— W * Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die BVibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2 2. lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat; 1 W— 1 Ff. „ 3 „ r 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren 2 erkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verpflichtet⸗ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Friedrich Spielhagens geſaumelte Werhe. —— Neyue, vom Verfaſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (mit dem Portrait des Verfaſſers.) Achter Band. Die von Hohenſtein. II. Berlin, 1367. Druck und Verlag von Otto Janke. Die von Hohenſtein. ——— Roman von Fr. Spielhagen. —— Zweite Auflage. Zweiter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. Berlin, 1867. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Capitel. „Herr von Willamowsky, ich finde, Sie ſind heute noch geiſt⸗ reicher, als ſonſt.“ „Finden Sie wirklich?“ ſagte der junge Officier, mit einem zärt⸗ lichen Blick ſeiner matten Augen auf den Gegenſtand ſeiner Huldigung. „Gewiß! ſo ſehr, daß ich mich heute für eine ſo ſpirituelle Con⸗ verſation in der That zu dumm fühle. Ueberdies hat die Mama nach mir geſchickt. Entſchuldigen Sie mich daher!“ Camilla ſtand von dem Platze am Fenſter, wo ſie mit einer Perlenſtickerei ſo eifrig beſchäftigt geweſen war, daß ſie kaum auf das harmloſe Geſpräch des Dragonerlieutenants mit ihrer Schweſter ge⸗ hört zu haben ſchien, auf, rauſchte an jenem, ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, ſo nahe vorüber, daß ihr ſeidenes Gewand ſeine ſpitzen Kniee ſtreifte und war im nächſten Augenblick in der hohen Flügelthür, die aus dem Empfangs⸗Salon in das Zimmer der Präſi⸗ dentin führte, verſchwunden. „Aber, mon Dien, was bedeutet denn das!“ ſagte Herr von Willamowsky nach einer kleinen Pauſe, während welcher ſich Aureliens ſchwarze Augen an ſeiner beſtürzten Miene ſattſam geweidet hatten, „um Himmelswillen, Fräulein Aurelie, lachen Sie nicht, und ſagen Sie mir: was das heißen ſoll.“ Fr. Spielhagen's Werke. vII. 1 Die von Hohenſtein. Aurelie zuckte die weißen Schultern. „Ich fürchte, Sie haben Ihre Rolle ausgeſpielt, lieber Willa⸗ mowsky— für einige Zeit wenigſtens; ſchreiben Sie dieſe Ulusion perdue zu den übrigen.“ „Ah bah, ſagte der Lieutenant. „Rauchen Sie, lieber Willamowsky?“ fragte Aurelie. „Wie kommen Sie zu der Frage?“ „Sehen Sie, Willamowsky, welch' reizende Stickerei, die offenbar zu einem Cigarrenetui beſtimmt iſt! filberblau auf mattgrauem Grunde — unſere Farben, Willamowsky— das iſt zart und ſinnig, n'est-ce pas?“ und das übermüthige Mädchen ließ die angefangene Arbeit Camilla's in der hellen Mittagsſonne flimmern. „Aber Camilla weiß ſo gut wie Sie, und alle Welt, daß ich nicht rauche!“ „Gewiß; und darum eben iſt dieſe Arbeit nicht für Sie.“ „Aber für wen? vielleicht für Kuno?“ „Pah! Sie haßt Kuno, ſage ich Ihnen!“ „So dachte ich auch; wenn es aber Kuno nicht iſt, ſo—“ „Wird es wohl ein Anderer ſein.— Im Ernſt, Willamowsky, kommen Sie einmal hierher in's Fenſter und ſchnarren Sie etwas weniger, daß man's nicht nebenan hört.— Es geht hier etwas vor, von dem ich ſelbſt nur erſt eine Ahnung habe. Man traut mir nicht und hat auch keine Urſache dazu, denn ich habe dieſe Geheimniß⸗ krämerei und dieſes ewige Bevorzugen Camilla's ſatt und bin ent⸗ ſchloſſen, künftig meine eigenen Wege zu gehen. Sowie ich dahinter gekommen bin, ſollen Sie's erfahren, denn ich liebe Sie, Willamowsky, weil Sie ein guter Menſch ſind, dem es auf ein paar Louisd'or zu einem Bouquet nicht ankommt, wenn Sie einem armen Mädchen eine Freude damit machen können, und weil ſie ſo wundervoll Polka tan⸗ zen und es ſich in Ihrem neuen kleinen Wagen mit dem hübſchen Rappen ſo himmliſch fährt. Ich glaube, daß Sie ſich als Schwager ausgezeichnet benehmen würden und ich protegire Sie deshalb viel mehr als unſern Vetter Kuno, der alle Tage gelber und unangenehmer wird und überdies eine ſehr ſchlechte Partie ſein würde. Aber, wie ich Ihnen ſagte: in dieſem Augenblicke haben Sie nicht mehr Ausſicht, Zweiter Band. 3 als er: wir blicken mit unſern Schmachtaugen nach einem Andern aus. Kommt Zeit, kommt Rath, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen: Sie alteriren ſich ſonſt ausnahmsweiſe alles Ernſtes und Ihre Ladylike ſchlägt ſich noch die Eiſen von den Vorderhufen ab. Apropos Ladylike! Wollen Sie wirklich mit Brinkmanns Fuchs tauſchen? und warum iſt Brinkmann heute nicht auf der Parade geweſen?“ „Er hat ſich krank melden laſſen; aber ich weiß, daß er mit dem Maler Kettenberg im Catalini'ſchen Garten bei einer Mai⸗ bowle ſitzt.“ „Les scélerats! Gehen Sie auch hin, lieber Willamowsky und nehmen Sie ſich ein Beiſpiel an der Eintracht meiner Verehrer. Kettenberg iſt ein wahrer Segen für euch. Er hat euch neue Cotil⸗ lontouren gelehrt, er hat euch neue Recepte zu Bowlen mitgebracht; er hat die lebenden Bilder in unſerm Cirkel in's Leben gerufen; enün, hat er Camilla für die ſchönſte, mich aber für die liebens⸗ würdigſte Präſidententochter auf der Welt erklärt.“ „Das ſind Sie auch, auf Ehre, das ſind Sie!“ rief Herr von Willamowsky, die Hand der jungen Dame zierlich an ſeine dünnen Lippen führend. „Auch Sie, Willamowsky? Haben Sie ſelbſt jetzt noch Illuſio⸗ nen zu verlieren?“ Der Dragonerofficier hatte ſich kaum ſporenklirrend und ſäbel⸗ raſſelnd verabſchiedet, als die Präſidentin aus ihrem Zimmer in den Salon gerauſcht kam: „Was hat er geſagt?“ fragte ſie, mit einem bezeichnenden Blick nach der Thür;„er iſt ja ſehr lange hier geweſen.“ „Deſto mehr Gelegenheit hätteſt Du gehabt, ihn ſelbſt zu fragen;“ erwiderte Aurelie. „Iſt das eine Antwort?“ fragte die Mama, in die Nähe des Fenſters tretend und durch ihre Lorgnette dem Wagen Willamowsky's nachſchauend. „Warum nicht? Went ich für eure Vertraute zu ſchlecht bin, ſo halte ich mich für zu gut, euer Spion zu ſein.“ „Ich glauhe, Du träumſt, Aurelie;“ ſagte die Präſidentin, ſich vom Fenſter in das Zimmer wendend. Die von Hohenſtein. „O, liebe Mama,“ erwiderte die junge Dame mit großer Leb⸗ haftigkeit;„ich bin nicht ganz ſo dumm und ſo gutmüthig, wie ihr denkt. Oder meinſt Du: ich ſollte es ganz in der Ordnung finden, daß es Camilla und immer wieder Camilla iſt, um die ſich Alles dreht? daß Camilla ſich in Rheinfelden amüfiren und bei dem Groß⸗ onkel einſchmeicheln darf, während ich mich hier in der Stadt lang⸗ weilen muß und nichts zu thun habe, als eure Commiſſionen aus⸗ zuführen? Meinſt Du denn: ich wüßte nicht, daß es etwas zu bedeuten hat, wenn Fräulein Camilla ihren Anbetern, einem nach dem Andern, den Laufpaß giebt und Cigarrenetuis in unſern Farben—“ Das junge Mädchen wollte noch mehr ſagen, aber Thränen, die ihr leicht in's Auge kamen, wenn ſich die Sache, um die es ſich handelte, zu einem übermüthigen Lachen nicht eignen wollte, erſtickten ihre Stimme. Sie warf ſich in die Ecke des Sophas und drückte ihr Geſicht in die Kiſſen. Das Schluchzen der Tochter war für die Mama das Signal, n in Thränen auszubrechen. as hat man nun von ſeiner Güte,“ jammerte ſie, ſich in einen Fauteuil ſinken laſſend und ihr Taſchentuch vor die Augen haltend; „nichts als Sorge und Herzeleid und Undankbarkeit— ich arme, un⸗ glückliche Frau!“ „Und ich will's nicht leiden;“ heraus;„ich heirathe den erſten was ich thue.“ „Ich arme Frau! meine Kinder werden mich noch in's Grab bringen;“ klagte die Präſidentin hinter ihrem Spitzentaſchentuch. „Ehem, hem!“ machte Jemand, der von den weinenden Damen unbemerkt in den Soalon getreten war und bereits auf dem großen bunten Teppich, der in der Mitte des Salons über den einfar⸗ bigen Teppich gebreitet war, gerade untem ſtand: Ehem!“„ Die Damen fuhren in die Höhe. „Ah! Herr Medicinalrath!“ rief die präſide t lächelnd, und dem kleinen Manne die mit Rin Aurelie aus dem Sopha s iſt ja doch ganz gleich, ₰ 3 —,—— Zweiter Band. 5 die noch das Taſchentuch hielt, entgegenſtreckend;„Sie kommen gerade recht!“ „Das ſehe ich,“ erwiderte der Medicinalrath, die Hand der Gnädigen mit ſüßlicher Höflichkeit küſſend;„die Damen wollten ſich ja faſt ausſchütten vor Lachen! Sie haben ja ordentlich Thränen in den Augen! Was in aller Welt gab es denn ſo Komiſches? Nun, nun, ich will nicht indiskret ſein! Aber, Fräulein Aurelie, erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie mir verſprochen haben, um dieſe Stunde den ſchönen warmen Sonnenſchein im Garten zu genießen. Wir kommen hernach zu Ihnen hinab! Eilen Sie, liebes Fräulein, eilen Sie!“ Und der galante Herr warf Aurelien, die dem erhaltenen Wink zu folgen ſich beeilte, einige Kußhände zu, legte dann, als ſie zur Thür hinaus war, Hut und Stock ab und ſetzte ſich auf einen Fautenil in unmittelbarer Nähe der Präſidentin. Der Regierungs⸗ und Medicinalrath Schnepper war ein kleiner, magerer Mann von ungefähr ſechszig Jahren mit einem glattraſirten Geſicht, das durch den lauernden Blick der kleinen grauen Aeuglein unter den etwas buſchigen Brauen und durch ſein ſarkaſtiſches Lächeln, welches fortwährend um die ſchmalen, eingefallenen Lippen ſpielte, nicht gerade verſchönt wurde. Die linke Schulter des kleinen Mannes war etwas höher als ſeine rechte, und vielleicht war dieſes körperliche Gebrechen mit die Veranlaſſung, weshalb ſich der alte Herr ſo ganz beſonders ſorgfältig kleidete Der Medicinalrath Schnepper ſtrich die magern Beinchen und ſagte, aus einer goldenen Doſe eine kleine Priſe nehmend, und die grauen zwinkernden Aeuglein forſchend auf das verlegen lächelnde Geſicht der corpulenten Dame heftend: „Was hat's denn gegeben, meine Gnädigſte? etwas von Be⸗ deutung?“ „Nicht doch, lieber Aurelie ſagt: ich zöge Ca⸗ milla vor und ſo etwas— „Schmerzt, beſonders wenn es wh iſt; natürlich; aber Sie haben ganz recht: Camilla iſt ein Engelchen. Doch laſſen wir dieſe Die von Hohenſtein. Packen von Neuigkeiten mitzutheilen.“ 1„Laſſen Sie hören, lieber Schnepper!“ ſagte die Präſidentin, ſich in ihrem Lehnſtuhl bequem zurechtrückend;„ich bin, wie immer, ganz Ohr.“ 1„Zuerſt alſo,“ ſagte der kleine Herr, in die geöffnete Doſe hinein⸗ riechend;„zuerſt eine ſchlechte: mit den Vermögensverhältniſſen des alten Willamowsky ſteht es keineswegs ſo gut, wie wir bis jetzt ge⸗ glaubt haben. Ich weiß es aus den beſten Quellen.“ 3„Was Sie da ſagen!“ „Hm! Sie ſcheinen die Sache ja ſehr ruhig zu nehmen. Ich will nur wünſchen, daß Fräulein Camilla ſich die ſchönen Aeuglein obenſowenig ausweinen wird.“ „Sein Sie davon überzengt; aber es iſt wunderbar, welches Ahnungsvermögen ich in dieſen Dingen habe. Wollen Sie mir glau⸗ ben, lieber Medicinalrath: ich ſagte noch vorgeſtern in Rheinfelden: Du ſollſt ſehen, Camilla, ſagte ich: Stillfried macht einen zu großen 8 Aufwand; der Alte kann es nicht auf die Dauer aushalten.“ 3„So, hm, him! In Rheinfelden ſagten Sie das und vorgeſtern Abend, dem Abend vor der Abreiſe? Hätte die Excellenz Verſprechun⸗ 3 p. gen gemacht? und gäbe uns der Glaube an dieſe Verſprechungen, die iedenfalls nicht gehalten werden, dieſe philoſophiſche Ruhe? He?“ Die Präſidentin lächelte mit einer unendlichen Selbſtgefälligkeit, während ſie ihrem Wachtelhündchen, d unterdeſſen unter dem Sopha 3 hervorgekommen war, ſich gereckt, und ſchließlich auf dem Schooß der Herrin wiederum zur Ruhe begeben hatte, die langen Ohren ſtreichelte: „Sie ſind mein Freund, Schnepper, und Camilla's Freund; Bhnen kann ich es ſagen: die liebe alte Excellenz hat uns Verſprechun⸗ gen gemacht, große Verſprechungen; ja mehr noch: Camilla kann ſich als ſeine Haupterbin betrachten, wenn Sie eine Bedingung erfüllt, die allerdings— ich will ganz offen ſein, lieber Schnepper; erfahren müſſen Sie's ja ſchließlich doch und ich möchte auch gern Ihren Rath nder Sache haben. Die Bedingung iſt, daß ſie ihren Vetter Wolf⸗ gang, den Sohn des Stadtraths heirathet. Lieg' ſtill, Joli!“ Kindereien und kommen wir zur Sache; ich habe Ihnen einen ganzen 3 zen Zweiter Band. 11 verfolgt— zur Thür hinaus, Die im Zimmer in großer Aufregung zurücklaſſend. Clotilde brach in Thränen aus; der Präſident ging, ſeiner Gewohnheit gemäß, mit langſamen Schritten, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab, der Medicinalrath nahm eine Priſe, aus welcher er unter gewöhlichen Umſtänden mindeſtens vier gemacht hätte. „Dieſen Wolfgang zum Officier zu machen—“ murmelte er und neigte nachdenklich ſein graues Köpfchen. „Weshalb erſcheint Ihnen das ſo wunderbar?“ fragte die Präſi⸗ dentin, ſichtbar gereizt. „Weil— doch wir ſind in einer nervöſen Stimmung, meine theuerſte Freundin. Brechen wir dieſe Unterredung ab, und machen Sie mit den jungen Damen einen kleinen Spaziergang. Die Pro⸗ menade iſt überfluthet. Man ſieht es der Stadt nicht an, daß wir mitten in der Revolution ſind. Und, verehrteſte Freundin—“ der Medicinalrath trat näher zur Präſidentin, die bereits aufgeſtanden war, heran und ſagte mit leiſerer Stimme:„Laſſen Sie Aurelien nicht ſo ſehr merken, daß Camilla unſer Liebling iſt; wir könnten die junge Dame doch nöthig haben— Adieu, ſchöne Frau! Adieu, Joli! a revoir!— Ehem! Nun will ich mich aber auch Ihnen, Herr Präſident, empfehlen; wir ſehen uns heute Abend im Verein, nicht?“ „Schwerlich; es iſt meiner Frau Empfangstag, wie Sie wiſſen; deshalb möchte ich noch gern, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ein paar Worte mit Ihnen ſprechen; aber nicht hier; bitte, treten wir in meine Zimmer; mir iſt immer, als ob in dieſem Frauengemach die Spiegel und Meubel Augen und Ohren hätten.“ „Das möchte noch ſein, aber wenn ſie auch einen Mund hätten!“ ſagte der Medicinalrath ironiſch. Der Präſident lächelte: „Nun, für Sie, den diskreteſten aller Menſchen, würde das doch keine Gefahr bringen aber nehmen Sie Platz, lieber College, und nun ſagen Sie mir einmal aufrichtig: was halten Sie von dem Project?“ „Aufrichtig! ich glaube, Herr Präſident, daß, wie die Sachen augenblicklich liegen, Sie auf dieſen hochromantiſchen Handel werden b Hert £ Ihne währ Weiſe ſprechen. Die von Hohenſtein. eingehen müſſen. Niemand kann durch die Sache weniger angenehm berührt worden ſein, als ich; aber ich kann nicht leugnen, daß es ſich diesmal ausnahmsweiſe um etwas Anderes handelt, als um phan⸗ taſtiſche Seifenblaſen, die in den Gehirnchen der lieben Damen ent⸗ ſprungen wären. Es iſt notoriſch, daß der Stadtrath geſtern Wechſ zu einem bedeutenden Betrage— es ſind ganz zufällig einige dur, meine Hände gegangen— bezahlt hat. Von wem kann er das Geld haben, als von dem Alten? Wenn aber dieſer graue Harpagon ſeine Kaſten öffnet, ſo will das gewiß etwas ſagen; und wenn der Obriſt es ſich zur Ehre macht, den jungen Menſchen in ſeinem Regimente zu placiren, und die Obriſtin Hals über Kopf die Nachricht davon in der ganzen Stadt herumträgt— ſo können wir wohl ſchwören, daß der General einen Trumpf darauf geſetzt hat.“ „Ich geſtehe: mir iſt bei einem Project, das ſo aus dem Kreiſe des gewöhnlichen Laufes der Dinge herausfällt, das einen ſo revo⸗ lutionären Charakter hat, gar nicht gut zu Muthe;“ ſagte der Präſi⸗ dent, die Spitzen ſeiner langen dünnen Finger ſanft zuſammendrückend. „Das glaube ich gern,“ erwiderte der Medicinalrath;„mir würde auch an Ihrer Stelle für die Kleine eine ſolide Partie, und wäre es auch mit einem älteren Manne, lieber ſein.“ Hier ſchwieg der kleine Herr einen Augenblick und warf einen ſchnellen Blick auf die lange Geſtalt des Präſidenten, der mit laut⸗ loſen Schritten in dem Gemache auf- und abging. Da dieſer auf. vie letzte Bemerkung nichts erwiderte, fuhr er in einem etwas ge⸗ reizten Tone fort: „Camilla iſt klug und ſollte eine kluge Wahl treffen; für die jeder guten Familie unentbehrliche Confuſion wird, fürchte ich, Fräu⸗ lein Aurelie ſchon ſorgen.“ Sie erſchrecken mich, Wertheſter!“ ſagte der Präſident ſtehen bleibend;„wenn Sie von ſo ernſten Dingen in einer ſo leichtfertigen Haben Sie, betreffs Aureliens, mir irgend wihe Beobachtungen mitzutheilen?“ „O nicht doch, nicht doch!“ ſagte der Medicinalrath;„mein Urtheil über Fräulein Aurelie beruht mehr auf phyſiologiſchen Gründen, als auf moraliſchen. Die junge Dame hat ein feuriges Temperament; Zweiter Band. 13 ſie ähnelt in dieſer Hinſicht ihrer ſchönen Tante Antonie. Apropos, Herr Präſident, haben Sie denn ſchon von der neueſten Extravaganz der reizenden Wittwe gehört?“ „Schon wieder?“ ſeufzte der Präſident,„dieſe Frau wird mich purch ihre Thorheiten noch zur Verzweiflung bringen.“ 9„So wiſſen Sie nicht, daß ihr vorgeſtern Abend bei dem Crawall der Pöbel die Fenſter hat einwerfen wollen? daß Münzer ſie aus dieſer Gefahr gerettet hat? und zum Dank dafür mit einem köſtlichen Souper unter vier Augen bewirthet worden iſt? Das Alles wiſſen Sie nicht?“ „Nur, daß vor ihrem Hauſe ein Auflauf ſtattgefunden hat; von Münzers Einmiſchung kein Wort; aber ich bin Ihnen verpflichtet für dieſe Mittheilung; die Sache ſcheint mir von einiger Wichtigkeit. Ein Souper, ſagten Sie! und téteatéte? Aber, von wem haben Sie das?“. „Von der gnädigen Frau ſelbſt, die mir die heilloſe Affaire vor einer halben Stunde unter Scherzen und Lachen mit allen Details erzählt hat.“ „Mit allen Details?“ flüſterte der Präſident. Die beiden Herren ſahen ſich ein paar Secunden lang mit einem eigenthümlichen Blick des Einverſtändniſſes in den Augen. „Aber welchen Grund kann ſie gehabt haben, Ihnen das Ge⸗ heimniß mitzutheilen?“ begann der Präſident von neuem. „Weil es eben kein Geheimniß mehr iſt, weil der Obriſt, Ihr Herr Bruder, brutaler Weiſe das reizende téte-ktéte geſtört hat— um elf Uhr— in nachtſchlafender Zeit— es iſt in der That himmelſchreiend.“ „Auch das hat ſie Ihnen erzählt?“ „Nein nicht ſie, ſondern ihr Kammerdiener Jean, der— ein boshafter Affe, wie er iſt— den unbequemen Beſuch nicht abgewieſen hat und in Folge deſſen noch an demſelben Abend aus dem Dienſt gejagt wurde. Der arme Teufel— nebenbei ein Client von mir— iſt heute Morgen zu mir gekommen, hat mir ſein Leid geklagt und mich gebeten, ihn anderweitig zu placiren.“ „Und haben Sie ihm eine Stelle verſchafft?“ 14 Die von Hohenſtein. „Vor der Hand nicht; ich weiß in dieſem Augenblicke keine mir bekannte Familie, der ich den Burſchen vortheilhaft empfehlen könnte.“ „So ſchicken Sie ihn zu mir.“ „Zu Ihnen?“ „Aber, lieber College, wo haben Sie heute Ihren von mir ſo oft bewunderten Scharfſinn? Sehen Sie denn nicht, wie uns der Zufall da die Karten ſo glücklich gemiſcht hat, daß wir ſie gar nicht beſſer wünſchen können?“ „Ich geſtehe zu meiner Beſchämung, daß ich Ihre Combinationen nur zum Theil ahne. Mein Kopf iſt heute etwas eingenommen und dann— dies wunderliche Project, Ihre reizende Camilla— eine ſo abenteuerliche Verbindung—“ „Pah!“ ſagte der Präſident lächelnd,„dieſe Familienangelegenheit muß für den Augenblick hinter den Staatsangelegenheiten zurücktreten. Die Sache eilt auch nicht ſo; aber in acht Tagen finden die Wahlen ſtatt und unter einem Miniſterium Münzer zu dienen, wäre uns doch Beiden unbequem. Meinen Sie nicht?“ Der kleine Medicinalrath ſchlug ſich vor die Stirn: „Gott, wie dumm ich war! Freilich, freilich! die Sache iſt von Wichtigkeit. Was gedenken Sie aber zu thun?“ Der Präſident lächelte: „Das weiß ich ſelbſt noch nicht, lieber College; ich weiß nur, daß Münzer ein Poet und ein Schwärmer, das heißt verführbar, und Antonie die verführeriſchſte aller Sirenen iſt. Doch da höre ich, daß mein Wagen vorfährt. Ich wollte zum Oberpräſidenten; be⸗ gleiten Sie mich eine Strecke. Wir überlegen unterwegs noch, wie die Sache anzufaſſen iſt. Aber, eh' ich's vergeſſe: ſchaffen Sie mir noch heute den Jean! Können Sie?“ „Ohne Zweifel.“ „Eh bien! gehen wir. Bitte, bitte, nach Ihnen!“ Zweiter Band. 15 Zweites Capitel. Es war ein paar Stunden ſpäter, als der Wagen des Präſiden⸗ ten die Ufergaſſe herauf gefahren kam und vor Peter Schmitz's Hauſe ſtill hielt. Der Bediente ſprang vom Bock und öffnete den Schlag; der Präſident ſtieg heraus und warf einen flüchtigen Blick auf das verkümmerte Wappen mit der unleſerlichen Inſchrift über der Haus⸗ thür und auf den Schild über den Fenſtern des linken Erdgeſchoſſes, auf welchem in ſehr deutlichen, ja, wie es dem Präſidenten vorkam, frechen Lettern:„Expedition des Volksboten“ zu leſen war. Ueber⸗ haupt konnte ſich der Präſident bei all' der kühlen Ruhe ſeines ſcharf⸗ ſinnigen Geiſtes eines gewiſſen abergläubiſch⸗unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als er jetzt dem Kutſcher den Auftrag gab, fortzu⸗ fahren, wenn er in fünf Minuten nicht wieder käme.— Wenn er nun gar nicht wieder käme?— War doch aus dieſem alten, düſtern Hauſe für ſeine Familie ſchon Unglück genug hervorgegangen, in Ge⸗ ſtalt eines ſchönen Mädchens— eines ſo ſchönen Mädchens, wie da eben jetzt eines aus dem Seitenfenſter des Erkerchens hervorſchaute. Der Präſident zog unwillkürlich ſeinen Hut; das junge Mädchen er⸗ widerte den Gruß und verſchwand vom Fenſter. Der Präſident trat in das Haus. „Die Redaction des Volksboten iſt eine Treppe hoch, gerade aus, dann rechts;“ verkündete ein an die Wand geklebter Zettel, auf wel⸗ hem außerdem eine rieſige Hand mit ausgerecktem Zeigefinger die gebrechliche, zur Gallerie führende Treppe hinaufwies. Oben auf der Gallerie waren an ſchicklichen Stellen noch verſchiedene Exemplare derſelben Rieſenhand angebracht mit der Ueberſchrift„zur Redaction.“ Der Präſident ging vorſichtig, als fürchtete er, die knarrenden Bretter könnten bei jedem Tritt unter ihm zuſammenbrechen, die Gallerie ent⸗ lang, und das unheimliche Gefühl, welches ihn beim Eintritt in das Die von Hohenſtein. Haus überkommen hatte, ſteigerte ſich mit jedem Augenblick. Er er⸗ innerte ſich nicht, je in ſeinem Leben ein ſo wunderlich gebautes Haus geſehen zu haben. Er fragte ſich, was denn nur der ungeheure Flur zu bedeuten habe? ob das Haus wohl zuſammenſtürzte, wenn man den mächtigen Pfeiler, der in der Mitte des Flurs die Decke ſtützte, herausnähme? und die alte Sage von Simſon, dem gemißhandelten, verhöhnten Sclaven, deſſen blinde, todesmuthige Kraft ein ganzes Geſchlecht ſeiner übermüthigen Herren in einer verzweifelten An⸗ ſtrengung vernichten konnte, kam ihm in den Sinn— eine unbequeme Erinnerung hier in dieſem Hauſe Peter Schmitz', des fanatiſchen Demagogen. Der Präſident blieb unwillkürlich ſtehen; es war ſo ge⸗ ſpenſterhaft ſtill in dem öden, kühlen Raum, nur durch die weitge⸗ öffneten Fenſter in der Hinterwand ſchallte vom Hofe her ein gleich⸗ mäßiges Brauſen und Rauſchen— es waren die Preſſen, die an der Abendnummer des„Volksboten“ arbeiteten; vielleicht ſo eben einen jener ſcharfen, mit ätzender Sathre getränkten,„In Praesidentem“ überſchriebenen Artikel, welche ſeit einigen Tagen ſeine— des Präſi⸗ denten Philipp von Hohenſtein— Amtsverwaltung einer mitleidsloſen Kritik unterzogen, in die Welt ſchleuderten. Der Präſident von Hohen⸗ ſtein fand auf einmal, daß der Plan, deſſen Ausführung ihn hier ſo unvorbereitet mitten in das Lager ſeiner ſchlimmſten Feinde führe, denn doch vielleicht etwas vorſchnell gefaßt ſei und— da fuhr der Wagen fort! die Dummköpfe! nicht zwei Minuten haben ſie gewartet! aber jetzt noch umkehren? warum nicht? du haſt das Redactions⸗ zimmer nicht finden können! biſt du ja doch Niemandem begegnet! das junge Mädchen am Fenſter wird ſich nicht eben um dich ge⸗ kümmert haben— In dem Augenblicke, wo der Präſident im Begriff war, umzu⸗ wenden und ſich mit langen leiſen Schritten davon zu machen, kam aus einer der niedrigen Thüren, die auf die Gallerie führten, eine ältere Dame, ſchwarz gekleidet, wie die junge Dame am Fenſter, in der Hand ein Stickmuſter und um den Hals eine lange Docke blut⸗ rothen Stickgarns wie eine Ehrenkette tragend. Da ſie ſich nach den vorderen Räumen begab, und die Rieſenhände in die entgegengeſetzte Richtung wieſen, ſo war, wenn der Präſident nicht geradezu davon Zweiter Band. 47 laufen wollte, auf der ſchmalen Gallerie an ein Ausweichen nicht zu denken. Der Präſident hielt es alſo für das Gerathenſte, einen ſuchen⸗ den Blick in dem Flur umherzuſchicken, und in dem Moment, als die Dame bis auf drei Schritte an ihn heran war, ſie plötzlich zu be⸗ merken und etwas auf die Seite tretend und den Hut lüftend, im verbindlichen Tone zu fragen: „Ah, Madame; Sie können mir vielleicht ſagen, ob ich hier auf dem rechten Wege zum Büreau des Herrn Dr. Münzer bin?“ Tante Bella blieb ſtehen und heftete ihre ausdrucksvollen dunklen Schmitz'ſchen Augen mit einer ſo durchdringenden Schärfe auf den Frager, daß dieſer unwillkürlich den gelüfteten Hut ganz abnahm, als une er dadurch bewirken, daß die dunklen Augen der Dame einen etwas weniger unbequem⸗forſchenden Ausdruck annähmen. Aber die dunklen Augen blickten nur noch forſchender, und es lag auch durch⸗ aus keine Süßigkeit in dem Ton, mit welchem Tante Bella jetzt antwortete: „Das Redactionszimmer iſt am Ende der Gallerie, Herr Prä⸗ „Ah,“ ſagte Herr von Hohenſtein mit einer anmuthigen Ver⸗ beugung:„ich habe die Ehre von Madame gekannt zu ſein?“ „Wenn Sie nichts dagegen haben, daß ich weiß, wie der Bruder meines Schwagers ausſieht, ja!“ „Dann habe ich das Vergnügen, mit— Fräulein Schmitz?“— „Arabella Schmitz, zu dienen, Herr Präſident. Ich fürchte, Sie werden jetzt nur erſt Herrn Dr. Holm in der Redaction treffen. Dr. Münzer pflegt am Dienstag ſpäter zu kommen; bin ich vielleicht im Stande, Ihren Auftrag auszurichten?“ Bei dieſen Worten blickten die dunklen Augen Tante Bella's forſchender als je. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, mein Fräulein; aber ich würde vorziehen, Herrn Pr. Münzer ſelbſt zu ſprechen; ich werde, wenn Sie erlauben, einige Zeit in dem Redactionszimmer auf ihn warten.“ „Wie es Ihnen beliebt,“ ſagte Tante Bella und ging mit einer kaum merklichen Reigung ihres Kopfes an dem Präſidenten vorüber. „Incidit in Scyllam,“ murmelte dieſer, jetzt nothgedrungen weiter Fr. Spielhagen's Werke. vIII. 2 8 18 Die von Hohenſtein. ſchreitend;„welch' impertinentes, diaboliſches Frauenzimmer! ich wollte, ich wäre nur erſt wieder aus der Räuberhöhle heraus! Ah! da iſt endlich die Thür. Dr. Holm!— bin mit dem Menſchen in Heidel⸗ berg zuſammengeweſen; habe ihn jetzt in vielen Jahren nicht geſehen. Man wird die Bekanntſchaft erneuern müſſen.“ „Herein!“ Es war eine brummige, tiefe, ſonderbare Stimme, die das „Herein“ gerufen hatte und eine ſonderbare Geſtalt war es auch, die der Präſident, als er dem Rufe Folge geleiſtet, in dem Redactions⸗ zimmer an einem kleinen Tiſch in der Nähe des zweiten Fenſters mit dem Rücken nach der Eingangsthür ſitzend fand: ein ſtarker, breit⸗ ſchultriger Mann mit einem hreiten maſſiven Schädel, den ſtruppiges ſchwarzes, negerartig krauſes Haar dicht beveckte. Als er ſich nach dem Eintretenden umblickte, ſah dieſer ein ſchwarzbärtiges todten⸗ blaſſes, und dennoch unſäglich finſtres Geſicht, aus dem ein paar kleine ſtechende, und wie es dem Präſidenten ſchien, blutunterlaufene Augen ſtarrten. Der Mann trug, trotz der ſommerhaften Frühlingswärme, einen dicken groben Flausrock, und, wie zur Entſchädigung dafür, Beinkleider von ungebleichtem Leinen. Um ſeinen muskulöſen, nackten Hals hatte er ein blutrothes baumwollenes Tuch loſe geſchlungen; in ſeinen Ohren trug er kleine meſſingene Ringe. „Ich wünſche, Herrn Dr. Münzer zu ſprechen,“ ſagte der Präſident. „Noch nicht hier!“ erwiderte der im Flausrock;„ſehr beſchäftigt, wenn er kommt.“ „Ich vermuthe das, auch will ich ihn nicht lange aufhalten. Mein Name iſt: Präſident von Hohenſtein; mit wem habe ich die Ehre?“ Der Präſident hatte ſich genannt, einmal, weil er in dem ſtechen⸗ den Blick der kleinen ſchwarzen blutunterlaufenen Augen eine dringende Aufforderung, ſich zu legitimiren, geleſen zu haben glaubte, und ſo⸗ dann aus dem langjährigen Bedürfniß, Leuten in niedrigerer Lebens⸗ ſtellung durch ſeinen Rang zu imponiren. Indeſſen ſchien der ſo oft erprobte Zauber diesmal eher die entgegengeſetzte Wirkung zu haben. Zum wenigſten zuckte es ſeltfam durch des bleichen bärtigen Mannes wildes Geſicht und ein kurzes heiſeres Lachen drang aus ſeiner Kehle. Er ſtarrte den Präſidenten an und blickte dann in die Correctur, an —.. ————— Zweiter Band. 19 der er beſchäftigt war, dann wieder auf den Präſidenten, wie ein Sicherheitsbeamter, der die Identität eines ganz beſonders koſtbaren Hallunken durch ſorgfältige Vergleichung des Originals mit dem Signalement im Steckbrief conſtatiren will; ſchließlich vertiefte er ſich, als ſei er jetzt mit ſich im Reinen, wieder in ſeine Arbeit. Der Präſident verwünſchte innerlich ſeine Unvorſichtigkeit, die ihn in eine Lage gebracht hatte, welche von Minute zu Minute peinlicher wurde. Es war ihm, als ob die mit dem Duft friſcher Drucker⸗ ſchwärze und feuchten Papiers erfüllte Luft der Stube ihn erſticken müßte, als ob die Wände auf ihn fallen und ihn zerſchmettern wür⸗ den, als ob die dickſchnäbligen Papageien und Kakadu's der zerfetzten modrigen Tapete ſich über ihn luſtig machten. Zuletzt blieb er vor einem an eine Tapetenthür geklebten Bogen ſtehen, auf welchem die berühmte Fabel von dem Hausherrn, der zur Nacht auf die Katzen⸗ jagd geht, mit drolligen Bildern illuſtrirt war. Das mit geſperrter Schrift gedruckte„blinder Eifer ſchadet nur“ ſchien ihm eine Weisheit von nie geahnter Tiefe zu enthalten. Der Mann im Flausrock achtete ſeiner nicht weiter; er hatte ſich wieder über ſeine Arbeit gebeugt; nichtsdeſtoweniger wurde dem Präſidenten das Zuſammenſein mit dem⸗ ſelben immer unerträglicher. Es war aber auch ein zu unheimlicher Geſell, der im Flausrock. Er ſchrieb mit der linken Hand, offenbar mit der äußerſten Anſtrengung und Unbeholfenheit; ſein mächtiger Leib ward fortwährend wie vom heftigſten Fieber geſchüttelt, während auf ſeinem Geſicht ſchneller und immer ſchneller fieberhafte Pur⸗ purgluth mit geſpenſtiſch fahler Bläſſe wechſelte. Dabei ſtöhnte und wimmerte er von Zeit zu Zeit ganz leiſe, wie ein von grauſam⸗ ſten Schmerzen Gefolteter, und dann lachte er wieder ſein kurzes, heiſeres Lachen, wie Jemand, der ein äußerſt drolliges Buch lieſt und ſich durch die eigene Heiterkeit nicht ſtören will. „Wollen Sie einen Blick in den Leitartikel des Abendblattes werfen?“ Der im Flausrock reichte dem Präſidenten, welcher jetzt, nachdem er die ingenuoſe Fabel zum ſechsten Mal durchgeleſen, im Zimmer mit leiſen Schritten auf⸗ und abging, das Blatt, an dem er bis jetzt corrigirt hatte. Der Präſident erſchrak über den Ausdruck, den des 2* 20 Die von Hohenſtein. Mannes Geſicht in dieſem Augenblick zeigte, ſo, daß er ein paar Schritte zurücktaumelte und eine abwehrende Bewegung machte. „Nun, wie Sie wollen,“ ſagte der im Flausrock grinſend;„aber der Artikel iſt gut geſchrieben und was den Inhalt betrifft, ſo hat es ſchon ſchlechtere Conterfei's gegeben.“ Und der Mann ergriff eine zweite„Fahne“ und fing wieder an zu corrigiren. „Ich bleibe keinen Augenblick länger,“ murmelte der Präſident, nicht für eine Million!“ In dem Momente, als der Präſident die Hand auf den Drücker der Thür legen wollte, erſchallte draußen auf der hölzernen Gallerie der Schritt Jemandes, welcher mit dem einen Fuße ſehr leiſe und mit dem zweiten ſehr feſt auftrat und dazu mit einem derben Stock den obligaten Takt ſtieß. Eine gar nicht üble Baßſtimme ſang: „In dieſen heil'gen Hallen Kennt man die Rache nicht—“ vann wurde— ohne vorhergehendes Anklopfen— die Thür aufge⸗ ſtoßen und herein hinkte Dr. Holm, den breiträndrigen gelben Stroh⸗ hut ſammt dem Stock in der einen und in der andern Hand das roth⸗ ſeidene Taſchentuch, mit welchem er ſich in dem kühleren Zimmer den Schweiß von der perlenden Stirn und dem kahlen Schädel wiſchen wollte. Aber er vergaß dieſe nützliche Manipulation vor Erſtaunen über den Anblick des alten Univerſitätsfreundes und jetzigen politiſchen Gegners, deſſen Anweſenheit im Redactionszimmer des Volksboten in der That befremdlich genug war, für Dr. Holm zumal, deſſen men⸗ ſchenfreundliches Gemüth mit dem Bewußtſein belaſtet war, daß noch heute Abend einer jener fulminanten Artikel„in Praesidentem“ im Volksboten zu leſen ſein würde. Aber Dr. Holm beſaß in einem hohen Grade die Eigenſchaft, ſich nicht leicht aus der Faſſung brin⸗ gen zu laſſen und ſo ſchwenkte er denn den breiträndrigen Strohhut mit einer kühnen Armbewegung und rief:. „Seid mir gegrüßt, der Regierung erleuchteter, würdiger Präſes.“ „Ich ſehe, die Jahre haben dem friſchen Humor meines Univerſi⸗ tätsfreundes nichts anzuhaben vermocht;“ erwiderte der Präſident, Zweiter Band. 21 der ſich durch dieſen cordialen Empfang ſehr erleichtert fühlte, mit ſeinem verbindlichſten Lächeln. „Dank ſei den heiligen Göttern, die ſolches mir gnädig gewähr⸗ ten!“ ſagte Dr. Holm;„aber wollen wir uns nicht ſetzen, Herr Prä⸗ ſident, damit Sie mir in Ruhe ſage können, was uns die Ehre Ihres Beſuches verſchafft.“ „Danke, danke!“ flüſterte der Präſident, ohne den Rohrlehnſtuhl, auf welchen Holm mit ſeiner gewöhnlichen majeſtätiſchen Geſte wies, anzunehmen;„ſo lieb mir auch eine längere Unterredung mit meinem alten Univerſitätsfreunde wäre, ſo zwingt mich meine knapp zuge⸗ meſſene Zeit, ihm mein Anliegen in aller Kürze vorzutragen und ihn zu bitten, daſſelbe gütigſt bei ſeinem Herrn Collegen befürworten zu wollen. Aus Gründen, die ich hier nicht weiter entwickeln kann“— bei dieſen Worten blickte der Präſident auf den Mann im Flausrock— „liegt mir außerordentlich viel an einer Zuſammenkunft mit Herrn Dr. Münzer. Ich würde ihn in ſeiner Wohnung aufſuchen, fürchte aber, ihn dort ſo wenig, wie hier, zu treffen. Deshalb möchte ich Sie nun erſuchen, ihm mitzutheilen, daß, wenn er nicht vorzieht, mir dieſe Zuſammenkunft heute Abend in meinem Hauſe zu gewähren, er mir für eine andere Zeit und einen anderen, von ihm zu beſtimmenden Orte ein Rendezvous concedire. Wollen Sie, lieber Herr Doctor—“ „Entſchuldigen Sie einen Augenblick, Herr Präſident,“ unterbrach Dr. Holm den glattzüngigen Staatsmann,„aber Gottesdienſt, wiſſen Sie, geht vor Herrendienſt, und wenn der Leitartikel— wie ſteht's, Cajus, iſt er gereinigt von Fehlern des Drucks der holde Leitorum?“ „Hier,“ ſagte der Flausrock, ſich auf ſeinem Stuhle halb um⸗ wendend und mit der linken Hand das Blatt, welches er vorher dem Präſidenten vergeblich zum Leſen angeboten hatte, hinhaltend. Die mächtige Hand, die das leichte Blatt hielt, zitterte und auf dem erdfahlen Geſicht ſtanden große Schweißtropfen. „Um des Himmelswillen,“ rief Holm, mit dem hingehaltenen Blatt die Hand zugleich ergreifend,„wie ſehen Sie denn aus? was iſt Ihnen?“ „Ich bin, als ich die Treppe heraufkam, gefallen, und ich glaube ich habe mir den rechten Arm gebrochen,“ murmelte Cajus. 22 Die von Hohenſtein. „Mann, ſeid Ihr toll!“ rief Holm, der bei dieſen Worten bei⸗ nahe ſo blaß geworden war, wie der im Flausrock,„und Ihr ſitzt hier— ſeit einer Stunde— in dieſem Zuſtande?“ Ein grimmiges Lächeln zuckte über das Geſicht des Leidenden. „Die Herren hätten ja die Correctur ſelbſt machen müſſen, und ich weiß, daß Sie ſo ſchon Mühe haben, fertig zu werden, und—“ die ſchmerzgebrochenen Augen ſchoſſen einen finſtern Blick auf den Präſidenten—„gerade dieſen Artikel konnte ich keinem Andern überlaſſen.“ Der Corrector wollte aufſtehen, aber die Bewegung brachte den zerbrochenen Arm aus ſeiner Lage. Der wüthende Schmerz preßte dem ſtoiſchen Manne einen dumpfen Weheſchrei aus und er ſank ohn⸗ mächtig auf ſeinen Stuhl zurück. Dr. Holm fuhr mit einer Geſchwindigkeit, die man ihm bei ſeiner Lahmheit nicht zugetraut hätte, an die Thür, die nach dem Setzerſaal führte, riß das Fenſterchen auf und ſchrie mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge:„Hülfe! Hülfe!“ dann griff er nach der Klingelſchnur, die über dem Redactionstiſche hing und begann an dieſer Sturm zu läuten, während er dabei noch immerfort Hülfe! ſchrie, obgleich die von ihrer Arbeit aufgeſchreckten Setzer mit verſtörten Mienen ſchon in das Zimmer geſtürzt kamen. Zu gleicher Zeit aber ward auch die Thür, die nach dem Flur führte, geöffnet und Tante Bella eilte herein,— das Stickmuſter noch in der Hand und das rothe Garn noch um den Hals— und rief: „Habe ich es doch gedacht, daß dieſer Mann uns Unglück in's Haus bringen würde! Was giebt's, Holm?“ „Rühre ihn Keiner an; er hat den Arm gebrochen!“ ſchrie Dr. Holm den Männern zu, die den noch immer ohnmächtigen Cajus emporzurichten bemüht waren. „Aber Holmchen, ſind Sie denn von Sinnen?“ rief Tante Bella, „wir können ihn doch hier nicht ſitzen laſſen. Geben Sie mir lieber ein Glas Waſſer aus der Karaffe. Lohmann, laufen Sie nach dem Doctor! er ſoll ſofort kommen! Sie Beide und Hartwig— Sie haben ja viel Kraft!— tragen Sie ihn nach vorne— in die rothe Stube! So!“ Zweiter Band. 23 Da richtete ſich Cajus in die Höhe, blickte mit verwirrten Augen auf die um ihn Herumſtehenden und ſein finſteres Geſicht wurde noch finſterer. „Ich dächte, es wäre genug, daß Einer nicht weiter kann, müßt Ihr Andern deshalb auch von der Arbeit laufen.“ Er ſtand vollends auf und nahm den gebrochenen Arm in den geſunden: „Ich kann allein nach Hauſe gehen,“ ſagte er,„machen Sie mir nur gefälligſt die Thür auf.“ „Papperlapapp!“ ſagte Tante Bella.„Nach Hauſe gehen! Ich möchte wohl wiſſen, was Sie ohne Frau und Kind und Kegel mit einem zerbrochenen Arm zu Hauſe wollten! Wir haben hier Platz genug und Arme genug. Ich möchte nicht das Geſicht ſehen, das mein Bruder machen würde, wenn er nach Hauſe käme und hörte, wir hätten Sie ſo fortgelaſſen.“ Dies letzte Argument ſchien auf den ſonderbaren Mann ſichtbaren Eindruck zu machen. Er murmelte ein paar unverſtändliche Worte und folgte dann Tante Bella aus dem Zimmer. Zwei von den Setzern gingen auf einen energiſchen Wink von Tante Bella's energi⸗ ſchen Augen mit; die andern begaben ſich unter dem bei ſolchen Ge⸗ legenheiten üblichen Hin⸗ und Herreden wieder an ihre Arbeit. Der Präſident und Dr. Holm blieben allein. „Uff!“ ſtöhnte Dr. Holm, indem er ſich gänzlich erſchöpft in ſeinen Lehnſtuhl ſinken ließ und Arme und Beine von ſich ſtreckte; „mir ſchlottern alle Glieder! Iſt das ein Eiſenmenſch, eine Römer⸗ natur dieſer Cajorum! Was ſagen Sie, Herr Präſident? Haben Sie in Ihren Büreaus auch ſolche Helden?“ „Ich fürchte, nein,“ erwiderte der Präſident, der während dieſer ganzen Scene in der fernſten Ecke des Zimmers geſtanden hatte. „Und eine Sache, die ſolche Kämpfer hat, ſollte nicht ſiegen!“ rief Dr. Holm, enthuſiaſtiſch auf den Tiſch ſchlagend;„eine Sache, zu der Männer halten, die nicht blos jeden Augenblick bereit ſind, für ihre Ideen in den Tod zu gehen— denn dulce est pro patria mori,— morornm!(abermaliges Berühren der Tiſchplatte mit der —— 24 Die von Hohenſtein. geballten Hand) aber ſich den Arm brechen, mit einem gebrochenen Arm einen Leitartikel corrigiren— corrigorum Leitorum!“ „Ich ſehe, Sie haben Ihren alten Heidelberger Humor mit arum, orum noch immer nicht verloren,“ ſagte der Präſident, ſchon nahe an der Thür. „Den Göttern Dank!“ erwiderte Dr. Holm, ſich erhebend und den Beſuch mit jener anmuthigen Grandezza, die ihm, trotz ſeiner Lahmheit, jeder Zeit zu Gebote ſtand, zur Thür begleitend,„wenn Sie auch noch Latein ſprächen, Herr Präſident, wir brauchten keine Leitorum in praesidentem zu ſchreiben.“ „Ha, ha!“ lächelte der Präſident,„ſehr gut, ſehr gut! Adien, lieber Doctor! Sie vergeſſen nicht, Ihrem Herrn Collegen—“ „Soll geſchehen, ſoll geſchehen!“ „Ihr ergebenſter Diener!“ „Servorum! Servorum!“ „Ein Narr dieſer Menſch,“ murmelte der Präſident, während er mit langen, leiſen Schritten über die Gallerie davoneilte;„ein Narren⸗ haus dieſer ganze Rumpelkaſten. Nun, wenn ich den Hauptnarren, den Münzer, nur am Seile führen kann, bin ich doch nicht vergeblich hier geweſen.“ Drittes Capitel. Der Präſident von Hohenſtein war, nachdem er die Redaction des Volksboten verlaſſen, an einer der nächſten Straßenecken ſtehen geblieben, augenſcheinlich unſchlüſſig, welchen Weg er zunächſt ein⸗ ſchlagen folle. Dann hatte er eine vorbeifahrende Droſchke angerufen und ſich zu Frau Antonie von Hohenſtein fahren laſſen. Er fand Antonie im Begriff, einen Spazierritt zu machen, und wurde in Folge deſſen, vielleicht auch, weil die gnädige Frau, wie es ſchien, überhaupt in ſehr übler Laune war, ziemlich ungnädig empfangen. Der Präſi⸗ Zweiter Band. 25 dent wollte die ſchöne Schwägerin gar nicht aufhalten, er wollte ſie nur im Namen ſeiner Damen und in ſeinem eignen Namen— hier verbeugte ſich Herr von Hohenſtein— daran erinnern, daß heute Empfangsabend in ſeinem Hauſe ſei. Dann erwähnte er— ganz zufällig— ſeines Gegners, des Dr. Münzer, welcher, ſehr wahrſchein⸗ lich wenigſtens, heute Abend ebenfalls zum Thee kommen werde, und dann ſeufzte er und meinte:„Wenn ich Jemand wüßte, der dieſen Mann auf unſere Seite bringen oder unſchädlich machen könnte, ich— aber, ma chère Antonie, da ſtehe ich und ſchwätze und thue, als ob ich nicht fähe, wie Sie vor Aerger über dieſen Aufenthalt an den ſchönen Lippen nagen, und nicht hörte, wie Ihr Pferd die ganze Straße in Allarm ſcharrt. Adieu! Kommen Sie nicht zu ſpät, und reiten Sie deshalb nicht ſo weit!“ Der Präfident lächelte, verbeugte ſich, lächelte und verſchwand, tippte unten im Vorbeigehen mit der Spitze des Zeigefingers An⸗ tonien's Pferd auf den ſchlanken Hals und ſchritt dann, die ſchmalen langen Hände auf dem langen ſchmalen Rücken, durch die engen, menſchenerfüllten, lärmenden Gaſſen dahin. Obgleich er die Augen kaum von ſeinen zierlichen Lackſtiefeletten zu erheben ſchien, bemerkte er doch offenbar Alles, was um ihn vorging. Der Gruß auch des geringſten Handwerkers wurde verbindlichſt erwidert; einem Knaben, der weinend neben den Scherben eines Bierkruges, welcher den un⸗ geſchickten Händen entglitten war, ſtand, ſchenkte er ein Zehngroſchen⸗ ſtück(zur größten Genugthuung einer Schaar alter Weiber, die ſeit einer Viertelſtunde eifrig auf den Buben eingeredet hatten) und ſagte dabei(mehr zu den Weibern, als zu dem Knaben:)„Wenn Dein Vater Dich fragt: wie Du zu dem Gelde kamſt, ſage nur: der Prä⸗ ſident von Hohenſtein habe es Dir gegeben.“ In einer andern Straße trat er auf die Seite, um eine Prozeſſion in eine Kirche ziehen zu laſſen, und blieb mit unbedecktem Haupte ſtehen, bis der letzte Wall⸗ fahrer in dem Portale verſchwunden war— eine Aufmerkſamkeit, die von den vielen Herumſtehenden höchlich gebilligt wurde, von denen nicht Wenige den Präſidenten von Anſehen kannten und wußten, daß er, wie ſeine ganze Familie, nicht das Glück habe, der allein ſelig⸗ machenden katholiſchen Kirche anzugehören. — 26 Die von Hohenſtein. So mit ſorgſamen Händen nach rechts und links den billigen Samen koſtbarer Popularität ausſtreuend, kam der Präſident zuletzt in ein ruhigeres Quartier der Stadt. Der Präſident hatte dieſe Straße lange nicht geſehen, ſo lange nicht, daß ſie ihm beinahe ganz fremd erſchienen. Und doch war er in frühern Jahren oft hier ge⸗ weſen. In einem Hauſe, das ſeinen ſchmalen hohen Giebel nach einem halb mit Gras bewachſenen kleinen Platz kehrte, der auf zwei Seiten von düſtern Kloſtergebäuden begrenzt wurde, hatte drei Treppen hoch ein wunderhübſches Mädchen gewohnt, in die der Auscultator von Hohenſtein leidenſchaftlich verliebt geweſen war und die ihrerſeits ven vornehmen ſchlanken jungen Mann noch viel leidenſchaftlicher ge⸗ liebt hatte. Der Präſident erinnerte ſich, daß er auf derſelben Stelle, auf welcher er jetzt einen Moment ſtehen blieb, um nach dem Giebel⸗ hauſe hinüber und hinauf zu blicken, vor nun ungefähr dreißig Jahren in einer ſchönen Maiennacht von der braunäugigen Agathe Abſchied genommen hatte, da er am nächſten Morgen in die Reſidenz reiſen mußte— nur, um ſein zweites Eramen zu machen und dann wieder zu kommen, wie er dem weinenden Mädchen ſagte, in Wirklichkeit aber, um viele Jahre wegzubleiben. Er hatte die kleine Agathe nicht wie⸗ vergeſehen; er wußte nicht, was aus ihr geworden war; einmal hatte er, aber nicht als beſtimmt, gehört, das Mädchen habe einen ſchlechten Lebenswandel angefangen uld ſei ſpäter in der Charité der benach⸗ parten Univerſitätsſtadt elend geſtorben. Es war eine unbequeme Reminiscenz und der Präſident hielt ſich nicht lange dabei auf; er hatte Wichtigeres zu thun und er beeilte ſeine Schritte, bis er in die breitere Straße gelangte, in welcher, wie er wußte, das Haus ſeines Bruders lag. Es war eine ſtile, melancholiſche Straße; die eine Seite wurde von der langen hohen Mauer des Kloſterhofes, über welche uralte Bäume ihre zum Theil verdorrten, zum Theil mit jungem Laub ge⸗ ſchmückten Aeſte ſtreckten, begrenzt. Die Häuſer auf der andern Seite waren meiſtens zweiſtöckig und ſahen ſich, da ihre Wände alle mehr oder weniger mit Weinſpalieren bekleidet waren, ſo ähnlich, daß der Präſident nach einigem Suchen daran verzweifelte, das rechte zu fin⸗ den und es für das gerathenſte hielt, eine Dame in Trauerkleidung, die eben aus einem der Häuſer getreten war und ihm in dieſem Zweiter Band. 2 Augenblicke den Rücken wandte, nach der Wohnutg des Herrn Stadt⸗ raths von Hohenſtein zu fragen. Die Dame kehrte ſich auf das höf⸗ liche:„Erlauben Sie, Madame—“ um und der Präſident erkannte zu ſeinem Erſtaunen das ſchöne junge Mädchen, das er vor einer Stunde in dem Giebelfenſter des Schmitz'ſchen Hauſes geſehen hatte. Das reizende Geſicht des Mädchens trng unverkennbare Spuren von Schmerz oder Beſtürzung, ja der Präſident glaubte zu bemerken, daß die großen blauen Augen noch eben erſt geweint hatten. Ah, mein Fräulein, ich hatte, wenn ich nicht ſehr irre, heute Nachmittag ſchon einmal das Vergnügen; verzeihen Sie mir, als einem nahen Verwandten der Schmitz'ſchen Familie die Neugier, mich nach Ihrem Namen zu erkundigen; ich heiße von Hohenſtein, Präſi⸗ dent von Hohenſtein.“ Und der Präſident verbeugte ſich anmuthig, den Hut über dem rechten Ohre haltend. „Mein Name iſt Ottilie Schmitz,“ erwiderte das junge Mädchen, dem, als der Präſtdent ſeinen Namen nannte, das Blut in die Wangen geſchoſſen war. Der nahe Verwandte der Familie Schmitz war in der Genealogie dieſes ehrenwerthen Geſchlechts keineswegs hinreichend bewandert, um durch dieſe kurze Antwort vollkommen befriedigt zu werden. Er ſagte deshalb:„Ah, in der That, Fräulein Ottilie Schmitz? Ich erinnere mich. Und Sie haben einen Trauerfall in der Familie gehabt, Fräu⸗ lein Schmitz?