ſchickt, und zu einem ſchlechten Spiel eine möglichſt gute Miene macht. Da die Zigeunerin einmal weg war, ſo konnte er ſich durch Lamentiren darüber nur noch lächerlich machen, und einem edlen Charakter ziemt es, zu vergeſſen und zu vergeben. Er that deshalb, als ob nichts geſchehen ſei, was er nicht ſchon längſt erwartet hätte. „Undankbarkeit iſt der Welt Lohn.— Wie gewonnen, ſo zerronnen.— Heute mir, morgen dir!— Laſſen's uns wieder niederſitzen, ihr 40 Durch Nacht zum Licht. Herren— Director Schmenckel läßt ſich durch ſo etwas nicht aus der Faſſung bringen— wir haben noch andere Mittel, ein hochge⸗ ſchätztes Publikum zu unterhalten, und Sie ſollen ſehen, daß die Vor⸗ ſtellung, die ich morgen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung— was beliebt dem Herrn? wünſchen mich zu ſprechen? ſteh' zu Dienſten— ein Director muß immer auf dem Platze ſein“— und Herr Schmenckel folgte Oswald, der ihn um eine Unterredung gebeten hatte, um ſo lieber, als die Erſcheinung eines elegant gekleideten Herrn, welcher es nicht verſchmähte, Herrn Schmenckel in der Grünen Mütze auf⸗ zuſuchen, ein Umſtand war, der nicht verfehlen konnte, einiges Auf⸗ ſehen zu erregen. „Was befehlen Euer Guaden,“ fragte Herr Schmenckel, als ſie draußen waren. „Ich wollte Sie bitten, mir, wo möglich, über die Zigeunerin, die, wie ich höre, ſich erſt heute Abend von ihrer Geſellſchaft entfernt hat, einige Auskunft zu geben,“ erwiderte Oswald. Herr Schmenckel ſtutzte; die Frage kam ihm verdächtig vor; er warf bei dem Licht der Laterne vor dem Hauſe, denn die Scene ſpielte auf der Straße, einen prüfenden Blick in Oswalds Geſicht und erkannte den Herrn, der die Czika umarmt hatte. Herr Schmenckel wußte ſofort, woran er war. Dieſer junge Herr war ein ungeheuer reicher Graf, der die Manie hatte, ſich für Zigeuner beſonders zu intereſſiren, Zigeunerkinder zu kaufen und was dergleichen Narrheiten mehr ſind. Herr Schmenckel bedachte, daß die Zigeunerin möglicher⸗ weiſe wiederkommen, und daß er dann den Preis für das Kind um ſo höher anſetzen könnte, je größer ſeine Anrechte an demſelben wären. „Hm,“ ſagte er, um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen,„weßhalb wollen Euer Gnaden das wiſſen?“ „Das kann Ihnen gleich ſein,“ antwortete Oswald;„genug, wenn ich die Auskunft, die ich wünſche, nicht umſonſt haben will;“ und er drückte Herrn Schmenckel einen Thaler in die Hand. „Danke Euer Gnaden,“ erwiderte Herr Schmenckel, welcher ſich durch Oswalds Freigebigkeit in ſeinem Verdachte beſtärkt ſah,„in⸗ deſſen möcht' ich doch gern—“ Erſter Band. 4¹ „Aber ich begreife nicht, weßhalb Sie Anſtand nehmen, mir das Wenige, was Sie von der Frau wiſſen, mitzutheilen.“ „Hm,“ ſagte Herr Schmenckel;„vielleicht iſt das, was ich weiß, ſo wenig nicht. Wenn man Jemand dreizehn Jahre lang in ſeiner Geſellſchaft gehabt hat—“ „Aber ich habe ja die Zigeunerin erſt in dieſem Sommer auf— gleich viel! aber weit von hier, und allein getroffen.“ „Wohl möglich,“ ſagte der ſchlaue Director;„es iſt heute Abend nicht das erſte Mal, daß mir die Tenobi weggelaufen iſt, aber ſie iſt noch jedesmal wiedergekommen.“ „Seit dreizehn Jahren!“ ſagte Oswald, dem dieſes Märchen durchaus glaublich ſchien;„wie alt war denn das Kind, als ſie zu Ihnen kam?“ „Wie alt?“ ſagte Herr Schmenckel;„ei! Euer Gnaden, als ſie zu mir kam, hatte ſie kein Kind— das muß ich am beſten wiſſen Hi, hi, hi!“ „Sie?“ ſagte Oswald und ein Schauder überlief ihn,„Sie?“ „Nun weßhalb ich nicht, Euer Gnaden? Schau ich Euer Gna⸗ den aus, als ob ſich ein hübſches junges Ding nicht in mich ver⸗ lieben könnte, das noch dazu bei mir in Lohn und Brot ſtand? Ich ſage Euer Gnaden, ich hab' noch ganz andere Eroberungen in meinem Leben gemacht. Sind Euer Gnaden je in Petersburg geweſen? Da iſt die Fürſtin— aber freilich, ich darf über dieſe Dame nicht ſo ſprechen wie—“ „Mit einem Worte,“ ſagte Oswald, ſich gewaltſam zuſammen⸗ raffend:„ſo iſt die Czika Ihr Kind?“ „Beſchwören will ich's nit,“ ſagte Herr Schmenckel lächelnd; „aber daß es mein's ſein könnte und ich es immer als mein's ange⸗ ſehen habe, das kann ich beſchwören, Euer Gnaden.“ „Und Sie glauben, daß die Zigeunerin ſich wieder einſtellen wird?“ „O, darauf können ſich Euer Gnaden verlaſſen; ſie hat es nir⸗ gends ſo gut wie bei mir.“ „Aber warum entfernt ſie ſich denn ſo oft von Ihnen?“ „Ja ſchaun's, Ihr Gnaden! Die Weiber ſind ein wunderli 42 Durch Nacht zum Licht. Volk;“ ſagte der philoſophiſche Herr Schmenckel;„und je beſſer man es mit ihnen meint, deſto ſicherer kann man ſein, daß ſie uns ein 2 für ein U machen. Treu und Glauben iſt bei ihnen nicht zu finden und beſonders die Zigeunerinnen—“ „Es iſt gut,“ ſagte Oswald, den der Ekel überwältigte;„ich ſpreche mit Ihnen ein ander Mal weiter darüber.“— Und er entfernte ſich eilig. Herr Director Schmenckel ſah ihm einige Augenblicke nach, ſchüttelte den Kopf, ſteckte den Thaler, den er noch in der Hand hielt, in die Taſche, kicherte und verfügte ſich mit dem angenehmen Bewußtſein, einen Gimpel übertölpelt zu haben, in die Trinkſtube zurück, wo mittlerweile der Friede wieder ſo vollſtändig hergeſtellt war, daß ſich ſämmtliche Anweſenden zur gemeinſchaftlichen uniſonen Abſingung des beliebten Volksliedes:„Blau blüht ein Blümelein,“ vereinigen konnten. Während Oswald dieſe ſo bedenklichen Mittheilungen über der armen Czika eigentliche Abſtammung aus dem wahrheitsliebenden Munde des Herrn Schmenckel entgegennahm, erwartete Franz ſeine Rückkehr mit der größten Ungeduld. Die Poſt hatte wirklich den ſehnlichſt herbeigewünſchten Brief ſeiner Braut gebracht und dieſer Brief die unbeſtimmte Furcht, mit der er ſich in dieſen letzten Tagen getragen, nur zu ſehr beſtätigt. Sophie ſchrieb mit einer Hand, welche die Angſt beinahe unleſerlich gemacht hatte, daß ihr Vater von einem Schlaganfall betroffen worden ſei, der die Aerzte das Schlimmſte be⸗ fürchten laſſe. Der Vater ſei noch in dieſem Augenblick(mehre Stun⸗ den nach dem in der Nacht eingetretenen Anfall) ſprachlos und un⸗ fähig ſich zu bewegen. Wenn noch Rettung für ihren Vater ſei, ſo könne die Hülfe nur von dem kommen, zu dem ihr Vertrauen eben ſo groß ſei, als ihre Liebe. Franz' Entſchluß war ſofort gefaßt; er beſtellte, da der Kutſcher, mit dem er gekommen war, nicht weiter fahren zu können erklärte, Extrapoſt, um die nächſte Station der Eiſenbahn womöglich noch in derſelben Nacht zu erreichen. Seine holde ſüße Braut in ſo bittrer Voth und Bedrängniß— wachend und weinend an dem Krankenbette, lleicht an dem Sarge ihres Vaters— und er, ihr Troſt und ihre Erſter Band. 43 Hoffnung, über achtzig Meilen entfernt— es war ein Gedanke, der auch ein ſo feſtes Herz, wie das des Doctors Braun, um ſeine ge⸗ wöhnliche Ruhe bringen konnte. Der Boden brannte ihm unter den Füßen. Die paar Minuten, bis der Wagen aus der Poſt herbei⸗ geſchafft wurde, erſchienen ihm eine Ewigkeit. Da kam der Wagen und mit ihm Oswald. Franz theilte ihm die ſo eben erhaltene Nachricht mit, ſowie ſeinen Entſchluß, ſofort ab⸗ zureiſen. Er bat den Freund mit fliegenden Worten, nicht länger in Fichtenau zu verweilen, als es unumgänglich nothwendig ſei, und vor allem den Termin, zu welchem man ihn in Grünwald am Gymnaſium erwartete, inne zu halten. Oswald war durch die mancherlei wunder⸗ lichen Abenteuer der letzten Stunden ſo gleichſam auf alles Außer⸗ ordentliche vorbereitet, daß er Franz' Mittheilung mit einer Art von Gleichgültigkeit entgegennahm. Er verſprach indeſſen, was Franz von ihm verlangte, während er ihn zum Wagen begleitete. „Wiſſen Sie was, Oswald,“ ſagte Franz, ſchon im Wagen; „kommen Sie mit mir! Sie werden dieſe Zumuthung ſonderbar finden, aber das Sonderbarſte iſt oft das Vernünftigſte.“ „Es geht nicht, Franz,“ ſagte Oswald;„ich kann nicht wieder abreiſen, ohne Berger auch nur geſehen zu haben, und überdies—“ „Ich weiß Alles, was Sie mir ſagen können,“ erwiderte Franz, „und offen geſtanden, habe ich eigentliche Gründe für meine Zu⸗ muthung gar nicht; nur ein Gefühl, als ob ich Sie nicht allein hier laſſen dürfe, als ob die Luft hier herum für Sie mit Unheil angefüllt ſei. Kommen Sie mit mir, Oswald!“ „Ich will Ihnen ſo bald als möglich folgen.“ „Dann leben Sie wohl! Fort, Schwager!“ Franz drückte noch einmal Oswalds Hand. Der Wagen rollte eilends über das holprige Pflaſter des Städtchens davon. „Schade, daß der Herr ſo bald wieder fort mußte,“ ſagte Louis, der Oberkellner des„Curhauſes,“ der mit der Serviette unter dem Arm und der Feder hinter dem Ohr neben Oswald ſtand.„Ein charmanter Herr!— Wollen der Herr Doctor jetzt ſoupiren? Der Herr Doetor finden noch charmante Geſellſchaft im Speiſeſaale.“ Oswald ging in das Haus zurück. Hätte Franz in dieſem Augen⸗ 44 Durch Nacht zum Licht. blick noch einmal ſeine Aufforderung wiederholt, Oswald würde ſich nicht länger geweigert haben, ihm zu folgen. Seitdem ihn Franz verlaſſen, war es ihm, als ob ſein guter Engel von ihm gewichen und die Luft in Fichtenau für ihn mit Unglück angefüllt ſei. Sechstes Capitel. Am nächſten Tage erwachte Oswald ſpät aus einem durch wun⸗ derliche unheimliche Träume vielfach geſtörten, unerquicklichen Schlaf. Die noch vor Kurzen ſo heiß geliebte Melitta war ihm erſchienen— das liebe, ſchöne Angeſicht blaß, gramzerriſſen, die braunen, thränen⸗ überſtrömten ſanften Augen mit dem Ausdrucke unſäglicher Wehmuth auf ihn gerichtet. So hatte ſie dageſeſſen— mit ſchmerzlich ſüßem Lächeln auf den weichen— ach, wie ſo oft in trunkener Liebe ge⸗ küßten Lippen! Und Oswalds Herz war übergefloſſen von Liebe und Mitleid. Vergeſſen war Alles, was ſich zwiſchen ſie und ihn ge⸗ drängt hatte— die böſe Saat, die ziſchelnde Zungen ausgeſtreut und die von dem Wankelmuth der eigenen Seele ſo ſchnell zur Reife ge⸗ wiegt war— vergeſſen Alles— nur nicht die Erinnerung an die ſonnigen Tage unſäglichen Glücks. Und er hatte ſich ihr zu Füßen geſtürzt und auf ihren lieben Knien Thränen, bitterſüße Thränen geweint, in gebrochenen Worten ſeine Reue geſtammelt und ihre Ver⸗ zeihung angefleht. Da hatte ſich eine Hand eiskalt auf ſeine Stirn gelegt und als er aufſchaute, war es nicht mehr Melitta, ſondern Profeſſor Berger; aber nicht mehr der Mann des melancholiſchen Hu⸗ mors und der vernichtenden Satire, der ihm oft, das dämoniſche Lächeln auf den räthſelhaften Lippen, an den Theeabenden gegenübergeſeſſen hatte, ſondern eine unheimlich ſtille, unheimlich regungsloſe Maske von Wachs. Aber in dem kalten, ſtarren Geſicht der Maske hatte es plötzlich angefangen zu zucken und ſich zu regen, wie wenn Jemand ſprechen will und die Zunge ihm den Dienſt verſagt— dann hatte ſie begonnen zu reden, nicht in menſchlichen Worten, ſondern in Erſter Band. 45 einer myſtiſchen Sprache Unverſtändlich⸗Verſtändliches, Unſäglich⸗ Grauenhaftes— fürchterliche Geheimniſſe aus einer anderen Welt.. Oswalds Seele hatte das Entſetzliche nicht länger ertragen kön⸗ nen und ſich mit einer gewaltſamen Anſtrengung aus dem unheim⸗ lichen Zwiſchenreiche zum Licht des wachen Tages befreit. Aber das Licht des Tages brachte ihm nicht die rechte Freudigkeit; denn die Schemen der Nacht warfen ihre geiſterhaften Schatten hinüber in den Tag... Wehe dem, deſſen Herz nicht rein iſt von Frevel! wehe dem, deſſen Seele in ihrer Tiefe Erinnerungen birgt, die er, wenn ſie ſich an ihn drängen in den D menten, wr er wach und gerüſtet iſt, mit leichtfertigem Stirnrunzeln von ſich ſcheucht! Er mag wohl zuſehen,„was ihm im Schlaf für Träume kommen mögen.“ In dieſer qualvollen Stimmung brachte Oswald den Vormittag zu. Er konnte ſich nicht entſchließen, den ſchweren Gang zu Doctor Birkenhains Anſtalt anzutreten; er verſchob den Beſuch bis auf den Nachmittag und redete ſich ein, er werde dann in beſſerer Stimmung und beſſer bereitet ſein, Berger unter die Augen zu treten.— Er ging am Mittag zur Table d'höte hinab, die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch zahlreich von Vergnügungsreiſenden und Curgäſten beſucht war und hatte das Vergnügen, während er ſtill hinter ſeiner Flaſche ſaß, dem geiſtreichen Geſpräche einiger junger Handlungs⸗ befliſſenen zuzuhören, das ſich mit Leichtigkeit über tauſend und einen Gegenſtand erging, unter anderm auch über die Flucht der Zigeunerin mit ihrem Kinde und über den„großartigen Skandal,“ welcher in Folge deſſen den Frieden der Grünen Mütze und die nächtliche Ruhe eines nicht unbeträchtlichen Theils des Städtchens geſtört hätte. Einige der jungen Herren, die geſtern der Vorſtellung auf der Finkenwieſe beigewohnt hatten, rühmten gegen die heute erſt angekommenen Collegen die Schönheit der Zigeunerin und bedauerten lebhaft das plötzliche Verſchwinden„einer ſo famoſen Perſon.“ Auch die Kleine ſei ein „famoſes“ Ding geweſen, mit ganz„famoſen“ Augen. Ein verrückter Engländer, der des Weges gekommen, habe ſich ſofort in ſie verliebt und es ſei die allergrößte Wahrſcheinlichkeit, daß beſagter Engländer, von dem man hernach weder etwas gehört noch geſehen, die Zigeunerin entführt habe. 46 Durch Nacht zum Licht. Durch dieſe authentiſche Nachricht über das Schickſal Kenobi's und der Czika nicht eben beruhigt, verließ Oswald den Tiſch, um ſich wieder auf ſein Zimmer zu begeben. Er war natürlich jetzt noch weniger als vorher in der Stimmung, Berger aufzuſuchen und es koſtete ihm nicht geringe Ueberwindung, endlich dem Kellner zu klingeln und den ſofort erſcheinenden über den Weg nach Doctor Birkenhains Anſtalt zu befragen. „Doctor Birkenhains Anſtalt, mein Herr? ganz in der Nähe, mein Herr! der bequemſte Weg führt durch unſern Garten auf die Höhe, dann immer links auf der Höhe am Fluß entlang fort, bis Sie an ein großes Haus kommen. Das iſt Doctor Birkenhains An⸗ ſtalt, mein Herr! Haben vielleicht einen Verwandten oben? Kommen oft Herrſchaften zu uns, Verwandte bei Doctor Birkenhain zu be⸗ ſuchen. Erſt in dieſem Sommer war eine Dame mehre Monate bei uns; auch aus Ihrer Gegend. Sehr ſchöne Dame, kennen der Herr vielleicht— eine Frau von Berkow mit ihrem Bruder, einem Baron von Oldenburg— ſehr langer Herr mit einem ſchwarzen Bart—“ „Iſt Baron Oldenburg ein Bruder der Dame?“ fragte Oswald nicht ohne einiges Widerſtreben. „Ei ja wohl, mein Herr! Die Herrſchaften waren ja faſt zwei Wochen lang zuſammen hier. Aber der Herr Bruder mußten fort, bevor der Herr von Berkow ſtarb— hartes Schickſal für eine ſchöne junge Frau. Werden der Herr zum Souper zurück ſein? Nein? aber doch die Nacht bei uns verweilen? dachte mir gleich! Sonſt nichts zu befehlen?— wie lange Sie gehen? o, höchſtens zehn Mi⸗ nuten, werde den Herrn ſelbſt bis auf den Weg bringen.“ Oswald wanderte, nachdem der geſchwätzige Kellner ihn vetiſen auf dem Pfade, der an der Abdachung des langgeſtreckten Hügels all⸗ mälig höher führte, dahin. Links unter ihm plätſcherte, von hohen Bäumen überwölbt, die Fichte, ein klares, forellenreiches Bergwaſſer, von dem das Städtchen ſeinen Namen hat. Hier und da blickte es freundlich zwiſchen den Bäumen hervor, um alsbald wieder zu ver⸗ ſchwinden, wie ein neckiges ſpielendes Kind. An einer Stelle hatte man den Flüchtling angehalten und ihn gezwungen, die Räder einer Mühle zu treiben. Das mochte dem Wildfang ſchlecht gefallen. Er Erſter Band. 47 ſtürzte ſich wie im Zorn durch die enge hölzerne Rinne, rüttelte und ſchüttelte aus Leibeskräften an den Schaufeln, und t dann ziſchend und kochend in ärgerlichem Ungeſtüm davon. Oswald ſetzte ſich der Mühle gegenüber auf das niedrige Gelän⸗ der des Weges und ſchaute lange in das Waſſer hinab, wie es bro⸗ delte und ſchäumte, Wirbel in Wirbel drehend, Welle durch Welle verdrängend. Er dachte an Melitta, wie oft ſie wohl dieſen Weg am Arm„ihres Bruders“ zurückgelegt und an dieſer Stelle, deren maleriſche Schönheit ihrem Blick gewiß nicht entgangen war, verweilt haben mochte. Er fühlte ſich zum Sterben traurig. Seine Gefühle kochten durcheinander wie die Waſſer zu ſeinen Füßen, ſeine Gedanken wir⸗ belten und kreiſten, wie die Schaumblaſen auf den Wellen. War denn der Haß nicht ſo blind, wie die Liebe? gab es denn ein Recht und ein Unrecht? Die Welt ſollte ein Kosmos ſein? ja, für den, deſſen Blick nur immer auf der glatten Oberfläche des Fluſſes weilt, da wo er zwiſchen ſchattigen Bäumen über ebenen Boden luſtig dahin⸗ ſtrömt; aber auch für den, der in ſeine Tiefe dringt, wo alles chaotiſch durcheinander brauſt und rauſcht? Auf, auf! zu ihm, dem Mann der Schmerzen! er hat in des Lebens Tiefe geblickt; er ſoll mir ſagen, was er da erſchaute, welche Larven und Geſpenſter, daß er voll Schauder und Grauſen das edle Antlitz verhüllte!... Oswald ſprang wieder auf und ging den Weg, der jetzt immer ſteiler wurde, hinauf, bis er an ein großes Gebände kam, das, etwas von der Straße entfernt, auf einer mäßigen Anhöhe zwiſchen Gärten und Nebengebäuden gelegen und von einer hohen Mauer auf allen Seiten umgeben, für die Wohnung eines Privatmannes zu ſchloßartig und für ein Schloß zu gefängnißmäßig ausſah. Es war Doctor Birkenhains Anſtalt. Nicht ohne Herzklopfen klingelte Oswald an der verſchloſſenen eiſernen Gitterthür. In dem Pförtnerhäuschen öffnete ſich ein Fen⸗ ſter; der Pförtner ſchaute heraus und fragte nach ſeinem Begehr. Oswald wünſchte Doctor Birkenhain zu ſprechen. „Sind Sie ſchon gemeldet?“ „Ja.* Durch Nacht zum Licht. „Ihr Name?“ Oswald nannte ſeinen Namen. Der Mann blickte auf eine Tafel, welche die Namen der Ange⸗ meldeten enthalten mochte; dann ſteckte er den Kopf wieder zum Fenſterchen heraus: „Nur gerade über den Hof nach der Hauptthür; dort noch ein⸗ mal zu klingeln.“ Die Thür that ſich auf und ſchloß ſich wieder hinter dem Ein⸗ getretenen. Oswald ging über den geräumigen, mit Kies beſtreuten, hier und da mit Büſchen und Bäumen bepflanzten Vorhof dem Hauſe zu. Auf einer Bank unter einem dieſer Bäume ſaß in einer Gruppe von mehreren Perſonen ein junger, ſehr wohlgekleideter Mann. Als Oswald an ihm vorüberſchritt, erhob ſich der junge Mann, trat auf ihn zu und ſagte, indem er mit einer höflichen Verbeugung den Hut zog: „Ich habe gewiß die Ehre, mit dem Kaiſer von Fez und Marokko zu ſprechen?“ Als Oswald dieſe wunderliche Frage verneinte, ſchüttelte der junge Mann traurig den Kopf und ſagte, indem er Oswald mit einem leeren Blick anſah: „Es iſt merkwürdig; der Kaiſer hatte es mir doch ſo feſt ver⸗ ſprochen, mich noch in dieſem Sommer abzuholen, und der Sommer geht zu Ende und der Kaiſer kommt nicht; ich werde wohl bis nächſten Sommer warten müſſen. Dann aber kommt er ganz gewiß. Meinen Sie nicht auch?“ „Ich zweifle keinen Angenblick daran,“ erwiderte Oswald. Ein ſchwacher Strahl von Freude zuckte über das blaſſe Geſicht des Unglücklichen. Er verbeugte ſich abermals, ſetzte ſeinen Hut wieder auf und ſchritt zu ſeinem Platze auf der Bank zurück. Oswald gelangte zu der Hauptthür, klingelte und wurde von einem Diener, welcher öffnete und nach ſeinem Namen fragte, in ein Zimmer geführt, mit der Anweiſung, ein wenig warten zu wollen, Doctor Birkenhain würde alsbald erſcheinen. Es war ein hohes, ſchönes Gemach; ausgezeichnete Oelgemälde ſchmückten die Wände; zwiſchendurch antike Köpfe und Büſten auf Erſter Band. 49 Conſolen: der Apoll von Belvedere, der Zeus von Otricoli, die Ludoviſiſche Juno; auf Tiſchen mitten in dem Zimmer Bücher und Kupferwerke— Alles athmete den heitern Genuß des Daſeins; nichts erinnerte daran, daß man ſich in einem Hauſe der Krankheit und des Todes befinde. Nach einigen Minuten öffnete ſich eine Thür, und Doctor Birken⸗ hain trat herein.. Oswald hatte ſich natürlich von dieſem Manne, der in der letzten Zeit von einer ſo verhängnißvollen Bedeutung für ihn geworden war, ein Bild entworfen, und war jetzt nicht wenig erſtaunt, als er fand, daß von dieſem Bilde auch nicht ein Zug paßte. Er hatte ſich Doctor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis vorgeſtellt, voll Gravität und Würde, und ſah ſich jetzt einem Manne gegenüber, der nicht viel älter ſein konnte, als er ſelbſt, zum wenigſten das dreißigſte Lebensjahr ſchwerlich überſchritten hatte— lang und dürr, mit ſchlichtem hellbraunen, nicht allzu dichtem Haupthaar und ſpär⸗ lichem Schnur- und Kinnbart— ein mageres Geſicht von einer kränk⸗ lich gelben Farbe,— eine hohe Stirn, große hellblane Augen, denen man es auf den erſten Blick anſah, daß ſie gewohnt waren, in der Seele des Menſchen zu leſen und deren durchdringende Schärfe auf die Dauer faſt unerträglich wurde. Nach der erſten Begrüßung und nachdem Doctor Birkenhain be⸗ dauert hatte, daß es ihm nicht vergönnt geweſen ſei, die Bekannt⸗ ſchaft ſeines Collegen Braun zu machen, der ſich durch ſeine Abhand⸗ lung über den Typhus mit einem Schlage einen Platz unter den erſten Pathologen Deutſchlands erworben habe, ſagte er: „Ich habe Ihrem Beſuch mit großer Spannung entgegengeblickt, weil ich mir von Ihrem Wiederſehen mit Berger für den Letzteren ſehr viel verſpreche. Ich weiß durch Herrn Bemperlein, und auch aus Bergers eigenem Munde, daß Sie der vertrauteſte Freund und ſo zu ſagen der Liebling des unglücklichen Mannes ſind— es wenig⸗ ſtens vor dem Ausbruch ſeiner Krankheit waren. Wenn Etwas im Stande iſt, das bei Berger faſt bis auf den letzten Funken erloſchene Intereſſe am Leben wieder zu entfachen, ſo iſt es die Liebe— nicht die allgemeine Menſchenliebe, die nur ein anderer Ausdruck für Egois⸗ Fr. Spielhagen's Werke. X. 4 50 Durch Nacht zum Licht. mus iſt, ſondern die ganz ſpecielle Liebe für ein beſtimmtes Indivi⸗ duum, an deſſen Freuden und Leiden er einen ſympathetiſchen Antheil nimmt. Die Liebe iſt das realſte aller Gefühle, iſt das, welches ſich am kräftigſten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen über⸗ vauert. Der größte Pſychologe, der vielleicht je gelebt hat und dem wir Irrenärzte ſehr viel verdanken, Shakeſpeare, läßt ſeinen Lear noch kurz vor dem Ausbruche des Wahnſinns zum Narren ſagen: „Mir blieb ein Stückchen vom Herzen noch und das bedauert Dich.“ Dies Stückchen vom Herzen iſt der geſunde Punkt, von dem die Heilung ausgehen muß, auch bei Berger. Ich bitte Sie deßhalb, Berger auf alle Weiſe für Ihr individuelles Schickſal zu intereſſiren. Erzählen Sie ihm von Ihren Plänen und Entwürfen, von Ihren Hoffnungen und Wünſchen; von Ihren Freuden und Leiden. Beſon⸗ ders von den letzteren, wenn Sie davon zu berichten haben und— verzeihen Sie dem Arzte die Indiscretion!— ich glaube, daß Ihre Mittheilungen beſonders nach dieſer Seite hin ziemlich ausgiebig ſein werden. Sie lächeln? nun, vielleicht irre ich mich, und ein gewiſſes Etwas in Ihrem Geſicht iſt der Ausdruck eines phyſiſchen und nicht pſychiſchen Vorganges— aber, wie dem auch ſein mag, verhüllen Sie vor Berger nicht die Schatten⸗ und Nachtſeiten Ihrer Exiſtenz. Im Gegentheil: klagen Sie, und je eindringlicher, je ſchmerzlicher, deſto beſſer; aber klagen Sie wie ein Kranker, der nach Geſundheit ſchmachtet, wie ein eingefangener Vogel, der ſich nach Freiheit ſehnt. Das Unglück geliebter rührt uns tauſendmal mehr, als unſer eigenes, und die Laſt, die Berger bei ſich ſelbſt kaum noch beachtet, wird ihm dünken, ſobald er ſie auf den Schultern eines Andern ſieht, den er liebt. Denn, ich wiederhole es, nur ſo iſt dieſem Manne beizukommen. Gegen Vernunftgründe iſt er, der ſcharfſinnige Denker, der alle Philoſopheme in⸗ und auswendig kennt, in einen undurchdringlichen Harniſch gehüllt. Gegen einen Beweis von der Würde und Realität des Lebens bringt er Ihnen zehn andere, die das Gegentheil darthun; und wo Sie ein Haar ſpalten, ſpaltet er das geſpaltene noch einmal. Uebrigens brauchen Sie nicht zu fürchten, daß er Sie, wie ſonſt wohl, in philoſophiſche Dispüte ver⸗ wickeln wird. Die Wiſſenſchaft, aus der er ſonſt in ſo vollen Zügen Erſter Band. 51 trank, iſt ihm ein Gräuel; er mag nichts davon hören und ſehen. Und nun noch eins: wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu ver⸗ weilen?“ „Vier bis fünf Tage höchſtens.“ „Sehr gut; ich wollte Sie eben bitten, Ihren Beſuch nicht län⸗ ger auszudehnen. Es handelt ſich darum, auf Berger einen bedeuten⸗ den Eindruck zu machen, und zu der Freude, Sie wiederzuſehen, muß der Schmerz kommen, Sie ſo bald wieder zu verlieren. Bielleicht, daß wir ihn ſo in die Welt zurück locken, von der er ſich jetzt voll Ekel abwendet.“ „Iſt Berger von meiner Anukunft unterrichtet?“ „Nein; ich wollte auch die Ueberraſchung zu Hülfe nehmen. Damit wir den Eindruck ganz rein haben, werde ich Sie nicht zu ihm begleiten. Sie werden mir dann ja erzählen, wie er Sie empfan⸗ gen hat. Er pflegt um dieſe Zeit ſeinen Spaziergang in die Berge zu machen, den er manchmal bis in den Abend ausdehnt. Ich laſſe ihn ganz frei gewähren, da jede Reſtrietion ſchädlich ſein würde, wie es denn überhaupt jetzt nur noch ſein freier Wille iſt, der ihn hier hält. Begleiten Sie ihn auf dieſem Spaziergange, die Herzen erſchließen ſich unter dem Himmelsdome leichter, als unter einer Zimmerdecke. „Noch eins;“ fuhr Doctor Birkenhain fort, während ſie ſich von ihren Plätzen erhoben;„Sie werden Berger auch in ſeinem Aeußern verändert finden; ſuchen Sie auch da, mit aller Schonung natürlich, einzuwirtdd. Solche ſcheinbaren Kleinigkeiten ſind von der größ Bedeutung; ein fehlender Handſchuhknopf kann einen Dandy um ſeine gute Laune bringen und wir haben eine andere Stimmung im Schlaf⸗ rock und eine andere im Frack.— Nun wollen wir gehen, wenn es Ihnen recht iſt; ich will Sie ſelbſt bis an Bergers Thür bringen.“ Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Steinflieſen ausgelegten Flur, die breiten ſteinernen Treppen hinauf, durch hohe, helle, luftige Corridore. Es begegneten ihnen mehrere Perſonen, die Oswald nicht für Kranke gehalten haben würde, wenn Doctor Birkenhain es ihm nicht geſagt hätte; ſo vernünftige Antworten gaben ſie auf die hingewor⸗ fenen Fragen des Arztes. 4* 52 Durch Nacht zum Licht. „In dieſem Flügel iſt die Station für die leichteſten Kranken,“ ſagte Doctor Birkenhain;„bei dem ſchönen Wetter ſind die meiſten im Garten, oder auf dem Hoſplatz.— Wie geht's, Herr Commer⸗ zienrath?“ „Danke, Herr Doctor!“ erwiderte der Angeredete, ein außer⸗ ordentlich wohlhäbig ausſehender Mann, der mit einer Gießkanne in der Hand vorüberging;„danke; es würde ganz gut gehen, wenn—“ Der Commerzienrath trat mit einem Blick auf Oswald dem Doctor näher und flüſterte ihm etwas in's Ohr, wovon Oswald nur die Worte:„Bündel Heu“—„in der Seite“— verſtehen konnte. „O, das iſt das Wenigſte,“ erwiderte Birkenhain in einem Ton, deſſen Zuverſichtlichkeit für den größten Hypochonder überzeugend ſein mußte, das wollen wir ſchon weg kriegen.“— Der Kranke drückte ſeinem Arzt dankbar die Hand und entfernte ſich, augenſcheinlich über den glücklichen Ausgang eines vermeintlichen Leidens beruhigt und getröſtet. „Ich wollte, Bergers Fall wäre ſo leicht wie dieſer,“ ſagte Doctor Birkenhain, während ſie in dem Corridor weiter ſchritten; „aber mit Pillen und Latwergen iſt ſeiner Krankheit nicht beizukommen. So, nun gehen Sie den Corridor zu Ende, die letzte Thür links iſt Bergers. Ich bin äußerſt begierig, was Sie mir zu erzählen haben werden. Wollen Sie morgen bei mir ſpeiſen? Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Sie meiner Frau vorzuſtellen. Um drei Uhr. Iſt's Ihnen recht? alſo à revoir!“ Doctor Birkenhain reichte Oswald die Hand. trat in eine der Thüren, an denen ſie eben vorbeigekommen waren. Oswald ging den Corridor allein zu Ende, voll von dem bedeutenden Eindruck, den der Mann, welcher ihn ſo eben verlaſſen, auf ihn gemacht hatte, und zugleich voll Unruhe über die Rolle, die ihm zugetheilt war. Er ſollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken helfen, das für ihn ſelbſt beinahe alles Intereſſe verloren hatte! War er unter Allen nicht der ain wenigſten zu einer ſolchen Miſſion Geeignete? Und doch hatte er ſie übernommen! Er mußte ſie ausführen! Oswald kam an die bezeichnete Thür. Auf der braunen Täfelung ſtand mit Kreide und offenbar von Bergers Hand geſchrieben: Erſter Band. 53 „Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate!“ Ein Schauer durchrieſelte Oswald. Er blieb unſchlüſſig vor der Thür ſtehen, bevor er es über ſich gewinnen konnte, zu klopfen. Er lauſchte, ob ſich nichts drinnen rege; er hörte nichts. Endlich faßte er ſich ein Herz und klopfte mit feſter Hand. Da er keine Antwort erhielt, ſo klopfte er lauter; abermals keine Antwort. Eine bange Furcht ergriff ihn; er öffnete haſtig die Thür und trat in das Zimmer. Siebentes Capitel. Oswalds Furcht war unnöthig geweſen. Mitten in dem großen, durch die heruntergelaſſenen Vorhänge halbdunklen Gemache ſaß Ber⸗ ger an einem mit Büchern bedeckten Tiſche. Er hatte den geſenkten Kopf in beide Hände geſtützt und ſchien zu ſchlafen, denn er regte ſich, obgleich er mit dem Geſicht nach der Thür zu ſaß, ſelbſt dann noch nicht, als Oswald bis an den Tiſch getreten war, Oswald wagte nicht, ihn zu wecken. Er blieb an dem Tiſch ſtehen und ſchaute mit Augen, die ſich, ihm kaum bewußt, mit Thränen füllten, auf den Dulder. Welche Verwüſtungen hatten dieſe wenigen Monate in dem einſt ſo ſtolzen energiſchen Geſicht angerichtet! das dunkle lockige Haar war ergraut; die maſſive, wie aus Granit gehauene Stirn ſchien, da die Schläfen kahl geworden waren, noch gewaltiger und imponirender. Ein voller Bart, den Berger ſonſt nicht trug, floß ſilbergrau von Wangen, Lippen und Kinn herab, daß die Spitzen faſt die Tiſchplatte berührten. Die Hände, die einſt ſo ſorgſam gepflegten rundlichen Hände waren ſo mager, ſo durchſichtig mager geworden! Und dieſer Anzug! eine blaue Blouſe anſtatt des ſchwarzen Rockes, an dem kein Federchen geduldet wurde; ein grobes, zerknittertes Hemd an ihm, der früher einen Luxus mit feinſter, blendendweißer Wäſche trieb! Auf dem Tiſch ein abgetragener runder Filz und ein Stock, der offen⸗ bar noch vor kurzer Zeit der integrirende Theil einer Dornenhecke geweſen war, anſtatt des ſorgſam gebürſteten Pariſer Hutes und des 54 Durch Nacht zum Licht. Bambusrohres mit dem goldenen Knopf!— wenn folche Verände⸗ rungen mit dem äußern Menſchen vorgehen konnten, welche Revo⸗ lutionen mußten in der Seelen Tiefen ſtattgefunden haben! Berger regte ſich. Er hob die Stirn, ſchlug die Augen auf und blickte auf Oswald. Die Angen waren tief und klar, und ſchienen größer als ſonſt: kein Zucken verrieth Erſtaunen, Verwunderung oder Schrecken über den unerwarteten Anblick. „Ich hatte ſo eben nur von Dir geträumt, Oswald!“ ſagte er, ſich erhebend, mit einer leiſen Stimme, von der alle frühere Schärfe und Kraft gewichen ſchien. Oswald konnte ſich nicht länger beherrſchen. Er ſchluchzte laut auf und warf ſich ſtürmiſch in Bergers Arme. All das Leid, das er erlitten— erſt jetzt, an der Bruſt dieſes Mannes glaubte er es wahr⸗ haft zu fühlen; alle Thränen, die ſein Herz geblutet und ſein Auge nicht geweint hatte, erſt jetzt, in den Armen dieſes Mannes, der ſo viel erduldet, glaubte er ſich ihrer nicht ſchämen zu dürfen. Berger hielt ihn mit den Armen umfangen, wie ein Vater den Sohn, der aus der Ferne heimkehrt, in welcher er ſich von Träbern nährte. „Weine nur!“ fagte er,„weine! In Thränen erleichtert ſich das allzuvolle junge Herz. Als ich jung war, wie Du, da habe ich ge⸗ weint, wie Du— jetzt hat mein Auge das Weinen verlernt.“ „Berger, lieber, lieber Berger!“ „Ich wußte, daß ich Dich ſo wiederſehen würde; ich habe Dich längſt erwartet. Ich dachte nicht, daß Du es in der öden Wüſte auch nur ſo lange aushalten würdeſt. Weine nur! die Thränen ſind der Preis, um den wir unſere Seele zurückkaufen aus dem kläglichen Han⸗ del, den wir eingingen, noch ehe wir wußten, was wir thaten. Bevor wir dem Daſein entſagen, müſſen wir erkennen, daß es beſſer iſt, nicht da zu ſein. Der Eine kommt früher zu dieſer Einſicht, der Andere ſpäter. Freue Dich, daß Du zu denen gehörſt, die in der bitteren Qual der Sanſara ſchon einen Vorſchmack des ſüßen Nirwana haben.“ Er ließ Oswald aus ſeinen Armen und griff nach dem Hut und dem Stock auf dem Tiſche. „Komm!“ ſagte er. Erſter Band. 55 Oswald war von dieſer Scene ſo erſchüttert, daß er nur an Bergers wunderlichen Anzug dachte, um zu fühlen, daß es ſchlechter⸗ dings unmöglich ſei, dieſem Manne von ſolchen Dingen zu ſprechen. Er hätte eben ſo gern eine Mutter, die über der Leiche ihres Kindes weint, an eine Nachläſſigkeit der Toilette, an eine Schleife, die ſich verſchoben, an ein Band, das aufgegangen iſt, erinnert. Sie gingen durch die langen Corridore, die breite ſteinerne Treppe hinab zum Hauſe hinaus. Als ſie über den Hof ſchritten, kam der junge Mann, der auf der Bank ſaß, und wiederholte die Frage, die er vorhin an Oswald gerichtet hatte: „Ich habe gewiß die Ehre, mit dem Kaiſer von Fez und Ma⸗ rokko zu ſprechen.“ „Nein,“ antwortete Berger;„der Kaiſer kommt nicht, verlaſſen Sie ſich darauf!“ „Kommt nicht?“ ſagte der junge Mann, und ſein bleiches Ge⸗ ſicht wurde noch bleicher und ſeine Augen irrten unruhig umher: kommt nicht? woher wiſſen Sie das?“ „Weil, wenn er käme, es Dir nicht zum Glück, wie Du wähnſt, ſondern nur zu Deinem gänzlichen Verderben gereichen würde. Warum willſt Du, daß er kommt? Damit er Dir Gold bringt, daß Du ver⸗ ſpielſt, und Juwelen, die Du an Deine Maitreſſen verſchenkſt; damit es Dir die Mittel zu einem Leben gewährt, dem entronnen zu ſein, Du Deinem Gott, wenn Du an einen Gott glaubſt, auf den Knieen danken müßteſt. Was Du für einen Stern der Verheißung hältſt, iſt nur ein Irrlicht auf dem Sumpfe. Trau ſeinem Schimmer nicht, es lockt Dich hierhin und dorthin und immer tiefer in den Moraſt. Kehr ihm entſchloſſen den Rücken zu! Noch einmal ſage ich Dir: der Kaiſer kommt nicht, und es iſt ein Glück für Dich, daß er nicht kommt.“ „Kennen Sie denn Se. Majeſtät ſo genau?“ ſtotterte der junge Mann. „Sehr genau,“ ſagte Berger, und ein eigenthümliches Lächeln ſpielte auf ſeinem Geſicht;„ſehr genau, nur zu genau. Auch mich hat Se. Majeſtät lange genasführt. Ihnen verſpricht er Geld und Gut, mir verſprach er— es bleibt ſich gleich, was; und ſo verſpricht er Jedem etwas Anderes, um Jeden zu narren und zu äffen. Die Ein⸗ 56 Durch Nacht zum Licht. ſicht, daß es mit Sr. Majeſtät Verſprechungen eitel Wind iſt, daß iſt der Weisheit Anfang— wie es denn auch ihr letzter Schluß iſt.“ Dieſe Worte ſprach Berger mit plötzlich abfallender Stimme, wie zu ſich ſelbſt. Er achtete des jungen Mannes nicht weiter, der mit einem unbeſchreiblich traurigen Geſicht, den Hut in der Hand, daſtand; auch Oswalds nicht, der ſchweigend und durch die eben erlebte Scene auf's peinlichſte berührt, neben ihm her weiter ſchritt. Berger mußte ahnen, was in der Seele ſeines Begleiters vor⸗ ging, denn als ſie durch die Pforte, die ihnen ohne Weiteres geöffnet wurde, getreten waren und nun auf der Landſtraße, die erſt an dem Fluß entlang, dann über eine Brücke auf das jenſeitige Ufer und von dort höher und immer höher in die Berge führte, dahinſchritten, unterbrach er plötzlich das Schweigen und ſagte: „Du wunderſt Dich, daß ich mit dem armen Schelm nicht glimpf⸗ licher verfuhr, daß ich ihm ſeine wahnwitzigen Illuſionen ſo grauſam zerſtörte. Dieſe ſcheinbare Grauſamkeit iſt im Grunde Wohlthat.“ „Wer iſt der Unglückliche?“ „Ein Graf Maltan aus unſerer Gegend. Er hat binnen wenigen Jahren ein Vermögen von einer halben Million in ſinnloſen Aus⸗ ſchweifungen durchgebracht. Jetzt hofft und harrt er auf den fabel⸗ haften Kaiſer, der ihm wiederbringen ſoll, was er verlor.“ „Aber wenn der junge Mann dadurch, daß Sie ihm dieſen ein⸗ zigen letzten Troſt rauben, den ſchwachen Reſt ſeines Verſtandes vollends verliert—“ „Du ſprichſt, wie Doctor Birkenhain. Ich muß lachen, wenn ich ſehe, wie dieſer Mann in ſeinem blinden Optimismus ſich gegen die Kraft, die den Menſchen unaufhaltſam zur Vernichtung treibt, ſtemmt, dem Kinde gleich, das einen Strom mit ſeinen Händchen auf⸗ zuhalten verſucht. Mein Studium hier beſteht in der Beobachtung dieſes eigenthümlichen Kampfes, der erhaben ſein würde, wenn er nicht lächerlich wäre. Dieſe Aerzte tappen im Dunkeln, wie bei einem Blindekuhſpiel, und glauben die Krankheit zu curiren, wenn ſie die Symptome fortſchaffen. Sie wiſſen nicht, ſie ahnen nicht, daß eben das Leben ſelbſt der Schuh iſt, der uns drückt, das Neſſuskleid, das uns bei lebendigem Leibe verbrennt und das dieſen Schuh auszuziehen, — Erſter Band. 57 dieſes Kleid von ſich zu ſtreifen, nicht nur das beſte, ſondern auch das einzige Mittel iſt, der öden Qual des Daſeins zu entrinnen.“ Sie waren, von der Landſtraße abbiegend, auf eine Lichtung im Walde gelangt, die mit Moos und Heidekraut dicht überſponnen war⸗ Vor ihnen ſah man über die Wipfel der Tannen weg in die Ebene, aus der ſie emporgeſtiegen waren und weit in das Hügelland hinein; hinter ihnen zog ſich der Wald bergauf höher und höher.— Es war ſtill, lautlos ſtill um ſie her. Lange weiße Fäden wehten durch die dünne klare Luft. Die Blumen waren verſchwunden; die Vögel hatten ihre Lieder, die Cicaden ihr Schwirren verlernt; der Sommer war todt und die Natur ſaß in ſtummem Schmerz an ſeiner Leiche. Selbſt der herbſtliche Sonnenſchein war wehmüthig, wie einer Wittwe Lächeln; das Blau des Himmels matt und krankhaft, wie einer Trauernden verweintes Auge... Berger hatte ſich auf einen niedrigen Baumſtumpf geſetzt, Oswald ſich neben ihn in das dichte Heidekraut gelagert. In dieſer Waldes⸗ ſtille, die ihn ſo lebhaft an die Forſten von Grenwitz und Berkow und an die ſchmerzlich ſüßen Tage, die er dort verlebt, erinnerte, überkam ihn jener Drang, ſich mitzutheilen, der uns in manchen Momenten mit unwiderſtehlicher Heftigkeit befällt. Wie es den katho⸗ liſchen Chriſten treibt, die tiefverborgenen Geheimniſſe ſeiner Bruſt dem Prieſter, ſeinem perſonificirten Gewiſſen, in's Ohr zu murmeln, ſo trieb es Oswald, dem unglücklichen Mann an ſeiner Seite, in welchem er von Anfang an ſein zweites Ich erkannt hatte, Alles zu veichten, was er erlebt, erſtrebt, gefehlt und geſündigt hatte in dieſer letzten, für ihn ſo ereignißreichen, verhängnißvollen Zeit. Er dachte nicht an Doctor Birkenhains Weiſung, Berger auf jede Art für ſein Schickſal zu intereſſiren, und dem Kranken gegenüber die Rolle eines Arztes zu ſpielen. War er doch ſelbſt ſo krank! Aber, wie es auch in ſeinem Herzen wühlte,— der Mann an ſeiner Seite hatte Schlim⸗ meres erduldet; was er ſich ſelbſt kaum zu geſtehen wagte— ihm⸗ dem Manne, der geſenkten Hauptes in dem dunkeln Labyrinth der Seele umherwanderte und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wußte— ihm durfte er Alles, Alles ſagen. Und, ſtockend im An⸗ fang, und dann immer lebhafter, leidenſchaftlicher erzählte er ihm 58 Durch Nacht zum Licht. was er zu erzählen hatte: ſeine Liebe zu Melitta, ſeine Liebe zu Helenen, ſeine Freundſchaft für Bruno; und wie ihm die Eiferſucht und der Wankelmuth des Herzens jene, und die Verkettung der Um⸗ ſtände dieſe und der Tod den herrlichen Knaben geraubt hatten. Berger hatte, das Kinn in die Hand ſtützend und mit großen Augen unabläſſig in die Ferne blickend, ohne Oswald auch nur ein⸗ mal zu unterbrechen, ſchweigend zugehört. Endlich, als der junge Mann mit der ſchmerzlichen Klage:„Warum haben Sie mich in dieſes Wirrſal geſchickt? wurum haben Sie mich ſo lange in der Irre ge⸗ laſſen?“ ſchloß, erhob er das Haupt, wandte die Augen auf ihn und ſagte langſam bedächtig: „Weil Du auch dies erfahren mußteſt, weil Du, als Du in Grünwald bei mir warſt, noch immer an die große Lüge, die wir Leben nennen, glaubteſt, weil der Trotz, mit dem Du dieſe Lüge be⸗ jahteſt, gebrochen werden mußte. Ich habe Dich den kürzeſten und ſicherſten Weg zur Erkenntniß geführt. Ich wußte, daß Du Dich blenden laſſen würdeſt von der trügeriſchen Spiegelung, daß Du mit pochendem Herzen, mit lechzender Zunge durch den öden, heißen Sand eilen würdeſt, weiter, unaufhaltſam weiter, nach dem blauen See mit dem waldbekränzten Ufer, der ſich vor Dir zurückzog in demſelben Maße, in welchem Du Dich ihm zu nähern glaubteſt, bis Du endlich, in Deiner Qual Dir und Deinem Daſein fluchend, zuſammenbrechen würdeſt. Freue Dich! Du haſt es überſtanden, und in eben ſo viel Wochen, als ich dazu Jahre brauchte, den erſten, den ſchwerſten Curſus durchgemacht: Du haſt die Augen aufgeſchlagen und ange⸗ ſehen, was da war, und ſiehe! es war nicht gut! Dir iſt der Werth des Lebens, der Zweck des Lebens problematiſch geworden: Du haſt angefangen zu begreifen, daß es mit jener Behauptung ſchaler Opli⸗ miſten: das Leben ſei des Lebens Zweck, wohl ſchwerlich ſeine Rich⸗ tigkeit haben dürfte,— man müßte denn ſeine Beruhigung in dem Erſtreben eines Zieles finden, daß ſich nie erreichen läßt, oder das, wenn es in jedem Augenblick erreicht wird, in keinem Augenblick er⸗ reicht zu werden verdient. Du haſt geſehen, daß Lug und Trug und Dummheit und Gemeinheit ſich in Wahrheit, Ehrlichkeit, Weis⸗ heit und Hoheit unauflöslich verweben. Dieſe Erkenntniß, die nur Erſter Band. 59 den ſtumpfſinnigen Sklaven kalt läßt, der die Peitſchenhiebe ſeines Treibers grinſend entgegennimmt, edle Seelen aber zum Tode be⸗ trübt, iſt der Anfang der Weisheit, iſt die Vorhalle zum großen Ge⸗ heimniß.“ „Und das große Geheimniß?“ Berger antwortete nicht; er ſchaute wieder mit jenem trüben ſtarren Blick in die Ferne. Oswald wagte nicht, ſeine Frage zu wiederholen. Tiefe Stille rings umher! Still floſſen die feinen Sommer⸗ fäden durch die helle Luft; ſtill wob der Abendſonnenſchein ſein goldenes Netz über das Heidekraut des Bodens und die dunkelgrünen Wipfel der Tannen. So ſaßen ſie ſtumm nebeneinander— ſtumm und traurig, wie zwei im Walde verirrte Kinder. Aber während der Mann, der mit dem Leben abgeſchloſſen, dem es fürchterlicher Ernſt war mit ſeiner Weltverachtung, ſich widerſtandslos tiefer und tiefer in den Abgrund ſeiner Schmerzen ſinken ließ, kämpfte die junge ungebrochene Lebens⸗ kraft in dem Andern gewaltſam hinauf zur Luft und zum Licht. „Was iſt es, daß ſich in mir in dieſem Augenblicke, wo ich es am wenigſten erwartete, gegen Ihre herbe Weisheit auflehnt?“ fragte er, zu Berger aufſchauend.„Mein Verſtand ſagt mir, daß Sie Recht haben; aber— mein Auge trinkt den Zauber dieſer abendlichen Landſchaft, trinkt ihn bis in's Herz hinein und in meinem Herzen fläſtert eine Stimme: Die Welt iſt ſo ſchön, ſo ſchön! und wenn auch das Leben Dir Bitterniſſe ohne Zahl zu koſten giebt, doch iſt es ſüß— ſagen Sie, Berger, haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele? und kann die Liebe ſterben, wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenſchein?“ Berger lächelte— es war ein ſonderbares, unheimliches Lächeln. „Ob ich geliebt habe?“ Er ſenkte den Blick und hob mit ſeinem Stabe von der Moos⸗ decke zu ſeinen Füßen ein Stück ab. „Was frommt es,“ ſagte er,„den Schleier heben, den ſo viele Jahre über die Vergangenheit hreiteten? Du ſiehſt, was drunter iſt. iſt Moder und Verweſung.“ 60 Durch Nacht zum Licht. „Und doch,“ ſagte er nach einer Pauſe,„es iſt gut, wenn Du auch das erfährſt. Höre!“ „Es ſind jetzt dreißig Jahre her— ich ſtand damals in Deinem Alter, aber ohne Deine Erfahrungen gemacht zu haben, in friſcher ungebrochener Kraft mich an das Leben klammernd, das mir ſüß und köſtlich ſchien, wie eine liebe Braut. Wenn je ein Menſch geſchwärmt hat für Freiheit und Schönheit, für all die bunten Phantasmagorien, mit welchen der blinde Drang, der uns in's Daſein rief, ſich ſelbſt zu beſchönigen und die jämmerliche Hohlheit des Daſeins zu verdecken ſucht— wenn je ein Menſch für die blutloſen Schemen, die man Ideale nennt— begeiſtert war— ſo bin ich es geweſen. Ich glaubte, Thor, der ich war, daß die ewige Seligkeit ſchon hier auf Erden erreicht ſei, überall, wo im freien Lande fremde Menſchen wohnten. Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben beſiegelt. Ich kam zurück, voll des heißen Dranges, das angefangene Werk zu vollenden. Aber ehe ich daran gehen konnte, die Wunden, die der Krieg dem Vaterlande geſchlagen, zu heilen, mußte ich an die Heilung meiner eigenen Wunden denken. Man ſchickte den Reconvalescenten nach Fichtenau... Damals ſah es noch anders aus in Fichtenau. Es exiſtirte noch kein Curhaus und keine Heilanſtalt für Geiſteskranke— nichts deſto weniger wurde der Ort nicht leer von Fremden, denn der poetiſche Nimbus, den die großen Männer von Weimar über dieſe Thäler aus⸗ breiteten, lockte die Menge. Ich hielt mich fern von ihr, und lebte einzig meiner Geſundheit und meinen Studien. Ich wohnte in dem Hauſe eines alten Rectors, mit dem ich be⸗ kannt geworden war und deſſen Freundſchaft ich cultivirte, weil er eine verhältnißmäßig große Bibliothek beſaß und Bücher dazumal und beſonders in dieſem Winkel nicht ſo leicht zu haben waren wie jetzt. Aber der alte Rector beſaß außer ſeiner Bibliothek noch einen andern Schatz— eine wunderſchöne Tochter. Die Tochter wurde mir bald intereſſanter, als die Bibliothek. Du haſt mich gefragt, ob ich je geliebt mit aller Kraft der Seele. Wenn Du Eleonoren ge⸗ Erſter Band. 61 kannt hätteſt und wüßteſt, wie voll und mächtig damals mein Herz ſchlug— Du würdeſt nicht haben zu fragen brauchen. Es war ein Sommertag— ein paradieſiſch ſchöner Sommertag. Wir waren nach Tiſche in den Wald gezogen— eine bunte Geſell⸗ ſchaft— jung und alt. Wir lagerten uns in dem Schatten der Tannen auf das ſchwellende Moos. Wir ſcherzten und lachten— ich auch, obgleich es mir gar nicht nach Scherz und Lachen zu Muthe war. Wie mein Auge an ihrer reizenden Geſtalt hing, während ſie in der Geſellſchaft mit ſchalkhafter Anmuth die Honneurs machte; wie mein Ohr den Ton ihrer ſilberklaren ſüßen Stimme trank! Es war das alte Sirenenlied, das ſchon vor tauſend und tauſend Jahren erklungen iſt, und nach tauſend und tauſend Jahren noch immer er⸗ klingen wird— bis die Zeit erfüllet iſt. Kach dem Kaffe ſchweiften wir durch den Wald; gruppenweis, paarweis, wie der Zufall und die Laune es wollte. Ich war Eleo⸗ noren gefolgt, die ſich einen Strauß von Waldblumen pflückte— ich half ihr, obgleich ich nicht viel von dergleichen verſtand und wegen meiner Wahl von dem neckiſchen Mädchen ausgelacht wurde. Aber ſie wurde ſtiller und ſtiller, je tiefer wir in den Wald geriethen und je weiter wir uns von den Andern entfernten. Je ſtiller und ängſt⸗ licher ſie wurde, deſto lebhafter und kühner wurde ich. Ihre Schweig⸗ ſamkeit und ihre Röthe auf den Wangen verriethen mir, was ich im Stillen gewünſcht, vom Himmel in heißen Gebeten erfleht und doch nicht zu hoffen gewagt hatte. Da traten wir heraus auf dieſe Lichtung. Dieſelben Berge, die dort vor uns liegen, blauten herüber und dieſelbe Sonne, die dort vom Himmel blickt, goß ihr blendendes Licht verſchwenderiſch auf uns hernieder. Und das goldene Licht glänzte auf ihrem dunklen lockigen Haar und leuchtete auf ihren weißen runden Schultern— und hier auf dieſer ſelben Stelle ſind wir uns in die Arme geſunken und haben uns unter heißen Küſſen und heißen Thränen ewige Liebe und Treue geſchworen... Der Stumpf, auf dem ich hier ſitze, war damals eine junge ſchlanke, kräftige Tanne, und ich war jung und ſchlank und voll über⸗ 62 Durch Nacht zum Licht. müthiger Kraft. Der Baum iſt umgehauen und in's Feuer geworfen; ich— ich bin geworden, was ich bin... Berger ſchwieg und wühlte mit ſeinem Stabe in dem Mooſe zu ſeinen Füßen. Oswald ſchaute voll Ehrfurcht auf den unglücklichen Mann; aber er wagte nicht, zu ſprechen, ja nicht einmal Bergers herabhängende Hand zu ergreifen. Auf Bergers Geſicht lag eine behre Ruhe; keine Miene verrieth, was in dieſem Augenblick in ſeinem Herzen vorging; aber er ſah nicht aus wie Einer, der Mitleid heiſcht und Mitleid erwartet... „Nicht auf einmal,“ fuhr er plötzlich fort;„die Kraft in mir war groß und konnte nur allmälig gebrochen werden.