Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 5 ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eine i den angenommen. S 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und b beträgt: 4 Bücher: 6 Bücher: für wöchentlich 2 Büchen: 1 Mr. 50 Pf. 2 W.— Pf. auf 1 Monat: M Pf. 5. Ausäntige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Fräulein Camilla und Fräulein Aurelie hatten ſich heftig gezankt; die Mutter hatte vergeblich die Zankenden zu beſchwichtigen geſucht, und Joli, der Schvoßhund, welcher 3 doch auch ſein Theil an der Familiendispüte haben wollte, ſo laut 7 1 — gekläfft, daß der Präſident, der in ſeinem Zimmer gearbeitet hatte, kam, um ſich nach der Urſache des Lärmens zu erkundigen. Da alle drei Damen zu gleicher Zeit auf ihn einſprachen und Joli(dem die Sache außerordentliches Vergnügen zu machen ſchien) noch immer aus Leibeskräften bellte, ſo wurde es dem Präſidenten einigermaßen ſchwer, den Grund des Streites zu erfahren. Zuletzt legte ſich der Lärm ſo weit, daß Joli mit einem Satze auf einen Sammetfauteuil ſprang und ſich zum Schlafe zuſammenrollte, als wiſſe er das, was nun kommen werde, auswendig. Und in der That war es eine alte Ge⸗ ſchichte, die dem Präſidenten jetzt in der Wechſelrede der drei Damen vorgetragen wurde. Aurelie hatte Camilla darüber zur Rede geſtellt, daß ſie mit Herrn von Willamowsky genau ſo kokettire, als ob ſie nicht verlobt ſei; worauf Camilla geäußert hatte, daß dies, ſo viel ſie ſehen könne, Aurelien gar nichts angehe; Aurelie hatte dann geſagt: die Sache ginge ſie ſehr viel an, denn ſie habe nicht Luſt ſitzen zu bleiben, und das werde wohl das Ende vom Liede ſein, wenn Camilla alle Herren, Fr. Spielhagen's Werke. 1x. 1 — . ** 2 Die von Hohenſtein. die in's Haus kämen, ohne Unterſchied in ihre Netze zu ziehen ſuchte.— Aus der kleinen Quelle dieſer harmloſen Neckereien war dann ſchließ⸗ lich die Thränen⸗ und Redefluth hervorgebrochen, deren hochgehende Wogen bis an den Arbeitstiſch des Präſidenten drei Zimmer weiter gerollt waren. Der Präſident öffnete eben den Mund, um ſeine Rede mit einem leiſen:„Aber, Kinder“— zu beginnen. Fräulein Aurelie kam ihm zuvor. „Ich weiß Alles, was Du ſagen willſt, Papa!“ rief ſie,„und weil ich doch, wie gewöhnlich, Unrecht bekommen werde, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich mich hier in Gegenwart meiner jüngeren Schweſter ausſchelten laſſen ſoll.“ Und Fräulein Aurelie warf mit einer Miene, die ſehr wenig von kindlicher Ehrfurcht hatte, den Kopf in den Nacken und eilte zum Zimmer hinaus, die Thür, nicht ohne eine gewiſſe Heftigkeit, hinter ſich zuſchlagend. „Sehr artig von Fräulein Aurelie;“ ſagte Camilla, der Ent⸗ eilenden ſpöttiſch nachſchauend. „Du ſollteſt Dich aber auch in Deinem S mehr zuſammen⸗ ſagte der Präſident mit ſanftem Vorwurf. „So?“ ſagte Fräulein Camilla;„jetzt ſoll ich wohl die Schelte haben, die Aurelie verdient hat— ich danke dafzir.“ Und die junge Dame entkrnte ſich durch eine zweite Thür, mit einer Miene und einer Haltung, im Vergleichsmit welchen das Be⸗ nehmen Aureliens geradezu fein und ehePn werden mußte. Die glücklichen Eltern blickten ſich einarer verlegen an. „Ich fürchte, wir haben die Kinder v etwas verwöhnt;“ ſagte der Präſident. „Dein Vorwurf gegen das Kind wa ſaber auch h ungerecht.“ „Ich möchte doch den Tag erleben, 4. Du mir ein Mal gegen die Kinder Recht giebſt.“— „Wenn Du Unrecht huſtlun 4.di For Rech eben.“ Joli blickte von ſeiges Lager auf, 35 es Ber werth ſei, ſich an dem neuen Strit zu betheiligen Da et aber außer ſeiner Herrin nur noch den Pröſntpten in dem Zimmer ſah, hielt er die ℳ Dritter Band. 3 Sache für nicht wichtig genug, und legte den Kopf mit den langen Ohren wieder zwiſchen die Vorderbeine. „Aber, ma chè ſagte der Präſident in ſeinem ſanfteſten Ton, „wer hat denn nn mit Wolfgang, die ſchließlich doch an dem ganzen Ungläck Schuld iſt, von Anfang an protegirt und endlich zu Stande gebracht, wenn nicht Du? Ich kann doch nicht dafür, daß Camilla den Wolfgang nicht leiden kann. Hätteſt Du den Burſchen gelaſſen, wo er war, ſo würdet Ihr Euch heute Morgen nicht den Impertinenzen von Mamſell Schmitz auszuſetzen gehabt haben und Camilla könnte in Gottes Namen Willamowsly heirathen.“ Da die Präſidentin wußte, daß die Argumente ihres Gemahls im Grunde unwiderleglich ſeien, ſo blieb ihr natürlich nichts Anderes übrig, als ſich in die Sopha⸗Ecke ſinken zu laſſen, das Taſchentuch vor das Geſicht zu drücken und in Thränen auszubrechen. Joli mußte auch dieſe Scene kennen; er bewegte nur leiſe, ohne den Kopf zu erheben, die klugen langen Ohren. 3 Der Präſident, der dringend zu thun hatte, aus Gründen der Klugheit aber und weil es die langjährige Gewohnheit ſo mit ſich brachte, nicht in ſein Arbeitscabinet gehen durfte, ohne ſeine Ge⸗ mahlin vorher verſöhnt zu haben, bot alle ſeine Ueberredungskunſt auf, das wünſchenswerthe Ziel ſo ſchnell wie möglich zu erreichen, und zuletzt trieb er die Galanterie ſo weit, ſich(nicht ohne einige Mühe) vor der Weinenden auf ein Knie niederzulaſſen. In dieſem Augenblicke ertönte ein Geräuſch, das zwiſchen Huſten und heiſerem Lachen eine glückliche Mitte hielt. Der Präſident kam unverhältnißmäßig viel ſchneller auf die Füße, als er vor einer halben Minute auf die Knie gekommen war. „Die Liebe höret nimmer auf!“ quäkte der Hereingetretene;„die ſchönſte Illuſtrativn zu dem bibliſchen Wort, die meine Augen je ge⸗ ſchaut haben!“ „Ah, mon cher ami, wie geht's, wie ſteht's?“ ſagte der Präſi⸗ dent, dem Medicinalrath mit großer Zuvorkommenheit die Hand reichend;„aber wie Sie immer à propos kommen! wir ſprachen ſo eben von Ihnen. Nehmen Sie meinen herzlichſten Glückwunſch ent⸗ gegen, Herr von Schnepper.“ 4 Die von Hohenſtein. „Und den meinen,“ ſagte die Präſidentin, dem kleinen Mann die beiden fetten weißen Hände entgegenſtreckend. „Danke, danke!“ ſagte der Medicinalrath, die fetten Hände zu wiederholten Malen an ſeine dünnen Lippen drückend; ich kann wohl ſagen:„es hat mich recht erfreut und gerührt. Mein Monarch iſt ſehr gnädig gegen mich geweſen.“ „Nun, lieber College, entre nous, Sie haben es ſich ſauer genug werden laſſen,“ ſagte der Präſident.„Die Thätigkeit, die Sie ſeit dem März vorigen Jahres und nun gar in dem letzten Wahlkampfe entwickelt haben, war enorm. Daß Münzer nicht wieder gewählt wurde, haben wir nur Ihnen zu verdanken, denn, daß er nicht hätte 3 wiedergewählt ſein wollen, wie die Rothen uns hinterher weiß zu machen verſuchen, glaube ich nimmermehr.“ „Mag ſein, Herr Präſident,“ erwiderte der kleine Mann, indem er ſich auf einen Stuhl ſetzte und die goldene Doſe zwiſchen den Fingern ſpielen ließ;„aber man hätte mir ja auch den zweiten mit der Schleife, oder den Geheimen geben können, aber gerade den Adel! Geſtehen Sie, das hatten Sie nicht erwartet!“ „Doch,“ ſagte der Präſident lächelnd,„denn ich wußte aus den beſten Quellen, daß, als man höheren Ortes anfragen ließ, welche Form der Belohnung Ihnen wohl am angenehmſten ſein würde, Sie! ſelbſt“— „Schon gut, ſchon gut, wir verſtehen uns,“ lächelte der kleine 4* Mann,„können Sie mir's verdenken?“* „Durchaus nicht!“ ſagte der Präſident,„aber, lieber College wie ich ſchon vorhin ſagte: Sie ſind wirklich recht à propos gekommen. Sie wiſſen ja: die alte Geſchichte, Camilla wird immer unlenkſamer, und— ich gebe Dir das zu, liebe Clotilde— ihr Herr Bräutigam beobachter⸗gegen ſie— um es milde auszudrücken— eine ſolche Re⸗ ſerve, daß ich kaum den Muth habe, es dem Mädchen ſehr zu ver⸗ denken, wenn ihre alte Neigung zu Willamowsky wieder etwas mehr erwacht.“ „Aber warum denn Willamowsky und immer wieder dieſer Willa⸗ mowsky!“ rief der Medieinalrath mit ſo großer Heftigkeit, daß Joli im Halbſchlaf zu knurren anfing. Dritter Band. 5 Die beiden Gatten ſahen ſich einander voller Erſtaunen an. „Verzeihen Sie,“ ſagte der Medicinalrath,„daß ich mich von meiner warmen Theilnahme an Ihrem und der Ihrigen Geſchick zu weit hinreißen ließ, aber offen geſtanden: ich begreife nicht, wie man ſo gute Karten in den Händenhaben und ſo ſchlecht ſpielen kann. Warum vertheilen Sie die Liebych Ihrer Töchter nicht zweckmäßig auf Beide, anſtatt ſie auf die eine Samilla zu concentriren? Willa⸗ mowsky iſt, nachdem er neulich auch äcch ſeine Großtante beerbt hat, wieder eine ganz paſſable Partie. Ich Vage Ihnen: der Baron will ſich rangiren; er glaubt— und mit Förg und Recht— daß er es ſo, wie er es treibt, nicht lange mehr treibt; er will heirathen à tout prix, und da iſt ihm ſchließlich Aurelie win ſo lieb, wie Camilla. Aurelie hat es herzlich ſatt, überall und immer als die zweite ange⸗ ſehen, oder vielmehr überſehen zu werden und will auch heirathen a tout prix. Nichts auf der Welt leichter, als Beide zuſammenzu⸗ bringen! Erholt ſich Willamowsky— pon! ſo haben ſie einen mittel⸗ mäßig reichen, aber äußerſt fügſamen und bequemen Schwiegerſohn. Erholt er ſich nicht— nun! die junge Witwe wird ſich im Beſitz eines Vermögens, das fikk ſie allein ein großes zu nennen iſt, über 3 den Verluſt zu tröſten wiſſen. 3 Die beiden Gatten ſahen ſich abermals an, diesmal aber nur 3 mit einer gewiſfen freudigen Ueberraſchung. *„Nicht übel, nicht. übel!“ ſagte der Präſident,„und Camilla? und Wolfgang?“ 2 Der kleine Mann' gte: a hem! nahm eine Priſe und machte Während der folgenden Worte mit ſeinen Manchetten zu ſchaffen, añf pie elnige⸗ Tabakskörner gefallen zu ſein ſchienen. „Ich habe,“ gte er laugſam,„in dieſer ganzen Angelegenheit“— von vornherein einen Plan feſtgehalten, der ſich im Verlauf des Ver⸗ hältniſſes immer klarer für mich entwickelt hat und deſſen Richtigkeit mir jetzt unzweifelhaft feſtſteht. Bei dieſer ganzen Sache kam es guf zweierlei an; erſtens: Camilla die Erbſchaft des Generals zu ſichern, zweitens: Wolfgang als Mittel zu dieſem Zweck zu benutzen, um ihn, wenn er uns die Kaſtanien aus dem Feuer geholt und ſich die Finger gehörig verbrannt hatte, fallen zu laſſen. Natürlich mußten wir auf Die von Hohenſtein. die Idee der alten Excellenz eingehen; aber ſelbſtverſtändlich nicht in purem, plumpen Ernſt, ſondern nur zum Schein, nur ſo lange, bis er ſich an den Gedanken: Camilla und Wolfgang als ſeine Erben zu betrachten, vollkommen gewöhnt hatte. Dann kam es nur darauf an: Wrlfgang unmöglich zu machen, ſo daß er freiwillig oder unfrei⸗ willig zurücktrat und nur Camilla auf dem Plane blieb. „Nun ſehen Sie, meine Herrſchaften, das Alles haben wir ja beinahe erreicht. Wenn ich den Burſchen recht beurtheilt habe, ſo ſteht er jetzt ſchon auf dem Punkte, Camilla'n ihr Verſprechen zurück⸗ zugeben. Das wäre ja nun recht gut; aber wir müſſen mit Wolf⸗ gangs Weigerung, Camilla zu heirathen, in einem Augenblick vor den General hintreten, wo dieſer ſelbſt durch den jungen Mann gründlich gekränkt und beleidigt iſt. Glücklicherweiſe hat der Himmel ja auch dafür geſorgt. Den jungen Mann drücken ſeine Epaulettes, ſage ich Ihnen. Es dauert nicht lange und er hält's nicht mehr aus, das iſt der rechte Augenblick. Dann ſchnell eine Scene herbeigeführt— nun meine Gnädigſte, wir wiſſen ja dergleichen zu arrangiren!— und wir ſind ihn los— verlaſſen Sie ſich darauf!“ Die beiden Gatten tauſchten abermals Blicke freudiger Ueber⸗ raſchung, in die ſich aber diesmal auch ein leiſer Zweifel miſchte. „Iſt das Spiel nicht etwas gewagt?“ meinte der Präſident. „Wer nicht wagt, nicht gewinnt,“ ſagte der Medicinalrath. „Mein Bruder deutete heute morgen allerdings darauf hin, daß Wolfgang ſich in ſeiner Stellung gerade nicht glücklich zu fühlen ſcheine.“ „Was iſt da mit Fingern zu deuten, wo Alles mit Händen zu greifen iſt!“ ſagte der kleine Mann eifrig,„der Obriſt weiß viel mehr, als er zu ſagen für gut hält. Denken Sie, daß Selma es verſchmerzt hat, den Wolfgang ihren beiden Söhnen vorgezogen zu ſehen? Sie ſinnen— Selma ſo gut wie der Obriſt— auf weiter nichts, als Wolfgang ſeine Stellung auf jede Weiſe zu verleiden. Denken Sie denn, es iſt von ohngefähr, daß der Obriſt Wolfgang gerade in Degenfelds Bataillon gebracht hatte? es geſchah mit der beſtimmten Abſicht, Wolfgang dadurch in dienſtliche Ungelegenheiten zu verwickeln, ihn von vornherein in eine falſche Poſition zu bringen, mit den anderen Kameraden zu verfeinden und ſo weiter. O, ich Dritter Band. ſage Ihnen: der Obriſt denkt weiter, als Sie ſich vorſtellen. Er würde ſein Ziel, Wolfgang zum Abſchied zu zwingen, auch noch viel energiſcher verfolgen, wenn er nicht fürchtete, den General tödtlich zu beleidigen und ſchließlich doch nur für Sie, reſpective für Camilla zu arbeiten. Deshalb dürfen Sie ihm nicht alle Hoffnung rauben, Sie müſſen ihm die Möglichkeit, Kuno könne doch noch einmal Ca⸗ millas Gatte werden, immer im Hintergrunde zeigen, und Sie ſollen Ihre Freude daran haben, wie herrlich Ihnen der gute Obriſt in die Hände arbeitet.“ „Cher ami, Sie ſind ein feiner Kopf,“ ſagte der Präſident mit aufrichtiger Bewunderung. „Finden Sie?“ ſagte der kleine Mann wohlgefällig. Er ſchlug die letzten Tabakskörner von der Manchette, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, ſchlug die dürren Beinchen übereinander und blickte die Gatten mit einem triumphirenden Zwinkern ſeiner grauen ſtechenden Augen an.„Ich will Ihnen auch noch mehr ſagen. Der General iſt bereits nicht mehr ſo gut auf Wolfgang zu ſprechen, als er es vor einem Jahre war.„Der Junge koſtet mich ein Teufelsgeld!“ das hat er ſelbſt zu mir geſagt, als ich das letzte Mal draußen war. Nun, meine Herrſchaften, das Geld geht durch die Hände des Stadtraths! Sie können ſich alſo wohl denken, wo der größere Theil bleibt.“ „Aber,“ ſagte der Präſident,„ich war der Meinung, daß Arthurs Angelegenheiten in letzterer Zeit ſich bedeutend gebeſſert hätten; Sie deuteten ſchon vor einem Jahre an, daß er am Banquerut ſtehe, und Sie ſehen: er hat ſich ganz gut herausgeriſſen.“ „Weiß der Himmel, wie er es fertig gebracht hat,“ ſagte der Medicinalrath;„er ſtand am Banquerut; ich weiß es mit vollſter Beſtimmtheit. Es iſt möglich, daß ihn der Alte unterſtützt hat, ob⸗ gleich es mir kaum glaublich ſcheint, daß er funfzehn oder zwanzig⸗ tauſend Thaler— und weniger hätte dem Stadtrath ſchwerlich ge⸗ holfen— daran gewandt haben ſollte. Ich gab ihm damals noch ein Jahr; die Zeit iſt bald um, fällt er diesmal, ſo haben wir doppelt leichtes Spiel; mit banqueruten Verwandten braucht man nicht ſo viel Umſtände zu machen.“ „Der arme Teufel,“ ſagte der Präſident achſelzuckend;„es ſollte 8 Die von Hohenſtein. mir doch leid thun, wenn es bis zum Aeußerſten mit ihm käme. Er ſah heute Morgen wirklich recht jämmerlich aus.“ „Aber, lieber Präſident,“ ſagte der Medicinalrath,„ich begreife Sie nicht! Wenn Sie wirklich ein Tendre für Ihren Herrn Bruder haben— was ich übrigens heute zum erſten Male bemerke— ſo können Sie ihm doch nur gratuliren, daß er dieſe ewig kränkelnde, grämelnde, larmoyante Frau los iſt! Ich hab' es ſchon vor einem Vierteljahr geſagt, daß ſie nicht zu retten ſei. Aus Dank für meine Aufrichtigkeit hat man mir nebenbei den Demokraten, den Dr. Brand, vorgezogen, ich werde dem Herrn Stadtrath dieſe Effronterie auch nicht ſo leicht vergeſſen.“ „Retournons à nos moutons,— cher ami!“ ſagte die Präſi⸗ dentin;„Sie haben uns noch Eines nicht geſagt und doch ſind Sie heute von ſo entzückender Ausgiebigkeit, daß ich überzeugt bin, Sie werden uns auch dies Eine ſagen können.— Wenn wir Willamowsky mit Aurelien abfinden und Wolfgang fallen laſſen— was, oder viel⸗ mehr wer bleibt uns dann für Camilla? Wenn Sie uns einen Schwiegerſohn nehmen, haben Sie auch die Pflicht, uns einen andern dafür wieder zu ſchaffen.“ Der Medicinalrath von Schnepper ſchlug die Beinchen ausein⸗ ander, ſtreckte dieſelben von ſich, lehnte ſich noch tiefer in ſeinen Stuhl zurück, ließ die goldene Doſe zwiſchen Zeigefinger und Daumen der linken Hand ſpielen, warf einen wohlgefälligen Blick in den ihm ge⸗ genüber ſtehenden Trümeau und ſagte mit eigenthümlichem Lächeln: „Wie gefalle ich Ihnen, meine Gnädigſte?“ „Mais, trèés-bien, cher ami,“ ſagte die Präſidentin, welche die Frage wörtlich und in Folge deſſen ihre Lorgnette vor das Ange nahm. „Nicht wahr!“ fuhr der kleine Mann in demſelben Tone fort: „ein wohl conſervirter Sechsziger, mit einem Privatvermögen von einer viertel Million und einem baaren Einkommen aus ſeiner Praxis von ungeführ zehntauſend Thalern, d. h. mit einer Revenue, wie unſer Premier⸗Miniſter; ein Maun, deſſen Verdienſte um den Staat und das Herrſcherhaus der Monarch mit der höchſten Ehre, die er zu verleihen im Stande iſt, ganz kürzlich anzuerkennen geruht hat; ein Mann, der, wer weiß es? bei einer theilweis neuen Combination 6 1 ———— Dritter Band. 9 des Miniſteriums, die ich für unbedingt nöthig halte, das Portefeuille eines gewiſſen Herrn, der ſich ſchon vollſtändig abgenutzt hat, über⸗ nehmen wird— ich glaube ganz gern, mein liebe gnädige Freundin, daß Ihnen ein ſolcher Mann als Schwiegerſohn gar nicht unge⸗ legen käme.“ „Ha, ha, ha!“ lachte Clotilde,„Sie ſind heute in einer entzücken⸗ den Laune, mon ami! wirklich entzückend!“ Und die corpulente Dame warf ſich in ihre Sopha⸗Ecke zurück und lachte ſo, daß Joli, der zwiſchen dieſem überlauten Lachen, das ihn ſo grauſam aus ſeinem ſüßen Vormittagsſchlaf weckte, und der Perſon des ihm ſehr ver⸗ haßten Medicinalraths eine Verbindung wittern mußte, von ſeinem Stuhle ſprang und dem kleinen Mann nach den dürren Beinchen fuhr. „Abſcheuliches Thier!“ ſagte der Medicinalrath, und ſchlug mit ſeinem rothſeidenen Taſchentuch ärgerlich nach dem Angreifer. Joli ließ ſich eine ſo herrliche Gelegenheit, ſeinem Gegner zu ſchaden, natürlich nicht entgehen. Er hackte ſeine ſcharfen Zähnchen in einen Zipfel des Taſchentuches und ſtemmte ſich, ſo ſehr er konnte, auf ſeine vier Beine, während der Medicinalrath an der andern Seite zerrte. „Ich ſterbe, ich ſterbe!“ rief die Präſidentin. „Ich wollte, Sie befreiten mich lieber von dieſer Beſtie!“ rief Herr von Schnepper mit einem keineswegs freundlichen Blick ſeiner ſtechenden Augen auf die lachluſtige Freundin. „Ruf das Thier ab, meine Liebe!“ ſagte der Präſident, dem die Wendung, welche die Scene genommen hatte, keineswegs gefiel. Wer weiß, zu welchen unangenehmen Auftritten es noch zwiſchen den Freunden gekommen wäre, da die Präſidentin nicht aufhörte zu lachen und Herr von Schnepper immer zorniger wurde, wenn Joli nicht durch den Eintritt eines ſeiner ſpeciellen Freunde auf andere Gedanken gebracht worden wäre. ⸗ Der neue Ankömmling war der Aſſeſſor von Wyſe. Der junge Mann war ſo gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ſich durch nichts aus ſeiner blafirten Ruhe bringen zu laſſen, verſtört und aufgeregt, daß ſämmtliche Anweſende wie aus einem Munde riefen: „Was giebt's, Herr von Wyſe!“ Die von Hohenſtein. „Eine wunderliche Neuigkeit,“ ſagte von Wyſe, ſich erſchöpft in einen Stuhl ſinken laſſend,„die unglaublich klingen würde, wenn ich ſie nicht aus der beſten Quelle hätte.“ „Aber, mon Dieu, Sie tödten mich!“ rief die Präſidentin. „Ich bitte Sie, reden Sie, Wyſe!“ ſagte der Präſident. „Die Sache iſt—“ ſagte Herr von Wyſe in augenſcheinlich nicht geringer Verlegenheit,„aber ich muß Sie dringend bitten, den Ueber⸗ bringer der Nachricht den Schmerz, den Ihnen dieſelbe ohne Zweifel verurſachen wird, nicht entgelten zu laſſen— die Sache iſt, daß die alte Excellenz von Rheinfelden heute Morgen auf Requiſition des Oberſtaatsanwalts in ſeinem Schloſſe verhaftet und unter Eskorte hierher in Unterſuchungshaft geführt iſt.“ Des Präſidenten bleiches Geſicht war noch um einige Töne bleicher geworden; die Präſidentin war augenſcheinlich einer Ohnmacht nahe; Herr von Schnepper ſchaute mit einem gewiſſen Wohlbehagen auf die Zerſchmetterten. „Aber, wie iſt dies möglich, Wyſe? und von wem haben Sie es?“ ſtammelte der Präſident. „Von meinem Bruder, dem Referendar,“ ſagte von Wyſe,„er hat ſelbſt das Protocoll des erſten Verhörs aufgenommen.“ „Und um Himmelswillen, lieber Wyſe, um was handelt es ſich denn?“ „Mein Bruder konnte und wollte ſich natürlich darüber nicht auslaſſen,“ ſagte der Aſſeſſor mit einem bezeichnenden Blick nach der Präſidentin, die wie erſtarrt mit weit geöffneten Augen und Munde in der Sopha⸗Ecke ſaß. „Ich glaube, liebe Clotilde, Du thäteſt beſſer, Dich nebenan ein wenig zu erholen,“ ſagte der Präſident, indem er ſeiner Gemahlin, deren ſchwache Willenskraft durch den Schreck vollkommen aufgelöſt war, den Arm bot und ſie in das nächſte Zimmer führte. Dann kam er ſchnell zurück, faßte den Aſſeſſor heftig am Arm und ſagte mit leiſer und heiſerer Stimme:„Um Gotteswillen, Wyſe, Sie wiſſen es? was iſt's?“ 6 „Wenn Sie es doch wiſſen wollen, Herr Präſident: gegen den General iſt von ſeiner Haushälterin eine Denunciation wegen Mord, Dritter Band. verübt an einem ſeiner Diener, vor, ich glaube acht oder zehn Jahren, eingebracht worden, und wie dem auch ſein mag, der Oberſtaatsanwalt hat ſich genöthigt geſehen, die Verhaftung anzuordnen. Natürlich leugnet der General Alles, aber mein Bruder ſagte mir: der alte Herr habe erbärmlich ausgeſehen, und er ſelbſt habe die Empfindung gehabt, daß die Sache einen unangenehmen Ausgang nehmen werde.“ „ Der Präſident ließ ſich in einen Stuhl ſinken und ſtützte die hohe ſchmale Stirn in die Hand. „Glauben Sie, Wyſe, daß es mir möglich ſein wird, den alten Herrn zu ſprechen?“ „Ich glaube kaum, Herr Präſident, Sie wiſſen, die—“ „Ich weiß, ich weiß, aber man macht ſchon einmal eine Aus⸗ nahme; gehen Sie, Wyſe! erkundigen Sie ſich, Sie haben durch Ihren Herrn Bruder Connexionen in den betreffenden Kreiſen! thun Sie, was Sie können, Sie werden mich dadurch auf das Aeußerſte ver⸗ binden.“ „Ihr Wunſch iſt mir Befehl, Herr Präſident,“ ſagte von Wyſe, indem er ſich vor den Herren anmuthig verbeugte und von Joli's freundſchaftlichem Bellen begleitet zur Thür hinaus ging. „Was ſagen Sie, lieber Freund! was ſagen Sie!“ rief der Präſident, den Medicinalrath mit angſtvollen Augen anblickend. „Daß ich die Sache für äußerſt wahrſcheinlich halte,“ erwiderte der Medicinalrath, ein Priſe nehmend. „Wahrſcheinlich? aber Sie wollen mich tödten! Es wäre das Schrecklichſte, was mir paſſiren könnte. Ich bitte Sie, Schnepper, einen Mörder in unſerer Familie! nein— der Chef unſerer Familie ein Mörder!— Die Sache würde das fürchterlichſte Aufſehen machen. Denken Sie doch an den Skandal, als der Herzog von Praslin!.. und nun ganz kürzlich der Mord der Gräfin Görlitz!... Freund, ich bin außer mir! Man wird, man muß uns fallen laſſen— ein ſolcher Skandal compromittirt alle Verwandten irréparablement bis in's zehnte und zwölfte Glied! Ich wäre verloren, geradezu ver⸗ loren, und das jetzt, jetzt, wo ich mehr Chancen, Oberpräſident oder gar Miniſter zu werden habe, als je zuvor. Herr von Schnepper zuckte die Achſeln.„Es iſt ein böſer Fall,“ 12 Die von Hohenſtein. ſagte er und ſtreckte die Hand nach Hut und Stock aus, die neben ihm auf einem Seſſel lagen. „Aber, großer Gott, College, Freund! Sie wollen mich doch nicht verlaſſen? In dieſer Noth nicht verlaſſen!“ rief der Präſident, den kleinen Mann ängſtlich in den Fauteuil wieder zurückdrängend. „Ich weiß keinen Rath,“ ſagte der Medicinalrath verdrießlich; „abſolut keinen Rath!“ Der Präſident ging, die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten in dem Gemache auf und ab. „Aber es iſt ja nicht möglich!“ ſagte er, wieder vor dem Me⸗ dicinalrath ſtehen bleibend,„man kann den Chef einer Familie, wie die unſrige, die ihren Stammbaum bis in das vierzehnte Jahrhundert zurückführt, nicht auf die Denunciation eines gemeinen Weibes hin verurtheilen. Der alte Herr muß ja die Sympathie der Richter, der Geſchworenen, aller Welt für ſich haben.“ „Sie dürften ſich gerade in dem letzteren Punkte irren, Werth⸗ geſchätzter,“ ſagte der Medicinalrath;„der Ruf, in welchem der Ge⸗ neral ſteht, iſt bekanntlich nicht der beſte, und dann vergeſſen Sie einen hochwichtigen Punkt. Der General iſt Proteſtant, und ſeine Richter, ſeine Geſchworenen werden dem größeren Theil nach Katho⸗ liken ſein. Unſer proteſtantiſcher Beamten⸗ und Militairadel aus den öſtlichen Provinzen ſteht bei dem gemeinen Mann und auch ſonſt bei den Lokalpatrioten in keineswegs gutem Geruch. Ich halte es gar nicht für unmöglich, daß, ſelbſt im Falle die Sache ſchwer zu er⸗ weiſen ſein ſollte, ſich die Meinung im Publikum gegen den General erklärt, und Sie wiſſen, das influencirt immer auf die Richter, und vor allemauf die Geſchworenen. Dazu kammt, daß der Oberpro⸗ curator ein Ultramontaner vom reinſten Waſſer und ein Abkömmling des alten eingeſeſſenen Adels iſt, alſo in ſeiner Perſon zwei Eigen⸗ ſchaften vereinigt, welche es ihm ſehr ſüß erſcheinen laſſen werden, einmal an einem dieſer Eindringlinge, die ihnen immer die beſten Stellen wegſchnappen, ein Exempel zu ſtatuiren. Sie werden mir zutrauen, daß ich, der ich ſelbſt Katholik bin und aus einem alten Patriciergeſchlecht ſtamme, dieſe Verhältniſſe einigermaßen beurtheilen kann, wenn ich auch als Politiker den Schwerpunkt nicht hier in Rheinadt, ſondern in der Reſidenz ſuche, und auch ſonſt die Dritter Band. 13 engen Schuhe des Localpatriotismus grändlich ausgetreten zu haben glaube.“ „Aber, mein Gott, beſter, theuerſter Freund,“ ſagte der Präſi⸗ dent, dem kleinen Mann, der jetzt aufgeſtanden war und Hut und Stock bereits in der Hand hatte, am Rockknopf feſthaltend; gerade als Katholik, als ein ſpecieller Freund des Staatsprocurators müſſen Sie ja etwas für mich thun können.“ „Nun,“ ſagte der Medicinalrath, den goldenen Knopf ſeines Stockes an die dünnen Lippen legend;„in den von Ihnen genannten beiden Eigenſchaften würde mein Einfluß wohl ſehr irrelevant ſein, indeſſen— vielleicht mein ſachliches Gutachten über den Befund der Leiche, weun es ja ſo weit kommen ſollte—“ „Liebſter, Himmliſcher,“ rief der Präſident, den kleinen Mann umarmend;„Sie ſind unſer Retter, unſer guter Engel! Befehlen Sie über mich! meine Dankbarkeit würde grenzenlos ſein.“ „Wirklich?“ ſagte der Medicinalrath mit einem ironiſchen Lächein; „aber, ich kann keine Secunde länger bleiben. Leben Sie wohl, Wer⸗ theſter, und nehmen Sie ein Brauſepulver; Sie ſind fieberhaft auf⸗ geregt.“ Herr von Schnepper hatte die Thür faſt erreicht, als der Präſi⸗ dent, der in tiefem Nachdenken ſtehen geblieben war, ſich vor den Kopf ſchlug und rief: „College, auf ein Wort!“ „Was beliebt?“ „War denn das vorhin Ihr Ernſt mit— hm— mit Camilla?“ „Aber Wertheſter, Sie werden doch Scherz verſtehen!“ ſagte der Andre mit einem füßlichen Grinſen; Hleben Sie wohl!“ Der Präſident ſah mit ſtarren Blicken nach der Thür, durch welche der Medicinalrath verſchwunden war. „Hm, hm! murmelte er;„ſteht die Sache ſo? Es wäre freilich ein eigenes Ding, gewiſſermaßen ridicül, unſchicklich; indeſſen— es käme auf das Mädchen an— ſie iſt anders, wie ſonſt die Backfiſche ſind— man müßte einmal hinfühlen— lieber Alles, als daß der Alte— hm, hm.“ 6 Die von Hohenſtein. Jweites Capitel. Die Verhaftung des alten Generals auf Rheinfelden machte, wie der Präſident vorausgeſagt hatte, in Rheinſtadt und weit über Rhein⸗ ſtadt hinaus, ein ungeheures Aufſehen. Der Name der Familie, deren Mitglieder ſchon mehrere Generationen hindurch die höchſten mili⸗ tairiſchen Stellen und Civilämter in der Provinz innegehabt hatten, war Jedermann bekannt; Jedermann war mit einem der vielen Hohen⸗ ſteins ein oder das andere Mal in geſchäftliche oder private Be⸗ rührung gekommen, und Jedermann nahm daher an dem eigenthüm⸗ lichen Ereigniß näheren oder entfernteren Antheil. Indeſſen konnte man leicht bemerken, daß dieſe Theilnahme im Allgemeinen keineswegs aus Sympathie hervorging, ſondern daß die Grundſtimmung des Publikums ein lebhaftes Gefühl geſättigter Schadenfreude war. Dies mochte zum nicht geringen Theil ſeinen Grund in der Abneigung haben, mit welcher die katholiſchen Bewohner jener Gegend noch immer auf den eingewanderten, oder vielmehr hingeſchickten und hincomman⸗ dirten Beamten⸗ und Militairadel aus den Stammprovinzen blicken; die vorzüglichſte Urſache aber der feindſeligen Haltung des Publikums war ohne Zweifel der Haß, welchen die hochadelige Familie im Laufe der Zeit durch ihr ſtolzes, herriſches, unbürgerliches Weſen auf ſich zu laden gewußt hatte. Man erinnerte ſich der willkürlichen Ver⸗ waltung des Oberpräſidenten von Hohenſtein, des Vaters der drei Brüder; der mehr als militairiſchen Schroffheit des Obriſten; der gleißneriſchen Freundlichkeit, hinter welcher der Präſident ſeine büreau⸗ kratiſch⸗despotiſchen Neigungen verſteckte; der politiſchen Achſelträgerei des Stadtraths; der Hoffahrt der Präſidententöcht des junkerlichen Uebermuths der Obriſtenſöhne; der ſtadtkundigen kte Antoniens von Hohenſtein, und fand es mehr als glaublich, daß der alte Ge⸗ neral auf Rheinfelden, der von der Zeit, wo er als commandirender General in der Provinz für ſeine Grobheit und Brutalität ſprich⸗ Dritter Band wörtlich geweſen war, noch im übelſten Andenken ſtand, ſein vielbe⸗ flecktes Leben ſchließlich noch mit einem offenen Verbrechen gezeichnet habe. Die durch die Merkwürdigkeit des Falls aufgeregte Phantaſie des Publikums erging ſich in den abenteuerlichſten Gerüchten. Daß es ſich um einen Mord handle, wußte man mit Beſtimmtheit. Nach dem Einen ſollte der Ermordete ein Diener des Generals geweſen ſein, der mit der Haushälterin und Maitreſſe des Letzteren in einem allzuvertrauten Verhältn'ß geſtanden habe; nach Andern war das Opfer ein reicher jüdiſcher Juwelenhändler, der auf Rheinfelden vor⸗ geſprochen habe und von dem General ſeiner bedeutenden Baarſchaft und zugleich ſeines Lebens beraubt worden ſei(wodurch ſich denn auch der Reichthum des alten Sünders ſchicklich erklärte); wieder nach An⸗ deren handelte es ſich gar nicht um einen Mord, ſondern um eine ganze Reihe von Mordthaten, die der Alte mit Hülfe ſeiner Haus⸗ hälterin an den unglücklichen Opfern ſeiner Gier verübt habe— und dieſe Annahme gewann, weil ſie der in dem Menſchen ſo mächtigen Luſt am Gräßlichen die meiſte Nahrung gab, zuletzt die Oberhand. Der Alte wurde zu einem Blaubart in weißen Haaren, und Schloß Rheinfelden zu einer Mördergrube, deren ſchaurige Geheimniſſe die energiſch betriebene Unterſuchung demnächſt zum Entſetzen aller Chriſten⸗ menſchen an den Tag bringen werde. Indeſſen ſchien es, als ob die Neugier des Publikums noch lange auf die Folter geſpannt werden ſollte, denn die Sache, die man im Anfang für ſo klar hielt, daß man den alten General gleichſam ſchon am Galgen ſah, drohte mit jedem Tage verwickelter zu werden. Man hörte, daß die Ausſagen der zahlreich aufgerufenen Zeugen ſich viel⸗ fach widerſprachen, und bald für die Anhänger dieſer, bald für die der zweiten, bald für die der dritten Erklärungsart günſtig lauteten. Zuletzt gewannen die, welche an die Blaubartſage glaubten einen be⸗ deutenden Vorſprung. Die Verdachtgründe der Mitthäterſchaft gegen dieſelbe Perſon, auf deren Denunciation hin die Verhaftung des Generals ſtattgefunden hatte— die Haushälterin des Alten, Frau Brigitte Schmalhans— hatten ſich ſo gehäuft, daß die Verhaftung derſelben vom Oberſtaatsanwalt angeordnet worden war; und kaum war das Weib in das Gefängniß abgeführt, als die Nachricht in die 16 Die von Hohenſtein. Stadt gelangte, daß ihr Gatte, der Schulmeiſter Schmalhans auf dem Dorfe Rheinfelden, deſſen Zeugniß jetzt von der höchſten Wich⸗ tigkeit war, ſeit einigen Tagen vermißt werde. Man wußte, daß dieſer Mann früher in großer Gunſt bei dem alten General geſtan⸗ den, in ſo großer Gunſt, daß er gewürdigt wurde, der Gatte der Maitreſſe des Gebieters zu werden. In dieſer wenig ehrenvollen Stellung hatte der Mann lange Jahre ſcheinbar als der ſchweigende Dulder des an ihm verübten Unrechts in Rheinfelden vegetirt; wäh⸗ rend er jetzt freilich durch ſein Verſchwinden in die Rolle eines Mit⸗ ſchuldigen, zum wenigſten eines Mitwiſſers der auf dem Schloſſe ver⸗ übten Unthat, oder vielmehr Unthaten eintrat. Zum wenigſten war das die einzige Erklärung für das Schickſal, das ihn ſo jäh ereilt. Daß man ihn ermordet hatte, um den unbequemen Zeugen los zu werden, war die allgemeine Annahme. Es ſtellte ſich heraus, daß ſeine Frau an demſelben Tage, an welchem er zum letzten Mal ge⸗ ſehen wurde, in Rheinfelden geweſen war, und Vorübergehende woll⸗ ten die keifende Stimme der Frau durch die geſchloſſenen Läden der Schulmeiſterwohnung gehört haben. Dieſer Zwiſchenfall brachte die ſo ſchon erhitzte Phantaſie des Publikums auf den Siedepunkt. Und jetzt erfuhr man auch, weshalb der arme Schulmeiſter ſich ſo ſchnell aus der Welt hatte trollen müſſen. Er war der Einzige, welcher mit Beſtimmtheit die Stelle in dem Park von Rheinfelden, auf welcher die Ermordeten eingeſcharrt worden waren, anzugeben wußte. Es war eine heilloſe Geſchichte. Die guten Rheinſtädter waren ganz außer ſich darüber, nebenbei aber auch nicht wenig ſtolz darauf, daß auch ſie, nach dem Vorgang anderer großer Städte, ihr Schauerdrama hatten. Für die Familie Hohenſtein war dieſes Drama eine Calamität, deren Tragweite man gar nicht abſehen konnte. Zwar ging der Mo⸗ narch in ſeiner Gnade ſo weit, den Präſidenten durch den Mund des Oberpräſidenten und den Obriſten durch den Mund des commandiren⸗ den Generals, verſichern zu laſſen, daß er ſeiner treuen Diener in ihrem unverſchuldeten Unglück nicht vergeſſen werde; zwar veeiferten ſich, als dies bekannt wurde— und dafür, daß es bekannt wurde, ſorgten die Betroffenen ſchon— alle ihnen geſellſchaftlich, oder dienſt⸗ Dritter Band. 17 lich Naheſtehenden eine ungeſchwächte Liebe, Verehrung oder Achtung an den Tag zu legen; aber der Fall war und blieb ein böſer, böſer Fall, der die ohnehin ziemlich ſchwüle Atmoſphäre in den Familien des Präſidenten und des Obriſten gerade nicht verbeſſerte. Ein Troſt— wenn auch ein leidiger— war es, daß man durch die Güte des Aſſeſſors von Wyſe, Bruder des Referendars von Wyſe, der als interimiſtiſcher Staatsanwaltsgehülfe die Unterſuchungen zum großen Theil zu führen hatte, von Tag zu Tag über den Gang der Dinge unterrichtet wurde. Der alte General leugnete hartnäckig Alles und legte— nach der Ausſage von Wyſes— in ſeinen Antworten eine ganz ungewöhnliche und für einen ſo alten Mann doppelt merk⸗ würdige Schlauheit und Gedächtnißkraft an den Tag. Es war un⸗ möglich, ihn trotz der ſcharfſinnigſten Kreuzfragen in einen Wiver⸗ ſpruch zu verwickeln. Er blieb bei ſeiner erſten Ausſage, daß er in der Nacht des 11. Auguſt 1839 von einem heftigen Huſtenanfall aus dem Schlafe geweckt worden ſei, und nach ſeinem Diener, dem Anſelm Jürgens aus Kirchheim, geſchellt habe. Als der Mann auf ſein wie⸗ derholtes Klingeln nicht gekommen ſei, habe er ſich ſelbſt— nicht ohne große Mühe— erhoben, um den Säumigen zu wecken. Als er denſelben nicht in ſeinem Zimmer gefunden, ſei er(der General), in der Meinung, daß der Mann ſich wieder einmal, wie ſchon öfter, den Schlüſſel zur Vorrathskammer zu verſchaffen gewußt und ſich dort betrunken habe, in den Flügel des Schloſſes, wo die Vorrathskammer ſich befand, gegangen. Dort habe der Mann am Fuße der ſteinernen Wendeltreppe, die in das obere Stockwerk führte, gelegen— mit zerſchmettertem Schädel— todt. Er habe nun die Haushälterin ge⸗ weckt, ſowie die übrigen Leute, und habe den Leichnam unten in der Halle auf einen Tiſch legen laſſen, wo ihn am folgenden Morgen verſchiedene Perſonen(unter anderen der Schullehrer Balthaſar Schmal⸗ hans) geſehen hätten. Darauf ſei der Leichnam in einen Schuppen getragen und(ſo viel er ſich erinnern könne) wegen der ungewöhnlich ſtarken Hitze bereits in der folgenden Nacht von dem Schulmeiſter Balthaſar Schmälhans, ſowie den Bedienten Anton Pütz und Jakob Pitter(beide ſeitdem verſtorben) begraben worden. Die vorſchrifts⸗ mäßigen Anzeigen ſeien rechtzeitig gemacht, doch habe der damals Fr. Spielhagen's Werke. IR. 2 18 Die von Hohenſtein. ſchwer erkrankte Pfarrer von Kirchheim, Ambroſius Kandel, an dem Begräbniß nicht theilnehmen können. Die Stelle, auf welcher man den Leichnam begraben, habe er nie gekannt. Die Ausſage der Brigitte Schmalhans lautete nun freilich ganz anders. Nach ihrer Ausſage habe ſie mit dem Ermordeten in einem Liebesverhältniß geſtanden, das ſie vor e um ſo geheimer gehalten, als derſelbe bereits ältere Anſprüche an ſie gehabt habe. Nichtsdeſtoweniger ſei ſie mit ihrem Liebhaber in der verhängnißvollen Nacht von dem eiferſüchtigen Gebieter überraſcht worden. Der An⸗ ſelm ſei ein ſtarker Mann geweſen, aber der alte General habe mit der blinkenden Art in der Hand ſo gräßlich ausgeſehen, daß der Un⸗ glückliche vor Schreck auf die Ku' gefallen und um Gnade gebeten habe. Der General habe mit einem Hieb geantwortet, welcher dem Knieenden die rechte Seite des Schädels ſpaltete und ihn ſofort todt zu Boden ſtreckte. Darauf habe er(der General) auch ſie umbringen wollen, auf ihre flehenden Bitten ihr aber das Leben gelaſſen und ſie dann gezwungen, mit ihm den Leichnam bis an den Fuß der Wendel⸗ treppe zu tragen und ihn in die Lage zu bringen, in welcher er her⸗ nach von den Leuten gefunden wurde. Sie habe ſich darauf wieder zu Bett legen müſſen, um ſich hernach im Beiſein des Bedienten von dem General wecken zu laſſen.— Im Uebrigen habe es ſich mit dem Begräbniß des Ermordeten ſo verhalten, wie ver General angegeben. — Das Verſchwinden ihres Gatten erkläre ſie durch die Furcht, welche der Letztere gehabt, mit ihr zuſammen ziehen zu ſollen, wie ſie es nach der Verhaftung des Generals von ihm verlangte. Es ſei möglich, daß er ſich das Leben genommen(ein Haſenfuß ſei er immer geweſen); auf jeden Fall wiſſe ſie über ſein Verbleiben nichts. „Die Sache iſt ſo verwickelt, wie nur irgend möglich, meine gnädige Frau,“ ſagte der Aſſeſſor von Wyſe zur Präſidentin;„ein wahres Kaleidoſkop, oder wie ein Kleid conleour changeante, um mich eines Bildes, das Ihnen geläufiger ſein wird, zu bedienen. Heute grün, und morgen roth, und übermorgen wieder blau, je nach den Zeugenausſagen. Jetzt iſt eine neue Perſonage aufge⸗ treten, ein gewiſſer Kilian Emmerich, bis zuletzt Bedienter beim Ge⸗ neral—“ Dritter Band. 19 „O, ich kenne ihn ſehr gut, ein großer blühender, charmanter Menſch,“ ſagte die Präſidentin. „Ganz derſelbe, meine Gnädige; es ſcheint, daß dieſer Kilian mit der Perſon, der Brigitte, unter einer— kurz, daß er gemein⸗ ſchaftliche Sache mit ihr gemacht hat, um von dem alten Herrn durch die Drohung, ihn denunciren zu wollen, ſo viel Geld als möglich zu erpreſſen—“ „Der abſcheuliche Menſch!“ rief die Präſidentin. „Gewiß, meine gnädige Frau! nur iſt leider der nachgewieſene Umſtand, daß dieſe Beiden für ihre Verhältniſſe bedeutende Summen in letzter Zeit bei einem hieſigen Winkelbanquier untergebracht haben, ein Indicium mehr gegen den Generl, im Falle nämlich die Perſonen das Geld von dem General ſelbſt erhalten haben, wie ſie behaupten, während der General freilich darauf beſteht, daß ihm das Geld ge⸗ ſtohlen worden ſei.“ „Ohne Zweifel iſt er beſtohlen worden, der liebe alte Herr!“ ſagte die Präſidentin. „Wahrſcheinlich;“ erwiderte Herr von Wyſe,„indeſſen hat ſich der General während des letzten Jahres auffallend viele und bedeu⸗ tende Baarzahlungen von ſeinem hieſigen Banquier machen laſſen, die er allerdings in einer andern Weiſe, für die er, ſo viel ich weiß, bis jetzt den Nachweis ſchuldig geblieben iſt, verausgabt haben will.“ Der Präſident, welchem ſeine Gemahlin dieſe Unterredung mit⸗ theilte, war über die letztere Aeußerung von Wyſe's ganz beſondere betroffen. „Ich fürchte,“ ſagte er,„es wird im Verlaufe dieſer entſetzlichen Unterſuchung Alles zu Tage kommen, was wir bis jetzt ſo ſorgfältig vor dem Publikum verheimlichten; vor allem der Grund, weshalb wir unſere Camilla mit dem Wolfgang verlobt haben. Was iſt der alte Sünder nicht im Stande auszuplaudern! Wenn wir uns jetzt merken laſſen, daß dieſe projectirte Heirath nur eine Speculation war, nur ein Mittel, um uns die Erbſchaft des Alten zu ſichern, ſo ſind wir verloren. Wir müſſen den Schein der entente cordiale jetzt mehr als je aufrecht erhalten; vor Allem müſſen wir den Wolfgang, der offenbar durch Camilla's Benehmen beleidigt iſt, wieder zufrieden 2* 20 Die von Hohenſtein. ſtellen. Der Augenblick, mit ihm zu brechen, iſt jetzt ſo ungünſtig wie möglich; Schnepper muß das einſehen; ſo lange der Leichnam nicht gefunden iſt, ſind ja die Anſprüche, die er an Camilla machen könnte, ſo wie ſo illuſoriſch; ich muß mit dem alten Gecken ſprechen.“ Herr von Schnepper billigte vollkommen den Plan des Präſidenten. „Ich verlange weiter nichts,“ ſagte er,„als daß Sie mir den Lohn für die Verdienſte, die ich mir in dieſer Angelegenheit möglicher⸗ weiſe um Ihre Familie erwerben kann, nicht vorwegnehmen. Sie villigen meine Bewerbung um Ihre reizenden Tochter— bon! Sie ſtellen die Bedingung, daß ich den Alten frei mache— nicht mehr als billig; umſonſt iſt heut' zu Tage nicht einmal der Tod. Ich werde meiner Zeit kommen, den ſüßen Lohn einzufordern; bis dahin laſſen Sie ſich den Affen, den Wolfgang, immerhin an dem Spiegelbilde eines Glücks, das ihm nie zu Theil werden ſoll, ergötzen. Erhalten Sie ihn bei guter Laune und vertreiben Sie ihm ſeine eiferſüchtigen Grillen!“ „Aber wie das, Liebſter?“ „Verheirathen Sie Aurelie!“ „Mit Willamowsky?“ „Mit Willamowsky.“ „Wird er aber jetzt, gerade jetzt wollen?“ „Gerade jetzt! Kitzeln Sie ſeine Eitelkeit, engagiren Sie ſeine Großmuth; er iſt Gimpel genug, um auf die Leimruthe zu gehen.“ Der Präſident ließ ſich dieſen guten Rath nicht umſonſt geſagt ſein. Aurelien für die Idee einer Heirath mit dem Baron zu ge⸗ winnen, hielt durchaus nicht ſchwer. Die junge Dame hatte in der letzten Zeit mit ihren Liebhabern die traurigſten Erfahrungen gemacht. Der Lieutenant Graf von Brinkmann, ihr allabendlicher Tänzer des vorjährigen Winters hatte ſich mit der ſchönen Georgine von Hinkel verlobt; der Maler Kettenberg ſchmachtete ſeit den letzten Wochen in den Feſſeln Antonien's, deren Bild in Lebensgröße er für die Aus⸗ ſtellung malte, und von der er Aurelien ſo viel vorgeſchwärmt hatte, daß dieſe, welche ſich auf die Huldigungen des ſchönen genialen Künſt⸗ lers nicht wenig einbildete, auf das Tiefſte beleidigt war. Blieb alſo noch, den Baron für das Project zu gewinnen, was nach dem vom ————— Dritter Band. 21 Medicinalrath vorgeſchriebenen Recept im Verlaufe eines Abends aus⸗ geführt werden konnte. Man hatte dafür Sorge getragen, daß an einem der Empfangsabende von den wenigen Gäſten, die nach der Kataſtrophe noch regelmäßig zu kommen pflegten, der Baron der einzige war. Die Präſidentin klagte über die Freunde, die mit dem Sonnenſchein des Glücks wie die Mücken verſchwinden, ſo lange, bis der Baron ſich ſelbſt ganz ausnehmend brav und großmüthig erſchien. Dann ſchilderte ſie die Sorge, welche ein liebendes Mutterherz über das Schickſal unverheiratheter Töchter, die kein großes Vermögen zu erwarten haben, empfindet; ſchließlich reichte ſie dem Baron die Hand, blickte ihn zärtlich an und ſagte:„Ich muß einen Augenblick nach meiner kranken Camilla ſehen. Ihnen, lieber Willamowsky, kann ich ja wohl mein Kind eine Viertelſtunde anvertrauen?“ Der Baron küßte dankbar die fette Hand, öffnete der Präſidentin die Thür, kam wieder zurück an den Theetiſch, und ſah— wie das „Kind,“ welches an einer Geldbörſe häkelte, unter den ſchwarzen Augenlidern hervor ſehr genau bemerkte— außerordentlich aufge⸗ regt aus. „Für wen häkeln Sie denn das hübſche Dings da, Fräulein Aurelie,“ ſagte der Baron nach einer längeren Pauſe, in welcher er unruhig auf ſeinem Stuhl hin⸗ und hergerückt war. „Für mich nicht,“ ſagte Aurelie;„ich hätte doch Nichts hinein⸗ zuthun.“ „Ehem!“ machte der Baron. „Sie ſagten?“ „O, nichts, nichts; ich wollte nur bemerken, daß das doch am Ende nur auf Sie ankäme; ehem!“ „Wie meinen Sie das, lieber Stillfried?“ fragte„das Kind,“ die braunen unſchuldsvollen Augen aufſchlagend. „Ich meine— sapristi, Fräulein Aurelie! ich bin kein Mann von vielen Worten; ich kann nicht ſchwadroniren wie Brinkmann, habe auch kein Genie wie der verdammte Kettenberg; aber, wenn Sie mich heirathen wollen, Fräulein Aurelie, ſo ſoll es Ihnen, ſo lange ich ſelbſt was habe, nicht an Piſtolen für das hübſche grüne Dings da fehlen, und Sie haben ja früher oft ſelbſt geſagt, daß ich effectiv ein 22 Die von Hohenſtein. ehrlicher Kerl bin und daß Sie notoriſch gern mit mir tanzen und daß es ſich in meinem neuen Brougham ausgezeichnet fährt.“ „Das Kind“ war durch dieſe mit allen Zeichen großer Verwirrung vorgetragenen Rede in einen ſolchen Schrecken verſetzt, daß ſie, einer halben Ohnmacht nahe, in ihren Fauteuil zurückſank und das Taſchentuch vor das Geſicht drückte. Der ſcharfſinnige Baron glaubte dies für ein nicht ungünſtiges Zeichen halten zu dürfen. Er ließ ſich deshalb an dem Fauteuil auf ein Knie nieder und rief, die eine herabhängende ſchöne Hand ergreifend: „Aurelie, himmliſche Aurelie, ſagen Sie mir, daß Sie morgen in meinem Brougham mit mir die nöthigen Viſiten machen wollen? Ich will auch den Rappen vorſpannen laſſen, obgleich das Thier effectiv zu gut dazu iſt.“ Aurelie wurde durch dieſen Beweis aufopfernder Zärtlichkeit ſo gerührt, daß ſie ihre Arme um den Halskragen des Dragonerlieutenants ſchlang und ihn feurig und zu wiederholten Malen auf das zierliche ſchwarzgefärbte Schnurrbärtchen küßte. „Engel!“ lispelte der Dragonerlieutenant. In dieſem Augenblick wurde die Thür geöffnet und die Präſidentin erſchien mit ihrem Gemahl auf der Schwelle. Stillfried von Willamowsky ſprang auf ſeine Füße, ergriff die Hand der jungen Dame, führte ſie den Eingetretenen entgegen und ſagte: „Gnädige Frau— Herr Präſident— meine Braut, wenn Sie erlauben.“ „Aber mein Gott,“ ſagte der Präſident,„wie hat ſich denn das ſo ſchnell—“ „Kommen Sie in meine Arme, lieber Sohn,“ ſagte die Prä⸗ ſidentin, den glücklichen Bräutigam an ihren mütterlichen Buſen ſchließend. Dritter Band. 23 Drittes Capitel. „Es muß ſich Alles, Alles wenden!“— Wie oft ſagte ſich Wolf⸗ gang das tröſtliche Wort, während der Frühling mit jedem Tage blauer und duftiger über der neuverjüngten Erde aufleuchtete und aufblühte; wo oft, ohne Troſt zu finden, bis er zuletzt den Glauben an die frohe Botſchaft verlor. Konnte der Frühling wenden, was unabänderlich war? konnte der Frühling, der die Bäume und Büſche wieder mit zarteſtem Laube ſchmückte, und den Vögeln die alten, ewig jungen Lieder wieder gab, das geliebte Weſen zurückbringen, das zwiſchen dieſen Büſchen, unter dieſen Bäumen ſo gern gewandelt war? das dieſen einfachen Weiſen immer mit ſo inniger Freude, mit ſo rührender Anvacht gelauſcht hatte? Kann dieſer roſige Blüthen⸗ ſchnee die Spur der Theuren verwiſchen? kann das Säuſeln des Windes in den ſchwankenden Zweigen die Erinnerung der lieben ſanften Stimme verwehen, die, wie einer Gottheit Stimme, in die Morgen⸗ dämmerung ſeines Geiſtes die erſten Worte der Liebe ſprach? Iſt der Tod deshalb weniger furchtbar, weil er ein Räthſel iſt, deſſen Geheimniß zu begreifen unſer Scharfſinn zu ſtumpf, deſſen Schrecken auszumalen unſre Phantaſie zu lahm, deſſen Bild feſtzuhalten unſer Gedächtniß zu matt iſt? Sind wir heute weniger unglücklich, weil wir wiſſen, daß wir ein paar Jahre ſpäter lachen und ſcherzen werden, als wäre uns nie eine Mutter geſtorben? oder ſind wir nicht doppelt elend in dem kläglichen Bewußtſein, nur der Oberflächlichkeit unſres Weſens die Möglichkeit des Lebens zu verdanken?— Unſelige Menſch⸗ heit, die Du die Livree Deiner Erbärmlichkeit wie ein Ruhmeskleid trägſt, aus der Noth eine Tugend und aus der Bedürftigkeit eine Religion machſt! Reſignation, Ergebung in das Schickſal, immer die⸗ ſelbe Miene und immer dieſelbe Stirn!— ja wohl! immer dieſelbe Phariſäermiene, die zu den frivolen Regungen des eigenen Herzens heiligen Beifall lächelt! immer dieſelbe eherne Stirn, die dem Himmel gleicht, unter dem die Erde mit ihren Blumen verdurſtet!... 24 Die von Hohenſtein. Der Tod der geliebten Mutter war der erſte große Schmerz, den Wolfgang erfuhr, und, wenn dies Ereigniß ſchon zu jeder Zeit von erſchütternder Wirkung auf ihn geweſen wäre, ſo traf es ihn jetzt, wo ſein Gemüth durch mancherlei Umſtände ohnehin gedrückt und ver⸗ düſtert war, mit doppelter Gewalt. Er war Tage lang in einem Seelenzuſtand, der Allen, welche die wechſelſeitige Liebe zwiſchen der Mutter und dem Sohne nicht gekannt hatten, unbegreiflich erſchien; und auch als der erſte brennende Schmerz ſich ausgetobt hatte, war ſeine Schwermuth noch immer der Art, daß ſie Denen, die ihn liebten, die ernſtlichſten Beſorgniſſe einflößte. Aber die Welt mit ihren tauſend⸗ fältigen Anforderungen ſiegte endlich doch über die Selbſtvernichtungs⸗ luſt, mit welcher der unglückliche junge Mann in ſeinem Schmerze wühlte, und zwang ihn, der für ſich ſelbſt aller Freude am Leben, ja dem Leben ſelbſt entſagt zu haben ſchien, theilnehmend an dem Leben der Andern, für die Andern zu leben. Zuerſt für ſeinen Vater, mit dem ſeit dem Tode Margarethen's eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Dem Anſcheine nach hatte ſich freilich der Stadtrath mit ſeiner gewöhnlichen Elaſti⸗ cität ſchon nach wenigen Tagen von dem Schlage vollkommen erholt. Er ging wieder ſeinen alten Beſchäftigungen nach; er beſuchte wieder die alten Vergnügungsörter; er kleidete ſich mit der alten Sorgfalt, ja faſt noch ſorgfältiger als zuvor; aber, wer ihn genauer beobachtete, konnte die Wahrnehmung machen, daß er dies und alles Andere ohne alle Theilnahme that, nur weil es ſchicklich und ſeiner Gewohnheit gemäß war. Es war, als ob ſeine Kraft nur eben noch ſo weit reiche, ihm die Aufrechterhaltung des ſchönen Scheines, dem er ſein Leben lang gehuldigt hatte, möglich zu machen. Er ſprach in den Magiſtratsſitzungen noch ſo häufig wie ſonſt, aber ein Sieg bei der Abſtimmung brachte ihn nicht mehr wie ſonſt in freudige Aufregung, ſo wenig, wie ihn eine Niederlage, die ihm früher äußerſt empfindlich war, zu ſchmerzen ſchien. Er unterhielt ſich beim Herausgehen aus der Sitzung in ſeiner verbindlichen Weiſe mit ſeinen Bekannten und Parteigenoſſen, dem Stadtrath Heydtmann u. Comp., dem Senator Weſtermeier und anderen Finſterlingen und mehr oder weniger fana⸗ tiſchen Reactionairen, aber ſeine Späße waren froſtig und ſein Lächeln Dritter Band. 25 war kalt wie ſeine Hände.„Ich weiß nicht,“ ſagte Herr Weſter⸗ meier— ein etwas buckliger, rothhaariger Dandy, der ſich auf ſeine Schönheit und Klugheit gewaltige Stücke einbildete,„der Hohenſtein kommt mir vor, wie Jemand, der eine Partie, die er verloren hat, nur aus Gefälligkeit noch weiter ſpielt.“— Der Stadtrath Heydt⸗ mann u. Comp. ſah ſich ſcheu um und erwiderte:„Wiſſen Sie was, Werthgeſchätzter, ich habe manchmal den Gedanken, Hohenſtein ſei in die gräuliche Affaire des alten Generals verpickelt; es wäre ſchreck⸗ lich,— ſreckichl“ iee Wenn nun eeeee ä fteui ee 3 5 fürchtungen wie der Stadtrath Heydtmann u. Comp. hegen mochten, ſo war der Rückſchlag der„gräulichen Affaire“ auf die Angelegen⸗ heiten des Stadtraths doch noch immer bedeutend genug. Kapitale, die er geliehen hatte, wurden ihm gekündigt; Gläubiger, die ſonſt länger gewartet haben würden, wollten durchaus bezahlt ſein; die alten Verlegenheiten wurden drückender, neue kamen hinzu;— und der Stadtrath ſprach darüber mit ſeinem Sohne, wie über Dinge, die ſich von ſelbſt verſtänden.„So etwas geht vorüber,“ ſagte er; „die Sache mit dem Großonkel kommt mir ein wenig ungelegen; man muß es eben tragen.“ Wolfgang hielt, trotz dieſer Verſicherungen, die Lage des Vaters jetzt für bedenklicher als im Frühling des vorigen Jahres, und ſah in der Gelaſſenheit, mit welcher derſelbe über ſeine Verhältniſſe ſprach, nur die Ruhe der Verzweiflung. Um ſo tiefer fühlte er die Ver⸗ pflichtung, den Vater in dieſer Noth nicht zu verlaſſen, vielmehr Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand, um denſelben über dieſe ſchlimme Zeit hinwegzuhelfen. So entwickelte ſich zwiſchen dem Vater und ihm ein vertraulicheres Verhältniß, als je zuvor. Das Unglück, das über die Familie hereingebrochen war, ſchien wenigſtens das Gute gehabt zu haben, die einzelnen Glieder derſelben feſter aneinander zu knüpfen. Dies Gefühl der— gleichviel ob freiwilligen oder unfreiwilligen — Gemeinſamkeit machte es Wolfgang auch unmöglich, die Ketten zu brechen, mit welchen ihn ſeine Verlobung und ſein militairiſches Ver⸗ hältniß belaſtet hatten. Sollte er jetzt, wo der Name ſeiner Familie in Aller Mund war, noch ſeinerſeits dazu beitragen, den Stoff der 26 Die von Hohenſtein. Klätſchereien und Verläumdungen zu vermehren? Sollte er jetzt um ſeinen Abſchied nachſuchen, und damit zu erkennen geben, daß er an der ſo ſchwer compromittirten Ehre der Familie verzweifle? Sollte er ſich an Edelmuth von einem Willamowsky übertreffen laſſen, der dieſe Zeit der Erniedrigung der Familie für die paſſendſte ge⸗ halten hatte, um ſeinen altadligen Namen, auf den er ſo gewaltige Stücke hielt, mit dem Namen der Hohenſteins zu verbinden? Sollte er Camilla, die das erſte Mal, als er nach dem Tode der Mutter wieder in die Wyhnung ihrer. Eltern kam, ihmum den Hals fiel und ihn bat, ihr wieder gut zu ſein und die Launen, mit denen ſie ihn gequält habe, zu verzeihen— von ſich zu ſtoßen? Sollte er der Präſidentin, die ihn unter einem Strom von Thränen an ihren Buſen ſchloß und ihn„ihren lieben Sohn“ nannte, ſagen, daß er nicht ihr Sohn ſein wolle? daß er ſich nie als ihren Sohn gefühlt habe?— ſollte er ihr das gerade jetzt ſagen?— Wolfgang brachte das Wort, das ſeine Wahrheitsliebe gebieteriſch von ihm forderte, nicht über ſeine Lippen. Er ſtammelte einige verwirrte Entſchuldigungen, und war dankbar, daß man ihm keine Vorwürfe machte, als er in der Folge ſo ſelten als möglich kam, und auch dann nur immer, wenn er gewiß ſein konnte, wenigſtens den einen oder den andern Gaſt in dem jetzt beinahe verödeten Salon zu treffen. Aber je unüberſteiglicher die Verhältniſſe ſich vor ihm aufthürmten und ihm eine freie Bewegung unmöglich machten, deſto mehr vertiefte ſich der nach außen hin gehemmte Strom der Kraft, deſto gewaltiger rang ſein Geiſt, das Wie? und Warum? dieſer Verhältniſſe zu be⸗ greifen, die doch unmöglich blos deshalb, weil ſie vorhanden waren, vernünftig ſein konnten. Uno nicht blos dieſer Verhältniſſe! Waren ſie doch nur die nothwendige Folge einer Reihe von Urſachen und Wirkungen, die ſich ſämmtlich auf den unhaltbaren Zuſtand der Ge⸗ ſellſchaft und des Staates zurückführen ließen! einer Geſellſchaft, wo der Eine den Andern gewiſſenlos ausbeutet, um Zwecke zu erreichen, die, wenn ſie erreicht ſind, ſich als werthlos ausweiſen; eines Staates, dem mit freien Menſchen, die dem Andern gern gewähren, was ſie für ſich ſelber fordern, nicht gedient iſt, ſondern der ſeine großen Mittel ſchmählich mißbraucht, um die Herrſchaft der Einzelnen über Dritter Band. 2 die Vielen wo möglich zu verewigen. Hemmte dieſelbe falſche Schaam, die ihn abhielt, auch äußerlich ſich aus einem Zuſtande zu befreien, dem er ſich innerlich vollſtändig entwachſen fühlte, nicht Millionen und aber Millionen Menſchen an der naturgemäßen Entfaltung ihrer Kräfte? war es nicht unwürdig, unverzeihlich, frevelhaft, dieſe heiligen unwiederbringlichen Kräfte dem Moloch des Scheins ſelaviſch zu opfern? Warum durfte dieſer Moloch überall in den Familien, in der Geſell⸗ ſchaft, im Staat ſein ſcheußliches Haupt ſo frech erheben? Dieſem Moloch war ſeine Mutter geopfert; dieſem Moloch zu gefallen, hatte ſein Vater ſich der ſchlimmſten Undankbarkeit gegen Onkel Peter ſchuldig gemacht, hatte ſich in Verlegenheiten über Verlegenheiten ge⸗ ſtürzt, aus denen jetzt kein Entrinnen mehr ſchien; dieſem Moloch zu gefallen, war er ſelbſt aus einem Studium geriſſen, das ihm Freude und Genugthuung gewährt hatte, um ſein Leben in einem geſchäftigen Müßiggange zu verdämmern; dieſem Moloch zu gefallen, geſchah, was nur immer in der Familie Hohenſtein geſ chah; man intriguirte für ihn, man log für ihn, man betrog für ihn, man verkaufte ſeine Ueberzeugungen, ſeine Grundſätze, verrieth einander, heuchelte Liebe, verbarg den Haß, prahlte mit Tugenden, die man nicht hatte, bedeckte ſich mit Schande bergehoch!— Dieſem Moloch zu gefallen, mußte der Arme ein Leben führen, das ihn nie und in keinem Augenblick zum Gefühl der Men⸗ ſchenwürde kommen ließ; mußte der Vornehme in Lüſten ſchwelgen, die ihn unter das Thier erniedrigten;— dieſem Moloch zu gefallen, mußte der Staat eine Domäne der Fürſten und ihres Anhangs ſein; mußten ſich die natürlichen Berufsarten in unnatürliche Kaſten theilen, die ſich möglichſt von einander abſchloſſen, und von denen die Be⸗ vorzugten das Emporſtreben der Jahrhunderte lang Unterdrückten, achtungslos und grauſam zurückwieſen! Dieſem Moloch zu Liebe mußte das arme Vaterland, eine bequeme Beute für die mächtigen Feinde, hülflos daliegen und ſich von den winzigſten Nachbarn ver⸗ höhnen, mußte im Innern ſich von der Wuth der Parteien zerfleiſchen laſſen. Dieſem Moloch zu Liebe wurde das Blut ſeiner beſten Söhne auf unrühmlichen Schlachtfeldern nutzlos vergoſſen; wurden in noch unrühmlicheren Straßenkämpfen ſo viele brave Herzen von bruder⸗ mörderiſchen Kugeln durchbohrt... —ʃ—ʃm—m———— 28 Die von Hohenſtein. Wolfgang hatte von jeher die Freiheit geliebt, weil er die Ver⸗ nunft liebte; aber ſein verwöhnter Geſchmack hatte ſich an den rauhen Formen geſtoßen, in welchen die Freiheit in das Leben tritt. Jetzt hatte er in der fortwährenden Berührung mit der Welt, durch die Erkenntniß der Nothwendigkeit des Kampfes jene Scheu verloren. Er hatte begriffen, daß der Arbeiter ſich der Flecken, welche ihm die Arbeit auf das Kleid ſpritzt, nicht zu ſchämen hat; daß, wer die Axt ſchwingt, und wäre er ein Gott, Schwielen in den Händen bekommen muß, und daß die rauhe Arbeit eine gewiſſe Rauhheit der Seele nicht nur entſchuldigt, ſondern geradezu fordert... Der junge Mann ſprach über alle dieſe Dinge ſehr häufig mit Münzer und Degenfeld, von deren extremen Anſichten er ſich in ſeiner jetzigen Stimmung mehr angezogen fühlte, als von ſeines Onkels ruhigerer Denkungsart. Er machte dem Onkel aus dieſer ſeiner Vor⸗ liebe für die Ideen jener Männer kein Hehl, und Peter Schmitz war weit entfernt, ihn deswegen zu tadeln.„Ich finde es ſehr begreiflich,“ ſagte Peter Schmitz,„daß Du in Deinem Alter noch nicht die Hoff⸗ nung aufgegeben haſt, die ſpröde Wirklichkeit in die Form Deiner Ideale preſſen zu können; ja, ich würde Dich weniger achten, wenn Du in Deinen Wünſchen und Hoffnungen weniger ausſchweifend wäreſt. Jeder von uns hat einmal die Schäden der Welt mit dem Zauberſtabe des Socialismus und Communismus heilen zu können geglaubt; ja, wenn Du wiliſt, haben ſich noch alle Stifter humaner Religion in dieſem Irrthum befunden. Aber, wenn die Welt durch jene Philanthropen geheilt werden könnte, wären wir ſchon lange im Paradieſe. Nein, lieber Wolfgang! das Paradies iſt ein Traum, das Paradies der primitiven Unſchuld ebenſowohl, als das der nach⸗ geborenen allgemeinen Nächſtenliebe. Wir müſſen unſere Welt auf anderen Grundſätzen erbauen— auf den Grundſätzen des Rechtes, der Gerechtigkeit, der Solidarität der Intereſſen. Es iſt die Ehre feuriger Herzen, für ein falſches Ideal, das den glänzenden Schein des Herviſchen für ſich hat, zu ſchwärmen; aber es gereicht dem nüchternen Verſtande zur Unehre, über die Zeit hinaus in dieſem Irrthum zu verharren. Dir rechne ich Deine Irrthümer zum Lobe an, Münzer und Degenfeld aber verzeihe ich die ihrigen nicht. Komm Dritter Band. 29 Du nur recht oft her und laß uns über dieſe Dinge gründlich ſprechen, das wird uns Beide zerſtreuen und aufklären.“ Wolfgang folgte dieſer Einladung gern. Seit dem Tode der Mutter war ihm das väterliche Haus vollends verödet; hier in der Geſellſchaft dieſer guten Menſchen, fühlte er eine Linderung ſeines Kummers; hier durfte er reden, wie es ihm um's Herz war; hier durfte er die ſtarre Maske abnehmen und ſein wahres Antlitz zeigen. Wie er es vermied, über ſeine anderen Verhältniſſe zu ſprechen, ſo ging man von der andern Seite jeder Erwähnung derſelben ſorgfältig aus dem Wege; ſelbſt Tante Bella, die am meiſten kriegeriſch Ge⸗ ſinnte, ſchien, nachdem ſie am Begräbnißmorgen Margarethens ihrem Herzen gegen„die Sippe“ Luft gemacht, die Sache von nun an auf ſich beruhen laſſen zu wollen. In ſeinem Verhältniß zu Ottilie war ſeit einiger Zeit eine für einen ſchärferen Beobachter nicht unmerkliche Veränderung eingetreten. Je öfter er mit ihr zuſammen kam, je öfter er in ihre großen klugen blauen Augen ſchaute, je tiefer er ſich ihre ſanfte Stimme und ihr melodiſches Lachen einprägte, je eingehender er mit ihr über eine Menge Dinge, die zum Theil dem Horizonte der Mädchen gewöhn⸗ lichen Schlages ſehr fern liegen, ſprach und dabei Gelegenheit hatte, die ruhige Sicherheit ihres Urtheils und die Zartheit ihrer Empfindung zu bewundern— deſto ſeltſamer und unbegreiflicher kam ihm der vertrauliche Ton vor, den er ſich von vornherein gegen dies bevor⸗ zugte Weſen erlaubt hatte, und deſto mehr fühlte er ſich doch zu gleicher Zeit zu dem lieben Mädchen hingezogen. Sie ihrerſeits ſchien dieſelbe geblieben, die ſie war. Nur wollte Tante Bella bemerkt haben, daß ihre Augen einen tieferen Glanz bekommen hätten und daß ſie lebhafter, theilnehmender, thatkräftiger—„ſchmitz'ſcher“, wie Tante Bella ſagte— geworden ſei. Aber Tante Bella ſah freilich nicht, daß Ottilie, ſo oft ſie allein war, halbe, ganze Stunden lang ſitzen und träumen konnte, bis ſie dann wohl, aus dem Traume er⸗ wachend, mit der Hand über die Augen ſtrich und leiſe vor ſich hin ſagte:„Es muß ſich Alles, Alles wenden!“ 30 Die von Hohenſtein. viertes Capitel. Die Unterſuchungshaft des alten Generals von Hohenſtein hatte nun bereits zwei Monate gedauert, ohne daß eine größere Klarheit in dieſe geheimnißvolle Angelegenheit gekommen wäre. Das Publikum fing an ungeduldig zu werden und der Unterſuchungsrichter von Keſſenich äußerte gegen den Referendar von Wyſe, daß er viel darum geben würde, wenn er die Sache wieder von den Händen hätte. „Ganz im Vertrauen, lieber Wyſe,“ ſagte Herr von Keſſenich,„ich bin wehrlich in einer verzwickten Lage. Ihnen, als geborenem Rhein⸗ ſtädter und Katholiken, brauche ich nicht zu ſagen, daß ich gar nichts dagegen hätte, wenn dieſe prahleriſchen Hohenſteins einmal gründlich gedemüthigt würden. Aber freilich, es mußte im erſten Anlauf geſchehen; jetzt, nachdem die Sache ſo lange gedauert hat, fängt man im Publi⸗ kum an, zu finden, daß ſie bereits zu lange gedauert habe, daß bei der Unterſuchung doch eigentlich Nichts herausgekommen ſei und ſo weiter. Und bliebe es noch beim Publikum! Aber nun leſen Sie einmal dieſen Brief.“ Der Referendar von Wyſe warf einen Blick in das Schreiben. „Vom Miniſter!“ rief er erſtaunt. Vertraulich und privatim, leſen Sie nur!“ ſagte Herr von Keſſenich. „Man ſcheint in der That allerhöchſten Orts ſehr zu wünſchen, daß— wir Nichts finden,“ ſagte Herr von Wyſe, nachdem er das Schreiben geleſen hatte. „Ohne Zweifel,“ erwiderte Herr von Keſſenich;„aber nun leſen Sie dies!“ „Vom—“ „St! lieber Freund, unſer proteſtantiſcher Schreiber nebenan darf uns nicht hören. Und eigenhändig! Was ſagen Sie nun?“ „Aber wie iſt dies möglich?“ „Das kann ich Ihnen erklären; Sie erinnern ſich, daß unter unſern erſten Zeugen auch der alte verrückte Pfarrer von Kirchheim Dritter Band. 31 war, ein fataler Menſch, der, fürchte ich, ein ſehr ſchlechter Pfeiler unſerer allerheiligſten Kirche iſt. Es war wenig aus ihm heraus⸗ zukriegen; nur das war auffallend, daß er zugab, der Alte habe in einigen Geſprächen, die er kurz vor der Verhaftung mit ihm hatte, eine große Unruhe blicken laſſen und den Wunſch geäußert, katholiſch zu werden. Ich achtete damals nicht ſonderlich auf die Ausſage; ſie war zweideutig, wie Alles, was in dieſer Unterſuchung vorgekommen iſt. Nun ſcheint es aber doch, als ob ſich der Pfarrer hinter unſern hochehrwürdigen Kirchenfürſten geſteckt hat; ja, es geht aus einer Stelle des Briefes— wollen Sie einmal erlauben— ſehen Sie hier!— das kann doch nichts Anderes heißen, als daß Se. Heiligkeit ſelbſt für die Sache intereſſirt iſt.— Was ſollen wir thun? Wir haben doch auch unſer Gewiſſen.