“ „Mein Vater,“ erwiderte Ottilie, deren Verwirrung mit jedem Augenblick größer wurde. „O!“ ſagte der Präſident,„das iſt ja recht ſchmerzlich. Ihr Herr Vater!— Aber ich halte Sie in unverantwortlicher Weiſe auf. Ich hoffe, noch öfter das Vergnügen zu haben—“ Der Präſident trat mit einer tiefen Verbeugung auf die Seite, und Ottilie entfernte ſich eilends, nachdem ſie mit niedergeſchlagenen Augen und hoch erröthenden Wangen den Gruß kaum erwidert hatte. „Hm!“ murmelte der Präſident,„ein hübſches Mädchen; Ottilie Schmitz, Nichte oder ſo was vermuthlich meiner vortrefflichen Schwägerin, möglicherweiſe in einiger Zeit auch mit uns verſchwägert. 28 Die von Hohenſtein. Ich muß in die Sache Klarheit bringen. Clotilde hat ſich, wie es ſcheint, in gewohnter Weiſe wieder einmal zu tief eingelaſſen. Es iſt die höchſte Zeit, daß ich die Angelegenheit in die Hand nehme. Jeden⸗ falls iſt dies Haus das rechte; da ſteht ja auch der Name auf dem Klingelſchild.“ Der Präſident klingelte und fragte: ob der Herr Stadtrath zu Hauſe ſei. „Jeſſus Maria, Herr Präſident!“ ſchrie die„dumme“ Urſel, welche vor Jahren einmal im Hauſe des Präſidenten gedient hatte, und von den Zwiſtigkeiten der Familie Hohenſtein hinreichend unter⸗ richtet war,„nein, wird ſich aber der Herr Stadtrath freuen! Wollen Sie hier in den Herrn ſein Zimmer treten, Herr Präfident; ich will nur eben hinauflaufen und ſagen, daß Sie hier find.“ „Aber ich werde doch nicht ſtören, liebes Kind?“ „Jeſſus Maria, ſtören! Bitte, treten Sie näher, Herr Präſident.“ Urſel drängte faſt den Präſidenten in das rechts vom Flur zu ebener Erde gelegene Zimmer ihres Herrn und machte die Thür hinter ihm zu. Der Präſident ſah ſich neugierig in dem Zimmer um; er war, ſo lange der Stadtrath verheirathet war, noch nie bei demſelben geweſen. Er hatte ſich die häusliche Einrichtung des Bruders— wenn er einmal, was ſelten geſchah, daran dachte— immer klein, unbedeutend, armſelig vorgeſtellt und war deshalb einigermaßen er⸗ ſtaunt, das gerade Gegentheil von dem Allen zu finden. Teppiche auf dem Fußboden, etwas alterthümliche, aber bequeme, ſogar koſt⸗ bare Meubel, ſeidene Gardinen vor den Fenſtern, ſchöne Kupferſtiche und treffliche Gypſe an den in pompejaniſchem Roth gemalten Wän⸗ den. Stattlicher ſah es in ſeinem eigenen Arbeitscabinet nicht aus. „Ja, ja, wir Hohenſteins haben Geſchmack,“ ſagte der Präſident;„es iſt ein eigenes Ding um den Vorzug, aus guter Familie zu ſein, man encanaillirt ſich doch nicht ſo leicht, wie ich ſehe. Hm, hm! Es wäre am Ende ſo übel nicht— wenn man nur des Alten ſicher wäre.“— Der mit Akten und Papieren beveckte Arbeitstiſch des Stadtraths erregte die Aufmerkſamkeit des Präſidenten. Ein offener, mit großen plumpen Buchſtaben geſchriebener Brief lag ſo, daß man ihn— wenn Zweiter Band. 29 man ſich, wie der Präſident, ſcharfer Augen erfreute— noch aus einiger Entfernung bequem leſen konnte. „Steht es ſo?“ murmelte der Präſident, von dem Schreibtiſch ſchnell zurücktretend und ſich in die Betrachtung eines Bildes am ent⸗ gegengeſetzten Ende des Zimmers vertiefend; ſo hat Clotilde alſo ausnahmsweiſe doch einmal das Gras wachſen hören. Das iſt freilich etwas Anderes.— Ah! da biſt Du ja, lieber Bruder! wie freue ich mich, daß ich Dich endlich einmal unter vier Augen ſprechen kann!“ Der Präſident war dem in's Zimmer tretenden Stadtrath mit weit vorgeſtreckten Händen entgegengegangen, aber er ſtutzte unwillkür⸗ lich, als er das bleiche aufgeregte Ausſehen des Bruders bemerkte. „Mein Himmel, Arthur, Du biſt krank; ich komme Dir ungelegen!“ „O nicht doch, nicht doch— ein wenig angegriffen— das iſt Alles,“ erwiderte der Stadtrath, mit bleichen Lippen lächelnd und die Hände des Bruders ergreifend;„ich freue mich, freue mich ſehr, Dich bei mir zu ſehen. Aber willſt Du nicht Platz nehmen? Du kommſt mir zuvor; ich würde mir heute Abend ſelbſt die Erlaubniß genommen haben, Dich aufzuſuchen. Wichtige Familienangelegenheiten, von denen ich in der That nicht weiß, was Du dazu ſagen wirſt... „Vorerſt, lieber Bruder,“ unterbrach ihn der Präſident, ſich in das bequeme Sopha ſinken laſſend,„gieb mir Nachricht über das Befinden der Deinen. Wie geht es Deiner Frau? wie geht es dem Wolfgang?“ „Beſſer, beſſer, ich darf wohl ſagen: gut. Wir haben eben eine Conferenz gehabt, in welcher Eure Namen oft genannt wurden.“ „Lieber Arthur,“ ſagte der Präſident, ſich auf ſeinem Sitze vorn⸗ überbeugend und ſeine Hand leicht auf den Arm des Stadtraths legend,„laß uns ohne Rückhalt, wie es Brüdern geziemt, offen zu einander ſprechen. Wir ſind uns durch jahrelanges thörichtes Schmollen ein wenig entfremdet, aber ich denke, wir werden uns wohl noch ver⸗ ſtehen, wie wir uns früher verſtanden, als wir auf derſelben Schul⸗ bank ſaßen, und Du, obgleich Du zwei Jahre jünger biſt, mir meine Arbeiten corrigirteſt. Du warſt der Geſcheidtere von uns Beiden und hätteſt eine große Carriere machen können, wenn Du, wie es ja doch auch natürlich war, zu uns gehalten hätteſt. Laß mich ausreden, 30 Die von Hohenſtein. lieber Bruder! Siehſt Du, gerade weil ich ſo viel von Deinen Talenten hielt, gerade weil ich wußte, daß Du ein Stolz der Familie ſein könnteſt, wenn Du wollteſt— gerade deshalb kränkte es mich ſo ſehr, daß Du eine Richtung einſchlugſt, die Dich weiter und immer weiter von uns entfernen mußte und in der That entfernt hat. Wie tief mein Kummer über das Alles geweſen iſt, das habe ich erſt jetzt an der Freude erfahren, die ich empfand, als ich vorgeſtern Abend auf dem Rathhauſe vor allen Anweſenden in Dir den Retter der Stadt umarmen konnte. Lieber Arthur! Laß uns nachholen, was wir verſäumt haben, ſo weit es noch möglich iſt! Wie groß mein Vertrauen zu Dir iſt, kannſt Du daraus abnehmen, daß ich heute als eine Art Bittender, um Aufſchluß Bittender zu Dir komme. Um es kurz zu machen: meine Frau hat mir ein Langes und Breites von einer ſtillen Neigung erzählt, die meine Camilla während des Be⸗ ſuches auf Rheinfelden für Deinen Wolfgang, und, wie Clotilde meint, Dein Wolfgang vice versa für meine Camilla gefaßt hat. Ich habe mit dem Kinde ſelbſt natürlich noch nicht geſprochen, werde es auch nicht thun, bevor ich weiß, was denn nun eigentlich an der Sache, die mich natürlich höchlich überraſcht hat, iſt. Und zu dem Zwecke bin ich eben hier. Hat Dir Dein Wolfgang, oder Deine Frau— Frauen ſind in dieſen Dingen ſo äußerſt ſcharfſinnig!— eine Mittheilung gemacht? Du ſiehſt: ich vertraue Dir ganz, ver⸗ traue Du auch mir.“ „So haſt Du keinen Brief von dem Onkel erhalten?“ fragte der Stadtrath. „Von dem Onkel? Nein— kein Wort!“ ſagte der Präſident. „Und weißt auch nicht, was der Onkel über Wolfgangs Zukunft beſchloſſen hat? daß der Wolfgang die Juriſterei aufgeben, Soldat werden und in Guisbert's Regiment eintreten wird?“ „Nicht das Mindeſte!“ erwiderte der Präſident mit trefflich ge⸗ ſpielter Ueberraſchung. „So erlaube, daß ich Dir dieſen Brief, den ich heute Morgen vom Onkel erhielt, vorleſe,“ erwiderte der Stadtrath, aufſtehend, an den Schreibtiſch tretend und den Brief des Alten zur Hand nehmend. „Ich bin ganz Ohr,“ ſagte der Präſident und hörte mit den Zweiter Band. 31 Zeichen lebhafteſten Intereſſes den Brief vorleſen, von welchem der Stadtrath natürlich die letzten, für den Bruder ſo wenig ſchmeichel⸗ haften Zeichen fortließ. „Ei, das iſt mir eine Neuigkeit!“ ſagte der Präſident, als der Stadtrath den Brief in ein Schubfach ſeines Schreibtiſches ſchloß; „aber, lieber Bruder, was ſagt der Wolfgang, was Deine Frau, was ſagſt Du dazu?“ „Ich kann Dir nur ſo viel ſagen, daß Wolfgang Camilla liebt; er hat es meiner Frau, er hat es mir geſtanden. Gegen das Project des Onkels, bezüglich ſeiner zukünftigen Carriére, hat er noch einige Serupel; aber das wird ſich finden, wenn wir nur in der Hauptſache einig ſind.“ „Und ich denke, das ſind wir!“ ſagte der Präſident mit feinem Lächeln, indem er dem Bruder die Hand hinhielt. Der Stadtrath ergriff ſie mit großer Lebhaftigkeit. „Kann es denn wirklich ſein?“ ſagte er,„ſollen wir, die wir ſo lange Jahre miteinander gegrollt haben, uns wirklich am Abend unſeres Lebens wiederfinden?“ „Am Abend unſeres Lebens?“ ſagte der Präſident lächelnd;„ei, lieber Bruder, wir ſtehen noch nicht einmal auf der Mittagshöhe; wir können und werden noch höher ſteigen, wenn wir zuſammenhalten.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Stadtrath,„ich fühle mich ſeit einiger Zeit weniger kräftig als ſonſt. Mir iſt, als ohzich alle Spannkraft verloren hätte.“ Der Stadtrath ſtrich ſich mit der Hand über Augen und Stirn. „Nun, nun,“ ſagte der Präſident;„Du biſt überarbeitet, lieber Bruder; wenn Jemand das Recht hat, müde zu ſein, ſo biſt Du es. Aber Deine Verdienſte werden auch anerkannt. Ich ſprach geſtern Abend beim General Hinkel den Oberbürgermeiſter. Er hält Deine einſtimmige Wahl zum Kämmerer für unzweifelhaft. Er hat mir auch die romantiſche Geſchichte Eurer improviſirten Kaſſenviſitation erzählt; ſehr gut, ausgezeichnet; ich hätte Euch wohl Beide dabei ſehen mögen.“ Der Stadtrath lachte; aber ſein Lachen ging in einen trockenen Huſten über. Er ſtand auf: 32 Die von Hohenſtein. „Ich glaube, meine Bruſt iſt angegriffen; ich muß doch einmal mit dem Medicinalrath ſprechen.“ „Du biſt ein Hypochonder geworden, lieber Bruder,“ ſagte der Präſident, der ebenfalls aufgeſtanden war.„Iſt auch nicht zu ver⸗ wunvern; Du haſt außerhalb Deiner eigentlichen Sphäre gelebt, ſo etwas bekommt Einem immer ſchlecht. Doch das wird ſich jetzt Alles ändern. Ich habe auch meine Sorgen gehabt und habe ſie noch. So ein armer Beamter, noch dazu wenn er eine höhere Stellung einnimmt, iſt übel daran. Unſern Kindern wird es hoffentlich beſſer gehen. Ich darf doch ſagen: unſern Kindern?“ „Lieber Bruder!“ ſagte der Stadtrath und öffnete ſeine Arme. „Aber nun will ich fort,“ ſagte der Präſident, nachdem er ſich der ſtummen Umarmung entzogen hatte.„Ich habe heute noch eine Welt von Geſchäften abzuarbeiten. Und dazu iſt heute Abend Clotil⸗ dens Empfangstag: Du ſollteſt doch auch kommen! junge Officiere, hübſche Mädchen... A propos: hübſche Mädchen! Wer war denn die Kleine in Trauer, die aus Eurem Hanſe kam, eben, als ich hineinging?“ „Eine Nichte meiner Frau,“ fagte der Stadtrath,„die Tochter ihres Bruders in Thüringen, der vor einigen Tagen geſtorben iſt. Meine Frau hat eine merkwürdig unbequeme Anhänzlichkeit an ihre Familie. Ich hatte eben, als Du kamſt, eine kleine Dispüte mit ihr gerade über dies Khitel.“ Der Präſident lachte,„kann mir denken, muß Dir gerade jetzt ein wenig unbequem ſein. Nun, nun, das arrangirt man ſo peu à peu. Keinen Schritt weiter, lieber Bruder, à revoir!“ „Sieht in der That elend aus, mon cher frère,“ murmelte der Präſident, als er die einſame Kloſtergaſſe langen leiſen Schrittes hinab⸗ hing;„glaube wirklich, daß er's nicht mehr viele Jahre treibt.— Das alſo wäre glücklich geordnet! Ich habe einen feinen Kopf für Geſchäfte der Art. Wie klug, daß ich mir gar nichts merken ließ! Nun habe ich nur noch dem demokratiſchen Bären einen Ring durch die Naſe zu ziehen, daß er nolens volens nach meiner Pfeife tanzt. Sechs Uhr! wie die Zeit hingeht! Droſchke!— Nach dem Präſidial⸗ Gebäude!“— Zweiter Band. 33 Piertes Capitel. Bernhard Münzer hatte ſchon häufig in ſeinem Leben empfunden, welcher Segen für ein leidenſchaftliches Herz eine alle Fibern des Gehirns anſpannende Arbeit iſt, aber noch nie ſo ſehr, als in dieſen beiden letzten Tagen. Wieder ſtand er einmal vor einem Räthſel ſeines räthſelvollen Daſeins, vor einer Sphinx, die ihn nur deshalb im Anfang mit ſo ſüßen Mienen angelächelt hatte, um ihn im nächſten Augenblick als widerlich verzerrte Teufelsfratze anzugrinſen. Das alte Gaukelſpiel der Phantaſie! wie oft hatte es ihn ſchon entzückt, ent⸗ ſetzt— genasführt! Wie genau kannte er die kunſtvolle Verſchürzung, die anmuthige Entwickelung, die jähe Kataſtrophe, und— das düſtre Nachſpiel!— nicht jene reueſelige Zerknirſchung, die weinend Buße und Beſſerung gelobt— ſie kannte Münzer nicht, hatte ſie nie ge⸗ kannt!— wohl aber jenen finſtern, grimmigen Zorn, mit welcher die gramesdüſtren Augen von Milton's Satan den Wunderbau einer Welt durchmuſtern, die nur für ihn kein Kosmos iſt. Nur für ihn? nein! auch für unzählige Andre, die ſo wenig, wie er ſelbſt, jemals zur Freude, zur Ruhe und zum Frieden kommen!— und wenn auch nur für ihn! iſt er denn nicht ein Theil des Alls— ein unendlich winziger Theil— ein Atom— gleichviel, ſo immer doch kein Nichts, ſo immer doch ein Etwas, das lebt und fühlt und denkt und leidet, unſäglich leidet unter dieſem Zwieſpalt eines tiefen klaren Geiſtes, der mit ſeiner ganzen ſtolzen Kraft nach Wahrheit, der ganzen Wahr⸗ heit und nach Bethätigung der ganzen Wahrheit ſtrebt, und einem nicht minder tiefen, dunklen Herzen, das ſich mit ſeiner ganzen nicht minder ſtolzen Kraft nach Befriedigung, der vollen, ganzen Befrie⸗ digung ſeiner ausſchweifenden Wünſche ſehnt. Wie hatte er gerungen, dieſen Zwieſpalt zu verföhnen! wie hatte er dieſem höchſten Ziele die duftigſten Blüthen ſeiner Phantaſie mitleidslos geopfert! wie hatte er mit zitternden Händen abgeriſſen das koſtbare Herrenkleid, die edlen Fr. Spielhagen's Werke. vII. 3 34 Die von Hohenſtein. Glieder in die Lumpen des Sklaven gehüllt! und ohne Murren, ohne Klagen Sklavenarbeit im Dienſte ſeines Ideals, im Dienſte der Menſchheit, einer freien, brüderlichen Menſchheit verrichtet! Was hatte ihm das Alles genützt! Der Zwieſpalt in ſeinem Innern war nicht verſöhnt! er hatte noch immer nicht Mäßigung, nicht Demuth, nicht Geduld gelernt! und die freie, brüderliche Menſchheit war und blieb ein grauſamer, plumper, höhniſcher Götze, der die Sklaven, welche die Schultern an den Rädern ſeines Wagens blutig geſtämmt hatten, vor ſeinen Augen, ohne mit den Wimpern zu zucken, von den ſchlauen Prieſtern des Wahns in den Abgrund ſtürzen ſah. Und mochte doch das Alles ſein— wenn nur der Kämpfer ſeine Kraft in dieſem Kampfe nicht immer mehr und mehr hätte ermatten fühlen; nicht hätte fühlen müſſen, daß jenes größte Unglück, welches den Denker treffen kann, das Unglück: ſchließlich Widerwillen zu empfinden an der Vernunft, und abzuſtumpfen gegen den Reiz der Wahrheit, vielleicht doch das ſchmachvolle Ende ſein würde. Aber nein und tauſendmal nein! Deine Feinde, die nur auf Deine Schwäche lauern, — ſie ſollen dieſes Triumphes ſich nicht rühmen können! Keines Menſchen Hand ſoll das mattere Klopfen Deines Herzens fühlen; keines Menſchen Auge in Deinem Auge die ſtumme Klage leſen um das erſehnte, nie erreichte, längſt verloren gegebene Glück! Keines Menſchen Hand? und auch die Hand nicht, die Du einſt in Deine Hand zum Bunde für das Leben legteſt? Keines Menſchen Auge? und auch das Auge nicht, das an Deinen Blicken mit unend⸗ licher und darum auch allwiſſender Liebe hängt? das jede Wolke, die über Deine Stirn zieht, im erſten leichteſten Aufdämmern erkennt und mit heimlichen Thränen begleitet?— auch Deines Weibes Auge nicht? Du hoffſt es; es würde Dich noch elender machen, wenn Du es nicht hoffen dürfteſt. Und wer ſagt Dir, daß Du es hoffen darfſt? der ſchmerzliche Zug etwa, der ſo oft um ihren Mund zuckt, den Mund, der vielleicht nicht von geiſtreicher Rede überfließt, der aber noch ſtets die Wahrheit ſprach, und von dem Du nie ein bittres, kränkendes Wort vernahmſt,— nie! aber dafür wie manchen treuen Rath, wie manchen herzlichen Troſt! und von dem Du noch viel, ſehr viel mehr Gutes und Liebes würdeſt vernommen haben, wenn Du Zweiter Band. 35 das Siegel zu löſen verſtanden hätteſt, das gerade in den Augen⸗ blicken tiefinnerſter Erregung wie von neidiſchen Dämonen auf ſeine Lippen gedrückt wurde. Nein Münzer, Du darfſt nicht hoffen, daß Du Dich vor Deinem Weibe mit Deinem kummerbelaſteten, ſchmerz⸗ zerriſſenen Herzen verftecken kannſt! Und dennoch hoffſt Du es! Wo blieb der Scharfſinn Deines Geiſtes, Münzer? wo das zarte Gefühl Deines Herzens? Biſt Du nur ſcharfſichtig für Andre? nur feinfühlend für Deinen Nächſten?— Fort, fort ihr Spukgeſtalten! Arbeit, heilige, menſchenerlöſende, gramzerſtreuende Arbeit, ſteh' du mir bei! Du, die mich beſchirmt hat in meiner öden, freudloſen Jugend! die Du mich oft ſchon mit Deinen Götterhänden geriſſen haſt aus den Krallen der Verzweiflung und des Wahnſinns! Göttin Du, in dem härenen, ſtaubbefleckten Gewande, Du mit dem ſtrengen feſtgeſchloſſenen Munde und der düſtern Faltenſtirn! Du, der ich mich geweiht habe, als ich noch ein ſchwacher Knabe war, hilf Du mir fürder die ſchwere Bürde des Lebens ungebrochen tragen bis an's Ende! „Willſt Du ſchon wieder fort, Bernhard?“ ſagte Clärchen, als Münzer, nachdem er am Nachmittage einige Stunden geſchrieben hatte, die Feder auf den Tiſch warf, ſeine Papiere zuſammenpackte und aufſtand;„Du pflegſt am Dienſtag nicht ſo früh zu gehen.“ „Ich muß,“ ſagte Münzer zerſtreut;„es iſt eben eine heiße Zeit für uns.“ „Armer Bernhard;“ ſagte Clärchen, zu ihrem Gatten tretend, und ihm die Hand auf den Arm legend;„Du mußt Dich ſo quälen!“ „Quälſt Du Dich denn nicht?“ erwiderte Münzer, der wieder anfing, zwiſchen ſeinen Papieren zu kramen;„aber laß mich, Clär⸗ chen; Du weißt: im Momente des Fortgehens bin ich ungern geſtört; ich vergeſſe ſonſt regelmäßig das Wichtigſte.“ Clärchen trat beſcheiden zurück, bis Münzer ſich zu ihr wenden würde. Aber er wandte ſich nicht zu ihr, ſondern ſchritt von ſeinem Schreibtiſch nach dem Stuhl an der Thür, auf den er ſeinen Hut zu ſtellen pflegte. Als er die Hand auf den Griff legte, ſagte Clär⸗ chen ſanft: 3* 8 36 Die von Hohenſtein. „Du haſt etwas Unwichtiges vergeſſen, Bernhard!“ „Was iſt's?“ „Mir Adieu zu ſagen.“ „Adieu, Clärchen!“ Münzer ſtreckte ſeiner Gattin lächelnd die Hand entgegen. Clärchen flog in ſeine Arme und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt; aber ſogleich riß ſie ſich wieder los und wie ſie ſich von Münzer ab zum Fenſter wandte, ſah er, daß ihr die Thränen in den Augen ſtanden. Münzer ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, ob er gehen ſolle oder bleiben; dann legte er den Hut und die Papiere auf den Stuhl, trat an Clärchen heran und ſagte: „Warum weinſt Du, Clärchen?“ Clärchen wandte ſich halb um und verſuchte zu lächeln: „Das kommt wohl ſo;“ ſagte ſie. „Du biſt unglücklich, Clärchen.“ „Ich bin's, wenn Du es biſt und— Du biſt es.“ Münzer's Stirn verdüſterte ſich. „Das alte Lied,“ ſagte er. „Das alte Lied!“ wiederholte Clärchen;„das alte Lied, zu dem der Tert nicht ausgeht.“ „Weil Du immer neue Strophen dazu dichteſt.“ „Ich bin kein Dichter, Bernhard! Ich dichte Deine Sorgen, Deinen Kummer, Deine ſchlafloſen Nächte nicht. Das Alles iſt wirklich.“ „Und was kannſt Du dafür?“ „Sehr viel! Du hätteſt nicht heirathen ſollen. Du mußteſt frei ſein. Du haſt mehr zu thun, als für Frau und Kinder zu ſorgen. Du würdeſt vielleicht auch ſo nicht glücklich ſein, aber doch nicht ſo unglücklich.“ Clärchen ſagte das ſo ſtill, ſo in ſich gefaßt— es war Münzer, als ob ſeine Seele hüllenlos vor dem ruhigen, klaren Auge ſeines Weibes läge. Er wollte und konnte nicht lügen; er konnte nichts ſagen, als: „Und werden wir nun dadurch glücklicher?“ Zweiter Band. 37 „Ich weiß es nicht, Bernhard; aber Du ſelbſt haſt mich gelehrt, daß kein Geheimniß zwiſchen uns ſein dürfe. Es wäre beſſer gewor⸗ den, wenn ich das früher begriffen hätte. Oder begriffen hab' ich's auch wohl, aber— Du kennſt mich ja, daß ich nicht immer ſprechen kann, wie ich möchte.“ „Es wäre beſſer geworden,“ ſagte Münzer mit dumpfer Stimme; „ja wohl, Clärchen; aber vielleicht haſt Du nicht allein Schuld; viel⸗ leicht hätte auch ich noch offener ſein können. Laß uns in Zukunft verſtändiger ſein. Wir meinen es ja Beide gut, und laß uns unſere Herzen nicht noch ſchwerer machen; dafür ſorgt die Zeit wahrlich zur Genüge. Adieu, Clärchen; es kann noch Alles beſſer werden.“ Er zog ſeine Gattin an ſeine Bruſt und küßte ſie. Dann ging er, ohne ſich noch einmal nach ihr umzuſehen, aus dem Zimmer. Clärchen ſchwankte, einer Ohnmacht nahe, nach dem beſcheidenen Sopha, und ließ, ihr Geſicht in den Händen verbergend, der mühſam zurückgehaltenen Thränenfluth freien Lauf. Wer ſie ſo weinen ſah, wer ihren ganzen Körper von der Leidenſchaftlichkeit ihres Schmerzes zittern und beben ſah— er würde voll Erſtaunen gefragt haben, ob dies das ſtille, ruhige Clärchen ſei, deren gelaſſenes Temperament im Kreiſe der Bekannten ſprüchwörtlich war. Nach einiger Zeit riß ſie ſich gewaltſam empor, trocknete mit einer Miene mehr des Zornes als des Schmerzes ihre Thränen und ſtarrte, den Kopf in die Hand ſtützend, düſter vor ſich nieder. „Es kann noch Alles beſſer werden,“ murmelte ſie;„und in wel⸗ chem Ton er das ſagte! er glaubt ja ſelber nicht daran. Was brauchte beſſer zu werden, wenn er mich liebte? wie kann es beſſer werden, wenn er mich nicht liebt? Und er liebt mich nicht; hat mich nie ge⸗ liebt, ſo, wie er lieben kann. Er liebt auch ſeine Kinder nicht. Wir ſind ihm eine Laſt, die er trägt, weil er muß, weil er zu ſtolz iſt, um einzugeſtehen, daß ſeine Heirath ein Fehler war. Aber ich bin nicht minder ſtolz; es ſind meine Kinder, wie es ſeine ſind; wir wollen ihm nicht länger zur Laſt fallen. Er ſoll wieder frei werden, wie er es vorher war; er ſoll in ſeinen Plänen, in ſeinen Arbeiten nicht länger gehemmt werden; er ſoll ſeine Kraft nicht länger an uns verſchwenden. Wir wollen ihm aus dem Wege gehen— weit, weit, daß ihm ſelbſt 38 Die von Hohenſtein. die Erinnerung an uns nicht drückend bleibt, daß er es ganz vergißt, wie wir ihm einſt gehörten“.... Und wieder rollten bei dieſem ſchmerzlichſten Gedanken, den eines Weibes Seele denken kann, die Thränen über Clärchen's Wangen. „Kann er uns denn ganz vergeſſen? vergeſſen Alles, was wir zuſammen erlebt und erlitten? kann er denn wirklich eine Andre fin⸗ den, die ihn beſſer verſteht, als ich? die ihn mehr lieben kann, als ich ihn geliebt habe und noch liebe? Nein und tauſendmal nein?— Es iſt ja nicht möglich, vaß wir uns trennen können. Und wenn ich Alles ſeinethalben erdulden wollte— kann er denn ohne mich zu⸗ frieden ſein? wird er nach mir nicht zurückverlangen, wenn es zu ſpät iſt? wenn er einſieht, daß es kein Menſch ſo treu mit ihm gemeint hat, als ich? wenn er einſieht, daß die, welche im Glück ſich an ihn drängten, im Unglück ſich von ihm wenden?— Und wenn er dann meiner bedürfte— wenn er allein und verlaſſen und krank daläge und ich müßte mir ſagen, daß mein Stolz ſchuld daran ſei, daß er mich doch bei ſich behalten und doch geliebt hätte, wenn ich weiſer geweſen wäre und demüthiger— o, mein Gott, mein Gott, was ſoll ich thun— was ſoll ich thun?“ Und die unglückliche junge Frau ſtreckte die hülfloſen Arme zum mitleidsloſen Himmel— einem Ertrinkenden gleich, der ſeine Kraft gebrochen fühlt und weiß, daß der finſtre Abgrund ihn im nächſten Augenblicke verſchlingen wird. Da ertönten von nebenan fröhliche Kinderſtimmen:„Mama! Mama! wo biſt Du denn, Mama?“ Karl und Ella waren aus der Schule gekommen. Sie wollten ihr Vesperbrot haben. Clärchen drückte das Taſchentuch vor die Augen, damit die Kin⸗ der die Spuren der Thränen nicht bemerkten. „Hier, Kinder!“ „Ah, da iſt Mama!“ rief Karl, der Mutter entgegenlaufend;„ich bin ſo hungrig! ich bin dem Papa begegnet; er ſah mich anfangs nicht; da bin ich an ihn herangeſchlichen und hab' ihn ordentlich erſchreckt.“ „Das war nicht recht, Karl.“ Zweiter Band. 39 „O, Papa war gar nicht bös; er fragte: ob ich heraufgekommen wäre und da ſagte ich: ja, eine ganze Bank, und da ſagte er: das wäre ſchön und ich ſolle Dich grüßen und da hat er mir einen Kuß gegeben— aber Mama, ich bin ſo hungrig!“ „Gleich, Kind, gleich!“ „Aber Du weinſt ja, Mama!“ „Du biſt nicht klug! es iſt mir was in's Auge geflogen, kommt.“ „Ja, Mama, ich bin auch wem begegnet!“ ſagte Ella;„Onkel Peter! und Onkel Peter ſagte: er wolle Dich heute Abend mit Tante Bella und der neuen Tante zum Spazierengehen abholen. Können wir nicht mit?“ *„Wenn Ihr Eure Arbeiten fertig habt und es nicht zu ſpät wird WährendClärchen in der Sorge für ihre Kleinen den tödtlichen Schmerz um ihr verlorenes Eden, der ſie noch nie ſo mitleidslos grauſam gepackt hatte, wie heute, zu betäuben ſuchte, ſchleppte ſich ihr Gatte durch die ſonnebeſchienenen engen und winkligen Gaſſen den tauſendmal durchſchrittenen Weg nach der Redaction. Die Begegnung mit ſeinem Knaben hatte ihn wieder an das erinnert, was er ſo gern vergeſſen hätte, vergeſſen mußte, wenn er ſein Tagewerk mit gewohnter Sorgſamkeit vollenden wollte. Als der Kleine mit ſeinem fröhlichen unſchuldigen Geſicht zu ihm emporgeſchaut hatte, war es ihm aufge⸗ fallen, daß er ſich zu ein paar freundlichen Worten förmlich hatte zwingen müſſen. Er hatte nichts dabei empfunden; es war ihm ge⸗ weſen, als ob die Saiten ſeines Herzens zerriſſen wären und keinen Ton mehr gäben. „So iſt es recht,“ murmelte er vor ſich hin, während er, ohne die Augen von dem Straßenpflaſter zu erheben, langſam weiterſchritt; „des Menſchen Sohn darf nicht haben, wohin er ſein Haupt lege.— Sei ruhig, Clärchen, wenn ich Dich nicht lieben kann, wie Du geliebt zu ſein wünſchſt, geliebt zu werden verdienſt,— ſo iſt es wahrlich nicht, weil ich eine Andre liebte. Das ſchöne Weib vorgeſtern Abend blickte mich an mit triumphſtrahlenden Augen, die deutlich ſagten: wie Du Dich ſträubſt, Du biſt ja doch mein eigen! Du triumphirteſt zu früh, ſchönes Weib! Es iſt ja doch nur der alte Traum— und 40 Die von Hohenſtein. auch die Traumesbande ſtreife ich ab, wie ich ſie abgeſtreift habe die anderen Bande, die der Menſch ſich ſchuf in ſeines Sinnes Thorheit. Wie heißt es doch, das grauſe Wort von dem Haß, den wir der Welt ſchwören müſſen, bevor wir dem Heiland folgen können, der die Welt befreit? Ich will dem Rufe folgen, der an mich ergangen iſt, will ihm folgen, ohne nach rechts und links zu ſehen: es iſt mein Schickſal; ich kann nicht anders.“ So, in dumpfem Grübeln, das ihm keinen Troſt und keine Klar⸗ heit brachte und bringen konnte, verloren, erreichte Münzer endlich das alte Haus in der Ufergaſſe. Er athmete tief auf, als er über die Schwelle ſchritt. Wie eine ſchwere Laſt fiel es von ſeiner Seele. Hier war die Arbeit, die mitleidsloſe, barmherzige Arbeit; vor ihrem ſtrengen klaren Auge wichen die Eumeniden, die ſich an ſeine Ferſen hefteten. In dem Redactionszimmer fand er den Dr. Holm noch ganz aufgeregt von den Ereigniſſen des Nachmittags. Der eiſenköpfige Cajus hatte nicht geruht, bis er von Tante Bella die Erlaubniß, in ſeine Wohnung gebracht werden zu dürfen, ertrotzt hatte. Tante Bella hatte nachgegeben, aber erſt, nachdem der Arzt erklärt: er glaube, es werde zur Beruhigung des Leidenden beitragen, wenn man ſeinen Wunſch erfülle. So war denn Cajus vor einer Stunde in Begleitung Tante Bella's, die ſich das nicht nehmen ließ, und des Arztes in einer Droſchke abgefahren. Peter Schmitz war ſchon den ganzen Nachmittag in Geſchäften aus; Dr. Holm war ſeelenfroh, daß endlich Jemand kam, der ihm bei der Arbeit helfen und dem er ſein Herz ausſchütten konnte. Er war in durchaus mittheilſamer Stimmung, aber Münzer war noch ſtiller und verſchloſſener als ſonſt, und Holm ließ ihn gewähren, nachdem einige Verſuche, über der Arbeit ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, vergeblich geweſen waren. Als aber gegen Abend die Arbeit gethan, die letzte Fahne corrigirt durch das Fenſterchen in die Setzerſtube gewandert, die Briefe beantwortet, die eingelaufenen Korreſpondenzen, die nicht mehr in das Abendblatt konnten, für mor⸗ gen zurecht geſtrichen und geſtutzt waren, und Münzer nach einem neuen Bogen langte und die Feder nvg einmal in das Tintenfaß Zweiter Band. 43 haben ſcheinen, die ſechſte und letzte Epiſtel In Praesidentem ſchreiben. In acht Tagen iſt Wahl, und da möchte ich denn doch vorher dieſen edlen Marſyas vollends geſchunden haben.“ Dr. Holm ſchlug ſich vor die Stirn. „In Praesidorum! ja wahrhaftig; das hatte ich ganz vergeſſen. Er iſt hier geweſen.“ „Wer? der Präſident?“ „Ja, und verlangte eifrig nach Ihnen. Er hat Sie in Ihrem Hauſe aufgeſucht oder aufſuchen wollen— ich weiß es nicht. Er bittet Sie, ihn, wenn es ſein kann, heute noch zu beſuchen.“ „Was will er denn von mir?“ ſagte Münzer. „Die Götter mögen es wiſſen; ich habe ihn nicht gefragt;“ fagte Holm,„die Geſchichte mit Cajus kam dazwiſchen. Ich vermuthe: Wahlſachen; vielleicht will es uns ein Compromiß anbieten. Sie werden auf keinen Fall hingehen.“ „Weßhalb nicht? der Mann hat mir einen Beſuch gemacht; die einfache Höflichkeit erfordert, daß ich dieſen Beſuch erwidere. Uebri⸗ gens glaube ich, daß es ſich um die Zeitung handelt. Sie ſind, Dank unſerer Schlaffheit, jetzt wieder mächtig genug, uns nöthigenfalls mit Gewalt zu unterdrücken. Ich werde dem Manne ſagen, daß ihnen das nicht viel helfen wird und daß für dieſen Fall geſorgt iſt. Es iſt nicht wahr; aber er iſt pfiffig genug, es zu glauben, und wir er⸗ ſparen uns möglicherweiſe ſo viele Weitläufigkeiten. Und ſoll ich eine perſönliche Zuſammenkunft mit dem Manne ſcheuen, gerade jetzt, wo er täglich die Zielſcheibe meiner Satyre iſt— das wäre feig und würde von der ganzen Partei als Feigheit ausgelegt werden. Ich gehe.“ Münzer war aufgeſprungen und hatte den Hut ergriffen. Holm ſchüttelte den Kopf. „Münzer, ich wollte, Sie gingen mit uns und ließen den Präſes. Kirſchen pflücken ſich ſchlecht mit großen Herren, und wer ſich frevent⸗ lich ſtürzt in Gefahr, der wird gar leichtlich geſchädigt.— Im Ernſt, Münzer, ich habe eine Ahnung, daß Sie der Weg gereuen wird. Gehen Sie nicht hin.“ „Ueber die ängſtlichen Menſchen!“ rief Münzer;„Gefahren ringsum, überall, wohin man blickt. Und wären es doch nur Ge⸗ 44 Die von Hohenſtein. fahren! Ich habe eine Sehnſucht, mich hinein zu ſtürzen. Ich brauche eine Aufregung; mir iſt, als kämen wir nicht aus der Stelle, als ob die Revolution im März geſtorben wäre und wir ſchmückten einen Leichnam, ohne es zu wiſſen. Die Zuſammenkunft mit meinem Gegner wird mich erquicken. Ich werde ihm den ſechſten Brief in's Geſicht ſagen, ſo brauche ich ihn nicht zu ſchreiben. Das iſt profit tout clair.“ Und Münzer eilte aus dem Zimmer, ohne auf ſeinen lahmen Gefährten zu warten. „Ich glaube, der Münzer ſchnappt noch einmal über,“ ſagte Dr. Holm, während er ſich mit außergewöhnlicher Vorſicht,— denn Cajus' Unfall hatte ihn lebhaft an die Gebrechlichkeit und Hinfällig⸗ keit alles Menſchlichen erinnert— über die knarrende Gallerie nach vorne in die Schmitz'ſchen Wohnzimmer begab,„wie kann nur ein ſonſt ſo geſcheidter Menſch in anderen Punkten wieder ſo ganz ver⸗ rückt ſein.“ Fünftes Capitel. Dr. Holm traf in dem Schmitzſchen Wohnzimmer die ganze Fa⸗ milie beiſammen. Peter durchmaß mit den Händen auf dem Rücken raſchen Schrittes die Länge des Zimmers von der alten Schwarz⸗ wälder Kukuksuhr auf der einen bis zum Portrait Waſhington's auf der anderen Seite, und vom Waſhington wieder bis zur Kukuksuhr; Tante Bella ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platz im Erker, wie gewöhn⸗ lich ſtickend— diesmal mit einer Docke ſchwarzen Stickgarns um den Hals— ihr gegenüber Ottilie, die, wie es ſchien, der Tante ge⸗ holfen hatte, in dieſem Augenblicke aber, wo Holm hereintrat, in ihren Stuhl zurückgelehnt und den Kopf aufgeſtützt, in Nachdenken ver⸗ ſunken war. Es bedurfte keines großen Scharfblicks, um zu ſehen, daß eine ſchwere Wolke am Schmitzſchen Familienhimmel ſtand. Die perpendikuläre Falte zwiſchen Peter Schmitz' Augenbrauen war merk⸗ würdig ausgeprägt; Ottilie hatte offenbar geweint, und die lebhaftere Zweiter Band. 45 Röthe auf Tante Bella's Wangen und ein gewiſſer kriegeriſcher Aus⸗ druck in ihren energiſchen Zügen deuteten darauf hin, daß die gute Dame ſo eben einen längeren Vortrag gehalten hatte, der durch Holm's Ankunft in der Mitte durchgeſchnitten war. „Seid mir gegrüßt mit freudigem Herzen und Freude ſei mit Euch!“ rief Dr. Holm, Petern die Hand ſchüttelnd und dann zu den Damen im Erker tretend, um Tante Bella ebenfalls die Hand zu reichen und ſich vor Fräulein Ottilie mit ſeiner liebenswürdigen Gran⸗ dezza zu verneigen.. „Freude!“ ſagte Tante Bella und dabei zuckte ein zorniger Blitz aus ihren großen dunkeln Schmitz'ſchen Augen;„wahrhaftig, wir haben auch Urſache dazu!“ „Dieſes wäre mir lieb, doch gar nicht ſcheint es der Fall mir!“ erwiderte Holm, auf einem Stuhl in der Nähe des Fenſtertritts Platz nehmend und den breiträndrigen Strghhut auf dem Stock zwiſchen die Kniee nehmend. „Was ſagen Sie denn zu dem armen Cajus?“ fragte Peter, ohne in ſeiner raſtloſen Wanderung zwiſchen Waſhington und der Kukuksuhr inne zu halten. „Daß er ein Help iſt!“ erwiderte Holm mit Emphaſe und obli⸗ gatem Aufſtampfen ſeines Stockes. „Daß er ein Narr iſt!“ ſagte Tante Bella. „Narrorum?“ fragte Holin verwunhert. „Iſt es etwa keine Narretei, mit Inem gebrochenen Arm ein lange ausgeſchlagene Stunde dazuſitzen, um Euer gelehrtes Wiſchi⸗ waſchi zu corrigiren, daß Doetor Brand ihm hernach den Aermel vom Leibe ſchneiden muß und ſelber ſagt: ſo etwas ſei ihm in ſeiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen? iſt es denn nichtteine eben ſo große Narretei, daß eb nicht hier bei uns bleiben will, dit wir Raum die Hülle und Fülle unv Alles haben, was et braucht? daß er durchaus in ſeine elende Hofwohnung, in die weder Sonne noch Mond ſcheint, gebracht werden muß? daß er Niemand um ſich haben will, als eine alte tabakſchnupfende Wartefrau? daß er kein Geld von Peter nehmen will und großartig erklärt: er habe immer ein paar Thaler für den Fall, wo er nicht arbeiten könne, übrig?— Ich habe 46 Die von Hohenſtein. keine Geduld mehr mit allen dieſen Ueberſpanntheiten!“ ſagte Tante Bella, ihre Brille von der Naſe nehmend, in das Futteral ſteckend und das Futteral heftig in den Arbeitskorb werfend. „Sind Sie bei Cajus geweſen, Schmitzorum?“ fragte Holm, der Tante Bella, wenn ſie in ihrer„Gefechtsſtimmung“— wie er es nannte— war, ungern widerſprach. „Ja,“ ſagte Schmitz,„es iſt Alles ſo, wie Bella es ſagt; er will auch Niemand ſehen, außer Münzer. Der Cajus iſt nicht klug.“ „Aber, Ihr lieben Leute, was wollt Ihr nur?“ rief Holm, bei⸗ nahe ärgerlich, daß er auch von dieſer Seite auf Widerſpruch ſtieß. „Man muß die Menſchen nehmen, wie ſie nun einmal ſind, und das hält doch auch am Ende ſo ſchwer nicht, zumal wenn die Menſchen ihre Sonderlichkeiten nicht auf Koſten Anderer kultiviren. Cajorum iſt ein wunderlicher Heiliger. Sie wiſſen, ich habe eine inſtinktive Abneigung gegen dergleichen fanatiſche Naturen; aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausſchütten. Wer von uns weiß denn, wie Cajorum ſo geworden iſt, wie er iſt? wie das Schickſal auf ihm herumgehämmert haben mag, bis ein ſolcher alter, eigenſinniger, ver⸗ bogener Nagel aus ihm wurde? Als er vorgeſtern in unſer Büreau trat und ſich zu der Correctorſtelle meldete, ſagte ich zu Münzer: Hören Sie, Münzer, der Mann gefällt mir nicht.— Aber mir ge⸗ fällt er! antwortete Münzer, denn er iſt arm und unglücklich.— Das war eine noble Antwort von dem Münzer und ich habe mich an das: Arm und Unglücklich gehalten und den Teufel nicht weiter darnach gefragt: ob mir der Cajorum gefalle oder nicht.“ „Aber Holmchen,“ unterbrach Tante Bella den Eifrigen,„von Gefallen oder Mißfallen iſt hier auch gar nicht die Rede, ſondern davon, ob einer vernünftig hanvelt, oder nicht. Und ich ſage noch einmal: der Cajus iſt ein Narr, daß er die Hülfe, die ihm freund⸗ lich geboten wird, nicht freundlich annimmt. Da ſchwatzt Ihr immer vom demokratiſchen Princip und von Brüderlichkeit und von Gott weiß was für ſchönen Dingen und wenn Ihr einmal nach Euren Wor⸗ ten handeln ſollt— ja, da ſind die Herren nicht zu Hauſe; da hüllt ſich Jeder in ſeinen alten Stolz und in ſeine alte Eigenliebe und thut, als ob er allein auf der weiten Welt wäre. Sprecht, wie Ihr denkt, Zweiter Band. 47 und handelt, wie Ihr ſprecht, das iſt mein Grundſatz und dabei bleib' ich!“ Und Tante Bella ſchlug mit der flachen Hand auf ihre zuſammen⸗ gefaltete Stickerei. „Sehr— orum gut— orum!“ beſtätigte Holm. „Komm', Ottilie, wir wollen uns fertig machen; es iſt die höchſte Zeit. Sie gehen doch mit, Holm?“ ſagte Tante Bella und erhob ſich. „Allüberall, wohin Ihr mich führt, holdſelige Frauen!“ erwiderte Holm, ſich, auf ſeinen Stock geſtützt, ebenfalls erhebend,„denn der Abend iſt ſchön und ſehnlich ſchmachtet mein Herze nach des Windes Gefäuſel durch Blüthenduft hauchende Bäume und nach der heiligen Fülle des Biers, ſo im Garten geſchänkt wird, welcher„zum Römer“ heißt, bei Göttern und ſterblichen Menſchen.“ „In den Römer geht's heut' nicht, Holm; Rupertus' haben uns und Münzer's eingeladen, und uns auf die Seele gebunden, Sie mit⸗ zubringen.“ „Sei's,“ ſcandirte Holm, während er den ſich entfernenden Damen galant die Thür zum nächſten Zimmer öffnete,„denn auch dort iſt ein Garten und gar nicht ſchlecht ſind die Weine.“ Er ſchloß die Thür und ſagte, ſich zu Peter wendend in jenem ernſten Ton, den er immer annahm, ſobald es ſich um ernſte Dinge handelte: „Sagen Sie, Schmitzorum, was geht bei Euch vor? Die Kleine hat geweint, Tante Bella iſt in einer fürchterlichen Gefechtsſtimmung und Sie ſchauen ſo finſter d'rein, wie ein Novembertag? Was hat's denn gegeben?“ „O nichts, nichts von Bedeutung,“ ſagte Peter Schmitz, indem er ſtehen blieb, ſich mit der Hand' über Stirn und Augen ſtrich und dann ſeine Wanderung wieder begann. „Hm,“ brummte Holm;„nun, wie Ihr wollt. Was ſagen Sie denn dazu, daß der Präſident bei uns geweſen iſt und Münzer hat ſprechen wollen?“* „Ja, ja,“ erwiderte Peter zerſtreut;„Bella hat mir's geſagt; ich habe gar nicht wieder daran gedacht.“ Holm ſchüttelte den Kopf; Peter Schmitz mußte ſehr beſchäftigt 48 Die von Hohenſtein. ſein, wenn ihn ein Faktum, das ihm ſonſt das höchſte Intereſſe ein⸗ geflößt haben würde, ſo gleichgiltig laſſen konnte. „Und was meinen Sie dazu, daß Münzer die Aufforderung des Präſidenten, ihn zu beſuchen, angenommen hat und in dieſem Augen⸗ blick auf dem Wege zu ihm iſt?“ „Das iſt nicht möglich,“ ſagte Peter Schmitz, ſich auf dem Ab⸗ ſatz herum zu Holm wendend mit großer Heftigkeit. „Was ich Ihnen ſage.“ „Münzer läßt ſich in einen perſönlichen Verkehr mit unſern ſchlimmſten Feinden ein,“ fuhr Peter, dicht vor Holm tretend, leiden⸗ ſchaftlich fort;„mit dieſem Präſidenten, der ſo glattzüngig und ſo falſch iſt, wie ſie Alle ſind, dieſe Hohenſteins, die Gott ver—“ Er ſchlug ſich vor den Kopf:„ruhig, Peter, ruhig!“ murmelte er, trat an's Fenſter und trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben. Holm hatte Peter während ihrer vieljährigen Bekanntſchaft noch nie ſo aufgeregt geſehen. Die Gewißheit, daß ſeinen Freunden ein Leid zugeſtoßen ſein mußte, legte ſich wie ein Alp auf des braven Mannes Seele. Aber ſein unverwüſtlicher Lebensmuth ließ ſich nicht ſo leicht einſchüchtern. „Hören Sie, Schmitzorum,“ ſagte er,„was Ihnen auch paſſirt ſein mag— eine Kleinigkeit wird's juſt nicht geweſen ſein, das ſehe ich Ihnen wohl an; aber— auch Patroklus iſt geſtorben und er war mehr, als Du. Sie haben in Ihrem Leben ſchon ſo viel Schlimmes erfahren,— da mag das nun ſo mit in den Kauf gehen. Sie wiſſen, daß mir das Schickſal gerade auch nicht allzuglimpflich mitgeſpielt hat; aber ich ſage mit dem Prediger: Alles iſt eitel: Freud' und Leid und Leid und Freud', nur das Eine nicht, daß man ein ehrlicher Kerl iſt und bleiben wird, trotz allen Schelmen und Hallunken. Das iſt die Hauptſache, mit der verglichen alles Andere eigentlich nur Spaß iſt. Und nun kommen Sie, ich höre Tante Bella ſchon mit ihrem Schlüſſelbund. Und noch Eines, Schmitz: ſagen Sie den Frauen und vor Allem Clärchen nicht, wo Münzer iſt. Ich halte, offen ge⸗ ſtanden, die Sache gar nicht für ſo wichtig; aber es iſt doch beſſer... Ei, da ſind ſie, die Hulden; nun auf zum milden Rupertus!“ Zweiter Band. 49 Clärchen Münzer war bereits zum Ausgehen fertig, als die Ge⸗ ſellſchaft, ſie abzuholen, kam. Daß ihr Gatte auch diesmal— in Wahlangelegenheiten, wie Holm ſagte,— wie ſchon ſo oft, verhindert war, ſchien ſie ſehr zu verſtimmen.„Dann wollen wir auch zu Hauſe bleiben, Karl,“ ſagte ſie, indem ſie den Hut abnahm. Karl fing an zu weinen und wünſchte zu wiſſen: weshalb er denn heute den ganzen Nachmittag zu Hauſe geblieben ſei und ſeine Arbeiten gemacht habe, wenn er nun doch nicht zu Wilhelm Rupertus ſolle? und weshalb Mama ihn nicht auch ſchon vor einer Stunde zu Bett geſchickt habe, wie Ella'n, obgleich er keinen Huſten habe, und heute eine ganze Bank heraufgekommen ſei?— Onkel Holm ſchlug ſich in's Mittel, und ſeinem und der Andern Zureden gelang es, Clärchen zu bewegen, den Hut wieder aufzuſetzen, und auch Carl das Mitgehen zu erlauben. „Ich thue es ungern,“ ſagte Clärchen;„ich fürchte, ich werde wenig zu Eurer Unterhaltung beitragen.“ „Iſt auch nicht nöthig,“ ſagte Holm;„denn wir beſtreiten die Koſten allein, der Holm und die Tante.“ Holm nahm wieder Tante Bella's Arm, während Peter mit den beiden anderen Damen voranging und Carl bald bei der einen, bald bei der anderen Gruppe war. Es dunkelte bereits ſtark, während ſie durch die engen Straßen ſchritten, in denen noch immer die drückende Schwüle des heißen Tages lag. Holm hatte ſeinen Strohhut in der Hand und verlangte einmal über das andere laut„nach des Stromes labendem Athem.“ „Nun hören Sie endlich einmal auf, Holmchen,“ ſagte Tante Bella,„wir kommen dadurch nicht eine Minute früher hin.“ „Eben ſo wenig, als Ihr durch Eure melancholiſchen Geſichter die Urſache eurer Melancholie aus dem Wege räumt,“ entgegnete Holm in ſeinem ernſten Ton. Tante Bella kannte dieſen Ton ganz genau und wußte ſofort, daß der treue Freund ihr nur Gelegenheit geben wollte, ſich auszu⸗ ſprechen. Wie ſehr ihr dies ein Bedürfniß war, bewies der Umſtand, daß ſie ſofort in Thränen ausbrach und ſchluchzend ſagte:„Ach, Holmchen, wir ſind einmal wieder recht unglücklich.“ „Das ſehe ich,“ erwiderte Holm,„und das ſchmerzt mich, um Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 4 50 Die von Hohenſtein. ſo mehr, als die Sache ſo wichtig zu ſein ſcheint, daß Ihr ſelbſt mir gegenüber ein Geheimniß daraus machen zu müſſen glaubt.“ „Bewahre, Holmchen,“ ſagte Tante Bella eifrig;„ich habe blos auf einen Augenblick gewartet, wo ich ungeſtört mit Ihnen würde ſprechen können.“ „Na, dann ſchießen Sie los, Tante Bella!“ ſagte Holm unge⸗ duldig,„Carlorum, Jauf' ein wenig vorauf, mein Sohn; ich falle ſonſt noch über Deine Beine.“ „Die Sache iſt die,“ ſagte Tante Bella, ihre Thränen trocknend, „daß der arme Eugen in grauſam zerrütteten Verhältniſſen geſtorben iſt; in viel ſchlimmeren, als Peter nur irgend gedacht hat, und aus Eugen's Büchern, die ſchrecklich unordentlich geführt geweſen ſind, hat vermuthen können. Geſtern und heute ſind von dem Advokaten, den Peter in Thüringen angenommen hat, noch ſo viele Schuldforderungen gemeldet, daß Peter nicht aus noch ein weiß, wie er alle die Leute vefriedigen ſoll. Und dabei iſt noch gar kein Ende abzuſehen— was das Allerſchlimmſte iſt. Nun können Sie ſich des armen Peter's Lage denken! Er, der ſo ſtolz auf ſeinen ehrlichen Namen iſt und nun blos dazwiſchen zu wählen hat, ob er ſich ſelbſt ruiniren, oder ob er zugeben will, daß ſein Bruder, ſein einziger Bruder, als Banquerotteur aus dem Leben gegangen iſt.“ „Hm, eine böſe Alternative!“ brummte Holm,„und die kleine Ottilie weint ſich darüber die ſchönen Augen aus dem Kopf.“ „Ottilie!“ ſagte Bella eifrig;„wo denken Sie hin, Holmchen! Ottilie weint über ganz was Anderes— denken Sie nur— doch davon nachher! Sie weiß von nichts. Wie mögen Sie glauben, daß Peter ſo ſchreckliche Sachen an das arme Kind herankommen ließe! Und das iſt es eben. Sie kennen Peter ja. Er muß Jemand haben, den er aus voller Seele lieben kann. So hat er Gretchen geliebt und liebt ſie auch wohl noch und ſo liebt er jetzt ſeine Kleine, wie er ſagt, als ob ich gar keinen Theil an ihr hätte und als ob ſie nicht jetzt mein Kind wäre, ſo gut wie ſeins. Aber freilich, nach mir fragt er nicht, fragt Niemand; ich bin das ſchon lange gewohnt und kümmere mich auch nicht mehr darum; aber das ſoll mich nicht abhalten, daß ich meine Verwandten liebe und mich Tag und Nacht quäle, wie das Zweiter Band. 54 nun mit Peter werden ſoll. Eher, als er Ottilien den Schmerz be⸗ reitet, ihren Vater als Banquerotteur in den Zeitungen zu leſen— denn auf eine oder die andere Weiſe würde es ja doch an ſie kommen — eher verſucht Peter das Aeußerſte, giebt Alles auf, und fängt noch einmal wieder— ich weiß nicht, zum wie vielten Mal in ſeinem Leben— von vorn an. Und Holmchen, das kommt Ihnen auch zu Haus und Hof, denn die Zeitung wird Peter dann auch wohl nicht halten können, und ob jetzt, wo die Leute ſchon wieder ſo abgekühlt ſind, wie Peter ſagt, neue Aktionäre zu einem ſo demokratiſchen Blatt ſich finden werden, das, ſagt Peter, ſei mehr als zweifelhaft. Nun habe ich Petern geſagt, ſo ſolle er doch die Zeitung weniger demo⸗ kratiſch machen, aber da wurde Peter ſo zornig und fragte mich: ob ich ihm nicht etwa rathen wolle, daß er ſich der Reaction verkaufte und ein ſchlechter Kerl würde. Und ich hatte es doch nur gut gemeint und ich verſtehe ja nichts von eurem ganzen politiſchen Kram!“ Tante Bella mußte wieder Zuflucht zu ihrem Taſchentuch nehmen. „Hm, hm!