— Ich ſprach, als wir nach Hauſe gekommen waren, mit dem Alten; er hatte mich lieb und freute ſich von Herzen unſrer Liebe. Wenige Tage darauf ging ich auf die Univerſität zurück, um meine Studien, die der Krieg unterbrochen hatte, wieder aufzunehmen. Ich ſtudirte mit einem eiſer⸗ nen Fleiß, denn mein Wiſſensdurſt war nicht minder groß, als mein Wunſch, ſobald als möglich in den Stand geſetzt zu werden, Eleonoren als meine Gattin heimführen zu können. Ich kam deshalb nur ſelten und nur auf kurze Zeit nach Fichtenau, um mich in Elevnorens Liebe zu ſonnen und mit neuem Muth und neuen Kräften zu meinen Ar⸗ beiten zurückzukehren. Aber ich hatte noch eine andere Geliebte, die ich mit nicht geringer Schwärmerei anbetete— die Freiheit. Ich theilte dieſe Leidenſchaft mit vielen andern edlen Jünglingen. Wir wollten unſer Blut auf ſo viel Schlachtfeldern nicht umſonſt vergoſſen haben; wir wollten nicht, nachdem wir den einen Löwen glücklich gebändigt, ſo vielen Schakalen und Wölfen zur Beute fallen. Aber die Schakale waren auf ihrer Hut und die Wölfe brachen in unſre Hürde. Ich bekleidete ſeit einem Jahr ein kleines Schulamt in der Pro⸗ vinz; ich hatte Alles zu meiner Hochzeit vorbereitet— der Ter⸗ min war feſtgeſetzt; ich zählte die Tage und die Stunden,— da werde ich eines Nachts von Bewaffneten aus dem Bette geholt. Meine Papiere wurden verſiegelt— und die nächſte Nacht ſchlief ich in der Caſematte einer Feſtung. Oder vielmehr ich ſchlief nicht; ich tobte, ich raſ'te, ich rang mir Erſter Band. 63 die Hände an den Gittern meines Käfigs blutig. Nach und nach tröſtete ich mich mit der Hoffnung, daß dieſe Gefangenſchaft nicht lange dauern könne, und Eleonore— nun! ſie würde dies bittre Loos ertragen wie eine Heldin. Ein zweiter Egmont ſah ich die Freiheit und die Geliebte nur in einem Bilde. Durch Nacht zum Licht! Durch Kampf zum Sieg! Das war der Zauberſpruch, mit dem ich das ſchlangenhaarige Scheuſal Verzweiflung, wenn es ſich an mich drängen und ſeine Tatzen in mein Herz ſchlagen wollte, zurückzu⸗ ſcheuchen ſuchte. Der Zauberſpruch ſollte Zeit haben, ſeine Kraft zu erproben— ich blieb fünf Jahre lang ein Gefangener. Wohl war während dieſer Zeit, die ich nach dem Schlag des Herzens und dem Fall der Tropfen maß, die von der feuchten Decke des Kerkers ſickerten, mein Glaube an die vermeintliche Göttlichkeit der Weltordnung arg erſchüttert worden— aber, ich ſagte Dir, meine Lebenskraft war groß und mein Wille zum Leben übermächtig. Ich hatte in den ſtillen öden Nächten, wo ich mich ruhelos auf meinem harten Lager wälzte, wohl das große Wort, das uns erlöſt, vernommen, aber ich hatte es nur halb und nicht einmal halb ver⸗ ſtanden. Ich hatte es in der langen Lehrzeit eben erſt zu buchſtabiren begonnen; das Leben ſollte mich noch in ſeine harte Schule nehmen, bevor ich es fließend leſen lernte. Ich war kaum aus meiner Hoft entlaſſen, als ich— Du kannſt Dir denken, mit welchen Gefühlen— hierher nach Fichtenau eilte. Ich hatte im Anfange meiner Gefangenſchaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten, in welchen ſie mich zur Standhaftigkeit, zum Ausharren beſchwor, bei demſelben Gott, zu dem ſie allſtündlich ihre Gebete um meine Freiheit ſende. Dieſe Briefe waren ſeltener geworden, bis ſie nach zwei Jahren ungeführ ganz ausblieben. Das war mir das Schmerzlichſte; aber ich glaubte ſtets, daß nur die Graufamkeit meiner Kerkermeiſter mir dieſe Labetropfen verſage und biß die Zähne zuſammen und fluchte meinen Peinigern. Ich hatte den Leuten Unrecht gethan. Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau. Ich fuhr direct nach dem wohlbekannten Hauſe, ich ſprang aus dem Wagen, ich riß an der Klingel. Da öffnete ſich oben ein Fenſter, ein altes Weib ſchaute 64 Durch Nacht zum Licht. Heraus und fragte nach meinem Begehr. Ich fragte nach dem Rector. „Der iſt ſeit drei Jahren todt,“ war die mürriſche Antwort.„Und wo iſt ſeine Tochter?“„Da müſſen Sie den vornehmen Herrn fragen, der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen iſt;“ ſagte das Weib und warf das Fenſter zu. Ich ſtand wie vom Donner gerührt. Dann lachte ich laut auf, aber ich verſtummte plötzlich vor einem ſtechenden Schmerz in meinem Herzen, denn, Oswald— ich hatte Eleonore geliebt. Wie ich in den Gaſthof gekommen bin, weiß ich nicht. In der Nacht ſchreckte ich die guten Leute durch wildes Gelächter und wahn⸗ ſinniges Toben aus dem Schlaf— ſie brachen in meine verſchloſſene Stube— ich lag im Delirium. Die Kerkerluft hatte an meinen Nerven gezehrt und der fürchterliche Schlag, der mich ſo unvorbereitet getroffen, das morſche Gebäude ganz eiſchüttert. Ich rang vier Wochen lang mit dem Tode, aber ich klammerte mich zu feſt an das Leben und der Tod ließ ſeine Beute fahren. Wohl mir! der Tod wäre nicht der rechte Tod geweſen; er hätte mich dem Leben wieder ausgeliefert. Wenn ich jetzt ſterbe, ſo ſterbe ich für immer.“ Ein Schauer durchrieſelte Oswald. Was bedeuteten dieſe myſti⸗ ſchen Worte: für immer ſterben? enthielten ſie das große Geheimniß, von dem ihn jetzt noch ein dichter Vorhang trennte?. „Meine Reconvalescenz,“ fuhr Berger fort, dauerte lange, denn meine Kräfte waren bis auf's äußerſte erſchöpft worden. Ich ſchlich an einem Stabe durch die Gaſſen des Städtchens, und freute mich, wenn ich jeden Tag ein paar Fuß höher bergan ſteigen konnte, bis ich es endlich ſo weit gebracht hatte, daß ich dieſen Platz hier er⸗ reichte,— den Zeugen eines Schwures, der, wie ich erwähnte, für die Ewigkeit geſchworen war, und der verweht war, wie der Hauch des Mundes. Hierher kam ich jeden Tag, um über mein verlornes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu hadern, der ſeine Sonne ſcheinen läßt über die Ungerechten, und auf Gerechte ſeine Blitze ſchleudert. Denn ich war, wie Lear, ein Mann, an dem mehr ge⸗ ſündigt war, als er ſündigte. Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem, was ich erſtrebt und gewollt im Leben. Ich hatte mein Vaterland geliebt, wie ein Kind die Eltern liebt, mit gläubiger Seele Erſter Band. 65 — und zum Dank dafür hatte es mich fünf Jahre im Kerker ſchmach⸗ ten laſſen; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem Blutstropfen meines Herzens— und zum Lohn dafür hatte ſie mich verrathen. Ich hatte bis zu dieſem Augenblicke ſo gelebt, daß ich hintreten konnte vor alle Welt und ſprechen: wer kann mich einer Sünde zeihen— und doch! und doch! Ich marterte mein Hirn mit dem Verſuch der Löſung dieſer Widerſprüche ab. Ich hatte noch immer nicht begriffen, daß das Leben ſelbſt die große Sünde iſt, aus der alle andern mit der⸗ ſelben Nothwendigkeit fließen, mit welcher der Stein, der einmal in Bewegung geſetzt iſt, unaufhaltſam in den Abgrund rollt. Aber ſo viel wurde mir doch klar, daß es kein Gott der Liebe ſein kann, der eine Welt erſchuf und ſchafft, in welcher die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern heimgeſucht werden; eine Welt, die überall nach dem jeſuitiſchen Grundſatz regiert wird: daß der Zweck die ſcheußlichſten Mittel heiligt. Ich hatte bis jetzt an den Dingen und Menſchen nur überall die gute Seite aufgeſucht, jetzt hatte das Leid, das mich ſelbſt betroffen, mein Auge aufgethan für die Leiden aller Creaturen. Ich dachte jetzt daran, daß auf jedem Blatte der Geſchichte eine Schauderthat verzeichnet ſteht, vor der ſich unſer Haar ſträubt und unſer Blut gerinnt; ich dachte daran, daß in jedem Men⸗ ſchenherzen eine dunkle Stelle iſt, an der er verhüllten Angeſichts vorüberſchreitet; daß noch kein Menſch das Licht erblickte, für den nicht eine Stunde kam, in welcher er wünſchte, er wäre nicht geboren; ich dachte daran, daß das Leben unzähliger Menſchen nichts weiter als ein verzweifelter Kampf mit deren Noth iſt; daß Krank⸗ heit und Sünde und Reue und Sorge— die trefflichen Minirer— unſer Leben aushöhlen, wie die Maden die Frucht; daß unſre beſte Freude ein Tanz über Gräbern iſt und daß, wenn das Leben wirk⸗ lich köſtlich war, der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn iſt für dies köſtliche Leben.— Und ich ſah mich um in der Natur, aus der die Poeten eine Idylle machen, und ſah, daß ſie entweder todt und fühllos iſt, oder, wo ſie lebt und fühlt, das blutige Drama des menſchlichen Daſeins nur in roherer, nackterer Form wiederholt. Ich ſah, daß die einzelnen Geſchlechter der Thiere in grimmiger, unver⸗ ſöhnlicher, von keinem Gottesfrieden unterbrochener Fehde begriffen Fr. Spielhagen's Werke. X. 5 66 Durch Nacht zum Licht. ſind und daß ihre Kriege mit einer brutalen Grauſamkeit geführt werden, neben der ſich manchmal die raffinirteſten Martern der In⸗ quiſition noch ſehr unſchuldig ausnehmen. Und während ich ſo Stück für Stück die bunten Lappen, mit denen die Feigheit und der Aberwitz die Wunden und Peſtbeulen des Lebens zu verhüllen ſucht, abriß, erwachte in mir ein Gefühl, das meinem Herzen bis dahin fremd geweſen war, der Haß. Es war nur die Liebe in anderer Form, trotzdem ich mir einredete, ich hätte die Treuloſe vergeſſen; es war nur ein anderer Ausdruck der Be⸗ jahung des Lebens, von dem ich noch immer nicht laſſen konnte, trotz⸗ dem ich mir einbildete, ich hätte mit dem Leben abgeſchloſſen. Wenn man das Lehen wirklich verneint, ſo weiß man nichts mehr von Haß und Liebe. Damals aber haßte ich, heiß, wie ich geliebt hatte. Mein ganzes Sinnen und Trachten concentrirte ſich bald in dem einen glühenden Wunſch der Rache. Rache! Rache! an ihm, an ihr! ſo ſchrie eine Stimme in mir, die nicht zum Schweigen zu bringen war. In Fichtenau kannte man mein Schickſal und intereſſirte ſich dafür mit jener wohlfeilen Sympathie, die ſich von der Skandalſucht und der Schadenfreute freihalten läßt. Man erzählte mir, ohne daß ich darum fragte, Alles, was man von Eleonorens Flucht wußte. Um dieſelbe Zeit, als ihre Briefe ausblieben, war ein junger polniſcher Graf nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rector die Wohnung bezogen, die ich früher gehabt hatte. Das ganze Städtchen war bald volt geweſen von ſeiner Schönheit und ſeinem Reichthum. Man hatte Eleonoren mit einem ſo gefährlichen Hausgenoſſen geneckt; ſie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit großer Indignation zurückgewieſen. Bald aber ſagte man ihr nicht mehr in's Geſicht, was man von ihrem Verhältniß mit dem jungen Grafen dachte, ſondern tuſchelte ſich nur in die Ohren, daß man ſie da und da des Abends ſpät mit ihm geſehen habe; daß die goldene Kette, die ſie auf einmal trage, auch wohl nicht aus dem Nachlaß ihrer Mutter ſei. Und dann kam ein Tag, wo man ſich nicht mehr in's Ohr tuſchelte, ſondern laut auf der Straße erzählte des Rectors Eleonore ſei über Nacht mit dem ſchönen Grafen davon⸗ Erſter Band. 67 gegangen und der alte Mann, ihr Vater, der ſo ſchon lange ge⸗ tränkelt, ſei über dieſe Nachricht ſo erſchrocken, daß er auf den Tod liege. Wirklich war der Alte ein paar Tage ſpäter geſtorben. Von Eleonoren hatte man ſeitdem nichts gehört. Glücklicherweiſe wußte man auch den Namen des Grafen, und mehr bedurfte ich nicht, um den Racheplan, den ich entworfen, aus⸗ zuführen. Ich nahm den kleinen Reſt meines Vermögens und machte mich auf die Reiſe. Zuerſt nach Warſchau. Dort kannte man den Grafen recht gut; es war ein junger Wüſtling, der aus der Ver⸗ führung von Frauen und Mädchen ein Gewerbe machte. Ein Be⸗ kannter wollte ihn vor zwei Jahren mit einem ſchönen Mädchen, das nach der Beſchrei ung Eleonore ſein mußte, in Venedig geſehen haben. Ich reiſte nach Venedig. Dort erinnerte man ſich ſeiner wohl; er hatte zwei Monate daſelbſt gelebt und war dann nach Mailand gegangen. Von Mailand ſchickte man mich nach Rom. Dort traf ich einen Jugendfreund, einen Maler. Er hatte den Grafen und Elevnore oft geſehen und das unglückliche Mädchen⸗bedauert, noch ehe er wußte, in welchem Verhältniß ich zu ihr ſtand. Er erzählte mir, daß der Graf ſie ſehr ſchlecht behandelt habe, daß er ſie Jedem lachend angeboten habe, mit dem Bemerken, man könne ihm keinen größern Freundſchaftsdienſt bezeigen, als wenn man ihn von dieſer Laſt befreie.— Hier ſtockte der Maler und wollte nicht weiter be⸗ richten. Ich beſchwor ihn, mir Alles zu ſagen; ich ſei auf das Schlimmſte gefaßt. Endlich theilte er mir denn mit, daß ſich zuletzt wirklich ein Nachfolger des Grafen in der Perſon eines franzöſiſchen Marquis, zum mindeſten eines soi-disant Marquis, gefunden habe, der mit Eleonoren nach Paris gegangen ſei. Das ſei vor ungefähr einem Jahre geſchehen. Der Graf halte ſich jetzt, ſo viel er wiſſe, in Neapel auf. Ich ging nach Neapel, mit meinem Freund, dem Maler. Ich hatte ihm mitgetheilt, daß ich an dem Grafen Rache nehmen wolle. Er meinte, das werde mir ſehr ſchwer fallen, denn der Graf ſei cbenſo muthig und verſchlagen, als er wollüſtig und grauſam ſei. Da ich aber auf meinem Vorſatz beſtand, ſo erbot er ſich, mich zu begleiten. Ich nahm dieſen Freundſchaftsdienſt an, deun der Maler 54 68 Durch Nacht zum Licht. hatte viele Verbindungen mit dem Adel und konnte mich in die Kreiſe einführen, in denen ſich mein Feind bewegte, und die mir ſonſt ver⸗ ſchloſſen oder doch ſchwer zugänglich geweſen wären. Wir kamen nach Neapel. Der Graf war noch da, der ver⸗ hätſchelte Liebling der Frauen und der Schrecken der Väter und Ehemänner. Dem Maler gelang es ohne Mühe, mich einzuführen. Ich beſuchte jede Geſellſchaft, um mit dem Grafen zuſammenzutreffen, was bisher der Zufall noch immer verhindert hatte. Endlich traf ich ihn in einer großen Soirée bei dem ruſſiſchen Geſandten. Ich ſah ihn in dem ganzen Glanze ſeiner wirklich herrlichen Schönheit und mit dem ganzen Zauber ſeiner chevaleresken Anmuth in einer Gruppe von Herren und Damen. Ich trat an der Hand des Malers mitten in dieſe Gruppe hinein. „Herr Graf,“ ſagte der Maler.„Der Doctor Berger aus Fich⸗ tenau wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen; erlauben Sie, daß ich Ihnen denſelben vorſtelle.“ Bei dem Worte Fichtenau wurde der Graf bleich und verlor die Faſſung ſo, daß es allen Herumſtehenden auffiel. „Ich will Sie nicht lange aufhalten, Herr Graf,“ ſagte ich vor⸗ tretend.„Ich wünſche nur von Ihnen den augenblicklichen Aufenthalts⸗ ort der jungen Dame zu wiſſen, die Sie vehdrei Jahren aus ihrem väterlichen Hauſe entführten und zuletzt in Rom an einen franzöſiſchen Schwindler verkuppelten.“ Ich ſprach dieſe Worte ruhig, langſam, jede Silbe abwägend. Meine Stimme beherrſchte den ganzen Salon, denn es war nach meinen erſten Worten ſo ſtill geworden, daß man eine Nadel hätte fallen hören. Der Graf war noch bleicher geworden, aber er faßte ſich alsbald wieder und ſagte: „Und was giebt Ihnen das Recht zu dieſer Frage, für die Sie in der That die Zeit und den Ort äußerſt ſchicklich gewählt haben?“ „Ich hatte das Unglück, der Verlobte der jungen Dame zu ſein.“ „Und wenn ich Ihnen die erwünſchte Auskunft verweigere?“ „So erkläre ich Sie vor dieſen Damen und Herren für das, was Sie vom Wirbel bis zur Sohle ſind: ein gemeiner Schurke.“ Erſter Band. 69 Bei dieſen Worten ſchleuderte ich ihm meinen Handſchuh in's Geſicht, und verließ, nachdem ich mich in kurzen Worten bei den Verſammelten für die von mir provocirte Scene entſchuldigt, vom Maler begleitet, die Geſellſchaft. Eine Beleidigung der Art konnte nach der Anſchauung der Welt, in welcher der Graf lebte, nur mit Blut geſühnt werden, um ſo mehr als ich, um dem Ariſtokraten jede Ausflucht zu verſperren, in meiner Officiers⸗Uniform in der Geſellſchaft erſchienen war und der ſehr geachtete Name des Malers mich vor dem Verdacht, ein bloßer Aben⸗ teurer zu ſein, ſchützte. Ueberdies hatte ſich der Graf durch die Günſt, in welcher er hei der Damenwelt ſtand, in der Männerwelt ſo verhaßt gemacht, daß ihm Jeder die von mir widerfahrene ſchmach⸗ volle Behandlung gönnte und er durch die Weigerung, ſich mit mir zu ſchlagen, um den letzten Reſt ſeines Anſehens gekommen ſein würde. Er hatte unter dem Achſelzucken ſeiner wenigen Freunde und dem vffenen Hohnlächeln ſeiner zahlreichen Feinde gleich nach mir die Geſellſchaft verlaſſen, und ſchon eine Stunde darauf erhielt ich von ihm eine Herausforderung auf den Morgen des folgenden Tages. Das war Alles, was ich gewollt hatte; ich vernahm die Nachricht mit einer Art von Jubel; die wenigen Stunden bis zu dem Augen⸗ blicke, wo ich den Räubkk Eleonorens, den Mörder meines Erdenglücks vor der Mündung meiner Piſtole haben würde, erſchienen mir eine Ewigkeit. Ich konnte es in dem engen Zimmer unſeres Hötels nicht aushalten; ich mußte das Rachefieber, das in mir brannte, in der balſamiſchen Nachtluft kühlen. Mein Freund bat mich, von dieſem Vorſatze abzuſtehen, da ich mich, wie er mit ironiſchem Lächeln ſagte, unter dieſen Umſtänden bei einer nächtlichen Promenade leicht auf den Tod erkälten könnte. Als ich heftig und aufgeregt, wie ich war, auf meinem Wunſche beſtand, begleitete er mich zwar, aber nicht, ohne ſich und mich vorher mit Dolchen bewaffnet zu haben. Ich ſollte bald erfahren, wie viel gründlicher der Maler den Charakter meines Feindes und die Art des Volkes, in welchem wir uns befanden, ſtudirt hatte; denn wir waren kaum ein paar hundert Schritte von unſerm Hotel entfernt und wollten eben durch eine Seitengaſſe auf die Toledoſtraße biegen, als wir uns von vier Män⸗ 70 Durch Nacht zum Licht. nern, die plötzlich aus dem Schatten der Häuſer heraustraten, mit einer unglaublichen Wuth angegriffen ſahen. Glücklicherweiſe war der Maler ein rieſenſtarker Mann und auch mir fehlte es weder an Kraft noch an Geiſtesgegenwart. Die Mörder ſchienen auf einen ſo energiſchen Widerſtand nicht vorbereitet. Nach wenigen Angenblicken ergriffen ſie die Flucht. Ich wollte ihnen nachſetzen.„Laß ſie laufen,“ ſagte der Maler, indem er ſeinen blutigen Dolch abwiſchte; ich fürchte, ich habe den Einen von ihnen etwas zu tief geritzt. Aber der Kerl ließ es ſich auch gar zu angelegen ſein, die paar Zechinen des Grafen redlich zu verdienen.“ Mir war die Luſt, noch weiter zu promeniren, vergangen. Wir kehrten auf dem nächſten Wege in unſer Hotel zurück und erwarteten voll Ungeduld die bezeichnete Stunde. Der Maler ſuchte mir zu beweiſen, daß ich mich mit einem Menſchen, der zum Meuchelmord ſeine Zuflucht nehme, nicht ſchlagen könne, ſondern ihn niederſchießen müſſe, wie einen tollen Hund; ich erwiderte ihm, daß ich durchaus die letztere Abſicht habe und das Duell für mich nichts weiter ſei als eine leere Form. Wir erzürnten uns beinahe bei dieſem Disput. Ganz unnöthiger Weiſe. Der Morgen kgm, wir waren noch vor der Zeit auf dem Platze; aber kein Geznerihſ ſich ſehen. Endlich, nach einer Stunde, erſchien der Secundant des Grafen, ein junger italieniſcher Edelmann— bleich und verſtört. Er ſagte uns, daß es ihm außerordentlich leid thue, uns ſo lange habe warten zu laſſen, aber es ſei nicht ſeine Schuld. Der Graf ſei geſtern Abend ſpät, nachdem er— der Sprecher— ihn verlaſſen, noch einmal ausgegangen mit der Weiſung an ſeinen Kammerdiener, nicht bis zu ſeiner Rück⸗ kunft aufzubleiben. Seitdem ſei er ſpurlos verſchwunden. Es ſei die höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß ihn ein Unfall betroffen habe, denn daß ein Mann von der hohen geſellſchaftlichen Stellung des Grafen ſich einem Duell durch die Flucht entziehen ſollte, ſei eine Annahme, deren Lächerlichkeit auf der Hand liege. Der Maler erwiderte, daß wir Zeit zum Warten hätten, und daß aufgeſchoben ja darum noch nicht aufgehoben ſei. Der Edelmann Erſter Band. 71 verſprach uns ſofort zu benachrichtigen, ſobald er etwas über dos Verbleiben des Grafen in Erfahrung gebracht haben würde. Aber der Graf blieb verſchwunden, und ich mußte zuletzt einem Verdachte beipflichten, den der Maler ſchon am Abend des Zuſammen⸗ treffens bei den Meuchelmördern ausgeſprochen hatte, nämlich, daß der Graf ſelbſt bei dem Attentat betheiligt und wahrſcheinlich der von den Vieren geweſen ſei, welcher ſich durch die Heftigkeit ſeines Angriffs vor den Anderen ſo auszeichnete und in Folge deſſen von ver ſtarken Hand des Malers ſo empfindlich beſtraft wurde. Entweder war er in Folge der in dem Handgemenge erhaltenen Wunde geſtorben, oder, was größere Wahrſcheinlichkeit hatte, er war nur verwundet und hielt ſich verborgen, um den Erklärungen, wie er in dieſen Zuſtand gekommen ſei, zu entgehen; den Nachforſchungen der Polizei, die ſich— wahrſcheinlich auf Antrieb der Feinde des Grafen— bei dieſer Gelegenheit ausnahmsweiſe ſehr thätig zeigte, auszuweichen und endlich einem Gegner zu entrinnen, der gewiſſe Dinge, für die man in ſeinen Kreiſen nur ein frivoles Lächeln hatte, ſo plebejiſch ernſt nahm. Wie dem nun ſein mochte: mein Gegner ließ ſich nicht wieder blicken und ich mußte, nachdem meine Angelegenheit vier Wochen lang das Thema aller Salons geweſen war— denn die Sache hatte ungeheures Aufſehen gemacht— unverrichteter Sache wieder von Neapel abreiſen. Ich ging über Rom— wo ich von meinem Freunde Abſchied nahm— nach Paris. Hatte ich doch meine Aufgabe erſt halb und kaum halb erfüllt! blieb mir doch noch das Schwerſte zu überſtehen. Ich fürchtete mich, Elevnore wiederzuſehen; ebenſo ſehr, als ich es wünſchte. Du wirſt mich fragen, wie ich noch dies Intereſſe an einem Weſen nehmen konnte, das mit meinem Glück ein ſo frevel⸗ haftes Spiel getrieben und durch ihr Davonlaufen mit dem Franzoſen den Reſt der Achtung, den ihr die Flucht mit dem Polen aus dem väterlichen Hauſe etwa noch gelaſſen, vollends verſcherzt hatte. Aber, ſch ſagte Dir: ich hatte Elevnoren geliebt, mit einer glühenden, dã⸗ moniſchen Liebe, deren Feuer noch immer nicht ausgebrannt war und ach! noch lange, lange, nachdem ihr Gegenſtand ſchon verzehrt, brennen 72 Durch Nacht zum Licht. ſollte; und dann: ich wußte, daß Eleonore, mochte ſie auch noch ſo leichtſinnig gehandelt haben, im Grunde nicht unedel dachte, daß nur die ſchrecklichſte Noth ſie in Rom zum Verlaſſen des Mannes, welchem ſie urſprünglich hieher aus Liebe folgte, gezwungen haben konnte und vor allem, daß ſie jetzt, im Falle ſie ja noch lebte, ſicherlich grenzenlos unglücklich war. Ich kam in Paris an. Ich kannte die Stadt ſehr gut, denn ich hatte ihr ſchon zweimal in Begleitung vieler Tauſende bewaffneter Reiſegefährten einen Beſuch abgeſtattet. Ueberdies war ich mit Empfehlungsbriefen des Malers und vornehmer Franzoſen und Ita⸗ liener, deren Bekanntſchaft ich in Neapel gemacht hatte, wohl verſehen. Eine kurze Nachforſchung beſtätigte den gleich zu Anfang von dem Maler gehegten Verdacht, daß der Marquis, der Eleonoren aus Rom entführte, ein Charlatan geweſen ſei. Ein Marquis ſolches Namens exiſtirte nicht, hatte nie exiſtirt, jedenfalls nicht im Faubourg St. Germain. Ich mußte meine Nachforſchungen anderen weniger ariſtokratiſchen Quartieren zuwenden. Auf meinen Kreuz⸗ und Querzügen war ein Franzoſe, ein junger Gelehrter, deſſen Bekanntſchaft ich ſchon früher gemacht hatte, mein beſtändiger treuer Begleiter. Es war ein liebenswürdiger Menſch, der mir ſehr zugethan war und ſein Leben hindurch mein treuer Freund geblieben iſt. Ich hatte ihm, wie ich wohl nicht anders konnte, meine traurige Geſchichte erzählt; und er, der mir an Welterfahrung, beſonders Erfahrung der kleinen Welt Paris weit überlegen war, hatte mich zuerſt auf den Gedanken gebracht, Eleonoren im Quartier Latin und anderen noch geringeren Quartieren zu ſuchen.„Paris,“ ſagte der Franzoſe,„iſt ein Ort, wo Menſchen und Dinge ſelten lange denſelben Werth behalten; ſie ſteigen oder fallen im Preiſe mit ungeheurer Geſchwindigkeit. Während des einen Jahres können ſehr traurige Metamorphoſen mit dem armen Mädchen vorgegangen ſein. Hat ſie ſich nicht das Leben genommen— und dieſer Fall iſt nicht wahrſcheinlich, weil ſie ſich ſchon in Rom getödtet haben würde, wenn ſie zum Sterben Muth hätte— ſo iſt ſie jedenfalls tief geſunken. Ich ſage Ihnen: machen Sie ſich auf das Schlimmſte gefaßt.“ Du kannſt Dir denken, wie mein Herz bei ſolchen Worten, deren ——— Erſter Band. 73 Richtigkeit ich nur zu gut erkannte, bluten mußte. Mir war zu Muthe, wie einem Manne, der auf einem See nach der Leiche ſeines ertrunkenen Kindes fiſcht.. Eines Abends, als wir ziellos durch eine der belebteſten Vor⸗ ſtädte irrten, überraſchte mich mein Begleiter durch die Frage:„Hatte Eleonore Talent zum Tanzen?“ Auf meine Erwiderung, daß ſie ſtets eine Meiſterin in dieſer Kunſt geweſen ſei, ſagte er:„Wir hätten eher daran denken ſollen. Sonderbar, daß es mir nicht eingefallen iſt, danach zu fragen.“ Er war von dem Gedanken, der ihm plötzlich vurch den Kopf geſchoſſen war, ſo erfüllt, daß er mich nicht einmal einer Antwort würdigte, als ich zu wiſſen verlangte, was denn die Tanzkunſt mit unſerer Angelegenheit zu thun habe? Er rief einen Fiaker an. Wir fuhren wieder in die Stadt zurück. Wir ſtiegen aus. Es war eines jener Tanzlocale, die in Paris damals nicht ſo glänzend wie heute, aber nicht weniger häufig und nicht weniger beſucht waren. „Sehen Sie ſich um, ob Sie Eleonore entdecken können.“ Wir durchſuchten den Saal, Eleonore war nicht da.„So laſſen Sie uns weiter.“ Wir fuhren zu einem zweiten Local; und als unſere Nach⸗ forſchungen auch dort fruchtlos waren, zu einem dritten und vierten. Ebenſo vergebens. Ich war von den wüſten Scenen, die ich geſehen, von dem Staub und der Hitze, die in dieſen überfüllten Sälen herrſchte, von der Anſtrengung, aus ſo vielen Perſonen, die fort⸗ während den Ort verändern, eine beſtimmte herauszufinden, durch die Aufregung des Suchenr und die Angſt, zu finden, was ich ſuchte, ſo angegriffen, daß ich meinen Begleiter bat, für heute wenigſtens die nutzloſe Jagd aufzugeben.„Nur noch ein einziges Local,“ erwiderte er;„ich habe es mit Willen bis zuletzt aufgeſpart, weil die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, ſie dort zu finden, freilich ſehr groß, aber auch ſehr ſchrecklich iſt.“„Wie meinen Sie das?“„Die Locale, die Sie bis jetzt geſehen haben,“ erwiderte der Franzoſe,„erfreuen ſich, obgleich es ſchon ſchlimm genug darin hergeht, noch einer gewiſſen Ehrbarkeit⸗ Das Publicum iſt über die Maßen leichtſinnig, übermüthig, frivol. aber mit wenigen Ausnahmen nicht eigentlich verderbt. Es ſind Etudiants mit ihren„Frauen“, Commis mit ihren Griſetten, der beſſere Ouvrier, der ſich mit ſeinem Mädchen einen guten Tag machen 74 Durch Nacht zum Licht. will. Die Geſellſchaft, in die ich Sie jetzt führen werde, iſt eleganter⸗ aber bei weitem nicht ſo harmlos. Es iſt ein Haus, das beſonders von jungen vornehmen Wüſtlingen aus den ariſtokratiſchen Quartieren, die ſich für die in den Salons ausgeſtandene Langeweile entſchädigen wollen, von Ausländern, welche nach Paris kommen, um ihre Geſund⸗ heit zu ruiniren und ihr Vermögen durchzubringen, frequentirt wird, und das weibliche Publicum iſt dieſem Zweck entſprechend. Es beſteht aus den ſchönſten, aber auch verderbteſten Mädchen, gewandten Menſchenfiſcherinnen, die heute mit vier Pferden fahren, um morgen im Hoſpitale zu ſterben, beſonders Ausländerinnen: Creolinnen, Mädchen aus England, Italien, Deutſchland, die alle hier ihre Landsleute finden. Bereiten Sie ſich darauf vor, einen— hoffentlich vergeblichen— Blick in ein Pandämonium zu werfen.“ Wir kamen an. Wir ſtiegen eine breite Marmortreppe hinauf. Mein Herz klopfte furchtbar; ich konnte mich kaum auf den Füßen halten; eine Ahnung ſagte mir, daß ich an dem Ziele meiner Irrfahrten angekommen ſei, daß der entſtellte Kopf der Leiche im nächſten Augen⸗ blick aus den ſchwarzen Waſſern auftauchen werde. Wir traten in den glänzend erleuchteten Saal. Von dem Orcheſter rauſchte eine bacchantiſche Muſik, und im bacchantiſchen Taumel raſ'ten die Tanzenden durcheinander. Der Glanz der Lichter, die ſchmetternden Trompeten, das Gedränge, bie Hitze, der narkotiſche Duft von exotiſchen Gewächſen, mit denen der Saal decorirt war, und die fürchterliche Aufregung, in der ich mich befand, verſetzten mir den Athem. Ich mußte mich für einen Moment an eine Säule lehnen und die Augen ſchließen, um wieder zu mir ſelbſt zu kommen. Als ich ſo in einer halben Ohnmacht daſtand, ſchlug eine Stimme an mein Ohr, bei derem erſten Laut ich, wie von einer Natter geſtochen, mporſchellte. Das Ohr iſt ein trener Mahner; es vergißt eine Stimme, deren Töne einſt dem Herzen hold und lieb waren, im Leben nicht wieder; es hatte mich nicht betrogen. Dicht vor mir, daß ich ſie beinahe mit der Hand hätte erreichen können, ſtand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen, ſchönen Cavalier ein Mädchen, ſchlank und hoch, mit großen braunen Augen, die im fieberhaften Glanze leuchteten, mit einem Geſicht, das viel⸗ Erſter Band. 75 leicht für ein ſo junges Geſchöpf zu ſcharf, zu ſehr vom Leben wit⸗ genommen, aber noch immer ſchön war— und dieſes Mädchen— war Eleonore. Sonderbar! bei dem Ton ihrer Stimme hatte mein Herz zuſam⸗ mengezuckt, wie damals, als ich in Fichtenau in der Nacht vor dem Hauſe des Rectors ſtand und das alte Weib mir aus dem Fenſter herunterrief, Eleonore ſei davon gelaufen. Aber nach dieſem Krampfe wurde es ſtill, ganz ſtill. Die zu ſtraff geſpannte Saite war ge⸗ ſprungen; ſie gab keinen Ton, weder des Jammers, noch der Freude mehr. Ich ſah ſo kalt auf Eleonore herab, als ſei ſie ein Bild an der Wand. Ich hörte die Worte, die ſie zu ihrem Tänzer ſprach, wie man Worte in dem Stadium der Ohnmacht unmittelbar vor der Bewußtloſigkeit hört— als würden ſie am andern Ende des Saales geſprochen. Ich muſterte ihre ganze Erſcheinung, ſelbſt ihren Anzug mit der kühlen Ruhe eines Künſtlers. Ich bemerkte, daß ſie geſchminkt war und daß ſie ihre dunklen Wimpern und Augen⸗ brauen noch dunkler gefärbt hatte. Ich bemerkte, daß ſie das Haar ganz in derſelben Weiſe trug, wie ich es ihr ſelbſt einmal nach einem antiken Kopfe arrangirt, und wie ſie es ſeitdem, ſo lange ich ſie ſah, immer getragen. Ich hörte Alles, ſah Alles und hörte und ſah doch nichts; denn ich hatte kein Verſtändniß mehr für das, was ich ſah und hörte. Mein Begleiter, der ſich während der Zeit im Saal umgeſehen hatte, trat in dieſem Augenblicke an mich heran.„Ich habe Keine, die Ihrer Beſchreibung gleicht, entvecken können,“ ſagte er.„Gott ſei Dank! ich athme ordentlich leicht; ich möchte die, welche wir ſuchen, um Alles in der Welt nicht hier gefunden haben. Aber, mon Dien, was iſt Ihnen? Sie ſehen ja aus wie eine Leiche.“ „Ich habe ſie gefunden.“ „Wo?“ „Da.“ Er nahm ſein Glas und blickte mit geſpannteſtem Intereſſe einige Secunden auf Eleonore, die noch immer, ohne zu ahnen, wer zwet Schritte von ihr entfernt war, daſtand und mit ihrem Tänzer con⸗ verſirte und kokettirte. 76 Durch Nacht zum Licht. Dann ließ er mit einem mitleidigen Achſelzucken das Glas fallen. Sein Geſicht war ſehr ernſt geworden. „Pauvre homme,“ murmelte er. Da ſchmetterte die Muſik noch lauter vom Orcheſter herab; eine neue Tour in der Frangaiſe begann; die Reihe kam an Eleonore.— Sie hatte ſich, ſeitdem ich ſie zum letzten Male auf einem Balle der Bürgerreſſource von Fichtenau hatte tanzen ſehen, ſehr in ihrer Kunſt vervollkommnet; ja— ich kann ſagen, daß ich weder vorher noch nachher, etwas Vollendeteres geſehen habe. Es war die entzückende Anmuth eines ſich hinüber⸗ und herüberwiegenden Waſſerſtrahls und dabei eine Leidenſchaftlichkeit, wie ſie vielleicht ſonſt nur noch bei den Zin⸗ garella's von Spanien und den Ghawazie's von Egypten getroffen wird. In dieſem Moment war es das ſanfte Werben ſchmachtenden Liebesſehnens, im nächſten die wahre Seele der Leidenſchaft, die in jedem Nerv zuckt und in jeder Muskel zittert, aber in dem einen, wie in dem andern der herrlichſte Rhythmus wundervoll durcheinander verſchlungener, und doch unendlich harmoniſcher Bewegungen. Dieſer Tanz war Geſang— ein Geſang der Liebe— aber nicht der träu⸗ meriſchen, lindenduftathmenden, mondſcheinbeſtrahlten deutſchen, ſondern der ſinnlichen, ſonnedurchglühten, narkotiſchen orientaliſchen Liebe. Und vabei war ihr Geſicht ruhig, kaum eine Muskel regte ſich, keine Spur von dem widerwärtigen ſtereotypen Lächeln ſo vieler berühmter Tänzerinnen. Nur ihre Augen brannten in einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte, jeder ihrer Bewegungen intenſiver werdenden Feuer. Es war, als ob die Ruhe ihres Tänzers, der alle Pas mit ſehr viel Grazie, aber mit vornehmer Nachläſſigkeit, als komme er ſich bei der ganzen Sache einigermaßen lächerlich vor, mehr ging, als tanzte, das leidenſchaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und ſie ihn durch alle Künſte, in denen ſie Meiſterin war, aus ſeiner blaſirten Apathie reißen wollte. Vielleicht war es wirklich ſo, vielleicht ſchien es auch nur— aber immerhin gewann der Tanz dadurch ein reiches dramatiſches Leben, und gewährte den Herumſtehenden das anziehendſte Schau ſpiel. „Ah, la belle Allemande!“ rief ein Enthuſiaſt an meiner Seite. „Grands Dieux, combien elle est jolie!“ ein anderer;„bravs, Erſter Band. 77 prava!“ und er klatſchte wüthend in die Hände, und die andern Zu⸗ ſchauer folgten ſeinem Beiſpiele:„Brava, prava! Vive la reine Eléonore! vive la belle Allemande!“ Mein Freund faßte mich am Arme und zog mich tiefer in die Colonnade, unter der wir ſtanden, zurück.„Kommen Sie,“ ſagte er; „Wohin?“„Fort von hier.“„Nimmermehr!“„Sie können ſich doch unmöglich für ein Geſchöpf wie dieſes noch intereſſiren! Was wollen Sie von ihr? Ich ſage Ihnen: ſie iſt verloren! rettungslos ver⸗ loren!“„Das wollen wir ſehen!“ murmelte ich. Der Franzoſe zuckte die Achſeln:„Ihr Deutſchen ſeid eine ſeltſame Nation. Aber dann folgen Sie wenigſtens meinem Rathe! Geben Sie hier nicht zu einer Scene Veranlaſſung, die Ihnen ein halbes Dutzend Duelle auf den Hals ziehen könnte. Beſuchen Sie das Mädchen morgen oder wann Sie wollen. Was zu wiſſen nöthig iſt, will ich in wenigen Minuten zuſammen haben.“ Ich ſah ein, daß ſein Rath vernünftig war. Ich warf mich, während er durch die Menge davon ſchlüpfte, auf einen Seſſel und ſtützte meinen Kopf in meine Hände. Es waren ein paar gräßliche Augenblicke. Meine Schläfen hämmerten, meine Glieder flogen— und doch war es ſtill in mir, todtenſtill und kalt. Und, Oswald, in dieſen Augenblicken, wo ich, das Geſicht in die Hände gedrückt, in ſtummem fürchterlichen Schmerz, einſam unter der lärmenden Menge ſaß, während mein Abgott, die Geliebte meiner Jugend, das Weib, zu dem ich in meiner Kerkernacht gebetet hatte, wie zu einer glor⸗ reichen Heiligen, wenige Schritte von mir entfernt nach den Klängen einer wollüſtigen Muſik den wollüſtigen Tanz der Herodias tanzte— da, Oswald, nahm ich auf immer Abſchied von dem Glück, vom Leben— da riß der Vorhang, der mir vis dahin das große Geheimniß verborgen hatte, mitten auseinander, und ich ſtand ſchaudernd an der Schwelle, die ich doch nicht zu überſchreiten wagte und erſt viele, viele Jahre ſpäter überſchritten habe, denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hälfte geleert. Der Tanz hatte aufgehört. Um mich her wurde es lebhafter; Lachen und Scherzen, das Rauſchen von Gewändern dicht an meinem Ohr. Man nahm an den kleinen Tiſchen Platz, mit Eis und ————— 78 Durch Nacht zum Licht. Champagner die Gluth zu kühlen— auch an meinen Tiſch kam ein Paar, das keinen andern Platz finden oder den Schlafenden für keinen gefährlichen Lauſcher halten mochte. „Et vous m'aimez vraiment, Eléonore?“ ſagte eine weiche Männerſtimme. „Oni, Charles!“ „De tout votre coeur?“ „De tout mon coeur!“ Ich dachte, welchen Eindruck es wohl auf Eleonore machen würde, wenn ich plötzlich mein bleiches Geſicht von der Tiſchplatte erhöbe und zu ihr ſpräche: Das haſt Du ja auch zu mir geſagt vor einigen Jahren auf der Wieſe im Walde von Fichtenau; aber ich bezwang mich und lauſchte dem Geſpräch, das noch eine Weile in derſelben Weiſe fortging. Zuletzt ſagte der Cavalier: „Und wann werde ich Sie wiederſehen?“ „Wann Sie wollen—“ „Das heißt?“ „Daß ich für meine Freunde immer zu Hauſe bin.“ „Und wo iſt zu Hauſe?“ „Boulevard des Capucines Numéro dix sept, fragen Sie nur nach Mademviſelle Eleonore—“ „Oder vielmehr la reine Rlsonc Adieu, ma Reine!“ „Sie wollen ſchon fort?“ „Leider muß ich.“ „Weßhalb?“ „Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter; und wird au désespoir ſein, daß ihr getreuer Seladon fie ſo lange ſchmachten läßt.“ „Sie haben eine Braut? O, Sie Unglücklicher!“ „Ich hoffe, ma Reine, Sie werden mir mein Unglück tragen helfen.“ „Nons verrons.“ Und das Paar entfernte ſich lachend; Eleonorens ſeidenes Gewand ſtreifte mich, als ſie an mir vorüberſchritt. Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter. Erſter Band. 79 „Ich weiß Alles,“ ſagte er. „Ich auch,“ antwortete ich, den Kopf emporhebend. „Woher?“ „Sie hat es mir ſelbſt geſagt.“ Der Freund glaubte, ich rede irre.„Kommen Sie,“ ſagte er, „die Hitze greift Sie zu ſehr an.“ Du kannſt Dir denken, daß ich in dieſer Nacht nicht viel ſchlief. Ich entwarf und verwarf tauſend Pläne, wie ich Eleonore aus dieſer Hölle retten könne, denn daß ich ſie retten müſſe— daran hatte ich keinen Augenblick gezweifelt. Ich ſtand am Morgen auf, ohne zu einem beſtimmten Entſchluſſe gekommen zu ſein. Ich fürchtete nicht für mich. Denn mein Herz konnte nicht tiefer zerfleiſcht werden, als es geſtern Abend geſchehen war; ich fürchtete für Eleonoren, daß ein plötzliches Wiederſehen ſie zu entfetzlich demüthigen, vielleicht vernichten würde. Und doch wußte ich nach mehreren Tagen der Unentſchloſſenheit keinen beſſern Rath, als gerade zu ihr zu gehen. Mein Freund ſchüttelte zu Allem den Kopf.„Aber, mon cher,“ rief er einmal über das andere.„Sie lieben das Mädchen ja noch immer!“ Hatte er Recht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war dieſe Liebe anderer Art, als die gewöhnliche, denn ſie wußte nichts von verletztem Stolz, gedemüthigter Eitelkeit— ja, nicht einmal von der Furcht, ſich möglicherweiſe durch den Ver⸗ ſuch der Rettung eines Weſens, das gar nicht gerettet ſein wollte, lächerlich zu machen. Ich ging, nachdem ich mit mir einig geworden, des Vormittags nach dem Hauſe an dem Boulevard. Der Portier lächelte, als er auf meine Frage, ob hier Mademoiſelle Eleonore wohne, ſein: Oui Monsieur, au troisieme, antwortete:„Mademviſelle wird ſchwerlich ſchon zu ſprechen ſein, fügte er hinzu: ſie iſt erſft gegen Morgen nach Hauſe gekommen.“ Ich ſtieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf; in der dritten Etage ſtand auf einem Porzellanſchilde neben einem Klingel⸗ zug:„Mademoiselle Eléonore de Saint Georges.“ Der wievielte Name mochte dies ſein, den die Unglückliche führte, ſeitdem ſie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte? Durch Nacht zum Licht. Ich ſchellte. Eine häßliche Perſon, die halb Magd und halb Kammerfrau zu ſein ſchien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzugs und die affectirte Ehrbarkeit wo möglich nur noch häßlicher wurde, öffnete und fragte nach meinem Begehr. Ich wünſchte Mademoiſelle Eleonore zu ſprechen.„Mademoiſelle iſt unwohl und nimmt heute keine Beſuche an.“—„Ich muß ſie ſprechen.“—„Unmöglich,“ ſagte das Weib;„ich habe ſo eben nach einem Arzt geſchickt;“ und ſie wollte die Thür wieder ſchließen.„Aber, Madame, der Arzt bin ich!“— „Ah, c'est autre chose; entrez, Monsieur le Docteur!“ Sie führte mich durch ein kleineres Entréezimmer in ein hohes, ſtattliches, mit beinahe fürſtlicher Pracht ausgeſtattetes Gemach und bat mich, einige Augenblicke zu verweilen, bis ihre Gebieterin er⸗ ſcheinen würde. „Iſt Mademviſelle ſchon aufgeſtanden?“ „Ja, ich komme ſogleich zurück.“ Sie verſchwand durch einen dichten Vorhang. Ich blieb mitten in dem Gemache ſtehen, und blickte auf alle die Pracht, die mich umgab, auf all' die herrlichen Spiegel, die üppigen Gemälde von Watteau und Boucher in ihren breiten Goldrahmen, die chineſiſchen Pagoden auf dem marmornen Kaminſims, die Vaſen und Schalen von dem feinſten Porzellan, auf die ſchwellenden Sophas und Divans mit derſelben Andacht, mit welcher ein Arzt auf die koſt⸗ bare Manſchette einer Hand blickt, die er amputiren ſoll. War ich doch als Arzt hierher gekommen! hatte ich doch nur als Arzt das Recht, hier zu ſein! Die Kammerfrau erſchien wieder und bat mich, ihr zu folgen. Sie ſchlug den Vorhang zurück, um mich durchzulaſſen. Ich trat in einen halbdunklen, mit weichen Teppichen, wie alle die Zimmer be⸗ legten, und dunkelrothen Seiden⸗Tapeten ausgeſchlagenen Raum, das Schlafgemach der Gebieterin, und dann wieder durch einen Vorhang in ein anderes ſchönes helles Gemach. Von der Ausſtattung dieſes Gemachs ſah ich nichts mehr; ich ſah nur die ſchlanke weiße Geſtalt, die ſich bei meinem Eintreten von dem Divan, auf dem ſie gekauert hatte, erhob, und mir einige Schritte entgegentrat. Und dieſe ſchlanke weiße Geſtalt mit dem bleichen, verfallenen, ſchönen Geſicht, aus dem — Erſter Band. 81 die großen dunklen Augen mit faſt geſpenſteriſcher Klarheit leuchteten — dieſes ſchöne, geiſtig und phyſiſch gebrochene, verlorene Weſen, war meine angebetete, einſt wie eine Roſe in Unſchuld und Jugend prangende Eleonore. „Ich habe Sie rufen laſſen, Doctor—“, ſagte ſie mit leiſer Stimme. Da ſah ſie mir genauer in's Geſicht. Ihr Mund verſtummte; ſie ſtarrte mich an mit Augen, die ſich faſt aus den Höhlen dräng⸗ ten— dann brach ſie mit einem gellenden Schrei zuſammen, noch ehe ich, oder die daneben ſtehende Kammerfrau ſie in den Armen auffangen konnten. Wir trugen ſie auf den Divan zurück. Sie war todtenbleich und kalt; ich glaubte einen Augenblick, der jähe Schreck habe den dünnen Faden, an dem ihr Leben hing, zerriſſen. Ich hätte ihren Tod als die Erlöſung aus einer Hölle, als eine Gnade des Himmels begrüßt. Bald aber überzeugte ich mich, daß das Leben ſie noch nicht aus ſeinen Banden laſſen würde. Ich verſtand genug von der Medicin, um zu wiſſen, was ich in dieſem Falle zu thun hatte. Während ich um die Ohnmächtige beſchäftigt war, fragte ich die Kammerfrau, ob Eleonore dergleichen Zufälle öfter habe? wie es überhaupt mit ihrer Geſundheit ſtehe? Das Weib glaubte einem Arzte gegenüber die ehrbare Maske fallen laſſen zu müſſen.„Sie ſei erſt ſeit einem halben Jahre bei Mademviſelle in Dienſt; ſeitdem ſei es mit Mademoiſelle reißend bergab gegangen. Aber Mademoiſelle lebe auch gar zu wild. Alle Nächte bis drei, vier Uhr Morgens ge⸗ tanzt oder beim Champagner hingebracht— das könne ja Niemand aushalten, zumal ein von Natur ſo zartes Geſchöpf. Sie flehe Ma⸗ demoiſelle täglich an, dies Leben aufzugeben; aber ſie erhalte jedes⸗ mal zur Antwort: je ſchneller es vorbei iſt, deſto beſſer. Und vorbei wird es denn wohl auch bald ſein,“ heulte das Weib,„und ich werde meine arme junge Gebieterin verlieren, die ich, obgleich ſie nicht lebt, wie ſie ſollte, lieb habe, wie mein eigenes Kind.“ Da begann die Ohnmächtige ſich zu regen. Ich ſchickte die Kammerfrau, mit dem Auftrage, mir Riechſalz aus der Apotheke zu verſchaffen, fort, weil ich, wenn Eleonore vollends erwachte, ohne Fr. Spielhagen's Werke. X. 6 Durch Nacht zum Licht. Zeugen mit ihr ſein wollte. Die alte Heuchlerin hatte ſich kaum ent⸗ fernt, als Eleonore die Augen wieder aufſchlug und mich mit wirren ungläubigen Blicken anſah. Ich bemerkte, daß in dem Maße, als ihr das Bewußtſein zurückkam, das Entſetzen über meinen Anblick von neuem zunahm und eine zweite Ohnmacht hereindrohte. Dies bleiche Zurückſchrecken vor Einem, dem ſie ſonſt mit offenen Armen entgegenflog, war mir ſchmerzlicher als Alles, und rührte mich bis zu Thränen. Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Haß, Zorn, nicht einmal von Verachtung— nein, nur Mitleid, grenzen⸗ loſes unſägliches Mitleid. Ich weiß nicht, was ich ſprach— aber es mußten wohl gute, milde Worte der Liebe und Vergebung ſein; denn die ſtarren Züge fingen allmälig an, milder zu werden; die ſchreckensgroßen Augen wurden fencht und zuletzt brach ſie in leiden⸗ ſchaftliches Weinen aus, ihren Kopf an meiner Bruſt, der ich noch immer an ihrer Seite kniete, verbergend. Es war ein entſetzliches Weinen; es war, als ob alle Thränen dieſer letzten Jahre, die ſie unter Lachen und Scherzen verborgen, aus ihren tiefſten Quellen hervorbrächen und ſich nimmer erſchöpfen würden— dazwiſchen ein Schluchzen, als ob das Herz brechen wollte, ein Schreien, als ob ihr Inneres von zweiſchneidigen Schwertern durchwühlt würde.— Ich habe nie, weder vorher noch nachher etwas Aehnliches, einen ſolchen fühlbaren Ausbruch der Reue einer mit Sünden befleckten, aber von Natur nicht unedlen Seele geſehen. Unſere Rollen ſchienen auf eine ſeltſame Weiſe ausgetauſcht. Es war, als ob ſie die Beleidigte, ich der Beleidiger wäre; ich er⸗ ſchöpfte mich in Bitten, in flehenden Worten, um linderndes Oel in einen Schmerz zu gießen, der mit ſo ſtürmiſcher Heftigkeit wüthete. Nach und nach gelang es mir, ſie einigermaßen zu beruhigen. Sie weinte, den Kopf in die eine Hand geſtützt, nur noch ſtill vor ſich hin, während ich, ihre andere Hand— wie weiß und ſchlank und durchſichtig ihre Finger geworden waren!— in meinen Händen hal⸗ tend, zu ihr ſprach, wie ein Bruder in einem ſolchen Falle zu ſeiner Schweſter ſprechen würde. Ich bat ſie, in mir ihren Bruder zu ſehen, mir zu vertrauen als ihrem beſten, vielleicht ihrem einzigen Freunde. Ich beſchwor ſie bei Allem, was ihr heilig ſei, bei der Erinnerunz õ Erſter Band. 83 an ihre Jugendzeit, bei dem Andenken an ihre Eltern, die nun beide in der kühlen Erde ruhten— ſich aus dieſem Strudel, der ſie über kurz oder lang verſchlingen müßte, zu reißen, mir zu folgen, gleichviel wohin; wenn ſie wollte, in eine menſchenleere Wüſte, an das Ende der Welt, nur fort, fort von hier, aus dieſem glänzenden Elend... „Es iſt zu ſpät! zu ſpät!“ murmelte Eleonore;„Du biſt gut, ich weiß es, unfüglich gut; aber es iſt zu ſpät, zu ſpät.“ Ich weiß nicht, wie lange diefer Kampf noch gedauert hätte, wenn nicht ein eigenthümlicher Zwiſchenfall eingetreten wäre, der ihn wider all' mein Erwarten ſchnell zu meinen Gunſten entſchied. Während ich noch an Eleonorens Seite kniete, hörte ich plötzlich ein:„Mais, vraiment, c'est superbe! hinter mir. Ich ſprang er⸗ ſchrocken empor. Vor mir ſtand ein elegant gekleideter junger Mann, der, das Glas im Auge, mich von oben bis unten und von unten bis oben betrachtete:„superbe,“ wiederholte er.„Mademviſelle, ich wünſche Ihnen Glück zu dieſer neuen Eroberung.“ Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern, welcher ſich durch ſeine verſchwenderiſche Freigebigkeit gewiſſermaßen das Recht erworben hatte, der einzige zu ſein. Er wußte, daß Eleonore ihm nicht eine rigoroſe Treue bewahrte, und kümmerte ſich nicht eben darum; aber er liebte es nicht, mit ſeinen Nebenbuhlern in derſelben Wohnung zuſammenzutreffen, die er mit fürſtlicher Pracht für ſeine Maitreſſe hatte herrichten laſſen. „Ich bitte mir eine Erklärung dieſer Scene aus, Mademviſelle,“ ſagte er, ſich von mir zu Eleonoren wendend, in einem Tone belei⸗ digender Geringſchätzung, mir alles Blut aus den Wangen zum Herzen trieb. Ich öffnete den Mund zu einer heftigen Antwort, aber Eleonore kam mir zuvor. Sie war, ſobald ſie den Eingetretenen erblickte, emporgeſprungen und ſtand jetzt, mich ein wenig zurückdrängend, zwiſchen mir und ihm. „Dieſer Herr,“ ſagte ſie, auf mich deutend,„hat ſich ein Recht erworben, hier zu ſein.“ „Wodurch?“ „Durch das Unglück, mich ein geliebt zu haben.“ 6* Durch Nacht zum Licht. „Ah, Mademoiſelle,“ erwiderte der junge Mann mit ironiſchem Lächeln,„dies Unglück theilt Monſieur mit vielen Anderen.“ „Mein Herr!“ ſagte ich,„welche Anſprüche Sie auch an Ma⸗ demviſelle haben mögen, ich habe ältere Rechte, und ich werde es nicht dulden, daß Sie eine Dame, mit der ich einſt verlobt war, in meiner Gegenwart beſchimpfen.“ „Ah,“ ſagte der junge Mann;„Sie waren mit Mademoiſelle verlobt? In der That! da werden Sie ſie auch wohl noch heirathen und ich— mit einem Blick in dem Zimmer umher— werde die Dummheit haben, Mademviſelle auszuſtatten? Sehr gut ausgedacht, in der That.“ „Halten Sie ein, mein Herr!“ rief Eleonore, ſich zu ihrer gan⸗ zen Höhe emporrichtend;„es iſt genug. Sie denken mich halten zu können, mich beleidigen zu können, weil ich Geſchenke von Ihrer Hand entgegennahm. Hier haben Sie zurück, was Sie mir gaben. Da! und da! und da!“ und ſie riß mit fieberhafter Haſt die goldenen Armbänder und das andere Geſchmeide, das ſie trug, ab und warf es dem jungen Mann vor die Füße. Die Leidenſchaft, mit der ſie dies Alles that, war zu augen⸗ ſcheinlich, um verkannt zu werden; und imponirke dem Dandy ſichtlich. „Ich habe genug von dieſer Scene;“ murmelte er;„wir ſprechen uns wieder, Mademviſelle; hier iſt meine Karte, Monſieur!“ und er eilte zur Thür hinaus. at „Komm, komm!“ rief Eleonore;„nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier; lieber auf dem Grund der Seine als hier.“ Ich nahm ſie beim Wort. Ich bat ſie, ſich umzukleiden, während ich in ihrem Namen an den Marquis de Saintonge(ſo hieß der Liebhaber Eleonorens) ſchrieb und ihm die Wohnung, die er für Eleonoren gemiethet und Alles, was er ihr ſonſt geſchenkt, wieder zur Verfügung ſtellte. Wir verließen die Wohnung, übergaben die Schlüſſel dem Portier und den Brief einem Commiſſionär zur ſo⸗ fortigen Beſtellung und einige Stunden ſpäter hatten wir, nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet und von meinem Freunde Abſchied genommen, die Stadt hinter uns. Unſere Reiſe ſollte vorläufig nicht weit gehen. Schon wenige Erfſter Band. 8 S Stationen von Paris erkrankte Elevnore ſo, daß wir in einem Städt⸗ chen Halt machen mußten. Der herbeigerufene Arzt, glücklicherweiſe ein geſchickter Mann, erklärte, daß ſich bei Mademriſelle, meiner Schweſter(dafür galt Eleonore) alle Symptome einer Gehirnentzün⸗ dung zeigten. Seine Diagnoſe war nur zu richtig geweſen. Schon am folgenden Tage kam die fürchterliche Krankheit zum Ausbruch. Während die Aermſte von den heißen Orgien im Jardin aux Lilas und dem kühlen Schatten ihrer heimiſchen Wälder, vom Marquis de Saintonge und anderen Pariſer Bekanntſchaften und von mir, der ich ihr bald als ein rettender Engel, bald als ein Rachegott erſchien, phantaſirte, hatte ich, an ihrem Lager ſitzend, Zeit genug zur Ueber⸗ legung. Bei meiner hartnäckigen Verfolgung der Spur Elevnorens war ich viel mehr von einem dunklen Drange als von klaren Abſichten geleitet geweſen, am wenigſten hatte ich an die Möglichkeit einer ſo wunderlichen Situation, als in welcher ich mich jetzt befand, gedacht. Aber in dieſer Rathloſigkeit war der eine Gedanke über jeden Zweifel erhaben: daß ich Elevnore, wenn ſie die Krankheit überſtehen ſollte, nimmer wieder verlaſſen dürfe. In der That ſtellten ſich nach einiger Zeit Zeichen der Beſſerung ein, und eines Morgens verkündete mir der Arzt, daß eine glückliche Kriſis eingetreten und Eleonore vorläufig aus aller Gefahr ſei. „Indeſſen,“ fügte er mit ernſter Miene hinzu,„ich glaube Ihnen nicht verhehlen zu dürfen, daß nach menſchlicher Berechnung die Zeit, welche Ihrer Schweſter noch zu leben bleibt, nicht mehr ſehr lang ſein wird. Ich habe eine Lungenkrankheit diagnoſticirt, die ſchon entſetzliche Fort⸗ ſchritte gemacht hat. Ich kenne Ihre Verhältniſſe nicht und weiß nicht ob dieſelben Ihnen erlauben werden, meinem Rathe zu folgen. Mein Rath iſt eben der: gehen Sie mit Ihrer Schweſter in ein ſüd⸗ liches Klima, nach Italien, wo möglich Egypten. Einem rauheren Klima würde Mademoiſelle in der kürzeſten Zeit erliegen.