“ „Wenn wir nur das corpus delieti finden könnten!“ ſagte von Wyſe;„ſo lange wir das nicht haben, iſt doch die Unterſuchung nicht abgeſchloſſen.“ „Freilich, freilich,“ meinte der Andere,„aber ich habe die Hoff⸗ nung aufgegeben, der ganze Friedhof iſt durchwühlt, wir haben Nichts gefunden, nicht rie Spur.— Was bringen Sie?“ „Einen Brief durch die Stadtpoſt,“ ſagte der Amtsdiener. „Was iſt Ihnen?“ ſagte von Wyſe, der bemerkte, daß ſein Chef, während er den Brief las, die Farbe wechſelte. „Das iſt aber doch merkwürdig,“ ſagte Herr von Keſſenich,„es ſcheint, daß wir aus den Geheimniſſen nicht herauskommen ſollen.“ Der Brief beſtand aus wenigen, augenſcheinlich mit ſehr ver⸗ ſtellter Hand geſchriebenen Zeilen und lautete: „Das Grab des ††f, welches Sie ſuchen, befindet ſich nicht auf dem Kirchhof der Kapelle, ſondern in dem Parke von Rheinfelden, ungefähr zehn bis zwölf Schritte hinter dem letzten Baum der großen Kaſtanien⸗Allee, links von dem verfallenen Freundſchaftstempel.“ „Was ſagen Sie dazu?“ fragte Herr von Keſſenich. „Daß dies ein Humbug iſt.“ „Dem wir aber doch auf den Grund gehen müſſen. Sie werden noch heute mit dem Medicinalrath hinausfahren, lieber Wyſe. Mög⸗ licherweiſe vertrügen die Ueberreſte einen Transport nicht.“ Die von Hohenſtein. „So glauben Sie wirklich?“ „Ich glaube nicht, ich bin überzeugt, eilen Sie!“ Der Medicinalrath von Schnepper hatte, bevor er am Mittage mit Herrn von Wyſe nach Rheinfelden hinausfuhr, eine Unterredung mit dem Präſidenten von Hohenſtein, und als er am Abend ſpät zurückgekommen war, eine zweite Unterredung, die bis tief in die Nacht hinein dauerte. Der Medicinalrath erzählte, daß man genau an der im Briefe bezeichneten Stelle den Leichnam gefunden habe, und zwar, da der Platz rings umher aus ſchierem Sande beſtehe, ausnehmend wohlerhalten. Beſonders ſei der Schädel ſo gut wie unverſehrt, und es ſei außer allem und jedem Zweifel, daß der Mann ermordet wor⸗ den ſei, und zwar durch einen Beilhieb, gerade, wie es die Brigitte in ihrer Ausſage angegeben habe. Als der Medicinalrath bei dieſem Punkte ſeiner Erzählung an⸗ gekommen war, ſtand der Präſident mit ungewöhnlicher Schnelligkeit auf und ging mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Herr von Schnepper ſaß in ſeinem Stuhl zuſammengekrümmt und be⸗ trachtete den Aufgeregten, wie eine Katze die Maus, die ihr nicht mehr entgehen kann, ſo ängſtlich ſie auch hin⸗ und herhuſcht. „Ich habe den Schädel mitgebracht,“ ſagte er.„Derſelbe liegt verſchloſſen in meinem Schranke. Niemand außer mir hat ihn ge⸗ ſehen, nicht einmal von Wyſe, den im rechten Augenblick eine Uebel⸗ keit anwandelte. Producire ich morgen den Schädel, wie er iſt, ſo wird Ihr würdiger Herr Oheim geköpft und wenn er eine zehnfache Excellenz wäre; präparire ich ihn dergeſtalt, daß der Mann auch möglicherweiſe gefallen ſein könnte— und die Sache läßt ſich mit einiger Geſchicklichkeit machen— ſo iſt der General, da man höchſten und allerhöchſten Orts nichts ſehnlicher wünſcht, als ihn wieder los zu ſein, übermorgen ein freier Mann.“ „Aber, lieber Freund, Sie ſprechen, als ob hier noch von einem Entweder— Oder die Rede ſein könnte!“ rief der Präſident. Der kleine Mann zuckte die Achſeln. „Das käme jetzt nur auf Sie an.“ „Aber Sie wiſſen, daß ich zu Allem, was Sie verlangen, bereit bin; daß ich Sie mit Vergnügen meinen—“ Dritter Band. 33 Der Präſident pflegte es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen, aber dieſe Lüge wollte denn doch nicht glatt über ſeine Lippen. „Meinen Schwiegerſohn nennen werde,“ ergänzte der Medicinal⸗ rath mit⸗ Poshaftem Lächeln die abgebrochene Phraſe.„Sehr gut! Aber wie ſteht's mit der ſchönen Braut? Wird man mir meine zwanzig Jahre, die ich allenfalls zu viel habe, verzeihen? he?⸗ „Meine Tochter iſt gewohnt, ſich nach den Wünſchen ihrer Eltern zu richten,“ ſagte der Präſident. „In der That?“ ſagte der Medicinalrath,„das Erſte, was ich höre! bisher glaubte ich immer, das Umgekehrte ſei der Fall. Wenn Sie mir keine andere Sicherheit geben können!“ „Aber, was verlangen Sie, liebſter Freund?“ „Einmal, daß Sie mich morgen in Gegenwart zweier Freunde des Hauſes— ſagen wir Willamowsky und Kettenberg— als den Verlobten Camilla's vorſtellen, ich meine nicht officiell, ſondern officiös, das heißt in Worten, die die Sache nicht gerade herausſagen und doch keine andere Deutung zulaſſen. Zweitens muß ich die Bedingung ſtellen, daß Sie in Beziehung auf Wolfgang unſer altes Programm inne halten, das heißt: durch Ihren Bruder den Burſchen in eine Lage bringen laſſen, wo er ſeinen Abſchied nehmen muß, damit Sie dann Ihrerſeits officiell mit ihm brechen können.“ „Ich will Alles thun, was Sie wünſchen,— was Sie wünſchen!“ ſagte der Präſident, dem Medicinalrath die lange, ſchmale Hand hinhaltend. „So hätten ſich die ſchönen Geiſter denn glücklich gefunden,“ er⸗ widerte der Medicinalrath, die Fingerſpitzen der langen, ſchmalen Hand ſchüttelnd Zwei Tage darauf las man in der Rheinſtädtiſchen Zeitung unter den„Lokalnachrichten“ Folgendes: „Wir freuen uns, unſern Mitbürgern aus beſter Quelle mit⸗ theilen zu können, daß die Unterſuchung, welche auf Grund einer furchtbaren Bezüchtigung vor ungefähr zwei Monaten gegen eine in unſerer Prorinz allgemein bekannte und allgemein verehrte hochſtehende Perſönlichkeit eingeleitet werden mußte, in Folge höchſt wichtiger Um⸗ Fr. Spielhagen's Werke. Ix. 3 Die von Hohenſtein. ſtände, die ganz kürzlich an den Tag gekommen ſind, das von Allen erwartete und erhoffte Ende erreicht hat. Der eines ſo ſchweren Ver⸗ brechens Beſchuldigte iſt bereits geſtern aus der Haft entlaſſen wor⸗ den und, wie wir hören, noch in derſelben Stunde in Begleitung ſeines Arztes und einiger Damen ſeiner Verwandtſchaft nach ſeinem Gute Rh.... gefahren. Möge das unglückliche Opfer einer ſchänd⸗ lichen Cabale ſich von den unſchuldig ausgeſtandenen Leiden recht ſchnell erholen und möge der Abend eines ſo reichbewegten, um den Staat ſo hochverdienten Lebens noch recht lang und friedlich ſein!“ Fünftes Capitel. Dies plötzliche und trotz des Zeitungsartikels weder gewünſchte noch erwartete Ende der ſo viel beſprochenen myſteriöſen Angelegen⸗ heit würde ohne Zweifel eine bedeutend größere Senſation im Publi⸗ kum erregt haben, wenn in dieſer Zeit nicht die am politiſchen Horizont von allen Seiten heraufdrohenden Gewitterwolken das Intereſſe aller Menſchen ausſchließlich in Anſpruch genommen hätten. Die letzten Zuckungen der Revolution waren noch mächtig genug, hier die legitime Herrſchaft von Gottes Gnaden in Frage zu ſtellen, dort, auf eine Zeit lang wenigſtens, vollſtändig abzuſchütteln. Die abermalige Auf⸗ löſung der Kammern warf das Ferment der Bewegung in die ſchon längſt gährende Provinz; überall züngelte die Flamme des Aufruhrs empor, angefacht durch den Sturm, der aus dem Zuſammenſturz des Hauſes, in welchem des Vaterlandes Größe und Glück dem harren⸗ den Volke hatte wieder gegeben werden ſollen, vom Süden heranbrauſte. In Wolfgangs Seele fielen die aufregenden Nachrichten, die jetzt jeder Tag und jede Stunde brachte, wie Feuerflocken in ein bereits glimmendes Haus. Wie er in dem Kampfe der eigenen Seele ein Gegenbild des Ringens der Völker aus den drückenden Banden längſt überwundener geſellſchaftlicher Sitten und ſtaatlicher Einrichtungen erblickt hatte, ſo glaubte er auch jetzt in dem Ton der Sturmglocke, Dritter Band. 35 der aus barrikadenkampf⸗durchwühlten Städten erſchallte, einen Mahn⸗ ruf für ſich ſelbſt zu hören, einen Mahnruf, mit einem Ruck die Feſſeln der Unwahrheit und Heuchelei zu brechen, und zu leben und zu wirken, zu reden und zu handeln, wie es ihm das immer unge⸗ duldiger an die Rippen pochende Herz gebot. In dieſen Gedanken wurde er ein paar Tage ſpäter durch einen Beſuch des Malers Kettenberg unterbrochen, der zu einer für den genialen Wüſtling ungewöhnlich frühen Stunde zu ihm in's Zimmer trat. Wolfgang war über das Erſcheinen Kettenbergs einigermaßen erſtaunt. Er hatte nach einigen vergeblichen Verſuchen, mit dem lüderlichen Künſtler in ein intimes Verhältniß zu treten, ſich abſicht⸗ lich in einiger Entfernung von demſelben gehalten, um ſo mehr, als Kettenbergs vertrauter Umgang mit Willamowsky, Brinkmann, Hinkel, Wyſe und Anderen durch ihr ausſchweifendes Leben berüchtigten Officieren nicht gerade für ſeine moraliſche Bildung zu ſprechen ſchien. In der letzten Zeit, wo er ſelbſt ſelten und immer ſeltener den Salon der Präſidentin beſucht hatte, war ihm derſelbe überdies faſt gänzlich aus dem Auge gekommen; er erinnerte ſich nur, daß man in dem Willamowsky'ſchen Kreiſe einmal darüber gewitzelt hatte, ob Ketten⸗ berg die neueſte Eroberung Antoniens von Hohenſtein, oder umgekehrt Antonie die neueſte Eroberung Kettenbergs ſei. Ihn hatte die Be⸗ antwortung der Frage wenig intereſſirt, denn auch zwiſchen Antonie und ihm hatte ſich kein vertrauterer Verkehr geſtalten wollen. „Sie wundern ſich,“ ſagte Kettenberg nach der erſten Begrüßung, „über meinen frühen Beſuch; aber ich habe Ihnen Verſchiedenes, was vielleicht von Wichtigkeit für Sie ſein wird, mitzutheilen, und ich habe ſehr wenig Zeit, ſintemalen ich in zwei Stunden die Stadt auf längere Zeit verlaſſe.“ „Sie wollen uns verlaſſen?“ „Sagen Sie das nicht, als ob Ihnen, wer weiß was, daran ge⸗ legen wäre, daß ich bliebe! Aber ſo ſind die Menſchen! Keine Treue und kein Glauben mehr in Israel von Berſeba bis Dan! Bin ich doch auch überzeugt, daß Sie mir nicht glauben werden, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſehr viel von Ihnen halte, daß mir Ihr Wohl ſehr am Herzen liegt, und doch bin ich im Begriff, Ihnen die ſchlagend⸗ 3* Die von Hohenſtein. ſten Beweiſe für dieſe kühne Behauptung zu geben. Aber ich muß mich kurz faſſen, und ſo hören Sie denn andächtig zu. Zuerſt eine Frage: Haben Sie in dieſen Tagen einen Brief von der Präſidentin oder von Camilla gehabt? Nein? ich dachte es mir wohl. Man wird auch nicht mehr ſchreiben, man wird Sie auszuhungern ſuchen, man wird Sie dazu treiben, zu thun, was die ehrenwerthe Geſellſchaft ſelbſt zu thun nicht den Muth hat.“ „Aber, Herr Kettenberg, ich habe in der That nicht das Ver⸗ gnügen—“ „Mich zu verſtehen. Ich will deutlicher, oder lieber gleich ganz deutlich ſprechen. Sie ſind das Opfer einer ſchändlichen Intrigue, lieber Hohenſtein. Ich kann Ihnen, ſchon der Kürze der Zeit wegen, nicht ſagen, wie ich hinter all dieſe lieblichen Streiche gekommen bin; aber ich verbürge mich für die Wahrheit meiner Angaben mit meinem Ehrenwort. Man hat in der Familie den Entſchluß gefaßt, Sie fallen zu laſſen. Es ſcheint, daß Derjenige, welcher anſtatt Ihrer das Glück haben ſoll, von Camilla mit Hörnern geſchmückt zu werden, ſich in letzterer Zeit ſehr weſentliche Verdienſte um die Familie er⸗ worben hat, die den hohen Preis, welchen man zu zahlen im Begriffe ſteht, rechtfertigen. Dieſer Andere iſt, um Ihnen auch das zu ſagen, Niemand Anderes, als der Geheimrath von Schnepper— Sie lachen? — Sie wollen ſich todt lachen?— lachen Sie ſich todt; aber ſterben Sie in der Ueberzeugung, daß ein Mann, der binnen zwei Monaten in den Adelſtand erhoben und zum Geheimrath befördert wurde, auch trotz ſeiner jechszig Jahre im Stande iſt, einen dreiundzwanzigjährigen Lieutenant aus dem Sattel zu heben und ein junges ehrgeiziges Fräu⸗ lein von achtzehn Jahren mit bewunderungswürdig kaltem Kopf und einem wahrhaft arktiſchen Herzen glücklich zu machen. Wie dem auch ſein mag, ſo viel ſteht feſt, daß mir und meinem Freunde Willa⸗ mowsly, unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit natürlich, das große Geheimniß anvertraut iſt. Was wollen Sie? die junge Dame macht eine glänzende Carriere. Ein Miniſter⸗Portefeuille für den glücklichen Gatten— ein prachtvolles Hötel in der Williams⸗ ſtraße, Vorſtellung bei Hofe, ein langer Schweif von Bewunderern aller Grade vom Prinzen bis zum Kammerjunker, unter denen ſie nur Dritter Band. 37 zu wählen hat, für die glückliche junge Gemahlin!— lieber Hohen⸗ ſtein! ich ſage Ihnen: es ſind Engel um geringere Herrlichkeiten ge⸗ fallen, weshalb alſo nicht ein Mädchen, das, wie Camilla von Hohen⸗ ſtein, von Kindesbeinen an den Teufel im Leibe hatte. Gut! Sie lachen noch immer, und offen geſtanden: ich glaube, Sie haben gut lachen; nichtsveſtoweniger muß ich mir doch erlauben, Sie an die ernſte Seite Ihrer Situation zu erinnern. Man iſt nämlich im feind⸗ lichen Lager klug genug, einzuſehen, daß die Welt ſich immer und ohne Ausnahme auf die Seite der Jugend und Loyalität ſtellt, und daß der Flecken, welcher in jüngſter Zeit, trotz des famoſen Artikels in der Rheinſtädtiſchen, auf das Wappenſchild der Hohenſteins geſpritzt iſt, durch dieſe Verkuppelung eines ſo ſchönen Mädchens, wie Camilla, an einen ſo alten Sünder, wie der Geheimrath, gerade nicht kleiner werden dürfte. Man will alſo einen Grund haben, mit Ihnen zu brechen, und glaubt das am beſten dadurch zu erreichen, daß man Sie zwingt, Ihren Abſchied zu nehmen, wobei man noch den Vortheil hat, Sie in der Gunſt des Alten auf Rheinfelden ein für alle Mal zu ſtürzen. Dies ſoll nun auf zweierlei Weiſe in's Werk geſetzt werden. Zuerſt dienſtliche Scheerereien, Rüffel von Ihrem Onkel vor der ganzen Fronte, und was dergleichen mehr iſt. Sie müſſen näm⸗ lich wiſſen, daß man der Obriſtenfamilie nur einen Theil der Karten gezeigt und daß man den Tröpfen weiß gemacht hat, Kuno habe nach Ihrem Sturz die erſten Anſprüche und die beſten Ausſichten auf die Hand der ſchönen Vielumworbenen. Deshalb ſchwärmt natürlich Kuno für das erwähnte Project und iſt entſchloſſen, Ihnen den Rückzug auf jede Weiſe zu erleichtern, indem er verſuchen wird, Sie in ſo viel Händel und Unannehmlichkeiten, als nur möglich iſt, zu verwickeln. Einen vorzüglich günſtigen Angriffspunkt glaubt man in Ihrem Ver⸗ hältniß mit Ihrer ſchönen Couſine aus der Ufergaſſe gefunden zu haben.— Nun, nun, Sie brauchen nicht aufzufahren! Wozu hat man denn hübſche Couſinen, wenn man ihnen nicht den Hof machen ſoll? Und hübſch iſt das Mädchen! sapristi! ein Kopf, wie eine Muſe! ich habe in meinem Leben ſelten ein ſo durchgeiſtigtes, blau⸗ äugiges, lächelnd⸗ernſtes Geſicht geſehen. Ich lobe Ihren Geſchmack und es ſoll mich ſehr freuen, wenn Sie dem plumpen Geſellen, dem 38 Die von Hoheuſtein. Kuno, gelegentlich auf die plumpen Finger klopfen. Denn Kuno iſt der Entdecker der Schönheit in der Ufergaſſe; er renommirt auch mit freundlichen Grüßen, die er von Fräulein Schmitz bei ſeinen Fenſter⸗ paraden erhalten haben will. Beruhigen Sie ſich! es glaubt kein Menſch an dieſe Grüße, Kuno ſelbſt nicht, denn er trägt das heim⸗ liche Bewußtſein ſeiner Jämmerlichkeit überall mit ſich herum. Am wenigſten glaubt Willamowsky daran, der, Roué, wie er iſt, doch im Grunde des Herzens ein braver Kerl iſt und ſich entſchieden geweigert hat, in dieſer Intrigue irgend eine Rolle zu übernehmen. Ich glaube, ich kann Ihnen den Baron empfehlen, im Falle Sie in die Lage kämen, ſich nach Jemand zur Regelung gewiſſer kleiner Vorkommniſſe umzuſehen.“ Kettenberg hatte ſich in dem Strom ſeiner Rede nicht unter⸗ brechen laſſen. Jetzt nahm er eine Cigarre aus dem Etui, zündete ſie an, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſagte: „So, lieber Hohenſtein! ich hoffe, daß Sie nun hinreichend orien⸗ tirt ſind, um Ihren Weg durch dieſe Wirren finden zu können; ich habe beim Piſtolenſchießen neulich auf der Baſtion gefunden, daß Sie ein ſcharfes Auge und eine ſehr ſichere Hand haben. Hat man die aber und ein muthiges Herz dazu, ſo wollte ich den Teufel ſehen, der ſtark genug wäre, einen ſolchen Kerl zu holen. Alſo genug von Ihnen, und nun ein paar Worte von mir. Ich möchte nicht gern, daß Sie, gerade Sie, nachdem ich fort bin, übel von mir dächten und überdies können Sie mir vielleicht in einer Angelegenheit, die ich leider vor meiner Abreiſe nicht mehr erledigen kann, von Nutzen ſein. Ich weiß nicht, lieber Hohenſtein, ob Sie wiſſen, daß ich Ihrer ſchönen Tante— Sie haben verdammt viel ſchöne Weiber in Ihrer Familie, Sie Glücklicher!— ſeit einiger Zeit den Hof mache? Wiſſen Sie? gut! und daß ich das Glück gehabt habe, der genannten Dame nicht gerade zu mißfallen? Das wiſſen Sie nicht? nun, ſo wiſſen Sie es jetzt, und wenn Sie eines Beweiſes bedürfen, ſo genügt Ihnen viel⸗ leicht der, daß Frau von Hohenſtein und ich ganz zufällig heute Mittag in demſelben Zuge abreiſen, und, wie ich vermuthe, eine ziem⸗ liche Strecke zuſammen reiſen werden. Nun würde das ja Nieman⸗ den etwas angehen, ſintemalen weder ich, noch Frau von Hohenſtein Dritter Band. 39 in der Lage ſind, beſonders große Rückſichten auf das Urtheil der Welt nehmen zu müſſen; leider aber hat Frau von Hohenſtein, wie es ſcheint— ich bekümmere mich um die Antecedentien der Damen, welche mir die Ehre ihres näheren Umgangs ſchenken— grundſätzlich nicht— ich ſage: es ſcheint, daß Frau von Hohenſtein mit Ihrem Freunde, dem Doctor Münzer, in demſelben Verhältniß geſtanden hat, in welchem ich— eh bien— augenblicklich mit ihr ſtehe. Ich ſchließe das wenigſtens daraus, daß ſie jedesmal in eine nervöſe Auf⸗ regung geräth, ſobald die Rede auf den Doctor kommt, und ich ver⸗ muthe beinahe, daß ſie weniger aus Freundſchaft für mich, als aus Verzweiflung an der Liebe Münzers zu ihr, mit mir nach Egypten geht. Mir iſt das, offen geſtanden, ganz gleich, wenn ſie nur geht. Ich liebe den Orient und liebe ſchöne Frauen; ſie gehören zuſammen; man darf Beide nicht mit dem nüchternen Auge des Verſtandes— gleichviel! ich wollte Ihnen keine moraliſch⸗äſthetiſche Vorleſung halten, ſondern Sie bitten, Ihrem Freunde zu ſagen, daß, wenn er mich über mein Verhältniß zu Antonien zur Verantwortung ziehen zu müſſen glaubt, ich nach meiner Rückkehr, die der Himmel noch lange hinausſchieben möge!— bereit bin, mit ihm den Narren zu ſpielen. Vorher hätte ich es nicht gut gekonnt, weil ich von dem Grundſatze ausgehe, daß man das, wofür man ſich gegenſeitig todt ſchießen will, erſt einmal in Sicherheit haben muß, weil es ſich ſonſt des Pulvers nicht verlohnt.— Und nun, lieber Freund, leben Sie wohl! Sie ent⸗ ſchuldigen, wenn ich nicht viel Umſtände mache; ich habe noch eine Welt zu beſorgen und nur noch eine Stunde Zeit. Addio! Kettenberg drückte Wolfgang zuerſt die Hand, umarmte ihn dann und eilte zur Thür hinaus. Wolfgang war von Allem, was er gehört hatte, im erſten Augen⸗ blick wie betäubt, dann war das nächſte Gefühl ein Gefühl der Freude, daß nun endlich die Entſcheidung gekommen, endlich die Stunde zum Handeln da ſei. An der Wahrheit von Kettenbergs Mittheilungen konnte er nicht zweifeln. Der Maler hatte die ſchärfſten Augen und Ohren, kannte die Verhältniſſe der Präſidentenfamilie bis in die kleinſten Einzelnheiten, und, was er ſelbſt nicht geſehen und gehört hatte, wußte er ohne Zweifel durch Aurelie, deren Vertrauter er noch 40 Die von Hohenſtein. immer war, und durch Willamowsky, der als Bräutigam Aureliens nicht aufgehört hatte, der Freund von Aureliens treuloſem Gelicbten zu ſein.— Ueberdies war, was Kettenberg mitgetheilt hatte, ſo ganz im Charakter der betheiligten Perſonen! Camilla die Braut eines fanatiſchen Reactionärs, eines greiſenhaften Stutzers, eines abge⸗ feimten Wollüſtlings! Die Zauberin hatte die reizende Hülle abge⸗ worfen und ſich in ihrer wahren Geſtalt gezeigt! Wie oft hatte er ſich anfänglich der Undankbarkeit geziehen, wenn in ihm Zweifel über Zweifel an dem Werth der Geliebten auftauchten! wie hatte er dieſe Zweifel ſich ſelbſt zu widerlegen geſucht! Wie hatte er nach Gründen gehaſcht, um dieſen Zug zu rechtfertigen und jenen zu beſchönigen, und einen dritten zum mindeſten naiv und einen vierten vollkommen harmlos zu finden!— Das war nun Alles vorbei! und dem Himmel Dank, daß es vorbei war! Dies war vorbei, und das Andere mußte folgen! Wie er aus den Banden einer unwürdigen Liebe befreit war, ſo ſollten auch die anderen Banden fallen: die Abhängigkeit von dem alten unheimlichen Mann, der in ſeiner gewaltthätig⸗brutalen Weiſe nur das Prototyp für dieſes ganze Geſchlecht war; die Unterordnung unter ein Syſtem, das der ganzen modernen Entwickelung Hohn ſprach und von allen Einſichtsvollen als das vorzüglichſte Hinderniß eines günſtigen Ausgangs der Revolution bezeichnet wurde; der Umgang mit Menſchen, die er ſo tief verachtete, wie ſeine edlen Vettern und ihren Anhang!— Und was hatte Kettenberg von den Unverſchämt⸗ heiten erzählt, die ſich Kuno in Betreff Ottiliens hätte zu Schulden kommen laſſen? Offenbar war Alles eine plumpe Erfindung des eitlen Thoren— ſonſt würde wohl Tante Bella doch einmal eine Andeutung gemacht haben;— aber der bloße Gedanke, es könnte etwas der Art geſchehen, ja der Umſtand allein, daß dieſer Bube Ottiliens Namen in den Mund genommen hatte im Kreiſe dieſer plattköpfigen Burſche— das empörte Wolfgang und erfüllte ſeine Seele mit Gefühlen des Haſſes und des Rachedurſtes, wie er ſie nie vorher empfunden hatte. Und was war das für eine Geſchichte mit Münzer, Antonie und Kettenberg? Das rechte Gegenſtück zu ſeiner eigenen ruhmloſen Liebesaffaire! Hatte Antonie Münzer wirklich ge⸗ liebt? und hatte ſie einen Münzer einem Kettenberg opfern können! Dritter Band. 41 Alſo wiederum ein ſchlaues, intriguantes, ſchönes Weib, das einen Mann, deſſen Sinnen und Trachten auf ganz andere Ziele ge⸗ richtet iſt, aus ſeiner Sphäre lockte, um ihn hernach auf das ſcham⸗ loſeſte zu verrathen! Dieſelbe Comödie Zug für Zug; man brauchte nur die Namen zu vertauſchen: Münzer für Wolfgang, Antonie für Camilla, Schnepper für Kettenberg, Clärchen für— Ottilie! für Ottilie! wenn ich ſie gekannt, geliebt hätte— und iſt ſie kennen und lieben nicht Eines?— wenn ich ſie gekannt hätte, bevor ich nach Rheinfelden kam— nimmer, nimmer wäre dies geſchehen! nimmer! O, könnte ich es ungeſchehen machen! Könnte ich wieder werden, wie ich war, ehe dieſe unſelige Verblendung über mich kam! Könnte ich? — wer hindert mich daran, zu können, was ich will? Die Beſte der Mütter würde mir Beifall lächeln, wenn ſie mich dieſe unwürdigen Ketten brechen ſähe! Der Onkel, Tante Bella, Oitilie— ſie würden mich wieder den Ihrigen nennen können; aber der Vater? der Vater? — was wird er ſagen? freilich denkt er ſeit einiger Zeit auch anders über dieſe Angelegenheiten. Und Münzer? Degenfeld?— Wolfgang hatte nicht Zeit, ſich alle dieſe Fragen zu beantworten, denn die Stunde, in welcher er auf der Parade erſcheinen mußte, war gekommen und er mußte ſich ſehr beeilen, um nur nicht allzu ſpät zu kommen. Dieſe Paraden mit ihrem öden Einerlei ſtundenlangen geſchäfti⸗ gen Müßigganges waren Wolfgang von Anfang an ein Gräuel ge⸗ weſen, und gerade heute wollte die Sache kein Ende nehmen. Der in die dienſtlichen Myſterien Eingeweihte mußte ſofort bemerken, daß etwas ganz beſonders Wichtiges im Werke war. Zuerſt ſteckten die fünf Generale, welche die Garniſon von Rheinſtadt aufzuweiſen hatte, die Köpfe zuſammen; dann wurden die„Herren Regiments⸗Com⸗ mandeure“ befohlen, dann die„Herren Stabsofficiere,“ dann die „Herren Hauptleute,“ dann wieder die„Herren Stabsofficiere,“ dann abermals die„Herren Hauptleute,“ dann die„Herren Stabsoffi⸗ ciere und Hauptleute“ zuſammen, ſchließlich„die ſämmtlichen Herren Officiere.“ Als der weite Kreis geſchloſſen, ſämmtliche rechten Hände vor⸗ ſchriftsmäßig an die Kopfbedeckungen gelegt waren, auch die Herren Die von Hohenſtein. in dem inneren Kreiſe die Hacken zuſammen genommen hatten(die⸗ jenigen, welche ſich unbeobachtet wußten, nahmen es in dem letzteren Punkte weniger genau), ſprach der Commandirende, General⸗Lieutenant Graf von Schnabelsdorf:„Meine Herren! ich habe Ihnen heute ver⸗ ſchiedenes Wichtige mitzutheilen. Die Stunde, in welcher Sie werden zeigen können, daß Sie das Herz auf dem rechten Fleck haben, iſt gekommen. Die Fahne des Aufruhrs gegen die Verordnungen und Gebote unſeres allergnädigſten Herrn iſt in unſerer Provinz, ja in unſerer allernächſten Nähe erhoben. Fern ſei es von mir, anzu⸗ nehmen, daß in das Herz Eines unter Ihnen die Irrlehren gottver⸗ geſſener und eidbrüchiger Menſchen jemals Eingang finden könnten; daß Einer von Ihnen jemals vergeſſen könnte, daß er den Degen, den er trägt, von ſeinem allergnädigſten Herrn erhielt und daß er Niemandem auf der Welt Rechenſchaft ſchulpig iſt, als dieſem aller⸗ gnädigſten Herrn;— es verſteht ſich von ſelbſt, ſage ich: daß Sie Alle, wie Sie hier ſtehen, keinen andern Gedanken haben, als für den Thron und den Altar, dieſe beiden höchſten Heiligthümer, zu leben und zu ſterben; aber, meine Herren, viele unter Ihnen ſind noch jung und wiſſen nicht, daß es gegen Treuloſigkeit und Verrath kein anderes Mittel giebt, als die Gewalt. Und an dieſe jüngeren Cameraden möchte ich in dieſer ernſten Stunde noch einige Worte väterlicher Er⸗ mahnung richten. Laſſen Sie ſich nicht durch die Maske der Bieder⸗ keit, welche die Verräther nur gar zu gern vor ihr ſchändliches Ge⸗ ſicht nehmen, täuſchen! reißen Sie dieſe Maske herunter! laſſen Sie ſich im betreffenden Falle auf keine langen Unterhaltungen mit den Rebellen ein! zeigen Sie, daß Sie das Schwert nicht umſonſt tragen, und bedenken Sie, daß es beſſer iſt: es kommt auch einmal der Un⸗ ſchuldige zu Schaden, als daß die Schuldigen ohne Schaden und ohne Strafe davonkommen. Vergeſſen Sie in keinem Augenblicke, daß das Auge des Kriegsherrn auf Ihnen ruht, daß Sie— ich wieder⸗ hole es, denn Sie können es ſich nicht tief genug einprägen— daß Sie Niemandem auf der weiten Welt verantwortlich ſind, als dem Kriegsherrn, daß ſein Wunſch und Wille die Richtſchnur und der Maßſtab für Ihr Thun und Laſſen ſind. So, aber auch nur ſo, werden Sie ſicher ſein können, die allergnädigſte Huld zu verdienen; Dritter Band. 43 ſo, aber auch nur ſo, werden Sie ſich Ihrer Väter, die für Thron und Altar ihr Blut verſpritzt haben, würdig zeigen. Das wollte ich Ihnen an's Herz legen. Ich danke Ihnen, meine Herren!“ Die Parade war aus einander gegangen, nur der Obriſt von Hohenſtein konnte, wie gewöhnlich, kein Ende finden. Die Unter⸗ officiere du jour liefen hin und her, die Feldwebel ſchrieben ganze Bücher voll, endlich rief der kleine, ſchiefe Adjutant von Zitzelwitz: „die Herren Officiere!“ Die Officiere des neunundneunzigſten Infanterie⸗Regiments traten um den Obriſt von Hohenſtein zuſammen. Der Obriſt ſchaute finſter wie eine Wetterwolke, und ſeine Stimme klang noch rauher und heiſerer, wie gewöhnlich, als er, die ſchmalen, dunkeln ſtechenden Augen fortwährend auf Wolfgang richtend, ſchnarrte: „Sie haben vorhin gehört, meine Herren, was der General geſagt hat. Merken Sie es ſich und merken Sie es ſich noch beſonders, daß in dem Regiment, welches ich die Ehre habe zu commandiren, nicht der Schatten des Schattens einer demokratiſchen Geſinnung geduldet wird. Ich danke Ihnen!— Herr Lieutenant von Hohenſtein!“ Die übrigen Officiere traten auf ihre Plätze zurück; Wolfgang blieb vor dem Obriſten ſtehen. „Ich wollte Dir nur ſagen, daß Du Dich ganz beſonders in Acht zu nehmen haſt, wenn Du Deine Spadille noch länger zu tragen wünſchſt.“ „Da ich aus Ihrer Ausdrucksweiſe ſchließen muß,“ erwiderte Wolfgang,„daß Sie nicht als Obriſt und Commandeur des Regiments mit mir ſprechen, ſondern als der Bruder meines Vaters, ſo erwidere ich Ihnen, daß ich die demokratiſchen Geſinnungen, die hier ſo in Verruf ſind, vollkommen theile, und daß ich den Degen, oder die Spadille, wie Sie ſich auszudrücken belieben, keinen Augenblick länger zu tragen wünſche, als bis ich auf eine ſchickliche Weiſe von dieſer Ehre befreit werden kann.“ Uever des Obriſten finſteres Geſicht flog ein finſteres Lächeln. „Und wenn ich nun nicht als Onkel, ſondern als Ihr Chef mit Ihnen ſpräche, mein Herr Lieutenant von Hohenſtein?“ 44 Die von Hohenſiein. „So würde ich Ihnen daſſelbe nur in anderer Form ſagen, Herr Obriſt.“ „Sehr gut, Herr Lieutenant, ſehr gut!— Darf ich mir Ihren Degen ausbitten, Herr Lieutenant?“ „Das heißt, Herr Obriſt?“ „Herr von Zitzelwitz!“ „Herr Obriſt!“ „Führen Sie Herrn von Hohenſtein ſofort auf die Wache des Forts St. Sebaſtian. Auf meine Verantwortung, Herr von Zitzel⸗ witz! ich werde die Sache ſofort Sr. Excellenz melden.“ „Wollen Sie mir folgen, Herr von Hohenſtein?“ ſagte S von Zitzelwitz der ganz blaß geworden war. „Ohne Zweifel, Herr von Zitzelwitz!“ ſagte Wolfgang und dann an den Obriſt herantretend, leiſe:„Sie führen die Ihnen zu Theil gewordenen Aufträge prompt aus, Herr Obriſt; ſorgen Sie nur da⸗ für, daß Ihnen der Lohn nicht entgehe; es wäre doch ſchade, wenn Sie ſich ganz umſonſt proſtituirt hätten.— Ich bin bereit, Herr von Zitzelwitz!“ Von dem Paradeplatz gelangte man auf einem kurzen Wege durch das Glacis an das Fort St. Sebaſtian. Der Portépée⸗Fähnrich Odo, welcher die Wache commandirte, machte ein ſehr albernes Ge⸗ ſicht, als er ſich von Herrn von Zitzelwitz(der noch immer ſehr blaß ausſah) den Lieutenant von Hohenſtein vom neunundneunzigſten S fanterie⸗Regiment als Arreſtanten überliefern ließ. Als Wolfgang hinter den beiden Herren her den langen ſchmalen Gang, der zu dem Officier⸗Arreſtlokal führte, hinabſchritt, flüſterte ihm der Unterofficier, der hinter ihm herging, zu: „Sie ſollen nicht lange ſitzen, Herr von Hohenſtein!“ Wolfgang glaubte die Stimme des Unterofficier Rüchel zu er⸗ kennen; indeſſen konnte er ſich bei der Dämmerung, die in dem Gange herrſchte, nicht überzeugen, ob er Recht gehabt hatte. Ein paar Augenblicke ſpäter ſaß er, ein Gefangener, in derſelben. engen dumpfigen Stube, aus welcher er vor einigen Monaten Onkel Peter befreit hatte. 1 Dritter Band. Sechstes Capitel. In dem hinter hohen Kaſtanienbäumen und dichtem Gebüſch verſteckten Gartenſaal des Wein⸗ und Biergartens„Zum grünen Römer“ ging es heute Abend außergewöhnlich lebhaft zu. Der joviale Wirth hatte dort für ſeine ſpecielleren Freunde ein Fäßchen Achtzehn⸗ hundertſechsundvierziger aufgelegt. Der joviale Wirth„Zum grünen Nömer“ mußte mit ſpecielleren Freunden reich geſegnet ſein, denn die Geſellſchaft, welche ſich nach und nach in dem Saale verſammelte, war gegen neun Uhr auf hun⸗ dertfunfzig bis zweihundert angewachſen; auch konnte man ihn in der Wahl ſeiner Freunde nicht überbedenklich nennen, denn außer einigen wenigen Perſonen, die offenbar den beſſeren Ständen angehörten, waren die bei weitem Meiſten Männer in Blouſen mit derben Fäuſten und zum Theil ſehr verwegenen Geſichtern. Die Geſellſchaft unterhielt ſich in kleineren Gruppen mit unter⸗ drückten Stimmen, aber auf das angelegentlichſte, ja hier und da mit großer Heftigkeit. Es hielt nicht ſchwer, zu entdecken, daß, um was es ſich auch immer handeln mochte, die Meinungen der Anweſenden ſehr getheilt waren, und daß der, welcher verſuchen würde, dieſe heiß⸗ blütigen, leidenſchaftlichen Menſchen zu einer gemeinſchaftlichen That zu vereinigen, eine ſehr ſchwere Aufgabe unternehmen würde. Doch ſchien Niemand unter den Anweſenden einer ſolchen Aufgabe ſich ge⸗ wachſen zu fühlen; im Gegentheil war der Ausdruck faſt aller Ge⸗ ſichter der der Unſchlüſſigkeit und zugleich der ungeduldigen Erwartung. „Sie werden uns ſitzen laſſen, ich hab's ja gleich geſagt;“ brummte ein ſchmächtiger Geſell mit einem hungrigen, verſchmitzten Geſicht. „Halt's Maul,“ ſagte ein Anderer,„und mache die Andern nich⸗ ebenſo bange, wie Du ſelber biſt.“ t⸗ 46 Die von Hohenſiein. „Ich bange? ein Lump, der das ſagt!“ rief Jener und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. „Stille, Ihr Herren! Iſt das der Ton, in welchem ſich Männer unterhalten, die, wie wir, auf dem Vorpoſten vor dem Feinde ſtehen?“ ſagte ein Mann, der ſoeben in Begleitung eines andern in das Zimmer getreten war. „Der Doctor! Der Doctor!— ſo lief ein Murmeln durch die Verſammlung und dann folgte eine tiefe Stille. Es war kein Zweifel, daß der, auf den Alle gewartet hatten, ohne den ſich Alle rathlos und hülflos wußten, gekommen war. Münzer trat hinter den Tiſch, der ſchon zu dieſem Zwecke an der ſchmalen Seite des Saales nahe an die Wand geſchoben war und ſagte mit leiſer Stimme, die aber dennoch überall in dem Raume vernehmlich war:„Die Verſammlung iſt eröffnet. Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, erlaube ich mir der Verſammlung meinen Freund, den Major Degenfeld, vorzuſtellen.“ Der Major, welcher neben Münzer ſtand, verbeugte ſich. „Ich brauche der Verſammlung wohl kaum zu bemerken,“ fuhr Münzer fort,„daß der genannte Herr den üblichen Schwur in meine Hände geleiſtet hat. Sodann glaube ich Sie daran erinnern zu müſſen, vaß wir heute, wenn je, in dem Geiſte der Einigkeit und Brüderlichkeit, welcher uns immerdar beſeelt hat, rathen und thaten müſſen. Die Tagesordnyng iſt, wie Sie wiſſen, Berathung über die Schritte, welche, angeſichts der augenblicklichen Lage der Dinge im Vaterlande, und der Ereigniſſe, welche ſoeben in unſerer unmittelbaren Nähe ſtattfinden, von uns zu thun ſind. Hat Jemand in der Ver⸗ ſammlung einen Antrag zu ſtellen?“ „Ich!“ ſagte eine tiefe Stimme aus einer dunklen Ecke des Saales,„Doctor Holm.“ Eine allgemeine Bewegung entſtand in der Verſammlung, wäh⸗ rend Doctor Holm in Begleitung von Peter Schmitz ſich durch die dichten Reihen bis in die Nähe des Präſidententiſches drängte.— „Wie kommt der hierher?“—„Er darf nicht mehr unter uns ge⸗ Pldet werden.“—„Werft ihn hinaus!“—„Schlagt ihn todt!“— urmelte es und grollte es durcheinander. Drtiter Band. 47 Münzer war blaß geworden, als Doctor Holm ſeinen Namen nannte; aber er faßte ſich ſogleich wieder und ſagte mit rauher Stimme:„Wenn Jemand an meiner Statt, ohne meine Erlaubniß das Wort ergreift, werde ich das mir von Ihnen ertheilte Amt ſofort auf immer niederlegen. Doctor Holm hat das Wort.“ Holm war nicht ohne Mühe auf die niedrige Tribüne geſtiegen, die neben dem Präſidententiſche aus ein paar leeren Fäſſern und einer ausgehobenen Thür für die Redner aufgerichtet war. Er nahm den großen Strohhut ab, einmal, um die Verſammlung zu begrüßen, ſo⸗ dann vorzüglich, um ſich den Schweiß von der hohen Stirn zu trocknen, blickte mit den großen braunen Augen freundlich-ernſt in dem matt⸗ erhellten Saale umher und ſagte: „Meine Herren! Ich höre, daß Sie ſich über meine Anweſen⸗ heit wundern, indeſſen, hoffe ich, werden Sie mir, als einem der Gründer des demokratiſchen Vereins, das Recht einräumen, unter Ihnen zu erſcheinen, wenn ich auch längere Zeit von dieſem Rechte nicht Gebrauch gemacht habe. Heute ſind wir, das heißt: ich und mein Freund Schmitz, hierher gekommen, weil wir der Ueberzeugung ſind, daß es unſere Pflicht ſei, Alles zu thun, was in unſern Kräften ſteht, um die Faſſung eines Entſchluſſes zu hindern, deſſen Ausführung Sie, meine werthen Herren, in's Verderben ſtürzen muß.— Murren und brummen Sie nicht, meine Herren, oder murren und brummen Sie, wenn ich fertig bin, denn in dieſer etwas dumpfigen Atmoſphäre fällt Einem das Sprechen ſchwer, und je ſtiller Sie ſind, und je auf⸗ merkſamer Sie zuhören, deſto eher haben Sie Hoffnung, von mir erlöſt zu ſein. Ich will mich kurz faſſen. Sie ſind, davon bin ich überzeugt, Alle, wie Sie da ſind, kaimpfesmuthig und todesmuthig, aber Sie find auch Alle ſo geſcheidt, daß Sie ſich nicht um des Kai⸗ ſers Bart in den Kampf ſtürzen, und für des Kaiſers Bart in den gewiſſen Tod rennen werden. Was geht Sie des Kaiſers Bart? ja, was geht Sie der Kaiſer an? wollen Sie einen Kaiſer mit oder ohne Bart? Nein! Sie denken gar nicht daran. Und Sie haben ganz recht, nicht daran zu denken. Was kümmert Sie, nüchterne, proſaiſche Männer, der romantiſche Spuck, den man in Mainſtadt aus der Rumpelkammer des Mittelalters an das Licht des neunzehnten Jahr⸗ 1. 48 Die von Hohenſtein. hunderts gezerrt hat? Sie wollen kein wieder aufgewärmtes Mittel⸗ alter; Sie wollen die neue Zeit mit allen ihren Conſequenzen; Sie wollen die reine demokratiſche Republik. Wie kommen Sie denn dazu, für eine Verfaſſung, die aus lauter Compromiſſen zuſammengeſetzt iſt, in den Kampf zu ziehen? was fällt Ihnen ein, daß Sie ſich für einen Kaiſer aus gleich viel welchem der angeſtammten Fürſtenhäuſer todt⸗ ſchlagen laſſen wollen? Oder meinen Sie vielleicht heimlich die Re⸗ publik, während Sie offen für die Reichsverfaſſung einſtehen? Ich vermuthe, daß dies der Fall iſt; aber hüten Sie ſich vor der Verir⸗ rung und Verwirrung, die jede Illoyalität im privaten und politiſchen Leben nothwendig im Gefolge hat. Sie werden ſich plötzlich in eine Richtung gedrängt ſehen, die der, wohin Sie wollen, ganz entgegen⸗ geſetzt iſt, und werden zu Ihrem Schrecken wahrnehmen, daß Sie Schweiß und Blut vergeblich aufgewandt haben. Die republikaniſche Idee, für die Sie begeiſtert ſind, verträgt keine Beimiſchung; Sie müſſen dieſe Idee ſchützen, wie den Apfel Ihres Auges, müſſen ſie heilig halten, wie das Andenken Ihrer Eltern, wie die Unſchuld Ihrer Kinder. Die republikaniſche Idee iſt identiſch mit dem Genius der Menſchheit und unſterblich wie dieſer. Was immer Großes und Gutes auf Erden geſchehen iſt, iſt aus dieſer allerheiligſten Quelle gefloſſen; was immer Gutes und Großes auf Erden geſchehen wird, wird aus dieſer Quelle fließen. Stehen Sie auf für dieſe Idee und laſſen Sie ſich für dieſelbe an's Kreuz ſchlagen; ich werde ſagen: daß Sie vor⸗ eilig, daß Sie unbeſonnen gehandelt haben; dennoch werde ich Sie hochachten müſſen als Männer, die ihren Principien treu waren bis in den Tod. Fallen Sie aber von dieſen Principien ab, ſo werden Sie nicht nur für ſich ſelbſt den Glauben an das Palladium der Menſchheit verlieren, ſondern Sie hören auch auf, für die Andern die Apoſtel des Evangeliums zu ſein; hören auf, fort und fort für die Wahrheit zu zeugen. Deshalb dies mein Rath: laſſen Sie ſich auf nichts ein, was Sie weder in die Hand nehmen, noch ausführen können, ohne Ihren Herrn und Meiſter jeden Augenblick zu verleugnen. Laſſen Sie ſich— ich wiederhole es— wenn es ſein muß, kreuzigen für Ihre Idee, aber verſtärken Sie nicht den großen Haufen Derer, die für ein falſches Princip in's Feuer gehen, und als Kämpfer eines Dritter Band. 49 falſchen Princips unterliegen werden und unterliegen müſſen. Ich habe geſprochen.“ Doctor Holm wiſchte ſich mit dem rothſeidenen Taſchentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel und ſtieg, auf Peter Schmitz ge⸗ ſtützt, von dem Tritt. Es war augenſcheinlich, daß die einfachen Worte des wackern Mannes nicht ohne allen Eindruck geblieben waren, we⸗ nigſtens ſchien die tiefe Stille, die, als er geendet hatte, über der Verſammlung hing, und ein leiſes, beifälliges Murmeln, das ſich hier und da vernehmen ließ, dafür zu ſprechen. Wie Münzer über die Rede ſeines ehemaligen Freundes dachte, konnte man nicht ſagen; er ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, an ſeinem Tiſch und verharrte in derſelben Stellung, als er jetzt mit dumpfer Stimme ſagte:„Ver⸗ langt Jemand aus der Verſammlung über den Vorſchlag des Dr. Holm das Wort?“ „Ich!“ ſagte Peter Schmitz. „Ich werde mich ſehr kurz faſſen,“ ſagte Peter Schmitz, nachdem er auf den Tritt geſtiegen war,„ich will Ihnen nur für das, was mein Freund Holm, als Mann der Idee, vom Standtpunkte der Idee behauptet hat, als praktiſcher Politiker den praktiſchen Commentar liefern. Er hat Ihnen geſagt: laſſen Sie ſich für Ihre Idee kreuzigen, wenn es ſein muß; und ich ſage Ihnen: es muß nicht ſein, jetzt nicht ſein, und weil es nicht ſein muß, ſoll und darf es nicht ſein. In der Politik gilt der Erfolg; ein Unternehmen, das ohne alle und jede Hoffnung auf Erfolg unternommen wird, und demgemäß kläglich endet, trifft der Fluch der Lächerlichkeit. Ein ſolches Unternehmen aber wäre eine republikaniſche Schilderhebung in dieſem Augenblick. Vor einem Jahre bin ich es geweſen, der ſich in dieſem Club am entſchiedenſten von Allen für das Losſchlagen erklärte. Damals, im erſten Aufſchwung und Sturm der Begeiſterung, was Alles möglich, heute, wo die Feigen ſich auf ihre Feigheit, die Reichen ſich auf ihren Reichthum, die Mächtigen ſich auf ihre Macht beſonnen haben, iſt jede Hoffnung auf Erfolg verſchwunden, und wer Ihnen eine ſolche Hoff⸗ nung zeigt, betrügt ſich ſelbſt und Sie.“ Bei dieſen Worten, welche direct gegen Münzer gerichtet ſchienen, Fr. Spielhagen's Werke. IX. 4 50 Die von Hohenſtein. ließ ſich ein drohendes Murren in der Verſammlung hören. Aber Peter Schmitz war nicht der Mann, ſich einſchüchtern zu laſſen. „Ja,“ rief er, die lebhaften dunkeln Augen auf Münzer heftend, „ich wiederhole es: betrügt— gleichviel ob abſichtlich oder unabſicht⸗ lich— Sie, oder ſich ſelbſt, oder thut Beides zugleich, thut es um ſo gewiſſer, als ſeine Bildung ihn befähigen müßte, den ſchönen Schein von der traurigen Wirklichkeit zu trennen, und den Ausgang eines Unternehmens vorherzuſehen, das unter dieſen Umſtänden keine Helden⸗ that, ſondern ein Donquixoterie, kein Werk iſt, wofür ein Mann gern und willig ſein Leben einſetzt, ſondern ein frevles Spiel mit dem eigenen Leben und mit dem Leben der Anderen. Murren Sie immerhin und drohen Sie dem Manne, der ein freies Wort nach ſeinem beſten Wiſſen und Gewiſſen zu ſprechen wagt; ich wiederhole es: es iſt kein Held, der Ihnen räth, Ihr Alles für ein Nichts in die Schanze zu ſchlagen; ein waghalſiger, oder verzweifelter Spieler iſt es, er ſei auch, wer er ſei.“ Peter Schmitz hatte kaum das raſche Wort geſprochen, als der bis dahin kaum verhaltene Unwillen der Anhänger Münzers ſtürmiſch losbrach. Ein Murren, Ziſchen, Grollen, Stampfen, dazwiſchen dro⸗ hende Worte: Nieder mit ihm! wir wollens ihm eintränken! er ſoll nicht lebend vom Platz! Münzer richtete ſich von ſeinem Sitze empor:„Ruhe!“ Sein Auge flammte über die Menge, die ſeinem Gebote nur widerſtrebend Folge leiſtete. Dann wandte er ſich wieder zu Schmitz.„Sind Sie zu Ende?“ „Ich bin es,“ ſagte Peter Schmitz, von dem Tritt herabſteigend. „Meldet ſich noch Jemand über den Vorſchlag des Dr. Holm: für den Augenblick nichts zu unternehmen, zum Worte?“ „Ich!“ rief eine tiefe, heiſere Stimme, und der Schloſſergeſell Criſtoph Unkel brach ſich Bahn durch die Umſtehenden und ſprang auf den Tritt. Es war eine wilde, unheimliche Geſtalt, der Mann aus dem Volke, in ſeiner ſchmutzigen Blouſe, mit dem ſchwarzen, ſtruppigen Haar, das in wirren, wahnſinnigen Streifen über die niedrige Stirn und faſt über die wild funkelnden Augen hing. Die mächtigen Fäuſte Dritter Band. 51 in die Seiten ſtemmend, oder mit denſelben wüthende Schläge in die Luft führend, ſo ſtand er da und rief mit ſeiner von Wuth heiferen Stimme: „Was ſoll das Schwatzen? Glatte Worte thun's nicht; wer nicht für uns iſt, iſt wider uns und mag zum Teufel gehen! Nieder mit den Ariſtokraten! nieder mit den Heuchlern! Wenn gewiſſe Leute Zeit haben zu warten, bis ihnen die gebratenen Tauben in's Maul fliegen, wir Proletarier haben keine Zeit. Unſere Weiber hungern, unſere Kinder hungern, wir ſelber ziehen uns den Gurt enger, wenn uns der Magen knurrt, oder erſäufen unſern Jammer in Branntwein. Das muß ein Ende nehmen, wir ſind auch Menſchen, wir wollen's ihnen zeigen, wir wollen ſie zuſamenſchmeißen, wir wollen—“ „Bürger Unkel!“ unterbrach Münzer den Wüthenden,„wenn Sie nichts zur Sache Gehörendes vorzubringen haben, ſo thäten Sie beſſer, Andern das Wort zu laſſen.“ „Chriſtoph Unkel warf einen zornigen Blick auf Münzer, aber er wagte nicht, offen zu widerſprechen, ſondern ſprang, unverſtändliche Worte murmelnd, von dem Tritt hinab. An ſeiner Stelle beſtieg Cajus die Rednerbühne. Cajus war eine ſehr angeſohene Perſönlichkeit im demokratiſchen Club; das Geheimniß, mit welchem ſich der ſonderbare Mann umgab, imponirte der Menge ebenſo ſehr, als der unveränderlich finſtere ruhige Ernſt, der ihn in keinem Augenblicke verließ, und die furcht⸗ bare Conſequenz, mit welcher er die letzten Folgerungen ſeiner radi⸗ calen Grundſätze zog. Anfänglich als der treueſte Anhänger Münzers bekannt, hatte er durch jene Eigenſchaften, die zur Verwunderung der Menge immer bedeutender hervortraten, ſich bald eine ſelbſtſtändige Poſition zu verſchaffen gewußt, von der aus er Münzer nicht ſelten eine ſiegreiche Oppoſition machte. So trat denn auch, ſobald ſeine mächtige, in den groben weißen Flausrock gehüllte Geſtalt auf dem Tritt ſtand, tiefe Stille ein. „Unkel hat Recht,“ ſagte Cajus,„wir ſind nicht hier, um zu ſchwatzen, aber Unkel weiß nicht, was er will; ich weiß, was ich will, und will es euch ſagen. Wir müſſen einen großen Schlag führen, um der Revolution wieder Muth zu machen. Dieſer Schlag muß 4* 52 Die von Hohenſtein. heimlich geführt werden, denn zur offenen Gewalt ſind wir nicht ſtark genug, er muß ſchnell geführt werden, ſonſt kommt der Gegner zur Beſinnung und wir haben uns vergeblich geopfert. Ein ſchneller, heimlicher Schlag aber iſt eine Ueberrumpelung und auf eine ſolche habe ich es abgeſehen. Ihr Alle kennt das Fort Sebaſtian; wer das Fort Sebaſtian hat, iſt Herr der Stadt. Wer Herr dieſer Stadt iſt, beherrſcht die Provinz; wer die Provinz beherrſcht, kann in Ver⸗ bindung mit dem Süden für den Weſten die Republik proclamiren. Fragt ſich alſo nun noch, wie wir das Fort Sebaſtian in unſere Ge⸗ walt bekommen. Ich kenne eine Ausfallpforte, durch die wir unbemerkt bis zur Thorwache des Forts gelangen können. Dieſe Pforte wird uns durch einen Unterofficier der Wache, den ich nach Ablegung des üblichen Schwurs auf meine Verantwortung und Gefahr, wie es unſer Statut vorſchreibt, für uns geworben habe, heute Abend um 10 Uhr geöffnet werden. Die Beſatzung muß über die Klinge ſpringen— das verſteht ſich von ſelbſt; ſie iſt ſechszig Mann ſtark; ſechszig über⸗ rumpelte und hier und da zerſtreute Männer ſind von dreißig pis vierzig Männern, die zuſammenhalten und den Tod nicht fürchten, leicht niedergemacht. Einmal im Fort können wir nur durch Hunger zur Uebergabe gezwungen werden. Entweder erklären ſich Stadt und Provinz für uns— und ich glaube, daß es nur eines, von republika⸗ niſchen Händen abgefeuerten Knnonenſchuſſes bedarf, um dies Reſultat herbeizuführen— oder man läßt uns im Stich. Im erſten Falle iſt Deutſchland in vier Wochen republikaniſch; im zweiten ſprengen wir uns in dem Augenblicke, wo unſer letztes Brod verzehrt iſt, in die Luft.“ Keine Miene in Cajus' finſterem Geſicht hatte ſich verändert, während er dieſen furchtbaren Plan entwickelte, und ſo ruhig, wie er aufgetreten war, verließ er die Tribüne. Aber ſein fanatiſches Wort hatte in dieſen überreizten Gehirnen gezündet; wie ein Schauer durchlief es die ganze Verſammlung, ein dumpfes Rauſchen, ein Murmeln des Beifalls, unterbrochen von wilden abgeriſſenen Worten, die in die Herzen der Aufgeregten wie Oeltropfen in glimmendes Feuer fielen. „Wer verlangt über den eben vernommenen Porſchlag das Wort?“ fragte Münzer. Dritter Band. 53 Peter Schmitz ſprang auf die Tribüne. „Einer Verſammlung,“ rief er,„die einen ſo wahnfinnigen, blut⸗ triefenden und gänzlich unausführbaren Plan nur einen Augenblick ernſthaft diskutiren kann, kann und will ich nicht länger angehören. Ich ſage mich hiermit von der Gemeinſchaft mit Ihnen los; ich— Der Sturm, der, ſobald Peter Schmitz dies Wort geſprochen, losbrach, verſchlang, was er etwa noch hinzufügen wollte. Verwün⸗ ſchungen und Drohungen rollten ihm entgegen, derbe Fäuſte wurden geballt, in einer Ecke des Saales bildete ſich ein Knäuel um einen Mann, der noch lauter als die Andern tobte.„Ich muß ihn umbringen, den Verräther, laßt mich!“ Es war der Schloſſergeſelle Chriſtoph Unkel, der mit ſeiner ungeheuren Körperkraft den Widerſtand der Verſtändigeren, die ihn halten wollten, überwand, und jetzt mit hochgeſchwungenem Meſſer anf Schmitz heranſtürzte. Münzer ſprang von ſeinem Stuhle auf und warf ſich dem Wüthenden entgegen.„Nur über mich, Chriſtoph, kommſt Du an Peter Schmitz,“ rief er;„ſo lange ich lebe, ſoll ihm kein Haar gekrümmt werden. Stoß zu, wenn Du willſt!“ Chriſtoph blieb ſtehen und ſtierte Münzer an, wie ein Tobſüchtiger ſeinen Wärter. Er ließ den Arm ſinken und drückte ſich, immer noch wilde Worte murmelnd, auf die Seite. „Gehen Sie!“ ſagte Münzer zu Peter Schmitz und Holm;„ich weiß nicht, ob ich Sie noch einmal werde ſchützen können.“ „Sie ſollten mitkommen, Münzer,“ erwiderte Holm leiſe; es wäre bei Gott der beſte Dienſt, den Sie ſich ſelbſt und der gemeinen Sache thun könnten.“ „Sie mögen Recht murmelte Münzer,„aber, was Sie von mir verlangen, ſteht gar nicht mehr in meiner Gewalt. Leben Sie wohl!“ Er reichte beiden Männern die Hand und geleitete ſie durch die Menge, die willig Platz machte, bis an den Ausgang des Saales dann kehrte er zu ſeinem Stuhle zurück und ſprach leiſe mit feld, der innerlich über Alles, was er hier geſehen und gehört hatte, auf das Aeußerſte beunruhigt, ja erſchrocken und empört war, aber um Münzers Willen in Miene und Blick die größte Ruhe bewahrte. 54 Die von Hohenſtein. „Sie ſehen, etwas muß geſchehen,“ flüſterte Münzer,„ich kann nicht mehr zurück. Trennen Sie Ihr Schickſal von dem meinigen; über⸗ laſſen Sie mich meinem Verhängniß.“ „Ich will Sie nicht verlaſſen,“ entgegnete Degenfeld,„aber in einen ſo tollen Plan, wie den des Cajus, dürfen Sie nicht willigen. Schlagen Sie den Leuten den anderen Plan vor, den ich Ihnen, als wir hierher gingen, entworfen habe. Er iſt freilich auch noch toll genug; aber es iſt doch dabei wenigſtens die Möglichkeit eines glück⸗ lichen Ausgangs.“ „Und wollen Sie wirklich an der Ausführung Theil nehmen?“ „Ja!“ ſagte Degenfeld nach kurzem Bedenken. Münzer ſprang auf die Tribüne. Sein Erſcheinen brachte wieder Ruhe in die Menge, die während der letzten Minuten wie toll durch einander geſchrieen hatte. Münzer machte diesmal von ſeiner großen Kunſt der Rede, mit welcher er ſo oft die größten Verſammlungen bezaubert hatte, nicht den mindeſten Gebrauch. Er ſprach ruhig, ja theilnahmslos und kalt; er ſchien zu wollen, daß die Leute die Sache in ihrer nackten Wahr⸗ heit ſähen; ja: er ſagte es gerade heraus.„Ich will nicht,“ ſagte er,„daß Jemand hinterher kommt und zu mir ſpricht: Du haſt mich unter Vorſpiegelung von ich weiß nicht welchen leichten und herrlichen Erfolgen fortgelockt von Frau und Kind und Haus. Wer dem Plan zuſtimmt, den ich Ihnen ſogleich entwickeln werde, muß ſich im Gegen⸗ theil losreißen von Frau und Kind und Haus, er muß ſein, wie jene erſten Anhänger des Evangeliums und darf nicht fragen, was Vater und Mutter zu ſeinen Thaten ſagen, und ob ihn die Kinder der Welt verlaſſen, verſpotten und mißhandeln werden. Wer mir nach⸗ folgt, muß die Hoffnung hinter ſich laſſen.“ Er entwickelte darauf in kurzen Worten den von Degenfeld ent⸗ worfenen Plan, welcher darauf hinauslief, ſich von ſo viel Männern, als aufzubringen ſeien, in die benachbarte Stadt, in welcher die Revo⸗ lution für den Augenblick geſiegt hatte, zu werfen, und, im Falle man ſich dort nicht würde halten können, der Revolutionsarmee anzuſchließen, die ſich ſoeben im Süden zu bilden begann. Man war im Allgemeinen mit dieſem Plane einverſtanden, nur „ Dritter Band. 55 die Beantwortung der Frage, wie man in der kurzen Zeit(noch heute Nacht mußte der Streich ausgeführt werden, da morgen ſchon ein Theil der Rheinſtädtiſchen Garniſon gegen die inſurgirte Stadt ent⸗ ſandt werden ſollte) Waffen herbeiſchaffen könne. Man machte alle möglichen unthunlichen Vorſchläge, bis endlich Cajus den Ausſchlag gab. Er erinnerte daran, daß Schloß Rheinfelden genau auf dem Wege lag, den man nehmen mußte, und daß dieſes Schloß eine der größten Waffen⸗Sammlungen berge. Das Schloß ſelbſt ſei vollkommen wehrlos— in einer halben Stunde könne Alles gethan ſein. Eine freudige Zuſtimmung belohnte den Redner; man ſah ſich im Geiſte ſchon mit vortrefflichen Büchſen, Hirſchfänger, Piſtolen, Dolchen bewaffnet und die herrliche Ausſicht entflammte den Muth auch der Furchtſameren. Münzer und Degenfeld wagten nicht, einem ſo viel verſprechenden Plane enſtlich entgegen zu ſein. Der Vortheil lag zu ſehr auf der Hand, als daß etwa geäußerte moraliſche Bedenken von irgend einem Gewicht geweſen wären.„Wer ein zartes Gewiſſen hat, um den Ueberfluß eines Ariſtokraten im Dienſte des Vaterlandes und der Freiheit zu verwenden, der möge zu Hauſe bleiben; das Vaterland und die Freiheit verlieren nichts an ihm.“ Dieſe Worte, die Cajus in die Verſammlung warf, riſſen zu begeiſtertem Beifall hin. Der Zug ſelbſt war beſchloſſene Sache; es handelte ſich nur noch um das Wie? Auch darüber vereinigte man ſich unter dem Einfluſſe des fanatiſchen Cajus, der jetzt augenſcheinlich ein größeres Gewicht in der Verſammlung hatte, als ſelbſt Münzer. Da um 10 Uhr die Thore geſchloſſen wurden, ſo ſollten zwiſchen 9 und 10, das heißt gleich nach dem Schluſſe der Verſammlung, der Auszug aus allen Thoren zugleich geſchehen, am beſten einzeln, höchſtens in kleinen Trupps bis zu drei Mann. Als Verſammlungsort wurde eine Waldwieſe hart am Rande des Weges eine Viertelmeile vor der Stadt und nicht weit von dem erſten Dorfe, das man zu paſſiren hatte, beſtimmt. Die Verſchworenen ſollten ſich untereinander durch die Parole„Freiheit“, auf welche als Loſung„oder Tod“ gegeben war, erkennen. „Wer verließ da eben den Saal?“ rief Münzer, der aus dem helleren Garten einen Schein durch die Thür hatte fallen ſehen. Von 56 Die von Hohenſtein. den Zunächſtſtehenden hatte Keiner den Hinausgehenden bemerkt⸗ „Verräther ſind nicht mehr unter uns,“ rief Chriſtoph;„Ihr habt ihnen ja ſelbſt die Thür aufgemacht.“ Alle hatten das Lokal durch eine kleine Pforte, die aus dem Garten in ein Seitengäßchen führte, verlaſſen; Münzer und Degen⸗ feld waren die Letzten geweſen; ſie gingen langſam das Gäß⸗ chen hinab. „Ich komme mir vor wie der Zauberlehrling, der den herauf⸗ beſchworenen Sturm nicht mehr bewältigen kann,“ ſagte Münzer;„der Föhn, der uns mit dem heißen Athem dieſer fanatiſchen Menſchen anwehte, muß ſein Opfer haben; ich weiß es und ich habe mich nicht geſträubt, aber daß ich Sie mit in das Verderben gezogen habe, mein allzuedler Freund, das thut mir weh, ſehr weh.“ „Glauben Sie denn,“ verſetzte der Andere,„daß ich mich zur Ausführung eines Entſchluſſes, den ich nicht frei gefaßt habe, ver⸗ pflichtet fühlen würde, wenn ich für mich einen andern Ausweg ſähe? Ich bin, wie Sie, zu weit gegangen, um noch zurück zu können, oder zurück zu mögen, ſelbſt wenn ich es könnte. Und was liegt denn auch ſchließlich an mir? ich ſtehe ſo allein auf der Welt, wie ein Menſch nur möglicherweiſe ſtehen kann. Ich laſſe außer Wolfgang Niemand hier, der einen herzlichen Antheil an mir nimmt; an dem ich einen herzlichen Antheil nähme. Wohl mir, daß ich meinem Entſchluſſe, ihn nicht weiter in unſere Pläne einzuweihen, treu geblieben bin; ich möchte nicht die Verantwortung, ihn in dieſes Abenteuer verwickelt zu haben, auf mich nehmen!— Ich bin allein; aber Sie mein Freund, haben Sie an Ihr Weib, an Ihre Kinder gedacht?“ „Ich habe kein Weib und habe keine Kinder,“ entgegnete Mün⸗ zer dumpf. Degenfeld legte ihm die Hand auf den Arm. „Sie haben in der letzten Zeit ſchon öfter etwas der Art ange⸗ deutet,“ ſagte er,„wie ſoll ich es verſtehen?“ „Es iſt eine alte Geſchichte,“ ſagte Münzer.„Ein Mann liebt ein fremdes Weib, oder glaubt es zu lieben, bis dieſes Weib ſich einem andern Manne in die Arme wirft. Darüber hat er mittler⸗ weile ſein eigenes Weib verloren, und wenn er dann ſo, von allen Dritter Band. 57 Seiten verlaſſen oder verrathen, ein Narr des Glücks, daſteht, was kann er da Beſſeres thun, als ſich eine Kugel durch den Kopf jagen, oder ſich ſonſt auf eine paſſabel anſtändige Weiſe aus der Welt trollen. Und das ſind wir ja wohl eben im Begriff zu thun? Adien, mein Freund, auf Wiederſehen in einer halben Stunde an der Waldwieſe.“ Siebentes Capitel. Um dieſelbe Zeit, als in dem„Grünen Römer“ unter Münzers Vorſitz ſo hochverrätheriſche Beſchlüſſe gefaßt wurden, überlegten auf dem Rathhauſe die Väter der Stadt unter dem Vorſitz des Ober⸗ bürgermeiſters, Dr. beider Rechte Willibrod Daſch: welche Schritte in dieſer gefährlichen Lage der Dinge zur Sicherung des Eigenthums und des Lebens der guten Bürger gethan werden müßten. Durch den jovialen Wirth des„Grünen Römer“ wußte man bereits ſeit dem Nachmittage, daß der demokratiſche Club(zu deſſen hervorragen⸗ den Mitgliedern der joviale Wirth ſelbſt gehörte) heute Abend eine entſcheidende Sitzung in ſeinem Lokal halten werde, und im Laufe des Abends war zwei oder drei Mal aus dem„Grünen Römer“ ge⸗ heime Botſchaft gekommen, die über den Fortgang der Berathungen ziemlich ſichere Nachricht gab. Jede dieſer Botſchaften hatte Oel in das Feuer der Aufregung und Angſt gegoſſen, das in den Herzen der verſammelten Väter brannte. Der Oberbürgermeiſter Daſch wiſchte ſich einmal über das andere die von Angſtſchweiß triefende Stirn und zeigte ſich jeden Augenblick weniger im Stande, die unaufhörlichen und ſtürmiſchen Debatten, welche um den grünen Tiſch herum geflogen wurden, zu beherrſchen. Ueber das, was zu thun ſei, gab es ſo viel verſchiedene Anſichten, als die Verſammlung Köpfe zählte; die Ver⸗ wirrung war auf den höchſten Grad geſtiegen. Der Stadtrath Heydt⸗ mann u. Comp., der Senator Weſtermeier und andere von Natur ängſtliche Gemüther beſchworen die Verſammlung, ohne Verzug zu 58 Die von Hohenſtein. den äußerſten Mitteln zu greifen und die Flamme des Aufruhrs im Blut ſeiner Urheber zu erſticken.„Wir haben jetzt das Neſt bei⸗ ſammen,“ rief Herr Heydtman u. Comp.,„ſchlagen wir, bevor wir ſelbſt geſchlagen werden. Mit jeder Minute, die wir zögern, wächſt die Gefahr. Denken wir nicht an Schonung; die Zeit der Milde iſt vorüber, bieten wir die bewaffnete Macht auf, umzingeln wir den Saal, in welchem die Empörer zuſammenſitzen; es ſind verzweifelte Menſchen, aber mit Gottes Hülfe wird es unſern braven Soldaten gelingen, ihrer Herr zu werden, und bei dem erſten Verſuche des Widerſtandes mache man ohne Gnade von den Waffen Gebrauch.“ Dieſe blutdürſtigen Zumuthungen ſtießen nur bei ſehr Wenigen in der Verſammlung, deren Wortführer der Advokat Kaltebolt war, auf ernſtlichen Widerſpruch. „Die von der andern Seite vorgeſchlagenen Maßregeln ſind ebenſo grauſam, als ſie unpraktiſch ſind,“ rief Herr Kaltebolt.„Es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß die heutige Sitzung des demokrati⸗ ſchen Clubs reſultatlos ſein wird, wie unzählige andere vorhergehende, und geſetzt auch, dies wäre nicht der Fall, ſo ſind wir auf unſerer Huth und können in jedem Augenblick eine Macht aufbieten, in Ver⸗ gleich mit welcher die der Gegner zu einem Nichts verſchwindet. Ich bin dafür, nicht eher einzuſchreiten, als bis uns die Maßnahmen der Gegner einen Anhalt geben; wir treffen ſonſt den Unſchuldigen mit dem Schuldigen.“ „In einer Mörderhöhle giebt es keine Unſchuldige!“ rief Herr Weſtermeier. „Beſonders, wenn man Jeden, der zufällig nicht unſerer Meinung iſt, für einen Mörder und Mordbrenner hält,“ replicirte Herr Kaltebolt. Dieſe Aeußerung erregte den heftigſten Unwillen der verſammel⸗ ten Väter. Man ſchrie über unverantwortlichen Leichtſinn, über frevel⸗ haften Indifferentismus, ja, es fehlte nicht viel, ſo hätte man den tapfern Mann der heimlichen Verbindung mit den„Empörern“ geziehen. Herr Kaltebolt ließ ſich durch den gegen ihn wüthenden Sturm nicht aus der Faſſung bringen. „Was wollen Sie denn von mir, meine Herren?“ rief er.„Ge⸗ behrden Sie ſich doch gerade, als ob ich Einzelner der Ausführung Dritter Band. 59 Ihrer Entſchlüſſe hindernd in den Weg treten könnte. Thun Sie, was Sie nicht laſſen mögen, aber bedenken Sie wohl, daß Ihre über⸗ triebene Beſorgniß die Gefahr, welche Sie zu vermeiden wünſchen, gerade heraufbeſchwört, daß Sie durch Gewaltmaßregeln gegen jene machtloſen Schwätzer die allgemeine Aufregung nur vermehren und der ganzen Sache eine Wichtigkeit beilegen werden, welche dieſelbe in meinen Augen, und ich glaube in den Augen jedes Nüchternen, gar nicht hat. Dieſes Feuer erliſcht von ſelbſt, wenn Sie Nahrung hinzu⸗ tragen, tappen Sie aber mit unvorſichtiger, ungeſchickter Hand hinein, ſo ſprühen die Funken nach allen Seiten und Sie werden ſich dann allerdings nicht wundern dürfen, wenn Ihre Häuſer und Fabrik⸗ gebäude in Flammen aufgehen und die Verzweiflung Thaten erzeugt, zu welchen der dumpfe Unmuth ſich niemals verſteigen würde.“ „Sie haben gut reden,“ rief Herr Weſtermeier,„Sie haben keine Fabriken, die in Flammen aufgehen können.“ „Es wird nächſtens ein Verbrechen ſein, wenn man zufälliger⸗ weiſe nicht Fabrikbeſitzer iſt,“ ſagte Herr Kaltebolt. Der kaum beſchwichtigte Sturm erhob ſich von Neuem; der Ober⸗ bürgermeiſter läutete wie toll mit ſeiner ſilbernen Glocke; wer weiß, zu welchen lächerlichen und ſchimpflichen Auftritten es noch unter den uneinigen Vätern gekommen ſein möchte, wenn nicht in dieſem Augen⸗ blicke der Rathsdiener Pitter mit ſchreckensbleichem Geſicht in den Saal geſtürzt wäre und dem Oberbürgermeiſter eine Botſchaft in das Ohr geraunt hätte. Ein banges Schweigen lagerte ſich auf einmal über die eben noch ſo laute Verſammlung. Herr Willibrod Daſch erhob ſich ſagte mit einer Stimme, welche die Angſt heiſer und faſt unhörbar machte:„Meine Herren, draußen ſteht der Wirth vom„Grünen Römer“, der wackre Herr Pütz, und bittet um Gehör; er habe Nachrichten aus dem demokratiſchen Club von der äußerſten Wichtigkeit mitzutheilen. Ich erſuche Sie, meine Herren, dieſe Nachrichten mit derjenigen Ruhe und Faſſung, welche uns ziemt, entgegenzunehmen. Führen Sie den Mann herein, Pitter!“ Der joviale Wirth zum„Grünen Römer“ der wackere Herr Pütz, 60 Die von Hohenſtein. trat alsbald, vom Rathsdiener begleitet, in den Saal und verbeugte ſich in ungeſchickter Weiſe vor ven Vätern, indem er dabei ſein dickes Geſicht zu einem widerwärtigen Grinſen verzog. „Setzen Sie ſich, Herr Pütz,“ keuchte der Oberbürgermeiſter, „und ſagen Sie, was Sie uns mitzutheilen haben.“ „Nicht viel Gutes, Ihr Herren,“ ſagte der joviale Herr Pütz, nachdem er von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch gemacht hatte; „die Katze iſt aus dem Sack und Sie werden Ihre liebe Noth haben, ſie wieder hineinzubringen. In dieſem Augenblick ziehen ſie aus allen Thoren zugleich hinaus, an die zwei⸗ bis dreitauſend Mann. Dann geht's nach Schloß Rheinfelden, wo der alte General von Hohenſtein wohnt, da wollen ſie ſich Waffen verſchaffen und hernach überall rings umher in den Dörfern die Glocken zum Aufruhr läuten. Dann wollen ſie mit den Bauern zurückkommen und die Stadt an allen vier Ecken anzünden, daß kein Stein auf dem andern bleibt, und dann wollen ſie Alles todtſchlagen, was ſich ihnen widerſetzt; die Weiber wollen ſie unter ſich vertheilen und das Geld. Ja, meine Herren, unſer ſchönes Geld; vor Allem wollen ſie die Schatzkammern plündern. Es iſt ein Graus, meine Herren, mir ſtehen die Haare zu Berge, wenn ich varan denke, was ich Alles gehört habe. Es iſt ein Graus, ſage ich Ihnen.