“ brummte Holm,„das ſieht allerdings ſchlecht aus. Aber, Tante Bella, wenn Peter ſich nur ſonſt über Waſſer halten kann, ſo mag die Zeitung über Bord gehen; ſie wird's doch über kurz oder lang. Ich will offen gegen Sie ſein, Tante Bella; Sie ſind ja ein verſtändiges Frauenzimmer; hören Sie einmal ganz ruhig zu. Das mit dem Weniger⸗demokratiſchmachen iſt allerdings ein Nonſens, mit Ihrer Erlaubniß; wir Alle könnten nicht zurück, ſelbſt wenn wir wollten, und, was viel mehr iſt: wir wollten nicht zurück, ſelbſt, wenn wir könnten. Peter hat ganz recht: das iſt ein ſchlechter Kerl, der den Poſten verläßt, welchen er ſich ſelber ausgeſucht hat;z aber, merken Sie auf, Tante Bella: der Poſten, auf dem wir ſtehen, iſt ein verlorener Poſten. Die Andern wollen das freilich nicht ein⸗ räumen; ich aber bin ein ruhiger Kopf und ich glaube ganz deutlich u ſehen, wie die Sache liegt. Die Revolution iſt zu ſchnell ge⸗ kommen und hat uns Alle mehr oder weniger unvorbereitet gefunden. Der Adel, das Militair, die Beamten zum größten Theil haben ſich von ihrem Schrecken erholt und waffnen ſich in aller Stille; die Bourgeviſie, wie unſer Freund Rupertus, wimmert nach Ruhe um jeden Preis, und in dem eigentl g Volke haben wir keinen Boden, 4* 52 Die von Hohenſtein. auf den wir mit Sicherheit bauen könnten. Die Bewegung iſt be⸗ reits in ihrem Niedergang und über kurz oder lang wird der Ge⸗ genchoc der Reaction gegen den Choc der Revolution eintreten. Ich kann Ihnen nicht alle meine Gründe für dieſe Annahme auseinander⸗ ſetzen und es iſt das auch nicht nöthig. Ich will damit nur beweiſen, wie unſere Zeitung ſo wie ſo eine Todescandidatin iſt; und wenn der Volksbote, wie es ja nun doch der Fall zu ſein ſcheint, auf den Aus⸗ fall der Wahlen in der Provinz in unſerem Sinne günſtig gewirkt hat, ſo hat er, meiner Meinung nach, ſeine Pflicht gethan, hat ſeinen Lohn dahin und kann ruhig ſterben.“ „Aber Holmchen,“ ſagte Tante Bella,„Peter hat ja gerade auf den Aufſchwung der Zeitung ſo viele, ja, ich glaube, alle ſeine Hoffnungen geſetzt! Und was ſoll denn aus Ihnen? was ſoll aus Münzer's werden?“ „Hm,“ ſagte Holm,„was Peter betrifft, ſo hat er, wie Sie ſelbſt ſagen, ſchon mehr als einmal in ſeinem Leben von vorn ange⸗ fangen. Dergleichen Kraftſtücke werden freilich mit jedem Jahre ſchwerer, aber Peter iſt eben ein Kraftmenſch und kann mehr als Andere. Ich habe ein unbedingtes Vertrauen zu ſeiner Klugheit, ſeinem Muth, ſeiner Energie. Mir iſt immer, als brauchte man für ſein Schickſal ſo wenig beſorgt zu ſein, wie für Regen und Sonnen⸗ ſchein.— Münzer wird in wenigen Tagen zur Vereinbarungsver⸗ ſammlung abgehen; wir ſind jetzt— es müßten denn ganz abſonder⸗ liche Zwiſchenfälle eintreten— unſerer Sache ſicher. So hat er vorläufig ein neues Feld für ſeine Thätigkeit, das ihm mehr zuſagen wird, als Zeitungſchreiben; ja, wer weiß, welcher große Mann ſich in aller Schnelligkeit aus unfrem Freunde entpuppt! Nun, und was mich anbetrifft—“ Holm ſchwieg einen Augenblick und ſeine Stimme klang ein wenig dumpfer, als er fortfuhr; „Mich würde der Schlag am härteſten treffen. Ich bin kein Jüngling mehr, Tante Bella; ich habe weder Peter's unverwüſtliche Energie, noch Münzers glänzenden Genius; aber was thut's! Der uralte, ewige Vater, der die Lilien auf dem Felde kleidet und allem Gethier auf Erden ſeine Speiſe giebt zu ſeiner Zeit— er wird den — 8 8 8 Zweiter Band. 53 alten Holm nicht verlaſſen. Wer gern tanzt, dem iſt bald aufgeſpielt, und wer wie ich, wenig Anſprüche macht, dem iſt leicht geholfen. Alſo, Tante Bella, was die Zukunft angeht, ſo wollen wir uns über die nicht die Köpfe zerbrechen. Aber, Sie haben mir noch nicht Alles geſagt. Weshalb hat Ottilie geweint? und weshalb iſt Peter ſo ver⸗ ſtimmt? Ihr habt noch etwas Anderes auf dem Herzen, geſtehen Sie es nur, Tante Bella!“ „Nun, wenn Sie es durchaus wiſſen wollen, ſo muß ich es Ihnen wohl ſagen,“ entgegnete Tante Bella, die nichts eifriger wünſchte, als ihr Herz in den Buſen des vielerprobten Freundes ausſchütten zu dürfen.„Sie müſſen ſich aber gegen Peter nichts merken laſſen, Holmchen, denn Sie wiſſen, in Allem, was mit Gretchen zu⸗ ſammenhängt, iſt er von einer wunderlichen Empfindlichkeit. Hören Sie zu, Holmchen, und laſſen Sie uns etwas ſchneller gehen, wir bleiben ſonſt gar zu weit zurück. Ich habe Ihnen doch erzählt, wie liebenswürdig Gretchen gegen mich und die Kleine geweſen iſt, als wir vorgeſtern Abend zu ihr kamen? Nun ſind wir auch geſtern einen Augenblick da geweſen, und Gretchen hat Ottilie geküßt und geherzt, daß mir wirklich die Thränen über die Backen gelaufen ſind, und dann ſind wir gleich wieder fortgegangen, weil Gretchen wieder zum Wolf⸗ gang hinauf mußte. Heut' nun, wo ich die Kleine wieder hingeſchickt hatte, weil Gretchen es doch gar ſo eifrig wünſchte, findet ſie Gretchen in Thränen aufgelöſt, ganz außer ſich, ſo daß Ottilie nicht anders denkt, als der Wolfgang iſt geſtorben, und Gretchen um den Hals fällt, das liebe, herzige Mädchen!— und mit an zu ſchluchzen fängt. Na, und da kommt es denn heraus: unſer lieber Herr Schwager will nicht, daß Ottilie in ſein Haus kommt: denn das iſt der Kern von all den Redensarten, mit denen Gretchen natürlich die Sache ſo viel als möglich zu vertuſchen geſucht hat. Das arme Gretchen! ſie thut mir wahrhaftig leid; aber ſie iſt doch auch gar zu ſchwach. Sie können ſich denken, Holchen, wie Ottilie, die Augen noch roth vom Weinen, nach Hauſe kam und— ich dummes Frauenzimmer!— ich muß Petern natürlich Alles erzählen, als ob er nicht ſchon ſo genug Kummer hätte und ich nicht wüßte, daß ihn dieſe neue Schändlichkeit 54 Die von Hohenſtein. unſeres ſauberen Herrn Schwagers tiefer kränken würde, als alles Andre. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn ich daran denke.“ „Das würde Ihnen und Petern nicht viel helfen,“ ſagte Holm; „aber ich will Ihnen einen anderen Vorſchlag machen. Laſſen Sie uns einen Bund ſchließen zu Schutz und Trutz gegen die Melancholie, die ſonſt in unſerer Geſellſchaft überhand nimmt und einen ehrlichen Kerl aus allen Sinnen herausängſtigen könnte, und laſſen Sie uns gleich heute Abend damit anfangen. Wollen Sie?“ „Gewiß will ich, Holmchen,“ ſagte Tante Bella eifrig;„Sie haben auch wirklich Recht: es iſt nicht mehr zum Aushalten, dies ewige Geſeufze und Gebrumme. Und haben Sie denn wohl bemerkt, wie verſtimmt Clärchen heute Abend iſt? Ich ſage Ihnen, Holmchen: es nimmt kein gutes Ende mit den Beiden. Sie paſſen nicht zu ein⸗ ander, Holmchen, Clärchen iſt viel zu gut für ihn. Das habe ich mir geſagt und dabei bleib' ich. Er will immer oben hinaus, und wie's in ſeinem Hauſe zugeht, davon weiß er nichts, will es auch nicht wiſſen. Herr Gott! da ſind wir ja ſchon! Nein, wie kurz wir heute der Weg vorgekommen iſt!“ Der Rentier Wilhelm Rupertus, vor deſſen reizender Villa die von dem Staub und der Hitze des langen Weges ermüdete Geſell⸗ ſchaft ſo eben anlangte, war mit der Familie Schmitz ſchon ſeit langer Zeit befreundet geweſen, mit Münzer's und mit Holm aber erſt ſeit dem Anfang dieſes Jahres, ſeit der Gründung des Volksboten, be⸗ kannt geworden. Wilhelm Rupertus war reich genug, um ſich einige politiſche Freiſinnigkeit wohl erlauben zu können, um ſo mehr, als man von Seiten des Gouvernements die in der That ſträfliche Ver⸗ geßlichkeit gehabt hatte, einen Mann von ſolchen Verdienſten um den Aufſchwung ſeiner Vaterſtadt, weder zum Commerzienrath, noch zum Inhaber des blauen Geierordens vierter Claſſe, noch überhaupt glück⸗ lich, zufrieden und conſervativ zu machen. Wilhelm Rupertus trug dieſes Gefühl des Nicht⸗hinreichend⸗gewürdigt⸗Seins überall und zu jeder Zeit mit ſich herum, und er citirte gerne aus dem bekannten Monolog des geharniſchten Wallenſtein's Stellen, wie:„Du haſt's erreicht, Octavio!“ oder:„den Schmuck der Zweige habt ihr abge⸗ hauen,“ oder:„da ſteh' ich, ein entlaubter Stamm!“ obgleich es Zweiter Band. 55 meiſtens ſehr ſchwer, oder geradezu unmöglich war, auch nur die ent⸗ fernteſte Beziehung ſolcher Citate zur Situation des Citirenden auf⸗ zufinden. Denn wenn irgend Einer keine Urſache hatte, mit ſeinem Schickſal zu hadern, ſo war es Herr Wilhelm Rupertus. In der Fülle der Manneskraft, ſtrotzend von Geſundheit, im Beſitz eines be⸗ deutenden, von den Vätern ererbten und durch eigenen Fleiß verdop⸗ pelten Vermögens, verheirathet mit einer nicht eben ſchönen, aber braven und klugen Frau, auf die er nicht ohne Grund ſtolz war, Vater einer Reihe blühender, hübſcher Kinder, die er ſehr liebte— er ſelbſt von Herzen ein guter Menſch, der Niemanden zu nahe trat und Jedem das Seine wünſchte— und doch nicht zufrieden! Ja, ſo unzufrieden, daß er, als Peter Schmitz, mit dem er ſchon oftmals in Geſchäftsverbindung geſtanden hatte, den Volksboten gründen wollte, ſich mit einer anſehnlichen Summe an dem Unterneymen betheiligte, obgleich Niemand von politiſchen Radicalismus entfernter ſein konnte, als Wilhelm Rupertus.—„Er iſt ſo ein Stück von einem Heroſtra⸗ tus,“ pflegte Münzer zu ſagen,„und ſeine Actien zum Volksboten ſind die Fackeln, die er in den Tempel der Diana ſchleudert.“ Herr Rupertus und ſeine Gattin Anna empfingen ihre Gäſte auf das Freundlichſte und eine halbe Stunde ſpäter ſaß die Geſellſchaft um einen herrlich ſervirten Tiſch in dem neuen Gartenſaal, den ſich Rupertus erſt in dieſem Frühjahr hatte bauen laſſen und auf den er ſich nicht wenig zu gute that. In der That war die Anlage koſtbar und geſchmackvoll. Von den Fenſtern und noch bequemer von dem Balcone vor den Fenſtern blickte man an dem breiten Strom hinauf zur Stadt, deren unzählige Lichter ſich in dieſer Stunde in den dunklen Fluthen ſpiegelten. Der Balcon hing hereits über dem ſchmalen, ſandigen Uferwege, von dem eine hohe Mauer den Garten trennte. Durch ein eiſernes Gitterthor konnte man auf den Uferweg und zu ein paar zierlichen Ruderböten gelangen, die ſich in einer kleinen mit Weidenbüſchen umhegten Bucht auf dem an dieſer Stelle ziemlich tiefen Waſſer ſchaukelten. Natürlich wurden die mit ſo vieler Mühe und ſo großen Koſten ausgeführten neuen Anlagen des gaſtfreunblichen Mannes von ſeinen Gäſten gebührend geprieſen und bewundert, vor allem von Dr. Holm Die von Hohenſtein. und Tante Bella, die ganz enthuſiaſtiſch in ihrem Lobe waren. Dr. Holm verglich in einer pathetiſchen Rede Wilhelm Rupertus mit dem Balladen⸗Könige, der, auf ſeines Daches Zinnen ſtehend, vergnügt auf das beherrſchte Samos ſchaute, und rieth ihm(Wilhelm Rupertus) von dem Balcone irgend eine Koſtbarkeit in den vorüberrauſchenden Strom zu werfen,— die Flaſche herrlichen Aßmannshäuſers etwa, die er zu entkorken im Begriff ſtand— und ſo die neidiſchen Götter zu befriedigen. „Sie haben gut ſpotten, Doctor!“ ſagte Rupertus, den Stöpſel herausziehend und mit dem dunkelrothen Wein reine Gläſer füllend; „Sie ſind ein Mann, der einen Namen hat; jedes Kind auf der Straße, möchte ich ſagen, kennt Sie; da kommt kein Künſtler in unſere gute Stadt, der Ihnen nicht zuerſt ſeine Aufwartung machte und Sie um Ihre Fürſprache und Ihre Protection anginge. Sie ſind eine Macht— ja, und wenn Sie nur wollten, Sie könnten ſich, wie Freund Münzer nach der Reſidenz, ſo nach Mainſtadt in's Par⸗ lament wählen laſſen; ich habe mehr als Einen ſagen hören: das wäre unſer Mann, aber er will ja nicht. Aber ich! was könnte ich denn, wenn ich auch wollte! Ich bin ein entlaubter Stamm, ein obſcurer Bürger— ein dummer Bourgevis, wie Ihr ſagt, wenn Ihr unter euch ſeid! Nein, Doctor, da müßte es noch anders kommen, wenn ich meinen ſchönen Aßmannshäuſer in den Rhein gießen ſoll.“ Doctor Holm hob Augen und Hände zur blauen, mit goldenen Sternchen geſchmückten Saaldecke empor und rief: „Jüngling von trotziger Red', Unbändiger! welcherlei Schmähung ſprachſt Du wider ſie aus, die ewig waltenden Götter! Höret ihn nicht, den Frevler, Ihr Himmliſchen!“ Aber Rupertus war nicht ſo leicht von ſeiner Meinung ab⸗ zubringen. „Ach was, Doctor,“ ſagte er,„ich habe doch Recht. Etwas muß Jeder haben, woran er ſich halten kann. Ihr geiſtreichen und ge⸗ lehrten Herren haltet Euch an eure Gelehrſamkeit und euren Ruhm; wir ungelehrtes Volk haben nichts als„uns ſelbſt,“ wie Wallenſtein ſagt, oder, unſer bischen Geld, wie Ihr ſagen werdet, und was wir uns für unſer Geld ſchaffen können. Nun, da könnt Ihr es uns — Zweiter Band. 57 doch auch nicht verdenken, wenn wir auf Haus und Hof und Garten und ſo weiter ein großes Gewicht legen und gern Alles ſo ſchön und vollkommen als möglich haben möchten. Und dazu gehört viel; bald fehlt es hier, hald fehlt es da; man kommt nicht zur Ruhe und Zu⸗ friedenheit. Ihr habt die Freundlichkeit gehabt, meinen Garten zu loben. Nun ja, die Lage iſt ſchön, das gebe ich zu; aber offenbar iſt er doch für eine ſtattliche Beſitzung, wie ich ſie mir wünſche und— weil ich eben nichts Anderes habe— wünſchen muß, viel zu klein. Auch fehlt es an alten und hohen Bäumen, wie ſie nebenan in dem Garten der Frau von Hohenſtein zu Dutzenden ſtehen. Wenn ich den Garten noch zu dem meinigen bekommen könnte! das wäre doch noch etwas! Herr des Himmels, was habe ich nicht ſchon für Anſtrengun⸗ gen gemacht! Ich habe der gnädigen Frau unter der Hand zwei⸗, dreimal ſo viel bieten laſſen, als die Anlage werth iſt; aber ſie will nichts davon hören. Freilich, der Garten iſt ſo ſtill und verſchwie⸗ gen und da iſt er allerdings wohl unbezahlbar für meine galante Nachbarin.“ „O, Wilhelm, das iſt nicht hübſch!“ ſagte Frau Rupertus. „Nun, nun,“ meinte ihr Gatte,„ich will der Gnädigen damit nichts Schlimmes nachgeſagt haben; ich ſpreche nur nach, was alle Welt ſagt. Kenne ſie übrigens nur von Anſehen und ſchön iſt ſie, das muß ihr der Neid laſſen. A propos, Frau Doctor! wie findet denn Ihr Gemahl die Gnädige? Er iſt ja ein Kenner.“ „Mein Mann?“ ſagte Clärchen, die, als Rupertus ſie anredete, wie aus einem Traum erwachend, zuſammengefahren war;„ich glaube nicht, daß Bernhard die Dame jemals geſehen hat.“ Rupertus lachte:„das nenne ich discret ſein! Ei, da dürfte ich wohl eigentlich auch nicht darüber ſprechen?“ „Ueber was und über wen?“ fragte Clärchen ernſt. „Was Du auch Alles ſchwätzſt!“ ſagte Frau Rupertus. „Na, nur heraus mit der Sprache, ſonſt denkt die kleine Frau noch Wunder, was für Geheimniſſe Sie in petto haben!“ fagte Tante Bella ärgerlich. „Aber mein Himmel, laſſen Sie mich doch nur zu Wort kommen,“ rief Herr Rupertus;„ich will ja dem Doctor gar nicht Ehre und 58 Die von Hohenſtein. Reputation für immer abſchneiden! Was kann ich denn dafür, daß er vorgeſtern Abend, als die Leute vor dem Hauſe der gnädigen Frau in der Stadt Cravall machten— mein Schlingel von Gärtner iſt auch dabei geweſen und hat's mir erzählt— ſich in's Mittel ge⸗ legt und vom Balcon der gnädigen Frau aus eine wunderſchöne Rede gehalten hat. Das hätten wir doch Alle auch gethan, bis auf die ſchöne Rede natürlich, die zum wenigſten ich armer Tropf nicht hätte halten können. Kommen Sie, meine Herrſchaften! laſſen Sie uns auf das Wohl unſeres abweſenden Freundes trinken; Dr. Münzer ſoll leben!“ „»Und dann bitte ich, daß wir auf das Wohl unſerer neuen jun⸗ gen Freundin trinken und möge ſie unter uns eine zweite Heimath finden!“ ſagte die gute Frau Rupertus, und umarmte und küßte die neben ihr ſitzende Ottilie. Die Gläſer klangen an einander. Die Wolke, die Herr Ruper⸗ tus, ohne es zu wiſſen oder zu wollen, heraufbeſchworen, ſchien glück⸗ lich vorübergezogen, und Holm und Tante Bella ſorgten dafür, daß es an Stoff zu einer heiteren, gemüthlichen Unterhaltung nicht wieder fehlte. Holm geſtand Bella die Liebe, die er ſeit fünfundzwanzig Jahren in ſtillem feinen Herzen für ſie getragen haben wollte, und daß nur ein Umſtand ſei, der ihm einen formellen Heirathsantrag bis jetzt unmöglich gemacht habe und noch unmöglich mache. Er habe trotz ſeiner ausgeſprochenen demokratiſchen Grundſätze eine heimliche Schwäche für den Adel und habe ſich ſchon als zarter Jüngling ge⸗ ſchworen, ein adeliges Fräulein oder gar keine zu heirathen. Nun ſtehe es aber bis auf dieſen Tag noch nicht feſt, ob das zu neun Zehn⸗ theilen verſtümmelte, aber unzweifelhaft adelige Wappen über der Thür des Hauſes in der Ufergaſſe wahr und wahrhaftig das Schmitz'⸗ ſche, oder, wie es dann wohl heißen müßte, das von Schmitzſche Wappen ſei, und ſo lange er darüber keine Gewißheit habe, müſſe er auf ein Glück verzichten, deſſen er allerdings— er bekenne es aus reumüthigem Herzen— ſich auch außerdem gänzlich unwürdig fühle. Tante Bella blieb dem gutmüthigen Spötter die Antwort nicht ſchuldig. „Ich will Ihnen mal was ſagen, Holmchen,“ antwortete ſie, Zweiter Band. 59 „wenn Sie mich zur Frau nähmen, ſo wäre das wahrlich nicht der dümmſte Streich, den Sie in Ihrem Leben begangen hätten. Ich bin freilich nicht ganz ſo ſchön, wie die italieniſche Gräfin, von der Sie uns in ſchwachen Stunden erzählt haben, auch wohl nicht ganz ſo jung; aber Holmchen, Sie ſind, ſeitdem Sie vor fünfundzwanzig Jahren in Rom waren, auch nicht jünger geworden und ſchöner auch nicht.“ „Ich rufe alle Götter zu Zeugen dieſes Frevels an!“ rief Holm, „nicht jünger!— das gebe ich zu— aber nicht ſchöner! Tante Bella, ich ſage Ihnen, daß ich ſo ſchön bin, wie ich es nie geweſen!“ „Möglich!“ ſagte Tante Bella,„aber, Holmchen, Sie haben trotz alledem nur noch einen Schritt vom Junggeſellen zum Hageſtolz. Beſinnen Sie ſich, ſo lange es Zeit iſt! ich werde nicht ewig auf Sie warten können, denn endlich muß ich doch einmal unter meinen Freiern wählen; ich komme ſonſt am Ende auch noch über die Blüthe meiner Jahre hinaus.“ „Holdes Weſen,“ rief Holm,„hier mein Herz und meine Hand!“ „Ung wenn ich Sie nun vor allen dieſen Zeugen beim Wort nähme!“ rief Tante Bella mit einem ſcharfen Blick ihrer dunklen Schmitz'ſchen Augen. „Ihr Götter!“ rief Dr. Holm, die ausgeſtreckte Hand ſo ſchnell zurückziehend und ein ſo komiſch⸗verblüfftes Geſicht machend, daß Herr und Frau Rupertus, Peter Schmitz und ſelbſt Ottilie lächeln und lachen mußten. Das Läuten eines vorüberfahrenden Dampfers drang durch die offenen Fenſter in den Gartenſaal.„Nun paſſen Sie auf, meine Herrſchaften, wie die Wellen ſogleich an's Ufer rauſchen werden!“ rief Herr Rupertus;„hören Sie wohl! iſt das nicht famos!“ In dieſem Augenblicke ertönte ein ängſtlicher Knabenſchrei von dem Platze her, wo die Böte am Ufer befeſtigt waren. „Um Gott, wo ſind die Kinder!“ rief Clärchen Münzer auf⸗ ſpringend. Carl und Wilhelm waren längſt vom Tiſche aufgeſtanden; Nie⸗ mand hatte darauf geachtet, daß ſie ſchon ſeit einer halben Stunde den Gartenſaal verlaſſen hatten. 60 Die von Hohenſtein. Und wieder tönte der ängſtliche Schrei:„Hülfe! Hülfe!“ durch das Rauſchen der vom Dampfer aufgewühlten Wogen, die ſich jetzt mit Macht zwiſchen den Weiden des Ufers brachen. Frau Rupertus hatte der Schrecken gelähmt. Todtenbleich, zitternd an allen Gliedern, ſchwankte ſie aus ihrem Stuhl empor, um Tante Bella und Ottilien ohnmächtig in die Arme zu fallen. Aber Clärchen eilte nach der Thür, die Treppe hinab, ihr zur Seite Rupertus und Onkel Schmitz, während Dr. Holm ihnen ſo ſchnell folgte, als es bei ihm ſeiner Lahmheit irgend möglich war. HSechstes Capitel. Der Präſident hatte, als er nach Hauſe gekommen war, einen Brief des Onkels aus Rheinfelden vorgefunden, der ſeinen letzten Zweifel bezüglich des Verhaltens, welches er in den bewußten Familien⸗ angelegenheiten zu beobachten habe, hob. Der Alte erklärte mit dürren Worten, daß eine Heirath zwiſchen Wolfgang und Camilla ſein ganz ſpecieller Wunſch ſei und daß es den Betheiligten nicht zum Schaden gereichen ſolle, wenn ſie ſich ſeinen Beſtimmungen bereitwillig fügten. Mit dieſem Briefe in der Hand hatte ſich der Präſident ſodann zu ſeiner Gemahlin begeben und eine lange Unterredung mit ihr gehabt, die von ähnlichen Unterredungen der Art zwiſchen den Gatten ſich weſentlich dadurch unterſchied, daß Beide diesmal vollſtändig„d'accord“ waren, wie die Präſidentin mit ſelbſtgefälligem Lächeln bemerkte. Die Präſidentin hatte darauf das Ankleidezimmer ihrer Töchter aufgeſucht, um den jungen Damen gewiſſe Verhaltungsmaßregeln für den heutigen Abend zu ertheilen; der Präſident war wieder in ſein Zimmer ge⸗ gangen, um mit dem vor einer Stunde eingetroffenen neuen Kammer⸗ diener Jean eine Conferenz zu haben, die faſt vertraulich zu nennen war und in welcher die Namen der Frau von Hohenſtein—„die Gnädige“, ſagte Jean— und des Doctor Münzer zu wiederholten Malen vorkamen. Dieſe Conferenz wurde erſt dann abgebrochen, als Zweiter Band. 61 der gewöhnliche Diener des Präſidenten— mit einem nicht allzu⸗ freundlichen Seitenblick auf ſeinen neuen Kameraden— die ange⸗ zündete Lampe hereintrug und zugleich meldete: Herr Dr. Münzer ſei im Vorzimmer und laſſe fragen: ob es dem Herrn Präſidenten genehm ſei, ihn zu empfangen? „Noch einen Augenblick, bis ich klingle;“ hatte der Präſident er⸗ widert und dann, als der Bediente ſich wieder entfernt hatte, zu Jean geſagt:„es bleibt alſo dabei. Hundert Thaler, und wenn Sie ſich ein Jahr lang gut halten, eine anſtändige Verſorgung in meinen Büreaus; im andern Falle wiſſen Sie, daß ich Ihre Antecedentien kenne und daß ich Leute, die mir im Wege ſtehen, unſchädlich zu machen weiß.“ „Sie ſollen mit mir zufrieden ſein, Herr Präſident!“ ſagte Jean, die Hand auf die linke Bruſt legend;„Sie ſollen ſehen—“ „Schon gut,“ flüſterte der Präſident,„ich liebe die Redensarten nicht. Sie können gehen; dort durch das Nebenzimmer; Doctor Münzer darf Sie in dieſem Augenblicke nicht ſehen.“ Der geſchmeidige Jean verſchwand mit lautloſen Schritten durch die Thür, die in das Schlafgemach des Herrn führte, von welchem man wieder auf den Flur gelangte. Der Präſident drückte den Knopf des ſilbernen Glöckchens auf dem Arbeitstiſche. Der Bediente öffnete die Thür und meldete: „Herr Dr. Münzer.“ „Nun, das iſt ja freundlich von Ihnen;“ ſagte der Präſident, dem Eintretenden die ſchmale weiße Hand entgegenſtreckend, und, als Münzer nach einer förmlichen Verbeugung keine Miene machte, dieſelbe zu ergreifen, mit einer anmuthigen Schwenkung den Gaſt auf einem der Fauteuils zum Niederſitzen einladend. „Keine Freundlichkeit, Herr Präſident,“ erwiderte Mürzer, dem Präſidenten gegenüber Platz nehmend;„nur einfache Höflichkeit, deren Unterlaſſung mich nach dieſer oder jener Seite hin unbequemen Miß⸗ deutungen ausgeſetzt haben würde.“ Der Präſident war durch dieſe Antwort, deren diplomatiſche Zurückhaltung er vollkommen zu würdigen wußte, einigermaßen über⸗ Die von Hohenſtein. raſcht. Er hatte von dem verrufenen Demokraten, den er bis dahin eigentlich immer nur aus der Ferne geſehen, ein ganz anderes Auf⸗ treten erwartet. Daß der Verfaſſer von Gedichten, deren gewaltiger Schwung dem trockenen Büreaukraten lächerlich dünkte, der Agitator, deſſen ſtürmiſche Beredtſamkeit dem Manne der Salons immer höchſt überſpannt und bombaſtiſch vorgekommen war, ſo geſchäftsmäßig⸗ kaltblütig ſprechen und eine ſo ruhiggeſellſchaftliche Haltung haben konnte, däuchte ihm ein ſonderbares Räthſel und er betrachtete den ſeltſamen Gaſt mit einer Verwunderung, von der ſich eine leiſe Spur ſogar in den ſonſt ſo theilnahmloſen Zügen ausprägte. Auch Münzer heftete ſeine ausdrucksvollen Augen forſchend auf den Präſidenten. Eine Vergleichung der beiden Männer, über deren Geſichter und Geſtalten jetzt das helle Licht der doppelt⸗armigen Lampe ſtrömte, wäre für einen Phyſiognomen nicht ohne Intereſſe geweſen. Es war, als ob ſie nicht zu demſelben Volk, ja als ob ſie nicht in daſſelbe Jahrhundert gehörten. Hier eine feingeſchliffene Glätte, die ein Hauch der Leidenſchaft entweder nie getrübt hatte, oder doch ſicher nicht mehr trüben konnte; dort eine wilde Kraft, die jeden Augenblick die Feſſeln einer erzwungenen Ruhe durchbrechen zu wollen ſchien; hier die lauernde Schlauheit, die jede Bewegung des Gegners ſorg⸗ fältig bewacht, weil ſie weiß, daß ihre einzige Stärke in der Vorſicht und in der feinſten Berechnung der Umſtände liegt; dort ein ſtolzer Muth, der den Kampf des Kampfes wegen liebt und die Gefahr nicht kennt oder verachtet. Den hagern, geſchmeidigen Mann hier mit der ſchmalen, hohen Stirn, dem glattraſirten lächelnden Geſicht, der leiſen ſanften Stimme, der frauenhaft graziöſen Bewegung der langen, weißen, ſorgſam gepflegten Hände konnte man ſich kaum anders als hinter dem grünen Tiſche eines Seſſionszimmers, oder an dem Kamin eines kerzenerhellten Salons mit der Theetaſſe in der Hand in an⸗ muthigem Geplauder mit ordengeſchmückten Herren oder Damen in großer Toilette denken; den Andern mit dem ſtolzen Kopf und dem edelblaſſen Antlitz, aus dem die ſchönen dunkelblauen Augen trotz ihrer Schwermuth ſo groß und kühn blickten, mit der gewaltigen Geſtalt, den breiten Schultern und der hochgewölbten Bruſt, aus der Zweiter Band. 63 die tiefe, melodiſche Stimme wie aus dem Herzen ſelbſt zu kommen ſchien— man dachte ihn ſich unwillkürlich nur in großen bedeutenden Situationen, vielleicht in keiner lieber, als an der Spitze einer be⸗ geiſterten Schaar, die ſich unaufhaltſam auf eine feindliche Batterie ſtürzt.—— „Sehr gut,“ ſagte der Präſident,„ſehr gut. Aber Sie werden mir zugeben, Herr Doctor: wenn man freundlich iſt, ohne es ſein zu wollen, ſo iſt das doppelte Freundlichkeit.“ „Mag ſein, Herr Präſident; aber verzeihen Sie: ich glaube nicht, daß Sie dieſe Zuſammenkunft mit dem Redacteur des Volks⸗ boten deshalb arrangirt haben, um mit ihm über den Begriff der Freundlichkeit zu philoſophiren. Wollen wir nicht ſogleich an den geſchäftlichen Theil unſerer Aufgabe gehen? Ich vermuthe, daß es ſich um unſere Zeitung handelt, die allerdings der Regierung, welcher Sie vorſtehen, und Ihnen ſpeciell, beſonders in jüngſter Zeit, ein Dorn im Auge ſein muß.“ „Mir ſpeciell? warum mir ſpeciell, mein werthgeſchätzter Herr Doctor?“ ſagte der Präſident in ſeinem ſanfteſten Ton.„Etwa weil der Volksbote mir die Ehre erzeigt hat, meine Amtsverwaltung einer längern— und ich darf wohl ſagen: fleißigen Kritik zu unterwerfen? Lieber Himmel, dergleichen Annehmlichkeiten ſind bei einer höhern Stellung, zumal in einem freien Staatsleben, unvermeidlich. „In der That;“ erwiderte Münzer mit einer Jronie, die zu ver⸗ ſchleiern er ſich nicht die Mühe gab;„ich geſtehe, daß die ſchwache Wirkung, welche die Arbeit„in Praesidentem“ auf den Präſidenten von Hohenſtein gehabt zu haben ſcheinen, wenig ſchmeichelhaft für den Verfaſſer derſelben iſt. So wird es Sie, Herr Präſident, denn auch weniger unangenehm, als ich fürchtete, berühren, wenn ich Ihnen mich ſelbſt als den beſchämten Autor dieſer zweckloſen Stylübungen vorſtelle,“ „Sie ſagen mir nichts, was mich überraſchte;“ erwiderte der Präſident mit ſeinem verbindlichſten Lächeln;„ich werde dem einfach⸗ edlen Styl des Herrn Dr. Münzer nie den Affront anthun, ihn mit dem Gallimathias unſerer gewöhnlichen journaliſtiſchen Sudel⸗ köche zu verwechſeln.“ 64 Die von Hohenſtein. „Verzeihen Sie, Herr Präſident, wenn ich noch einmal den Wunſch ausſpreche: möglichſt ſchnell über die Einleitung hinweg zur Sache, wegen derer Sie dieſe Zuſammenkunft wünſchten, zu kommen.“ „Wir ſind ſchon mitten darin, Werthgeſchätzter,“ ſagte der Prä⸗ ſident— und bei dieſen Worten rückte er einen Lampenſchirm auf dem Tiſche ſo, daß der Schatten über ſein Geſicht fiel—„denn eben der Umſtand, daß Sie, ein Mann von dieſem Geiſt und dieſem Wiſſen, ſich ſo gewiſſermaßen auf eine und dieſelbe Stufe mit den Lohn⸗ und Brodſchreibern ſtellen, und das ſchmerzliche Bedauern, welches dieſer Umſtand in mir und in Perſonen, die höher ſtehen, als wir Beide, hervorgerufen hat— iſt es, was mich nach einer Unter⸗ redung mit Ihnen Verlangen tragen ließ, noch bevor Sie die Re⸗ daction des Volksboten übernommen hatten.“ Münzer machte eine ungeduldige Bewegung in ſeinem Stuhl. „Ich bedaure, nicht die entfernteſte Ahnung zu haben, worauf dies Alles zielt;“ ſagte er kurz und ſcharf. „Ich hoffe, wir werden uns peu à peu verſtehen,“ ſagte der Präſident, immer in demſelben leiſen, freundlichen Ton.„Es wäre ja ein halbes Wunder, wenn wir uns von vornherein verſtänden. Das iſt ja eben das Unglück unſrer Zeit, daß eine babyloniſche Ver⸗ wirrung die Menſchen ergriffen hat und Keiner mehr die Sprache des Andern verſteht, obgleich ſie ſchließlich Alle, wenn auch vielleicht auf andern Wegen und mit andern Mitteln, daſſelbe wollen.“ Sollte der Unterſchied nicht tiefer liegen?“ ſagte Münzer, den, ohne daß er es ſelber merkte, die Unterredung zu intereſſiren begann; „ſollte die Verſchiedenheit unſrer Sprache nicht die nothwendige Con⸗ ſequenz der totalen Verſchiedenheit unſrer Ideen ſein?“ Der Präſident zuckte die Achſeln. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„aber es iſt mir bei den leidenſchaft⸗ lichen Debatten, die jetzt in der Preſſe, in den Volksverſammlungen, den Vereinen und ſo weiter geführt werden, oft ein Wort einßefallen, das Gvethe einknal in Beziehung auf einen, ich erinnere mich nicht, welchen Philoſophen brauchte, deſſen abſtruſer Jargon ihm anfänglich das Verſtändniß der Gedanken deſſelben faſt unmöglich gemacht hatte. — Man muß ſich erſt an ſeine Sprache gewöhnen, ſagte der alte —— —— — ——— Zweiter Band. 65 Herr; weiß man aber, daß bei ihm Pferd nicht Pferd, ſondern cavallo, und Gott nicht Gott, ſondern etwa dio heißt, lieſt er ſich bequem und leicht.— Ich glaube, ſo, oder ähnlich ſo verhält es ſich auch mit uns. Sie wollen die Wohlfahrt unſeres engeren Vaterlandes, Sie wollen ein einiges, mächtiges, freies Deutſchland; ich will das Eine, wie das Andere; aber Sie wollen das Alles wo möglich heute, und ich, weil ich einzuſehen glaube, daß wir in dieſer ſtürmiſchen Weiſe das Ziel nie erreichen werden, will, daß man keinen dritten und vierten Schritt thue, ohne den erſten und zweiten wohl überlegt zu haben.“ Um Münzers Lippen zuckte ein ſpöttiſches Lächeln. „Damit es uns gehe,“ ſagte er,„wie dem ſchnellfüßigen Achilles, der die ſchleichende Schildkröte, die einen Schritt vor ihm voraus hat, niemals einholt, weil er erſt die Hälfte des Schritts, und von dieſer Hälfte wieder die Hälfte und ſo weiter in infinitum zurücklegen müßte! Nein, Herr Präſident! Schon vor zweitauſend Jahren hat man es eine Thorheit genannt: neuen Moſt füllen zu wollen in alte Schläuche. Das iſt aber das Beginnen der Beſten Ihrer Partei; bemerken Sie wohl, Herr Präſident, der Beſten, denen es wirklich, wie Sie ſagen, um die Wohlfahrt des engeren Vaterlandes und um ein freies, einiges, mächtiges Deutſchland zu thun iſt. Aber die Andern? ſie wollen nichts als den alten Wahn conſerviren, die finſtre Glaubensnacht, in deſſen Dunkel das Menſchengeſchlecht nun ſchon ſo ewig lange rathlos herumgetappt iſt; nichts, als ihre alten Privilegien erhalten, welche die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menſchen zu einem Spott und Hohn machen; nichts, als den— alten, unſchmack⸗ haften Moſt, den ſich die Menſchheit, die nicht privilegirte Menſchheit, zum Ekel getrunken hat, weil ſie ihn allzureichlich mit Thränen und Blut und Schweiß gemiſcht fand, in einen zierlichen neuen Schlauch füllen, dem ſie, um die leichtgläubige Menge über den Inhalt zu täuſchen, die ſchönſten, zierlichſten Namen geben. Wir aber, wir ſind entſchloſſen, uns nicht länger mit glatten Worten ſpeiſen und mit ſchönen Phraſen tränken zu laſſen; wir wollen Beſitz nehmen von dem Erbtheil, das uns nur zu lange vorenthalten iſt; wir wollen das alte Fr. Spielhagen's Werke. vIMI. 5 66 Die von Hohenſtein. Evangelium von der Erlöſung der Menſchheit, deſſen Erfüllung die ſchlauen Prieſter des Mittelalters in ein Jenſeits legten, ſchon hier auf dieſer Erde zur Wahrheit machen, auf dieſer unſrer Erde, aus der, nach den Worten des Dichters, unſre Freuden und Leiden quellen, und die unſre Heimath iſt in jedem Sinn.— Nein, laſſen Sie mich ausſprechen, Herr Präſident! da ich ſo viel geſagt habe, ſo will ich auch noch das ſagen, was mir ſpeciell Ihnen gegenüber noch zu ſagen bleibt. Ich habe Sie in meiner Zeitung angegriffen, ſcharf, mitleids⸗ los angegriffen, nicht, weil ich eine perſönliche Feindſchaft gegen Sie fühlte, von der ich— das mögen Sie mir auf mein Manneswort glauben!— weit entfernt bin; auch nicht, weil ich Ihre Fähigkeiten und Ihre Kenntniſſe bezweifle, denn ich halte Sie, ganz im Gegen⸗ theil, für einen in Ihrer Art ausgezeichneten Beamten— ſondern weil ich an Ihrem Beiſpiele zeigen wollte, daß in unſren Tagen keine Wunder mehr geſchehen, daß ein Saulus von geſtern nicht heute ein Paulus werden kann, daß eine Regierung, welche ſich von den alten Vollſtreckern ihrer alten despotiſchen Willkür nicht trennen will oder kann, nicht den Willen oder nicht die Kraft hat, die Revolution durchzuführen, daß unter Ihren Händen der befruchtende Strom ſich elend in dem gierigen Sande des alten, ſterilen Despotismus ver⸗ laufen wird.“ Während Münzer, hingeriſſen von dem Sturm der Gedanken, die ſeine Seele ſchon ſeit ſo vielen Jahren fortwährend beſchäftigten, mit einer leidenſchaftlichen, nur mühſam gezügelten Heftigkeit alſo ſprach, hatte nebenan in dem Salon der Präſidentin jenes aus durch⸗ einander ſchwirrenden Stimmen und klappernden Theetaſſen eigen⸗ thümlich gemiſchte Geräuſch begonnen, durch welches ſich eine größere Geſellſchaft anzukündigen pflegt. Als Münzer, der bei ſeinen letzten Worten von ſeinem Stuhle aufgeſprungen und in ſeiner Aufregung, wie er es zu thun pflegte, in dem Gemache hin- und hergeſchritten wär, in die Nähe der Thür kam, die zu dem Salon führte, glaubte er eine Stimme zu vernehmen, deren Klang ihm plötzlich alles Blut zu Herzen trieb. Auch der Präſident hatte die Stimme gehört— der tiefe Schatten, der auf ſein Geſicht fiel, bedeckte freundlich das höhniſche Lächeln, das in dieſem Moment um die ſchmalen blaſſen —— Zweiter Band. 67 Lippen zuckte und den ſchnellen lauernden Blick, der aus den klugen, kalten Augen zu Münzer hinüberſchoß. Münzer wandte ſich wieder zum Präſidenten, der ſich nicht aus ſeiner Stellung gerührt hatte, und nun, auf den Stuhl, in welchem Münzer geſeſſen hatte, deutend, mit ſeiner ſanften Stimme ſagte: „Sie müſſen noch einmal Platz nehmen, Werthgeſchätzter, und wäre es auch nur, um Ihren Gegner mit Ruhe anhören zu können. Zuerſt danke ich Ihnen für die edle Aufrichtigkeit, mit welcher Sie ſich über Ihr Verhältniß zu mir ausgeſprochen haben. Obgleich es mir nie in den Sinn gekommen iſt, daran zu zweifeln, daß Sie bei Ihren Angriffen auf mich immer nur von den reinſten Motiven ge⸗ leitet wurden, ſo iſt es mir doch angenehm, das gleichſam noch aus Ihrem Munde beſtätigt zu hören. Sodann erlauben Sie mir, in⸗ dem ich an Ihre letzten Worte anknüpfe, eine Bemerkung. Sie glau⸗ ben nicht an den guten Willen der Regierung und ihrer Organe. Ich will davon abſehen, daß dies Mißtrauen, in diefem Umfange wenigſtens, nicht berechtigt iſt, will Sie nicht daran erinnern, daß unſer erhabener Souverain noch ganz kürzlich den Officieren des Elitecorps der Akmee die Verſicherung gegeben hat, daß er Alles, was er gethan, aus freien Stücken gethan habe— ich will einmal annehmen: es verhalte ſich Alles genau ſo, wie Sie ſagen. Nun aber frage ich Sie auf Ihr Gewiſſen: ſind Sie im Stande, die un⸗ brauchbar gewordenen Räder der Maſchine durch neue, aus beſſerem Stoff zweckmäßiger gearbeitete zu erſetzen? ſind Sie in der Lage, aus Ihrer Partei das decimirte Beamtenheer neu rekrutiren zu können? Sie ſind es nicht, und wenn ich nicht zufällig der Präſident von Hohenſtein wäre, ſondern einer Ihrer vertrauteren Freunde und Ge⸗ finnungsgenoſſen, ſo würden Sie mir zugeben, daß Sie es nicht ſind. Was folgt daraus? daß Sie mit den alten Factoren, die Sie durch keine neuen erſetzen können, rechnen müſſen; daß Sie, in Ermangelung von reinem Waſſer, die Wäſche des Staats noch eine Zeit lang in dem unreinen Waſſer werden waſchen müſſen. Aber wer hindert Sie denn— und hier komme ich zum ſpringenden Punkt der ganzen Frage— wer hindert Sie denn, allmälig friſches und immer friſcheres Waſſer in das alte hineinzuleiten? wer hindert Sie, um ohne Metapher 5* 68 Die von Hohenſtein. zu ſprechen, ſich an der Regiernng zu betheiligen und die Anſtalten und Mittel, die Sie nun einmal verfinden, zu Ihren Zwecken zu benutzen? Glauben Sie, daß wir uns ſträuben würden, Sie in unſeren Reihen aufzunehmen? Ich kann Sie verſichern, daß dies nicht der Fall ſein würde, daß die Regierung ſich ihrer relativen Mangelhaftigkeit wohl bewußt iſt und nichts eifriger wünſcht, als ſich mit friſchen, jungen Kräften zu ſtärken. Wir drücken jetzt bei Manchem ſcheinbar die Augen zu, aber glauben Sie mir: wir ſehen Alles, ſehr viel mehr wenigſtens, als wir zu ſehen ſcheinen. Wir kennen ſie ſämmtlich, die hohlen Brauſeköpfe Ihrer Partei, aber wir kennen ebenſo auch die guten Köpfe, die Köpfe, welche einzig und allein in dem Schwarm von Nullen zählen. Es fällt mir nicht ein, Herr Doctor, Ihnen hier plumpe Schmeicheleien ſagen, oder Sie ſonſt durch einen andern Köder, wie etwa Orden und Ehrenſtellen, von Ihren Ueberzeugungen weglocken zu wollen; ich würde mich ſchämen, Ihnen einen Antrag zu machen, den Sie mich Verachtung zurückweiſen wür⸗ den, aber ſoviel kann und muß ich Ihnen ſagen: wenn Sie der Re⸗ gierung Ihre große Kraft, Ihre herrlichen Talente, Ihre ausgebrei⸗ teten Kenntniſſe widmen wollten— jeder Wirkungskreis, den Sie für ſich in Anſpruch nehmen— er würde Ihnen geöffnet ſein.“ Münzer hatte von der letzten Rede des Präſidenten nur den kleinſten Theil gehört, denn in dem Salon nebenan war auf einem Flügel in abgeriſſenen Tacten eine Melodie geſpielt worden, die Münzer nur einmal gehört hatte, um ſie nicht wieder zu vergeſſen, eine Melodie, die wie mit Zaubergewalt ſeine Seele umſtrickte. Mit einer gewaltſamen Anſtrengung riß er ſich empor. „Ich danke Ihnen, danke Ihnen ſehr für Ihre gute Meinung, Herr Präſident,“ ſagte er zerſtreut;„aber ich meine: wir rücken bei alledem dem Punkte einer gegenſeitigen Verſtändigung um keines Haares Breite näher. Ueberdies höre ich, daß Sie Geſellſchaft haben und muß fürchten, Sie an einer angenehmeren Unterhaltung zu hin⸗ dern. Erlauben Sie, daß ich mich verabſchiede.“ „O nicht doch, nicht doch!“ ſagte der Präſident;„es iſt freilich unbequem genug, das Gezwitſcher und Quinquiliren nebenan; aber laſſen Sie ſich dadurch. nicht werſcheuchen. Es iſt ja ſo ſelten, daß Zweiter Band. 69 man einmal ein vernünftiges Wort mit einem vernünftigen Manne ſprechen kann.“ Ehe Münzer etwas erwidern konnte, öffneten ſich die beiden Flügel der Thür, ſo daß das helle Licht der Kerzen auf den Kron⸗ leuchtern und auf den Conſolen und Tiſchen zuſammen mit dem lauteren Geräuſch der converſirenden Geſellſchaft in das Gemach ſtrömte, und als Münzer ſich mit einem gewiſſen Schrecken umwandte, ſah er Arm in Arm zwei Damen hereintreten, von denen er die eine ältere, ſehr ſtattliche, etwas corpulente, nicht kannte, die andere aber — Münzer kannte ſie nur zu gut— das ſchöne, verführeriſche Weib, veſſen Bild noch eben vor ſeiner Seele geſtanden, aus deſſen Nähe er nur noch eben hatte fliehen wollen! „Mein lieber Herr Doctor,“ ſagte die ſtattliche Dame, indem ſie den Arm Antoniens fahren ließ und bis unmittelbar vor Münzer heranrauſchte;„verzeihen Sie die zudringliche Neugier einer Ihrer wärmſten Verehrerinnen, die es nicht über das Herz bringen konnte, den Dichter der Roſamunde hier bei ihrem Gatten zu wiſſen, ohne einen Verſuch zu wagen, ihn perſönlich kennen zu lernen.“ Münzer verbeugte ſich ſchweigend und als er ſeinen Kopf wieder emporrichtete, fiel ſein Blick auf Antonie, deren große dunkle Augen mit einem eigenthümlich ſtarren, faſt angſtvollen Ausdruck auf ihn gerichtet waren. „Wie lange habe ich und meine Töchter uns darnach geſehnt!“ ſagte die Präſidentin;„Sie müſſen, ja wahrhaftig Sie müſſen mir erlauben, Herr Doctor, Ihnen meine Mädchen vorzuſtellen.“ „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ erwiderte Münzer,„Sie ſehen, ich bin keineswegs darauf vorbereitet, in Ihrem Salon zu erſcheinen.“ „O, lieber Herr Doctor, nur keine Umſtände!“ rief die Präſi⸗ dentin;„wir ſind ganz unter uns, ganz en famille! Nicht wahr, liebe Antonie? nicht wahr, lieber Philipp?“ Und die Präſidentin wandte ſich zu ihrem Gemahl. Antonie trat an Münzer heran und ſagte ſchnell und leiſe: „Bleiben Sie; ich muß Sie ſprechen!“ und dann laut:„Thun Sie uns den Gefallen, Herr Doctor! Sie wiſſen: Noblesse obligel 70 Die von Hohenſtein. Warum haben Sie eine Roſamunde gedichtet! Machen Sie gute Miene zum böſen Spiel!“ „Ich würde in Ihrem Bleiben eine Beſtätigung des perſönlichen Theils unſrer Unterhaltung erblicken,“ ſagte der Präſident. „Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Doctor, und erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Mädchen zeige!“ ſagte die Präſidentin, indem ſie Münzer unterfaßte und in den Salon führte, während der Präſi⸗ dent mit einem geflüſterten:„Bitte, liebe Schwägerin, auf einen Moment!“ Antonien in ſeinem Zimmer zurückhielt. Münzer war in ſeinem Leben ſehr ſelten in einem ſo glänzenden Salon geweſen, als der war, in den er ſich hier ſo plötzlich gegen ſeinen Willen verſetzt ſah. Aber vergebens ſpähten die vielen Augen, die ſich bei ſeinem Eintritt mit einem Ausdruck ſtarrer Verwunderung oder unverſchämter Neugier auf ihn richteten, nach einem Zug von Verlegenheit oder Befangenheit in ſeinem ſchönen blaſſen Geſicht. Für die Einſichtigeren lag in dieſem Geſicht und vor Allem in der Haltung der hohen, mächtigen Geſtalt viel mehr Stolz als Demuth, ja in dem Blick der großen, feurigen Augen etwas wie ein glimmen⸗ der Zorn, der nur einer geringen Veranlaſſung bedurfte, um n hellen Flammen aufzulodern. Und das waren in der That die Gefühle, die Münzers Herz erfüllten, während die Präſidentin, ohne ſeinen Arm loszulaſſen, ihn den einzelnen Herren und Damen ihrer Geſellſchaft vorſtellte:„General Hinkel von Gackelberg— ein großer Verehrer ihrer Muſe, Herr Doctor— Oberbürgermeiſter Dr. Daſch— ah! die Herren kennen ſich bereits, wie ich ſehe!— Herr Ober⸗Regierungs⸗ Rath von Droſte, Herr Regierungs⸗Aſſeſſor von Wyſe, Herr Referen⸗ dar von Elvensleben— Herr Baron von Willamowsky— Herr von Brinkmann— aber, wo habt Ihr denn die Damen gelaſſen, ihr jungen Herren? alle geflüchtet, wie die Tauben, natürlich um ſich eine Schnurre von Kettenberg erzählen zu laſſen! Nein, nun hören Sie das Gelächter! Der Kettenberg— der Maler, Herr Doctor— Sie kennen ja ſeine herrlichen Bilder von der letzten Ausſtellung! Er iſt unſer enfant,— enfant terrible, wie ihn meine Aurelie getauft hat. Nichts als Narrenspoſſen im Kopf, aber ein ſo lieber Menſch!— Da ſteckt nun das ganze muntere Völkchen beiſammen.— Wir werden Zweiter Band. 71 ſie ſchon in dem andern Zimmer aufſuchen müſſen. Richtig, da ſind ſie! Das iſt meine Camilla, Herr Doctor! Aurelie, wie echauffirt Du nun wieder biſt! Die beiden Fräulein von Hinkel, Fräulein von Droſte— warum iſt denn Ihre Mama nicht mitgekommen, liebe Elfriede?— und da iſt er ja, der Papageno!— Kettenberg, Sie ſollen mir's büßen, wenn Sie allen unſern Mädchen den Kopf verdrehen!“ „Meine gnädige Frau!“ erwiderte Kettenberg,— ein ſchöner junger Mann mit glänzend dunklem lockigen Haar, ſchwarzem Schnurr⸗ und Knebelbart,—„ich glaube mir dadurch im Gegentheil ein Verdienſt zu erwerben. Die Köpfchen kommen ſo vielleicht an die rechte Stelle!“ „O, Sie loſer Spötter! Wie könnt Ihr Euch das nur gefallen laſſen, ihr jungen Damen! Aber jetzt müſſen Sie mich für einen Moment entſchuldigen, Herr Doctor; ich höre, daß noch eben Jemand kommt.“ Und die Präſidentin rauſchte davon, um„ihren lieben, lieben Schwager“ den Stadtrath von Hohenſtein zu begrüßen, der ſoeben in den Empfangs⸗Salon getreten war. Die Geſellſchaft bei der Präſidentin ſollte heute nicht aus dem Erſtaunen heraus kommen. Die Ankunft des Stadtraths erregte eine kaum minder große Senſation, als das Erſcheinen Münzers. Zwar die in das politiſche Parteitreiben Eingeweihten— General Hinkel, Oberbürgermeiſter Daſch, Regierungsrath von Droſte und Andere— wußten, daß der Stadtrath von Hohenſtein ſich in den letzten Tagen mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit aus einem vormärzlichen Liberalen zu einem leidenſchaftlichen Vertheidiger des Thrones und des Altars entpuppt hatte; aber man hatte doch nicht geglaubt, daß die Ausſöhnung des reuigen Sünders mit ſeiner Familie eine ſo voll⸗ ſtändige ſei, und ſeine Anweſenheit in dem Salon der Letzteren und der überaus herzliche Empfang der Präſidentin drückten daher gleich⸗ ſam das letzte Siegel auf den neugeſchloſſenen Bund. Der Neophyt hatte ſeine Prüfung beſtanden; er war fortan ein Gleicher unter Gleichen. Das zeigte denn auch das Benehmen der Geſellſchaft. Sämmtliche anweſende Herren, Graf Hinkel an der Spitze, beeiferten 72 Die von Hohenſtein. ſich, dem Stadtrath die Hand zu drücken, ihm etwas Angenehmes zu ſagen, und der Bediente hätte mit dem Präſentirteller noch lange manövriren können, ehe der Stadtrath zu einer Erfriſchung— deren er in der That zu beüſen ſchien— gekommen wäre, wenn nicht Camilla, aus dem andern Zimmer herbeieilend, dem Oukel mit ihren eigenen ſchönen Händen die Taſſe gereicht hätte. „Lieber Onkel! Sie müſſen ſchon einmal mit meiner Bedienung nehmen,“ fagte Camilla mit holdem verſchämten Lächeln, und hob dann die langen dunkeln Wimpern, um zu dem Stadtrath mit einem Blicke emporzuſchauen, für den Herr von Willamowoky, der ganz in der Nähe ſtand, ſeiner Seelen Seligkeit unbedenklich hin⸗ gegeben haben würde. Die Geſellſchaft hatte heute überreichen Soff der Unterhaltung und Beobachtung; denn es hatten ſich kaum die Wogen des Erſtaunens, welche durch das Erſcheinen des Stadtraths aufgeregt waren, wieder geſänftigt, als der Obriſt und die Obriſtin von Hohenſtein, in ihrem Gefolge die Söhne, der Lieutenant Kuno, der Portépée⸗Fähndrich Odo, in den Saal traten. Nun waren ſ beiden Letzteren freilich ſtehende Figuren an den Empfangsabenden der Präſidentin, aber die Eltern hatten ſchon ſeit langer Zeit nur immer an den eigentlichen Geſellſchaften, zu denen beſonders eingeladen wurde, Theil genommen, und es war ein ſtadtkundiges Geheimniß, daß die beiden Schwägerinnen ſich gegenſeitig mit dem gründlichſten Haß beehrten. Alſo auch dieſer Schritt konnte nicht ohne Bedeutung ſein, und es war wohl natürlich, daß die Geſchichtenträger und Gebehrdenſpäher, deren die Geſellſchaft genau ſo viele als Perſonen zählte, ſich alsbald mit großem Eifer daran machte, den mhſteriöſen Dingen, die hier vorgingen, auf die Spur zu kommen. Wirklich dauerte es denn auch gar nicht lange, als eine über alle Maßen erſtaunliche Nachricht— man wußte nicht, von wem ſie ausgegangen war— rings in der Geſellſchaft umher von Mund zu Mund ging: die Nachricht von der in aller Kürze be⸗ vorſtehenden Verlobung Camilla's mit ihrem Vetter Wolfgang, dem Sohne des Stadtraths. Man fand nach einigem Nachdenken in der Anweſenheit ſämmtlicher Mitglieder der Familie eine unumſtößliche Beſtätigung dieſer Nachricht und wußte nun auch, weshalb Antonie Zweiter Band. 73 ſchon ſeit einer halben Stunde in dem Arbeitscabinet des Präſidenten, jedenfalls zu einem wichtigen geheimen Geſpräch mit dieſem Letzteren, verſchwunden war. Antonie wollte— ſtolz und eigenfinnig, wie man ſie kannte— von einer ſolchen halben Mesalliance— denn Wolf⸗ gang's Mutter war und blieb doch immer eine geborne Schmitz— nichts wiſſen, und eine Einhelligkeit Aller, die den Namen Hohenſtein trugen, war bei einer ſo wichtigen Sache, wenn auch nicht unumgäng⸗ lich, ſo doch auf jeden Fall äußerſt wünſchenswerth. Jetzt erklärte ſich auch— einigermaßen wenigſtens— die ſonſt unerklärliche An⸗ weſenheit des Dr. Münzer. Dr. Münzer— man wußte wiederum nicht, woher die Kunde kam— war ein vertrauter Freund der Familie Schmitz und vor Allem kange Jahre hindurch der Lehrer Wolfgang's geweſen. Man wollte dem jungen Hohenſtein eine Ehre erweiſen, in⸗ dem man ſeinen Lehrer ehrte und hatte— eine feine Berechnung— der Sache, um ſie nicht gar zu auffallend zu machen, einen halb⸗ politiſchen Anſtrich gegeben. Während die Geſellſchaft ſich in dieſer Weiſe unterhielt und die Bedienten mit den Theebrettern und Kuchentellern und ihrem leiſen: Befehlen? geräuſchlos durch die Zimmer huſchten, hatte Münzer hin⸗ reichende Muße gehabt, über die mehr als ſchiefe Lage, in die er hier gerathen war, nachzudenken. Er hatte ſich, ſobald er von der Präſi⸗ dentin befreit war, geſagt, daß er ein Haus verlaſſen müſſe, das er nie hätte betreten ſollen; daß ein längeres Verweilen in dieſen Zim⸗ mern ein Hohn gegen ſeine Ueberzeugungen, ein Verrath an ſeiner ganzen Vergangenheit ſei; und daß er dieſes Haus verlaſſen werde, ſobald er Gelegenheit gehabt, Antonien zu ſagen: ſie ſolle ſich keine Mühe geben, das Spiel von neulich wieder zu beginnen. So lange aber mußte er bleiben. Das ſtolze Weib ſollte nicht glauben, daß er vor ihr fliehe, ſollte ſich nicht einbilden, ihn zum gefülligen Spielball ihrer ſouveränen Laune zu haben. Sie ſollte auch etwas von dem Herzweh erfahren, das ſein Erbtheil war von Kindesbeinen an— ein Erbtheil, welches ſich in den letzten Tagen ſo herrlich vermehrt hatte!