“ Mein Entſchluß war ſofort gefaßt. Ich hatte in Deutſchland, wo mir als Nacheur meiner fünfjährigen Kerkerhaft jede öffentliche Lehrthätigkeit unterſagt war, nichts zu gewinnen und nichts zu ver⸗ lieren. Mein Vermögen war im Verlauf meiner Irrfahrten bis auf einen ſehr beſcheidenen Reſt zuſammengeſchrumpft; aber ich konnte 86 Durch Nacht zum Licht. dieſen Reſt eben ſo gut in Italien ausgeben, als anderswo; überdies glaubte ich im Auslande meine Sprachkenntniſſe noch am beſten ver⸗ werthen zu können; und ſchließlich— ich hatte keine Wahl. Ich würde lieber das Aeußerſte erduldet, als etwas, das zu Eleonorens Wohl dienen konnte, unterlaſſen haben. Einige Tage ſpäter waren wir nach Italien unterwegs. Ich ſiedelte mich zwei Meilen von Genna, unmittelbar an der Küſte des herrlichſten Meeres an. Das Glück wollte, daß ich in der Familie eines reichen Engländers, der ſich zu einem ähnlichen Zwecke, wie ich, in dem Orte aufhielt, Unterrichtsſtunden erhielt, deren Ertrag mich jeder äußern Sorge überhob. Deſto größer war meine Sorge für Eleonore. Die Flucht aus Paris war ſo eilig geweſen, und für Eleonoren ſo ganz nur das Reſultat eines augenblicklichen Impulſes; ihre gleich darauf eintretende Krankheit hatte ihre Willenskraft ſo vollſtändig gelähmt, daß ſie ſich in einer Art von Betäubung allen meinen An⸗ ordnungen willig gefügt hatte und eigentlich erſt jetzt zu einem Ver⸗“ ſtändniß ihrer Lage kam. Ich hatte nicht bedacht und fühlte erſt jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenüber, daß in dieſer Abhängigkeit von dem Manne, den ſie ſo ſchmachvoll verrathen, in der beſtän⸗ digen Nähe deſſen, vor dem ſie ſich am liebſten in der Tiefe der Erde verborgen hätte, zu leben, die härteſte Strafe für ein Weſen ſein mußte, bei dem der letzte Funken von Ehrgefühl noch nicht er⸗ loſchen war. Eleonore ſprach dies geradezu aus; aber ſie fügte hinzu: „dieſe Sühne iſt hart, aber ſie iſt gerecht; nur ſo konnte ich zu einer Erkenntniß deſſen kommen, was ich an Dir gefrevelt habe.“— Wenn Eleonore ſo in der Zerknirſchung der Reue eine Milderung ihrer Gewiſſensqualen fand, ſo hatte ich für mein namenloſes Leid nur den für eine beſcheidene Seele ſehr dürftigen Troſt: an Elevnoren zu handeln, wie es mir das Gewiſſen vorſchrieb. Ich konnte ungeſtört den Schmerzenskelch bis auf den letzten bitterſten Tropfen leeren. Das war alſo die Erfüllung ves köſtlichen Glücks, von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und ſelbſt noch in der Nacht der Feſtungs⸗Caſematten geträumt hatte! Dieſe bleiche kraftloſe Geſtalt, die geſenkten Hauptes an meinem Arme auf der Höhe des Erſter Baud. 87 Felſenufers im Abendſonnenſchein dahinſchritt, an deren Schmerzens⸗ lager ich wachte, wenn ſie die Krankheit Tage lang in das Zimmer bannte, in deren gebrochenes Herz ich, der ich ſelbſt des Troſtes er⸗ mangelte, lindernden Balſam zu träufeln hatte— war das Mädchen, das ich mir zum Weibe erkoren, in dem ich die künftige Mutter meiner Kinder ahnungsvoll angebetet hatte! O, Oswald, Oswald! da hätte dem fanatiſchſten Optimiſten um ſeine Gottähnlichkeit bange werden, da hätte die glänbigſte Seele auf den Gedanken kommen können, ob der alte Voltaire nicht doch recht hatte, als er das Leben für eine mauvaise plaisanterie erklärte! Und doch iſt es gut, daß ich auch das erlebte; es war eine bittere Medicin, aber ſie half doch weſentlich, mich von der Krankheit, die Andere Lebensluſt und Daſeinsfrende nennen, zu heilen. Wie beſchämte mich Eleonore durch die Demuth, durch die Ge⸗ duld, mit welcher ſie ihr Leiden trug. In demſelben Maße, als die Krankheit ihre körperliche Hülle zerſtörte, kam die urſprüngliche Schön⸗ heit ihrer Pſyche zu Tage. Sie hatte als Buhlerin gelebt; als ſie ſtarb, ſtarb eine Heilige.—— Es war eines Abends. Ich hatte die Kranke, die heute beſon⸗ ders aufgeregt wär, und ängſtlich nach Luft und Licht verlangte, auf meinem Arm aus dem Fiſcherhäuschen, in welchem wir wohnten, bis auf den Rand der ſchwarzen Baſaltfelſen, die hier das Meer umſäumen, getragen, und ihr dort von Kiſſen ein Lager bereitet. Die Sonne ging in ſtrahlender Herrlichkeit im Meere unter. Kaum ein Lüftchen kräuſelte die glatte Fläche der See, von der, wie von einem Spiegel, die ſmaragdnen und goldnen Lichter, die an dem Himmel prangten, reflectirt wurden. Auch auf das bleiche Geſicht der Kranken ſiel ihr zauberiſcher Schimmer— die roſige Lüge— mit der die Sonne und das Leben die Nacht und den Tod verhöh⸗ nen.... Und in dieſer Stunde nahm Eleonore Abſchied von der Sonne und dem Leben. Sie ſagte mir, daß ſie mich ſtets geliebt habe, ſelbſt in dem Augenblicke, als Eitelkeit und Sinnlichkeit ſie ver⸗ blendeten; daß ihr ganzes Leben ſeit dieſem Augenblick nur der ſtete qualvolle Verſuch, ſich zu betäuben, geweſen ſei. Sie möchte nicht geneſen, auch ſelbſt nicht dann, wenn es möglich wäre, daß ich ihr 88 Durch Nacht zum Licht. wieder meine Liebe ſchenkte. Sie ſei nicht werth, meine Stlavin, ge⸗ ſchweige denn mein Weib zu ſein. Sie ſchaudere vor dieſem Gedanken zurück.—„O, nimmer, nimmermehr,“ fuhr ſie fort, und aus ihren großen dunklen Augen leuchtete ein himmliſches Feuer;„nimmer hier auf dieſer Erde, wo ich an Dir ſo furchtbar gefrevelt habe. Aber, wenn dieſer entweihte Leib zerfallen und die Seele von der Feſſel, die ſie in den Staub zog, befreit iſt, dann werde ich Dich umſchweben, dann werde ich Deiner harren, und wenn Du kommſt, wird Deine Seele meine Seele küſſen, und ich werve in dieſem Kuſſe erkennen, daß Alles geſühnt und Alles vergeſſen und vergeben iſt.“ Ich ſagte ihr, daß ich ihr Alles längſt vergeben habe, daß ich ſie liebe mit einer reineren, heiligeren Liebe, als in den Tagen unſers Glücks. Ich küßte weinend ihre weißen Hände und ihren bleichen Mund. „Das iſt unſer Hochzeitstag!“ flüſterte ſie,„armer, armer Mann!“ Sie ſank in die Kiſſen zurück. Ich trug die ganz Erſchöpfte nach der Hütte und auf ihr Lager⸗ Es war das letzte Mal. In dieſer Nacht ſtarb Eleonore.“ Berger war aufgeſtanden, Oswald war ſeinem Beiſpiele gefolgt. Jener war mit den Erinnerungen, die ſo eben, von ſeiner mächtigen Phantaſie mit aller Schärfe und Klarheit der Wirklichkeit ausgeſtattet, an ſeines Geiſtes Auge vorübergezogen waren, dieſer mit dem eben Gehörten ſo vollauf beſchäftigt, daß ſie kaum des Weges achteten, der ſie durch dunkle Tannenwaldungen höher und höher führte. Da traten ſie heraus aus den Bäumen auf den kahlen Gipfel des Berges, der von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem höchſte iſt ringsum unter ſeinen Brüdern und Schweſtern. Die Sonne war bereits untergeſunken, aber der weſtliche Himmel prangte noch in der Gluth des Abendroths, von dem ein ſchwächerer Abglanz ſelbſt den öſtlichen Horizont roſa färbte. Hier und da blickte eine der höheren Bergkuppon, in Purpurlicht getaucht, dem ſcheidenden Geſtirn des Tages nach; aber in den weiteren Thälern lagerten ſchon graue Abendſchatten und weißliche Nebel zogen in den engeren . Erſter Band. 89 Schluchten. Die Tannen, die zu den Füßen der Wanderer ihre grünen Häupter emporhoben, ſtanden ſtarr und ſtill wie eine vor Er⸗ wartung athemloſe Menge. Berger blickte, auf ſeinen Stab geſtützt, in die Abendſonnengluth hinein, von der in jedem Moment eine Farbe verſchwand und eine andere verblaßte. Oswalds Auge hing an ſeinen Mienen, die ſich— war es die Wirkung des geiſterhaften Lichts, war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges— mit jedem Augenblick mehr zu vergeiſtigen ſchienen. Plötzlich ließ Berger ſeinen Stab fallen, breitete die er⸗ hobenen Hände wie zum Gebet aus und ſprach:„Mutter Nacht, ur⸗ ewige, urgewaltige, aus deren Schooß ſich die Creatur in ihrem wilden Lebensdrange losreißt, um nach langer Irrfahrt reuig und demüthig für immer an deinen Lreuen mütterlichen-Buſ n zurückzuſinken, ſei mir gegrüßt auch in deinem ſchwachen irdiſchen Abbild! Du abgrund⸗ tiefer Born der Vergeſſenheit, du ſüße Wiege ungeſtörter Ruhe, wie ſehne ich mich doch ſo nach dir von ganzem Herzen! O nium ſie von mir, dieſe öde Qual des Lebens; erſpare mir den täglichen Kummer, dieſe müden Augen zu einem Lichte aufzuſchlagen, das ihnen ſo verhaßt iſt; nimm dieſen Erdenreſt, der befleckend auf mir haftet und der in demſelben Maße, daß er ſich verringert, nur um ſo pein⸗ licher wird! Laß ihn, o laß ihn bald verzehrt ſein! Ich weiß es wohl, ich könnte zu dir kommen, wenn ich noch einen Schritt thäte auf dieſem Felſenrande, aber oh auch mein Gebein im Sturz zer⸗ ſchmetterte, doch würde die Seele keine Ruhe finden, denn ſie harte in dem Kelch des Lebens' noch einige Tropfen, vielleicht, wer weiß es? die bitterſten von allen gelaſſen. Nein, nein! weiche von mir, Teufel, der du mich in den Abgrund lockſt. Der Abgrund iſt nicht der Tod, ſondern das Lebeu mit aller ſeiner Herrlichkeit. Ich kenne das alte Stück; du haſt es auch ihm geſpielt, dem Sohne des Zimmer⸗ manns von Nazareth! Aber er wies deine Lockungen von ſich— Ehre, Macht und Weibergunſt, um zu dürſten, zu hungern und nicht zu haben, wohin er ſein Haupt lege, um in der Nacht auf dem Oel⸗ esge mit kalten Schweißtropfen den letzten Erdenreſt von ſich abzu⸗ waſchen und, im Leben ſchon verklärt und heilig, zu Golgatha am 90 Durch Nacht zum Licht. Kreuz den Tod des Schächers zu ſterben! O, daß ich hinausziehen könnte in die Lande und predigen das Wort, das heilige Wort, das uns erlöſ't für nun und immerdar, das Wort, das uns wieder zurück⸗ bringt zur guten, lieben, milden Mutter Nacht, die wir verließen, um in der Sonnengluth des Lebens mit lechzender Zunge und pochenden Schläfen Höllenqualen zu erdulden! das Wort, das heilige, unaus⸗ ſprechliche Wort, das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem frevlen Mummenſchanz, mit welchem ſie ihrem Gott zu dienen wäh⸗ nen. Vergieb ihnen, Mutter, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun; ſie würden ja gern zu dir kommen, wenn ſie Ohren hätten, deine ſanfte Stimme zu hören und Augen, deine milde Schönheit zu ſehen. Ich ſehe dein heiliges Antlitz; es lächelt mir Troſt und Hoffnung zu; ich höre deine Stimme, ſie flüſtert: warte, warte nur noch eine kurze Zeit, und du ſinkſt zurück zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm!“ Der roſige Schimmer war von dem Himmel verſchwunden, graue Dämmerung breitete ſich in den Thälern, in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu flüſtern und zu raunen. Ein Schauer packte Oswald. Ihm war, als ob die myſtiſche Nacht, an die Berger ſein Gebet gerichtet, ihn ſchon mit ihrem Grabeshauch anwehte, als ob die Soune verſunken ſei, um niemals wieder aufzugehen. Aber dieſer Schauer war nicht ohne ein ſeltſames Gefühl der Luſt. Der narkotiſche Duft der Todesgedanken, den ihm Bergers ekſtatiſche Worte zutrugen, drang ihm, mit dem Duft der Heidekräuter und der Tannen, bis in's Herz. Er dachte an Helene und Melitta, aber nicht mit der qualvollen Unruhe von heute Morgen, ſondern in ſtiller Wehmuth, wie man an geliebte Todte denkt; er dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas ſeiner Grenwitzer Tage, aber es kam ihm vor we ein Schattenſpiel an der Wand; er dachte an die Zukunft, aber ſie hatte keinen Reiz mehr für ihn, ſie flößte ihm weder Furcht noch Hoffnung ein— es war, als ob ſein ganzes Weſen ſich in ſich ſelbſt zurückziehe, als ob die Andern weder ſo viel Liebe noch ſo viel Haß verdienten.. So ſaß er, den. Kopf in die Hand geſtützt, auf einem Felsblock Erſter Band. 91 und ſchaute in den Abend hinein, der ſeine dunklen Schwingen immer breiter über den Himmel ſpannte... Eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter. „Komm!“ ſagte Berger,„laß uns zu den Todten zurückkehren.“ Sie ſtiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht. Berger ſchien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen. Er ſchritt, ſich von Zeit zu Zeit auf ſeinen Knotenſtück ſtützend, mit einer Rüſtigkeit voran, die Oswald, ein ſo guter Fuß⸗ gänger er war, das Folgen ſchwer machte. So waren ſie an eine Wieſe mitten im Herzen des Waldes ge⸗ kommen. Als ſie am Saume des Holzes hinſchritten, blinkte plötzlich von der andern Seite ein Lichtſchein herüber. Er kam von der Flamme eines Reiſighaufens, der eben angezündet wurde. In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten ſich zwei Geſtalten— eine Frau, wie es ſchien, und ein Kind. Oswalds ſcharfes Auge beſtätigte eine Ahnung, die ihn ſofort die Seele durchzuckt hatte. Es waren Tenobi und die Czika. Cr eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen konnten, quer über die Wieſe fort nach der Flamme zu.— Aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als er bis an die Knöchel im feuchten Grunde verſank. Er ſah, daß er nicht weiter kommen könne. Er rief hinüber, ſo laut er konnte:„Lenobi, Czika! ich bin's! Oswald!“ Aber ſein Ruf hatte kaum den ſtillen Wald aus ſeiner Ruhe geſchreckt, als das Feuer erloſch, und mit dem Feuer die Geſtalten der Zigeunerinnen verſchwanden. Alles war ſtill— todtenſtill. Oswald hätte glauben können, ſeine Phantaſie habe ihm einen tückiſchen Streich geſpielt. „Was hatteſt Du?“ fragte Berger, als Hswald zu ihm zu⸗ rückkam. „Sahen Sie das Feuer nicht?“ „Es war ein Irrlicht auf dem Sumpfe,“ erwiderte Berger.„Laß uns weiter gehen!“ Durch Nacht zum Licht. Achtes Capitel. Als die beiden Wanderer aus den Bergen heraus an die erſten Häuſer des Städtchens gelangten, war es vollkommen Nacht. Oswald, der in dieſer Gegend zum erſten Male war und deſſen Ortſinn nicht zu den ſchärfſten gehörte, hatte ſich natürlich ganz der Führung Bergers anvertrauen müſſen und war der Meinung geweſen, daß derſelbe auf dem nächſten Wege zu Doctor Birkenhains Anſtalt zurückkehren werde. Er war daher einigermaßen erſtaunt, als er jetzt bemerkte, daß ſie ſich dem Städtchen vom entgegengeſetzten Ende genähert hatten. Da ſtanden vie hochbeladenen Fuhrmannswagen, da ſah man durch das offene Hofthor auf den geräumigen Hof, da brannte in der Laterne von grünem Glaſe über der Hausthür ein trübſeliges Licht und beleuchtete melancholiſch die eine Hälfte der großen Mütze von Blech, welche einſt in den Tagen des Glanzes in grüner Oelfarbe geprangt, ſeitdem aber manchen Sturm erlebt und von Wind und Wetter und Regen um ſeine Jugendfriſche gebracht war; da erſchallte aus den ſpärlich erhellten vier niedrigen Fenſtern rechts von der Hausthür das Geklirr von Gläſern, welche von durſtigen Trinkgäſten energiſch auf den Tiſch geſtoßen wurden, und der con⸗ centrirte Lärm einiger zwanzig nicht allzu zarter Männerſtimmen, die ſich alle auf einmal vernehmen ließen. Es hätte ſo vieler unverkennbarer Zeichen nicht bedurft, um Oswald daran zu erinnern, daß er ſich in dem gaſtlichen Schatten der Grünen Mütze befand. Das ganz unverhoffte Wiederſehen der Zigeunerinnen im Walde hatte ihn auf das lebhafteſte an dieſe ganze Angelegenheit, die er über die Begegnung mit Berger beinahe vergeſſen hatte, erinnert. Er hätte Berger, deſſen Scharffinn in der Enträthſelung ver⸗ worrener Situatienen und problematiſcher Naturen er früher oft zu bewundern Gelegenheit gehabt, gern in diefer Sache um Rath ge⸗ Erſter Band. 93 ſragt, aber er ſcheute ſich, einen Geiſt, der fortwährend in den ge⸗ heimnißvollen Tiefen der Myſtik grübelnd umherwandelte, mit Ge⸗ ſchichten zu behelligen, in denen der Director Schmenckel eine Haupt⸗ rolle ſpielte. Wie erſtaunt war er daher, als Berger, als ſie an der Thür der Grünen Mütze angekommen waren, ſtehen blieb und ſagte: „Mich dürſtet; laß uns hier einen Augenblick eintreten.“ „Hier?“ ſagte Oswald, der vor dem Gedanken, den ſchwärme⸗ riſchen zartſinnigen Mann, dem der Duft des Tabacks ein Gräuel war, in eine ſo wüſte Geſellſchaft zu bringen, zurückſchreckte.„Es ſind ſehr rohe Geſellen, die hier verkehren.“ „Was thut es?“ erwiderte Berger,„ſind es doch Menſchenſöhne!“ Mit dieſen Worten trat er durch die offene Hausthür auf den Flur, wo geſtern Abend der Kampf zwiſchen den Kunſtenthuſiaſten und ihren Gegnern ſtattgefunden hatte, und durch die ebenfalls offene Stubenthür in die Trinkſtube. Dieſelbe gewährte heute ſo ziemlich denſelben Anblick, wie geſtern vor und nach der Rauferei, nur daß der Tiſch, an welchem die Künſtler ſaßen, heute von den übrigen Gäſten bedeutend weniger geſucht ſchien. Künſtlerglorien verbleichen ſchnell in den Augen von Leuten, die heute noch die Schläge fühlen, welche ſie ſich geſtern der⸗ ſelben Glorie wegen holten, und die proſaiſch genug ſind, ſich der Zahl der Gläſer zu erinnern, welche die Künſtler, nur um die allge⸗ meine Harmonie nicht zu ſtören, auf Rechnung der Kunſtenthuſiaſten ausgetrunken haben.— So kam es, daß ſehr Viele, die in ihrer erhöhten Stimmung ihre alten Freunde, die Männer in blauen Blouſen und Gamaſchen, kaum gekannt hatten, ſich heute Abend wiederum zu dieſen Ehrenmännern geſellten und Andern das Vergnügen überließen, Herrn Schmenckels lange Geſchichten anzuhören und ſeine langen Zechen zu bezahlen. Herr Schmenckel war ein viel zu guter Philoſoph, als daß er ſich durch dies beleidigende Benehmen ſeiner Freunde um ſeine gute Laune hätte bringen laſſen ſollen. Sein dickes Geſicht ſtrahlte heute ſo röthlich wie je— ja noch röthlicher, da die Grundfarbe durch einige in Folge des Kampfes mit Mamſell Adele nothwendig ge⸗ 94 Durch Nacht zum Licht. wordene ſchwarze Pfläſterchen noch ſatter, noch intenſiver etſchien: ſeine verſchwollenen Aeuglein zwinkerten heute noch ſo liſtig wie je aus dem rothen Geſicht; ſeine Wäſche war heute noch vielleicht um eine Schattirung weniger ſauber, aber die Beinkleiderträger waren um keine Linie ſchmäler und um keine der geſtickten Roſen ärmer ge⸗ worden. Und roſig wie dieſes ſo überaus nützliche Stück der Toilette war auch die Laune des Mannes, deſſen breite Bruſt es ſchmückte. „Wie findet Ihr das Bier, Cotterby?“ ſagte er, die breite Fauſt auf die Schulter des Pyramidenbeſteigers legend. „Sauer!“ war die lakoniſche Antwort des Angeredeten, der heute, wo der Genius in der Giche ſeinen Flug nicht geweiht hatte, viel weniger applaudirt war. „Pah,“ ſagte Herr Schmenckel.„Ihr ſeid verwöhnt, Cotterby. Freilich ſo gut, wie wir es in Egypten tranken, iſt es nicht; aber es iſt doch gut, ſehr gut. Ihr Wohl, meine Herren!“ Der Director ſetzte das Glas an den Mund, that aber nur einen ſehr mäßigen Schluck, was einem unbefangenen Beobachter die Richtigkeit des von der fliegenden Taube ausgeſprochenen Urtheils über die Säure des von Kunſtenthuſiaſten nicht bezahlten Biers be⸗ ſtätigen mußte. In dieſem Augenblicke traten Berger und Oswald in vie Trink⸗ ſtube und näherten ſich dem Tiſche, an welchem die Künſtler ſaßen, als dem am wenigſten beſetzten. Herrn Schmenckels ſcharfes Auge hatte die neuen Ankömmlinge kaum bemerkt,— in denen er ſofort den jungen verrückten Grafen von geſtern und einen alten, eurios ausſehenden, graubärtigen Kauz, an welchem der Graf, in Ermange⸗ lung von Zigeunern, einen Narren gefreſſen hatte, erkannte— als er ſich von ſeinem Platze erhob, auf Oswald zuſchritt, ſich tief vor ihm verbeugte und mit einer Stimme, die darauf berechnet war, Alle zu übertönen, ſagte: „Ah, Euer Gnaden, Herr Graf, das iſt einmal ſchön, daß Sie einen armen Künſtler in ſeiner nievrigen Herberge zu beſuchen kommen! Setzen's ſich hier zum Director Schmenckel! Rücken's a biſſel zu, Cotterby! So recht! Hier, meine Herren, nehmen Sie Platz— Erſter Band. 95 freue mich, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen, alter Knabe!— Zwei friſche Seidel für die Herren! und auch eins für Director Schmenckel! Trinken's auch aus, Cotterby! alſo vier Seidel!— Wer hätte das gedacht, daß wir heute Abend noch ſo vortreffliche Geſellſchaft haben würden,“ und Herr Schmenckel rieb ſich vergnügt die Hände, während Oswald und Berger in ſeiner unmittelbaren Nähe Platz nahmen. „So, da kommt das Bier— friſch vom Faß, mein Engel, na, deſto beſſer! Hier, meine Herren! Ihr Wohl, Herr Graf, und auch Ihres, alter Herr! Ach! Das war der erſte Schluck, der mir heute Abend geſchmeckt hat. Merkwürdig! ſchlechte Geſellſchaft verdirbt gutes Bier, gute Geſellſchaft macht ſchlechtes gut. Bin ein Freund von Geſelligkeit, Herr Graf. Sehe, daß Sie es auch ſind; wollen's die Güte haben, mich mit dem alten Herrn bekannt zu machen. Director Schmenckel weiß gern, mit wem er zu thun hat.“ Oswald warf einen Blick auf Berger, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe Umgebung und Geſellſchaft auf ihn mache, und dar⸗ nach ſein Verhalten Herrn Schmenckel gegenüber zu beſtimmen. Zu ſeiner Verwunderung ſchien Berger mit einem gewiſſen Intereſſe dem Geſchwätz des Seiltänzerdirectors zuzuhören. Er hatte ſeinen Hut auf die Lehne des Stuhls gehängt, ſeinen Dornenſtock neben ſich geſtellt und lehnte ſich jetzt mit beiden Armen auf den Tiſch, ganz wie Einer, der ſo ſchnell nicht wieder fortzugehen gedenkt. „Ich heiße Berger;“ ſagte er auf die Frage des Directors. „Profeſſor Berger,“ fügte Oswald hinzu, in der guten Abſicht, Herrn Schmenckel dürch den Titel zu imponiren und die Zuvringlich⸗ keit des Mannes in Schranken zu halten. „Profeſſor?“ wiederholte Herr Schmenckel, mit einem Blick auf Bergers blaue Blouſe und verwirrten Bart.„Hi, hi, hi! ſehr gut! Darf ich Sie mit meinem Freunde Cotterby bekannt machen? Herr John Cotterby aus Egypten, genannt die Fliegende Taube, Herr Berger, genannt Profeſſor. Hi, hi, hi! ha, ha, ha!“ „Wollen wir wieder aufbrechen?“ fragte Oswald, den vas Be⸗ nehmen Herrn Schmenckels in nicht geringe Verlegenheit ſetzte. „Ich denke, wir bleiben noch ein wenig;“ erwiderte Berger. Durch Nacht zum Licht. „Ihre Fauſt, alter Knabe,“ ſagte Herr Schmenckel, Bergers magere, ſchmale Hand ergreifend und kräftig ſchüttelnd.„Sie ge⸗ fallen mir ganz ausnehmend. Wenn Ihr Filz einmal vollends aus dem Leim geht und Ihre Blouſe weder Stich noch Fetzen hält— dann kommen Sie zu mir. Director Schmenckel wird ſich ein Ver⸗ gnügen daraus machen, einen Mann wie Sie als ein Mitglied ſeiner Geſellſchaft zu begrüßen. Ihr Bart allein iſt eine Zierde für die Beſellſchaft. Sie würden in einer Pantomime Furore machen.— Was ſagen Sie zu unſrer heutigen Vorſtellung, Herr Graf?“ „Ich war leider verhindert, derſelben beizuwohnen;“ erwiderte Dswald, den ein Lächeln auf Bergers Lippen zu einem Eingehen auf die ſonderbare Unterhaltung ermuthigte. „O, da haben Sie viel, ſehr viel verloren,“ ſagte der Director in dem Tone aufrichtigen Bedauerns und ſeinen dicken Kopf hin und her wiegend.„Die Vorſtellung war die glänzendſte, die wir ſeit langer Zeit gegeben haben. Director Schmenckel hat bewieſen, daß die momentane Abweſenheit einiger ſchätzenswerthen Mitglieder ſeiner Geſellſchaft keinen Einfluß auf die Leiſtungen derſelben im Allgemeinen ausübt. Ich will nicht von mir ſprechen, obgleich ich glaube, daß mir mein berühmtes Schmenckel⸗Spiel mit den drei achtundvierzig⸗ pfündigen Kanonenkugeln von Niemand auf der Welt nachgemacht wird und meine Fontaine d'argent mit den zehn ſilbernen Bällen bis jetzt noch uuerreicht iſt— aber, meine Herren, Sie hätten heute Herrn Cotterth un dem Trapez ſehen ſollen! Ich ſage Ihnen, die Ringel⸗ affen auf der Inſel Sumatra ſind Schufte dagegen, ganz elendigliche Schuſte! Und dann Herr Stolzenberg mit ſeinem Rieſenfaß! ich ſage Ihnen— rücken Sie ran, Stolzenberg! Ein Künſtler, wie Sie, braucht nicht ſo beſcheiden zu ſein, und dem Herren Grafen kommt es auf ein Seidel mehr oder weniger nicht an, wie anderen gewöhnlichen Menſchen. Und dann, Herrn Pierrot als Disloqueur! — kommen Sie zu uns, Pierrot,— Künſtler müſſen zuſammen⸗ halten— ich ſage Ihnen, Herr Graf, Ihr Taſchenmeſſer iſt ein Ladeſtock gegen Herrn Pierrot. Ich habe ſchon oft geſagt: Pierrot, wenn wir einmal zuſammen auf der Eiſenbahn fahren, bezahle ich nur für mich, Sie nehme ich franco in meiner Hutſchachtel mit. Ha, ——— — Erſter Band. 97 ha, ha! Ein guter Witz, Herr Graf, nicht wahr? aber der Profeſſor hat ein leeres Glas, und hol' mich dieſer und jener— ich auch! Ich glaube, der Kerl, der Stolzenberg, hat heimlich mein Seidel ausgetrunken, und weiß Gott, ſein's dazu. Trinken's auch aus, Pierrot. Sie erſparen dem hübſchen Mädchen einen Weg! Hier, mein Schatz, fünf friſche Seidel; aber friſch, mein Engel, wie die Roſen auf Ihren ſchönen Wangen. Lieben's die hübſchen Weiber auch, Herr Graf? ſo'n ſchönes Kind mit braunen Augen, dunklem Haar und ſchlankem Leibchen, wie die Czika? He? Die laſſen's nur noch ein paar Jahr älter ſein; da ſollen Sie Ihre Freude daran erleben.“ „Haben Sie noch keine Nachricht von den Beiden?“ fragte Oswald. Herr Schmenckel, der keine Ahnung davon hatte, wo die Zi⸗ geunerinnen möglicherweiſe geblieben ſein könnten, der es aber für Unrecht hielt, die Hoffnung des reichen Liebhabers ſchöner Zigeuner⸗ kinder auf ein baldiges Wiederſehen des jüngſten Gegenſtandes ſeiner Narrethei ganz zu vernichten, zwinkerte ſchlau mit den verſchwollenen Aeuglein, legte den Zeigefinger nachdenklich an die Naſe und fagte: „Sind nicht weit von hier— im Walde— habe ſichere Kundſchaft— könnte ſie haben, wenn ich wollte— will nicht— Weiber müſſen ſich ausſchmollen— kommen dann ganz von ſelbſt wieder und ſind auf lange Zeit von ihren Muckern curirt. Ja, das muß man kennen! Die Weiber ſind ein ſchwieriges Capitel. Sie ſind ſich Alle gleich und doch iſt keine wie die andere. Was ſagt Ihr dazu, alter Knabe?“ „Ich glaube, daß Sie ein großer Philoſoph ſind, von dem noch Mancher Manches lernen könnte;“ erwiderte Berger, Herrn Schmenckel mit einem ſeltſamen Lächeln in das Geſicht blickend. „Ja, das wollte ich meinen,“ ſagte der Director, ſeine breite Bruſt hervordrängend und die Fäuſte in die Seite ſtemmend.„Der Schmenckel aus Wien weiß, wie der Haſe läuft, und wer ihm ein x für ein U machen will, der muß früh aufſtehen. Aber, hol' mich dieſer und jener, es iſt auch kein Wuuder, wenn ich ein bischen in der Welt Beſcheid weiß; bin ich doch darin herumgeſchüttelt worden, von oben nach unten, von unten nach oben, wie ein Stöpſel in einer leeren Flaſche.“ Fr. Spielhagen's Werke. 2. S Durch Nacht zum Licht. „Eine leere Flaſche!“ ſagte Berger;„der Vergleich iſt ſehr wahr⸗ ſehr treffend. Wie kommen Sie darauf?“ „Wie ich darauf komme?“ erwiderte der Director mit verwun⸗ verter Miene.„Wie ich darauf komme? Vermuthlich, weil ich ein leeres Glas vor mir habe. Ha, ha, ha!“ „Es ſcheint, als ob Ihnen der Trank des Lebens bis jetzt ge⸗ mundet hätte,“ ſagte Berger, während Herr Schmenckel die Zeit, bis das friſche Glas kam, dazu benutzte, ſich eine kurze Thonpfeife zu ſtopfen. „Ja, und warum denn nicht?“ erwierte der Director, die Pfeife an der Flamme des auf dem Tiſch ſtehenden Talglichtes anzündend, und für einige Augenblicke den Blicken der Anweſenden hinter blauen Wolken verſchwindend.„Das Leben iſt cu kreuzluſtiges, pudel⸗ närriſches Ding für den, welcher, wie Caspar Schmenckel aus Wien, das Herz auf dem rechten Flecke hat.— Danke, mein Schatz!“ „Ich bin nicht Ihr Schatz, Herr Director,“ ſagte das Mävchen ſchnippiſch, indem es den Arm, welchen Herr Schmenckel um Ihre Taille geſchlungen hatte, unſanft zurückſtieß und einen verſtohlenen Blick auf Oswald warf. Herr Schmenckel erwiderte dieſe beleidigende Zurückweiſung da⸗ durch, daß er die fünf Fingerſpitzen der rechten Hand gegen ſeine dicken Lippen drückte und der Enteilenden einen Kuß nachwarf, ſo⸗ dann das linke Auge ſchloß und mit dem rechten den ihm gegenüber ſitzenden Oswald liſtig anzwinkerte. „Schmuckes Ding, Euer Gnaden, he? Thut, als ob es mich freſſen wollte und iſt bis über die Ohren in mich verliebt.“ „Sie ſcheinen viel Glück bei den Frauen zu machen,“ erwiderte Oswald, um doch etwas zu ſagen. „Ja, wie man's nehmen will, Euer Gnaden,“ ſagte Herr Schmenckel, wohlgefällig lächelnd., Die Weiber ſind wie das Wetter Heute zu heiß und morgen zu kalt; heute ſcheint die Sonne, morgen regnet's. Man muß ſich eben halt Alles von ihnen gefallen laſſen, wie vom lieben Herrgott ſelber.“ „Das käme doch im Grunde nur auf Sie an,“ ſagte Berger, deſſen Blick unverwandt nur auf dem jovialen Geſellen weilte, als könnte ſein Geiſt ein ſo wunderliches Phänomen nicht faſſen. Erſter Band.. „Wie das, alter Knabe? Ihr meint, man ſolle ſie alle zuſammen ag für Euch ganz gut ſein, aufen laſſen? Na, alter Herr, da er Caspar Schmenckel aus Wien müßt Ihr ſo etwas nicht zu⸗ muthen. Der Tauſend auch! die Weiber laufen laſſen? lieber todt und begraben ſein.“ „Das wäre allerdings das Beſte,“ ſagte Berger. „Hört, alter Herr,“ erwiderte der Director mit einem Anflug von Ernſt, der ihm ſehr ſonderbar ſtand; verſündigt Euch nicht! Ich ſage noch einmal, das Lebte iſt ein gutes Ding, und den Teufel ſoll man nicht an die Wand malen. Ei was! warum laßt Ihr Euer Bier ſchal werden und ſchneidet ein Geſicht, wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeſchwon ſind? Hier, ſtoßt an mit Caspar Schmenckel! So, vas iſt recht. Der Schmenckel iſt ein luſtiges Haus und mag gern luſtige Leute in ſeiner Geſellſchaft ſehen. He, Ihr Herren, wie wär' es mit einem hübſchen Lied? Cotterby, Ihr habt eine Stimme, wie eine Nachtigall. Kommt, ſtimmt mit ein! Kennen Euer Gnaden das Lied von den Schwoben? „Nein, aber ſingen Sie es nur.“ „Na, denn mal los! Stolzenberg, Pierrot, ſingt mit!“ „Und Herr Schmenckel nahm die Pfeife aus dem Mund, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und begann mit einem dröhnenden Baß während ſeine drei Geſellen den Chor bildeten. Guten Morgen Spielmann, Wo bleibſt du ſo lang? Da drunten, da droben. Da tanzen die Schwoben, Mit der kleinen Killekeia Mit der großen Kumkum. Da kamen die Weiber Mit Sicheln und Scheiben, Und wollten den Schwoben Das Tanzen vertreiben. Mit der kleinen Killekeia Mit der großen Kumkum. 7* 100 Durch Nacht zum Licht. chönes Lied!“ rief Herr Schmenckel, nachdem er als Finale den T ſch mit ſeinen beiden Fäuſten bearbeitet hatte, daß die Gläſer zu tanzen begannen. „Sehr ſchön,“ ſagte Berger;„wiſſen Sie noch mehr dergleichen?“ „Hunderte,“ ſagte Herr Schmenckel; aber der Cotterby weiß die ſchönſten. Singt mal eins ſolo, Cotterby.“ Der Egypter lächelte beſcheiden ſelbſtgefällig, drehte ſeinen klei⸗ nen ſchwarzen Schnurrbart und fuhr ſich mit der Hand durch ſein dunkles, von Fett glänzendes Haar, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, prückte die Augen halb zu und begann mit einer angenehmen Tenor⸗ ſtimme: Es hatte ein Bauer ein ſchönes Weib, Die blieb ſo gern zu Haus, Sie bat oft ihren lieben Mann, Er ſollte doch fahren hinaus, Er ſollte doch fahren in's Heu. Er ſollte doch fahren in's Ha, ha, ha; ha, ha, ha Heidideldei Juchheiſaſa! Er ſollte doch fahren in's Heu. „Ho, ho, ho!“ lachte Director Schmenckel,„das Lied iſt gut, ſehr gut. Das erinnert mich an eine hübſche Geſchicht', die ich den Herren doch erzählen muß. Ihr könnt hernach weiter ſingen, Cotterby!“ Der Egypter ſchien dieſe Unterbrechung etwas übel zu nehmen; aber Herr Schmenckel bemerkte es nicht, oder wollte es nicht bemerken. Er that einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe und ſagte zu dem Schenk⸗ mädchen, das der Geſang oder die Anweſenheit des jungen vornehmen Fremden wieder an den Tiſch gelockt hatte:„Gehn's a biſſel weiter weg, mein Schatz. Die Geſchicht, die Director Schmenckel erzählen will, iſt keine Geſchicht' für junge Mädchen.“ Die hübſche Kleine wurde bis über die Ohren roth und ent⸗ fernte ſich ſchleunig mit einem Blick auf Oswald. Herr Schmenckel räusperte ſich, lehnte ſich vornüver auf den Tiſch und begann mit einer Stimme, die in dieſem gedämpften Ton noch heiſerer klang, als gewöhnlich. ——————— Erſter Band. 101 Meine Herren, Sie wiſſen: es giebt für den denkenden Menſchen zwei Arten von Frauenzimmern, ſolche, die dienen, und ſolche, die ſich bedienen laſſen. Aber für die Liebe exiſtirt dieſer Unterſchied nicht, denn die Liebe beherrſcht ſie Beide. Dieſe Erfahrung habe ich nun zwar des öfteren in meinem Leben gemacht, niemals aber iſt es mir ſo deutlich demonſtrirt worden, als vor einigen“— hier ſah ſich Herr Schmenckel ſcheu um, ob auch kein unberufenes, beſonders weib⸗ liches Ohr die chronologiſche Notiz, die er zu geben im Begriffe war, auffangen könnte— zwanzig Jahren in Petersburg. Iſt einer von den Herren je in Petersburg geweſen?“ Man verneinte ſeine Frage. „Wie kamen Sie nach Petersburg, Herr Director?“ ſagte ein Fichtenauer Bürgersſohn, der ſich mittlerweile der Geſellſchaft ange⸗ ſchloſſen hatte. „Beim Schmenckel aus Wien,“ erwiderte der Director im Ton der Belehrung,„darf man ſich nimmer wundern, wenn er an einem Orte geweſen iſt.— Petersburg, meine Herren, iſt eine ſchöne Stadt, was Sie ſchon daraus erſehen können, daß die Paläſte des Kaiſers und aller Großen aus blitzblankem, blauem und weißem Eis erbaut ſind.“ „Wie iſt denn das möglich?“ fragte der Bürgersſohn,„die müſſen doch im Sommer ſchmelzen.“ „Im Sommer?“ ſagte Herr Schmenckel, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen,„im Sommer? Ja, da kommen Sie ſchön an! Ich ſage Ihnen, Herr, es giebt in Petersburg keinen Sommer. Schnee und Eis und Eis und Schnee das liebe lange Jahr hindurch von Syl⸗ veſter bis wieder Sylveſter. Von ſo'ner Kälte hat ja hier zu Lande keine Menſchenſeele eine Vorſtellung. Ich ſage Ihnen, daß der Hauch, der aus dem Munde geht, ſofort als Schnee zur Erde fällt und wenn zwei Leute auf der Straße eine Zeit lang mit einander geſprochen haben, liegt ein Haufen zwiſchen Ihnen, ſo hoch, daß ſie hinaufſteigen müſſen, wenn ſie ſich beim Auseinandergehen die Hände geben wollen. Es iſt o kalt, daß die Milch in der Kuh gerinnt und wenn man hier zu Lande ſagt: geben Sie mir ein Seidel Bier, oder ein Töpfchen oder einen Schoppen, ſagt der Petersburger: geben Sie mir einen Durch Nacht zum Licht. Schnitt, denn das Bier iſt dort von der Kälte zu einem dicken Syrup gefrvren und wird nicht geſchenkt ſondern in Stücke geſchnitten, auf Butterbrod gelegt und ſo genoſſen.“ „Das muß aber doch ſehr unbeguem ſein,“ ſagte ein Stammgaſt der Grünen Mütze.* „Ländlich, ſittlich;“ erwiderte Herr Schmenckel. „Aber wir kennen dieſen Ausdruck auch,“ meinte der dicke Wirth, der an den Tiſch getreten war. „So, na denn geben Sie mir mal einen Schnitt, guter Mann!“ ſagte Herr Schmenckel, ſein Glas leerend und es über die Schulter dem Wirth hinreichend;„aber meſſen's chriſtlich!“ „Mit einem Worte,“ fuhr der Director fort, nachdem r das Gelächter der Gäſte über feinen Witz als ſchuldigen Tribut huldvoll kächelnd entgegengenommen und den Inhalt des wiedergefüllten Glaſes bedächtig geprüft hatte;„mit einem Worte, Petersburg iſt eine ſchöne Stadt und wenn die Sonne auf all' den Eispaläſten glitzert und man die Ruſſen, in ihre Bärenpelze gehüllt, auf ihren mit Rennthieren beſpannten Schlitten durch die Straßen jagen ſieht, ſo iſt es ein Anblick, daß einem das Herz im Leibe lacht und man gleich in den nächſten Laden geht, um einen ächten Nordhäuſer zu trinken. „Alſo: wir waren in Petersburg und es gefiel uns da ſehr gut uns, das heißt, der berühmten Kunſtreiter⸗Geſellſchaft meines Onkels und damaligen Directors Franz Schmenckel, in welcher ich als Herkules engagirt zu ſein die Ehre hatte. Ich kann wohl ſahen, daß wir Furore machten, beſonders unſere Pferde; denn die Ruſſen kennen Pferde nur von Hörenſagen; höchſtens daß der Kaiſer viel⸗ leicht zwei oder drei zottige, wie große Hunde ausſehende Thiere in ſeinen Ställen hat. Alle übrigen fahren, wie ich ſchon bemerkte, nur mit Rennthieren, ſelbſt die Cavallerie iſt darauf angewieſen und ich verſichere Sie, meine Herren, daß ſo ein ruſſiſcher Garde⸗Küraſſier⸗ lieutenant auf ſeinem Rennthierhengſt ſich gar nicht ſo übel aus⸗ aimmt. „Wir hatten ganz ungeheuern Zulauf. Der Kaiſer und der ganze Hof waren jeden Abend in unſerm Circus. Se. Majeſtät applaudirte Erſter Band. 103 ſo wüthend, daß ſie alle fünf Minuten ein neues Paar weiße Glacée⸗ handſchuhe anziehen mußte, weil ſie die andern zerklatſcht hatte. In den Zwiſchenacten hatte ich an der Thür der kaiſerlichen Loge zu ſtehen, um Se. Majeſtät hinter die Couliſſen und in die Pferdeſtälle zu führen, wo Allerhöchſtvieſelbe den beſten Pferden huldvoll auf den Hals zu patſchen und den hübſcheſten Damen der Geſellſchaft in die Wangen zu kneifen geruhte. Vor allem aber hatte ich mich der Gunſt des Kaiſers zu erfreuen. Warum, weiß ich ſelbſt nicht; aber ſo viel iſt gewiß, daß der Kaiſer mich gleich am erſten Abend in ſeine Loge rufen ließ und vor dem ganzen Hofe zu mir fagte:„Herr Schmenckel,“ ſagte er,„Sie ſind nicht nur der ſtärkſte, ſondern auch der ſchönſte Mann, den ich je geſehen habe. Bitten Sie ſich eine Gnade aus.“ —„Eure Majeſtät,“ erwiderte ich, mich anmuthig verbeugend,„ich bitte um Ihr ferneres geſchätztes Wohlwollen.“„Das ſollen Sie haben, und den Adel dazu,“ rief Se. Majeſtät im höchſten Enthuſias⸗ mus,„geben Sie mit Ihre ſtarke Hand, Herr von Schmenckel! Mit einer Compagnie ſolcher Männer, wie Sie, dictire ich die Geſetze für die Welt!“ „Seit dieſem Angenblicke waren wir geſchworene Freunde. „von Schmenckel, kommen Sie heute Abend zu einer Taſſe Caravanen⸗ thee zu mir!— Wollen Sie heute Abend nach der Vorſtellung ein Glas Wutkipunſch mit mir trinken, lieber von Schmenckel— Sie wiſſen, ganz unter uns, vielleicht ein paar Herren und Damen vom Hofe?— wollen Sie?“— ſo ging es einen Tag wie alle Tage. MNun, meine Herren, der Schmenckel aus Wien iſt nicht ſtolz, abe er bewegt ſich gern in guter Geſellſchaft“— Hier machte Herr Schmenckel eine verbindliche Verbeugung gegen ſeine Zuhörer— „Und ein Kaiſer iſt und bleibt am Ende immer ein Kaiſer und man freut ſich doch, wenn man mit ihm ſo zu ſagen auf Du und Du ſteht. „Es waren famoſe Abende, die ich ſo im Schvoße der kaiſerlichen Familie zubrachte. Die Herren vom Hofe waren ſehr liebenswürdig und die Frauen“— Herr Schmenckel drückte die Augen zu, warf eine Kußhand gegen 104 Durch Nacht zum Licht. die Decke des Zimmers und ſchickte dem geflügelten Boten der Liebe in derſelben Richtung einen ſchweren Seufzer nach. „Die Frauen! ich ſage Ihnen, meine Herren, wer die ruſſiſchen Frauen nicht geſehen hat, hat gar keine Frauen geſehen. Dieſe Haare, dieſe Augen, dieſer Wuchs, dieſes Feuer— und wenn der Schmenckel aus Wien viertauſend Jahre alt werden ſollte, er wird den Winter in Petersburg nicht vergeſſen. „Die ruſſiſchen Frauen ſind ſchön, und Sie werden einen Anflug von Neid empfinden, meine Herren, wenn ich Ihnen ſage, daß ich unter den ſchönſten der ſchönen, die Auswahl hatte. Das klingt wie Aufſchneiderei, meine Herren; aber, ich kann Ihnen nicht helfen, es war doch ſo. Ich bekam ganze Wagenladungen voll Locken, Blumen⸗ ſträußer und Billetters, die alle anfingen: Göttlicher Schmenckel oder Apollo Schmenckel und alle endigten: ich erwarte Sie da und da zu der und der Stunde. „Aber, wie das ſo zu gehen pflegt, diejenige, um deren Gunſt es mir am meiſten zu thun war, gehörte nicht zu meinen Verehrerin⸗ nen. Es war eine junge, ſehr ſchöne Dame, die ich Abend für Abend im Circus ſah. Aber ſie that immer entſetzlich vornehm und kalt, obgleich ich mich immer nur vor ihr verbeugte, wenn ich be⸗ klatſcht wurde. „Wie gefallen Ihnen unſere Damen, Schmenckel?“ fragte mich der Kaiſer eines Abends, als wir Arm in Arm in ſeinem Salon auf⸗ und abſpazierten. „So, ſo, la, la, Euer Majeſtät!“ erwiderte ich; denn Verſ genheit war immer Caspar Schmenckels Stärke. „Sie ſind ſchwer zu befriedigen,“ ſagte der Kaiſer:„wie fiüden Sie die kleine Malikowsky?“ „Wie war der Name?“ fragte plötzlich Berger, der, die Stirn in die Hand geſtützt, dageſeſſen hatte, den Kopf emporhebend. „Malikowsky, alter Herr!“ wiederholte Herr Schmenckel.„Noch einen ruſſiſchen Schnitt, Herr Wirth! Erlauben die Herren, daß ich mir meine Pfeife friſch ſtopfe.“ Oswald blickte auf Berger. Es war ihm, als ob ein ſeltſames Zucken in den ſtillen ernſten Zügen wühlte und die Augen eine un⸗ Erſter Band. 105 gewöhnliche Erregung verriethen; aber ſchon im nächſten Moment hatte Berger den Kopf wieder in die Hand geſtützt und Herr Schmenckel fuhr in ſeiner Erzählung fort. „Die kleine Malikowsky?“ fragte ich;„wer iſt das?“ „Haben Sie denn die Dame in Schwarz nicht bemerkt, gleich links neben der kaiſerlichen Loge. Blaſſes Geſicht, große Angen, etwas langes Kinn?“ „Doch, Majeſtät! aber die ſcheint mir ein ſcheuer Vogel.“ „Poſſen, lieber Schmenckel! alles Poſſen. Im Vertrauen, die Dame ſtand in etwas näherer Beziehung zu unſerm Hauſe, als mir lieb war. Wir haben ihr einen Mann verſchafft, einen herunter⸗ gekommenen polniſchen Edelmann; ihr Ruf iſt nicht gut, ſeiner iſt ſchlecht; er hat nichts; ſie hat eine halbe Million Seelen“— „Wie viel iſt das in Preußiſch Courant, Herr Director?“ fragte der dicke Stammgaſt, ein Victualienhändler ſeines Zeichens. „Fünf Millionen Thaler, ſechsundzwanzig Silbergroſchen, vier Pfennig— ſo paſſen ſie ſehr gut zuſammen. Wenn ſie ihn einmal los ſein will, ſchickt ſie ihn auf ihre Güter in Polen— eben jetzt iſt er wieder unterwegs. Die erobern Sie ſich und ich will ſagen, der Schmenckel aus Wien iſt nicht nur der ſtärkſte und ſchönſte, er iſt auch der glücklichſte Mann auf der Welt.“ „Euer Majeſtät Wunſch iſt für mich Befehl; erwiderte ich, ging nach Hanſe und überlegte, wie ich das Herz der Schönen gewinnen könnte.„Nur dadurch, daß Du etwas thuſt, was vor Dir noch kein K gethan hat,“ ſagte ich zu mir, und da, meine Herren, erfand ich das berühmte Schmenckelſpiel mit den drei vierundachtzigpfündigen Kanhnenkugeln. Am erſten Abend ſpielte ich mit einer Fangeball— ſie lächelte; am folgenden mit zweien— ſie klatſchte in die Händchen; am dritten mit dllen dreien— ſie warf mir einen Blumenſtrauß zu. Jetzt war ich meiner Sache gewiß. Hier aber, meine Herren, muß ich Sie um Entſchuldigung bitten, wenn ich meiner Gewohnheit gemäß, ſo oft eine Dame in's Spiel kommt, von dem Verlauf der Geſchichte nur andentungsweiſe ſo viel ſage, daß noch an demſelben Abend ein allerliebſtes Kammerkätzchen bei mir erſchien und mich bat. ſie zu ihrer Gebieterin zu begleiten, die vor Liebe zu mir ſterbe; daß Durch Nacht zum Licht. der Schmenckel aus Wien ein viel zu gutes Herz hat, als daß er Jemand ſollte ſterben laſſen, und noch dazu aus Liebe zu ihm, wenn er's verhindern kann; und daß die folgenden vier Wochen zu den ſchönſten ſeines Lebens gehören.“ „Ihr ſeid ein glücklicher Menſch, Director!“ ſagtet der Fichtenauer Bürgersſohn, der ſeit vier Jahren die Tochter eines Rathsherrn heimlich liebte und ſchon ſo weit mit ihr gekommen war, daß ſie ihm einmal beinahe einen Kuß gegeben hätte. „Wie man's nehmen will, junger Mann,“ erwiderte Herr Schmenckel mit väterlichem Wohlwollen;„wo viel Licht iſt, da iſt auch viel Schatten. Ich wollte hier eigentlich meine Geſchicht' zu Ende ſein laſſen; aber zu Nutz und Frommen ſolcher jungen heißblutigen Ge⸗ ſellen, wie Ihr, Herr Kanzleiſchreiber Müller, und Ihr Cotterby, Ihr Tauſendſacramenter, und Ihr Pierrot, Windbeutel, der Ihr ſeid, muß ich ſelbige halt ſchon auserzählen. Na, merken's auf, Ihr Herren! Das Kammerkätzchen war nicht weniger in mich verliebt, als ihre Herrin, denn, wie ich ſchon vorhin bemerkte, vor der Liebe ſind alle Weiber gleich. Was geſchieht alſo? Eines ſchönen Abends, als ich— in allen Züchten und Ehren, Ihr Herren, ſo wahr ich Caspar Schmenckel heiße— bei der Dame, wie gewöhnlich, meinen Thee trinke, klopft es plötzlich ſehr heftig an vie Thür, die in die Zimmer des Grafen führte und die von innen verſchloſſen war. Aufgemacht! Aufgemacht!—„Um Gott, der Graf!“ flüſterte die Gräfin ſchreckenbleich;„die Nadeska hat uns verrathen!“— Auf⸗ gemacht, Himmelhöllenelement, aufgemacht!—„Na, das iſt eine ſ Beſcheerung,“ ſage ich,„was wird denn nun?“—„Schmenckel, relter Sie mich!“—„Mit FPlaiſir, aber wie?“—„Ich eile in meine Schlafſtube und ſchließe hinter mir ab.“—„Sehr ſchön, aber ich?“ —„Sie ſind hier eingebrochen, durch das Fenſter“— dabei riß ſie die Fenſterflügel auf, nahm den Armleuchter— verſchwand durch die zweite Thür, ſchloß ab und fing an, aus Leibeskräften: Hülfe! Hülfe! zu ſchreien. Na, meine Herren, ſtellen Sie ſich meine Situation vor. Ehe ich mich noch beſinnen konnte, was ich thun ſollte, brachen die Thür⸗ flügel auseinander und der Graf mit zwei Piſtolen in der Hand ſtürzte herein und vier oder fünf Kerle mit Lichtern und Knitteln hinterher.“ Erſter Band. 107 „Wie ſah der Graf aus?“ fragte Berger dumpf, ohne den in die Hände geſtützten Kopf zu erheben. „Ja, alter Herr, viel Zeit, ihn mir zu beſehen, hatte ich nicht. Ich weiß nur, daß es ein ſchöner langer Kerl war mit vor Wuth blitzenden Augen.„Habe ich Dich, Schurke?“ brüllte er— puff, ſimm! ſauste mir die Kugel am linken; puff, ſimm! eine andere am rechten Ohr vorbei. Na, ihr Herren, das war doch am Ende auch nicht die rechte Art und Weiſe, ſich bei Caspar Schmenckel zu intro⸗ duciren. Was werde ich alſo thun? Ich werde meinen Herrn Grafen um den Leib packen und zum Fenſter hinauswerfen, und vamit, im Fall er ſich etwas zerbrochen hätte, gleich Hülfe zur Hand wäre, einen ſeiner Bedienten hinterher. Die Andern ergriffen das Haſenpanier und liefen, was ſie laufen konnten; ich ihnen nach durch die Zimmer auf den Vorſaal, die Treppe hinunter; und, meine Her⸗ ren, als ich erſt ſo weit war— den Weg durch die Hausthür auf die Straße fand ich ganz allein. Wie findet Ihr die Geſchichte, Profeſſor?“ ud Herr Schmenckel legte ſeine breite Hand auf Ber⸗ gers Schulter. Berger hob den Kopf in die Höhe. Sein Geſicht war todten⸗ bleich; ſeine Augen rollten; das graue Haar hing ihm über die Stivn „Wenn Du die Wahrheit ſprechen kannſt, Menſch!“ ſagte er mit einer hohlen, unheimlichen Stimme;„antworte mir: haſt Dn die Wahrheit geſprochen?“ Ich glaub', der alte Herr hat a biſſel zu viel getrunken;“ ſagte Herr Schmenckel gemüthlich. „Ja, ich habe zu viel getrunken,“ rief Berger, heftig mit den Händen geſticulirend;„zu viel von dem eklen Gebräu dieſes jämmer⸗ lichen, nichtsnutzigen Lebens, und der Trank iſt mir zu Kopf ge⸗ ſtiegen. Ha, ha, ha!“ Es war ein fürchterliches Lachen; aber den halbberauſchten Zechern kam es ſehr luſtig vor. „Ho, ho! nun kommt der Profeſſor in Gang!“ ſchrie Herr Schmenckel, ſich die Seiten haltend.„Rede halten, Rede halten! Der Profeſſor ſoll'ne Rede halten.“ 108 Durch Nacht zum Licht. Oswald war aufgeſprungen und zu Berger getreten; er verſuchte in ſeiner Herzensangſt den Exaltirten mit freundlichen Worten zu beruhigen und zum Fortgehen zu überreden. Berger achtete nicht auf ihn. Er ſtand da, ſich mit beiden Händen auf den Tiſch lehnend, wie Oswald es ihn im Auditorium hatte thun ſehen. „Schreiben Sie, meine Herren,“ rief er;„es iſt die Quinteſſenz des langen Syllogismus, deſſen einzelne Theile ich Ihnen ſo eben analyfirt habe: Ich ſtieg auf einen Birnenbaum, Rüben wollt' ich graben, Da hab' ich all' mein Leben lang, Keine beſſeren Pflaumen gegeſſen. „Sie werden mir antworten, daß dies keine ſpeculative Idee, ſondern ein altes Schlemperlied iſt, aber, meine Herren, in einer Welt, wo die Guten verhöhnt und von ſchadenfrohen Dämonen genasführt werden; wo der Aberwitz mit der Schellenkappe auf dem Haupt regiert und ſeine erhabenen Gedanken von der Dummheit, der Gemein⸗ heit, der Brutalität ausführen läßt— da iſt eben die Speculation ein Schlemperſtückchen und die Idee— die glorreiche, hochherrliche Idee— das ſind Sie ja eben ſelbſt, meine Herren, gemeine, rohe Geſellen, wie Sie ſind.“ „Oho, nit ſo grob, Alter,“ rief Herr Schmenckel, der kaum noch lachen konnte. „Ja, ja, Sie ſelbſt,“ fuhr Berger heftiger und immer heftiger werdend fort;„Sie ſelbſt, Herr Director Caspar Schmenckel aus Wien, Sie repräſentiren die Gerechtigkeit des Himmels. Die Idee kann nichts ohne Sie; Sie ſind die Idee, die incarnirte Idee! Ich ſagte Ihnen, das Leben ſei nichtswürdig, aber nein— das iſt noch viel zu viel— es iſt Ihrer würdig. Ich verabſcheue Sie, aber ich verehre Sie; ich habe ein Grauen vor Ihnen, aber ich bete Sie an. Kommen Sie in meine Arme, daß ich die Tiefe dieſes Elends ermeſſe, daß ich das Unglaubliche mit Händen greife!“ „An mein Herz, alter Knabe,“ rief Herr Schmenckel, die Um⸗ — Erſter Band. 109 armung erwiedernd;„Du biſt ein kreuzfideles, altes Haus; wir müſſen Brüderſchaft trinken.“ Er ließ Berger aus den Armen und griff nach dem Glaſe. In demſelben Augenblick ſank Berger, die Hand auf's Herz drückend, mit einem gellenden Schrei ohnmächtig zuſammen. Es war ein Schrei, fürchterlich, wie der Hülferuf eines Ertrin⸗ tenden in dem Augenblicke des Unterſinkens; ein Schrei, der den wüſten Lärm in der Stube übertönte, das Singen und Geſchnatter zum Schweigen brachte und die Zecher beſtürzt von ihren Sitzen in die Höhe fahren ließ. Sie drängten ſich mit verſtörten Geſichtern herzu und glotzten mit den ſtumpfſinnigen, von Bier ſtieren Augen auf den Unglücklichen, den Oswald vom Boden aufzurichten ſich be⸗ mühte. Niemand legte Hand an, dem jungen Manne zu helfen. Der Schrecken ſchien die Leute paralyſirt zu haben. „Will mir denn Keiner beiſtehen?“ rief Oswald, die Laſt des lebloſen Körpers in den Armen haltend. Dieſe letzten Worte wurden an Herrn Schmenckel gerichtet, der bis jetzt mit offenem Munde und ſtarren Augen, die Tabakspfeife in der einen, das Bierglas in der andern Hand, regungslos dageſtan⸗ den hatte. Oswalds Aufforderung brachte ihn wieder zur Beſinnung. „Habt recht, Herr Graf;“ ſagte er;„müſſen was thun für den alten Herrn.