“ Der joviale Wirth grinzte von Neuem, beſann ſich dann ſchnell, wie wenig dieſe Miene zu ſeinen Worten paſſe, bekreuzigte ſich und erhob die verſchwollenen, zwinkernden ſchlauen Aeuglein zur Decke des Saales. Die Väter blickten einander an; dies übertraf die ſchlimmſten Erwartungen. Der Stadtrath Heydtmann u. Comp. rang die Hände und ſagte: er ſei ein geſchlagener Mann. Vergebens, daß Herr Kalte⸗ bolt die Unwahrſcheinlichkeit eines großen Theiles der Angaben des Herrn Pitter und überhaupt die Unglaubwürdigkeit eines Menſchen, der an ſeiner Partei zum Verräther geworden ſei, hervorhob; man ſchrie ihm entgegen, daß man von ſeinem Rath vollauf genug habe, er möge doch ſchweigen und den Verdacht, der auf ihm laſte, nicht noch vergrößern. Die allgemeine Angſt ſtellte die Einigkeit unter den Uebrigen ſehr bald her. In überraſchend kurzer Zeit hatte man die Dritter Band. 61 nöthigen Beſchlüſſe gefaßt. Man wollte eine Deputation an den Commandanten der Stadt, den General Grafen Hinkel von Gackel⸗ berg, entſenden und ihn auffordern, die Thore der Stadt ſofort zu ſchließen und ſodann mit einem angemeſſen ſtarken Corps den Empörern nachzuſetzen, um ſie, wo möglich noch bevor ſie ihren Plan auf Rhein⸗ felden hätten ausführen können, zu überfallen und niederzumachen. Für die Stadt ſelbſt traf man noch beſondere Maßregeln. Von zwöf Uhr an, der früheſten Zeit, in welcher man die Expedition nach Rhein⸗ felden zurückerwarten konnte, ſollten alle Fenſter erleuchtet werden, nachdem ſämmtliche öffentliche Gebäude mit ſo viel Truppen beſetzt waren, als der Commandant entbehren zu können glauben würde. Außerdem ſollte ſofort eine Translocirung und Reviſion aller öffent⸗ lichen Kaſſen ſtattfinden, um dieſelben wo möglich den räuberiſchen Händen der Meuterer zu entziehen, oder, um im Falle der Plünderung trotz aller angewandten Vorſichtsmaßregeln zur Ausführung käme, wenigſtens bei Heller und Pfennig conſtatiren zu können, wie viel die Banditen geſtohlen hätten. Als die an den General Hinkel zu entſendende Deputation er⸗ wählt war und man im Begriff ſtand, die Reviſion der Kaſſen einer andern Deputation zu überweiſen, entdeckte man nicht ohne einige Verwunderung, daß der Stadtrath von Hohenſtein inmitten der gren⸗ zenloſen Verwirrung, welche in dem Saale geherrſcht hatte, verſchwun⸗ den war. Man konnte nicht herausbringen, ob er ſich ſchon vor der ſchließlichen Berathung, oder während, oder nach derſelben entfernt hatte. Einige wollten ihn noch vor wenigen Minuten geſehen haben, Andere behaupteten, daß er während der letzten halben Stunde nicht mehr im Saale geweſen ſein könne. Doch erinnerte man ſich, daß er während der ganzen Seſſion ſehr theilnahmlos geweſen war und ſehr blaß und angegriffen ausgeſehen hatte. Man kam dahin überein, daß er vermuthlich von einem heftigen Unwohlſein befallen, und, um keine Senſation zu erregen, ſtill nach Hauſe gegangen ſei. Man be⸗ dauerte, ihn nicht der Ruhe überlaſſen zu können, da ſeine Anweſen⸗ heit Behufs der Reviſion der ihm anvertrauten Kaſſe unumgänglich nothwendig war. Einer der Rathsdiener wurde in Folge deſſen ab⸗ geſandt, den Herrn Stadtrath von Hohenſtein um ſeine Gegenwart, 62 Die von Hohenſtein. und im Falle ihm das Kommen abſolut unmöglich ſei, mindeſtens um den Schlüſſel zur Kaſſe zu erſuchen. Nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, entließ der Ober⸗ bürgermeiſter die verſchiedenen Deputationen, während ſich der übrige Theil der Verſammlung unter dem Vorſitz des vielgeprüften Mannes die Nacht hindurch für permanent erklärte. Ichtes Capitel. Der Stadtrath hatte ſich, ſobald einer ſeiner ſpeciellſten Gegner die Frage der Kaſſenviſitation in Anregung gebracht hatte, von dem Seſſionstiſche erhoben und war zu einer kleinen Gruppe von Collegen, welche die Aufregung nicht auf ihren Plätzen ſitzen ließ, getreten; dann war er, ſcheinbar nur, um einen Gang durch den Saal zu machen, bis zur Thür gelangt, und hatte, von der mangelhaften Beleuchtung des weitläufigen Gemaches begünſtigt, daſſelbe in dem Augenblicke verlaſſen, als die vorgeſchlagene Maßregel durch allgemeine Acclamation beſchloſſen wurde. Er huſchte an den wenigen Perſonen, die ihm auf den Vorſälen und Gängen des Rathhauſes begegneten, vorüber. In der Beſtür⸗ zung, die ſich aus dem Seſſionsſaal bereits über das dienende Perſonal verbreitet hatte, achtete Niemand auf ihn. Draußen auf dem Markte athmete er hoch auf; er war jetzt ſicher, daß man ihn ſo leicht nicht fangen würde, ſein orſprung war zu groß. Und ſelbſt wenn ihm der Weg nach Hauſe abgeſchnitten wurde, ſo war der Fluß durch einige Seitenſtraßen in wenigen Minuten zu erreichen. Wer ſollte ihn aufhalten, wenn er ein paar Joche weit auf die Brücke hinauf⸗ lief und ſich dann plötzlich über das Geländer ſtürzte? Er blieb ſtehen und ſah ſich nach dem Rathhauſe um; durch die hohen Fenſter des Seſſionsſaales dämmerte das Licht; er glaubte zu bemerken, daß einzelne Geſtalten an die Fenſter traten und auf den Markt hinabſchauten. Es ſollte ihnen ſchwer werden, ihn hier mitten ——————— Dritter Band. 63 auf dem dunkeln Platze zu entdecken, aber jede verlorne Minute machte die Ausführung ſeines Entſchluſſes ſchwieriger, und ſo ſchlug er denn eilig den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Er empfand eine Art von Genugthuung darüber, daß es ihm vergönnt ſein würde, ſich wie ein Gentleman in ſeinem eigenen Zimmer auf ſeinem eigenen Sopha mit ſeinen eigenen Piſtolen zu erſchießen. Vor dem Tode ſelbſt fürchtete er ſich nicht. Er hatte ſich ſchon ſeit mehreren Monaten mit dem Tode vertraut gemacht. Die Hoffnung, die er Anfangs gehegt hatte, es werde ihm mit Hülfe des Generals gelingen, die geſtohlene Summe wieder zu erſetzen, war in dem Maße ſchwächer geworden, als das Verhältniß zwiſchen Wolfgang und Camilla geſpannter wurde. Er hatte die Entwickelung diefes Verhältniſſes auf das ſchärfſte beobachtet und hatte ſich längſt überzeugt, daß es auf die Dauer ebenſo unhaltbar ſei, als Wolfgangs militairiſche Stellung. Er war ein zu guter Spieler, um nicht bei Zeiten zu erkennen, daß er ſeine Partie verlieren werde. So lange Margareth lebte, war ihm das furchtbar genug geweſen; nach dem Tode der Guten hatte der Gedanke, der Schande durch Selbſt⸗ mord zu entgehen, viel von ſeinem Schrecken verloren. Er hatte Mar⸗ gareth geliebt, ſo weit das ſeinem eitlen egoiſtiſchen Herzen möglich war, und es wäre ihm doch hart angekommen, ihr dieſen Kummer zu machen; vor Allem aber wäre es ihm entſetzlich geweſen, vor ihr, der er ſtets mit ſeiner vornehmen Geburt, ſeiner Bildung, ſeiner Klugheit zu imponiren geſucht hatte, ſo klein zu erſcheinen. Das Alles fiel bei Margarethens Tod weg und ſo hatte er ſich denn, als er den erſten Schreck und Schmerz über ihren Verluſt ſchnell überwunden hatte, wie von einer ſchweren Laſt befreit gefühlt. Was nun auch kommen mochte: er konnte es leichter tragen, nun, da die ſanften, braunen Angen ſeines Weibes nicht mehr ängſtlich forſchend auf ihn gerichtet waren. Was nun auch kommen mochte: er hatte es jetzt nur noch allein zu tragen. An Wolfgang dachte er kaum, oder doch mit ganz anderen Empfindungen. Es hatte kaum eine Zeit gegeben, wo er auf Wolfgang herabgeſehen hatte, wie er ſtets und zu allen Zeiten auf ſeine Gattin herabſah. Schon der Knabe hatte ihm durch ſeinen Ernſt, ſeine Strebſamkeit, ſeine Wahrheitsliebe eine ihm oft ſehr unbequeme 64 Die von Hohenſtein. Achtung abgenöthigt, und dies Gefühl hatte ſich von Jahr zu Jahr geſteigert, bis er in dem Jüngling ein fremdes, ihm unbegreifliches Weſen ſah, an dem er keinen Theil hatte. Wolfgang, das wußte er, würde ſeinen Weg durch die Welt finden, und— ſo ſeltſam hatten ſich in dieſem Kopfe die Begriffe von Gut und Wahr verwirrt— er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung: der Blitz des Piſtolenſchuſſes, mit dem er ſeinem Leben ein Ende machte, würde ihn den Augen des Sohnes in einem heroiſchen Lichte erſcheinen laſſen. Es war nach ſeiner Anſchauung doch immer eine That; er hatte ſtets das Gefühl gehabt, daß ihm Wolfgang die Energie, die zu einer That erforderlich iſt, nicht zutraute. Trotz alledem hatte er dieſe That, dieſe letzte That, die alle Schulden bezahlen, alle Sünden fühnen ſollte, von Tag zu Tag hinaus⸗ geſchoben mit jener Unentſchloſſenheit, die ihn ſein Leben lang immer erſt in dem Augenblick verlaſſen hatte, wenn es im Grunde nichts mehr zu entſchließen gab, ſondern die Umſtände mit zwingender Nothwendig⸗ keit ihn nach dieſer oder jener Seite trieben. Wer weiß, wie lange er ſich noch in dieſem Elend hingequält hätte, wenn heute nicht, wie auf einen Schlag, Alles zuſammen gekommen wäre, um ihm den letzten ſchwachen Schimmer der Hoffnung zu rauben. Heute Morgen hatte er von dem General auf Rheinfelden, dem er zu ſeiner Befreiung in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken ſchriftlich gratulirt hatte, einen Brief erhalten, in welchem ihm in wenigen groben Worten die Gelder, die ihm der Alte während des letzten Ihres vorgeſchoſſen hatte, gekündigt wurden. In dieſem Briefe lag ein zweiter von der Hand der Prä⸗ ſidentin, des Inhalts, daß Umſtände eingetreten ſeien, welche ihr und ihrem Gemahl eine Aufhebung des zwiſchen Camilla und Wolfgang beſtehenden Verhältniſſes wünſchenswerth erſcheinen ließen; eine nähere Erklärung dieſes Schrittes ſei vor der Hand nicht möglich, doch würde dieſelbe ſeiner Zeit„dem Herrn Stadtrath und ſeinem Herrn Sohne“ werden. Mit dieſen Briefen in der Taſche war der Stadtrath, nachdem er am Mittag vergeblich auf Wolfgangs Rückkehr von der Parade gewartet hatte, am Nachmittage auf das Rathhaus in die Sitzung gegangen, die für ihn einen ſo verhängnißvollen Ausgang nahm. Dritter Band. 65 Reviſion der Kaſſe: das hieß für ihn, der mittlerweile mehr als fünfzig⸗ tauſend Thaler entwendet hatte, ſo viel als: Verhaftung, Unterſuchung, lebenslängliches Zuchthaus. Das Schickſal hatte den letzten entſchei⸗ denden Trumpf gegen ihn ausgeſpielt; die Partie war verloren. Der Stadtrath kam, athemlos von dem eiligen Lauf, in ſeiner Wohnung an. Seine erſte Frage war nach Wolfgang. Die gut⸗ müthige Urſel, die ſeit Margarethens Tode das verödete Hausweſen allein leitete, hatte verweinte Augen und brach auf des Stadtraths Frage in Thränen aus.„Die gnädige Frau würde ſich im Grabe herumdrehen, wenn ſie das Unglück erlebte!“ rief ſie einmal über das andere. Endlich konnte ſie ihre Bewegung ſo weit beherrſchen, um dem Stadtrath zu erzählen, daß am Nachmittage ein paar Officiere im Hauſe geweſen ſeien und auf des jungen Herrn Stube alle Schränke und Schubladen durchſucht hätten, und daß der Burſche vom jungen Herrn für den Herrn Lieutenant Wäſche und andere Sachen auf die Wache gebracht habe und daß auf dem gnädigen Herrn ſeinem Tiſch ein Zettel von dem jungen Herrn liege. Der Stadtrath ging in ſein Zimmer; neben der angezündeten Lampe lag ein mit Bleifeder von Wolfgangs Hand geſchriebenes Billet: „Lieber Vater! Ich bin verhaftet, weshalb, weiß ich nicht. Sei ohne Sorgen. Ich hoffe, in kurzer Zeit wieder frei zu ſein.“ Alſo auch das noch! So ſollte alles Unglück auf einmal herein⸗ brechen! Was konnte Wolfgang gethan haben? Des Stadtraths Gehirn war zu verwirrt, als daß es ihm möglich geweſen wäre, lange bei dieſer Frage zu verweilen. Er empfand nur eine Art von Be⸗ friedigung über dieſen neuen Fall. Es war ja ganz offenbar, daß das Schickſal ihn auf das Unerträglichſte verfolgte und es geradezu auf ſein Verderben abgeſehen hatte. Einer Welt, die ſo voller Unge⸗ rechtigkeiten war, zu entgegen, wenn man Muth genug hatte, den letzten, unwiderruflichen Schritt zu thun— das war ein Entſchluß, den alle Welt billigen mußte. Und es war gut: daß Wolfgang gerade jetzt vom Hauſe abweſend war; ſeine Anweſenheit wäre doch ſehr unbequem geweſen. Nun galt es nur noch, die Urſel zu entfernen; aber wie? Wenn er ſie auf die Wache ſchickte?— das Fort Sebaſtian lag am Fr. Spielhagen's Werke. I1 5 Die von Hohenſtein. andern Ende der Stadt; wenn ſie auch nicht eingelaſſen wurde— ſie brauchte mindeſtens eine Stunde, um hin und wieder zurück zu gelangen. Er ſchrieb ein paar Worte an Wolfgang— die erſten, beſten, die ihm in die Feder kamen. Bei dem„Lebewohl, mein Sohn!“ ſtutzte er einen Augenblick; aber er hatte keine Zeit, über die tiefe Bedeutung dieſes Lebewohls nachzudenken. Seitdem er im Hauſe an⸗ gelangt war, waren ſchon zehn Minuten verfloſſen; er berechnete ſeinen Vorſprung nur auf eine Viertelſtunde. Er drängte die beſtürzte Urſel faſt zum Hauſe hinaus. Dann, als er hinter ihr zugeſchloſſen und den Riegel vorgeſchoben, ging er in ſeine Stube, verriegelte und verſchloß auch dieſe; legte die Fenſter⸗ laden vor, ſchraubte die Schrauben ſo feſt wie möglich— und jetzt war er allein. Allein!— wie ein Gefühl der Wonne überkam es dem Unglück⸗ lichen. Jetzt ſtand Niemand mehr zwiſchen ihm und ſeinem Schickſal; Niemand konnte ihm in den Arm fallen; Niemand konnte ihn mehr zur Rechenſchaft ziehen; Niemand über ihn die Naſe rümpfen; Nie⸗ mand ihm in's Geſicht ſagen, daß Arthur von Hohenſtein die ihm anvertraute Kaſſe nach und nach um funfzigtauſend Thaler beſtohlen und ſeine Gläuber ungefähr um dieſelbe Summe betrogen habe. Hunderttauſend Thaler! Eine wahre Lumperei! Es war im Grunde lächerlich, ſich um ſolch' eine Bagatelle das Leben zu nehmen! Er erinnerte ſich aus ſeiner Officierzeit, daß einer ſeiner Kameraden, ein Herr von Bockenhagen, in einem Jahre dreimalhunderttaufend Thaler Schulden gemacht hatte, und deswegen von allen Kameraden als eine Art von Heros betrachtet wurde, beſonders als er kurze Zeit darauf eine reiche Erbin, die eine Million zur Mitgift hatte, heirathete. Das war ein Leben, wie es einem Edelmann zukam! Ein Anderer, ein Herr von Schnabelsdorf, hatte es gar auf viermalhunderttauſend gebracht und dann freilich auch nichts Beſſeres zu thun gewußt, als ſich zu erſchießen. Das hatte ſich doch der Mühe verlohnt! Aber er! er hatte Zeit ſeines Lebens es nie zu was Rechtem bringen können! Alles, was er gethan, hatte er ohne Kraft und Nachdruck gethan! Wenn er dem Genuß hatte leben wollen, war das Gewiſſen erwacht und hatte ihm die ſchönſten Freuden verdorben; und hatte er ſpießbürgerlich Dritter Band. 67 ehrlich zu leben verſucht, hatte ihm die Erinnerung ſeiner einſtigen Herrlichkeit keine Ruhe gelaſſen, bis er die Schranken, die er ſich ge⸗ zogen hatte, wieder niederriß. Was hatte ihm ſeine vornehme Geburt, die großen Verbindungen ſeiner Familie, die in die allerhöchſten Kreiſe reichten; was hatte ihm ſeine vielgerühmte Schönheit, ſeine Welt⸗ gewandtheit geholfen! nichts! gar nichts! bis hierher hatten ſie ihn gebracht, bis hier vor dieſen offenen Piſtolenkaſten! Er nahm eine der Piſtolen heraus; führte den Ladeſtock in das Rohr ein und überzeugte ſich, daß die Kugel noch im Laufe war. Dann nahm er das Zündhütchen ab und erſetzte es durch ein friſches. So auf das Schlimmſte vorbereitet, ließ er ſich in den bequemen Fauteuil finken und blickte mit einem gewiſſen ironiſchen Behagen in dem ſchönen, prächtig ausgeſtatteten Gemache umher. Die alten Kupferſtiche nach berühmten Meiſtern, die herrlichen Büſten auf zier⸗ lichen Poſtamenten und Conſolen, die reichgeſchnitzten Möbel, die mit dunkelrothem Plüſch überzogenen Sophas und Stühle, der geſchmack⸗ volle Teppich, den er ſich erſt vor ganz kurzer Zeit angeſchafft und noch nicht bezahlt hatte— das war die Umgebung, wie ſie einem Manne von ſeinem Geſchmack und ſeinen Anſprüchen zuſagte und zukam. Warum hatte ihn das Geſchick nicht in eine Lage gebracht, wo er ſich dieſer, ihm naturgemäß zukommenden Dinge behaglich er⸗ freuen konnte, wie ſo viele Andere, die keinen Deut beſſer waren, als er, es alle Tage thaten? Er war nicht dazu gemacht, zu arbeiten und ſich abzumühen, wie ſein Schwager Peter Schmitz. Und was hatte Peter Schmitz all' ſeine Arbeit und Eyrlichkeit geholfen? Ein armer Mann war er gewefen, ein armer Mann war er geblieben; aber Peter Schmitz war ein geborener Plebejer und hatte Talent zum Armſein;— ich habe das Talent nicht und will's nicht haben. Arthur von Hohenſtein wurde nicht dazu geboren, um ſich zu placken, wie ein Sclave.“ Ein heftiges Klingeln an der Hausthür ließ ihn mit einem Sprunge von dem Stuhle auffahren. Er legte die Hand an die Piſtolen, ſein Herz ſchlug mit furchtbarer Gewalt an ſeine Rippen. Und abermals ertönte das Klingeln— lauter als zuvor. Er wußte, was dieſes Klingeln zu bedeuten hatte; er ſah den 5* Die von Hohenſtein. Polizeidirector mit ſeinen Häſchern vor der Thür ſtehen. Er ſah ſich als Gefangener durch die Straßen auf das Rathhaus geführt; als Gefangener eintreten in denſelben Saal, in welchem er vor ſo kurzer Zeit geſeſſen und mit berathen hatte; er ſah die hämiſchlachenden, er⸗ ſtaunten, unwilligen, beſtürzten Geſichter ſeiner ehemaligen Collegen. Und jetzt pochte es an die Thür. Er ſetzte die Mündung der Piſtole an die Schläfe— im nächſten Augenblick lag ein verſtümmelter Leichnam auf dem koſtbaren unbe⸗ zahlten Teppich. Der Rathsdiener, welcher, um den Stadtrath zu holen, geſandt war, hörte den Knall. Ein jäher Schrecken erfaßte den Mann, dem es ſo ſchon in der öden Straße vor dem feſtverſchloſſenen Hauſe gegenüber den im Nachtwinde rauſchenden Bäumen des Kloſterhofes unheimlich genug geweſen war. Er rannte eiligſt davon, um die Herren auf dem Rathhauſe von dem, was er gehört hatte, zu be⸗ nachrichtigen. Nenntes Capitel. Wolfgang hatte die erſten Stunden ſeiner Gefangenſchaft in einer durch die Umſtände erklärlichen Aufregung zugebracht. Ohne ſich einer beſtimmten Schuld bewußt zu ſein, konnte er ſich doch auch im Sinne derer, welche Gewalt über ihn hatten, nicht für einen Unſchuldigen halten. Seine Freundſchaft für Münzer und Degenfeld, die häufigen Zuſammenkünfte, welche er mit ihnen und anderen Führern der demo⸗ kratiſchen Partei gehabt hatte, ſeine Intimität mit dem Onkel Peter, ſein neulicher Ritt nach Antoniens Gut(wenn der Umſtand, was an⸗ zunehmen war, in der Unterſuchung zur Sprache kam), ſeine Brief⸗ wechſel, ſeine ſchriftlichen Verſuche über ſtaatsrechtliche Themata, die man jedenfalls mit Beſchlag belegen würde, das Alles war ja genug und übergenug, um ein ſtrenges kriegsrechtliches Erkenntniß auf ihn herabzuziehen. . Dritter Band. 69 Doch die Ausſicht auf ein Schickſal, das Anderen als ſehr ſchreck⸗ lich erſchienen ſein würde, bekümmerte den jungen Mann keineswegs. Was ihn peinigte, war der Gedanke, daß man ihm, nicht mit Unrecht, den Vorwurf des zweideutigen Verhaltens würde machen können. Es wäre ſeine Pflicht geweſen, ſich nie auf ein Verhältniß einzulaſſen, in welches er ſeiner ganzen Denkweiſe nach nicht gehörte, oder zum wenigſten aus demſelben zu ſcheiden, ſobald ſich die Unmöglichkeit, mit Ehren in demſelben zu verharren, für ihn klar herausgeſtellt hatte. Was ſollte er auf dieſen Vorwurf erwidern? Die brennende Röthe der Scham ſtieg dem jungen Manne in's Geſicht, wie er in ſeinem Gedankengange an dieſen ſchlimmen Punkt gekommen war. Er ſprang von ſeinem Sitze auf und ging mit heftigen Schritten in dem kleinen Gemache hin und her. „Was kann ich erwidern? womit kann ich ihnen antworten? Mit einem vollſtändigen Glaubensbekenntniß— das iſt eine Pflicht, die ich gegen mich ſelber habe. Ich will ihnen Alles ſagen, was ich über dieſe Zuſtände denke; ich will ausſprechen, was noch kaum Einer aus⸗ zuſprechen gewacht hat; will ihnen ihre kleinliche Tyrannei, ihre eng⸗ herzige Pedanterie, ihr verrottetes Junkerthum mit Flammenworten vorwerfen— mögen ſie dann mit mir machen, was ſie wollen.“ Wolfgang dachte ſich immer mehr in ſeine Lage hinein. Er ſah ſich vor ſeinen Richtern ſtehen; er arbeitete die Rede, die er ihnen halten wollte, in Gedanken aus. Aber dann fiel ihm ein, daß eine gute Rede im beſten Falle eine ſchwächliche That ſei im Vergleich mit der wirklichen That, wie ſie dem Manne zukommt. Und was konnte eine ſolche Rede nützen? was hatte Degenfelds begeiſterte, ſcharf⸗ ſinnige Schrift genutzt? nichts, abſolut nichts! höchſtens hatte ſie die Engherzigen, Kurzſichtigen in ihren ſchimpflichen Vorurtheilen beſtärkt. Was hätte er in dieſem Augenblicke für die Möglichkeit gegeben, der großen Sache ſeinen Arm und ſein Leben weihen zu können! während er hier in dieſer engen Zelle ſich mit nutzloſen Grübeleien und leeren Hirngeſpinſten guälte, verſpritzten Andere in offenem, ehr⸗ lichem Kampfe ihr Blut für die Freiheit...„O, Münzer, Degen⸗ feld: Ihr habt einen ſchlechten Rath ertheilt! Ihr habt den Löwen⸗ antheil für Euch behalten und mir einen Knochen hingeworfen, daran 70 Die von Hohenſtein.„ zu nagen! Wäre ich doch der Stimme meines Herzens gefolgt! ich ſäße jetzt nicht hier gefangen, wie ein Vogel im Käfig, der ſich ver⸗ geblich an dem Gitter die Flügel zerſchlägt.“ Das Geräuſch des Schlüſſels, der leiſe im Schloſſe umgedreht wurde, erregte Wolfgangs Aufmerkſamkeit. Die Thür wurde vorſichtig geöffnet und der Unterofficier Rüchel ſchlüpfte in das Gemach. Wolfgang hatte die tröſtlichen Worte, die ihm auf dem dunklen Gange zugeflüſtert wurden, für den wohlgemeinten Zuſpruch eines ihm wohlgeſinnten Unterofficiers gehalten; es war ihm nicht eingefallen, darauf irgend eine Hoffnung der Befreiung zu bauen. Der uner⸗ wartete Anblick des zierlichen, ſchwarzäugigen Mannes, deſſen Ergeben⸗ heit er bei wiederholten Gelegenheiten erprobt hatte, erfüllte ihn mit einem freudigen Schrecken. „Sie ſind es, Rüchel!“ rief er, mit Lebhaftigkeit die Hand des Eintretenden ergreifend.„Wie kommen Sie hierher, da das andere Regiment heute die Wache hat?“ „Combinirte Wache, Herr Lieutenant,“ erwiderte Rüchel;„habe mich ſpeciell beim Feldwebel gemeldet; aber ſprechen Sie leiſe, Herr Lieutenant; die Wände haben Ohren. Liegt Ihnen daran, frei zu werden, Herr Lieutenant?“ „Können Sie das fragen,“ erwiderte Wolfgang in demſelben leiſen Ton. „Ich meine, ob Sie Luſt haben, ſelbſt etwas zu Ihrer Befreiung zu thun?“ „Alles, was in eines Menſchen Kraft ſteht.“ „Dann halten Sie ſich gegen zehn Uhr bereit; der demokratiſche Club bereitet einen großen Schlag; ich kann nichts weiter ſagen; man varf nicht wiſſen, daß ich hier bin. Ich werde Ihnen das Abendbrod in Gegenwart des Fähndrichs bringen müſſen; bitten Sie dann, um ihn ſicher zu machen, daß man Ihnen die nöthigen Sachen aus Ihrer Wohnung bringt; um zehn Uhr komme ich wieder. Halten Sie ſich bereit.“ Der Unterofficier Rüchel lauſchte an der Thür, ob auch Niemand auf dem Gange ſei; dann ſchlüpfte er ſchnell und leiſe, wie er ge⸗ kommen war, wieder hinaus. — Dritter Band. 71 Es waren peinliche Stunden, die Wolfgang jetzt verlebte. Die gewaltige Senſation, die ſeine Flucht erregen würde, wenn ſie gelang; die Gefahr, der er ſich ausſetzte, im Falle ſie nicht Ein⸗ druck, den ſein Schickſal auf die ihm nahe ſtehenden Perſonen: auf ſeinen Vater, auf Münzer und Degenfeld, auf Onkel Peter, Tante Bella, Ottilie machen würde— das Alles ging ihm wieder und wieder durch den Kopf, ohne daß ſein Entſchluß, das Aeußerſte zu ſeiner Befreiung zu verſuchen, erſchüttert worden wäre. Die zweideutige Lage, in der er ſich ſo lange befunden hatte, war ihm ſo unerträglich geworden, daß im Vergleich mit dieſer der Tod ſelbſt eine Wohl⸗ that ſchien. Am längſten weilten ſeine Gedanken in dem lieben Hauſe in der Ufergaſſe. Von Ottilie ohne Abſchied ſich trennen zu müſſen, erſchien ihm beinahe als eine Unmöglichkeit. Wenn er noch nicht gewußt hätte, daß er Ottilien liebte, ſo hätte er es jetzt erfahren können. Immer wieder drängte ſich ihre theure Geſtalt in alle die bunten und ver⸗ worrenen Bilder der Möglichkeiten ſeiner verhängnißvollen Lage, die ſeine aufgeregte Phantaſie ihm zeigte. Er ſah ſie bei der Nachricht ſeiner Gefangenſchaft erbleichen, bei der Kunde von dem Gelingen ſeiner Flucht in freudigem Schrecken erglühen; und dann wieder kam er als Sieger und Verkünder der Freiheit zurück und ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ſie und nannte ſie ſeine liebe Braut. Die Freiheit und Ottilie— das war ein und daſſelbe Werben! Die beiden Sterne ſollten fortan ſeiner Bahn vorleuchten! Das Erſcheinen ſeines Vetters, des Portespée⸗Fähndrichs Odo und des Unterofficiers Rüchel, von denen ver Erſtere fragte, ob er beſondere Wünſche habe, und der Letztere ihm vas frugale Abendbrod auf den Tiſch ſtellte, erinnerten Wolfgang daran, daß er vorläufig iene glänzende Bahn noch nicht betreten habe. Er erſuchte ſeinen Vetter — deſſen albernes Geſicht bei dieſer Gelegenheit noch um Vieles alber⸗ ner war— einen offen Zettel, den er ſchon geſchrieben hatte, an ſeinen Vater gelangen und ihm außerdem durch ſeinen Burſchen Wäſche und einiges Andere, was er auf einem zweiten Zettel notirt hatte, zu⸗ kommen laſſen zu wollen. Vetter Odo erklärte, daß der Erfüllung dieſer Bitten nichts im Wege ſtehe und entfernte ſich darauf mit ſeinem Die von Hohenſtein. Begleiter, der während dieſer Scene ein barſches, faſt grobes Be⸗ nehmen gegen den Gefangenen beobachtet hatte. mußte über die dummſtolze Herablaſſung, welcher ſich Odo befleißigt hatte, lachen. Offenbar handelte der junge Menſch im Einverſtändniß mit ſeiner Familie, vielleicht im ſpeciellen Auf⸗ trage ſeines Vaters. In dem Augenblick, daß man in ihm nicht mehr den Günſtling des Generals ſah, kam das wahre Geſicht zum Vor⸗ ſchein. Wolfgang war erſtaunt, daß er ſich durch die heuchleriſche Freundſchaft ſeiner Verwandten jemals hatte täuſchen laſſen.„Als ob zwiſchen freiem Menſchenthum und excluſivem Familien⸗ und Kaſten⸗ ſtolz jemals eine Vereinigung beſtehen könnte! Wohl Dir, daß Du, wenn auch ſpät, ſo hoffentlich doch nicht zu ſpät von dieſem Wahne zurückgekommen biſt! In einer Zeit, wo die Gegenſätze ſich ſo ſchroff gegenüberſtehen, iſt das ſchwächliche Vermittelnwollen ganz unnütz und durchaus vom Uebel. Hier heißt es: ſiegen, oder unterliegen. Sie treten uns unter ihre Füße, wo ſie die Macht haben; darum dürfen wir nicht ruhen, bis ſie am Boden liegen.“ Wolfgang verſuchte etwas von der ihm vorgeſetzten Mahlzeit zu eſſen; aber die Koſt des Gefangenen wollte ihm nicht ſchmecken. Er warf ſich, des Umhergehens müde, auf das harte Lager und er hatte nicht lange gelegen, als die Abſpannung nach ſo großer Aufregung ihn trotz ſeines Beſtrebens, wach zu bleiben, einſchlafen machte. Er wurde durch eine Hand, die ſich auf ſeine Schulter legte, geweckt. Er fuhr empor; es war vollkommen dunkel; die Stimme des Unterofffeiers Rüchel ſagte leiſe:„Es iſt Zeit; wir müſſen fort; ſind Sie bereit?“ „Jal!“ „Geben Sie mir Ihre Hand und treten Sie leiſe auf Sie traten aus dem Zimmer auf den ſchmalen dunklen Gang. Am Ende veſſelben ſchloß Rüchel eine Thür auf, durch die ſie auf einen kleinen Hof gelangten, aus dem eine zweite Thür, die ebenfalls verſchloſſen war und von Rüchel geöffnet wurde, in einen langen ver⸗ veckten Gang führte, aus dem ſie nach einigen Zickzackwendungen durch die Werke ſchließlich an dem Wall der Baſtion ankamen. 1 — Dritter Band. 73 „Nun ſchnell den Wall hinauf und auf der andern Seite wieder herunter bis an die Hecke,“ flüſterte Rüchel. Sie krochen den ziemlich ſteilen Wall in die döhe i rutſchten auf der andern Seite hinunter bis ſie zu der ſehr dichten Hecke ge⸗ langten, die ſich am Fuße des Walles den breiten und tiefen Graben entlang zog. „Bleiben Sie nur immer dicht hinter mir,“ flüſterte Rüchel. Sie liefen an der Hecke hin ungefähr hundert Schritt; dann ge⸗ langten ſie an eine Oeffnung derſelben, wo an einem Pflocke ein kleines Boot, deſſen ſich der Wallmeiſter zu bedienen pflegte, befeſtigt war. „Wenn wir ungeſchoren über den Graben kommen, ſo iſt das Schlimniſte überſtanden,„ſagte Rüchel; hoffentlich wird uns die Wache, die oben bei dem Palliſadenhauſe ſteht, nicht ſehen. Im ſchlimmſten Falle müſſen wir einmal auf uns ſchießen laſſen. Bis der Burſche ſich dazu entſchließt, ſind wir aber drüben.“ Es kam genau ſo, wie Rüchel geſagt hatte. So leiſe ſie auch zu Werke gingen, ſie konnten, als ſie die Kette, mit welcher das Boot befeſtigt war, löſten, nicht alles Geräuſch vermeiden. Der Mann auf dem Poſten war ein junger Soldat, der es mit ſeiner Inſtruction ernſt nahm. Er trat an den Rand des Walles und blickte hinab. Glücklicherweiſe waren die Büſche der Hecke gerade an dieſer Stelle ſehr hoch, ſo daß das Boot faſt ein Drittel des Grabens durch⸗ ſchnitten hatte, bevor es dem Soldat zu Geſicht kam. Zwiſchen dieſem Punkte und dem Schatten der Bäume des Glacis von der andern Seite war ein Streifen, den der eben aufgegangene Halbmond ziem⸗ lich hell erleuchtete. Das Boot trat in den hellen Streifen. „Werda!“ rief der Soldat. „Rudern Sie zu, Herr Lieutenant!“ ſagte Rüchel, der am Steuer ſtand. „Werda!“ rief der Soldat noch einmal. Die Spitze des Bootes ſchoß in den Schatten. Ein Blitz und ein Knall; die Kugel ſchlug hinter dem Boot in das Waſſer. „Hurrah!“ ſchrie der übermüthige Rüchel und ſchwenkte die Mütze; „ehe er wieder geladen hat, ſind wir drüben.“ 74 Die von Hohenſtein. Sie landeten an der andern Seite, und liefen durch das Wäld⸗ chen. Rüchel hatte Wolfgang an der Hand gefaßt. „Ich weiß hier beſſer Beſcheid,“ ſagte er;„und wir dürfen den Punkt ni erfehlen, wo uns Cajus erwartet.“ Wolfgang fragte nicht, wie Cajus hierher komme; in dem Drang des Augenblicks erſchien Alles, auch das Unbegreifliche, wenn es nur dem Endzweck der Flucht förderlich war, natürlich und ſelbſtver⸗ ſtändlich. Sie gelangten am Rande des Hölzchens, das hier von Promena⸗ denwegen durchſchnitten wurde, zu einer Stelle, wo mehrere Bänke einen Ruheplatz bezeichneten. Als ſie aus dem Gebüſch traten, kam ihnen ein Mann entgegen, der auf einer dieſer Bänke geſeſſen hatte. Es war Cajus; er trug ein Bündel in der Hand. „Ihr kommt ſehr ſpät, Rüchel,“ ſagte er in ſeiner barſchen, rauhen Weiſe;„fünf Minuten noch und Ihr hättet mich nicht mehr gefunden.“ „Wir konnten nicht eher, lieber Schatz,“ erwiderte Rüchel;„ich hatte zu viele neue Arreſtanten einzuſperren; es ging heute bei uns zu, wie in einem Taubenſchlage.“ „Wir werden lange Beine machen müſſen, bis wir die Andern einholen,“ brummte Cajus.„Beeilen Sie ſich mit dem Umziehen, mein Herr.“ Cajus hatte ſchon das Bündel aufgeſchnürt und die Kleider, die es enthielt, herausgenommen.„Es ſind Ihre eignen Sachen,“ ſagte er,„ich habe ſie mir von Ihrem Burſchen geben laſſen. Dies iſt für Sie, Rüchel.“ Der Wechſel der militairiſchen Kleider mit der bürgerlichen Tracht war bald geſchehen. Rüchel ſtieg auf eine der Bänke und hing die ausgezogenen Sachen an einen Baumzweig. „Die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn denn zuvor,“ ſpottete er. Cajus ſchalt;„Laſſen Sie die Poſſen, Rüchel,“ ſagte Wolfgang. Da krachte ein Kanonenſchuß von dem Fort her. Rüchel ſprang von der Bank herab. „Jetzt wird es Ernſt,“ rief er;„wer hat die längſten Beine!“ Dritter Band. 7 Si Die Drei eilten jetzt aus dem Wäldchen über die Landſtraße in einen ſchmaleren Weg, der ſich zwiſchen Gärten und Häuſern fort, in das freie Feld zog. Als ſie das letztere erreicht hatten, bog Cajus, der die Führung übernommen hatte, rechts, bis ſie den Fluß erreichten. Dann ging es in immer gleicher Eile am Ufer hin zwiſchen dem Waſſer und dem niedrigen Uferrand auf dem Leinpfade. Wolfgang erfuhr nun von Rüchel, der ſich neben ihm hielt, während der ſchweigſame Cajus einige Schritte voran ging, wie ſeine Flucht zu Stande gekommen war. Ueber den Punkt, daß er ſich erboten hatte, das Fort den Verſchworenen auszuliefern, ging der muntere Geſell leicht fort; vielleicht fürchtete er, Wolfgang dürfte dieſe Verrätherei doch noch etwas mit den Augen des Officiers an⸗ ſehen.„Ohne Ihren Burſchen, Herr Lieutenant,“ ſagte er,„wäre die Sache nicht ſo leicht geweſen. Ich gab ihm, als er gegen neun Uhr Ihre Nachtſachen brachte, einen Zettel an Cajus mit: daß Sie gefangen ſäßen, und daß, wenn aus der Ueberrumpelung nichts würde, wir, das heißt: der Herr Lieutenant und ich, um elf Uhr auf dem Platze in dem Wäldchen ſein wollten, von wo uns dann die Herren vom demokratiſchen Club weiter helfen müßten; denn daß die heute Abend auf jeden Fall einen Streich ausführen würden, wußte ich von dem Cajus. Ja, ja, man kann ſich auf die Herren verlaſſen; das ſind Tauſendſappermenter, und deshalb bin ich auch entſchloſſen, es mit ihnen zu hallen, mag's nun biegen oder brechen.“ „Aber wohin führt uns Cajus?“ fragte Wolfgang. „Ich weiß es nicht,“ ſagte Rüchel,„ich habe ihn nicht fragen mögen; thun Sie's einmal, Herr Lieutenant.“ Cajus ſcharfes Ohr mußte die Unterredung gehört haben, denn er mäßigte plötzlich ſeine Schritte und ſagte, als die Beiden heran⸗ gekommen waren:„Ich habe von den Herren Münzer und Degenfeld die mit ungefähr zweihundert der Unfrigen eine halbe Meile vorauf ſind, den Auftrag, Sie zu unſerm Corps zu geleiten, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Gewiß iſt es mir recht!“ ſagte Wolfgang, deſſen Herz bei dieſer Ausſicht, ſo unmittelbar in den Kampf zu gelangen, vor Freuden er⸗ bebte;„und wohin geht der Zug?“ 76 Die von Hohenſtein. Cajus nannte den Namen der inſurgirten Stadt, der zu Hülfe zu ziehen man beſchloſſen hatte. 2 Wolfgang bedurfte keiner langen Auseinanderſetzung, um zu wiſſen, um was es ſich handelte. Er hatte noch am Abend vorher mit Degenfeld und Münzer die Möglichkeiten eines ſolchen Zuges erwogen. Damals hatte er freilich nicht geglaubt, daß aus dieſer Möglichkeit ſo bald eine Wirklichkeit werden ſollte, und noch weniger, vaß er ſelbſt in dieſen Streich verwickelt ſein würde. „Aber wo ſollen wir Waffen hernehmen?“ rief er. „Wir ſind eben im Begriff, uns welche zu holen,“ erwiderte Cajus. Wolfgang hätte wohl Genaueres zu hören gewünſcht; aber Cajus hüllte ſich in ſeine mürriſche Schweigſamkeit und Wolfgang tröſtete ſich darüber mit der frohen Ausſicht, ſo bald mit ſeinen Freunden wieder vereinigt zu ſein. Unterdeſſen machte ein heraufziehendes Gewitter die Nacht immer dunkler und der ohnehin ſchon ſehr beſchwerliche Weg wurde dadurch noch beſchwerlicher. Zuletzt fing es ſogar erſt leiſe, dann immer ſtärker, zuletzt in Strömen zu regnen an⸗ Wolfgang begann an einer unbequemen Mattigkeit zu fühlen, daß er ſeit dem Morgen ſo gut wie nichts gegeſſen hatte; ſelbſt Rüchel hörte auf, Schnurren zu er⸗ zählen und ſeine Lieblingslieder leiſe vor ſich hinzuſummen, wie er es den ganzen Weg über gethan hatte; nur Cajus ſchritt mit unge⸗ brochener Kraft voran und jetzt ſogar noch ſchneller, als zuvor. „Die Dunkelheit war gut, aber der Regen taugt ganz und gar nichts,“ ſagte er;„wenn das noch eine Stunde ſo fortregnet, haben wir ſtatt zweihundert nicht zwanzig mehr zuſammen,“ „Ich wundre mich,“ ſagte Wolfgang,„daß Sie für die Erpeditiou dieſen Weg gewählt haben. Was Sie an Sicherheit gewinnen, büßen Sie durch den Zeitverluſt wieder ein.“ „Bis wir Waffen haben, iſt Sicherheit die Hauptſache,“ entgeg⸗ nete Cajus. „Aber wo wollen Sie auf dieſem Wege Waffen finden?“ „In Rheinfelden, in dem Waffenſaal Ihres Großonkels,“ ent⸗ gegnete Cajus. Dritter Band. S Wolfgang erſchrak. Münzer und Degenfeld hatten über dieſen Punkt ihres Planes geſtern Abend kein Wort geſagt. „Wer hat den Gedanken gehabt?“ rief er. „Ich!“ erwiderte Cajus lakoniſch. „Man wird ſie Ihnen nicht gutwillig geben,“ ſagte Wolfgang. „So nehmen wir ſie mit Gewalt,“ erwiderte Cajus. Wolfgang ſchwieg betroffen und verwirrt. Die Ausſicht auf ein ſehr wahrſcheinliches Zuſammentreffen mit ſeinem Großonkel, vielleicht gar mit Camilla und der Präſidentin unter dieſen Umſtänden hatte etwas unbeſchreiblich Peinliches für ihn. Indeſſen ſah er keinen Aus⸗ weg aus dieſem Irrſal. Nachdem er einmal den Schritt gethan hatte, mit dem er ſich der Revolution in die Arme warf, mußte er die Folgen dieſes Schrittes tragen, ſie mochten ſein, wie ſie wollten. Auch war ihm keine Zeit gelaſſen, ſich eines Anderen zu be⸗ denken, denn Lichter, die plötzlich aus der Dunkelheit linker Hand in geringer Entfernung aufleuchteten, bewieſen, daß ſie an dem Schloſſe angelangt waren. „Sie wiſſen hier beſſer Beſcheid, als ich,“ ſagte Cajus ſtehen bleibend;„wollen Sie die Führung nach dem Schloſſe übernehmen?“ „Folgen Sie mir,“ ſagte Wolfgang entſchloſſen. Er verließ den Uferpfad und ſchritt auf dem ihm ſo wohlbekann⸗ ten Wege an der Parkmauer hin nach dem Thore, das auf den Schloß⸗ hof führte. An dem Thore wurde ihnen ein Werda? entgegengerufen. „Freiheit!“ antwortete Cajus. „Könnt paſſiren!“ ſagte die Wache. „Wie ſteht's?“ fragte Cajus. „Schlecht; die Hälfte iſt zu Hauſe geblieben, die andre Hälfte iſt unterwegs davongelaufen.“ „Dachte mir's!“ brummte Cajus;„der Plan taugte von vorn⸗ herein nichts.“ Sie traten auf den Schloßhof, auf dem ein wunderliches Treiben herrſchte. Ungefähr funfzig Männer ſtanden hier, von dem Licht eines Reiſighaufens, den man entzündet hatte, ſeltſam beleuchtet. Sie vertheilten Waffen unter ſich; aus der weitgeöffneten Hausthür trugen 78 Die von Hohenſtein. 4₰ andere Männer noch immer Waffen heraus. Münzer war bei dem Feuer und leitete die Vertheilung der Waffen. Er begrüßte Wolf⸗ gang mit einem flüchtigen Druck der Hand und einem, wie es Wolf⸗ gang ſchien, ſehr traurigen Lächeln. „Es iſt gut, daß Du hier biſt,“ ſagte er;„obgleich die Sachen hier ſchlecht genug ſtehen. Die Leute werden ſchwierig und haben die größte Luſt, davonzulaufen; Degenfeld iſt im Waffenſaal und ver⸗ liert unnöthige Zeit mit Ausſuchen beſonders guter Gewehre. Geh' zu ihm hinein und ſag ihm: ich ließe ihn bitten, auf jeden Fall ein Ende zu machen. Wir müſſen weiter; es iſt die höchſte Zeit.“ Wolfgang lag ſelbſt ſehr daran, ſobald als möglich von dieſer Stelle fortzukommen, als daß er Münzers Auftrag nicht gern hätte annehmen ſollen, obgleich er allerdings, wenn es zu vermeiden ge⸗ weſen wäre, das Schloß lieber nicht betreten hätte. Indeſſen durfte er hoffen, von keinem der Bewohner erkannt zu werden. Er eilte durch den weiten Vorſaal und dann den langen ſchmalen Corridor hinab. Noch immer begegneten ihm einzelne Leute, die Waffen heraustrugen; er mahnte zur Eile, man antwortete mit höhni⸗ ſchem Lachen: nun ſolle das Plündern erſt recht angehen. Als er in den Gartenſaal trat, der, wie auch der Hausflur und die Corridore von einzelnen Lichtern, die man in aller Eile entzündet hatte, ſpärlich erleuchtet war, hörte er aus dem Zimmer des Generals, welches dem Waffenſaal gegenüberlag, Geſchrei von Weibern, heftiges Schelten und Fluchen der Männer, dazwiſchen glaubte er die Stimme Degen⸗ felds zu vernehmen, die, wie es ihm ſchien, ſich vergeblich bemühte, den Lärm zu übertönen. Wolfgang ſtieß die halb geöffnete Thür auf; ein Blick genügte, ihm klar zu machen, was hier vorging. Degenfeld ſtand mit dem Rücken gegen den erbrochenen Schreib⸗ ſecretair des Generals, in der erhobenen Rechten eine Piſtole, die er auf einen Haufen von Kerlen gerichtet hatte, welche, den Schloſſer⸗ geſellen Chriſtoph Unkel an der Spitze, mit wildem Geſchrei und wüthenden Gebehrden auf ihn eindrangen. An der Erde umher⸗ geſtreute Werthſachen, zerſchlagene Spiegel und andere Zeichen der Zerſtörung bewieſen, daß die Plünderung ſchon im beſten Gange ge⸗ weſen war, als Degenfeld dazukam. Dritter Band. 79 In der Nähe des Fenſters, und noch von Degenfeld zum Theil gedeckt, ſaß der alte General, in den Schlafpelz gehüllt, auf ſeinem Rollſtuhl, neben ihm ſtanden die Präſidentin und Camilla, deren weinende Geſichter und zum Theil zerriſſene Nachtkleider bewieſen, daß ſie perſönlichen Beleidigungen nicht entgangen waren, nachdem ſie ſich eilig aus den Betten erhoben hatten. Es war außer allem Zweifel, daß Degenfelds Leben ernſtlich be⸗ droht war. Nicht blos Chriſtoph Unkel, auch ſeine Spießgeſellen trugen Waffen in den Händen: Schwerter, Flinten, Aexte, die ſie ſo eben erbeutet hatten; und ihre Mienen und Worte bewieſen, daß ſie die größte Luſt verſpürten, dieſe zum Dienſt der Freiheit erbeuteten Waffen vorläufig mit dem Blute ihres Anführers zu beſudeln. „Nieder mit ihm!“ tobte Chriſtoph Unkel;„das fehlte noch, daß wir uns hier von ſo einem verdammten Ariſtokraten befehlen ließen. Weg von den Weibern, oder wir ſchlagen Ihnen den Schädel ein.“ „Hülfe, Rettung!“ kreiſchte die Präſidentin;„um Gotteswillen, Herr von Degenfeld, ſchützen Sie uns!“ Wolfgang hatte einem der ihm zunächſt Stehenden eine Büchſe aus den Händen geriſſen und war im Nu an Degenfelds Seite. „Zurück!“ ſchrie er, die Büchſe am Lauf erfaſſend und zum Schlage ausholend. „Da iſt noch ſo ein Ariſtokrat,“ ſchrie eine Stimme aus dem Haufen;„ſchlagt ihn todt!“ Die Brechſtange, die er in den Händen hielt, über dem Kopfe ſchwingend, mit wüthendem Geheul ſtürzte Chriſtoph auf Degenfeld los. Degenfeld gab Feuer; Chriſtoph fiel vornüber zu Boden, todt oder tödtlich verwundet. Die Andern, als ſie ihren Rädelsführer gefallen ſahen, eilten in wilder Flucht zum Zimmer hinaus. Degenfeld beugte ſich über den am Boden Liegenden Der muskelſtarke Arm, den er anfaßte, fiel bleiern nieder. „Er wollte es nicht anders,“ murmelte Degenfeld. Dann ſich wieder aufrichtend, ſagte er mit trauriger Stimme zu Wolfgang: „Beſchützen Sie die Frauen, lieber Wolfgang, im Falle die 80 Die von Hohenſtein. Canaillen zurück kämen; ich muß zu Münzer hinaus. Vielleicht ſehen wir uns nicht wieder. Leben Sie dann wohl!“ Er drückte Wolfgang die Hand, verbeugte ſich vor dem General und den halb ohnmächtigen Frauen und verließ das Gemach. Wolfgang trat auf den Großonkel zu und ſagte:„Sind Sie im Stande, ſich in das Zimmer nebenan zu begeben?“ Der Alte ſtierte ihn mit blöden Augen an und ſtreckte mechaniſch die Knochenhände nach ihm aus. Wolfgang faßte ihn unter dem Arm, zog ihn aus dem Stuhl empor und führte ihn in das Neben⸗ zimmer, des Generals Schlafgemach. Die Präſidentin und Camilla folgten. Wolfgang ließ ſich den Alten in ſeinen Lehnſtuhl ſetzen. „„S iſt der Junge,“ rief der Alte, der ihn erſt jetzt erkannte, „wahrhaftig,'s iſt der Junge! Was habt Ihr mir denn von ihm vorgelogen, verdammte Frauenzimmer! hab's ja immer geſagt, daß er es gut mit ſeinem alten Großonkel meint!“ Die Präſidentin, die ſich auf einen Stuhl geworſen hatte, ſtreckte die fetten Hände, wie um Verzeihung bittend, nach Wolfgang aus, und machte einen Verſuch in alter Weiſe gnädig zu lächeln; Camilla warf ſich an ſeine Bruſt. „Liebſter Wolfgang!“ rief ſie,„kaunſt Du mir verzeihen!“ Wolfgang machte ſich aus dieſer Umarmung mit einer Schnellig⸗ teit los, die Camilla'n deutlich genug zeigte, daß ihre Bemühung, das Geſchehene vergeſſen zu machen, vergeblich ſei. „Verzeihen Sie,“ ſagte er kalt;„aber Sie irren ſich vollſtändig.“ „Lieber Sohn, wollen Sie denn noch immer zürnen?“ rief die Präſidentin mit überſtrömenden Thränen.. „Befrei' mich von dieſen Banditen, Junge,“ rief der Alte,„und Du ſollſt das Mädel haben, und ſie ſoll den verdammten Fuchs von Medicinalrath zum Teufel ſchicken.“* Camilla bedeckte das Geſicht mit den Händen. „Ich bedaure, Sie aus Ihrem allſeitigen Irrthum reißen zu müſſen,“ ſagte Wolfgang.„Sie müſſen wiſſen, daß ich zu jenen Banditen gehore, wenn ich auch, wie Sie ſehen, ſo wenig wie Herr von Degenfeld, das Banditenthum wörtlich nehme. Ich komme ſo Dritter Band. 81 eben aus dem Gefängniß; Sie werden wohl keinen Deſerteur heirathen wollen, Fräulein Camilla?“ „O, mein Gott, er will uns umbringen,“ rief die Präſidentin. Camilla warf ſich vor der Mutter nieder und verbarg ihr ſchönes Geſicht im Schooß derſelben. „Dazu habt Ihr ihn gebracht, verdammte Frauenzimmer,“ ſagte der General. „Ich ſpreche die Damen von dieſer Schuld los,“ ſagte Wolfgang; „ich laſſe Fräulein Camilla die freieſte Verfügung über ihr Wort, das ſie ja auch, wie ich höre, bereits anderweitig vergeben hat. Sie er⸗ lauben, daß ich dieſe peinliche Scene abkürze und mich nach meinen Freunden umſehe.“ „Er will uns umbringen,“ ſchrie die Präſidentin. In dieſem Augenblicke ertönte ein Schuß und gleich darauf ein zweiter und dritter, dann krachte eine Gewehr⸗Salve, daß die Fenſter⸗ ſcheiben erklirrten. Wolfgang ſtürzte aus dem Zimmer und durch das vordere Ge⸗ mach, in welchem der Leichnam des wilden Chriſtoph noch immer auf dem Teppich lag, in den Gartenſaal. Hier begegnete ihm Rüchel. „Gott ſei Dank, daß ich Sie finde!“ rief der treue Burſche; „wir kommen nicht mehr auf den Hof; ſie ſind mir auf den Hacken.“ Der Schritt von Soldaten, die den Corridor herauf ſtürmten, beſtätigte dieſe Worte. Nur ein Ausweg war: durch die Glasthür in den Park. Wolfgang riß ſeinen Gefährten nach dieſer Seite. Glück⸗ licherweiſe war die Thür nicht verſchloſſen. Es war die höchſte Zeit. Die Kugeln, die man ihnen nachſchickte, ſchlugen durch die Scheiben, daß ihnen die Glasſplittern um die Köpfe flogen. „Wo ſind die Unſern?“ fragte Wolfgang, als ſie eiligen Laufs den Rand des Teiches erreicht hatten. „Gott mag's wiſſen,“ entgegnete Rüchel;„es geht Alles drunter und drüber.“ „Wir müſſen ſie finden,“ ſagte Wolfgang. „Ich gehe, wohin Sie gehen,“ ſagte Rüchel. Das Schießen, das zuerſt vom Hofe her erſchallt war, kam jetzt, Fr. Spielhagen's Werke. IR. 6 „ 82 Die von Hohenſtein. aber ſchwächer, von der rechten Seite des Parks, aus den Weingärten, die zwiſchen dem Parke und dem Dorfe Rheinfelden lagen. „Folgen Sie mir!“ ſagte Wolfgang;„ich weiß den kürzeſten Weg.“ „Nur immer zu!“ ſagte Rüchel. Sie waren kaum funfzig Schritte von dem Teiche fort, als ganz in ihrer Nähe von der rechten Seite mehrere Gewehre auf ſie abge⸗ feuert wurden. Sie wandten ſich nach links. Wer da! erſchallte es auch hier und wiederum trachten Schüſſe. Glücklicherweiſe beſchützte ſie die Dunkelheit, welche, trotzdem der Regen aufgehört hatte und der Mond wieder vom Himmel leuchtete, unter den Bäumen und zwiſchen den Büſchen noch ziemlich dicht war. „Sie haben eine Poſtenkette um das Schloß gezogen,“ flüſterte Rüchel; wir müſſen uns durchzuſchleichen ſuchen.“ Sie blieben ein paar Minuten liegen, um wo möglich die Stellung der Poſten zu recognosciren. Als ſie ſich über die der nächſten unter⸗ richtet zu haben glaubten, krochen ſie vorſichtig weiter und gelangten unangefochten bis an den Saum des Gebüſches, das hier einen ziem⸗ lich großen Raſenplatz umkränzte, in deſſen Mitte ein verfallener Pavillon ſtand. Der Mond ſchien hell auf den Platz und glitzerte auf den Bayonnetten der Gewehre von ungefähr einer halben Compagnie, dem Gros der Plänklerkette, durch die ſie ſoeben glücklich gekommen waren. Während ſie noch überlegten, was ſie thun ſollten, wurde das Feuern in den Weingärten, das in der letzten Zeit faſt ganz aufgehört hatte, wieder lebhafter. Der Führer der Compagnie ließ das Signal zum„Sammeln“ geben; Wolfgang und Rüchel wußten ſehr wohl, daß die Poſtenkette ſich jetzt auf das Soutien zurückziehen werde und ſie ſelbſt in Folge deſſen zwiſchen zwei Feuer kommen würden. „Es bleibt nichts Anderes übrig, als ruhig liegen zu bleiben und abzuwarten, ob ſie an uns vorübergehen werden,“ flüſterte Rüchel. „Ich denke, wir ſuchen uns an dem Rande der Wieſe weiter zu ſchleichen,“ erwiderte Wolfgang;„von jener Stelle dort, wo die großen Bäume ſtehen, iſt es nur wenige Schritte bis zu einer kleinen Pforte in der Parkmauer, die ſo von Geſtrüpp überwuchert iſt, daß ſie Nie⸗ mand kennt.“ „Iſt mir auch recht,“ ſagte Rüchel. Dritter Band. 83 Im Schutz des tiefen Schattens der Büume ſchlichen ſie nun vor⸗ ſichtig an dem Rande der Wieſe hin und ſie hatten die von Wolfgang bezeichnete Stelle faſt erreicht, als ſie ganz plötzlich auf eine Patrouille ſtießen, die nach dieſer Seite abgeſchickt geweſen war, und jetzt, durch das Knacken der trockenen Zweige aufmerkſam gemacht, Gewehr bei Fuß auf die Herankommenden, die ſie für einen zurückkehrenden Doppel⸗ poſten gehalten haben mochten, gewartet hatte. „Wir müſſen uns durchſchlagen,“ flüſterte Wolfgang. „Iſt mir recht,“ erwiderte Rüchel. „Halt! wer da?“ rief der Führer der Patrouille. „Gut Freund!“ rief Wolfgang, indem er auf den Ueberraſchten und Erſchrockenen zuſprang und ihm das Gewehr aus den Händen riß. Rüchel ſtürzte ſich auf einen zweiten. Ein Handgemenge ent⸗ ſtand. Die Verzweiflung gab den beiden Angreifern mehr als gewöhn⸗ liche Kraft. Sie warfen nieder oder ſtießen bei Seite, was ſich ihnen in den Weg ſtellte, und hatten bald das Pförtchen erreicht. Aber ſie konnten nicht unbemerkt durch daſſelbe entſchlüpfen, denn die Verfolger waren dicht hinter ihnen. Da ihnen außerhalb des Parkes die Strecke bis zum Dorfe, mit Ausnahme der Bäume, die an der einen Seite des die Felder durchſchneidenden Grabens ſtanden, faſt gar keinen Schutz gewährte, ſo war ihre Lage jetzt mißlicher, als je. In der That hatten ſie kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als die Soldaten aus dem Pförtchen hervorbrachen. Sie riefen ſich gegen⸗ ſeitig zu, um ſich zur eifrigeren Verfolgung anzufenern; ſie glaubten jetzt offenbar, ihrer Beute ſicher zu ſein. Dazu kam, daß vom Dorf her Trommelſchall ertönte; alſo auch das Dorf war beſetzt. Jede Rettungshoffnung ſchien verloren. „Wir wollen ſie herankommen laſſen und unfer Leben ſo theuer wie möglich verkaufen!“ rief Wolfgang. „Mir auch recht!“ ſagte Rüchel. Plötzlich ſtand eine Geſtalt hinter ihnen, die aus den mit Buſch⸗ werk dicht überwachſenen Trümmern der eingeſtürzten Dorfmauer her⸗ vorgetaucht war. „Ich bin's, der Balthaſar,“ ſagte eine Stimme, deren milden Klang Wolfgang nicht wieder vergeſſen hatte;„ſchnell, lieber junger 6* 84 Die von Hohenſtein. Herr, und wer bei Ihnen iſt: folgen Sie mir und kein Menſch ſoll Ihnen das liebe Leben rauben.“ Balthaſar ergriff Wolfgang an der Hand und zog ihn in die Büſche. Rüchel folgte ihnen auf dem Fuße. „Jetzt auf die Kniee und mir nur muthig nachgekrochen,“ ſagte Balthaſar. Wolfgang wiederholte das Wort an Rüchel. „Mir auch recht,“ ſagte Rüchel. Sie krochen auf Händen und Füßen in eine Spalte, die aus den übereinander geſtürzten Steinen entſtanden ſchien. Die Spalte war ſo eng, daß es an mehr als einer Stelle Wolfgang ſehr ſchwierig war, ſeine breiteren Schultern hindurchzuzwängen; auch Rüchel ſchien ſeine große Noth zu haben, denn er brummte ſehr und machte dazwiſchen luſtige Bemerkungen über die bedenkliche Lage. „Jetzt halt!“ rief Balthaſar. „Halt!“ ſagte Wolfgang. „Mir recht!“ ſagte Rüchel;„aber, wenn ich bitten darf, nicht zu lange, ich bin gar nicht müde.“ „Es geht jetzt eine Leiter von zehn Sproſſen hinauf,“ ſagte Balthaſar, und kletterte voran. Wolfgang folgte. Rüchel kam hinter⸗ drein und zog, auf Balthaſars Geheiß, die Leiter nach. Sie konnten jetzt aufrecht ſtehen; Balthaſar zündete eine kleine Laterne an. Sie ſahen nun, daß ſie in einem etwa vier Fuß breiten und ſechs Fuß hohen, gleichmäßig gemauerten Gange ſtanden, der erſt allmählig, dann ſteiler in die Höhe in vielfachen Windungen bis an eine ſchwere eiſerne Thür führte, die Balthaſar öffnete und nachdem ſie hindurchgegangen waren, mit Schloß und Riegel wohl verwahrte. Sie befanden ſich in einem kellerartigen Raum, der zu groß war, als daß ihn das ſchwache Licht von Balthaſars Laterne nach allen Seiten hätte erleuchten können. Aus dieſem Raum führte eine ſehr ſchmale und ſteile Treppe durch die Dicke der Mauer in die Höhe auf einen niedrigen Gang, aus welchem ſie auf einer kleinen Leiter durch eine Fallthür in das Wolfgang pereits bekannte Thurmgemach traten. Balthaſar zog die kleine Leiter herauf, deckte die Klappe über die Oeffnung, ſtellte die Laterne auf den Tiſch und begrüßte Wolfgang, Dritter Band. indem er ihn an beiden Händen faßte und mit herzlichſten Worten willkommen hieß. „Habe ich es nicht geſagt,“ rief er,„daß ich Sie einſt hier in meinem Thurme in Sicherheit bringen würde! Wie das doch ſo wunderbar eingetroffen iſt!“ Dann bemühte er ſich mit einer rührenden Sorglichkeit für ſeine Gäſte. Er brachte grobe, aber reinliche Wäſche herbei und drang in die beiden jungen Männer, ſich doch umzukleiden, denn der heftige Regen während des Marſches und ſodann ihr Umherkriechen in Buſch und Gras hatte ſie ganz und gar durchnäßt. Unterdeſſen räumte er die Bücher von dem Tiſch und trug Brod, Butter, Käſe und eine Flaſche Wein auf; bereitete dann wieder, während die Beiden ihren Hunger ſtillten, aus Decken und Röcken ein Lager, auf welches ſich die beiden Abenteurer bald darauf mit einer Müdigkeit ausſtreckten, die nach den ungeheuren Anſtrengungen dieſes Abends erklärlich genug war. Rüchel hatte die kecken ſchwarzen Augen, mit denen er die wunderliche Einrichtung des Thurmgemaches wie etwas, das ſich ganz von ſelbſt verſtand, betrachtet hatte, kaum zugemacht, als er auch ſo⸗ fort einſchlief. Wolfgang ſah noch, wie durch einen Schleier, daß Balthaſar in dem Gemache mit leiſen Schritten hin und wieder ging und die entſtandene Unordnung möglichſt beſeitigte; dann ſah er ihn an dem Tiſche ſitzen und beim Schein ſeiner Laterne in einem dicken Buche leſen, und dann umhüllte ihn, wie ein weiches, köſtliches Ge⸗ wand, ein tiefer, traumloſer Schlaf. Jehntes Capitel. Als Wolfgang am nächſten Morgen aus dem Schlafe erwacht war und von ſeinem Lager aus, auf den Ellbogen geſtützt, in dem Thurmgemache um ſich blickte, wußte er im erſten Augenblick ſo gar nicht, wie er in vieſe wunderliche Lage gekommen, daß er ſich an den Kopf faßte, um ſich zu vergewiſſern: es ſei kein Traum, ſondern volle 86 Die von Hohenſtein. Wirklichkeit, was ihn hier umgab. Erſt der Anblick des braven Rüchel, der an der entgegengeſetzten Seite des Gemaches ſo feſt ſchlief, als ob die harten Dielen, auf denen er lag, die bequemſte Matratze und der große Foliant, den er ſich unter den Kopf geſchoben, das weichſte Daunenkiſſen wäre, brachte ſeine Gedanken auf die rechte Bahn. Eines nach dem andern gingen die Ereigniſſe des vergangenen Tages an ſeinem wachen Geiſte vorüber: die Unterredung mit Kettenberg, der Wortwechſel mit dem Obriſten, ſeine Verhaftung, Gefangenſchaft, Flucht, der nächtliche Marſch nach Rheinfelden, die Begegrung mit ſeinem Großonkel, mit Camilla und der Präſidentin, ſchließlich ſeine Rettung aus dräuendſter Todesgefahr durch den treuen Balthaſar. Wie anders erſchien ihm heute in dieſer ſtillen nüchternen Morgen⸗ ſtunde Alles, was er geſtern in der fieberhaften Aufregung gedacht, geſagt, gethan hatte! Geſtern war das Außerordentliche ſelbſtver⸗ ſtändlich, das Abenteuerlichſte alltäglich geweſen; heute blickte er nicht ohne ein Gefühl ſtaunender Verwunderung in den tiefen Abgrund, der ſich zwiſchen ſeiner jüngſten Vergangenheit und ſeiner jetzigen Lage aufgethan hatte. Jetzt war der entſcheidende, nicht wieder rück⸗ gängig zu machende Schritt geſchehen aus dem alten Gleiſe des Her⸗ kömmlichen auf eine neue Bahn, deren Ende in einer mit Gefahren aller Art angefüllten, dunklen Zukunft lag. 2 Wolfgang gab ſich nicht die vergebliche Mühe, dieſes Dunkel mit prophetiſchen Blicken durchdringen zu wollen. Es genügte ihm, zu wiſſen, daß, wie die Zukunft auch beſchaffen ſein möge, ſie ihm doch die Qualen, die Demüthigungen einer freigeborenen Seele, die ſich in unwürdigen Verhältniſſen wund und müde ringt, nun und nimmer wieder bringen könne; daß, wie ſich auch ſein Schickſal ge⸗ ſtalten möge, er doch nicht länger wie ein Opferthier getrieben und geſtoßen werde; daß, möge kommen, was da wolle, er doch endlich, endlich„der Thätes ſeiner Thaten“ ſei. Dieſes ſtolze Bewußtſein hob ihn, wie mit Adlerfittigen, empor über jede kleinliche Sorge um das eigne Wohl und Wehe; aber je ſicherer er ſich ſelbſt im Gefühl der neu errungenen Freiheit fühlte, mit um ſo innigerer Theilnahme kehrten ſeine Gedanken zu denen zurück, die er hinter ſich gelaſſen und die der Rückſchlag des Sturmes, Dritter Band. 87 den ſeine Entweichung aus der Haft ohne Zweifel aufregen würde, zuerſt treffen mußte. Wie würde vor allen ſein Vater die Nachricht aufnehmen? welche Folgen konnten für den vereinſamten unglücklichen Mann aus einer That erwachſen, durch die der Sohn das letzte ſchwache Band, daß ſie Beide mit der übrigen Familie verknüpfte, für immer zerriſſen hatte? Nicht ohne ernſte Bekümmerniß konnte Wolfgang daran denken, wenn er ſich auch ſagen mußte, daß, ihn und den Vater fallen zu laſſen, von der Familie längſt beſchloſſen war. Die Brutalität des Obriſten, der Präſidentin und Camilla's Verweilen in Rheinfelden, das Benehmen derſelben und die Reden des Alten bei der merkwürdigen Scene in der vergangenen Nacht— Alles bewies zur Genüge, daß Kettenberg auf das Genaueſte unter⸗ richtet geweſen war. Und dann! wie hätte er anders handeln ſollen? handeln können? Der Vater ſelbſt würde ihm nicht zugemuthet haben, wie ein ſtumpfer Sclav ohne Widerſtand den Nacken unter die Füße der Uebermüthigen zu beugen. Er hatte ertragen, was ein Menſch ertragen kann, der nicht alles Selbſtgefühls, aller Selbſt⸗ achtung baar iſt; ja, er hatte vielleicht des Demüthigenden ſchon zu viel ertragen. Es giebt eine Grenze, über die hinaus ſelbſt die Pflicht der äußerlichen Dankbarkeit erliſcht, die ein Sohn gegen den Vater hat. Wie das Weib die Eltern laſſen ſoll, um an ihrem Manne zu hangen, ſo muß der Mann ſeiner Ueberzengung folgen und wäre es auch um den Preis vorübergehender oder gänzlicher Entfremdung von denen, die ihm das Leben gaben. Denn über den ehrwürdigen Ge⸗ ſetzen der Natur ſteht ein höheres, heiligeres Geſetz, das von dem Geiſt dietirt wird, für deſſen erhabene Zwecke die Familie und ſelbſt der Staat nur Stoff und Mittel ſind. Wohl ihm, dem ein gütiges Geſchick erlaubt, in trauter Gemeinſchaft mit den Blutsverwandten und Genoſſen nach dem Höchſten zu ringen; aber wehe dem, der, wenn die Stunde ſchlägt, wo er ſich entſcheiden muß, kein Verſtändniß hat für jenes große Wort, welches den Lebendigen befiehlt, die Todten ihre Todten begraben zu laſſen. Wie heroiſch dieſe und ähnliche Entſchlüſſe auch ſein mochten, ſo waren ſie doch nicht im Stande, Wolfgang's weiche, liebevolle Seele gänzlich zu beruhigen, und immer wieder kehrten ſeine Gedanken zu 88 Die von Hohenſtein. dem Vater zurück. Hätte er den Vater in einer glücklichen, oder auch nur ſicheren Lage gewußt, es würde ihm leichter geworden ſein, ja, er würde es vielleicht für verdienſtlich gehalten haben, ſein, des Aben⸗ teurers, Schickſal von dem Schickſol Jenes zu trennen; aber er hatte einen Verlaſſenen verlaſſen, einen Unglücklichen vielleicht noch unglück⸗ licher gemacht. Das brannte in ſeiner Seele; und was er auch an Troſigründen aufbringen mochte, wie oft er ſich auch wiederholen mochte, daß er dem Vater durch ſein Bleiben doch nicht hätte helfen können— ſein Herz wollte von dem Allen nichts wiſſen. Er mußte ſich mit Gewalt aus einer Stimmung reißen, die ſeine Kraft zu bewältigen und den trotzigen Muth, deſſen er ſo ſehr be⸗ durfte, gänzlich zu erſchüttern drohte. Hatte er doch wahrlich Grund genug, ſich mit den eigenen Angelegenheiten zu beſchäftigen! und konnte er doch, wie die Sachen nun einmal lagen, ſeinem Vater und Allen, die an ihm Theil nahmen, keinen beſſeren Dienſt erweiſen, als wenn er ſich aus der drohenden Gefahr, als Deſerteur ergriffen zu werden, rettete. Ein Zurück gab es für ihn unter keiner Bedingung mehr; alſo vorwärts unter jeder Bedingung. Er erhob ſich von ſeinem Lager und brachte ſeinen Anzug, ſo gut es gehen wollte, in Ordnung. Balthaſar, den er hinter einem Bretter⸗ verſchlag in einer Ecke des Gemaches ſchlafend vermuthete, war nicht da; aber der gute Mann hatte, bevor er den Thurm verließ, für Alles geſorgt. An friſchem Waſſer fehlte es nicht, ebenſowenig an einer Waſchſchaale, neben der ein ſauberes Handtuch hing. Auf dem Tiſche war ein Frühſtück bereitet, und an der vollen Weinflaſche, die neben dem Brod und der Butter ſtand, hing ein Zettel, auf welchem in des Schulmeiſters zierlicher Handſchrift Folgendes geſchrieben war: „Ich bin zum Recognosciren ausgegangen und werde vielleicht erſt gegen Abend zurückkommen. Sorgen Sie nicht, daß mir ein Unglück zuſtößt; ich werde alle mögliche Vorſicht brauchen. Sehen Sie ſich unterdeſſen in dem Thurme um; aber vermeiden Sie jedes Geräuſch, die Truppen ſind noch ganz in der Nähe. Auf Wiederſehen, lieber junger Herr.“ Wolfgang hatte in der vergangenen Nacht vor dem Einſchlafen das Nöthigſte über die letzten Ereigniſſe mitgetheilt und zugleich ſeinen ——————————— Dritter Band. 89 Entſchluß, ſich, ſelbſt in dem wahrſcheinlichen Falle, daß Münzers Corps vollſtändig zerſprengt ſei, nach der inſurgirten Stadt, oder weiter nach Süden zur Revolutionsarmee durchzuſchlagen. Er erinnerte ſich, daß Balthaſar ihn gebeten hatte, wenigſtens ſo lange in dem ſichern Aſyl des Herenthurmes zu bleiben, bis er(Balthaſar) nähere Erkun⸗ digungen über den Ausgang des Gefechts, ſowie überhaupt über die Lage der Dinge draußen eingezogen hätte. Ohne Zweifel war die treue Seele noch in der Nacht zu dieſem gefährlichen Unternehmen aufgebrochen. Wolfgang dachte nicht ohne Sorge an das Schickſal, das ihm und dem braven Rüchel bevorſtand, im Falle der Schulmeiſter aufgefangen würde, und ſie in dieſem Thurm, aus dem kein Entrinnen möglich ſchien, eingeſchloſſen wären. Dann tröſtete er ſich aber mit der Hoffnung, daß der merkwürdige Mann, der in der Kunſt, ſich vor den Augen ſeiner Mitmenſchen verborgen zu halten, einen ſo außer⸗ ordentlichen Scharfſinn bewieſen habe, diesmal, wo es ſich um Leben und Tod ſeiner Schützlinge handelte, ſich gewiß keiner Unvorſichtigkeit ſchuldig machen werde. Jedenfalls blieb keine andere Wahl, als die Rückkehr Balthaſars in Geduld abzuwarten. Das Geräuſch, das Wolfgang beim Ankleiden nicht vermeiden konnte, hatte Rüchel geweckt, der ſich nun auf ſeinem harten Lager aufrecht ſetzte, die Augen rieb, mit einiger Verwunderung in dem Ge⸗ mache umherſah, dann auf die Füße ſprang, und Wolfgang mit einem fröhlichen:„Guten Morgen, Herr Lieutenant!“ begrüßte. Die muntern ſchwarzen Augen des braven Burſchen waren für Wolfgang ein wahrer Troſt und er erwiderte den freundlichen Gruß nicht minder freundlich. Rüchel war ſehr ſchnell mit ſeiner Toilette fertig und folgte dann Wolfgangs Einladung, ihm bei dem Frühſtück Geſellſchaft zu leiſten, mit einer gewiſſen treuherzigen Beſcheidenheit, die deutlich bewies, daß er in ſeinem Schickſalsgenoſſeu von heute noch immer den Vorgeſetzten von geſtern reſpectire. Wolfgang hatte manche Frage an ſeinen Befreier zu richten, welche dieſer mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Offenherzigkeit beantwortete. „Ich habe den Herrn Lieutenant von Anfang für einen ſehr lieben Herrn gehalten,“ ſagte er;„und für viel beſſer, als alle die anderen Officiere im Regiment, den Major von Degenfeld nicht ausgenommen, 90 Die von Hohenſtein. der wohl auch recht gut gegen uns war, zu dem man aber doch nicht ſo ein rechtes Herz faſſen konnte. Ja, ja, Herr Lieutenant, Sie mö⸗ gen's mir nun glauben, oder nicht; aber Sie haben eine Liebe in der Compagnie gehabt, daß Sie Alles mit uns hätten machen können. Ich habe die Burſchen mehr als einmal ſagen hören: für den Herrn Lieutenant von Hohenſtein laſſen wir uns todtſchlagen. Das habe ich dem Cajus auch geſagt und er hat gemeint: dazu könnte vielleicht auch noch Rath werden, denn Sie wären im Herzen ein rechter Demokrat und die Herren vom Demokratiſchen hielten Alle große Stücke auf Sie.“ Wolfgang fragte, ob Rüchel ſchon früher mit Cajus in Verbindung geſtanden habe, und Rüchel erwiderte: „Ich kenne ihn erſt ſeit dem letzten Winter. Er kam manchmal des Abends in den„Schwarzen Bären,“ wo immer viele Soldaten verkehren, und da ſetzte er ſich wohl zu uns und erzählte von Amerika, wo er viele Jahre geweſen iſt, von den Indianern und Büffeljagden und von Californien. Und wenn wir Alle mit offenen Mäulern da⸗ ſaßen, fing er an von der Amerikaniſchen Verfaſſung zu ſprechen und wie ſie drüben Alles hätten, wonach die Leute in Europa verlangten: Freiheit und Gleichheit und Republik, und daß Jeder, der als Freier in Amerika geboren ſei, Präſident werden könne, wenn er nur ſonſt ein geſcheidter Kerl ſei. Das gefiel uns Allen über die Maßen, be⸗ ſonders mir; ich habe nämlich immer den Wunſch gehabt, ein recht freies und luſtiges Leben zu führen, und Soldat war ich auch nur ge⸗ worden, weil ich gedacht hatte, dabei müſſe doch mehr herauskommen, als bei dem Bretterhobeln— ich bin nämlich ein gelernter Schreiner, Herr Lieutenant— aber der Cajus ſagte: bei den militairiſchen Ver⸗ hältniſſen, wie ſie bei uns zu Lande beſtänden, käme gar nichts heraus als lauter Noth und Elend. Na, Herr Lieutenant, das muß wahr ſein: wenn man's ſo recht bedenkt, iſt es ein Jammer ſo ein Soldaten⸗ oder Unterofficierleben, beſonders für einen Burſchen, der etwas Grütze im Kopf hat und recht gut ſieht, daß viele Herren Officiere vom Handwerk oft nicht ſo viel verſtehen, als unſer Einer. Das ging mir nun ſehr im Kopfe herum und der Cajus hatte mit mir bald gewon⸗ nenes Spiel.