— wenn ſie anders ein Herz hatte! Und Münzer blieb, jeden Augenblick hoffend, Antonie werde wie⸗ der zur Geſellſchaft kommen, und mit jedem Augenblick, den er in 74 Die von Hohenſtein. dieſen Zimmern zubrachte, kam ſtärker und ſtärker ein Etwas über ihn, von dem er ſich keine Rechenſchaft gab, und das ihn doch nicht minder, wie ſein Verlangen, Antonien zu ſprechen, an dieſe Stelle bannte.— Wenn er die keuſche zarte Empfindung eines Weibes gehabt hätte, ſo hätte er vielleicht gewußt, was dieſes Etwas war, und hätte es gefürchtet, wie Emilia Galotti die Luft fürchtete, die durch die orange⸗ dufterfüllten Prachtſäle des Kanzlers Grimaldi ſtrich. Münzer durfte nicht der freiſinnige Kunſtkenner ſein, der er war, wenn die Schön⸗ heit der Gemälde, Vaſen und Statuen an den Wänden, auf Conſolen und Piedeſtalen ſein Auge nicht entzücken; nicht der Poet, der er war, wenn die Gegenwart ſo vieler reizender, ja ſchöner Mädchen ihn nicht wie lieblichſte Muſik berühren ſollte. Und wie er ſich jetzt, nach⸗ dem er ſich in den hohen, kerzenglanzerfüllten Zimmern umgeſehen, in einem kleineren, lauſchigen, ampelerleuchteten Teppichgemach in den ſchwellenden Sammet eines Sophas ſinken ließ, der ſich im Kreiſe um eine Säule zog, auf welcher oben in einem Marmorbecken ein kleiner Springquell plätſcherte,— da dachte er an die armſelige Hütte, in der er frierend und hungernd zum hagern, düſtern Knaben heran⸗ gewachſen war, und an die ſchauerliche Winternacht, als ſein Vater bleich und kalt und ſtarr auf dem Strohlager lag, und ſeine kranke, verhärmte Mutter daneben kniete und, wirre, wahnſinnige Worte, die ſie für Gebete hielt, murmelnd, den Roſenkranz durch ihre harten, ſchwieligen, zitternden Hände gleiten ließ, und er, das junge Herz mit namenloſem Jammer und Grauſen erfüllt, aus der Hütte in die heulende Nacht hineinſtürzte, nach dem Dorfe zu laufen und den Prieſter zu holen— den alten, guten, mitleidigen Prieſter, der ſchon am andern Morgen eine Waiſe mit ſich in ſeine ärmliche Wohnung führen mußte... „Nun über welchem poetiſchen Gedanken grübeln Sie, Herr Doctor,“ ſagte der Maler Kettenberg, mit dem Münzer gleich zu Anfang ein paar höfliche Worte ausgetauſcht hatte, und der ſich nun zu ihm auf das Sopha ſetzte.„Sollten Sie Mangel an Stoff haben, ſo kann ich Ihnen vielleicht mit einigen intereſſanten Vorwürfen dienen.— Da iſt zum Beiſpiel die kleine Camilla,— Sie werden 7 Zweiter Band. 5 ſie am beſten als Sirene, vulgo Menſchenfiſcherin, verwerthen können. Ich habe, wie Jeder, der ſie zum erſten Male ſieht, für ſie geſchwärmt, und ſie läßt ſich anſchwärmen, trotz einer, das verſichere ich Sie; aber auf die Dauer ziehe ich ihre Schweſter Aurelie vor,— reines Sommerwetter, ſage ich Ihnen, mit obligaten Regenſchauern, die aber zur Abwechſelung etwas wahrhaft Entzückendes haben. Sie iſt nicht ganz ſo ſchön, wie Sirene Camilla, aber ſie würde, glaube ich, mit einem Manne, den ſie liebte, noch heute Nacht im Nebel ver⸗ ſchwinden, wenn's eben nicht anders ginge— und ich liebe dergleichen Temperamente. Oder wie gefällt Ihnen Fräulein Georgine von Hinkel, die junge Dame dort mit den prachtvollen rothen Haaren, die ſie ſo antik⸗apolliniſch zu kräuſeln verſteht, und den nicht minder klaſſiſchen, klaſſiſch nackten Schultern und Buſen? Die iſt nun ſchon mehr Phryne oder Lais; ſie hat mich unter der Hand auffordern laſſen, ſie als Diana im Bade zu malen— auf mein Wort und meine Ehre!— und für wen, glauben Sie? für ihren Bräutigam! Ob ich den guten Jungen als Actäon anbringen ſoll, geziert mit dem Schmuck der Hörner, den ſie ihm jedenfalls auf ſeinen hohlen Schä⸗ del ſetzen wird, hat ſie mir nicht dabei ſagen laſſen; auch nicht, ob ſie ſelbſt Modell ſtehen will— das Letztere vermuthe ich aber. Sie glauben mir nicht? Auf mein Wort und meine Ehre: die Geſchichte iſt wahr. O, ich könnte Ihnen noch andere Dinge aus dieſer ehren⸗ werthen Compagnie erzählen, von der Ihr harmloſen Gelehrten euch en: ſtellenweiſe das reine Sodom * nichts träumen laßt! ich ſage Ihn und Gomorrha!“ EEN—8 „Und weshalb frequentiren Sie eine Geſellſchaft, die Sie ſo gründlich zu verachten ſcheinen?“ fragte Münzer. „Verachten?“ ſagte Kettenberg,„hm! ich verachte ſie eigentlich nicht, denn ich meine: wenn andere tugendhafte Leute dies Leben führen könnten, ſie würden es ſchließlich auch nicht anders, oder doch nicht viel anders treiben. Wo einer Pflanze allzureichliche Nahrung geboten wird, ſchießt ſie leicht in geile Triebe, und wo ſie der Nah⸗ rung ermangelt, verſchmachtet und verkümmert ſie. Wo Licht iſt, iſt auch Schatten. Wer, wie ich, gründlich den Süden kennt, weiß am Beſten, wie unvermeidlich das iſt. Aber ich liebe nun einmal den 76 Die von Hohenſtein. Süden und das Licht und all die verteufelte Herrlichkeit einer üppigen Natur. Es liegt mir im Blut, ich kann nicht anders. Und dann, was wollen Sie? Ich bin Maler, kein ſchlechter Maler nach Ihrem eigenen Ausſpruch in Ihren Beſprechungen der letzten Kunſtausſtellung. Bh bien! ich bin nicht ſo geſtellt, daß ich recta via für die Unſterb⸗ lichkeit malen könnte. Für wen ſoll ich alſo malen, als für die Götter der Erde, die Reichen und Vornehmen? Wer will denn ſonſt gemalt ſein? und wer kann mich ſonſt bezahlen? Wenn ich aber dieſe Geſellſchaft, die für mich iſt, was das Licht für die Farben, per⸗ horresciren wollte, aus dieſen oder jenen moraliſchen Serupeln— nun, dann kann ich meine Palette in den Ofen werfen und hingehen und Häuſerwände anſtreichen. Braucht man deshalb ein ſchlechter Menſch zu ſein? Ich habe noch keinem Menſchen, mit meinem Wiſſen, ein Leides gethan und fühle auch nicht die geringſte Neigung dazu. Ich liebe auch die Freiheit, obgleich Sie das nicht glauben werden; aber die Kunſt iſt eine edle Geliebte, die mir treu geweſen iſt mein Leben lang, und die ich nicht einer Frau halber, ſie ſei ſo tugendhaft, wie ſie wolle, aufgeben mag. Wie aber die Kunſt neben der Freiheit, neben Eurer Freiheit beſtehen ſoll, das vermag ich, bei Gott, nicht abzuſehen. Ihr wollt den Luxus abſchaffen und die Kunſt iſt ein Lurus. Das gemeine Volk— im beſten Sinne, Doctor!— hat keine Liebe für die Kunſt, kein Verſtändniß der Kunſt. So lange es eine Kunſt giebt, ſind die Höfe der Fürſten ihre Zufluchtsſtätte ge⸗ weſen. Führen Sie mir nicht die Republiken des Alterthums und des Mittelalters dagegen an! Ob Einer die Herrſchaft in Händen hat, oder ſich einige Wenige in die Herrſchaft theilen, das kommt ſchließlich auf eins heraus. Perikles plünderte den ganzen Archipel, um die Akropolis zu ſchmücken, und— aber ich ermüde Sie durch mein Geſchwätz und habe mich noch immer meines Auftrages nicht erledigt.“ „Ihres Auftrages? an mich? und von wem?“ „An Sie allerdings; und von wem? ja, das iſt ſchwer zu ſagen, eigentlich von der ganzen Geſellſchaft. Wiſſen Sie, nicht direct, ſon⸗ dern ſo: hören Sie doch einmal hin, Kettenberg! Sie verſtehen das ja meiſterhaft, Kettenberg!“ Zweiter Band. 77 „Alſo die Scene zwiſchen dem Tempelherrn und dem Kloſter⸗ bruder im Nathan!“ „Sehr gut, ausgezeichnet!— das heißt: Sie gäben ein prächtiges Modell zu einem Tempelherrn, wahrhaftig; aber ich, als Kloſter⸗ bruder! Der Einfall iſt zu gut!“ und Kettenberg wollte vor Lachen ſchier erſticken. „Aber nun im Ernſt,“ ſagte er, ſich mit dem Battiſttaſchentuche die Thränen trocknend,„wenn ſich über ſo etwas im Ernſt ſprechen läßt. Ich ſoll Sie ausforſchen, ob unſer gemeinſchaftlicher Freund Wolfgang— ich habe ihn neulich. drüben in der Univerſitätsſtadt kennen und ſchätzen gelernt— ein prächtiger Burſch, auf Ehre!— wirklich die kleine Sirene Camilla heirathen ſoll.“ „Aber ich weiß kein Wort davon!“ „Im Ernſt?“ „In vollem Ernſt!“ „Und glauben auch nicht daran?“ „Es wäre mir ſehr ſchmerzlich, wenn ich's glauben müßte. Aber die Sache ſcheint mir ganz undenkbar. Wolfgang iſt ein ernſter, hoch⸗ ſinniger Menſch; er kann ſich nicht durch ein hübſches Mäskchen blen⸗ den laſſen.“ „Meinen Sie, Doctor? ich glaube, das Unglück iſt ſchon manchen ernſten und hochſinnigen Menſchen paſſirt; ja paſſirt, wenn mich meine Erfahrung nicht trügt, denen gerade am leichteſten. Vielleicht hat auch an dieſem Project die Diplomatie der Alten mindeſtens eben ſo viel Antheil, als die Liebe der Jungen. Daß die Sache nicht aus der Luft gegriffen iſt, ſteht übrigens feſt. Die kleine Aurelie, müſſen Sie wiſſen, iſt meine große Freundin und deponirt alle ihre zarteſten Geheimniſſe in den dreimal verſiegelten Schrein meines Herzens. Von Aurelien aber habe ich heute Abend die feierliche Verſicherung erhalten, daß die Sache im beſten Gange ſei. Anderes ſpricht dafür. Mein Freund Willamowsky, der die beſte Ausſicht hatte, ſich an Camilla's Seite vollends zu ruiniren, iſt heute Morgen mit langer Naſe weg⸗ geſchickt und hat ſeitdem ſeinen Gram in diverſen Maibowlen zu er⸗ ſäufen verſucht, in Folge deſſen nebenbei ſeine Augen noch etwas gläſerner und dummer in die Welt ſtarren, als ſonſt. Auch Vetter 78 Die von Hohenſtein. Kuno— ebenfalls ein Freier der vielumworbenen Helena— iſt ſeit einigen Tagen in fürchterlicher Stimmung, trotzdem er exorbitantes Glück im Pharao gehabt hat, und ſpricht nur von verdammten Par⸗ venü's, die mehr Glück wie Verſtand haben und ehrlichen Kerlen die beſten Biſſen vor der Naſe wegſchnappen. Und dann iſt es jedenfalls nicht von ungefähr, daß heute Abend ſämmtliche Hohenſteins— ich glaube, zum erſten Mal ſeit zwanzig Jahren— hier verſammelt ſind. Der Stadtrath— ich ſage Ihnen, man überſchüttet ihn mit Liebens⸗ würdigkeiten und Camilla flattert um ihn herum, wie ein Schmetter⸗ ling um die ſüßeſte Honigblume.“ „Hören Sie auf!“ rief Münzer,„es iſt genug und mehr als genug! Sie wiſſen jedenfalls hier im Hauſe Beſcheid. Kann man durch dieſe Thür auf den Flur gelangen?“ Münzer war aufgeſprungen; Kettenberg fuhr ebenfalls aus ſeiner halb liegenden Stellung in die Höhe. „Sind Sie ein Feuerkopf!“ rief er,„aber das iſt recht, das ſtimmt zu Ihrem Geſicht! Durch dieſe Thür? Gewiß! Sie führt auf einen langen Korridor und der Korridor bis an die Treppe. Ich hätte große Luſt, mit Ihnen durchzubrennen; aber das darf ich der kleinen Aurelie nicht zu Leide thun. Haben Sie denn Ihren Hut? ja? nun dann: addio, Doctor! wettern Sie Ihren Zorn in ein paar ſchönen Gedichten aus— das erleichtert das Herz. Sie haben ſo lange nichts Poetiſches von ſich gegeben! Addio! halten Sie ſich nur links!“ Münzer drückte dem Maler die Hand und ging durch die Thür, die aus dem Kabinet auf dem Korridor führte, dann den ſehr langen, halbdunklen Korridor entlang bis auf den hell erleuchteten Vorſaal. Als er den Vorſaal durchſchritt, um zur Treppe zu gelangen, begegnete ihm ein ſchwarz gekleideter Diener mit einem Präſentirbret in der Hand. Münzer kam das gelbe lächelnde Geſicht bekannt vor; er wußte aber nicht, wo er es geſehen hatte. Der Mann mit dem gelben Geſicht blieb, als Münzer an ihm vorüber war, ſtehen, ſchnitt eine höhniſche Grimaſſe und murmelte: „Da läuft er hin, der dummſtolze Kerl! der Gimpel! ſieht weder nach rechts, noch links. Das iſt wieder ein rechtes Freſſen für meine Gnädige! Aber, ich will's euch eintränken— wartet nur!“ Zweiter Band. 79 Als Münzer die breite teppichbedeckte Treppe hinabſchritt, hörte er hinter ſich das Rauſchen eines Frauengewandes. Er achtete nicht darauf. Aber das Rauſchen kam näher und als er an der Hausthür, die von einem galonnirten Portier aufgeriſſen wurde, angekommen war, hörte er es ſo dicht hinter ſich, daß er auf die Seite trat, um der Dame den Vortritt zu laſſen. Die Dame, die ihr Geſicht mit einem dichten Schleier verhüllt hatte, eilte mit einer Verbeugung an ihm vorüber. Vor dem Portale hielt ein eleganter, geſchloſſener Wagen, deſſen Kutſcher ſich vergeblich bemühte, die jungen, feurigen Pferde, welche das lange Stehen ungeduldig gemacht haben mochte, zur Ruhe zu bringen. In dem Augenblick, wo die Dame auf den, vom Bedienten geöffneten Schlag treten wollte, bäumte ſich das Handpferd, daß der Bediente nach vorne ſprang und die Dame in augenſcheinlichſte Ge⸗ fahr gerieth, von dem Tritt herab unter die Räder geworfen zu wer⸗ den. Münzer ſprang hinzu und fing ſie auf. Sie glitt aus ſeinen Armen auf die Erde und ſagte dann, ſeine Hand ergreifend, raſch: „Ich bin's— Antonie! Sie wollten mir aus dem Wege gehen aber Sie ſehen, der Zufall iſt mächtiger als wir. Begleiten Sie mich; ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen. Wollen Sie?“ Bei dein erſten Ton Antonien's Stimme hatte ein Schauer der Wonne Münzer's Adern durchrieſelt, und dann war ihm das ſtolze Blut aus dem Herzen nach dem Gehirn geſchoſſen und mit finſterer Stirn ſagte er durch die, wie im Zorn zuſammengepreßten Zähne: „Ich will es! es iſt beſſer ſo, für Sie und mich!“ Er half Antonien in den Wagen, ſtieg ſelbſt hinein und zog die Thür hinter ſich zu. Der Bediente war ſchon oben auf dem Bock. Der Kutſcher, der jetzt ſeiner Sache ſicher war, hieb kräftig in die Pferde; die feurigen Thiere ſprangen an und der Wagen donnerte über das Pflaſter. 80 Die von Hohenſtein. Siebentes Capitel. Der Wagen donnerte über das Fflaſter, Straße auf, Straße ab, und noch immer hatte weder Antonie, noch Münzer ein Wort ge⸗ ſprochen. Münzer's Seele war voll Unmuth und Zorn und doch konnte er nicht verhindern, daß die unmittelbare Nähe des ſchönen Weibes, von deſſen Gegenwart der enge Raum wie von Veilchen⸗ und Roſenduft erfüllt war, ihn mit banger ſüßer Beklommenheit erfüllte. Nur einmal wandte er die Augen zu ihr, die ſich ſo weit als mög⸗ lich von ihm entfernt in die ſeidenen Kiſſen gedrückt hatte und da ſah er bei dem hellen Lichtſchein, der eben aus einem glänzend erleuchteten Kaufladen in den Wagen fiel, daß ihr ſchönes Geſicht ſehr blaß war und Thränen über das ſchöne blaſſe Geſicht floſſen. Dann kam es über ihn wie ein ſchwerer ängſtlicher Traum, aus dem man ſich vergeblich emporzuraffen ſucht. Nur wie in einem Traum ſah er die Lichter aus den Häuſern an dem Wagen vorüber⸗ fliegen; er dachte nicht daran, daß ſie die kurze Strecke von dem Präſidialgebäude nach Antonien's Hauſe längſt zurückgelegt haben mußten; er bemerkte nicht, daß der Wagen durch ein enges, vielfach gewundenes Thor donnerte, dann leiſe über eine Brücke rollte, dann wieder durch ein Thor donnerte und wieder über eine Brücke rollte, daß anſtatt der langen Häuſerzeilen gartenumgebene Villen den chauſſir⸗ ten Weg einfaßten— er ſah nichts als das blaſſe ſchöne Geſicht mit den glänzenden Thränen; er hörte nichts als von Zeit zu Zeit ein leiſes Schluchzen— und plötzlich hielt der Wagen. „Wo ſind wir?“ fragte Münzer. „Folgen Sie mir;“ erwiderte Antonie, für einen Moment ihre Hand auf ſeine Hand legend. Der Dieney öffnete den Schlag. „Befehlen gnädige Frau, daß angeſpannt bleibt?“ „Nein— oder doch, bis ich Ordre gebe.“ Herrn zu wagen. Zweiter Band. 81 Vor der mit Weinſpalieren bekleideten Villa war ein Ziergärtchen, in deſſen Mitte ein Springbrunnen plätſcherte. Auf dem Flur des Hauſes empfing die Kommenden Antoniens hübſches Kammermädchen mit einem Lichte in der Hand. Die Kleine warf einen raſchen Blick auf den fremden Herrn; aber ſie mußte ſehr gut geſchult, oder fremden Beſuch bei ihrer Herrin zu ungewöhnlicher Stunde ſehr gewöhnt ſein— wenigſtens verzog ſie keine Miene: öffnete eine Thür, welche der Hausthür gegenüber in ein Gartenzimmer führte, entzündete die Lichter der beiden ſilbernen Armleuchter, die auf einem großen Tiſche in der Mitte des Gemaches ſtanden und entfernte ſich auf einen Wink der Gebieterin ſchweigend, ohne einen zweiten Blick auf den fremden Antonie hatte, während das Mädchen die Lichter anzündete, lang⸗ ſam ihre Handſchuhe abgeſtreift, die Kapuze vom Kopf genommen, und Beides auf den Tiſch gelegt; dann, als das Mädchen das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte ſie ſich auf einen der reichgeſchnitzten Stühle, welche um den Tiſch herumſtanden, vergrub ihr Geſicht in den beiden Händen und brach in ein leidenſchaftliches Weinen aus. Münzer war ſchweigend einige Male auf⸗ und abgegangen; jetzt blieb er vor der Weinenden ſtehen und ſagte in leiſem feſtem Ton: „Gnädige Frau, wir kommen ſo nicht zu der Klarheit, die uns Beiden, Ihnen wie mir, Noth thut.“„ „Sie haben Recht,“ erwiderte Antonie, den ſchönen Kopf in eine Hand ſtützend, während die andere ſchlaff von dem Geſicht auf den Tiſch ſank;„Sie haben ganz Recht.“ Sie ſtarrte düſter vor ſich hin. Plötzlich raffte ſie ſich mit einer gewaltſamen Anſtrengung empor.„Luft, Luft!“ rief ſie;„ich erſticke hier; kommen Sie;„draußen wird mir beſſer werden; draußen werde ich auch ſprechen können— Kommen Sie!“ Aus dem Zimmer führte eine Fenſterthür auf eine Terraſſe, von der Terraſſe gelangte man wenige Stufen hinab in den Garten, in welchem durch das junge friſche Laub mächtiger alter Bäume die Strahlen des Mondes zitterten. Vom Strome her, deſſen glitzernde Waſſer hier und da durch die Büſche blinkten, hauchte Kühlung in die hohen Baumgänge, in denen man noch die Hitze des Tages ſpürte. Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 6 82 Die von Hohenſtein. In den dichten Kronen der Kaſtanien zirpten hier und da verſchlafene Vogelſtimmen, aus einem Hollunderbuſch ſchlug eine Nachtigall in leiſen langgezogenen Tönen. Holder Frieden, ſüße Ruhe erfüllten das trauliche Revier; aber ſie wußten nichts von Ruhe und Frieden, die beiden leidenſchaftlichen Menſchen, die jetzt, vor Aufregung ſtumm, in den dämmrigen Alleen umherirrten. Nur einmal hatte Antonie Münzer's beide Hände ergriffen und geſagt:„Haben Sie Mitleid mit mir!“ dann waren ſie wieder geraume Zeit ſchweigend nebeneinander hergeſchritten. Vergeblich ſtrebte Münzer den Bann, der ſeine Seele gefeſſelt hielt, zu zerreißen; ſo oft er das erlöſende Wort ſprechen wollte, fühlte er, wie ſein Herz in ihm zuckte, ſein heißes Herz, das nicht erlöſt ſein wollte, das gebieteriſch ſein. Recht verlangte, ſein ewiges, unveräußerliches Recht: an einem nicht minder heißen Herzen zu klopfen, in ein nicht minder heißes Herz all ſeine Feuersgluthen auszugießen. Wie ein dichter Schleier legte es ſich über Alles, was noch vor wenigen Minuten im Saale des Präſidenten ſo klar in ſeinem Geiſte geweſen war; er empfand nichts mehr von dem Zorn, der ihn erfaßt hatte, als er ſich plötzlich wieder in den Banden ſah, denen er noch eben erſt hatte entfliehen wollen; er wußte nichts mehr, er empfand nichts mehr, als nur das Eine, daß ihn das ſchöne, blaſſe, ſtumme Weib an ſeiner Seite liebe, daß er ſie wieder liebe, und daß er ſich in dieſer Liebe den Tod trinken werde. Da blieb Antonie ſtehen und drückte die Hände gegen die Schläfen. „Ich habe Alles vergeſſen, Alles;“ murmelte ſie. „So laſſen Sie's vergeſſen ſein;“ ſagte Münzer mit apathiſcher, klangloſer Stimme;„was können wir Beſſeres thun, als vergeſſen.“ „Ich darf nicht vergeſſen, ich will nicht vergeſſen; ich muß Ihnen Alles ſagen; ich werde wahnfinnig, wenn ich ſo weiter leben ſoll wie dieſe beiden letzten Tage.“ „Wahnſinnig?“ ſagte Münzer;„wer bürgt Ihnen denn dafür, daß wir es nicht ſchon Beide ſind?“ „Nein, nein, nein!“ rief Antonie leidenſchaftlich;„ich bin nicht wahnſinnig: das, was ich bei Ihrem erſten Anblick empfunden habe, was mich ſeitdem immer und immer verfolgt hat, womit ich einge⸗ Zweiter Band. 83 ſchlafen bin und wieder erwacht bin— mitten in der Nacht— und dann erſt recht klar und unumſtößlich fühlte— das kann nicht Wahn⸗ ſinn ſein; das iſt nicht Wahnſinn; das Andere iſt Wahnſinn, aber nicht das, nein, nein!“ Antonie war wieder ſtehen geblieben. Durch das Dunkel glänzten die dunkeln Augen von dem Thau eben geweinter Thränen. Münzer ſtarrte mit ſchauderndem Entzücken in dieſe glänzenden Augen. „Du ſchönes Weib,“ murmelte er;„Du, viel zu ſchön für dieſe plumpe Erde! was weißt denn Du von dem bunten Wirrwarr und der Noth des Menſchenlebens? könnteſt Du ſo ſchön ſein, wenn Du etwas davon wüßteſt! Und wenn Du dieſe Noth durch mich kennen lernteſt— dann fluche der Stunde, da Du mich geſehen. Aber Du wirſt ſie nicht kennen lernen. Du wirſt morgen lachen, daß Du heute eine Empfindung ſo ernſthaft nehmen konnteſt; und Du haſt recht, ganz recht. Lachen und ſcherzen und küſſen und ſchön ſein— das iſt Deine Beſtimmung; warum wollteſt Du weinen? Es müßte denn ſein, weil Du weißt, daß Dich die Thränen noch ſchöner machen.“ „Das iſt's, was ich erwartete,“ ſagte Antonie mit leiſer trauriger Stimme,„Sie denken von mir, wie alle Welt, und das— das kann ich nicht ertragen! Ich habe nie nach dem Urtheil der Welt gefragt, habe mich nie darum gekümmert;— was war mir die dumme, alberne Welt! Aber Sie, Sie— ich will ja nichts vrn Ihnen; ich weiß es ja, daß Sie mich nicht lieben können, nicht lieben wollen; aber ver⸗ achten dürfen Sie mich nicht. Nein, nein, nicht verachten!“ Und Antonie hob ihre gefalteten Hände flehend zu Münzer empor. „Ich Sie verachten? welches Recht hätte ich, Sie zu verachten?“ „Ja, Sie thun es; ich weiß, ich fühle, daß Sie es thun. Ich ſah es, als ich Ihnen heute bei meinem Schwager entgegentrat, an dem Blick Ihrer Angen, an dem Zucken Ihrer Lippen; ich hätte auch wiſſen können, daß Sie meiner Bitte nicht Folge leiſten, daß Sie nicht bleiben würden; aber, wenn Sie geblieben wären, ſo würden Sie geſehen haben, daß ich nicht geblieben wäre, daß ich mich nicht zum gehorſamen Werkzeug meines Schwagers hergegeben hätte; ich ſchwöre Ihnen: es war ein Zufall, daß ich zugleich mit Ihnen die Geſellſchaft verließ.“ 6* 84 Die von Hohenſtein. „Ich verſtehe Sie nicht, gnädige Frau!“ erwiderte Münzer, an Antonien's Seite auf einer Bank Platz nehmend;„Sie ſprechen in Räthſeln. Was wollte der Präſident von Ihnen?“ Antonie antwortete nicht. Bei dem Silberlicht des Mondes, das zwiſchen den hohen Bäumen hindurch gerade auf die Bank fiel, auf der ſie ſaßen, ſah Münzer, daß Antoniens ſchönes Geſicht von heftig⸗ ſter Bewegung faſt entſtellt war, daß ihr Buſen unruhig wogte, ja ihr ganzer Körper zitterte und bebte. Er erfaßte ihre Hand; ſie war kalt. „Laſſen Sie uns hineingehen,“ ſagte er;„Ihr leichter Geſell⸗ ſchaftsanzug und Ihr Shawl ſchützen Sie nicht hinreichend vor der Abendkühle.“ „Nein, nein, laſſen Sie uns hier bleiben,“ ſagte Antonie, indem ſie ihre Hand aus Münzer's Hand zog und ſich dichter in ihren Shawl hüllte;„da drinnen kann ich nicht ſprechen. Hören Sie mich an! Sie wiſſen nicht, was der Präſident von mir wollte? ich will es Ihnen ſagen. Er befahl mir, Ihre Hand, wenn ich ſie einmal hielt, nicht wieder aus der meinen zu laſſen; befahl mir, Sie zu lieben, oder Ihnen wenigſtens Liebe zu heucheln, bis Sie mich wieder liebten, vis Sie ſich mir in blinder Leidenſchaft ganz ergeben hätten, und ich dann— wie er ſich ausdrückte— mit Ihnen und aus Ihnen machen könnte, was ich wollte.“ „Befahl Ihnen?“ ſagte Münzer;„welche Macht hat der Präſi⸗ dent denn über Sie, daß er Ihnen das befehlen konnte? und wie kommt er darauf, uns— Sie und mich— nur überhaupt in Ver⸗ bindung zu bringen?“ „Er wußte, daß Sie vorgeſtern Abend bei mir geweſen waren.“ „Durch den Obriſt von Hohenſtein?“ „Jo, vielleicht— gewiß aber durch meinen Kammerdiener Jean, den ich noch an demſelben Abend entließ, und der heute im Dienſt des Präſidenten iſt.“ „Aber, gnädige Frau, anſtatt mir Klarheit zu bringen, häufen Sie Räthſel auf Räthſel.“ „Sagen Sie mir das zum Hohn, oder ſprechen Sie, wie Sie denken?“ fragte Antonie, Münzer ſtarr in die Augen ſehend. Zweiter Band. 85 „Ich ſpreche, wie ich denke, gnädige Frau.“ „Sehen Sie,“ erwiderte Antonie mit demſelben ſtarren, forſchen⸗ den Blick;„ich würde jetzt, wenn ich nur klug wäre, wenn ich ſo wäre, wie die Leute ſagen, daß ich bin, Sie in der guten Meinung, die Sie— wunderbar genug— von mir haben, beſtärken. Denn Sie ſind gut und großmüthig und edelherzig, und würden mir glauben, wenn ich Ihnen ſage: daß, was die Leute von mir erzählen, Alles erlogen iſt, daß ich keine hartherzige Kokette bin, daß ich nicht einen Mann nach dem andern verrathen habe. Aber ich will die Wahrheit ſagen; nicht aus Furcht vor dem Präſidenten, denn, wenn ich mich vor Verläumdungen fürchtete, ſo hätte ich meinen Kammerdiener nicht entlaſſen; ſondern weil— o, mein Gott, ich weiß es ſelber kaum, warum ich mich ſo vor Ihnen demüthigen muß.“ Ein krampfhaftes Schluchzen brach aus Antonien's Bruſt, aber mit einer gewaltigen Anſtrengung kämpfte ſie die Erregung nieder und fuhr in ruhigerem Tone fort: „Sie haben mir erzählt, wie arm und elend die Verhältniſſe waren, in denen Sie zum Knaben erwachſen ſind, was Sie für Noth und Leid als Jüngling erduldet— ich habe immer wieder daran denken müſſen; ich bin aus dem Schlaf weinend erwacht, weil ich Sie im Traum in einer Schlucht zwiſchen ſchneebedeckten Bergen von Wölfen verfolgt ſah, und ich Ihnen zu Hülfe kommen wollte und nicht aus der Stelle konnte. Aber dann habe ich mir wieder geſagt: er war ein Mann und konnte ſich ſelber helfen, denn er war ſtärker, als die grimmigſte Noth. Ich, ich bin in Reichthum und Pracht ge⸗ boren und erzogen, nein, nicht erzogen, denn Niemand hat ſich um meine Erziehung bekümmert. Ich konnte thun und laſſen, was ich wollte, und ſo bin ich groß geworden, ohne je einen ernſten Gedanken gehabt zu haben, ohne etwas Anderes zu wiſſeu, als daß ich reich und ſchön ſei und das Leben genießen dürfe, wie ich konnte und mochte. Schließlich haben ſie mich verheirathet. Herr von Hohen⸗ ſtein, der eben aus Amerika, wo er zwanzig Jahre lang allen Staaten nacheinander gevient hatte, zurückgekehrt war, gefiel mir beſſer, als die Andern, weil er mir nicht ganz ſo platt ſchmeichelte, wie die Andern und weil ſo viel geſehen und erlebt hatte und mir das 86 Die von Hohenſtein. Alles, und beſonders ſein verſchloſſenes, düſtres Weſen ausnehmend intereſſant vorkam, um ſo mehr, als man mir geſagt hatte, daß er früher der Wildeſte der Wilden geweſen ſei. Von Liebe fühlte ich nichts, ich habe keinen Augenblick daran gedacht, ob ich an ſeiner Seite glücklich ſein könne; ich wußte nur, daß wir viel miteinander reifen würden. Das war die einzige Bedingung, die ich gemacht hatte. Und gereiſt ſind wir denn auch— aus einem Bad in das andre, und keines konnte dem armen Manne die verlorene Geſundheit wieder bringen; und ſo ſind wir umhergereiſt, ein, zwei, drei Jahre lang und mit jedem Tage wurde er düſtrer und verſchloſſener und ich— nun ich war jung und lebensluſtig und hatte nicht geheirathet, die Krankenwärterin eines Mannes zu ſein, den ich nicht liebte und der auch nicht einmal geliebt ſein wollte. Das hat er mir oft ſelbſt geſagt. Dann iſt er geſtorben. Ich hatte keine andre Empfindung, als daß er nun von ſeinen Qualen erlöſt ſei und ich von der Qual, Zeugin dieſer Qualen zu ſein. Heirathen wollte ich nicht wieder, denn wenn ich die Männer vorher noch nicht verachtet hatte, ſo verachtete ich ſie jetzt. Ich brauchte ſie nur als Spielwerk meiner Laune und— ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich keine Grundſätze hatte, als nur den einen: das Leben zu genießen, wie ich konnte und mochte.“ Antonien's Stimme zitterte, als ſie das ſagte und ihr Athem flog, als ſie leiſe, haſtig und abgebrochen, wie Jemand, der unter heftigen Schmerzen zu ſprechen gezwungen iſt, flüſterte: „Ich habe nie an Liebe geglaubt— nie— nie— bis es zu ſpät war.“ Sie ſeufzte tief und ſtrich ſich mit der Hand über Stirn und Augen, dann erhob ſie ſich. Münzer war ihr gefolgt. „Wir wollen hineingehen,“ ſagte ſie. Aber ſie gingen nicht hinein; ſie ſtreiften wieder durch die dämm⸗ rigen Alleen, ſtumm und rathlos, weil Beide fühlten, daß das letzte Wort noch nicht geſprochen ſei, und Keines den Muth hatte, dies letzte Wort, das Wort, das ſie auf immer trennen oder vereinigen mußte, zu ſprechen. Endlich ſagte Münzer— und ſeine tiefe Stimme bebte—; „Antonie, hören Sie mich ruhig an. Laſſen Sie uns groß denken Zweiter Band. und handeln. Das iſt ſchwer, aber es iſt denn ſchließlich doch das Leichteſte. Sie lieben mich; Sie haben mir eben, indem Sie mir die Geſchichte Ihres unſeligen Lebens erzählten, einen Beweis dafür ge⸗ geben, wie ihn vollwichtiger ein Weib nicht geben kann. Und ich, Antonie, ich ſage Ihnen: ich habe immer an Liebe geglaubt, doch, daß die Liebe, an die ich glaubte, möglich ſei,— das weiß ich erſt, ſeit ich Sie geſehen. Aber trotz alledem haben Sie Recht:— es iſt zu ſpät, für Sie und für mich. Ich kann nicht abtrünnig werden von meinen heiligſten Ueberzeugungen; ich kann nicht fürder für Gerechtig⸗ keit kämpfen, wenn ich ſelbſt nicht gerecht bin; wenn ich für mich ſelbſt nicht anerkenne, was ich die Andern lehre, daß jeder Menſch ſich be⸗ ſcheiden muß, damit die Andern auch zu ihrem beſcheidenen Theil von Glück kommen. Sieh, Antonie, wenn ich der maßloſen Leidenſchaft, die mich zu Dir zieht, folgte, ſo würde ich die Hütte niederbrennen, in der mein Weib und meine Kinder wohnen. Ich liebe mein Weib nicht, wie ich Dich liebe, dennoch liebe ich ſie; ich liebe meine Kinder nicht, wie ich weiß, daß ich ein Kind lieben würde, das Du mir ge⸗ boren hätteſt— dennoch liebe ich ſie. Ich muß mich beſcheiden, be⸗ ſcheide Du Dich auch.“ Münzer konnte Antonien's Geſicht nicht ſehen, denn der Mond war hinter eine Wolke getreten und hohe Bäume überſchatteten den Ort, wo ſie ſtanden, aber er hörte ihr leiſes Schluchzen. Eine unend⸗ liche Wehmuth erfaßte ihn; ſeine Augen wurden heiß, ſeine Bruſt dehnte ſich, als wollte ſie zerſpringen: „Antonie!“ Das ſchöne leidenſchaftliche Weib lag in ſeinen Armen und ihre heißen Küſſe begegneten ſich. Da tönte der helle ſcharfe Ton der Glocke eines in der Nähe des Ufers vorüberbrauſenden Dampfers durch die ſtille Nacht. Er⸗ ſchrocken riß ſich Antonie von Münzer los und eilte— ſie wußte ſelbſt kaum, was ſie that— tiefer in das Dunkel des Gartens hinein; Münzer ſtand da mit hochklopfendem Herzen; ihm war es, als ob die eherne Zunge ihn in die Welt und zu ſeiner Pflicht zurückriefe. Und in dieſem Augenblicke gellte durch das Rauſchen der Wogen am Ufer ein Angſtruf, wie eines Ertrinkenden: Hülfe, Hülfe! 88 Die von Hohenſtein. Mit drei Sätzen war Münzer an der hölzernen Stacketthür, vie wenige Schritte von der Stelle, wo er zuletzt mit Antonien geſtanden hatte, aus dem Garten auf den Uferweg führte. Er ſah ein kleines Boot in den Wellen ſchaukeln, in dem Boote ein paar kleine Knaben, die in hülfloſer Angſt die Arme ausſtreckten und in dem Moment kam eine noch größere Welle, das Boot tanzte und ſchwankte und— der eine der Knaben ſchoß mit dem Kopf vorüber in den brauſenden Strom. Mit einem Ruck ſeiner ſtarken Arme hatte Münzer das ſchwache Gitter zerbrochen. Im nächſten Moment ſtand er bis an die Bruſt im Waſſer— und da tauchte wenige Schritte von ihm entfernt ein Kopf und ein Arm hervor, um ſogleich wieder zu verſchwinden. Mit einigen mächtigen Schlägen war Münzer über der Stelle, wo der Knabe verſunken war, und da dicht vor ihm tauchte es wieder auf; Münzer ergriff das Kind, und als er es ſchwimmend aus dem Waſſer hielt, ſah er beim bleichen Schein des Mondes entſetzt das todtblaſſe, verzerrte Geſicht ſeines eigenen Sohnes, ſeines Kindes, deſſen freund⸗ liche blaue Augen ihn noch vor wenigen Stunden ſo froh und zärtlich angelächelt hatten. Mit der Kraft der Verzweiflung ſtrebte Münzer dem Ufer zu; er fühlte Boden unter ſeinen Füßen; er richtete ſich auf, den Knaben hoch emporhaltend,— der zarte Körper hing ſchlaff und regungslos in ſeinen Armen. Münzer ſtand auf dem Ufer;— es war die höchſte Zeit. Der feſte Boden ſchwankte unter ihm; wie durch einen dichten Nebel ſah er mehrere Geſtalten auf ſich zukommen; er hörte oder glaubte einen Schrei zu hören: Mein Kind! mein Kind! Dann ſauſte es wie eine furchtbare Windsbraut in ſeinen Ohren; es wurde Nacht um ihn und in ihm, und ohnmächtig ſank er zuſammen. Zweiter Band. Achtes Capitel. Wie ſehr der Stadtrath auch darnach verlangte, ſich mit ſeinem Sohne definitiv zu verſtändigen, ſo war es doch erſt am Morgen des folgenden Tages, daß er ſich zu einer Unterredung von ſolcher Wichtig⸗ keit entſchließen konnte. Geſtern hatte er nicht mehr in die rechte Stimmung kommen können. Nichts deſtoweniger hatte er den Reſt des Tages eifrig benutzt, um die Angelegenheit weiter zu bringen, ja, er hatte ſie im Grunde ſo weit gebracht, daß ſein Sohn, wenn er den Vater nicht geradezu Lügen ſtrafen wollte, genau ſo handeln mußte, wie der Vater es wünſchte. Und das war eben die Abſicht des Stadtraths geweſen.„Ich muß ihm mit einem fait accompli imponiren; wenn er nicht mehr zurückkann, muß er vorwärts.“ Das war nun Alles wohl recht gut; aber das Schwerſte blieb noch übrig. Herr von Hohenſtein hatte das in dieſem Augenblick doppelt drückende Bewußtſein, daß er von jeher mit ſeinem Sohne in den wenigſten Fragen— und in den wichtigſten am wenigſten— übereingeſtimmt hatte. Und doch hing von dieſer Uebereinſtimmung jetzt geradezu Alles ab. „Wenn er nun Nein ſagt;“ fragte ſich der Stadtrath, während er ſein Zimmer abſchloß, um ſich zu ſeinem Sohne hinaufzubegeben, und bei dieſem Gedanken kam eine Zaghaftigkeit über ihn, die alles ſchon Errungene wieder in Frage zu ſtellen ſchien. Aber die Zeit vrängte; in einer Stunde konnte— der geſtrigen Verabredung ge⸗ mäß— die Präſidentin mit ihren Töchtern kommen, um ſich nach dem Befinden des lieben Kranken zu erkundigen. Bis dahin mußte Alles geordnet ſein. Der Stadtrath nahm alle ſeine Kraft zuſammen — das hohe Spiel, das ſich bis jetzt ſo glücklich angelaſſen hatte, mußte zu Ende geſpielt werden. Während ſo von allen Seiten an dem feinen Netz, in welchem ſich Wolfgang fangen ſollte, von klugen Händen eifrigſt geflochten 90 Die von Hohenſtein. und geſchürzt war, hatte der Ahnungsloſe ſich die Einſamkeit ſeiner Krankenſtube mit den freundlichſten Bildern geſchmückt. Das Gefühl des durch die kurze Krankheit neu gekräftigten Lebens vereinigte ſich mit dem für ein junges, reines Gemüth ſo ſüßen Bewußtſein, zu lieben und geliebt zu werden, um ſeine Seele mit einer Heiterkeit zu erfüllen, wie er ſie ſeit ſeinen Kinderjahren nicht wieder empfunden hatte. Die Zukunft erſchien ihm, wie dem rüſtigen Wanderer von der Höhe des Berges ein ſchönes ſonniges Land erſcheint, an deſſen Anblick er ſich nicht ſättigen kann und von dem er zum Voraus über⸗ zeugt iſt, daß ihm in dieſem lieblichen Revier die reizendſten Aben⸗ teuer begegnen müſſen. Zwar iſt es mit ſeiner Kenntniß des Weges ſo ein eigen Ding. Er hat ſogar eine unbeſtimmte Ahnung, daß dieſer Weg gar nicht ſo leicht zu finden ſein dürfte, daß er in Folge deſſen mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, manche Hinderniſſe zu überwinden haben wird. Aber dies reizt nur noch mehr. Iſt er doch jung, iſt er doch voll Muth und Kraft— da muß ſich ja alles Andre— und beſonders der Weg, der unbekannte Weg— von ſelber finden! Ein leiſes, faſt ſchüchternes Klopfen unterbrach den Jüngling in dieſen friedlichen Meditationen. Ohne Zweifel war es die Mutter; ſie hatte ſich merkwürdiger Weiſe dieſen ganzen Morgen noch nicht ſehen laſſen; ſie ſollte ihn ſchlafend glauben, und erſtaunen, wenn ſie, hereintretend, ihn vollſtändig angekleidet mitten im Zimmer in dem alten Lehnſtuhle ſitzen ſah. Das Klopfen wurde wiederholt— aber lauter, ungeduldiger.„Herein!“ ſagte Wolfgang, ſich unwillkürlich von dem Stuhle erhebend und auf die Thür zugehend. „Du biſt es, Vater!“ „Ich bin's, mein Sohn!“ ſagte der Stadtrath, indem er Wolf⸗ gang mit großer Zärtlichkeit umarmte;„Du haſt mich ſeit einigen Tagen nicht geſehen, Du böſer Junge; aber wer heißt Dich auch jedesmal, ſo oft Dein Vater Dich zu beſuchen kommt, in einem ſo krankhaft tiefen Schlaf liegen. Nun, nun! Du biſt ja wieder wohl auf. Das freut mich herzlich. Aber ſetze Dich, mein Junge; ſetzen wir uns; ich bin auch angegriffen, ſehr, ſehr! Es iſt eine heiße Zeit und man kommt nicht zu Athem.“ Zweiter Band. 91 „Du ſiehſt in der That recht abgeſpannt aus, Vater;“ ſagte Wolf⸗ gang, wieder auf dem Armſtuhl Platz nehmend, nachdem der Vater ſich wenige Schritte von ihm auf das Sopha geſetzt hatte.„Wie ſieht es denn in der Stadt und draußen in der Welt aus? ich bin wahrhaftig ſeit meiner Rücktehr von Rheinfelden, ja, und auch eigent⸗ lich ſchon, ſeitdem ich in Rheinfelden war, außer allem Zuſammen⸗ hang mit den öffentlichen Angelegenheiten.“ „Weil uns die Angelegenheiten unſres eignen kleinen Lebens ſo ganz in Anſpruch nahmen? he?“ ſagte der Stadtrath lächelnd;„nun, nun, brauchſt nicht ſo roth zu werden, mein Junge! Ueber kurz oder lang hätte ich es ja doch erfahren, und ich geſtehe Dir ganz offen, daß es mir lieb, ſehr lieb iſt, es gerade jetzt erfahren zu haben.“ Wolfgang war durch dieſe nicht mißzuverſtehenden Worte des Vaters in eine ſprachloſe Verlegenheit geſetzt. Er hatte ſeinem Vater von Jugend auf ſo fremd gegenübergeſtanden; kaum jemals war ein herzliches, vertrauliches Wort zwiſchen ihnen gewechſelt worden;— und jetzt ſah er den Vater auf einmal im Beſitz des Schlüſſels zum Geheimniß ſeiner Geheimniſſe. Zum erſten Male in ſeinem Leben hatte Wolfgang ein Gefühl des Unmuths gegen ſeine Mutter. Warum hatte ſie dem Vater das geſagt? und ohne ihn vorher zu fragen, ohne ihn auf dieſe Seene vorzubereiten? Es war nicht recht von der Mutter. Der Stadtrath war ein viel zu kluger Mann, als daß er ſich nicht die verwirrten Mienen, den halb düſtern, halb ſcheuen Blick ſeines Sohnes richtig hätte deuten können. „Wir haben einen Fehler wieder gut zu machen, lieber Wolf⸗ gang,“ ſagte er,„und ich meines Theils habe mit Freuden dieſe Ge⸗ legenheit dazu ergriffen. Wir hätten ſchon früher bedenken ſollen, daß wir von der Natur zur gegenſeitigen Freundſchaft, zum gegen⸗ ſeitigen Schutz und Trutz, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, beſtimmt ſind, und hätten nicht vergeſſen ſollen, daß Vertrauen, offenes, rück⸗ haltloſes Vertrauen die Baſis eines ſolchen Bundes iſt. Indeſſen iſt noch nichts verloren; ich konnte Deiner lieben Mutter neidlos den vollen Schatz Deines Vertrauens gönnen, denn was bisher zwiſchen Euch verhandelt iſt, wird wohl von einer weiter greifenden Bedeutung 92 Die von Hohenſtein. ſchwerlich geweſen ſein. Aber jetzt ſteht die Sache anders. Du biſt im Begriff, mit einem Schlage die Bahn Deines ganzen Lebens in die Zukunft hineinzuzeichnen, und ich kenne Dich zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Du Dich mit dem erſten Schritt auf dieſer Bahn zu allen übrigen verpflichtet erachten wirſt. Hier tritt der Vater, hier muß der Vater in ſeine Pflichten, in ſeine Rechte treten. Du wirſt die väterliche Freundeshand, die ſich Dir voll herzlicher Liebe ent⸗ gegenſtreckt, nicht zurückweiſen— nicht wahr, mein Sohn?“ Der Stadtrath hatte das in einem ſo weichen Ton geſagt, die tiefe Bewegung ſeiner Seele lag ſo ſichtbar auf ſeinem ausdrucks⸗ vollen Geſicht, daß Wolfgang die dargebotene Hand des Vaters mit einer Rührung ergriff, an welcher— ihm ſelbſt freilich unbewußt— die aus der Krankheit zurückgebliebene Nervenſchwäche einen nicht geringen Theil hatte. Der Stadtrath triumphirte; er hatte ſich den Sieg nicht ſo leicht gedacht. Er beglückwünſchte ſeinen Sohn über die Wahl, die er ge⸗ troffen, um ſo mehr, als dieſelbe nicht nur von keiner Seite auf einen Widerſtand ſtieße, ſondern von allen Seiten gewünſcht, befür⸗ wortet und als ein Akt der Verſöhnung zwiſchen den ſo lange getrennt geweſenen Geſchwiſtern betrachtet würde. Lachend ſagte er: „Ihr Guten glaubet Euch ganz unbeobachtet, während Ihr in dem ſchönen Rheinfelder Park Sonne, Mond und Sterne anſchwärmtet; aber wir Alten hatten ſchon längſt die Köpfe zuſammengeſteckt und waren einig, ehe noch Eure Herzen einig waren. Und weißt Du, wer ſich von Anfang an am allermeiſten für das junge Pärchen intereſſirt hat? dein Großonkel ſelbſt. Ich glaube, der alte Herr würde untröſtlich ſein, wenn— was Gott verhüten wolle!— ſein Lieblings⸗ projekt aus einem oder dem andern Grunde nicht zu Stande käme; und nicht blos untröſtlich, ſondern, wie das bei ſeiner heftigen Natur erklärlich genug iſt: ſehr zornig, ſo zornig, daß—“ Der Stadtrath ſchwieg und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. Er hatte bemerkt, daß Wolfgang's Geſicht während des letzten Theils der Unterredung einen weniger freundlichen Ausdruck ange⸗ nommen hatte. In der That fühlte ſich der Zartſinnige durch dies Hereinbrechen einer ſpürenden, beobachtenden, hinter ſeinem Rücken Zweiter Band. 93 Pläne ſchmiedenden Welt in das ſtille und, wie er glaubte, Allen unbekannte Heiligthum ſeiner Liebe peinlich genug berührt. Dennoch unterdrückte er ſeine Empfindlichkeit und ſagte mit einem, allerdings etwas gezwungenen Lächeln: „Ich verſichere Dich, lieber Vater⸗ daß ich meinestheils durchaus nicht die Abſicht habe, den Zorn des Großonkels auf uns herabzurufen, und ich glaube kaum, daß Camilla in dieſem Punkte anders denkt.“ „Nun, das iſt ja recht ſchön, recht ſchön,“ ſagte der Stadtrath, „der Großonkel hat über die Bedingung, an deren Erfüllung Deiner⸗ ſeits er ſeine Einwilligung geknüpft hat, bereits mit Dir geſprochen, nicht wahr?“ „Der Großonkel? eine Bedingung?“ erwiderte Wolfgang erſtaunt. „Hm, hm, das wundert mich. Aus einem Briefe vom Großonkel, den ich geſtern Morgen erhielt, glaubte ich ſchließen zu dürfen, daß Ihr Euch über dieſen Punkt vollſtändig verſtändigt hättet. Hat der Großonkel niemals über gewiſſe Pläne mit Dir geſprochen, die er für Deine Zukunft, für Deine zukünftige Carrière gemacht hat?“ „Er hat allerdings wiederholt darauf hingedeutet, daß er, wie er ſich ausdrückte, Etwas mit mir im Sinne habe; ich habe das aber immer nur für einen allgemeinen Ausdruck ſeines Wohlwollens für mich ohne eine beſtimmte Nebenbedeutung genommeu.“ „Hm, hm! in dem Briefe hat er dieſen Plan ganz beſtimmt formulirt. Ich bin mit dieſem Plane um ſo mehr einverſtanden, als ich denſelben ſchon vor Jahren ſelbſt in Angriff genommen hätte, wenn damals die Verhältniſſe ſo günſtig geweſen wären, wie ſie es jetzt ſind.“ „Aber, lieber Vater, welches iſt denn dieſer geheimnißvolle Plan?“ fragte Wolfgang, dem die Wendung, welche das Geſpräch genommen hatte, mit jedem Augenblicke peinlicher wurde. „Kein anderer,“ erwiderte der Stadtrath mit einer halb empfunde⸗ nen und halb affectirten Feierlichkeit,„als daß wir Alle Dich gern das Handwerk ergreifen ſähen, das meiner Anſicht nach eines Edel⸗ manns einzig und allein würdig iſt, das alle Hohenſteins viele Ge⸗ nerationen hindurch mit ganz wenigen Ausnahmen geübt haben, das 94 Die von Hohenſtein. ich ſelbſt geübt habe und das ich nur Deiner Mutter zu Liebe und auch dann noch mit tiefſtem Schmerz aufgegeben habe— das—“ „Ich ſoll Soldat werden,“ rief Wolfgang, der bei den letzten Worten des Vaters aufgeſprungen war und mit großer Erregung im Zimmer auf⸗ und abging. „Officier, wenn Du erlaubſt.“ „Nimmer— nimmermehr!“ Der Stadtrath hatte dieſe Weigerung mit zu großer Beſtimmt⸗ heit erwartet, als daß er durch dieſelbe irgend wie hätte überraſcht ſein können. Nichtsdeſtoweniger hielt er es für zweckmäßig, eine Miene halb der Verwunderung, halb des Schmerzes anzunehmen und mit gepreßter Stimme zu ſagen: „Und darf ich fragen, weshalb mein Sohn einen Beruf ver⸗ ſchmäht, dem ſo viele ſeiner Vorfahren angehört haben?