“ Er legte ſeine Pfeife auf den Tiſch, nahm Oswald den noch immer beſinnungsloſen Berger aus den Armen, hob ihn in die Höhe und trug ihn aus dem Zimmer, wie ein Löwe eine todte Gazelle wegträgt. Oswald und ver Wirth folgten. „Hier, hier herein,“ ſagte der Wirth, die Thür des auf der andern Seite des Flurs liegenden Zimmers öffnend, wo die vor⸗ nehmeren Reiſenden abzuſteigen pflegten. Herr Schmenckel legte den Ohnmächtigen auf das Sopha. „Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt,“ ſagte Director Schmenckel im Ton der Belehrung flüſternd zu Oswald, der ſich um den Kranken bemühte,„Euer Gnaden hätten ihm erſt 110 Durch Nacht zum Licht. vorher ein tüchtiges Stück Schinken mit Schwarzbrod und einen Nordhäuſer geben laſſen ſollen.“ Da begann Berger ſich zu regen. Er ſchlug die Augen auf und blickte die um ihn Herumſtehenden verwundert an, wie Jemand, der aus einem ſchweren Traum erwacht. Dann richtete er ſich mit Oswalds Hülfe vollends auf und ſagte mit leiſer Stimme: „Ich danke Euch, meine Freunde. Ich habe Euch Mühe gemacht. Wir ſind in dieſem Leben Einer auf den Andern angewieſen. Ich denke, Euch bald wieder zu ſehen; vielleicht, daß ich Euch noch einmal Eure Liebe vergelten kann. Komm, Oswald, wir wollen gehen.“ „Fühlen Sie ſich kräftig genug? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen laſſen?“ „Nicht doch; Roß und Wagen iſt nicht für mich und meines⸗ gleichen.“ Er ſchritt nach der Thür. Plötzlich blieb er wieder ſtehen. „Gieb den Leuten, was wir ſchuldig ſind, Oswald, wir dürfen nichts ſchuldig bleiben auf Erden.“ Oswald bezahlte dem Wirth die Zeche, in welche, zur ſichtlichen Befriedigung Herrn Schmenckels, auch was die Seiltänzer verzehrt hatten, eingerechnet wurde. Einige Augenblicke ſpäter hatte er und Berger das Haus ver⸗ laſſen und ſchritten durch die ſtillen Gaſſen von Fichtenau zurück nach Doctor Birkenhains Anſtalt. Berger beobachtete ein Schweigen, das Oswald nicht zu unter⸗ brechen wagte. Der junge Mann machte ſich im Stillen heftige Vor⸗ würfe über ſeine Unbeſonnenheit, Berger ſo lange in ſolcher Geſell⸗ ſchaft gelaſſen zu haben. Er glaubte, daß es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genuß des ſtarken Bieres geweſen ſei, was Berger in den exaltirten Zuſtand gebracht habe. Er hatte keine Ahnung, in welch' enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche Geſchichte des Seiltänzerdirectors, auf die er nebenbei kaum hingehört hatte, mit der Leidensgeſchichte des unglücklichen Freundes ſtand. Er dachte an Doctor Birkenhain, und wie ſchlecht er den Auftrag des Arztes erfüllt habe; er überlegte bei ſich, ob ſeine Anweſenheit nicht eher ſchädlich als dienlich für Berger und ob es nicht, für den Kranken Erſter Band. 111 ſowohl, als für ihn ſelbſt, gerathener ſei, wenn er Fichtenau ſobald als möglich wieder verließe... So waren ſie ſchweigend bis auf den Weg gelangt, der an der Mühle vorbei auf den Thorweg von Doctor Birkenhains Anſtalt zuführte, als Berger plötzlich ſagte: „Du mußt heute noch reiſen, Oswald!“ „Heute?“ „Heute lieber, als morgen. Du mußt noch einmal in die Wüſte hinaus; ich kann es Dir nicht erſparen. Und ich ſelbſt, ich habe noch viel zu lernen, worin Du mir nicht helfen kannſt. So müſſen wir uns trennen. Geh' Du Deine Straße; ich will die meine gehen; es iſt dieſelbe, und ob ich Dir auch ein wenig voraus bin, Du lernſt ſchnell und wirſt mich bald einholen. Bis dahin, Oswald, lebe wohl!“ Berger ſchloß Oswald in ſeine Arme und küßte ihn. Oswald war tief bewegt. „Laß mich bei Dir bleiben,“ ſagte er mit von Thränen halb er⸗ ſtickter Stimme:„laß mich bei Dir bleiben, um nie wieder von Dir zu gehen. Ich haſſe die Welt, ich verachte die Welt, wie Du.“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Berger,„aber die Welt verachten, iſt nur das erſte Stadinm von den dreien bis zu dem großen Geheimniß.“ „Und welches iſt das zweite Stadium? Nenne es mir, daß ich es im Fluge durchmeſſe!“ „Sich ſelbſt verachten.“ „Und— das dritte?“ Sie ſtanden an dem Thorweg. Berger zog die Klingel, die Thür ſprang auf. „Und das dritte, letzte Stadium?“ „Verachten, daß man verachtet wird.“ „Und das Geheimniß ſelbſt, das große Geheimniß?“ „Wer die drei Stadien durchgemacht hat, weiß es und verſteht es, ohne daß er fragt. Wer darnach fragt, weiß es nicht und würde es nicht verſtehen. Oswald, lebe wohl! Auf Wiederſehen.“ Berger drückte Oswald noch einmal an ſein Herz; und trat durch die Pforte, die ſich ſofort wieder hinter ihm ſchloß. — 112 Durch Nacht zum Licht. Oswald blieb vor der Pforte ſtehen, einem Bettler gleich, dem der Trunk, um den er bat, verweigert wurde. Dann ging er, ge⸗ ſenkten Hauptes, den Weg, den er mit Berger gekommen war, zurück. Die Nacht war dunkel; kaum ein Stern an dem trüben, wolken⸗ bedeckten Himmel; die Pappeln am Wege raunten und ziſchelten und der Mühlbach unten ſchwatzte es nach: Die Welt verachten— ſich ſelbſt verachten— verachten, daß man verachtet wird. Neuntes Capitel. Zu derſelben Zeit, als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne in dem grünen Wäldermeer der Berge verſinken ſah, war in dem„Curhauſe“ ein Gaſt abgeſtiegen, deſſen Ankunft in dem Hötel eine gewiſſe freudige Bewegung hervorrief. Es war eine junge, ſchöne, in einen dunkeln eleganten Anzug gekleidete Dame in Begleitung eines nicht minder ſchönen, aber blaß und kränklich aus⸗ ſehenden Knaben von etwa zwölf Jahren, und eines alten Mannes, der ſich durch einen eisgrauen Schnurbart und eine martialiſche Hal⸗ tung auszeichnete und halb der Freund, halb der Diener der Dame zu ſein ſchien. Die Dame war im Sommer veſſelben Jahres— damals ohne den Knaben— mehrere Wochen lang in Fichtenau ge⸗ weſen, um ihren Gemahl, der ſich ſeit ſieben Jahren in Doctor Birkenhains Heilanſtalt befand, dem Tove entgegenſiechen und endlich ſterben zu ſehen— und ihr trauriges Schickſal nicht minder als ihre unendliche Güte und Milde gegen Jedermann, beſonders gegen Kranke und Arme, hatten ihr die Liebe und Verehrung der Einwohner des Städtchens in ſo hohem Grade erworben, daß man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der„guten Frau“ dankbar ſegnete. Aber auch vieſes Mal ſchien keine freudige Veranlaſſung die Dame nach Fichtenau geführt zu haben, denn ſie war kaum von dem Wirth ſelbſt unter vielen Bücklingen und Complimenten in den Salon der Bel⸗Etage geführt worden und hatte ſich in demſelben und in Erſter Band. 113 den zwei links daran ſtoßenden Zimmern— das Zimmer rechts konnte der gnädigen Frau leider nicht ſofort eingeräumt werden, da es noch von einem Reiſenden bewohnt ſei, der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe,— mit Hülfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben, der von der Reiſe ſehr angegriffen war, zu Bett gebracht, als ſie ſich hinſetzte und einige Zeilen an Doctor Birkenhain ſchrieb, mit denen ſich der alte Diener in Begleitung des Hausknechts ſogleich auf den Weg nach der Heilanſtalt machte. Nach einer Stunde war Doctor Birkenhain, den alten Diener neben ſich, in ſeinem Einſpänner vor dem Curhauſe vorgefahren, war zu der Dame in den Salon gegangen und hatte eine lange Unter⸗ redung mit ihr gehabt, die wohl nicht ſehr erfreulichen Inhalts ge⸗ weſen ſein konnte, denn Jean, der Zimmerkellner, hatte, als er den Thee in den Salon brachte, geſehen, daß die gnädige Frau geweint und ſich bei ſeinem Eintritt die Augen getrocknet hatte. Doctor Birkenhain war nach dieſer Unterredung noch einmal an das Bett des ſchlafenden Knaben getreten, hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt, ſich dann über ihn gebeugt, und, das Ohr auf die entblößte Bruſt drückend, längere Zeit gehorcht, dann hatte er ſich wieder aufgerichtet, den Schläfer ſorgſam zugedeckt, ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn geſtrichen und ſich mit einem Lächeln auf den Lippen, das die ſtrengen ernſten Züge des Mannes eigenthümlich verklärte, zu der Dame gewandt, die das Licht in der Hand, mit dem geſpannten Ausdrucke ſchmerzlicher Ungewiß⸗ heit in dem lieben ſchönen Geſicht dageſtan den hatte und den Arzt jetzt ängſtlich fragend anſah. „Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau!“ ſagte er,„ich kann mich allerdings noch nicht mit Gewißheit ausſprechen, aber was ich bis jetzt beobachtet habe, flößt mir die beſte Hoffnung ein, daß es mit unſerem kleinen Patienten nicht ſo ſchlecht ſteht, als meine Grün⸗ walder Herren Collegen angenommen haben.“ Ein Freudenſtrahl erhellte das Geſicht der Dame, ihre großen dunklen Augen füllten ſich mit Thränen. Doctor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und ge⸗ leitete ſie in den Salon zurück. Fr. Spielhagen's Werke. X. 8 114 Durch Nacht zum Licht. „Ich komme morgen früh wieder,“ ſagte er, indem er Hut und Stock nahm;„laſſen Sie, wenn es Sie beruhigt, den alten Baumann bei Julius wachen. Sie ſelbſt legen ſich zeitig zu Bett und nehmen eins von dieſen Pulvern. Sie ſind ſehr angegriffen und bedürfen der Ruhe.“ „Bleiben Sie noch einen Augenblick, Doctor!“ ſagte die Dame. „Ich muß Sie noch etwas fragen.“ Ihre Züge verriethen eine große Erregung; ihr Buſen hob und ſenkte ſich unruhig; ſie ſchien einen Gedanken ausſprechen zu wollen, der ihr zu fürchterlich war, als daß ſie ihn hätte in Worte kleiden können. Doctor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl. „Setzen Sie ſich, gnädige Frau;“ ſagte er, wieder neben ihr auf dem Sopha Platz nehmend.„Ich weiß, was Sie mich fragen wollen; ich habe dieſe Frage ſchon den ganzen Abend in Ihren angſtvollen Augen, auf Ihren zitternden Lippen geleſen.— Sie glauben nicht an die Herzkrankheit, welche die Grünwalder Aerzte diagnoſticirt haben; wenn Sie daran glaubten, wären Sie, ſo hoch Sie auch von meinen geringen Erfahrungen und Kenntniſſen denken mögen, doch nicht gerade zu mir gekommen. Sie glauben, daß das Uebel tiefer liegt, daß es— mit einem Worte— ein erbliches Uebel, der erſte Keim, der Beginn einer Krankheit iſt, die ſchon einmal für Sie ſo verhängnißvoll geworden. Habe ich recht?“ Die Antwort der Dame war ein Strom von Thränen, der wie eine lange zurückgehaltene Fluth unwiderſtehlich aus ihren Augen brach. Sie drückte ſchluchzend ihr Taſchentuch gegen das Geſicht. „Liebe gnädige Frau,“ ſagte der Arzt, die Hand der Weinenden ergreifend;„ich bitte, ich beſchwöre Sie, beruhigen Sie ſich. Es iſt, ſo viel ich aus dem ſchriftlichen Bericht meiner Collegen, aus Ihren eigenen Worten und aus meiner Beobachtung urtheilen kann, auch nicht der mindeſte Grund vorhanden, der Ihren ſchrecklichen Verdacht beſtätigte. Der Wahnſinn iſt erblich, ja; er pflanzt ſich viele Genera⸗ tionen hindurch fort, bald hier, hald dort, oft nach langen Zwiſchen⸗ räumen wieder auftauchend, aber in der Familie Ihres Gemahls iſt erwieſenermaßen der Fall Herrn von Berkows der erſte, ſo lange die — —— Erſter Band. 115 Familie exiſtirt, d. h. ſeit Jahrhunderten. Und dieſer Ausnahmefall hatte ſeine beſonderen, ſehr traurigen Urſachen, die ſich nur auf das betreffende Individuum beziehen, und ſich in ihren Wirkungen nur an dieſem Individuum äußern. Herr von Berkow war von Natur ſehr geſund, ja auffallend kräftig organiſirt, aber— es ſpricht ein Arzt zu Ihnen, gnädige Frau— er hatte dieſe kräftige Organiſation durch ein ausſchweifendes Leben zerrüttet. Was Anderen in ſeiner Lage zur Rettung wird— die Ehe mit einem keuſchen, reinen Weſen — wurde ihm zum Verderben, denn er fühlte ſeine tiefe Unwürdigkeit, fühlte ſie ſo tief, daß er an Ihrer Verzeihung, an Ihrer Liebe ver⸗ zweifelte und ſich widerſtandslos einer finſtern Melancholie überließ, in der er bald ſeine Lebenskraft und ſeinen Lebensmuth vollends auf⸗ zehrte.— Die Sünden des Vaters werden nicht heimgeſucht werden an dem Kinde. Sollte ſich wirklich eine Herzkrankheit herausſtellen, ſo iſt ſie jedenfalls noch ſehr wenig vorgeſchritten und kann, zumal bei Julius Jugend und übriger kräftiger Conſtitution exfolgreich be⸗ kämpft werden. Darum, gnädige Frau, laſſen Sie Ihre Sorge fahren; vertrauen Sie mir und— vertrauen Sie Ihrem Stern, von dem doch endlich einmal die Wolken verſchwinden müſſen, die ihn bis jetzt verſchleierten.“ „Meinem Stern?“ ſagte die Dame mit einem wehmüthigen Lächeln.„Meinem Stern? Ach, Doctor, ich fürchte, der iſt, wenn er jemals exiſtirt hat, für immer untergegangen.“ „Das wollen wir ſehen,“ ſagte Doctor Birkenhain, ſich erhebend. „Ich glaube nun einmal an gute Sterne, und vor Allem an Ihren guten Stern. Wer ſo ſchön und ſo lieb und ſo gut iſt, wie Sie, der darf, der ſoll nicht unglücklich ſein. Gute Nacht!“ Doctor Birkenhain ergriff die Hand der Dame, führte ſie ehrfurchts⸗ voll an ſeine Lippen und verließ das Zimmer. Sie ſaß, nachdem der Arzt ſie verlaſſen, lange Zeit den Krpf auf die Hand geſtützt, in tiefes Sinnen verſunken. Wie in einem Traum zogen die Bilder ihres Lebens, an ihres Geiſtes Aug' vorüber... Sie ſah ſich als rothwangiges, wildes Kind in ihres Vaters Parke ſpielen mit einem ernſten, ungelenken Knaben, dem ſie manchmal 8* 116 Durch Nacht zum Licht. herzlich gut war und den ſie ein anderes Mal nicht ausſtehen konnte; der, bald ſtolz und herriſch, ſich ihren Launen widerſetzte, bald, wenn ſie ihm freundlich begegnete, keine Mühe und keine Gefahr ſcheute, ihre kindiſchen Wünſche zu erfüllen.. Sie ſah ſich einige Jahre ſpäter in der Geſellſchaft deſſelben Knaben und einiger anderer Knaben und Mädchen in dem Saale ihres väterlichen Schloſſes nach den Tönen einer Violine ſehr zierliche Pas machen, zum Entzücken vieler erwachſenen Männer und Frauen, welche die kleine Kokette mit Lobſprüchen und Liebkoſungen überſchütteten; und ſie ſah den Knaben, deſſen Ungeſchicklichkeit ſie in ihrem Uebermuth verſpottete und verhöhnte, in einer Fenſterniſche ſitzen und bitterlich weinen.. Sie ſah ſich, wieder einige Jahre ſpäter, in dem morgenfriſchen Glanze ſechszehnjähriger Schönheit von allen Seiten umworben und gefeiert und den ſüßen, köſtlichen Trank aus dem roſenumkränzten Becher des Lebens mit durſtigen Zügen ahnungslos ſchlürfend; von Freude zu Freude gaukelnd, wie ein leichtbeſchwingter Schmetterling von Blume zu Blume, und doch in dieſem ſeligen Genießen in der Tiefe des Herzens von einer wühlenden Unruhe erfüllt, der die goldige Gegen⸗ wart grau und farblos erſchien im Vergleich mit der wunderherrlichen, farbenprangenden Zukunft, die alle Träume, alle Wünſche erfüllen würde. Sie hatte in dieſer Zeit den ernſten, ungelenken Knaben aus den Augen verloren. Welch' traurige Rolle hätte er auch geſpielt in dieſer duftenden, blühenden, nachtigallengeſangerfüllten, koſenden, tändelnden Feenwelt!... Aber die Zukunft war Gegenwart gewor⸗ den und hatte von Allem, was ſie verheißen, nichts erfüllt.. ein giftiger Thau war auf die bunten Blumen gefallen und hatte ihnen Farbe und Duft geraubt; die Nachtigallen waren verſtummt und über der frühlingprangenden Welt hing ein grauer, düſterer Schleier.. ein Schleier, durch den hindurch entſetzliche Scenen vorüberhuſchten— ein Vater, der vor der Tochter auf den Knieen liegt und ſie bei ſei⸗ nem grauen Haupt, das er ſich zerſchmettern müſſe, wenn ſie ſeinen Wünſchen nicht nachkomme, beſchwört, einen Mann zu heirathen, den ſie nicht liebt, vor dem ein inſtinctives Gefühl die Reine, Unſchuldige warnt— ein Gatte, der—— weg, weg ihr Bilder, ihr grauſigen Bilder, bei deren Erinnerung die Unglückliche nach ſo vielen Jahren Erſter Band. 117 noch jetzt ſchaudernd ihr Geſicht in den Händen verbirgt!... Und da tritt wieder die Geſtalt des jetzt zu einem ſtolzen, kalten Mann gewordenen düſtern, trotzigen Knaben heran, der ihr gegenüber den Stolz in Demuth und die Kälte in unendliche Güte und Liebe ver⸗ kehrt, der ihr rathend, tröſtend, helfend zur Seite ſteht, der, ſo viel er vermag, das Leid von ihr wendet, und wo er es nicht vermag, es ihr tragen hilft, ja, Alles wo möglich auf ſeine Schulter nimmt. Wohl kommt ihr in dieſer Zeit der Gedanke, daß dieſer Mann mehr werth ſei, als alle ihre phantantaſtiſchen Träume, aber noch immer kann ſie von den Idealen nicht laſſen, die nun einmal ihr jugendliches Herz erfüllt haben. Sie quält den Mann, wie ſie den Knaben quälte, ſie ſchickt ihn auf Reiſen, wie ſie ihn früher aus dem Garten ſchickte, wenn er ſich ihren Launen nicht ſklaviſch fügen wollte... Und nun kommen die friedlichen Bilder in der grünen Oede ihres Landguts verlebter Jahre, in welchen die Geſtalten eines ſchönen, zarten Knaben, eines gutmüthigen, pedantiſchen Gelehrten und eines alten graubärtigen Dieners in den verſchiedenſten und voch immer ähnlichen Situationen ſtets wiederkehren— friedliche Bilder, über deren heiteren Farben doch ein gewiſſer Hauch der Wehmuth, der unerfüllten Hoffnung, der unbefriedigten Sehnſucht liegt. Zwar denkt ſie noch oft an den Mann, den ſie in die Verbannung geſandt hat, aber nicht mehr mit dem freundlichen Herzen, das ſich ſeiner Undank⸗ barkeit im Grunde ſchämt. Es hat ſich ein bittres Etwas hinein⸗ gemiſcht in ihre Gefühle gegen den Mann, ſeitdem er— es war auf einer Reiſe in Italien— gewagt hat, offen mit ſeiner Liebe hervorzutreten, ſie ihn mit jener ſchlechten Logik, welche Verharren in einer capriciöſen Laune für Conſequenz nimmt, zurückgewieſen, und er, ſtolz wie er iſt, ſie ſofort beim Worte genommen hat und ſeitdem in Egypten und Nubien verſchwunden iſt. Sie bildet ſich ein, daß ſie angefangen hat, den Geſpielen ihre Jugendjahre, den treuen Freund in aller Noth und Gefahr, zu haſſen und ein Pſycholog hätte ihr ſagen können, daß der Haß der wilde Bruder der holden Schweſter Liebe und nur die Gleichgiltigkeit ein undurchdringlicher Panzer für ein Frauenherz iſt. Und nun tritt in dieſe friedliche Scenerie die Geſtalt eines Durch Nacht zum Licht. Mannes, deſſen Schönheit ihr kunſtſinniges Auge entzückt, deſſen ſanfte Freundlichkeit ſie umſpielt wie linder Frühlingshauch, deſſen Melancholie in ihrem ſich nach Glück ſehnenden Herzen ein Echo findet — eines Mannes, der Alles in Allem nur eine Verkörperung ihrer Träume ſcheint. Und wie in einem Traume nimmt ſie ſeine Liebe entgegen, erwidert ſie mit tauſendfacher Gluth— ſie will die Gefahr nicht ſehen, ſie will nicht erwachen, ſie will einmal in ihrem Leben glücklich ſein. Aber der Morgen ſteigt herauf; es iſt nicht möglich, die Augen länger geſchloſſen zu halten und den Traum zu bannen. Der wider alles Erwarten zurückgekehrte Freund tritt warnend vor ſie hin und ſchon im nächſten Moment geht ſeine Prophezeiung in Erfüllung. Schlag auf Schlag bricht das Unglück herein, deſſen Ahnung ihn aus den Ruinen von Karnak nach ſeiner nordiſchen Heimath trieb. Die Nachricht von dem bevorſtehenden Tode des Mannes, deſſen Namen ſie führt, reißt ſie aus den Armen des Ge⸗ liebten; ſie eilt, eine Pflicht zu erfüllen, die ihr um ſo heiliger iſt, je wonnevoller das Glück, in welchem ſie ſich in dieſen letzten Wochen gewiegt— und ſie kehrt zurück, das Herz voll freudiger Hoffnung und zugleich voll banger Ahnung, und ſie hört und ſieht, daß der Mann, dem ſie ſich mit grenzenloſer Liebe hingegeben, ſie verrathen hat, und daß, wie zur Strafe für ihr kurzes, heimliches Glück, ihr einziges Kind, der ſchöne, liebenswürdige Knabe, ihr Troſt, ihre Wonne, ihr Stolz, daniederliegt an einer Krankheit, in der ſie den Anfang eines Leidens ſieht, deſſen Ausgang und fürchterliches Ende ſie eben an dem Vater des Kindes erfahren hat..... Aber dieſer zweite Schlag iſt vielleicht für ſie ein Segen. Er betäubt ſie ſo, daß ſie die Wunde, die ihrem Herzen geſchlagen iſt, kaum fühlt. Die Liebe des Weibes verſinkt in dem Abgrund der Mutterliebe. Sie wacht an des Knaben Bette Tag und Nacht, ſie hat nur Aug' und Ohr für ſeine Bedürfniſſe, ſeine Wünſche; und als er ſich etwas erholt, macht ſie ſich mit ihm auf die Reiſe zu dem Manne, in deſſen Erfahrung ſie grenzenloſes Vertrauen ſetzt, von deſſen Lippen ſie die Entſcheidung über Leben und Tod— nein, was ſchlimmer, tauſendmal ſchlimmer iſt, als der Tod!— entgegennehmen will. Und er hat entſchieden; er hat ihr nicht alle Hoffnung geraubt, Erſter Band. 119 er hat ihr Muth zugeſprochen— ihr Knabe wird leben; er wird geſunden; die Sünden des Vaters ſollen nicht heimgeſucht werden an dem Kinde Und jetzt, wo ihre Seele von dieſer entſetzlichen Laſt befreit iſt, denkt ſie zum erſten Mal wieder an ihre verrathene Liebe... War dieſer Verrath nicht eine Strafe für ſie, daß ſie zuerſt nach ihrem und dann nach ihres Kindes Glück gefragt? für den Verrath, den ſie an ihrem Kinde geübt hatte? war die Liebe zu einem Manne, der ihr ganzes Herz erfüllte, nicht Verrath an ihrem Kinde . Hier in dieſem Zimmer hatte ſie in den warmen Abenden des verfloſſenen Sommers ſo oft von einer Zukunft geträumt, deren Er⸗ füllung dieſe Gegenwart war, in welcher ſie der Strom des Lebens zurückgetrieben hatte, an denſelben Ort, faſt in dieſelbe Situation. War es nicht, als wolle ihr das Schickſal Zeit geben, noch einmal zu überlegen, ehe ſie handelte, ehe ſie ihr Glück und das ihres Kindes in Hände legte, die viel zu ſchwach waren, ein ſolches Gut mannhaft zu vertheidigen?... Hier in dieſem Zimmer hatte ſie der Freund vor jenen Händen gewarnt, die mit knabenhafter Kühnheit nach allem Höchſten griffen, um in kindiſcher Laune das Schönſte und Herrlichſte, als wäre es Trödelwaare, wieder fortzuwerfen. Hier in dieſem Zimmer hatte er ihr eine Prophezeiung gemacht, die Wort für Wort ſchon jetzt in Erfüllung gegangen war.. Hier in dieſem Zimmer hatte er die Worte zu ihr geſprochen: Und wenn Du dann von dieſem Schlage zerſchmettert am Boden liegſt und zu ſterben wünſcheſt und doch nicht ſterben kannſt, dann wirſt Du erkennen, welche Qualen ein Herz erduldet, wenn es ſeine Liebe und Treue verſchmäht und verrathen ſieht; dann wirſt Du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das Du mir gethan... Wo war er jetzt, dieſer treue, edle Mann, der— ſie hatte es oft gefühlt, aber nie mehr als in dieſem Augenblicke— ihrethalben ſeine ſtolze Kraft in Thatloſigkeit oder ſinnloſen Abenteuern ver⸗ geudete, wie ein Baum, dem das Herz ausgebrochen iſt, üppig in Zweige und Blätter ſchießt, ohne jemals Früchte zu bringen? Wieder 120 Durch Nacht zum Licht. irrte er, ruhelos wie Ahasver, durch die weite öde Welt. Als ſollte er nie etwas ſein eigen nennen, war ihm das Kind, das er geliebt, ehe er wußte, daß es ſein Kind war, wie ein kurzer ſchöner Traum wieder entſchwunden. Er hatte es ziehen laſſen, weil ihm ſein Ge⸗ rechtigkeitsgefühl ſagte, daß er kein Anrecht habe an dieſem Weſen, für das er nichts gethan, als ihm zum Daſein verhelfen. Sollte es denn wirklich ſein Schickſal ſein, Liebe zu ſäen und Gleichgiltigkeit zu ernten Nein, nein! nicht Gleichgiltigkeit! wenn auch nicht Liebe, wie er ſie fühlte, wie er ſie wollte, aber auch nicht Gleichgiltigkeit! Empfand ſie denn nicht herzliche Freundſchaft, aufrichtige tiefe Hochachtung für ihn? Hätte ſie nicht Jahre des Lebens darum geopfert, ihm ſein Kind wieder zu ſchaſſen?... Wo war er jetzt? Sie hatte ſich ſo daran gewöhnt, ihn in allen trüben Stunden ihres Lebens an ihrer Seite zu ſehen, daß ſie ihn nun, wo er zum erſten Male fern blieb, ſchmerzlich vermißte. Und doch, welche Anſprüche hatte ſie denn an eine Liebe, die ſie hundertmal zurückgewieſen, die ſie durch ihre Liebe für einen Anderen ſo tief, ſo tief beleidigt hatte?... Die junge Frau war ſo in dieſen Gedanken verloren, daß ſie nicht hörte, wie es leiſe an ihre Thür pochte. Die Thür wurde geöffnet und ein altes, ſchnauzbärtiges Geſicht ſchaute herein. Hinter dem ſchnauzbärtigen Geſicht ſtand die hohe Geſtalt eines Mannes. „Gnädige Frau!“ ſagte der Schnauzbart,„ein guter Freund, der eben angekommen iſt, wünſcht wo möglich noch heute Abend ſeine Aufwartung zu machen.“ „Wer iſt es?“ fragte die Dame, ſich erſtaunt von ihrem Sitze emporhebend. Da trat die hohe Geſtalt in das Zimmer. „Oldenburg!“ rief die Dame.„Oldenburg! Sind Sie es denn wirklich?“ „Ja, Melitta!“ ſagte der Baron, die ausgeſtreckte Hand der Dame ergreifend und an ſeine Lippen führend.„Ich bin es wirklich.“ Der alte Diener hatte während dieſer Begrüßung, ſich die Hände reibend und das Paar mit einem Blick betrachtend, in welchem ſich ——— Erſter Band. 121 Angſt und Hoſfnung malten, dageſtanden. Als er den unverkenn⸗ baren Ausdruck freudiger Ueberraſchung auf dem ſchönen Antlitz der geliebten Herrin bemerkte und die Thräne, die in ihrem Auge er⸗ glänzte, als der Baron ſich über ihre Hand bengte, traten ihm ſelbſt die Thränen in die Augen. Er ging mit geräuſchloſen Schritten aus dem Zimmer, ſchloß leiſe die Thür— und wer den alten Mann weiter beobachtet hätte— aber es beobachtete ihn Keiner, würde geſehen haben, daß er vor der Thüre die Hände faltete und mit zitternden Lippen ein heißes Gebet in den grauen Bart murmelte— ein Gebet, das Gott für dieſe Begegnung zwiſchen ſeiner Herrin und dem Manne, den er von Allen allein ihrer würdig achtete, dankte und ihn anflehte, er möge in ſeiner unendlichen Gnade noch jetzt in der elften Stunde— Alles, Alles zum Beſten wenden Der Baron war, nachdem der alte Baumann das Zimmer ver⸗ laſſen, mit langen Schritten, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn er ein Gefühl, das ihn zu überwältigen drohte, niederkämpfen wollte, ſchweigend auf⸗ und abgegangen— Melitta hatte ſich auf das Sopha geſetzt, da eine Erregung, die vielleicht nicht minder groß war, als die Oldenburg's, ihr die Kraft zum Stehen raubte. Nach einigen Augenblicken kam der Baron, nahm neben ihr auf dem Sopha Platz und ſagte mit einer ſanften Stimme, in der auch nicht die mindeſte Spur der rauhen Heftigkeit ſeines Weſens zu ent⸗ decken war: „Und Sie fragen mich nicht, Melitta, was mich durch Nacht und Nebel hierher in dieſe Berge, in dies Städtchen und in dies Zimmer geführt hat?“ „Nein!“ erwiderte Melitta, ihm voll und klar in die Augen ſehend;„nein! weiß ich es doch, ohne daß ich frage.“ „Ich danke Dir, Melitta!“ Weiter antwortete er nichts; aber die ganze Seele des Mannes lag in den wenigen Worten. „Ja, und noch mehr,“ fuhr Melitta fort;„ich hatte nur eben noch lebhaft an Sie gedacht,— an den treuen Freund, der mir noch ſtets in jedem Unglück mit Rath und That zur Seite ſtand, ſo oft 122 Durch Nacht zum Licht. ich auch ſeinen Rath verſchmähte und die Opfer, die er mir brachte, mit Undank belohnte.“ „Opfer— Undank;“ ſagte Oldenburg und es ſchwebte ein weh⸗ müthiges Lächeln auf ſeinen Lippen;„das ſind Worte, Melitta, die ohne Bedeutung für uns— ich will ſagen für mich ſind; es wenig⸗ ſtens jetzt ſind, wie ich auch früher darüber gedacht haben mag. Endlich findet ſich einmal jeder in ſein Schickſal, und wenn der ge⸗ fangene Löwe ſeine Verzweiflung ausgetobt hat und ſeine Kraft an den Eiſenſtäben ſeines Käfigs erlahmt iſt, legt er ſich in die Ecke und iſt für die Zukunft ſo fromm, wie ein Lamm. Doch laſſen wir das! ich bin nicht hierher gekommen, um für mich zu plaidiren und eine Sache, die durch alle Inſtanzen verloren iſt, noch einmal hervorzuſuchen; ich bin nicht meinethalben hier, ſondern Deinethalben.— Ich erfuhr in Grünwald, wohin mich Geſchäfte riefen, daß Julius gefährlich erkrankt ſei, daß Du Dich mit ihm nach Fichtenau auf den Weg ge⸗ macht habeſt. Ich fürchtete ſogleich das Schlimmſte und bin Tag und Nacht gereiſt, um Dir zu helfen, wenn ich konnte. Glücklicher⸗ weiſe iſt unſere Angſt unnöthig geweſen; ich habe unten Birkenhain geſprochen, der eben von Dir kam. Er hat mich vollſtändig beruhigt und meint, daß Du, ſobald Du Dich erholt, in Gottes Namen zurück⸗ reiſen kannſt. Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte, und nun, nachdem der Zweck meiner Reiſe erfüllt und ich noch, als eine Zugabe gütiger Götter, Dich begrüßt und Deine liebe Hand in der meinen gehabt habe— Gott befohlen, Melitta! und möge uns das Unglück— denn das Glück hat mit uns nichts zu ſchaffen— ſobald nicht wieder zu⸗ ſammenführen:“ Der Baron ſprach dieſe letzten Worte mit lächelnder Miene, aber durch den Ton, in welchem er ſie ſprach, klang ein ſchmerzliches Weh— das Weh eines großmüthigen liebreichen Herzens, für das die weite, reiche Welt keine Heimath hat. Er hatte zum Abſchied Melitta's Hand genommen und wollte ſich erheben; aber er vermochte es nicht, denn die liebe Hand erwiderte nicht nur warm den Druck der ſeinen— er fühlte, er glaubte zu fühlen, daß Melitta ihn noch nicht von ſich laſſen wolle; daß ſie es gern ſehe, wenn er noch bliebe. —— Erſter Band. 123 Es war ihm das ſo neu; er blickte ſie verwundert fragend an, ob es denn wirklich möglich? ob denn wirklich ſeine Gegenwart für ſie nicht peinlich ſei? „Sie dürfen noch nicht fort,“ ſagte Melitta mit einer gewiſſen Haſtigkeit, während eine fliegende Röthe für einen Augenblick ihre bleichen Wangen etuen Augenblick färbte;„ich kann es nicht ertragen, daß, während alle Welt meine Freundlichkeit rühmt und jeder Bettler zufrieden von mir geht, ich in chren Augen ſtets als eine Bildſäule erſcheine, die niemals giebt und immer nur nimmt, ohne auch nur ein Danke! zu ſprechen. Sie haben mir noch kein Wort von ſich ſelbſt geſagt; kein Wort darüber, wie es Ihnen in aller dieſer Zeit ergangen iſt. Sie kommen hundert Meilen weit her, um ſich nach meinem Julius umzuſehen und wollen fort, ohne daß ich nur hätte fragen können, ob Sie von Ihrer Czika eine Kunde erhalten haben. Iſt das großmüthig? ja, iſt das auch nur recht von Ihnen?“ Der Baron ſah Melitta, während ſie dies ſprach, faſt er⸗ ſchrocken an. „Melitta,“ antwortete er mit einem Ernſt, der etwas Feierliches hatte,„man darf in einem Todtkranken die Sehnſucht nach dem Leben nicht entfachen. Verwöhnen Sie mich nicht aus purem Mitleid durch eine Freundlichkeit, die Ihnen nicht von Herzen kommt!“ „Nicht von Herzen?“ erwiderte Melitta mit leiſer Stimme, „freilich, ich habe dieſen Vorwurf verdient; ich darf mich nicht be⸗ klagen.“ „Ich habe Ihnen keinen Vorwurf machen wollen, Melitta!“ „Und doch trifft er mich. Ja, Oldenburg, es muß heraus; es drückt mir ſonſt das Herz ab. Ich fühle mich Ihnen gegenüber tief beſchämt. Die Laſt der Dankbarkeit, die Sie auf mich laden, drückt mich zu Boden.“ „Eine Laſt, Melitta? Eine Laſt! ich habe Sie bei Gott durch das Wenige, was ich im Leben für Sie thun konnte, nicht beläſtigen wollen.“ „Sie wollen mir nicht glauben! Ich kann die Worte nicht meſſen und wägen, wie Sie! Wenn in Ihrem Herzen nichts für 124 Durch Nacht zum Licht. mich ſpricht, wenn Sie nicht mit dem Herzen hören wollen, dann“— Thränen erſtickten ihre Stimme. „Was iſt das,“ ſagte Oldenburg, ſich mit beiden Händen an den Kopf greifend.„Träume ich denn? Iſt dies mein Kopf? dies meine Hand? Bin ich Oldenburg? Sind Sie Melitta? Sie, die Sie weinen, weil ich, Adalbert Oldenburg, Sie nicht verſtehe? oder nicht verſtehen will?“ „Sie ſollen mich verſtehen,“ ſagte Melitta, ihre Thränen trock⸗ nend, mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Heftigkeit.„Sie haben mich im Leben ſo oft ſchwach und haltlos geſehen, daß Sie mir die Kraft zu einer Entſchließung gar nicht mehr zutrauen. Und doch habe ich dieſe Kraft; und wenn ich ſie habe, verdanke ich ſie Ihnen, Adalbert. Sie haben in der Krankheit meines Kindes zu mir ge⸗ ſprochen und ich habe mein Herz gegen Ihre Stimme nicht verſchloſſen. Ich habe ſie deutlich gehört in den langen bangen Stunden der Nächte, die ich an dem Lager meines Kindes wachend und weinend verbrachte. Da habe ich mein Kind mit ſtillen heißen Thränen um Verzeihung gebeten, wenn ich jemals vergeſſen konnte, daß ich Mutter war; da habe ich mir gelobt, daß ich es nun und nimmer wieder vergeſſen wolle, da habe ich“— Sie ſtockte, brennende Scham übergoß ihre Wangen mit Purpur⸗ gluth; aber ſie raffte ſich gewaltſam empor— „Da habe ich eine Leidenſchaft abgeſchworen, die mich vor mir ſelbſt, vor meinem Kinde— und Adalbert, vor Ihnen erniedrigt.“ „Halte ein, Melitta! halte ein!“ rief Oldenburg aufſpringend. „Du biſt außer Dir! Du biſt nicht allein mit Dir! Du biſt in der Gegenwart eines Dritten, eines Mannes, der Dich liebt, Melitta! Er will nicht hören, was Du nur Dir ſelbſt vertrauen darfſt?“ „Laß mich ausreden, Adalbert! Ich vertraue Deiner Güte, wie ich Deiner Kraft vertraue. Ich habe Dir noch nicht Alles geſagt, was ich mir zugeſchworen an meines Kindes Krankenlager. Ich habe da oft an Dein Kind gedacht und daß Du durch ein entſetzliches Schickſal um Deines Kindes Liebe betrogen biſt, wie um das Herz des Weibes, das Du liebſt. Und da habe ich mir gelobt, daß, wenn Erſter Band. 125 ich Dich auch nicht beglücken kann, wie Du es verdienſt; wenn auch zu viel, zu viel geſchehen iſt, was Dich und mich auf immer trennt — ich doch Dir Dein Loos will tragen helfen, ſo weit ich kann; ich Dich wieder mit dem Leben verſöhnen und ſelber für Dich leben will, ſo weit ich es vermag!“ Melitta hatte ſich während der letzten Worte von dem Sopha erhoben. Sie ſtand da mit hochgerötheten Wangen und leuchtenden Angen. Oldenburg hatte ihr zugehört mit athemloſer Spannung, in einer Erregung, die mit jedem ihrer Worte mächtiger wurde. Seine Augen blitzten, ſeine Bruſt wogte, er preßte die Hände gegen ſein Herz, das ihm ſchier zerſpringen wollte vor ſeliger Luſt. Als Melitta's letztes Wort verklungen war, trat er auf ſie zu, kniete vor ihr nieder und ſagte mit einer Stimme, tief und ſtark, wie der Klang eines ehernen Schildes: „Und nun höre meinen Schwur, Melitta! So wahr ich Dich geliebt babe, ſeit ich denken kann, ſo wahr mir in der Nacht meines Lebens nur ein Stern geſtrahlt hat; ſo wahr ich in der Wüſte des Lebens nur deshalb ziel⸗ und zweck⸗ und ruhelos umhergeirrt bin, weil ich verzweifelte, daß dieſer Stern mir jemals freundlich leuchten könne— ſo wahr will ich von dieſem Augenblicke an mit aller Kraft, die mir gegeben iſt, nach dem Höchſten ringen; abthun alle kleinliche Schwäche und Verzagtheit, und die Zeit wieder einbringen, die ich in Thatloſigkeit vergendet habe. Und, ſo wahr mein Herz jetzt von einer Seligkeit erſüllt iſt, die keine Worte ausſprechen können, ſo wahr will ich nicht ruhen und nicht raſten, bis Du mich liebſt, wie ich Dich liebe, bis Du die Meine biſt— hörſt Du Melitta, mein Weib!“ Er war aufgeſprungen. „Und nun, Melitta“— rief er— und ſeine Worte waren wie Jubelgeſang,„lebe wohl! es duldet mich nicht mehr unter dieſem Dach; die ganze weite Welt iſt zu eng für mich geworden. Leb wohl! leb wohl! bis wir uns wiederſehen!“ Er ſchloß Melitta ſtürmiſch in ſeine Arme und küßte ſie auf die Stirn Dann eilte er zum Zimmer hinaus 126 Durch Nacht zum Licht. Melitta war wie verſteinert mitten in dem Gemache ſtehen ge⸗ blieben. Sie hatte weder die Kraft gehabt, Oldenburg zurückzuhalten, noch ſein Lebewohl zu erwidern. Sie legte die Hände gegen ihre pochenden Schläfen. „Was habe ich gethan? was habe ich geſagt?“ fragte ſie ſich. Und die Stimme in ihrem Herzen antwortete: Nichts, deſſen Du Dich vor Dir ſelbſt, vor Deinem Kinde zu ſchämen brauchteſt. Sie eilte in das anſtoßende Gemach. Sie lehnte ſich über den ſchlafenden Knaben; ſie küßte ihn unter heißen Thränen. Da hörte ſie das Rollen eines Wagens, der ſchnell von der Thür des Hotels abfuhr. „Er iſt es!“ murmelte ſie aufhorchend, und dann, ihr Geſicht in die Kiſſen drückend:„Leb wohl, leb wohl! bis wir uns wieder⸗ ſehen!“ Jehntes Capitel. Während in dem Salon des Curhauſes zwiſchen Melitta und Oldenburg dieſe Unterredung ſtattfand, in welcher, wie von einem Zauberſchlage, die Schranken fielen, die zwei gute Herzen für immer trennen zu wollen ſchienen, hatte in dem Zimmer rechts—„das von einem Reiſenden, der jedenfalls nur bis morgen bleibt,“ bewohnt war— dieſer ſelbe Reiſende an einem Tiſche, nahe an der Thür, welche die beiden Räume trennte, dageſeſſen— den fiebernden Kopf in die Hände geſtützt, das zuckende Herz von unſäglichen Qualen zerriſſen... Oswald hatte, nachdem er Berger an der Pforte des Irrenhauſes verlaſſen, durch den Abſchied von Berger und durch die letzten grau⸗ ſigen Worte des unglücklichen Mannes tief erſchüttert, in trübes Sinnen verloren, den Weg von der Heilanſtalt an dem Fluß entlang, faſt wie ein Nachtwandler zurückgelegt. Erſter Band. 127 Was er ſeit ſeiner Ankunft geſtern Abend in Fichtenau gehört, geſehen, erfahren— all die Eindrücke, die auf ihn losgeſtürmt, all die Gedanken, die in ihm angeregt, all die Leidenſchaften, die in ihm entfeſſelt waren, wirbelten in ſeinem Hirn und Herzen chaotiſch durch⸗ einander. Er hatte ein dunkles Gefühl davon, daß dieſer Zuſtand zuletzt zum Wahnſinn führen müſſe, ja daß derſelbe ſchon eine Art Wahnſinn ſei. Sollte er nicht umkehren und an die Pforte pochen, die ſich ſo eben hinter Berger geſchloſſen? war dieſes Haus mit ſeinen hohen Gefängnißmauern nicht das beſte Aſyl für Herzen, die der Welt ſo müde waren, wie das ſeine?... Oder beſſer noch: ſollte er ſich nicht über das niedrige Geländer hinab in den Fluß ſtürzen, der unter ihm, tief und ſtill, geräuſchlos wie eine Schlange, zwiſchen den hohen, ſteilen Ufern dahinſchoß? konnte er ſo nicht ſicher ſein, die heiße Stirn für immer zu kühlen, die hämmernden Pulſe in den Schläfen auf ewig zum Schweigen zu bringen? Durfte er hoffen, aus einem Labyrinth, in welchem ein ſo hoher edler Geiſt, wie der Bergers rettungslos verwirrt war, den Ausgang zum roſigen Licht zu finden? war ihm nicht Berger an Kraft des Geiſtes wie an Adel der Seele überlegen— und doch und doch?„Daß ich die Tiefe dieſes Elends ganz ermeſſe, daß ich das Unglaubliche mit Händen greife!“ hatte der Unglaubliche ausgerufen, als er ſich dem Seiltänzer in die Arme ſtürzte. Das alſo war der Weisheit letzter Schluß! Der hochſinnige Idealiſt ſah ſich von dem rohen Sklaven der Sinn⸗ lichkeit an Lebensmuth und Lebensfreudigkeit übertroffen! Der Schü⸗ ler Plato's erkannte ſeinen Meiſter in einem trunkenen Clown! Der Mann, der, dem Jüngling von Sais gleich, ſein Leben lang Wahrheit und nur Wahrheit gewollt hatte, fraterniſirte mit einem plumpen Lügner, einem Charlatan, der aller Wahrheit ein Schnipp⸗ chen ſchlug, und von der Leichtglöubigkeit der Leute vergnügt und luſtig lebte, wie eine Schwalbe von Mücken. Wie der alte Lear in der Sturmnacht auf der Haide den Königsmantel von den Schultern reißt, um nichts voraus zu haben vor dem armen Toms,„dem zwei⸗ zinkigen Thier,“ deſſen„Bauch nach zwei rothen Heringen ſchreit,“ ſo hatte Berger den Philoſophenmantel abgethan, der ihn lange nicht 128 Durch Nacht zum Licht. ſo warm hielt, als den Seiltänzer ſeine nackte Rohheit. An dieſem Manne hatte Berger erkannt, daß nur da eine Ahnung von Glück iſt, wo alle Anwartſchaft auf Reichthum, Glanz und Ehre aufge⸗ geben wird und man in der Verachtung der Andern weder eine Strafe noch eine Schande ſieht. Was Anderes hatten denn die Men⸗ ſchen früherer Jahrhunderte im Sinn, die ſich von Heuſchrecken nähr⸗ ten und ihren Leib der Gluth der Sonne und der Kälte des Regens ausſetzten? indiſche Büßer? chriſtliche Anachoreten? Flagellanten, Säulenheilige und Asceten aller Art? Iſt die Asceſe nicht die Con⸗ ſequenz des Ringens nach Heiligkeit? und Welt⸗ und Menſchen⸗ und Selbſtverachtung die Conſequenz der Asceſe? Können wir zum Aller⸗ heiligſten gelangen— zum ſeligen Urſein, zur ſüßen Nirwana— bevor wir unſere Individualität vernichtet haben, ſo weit es im Leben möglich iſt? und iſt dieſe Vernichtung möglich, wenn wir uns immer wieder an das Leben klammern, und was das Leben lebens⸗ werth macht? Iſt es ein Zufall, daß die Heiligen in den Augen der Menge wunderlich, und die Geſellſchaft der Zöllner und Sünder in den Augen der Heiligen die beſte iſt? Ja, ja! Berger und Schmenckel Arm in Arm! ſo war das Räthſel gelöſ't und die Qua⸗ dratur des Cirkels verwirklicht!... Oswald konnte das Bild nicht los werden und an dem entſetz⸗ lichen Eindruck, den es auf ihn gemacht, kam er wieder einigermaßen zur Beſinnung. Sein äſthetiſcher Sinn ſträubte ſich gegen das wider⸗ liche Gewand, in welches ſich die Asceſe kleidet. Zu der Ordens⸗ regel der dreimaligen Verachtung bekannte er ſich von ganzem Herzen, aber die Ordenstracht mißfiel ihm ſehr. Er dachte ſich in einem Auf⸗ zuge, wie er Berger geſehen hatte— eine blaue fadenſcheinige Blouſe, ein grober Filz, ein Dornenſtock— und es überkam ihn ein Schau⸗ der; er dachte, was wohl Doctor Braun, der ſtets in ſeinem Anzuge eine peinliche Accurateſſe bevbachtete, und deſſen Fundamentalſatz es war: daß man ſich vor allem geiſtigen und leiblichen Schmutz ſorg⸗ ſam hüten müſſe, wenn man pſychiſch und phyſiſch geſund bleiben wolle, geſagt haben würde, wenn er ihn in Bergers Geſellſchaft ge⸗ ſehen hätte. Die Welt verachten! weshalb nicht? Sich ſelbſt ver⸗ achten? ich habe es ſchon oft und leider meiſtens mit nur zu viel Erſter Band. 129 Grund gethan! aber verachten, daß man verachtet wird! nimmermehr! lieber den Tod, tauſendmal lieber!— Und warum den Tod? warum nicht das Leben? iſt denn das Leben ſelbſt für mich ſo ganz verächtlich? Habe ich nicht in Braun einen Freund gefunden, auf den ich ſtolz ſein kann? ſollte es mir an der Seite dieſes Mannes nicht gelingen, aus all dem Irrſaal herauszufinden? kann nicht, wenn auch nicht Alles, doch noch Vieles, noch Manches gut werden?— wenn ich mich entſchlöſſe, den Hyper⸗ idealismus, der mich auszuhöhlen droht, Knall und Fall fahren zu laſſen? wenn ich noch in der zwölften Stunde umkehrte auf einem Wege, deſſen Endpunkt Doctor Birkenhains Heilanſtalt? wenn ich heute Nacht noch dieſes Fichtenau verließe, wo die Luft, wie Braun geahnt hat, für mich mit Unglück angefüllt iſt?“... Oswald ſtand vor dem Curhauſe. Eine Chaiſe, die eben ange⸗ kommen, hielt noch angeſpannt vor der Thür. In dem Speiſeſaal ſah er zwei Herren in eifrigem Geſpräch an dem Ende der langen Tafel ſitzen. Es war ihm, als ob Doctor Birkenhain der Eine ſei. Es verlangte ihm durchaus nicht nach einer Begegnung mit dem Arzte, deſſen Auftrag in Betreff Bergers er ſo kläglich ausgeführt hatte. Er wollte ihm, ehe er abreiſ'te, einige Zeilen ſchreiben, in denen er ſich mit dringenden Geſchäften und Bergers ſpeciellem Wunſch entſchuldigte, wenn er, ohne ſich perſönlich zu empfehlen, ab⸗ gereiſ't ſei. Er ging auf ſein Zimmer und ſchellte. „Geht die Poſt noch heute Nacht? „In einer halben Stunde, mein Herr.“ „Ich will mit der Poſt fort. Beſorgen Sie mir einen Platz und die Rechnung!“ ſagte Oswald, ſchon mit dem Packen ſeiner Sachen beſchäftigt. „Sogleich, mein Herr!“ „Ja, ja! ich will fort, fort von hier,“ murmelte Oswald mit Leidenſchaftlichkeit, ſich in dem Entſchluß der letzten Minute beſtärkend. „Fort von hier, ehe noch mehr Unglück über mich hereinbricht.“ „Die Rechnung, mein Herr!“ ſagte der wiedereintretende Kellner. Fr. Spielhagen's Werke. K. 9 130 Durch Nacht zum Licht. „Danke beſtens, mein Herr. Der Herr brauchen ſich gar nicht ſo ſehr zu beeilen. Sie haben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit; die Poſt iſt drei Schritt von hier. Glaubten, der Herr würde noch die Nacht bleiben. Hätten ſonſt dies Zimmer an eine Dame geben können, die ſo eben angekommen iſt und den Salon nebenan und zwei Zimmer beſtellt hat. Mußten ihr die Zimmer links geben, die freilich für eine ſo ſchöne Dame nicht gut genug ſind.“ Der Kellner ſprach dieſe Worte in einem Flüſtern, das auf eine gewiſſe Undichtigkeit der Thüren in dem„Curhauſe“ ſchließen ließ. „Wer iſt die Dame?“ fragte Oswald, indem er ſeinen Koffer zuſchnallte. „Eine Frau von Berkow; alte Bekannte von uns. Erzählte dem Herrn ſchon heute Morgen davon. Werde ſogleich den Hausknecht ſchicken, daß er den Koffer auf die Poſt trägt. Sonſt nichts zu be⸗ fehlen, mein Herr?“ Der Kellner verließ mit einer kühnen Schwenkung ſeiner Ser⸗ viette das Zimmer. Oswald richtete ſich in die Höhe. Sein Geſicht war todtenbleich. Er mußte ſich an dem Tiſch halten; ſeine Glieder flogen. Hatte er denn recht gehört? Melitta hier? in dieſem Hauſe? in dem nächſten Zimmer? Wie kam ſie hierher? Was wollte ſie hier? wen ſuchte ſie hier? hier an dieſem Orte, an den ſich für ſie ſo wichtige Erinnerungen knüpften? War dies ein Zufall? war es Ab⸗ ſicht? war es möglich, daß ſie ſeinethalben hier war? hatte ſie das Ziel ſeiner Reiſe in Erfahrung gebracht? ſuchte ſie ihn?. hatte ſie den Brief, den er ihr von Grenwitz aus, nach Bruno's Tode und eine Stunde vor dem Duell mit Felix nach Berkow ſchrieb, den Brief, in welchem er ihr mit einer apathiſchen Grauſamkeit, die er für Hervismus hielt, ſagte, daß ſein Herz ihr nicht mehr ganz gehöre, daß er ſie und ſich ſelbſt nicht täuſchen wolle und könne, daß er für immer von ihr— und vielleicht von dem Leben— Abſchied nehme, nicht erhalten? oder hatte ſie ihn erhalten und mit der Ungläubig⸗ keit eines liebenden Herzens geleſen, das die Treuloſigkeit nicht ver⸗ ſteht, weil es ſelbſt nur treue Liebe kennt? War ſie hier, ihm zu ſagen, daß ſie ihm verziehen habe? daß ſie noch immer ſeine Melitta —— Erſter Band. 131 *„ ſei?... Würde ſie, wenn er jetzt zu ihr eilte und ihr zu Füßen ſänke, den Reuigen vom Boden aüfheben, ihm ſagen, daß Alles ver⸗ geſſen und vergeben ſei? daß ſie ihm nie gezürnt habe?.. Er lauſchte, ob ſich nebenan etwas rege. Er hörte nichts, nichts als das Klopfen ſeines ungeſtüm pochenden Herzens. Sie war allein... ſie harrte vielleicht ſeines Kommens... ſollten ſie wirklich wiederkehren die ſeligen Tage von Berkow?.. ſollte wirklich noch Alles, Alles gut werden?... Er lauſchte... er hörte nebenan die Thür gehen. Es wird ein Kellner ſein, der einen Auftrag ausgerichtet hat... Eine tiefe Männerſtimme... die weiche Stimme einer Frau?... Die weiche Stimme war Melitta's Stimme.. aber die andere?.. Er lauſchte... die Stimmen wurden lauter, deutlicher.. Ein convulſiviſches Zucken flog über das Geſicht des Lauſchers; ein heiſeres unheimliches Lachen brach aus ſeiner Kehle... der Mann, der mit Melitta ſo eifrig ſprach,— war Baron Ol⸗ denburg. Das Sopha, auf dem die Redenden ſaßen, ſtand dicht an der Thür, welche die beiden Zimmer verband. Oswald konnte nicht Alles verſtehen, was ſie ſprachen; aber wozu denn auch das? Die Zu⸗ ſammenkunft der Beiden hier in dieſem abgelegenen Städtchen, das ſchon einmal der Ort ihrer verſtohlenen Rendezvvus geweſen war, ſprach beredt genug. So hatte er denn doch recht gehabt! ſo hatten die Beiden ihn von Anfang an genasführt! Er hatte an Melitta nichts gefrevelt, was ſie nicht an ihm geſündigt hatte. Die Rechnung war quitt.. Es klopfte an die Thür. Der Hausknecht erſchien, den Koffer des Herrn auf die Poſt zu bringen. „Es iſt die höchſte Zeit, mein Herr. Der Poſtillon hat ſchon zweimal geblaſen.“ Oswald folgte mechaniſch dem Manne über die Corridore weg, zum Hauſe hinaus, über die dunkle Straße an den Poſtwagen. Eine Minute ſpäter rumpelte der Wagen über das Pflaſter 9* 132 Durch Nacht zum Licht. davon. Der Poſtillon blies ein luſtiges Liedel in die ſtille Nacht hinaus und Oswald ſummte zur Melodie den Text: Sich ſelbſt ver⸗ achten, die Welt verachten, verachten, daß man verachtet wird. Elftes Capitel. Es war in der erſten Frühſtunde eines trüben Herbſttages. In den Bergen um Fichtenau braute der Nebel, ſo dicht, daß, wer auf der Landſtraße, die ſich gleich hinter dem Städtchen, ſteil aufſteigend, in die Wälder verliert, dahinfuhr, kaum die erſten Tannen an dem Rande unterſcheiden mochte. An dem Wegrande, an einer Stelle, wo ſich zwei Straßen kreuz⸗ ten, ſaßen Tenobi und die Czika. In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefährte auf allen Irrzügen, der kleine Eſel mit dem rothen Federbuſch auf dem Kopf und der rothen Schabracke auf dem Rücken, das kurze, halbfaule Gras. Es ſchien ihm nicht ſonderlich zu munden: er ſchüttelte oft unwillig den dicken Kopf, als wollte er ſagen: ich bin genügſam; aber es hat Alles ſeine Grenzen. Auch der Zigeunerin und dem Kinde ſchien das Wetter nicht eben zu behagen. Sie ſaßen da, jedes in ein grobes Tuch gehüllt, ſtumm und regungslos, wie zwei egyptiſche Statuen. Dieſe Haltung, die an dem Weibe erklärlich ſein mochte, hatte etwas Unheimliches pei einem ſo jungen Geſchöpf wie Czika. Und auch Kenobi ſelbſt war nicht mehr das ſtahlkräftige Weib, wie es Oswald an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow geſehen hatte. War es nur der Einfluß des Wetters, oder war es Krankheit und Kummer— aber in ihren Zügen war wenig mehr von der ſtolzen Energie, die ſie früher ſo auszeichnete, zu erblicken. Ihre Stirn war von ſchmalen Falten durchfurcht; ihre Augen waren tiefer in den Kopf geſunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz, wie ſie jetzt, als ihr ſcharfes Ohr das Geränſch eines Wagens ——,— —————— Erſter Band. 133 vernahm, der von Fichtenau heraufkam, den Blick nach jener Gegend richtete. „Sie ſind es nicht;“ murmelte ſie; den Kopf wieder ſinken laſſend. Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverſchloſſene, von zwei Pferden gezogene Reiſechaiſe aus dem Nebel auf. Vorn auf dem Bock neben dem Kutſcher ſaß ein alter Mann mit einem langen eis⸗ grauen Schnurrbart. Er wandte ſich oft halb um, einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Inſaſſen— eine Dame und einen Knaben— ehrerbietig freundlich anzulächeln. So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt, die, eine vor⸗ nehme Dame im Wagen erblickend, eine Gabe zu heiſchen, herantrat. Wie erſtaunt war er deshalb, als er ſah, daß die Dame ihm plötz⸗ lich, mit allen Zeichen äußerſter Beſtürzung, zurief, halten zu laſſen, und noch ehe der Wagen hielt, auf der Landſtraße ſtand. „Iſabel, ſind Sie es! und die Czika! Gott, welches Glück!