“ S— Dritter Band. 91 Rüchel erzählte nun weiter, wie Cajus ihn nach und nach in's Vertrauen gezogen, und wie er(Rüchel) ihm wieder andere Kameraden zugefährt habe, ſo daß im ganzen Bataillon zuletzt nur noch etwa ein Dutzend Unterofficiere geweſen wäre, die mit Cajus nicht in Verbin⸗ dung geſtanden hätten. Bei allen dieſen Verhandlungen ſei Wolfgangs Namen immer zuerſt genannt worden und habe in den meiſten Fällen den Ausſchlag gegeben, denn Cajus habe ſtets behauptet: er rede und handle gar nicht in ſeinem eigenen Intereſſe, ſondern nur auf Befehl des Lieutenant von Hohenſtein, der dem Herrn ven Degenfeld und den andern Herren vom Demokratiſchen auf ſein Ehrenwort verſprochen habe, das zweite Bataillon der Neunundneunziger bis zum Frühjahr republikaniſch zu machen. Wolfgang war nicht wenig erſtaunt, als er ſo nachträglich erfuhr, welche Rolle er in der republikaniſchen Bewegung von Rheinſtadt, ohne es zu wiſſen, geſpielt hatte. Er zweifelte keinen Angenblick, daß Cajus, ohne von Degenfeld oder Münzer dazu autoriſirt zu ſein, in der Weiſe des Fanatikers, dem jedes Mittel recht iſt, dieſen gefährlichen Miß⸗ brauch mit ſeinem Namen getrieben habe. Es lag auf der Hand, daß ſeine Situation viel gefährlicher geweſen war, als er irgend gedacht hatte; und jetzt erklärte ſich ihm auch die Handlungsweiſe des Obriſten, der ohne Zweifel nicht gewagt haben würde, ſeinen Neffen auf ein bloßes unbedachtes Wort hin zu verhaften, wenn er ſeine species facti nicht mit Beweiſen des Hochverraths, die mindeſtens in den Augen des Kriegsgerichts unumſtößlich waren, hätte ausſtatten können. Wolf⸗ gang ſah jetzt, daß er ſich aus einer vielleicht vieljährigen Feſtungs⸗ haft errettet hatte, während er dem ſtürmiſchen inſtinctiven Drange nach Freiheit gleichſam blindlings folgte, und dieſe Ueberzeugung be⸗ rnhigte ihn in Beziehung auf den Vater. Einer kriegsrechtlichen Ver⸗ urtheilung war am Ende eine Deſertion noch immer vorzuziehen; zum wenigſten konnten den Vater die Folgen der letzteren Fatalität nicht ſchwerer treffen, als die der erſteren. Es konnte nicht fehlen, daß die Gefährten im Laufe des Morgens wiederholt auf die näheren Umſtände ihrer kühnen Flucht zu ſprechen kamen, und hier konnte Wolfgang ſich nicht genug darüber wundern, wie in dieſer ganzen Sache Zufall und Abſicht durcheinandergeſpielt 92 Die von Hohenſtein. hatten. Es ſtellte ſich heraus, daß Rüchel anfänglich geglaubt hatte, Wolfgang habe ſich abſichtlich verhaften laſſen, um hernach in dem von den Verſchworenen überrumpelten Fort den Befehl zu übernehmen. Darauf hatte ſich ſeine erſte ironiſche Aeußerung:„daß Wolfgang nicht lange gefangen ſitzen werde,“ bezogen. Später war ihm in Folge einiger Worte, die er an der Thür der Oſſicierwachtſtube, in welcher ſich einige Kameraden zur Beſprechung des ſeltenen Falles zuſammengefunden hatten, erlauſchte, dieſe Annahme wieder bedenklich geworden, und er hatte es deshalb vorgezogen, Wolfgangs Burſchen mit dem Zettel an Cajus abzuſenden, in welchem dieſer aufgefordert wurde, ihm und Wolfgang zur Flucht behülflich zu ſein. Auf Wolf⸗ gangs Einwurf: wie er die Tollkühnheit hätte begehen können, den Erfolg des Planes ſo gleichſam auf eine einzige Karte zu ſetzen, ant⸗ wortete er leichthin:„Ich wußte, daß Ihr Burſche ein guter, treuer Kerl war; und dann, Herr Lieutenant: wer nicht wagt, nicht gewinnt. Wenn ich in meinem Leben nicht immer darauf hingeſteuert wäre, hätte mich der Teufel ſchon längſt geholt.“ Nachdem Rüchel ſo Wolfgangs Neugierde befriedigt hatte, glaubte er ſeinerſeits auch das Recht zu haben, Einiges über den„wunder⸗ lichen Sz zu erfahren, in deſſen Behauſung ſie ſich augenblicklich befanden. Wolfgang theilte ihm, ſo weit es anging, das Wenige mit, was er ſelber wußte, und Rüchel war mit dem Wenigen vollkommen zufrieden: daß ihr Wirth derſelbe Schulmeiſter ſei, den alle Welt ſeit zwei Monaten für todt gehalten hatte, ſetzte ihn nicht eben in Ver⸗ wunderung. Je abenteuerlicher und ſeltſamer etwas war, um ſo be⸗ quemer paßte es in des Mannes phantaſtiſchen Kopf. Die ſeltſame Ausſtattung des Gemachs; die großen Bücher in ſchweinsledernen Einbänden, die Mineralien, getrockneten Pflanzen, Büchſen und Schach⸗ teln, angefüllt mit ihm gänzlich unbekannten Dingen— das Alles muſterte er mit dem größten Behagen, und dabei ließ er es nicht an Bemerkungen fehlen, die Wolfgang, ſo ernſt auch ſeine Stimmung war, mehr als einmal zum Lachen brachten. Dann wurde es dem unruhigen Geiſte in dem Gemache zu eng, und er bat Wolfgang um die Erlaubniß, ſich etwas in den unterirdiſchen Gängen, durch die ſie geſtern Nacht gekommen ſeien, umſehen zu dürfen. Wolfgang mochte —————— Dritter Band. 93 ihm dieſe Erlaubniß um ſo weniger verſagen, als er ſelbſt das Ver⸗ langen hatte, die Geheimniſſe des Hexenthurms kennen zu lernen. So entzündeten ſie denn die Laterne, die an einem Nagel an der Wand hing, und ſtiegen durch die Fallthür in die unteren Räume hinab. Es ergab ſich, daß der ganze Hügel, auf welchem der Thurm ſtand, von mehreren Keller⸗Etagen unterminirt war. In der unterſten Etage kamen ſie auch an den Gang, den ſie geſtern heraufgeſtiegen waren; indeſſen wagten ſie ſich nicht allzuweit hinein, da die beklemmende Enge des Gewölbes und die Unebenheit des Bodens den Weg ſehr erſchwerten. Ueberdies führten aus dieſem Gange noch andere Gänge ſeitwärts, ſo daß ſie fürchten mußten, ſich zu verirren, um ſo mehr, als auch die Laterne zu verlöſchen drohte. Sie waren eben wieder in dem Thurmgemache angelangt, als ſie durch Trommelſchall ganz in ihrer Nähe erſchreckt wurden. Ihr erſter Gedanke, daß ihr Verſteck entdeckt ſei, beſtätigte ſich glücklicherweiſe nicht. Sie konnten deutlich hören, wie Soldaten, welche in unmittel⸗ barer Nähe des Thurmes auf der Dorfſtraße ſtehen mußten, ſich über die Ereigniſſe der verfloſſenen Nacht unterhielten. Auch Wolfgangs und Rüchels Namen wurden genannt: es war kein Zweifel, daß man ſie bei dem letzten Kampf mit der ihnen entgegenkommenden Patrouille erkannt hatte. Sie hörten, wie ein Mann ſich rühmte, er habe den Lieutenant auf's Korn genommen gehabt und würde ihn auch ſicher todt geſchoſſen haben, wenn ihm ſein Nebenmann im Augenblick, als er das Gewehr abdrückte, nicht an den Ellbogen geſtoßen hätte. Ein Anderer erzählte: er ſei den Beiden ſo nahe geweſen, daß er ſie faſt mit der Bayonnetſpitze hätte erreichen können; da ſei er über die ver⸗ dammten Steine geſtolpert und als er ſich wieder aufgerafft, ſeien ſie verſchwunden geweſen. Wenn der Teufel ſie nicht geholt habe, ſo wiſſe er nicht, wo ſie geblieben feien.— Eine heiſere Stimme, welche Rüchel als die eines Feldwebels vom erſten Bataillon erkannte, ver⸗ wies dem Soldaten ſeine Aeußerung, da man den Teufel nicht an die Wand malen dürfe. Uebrigens ſeien die Flüchtlinge wohl jedenfalls durch das Dorf bis an das Ufer gelaufen, hätten ſich dort, ebenſo wie die Andern, die entkommen wären, in einen Kahn geworfen, und ſeien den Fluß hinabgeſchwommen. Er(der Feldwebel) habe es ja 94 Die von Hohenſtein. genug geſagt man müſſe vor allen Dingen das Ufer beſetzen; aber wer höre den auf einen alten Soldaten, der die Befreiungskriege ſchon habe! Rüchel wollte ſich todtlachen. Es ſei doch zu närriſch, hier, nur durch ein paar Fuß Mauerwerk von den Verfolgern getrennt, im ſichern Verſteck zu ſitzen! Was die draußen wohl für Geſichter machen würden, wenn er ihnen durch die ſchmale Oeffnung oben in der Mauer hinabriefe: er ſei der Teufel, den der Soldat an die Wand gemalt habe und wolle nun die ganze Geſellſchaft holen. Wolfgang mußte ſeine ganze Autorität aufbieten, um den übermüthigen Geſellen von tollen Poſſen, die leicht einen ſchlimmen Ausgang nehmen konnten, abzuhalten. Er ſtellte Rüchel vor, daß ihre Lage durch die Nähe dieſes Trupps, den man ohne Zweifel nach alter umſtändlicher Ge⸗ wohnheit noch tagelang„zur Beobachtung“ an dieſer Stelle laſſen werde, wieder höchſt bedenklich werde. Wenn man vielleicht ſogar einen Poſten nach der Feldſeite hinaus ſtelle, ſo werde es Balthaſar beinahe unmöglich werden, zu ihnen zurückzukehren, zum wenigſten für mehrere Tage; und wie weit ſie mit den Lebensmitteln in des Schul⸗ meiſters Speiſeſchrank und mit der einzigen noch übrigen Flaſche Wein reichen würden, möge Rüchel ſich ſelbſt ſagen.— Dies letztere Argu⸗ ment blieb nicht ohne Eindruck. Rüchel behauptete, von Allem, nur nicht von der Luft leben zu können. Unter dieſen und anderen Geſprächen verging ihnen der Tag ſchneller, als Wolfgang bei ſeiner Ungeduld, den Schulmeiſter wieder da zu haben, es für möglich gehalten hatte. Rüchel war unerſchöpflich in luſtigen Garniſon⸗Geſchichten; auch gab er Wolfgang, auf deſſen Wunſch, einen Abriß ſeines Lebens— das ſeltſamſte Gemiſch von Leichtfinn und Gutmüthigkeit, das man ſich nur denken konnte. In dem Thurm begann es bereits vor Sonnenuntergang zu dunkeln, und es dauerte nicht lange, ſo war es vollkommen Nacht. Ein heftiger Wind heulte um den alten Bau und pfiff durch die ſchmalen in der Höhe angebrachten Spalten, die ſtatt der Fenſter dien⸗ ten. Ein ſtarker Regen geſellte ſich dazu; zum wenigſten hörtn die Eingeſchloſſenen das Gurgeln des Waſſers, das ſich durch die Ritzen des alten Gemäuers einen Weg ſuchte. Von den Soldaten vernahm Dritter Band. 95 man nichts mehr; dennoch wagten ſie kein Licht anzuz? den, da Wolf⸗ gang nicht wußte, ob der Schein deſſelben nicht doch außen bemerkt werden könnte. Rüchel hatte, ſobald es anfing dunkel zu werden, für Wolfgang ein Lager zurecht gemacht. Man könne nicht wiſſen, ob der Alte ſo bald wieder komme, meinte er, und ſo auf dem kahlen Fußboden zu campiren, ſei der Herr Lieutenant doch nicht gewohnt. Er ſelbſt ſtreckte ſich, in einen alten Mantel des Schulmeiſters gehüllt, auf die Dielen, legte ſich wieder einen Folianten unter den Kopf und war nach weni⸗ gen Minuten feſt eingeſchlafen, nachdem Wolfgang ihm hatte ver⸗ ſprechen müſſen, ihn nach zwei Stunden zu wecken, wo er dann ſeiner⸗ ſeits die Wache übernehmen wolle. So ſaß denn nun Wolfgang, auf den Ellbogen geſtützt, im Dunkeln und horchte durch den Sturm und den Regen auf jedes Geräuſch, das ſich ſonſt etwa vernehmen ließ. Unter den morſchen Dielen fingen die Ratten an zu nagen und zu poltern; einige Mal war es ihm, als ob er pfeifen und rufen hörte; aber er überzeugte ſich, daß es Käuzchen und andere Nachtvögel waren, die um das alte Gemäuer flatterten. Die Schauer einer ſolchen Wacht erfüllten ſeine Seele mit einem eigenthümlichen Luſtgefühl, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Er dachte wohl an die Gefahren ſeiner Lage, aber nur mit dem freudigen Bewußtſein, daß ſeine Kraft und ſein Muth dieſen Gefahren gewachſen ſeien. Hatte er doch geſtern zur Genüge erfahren, daß das Glück dem Muthigen hilft! Was wäre aus ihm geworden, wenn er geſtern Nacht gezaudert hätte, den toll⸗ kühnen Fluchtverſuch zu wagen! Er ſäße jetzt noch gefangen, in der Gewalt ungerechter Menſchen, in deren Augen er ein abſcheulicher Verbrecher war, oder die es geradezu, wie ſein Onkel und ſeine Vettern, auf ſein Verderben abgeſehen hatten; ſäße gefangen, ohne Hoffnung auf Befreiung; würde aller Wahrſcheinlichkeit nach jahrelang gefangen ſitzen, während draußen in der Welt auf blutigen Schlachtfeldern das Schickſal der Menſchheit für dies Jahrhundert entſchieden wurde. Jetzt durfte er hoffen, an dieſem Kampfe Theil zu nehmen, ſo, wie es ihm das Herz gebot, und, mochte er nun fallen oder ſiegen, immer würde es auf der Seite des Rechtes und der Gerechtigkeit ſein. Und warum ſollte das gute Recht nicht ſiegen! warum ſollte nicht in tau⸗ 96 Die von Hohenſtein. ſend und aber tauſend Herzen die Begeiſterungsflamme hell auflodern, wie in dem ſeinen? Hatte er ſich doch auch durch ſo manche Zweifel und Bedenken durchkämpfen müſſen, bis er zu der felſenfeſten Ueberzeugung kam, daß im Vergleich zu dem Einen, was Noth thue, jede andere Rückſicht ſchwinden müſſe. Freitich konnte ſich der junge Mann nicht verhehlen, daß nicht Alle, die ſich unter das heilige Banner der Freiheit drängten, mit reinen Herzen und Händen kamen. Fanatiſche Schwärmer, wie Cajus, leichtſinnige Wagehälſe, wie Rüchel, gemeines Geſindel, wie er es geſtern Nacht in den wilden Scenen auf dem Schloſſe kennen gelernt — waren das die rechten Bauſteine zum glorreichen Tempel der Zu⸗ kunft? Aber die geiſtgeborne Idee muß ſich des gemeinen Materials der Wirklichkeit bedienen, um in die Erſcheinung zu treteu. Das hatte er ja in ſo vielen ſchlafloſen Nächten endlich in ſich ausgemacht; er wollte ſich dieſe Ueberzeugung durch Nichts wieder rauben laſſen. Ein Schauer der Begeiſterung durchbebte ſeine bis zum tiefſten Grunde erſchütterte Seele. Wie mit überirdiſcher Gewalt ergriff es ihn, ſo daß er ſich von ſeinem Lager erhob und, beide Hände nach oben ſtreckend, ſich gelobte: durch alle Noth und Gefahr der großen und guten Sache, der er ſich geweiht, treu zu bleiben bis in den Tod. Und wie er dies mit ſtummen bebenden Lippen ſchwur, ſah er vor ſich in der Höhe, von Licht durchfloſſen, Ottiliens vielgeliebtes Antlitz, das ſich mit mildem Lächeln zu ihm neigte. Er hatte das Licht nicht geträumt; es war ein Strahl des Mon⸗ des geweſen, der durch die Spalte ihm gegenüber auf die Mauer ge⸗ fallen war. Er mußte lächeln, als er ſich davon überzeugte; aber es war ein glückliches Lächeln.„Ich habe Dich doch geſchaut, Du liebes Bild,“ ſprach er bei ſich,„und es iſt ja auch weiter kein Wunder, daß vas leibliche Auge zu ſehen glaubt, wovon unſere Seele ſo ganz erfüllt iſte⸗ Er ſtreckte ſich wieder auf ſein Lager und horchte wieder auf die ſeltſamen Stimmen der Nacht. Der Sturm und der Regen, die in der letzten halben Stunde nachgelaſſen hatten, fingen bald mit noch größerer Heftigkeit zu wüthen an. Wolfgang hörte das gern, denn das Unwetter mußte Balthaſar zu gute kommen, deſſen langes Aus⸗ bleiben ihn doch nach gerade zu beunruhigen anfing. Dritter Band. 97 Da glaubte er unter ſich ein Geräuſch zu vernehmen, wie wenn Jemand die Treppe, welche durch die Mauer führte, heraufkam. Er ſprang auf die Füße; in demſelben Augenblick ſiel ein ſchwacher Licht⸗ ſchein durch die Spalten der Fallthür; die Fallthür wurde von unten aufgedrückt, und Balthaſar, der eine kleine Laterne in der Hand trug, erſchien in der Oeffnung. Wolfgang begrüßte den treuen Mann mit größter Freude; Balthaſar ſtellte die Laterne auf den Tiſch, faßte beide Hände Wolfgangs und ſagte:„da bin ich wieder, lieber, junger Herr; die Zeit iſt Ihnen wohl recht lang geworden, aber ich mußte den dunkeln Abend benutzen, und der Weg von der Stadt bis hier iſt lang.“ „Sind Sie denn in der Stadt geweſen?“ rief Wolfgang voll Verwunderung. „Gewiß,“ erwiderte Balthaſar, eine Reiſetaſche, die er über der Schulter getragen hatte, abhängend und auf den Tiſch legend;„ich dachte, es würde Ihnen lieb ſein, da Sie ſo über Hals und Kopf fort gemußt, wenn die Ihrigen erführen, daß Sie in Sicherheit ſind, und ſo bin ich denn, ſobald das Thor geöffnet war, in die Stadt ge⸗ ſchlichen und zu meinem Freunde Köbes gegangen.“ „Kennen Sie denn den auch?“ „Schon ſeit fünfundzwanzig Jahren, wo er Kutſcher bei der alten Excellenz geweſen iſt.“ „Erzählen Sie; erzählen Sie!“ ſagte Wolfgang;„da haben Sie auch gewiß von meinem Veter gehört? ihn vielleicht ſelbſt geſprochen?“ Balthaſar hatte ſich nach dem Tiſch gewandt, ſo daß Wolfgang ſein Geſicht nicht ſehen konnte, als er erwiderte: „Geſprochen habe ich ihn nicht; aber es geht ihm gut, ſo viel ich weiß. Der Köbes iſt in der Stadt herum geweſen und hat Mancherlei in Erfahrung gebracht, das ich Ihnen mittheilen will, wenn Sie mir vorerſt erlauben wollen, mich etwas umzuziehen, denn ich bin arg durchnäßt.“ Balthaſar trat hinter den Verſchlag, kam bald wieder dahinter hervor, ſetzte ſich zu Wolfgang an den Tiſch und ſagte flüſternd: „Laſſen Sie uns, während Ihr Begleiter ſchläft, das Nöthige in Ueber⸗ Fr. Spielhagen's Werke. IRK. 7 98 Die von Hohenſtein. legung ziehen. Zuerſt muß ich Ihnen aber den Inhalt dieſer Taſche überliefern; ſie kommt von Ihren Verwandten in der Ufergaſſe.“ Wolfgang blickte den wunderbaren Mann erſtaunt fragend an, Balthaſar lächelte. „Ja, ja,“ ſagte er:„auch dort bin ich geweſen, denn ich wußte von dem Köbes, daß Sie dort wie Kind im Hauſe ſind. Herr Schmitz wollte anfänglich ſelbſt mitkommen, um Ihnen Lebewohl zu ſagen; aber ich überzeugte ihn, daß das nicht wohl angehe; ſo ſchickt er Ihnen denn Gruß und dieſen Brief und dieſes Päckchen mit Geld⸗ Das Letztere ſollte ich Ihnen erſt unterwegs zuſtellen, aber ich denke: Sie ſind zu vernünftig, als daß Sie verſchmähen ſollten, was Ihnen ein Freund in der Noth reicht.“ Wolfgang erröthete. Das Wort des Tempelherrn im Nathan fiel ihm ein:„Ihr wißt, wie gute Menſchen denken ſollten,“ aber er ſagte nichts und öffnete das unverſiegelte Briefchen, das nur dieſe wenigen Worte enthielt:„Lieber Wolfgang! Du biſt in den Strudel hineingetrieben; ich habe es vorausgeſehen, aber Du biſt einer von den Menſchen, die ihren eigenen Weg gehen müſſen und bei denen man ſicher ſein darf, daß ſie über kurz oder lang den rechten Weg finden werden. Halte Dich brav, muthiger Schwimmer! Wie ſehr mir Dein Schickſal am Herzen liegt, weißt Du; in dieſer ernſten Stunde darf ich Dir ja wohl ſagen: daß ich den Sohn meiner Mar⸗ garethe liebe, wie ein Vater ſeinen Sohn, mit dem er ſchelten würde, wenn er nicht zu ſtolz auf ihn wäre.— Peter Schmitz.“ Wolfgangs Augen waren feucht, als er den Brief langſam zu⸗ ſammenfaltete und in ſeine Bruſttaſche ſteckte. „Und hier,“ ſagte Balthaſar,„iſt ein Ring. Die ihn mir gab, ſagte: Sie würden ſchon wiſſen, von wem er komme; und hier,“ fuhr er ſchnell fort, als wolle er Wolfgang Gelegenheit geben, das un⸗ ſchätzbare Kleinod unbemerkt in Sicherheit zu bringen,„was noch fonſt in der Taſche iſt: Wäſche und Anderes, deſſen ein Wanderer bedarf, das hat die gute Dame, die ſie Tante Bella nannten, unter vielen Thränen und tauſend Wünſchen für Ihr Wohl mit aller Sorgfalt zuſammengepackt.— Im Uebrigen weiß ich nicht viel Gutes zu be⸗ richten. Die Expedition iſt, wie Sie ſelbſt ſchon fürchteten, vollſtändig 6 Dritter Band. 99 verunglückt; das ganze Corps iſt zerſprengt; Viele ſind gefeigen ein⸗ gebracht worden; Mehrere ſind getödtet und verwundet; nur Wenige haben ſich gerettet, wahrſcheinlich weil ſie den Muth hatten, ſich durch⸗ zuſchlagen. Zu dieſen Letzteren müſſen Dr. Münzer und Herr von Degenfeld gehören; jedenfalls hat man von ihnen nichts wieder ver⸗ nommen. Die inſurgirte Stadt hat ſich den Truppen ergeben; der Aufſtand in jener Gegend iſt ſo gut wie erloſchen. Es wird uns nichts übrig bleiben, als Ihren Plan auszuführen, den Süden zu ge⸗ winnen und uns der Revolutionsarmee anzuſchließen.“ „Uns?“ ſagte Wolfgang, ſeine Hand auf die Hand des Schul⸗ meiſters legend;„Sie wollen ſich in einen verzweifelten Krieg ſtürzen? Sie, die Sie das blutige Handwerk der Waffen aus Herzensgrunde verabſcheuen?“ „Ich will Sie nur begleiten,“ erwiderte Balthaſar, die ſanften, blauen Augen liebevoll auf Wolfgang richtend;„wenn Sie nichts da⸗ wider haben, und Sie einen Menſchen, dem Tag und Nacht gleich ſind, und der ſich wenig aus Wind und Weiter macht, auf Ihrer Wanderung brauchen zu können glauben. Wenn ich auch nicht kämpfen kann und mag, ſo giebt es ja im Kriege ſo Manches zu thun, woran der Kämpfer nicht denken kann; das ſoll dann mein Theil ſein. Und dann treibt mich noch etwas aus meinem Aſyl.“ Balthaſar beugte den Kopf noch näher zu Wolfgang und flüſterte noch leiſer:„Die fürchterliche Frau, vor der ich in dieſes Mauerloch geflohen bin, iſt heute aus dem Gefängniſſe entlaſſen und wird hierher in das Dorf kommen. Ich kann den Gedanken, ſie ſo in meiner un⸗ mittelbaren Nähe zu wiſſen, nicht ertragen. Ich muß fort, nehmen Sie mich mit!“ „Von Herzen gern,“ ſagte Wolfgang, die dargebotene Hand er⸗ greifend;„wir wollen zuſammenhalten als wackere Geſellen in Freud und Leid und Noth und Gefahr.“ „Da vergeſſen Sie mich aber auch nicht, Herr Lieutenant,“ fagte Rüchel, der mittletweile aufgewacht war und die letzten Worte, die Wolfgang mit lauterer Stimme geſprochen, vernommen hatte. „Gewiß nicht,“ erwiderte Wolfgang, dem guten Burſchen die andere Hand entgegenſtreckend. 7* 100 Die von Hohenſtein.. „W'r müſſen aber ſogleich aufbrechen,“ ſagte Balthaſar;„der Mond iſt untergegangen; wir müſſen vor Sonnenaufgang weit von hier ſein.“ „Ich bin bereit,“ ſagte Wolfgang. „Iſt mir recht,“ ſagte Rüchel. Elſtes Capitel. Es war an einem wunderſchönen Sommermorgen, als die drei Abenteurer nach langer und überaus beſchwerlicher Wanderung den Rand des Gebirges erreichten. Zu ihren Füßen wand ſich durch ein allmälig breiter werdendes Thal ein Fluß, deſſen vielfach gewundenen Lauf, auch da, wo er ſich ihren Blicken entzog, im Laub der Bäume und Büſche faſt verſteckte Ortſchaften deutlich genug bezeichneten. „Hier iſt gut ſein,“ rief Rüchel, indem er der Länge nach im Schatten der hohen Bäume ſich lagerte.. Wolfgang trat aus dem Schatten heraus an eine Stelle, die, weiter vorſpringend, einen freieren Blick in die Landſchaft gewährte, und ſchaute, auf ſeinen langen Wanderſtab gebogen, aufmerkfam in die Gegend. Balthaſar, der unterdeſſen aus der Reiſetaſche den Mundvorrath auf einer Serviette, die er über den Raſen deckte, aus⸗ gebreitet, und ſeine Feldflaſche aus einer nahen Quelle, die plätſchernd und brauſend zu Thal eilte, gefüllt hatte, ſtellte ſich neben Wolfgang. „Das muß die Eberburg ſein,“ ſagte Wolfgang, auf die Ruinen eines Schloſſes deutend, welche jenſeits des Fluſſes den Gipfel eines Hügels krönten, der aus der Sohle des Thals ſich zu mäßiger Höhe erhob.„Meinen Sie nicht?“ „Nach der Beſchreibung des Jägers kann es kaum etwas Anderes ſein,“ erwiderte Balthaſar. „Und wie groß ſchätzen Sie die Entfernung?“ Drei Stunden mindeſtens, wobei uns der Uebergang über den Fluß noch nicht aufhalten darf.“ Dritter Band. 101 „Ich wollte nur, wir wären erſt drüben,“ ſagte Wolfgang.„Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn die Regulären ihre Vorpoſten den Fluß hinauf bis in dieſe Gegend geſchoben hätten. Iſt die Eberburg wirklich, wie der Jäger ſagte, ſchon ſeit acht Tagen von den Frei⸗ ſchärlern beſetzt, ſo mögen wir uns immerhin auf ein Rencontre mit unſern Freunden gefaßt machen.“ „Wäre es dann nicht beſſer, wir warteten bis zur Nacht, bevor wir den Uebergang wagten? Von dieſem Platze aus ſteht uns der Rückzug in die Wälder jeden Augenblick frei. Sind wir einmal unten im Thal, werden wir weiter müſſen, wir mögen wollen, oder nicht.“ „Ich glaube, in der Lage ſind wir bereits jetzt, lieber Balthaſar,“ rief Wolfgang;„nach Allem, was wir über die Bewegung der Truppen gehört haben, können ſich die Freiſchärler auf einem ſo vorgeſchobenen Poſten nicht einen Tag länger halten. Warten wir die Nacht ab, ſo laufen wir Gefahr, die Burg, anſtatt von unſern Freunden, von unſern Feinden beſetzt zu finden. Das Beſte wäre, wir marſchirten gleich weiter; aber eine Raſt müſſen wir halten. Ich habe Rüchel beobachtet. Er ſchleppte ſich die letzte Meile nur noch eben weiter, obgleich er es nicht Wort haben wollte; und ich glaube, auch uns Beiden wird eine Stunde Ruhe nach einem fünfſtündigen Marſche willkommen ſein.“ „Nun, was haben die Herren beſchloſſen?“ fragte Rüchel als die Beiden wieder zur Lagerſtätte kamen. „Wir wollen eine kurze Raſt machen.“ „Je länger, je lieber!“ rief Rüchel, indem er ſich in dem Graſe reckte und dehnte;„ich bin müde wie ein Hund; jetzt darf ich es ja wohl ſagen.“ „Armer Burſch!“ ſagte Wolfgang;„es war aber auch eine Par⸗ forcetvur! Bleiben Sie ruhig liegen; ich will Ihnen Ihr Butterbrod hinbringen.“ „Das fehlte noch,“ rief Rüchel, indem er ſchnell in die Höhe ſprang:„wenn es ſich um das Frühſtück handelt, bin ich munter wie eine Lerche.“ Trotz dieſer Verſicherung wollte das Frühſtück dem Uebermüdeten gar nicht munden; er brachte mit aller Mühe und nur mit Hülfe eines 102 Die von Hohenſtein. tüchtigen Schluckes Branntwein(des letzten in der kleinen Feldflaſche) einige Biſſen herunter; dann ſchlich er wieder an ſeinen Platz und war nach wenigen Sekunden feſt entſchlafen. „Wollen Sie ſich nicht auch hinlegen, lieber Herr?“ ſagte Bal⸗ thaſar; der Tag wird ſehr heiß werden. Sie wiſſen, ich brauche wenig Schlaf.“ Wolfgang behauptete durchaus nicht müde zu ſein, aber er hatte kaum ein paar Minuten dageſeſſen, und dem Zirpen der Cicaden in vem ſonnverbrannten Graſe gelauſcht, und dem Flimmern der Luft auf dem heißen Erdboden zugeſchaut, als ihm die Augen zufielen und ſein Haupt an den Stamm des Baumes, an welchem er lehnte, ſank. Balthaſar bog leiſe die tief herabhängenden Zweige ſo, daß ein noch dichterer Schatten auf die Schlummernden fiel, dann ſetzte er ſich ſtill wieder hin und ſchaute bald auf jene, bald in das Thal zu ſeinen Füßen, das in blendendem Sunnenſcheine unter ihm lag. Eine Stunde mochte ſo verfloſſen ſein, dann erhob ſich Balthaſar und berührte ſanft Wolfgangs Schulter, der ſogleich in die Höhe ſprang. Auch Rüchel, den das Geräuſch erweckt hatte, rieb ſich die Augen. „Wie ſteht's Rüchel!“ fragte Wolfgang. „Munter wie ein Fiſch,“ rief Rüchel;„ah, war das ein Schlaf! ich habe ſogar von meinem Schatz geträumt. Das iſt ein gutes Zeichen.“ „So wollen wir das gute Zeichen benutzen,“ ſagte Wolfgang lächelnd;„auf Rüchel! in drei Stunden haben wir die Eberburg erreicht.“ „Und was machen wir, wenn wir den Fluß beſetzt finden?“ fragte Balthaſar. „Wir ſchleichen uns durch„ ſagte Rüchel, den Ränzel auf die Schulter ſchwingend;„wir verſtehen das! nicht wahr, Herr Lieutenant?“ „Wollen ſehen,“ erwiverte Wolfgang;„hoffentlich kommen wir unangefochten hinüber.“ Die drei Wanderer ſtiegen jetzt einen Fußpfad, der von der Höhe, wo ſie Raſt gemacht hatten, in's Thal führte, hinab. Zu ihren Füßen lag ein Dörfchen, aber ſo tief unter hohen Bäumen verſteckt, daß ſie nicht viel mehr als einige Häuſerdächer davon wahrnehmen konnten. War das Dörfchen nicht beſetzt, und war es möglich, an dieſer Stelle „— —— v Dritter Band. 103 über den Fluß zu kommen, ſo hatten ſie gewonnen. Bald gelangten ſie, vorſichtig vorwärts ſchreitend, zu den erſten Hütten. Bis dahin hatten ſie nichts Verdächtiges wahrgenommen; aber ohne vorherige ſorgfältige Recognoscirung das Dorf zu betreten, ſchien nichts deſto weniger unräthlich. Rüchel, deſſen Gewandtheit in ſolchen Dingen erprobt war, ſchlich ſich daher an den Hecken weiter, während die bei⸗ den Andern in ſicherem Verſteck verborgen blieben. Nach ungefähr zehn Minuten kam Rüchel zurück, mit halb ängſtlicher, halb lachender Miene. „Gott ſei Dank, daß wir nicht ſo ohne Weiteres hineingelaufen ſind,“ flüſterte er;„in dem Dorf liegt ein Unterofficier mit zehn Mann. An dem Ufer ſteht ein Poſten; der Bauer, den ich ſprach, ſagte: ſie ließen Nichts weder hinüber, noch herüber. Ich klagte ihm meine Noth; ſei ein armer Handwerksgeſell, müſſe hinüber. Da ſollte ich bis zum nächſten Dorfe, ſagte er: das ſei nicht beſetzt; ſei auch eine Fähre da; der Fluß iſt nicht zu paſſiren; er hat hier überall hüben oder drüben ſo tiefe Stellen, daß Roß und Reiter darin verſaufen können.“ „Sie können ja Beide ſchwimmen,“ ſagte Balthaſar;„laſſen Sie mich hier!“ „Das fehlte noch,“ ſagte Wolfgang;„weiter zum nächſten Dorf!“ Sie ſchlichen durch die Büſche, zwiſchen den Weingärten, das Dorf, das ſie eben berührt hatten, in einem weiten Bogen umkreiſend. Es war ein mühſeliger Marſch. Auf dem ſchwarzen Schiefer, aus denen die Berge zum größten Theil beſtanden, brannte die Sonne mit faſt unerträglicher Gluth. Dazu kam, daß ſie fortwährend gebückt gehen mußten, um von der Landſtraße aus, die ſich am Ufer hinzog, und auf der ſie mehrere Menſchen gehen ſahen, nicht bemerkt zu wer⸗ den. Unglücklicherweiſe geriethen ſie in eine tiefere Schlucht, aus der ſie ſich nur mit Mühe und nachdem ſie längere Zeit die Landſtraße gänzlich aus den Augen verloren hatten, wieder herausarbeiteten⸗ Dafür hatten ſie aber auch die Genugthuung, ihr Ziel, das ſie noch ziemlich entfernt vermutheten, bereits erreicht zu haben. Es that ihnen wahrlich Noth. Der beſchwerliche Weg in der übergroßen Hitze hatte ihre Kräfte erſchöpft. Ihre Lippen lechzten nach einem Labetrunk; ſie 104 Die von Hohenſtein. mochten es ſich nicht verſagen, als ſie an dem kleinen weinlaubum⸗ rankten Wirthshauſe am Ufer anlangten, für einen Augenblick einzu⸗ treten, um den quälenden Durſt mit einem Glaſe Wein zu löſchen. Ein ſchlankes, ſchwarzäugiges Mädchen bediente ſie flink und willig. Rüchel bemerkte, daß die hübſche Kleine unter ihren langen dunklen Wimpern hervor wiederholt zu Wolfgang blickte, und er konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Bemerkungen darüber zu machen. Das Mädchen antwortete ſchnippiſch und Wolfgang verwies ihm ſeine Unart:„Trinken Sie Ihren Wein, Rüchel, und halten Sie uns nicht auf; die Minuten ſind koſtbar.“ Er hatte das kaum geſagt, als auf dem Pflaſter vor den wein⸗ laubumrankten Fenſterchen der eilige gleichmäßige Schritt, den nur Soldatenſtiefel ſchreiten können, erſchallte. Alsbald wurde auch die Thür aufgeriſſen und ein Unterofficier trat, mit dem Gewehr in der Hand, in das Zimmer. In der Thür, die er offen ließ, erſchienen mehrere Soldaten. Der Unterofficier trat auf die Abenteurer zu, die ſich in nicht geringer Beſtürzung von ihren Plätzen erhoben hatten. Ein Blick in des Mannes ſonnverbranntes bärtiges Geſicht genügte, Wolfgang und Rüchel mindeſtens darüber zu beruhigen, daß ſie es nicht mit Leuten von ihrem eigenen Regiment zu thun hatten. Der Unterofficier forderte ihnen in barſchem Tone ihre Legiti⸗ mationspapiere ab. Die Abenteurer hatten ſich für einen derartigen Fall ein Märchen ausgedacht, das Rüchel nun mit großer Zungen⸗ fertigkeit vortrug. Er ſelbſt und Wolfgang waren Schreinergeſellen, Balthaſar ein Schneider; ein Trupp Freiſchärler hatte ſie heute Morgen in dem Walde ihrer Felleiſen beraubt und dem Schneider nur die ſchäbige Reiſetaſche gelaſſen. Der Herr Unterofficier ſollte ſie doch nicht noch unglücklicher machen, als ſie nach Verluſt aller ihrer Habſeligkeiten ſchon wären.“ Der Unterofficier wollte wiſſen,„weßhalb ſie ſich in dem Dorfe, durch welches ſie eben gekommen waren, ſo genau nach der Stellung der Freiſchaaren und der Truppen erkundigt hätten. Das ſei im höchſten Grade verdächtig; und weshalb ſie nicht, wie andere ehrliche Leute, auf der Landßraße gegangen ſeien? Das ſollten ſie einmal erklären.“ Auch darauf wußte Rüchel eine Antwort. ————— — Dritter Band. 105 „Du lieber Himmel, Herr Unterofficier,“ rief er mit kläglicher Stimme;„wollen Sie uns verdenken, daß wir keinem Menſchen mehr trauen? Die verdammten Freiſchärler rauben uns aus, die Herren Soldaten wollen uns nicht paſſiren laſſen; wo ſollen wir armen Teufel denn Muth herkriegen, uns an die helle Sonne zu wagen? Aber mir iſt Alles Eins; machen Sie mit uns, was Sie wollen; ſchießen Sie uns meinetwegen todt, ich habe das Hundeleben ſatt.“ Rüchel ſetzte ſich wieder auf die Bank und ſtützte, wie in Ver⸗ zweiflung, den Kopf in beide Hände. Er hatte ſeine Rolle ſo meiſter⸗ haft geſpielt, daß der Unterofficier, deſſen Scharfſinn überdies nicht eben groß ſein mochte, an der Wahrheit der ihm gemachten Aus⸗ ſagen kaum zu zweifeln ſchien.„Leider ſeien ſeine Inſtructionen der Art, daß er Leute ohne Legitimation durchaus nicht paſſiren laſſen dürfe; er müſſe in das nächſte Dorf flußabwärts ſchicken und dem Officier, der dort liege, die Sache melden. Der möge dann darüber entſcheiden, ob ſie ihren Weg fortſetzen dürften; bis dahin hätten ſie ſich als Gefangene zu betrachten.“ Er ging hinaus und ſchloß die einzige Thür, die das Zimmer hatte, hinter ſich ab. „Da ſäßen wir in der Falle,“ ſagte Rüchel, die Gefährten mit einer Miene, die noch halb dem unglücklichen Schreinergeſellen und halb ſchon wieder dem luſtigen Schelme gehörte;„was thun wir nun?“ „Jedenfalls wollen wir nicht die Ankunft des Officiers abwarten,“ erwiderte Wolfgang;„wenn wir nur wüßten, wieviel ihrer ſind!“ „Einer patrouillirt vor dem Fenſter, ſo viel iſt gewiß,“ ſagte Rüchel. In dieſem Augenblicke wurde leiſe an einen kleinen hölzernen Laden gepocht, der, wie ſie jetzt erſt bemerkten, in der Seitenwand des Zimmers angebracht war. Rüchel lief hin; der Laden wurde zurückgeſchoben; durch die Oeffnung ſchaute das Geſicht der hübſchen Kellnerin. „Holdes Kind,“ ſagte der galante Rüchel,„hilf uns hinaus, und ich heirathe Dich auf der Stelle.“ „Ihn will ich gar nicht,“ ſagte die Kleine ſchnippiſch. „Aber meinen Collegen?“ fragte Rüchel. 106 Die von Hohenſtein. „Der iſt Ihr College nicht,“ ſagte das Mädchen mit großer Be⸗ ſtimmtheit. „Was die Mädel für Augen haben,“ ſagte Rüchel, ſich mit lachendem Geſicht zu Wolfgang wendend. Wolfgang trat an den Schalter:„Laſſen Sie mich mit der Kleinen ſprechen; gehen Sie an's Fenſter und beobachten Sie die Schildwache.“ „Wollen Sie uns forthelfen, liebes Kind?“ fragte Wolfgang. „Ich möcht's gar zu gern,“ ſagte das Mädchen ſchnell. Ihre ſchwarzen Augen blitzten, wie ſie das ſagte, und über ihre braunen Wangen flog eine dunkle Gluth. „Wieviel Soldaten ſind es?“ „Drei; zwei ſind in der Stube auf der andern Seite; ich habe ihnen vom Beſten gegeben; der Vater iſt bei ihnen und trinkt mit ihnen; er hat mich hergeſchickt.“ „Und ſonſt wärſt Du nicht gekommen?“ „Doch,“ ſagte das Mädchen eifrig, die dunklen Wimpern, die ſie für einen Moment auf die glühenden Wangen geſenkt hatte, wieder hebend;„der Bruder ſoll Sie überſetzen; er iſt ſchon nach dem Kahn hinab.“ „Wo haben ſie ihre Gewehre?“ „Stehen auf dem Flur neben der Thür; die Thür iſt nicht ſehr feſt; wenn Sie recht kräftig dagegen ſtoßen, ſpringt ſie wohl aus dem Schloß. Ich würde Ihnen aufſchließen, aber ſie haben die Thür nach der andern Stube weit offen gelaſſen; ich kann's nicht.“ „Und ſollteſt es auch nicht, wenn Du könnteſt. Du darfſt Dich keiner Gefahr ausſetzen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht; die Schildwache kommt auf das Fenſter zu,“ ſagte Rüchel. „Habe Dank, liebes Mädchen,“ ſagte Wolfgang. Die Kleine ſchob den Laden wieder vor; Wolfgang trat ſchnell von der Wand zurück. Die Schildwache kam an das geſchloſſene Fenſter, blickte in das Zimmer und ſetzte, da ſie die drei Gefangenen noch vorfand(Rüchel wiſchte ſich mit ſeinem rothen Taſchentuche Thränen aus den Augen), ihr Auf⸗ und Abwandern fort. Wolfgang theilte den Gefährten ſeinen Plan mit. Sie wollten Dritter Band. 107 in einem Augenblick, wo der Poſten ſich möglichſt weit vom Fenſter entfernt hätte, die Thür ſprengen und, herausſtürzend, ſich der Ge⸗ wehre bemächtigen. Das Uebrige würde ſich dann wohl finden. Balthaſar wurde an das Fenſter poſtirt: Wolfgang und Rüchel ergriffen eine der langen Bänke, um ſich derſelben als Sturmbock zu bedienen. „Das Mädchen iſt zu ihm getreten und bietet ihm Wein; er trinkt,“ rapportirte Balthaſar. „Blitzmädel, das!“ ſagte Rüchel.— „Eins, zwei, drei!“ commandirte Wolfgang. Von dem kräftigen, gut geführten Stoß ſprang die Thür krachend aus dem Schloß. Wolfgang und Rüchel fielen beinahe hinterher. Im Nu hatten ſie die Gewehre, die, wie es das Mädchen geſagt hatte, gleich zur Hand ſtanden, ergriffen. Dann ſprangen ſie zum Hauſe hinaus auf die Schildwache zu, die, in der einen Hand die Flaſche, in der andern das Glas, das Gewehr bei Fuß, ein Bild hülf⸗ loſen Schreckens daſtand und von Rüchel ohne Mühe entwaffnet wurde. Dies Alles war ſo ſchnell geſchehen, daß die beiden Soldaten, die in dem Zimmer auf der andern Seite ruhig bei ihrem Wein ge⸗ ſeſſen hatten, ſich überrumpelt ſahen, bevor ſie wußten, wie ihnen geſchehen war. Rüchel hatte Balthaſarn, der ſich immer dicht hinter Wolfgang gehalten, das dritte Gewehr in die Hände gedrückt. Die Soldaten, die recht gut wußten, daß ihre Gewehre ſcharf geladen waren, dachten an keinen Widerſtand. Der ſchlaue Wirth that auf das Aeußerſte erſchrocken, als Wolfgang ihm die Bayonnetſpitze auf die Bruſt ſetzte und mit fürchterlicher Stimme befahl: ſie ſogleich mit ſeinem Kahn an das andere Ufer zu fahren. Rüchel, der ſofort auf Wolfgangs Abſicht einging, tobte und fluchte, wie ein Beſeſſener und drohte das Mädchen zu erſchießen, das mit den Soldaten ſcharmuzire, anſtatt ehrlichen Kerlen zur Flucht zu verhelfen. Er ſtellte den Wüthenden ſo natürlich dar, daß das Mädchen alles Ernſtes erſchrak und Wolfgang mit gefalteten Händen und thränenden Augen um Rettung anflehte. Wolfgang faßte ſie bei der Hand und rief:„Er ſoll Dir Nichts thun; aber mit zum Boot mußt Du; der Alte mag hier bleiben; jetzt marſch! Adieu, ihr Herren!“ „ 108 Die von Hohenſtein. „Adieu!“ rief Rüchel,„und wenn der Officier kommt, ſagt ihm nur: der Lieutenant Hohenſtein und der Unterofficier Rüchel vom neun⸗ undneunzigſten ließen ſich ihm empfehlen.“ Wolfgang hielt es für die höchſte Zeit, dieſer Scene ein Ende zu machen. Der Lärmen hatte die Dorfbewohner herbeigelockt, die ſich bis jetzt allerdings in ſcheuer Ferne hielten, von denen man aber doch nicht wiſſen konnte, ob ſie nicht zuletzt für die Soldaten Partei nehmen würden. Glücklicherweiſe waren es nur wenige Schritte von dem Wirthshauſe bis zur Fähre. Ein ſechszehnjähriger Bube, den die ſchwarzen Augen deutlich genug als Bruder des Mädchens bezeichneten, ſtand bei dem plumpen Kahn und zeigte ſeine weißen Zähne, als Rüchel(immer noch in ſeiner Bramarbas⸗Rolle) ihm den Kolben des Gewehrs über dem Kopf ſchwang und ihn umzubringen drohte, wenn er ſie nicht ordentlich hinüberbrächte. Rüchel und Balthaſar waren in den Kahn geſtiegen. Wolfgang faßte das hübſche Mädchen bei der Hand und ſagte: „Leb wohl! ich wollw, ich köunte Dir danken, wie Du's verdienſt.“ Das Mädchen blickte ſich ſcheu um; es war ihnen Niemand bis an's Ufer gefolgt. „Behüt' Dich Gott!“ ſagte ſie, Wolfgangs Hand mit beiden Händen erfaſſend und Augen und Mund zu ihm erhebend. Wolfgang drückte einen Kuß auf die friſchen Lippen. Wolfgang ſprang in den Kahn; der Burſche ſtieß ab, und erzählte während des Ruderns, das ganze Dorf ſei„republikaniſch,“ Zwei von ihnen ſeien drüben bei den Freiſchärlern; ob die Herren ihn nicht mitnehmen wollten? Rüchel war gleich dazu bereit, aber Wolfgang wollte nichts davon wiſſen.„Kommt Zeit, kommt Rath,“ ſagte er;„für diesmal kehr' Du nur ruhig wieder um, lieber Junge; und hörſt Du, laß Dir nicht merken, daß Du uns gern gefahren haſt!“ Er drückte, als ſie gelandet waren, dem Burſchen ein Goldſtück in die braune Hand und war aus dem Kahn, bevor der Burſche vor Erſtaunen über das hohe Fährgeld zu Wort gekommen war⸗ Die Andern folgten. Von der Stelle, wo ſie gelandet waren, ſchlängelte ſich ein Fußpfad durch Wieſen und Kornfelder landeinwärts. Das ſei der nächſte Weg zur Eberburg, hatte der Burſche geſagt. In der Dritter Band. 109 Entfernung von ungefähr einer halben Meile blickten die ehrwürdigen Ruinen von ihrem Hügel zu ihnen herüber. Kein Hinderniß lag jetzt zwiſchen ihnen und ihrem nächſten Ziel. Wolfgang ſchüttelte den Ge⸗ fährten die Hände und rief fröhlich: Vorwärts marſch! Zwölftes Capitel. Natürlich gab das ſo glücklich beſtandene Abenteuer noch viel zu ſprechen. Rüchel wurde nicht müde, die Beſtürzung und den Schrecken der Soldaten zu ſchildern, als ſie ſich plötzlich in der Gewalt ihrer Gefangenen ſahen. Dazwiſchen kam er immer wieder auf die Reize des hübſchen Mädchens zu reden, von dem er behauptete, daß es nur deshalb ſo ſchnippiſch gegen ihn geweſen ſei, weil er einen ſo tiefen Eindruck auf daſſelbe gemacht habe; worauf er dann an dieſen beſon⸗ deren Fall eine Theorie der Liebe im Allgemeinen knüpfte, welche vor vielen andern der Art den unzweifelhaften Vorzug hatte, ausnehmend praktiſch zu ſein. Den Feldzug, der ihnen bevorſtand, ſah er in dem Lichte einer köſtlichen Vergnügungstour. Die Regulären würden ſie wie die Lämmer vor ſich hertreiben; von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt als Sieger ziehen; wenn der Feldzug beendet ſei, wolle er nach dem Orte ſeiner letzten Heldenthat zurückkehren, das braune Mädel heirathen, und den Reſt ſeiner Tage in Mitten dieſer grünenden Hügel, die den herrlichen Wein ſpendeten, als jovialer Wirth„Zur gelben Traube“ friedlich verleben. So ſchwatzte und lachte der luſtige Geſell; aber auch Wolfgang war kaum weniger fröhlich geſtimmt. Im Vollgefühl der Jugend und der durch Strapazen aller Art erprobten Kraft, ſo eben zum andern Male einer drohenden Gefahr glücklich entronnen, nun auch im Beſitz von Waffen, die ſie ſich durch Muth und Schlauheit hatten erobern müſſen, von einem großen Gedanken, deſſen Verwirklichung ihm jetzt weniger als je unmöglich ſchien, gehoben, trank er mit vollen Zügen die goldene Freiheit, die er ſich ſelbſt erſtritten, und die doch nur ein 110 Die von Hohenſtein. Tropfen war des unendlichen Freiheitsmeeres, das der Kampf, in den er zog, dem ganzen harrenden Volke erſchließen würde. Von den Zinnen jener Burg, deren zertrümmertes Mauerwerk von dem um⸗ buſchten Hügel über die Saatfelder zu ihnen herüberblickte, hatte ſchon vor Jahrhunderten ein begeiſtertes Auge in eine Zukunft geblickt, die jetzt Gegenwart geworden war. Was damals in den Köpfen einiger weniger vorzüglicher Menſchen lebte, war jetzt Gemeingut einer ganzen Nation geworven, nein! nicht der ganzen, aber doch des beſſeren Theiles der Nation, und iſt es denn nicht ein ewiges Geſetz, daß das Beſſere zuletzt über das Schlechtere ſiegt? Hatte die allmächtige Zeit im Bunde mit der allmächtigen Idee jene ſtolzen Zwingburgen frecher Gewalt nicht in traurige Ruinen verwandelt? lebte nicht jetzt auf dieſem ſelben Boden, durch ven einſt ſtumnſe, ſcheue Sclaven in zit⸗ ternder Furcht vor ihren hochgeborenen Tyrannen den Pflug mit ihren eigenen Schultern zogen, ein muthiges Geſchlecht, das, wie der Ruf der Freiheit durch die Gaue ſchallte, die Büchſe von der Wand nahm, um voll fröhlichen Vertrauens auf ihr gutes Recht, den letzten, den Entſcheidungskampf zu wagen? 5 Er wandte ſich nach Balthaſar um, und hätte faſt über den An⸗ blick dieſes neuen Freiheitskämpfers laut aufgelacht. Es war aber auch ein wunderliches Bild, das der gute Mann in dieſem Augenblick gewährte. Rüchel hatte ihm einen der erbeuteten Säbel umgeſchnallt, deſſen Gurt für den hageren Leib viel zu weit war und in Folge deſſen von den ſchweren Patronentaſchen ſo weit auf die Hüften herab⸗ gezogen wurde, daß der kurze Säbel wie ein mächtiges Schlachtſchwert auf der Erde ſchleifte. Die Büchſe trug er mit dem Kolben nach hinten auf der Schulter; dazu der abgeſchabte, einſt ſchwarz geweſene Frack mit den langen Schößen— ſein treuer Begleiter während der letzten zwanzig Jahre— und die verblichenen Nankinghoſen, welche, ſonſt von peinlicher Sauberkeit, jetzt die deutlichen Spuren ſo vieler unter dem freien Himmel oder in Scheunen und vei Kohlenmeilern zugebrachten Nächte aufwieſen— ſo ſchlenderte er dahin, in dieſem Augenblick offenbar mit ſeinen Gedanken viel zu beſchäftigt, um auf irgend Etwas in der Welt achten zu können. „Wie geht's Balthaſar?“ fragte Wolfgang. W ————— ,— Dritter Band. 111 Baltkſar wachte aus ſeinen Träumen auf und lächelte freundlich, wie er s immer that, wenn Wolfgang ihn anredete. „Janke ſchön,“ ſagte er;„recht gut; die ungewohnte Laſt drückt etwas“ „Sie ſollen bald davon erlöſt ſein; es wird ſich ſchon ein Anderer fimen, der Ihnen Ihre Beute mit Freuden abnimmt.“ „Offengeſtanden, lieber Herr, es ſoll mir das nicht unlieb ſein; io komme mir, wenn ich es recht vedenke, doch etwas wunderlich in hieſer Löwenhaut vor.“ „Nur noch ein paar Minuten Geduld; ich glaube, daß wir ſchon auf die Vorpoſten unſrer Freunde ſtoßen.“ In der That zeigten ſich in dieſem Augenblick etwa ein halbes Dutzend Leute, von denen zwei oder drei mit Flinten bewaffnet waren, hinter einem Trümmerſtück, das zu der äußerſten Umfaſſungsmauer der Burg gehört haben mochte. Da die Flintenläufe eine drohende Rich⸗ tung bekamen, als die Wanderer ſich auf etwa zweihundert Schritte genähert hatten, ſo rief Wolfgang den Leuten zu, daß ſie„gut Freund“ ſeien. Trotzdem für dieſe Verſicherung alle Umſtände ſpra⸗ chen, fand dieſelbe ſo wenig Glauben, daß die Flintenläufe ſich ſofort entluden(glücklicherweiſe, ohne den Ankömmlingen Schaden zu thun), worauf die Schützen blitzſchnell hinter ihrer Deckung ver⸗ ſchwanden. Ein ſo unerwarteter Empfang ſetzte Wolfgang und ſeine Gefährten natürlich in nicht geringe Verwunderung; indeſſen behielten ſie Geiſtes⸗ gegenwart genug, einzuſehen, daß es das Gerathenſte ſei, den über⸗ vorſichtigen Freiſchärlern keine Zeit zu laſſen, abermals auf ihre Freunde zu ſchießen. So liefen ſie denn, wiederholt rufend, daß ſie„gut Freund“ ſeien, auf das Mauerſtück los, und waren ſo glücklich, bei demſelben anzukommen, bevor Jene mit dem mühſeligen Geſchäft des Ladens noch zur Hälfte fertig waren. „Zum Teufel, Ihr Herren, warum ſchießt Ihr denn auf uns? ſeht Ihr denn nicht, daß wir Freunde ſind,“ rief Rüchel. „J, das könnte Jeder ſagen!“ erwiderte einer der Burſchen, der eine zerknitterte Hahnenfeder auf ſeinem zerknitterten Strohhut trug und vermuthlich der Commandant des Poſtens war. ⸗* —————————————— 112 Die von Hohenſtein. „Nun, wenn wir es nicht wären, ſo ſollte es Eu t ſchlecht genug ergehen,“ ſagte Rüchel, an ſeine Miniébüchſe ſchl „Führe uns Einer von Ihnen ohne Umſtände zu Ih Haupt⸗ mann,“ ſagte Wolfgang, der bemerkt hatte, daß es in dem e des Schloſſes, ſeit die Schüſſe gefallen, ſehr laut geworden war,„ wird allen weiteren Mißverſtändniſſen vorbeugen. Sie haben, ſo ich ſehen kann, auf dieſem Poſten doch weiter nichts zu thun.“ „Ja, da hat der Herr Recht,“ meinte ein anderer Burſche; haben hier nichts zu thun; wir wollen Alle mitgehen.“ Die ganze Geſellſchaft brach demzufolge auf. Je näher ſie d Burgruinen kamen, deſto größer wurde der Lärm, den Wolfgan ſchon von weitem gehört hatte, und als ſie durch das wohlerhaltene Thor, das ſie übrigens unbewacht fanden, auf den von maleriſchen Trümmern umgebenen Hof kamen, bot ſich ihnen das wunderlichſie Schauſpiel dar. Ungefähr ein halbes Dutzend kleiner Bauerwagen, von denen erſt einige beſpannt waren, wurden zu gleicher Zeit von einigen funfzig bis ſechszig Menſchen erklettert. Da etwa nur die Hälfte Platz finden konnte, oder vielmehr ſchon Platz gefunden hatte, während die andere Hälfte noch auf den Rädern und Deichſeln ſtand, oder auf den Leitern palancirte, jene die einmal eroberten Strohſäcke nicht wieder räumen. dieſe zu Fuß nebenher zu laufen durchaus nicht gewillt waren, ſo ſchrieen Alle wie toll durcheinander, und hier und da war es ſchon zu Thätlichkeit gekommen⸗ Beſonders arg war der Lärm um einen der Wagen, der, wie es ſchien, ſoeben hatte abfahren wollen und von den Andern aufgehalten worden war. Es ſaß nur ein Mann darauf, deſſen rothes, aufgedunſenes Geſicht vor Angſt ganz verzerrt war, und den die breite dreifarbige Schärpe, die er um den Leib trug, und der rothe Federbuſch auf dem Calabreſer als den Anführer be⸗ zeichnete. Auf ihn ſchien ſich der Zorn der Andern beſonders zu richten. „Da fährt das Weinfaß hin!“ rief Einer. „So'n Hauptmann möchte ich auch wohl ſein!“ ſchrie ein Anderer. „Davonfahren, während wir Andern uns die Seele aus dem Leibe laufen müſſen,“ ein Dritter. Der mit dem rothen Federbuſch wandte die verſchwommenen ſ Dritter Band. 113 Zläſernen Augen von dem Einen zum Andern, ohne ein Wort der Rechtfertigung oder Entgegnung finden zu können. In ſeiner hülfloſen Verlegenheit kamen ihm Wolfgang und ſeine Gefährten, die eben mit ihrer Eskorte auf den Schloßhof traten, gerade recht. Hier war eine güſtige Gelegenheit, die unbequeme Aufmerkſamkeit ſeiner Leute von ſich abzulenken und nebenbei vielleicht das verlorene Anſehen wieder zu gewinnen. „Bringt ſie her!“ rief er, ſich in dem Wagen aufrichtend;„hier⸗ her!— Wer ſind Sie? was wollen Sie? Wie können Sie ſich unter⸗ ſtehen, auf meine Leute zu ſchießen?“ „Wie können Sie ſich unterſtehen, in dieſem Tone mit Män⸗ nern zu ſprechen, die als Freunde zu Ihnen kommen?“ entgegnete Wolfgang, der mit einem Blick die tragi⸗komiſche Situation durch⸗ ſchaut hatte. „Ich werde Ihnen Höflichkeit lehren,“ ſchrie der mit dem Fe⸗ derbuſch. „Jemand, der ſo offenbar wie Sie die Achtung ſeiner eigenen Leute verſcherzt hat, kann keinen Anſpruch auf die Achtung Fremder machen,“ ſagte Wolfgang und wandte dem jämmerlichen Menſchen den Rücken. Ein unterſetzter Mann in grünem Jagdrock, der die Waidbüchſe an einem Riemen über die Schulter trug, trat an Wolfgang heran und ſagte: „Iſt ganz recht, daß Sie den elenden Kerl ordentlich abtrumpfen.“ „Aber was geht hier vor?“ fragte Wolfgang. „Die Leute haben den Mann da, der nebenbei ein Weinreiſender aus der Umgegend iſt und ſich Wöbler nennt, zu ihrem Anführer ge⸗ macht, oder er hat ſich vielmehr ſelbſt dazu gemacht; taugt aber dazu, wie mein Nero hier zum Seiltanzen. Jetzt hat er, unter dem Vor⸗ wande, die Rückzugsordre, die wir bekommen haben, ſo ſchnell als möglich auszuführen, Wagen requirirt; ich glaube aber, er will ſich nur ſelbſt ſo ſchnell als möglich in Sicherheit bringen.“ „So laſſen Sie ihn laufen,“ ſagte Wolfgang. „Meinetwegen,“ erwiderte der Grünrock;„wenn wir nur erſt einen Andern an ſeiner Stelle hätten. Ich habe kein Geſchick dazu; aber Fr. Spielhagen's Werke. 1x. 8 114 Die von Hohenſtein. Sie könnten es wohl; Sie thun der guten Sache einen Dienſt, denn, wenn dies ſo fortgeht, ſind heut Abend von dem ganzen Corps nicht mehr zehn Mann bei einander, und es ſind ganz wackre Burſche darunter, wenn ſie nur ordentlich geführt würden.“ Wolfgangs Entſchluß war ſchnell gefaßt. Er bat den Förſter— als ſolchen bezeichnete ſich der Grünrock— mit ihm zu denjenigen Männern, die er für die Verſtändigſten halte, zu treten, und mit ihm zu verſuchen, ob ſie nicht eine kleine verläßliche Schaar zuſammen⸗ bringen könnten. Der Förſter war es gern bereit. So gingen ſie denn von Wagen zu Wagen, und es dauerte nicht lange, ſo hatten ſie die Ordnung ſo ziemlich wieder hergeſtellt. Rüchel war unterdeſſen auch nicht unthätig geweſen. Er hatte ſchon überall Bekanntſchaften, oder, was bei ihm daſſelbe war, Freundſchaft geſchloſſen; vor Allem aber die Leute auf Wolfgang aufmerkſam gemacht, von dem er in geheimnißvollem Ton erzählte, daß es ein gar vornehmer Herr ſei, der ſich auf die Seite des Volkes geſchlagen habe, und der mehr militairiſches Genie beſäße, als ein ganzer Generalſtab der Regu⸗ lären zuſammengenommen. Noch vor kaum einer Stunde habe er einen Vorpoſten der Regulären über die Klinge ſpringen laſſen. Da Wolfgangs Auftreten und vie erbeuteten Waffen Rüchels Angaben zu bewahrheiten ſchienen, fand der Vorſchlag, welchen der Förſter von einem großen Stein herab mit lauter Stimme machte, „Wolfgang bis auf Weiteres zu ihrem Anführer zu erwählen,“ faſt einſtimmigen Beifall. Wolfgang erkletterte nun ebenfalls den Stein, und hielt eine kurze Rede, in welcher er ven Leuten für ihr Zutrauen dankte, und ſie aufforderte ihrem Entſchluſſe nun auch treu zu bleiben, da er ſonſt ſein Commando ſofort wieder niederlegen müſſe. Er ließ darauf die Leute in drei Reihen antreten, in der erſten die mit Gewehren Bewaffneten, in der zweiten die Senſen⸗ und Säbelträger, in der dritten Diejenigen, welche ſich noch keiner Waffen irgend einer Art erfreuten. Dann theilte er die ganze Schaar in drei Haufen, von denen zwei kleinere, deren Anführung er dem Förſter und Rüchel übergab, die Vorhut und Nachhut bilden ſollten, während er ſelbſt den größeren befehligen wollte. Von den Wagen würde er nur einen zur Fortſchaffung der Sachen und der Munition mitnehmen; die Dritter Band. 115 übrigen ſtelle er Denjenigen zur Verfügung, die es vorzögen, nach Hauſe zu fahren, anſtatt gegen den Feind zu marſchiren. Die Leute, welche faſt ohne Ausnahme der beſte Wille beſeelte, merkten kaum, daß ſie einen wirklichen Anführer hatten, als ſie wie umgewandelt waren. Sie brachten Wolfgang ein Hurrah und folgten ſeinen Anordnungen auf das Bereitwilligſte. Der ganze Trupp ſetzte ſich nun in Bewegung; voran der des Landes kundige Förſter mit ſechs flinken und anſtelligen Burſchen, dann Wolfgang mit dem Gros; zuletzt Rüchel mit ſeiner Schaar. Balthaſar, der Büchſe, Säbel und Patronentaſche bereitwillig einem hubſchen jungen Menſchen, der von dem Förſter als ganz beſonders zuverläſſig geſchildert worden war, abgetreten hatte, ging an Wolfgangs Seite. Der Weinreiſende, Herr Wöbler, hatte ſich ſchon vorher in einem unbeobachteten Augenblick, mit Zurücklaſſung ſeiner tricoloren Schärpe, die man zwiſchen einigen großen Steinen liegenv fand, aus dem Staube gemacht. Dreizehntes Capitel. So ſah ſich Wolfgang plötzlich in einer Stellung, in der ſich ſein militairiſches Talent erproben konnte, die zum wenigſten Verant⸗ wortlichkeiten aller Art auf ſeine jungen ungeübten Schultern legte. Der Marſch bis zu dem Dorfe, wo er das größere Corps zu finden hoffte, von dem der Befehl, ſich zurückzuziehen, ausgegangen war, währte trotz der geringen Entfernung ſehr lange, da die des Mar⸗ ſchirens ungewohnten Leute ſchwer aus der Stelle zu bringen waren. Als man endlich bei Einbruch der Nacht das Ziel erreichte, vernahm man, daß das Corps bereits am Nachmittage abgezogen ſei; Niemand wußte zu ſagen, wohin. Unter dieſen Umſtänden blieb Wolfgang nichts übrig, als in dem Dorfe Halt zu machen, deſſen Bewohner, trotzdem ſie ſoeben erſt von einer Einquartirung erlöſt waren, den ſpäten Gäſten freundlich entgegen kamen. Man war noch im erſten Aufſchwung der Begeiſterung und ließ ſich Vieles gefallen. Freilich S* 116 Die von Hohenſtein. hatte Wolfgang noch bis ſpät in der Nacht zu thun, bevor er die vielen Leute glücklich untergebracht hatte und ſich endlich in der Bauernſtube zu einem kurzen erquickenden Schlaf auf die Streu ſtrecken konnte. Am andern Morgen in der Frühe ließ er von dem luſtigen Dorfmuſikanten, der ſich dem Zuge angeſchloſſen hatte, auf einer Art Waldhorn Reveille blaſen, und gegen ſein Erwarten fanden ſich die Leute in lobenswerther Schnelligkeit und faſt vollzählig zu⸗ ſammen. Nur drei Individuen fehlten, deren Verluſt, wie der Förſter meinte, dem Corps zu keinem Schaden gereiche. Nun ging es in der Richtung, in welcher man nach den Ausſagen der Dorfhewohner die Freiſchaaren vermuthen mußte, weiter; aber ſie hatten kaum eine Meile zurückgelegt, als ein Reiter herangeſprengt kam und einen ſchriftlichen Befehl überbrachte, nach welchem ſich„die Compagnie Ebernburg“ links in das Gebirge zu einem namentlich bezeichneten Dorfe ziehen, und dort, bis weitere Ordre käme, den Feind beobachten ſollte. Der Befehl war„an den Hauptmann Wöbler“ gerichtet. Wolfgang ſchrieb auf ein Blatt ſeiner Brieftaſche, daß der„Haupt⸗ mann Wöbler“ die Compagnie verlaſſen und er(Wolfgang) an Stelle Jenes die Führung übernommen habe, vorläufig auch behalten zu müſſen glaube, bis man ihm einen Nachfolger ſende. Uebrigens werde er die Compagnie an den bezeichneten Ort führen. Die Ordonnanz ſprengte wieder davon; Wolfgang ließ ſeine Mannſchaften einen Kreis formiren, machte ſie mit dem der Compagnie gewordenen Auftrage bekannt, und fragte: ob ſie auch jetzt noch ſeiner Führung vertrauen wollten? Er hatte die Freude, die Frage mit einem einſtimmigen Ja und einem kräftigen Hurrah beantwortet zu hören. Die Bereitwilligkeit, mit welcher die Leute ihm folgten, verdankte Wolfgang, nächſt ſeinem eigenen Auftreten, hauptſächlich der Schwatz⸗ haftigkeit Rüchels, der durchaus kein Geheimniß daraus gemacht hatte, daß ihr junger Anführer bereits, ehe er zu der Freiſchaar gekommen. Officier geweſen ſei, was er(Rüchel) am beſten wiſſen müſſe, da er ſelbſt als Unterofficier unter ihm gedient habe. Rüchel verſtand es, dies und anderes der Art mit einer ſo geheimnißvollen Miene vor⸗ zutragen, daß ſich der Köpfe dieſer einfachen Menſchen bald eine myſtiſche Vorſtellung von ihres Anführers ganz abſonderlichen Feld⸗ Dritter Band. 417 herreneigenſchaften bemächtigte, die noch höher ſtieg, ſo oft Welfgang, um ſeinen Marſch zu decken, der durch die veränderte Richtung aller⸗ dings viel gefährlicher geworden war, eine Seitenpatrouille entſandte, oder ſonſt eine einfache militairiſche Anordnung traf, von der die Leute vorher keinen Begriff gehabt hatten und die ihnen deshalb nun um ſo mehr imponirte. Wenn Wolfgang ſo Rüchels leichtfertiges Weſen kaum ſchelten konnte, ſo hatte er auf der andern Seite Gelegenheit, die wirklich tüchtigen Eigenſchaften des Mannes zu bewundern: ſein geſundes Urtheil, ſeine Dienſtwilligkeit und Pünktlichkeit, ſobald es ſich um etwas Wichtiges handelte, beſonders aber ſein außerordentliches Talent, den Leuten gleichſam ſpielend den nothwendigen militairiſchen Unterricht zu ertheilen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er es dahin gebracht, daß ſie, die vorher ohne Ordnung durcheinander gelaufen waren, in regelmäßigen Sectionen ſich vorwärts bewegen, ja ſogar während des Marſchirens ſich in Reihen ſetzen, aus der Reihe wieder in Sectionen rechts und links aufmarſchiren und ähnliche complicirtere Bewegungen ausführen konnten. Dieſe nützlichen Kunſtſtücke erregten in den Dörfern, durch welche der Marſch führte, die Bewunderung der Bevölkerung und die Nacheiferung der jungen Mannſchaft in un⸗ gewöhnlichem Grade. Es boten ſich ſo viele Freiwillige an, daß Wolfgang ſeine Compagnie leicht um das Doppelte hätte vermehren können; aber er nahm nur Diejenigen, welche bewaffnet kamen, wäh⸗ rend er die Anderen, als unbrauchbar für den gefährlichen Vorpoſten⸗ vienſt, zu dem ſeine Compagnie deſignirt war, nach dem Haupt⸗ quartier inſtradirte. Wolfgang hatte, nachdem er in ſeine Poſition eingerückt war, alle Urſache, ſich ſeiner Vorſicht zu freuen. Das Dörfchen war klein, die Bewohner arme Bauern, die kaum für ſich ſelbſt das Nothwendigſte hatten. Für das mangelnde Quartier war bei dem herrlichen Wetter leicht geſorgt. An einer paſſenden Stelle außerhalb des Dorfes wur⸗ den unter Rüchels und des Förſters Leitung aus Feldſteinen, Raſen, Baumzweigen und einigen Decken ein paar Baracken conſtruirt, in welchen ſich die Leute viel beſſer befanden, als in den kleinen dumpfigen Stuben der Bauerhäuſer. Weniger leicht war es, für ſo viele Men⸗ ſchen in dem öden Gebirgsdiſtriete die nöthigen Lebensmittel herbei⸗ 118 Die von Hohenſtein. zuſchaffen. Vergebens ſchilderte Wolfgang in den Rapporten, die er an die Heeresabtheilung, welcher er attachirt war, ſandte, zu wieder⸗ holten Malen ſeine Noth auf das Eindringlichſte. Er bekam entweder keine Antwort, oder die wenig tröſtliche:„man habe ſelbſt keinen Ueberfluß, es müſſe Jeder für ſich ſelber ſorgen.“ Ebenſowenig Ge⸗ wicht ſchien man auf die in der Führung der Compagnie vorgegangene Veränderung zu legen. Die Befehle gingen jetzt„an den Hauptmann Hohenſtein“, als ob ſich die Sache ganz von ſelbſt verſtünde. Wenn vieſe bequeme Art der Geſchäftsführung Wolfgang nun auch manchmal lächerlich genug vorkam— zumal wenn er ſie mit der feierlichen Grandezza und ſchreibſeligen Schwerfälligkeit verglich, mit welcher in der regulären Armee die winzigſten Bagatelles behandelt wurden— ſo fühlte er doch auch andererſeits ſeine Verantwortlichkeit in demſelben Maße wachſen. Der Reſt ſeiner kleinen Baarſchaft konnte ſelbſt in dieſem billigen Lande für die Bedürfniſſe ſo Vieler nicht lange reichen. Als er die Brode vertheilen ließ, die er mit ſeinen letzten Thalern erkauft hatte, fragte er ſich lächelnd: was Onkel Peter wohl zu einer ſolchen Anwendung ſeines Geldes fagen würde. Da auch am nächſten Tage weder Geld noch Proviant anlangte, mußte er, wollte er nicht ſeine Poſition aufgeben, oder die Leute nach Hauſe ſchicken, zu Bons, die er auf die proviſoriſche Regierung ausſtellte, ſeine Zuflucht nehmen. Um aber die Verantwortung dieſer Maßregel nicht allein zu tragen, ſchickte er den Förſter, der ſich zu dieſem Dienſte erbot, mit einem ausführlichen Rapport direct in das Hauptquartier. Der Förſter ver⸗ ſprach in möglichſter Eile zurückzukommen und machte ſich durch das Gebirge auf den Weg. Bei dieſen Sorgen, die jeder Tag noch vermehrte, war es für Wolfgang eine wahre Erquickung, daß er ſich bei dem herrlichſten Sommerwetter in einer Gegend befand, die den Mangel der Frucht⸗ barkeit durch romantiſche Schönheit wieder gut machen zu wollen ſchien. Vor dem Dorfe ſtieg das Gebirge in vielfachen Terraſſen in die weite fruchtbare Ebene hinab. Rechts und links erſtreckten ſich in einem ungeheuren Halbmonde bewaldete Hügel, die zuletzt in den Horizont verblaueten. Hinter dem Dorfe kletterten Tannen und Fichten die ſteileren Höhen hinan, von denen ein ſchäumender Waldbach über Dritter Band. 119 ſchroffes Felsgeſtein in unzähligen Cascaden ſeinen Weg in das Thal ſuchte. Oft, wenn die ſinkende Sonne den Zauber dieſer Landſchaft noch erhöhte, der Kamm des Gebirges in immer ſchärferen Linien ſich von dem lichten Abendhimmel abhob, in den Schluchten und auf den Hän⸗ gen die wechſelnden Schatten dunkler und dunkler wurden, während in der rothglühenden Ebene die Waſſer aufblitzten und wieder verſchwan⸗ den, bis endlich Berg und Thal ſich in ein feuchtes Grau hüllten— ſaß Wolfgang oberhalb des Dorfes auf einem vorſpringenden Felſen, welcher die ganze Gegend beherrſchte, an ſeiner Seite Balthaſar, der Gute, Treue, deſſen Geſellſchaft ihm gerade in ſolchen Augenblicken vorzüglich lieb war. Denn für die Schönheiten der Natur konnte Niemand ein empfäng⸗ licheres Auge, für die Sprache, die ſie in ſo viel wunderbaren Zungen zu uns ſpricht, ein leiſeres Ohr haben, als Balthaſar. Wie er ſelbſt in ſeiner rührenden Beſcheidenheit und Harmloſigkeit der Pflanze glich, die Regen und Sonnenſchein gleich demüthig hinnimmt, oder den Vögeln unter dem Himmel, die nicht ſäen und nicht ernten und die der uralte Vater doch ernährt, ſo entſproß der Erde keine Blume, die er nicht wie eine Schweſter kannte und begrüßte, ſo ſchwirrte kein Flügel durch die Luft, den er nicht mit aufmerkſamem Blick und freund⸗ lichem Lächeln begleitet hätte. Und wie er die Pflanzen und Thiere liebte, ſo ſchienen jene ihn zu lieben. Heilſame Kräuter, an denen Andere achtlos vorübergehen, zierliche Blüthen, nach denen der Lieb⸗ haber lange ſucht— für ihn, den Kurzſichtigen, ſtand Alles am Wege, als ob es nur auf ihn gewartet hätte;— Vögel, die ſonſt die Nähe der Menſchen fliehen, kamen zu ihm herangeflattert, die wildeſten Hunde ſchwiegen, ſobald er ſich nahte, ſprangen wedelnd auf ihn zu und leckten ſeine Hände. Der wunderliche Mann hatte ſeit jenem erſten Tage keine Waffe wieder angerührt; dafür hatte er ſich einen Poſten ausgeſucht, der im Kriege oft größere Tapferkeit und Kaltblütigkeit erfordert, als der des Soldaten. Er war der Arzt der Compagnie geworden. Mancher brave Burſche, den die ſchmerzenden Füße nicht weiter tragen wollten⸗ verdankte den Waſchungen„des Doctors“, wie ſie ihn Alle nannten, 120 Die von Hohenſtein. daß er wieder aufſtehen und wandeln konnte; mancher Andere, den die ungewohnten Strapazen darnieder geworfen hatten, fühlte ſich vurch die Umſchläge und Tränke, die Balthaſar zu bereiten verſtand, von den ſtechenden Schmerzen in Kopf und Bruſt wie durch ein Wun⸗ der befreit. Dafür erfreute ſich Balthaſar aber auch der allgemeinſten Liebe und Achtung. Auch nicht die wildeſten Burſche— und es fehlte an ſolchen keineswegs in der Compagnie— erlaubten ſich den leiſeſten Spaß über den alterthümlichen Frack, der jetzt von allen ſeinen Flecken ſorgſam wieder gereinigt war, und über die verblichenen Nanking⸗ hoſen, deren peinliche Sauberkeit durch die mancherlei Flicken noch erhöht ſchien. Aber Balthaſar war nicht nur ein Arzt für den Körper, ſondern auch für die Seelen. Unzüchtige Lieder, wie ſie vieſe rohen Menſchen wohl des Abends im Lager ſangen, verſtummten, ſobald die unſchein⸗ bare Geſtalt ſich näherte; Streitende vertrugen ſich auf ein ſanftes Wort aus ſeinem Munde, auf einen Blick faſt ſeiner milden blauen Augen. Einmal hatte Wolfgang einen Mann, der ſich eines groben vienſtlichen Vergehens ſchuldig gemacht hatte, hart angelaſſen, und als derſelbe ſich noch dazu ſtörriſch und widerſetzlich gebehrdete, aus der Compagnie geſtoßen. Unter wilden Drohungen und Verwünſchungen hatte er ſich entfernt. Eine Stunde ſpäter kam derſelbe Mann zu Wolfgang und bat ihn demüthig um Verzeihung und um Wieder⸗ aufnahme in das Corps. Als Wolfgang fragte, was in aller Welt ihn zu dieſer plötzlichen Sinnesänderung bewogen haben könne, erzählte der Mann unter Thränen:„der Docter habe mit ihm geſprochen, und er ſehe nun wohl, welch' ein ſchlechter, undankbarer Menſch er geweſen ſei.