“ „Ich bin nicht darauf vorbereitet, Dir auf dieſe Frage eine be⸗ friedigende Antwort zu geben, Vater;“ erwiderte Wolfgang;„mein ganzes Leben, wenn Du willſt, iſt die Antwort darauf. Ich bin groß geworden in der Verehrung des Wahren und Rechten, in der Ab⸗ neigung gegen alle Anmaßung, alles Unrecht. In jeder Bevorzugung eines Standes aber vor dem andern ſehe ich eine tiefe, ſchmerzliche Wunde unſerer ſocialen Zuſtände. Welcher Stand aber iſt durch eine tiefere Kluft von der übrigen Geſellſchaft getrennt, als gerade der Officierſtand? in welchem Stande iſt die Ueberlieferung mittelalterlich verſchnörkelter Begriffe, abſurder, ſchädlicher Vorurtheile ſo lebendig, wie in dem Officierſtand? in welchem Stande hat in Folge deſſen Jemand, der, wie ich, mit freien Menſchen brüderlich leben möchte, ſo wenig Ausſicht, ſich behaglich und befriedigt zu fühlen, als gerade im Officierſtand? Nein, nein, Vater, in dieſem Stande zu leben, würde mein Unglück ſein, wie es Dein Unglück geweſen iſt.“ „Mein Unglück?“ ſagte der Stadtrath empfindlich;„ich hätte das Unglück, Officier zu ſein, ſehr gern ertragen; ich habe, wie Du weißt, ſehr wenig Sympathie für Deine neumodiſchen, ſchwärmeriſchen Ideen.“ „Möglich, Vater, aber Du haſt ein Herz, und Dein eigen Schickſal iſt der beſte Beweis, daß man in jenem Stande kein Herz haben darf. Weshalb wollte man nicht, daß Du meine Mutter heiratheteſt? Zweiter Band. 95 weil ſie nicht adelig und nicht reich war! Was haben der Adel und der Reichthum mit der Liebe zu thun? Weshalb mußteſt Du Deinen Abſchied nehmen? weil Du einem Stande nicht angehören wollteſt, in welchem jede beſte Regung unſerer Natur dem Moloch eines falſchen Ehrbegriffs geopfert wird. Vater, Du kannſt mir nicht zu⸗ muthen, ein Handwerk zu ergreifen, das zu allen übrigen in eine ſo ſchiefe, ſo verhängnißvoll ſchiefe, ſo unhaltbare Lage gerathen iſt.“ „Ich habe Dich ausſprechen laſſen, lieber Wolfgang,“ erwiderte der Stadtrath mit einer Ruhe, welche die bleichen Wangen und der düſtre Ausdruck der Augen Lügen ſtraften;„nun höre auch Du mich gelaſſen an.— Was Du da mir eben geſagt haſt, beweiſt mir nur, wie unrecht ich gethan habe, daß ich nicht ſchon viel früher verſuchte, meinen Einfluß— den Einfluß eines allerdings nicht eben gelehrten, aber nüchternen und verſtändigen Mannes— bei Dir Geltung zu verſchaffen. Du biſt ſo in eine Richtung hineingerathen, die mich für das Glück Deiner Zukunft mit den ſchwerſten Sorgen erfüllt, in dieſelbe Richtung, in welcher ich jetzt alle jene Menſchen thätig ſehe, die, wie Dein Onkel Peter, um ihre ſocialen Utopien durchzuſetzen, alle beſtehenden Verhältniſſe unter die Füße treten. Doch verlieren wir uns nicht in theoretiſche Dispüte, die doch zu keinem Reſultat führen, und halten wir uns an den vorliegenden Fall. Die Sache iſt nun ganz einfach die: Wenn Du auf den Wunſch des Großonkels, der auch unſer Aller Wunſch iſt, eingehſt, ſo haſt Du— ganz ab⸗ geſehen davon, daß Du in ſpäteſtens einem Jahre Officier und alſo im Stande biſt, Camilla zu heirathen— die ſichre Hoffnung, ja, ich darf wohl ſagen, die Gewißheit, den alten Herrn entweder ganz oder doch jedenfalls zum größten Theil zu beerben, das heißt, mit einem Schlage und mühelos ein Vermögen zu erhalten, um das ſich Andre ihr Leben lang vergeblich abarbeiten.— Verſchmähſt Du aber, was Dir das Glück mit offenen Händen bietet, ſo haſt Du nicht die ge⸗ ringſte Ausſicht, Camilla jemals die Deine zu nennen, denn der Groß⸗ onkel iſt, wie Du ſehr wohl weißt, nicht der Mann, ſich ungeſtraft veleidigen zu laſſen. Er wird unwiderruflich ſeine Hand von Dir abziehen und die Andern werden ſeinem Beiſpiele folgen. Dann biſt Du wieder, was Du warſt, ehe Du nach Rheinfelden gingſt; ein 96 Die von Hohenſtein. armer Student, der keine beſſeren Chancen für das Leben hat, als der Sohn von jedem beliebigen Gevatter Schneider oder Hand⸗ ſchuhmacher, der mit ſaurem Schweiß ſo viel erübrigt hat, um ſeinen Jungen auf die Univerſität ſchicken zu können.“ „Immer noch beſſer,“ murmelte Wolfgang,„als ein Apoſtat ſeiner Ueberzeugungen werden.“ Der Stadtrath erhob ſich von dem Sopha und ſagte in ruhigem Ton, aber mit bleichen, vor Aufregung zitternden Lippen: „Nun wohll folge Deinen Ueberzeugungen! bringe Deinen Ueber⸗ zeugungen Dein eigenes Glück, das Glück des Mädchens, das Dich liebt und das Du zu lieben vorgiebſt, zum Opfer. Und wenn Dir das noch nicht genug des Opfers iſt, dann tröſte Dich mit dem herviſchen Gedanken, daß Du Deinen Vater vom ſchmählichen Ver⸗ derben hätteſt retten können, und ihn, Deinen Ueberzeugungen zu Lihe nicht gerettet haſt.“ Er bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und ging nach der Thür. Wolfgang eilte ihm nach und vertrat ihm den Weg. „Um Gotteswillen, Vater, was heißt das?“ „Laß mich!“ ſagte der Stadtrath;„was liegt Dir an dem Schickſal Deines Vaters!“ „Vater, ich beſchwöre Dich: geh' nicht ſo von mir! vergiß, was ich geſagt habe! laß mich nicht mit dem gräßlichen Vorwurf auf dem Gewiſſen hier zurück! Sprich Dich ganz aus! Du kannſt mir ver⸗ trauen; ich bin nicht der unbeſonnene Knabe, für den Du mich nach meinen Reden halten magſt. Ich bin kein Unbankbarer, den das Schickſal ſeines Vaters gleichgültig läßt. Ich beſchwöre Dich, Vater: ſage mir, was Du auf dem Herzen haſt!“ Wolfgang hatte den Vater nach dem Sopha gedrängt, und blickte ihn, ſich zu ihm ſetzend, mit ſeinen treuen und klugen Augen angſt⸗ voll an. „Ich danke Dir, mein Sohn, für Deine Theilnahme,“ ſagte der Stadtrath mit dumpfer und bewegter Stimme;„ich weiß, daß Du gut biſt, und was ich vorhin ſagte, das fuhr mir nur ſo heraus und ich bitte Dich deshalb um Verzeihung. Ich wollte mich, wenn es Zweiter Band. 97 möglich war, aus dem Spiel laſſen, um der Freiheit Deiner Ent⸗ ſchließung keinen Zwang anzuthun, aber es hat nicht ſein ſollen. So muß es denn doch geſagt ſein. Ich bin ruinirt, Wolfgang. Meine Angelegenheiten ſtehen ſo, daß, wenn ich nicht Unterſtützung finde, ich den Gerichten meinen Banquerut anzeigen muß. Eine ſolche Schande aber kann ich und werde ich nicht überleben. Und doch ſehe ich keinen Ausweg, als nur den einen: Ausſöhnung mit dem Onkel auf Rheinfelden, dem Einzigen, der mir helfen kann und der dem Vater ſeines Erben, ſeines erklärten Günſtlings, helfen wird. Wenn Du ſeinem dringenden Wunſche, den er gegen mich, gegen meine Brüder ſchriftlich in der beſtimmteſten Weiſe geäußert hat, folgſt, ſo kannſt Du füglich die Hälfte ſeines Vermögens als Dein Eigenthum be⸗ trachten, und ſo kommt in Wahrheit mir die Rettung von dem, von welchem ich mich am liebſten gerettet ſehe, von Dir, meinem lieben Sohn.“ Der Stadtrath hatte ſich in eine Rührung hineingeſprochen, die ihm die Thränen aus den Augen trieb. Er umarmte ſchluchzend ſeinen Sohn. Wolfgang war auf's tiefſte bewegt. „Lieber Vater,“ ſagte er leiſe und feſt,„zähle auf mich; man kann ſchließlich in jeder Lage ein ehrlicher Mann ſein und bleiben; aber ich wüßte keine Lage, in der mich das Bewußtſein, meinen Vater in ſeinem Unglück verlaſſen zu haben, nicht zur Verzweiflung treiben würde. Und nun noch Eins, lieber Vater, weiß die Mutter von Deiner Situation?“ „Nein, und ſie darf es auch nicht wiſſen.“ „Das meine ich auch; ſie hat jetzt ſo ſchon Kummer genug, und ich fürchte die Ausſicht, mich dereinſt mit Epauletten zu ſehen, wird gerade nicht zu ihrer Beruhigung beitragen. Davon weiß ſie doch?“ „Ja; ich ſagte es ihr geſtern ſchon.“ „Dachte ich's mir doch, daß ſie irgend etwas auf dem Herzen habe, was ſie mir nicht mittheilen konnte oder wollte! Deshalb hat ſie ſich den ganzen Morgen noch nicht bei mir ſehen laſſen. Wollen wir ſie aufſuchen?“ „Mit Vergnügen, mein Herzensjunge!“ ſagte der Stadtrath. „Stütze Dich auf meinen Arm, und wäre es auch nur, der Mutter Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 7 98 Die von Hohenſtein. die Freude zu machen, uns Arm in Arm in ihr Zimmer treten zu ſehen. Komm, mein Junge!“ Und der Stadtrath, als er den Arm des Sohnes mit freund⸗ licher Aufmerkſamkeit in den ſeinen legte, lächelte— eines Spielers Lächeln, der mit fieberhafter Angſt das Rollen der Scheibe verfolgt hat, und nun die Nummer rufen hört, auf die er ſeine letzten Gold⸗ ſtücke ſetzte. Nenntes Capitel. Sie fanden Margareth nicht in ihrem Zimmer; Urſel ſagte, ſie glaube, die gnädige Frau ſei im Garten. Der große Garten hinter dem Hauſe erſtreckte ſich weit zwiſchen den Hintergebäuden der Nachbarhäuſer bis an die Stadtmauer. Haus und Garten gehörten— wie beinahe die ganze Straße— dem benachbarten Kloſter, und der Stadtrath konnte ſich über ſeine Mieths⸗ herren in keiner Weiſe beklagen. Sie nahmen einen ſehr mäßigen Zins, hatten ihn im Laufe von zwanzig Jahren um keinen Heller geſteigert und bekümmerten ſich ſo wenig um ihre Miether, daß der Stadtrath gelegentlich, ohne Widerſpruch fürchten zu müſſen, von „ſeinem Hauſe“ ſprechen konnte. Aber auch Wolfgang, deſſen früheſte Erinnerungen ſich mit dieſem Hauſe verknüpften, kam nie der Gedanke, daß Andere in dieſen Räumen ſchalten und walten könnten, und was Margareth anbetrifft, ſo hatte ſie Wolfgang noch vor Kurzem ver⸗ ſichert, ſie wüßte nicht, wie ſie weiter leben ſolle, wenn ſie einmal gezwungen wäre, von ihren Garten ſich zu trennen. In der That war der Garten ihr Liebliegsaufenthalt, wo ſie während der guten Jahreszeit faſt alle Stunden, in welchen das Wetter es erlaubte, zubrachte. Schon am früheſten Morgen— und dann am häufigſten — konnte man ſie im Sommer zwiſchen den Blumenbeeten und in den ſchattigen Gängen langſamen Schrittes und die Hände leicht unter dem Buſen gekreuzt auf⸗ und abwandern ſehen. Das waren Zweiter Band. 99 Margarethens glücklichſte Stunden. Die weiche balſamiſche Garten⸗ luft war die rechte Atmoſphäre für ihr weiches, liebevolles, liebe⸗ bedürftiges Herz. Hier konnte ſie ungeſtört ihren Phantaſien nach⸗ hangen, konnte ſich von dieſer rauhen, harten, mitleidsloſen Welt wegträumen, weit, weit weg in beſſere Regionen, wo es ſich nicht immer nur um Mein und Dein handelt, wo Menſchen lieben dürfen und geliebt werden, ohne zu fragen, wie ihr Soll und Haben dabei ſteht. Und niemals flüchtete Margareth lieber in das grüne, ſchattige Revier, als wenn ſie einen Kummer hatte, der ſich in den kühlen, engen Stuben drückend ſchwer und ſchwerer auf ihr Herz legte. Hier, zwiſchen ihren Roſen und Nelken, athmete ſie leichter, hier löſte ſich der dumpfe Schmerz in Wehmuth auf, hier konnte ſie Thränen finden und mit den Thränen jene ſtille demüthige Reſignation— das letzte Zufluchtsmittel von Natur ſchwacher oder durch ein hartes Schickſal in ihrer Kraft gebrochener Naturen. Margareth war in ſolchen Stunden wie ein verwundeter Vogel, er ſich ſcheu in die Ackerfurche und unter die Halme ſchmiegt und ſich, wenn es ſein muß, ſtill zu Tode blutet. Seit geſtern hatte ſie dies todmüde Gefühl einer unheilbaren Verwundung nicht mehr ver⸗ laſſen. Wolfgangs Liebe zu Camilla war ihr ein unumſtößlicher Beweis, daß auch in ihres Sohnes Herzen, das ſie ſo genau zu kennen, ſo ganz zu beſitzen glaubte, ein Etwas lebe, das ſie nicht begreifen, mit dem ſie nicht ſympathiſiren konnte; und in dem Plane, ihn in eine militairiſche Laufbahn zu drängen, ſah ſie die Vollendung des Triumphes, den jene ſtolzen unheimlichen Hoheinſteins über ſie, die arme Buchdruckertochter, feierten. Dem Hochmuth dieſer Familie hatte ſie die eigene Ruhe, das Glück eines ſtillen, friedlichen Lebens geopfert; jetzt ſollte auch der Sohn, ihr einziger heißgeliebter Sohn von ihr geriſſen werden, um dieſer Familie, den ſelbſtfüchtigen In⸗ tereſſen dieſer hochmüthigen Menſchen zu dienen. Hatte ihr nicht Peter vor Jahren ſchon vorausgeſagt, daß es ſo kommen würde? daß der Adel wie eine Flamme ſei, die nur vom Raube lebe? und daß ſie weder ſich noch ihre Kinder aus dieſer Flamme würde retten können? Damals, als der Lieutenant Arthur von Hohenſtein ihr auf den Knien ſchwur, daß er ſie mehr als Rang und Stand und Reich⸗ 100 Die von Hohenſtein. thum, mehr als ſein Leben liebe, hatte ſie der mahnenden Stimme des Bruders ihr Ohr verſchloſſen; ſeitdem aber war ihr von Jahr zu Jahr die herbe Wahrheit jener Worte klarer und klarer geworden, und ſeit geſtern wußte ſie, daß die Prophezeiung buchſtäblich in Er⸗ füllung gegangen ſei. War es ihr doch, als ob ſich ſeit geſtern zwiſchen ihr und dem geliebten Sohne eine Scheidewand aufgethürmt habe; als ob ſie jetzt ganz allein ſtehe in der Welt, ein Fremdling in dem Hauſe ihres Gatten, ein Fremdling in dem alten Hauſe in der Ufergaſſe. Nein, nicht dort ein Fremdling! Ihr Bruder Peter würde ſie nie verleugnen, ihre Schweſter Bella würde ſie in ihrer Heftigkeit wohl einmal hart anlaſſen, aber zu jeder Zeit bereit ſein, den letzten Biſſen mit ihr zu theilen, wie in der alten, längſt ver⸗ gangenen Zeit; und jetzt war ja auch noch das holde Mädchen da, das ihr in den wenigen Stunden ſo lieb geworden war. Aber ſie durfte ja ihre Verwandten nicht lieben; ſie durfte ja keine Verwandte haben, ſie durfte ja nicht durch Familienſentimentalität die Pläne ihres Gatten verwirren!... „Ehem, hem!“ Margareth blickte erſchrocken an der hohen, mit Weinſpalieren pekleideten Gartenmauer empor, aber ſie mußte in all' ihrem Schmerze lächeln, als ſie gerade über ſich den alten Köbes ſah, der ſich mit peiden Armen auf den oberſten Rand lehnte, und wie es ſchien, ſtarr in den blauen Himmel nach den langſam ziehenden weißen Wolken blickte. Margareth und Köbes waren ſehr gute Freunde; es war auch nicht das erſte Mal, daß Nachbar Köbes in dieſer Weiſe das Intereſſe, welches er an der ſchönen ſtillen Frau nahm, bethätigte. „Guten Morgen, Nachbgr,“ ſagte Margarethe. Köbes ſchaute noch einmal, die Augen mit der flachen Hand be⸗ deckend, nach den Wolken aus, als ob die Stimme, die er gehört, von dorther gekommen ſein müſſe, und dann erſt in den Garten und auf Margareth hinab. „Geht's gut?“ ſagte Köbes. „Ganz gut,“ erwiderte Margareth. „Der Junge?“ „Auch gut.“ Zweiter Band. 101 Köbes ſchüttelte den Kopf, als ob er dieſe Behauptung ernſt⸗ lich bezweifle. „Falſch angeſpannt;“ ſagte er. Margarereth blickte fragend zu dem wunderlichen alten Mann hinauf. Köbes deutete mit dem Daumen der rechten Hand über die linke Schulter in eine Richtung, in welcher wahrſcheinlich Rheinfelden lag und ſagte: „Hohenſteins ſind Hohenſteins.“ Darauf verſchwand er von der Mauer mit einer Geſchwindig⸗ keit, welche die Sproſſen der Leiter, auf der er geſtanden hatte, knacken machte. 8 Margareth wußte nicht recht, was der alte Freund mit ſeiner letzten geheimnißvollen Aeußerung gemeint haben möchte, aber die Urſache ſeines plötzlichen Verſchwindens wurde ihr klar, als ſie ſich umwandte und ihren Gatten Arm in Arm mit ihrem Sohne den Weg an der Mauer heraufkommen ſah. Arm in Arm! ſo hatte ſie die Beiden noch nie geſehen; der Anblick gab ihr einen Stich in's Herz; ihr Gatte hatte jetzt ihre Stelle eingenommen; ſie war ver⸗ trieben aus dem Heiligthum ihrer Liebe; ſie war nichts mehr. Wolfgang machte ſich von dem Arme des Vaters los und eilte der Mutter entgegen, um ſie mit der vollen Zärtlichkeit ſeines warmen, von dem Nachklang der Unterredung mit ſeinem Vater noch bebenden Herzens an ſeine Bruſt zu ſchließen. Es bedurfte nur dieſes einen vollen Sonnenblickes der Liebe, um die ſtarre Hoffnungsloſigkeit, die ſich der armen Frau bemächtigt hatte, in Freudenthränen aufzulöſen. Sie verbarg ihr Geſicht an ihres Sohnes Bruſt und ſchluchzte leiſe:„Behalte mich nur lieb, Wolfgang, dann mag geſchehen, was da will.“ Der Stadtrath trat herzu. „Guten Morgen, Gretchen!“ fagte er, ihre Hand ergreifend und ſie mit der ihm eigenen ritterlichen Anmuth an die Lippen führend; „das hätteſt Du wohl nicht geglaubt, daß wir Beide Dich hier über⸗ raſchen würden? Aber ängſtige Dich nur nicht des Wolfgangs wegen. Ich ſagte Dir ja: wir Hohenſteins haben eine zähe Natur. 102 Die von Hohenſtein. Geſtern halb todt, und heute wie ein Fiſch geſund. Iſt's nicht eine Freude zu ſehen, wie ſchnell ſich der Junge erholt hat.“ „Aber wollen wir nicht lieber hineingehen?“ fragte Margareth mit einem freundlichen Lächeln die Galanterie ihres Gatten erwidernd; „ich fürchte, es dürfte dem Wolfgang doch zu viel werden.“ „Durchaus nicht, Mütterchen,“ ſagte Wolfgang;„im Gegentheil, der ſchöne warme Sonnenſchein, dies Singen der Vögel, dieſe weiche Luft— das Alles thut mir unendlich wohl. Dein Eden hat ſich ja, ſeitdem ich es zuletzt geſehen, ſo herrlich verändert! Damals ſah es noch ziemlich dürftig aus; jetzt grünt und blüht ja Alles, daß es im Park von Rheinfelden nicht ſchöner iſt.“ Der Stadtrath lachte.„Im Park von Rheinfelden!— Deinem Eden! damit darf ſich freilich Nichts vergleichen. Aber Du haſt Recht: der alte Park iſt wundervoll, ächt ariſtokratiſch, trotz ſeiner Verwilderung. Es wird Dir da auch ſchon gefallen, Gretchen, wenn aus den Fenſtern zwiſchen den Stuckſchnörkeln nicht mehr der alte Grisbart herausſchaut, und Wolfgang und Camilla das Regiment im Schloſſe führen. Brauchſt mich nicht ſo ängſtlich anzuſehen, Gretchen! Wolfgang und ich haben uns vollkommen ausgeſprochen. Seine Wahl hat meinen vollen Beifall und die Zuſtimmung aller ſeiner Verwandten— was braucht's da der Geheimniſſe, wie damals, als ich auf Freiersfüßen ging. Ja, Gretchen, das war freilich ganz etwas Anderes, romantiſcher allerdings, aber doch auch verteufelt unbequem. Hier iſt Alles plan und klar; hier weiß Jeder, was er will und ſoll; es iſt im Grunde die einfachſte Sache von der Welt. Und auch über den Punkt, der Dir ſo bedenklich ſchien, Gretchen, habe ich mit dem Wolfgang geſprochen. Wolfgang iſt ein braver Junge, der zu ſeinem Vater hält und ſeine eigenen Liebhabereien zu vergeſſen im Stande iſt, wenn es ſich um das Wohl und Wehe ſeiner Familie handelt. Deine Bereitwilligkeit ſoll Dich nicht gereuen, mein Junge! Es lebt ſich wahrhaftig nicht ſo ſchlecht als Officier, nota⸗ bene, wenn man einen ſo kräftigen Rückhalt halt, als Du ohne Zweifel an dem Alten haben wirſt und ebenſo an dem Präſidenten, deſſen ganz ſpecielles Intereſſe ja iſt, Dich in jeder Weiſe zu pouſſiren. Und was Deine Liebhabereien betrifft, Deine Bücher, Dein Klavier— Zweiter Band. 103 du lieber Himmel: wer hat denn ſo viel Zeit, ſich mit dergleichen abzugeben, als ein Officier und— Goethe oder Schiller— ich weiß es wirklich nicht gleich,— aber Einer von den Beiden ſagt einmal: Es hat in der heutigen Geſellſchaft Niemand eine ſo gänſtige Poſition, wie ein gebildeter Officier— oder ungefähr ſo. Aber, mein Himmel. ich glaube gar: wir bekommen da ganz unerwartet den reizendſten Beſuch. Wahrhaftig: meine Schwägerin und die Mädchen!“ Der Stadrath war— trotzdem der ganz unerwartete Beſuch genau zur verabredeten Stunde eintraf— freudig überraſcht; Mar⸗ gareth fing an zu zittern und Wolfgang hatte ſichtbar genug die be⸗ ſcheidene Feſtigkeit, durch die ſein Auftreten vor dem vieler junger Männer ſeines Alters ſich ſonſt vortheilhafteſt auszeichnete, verloren. Deſto ſicherer ſchien die Präſidentin ihrer Sache zu ſein. Schon von weitem gab ſie durch Mienen und Geberden zu erkennen, daß ſie Alles wiſſe, mit Allem einverſtanden ſei und jetzt komme, dies durch einen öffentlichen Act zu conſtatiren; ja ſie eilte ihren Töchtern um mehrere Schritte voraus und ſchloß mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit erſt Margareth, dann den Stadtrath und endlich Wolfgang in ihre Arme — den letzteren mit den Worten: mein lieber, lieber Sohn! Camilla folgte mit vielem Tact und dem vollen Verſtändniß der Sitnation dem von der Mutter gegebenen Beiſpiel. „Bravo, bravo!“ ſagte der Stadtrath;„die lieben Kinder! aber laſſen wir das zärtliche Pärchen ſich ungeſtört ausſprechen. Sie wer⸗ den ſich eine Welt zu erzählen haben. Treten wir Andern unterdeſſen in dieſe Laube. Unſer Pärchen wird ſchon ein anderes verſchwiegenes Plätzchen ausfindig machen.“. Wolfgang und Cumilla ließen ſich dieſe Erlaubniß nicht zweimal geben. Schon im nächſten Augenblick waren ſie allein und eilten Arm in Arm tiefer in den Garten, der mit ſeinen ehrwürdigen Bäumen, durch deren dichtes Laubdach kaum hier und ein Strahl der Sonne drang, mit ſeinen hohen blühenden Büſchen, in denen die Bögel zwitſcherten, für Liebende, welche die Einſamkeit ſuchten, wie gemacht war. Wolfgang hatte über der Nähe des geliebten Mädchens alle Sorgen und Zweifel vergeſſen, die noch vor wenigen Minuten ſein Herz bedrückt hatten; ja dieſe Sorgen und Zweifel trugen jetzt nur 104 Die von Hohenſtein. dazu bei, ihm das Bewußtſein, dies holde Geſchöpf zu lieben, von ihr geliebt zu werden, doppelt köſtlich zu machen. Und wahrlich! auch ein kälteres Herz als das Wolfgangs hätte von Camilla's traumhaft ſchöner Erſcheinung hingeriſſen werden können. Sie war dem Jüng⸗ ling noch nie ſo wunderbar, ſo unbegreiflich herrlich erſchienen. Mit einem Entzücken, das ſich mit jedem Augenblicke ſteigerte, hingen ſeine trunkenen Augen an dieſem Weſen, an das die Natur mit launiſcher Willkür all ihre reizendſten Formen und Farben verſchwenderiſch aus⸗ geſtrömt hatte. Welche Zärtlichkeit ſtrahlte aus den lichtbraunen, von dunkelſten Wimpern überſchatteten Augen! welcher Liebreiz ſpielte um dieſe feinen Lippen, um dieſe edlen, jetzt vom zarteſten Roth durch⸗ hauchten Wangen! Wie rundlich und zierlich waren die Finger der kleinen, ſchmalen Hand, von der ſie, als ſie Seite an Seite auf einer Bank unter den ſchattigen Kaſtanien ſaßen, den Handſchuh abſtreifte! wie ſtimmte der Fuß, den ſie jetzt, als Wolfgang ſo eifrig darauf blickte, ſo ſchnell unter das Gewand zurückzog, mit der ſchmalen, kleinen Hand! wie weich und fein war dieſer jungfräuliche Leib, um den Wolfgang mit traulicher Zärtlichkeit ſeinen Arm ſchlang! wie muthete ihn der ſanfte Klang dieſer Stimme an! Es waren nur wenige Worte, mit denen ſie die leidenſchaftlichen Ergüſſe ſeiner Beredtſamkeit erwiderte, und einem unbefangenen Hörer würde es ſchwerlich entgangen ſein, daß unter dieſen wenigen Worten kein ein⸗ ziges war, welches auf ein reicheres geiſtiges Leben ſchließen ließ. Unterdeſſen waren von den Andern der Stadtrath und die Prä⸗ ſidentin nicht lange in der Laube geblieben. Der Präſidentin war eine kleine Spinne über die Hand gelaufen und Spinnen waren ihr ein Gräuel; der galante Stadtrath ſchlug der Schwägerin eine kleine Promenade vor; Aurelie erklärte, der Tante, die ſich etwas abgeſpannt fühlte, in der Laube Geſellſchaft leiſten zu wollen. Die beiden Erſteren waren kaum fort, als Aurelie ſich mit Lebhaftigkeit zu Mar⸗ gareth wandte und ihre Hände ergreifend, in leiſem Tone ſagte: „Ich liebe Sie ſehr; Sie haben ſo gute, treue Augen; vertrauen Sie mir!“ „Von Herzen!“ ſagte Margareth, nicht wenig verwundert, ja einigermaßen erſchrocken über dieſe Anrede, und dennoch mit der Zweiter Band. Bereitwilligkeit des Furchtſamen und Verlaſſenen die Freundſchaft, die ihr geboten wurde, dankbar annehmend. „Ich bin ein wenig leichtfertig,“ ſagte Aurelie, noch näher an Margareth heranrückend und ihr mit den lebhaften Augen ſcharf in das Geſicht ſehend,„wenigſtens ſagen es Alle, und ich glaube es auch. Das heißt: ich bin gern luſtig und tanze für mein Leben gern; aber ich meine es gut, und wenn ich Jemand lieb habe, dann kann ich für ihn durch's Feuer gehen, wenn es ſein muß.“ „Das iſt brav!“ ſagte Margareth, die in dieſem Punkte wenig⸗ ſtens mit ihrer neuen jungen Freundin ſympathifirte;„Sie ſind ein liebes, gutes Kind.“ „Finden Sie?“ ſagte Aurelie;„meine Mutter verſichert mich ſeit einiger Zeit täglich das Gegentheil.“ „O!“ ſagte Margareth. „Ja, und weshalb?“ fuhr Aurelie, immer eifriger und leiſer ſprechend, fort;„weil ich nicht ſo ſchmeicheln kann, wie Camilla und meine Meinung gern geradeheraus ſage, wie heute Morgen.— Wenn der Wolfgang Camilla wirklich ſo übermenſchlich lieb hat, ſo wird er ja ſchon von ſelber kommen, ſagte ich; aber ihm ſo in's Haus laufen nnter dem Vorwand, uns nach ſeinem Befinden zu erkundigen, das halte ich nicht für beſonders tactvoll. Na, liebe Tante, ich will Ihnen offen geſtehen: Ihr Wolfgang iſt ja gewiß recht gut und er iſt ja auch ſo weit recht hübſch; aber er iſt mir zu gelehrt und zu geſetzt, entin: mein Geſchmack iſt er nicht. Das thut aber nichts zur Sache. Ich gönne ihm von Herzen eine gute Frau und Camilla—“ Aurelie zuckte die runden weißen Schultern(auf denen die Mantille durchaus nicht haften wollte) und ſchürzte die rothen küß⸗ lichen Lippen. „Iſt nicht gut? nicht wahr: ſie iſt nicht gut?“ ſagte Margareth angſtvoll. „Wie man's nehmen will,“ erwiderte Aurelie, die Mantille in die Höhe ziehend;„ich zanke mich oft mit ihr. Nun das kann wohl vorkommen, es wäre ja auch langweilig, wenn man immer derſelben Meinung wäre, aber, wenn ich dann ſage: Camilla, wir wollen uns wieder vertragen, ſo ſchweigt ſie, oder ſagt auch ja! aber im Herzen 106 Die von Hohenſtein. vergiebt ſie mir nicht. Und dann iſt ſie verſteckt, ſo daß eigentlich Niemand weiß, was ſie im Schilde führt, ich glaube, ſelbſt nicht ein⸗ mal die Mama.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte Margareth aus der Tiefe ihres geängſtigten Herzens. „Was haben Sie, liebe Tante?“ fragte Aurelie. „Und das ſoll die Frau meines Wolfgang werden!“ klagte Margareth. „Ja ſo!“ ſagte Aurelie;„nun das iſt ja im Grunde ſo ſchlimm nicht; es läßt ſich ſchon mit ihr fertig werden; aber freilich muß man ſie kennen, wie ich ſie kenne. Und das war auch der Grund, weshalb ich Ihnen das Alles geſagt habe, damit Sie wiſſen, woran Sie ſind; und Sie können das ja Ihrem Wolfgang ſo nach und nach bei⸗ bringen; dann wird er mit ihr auskommen. Und was das übrige Auskommen betrifft, dafür wird wohl der Großonkel ſorgen. Camilla und Wolfgang ſind ja ſeine Lieblinge; wir andern laufen nur ſo nebenher. Es iſt himmelſchreiend, auf Ehre! wie Vetter Kuno geſtern Abend ſagte, aber was nicht zu ändern iſt, darüber ſoll man ſich nicht ärgern, denn Aerger macht gelb und häßlich, wie ich Vetter Kuno erwiderte. Da kommt die ganze militairiſche Geſellſchaft; das wird ja ein wahres Familienfeſt! Aengſtigen Sie ſich nur nicht, liebes Tantchen, ich halte zu Ihnen.“ Der Stddtrath und die Präſidentin hatten die von einem andern Punkte des Gartens ſchon früher bemerkt und traten ihnen jetzt in dem Heckengange entgegen. Die Brüder reichten ſich die Hände, die Schwägerinnen umarmten ſich; der Lieutenant und der Fähndrich verbeugten ſich— die Hacken zuſammen und die rechte Hand am Mützenſchirm— einmal über das andere. So näherten ſie ſich der Laube, und kaum hatte ſich Margareth im Eingange der⸗ ſelben gezeigt, als die Obriſtin— genau ſo, wie vorhin die Präſi⸗ dentin— den Uebrigen vorauseilte, die„liebe, liebe Schwägerin“ mit einer überfließenden Zärtlichkeit zu umarmen.„Ich hatte mir geſtern ſchon erlaubt, bei Ihnen vorzuſprechen, liebe Margareth; aber Sie konnten ſich nicht vom Krankenlager Ihres Wolfgang trennen. Geſtern Abend ſagte uns Ihr lieber Mann, daß der Wolfgang wieder Zweiter Band. 107 ganz wohl ſei und da konnten wir uns denn die Freude nicht ver⸗ ſagen, Ihnen zu dem freudigen Ereigniß, an dem wir Alle ſo innigen Antheil nehmen, unſern herzlichen Glückwunſch darzubringen.“ Und Selma wiederholte ihre Umarmung mit einem Aufwand von Rührung, der Aurelien zwang, ihr Taſchentuch vor den Mund zu halten, um einen unzeitigen Huſten nicht zu laut werden zu laſſen. Jetzt war auch der Oberſt mir den Söhnen herangetreten. Der Obriſt hatte ſein finſteres Geſicht in möglichſt freundliche Falten ge⸗ legt, und trieb die Höflichkeit ſo weit, Margarethen die Hand zu küſſen, welchem Beiſpiel die Herren Lieutenant Kuno und Fähndrich Odo auf der Stelle folgten. „Ich komme, gnädige Frau,“ ſagte der Obriſt,„um zu ſehen, ob ich meinem Avantageur noch länger Revier geben kann; und meine Jungen hier wollen den Vetter Kamerad begrüßen. Aber wo ſteckt denn der Herr Sohn? Coupirtes Terrain— gut zum Tirailliren!“ Der Obriſt ſtieß ein kurzes, heiſeres, unheimliches Lachen aus, wie es der Wolf in der Fabel gelacht haben mag, als er Rothkäpp⸗ chen über die Waldwieſe auf der Großmutter Hütte zuſchreiten ſah. „Ich denke, wir löſen uns in eine Poſtenkette auf und ſuchen den Garten ab;“ ſchnarrte der Lieutenant Kuno. „Oder ſchlagen Vergatterung!“ quäkte der Fähndrich Odo. „Die Herren ſollen keine Gelegenheit haben, ihre Tactik in An⸗ wendung zu bringen,“ ſagte der Stadtrath,„denn dort kommt unſer Pärchen Arm in Arm.“ „Wo, wo?“ rief die Obriſtin, mit ihrer Lorgnette nach allen Himmelsrichtungen ſpähend;„die Lieben, wahrhaftig, da kommen ſie; ich muß ihnen entgegenfliegen.“ „Thut ſie nicht, als ob ſie die Hauptperſon wäre!“ flüſterte die Präſidentin dem Stadtrath zu. „Laſſen wir ſie,“ entgegnete dieſer ebenſo,„ſie arbeitet uns ja doch nur in die Hände.“ Selma brachte Wolfgang und Camilla im Triumph herbeigeführt. Camilla nahm die Glückwünſche ihrer Verwandten mit züchtig nieder⸗ geſchlagenen Augen entgegen, Wolgang mit der offenen Zuvorkommen⸗ heit, die ihm heute mehr als je Bevürfniß war. Hatte er doch keine 108 Die von Hohenſtein. Ahnung davon, daß der Obriſt, der ihm mit ſeinem finſtern Lächeln auf die Schulter klopfte und ihm zu der„Spadille“ gratulirte, die er ſchon in wenigen Tagen an der Seite tragen werde, ihm dieſe „Spadille“ mit Vergnügen durch die Bruſt gerannt hätte, wenn die Sache ihm ebenſo leicht als wünſchenswerth geweſen wäre; wußte er doch nicht, daß ſein Vetter Kuno noch geſtern Abend zu Herrn von Willamowsky geſagt hatte: wir wollen dem jungen Hahn ſchon die Sporen beſchneiden, wenn wir ihn erſt auf unſerm Kaſernenhof haben — ein Bonmot, welches der Baron mit einem herzlichen: der Teufel ſoll ihn holen! erwidert hatte; würde er doch die Verſicherung, daß— mit Ausnahme ſeiner Mutter und etwa Aureliens— alle dieſe lächeln⸗ den, ſchwatzenden, von Wohlwollen und Liebe ſcheinbar ſo erfüllten Menſchen in ihm nur ein Mittel zur Erreichung ihrer Ziele, oder geradezu einen Gegenſtand des Haſſes ſähen, für eine Verſündigung an der Menſchheit gehalten haben. Er glaubte, daß ſeine Verwandten es ſo ehrlich mit der Verſöhnung meinten, wie er ſelbſt es meinte, und daß, wenn ſie der guten Sache ihren Stolz, ihre Eitelkeit zum Opfer gebracht hätten, ſie dies mit derſelben Rückhaltloſigkeit gethan haben würden, wie er ſelbſt dem Wohle des Vaters ſeine eigenen Neigungen geopfert hatte. Daß der Großonkel ihn, mit Umgehung der Uebrigen, zum alleinigen Erben einſetzen könnte, hielt er für voll⸗ kommen unmöglich. Ihm war es genug, und er freute ſich herzlich, daß der alte Herr von jetzt an keinen Unterſchied zwiſchen den Söhnen ſeines Bruders machen zu wollen ſchien. Darüber hinaus gingen weder ſeine Wünſche, noch ſeine Hoffnungen. Dies Bewußtſein gab ſeinem Benehmen bei der heutigen unerwarteten Zuſammenkunft eine Herzlichkeit, die das gerade Gegentheil von der kühlen, reſervirten Haltung war, welche er vor wenigen Wochen auf Schloß Rheinfelden gegen ſeine Verwandten beobachten zu müſſen glaubte, ihm aber nicht beſſer ausgelegt wurde, als dieſe. Wie ſie ihn damals für einen Duckmäuſer und verbiſſenen Plebejer erklärt hatten, ſo erſchien er ihnen heute in dem ebenſo wenig ſchmeichelhaften Licht eines unver⸗ ſchämten Emporkömmlings. Es war ihnen keine Frage, daß Wolfgang ein widerwärtiger, aber kluger und gefährlicher, und deshalb doppelt haſſenswerther Menſch ſei. Zweiter Band. 109 Die Präſidentin theilte dieſe Empfindungen allerdings nicht. Einmal lag der Vortheil bei der beabſichtigten Verbindung Wolfgangs und Camilla's zu augenſcheinlich auf ihrer Seite, und dann hatte ſie in ihrem trägen, verweichlichten Herzen noch einen Reſt von Gut⸗ müthigkeit, den ſie gelegentlich als Stoff für ſentimentale Rührungen verbrauchte. In eine ſolche hatte ſie ſich denn auch diesmal glücklich hineingeſchwatzt, und ſie wurde deshalb ernſtlich böſe, als Selma um das Vergnügen bat, die Geſellſchaft, wie ſie hier verſammelt war— „ganz unter uns, Ihr Lieben!“— zur Feier der Verlobung heute Abend in ihrem Hauſe bewirthen zu dürfen.„Ich glaube, liebe Selma,“ ſagte ſie, indem ſie ſich dabei zu ihrer ganzen ſtattlichen Höhe aufrichtete,„ich habe als Mutter der Braut ein größeres An⸗ recht auf dieſe Ehre. Ueberdies hat Philipp, der heute Vormittag leider in die Seſſion mußte, mir den ganz beſtimmten Auftrag gegeben, euch Alle heute in unſerm Salon zu vereinigen. Ich denke, liebe Selma, Du wirſt bei einigem Nachdenken den Wunſch des Präſidenten gerecht und billig finden.“ Selma wollte etwas erwidern, das wahrſcheinlich die Eintracht nicht eben erhöht haben würde, aber ein finſterer Blick ihres Garten gebot ihr Schweigen.„Wir werden uns pünktlich einſtellen, liebe Schwägerin,“ ſagte er, der Präſidentin die Hand küſſend.„Sie müſſen Selma das Intereſſe, das ſie, als Mutter des Corps, an dem künf⸗ tigen Officier ihres Regiments nimmt, nicht übel nehmen.“ „Wirſt Du Dich kräftig genug fühlen, liebe Mutter?“ fragte Wolfgang. „Ich denke;“ flüſterte Margareth. „Und ich denke, daß wir endlich aufbrechen,“ ſagte Aurelie, die den Platz neben Margareth nicht verlaſſen hatte.„Die Tante hat ganz kalte Hände und ich ſehe es ihren Augen an, daß ſie ſich nach Ruhe ſehnt.“ Die Geſellſchaft verließ den Garten. Als die Letzten zwiſchen den Büſchen verſchwunden waren, tauchten gerade oberhalb der Laube, wo ſie geſeſſen hatten, Kopf und Arme des alten Köbes über die Mauer. Er machte eine Fauſt und murmelte etwas zwiſchen den Zähnen. Wenn der Fink, der wenige Schritte von ihm auf dem Die von Hohenſtein. 110 Rande der Mauer ſaß, und den alten verhuzzelten Mann verwundert mit den hellen Aeuglein anſah, Menſchenrede verſtanden hätte, ſo würde er die geheimnißvollen Worte vernommen haben: Hohenſteins ſind Hohenſteins. Jehntes Capitel. Die Präſidentin hielt die Verlobung ihres Lieblingskindes für eine ſehr paſſende Gelegenheit, ihrem ausſchweifenden Hang nach Ver⸗ gnügungen den Zügel ſchießen zu laſſen. Mit einer Raſtloſigkeit, die man der ſonſt ſo phlegmatiſchen Dame kaum zugetraut hätte, ver⸗ anſtaltete ſie Theeabende mit einem„Tänzchen für die jungen Leute,“ und, wenn es ihr in ihrer geräumigen prachtvollen Wohnung zu eng wurde(was regelmäßig einen Tag um den andern geſchah), Ausflüge in die Umgegend, beſonders nach dem benachbarten Gebirge, in deſſen lieblichen Waldthälern ſie— wie ſie verſicherte— einzig die Ruhe fände, nach der ſie im lauten Lärm der Stadt vergeblich ſuche. „Ich geſtehe Ihnen, lieber Kettenberg,“ fagte die Präſidentin zu dem jungen Maler,„wenn ich meine Camilla ſo roſig und glücklich ſehe, da iſt mir, als wäre ich ſelbſt wieder jung geworden.“ „Das klingt ja gerade, als ob Sie Runzeln im Geſicht hätten, wie eine alte Frau von Murillo oder Rembrandt;“ erwiderte Kettenberg. „Ach nein,“ ſagte Clotilde,„es iſt nicht ſowohl der Körper, der altert, aber das Herz, lieber Kettenberg, das Herz!“ „Nun gar das Herz!“ rief der Maler lachend;„Herzen, wie das Ihrige, gnädige Frau, bleiben immer jung!“ „O, über Euch Künſtler!“ ſeufzte die Präſidentin;„harmloſe Kinder, die Ihr noch an ewige Jugend glaubt! Aber, ſagen Sie, Kettenberg, was arrangiren wir für heute Abend; es muß etwas Pikantes ſein, etwas Ungewöhnliches!“ „Wie wär's?“ ſagte Kettenberg nachdenklich,„wenn einmal Jeder ruhig allein in ſeinem Hauſe bliebe, das iſt gewiß ungewöhnlich und ſchon deshalb äußerſt pikant.“ „Um Himmelswillen! Allein zu Hauſe bleiben, in dieſem über⸗ Zweiter Band. 111 ſprudelnden Lebensdrang, in dieſem unabweislichen Bedürfniß nach Mittheilung! ich glaube, Sie ſind toll, Kettenberg! Was räthſt Du, Camilla?“ „Vielleicht einmal wieder lebende Bilder,“ meinte Camilla;„Wolf⸗ gang ſchwärmt für Göthe; ich glaube, es würde ihn freuen, mich ein⸗ mal als Mignon in weißem Kleide mit Flügeln zu ſehen.“ „Als halben Engel,“ rief Kettenberg,„während er in Ihnen ſonſt einen ganzen Engel ſieht, das wäre ein offenbarer Rückſchritt. Aber der Einfall mit den lebenden Bildern iſt gut; ich habe ein paar ausgezeichnete Ideen.“ Kettenberg kam an dieſem Abend, wie immer, der trägen Er⸗ findungskraft der Damen zu Hülfe, und die in aller Eile arrangirten Bilder fielen ſo gut aus, vaß, wie der Maler mit großem Selbſt⸗ gefühl behauptete, die alten Tage von Weimar wiedergekommen zu ſein ſchienen, ja daß Göthe ſelbſt— dieſer Großmeiſter aller Mattres de plaisir— diesmal noch von ihm hätte lernen können. So ging es eine Woche hindurch, einen Tag, wie alle Tage; Wolfgang hatte in ſeinem ganzen Leben noch nicht ſo viel Feſtesluft geathmet, wie in dieſer einen Woche; in ſeinem ganzen Leben nicht ſo viel lachen und ſcherzen hören; ſelber ſo viel gelacht und geſcherzt. Aber Camilla brauchte ſich nur einmal aus der Geſellſchaft entfernt zu haben und mit ihrer Entfernung der Zauber, den ſie auf ihn aus⸗ übte, gebrochen zu ſein, oder er brauchte ſich nur nach ſo vielen glück⸗ lich vertändelten Stunden wieder allein zu befinden— und alsbald ſchwebten aus den Tiefen ſeiner Seele die Sorgen empor und ver⸗ düſterten ihm mit ihren grauen Schattenleibern das helle Leben. Der Uebergang aus ſeiner urſprünglichen Sphäre in dieſe neue war zu plötzlich und zu ſchroff geweſen, um nicht von ihm auf das ſchmerz⸗ lichſte empfunden zu werden. Er fand in der Geſellſchaft, in die er ſich ſo plötzlich verſetzt ſah, feine Formen, eine gewählte Sprache; aber dieſe Formen waren hohl und leer, und dieſe Sprache ſchien nur geſprochen zu werden, um abſolute Nichtigkeiten, oder die ſchief⸗ ſten, ſchielendſten Gedanken auszudrücken. Dieſes Spielen mit den Worten, dieſes Schwatzen, um zu ſchwatzen, dieſe Unterhaltungen, in denen man ruhelos von einem Gegenſtand zum andern ſprang, nm 112 Die von Hohenſtein. keinen zu erſchöpfen,— das Alles fing allmälig an, ihn zu drücken, zu ängſtigen, zu verſtimmen. Und nun ſollte er am nächſten Morgen den erſten officiellen Schritt auf der Bahn, in die er ſich ſo plötzlich gedrängt ſah, thun — er ſollte ſich dem Major von Degenfeld vorſtellen, deſſen Bataillon der Obriſt ſeinen Neffen zuzutheilen beabſichtigte. Wolfgang war bei dem Gedanken an dieſen Beſuch ſchlimm genug zu Muth. Freilich war er nach wie vor entſchloſſen, dem Vater, wenn es nothwendig war, das Opfer zu bringen, und der Vater hatte während der letzten Tage in wiederholten Unterredungen ſein Möglichſtes gethan, dem Sohne zu beweiſen, daß es nothwendig, unumgänglich nothwendig ſei. Er hatte— wie er ſich ausdrückte— Wolfgang vollſtändig„in ſeine Karten ſehen laſſen“ und ihm gezeigt,„wie ſchlecht ſein Spiel ſtehe;“ wie er ſich ohne Kredit unmöglich halten, und wie einzig und allein eine vor aller Welt conſtatirte Ausſöhnung mit ſeiner einfluß⸗ reichen Familie vor Allem mit dem reichen Onkel in Rheinfelden ihm dieſen ſo hochnothwendigen Kredit verſchaffen könne.„Du glaubſt nicht, Wolfgang,“ hatte er geſagt,„wie ſehr ich durch den Fluch, den meine Familie, als Strafe meiner Verheirathung mit Deiner Mutter, auf mich geworfen hatte, in allen meinen Unternehmungen gehemmt worden bin! Die Welt iſt nun einmal ſo, daß ſie Jeden mit dem größten Vertrauen betrachtet, von dem ſich ſeine Verwandten öffentlich losgeſagt haben, um ſo mehr, wenn dieſe Verwandten mächtig und reich ſind. Mag er ſich ſtellen, wie er will— er iſt und bleibt ein Ausgeſtoßener, ein Paria. Ein Geſchäftsmann, der, wie ich, mit einem kleinen Kapital arbeitet, kommt alle Augenblicke in die Lage, Geld aufnehmen zu müſſen. Das iſt ſehr leicht, wenn man Kredit hat; aber ſehr ſchwer, wenn man keinen hat, und ich hatte keinen. Ich bin immer in den Händen der Wucherer geweſen, denn die ſoli⸗ den und vorſichtigen Geſchäftsleute ſagten ſich: es muß doch wohl ſehr ſchlecht mit ihm ſtehen, ſonſt würden gewiß ſeine reichen Ber⸗ wandten ihr Geld in ſeinen Geſchäften anlegen. Und wenn ſie auch recht gut wußten, daß in meinem Falle andere Gründe obwalteten, ſo thaten ſie, als wüßten ſie es nicht, um mich mit dieſem Schein⸗ grunde abweiſen zu können. Das Alles wird mit einem Schlage Zweiter Band. 113 anders, ſobald Du der Verlobte der Tochter des Präſidenten, Officier in dem Regimente des Obriſten, und der präſumptive Erbe— oder, wenn Du das durchaus nicht ſein willſt— jedenfalls einer der Erben des Generals biſt. Und dann, lieber Junge, denke doch— nicht an Dich, denn ich weiß, daß Du an Dich in dieſer ganzen Sache am wenigſten denkſt,— denke aber auch nicht einmal an mich, ſondern denke an die Mutter! Sie weint jetzt heimliche Thränen, daß Du Officier werden ſollſt, und es iſt ja auch ſo erklärlich, daß ſie mit ihren Anſichten vom Leben, und nach den traurigen Erfahrungen, die ſie gemacht hat, ſich nicht für das Project begeiſtern kann; aber, Wolf⸗ gang, wieviel Thränen würde ſie erſt weinen, wenn ich gezwungen wäre, meine Zahlungen einzuſtellen, wenn ich dies Haus verlaſſen müßte, und mit dem Hauſe den Garten, den ſie ſo liebt, der ihre größte Freude, ja, ihr zum Leben geradezu nothwendig iſt. Sie würde in der billigen Miethwohnung einer unſrer engen traurigen Gaſſen erſticken, wie eine Pflanze ohne Licht und Luft. Nein, nein, Wolf⸗ gang! ich ehre Deine Bedenken gegen eine militairiſche Laufbahn, wenn ich ſie auch von meinem Standpunkte natürlich nicht theile; ich würde Dir gern, wie ich es ja auch gethan habe, bevor die Noth ſo groß war, die Wahl frei laſſen; aber Du ſiehſt ja ſelbſt: hier iſt keine Wahl. Darum friſch an's Werk, lieber Junge! Es iſt ein Sprung in's kalte Waſſer; man ſchüttelt ſich, man ſcheut ſich, und wenn man drin iſt, wundert man ſich, daß man ſich auch nur einen Augenblick hat ſcheuen können. Geh' morgen zum Major von Degenfeld! Er iſt ein ſehr liebenswürdiger Mann und wird den Sohn eines alten Kameraden mit offenen Armen empfangen. Ueberdies ſteht er in dem Geruche großer Freiſinnigkeit, und ſo werdet Ihr Euch trefflich verſtehen.“ „Das iſt wenigſtens ein Troſt,“ ſeufzte Wolfgang, indem er aus ſeinem Lehnſtuhle, der diesmal ein wirklicher Sorgenſtuhl für ihn war, aufſtand und ſich in das offne Fenſter lehnte. Die Nacht war dunkel, kaum daß ſich die Umriſſe der großen Bäume hinter der Kloſtermauer drüben von dem Himmel abhoben. Nur ein einzelner Stern blickte vurch den Wolkendunſt. Wolfgang dachte des wonnigen Abends im Park von Rheinfelden, als er Camilla im Laubgange, wo die Nachti⸗ Fr. Spielhagen's Werke. vIII. 8 114 Die von Hohenſtein. gallen ſchlugen, traf und ihr ſeine Liebe geſtend. Damals hatte auch ein einzelner Stern am Himmel geſtanden; aber der Stern hatte ge⸗ funkelt und geleuchtet, als könne er nie wieder verſchwinden und der ganze Himmel war von einer unbeſchreiblichen Glorie erfüllt geweſen- Heute war Alles Nacht und Finſterniß und Oede, und jetzt verſchwand auch der Stern, an welchem Wolfgangs Blicke mit einer Art von abergläubiſcher Verehrung gehangen hatten. Es kam ihm vor, wie ein böſes Omen. Er hatte bei dem Sterne an Camilla gedacht.„In unſrer Bruſt ſind unſres Schickſals Sterne,“ ſagte er mit dem Dichter; aber er ſagte es ohne Glauben, denn er fühlte nicht den ſtolzen Muth, der einzig und allein zu dieſem ſtolzen Worte berechtigt. Wie viel höher hatte ſein Herz an jenem Abend geſchlagen! wie mitleidswerth war ihm die Zaghaftigkeit des wunderlichen Heiligen im Hexenthurm erſchienen! und heute war er nahe daran, mit ſich ſelber Mitleid zu empfinden! Mit einem mächtigen Entſchluß riß er ſich aus dieſer unbequemen trübſeligen Stimmung. Er richtete ſich empor und ſchloß das Fenſter. „Der Vater hat recht,“ murmelte er,„hier iſt keine Wahl. Ich muß den Weg gehen, ſo wenig er mir auch gefällt; ich kann nichts dafür; und ſo will ich ihn denn nun auch gehen, ohne nach rechts und links zu blicken, will ihn gehen mit feſten Schritten und aufgerichteten Hauptes, wie ein Mann. Mag er dann führen, wohin er will; ich bin auf Alles gefaßt. Waren es doch auch nicht immer die bequem⸗ ſten und erwünſchteſten Wege, auf denen die Herven ihre goldnen Vließe und ihre goldigen Prinzeſſinnen holten, und doch waren ſie Helden, ja ſie wurden es erſt durch ihr Wandeln auf ſo ſchlimmen und verwünſchten Wegen. Nun, ich habe mir auch meine goldige Prinzeſſin zu erobern und das goldene Vließ, ſagen ſie, ſoll ich oben⸗ ein in den Kauf bekommen. Morgen trete ich die große Fahrt an und der erſte Rieſe, den ich zu bekämpfen habe, iſt der Major von Degenfeld. Morgen wollen wir mit ihm kämpfen; aber vorläufig einmal zu Bett gehen und wo möglich von unfrer holdſeligen Peinzeſſin träumen.“ Indeſſen träumte Wolfgang in dieſer Nacht ſehr wenig von ſeiner Geliebten, deſto mehr aber von einem ſchnauzbärtigen, ſtirnrunzelnden, Zweiter Band. 115 bramabaſirenden grimmigen alten Haudegen, der wohl niemand anders ſein konnte, als der Major und Commandeur des zweiten Bataillons neunundneunzigſten Infanterie⸗Regiments von Degenfeld. Glücklicher⸗ weiſe entſprach dieſes abſcheuliche Traumbild der wirklichen Erſchei⸗ nung des Majors ganz und gar nicht, wie Wolfgang ſich zu ſeiner Freude überzeugte, als er am andern Vormittag zur feſtgeſetzten Stunde von einem Schreiber, der im Vorzimmer arbeitete, in das Gemach ſeines künftigen Chefs geführt wurde. Herr von Degenfeld war ein mittelgroßer, ſchlanker Mann in dem Anfang der vierziger Jahre mit einer edelgeformten, an den Schläfen bereits kahlen Stirn, und großen, mild blickenden Augen, der, wie er ſich jetzt von ſeinem Arbeitstiſche erhob, dem Eintretenden mit einer höflichen Verbeugung entgegentrat und ihn mit ein paar freundlichen Worten zum Sitzen einlud, viel mehr den Eindruck eines weltkundigen Gelehrten, als eines Soldaten machte. Dieſer Eindruck wurde durch den bequemen Hausrock von geſteppter Seide, in welchen der Major ſeine ſchlanke Geſtalt geknöpft hatte, noch mehr aber durch die Ausſtattung ſeines Zimmers, an deſſen Wände eine ſehr ſtattliche Bibliothek in einfachen Regalen aufgeſtellt war, noch weſentlich unter⸗ ſtützt. Auch der Tiſch vor dem mit ſchwarzem Leder überzogenen, die Spuren langer und treuer Dienſte tragenden Sopha, auf welchem die Beiden jetzt Platz nahmen, war mit Büchern, Broſchüren, Zeitungen bedeckt, und ſelbſt die Atmoſphäre des Zimmers hatte eine friedliche, vom Bücher⸗ und Tabaksduft angehauchte Stimmung. Das Benehmen und die Rede des Herrn von Degenfeld ſtanden mit ſeiner Erſcheinung in vollkommener Harmonie. Da war keine Spur von ſteifſtelliger Grandezza, keine ſchnarrende Stimme, keine rohe, oder affectirt nachläſſige Sprache: die Haltung des Majors war ſo ruhig und natürlich, die Bewegung ſeiner ſchlanken Hände ſo an⸗ muthig, er drückte ſich ſo bequem und zugleich ſo leicht, ja elegant aus; dabei war der Ton, in welchen er den jungen Mann über ſeine bisherigen Studien, ſeine Lieblingsſchriftſteller in eingehender, von der ausgebreitetſten Beleſenheit zeugender Weiſe befragte, ſo weich und herzlich, daß Wolfgang ſich auf das angenehmſte berührt, und auf vas lebhafteſte zu dieſem trefflichen Manne hingezogen fühlte. 