“ rief Melitta, die Zigeunerin bei beiden Händen ergreifend;„Nun laſſe ich Euch nicht wieder fort! Gott, welches Glück! welches Glück!“ und die junge Frau umarmte mit Thränen in den Augen das Zi⸗ geunerweib. Die aber machte ſich faſt gewaltſam los und trat einen Schritt zurück, die Arme über der Bruſt kreuzend und Melitta mit einem argwöhniſchen, beinahe feindlichen Blick anſehend. „Kennſt Du mich nicht mehr, Iſabel?“ ſagte Melitta;„ich bin es ja! Denkſt Du nicht mehr an die Tage in Berkow vor fünf Jahren? das iſt mein Julius! Und wie groß und ſchön die Czika geworden iſt!“ Melitta eilte auf Czika zu, ſchloß das Kind in ihre Arme und herzte und küßte es. Julius war aus dem Wagen geſprungen, der alte Baumann vom Bock herabgeklettert. Sie ſprachen zu Kenobi, die ihrer nicht achtete, ſondern mit angſtvollen Augen auf Melitta blickte, die jetzt, Czika an der Hand, wieder auf ſie zutrat. „Iſabel!“ ſagte Melitta,„Du mußt, Du mußt mir die Kleine geben. Ich darf, ich kann nicht ohne ſie weiter reiſen.“ „Warum willſt Du uns nicht laſſen, wie wir ſind;“ ſagte die 134 Durch Nacht zum Licht. Zigeunerin.„Du biſt eine Edeldame, Du taugſt für das Haus; die Zigeunerin gehört in den Wald. Du ſtirbſt im Wald; die Zigeunerin ſtirbt im Haus. Ich kann nicht mit Dir gehen.“ „So gieb mir die Czika.“ „Willſt Du mir Deinen Kuaben geben?“ Melitta wußte nicht, was ſie darauf erwidern ſollte. Sie fühlte zu tief, daß die Zigennerin nicht anders handeln könne, daß ſie an der Stelle der Zigeunerin ebenſo handeln würde. Und doch! die Beiden wieder ziehen laſſen in die weite Welt? Oldenburgs Töchter⸗ chen, nach dem er ſich ſo ſehnte, das er noch immer ſuchte, wieder verſchwinden zu ſehen, nachdem ein Zufall, wie er vielleicht nie im Leben wieder eintrat, es ihr in den Weg geführt— ſie konnte den Gedanken nicht ertragen und brach, wie ein Kind, das ſich hülflos und rathlos ſieht, in Thränen aus. Die Zigeunerin ſchien gerührt. Sie nahm Melitta's Hand und küßte ſie. „Du biſt ſehr gut!“ ſagte ſie;„ich weiß es. Ich würde Dir die Czika lieber geben, als jedem Andern.“ Sie ſtand nachdenklich da; plötzlich ergriff ſie Melitta wieder bei der Hand und führte ſie etwas die Seite. „Weißt Du,“ ſprach ſie,„wer der Czika Vater iſt?“ „Ja.“ „Und thuſt Du, was Du thuſt, des Vaters halber, oder des Kindes?“ Melitta's Wangen färbten ſich. „Um Beider willen,“ antwortete ſie nach einigem Zögern. „Wohin gehſt Du jetzt?“ „Zu Hauſe, nach Berkow.“ „Und bleibſt dort?“ „Ja, dieſen Winter wenigſtens.“ „So höre mich. Ich ſchwöre Dir bei dem großen Geiſt, ich will Dir die Czika bringen, ſobald ich fühle, daß ich verſammelt werden ſoll zu meinen Vätern. Das iſt vielleicht ſehr bald. Mehr kann ich nicht, mehr darf ich nicht verſprechen.“ Melitta fühlte, daß ſie ſich mit dieſem Verſprechen begnügen —— ———— Erſter Band. 135 müſſe. Sie kannte den Charakter der braunen Gräfin zu gut, um zu wiſſen, daß, wenn ſie einmal einen Entſchluß gefaßt habe, alle Bitten, alle Vorſtellungen vergehlich ſeien. So ſtieg ſie venn, nach⸗ dem ſie Tenobi und das Kind noch einmal umarmt, traurig in den Wagen, der ſich dann alsbald wieder in Bewegung ſetzte. Das Rollen des Räder und der Hufſchlag der Pferde waren verhallt. Wieder ſaßen die Zigeuner am Rande des Weges. Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf. Man hörte ſchon von weitem das Hot! und Hü! des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten, mit denen die Pferde angeſchirrt waren. Wenige Minuten ſpäter tauchte der Wagen aus dem Nebel auf. Es war ein rieſiger Kaſten— ein ganzes Haus auf vier Rädern, bis unter das Dach und noch hoch über dem Dach mit Kaſten und Kiſten, Pauken und Trompeten, Couliſſen, Stangen und Leitern, Küchen⸗ und Seiltänzergeräthſchaften aller Art vollgepfropft. Die vier Pferde, die dieſe Arche Noä zogen, hatten genug zu thun. Vor dem Wagen her gingen der Egypter Cotterby, der Künſtler mit dem Rieſenfaß, Herr Stolzenberg, und der Komiker, Herr Pierrot. Sämmtliche Herren trugen bunte Shawls um den Hals gewunden, und kurze Pfeifen im Munde. Aus dem offenen Fenſter der Arche ertönte Kindergeſchrei und die keifende Stimme Mamſell Adele's. Hinter dem Wagen gingen in eifrigem Geſpräch, wie es ſchien, Herr Director Schmenckel(ebenfalls mit einem bunten Shawl um den Hals und einer kurzen Pfeife im Munde) und ein Mann in blauer Blouſe mit einem Knotenſtock in der Hand und einem alten Filz auf dem Kopf, deſſen Bekanntſchaft Director Schmenckel vor einigen Abenden unter höchſt eigenthümlichen Verhältniſſen in der Trinkſtube zur„Grünen Mütze“ machte, der ſich ſeitdem öfters in dem genann⸗ ten Gaſthauſe hatte ſehen laſſen, und ſich heute Morgen, als die Seiltänzer kaum aus dem Städtchen heraus waren, ganz unerwartet zu ihnen geſellte. Als der Wagen an den Kreuzweg gekommen war, hielt der Fuhr⸗ mann an, um ſeine dampfenden Pferde ſich verſchnaufen zu laſſen.— Die Zigeunerin mit ihrem Kinde trat heran und wurde von den Seiltänzern freundlich begrüßt. 136 Durch Nacht zum Licht. Herr Director Schmenckel ſchüttelte ihr die Hand und patſchte Czika väterlich auf die braune Wange. „Iſt gut, Lenobi, daß Ihr wieder hier ſeid!“ ſagte er;„es wollte, hol' mich der Kuckuk, ohne Euch gar nicht mehr gehen.— Adies, Profeſſor! Danke für freundliche Begleitung! Du mußt hier um⸗ kehren; find'ſt ſonſt den Weg nicht zurück nach Fichtenau.“ „Ich gehe noch ein Streckchen mit;“ erwiderte der Mann in der Blouſe. „Mir ſoll's recht ſein,“ ſagte Herr Schmenckel,„je weiter, je lieber. So'n altes, braves Haus, wie Du, trifft man nicht alle Tage. Iſt alles in Ordnung? Na, dann los!“ Das Fuhrwerk ſetzte ſich wieder in Bewegung. Nach einigen Augenblicken war Alles— Wagen, Pferde und Menſchen in dem dichten, grauen Nebel verſchwunden.„₰ Zwölftes Capitel. Die Stadt Grünwald ſpielte in Zeiten, welche die Geſchichte längſt in ihr Hauptbuch eingetragen hat, eine bedeutendere Rolle, als jetzt. Sie war ein angeſehenes Glied der alten Hanſe und rivaliſirte mit Hamburg, Lübeck und Bremen an Macht und Reichthum. Ihre Schiffe fuhren auf allen nordiſchen Meeren und auch in den Häfen von Genua und Venedig wehte nicht ſelten die Grünwalder Flagge. Die Bürger waren ein breitſchultriges, hartköpfiges, in Liebe und Haß ſtarkes, und alle Wege tüchtiges Geſchlecht, das nicht ohne Grund auf ſeine Freiheiten und Gerechtſame ſtolz war, und auf die zwiſchen ſumpfigen Teichen und dem Meere geſchützte Lage und auf die hohen Mauern und Wälle ihrer Stadt, noch mehr aber auf die breite Wehr an ihrer Seite und das muthige Herz in der Bruſft felſenfeſt vertraute. Noch im dreißigjährigen Krieg bewährte Grünwald im heißen Kampfe gegen die Kaiſerlichen ſeinen alten Ruhm und die Erinnerung an die glorreichen Thaten der Väter iſt bis auf den heutigen Tag lebendig in den Herzen der jetzigen Bewohner. —m—————— ————— —— Erſter Band. 137 Freilich, es muß jetzt von dem alten Ruhme zehren, denn die neue Zeit hat nichts zur Vermehrung deſſelben gethan. Seitdem die Schifffahrt nicht mehr mit den wenig tief gehenden Fahrzeugen, wie ſie in den langen, vielfach gewundenen Waſſerſtraßen des Sundes, an dem die Stadt liegt, einzig verwandt werden können, auskommt; ſeitdem der Handel ſich andre Wege geſucht und andre Märkte ge⸗ ſchaffen hat, iſt Grünwald langſam aber ſtetig von ſeiner ſtolzen Höhe heruntergeſtiegen und zuletzt auf das Niveau einer ſimplen Provinzialſtadt herabgeſunken, die in der großen Welt der Politik und des Handels nicht weiter zählt. Indeſſen liegt noch immer, trotzdem der Hafen verſandet iſt, die Wälle geſchleift und von der ellendicken Stadtmauer nur noch Trüm⸗ mer vorhanden ſind, auf der alten Hanſeſtadt ein melancholiſcher Hauch ehemaliger Größe, der den ſinnigen Wanderer anmuthet, wie den Gelehrten der Moderduft eines vergilbten Pergaments. So ſehr ſich auch die jetzigen Bewohner bemüht haben, ihrer Stadt ein möglichſt triviales, nüchternes Ausſehen zu geben— ſie haben doch manche poetiſch winklige Gaſſe nicht grade machen können, manches alte Haus mit ſchmakem, hohem, reich verziertem Giebel ſtehen laſſen müſſen. Und über dem Gewirr der Straßen, Gaſſen und Gäßchen mit ihrem halb modernen und halb alterthümlichen Charakter ragen die gewaltigen Thürme herrlicher Kathedralen, die für die jetzigen Verhältniſſe Grünwalds viel zu prächtig ſind, und beſonders in der Nacht, wenn ſie ihren ehrwürdigen Schatten weit hin über die Stadt werfen, die im Mondenſchein zu ihren Füßen ſchläft, oder des Abends, wenn man ſich vom Meere her dem Hafen nähert, und der graue Nebel, der aus dem Waſſer ſteigt, über das Ganze einen ahnungs⸗ vollen Schleier breitet, die Illuſion des Alterthümlichen vollkommen machen. Die Gerechtigkeit erfordert übrigens, auszuſprechen, daß, was von der jetzigen Unbedeutendheit Grünwalds geſagt iſt, nur relativ genommen werden kann— im Verhältniß zu der ehemaligen Herr⸗ lichkeit. Im Uebrigen iſt Grünwald für die Provinz, in der es legt, noch immer eine wichtige Stadt. Wenn ſeine Flagge auch nicht wie ſonſt auf allen Meeren weht, ſo wimmelt es doch zu allen Zeitenin 138 Durch Nacht zum Licht. ſeinem Hafen von kleineren Kauffahrteiſchiffen und Boten, und auf den Werften liegen ſtets mehrere Fahrzeuge auf dem Stapel. Wenn ſeine Mauer auch von den Kaiſerlichen in Trümmer geſchoſſen iſt, und ſeine Wälle von den Franzoſen geſchleift ſind, ſo iſt es doch noch immer eine Feſtung, deren Commandant nicht ruhig ſchlafen würde, bevor nicht von allen Thorwachen der Rapport eingelaufen iſt, daß„nichts Beſonderes vorgefallen.“ Wenn die Stadt auch ihre alten Privilegien verloren und die ſtolze Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit eingebüßt hat, ſo iſt ſie doch wiederum als integrirender Theil eines großen Ganzen um manche Vortheile reicher geworden. Grünwald iſt nicht nur die Garniſonsſtadt für ein Bataillon In⸗ fanterie und ein halbes Regiment Artillerie, ſondern auch der Sitz der Regierung des Bezirks, ſowie eines höchſten Gerichtshofes, und vor Allem iſt Grünwald, wie jeder weiß, eine Univerſität, wenn auch das Licht, das von dieſem Muſenſitz ausſtrahlt, nicht gerade weit in die Lande dringt. Ueberdies iſt Grünwald die Reſidenz des in dieſer Provinz und beſonders in dieſem Theile der Provinz ſo mächtigen, reich begüterten Adels. Wenn die reichen Kornernten auf ihren weiten Feldern ein⸗ geheimſ't ſind, wenn die Blätter von den Bäumen ihres Parks wehen und die Krähen aus den entlaubten Wäldern in die Städte ziehen, dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren, alle die Itz'ens und Witzens drüben von der Inſel und aus der Umgegend in ihren ſchwerfälligen, vierſpännigen Staatscarroſſen zur Stadt ge⸗ fahren und richten ſich mit Kindern, Dienerſchaft, Hauslehrern und Gouvernanten für den Winter ein in den ſtattlichen Häuſern, die ſie überall in der Stadt beſitzen und die ſich den Sommer über durch öde Schweigſamkeit, heruntergelaſſene Fenſtervorhänge und das Gras, das zwiſchen den Steinen der Rampen in idylliſcher Ruhe wuchs, vor den gewöhnlichen Häuſern auszeichneten, die von ordinären, Steuer zahlenden, unprivilegirten, Sommer und Winter arbeitenden Menſchen bewohnt ſind. . ———————— Erſter Band. 139 Dreizehntes Capitel. Es iſt Herbſt. Die Felder ſind kahl; von den Linden auf dem Schloßhofe von Grenwitz wirbeln die braunen Blätter. Dichte Nebel ziehen überall auf dem Meere, an dem hohen, buchenwaldgekrönten Strande der Inſel und an der flachen Küſte des Feſtlandes. Die Thürme von Grünwald ragen aus dem Nebel wie graue Rieſen der Vorzeit und um die grauen Rieſenthürme flattern und ſchreien die Krähen und Dohlen, die aus den unwirthlichen Wäldern in die warme Stadt gezogen ſind. Die Sonne iſt bereits ſeit einer Stunde im Meere untergeſunken. Der letzte blutrothe Streifen iſt von den ſchweren, tief ziehenden Wolken verblichen. In den Straßen der Stadt iſt es ſtill geworden, und der Laternenmann entzündet eine nach der andern die Oellampen, deren ſpärliches Licht nur dazu dient, den Nebel noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu ma hen. Eben hat er vor dem Portale eines großen, maſſiven Hauſes in einer der nach dem Hafen führenden Straßen zwei beſonders ſtattliche und helle Laternen angezündet,— zum erſten Male in dieſem Jahre— ein Beweis, daß die hochadlige Familie, welcher dieſes Haus erb⸗ und eigenthümlich gehört und die den Sommer ſtets und manchmal auch den Winter auf ihren Gütern zu verleben pflegt, erſt ſeit heute ihre Reſidenz in der Stadt be⸗ zogen hat. Doch ſind die nach der Straße blickenden Fenſter des Hötels dunkel. Sie erhellen ſich überhaupt ſelten, nur bei feierlichen Ge⸗ legenheiten, wenn die Familie eine der ſteifen Abendgeſellſchaften giebt, zu der ſelbſtredend nur der Adel und von den Bürgerlichen höchſtens die oberſten Spitzen der Behörden geladen werden. Für gewöhnlich aber bleiben dieſe Prunkgemächer verſchloſſen, wie die hohen Säle und Zimmer auf dem Stammſchloſſe, und die Familie begnügt ſich mit den weniger pomphaften Räumen, die nach dem Hof hinaus liegen, und dem überaus beſcheidenen, anſpruchsloſen 140 Durch Nacht zum Licht. Sinn der Herrin bei weitem mehr zuſagen, beſonders auch deshalb, weil dieſe Räume weniger ſchwer zu heizen und die Forſten des Grenwitzer Majorats nur für die lächerlich geringe Summe von jährlich zehntauſend Thalern verpachtet ſind. In einem dieſer(übrigens noch immer ſtattlichen) Zimmer ſitzt die Baronin Grenwitz auf dem Sopha an einem runden, teppich⸗ bedeckten Tiſche, auf dem zwei Wachskerzen brennen. Sie ſcheint ſeit den letzten ſechs Wochen um eben ſo viel Jahre gealtert. Ihre Stirn iſt eckiger und ſchmaler geworden; das dunkle Haar iſt hier und da ergraut; ihre Augen ſind noch größer und noch um vieles ſtarrer und unheimlicher als ſonſt. Ihr gegenüber in einem großen, weichge⸗ polſterten Lehnſtuhl lungert in einer halb liegenden Stellung ihr Neffe Felir. Der junge Mann trägt den rechten Arm in einer Binde und die krankhafte Bläſſe ſeines verwüſteten Geſichts contraſtirt ſeltſam mit den, wie immer, ſauber geſcheitelten und gelockten Haaren und der, wie immer, überaus ſorgfältigen Tbilette. Zwiſchen den Beiden auf dem Tiſche ſind Briefe und Papiere ausgeſtreut, die alle von derſelben hübſchen leichten Hand geſchrieben ſind. Die Baronin und Felix ſcheinen ſo eben die Lectüre dieſer Schriftſtücke beendet und die Gedanken, welche durch dieſelbe in ihnen erregt ſind, noch nicht ſo weit geſammelt zu haben, um ſie ausſprechen zu können. Sie brüten ſchweigend über dem empfangenen Eindrucke, während der Pendel in der Rococvuhr auf dem Kamine ſein monotones Tictac durch die Stille des Zimmers ertönen läßt. Endlich unterbricht der junge Mann das Schweigen. „Die Sache ſieht noch ernſthafter aus, als wir Beide gedacht haben,“ ſagt er, ſich in ſeinem Lehnſeſſel in die Höhe richtend und das zuletzt geleſene Papier wiederum zur Hand nehmend. „Ich glaube noch immer von all Dem kein Wort,“ erwidert die Baronin. „Das iſt ſtark, ma tante! trotzdem Sie die ganze miſerable Ge⸗ ſchichte ſchwarz auf weiß geleſen.“ „In Timm's Hand! von Timm's Hand! was kann der Bube nicht Alles erfunden und zuſammengeſchrieben haben!“ „Sicher nichts, als was in den Originalen ſteht.“ ————— —.— Erſter Band. 141 „Und weßhalb ſchickt er uns nicht die Originale ſelbſt?“ „Aber, verzeihen Sie, ma tante, dieſe Frage iſt beinahe naiv. Uns die Originale ausliefern, das heißt: die Waffen, die er gegen uns in Händen hat, wäre ein Edelmuth oder ein Leichtſinn, den Sie einem ſo ſchlauen Fuchs, wie meinem guten Freunde Timm, doch unmöglich im Ernſt zumuthen können. Daß er nicht entlarvt, ſondern nur von uns überliſtet oder überrumpelt zu werden fürchtet, beweiſt ſein Anerbieten, die Originale jederzeit in Gegenwart eines unpar⸗ teiiſchen Dritten unſerer genaueſten Prüfung zu unterwerfen. Nein, nein, liebe Tante, geben Sie ſich keinen leeren Hoffnungen hin. Dieſe Briefe und Papiere exiſtiren wirklich, darauf können Sie Gift nehmen.“ „Was?“ „Ich meine, darauf können Sie ſich verlaſſen. Ich meinerſeits bin von der Verwandtſchaft des Monſieur Stein mit der Familie der Grenwitz überzeugt, wie völl meinem eigenen Daſein und haſſe dem⸗ zufolge den Menſchen, wie man einen unbequemen Verwandten zu haſſen pflegt, beſonders wenn derſelbe ein ſo naſeweiſer, eitler, auf⸗ geblaſener, impertinenter, verdammter Schuft iſt, wie dieſer Halunke von einem nichtsnutzigen Federfuchſer.“ Dieſe Fluth von keineswegs ſalonfähigen Wörtern würde unter andern Umſtänden unzweifelhaft dem Ex⸗Lieutenant eine Zurecht⸗ weiſung ſeiner hochmoraliſchen Tante zugezogen haben. In dieſem Augenblick war die Dame indeſſen mit wichtigeren Dingen be⸗ ſchäftigt. „Aber bewieſen iſt ja doch noch gar nichts,“ ſagte ſie mit hals⸗ ſtarriger Heftigkeit;„ſo lange die Identität dieſes Menſchen mit dem Kinde dieſer Marie Monbert nicht durch unumſtößliche Documente feſtgeſtellt iſt. Die Möglichkeit, ja die Wahrſcheinlichkeit der Sache zugegeben, ſo werden wir doch nicht für Möglichkeiten und Wahr⸗ ſcheinlichkeiten Hunderte von Thalern wegwerfen ſollen.“ „Hunderte?“ erwiderte Felir mit einer Art von verächtlichem Lächeln.„Sagen Sie dreiſt Tauſende! So billig läßt uns Timm nicht aus ſeinen ſaubern Krallen.“ „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein,“ ſagte die Baronin, ihre Augen⸗ 142 Durch Nacht zum Licht. brauen junoniſch in die Höhe ziehend.„So weit kann und wird der Menſch ſeine Unverſchämtheit nicht treiben.“ „Nons verrons;“ antwortete der Dandy lakoniſch und ließ ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurückſinken. Eine Pauſe in dem Geſpräch der Mitſchuldigen trat ein, die von Felir dazu benutzt wurde, die Nägel ſeiner Finger einer eingehenden Muſterung zu unterwerfen, und von der Baronin, die auf dem Tiſch zerſtreuten Papiere nach den Nummern(denn ſie waren alle ſorgfältig numerirt) zuſammenzulegen und zu ordnen. „Der Herr bleibt lange,“ ſagte die Baronin. „Er ſpielt den Gleichgiltigen,“ erwiderte Felix.„Ich kenne das von früher her. Wenn er vorgab, müde zu werden und nach Hauſe gehen zu wollen/konnte man ſicher ſein, daß er entſchloſſen war, die Bank zu ſprengen.“ In dieſem Augenblicke meldete ein Diener:„Herr Geometer Timm wünſcht ſeine Aufwartung zu machen.“ „Laſſen Sie ihn eintreten,“ ſagte die Baronin, ſich mit ge⸗ wohnter Würde emporrichtend; aber ihre Stimme war weniger feſt als ſonſt. „Bewahren Sie um Himmelswillen Ihre Ruhe, Tante!“ ſagte Felir in fliegender Eile, während der Diener Timm zu rufen ging. „Sobald der Schuft merkt, daß unſer Puls ſchneller geht, zieht er die Daumſchrauben um eine Windung feſter an.“ „Ich bin vollkommen ruhig,“ erwiderte die Baronin, während die ungewöhnliche Röthe auf ihren Wangen und der ſchnelle Athem gerade das Gegentheil verkündeten. Eine halbe Minute geſpannter Erwartung von Seiten der im Zimmer Befindlichen, und die Thür ging auf, und Herr Albert Timm trat mit leichten Schritten in das Zimmer. Seine Erſcheinung war, abgeſehen von ſeiner Toilette, die ein wenig ſtädtiſcher und ſorgfältiger ſchien, genau dieſelbe, wie Anna⸗ Marie ſie noch vom Sommer her in der Erinnerung hatte: dieſelbe weiße klare Stirn, dieſelben hintenübergekämmten blonden Haare, dieſelben friſchen, rothen Backen, daſſelbe übermüthige Lächeln auf dem hübſchen, glatten Geſicht. Wenn die Baronin ihren Liebling, Erſter Band. 143 trotzdem er ſich ſo gar nicht verändert hatte, jetzt mit ſehr anderen Augen anſah, ſo lag die Schuld offenbar auf ihrer Seite, und Herr Timm konnte dem kalten Empfang ohne Zweifel keinen Einfluß auf die Wärme ſeiner Begrüßung verſtatten. „Guten Abend, gnädige Frau! guten Abend, Baron!“ ſagte Herr Timm mit ſeiner klaren, friſchen Stimme, indem er Anna⸗Marie, die ihm nur mit Widerſtreben dargebotene Rechte küßte und Felir freundſchaftlich die Linke(die apohre Hand lag in der Binde) ſchüt⸗ telte.„Freue mich ausnehmend, Sie ſo wohl und munter ausſehend zu finden, Frau Baronin: und was Sie angeht, Baron— nal ſo kann man wenigſtens ſagen: den Umſtänden angemeſſen. Sie erlau⸗ ben, daß ich Ihrem Beiſpiele folge—“ Und Herr Timm rückte einen von den ſchweren Lehnſtühlen, die um den Tiſch ſtanden, heran, ſetzte ſich hinein und ſchaute die Bei⸗ den mit Augen an, die, ſoweit man es durch die Brillengläſer ſehen konnte, vor Uebermuth oder Schadenfreude glitzerten. „Höchſt comfortable,“ fuhr er fort, die Füße von ſich ſtreckend und mit den flachen Händen auf die Lehnen klopfend.„Und der Herr Baron iſt noch auf Grenwitz geblieben? muß jetzt verteufelt unheimlich ſein in dem großen, alten, feuchten Kaſten.“ „Der Baron hatte noch einige nothwendige Geſchäfte abzuwickeln,“ ſagte die Baronin, um doch etwas zu ſagen. „Geſchäfte!“ rief Herr Timm.„Wie kann ſich nur Jemand, wie der Baron, deſſen Geſchäft doch offenbar darin beſteht, keine Geſchäfte zu haben, um Geſchäfte bekümmern! Unbegreiflich!“ „Sie müſſen das doch ganz gut begreifen können, Timm,“ ſagte Felir mit ſehr merklicher Ironie;„ich wüßte ſonſt nichtweshalb Sie ſich in eine bewußte Angelegenheit gemiſcht hätten.“ „Eine Angelegenheit iſt kein Geſchäft,“ replicirte Timm. „Aber man macht manchmal eins daraus,“ ſagte Felir. „Zum Beiſpiel, wenn man von Juden Geld borgt un ſie hernach, wenn's an das Bezahlen geht, auf Wucher verklagt,“ erwiderte Timm. Dieſe Reminiscenz aus Felir Cadettenleben war ſo wenig nach dem Geſchmack des Ex⸗Lieutenants, daß er ſich ungeduldig in ſeinem Stuhl herumwarf und mit hörbar gereiztem Ton ſagte: 144 Durch Nacht zum Licht. „Ich dächte, wir kämen endlich einmal zur Sache.“ „Mit Vergnügen,“ ſagte Herr Timm, ſeinen Stuhl um einige Zoll näher an den Tiſch rückend, mit einer Miene, die ſeine Worte durchaus nicht Lügen ſtrafte. „Sie haben die Güte gehabt,“ begann Felix, während die Ba⸗ ronin mit gefurchter Stirn und geſenkten Augenlidern düſter in ihren Schvoß ſtarrte,„uns auf unſeren Wunſch Copien von den bewußten Briefen und ſo weiter zu ſenden, die Sie unter den zurückgelaſſenen Acten Ihres verſtorbenen Herrn Vaters gefunden haben wollen—“ „Sie meinen: gefunden haben, Baron.“ „Meinetwegen: gefunden haben. Wir können das zu geben, ohne uns etwas zu vergeben; denn wie Sie nun vermittelſt dieſer Papiere dem fabelhaften Sohne meines Onkels Harald zu ſeinem Rechte ver⸗ helfen wollen— wie Sie in einem Ihrer Briefe ſich auszudrücken die Güte haben,— iſt auf keine Weiſe abzuſehen.“ „Das kommt darauf an, welchen point de vue man überhaupt für die Frage nimmt;“ erwiderte Herr Timm. „Und darf ich bitten, mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten?“ „Warum nicht; ich mache mir ſogar ein ſpecielles Vergnügen daraus. Meiner Meinung nach liegt die Sache etwa ſo: Ich habe hier eine Reihe von Documenten und Papieren, die nicht nur über das Verhältniß des Baron Harald mit Mademviſelle Marie Mont⸗ bert das klarſte Licht verbreiten, ſondern auch in der Hand eines klugen, praktiſchen Mannes(wie es jeder beliebige gute Advocat iſt) einen Faden abgeben würden, um über das Verbleiben beſagter Marie Montbert, reſpective ihres Kindes, das heißt alſo: über das Verbleiben der im Teſtamente des Baron Harald als Erben von Stantow und Bärwalde bezeichneten Perſonen eine ſichere Kunde zu gewinnen.“ „Was nennen Sie ſicher, Herr Timm?“ fragte die Baronin. „Was ſich beweiſen läßt, gnädige Frau. Beweiſen läßt ſich aber, daß die von mir angedeutete Perſon, in welcher ich durch eine glückliche Verkettung höchſt eigenthümlicher, faſt wunderbarer Umſtände den bewußten Erben gefunden zu haben glaube, erſtens: denſelben Namen führt, welchen Monſieur d'Eſtein(ich bitte Sie den Brief Nr. 25 einzuſehen) nach der Entführung der Marie Montbert von 4 —,—— Erſter Band. 145 Grenwitz annehmen zu wollen erklärt; zweitens, daß ein Mann, Namens Stein, in Begleitung einer jungen Perſon, welche für ſeine Frau und eines Kindes, welches für ſeinen Sohn galt, kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in W. einwanderte.“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte Felir. Weil ich ſelbſt in W. geweſen bin und die alte Frau geſprochen habe, in deſſen Haus Herr Stein vom erſten bis zum letzten Tage ſeines Aufenthaltes in jener Stadt gelebt hat.“ „Weiter.“ „Drittens, daß dieſer Herr Stein dieſelbe Perſon iſt, welche Marie Montbert von Grenwitz entführte, d. h. Monſieur d'Eſtein, der, ſich der jungen Dame anzunehmen, einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte.“ „Weßhalb dieſelbe Perſon?“ „Weil der Mann, welcher die Entführung bewerkſtelligte, genau ſo ausſah, wie der Mann, welcher wenige Monate ſpäter in W. einwanderte.“ „Das dürfte denn doch ſchwierig zu beweiſen ſein!“ rief Felir mit ungläubigem Lächeln. „Nicht ſo ſchwierig, als Sie vielleicht glauben. Ich habe(ganz zufällig) den Mann aufgefunden, bei dem ſich Monſieur dEſtein— ſchon damals unter dem Namen Stein— vierzehn Tage lang auf⸗ gehalten hat, um die Gelegenheit in Grenwitz zu erſpähen, und der auch hernach in der Nacht der Entführung das Paar in ſeinem Wagen von Grenwitz bis an die Fähre(über die Sie heute noch gekommen ſind) gebracht hat. Dieſer Mann heißt Clas Wendorf, wohnt in Faſchwitz und iſt Jedermann(auch dem Paſtor Jäger) als ein durch⸗ aus glaubwürdiges Individuum bekannt. Eine Confrontation dieſes Mannes mit der Frau Pahnke in W. würde die Identität des Ent⸗ führers der Marie Montbert(d. h. des Monſieur d'Eſtein) mit dem franzöſiſchen Sprachlehrer Stein in W. bis zur Evidenz klar machen.“ Die Baronin und Felix warfen ſich während dieſer Auseinander⸗ ſetzung Blicke zu, welche die Beftürzung, in die ſie durch die un⸗ widerſtehliche Logik von Herrn Timn.“ Argumenten verſetzt waren, deutlich genug verriethen. Fr. Spielhagen's Werke. X. 10 146 Durch Nacht zum Licht. „Sie haben die vier Wochen gut angewandt;“ ſagte Felix. „Es geht ſo,“ ſagte Herr Timm gemüthlich.„Die Tage ſind jetzt ſchon ein wenig kurz. Ueberdies mußte ich, um mein Verſprechen zu halten, Niemand in die Sache blicken zu laſſen, bevor ich Ihnen vollſtändige Mittheilung gemacht hatte, bei den Erkundigungen, die ich einzog, ſehr vorſichtig zu Werke zu gehen. Wenn wir hernach ohne dieſe Vorſichtsmaßregeln operiren und alle Hilfsmittel, die uns das Geſetz an die Hand giebt, benutzen können, ſo läßt ſich in vier Tagen mehr thun, als jetzt in eben ſo viel Wochen.“ Und Herr Timm rieb ſich vergnügt die Hände. „So denken Sie wirklich daran, dieſe abenteuerliche Geſchichte in's Publicum zu bringen?“ ſagte Anna Marie mit einem Ton, der ironiſch ſein ſollte. „Ich verſtehe Sie nicht, gnädige Frau,“ erwiderte Herr Timm mit einer Miene treuherziger Einfalt, die ihm in einer Poſſe den Applaus der Kenner des Parquets eingetragen haben würde. „Ich meine: beabſichtigen Sie in der That gegen unſern Wunſch und Willen eine Familienangelegenheit, die doch uns allein angeht, die nebenbei ſchon ſeit vielen Jahren begraben und vergeſſen iſt, der Oeffentlichkeit, das heißt dem Geſpött und dem Geklatſch plebejiſcher gemeiner Menſchen preiszugeben?“ Der Applaus der Kenner würde ſich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms ausdrucksvollem Geſicht erneuert haben. „Gegen Ihren Wunſch und Willen... eine Angelegenheit, die Sie allein angeht... ich habe wirklich nicht das Vergnügen, zu wiſſen, wie ich die Worte der Frau Baronin deuten ſoll. Ich kann unmöglich glauben, daß es gegen den Wunſch einer Dame von dem bekannten ſtrengen Rechtlichkeitsgefühl der Baronin von Grenwitz iſt, wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird; wenn der Zufall oder die Vorſehung es ſo fügt, daß dieſer Wille gegen alles Menſchenerwarten nach ſo viel Jahren doch noch zur Ausfüh⸗ rung gelangt; ich kann nicht glauben, daß Sie— aber was rede ich denn? Sie werden mich auslachen, daß ich den Scherz, mit dem Sie meine vielleicht übergroßePienſtfertigkeit ironiſirten, einen Augen⸗ blick für Ernſt genommen habe. Weiß ich doch beſſer, als Andere, — — Erſter Band. 147 daß ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe, wenn ich die aufgefun⸗ denen Documente, das heilige Vermächtniß Dahingeſchiedener, als einen Schatz bewahrte; wenn ich, ſo viel in meinen Kräften lag, gethan habe, den Schatz zu heben. Weiß ich doch, daß Ihr Zögern, Ihre Ungläubigkeit, Ihr Mißtrauen nur aus der edlen Frucht ſtammt, in dem Herzen eines Ihrer Mitmenſchen glänzende Hoffnungen zu erwecken, die vielleicht— denn unmöglich, wenn auch ſehr unwahr⸗ ſcheinlich, iſt ja nicht, daß wir uns irren— der Erfolg nicht realiſirt. Weiß ich doch, daß alle Betheiligten in dieſer Sache nur einer Mei⸗ nung ſind, nur einer Meinung ſein können, daß vor allem Ihr edler Herr Gemahl, dem Sie ohne Zweifel von dem Allem ausführliche Mittheilung gemacht haben, ſich freut, eine alte, glücklicherweiſe noch nicht verjährte Schuld abzutragen.“ Die Situation einer eingefangenen Bärin, welche die immer heißer werdenden Platten ihres Käfigs zwingen, ſich auf die Hinter⸗ füße zu ſtellen und graciös zu tanzen, während ſie am liebſten durch das Gitter brechen und ihre Peiniger zerreißen möchte, gleicht auf's Haar der, in welcher ſich in dieſem Augenblick die Baronin von Grenwitz befand. Die grauſame Ironie, mit welcher Herr Timm an eine Rechtlichkeit und Billigkeit appellirte, die ſie ihr Leben lang zur Schau getragen hatte, und von der ſie eben nur den Schein beſaß, verſengte ſie wie glühendes Eiſen. In ihrem ſtolzen, egoiſtiſchen Herzen kochte es. Wuth und Rache erfüllten ihre Seele. Sie hätte Timm, der mit lächelnder Miene vor ihr ſaß, vergiften, erdolchen, erwürgen mögen. Und ſie konnte nichts: nichts, als ihren ohnmäch⸗ tigen Grimm verſchlucken und mit ſo viel Ruhe, als ſie aufbringen konnte, ſagen: „Sie ſehen die Sache nicht ganz ſo an, wie wir, Herr Geometer; und es iſt auch kein Wunder, daß Sie, der Sie draußen ſtehen, nur die Außenſeite derſelben zu Geſicht bekommen. Ich fühle mich leider heute Abend zu angegriffen, um Ihnen meine Anſicht von der Sache darzulegen. Ich habe meinen Neffen Felix gebeten, dies an meiner Statt zu thun, und bitte Sie deshalb, was er Ihnen mittheilen wird, ſo anzuſehen, als ob ich ſelbſt es Ihnen geſagt hätte. Ich bin über⸗ zeugt, daß Ihnen die Wahl zwiſchen der Freundſchaft der Familie 10* ——,——————— 148 Durch Nacht zum Licht. Grenwitz und der eines namenloſen Abenteurers nicht ſchwer fallen wird. Leben Sie wohl, Herr Geometer.“ „Bedaure unendlich, daß wir nicht länger das Vergnügen haben können, gnädige Frau;“ ſagte Herr Timm, die fortgehende Baronin bis zur Thür des nächſten Zimmers begleitend;„hoffe, daß es nur eine vorübergehende Indispoſition iſt, welche eine längere Ruhe be⸗ ſeitigen wird. Wünſche wohl zu ſchlafen, gnädige Frau!“ Und Herr Timm ſchloß die Thür hinter der Baronin, kam wieder zurück, ſetzte ſich Felir gegenüber in den Lehnſtuhl, ſtemmte die Hände auf die Kniee und ſagte in einem kurzen, trocknen Ton, der ſeltſam mit der glatten Freundlichkeit ſeiner bisherigen Redeweiſe contraſtirte: „Fh bien!“ Es erfolgte nicht ſogleich eine Antwort. Die Beiden betrachteten ein paar Secunden lang Einer den Andern mit ſcharfen, argwöhni⸗ ſchen Blicken, wie zwei Kämpfer, die ſich ihre Blößen gegenſeitig ab⸗ lauern wollen, wie zwei falſche Spieler, von denen Jeder weiß, daß er dem Andern ſehr genau auf die Finger ſehen muß und dabei doch noch immer vor einer Teufelei nicht ſicher iſt. Dazu kam, daß ſie von der Zeit her, wo der Portépéefähnrich Baron von Grenwitz den Portépéefähnrich Albert Timm in der Schlinge ſtecken ließ und ſich ſelbſt ſalvirte(es handelte ſich um eine fatale Wechſelſache) eine alte Rechnung mit einander abzumachen hatten und Felix wußte ſehr wohl, daß Albert zu denen gehörte, die ſich, wenn das Geſetz oder die Macht auf ihrer Seite iſt, von ihren Schuldnern auf Heller und Pfennig bezahlen laſſen. Er mußte deshalb ſeine ganze Gewandtheit aufbieten, um trotz des unbehaglichen Gefühls, das ihn, einem ſo gerüſteten, ſchonungs⸗ loſen Gegner gegenüber, befiel, mit einer gewiſſen gutmüthigen Offen⸗ heit(die ihm ſehr ſeltſam ſtand) zu antworten: „Ich denke, Timm, wir behandeln die ganze Affaire ohne alle Heuchelei und Winkelzüge wie zwei Männer, welche die Welt kennen und wiſſen, was ſie wollen.“ „Wenn Sie ſo genau wiſſen, was Sie wollen, wie ich weiß, was ich will, ſo wird der ganze Handel ſehr einfach ſein;“ antwortete Albert trocken. ————————— Erſter Band. 149 „Nun ſagen Sie aufrichtig, was wollen Sie denn?“ „Ich bin der Verkäufer, Sie der Käufer; es kommt Ihnen alſo zuerſt zu, deutlich auszuſprechen, was Sie von mir wollen.“ „Wir wollen die Originals jener Copien dort auf dem Tiſch und Ihr Ehrenwort, daß Sie niemals gegen Irgendwen, ſei es, wer es ſei, durch Schrift oder Rede oder auf irgend welche Weiſe von der Entdeckung, die Sie gemacht haben, etwas verlauten laſſen.“ „Bon! die Forderung iſt klar.“ „Und Ihre Gegenforderung?“ Albert beugte ſich etwas vorn über und ſagte mit leiſer, aber ſehr deutlicher Stimme— während ſeine Augen feſt auf dem Gegner ruhten: „Zwanzigtauſend Thaler Preußiſch Courant, zahlbar binnen hier und acht Tagen.“ „Sie ſind des Teufels;“ rief Felix, trotz ſeiner Schwäche aus dem Lehnſtuhl auffahrend, und in dem Zimmer umherrennend;„zwan⸗ zigtauſend Thaler, das iſt ja ein ganzes Vermögen!“ Albert zuckte die Achſeln:* „Die Zinſen zweier Jahre von dem Capitale, das in Stantow und Bärwalde ſteckt. Sie müſſen ja am beſten wiſſen, was Ihnen Legat werth iſt.“ „Aber vas iſt ja horribel!“ rief Felix, noch immer im Zimmer umherlaufend,„horribel!“ „Schreien Sie nicht ſo, Grenwitz; oder Ihre Leute hören es in der Küche. Setzen Sie ſich gefälligſt und laſſen Sie uns von der Sache reden, wie zwei Männer, welche die Welt kennen.“ Die unerſchütterliche Kaltblütigkeit und der ſchneidende Hohn, mit welchem Albert dieſe Worte ſprach, wirkten wie eine Douche auf Felix leidenſchaftliche Heftigkeit. Er ſetzte ſich wieder und ſagte in ruhigerem Tone: „Meine Tante wird niemals eine ſo hohe Forderung bewilligen.“ „Das ſollte mir der Frau Baronin und Ihretwegen leid thun, denn, wenn Sie auf meinen Vorſchlag nicht eingehen, ſo— haben Sie ſich für die Folgen nur ſelbſt verantwortlich zu machen.“ „Sie ſprechen, als ob es einzig und allein von Ihnen abhinge, wer die beiden Güter haben ſoll.“ 150 Durch Nacht zum Licht. . * „Und von wem ſonſt ſollte es abhängen?“ erwiderte Albert— und ſeine Lippen ſchienen dünner, ſeine Naſe ſpitzer, ſein Geſicht ſchärfer zu werden, während er ſprach:„ich ſage Ihnen, ich habe das Netz bis auf einige Maſchen, die ich abſichtlich offen ließ, bis ich Ihre Entſcheidung vernommen, ſo dicht und ſtark gewebt, daß ich es Ihnen jeder Zeit über den Kopf zuſammenziehen kann, und Sie ſich eher zu Tode zappeln, als es zerreißen werden. Sie wiſſen, Gren⸗ witz, daß ich mich eines guten Kopfes für dergleichen erfreue, Sie wiſſen auch, daß ich Ihnen gegenüber durchaus keine Veranlaſſung habe, den Großmüthigen zu ſpielen.“ „Mir gegenüber? Ich perſönlich habe nicht das mindeſte In⸗ tereſſe an der Sache.“ „Ich glaube, Sie halten mich für ein Kind, Grenwitz. Wollen Sie Fräulein Helene nicht heirathen und ſind die beiden Güter nicht die Ausſteuer der jungen Dame?“ „Ich Helene heirathen? Wer ſagt das? Es fällt mir nicht im Traum ein.“* „Gut, ſo heirathen Sie ſie nicht; ſo überlaſſen Sie die junge Schönheit einem Menſchen, den Sie vor allen Andern zu haſſen Ur⸗ ſache haben, der ſchon jetzt als Ihr begünſtigter Nebenbuhler* ſagt wenigſtens die vöſe Welt— aufgetreten iſt und der in den Augen Fräulein Helenens gerade dadurch nicht ſchlechter werden wird, wenn er als Vetter und rechtmäßiger Erbe eines bedeutenden Ver⸗ mögens zum zweiten Male kommt.“ Felix war bei dieſen Worten ſeines unerbittlichen Peinigers ab⸗ wechſelnd blaß und roth geworden. Seine durch die Erwähnung des fatalen Handels mit Oswald tief verletzte Eitelkeit krümmte ſich wie ein zertretener Wurm. Er konnte nicht umhin, ſich zu geſtehen, daß Albert in dieſem Augenblicke der bei weitem Stärkere, und daß er, der ſich auf ſeine Klugheit und Gewandtheit ſo viel einbildete, macht⸗ los in der Hand eines im Grunde ſo verachteten Gegners war. „Ziehen Sie mildere Saiten auf, Timm,“ ſagte er faſt kleinlaut. „Ich will es zugeben, mir liegt ungeheuer viel daran, daß die Ge⸗ ſchichte todt geſchwiegen wird, und wenn es auf mich ankäme, ſo würde ich mich vielleicht zur Zahlung der Summe, die Sie fordern, Erſter Band. 151 verſtehen. Aber Sie kennen meine Tante und wiſſen, daß ſie es lieber auf das Aeußerſte ankommen laſſen, als ſich ſo tief in's Fleiſch ſchnei⸗ den wird. Ich ſage Ihnen, Timm: es geht nicht; es geht auf Ehre nicht! Und was wollen Sie auch mit ſo vielem Gelde auf einmal? Sie können es in ein paar Unglücksnächten beim Roulette verlieren und ſind dann ärmer, als Sie vorher waren. Kommen Sie! ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Wir zahlen Ihnen ein Jahr lang monatlich vierhundert Thaler und nach Ablauf des Jahres ſechstauſend Thaler auf einem Brett.“ „Macht zuſammen zehntauſendachthundert,“ antwortete Albert; „reicht nicht; und überdies, welche Sicherheit habe ich, daß die Ter⸗ mine richtig gehalten werden?“ „Die Documente, die in Ihrer Hand verbleiben und die erſt bei Auszahlung der ſechstauſend von Ihnen ausgeliefert werden.“ „Hm!“ ſagte Albert,„es iſt nicht viel; aber unter guten Freun⸗ den darf man die Sache nicht ſo genau nehmen. Ich acceptire.“ „Machen wir es ſchriftlich.“ „Wozu? wenn wir unſer Wort nicht halten wollen, brechen wir es doch, und überdies— ein Document der Art könnte, wenn es in Hände käme, die Ehre der Familie Grenwitz leicht ſtärker npromittiren, als ihnen lieb ſein dürfte, und würde, Alles in Allem— nur eine Waffe mehr in meinen Händen ſein. Sie ſehen, ich bin ganz aufrichtig.“ „Bon!“ ſagte Felix.„Wollen Sie die erſten vierhundert ſofort?“ „Ich dächte, es wäre das Beſte.“ Felix ſtand auf, nahm eins der Lichter und ging an einen Schreibpult, der in der Tiefe des Zimmers ſtand, öffnete einen Schrank, nahm ein paar Packete Banknoten heraus und legte ſie vor Albert auf den Tiſch. „Zählen Sie!“ „Iſt nicht nöthig,“ ſagte Albert, die Packete in die Taſche ſchie⸗ bend.„Ihre Frau Tante verzählt ſich nicht.— So, Grenwitz, die Angelegenheit wäre glücklich geordnet. Und nun laſſen Sie uns eine Flaſche Wein darauf trinken: das viele Sprechen hat mich ganz durſtig gemacht. Erlauben Sie, daß ich die Schelle ziehe.“— 152 Durch Nacht zum Licht. „Bitte.“ Felix befahl dem eintretendem Bedienten, eine Flaſche Rhein⸗ wein und zwei Gläſer zu bringen. Es war Felix nicht unlieb, daß Albert in eine gemüthliche Stimmung gerieth; er hatte ihn noch um etwas zu fragen, worüber ihm Niemand beſſere Auskunft geben konnte. „Sie haben geſehen, Timm,“ ſagte er, während er die Gläſer füllte,„daß ich Ihnen ſo weit entgegengekommen bin, als ich konnte. Eine Liebe iſt der andern werth. Wollen Sie mir einen Gefallen thun?“ „Laſſen Sie hören.“ „So ſagen Sie mir: wie ſtehen Sie mit der kleinen Marguerite?“ „Weshalb intereſſirt Sie das?“ „Weil ich mich für die Kleine intereſſire.“ „Und weshalb glauben Sie, daß es mir ebenſo geht?“ „Weil ich euch Beide in Grenwitz beobachtet habe und ſodann aus— nun, aus verſchiedenen anderen Gründen.“ „Zum Beiſpiel?“ „Ich will aufrichtig ſein. Ich habe aus lieber langer Weile ſchon früher in Grenwitz und noch mehr während meiner Krankheit angefangen, der Kleinen den Hof zu machen, und damit aufgehört, ſie wirklich ganz charmant und höchſt begehrungswürdig zu finden. Die Kleine thut aber ſo ſpröde, daß ſie nothwendig ein ernſtliches Attache⸗ ment haben muß. Ich wüßte Niemand, der mir den Rang abge⸗ laufen haben könnte, als Sie.“ „Sehr ſchmeichelhaft,“ ſagte Albert.„Ich bin in der That mit der jungen Dame ſo gut wie verlobt.“ „Aber Timm, wollen Sie denn mit offenen Augen in's Verder⸗ ben rennen! Sie und eine Frau! und noch dazu eine arme Frau! Wo haben Sie denn Ihre früheren Grundſätze gelaſſen. Aufrichtig, ich hätte Ihnen eine ſolche Thorheit nicht zugetraut.“ „Ich mir auch nicht,“ erwiderte Albert, ſein Glas leerend und wieder füllend. „Lieben Sie das Mädchen?“ „Da fragen Sie mich wirklich mehr als ich ſelber weiß.“ — ũ————— 7 „Hören Sie, Timm, ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Wir ſind heute einmal in einer ſpeculativen Stimmung. Laſſen Sie mir das Mädchen und ich übernehme die dreihundert Thaler, um die Sie die Aermſte angepumpt haben.“ „Wer ſagt das?“ rief Albert auffahrend. „Ihre augenblickliche Heftigkeit, zum Beiſpiel; außerdem aber auch die kleine Louiſe, Helenens Kammerjungfer und nebenbei meines Kammerdieners Schatz, die zufällig ſah, wie Marguerite Ihnen im Grenwitzer Park das Geld gegeben hat.“ „Dummes Zeug!“ ſagte Albert, der ſeinen Aerger über dieſe unbequeme Enthüllung nicht unterdrücken konnte. „Aergern Sie ſich nicht!“ ſagte Felir,„ſondern ſeien Sie froh, daß ſich Jemand findet, der gutmüthig genug iſt, Ihnen die unbe⸗ queme Laſt abzunehmen. Wollen Sie?“ „Wir ſprechen ſchon noch darüber,“ ſagte Albert aufſtehend und ſeinen Hut greifend.„Leben Sie wohl, Grenwitz!“ „Adieu, Timm! ſeien Sie vernünftig und ſehen Sie ſich bald einmal wieder nach Ihrem alten Kameraden um.“ Das würdige Paar ſchüttelte ſich die Hand, Albert entfernte ſich raſch. Sein Geſicht war finſterer, als bei ſeiner Ankunft. Entweder hatte ihm der zweite Theil der Unterſuchung nicht gefallen, oder er hielt es auch nur in ſeinem Intereſſe, den Beleivigten zu ſpielen. Felix, der ihn von früher her ziemlich genau kennen mußte, neigte zu der letzteren Anſicht. Erſter Band. 153 vierzehntes Capitel. Um dieſelbe Zeit, als im Hötel Grenwitz dieſe Verhandlung ſtattfand, wanderte vor einem großen Hauſe in einer der Vorſtädte Grünwalds ein junger Mann mit jener Ungeduld auf und ab, welche das Herz eines rechtſchaffenen Liebhabers zu erfüllen pflegt, wenn er an einem kühlen Herbſtabend in dichtem Nebelgerieſel auf die Dame ſeines Herzens wartet, die er„Schlag ſieben Uhr— aber komm ja pünktlich!“ aus einem Kränzchen abholen ſollte und um halb acht noch immer in lebhafteſter Converſation an dem hellerleuchteten Fenſter hinter der weißen Gardine ſitzen ſieht, oder ſitzen zu ſehen glaubt. Der junge Mann iſt Doctor Braun; das Haus, vor dem er a 1a Leporello patrouillirt, iſt die Penſionsanſtalt des Fräulein Bär, und die junge Dame, auf die er wartet, iſt ſeine Braut Sophie, das einzige Kind des Geheimen Raths und Profeſſors Doctor Robran, eines in Grünwald ſehr gefeierten Arztes und hochgeachteten Univer⸗ ſitätslehrers. „Daß doch die geſcheiteſten Frauen eine ſo äußerſt vage Vor⸗ ſtellung von der Zeit haben;“ murmelte Franz, ſeine Uhr hervor⸗ ziehend und bei dem ſpärlichen Lichte einer glimmenden Cigarre die Zeit ableſend;„es iſt ein pſychologiſches Factum, das ich nächſtens in einer eigenen Monographie behandeln werde.“ Er wirft das Cigarren⸗Ende fort, das ihm den Schnurbart zu verſengen droht und ſchaut zu dem erleuchteten Fenſter empor. „Gott ſei Dank! man bricht auf! dunkle Schatten ſchweben an den Gardinen hin und her! Jetzt nur noch den Mantel umgebun⸗ den, den Hut aufgeſetzt, ein Abſchiedskuß— dann noch eine kurze Converſation von zehn Minuten über den Ort des nächſten Kränz⸗ chens— ſodann noch ein Abſchiedskuß— das Fenſter wird dunkler, in dem Hausflur wird es heller— jetzt noch eine Schlußdebatte auf der letzten Treppenſtufe!— enfin!—“ „Kommſt Du endlich, Kleine?“ ſagte Doctor Braun, die ſchlanke Mädchengeſtalt, welche aus dem Hauſe getreten und leichten Schrittes durch den kleinen Garten, der das Haus von der Straße trennt, geeilt iſt, an der eiſernen Gitterpforte in Empfang nehmend. „Armer Franz, Du haſt doch nicht ſchon gewartet?“ antwortet das Mädchen, ſich zärtlich in den Arm ihres Bräutigams ſchmiegend. „O, nicht doch, kaum der Rede werth, eine halbe Stunde etwa.“ „Ich wußte wirklich nicht, wie ſpät es war. Die Zeit iſt mir ſo ſchnell vergangen, trotzdem das Kränzchen heute nur aus zwei Perſonen beſtand. Rathe: aus welchen?“ „Aus Dir vielleicht?“ 154 Durch Nacht zum Licht. F Erſter Band. 155 „Sehr weiſe! und weiter?“ „Helene Grenwitz?“ „Richtig! Sie läßt Dich ſchönſtens grüßen. Denke Dir, ſie wird nun doch wohl bei der Bärin bleiben, trotzdem ihre Eltern den Winter über in der Stadt wohnen werden, und, ich glaube, heute ſchon angekommen ſind. Das wird einmal wieder etwas zu klatſchen geben. Die arme Helene thut mir von Herzen leid.“ „Weßhalb?“ „Wie Du fragſt! Iſt es nicht ſchon ſchlimm genug, daß die ganze Stadt es merkwürdig findet, daß ein Mädchen von ſechszehn — nein ſechszehn und einem halben Jahr— noch einmal in Penſion geſchickt wird, nachdem ſie kaum vier Wochen zu Hauſe geweſen iſt? Und ſo lange Grenwitzens nicht in der Stadt wohnten, ließ es ſich noch zur Noth erklären, aber jetzt— ich finde es ganz abſcheulich. Die Leute müſſen ja, wer weiß was, von ihr denken und man kann es ihnen ſo gar nicht übel nehmen, wenn ſie Helenen mit dem Duell zwiſchen ihrem Vetter und Deinem liebenswürdigen Freund Stein in Verbindung bringen.“ „Und was ſagt Fräulein Helene?“ „Nichts; Du kennſt ſie ja. Sie ſpricht nie von Familienange⸗ legenheiten; höchſtens, daß ſie einmal ihres alten Vaters erwähnt, den ſie ſehr zu lieben ſcheint. Sie iſt ſtill und ernſt, aber nicht eigentlich traurig.“ „Ich glaube, ſie iſt viel zu ſtolz, als daß ſie wirklich traurig ſein könnte.“ „Wie das?“ „Trauer iſt eine paſſive Stimmung, die Stimmung Jemandes, der einſieht, daß er gegen das Geſchick nicht ankämpfen kann und ſich wohl oder übel zum Dulden bequemt. Es giebt aber Charaktere, die ſich wehren, ſo lange es geht, und wenn es nicht mehr geht, nicht die Waffen in demüthiger Ergebung ſtrecken, ſondern ſie zer⸗ brechen und dem Sieger trotzig vor die Füße werfen.“ Sophie ſchmiegte ſich inniger an den Kliebten und ſagte nach einer Pauſe: Ich gehöre nicht zu dieſen Charakteren, Franz. Ich bin nicht 156 Durch Nacht zum Licht. zu ſtolz, um traurig zu ſein; ich bin in dieſer letzten Zeit oft recht traurig geweſen. Ich war es ſchon, als Du mit Herrn Stein abge⸗ reiſt warſt, trotzdem ich doch damals eigentlich gar keine Urſache dazu hatte. Und nun gar neulich, als Vater krank wurde und ich an ſeinem Bette ſaß und meine größte Angſt nächſt der, Vater könnte ſterben, die war, daß Du meinen Brief nicht erhalten hätteſt, und Dich immer weiter und weiter von mir entfernteſt, während mein Herz vor Sehnſucht nach Dir faſt zerbrach. Du biſt doch, ehe Du mich abholteſt, noch einmal da geweſen?“ „Natürlich. Es geht beſſer. Ich bat ihn, ſich wieder niederzu⸗ legen; aber er beſtand darauf, bis zu unſerer Zurückkunft aufzu⸗ bleiben.“ „Und ich habe ſo viel Zeit vertrödelt! Laß uns ſchneller gehen!“ „Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an; und überdies möchte ich gern definitiv mit Dir über unſere Zu⸗ kunft ſprechen. Wir müſſen endlich einmal aus dieſem Proviſorium heraus, das weder Gott— ich meine der Natur— noch den Men⸗ ſchen angenehm iſt und mit jedem Tage läſtiger wird. Ein unver⸗ heiratheter Mann iſt ein Fiſch; aber ein Bräutigam iſt weder Fiſch noch Fleiſch. Wenn zwei Menſchen durch die Liebe Mann und Weib ſind in ihrem eigenen Herzen und Gewiſſen, ſo ſollen ſie es auch vor den Menſchen ſein, wenn anders die äußeren Bedingungen der Ehe erfüllt werden können. Das iſt aber bei uns der Fall. Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorläufig nicht; das Andere findet ſich. Summa Summarum: Wollen wir unſere Hochzeit auf heute über vier Wochen feſtſetzen?“ „Aber Franz, ich bin noch nicht zur Hälfte mit meiner Ausſteuer fertig!“ „So heirathen wir mit der halben Ausſteuer.“ „Und was wird Vater dazu ſagen; Du weißt, wie unfäglich ſchwer es ihm wird, mich von ſich zu laſſen; und ſoll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm fordern, wo er meiner mehr als je bedarf? Ich habe nicht den Muth, ihen den Vorſchlag zu machen.“ „Aber ich habe ihn; Dein Vater weiß, daß ich nicht weniger aufrichtig, als er ſelbſt, Dein Beſtes will; und er iſt viel zu ver⸗ —— —— Erſter Band. 157 ſtändig, um nicht einzuſehen, daß es ſo bei weitem am Beſten iſt. Komm, mein Mädchen, laſſe den Kopf nicht hangen. Heute über vier Wochen ſind wir Mann und Frau.“ „Ach, Franz, ich wollte, wir wären es erſt. Aber ich fürchte, ich fürchte: Der Himmel meint es nicht ſo gut mit uns!“ „Warum nicht? er meint es gut mit Allen, die den Muth haben, ihr Glück zu wollen. Denn, wie ſagt der Dichter: In unſrer Bruſt ſind unſres Schickſals Sterne.“ Die Eile, zu welcher Franz drängte, hatte in der Krankheit von Sophies Vater einen ſehr triftigen Grund. Franz wußte als Arzt am beſten, daß das Leben des vortrefflichen Mannes nur noch an einem ſchwachen Faden hing. Er hatte ſich von dem Schlaganfall, der ihn vor nun ungefähr vierzehn Tagen betroffen, allerdings ſehr ſchnell erholt; aber mehre böſe Symptome verkündeten, daß ein zweiter und dann, bei der nervöſen, überaus fein organiſirten Natur des Mannes, vielleicht tödtlicher zweiter Anfall möglich, ja ſogar wahr⸗ ſcheinlich ſei. Starb aber der Vater, bevor die Verbindung zwiſchen ſeiner Tochter und Franz zu Stande gekommen war, ſo wäre das arme Mädchen, deſſen Mutter ſchon lange in der Erde ruhte, und das weder Geſchwiſter noch ſonſtige Verwandte hatte, in eine ſehr kritiſche Lage gekommen. Denn, daß unter dieſen Umſtänden das Haus des Mannes, den ſie liebte, ihre einzige Heimath ſei, würde die ſtumpfſinnige Welt nicht haben begreifen können, im Gegentheil, es über alle Begriffe anſtößig gefunden haben, wenn die Tochter ge⸗ heirathet hätte,„bevor die Schuh' verbraucht, womit ſie ihres Vaters Leiche folgte!