“ Nicht ohne ein Gefühl ehrfurchtsvoller Rührung hatte Wolfgang dieſe ſtille, ſegensreiche Wirkſamkeit des Freundes beobachtet. Je höher mit jedem Tage ſeine Achtung vor dem trefflichen Manne ſtieg, um ſo peinlicher empfand er es, daß ihre Anſichten über die Revo⸗ lution ſo gar nicht übereinſtimmen wollten. Balthaſar verhehlte es nicht, daß er ſich die Bewegung, aus der heraus die neue Zeit ge⸗ boren werden müſſe, ganz anders gedacht habe und noch denke. Das Reich des Friedens, meinte er, könne nicht durch Gewalt gegründet Dritter Banb. 12¹ werden. Man beſſere die Menſchheit nicht dadurch, daß man alle ihre ſchlimmſten Leidenſchaften gefliſſentlich aufrege; der Erbfeind des Menſchen, der Egoismus, könne nur durch die Liebe überwunden werden; ſo lange die im Stillen wirkende Kraft der Liebe nicht ſo weit erſtarkt ſei, den eklen Ausſatz„Egvismus“ vom Leib der Menſch⸗ heit abzuſtoßen, ſeien alle Revolutionen nur Zuckungen, die wohl die Fortſchritte der Krankheit, nicht aber die der Geneſung verkündeten. Wäre die Menſchheit überhaupt nicht im Stande, zu jener Kriſis zu gelangen und ſie glücklich zu überſtehen, ſo ſei ſie rettungslos dem moraliſchen Tode verfallen, der die phyſiſche Vernichtung über kurz oder lang nach ſich ziehen müſſe. Dergleichen Sätze erinnerten Wolfgang zu ſehr an ähnliche Aeußerungen, die er, freilich in anderem Zuſammenhang und anderer Färbung, oft aus Münzers Munde vernommen hatte, als daß er nicht die Rede auf dieſen Freund, deſſen Schickſal ihm ſo ſehr am Herzen lag, hätte bringen ſollen. Zu ſeiner Verwunderung zeigte ſich Balthaſar mit Münzers Anſichten ſehr vertraut.„Ich fürchte,“ ſagte er unter Anderm,„daß Ihr Freund keinen Glauben an die Menſch⸗ heit hat, die er reformiren will; daß er die Arbeiter, für die er zu kämpfen vorgiebt, eben ſo wenig achtet, wie den Adel und die be⸗ ſitenden Klaſſen, und daß, wenn es ihm gelungen wäre, jene zur Herrſchaft zu bringen, das Verhältniß wohl anders, aber nicht beſſer ſein würde. Was heißt das auch: Herrſchaft des Arbeiterſtands! In der Geſellſchaft, wie ich ſie mir denke, für die ich in meiner Ein⸗ falt die Zeit ſchon gekommen erachtete, ſoll Niemand herrſchen als die Vernunft. Iſt es denn nicht eben unſer Unglück, daß jetzt eine Klaſſe, ohne Vernunft und Billigkeit zu achten, die andern Klaſſen freventlich unterdrückt und ausbeutet? Die Arbeiter in dem Sinne Ihres Freundes zur Herrſchaft bringen, hieße in meinem Sinne, die ſociale Krankheit auf eine andere Stelle leiten, aber nicht: ſie heilen.“ Als Wolfgang ſeinen Freund gegen dieſe und ähnliche Vorwürſe in Schutz nahm und auch Münzers unglücklicher häuslicher Verhält⸗ niſſe als eines der Haupturſachen ſeiner peſſimiſtiſchen Doctrinen er⸗ wähnte, gerieth Balthaſar in eine Erregung, wie Wolfgang ſie noch niemals an ihm wahrgenommen. Es drücke ihm das Herz ab, ſagte 122 Die von Hohenſtein. er, wieder und immer wieder zu ſehen, mit welch' erfinderiſcher Frühſamkeit die Menſchen gegen ihr eigenes Glück wütheten, und giece den heiligſten und wohlthätigſten Verhältniſſen eine Quelle d vehagens, des Unglücks ableiteten. es that Wolfgang leid, das Geſpräch auf ein Thema gebracht zu haben, das für den guten Balthaſar ſo peinlich ſein mußte. Er nahm ſich vor, nie wieder dieſen wunden Punkt in dem zarten Herzen ſeines Freundes zu berühren. In Folge dieſer Unterredung war in dem jungen Manne das Verlangen, von Münzer zu hören, wo möglich wieder mit ihm ver⸗ einigt zu werden, auf's Neue und ſtärker als zuvor erwacht. Daß die Freunde der Schreckensnacht in Rheinfelden entronnen ſeien, hatte er nach den Nachrichten, die Balthaſar aus der Stadt gebracht hatte, nicht bezweifelt. Zu ſeiner innigen Freude ging ſchon am nächſten Tage ſein Wunſch theilweiſe wenigſtens in Erfüllung. Der Förſter kam aus dem Hauptquartier mit einer kleinen Begleitungs⸗Mannſchaft zurück, brachte Geld, und, auf einem Leiterwagen, die ebenfalls längſt er⸗ betenen Waffen nebſt Munition; ſchließlich einen„Befehl“, in welchem „der Hauptmann Hohenſtein“ in ſeinem Range beſtätigt, ſeine bis⸗ herigen Anordnungen gut geheißen und belobt, und ihm zugleich der Auftrag ertheilt wurde, ſich ſofort in aller Eile auf das Hauptquar⸗ tier zurückzuziehen, wobei er einen Kampf mit dem Feinde nur in dem Falle anzunehmen habe, wenn er es mit Erfolg thun zu können glaube. Der Befehl war unterzeichnet: Degenfeld, Major im Generalſtabe. Unter dem Briefe ſtand von Degenfelds Hand:„Lieber, ver⸗ loren Geglaubter, endlich Gefundener! Kommen Sie, ſo ſchnell als die Ihnen zu Theil gewordene wichtige und ehrenvolle Aufgabe er⸗ laubt. Ich ſehne mich ſehr nach Ihnen; Münzer, der in einem der Büreaus arbeitet, iſt in einer Commiſſion abweſend: ich erwarte ihn in wenigen Tagen zurück; vielleicht treffen Sie noch vor ihm ein. Auf ein ſo fröhliches Wiederſehen, als es in dieſer ſublunariſchen Welt möglich iſt!“ Eine halbe Stunde nach Empfang dieſes Briefes hatte„der Hauptmann Hohenſtein“ mit ſeiner Compagnie das Dorf verlaſſen. Dritter Band. 123 Die Avantgarde der Regulären, die unter dem Befehl des Obriſt von Hohenſtein nach einer zweiten halben Stunde eintraf, fand Kohlen auf den Feuerſtellen noch glühend. Der Obriſt beſch Demokratenhunde“ für ihre Frechheit zu beſtrafen, und com e ein Bataillon zur Verfolgung. Gegen Abend hörte man ein lebhaftes Schießen weiter hinauf in den Bergen. Erſt bei Einbruch der Nacht kam das Bataillon in einem Zuſtande zurück, der die Ausſage der Officiere:„die Freiſchärler ſeien gut geführt worden, und hätten ſich geſchlagen wie die Teufel,“ nur zu ſehr beſtätigte. vierzehntes Capitel. Degenfeld empfing Wolfgang, als dieſer am dritten Tage in dem Hauptquartier angekommen war, mit offenen Armen und mit Thränen in den Augen. „Verzeihen Sie dieſe unmännliche Schwäche,“ ſagte er;„aber ich habe Sie als todt beweint und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie groß meine Freude iſt, Sie nun doch wieder an mein Herz drücken zu dürfen. Jetzt erſt, da ich Sie beinahe verloren hätte, weiß ich, was ich an Ihnen habe, und wie theuer Sie mir ſind. Ich bin ſtolz auf Sie, liebſter Wolfgang. Sie haben Ihr militairiſches Talent unter ſchwierigen Verhältniſſen bewährt. Ihr ſo rühmlich beſtandenes Gefecht gegen einen ſechsfach überlegenen Gegner iſt eine glän⸗ zende Waffenthat, und Ihr Rückzug durch das Gebirge ein kleines Meiſterſtück.“ Wolfgang wollte dieſes Lob, daß er nicht zu verdienen glaubte, ablehnen; aber Degenfeld kam im Verlaufe der vertraulichen Unter⸗ haltung, in welcher ſich die Freunde ihre Erlebniſſe ſeit der Nacht in Rheinfelden wechſelſeitig mittheilten, wiederholt darauf zurück. Degen⸗ feld und Münzer waren, nachdem ſie ſich in Gemeinſchaft mit Cajus und einigen Anderen durch die Weingärten bis zum Ufer durch⸗ geſchlagen hatten, auf einem Boote über den Strom geſetzt, die Nacht 124 Die von Hohenſtein. indurch auf dem jenſeitigen Ufer fortgewandert und hatten in der e des nächſten Morgens ein vorüberführendes Dampfſchiff be⸗ n, veſſen Kapitän Münzer als einen Geſinnungsgenoſſen kannte und der die Flüchtlinge in wenigen Stunden außer dem Bereiche der Gefahr brachte. Sie hatten darauf ohne Aufenthalt ihre Reiſe durch das inſurgirte Land bis an den Sitz der proviſoriſchen Regierung fortgeſetzt, wo man ſie mit Freuden aufnahm. Er ſelbſt habe es für ſeine Pflicht gehalten, die ihm gleich am erſten Tage zu Theil ge⸗ wordene Stelle zu behalten, trotzdem ihm ſeitdem höhere Poſten, ja ſogar der eines Oberbefehlshabers angetragen ſeien.„Sie wiſſen, lieber Wolfgang,“ ſagte er,„daß ich mir die Eigenſchaften eines Feldherrn abſpreche; als Officier im Generalſtab glaubte ich der guten Sache beſſer dienen zu können; aber ich geſtehe, daß ich auch dieſe Hoffnung verloren habe.“ Er entwarf nun ein Bild von den am Sitz der proviſoriſchen Regierung und in der Revolutionsarmee herrſchenden Zuſtänden, das Wolfgang nach den Erfahrungen, die er ſelbſt gemacht und nach Allem, was er ſeit ſeiner Ankunft geſehen hatte, kaum übertrieben finden konnte.„Es fehlt an Allem, ſagte Degenfeld, nur nicht an dem un⸗ glaublichſten Leichtſinn und an dem kraſſeſten Hochmuth, der, Angeſichts vieſer jämmerlichen Verhältniſſe, lächerlich ſein würde, wenn er nicht noch viel trauriger wäre. Sie wiſſen, daß ich ſehr wenig von der Organiſation unſerer Armee halte; aber ſie iſt doch trotz ihrer pedan⸗ iſchen Schwerfälligkeit eine compacte Maſſe, die ſchon durch ihr Gewicht allein reſpectabel iſt. Aber hier bei uns herrſcht das Chaos. Wir haben keine Waffen, keine Munition, und man ſorgt auch nicht vafür, daß wir welche bekommen. Von Dispoſition irgend welcher Art iſt kaum die Rede. Jeder thut, was er will, und unter zehn Fällen will er kaum ein einziges Mal das, was er wollen müßte. Wir thun, als ob wir hier ſicher wären, wie in Abrahams Schoß, und es werden nicht zweimal vierundzwanzig Stunden vergehen, ſo ſtehen die Feinde vor den Thoren; ja ſie müßten ſchon längſt hier ſein, wenn ihre Furchtſamkeit nicht noch größer wäre als ihre Lang⸗ ſamkeit. Vergebens, daß ich den Leuten vom Morgen bis zum Abend vie Schritte anrathe, vie gethan werden mäſſen, wenn unſere ganze Dritter Band. 125 Armee in dieſen Bergen nicht gefangen werden ſoll, wie eine Maus in der Falle. Man hört nicht auf mich:„Koſſuth hat es auch ſo gemacht; wir müſſen es machen wie Koſſuth.“ Mit dieſem geheimniß⸗ vollen Schiboleth ſchlägt man alle meine Einwürfe nieder. Ich wieder⸗ hole es: ich habe alle Hoffnung auf einen günſtigen Verlauf dieſes Feldzuges, wenn man dieſen Wirrwarr überhaupt ſo nennen kann, verloren.“ „Und Münzer?“ „Er will einen Vernichtungskrieg der Arbeiter und Proletarier in den Städten und auf dem platten Lande gegen die herrſchenden Klaſſen. Das iſt das Ziel geweſen, auf das er ſchon ſeit lange ge⸗ ſteuert iſt; ſeine Theilnahme an dieſer Bewegung ſteht in offenbarem Widerſpruch mit ſeinen Grundſätzen. Er iſt ſich deſſen natürlich vollkommen bewußt, und zürnt jetzt ſich und der ganzen Menſchheit, daß er ſich überhaupt in dieſen Froſchmäuſekrieg, wie er es nennt, gemiſcht hat. Und doch ſollte er einſehen, daß, wie die Dinge in Rheinſtadt lagen, er nicht wohl anders konnte; ebenſo wie ich dieſer Bewegung folgen mußte, ich mochte wollen oder nicht. Wir waren zu weit gegangen, um nicht noch weiter gehen zu müſſen. Ich that es, offen geſtanden, in der Hoffnung, daß doch möglicherweiſe in dieſem Chaos ein feſter Punkt hervorträte, um den ſich eine Revolu⸗ tionsarmee von modernen Independenten kryſtalliſiren könnte. Viel⸗ leicht hat auch Münzer noch einen Hoffnungsſchimmer gehabt, daß der einmal entfeſſelte Strom ſich ſelbſt das Bett vertiefe. Zum wenigſten hat er auch noch hier Verſuche gemacht, einige radicale Maßregeln in der Verwaltung durchzuſetzen. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu ſagen, daß er mit dieſen Verſuchen geſcheitert iſt. Seitdem iſt er womöglich noch düſtrer und menſchenſcheuer geworden, als früher, ſo daß er ſelbſt mir, der ich in der letzten Zeit in Rhein⸗ ſtadt ſein einziger Umgang war, aus dem Wege geht. Er verkehrt faſt nur noch mit Cajus, ſeinem böſen Dämon, wie ich den unheim⸗ lichen Menſchen ſchon oft genannt habe.“ „Aber hielten Sie nicht ſelbſt früher große Stücke auf dieſen Mann?“ „Ich kann es nicht leugnen,“ erwiderte Degenfeld,„er iſt ohne 126 Die von Hohenſtein. Zweifel ein ſehr bedeutender Menſch, deſſen Tapferkeit, Geiſtesgegen⸗ wart und eiſerne Willenskraft Jeder, der ihn näher kennen lernt, und für dieſe Eigenſchaften ein Verſtändniß hat, bewundern muß. Es müſſen außerordentliche Schickſale geweſen ſein, die den Mann zu dem gemacht haben, was er iſt; ich richte deshalb nicht über ihn, aber ich kann mich eines unheimlichen Gefühls in ſeiner Gegenwart nicht erwehren. Ich halte ihn jeder That fähig, wenn es darauf ankommt, ſeine Ideen in's Werk zu ſetzen. Es ſchlägt kein Herz in ſeiner Bruſt, denn mit der einzigen Leidenſchaft, die ihn erfüllt, mit dem kalten, unerbittlichen Haß, mit welchem er die Ariſtokraten haßt, hat das Herz nichts zu thun. Und wer iſt ihm nicht Ariſtokrat! ich bin es ihm, Sie ſind es ihm, und ich glaube: er macht ſelbſt mit Münzer keine Ausnahme. Und was das Merkwürdigſte iſt: ich bin überzeugt, daß Münzeru dieſer ſein Geſell im Grunde nicht minder antipathiſch iſt, als mir. Münzer iſt, wie ich zu meinem Staunen gefunden habe, eine durch und durch ariſtokratiſche Natur. Er iſt es in ſeiner Denk⸗ weiſe nicht weniger, als in ſeinem Geſchmack. Alles Gemeine, ja alles Gewöhnliche iſt ihm peinlich, unerträglich, verächtlich. In dem Großen, dem Schönen, ſchwelgt ſeine Seele bis zur Verzückung. Mir iſt immer: als wäre er dazu geboren, in einer Sphäre zu leben, die weit über dem Niveau des gewöhnlichen alltäglichen Lebens liegt, und in der er freilich auch nicht glücklich geweſen wäre, aber doch in ſeiner Weiſe hätte unglücklich ſein können. Nun hat ihn ein feind⸗ liches Geſchick nicht auf einem Thron, ſondern in einer Hütte geboren werden laſſen, hat ihm zum Inſtinkte des Löwen das Joch des Ar⸗ beitsſtieres gegeben. Stolz, wie er iſt, hat er aus der Noth eine Tugend gemacht, oder vielmehr: zu machen verſucht, denn er würde nicht der unglückliche Mann ſein, der er iſt, wenn ihm dieſer Verſuch nicht mißglückt wäre. So iſt ſein Leben äußerlich wie innerlich, eine Kette von Widerſprüchen: Er fühlt ſich zu mir hingezogen, weil ich ein Ariſtokrat bin; er bewundert in Cajus die ſtarre Conſequenz des communiſtiſchen Republikaners, und heimlich empfindet er einen Schauder vor dieſer Verkörperung ſeines politiſchen Ideals; er hat ein einfaches und unbedeutendes Mädchen geheirathet, um Nichts voraus zu haben vor den andern Menſchen, und er betet Antonien Dritter Band. 127 an, weil ſie in Allem der genaue Gegenſatz von ſeiner Frau iſt. Sie ſehen, lieber Wolfgang, ich urtheile ſcharf über unſern Freund; ich würde mir das nicht erlauben, wenn er nicht eben mein Freund, oder vielleicht genauer: wenn ich nicht eben ſein Freund wäre.“ Obgleich Wolfgang ſelbſt jetzt vielfach anders als noch vor einem Jahre über Münzer dachte, ſo hatte er doch zu lange liebend und bewundernd zu dem älteren Freunde hinaufgeſchaut, als daß er nicht Degenfeld gegenüber Alles, was für Jenen zu ſprechen ſchien, hätte geltend machen ſollen. Er behauptete, daß eine an und für ſich un⸗ bedeutende Frau, die noch dazu, was ſie eben von höheren Eigen⸗ ſchaften beſitze, aus mißverſtandener Schamhaftigkeit gefliſſentlich vor ihrem Gatten verberge, den ſchwereren Theil der Schuld des Mißver⸗ ſtändniſſes trage. Degenfeld wollte das nicht gelten laſſen. „Eine Frau, wie ſie Clärchen Münzer ſchildern,“ ſagte er, „verbirgt ihre Tugenden nur, wie das Noli me tangere ſeine Blätter ſchließt: wenn ihr Licht und Wärme zur fröhlichen Entfaltung der⸗ ſelben fehlen. Dieſes Licht, dieſe Wärme ſtrahlen nicht von Münzer aus; vor der Gluth in ſeinem Herzen erliſcht die Flamme des häus⸗ lichen Heerdes. Es gehört zu Allem Talent, auch zum Familienvater⸗ ſein. Ich hätte dies Talent wahrſcheinlich gehabt; Münzer hat es nicht. Doch nun kommen Sie, lieber Hauptmann, Sie wollten mir Ihre Compagnie zeigen; hernach müſſen wir zu den Spitzen der pro⸗ viſoriſchen Regierung; Sie werden zu Ihrem Erſtaunen ſehen: wie leicht ſich's leben und— regieren läßt.“ Für den Abend dieſes Tages hatte Degenfeld ſeinem jungen Freunde in einem Gaſthaus, deſſen Speiſeſaal ein Vereinigungspunkt für die Notabeln der Revolution war, ein Rendezvous gegeben. Wolfgang ſtand eben in einem größeren Kreiſe, in welchem jenes ge⸗ heimuißvolle Dogma,„daß man es machen müſſe, wie Koſſuth,“ nach allen Seiten hin begründet wurde, als ſich eine Hand leicht auf ſeine Schulter legte. Er wandte ſich um; es war Degenfeld. Des Mannes ſchönes Geſicht trug einen Ausdruck ſorgenvollen trüben Ernſtes, daß Wolfgang ſofort aus dem Kreiſe heraustrat und ihn fragte: ob etwas von beſonderer Wichtigkeit ſich ereignet habe? Degenfeld faßte ihn unter den Arm und führte ihn ſchweigend zum Saale hinaus in 128 Die von Hohenſtein. den großen ſtillen Garten, der hinter dem Hotel lag. Wolfgang, deſſen Gemüth ganz von kriegeriſchen und politiſchen Dingen erfüllt war, glaubte nicht anders, als daß es ſich um die Entſcheidung des unhaltbaren Zuſtandes handle, welche Degenfeld vorausverkündet hatte. „Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt,“ ſagte er,„ſprechen Sie es aus; der Rückzug iſt uns abgeſchniten, es bleibt uns nichts als ein ehren⸗ voller Tod auf dem Schlachtfelde.“ „Der würde uns Beide nicht ſchrecken, glaube ich,“ entgegnete Degenfeld— und es lag eine eigenthümliche Wehmuth in dem Ton ſeiner ſanften Stimme—„den Tod, den wir ſterben, haben wir mehr oder weniger in unſrer eignen Hand; aber das Leben der Unſern ſteht in einem Buche geſchrieben, in das wir nur gelegentliche Blicke thun können, und daher kommt es, daß uns das Schlußcapitel oft ſeltſam überraſcht. Ich habe Nachrichten aus Rheinſtadt, Wolfgang, von einem Correſpondenten, der Ihnen näher ſteht als mir: von Ihrem Onkel Peter Schmitz.“ „So iſt mein Vater todt,“ ſagte Wolfgang mit bebenden Lippen. „Sie haben es geſagt, lieber Wolfgang;“ entgegnete Degenfeld ernſt und traurig. „Und ich habe ihn getödtet! habe ihn tödten helfen!“ rief Wolf⸗ gang, indem er haſtig ſeinen Arm aus Degenfelds Arm zog;„ver⸗ hehlen Sie mir nichts! mein Vater war geſund, als ich ihn verließ — er iſt keines natürlichen Todes geſtorben! Ich weiß es, wenn Sie mir es auch nicht ſagen wollen. Seine Verhältniſſe waren ſehr zer⸗ rüttet— er ſprach mit Ruhe darüber— aber ich durfte mich durch dieſe Ruhe nicht täuſchen laſſen— ich war ſeine letzte Hoffnung— ich habe ihn um dieſe Hoffnung betrogen— ich mußte ihm das Opfer bringen— aber, Herr von Degenfeld, konnte ich das! konnte ich ihm meine Ehre opfern!“ Wolfgang preßte Degenfelds Hände und ſtarrte ihm angſtvoll in das Geſicht. „Sie konnten es nicht, Sie durften es nicht,“ erwiderte Herr von Degenfeld mit feſter Stimme.„Kommen Sie, Wolfgang, Sie ſind ein Mann. Ein Mann hat das Recht, in Allem, was ihn an⸗ geht, klar zu ſehen, es ſei auch, wie es ſei. Ihr Vater iſt durch ſeine Dritter Band. 129 eigene Hand geſtorben; ſeine Verhältniſſe waren zerrüttet, aber Sie hätten ſelbſt mit dem Opfer Ihrer Ehre— wenn ein ſolches Opfer überhaupt denkbar wäre— ihn nicht retten können, der rettungslos verloren war. Ich kannte Ihren Vater, Wolfgang, als er und ich junge Officiere im Regiment waren; wir waren Freunde; ich habe ihn ſehr geliebt, denn er war ſehr liebenswürdig, ſo weit Schönheit, Anmuth und ein munterer Geiſt einen Menſchen liebenswürdig machen können. Aber es fehlte ihm, was den Mann zum Manne macht: Treue und Wahrhaftigkeit. Er hat es niemals mit dem Leben ernſt genommen; ich fürchtete ſchon damals, daß es ſo mit ihm enden würde, denn wer das Leben zu einem einzigen frivolen Spiel macht, muß zuletzt falſch ſpielen, er mag wollen oder nicht. So iſt denn auch Ihr Vater zum falſchen Spieler geworden, und zuletzt hat er das Deſicit in der Kaſſe, die ihm anvertraut war, mit ſeinem Leben decken müſſen. — Armer lieber Freund! wie gern hätte ich Ihnen dieſen Schmerz erſpart! aber Sie mußten es doch über kurz oder lang erfahren, und ich bin ſtolz genug, zu glauben, daß Sie mich ein wenig lieben, und mir verſtatten, mit Ihnen zu tragen, was ſich allein ſo ſchwer trägt.“ Wolfgang warf ſich dem edlen Freunde an die Bruſt; auch Degenfeld war tief erſchüttert:„Sehen Sie, was Sie aus mir machen können,“ ſagte er;„ich könnte den Jahren nach Ihr Vater ſein, und Gott weiß es! wie ſtolz ich auf einen ſolchen Sohn ſein würde. Oder nehmen Sie mich zu Ihrem Bruder; ich fühle mich durch Sie wieder jung;— daß ich Ihr Freund bin, wiſſen Sie ja längſt!“ Fünßehntes Capitel. Herr von Degenfeld hatte Wolfgang auf ſeine Bitten den Brief Onkel Peters gegeben, welcher die Details von des Stadtraths Tode, ſo weit ſie bis dahin bekannt waren, enthielt. Wolfgang überzeugte ſich, daß der Vater, wie Degenfeld behauptet hatte, nicht zu retten Fr. Spielhagen's Werke. IX.. 9 130 Die von Hohenſtein. geweſen war. Die angeſtellten Nachforſchungen hatten ergeben, daß er ſchon ſeit Jahren eigentlich nur auf Unkoſten ſeiner Gläubiger gelebt hatte; ſelbſt gewiſſe Summen, die er bis zur Gefangennahme des Generals von dieſem für Wolfgangs Unterhalt und militairiſche Ausbildung erhalten, waren in dem unerfättlichen Schlund ſeiner Schulden verſchwunden. Dieſe letzte Entdeckung trieb Wolfgang die Röthe peinlichſter Scham in's Geſicht. Während er ſich einer rigoro⸗ ſen Sparſamkeit befleißigte, hatte der Vater ihn dem alten General, vielleicht der ganzen Familie im Lichte eines Verſchwenders erſcheinen laſſen, denn er hatte während ſeiner kurzen militairiſchen Carriére kaum den zehnten Theil des Geldes gebraucht, welchen ſich der Vater auf ſein(des Sohnes) Conto von dem General— erſchwindelt hatte. Es war eine furchtbare Nacht, dieſe Nacht, in welcher Wolfgang ſo mit dem Vater abrechnete, und am offenen Fenſter in der lauen Nachtluft die von kaltem Schweiß bedeckte Stirn trocknete. Ein paar Mal hörte er an der Thür ein Geräuſch; es war Balthaſar, den die Sorge um den lieben Herrn nicht ſchlafen ließ, der nun endlich doch das ſchlimme Geheimniß erfahren, das ihm die gute, treue Seele alle dieſe Zeit hindurch ſo ängſtlich verborgen hatte. Aber Wolfgang konnte ihm nicht öffnen; er fühlte, daß er nicht im Stande ſei, dieſe feierliche Zwieſprache mit dem Tode und dem Verbrechen vor einem Zeugen zu führen. Wer Wolfgang genau kannte, mußte von dieſem Tage an eine merkliche Veränderung an ihm wahrnehmen, die ſich ſo gar bis auf ſein Aeußeres erſtreckte. Die Linien ſeines männlich ſchönen Geſichts waren ſchärfer; ſein freundlicher Mund war feſter geſchloſſen und der Blick ſeiner Augen ſtrenger, forſchender; ja ſogar ſeine Haltung war ſtraffer, ſein Schritt gleichmäßiger als bisher. Die Ueberzeugung, die ſich ſchon dem Knaben aufgedrängt, daß der Menſch vor allem ſeine Pflicht thun müſſe, um in dieſer ſchwankenden Welt einen feſten Halt zu haben, hatte für ihn eine furchtbare Beſtätigung erhalten; aber dieſe Ueberzeugung war es auch, die ihn mehr als alles Andere, mehr als der perſönliche Einfluß Degenfelds und Balthaſars, mehr ſelbſt noch als der Gedanke an Onkel Peter, ja ſelbſt an Ottilie auf⸗ recht erhielt. Ja, der ſtolze Trieb des edlen Menſchen, ſein Leid Dritter Band. 131 möglichſt allein zu tragen und ſelbſt die Nähe der Geliebteſten zu meiden, ließ ihn ſogar den Ring, den ihm Ottilie geſandt und den er bis jetzt wie einen Talisman verehrt hatte, vom Finger ſtreifen, um gleichſam ſo ſymboliſch die ſymboliſche Vereinigung mit einem ſo reinen Weſen aufzuheben. Aber ſeine innere Kraft war zu groß, als daß er nicht in kurzer Zeit dieſer hypochondriſchen Stimmung hätte Herr werden ſollen, und zu ſeinem Glück war die Zeit und war die Situation, in der er ſich befand, der Art, daß es ſchwer hielt, über dem privaten Leid die allgemeine Noth zu vergeſſen. Was Degenfeld und jeder Einſichtsvolle mit ihm längſt voraus⸗ geſagt hatte, war eingetroffen. Die Revolutionsarmee war, gedrängt von dem ſechsfach überlegenen Feinde, der ſeine Heeresſäulen langſam, als folgten ſie nur dem Geſetz der eigenen Schwere, auf den offenen Straßen des vertheidigungsloſen Landes heranwälzte, zu einem über⸗ eilten Rückzug gezwungen. An eine offene Feldſchlacht, von der man in den Tagen ſicherer Nuhe ſo viel geprahlt hatte, dachte Keiner mehr, und Wenige daran, daß der Rückzug in die wildeſte Flucht ausarten müſſe, wenn man die Gewaltshaufen des Feindes, die man zurück⸗ zuſchlagen nicht vermochte, in ihrem Vordringen nicht wenigſtens zu hemmen verſuchte. Bis zum letzten Augenblicke hatte Degenfeld die Nothwendigkeit dieſer Maßregel wieder und wieder in dem rathloſen Kriegsrathe hervorgehoben, und ſich ſelbſt angeboten, die Führung der Arrièregarde zu übernehmen. Man hatte ihm geantwortet: er möge jedes Commando, das ihm beliebe, übernehmen, wenn er etwas zu commandiren finden könne. Degenfeld eilte zu Wolfgang: „Sind Sie Ihrer Compagnie ſicher, Wolfgang?“ „„Ich glaube, für meine Leute ſtehen zu können.“ „Dann halten Sie ſich bereit; in einer Stunde marſchiren wir gegen den Feind. Wie ſtark ſind Sie?“ „Ich habe jetzt mit den Leuten, die man mir noch zugetheilt hat, vierhundert Mann. Ich könnte noch einmal ſo viel haben, aber ich habe nur die tüchtigſten genommen.“ „Deſto beſſer. Ein paar hundert bringe ich wohl auch noch an die Gewehre. Was uns dann noch an numeriſcher Stärke abgeht, 9* „ 132 Die von Hohenſtein. müſſen wir durch Raſchheit und Verwegenheit erſetzen— zwei Eigen⸗ ſchaften, an denen es glücklicherweiſe unſerem Gegner fehlt.“ An dieſem Tage trafen Münzer und Cajus von ihrer Miſſion in der Stadt ein, die jetzt einem Bienenſtocke, der eben ſchwärmen will, glich. Sich durch den Strom von Fußvolk, Reiterei, Bagage⸗ und Munitionswagen, der ſich ihnen lärmend, fluchend, polternd ent⸗ gegenwälzte, durcharbeitend, gelangten ſie zu dem Platz, wo eben Degenfeld und Wolfgang ihre kleine tapfere Schaar zum Auszug muſterten. Münzer knirſchte vor Zorn über das heilloſe Treiben, das denn doch ſeine ſchlimmſten Erwartungen übertraf, mit den Zäh⸗ nen. Degenfeld und Wolfgang ſchlugen ihm vor, doch lieber mit ihnen zu ziehen, als ſich wider ſeinen Willen von dem Strudel der allgemeinen Verwirrung fortreißen zu laſſen. Münzer war ſogleich bereit:„Lieber Alles,“ rief er,„als dieſe Elendigkeit, die nur Beine, aber weder Kopf noch Herz hat, einen Augenblick länger mit anſehen. Meine Miſſion war vergeblich, wie jeder Schritt, den ich hier noch gethan habe. Ich gehe mit Ihnen: zum Todtgeſchoſſenwerden mag ich ja doch wohl noch taugen.“ Cajus lächelte zu dieſem Ausbruch ſeines leidenſchaftlichen Go⸗ fährten ſein gewöhnliches finſteres Lächeln. Er ſagte kein Wort, ſon⸗ dern nahm ſchweigend einem halbwüchſigen Burſchen, der eben mit Anderen vorüberfloh, das Gewehr von der Schulter, und ſtellte ſich damit in Reih' und Glied. Der Major zog ſeinen Degen und com⸗ mandirte:„Das Gewehr über! Rechts um! Marſch!“ Sechszehntes Capitel. Es waren ein paar heiße Monate— die Monate Juni und Juli des Jahres achtzehnhundertneunundvierzig. Von dem blauen Himmel ſchien die ſtrahlende Sonne auf die rauſchenden Wälder, die wogenden Saatfelder, die grünen Rebengärten des paradieſiſch ſchönen Dritter Band. 133 Landes; aber durch dieſes Paradies tobte des Krieges grimme Furie. In den Wäldern und Rebenhügeln knallten die Büchſen, die ſtillen Berge hallten das Echo des Kanonendonners wieder, Roſſeshufen zerſtampften unbarmherzig das goldene Korn und die Haidelerche ſtieg zu den Wolken empor und trug auf ihren Flügeln zu den Wolken das Blut, das aus dieſem Kampf der Brüder gegen Brüder in ihr friedliches Neſt geſpritzt war. Es waren ein paar heiße Monate— nicht zum wenigſten heiß für die todesmuthige Schaar, die unter Degenfelds und Wolfgangs Führung ſich dem übermächtigen Feinde entgegengeworfen und ihm mit Verluſt ſo manches wackern Burſchen unter unſäglichen Strapazen und Gefahren, oft dem beinahe ſicheren Verderben kaum entrinnend, jeden Fuß breit Boden, der ſich nur menſchenmöglicherweiſe ver⸗ theidigen ließ, ſtreitig gemacht hatte. Immer die letzten in dem Rück⸗ zuge, immer die erſten vor dem Feinde, waren dieſe Braven oft Tage lang von aller Verbindung mit ihrer Armee abgeſchnitten geweſen, und wenn ſie auch einmal in das Hauptquartier kamen, ſo war es faſt nur, um die Verwundeten abzuliefern, neue Munition zu holen und ſich dann wieder auf ihren gefährlichen Poſten zu begeben, auf den man ſie gern und willig ziehen ließ. Eine wunderliche Schaar! ſehr wenig parademäßig, aber für das Auge des Kenners tüchtig genug: trotzige, von Staub, Sonne und Schweiß geſchwärzte Geſichter, kräftige Geſtalten in zerlumpten Blouſen und zerfetzten Stiefeln, die Patronentaſchen voller als die leichten Ränzel, mit denen kaum der dritte Mann verſehen war, die treue Büchſe auf der Schulter, wie es dem Träger bequem war, geräuſch⸗ los, ſchnellen, unermüdlichen Schritts— ſo zogen ſie beim erſten Morgengrauen durch die dampfenden Schluchten in die Berge, die oft ſchon wenige Stunden ſpäter der Schauplatz des grimmigſten Kampfes wurden. Auch war die„Brigade Degenfeld“ in den jenſeitigen Reihen wohl bekannt. Man hatte herausgebracht, daß jenes gefürchtete kleine Corps, das immer zur ungelegenſten Zeit auf dem Punkte, wo es am wenigſten zu erwarten ſtand, mit ſolcher Bravvur angriff und ſich ſtets die Rückzugslinie offen zu halten wußte, von Officieren, die zur 134 Die von Hohenſtein. Revolutionsarmee übergegangen waren, geführt werde; man hatte ſofort auf Degenfeld und Wolfgang gerathen; Spione hatten die Vermuthung beſtätigt. Seitdem entbrannte jedes Mal, ſo oft die „Brigade Degenfeld“ in's Gefecht kam, ein ganz beſonderer Wetteifer unter den in's Feuer commandirten Bataillonen der Regulären. Es hieß, die Officiere hätten ſich das Wort gegeben,„die Ausreißer“ lebendig oder todt zu fangen. So wenigſtens ſagten Gefangene aus, die man bei verſchiedenen Gelegenheiten gemacht hatte. Beſonders erbittert ſei der Commandeur des neunundneunzigſten Infanterie⸗ regiments, Obriſt von Hohenſtein. Er hatte gegen ſeine Officiere geäußert, daß man ihm die Schande, einen Verwandten unter der republikaniſchen Canaille zu haben, nicht anrechnen möge; und den Soldaten vor dem letzten Gefechte gedroht, Den, welchen er nicht ſeine Schuldigkeit thun ſehe,„mit ſeiner eigenen Spadille über den Haufen zu ſtoßen.“ Sie hätten ſich deshalb gar nicht ungern ge⸗ fangen nehmen laſſen; ſo, wie ſie, würden es noch gar Viele machen, wenn die Furcht ſie nicht hielte. „Sie ſollen uns nicht lebendig fangen, Wolfgang,“ ſagte Degen⸗ feld, dem Freunde die Hand auf die Schulter legend. „Und ſollten wir uns wie Brutus und Caſſius in unſre Schwerter ſtürzen,“ erwiderte Wolfgang lächelnd. „Hätten wir es doch nur mit einem Cäſar zu thun!“ entgegnete Degenfeld ſeufzend;„da wäre der Tod weniger bitter. Sie wiſſen: ich würde einem Cäſar freilich nicht huldigen, aber ihm doch mit einer gewiſſen Beruhigung die Welt räumen, die für freie Seelen keinen Platz mehr hat. Ja, die Sache recht betrachtet, wäre ein Cäſar vielleicht ein Segen für dieſes geliebte vielköpfige Ungeheuer von Vaterland.“ „Laſſen Sie das nicht unſere Freunde drüben hören,“ ſagte Wolf⸗ gang, auf Münzer und Cajus deutend, die in einiger Entfernung unter einem Baum lagen und ſich in leiſem Tone unterhielten. Ein Mann in einer Blouſe, den die dreifarbige Schärpe, die er um den ſchlanken Leib gegürtet hatte, als Officier bezeichnete, trat in ſtraffer militairiſcher Haltung, die Hand an dem zerknitterten Cala⸗ breſer, auf die Beide zu und ſagte:„Verſtatten der Herr Major—“ Dritter Band. 135 „Wollen Sie ſich nicht zu uns ſetzen, Herr Lieutenant?“ fragte Degenfeld lächelnd. „Danke, Herr Major, habe noch das Gewehrputzen zu beauf⸗ ſichtigen. Wollte mir auch nur erlauben zu melden, daß die drei Leute von den Neunundneunzigern ihre Dienſte anbieten. Es ſind tüchtige Leute, Herr Major, und wir haben für unſren letzten Verluſt keinen Erſatz gehabt.“ „Was meinen Sie, Wolfgang?“ fragte Degenfeld. „Ich glaube, wir können uns ganz auf Freund Rüchel verlaſſen,“ erwiderte Wolfgang. „So nehmen Sie ſie in Ihre Compagnie, Rüchel,“ ſagte Degen⸗ feld; aber beobachten Sie die Leute genau; ſtellen Sie ſie das nächſte Mal an einen gefährlichen Poſten; wenn ſie ſich bewähren, tant mieux— deſto beſſer,“ verbeſſerte ſich Degenfeld, als er bemerkte, daß Rüchel bei dieſen Worten einen fragenden Blick auf Wolfgang richtete. „Zu Befehl!“ ſagte Rüchel, die Hand wieder an ſeinen Cala⸗ breſer legend und auf den Hacken Kehrt machend. „Es iſt wunderlich,“ bemerkte Degenfeld, als Rüchel gegangen war,„wie feſt uns doch der alte Zopf im Nacken hängt. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dieſen Mann, deſſen militairiſches Talent ich bewundere, deſſen gute, ja glänzende Eigenſchaften ihn uns ſo lieb und werth gemacht haben, als Officier anzuſehen; warum? weil ich ihn in der Commisuniform des Unterofficiers kennen gelernt habe und ſeine Ausdrucksweiſe gerade nicht die eleganteſte iſt. Und geht es ihm ſelbſt anders? kann er ſich dazu erheben, ſich als unſeres Gleichen zu betrachten, trotzdem wir ihn doch wahrlich als unſeres Gleichen behandeln? Wenn wir, die wir wenigſtens den guten Willen haben, vernünftige Menſchen zu ſein, ſo unvernünftig ſind; was ſoll man denn von den Anderen erwarten? Ich fange nächſtens an einzuſehen, daß Ihr Balthaſar mit ſeiner Theorie von der ſtillen Revolution recht hat. Wir Andern können uns nur gegenſeitig todt⸗ ſchlagen, ohne uns zu beſſern und zu bekehren.“ „Das wäre nun freilich wieder Cajus' Theorie,“ ſagte Wolfgang 136 Die von Hohenſtein. „oder behauptet er nicht, daß ein Geſchlecht, welches nicht zu bekehren und zu beſſern ſei, eben einfach todtgeſchlagen werden müſſe?“ „Und ſo wird es auch wohl geſchehen,“ ſagte Degenfeld;„dies verderbte Geſchlecht wird in der Wüſte der Revolution umkommen, damit die nachwachſende Generation von dem gelobten Lande der Freiheit fröhlichen Beſitz ergreifen kann. Sie, liebſter Wolfgang, rechne ich ſchon zu dem neuen Geſchlecht; Sie ſind ſchon ein moderner Menſch; mit uns alten Romantikern aber iſt nichts zu machen; die lange Gewohnheit, uns, das heißt: das eigene, winzige Ich als den Mittelpunkt anzuſehen, um den ſich Sonne, Mond und alle Sterne drehen, hat uns ausgehöhlt, und unſer Nervenſyſtem zerrüttet. Wir find zu Nichts mehr gut, als um umgehauen und in den feurigen Ofen der Weltgeſchichte geworfen zu werden.“ Herr von Degenfeld ſagte das Alles in einem ſcherzhaften Ton, durch welchen die Melancholie einer ernſten, entmuthigenden Ueber⸗ zeugung nur zu deutlich hindurchklang. Es war nicht das erſte Mal, daß er ſich in dieſer Weiſe gegen Wolfgang äußerte. Wolfgang hatte mit tiefem Schmerze dieſen tragiſchen Zug in dem Charakter des ſo hochverehrten Mannes immer deutlicher hervortreten ſehen, und es war ihm jetzt eigentlich erſt klar geworden, wie richtig Herr von De⸗ genfeld ſich beurtheilt hatte, wenn er ſich die Fähigkeit, ein große Rolle in der Revolution zu ſpielen, abſprach. Er war ein Revolutionair im Geiſte; aber nicht mit dem Herzen, nicht mit der Phantaſie und Leivenſchaft, nicht im Blut und in den Nerven. Seine tiefe Einſicht in die Schäden des alten, verrotteten Syſtems, die perſönliche Ver⸗ folgung, der er ſich durch ſeine tapfern Schriften ausgeſetzt hatte, zuletzt ſeine innige Freundſchaft zu Münzer hatten ihn in den Kampf ge⸗ führt, der in einem ſo jähen Widerſpruche mit ſeinen friedlichen Neigungen und der gelehrten Muße ſtand, für die er ſich vorzugs⸗ weiſe organiſirt wußte. Um ſo größer aber war Wolfgangs Be⸗ wunderung des trefflichſten Mannes. Wolfgang, und Wolfgang allein, wußte, was dieſer ſchönen harmoniſchen Seele die Gelaſſenheit koſtete, mit der ſie alle blutigen Conſequenzen einer theoretiſchen Ueberzeugung trug. Es war wohl ein wahlverwandtſchaftlicher Zug, der Degenfeld —— Dritter Band. 137 an Wolfgangs Liebling, dem guten Balthaſar, ein ſo großes Wohl⸗ gefallen finden ließ. Stundenlang konnte er ſich auf dem Marſche oder im Lager mit dieſem„modernen Sokrates,“ wie er ihn ſcherzend nannte, unterhalten. Er rühmte die Fülle von Kenntniſſen, die Balthaſar bei ſeinem einſamen Studium ſich erworben hatte, ebenſo wie ſeine kindliche Herzensreinheit und unendliche Güte.„Vor dem Manne müſſen wir Alle ſchamroth werden,“ ſagte er oft zu Wolf⸗ gang;„er iſt in jedem Augenblick, was wir in unſern beſten Stunden zu ſein wünſchen. Ich würde ihn um den Himmel in ſeinem Ge⸗ müthe beneiden, wenn ich nicht fürchten müßte, durch dieſe Regung den letzten Reſt der Achtung bei Cajus einzubüßen.“ Cajus machte in der That aus ſeiner Verachtung Balthaſars kaum ein Hehl, obgleich er ſich freilich gegen Degenfeld und Wolf⸗ gang jeder directen Aeußerung enthielt. Deſto freier äußerte er ſich gegen Münzer. Er nannte Balthaſar„einen rührſeligen Schwärmer, den rechten Gefährten für ſolche Ideologen wie Wolfgang und Degen⸗ feld.“ Er behauptete, daß es ein Unſinn ſei, einen Menſchen mit in's Feld zu nehmen, bei deſſen bloßem Anblick ſchon die Leute den kriegeriſchen Muth vergäßen. Ob Münzer, wie es manchmal ſchien, die Antipathie gegen Balthaſar wirklich theilte, oder ob er dieſelbe nur zum Vorwand nahm, ſich öfter aus der Geſellſchaft der Freunde zurückziehen zu können— Münzer war im Verlaufe dieſer Wochen trotz des eigent⸗ lich beſtändigen Beiſammenſeins, trotzdem ſie ſo viele Gefahren ge⸗ meinſam beſtehen mußten und beſtanden, immer düſterer, immer zurück⸗ haltender, immer einſamer geworden. Nur in Cajus' Geſellſchaft ſchien er ſich wohl zu fühlen, wie denn auch dieſer kalte verſchloſſene Mann nur an Münzer ein wärmeres Intereſſe zu nehmen ſchien. Münzer hatte es ausgeſchlagen, in dem kleinen Corps, welches an tüchtigen Officieren empfindlichen Mangel litt, irgend etwas Anderes zu ſein, als gemeiner Soldat, während ſelbſt Cajus die Führung einer Abtheilung übernommen hatte— wozu ihn allerdings ſeine großen militairiſchen Gaben vollkommen berechtigten. Auch an den Be⸗ rathungen nahm er meiſt nur ſchweigend Theil; nur hin und wieder ſprach er in wenigen Worten ſeine Anſicht aus, wobei man bemerken 6 1 8 5 1 138 Die von Hohenſtein. konnte, daß er jedes Mal einer etwa abweichenden Meinung, die Cajus aufgeſtellt hatte, den Vorzug gab. Wolfgang konnte ſich durch dies Alles nicht perſönlich gekränkt fühlen, denn es war zu augenſcheinlich, daß Münzers Seelenleiden die hauptſächliche, wenn nicht die einzige Urſache der Zurückhaltung war, die er gegen ſeine Freunde an den Tag legte. Hatten doch die innern Kämpfe ſelbſt ſein Aeußeres auf eine unheimliche Weiſe ver⸗ ändert. Den herrlichen Kopf, den er früher ſo ſtolz in den Nacken warf, vorübergebeugt, die ſonſt ſo ſtrahlenden Augen düſter auf den Boden heftend,— ſo ſchritt er auf den Märſchen ſtundenlang dahin, ohne daß ein Wort über ſeine Lippen gekommen wäre, und dabei ſah man ſeinen Bewegungen nur zu deutlich an, daß die Kraft dieſes mächtigen Leibes gebrochen war. Nur, wenn er in das Gefecht ging, ſchien der Alp, der auf ſeiner Seele laſtete, von ihm zu weichen. Wenn die Büchſen krachten, und die Spitzkugeln der Feinde ihnen über die Köpfe pfiffen, oder in die Baumſtämme ſchlugen, athmete er hoch auf; ſeine Wangen rötheten ſich, ſeine Augen blitzten; er ſprach und ſcherzte mit Allen, die in ſeiner Nähe waren, um ſo heiterer, je drohender die Gefahr war. Ja, er ſetzte ſich der augenſcheinlichſten Gefahr oft ſo gefliſſentlich aus, daß bei den abergläubiſchen Ge⸗ müthern des Corps die Unverwundbarkeit des Doctors kaum noch zweifelhaft war, während Wolfgang zu der traurigen Gewißheit ge⸗ langte, daß Münzer den Tod ſuche. Er ſagte es ihm eines Abends, als ſie nach einem heißen Schar⸗ mützel mit den feindlichen Vorpoſten in eine verhältnißmäßig ſichere Stellung zurückgegangen waren. Münzer bejahte das mit großer Gelaſſenheit.„Ich habe genug gelebt,“ ſagte er,„um zu erfahren, daß ich, wie ich nun bin, in dieſe Welt nicht paſſe. Das Dogma von der Unſchätzbarkeit des Lebens mag ganz gut ſein für die Glück⸗ lichen; es den Unglücklichen aufdringen wollen, iſt eine Frechheit, oder eine Abſurdität, oder Beides. Das Leben hat nur einen ganz relativen Werth, den nur Der, der es lebt, beſtimmen kann; denn Niemand ſteckt in des Andern Haut, oder fühlt mit des Andern Herzen, oder denkt mit des Andern Hirn. Wenn der Werth des Lebens nun unter Null geſunken iſt, ſo iſt es keine Tugend, ſondern eine Schande, Dritter Band. 139 weiter zu leben. Die Alten dachten in dieſem, wie in vielen andern Punkten, weiſer als wir mit unſrer geſpreizten transcendentalen Moral.“ Wolfgang gab die Richtigkeit dieſer Sätze nur in bedingter Weiſe zu.„Ich würde Ihnen nur dann ohne Einſchränkung beipflichten,“ ſagte er,„wenn der Menſch wirklich die Monade wäre, zu welcher Sie ihn machen. Das iſt aber keineswegs der Fall. Ich habe, wie Sie ſich denken können, in letzterer Zeit ſehr viel über das Thema, von dem wir eben ſprechen, gegrübelt, und bin zu dem Reſultat ge⸗ kommen, daß wir jede That, ſie ſei, welche ſie ſei, zweimal thun, einmal für uns und das andere Mal für die Andern. Lebten wir nur für uns, ſo möchte immerhin unſer eigenes Belieben die Richt⸗ ſchnur und unſre individuelle Meinung der Maßſtab unſrer Thaten ſein. Aber wir leben in der Familie für die Familie, in der Ge⸗ noſſenſchaft für die Genoſſenſchaft, in dem Vaterlande für das Vater⸗ land, leben und— ſterben. Das können wir nicht ändern, und weil wir's nicht können, dürfen wir es auch nicht ändern wollen. Hier iſt die zweite und höhere Inſtanz, in welche unſer Thun und Laſſen tritt. Sehen wir wohl zu, daß wir in dieſer unſre Sache nicht ſchmählich verlieren, die wir in jener erſten mit lächelnder Selbſtgenügſamkeit für gewonnen anſprachen.“ „Ich hör' Ulyſſen reden!“ erwiderte Münzer;„aber ohne Spott, Wolfgang, ich habe meine Sache auch vor die zweite, höhere Inſtanz gebracht und glaube ſie auch da gewonnen zu haben. Ich darf wohl auftreten und ſprechen: ich habe für die Freiheit und Einheit meines Vaterlandes gearbeitet. Wie unzufrieden auch meine Freunde mit mir ſein mögen, dieſe Anerkennung werden ſie mir nicht verfagen können. Wenn Jemand, wie ich, zwanzig Jahre lang in täglicher mühſeliger Arbeit an einem Werke geſchafft hat, ſo iſt dieſes Werk wohl gewiſſermaßen ſein Werk, und wenn dieſes Werk nun mißlingt, vollkommen mißlingt, ſo wird man es dem Arbeiter nicht allzuſehr verargen dürfen, daß er ſein verfehltes Leben dem mißlungenen Werk nachſchicken möchte. Unſre Revolution iſt mißlungen, kläglich miß⸗ lungen; der kreiſende Berg hat eine Maus geboren. Statt der ſocialen, zum mindeſten doch republikaniſchen Schilderhebung eine Winkelcampägne für eine romantiſche Conſtitution, die ewig auf dem 140 Die von Hohenſtein. Papiere bleiben wird. Die Kleinbürger haben das Proletariat an die Geldſäcke verrathen, die ſich bereitwillig der frechen Fauſt des Adels öffnen, der ſie zugleich vor dem Proletarier und dem Kleinbürgerthum beſchützen muß. Er wird ſich ſeine Schutzherrlichkeit theuer bezahlen laſſen, ſo theuer, daß endlich— doch darüber können noch Jahre vergehen— der überdies durch die lange Ruhe übermüthig gemachte Bourgeois nicht mehr wird zahlen wollen und im Bund mit dem Proletarier und dem kleinen Bürger den Adel ſtürzt, um im Augen⸗ blicke des Sieges die dummen Zwerge, die ſeine Schlachten geſchlagen haben, unter die Füße zu treten und allmächtig, auf ſeinem Geldſack thronend, allein zu herrſchen. Das iſt der Verlauf der Bewegung, der cireulus vitiosus, in welchem ſich unſre ſociale Krankheit noch Menſchenalter hindurch herumbewegen kann. Unſre Sache— ich meine die Sache, für die ich gekämpft habe— war ſchon heute vor einem Jahr entſchieden, als Cavaignac's Kartätſchen die wahre, die ſociale Revolution in den Straßen von Paris niederſchmetterten. Ich bin ſeitdem ein Mann, dem das Leben vergällt, deſſen Kraft gebrochen iſt. Ich kann nur noch mit meinem Blute den Boden düngen, aus dem vielleicht in ſpäterer Zeit die Saat einer beſſeren Freiheit er⸗ wächſt, als wie ſie jetzt im Schatten von ſechsunddreißig Thronen, die man nicht anzutaſten wagt und von unzähligen Kirchen, die man noch immer wie Heiligthümer reſpectirt, gedeihen kann.“ „Und die Ihrigen?“ fragte Wolfgang ruhig und feſt:„Ihr Weib? Ihre Kinder?“ Ueber Münzers Geſicht flog ein tiefer Schatten. „Meine Kinder,“ ſagte er langſam und als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche,„für ſie iſt geſorgt. Und mein Weib—“ Er ſtützte den Kopf in die Hand und murmelte: „Armes Weib, Du hätteſt ein freundlicheres Loos verdient. Es war kein guter Tag, an dem wir uns zum erſten Male ſahen. Glück⸗ lich wären wir nun wohl Beide nicht geworden, aber die Qual, uns gegenſeitig noch unglücklicher gemacht zu haben, wäre uns doch erſpart geblieben. Ach, Wolfgang, es iſt ein ſchauriges Ding um ſo ein Menſchenleben! ich möchte es, und könnte ich dadurch ein Gott wer⸗ den, nicht zum zweiten Male leben. Mir graut vor dieſer Arbeit, — Dritter Band. 141 die keinen Erfolg hat, vor dieſem Suchen, das Nichts findet, vor dieſen Freuden, die wie Rauch verfliegen, vor dieſen Schmerzen, deren Feuer uns verzehrt! Das Alles iſt fürchterlich genug, wenn wir es an uns ſelbſt erfahren; aber das Maß des Wehes ſchwillt über, wenn wir, ſelbſt leidend, Andere leiden machen, wenn das Leid der Andern unſer Leid vermehrt.“ Er drückte dem Freunde die Hand und ging durch den Wald in der Richtung fort, wo die Vorpoſten des Corps unter Cajus' Führung in unmittelbarer Nähe vor dem Feinde ſtanden. Siebenzehntes Capitel. Der Mond war bereits aufgegangen und badete die Wipfel der Tannen, die leiſe im Nachtwinde rauſchten, mit ſeinem geiſterhaften Licht; aber unten zwiſchen den Stämmen lag noch die drückende Schwüle des heißen Tages. Der unglückliche Mann ſchritt dahin, wie in einem dunklen beängſtigenden Traum. Er achtete nicht des Weges— was galt es ihm, wohin er ging! war doch für ihn überall das verworrene Labyrinth, aus dem kein Ausweg war,— nur der Tod. Er ſpannte mechaniſch den Hahn ſeiner Büchſe und ſetzte den Kolben auf die Erde. Dann fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß der Knall die armen Menſchen, die von der blutigen Arbeit ſich eben zum Schlaf hingelegt hatten, wieder aufſchrecken würde, ja dem nahen Feinde die Stellung des Corps verrathen könnte. So nahm er denn das Gewehr wieder auf, mit jener Entſagung, mit welcher ein todtmüder Wanderer an einem ſchattigen Ruheplatze vorübergeht, um das vorgeſteckte Ziel ſicher zu erreichen. Er athmete auf, ols er aus dem unheimlich ſchwülen Dunkel heraustrat auf die Lichtung im Walde, auf welche Degenfeld die Feldwache poſtirt hatte. Die Nähe des Feindes erlaubte es nicht, ein Wachtfeuer anzuzünden; die Leute lagen, in ihre Mäntel gehüllt, in dem Schatten der Bäume auf dem Moosteppich; nur Wenige ſchritten noch auf dem freieren Platze, wo 142 Die von Hohenſtein. auf den blanken Läufen der zuſammengeſtellten Gewehre die Mondes⸗ ſtrahlen glitzerten, in leiſen Geſprächen über die Ereigniſſe des Tages, auf und ab.* Münzer warf ſich, von den Uebrigen etwas entfernt, auf die Erde und ſtarrte beklommenen Herzens vor ſich hin. Eine mächtige Geſtalt löſte ſich von dem Dunkel des gegenüberliegenden Waldrandes ab und kam über die Lichtung herübergeſchritten. Es war Cajus. Er ſtreckte ſich neben Münzer in das Moos und ſagte: „Sie ſcheinen heute beſonders angegriffen, Herr Doctor?“ „Ich habe nicht Ihren eiſernen Körper.“ „Ihr Körper wäre ſtark genug— ich verſtehe mich auf der⸗ gleichen— wenn Ihr Herz ruhiger in Ihrer Bruſt ſchlüge.“ „Geben Sie mir dazu ein Mittel.“ „Leben Sie mein Leben, und ich wette Alles gegen Nichts, daß Sie ſich nicht mehr über Herzklopfen zu beklagen haben.“ „Mein Leben iſt kein ſonniger Frühlingstag geweſen.“ „Ich weiß es; würde ich mich ſonſt um Sie einen Deut mehr lümmern, als um das andre Menſchengeſindel? Nur die Unglück⸗ lichen verſtehen einander. Ich haſſe die Gläcklichen; ſie ſind von einer andern Race; zwiſchen ihnen und uns iſt ſo wenig Gemeinſchaft als zwiſchen Weißen und Indianern.“ Münzer blickte in das ſchwarzbraune, von ſtruppigem Bart um⸗ rahmte Geſicht, in das der Mond in dieſem Momente voll hinein⸗ ſchien, ſo daß das Weiße der Augen unheimlich blitzte. Es war ihm, als ob er den Cajus noch nie zuvor geſehen habe; er machte unwill⸗ rürlich eine Bewegung aus der Nähe dieſes finſtern Geſellen. „Bleiben Sie ruhig, Doctor,“ ſagte Cajus mit einem kurzen, heiſern Lachen;„wenn auch viel Menſchenblut an meinen Händen klebt, ſo wurde es doch in ehrlichem Kampfe, oder in grimmer Nothwehr vergoſſen. Aber ich weiß, daß ein Tag kommen wird, wo ich nicht tödten, ſondern morden werde, mit Wolluſt morden. Ich habe mich ſchon dreißig Jahr lang auf dieſen Tag gefreut.“ „Und wer iſt es, der Sie ſo tödtlich beleidigt hat?“ „Ein naher Verwandter Ihres Freundes, des jungen Ariſto⸗ kraten, den ich ſchon ſeines verfluchten Namens wegen haſſe, wie Dritter Band. 143 ſein ganzes verfluchtes Geſchlecht: der Herr Obriſt Guisbert von Hohenſtein.“ Cajus knirſchte mit den Zähnen und murmelte einen fürchter⸗ lichen Fluch in den ſtruppigen Bart. „Wie iſt das möglich?“ fragte Münzer erſtaunt:„ich denke, Sie haben den Obriſt kaum zwei⸗ oder dreimal geſehen, ſeitdem Sie nach Rheinſtadt kamen; oder ſind Sie ſchon früher—“ „In Rheinſtadt geweſen,“ unterbrach ihn Cajus;„ich bin nicht aus Ameriko, obgleich ich jetzt amerikaniſcher Bürger bin. Ich bin in Rheinſtadt geboren; mein eigentlicher Name iſt— doch was thut der Name zur Sache. Mein Vater war ein Trunkenbold, meine Mutter eine öffentliche Dirne; ich bin im tiefſten Schmutz des Elends und des Laſters groß geworden. Aber ich hatte einen ſtolzen Sinn und wollte was Rechtes werden im Leben. Ich wurde Buchdrucker und gelegentlich auch Soldat. Ich liebte ein Mädchen, das, wie ich, im Elend aufgewachſen, wie ich, ſich rein gehalten hatte in dem Schlamm⸗ pfuhl, ein Mädchen, lieb und ſchön und brav, um deſſentwillen auch ich brav geblieben, oder brav geworden war. Der Obriſt von Hohen⸗ ſtein war Fähndrich in meiner Compagnie. Er war ein wüſter, widerlicher Menſch und hatte ſchon lange meinem Mädchen nachge⸗ ſtellt. Da trifft er mich eines Nachts mit ihr auf der Straße; wir wohnten in demſelben Hauſe, und ſie hatte in einer Familie, die ver⸗ reiſen wollte, ſo lange gearbeitet. Er ging die Ronde und ließ mich und mein Mädchen von der Begleitungsmannſchaft arretiren. Wir wurden auf die Wache gebracht; ich wurde in ein finſteres Loch ge⸗ worfen: das wehrloſe Mädchen wurde die Beute des viehiſchen Teufels, der, als er ſeine Gier geſättigt hatte, die Unſelige ſeinen Helfers⸗ helfern überließ. Dann hat man ſie halb nackt auf die Gaſſe hinaus⸗ geſtoßen— und als ich am folgenden Mittag aus dem Arreſt ent⸗ laſſen war, brachte man die Leiche der Aermſten, die ihre Schande im Fluß ertränkt hatte. Zwei Wochen ſpäter wurde ich wegen eines Mordverſuchs, verübt an einem Vorgeſetzten, in Anbetracht mildern⸗ der Umſtände, kriegsgerichtlich zu lebenslänglicher Kettenſtrafe ver⸗ urtheilt. Ich entfloh, als wir einmal draußen auf dem Glacis Bäume füllten, und entkam glücklich nach Frankreich. Dann bin ich in Spanien . 144 Die von Hohenſtein. geweſen, habe gegen die Piraten gefochten, bin gefangen genommen, nach dem Innern von Marocco verkauft worden, und habe zehn Jahre lang Sclavenbrot gegeſſen. Mein Herr nannte mich Cajus, und den Namen habe ich ſpäter, als ich entflohen und nach Amerika gekommen war, beibehalten, um immer daran erinnert zu werden, was ich den hochgebietenden Herren, den Vornehmen, Reichen und Mächtigen ſchuldig ſei. Was ſoll ich Sie lange mit den Abenteuern eines Men⸗ ſchen, der keine Heimath hat und keine Heimath haben will, behelligen? Ich habe unter allen Himmelsſtrichen gegen Thrannei gefochten; mein Körper trägt mehr Narben, als die Bruſt eines Friedensgenerals Orden tragen kann. Doch was ſind dieſe Wunden gegen die eine Wunde, die mein Daſein vergiftet hat, die nie vernarbt iſt, und brennt und brennt und brennen wird, bis, der ſie mir ſchlug, zu meinen Füßen verröchelt.— Was giebt es da?“ Es war ein plötzlicher Aufſtand in den ſtillen Lagerplatz ge⸗ kommen. Alles drängte ſich um eine Patrouille, die eben von ihrem Streifzuge zurückgekehrt war und, wie es ſchien, ein paar verdächtige Leute aufgegriffen hatte.„Es ſind Spione— was ſoll man da noch lange Federleſens machen— ſtoßt ſie über den Haufen!“ Eine weinerliche Stimme ließ ſich zwiſchendurch vernehmen:„Ich bin nur mitgegangen, weil er mir ſo viel Geld geboten hat; laſſen's mich laufen, liebe Herren, laſſen's einen armen Jungen laufen, der eine blinde Mutter zu Hauſe hat.“ Cajus und Münzer hatten ſich erhoben und waren auf die laute Gruppe zugetreten. Der Mond ſchien hell; man konnte alle Einzeln⸗ heiten unterſcheiden. Der eine der beiden Gefangenen war, als was ihn ſchon ſeine Sprache bezeichnet hatte, ein halbwüchſiger Burſche aus der Gegend; ſein plumpes Geſicht war von Thränen überſtrömt. Der andre war ein ſchlanker, feiner Geſell in einer dunklen Blouſe; ein gelber Strohhut, unter dem dunkles Gelock in reicher Fülle herab⸗ ringelte, bedeckte den ſchönen Kopf, der ſich mit Lebhaftigkeit zu den Herantretenden wandte. „Drücken Sie mich nicht ſo feſt, lieber Mann,“ ſagte der ſchlanke Geſell zu dem einen Soldaten der Patrouille, der ihn noch immer am Handgelenk gefaßt hielt;„Sie fangen an, mir wehe zu thun.— Se Dritter Banb. 145 Guten Abend, meine Herren; können Sie Ihren Leuten nicht ſagen, in ihren Aufmerkſamkeiten gegen ein paar harmloſe Reiſende etwas weniger handgreiflich zu ſein?“ Es war eine melodiſche Stimme, die dieſe Worte in einem halb zornigen, halh ſcherzhaften Tone ſprach. Münzer taumelte, wie vom Blitz getroffen, zurück. War es denn möglich? Sie hier?... Sein Herz, das die Fluth die Gefühle, die ein einziger Laut dieſer Stimme entfeſſelt hatte, nicht faſſen konnte, ſchlug, als wollte es zerſpringen. „Ich will Ihnen Ihre ſcherzhafte Laune bald vertreiben, junger Herr,“ ſagte Cajus mit finſterem Hohn;„Sie konnten wohl die Zeit, daß Sie zu Ihren Epauletten kamen, nicht erwarten?— Dem Burſchen da bindet die Hände und ſtoßt ihn über den Haufen, wenn er ſein weinerliches Maul noch einmal aufthut; mit dieſem feinen Herrn wollen wir kürzeren Prozeß machen.“ Er zog den kurzen, ſcharfen Dolch, den er beſtändig im Gürtel trug. Mit einem Satz war Münzer bei ihm und fiel ihm in den Arm.„Sind Sie wahnſinnig, Cajus?“ rief er, und dann ihn auf die Seite reißend, flüſterte er ihm ins Ohr:„Sehen Sie denn nicht, daß es ein Weib iſt?“ „Oho!“ ſagte Cajus;„ſteht die Sache ſo? Laßt ihn los, Leute! Der Doctor kennt den jungen Menſchen und verbürgt ſich für ihn.“ Der ſchlanke Geſell, der, als er die Stimme Münzers ver⸗ nommen, einen leiſen Schrei freudigſter Ueberraſchung ausgeſtoßen hatte, fühlte kaum ſeine Hände frei, als er auf ihn zuſprang, ſeinen Arm um ihn ſchlang und in leiſem, ſchmeichelnden Tone flüſterte: „Habe ich Dich endlich wieder! endlich!“ Münzer machte ſich mit Heftigkeit aus dieſer Umarmung frei: „Laſſen Sie des Spiels genug ſein, gnädige Frau!“ ſagte er;„der Ort und die Zeit taugen wenig für dieſe Comödie!“ Antonie trat einen Schritt zurück, und blickte Münzer mit ſcharfen, forſchenden Augen an. Dann faßte ſie ſeine Hände und ſagte: „Bernhard! eine Unterredung, die ich mir mit Gefahr meines Lebens errungen habe, kannſt Du mir nicht verſagen.— Die kleine Gunſt biſt Du einem Weibe, das Du einſt geliebt haſt, doch wohl ſchuldig.“ Sie faßte Münzer, ohne ſeine Antwort abzuwarten, unter den Fr. Spielhagen's Werke. R. 10 146 Die von Hohenſtein. Arm und zog ihn aus dem hellen Schein des Mondes in das Dunkel am Waldesſaum; dann, als fühlte ſie ſich ſelbſt da noch nicht ſicher, auf einen ſchmalen Weg, der von dieſer Stelle aus durch den Forſt führte. Münzer ließ es geſchehen; er fürchtete Cajus' ſcharfe, mit⸗ leidsloſe Augen und die Neugier der Leute. Und zugleich lockte ihn der Zauber, der, mit unwiderſtehlicher Gewalt von dieſem Weibe aus⸗ ſtrahlend, ſeine Seele in die alten Feſſeln ſchlug, von denen er ſich auf immer befreit zu haben glaubte. Sie waren, bevor Eines von Ihnen ein Wort hatte ſprechen können, bis an den Rand des Waldes gekommen. Zu ihren Füßen ſenkte ſich das Gebirge in grasbewachſenen, hier und da mit dichtem Gebüſch überſponnenen Hügelterraſſen allmählig in die Ebene, von der in mächtigem Bogen die Wachtfeuer der feindlichen Armee durch das Dunkel heraufleuchteten. Nur von Zeit zu Zeit trat der volle Mond aus dem Wolkendunſt hervor, der ſich dichter und dichter über den Himmel breitete. Roſſeswiehern und dumpfe Stimme, die ſich unverſtändliche Worte zu iefen, und das Schwirren der Cicaden in dem Haidekraut, und gelegentlich der kurze heiſere Schrei eines nächti⸗ gen Vogels— das waren die einzigen Töne in dieſer tiefen Stille. Die Luft war ſchwül, beängſtigend ſchwül und drückend; Glühwürmer leuchteten aus dem Graſe oder zogen ihre ſtillen glänzenden Bahnen um die Büſche, in denen ſich nicht ein Blättchen regte. Antonie hatte ſich auf den Stamm eines Baumes geſetzt, der von einem Sturme mit der Wurzel aus der Erde geriſſen war. Münzer ſtund in ihrer Nähe, den Blick von ihr ab nach der Ebene gewandt. Er war wie betäubt, daß er nicht wußte, wie er hierher gekommen, kaum daran dachte, mit wem er hier war. Ein leiſes Schluchzen, das hinter ihm ertönte, erinnerte ihn daran. Er trat zu Antonie hin. „Habe Mitleid mit mir!“ ſagte Antonie, von ihrem Sitz herab auf die Knie ſinkend und beide Hände flehend zu ihm emporhebend. „Haſt Du es denn mit mir?“ erwiderte Münzer;„Was treibt Dich— wenn es anders nicht ein blinder Zufall Deines abenteuer⸗ lichen Lebens iſt— was treibt Dich, nachdem Du mit kalter Ueber⸗ zeugung das letzte Band zwiſchen uns zerriſſen, zu mir, der nichts verlangt, als allein zu ſein; nichts ſehnlicher wünſcht, als nicht mit Dritter Band. 147 einem Gedanken an den wahnwitzigſten Traum erinnert zu we den dies tolle Gehirn je geträumt hat?“ Er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn und wandte ſich wieder von Antonie ab, die noch immer in derſelben Stellung verharrte. „Steh' auf, Antonie!“ ſagte er, als das leiſe Schluchzen wie⸗ derum ſein Ohr berührte;„was ſoll dieſe Scene, die keinen Sinn hat? Steh' auf!“ „Nicht, bis Du mir ſagſt, daß Du mir glauben willſt, wenn ich Dir ſchwöre, daß, ſeitdem Dein Mund mich zum letzten Male küßte, kein Mann mich berührt, nicht einmal meine Hand berührt hat.“ „Ich glaube, daß Du zu ſtolz biſt, um zu lügen;“ ſagte Münzer nach einer kleinen Pauſe. Antonie ſprang empor, faßte ſeine Hände, bevor er's verhindern konnte, drückte ſie an ihren Buſen, an ihre Lippen:„Dank, Bernhard, Dank! tauſend Dank! Das war's, was ich hören wollte! Nun kann ich wieder gehen; ich wollte Nichts weiter von Dir; ich will Nichts weiter von Dir!“ Sie ließ ſeine Hände los, nahm den Hut, der in das Gras ge⸗ fallen war, ſetzte ihn auf die dunkeln Locken und wandte ſich zu gehen. „Antonie,“ rief Münzer,„biſt Du wahnſinnig! Wo willſt Du hin?“ „Wie ſoll ich bleiben, wenn Du mich von Dir ſtößt?“ „Ich ſtoße Dich nicht von mir; ich kann Dich nicht von mir ſtoßen. Antonie!“ Mit einem leiſen Schrei des Entzückens warf ſich das leiden⸗ ſchaftliche Weib an ſeine Bruſt und bedeckte ſeinen Mund mit glühen⸗ den Küſſen. Dann ſagte ſie:„Nun gieb mir Deinen Arm und laß uns auf⸗ und niedergehen, wie wir es ſo oft in meinem Salon ge⸗ than haben, und laß mich Dir erzählen, wie dieſe Tollheit über mich gekommen iſt, die ich ſo ſchwer gebüßt habe. Sieh', Bernhard, mein Stolz krümmte ſich unter der Kälte, mit der Du mich ſo oft behan⸗ delt haſt, noch viel mehr aber unter dem Bewußtſein, daß Deine Herrſchaft über mich trotz alledem ſo grenzenlos war. Ich wollte verſuchen, ob ich den Schwur nicht halten könnte, den ich mir gelobt, 10* 148 Die von Hohenſtein. als mein Gatte geſtorben war: daß nun und nimmer wieder ein anderer Mann mir etwas Anderes ſein ſollte, als mein Sclave und das Spielzeug meiner Laune. Ich warf Dir an jenem Abend, als Du den Maler bei mir trafſt, den Fehdehandſchuh hin; ich ſchwöre es Dir, Bernhard, mit klopfendem Herzen, in der ängſtlichen Hoff⸗ nung: Du würdeſt ihn nicht aufheben. Du thateſt es doch, thateſt es in einer Weiſe, die über Deinen Entſchluß, mit mir zu brechen, kaum einen Zweifel ließ. Das hatte ich nicht erwartet; ich war außer mir. Der Maler glaubte meine Laune benutzen zu müſſen, und inſinuirte mir den Plan, den wir am nächſten Tage ausführten; aber nicht in ſeinem, ſondern in meinem Sinn! Der eitle Thor! als ob die Schuhe, die ich anziehe, um von einem Ort zum andern zu kommen, dadurch ein anderes Recht gewönnen, als fortgeworfen zu werden, wenn ich ſie nicht mehr brauche! als ob man von Dir fliehen tönnte, um einem Menſchen, wie er, zu folgen! Auf der nächſten Station ſchon verabſchiedete ich ihn; ich weiß nicht, was aus ihm geworden iſt. Mich aber hat die Verzweiflung, Dich verloren zu haben, die Sehnſucht, Dich wieder zu finden, ruhelos umhergetrieben von einem Orte zum andern. Jeden Abend hoffte ich, dieſe kindiſche Schwäche, wie ich es nannte, überwunden zu haben, und jeden Mor⸗ gen erwachte ich aus ängſtlichen Träumen mit der Gewißheit, daß ich ohne Dich nicht leben könnte. Ich hatte es nicht ertragen können, nicht mehr ſo frei zu ſein, wie ehemals, und jetzt ſchmachtete ich nach Deiner Herrſchaft; jetzt hatte ich keinen Gedanken, keinen Wunſch, als nur den einen: Deine Selavin zu ſein; ich wollte Deine ſchlimmſten Launen tragen für ein freundliches Lächeln Deiner ſtolzen Augen; ich wollte für eine Nacht au Deinem Herzen jahrelange Höllenqualen dulden!— So raſte es durch mein Herz und Hirn, bis ich glaubte, wahnſinnig zu werden; und eines Morgens ſtand mein Entſchluß feſt, Dich aufzuſuchen, und wäre es auch nur, um zu Deinen Füßen zu ſterben. Ich wußte, daß Du in der Revolutionsarmee warſt; Du hatteſt in den letzten Tagen oft davon geſprochen, daß man ſuchen müſſe, dieſen Funken zur Flamme anzufachen; ein Herr, den ich in der Schweiz traf, und der, unter dem Vorwande, eine Commiſſion auszuführen, ſich zur rechten Zeit ſalvirt haben mochte, beſtätigte Dritter Band. 149 meine Vermuthung; er hatte Dich wiederholt geſehen und geſprochen; er nannte mir auch Degenfelds und Wolfgangs Namen, daß Du mit ihnen in demſelben Corps ſeieſt; daß das Corps ſich in letzter Zeit mit der übrigen Revolutionsarmee vereinigt habe. Ich reiſte ſofort ab; ich kam bis in den Badeort, ein paar Meilen von hier. Dort hieß es: ich könne mit der Eiſenbahn nicht weiter; die Schienen ſeien aufgeriſſen, überdies müſſe ich durch beide Armeen hindurch. Mein Entſchluß war ſchnell gefaßt: ich zog Männerkleider an, die ich immer auf Reiſen mit mir habe, fuhr auf einem Wagen, den ich mir mit vieler Mühe endlich verſchafft hatte, in Euer Hauptquartier, wo ich mich für einen Studenten ausgab, der in dem Degenfeld'ſchen Corps dienen wollte, und wo man mir auch die Stellung Eures Corps ſo ungefähr beſchrieb. Der Kutſcher wollte oder konnte nicht weiter fahren; ich nahm einen Burſchen, der ſich mir als Führer anbot und ging mit ihm in die Berge. Am Nachmittage hörten wir ſchießen; va, dachte ich, würdeſt Du auch dabei ſein, zumal die Richtung, aus der der Schall kam, mit derjenigen, in die man mich gewieſen hat, ſtimmte; ſo bin ich immer auf das Schießen losgegangen, zum größ⸗ ten Entſetzen des Burſchen, den ich nur kaum noch durch Bitten, Drohungen und Verſprechungen zum Mitgehen bewegen konnte. Es war ein mühſeliger Marſch; wir gingen immer querwaldein und ver⸗ liefen viel Zeit, da wir oft an Stellen kamen, wo wir durchaus nicht weiter konnten. Plötzlich gegen Abend, als ich ſchon ganz nahe zu ſein glaubte, hörte das Schießen auf; ich mußte auf gut Glück weiter gehen; und das Glück iſt ja auch gut gegen mich geweſen; es hat mich zu Dir geführt, mein Holder, Einziger, Trauter; und nun ver⸗ laſſe ich Dich nicht wieder; und Du verläßt mich nicht wieder— nicht wahr, mein Bernhard, Du kommſt nun mit mir! Sie ſagen ja: es ſei hier doch Alles verloren! und ich glaube es auch. Was willſt Du unter dieſem traurigen Geſindel? was kann man denn für eine Sache thun, die hoffnungslos verloren iſt?“ „Man kann für ſie ſterben,“ erwiderte Münzer. „Ich will Alles, was Du willſt, Bernhard, ich will mit Dir ſterben, da ich voch ohne Dich nicht leben kann. Glaube nicht, daß ich keine Kraft oder keinen Muth habe; ich bin ſehr ſtark; ich kann 150 Die von Hohenſtein. meine Büchſe abſchießen, wie ein Anderer, und mein Pferd tummeln, trotz dem beſten Reiter. Ich will an Deiner Seite fechten; Du ſollſt mit Deinem Geſellen zufrieden ſein; Du ſollſt Dich ſeiner nicht zu ſchämen haben.“ So ſprach das leidenſchaftliche Weib unter Schmeicheln und Koſen. Münzers Herz war von widerſtreitenden Gefühlen zerriſſen. Noch vor wenigen Stunden glaubte er mit der Welt für immer ab⸗ geſchloſſen zu haben, und nun mußte ſie ihm entgegentreten, ſie, deren tiefe, weiche Stimme wie berauſchendſte Muſik ſein Ohr berührte, an deren herrlicher Schönheit ſein trunkenes Auge ſich nicht erſättigen konnte, deren glänzende Gaben ſeine Phantaſie entflammten, deren leidenſchaftliches Herz in gleichem Tacte mit dem ſeinen ſchlug, deren Liebe der ſeinen begegnete, wie eine Flamme der andern, um, wenn ſie ſich erreicht, in feuriger Umarmung zum Himmel zu lohen.