116 Die von Hohenſtein. Auch auf den Major ſchien das beſcheidene und bei aller Be⸗ ſcheidenheit beſtimmte und verſtändige Auftreten des jungen Mannes den vortheilhafteſten Eindruck zu machen. Er blickte ihn mit ſeinen ſanften klugen Augen freundlich forſchend auf Stirn und Mund und ſagte lächelnd, als Wolfgang unter dieſem vrüfenden Blick unwill⸗ kürlich erröthete: „Verzeihen Sie, mein junger Freund, ich habe die für Andere ſehr unbequeme Eigenſchaft, die Phyſiognomie der Menſchen, mit denen ich vorausſichtlich auf kürzere oder längere Zeit in ein genaueres Ver⸗ hältniß treten werde, möglichſt genau zu ſtudiren, da ich noch immer gefunden habe, daß die Menſchen, Alles in Allem, genau ſo ſind, wie ſie ausſehen. Sie können ſich meine Lavaterſche Grille um ſo eher gefallen laſſen, als ich überzeugt bin, daß, wenn Ihr Inneres Ihrem Aeußeren entſpricht— und nach meiner Theorie muß dies der Fall ſein— wir ſehr gut miteinander auskommen werden.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Major.“ „Ich bin nur aufrichtig, aus Princip, wenn Sie wollen; und weil ich das bin, darf ich auch gewiſſe Verhältniſſe nicht unerwähnt laſſen, über die ich nebenbei um ſo ruhiger mit Ihnen ſprechen kann, als dieſelben in der That, zum wenigſten im Regimente, ein öffent⸗ liches Geheimniß ſind, und Ihnen nicht acht Tage lang verborgen bleiben würden, ſobald Sie erſt einmal zu uns gehören.— So wiſſen Sie denn, daß Ihr Herr Onkel und ich auf ſehr geſpanntem Fuße miteinander ſtehen, ja, daß der Obriſt mich, wie ich aus mancherlei Symptomen ſchließen muß, mit ſeinem ganz beſonderen Haſſe beehrt. Ich habe ihn meines Wiſſens dazu niemals eine directe Veranlaſſung gegeben, und muß deßhalb annehmen, daß ich ihm durchaus antipa⸗ thiſch bin. Dazu kommt freilich, daß ihm meine Auffaſſung unſeres Berufes ſehr zuwider iſt, und auch ſeiner ganzen Natur und dem Standpunkte ſeiner Bildung nach zuwider ſein muß. Um ſo größer war deshalb, wie Sie ſich denken können, meine Verwunderung über den Beſchluß des Obriſten, Sie gerade meinem Bataillone zuzutheilen, und ich geſtehe Ihnen, daß ich bis auf dieſen Angenblick nicht ahne, was ihn dazu bewogen haben kann, zumal in den beiden andern Bataillonen mehr Vakanzen ſind, als in dem meinigen, und die Kom⸗ Zweiter Band. mandeure derſelben durchaus Männer nach ſeinem Herzen und ſeine ganz ſpeciellen Freunde. Vielleicht, daß er nur ſeine Unpartheilich⸗ keit dokumentiren wollte, indem er ſeinen Neffen mir, ſeinem ſpeciellen Gegner, zur Ausbildung übergab; vielleicht, daß er ſo eine Annäherung verſucht, die, wie er alauben mag, von meiner Seite, ſchon im In⸗ tereſſe des Dienſtes Ficht zurückgewieſen werden würde. Wie dem aber auch ſein mag: Sie, mein junger Freund, ſollen unter dieſen Verhältniſſen in keiner Weiſe zu leiden haben. Ich werde thun, was in meinen Kräften ſteht, um Ihnen das Fortkommen auf der keines⸗ wegs dornenloſen Bahn, die zu betreten Sie im Begriffe ſind, ſo viel als möglich zu erleichtern. Und nun erlauben Sie mir eine Frage, Herr von Hohenſtein, die Ihnen ſehr indiscret vorkommen wird, die mir aber aus gewiſſen Gründen ſehr wichtig iſt: nicht wahr? es iſt nicht ganz Ihr freier Wille, was Sie zu uns führt?“ Wolfgang fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen ſchoß. „Ich weiß nicht, Herr Major,“ antwortete er nach einer kleinen Pauſe,„ob ich einem Andern gegenüber den Muth hätte, dieſe Frage der Wahrheit gemäß zu beantworten; ich weiß nur, daß ich nicht den Muth habe, Ihnen mit einer Lüge entgegenzutreten. Ihre Voraus⸗ ſetzung iſt vollkommen richtig. Ich werde ſo wenig aus freiem Ent⸗ ſchluſſe Soldat, daß mich dieſer Entſchluß vielmehr die größte Ueber⸗ windung gekoſtet hat, und daß ich mich zu dieſem Schritte, gegen den ſich meine Neigungen, Gewohnheiten, ja meine Ueberzeugungen ſträu⸗ ben, auf keinen Fall verſtanden haben würde, wenn nicht gewiſſe Verhältniſſe, deren Detaillirung Sie mir erlaſſen werden, meinen Willen paralyſirt hätten.“ Der Major nickte mit dem Kopfe:„Ich konnte mir's denken,“ ſagte er;„wer, wie Sie, mit ſolchem Fleiß und mit ſo ſchönen Er⸗ folgen der Wiſſenſchaft Jahre lang gehuldigt hat, wird ihr nicht untreu, wenn nicht eine äußere Nöthigung ihn dazu zwingt. Uebrigens kenne ich die Verhältniſſe Ihrer Familie genau genug, um ungefähr zu wiſſen, wie der graue Peus ex machina ausſieht, deſſen Macht⸗ wort Sie plötzlich aus einem Jünger der Themis in einen Sohn des Mars umgewandelt hat. Ich bin um ſo mehr im Stande, mich in Ihre Lage zu verſetzen, als Ihr Fall im Grunde die genaue Wieder⸗ — 118 Die von Hohenſtein. holung meines eigenen Schickſals iſt. Auch ich hatte, wie Sie, bereits mehrere Jahre ſtudirt und dachte nicht daran, meine geliebten Bücher jemals zu verlaſſen, als mir das Schickſal in Geſtalt— nun es kommt nicht darauf an, in welcher Geſtalt— die Feder aus den Fingern ſchlug und mir dafür den Degen in die Hand drückte.“ Der Major blickte nachdenklich vor ſich nieder; dann wandte er ſich wieder zu Wolfgang und ſagte mit ſeinem freundlichen Lächeln: „Sie werden alſo denſelben Weg zurückzulegen haben, den auch ich gegangen bin, und Sie werden, wenn mich nicht Alles trügt, die⸗ ſelben, zum wenigſten doch ſehr ähnliche Erfahrungen machen. Aber Sie haben einen großen Vortheil vor mir voraus: Ihre Lehrzeit wird weniger lange dauern, wenn dieſelbe vielleicht auch härter ſein wird, als es bei mir der Fall war. Die Veränderungen, welche unſre raſtlos vorwärts drängende Zeit in allen Lebensſphären hervorbringt, werden in keinem Berufe gewaltiger ſein, als gerade in dem des Sol⸗ daten. Die europäiſchen Armeen können das nicht bleiben, was ſie jetzt ſind, beſonders können unſre deutſchen Armeen es nicht. Es giebt für uns nur die eine Alternative: entweder wir werden Prätorianer, oder wir ſchaffen die Heere der Fürſten in Volksheere um. Ich bin nicht Peſſimiſt genug, um das Erſtere für wahrſcheinlich zu halten, zum wenigſten nicht auf längere Zeit; aber ich bin auch nicht ſo ſanguiniſch, um zu glauben, daß die andere Metamorphoſe ſo leicht und ſo ſchnell von Statten gehen wird. Der Fortſchritt auf dieſem Gebiete wird und muß mit dem auf den andern Gebieten Hand in Hand gehen; es iſt lächerlich, ein Volksheer zu wollen, bevor wir noch ein Volk ſind. Daß wir dies Ziel erreichen, iſt meine innigſte Ueber⸗ zeugung— ja ich hätte ohne dieſe Ueberzeugung ſchon längſt den Dienſt quittirt. Aber damit wir es deſto ſchneller erreichen, dazu iſt vor Allem nöthig, daß in unſern Reihen die faſt noch gänzlich fehlende Erkenntniß des Zieles und der Mittel zum Ziele geweckt und ge⸗ fördert wird. Deshalb begrüße ich jede Intelligenz, die uns zuwächſt, mit aufrichtigſter Freude, und ſo freue ich mich auch Ihrer Ankunft, Herr von Hohenſtein, als wären Sie ein langerwarteter lieber Gaſt. Sie kommen nicht aus freien Stücken, aber wir Soldaten wiſſen am beſten, daß man ſich ſeinen Poſten nicht immer ausſuchen, daß man Zweiter Band 110 ſich aber auf jedem Poſten brav halten kann, um ſo braver, je gefähr⸗ licher der Poſten iſt.“ Ein militairiſcher Diener trat herein und meldete dem Herrn Obriſtwachtmeiſter, daß es Zeit ſei, ſich zur Parade anzukleiden. Wolfgang wollte ſich empfehlen. „Bleiben Sie noch einen Augenblick ſitzen,“ ſagte der Major; „es eilt nicht ſo; ich laſſe mich immer eine geraume Zeit vorher und wiederholt erinnern, weil es mir ſehr peinlich iſt, mich in meinen Arbeiten Knall und Fall unterbrechen zu müſſen.— Haben Sie ſchon mit Ihrem Herrn Onkel über die verſchiedenen Wege, auf denen man zu den Epauletten gelangen kann, geſprochen? und haben Sie ſich für einen dieſer Wege entſchieden?“ „Ja, Herr Major. Der Obriſt hat mir gerathen, ſobald als möglich Urlaub nach der Reſidenz von Ihnen zu erbitten, und mich dort privatim zu dem Examen vorzubereiten. Er meint, ich würde ſo am ſchnellſten und ſicherſten zum Ziele kommen.“ „Habe ich recht gehört, Herr von Hohenſtein, daß Sie mit Ihrer ſchönen Couſine Camilla verlobt ſind?“ „Ja, Herr Major!“ „Und doch willigen Sie in dieſe freiwillige Verbannung?“ fragte Herr von Degenfeld lächelnd.„Nun, Sie müſſen das mit ſich ſelber ausmachen und vielleicht thun Sie beſſer, das läſtige Uebergangs⸗ ſtudium fern von der Heimath in aller Stille zurückzulegen. Von einem Beſuch der Diviſionsſchule würde auch ich Ihnen aus mehr als einem Grunde abgerathen haben; aber freilich hätten Sie die nöthigen Studien hier ebenſo gut machen können, wie in der Reſidenz. Indeſſen, Sie müſſen das, wie geſagt, mit ſich ſelber ausmachen. Nur auf Eines möchte ich mir erlauben, Ihre Aufmerkſamkeit zu richten. Es ſieht in dieſem Augenblick ziemlich toll in der Reſidenz aus und wenn ich auch von der Wirkſamkeit der Conſtituante, deren Zuſammentritt ja in den nächſten Tagen bevorſteht, das Beſte hoffe, ſo varf man doch nicht erwarten, daß die wildbewegten Wellen ſich ſofort beruhigen werden. Ich halte ſogar im Gegentheil die Wieder⸗ kehr mehr oder weniger ſtürmiſcher Tage für unausbleiblich. Sie ſind in der Reſidenz in der glücklichen Lage, dieſen Stürmen vom 120 Die von Hohenſtein. Hafen Ihrer Inactivetät aus ruhig zuſchauen zu können. Verſcherzen Sie dieſe glückliche Lage nicht dadurch, daß Sie ſich ſo oder ſo direct in den Streit der Parteien miſchen, ſondern benutzen Sie dieſelbe, indem Sie die Parteien, ihre Vorzüge und Schwächen, ihre Ziele und Mittel, und überhaupt die ganze politiſche Situation auf das ſorgfältigſte und gewiſſenhafteſte ſtudiren. Nichts iſt thörichter, als die Behauptung unſrer Officiere, daß wir Soldaten nur Soldaten und ſonſt weiter nichts in der Welt zu ſein brauchten. Wenn mich nicht Alles trügt, ſtehen wir an der Schwelle einer Periode, wo der General, der nicht zugleich Staatsmann iſt, eine traurige Rolle ſpielen wird, und ebenſo die Staatsmänner, die ſich nicht nöthigenfalls für ihre Ideen ſchlagen können, wenig geachtet ſein werden. Laſſen Sie ſich deshalb die Zeit, die Sie auf das Studium der Kriegswiſſen⸗ ſchaft verwenden, nicht verdrießen, ſelbſt wenn Sie ſich ſpäter wieder in einen andern Sattel ſchwingen ſollten; man muß eben heut zu Tage in mehr als einem Sattel gerecht ſein.“ Hier erſchien der Diener abermals und meldete, daß nur noch funfzehn Minuten an ein Uhr fehlten. „Es iſt gut!“ Der Mann machte auf dem Abſatz Kehrt und marſchirte wieder zur Thür hinaus. „Ich haſſe den Menſchen beinahe,“ ſagte der Major lächelnd; „er iſt wie eine Perſonification des geiſtloſen, zeitraubenden, unerbitt⸗ lichen Dienſtes; Sie glauben nicht, wie viel gute Stunden der Menſch mir ſchon geſtohlen und wie viel erträgliche Gedanken er mir ſchon in der Geburt gemordet hat. Aber nun wollen wir ihn doch nicht zum dritten Male kommen laſſen. Leben Sie wohl, Herr von Hohen⸗ ſtein. Morgen wird Ihr Patent fertig; übermorgen werden Sie ſich auf der Parade vorſtellen müſſen; und den Tag darauf können Si⸗, wenn Ihre Fräulein Braut es ſonſt erlaubt, reiſen. Wollen Sie mich vorher noch einmal beſuchen, ſo kann ich Ihnen vielleicht für Ihre Studien einige nützliche Winke geben. Das Handwerksmäßige lernt ein Mann, wie Sie, ja im Handumdrehen: aber eben deshalb darf ein Mann wie Sie auch nicht beim Handwerksmäßigen ſtehen blei⸗ ben.— O Himmel! Ich höre meine Parze ſchon wieder! Adieu, adieu!“ Zweiter Band. 121 Und Herr von Degenfeld drängte Wolfgang zur Thür hinaus, als wollte er ihm die Dankſagungen erſparen. —————— Elſtes Capitel. Wolfgang war, als er das Haus des Majors verließ, zu Muthe, wie einem Hypochonder, der in der ſichern Vorausſetzung, ſich zu lebenslänglicher Krankheit verurtheilt zu hören, zu einem berühmten Arzte gegangen und nun varüber belehrt worden iſt, daß er im Grunde geno mmen gar nicht ſo krank ſei, ja ſogar das gefürchtete Uebel bei richtiger Behandlung zur Befeſtigung ſeiner Geſundheit weſentlich beitragen werde. Was Herr von Degenfeld über die noth⸗ wendige und unausbleibliche Reform des Heerweſens und über den Zuſammenhang und das Ineinandergreifen der verſchiedenen Lebens⸗ ſphären geſagt hatte, war wie eine Offenbarung für Wolfgang ge⸗ weſen.„Der Major hat recht,“ ſprach er bei ſich,„man muß heut zu Tage in mehr als einem Sattel reiten können, wenn man den Anforderungen, welche unſere Zeit an uns ſtellt, gerecht werden will. Sonderbar, daß dir dieſer ſo nahe liegende Gedanke nicht ſchon früher gekommen iſt! er hätte dir manche kummervolle Stunde erſpart. Aber jetzt willſt du auch daran feſthalten. Du willſt dich durch das eng⸗ herzige, geiſtloſe Treiben ſolcher flachen Alltagsnaturen, wie dieſer Willamowsky, dieſer Brinkmann, wie deine hohlköpfigen Vettern, nicht über die großen Geſichtspunkte, von denen aus Männer, wie Degen⸗ feld, ihren Beruf anſehen, täuſchen laſſen. Das Bewußtſein, einer größern Idee zu dienen, wird dir ein Talisman ſein, der dich in Mitten dieſer glänzenden Larven nicht auch zur Larve werden läßt. Freilich, dem Alten auf Rheinfelden darfſt du von dieſen ketzeriſchen Ideen nichts ſagen; aber er braucht ja auch nicht zu wiſſen, in wel⸗ chem Geiſte ich ſeinen Wunſch erfülle, wenn ich ihn nur erfülle, wenn er mich am Sonntag nur in dem bunten Rock ſieht, in welchem er ſeinen geliebten Joſeph doch nun einmal durchaus ſehen will.“ 122 Die von Hohenſtein. Der General hatte die Verlobten und auch die übrigen Ver⸗ wandten auf den Sonntag zu ſich entboten. Wolfgang freute ſich ſehr darauf, das alte Schloß und den verwilderten Park wieder zu betreten, die ihm durch Alles, was er dort erlebt, ſo merkwürdig und ſo lieb geworden waren. Auch Camilla hatte ſich viel von der Fahrt verſprochen, mehr noch die Präſidentin, die ſich bereits mit großen, aber etwas unbeſtimmten Verſchönerungsprojecten trug, und hoffte, daß dieſelben an Ort und Stelle Angeſichts der zu verſchönernden Objecte zur Reife kommen ſollten. Niemand aber hatte dem Beſuche ungeduldiger entgegengeſehen als der Stadtrath; Niemand hatte aber auch größere Urſache, eine abermalige Zuſammenkunft mit dem Alten zu wünſchen. Noch waren in der famoſen Taille alle Karten für ihn geſchlagen. Sein Verbrechen war nicht entdeckt worden, und es war vorläufig auch gar nicht wahrſcheinlich, daß es ſo bald entdeckt werden würde. Die Verwaltung der Kaſſe, an der er zum Dieb geworden, war ihm jetzt definitiv übertragen; an eine Reviſion hatte bei der gewaltigen Aufregung, die in Folge des Wahlkampfes augenblicklich in der Stadt herrſchte, Niemand gedacht.— Er war nicht nur mit ſeinen Verwandten ausgeſöhnt, ſondern hatte als Vater des prä⸗ ſumptiven Erben von Rheinfelden, des Verlobten der ſchönen Präſi⸗ dententochter, eine Poſition in der Familie gewonnen, die zu erreichen er niemals hatte hoffen können. Der General hatte ihm auf den Brief, in welchem er ihm„gehorſamſt“ meldete, daß„ſeine Befehle bereits erfüllt, Wolfgang mit Camilla verlobt und ſeit geſtern in das neunundneunzigſte Infanterieregiment eingetreten ſei, zwar nicht direct geantwortet, aber die bald darauf erfolgende Einladung nach Rheinfelden und eine beträchtliche Anweiſung auf des Generals Banquier in der Stadt ſchienen zu beweiſen, daß der Alte mit der Ausführung ſeiner„Befehle“ gerade nicht unzufrieden ſei.— Ein Eiſen, das ſo herrlich glühte, mußte geſchmiedet werden. Tauſend Thaler waren gut, aber zehntauſend Thaler waren zehnmal beſſer, und weshalb ſollte der brave, alte Herr, der in ſeinen greiſen Tagen plötzlich ſo ſpendabel wurde, nicht zehn⸗ oder zwanzigtauſend heraus⸗ rücken, wenn man ihm die Sache nur vernünftig vorſtellte! Da, am Sonntag Morgen, kam ein Brief von Rheinfelden, 4 . 6 Zweiter Band. 123 deſſen Inhalt die ſanguiniſchen Hoffnungen des Stadtraths bedeutend abkühlte. Der General ſchrieb: er ſei krank, könne und wolle die Geſellſchaft nicht ſehen, der Teufel ſolle die Gicht holen, und der Junge“ ſolle in Teufels Namen, ohne ſeinem Großonkel die„kleine Hexe“ vorgeſtellt zu haben, nach der Reſidenz reiſen. So hatte die Taille ihr Ende erreicht. Die ſchöne Gelegenheit war vorübergegangen; daß der ſtarrköpfige Alte ſich eines Anderen beſinnen würde, war ſehr unwahrſcheinlich; überdies war der Termin von Wolfgang's Abreiſe feſtgeſetzt und merkwürdigerweiſe beſtand Wolf⸗ gang darauf, daß der feſtgeſetzte Termin ſtreng eingehalten werde. Dieſe Eilfertigkeit eines ſeit ſo kurzer Zeit Verlobten, von dem Orte ſeiner Liebe fortzukommen, ſchien Allen räthſelhaft, und Wolf⸗ gang war nicht im Stande, dies Räthſel zu löſen, zum wenigſten nicht, ohne dabei Manches zur Sprache bringen zu müſſen, was er ſich ſelbſt nur ungern geſtand. Die Wahrheit aber war, daß der herrliche Talisman, den er aus aus der Unterredung mit Herrn von Degenfeld für alle Zukunft erobert zu haben glaubte, bereits in den nächſten Tagen ſeine Kraft nur ſehr ſchwach geäußert hatte. Die Vorſtellung auf der Parade, die Meldungen bei den Officieren, der unvermeidliche Verkehr mit den„Kameraden“— jungen Leuten, die ohne Ausnahme an Bildung tief unter ihm ſtanden,— das Alles hatte die Stimmung des jüngſten Fähndrichs vom neunundneunzigſten Infanterieregiment ſo niedergedrückt, daß die Helden des Alterthums und die großen Männer der Neuzeit(die alle Soldaten und Staats⸗ männer zugleich geweſen!) an ſeinem Horizont verſchwunden waren, und er nur Leute vor ſich ſah, die ein traurig Handwerk in traurig geiſtloſer Weiſe trieben. Zwar hatte Herr von Degenfeld gelächelt, als er ihm bei einem zweiten und letzten Beſuche mit dem Vertrauen, welches ihm der ſeltene Mann eingeflößt hatte, ſein ganzes Herz aus⸗ ſchüttete, und gemeint:„dergleichen Stimmungen würden wohl noch öfter eintreten, bevor Uebung und Nachdenken hier wie überall den Meiſter machten;“ und Wolfgang hatte ſich zum zweiten Male feſt vorgenommen, unbeirrt durch die hohlen Larven und Geſpenſter ſeinen Weg zu gehen, aber er fühlte doch, daß eine zeitweilige Entfernung aus dieſen Kreiſen, wo es ſo viele Zeugen des Kampfes gab, den 124 Die von Hohenſtein. er mit ſich ſelbſt zu kämpfen hatte, nothwendig ſei, und er drang deshalb auf dieſe Entfernung. Niemand war über dieſe„Halsſtarrigkeit“ unzufriedener, als die Präſidentin. Sie hatte Wolfgang während dieſer kurzen Zeit„ganz außerordentlich lieb“ gewonnen, und an jedem Tage eine neue intereſſante Eigenſchaft an ihm entdeckt. Es ſtellte ſich nach einander heraus, daß Wolfgang in Geſtalt, Bewegung, Geſichtszügen und Ausdruck den idealiſirten Typus der Hohenſteins darſtelle, daß ſein Conver⸗ ſationstalent wahrhaft überraſchend und ſein Klavierſpiel vollkommen meiſterhaft ſei, daß ſeine Größe zu der Camilla's wunderbar paſſe, und daß ſeine ſchlanke, elegante Figur erſt in dem militairiſchen Rock zur vollen Geltung komme. Wolfgang's vorzüglichſte Tugend war indeſſen in den Augen der Präſidentin offenbar die, daß ſein Ver⸗ hältniß zu Camilla ſo viele Geſellſchaften und Excurſionen möglich, ja nothwendig machte, und deshalb wollte ſie„von einer ſo ſchnellen und gänzlich unmotivirten Trennung ein für allemal nichts wiſſen.“ Camilla ſchloß ſich natürlich hier, wie in den meiſten Fällen, der Meinung der Mutter vollkommen an. Sie bat und ſchmeichelte, und, als das Bitten und Schmeicheln nicht helfen wollte, ſchmollte ſie; und als das Schmollen nicht verfing, brach ſie in Schluchzen aus— nicht in Thränen, denn Camilla weinte nie,— und als Wolfgang ihr mit freundlichem Ernſt das Thörichte eines ſolchen Benehmens verwies, gerieth ſie in großen Zorn und erklärte, daß, wenn Wolf⸗ gang ſo wenig Rückſicht auf ihre Wünſche nehme, ſie auch keine Nei⸗ gung fühle, ſich ſeinen Wünſchen zu fügen, und daß ſie die reizende Partie in das Gebirge, welche Herr von Willamowsky für heute Nachmittag arrangirt habe, mitmachen werde, unbekümmert darum, ob Wolfgang morgen früh reiſe, oder nicht. „Ich habe kein Recht, Dir Vorſchriften irgend welcher Art zu machen,“ erwiderte Wolfgang,„findeſt Du ein größeres Vergnügen darin, mit Deinen Freunden und Freundinnen eine Partie zu machen, als mit mir noch einige Stunden zuſammen zu ſein, ſo thue es immer⸗ hin. Du mußt ja am beſten wiſſen, wie viel Dir meine Geſellſchaft werth iſt.“ „Aber, lieber Sohn,“ ſagte die Präſidentin von ihrem Fauteuil —————————————— Zweiter Band. 125 aus,„ich dächte, Camilla hätte ein größeres Recht, ſo zu ſprechen. Kann Ihnen denn Camilla's Nähe koſtbar ſein, wenn Sie ſich ohne Grund ſo ſchnell aus derſelben entfernen.— Ruhig, Joli!“ „Es thut mir leid, liebe Tante, wenn es mir nicht gelungen iſt, Sie von der Stichhaltigkeit meiner Gründe zu überzeugen. Aber— „Aber, ſo könnteſt Du doch wenigſtens noch heute Nachmittag mitkommen;“ warf Camilla dazwiſchen. Verzeihe, liebe Camilla, das iſt wohl nicht möglich. Ich habe noch Manches zu beſorgen, noch verſchiedene Beſuche zu machen; ich wünſche mit meiner Mutter noch einige Stunden beiſammen zu ſein. Du weißt, daß wir vor halb elf Uhr nicht zurück ſein können. Und morgen früh um ſieben geht der Zug.“ „Du biſt eigenſinnig;“ ſagte Camilla. „Ich würde Dir dieſen Vorwurf zurückgeben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Du mir gern den Gefallen thuſt und heute Nach⸗ mittag zu Hauſe bleibſt.“ „Da dürfteſt Du Dich doch irren.“ „Ich werde am Nachmittag um drei Uhr mich vom Gegentheil überzeugen.“ „Das Dampfſchiff, mit dem wir fahren werden, geht ſchon um zwei.“ „Dann muß ich Dir ſchon jetzt Lebewohl ſagen, Camilla!“ „Lebe wohl!“ „Aber Kinder;“ rief die Präſidentin, ſich aus ihrer bequemen Lage in die Höhe richtend, und Joli von ihrem Schvoß auf den Teppich ſpringen laſſend;„müßt Ihr Euch denn immer zanken, ich wollte ſagen: könnt Ihr Euch denn wirklich über eine ſolche Bagatelle veruneinigen! Geben Sie nach, lieber Wolfgang; ein Cavalier, wie Sie, wird doch nicht gegen Damen ſo ungalant ſein.“ „Wenn wir unſer Thun und Laſſen nach den Geſetzen der ſo⸗ genannten Galanterie regeln wollen, gnädige Frau, ſo fürchte ich: würden ſich die Damen ſchließlich am ſchlechteſten dabei ſtehen. Leben Sie wohl, gnädige Frau! leb wohl, Camilla.“ Wolfgang verbeugte ſich und ging langſam nach der Thür, in der ſichern Erwartung, daß Camilla ihm nicht erlauben werde, ſich ſo 126 Die von Hohenſtein. zu entfernen. Aber Camilla blickte von ihrer Stickerei nicht auf, und die Präſidentin, die den Sinn ſeiner letzten Worte gar nicht verſtan⸗ den hatte, rief:„Alſo präcis zwei Uhr, kommen Sie nicht zu ſpät!“ Wolfgang blieb ſtehen und ein bitteres Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen: aber er ſprach es nicht aus, ſondern verbeugte ſich noch ein⸗ mal und verließ das Zimmer. „Sei nur heute Nachmittag recht liebenswürdig gegen ihn,“ ſagte die Präſidentin, von einer ſo angreifenden Scene erſchöpft in ihren Fauteuil zurückſinkend. „Aber, Mama, glaubſt Du denn wirklich, daß er kommen wird?“ fragte Camilla. „Ob er kommen wird? mais cela va sans dire.“ „Nous verrons,“ erwiderte Camilla, die Perlen auf ihrer Stickerei zählend. Wolfgang kam; aber nicht um zwei, ſondern um drei. Der Kam⸗ merdiener Jean, der ihn empfing, wunderte ſich unendlich, Herrn von Hohenſtein zu ſehen. Ob Herr von Hohenſtein denn nicht von der Partie ſei? Die gnädige Frau mit den beiden gnädigen Fräulein Töchtern hätten bereits um halb zwei Uhr in Geſellſchaft des Herrn Barons von Willamowsky, des Herrn Aſſeſſors von Wyſe und des Herrn Kettenberg das Haus verlaſſen. Der Herr Präſident ſeien aus der Wahlverſammlung noch nicht zurück; hätten aber verſprochen, mit dem um vier Uhr gehenden Dampfſchiff nachzukommen, im Fall die Wahl bis dahin beendet ſei. Ob ſich Herr von Hohenſtein dem Herrn Präſidenten nicht anſchließen wolle? Wolfgang ſagte:„er wolle ſehen— vielleicht— er hoffe, bis dahin mit ſeinen Geſchäften fertig zu ſein;“ und ging. Seine erſte Regung war geweſen, ein paar Viſitenkarten mit „um Abſchied zu nehmen“ da zu laſſen; aber der Gedanke, daß der ſchlaue, widerlich ſchwatzhafte Menſch dann ſogleich den Zuſammen⸗ hang errathen und ſich in der Küchenregion über ihn und Camilla„ luſtig machen könnte, hatte ihn davon abgehalten. Nicht nachgeben!— vas ſtand bei ihm feſt; aber ſein Herz war tief traurig. Dazu alſo hatte es kommen müſſen! So wenig alſo verſtand ihn Camilla! So viel alſo hatte ſie von dem Leichtſinn der Menſchen, unter denen 8 „ — Zweiter Band. 127 ſie aufgewachſen, in ſich aufgenommen! Denn auf den Einfluß ihrer frivolen Umgebung, beſonders ihrer indolenten, genußſüchtigen Mutter ſchob Wolfgang natürlich den größten Theil der Schuld. Daß die Mutter ſich durch die kluge willensſtarke junge Dame ſehr viel öfter in ihren Handlungen beſtimmen ließ, als dieſe ſich von jener; daß es Camilla heute nur ein Wort gekoſtet hätte, um die Mutter zum Blei⸗ ven zu bewegen, und daß ſie dieſes Wort mit kaltblütiger Ueberlegung nicht geſprochen hatte, einmal, um zu ſehen, wie weit ihre Herrſchaft über Wolfgang ſich erſtreckte, und das andere Mal, um den Spöt⸗ tereien Willamowsly's, von Wyſe's und ihrer übrigen Verehrer die Spitze abzubrechen— daran dachte Wolfgang nicht. Langſamen Schrittes ging er wieder nach Hauſe. Er überlegte, ob er Camilla ſchreiben ſolle? und was er ihr dann ſchreiben ſolle? oder ob es beſſer ſei, gar nichts dergleichen zu thun und die That⸗ ſachen ſelbſt ſprechen zu laſſen? Er konnte zu keinem Entſchluſſe kommen. Auf ſeinem Zimmer fand er die Sachen vollſtändig gepackt; die Mutter und Urſel waren fleißig am Werk geweſen. Er ging in den Garten hinab, ſo ſchwer es ihm auch wurde, der Mutter, vor der er nie ein Geheimniß gehabt, jetzt entgegen zu treten mit einer Anklage gegen ſeine Braut im Herzen und auf den Lippen. Denn das ein⸗ fache Wort, daß Camilla mit den Ihrigen die projectirte Spazierfahrt nun doch gemacht habe, war ja Anklage genug. Merkwürdigerweiſe nahm Margareth die Nachricht als Etwas, das ſie mit Beſtimmtheit erwartet hatte, entgegen. Sie ſprach es freilich nicht aus, aber aus Allem, was ſie, um ihren Sohn zu tröſten, ſagte, klang es heraus. Ja, wenn ſie in den tiefſten Grund ihrer Seele geſchaut hätte, ſo würde ſie— vielleicht zu ihrem Schrecken— ein Gefühl des Triumphes entdeckt haben— des Triumphes, daß Wolfgang von der verlaſſen war, von der er— davon war Margareth überzeugt— heißer geliebt zu ſein glaubte, als von ſeiner Mutter. Und nun in dem Bewußtſein, für heute wenigſtens die Stelle in Wolfgangs Herzen wieder einzunehmen, aus der die Fremde ſie verdrängt hatte, in dem Gefühl, daß er zu ihr zurückgekommen war aus einer Welt, die ihn nicht verſtand und ver⸗ 128 Die von Hohenſtein. ſtehen konnte, wie er als Knabe zu ihr flüchtete, wenn ihm in der Schule oder ſonſt irgend eine Unbilde widerfahren war,— in dieſem ſtolzen Bewußtſein, erfüllt von dieſem füßen Gefühle, fand ſie die ganze alte Herzlichkeit wieder, die ſich in den letzten Tagen ſcheu ver⸗ borgen hatte; da konnte ſie wieder plaudern, wie in den guten alten Tagen; ja, und auch ſcherzen, denn Margareth ſcherzte gern, wenn ſie ſich ſicher wußte. Sie erzählte Wolfgang ihr myſteriöſes Zwie⸗ geſpräch mit dem alten Köbes neulich am Verlobungstage, und for⸗ derte Wolfgang auf, den Schlüſſel zu finden zu den räthſelhaften Worten: Hohenſteins ſind Hohenſteins.„Was kann es heißen,“ er⸗ widerte Wolfgang lächelnd,„als: Hohenſteins ſind keine Schmitzs, oder noch deutlicher: ſämmtliche Hohenſteins der Welt ſind, alle zuſammengenommen, nicht werth den Riemen von dem Schuh einer gewiſſen Dame aus dem Hauſe Schmitz zu löſen, in die ich, der alte Lohnkutſcher Köbes, ſo ſterblich verliebt bin, wie nur je ein ver⸗ huzzelter alter Zauberer verliebt geweſen iſt in eine ſchöne Königin, die Abends in ihrem Garten zwiſchen den Roſen und Lilien— in ihrer Schönheit viel herrlicher denn Roſen und Lilien— auf⸗ und abwandelte.“ Margareth lachte, dann wurde ſie mit einem Male ernſt und ſtill. Wolfgang drang in ſie, ſich auszuſprechen; aber es dauerte eine geraume Zeit, bis ſie ſich plötzlich mit der leiſe und haſtig ge⸗ ſprochenen Frage zu ihm wandte: „Biſt Du— in der Ufergaſſe geweſen, um Abſchied zu nehmen?“ „Nein,“ ſagte Wolfgang;„aber ich habe mir vorgenommen, heute gegen Abend hinzugehen, wann ich hoffen darf, den Onkel zu treffen. Ich wäre ſchon früher zu ihnen gegangen, ebenſo wie zu Münzer— aber— aufrichtig, Mutter, ich kann mir nicht denken, daß Schmitzs, oder auch Münzer, über meine Verlobung und meine Umſattelung, wie wir auf der Univerſität ſagen, beſonders entzückt ſein werden, und Du weißt: die Menſchen nehmen es immer als eine perſönliche Beleidigung auf, wenn man ſein Leben nicht genau ſo einrichtet, wie ſie es für zweckmäßig halten, ohne daß ſie je darnach fragen, ob es uns auch nur möglich iſt, ihren Wünſchen nachzukommen.“ „Das iſt wohl wahr;“ ſeufzte Margareth. Zweiter Band. 129 „Indeſſen,“ fuhr Wolfgang fort,„ich wäre, wie geſagt, ohne Deine Mahnung gegangen, ſo wenig erquicklich auch das Zuſammen⸗ treffen mit Onkel Peter oder Tante Bella werden wird; ich wäre gegangen und hätte ich es auch nur meines hübſchen kleinen Mühm⸗ chens wegen thun ſollen. Sage mir, Mutter, weshalb iſt Ottilie in all' dieſer Zeit nicht wieder hier geweſen? Sie hatte Dir doch ver⸗ ſprochen, mich geſund zu machen und dann alle Tage zu kommen? Hat ſie es übel genommen, daß ich ohne ihre Hülfe geſund geworden bin? oder iſt es auch nur eine der vielen Capricen der guten Tante Bella? oder einfach eine Strafe meiner Verlobung mit Camilla? ich glaube, das Letztere iſt das Wahrſcheinlichere.“ Margareth kämpfte mit ſich, ob ſie die Wahrheit ſagen ſolle oder nicht; aber der beleidigte Familienſtolz gewann die Oberhand, und indem ihr die Thränen aus den Augen brachen, ſagte ſie: „Sie darf ja nicht, Wolfgang!“ „Wer hat es verboten?“ „Dein Vater.“ „Und warum?“ „Ich weiß es nicht, oder doch, ich weiß es wohl: weil er ſich meiner Verwandten ſchämt, weil die Verwandten Deiner Braut nicht wiſſen, oder nicht daran erinnert werden ſollen, daß Deine Mutter eines armen Buchdruckers Tochter iſt.“ „Und hat der Vater das Schmitzs geſagt?“ „Ich ſelbſt habe es Ottilien ſagen müſſen— er befahl es.“ Margareth hatte das kaum geſprochen, als ſie es ſchon bereute — nicht aus Furcht vor ihrem Gemahl, ſondern aus dem edleren Gefühl, daß es einer Frau und Mutter nicht zieme, es ſei, aus welchem Grunde es ſei, Zwietracht zu ſäen zwiſchen Vater und Sohn. Sie war überzeugt, daß er es gewiß mit dem Verbot ſo bös nicht gemeint habe; ſie fand es ſo erklärlich, daß er in ſeiner augenblick⸗ lichen Lage, wo ihm die gute Meinung ſeiner Verwandten in jeder Beziehung ſo wichtig ſei, fürchte, ſich durch eine Annäherung an Peters Familie in den Augen ſeiner Parteigenoſſen zu compromittiren; ſie gab zu, daß Peter durch ſein ſchroffes Weſen ihren Gatten auch viel⸗ Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 9 130 Die von Hohenſtein. fach gereizt haben möge; ſie ſuchte mit allen Gründen, die ihr nur irgend erdenklich waren, den Gatten zu rechtfertigen, zum mindeſten zu entſchuldigen. Wolfgang hörte mit gefurchter Stirn und düſteren Augen ſchweigend zu. Endlich ſagte er: „Laß es gut ſein, Mutter! es iſt das alte, ewig neue leidige Lied; es iſt der uralte Fluch, der auf den Menſchen ruht, die nicht Brüder ſein wollen; vielleicht, wer weiß es! nicht ſein können, und doch ſein müßten, wenn das, was die Weiſeſten und Beſten unter uns als das Ideal der Menſchheit hingeſtellt haben, nicht eine inhalts⸗ leere Phraſe, ein hohles Nichts ſein ſoll. Du, liebe Mutter, haſt ſchon ſo viel unter dieſem Fluch gelitten, und ich bin zu ſehr Dein Sohn, als daß ich in dieſer Hinſicht etwas vor Dir voraus haben könnte. Wir werden eben an den Sünden geſtraft, die wir nicht ſündigten. Was können wir thun, als uns von Sünden rein er⸗ halten; als, unbeirrt durch den Egoismus der Andern, unſerm Ideal nachleben; Opfer bringen, ſo weit wir können, ohne von uns ſelbſt, von unſerem beſſeren Selbſt abzufallen; dann aber, wenn der Punkt eintritt, wo wir ſagen müſſen; bis hierher und nicht weiter! auch feſt ſtehen zu unſerer Ueberzeugung, es komme daraus, was da will und mag. Dieſer Punkt iſt für mich jetzt eingetreten. So weit kann und darf der Vater nicht gehen. Er darf nicht von Dir verlangen, daß Du ſeinen weltlichen Plänen zu Liebe die guten Menſchen, an die Du durch die heiligſten Bande des Bluts, durch tauſend und aber tauſend ſchöne und rührende Erinnerungen geknüpft biſt, wie Fremde von Deiner Schwelle und aus Deinem Herzen weiſt; er kann von mir nicht fordern, daß ich von hier fortgehe, ohne denen, von welchen ich, ſo lange ich lebe, nur Liebes und Gutes erfahren habe, die Hand zum Abſchied zu drücken. Ich werde mit dem Vater ſprechen, ſobald er nach Hauſe kommt; ich bin überzeugt, er wird einſehen, daß wir nichts fordern, als was recht und billig iſt, auf jeden Fall werde ich noch heute Abend zum Onkel gehen.“ Margareth wollte etwas erwidern, das wahrſcheinlich darauf be⸗ rechnet war, Wolfgang zur Vorſicht und Mäßigung zu ermahnen, als der Stadtrath eilig durch den Garten auf ſie zugeſchritten kam. Zweiter Band. 131 Margareth wurde bleich und warf einen flehenden Blick auf ihren Sohn, den dieſer mit einem ſanften Druck der Hand und mit dem leiſen Worte: ſei ganz ruhig, liebſte Mutter! beantwortete. Der Stadtrath war ſehr aufgeregt, er küßte ſeine Frau auf die Stirn und reichte ſeinem Sohne die Hand. Dann fing er nach den erſten Worten der Begrüßung ſogleich an von dem großen Ereigniß des Tages, von den Wahlen, zu erzählen. Seine Nachrichten waren ſicher, denn er kam ſelbſt ſoeben aus der Verſammlung. Es war ſehr ſtürmiſch hergegangen; die Parteien hatten ſich auf das Schroffſte gegenüber geſtanden; nur nach zahlloſen Abſtimmungen war es zu einem ſicheren Reſultat gekommen. „Und zu welchem Reſultat!“ rief der Stadtrath,„Du wirſt nicht wiſſen, Wolfgang, ob Du Dich darüber freuen, oder betrüben ſollſt. Trotz unſerer verzweifelten Anſtrengungen iſt es uns nicht möglich geweſen, den Präſidenten durchzubringen.“ „Und Münzer?“ rief Wolfgang. „Münzer iſt gewählt;“ erwiderte der Stadtrath mit einer Miene, die gleichgültig ſein ſollte, aber ſeine innere Erregung doch deutlich genug verrieth.„Nun das war ja vorauszuſehen; ſein Anhang unter den Arbeitern iſt trotz Allem, was wir gethan haben, um ihn in dem Vertrauen der Leute zu deraciniren, doch zu groß. Wir mußten ihnen dies Zugeſtändniß machen, um nur einen unſrer Candidaten durch⸗ zubringen, bei dem wir freilich auch unſerer Sache keineswegs ſicher ſind. Der Katholicismus und der Particularismus! ja wenn wir mit dieſen Feinden nicht zu kämpfen hätten. Am liebſten hätten ſie lauter Pfaffen und Juriſten gewählt, damit ihnen doch nur ja ihr Brevier und ihr Code bleibt. Wie groß das Mißtrauen gegen uns Pro⸗ teſtanten, zumal gegen den Beamten⸗ und Militäradel aus den öſtlichen Provinzen iſt— das hat ſich heute wieder recht klar gezeigt. Als der Präſident nicht mehr zu halten war, ſtellte man mich noch in aller Eile auf; wer weiß, ob das nicht von dem beſten Erfolge ge⸗ weſen wäre, wenn man es gleich von Anfang gethan hätte. Ich habe mich über die große Anzahl der Stimmen, die ich trotzdem erhielt, ſehr gewundert. Aber für den Bruder wird es ein harter Schlag ſein. A propos, Wolfgang, weshalb haſt Du denn den Ausflug 9½ 132 Die von Hohenſtein. nicht mitgemacht? der Bruder ſagte mir: ihr wäret ſchon ſeit dem Mittag Alle in den Bergen.“ „Die Andern ſind fort,“ erwiderte Wolfgang,„ich bin zu Hauſe geblieben, weil ich gern noch ein paar Stunden bei der Mutter ſein wollte, und weil ich noch ein paar Beſuche zu machen habe, vor Allem bei Onkel Peter.“ Wolfgang hatte das im ruhigſten Tone geſagt; die Mutter beugte ſich ſeitwärts über ein Beet und machte ſich mit den Blumen zu ſchaffen. „Das iſt auch wahr,“ erwiderte der Stadtrath;„ich wollte Dich alle dieſe Tage daran erinnern und habe es nur in dieſem Trubel, der ja Niemanden zur Beſinnung kommen läßt, vergeſſen. Gewiß, der Onkel würde es mit Recht übel nehmen, wenn Du ſo saus fagon abreiſen wollteſt. Ich bin, wie Du Dir denken kannſt, mit dem Onkel in jüngſter Zeit noch etwas weiter als ſonſt auseinander ge⸗ kommen, und ich habe deshalb auch Deine Mutter gebeten, vorläufig ihre Relationen mit der Ufergaſſe auf das Nothwendigſte zu reduciren; aber damit iſt natürlich nicht geſagt, daß man die Sache auf die Spitze treibt, oder nun gar die Fflichten der gewöhnlichen Höflichkeit zu erfüllen unterläßt.“ Margareth wandte ſich von ihren Blumen wieder um; ihre brau⸗ nen Augen waren feucht und ihre ſanfte Stimme klang noch ſanfter, und lieblicher, als ſie jetzt, ſich an den Arm ihres Gatten ſchmiegend, ſagte:„Komm herein, lieber Arthur! Du mußt ja vollkommen er⸗ ſchöpft ſein, Urſel wird unterdeſſen angerichtet haben. Und dann mußt Du ein Glas Wein trinken— von dem ſchönen ſechsundvierziger Liebfrauenmilch— das wird Dir gut thun.“ „Und dazu ein freundliches Lächeln von meiner ſchönen, lieben Frau, die, Gott ſei Dank, noch vier Jahre Zeit hat bis ſie eine Sechsundvierzigerin iſt! das wird ein Göttermahl werden!“ ſagte der Stadtrath, ſeiner Gattin die Hand küſſend. Sie gingen in das Haus. Wolfgang und die Mutter leiſteten dem Stadtrath bei ſeiner Mahlzeit Geſellſchaft, da er noch gar viel von den Wahlen zu erzählen hatte. Es dunkelte bereits, als Wolf⸗ gang endlich zu ſeinen Beſuchen aufbrach. Er hatte mit der Mutter . Zweiter Band. 133 verabredet, daß ſie ſeine Zurückkunft nicht erwarten, ſondern ſich zeitig zu Bett legen ſollte, um Morgen früh deſto kräftiger zu ſein. Der Stadtrath wollte zu Hauſe bleiben und ſeine liegen gebliebenen Cor⸗ reſpondenzen und Acten abarbeiten. Wolfgang verließ das Haus mit viel leichterem Herzen, als er es vor wenigen Stunden betreten hatte. Er hatte die Eltern noch nie ſo einig geſehen. Die Freude varüber ließ ihn den morgen bevorſtehenden Abſchied von der Mutter, der ihm ſo ſchwer auf dem Herzen gelegen hatte, weniger ſchmerzlich fürchten; und ſelbſt ſein Streit mit Camilla erſchien ihm in einem minder trüben Licht. Hatte er doch eben noch an dem Beiſpiel der Mutter geſehen, wie eine hypochondriſche Stimmung geneigt iſt, gleich das Schlimmſte anzunehmen.„Camilla wird ihren Fehler bereuen, ſobald ſie zur Erkenntniß kommt und das wird noch vor morgen früh geſchehen. Die Erkenntniß iſt die Hauptſache, das Andere findet ſich von ſelbſt. Und weil das Erkennen ſich nicht erzwingen läßt, muß man eben Geduld haben.“ Wolfgang war in der verföhnlichſten Stimmung, als er nach einer langen Wanderung durch die ſtaub⸗ und lärmerfüllten Straßen endlich an Onkel Peters Haus in der Ufergaſſe anlangte. Jwölftes Capitel. Der unglückliche Zufall jenes Abends, an welchem Münzer ſeinen Sohn dem gewiſſen Tode entriß, ſchien keine ernſteren Folgen haben zu ſollen, als ein heftiges Fieber, von welchem der Knabe noch in derſelben Nacht befallen wurde, und das der ärztlichen Kunſt nur ge⸗ wichen war, um einem quälenden Huſten Platz zu machen, der dem armen Kinde bei Tag und Nacht keine Ruhe ließ— dem armen Kinde, und natürlich auch nicht des armen Kindes Mutter, die mit vem Kranken in einem Zimmer ſchlief. Aber freilich war des Kleinen Krankheit wohl nicht der Grund, weshalb Clärchen ſo oft in ſtiller Nacht, wenn Alles ſchlief, in ihrem Bette ſaß— ſtundenlang, den 134 Die von Hohenſtein. Kopf in die Hand geſtützt, mit düſtern Augen in das Flämmchen der Nachtlampe ſtarrend, oder auch wohl ihr Haupt in den Kiſſen ver⸗ barg, um ihr Weinen und Schluchzen zu erſticken. Der Eiferſuchts⸗ funken, welchen Wilhelm Rupertus' unbedachte Aeußerung an jenem Abend in Clärchens Seele geworfen, war in kürzeſter Friſt zur düſtern Flamme aufgeloht, die der unglücklichen Frau Herz und Hirn ver⸗ brannte. Daß ihr Gatte ſie nicht liebe, wie er ein Weib lieben könne, daß er an die Gefährtin ſeines Lebens höhere Anſprüche erheben dürfe, als welchen ſie beim beſten Willen zu genügen im Stande ſei, daß er ſich in Folge deſſen an ihrer Seite nicht glücklich fühle— dies Alles waren Sätze, deren Richtigkeit das beſcheidene Clärchen ſchon ſeit Jahren kaum noch einen Tag, kaum noch eine Minute lang bezweifelt hatte. Vergebens, daß Münzer ſie oft das Gegentheil ver⸗ ſicherte, zum wenigſten für ſeine Unzufriedenheit, ſeine böſen Launen andere Gründe: Verdrießlichkeiten im Geſchäft, Mißmuth über die politiſchen Verhältniſſe, Abſpannung in Folge der übermäßigen Arbeit vorzubringen verſucht hatte. Münzer log nicht, wenn er ſo ſprach; Clärchen wußte das ſehr wohl; aber ſie wußte auch: daß ein Mann — zumal ein Mann von der Energie Münzers— auch ein noch ſchwereres Loos leicht erträgt, wenn er nach dem Kampf des Lebens — gleichviel, ob er als Sieger, oder Beſiegter heimkehrt— ſein müdes Haupt an dem Buſen eines Weibes zur Ruhe wiegen kann. Clärchen wußte noch mehr. Sie wußte, daß der Mann dieſe Ruhe nicht findet, wenn ihm die rechte Liebe fehlt, daß die rechte Liebe aber ohne wahre Achtung nicht möglich iſt, daß man wahre Achtung aber nur vor einem Weſen empfindet, das man ſich ebenbürtig weiß. Und ihrem Gatten ebenbürtig zu ſein, wie hätte ſie darauf Anſpruch machen können,— ſie, die ſich in ihrer Beſcheidenheit gerade in dem, worauf er den höchſten Werth legte, ſo tief unter ihm ſah? Was hätte ſie nicht darum gegeben, wäre es ihr vergönnt geweſen, die Lücken einer ſehr mangelhaften wiſſenſchaftlichen Bildung auszufüllen; aber das arme Clärchen hatte für ſolche Studien ſo wenig Zeit! Wie oft beneidete ſie die reiche Frau Rupertus, die ſich ihrer Wirth⸗ ſchaftsſorgen mit ein paar kurzen Befehlen an ihre zahlreiche Diener⸗ ſchaft entledigen konnte, und dann den lieben langen Tag für ihre Zweiter Band. 5 harmloſen Liebhabereien, für ihre Blumen, ihre Muſik, ihre Stickereien frei hatte. Clärchen hatte Niemandem Befehle zu geben, als einer Aufwärterin, welche die gröberen häuslichen Arbeiten verrichtete, denn auch nur einen beſtändigen Dienſtboten zu halten, geſtatteten Münzer's beſchränkte Verhältniſſe nicht. Da gab es denn in Küche, Keller und Kammer Arbeit die Hülle und Fülle, und wenn Clärchen die Nadel mit einer ſo wunderbaren Geſchicklichkeit führte, daß Tante Bella es ſchier unbegreiflich fand, ſo hatte es der jungen Frau an der nöthigen Uebung zur Ausbildung dieſer Kunſt wahrlich nicht gefehlt. Dann, wenn die Kinder aus der Schule kamen, wollten und mußten ſte doch auch etwas von der Mutter haben; ſie wollten der Mutter ihre Er⸗ lebniſſe erzählen, ihre kleinen Anliegen vortragen; ſie mußten ihre Schulaufgaben unter den Augen der Mutter ausführen. Wohl fiel Münzer mehr als einmal, wenn er ſeine Gattin mit ſolcher ſichern Ruhe im Hauſe ſchalten ſah, das Bild der ſtummen Pſyche ein; aber daß dieſe ſtumme Pſyche von Liebeslippen zur beredten Pſyche wach geküßt werden könne— das glaubte er nicht, daran verzweifelte er, weil es ihm nicht mit dem erſten Kuſſe gelungen war. So hatte Clärchen nie ſich ſelber vertrauen, ſo hatte Münzer nie ſeiner Gattin vertrauen lernen, und ſo war es gekommen, daß Clärchen recht hatte, wenn ſie annahm, daß Münzer ſie nicht liebe, wie er ein Weib lieben könne, daß Münzer an ihrer Seite nicht voll⸗ kommen glücklich, ja, wie ſie ſich in trüben Stunden manchmal ſagte: vollkommen unglücklich ſei. Bis zu dieſer letzten Zeit aber hatte ſie nie auch nur mit einem Gedanken gefürchtet, ihr Gatte liebe ein andres Weib. Wie ſollte ſie auch! wußte ſie doch nur zu gut, wie das Leben ihres Mannes eine ununterbrochene Arbeit war; wie er von dem Schreibtiſch zu Hauſe an den Schreibtiſch in der Redaction, von der Redaction in den demokratiſchen Verein oder die Volksverſammlung ging, und dann am Abend von dem Schreiben und Sprechen ermüdet und trotz der Ermüdung oft ſo ſchmerzlich aufgeregt nach Hauſe kam. Wußte ſie doch, daß er trotz ſeines feurigen Temperaments und ſeines Dranges nach Mittheilung die Geſellſchaft viel mehr mied als ſuchte, und daß in dem engen Umgangskreiſe, in welchem ſie ſich bewegten, kein weib⸗ 136 Die von Hohenſtein. liches Weſen war, das ihm auch nur das flüchtigſte Intereſſe hätte abgewinnen können! So war es geweſen bis ganz vor Kurzem, bis zu dem verhäng⸗ nißvollen Abend in Rupertus' Villa.„Wie findet denn Ihr Gemahl die Gnädige? er iſt ja ein Kenner!“— das Wort war wie eine fürchterliche Offenbarung für Clärchen geweſen. Sie kannte Antonie von Hohenſtein nicht perſönlich, aber ſehr gut von Anſehen und leider auch durch das Gerücht, das von der ſchönen Frau frecher Libertinage ſehr viel zu erzählen wußte. In dem Moment, als Rupertus ihren Gatten und jene Frau in einem Athem nannte, war es wie ein fahler Blitz durch ihre gramesdüſtre Seele gefahren: ſo ſchön wie Antonie von Hohenſtein muß das Weib ſein, das Bernhard's Leidenſchaft in lodernde Flammen zu ſetzen vermag. Und nun: Münzer war an jenem Abend ſpät nach Hauſe gekommen, gegen die Gewohnheit ſtill und verſchloſſen, und ſein Auge und ſeine Stirn waren ſeit jenem Abend düſter geweſen, wie noch nie.— Und während ſie, in dieſen ſelbſtquäleriſchen Gedanken verloren, ſtumm und ſtill zwiſchen den ſcherzenden und lachenden Freunden ſaß, ſchlug ihres Kindes Hülferuf an ihr Ohr, und als ſie eine Minute ſpäter mit Herrn Rupertus zur Stelle war, ſah ſie ihr Kind, das ſie todt glaubte, in den Armen ihres Gatten, der gleich darauf wie ein Todter zuſammenbrach. Die Wiederbelebung der Ohnmächtigen, die Sorge um Carl hatte Clärchen gar nicht daran denken, gar nicht darnach fragen laſſen, wie denn nur ihr Gatte auf das einſame Ufer gekommen, und als ſie am nächſten Morgen daran dachte— da brauchte ſie nicht mehr darnach zu fragen, denn ſie wußte, daß er nur aus dem Garten der Frau von Hohenſtein gekommen ſein konnte, aus dem Garten Antonien's von Hohenſtein— aus dem Garten, von dem Rupertus unter Lachen behauptet hatte, daß er den Zwecken der galanten Dame ganz beſon⸗ ders günſtig ſei— aus dem ſtillen, verſchwiegenen Garten, aus deſſen dichten Boskets der Geſang der Nachtigallen ſo herrlich erſchallt war, auf deſſen Laubkronen der helle Mondenſchein ſo zauberiſch gelegen hatte! Clärchen ſtöhnte, während ſie ſich langſam, langſam den ſcharfen Stahl der Eiferſucht mitleidslos in's Herz bohrte— dann aber raffte ſie ſich empor. Nein, nein!