“ Die ganze Stadt wäre ob ſolchen Verſtoßes wider alle Zucht und Sitte in einen Schrei der Entrüſtung ausgebrochen. Sophie liebte ihren Vater mit einer Liebe, die an Schwärmerei grenzte, ſo wenig auch Schwärmerei irgend welcher Art in ihrer klar verſtändigen, aller Uebertreibung inſtinctiv abholden Natur lag. Und wohl verdiente der Vater eine ſolche Liebe. Der Geheimerath Robran war ein in vieler Beziehung ausge⸗ zeichneter, ſeltener Mann. Er ſtand als Gelehrter ſehr hoch; man nannte ihn unter den erſten Pathologen Deutſchlands. Aber eine wunderbare Verſalität des Geiſtes befähigte ihn neben den ſtrengen Durch Nacht zum Licht. Studien, die ſein Beruf erheiſchte, noch auf den verſchiedenartigſten Gebieten des Wiſſens ausgezeichnete Kenntniſſe zu ſammeln und in mehr als einer Kunſt es bis zur Virtuoſität zu bringen. Er konnte, wenn er am Morgen in dem Krankenhauſe ſtundenlang die Schaar ſeiner Schüler von Bett zu Bett geleitet und ſie in die geheimſten Tiefen der Natur hatte blicken laſſen; wenn er dann wieder ſtunden⸗ lang von Haus zu Haus gewandert, hier Schmerzen gelindert, dort getröſtet und zur Geduld ermahnt hatte, ſich des Abends zu Hauſe im Kreiſe der Freunde, die ſein gaſtfreies Haus zu verſammeln pflegte, in einem lebhaften Geſpräch über Kunſt, Literatur oder Politik, über die verſchiedenartigſten Gegenſtände behaglich ergehen, vielleicht auch das geliebte Violoncell zwiſchen die Knie nehmen und in einem ſchnell improviſirten Quartett ſelbſt ſehr verwöhnte Ohren durch ſein eben ſo correctes, wie ſeelenvolles Spiel ergötzen. Wo Licht iſt, da iſt auch Schatten, und wo Schatten iſt, fehlt es nie an Leuten, welche ſich ein Vergnügen daraus machen, ihn möglichſt dicht und ſchwarz zu ſchildern. So wurden denn auch die Schwächen des ausgezeichneten Mannes von der Schaar ſeiner Neider und Feinde einer ſchonungsloſen Kritik unterworfen. Die einen be⸗ haupteten: er ſei ein Charlaten, der ſein Handwerk ſo ziemlich, das dazu gehörige Klappern aber aus dem Grunde verſtehe; die Andern: ſeine Bonmots ſeien beſſer, als ſeine Recepte, und eine pikante Anekdote ihm lieber als die gründlichſte Krankengeſchichte. Wieder Andere: der Kern ſeines Weſens ſei eine prickelnde Eitelkeit, die ihn antreibe, in allen Künſten zu dilettiren und den Mäcen aller herzu⸗ reiſenden Virtuoſen und verdorbenen Genies zu ſpielen; noch An⸗ dere— praktiſche Menſchen, die ſich in Sachen der Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft kein Urtheil anmaßen wollten, dafür aber verlangten, daß ſich ein Jeder nach ſeiner Decke ſtrecke— ſchüttelten den Kopf, wenn auf die Gaftfreiheit und Liberalität des Geheimraths zu ſprechen kam und meinten: es ſolle ein Jeder zuerſt vor ſeiner eigenen Thür fegen; deim Auskehren, da finde es ſich; und wenn manche Leute an das alte Wort:„Spare in Zeit, ſo haſt Du in der Noth“ dächsn, ſo könnte ihnen das auch nicht ſchaden. Von allen dieſen Vorwürfen traf den geiſtkeichen Gelehrten Erſter Band. 159 keiner— mit Ausnahme des letzten. Ihm war das Geld, was es dem Saladin in Leſſings Nathan iſt:„der Kleinigkeiten kleinſte;“ es ſchien ihm, wie dem Saladin,„höchſt überflüſſig, wenn er's hatte;“ ſo ſehr auch, wenn er's nicht hatte, die Unentbehrlichkeit deſſelben, gerade ihm, dem Freigebigen, Großſinnigen, dem Feinde alles Schacherns und Feilſchens, klar werden mußte. Er hätte, wenn er ein Sparer geweſen wäre, bei ſeinen ſehr bedeutenden Einkünften ein reicher Mann werden müſſen, aber in ſeiner für die Armen und Nothleidenden allzeit offnen Hand wollte der Mammon nicht haften. Er konnte es nicht über's Herz bringen, aus den ſchwieligen Händen eines Arbeiters Geld zu nehmen, und wäre die Summe noch ſo ge⸗ ringfügig geweſen.„Es iſt ſchlimm genug,“ pflegte er zu ſagen,„daß die Natur nicht ſo viel Einſicht hat, nur ſolche Leute krank werden zu laſſen, die Zeit und Geld genug dazu haben; aber für die Armen iſt die Krankheit allein eine ſo harte Strafe, daß es unbillig iſt, ſie noch obenein in die Proceßkoſten zu verurtheilen.“ So begegnete es ihm denn wohl, daß er die goldenen Früchte, die ſein Fleiß und ſeine Geſchicklichkeit in dem Palaſt des reichen Sinbad getragen, fünf Mi⸗ nuten ſpäter in der Hütte des armen Hinbad gründlich wieder ab⸗ ſchüttelte und mit leichterer Börſe nach Hauſe kam, als er ausge⸗ gangen war. Auch ſein Haushalt koſtete viel, trotzdem die ganze Familie nur aus ihm und ſeiner Tochter beſtand. Eine ſo reich angelegte, aus⸗ giebige Natur, wie die ſeine, konnte nicht von ſchmaler Koſt und Dünnbier leben; er liebte nahrhafte, gewürzte Speiſen und alte feurige Weine; vor allem aber liebte er es: die Tafelfreuden mit Andern zu theilen, die an den guten Dingen dieſer Welt, beſonders an einem der beſten Dinge unter den guten: an einem fröhlichen Tiſchgeſpräch ein ſo inniges Wohlgefallen fanden, wie er. Das Alles hätte nun, ohne ein Deſicit in dem Budget des Geheimraths herbeizuführen, gehen mögen, wenn eine kluge, ſorgſame Hausfrau der innern Wirthſchaft vorgeſtanden und das Erworbene, wie Perikles ſagt,„zweckmäßig verthan“ hätte. Aber ſeine Gattin, eine höchſt liebenswürdige, geiſtreiche Frau, ſtarb ſchon in dem zweiten Jahre ihrer Ehe, und ihr Gatte, der ſie über Alles geliebt hatte, 160 Durch Nacht zum Licht. konnte ſich nicht entſchließen, die Stelle in ſeinem Herzen, die der unerbittliche Tod leer gemacht hatte, wieder auszufüllen und ſeinem Töchterchen, auf das er bald alle Liebe concentrirte, eine Stiefmutter zu geben. Erinnerte er ſich doch ſehr wohl des alten Wortes: apud novercam queri! hatte er doch in zu vielen Familien das alte Märchen vom Aſchenbrödel ſich wiederholen ſehen! So ließ er denn ſein Kind in den Händen von Wärterinnen und Erzieherinnen, die er fürſtlich bezahlte, und ſchickte ſie, als ſie herangewachſen war, auf einige Jahre in die Muſterpenſion von Fräulein Bär, im Falle ja noch etwas an ihrer innern oder äußern Bildung vergeſſen ſein ſollte. Unterdeſſen führte er ein halbes Junggeſellenleben, das durch die Betrügereien ſeiner Dienſtboten und durch die Unverſtändigkeit einer Haushälterin, auf die er ſich vollkommen verließ, ein ſehr koſtbares wurde und vertröſtete ſich jedesmal, ſo oft er mit Madame Bartſch eine unerquickliche Abhandlung über Soll und Haben gehabt hatte, auf die Zeit, wo ihm ſeine Tochter dieſe Miſore der Alltäglichkeit, die Beantwortung der Fragen: was werden wir eſſen u. ſ. w., um die ſich ein guter Chriſt gar nicht einmal bekümmern ſoll, abnehmen würde. Die Zeit kam nun wohl, aber viel beſſer wurde es durch Fräu⸗ lein Sophie's Rückkehr in's väterliche Haus auch nicht. Sophie war zu jung, zu unerfahren, als daß ſie den Grund des Uebels hätte erkennen, und dem, ſeit ſo vielen Jahren eingeriſſenen Unweſen energiſch entgegentreten können. Zwar wurde Madame Bartſch, die ſich durchaus in das neue Verhältniß nicht finden konnte, entlaſſen; aber, wie der Medicinalrath lachend ſagte:„Die Böſe ſind wir los, die Böſen ſind geblieben.“ Die Dienſtboten ſtahlen nach wie vor, und der Geheimrath erfuhr noch immer nicht,„wo zum Kukuk das verdammte Geld nur eigentlich bliebe? und wenn, wie das unter dieſen Verhältniſſen kaum anders ſein konnte, ſeine Rechnungsabſchlüſſe von Jahr zu Jahr weniger ſtimmen wollten, ſagte er nicht:„ich muß in Zukunft ſparſamer ſein;“ ſondern:„ich muß noch mehr arbeiten.“ Stand er doch in der Fülle ſeiner Kraft; hatte er doch vorausſicht⸗ lich noch Jahre energiſcher Thätigkeit vor ſich, in denen wieder ein⸗ gebracht werden konnte, was bis dahin verſäumt war! ⸗ Erſter Band. 161 Aber es ſollte anders kommen und der köſtliche, fruchtſpendende Baum, in deſſen breitem gaſtlichen Schatten ſo viele, von der Sonnen⸗ gluth des Lebens Gepeinigte Schutz und Erquickung ſuchten und fanden, von einem Blitzſtrahl, der aus heiterm Himmel jäh herab⸗ zuckte, unrettbar zerſtört werden. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich eines Morgens die Kunde durch die Stadt: der Geheimrath Robran ſei über Nacht vom Schlage getroffen und liege hoffnungslos da⸗ nieder. Einer erzählte es dem Andern mit nachdenklichem Geſicht und meinte: es ſei ein unerſetzlicher Verluſt für die Wiſſenſchaft, zumal für die Univerſität, die, ſeit Berger wahnſinnig geworden, an Robran den einzigen bedeutenden Vertreter gehabt habe. Aber, für wen der Verluſt wirklich unerſetzlich war, das waren die Armen, denen in dem Geheimrath ihr großmüthiger Freund und Beſchützer geraubt wurde. Man konnte an dieſem und an den folgenden Tagen alte Frauen, die ſich an dem Krückſtock mühſam weiter ſchleppten; Greiſe, die ſich von einem Buben führen laſſen mußten; junge, bleiche Weiber mit einem Kinde an der Bruſt auf den Treppenſtufen des Hauſes weinend ſitzen ſehen, die jeden Heraustretenden mit angſt⸗ vollen Mienen fragten: ob es mit dem guten Herrn Rath noch immer nicht beſſer gehe; ob denn gar keine Hoffnung ſei, daß der gute Herr Rath wieder geſund werde? Unterdeſſen lag der Kranke in jenem entſetzlichen Zuſtande, der nicht Tag und nicht Nacht iſt, ſondern ein ſchauerliches Zwielicht zwiſchen der Sonne, die untergeht, und dem Dunkel, das von der andern Seite heraufdroht. Lange blieb es unentſchieden, ob Leben oder Tod der Ausgang ſein würde, und als ſich endlich der grau⸗ ſame Kampf zu Gunſten des Lebens entſchied, da wich der Tod nicht, ohne ſein Opfer kenntlich genug gezeichnet zu haben. Ja, man konnte ſagen: er hatte das Weſen ſchon mitgenommen, und was er gelaſſen hatte, war nur ein Schatten des Weſens. Heute zum erſten Male war der Geheimrath auf ein paar Stun⸗ den wieder aufgeſtanden und hatte ſich in einem Lehnſtuhle aus ſeinem Schlafzimmer vor den Kamin des Wohnzimmers rollen laſſen. Er hatte darauf beſtanden, daß ſeine Tochter, die ſeit dem Beginn ſeiner Krankheit ſein Lager kaum verlaſſen hatte, in ihr Kränzchen ging; er Fr. Spielhagen's Werke. K. 11 162 Durch Nacht zum Licht. hatte ſeinen Schwiegerſohn, der interimiſtiſch ſeine Praxis übernommen hatte und der gegen Abend ihn zu beſuchen kam, nach wenigen Mi⸗ nuten wieder weggeſchickt: er wollte allein ſein; er wollte die erſte Stunde, wo er den fürchterlichen Druck auf ſeinem Gehirn geringer fühlte, zum Nachdenken über ſeine Situation benutzen. Er würde eine ſo ſchädliche Aufregung freilich als Arzt einem Patienten ſtreng verboten haben; aber jetzt war er ja Arzt und Kranker zugleich und konnte an ſich ſelbſt erfahren, daß der Arzt gar Manches fordern kann, was der Kranke beim beſten Willen zu leiſten nicht im Stande iſt. Armer, unglücklicher Mann— doppelt und dreifach arm und unglücklich, weil du vorher in der Fülle deiner geiſtigen und phy⸗ ſiſchen Kraft, in der Elaſticität deines ſanguiniſchen Temperaments, ja ſelbſt in deinem leichten Sinne, der dich wie ein Vogel über berg⸗ hohe Hinderniſſe wegtrug, doppelt und dreifach reich und glücklich geweſen biſt! Wo iſt jetzt deine raſtloſe Beweglichkeit, die es dir früher zur Unmöglichkeit machte, an einem und demſelben Orte lange Zeit ſtill zu ſitzen, die dich ſelbſt an der Mittags⸗ und Abendtafel unter deinen Gäſten oft den Platz wechſeln ließ! Wo iſt dein ſcharfer, durchdringender Verſtand, der die ſchwierigſten Probleme ſpielend löſ'te? wo deine glänzende Phantaſie, die ſelbſt das Alltägliche und Gewöhnliche mit ihrem zauberiſchen Licht verklärte? wo, vor allem, deine olympiſche Heiterkeit, in der es dir ſo leicht wurde, nicht zu zürnen und zu eifern, die dich höchſtens mit humoriſtiſchem Lächeln und ſathriſchen Witzen gegen das Elend und den Jammer der Exiſtenz, gegen die Dummheit und Gemeinheit der Menſchen kämpfen ließ? Wo ſind die tauſend Argumente, mit denen du oft den Peſſimismus deines Freundes Berger in die Enge triebſt? ihm zu beweiſen ſuchteſt, daß die Erde mit nichten ein Jammerthal ſei vom Aufgang bis zum Niedergang, ſondern eine breite, weite Landſchaft, wo Berg und Thal, öde, wüſte Strecken und elyſäiſche Gefilde gar zweckmäßig mit ein⸗ ander abwechſelten, und daß es in den bei weitem meiſten Fällen ſehr wohl möglich und auf jeden Fall durchaus erlaubt und ver⸗ nünftig ſei, jene zu vermeiden und ſich in dieſen behaglich zu ergehen? Biſt du nun mit einem Male anderer Anſicht geworden? Biſt du in dem Disput plötzlich durch einen plumpen Keulenſtreich des Schick⸗ „ Erſter Band. 163½ ſals ad absurdum geführt? Hat dich der Druck, der auf deinem Gehirne laſtet und die Schnellkraft deines Geiſtes paralyſirt, auf einmal aus einem Optimiſten zu einem Peſſimiſten gemacht, daß du die Welt ſo ſchwarz und deine Lage ſo verzweifelt ſiehſt, während du jetzt, in deinem Lehnſtuhle zuſammengekauert, in dumpfem Hinbrüten auf die verglimmenden Kohlen in dem Kamine ſtarrſt und mechaniſch die Schläge deines Pulſes zählſt?.. Und wohl mochte es dem Geheimrath ſchwer werden, die graue Schattengeſtalt der Sorge, die ſich, je dunkler es im Zimmer wurde, immer dichter und dichter an ihn herandrängte, zu verſcheuchen. Wie ſchlimm es in phyſiſcher Hinſicht um ihn ſtand, konnte ihm, der, wer weiß wie viel, ähnliche Fälle beobachtet und wieder beobachtet hatte, am wenigſten verborgen ſein. Er wußte nur zu wohl, daß er von nun an geiſtig und körperlich ein Krüppel ſein und bleiben werde, daß er nur noch das Gnadenbrot des Lebens eſſe, daß der Tod jeden Augenblick die verfallene Schuld eincaſſiren könne. Und doch war dies, ſo ſehr er auch am Leben hing, ſein geringſter Kummer. Der Arzt ſträubte ſich nicht gegen das allgewaltige Geſchick, dem er mit aller Kunſt noch Keinen hatte entreißen können; der Schüler Epicurs wußte, daß Wonne und Schmerzen, Freuden und Leiden in dem Gewebe unſerer Exiſtenz untrennbar vereinigt ſind. Aber, was ihm das Herz unſäglich ſchwer machte, war der Gedanke, daß es ihm nun unmöglich ſein würde, ſeine zerrütteten Vermögensverhältniſſe zu ordnen, daß er als ein Bankerotteur aus dem Leben gehen, vaß er ſeine Gläubiger durch ſeinen Tod um ihr Eigenthum betrügen werde. Hatte er doch immer auf die Zukunft vertröſtet; und nun wollte die Zukunft die auf ſie ausgeſtellten Wechſel nicht acceptiren; nun ſollte dem leichtgläubigen Mann von dem Banquierhauſe, auf deſſen Credit er ſo unbedingt vertraut hatte, der Credit entzogen werden! Der Unglückliche ſeufzte, während er das tiefgebeugte Haupt in den Händen verbarg. Und ſeine Tochter, ſeine geliebte Tochter! Wo war die Hoff⸗ nung geblieben, ſie einſt mit einem Vermögen ausſtatten zu können, das die gemeinen Sorgen des Lebens auf immer von der Verwöhnten, Verzärtelten fern halten ſollte? ihr die Mittel gewähren ſollte, immer⸗ 115 164 Nacht zum Licht. dar eine behagliche Exiſtenz zu führen, wie ſie ſich für die feinbeſaitete Natur des jungen Mädchens einzig zu ziemen ſchien? Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermögen— nein! nicht einmal einen ehrlichen, fleckenloſen Namen hinterlaſſen! Sie hatte keine Ahnung von der mißlichen pecuniären Lage ihres Vaters. Er hatte nie den Muth gehabt, ihr kindliches Gemüth mit Sorgen zu verdüſtern, die er von ſich ſelbſt, ſo lange es ging, fern hielt. Sie nahm mit Sicherheit an, daß ihr Vater, wenn nicht ein reicher, ſo voch ein vermögender Mann ſei, daß ſie ſich den beſcheidenen Lurus, mit dem ſie ſich umgab, unbedenklich geſtatten könne.— Und war ſie die Einzige, die ſich in dieſem Wahne befand? die er aus Scheu vor peinlichen Auseinanderſetzungen in dieſem Wahne gelaſſen hatte? dachten ſeine Freunde nicht ebenſo? vor allem der jüngſte und liebſte ſeiner Freunde, der Mann, welcher das Herz ſeiner Tochter gewonnen hatte und dem er ſelbſt mit herzlicher, freund⸗ ſchaftlich väterlicher Liebe zugethan war? der durch ſein biederes, edles Weſen, durch ſeinen Geiſt und ſeine Güte dieſe Liebe, dieſe Freundſchaft im reichſten Maße verdiente? Was würde er ſagen, was würde er thun, wenn er erführe, was er über kurz oder lang. doch einmal erfahren mußte; ja, was ihm der Vater ſeiner Braut, wenn er nicht allen Anſprüchen auf den Namen eines ehrlichen Mannes entſagen wollte, unter dieſen Umſtänden ohne allen Verzug mitzutheilen gezwungen war? Der Geheimrath drückte ſein Geſicht feſter in die zitternden Hände und ſtöhnte laut, wie ein von grauſamen Qualen Gefolterter. Und plötzlich fühlte er ſich von weichen Armen ſanft umſchlungen und eine Mädchenſtimme rief ängſtlich:„Vater, liebes Väterchen, Du biſt gewiß wieder recht krank!“ und die freundliche, feſte Stimme eines Manhs, der eine ſeiner Hände ergriffen hatte, um nach dem Puls zu fühlen, ſagte:„Sie ſind zu lange aufgeblieben, Papa! Wir müſſen machen, daß wir wiever in's Bett kommen.“ Wie ein erquickender Regen auf eine ſonneverſengte Pflanze, ſo fielen dieſe Stimmen, dieſe Worte lind und labend in das Herz des armen, an Leib und Seele kranken Mannes. Er legte ſeine Erſter Band. 165 Arme um den ſchlanken Leib des Kindes und zog es an ſein Herz in langer, ſtummer Umarmung. Er hätte weinen können, wenn er ſich nicht geſchämt hätte. Sophie fragte wieder und wieder, ob er ſich kränker fühle; Franz, der nach Licht geklingelt hatte, bat immer drin⸗ gender, er möge nicht durch längeres Aufbleiben das mühſam Gewon⸗ nene wieder auf's Spiel ſetzen. Der Geheimrath wollte nicht von Zubettgehen hören; er fühle ſich in dem Lehnſtuhl ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen. Ueberdies habe er mit Franz zu ſprechèn, Sophie möge nur ruhig das Abendbrot beſorgen. Franz, deſſen Scharfblick die Unruhe, die Aufregung des Patienten nicht entgangen war, hielt es für das Beſte, ſeinem Wunſche Folge zu leiſten und winkte ſeiner Braut, ſie allein zu laſſen. Sophie ent⸗ fernte ſich mit einem ängſtlich fragenden Blick auf Franz, den dieſer mit einem ermuthigenden Lächeln beantwortete. Die Thür hatte ſich kaum hinter der ſchlanken Geſtalt des jungen Mädchens geſchloſſen, als der Geheimrath Franz' Hand ergriff und mit einer Stimme, die vergebens nach Feſtigkeit rang, ſagte: „Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, Franz, das ich unter dieſen Umſtänden, wo ich jeden Augenblick auf den Tod gefaßt ſein muß, nicht länger verſchweigen kann, ohne ehrlos zu handeln.“ „Was iſt es, Papa?“ fragte Franz, einen Stuhl dicht an den Platz des Geheimraths rückend und die Hände deſſelben freundſchaftlich in ſeine Hände nehmend. „Das iſt es!“ ſagte der Geheimrath— und nun erzählte er Franz, daß er im Lauf der Jahre, zum Theil in Folge eines Mangels an weiſer Sparſamkeit, zum Theil durch vielfältige Darlehen, die er an Arme, Bedürftige aller Art gemacht und niemals wieder bekommen habe, tief in Schulden gerathen ſei; daß er gehofft habe, ſich durch verdoppelten Fleiß in den nächſten Jahren wieder heraufzuarbeiten, eine Hoffnung, die, wie er jetzt nur zu ſchmerzlich fühle, nicht in Er⸗ füllung gehen werde. Der Geheimrath machte hier eine Pauſe, ſei es, weil er für den Moment zu erſchöpft war; ſei es, weil er von Franz eine Antwort erwartete. Als der junge Mann aber mit niedergeſchlagenen Augen 166 Durch Nacht zum Licht. in ſeinem Schweigen verharrte, fuhr der Kranke nach dieſer Pauſe mit leiſerer und erregterer Stimme fort: „Verzeihen Sie, lieber Franz, daß ich in einem vielleicht ſträf⸗ lichen, aber ſehr erklärlichen Egvismus ſo lange mit dieſer Enthüllung Ihnen gegenüber gezögert habe. Aber es iſt eine ſchreckliche Aufgabe, Menſchen betrüben zu müſſen, die man lieb hat; Menſchen ärmer machen zu müſſen, die man mit allen Gütern dieſer Erde überſchütten möchte.“ Er ſchwieg und verſuchte ſeine Hände aus den Händen des jungen Mannes zu ziehen, gleichſam als habe die Entdeckung, die er ſo eben gemacht, die vertraute Freundſchaft geſtört und aufgehoben. Aber Franz rückte nur näher an den Kranken und ſagte, ihm mit ſeinen klaren, treuen, klugen Augen tief in die Augen ſehend: „Ich habe Sie ruhig ausſprechen laſſen, Papa; nun laſſen Sie mich daſſelbe thun.— Wenn Jemand einem Freunde, den er liebt, einen unermeßlich koſtbaren Schatz ſchenkt, einen Schatz, an dem das Herz des Andern ſo hängt, daß er ohne denſelben nicht mehr leben könnte und möchte, und er ſpräche nun zum Freunde: Lieber, während ich dieſen Schatz hütete, habe ich, wie du dir denken kannſt, auf die Leitung und Regelung meiner übrigen Angelegenheiten nicht die nöthige Sorgfalt verwenden können. Es ſind da einige Gläubiger, die bezahlt ſein wollen und bezahlt werden müſſen. Willſt du nicht dieſe Sachen übernehmen? Du biſt jünger und rüſtiger, und du haſt keinen Widerwillen gegen Geſchäfte— wenn, ſage ich, der Geber alſo zu dem ſo reich Beſchenkten ſpräche, und dieſer wollte antworten: den Schatz, der mich in alle Zukunft ſo unermeßlich reich macht, nehme ich freilich, aber was deine übrigen Angelegenheiten betrifft, ſo ſiehe zu, wie du fertig wirſt; ich will nichts damit zu ſchaffen haben;— würde man ihn, der ſo antwortete, nicht mit Recht für ein Ungehener von Herzloſigkeit, für ein Scheuſal von Undankbarkeit halten? Genau ſo aber liegt die Sache zwiſchen uns. Der großmüthige Geber ſind Sie, der ſo überreich Beſchenkte bin ich, der unermeßlich koſtbare Schatz iſt meine, unſere Sophie. Zwiſchen uns kann nicht mehr von Mein und Dein die Rede ſein; was ich beſitze, gehört Ihnen, der Sie mir in der dreifach ehrwürdigen Geſtalt des Freundes, des Lehrers, ——*— Erſter Band. 167 des Vaters erſcheinen. Was ich aber beſitze, ſind zehn⸗ bis elftauſend Thaler, die ich von einer Tante, die ich nie geſehen habe, erbte, und die Ihnen jeder Zeit zur Verfügung ſtehen. Ich weiß, daß dieſe Summe nicht genügt, Sie von den eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien. Aber eine Erleichterung, eine Hülfe wird ſie Ihnen immer ſein, und ich bitte, ja ich beſchwöre Sie, von dieſer Hülfe den ausgedehn⸗ teſten Gebrauch zu machen.— Nein, Papa, ſchütteln Sie nicht den Kopf! Es hilft Ihnen nichts. Sie ſind Sophie, mir und ſich ſelbſt die Erfüllung meiner Bitte ſchuldig. Und dann: ich will Sie nicht um eine Gefälligkeit bitten, ohne auf eine äquivalente Gegenleiſtung zu dringen. Wir haben den Termin unſerer Hochzeit immer noch nicht feſtgeſetzt. Wir ſcheuten uns, mit der Sprache herauszurücken, weil wir Ihren Widerſpruch, zum mindeſten Ihre mit Widerſtreben gegebene Einwilligung fürchteten. Jetzt bin ich kühn geworden und bitte nicht um Flandern, noch Gedankenfreiheit, König Philipp ſondern um die Erlaubniß, Deine Infantin, Donna Sophia, heute über vier Wochen als mein ehelich Gemahl heimführen zu dürfen. Sieh! da iſt ſie ſelbſt!— Knie nieder, Mädchen, und danke Deinem Herrn und Vater für ſeine Güte. Er willigt in unſere Vermählung heute über vier Wochen.“ Sophie, die bei Franz' letzten Worten in das Zimmer getreten war, eilte auf den Vater zu: „Gutes liebes Väterchen! herzallerliebſtes Väterchen!“ rief ſie, den Geheimrath umarmend und ihn zärtlich auf Stirn und Lippen küſſend. Der Geheimrath war in einer unbeſchreiblichen Erregung. Seine zitternden Lippen verſuchten umſonſt ein Wort hervorzubringen; ſeine thränenüberſtrömten Augen wandten ſich bald auf die vor ihm kniende Tochter, bald auf den edlen Mann, der über ihn gebengt daſtand und ſeinen Arm vertraulich um ſeinen Nacken geſchlungen hatte. Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermochte nicht das Chaos der auf ihn einſtürmenden Gedanken zu bewältigen, aber in ſeinem Herzen ſagte vernehmlich eine Stimme, daß er nun ruhig ſterben könne. Franz, der nicht ohne Grund fürchtete, daß die heftige Gemüths⸗ erſchütterung eine Verſchlimmerung in dem Zuſtande des Kranken 168 Durch Nacht zum Licht. herbeiführen könne, beeilte ſich, dieſer Scene ein Ende zu machen. Er klingelte und hieß den eintretenden Bedienten, ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen. Der Geheimrath ließ Alles ohne Wiverrede mit ſich geſchehen. Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an die Thür des nächſten Gemachs, die ſchon von Sophie geöffnet war, hoben ihn über die Schwelle und ſchloſſen die Thür hinter ſich, während Sophie allein in dem Wohnzimmer zu⸗ rückblieb. Nach einigen Minuten kam Franz zurück. Er war bewegt, wie Sophie ihn kaum je geſehen hatte; aber ſie ſah auch zugleich, daß dieſe Bewegung keine ſchmerzliche war. Seine Augen blitzten, ſein Schritt war elaſtiſch wie eines Siegers Schritt, und ſeine ſonſt etwas ſcharfe Stimme klang weicher und voller, als er jetzt, die Geliebte faſt ſtürmiſch in ſeine Arme ſchließend, ſagte: „Freue Dich, Mädchen, es geht Alles gut, vortrefflich. Ich habe dem Papa ſeine Einwilligung abgeſchmeichelt und abgetrotzt. Sagte ich Dir nicht, in vier Wochen ſind wir Mann und Frau? ſagte ich Dir nicht: in unſerer Bruſt ſind unſers Schickſals Sterne? O, ich fühle einen ganzen Himmel in meiner Bruſt! liebe, liebe Sophie!“ „Lieber, lieber Franz.“ Und die Liebenden hielten ſich umſchlungen in jener Seligkeit, für welche die reichſte Erdenſprache keine Worte hat. Dann, als die Fluth herrlichſter Gefühle ſich zu ruhigeren Wogen ſänftigte, wanderten ſie Arm in Arm in dem Gemache auf und ab, und ihre Stimmen waren leiſe, wie ihre Schritte auf dem Teppich, und was ſie flüſterten war ſüß und traulich, wie das von einem rothen Schleier gedämpfte Licht der Lampe, die auf dem Tiſche vor dem Sopha brannte, und doch ſo heiß und glühend, wie die feurigen Kohlen, die in dem Kamin durch die leichte Aſchendecke glimmten. Es war ein gar anmuthiges Paar, die beiden Liebenden, und der Zeus von Otricoli, deſſen herrliche Maske mit der göttlich er⸗ habenen Stirn unter den ambroſiſchen olympuserſchütternden Locken majeſtätiſch aus einer Niſche in der Wand auf ſie herabblickt, wie ſie jetzt wieder und wieder an ihm vorüberwandeln, mußte ſeine Erſter Band. 169 Freude an ihnen haben, obgleich weder die Erſcheinung des jungen Mannes, noch die des Mädchens auf claſſiſche Schönheit Anſpruch machen konnten. Dazu waren ihre hohe Geſtalten zu modern ſchlank, zu ſehr ohne die üppige Fülle des griechiſchen Ideals; ermangelten ihre ausdrucksvollen Geſichter zu ſehr jener architektoniſchen Regel⸗ mäßigkeit, jener unverwüſtlichen antiken Harmonie, die keinen Kampf kennt, zum mindeſten keinen Kampf, der die Seele in ihrer innerſten Tiefe aufregt. Sophie Robran hat ſtreng genommen Nichts, was auf Schön⸗ heit Anſpruch machen könnte, als einen anmuthig feinen Wuchs, an welchem aber Kenner die zu große Magerkeit der Arme rügen, und ein Paar große, tiefblaue, weiche Augen, von denen Kenner und Nichtkenner mit gleichem Entzücken ſprechen. Ihr Mund iſt ein wenig zu groß und ſie kann von Glück ſagen, daß ihre Zähne, die man in Folge deſſen oft ſieht, wenn auch nicht„zwei Reihen Perlen,“ ſo doch weiß und regelmäßig ſind. Die Wangen ſind rund und voll, die Naſe iſt in keine beſtimmte Kategorie zu bringen. Das Schönſte an ihr möchte nächſt den großen blauen Augen das hellbraune, reiche Haar ſein, das ſehr kunſtlos und doch geſchmackvoll arrangirt in ſanften Wellen die etwas niedrige, aber feſte, höchſt intelligente Stirn umgiebt. Sophie iſt ſo groß, daß Franz, obgleich ſeine Statur über die mittlere Größe iſt, ſie kaum um Kopfeslänge überragt,— ein Beweis, wie Sophie meint, daß ſie einigen Anſpruch darauf habe, zu Jean Pauls„hohen Menſchen“ gerechnet zu werden, obgleich Franz entgegengeſetzter Meinung iſt und behauptet, daß ihr zu dieſer Würde, wenn nicht Alles, ſo doch Einiges fehle, vor allem die Ueber⸗ ſchwänglichkeit im Denken und Empfinden, ohne welche es bei den hohen Menſchen nun einmal nicht gehe und von der bei Sophie kaum eine Spur zu entdecken ſei, es wäre denn am Clavier, wenn der Genius Beethoven's, ihres Lieblingscomponiſten, ihrer Pſyche die ſonſt mangelnden Schwingen leihe. Im Uebrigen will Franz eher eine gewiſſe kühle Nüchternheit der Anſchauungen und des Urtheils an ſeiner Braut diagnoſticirt haben, eine Art von Scheu, aus ſich heraus⸗ zutreten, ein Mißtrauen gegen Alle, die dieſe Scheu nicht beſitzen und unaufgefordert ihre Siegespäans oder ihre Klagelieder anſtimmen, 170 Durch Nacht zum Licht. ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihnen ein Gott gegeben hat, zu ſagen, was ſie leiden, oder nicht. Sophie dagegen hat die Neigung, in qualvollen oder freudereichen Momenten ſehr ſtill zu ſein, weß⸗ halb Franz ſie lieber zu der Jean Paul'ſchen Claſſe:„der Stummen des Himmels“ rechnen möchte, als zu den eigentlich hohen und höchſten Menſchen. Ueberdies habe Sophie noch folgende Eigen⸗ ſchaften und Eigenthümlichkeiten, welche alle mehr oder weniger mit der höchſten Hoheit unvereinbar ſeien. Sie habe eine beſondere Vorliebe für Kanarienvögel, Hunde, Laubfröſche, Kaninchen, Pferde, ja ſelbſt für Eſel, was entſchieden auf einen niederländiſchen Ge⸗ ſchmack für Stillleben und Viehſtücke deute; ſie verrathe eine für die Tochter eines berühmten Gelehrten und die Braut eines möglicher⸗ weiſe ſpäter einmal ebenfalls berühmten Gelehrten höchſt unziemliche Gleichgiltigkeit gegen die Literatur, da ſie trotz ihres vorzüglichen Talentes für die Erlernung fremder Sprachen, ſich du rchaus nicht bewegen laſſe, bei der Lectüre franzöſiſcher und engliſcher Schrift⸗ ſteller das Lexicon in allen nöthigen Fällen zu gebrauchen, und was die Erzeugniſſe ihrer Mutterſprache betreffe, in ihrem Indifferentismus ſogar ſchon einige Male ſo weit gegangen ſei, feſt einzuſchlafen, während ihr Franz die ſchönſten Capitel aus Dichtung und Wahr⸗ heit oder der Italieniſchen Reiſe vorlas. Sodann habe ſie eine ganz entſchiedene Neigung, ihren Hut ſchief aufzuſetzen, und bei Spazier⸗ gängen in den Hecken an der Wegſeite mit ihren Kleidern hängen zu bleiben, was Beides auf ein, mit dem„hohen Menſchenthum“ unver⸗ einbares Traum⸗ und Dämmerleben in der Seele deute. Ja, es grenze ſchon an Hellſeherei, wenn ſie(wie es in der That einmal geſchehen war) ihrem Mädchen, das ſie zum Ball anzog und noch einer Stecknadel bedurfte, als keine mehr vorhanden war, zurufen könne: Hinten im Saal unter dem vierten Stuhl vom Fenſter aus liegt ſeit acht Tagen eine. Das Geſpräch der Liebenden war nach und nach auf dies von Franz mit unendlichen Variationen behandelte Thema der unzähligen S hwächen ſeiner Braut gekommen. Franz beſaß die Gabe, mit An⸗ munth zu ſcherzen und unter der lächelnden Maske eines gutmüthigen Spötters das ernſte Geſicht eines wohlmeinenden Lehrers zu verbergen⸗ Erſter Band. 471 Sophie, die keine Freundin pedantiſcher Auseinanderſetzungen war, wußte ihrem Geliebten Dank für dieſe Art der Belehrung, und Franz befolgte dieſe Methode um ſo lieber, als er dabei noch das Vergnügen hatte, die Gewandtheit und den Witz zu bewundern, mit welchen ſich Sophie gegen ſeine verſteckten oder offenen Angriffe ver⸗ theidigte, und ihre Fehler in Abrede ſtellte oder gar für höchſt liebens⸗ würdige Tugenden ausgab. Sie waren ſo in ihr bald ernſtes, bald heiteres, und von einem gelegentlichen halb unterdrückten Lachen oder verſtohlenen Kuß unter⸗ brochenes Geſpräch vertieft, daß Jemand, der um dieſe Stunde faſt täglich in das Haus des Geheimraths kam, erſt dreimal an die Thür pochen mußte, ehe ſie mit einem uniſonen Herein antworteten. Fünßehntes Capitel. „Guten Abend, hochverehrliches chriſtliches Brautpaar,“ ſagte der darauf in's Zimmer Tretende;„ſtöre ich Sie vielleicht in Ihrer An⸗ dacht?“ „Guten Abend, Bemperchen;“ erwiederte Sophie, ſich aus Franz' Arm losmachend und dem kleinen Mann, der zierlichen Schritts auf ſie zukam, herzlich die dargebotene Hand drückend;„Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mich gegen dieſen Erzſpötter in Schutz zu nehmen.“ „Guten Abend, Bemperlein,“ ſagte Franz;„Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mir dieſe halsſtarrige Sünderin überzeugen zu helfen.“ „Ehe ich das Eine thun und das Andere laſſen kann,“ erwiderte Herr Bemperlein, ſeine Handſchuhe ausziehend und ſie ſorgfältig zu⸗ ſammenlegend,„erlaube ich mir, mich nach dem Befinden des Herrn Geheimraths pflichtſchuldigſt zu erkundigen.“ „Es geht viel beſſer,“ erwiderte Franz. „Ich ſchloß das aus Ihrer heiteren Stimmung,“ ſagte Bem⸗ 172 Durch Nacht zum Licht. perlein.„Nun, das freut mich ſehr. So können wir doch heute Abend endlich einmal zu Abend eſſen, ohne daß uns wie in den letzten vierzehn Tagen jeder Biſſen vor Wehmuth und Trauer im Munde ſtecken bleibt. Ad vocem Abendeſſen: wie ſteht es damit, Fräulein Sophie? ich, der ich nicht, wie Sie, das Glück habe, mit dem Nektar der Liebe meinen Durſt und mit der Ambroſia traulichen Geſchwätzes meinen Hunger ſtillen zu können, empfinde eine nicht mißzudeutende Regung nach irdiſcher Speiſe und Trank.“ „Ich glaube, das Abendeſſen ſteht ſchon ſeit einer halben Stunde auf dem Tiſch,“ ſagte Sophie;„ich hatte es wahrhaftig ganz ver⸗ geſſen.“ „So laſſen Sie uns keine Minute länger zögern;“ ſagte Bemper⸗ lein, Sophie den Arm bietend und ſie den wohlbekannten Weg in das anſtoßende Gemach führend, in welchem ſtets geſpeiſt wurde. Fräulein Sophie und Herr Bemperlein waren große Freunde. Der treffliche Mann hatte zu jeder Zeit ſeines Lebens irgend Jemand gehabt, dem er ſeine Huldigung und ſeine Liebe weihen konnte. Als er nun nach Grünwald übergeſiedelt war, fühlte er ſich in den erſten Tagen grenzenlos verwaiſt und elend. Der Mittheilung bedürftig und kindlich vertrauensvoll, wie er war, hatte er gleich am erſten Abend, als er beim Geheimrath Robran von Berger eingeführt wurde, Fräulein Sophie, deren große blaue Augen ihn wunderbar anmutheten, all ſein Herzeleid geklagt. Sophie hatte dem kleinen, lebhaften Mann, der ihr, als ob es nicht anders ſein könnte, mit homeriſcher Naivetät ſein ganzes volles Herz ausſchüttete, nicht nur mit großer Aufmerkſam⸗ keit zugehört, ſondern ihm auch zuletzt, als er mit den Worten ſchloß: „Das iſt nun auf immer vorbei! auf immer vorbei!“ mit herz⸗ gewinnender Freundlichkeit die Hand gereicht und geſagt:„Kommen Sie recht oft zu uns, Herr Bemperlein! Vater meint es gut mit Ihnen und ich auch. Wir wollen verſuchen, ob wir Ihnen Ihr Berkow nicht wenigſtens einigermaßen erſetzen können.“ Es war eine ſeltſame Freundſchaft zwiſchen den Beiden! Sophie, obgleich ſie um zwölf Jahre jünger war, wie Bemperlein, war der ermahnende, rathgebende, zurechtweiſende Mentor, er der gehorſame, aufmerkſame, gelehrige Telemach. Sie hatte ihm beim Arrangement — Erſter Band. 173 der beſcheidenen Wohnung, die er ein paar Häuſer von dem des Geheimraths gemiethet hatte, geholfen; ſie machte mit ihm, und manchmal auch ohne ihn, die nöthigen Einkäufe. Ja, ihre Sorgfalt erſtreckte ſich noch weiter. Sie ſtutzte ihn auch in ſeiner geſellſchaft⸗ lichen Haltung, die manches zu wünſchen ließ, zurecht. Sie machte ihn darauf aufmerkſam, daß es nicht ſchicklich ſei, Herren, mit denen man ſpreche, fortwährend am Rockknopf feſt zu halten, und Damen bei Tiſch, ſie möchten ſo langweilig ſein, wie ſie wollten, conſequent den Rücken zuzuwenden.„Sie müſſen dies durchaus thun, Bemper⸗ chen! Sie müſſen dies nothwendig laſſen, Bemperchen!“ ſo hof⸗ meiſterte die junge Dame bei jeder Gelegenheit, und der gutmüthige Mann gehorchte auf's Wort und fühlte ſich glücklich und ſtolz, wenn es ein ander Mal hieß:„Bemperchen, das haben Sie gut gemacht. Sie waren heute Abend ganz der Cavalier, Bemperchen!“ Bemperlein ſchwärmte bald für Fräulein Robran faſt noch mehr, als er für Frau von Berkow geſchwärmt hatte. Dieſe blieb doch immer trotz ihrer Güte und Freundlichkeit in ſeinen Augen die vornehme Dame, die Wohlthäterin, die Herrin; und der Eindruck, den ſie auf ihn gemacht hatte, als er, ein armer, ſchüchterner, unbehilflicher Candidat der Theologie, an einem ſchönen Sommernachmittag auf Berkow anlangte und vom alten Baumann zur gnädigen Frau geführt wurde, hatte ſich in den langen ſieben Jahren, die er in ihrem Hauſe zugebracht hatte, nicht wieder verwiſcht. Sophie aber war gar nicht vornehm; ſie neckte ſich ſo luſtig mit Einem; ſie blickte Einem ſo treu⸗ herzig in die Augen; ſie machte ſo gar keine Anſprüche; man konnte mit ihr ſprechen, wie mit ſeinesgleichen; man konnte ſie brüderlich lieb haben, ohne einen Schauer der Ehrfurcht dabei zu empfinden. Und eine ſolche brüderliche Liebe empfand denn nun Bemperlein für das herzige Mädchen. Es würde ihm, ſelbſt wenn ſie nicht ver⸗ lobt geweſen wäre, niemals in den Sinn gekommen ſein, ſich 4j zu verlieben. Aber mit Allem, was ſie betraf, ſympathiſiren, ihren Bräutigam, den er bald darauf kennen lernte, für den liebenswürdig⸗ ſten, trefflichſten Menſchen erklären; ihr jeden Gefallen, den er ihr an den Augen abſehen konnte, thun, und, als der Geheimrath den Schlaganfall bekam, bis zu Franz' Rückkehr mit ihr, und nachdem 174 Durch Nacht zum Licht. Franz zurückgekommen, mit Franz am Bett des Kranken Tag und Nacht mit frauenhafter Geduld und Umſicht wachen und ſorgen; und, als er nun heute Abend hörte, daß es mit dem Patienten beſſer gehe, viel beſſer gehe— ſich wie ein Kind, dem der Vater wieder⸗ gegeben wird, freuen und ſeine Freude hinter allerhand unſchuldigen Schelmereien und Neckereien verſtecken— das konnte der Ex⸗Can⸗ didatus Theologiä und jetzige Studioſus e Fen Sſite genannt Bemperchen „36h fürchte, ie Kartoffeln ſind eiskalt,“ ſagte Sophie, den Deckel von einer Schale abhebend. „So haben Sie genau die Temperatur dieſes Fiſches,“ ſagte Franz, ihr die Schüſſel präſentirend. „Oder dieſer Sauce,“ ſagte Bemperlein, ihr die Sauciere von der andern Seite darreichend. Sophie zuckte die Achſeln: „Nichts wird ſo warm gegeſſen, als es gekocht iſt, meine Herren. Das muß ich als zukünftige Hausfrau wiſſen.“ „Wir heirathen nämlich heut über vier Wochen, Bemperlein,“ ſagte Franz. Das heißt, wenn Ihr Frack, den Sie ſich ſchon, ſeitdem Sie in Grünwald ſind, machen laſſen wollen, bis dahin fertig wird, Bem⸗ verchen; ſonſt unter keiner Bedingung,“ ſagte Sophie. „Der Frack wird fertig! der Frack wird fertig!“ rief Herr Bem⸗ perlein,„und ſollte ich ihn ſelber zurechtſchneiden, nähen und bügeln.“ „Das würde ein ſchönes Kleidungsſtück werden, Bemperchen.“ „Vielleicht nicht ſo ſchlecht, als Sie glauben. Es wäre wenig⸗ ſtens nicht der erſte Frack, den ich mir höchſt eigenhändig fertigte.“ nnsglich Bemperlein!“ rief Franz voll Erſtaunen. „Was ich Ihnen ſage. Es iſt nun freilich ſchon ein wenig lange her— funfzehn Jahre etwa— und ich war dazumal, in meiner Robinſon⸗Cruſve-Periode, erfinderiſcher und fleißiger als jetzt; aber für unmöglich halte ich die Sache auch noch heute nicht.“ „Aber was zwang Sie denn, ſo wunderliche Experimente an⸗ zuſtellen?“ ⸗ Erſter Band. 75 „Die Erfinderin aller Künſte, die Noth. Sie wiſſen, Fräulein Sophie, daß ich zu denjenigen Kindern Gottes gehöre,— oder viel⸗ mehr gehörte, denn jetzt bin ich in eine andere Rangclaſſe verſetzt— welchen das Himmelreich verſprochen iſt, weil ſie auf Erden nichts ihr eigen nennen. In Folge deſſen war ich, als ich damals aus den elyſäiſchen Gefilden meines Heimathsdorfes hierher kam, gezwungen, eine Art von Cicadendaſein zu führen und alle unnöthigen Depenſen zu vermeiden. So verfiel ich denn unter anderm auf den ſehr nahe⸗ liegenden Gedanken, ob es nicht möglich ſein ſollte, ſich auch in unſerem tintekleckſenden Säculum die nöthigen Kleidungsſtücke ſelbſt zu fertigen, wie weiland Eumäus, der göttliche Sauhirt. Gedacht, gethan. Ich hatte eine vertraute Freundſchaft mit einem Knaben geſchloſſen— er hieß Chriſtian Süßmilch, der Sohn von dem alten Schneidermeiſter Süßmilch in der Langenſtraße,— der durchaus Schneider werden ſollte und durchaus ein Gelehrter werden wollte. Wir machten einen Covenant, daß ich, wenn Papa Süßmilchs Stentorſtimme Feierabend verkündet hatte, den Zumpt und den Roſt mit ihm tractirte, wogegen er mich lehren ſollte, wie man die Nadel und das Bügeleiſen führt. Unſere Studien wurden mit eben ſo viel Eifer wie Heimlichkeit betrieben, denn ich fürchtete nicht ohne alle Urſache den Spott meiner Mitſchüler und er dito die ſicher treffende Elle ſeines Vaters und Lehrherrn. O, es waren köſtliche Stunden, die wir ſo zuſammen verlebten, Stunden, die er und ich nie vergeſſen werden. Ich ſehe uns noch beim traulichen Schein einer Thranlampe auf meinem kleinen Dachſtübchen zuſammenſitzen— an einem Herbſt⸗ abend wie heute, wenn der Regen auf die Ziegel dicht über unſeren Köpfen tappte und die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Thurm der nahen Nicolaikirche krächzten und ſchrien. Wir aber froren nicht, trotzdem kein Feuer in dem kleinen Kanonen brannte, denn die heilige Flamme der Freundſchaft n unſere Adern mit ſanfter Gluth, und ich nähte, daß der Faden rauchte, und er lernte in ſeiner Grammatik, daß ihm der Kopf dampfte, und wenn ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunſt genäht hatte und er ſein„tüpto, tüpteis, tüptei“ ohne Anſtoß auf⸗ 176 Durch Nacht zum Licht. ſagen konnte, ſo ſanken wir uns gerührt in die Arme und beneideten keinen König auf dem Thron um ſeine Herrlichkeit.“ Herr Bemperlein ſchwieg und blickte gerührt in ſein Glas. „Die alte Zeit ſoll leben, Bemperlein!“ ſagte Franz. „Und die neue daneben,“ erwiderte Bemperlein, mit dem Braut⸗ paare anſtoßend. „Aber wie war das mit dem Frack, Bemperchen?“ fragte Sophie; „es war doch nicht gar Ihr Confirmationsfrack?“ „Richtig gerathen, ſchöne Dame; es war mein Confirmations⸗ frack. Die Zeit der Einſegnung war vor der Thür. Ich hatte von einem Kaufmann, deſſen Kinder ich im Leſen und Schreiben unter⸗ richtete, und bei dem ich auch wöchentlich einen Freitiſch hatte, Tuch zu einem Frack geſchenkt bekommen. Der brave Mann ſagte mir ſogar: ich ſolle ihn nur bei ſeinem Schneider auf ſeine Koſten machen laſſen. Ich glaubte indeſſen, die Güte des Mannes zu mißbrauchen, wenn ich auch dies Geſchenk noch annehme und bat um die Erlaubniß, den Frack bei meinem eigenen Schneider machen laſſen zu dürfen. Nun, wer der„eigene Schneider“ war, können Sie ſich denken. Chriſtian Süßmilch und ich wollten uns beinahe todt lachen über dieſen genialen Witz; und wir beſchloſſen ſofort an's Werk zu gehen und ein Meiſterſtück zu liefern, das unſerm„eigenen Schneider“ Ehre machen ſollte. Aber, o des Jammers! Papa Süßmilch war hinter unſere„verdammten Schliche“ gekommen, wie er in ſeiner banauſiſchen Redeweiſe die Weiheſtunden der Freundſchaft und Arbeit zu nennen beliebte. Er hatte eine griechiſche Grammatik entdeckt, die Chriſtian beim Eintritt des böotiſchen Vaters in die Hölle unter die Lumpen zu ſchleudern pflegte und die Folge dieſer entſetzlichen Entdeckung war die, daß er zuerſt einmal ſeine Elle auf dem Rücken des attiſchen ünglings entzweiſchlug und zweitens ihm bei Androhung ſofortiger terbung und Verbannung aus dem väterlichen Hauſe kategoriſch befahl, in Zukunft allen Umgang mit mir gänzlich und durchaus ab⸗ zubrechen. Weinend erzählte mir der treue Freund das Entſetzliche, als ich ihm Tags darauf an der Straßenecke begegnete, wie er eben ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden ſeines Vaters trug.„Aber * Erſter Band. 177 ich beuge mich nicht länger unter dieſe Tyrannei,“ rief er mit einer Armſchwenkung, die dem Demoſthenes Ehre gemacht haben würde; „noch dieſen einen Selavendienſt(und er ſchlug dabei mit der geball⸗ ten Fauſt auf die ſauber zuſammengefalteten Inexpreſſiblen) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt. Willſt Du mit?“ Nur mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen; ich wußte, daß ihm der Gedanke, mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können, weher that, als alles Andere. Ich erinnerte ihn an das Gebot, welches uns befiehlt, Vater und Mutter zu ehren, auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden; ich ſagte ihm, daß ſein Vater doch endlich nachgeben werde; und was den Frack betreffe, ſo würde der Schüler ſeinem Meiſter Ehre machen.— Chriſtian ſchüttelte wehmüthig den Kopf:„Du wirſt nicht fertig, Anaſtaſius,“ ſagte er,„Du wirſt nicht fertig, auch angenommen, daß Du mit dem Zuſchneiden zu Stande kommſt.“—„Was gilt die Wette, Chriſtian?“ rief ich,„Du ſiehſt mich heute über acht Tage bei der Einſegnung in der Kirche in dem Frack, den ich ohne Deine Hülfe machen werde, und Du ſollſt einge⸗ ſtehen, daß er gut gemacht iſt. Gewinn' ich, ſchenkſt Du mir Deinen Dompfaffen, gewinnſt Du, gebe ich Dir die Odyſſee in der Heyne'⸗ ſchen Ausgabe. Willſt Du?“—„Topp!“ ſagte Chriſtian trotz ſeine s Jammers lächelnd.„Ich ſollte eigentlich nicht wetten, weil Du doch verlierſt; aber wenn Du willſt, ſo ſei's.“ „Nun, und wer gewann die Wette?“ fragte Sophie eifrig. „Am nächſten Sonntag, in der Nikolaikirche,“ ſagte Herr Bem⸗ perlein, und ſeine Stimme zitterte und ſeine Brillengläſer wurden feucht;„am nächſten Sonntag kniete ich zwiſchen vielen anderen Jüng⸗ lingen an dem Altar, und die Orgeltöne flutheten durch die hohen Hallen, und der Prieſter murmelte den Segen Gottes über uns, aber ich hörte von allem nichts; ich ſah nur immer nach der Empore hinauf zu einem Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen, der mir Kußhände zuwarf und deſſen liebes Geſicht vor Stolz und Freude darüber, daß ſein Freund, gegen all ſein Erwarten, ſo ſtatt⸗ lich ausſah, erglänzte und der, als an mich die Reihe kam, daß der Herr mich ſegnen und behüten möchte und ſein Antlitz leuchten laſſen Fr. Spielhagen's Werke. X. 12 178 Durch Nacht zum Licht. über mich, fromm die Hände faltete und mit gebeugtem Haupt für mich inbrünſtiglich betete.“ Bemperlein ſchwieg. Er hatte die Brille, die immer trüber ge⸗ worden war, abgenommen und rieb die Gläſer mit dem ſeidenen Taſchentuche wieder blank. „Und was iſt aus Chriſtian geworden?“ fragte Franz. „Er iſt jetzt Profeſſor der alten Sprachen an einem Belgiſchen hochberühmten Lyceum; ſeine Grammatik über den doriſchen Dialect iſt epochemachend für die Sprachwiſſenſchaft. Ich hatte vorgeſtern einen ſechszehn Seiten langen Brief von ihm.“ „Und was iſt aus dem Frack geworden?“ fragte Sophie. „Er hangt noch heut zu Tage wohlerhalten als theures Andenken in meinem Schrank,“ erwiderte Herr Bemperlein, die Brille wieder aufſetzend und Sophie ſchalkhaft anlächelnd;„ja, und was noch mehr ſagen will: er paßt mir noch heute ſo gut, als er mir damals paßte, und ich kann mich in ihm jederzeit vorſtellen, falls mein gnädiges Fräu⸗ lein an der Wahrheit dieſer wahrhaftigen Geſchichte zweifeln ſollte.“ „Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Bemperchen?“ ſagte Sophie mit ungewöhnlichem Ernſt, ihm die Hand entgegenſtreckend. „Jede!“ ſagte Bemperlein mit Enthuſiasmus, die Hand des Mädchens ergreifend. „Laſſen Sie ſich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen, ſondern kommen Sie in dem alten, der für Sie durch ſo herrliche Erinnerungen geweiht iſt.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ „Zweifeln Sie daran?“ „Nun gut,“ ſagte Herr Bemperlein, Sophie die Hand küſſend, „ich will in dem Frack, den ich mir zu meiner Confirmation ſelbſt gemacht habe, Ihr Brautführer ſein.“ Die kleine Geſellſchaft beendigte ihr kaltes Abendbrod und begab ſich in das trauliche Wohnzimmer zurück, wo Sophie den Thee be⸗ reitete, während Franz ging, ſich nach des Geheimraths Befinden umzuſehen. Er kam mit der erfreulichen Kunde zurück, daß Papa, ſeit dem Beginn ſeiner Krankheit zum erſten Male, in einem ruhigen erquickenden Schlafe liege, in welchen er, wie der Diener, der dieſe Erſter Band. 179 Nacht bei ihm wachte, erzählte,„alsbald gefallen ſei, nachdem er noch eine Zeit lang mit gefalteten Händen abgebrochene Worte ge⸗ murmelt hatte.“ Franz ſagte, daß die Reconvalescenz von dieſem Augenblick raſch fortſchreiten werde und daß er jetzt die beſte Hoffnung für eine mög⸗ lichſt vollſtändige Wiederherſtellung habe. Sophie umarmte und küßte ihn für dieſe frohe Botſchaft und Herr Bemperlein ſchwur, daß er von heute Abend an außer den vier heiligen Evangeliſten noch einen höchſt unheiligen, Namens Franziskus, kenne und verehre. Sie hatten ſich um den Kamin herumgeſetzt. Der Dampf der Theemaſchine und der Rauch der Cigarren, welche ſich die Herren angezündet hatten, ſtieg in Wolken zu dem olympiſchen Zeus hinauf, der nun zu einem behaglichen Jupiter Fenius wurde. Franz war in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung, die ſich Sophie durch die Freude über die günſtige Wendung, welche die Krankheit des Vaters genommen hatte, erklärte, die aber einen noch ganz andern Grund hatte. Es war die nervöſe Erregung, die auch den Muthigſten vor dem Beginn der Schlacht überkommt, und Franz fühlte und wußte, daß der Kampf des Lebens heute für ihn in Wahrheit ent⸗ brannt war. Hatte er doch die ernſteſten Verpflichtungen, die von unabſehbaren Folgen für ſeine, für Sophiens Zukunft ſein konnten, übernommen! Lag doch von heute an die ungeheuerſte Verantwortung auf ſeinen Schultern! Sah er doch plötzlich das Meer, auf welchem das Fahrzeug ſeines und ihres Glückes ſchwamm, von den gefähr⸗ lichſten Klippen angefüllt, die ſicher zu durchſteuern, es eines allzeit klaren Kopfes, eines allzeit muthigen Herzens, einer allzeit feſten Hand bedurfte! Sophie ahnte nicht, was ihr Verlobter empfand, als ſie jetzt, in Gemeinſchaft mit Bemperlein, anfing, ſich die Zukunft nach ihrem Geſchmack auszumalen— ein kleines, behagliches Paradies voll Ruhe, Frieden und Sonnenſchein. „Sie müſſen auch heirathen, Bemperchen,“ rief ſie. „Mit dem größten Vergnügen,“ erwiderte Herr Bemperlein; „finden Sie nur erſt die Hauptſache.