— Er ſagte ihr Alles, was ſeine Seele bis in ihre tiefſte Tiefe aufwühlte; er war außer ſich; er drängte ſie von ſich, die ſich von ſo wilder Leidenſchaft erſchreckt, zitternd an ihn ſchmiegte und preßte ſie wieder an ſein Herz, küßte ihren Mund, ihre Augen, ihr ſchönes, vom Nachtthau feuchtes Haar unter den zärtlichſten Liebesſchwüren. So, ineinander verloren, hatten ſie nicht bemerkt, daß ein Ge⸗ witter, das ſich ſchon lange durch dumpfes Rollen und Grollen an⸗ gekündigt hatte, heraufgekommen war, bis ein jäh herabzuckender Blitz, dem alsbald ein mächtiger, weithin in den Bergen verhallender Don⸗ nerſchlag folgte, ſie an die Gefahr ihrer Lage erinnerte. Münzer glaubte die Richtung nach dem Lagerplatz zurück zu kennen; aber je tiefer ſie in den Wald drangen, um ſo mehr mußte er ſich überzeugen, daß der Weg, den er eingeſchlagen, nicht der rechte ſei. Es ging in der Horizontale, anſtatt bergauf, und plötzlich ſogar ziemlich ſteil bergab; doch wurde der Wald lichter. Vielleicht waren ſie über den Lagerplatz hinausgegangen und näherten ſich demſelben von der ent⸗ gegengeſetzten Seite. Doch ſchon nach wenigen Schritten erkannte er ſeinen Irrthum. Sie waren wiederum an den Waldſaum gelangt, aber zu einer anderen Stelle wie vorhin. Nur ſo viel konnten ſie bei der faſt vollkommenen Finſterniß, die jetzt eingetreten war, unter⸗ ſcheiden; alles Einzelne umhüllte ununterſcheidbar die ſchwarze Nacht; Dritter Band. 151 der Mond war gänzlich bedeckt von ſchweren Wolken, aus denen jetzt große warme Tropfen zu fallen begannen. „Es iſt vergeblich,“ ſagte Antonie;„wir müſſen den Morgen ab⸗ warten; wir verirren uns ſonſt noch mehr.“ „Aber, was ſoll aus Dir werden, armes Kind?“ „Bin ich nicht bei Dir?“* Ein weit überhängender Felſen überwölbte eine tiefe Höhlung, die von Hirten oder Jägern als Zufluchtsſtätte ſchon öfter benutzt zu ſein ſchien, denn der Boden war reichlich mit loſem trockenen Moos bedeckt. Münzer raffte zuſammen, ſoviel er erreichen konnte und bat Antonie, ſich niederzulegen. Er hatte die Büchſe von der Schulter genommen. Antonie kauerte nehen ihm nieder; er umfing ſie mit ſeinen Armen und lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt. Bald hörte er an ihren tiefen Athem⸗ zügen, daß ſie, von der ungeheuren Anſtrengung des Tages ermüdet, eingeſchlummert war. Er ließ ſie ſanft aus ſeinen Armen auf das Moos gleiten und lehnte das Haupt an die Felswand der Grotte. Als er erwachte, dämmerte bereits der graue Morgen durch die Nebelluft. Er richtete ſich leiſe empor und ſtarrte düſtern Auges auf Antonie herab. Ein böſer Traum ſchien die Schlummernde zu ängſtigen. Ihre dunklen Brauen waren wie im Schmerz zuſammen⸗ gezogen; ihre Wangen brannten; aber ihre Hände waren kalt und ihr Körper zuckte wie im Fieberfroſt. Münzer beugte ſich zu ihr nieder. „Wach' auf, Antonie!“ Sie ſchlug die großen Augen auf und blickte verwirrt um ſich her. „Ach, Du biſt es!“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer.„Gott ſei Dank! ich habe recht häßlich geträumt. Der Oberſt hielt mich in ſeinen Armen, ich konnte nicht ſchreien, mich nicht bewegen, während ſein eiſiger Athem mich bis in's Herz erkältete und ſeine ſchwarzen Augen glühende Dolche ſchoſſen, die ſich mir in das Gehirn bohrten. Gott ſei Dank, daß es nur ein Traum war.“ Auf einmal fing ſie an zu lachen.„Hier habe ich geſchlafen!“ rief ſie;„in dieſer Höhle! das nenne ich mir ein köſtliches Gemach! Ach! und ich habe doch ſo ſchön geſchlafen, ſo ſchön! nur daß der häßliche Traum mich zuletzt noch ſo gequält hat.“ 152 Die von Hohenſtein. Sie warf ſich Münzer an die Bruſt und küßte ihn. Münzer machte ſich ſanft aus ihren Armen los:„Wir müſſen fort, Antonie, es iſt die höchſte Zeit.“ „Komm!“ ſagte Antonie. Sie traten aus der Höhle heraus und blickten ſich um. Man konnte noch wenig erkennen. Ein dichter Nebel zog in breiten Streifen über Wieſen zwiſchen Flecken Buſchwerks, die wie Inſeln aus dem grauen Dunſt hervorragten, in welchem ſie mit jedem Augenblicke tiefer verſanken. Von dem Walde, aus dem ſie gekommen waren, konnten ſie nichts entdecken. Münzer vermuthete ihn auf dieſer, Antonie auf jener Seite, ſie gingen erſt nach der einen, dann nach der andern, und ſchienen nur immer weiter von den Tannen abzu⸗ kommen, die doch nach ihrer Erinnerung ganz nahe ſein mußten. Endlich entdeckten ſie dieſelben in einiger Entfernung, aber ein Bach, der die Wieſe ringsumher verſumpft hatte, hinderte ſie in gerader Richtung darauf loszugehen. Sie bogen ſeitwärts und im Nu war der Wald wieder im Nebel verſchwunden. Da auf einmal gelangten ſie an den umgeſunkenen Baum, auf dem ſie geſtern Abend geſeſſen hatten. Links davon, ungefähr hundert Schritte am Saume hin, führte der ſchmale Pfad auf den Lagerplatz zu. „Wir haben gewonnen,“ ſagte Münzer;„es war auch heh⸗ Zeit. Was iſt das?“ Ein eigenthümliches Geräuſch wie von knackenden Büſchen, und dann wieder ein dumpfer Ton, wie von vielen Menſchen, die mit gleichmäßigem Schritt über weichen Boden ſich fortbewegen, dazwiſchen manchmal wie ein mit unterdrückter Stimme geſprochenes kurzes Wort— ſo kam es den Hügel herauf. Die Beiden ſtanden und lauſchten athemlos in den Nebel hinein. „Es iſt der Feind,“ flüſterte Münzer, und riß die Büchſe von der Schulter. „Was willſt Du thun?“ „Ein Zeichen geben, ehe es zu ſpät iſt.“ Er feuerte ſeine Büchſe ab; faſt in demſelben Moment krachten ein prar Schüſſe, die von den Herankommenden auf's ungefähr ab⸗ gefeuert worden waren, und Münzer ſtürzte zu Antoniens Füßen nieder. Dritter Band. 153 Mit einem wilden Schrei ſank ſie an ſeiner Seite auf die Knie und hob ſein blutendes Haupt empor. Sie glaubte nicht anders, als daß er todt ſei; aber ſie überzeugte ſich bald, daß die Kugel nur die Schläfe geſtreift hatte, daß noch nicht alle Hoffnung verloren ſei. Sie drückte ihr Taſchentuch auf die klaffende Wunde, ſie riß ihr ſeidenes Halstuch ab und band es ihm um den Kopf. Vergebens! in immer ſtärkeren Bächen ſtrömte das entfeſſelte Blut über ihre zittern⸗ den Hände. Sie löſte ihren Gürtel, ſtreifte ihre Blouſe ab und riß ſie in Stücke; ſie ſetzte ſich auf den Raſen und hob das geliebte Haupt auf ihren Schooß, an ihre Bruſt; ſie achtete auf nichts, als auf das ſtrömende Blut; ſie ſah nichts, als das immer bleicher wer⸗ dende Geſicht; was galt es ihr, daß rechts und links von ihr Schüſſe krachten, daß rechts und links an ihr vorüber graue Geſtalten mit wildem Hurrah durch den Nebel ſtürmten, daß bald ganze Salven in ihrer Nähe abgefeuert wurden, daß der Nebel ſich hob und ihr ſo der einzige Schutz geraubt wurde, der ſie bis jetzt wie durch ein halbes Wunder den Blicken der Angreifer verborgen hatte. Eine Compagnie nach der andern rückte mit ausgeſchwärmten Schützenzügen unter Trommelſchall gegen die Waldliſière vor, die, wie es ſchien, von den aus ihrer Ruhe aufgeſchreckten Freiſchärlern ſchnell beſetzt war und auf das hartnäckigſte vertheidigt wurde; immer wieder erſchallte nach kurzer Zeit der Hornruf:„Zurück!“ Endlich mußte es ihnen doch gelungen ſein, ſich in dem Walde feſtzuſetzen; denn das Hurrah der Soldaten erſchallte jetzt, mit dem Krachen der Büchſen, zwiſchen den Bäumen heraus. Ein neues Bataillon rückte denen, die ſchon im Walde waren, nach. Die Soldaten einer aus⸗ geſchwärmten Schützenlinie kamen gerade über den Ort, wo Antonie regungslos mit ihrer traurigen Laſt ſaß. „Da ſind noch ein paar Demokratenhunde,“ rief der Eine, und legte ſein Gewehr auf Antonie an. „Spare Deine Patronen, Kamerad!“ ſagte ein Officier, mit ſei⸗ nem Degen den Lauf des Gewehrs in die Höhe ſchlagend. Der Lieutenant von Todwitz hatte geſehen, daß der auf dem Boden ausgeſtreckte Mann, deſſen blutendes Haupt der ſchöne junge Menſch auf ſeinem Schooße hielt, todt oder ſchwer verwundet war; 154 Die von Hohenſtein. der Anblick hatte ſein Mitleiden erregt. Er ſprang auf die Gruppe zu; Antonie blickte ihn mit ſtarren flehenden Augen an. Sie kannte den jungen Officier wohl; ſie hatte oft genug mit ihm auf den Bällen getanzt. „Retten Sie ihn, Herr von Todwitz rief ſie, alles Andere ver⸗ geſſend, ihm entgegen. Der Officier ſtand wie verſteinert. War dies Antonie? die glänzende Antonie von Hohenſtein? in dieſem Aufzuge? in dieſer Situation? Herr von Todwitz war ein guter Junge und nicht ſo unempfäng⸗ lich für den Duft einer herviſchen Handlungsweiſe, als daß ihn, was er hier ſah, nicht hätte rühren ſollen. „Ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht,“ ſagte er, „aber ich fürchte, ich werde wenig thun können.“ Ein höherer Officier kam herangeſprengt, ſchon von weitem mit heiſerer, wüthender Stimme rufend: „Lieutenant von Todwitz, werden Sie in drei Teufels Namen in den Wald hineinkommen, oder nicht?“ Antonie ſtieß einen Schrei aus, als ſie dieſe Stimme hörte: „Um Gotteswillen, Todwitz,“ flehte ſie;„laſſen Sie uns nicht in ſeine Gewalt fallen, eher tödten Sie ihn und mich!“ Von Todwitz ſtand in der peinlichſten Verlegenheit; aber ſchon war der Oberſt von Hohenſtein da. Er hielt ſein ſchnaubendes Pferd an:„Zum Teufel, Herr Lieutenannt—“ Da fiel ſein Auge auf Antonie, die ihn mit den Blicken der Ver⸗ zweiflung und des tödtlichen Haſſes zugleich anſtarrte. Todwitz' verlegene Miene ſagte ihm das Uebrige. Er brach in ein heiſeres Lachen aus. Nun, das iſt gottvoll, auf Ehrel“ rief er,„eine barmherzige Samariterin nach der neueſten Fagon!“ Er ſprang vom Pferde, deſſen Zügel er einem der Soldaten zuwarf und trat auf Antonie zu. „Seien Sie vernünftig, Antonie,“ ſagte er in leiſem Tone, „Sie ſehen, er verblutet ſich ja; was haben Sie am Ende davon! Laſſen Sie ihn von unſerm Arzte verbinden, ſo behalten Sie ihn doch wenigſtens am Leben.“ — Dritter Band. 155 Antonie wollte etwas erwidern, aber die furchtbare Aufregung hatte ihre Kräfte aufgezehrt; ſie brach ohnmächtig zuſammen in dem Augenblicke, als ein paar Soldaten auf den Wink des Obriſten ihr den Verwundeten aus den Armen nahmen. Der Obriſt blickte, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, vor ſich nieder. Dann hob er den Kopf und ſagte in rauhem be⸗ fehlendem Tone: „Schaffen Sie die Beiden hinter die Linie, Todwitz! Sie haften mir dafür!“ Dann ſetzte er etwas freundlicher hinzu:„Und, Todwitz, machen Sie es ſo, daß die Geſchichte möglichſt wenig Aufſehen ver⸗ urſacht. Sie wiſſen ja mit Weibern umzugehen.“ Achtzehntes Capitel. Münzers Geiſtesgenwart verdankte es der übrige Theil des Degenfeld'ſchen Corps, verdankte es die ganze Revolutionsarmee, daß das Schickſal dieſes Tages nicht noch verhängnißvoller wurde. Der Ueberfall, auf den die Führer der Regulären es abgeſehen hatten, war mißglückt. Damit war viel gewonnen, wenn auch natürlich die endliche Entſcheidung dadurch nur hinausgeſchoben wurde. Es zeigte ſich bald, daß man es nicht mit einem Streifcorps der Feinde, ſondern mit ſeinem ganzen linken Flügel zu thun hatte, während eine heftige Kanonade, die bald darauf von der Seite der Feſtung her ertönte, bewies, daß auch im Centrum und auf dem andern Flügel das Gefecht engagirt ſei. Degenfeld und Wolfgang waren mit ihrem Bataillon, ſobald die erſten Schüſſe gefallen waren, im vollen Lauf ihrer hart bedrängten Feldwache zu Hülfe geeilt, hatten die ſchon in den Wald eingedrun⸗ genen Regulären mit dem Bayonnet wieder hinausgeworfen und ſich Sin der Liſidre feſtgeſetzt, die wüthenden Angriffe immer wieder zurück⸗ ſchlagend, bis ſie ſich endlich von der Uebermacht der Gegner auf beiden Seiten überflügelt und zum Rückzug gezwungen ſahen. Auch 1556 Die von Hohenſtein. ſo ſchon gelang es ihnen nur mit Aufbietung aller ihrer Kräfte und mit Verluſt ſo manches Braven, der auf den mooſigen Grund ſtürzte, um nie wieder aufzuſtehen, aus dem Walde herauszukommen, und vas Flüßchen in der Ebene rechts von dem Dorfe überſchreitend, eine neue Poſition zu nehmen, die ihnen für eine kurze Weile die Ruhe verhieß, deren die bis auf den Tod erſchöpften Leute nur zu ſehr bedurften. Jetzt erſt ließ ſich überſehen, wie groß ihr Verluſt war. Kaum zwei Drittel von all' den wackern Burſchen, die heute Morgen auf den erſten Ruf ihrer Führer ſo willig zu den Waffen gegriffen hatten, waren noch beiſammen, und auch von ihnen hatten Viele leichtere oder ſchwerere Wunden davongetragen. Und jetzt erſt be⸗ merkten die Freunde zu ihrem Entſetzen, daß Münzer, den ſie in Cajus Compagnie, welche die Nachhut gebildet hatte, vermutheten, nicht unter den Geretteten war. Sie ſuchten Cajus auf, den ſie kurz vorher nach dem Platz hinter den erſten Dorfhäuſern hatten gehen ſehen, wo Balthaſar den Aerzten die Verwundeten verbinden half. Sie fanden ihn auf der Erde ſitzend, Balthaſar kniete vor ihm und ſchnitt ihm eben die Blouſe von der breiten Bruſt und dem muskel⸗ ſtarken Arm. Auf ihre erſte Frage, ob er ſchwer verwundet ſei, ſagte er:„Nein, aber ich kann den linken Arm nicht rühren.“ Auf ihre zweite Frage nach Münzer wurde ſein finſteres Geſicht noch finſterer: „Ich dachte, er wäre bei Ihnen,“ antwortete er mürriſch;„nun, guter Freund, wie ſteht's? Laſſen Sie mich ſehen! Pah! die Kugel ſitzt ja dicht unter der Haut; ſchneiden Sie das Ding heraus und binden Sie ein Stück Leinwand feſt darum; dann iſt die Sache abgethan. So, nun gehen Sie zu den Andern; ich muß ein paar Minuten verſchnaufen.“ Er zog den Hut tief in die Stirn, ſchloß die Augen und lehnte ſich mit der Schulter gegen die Wand. Degenfeld und Wolfgang ſahen wohl, daß der ſtoiſche, ver⸗ ſchloſſene Menſch nicht weiter befragt ſein wollte und ließen ihn allein. Sie wandten ſich an einige von Cajus' Leuten; es waren zufällig ſolche, die auf Poſten geſtanden hatten, als Münzer mit Antonie die Feldwache verließ. Sie konnten ihnen keine Auskunft geben; vie Freunde wußten nicht, was ſie über Münzers plötzliches Verſchwinden Dritter Band. 157 denken ſollten. Entweder hatte er ſich das Leben genommen, oder er war gleich zu Anfang des Gefechts gefallen. Wolfgang fürchtete das Erſtere, Degenfeld behauptete das Letztere. „Laſſen Sie mir dieſen Troſt,“ ſagte er;„es iſt mir peinlich, das Bild eines Mannes, den ich ſehr geliebt habe, mit einem ſolchen Flecken behaftet zu ſehen. Richten wir nicht, auf daß man über uns nicht richte! Wer weiß, wie bald wir ſelbſt auf die wohlwollende Frinnerung unſerer Freunde angewieſen ſind!“ Er ſeufzte tief; Wolfgang verſuchte, die trübe Stimmung des verehrten Mannes durch freundlichen Zuſpruch aufzuheitern. Degen⸗ feld ſchüttelte mit melancholiſchem Lächeln ſein Haupt. „So lange dieſer Feldzug dauert,“ ſagte er,„haben mich jene Worte des alten Dichters verfolgt, die dem Scipio auf den Trüm⸗ mern von Karthago durch das ahnungsſchwere Herz zogen:„Einſt wird kommen der Tag!“— Der Tag iſt gekommen. Unſere Armee iſt nur ein unerfreuliches Durcheinander wüſter Trümmer; ſie wird, noch ehe die Sonne ſich neigt, in alle vier Winde zerſtieben. Ohne die Armee kann ſich die Feſtung nicht eine Woche länger halten. Die Revolution iſt zu Ende; die Reaction kann ungeſtraft ihre Orgien feiern. Nein— nicht ungeſtraft! Denn dies iſt nicht das Ende, kann nur der Anfang des Endes ſein. Ein Volk, dem dies geboten wurde, wird ſich nun und nimmer mit ſeinen Herrſchern wieder aus⸗ ſöhnen; es wird, langſam und ſchwerfällig, wie es iſt, den Tag der Abrechnung lange hinausſchieben, aber einſt wird dennoch dieſer Tag anbrechen— ein furchtbarer Tag! Ich freue mich, daß ich ihn nicht erleben werde; das iſt für Sie, mein jüngerer, ſtärkerer, muthigerer Freund! Sie werden dann nur zu ſorgen haben, daß das Volk an ſeinen Drängern ſich nicht zu grauſam rächt. O, hätte ich den rechten Glauben an das Volk! ich würde in den Tod gehen, wie zu einem heitern Feſte. Und da wir einmal vom Tode reden, Wolfgang,— wenn ich fallen ſollte— möglich iſt es ja am Ende doch— ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, was ich Ihnen von meinem Bruder geſagt habe. Ich habe ihn bereits auf Ihre wahrſcheinliche Ankunft vorbereitet, und bringen Sie ihm meinen letzten Gruß, und ſagen Sie ihm: ich hätte ihm gern dieſen Schmerz erſpart, aber das Zwillingsgeſtirn, ⸗ 158 Die von Hohenſtein. das über unſerer gleichzeitigen Geburt leuchtete, hätte uns verſchiedene Wege gewieſen, und der meinige wäre eben hier zu Ende geweſen. Wollen Sie das Alles ausrichten?“ 4 Wolfgang drückte dem edlen Freunde in ſprachloſer Rührung die Hand. Degenfeld lächelte ihn freundlich an und ſagte: „Mein Herz iſt leicht, wie einem Manne, der ſein Haus wohl beſtellt hat. Laſſen Sie uns getroſten Muthes den Reſt unſerer Arbeit thun!— An die Gewehre!“ Degenfelds ſcharfes Auge hatte nur zu richtig geſehen. Die Armee der Aufſtändiſchen war, auf dieſem, ihrem rechten Flügel wenig⸗ ſtens, nur ein Haufe von Trümmern. In wilder Unordnung, die kaum noch ein Rückzug zu nennen war, drängten ſich noch immer Reiter, Fußvolk und Kanonen über die Brücke in das Dorf. Ver⸗ gebens bemühten ſich die Führer dieſſeits des Fluſſes eine neue Schlacht⸗ linie zu formiren. Der von einigen Feiglingen erhobene Ruf:„Wir ſind umgangen! wir werden abgeſchnitten!“ hatte eine Panik unter die Leute gebracht, welche die Ausführung irgend eines durchgreifen⸗ den Planes unmöglich machte und ihren Gipfelpunkte erreichte, als der Feind jenſeits auf mehreren die Poſition beherrſchenden Anhöhen Batterien demaskirte, deren wohlgerichtete Geſchütze Tod und Ver⸗ verben unter die der Brücke Zufliehenden ſandten. Was unter dieſen Umſtänden geſchehen konnte, war, den Feind ſo lange als möglich vom Uebergang über den Fluß abzuhalten, um denen, die ſchon herüber waren und noch jeden Augenblick herüber kamen, Zeit zu laſſen, ſich von ihrem Schrecken zu erholen, oder doch mindeſtens den Rückzug einigermaßen geordnet anzutreten. Aus den Häuſern des Dorfes wurde das Feuer der Angreifer lebhaft erwidert, aber auf dem weiter rechts gelegenen Ufer wurde die Vertheidigung ſchwächer und ſchwächer; ſchon ſah man einzelne Trupps der Regulären den Verſuch machen, das gerade an dieſer Stelle wenig tiefe Flüßchen unter dem Schutz ihrer Batterien zu durchwaten. Degenfeld hatte die Gefahr ſofort erkannt.„Eilen Sie, Wolfgang!“ rief er dem Freunde zu;„nehmen Sie die Hälfte von unſern Leuten und raffen Sie unterwegs zuſammen, was Sie nur immer mitbekommen können; ich kann mich hier ſchon noch eine Weile halten.“ Dritter Band. 159 Wolfgang wäre gern bei Degenfeld geblieben, hätte gern dieſen Kampf, deſſen Ende nur zu erſichtlich war, an der Seite des Freun⸗ des ausgekämpft. Aber das Gefühl der Pflicht war ſtärker als jede andere Regung. Er drückte Degenfeld mit ernſtem, vielſagenden Blicke die Hand; Degenfeld wandte ſich ab, um ſeine Rührung zu verbergen. Dann, als der junge Mann ſchon einige Schritte von ihm fort war, kam er eilig hinter ihm her, umarmte ihn und murmelte: „Wir ſehen uns nicht wieder! Leben Sie wohl, Wolfgang!“ Mit dieſem Schmerzensruf in den Ohren eilte Wolfgang an der Spitze ſeiner Getreuen auf den bezeichneten Punkt. Als er an dem Hauſe vorüberkam, hinter welches man die Verwundeten getragen hatte, ſah er Balthaſar noch unermüdlich bei ſeiner traurigen Arbeit. Er wollte den Treuen mit ſich nehmen, aber Balthaſar wollte ſeinen Poſten nicht verlaſſen.„Hier iſt mein Platz, lieber Herr!“ ſagte er; „Niemand ſoll ſagen, daß der Balthaſar ſeinen Poſten verlaſſen habe. Nehmen Sie mich mit, wenn Sie wieder zurückkommen!“ „Wenn ich wieder zurückkomme!“ murmelte Wolfgang weiter eilend. Seine Seele war von trüben Ahnungen erfüllt. Was er um ſich her ſah, war nur zu ſehr dazu geeignet, auch dem entſchloſſenſten Geiſte die Faſſung zu rauben. Furcht, Verwirrung, äußerſte Muth⸗ loſigkeit überall. Bataillone, die noch kaum im Feuer geweſen waren, ſtürzten in aufgelöſten Schaaren nach den Höhen zu; eine Batterie, die an ihrer rechten Stelle jetzt von unſchätzbarem Werth geweſen wäre, jagte in die Fliehenden hinein und vermehrte noch das Ent⸗ ſetzen.„Alles iſt verloren! wir ſind umgangen! wir werden abge⸗ ſchnitten!“— Dieſe Rufe des Verraths und der Feigheit flogen wie brennende Funken rings umher und trugen das Verderben mit unge⸗ heurer Geſchwindigkeit durch die ganze Linie. Einer der höheren Befehlshaber, den Wolfgang von einigen anderen Officieren umgeben auf ſeinem Pferde haltend fand und um mehr Mannſchaften bat, antwortete achſelzuckend:„Nehmen Sie meine ganze Diviſion, wenn Sie im Stande ſind, die Leute in's Feuer zu bringen.“ „Wir können nur auf uns ſelbſt rechnen, Herr Hauptmann,“ ſagte der treue Rüchel, der an Wolfgangs Seite geblieben war. 160 Die von Hohenſtein. „Es ſcheint ſo!“ erwiderte Wolfgang,„auch von Cajus habe ich nichts mehr geſehen.“ „Er muß drüben geblieben ſein,“ ſagte Rüchel;„ich ſah ihn noch ganz zuletzt; er lehnte ſich auf ſeine Büchſe und blickte ſo grimmig drein, wie— Herr des Himmels! da gehen ſie ſchaarenweiſe über den Fluß und unſere Schafsköpfe feuern kaum noch.“ „Marſch, marſch!“ commandirte Wolfgang. Es war die höchſte Zeit, daß die tapfere Schaar auf ihren Poſten anlangte. Sie fanden in den Gärten und zwiſchen den Wei⸗ den des Ufers noch genug Leute vor, aber es fehlte an Munition, an guter Führung. Wolfgang formirte ſeine Mannſchaft in eine Sturm⸗ colonne und warf ſich, nachdem er einige kräftige Salven gegeben, mit dem Bayonnet auf den Feind, deſſen Reihen durch den Ueber⸗ gang über den Fluß in große Unordnung gekommen waren. Was er ſelbſt kaum für möglich gehalten, geſchah. Die Regulären wichen einem Stoß, auf den ſie nicht mehr gerechnet hatten. Das Ufer war wieder in den Händen der Aufſtändiſchen, und ein wohlgezieltes Feuer, das Wolfgang längs der ganzen Linie und beſonders gegen die Brücke hin unterhielt, hatte wenigſtens den Erfolg, daß der An⸗ griff der Regulären auf dieſer Seite in's Stocken gerieth. Aber auf der andern Seite war das Glück den Aufſtändiſchen veſto ungünſtiger geweſen. Wolfgangs Abzug mit der Hälfte des Degenfeld'ſchen Corps hatte die Vertheidigung doch mehr geſchwächt, als ihr Führer ſelbſt vorausgeſehen hatte. Dazu kam, daß die gleich⸗ zeitige feige Flucht der Batterie den Feinden einen Vortheil gewährte, den dieſe wohl zu nützen verſtanden. Zum Ueberfluß gelang es ihnen jetzt auch noch, das Dorf gerade an dieſem Ende in Brand zu ſchießen und die Aufſtändiſchen ſo ihrer beſten Deckung zu berauben. Degenfeld hatte mit der größten Kaltblütigkeit die Vertheidigung bis zu dieſem Augenblicke geleitet, und nur ſeinem heldenmüthigen Beiſpiel war es zuzuſchreiben, wenn die Leute noch immer in einer Poſition verharrten, die offenbar nur von Menſchen zu halten war, die ihr Leben in die Schanze ſchlugen, um das der Anderen, und noch dazu der weniger Braven zu retten. Denn ſo lag die Sache in Dritter Band. 161 der That. Ging die Poſition verloren, bevor die Aufſtändiſchen ihren Rückzug in die Berge, die zum mindeſten eine Art von Sicherheit gewährten, bewerkſtelligen konnten, ſo mußte ein furchtbares Blutbad, ja eine totale Vernichtung dieſes Flügels die nothwendige Folge ſein. Nur das unabläſſige, kaltblütige Feuern der rechts und links von der⸗ Brücke poſtirten Schützen verhinderte den Feind am uetergiuz in das brennende und faſt ganz von den Aufſtändiſchen ſchoü geräu te Dorf. Das wußten beide Theile, die drüben ſo gut, auf dieſer Seite; der Kampf entbrannte immer heftiger, mchte ſich aber dennoch noch eine Zeit lang fortſpielen laſſen, denn die geringe Ent⸗ fernung, auf welche man ſich genähert hatte, glich die ſchuchtere Be⸗ ſchuffe eit der Waffen auf Seite der Aufſtändiſchen ſo jiem lich wi der aus, etenfs wie die beſſere Deckung der letzteten⸗ die unge ure nitieriſche Ueberlegenheit Fer Regulären einigermaßen aufwog. Dezenfeld ſtand aüf einem Erdhügel und leitete vas Gefecht. Det einzige Baum, ver den Hügel krönte, gewährte uur einen kümmet⸗ lichen chutz, aber däran dachte der Mäjot wohl kaüt. Er brachte das kleine Teleßtöp, vürch welches er die Beegungen der Feinde bebhochtete⸗ nur vom Alrge, um vie Stell ung der Seinen zu müuſtern ober ihnen mit ſeiner tuhigen, klaren, in ſolchen Momenten weithtn tönenben Stimme ein ermuthigendes Wort oder einen Befehl zuzu⸗ rufen. Er wußte, vaß, ſo lange er auf dieſer überall hin ſichtbaren Stelle ſtänd, die braben Burſchen, die er nün ſchon ſo mänche Woche geführt hatte, nicht wanken würden, und das machte ſeine Haltung ſo ruhig und ſeine Stimine ſo hell und voll. Manch' halb verzägendes Auge richtete ſich auf die edel⸗ ſchlanke Geſtalt, mit deren braunem, hier und da ſchon etgraueuden Haar der Morgenwind ſpielte und trank ſich neuen Muth an dieſem Bilde eines Muthes, deſſen gelaffene Heiterkeit unerſchütterlich ſchien. Und doch ſah es in dem Herzen des Mannes gänz anbers aus. In vieſen kurzen Minuten, während die Kugeln hageldicht un ihn herum vorbeipfiffen, oder klappend in den Baum ſchlugen, oder die Erde zu ſeinen Füßen aufühlten, ging ſein ganzes Leben in kiier langen Reihe veuklichſter Bilder an ſeiies Geiſtes Auh vorübeh. Die Hoffnungen und der Ehrgeiz ſ ſeiner jungen Jahre, ſeine tiefe, Fr. Spielhagen's Werke. X. 11 162 Die von Hohenſtein. kalt verſchmähte, nie vergeſſene Liebe, ſeine einſamen genußreichen Studien, die ſüße Gewohnheit privilegirten Daſeins, angenehme kameradſchaftliche Beziehungen, die ſich mehr und mehr trübten, je offener er mit den Reſultaten ſeiner Studien hervortrat, je weniger Hehl er aus den gewonnenen Ueberzeugungen machte.— Dann die ſchlimme Zeit, wo der Bruch nicht länger zu verheimlichen war, wo die unzählige Schaar der Gegner ſich wie eine wilde Meute über ihn ſtürzte— vor Allen der Mann, der ihn ſchon lange Jahre mit dem tödtlichſten Haſſe verfolgt hatte, und den der Zufall ihm heute wiederum in offener Feldſchlacht entgegenſtellte. Die Neunundneun⸗ ziger waren es, die am hartnäckigſten den Uebergang über den Fluß zu erzwingen ſuchten. Er ſah das Bataillon, das er ſelbſt jahrelang geführt hatte, gegen ihn operiren, und zum Theil dieſelben Manöver ausführen, die nach ſeinen Inſtructionen in die ganze Armee über⸗ gegangen waren; an der Verbeſſerung der Büchſen, deren Spitzkugeln um ſeine Ohren pfiffen, hatte er ſelbſt den weſentlichſten Antheil ge⸗ habt. Eine ſonderbare Empfindung überkommt den unglücklichen Mann. Ihm iſt, als ob ſeine Exiſtenz doppelt, als ob er drüben und hüben zu gleicher Zeit ſei, zu gleicher Zeit die Regulären gegen die Aufſtändiſchen, die Aufſtändiſchen gegen die Regulären in den Kampf führte. Er ſchilt Jene, daß ſie ihre Waffen, ihre Uebermacht nicht beſſer benutzen; er murmelt ungeduldig die Commando's vor ſich hin, die man geben müßte, um in kürzeſter Zeit den ganzen aufſtändi⸗ ſchen Pöbel vor ſich herzutreiben; und im nächſten Augenblick ſieht er ſeine pulvergeſchwärzten braven Burſchen und ein Schauer der Be⸗ wunderung ihres Heldenmuthes durchbebt ſeine Seele. Sein Herz iſt zwiefach getheilt, aber das Eine weiß er über Alles gewiß: daß er denen drüben nicht lebendig in die Hände fallen werde, wenn es in ſeiner Macht ſtehe. Er zieht die Piſtole, die er im Gürtel trägt, halb hervor— aber noch iſt der Augenblick nicht gekommen. Er ſieht, wie die drüben noch ein Bataillon in's Feuer bringen und hinter dieſem ein drittes und viertes in Angriffscolonne formiren, deren Fronte nach der Brücke zu gewandt iſt. Es iſt kein Zweifel, daß ſie den Uekergang über die Brücke forciren wollen; er ſpringt von dem Hügel herab, um in Perſon alle entbehrliche Mannſchaft ſelbſt nach Dritter Band. 163 dem bedrohten Punkte zu führen; in dieſem Augenblicke trifft ihn eine Kugel in den rechten Arm; er nimmt den Degen in die Linke und ruft: Hierher! zu mir! da zerſchmettert ihm eine zweite Kugel das linke Knie; er ſtürzt beſinnungslos vornüber zur Erde. Mit Blitzesſchnelle fliegt die Schreckenskunde, daß der Major gefallen ſei, durch die ganze Linie.„Alles iſt verloren! rette ſich, wer kann!“ Umſonſt verſuchen Cajus und einige Andere die Fliehenden zum Stehen zu bringen; ſie werfen die Gewehre, die Patrontaſchen von ſich und eilen aus dem Feuer, in dem Momente, wo die Bataillone der Regulären gegen die Brücke debouchiren, ſich dieſes Schlüſſels der ganzen Poſition bemächtigen und zu gleicher Zeit in Maſſe den Uebergang über den Fluß wagen, der auf dieſer Seite kaum noch vertheidigt wird. Ein paar Männer, die in der Nähe ſtanden, als Degenfeld fiel, hatten ihn aufgehoben und aus dem Feuer heraus nach dem Feld⸗ lazareth getragen. Sie hätten ſich die Mühe ſparen können. Von den Aerzten war kein einziger mehr da; um die wenigen tödtlich Ver⸗ wundeten— denn die leichter Bleſſirten hatten ebenfalls das Weite geſucht— bemühte ſich der arme Balthaſar, indem er von einem zum andern ging und die Lippen der Verlechzenden mit Waſſer netzte, das er aus dem nahen Dorfbrunnen ſchöpfte. In Balthaſars Armen erwachte Degenfeld. „Wie ſteht die Schlacht?“ „Es iſt, glaube ich, Alles verloren,“ erwiderte die treue Seele; „ſie fliehen nach allen Seiten.“ „So fliehen auch Sie, mein Freund; ich brauche Niemanden um zu ſterben.“ Ein Pelotonfeuer, das ganz in der Nähe loskrachte, und ein wildes Hurrah bewieſen, daß der Feind da ſei. „Fliehen Sie, Balthaſar,“ ſagte Degenfeld und zog die Piſtole, „Sie haben keinen Augenblick mehr zu verlieren.“ „Ich werde Sie und dieſe andern Unglücklichen nicht verlaſſen,“ erwiderte Balthaſar ſanft und feſt. Die Regulären brachen zwiſchen den Häuſern hervor. Der Lieutenant von Hinkel— ein bartloſer neunzehnjähriger Burſche— 164 Die von Hohenſtein. ſah Degenfeld liegen und kam wit gezücktem Degen auf ihn zugeſtürzt, mit quäkender Stimme rufend:„Ergeben Sie ſich, Herr Major!“ Degenfeld richtete ſich auf ſeinem geſunden Arm empor; um ſeine todtbleichen Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln; er hob die Mündung der Piſtole an ſeine Schläfe und drückte ab. Sein Ober⸗ körper ſank langſam auf die Seite; ehe das edle zerſchmetterte Haupt den Boden berührte, hatte die Heldenbruſt bereits den letzten Athem ausgehaucht. Sein brechendes Auge hatte die verhaßte Geſtalt ſeines Tod⸗ feindes nicht mehr geſehen, der jetzt an der Spitze einiger anderer Officiere aus dem brennenden Dorfe herangeſprengt kam. Von Hinkel trat mit der Meldung an ihn heran, daß„der Major von Degenfeld—“ „Todt oder lebendig?“ „Todt, Herr Obriſt.“ „Hole Sie der Teufel,“ rief der Obriſt wüthend,„wir mußten den Hund lebendig haben. Sie haben mir den ganzen Spaß ver⸗ dorben. Wo iſt er?“ Von Hinkel deutete mit ſeinem Degen auf den Dahingeſtreckten. Der Obriſt ſpornte ſein ſchäumendes Pferd bis dicht an den Todten und blickte von oben herab in das bleiche, ruhige Geſicht. Die Piſtole, welche die erſtarrte Hand noch immer feſt hielt, und die ſchwarzen Blutstropfen, die langſam aus der Wunde in der Schläfe in das Haar rannen, bewieſen, daß Degenfeld nur zu wohl gewußt hatte, was ſeine Feinde wünſchten. Der Obriſt ſchien ſich an dieſem Anblick nicht ſait ſehen zu kön⸗ nen; er murmelte unverſtändliche Worte durch die zuſammengekniffenen Zähne. Er war ein guter Haſſer; aber ſo wie dieſen Menſchen hatte er wenige gehaßt. Endlich riß ihn ein wildes Geſchrei ganz in ſeiner Nähe aus der Starrheit, in die er verſunken war. Balthaſar hatte mit Entſetzen Degenfelds Ende geſehen, aber mit noch größerem Entſetzen, wie die von Mordluſt Wahnſinnigen über die Verwundeten herſtürzten und die Halbtodten mit Bayonnetſtichen durchbohrten. Er hatte den Einen, bei dem er ſich gerade befand, mit ſeinem Leibe zu decken geſucht; man hatte ihn hohnlachend auf die Dritter Band. 165 Seite geſchleudert; jetzt brachte ihn ein halbes Dutzend unter wüſten Schimpfwörtern und unbarmherzigen Kolbenſtößen herbeigeſchleppt. „Bringt den Hund hierher!“ ſchrie der Obriſt.„Er ſcheint eine Art von Regimentsſchreiber oder ſo was vorſtellen zu ſollen. Was hat er denn da für eine dicke Brieftaſche in ſeinem zerlumpten Frack?“ Es war eine Brieftaſche, die Cajus verloren hatte, als Balthaſar ihm den verwundeten Arm verband. Der Obriſt, der ſie ſich hatte auf's Pferd reichen laſſen, warf einen flüchtigen Blick hinein. „Aha!“ ſagte er,„da haben wir ja einen Haupthalunken! Das iſt der berüchtigte Cajus, meine Herren; hätten Sie geglaubt, daß der Kerl eine ſolche verſchneiderte Phyſiognomie hätte? Der Kerl iſt ein Intimus meines ſauberen Herrn Neffen. Was weiß er von dem Burſchen? wo iſt er?“ „Ich heiße nicht Cajus,“ ſagte Balthaſar,„weiß auch nicht, wo mein lieber junger Herr in dieſem Angenblick iſt, und, wenn ich's wüßte, würde ich es nicht ſagen.“ „So? nicht ſagen? und warum denn nicht?“ fragte der Obriſt mit rohem Hohn. „Weil Ihr ſeid, wie die reißenden Wölfe;“ erwiderte Balthaſar und ſeine ſonſt ſo milden blauen Augen flammten in heiligem Zorn auf;„weil Ihr die Erde beſudelt mit dem Blute von Männern, die beſſer ſind als Ihr; weil jeder gute Menſch ſich mit Abſcheu von Euch wenden muß.“ „Nun, wie gefällt Ihnen das, meine Herren?“ ſagte der Obriſt, ſich mit finſterem Lächeln im Sattel umwendend.„Aber wir wollen dem blaſſen Schuft das Predigen vertreiben. Fort mit ihm an die Wand da und ſtepft ihm ſein Maul mit ein paar blauen Bohnen!“ Die Soldaten ſtießen Balthaſar nach dem Hauſe, aus deſſen Strohdach ſchon die Flammen leckten, und ſtellten ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Er war ſehr bleich, aber er blickte feſten Auges, ohne mit den Wimpern zu zucken, auf ſeine Henker.„Ich will ruhig ſtehen,“ ſagte er,„aber dann martert mich nicht länger und ſchießt mich auf der Stelle todt.“ Sie traten ein paar Schritte von ihm zurück und blickten auf den Obriſt. —— 166 Die von Hohenſtein. „Legt an!“ rief der Obriſt, der es ſich nicht nehmen laſſen wollte, dieſe Execution ſelber zu commandiren;„Feuer!“ Die Schüſſe krachten; Balthaſars zerſchmetterter Körper fiel vorn⸗ über zur Erde. Die Flammen praſſelten hell aus dem niedrigen Dache heraus; der Rauch und die Funken flogen den Mördern in's Geſicht. „Macht, daß Ihr weiter kommt!“ herrſchte der Obriſt die Sol⸗ daten an;„vorwärts, meine Herren, wir verbrennen ſonſt bei leben⸗ digem Leibe.“ Er ſpornte ſein Pferd und ſprengte mit ſeiner Suite davon. Hinter ihm her wälzten ſich die Flammen des brennenden Dorfes, ein furchtbarer Scheiterhaufen für die Vielen, deren todte Leiber auf derſelben Stelle lagen, die ſie, getreu der Sache, welche ſie für die rechte hielten, vertheidigt hatten, ſo lange noch ein Athem in ihnen war. Mit der Eroberung des Dorfes durch die Regulären war die Linie der Aufſtändiſchen vollſtändig durchbrochen. Es handelte ſich nur noch darum, fechtend die Hügel zu gewiunen, oder bei dem Ver⸗ ſuch zu ſterben. Wolfgang, der die gefahrvolle Lage der Seinen auf der andern Seite des Dorfes wohl bemerkt hatte, war in Verzweiflung; aber er konnte nichts für ſie thun; er konnte nicht einen Mann ent⸗ behren, und das eigene Leben war er den braven Burſchen ſchuldig, die für ihn, um ſeinetwillen ſo lange in dem furchtbarſten Feuer aus⸗ gehalten hatten und deren Rettungshoffnung auf ihm und einzig auf ihm ruhte So gab er denn mit ſchwerem Herzen den Befehl zum Rückzug. Unter beſtändigem Feuern, das den verfolgenden Feind in gehöriger Entfernung hielt, erreichte er den Wald, der ſich zum Glück auf dieſer Seite die Hügel hinab bis faſt an das Dorf zog. Als er den Blick noch einmal in das Thal zurückwandte, ſah er, daß die Regulären jetzt überall die Poſition beſetzt hielten, welche vor noch nicht einer Stunde die Aufſtändiſchen inne gehabt hatten; ſah er von rothen Flammenſtreifen durchzüngelte ſchwarze Rauchwolken über die Stätte ſich wälzen, wo er die Freunde verlaſſen hatte, und daß dies der Tag war, deſſen tödtlicher Hauch Degenfelds ahnende Seele nur ſchon zu lange umwittert hatte. Dritter Band. Ueunzehntes Capitel. Wehe den Beſiegten!— Grauenhaftes, ſcheuſeliges, die Menſch⸗ heit ſchändendes, uraltes Wort! wirſt du nie deinen fürchterlichen Sinn verlieren? wirſt du immer wieder dein Gorgonenhaupt erheben und deine Schlangenhaare ſchütteln, ſo oft nur ein Kämpfer todes⸗ müde am Boden liegt! wird die ſanfte Stimme des Mitleids, die uns das Unglück ehren heißt, immer ſchwächer ſein, als das heiſere Gekrächz des Rachedurſtes? wird nie der Sieger lernen, ſich der heiligen Nemeſis zu beugen, die jede Ueberhebung unnachſichtlich ſtraft, und noch jeden Hochmuth zu Fall gebracht hat? Iſt es denn nicht ſchlimm genug: beſiegt zu ſein? in den Staub getreten zu ſehen die Fahne, für die man kämpfte? von der Gnade des Siegers zu leben? nur mit ſeiner Erlaubniß ſich zu erheben aus dem Staube? Brennt die Wunde nicht genug, daß man ſie noch vergiften muß? daß heulende Weiber, jammernde Kinder noch die ſchwere Hand fühlen müſſen, die den Gatten, den Vater zu Boden warf?— Wirſt du nie, nie deinen Sinn verlieren, grauenhaftes Wort? Noch thateſt du es nicht! Noch thronſt du, ein Kakodämon mit grinſendem, zähnefletſchenden, ingrimmigen Geſicht, auf dem Markte jeder eroberten Stadt! noch huldigt dir, wer die Macht hat, und huldigt dir um ſo mehr, je mächtiger er iſt, je weniger er den Be⸗ ſiegten, der ſich zu ſeinen Füßen krümmt, zu fürchten braucht! Noch wirfſt du dein klirrendes Henkerſchwert in die Schaale des Todes, ſo oft du ſiehſt, daß das Zünglein auf der Waage der Vergeltung ſich zur Gnadenſchaale neigt; noch ſchleuderſt du den in ehrlicher, offener Feldſchlacht bei gleicher Sonne und gleichem Wind Beſiegten und Gefangenen in deine dumpfen Kerker auf das faulende Stroh; oder zerrſt ihn wieder heraus, wenn dir der Typhus ſein Werk nicht ſchnell genug verrichtet, ſtöß'ſt die Kugel in die Büchſe— Feuer! ein Blitz— ein Knall— wehe den Beſiegten! 168 Die von Hohenſtein. Wehe den Beſiegten! ſo klang es auch im Ohr und Herzen der ſchönen Frau, die einige Wochen nach der Kataſtrophe in der Stube eines kleinen Gaſthofes in der eroberten Feſtung am Fenſter ſaß, und, ohne irgend etwas wahrzunehmen, auf die Straße herab ſtarrte, auf welcher halbberauſchte Soldaten ihre rohe Galanterie an den Bauern⸗ weibern verſuchten, die eben mit ihren leeren Körben wieder nach Hauſe wollten. Sie ſah nichts, ſie hörte nichts, ſie dachte nichts, als den einzigen Gedanken, der ſie nun ſchon alle dieſe Zeit Tag und Nacht unausgeſetzt beſchäftigt hatte: wie ſie den gefangenen Geliebten aus dem Kerker, oder, wenn das unmöglich war, ſo doch vom Tode retten könne. Welche Verſuche hatte ſie nicht gemacht, ſich wenigſtens Zutritt zu ihm zu verſchaffen! wie hatte ſich die Stolze gedemüthigt! wie hatte ſie unter höhniſch lächelnden Officieren in den Vorzimmern der Generäle gewartet und gewartet, um ſich mit Achſelzucken ſagen zu laſſen: daß man nichts für ſie thun könne! wie viele Schwierig⸗ keiten hatte ſie überwunden, bis ſie endlich zu dem Fürſten gelangte, der die Knieende zwar gnädig aufhob, dann aber erklärte: daß er den Gerichten nicht vorgreifen dürfe, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf haben müſſe. Und nun dieſes bitterſte Gefühl, daß ſie, ſie ſelbſt das Schickſal des Geliebten hatte bereiten helfen; daß ohne ihr Erſcheinen im Lager, ohne jene Nacht Münzer ſchwerlich ſich ſo weit von den Freunden entfernt hätte, ſchwerlich ſeinen Feinden in die Hände ge⸗ fallen, am wenigſten lebend in die Hände gefallen wäre! Warum hatte ſie ihn nicht lieber ſich verbluten laſſen? warum das grauſame Mitleid gehabt, dem Kriegsgericht, das unter dem Vorſitz des Obriſten von Hohenſtein alltäglich ſeine Sitzungen hielt und alltäglich ſeine Bluturtheile publicirte, ein Opfer mehr zu überliefern? Morgen ſchon ſollte er vor dem Gericht erſcheinen. Wie das Reſultat ausfallen würde, konnte nach dem, was ſchon geſchehen war, nicht zweifelhaft ſein. Schon waren ein paar jener Unglücklichen, die der Tod auf dem Schlachtfelde verſchont hatte, in den Wallgräben der Feſtung niedergeknallt worden. Alle waren ſie muthig geſtorben; Keiner hatte gezittert; Keiner um Gnade gebeten. Würde Münzer um Gnade bitten? würde man ſie ihm gewähren, wenn er darum bäte? Aber wie ſollte er ſich dazu hergeben! Nein— ſein Schickſal ——— Dritter Band. 169 war entſchieden, ſein Urtheil geſprochen, ſein Tod gewiß, wenn ihn nicht ein Wunder rettete. Antonie fuhr von ihrem Sitze am Fenſter empor und ging hände⸗ ringend in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie war ſo in ihren Schmerz verloren, daß ſie ein Klopfen an der Thür, das ſchon mehr⸗ mals und jedesmal lauter ertönt war, erſt jetzt vernahm. In der Meinung, daß es die Tochter aus dem Hauſe ſei, die ſich in freund⸗ lich⸗ſtiller Weiſe um die unglückliche vornehme fremde Dame bemühte, ſagte ſie: herein, ohne ſich nach der Thür umzuwenden. „Verzeihen Sie, meine ſchöne Schwägerin—“ Antonie fuhr mit einem Schrei herum. Er war es wirklich! er wagte vor ihr zu erſcheinen! er! Sie hob den Arm und deutete, vor Zorn und Haß und Furcht zitternd, bleichen Antlitzes nach der Thür. „Noch immer ſo grauſam, ſchöne Schwägerin!“ ſagte der Obriſt, in deſſen dunklem harten Geſicht nur die ſtechenden ſchwarzen Augen zu leben ſchienen;„ei, ei! ich hatte mir in der That mit der Hoff⸗ nung geſchmeichelt, daß Sie mich heute freundlicher als ſonſt wohl empfangen würden. Aber, wie Sie wollen—“ Er machte eine Bewegung, als ob er gehen wollte; Antoniens Arm ſank herab. „Sie ſind willkommen,“ ſagte ſie mit fliegendem Athem. Der Obriſt lächelte. „Alſo doch!“ ſagte er,„nun, wenn ich wirklich willkommen bin, ſo erlauben Sie mir, abzulegen; und dann laſſen Sie uns in aller Ruhe ein wenig plaudern, wie ein paar alte Freunde, die wir ja trotz alledem doch im Grunde ſind.“ Er hatte die Mütze auf den Tiſch gelegt und ſeinen Degen in eine Ecke geſtellt, dann ſich auf das Sopha geſetzt und Antonien mit einer halb höflichen, halb gebieteriſchen Handbewegung eingeladen, neben ihm Platz zu nehmen. 3 Er lächelte wiederum, als Antonie zögernd ſeinem Winke Folge leiſtete; es kitzelte ihn das Bewußtſein, daß er Herr der Situation ſei. „Ich hätte Sie ſchon längſt aufgeſucht, liebe Antonie,“ ſagte er, langſam ſeine Handſchuhe abſtreifend,„aber Sie werden mir wohl 170 Die von Hohenſtein. ſelber zugeben, daß die Grauſamkeit, mit der Sie in früherer Zeit die Huldigungen zurückwieſen, die ich Ihrer Schönheit und Ihrem glänzenden Geiſte brachte— ich erinnere Sie nur an die Scene, als ich an jenem Abend meinen glücklichen Nebenbuhler zum erſten Male bei Ihnen traf— mir die größtmögliche Vorſicht in meinem Ver⸗ halten Ihnen gegenüber zur Ehrenpflicht machten.“ „Und was führt Sie heute zu mir?“ fragte Antonie, die Augen ſtarr auf den Boden heftend. „Ich habe, wie Sie ſich denken können,“ fuhr der Obriſt, als ob er die Frage gar nicht gehört hätte, fort,„Ihre Bemühungen zu Münzers Gunſten mit einem peinlichen Intereſſe beobachtet— doppelt peinlich, weil ich einmal die Erfolgloſigkeit dieſer Bemühungen voraus ſah, und ſodann, weil mir die Lage, in der ich mich Ihnen gegen⸗ über befinde, noch mehr aber meine officielle Stellung in derſelben Sache, für die Sie, ſchöne Frau, mit ſo viel Muth eingetreten ſind,— ich ſage, weil alles dies es mir unmöglich machte, Ihnen meine Dienſte, wie ich es doch ſo gern gethan hätte, anzubieten.“ „Und was führt Sie heute zu mir?“ wiederholte Antvnie. „Schenken Sie mir noch einige Augenblicke Gehör, ſchönſte Frau. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich ſchon jetzt in Ihrem Intereſſe thätig geweſen bin. Ohne meine Fürſprache hätte die mehr als wunderliche Situation, in welcher Sie von unſern Leuten getroffen wurden, leicht ſchlimme Folgen für Sie ſelbſt haben können; daß man Ihnen erlaubt hat, hier ungehindert ſich aufzuhalten, haben Sie nur mir zu verdanken. Sie werden mir zugeben, daß dieſe Handlungs⸗ weiſe in Anbetracht der Empfindungen, welche Sie gegen mich ſo conſequent an den Tag legen, passablement großmüthig zu nennen iſt. Und wie gern würde ich mehr für Sie thun! wie peinlich iſt es mir, daß gerade ich dem Gerichte präſidiren muß, das morgen über Münzer aburtheilen wird! ja, daß ich durch einen Zufall Richter und Kläger in einer Perſon bin! Sehen Sie dieſe Brieftaſche! Würden Sie glauben, daß in dieſem ſchmutzigen Ding Leben und Tod Mün⸗ zers enthalten iſt.“ Antonie warf einen ſchnellen Blick auf die Brieftaſche, die der Dritter Band. 7 Obriſt in den Händen hielt; ein Zucken flog durch ihren Körper. Der Obriſt lächelte. „Ich fand dieſe Brieftaſche auf dem Schlachtfelde. Sie hat einem Menſchen gehört, der ſich Cajus nannte, einer der Führer der demokratiſchen Bewegung und nebenbei ein ſpecieller Freund Münzers geweſen iſt. Sie werden deshalb wohl jedenfalls ſeinen Namen kennen, vielleicht die Ehre ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft gehabt haben. Ich bedauere, Ihnen ſagen zu müſſen, daß meine Leute die Unbeſonnenheit hatten, dem Kriegsgericht vorzugreifen und den Mann auf der Stelle niederzuſchießen. Indeſſen läßt ſich der Verluſt ver⸗ ſchmerzen, da die Papiere, die ſich in dieſer ſeiner Taſche befinden— unter andern verſchiedene Briefe von Münzers Hand— ſehr deutlich ſprechen. Die Briefe ſind nur klein, nur Zettel, wenn Sie wollen; aber als die einzigen ſchriftlichen Documente, die, ſoviel ich weiß, über Münzers hochverrätheriſche Thätigkeit vorhanden ſind, wiegen ſie ſehr ſchwer.“ Der Obriſt ſteckte das Portefeuille wieder in die Bruſttaſche, und ſagte, während er langſam ſeinen Rock zuknöpfte: „Es ſcheint, daß Münzer einen höheren Poſten in der ſogenann⸗ ten Revolutionsarmee nicht bekleidet hat; auch iſt er, ſo viel ich weiß, nie in einem militairiſchen Verhältniſſe bei uns geweſen. Wenn er unter den Richtern einen guten Freund hätte, der dieſe Umſtände ge⸗ hörig in's Licht ſtellte; und wenn die eben beſprochenen Zettel, die ſich auf ſeine organiſatoriſche Thätigkeit noch vor Beginn des Feld⸗ zuges, wo er eine Art von Civilcommiſſar geweſen zu ſein ſcheint, beziehen, nicht producirt würden, ſo wäre ein mildes, vielleicht frei⸗ ſprechendes Urtheil meiner Meinung nach nicht unmöglich.“ Der Obriſt ſtand auf. „Und was wäre der Preis, den dieſer— gute Freund forderte?“ fragte Antonie mit dumpfer Stimme. Der Obriſt ſetzte ſich wieder. „Sie ſtellen die Frage auch gleich verzweifelt praktiſch,“ ſagte er mit ſeinem heiſeren Lachen;„vermuthlich deshalb, weil Sie ganz gut im Stande ſind, ſie ſich ſelbſt zu beantworten. Im Kriege, holde Antonie, gelten alle Vortheile; wir ſind im Kriege und der Vortheil 172 Die von Hohenſtein. iſt unzweifelhaft auf meiner Seite. Eine ſo ausnehmend praktiſche Frau, wie Sie, wird es mir unmöglich verdenken können, wenn ich meinen Vortheil geltend mache.“ Ein Schauder flog über Antoniens ganzen Körper. „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ fuhr der Obriſt fort,„ich bin kein girrender Schäfer. Ich will Alles, oder Nichts, und will es noch vor morgen, denn, wenn morgen Ihr Liebhaber wieder auf freien Füßen iſt, oder die Gewißheit hat, es in kurzer Zeit zu ſein, ſo möchten Sie den Preis nicht mehr zahlen wollen. Entſcheiden Sie ſich!“ Er erhob ſich abermals. „Ich habe mich entſchieden,“ erwiderte Antonie,„er würde ein Weib verachten, das, um ihn zu retten, ſeine Ehre preisgeben konnte, und wenn er es nicht thäte: er wäre mir doch verloren, denn ich würde meine Schande in dem erſten beſten Teich ertränken. Sie ſehen: der Handel iſt zu ungleich.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte der Obriſt kalt, indem er den Degen anſteckte und ſeine Mätze ergriff;„aber vielleicht beſinnen Sie ſich eines Beſſeren. Ein Brief von Ihnen, wenn er in meinem Quartier bis heute Abend neun Uhr abgegeben wird, würde mich unfehlbar treffen. Ich werde dafür Sorge tragen. Bis dahin, leben Sie wohl, ſchöne Antonie und— beſinnen Sie ſich!“ Er machte eine ſpöttiſche Verbeugung und entfernte ſich, nachdem er noch in der Thür einen ſeiner finſteren ſtechenden Blicke auf An⸗ tonien geworfen hatte, die, beide Hände gegen ihre Schläfen drückend, noch immer regungslos auf dem Sopha ſaß. Aber kaum hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, als ſie auf⸗ ſprang und, einer Raſenden gleich, mit gerungenen Händen in dem Gemache auf- und niederzuſchreiten begann. All' die wilde Leiden⸗ ſchaft, die ſie ſo mühſam zurückgehalten hatte, brach jetzt los, wie ein entfeſſelter Strom. Ihre Wangen glühten, ihre Augen blitzten vor Zorn; ſie murmelte wilde Verwünſchungen, und dann warf ſie ſich wieder auf das Sopha und ſchluchzte und ſtöhnte unter tauſend Thränen:„O, mein Gott, mein Gott! was ſoll ich thun! was ſoll ich thun!“ Ein hübſches junges Mädchen blickte herein und ſagte: Dritter Band. 173 „Ach, verzeihen Sie, gnädige Frau; aber draußen iſt eine Dame, die Sie dringend zu ſprechen wünſcht.“ „Wie heißt ſie?“ „Sie wollte mir ihren Namen nicht nennen; aber ich glaube, daß ſie wohl auch einen Verwandten in den Kaſematten haben muß; ſie ſieht ſo ſehr traurig aus.“ „Führen Sie ſie herein;“ ſagte Antonie, ſich raſch erhebend und ihr Taſchentuch ſchnell noch einmal auf ihre Augen und Wangen drückend. Die fremde Dame blieb, als das Mädchen die Thür hinter ihr geſchloſſen hatte, ſtehen und ſchlug ihren Schleier zurück. Antonie hatte Clärchen nie geſehen; aber ein Blick in das blaſſe, ſchmerzdurch⸗ wühlte Antlitz der jungen Frau ſagte ihr, wen ſie vor ſich habe. Sie trat raſch auf Clärchen zu und ſagte, ihre Hand ergreifend: „Sie ſind— ſeine Gattin!“ Clärchens Antwort waren zwei Thränen, die aus ihren Augen quollen und langſam über ihre bleichen Wangen rannen. Antoniens Hände zitterten, als ſie mit geſchäftiger, faſt demüthiger Freundlichkeit Clärchen das Hutband löſte, den Shawl abnahm und ſie nach dem Sopha führte. „Seit wann ſind Sie hier?“ „Seit geſtern.“ „Und haben Sie ihn geſehen?“ „Man will mich nicht zu ihm laſſen; morgen— vielleicht; aber ich glaube: man hat mir es nur geſagt, um mich los zu werden; können Sie Nichts, Nichts für mich thun?“ Und Clärchen blickte angſtvoll Antonien an. „Arme, arme Frau!“ murmelte Antonie. Sie konnte ihre Augen nicht von Clärchens Geſicht abwenden; ſie hatte ſich Münzers Gattin ſo ganz anders gedacht. Hatte er wirklich kein Auge gehabt für die Milde und Güte, die aus dieſen reinen, unſchuldigen Zügen ſprach? hatte er wirklich kein Ohr gehabt für die Melodie dieſer ſanften Stimme? hatte er dieſe ſchlanke weiße Hand halten und wieder laſſen können?.. „Arme, arme Frau!“ ſagte ſie noch einmal, in der Fluth von Gedanken, die auf ſie einſtürmte, verloren. 174 Die von Hohenſtein. „Ich will ja nichts weiter, als ihn noch einmal ſehen;“ fuhr Clärchen fort,„um ſeinetwillen; nicht um meinetwillen; denn ich weiß, daß, wenn er mich auch nicht liebt, wie er Sie liebt, ihm das Herz doch ſchwer iſt, ſo oft er an mich denkt. Ich will ihm nur ſagen, daß ich ihm längſt verziehen habe, wenn ich ihm je etwas zu ver⸗ zeihen hatte, daß, wenn er ſterben muß, er um meinetwillen ruhig ſterben kann.“ Um die bleichen Lippen zuckte ein ſo wilder Schmerz und doch klang die Stimme ſo ſanft und feſt. „Sie ſehen mich erſchrocken an, gnädige Frau,“ ſagte ſie,„haben Sie denn eine Hoffnung, daß er leben bleiben kann? Ich habe keine. Ich weiß, daß er nichts widerrufen, daß er im Gegentheil, wenn man ihm das Wort verſtattet, die ganze Kunſt ſeiner Rede nur dazu an⸗ wenden wird, ſeinen Ueberzeugungen noch einmal Ausdruck zu geben. Man wird ihn verurtheilen; er wird fallen für die Sache, für die er gelebt; aber damit er auch nicht mit der Wimper zuckt, damit ſeine Henker nicht die Spur einer Schwäche in ſeinem ſchönen Antlitz leſen können, damit er herrlich wie ein Held dem Tod in's Auge ſieht— dazu muß ich ihn ſprechen, ohne mich kann er nicht ruhig ſterben. Halten Sie mich nicht für anmaßend, gnädige Frau, wenn ich das mit ſolcher Gewißheit ausſpreche, ſelbſt Ihnen gegenüber.“ „Um Gottes willen ſprechen Sie nicht ſo,“ rief Antonie,„Sie wiſſen nicht, wie jedes Ihrer Worte mein Herz zerreißt. O, mein Gott, mein Gott, was habe ich gethan!“ Sie warf ſich zu Clärchens Füßen und bereckte ihre Hände mit Thränen und Küſſen. Clärchen bemühte ſich, die in Leivenſchaft Auf⸗ gelöſte zu beruhigen. „Nein, nein!“ ſchluchzte Antonie,„laſſen Sie mich vor Ihnen knieen; laſſen Sie mich zu Ihnen beten, wie man zu einer Heiligen betet. O, wie furchtbar habe ich mich an Ihnen verſündigt! und wie wenig habe ich bisher daran gedacht! Aber ich will wieder gut machen, was ich gefrevelt habe! ich will es! ich ſchwöre es Ihnen!“ Sie richtete ſich wieder empor, ging einige Male mit haſtigen Schritten in dem Gemache auf und ab, kam dann wieder auf Clär⸗ 1 chen zu, ſetzte ſich neben ſie und ſagte, ihre Hand ergreifend, mit —— Dritter Band. 175 einer Stimme, deren Ruhe mit der Leidenſchaft, die ſie noch ſo eben gezeigt hatte, faſt unheimlich contraſtirte: „Bei wem ſind Sie geweſen?“ Clärchen nannte die Namen einiger hochgeſtellter Officiere. „Sie haben ſich nicht an den Rechten gewandt;“ erwiderte An⸗ tonie mit finſterm Lächeln;„bei all' den Menſchen bin auch ich ge⸗ weſen; ſie wollten nichts für mich thun; ich glaube, ſie konnten nichts thun; aber der Eine kann's— und ſolls!“ „Wer iſt es?“ Clärchen mußte die Frage mehrmals wiederholen; Antonie ſaß da, an der Unterlippe nagend, düſtern Auges auf den Boden ſtarrend; endlich fuhr ſie, wie aus einem ſchlimmen Traum erwachend, empor. „Wer es iſt?— ich kann es Ihnen nicht ſagen, verlaſſen Sie ſich auf mich. Heute werde ich Ihnen nicht mehr helfen können aber daß Sie ihn morgen, nachdem das Urtheil geſprochen iſt, ſehen werden, dafür, glaube ich, kann ich mich verbürgen. Ich hoffe noch mehr für Sie; aber laſſen Sie mich bis morgen— bis morgen.“ „Was haben Sie vor?“ fragte Clärchen, die der Ausdruck in Antoniens ſtarrem Geſicht erſchreckte. „Ich kann Ihnen nichts weiter ſagen; aber ich beſchwöre Sie: verlaſſen Sie ſich auf mich!— Erzählen Sie mir von Ihnen, von Ihren Kindern?“ Ueber Clärchens Geſicht flog ein dunkler Schatt n. „Ich habe nur noch ein Kind,“ ſagte ſie leiſe. Antonie griff an ihre Stirn, wie Jemand, der ſeinen Sinnen nicht traut.„Wie? was ſagen Sie?“ „Mein Knabe iſt todt,“ ſagte Clärchen in ſtiller Reſignation; „heute vor vierzehn Tagen haben wir ihn der Erde übergeben. Er kränkelte ſchon ſeit dem vorigen Frühjahr; Dr. Brand ſagte: es wäre ein organiſcher Fehler am Herzen geweſen;— vielleicht hat er es geſagt, um mich über den frühen Verluſt zu tröſten— ich weiß es nicht.“ „Füchterlich, fürchterlich,“ murmelte Antonie. Die Uhr im Thurm der benachbarten Kirche ſchlug die ſiebente Stunde. Antonie richtete ſich ſchnell in die Höhe. 176 Die von Hohenſtein. „Verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſagte ſie,„bleiben Sie ruhig in Ihrer Wohnung; ich ſende Ihnen morgen Botſchaft; ängſtigen Sie ſich nicht, wenn es auch etwas ſpät werden ſollte. Die Botſchaft ſoll beſſer ſein, als Sie jetzt zu hoffen wagen.“ Sie führte Clärchen zur Thür und ließ ſie hinaus. Dann ging ſie an ihren Schreibtiſch, ſchrieb haſtig einige Zeilen, ſiegelte und klingelte dem Mädchen. „Bringen Sie dieſen Brief an— an die bezeichnete Adreſſe Aber thun Sie es ſelbſt! wollen Sie?“ „Gewiß, gnädige Frau.“ „Sie bekommen keine Antwort: der Herr wird mir die Antwort ſelber bringen. Sie wollen ihn ohne Anmeldung einlaſſen, went er kommt.“ „Zu Befehl, gnädige Frau.“ Das Mädchen blickte empor; der Tön, in welchem die gnävige“ Frau geſprochen hatte, war ſo fonderbar geweſen! Sie erſchrack“ uls ſie bemerkte, daß Antöniens Geſicht bleich und faſt Lerzerrt wit. Cm „Sie ſind krank, liebe, Inädige Frau,“ ſagte das Mädchen, „gewiß, Sie ſind krank.“ 3 bon 3 14 60 m „Nicht voch,“ erwiderte Antonie,, ich befinde mich feht wohl. ilen Sie! meiit Kind, und, höten Sie, Sie beſorgen ven Btitf⸗ Dem Mävchen war es ganz ſonderbur zu Muthe gewolden. Sie hatte einen ſolchen Ton noch ni at smnS im ſun hi ch nis gehört, ein ſolches Grſicht noch nie geſehen. Sie könnte es den ganzen Abend nicht vergeſſen, ſie träumte in der Nacht davon. Sie wußte, väß die gnävige Früu einen Verwandtett„in den Kafematten⸗ habe und vachte ſich wohl, daß das Schickfal dieſes Vetwandten auf dem Punkte ſtehe, ettſchieven zu werden. Deshalb war auch wWöhl vet gtoße, ſchwarze Offie 11 der ſchon um Rachſüittag dagswbeſen war, derſelbe, an den ſie det Brief gebracht hatte, am Abend ſpät nöch einmal gekommen und übet' eine Stunde bei der gnädigen Frau geblieben. Sie mußten Löcht böſe Dinge zu verhandelſ gehabt haben— ber finſtere Offitier und die gnädige Frt, denn ſie chatte, als ſie einen Augenblick an der Thür lauſchte, gehört, tte die Hnädige Ftüu ſagte ibent Sie Iht Dritter Band. 177 Wort nicht halten, ſo erwürge ich Sie mit meinen eigenen Händen!“ worauf der Officier mit heiſerem Lachen etwas erwiderte, wovon vas Mädchen nur die Worte:„Brieftaſche“ und„Sicherheit“ verſtand. Am nächſten Morgen, als ſie der gnädigen Frau den Kaffee brachte, hatte dieſe, die an dem Pulte ſaß und ſchrieb, ſich auf ihr: „guten Morgen!“ ganz gegen ihre Gewohnheit nicht einmal umge⸗ wandt, geſchweige denn ein freundliches Wort erwivert. Dann, nach etwa einer Stunde, hatte ſie geklingelt und in kurzem, rauhen Ton— ohne das Geſicht vom Fenſter, an welchem ſie ſtand, wegzuwenden— befohlen, ihr bis zehn Uhr einen Wagen zu beſorgen und die Rech⸗ nung bereit zu halten. Was mochte nur mit der gnädigen Frau, die alle dieſe Tage ſo freundlich geweſen uud heute ſo ſtolz und herriſch war, vorgegangen ſein? Die kleine Kathi zerbrach ſich faſt ihren hübſchen Kopf darüber, als ſie in dem hellen Sonnenſchein vor der Hausthür neben den Bauernwagen, von denen die Pferde abgeſpannt waren, ſtand und nach der Thurmuhr aufſchaute, wo der vergoldete Zeiger beinahe ſchor auf Zehn wies. Da fragte plötzlich eine Stimme mehr über ihr, als neben ihr:„Ob Frau von Hohenſtein, die in dem Gaſthofe wohne, zu Hauſe ſei?“ Die kleine Kathi blickte zu dem Bauersmann, der ſie angeredet hatte, auf. Es war ein rieſengroßer, plumper Menſch in einer blauen Blouſe und leinenen Gamaſchen, mit einem glatt raſir⸗ ten, ſonderbar dummen Geſicht, aus dem ein paar tiefliegende Augen mit einem ſchielenden und halb blödſinnigen Ausdruck ſtarrten. „Ich weiß, daß ſie zu Hauſe iſt,“ ſagte der große Menſch,„führe mich zu ihr, Kleine; ich habe wichtige Nachrichten für ſie— von ihrem Verwandten.“. „Sind's auch gute?“ fragte die kleine Kathi. „Ei gewiß!“ ſagte der Mann,„mach' nur ſchnell, ich muß mei⸗ nen Hafer noch verkaufen, habe wenig Zeit.“ Kathi beſann ſich nicht lange. Gute Nachrichten von ihrem Ver⸗ wandten— die konnte die arme gnädige Frau gerade brauchen. Sie lief voran in das Haus, die Treppe hinauf, blieb vor der Thür ſtehen und ſagte:„Da geh' Er nur hinein, wenn Er gute Nach⸗ richten hat.“ Fr. Spielhagen's Werke. 1x. 12 178 5 Die von Hohenſtein. Der Mann drückte leiſe die Thür auf, trat in das Zimmer und ſchob, als er eingetreten war, den Riegel vor die Thür. Indem er ſich nach Antonie wandte, nahm ſein Geſicht plötzlich einen andern Ausdruck an, daß ihn ſelbſt die kleine Kathi nicht wieder erkannt haben würde. „Wer ſind Sie?“ rief Antonie, unwillkürlich einen Schritt zurück⸗ tretend. Der in der Blonſe legte den Finger auf den Mund und ſagte ſchnell und leiſe: „Ich heiße Cajus. Sie werden mich dem Namen nach kennen. Ich bin ſeit geſtern hier in dieſer Verkleidung, um zu ſehen, was ſich für ihn thun läßt. Ich weiß, daß Sie für ihn gethan haben, was Sie konnten; aber Sie können wenig, ich kann vielleicht mehr thun; aber ich brauche dazu Geld, das ich nicht habe. Deshalb komme ich zu Ihnen.“ Münzer und Degenfeld hatten oft in Antoniens Gegenwart von Cajus geſprochen. Sie konnte kaum zweifeln, daß dieſer kühne, ver⸗ ſchlagene Mann wirklich Cajus ſei. Und dennoch— die Erzählung des Obriſten— die Brieftaſche, die ſeit geſtern Abend in ihren Händen war— „Kennen Sie dieſe Brieftaſche?“ fragte ſie, die Brieftaſche, die ſie in dem Pult verſchloſſen hatte, hervorlangend und Cajus ent⸗ gegenhaltend. „Ich kenne ſie wohl; es iſt meine Brieftaſche, die der arme Schelm, den man ſtatt meiner erſchoſſen hat, bei ſich trug. Ich weiß das von einem mir befreundeten Unterofficier, der in der Nähe ge⸗ ſtanden und den ganzen Handel mit angeſehen und angehört hat. Aber ich glaubte ſie in den Händen des Obriſten.“ „Sie iſt ſeit geſtern in meinen Händen,“ ſagte Antonie. „Da wünſche ich nur, daß der Preis, den Sie dafür gezahlt haben, nicht zu groß geweſen iſt,“ ſagte Cajus mit ſonderbarem Lächeln. „Wie meinen Sie?“ fragte Antonie, der bei Cajus letzten Worten alles Blut in die vlaſſen Wangen geſchoſſen war. „Wenn der Obriſt Ihnen vielleicht geſagt hat, daß Sie mit der Dritter Band. 179 Taſche den ganzen Inhalt derſelben hätten, ſo hat er Sie belogen,“ erwiderte Cajus;„die wichtigſten Briefe, oder vielmehr der eine wichtige Brief, der Münzer wirklich gefährlich war und ihm den Hals hat brechen helfen, lag heute Morgen auf dem Tiſch des Kriegs⸗ gerichts.“ Antonie ſchwankte nach der Lehne eines Stuhls, auf die ſie ihre zitternden Hände legte. Aber alsbald raffte ſie ſich wieder auf, trat dicht an Cajus heran und ſagte mit heiſerer, kaum vernehmbarer Stimme: „Martern Sie mich nicht! Was wiſſen Sie? Iſt er verurtheilt?“ „Ja; ich weiß es von eben jenem mir befreundeten Unterofficier, der Mitglied des Kriegsgerichtes geweſen iſt. Er und der Lieutenant von Todwitz haben, um Münzer wenigſtens das Leben zu retten, auf lebenslängliche Feſtungshaft, die Uebrigen auf Tod erkannt, ihnen voran der Obriſt von Hohenſtein, der Himmel und Hölle in Be⸗ wegung geſetzt hat, das Todesurtheil zu erpreſſen. Zuletzt, da keine Einſtimmigkeit zu erzielen geweſen iſt, hat man ſich genöthigt geſehen, den Verurtheilten der Gnade des Monarchen zu empfehlen. Nun, Sie wiſſen ja, wie man da Gnade übt.“ Aus Antoniens Wangen war alles Blut gewichen, während ſie, ſtarren Auges, die Lippen halb geöffnet, auf Cajus Bericht lauſchte, als dürfe ihr kein Laut entgehen. Dann wurden ihre Augen noch ſtarrer und durch die zuſammengepreßten Zähne kam nur das eine Wort:„Rache!“ In Cajus dunklen Augen blitzte es unheimlich, als das Wort ſein Ohr traf. „Ich glaube,“ ſagte er,„die Intereſſen der hochgebornen Dame und des Proletariers gleichen ſich in dieſem Falle auf eine ſeltene Weiſe. Sie lieben Münzer, ich liebe ihn auch in meiner Art; Sie haſſen den Obriſt, müſſen ihn nach Münzers Verurtheilung haſſen, wenn Sie ihn vorher noch nicht gehaßt haben; ich haſſe den Obriſt und das nicht ſeit heute. Ich dächte, wir gingen Hand in Hand, da unſere Abſichten einmal Hand in Hand gehen. Sie haben, was ich nicht habe, vielleicht beſitze ich einige Eigenſchaften, die Ihnen man⸗ geln dürften. Wollen Sie?“ 122 Die von Hohenſtein. „Jo, ja!“ ſagte Antonie. „Können Sie mir Geld geben?“ „Funfzig Louisd'or etwa ſogleich; in wenigen Tagen, ſo viel Sie wünſchen.“ „Geben Sie!“ Antonie eilte nach dem Büreau und legte eine Rolle in Cajus Hand. „Aber, was wollen Sie, was können Sie thun?“ „So lange ein Menſch noch Athem hat, darf er die Hoffnung nicht verlieren!“ erwiderte Cajus;„das habe ich in meinem Leben ein paar Dutzend Mal erfahren. Münzers Sachen ſtehen noch nicht ganz ſo ſchlimm. Bis die Antwort auf das officielle Begnadigungsgeſuch aus der Reſidenz zurück iſt— und das dauert doch mindeſtens acht Tage— läßt ſich Manches thun. Ich habe viele gute Freunde in der Armee, beſonders in dem neunundneunzigſten Regiment, und ein goldener Schlüſſel, wiſſen Sie, ſchließt überall.“ Ein leiſes Pochen an der Thür unterbrach das im Flüſterton geführte Geſpräch. „Wer iſt da?“ „Ich bin's, gnädige Frau; es iſt eben ein Billet abgegeben wor⸗ den,— von dem Herrn Obriſt von Hohenſtein.“ Antonie ging zu öffnen. Ihr Schritt war feſt und ihre Hand zitterte nicht, als ſie das Billet, welches ihr Kathi überreicht hatte, erbrach. Der eine Gedanke, der ſie ausſchließlich erfüllte, verdrängte jede andere Regung. Das Billet enthielt folgende Worte: „Schönſte Frau! Ich beeile mich, Ihnen anzuzeigen, daß unſere Bemühungen, Ihren Freund zu retten, leider vergeblich geweſen ſind. Ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand. Vielleicht erhält Ihr Freund durch die Gnade des Monarchen das Leben zurück, das ihm das Kriegsgericht gegen meinen Wunſch und mein Erwarten ab⸗ geſprochen hat. Da die Ueberfüllung der hieſigen Gefängniſſe die Translocirung einer großen Anzahl von Gefangenen in andere Feſtun⸗ gen nothwendig macht, ſo glaube ich, Ihren Wünſchen entgegenzu⸗ kommen, wenn ich Herrn M., der überdies von den Gerichten in gelaſſen, als wäre Alles, wie es ſein ſollte. In ihrem Herzen war Dritter Band. 181 Rheinſtadt der Rheinfelder Affaire wegen reclamirt iſt, einem größeren, noch heute dahin abgehenden Transport zugetheilt habe. Da ich ver⸗ muthe, daß Sie ſo viel als möglich in der Nähe Ihres Freundes bleiben werden, ſo wünſche ich Ihnen, im Falle ich Sie, was bei der Ueberlaſt meiner Geſchäfte wenig wahrſcheinlich iſt, heute nicht mehr ſehen ſollte, eine glückliche Reiſe.