— nicht weinen!— nicht Zweiter Band. 137 eine Thräne weinen um einen Mann, der ſich weit genug wegwirft, eine notoriſche Buhlerin zu lieben, nein, nein! nicht eine Thräne!— Aber auch nicht eine Stunde länger in ſeinem Hauſe bleiben, und wäre ſchon in der nächſten Nacht ein Graben an der Landſtraße für ſie und die Kinder das Bett und der Sternenhimmel die Decke. Für ſie! aber für die Kinder? für ihre kleine ſüße Ella, für ihren armen Carl, der von Fieberſchauern geſchüttelt in ſeinem Bette lag und alle Augenblicke die Mama um Waſſer, ach, nur einen Tropfen Waſſer bat. Clärchen mußte bleiben, und ſie blieb, ihre Pflicht thuend, uner⸗ müdlich nach, wie vor, ohne an ſich zu denken, oder doch wenigſtens, ohne ſich durch den Gedanken an ihr Leid von dem, was ſie für ihre Pflicht hielt, auch nur um eines Haares Breite abbringen zu laſſen. Die ſchlimme Stunde, wo ſie von ihm, den ſie viel mehr als ihr Leben geliebt hatte und vielleicht noch liebte, würde ſcheiden müſſen, würde kommen— das wußte ſie, das beſtätigten ihr alle Beobachtun⸗ gen der nächſten Tage, aber noch war die Stunde nicht gekommen; noch hatte ſie nichts zu thun, als durch verdoppelte Aufmerkſamkeit, Sanftmuth und Milde die Dämonen zu verſcheuchen, die um ihres Gatten Haupt die düſteren Flügel ſchlugen und das helle Auge ſeines Geiſtes verfinſterten. Sie ſah, mit welcher Anſtrengung er ſeine Auf⸗ gaben bewältigte, wie er ſich zur Arbeit zwingen mußte, wie ſehr ſeine ſonſt ſo ſtolze Kraft geſchwächt war! Und doch brauchte er dieſe Kraft gerade jetzt mehr denn je. Das Ziel, auf das Münzer mit ſolcher Energie ſeit ſo langer Zeit hingeſtrebt hatte, war noch nicht erreicht, und doch mußte er es erreichen, um ſeinetwillen, um ſeiner Partei willen. Er durfte in dem ſo heiß entbrannten Wahlkampf nicht unterliegen; und je näher die Entſcheidung des Kampfes kam, deſto kräftiger rafften ſich die Gegner auf, deſto ſchwieriger wurde es, die ſo ſchon in ihrem Grunde erſchütterte Partei zuſammenzu⸗ halten. Eine furchtbare Arbeitslaſt lag auf Münzer's Schultern; ſeine bleiche Stirn, ſeine matten eingeſunkenen Augen, ſeine ſchlaffen Wangen, ſelbſt der tiefer und rauher gewordene Ton ſeiner Stimme zeugten davvn. Sollte ſie, die ſeit dem erſten Tag, wo ihr Auge ihn erblickte, nur für ihn gelebt hatte, jetzt, gerade jetzt ihn verlaſſen? ſeine Bürde noch ſchwerer machen?— denn, daß er ſich nicht fühllos, 138 Die von Hohenſtein. nicht ohne Kampf und nicht ohne Schmerz von ihr trennen würde, das ſagte ihr eine Stimme, die ihr ſo oft zugeraunt hatte und ſelbſt jetzt noch zuraunte: er liebt Dich doch, trotz alledem, genug wenig⸗ ſtens, um mit Dir leiden zu können, wenn Du die Wunde aufdeckſt, an der Du verbluteſt. Wie ſie das Leben weiter leben ſollte— Clärchen wußte es nicht; ſie dachte auch kaum an die Zukunft, ſie wußte nur, daß ſie ſo nicht weiter leben könne. In den erſten Tagen war es für die unglückliche Frau eine Lin⸗ derung ihrer Qualen geweſen, ſich einzureden, daß ſie ſich irre, daß Alles nur ein böſer Traum, eine hypochondriſche Grille von ihr ſei. Aber auch dieſer ſchwache Troſt ſollte ihr bald geraubt werden. Am dritten Tage, als Bernhard eben das Haus verlaſſen hatte, um auf die Redaction zu gehen, wurde ihr durch die Stadtpoſt ein Brief von unbekannter, offenbar verſtellter Hand gebracht. Der Brief war„ein Ehrenmann“ unterſchrieben. Der Ehrenmann hielt es für ſeine Pflicht, Frau Münzer auf ein ſchon ſeit längerer Zeit beſtehen⸗ des Verhältniß zwiſchen ihrem Gatten und Frau Antonie von Hohen⸗ ſtein aufmerkſam zu machen, umſomehr, als dieſes Verhältniß bereits den Charakter eines ſtadtkundigen Skandals angenommen habe. Neben⸗ bei ſchien der Ehrenmann die Abſicht gehabt zu haben, auf jede Weiſe das Gefühl der unglücklichen Frau zu kränken, indem er ein langes Regiſter galanter Abenteuer aus dem Leben Antonien's aufführte und mit der Verſicherung ſchloß:„daß er für diesmal allerdings nur das Mittheilbate mitgetheilt habe, daß er aber nächſtens mit einigen, be⸗ ſonders koſtbaren Details aufwarten werde.“ Wenn der Präſident von Hohenſtein, als er in hellem Zorn über Antonien's entſchiedene Weigerung, ſeinen politiſchen Intriguen ein williges Werkzeug zu ſein, ſeinem Kammerdiener Jean dieſen Brief in die Feder dictirte, gehofft hatte, einen öffentlichen Bruch zwiſchen Münzer und ſeiner Gattin hervorzurufen, und ſo den verhaßten Gegner in den Augen des Publikums moraliſch zu vernichten, ſo hatte er ſich gröblich verrechnet. Clärchen hatte dieſen Brief, bevor ſie ihn noch ganz zu Ende geleſen, mit zitternden Händen an der Flamme eines Lichtes verbrannt. „ N Zweiter Band. 139 Ihr Haus ſchien ihr verunreinigt, ſo lange ein ſolches Document innerhalb deſſelben exiſtirte; der Athem des Verleumders, der die reine Luft rings um ſie her verpeſtete, ſollte verwehen wie die graue Aſche. Ja, des Verleumders! Bernhard Münzer konnte nie auf eine ſo tiefe Stufe ſinken, daß er dem Urtheil eines ſo niedrigen Geiſtes, wie der des unbekannten Schreibers jenes Briefes, erreichbar geweſen wäre. Die dämoniſche Macht ſeiner Phantaſie konnte wohl die hohe Geiſteskraft in eine falſche Richtung treiben, aber nicht den Edelmuth ſeines Herzens ſo gänzlich in ſein Gegentheil verkehren. Wer jenen Brief auch geſchrieben haben mochte— ein Freund Bern⸗ hard Münzer's war es ſicherlich nicht geweſen, und das Weib, das ſeinen Namen trug, die Mutter ſeiner Kinder konnte nie und unter keinen Umſtänden ein Bündniß mit den Feinden Bernhard Münzer's eingehen. Und Clärchen verſchloß ihr ſchreckliches Geheimniß tief in ihrem Buſen und drückte veim Schein des Nachtlämpchens das Geſicht in die Kiſſen, damit ſelbſt die ſtille Nacht ihr leiſes Schluchzen nicht höre. Ihre größte Angſt war jetzt, daß Münzer's Feinde ihn direct mit ihren vergifteten Pfeilen angreifen würden; und in dieſer Angſt glich ſie einem Menſchen, der ein theures Weſen in einer Gefahr ſchweben ſieht, die nur dadurch überwunden werden kann, daß der Gefährdete von ſeiner Lage nichts ahnt. Aber es ſchien, als ob dem Angreifer zu einem ſolchen Angriff der Muth fehlte. Zum wenigſten vermochte Clärchen in dem Benehmen ihres Gatten keine Veränderung zu bemerken, die auf eine ungewöhnliche Erregung hätte ſchließen laſſen. Im Gegentheil, er war wohl düſter und traurig, wie er es die ganze letzte Zeit geweſen war; aber im Uebrigen milder und theil⸗ nehmender, als ſonſt. Kein bitteres Wort, das ihm früher, wenn er das Drückende ſeiner Lage einmal lebhafter als gewöhnlich empfand, ſo leicht entfuhr, kam über ſeine Lippen; er beſchäftigte ſich, wenn er zu Hauſe war, viel mit Ella, ſein erſtes Wort, wenn er nach Hauſe kam, war eine Frage nach dem Kranken, und ſein letztes Wort, wenn er Morgens oder Nachmittags auf die Redaction ging, eine Bitte an Clärchen, guten Muths zu ſein und die Sache nicht ſchlimmer zu 140 Die von Hohenſtein. nehmen, als ſie in Wirklichkeit ſei, vor Allem aber ſich nicht ſelbſt krank zu machen. Die Tage kamen und gingen, und der Termin, den Clärchen ſich ſelbſt für die Entſcheidung ihres Schickſals geſtellt hatte, nahte heran. Wenn Münzer gewählt war— und daß er gewählt werden würde, daran zweifelte Clärchen nicht— wollte ſie mit ihm ſprechen; was dann weiter geſchehen würde,— Clärchen wußte es nicht; die Zeit jenſeits dieſes Termins erſchien ihr dunkel wie das Grab. Preizehntes Capitel. Und ſo war auch das Leben jetzt für Münzer. Der unheimlich ſchöne Schein, in welchem ihm die Leidenſchaft für Antonie die Welt gezeigt hatte, war ſo ſchnell erloſchen, wie aufgeglüht. Daß dieſe Leidenſchaft eine Verirrung ſei— daran hatte er kaum einen Augen⸗ blick gezweifelt. Was ſollte ihm, dem Arbeiter, dem Proletarier, ein Glück, das zu ſeiner ſtviſchen Philoſophie genau ſo trefflich ſtimmte, wie die glänzenden Bilder ſeiner Phantaſie zu der Armſeligkeit ſeines Lebens, zu der Einförmigkeit ſeines Werkeltagtreibens! Auch hatte er nie geglaubt, daß die Scene in Antonien's Teppichgemach ſich je wiederholen, daß dieſer Traum einer tollen Nacht ſich je in die Wirk⸗ lichkeit des wachen Tages hinüberſpielen könne. Und jetzt war es doch geſchehen— gegen ſeinen Willen freilich, aber darum nicht weniger geſchehen. Die Scene hatte ſich wiederholt— aber ohne die Naivetät jener erſten halb wunderbaren Begegnung. Zum zweiten Male hatte er Antonien's Lippen auf ſeinen Lippen gefühlt, aber dieſer zweite Kuß glich jenem erſten wie der Tod dem Schlafe gleicht. Und oft, ſehr oft in dieſer Zeit war es Münzer, als wäre ſeine Seele von ihm geſchieden und er wandelte, ein Todter, unter den Lebenden. Es gab nur einen feſten Punkt für ihn in dieſem Irrſaal, und das war die Ueberzeugung, die er auf jede Weiſe in ſich zu er⸗ ——— — Zweiter Band. 141 halten ſuchte, an die er ſich klammerte, wie ein Ertrinkender ſich an den rettenden Balken klammert— die Ueberzeugung, daß er unter allen Umſtänden ſeine Pflicht thun müſſe. Antonien hatte er ent⸗ ſagt— zum zweiten Male— für immer, wie er glaubte; und mit Antonien jedem Anſpruch auf die Verwirklichung irgend eines Wun⸗ ſches, der über das thatſächliche Leben hinausging. Niemals hatte er es mit dem Axiom ſeiner Philoſophie, daß das Individuum unter⸗ gehen müſſe in der Allgemeinheit, ſo ernſt genommen, wie jetzt. Mit dem ganzen Reſt der Kraft, die ihm noch geblieben war, warf er ſich in die hochgehenden Wogen der politiſchen Strömung; noch nie hatte er ſo ohne allen perſönlichen Ehrgeiz, ſo ohne alle Freudigkeit, ja auch eigentlich ohne Hoffnung auf ein günſtiges Reſultat für das Allgemeinwohl, und dennoch mit ſolcher Hingebung, mit ſolcher Energie gearbeitet und gewirkt, wie jetzt. Die Flucht vor ſich ſelbſt gelang ihm nur zu gut. In demſelben Maße, wie er die öffentlichen An⸗ gelegenheiten zu ſeiner perſönlichen Angelegenheit machte, verlor er das Intereſſe an Allem, was ihn als Individuum berührte. Er hatte nicht den geringſten Verſuch gemacht, ſich Antonien wieder zu nähernz mit ſtummer Reſignation überließ er ſie ihrem Schickſale; mochte ſie ſich mit demſelben abfinden, wie er ſich mit ſeinem Schickſale abfinden mußte. Und dieſe ſtarre Gleichgültigkeit bemächtigte ſich ſeiner auch in dem Verhältniſſe zu ſeinem Weibe und zu den Kindern. Für den erſten Augenblick hatte der Umſtand, daß ſein Kind mit dem Tode gerungen hatte in dem Moment, wo er, verloren in der Anbetung eines ſchönen Weibes, nur ſich ſelbſt gelebt, einen furchtbaren Ein⸗ druck auf ihn gemacht; aber ſein Skepticismus hatte bald gefunden, daß Alles doch ſchließlich auf den Zufall hinauslief, der, unbekümmert um unſre Haltung, gleichgiltig gegen unſre Tugenden, wie geßen unſre Schwächen, ſein plumpes, blindes Spiel treibt. Dennoch hatte Clär⸗ chen Recht, wenn ſie ihren Gatten in dieſer letzten Zeit milder und cheilnehmender als ſonſt wohl fand. Aber ſie hatte auch Recht, wenn ſie dieſe ungewöhnliche Milde mehr quälte, als die frühere Launen⸗ haftigkeit. Sie kannte ihren Gatten zu gut, um nicht zu wiſſen, daß bei ſeiner Leidenſchaftlichkeit Liebe und beſtändig gleichmäßige Güte ſich ſehr ſchlecht vereinigen ließen, und was für eine weniger fein⸗ 142 Die von Hohenſtein. fühlende und ſcharfſichtige Frau das Morgenroth einer neuen ſchöneren Zukunft geweſen wäre, das war ihr der letzte trübe Schein der für immer untergegangenen Sonne ihres Erdenglücks. Und jetzt konnte ſie an dem dumpfen Schlage ihres Herzens die Minuten zählen, bis auch dieſer letzte Schimmer verſchwinden mußte. Der Tag der Wahl war angebrochen; Mittag war längſt vorüber, Bernhard konnte jeden Augenblick nach Hauſe kommen. Sie hatte nie ſeiner Rückkehr mit ſolchen Gefühlen entgegengeſehen; und während ſie ſich in ſtillem traurigen Sinnen auf die letzte Zuſammenkunft mit ihrem Gatten vorbereiten wollte, glitten ihre Gedanken fortwährend von der Gegenwart, die verworren und unbegreiflich wie Sterben und Tod ſie angähnte, zurück in jene ſchönen Tage der erſten Liebe, wo das Herz in ihr aufjauchzte, wenn ſie den Schritt des geliebten Mannes auf ihrer Schwelle vernahm. Münzer hatte bis heute keine Ahnung von Clärchen's Seelen⸗ zuſtand und von dem Entſchluſſe, der langſam und ſtetig in ihr ge⸗ reift war. Wie er die Erinnerung an Antonie in Vergeſſenheit zu begraben ſuchte, ſo glaubte er auch, daß zum wenigſten der eigentliche Kern dieſes Verhältniſſes ein tiefes Geheimniß für alle Anderen ſei, denn die Andeutungen, welche Antonie über die Pläne des Präſidenten gemacht hatte, waren ihm von vornherein als das müßige Spiel eines frivolen Kopfes erſchienen. Münzer hatte von jeher die Schwäche gehabt: die Macht verachteter Gegner zu unterſchätzen. Er hatte das auch in dieſem Falle gethan. Dennoch hatte der anonyme Ver⸗ faſſer des Briefes an Clärchen durchaus nicht gelogen, wenn er be⸗ hauptete, daß Münzer's Verhältniß zu Antonie bereits zum Stadt⸗ geſpräch geworden ſei. In der That ſprach man davon in den Salons der Vornehmen, und, was viel ſchlimmer für Münzer war und ihm leicht hätte gefährlich werden können: auch in den Kreiſen der Bürger, ſogar in den ſchmutzigen Kneipen, in welchen bei ſaurem Wein und ſchaalem Bier in tabaksraucherfüllter Atmoſphäre von verdächtig aus⸗ ſehenden„Urwählern“ die Vorzüge und Schwächen der verſchiedenen Staatsformen im Allgemeinen und die Vorzüge und Schwächen der zukünftigen Volksvertreter im Beſonderen mit großem Eifer und noch größerem Lärm erwogen wurden. Woher das Gerücht: daß Dr. Münzer Zweiter Band. 143 ſein ſchlechter Vater und treuloſer Gatte ſei, der in den Armen vor⸗ nehmer Weiber über ſeine zur Schau getragenen dewokratiſchen Grund⸗ ſätze lache, eigentlich ſtammte— Niemand wußte es zu ſagen. Nur ſoviel ſtand feſt, daß von dem fanatiſchen Bewunderer Münzer's und der„rothen Republik,“ dem Schloſſergeſellen Chriſtoph Unkel, eines Abends ein blaſſer, hagerer Menſch, der in einer vielbeſuchten Tabagie auf den Doctor geſchimpft hatte, durchgeprügelt und zum größten Ergötzen der anweſenden Geſellſchaft zur Thür hinausgeworfen worden war, und daß ſeit jenem Abend die Stimmung für Münzer, welche in dieſen Kreiſen bedeutend geſunken war, ſich wieder zu der alten Höhe erhoben hatte. Auch in die Räume des Hintergebäudes in Peter Schmitz's Hauſe war das ſchlimme Gerücht gedrungen und hatte dann natürlich aus dem Setzerſaal und dem Maſchinenraum ſeinen Weg in die Wohn⸗ zimmer des Vorderhauſes gefunden. Peter Schmitz erklärte ſofort mit großer Energie, daß„Alles eine ganz infame, von Münzer's Feinden ausgehende Verleumdung ſei und daß man ihn mit dem Unſinn unge⸗ ſchoren laſſen ſolle;“ aber Tante Bella war durchaus der entgegen⸗ geſetzten Meinung. Tante Bella hatte ſchon lange, bevor das Publikum ſich mit Bernhard Münzer's Angelegenheiten zu beſchäftigen anfing, ſehr viel geſehen und gehört, was„ihr gar nicht gefiel,“ und gegen ihre vertrauteſten Freunde mehr als ein Mal die Aeußerung fallen laſſen:„Ihr ſollt ſehen, das nimmt mit den Beiden noch ein ſchlechtes Ende.“ Es war daher natürlich, daß Tante Bella das Urtheil der Leute zu ihrem eigenen machte, und daß ſie die Zeit gekommen hielt, wo„in dieſer Sache etwas geſchehen müſſe.“ Ihr erſter Entſchluß war, mit Münzer ſelbſt„ein ernſtes Wort zu ſprechen.“ Von dieſem Gedanken kam ſie aber, als von dem weniger zweckmäßigen— nicht gefährlicherem, denn Gefahren der Art exiſtirten für die muthige Dyme nicht— zurück, und ſie nahm ſich vor, Clärchen mit aller Be⸗ hutſamkeit freilich, aber auch aller Offenheit„über ihre Lage aufzu⸗ klären.“ Indeſſen auch dieſer Plan hatte bei der von Tante Bella wiederholt erprobten Empfindlichkeit Clärchen's, ſobald die Rede auf ihr eheliches Verhältniß kam, ſein Bedenkliches, und zuletzt beſchloß Tante Bella, den Vertrauten aller ihrer Geheimniſſe, Dr. Holm, mit 144 Die von Hohenſtein. der zarten Miſſion zu beauftragen. Holm hatte die Commiſſion zuerſt auf das Entſchiedenſte abgelehnt, nicht, weil er an der Wahrheit des Gerüchtes, das auch ihm von verſchiedenen Seiten zu Ohren ge⸗ kommen war, in der Hauptſache wenigſtens, gezweifelt hätte, ſondern, weil er der Anſicht war, daß in allen Fällen der Art die„Mittler“ eine ſehr ſchiefe und meiſtens ſogar ſchädliche Rollen ſpielen, und daß hier, wenn irgendwo„Jeder ſehen müſſe, wie er's treibe.“ Es war am Nachmittage des Wahltages. Holm arbeitete allein auf der Redaction. Münzer war in der Wahlverſammlung und ſandte von Zeit zu Zeit einen der Getrenen mit Nachrichten über den Stand des Skrutiniums. Holm war in einer melancholiſchen Stimmung, und ſo oft er auch die Champagnerarie aus dem Don Juan, oder „Reich' mir, o Knabe, den Becher!“ zu ſummen begann— nie kam er über die erſten paar Tacte hinaus. Der Leitartikel, oder„Lei⸗ torum“ war ihm noch nie ſo ſchwer geworden wie heute; dem braven Journaliſten war durchaus nicht gut zu Muth, und die Schlagwörter, an denen er es fonſt nicht fehlen ließ, wollten heute gar nicht aus der Feder. Holm wußte ſelbſt nicht, was ihn denn nun gerade heute ſo ganz beſonders verſtimmte. In der Situation war doch im Allge⸗ meinen keine Veränderung vorgegangen. Daß„der Volksbote“ mit dem erſten Juli zu erſcheinen aufhören, oder in den Verlag von Herrn Kalkopf übergehen würde, wußte Holm ſchon längſt, freilich ohne bis jetzt ausfindig gemacht zu haben: welches von den beiden Uebeln das kleinere ſei. Denn Holm traute dem Herrn Kalkopf gar nicht, trotzdem er bei einer erſten, vorläufigen Conferenz, wie Holm ſich ausdrückte,„das Blaue vom Himmel heruntergeſchworen hatte,“ um zu bekräftigen, daß er bei Uebernahme des Blattes eine Aenderung der bisherigen radicalen Tendenz in keiner Weiſe verlangen und auch der Redaction in jeder Hinſicht freie Hand laſſen würde. Ebenſowenig wie dieſe Angelegenheit war das Verhältniß Münzers zu ſeiner Frau, das dem guten Holm ſo viel Sorge gemacht hatte, in ein neues bedenklicheres Stadium getreten; und das Befinden des armen Cajus hatte ſich in den letzten Tagen ſogar bedeutend gebeſſert. Es war alſo Alles in Allem heute kein ſpezieller Grund, ausnahms⸗ weiſe melancholiſch zu ſein, und doch war es Holm ſo ſehr, daß er Zweiter Band. die Beendigung des„Leitorum“ als ein hoffnungsloſes Unternehmen aufgab und nach den eingelaufenen, noch unerbrochenen Briefen griff, um den ausgefallenen Raum durch einige intereſſante Correſpondenz⸗ artikel zu füllen. Holm hatte ſchon drei umfangreiche Briefe mit gerunzelter Stirn und in die Höhe gezogenen Brauen geleſen, ohne von Allem, was er geleſen, auch nur ein Wort behalten zu haben, und er war ſchon tief in einen vierten Brief hineingerathen, als er plötzlich wie aus einem Traum erwachte, noch einen Blick in den Brief und beſonders auf die Unterſchrift warf, dann den Brief ſorgfältig zuſammenfaltete und nun erſt that, was er vorher in ſeiner Zerſtreuung verſäumt hatte, nämlich: die Adreſſe las, welche denn allerdings nicht:„An die Re⸗ daction des Volksboten,“ ſondern an den„Herrn Pr. Bernhard Münzer, privatim,“ lautete, auch offenbar von keiner Zeitungs⸗Correſponden⸗ tenhand geſchrieben war. Die Stirn des Dr. Holm hatte ſich, während er dieſe ſonder⸗ baren Entdeckungen machte, noch tiefer gefurcht, und die Augenbrauen waren noch bedeutend höher auf die hohe kahle Stirn gerückt, daß ſie anzuſchauen waren wie zwei dunkle Wetterwolken an einem rothglühen⸗ den Abendhimmel. „Alſo doch!“ murmelte er vor ſich hin;„Liebe, Entſagung und ſonſtiges Brimborium— Alles, wie es nur in einem Roman ver⸗ langt werden kann, und dem lieben wirklichen Leben kann darüber das Herz brechen! Da ſollte doch gleich—“ Und Dr. Holm ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß der Oberſetzer Wenzel Müller zum Guckfenſterchen hereinſchaute und fragte, ob der Herr Doctor gerufen habe? „Nein!“ ſchrie Dr. Holm; und dann murmelte er:„dabei ſoll der Teufel arbeiten; man müßte ja kein Herz in der Bruſt haben, wenn Einen ſo etwas gleichgiltig laſſen ſollte. Aber ich werde mit dem Knaben ſprechen; ich werde ihm ſeinen Standpunkt klar machen; ich werde— vorerſt einmal den Leitorum ſchreiben; ich bin jetzt in der rechten Stimmung.“ Und Dr. Holm tauchte die Feder ein und ſchrieb in den ver⸗ Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 10 146 Die von Hohenſtein. zwickteſten Hieroglyphen, die je den Scharffinn eines Setzers heraus⸗ gefordert haben, einen durch den edelſten Zorn ſittlicher Entrüſtung und durch machtvollen Styl ausgezeichneten Artikel gegen„die ſchlimm⸗ ſten Feinde der Freiheit,“ als welche er diejenigen bezeichnete, welche herrſchen wollten, ohne ſich ſelbſt beherrſchen zu können, und nicht bedächten, daß in einem wahrhaft freien Gemeinweſen ſittliche Größe ein nothwendiges Correlat der politiſchen Größe ſei; gegen die Fiesko's, mit denen man wohl Tyrannen niederwerfen, aber keine Republik zu errichten vermöge; gegen die Alcibiades, die man vor Zeiten mit Fug und Recht oſtrakiſirt habe, da ihre glänzenden Talente nur gefahrvolle Danaergeſchenke für die Mitbürger ſeien. Dr. Holm hatte ſich eben an das Fenſter geſtellt, um den Auffſatz noch einmal durchzuleſen, als er den Schritt Münzer's auf der Gallerie vernahm. Gleich darauf trat Münzer in das Gemach. Er ſchlenderte ſeinen Kalabreſer auf den Tiſch und warf ſich in ſeinen Stuhl. Seine Haltung und Miene war die eines zum Tod Erſchöpften. Er goß ſich aus der auf dem Tiſch ſtehenden Karaffe ein Glas voll Waſſer und trank es aus. Dann wandte er ſich zu Holm und ſagte: „Nun, Holm! Das Vorſpiel wäre zu Ende; die Acteurs ſtehen bereit; die Komödie kann ihren Anfang nehmen. Ich hoffe, meine Rolle ohne Anſtoß herzuſagen.“ „Ich wollte, Münzer, Sie hätten ein anderes Bild gebraucht, um mir Ihre Erwählung, zu der ich übrigens von Herzen gratulire, an⸗ zukündigen;“ ſagte Holm mit großem Ernſt.„Sie wiſſen, ich mag nicht, daß man das Leben wie ein Theaterſtück behandelt.“ „Und was iſt es denn Anderes?“ fragte Münzer mit klanglofer Stimme;„ein Humoriſt, wie Sie, ſollte das doch wiſſen.“ „Der Humor,“ erwiderte Holm,„hat ſeine volle Berechtigung im Leben, und ich bin am wenigſten dazu geneigt, ihm ſein gutes Recht ſtreitig zu machen; aber dies Recht hat ſeine Grenzen, wie jedes andere auch, und wo im Lear die Schickſalsgewalten ihre blutige Arbeit beginnen, ſchleicht ſich der Narr davon und kommt nicht wieder.“ Zweiter Band. 147 „Sie ſind heute ausnahmsweiſe Moralprediger, wie es ſcheint;“ antwortete Münzer;„ich hoffe, daß Sie davon nichts in Ihrem Leit⸗ artikel haben merken laſſen.“ „Vielleicht doch!“ ſagte Holm;„wenn es Ihnen recht iſt, will ich Ihnen denſelben vorleſen.“ „Wenn Sie es für nöthig halten;“ ſagte Münzer, ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnend. „Ich halte es für nöthig, dringend nöthig,“ ſagte Holm, und las mit halblauter, hier und da vor innerer Erregung zitternder Stimme, was er ſoeben geſchrieben. Münzer hatte während der Lectüre ſchon mehrere Zeichen von Ungeduld blicken laſſen; als Holm kaum das letzte Wort geſprochen, rief er:„Und das nennen Sie einen Leitartikel, lieber Holm, in dieſem Augenblicke, wo der Ausfall der Wahlen der einzig natürliche und nothwendige Stoff iſt? Und was ſollen wir mit dieſer Apologie der guten Menſchen und ſchlechten Muſikanten, wir, die wir die paar Stimmen, auf welche wir mit Sicherheit rechnen dürfen, an den Fingern herzählen können, und daher jeden Muſikanten hochwillkommen heißen müſſen, ohne darnach zu fragen, ob ſeine Moral hier oder da ein wenig anbrüchig iſt?“ „So dachten Sie früher nicht.“ „Mag ſein! Vermuthlich, daß der künftige große Staatsmann ſich in mir zu regen beginnt. Im Einſt, Holm: ich habe mich in der letzten Zeit immer mehr davon überzeugt, daß die politiſchen Fragen weſentlich Machtfragen ſind, die wir mit unfrer bisherigen Gefühlspolitik niemals löſen werden. Ich bin entſchloſſen, mit allen, auch den äußerſten Mitteln, unſre Ideen durchzuſetzen, nicht, weil ich die Gefahren, die auf dieſem Wege liegen, leugnete, oder zu gering enſchlüge, ſondern weil ich erkannt habe, daß die Gefahren, in die wir bei der Roſenwaſſerpolitik hineintreiben, hundert und tauſendmal größer ſind, und wir ſchließlich, nachdem wir alle Mittel der Güte zu unſrem und der Unſrigen Schaden und Verderben erſchöpft haben, doch zu den Mitteln werden greifen müſſen, vor denen wir jetzt einen ſo hochmoraliſchen Abſchen haben, oder zu haben vorgeben.“ „Bei dieſer Art zu denken werden Sie ſchwerlich meinen Artikel, „ 10* 148 Die von Hohenſtein. der allerdings das genaue Gegentheil von Ihrem jetzigen Programm iſt, in unſrer Zeitung ſehen wollen.“ „Aufrichtig, Holm: nein!“ „Nun, ſo mag er wegbleiben,“ ſagte Holm, die Blätter, die er noch immer in der Hand hielt, zuſammenfaltend;„wenn ich Sie, auf den es hauptſächlich abgeſehen war, nicht überzeugen kann— ſo ver⸗ liert der Artikel in meinen Augen ſeinen beſten Werth.“ „Auf mich war es hauptſächlich abgeſehen?“ ſagte Münzer mit ironiſchem Lächeln.„Nun das iſt nicht übel! Bin ich ein Fiesko? bin ich ein Alcibiades? Verzeihen Sie mir, lieber Holm, das Ge⸗ ſtändniß, daß ich aufhöre, Sie zu begreifen.“ „Vielleicht werden Sie mich begreifen,“ erwiderte Holm,„wenn ich nicht als Politiker, ſondern als Freund mit Ihnen ſpreche; wenn ich Ihnen, ſelbſt auf die Gefahr hin, Ihre Freundſchaft für immer zu verſcherzen, ſage, daß es mich mit tiefem Schmerz erfüllt hat, Tag für Tag Zeuge von dem Vernichtungskampf zu ſein, mit dem Sie, beſonders in jüngſter Zeit, gegen ſich ſelber wüthen; Tag für Tag zu ſehen, wie Sie Ihren Leidenſchaften eine immer größere Herrſchaft über ſich einräumen, und ſo auf dem beſten Wege ſind, ſich ſelbſt und das Glück der Ihrigen zu Grunde zu richten. Sie ſind ſeit einigen Wochen wie umgewandelt; Sie würden erſchrecken, wenn Sie ſich nur ein einziges Mal mit den Augen eines Andern ſehen könnten. Solche äußeren Metamorphoſen müſſen ihre entſprechenden inneren Urſachen haben. Daß die Politik dieſe Urſache nicht iſt, glaube ich, der ich Sie ſeit ſo vielen Jahren kenne, und weiß, daß Sie in dieſer Beziehung niemals Optimiſt geweſen ſind, beſchwören zu können. So wird es denn alſo etwas Anderes ſein; und was dieſes Andere iſt, das haben Sie freilich mit ſich ſelber auszumachen, aber trotzdem können Sie nicht verhindern, wenn Ihre Freunde und Ihre Feinde, allerdings von ſehr verſchiedenen Seiten und mit ſehr verſchiedenen Empfindungen, in Ihr Geheimniß dringen. Leider muß ich Ihnen ſagen, daß dies Geheimniß bereits anfängt, zur Kategorie der öffent⸗ lichen zu gehören. Ich bin— die Anerkennung werden Sie mir nicht verſagen— kein Geſchichtenträger und kein Gebehrdenſpäher— nichts⸗ deſtoweniger habe ich über ein Verhältniß, in welchem Sie zu einer Zweiter Band. 149 gewiſſen vornehmen Dame ſtehen ſollen, mehr gehört, als mir lieb iſt— ja, und auch geſehen. Unter den heute eingelaufenen Briefen, die ich in der feſten Ueberzeugung, es ſeien ſämmtlich Geſchäftsbriefe, ſämmtlich geöffnet habe, befindet ſich auch einer von der Dame, mit deren Namen die Fama Ihren Namen in jüngſter Zeit ſo oft zu⸗ ſammen genannt hat.“ Münzer war, während Holm alſo ſprach, ſehr ſtill und blaß ge⸗ worden, ſo blaß, daß den guten Holm Mitleid mit dem Kranken über⸗ kam, den zu heilen er ſich vorgenommen hatte. Er beeilte ſich des⸗ halb, hinzuzufügen: „Nehmen Sie die Sache nicht tragiſcher, als ſie iſt, lieber Münzer. Es giebt wenig ſchlimme Dinge auf Erden, die ſich nicht wieder gut machen ließen, wenn man den ernſten Willen hat.“ Münzer machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Wo iſt der Brief?“ ſagte er. „Hier; ich habe, wie Sie ſich denken können, nur wenige Zeilen geleſen.“ „Es iſt gut, Holm.“ Münzer ſteckte den Brief, ohne einen Blick darauf zu werfen, in die Bruſttaſche, erhob ſich und griff nach ſeinem Hut.„ „Sie können die Zeitung allein fertig machen, nicht wahr?“ „Gewiß; aber gehen Sie nicht fort, nicht in dieſer Aufregung fort.“ „Ich bin nicht aufgeregt; ich bin ſo ruhig, wie ein Todter.“ „Um ſo mehr müſſen Sie bleiben.“ „Ich kann nicht. Leben Sie wohl!“ „Münzer, um Gotteswillen,“ rief Holm aufſpringend und ſich dem Freunde in den Weg ſtellend;„was haben Sie vor? Ich loſſe Sie nicht fort, bevor Sie mir die Hand drauf geben, daß Sie nichts Gewaltſames beſchließen.“ „Glauben Sie, daß ich ein Kind bin?“ erwiderte Münzer mit bitterem Lächeln;„hier haben Sie meine Hand!“ „Münzer,“ ſagte Holm mit bewegter Stimme,„denken Sie an Ihre Frau, an Ihre Kinder.“ „An die eben denke ich,“ erwiderte Münzer;„leben Sie wohl!⸗ Er ging. Holm ſetzte ſich wieder an den Schreibtiſch, und griff 150 Die von Hohenſtein. mit einem tiefen Seufzer zu ſeinen Correſpondenzen.„Der Teufel hole alle Phantaſterei!“ murmelte er, und tauchte mit großer Ent⸗ ſchloſſenheit ſeine Feder in das Tintenfaß. vierzehntes Capitel. „Bernhard!“ Clärchens zuckende Lippen ſprachen das Wort nicht aus— den⸗ noch war es ihr, als ob die ganze ſtille dämmrige Stube es wieder⸗ hallt hätte. Sie wollte ſich aus ihrem Sitz am Arbeitstiſchchen im Fenſter aufrichten, aber die Kräfte verſagten ihr; ſie preßte die Hand auf ihr pochendes Herz und ſtarrte nach der Thür. Einen Augenblick darauf ſtand ihr Gatte vor ihr. „Clärchen!“ Der jungen Frau erſte Regung war, ſich an die Bruſt des ge⸗ liebten Mannes zu ſtürzen, und ihm zu ſagen— nein, zu ſagen nichts; nur noch einmal, vielleicht das letzte Mal in ihrem Leben, ſich als ſeine Gattin zu fühlen; aber eine edlere Regung, als beleidigter Stolz, hielt ſie davon zurück. Sie neigte ihr Haupt über ihre Arbeit und flüſterte: „Kommſt Du ſchon?“ „Schon?— das klingt ja, als hätteſt Du mich noch nicht er⸗ wartet— oder gar nicht erwartet?“ Münzer ſagte das ohne alle Bitterkeit. Er war vor Clärchen ſtehen geblieben, mit über der Bruſt verſchränkten Armen, als wolle er ſich ſelbſt verhindern, eine Hand nach der Frau auszuſtrecken, deren Herz ihm nicht mehr gehörte. Clärchen ſchaute zu ihm empor. Ein Blick in ſein blaſſes, gram⸗ zerriſſenes Antlitz genügte, um alle ihre Vorſätze, ruhig und gefaßt zu ſein, zu nichte zu machen. Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Hän⸗ den und brach in ein leidenſchaftliches Weinen aus. ——— — Zweiter Band. 151 Ihr Weinen gab Münzer die Kraft zurück. Er fühlte, daß es an ihm ſei, zu ſprechen und zu handeln. So ſetzte er ſich denn Clär⸗ chen gegenüber in das Fenſter und ſagte ruhig und traurig: „Kannſt Du, und willſt Du mich hören, Clärchen?“ Clärchen antwortete nicht; aber eine leiſe Bewegung des Kopfes und ihr leiſeres Weinen ſagten ja. „Ich will Dir eine Geſchichte erzählen, Clärchen; eine kurze Geſchichte, und Du mußt denken, Die, von denen ſie handelt, ſeien nicht wir, ſondern zwei Menſchen unſrer Bekanntſchaft, denen wir Beide wohlwollen, und deren Schickſal ganz in unſre Hand gelegt iſt. Es iſt die Geſchichte eines Mannes, der arm, unglücklich und ver⸗ düſtert durch ein hartes, ſchweres Loos und durch ſein leidenſchaft⸗ liches Herz, das in ewiger Fehde mit ſeinem beſſeren Wiſſen und Gewiſſen lag, ein Mädchen heirathete, welches gleichfalls das Leben von keiner heitern Seite kennen gelernt hatte, und in Folge deſſen es ebenſowenig, wie der Mann, leicht mit dem Leben nahm. Sie lebten bei einander Jahre lang; ſie theilten, was ſie zu theilen hatten: wenig der Freude, aber deſto mehr des Leides. In ihrem Garten fonnte der Liebe rothe Roſe, die den Sonnenſchein des Glückes ſo ſchwer entbehrt, nicht zur vollen Blüthe kommen. Sie konnte ſich in keinem Augenblicke von dem Gedanken los machen, daß die Ehe für ihren Gatten ein Unglück ſei, weil ſie ihm die freie fröhliche Entfal⸗ tung ſeiner Kräfte unmöglich mache; er ſeinerſeits that nichts, zum wenigſten nicht genug, ſeine Gattin von dem Alp zu befreien, der ſchwer und ſchwerer auf ihrer Seele laſtete. Er verſuchte wohl im Anfang, ihr ihre Sorge wegzuſcherzen und wegzuphilophiren; aber er wurde ungeduldig, als es ihm nicht gelang und bedachte nicht, daß ſeine Heftigkeit und ſein düſtres Weſen ſeine Küſſe und ſeine Worte Lügen ſtraften. So, anſtatt ſich gegenſeitig Troſt und Hülfe zu ge⸗ währen, wie ſie ſich einſt gelobt hatten und wie es auch gewiß ihr Wille war, erſchwerten ſie ſich, Eines dem Andern, das Leben. Selbſt ihre Kinder waren nicht im Stande, den Fluch, der auf ihnen ruhte, zu bannen. Sie konnte der Kinder nicht froh werden, die nur ein Zuwachs zu ſeinen Sorgen waren; zwiſchen ihm und den Kindern wollte ſich kein freundliches Verhältniß geſtalten. Er hatte ſelten Zeit, 152 Die von Hohenſtein. ſich mit ihnen zu beſchäftigen, und wenn er ſie ja einmal auf ſeine Kniee nahm, blickten ſie ſo ſcheu zu dem finſtern Manne empor, daß ſich ſeiner das ſchmerzliche Gefühl, in ſeinem Hauſe ein Fremdling zu ſein, mehr und mehr bemächtigte. „Dennoch liebten ſich die Beiden; aber, weil ſie Beide ſehr ſtolz waren, ſo ſagten ſie es ſich nie, und weil ſie oft ſich nicht zu lieben ſchienen, und ſie nichts thaten, dieſen böſen Schein zu verbannen, ſo ſetzte ſich der Schein auch hier und da an die Stelle der Wirklichkeit, und eine halbe Liebe war für dieſe Beiden keine Liebe. „Bis in die neueſte Zeit war indeſſen Keinem von ihnen der Gedanke gekommen, daß Untreue im gewöhnlichen Sinne ein Wort ſei, welches jemals zwiſchen ihnen genannt werden könne. „Da geſchah es, daß der Mann— durch einen Zufall, der nicht zufälliger ſein konnte— ein Weib kennen lernte, deſſen ungewöhnliche Schönheit ſeine Phantaſie mächtig entflammte, um ſo mehr, als in dem Augenblick, da er ſie zuerſt ſah, ſein Geiſt nach einem mühevollen, undankbaren Tagewerk auf das furchtbarſte verdüſtert war. In dem Rauſche einer fieberhaft überreizten, vernichtungsſeligen Stimmung erſchien ihm dies Weib als das Ideal ſeiner Träume, und er liebte das Weib, wie man im Traume ſich anbetend vor einer Erſcheinung niederwirft, deren Herrlichkeit nicht von dieſer Erde ſtammt. Aber, geſchult in einer herben Philoſophie, die auf jedem Blatte Entſagung lehrt, riß er ſich aus dieſem Traume,— nicht ohne Kampf, nicht ohne Schmerz; aber doch ſo, daß er in dieſem ſchmerzensreichen Kampf ſchließlich Sieger blieb. Dann hat er das Weib noch einmal geſehen, nur um ihr zu ſagen, was ſie ſich zum Theil ſchon ſelber geſagt hatte. Seitdem hat keine Verbindung zwiſchen jenen Beiden, die der blinde Zufall zuſammengeführt und die wache Vernunft getrennt hat, ſtatt⸗ gefunden, bis auf einen Brief, den er vor wenigen Augenblicken erhielt und nicht geleſen hat und nicht leſen wird; denn für ihn iſt ein Vor⸗ hang über jene Scene ſeines Lebens gefallen, und ſoll von ſeiner Hand nicht wieder gelüftet werden. „Dann iſt der Mann zu der Mutter ſeiner Kinder gekommen und hat ihr Alles geſagt, und, Clärchen, wenn Du die verträute Freundin dieſer Mutter wäreſt, wenn Du für ſie denken und be⸗ —,———— Zweiter Band. 153 ſchließen müßteſt, was würdeſt Du ihr rathen, daß ſie ihrem Gatten erwidern ſolle?“ Clärchen hatte ſchon nach den erſten Worten Münzers zu weinen aufgehört; und als ſie jetzt, nachdem er geendigt, das Geſicht zu ihm wandte, lag auf ihrer Stirn und in ihren Augen eine Klarheit und ſichere Ruhe, daß Münzer innerlich davor erſchrak. Und dieſelbe Ruhe und Klarheit ſprach auch aus ihrer Stimme, als ſie ſagte: „Ich danke Dir, Bernhard, daß Du zuerſt geſprochen haſt, daß Du mich aufgefordert haſt, Dir zu ſagen, was ich Dir auch ſo, aber dann mit viel ſchwererem Herzen, geſagt haben würde. Du meinſt es gut, Bernhard; ich bin davon überzeugt; ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr, wie ganz; aber eben, weil ich ſo innig davon überzeugt bin, darf ich nicht zugeben, daß Deine Güte noch länger, wie bisher, die Quelle Deines Unglücks iſt. Du liebſt mich, ſagſt Du,— ich glaube es; Du liebſt die Kinder, ſagſt Du, auch das glaube ich; aber dieſe Liebe iſt nicht die Liebe, mit der Du lieben kannſt, mit der wir geliebt ſein möchten, und, wie Du vorher ſelber ſagteſt: eine halbe Liebe iſt keine Liebe. Ich trage dieſes Schmerzensgefühl mit mir herum, faſt ſo longe ſchon, als ich Dein Weib bin. Hundert und tauſendmal habe ich es Dir geſtehen und Dich bitten wollen, Dich und mich von dieſem Schmerz zu erlöſen;— ich hatte nie den Muth dazu. Jetzt habe ſch den Muth; ich weiß es ſelbſt kaum, woher ich ihn habe, es müßte denn aus der unumſtößlichen Gewißheit ſein, daß wir ſo nicht weiter leben können. Was würde die Folge ſein, wenn wir es ver⸗ ſuchten? Wir würden uns noch ſorgſamer als früher hüten, unſer Unglüd einander merken zu laſſen; aber das Leid, das uns vrückt, würde deshalb nicht leichter werden, es würde im Gegentheil nur noch ſchwerer auf uns laſten, je heimlicher wir es trügen. Da habe ich nun ſo gedacht, Bernhard— aber Du mußt mich recht ruhig und geduldig anhören, vielleicht daß ich in dieſem einen Falle doch klarer ſehe, als Du. Laß uns— nicht für immer, denn eine Stimme in mir ſagt, daß es nicht für immer ſein wird— aber für einige Zeit laß uns uns trennen. Es bietet ſich jetzt die paſſendſte Gelegenheit. Als Du mir vor einer Stunde Nachricht ſandteſt, daß Du gewählt ſeieſt, va habe ich mich zuerſt recht ſatt geweint und dann habe ich 154 Die von Hohenſtein. gedacht: es iſt doch ſo am beſten. Du gehſt in wenigen Tagen nach der Reſidenz; ich könnte dann wohl mit den Kindern hier bleiben, aber in dieſen Räumen kann ich nicht geſunden, und überdies, wer weiß, wie lange die Seſſion dauern wird, und ob, wenn Du zurückkommſt, Du nicht für mich und für Dich zu früh kommſt. Des⸗ halb ſchicke mich und die Kinder— wenn es ſein kann, morgen— ich habe alle Vorbereitungen dazu getroffen— zu meinem alten Onkel. Niemand wird darin etwas finden, denn weshalb ſollte ich nicht die Zeit, in der Du fort biſt, zu einer Reiſe nach dem alten Herrn be⸗ nutzen? und überdies hat Dr. Brand für Karl eine Veränderung der Luft ſchon längſt gewünſcht und angerathen. Dort können wir ſo lange bleiben, wie Du willſt. Den Kindern ſoll es an NRichts fehlen. Ella will ich ſelbſt unterrichten, Latein und das Andre wird Karl vom Onkel lernen, der ja, wie Du ſelbſt ſagſt, ein Gelehrter iſt und ſo gern und ſo gut unterrichtet. Was ſagſt Du dazu, Bernhard?“ „Daß Du recht haſt, vollkommen recht, vollkommen.“ Münzer erhob ſich und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. Es war mittlerweile ſo dunkel geworden, daß Clärchen nicht mehr im Stande war, den Ausdruck ſeines Geſichts deutlich zu erkennen. Der Ton aber, in welchem er geſprochen, hatte etwas ſo Beängſtigendes für ſie, daß ſie ſich ſchnell erhob und an ihn herantretend und die Hand auf ſeinen Arm legend, ſagte: „Bernhard, glaubſt Du, daß ich Dich liebe?“ „O gewiß,“ ſagte Münzer in demſelben gepreßten unheinlichen Ton,„mit jener halben Liebe, die eben keine Liebe iſt.“ Clärchen nahm ihre Hand von ſeinem Arm. Sie wußte, daß es jetzt nur an ihr liege, ihren Gatten zurückzuhalten, aber ihr Entſchluß ſtand feſt. „Du willigſt alſo in meinen Vorſchlag?“ „Gewiß.“ „Und erlaubſt, daß wir morgen reiſen?“ „Um ſo lieber, als ich ſelbſt ſchon morgen nach der Reſidenz zu gehen gedenke, wo ich jetzt beſſer wirken kann, als hier.“ „Darf ich Dir Dein Abendbrod beſorgen?“ „Ich danke, ich muß doch noch einmal ausgehen.“ 40 Zweiter Band. 155 „Dann lebe wohl, Bernhard; ich will zu den Kindern.“ „Lebe wohl!“ Münzer war ſchon an der Thür. Er zögerte, bevor er ſie öffnete. In Clärchens Bruſt wogte ein wilder Schrei: Bernhard, Bernhard! — aber kein Ton kam über ihre Lippen— und die Thür ſchloß ſich hinter der dunkeln geliebten Geſtalt. Clärchen ſtand noch einen Angenblick in dem dämmrigen Gemach, die Hände an ihre prennenden Schläfen gedrückt, dann ging ſie leiſe in das Schlafgemach ihrer Kinder. Fünßehntes Capitel. In dem Familienzimmer des Hauſes in der ufergaſſe war es vereits ſo dunkel, daß man dicht an das Erkerfenſter herantreten mußte, um in den beiden Frauengeſtalten, die dort ſaßen, Tante Bella und Ottilie zu erkennen; während die Geſtalt Onkel Peters, der in der Tiefe des Gemaches auf⸗ und niederging, ſich kaum von der alter⸗ gebräunten Tapete abhob. Es hatte zwiſchen den Geſchwiſtern ein langes Geſpräch über Familienverhältniſſe ſtattgefunden, das zuletzt eine für Peter peinliche Wendung genommen hatte und das er des⸗ halb mit den Worten:„Nun gut, ſo müſſen wir wieder von vorne aufangen und damit baſta!“ abzubrechen ſuchte. Aber Tante Bella war nicht ſo leicht zum Schweigen zu bringen — beſonders in dieſer ſtillen Dämmerſtunde, in der es ſich ſo ſchön ſprach— und ſie erwiderte mit großer Lebhaftigkeit: „Ja weln es damit abgemacht wäre! aber ſo weiß ich beſſer, was Alles für Dich hinter dem Baſta! ſteckt, wieviel Mühen, Sorgen und ſchlafloſe Nächte!“ „So laß doch wenigſtens Deine Jeremiaden, bis wir allein ſind!“ ſagte Peter ärgerlich;„was ſoll denn das arme Kind von dem Allen hören.“ 156 Die von Hohenſtein. „Ottilie iſt alt genug, um das Leben ſehen zu können, wie es iſt,“ ſagte Tante Bella;„nicht wahr, Ottilie?“ „Das wohl!“ erwiderte Ottilie;„aber, nimm es mir nicht übel, Tantchen: ich ſehe auch nicht, wie Onkel anders handeln könnte.“ „Nicht wahr?“ ſagte Peter mit großer Lebhaftigkeit;„Du biſt ein braves Mädchen! aber ſag' Deine Meinung mal frei heraus! warum glaubſt Du, daß ich ſo und nicht anders handeln muß?“ „Weil Du die Tendenz der Zeitung nicht ändern kannſt, ohne Deiner Ueberzeugung untreu zu werden, und das, denke ich mir, iſt das Schrecklichſte, was ein Menſch thun kann.“ „Mädchen!“ ſagte Onkel Peter, ſtehen bleibend;„Du biſt mein Fleiſch und Blut!“ Onkel Peter hatte das gegen ſeine Gewohnheit ſo weich und innig geſprochen, daß Ottilie von ihrem Platz am Fenſter zu ihm eilen und ihn an ihr Herz drücken mußte. Onkel Peter ließ ſie nicht wieder von ſich; er legte ſeinen Arm um den ſchlanken Leib und begann in langſamerem Tempo ſeine Wanderung von Neuem. „Natürlich!“ ſagte Tante Bella;„ich habe Waſſer in den Adern; ich habe keine Eingeweide; ich bin aus dem Monde;“ und dabei richtete Tante Bella ihre Augen auf die goldne Schale des Mondes, die eben über den Firſt der gegenüberliegenden Dächer heraufkam. Ottilie machte eine Bewegung nach dem Fenſter hin, aber Onkel Peter hielt ſie zurück. „Ich kenne Dich beſſer, Bella,“ ſagte er,„und weiß, daß kein braveres Herz ſchlägt, als Deines, aber von der Politik verſſ Du ein für alle Mal nichts.“ „Und will auch gar nichts davon verſtehen,“ rief Tante Bella in großem Eifer;„Gott ſoll mich bewahren! ich habe noch nicht bemerkt, daß aus der Politik auch nur das mindeſte Gute gekommen wäre, aber, großer Himmel, wie viel Schlechtes! Wenn Ihr ſonſt nicht den Schatten von dem Schatten eines Grundes für Eure Ueberſpannt⸗ heiten aufbringen könnt— dann iſt es immer die Politik, die Euch dieſe vernünftige Handlung nicht thun läßt und jene Thorheit wieder zu begehen zwingt, und ſo fort, daß einem andern ehrlichen Menſchen angſt und bange dabei werden kann. Weil es gegen ſein demokratiſches Zweiter Band. 157 Gewiſſen iſt, ſich von Andern helfen zu laſſen, hungert der Menſch, der Cajus, mit ſeinem zerbrochenen Arm in ſeiner Dachſtube;— weil er nun einmal partout eine politiſche Rolle ſpielen muß, verſchenkt Herr Münzer ſein mühſam erworbenes Geld an Krethi und Plethi und ſieht in Hinz und Kunz viel lieber ſeinen Nächſten als in ſeiner eigenen Frau und ſeinen eigenen Kindern. Als politiſcher Charakter mußt Du die Zeitung aufgeben, an der Deine ganze Seele hängt, und Dir eine Zukunft bereiten, vor der Du innerlich ſchauderſt.— Ja, und ich möchte nur wiſſen, welches Recht Ihr habt, auf die Andern zu ſchelten, die nicht ſo thun, wie Ihr wollt, und die ſich für ihr ſchlechtes Thun ja auch auf ihre politiſche Stellung berufen können und berufen! Du ſchiltſt auf die Ariſtokraten, der Stadtrath ſchilt auf die Demokraten; Dein Grundſatz iſt: Gleich und Gleich geſellt ſich gern; der Stadtrath ſagt daſſelbe. Warum ſoll er uns alſo nicht ſein Haus verbieten? warum ſoll Wolfgang nicht Officier werden und Camilla heirathen? Was Einem recht iſt, iſt dem Andern billig.“ Eine Rechtfertigung, oder gar ein Lob des Stadtraths war etwas ſo Ungewöhnliches in Tante Bella's Munde, daß Peter im erſten Augenblicke vor Erſtaunen gar nicht wußte, was er erwidern ſollte. Ottilie hörte nur, wie ſchwer und haſtig er athmete; ſie fürchtete einen Ausbruch ſeiner Heftigkeit und ſagte deshalb ſchnell und leiſe:„Sei der Tante nicht bös, Onkelchen; ſie meint es ja ſo gut.“ Aber wie leiſe Ottilie das auch geſagt hatte, Tante Bella's ſcharfes Ohr hatte es doch vernommen:„Ich kann meine Sache ſchon allein führen, Kind,“ ſagte ſie bitter,„und brauche keinen Advokaten.“ „So?“ ſagte Onkel Peter,„brauchſt keinen Advokaten?— Laß mich, Kind, ich bin vollkommen ruhig; ich hätte viel zu thun, wenn ich über dergleichen in Aufregung gerathen ſollte. Aber das ſage ich Dir, Bella, wenn Du noch einmal einem Menſchen das Wort redeſt, der ſich ſo ſchwer an mir verſündigt, der mich um das Glück meines Lebens betrogen und ſchließlich ſein Werk damit gekrönt hat, daß er dieſes Kind hier— mein Kind— von ſeiner Schwelle gewieſen hat— ſo ſoll—“ Peter Schmitz ſchlug ſich vor den Kopf und murmelte den alten 158 Die von Hohenſtein. Spruch durch die Zähne, deſſen Weisheit ihn ſchon durch ſo manches Irrſal ſicher geleitet hatte:„ruhig, Peter, ruhig!“ „Nun, was ſoll dann mit mir geſchehen?“ fragte Tante Bella mit einer Stimme, die ironiſch klingen ſollte, aber ſehr weinerlich klang;„was giebt es denn, was ſo ſchlecht iſt, daß es gut genug für Bella Schmitz wäre? Sprich es doch nur aus: überraſchen wird mich Nichts, davon ſei überzengt!“ „Adieu, Ottilie!“ ſagte Peter Schmitz, ſeiner Nichte ſo heftig die Hand drückend, daß ſie beinahe vor Schmerz aufgeſchrieen hätte, und er eilte nach der Thür. Als er ſie noch nicht erreicht hatte, wurde ſie von draußen geöffnet und eine hohe Geſtalt trat in das halbdunkle Gemach. „Wer da?“ ſchrie Peter. „Ich bin's,— Wolfgang! ich hörte ſprechen, und ſo bin ich hereingetreten. Es freut mich, daß ich Dich treffe, Onkel; ich komme, um Abſchied von Dir zu nehmen.