“ „Das wäre?“ „Ein Mädchen, das mich lieben will und das ich lieben kann.“ 12* 180 Durch Nacht zum Licht. „Ich werde Ihnen eins ausſuchen, Bemperchen. Ich kenne Ihren Geſchmack, und weiß ganz genau, wie die zukünftige Frau Profeſſor Bemperlein beſchaffen ſein muß.“ „Da wäre ich doch neugierig“ ſagte Herr Bemperlein, ſich be⸗ haglich in ſeinem Lehnſeſſel zurechtrückend. „Zuerſt,“ ſagte Sophie,„was das Aeußere betrifft— denn Sie legen doch auch etwas Gewicht auf das Aeußere, Bemperchen, oder nicht?“ „Doch, doch!“ ſagte Bemperlein eifrig. „Nun wohl! ſo darf Ihre Zukünftige nicht eben groß ſein.“ „Weshalb nicht?“ „Weil Sie ſelbſt kein Rieſe ſind, Bemperchen, und Sie wiſſen: nur Gleich und Gleich geſellt ſich gern. Ich ſchlage deshalb vor, daß ſie zierlich und manierlich iſt, ein hübſches kleines Figürchen mit dunkelm Haar und dito Augenpaar, gewandt, anſtellig, munter und beweglich. Sind Sie's zufrieden?“ „Hm!“ ſagte Herr Bemperlein;„nicht übel; gar nicht übel! Weiter!“ „Sodann, was die Vermögensumſtände angeht, ſo darf ſie nicht reich ſein. Sie wiſſen, weshalb?“ „Weil ich mit dem Gelde doch nichts anzufangen wüßte?“ „Das meine ich. Habe ich recht?“ „Vollkommen. Aber nun erklären Sie mir noch nachträglich, weshalb die in Frage ſtehende Dame gerade braunes Haar und braune Augen haben ſoll?“ „Ich habe, ſo viel ich weiß, nur von dunkelm Haar und dunkeln Augen geſprochen; aber wenn Sie die braune Farbe gerade vor⸗ ziehen, Bemperchen—“. „Ich vorziehen!“ ſagte Herr Bemperlein eifrig,„ich vorziehen! Warum nicht gar!“ „Bemperchen, Sie ſind roth dabei geworden! die Sache iſt ver⸗ dächtig! Meinſt Du nicht auch, Franz?“ „Höchſt verdächtig,“ beſtätigte Franz;„ich trage darauf an, daß der Inculpat auf das allerſchärfte inquiriret und auf jede Weiſe zu einem offenen und umfaſſenden Geſtändniß perſuadiret werde.“ 6 Erſter Band. 181 „Ja, er ſoll geſtehen; er ſoll geſtehen!“ rief das übermüthige Mädchen in die Hände klatſchend;„er ſoll ſich über dieſe verräthe⸗ riſche Röthe ſeiner Wangen verantworten. Angeklagter! ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen: kennen Sie eine Dame mit braunem Haar und Augenpaar?“ „Aber, wie Sie auch fragen, Fräulein Sophie?“ erwiderte Herr Bemperlein, noch röther werdend als vorhin. „Eure Rede, Angeklagter, ſei ja, ja! oder nein, nein! Was drüber iſt, iſt vom Uebel.“ „Nun denn: ja!“ ſagte Herr Bemperlein lachend. „Haben Sie, als Sie von dem braunen Haar und Augenpaar ſprachen, an dieſe Dame gedacht?“ „Ja,“ antwortete Herr Bemperlein nach einigem Zögern. „Da haben wir's! Er hat an ſie gedacht! Er hat an ſie ge⸗ dacht!“ rief Fräulein Sophie und ſchnippte vor Vergnügen mit den Fingern. „Aber, wer iſt ſie?“ warf Franz ein. „Wir werden es gleich erfahren.— Angeklagter, wohnt ſie in dieſer Stadt?“ „Ja.“ „Franz, nimm zu Protokoll: ſie wohnt in dieſer Stadt. An⸗ geklagter: ſehen Sie ſie oft?“ „Nein.“ „Hm! haben Sie ſie heute geſehen?“ „Aber, Fräulein So—“ „Keine Ausflüchte! Haben Sie ſie heute geſehen?“ „Nun, ich merke ſchon, ich komme beſſer weg, wenn ich nur gleich Alles offen geſtehe,“ ſagte Herr Bemperlein, der trotz ſeiner Be⸗ mühung, unbefangen auszuſehen, immer befangener geworden war. „So hören Sie denn, geſtrenger Herr Unterſuchungsrichter und Sie, diaboliſch lächelnder Herr Beiſitzer, die ſonderbare Geſchichte, die mir heute paſſirt iſt und die eigens darauf angelegt ſcheint, mich aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen.“ „Erzählen Sie, Bemperchen! erzählen Sie,“ rief Sophie;„die Sache wird romantiſch.“ 182 Durch Nacht zum Licht. „Nun denn, Sie wiſſen, Fräulein Sophie, daß Grenwitzens heute Morgen in die Stadt gekommen ſind.“ „Wir ſind davon unterrichtet. Weiter, Angeklagter!“ „Sie wiſſen aber noch nicht, daß die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an mich geſchrieben und mich gebeten hat, ſie noch im Laufe des Tages zu beſuchen. Sie habe über eine Sache von der äußerſten Wichtigkeit mit mir zu ſprechen.“ „Die Sachen der Baronin ſind immer von der äußerſten Wichtig⸗ keit, meinte Franz. „Das wußte auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Viſite. Gegen Abend indeſſen, kurz vorher, ehe ich hierher kam, war ich dort.“ „Nun, und um welche Bagatelle handelte es ſich?“ „Ich habe es nicht erfahren, denn ich hatte nicht das Glück, vor⸗ gelaſſen zu werden. In der Hausthür begegnete ich Herrn Timm, der in ſolcher Eile war, daß er mich faſt über den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte, zu ſagen: Wie zum Teufel kommen denn Sie hierher, Bemperlein? Im Vorzimmer, in welches mich der Be⸗ diente gewieſen hatte, traf ich Mademoiſelle Marguerite.“ „Hat ſie braune Augen, Bemperchen?“ „Sie hat braune Augen, Fräulein Sophie, ſehr ſchöne braune Augen, die in dieſem Augenblicke um ſo glänzender erſchienen, als ſie voll heller Thränen ſtanden.“ „O!“ ſagte Fräulein Sophie, unwillkürlich aus ihrem luſtigen Ton fallend,„weshalb denn?“ „Weiß ich es? Ich war, weil ich Niemand im Zimmer ver⸗ muthete, ohne anzuklopfen eingetreten. Bei meinem Erſcheinen fuhr die junge Dame, welche mit dem Kopf auf dem Tiſch ſchluchzend daſaß, empor und ſuchte, ſo gut es gehen wollte, ihre Thränen zu verbergen. Sie erwiderte auf meine Frage, ob die Baronin zu ſprechen ſei: ſie wolle gehen und nachſehen. Sie ging aber nicht, wenigſtens nur bis an die nächſte Thür, wo ſie ſtehen blieb, um abermals in Thränen auszubrechen. Sie können ſich meine Verlegen⸗ heit denken. Ich kann Niemand weinen ſehen, geſchweige denn ein ſo junges, armes, hülfloſes Geſchöpf, wie Mademoiſelle Marguerite. — — Erſter Band. 183 Ich trat alſo auf ſie zu, faßte ſie bei der Hand— ich konnte bei Gott nicht anders— uud ſagte— was ſollte ich ſonſt ſagen?— weshalb weinen Sie, Mademoiſelle? Ihre Thränen floſſen nur noch reichlicher. Ich wiederholte meine Frage wieder und wieder. Je suis si malheurense! war Alles, was ſie endlich herausſchluchzte. Dabei blieb es. Das arme Kind that mir von Herzen leid. Ich fragte, ob ich ihr helfen könne? Sie ſchüttelte weinend den Kopf. Ich ſuchte ſie zu tröſten, und ſagte Alles, was man in einer ſolchen Situation zu ſagen pflegt. Nach und nach wurde ſie ruhiger, trocknete ſich die Augen, drückte mir die Hand und ſagte: Oh, comme vous étes bon. Damit ſchlüpfte ſie aus der Thür. Ich war ſo klug, als ich vorher geweſen war. Nach einigen Minuten kam nicht ſie, ſondern Baron Felir, um mir zu ſagen, daß ſeine Tante unendlich bedaure, mich heute Abend nicht mehr ſehen zu können. Sie ſei von der Reiſe zu angegriffen. Ich möchte morgen wieder kommen. Da Baron Felix es ebenfalls ſehr eilig zu haben ſchien, empfahl ich mich ſchleunigſt. Als ich ſchon in der Thür war, rief er mir nach: Apropos, Herr Bemperlein, wiſſen Sie nicht, wann der Doctor Stein zurückkommen wird?„Ich glaube, in dieſen Tagen,“ erwiderte ich und ging. Da haben Sie meine romantiſche Geſchichte.“ „Die Manches zu denken giebt,“ ſagte Franz.„Ich möchte nebenbei auch wohl wiſſen, wann Oswald zurückkommen wird. Er ſollte eigentlich ſchon hier ſein.“ In dieſem Augenblick kam das Mädchen herein, um Franz eine Karte zu bringen.. „Iſt der Herr noch draußen?“ rief Franz aufſpringend. „Nein, Herr Doctor. Er fragte, ob Sie allein wären. Ich ſagte, Herr Bemperlein ſei noch im Zimmer. Da ſagte er, er wolle ein ander Mal wieder kommen und ging fort.“ „Wer iſt es?“ fragte Sophie. „Oswald!“ erwiderte Franz.„Fatal; ich hätte ihn gern ge⸗ ſprochen.“ 184 Durch Nacht zum Licht. Sechszehntes Capitel. Oswald war vor einigen Stunden in Grünwald angekommen. Der frühe Herbſtabend brach bereits herein, als er ſich auf der Chauſſee(denn einer Eiſenbahn erfreute ſich damals dieſer Theil der preußiſchen Vendée noch nicht) der alten Stadt näherte. Die hohen Thürme dämmerten wie Oſſianiſche Rieſenleiber durch den wogenden grauen Nebel; Nebel zog auf den tiefen Wieſen zwiſchen der Chauſſee und dem Meere, Nebel wallte auf der weiten Waſſerfläche zwiſchen dem Feſtlande und der Inſel. Oswald hüllte ſich fröſtelnd dichter in ſeinen Mantel und drückte ſich in die Ecke des Cabriolets. Was ſollte er in Grünwald? Was wollte er in Grünwald? Er wußte es ſelber nicht. Auch die kleinen von den Nordoſtſtürmen kahlgefegten Bäume an der Wegſeite, die an ſeinem dumpfen Blick in öder Monotonie vorüberhuſchten, wußten es nicht; auch die ſtarkknochigen Poſtgäule, die von der Näſſe triefend, vornübergebeugten Kopfes mechaniſch dahintrotteten, wußten es nicht; auch der alte, ſchnauzbärtige Conducteur, der vor lieber langer Weile ſeine Paſſagierliſte zum hundertſtenmale aus der Seitentaſche heraus⸗ holte und durchblätterte, wußte es nicht. Es wußte es eben Keiner, es hätte denn die Krähe ſein müſſen, die ſich im Walde verſpätet hatte und jetzt einſam und melancholiſch über den Poſtwagen weg zur Stadt zog und im Nebel verſchwand. Einſam und melancholiſch! und doch durfte ſie ſicher ſein, in den Thürmen der altersgrauen Kirchen, auf den langen Dächern der hohen Giebelhäuſer eine Schaar von Brüdern und Schweſtern zu finden, die ſie mit heiſerem Gekrächz willkommen heißen würden; und irgendwo ein Mauerloch, in welchem ſie über Nacht, während der kalte Nachtwind durch die Schalllöcher und um die Schornſteine pfiff, von dem ſommerlichen Leben im grünen Tannenwalde behaglich träumen konnte. Wer aber harrte ſeiner in der grauen öden Stadt? wo ſollte er einen Ruheort finden? ——— „— Erſter Band. 185 Und die Bäume tanzen immer geſpenſtiſcher an dem Wagen vorüber; und die Gäule ſchütteln immer ungeduldiger die ſchweren Kummete, und der Nebel ballt ſich immer dichter und finſterer zu⸗ ſammen, und durch den dichten, finſteren Nebel ſchauen trübäugig einzelne Lichter, und jetzt ſchlägt der Huf der müden Pferde auf das Pflaſter, und jetzt rollt der Wagen über die Zugbrücke, durch das enge Thor in die engen, winkligen, ſchlechtgepflaſterten Straßen der Stadt und hält vor dem Poſtgebäude ſtill. Die plötzliche Ruhe nach dem viele Stunden langen Klappern, Schütteln und Stoßen iſt un⸗ endlich ſüß für den, welcher das Ziel ſeiner Reiſe erreichte, und un⸗ beſchreiblich unheimlich für den, deſſen Reiſe kein Ziel hatte, oder dem das erreichte Ziel kein erwünſchtes iſt. Er möchte, das Klappern, Schütteln und Stoßen begönne von Neuem, und es klapperte, ſchüt⸗ telte und ſtieße ihn weiter und weiter, von allen Menſchen weit in die ewige Nacht. Aber er iſt in einer civiliſirten Stadt unter civiliſirten Menſchen, die keine Sympathien für Ueberſchwänglichkeiten irgend welcher Art haben und der Meinung ſind, daß es für einen Herrn, ſo mit der Schnellpoſt zur reglementsmäßigen Stunde, ſieben ein halb Uhr Abends, in Grünwald augekommen, ſchicklich ſei, dem Conducteur ein Trink⸗ geld zu geben, ihn beſcheidentlich zu bitten, den Koffer und die Hut⸗ ſchachtel, auf welchen in leſerlichen Zügen„Doctor Stein, Paſſagier⸗ gut, nach Grünwald“ geſchrieben ſteht, aus den übrigen Koffern und Hutſchachteln herauszuſuchen, und ſodann ſelbige Sachen durch den langen brummigen Kofferträger in die„Stadt Petersburg“ tragen zu laſſen, allwo beſagter Doctor Stein noch von der Zeit her, als er unter Profeſſor Bergers Auſpicien ſeine Examina in Grünwald ab⸗ ſolvirte und mit dieſem Gelehrten in der Trinkſtube des Hötels ſo manche Flaſche Wein ausſtach, noch in gutem Andenken zu ſtehen glaubt, und wo ihn jetzt Niemand kennt, da der alte Wirth vor einigen Monaten geſtorben iſt und der neue Wirth auch ein neues Dienſt⸗ perſonal mitgebracht hat. In Folge deſſen betrachtet ihn der Zimmerkellner als einen Fremden in des Wortes eigentlichſter Bedeutung und behandelt ihn demgemäß, während er ihm das dicke Fremdenbuch präſentirt. Herr 186 Durch Nacht zum Licht. Droſtein? danke! Doctor O. Stein?! Ah! bitte um Entſchuldigung! glaubte, es ſei ein Name! Werden der Herr Doctor uns längere Zeit die Ehre ſchenken? Nein? Jetzt gerade viel Leben in Grün⸗ wald: Theater, Pferdemarkt, Studentenball... Doctor Braun? kenne ihn ſehr gut, behandelt unſere Hötelkranken, ſeitdem den Ge⸗ heimrath der Schlag gerührt. War heute noch im Höétel. Wohnung? ganz in der Nähe, in der Poſtſtraße, rechts das zweite Haus, gleich neben dem des Geheimraths. Befehlen der Herr Doctor zu ſoupiren? Keinen Appetit? ſchave! ſehr ſchöne, friſche Auſtern. Natives. Sonſt nichts zu befehlen? Trinkwaſſer? Waſchwaſſer? ſoll ſogleich gebracht werden. Ein ödes, unwohnliches Gemach; zwei eben angezündete Kerzen auf dem Tiſch vor dem Sopha; ein Koffer auf dem Geſtell, eine Hutſchachtel auf dem Stuhl daneben; rings umher Stille, nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen ſchmalen Corridor verhallte— Oswald fand dieſe Situation wenig dazu angethan, einen Melan⸗ choliſchen heiter zu ſtimmen. Er beeilte ſich, aus dem Gemache und aus dem Hauſe zu kommen. Es war urſprünglich ſeine Abſicht geweſen, Franz aufzuſuchen, den Einzigen in Grünwald, von dem er eines herzlichen Empfanges, eines freudigen Willkommens verſichert ſein durfte; aber er gab dieſe Abſicht bald wieder auf und wanderte ziellos und zwecklos durch die Straßen. Er hatte ſich niemals eben ſehr heimiſch gefühlt in Grün⸗ wald; aber ſo wildfremd, wie heute, war ihm die Stadt ſelbſt in den aller⸗ erſten Tagen ſeines erſten Aufenthaltes nicht erſchienen. War es nur die Folge ſeiner düſteren Stimmung, war es der dunkle, neblige Abend— er erkannte die Straßen, die Plätze, durch die er doch ſchon ſo oft gewandert war, gar nicht wieder, und wenn er ſich wirklich an Dies oder Jenes zu erinnern glaubte, ſo war es nur, wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites, Nahes und Fernes chaotiſch durcheinander miſcht. Endlich gerieth er in eine der Straßen, die nach dem Hafen führen. Hier war er mehr zu Hauſe, denn der Hafen mit ſeinem Gewimmel von Booten und Schiffen, ſeinem Meer⸗ dunſt und Theegeruch, ſeinen monoton klingenden Matroſenliedern und raſtlos klopfenden Hämmern und Beilen und knirſchenden Sägen war . . —,— Erſter Band. 187 ihm der liebſte Punkt der Stadt und das beinahe tägliche Ziel ſeiner Spaziergänge geweſen. Aber auch an dieſer ſonſt einzig belebten Stelle der ſeit Jahr⸗ hunderten tief ſchlafenden und höchſtens in dieſem tiefen Schlaf von früher Pracht und Herrlichkeit verworren murmelnden alten Hanſeſtadt war es heute Abend öde und todt. Hier und da ſchimmerte durch ein Cajütenfenſter ein Licht; dann und wann erſcholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines Hundes oder der heiſere Ruf eines Matroſen— ſonſt Nacht und Schweigen überall. Er wanderte auf dem weit in's Meer hineingebauten Damme, an welchem nach der Seeſeite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte, bis zu der äußerſten Spitze. Hier ſtand er, in dumpfes Brüten und Sinnen verſunken, lange Zeit und ſchaute mit unterſchlagenen Armen in die dichte Finſterniß hinaus, die auf dem Meere lagerte, und horchte auf das leiſe, gleichförmige Plätſchern des Waſſers, das unter ihm unaufhörlich an den Quadern des Dammes leckte und züngelte. War, was da vor ihm lag, ſein vielgeliebtes Meer, auf dem ſich ſeine Träume, ſeine Hoffnungen ſo oft mit dem Fluge der Möven gewiegt hatten? war es der dunkle Abgrund, in den ſeine Hoffnungen und Träume wie die Schätze eines geſcheiterten Schiffes auf immer unwiederbringlich verſunken waren. Drüben, jenſeits der ſchwarzen Waſſerwüſte, lag die Inſel, ſo nah und doch ſo fern, wie die Zeit, die er dort verlebte, die kurze Spanne Zeit, die Alles umſchloß, was er von Glück und Frieden je im Leben gekannt hatte. Ein Fährbvot, das von der Inſel herüber⸗ kam, fuhr dicht an der äußerſten Spitze des Dammes, auf der er ſtand, vorüber. Er hörte das tacktmäßige Eintauchen der ſchweren Ruder in's Waſſer und das eigenthümliche dumpfe Kreiſchen, das die Reibung derſelben gegen die Pflöcke verurſacht; er hörte die ver⸗ worrenen Stimmen der nächtigen Paſſagiere; er konnte ſogar, als ſie näher kamen, einzelne Worte unterſcheiden; er glaubte den Namen Helene gehört zu haben. Vielleicht war es auch nur eine Täuſchung oder das Echo einer Stimme in ſeinem Herzen; aber es durchzuckte ihn mit ſeltſamer Gewalt und es überkam ihn auf einmal das Ver⸗ 188 Durch Nacht zum Licht. angen, den Ort aufzuſuchen, wo, wie er wußte, das ſchöne Mädchen in dieſem Augenblick weilte. Er ging in die Stadt zurück, er kam über den Marktplatz. Er blieb vor dem Hanſe ſtehen, in welchem Berger gewohnt hatte. Es war kein Licht in den Fenſtern. Er konnte bei dem Schein einer Laterne ſehen, daß die grünen Jalouſien geſchloſſen waren, wie in einem Hauſe, in welchem der Beſitzer geſtorben iſt. Von dem Thurm der Nikolaikirche erſchollen die feierlichen Accorde eines Chorals, mit dem man, alter Sitte gemäß, in Grünwald allabendlich um neun Uhr dem dahingeſchwundenen Tag Lebewohl ſagt. Für gewöhnlich ſchickt der Muſikdirector nur vier ſeiner Leute hinauf; aber an Tagen, wo Jemand von Bedeutung in der Stadt zu ſeinen Vätern verſammelt wurde, ſeine halbe und manchmal ſeine ganze Capelle, je nach dem Wunſch der Verwandten, die ihrem Schmerz auf dieſe eigenthümliche Weiſe einen Ausdruck verſchaffen wollen. Heute waren alle Stimmen doppelt und dreifach beſetzt— der Geſtorbene mußte eine gar ge⸗ wichtige Perſon geweſen ſein. Oswald hörte zu, bis der letzte Ton verklungen war. Er dachte an den Tod und an das große Geheimniß, welches das Grab nicht erſchließt, ſondern nur noch dunkler macht und wie glücklich doch die Menſchen ſein müßten, die in dem Glauben an den Heiland und Erlöſer ihre Zuverſicht finden.. Das langgezogene Heraus! des Poſtens vor der Hauptwache riß ihn aus ſeinen Träumereien. Die quäkende Stimme eines jugend⸗ lichen Helden kommandirte: Gewehr auf! Gewehr ab! Helme ab zum Gebet!„Frömmigkeit auf Commando— Herzensergießung nach dem Paragraphen des Wachtdienſtes! In einem wohlgeordneten Staate muß Alles geregelt ſein.“ „Warum biſt du,“ ſprach Oswald weiter bei ſich, während er nach dem Thore ſchritt,„nicht ein Pedant unter Pedanten, da dir das Schickſal nun einmal mißgönnt, unter Römern ein Römer zu ſein? Weshalb ſträubſt du dich gegen den Kamm, über den ſich alle dieſe guten Schafe ge⸗ duldig ſcheren laſſen? Du könnteſt es ja doch auch ſo bequem haben, wie Andere! Es mag ſich Alles in Allem, gar nicht ſo ſchlecht in dem Großvaterſtuhl eines Amtes, wie Berger es ausdrückt, ſitzen; — ——. —— — Erſter Band. 189 die Schlafmütze einer Würde mag vor manchem Rheumatismus, der einen ſonſt aus der windigen Welt anweht, ſchützen, und wer ein tugendſam Weib hat, der lebt noch einmal ſo lange, und wenn er dann nun doch endlich geſtorben iſt, ſo blaſen ſie hoch vom Thurm, daß die ganze Stadt es vernimmt und für das Heil ſeiner Seele betet.“ Ueber ihm rauſchten die hohen Bäume, mit denen die Vorſtadts⸗ ſtraße, in welcher die Penſionsanſtalt des Fräulein Bär lag, beſetzt war. Der Nachtwind hatte die dichte Nebeldecke zerriſſen und die Sichel des zunehmenden Mondes ſchwankte durch die geſpenſtiſch flatternden Wolken. Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm vor⸗ über. Das Thier ſchnaufte und die Funken ſprühten. Im nächſten Moment hallte der Hufſchlag auf dem FPflaſter ſchon dumpf und fern, wurde wieder lauter und wieder dumpfer und verhallte endlich ganz.„Gewiß Jemand, der nach dem Arzt reitet— ein Gatte viel⸗ leicht, deſſen Frau in Kindesnöthen, ein Vater vielleicht, deſſen ein⸗ ziger Sohn im Sterben liegt.“— Oswald dachte an die Nacht, in welcher Bruno ſtarb, und an den grauſigen Ritt über die Haide von Grenwitz von Faſchwitz. Wenn Bruno am Leben geblieben wäre! Es war Oswald, als würde dann Alles anders gekommen ſein; als wäre er erſt durch den Tod des vielgeliebten Knaben ſo grenzenlos arm geworden; als hätte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen ankämpfen können. Mit ihm und für ihn! Für Bruno wäre ihm kein Opfer zu ſchwer geweſen, ſelbſt nicht das Opfer ſeiner Liebe zu Helene. Bruno, aber auch nur ihm, hätte er das ſchöne Mädchen gern und willig gegeben. Gegeben? Was hatte er denn zu vergeben? er, der Bettler? Da ſtand er vor dem Hauſe, welches er ſuchte, und lehnte ſich an das eiſerne Gitter des Gartens. In dem Hauſe war kein Fenſter mehr erleuchtet. Die Bewohnerinnen mußten ſchon zur Ruhe gegan⸗ gen ſein. Er dachte an die Sommernächte, wenn er im Park von Grenwitz ſtundenlang nach dem offenen Fenſter mit den herunterge⸗ laſſenen Vorhängen emporſchaute, aus dem die Töne des Claviers durch die ſtille, weiche Luft zu ihm herüberwehten; und dann noch ſtundenlang, wenn das Licht hinter den rothen Vorhängen erloſchen und die Muſik verſtummt war, zwiſchen den Beeten und unter den 190 Durch Nacht zum Licht. Buchen des Walles auf und nieder wandelte, manchmal bis der erſte Purpurſtreifen des Frühroths den öſtlichen Horizont ſäumte und die Vögel in dem dichten Gezweig über ihm ſchlaftrunken zu zwitſchern begannen.. Ein Windſtoß ſauſte durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der Pforte und ziſchelte unheimlich in den dürren Blättern. In dem Hauſe klappte ein Fenſterladen— ein Hund in einem Nach⸗ barhofe begann zu heulen... Oswald ſchauderte, wie im Fieber. Die momentane Aufregung nach einer langen Fahrt im Poſtwagen war vorüber; er fühlte ſich matt und krank. Er knöpfte ſeinen Ueberrock feſter zu und wandte ſich, in die Stadt zurückzukehren. Ein Wagen kam ihm im ſchnellſten Rollen entgegen. Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand ſprengte vorauf— derſelbe wohl, der vorhin, wie toll, durch die ſchwärze Nacht in die Stadt gejagt war. Sollte es wohl Doctor Braun ſein, der da fährt?— der Ge⸗ danke, den Freund möglicherweiſe nicht zu Haus zu treffen, erweckte in Oswald den Wunſch, ihn zu ſehen und zu ſprechen. In wenigen Minuten— denn die Entfernungen in Grünwald ſind nicht eben bedeutend— ſtand er vor dem Hauſe, welches ihm vom Kellner als Franz' Wohnung bezeichnet war. Das Mädchen, welches die Haus⸗ thür öffnete, ſagte, der Herr Doctor ſei nebenan beim Geheimrath; er ſei des Abends ſtets beim Geheimrath. Dort erfuhr Oswald, daß Herr Bemperlein im Salon ſei— Bemperlein, der Einzige, mit Aus⸗ nahme des alten Baumann, der von ſeinem Verhältniſſe zu Melitta wußte, der Einzige, vor deſſen Begegnung er zurückbebte, deſſen vor⸗ wurfsvoller Blick— im Fall er von den letzten Ereigniſſen noch nicht unterrichtet war— ihm gleicherweiſe peinlich ſein mußte. Auf der Straße beſann er ſich erſt, daß ſein Fortgehen, nach⸗ dem er einmal dageweſen war, geradezu unerklärlich und lächerlich ſei. Das verſtimmte ihn womöglich noch mehr, als er es ſchon war. Er hätte ſich am liebſten in den Tiefen der Erde verbergen, im Schlaf das Elend des Lebens vergeſſen mögen? Im Schlaf? weshalb nicht im Wein, wenn der Schlaf nicht zur Hand iſt?„The best of life is put intoxication,“ ſagt Lord Byron und dort, wo die einſame Laterne - Erſter Band. 191 in der düſtern Halle zwiſchen den Steinpilaſtern hervordämmert, iſt der Eingang zum alten Rathskeller. Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen, hinab in den Bauch der Erde, wo man nichts fragt nach Gefühlen, die das Herz ſchwer, und nach Gedanken, die den Kopf wirbeln machen. Siebenzehntes Capitel. Der Rathskeller von Grünwald kann mit dem von Bremen nicht rivaliſiren, iſt aber doch noch immer ein ſtattlicher Keller. Die hohen weiten Hallen erſtrecken ſich unter dem ganzen Rathhaus fort bis tief unter den Markt, an dem es liegt. Es ſind Räume genug da, die zu Trinkſtuben und Trinkſälen gedient haben, und noch heut jeden Tag dazu dienen könnten, aber es fehlt an dem Nothwendigſten— an den Trinkern. Die guten alten Zeiten von Grünwalds Macht und Glanz ſind vorbei. Die dieſe Hallen bauten und mit Becher⸗ klang und Liedern und Geſprächen füllten— die ehrenwerthen ernſten Bürger mit den breiten Schultern, den breiten Keilbärten und der breiten Wehr an der Seiten— ſie ſchliefen alle einen feſten, geſunden Schlaf auf den alten Friedhöfen, oder, wenn ſie Raths⸗ und andere hohe Herren waren, unter den großen Steinplatten, mit denen die Kirchen gepflaſtert ſind und„erwarten allhier eine ſelige Auferſtehung.“ Ihre Enkel von heute drücken ſich in engen dumpfigen Stuben herum und trinken ſchales braunes Bier anſtatt des feurigen goldigen Weines; ſo Mancher, deſſen Ahnherr Tag für Tag, wenn der roſige Sommer⸗ abend über den hohen Giebeldächern lag, oder der Winterſturm durch die engen dunkeln Gaſſen fegte, die breite Treppe hinabſtieg, weiß gar nicht einmal, wie es unten in dem Keller ausſieht. Indeſſen ſo ganz verlaſſen kann der Rathskeller von Grünwald nun doch wohl nicht ſein. Das trübe Lämpchen über dem Eingang brennt Abend für Abend oft bis tief in die Nacht hinein, manchmal bis an den hellen Morgen; und der ehrſame Bürger, der ſich bei 192 Durch Nacht zum Licht. einem Kindtaufsſchmaus oder ſonſtiger Feſtivität über die Gebühr verſpätet hat und mit Frau und Tochter in ſtiller Nacht durch die ſtillen Gaſſen nach Hauſe wandert und an dem Rathskeller vorüber kommt, ſieht oft durch die trüben Fenſter ein ungewiſſes Licht dämmern, hört vielleicht auch verworrene, dumpfe Stimmen, die aus dem Bauch der Erde zu kommen ſcheinen, und zu dieſer Stunde, an dieſem Ort einen gar unheimlichen Eindruck machen. Aber es ſind keine Spukgeiſter, die dort unten ihr böſes Weſen treiben, ſondern luſtige Kumpane, joviale, zum mindeſten wenig pedantiſche Geſellen, welche den Werth und die Bedeutung eines guten Schoppens in guter Geſellſchaft in einem guten Locale vollſtändig zu würdigen wiſſen; Männer zum Theil, denen das Leben durchaus nicht ſo vortrefflich mundet, daß ſie nicht das Verlangen hätten, den ſtau⸗ bigen, dumpfen Geſchmack deſſelben mit einem Glaſe Wein hinunter⸗ zuſpülen; Andere, die zu Hauſe weder Kind noch Kegel haben und ſich des Abends zwiſchen ihren Büchern zu langweilen beginnen; wieder Andere, die ſich, dem Einerlei des Eheſtandslebens zum Trotz, einmal eine luſtige Nacht machen wollen; noch Andere, die ganz zu⸗ füllig die breite Kellertreppe hinabgerathen und ein paar Stunden ſpäter, ſo breit die Treppe iſt, nicht wieder hinaufkommen können— jüngere Gelehrte, Künſtler, Schauſpieler— wenn gerade welche am Orte ſind— dann und wann ein Beamter oder Gutsbeſitzer, das ſind die hauptſächlichen Beſtandtheile des Publicums, das ſich in der großen Halle gleich links vom Eingang, manchmal auch— wenn man noch ungeſtörter ſein will— in einem von der Straße abgelegenen kleineren Raum allabendlich im Rathskeller von Grünwald zu ver⸗ ſammeln pflegt. Oswald kannte von ſeinem erſten Aufenthalte her das Local wohl, obgleich er es nie zur Würde eines Stammgaſtes gebracht hatte. Er war gelegentlich mit Berger in dem Keller geweſen, ohne ſich um die übrige Geſellſchaft, die er noch etwa vorfand, zu kümmern. So hauchte ihn denn die feuchtkühle, mit dem Modergeruch der jahrhundertjährigen Mauern und der friſchen Blume heurigen Weines geſchwängerte Atmo⸗ ſphäre, die ihn empfing, befreundet an, und er fand, ohne viel zu ſuchen, den Weg zu der niedrigen Thür, die links in die Trinkſtube führt. — Erſter Band. 193 Es war in dieſem Augenblicke außer dem Aufwärter Niemand in dem langen, gewölbten, ſpärlich erhellten Raum, als ein einzelner Gaſt, der mit dem Rücken nach der Thür ſaß und ſich durch Oswalds Eintreten keineswegs in der angenehmen Beſchäftigung des Auſtern⸗ eſſens ſtören ließ. Oswald, der, etwas von ihm entfernt, an einem der kleinen runden Tiſche Platz genommen hatte, bemerkte nicht ohne . einige Verwunderung den Berg von Schalen, der ſich vor dem un⸗ 3 ermüdlichen Eſſer bereits aufgethürmt hatte, und noch lange nicht ſeine höchſte Höhe erreicht zu haben ſchien. Zum mindeſten lehnte ſich der Mann nur von Zeit zu Zeit in ſeinen Stuhl zurück, um mit augenſcheinlichem Behagen ein Glas Wein zu ſchlürfen und ging dann ſtets wieder mit einem Eifer an's Werk, der für die Güte der Auſtern nicht minder, als für die Vortrefflichkeit des Magens ihres Conſumenten ſprach. Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter und die letzten Tropfen floſſen aus der Flaſche in's Glas. „Sie transit gloria mundi;“ ſagte der Mann.—„Indeſſen, dieſe Gloria iſt leicht wieder aufzufriſchen. Carole, bringen Sie mir noch ein Dutzend dieſer wackern Meeresbewohner und eine halbe Flaſche 1 dieſes höchſt ſchätzenswerthen Joſephhöfers.“ Oswald horchte auf. Die Stimme war ihm ſehr bekannt, ſie erinnerte ihn an vergangene glücklichere Tage. Dieſe klare, friſche Stimme hatte ihn ſchon manchmal erquickt und ermuthigt, wie den Gefangenen der Wind, der durch das offene Fenſter ſeines Kerkers ſtreicht; ſie verfehlte auch heute nicht die gewohnte Wirkung auf ſein verdüſtertes Gemüth. Unter Allen war dieſer Mann gerade derjenige, deſſen Geſellſchaft ihm heute Abend willkommen war. So ſtand er denn auf, trat auf ihn zu und begrüßte ihn mit 1 ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. „Ah! dottore, dottore!“ rief der Auſterneſſer in die Höhe fah⸗ rend, und die dargebotene Hand ergreifend.„Sie hier? Nun das iſt doch mal ein geſcheidter Einfall des ſonſt ſo dummen Zufalls! Carole, eine ganze Flaſche ſtatt einer halben und einige Dutzend Auſtern ſtatt eines!“ N Fr. Spielhagen's Werke. R. 33 194 Durch Nacht zum Licht. „Bin ich Ihnen in dieſem Augenblicke wirklich eine persona grata, Timm?“ ſagte Oswald, neben Albert Platz nehmend.“ „Persona grata? In dieſem Augenblick!“ rief Albert Timm; „Don Oswaldo, Don Oswaldo! Ich habe Sie, bei Gott, ſeitdem wir in Grenwitz von einander Abſchied nahmen, ſchmerzlich vermißt, und freue mich, wie ein Schneekönig, daß Sie endlich wieder hier ſind. Wo zum Kuckuk haben Sie denn nur ſo lange geſteckt? Ich habe mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt. Seit wann ſind Sie zurück?“ „Seit drei Stunden etwa.“ „Und ſind natürlich ſo nüchtern, wie Sie aus dem Poſtwagen geſtiegen ſind, Sie ſehen wenigſtens gerade ſo aus; Carole, Carole! wo der Schlingel bleibt! Endlich! Hier, Dottore, iſt Speiſe für einen geſunden Magen und ein Labetrunk für ein krankes Herz! Stoßen Sie an! Willkommen in Grünwald!“ Und Herrn Timm's hübſches Geſicht lächelte ſo freundlich zu dieſen freunvlichen Worten, daß ein Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnung die ſchwärzeſte Undankbarkeit ſchien. Oswald wenigſtens fühlte ſich durch dies ſo herzliche Entgegen⸗ kommen eines Mannes, um deſſen Freundſchaft er ſich ſo wenig be⸗ müht, ja deſſen liebenswürdige Offenheit er mehr wie einmal mit ſchroffer Kälte erwidert hatte, auf das angenehmſte berührt, um ſo mehr, als er ſich noch einen Augenblick vorher über alle Beſchreibung einſam und von aller Welt verlaſſen gefühlt hatte. „Eine Liebe iſt der andern werth, Timm!“ ſagte er, während pieſer die Gläſer wieder füllte.„Ich kann Ihnen ſagen, daß ich mich von ganzem Herzen freue, gerade Ihnen an dem erſten Abend, den ich wieder in dieſer Stadt verlebe, zuerſt begegnet zu ſein. Laſſen Sie uns noch einmal anſtoßen: auf gute Kameradſchaft!“ „Ein Wort, ein Mann!“ rief Herr Timm kräftig in Oswald's dargebotene Hand einſchlagend.„Wir wollen redlich zuſammenhalten. Weiß es Gott, es iſt in dieſem Krähwinkel kein Ueberfluß an Leuten, mit denen man zuſammenhalten könnte und möchte. Aber dieſer Bund zweier edlen Seelen muß auch in einem edleren Stoff gefeiert werden. Carole! eine Flaſche Sect— Röderer und frappé— ſonſt bei den 3 Erſter Band. 195 Gebeinen meines Roller, ſchlägt der Blitz meines Zorns in Deinen kahlen Schädel! Und nun kommen Sie, Pottore mio, und erzählen Sie mir von Ihren Irrfahrten. Oder erzählen Sie mir das auch ein ander Mal und ſagen Sie mir zuvörderſt, denn das intereſſirt mich vor allem, ob die Fama nicht gelogen hat, die von den letzten Scenen des Trauer⸗, Schau⸗ und Luſtſpiels Ihres Grenwitzer Lebens ſo pudelnärriſche Dinge in die Welt auspoſaunt hat?“ „Ehe ich dieſe Frage beantworten kann,“ ſagte Oswald, den die Auſtern, der Wein, Timm's Geſellſchaft und die ganze Atmoſphäre nach und nach in eine behaglichere Stimmung verſetzten,„muß ich vor Allem wiſſen, was denn die Fama berichtet hat?“ „Wollen Sie es wirklich wiſſen?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun, es courſiren zwei verſchiedene Lesarten. Sie müſſen mir aber nicht bös werden, Stein, wenn ich, ohne es zu wollen und zu wiſſen, irgend einen wunden Fleck in Ihrem Herzen berühre.“ „Aber, Timm, halten Sie mich denn für ein Kind?“ „In gewiſſer Hinſicht ſind und bleiben alle Menſchen Kinder, Dottore, und Sie werden keine Ausnahme von der Regel machen. Was unſerer Selbſtliebe ſchmeichelt, geht uns ſo glatt herunter, wie eine fette Auſter; was unſere Eitelkeit verletzt, ſchmeckt uns wie Wer⸗ muth und Chinarinde. Eh bien! Die Einen ſagen, Sie hätten eine Liebſchaft zwiſchen Bruno— jammerſchade nebenbei, daß der arme Junge ſo früh hat in's Gras beißen müſſen— und Fräulein Helene begünſtigt, ſeien deswegen mit Felix, der Sie im Namen der Eltern darob zur Rede geſtellt, in einen Wortwechſel gerathen, bei dem Ihr Beide handgreiflich geworden wäret, ſo handgreiflich, daß Felix in dem Bemühen, Sie an die Luft zu ſetzen, ausgeglitten ſei und ſich den rechten Arm— Andere ſagen den linken— einmal— Andere ſagen zweimal— gebrochen habe.“ „Der verdammte Schurke!“ murmelte Oswald durch die Zähne, heftig eine leere Auſternſchale zu den andern werfend. „Sagte ich Ihnen nicht, daß es Sie ärgern würde, Dottore? Hier, ſein Sie einmal kein Kind und ſpülen Sie Ihren Aerger mit dieſem famoſen Sect hinunter. Die andre Lesart iſt nicht ganz ſo bitter.“ 13* 196 Durch Nacht zum Licht. „Laſſen Sie hören!“ „Nach dieſer zweiten Lesart ſoll nicht der Schüler, ſondern der Lehrer ſelbſt der Liebhaber, und nebenbei der begünſtigte Liebhaber der jungen Dame geweſen ſein, und der Armbruch des Barons die undermeidliche Folge einer Kugel, die Sie ihm in Gegenwart unter⸗ ſchiedlicher Zeugen nach allen Regeln der Kunſt in die betreffende Extremität expedirten.“ „Nun, und welcher Lesart geben Sie ſelbſt den Vorzug?“ „Der letzteren natürlich, mein wackrer Junker aus der Mancha. Hier, Oswald,— es hört's kein profanes Ohr in dieſen der Freund⸗ ſchaft und Liebe geweihten Hallen— ſtoßen Sie an und trinken Sie aus! aus, bis auf den letzten perlenden Schaum: ihr Wohl! ihr— klein geſchrieben! das Wohl der Einzigen, Holden, Süßen, des Mäd⸗ chens mit dem bläulich ſchwarzen Rabenhaar und den dunklen, meeres⸗ tiefen Augen! Aus! ſage ich, bei den Gebeinen der zehntauſend Jungfrauen von Köln, aus! Wie, edler Don, ſchämt Ihr Euch nicht, die Dame Eures liebeüberfließenden Herzens zu verleugnen? und wem gegenüber zu verleugnen? mir, dem weiſen Merlin, der ich das Gras kann wachſen und die Augen kann ſeufzen hören! Habe ich das Seufzen Eurer ſchönen Augen nicht gehört in den ſonnigen Tagen, die nicht mehr ſind, als Ihr und ſie, zwei Kinder ſeltener Art, unter den Roſenbüſchen der Unſchuld ſpieltet, und glaubtet, es beobachte Euch keiner, ſelbſt nicht der Schöpfer Himmels und der Erden, der Euch den warmen Odem einblies, mit dem Ihr koſend von ſüßer Minne flüſtertet? Und habe ich es nicht gehört, wie Euch die Schlangenzungen umziſchelten? habe ich es nicht geſehen, mit welchem ingrimmigen Haß Euch die Baſiliskenblicke anſtierten? O, ich habe dies Alles und noch mehr geſehen und gehört, und ich wußte im voraus, daß es ſo kommen würde, aber ich ſchwieg, denn Reden iſt wohl Silber, aber Schweigen iſt Gold und wer ſich in Herzens⸗ angelegenheiten miſcht, dem wäre beſſer, er ginge hin und ſetzte ſich in die Neſſeln.“ „Sagen Sie, Timm, haben Sie— haben Sie ſie geſehen, ſeit⸗ dem ſie in Grünwald iſt?“ „Ich habe ſie geſehen, hoher Herr! nicht einmal, ſondern viele — — A Erſter Band. 197 Male, an der Seite anderer junger Huldinnen, unter denen ſie erſchien, wie die glühende Roſe von Saron zwiſchen beſcheidenen Gänſeblümchen, dahinſchreitend über Grünwalds Pflaſter, durch Grün⸗ walds Gaſſen— und die Plaſterſteine auf den Straßen und die Mauerſteine in den Häuſern, ſie bekamen Sprache und redeten und ſangen: Geprieſen ſeiſt du, Gebenedeite unter den Weibern; Hallelujah!“ „Sie iſt bei Fräulein Bär, nicht?“ fragte Oswald, der es für thöricht hielt, einem ſo ſcharfſinnigen Beobachter, wie Albert, gegenüber, ſeine Liebe für Helene ganz und gar in Abrede zu ſtellen. „Ja, ſie iſt bei der Bärin, dieſer Perle aller weiblichen Arguſſe. Dort weilt ſie und ſitzt am Fenſter und ſieht die Wolken ziehen über die Wipfel der Pappeln hin— und wenn Sie des Mittags zwiſchen zwölf und eins dort vorübergehen wollen, ſo können Sie ſelbſt ſie dort ſitzen ſehen, wie ich ſie ſah, ſo oft ich zu dieſer Stunde dort vorüberkam. Und immer hob ſie ihre dunklen Augen, und immer blickte ſie mich fragend an: Kannſt Du von ihm mir keine Kunde ſagen; von ihm, dem einzig heißgeliebten Mann? Ha, Oswald, ich, ein proſaiſcher Klotz, ſpreche in Verſen, wenn ich des holden Kindes denke, und Sie, der Sie ein Dichter ſind, wollen leugnen, daß Sie ſie lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe? Schämen Sie ſich, Sie ſind nicht werth, daß ich mich ſo viel um Sie kümmere, wie ich es thue; daß ich in dieſen Wochen vielleicht jeden Tag öfter an Sie gedacht habe, als Sie während der ganzen Zeit an mich. Aber Undank iſt der Welt Lohn und— he, Carole, noch eine Flaſche!— ich werde mir in Zukunft über Sie und Ihr Schickſal nicht weiter den Kopf zerbrechen.“ Timm ſtützte den Kopf in die Hand, wie es Oswald ſchon wäh⸗ rend der letzten zehn Minuten gethan hatte. Eine Pauſe trat ein, während der kahlköpfige Carl eine friſche Flaſche Champagner in den Kühler ſteckte, ſie ein paar Mal in dem Eiſe umdrehte, und ſich darauf geräuſchlos, wie er gekommen war, wieder entfernte. Dieſer ſo plötzliche Uebergang aus einer überſprudelnden Heiter⸗ keit in eine larmohante Stimmung war, zumal bei einer ſo äußerſt elaſtiſchen Natur, wie die des Herrn Geometer Timm, etwas zu plötzlich, um ganz natürlich ſein zu können. Doch entging Oswald, 1 3 Durch Nacht zum Licht. den ſeine eigenen Gedanken zu ſehr beſchäftigten, dieſe Beobachtung. Er glaubte an Timm's Aufrichtigkeit und es ſchmeichelte ihm, bei einem Manne, den er bis dahin für ſo außerordentlich leichtſinnig gehalten, ein ſo tiefgehendes Intereſſe erweckt zu haben. Er füllte ſein und Albert's Glas aus der friſchen Flaſche und ſagte mit Herz⸗ lichkeit: „Ich bin nicht undankbar, Timm, ich bin es wirklich nicht, bin's auch in dieſem Falle nicht. Und wenn ich an Ihre Freundſchaft bis jetzt nicht ſo recht glaubte, ſo kam es daher, weil ich mir bewußt war, ſie ſo wenig verdient zu haben. Stoßen Sie mit mir an! Sie wiſſen, mit einem Melancholicus, wie ich einer bin, darf man es nicht ſo genau nehmen!“ „Ja, das ſoll Gott wiſſen!“ rief Timm mit dem alten luſtigen Gelächter, das lange blonde Haar, das ihm über die Stirn gefallen war, nach hinten ſchlagend und ſein Glas mit einem Zuge leerend. „Und ich habe oft ſchon darüber geräthſelt, wie ein Kerl wie Sie, der alle Anwartſchaft auf den intenſiveſten Genuß des Lebens hat, zu einer Weltanſchauung kommt, die ſich einzig für kranke Kanarien⸗ vögel und andere Invaliden zu ziemen ſcheint. Wenn Sie aus blöder Scheu niemals angefangen hätten, zu genießen, oder ihre Kraft im Genuß verbraucht hätten, wollte ich nichts ſagen; aber da offenbar das Eine ſo wenig der Fall iſt, wie das Andere; da Sie weder ein ſchwärmeriſcher Heiliger noch ein blaſirter Roué ſind, weder an Ueberkraft, noch an Ueberſchwäche leiden, ſo wüßte ich wirklich nur Eines, was Ihnen fehlen könnte.“ „Und das wäre?“ Herr Timm ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch und das glatte Geſicht in die weißen Hände und lächelte Oswald ſchlau an. „Und das wäre, Timm?“ „Zehntauſend Thaler jährliche Rente.“ Oswald lachte. „Ein höchſt proſaiſches Mittel gegen den Weltſchmerz.“ „Aber ein radicales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar an⸗ ſchlagen würde.“ „Weßhalb gerade bei mir?“ Erſter Band. 199 Timm ſchenkte die Gläſer wieder voll, zündete ſich eine friſche Cigarre an und ſagte: „Heine theilt, wie Sie wiſſen, die Menſchen in zwei Claſſen: in fette Griechen und magere Nazarener. Ich habe dieſe Unterſcheidung ſtets eben ſo praktiſch wie tiefſinnig gefunden. Jene glauben an die heilige Frau von Melos, dieſe beten zur ſchmerzensreichen Mutter. Der heitere, fröhliche Genuß der guten Dinge dieſer Welt iſt für die Einen: mürriſche Entſagung und grübelnde Asceſe für die Anderen. Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen ſich ausleben und die Nazarener ſich ausbeten können, müſſen die Erſteren noth⸗ wendig Geld und zwar viel Geld haben, und die Letzteren arm und zwar ſehr arm ſein.“ „Ehe Sie in Ihrer Auseinanderſetzung weiter gehen, Timm, ſagen Sie mir zuvörderſt: in welche Claſſe gehören denn Sie?“ „Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten Magen, die geſunden Zähne, die feinen Sinne, mit einem Worte, die Genußſucht und die Genußfähigkeit des Griechen; aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer ſpecifiſchen Tu⸗ genden nöthige Zähigkeit und Genügſamkeit. Ich habe das unſchätz⸗ bare Talent des Kameels, lange durſten zu können, ohne dabei den Muth und die Kraft zu verlieren— im Gegentheil, bei mir dient die Entbehrung nur dazu, den Appetit zu ſchärfen und den nächſten Trunk köſtlicher zu würzen. Wenn ich die wüſte Strecke durchlaufen habe, und— wie jetzt zum Beiſpiel— die Zweige der Mimoſe und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell— wie jetzt zum Beiſpiel— aus der Flaſche— wollte ſagen aus dem Felſen ſchäumt und perlt— dann beuge ich meinen langen Kameel⸗ hals herab und trinke, trinke, trinke und ſegne die dürre, braune Wüſte, die mir zu dieſem göttlichen Durſt verhalf.“ Und Herr Timm ſtürzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der haſtigen Gier eines Wanderers, deſſen Zunge am Gaumen klebt. Oswald betrachtete, den Kopf in die Hand geſtützt, den über⸗ müthigen Geſellen, ihm gegenüber, mit einem eigenthümlichen nei⸗ diſchen Wohlgefallen. Wie ſcharf und keck, und, bei aller Schärfe und Keckheit, fein und geiſtreich war dies faſt knabenhafte glatte 200 Durch Nacht zum Licht. hübſche Geſicht! Wie gut ſtand ihm der übermüthige Hohn, der um die beweglichen Naſenflügel zuckte und die ſcharfgeränderten rothen Lippen krümmte! Wie flogen von dieſen Lippen die Worte, ſo ſchnell wie gefiederte Pfeile, von denen jeder in's Schwarze trifft Welche ſouveräne Verachtung jeder Phraſe, aller Ziererei, aller Lappen, mit denen Heuchler und Thoren die nackte Blöße bemänteln, ſprach aus des Mannes ganzer Haltung, aus der Art, wie er den Kopf in den Nacken warf, oder den Dampf der Cigarre von ſich blies, oder die Flaſche aus dem Kühler nahm, umſchüttelte und ſich das alle Augenblicke leere Glas wieder voll ſchenkte!... Wie leicht trug dieſer Mann die ſchwere Bürde des Lebens! leicht wie ein Löwe mit dem geraubten Füllen über Hecken und Gräben ſpringt. Oswald hatte in dieſem Augenblicke keine Luſt, einen Blick in den bodenloſen Abgrund der Selbſtſucht zu werfen, der ſich unter der Fläche dieſes, in luſtigen Wellen tanzenden Humors verbarg. Die Zeit und der Ort begünſtigten dergleichen moraliſche Analyſen nicht. Hier in dieſem tiefen, ſtillen, von dem Dämmerlicht zweier Kerzen ſpärlich erleuchteten Keller fühlte er ſich tauſend Meilen weit allem irdiſchen Treiben entrückt. Er war, ſich Vergeſſenheit zu trinken, hierher gekommen. Er hatte, was er gewollt. Seine Stirn glühte, während er, dem Beiſpiele ſeines Gefährten folgend, ein Glas nach dem andern hinuntergoß. Er hatte ſich ſeit langer, langer Zeit nicht ſo frei und glücklich gefühlt, wie in dieſem Augenblick. „Was nun Sie anbetrifft, edler Ritter,“ fuhr Timm fort;„ſo ſind Sie ein Grieche, ohne die Mittel zu haben, es ſtets ſein zu können und ohne die Kameelgabe, die Zeit, wo Sie es nicht ſein können, der nächſten vergnüglichen Zukunft einfach auf die Rechnung zu ſetzen. Statt deſſen ſpielen Sie den Nazarener und befinden ſich dabei genau ſo wohl, wie ein Adler, dem man die Flügel und die Fänge beſchnitten und einen Ring um das Bein gelegt hat. So ſchlägt nun die nicht verausgabte überflüſſige Kraft nach innen und hemmt den normalen Gang Ihrer durchaus auf heiteres Genießen angewiefenen Natur. Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Sie auf dieſen Widerſpruch Ihres Weſens aufmerkſam mache. Erinnern Sie ſich, was ich Ihnen ſchon in Grenwitz ſagte? Sie haſſen den Adel, Sie haſſen die Reichen, Erſter Band. 201 Sie haſſen die Mächtigen, weil es Ihnen in allen zehn Fingern juckt, adlig und reich und mächtig zu ſein. Gehen Sie mir doch mit Ihrem moraliſchen Firlefanz von dem Adel der Geſinnung, dem Reichthum des reinen Herzens, der Macht der Wahrheit! Es iſt ja Alles Trödel⸗ waare für den, welcher weiß, wie es auf dem Markt des Lebens zu⸗ geht. Pah! was hat ein Mann von Ihrer Jugend, Ihrer Liebens⸗ würdigkeit, Ihrer hübſchen Fratze— denn, weiß es Gott, Oswald, Sie ſind ein verdammt hübſcher Kerl— ein Mann, dem die Weiber ungebeten um den Hals fallen, mit Keuſchheit; was hat ein Mann, wie Sie, von durchweg ariſtokratiſchen Neigungen und Tendenzen, mit der Armuth zu ſchaffen? Es iſt ja geradezu lächerlich! Sie müßten nicht ein armer Schullehrer, ſondern ein ſteinreicher Baron ſein, wie dieſe Grenwitzen's, mit denen Sie nebenbei eine mit jedem Tage frappanter werdende Aehnlichkeit haben, dann könnten Sie Ihr Leben genießen und ſich hernach mit einigem Grund eine Kugel durch den Kopf jagen: dann könnten Sie die ſchöne Helene heirathen, könnten mit einem Worte thun oder laſſen, was Sie wollten. Deß⸗ halb wiederhole ich: Ihnen fehlen zehntauſend Thaler jährlicher Rente. Ich wollte, ich könnte ſie Ihnen verſchaffen. Ich thät's, und ſollte ich ſie ſonſt woher nehmen.“ „Ich glaube, Sie wären dazu im Stande, Timm.“ „Weßhalb nicht? und wäre es auch nur aus Neugierde, zu ſehen, wie Sie ſich in dieſem Falle gegen Ihren alten Freund benehmen würden.“ „Ich würde es, davon ſeien Sie verſichert, mit dem Mammon machen, wie ich es als Junge mit den Kirſchen machte, die ich ge⸗ ſchenkt bekam,— ich würde ihn mit meinen Freunden theilen.“ Albert ſah Oswald, während dieſer mit gerötheter Wange und erhobener Stimme ſo ſprach, ſtarr in die Augen. Plötzlich ſagte er, wie aus einem Traum erwachend: „Ich bin ein ſchnurriger Kerl, Oswald, ſo ungläubig wie ein Heide und doch an allerlei Vorbedeutungen hängend, wie ein altes Weib. Als ich hier vorhin ſo einſam ſaß und meine Auſtern aß, da dachte ich: du haſt zufällig ein paar Thaler in der Taſche und möchteſt ſie gern mit einem guten Freund verkneipen. Und dabei kam ich, wie 202 Durch Nacht zum Licht. Wallenſtein in dem bekannten Monologe, auf die Frage: wer es wohl von allen denen, mit welchen ich hier Abend für Abend verkehre, mit mir am beſten und ehrlichſten meint, und daß es der ſein ſollte, der zuerſt zur Thür herein käme. Aber ſeltſam: es iſt, ganz gegen die Gewohnheit, Keiner von Allen gekommen! Statt deſſen kamen Sie, an den ich nicht im entfernteſten gedacht hatte. Oswald, ich weiß nicht, wie Sie über dergleichen denken, und es iſt möglich, daß ich Sie mit meiner Bitte beleidige; ich bin es gewohnt, meine Freunde Du zu nennen. Wollen wir uns Du nennen?“ „Von Herzen gern,“ rief Oswald.„Hier iſt noch für Jeden ein Glas in der Flaſche.“ „Und aus dem Glaſe, aus dem ich mit Dir Swmollis getrunken, ſoll iein Anderer wieder trinken,“ rief Albert und ſchleuderte 6 Glas an die Erde. Oswald that desgleichen; aber der Klang der zerſpringenden Gläſer gellte ſchrill und häßlich durch ſein Ohr, wie das Lachen ſchadenfroher Dämonen. Der kahle Carl, welcher an dem andern Ende der Halle hinter ſeinem Bureau geſeſſen und genickt hatte, fuhr bei dem Lärm in die Höhe und kam ſchlaftrunken herangeſchlürft, in der Meinung, man habe ihn gerufen. „Wie iſt's, Oswald?“ ſagte Timm;„ich denke, wir trinken noch eine. Wir kommen ſo jung nicht wieder zuſammen.“ „Nein!“ ſagte Oswald;„laß es genug ſein. Mir brennt der gopf Und ich muß morgen bei Hinz und Kunz Viſiten machen. Was haben wir zu bezahlen?“ „Halt!“ rief Herr Timm, Oswald in den Arm fallend.„Mein iſt der Helm und mir gehört er zu! Carole, wenn Du von dieſem Herrn einen rothen Heller nimmſt, ſo zerſchmettre ich dieſe leere Flaſche auf Deinem kahlen Schädel. Hier! mach Dich bezahlt von dieſem Wiſch für heute Abend und für die letzten Male, und von dem, was übrig bleibt, kaufe Dir meinetwegen eine Perrücke, Carole!