— Mit den Gefühlen, die Sie ſo ganz theilen, Ihr G. v. H. „Leſen Sie!“ ſagte Antonie, Cajus das Billet reichend. Cajus las es aufmerkſam durch. „Hm,“ ſagte er,„man will Sie los ſein, das iſt keine Frage; aber wenn es ſich mit Münzer ſo verhält,— und ich zweifle nicht daran,— ſo haben wir in Rheinſtadt unzweifelhaft mehr Chancen als hier. Auf jeden Fall müßten Sie dann heute abreiſen. Je weniger Sie daraus, wie überhaupt aus Ihrer Theilnahme für Mün⸗ zer, ein Geheimniß machen, deſto beſſer iſt es. Von Jemand, der offen ſeine Sympathien an den Tag legt, erwartet man nicht, daß er nebenbei heimlich complotirt. Wenn ſich unterwegs nichts thun läßt, komme ich zugleich mit dem Transport in Rheinſtadt an. Vielleicht werden Sie dann die Güte haben müſſen, mich auf einige Zeit in Ihr Haus aufzunehmen. Bis dahin leben Sie wohl und halten Sie baares Geld bereit; ich ſchreibe, wenn ich mehr brauche. Noch Eines! Es iſt leicht möglich, daß man Ihre Correſpondenz überwacht; wir werden deshalb die Vorſicht anwenden müſſen, uns in franzöſiſcher Sprache über ein koſtbares Gemälde zu unterhalten, das für Sie von Italien aus unterwegs iſt. Wann können Sie fort?“ „Sogleich. Darf ich Münzers Gattin, die hier iſt, mit mir nehmen, wenn ſie mich begleiten will?“ „Ja!“ ſagte Cajus nach einigem Beſinnen;„man fürchtet zwei Frauen noch weniger als eine. Leben Sie wohl.“ Er warf den Querſack, den er an der Thür abgelegt hatte, wie⸗ der über die Schulter und ging hinaus. Wenige Augenblicke ſpäter ſah Antonie ihn langſamen, ſchwerfälligen Schrittes die Straße hinaufgehen. Sie traf die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe— ruhig, 182 Die von Hohenſtein. 1 es ſtill, wie in einer Wüſte, in welcher ein giftiger Samum jede Spur des Lebens getödtet hat. Selbſt ihr Durſt nach Rache kam ihr nicht als ein beſonderes Gefühl zum Bewußtſein; ihr ganzes Weſen war⸗ ſo davon erfüllt, daß ſie die Rache athmete wie die Luft, die ſie umgab, daß jeder Herzſchlag Rache war. Zwanzigſtes Capitel. Eines Abends, im Anfang des September— zwei Monate faſt nach den letzten Ereigniſſen— ſaßen in dem Vorderzimmer des Hauſes in der Ufergaſſe Tante Bella und Ottilie— Tante Bella in der Ecke des Sopha's, Ottilie vor ihr neben dem großen Tiſch, auf dem die Lampe ſo gerückt war, daß die beiden Damen das möglichſt helle Licht für ihre Arbeit hatten. Aber die Arbeit,— ein großer Fußteppich, auf welchem ein rieſiger ſchwarzbrauner Keiler von hell⸗ braunen und gelben Doggen mit klaffenden rothen Mäulern verbellt war, während ein dunkelgrüner Jäger, dem vorläufig noch der Kopf und die Arme fehlten, eben im Begriff ſtand, ihm einen noch nicht vorhandenen Spieß in die zottige Bruſt zu ſtoßen,— die faſt vollendete Arbeit ruhte in dieſem Augenblick und es hatte auch nicht den An⸗ ſchein, als ob dieſelbe heute Abend noch weſentlich gefördert werden würde. Tante Bella hatte die Brille auf die Stirn gerückt und blickte über die Arbeit weg Ottilien an, die ſo nachdenklich träumeriſch vor ſich hinſtarrte, daß der grüne Jäger, der auf ihrem Schooße ruhte, es offenbar nur ſeinem kopfloſen Zuſtande zu verdanken hatte, wenn ihm das Herz nicht unruhig in der wollenen Bruſt ſchlug. Tante Bella ſchüttelte das Haupt, ſeufzte leiſe, ließ die Brille wieder auf die Naſe fallen, machte ein paar Stiche, blickte wieder zu Ottilien hinüber, nahm dann mit einem energiſchen Entſchluß die Brille ab, warf dieſelbe in den Arbeitskorb und ſagte ärgerlich: „Es geht nicht; ich kann nicht; ich mache lauter dummes Zeug.“ „Was haſt Du, liebe Tante?“ fragte Ottilie, faſt erſchrocken aus ihrem Traum auffahrend. Dritter Band. 18 S5 „Ja, was haſt Du! hat ſich was zu haben!“ erwiderte Tante Bella;„was haſt Du! ich habe dieſelbe Frage heute Abend ſchon dreimal an Dich gerichtet, ohne daß Du mich einer Anwort ge⸗ würdigt hätteſt.“ „Sei nicht bös, liebes Tantchen. Mir iſt das Herz ſo voll!“ ſagte Ottilie, und wie ſie es ſagte, füllten ſich ihre ſchönen blauen Augen, die ſie bittend zur Tante aufſchlug, mit Thränen. „Ich bin nicht bös,“ brummte Tante Bella, die dieſer Anblick ſofort wieder beſänftigte;„ich dächte, Du wüßteſt, daß ich Dir über⸗ haupt gar nicht bös ſein kann, oder fängſt Du auch— wie gewiſſe andere Leute— an, mir alles Herz abzuſprechen? Ich habe wohl ein Herz; aber ich trag' es nicht in die Schürze, und das ſollte Holm nun wohl auch nachgerade wiſſen.“ „Holm hat es wahrlich nicht bös gemeint; er war in ſo großer Aufregung.“ „Bös oder nicht— er durfte ſo etwas von einer alten Freundin — ich meine von einer Freundin, die er ſo lange kennt— nicht ſagen. Und was die Aufregung betrifft— wir ſind Alle in Auf⸗ regung— Gott ſei's geklagt!— ich nicht niinder, als andere Leute; aber das hindert mich nicht, den Kopf oben zu behalten, und darauf zu beſtehen, daß Recht Recht und Unrecht Unrecht bleibt in alle Ewig⸗ keit trotz alles Euren phantaſtiſchen Hokuspokus und Lirumlarum. Und wenn Ihr mich in Stücke reißt und mit glühenden Zangen zwickt, ich kann nicht anders ſagen, als daß Münzer ſein Schickſal verdient hat. Wer ſeine Frau und ſeine Kinder verlaſſen und in's Elend ſtürzen kann, der iſt nicht werth, daß ihn die Sonne beſcheint, und wenn er morgen zu ſeiner lebenslänglichen Feſtungsſtrafe noch ein paar Jahre dazu bekommt, ſo ſollte es mich freuen— na! freuen gerade nicht; aber recht wäre es doch. Politiſcher Märtyrer! ſchlimm genug, daß er über ſeinen politiſchen Grapſen ſeine heiligſten Pflichten vergeſſen konnte; aber ſiehſt Du, Ottilie, ich ſchwöre es Dir: wäre es deshalb und nur deshalb geſchehen, ich wollte nichts ſagen;— ich verſtehe nichts davon; ich bin zu dumm dazu; ich faſſe das nicht— der eigentliche Grund aber, von dem Ihr immer nichts wiſſen wollt, den verſtehe ich ganz gut, den verſtehe ich beſſer, als Ihr Alle, und 184 Die von Hohenſtein. ich ſage Dir: der eigentliche Grund iſt und bleibt ſeine Leidenſchaft zu dem Frauenzimmer, der Antonie— die ich nebenbei noch gar nicht einmal ſo ſchön finden kann. Dieſe Leidenſchaft hat ihn toll gemacht, daß er nicht nach rechts, noch nach links ſah, ſondern geradewegs in ſein Verderben hineinlief. Wenn ein Menſch ſich ſeine Grube ſelbſt gegraben hat, ſo iſt es Münzer geweſen. Und weil meine Augen, Gott ſei Dank! noch ſcharf genug ſind, das Alles in dem rechten Lichte zu ſehen, deshalb ſoll ich kein Herz haben? Ei, geht mir doch!“ Tante Bella fing in großer Aufregung an, den Teppich zuſam⸗ menzurollen und ſah dabei erſchrecklich bös aus. „Tantchen,“ ſagte Ottilie mit großer Beſtimmtheit,„Du verkennſt die Sachlage. Recht ſoll Recht bleiben— gewiß! aber das iſt nicht recht, daß man Münzer, weil er ſich für ſeine politiſche Ueberzeugung brav geſchlagen hat, behandelt, als wäre er ein gemeiner Räuber. In dieſer Beziehung hat er nicht mehr und nicht weniger gethan, als was Wolfgang und tauſend brave Männer auch gethan haben; und was das Andere anbetrifft, ſo muß das Münzer mit ſeinem Gewiſſen, vas ſchwer genug ſein mag, ausmachen; die Richter haben ſich nicht hineinzumiſchen.“ „Haben ſich nicht hineinzumiſchen!“ erwiderte Tante Bella mit großer Gereiztheit;—„bitte, ich kann den Teppich ſchon allein zu⸗ ſammenrollen, bemühe Dich nicht!— haben ſich nicht hineinzumiſchen! Alſo es verdient keine Strafe, wenn Jemand ſich an ſeiner Frau und Kindern verſündigt, als ob er kein Chriſtenmenſch, ſondern der Groß⸗ türke, oder der Dei von Tunis wäre! Nun, meinetwegen! mir kann es recht ſein; ich bin, Gott ſei Dank! ledig und habe keine Kinder; aber wie Du ſolche Grundſätze ausſprechen kannſt, da Du Dich doch hoffentlich noch einmal verheirathen wirſt,— das geht über meinen Horizont. Ich möchte wohl wiſſen, was Du thäteſt, wenn Du— was der Himmel in Gnade verhüten mögel— jemals in des armen Clärchen Lage kämeſt!— ich möchte es wohl wiſſen!“ Tante Bella ſchlug mit der flachen Hand auf den zuſammen⸗ gerollten Teppich, und lehnte ſich in die Sophaecke zurück mit der Miene Jemandes, der überzeugt iſt, eine ſchwierige Sache endgültig erledigt zu haben⸗ Dritter Band. 185 „Wenn ich in die Lage käme!“— Ottilie blickte nachdenklich vor ſich nieder:„Wenn ich in die Lage käme, ich würde hoffentlich ſo großherzig denken, fühlen und handeln, wie Clärchen. Wer hat das Recht, Münzer zu verdammen, wenn ſie ihn nicht verdammt? Und thut ſie es? kommt ein Wort der Anklage über ihre Lippen? könnte ſie ſich anders benehmen, wenn ihre Ehe niemals getrübt worden wäre? Nein, Tante, Clärchen ſelbſt iſt der beſte Beweis, daß Du im Unrecht biſt. Und dann, Tante, es handelt ſich jetzt auch gar nicht um Recht und Unrecht; es handelt ſich darum, Münzer zu befreien, von einem Schickſal zu befreien, das ſchlimmer iſt als der Tod. Wie kannſt Du nur einen Augenblick darüber im Unklaren ſein, ob Du ihn frei ſehen möchteſt, oder nicht? Wenn man Dich, die ſonſt ſo Gute, Aufopfernde, ſo wunderliche Bedenken haben ſieht, ſoll man da nicht in Erſtaunen gerathen? und kannſt Du es dem braven Holm wohl ſo übel nehmen, wenn er in ſeinem Aerger von Deiner Herzloſigkeit redet, an die er natürlich ebenſo wenig, als irgend ein Anderer glaubt?“ Tante Bella hatte auf ihre letzte Frage eine ſo energiſche Ent⸗ gegnung durchaus nicht erwartet. Es blieb ihr deshalb nichts Anderes übrig, als in Thränen auszubrechen, und die poſitive Behauptung aufzuſtellen, daß ſie das unglücklichſte, am ſchmählichſten verkannte Geſchöpf auf Erden ſei.„Aber ich werde Euch nicht lange mehr be⸗ läſtigen,“ ſchluchzte ſie;„ich werde eine Welt verlaſſen, auf der mich keine Seele mehr lieb hat; und wenn ich dann todt und geſtorben und begraben bin, und der enge Sargdeckel und die ſchwarze Erde auf mir liegt, werdet Ihr ja wohl zur Beſinnung kommen, und ein⸗ ſehen, daß die alte Tante nicht ganz ſo ſchlecht war, wie Ihr geglaubt habt; dann werdet Ihr begreifen, daß ich niemals an mich, ſondern immer nur an Euch gedacht habe, bei Allem, was ich ſagte und that, und daß Münzer meinetwegen ſo frei hätte ſein können, wie ein Lämmergeier in der Luft, wenn ich nicht geſehen hätte, daß die mir die Liebſten auf Erden, ihr Leben dafür auf's Spiel ſetzen müſſen, und ſeinethalben riskiren, daß ſie gefangen und todtgeſchoſſen und auf Lebenszeit in's Gefängniß geſperrt werden. O, es wird mich vor der Zeit wahnſinnig machen, dies ewige Die⸗Köpfe⸗zuſammengeſtecke und 186 Die von Hohenſtein. Geconſpirire und Geſängnißwärter⸗Beſtechen, worauf die ſchwerſte Strafe ſteht. Wenn ich eben eingeſchlafen bin, fahre ich wieder auf, weil es mir geweſen iſt, als ob ſie an die Hausthür geſchlagen und „Oeffnet im Namen des Geſetzes“ geſchrieen hätten. Meine Nerven halten's nicht mehr aus, und wenn nun gar noch der Wolfgang tommt, mein lieber, lieber Wolfgang; mein Augapfel, den die dum⸗ men, ſchlechten Menſchen zum Tode verurtheilt haben, als ob Einer von ihnen werth wäre, ihm die Schuhriemen zu löſen,— das iſt ja gerade, als ob Daniel aus freien Stücken in die Löwengrube gelaufen wäre, da muß ich ja vor Ansſt ſterben, ich mag wollen oder nicht.“ Wer weiß, wie lange Tante Bella noch in dieſem Tone fortge⸗ ſprochen haben würde, wenn ihr Ottilie nicht plötzlich ſchluchzend um den Hals gefallen wäre und gerufen hätte:„Höre auf, Tantchen, ich kann Dich gar nicht ſo vom Wolfgang ſprechen hören.“ „Tante Bella's Thränen verſiegten in dem Augenblick, als ſie die Ottiliens fließen ſah. Ihren Liebling zum Weinen gebracht zu haben, das hatte ſie unmöglich gewollt, da mußte ſie offenbar zu weit gegangen ſein. „Na, na!“ ſagte ſie begütigend und die ſchönen Locken, die an ihrer Bruſt zitterten, ſtreichelnd;„ich habe es ja nicht ſo bös gemeint. Sei doch nur ruhig, Du kleiner furchtſamer Haſe; er wird ja nicht ſo toll ſein und hierher kommen, wo ihn ſo viele Menſchen kennen und wo er nicht vierundzwanzig Stunden unentdeckt bleiben könnte.“ Die Locken hörten plötzlich auf zu zittern und das liebe erregte Geſicht, das ſie umgaben, richtete ſich in die Höhe. „Doch, Tante,“ ſagte ſie mit großer Beſtimmtheit;„er wird kommen.“ „Dummes Zeug,“ ſagte Tante Bella. „So gewiß, als ich—“ „Na, was denn?“ ſagte Tante Bella, als Ottilie plötzlich ſtockte und roth wurde. Ottilie brachte ihren Satz nicht zu Ende, ſondern fing an, die Nähſachen zuſammenzukramen. „Natürlich,“ ſagte Tante Bella,„wenn man mal ſo weit iſt, daß man ſich über gewiſſe Dinge gegen die einzige Tante, die man hat, Dritter Band. 187 ausſprechen könnte, dann ſchweigt man lieber und packt den Arbeits⸗ korb voll, als ob dadurch das Herz leichter würde. Wenn man mit mir nicht von Wolfgang ſprechen kann, möchte ich doch wahrhaftig wiſſen, mit wem man es könnte. Wer hat den Jungen ſo lieb, wie ich? wer hat ihm ſo viele Aepfel und Kuchen zugeſteckt, wie ich? wer hat ſo viele Freudenthränen über ihn geweint, wenn er mit jedem Jahre größer und ſtattlicher wurde und in der Schule und auf dem Turnplatz und beim Schlittſchuhlaufen immer der Erſte war und dabei immer ſo gut und freundlich blieb wie zur Zeit, als er noch ein klei⸗ ner Junge war? und wer hat ſo mit ihm gelitten bei dem vielen Unglück, das nun doch zuletzt, als wenn es keine Gerechtigkeit im Himmel gäbe, über ihn gekommen iſt? Nein, nein, liebe Ottilie, Wolfgang hat keine beſſere Freundin, als mich.“ „Das weiß ich ja, Tantchen!“ ſagte Ottilie, durch ihre Lhränen lächelnd. „Warum ſagſt Du mir denn nicht, weshalb Du ſo beſtimmt glaubſt, daß er kommen wird?“ fragte Tante Bella ſchnell. „Ich habe ſo eine Ahnung, Tante.“ „So? haſt auch einmal eine Ahnung? na, da braucht Ihr mich ja nicht immer wegen meiner Ahnungen auszulachen. Freilich, Peter ſagt's auch; aber nun frage ich doch einen Menſchen, ob er je ſo etwas Verrücktes gehört hat! Ich danke dem lieben Gott alle Abend, daß der Junge glücklich über alle Berge iſt und da einen ſolchen Freund gefunden hat, wie den Herrn von Degenfeld, ſeines Majors Bruder, der ein charmanter Mann ſein muß, und nun hat das Mäd⸗ chen ſolche Ahnungen! Sag' mir, Mädchen, wirſt Du mir je reinen Wein einſchenken, oder nicht? wirſt Du mir ſagen, ob Du den Wolf⸗ gang liebſt, oder nicht?“ Tante Bella hatte dieſe Frage im Laufe dieſer letzten Monate ſchon mehr als einmal an Ottilien gerichtet, und war dann jedesmal zweimal vierundzwanzig Stunden ſehr verſtimmt geweſen, wenn Ottilie„noch immer kein Zutrauen zu ihrer einzigen Tante hatte,“ und eine ausweichende, oder gar keine Antwort gab. Und Tante Bella hätte es doch gar zu gern gewußt! Waren doch„dieſe beiden Kinder“ ihre Lieblinge, um die ſich in erſter Linie all' ihr Sinnen — 188 Die von Hohenſtein. und Denken, Hoffen und Wünſchen drehte. Die Beiden mit einander vereinigt zu ſehen, war ihr ſtilles Gebet geweſen von dem Augen⸗ blicke an, daß Ottilie nach Rheinſtadt kam; der Erfüllung dieſes Wunſches hatte ſie mit heißen Thränen entſagt, als Wolfgang ſich mit Camilla verlobte; jetzt aber, ſeitdem Wolfgang gerettet in der Schweiz und von Herrn von Degenfeld, dem Zwillingsbruder ſeines edlen Freundes, nicht wie ein Fremder, ſondern wie ein theurer Ver⸗ wandter aufgenommen worden war, ja, nach den Mittheilungen, die ihm dieſer machte, ſich als den Erben von des Freundes nicht unbe⸗ deutendem Vermögen betrachten konnte, war für Tante Bella das heiß erſehnte, als unerreichbar aufgegebene Ziel wieder in nächſte Nähe gerückt. Tante Bella hatte ſich in den ſtillen Stunden, wo ſie ſchlaflos in ihrem Bette lag, Alles, wie es kommen könnte, oder viel⸗ mehr kommen müßte, ſo genau wie möglich ausgemalt. Wolfgang, in einer glücklichen Situation— angeſehen, wohlhabend— Guts⸗ beſitzer, Fabrikherr oder ſo etwas in der Art— der Junge hatte ja zu Allem Geſchick!— in einer paradieſiſch ſchönen Gegend, die Tante Bella ſchon ein paar Mal im Traum ganz deutlich geſehen hatte— verheirathet mit Ottilien; ſie ſelbſt(Tante Bella) alle Jahre ein paar Monate auf Beſuch zu„ihren Kindern“ kommend(wo möglich im Sommer, ſollte eine beſonders dringende Veranlaſſung es wünſchens⸗ werth machen, natürlich auch während des Winters, aber doch weniger gern); ihre Zeit und ihre Sorge theilend zwiſchen dem Hauſe in der Ufergaſſe und der ſchönen Villa in der bekannten paradieſiſchen Gegend, bis ſie, zu ſchwach zum Reiſen, ſich in der Villa, oder im alten Hauſe (darüber konnte Tante Bella, trotzdem ſie die Frage ſehr häufig von den verſchiedenſten Seiten erwogen hatte, nicht in's Reine kommen), jedenfalls aber in einem der beiden Häuſer zur Ruhe ſetzte; von Menſchen, die ſie liebten und ihr manche kleine Schwäche(die ſich doch möglicherweiſe mit den Jahren einſtellen könnte) willig nachſahen, bis an ihr ſeliges Ende(das Gott noch recht lange hinausſchieben möge!) gepflegt und keineswegs(wie die alten Mädchen im Urſuliner⸗ ſpittel) von den Gaſſenbuben verſpottet und verhöhnt— ſo hatte ſich Tante Bella's allzeit geſchäftige Phantaſie das Bild der Zukunft für ſie und für ihre Lieben entworfen. Und nun nicht einmal dahinter Dritter Band. 189 kommen können, zum wenigſten doch nicht ganz ſicher, nicht, ſo zu ſagen, ſchwarz auf weiß es haben, ob diefes ſonderbare, verſchloſſene Ding, die Ottilie, den armen Wolfgang nun auch wirklich liebe! Es war doch zum Verzweifeln! Tante Bella mußte es die Kleine wirklich einmal fühlen laſſen, daß Alles in der Welt ſeine Grenzen habe, ſelbſt die Geduld einer„einzigen Tante.“ Sie erhob ſich deshalb vom Sopha und erklärte, zu Bett gehen zu wollen, um, wenn Ottilie, wie gewöhnlich, gefragt haben würde:„kann ich Dir noch etwas hel⸗ fen, Tantchen?“ nicht, wie gewöhnlich,„wenn Du willſt, mein Kind:“ zu antworten, ſondern:„Ich danke Dir, ich kann allein zu Bett' gehen.“— Aber, o Wunder, Ottilie that nicht die gewöhnliche Frage, ſondern ſagte, während Tante Bella ſich das Licht anzündete:„Gute Nacht, liebes Tantchen, ſchlaf' wohl!“— Tante Bella traute ihren Ohren nicht. War ein ſolcher Trotz möglich? ſolche Verkennung ihrer beſten Abſichten? Gut! ſie war es gewohnt, verkannt zu wer⸗ den; ſie konnte auch, wenn es ſein mußte, ihre Nachtjacke allein an⸗ ziehen(obgleich ſie immer ſchwer in den rechten Aermel hineinkam);— und Tante Bella rauſchte zur Thür hinaus, nachdem ſie noch einen Blick auf Ottilien geworfen hatte, in welchen ſie allen ihren Jammer, ihren Stolz und ihre Reſignation zuſammenfaßte. Ottilie war, den Kopf in die Hand geſtützt, am Tiſche ſitzen ge⸗ blieben, und dachte gar nicht an Tante Bella's großes Herzeleid, ſondern nur immer an den eigenthümlichen Ton, mit dem Onkel Peter heute Abend, als er mit Dr. Holm aus dem Hauſe ging, zu ihr ge⸗ ſagt hatte:„Sieh' zu, daß Du die Tante früh zu Bett ſchaffſt und halte Dich munter; ſchick auch die Salome zu Bett; wir werden wahrſcheinlich ſpät zurückkommen und vielleicht bringen wir Jemand mit, der es wohl werth iſt, daß man ſeinethalben eine Stunde länger aufbleibt.“ Wer konnte dieſer geheimnißvolle Jemand ſein? Hatte doch Onkel Peter ſchon ein paar Mal angedeutet, daß Wolfgang vielleicht kommen werde, um die Leitung der Maßregeln, die man zu Münzers Befreiung treffen mußte, zu übernehmen? Wenn er ſich nicht offener ausgeſprochen hatte, war es vielleicht Tante Bella's wegen geſchehen, die, ſo oft Wolfgangs Name mit dieſer„heilloſen Verſchwörung“ in 190 Die von Hohenſtein. Verbindung gebracht wurde, in eine Fluth von Thränen ausbrach? oder traute der Onkel auch ihr nicht die nöthige Opferfreudigkeit zu? glaubte er, ſie würde nicht den Muth haben, ein Wiederſehen zu wünſchen, weil es für Wolfgang mit Gefahren aller Art verknüpft war?— da kannte ſie der Onkel aber doch noch nicht ganz! Wie hätte ſie denn noch ſo ſtolz ſein können auf ihren Wolfgang, wenn er ſich aus Furcht vor möglichen ſchlimmen Folgen von einem Unter⸗ nehmen ausſchlöſſe, auf das der Onkel, Dr. Holm, und wahrſcheinlich noch viele Andere ſich unbedenklich eingelaſſen hatten? Freilich riskirten ſie Alle nicht ihr Leben, und Wolfgang war von dem Kriegsgericht in contumaciam zum Tode verurtheilt und würde unzweifelhaft er⸗ ſchoſſen werden, wenn man ihn fangen könnte. Das hatte Onkel Peter mehr als einmal ſelbſt geſagt, und Pr. Holm hatte hinzugefügt: es ſei notoriſch, daß man in den betreffenden Kreiſen noch immer nicht wüßte, ob man ſich über Degenfelds Tod mehr freuen, oder darüber, daß Wolfgang entkommen ſei, mehr ärgern ſollte. Ottiliens Herz begann ſchneller zu pochen, als ſie ſich das Alles in dieſer ſtillen nächtigen Stunde vergegenwärtigte. Es war doch, wenn man es recht bedachte, ein furchtbares Wageſtück, und ange⸗ nommen auch, daß Wolfgang, wie es unzweifelhaft der Fall war, mehr Muth, Geiſtesgegenwart und Gewandtheit beſaß, als alle die Anderen, ſo war doch auf der andern Seite nicht minder gewiß, daß er den ſchwierigſten und gefährlichſten Poſten in der ganzen Affaire für ſich beanſpruchen würde; und wie leicht konnte ein Brief aufge⸗ fangen, ein Loſungswort verrathen werden; wie leicht konnte ihn Jemand erkennen, und dann ſtand ja das Schlimmſte zu erwarten! Das junge Mädchen erhob ſich von dem Stuhle. War es die eingeſchloſſene Luft des Zimmers, war es die Stille der Nacht, war es die Ahnung von etwas Wichtigem, Ungeheurem, das über ihr ganzes Lebensſchickſal entſcheiden mußte— ihr Buſen war ſo be⸗ klommen; ſie hätte weinen mögen und doch hätte ſie auch wieder mit handeln mögen und Wolfgang den Weg bereiten, auf daß ſein Fuß nicht ſtrauchele! Ach! ſie würde ſo ſcharf ſehen; ſie würde keine Vor⸗ ſichtsmaßregeln unbeachtet laſſen;— es war ja gar nicht möglich, daß Onkel Holm und nun gar Andere ſo an Alles denken könnten, Dritter Band. 191 wie ſie es würde. Warum hatte ihr der Onkel nicht Alles geſagt? War es nicht grauſam von ihm, ſie hier ſo allein allen Qualen der Angſt, der Ungewißheit zu überlaſſen? Und— kam da nicht Jemand mit ſchnellen Schritten die ſtille Gaſſe herauf und blieb vor dem Hauſe ſtehen?— Wurde der Schlüſſel nicht in das Schloß geſteckt? — Niemand, außer Onkel und Pr. Holm, hatte einen Schlüſſel zur Hausthür!— und nun kam der leichte ſchnelle Schritt die Treppe herauf!— Das Blut ſtockte ihr im Herzen— ſie wagte nicht, ſich zu rühren, zu athmen. Die Augen ſtarr auf die Thür geheftet, gleich unfähig zu fliehen oder dem Kommenden entgegenzueilen, ſo ſtand ſie da, das lieblichſte Bild freudigen Schreckens. Eine Hand, die nicht lange nach dem Griff zu ſuchen brauchte, öffnete die Thür; eine hohe, ſchlanke Geſtalt ſtand auf der Schwelle,— und kam dann mit aus⸗ gebreiteten Armen auf ſie zu. Sie ſah nur wie im Traum Wolf⸗ gangs geliebtes Antlitz; ſie flog ihm entgegen, und lag an ſeiner Bruſt. Keines hatte ein Wort geſprochen; warum ſollten ſie ſich ſagen, daß dies der Augenblick ſei, nach welchem ſie ſich alle dieſe Zeit hindurch immerdar geſehnt, von dem ſie ſich geſagt hatten, daß er einmal, ſo oder ſo, kommen müſſe. Und, nun war der Augenblick da— der ſelige, ſelige Augenblick! Ottilie kam zuerſt wieder zur Beſinnung. Sie entzog ſich ſeinen Armen, eilte nach dem Erker, ließ das Rouleau herunter; lauſchte an der Thür, die nach den innern Gemächern führte; kam dann zu Wolfgang zurück, um ihn an der Hand zu faſſen und auf den Fuß⸗ ſpitzen in die dunkelſte Ecke des Zimmers, wo dicht neben der Kukuks⸗ uhr das„kleine Sopha“— ein Kinderſopha aus den beſſeren Tagen der Schmitz'ſchen Familie— ſtand. Da mußte er ſich niederſetzen und ſie ſetzte ſich neben ihn— ſehr dicht, ſonſt ging es überhaupt nicht— und o des Glücks! nun ſeine Hände zu halten, ſich von ſeiner Gegenwart wahr und wahrhaftig zu überzeugen, ihm in das braune Geſicht zu ſchauen, deſſen ſchöne Züge ſo viel männlicher und energiſcher geworden ſind, ſeinen warmen Athem zu fühlen, während er mit leiſer Stimme erzählt: wie ſehr er ſich nach dieſer Stunde geſehnt habe, und wie er ihr danke für den Ring, der ihm ein Talis⸗ man geweſen ſei in aller Noth und Gefahr; und daß dieſer Ring 192 Die von Hohenſtein. ihn auch jetzt beſchirmen werde, wo es gelte, der ſchändlichſten Tyrannei ein edles Opfer zu entreißen. „Sag' mir Alles, Wolfgang,“ bat das Mädchen, indem ſie ſeine Hände feſter drückte und ihm groß in die Augen blickte;„ich bin ſtärker, als Du glaubſt; ich kann Alles hören; aber die Ungewißheit ertrage ich nicht. Was habt Ihr vor? wann ſoll es geſchehen? wie wollt Ihr es ausführen?“ „Du ſollſt Alles hören, liebes Herz,“ erwiderte Wolfgang;„ich hätte Dir längſt Alles geſagt, wäre ich hier geweſen, und begreife Onkel Peter nicht, der gegen Dich aus unſerem Plane ein Geheimniß machen konnte. Münzer ſoll befreit werden, mit Gewalt, und zwar morgen ſchon. Wir wiſſen durch unſere Spione, daß man ihn mor⸗ gen Abend nach dem Schluß der Verhandlungen in aller Eile und Stille zu Wagen in Begleitung von ein paar Gensd'armen den Strom entlang ein paar Meilen weit transportiren wird, um ihn nicht hier auf die Eiſenbahn zu bringen. Sie fürchten einen Auflauf auf dem Bahnhof, wohl gar Erſtürmung des Gefüngniſſes, die feigen Thoren! als ob wir zu Straßenrittern zu werden brauchten, wenn das Vvolk ſich ſeiner Helden annähme! Morgen Abend alſo werden Cajus und Rüchel, die in Rheineck bei Antonien ſind, von dort, und ich und Kettenberg zu Pferde von hier aus zu gleicher Zeit auf⸗ brechen und uns eine halbe Stunde vor Rheinfelden an dem Birken⸗ wäldchen treffen. Wenn uns das Glück hold iſt— und es wird uns hold ſein, ſchon um Deinetwillen, Du Holde!— iſt Münzer noch vor Mitternacht ein freier Mann. Fürchte nicht, daß die Sache allzugefährlich wird! Die Gensd'armerie iſt bereits durch die Tau⸗ ſende, die Antonie aufgewandt hat, ſo corrumpirt, daß nicht mehr ein halbes Dutzend in dem ganzen Corps iſt, auf das ſich die Herren wirklich verlaſſen können; und geſetzt auch, ein böſer Zufall ſtellte uns gerade das halbe Dutzend entgegen, ſo iſt es doch ganz unmöglich, daß ſie einem Angriff, auf den ſie gar nicht vorbereitet ſind, und der von vier entſchloſſenen Männern ausgeführt wird, widerſtehen können.“ „Aber wie kommt Ihr zu Kettenberg?“ fragte Ottilie;„es ging hier allgemein das Gerücht, daß er ein verſchmähter Liebhaber der Frau von Hohenſtein und ein Feind Münzers ſei.“ Dritter Band. 193 „Bewundere den Scharfſinn und die Menſchenkenntniß dieſer Frau,“ erwiderte Wolfgang lächelnd,„ich habe, als es ſich darum handelte, einen vierten Mann zu finden, und Antonie Kettenberg vor⸗ ſchlug, zuerſt geradeheraus gelacht. Aber Antonie ſagte mit dem finſtern Ernſt, der ſie jetzt nicht mehr verläßt: Ich werde an ihn ſchreiben; in acht Tagen ſpäteſtens iſt er hier. Sie ſchrieb und es war noch keine Woche vorüber, als Kettenberg aus Italien bei uns in der Schweiz eintraf. Er hat ſich um Antoniens ſchöner Augen willen der Sache mit einer Leidenſchaft angenommen, als ob Münzer ſein leiblicher Bruder wäre, und er iſt uns durch ſeine Gewandtheit und Klugheit ſehr nützlich geworden. Ueberdies iſt er ein ausge⸗ zeichneter Reiter, weiß mit den Waffen umzugehen, als ob es ſein Handwerk wäre, und iſt bei all' ſeiner Tollheit im Angenblick der Gefahr ſo kaltblütig, wie Cajus.“ „Und Cajus?“ „Iſt ſchon ſeit Münzers erſter Verurtheilung als Majordomus, Kammerdiener, oder was Du willſt, in Antoniens Dienſten, und ich kann Dich verſichern, daß er keine Miene verzogen hat, als er geſtern Herrn von Rudi, alias Rüchel, in Rheineck aus dem Wagen hob.“ „Und wie ſoll es nun weiter werden?“ fragte Ottilie. „Nun kommt der ſchwierigſte Theil unſers Unternehmens,“ fuhr Wolfgang fort:„das heißt: wie wir Münzer ungefährdet über die Grenze ſchaffen. Wir brauchen dazu unſern Freund Miller, den Kapitain des Schleppdampfers, denſelben, der Münzer und Degenfeld bei ihrer erſten Flucht von Rheinfelden ſtromauf in Sicherheit ge⸗ bracht hat. Leider aber kann er erſt in drei Tagen wieder hier ſein und wir haben beſchloſſen, bis dahin Münzer in Balthaſars Thurm zu bringen. Die Idee, die nebenbei von mir ausgeht, iſt etwas kühn aber ſehr praktiſch. Es giebt auf der Welt kein ſichereres Verſteck, als den Thurm, zu dem nur Rüchel und ich den Eingang kennen; wir ſind in unmittelbarſter Nähe des Ufers; Kirchheim, wo der Dampfer anlegt, iſt nur eine Viertelſtunde entfernt. Antoniens Wagen bringt uns in ſieben Minuten hin. Und dann haben wir noch durch dies Arrangement den Vortheil, daß man Münzer überall an den Grenzen ſuchen wird, während er ganz ruhig im Hexenthurme ſitzt; Fr. Spielhagen's Werte K. 13 194 Die von Hohenſtein. ja daß wir, wenn es ſein muß, beliebig lange auf die beſte Gelegen⸗ heit warten können.“ „Und weiß Clärchen Münzer von dieſem Plan?“ „Sie weiß, daß wir entſchloſſen ſind, Münzer zu befreien; den ſpeciellen Plan kennt ſie bis jetzt noch nicht, denn wir haben den⸗ ſelben eben erſt beim Pr. Brand, wo auch der Onkel, Holm und die Andern noch beiſammen ſind, entworfen. Ich bin dafür, daß man ihr Alles ſagt, was meinſt Du?“ „Ohne Frage! Weiß ich doch von mir ſelbſt, wie qualvoll dieſe Ungewißheit iſt. Wie denkt Frau von Hohenſtein darüber?“ „Ich glaube, daß ſie unſrer Meinung ſein wird. Sie ſpricht ſtets in den Ausdrücken innigſter Bewunderung von Clärchen Münzer. Und nun muß ich fort, liebſtes Leben.“ „Aber, Wolfgang, was wird Tante Bella ſagen, wenn ſie erfährt, daß Du im Hauſe geweſen biſt, ohne ſie geſehen zu haben. Oder willſt Du bei uns bleiben? ach, gewiß! Du bleibſt bei uns. Gelt?“ Und ſie legte ihre beiden Arme auf ſeine Schultern, um ſeinen Hals, als wollte ſie ihn nie wieder von ſich laſſen. „Ich kann nicht bei Euch bleiben, liebes Herz; Tante Bella darf nichts erfahren, wenigſtens nicht, bis Alles vorbei iſt. Und jetzt muß ich zu den Andren, die noch eine wichtige Nachricht von einem unſrer Leute und meine Rückkehr erwarten. Ich hatte nur eine halbe Stunde Urlaub.“ „Wo biſt Du denn? biſt Du auch ſicher, ganz ſicher?“ „So ſicher, wie nur möglich. In dem Gartenhauſe des alten Köbes in Geſellſchaft einer allerliebſten Strickleiter, auf der ich, beim erſten Anzeichen einer Gefahr, die Stadtmauer hinab in's Freie und zwanzig Schritte weiter zu einem Pferde gelangen kann, das in einer Köbes gehörigen Scheune Tag und Nacht für mich geſattelt ſteht. Der alte Mann war immer ſtarrer Republikaner, aber ſeit dem Tode der Mutter iſt er es mehr als je. Nach ihm kommt alles Unglück der Welt von den Ariſtokraten, reſpective von den Hohenſteins her, die ihm der Inbegriff alles Haſſenswerthen auf Erden ſind. Mich aber liebt er, weil ich der Sohn meiner Mutter bin. Hat er doch unſre Urſel in aller Eile geheirathet, blos um Jemand zu haben, mit Dritter Band. 195 dem er von der Mutter ſprechen könne!— Und nun leb wohl, Du ſüße, einzige, liebe— ich kann nicht länger bleiben!“ „Ich will Dich hinunter begleiten;“ ſagte Ottilie. Sie nahm die Lampe, und ging, das Licht derſelben mit der Hand verveckend, voraus, die Gallerie entlang, die Treppe hinab, bis ſie unten auf dem Hausflur ankamen. Sie ſtellte die Lampe auf die unterſte Stufe, und führte Wolfgang an der Hand bis zur Thür. Sie hielten ſich innig umſchlungen.„Wolfgang, ich frage nicht, wann ich Dich wiederſehe; aber ich ſterbe, wenn ich Dich nicht wie⸗ derſehe.“ „Und ich, Geliebte, werde nicht ſterben, ſondern leben, leben mit Dir, mein einziges Leben.“ Er zog die Weinende noch einmal an ſein Herz, küßte ihre Locken, ihre Augen, ihren Mund und riß ſich los. Ottilie eilte in das Zimmer hinauf, in den Erker, um wo möglich die geliebte Ge⸗ ſtalt noch einal zu ſehen. Aber die Nacht war ſehr dunkel; ſie hörte nur den verhallenden Schritt des Enteilenden in der ſtillen Gaſſe. Sie lauſchte, bis der letzte Ton verſchwunden war. Dann ging ſie leiſe, ganz leiſe in ihr Schlafgemach, und als ſie die Lampe aus⸗ gelöſcht hatte, faltete ſie die Hände, wie ſie es als Kind gethan hatte, und betete leiſe, leiſe:„Leben! Leben mit Dir, mein einziges Leben!“ Einundzwanzigſtes Capitel. Der Monſtreproceß gegen die Rheinfelder Angeklagten ging heute zu Ende. Fünfundvierzig Angeklagte; hundert Belaſtungs⸗, achtzig Entlaſtungszeugen— die Stadt war ſeit acht Tagen aus einer fieber⸗ haften Aufregung nicht herausgekommen. Acht Tage lang war das Gebäude des Schwurgerichts vom früheſten Morgen an von Men⸗ ſchen umlagert geweſen, von denen nur der kleinſte Theil Einlaß in den Sitzungsſaal erlangen konnte; acht Tage lang hatten ſie in dem Sitzungsſaal Kopf an Kopf geſeſſen und geſtanden, mit unermüblicher 13* 196 Die von Hohenſtein. Spannung den Verhandlungen folgend. Den Fremden, oder den Neulingen, denen es erſt am ſechſten, ſiebenten Tage gelungen war, ſich einen Platz im Zuhörerraum zu erobern, wurden von den Habitüés mit einem gewiſſen Stolz die wichtigſten Perſonen dieſes intereſſanten Dramas gezeigt.„Der große ſchwarze blaſſe Mann auf der An⸗ klagebank, der den Kopf in die Hand ſtützt, iſt Pr. Münzer.— Der Herr auf der zweiten Bank, der ſich eben den Kopf mit dem Taſchen⸗ tuche wiſcht, iſt Dr. Holm; der kleine Herr mit dem ſtahlgrauen ſtarren Haar neben ihm iſt Peter Schmitz.— Und ſehen Sie wohl die Dame vor ihnen auf der erſten Bank? die blaſſe, die ſo ſtarr auf Münzer plickt? Das iſt Dr. Münzers Frau. Man hat ihr während der ganzen Zeit nicht einmal erlaubt, ihren Mann zu beſuchen; jetzt hat ſie ihn zum erſten Male wieder geſehen. Wenn ſie kommt, macht Alles Platz und die Leute ziehen die Hüte, als ob ſie eine Königin wäre. Sehen Sie wohl? jetzt ſieht Pr. Münzer zu ihr hinüber und ſie lächelt ihm zu. Man erzählt, daß Münzer ihr nichttreu geweſen ſei und eine Frau von Hohenſtein zur Maitreſſe gehabt habe. Aber das iſt wieder ſo eine Lüge, wie ſie von den Ariſtokraten aufgebracht wird, um dem armen Mann zu ſchaden⸗ Ich kenne Frau von Hohen⸗ ſtein ganz gut, denn ich habe lange für ſie gearbeitet, und müßte es alſo wiſſen. Heute iſt Frau von Hohenſtein nicht hier; die Tage vorher ſaß ſie immer neben dem Pfeiler da. Aber ſie hatte immer einen dichten ſchwarzen Schleier vor dem Geſicht.— Jetzt ſteht der Doctor auf; nun ſollen Sie aber ſehen, wie der redet; ſo was haben Sie Ihre Lebtage noch nicht gehört.“ Ein Rauſchen und Raunen und Flüſtern und Wispern ging durch die Verſammlung, und dann tiefſte, athemloſe Stille. Münzer hatte ſich, nachdem ihm von dem Präſidenten das Wort ertheilt war, von ſeinem Platze erhoben. Sein ſchönes Geſicht war ſehr blaß, und ſcharfe Augen wollten bemerken, daß ſein dunkles volles Haar hier und da ergraut ſei. Aber es war das vielleicht auch die Wirkung des Abendlichtes, das grau und kalt durch das hohe Fenſter, ihm gerade gegenüber, in den Saal fiel. Was Alle bemerkten, war die tiefe kaum geheilte Wunde, die ſich breit und roth über ſeine Stirn vom Winkel des Auges an bis in das Haar zog. Wie ſehr dieſe Dritter Band. 197 ſtolze Kraft durch Krankheit und Seelenleiden auch erſchüttert ſein mochte— in den dunklen, ſchönen Augen glänzte noch das alte Feuer, und ſeine tiefe Stimme hatte ihren Wohlklang noch nicht verloren, als er jetzt zu reden anhub.„Ich bin in der eigenthümlichen Lage,“ ſagte er,„von dem, was mich betrifft, mit einer Ruhe ſprechen zu können, als ob ich aus den Wolken herabſchaute auf das Erdentreiben. Denn, meine Herren, ich habe von Ihrem Spruche nichts zu fürchten und nichts zu hoffen. Für das, was ich auf einem andern und größern Schauplatze that, bereits zu lebenslänglicher Gefangenſchaft begnadigt, müßten Sie erſt das ſeltene Geheimniß verſtehen, die Zahl der mir vom Schickſal zugetheilten Tage zu vergrößern, wenn Sie mir die Qual des Kerkers noch verlängern wollten, oder Sie müßten mir das Leben ſelber aberkennen. Jenes können Sie nicht, und dieſes dürfte Ihnen unter den obwaltenden Verhältniſſen kaum möglich ſein. So iſt denn jede leidenſchaftliche Erregung, die ſnnſt das Gemüth eines Angeklagten trüben mag, von mir genommen; ich fühle mich Ihnen gegenüber ſo frei, wie ſich nur ein Gleicher unter Gleichen fühlen kann. So, ohne Haß, wie ohne Furcht, ohne Zorn, wie ohne Hoffnung, darf ich die Wahrheit ſagen, und ich will es. Ja, meine Herren, ich geſtehe Ihnen ganz offen— und Sie wollen darin nicht einen Beweis der Mißachtung ſehen, ſondern nur das Reſultat drei⸗ monatelanger ununterbrochener Beſchaulichkeit, die auch ein ſtürmiſches Herz in Ruhe wiegen kann— ich würde heute von dieſer Gelegen⸗ heit, noch einmal, zum letzten Mal in meinem Leben ein freies Wort zu ſprechen, keinen Gebrauch machen, ſondern ſchweigend in die Nacht meines Kerkers zurücktauchen, wenn ich nur meine Sache zu führen hätte, wenn ich nicht, indem ich meine Sache führe, auch zugleich die Sache Dieſer hier führte, dieſer meiner Genoſſen und Gefährten, die um meinethalben— ja, meine Herren, um meinethalben!— heute auf der Bank der Angeklagten ſitzen. Selaven der Armuth und der Unwiſſenheit, wie ſie es zum großen Theile ſind, hätte ſich, ſo viel ich weiß, keiner von ihnen zum Widerſtand gegen den Druck und den Stoß eines ärmlichen, erbärmlichen Geſchicks emporgerafft, wenn nicht ich, wie die Perſonification ihres dumpfen Grolls, ihrer heim⸗ lichen Erbitterung, ihrer namenloſen Leiden an ſie herangetreten wäre, 198 Die von Hohenſtein. ſie das Wort, das furchtbare Wort: Revolution hätte buchſtabiren und leſen lehren, ſie durch wohlgeſetzte Reden aus ihrer Apathie auf⸗ gerüttelt und aufgeſchreckt, ſie zu Thaten, zu der That, wegen derer ſie jetzt ihr Urtheil erwarten, aufgehetzt und aufgeſtachelt hätte. Das Bewußtſein der Verpflichtung, dies Zeugniß hier in dieſer feierlichen Stunde, die für mich die letzte ſchwache Dämmerung von dem Abend⸗ roth meines Lebens und den Anfang einer ewigen Nacht bedeutet, Angeſichts meiner Mitbürger, Angeſichts meiner Feinde und Freunde, Angeſichts der Menſchen, auf deren Liebe ich im Leben und im Tode ſicher rechnen darf— ablegen zu können, dies Bewußtſein hat mich alle Leiden meines Körpers und meiner Seele mit ſtoiſchem Gleich⸗ muth ertragen laſſen, hat mich nicht ſterben laſſen. Und ſo ſage und bekenne ich vor Ihnen und vor jenem höheren Richterſtuhle der Ge⸗ ſchichte, vor dem Sie, meine Herren, und ich und dieſe hier gleicher⸗ weiſe Clienten ſind, daß auf mich, den Agitator, den Zubläſer, den Rädelsführer die Hälfte der Schuld fällt, ſoweit in menſchlichem Ver⸗ ſtande hier von Schuld die Rede iſt; aber die andere Hälfte, die an⸗ dere Hälfte, die vielleicht mehr als die Hälfte iſt— ſie fällt— doch darüber laſſen Sie uns hernach ſprechen; verſtatten Sie mir vorerſt den Schwerpunkt meiner Schuld, den das öffentliche Miniſterium auf ſeltſame Weiſe verrückt hat, an die rechte Stelle zu bringen. Das öffentliche Miniſterium hat meinen Einſichten eine lange Lobrede auf Koſten meines Charakters gehalten. Wenn Sie ihm Glauben ſchenken wollen, ſo verdiente ich, was jene betrifft, einen Platz bei den Weiſeſten aller Zeiten, was dieſen anbelangt, ſo wäre der Schwefelpfuhl auf dem jüngſten Gericht des Rubens noch nicht feurig genug für mich. Das öffentliche Miniſterium hat verſucht, einen Menſchen aus mir zu machen mit dem Herzen eines Catilina und dem Gehirne eines Plato, das heißt eine Chimäre, eine pſycho⸗ logiſche Unmöglichkeit, ein moraliſches Unding. Ich werde mich hüten, meine Herren, in denſelben Fehler der Uebertreibung zu verfallen und am Ende gar den Verſuch machen, Ihnen den Beweis vom Gegen⸗ theile zu führen. Das Wahre von der Sache iſt vielmehr, daß ich weder ſo klug, noch ſo ſchlecht bin, wie das öffentliche Miniſterium meint, oder zu meinen ſcheint; weder ſo klug, denn ſonſt ſtünde ich Dritter Band. 199 nicht hier, weder ſo ſchlecht, denn ſonſt ſtünde ich wiederum nicht hier. Was ich büße und zu büßen bereit bin, iſt gerade die Mangelhaftig⸗ keit meiner Einſicht, die auf dem Gebiete der Politik ein Verbrechen iſt; was ich büße und zu büßen bereit bin, iſt gerade, daß ich Herz genug beſaß, um von den Bildern der Armuth und des Elends, die meine Augen täglich ſchauten, ergriffen, von den heiſeren Stimmen des Hungers und der Sorge, die meine Wiege ſchon umtönten, er⸗ ſchüttert und gefoltert zu werden. Wäre ich ein kalter Selbſtling, ich hätte mich für meine ſocialen Theorien nicht geſchlagen; wäre ich blos klug geweſen, ich hätte mich zur rechten Zeit ſalvirt, wäre ich weiſe geweſen, ſo hätte ich mir ſagen müſſen, daß die Mine, mit welcher ich den äußerlich ſo ſtolzen und innerlich ſo morſchen Bau unſrer modernen Geſellſchaft in die Luft zu ſprengen hoffte, lange nicht tief, lange nicht mächtig genug war, daß man mit einer Hand voll guter Leute, denen man ihre elende Lage zum Bewußtſein ge⸗ bracht hat, keine deutſche Republik gründen kann. So könnte ich ſprechen, meine Herren, wenn es mir blos darauf ankäme, anſtatt der Karrikatur, die das öffentliche Miniſterium von mir entworfen hat, Ihnen wenigſtens ein Bild zu geben, das menſch⸗ liche Züge trägt und die Wahrſcheinlichkeit der Aehnlichkeit für ſich hat. Aber ich wollte Ihnen die Wahrheit ſagen, die ganze Wahrheit und nichts wie die Wahrheit, und ſo mache ich Ihnen denn das Ge⸗ ſtändniß, daß ich an jenem Abend, als ich durch mein Beiſpiel das Signal zu dem Zug nach Rheinfelden gab, an das Gelingen dieſes Unternehmens, ja an einen erträglich guten Ausgang der ganzen deut⸗ ſchen Erhebung nicht mehr glaubte; daß meine That die That eines Ver⸗ zweifelten geweſen iſt, der die Sache, für die er zwanzig Jahre lang gekämpft hat, verloren ſieht, und ſein Leben gleichgiltig der verlorenen Sache nachwirft. Ob ich als Gatte, als Vater ein Recht hatte, ſo über mein Leben zu disponiren, das iſt eine Frage, in deren geheime Tiefen nur das Auge allverzeihender Liebe dringt; ob ich als Politiker es durfte, darüber werden die bald mit ihrem Urtheil fertig ſein, die weder die Begeiſterung noch die Verzweiflung kennen; aber, was ich weder als Menſch, noch als Politiker durfte, das war: dieſe meine Anhänger und Schüler mit mir in den Abgrund zu reißen, über ihr 200 Die von Hohenſtein. Leben, ihr Vermögen, zu verfügen, als ob ſie nur der Schatten meines Leibes wären. Hätte ich an jenem verhängnißvollen Abend meine Stimme ſo laut erhoben, um von dem Zuge nach Rheinfelden ab⸗ zurathen, wie es einige Freunde von mir thaten, denen ich jetzt im Geiſte die Hand dafür drücke, ſo wäre Alles anders gekommen, und was auch aus mir geworden wäre— dieſe ſäßen jedenfalls nicht hier. Daß ſie hier ſitzen, das iſt mein Verbrechen, iſt die eine Hälfte der Schuld, für die ich in meinem Bewußtſein ſchon eine ſchwerere Strafe habe, als Sie, oder irgend eine Jury der Erde mir auferlegen kann. Aber, meine Herren, merken Sie wohl: dies iſt nur die eine Hälfte der Schuld, die andere Hälfte wälze ich— nicht auf Sie— ich kenne Sie nicht, will Sie nicht kennen— ich wälze ſie auf alle die Indifferenten, die Lauen, die Halben, die nicht Ja und nicht Nein ſagen können, oder die vielmehr Ja und Nein ſagen in einem Athem; ich wälze ſie auf die Pflichtvergeſſenen, die in der Stunde der Ge⸗ fahr nicht zu finden ſind, die nicht begreifen, oder nicht begreifen wollen, daß in Zeiten politiſcher Erregung Jeder, er ſei, wer er ſei, Partei ergreifen muß, wenn der Dämon Revolution nicht zum Scheuſal werden ſoll; ich wälze ſie auf den reichen Bourgevis, der mit bleichen Lippen die Freiheit für dreißig Silberlinge verſchachert; auf den blöden Gelehrten, der mit ſelbſtgefälligem Lächeln verſichert, daß ſein Studir⸗ zimmer ſeine Welt ſei; auf den blaſirten Gecken, der jede Begeiſterung verhöhnt, auf den feigen Beamten, der jede Demüthigung mit ſeinem „lieben Brot“ hinunterſchluckt, auf die zahlloſe Schaar der Schwäch⸗ linge und Feiglinge jedes Alters und Standes, die, alles ſelbſtſtän⸗ digen Charakters baar und zu keiner Mannesthat fähig, die faule Ruhe um jeden Preis wollen, und wäre es um den Preis der ſchimpf⸗ lichſten Demüthigungen. Sie, dieſe Drohnen im Haushalte des öffent⸗ lichen Weſens, die ſich immer und überall an die Tyrannei hängen und die Wucht derſelben vergrößern, ſie haben durch ihr Nichtsthun mehr verſchuldet, als einer der armen Menſchen, die in dieſer Zeit muthig für ihr politiſches Jdeal, und wäre es das wahnwitzigſte, das je aus einem Gehirn entſprungen, zur Flinte oder zum Pflaſterſteine griffen, je hat verſchulden können. Sie ſind der ſchlimme Mehlthau, der noch auf jeden Frühling gefallen iſt, in welchem unſere arme, Dritter Band. 201 gemißhandelte Nation zu neuem Leben und neuer Macht erblühen wollte; ſie haben vor drei Jahrhunderten ruhig zugeſehen, wie der unglückliche, an die Scholle geheftete Sclav ſich in grimmem Zorn gegen ſeine adligen Peiniger erhob und haben ruhig zugeſehen, wie der Adel mit Feuer und Schwert die gerechteſte Erhebung, die die Weltgeſchichte kennt, zu Boden warf; ſie haben heute ihr angeſtammtes Recht der ruhigen Zuſchauerſchaft abermals ſiegreich zu wahren gewußt, und abermals verſchuldet, daß der junge Tag der Freiheit ſich nach wenigen Stunden in die alte Nacht verwandelt hat. Und wenn dieſe Nacht dennoch nicht ganz ſo finſter iſt, wem haben es die Drohnen, die ſich ſo gerne im Glanz der Freiheit ſonnen möchten, zu verdanken, als eben jenen politiſchen Verbrechern, als eben jenen hirnverbrannten Thoren, als eben jenen räuberiſchen Demokraten, die doch wenigſtens den Muth haben, eine Büchſe abzuſchießen und auf ſich abſchießen zu laſſen. Ja, meine Herren, in dieſem Sinne nehme ich keinen An⸗ ſtand, meine That, die ich im andern Sinne als ein Verbrechen be⸗ zeichnen mußte, eine rühmliche That zu nennen. An dieſen armen Menſchen hier habe ich mich verſündigt, um Sie aber habe ich mich verdient gemacht. Dieſe armen Menſchen hier, die ich um das frag⸗ liche Glück ihrer Exiſtenz betrogen habe, können mir fluchen, Sie aber, Sie ſind mir eine Lorbeerkrone ſchuldig. Daß Sie Ihr Haupt noch ſo frei erheben können, wie Sie es thun, iſt wahrlich nicht Ihr Ver⸗ dienſt, es iſt das Verdienſt des unſterblichen Geſindels, vor dem die Tyrannei mehr Reſpect hat, als ſie ſich merken läßt, von dem ſie wohl in offener Feldſchlacht, oder im Barrikadenkampfe, oder in den Wallgräben einer eroberten Feſtung ſo viele niederknallt, als ſie irgend vermag, dem ſie aber dann auch wieder Conceſſionen macht,— Con⸗ ceſſionen, die Ihnen allein zu gute kommen. Aber verlaſſen Sie ſich nicht allzuſehr auf die ſchwieligen Fäuſte, die ihnen zu dem conſtitu⸗ tionellen Nothbau, in welchem Sie es ſich nach Ihrer Weiſe behaglich machen, frohnden müſſen, um ſelbſt draußen jedem Ungemach der Witterung preisgegeben zu ſein. Denken Sie bei Zeiten daran, das Gebäude ſo zu erweitern, daß auch jene darin Aufnahme finden! Sie möchten Sie ſonſt einmal zu ſehr ungelegener Zeit aus dem Schlafe pochen! Bedenken Sie wohl, daß die ſociale Revolution iſt 202 Die von Hohenſtein. wie die Römiſche Sibylle, daß ſie noch ſo oft mit ſchnöden Redens⸗ arten und ſchäbigen Geboten abgewieſen, immer wieder kommt, aber jedesmal um größeren Preis ein Geringeres bietet. Höret, Ihr Reichen und Mächtigen und Schriftgelehrten, auf die Stimme eines Mannes, der ſich in dieſen dunkeln, ſchwer verſtändlichen Büchern Kopf und Herz müde geleſen hat: zahlet den Preis, ehe es zu ſpät iſt! ergreifet die ſchwielige Hand, ehe ſie Euch zermalmt! machet Friede mit dem Proletar, dem blinden Simſon, bevor er— denn einmal müßte und würde er es thun— die morſchen Säulen ein⸗ reißt, und ſich und Euch unter den Trümmern begräbt!— Wenn ich denken könnte, daß dieſer Mahnruf nicht unverſtanden an den Wänden dieſes Saales verhallte; wenn ich denken könnte, daß das Genie unſeres Volkes, indem es die Löſung der großen politiſchen und ſocialen Fragen ſucht, mit uns nur Experimente angeſtellt hätte, an denen wir freilich zu Grunde gehen, aus denen es aber für die kommenden Geſchlechter das rettende Geſetz entdeckt— o, ſo will ich für mein Theil gern ohne Ruhm und ohne Dank von dem Schau⸗ platze abtreten, und, komme, was da will, mich damit tröſten, daß der Stein, den die Baumeiſter verwarfen, dennoch zu der Eckſteine einem geworden iſt. Und möge dieſer Gedanke auch ſie tröſten, die mich lieben! Mögen ſie an jenem herrlichen Morgen, wenn die Banner, die jetzt in den Staub getreten ſind, von allen Zinnen und Dächern wehen und die goldne Sonne freudig herabſtrahlt auf ein freies Volk, meiner ohne Schmerz gedenken, mögen ſie mir die An⸗ erkennung nicht verſagen: er hat im Leben viel geirrt und viel gefehlt, aber er iſt geſtorben für ſein Ideal, für die einige deutſche ſociale Republik.“ Mit athemloſer Stille hatten die Hunderte und Hunderte, die den Gerichtsſaal bis in die fernſten Ecken füllten, dieſer Rede ge⸗ lauſcht; jetzt, als Münzer bleich und erſchöpft auf ſeine Bank zurück⸗ ſank, brach ein Sturm los, als ſollten dieſe Mauern aus ihren Fugen geſprengt werden. Es war kein Hurrah, es war kein Lebehoch— es war ein Getöſe, wie praſſelnder Donner, oder das Krachen eines mächtigen Katarakts. Man ſah Frauen in Thränen zerfließen; man Dritter Band. 203 ſah Männer, die mit den Zähnen knirſchten und die geballten Fäuſte drohend in die Luft ſtießen. Das pergamentne Geſicht des Präſidenten war noch gelber ge⸗ worden; man ſah, wie er in ſeiner Angſt flehende Blicke zu Münzer hinüber warf. Münzer erhob ſich, trat an die Barriere heran und hob die Hände ruheheiſchend empor. Und plötzlich, wie dieſe Raſerei losgebrochen war, verſtummte ſie auch wieder, und wieder herrſchte lautloſe Stille. Der Präſident glaubte dieſen Augenblick benutzen zu müſſen; er erklärte mit zitternder Stimme, daß das Publikum den Gang der Verhandlung ſtöre und in Folge deſſen den Saal zu räumen habe. Es lag auf der Hand, daß es nur eines Winkes von Münzers Hand bedurfte, und vieſe Hunderte, deren Blut bis zum Wahnſinn erhitzt war, hätten ſich, wie ein entfeſſelter Strom, über die Barrisre geſtürzt, hätten Richter, Geſchworene, Büttel— Alles, was ſich ihnen entgegenſtellte, zerriſſen, unter die Füße getreten, zermalmt. Aber Münzer gab den Wink nicht. Seine Worte: Mir zu Liebe! ich bitte Euch! fielen wie Oel in die von neuem dumpfaufbrauſende Wuth. Alles erhob ſich, ſtill feierlich, wie wenn der Prieſter den Segen auf die Gläubigen vom Himmel herabfleht. Man ſah, wie Peter Schmitz auf Clärchen Münzer zuging und ihr den Arm bot, um ſie hinaus zu geleiten. Dr. Holm folgte ihnen. In dem furchtbaren Gedränge war mit einem Male eine Gaſſe wie durch einen Zauber aufgethan. Weinende Augen, ſchmerzlich ſtarre, ehrfurchtsvolle Ge⸗ ſichter. Und hinter ihr ſchloß ſich die Gaſſe wieder, und langſam wälzte ſich der Strom durch die weit geöffneten Flügelthüren, die Corridore entlang auf den Platz vor dem Juſtizpalaſt, wo er in die Tauſende mündete, die hier des Ausgangs des Proceſſes harrten. Und alle die Tauſende entblößten ihre Häupter, als Clärchen jetzt, von Peter Schmitz und Holm begleitet, die Freitreppe hinab in die Equipage ſtieg, in welcher die beiden Herren ebenfalls Platz nahmen. Es fehlte nicht viel, ſo hätte das Volk die Pferde ausgeſpannt und die Gattin des Mannes, in welchem ſie jetzt einen Märthrer der Freiheit ſahen, im Triumph nach Hauſe begleitet. 204 Die von Hohenſtein. Die Aufregung pflanzte ſich von dem Platze durch die ganze Stadt fort. Ueberall ſah man Gruppen beiſammen ſtehen, in denen die neueſten Nachrichten aus dem Juſtiz⸗Palaſt beſprochen wurden. Die Sitzung kam erſt um elf Uhr Abends zu Ende; Münzer und die Hälfte der Angeklagten war zu längeren und kürzeren Gefängniß⸗ ſtrafen verurtheilt worden; man hörte, daß Münzer in aller Heim⸗ lichkeit durch einen verborgenen Gang in ſein Gefängniß zurückgeführt ſei. Erſt lange nach Mitternacht verliefen ſich die Menſchenmaſſen von dem Platz vor dem Juſtizpalaſt. Aber der nächſte Tag brachte noch Außerordentlicheres. Erſt als unverbürgtes Gerücht, dann immer beſtimmter, zuletzt als frendige Gewißheit durchflog es die Stadt: Der Wagen, in welchem man Münzer bei Nacht und Nebel habe wegtransportiren wollen, ſei kurz vor dem Dorfe Rheinfelden von einer Schaar bis an die Zähne be⸗ waffneter, maskirter Reiter angehalten, die begleitenden Gensd'armen trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr entwaffnet und in die Flucht ge⸗ ſchlagen und Münzer entführt worden. Menſchen, die ſich in ihrem Leben nicht geſehen hatten, erzählten es ſich auf der Straße. Hat man keinen Verdacht!— Verdacht die Hülle und Fülle; aber wo anfangen, wo aufhören? Die halbe Stadt iſt im Complot.— Wiſſen Sie's denn ſchon?— Ja freilich!— Anch daß bei Peter Schmitz und Frau von Hohenſtein Hausſuchung geweſen iſt?— Sie werden ſchwerlich was gefunden haben.— Gott bewahre!— Müſſen aber brave Kerle geweſen ſein!— Ja, das wollt' ich meinen. Wär' für mein Leben gern dabei geweſen.— Und wohin glauben Sie— he?— Die franzöſiſche Grenze iſt nicht weit. Und für gute Päſſe werden ſie ja auch wohl geſorgt haben! ha, ha, ha! Unterdeſſen ſpielten die Telegraphen und flogen reitende Boten nach allen Seiten. Die ungeheure Keckheit, mit welcher der Streich ausgeführt war, hatte den Zorn der Behörden entflammt und ſie zur energiſchſten Thätigkeit angeſpornt; aber es vergingen ein, zwei, drei Tage und noch immer war auch nicht die mindeſte Spur weder der Entführer, noch des Entführten aufgefunden worden. Dritter Band. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Die Befreiung Münzers machte nicht blos in den Schichten, mit welchen Münzer durch ſeine politiſche Thätigkeit vorzugsweiſe in Verbindung geſtanden hatte, ſondern auch in allen anderen Kreiſen der Rheinfelder Geſellſchaft ein ungemeines Aufſehen, in den höchſten Kreiſen vielleicht das allergrößeſte. Münzers Verhältniß zu Frau von Hohenſtein war ſeiner Zeit eines der beliebteſten Salonthemata geweſen; das„maleriſche Intermezzo,“ wie Herr von Wyſe Antoniens Intrigue mit Kettenberg genannt hatte, war ſehr belacht worden; man hatte es durchaus im Geſchmack Antoniens gefunden. Während man die Beiden in Italien glaubte, waren dann plötzlich durch Briefe von Officieren aus der Campagne Nachrichten nach Rheinſtadt ge⸗ langt, die ſo abenteuerlich lauteten, daß man ſie lange Zeit für ein ſchlechtausgedachtes Märchen hielt, bis Antoniens Ankunft in Rhein⸗ ſtadt, die mit der des gefangenen Münzer zuſammenfiel, das Unglaub⸗ liche beſtätigte, und die nach und nach heimkehrenden Officiere die Wundermähr in allen ihren Einzelnheiten von Salon zu Salon trugen. Der unglückliche von Todwitz, der mit eigenen Augen geſehen hatte, wie Antonie im Nebelgerieſel am Waldesſaum inmitten des hart⸗ näckigſten Gefechtes den Kopf des Verwundeten auf ihrem Schooße hielt, war der Held des Tages. Wo er ſich blicken ließ, tönte ihm (beſonders von weiblichen Lippen) entgegen:„Ach, da iſt er! Lieber Herr von Todwitz, iſt es denn wirklich wahr! Bitte, bitte, erzählen Sie die romantiſche Geſchichte!“— Auch der Obriſt von Hohenſtein, welcher der Zweite auf dem Plane geweſen war, wurde im Anfang mit Fragen beſtürmt; aber man wagte ſich bald nicht mehr an ihn, nachdem er die Neugier ſelbſt ſehr vornehmer Damen Gräfin vovn Hinkel, Gräfin von Schnabelsdorf und anderer) mit ſchroffer kalter Schweigſamkeit zurückgewieſen hatte. Du lieber Himmel! es war ja am Ende auch ſo natürlich, daß ihm daran liegen mußte, die heilloſe 206 Die von Hohenſtein. Affaire ſo viel als möglich todt zu ſchweigen und dem Rufe ſeiner Schwägerin(an dem freilich nicht viel zu verderben war) ohne Noth nicht noch mehr zu ſchaden! Man fand im Allgemeinen ein ſolches Benehmen ſehr edel, obgleich eine derartige Großmuth gerade von Seiten des Obriſten, der in letzter Zeit ſehr ſchlecht auf Antonien zu ſprechen geweſen war, kaum begreiflich ſchien. Ueberhaupt war in dieſer wunderlichen Sache ſehr Vieles kaum begreiflich, vor Allem aber das Auftreten Antoniens. Ohne ihre Sympathie für Münzer in Abrede zu ſtellen, that ſie doch nichts, dieſem Gefühl irgendwie Rech⸗ nung zu tragen. Sie machte keinen Verſuch, zu dem Gefangenen Zutritt zu erhalten; ja ſie betheiligte ſich nicht einmal(was allgemein auffiel) bei einer Petition, die von einer großen Anzahl von Ein⸗ wohnern Rheinſtadts aus allen Ständen an den Monarchen um Be⸗ gnadigung Münzers gerichtet wurde. Dagegen miſchte ſie ſich in das geſellſchaftliche Leben ihres Kreiſes, als wäre in der Welt nichts vor⸗ gefallen, was ihr die Geſellſchaft hätte verleiden können. Die Einen bewunderten ihren Muth, die Andern erklärten, daß ſie eine Kokette ohne eine Spur von Herz, Andere wieder, daß ſie die vollendetſte Schauſpielerin der Welt ſei. Sie ſchien ſich um das Urtheil weder des Einen, noch des Andern zu kümmern. Sie bezauberte wie zuvor durch ihre Schönheit, durch ihren Geiſt, und nachdem ſie einige glänzende Feſte gegeben hatte, war in dieſem Kreiſe von der Gräfin Hinkel bis zur ärmſten adligen alten Jungfer keine Dame, die ſich geweigert hätte, mit Frau von Hohenſtein umzugehen.„Sie iſt eben ein beſonderes Weſen; man muß ihr ihre Extravaganzen verzeihen. Die Hohenſteins haben ja von jeher das Privilegium gehabt, den Stoff zur Unterhaltung herzugeben.“ Und„die von Hohenſtein“ hatten wahrlich in letzter Zeit von dieſem eigenthümlichen Vorrecht den ausgedehnteſten Gebrauch gemacht! Des Generals monatelange Unterſuchungshaft, des Stadtraths ſchreck⸗ liches Ende, Wolfgangs Flucht und hochverrätheriſche Betheiligung an der Revolution, und nun die zahlloſen Geſchichten, die aus den Räumen des Präſidialgebäudes ihren Weg in's Publikum fanden! Es ſollte bereits zwiſchen Camilla und ihrem Verlobten, dem Ge⸗ heimrath von Schnepper, zu entſetzlichen Scenen gekommen ſein; guch Dritter Band. der Himmel Willamowsky's ſollte ſich ſehr getrübt haben, als plötzlich wider alles Erwarten der Maler Kettenberg— ausgelaſſen, über⸗ müthig, toll und unwiderſtehlich, wie immer— aus Oberitalien, oder der Himmel weiß woher— nach Rheinſtadt zurückkam, und— gerade wie Antonie von Hohenſtein, das heißt: als wäre nichts vorgefallen— ſeinen alten Platz eines Mattre de plaisirs in der hochadligen Ge⸗ ſellſchaft wieder einnahm. Ja, man trug ſich ſogar mit dem Gerücht: ſowohl Camillas Verlobung mit dem Geheimrath, als auch Aureliens mit Willamowsky ſeien rückgängig gemacht. Dies letztere Gerücht ſchien ſich nun allerdings nicht bewahrheiten zu wollen, zum wenigſten waren die ausgegebenen Einladungskarten nicht wieder zurückgefordert worden. Die beiden Hochzeiten ſollten zu gleicher Zeit auf Rhein⸗ felden gefeiert werden. Man erzählte ſich unglaubliche Dinge von den glänzenden Vorbereitungen, die für dies Doppelfeſt auf dem Schloſſe getroffen waren: Diner von zweihundert Couverts, Abends grand bal und prachtvolle Illumination des Parkes— und das Alles ſollte nicht zu Stande kommen, jetzt, nachdem man die Einladungs⸗ karten faſt ſchon acht Tage in der Taſche hatte! Unmöglich! wo möglich noch unmöglicher, als daß man Münzers nicht wieder habhaft werden ſollte. An den Officiertiſchen wurden dieſe beiden großen Tagesfragen mit unermüdlicher Ausdauer beſprochen, und die zahlloſen Wetten, die dabei von krähenden Stimmen proponirt und von anderen krähenden Stimmen acceptirt wurden, bekundeten den Eifer der Par⸗ teien. Auch die Frage: ob Antonie von Hohenſtein auf Rheinfelden erſcheinen werde, galt keineswegs für ausgemacht. Es war notoriſch, daß gleich nach dem Bekanntwerden von Münzers Befreiung ſowohl in ihrem Hotel in der Stadt, als auch in ihrer Villa vor dem Thore, und etwas ſpäter auf ihrem Gute Hausſuchungen Statt gefunden hatten, die allerdings vollkommen reſultatlos blieben, aber doch be⸗ wieſen, daß die Behörden ſich ihre eigne Meinung über die geheime Wirkſamkeit der ſchönen Frau gebildet hatten. Sich zu compromittiren und hernach der Mediſance Trotz zu bieten, war indeſſen ſo im Charakter Antoniens, daß Diejenigen, welche auf ihr Erſcheinen auf dem Balle wetteten, trotzdem einige Chancen mehr als ihre Gegner zu haben ſchienen. 208 Die von Hohenſtein. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Es war am Vormittage des viel beſprochenen Doppelfeſtes. Ein wundervoller Herbſttag prangte mit all' ſeinem vom Sommer erborg⸗ ten Glanze über der reichen Landſchaft. In dem Parke wurde nach Angaben Kettenbergs, der ſelbſt zugegen war, von geſchickten Hand⸗ werkern aus der Stadt Ehrenpforten errichtet, Laubguirlanden, an denen Laternen aus fardigem Papier befeſtigt waren, von Baum zu Baum gezogen, während auf dem freien Platze jenſeits des Teiches, dem Schloſſe gerade gegenüber, ein Feuerwerker die Vorkehrungen zu ſeinen prachtvollen Kunſtſtücken traf. In dem Schloſſe ſelbſt lief es geſchäftig Trepp' auf, Trepp' ab. Trotzdem man ſchon acht Tage kang gearbeitet hatte und dabei kaum zu Bett gekommen war, gab es doch noch eine Welt zu thun. Eben war die Nachricht eingetroffen, daß der Prinz von Loben⸗Reizenſtein ſelbſt, der an Stelle der pen⸗ ſionirten Excellenz von Schnabelsdorf das Corps⸗Commando in⸗ terimiſtiſch übernommen hatte, das Feſt mit ſeiner Gegenwart be⸗ ehren werde. Er hatte freilich gebeten, keine Umſtände irgend welcher Art zu machen;„aber du lieber Gott!“ ſagte die Präſidentin,„man weiß ja, was das in dem Munde der hohen Herren zu bedeuten hat! Eine kleine Aufmerkſamkeit: ihr Namenszug in Brillantfeuer mit einer Krone darüber, ein Tuſch bei ihrer Ankunft erfreut ſie doch. Man darf es ſich ja nicht merken laſſen, Kind, daß er im Grunde nur um Deinethalben kommt.“. Camilla lächelte:„Um meinethalben? weshalb ſollte er gerade um meinethalben kommen?“ „Willſt Du Dich Deiner Mama gegenüber auch verſtellen, Du Unart,“ ſagte die zärtliche Mutter, indem ſie mit einer Art von Ehr⸗ furcht das herrliche braune Haar ihrer angebeteten Tochter ſtreichelte. „Habe ich es um Dich verdient, daß Du vor mir Geheimniſſe haſt? Denkſt Du: ich habe nicht geſehen, mit wie verliebten Blicken der Dritter Band. 209 Prinz gleich am erſten Abend, als er bei uns war, an Deiner Schön⸗ heit gehangen hat? Nein, mein Liebling, ſo etwas entgeht mir nicht; ich ſchwelge in Deinen Triumphen!“ und ſie ſchloß ihr Herzenskind an ihren Buſen. „Aber er hat mir doch geſagt, daß er nun bald ſelbſt heirathen ſoll?“ meinte Camilla, ſich aus der mütterlichen Umarmung losmachend. „Ja, du lieber Himmel, das iſt nun einmal nicht anders bei den großen Herren; ſie müſſen heirathen aus Staatsintereſſen; aber ſie behalten dabei doch ihr Herz für ſich, und wer kann es ihnen ver⸗ denken, wenn ſie es der Allerſchönſten ſchenken? Ach, mein Kind, ich kann Dir nicht ſagen, wie mein Herz bei dieſem Gedanken ſchwillt! Sein Land iſt ja nur klein, aber der Papa ſagt, daß ſein Einfluß an unſerm Hofe ganz immens iſt. Denke Dir doch: commandirender General bei der Jugend! Einfluß iſt es ja doch, worauf es ankommt. Haſt Du Macht über den Mächtigen, ſo bengt ſich Alles vor Dir.“ „Und Schnepper?“ Die Präſidentin zuckte die Achſeln:„Er wird ſich in ein Schickſal finden, das er ſich vorausſagen mußte, als er die Frechheit hatte, Deine Hand zu beanſpruchen; und findet er ſich nicht, deſto ſchlimmer für ihn.“ „Glaubſt Du, daß wir ſo leicht mit ihm fertig werden?“ „Eine ſchöne und kluge Frau wird immer mit ihrem Manne fertig, mein Kind.“ „Aber er hat mir ſchon wegen des Prinzen Dinge geſagt, Mama,“— „Pah! das iſt ſo die erſte Eiferſucht! ſo was legt ſich. Es kommt darauf an, ob ſeine Eiferſucht größer iſt, als ſein Ehrgeiz. Und dann, was für Anſprüche kann er denn an Dich machen! Es iſt ja geradezu lächerlich!“ „Ich haſſe ihn.“ „Glaubß Du, daß ich ihn liebe? Wir werden es hoffentlich noch dahin bringen, daß er Dich auf den Knieen um Gnade bitten ſoll.“ „Es iſt doch ſchade, daß der Wolfgang nicht zu halten war,“ ſagte das Fräulein ſinnend. „Kind, was fällt Dir denn nur ein?“ rief die Präſidentin;„ich Fr. Spielhagen's Werke. IX. 14 210 Die von Hohenſtein. kenne Dich gar nicht wieder! Wie kannſt Du nur mit einem Ge⸗ danken an dieſen Landſtreicher, dieſen Taugenichts denken? Weißt Du denn, daß man ihn allgemein in Verdacht hat, den Münzer be⸗ freit zu haben? Der Menſch iſt ja geradezu zum Straßenräuber ge⸗ worden; aber freilich, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Jetzt muß ich mich einmal nach Aurelien umſehen; ich wette, daß ſie noch nichts in Ordnung hat; es iſt unglaublich, was für Sorgen mir das Mädchen macht.“ Unterdeſſen war Fräulein Aurelie(noch im Morgenanzuge) in den Park gegangen, um Kettenberg die Nachricht von der bevorſtehen⸗ den Ankunft des Prinzen ſelbſt zu überbringen, anſtatt den Auftrag durch einen der Bedienten ausrichten zu laſſen, wie die Mutter es ſie geheißen hatte. Fräulein Aurelie hatte Kettenberg ſeit den drei Tagen, die er auf dem Gute war, immer nur im Vorübergehen ge⸗ ſehen, und die Gelegenheit, ihn vor ihrer Hochzeit noch einmal unge⸗ ſtört zu ſprechen, kam ihr gerade recht. Kettenberg ſtand in Hemds⸗ ärmeln auf einer hohen Leiter und malte mit Kreide einen Namenszug, der hernach in farbigen Lampions ausgeführt werden ſollte, auf das Frontiſpice einer Ehrenpforte, als Aurelie herantrat. „Na, das kommt noch gerade zur rechten Zeit,“ rief der Maler; „fünf Minuten ſpäter, und Ihr holder Name hätte hier geprangt. Haben Sie ſonſt noch Befehle?“ „Die Mama wünſcht, daß der Feuerwerker auch irgendwie etwas arrangire.“ „Werde mich mit dem Edlen in Verbindung ſetzen. Sonſt noch etwas?“ „Nein.“ Fräulein Aurelie ſchien keine Eile zu haben, in das Schloß zurückzukommen; ſie ſetzte ſich auf ein paar noch an der Erde liegende Flaggenbäume, und ſah zu, wie Kettenberg Schnörkel in Schnörkel zog und oben darüber eine rieſige Krone mit ein paar kecken Strichen zeichnete. „So,“ ſagte Kettenberg,„das wird ausreichen.“ Er ſtieg von der Leiter herab, zog ſich ſeinen Rock an und blickte prüfend zu ſeiner Zeichnung hinauf. Dritter Band. 211 „Nicht übel, Fräulein Aurelie? meinen Sie nicht auch?“ „Vorzüglich,“ ſagte Aurelie. „Aber Sie ſehen ja nicht einmal hin?“ „Was kann Ihnen denn auch an meinem Urtheil noch liegen?“ „Sind wir ein wenig ſentimental?“ „Das verlohnte ſich bei Ihnen auch der Mühe!“ „Nein wahrhaftig! Da haben Sie Recht. Weshalb ſagen Sie das aber in einem ſo tragiſchen Ton?“ „Weil Sie ein Treuloſer, ein Verräther ſind.“ „Das iſt gottvoll! ich dachte: Sie hielten heute Hochzeit!“ „Und weshalb thue ich das?“ „Ja, wenn Sie es nicht wiſſen; ich weiß es gewiß nicht.“ „Sie wiſſen es nur zu wohl!“ „Auf Ehre!“ „Lügen Sie nicht.“ „Aurelie!“ „Haben Sie nicht Antoniens Bild in Lebensgröße gemalt?“ „Ich habe Sie auch in Lebensgröße gemalt; ſogar zweimal.“ „Aber Sie ſind nicht mit mir nach Italien gereiſt.“ „Aber da waren Sie ja ſchon mit dem Baron verlobt!“ „Gleichvieh; ich wußte, daß Sie mit ihr davon gehen würden.“ „Nun, das iſt wahrhaftig alles Mögliche! Alſo das wußten Siel! Wußten Sie denn auch, daß meine liaison dangerense ſo ver⸗ zweifelt kurze Zeit dauern würde?“ „Sie lieben ſie ja noch!“ „Auf mein Wort und meine Ehre,— nein!“ „Sie ſind aber in letzter Zeit ſehr häufig bei ihr geweſen.“ „Dafür bin ich aber auch ſeit drei Tagen hier und arbeite für die Ausſchmückung Ihres Hochzeitsfeſtes wie ein Tagelöhner.“ „Schlimm genug, daß Sie ſich nicht ſchämen, mir meine Hochzeit zu ſchmücken.“ „Sie ſind toll, Aurelie.“ „Das habe ich nicht um Dich verdient!“ Sie waren unter dieſem Geſpräche in eine Allee gekommen, in welcher man ſie von dem Platze aus, wo die Leute arbeiteten, nicht 14* * 22 Die von Hohenſtein. mehr ſehen konnte. Aurelie warf ſich auf eine Bank und fing in ihrer leidenſchaftlichen Weiſe an, zu weinen und zu ſchluchzen. „Aber Aurelie!“ „Laß mich!“ „Mein Gott, ich—“ „Schweig' ich haſſe Dich; ich will Richts von Dir hören!“ Die junge Dame ſprang wieder auf und ging mit raſchen Schritten die Allee weiter hinauf. Kettenberg folgte ihr, vergeblich „ſich bemühend, die Weinende zu beruhigen. So geriethen ſie immer tiefer in den Park und zuletzt an einen Platz, wo ſich um ein kreis⸗ rundes ſteinernes Baſſin, das längſt kein Waſſer mehr hatte, hohe verwilderte Taxushecken zogen, in deren Schatten bärtige Gartengötter aus Sandſtein mit fauniſchem Lächeln in den verwitterten Geſichtern auf zerfallene und zerfallende Moosbänke ſchauten. „Laß mich allein!“ ſagte Aurelie und ſtampfte mit dem Fuße. „In dieſer Aufregung— nimmermehr!“ erwiderte Kettenberg; „Aurelie, liebes, geliebtes Mädchen! wie oft haben wir uns geſagt, daß Du früher oder ſpäter einen Andern würdeſt heirathen müſſen; wie oft haben wir darüber gelacht und geſcherzt; wie oft haſt Du mich verſichert, daß ich immer Dein Geliebter bleiben ſolle— und jetzt, da geſchehen iſt, was kommen mußte: willſt Du mich haſſen! Geliebte, ſage mir das Eine: daß Du mich nicht dafür haſſen willſt, daß ich ein armer Maler bin!“ Es lag eine Welt von Schmerz in dem Ton, in welchem der junge Wüſtling dieſe Worte ſprach. Sein immer etwas bleiches Ge⸗ ſicht war noch bleicher, ſeine dunklen Augen ſprühten Flammen. Aurelie verglich im Geiſt dieſen dämoniſchen Menſchen, der ihr immer un⸗ vergleichlich ſchön erſchienen war, mit dem eleganten, gutmüthigen, ſchwachköpfigen, blaſirten Dandy, den ſie in wenigen Stunden ihren Gemahl nennen ſollte, und ſie warf ſich, weinend, ſchluchzend, küſſend, Liebesſchwüre ſtammelnd, an Kettenbergs Bruſt. „Aurelie, Geliebte!“ flüſterte Kettenberg zärtlich,„ich bin Dein, auf ewig Dein, wenn Du mein ſein willſt.“ „Dein, auf ewig! auf ewig!“ ſchluchzte Aurelie. Dritter Band. 213 In dem lichterfüllten Schloſſe wogte und ſummte es, wie in einem Bienenſtock; aus den hohen, zum Theil geöffneten Fenſtern des großen Saales ſchmetterten die Klänge der Walzer und Polka's, in dem Parke drängten ſich die Dorfleute, um die Illumination, an der ſich die Herrſchaften längſt ſatt geſehen hatten, anzuſtaunen: die un⸗ zähligen Laternen von buntem Papier, die fich in kühnen Guirlanden von Baum zu Baum ſchlangen, die mit Lampions beſäeten Triumph⸗ bogen, die ungeheuren Flaggenbäume, von der rieſige Fahnen läſſig im lauen Abendwinde wehten; und wenn der Feuerwerker nun gar eine der übrig gebliebenen Raketen ſteigen ließ, ſo war der freudigen Ach's und Oh's kein Ende. Auf dem Hofe ſtampften feurige Roſſe vor herrlichen Equipagen; beſondere Bewunderung erregte der Gala⸗ wagen des Prinzen; man hatte noch nie einen ſo hohen Kutſcherbock, noch nie einen Jäger mit einer ſo glänzenden Livree geſehen. Wenn der Schein der Pechkränze, die in den eiſernen Kandelabern vor der Thür brannten, recht hell aufflackerte, ſah es aus, als ob der ganze Hof in Flammen ſtände. Der alte General, welcher trotz ſeiner Gebrechlichkeit, die allge⸗ meines Mitleid erregte, dem Feſte von Anfang an beigewohnt, hatte, nachdem er auch noch den Prinzen bewillkommnet, um die Erlaubniß gebeten, ſich für heute Abend in ſeine Gemächer zurückziehen zu dürfen. Se. Durchlaucht hatte es ſich nicht nehmen laſſen,„den ehrwürdigen Veteranen“ ſelbſt an ſeinem Arm bis an die Thür des Saales zu geleiten, und war hier unter Verſicherung ſeiner und der Allerhöchſten Gnade, deren Ueberbringer zu ſein er ſpeciellen Befehl habe, von ihm geſchieden. Der General war ſodann, auf ſeinen Kammerdiener ge⸗ ſtützt, die Treppe hinab, die Corridore entlang, bis in ſein Schlaf⸗ zimmer geſchwankt, hatte ſich die Uniform aus⸗ und den ſammetnen Hausrock anziehen laſſen, die weiten Pelzſtiefel mit noch weiteren Pelzſchuhen vertauſcht, und ſaß nun, zuſammengebrochen, mit den gerötheten Augenlidern zwinkernd, in ſeinem Lehnſtuhl vor dem Kamin, in welchem trotz des warmen Abends ein helles Feuer praſſelte. Das letzte Jahr hatte den General aus einem alten, trotz ſeiner ſtelettartigen Magerkeit immer noch ſtattlichen Mann zu einer Mumie gemacht; ſein Adlergeſicht hatte den unheimlichen Ausdruck eines 214 Die von Hohenſtein. Todtenkopfes angenommen. Seine Hände waren zu Vogelkrallen ge⸗ worden; es war nur ein Schatten von dem grauen Thrannen, der noch vor einem Jahre ſeine Diener prügelte, oder ihnen Alles, was in den Bereich ſeiner Hände kam, an die Köpfe warf. Aber aus den ſchwarzen Augen blitzte es von Zeit zu Zeit noch immer; freilich nicht mehr mit der alten Berſerkerwuth, wohl aber mit der hämiſchen Bos⸗ heit einer ſchlechten Seele, die ſich ihrer Machtloſigkeit nach Außen bewußt iſt, und den Feind, den ſie mit den Händen nicht mehr zer⸗ reißen kann, mit Blicken vernichten möchte. Der Alte ſaß und nickte und zwinkerte mit den Augen und meckerte ein ſeltſames unheimliches Lachen und nickte wieder wie im Halbſchlaf, wandte ſich dann plötzlich zu dem Kammerdiener, der im Hintergrunde des Zimmers mit dem Bett beſchäftigt war und fagte mit widerlicher Freundlichkeit: „Jean, lieber Jean!“ Der Menſch kam herzu und ſtellte ſich links neben den Lehnſtuhl(der Alte konnte ſeit geraumer Zeit den Kopf nicht mehr nach rechts drehen). „Was befehlen, Excellenz?“ „Wieviel ſagteſt Du doch, daß Dir der Präſident, der Dich zu mir geſchickt hat, dafür gebe, daß Du ihm Alles getreulich meldeſt, was hier auf dem Schloſſe vorgeht?“ „Ich hab's Excellenz ſchon wer weiß wie oft geſagt,“ erwiderte der Mann(derſelbe, der einſt in Antoniens Dienſten geweſen war) mürriſch. „Sag's mir noch einmal, lieber Jean!“ „Funfzig Thaler.“ „Sehr gut. Und wieviel giebt Dir Herr von Schnepper, daß Du ihm Alles meldeſt, was hier vorgeht?“ „Auch funfzig Thaler.“ „Sehr gut. Und wieviel gebe ich Dir, daß Du ihnen nur Lügen erzählſt?“ „Hundert Thaler.“ „Und dafür belügſt Du uns nun Alle zuſammen; ſehr gut, ſehr gut;“ und die Mumie meckerte und hüſtelte und nickte und zwinkerte mit den rothen Augenlidern und ſagte: Dritter Band. do — S „Jean, lieber Jean.“ „Ich bin noch hier.“ „Aha! Jean, wo iſt der Advocat, der die Contracte für die jungen Eheleute gemacht hat?“ „Er arbeitet oben.“ „Weißt Du, woran er arbeitet, Jean?“ „Was geht das mich an?“ „Er macht mir ein neues Teſtament; Du wirſt auch darin be⸗ dacht, Jean; kriegſt fünfhundert Thaler, wenn Du mich bis an mein Ende gut behandelſt.“ „Das glaube ich nicht.“ „Sollſt es ſelbſt leſen; ſollſt es ſelbſt unterſchreiben.“ In dem grauen Fuchsgeſicht des Kammerdieners zuckte es eigen⸗ thümlich; er warf einen unruhigen Blick auf die Fenſter, durch welche die Nacht ſchwarz hereinſah, und blickte dann wieder auf die Mumie herab, die vor ihm nickte und meckerte. Dann ſah er nach der Uhr, die auf dem Sims des Kamins ſtand und auf halb Zehn wies. Seine Unruhe ſchien ſich zu vermehren; er ging in dem Zimmer hin und her; es hatte bereits zweimal an die Thür geklopft, und der Alte ungeduldig Jean, Jean! gerufen, bevor er ging und öffnete. Es war der Pfarrer Ambroſius, der in gewohnter Weiſe raſch hereintrat, bis dicht an den General heranſchritt, mit dem dicken Stock auf den Teppich ſtampfte und in rauhem Tone ſagte:„Da bin ich.“ „Aha,“ ſagte die Mumie, mit Mühe den Kopf etwas nach oben wendend:„iſt der liebe Pfarrer Ambroſius. Verlaß uns, Jean, und wenn ich klingle, geh' hinauf zum Herrn Notar, und bitte ihn, zu mir zu kommen; er wird bis dahin wohl fertig ſein.“ Jean verließ mit einem ſchiekenden Blick auf den Pfarrer das Zimmer. Ambroſius rückte ſich einen Stuhl an die Seite des Alten vor den Kamin und ſagte: „Was wollen Sie denn ſchon wieder einmal von mir? Und warum ſchicken Sie denn immer zu ſo ungelegener Zeit? Wenn ich nicht gerade unten im Dorf zu einem Sterbenden gemußt hätte, ſo hätte Sie der Teufel beſuchen mögen, nicht ich. Was wollen Sie denn?“ 216 8 Die von Hohenſteill. Ambroſius rieb ſich die Hände vor dem Feuer und fuhr ärger⸗ lich fort:„Ich habe nicht lange Zeit. Meine arme Nichte iſt, ſeit⸗ dem der Münzer befreit iſt, in einem Fieber von Aufregung und heute Abend iſt es ſchlimmer, als je. Ich möchte nicht länger, als nöthig iſt, von Hauſe ſein. Na, wird's?“ „Lieber Ambroſius,“ ſagte der Alte,„ich will katholiſch werden.“ Ambroſius ſprang von ſeinem Stuhle auf. „Hole Sie der Teufel,“ rief er;„geht die alte Litanei von vorne an. Hören Sie, Herr, ich habe Ihre Narrenspoſſen nun ſatt. Ich ſage Ihnen noch einmal und zum letzten Mal, daß ich von dieſem Unſinn nichts mehr wiſſen will. So oft Sie Ihr böſes Gewiſſen plagt, wollen Sie katholiſch werden. Als Sie im Gefängniſſe ſaßen, haben Sie es auch gewollt; der Erzbiſchof hat ſich faſt die Finger Ihretwegen abgeſchrieben, und als man Sie hernach herausließ, lachten Sie ſich in's Fäuſtchen. Meine Schuld iſt es nicht, daß man Sie nicht gehängt hat. Ich habe— um Ihnen doch einmal reinen Wein einzuſchenken— den anonymen Brief an den Oberſtaatsanwalt geſchrieben, denn der Balthaſar, der arme Schelm, hatte mir ſchon früher geſagt, wo der Jürgens begraben lag. Ich habe den Brief geſchrieben, weil ich überzeugt bin, daß Sie den Jürgens todt ge⸗ ſchlagen haben; ja, ja, machen Sie mir ſo giftige Augen, wie Sie wollen. Sie haben ihn todt geſchlagen; die alte Vettel, die Schmal⸗ hans, mag geholfen haben; aber der eigentliche Todtſchläger ſind Sie. Nun wiſſen Sie meine Meinung.“ Die Mumie zitterte vor Angſt und Wuth. „Und wenn ich ihn todt geſchlagen habe, was will man mir thun? Sie haben mich freigeſprochen. Niemand kann wegen der⸗ ſelben Sache zweimal vor Gericht gefordert werden. „Nun, ſo ſeien Sie doch zufrieden! Wenn Sie von dem Men⸗ ſchen nichts zu fürchten haben— vor dem Teufel fürchten Sie ſich, ſo viel ich weiß, nicht.“ „Doch,“ ſagte die Mumie;„doch Pfarrerchen, ich fürchte mich; nicht jetzt, aber in der Nacht. Ich habe in der Nacht ſo böſe Träume; und ſehe, wenn ich wachend im Bett ſitze, ſo ſchreckliche Geſichter; und darum will ich katholiſch werden, Pfarrer; ich will's mich auch Dritter Band. 217 was koſten laſſen; ich habe ein neues Teſtament gemacht; habe Sie auch bedacht, Pfarrerchen, kriegen tauſend Thaler; und Schloß Rhein⸗ felden ſoll ein katholiſches Central⸗Waiſenhaus für die ganze Provinz werden; die Einkünfte vom Gut kriegt die Anſtalt; iſt dreimalhundert⸗ tauſend Thaler werth, Pfarrerchen, dreimalhunderttauſend Thaler!“ „Dummes Zeug!“ ſagte Ambroſius. „Iſt bei Gott wahr, Pfarrerchen; oben ſitzt der Notar und ſchmiert das Ding zurecht; habe mir das Teſtament, das mir der Schnepper in die Hände dictirt hat, vom Gericht wiedergeben laſſen. Die Canaille wollte Alles für ſich haben; mußte Alles der frechen Hexe, der Camilla verſchreiben. Hat dafür falſch Zeugniß abgelegt, Pfarrerchen; hat geſagt: der Jürgens wäre gefallen; hi, hi, hil! müßte ein närriſcher Fall geweſen ſein! Nun ſtifte ich ein katholi⸗ ſches Waiſenhaus und das baare Geld ſollen ſie unter ſich theilen; ſind auch noch faſt zweimalhunderttauſend Thaler; iſt das nicht billig, Pfarrerchen, he?“ Ambroſius hatte, den großen Kopf auf die Seite geneigt, auf⸗ merkſam zugehört. Wenn dies ſich ſo verhielt, war es nicht von der Hand zu weiſen. Er hatte immer dafür geſprochen und gewirkt, daß für die Waiſen mehr geſchehen müſſe; es war gerade dieſe Frage ihm ſehr an ſein rauhes edles Herz gewachſen. Wenn ſich die Verwand⸗ ten noch außerdem ſo viel zu theilen hatten— es war genug und mehr als genug für ſie. „Verhält ſich dies Alles ſo?“ „Bei Gott! bei Gott!“ meckerte die Mumie. „Laſſen Sie den Notar kommen; ich muß mich davon überzengen.“ Der Alte zog an dem Gloceuzuge, der neben ſeinem Stuhl von der Decke herabhing. Nach einigen Minuten führte Jean den Rotar herein. „Haben Sie Alles fertig?“ Der Notar verbeugte ſich und nahm an dem leinen Tiſche vor dem Kamin Platz. „Leſen Sie!“ ſagte der Alte,„und der Jean kann hierbleiben, als Zeuge.“ Der Notar las das Teſtament, das er nach den Angaben des Alten angefertigt, vor. Es verhielt ſich Alles, wie dieſer geſagt hatte. 218 Die von Hohenſtein. „Iſt dies nun rechtskräftig?“ fragte der Alte. „Es fehlt nur noch Ihre Unterſchrift, Excellenz, und die Unter⸗ ſchriften der beiden Zeugen.“ „Halt,“ ſagte Ambroſius;„ich will nichts haben. Vertheilen Sie die tauſend Thaler unter ihre übrigen Leute; ich ſehe nicht ein, weß⸗ halb dieſer Herr in der weißen Cravatte ſo ſehr bevorzugt werden ſoll.“ Der Kammerdiener Jean lächelte und ſagte:„Ja, gewiß, Ehr⸗ würden.“ Der Notar machte, da Ambroſius auf ſeinem Willen beſtand, den nöthigen Nachtrag. Die Unterſchriften ſtunden unter dem Docu⸗ ment. Der Notar erhob ſich und ſagte, daß er in die Stadt, wohin ihn wichtige Geſchäfte riefen, zurück müſſe. Er werde das Teſtament in Verwahrſam nehmen und morgen früh auf dem Gerichte deponiren. Ambroſius, noch ganz erſtaunt über die ſonderbare Wendung, welche die Verhandlungen mit dem General genommen hatten, wollte dem Advokaten folgen; aber der General rief ihn zurück: „Pfarrerchen, auf ein Wort! Nicht wahr, Pfarrerchen, Ihr macht mich nun katholiſch und kommt alle Tage zu mir herüber. Ihr ſeid der einzige Menſch, zu dem ich Vertrauen habe. Ihr haltet mich für einen verfluchten alten Sünder— ich weiß es wohl— aber Ihr ſeid doch ein guter Menſch, und werdet Euch meiner annehmen. Die da oben“— der Alte wies mit dem Finger nach der Zimmer⸗ decke—„würden mich vergiften, wenn ſie könnten. Und darum habe ich ſie enterbt, iſt das nicht recht und billig, Pfarrerchen?“ „Wir reden noch darüber,“ erwiderte Ambroſius;„Sie ſind ein merkwürdiger Kauz, an dem man Theil nehmen muß, trotzdem Sie, wie Sie ſelbſt ſagen, ein verdammter alter Sünder ſind. Ich ſpreche Morgen wieder vor; adieu für heute.“ „Adieu, Pfarrerchen, adien, adieu!“ Der Kammerdiener Jean hatte den Pfarrer durch des Generals Wohnzimmer und den mit Gewächſen aller Art reich decorirten, hell erleuchteten Gartenſaal begleitet, deſſen Thüren weit offen ſtanden und von neugierigen Dorfbewohnern umlagert waren. Der Pfarrer ſchlug den ihm nun wohlbekannten Weg durch den Park ein; Jean miſchte ſich unter die ſchauluſtige Menge und ſtreifte, während er ſich die Dritter Band. 219 Leute anzuſehen ſchien, an ein paar Menſchen— einem Kerl, der ſich den Hut tief in's Geſicht gezogen hatte, und einem Weibe, das einen grünen Schleier von ihrem zerknitterten Hute herabhängen ließ, — vorüber. Er raunte den Beiden ein paar Worte zu. Die löſten ſich von den Schauluſtigen ab und verſchwanden hinter den dichten Büſchen der Terraſſe links von dem Portale, die ſich unter den Fenſtern der Zimmer des Generals hinzog und für das Publicum abgeſperrt war. Der Kammerdiener folgte ihnen. „Wie ſtehts?“ ſagte der Kerl mit dem Schlapphut,„iſt er nun endlich allein?“ „Ja; es kommt heute Niemand mehr zu ihm; aber er iſt noch nicht zu Bett.“ „Verdammt! es iſt die höchſte Zeit; die Leute fangen ſchon an wegzugehen; es wird auffallen, wenn man uns hier herumſtreifen ſieht.“ „Höre, Kilian,“ ſagte Jean,„ſollen wir es lieber doch laſſen? der Alte kann nicht lange mehr leben; wir haben es dann bequemer.“ „Ja, Du! aber wir!“ ſagte das Weib, das bis dahin geſchwie⸗ gen hatte;„Kilian muß fort, das weißt Du recht gut; mit mir, denkſt Du, kannſt Du hernach umſpringen, wie Du willſt. Aber wir wollen Dich lehren, Flauſen machen, Du erbärmlicher Haarkräusler, Du!“ Und Brigitte ſchlug den grünen Schleier zurück, und feuchtelte dem in der weißen Cravatte mit ihrer knöchernen Fauſt unter der Naſe. „Meinetwegen,“ ſagte Jean ärgerlich;„er hat mir freilich fünf⸗ hundert Thaler in ſeinem Teſtament vermacht.“ Brigitte lachte.„Biſt verrückt,“ ſagte ſie,„fünfhundert Thaler! und der Alte hat Hunderttauſende in ſeinem Schrank! Willſt Du, oder willſt Du nicht? Du findeſt den Schlüſſel Dein Lebtage nicht, wenn Du auch den Alten allein würgen wollteſt.“ „Nehmt doch nur Vernuft an,“ ſagte Jean,„ich will ja! Aber es bleibt bei der Verabredung! Ihr thut's und ich ſchlage nachher Lärm, denn ſonſt fällt der Verdacht gleich auf mich.“ „Ja, ja!“ brummte Kilian. „Ich habe den Fenſterladen aufgelaſſen,“ ſagte Jean;„er wird ihn zu haben wollen, wenn ich ihn zu Bett bringe; dann werde ich ———.— 220 Die von Hohenſtein. das Fenſter aufmachen, als ob ich den Laden nicht könnte. Dann haltet ihr die Leiter bereit.“ „Will ſchon,“ ſagte Kilian,„mach' nur, daß Du auf Deinen Poſten kommſt.“ Der Alte war, nachdem Ambroſius ihn verlaſſen hatte, noch ein paar Minuten, zwinkernd, nickend, ſein heiſeres Lachen meckernd, vor dem Kamin ſitzen geblieben; dann erhob er ſich, hinkte nach der Thür zu ſeinem Wohnzimmer, die er abriegelte, dann nach einer dunklen Ecke des Zimmers, wo er aus einem unſcheinbaren Käſtchen einen kleinen Schlüſſel nahm. Mit dieſem humpelte er zu dem eiſernen Schranke, der neben ſeinem Bette ſtand, ſchloß denſelben auf und nahm eine Chatulle heraus, die er auf das Tiſchchen neben ſeinem Lehnſtuhl vor den Kamin trug. Die Anſtrengung hatte ihn ganz er⸗ ſchöpft; er ſaß, zuſammengefallen, keuchend, hüſtelnd da. Dann, als er wieder zu Athem gekommen, drückte er an die Feder der Chatulle und nahm die Papiere, die in derſelben ſorgſam aufeinandergeſchichtet waren, heraus. Es waren Staatsſchuldſcheine, Pfandbriefe, Kaſſen⸗ anweiſungen von höchſtem Werth. Seine runzlichen, ſchwärzlichen Hände zitterten, während er die Papiere eins nach dem andern an das Licht der Lampe hielt und durch ſeine Brille betrachtete. So oft er mit dieſer Betrachtung fertig war, warf er das Papier auf die glühenden Kohlen und glimmenden Scheite im Kamin, und jedesmal, wenn die Flamme hell aufflackerte, kicherte er und murmelte:„Das baare Geld, das ſich vorfinden wird, ſollt ihr unter euch theilen. So ſteht's geſchrieben, nun ſucht's einmal aus der Aſche zuſammen! Tauſend weniger; tauſend Stiche, die ich Euch in's Herz gebe, ver⸗ dammte Brut;— zweitauſend, nichts ſollt ihr haben;— dreitauſend; ja tanzt und ſcharrt mir nur über dem Kopf; euch ſoll das Tanzen ſchon vergehen;— vier⸗, fünf⸗, ſechstauſend, das wäre ein Freſſen für die Brut!“— So fuhr er fort zu kichern und zu murmeln, bis der Kaſten geleert war. Er lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, hüſtelte und kicherte und nickte— ſtarrte in die glühenden Kohlen, auf denen jetzt eine leichte ſchwarze Aſche ſich hob und ſenkte, nickte wieder, nickte tiefer und tiefer und träumte: Jean käme zur Tapetenthür in dem Alkoven herein und ſchlich leiſe über den Teppich nach dem Fenſter, Dritter Band. 221 das er leiſe, ganz leiſe öffnete, und durch das Fenſter ſtreiche die Nachtluft kalt herein, kälter, immer kälter, und zwiſchen die Kohlen im Kamin und ihm ſelbſt ſchöbe ſich langſam das Geſicht des Kilian und ſtarrte ihn mit gierigen Augen an. Mit einem Angſtſchrei fuhr der alte Mann aus ſeinem lethargi⸗ ſchen Zuſtand in die Höhe. Er hatte das Geſicht des Kilian nicht geträumt; da kauerte der Menſch vor ihm und reckte die Hände nach ſeinem Halſe. Er griff nach der Klingelſchnur und riß daran mit der Kraft der Verzweiflung. „Schneid' die Schnur durch, Jean!“ rief der Kilian, indem er auf den Alten ſtürzte. 5 Wann haſt Du ie Staur uc durcgſhnitten ten, Dummkopf?“ „Es war zu ſpät.“ „Verflucht!“ „Macht, daß Ihr fertig werdet!“ ſagte die Stimme der Brigitte vom Fenſter her. „Der Schrank ſteht auf, es iſt nichts darin!“ flüſterte Jean, der an allen Gliedern zitterte. „Du haſt ihn ſchon vorher beſtohlen, Du Schuft!“ „Macht, daß Ihr fertig werdet!“ „Wo ſollen wir denn nun ſuchen?“ „Es kommen Leute den Corridor herauf,“ keuchte Jean, der an der Tapetenthür horchte. Kilian horchte ebenfalls. Es war kein Zweifel; man hatte das furchtbare Läuten gehört; man kam, zu ſehen, was es gebe. Der Menſch ſtieß einen gräßlichen Fluch aus, ſprang nach dem Fenſter und ſchwang ſich hinaus. Jean, der ſich mit dem Todten allein ſah, und die Leute ganz nahe hörte, und in ſeiner Angſt den Schlüſſel, den er hatte fallen laſſen, nicht wieder finden konnte, eilte dem Mör⸗ der nach. Man klopfte an; man rief; man klopfte wieder. Einer, der entſchloſſener war, als die Anderen, ſtieß die Thür auf— da lag die alte Excellenz in dem Lehnſtuhl vor dem Kamin— erwürgt. Die Knochenhand hielt noch den Griff des Glockenzuges umfaßt. Der eiſerne Geldſchrank ſtand auf— die leere Kaſſette auf dem 222 Die von Hohenſtein. Tiſch— das offene Fenſter, an dem noch die Leiter lehnte— Mord, Mörder, Mord! ſo heulte es in der Stube, die Corridore entlang, die Treppen hinauf bis in die hohen lichterfüllten Räume, in denen beim jubelnden Schalle der und e die b ſich im Tanze drehten S Die, welche darauf gewettet, daß Frau Antonie von Hohenſtein, trotz aller Gerüchte, die ihren Namen mit der Flucht Münzers in Verbindung brachten, trotz aller Hausſuchungen, durch die man ſie beleidigt hatte, auf dem Zauberfeſte in Rheinfelden erſcheinen werde, hatten gewonnen. Antonie war gegen acht Uhr gekommen, und hatte die Equipage wieder nach Rheineck zurückgeſchickt,— ein Beweis, daß die gnädige Frau entſchloſſen war, den Handſchuh, den ihr die Geſell⸗ ſchaft etwa hinſchleudern könnte, aufzunehmen. Aber, wenn— woran nicht zu zweifeln war— ein Theil derſelben wirklich in feindſeliger Stimmung gegen die Dame war, ſo machte doch die Schönheit der Sünderin das ſtrenge Gericht, das über ſie ergehen ſollte, zu nichte. Antonie war noch keine Viertelſtunde in dem Saal, als ſie ſich von Bewunderern umgeben ſah, wie in ihren glänzendſten Tagen. Und in der That ſchien es kaum möglich, einer ſo zauberhaften Erſchei⸗ nung nicht zu huldigen. Selbſt die fanatiſchen Anbeter Camilla's mußten einräumen, daß dieſe junge Dame ſich weder an ſtolzem Wuchs, noch feſſelnder Schönheit des Geſichtes mit dieſer Neben⸗ buhlerin meſſen könne, von der Anmuth der Bewegung und der Ge⸗ wandtheit in der Converſation— Eigenſchaften, in denen Antoniens Meiſterſchaft anerkannt war— ganz zu ſchweigen. Se. Durchlaucht ſogar, der ſich vis jetzt faſt ausſchließlich mit Camilla beſchäftigt hatte, ließ ſich Frau von Hohenſtein, die er heute zum erſten Male ſah, vorſtellen und äußerte gegen ſeinen Adjutanten:„Vollblut, auf Ehre, Nadelitz, reines Vollblut!“— welches geiſtreiche Wort natürlich in zehn Minuten die Runde durch den Saal machte. Freilich ſchien es die ſchöne Frau heute Abend auch darauf abgeſehen zu haben, einen vollkommenen Triumph zu feiern. Sie ſtrahlte von Diamanten und Dritter Band. 223 Liebenswürdigkeit— und dieſe Liebenswürdigkeit ſtand dem blaſſen Geſicht und dem dunklen Lodern der unergründlichen Augen ſo ſonder⸗ bar!„Wenn ich eine Sphinx oder eine Meduſe zu malen hätte— Sie müßten mir dazu ſitzen!“ flüſterte Kettenberg, indem er ſich über die Lehne ihres Stuhls beugte. „Ah, da ſind Sie!“ rief Antonie,„ich muß Ihnen doch auch mein Compliment über Ihre Arrangements machen. Alle Welt iſt Ihres Lobes voll.“ Sie ſtand auf und trat, ſcheinbar in gleichgiltigem Geſpräch mit dem Maler, in eine Fenſterniſche: „Heute!“ „Wann?“ „Um zehn.“ „Alles ſteht gut?“ „Ja; und hier?“ „Vortrefflich! ich ſpiele meine Rolle aber auch zum Entzücken— toller, als je, ſage ich Ihnen. Haben Sie keine Sorge, gnädige Frau, daß man uns beargwohnt. Die hier“(und der Maler wies mit dem Daumen über die Schulter in den Saal)„haben genug mit ſich ſelbſt zu thun. Ich ſage Ihnen: hier gehen Dinge vor!“— „Still! wir werden beobachtet! laſſen Sie mich allein!“ Der Maler beſchrieb mit der rechten Hand einige kühne Be⸗ wegungen, lachte laut, verbeugte ſich und trat von der Niſche zurück.. Der Obriſt von Hohenſtein ſtrich, wie von ungefähr, an der Stelle, wo Antonie ſtand, vorbei und ſagte, als er in ihrer unmittel⸗ baren Nähe war: „Krieg oder Frieden?“ Antonie antwortete nicht; ihre Augen ſprühten Blitze tödtlichen Haſſes; ſie fuhr mit der rechten Hand nach ihrem Herzen und ließ dieſelbe dann langſam wieder ſinken. „Pah,“ ſagte der Obriſt;„Sie ſollten vernünftig ſein und Frie⸗ den mit mir machen; er iſt ja nun fort, oder doch paſſabel ſicher ver⸗ ſteckt; was wollen Sie mehr?“ Antonie antwortete nicht, regte ſich nicht. Der Obriſt zuckte die Schultern und ging weiter. Er hätte viel darum gegeben, wenn 224 Die von Hohenſtein. Antonie auch nur eine Spur von Vergebung hätte blicken laſſen. Worüber brütete ſie? Der Obriſt war ein tapferer Mann, aber Antoniens Haltung war ihm ſehr unheimlich. Er hatte ſchon die verſchiedenſten Verſuche gemacht, ſich ihr wieder zu nähern; immer war er wie heute zurückgewieſen worden. Er hatte ſich vorgenommen, ſich die ſchöne Frau und das Verbrechen, das er an ihr begangen, aus dem Sinne zu ſchlagen; aber es war ihm unmöglich. Wie mit magiſcher Gewalt zog es ſeine Gedanken wieder und immer wieder auf den einen Punkt. Er wußte nicht, ob er Antonie liebe oder haſſe; das eine Mal hätte er ſie mit kaltem Muthe morden, das andere Mal ſich vor ihr niederwerfen und den Staub von ihrem Wege küſſen mögen. Es war, als er damals den entſetzlichen Handel mit An⸗ tonien abſchloß, nicht ſeine Abſicht geweſen, Münzer zu verderben; er hatte wirklich den Preis ſeiner böſen Luſt bezahlen wollen; aber der Haß, den ihm ſein Opfer gezeigt, der quälende Gedanke, daß in den Reizen, die ihm ſelbſt im Genuß mißgönnt waren, der Neben⸗ buhler geſchwelgt habe und wieder ſchwelgen werde, hatten ihm am folgenden Tage zum wortbrüchigen Verräther gemacht. Er hatte ſeit⸗ dem keinen ruhigen Augenblick gehabt; es war, als ob jene ſchlimme Stunde ſein Blut vergiftet habe; ſobald er die Augen ſchloß, ſah er das von Zorn, Schaam, Haß und Rachedurſt verzerrte ſchöne Geſicht. Der kalte, freche Wollüſtling, der in ſeinem Leben nie das mindeſte Mitleid mit ſeinen Opfern gehabt hatte, fühlte ſich in dem Bann einer abergläubiſchen Furcht, die er wegzuſpotten und weg⸗ zuſchwelgen ſuchte. Antonie war noch ein paar Augerblide in der Niſche ſtehen ge⸗ blieben, und hatte dem Obriſt mit dem Blick eines Dämons, der tödten muß und tödten will, nachgeſehen.„Er oder ich,“ murmelte ſie,„oder wir Beide.“ Die Stunde der Rache war gekommen; ſobald ſie Münzer befreit und in die Arme ſeiner Gattin zurückgeführt hatte, ſollte es geſchehen. Das hatte ſie ſich mit fürchterlichen Eiden tauſendmal geſchworen. Ob ſie ſelbſt dabei zu Grunde gehen würde— ſie dachte kaum daran, und wenn ſie daran dachte, war es ihr gleichgiltig. Was war ihr das Leben? ein Leben unter dem entſetzlichen Druck einer Erinnerung, Dritter Band. 225 die, mit Geduld ertragen, ſie in ihren eigenen Augen zur Dirne, oder wenn ſie dieſelbe fortwühlen und fortbrennen ließ, zur Furie machte.—„Er oder ich, oder wir Beide!“ Das war der eintönige Geſang, den ihr jede Stunde krächzte, das war die Melodie, nach der ſie den Dolch geſchliffen hatte, den ſie ſeit jenem Tage beſtändig am Buſen unter ihren Kleidern verborgen trug. Sie wußte, daß der Obriſt ſterben werde, ſelbſt in dem Falle, daß ihr Racheplan miß⸗ glücken ſollte. Cajus hatte ihr mit finſterm Lächeln geſagt, daß er wegen einer alten Schuld, die nur mit Blut bezahlt werden könne, abzurechnen habe mit dem Obriſt; ſie hatte jetzt nur die eine Furcht, daß Cajus ihr zuvor kommen könne, ſie um die Wolluſt vollbrachter Rache betrügen könne. Jetzt zürnte ſie ſich, daß ſie abermals nicht vermocht hatte, dem Feinde Verzeihung zu heucheln. War das doch der erſte Schritt zum Ziel! ſie hatte nicht gedacht, daß dieſer erſte Schritt ſo furchtbar ſchwer ſei! aber bei dem Anblick jenes Mannes war es, als ob der Wahnſinn ſie packe. Sie drückte die Hände gegen die klopfenden Schläfen, raffte ſich dann mit einem gewaltſamen Ent⸗ ſchluß empor und trat dem Lieutenant von Todwitz entgegen, der ſeine ſchöne Tänzerin voller Verzweiflung überall in dem Saale ſuchte. Sie hatte ihm einen Contretanz verſprochen, und nun ſchmetterte die Muſik bereits von der Gallerie herab, die Paare waren ſämmtlich ſchon angetreten; er war ſo ſtolz im Vorgeſchmack eines Glückes ge⸗ weſen, das ſeinem jungen Rufe die Krone aufſetzen mußte— ſein Entzücken, Antonien endlich gefunden zu haben, war grenzenlos. Dieſer Contretanz— es ſollte der letzte Tanz vor dem Souper ſein— vereinigte alle Schönheiten des Abends. Camilla, die von ihrem Gemahl geführt wurde, ſchien in Anbetracht, daß der Prinz felbſt ihr vis-àvis war, ein Unglück, welches ſie unter andern Um⸗ ſtänden ſehr ſchmerzlich berührt haben würde, ziemlich leicht zu neh⸗ men. Sie ſchwebte dem Prinzen mit dem huldvollſten Läch n ent⸗ gegen und hatte für die Unterhaltung ihres Gemahls offenbar kein Ohr. Der Geheimrath war außer ſich. Die Verachtung, mit der ihn ſeine junge Gemahlin behandelte, war ſo offenbar, daß er den Leuten dankbar ſein mußte, wenn ſie ihm nicht geradezu in's Geſicht lachten. Sein Herz ſchwoll von Bosheit und Eiferſucht über; er Fr. Spielhagen's Werke. MR. 15 5 226 Die von Hohenſtein. haßte dieſes junge Geſchöpf, deſſen Beſitz er ſich als die höchſte Wolluſt ausgemalt hatte, und das ihn nun gefliſſentlich zu einem alten Gecken machte. Aber ſie ſollte es empfinden; ſie ſollte ihn nicht ungeſtraft verhöhnen. „Wir fahren nach dem Tanz, Camilla;“ ziſchelte er. „Was?“ „Wir fahren nach dem Tanz, ſofort.“ „Albernes Zeug; der Prinz hat ſchon geſagt, daß er beim Souper neben mir ſitzen wolle.“ „Les cavaliers seuls!“ Der Prinz avancirte, ſich graziös in den Hüften wiegend, geziert nachläſſigen Schrittes, Camilla fortwährend mit verliebtem Lächeln anblickend. Schnepper nagte vor Wuth an den dünnen blaſſen Lippen. „Bei meiner Seelen Seligkeit,“ murmelte er,„wir fahren nach dem Tanz und ſollte ich Dich bei den Haaren in den Wagen ziehen.“ Camilla wurde blaß; mit dem ihr eigenen Scharfblick ſah ſie, daß Schnepper an der Grenze ſeiner Geduld angekommen, daß er für heute ſeinen Willen durchſetzen werde, und daß ihre Ehe von dieſem Augenblick an ein Kampf auf Tod und Leben ſei. „Du ſollſt es bereuen!“ murmelte ſie. „Wollen ſehen, wer es am längſten aushält;“ erwiderte Herr von Schnepper mit dem Zähnefletſchen eines boshaften Affen. Zu derſelben Zeit tanzte Willamowsky, der die ſchöne Georgine von Hinkel führte, einen böſen Tanz. Georgine hatte, bevor ſie ſich mit Herrn von Brinkmann verlobte, mit Kettenberg in einem Ver⸗ hältniß geſtanden, das der frechen Sinnlichkeit dieſer jungen Dame und der grenzenloſen Lüderlichkeit des Künſtlers entſprach. Sie wußte recht wohl, daß Kettenberg ihr keine rigoroſe Treue bewahrte(eben ſo wenig, wie ſie ihm); ja, dies ſonderbare Paar hatte die Gewohn⸗ heit, ſich gegenſeitig die Erfahrungen, welche ſie auf ihren dunklen Wegen machten, mit eyniſcher Offenheit mitzutheilen. So kannte Georgine Aureliens Liebe zu Kettenberg ſehr gut, um ſo beſſer, als Aurelie ſelbſt die Tugend der Verſchwiegenheit(auch in ihren eigenen Angelegenheiten) in einem äußerſt geringen Grad beſaß. Georgine gönnte Aurelien(die von jeher ihre Nebenbuhlerin geweſen war) die Dritter Band. 227 immerhin noch glänzende Partie mit dem Baron keineswegs; ſie wußte, daß nur Aurelie zwiſchen ihr und der Erfüllung ihres Wunſches: Baroneß von Willamowsky zu werden, geſtanden hatte, und haßte demzufolge Aurelien mit einem Haß, der darum nicht weniger gründ⸗ lich war, weil er ſich unter der Maske hingebender Freundſchaft ſorg⸗ fältig verſteckte. Aber haſſen und dem gehaßten Gegenſtande ſo viel als möglich ſchaden, waren für Georgine von Hinkel identiſche Dinge, und ſo war ſie denn von Anfang an unabläſſig bemüht geweſen, in das gutmüthige Herz des friedliebenden Rous Tropfen um Tropfen das Gift der Eiferſucht zu träufeln. Und heute hatte ſie nun ſo reiche Gelegenheit gehabt! Kettenberg war in ſeinem Beſtreben, den Harmloſen in ſeinem Sinne zu ſpielen, mehr als gewöhnlich unvor⸗ ſichtig in ſeinem Betragen gegen Aurelie geweſen, und Aurelie hatte, ganz verloren in ihrer Liebe und der Erinnerung von heute morgen, jede Rückſicht bei Seite geſetzt. „Sehen Sie doch, wie ſie ihm fortwährend mit den Angen folgt,“ ſagte Georgine,„Sie müſſen ſich mit ihm ſchießen, Willamowsky; bei Gott, das müſſen Sie!⸗ „O, mein Himmel! und ich liebe ſie ſo!“ ſeufzte der arme Baron aus der Tiefe ſeines Herzens. „Umſomehr müſſen Sie es!“ flüſterte Georgine. „Und das an meinem Hochzeitstage!“ Das Fräulein lächelte ironiſch.„Kettenberg iſt bereits drei Tage hier; das war ein wenig unvorſichtig von Ihnen, lieber Willa⸗ mowsky, wenn Sie Ihr Glück aus der erſten Hand haben wollten.“ Der arme Gefolterte ſtöhnte.„Verzeihen Sie,“ ſagte er,„aber ich kann nicht mehr: mir ſchwimmt Alles vor den Augen.“ Er ſchwankte aus der Reihe der Tanzenden nach einem Divan. Eine Aufregung entſtand an dieſem Punkte des Saales.„Er iſt ohn⸗ mächtig;— die große Hitze;— wo iſt denn die junge Fraud“— Aurelie kam herbeigeeilt; der Baron brach in Thränen aus, als ſie ſich über ihn beugte. „Biſt Du toll, Stillfried?“ flüſterte die Erſchrockene;„um Him⸗ melswillen, alles Andere, nur keine Scene!“ Da bot ſich den Gäſten, die, zum Theil voller Erſtaunen, zum 15* 228 Die von Hohenſtein. Theil mit kaum verhehlter Schadenfreude, dieſen eigenthümlichen Vor⸗ gang beobachteten, ein anderes Schauſpiel, das allerdings nur eine Erklärung zuließ. Aus einem der Seitenzimmer, in welchem eine große Anzahl beſonders jüngerer Officiere ſchon ſeit dem Beginn des Balles faſt ununterbrochen der Flaſche zugeſprochen hatten, kam Kuno, bis zur Sinnloſigkeit betrunken, mit aufgeknöpfter Uniform, taumelnd, lallend, gefolgt von ſeinem Bruder Odo, der, obgleich augenſcheinlich ebenfalls berauſcht, doch noch verſuchte, den Bruder zurückzuhalten. Laß mich in drei Teufels Namen,“ ſchrie Kuno;„ich will mein ſchönes Couſinchen küſſen, will ich; und wenn der lederne Kerl von Schnepper, oder der Pri— Prinz—“ Einige Officiere, die in der Nähe ſtanden, ſprangen auf den Lärmenden zu, ihn wieder aus dem Saal zu führen; aber Kuno riß ſich los und taumelte bis mitten zwiſchen die Partie, in welcher Camilla bleich und düſtern Auges neben ihrem Gemahl ſtand und die Augen nicht mehr zu dem erſtaunten Prinzen aufzuſchlagen wagte. Der Prinz ſah den Trunkenen zuſammenbrechen und trat ſchnell aus der Reihe zurück. Alles kam aus der Ordnung; man eilte davon, oder drängte ſich herzu und plötzlich hörte man von dem Haupt⸗ eingange des Saales her: Mord, Mörder!— Wer? was?— Ich weiß es nicht— die alte Excellenz— unmöglich— entſetzlich— ſ rief und rannte und flüſterte und ſchrie Alles durcheinander, ſich in dichtem Schwarm nach der Thür wälzend. Frauen wurden ohn⸗ mächtig— die Verwirrung hatte den höchſten Grad erreicht— dazu ſchmetterten die Trompeten und quinquilirten die Hobven, bis mit einem Schlage die Muſik verſtummte und die plötzliche Stille das Entſetzen noch vergrößerte. Unterdeſſen hatten Antonien Angſt und Ungeduld aus dem heißen Saal auf den kühleren Corridor getrieben. Die Stunde, in Cajus und Rüchel in ihrem Wagen die in dem Thurm Verſteckten abholen ſollten, war gekommen, und die Minuten wurden ihr zu Ewigkeiten. Da dringt das Mordgeſchrei die Treppe herauf. Eine böſe Ahnung ſagt ihr, daß dieſer Zwiſchenfall unheilbringend für Münzer's Flucht werden könne. Ihre Ahnung hat ſie nicht be⸗ Dritter Band. 229 trogen. Kaum iſt ſie, dem Geheul der Weiber und dem Rufen der Männer die Treppe hinab, die Corridore entlang folgend, bis vor die Thür des Ermordeten gekommen, als ſie die Worte vernimmt: Ich habe ſie laufen ſehen— nach dem Dorf zu— man muß ihnen nachſetzen.— Ihr Entſchluß iſt gefaßt, wenn man die Eingebung des Augen⸗ blicks, die mit der Gewalt einer Naturkraft wirkt, einen Entſchluß nennen kann. Wie ſie da iſt, eilt ſie den Corridor zu Ende in den Gartenſaal, aus dem Gartenſaal an den ſich ängſtlich durcheinander⸗ drängenden Dorfleuten vorüber in den Park. Sie kennt von früheren häufigen Beſuchen die Dertlichkeit genau; ſie weiß, daß am Ende des Parks eine Pforte durch die Mauer auf einen Fußpfad führt, auf dem man in wenigen Minuten die Stelle, wo in dieſem Augen⸗ blicke der Wagen halten muß, erreichen kann. Die Angſt beflügelt ihren Fuß, aber betäubt ihre ſonſt ſo ſcharfen Sinne; ſie hört nicht, daß ihr in einiger Entfernung Jemand folgt, ver ſich, wo es angeht, an die Hecken drückt und hinter den Bäumen wegſchleicht, aber im⸗ mer Schritt mit ihr hält, getrieben, wie er iſt, von Eiferſucht und einer dämoniſchen Gewalt, die ihn wie mit Zauberbanden an die Ferſen des ſchönen Weibes feſſelt. Sie erreicht die Pforte; ſie eilt auf dem ſchmalen Rain unter den Kaſtanien an dem tiefen Graben hin, in welchem das Waſſer hier und da leiſe gurgelt. Sie eilt ſchneller und immer ſchneller, denn ſie ſieht bereits den Wagen halten. Sie wagt nicht zu rufen, aus Furcht, man könne ihren Ruf mißdeuten und irgend eine Unbeſonnenheit begehen. Plötzlich, wie ſie das Ende der Kaſtanien faſt erreicht hat, tritt ihr eine Geſtalt entgegen, die ſich von dem Schatten des Baumes loslöſt. Es iſt Münzer ſelbſt, der ihr weißes Kleid von ferne hat ſchimmern ſehen, und den Moment benutzend, wo die Andern mit den Wagen be⸗ ſchäftigt ſind, der auf dem ſteinigen Wege in der Dunkelheit Schaden gelitten hat, ihr entgegen geeilt iſt. Sie wirft ſich zitternd vor Aufregung an ſeine Bruſt; ſie will ſagen: fliehe! aber die Kehle iſt ihr wie zugeſchnürt; ſie kann nichts, als ihn von ſich drängen. Er nimmt in Worten, die ſie kaum vernimmt, Abſchied von ihr; er ſchwört ihr, daß er ihrem Wunſche Folge leiſten wolle, daß aber Die von Hohenſtein. 230 keine Macht des Himmels und der Erde, keine heiligſte Pflicht ihn verhindern könne, ſie zu lieben. Sie drängt ihn mit immer größerer Angſt von ſich und hat ſich endlich ſo weit erholt: Flieh' Bernhard, flieh'! ſtammeln zu können. In dieſem Moment ſpringt der Mann, der ihr vom Parke her gefolgt iſt, aus den Bäumen hervor, und rennt ſeinen Degen Münzer unter dem Arm in die Bruſt. Lautlos ſtürzt Münzer zuſammen. Antonie erkennt den Obriſten, mit der Schnelligkeit des Gedankens hat ſie den ſcharfen Stahl, den ſie am Buſen verborgen trägt, er⸗ griffen und ſchwingt ihn gegen das Herz ihres Todfeindes, der ver⸗ wundet, aber nicht tödtlich getroffen zurücktaumelt. Er ſtößt einen grimmigen Fluch aus und wendet ſich, mit dem Griff ſeines Degens, — die Klinge iſt bei dem wüthenden Stoß abgebrochen— zum Schlage ausholend, gegen ſie. Aber bevor der Arm des Raſenden fällt, packen ihn ein paar Hände, gegen deren Kraft die ſeine hülflos iſt, an der Kehle, reißen ihn mit einem furchtbaren Ruck zu Boden und ſchleifen ihn nach dem Graben. Antonie hat ſich über den Körper Münzer's geworfen; ſie ſieht und hört Nichts von dem Entſetzlichen, das in ihrer unmittelbaren Nähe geſchieht; ſie ſieht Nichts, als das Antlitz des Geliebten, das ihr mit Todesbläſſe bedeckt ſcheint; ſie hört Nichts als ſein Röcheln, das immer leiſer und leiſer wird. Wolfgang, der gleich hinter Cajus auf dem Orte des Schreckens angekommen iſt, verſucht Münzer in die Höhe zu heben; ein Blut⸗ ſtrom entſtürzt dem Munde deſſelben; ſein Kopf ſinkt matt auf die Seite; doch richtet er ſich noch einmal auf und murmelt:„Zu ihr, bringt mich zu ihr.“ Cajus tritt wieder heran und heißt Wolfgang, den Oberkörper des Verwundeten höher halten. Cajus Stimme iſt vielleicht um einen Schatten rauher und dumpfer als gewöhnlich; ſonſt iſt keine Veränderung an ihm; man ſieht nicht, ob das, was er ſich mit ſeinem Tuch von den Händen wiſcht, Blut oder Waſſer iſt. Sie heben den Sterbenden in den Wagen; Antonie und Wolfgang ſetzen ſich zu ihm; Cajus ſchwingt ſich zu Rüchel auf den Bock, ergreift die Zügel und peitſcht auf die Pferde. Der Wagen ſchwankt den ſteinigen ——— Dritter Band. 231 Abhang hinab; dann geht es über die Felder in einem Bogen um das Dorf herum, zuletzt auf der Uferſtraße in geſtrecktem Galopp nach Rheineck, an Rheineck vorüber weiter bis nach Kirchheim auf den Pfarrhof, deſſen Thor ſchon geöffnet iſt und alsbald von Am⸗ broſius ſelbſt, den ſeine Nichte im letzten Augenblick in das Geheimniß gezogen hat, geſchloſſen wird. Clärchen ſtürzt an den Wagen; aber Wolfgang kommt ihr zu⸗ vor; er ſagt ihr, was nicht zu verheimlichen iſt. Clärchen ſtößt einen dumpfen Weheſchrei aus und taumelt zurück. Dann rafft ſie ſich wieder auf und faßt die Hand ihres Gatten, der eben von den Männern aus dem Wagen gehoben, in das Haus, in die Stube getragen und auf des Pfarrers Studirſopha gelegt wird. Sie fällt an ſeiner Seite auf die Kniee und blickt thränenloſen Auges in das fahle Geſicht. Er hebt die todesmüden Lider noch einmal und ver⸗ fucht zu lächeln und im Lächeln erſtarrt ſein Geſicht; Clärchen ſieht es; ein wimmerndes Stöhnen dringt herzerſchütternd aus ihrer ge⸗ quälten Bruſt; ſie ſinkt in einer halben Ohnmacht über den geliebten Todten. Antonie ſteht aufrecht zu Häupten des Sopha's; ihr ſchmerz⸗ verzerrtes Antlitz iſt furchtbar anzuſchauen. Als Wolfgang ſich theilnehmend zu ihr wendet, ſieht ſie ihn mit öden, ſtieren Blicken an und murmelt:„Ich habe es gut machen wollen.“ Cajus, der hinausgegangen iſt, tritt wieder herein und klopft Wolfgang und Rüchel auf die Schulter: „Ich habe das Signal gehört; der Dampfer iſt in zehn Minuten hier; wir brauchen zehn Minuten, um an das Ufer zu kommen; beeilt Euch. Ihr könnt hier doch Nichts mehr helfen.“ Die von Hohenſtein. Schluß. Im zweiten Sommer nach dieſen Ereigniſſen, an dem Abend eines heißen Julitages, muſterten drei Männer die Fortſchritte, die ein gewaltiger Bau, der den Vorſprung eines Hügels an einem der ſchönſten Punkte der Schweiz krönen ſollte, während der letzten Woche gemacht hatte. Der älteſte dieſer Männer— ein rüſtiger Fünfziger, mit einem feinen, intelligenten Geſichte— hatte den Arm vertraulich in den Arm ſeines jüngeren Gefährten gelegt und hörte unter manchem Kopfnicken und vielem Hm's und Ja⸗ja's den Er⸗ örterungen zu, die ihm Jener über den Stand des Baues gab, während der Dritte— ein ſchlanker, ſchwarzäugiger Krauskopf, der Papiere und Zeichnungen unter dem Arm(und die Mütze auf das rechte Ohr gerückt) trug und wohl der Oberaufſeher ſein mochte, nebenher ging, und das Lob, das ihm der ältere Herr ſpendete, als Etwas, das ſich von ſelbſt verſtand, hinnahm. „Sehr gut, ſehr gut;“ ſagte der ältere Herr;„Ihr ſeid Teufels⸗ kerle, das muß ich ſagen; wir kommen wahrhaftig noch vor dem Winter unter Dach— das übertrifft meine kühnſten Erwartungen; ſehr gut, ſehr gut.“ Wenn es den Herren genehm iſt, ſo möchte ich jetzt in die Bauhütte,“ ſagte der mit den Zeichnungen;„ich habe die Zahlungs⸗ liſten für die Maurer noch nicht abgeſchloſſen.“ „Sehr gut;“ ſagte der ältere Herr; während ſein Gefährte freundlich mit dem Kopfe nickte. Der mit den Zeichnungen faßte militairiſch grüßend an ſeine Mütze, drehte ſich auf dem Hacken um und ſprang leicht und ſicher die anſehnlich hohen Terraſſen, die an dieſer Stelle den Hügel hin⸗ auf gemauert waren, hinab. „Ein prächtiger Menſch, der Rüchel,“ ſagte der ältere Herr; „gefüllt mir ſehr; rührig, intelligent, brav— ein Capitalkerl— Ihr bei Euch zu Lande könnt ſolche Leute natürlich nicht Sen natürlich!“ —— ——— — —— Dritter Band. 233 „Das klingt ja gerade wie ein perſönlicher Vorwurf für mich,“ ſagte der Andere lächelnd. „Für Sie, lieber Wolfgang? nein, gewiß nicht! Sie kann man dort auch nicht brauchen— zum Glück für mich. Was ſollte ich ohne Sie anfangen?“ „Und haben ſich doch ſo lange ohne mich beholfen.“ „Behelfen müſſen! weil ich Niemand hatte, der auf meine Ideen einging, eingehen konnte. Und wahrhaftig: es war Zeit, daß ich Sie fand; die Sachen wuchſen mir zuletzt über den Kopf; ſo lange man jung iſt, glaubt man Alles ganz allein thun zu können; je älter man wird, deſto mehr kommt man zur Einſicht, daß unſere Kraft doch ſehr beſchränkt iſt und daß wir nur in Gemeinſchaft mit Anderen eine Garantie für den Erfolg unſrer Beſtrebungen haben. So iſt mir auch die Verbindung mit Ihrem Onkel unſchätzbar. Er iſt ein volks⸗ wirthſchaftliches Genie; ſein Syſtem des Credit-, Sparkaſſen⸗ und Conſum⸗Vereinsweſens, wie er es mir heute Mittag entwickelt hat, iſt bewunderungswürdig. Auf den ſtarken Schultern dieſes Mannes ruht wahrlich ein Theil der Zukunft nicht blos Deutſchlands, ſondern Europa's, ja der ganzen Welt. Ich rechne es mir zu einem der größten Glücksfälle meines Lebens, daß es mir vergönnt war, einen ſolchen Mann zu dem Einen verholfen zu haben, woran es ihm von je gefehlt hat: zu einem ordentlichen Capital. Und wie haben ſich unſere Fabriken gehoben, ſeitdem er die Commiſſion für Deutſchland übernommen hat. Wir werden einen glänzenden Jahresabſchluß haben.“ Herr von Degenfeld rieb ſich vergnügt die Hände und blickte an dem hohen Gerüſt hinauf, auf welchem die Leute noch munter arbeiteten.* „Wie das wächſt!“ ſagte er.„Und wie ich mich ſchon auf das nächſte Jahr freue! Von allen Enden werden ſie herbeiſtrömen. Das Curhaus ſoll in kürzeſter Friſt ein weltberühmter Name ſein. Wo auf der Erde giebt es einen Ort, der, wie dieſer, Alles vereinigt, einen zerrütteten Organismus wieder zur Geſundheit zu ſtimmen: mildeſtes Klima, reinſte Luft und eine Natur, die den größten Hypo⸗ chonder zum Glauben an die Herrlichkeit der Welt bekehren muß. 234* Die von Hohenſtein. Wem hier nicht geholfen wird, dem iſt nicht zu helfen; meinen Sie nicht auch, Wolfgang?“ Der junge Mann hatte die letzten Worte ſeines väterlichen Freundes nicht vernommen; eine kleine Geſellſchaft von zwei Herren und zwei Damen, die den eben fertig gewordenen bequemen Weg zum Hügel hinaufkamen, hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch gefeſſelt. „Da kommen ſie!“ ſagte er, unwillkürlich ein paar Schritte nach der Richtung hin machend, und ſich dann, als ſchämte er ſich ſeiner Ungeduld, ſchnell wieder zu Herrn von Degenfeld wendend. „Aha!“ lächelte dieſer;„immer noch der Liebhaber, trotzdem das Kind zu Hauſe in der Wiege ſchreit! Sehr gut! Aber wollen denn unſere Gäſte wirklich morgen ſchon fort? Reden Sie ihnen doch zu, Wolfgang!“ „Ich habe ſchon meine ganze Ueberredungskunſt aufgeboten; aber Sie wiſſen ja, daß der Onkel unbeugſam iſt in Dem, was er für ſeine Pflicht hält.“ Unterdeſſen waren die Vier herangekommen; voran Peter Schmitz, der Ottilien führte; hinter ihnen Dr. Holm, der Tante Bella unter⸗ gefaßt hatte. Ottilie machte ſich von dem Onkel los und kam ihrem Gatten entgegengehüpft:„Hedda ſchläft wunderſchön,“ flüſterte ſie ihm zu, während ſie ſchnell ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang; „ſolche rothe Bäckchen! ſie ſieht aus wie ein kleiner Engel.“ Peter Schmitz hatte ſich zu Herrn von Degenfeld geſellt. Dr. Holm wiſchte ſich den Schweiß von der kahlen Stirn, blickte ſpähend zu dem Bau empor, deſſen coloſſale Verhältniſſe ſich von dieſer Stelle herrlich präſentirten, und ſagte zu Tante Bella gewandt:„Sehr— orum gut— orum!“ Tante Bella antwortete nicht; ihre thränen⸗ feuchten Blicke hingen an Ottilien und Wolfgang, die jetzt Arm in Arm in eifrigem flüſternden Geſpräch nach dem Walde zu gingen. „Ich werde ſie nicht wiederſehen!“ ſagte Tante Bella. Dr. Holm ſchüttelte den Kopf. „Bleiben Sie hier, Tante Bella,“ ſagte er;„Sie halten's bei uns nicht aus; die Sehnſucht nach dem kleinen Weſen, das Sie nun zwei Monate lang, ich weiß nicht wie viel Stunden täglich, auf den Dritter Band. 235 Armen gewiegt und heute ſchließlich über die Taufe gehalten haben, wird Ihnen keine Ruhe laſſen. Bleiben Sie hier.“ „Nimmermehr!“ erwiderte Tante Bella mit großer Beſtimmt⸗ heit;„Ottilie braucht mich jetzt nicht mehr, und, ſo gern ſie mich auch hier behielte, in einer jungen Ehe iſt ein Dritter immer das fünfte Rad am Wagen. Und wenn ich hier wäre und Nichts zu thun hätte und denken müßte, daß Sie und Peter ſich zu Tiſch ſetzten in der großen einſamen Stube, und Ihr hättet Niemand, der Euch vorlegte und zumal Petern, der immer nicht ordentlich ißt, wenn man ihm nicht Alles zurechtſchneidet, und die Suppe wäre verſalzen, was Sie durchaus nicht vertragen können, Holmchen, und nun gar des Abends, wenn Ihr von Eurer Arbeit kommt— nein, nimmer— nimmermehr!“ und die gute Seele brach in Thrä⸗ nen aus. „Muth gefaßt alſo, Tante Bella!“ ſagte Holm;„Niemand kann zween Herren dienen. Und dann haben Sie ganz recht: Ihr Platz iſt bei uns; Schmitz würde Sie— ganz abgeſehen von mir— doch grauſam vermiſſen; er fragte mich heute: ob Sie ſich nun entſchieden hätten, und als ich ſagte: Sie würden wohl jedenfalls mitkommen, lächelte er, ſtrich ſich mit der Hand durch's Haar und ſagte; ſie iſt ein braves Mädel.“ „Hat er das wirklich geſagt?“ fragte Tante Bella, indem ihre Augen auf's Neue zu tropfen begannen. „Hallo! wohin geht denn die Reiſe!“ rief Herr von Degenfeld. „Ich denke, nach der Matte; zu einem längeren Spaziergang iſt es doch zu ſpät geworden!“ rief Wolfgang zurück. Sie ſchritten nun auf dem Wege hin, den Wolfgang für die Curgäſte in Spirallinien um den ganzen mit den verſchiedenartigſten Laub⸗ und Nadelhölzern dicht beſtandenen Hügel bis zur höchſten Spitze hinauf hatte führen laſſen. Die Anlagen waren noch nicht vollendet; noch waren die ſteinigen Wände des Hügels, wo man ſie, um den Weg zu gewinnen, hatte abarbeiten müſſen, nicht, wie es im Plane lag, mit Raſen und Schlingpflanzen überkleidet; noch waren viele Stellen, wo man Ruheplätze und Trinkhallen anzulegen ge⸗ dachte, erſt mit proviſoriſchen Bänken verſehen; aber der kühne, treff⸗ 236 Die von Hohenſtein. liche Plan, der dem Ganzen zu Grunde lag, war doch wohl zu er⸗ kennen und fand die einſichtige Anerkennung Onkel Peter's und Holm's. Man konnte ſich an den herrlichen Bildern, welche die Durchblicke, die man durch Wegnehmen der Bäume hier und da ge⸗ wonnen hatte, nicht ſatt ſehen, und ſo war die Sonne bereits hinter den Hügeln untergegangen, als man aus dem Walde auf die Matte heraustrat. Wolfgang brachte aus dem Holzhäuschen Decken herbei, auf denen ſich die Geſellſchaft lagerte, mit Ausnahme des Herrn von Degenfeld, der vorläufig noch, die Hände reibend, auf⸗ und nieder⸗ ging, um ſich des Entzückens, das Alle in dem Anſchauen dieſer Herrlichkeit empfanden, um ſo bequemer freuen zu können. Herr von Degenfeld beſaß mehr Häuſer, Güter und Fabriken, als er ſelbſt in jedem Augenblicke gegenwärtig hatte, aber dieſe kleine, ein paar Morgen große Matte war ſein höchſter Stolz. Und er hatte auch Urſache dazu. Einen ſchöneren Punkt mochte man ſchwerlich finden. Zu Füßen das freundliche, von Dörfern und Häuſern überſäete Thal, aus dem die ſchroffen, vom letzten Abendſchein umflimmerten kahlen Felswände ſo machtvoll herauswachſen; im Rücken die lieb⸗ lichen waldbewachſenen Hügel, auf welche die hohen Berge, die weiter zurück ſtehen, ſtill und groß herabſchauen, und nun, wo ſich rechts die Felscouliſſen auseinanderſchieben, ſo weit zurück, daß man das Donnern der mächtigſten Lawinen nicht mehr hört, und doch ſo nah, daß man jede Spalte in den Gletſchermaſſen erkennen kann, die Rieſen der Alpenwelt, die mit ihren eiſigen Häuptern wunderbar in den tiefblauen Abendhimmel, wie in die Ewigkeit, wachſen. Die milde ernſte Schönheit der Stunde und des Ortes ſtimmte ganz zu den Gefühlen, von denen die Herzen der guten Menſchen, die heut Abend hier noch einmal beiſammen ſaßen, um ſich morgen in der Frühe auf lange Zeit wieder zu trennen, bewegt waren. Was die Zeit in der Jahre Vollendung Gutes und Schlimmes gebracht hatte, ging an ihrer Frinnerung vorüber; aber das Schlimme hatte ſeine Bitterkeit verloren und geſellte ſich zum Guten, wie die Nacht ſich zum Tage geſellt. Herr von Degenfeld erzählte von ſeinem Bruder, dem Major, mit welchem Ernſt er ſchon als Knabe nach dem Höchſten gerungen und wie er die unendliche Güte ſeines Herzens Dritter Band. 237 und den Adel ſeiner Natur nie verleugnet habe. Auch Münzer's ge⸗ dachte man, ſeiner großen Eigenſchaften und ſeines tragiſchen Schick⸗ ſals; Antonien's, der jetzt, da ihr Körper ſeit faſt ſchon einem Jahre in fremder Erde ruhte, ſelbſt Tante Bella Gerechtigkeit widerfahren ließ; Clärchen's, welcher Antonie, als ſie die allzuſchwere Bürde des Lebens von ſich warf, ihr ganzes Vermögen vermacht hatte und deren einziger Reichthum doch nur in der kleinen Ella beſtand, die immer lieblicher erblühte und oft mit ihrem geiſtvoll-phantaſtiſchen Weſen— dem Erbtheil des Vaters— der ſtillen ernſten Mutter ein weh⸗ müthiges Lächeln abgewann; man gedachte des wilden Cajus und ſeiner letzten furchtbaren That, die noch immer den entflohenen Mör⸗ dern des alten Generals zugeſchrieben wurde und auch zugeſchrieben bleiben ſollte, obgleich der fanatiſche Mann längſt nach Amerika zu⸗ rückgekehrt und für Alle, die ihn hier gekannt hatten, in den Ein⸗ öden des fernſten Weſtens verſchollen war; man gedachte des armen Balthaſar und ſeiner Philanthropie, mit der er eine Welt, die aus den Fugen war, wieder hatte einrenken wollen, und welcher richtige, ja große Gedanke doch ſeinen Träumereien zu Grunde gelegen; man gedachte jener ganzen wunderbaren Zeit, die ſo machtvoll den tiefſten Grund des Volkes aufgewühlt, und ſo viel Schlamm und ſo viel koſtbare Perlen zu Tage gefördert hatte. „Es war eine große Zeit,“ ſagte Peter Schmitz,„und nur Bös⸗ willige oder Thoren können es leugnen. Was ein Volk, was die Menſchheit in ihrem Innerſten bewegt, kann nicht klein und verächt⸗ lich ſein, oder man müßte denn die Menſchheit in Pauſch und Bogen verachten. Weſſen Blick freilich nicht über den engen Horizont ſeiner perſönlichen Intereſſen und Wünſche hinausreicht, wer die Ideen, an deren Verwirklichung die Jahrhunderte ſchaffen, in ein paar Monaten oder Jahren vollendet ſchauen will,— der wird in Allem, was jene Jahre brachten, nur ein Chaos von Aberwitz und Bosheit ſehen, und dann natürlich auch in der Conſequenz ſeines Peſſimismus über uns und unſer jetziges ſtilles Wirken die Naſe rümpfen. Uns ſoll das nicht irre machen. Wir wiſſen, daß unſer Ideal einer freien brüder⸗ lichen Menſchheit unſterblich iſt, obgleich wir, die Individuen, wie leichter Rauch verwehen; wir wiſſen, daß die Zeit, die dieſe Felſen⸗ 238 Die von Hohenſtein. rieſen hier zerbröckelt, auch die Schranken zerſtören wird, die Unver⸗ ſtand und Aberglaube zwiſchen den einzelnen Kreiſen der menſchlichen Geſellſchaft errichtet haben; wir wiſſen, daß die Nacht der Reaction unter Anderm auch dazu dient, der jungen Freiheit friſche Kräfte und neue Säfte zuzuführen, auf daß ſie, erwachend, ihre goldenen Locken ſchütteln und fröhlich an ihr Tagewerk gehen kann. In dieſer Ueberzeugung habe ich gelebt, ſeitdem dem Jüngling zum erſten Mal die Stirn von dem großen Gedanken der Solidarität der Intereſſen aller Menſchen brannte; in dieſer Ueberzeugung lebe ich noch, ein grauhaariger Mann, in dieſer Ueberzeugung will ich, wenn meine Stunde kommt, ſterben.“ Es lag ein eigener Klang in der Stimme, mit der Peter Schmitz dieſe Worte ſprach, ein Klang, der geheimnißvoll die Herzen Aller So ſaßen ſie ſtill, verſtändnißinnig nebeneinander. In dem Graſe zirpten die Cicaden, Leuchtkäferchen zogen um die ſtillen Büſche ihre glänzenden Bahnen, dunkler und dunkler ſtieg die Nacht aus den Thälern an den Bergen hinauf; aber hoch oben glühte noch immer der purpurne Widerſchein der Sonne auf den ein⸗ ſamen Firnen der Jungfrau— für die ſtillen Menſchen dort unten ein Sinnbild des unſterblichen Lichtes, das wohl dem einzelnen Menſchen, aber nicht der Menſchheit untergehen kann. ————— und durch alle Buchhandlungen des In⸗ und Auslandes zu beziehen: Im Verlage von Otto Janke in Berlin ſind folgende Werke erſchienen In Reih' und Glied. Roman von Friedrich Spielhagen. 5 Bände. Geh. 6 Thlr. 22 ½ Sgr. Friedrich Spielhagens„In Reih' und Glied“ hat einen erfolggekrönten Rundgang durch ganz Deutſchland gemacht. Mit großer Spannung folgt man der Entwickelung des breit angelegten Romans. Die in demſelben handelnd auftretenden Perſonen feſſeln unſer Intereſſe bis zum letzten Moment, und die epiſodiſch in den Gang der Ereigniſſe verwebten Figuren gewähren wohlthnende Ruhepunkte inmitten eines farbenprächtigen Gemäldes. Und doch reizt Spiel⸗ hagen unſere Phantaſie nicht durch Ungeheuerlichkeiten; er muthet dem Ver⸗ ſtande nicht Dinge zu, denen ſelbſt das nur Wahrſcheinliche noch zu reell iſt, und die ſich in Regionen verlieren, wohin ihnen nur Jene folgen können, die Alles auf Treu und Glauben für wahr halten, was ihnen in franzöſiſchen Romanen geboten wird. In Spielhagens„In Reih' und Glied.“ haben wir es mit wirklichen, leibhaftigen Menſchen zu thun. Wir fühlen mit ihnen; ihre Frenden laſſen unſer Herz aufjauchzen; ihre Schmerzen bereiten uns trübe Augenblicke; wir lieben mit ihnen und wir entziehen uns dem Haſſe nicht, der auf ihre Seelen düſtre Schatten wirft. Und doch bilden weder glückliche noch unglückliche Liebe, weder Reichthum noch Armuth allein die Ingredienzien dieſes Romans; große politiſche Probleme ſind es, denen ſich die Helden des Romans weihen und für die ſie kämpfen, ſtreben und unterliegen. Der Roman ſpielt in Prenßen, in jenen Tagen, wo Laſſalle, inmitten einer dumpfig gewor⸗ denen Zeit, das Proletariat mächtig aufregte durch das von ihm gepredigte Evangelium der Arbeit unter dem Schutze des Staates. Die politiſchen Kämpfe dieſer Zeit werden auf's ſpannendſte und die Parteien in ihren Ver⸗ tretern auf's getreueſte geſchildert.— Von dieſem actionsreichen Hintergrunde heben ſich von dem Hauche wahrer Poeſie angewehte deutſche Frauengeſtalten ab. Somit iſt dieſer Roman Spielhagens nach ſeinem Umfang, nach kunſt⸗ voller Anlage und Durchführung, wie nach dem Ideengehalte unſtreitig das bedeutendſte Werk des Dichters. perlorene Srelen. Roman von Lev Wolfram. (Verf. der„Dissolving views.“) „3 Bde. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Es werden in dieſem Roman ſchonungslos, mit Feuereifer und Erbitte⸗ rung, anderntheils aber auch wieder mit Humor das Kloſterleben und die Wirkung des Concordats in Oeſterreich aufgedeckt. Der Verfaſſer ſchildert den wohlmeinenden, echt ftommen, aber ſchwachen Prälaten eines großen Stifts, der dieſes durch falſche Spreulationen in große finanzielle Verlegenheiten ge⸗ bracht hat; ferner den ſchroffen, frivolen, heuchleriſchen, vor keinem Verbrechen zurückſchreckenden Capitular Conſtantin, der zur Rettung des Stifts Erb⸗ ſchleicherei, Betrug und Diebſtahl in Scene ſetzt und ein ſtrenggläubiges Mädchen, Vroni, dahin bringt, daß es ſchwört, in außergewöhnlicher Weiſe zu heirathen, wozn er ſich einen gemeindenkenden, habſüchtigen Mann, den — — Bofrichter Swatek verſchafft. Andere handelnde Perſonen ſind der von Jugend auf zum Geiſtlichen erzogene Don Eugen von Porta, der in Norddeutſchland aus ſeinen gläubigen Träumereien erwacht iſt und deſſen Couſine, Frau Bercht⸗ hold, eine geſchiedene Frau. Nachdem Eugen offen ſeinen Abfall vom Glauben erklärt hat, will der hohe Clerus ihn, ſeines großen Vermögens wegen, aus Gnade für Miſſionszwecke verwenden; als aber das Vermögen— anſcheinend — verloren, ſperrt man ihn auf hinterliſtige Weiſe in ein Pönitenzkloſter, aus dem er durch Frau Berchthold und ſeinen Secretär Wermuth, den ver⸗ meintlichen Dieb des Vermögens, im Grunde aber deſſen Erhalter, mit Liſt befreit wird, zum Proteſtantismus übertritt und die ihn längſt liebende, auch heimlich von ihm geliebte Couſine heirathet.— Die Erzählung iſt überreich an neuen und außergewöhnlichen Situationen und viele durchaus originelle Cha⸗ raktere, die ſcharf gezeichnet ſind, werden vor dem Leſer aufgerollt, der von Anfang bis zu Ende in gleicher Spannung erhalten bleibt. Kein Roman hat bisher in ſo pikanter Weiſe, ſo offen und nach den verſchiedenſten Seiten hin den Krebsſchaden des Kloſterlebens, die Herrſchſucht, Geldgier und Scheinheilig⸗ keit des ultramontanen Clerus dargeſtellt, als Wolframs„Verlorene Seelen.“ Von Geſchlecht zu Geſchlecht. Roman von Fanny Lewald. 1. Abth.: Der Freiherr. 3 Bde. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. 2. Abth.: Der Emporkömmling. 5 Bde. Geh. 6 Thlr. 22 ½2 Sgr. Bekannt ſind die großen Vorzüge, durch welche die Verfaſſerin einen ge⸗ feierten Namen in unſerer Romanliteratur ſich erworben. Der große und klare Blick und das ſichere und ſcharfe Urtheil über die mannigfachſten Verhältniſſe, welche ſie in den Kreis ihrer Dichtungen zieht; die künſtleriſche Gliederuna und Abrundung derſelben bei den reichſten und ſpannendſten Verſchlingungen in dem Gange der Ereigniſſe; eine feine, pſychologiſch⸗wahre Charakteriſtik bei der lebensvollſten Anſchaulichkeit ſelbſt der unbedeutenderen Perſonen. Alle dieſe Vorzüge trägt im beſonderen Grade der Roman:„Von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht,“ in welchem die Dichterin ſich große und ſchwierige, aber in der be⸗ friedigendſten Weiſe gelöſte Aufgaben geſtellt hat. Es galt ihr den Uebergang zu einer neuen Culturepoche darzuſtellen. Sie führt uns ein in die ſocialen Zuſtände, in das Empfinden, Denken und Wollen des fendalen deutſchen Adels im Anfange des Jahrhunderts. Wir durchleben mit einer freiherrlichen Familie die Widerſprüche und Conflicte, in welche die Glieder derſelben in ihrem Innern, mit den veränderten Zeitverhältniſſen und unter ſich ſelbſt gerathen. Die Unhaltbarkeit der Zuſtände, welche die Träger der Adelsidee mit aller Anſtrengung ſicher zu ſtellen ſuchen, und die Hohlheit des ſittlichen und geiſtigen Weſens, au das ſie einen ſtolzen Werth legen, entwickelt ſich Schritt wor Schritt bis zu dem von äußerer und innerer Nothwendigkeit bedingten Untergang, aus welchem das kräftigere Bürgerthum emporwächſt. Alles dies ſpiegelt ſich in dem vorliegenden Werke wieder und ſo erweitert ſich daſſelbe zu einem ganz vortrefflichen Zeitgemälde. Ueberhaupt hat Fanny Lewald in dieſem Roman ein Werk geſchaffen, welches wohl lange Zeit ſeinen Ehrenplatz in unſerer Romanliteratur behaupten wird und ihrem Namen, an welchen ſich ſchon ſo viele dankbare Erinnerungen des Leſepublikums knüpfen, einen neuen Schmuck verleiht. . ————— ——