“ Bei dieſen Worten hatte Herr Timm aus einem anſehnlichen Packet Banknoten, das er aus der Rocktaſche nahm, einen Fünfund⸗ zwanzig⸗Thalerſchein gezogen und ihn dem Kellner eingehändigt, der Erſter Band. 203 über den plötzlichen Reichthum in den Händen eines ſeiner am ſchlechteſten zahlenden Gäſte einigermaßen verwundert ſchien. Zum mindeſten grinſte er höchſt eigenthümlich, als er den Schein entgegen⸗ nahm, während Herr Timm das Packet mit der Miene äußerſter Sorgloſigkeit wieder in die Taſche ſchob und den Hut ſchief auf den Kopf drückend ſang: „Ich bin der letzte Gaſt im Haus, Komm leuchte mir zur Thür hinaus! Und ſagen wir uns gute Ruh, So giebſt Du einen Kuß dazu“.. Sie ſtanden draußen auf der Straße. Der Nebel hatte ſich gänzlich verzogen und der Mond ſchien klar vom dunklen Himmel. Die Laternen waren ausgelöſcht und tiefe Schatten wechſelten mit hellen Streifen in den engen Gaſſen zwiſchen den hohen Giebel⸗ häuſern. Ein Nachtwächter, der mit langem Spieß und urvorwelt⸗ lichem Horn an der Straßenecke ſtand, rief die zwölfte Stunde ab. Sonſt war Alles todtenſtill auf den leeren Straßen, durch die Os⸗ wald und Albert jetzt Arm in Arm, wie es guten Freunden und Dutzbrüdern zukommt, dahinſchritten; Oswald, ungewöhnlich erhitzt und aufgeregt, Albert ſo munter und friſch, als ob er im Rathskeller von Grünwald nur Waſſer getrunken hätte. Sie ſprachen über die Herren vom Rath und vom Gymnaſium, bei denen Oswald morgen Viſite machen wollte, über Oswald's Gymnaſialcarriere überhaupt, die Albert für einen ſo abenteuerlichen Plan erklärte, wie er eben nur einem edlen Manchaner in den Sinn kommen könne, bis ſie vor der Thür des Hötels anlangten. Hier wünſchten ſie ſich gute Nacht. Oswald trat in's Haus; Albert ſchlenderte, die Hände in den Taſchen, weiter die Hauptſtraße entlang. Plötzlich aber blieb er ſtehen und ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen. Dann bog er in eine Neben⸗ ſtraße und verſchwand in einem Labyrinth von Gaſſen und Gäßchen, welche von kleinen gichtbrüchigen Häuſern gebildet wurden, deren Aeußeres nicht beſſer war, als der Ruf, in welchem das ganze Quar⸗ tier bei dem ſoliden Theile der Bevölkerung Grünwalds ſtand. 204 Durch Nacht zum Licht. Achtzehntes Capitel. Die Dienſtwohnung des Gymnaſialdirectors Doctor Moritz Cle⸗ mens prangte heute Abend in ungewöhnlichem Glanz. Nicht nur waren in der„guten Stube“ und in der Wohnſtube die Ueberzüge von ſämmtlichen Sophas, Sophakiſſen und Stühlen entfernt und über die enthüllte Pracht herrlichſter Stickereien das verſchwenderiſche Licht zweier Lampen und eines halben Dutzend Stearinkerzen ausgegoſſen; auch das Studirzimmer des Directors auf der einen und das Wohn⸗ und Schlafgemach der beiden Töchter auf der anderen Seite waren durch Wegräumung des Arbeitstiſches hier und der Betten dort in Salons umgeſchaffen und ebenfalls mit je einer Lampe und drei Kerzen erleuchtet worden. Durch ſämmtliche Räume wallte der aro⸗ matiſche Duft, welcher jedesmal entſteht, ſo oft auf die heiße Platte eines Ofens etwas Räucherpulver geſtreut wird, und der ſchon an und für ſich hinreicht, jedes wohlgeordnete Gemüth in eine feſtliche Stimmung zu verſetzen. Die Familie Clemens iſt in großer Toilette und harrt der Gäſte, die da kommen ſollen. Die Familie Clemens beſteht aus vier Per⸗ ſonen, aus Vater, Mutter und zwei erwachſenen Töchtern. Der Director Clemens iſt ein Mann von etwa funfzig Jahren, der in ſeiner Jugend ſchön geweſen ſein muß und noch immer für einen ſehr hübſchen Mann gelten kann. Er trägt das lockige braune Haar ziemlich lang und den Hemdkragen gegen die Mode der Zeit à la Byron über das loſe umgebundene Halstuch geſchlagen, was ihm, in Verbindung mit der etwas verſchwommenen Weichheit ſeiner Züge einen idealen, um nicht zu ſagen weibiſchen Anſtrich giebt. Er iſt ſich dieſes ſanften Charakters ſeiner Erſcheinung bewußt und thut Alles, denſelben auf jede Weiſe zu erhöhen. Seine Rede iſt ſanft, ſeine Stimme iſt ſanft, ſeine Bewegungen ſind ſanft.„Ich heiße Clemens und ſuche meinem Namen Ehre zu machen,“ pflegt er beſcheidentlich zu antworten, wenn ihm Jemand über die„vollendete Humanität“ Erſter Band. 205 ſeines Weſens und ſeiner Erſcheinung ein Compliment macht.„Huma⸗ nität“ iſt ſein drittes Wort. Der gelehrten Welt iſt er durch ſein moraliſch⸗philoſophiſches Werk:„Läuterung des Menſchen zur wahren Humanität“ und dem größeren Publicum durch ſein dramatiſches Gedicht„Johannes auf Patmos“ bekannt, welches bereits in der Univerſitäts⸗Buchhandlung von Grünwald in zweiter Auflage erſchie⸗ nen iſt und das Motto trägt:„Homo sum, nihil humani mihi alienum puto.“ Frau Director Clemens iſt, zum mindeſten in ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung, das genaue Gegentheil ihres Gatten. Ihre Geſtalt iſt weit über das gewöhnliche Maß groß und breit und ſtark. Die Züge ihres Geſichts ſind dem entſprechend plump und maſſiv; ihre Stimme iſt ein nicht allzu tiefer Baß und ihre Bewegungen und Manieren haben etwas von dem Rollen eines Schiffes bei hohem Seegang. In der That iſt ſie die Tochter eines Poſtdampfſchiffs⸗Capitains und in ihrer zarten Jugend mit ihrem Vater zweimal in Oſtindien ge⸗ weſen. Man begreift nicht recht, wie der äſthetiſirende, für Hogarths line of beauty begeiſterte Gatte gerade dieſe Wahl hat treffen können, und kann dieſelbe nur durch jene geheimnißvolle Wahlverwandtſchaft, welche das Strenge mit dem Zarten und das Starke mit dem Milden zu paaren liebt, erklären. Indeſſen iſt der Gegenſatz der beiden Charaktere bei genauerer Betrachtung weniger groß, als es anfänglich ſchien. Dem Gatten iſt es gelungen, die etwas ſchwerfällige Pſyche ſeiner Gattin emporzuflügeln. Er hat ihr ſo viel von der wahren Humanität vorgeſprochen, daß ſie feſt entſchloſſen iſt, trotz ihrer koloſ⸗ ſalen Geſtalt äſthetiſch und trotz ihrer mangelhaften Erziehung gebildet zu ſein. Sie lieſ't viel, wenn ſie gleich vielleicht nicht Alles verſteht und iſt die Stifterin und Directrice eines„dramatiſchen Kränzchens,“ obgleich ihr die Lehre vom Gebrauch des Accuſativs und des Dativs nie ganz klar geworden iſt. Die beiden Fräulein Clemens ſind neunzehn und achtzehn Jahr alt und haben die ſchönen Vornamen Thusnelde und Fredegunde. Fredegunde gleicht mehr der Mutter, Thusnelde mehr dem Vater; doch iſt die Charakterverſchiedenheit, die bei den Eltern durch das ge⸗ meinſame Streben nach Humanität beinahe ausgeglichen wurde, bei 206 Durch Nacht zum Licht. den Töchtern noch ſehr merklich. Sie zanken ſich ſehr häufig, ſind faſt ſtets entgegengeſetzter Anſicht und ſich nur darin ähnlich, daß ſie Beide eine außerordentlich hohe Meinung von ſich ſelbſt haben. „Ich dächte, unſere lieben Gäſte ließen etwas lange auf ſich warten,“ ſagt Director Clemens, zum zwölften Male ſeit den letzten zwölf Minnten nach ſeiner Uhr ſehend, während er in nervöſer Er⸗ regung im Zimmer auf und ab wandelt. „Ich begreife auch nicht, wo die Leutchen bleiben,“ ſagt Frau Director Clemens, ſich für einen Augenblick auf den Sopha nieder⸗ laſſend und ſich die erhitzte Stirn mit dem Taſchentuche trocknend,„ich hatte Doctor Stein noch ausdrücklich gebeten, ja vor ſieben hier zu ſein, weil ich ſeine Rolle noch mit ihm durchgehen wollte.“ „Wird er denn den Hauptmann leſen können?“ ſagt Fräulein Thusnelde Clemens, vor dem Spiegel ihren Kopfputz in Ordnung bringend. „Du denkſt, Dein Wimmer kann ganz allein gut leſen,“ ſagt Fräulein Fredegunde Clemens aus dem Nebenzimmer her, wo ſie ebenfalls vor dem Spiegel noch mit ihrer Toilette beſchäftigt iſt. „Mindeſtens lieſ't er ſo gut, wie Breitfuß,“ erwiderte Fräulein Thusnelde in gereiztem Ton. „Aber Kinder, Ihr werdet Euch doch nicht noch gar zanken,“ ſagt die Mutter beſchwichtigend. „Fredegunde kann das Necken nicht laſſen,“ ſagt Thusnelde. „Und Du willſt immer oben hinaus!“ ſagte Fredegunde, in der Thür erſcheinend. „Um Gotteswillen, Kinder, ich bitte Euch, ſeid ſtill,“ ruft Doctor Clemens mit ängſtlicher Stimme, die Hände wie flehend erhebend: „ich höre Jemand auf dem Vorſaal.“ In der That wird in dieſem Augenblick von dem Dienſtmädchen die Thür geöffnet, und herein ſchreiten: Herr Profeſſor Snellius, Frau Profeſſor Snellius und Fräulein Jda Snellius. Der geſtörte Familienfriede der Familie Clemens iſt ſofort wieder hergeſtellt. Man begrüßt die Eintretenden ſo herzlich, wie Leute, die ſich zur wahren Humanität durchgearbeitet haben, ihre Freunde zu bewillkommen pflegen. —— Erſter Band. 207 Profeſſor Snellius, Ordinarius der Prima und Conrector, ein Mann in dem Anfang der Vierziger, ſtrebt ebenfalls und wohl in noch energiſcherer Weiſe wie Director Clemens nach dem Idealen und wird in dieſem Streben vielleicht noch mehr als jener durch ſeine äußere Erſcheinung ausnehmend begünſtigt. Wenn die Schönheit des Director Clemens ein etwas unbeſtimmtes Gepräge hat, ſo iſt auf den reinen Zügen des Profeſſor Snellius der Charakter deutlich aus⸗ geprägt; auch der Uebelwollendſte kann die Behauptung der Verehrer des Profeſſors, daß er mit ſeinem Lieblingsdichter Schiller eine mehr als flüchtige Aehnlichkeit habe, nicht ganz in Abrede ſtellen. Dieſelbe kühn geſchwungene Naſe, um deren Flügel es ſo tief elegiſch zuckt, derſelbe Ernſt, dieſelbe Hoheit, dieſelbe lange Geſtalt, die nur, den Anforderungen der Zeit gemäß, in kein ideales Coſtüm, ſondern in einen einfachen ſchwarzen Anzug gekleidet iſt, deſſen peinliche Sauber⸗ keit der ſchneeigen Weiße des etwas feſt umgebundenen ſteifen Hals⸗ tuchs entſpricht. Profeſſor Snellius iſt Pädagog im eminenten Sinne. Seine Gelehrſamkeit iſt geradezu ſchwindelerregend. Er lehrt ſämmt⸗ liche neuere Sprachen, Latein, Griechiſch, Hebräiſch, Sanſerit und hat ſich auch in ſeinen Mußeſtunden etwas im Chineſiſchen umgeſehen. Er ſchwärmt für die Jugend und ſeinen Beruf der Jugenderziehung. Seine Anſichten über dieſe ſo höchſt wichtige Aufgabe und ſeine Vor⸗ ſchläge zur zweckmäßigſten Löſung derſelben hat er in ſeinem umfang⸗ reichen Werk:„Geſchichte der Erziehung bei den weſtaſiatiſchen Völkern bis zur Zeit Rameſes des Großen,“ niedergelegt. Das Motto dieſes Werks, und zugleich der Wahlſpruch des Profeſſor Snellius, iſt: Durch Kampf zum Sieg. Profeſſor Snellius nimmt es ernſt mit dem Leben und ſtottert ein wenig, wenn er, was ihm häufig begegnet, über den Mangel an idealen Schwung bei ſeinen Schülern oder ſonſt über ein Lieblingsthema in Eifer geräth. Frau Profeſſor Snellius iſt eine kleine Dame, die unbedeutend ſein würde, wenn ſie nicht einen ſo bedeutenden Gelehrten zum Gatten hätte. Fräulein Ida Snellius iſt ein überaus langes und überaus linkiſches Mädchen von ſechszehn Jahren, das ihrem Vater merk⸗ würdig ähnlich ſieht und in dem Rufe ſteht, die Erbſchaft der Ge⸗ lehrſamkeit ihres Vaters ſchon jetzt zum Theil angetreten zu haben. 3 208 Durch Nacht zum Licht. Sie ſpricht mit gebildeten Herren(mit anderen ſpricht ſie überhaupt nicht) gern über Sprachenvergleichung und Wilhelm von Humboldt und ſoll ſämmtliche zwölf Bände von dem berühmten Werke ihres Vaters durchgeleſen haben. Indeſſen iſt dieſe Behauptung ſo unge⸗ heuerlich, daß man wohl mit Recht an der Wahrheit derſelben zweifeln kann. Der langathmige Selam zwiſchen den Familien Clemens und Snellius iſt noch nicht halb zu Ende, als ſich abermals die Thür öffnet, um den Doctor Kübel nebſt Frau und Tochter einzulaſſen. Ihnen folgen die Herren Doctoren Wimmer und Breitfuß. Doctor Kübel iſt Ordinarius der Tertia und ein ſo kugelrundes, joviales Männchen mit ſtets glatt raſirtem Geſicht und weißen, ſorgſam ge⸗ pflegten Händen, wie ſie ſo rund und jovial unſere neuere Zeit gar nicht mehr ſchaffen kann, wie ſie aber in den friedlichen ſtagnirenden Gewäſſern der Periode von dem Wiener Congreß bis zu Ende der vierziger Jahre gar fröhlich an Gymnaſien und anderen ſtillen Plätzen in dem ſtillen Deutſchland gediehen. Seine Stimme iſt laut und quäkend und erinnert(wie denn auch die Geſtalt des Mannes) an die harmloſen Bewohner der Sümpfe. Seine Gelehrſamkeit iſt nicht eben bedeutend. Spötter behaupten, daß ſein einziges Verdienſt als Philo⸗ loge darin beſtehe, eine ſehr hübſche Tochter zu haben. Marie Kübel iſt in der That ein ſehr hübſches, braunäugiges, lachluſtiges, freund⸗ liches Mädchen, das von den Fräulein Clemens und Snellius un⸗ ſäglich verachtet wird, von jenen, weil ſie keine Ahnung von dramati⸗ ſchem Vortrag hat, von dieſer, weil ſie einmal Alexander von Hum⸗ boldt mit Wilhelm von Humboldt verwechſelte. Heute hat ſie den Zorn Thusneldens und Fredegundens dadurch noch beſonders hervor⸗ gerufen, daß ſie mit den Doctoren Wimmer und Breitfuß zu gleicher Zeit anlangte und dieſelben, ſo zu ſagen, in ihrem Gefolge hatte. Thusnelde und Fredegunde ſind aber gewohnt, die Aufmerkſamkeiten und Galanterien dieſer Herren als ein ihnen gebührendes Regal zu betrachten, und das mit einigem Recht, denn Herr Wimmer trägt ſeit ungefähr einem halben Jahr heimlich eine Locke von Thusnelden auf dem Herzen(die er in ſentimentalen Augenblicken, unter Androhung ſeiner höchſten Ungnade im Fall des Verraths, ſeinen vertrauteſten 3 . Erſter Band. 209 Freunden zu zeigen pflegt), und Herr Breitfuß hat ſchon mindeſtens drei Dutzend Vielliebchen(und wie allgemein behauptet wird, auch ſein Herz) in den ſechs Monaten, die er am Gymnaſium angeſtellt iſt, an Fredegunde verloren. Doetor Wimmer iſt ein ſchlanker Jüng⸗ ling von mittlerer Größe, deſſen Routine in dem Verkehr mit Damen bei ſeinen Collegen ſprichwörtlich iſt, und der(vielleicht in Folge der vielen zarten Verhältniſſe, von welchen er häufig in myſteriöſen An⸗ deutungen ſpricht) ſich ſtets in einer nervöſen Aufregung befindet; Doctor Breitfuß iſt ein Herr, den man(wenn man es ſonſt nicht beſſer wüßte) für einen Schlächter halten würde, und der wegen ſeiner plumpen Füße und Hände und Manieren häufig das Stich⸗ blatt der geiſtreichen Scherze ſeiner Freunde iſt. „Da wäre ja unſer Kränzchen nun wohl beiſammen,“ ſagt Divector Clemens, ſich ſanft die Hände reibend und die Stimme mäßig erhebend,„und nur unſere lieben Gäſte fehlen noch.“ „Unſere Gäſte, liebſter Collega?“ ſagt Profeſſor Snellius,„ich denke, es handelt ſich nur um den Singularis von hospes.“ „Minime!“ lächelte der Director,„ich habe Ihnen, meine Damen und Herren, heute Abend einen Dualis, ja ſogar einen Pluralis von Ueberraſchungen zugedacht. Es werden außer unſerem neuen Collegen Stein noch zwei Gäſte kommen, von denen ich mir für unſeren ge⸗ ſelligen Kreis ſehr viel verſpreche. Rathen Sie, wer?“ „Aber, Moritz, es ſollte ja eine Ueberraſchung ſein,“ ſagt Frau Clemens im vorwurfsvollen Ton. „Ich glaube, Liebe, es iſt beſſer, wir bereiten das Kränzchen darauf vor. Iſt es doch unſer Wunſch, die Betreffenden nicht blos für einen Abend als Gäſte zu haben, ſondern ſie dauernd für unſer Kränzchen zu gewinnen, und müſſen wir doch zu dieſem Zweck nach den Statuten, die Du ſelbſt entworfen haſt, die Einwilligung ſämmt⸗ licher Betheiligten haben.“ „Wer iſt es, Herr Director?“ fragt Doctor Wimmer.„Sie ſpannen uns auf die Folter.“ „Ein Herr, deſſen Name in der Gelehrtenrepublik einen guten Klang hat, und eine Dame, die für Sie, als lyriſcher Dichter, von ganz beſonderem Intereſſe ſein wird, College Wimmer.“ Fr. Spielhagen's Werke. R. 14 210 Durch Nacht zum Licht. „Eine Dame?“ ruft Herr Wimmer, indem er ſich mit der Hand durch ſein ſorgſam gepflegtes reiches Haar(ſein Stolz und ſeine Zier) fährt, für welche unzeitige Regung der Eitelkeit er durch einen ſtrafenden Blick der Dame, deren Locke er auf dem Herzen trägt, geſtraft wird. „Ja, eine Dame, College, ein hochbegabtes, lyriſches Talent.“ „Ohne Zweifel Primula; ich meine Frau Profeſſor Jäger;“ ruft Herr Wimmer. „Richtig gerathen, die Dichterin der Kornblumen und der Inter⸗ pret der Fragmente des Chryſophilos, werden heute Abend eine Gaſt⸗ vorſtellung geben, die hoffentlich zu einem dauernden Engagement füh⸗ ren wird,“ ſagt Herr Director Clemens mit ſeinem ſanfteſten Lächeln. Ein erſtauntes, langgezogenes uniſones Ah! bezeugt das Intereſſe, welches die Geſellſchaft an dieſer Nachricht nimmt. „Ich hatte auch noch einen andern Grund, Jägers gerade heute zu bitten,“ fährt der Director fort,„es war, wenn Sie wollen, eine Rückſicht der Humanität gegen unſern neuen Collegen Stein. Er iſt ganz fremd in unſerm Kreis und ſcheint überdies ſcheu, befangen und wenig gewohnt, ſich in größern Cirkeln zu bewegen. Nun aber ſind, wie er mir ſelbſt heute Morgen ſagte, Jägers ſpecielle Bekannte von ihm aus früherer Zeit— aus der Zeit ſeines Hauslehrerlebens, glaube ich— und er wird ſich ohne Zweifel freuen, an dieſem Abend unter ſo viel halb oder ganz fremden Geſichtern auch einigen Be⸗ kannten zu begegnen.“ „Dieſe zarte Rückſicht ehrt Sie, Collega,“ ſagt Profeſſor Snel⸗ lius, dem Direcior die Hand drückend, wobei der elegiſche Zug um ſeine Naſenflügel deutlich hervortritt. „Aber ich denke, Frau Director, die Rollen ſind alle vertheilt,“ ſagt Doctor Wimmer, der den„Mar“ hat, und jeder Veränderung umſomehr entgegen iſt, als ſeine geliebte Thusnelde, die„Thekla“ lieſt, und er auf die Einſtudirung ſeiner Rolle vier Wochen ange⸗ ſtrengteſten Studiums verwandt hat. „Ich habe Doctor Stein den Hauptmann gegeben, der noch nicht beſetzt war,“ ſagt Frau Director Clemens in dem Tone Jemands, der keinen Widerſpruch gewohnt iſt und keinen Widerſpruch duldet. —— — — — ——— Erſter Band. 211 „Das iſt eine hübſche kleine Rolle und er kann darin zeigen, ob er zu leſen verſteht oder nicht. Ich hätte ſie freilich gern einmal vorher mit ihm durchgeleſen, aber er mag nun ſehen, wie er fertig wird. Was Jägers betrifft, ſo habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald, die ebenfalls noch unbeſetzt waren, gegeben.“ „Aber, verehrte Frau Director,“ quäkte Doctor Kübel,„ſollten dieſe Rollen für unſere Debütanten wohl ganz geeignet ſein?“ „Weßhalb nicht, lieber Doctor?“ fragt die Frau Director mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln. „Ich meine nur, weil es ihnen gerade nicht beſonders lieb ſein dürfte, ſich bei uns gleich das erſte Mol als Mörder zu introduci⸗ ren?“ meint Doctor Kübel. Frau Director, deren Stirn ſich bei dieſen Worten des ſcherz⸗ haften Collegen in noch tiefere Falten gelegt hat, will etwas er⸗ widern, vermag es aber nicht, da ſich in dieſem Augenblick die Thür öffnet, um Herr und Frau Profeſſor(weiland Paſtor) Jäger in's Zimmer zu laſſen. Mit dem edlen Paar iſt, ſeitdem es das„niedere Dach“ und die„ländlichen Gefilde“ hinter ſich gelaſſen, eine Veränderung vor⸗ gegangen, die, für den Unbefangenen vielleicht unmerklich, ſich doch dem ſchärferen Auge durch manche charakteriſtiſchen Symptome ver⸗ räth. Der Profeſſor Jäger weiß zu gut, was dem Paſtor Jäger die Maske der Demuth, der Beſcheidenheit der Anſpruchsloſigkeit nützte, als daß er dieſelbe jetzt, wo er das Ziel ſeines Ehrgeizes nur erſt zur Hälfte erreicht hat, ganz ablegen ſollte— er hat ſie nur ein wenig gelüftet, und ſein wahres, mit dem doppelten Stempel des Gelehrtendünkels und des Pfaffenſtolzes gezeichnetes Geſicht ſchaut für den, welcher Augen hat zu ſehen, oftmals ſehr deutlich darunter hervor. Daſſelbe Schauſpiel, nur in's Kindiſche und Alberne über⸗ ſetzt, gewährt Frau Profeſſor Jäger. Die Dichterin der Kornblumen hat die Miene Jemands, der im nächſten Augenblick ein überſchwäng⸗ liches Lob erwartet, aber feſt entſchloſſen iſt, daſſelbe zurückzuweiſen. Wenn der Anblick des Profeſſors an den allbekannten Wolf in Schafs⸗ kleidern erinnert und man ſich in ſeiner Nähe eines unheimlichen Gefühls ſchwerlich erwehren kann, ſo mahnt die Erſcheinung der Frau 14* 212 Durch Nacht zum Licht. Profeſſor an die bewußte Krähe, die ſich für den Vogel des Juno hielt; und man hat Mühe, ſeinen Ernſt zu bewahren.— Die Wande⸗ lung der äußeren Erſcheinung iſt weniger groß, nur daß der Interpret des Chryſophilos ſeine einfache Hornbrille mit einer in goldener Faſſung vertauſcht hat, und Primula in ihrem blonden Haar ein paar künſtliche Nachbildungen jener blauen Blumen trägt, von denen ſie für ihre Gedichte den Titel nahm. Beide halten in ihren Händen ein Exemplar des Wallenſtein, froh der Hoffnung des Sieges, den ſie heute Abend durch ihre declamatoriſche Virtuoſität erringen werden; ohne die mindeſte Ahnung der tödtlichen Beleidigung, die ihr Stolz in den nächſten zehn Minuten davontragen wird. Und hoffnungsfroh und ahnungslos treten ſie in den Salon, bewillkommnen die werthgeſchätzten„Gaſtfreunde“ und laſſen ſich den jüngeren Herren vom Gymnaſium, denen ſie noch nicht bekannt ſind, vorſtellen. Es iſt die erſte größere Geſellſchaft, die ſie ſeit ihrer. triumphirenden Rückkehr nach Grünwald mitmachen. Gymnaſial⸗ Director Clemens iſt dafür bekannt, einen geiſtreicheren Cirkel um ſich zu verſammeln, als irgend ein Profeſſor der Univerſität; es müßte denn der Geheimrath Robran ſein, in deſſen Geſellſchaften aber ein bedeutend geringeres Quantum poetiſcher Empfindungen conſumirt wird. Herr und Frau Profeſſor Jäger ſind entſchloſſen, daß dieſer Cirkel bald nur der Dunſtkreis ſein ſoll für den leuchtenden Kern ihrer eigenen Vortrefflichkeit. „Ah, mein würdiger Freund!“ ruft der Profeſſor Jäger, nachdem er Clemens und Snellius begrüßt, dem Doctor Kübel, bei dem er ſelbſt noch Unterricht gehabt hat, mit Wärme die fetten, weißen Hände drückend;„wie freue ich mich doch, mein hochverehrter Lehrer, Sie in ſo herrlichem Wohlſein anzutreffen! Wahrhaftig, man möchte von Ihnen, wie Wallenſtein von ſich ſelbſt, ſagen: daß über Ihrem braunen Scheitelhaar die ſchnellen Jahre machtlos hingezogen. Ja, ja: mens sana in corpore sano— das habe ich in jener Zeit von Ihnen ge⸗ lernt; aber Sie haben ſelbſt geübt, was Sie lehrten.— Herr Doctor Wimmer, ich freue mich ausnehmend, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen; Sie ſind mir und meiner Frau durch Ihre reizenden „Maiglöckchen“ ſchon lange lieb und werth. Erlauben Sie, daß ich —— —— Erſter Band. 213 Sie meiner Guſtava vorſtelle; ich möchte die Kornblumen und die Maiglöckchen gern zu einem Strauß vereinigt ſehen, ha, ha, ha!— Herr Doctor Breitfuß, ich bin glücklich, einem jungen Gelehrten von Ihren Verdienſten zu begegnen. Ihre herrlichen Monographien über Origenes und Euſebius haben mir bei Abfaſſung meiner„Fragmente“ die weſentlichſten Dienſte geleiſtet. Ich freue mich, meinen Dank jetzt endlich perſönlich abtragen zu können.“ Während ſo Profeſſor Jäger im Kreiſe der Herren ſich ſchlangen⸗ gleich von einem zum andern windet, durchflattert Primula ſylphen⸗ haft den Cirkel der Damen. Sie hat, wie das Mädchen aus der Fremde, für Jede eine Gabe. Sie ſagt den älteren Damen ein verbindliches Wort; ſie beneidet Thusnelde und Fredegunde Clemens um ihre„reizenden, tiefpoetiſchen“ Namen; ſie gratulirt Ida Snel⸗ lius zu ihren Fortſchritten im Portugieſiſchen und klopft Marie Kübel auf die erröthenden Wangen, und nenut ſie ein liebes, gutes Kind. „Aber der College bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange,“ ſagt Director Clemens, nach der Uhr ſehend;„ich dächte, Auguſte, Du ließeſt den Thee ſerviren.“ „Wen erwarten Sie noch, Werthgeſchätzter?“ fragt Paſtor Jäger den Director. „Weſſen Fuß trat noch über dieſe Schwelle nicht?“ fragt Pri⸗ mula, die heute Abend voll iſt von Reminiscenzen aus dem Wallen⸗ ſtein, die Directorin. In demſelben Moment, wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort öffnen, öffnet ſich auch die Thüre und Oswald's hohe Geſtalt erſcheint in dem Rahmen derſelben. Ueunzehntes Capitel. Das Eintreten eines Nachzüglers in eine bereits ſeit längerer Zeit verſammelte Geſellſchaft erregt immer eine gewiſſe Senſation, zumal, wenn man, wie in dieſem Falle, der Ankunft des Gaſtes mit „————————— 214 Durch Nacht zum Licht. — einiger Spannung entgegengeſehen hat. Oswald war in dieſem Kreiſe eigentlich vollkommen fremd. Er hatte bis jetzt nur mit dem Director, und auch mit dieſem nur geſchäftlich, verkehrt. Die anderen Herren und Damen vom Gymnaſium hatte er zum Theil bei Gelegenheit ſeines früheren Aufenthalts in Grünwald hier und da in Geſellſchaften geſehen, ohne ihrer beſonders zu achten, oder von ihnen beſonders beachtet zu werden. Heute Mittag, als er ſeine Viſiten machte, hatte er, mit Ausnahme der Familie Kübel, Niemand zu Hauſe getroffen. Die Herren waren begierig, den neuen Collegen, die älteren Damen, einen jungen Mann, der möglicherweiſe noch einmal ihr Schwieger⸗ ſohn werden konnte, die jungen Damen die neue Acquiſition für ihre geſelligen Zuſammenkünfte zu ſehen, zu muſtern, zu kritiſiren. In Folge deſſen entſtand bei ſeinem Eintritt eine Pauſe in dem munter ſchwirrenden Geſpräch und Aller Augen richteten ſich unver⸗ wandt auf ihn. Oswald ſchritt, uneingeſchüchtert durch dieſes Kreuzfeuer von Blicken, auf die Frau Director zu, küßte ihr die Hand, entſchuldigte ſich mit wenigen Worten über ſein ſpätes Kommen und bat ſie, ihn den übrigen Damen, die zu kennen er noch nicht das Glück habe, vorzuſtellen. Nachdem dieſe Ceremonie in aller Form ausgeführt, wandte er ſich zum Director mit der Bitte, ihn mit den Herren be⸗ kannt zu machen; darauf wieder zu den Damen, um noch einmal der Frau Director einige verbindliche Worte zu ſagen, und ſodann mit Primula ein Geſpräch anzuknüpfen, auf welches die Dichterin mit ganz beſonberem, auffälligem Eifer einging. Primula hatte Oswald wegen ſeiner„ſchönen, ritterlichen, echt romantiſchen Erſcheinung,“ wie ſie exſtatiſch zu ſagen beliebte, vom erſten Augenblicke in ihr poetiſches Herz geſchloſſen und all die Abmahnungen ihres vorſichtigen Gatten waren nicht im Stande geweſen, den Strom ihrer ſympatheti⸗ ſchen Empfindung dauernd zu hemmen. Sie hatte zwar auf dem 1 Lande den Verhältuiſſen Rechnung tragen und ſchließlich die gefallene“ Größe auch ihrerſeits fallen laſſen müſſen; aber ſie hatte ſich vor⸗ genommen, ſobald ihre gebundene Pfyche jemals freier die Schwingen regen könnte, dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen. Dieſer Augen⸗ blick war jetzt gekommen; ſie begrüßte Oswald, der ihr durch die — Erſter Band. 215 „überaus romantiſche Kataſtrophe auf Schloß Grenwitz“ noch viel intereſſanter geworden war, mit der doppelten Wärme der Freund⸗ ſchaft und der Bewunderung. Indeſſen ließ ſich Oswald, der ent⸗ ſchloſſen war, die Dämen ſich womöglichſt ſämmtlich geneigt zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er ſprach ernſt mit den älteren; er ſcherzte mit den jüngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünſchte Ziel erreicht. Während deſſen war er von den Herren, die ſich um Profeſſor Jäger verſammelt hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chryſophilos haßte Oswald mit einem ganz ge⸗ ſunden langathmigen Haß. Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerkſamkeit, die er beanſpruchte, entgegengekommen, hatte ihn im Gegentheil, beſonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz unverhohlener Geringſchätzung behandelt. Der Profeſſor Jäger hatte die dem Paſtor Jäger angethane Beleidigung nicht vergeſſen und wartete nur auf eine paſſende Gelegenheit, die ſo lange auf⸗ geſammelte Summe des Haſſes abzutragen. Indeſſen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen, als ihn jetzt die Herren vom Ghymnaſium über Oswald, den„er ganz genau zu kennen“ behauptete, befragten. Er begnügte ſich mit myſteriöſen An⸗ deutungen, wie: Ein junger Mann, über den ſich viel ſagen ließe; — Sie werden ihn ja ſelbſt kennen lernen, meine Herren;— ich will. wünſchen, daß er ſich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er iſt, wie Sie wiſſen, der Schüler Berger's. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glänzender Geiſt; aber er ſitzt jetzt in der Heilanſtalt zu Fichtenau und es zeigt ſich einmal wieder, daß nicht alles Gold iſt, was glänzt; hm, hm!— Dieſe und ähnliche Worte fielen wie ein giftiger Nebel in die zum Theil ſehr harmloſen Seelen der Schulmänner. „Wenn wir das gewußt hätten, Collega,“ ſagte Director Cle⸗ mens heimlich zu Profeſſor Snellius. Profeſſor Snellins zuckte die Achſeln und erwiderte:„Ich hoffe viel von dem Vortheil, den er aus unſerm Umgang ſchöpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten, gelehrten—“ „Wahrhaft humanen,“ ſchaltete der Director ein. 216 Durch Nacht zum Licht. „Wahrhaft humanen Menſchen,“ fuhr der Profeſſor fort, Kiſt das beſte Mittel der Erziehung zur wahren Bildung und Gelehr⸗ ſamkeit“— „Und Humanität,“ ergänzte der Director. „Was halten Sie von dem neuen Collegen, Wimmer?“ fragte Doctor Breitfuß, der mit großem Mißfallen bemerkt hatte, wie luſtig Fredegunde Clemens, die ſich ſonſt durch einen gewiſſen, mürriſchen Ernſt auszeichnete, mit Oswald ſcherzte und lachte. „Ich glaube, daß der Herr ein großer Geck iſt,“ erwiderte Herr Wimmer, ſich durch die Haare fahrend;„er hat eine Manier, ſich über ſitzende Damen zu beugen, die geradezu unerhört iſt. Ich fürchte, ich werde niemals ſehr intim mit ihm werden.“ „Aber das wird zu arg;“ rief Herr Breitfuß und ſchritt mit der Abſicht, die Converſation Fredegunden's und Oswald's zu ſtören, auf das Paar zu, verlor aber unterwegs den Muth und nahm, den ver⸗ fehlten Angriff zu maskiren, dem ihm begegnenden Dienſtmädchen eine Taſſe vom Präſentirbrette, mit welcher in der Hand er— ein Bild hilfloſer Verlegenheit— mitten im Zimmer ſtehen blieb. Aus dieſer Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die Geſellſchaft, ob man jetzt mit der Lectüre des Wallenſtein— dem eigentlichen Zweck des Zuſammenſeins— beginnen und ſich dieſerhalb gefälligſt in die Nebenſtube begeben wolle? Alles erhob ſich, die Herren griffen nach den Büchern, die ſie bei ihrem Eintritt in die Fenſterbretter und auf die Schränke gelegt hatten. Die Damen holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln; Frau Profeſſor Jäger brauchte nach dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu ſuchen; ſie trug es noch immer in der Hand. Eine ſanfte Röthe fieberhaft geſpannter Erwartung ergoß ſich über ihre welken Züge; ihre waſſerblauen Augen ſchmachteten Oswald mit ſanfter Begeiſterung an, als er jetzt auf ſie zutrat und ihr den Arm bot, um ſie in's nächſte Zimmer zu führen. „Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen, Frau Pro⸗ feſſor?“ fragte Oswald;„doch was will ich denn? es giebt im Wallen⸗ ſtein nur eine Rolle für Sie, wie es in dieſer Geſellſchaft nur Eine — und das ſind Sie— für dieſe Rolle giebt.“ — — * Erſter Band. 217 „Sie Spötter,“ ſagte die Dichterin, ihn mit dem Buche, welches ſie in der Hand trug, ſanft auf den Arm ſchlagend:„was hätte denn ich vor Anderen voraus?“ „Aber, Frau Profeſſor, es kann doch nur eine Meinung darüber ſein, daß der poetiſchſte Charakter in dem Stück auch durch den poetiſchſten Charakter in der Geſellſchaft repräſentirt werden muß; und wiederum doch auch nur darüber eine Anſicht, wer jener und wer dieſer iſt.“ „Und wer— ha! ich will einmal die kindiſche Schüchternheit überwinden— wer wäre dieſer und jener!“ fragte Primula mit ſchmelzender Stimme, die in holder Ahnung verklärten Augen zu Oswald erhebend. „Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar, das Sie da in der Hand tragen. Danke! Ich bemerke, es liegt ein Zeichen darin. Laſſen Sie uns ſehen, wo es liegt.„Dritter Aufzug. Erſte Scene. Gräfin Terzky, Thekba, Fräulein von Neubrunn. Thekla unterſtrichen. Ich danke Ihnen, Thekla!“ „Das iſt ein Zufall!“ rief die erröthende Dichterin, das Buch, welches ihr Oswald mit einer ironiſchen Verbeugung wieder überreicht hatte, an ihren keuſchen Buſen drückend.„Ich ſchwöre es Ihnen bei allen neun Muſen, daß dies ein Zufall iſt.“ „Und ich ſchwöre Ihnen beim Vater Apollo ſelber und bei ſämmtlichen übrigen Olympiern dazu, daß ich an keinen Zufall glaube, höchſtens an den glücklichen, der mich heute Abend wider alles Er⸗ warten mit einer Freundin— ich darf Sie ja wohl ſo nennen?— zuſammengeführt hat.“ „Ob Sie mich ſo nennen dürfen?“ rief die Dichterin, Oswald's Arm zärtlich an ſich preſſend;„ob Sie es dürfen? O, glauben Sie mir, Stein, ich bin ſeit dem Augenblicke, als Sie den Fuß über unſere niedrige Schwelle ſetzten, Ihre Freundin geweſen; ich habe Sie ſtets in Schutz genommen, wenn proſaiſche Gemüther, die keine Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen haben—“ Primula mußte den überſtrömenden Quell der Zärtlichkeit, welchen Oswald durch ſeine plumpe Schmeichelei ſo glücklich erſchloſſen hatte, zurückſtauen, denn ſie langte in dieſem Augenblicke in dem Neben⸗ Durch Nacht zum Licht. zimmer an, wo ein Theil der Geſellſchaft um einen langen Tiſch, der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet war, bereits Platz genommen hatte. An dem oberen Ende ſtand Frau Director Clemens, die Gründerin und Leiterin des„dramatiſchen Kränzchens,“ überſchaute ihre Geſellſchaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden Gliedern ihre Plätze an, wobei ſie heftig mit ihren ſtarken Armen geſticulirte und ihre tiefe Stimme lauter erſchallen ließ, als vielleicht unumgäng⸗ lich nöthig war. „Setzen Sie ſich zu Fredegunde, Doctor Breitfuß! Wollen Sie neben meiner Tochter Thusnelde Platz nehmen, Doctor Stein! Frau Profeſſor Jäger, Sie placiren ſich gefälligſt bei Profeſſor Snellius; Profeſſor Jäger, Sie bei Frau Doctor Kübel. So, nun ſäßen wir ja wohl endlich!“ Frau Director ergriff nun eine große Schelle, die vor ihr auf dem Tiſche ſtand, und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines Parlamentspräſidenten zu läuten, der die wüthenden Stimmen einiger hundert durcheinander ſchreiender Volksvertreter über⸗ tönen will. Da die abſolute Stille, welche in der Geſellſchaft herrſchte, endlich durchaus keinen Vorwand für die Entfaltung einer ſo energi⸗ ſchen Kraftanſtrengung mehr bot, ſo ſetzte Frau Director die Schelle wieder auf den Tiſch und ergriff ſtatt derſelben einen halben Bogen Papier, auf welchem, wie auf einem Theaterzettel, die Rollen des Stücks nebſt den betreffenden Perfonen der Geſellſchaft, denen ſie zugetheilt waren, verzeichnet ſtanden. „Meine Damen und Herren!“ ſprach ſie darauf, die Mienen der zu ihr aufſchauenden Gemeinde wohlgefällig muſternd;„Sie wiſſen, daß wir in der viertletzten Sitzung durch allgemeine Accli⸗ matiſirung, wollte ſagen Acclimation Wallenſtein's Tod von Schiller für die diesmalige Zuſammenkunft ausgewählt haben. Da in dem Stück leider mehr Rollen ſind, als wir beſetzen kömnen, ſo ſah ich mich genöthigt, unterſchiedliche, die mir weniger wichtig ſchienen, zu ſtreichen. Indeſſen blieben doch auch ſo noch einige unbeſetzt und würden unbeſetzt geblieben ſein, wenn uns nicht einige liebe Gäſte heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre — Erſer Band. 219 gütig zugeſagte Unterſtützung möglich gemacht hätten, den Rollen⸗ zettel ganz nach meinem Wunſch anzufertigen. Obgleich nun die Meiſten von Ihnen ſchon wiſſen, welches ihre Rolle iſt, ſo will ich der Ordnung wegen und vor allem unſerer lieben Gäſte halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorleſen. Paſſen Sie auf, meine Herrſchaften!“ Frau Director räusperte ſich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen der Geſellſchaft: Wullenſtein eeior Clemens Oectavio Pieccolomin..... Profeſſor Snellius. Max Piccolomini....... Doctor Wimmer. Derzt Fdegunde Sen Jo e Büttler Docton Breitfiß Sordon% e übe St nlein da Snellins Herzogin. Frau Profeſſor Snellius. Grafin Lerzt n ii Pher Fräulein Neubrunn..... Marie Kübel. Schwediſcher Hauptmann.... Doctor Stein. Deveroux) Hauptleute in der( Herr und Frau Macdonald) Wallenſtein'ſchen Armee( Profeſſor Jäger. Oswald, dem dieſe originelle Beſetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte, mußte ſich auf die Lippen beißen, um nicht laut heraus⸗ zulachen über die albernen Geſichter, welche die beiden Letztgenannten machten, als ſie ihre Namen in ſo inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden nennen hörten. Der Profeſſor Jäger zog die Mundwinkel ſo tief herunter, wie Oswald es noch nie beobachtet hatte, und Primula, die ſo weiß wie der Spitzenkragen auf ihrem gelbſeidenen Kleid geworden war, ſchien die größte Luſt zu haben, in Thränen auszubrechen. Das alſo war der Triumph, den er, den ſie ſich für den heutigen Abend verſprochen hatten! Was dies das gaſtfreundliche Haus von Menſchen, die ſich ſo viel auf ihre vollendete Humanität zu gute thaten? war es die bluttriefende Höhle verthierter Troglodyten? Durch Nacht zum Licht. War er der Interpret der Fragmente des Chryſophilos, oder war er es nicht? War ſie die gefeierte Dichterin der Kornblumen, oder war ſie es nicht? Brach nicht ein Schrei der Entrüſtung aus den Kehlen Aller, die mit eignen Ohren die Entweihung in Wiſſenſchaft und Kunſt ſo berühmter Namen vernommen hatten?... Der Profeſſor und die Profeſſorin ſahen ſich über den Tiſch mit Augen an, in welchen ein aufmerkſamer Beobachter dieſe und noch mehr Fragen der Art hätte leſen müſſen; ließen ſodann ihre Blicke über die Tafelrunde ſchweifen, den Eindruck zu bekunden, den eine ſolche Blasphemie auf die Anweſenden nothwendig hervorgebracht haben mußte. Aber Niemand ſchien etwas Beſonderes in dieſem ſchmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichteriſche Berühmtheit zu finden, Niemand, mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doctor Kübel, der einen erſtaunt fragenden Blick des Profeſſors mit einem freundlichen Grinſen erwiderte, und Oswald, welcher Primula, die auf der linken Seite neben ihm ſaß,(auf der rechten hatte er Thus⸗ nelde Clemens) zum Zeichen ſeines Beileids unter dem Tiſch ver⸗ ſtohlen die Hand drückte. Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhöhnten Dulder; Jeder war in Gedanken mit ſeiner Rolle und mit dem Eindruck, den er auf die Uebrigen hervorbringen würde, be⸗ ſchäftigt, und erwartete nur das Signal zum Anfang, das jetzt Son der Directorin mit ungefähr derſelben Grazie und ſo ziemlich dem⸗ ſelben Lärm gegeben wurde, mit welchen in einer Menagerie der ge⸗ lehrige Elephant zum Diner oder Souper der Bären und Affen läutet. Der Director Clemens ſtellte nun in ſeiner ſanfteſten Redeweiſe an Fräulein Ida Snellius die Aufforderung,„herabzukommen, da der Tag anhreche und Mars die Stunde regiere,“ worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme, die entweder durch die zu große Entfernung des Aſtronomen, oder durch die Befangenheit im Oſten glänze.“ Dieſem intereſſanten Anfang entſprach das Uebrige vollkommen, und man verübte an dem unglücklichen Stück alle die Gräuel, welche kunſtfreundliche, literaturbefliſſene Damen und Herren, die ſich zu der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war, bat,„ſie noch 2 die Venus betrachten zu laſſen, die eben aufgehe und wie eine Sonne —— —— —— Erſter Band. 221 dem Zweck, ein Drama mit vertheilten Rollen, wie ſie ſich aus⸗ drücken, zu leſen, verſammelt haben, an eben dieſem Drama zu ver⸗ üben pflegen. Director Clemens machte aus dem Wallenſtein das ſanfte Mitglied einer friedlichen Brüdergemeinde, Profeſſor Snellius aus dem klugen, verſtellungsreichen Octavio einen überaus hölzernen Pedanten; Doctor Wimmer winſelte und heulte den edlen Sohn des unedlen Vaters ſo, daß unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen mußte; Doctor Kübel ſchien den wilden Illo für die Waſch⸗ frau Chamiſſo's und Doctor Breitfuß den verſchloſſenen Buttler für einen marktſchreieriſchen Zahnbrecher zu halten. Gräfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu einem Pappenheimiſchen Küraſſier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu einem verliebten Näh⸗ mädchen. — Und dabei dieſer heilige Eifer, der offenbar Alle beſeelte, und ſie trieb, ſchon lange bevor ſie wieder an die Reihe kamen, in ihrem Buche nach ihrer Rolle zu blättern, wodurch ein fortwährendes ge⸗ heimnißvolles Rauſchen und Raſcheln hervorgebracht wurde, und dabei dieſe ungeſchminkte Begeiſterung, mit welcher man beſonders her⸗ vorragende Leiſtungen(wie die des Collegen Wimmer) aufnahm; und dabei dieſe ſelbſtloſe Beſcheiden heit, mit welcher ſich weniger be⸗ gabte Talente(Marie Kübel z. B.) eine Zurechtweiſung von Seiten der Director Clemens gefallen ließen, welcher nach den Statuten des Kränzchens das Recht zuſtand, den Leſer zu unterbrechen und ihn auf dieſen oder jenen Fehler im Vortrage aufmerkſam zu machen!— Oswald ergötzte ſich an dieſer babyloniſchen Verwirrung, an dieſem Krabbeln der Mäuſe an der Keule des Herkules, bis ihn all⸗ mälig der Ekel überwältigte und ihm ſelbſt der Anblick von Herrn und Frau Profeſſor Jäger kein humoriſtiſches Lächeln mehr ab⸗ gewinnen konnte. Und doch war dieſer Anblick lächerlich genug. Der inie deſſelben die Geſtalt eines Hufeiſens beſchrieb, während er mit den kleinen grünen Augen über den Rand ſeiner großen runden Brillengläſer ſeine Gattin, die Gefährtin ſeiner Leiden, die Theil⸗ haberin ſeiner Schmach, anblinzelte. Das Benehmen der Dichterin ofeſſor ſaß in ſeinem Stuhle zuſammengekauert unbeweglich da, 3 inkel des Mundes ſo energiſch nach unten gezogen, daß die 222 Durch Nacht zum Licht. war, wie ſich das von einer ſo ercentriſchen Natur erwarten ließ, noch viel auffallender. Bald warf ſie ſich mit untereinandergeſchlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften, bald lehnte ſie ſich vorüber und ſtützte das kornblumengeſchmückte blonde Haupt in die Hände. Bald lächelte ſie das Lächeln unſäg⸗ lichſter Verachtung; bald gähnte ſie, wie von der entſetzlichſten langen Weile gequält. Oswald war äußerſt begierig, zu ſehen, was ſie thun würde, wenn an ſie die Reihe käme; denn ſie hatte ihm ſchon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüſtert:„Ich leſe nicht; verlaſſen Sie ſich darauf: ich leſe nicht.“ Indeſſen ſollte ſeine Neugier nicht ſo leicht befriedigt werden, denn nachdem ſich Herr Wimmer am Schluß des dritten Actes mit Aufbieten all ſeiner Stimmmittel„zum Sterben bereit“ erklärt hatte, begann die Director Clemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pauſe,(welche nach§ 25. der Statuten) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat, und in welcher(nach § 26.) Wein und Backwerk zur Erfriſchung gereicht werden mußte. Um den Beſtimmungen dieſes Paragraphen nachzukommen, ver⸗ ließ man den Tiſch und begab ſich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Geſellſchafi, die eben von einem hohen Kunſtgenuß kommt. Man ſaß und ſtand mit den Gläſern in der Hand im Zimmer umher und ſprach von dem Stücke und von der Declamation. Man war darüber einig, daß College Wimmer dies⸗ mal, wie ſtets, den Preis davongetragen habe, und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug ſpreche, obgleich ihre Fort⸗ ſchritte im Allgemeinen zu loben ſeien. Die Herren ſtellten ſich unter⸗ einander, wie ihren Schulbuben, Cenſuren aus und gaben ſich natür⸗ lich gegenſeitig die Nummer Eins. Die Damen ſprachen von dem herrlichen Dichter, von dem keuſchen Adel ſeiner Verſe. Fräulei Ida Snellius behauptete, daß Schiller ſie vielfach an Euripid 5 erinnere, worauf in dieſem gelehrten Kreiſe ein Geſpräch entbrannte, in welchem die Worte: Sophokles, Gvethe, Schiller, Ariſtophanes, Aeſchylus, Euripides, die Trachinerinnen, Don Carlos, Oedipus auf Kolonos, Wallenſtein wie Schneeflocken durcheinanderwirbelten. Erſter Band. 223 Oswald ſpähte nach der Dichterin der Kornblumen, die er ſeit dem Anfang der Pauſe aus den Augen verloren hatte. Er fand ſie in einer Fenſterniſche des zweiten Salons(ſonſt jungfräuliches Schlaf⸗ gemach der beiden Fräulein Clemens) mit ihrem Gemahl eifrig flüſtern. Er wollte ſich, das téteàtéte nicht zu ſtören, beſcheidentlich zurück⸗ ziehen; aber Primula ſprang, ſobald ſie ihn erblickte, auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und zog ihn mit in die Fenſterniſche. „Reden Sie leiſe,“ ſprach Primula mit hohler Geiſterſtimme. „Was giebt es?“ fragte Oswald in demſelben Ton. „Sie ſollen mir ſagen, ob ich leſen darf?“ hauchte Primula. „Jäger hat kein Gefühl für dieſe Schmach.“ „Doch, Guſtchen, doch!“ flüſterte der Profeſſor;„aber ich möchte eine Scene vermeiden; ich bitte Dich, Guſtchen, was werden die Leute ſagen, wenn— o, ich darf gar nicht daran denken.“ „Ich möchte mich der Meinung des Herrn Profeſſor anſchließen,“ ſagte Oswald,„ich ſehe nicht, wie Sie gerettet werden können, nach⸗ dem Sie einmal in dieſe Löwengrube gefallen ſind.“ „Ich, die Dichterin der Kornblumen ein Mörder, ein feiler Meuchelmörder,“ wimmerte Primula,„nimmermehr, nimmermehr!“ „Es iſt ſchändlich,“ beſtätigte Oswald,„aber der Interpret des Chryſophilos iſt in derſelben Lage und Sie ſehen: er erträgt mit Würde ſein hartes Loos.“ Ein Händedruck des eitlen Profeſſors belohnte Oswald für dieſe Schmeichelei. „O, Ihr Männer habt kein Gefühl für Beleidigungen,“ ſchluchzte Primula,„nun gut, ich will es verſuchen, aber wenn—“ Das Sturmläuten der Präſidentinglocke aus dem Nebenzimmer ließ Primula ihren Satz nicht beendigen. Sie ſchritt den beiden Herren voran mit der Miene Jemands, der, geſchehe, was da will, ſeinen Entſchluß gefaßt hat. „Jetzt kommt bald an Sie die Reihe,“ ſagte College Wimmer, während man(unter fortwährendem Sturmläuten) wieder Platz nahm, zu Oswald;„ängſtigen Sie ſich nur nicht, und leſen Sie friſch drauf los. Wenn's auch das erſte Mal nicht ſo recht gehen will; das nächſte Mal geht es ſchon beſſer und die Uebung macht den Meiſter.“ 224 Durch Nacht zum Licht. „Den ich in Ihnen verehre und bewundere erwiderte Oswald, ſich verbeugend. „Nun, nun!“ ſagte Herr Wimmer, ſich lächelnd durch die Haare fahrend;„es könnte noch beſſer ſein. Freilich, als ich vor einiger Zeit Holtei hörte, geſtehe ich, daß mir das alte Wort:„Anch io son' pittore“ unwillkürlich auf die Lippen kam.“ „Ich glaub' es gern;“ meinte Oswald. Die Glocke ſchwieg und College Breitfuß erhob(als Oberſt Buttler) ſeine Stimme und ſchrie, daß die Fenſter klirrten: „Er iſt herein. Ihn führte das Verhängniß.“ Die Mordnacht in dem Schloſſe zu Eger entwickelte ſich nun raſch von Scene zu Scene. Oswald war ſo geſpannt auf die Art und Weiſe, wie Primula ſich benehmen würde, deren Aufregung, je mehr man ſich dem verhängnißvollen Augenblicke näherte, ſichtbar zunahm, daß er die Nachricht des Fräulein Neubrunn,„der ſchwe⸗ diſche Herr“ ſei da, ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen ſpäter ganz kaltblütig die Prinzeſſin Thekla⸗Thusnelde wegen ſeines „unbeſonnenen, raſchen Wortes“ um Verzeihung bitten, ja ſogar die auffallende Wärme des Tons, mit welchem Fräulein Clemens die Worte ſprach: „Ein unglücksvoller Zufall machte Sie Aus einem Fremdling ſchnell mir zum Vertrauten“ gänzlich überhören konnte, obgleich dieſer Ton Herrn Wimmer alles Blut zum Herzen trieb und Fredegunde ob deſſelben ihrem Doctor Breitfuß einen ſehr bezeichnenden Blick zuwarf. Er achtete nicht des beifälligen Gemurmels, das ihm ſeine Erzählung von dem Tod des Reiteroberſten einbrachte; auch die folgenden Auftritte gingen ſpurlos an ihm vorüber, bis denn endlich das verhängnißvolle Netz ſich ganz über dem Haupte des Friedländers zuſammenzieht und der finſtere Buttler in der Heimlichkeit ſeines Zimmers die Mörderrollen ver⸗ theilt. Schon iſt Major Geraldin mit ſeinem blutigen Auftrage davongeeilt und— jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo(auf der Bühne) der Vorhang ſich auseinanderthut und die grimmen Haupt⸗ leute Deverour und Macdonald in Koller und Kanonen, das lange Schwert an der Seite, vor ihrem Regimentschef erſcheinen. Erſter Band. 225 „Was wird ſie thun?“ dachte Oswald, der ſah, daß das Geſicht der Dulderin bald blaß und bald roth wurde,„ſie wird nicht leſen.“ Aber Primula überwand den edlen Unwillen, der ihr Herz ſchwellen machte, räusperte ſich und ſagte mit der ſanften Stimme einer Heiligen, die ſich in die Hände der Henkersknechte giebt: „Da ſind wir, General.“ Die Directorin, welcher, da es doch zwei waren, der Accent auf wir liegen zu müſſen ſchien, verbeſſerte, kraft des ihr nach§ 73 der Statuten zuſtehenden Rechtes: „Da ſind wir, General.“ Das war zu viel. Die zu ſtraff geſpannte Bogenſehne riß; die veleidigte Dichterin erhob ſich, klappte ihr Buch zu und ſagte mit bleichen Lippen: „Es thut mir leid, wenn ich die Geſellſchaft durch meine Er⸗ klärung, nicht weiter leſen zu können, ſtören ſollte. Aber, da ich eine Rolle, zu der ich mich— mit Gewalt— zwingen muß, nicht einmal leſen— kann— ohne— 4 Sie konnte nicht weiter ſprechen und brach, in ihren Stuhl zurückſinkend, in ein convulſiviſches Weinen aus. Die Beſtürzung, welche durch dieſes Benehmen Primula's in der harmloſen Geſellſchaft heworgebracht wurde, konnte nicht größer ſein. Man ſprang von den Stühlen empor; man drängte ſich um die ſchluchzende Dichterin; man fragte einander, was der Profeſſorin fehle? und den Profeſſor, ob ſeine Gemahlin oft dergleichen Anfälle habe? Niemand ahnte die eigentliche Urſache von dieſem Zuſtande, dem die Herren durch Zureden, die Damen durch Eau de Cologne beizukommen ſuchten. Aber Primula wollte von Beiden nichts wiſſen. Sie ſprang nach wenigen Secunden vom Stuhle auf; erklärte mit Entſchiedenheit, nach Hauſe gehen zu müſſen und verſchwand an dem Arme ihres Gatten(der zu dieſer ganzen Scene ein ſehr albernes Geſicht gemacht hatte), ohne irgend Jemand gute Nacht zu ſagen. In dem Augenblicke, als die, durch das Verſchwinden der Gaſt⸗ freunde äußerſt beſtürzte Geſellſchaft im Salon noch durcheinander⸗ ſtand und ſprach, wurde Oswald ein Brief übergeben, den, wie das Fr. Spielhagen's Werke. V. 15 Durch Nacht zum Licht. junge Mädchen ſagte,„ein junger Mann, welcher auf Antwort warte, ſo eben überbracht habe.“ Döwald erbrach das Billet, in welchem weiter nichts ſtand, als: „Mach', daß Du fort kommſt. Ich warte auf der Straße. Dein Timm.“ Oswald ließ ſich einen ſo vortrefflichen Vorwand, aus einer Geſellſchaft zu entkommen, die ihm mit jedem Augenblicke unerträg⸗ licher wurde, nicht entgehen.„Er habe eine Nachricht erhalten, die ihn nöthige, ſofort nach Hauſe zu eilen.“ In der nächſten Minute ſtand er auf der Straße. „Gott ſei Dank! daß ich fort bin;“ rief er, Timm, der ihn lachend in Empfang nahm, beim Arm ergreifend und mit ſich fortziehend. „Konnt's mir denken,“ rief Herr Timm,„daß Du Höllenpein ausſtandſt; dachte, dem armen Schelm muß geholfen werden. Komm, wir wollen den gelehrten Staub, ſo Du verſchluckt haſt, mit edlem Wein hinunterſpülen.“ Ende bes erſten Banbes. — B 2— 3 OS gt eee