“. „Den ich von Dir und Deinem Vater ſchon längſt genommen habe;“ rief Peter Schmitz, rannte, ohne Wolfgangs dargebotene Hand zu berühren, aus der Thür und warf dieſelbe ſo ungeſtüm hinter ſich zu, daß der Knall wie ein Donnerſchlag durch den weiten öden Haus⸗ flur hallte. Wolfgang war über dieſen Empfang, deſſen Unfreundlichkeit ſelbſt ſeine ſchlimmſten Erwartungen weit übertroffen hatte, zu beſtürzt, um gleich zu einem Entſchluß kommen zu können. Dann erinnerte er ſich, daß Onkel Peter in der That Fug und Recht hatte, ſich beleidigt zu fühlen, und daß es an dem Sohne ſei, die Schuld des Vaters zu fühnen. So trat er denn näher an das Erkerfenſter heran, das jetzt beinahe ganz von dem traulichen Schein des Mondes ausgefüllt war und ſagte: „Ihr werdet mich nicht ungehört verdammen, Tante Bella, und Du, liebe Ottilie?“ „Da möchteſt Du Dich doch irren;“ erwiderte Tante Bella, in deren Adern das ſchon vurch den Streit mit ihrem Bruder aufgeregte Schmitz'ſche Blut durch den Anblick des Verräthers vollends zu ſtürmen begann:„und was wäre da noch zu hören? ich dächte, die Thatſachen —— Zweiter Band. 159 ſprächen deutlich genug. Iſt das der Lohn für all' die Liebe, die wir an Dich verſchwendet haben? Wann biſt Du zu uns gekommen, als kleiner Junge, wo Tante Bella nicht einen Apfel und eine Geſchichte für Dich gehabt hätte, und Onkel Peter einen Bilderbogen, oder eine Feder mit bunter Fahne, oder ein hübſches Buch? Wann biſt Du zu uns gekommen, nachdem Du erwachſen warſt, wo ich Dich nicht mit offnen Armen aufgenommen, und mein armer Bruder, der nie für ſich ſelbſt Wein trinkt, die beſte Flaſche heraufgeholt hätte, die er im Keller hat? Wann haſt Du je aus meinem Munde, oder aus ſeinem Munde etwas Anderes als freundliche Worte gehört, die wir genau ſo meinten, wie wir ſie ſagten? Und was iſt der Dank dafür geweſen? Ich will von mir nicht reden, denn auf mich kommt ſchließ⸗ lich nichts an; aber wie habt Ihr meinen armen Bruder behandelt, von dem ein Haar auf ſeinem Haupte hunderttauſendmal mehr werth iſt, als Ihr Alle zuſammengenommen? verbittert habt Ihr ihm das Leben; ja, ja! eben hat er es noch ſelbſt geſagt: verſündigt habt Ihr Euch an ihm, ſo ſchwer, wie ſich ſonſt kein Menſch an ihm verſündigt hat; vergällt habt Ihr ihm das Leben, daß er nun ſelbſt von uns nichts mehr wiſſen will, und an mir ſeinen Zorn ausläßt, der Euch und Euch allein zukommt. Aber treibts nur ſo weiter, und Ihr wer⸗ det ja ſehen, wohin das führt! verachtet nur immer Eure Verwandten in der Ufergaſſe, und werft Euch Eurer adligen Sippe in die Arme! ſtolzire Du nun einher im bunten Rock, wie Joſeph! Du wirſt ſchon noch, wie Joſeph, in eine Grube gerathen, denn Hochmuth, Wolfgang, Hochmuth kommt vor dem Fall! Heirathe Du nur immer Dein gnädiges Fräulein! mir ſoll es recht ſein! aber das verlange nur nicht, Wolfgang, daß Tante Bella jetzt noch zu Dir hält, wie früher; das verlange nicht, Wolfgang, daß ich Dich in mein Gebet aufnehme, wie ich es noch jeden Abend gethan, ſeitdem ich Dich über die Taufe hielt. Ich will Dir nichts Böſes wünſchen— aber beten, Wolfgang, beten kann ich nicht mehr für Dich!“ Tante Bella hatte ſich erhoben und war von dem Tritt im Fenſter heruntergeſtiegen und auf Wolfgang zugetreten, denn Tante Bella ver⸗ handelte mit ihren Freunden gern Aug' in Auge. Als Wolfgang nun noch immer ſchwieg und auch nicht einmal den Verſuch einer 160 Die von Hohenſtein. Erwiderung gemacht hatte, gerieth Tante Bella in Zweifel, ob ſie über eine ſolche Verſtocktheit nicht in noch größeren Zorn gerathen ſolle, oder ob ſie nicht doch vielleicht dem armen Jungen bitter Unrecht gethan habe und ihm deshalb um den Hals fallen und ihn um Ver⸗ zeihung bitten müſſe. Da ſie in dem Drang des Augenblicks nicht mit ſich darüber einig zu werden vermochte, welcher von den beiden der für ſie würdigere und den Umſtänden angemeſſenere Ausgang ſei, ſo begnügte ſie ſich, laut auf zu weinen, in die Nebenſtube(ihre Stube) zu eilen, die Thür etwas unſanft hinter ſich zuzumachen und ſodann— zum Zeichen, daß ſie vorläufig mit der böſen, nichtsnutzigen Welt nichts mehr zu thun haben wolle,— den Schlüſſel umzudrehen und zum Ueberfluß den Riegel vorzuſchieben. Wolfgang hatte ſich während des Sturmes, der ſo unverſehens über ihn hereingebrochen war, nicht von der Stelle gerührt. Seine Augen waren unverwandt auf die ſchlanke, vom Mondſchein umſpielte Geſtalt Ottiliens gerichtet geweſen, als käme es ihm einzig und allein darauf an, ob das ſchöne ſanfte Mädchen ihn auch verdammen würde, wie die Andern; ja er hatte mit Beſtimmtheit erwartet, daß ſie der Tante in das Wort fallen und für ihn ſprechen werde. Aber Ottilie ſchwieg, ſchwieg auch jetzt, und ſchmerzlich enttäuſcht wandte ſich Wolf⸗ gang, um ſtill, ohne Klage, ohne Vorwurf, die ungaſtliche Schwelle wieder zu überſchreiten. Da hörte er hinter ſich das eilige Rauſchen eines Gewandes, eine warme Hand ergriff mit ſanftem Druck ſeine Hand und eine melodiſche Stimme ſagte: „Wolfgang, geh' nicht ſo fort! geh' nicht fort, ohne mir geſagt zu haben, daß Du dem Onkel und der Tante verzeihen willſt!“ Wolfgang ſchaute in das liebliche, von Thränen überfloſſene Antlitz, und bei dieſem Anblic verſchwand Alles, was von Bitterkeit noch in ſeiner Seele war. „Habe Dank, Ottilie!“ ſagte er— und ſeine Finger ſchloſſen ſich feſter um die zarte Hand, die in der ſeinen ruhte.—„Wie Du mir neulich Abends an dem Bette der Mutter erſchienſt, ſo erſcheinſt Du mir heute— ein Engel, der Troſt und Frieden bringt. Lebe wohl!“ „Ich will Dich hinaus begleiten“ ſagte Ottilie;„es iſt ſo dunkel auf der Gallerie, und Du biſt ſo lange nicht hier geweſen.“ * Zweiter Band. 161 Wolfgang hätte ſeinen Weg zum Hauſe hinaus recht wohl auch im Dunkeln finden können, aber er machte keinen Verſuch, Ottilien zurückzuhalten. So gingen ſie denn Hand in Hand über die ſchmale Galerie die enge knarrende Treppe hinab. Unterdeſſen ſagte Ottilie: „Iſt es wahr, Wolfgang, daß Du Officier wirſt?“ „Und daß Du,— daß Du verlobt biſt?“ „Ja.“ „Und daß Du von hier fortgehſt?“ „Schon morgen früh— auf ein halbes Jahr; nicht wahr, nun giebſt Du mich auch auf, wie die Andern?“ „Nein, Volfgang, Du ſiehſt viel zu gut und edel aus! Du kannſt nichts Schlechtes thun; mich dauert nur Deine arme Mutter; ſie wird Dich ſchwer vermiſſen.“ „Willſt Du zu ihr gehen, Ottilie, wenn ich Dir verſpreche, daß der Vater ſelbſt Dich bitten wird, ſo oft Du kannſt, zu kommen?“ „Deſſen bedarf's gar nicht, wenn ich nur weiß, daß ich kommen darf. Ich habe Deine Mutter ſehr lieb.“ „Und ſie Dich, und ich habe Dich auch lieb, Ottilie— ſehr lieb.“ Wolfgang ſtand am Fuße der Treppe, Ottilie auf der letzten Stufe. Durch die weit offen ſtehende Hausthür fiel ein breiter Mon⸗ denſtreif in den Flur, aber an der Stelle, wo ſie ſtanden, war es dunkel, ſo daß Wolfgang nur eben die Umriſſe von Ottiliens Geſtalt wahrzunehmen vermochte. Er beugte ſich näher zu ihr; der warme Athem ihres Mundes berührte ſeine Wange. „Lebe wohl, Ottilie!“ „Leb' wohl, lieber Wolfgang, viel tauſendmal!“ Sie hatten ihre Arme, Eines um das Andere, geſchlungen und ihre Lippen begegneten ſich. Und ſchnell, wie ſie ſich gefunden, hatten ſie ſich auch wieder ge⸗ trennt. Ottiliens leichte Geſtalt eilte die dunkle Treppe hinauf; Wolf⸗ gang trat durch die Hausthür in die vom Dämmerſchein des Mondes erfüllte Gaſſe. gr. Spielhagen's Werke. VIII. 11 162 Die von Hohenſtein. Sechszehntes Capitel. Er wanderte langſam, in tiefes Sinnen verloren, die Gaſſe hinab. In ſeiner Seele war es, wie draußen, nicht hell und nicht dunkel— eine magiſche Dämmerung, in welcher Alles, was ihn in den letzten Stunden bewegt hatte, in neuen Formen und Verhältniſſen erſchien, wie ſeinem Auge die altbekannte Umgebung. Die bittern Worte, die er ſoeben aus Onkel Peters und der Tante Munde vernommen, klan⸗ gen noch in ſeinem Ohr, aber wie Diſſonanzen, welche die Kunſt des Meiſters zu einem höheren Accord harmoniſch verklingen läßt; eine liebliche Mädchenſtimme, die aus dem Dunkel, wie Engelsgeſang, an ſein Ohr und in ſein Herz tönt, eine weiche Mädchenhand, die ihn die ſchmale Treppe hinableitet, ein paar thaufriſche Lippen, die ſich zum herzlichen Kuß auf ſeine Lippen drücken: Leh wohl, lieber Wolf⸗ gang, viel tauſendmal!— Und dann dachte Wolfgang des andern Abſchieds, den er heute genommen— im hellen, grellen Lichte des Tages, in einem prächtigen Zimmer— von einer bildſchönen, jungen Dame, die, als er, die Seele voll Schmerz und Zorn, nach der Thür ſchritt, die Augen nicht von ihrer Arbeit hob, weil ſie eben mit der Nadelſpitze die Stiche ab⸗ zuzählen hatte,— und dann dachte er, daß dieſe junge Dame das Mädchen ſei, das er liebe und zu ſeiner Gattin haben werde, um mit ihr Freud und Leid zu theilen, und ſich nie von ihr zu trennen, bis der Tod ſie ſcheide.— In dieſem Augenblicke, wo er, unbeachtet von all' dieſen Menſchen, die an ihm vorübertrieben, oder in den Thüren ſtanden und plauderten, einſam durch die Gaſſen dahinſchritt, ſaß ſie, umgeben von ihrem Hofſtaat, auf dem Deck des Dampfers, lächelnd, huldvoll, ſich bald zu Dieſem, bald zu Jenem wendend!— Wie deut⸗ lich er das Alles ſah! wie deutlich er Alles hörte! Aureliens keckes Lachen, Willamowsky's affectirtes Schnarren, der Präſidentin langſam⸗ phlegmatiſche Rede— und durch das Geplapper und Gelächter ſagte eine liebe, ſanfte Stimme: leb' wohl, lieber Wolfgang, viel tauſendmal! — —— Zweiter Band. 163 Es war ein wunderliches Hinüber und Herüber— eine Quint⸗ eſſenz des alten Zwieſpalts, der ſich durch ſein ganzes Leben zog, und der in letzter Zeit immer deutlichere Form gewonnen hatte, bis er ſich nun ſchließlich in die Geſtalten zweier ſchöner Mädchen kleidete, von denen das eine, welches er ſeine Braut nannte, ihn heute entlaſſen hatte, wie man einen gleichgültigen Beſuch entläßt, und das andere, das er heute zum zweiten Mal in ſeinem Leben ſah, von ihm ge⸗ ſchieden war mit Gruß und Kuß, wie eine liebe Braut: Leh' wohl!— leb' wohl, lieber Wolfgang, viel tauſendmal! Wolfgang hatte die Abſicht gehabt, noch heute Abend Münzer aufzuſuchen, und ſo hatte er denn auch unwillkürlich den Weg nach der Gegend der Stadt eingeſchlagen, in welcher der Freund wohnte. Als er in einer der einſameren Straßen dieſes Quartiers, die zum großen Theil von Gärten begrenzt wurden, dahinſchritt, ſah er auf der andern Seite einen Mann gehen, deſſen Haltung und Größe ihn an Münzer erinnerten. Er bog deshalb über die Straße hinüber; in demſelben Augenblicke aber verſchwand die Geſtalt in der Thür eines der Gärten, der ſich durch farbige Lampions, die hier und da an den Bäumen befeſtigt waren, als ein öffentlicher Garten ankündigte. Wolfgang war im Begriff umzukehren; er wußte, daß Münzer grund⸗ fätzlich niemals dergleichen Locale beſuchte. Und doch war der Mann Münzer ſo ähnlich geweſen— vielleicht wollte er hier Jemand er⸗ warten— Wolfgang trat ebenfalls in den Garten und folgte der Geſtalt, die den langen Gang, welcher von der Eingangspforte zum Hauſe führte, halb hinauf ging, dann in einen der ſchmaleren Seiten⸗ wege einbog und zuletzt in eine der kleinen Lauben trat, in denen über einem runden Tiſchchen, um welches ein paar Stühle ſtanden, ein trüb brennendes Licht in einem Glaskelch herabhing. Als Wolfgang die Laube erreicht hatte, hörte er, wie der Mann bei der hübſchen Kellnerin, die ihm gefolgt war, Wein beſtellte, und dann ſah er, wie der Mann den Hut abnahm und den Kopf aufſtützte, daß die dunklen Locken wirr und wild über die ſchlanken weißen Hände fielen. Es war Münzer. Dennoch zauderte Wolfgang, den Freund anzureden. Mürzer hatte augenſcheinlich dieſe einſame Laube in dem ſtillſten Theil eines A2 164 Die von Hohenſtein. wenig belebten Gartens nicht aufgeſucht, um in Geſellſchaft zu ſein— ja, in ſeiner ganzen Haltung lag ein Etwas, das Wolfgang mit Mit⸗ leid, ja faſt mit Beſorgniß erfüllte. Bevor er aber noch zu einem Entſchluß gekommen war, ließ Münzer mit einem tiefen Seufzer die Hände von dem Geſicht gleiten, richtete den Kopf in die Höhe und ſeine Augen fielen auf den Jüngling, der nun mit dargebotener Hand und herzlichem Gruß herantrat. „Wolfgang!“ rief Münzer erſtaunt;„biſt Du's wirklich! Wie kommſt Du hierher?“ „Ich ſah Sie in den Garten treten und bin Ihnen nachgegangen; ich war auf dem Wege zu Ihnen; ich will morgen fort; es wäre mir ſchmerzlich geweſen, wenn ich hätte abreiſen müſſen, ohne vother von Ihnen Abſchied genommen zu haben.“ „Du willſt fort?“ ſagte Münzer zerſtreut;„wohin willſt Du? ja, ich erinnere mich: ſie haben's mir ja erzählt. Du willſt Soldat wer⸗ den, oder biſt es ſchon geworden, obgleich man Dir allerdings nichts davon anſieht. Und verlobt haſt Du Dich auch mit Deiner ſchönen Couſine! Was nicht Alles in ein paar Monaten aus einem harm⸗ loſen Muſenſohne werden kann! Aber komm, Wolfgang, ſetze Dich zu mir! Das hübſche Mädchen bringt uns noch ein Glas— nicht wahr, Kleine?— und dann erzähle mir: wie denn dies Alles ſo gar wunderſam gekommen iſt!“ Münzers bleiches Ausſehen und das düſtre Feuer, das in ſeinen großen Augen brannte, ſtanden in einem unheimlichen Gegenſatz zu der Heiterkeit, zu der er ſich zwang. Wolfgang fiel das ſchmerzlich auf; auch entging ihm nicht, daß Münzer ſeiner Erzählung nur geringe Aufmerkſamkeit ſchenkte, wenn er überhaupt zuhörte. Die Ueberzeugung, daß dem Freunde etwas beſonders Unangenehmes begegnet ſein müſſe, bemächtigte ſich ſeiner ſo ſehr, daß er mitten in ſeinem Bericht abbrach und ſeine Hand auf Münzers Hand legend, ſagte:„Münzer, was haben Sie, was iſt Ihnen?“ „Mir?“ ſagte Münzer, wie aus einem Traum erwachend;„was ſoll mir ſein?“ „Sie hören nicht, was ich ſage.“ „Doch, doch— ich habe Alles gehört, iedes Wort— und ich ——— Zweiter Band. 165 habe mich im Stillen über den Parallelismus unfrer beiven Lebens⸗ linien gewundert. Mit unſerem Streben nach dem Großen und Ganzen wären wir Beide in den kleinen Halbheiten einer gewöhnlichen Exiſtenz verkümmert— nun packt uns das Schickſal an den Schultern, ſchleu⸗ dert uns in die Arena des öffentlichen Lebens und zwingt uns, den Kampf aufzunehmen, dem wir ſonſt vielleicht feige aus dem Wege ge⸗ gangen wären. Jetzt heißt es: Sieg oder Tod! Die Thore flogen donnernd hinter uns zu; zurück in den Pferch der Alltäglichkeit können wir nicht mehr.“ „Das trifft für Sie zu, Münzer, der Sie jetzt als Erwählter des Volkes die Geſchicke der Nation zu lenken berufen ſind. Sie treten jetzt auf den bedeutenden Schauplatz, der Ihnen endlich den nöthigen Spielraum für die Schwingen Ihres Genius bietet. Für Sie hat die Zeit gearbeitet, und Sie gehen mit der Zeit— da kann der Sieg nicht fehlen. Aber ich? ich habe das ſchlimme Bewußtſein, daß ich gezwungen bin, gegen den Strom der Zeit zu ſchwimmen, und der Strom wird mich auf den Sand ſetzen,— auf den Sand des Parade⸗ platzes— das iſt die Arena, die mir ſich öffnet. Ich zweifle ſehr, daß in dieſer Arena große Lorbeeren zu erringen ſind.“ „So meine ich es auch nicht,“ erwiderte Münzer;„die Hauptſache iſt, daß Du in Kreiſe kommſt, die das beneidenswerthe Vorrecht haben, ſich über die Erbärmlichkeiten enger und gedrückter Verhältniſſe, in denen wir Andern unfre beſten Kräfte zu Grabe tragen, wegſetzen zu können. Wenn ſich Tauſende dieſes Vorrechts nicht bedienen, ſo darfſt Du und wirſt Du ihrem Beiſpiele nicht folgen. Du wirſt, wenn der Alte auf Rheinfelden ſtirbt, reich— ich glaube ſogar, ſehr reich wer⸗ den. Reichthum iſt Einfluß und Macht. Gebrauche dieſe Macht, ge⸗ brauche dieſen Einfluß. Wo wir Andern unſre nackten Hände an der Feſte des Wahns blutig ringen— da kannſt Du Minen graben und allein in einer Secunde die Arbeit thun, an der Hunderte von uns ſich Jahre lang vergeblich quälen. Und ſchilt mir nicht auf Dein Soldatenthum! Die Armeen ſind die eiſernen Zuchtruthen unfrer Herren. Brich dieſe Ruthen und ihr Arm iſt ohnmächtig, wie eines Kindes Arm. Ein Freund im Lager des Feindes— das iſt ſoviel wie ein Thor, das man zu ſchließen vergaß, ein Poſten, der bei einem 166 Die von Hohenſtein. nächtlichen Ueberfall kein Alarmzeichen giebt, ein Bataillon, das im Augenblicke der Entſcheidung zu uns übergeht. Ich wollte, ich könnte jede zweite Officierſtelle in Europa mit einem der Unſern beſetzen und in acht Tagen würde Europa frei ſein.“ „Eine Freiheit, die durch tauſendfachen Verrath in's Leben träte! — Nein, nein, Münzer, eine ſo niedrig geborene Freiheit iſt nicht die Freiheit, die ich meine. Allerdings müſſen die europäiſchen Armeen andere werden, wenn die Freiheit der Völker geſichert ſein ſoll,— und ſie werden andere werden— ich würde noch heute zurücktreten, wenn ich nicht davon überzeugt wäre— aber, ich meine mit Herrn von Degenfeld: es iſt thöricht, ein Volksheer zu wollen, bevor wir noch ein Volk ſind.“ „Umgekehrt!“ rief Münzer mit finſterem Lachen;„es iſt thöricht, zu hoffen, wir könnten je ein Volk werden, wenn wir nicht, ſo oder ſo, vorher ein Volksheer auf die Beine gebracht haben. Nein, nein, mon cher, Du biſt befangen in dem Wahn, in welchem Holm und Dein Onkel Schmitz und alle die Andern befangen ſind: es ließen ſich die Schäden des Staates mit den Medicamenten wohlgemeinter all⸗ mäliger Reformen heilen. Dieſe Staatskünſtler werden ihre Kunſt ſehr bald erſchöpfen, und dann wird der Appel an die ultima ratio der Könige ſtattfinden, die auch die ultima ratio der Völker iſt. Dann wird das Eiſen heilen, was die Medicamente nicht zu heilen vermoch⸗ ten, und manch' Scheiterhaufen wird brennen müſſen, bevor die Stick⸗ luft des Polizeiſtaates ſo weit gereinigt iſt, daß eine freie Bruſt frei zu athmen vermag. Ich ſage Dir, Wolfgang, es wird eine Zeit kom⸗ men, wo die große Idee, deren Verwirklichung wir unſer Leben ge⸗ weiht haben, furchtbar wie das jüngſte Gericht, ſchreiten wird durch Europa vom Aufgang bis zum Niedergang und vom Niedergang bis zum Aufgang, wo der tiefſte Grund der Menſchheit wird aufgewühlt werden, damit aus dem Chaos eine neue Welt erſtehe. Wohl ihm, der ſich aus der Sündfluth rettet! aber wir müſſen uns darauf gefaßt machen, daß wir nicht errettet werden, ſondern Angeſichts des Landes der Verheißung untergehen; müſſen darauf gefaßt ſein, daß ſie, die uns die Liebſten ſind, vor unſern Augen untergehen, oder, was noch ſchlimmer iſt, uns von ſich ſtoßen, um ſich deſto ſicherer Zweiter Band. 167 retten zu können. Das aber ſoll und darf Den nicht hindern, der begnadigt iſt, die Idee zu ſchauen— ſein Loos iſt von Alters her immer daſſelbe geweſen. Vater und Mutter haben ihm geflucht, die Freunde haben ihn verrathen, ſein Weib hat ſich von ihm gewandt und ſeine Kinder haben ihn verleugnet; die ſchöne weite Erde hat man ihm zur Wüſte gemacht, und wenn die Füchſe ihre Höhlen haben— er hat nicht gehabt, wo er ſein Haupt hinlege. Und doch muß er ſeinen einſamen Weg gehen, denn, was ihn treibt, iſt viel mächtiger, denn er, und ſo iſt das Klagen nutzlos und die Thränen ſind nutzlos und Alles, was ihm bleibt, iſt der Glaube an die Idee, die vor ihm herzieht, wie der goldne Stern der Verheißung.“ Münzers Antlitz glühte, ſeine Augen leuchteten von dem Feuer, das in ſeiner Seele brannte— aber es war nur ein Moment— dann nahm ſein Geſicht wieder den abgeſpannten, ſchmerzensreichen Ausdruck von vorhin an. Er ſchob das Glas, das er kaum berührt hatte, von ſich und ſagte:„Du mußt gehen, Wolfgang; es wird ſpät und Du willſt morgen früh fort.“ „Und Sie?“ „Ich bleibe noch hier; der Abend iſt ſo ſchön, der Garten ſo ſtill; ich habe ſo Manches zu überdenken,— das kann ich hier beſſer, als zu Hauſe— und dann ſiehſt Du— die Flaſche iſt noch beinahe voll, die muß doch erſt geleert werden.“ Um Münzers Lippen zuckte ein ſchmerzliches Lächeln. Wolfgang erhob ſich; es war klar, daß Münzer allein ſein wollie. „Leben Sie wohl, Münzer,“ ſagte er;„wann ſehe ich Sie in der Reſidenz?“ „In wenigen Tagen hoffentlich, lebe wohl!“ Er reichte Wolfgang über den Tiſch die Hand. Wolfgang verließ die Laube. Als er ſich in dem dunklen Gange umwandte, ſah er, daß Münzer wiederum den Kopf in beide Hände geſtützt hatte— ein Bild ſchmerzensreicher, leidvoller Vereinſamung. Wolfgang empfand das tiefſte Mitleid mit dem unglücklichen Mann. Er wäre gern wieder umkehrt— aber er wagte es nicht, und ſeufzend verließ er den Garten.. ——— 168 Die von Hohenſtein. Am folgenden Morgen gleich nach ſieben Uhr kam eine offene Equipage ſehr ſchnell vor dem Portale des Bahnhofgebäudes vorge⸗ fahren. In der Equipage ſaßen die Präſidentin von Hohenſtein und Camilla. „Iſt der Zug ſchon fort?“ fragte die Präſidentin den Portier, der an den Wagen getreten war. „Seit fünf Minuten!“ erwiderte der Mann. „O, wie fatal!“ rief die Präſidentin. „Ich ſagte es ja gleich!“ meinte Camilla, die ſich nicht aus ihrer Ecke aufgerichtet hatte. „Nun, wir ſchreiben ihm— ſo was arrangirt ſich auch beſſer ſchriftlich;“ ſagte die Präſidentin.—„Nach Hauſe, Jean!“ Siebenzehntes Capitel. Der kurze Wintertag ging zu Ende. Die Sonne, welche ſich den Tag über nur dann und wann als matte röthliche Scheibe durch den Wolkendunſt hatte ſehen laſſen, kam, bevor ſie unter den Horizont ſank, zum Vorſchein, und goß ihr Licht über die graulichen Waſſer des von den winterlichen Regengüſſen angeſchwollenen, hier und da mit Eisſchollen treibenden Stromes, und über die ſchwarzen, von den Winterſtürmen kahl gefegten Felder. Es war ein trübes, ahnungs⸗ volles, melancholiſches Licht, und ſo erſchien es auch dem alten Mann und der jungen Dame, welche in dem Pfarrgarten des Dorfes Kirch⸗ heim, dem beſcheidenen einſtöckigen Hauſe gegenüber in dem Gange neben der hohen Tannenhecke auf und ab promenirten; aber die beiden Kinder, die zwiſchen den entlaubten Büſchen und blumenloſen Beeten Haſchens ſpielten, klatſchten in die Hände und das kleine Mädchen rief:„O, das ſchöne Feuer!“ „Das iſt kein Feuer, Ella,“ ſagte der Knabe. „Doch,“ erwiderte die Kleine lebhaft,„es iſt rothes Feuer; nicht wahr, Mama?“ und ſie kam über die Beete herangeſtürmt. Zweiter Band. 169 „Nein, mein Kind, es iſt der Abendſonnenſchein,“ ſagte Clärchen, dem Wildfang die krauſen Locken aus der Stirn ſtreichelnd;„übrigens ſollſt Du nicht über die Beete laufen; der Großonkel hat es Euch ſchon oft verboten.“ „Es ſteht ja nichts darauf,“ ſagte Ella. „Das iſt ganz gleich. Kinder müſſen gehorchen, und es ſind auch noch viele Pflanzen darauf, die liegen an der Erde und ſchlafen, und wenn Du darüber wegläufſt, wachen ſie auf, und dann, weil es jetzt kalt iſt, frieren ſie, und können vor Froſt nicht wieder einſchlafen.“ „Ach, die armen Blumen!“ ſagte Ella;„ich will ſie auch gewiß nicht wieder treten.“ „Das iſt recht,“ ſagte die Mutter;„und nun gieb mir einen Kuß und geht hinein; es wird zu kühl für Karl.“ Die Kleine ſtellte ſich auf die Fußſpitzen, und als die Mutter ſich zu ihr niederneigte, umſchlang ſie ihren Hals mit beiden Armen und küßte ſie leidenſchaftlich zu wiederholten Malen. Dann ſprang ſie— diesmal nicht über die Beete— davon und riß den Bruder mit ſich fort zum Hauſe hinein. „Wie kannſt Du dem Kinde nur ſolchen Unſinn vorreden?“ ſagte Herr Ambroſius Kandel, indem er ſeiner Nichte wieder den Arm bot, um die unterbrochene Promenade fortzuſetzen.„Dergleichen hübſche Märchen ſind Gift für ein Kind, das ſo ſchon eine entſchiedene An⸗ lage zur Phantaſterei hat.“ „Aber ich bin ſicher, auf dieſe Weiſe meinen Zweck zu erreichen. Ich bin überzeugt, ſie wird ſich jetzt im wildeſten Jagen hüten, auf die Beete zu treten, um die ſchlafenden Blumen nicht zu wecken. Hätte ich geſagt:„Du zertrittſt die Blumen,“ würde ſie geantwortet haben: „warum ſoll ich ſie nicht zertreten?“ „Du nährſt in dem Kinde einen Hang, der Dir bei dem Vater des Kindes ſo viel zu ſchaffen gemacht hat und an dem ſchließlich das Glück Deiner Ehe geſcheitert iſt.“ Clärchen antwortete nicht ſogleich; ihre Blicke waren auf die Wipfel der hohen Linden gerichtet, an denen der rothe Schein mit jedem Augenblicke blaſſer und blaſſer wurde. „Ich weiß nicht, Onkel,“ ſagte ſie endlich,„ob ich nicht doch 170 Die von Hohenſtein. Unrecht gethan; ob ich nicht doch Bernhards Charakter falſch beurtheilt habe. Seitdem in der früher ſo ſtillen Ella dieſer phantaſtiſche Hang, wie Du es nennſt, ſo mächtig erwacht iſt, ſeitdem ich ſehe, wie bas Kind Alles und Jedes, ſelbſt das Alltäglichſte und Gewöhnlichſte, in dieſen ununterbrochen fließenden Strom ihrer Phantaſie taucht, und wie all' unſere Ermahnungen und Reden dagegen fruchtlos ſind— ſeitdem erſcheint mir Vieles in Bernhards Art und Weiſe in einem ganz anderen Licht.“ „Was willſt Du ihm antworten?“ fragte Herr Ambroſius. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Clärchen;„ich fürchte, der Augen⸗ blick, den ich erwarte, iſt noch nicht da. Er kommt in ſeinem Briefe wiederholt darauf zurück, daß er mehr als je von der Aufgabe, die er ſich geſtellt, erfüllt ſei, daß all' ſein Sinnen und Trachten ſich auf den einen Punkt concentrire, ſeinem Volk zur Freiheit zu verhelfen. Ja, einmal ſagt er geradezu: ich könnte Dir noch immer nicht mehr als jene Liebe bieten, die Dir damals nicht genügt hat, und die heute, wo Du weißt, daß Du auch fern von mir leben und vielleicht glück⸗ licher leben kannſt, noch viel weniger genügen würde.“ „Leben, ja wohl!“ ſagte Ambroſius;„aber wie? glücklicher leben! thäteſt Du es doch nur! aber Du ſehnſt Dich Tag und Nacht nach ihm, und haſt keinen andern Gedanken, keinen andern Wunſch, als wieder mit ihm vereinigt zu ſein. Warum ſprichſt Du das nicht frank und frei aus? Die Wahrheit iſt die beſte Weisheit, und gerade auf ſein Ziel los gehn, die feinſte Diplomatie.“ „In dieſem Falle würde ich auf dem geraden Wege mein Ziel nur verfehlen,“ erwiderte Clärchen;„mein Ziel iſt: Münzer glücklich zu ſehen, wenn es möglich iſt: in Gemeinſchaft mit mir; wenn das nicht möglich iſt, ohne mich. Es muß ſich erſt ganz klar für ihn und für mich herausſtellen, daß nicht ich es war, die ihn am Glücklichſein gehindert hat. Und wenn er zu der Erkenntniß gekommen iſt, und er mich dann bittet, wieder zu ihm zu kommen, und ich dann noch mehr, als jetzt, in mir die Kraft fühle, die Gefährtin dieſes ſtolzen Geiſtes zu ſein,— dann wird der Wunſch in Erfüllung gehen können, der, ich leugne es nicht, der einzige, heiße, verzehrende Wunſch in jedem Augenblick meines Lebens iſt.“ Zweiter Band. 171 Der alte Herr begann eine Melodie zu ſummen,— für Alle, die ihn näher kannten, ein Zeichen, daß er unzufrieden und verſtimmt war. Er hatte denn auch richtig kaum ein paar Tacte gebrummt, als er mit einer gewiſſen verhaltenen Heftigkeit wieder anfing: „Ich verſtehe nun freilich ein für alle Mal von dieſen hyper⸗ romantiſchen Verhältniſſen nichts; aber, was ich am wenigſten von Allem verſtehe, iſt, weshalb Ihr, gerade Ihr, nicht mit einander habt fertig werden können. Ich habe allerdings von jeher die Ehe für ein ſehr dunkles und räthſelhaftes Buch gehalten und mich glücklich ge⸗ prieſen, daß mich mein Stand von jeder Verſuchung, auch nur ein Kapitel dieſes Buches leſen zu wollen, abgehalten hat; aber ich meinte immer— und meine Erfahrung hat es beſtätigt— daß die Haupt⸗ ſchwierigkeit einer glücklichen Ehe— zumal in den ſogenannten ge⸗ bildeten Ständen— in der Verſchiedenheit der Denkungsart der Menſchen liegt, von denen Jeder dem Irrlicht ſeiner Vernunft über Stock und Stein folgen zu müſſen glaubt. Da iſt denn natürlich, daß die beiden Gatten ſich über die gewöhnlichſten Dinge des Lebens nicht verſtändigen können, geſchweige denn über die höchſten, und daß ſie in Folge deſſen, anſtatt Hand in Hand durch das Leben zu wallen, einen wirren, wahnſinnigen Hexentanz mit einander aufführen. Ihr folgt nun freilich einem Irrlicht, zum wenigſten nach meiner innigſten Ueber⸗ zeugung, aber es iſt ein und daſſelbe Irrlicht; es ſind dieſelben ſchwär⸗ meriſchen, überſpannten demokratiſchen Ideen, die Münzer vertheidigt und zu denen Du Dich bekennſt. Ich bin oft erſtaunt geweſen über die Congruenz Eurer Anſichten; Münzer hat in der Kammer Dinge geſagt, die Du ſo, und genau ſo, Tage lang vorher, wenn wir über die politiſche Lage ſprachen, behauptet hatteſt; und ich wiederhole, wes⸗ halb Ihr nicht mit einander auskommen könnt, die Ihr nur mit einem Kopfe zu denken ſcheint— das iſt mir das Räthſel der Räthſel.“ Die Glut, welche Clärchens Geſicht, während der alte Mann in mürriſchem Ton dieſe Worte ſprach, verklärte, konnte nicht von der Abendſonne herrühren, deren letzter Schimmer jetzt auf dem ſpitzen Thurm der Kirche und in den Wipfeln der Linden verblichen war. Ihre ſanften klaren Augen leuchteten und ihre weiche Stimme bebte, als ſie jetzt, unwillkürlich ihre Schritte beſchleunigend, erwiderte: Die von Hohenſtein.. „Das iſt das ſtolzeſte Wort, Onkel, das noch über mich geſprochen iſt, und wenn ich je geglaubt habe, daß einſt die Schranken fallen werden, die mich jetzt noch von meinem Gatten trennen, ſo iſt es in diefem Augenblick. Dann werde ich ihm ſein, was ich ihm hätte ſein ſollen und nicht geweſen bin— ſeine Gefährtin, ſeine Freundin, ſein guter Kamerad, wie er mich wohl früher manchmal im Scherz genannt hat,— und dann wird uns Nichts wieder trennen, Nichts, Nichts— nur der Tod.“ „Um Himmelswillen, Kind!“ rief der alte Herr,„verſchone mich mit dieſen neumodiſchen Ueberſpanntheiten! Mann und Weib ſind nicht dazu da, um platoniſche Dialoge mit einander zu führen, ſon⸗ dern— doch, was ſtreite ich mit Dir um Dinge, über die wir uns nie mit einander verſtändigen werden. Du kennſt meinen Peſſimismus in Hinſicht auf Alles, was die geſchlechtlichen Verhältniſſe betrifft. Aber Du haſt mir das Räthſel immer noch nicht gelöſt: weshalb kennt Dich Münzer nicht ſo, wie Du Dich mir zeigſt, oder, wenn er Dich ſo kennt, wie konnte er Dich jemals von ſich laſſen, da er ſich doch ſagen mußte, daß er eine eifrigere Geſinnungsgenoſſin, eine treuere Freundin, eine beſſere Kameradin,— um mich dieſes Ausdrucks zu bedienen— niemals finden würde?“ „Nein,“ ſagte Clärchen,„Münzer kennt mich nicht, und daß er mich nicht kennt, iſt freilich ſeine, wie meine Schuld. Im Anfang war ich zu ſchwach und hülflos, als daß er ſich auf mich hätte ſtützen können, und als ich an ſeinem Beiſpiel, in dem Verkehr mit ihm und ſeinen Freunden und durch eigenes Nachdenken erſtarkt war, da ſchämte ich mich einestheils der Kraft, die ich mir ſo heimlich erworben hatte; anderntheils mißtraute ich ihr auch, weil Münzer ſo gar nichts daraus zu machen ſchien. Als er von mir erwartete, ich werde ihm Alles ſein, konnte ich ihm nichts ſein, als ein treues, liebendes Weib, und als ich ihm wirklich etwas mehr ſein konnte, als nur das, erwartete er nichts mehr von mir. So ſind wir, wie im Dunkeln, an einander vorbeigegangen, ohne uns mit den ängſtlich ſuchenden Händen zu be⸗ rühren; aber, wenn die Binde von unſern Augen genommen iſt— und ſchon fühle ich mit Entzücken das rettende Licht— dann werden wir uns in die Arme ſtürzen und ich werde in Wahrheit ſein Weib ſein.“ Zweiter Band. 173 Der alte Herr fing wieder an zu ſummen und zu brummen, und das ſo laut und ärgerlich, daß Clärchen ſeine Hand nahm und ſcherzend ſagte: „Nicht ſo bös, Onkelchen! Du biſt ja ein grundgelehrter Mann und ein großer Philoſoph, aber auf die Liebe, Onkelchen, verſtehſt Du Dich nun einmal nicht. Wenn Du eine Frau hätteſt, da würdeſt Du doch auch wünſchen, daß ſie Dir nicht blos das Haus in Ord⸗ nung hielte, und Deinen Tiſch wohl verſorgte, ſondern, daß Du mit ihr über die Dinge ſprechen könnteſt, die Dir zumeiſt am Herzen liegen, über Deine Lieblingsſchriftſteller: Kant, Spinoza und wie ſie alle heißen.“ „Mit einem Frauenzimmer über Philoſophie ſprechen— das ver⸗ lohnte ſich auch wahrlich der Mühe!“ brummte der alte Herr. „Aber Du philoſophirſt ja doch ſo oft mit mir, Onkelchen.“ „Du biſt auch eine exceptio, eine Ausnahme, eine rara avis, eine weiße Krähe.“ Um Clärchens Lippen ſpielte ein melancholiſches Lächeln, aber ſie erwiderte nichts. Ambroſius hatte nicht aufgehört, zu ſummen und zu brummen. Plötzlich räusperte er ſich heftig und ſagte im Tone Jemandes, der einen Entſchluß, deſſen er gern überhoben geweſen wäre, endlich doch gefaßt hat: „Höre, Clärchen, ich habe Reſpect vor Dir, ja, ich kann fagen: Du biſt das einzige Exemplar der Menſchen feminini generis, vor dem ich in meinem langen Leben je Achtung gehabt habe; aber eben des⸗ halb halte ich Dich auch für zu vernünftig, als daß Du in dieſer thörichten und unvernünftigen Illuſion einer abſoluten Liebesleidenſchaft ſtecken bleiben könnteſt. Du mußt darüber hinauskommen, und Du wirſt darüber hinauskommen, wenn Du einſiehſt, daß Dein Gatte die Liebe keineswegs von einem mnyſtiſch⸗ſupernaturaliſtiſchen Standpunkte, ſondern im Gegentheil von einem ſehr realiſtiſchen nimmt, daß er, wie Millionen Andre, in dem Weibe nur das Geſchlecht liebt, und— um die Sache kurz zu machen— nach Allem, was ich höre, Dir keines⸗ wegs die Treue bewahrt, auf die Du, wenn irgend ein Weib auf Erden, gegründete Anſprüche haſt.“ — 174 Die von Hohenſtein. Clärchen war ſehr blaß geworden, als der choleriſche alte Herr dieſe Worte, die ihm ſchon lange auf der Seele gelegen hatten, her⸗ vorſprudelte; und der Ton ihrer Stimme zitterte etwas, als ſie ſo ruhig, wie ſie vermochte, erwiderte: „Alſo auch zu Dir iſt dies Märchen gedrungen?“ „Dies Märchen? Woher weißt Du, daß es ein Märchen iſt?“ „Weil Münzer es mir ſelbſt geſagt hat.“ „Was hat er Dir geſagt?“ „Daß er eine ſchöne Frau ſchön geſunden hat, wie er das auch wohl kaum anders konnte, und daß er ein Verhältniß, das er nicht geſucht, in dem Augenblick abgebrochen hat, als er fühlte: es könne ihm über den Kopf wachſen und ihn von ſeiner Pflicht abwendig machen.“ „Wann hat er Dir das geſagt?“ „Am Abend vor ſeiner Abreiſe.“ „Und Du weißt, wer dieſe Frau iſt?“ „Antonie von Hohenſtein.“ „Kennſt Du ſie?“ „Von Anſehen. Sie iſt ſehr ſchön.“ „So findet ſie auch— Dein Gatte.“ „Onkel!— was hat er Dir gethan, daß Du ſo unverſöhnlich biſt?“ „Mir? mir hat er nichts gethan, wenigſtens nicht direct; aber Dir, armes Kind, Dir hat er deſto mehr gethan.— Ich habe lange bei mir überlegt, ob ich Dir mittheilen ſollte, was mir von den ver⸗ ſchiedenſten Seiten zugetragen iſt. Ich habe immer gezaudert, weil ich hoffte, daß Du über dieſe unſelige Liebe doch endlich einmal weg⸗ kommen würdeſt; aber anſtatt deſſen ſehe ich, daß Du Dich tiefer und immer tiefer darin verſtrickſt. So muß ich denn ſchließlich doch ſprechen. Die Wahrheit iſt alle Wege ein gutes Ding und eine ſüße Frucht, ob ihre Schaale auch noch ſo bitter iſt. Münzer hat jenes Verhältniß nicht aufgegeben; im Gegentheil, er hat es in der offenkundigſten Weiſe fortgeſetzt, ja, ſetzt es noch fort, ſo viel ich erfahren habe. Und meine Quellen ſind ziemlich ſicher. Ich habe in der Stadt ſonſt ſehr warme Verehrer Deines Mannes bitter über ſeinen Leichtſinn Klage führen hören, durch den er ſich und der Partei den empfindlichſten Zweiter Band. 175 Schaden zufüge; ich habe den General auf Rheinfelden neulich in ſeiner plumpen Weiſe die Sache erwähnen hören; er hatte ſie von dem Präſidenten von Hohenſtein, der in der Reſidenz geweſen war und Münzer in Begleitung der Frau von Hohenſtein wiederholt getroffen hatte; heute aber hat mir der Verwalter von Rheineck geſagt, daß die gnädige Frau Befehl gegeben habe, ſo ſchnell wie möglich das ganze Schloß in Stand zu ſetzen, da ſie in den nächſten acht Tagen eintreffen werde, um längere Zeit zu bleiben; auch die Beſuchs⸗ zimmer ſeien nicht zu vergeſſen, ſie werde viel Geſellſchaft bei ſich ſehen,— Herrengeſellſchaft natürlich,— denn eine andere kennt An⸗ tonie von Hohenſtein nicht. Nun muß ich denn aber doch ſagen: das iſt mehr als verdächtig. Acht Tage, nachdem Münzer Rheinſtadt ver⸗ laſſen, ſiedelt Frau von Hohenſtein nach der Reſidenz über;— ſie verkehrt dort nur in ultra⸗liberalen Kreiſen— das heißt in Münzers Kreiſen, in denen ſie die Aspaſia ſpielt;— kaum iſt die Verſamm⸗ lung aufgelöſt, und Münzer ſchreibt Dir und ſeinen Wählern, daß er in Rheinſtadt wieder eintreffen wird, ſo kommt auch Frau von Hohen⸗ ſtein zurück, zieht mitten im Winter auf das Land— ſie, die ſich Jahre lang nicht unter uns hat ſehen laſſen— richtet ihr Haus auf Beſuch ein, und angenommen auch, daß unter dieſem Beſuch Münzer nicht ausſchließlich gemeint iſt, ſo ſteht doch ſo viel für mich unzweifelhaft feſt, daß Münzer unter dieſen Beſuchern nicht fehlen wird.— „Du biſt blaß geworden, Clärchen, und Deine Augen ſtehen voll Thränen. Armes Kind! ich würde viel darum gegeben haben, hätte ich Dir dieſen Schmerz erſparen können; aber das Auge, das uns ärgert, ſollen wir ausreißen, und ich will nicht, daß die Tochter meines Bruders an der Liebe zu einem Manne, der ihrer nicht würdig iſt, wie an einem ſchleichenden Gift, elend zu Grunde geht. Geh' hinein, mein Mädchen! es iſt ſehr kühl geworden und Du biſt ſchmerz⸗ lich aufgeregt. Ich muß zu dem alten General, hoffentlich zum letzten Mal heute, denn ich werde ihm ſagen, daß, wenn er keine Vernunft annehmen will, ich nichts mehr mit ihm zu ſchaffen haben mag. Für ſeine freiherrlichen Launen bin ich zu gut. Adieu, mein Kind!“ Er küßte Clärchen auf die Stirn und wandte ſich zu gehen. 176 Die von Hohenſtein. Clärchen blieb auf derſelben Stelle ſtehen. In ihren lieben bleichen Zügen zuckte es ſchmerzlich. „Onkel!“ rief ſie leiſe, die Hand nach dem langſam Davon⸗ ſchreitenden ausſtreckend. Der alte Herr, der etwas der Art erwartet haben mochte, wandte ſich um, trat wieder an die junge Frau heran und ſagte in einem viel ſanfteren Ton, als in welchem er bisher geſprochen: „Was willſt Du, mein Kind?“ „Ich— ich weiß nicht; ich habe es vergeſſen; es wird mir wohl wieder einfallen, wenn Du zurückkommſt.“ Sie verſuchte, den alten Mann, der ſie mit einer ernſten und be⸗ kümmerten Miene betrachtete, anzulächeln, wandte ſich dann ſchnell, um die hervorbrechenden Thränen nicht ſehen zu laſſen und eilte dem Hauſe zu. Herr Ambroſius ſchüttelte den Kopf, ſummte und brummte in höchſt bedenklicher Weiſe, trat ſummend und brummend aus dem Pfört⸗ chen ſeines Gartens auf die Dorfſtraße, und ſchlug die Richtung nach dem benachbarten Rheinfelden ein. Achtzehntes Capitel. Wer Se. Hochwürden Herrn Ambroſius Kandel in ſeinen hohen blankgewichſten Stiefeln durch das Dorf und hernach auf dem Wege, der von Kirchheim nach Rheinfelden am Ufer des Stromes entlang führte, dahinwandern ſah, würde ihm ſchwerlich die ſiebenzig Jahre, die er zählte, angeſehen haben; ſo rüſtig war ſein Schritt, ſo ſtrack und ſtraff die Haltung ſeines mittelgroßen gedrungenen Körpers; ſo energiſch ſtieß er den Knotenſtock, den er in der Hand trug, in den Uferſand; ſo ſcharf ſchauten ſeine Augen unter den buſchigen Brauen über die trüben Waſſer des in mächtigen Wirbeln dahinrollenden⸗ Stromes: ſo kräftig klang das Gebrumm, mit welchem er das: Ge⸗ — Zweiter Band. 177 lobt ſei Jeſus Chriſt! einiger ihm begegnenden Bauerweiber erwiderte, obgleich es allerdings ſchlechterdings unmöglich war, zu entſcheiden, ob er: In Ewigkeit! oder etwa: in des Teufels Namen! geantwortet hatte. Die Bauerweiber ſchienen das Letztere für das Wahrſcheinlichere zu halten, denn ſie ſahen ſich, als ſie einige Schritte vorüber waren, ſcheu nach der ſchwarzen Geſtalt um, und die Eine bekreuzigte ſich im Weiterſchreiten mehrmals, als hätte ſie ein böſer Blick getroffen. In der That gehörten die Blicke des Pfarrers Ambroſius Kandel nicht zu den beſonders freundlichen und vertrauenweckenden, wie denn überhaupt an ſeiner Denkweiſe und Erſcheinung die Grazien keinen Theil hatten; nichtsdeſtoweniger aber wäre nichts ungerechter geweſen, als den Pfarrer für einen nicht guten, oder gar für einen böſen Men⸗ ſchen zu halten. Es ſpricht gewiß für die Lauterkeit, zum wenigſten für die Unabhängigkeit ſeines Charakters, daß er bei ſeinen Oberen in keinem beſſeren Geruche ſtand, als bei ſeinen Beichtkindern; ja man erzählte ſich, daß der Herr Erzbiſchof ſelbſt, als man einſt bittre Klage gegen den renitenten und halsſtarrigen Prieſter führte, lachend erwidert habe:„ſehet zu, wie Ihr mit ihm fertig werdet; ich will nichts mehr mit dem groben Menſchen zu thun haben.“ Ohne Zweifel theilte Herr Ambroſius in dieſer ſeiner Unfähigkeit, es nach oben oder unten hin recht zu machen, das Schickſal ſehr vieler braver Leute, deren Bravheit ihnen nicht erlaubt, einen andern Weg zu gehen, als den, welchen ihnen ihre Ueberzeugung vorſchreibt. Es konnte kaum einen einſameren Menſchen geben, als Herrn Ambroſius. So war er ge⸗ weſen, als er vor vierzig Jahren die Pfarre in Kirchheim erhielt, ſo war er noch heute; der einzige Unterſchied ſchien, daß ſein unſchönes Geſicht immer brauner und runzliger und ſeine ſtarken Augenbrauen immer grauer und ſtruppiger geworden waren. Welche Schickſale Herrn Ambroſius ſo braun und runzlig, und knorrig und hart, wie einen Eichſtamm gemacht hatten— Niemand wußte es. Eine alte, faſt verſchollene Sage erzählte: er habe als junger, von Geiſt und Leben ſprühender Lehrer in der Familie eines ſehr reichen und mächtigen Römers für die Mutter ſeiner Zöglinge eine leidenſchaftliche Liebe gefaßt; dieſe Liebe ſei mit derſelben Leiden⸗ ſchaft erwidert worden, ſchließlich aber habe das Verhältniß, wie das Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 12 — — 178 Die von Hohenſtein.— unter dieſen Umſtänden auch wohl kaum anders ſein konnte, einen tragiſchen Ausgang genommen. Die Dame war von dem eiferfüchtigen Gatten ermordet worden; Ambroſius war in ein Kloſter geflüchtet, um der Rache des Wahnſinnigen zu entgehen, oder, wie Andere wollten, einer Welt zu entfliehen, in welcher ihm der Verſuch, glücklich zu ſein, ſo übel bekommen war. Clärchen hatte als kleines Mädchen ihre Eltern oft über dieſe Geſchichten, die ſo lange vor ihrer Geburt geſpielt hatten— Ambroſius war um zehn Jahre älter als ſein Bruder, Clärchens Vater— ſprechen hören. Uebrigens ſahen ſich die Brüder ſehr ſelten. Sie ſtimmten in wenigen Dingen überein. Clärchens Vater, lange Jahre Lehrer an demſelben Gymnaſium, von welchein Münzer ſpäter ſeiner frei⸗ ſinnigen Lehren wegen ſeinen Abſchied nehmen mußte,— ein guter, gutmüthiger Lebemann, für den die Philoſophie im Allgemeinen und beſonders ſeines Bruders herbe, ascetiſche Doctrin ein Buch mit ſieben Siegeln war,— hatte eine inſtinctive Scheu vor dem„alten Sonder⸗ ling,“ und der alte Sonderling wußte mit dieſem Bruder, mit dem man über die Vedas und über den„Guide spirituel“ des Molinos, über Madame Guyons„Torrents“ und andere myſtiſche Bücher ſo gar nicht reden konnte, nichts anzufangen. Dennoch hatte der alte Sonderling, bei all' ſeiner Menſchenfeindlichkeit, nicht vergeſſen, daß er einen einzigen Bruder, und dieſer Bruder ein einziges Kind hatte, denn als Clärchens Vater ſtarb— die Mutter war ſchon viel früher geſtorben— erſchien Herr Ambroſius am folgenden Tage in dem Trauerhauſe, tröſtete das verlaſſene zwölfjährige Kind, oder ver⸗ ſuchte es wenigſtens zu tröſten, indem er ihr ſagte, daß ſeit Adam und Eva alle Menſchen geſtorben wären, daß der Tod ſo wenig ein Uebel ſei, wie der Schlaf, und nur dann ein Uebel ſein würde, wenn es aus ihm ein Erwachen gäbe, was indeſſen ebenſo gegen die Er⸗ fahrung, wie gegen die Philoſophie ſtreite. Clärchen hörte auf zu weinen, nicht, weil dieſe Troſtgründe einen Eindruck auf ſie gemacht hätten, ſondern weil in der ganzen Weiſe dieſes ſonderbaren alten Mannes, der ihrem verſtorbenen Vater bei aller Verſchiedenheit ſo ähnlich war, etwas lag, das ihrem ernſten, entſchloſſenen Weſen ſehr ſympathiſch, ja bis zu einem gewiſſen Grade verſtändlich war. Sie ————— —— Zweiter Band. 179 glaubte es gern, daß der Onkel für ſie ſorgen würde, ſo weit es ihm bei ſeinen beſchränkten Mitteln möglich ſei; und der Pfarrer Ambroſius hielt Wort. Er bezahlte die Begräbnißkoſten, bezahlte die verhältniß⸗ mäßig beträchtlichen Schulden des Bruders, bezahlte das Koſtgeld in dem Kloſter, welchem er die Kleine zur Erziehung übergeben hatte, und würde noch mehr für ſie gethan haben, wenn Clärchen, als ſie ſiebenzehn Jahre geworden war, nicht erklärt hätte, nun auf eigenen Füßen ſtehen zu können. Sie verwerthete als Lehrerin in einem Mäd⸗ chenpenſionat das Wenige, was ſie im Kloſter gelernt hatte: ihre große Fertigkeit in allen nur möglichen Arten des Nähens, Strickens, Stickens; und hier war es, wo ſie nach einigen Jahren Münzern, der in der oberſten Klaſſe Literatur und Geſchichte lehrte, kennen lernte, um bald darauf ſein Weib zu werden. Seit dieſer Zeit hatte Clärchen den Onkel Pfarrer nur ſehr ſelten geſehen. Er hatte ihr gleich nach ihrer Verheirathung einen wunder⸗ lichen Brief geſchrieben, in welchem er ihr zu dem Schritt, welchen ſie gethan, ſein Beileid ausdrückte.„Ein Menſch, der heirathet,“ hieß es darin,„iſt ein X., das ſich jeder Berechnung entzieht, iſt wie ein Fahrzeug, das ſteuerlos auf einem unbekannten, klippenreichen Meere treibt. Sollteſt Du aber, wie das ja im höchſten Grade wahrſchein⸗ lich iſt, einmal Schiffbruch erleiden, ſo kennſt Du den Hafen, der Dir alle Zeit offen ſteht. Ich bin kein Mann für die Glücklichen, aber die Unglücklichen haben an mir noch ſtets einen Helfer gefunden, ſo weit mir zu helfen vergönnt war.“ Clärchen hatte dieſen Brief nie ihrem Gatten gezeigt, denn Münzer war ſo ſchon keineswegs gut auf den alten Herrn zu ſprechen.„Ich mag die Leute nicht,“ fagte er, „die durchaus etwas Anderes ſein wollen, als alle anderen Menſchen, und die gar nichts thun, ihre Sondergelüſte zu bekämpfen. Das iſt der alte romantiſche Tic, unter dem wir ſchon viel gelitten haben, und der die Leute widerſtandslos dem Obſcurantismus in die Arme treibt. Dein Onkel, der bei all' ſeinem philoſophiſchen Radicalismus in der Politik ein unverbeſſerlicher Reactionair iſt, war mir immer ein⸗ klaſſiſches Beiſpiel dafür.“ Der Alte ſchien ſein Pflegekind vergeſſen zu haben. Um ſo überraſchter war Clärchen, als Ambroſius, der jetzt ſ 12* . 180 Die von Hohenſtein. Jahren nicht in der Stadt geweſen war, im Frühling dieſes Jahres, kurze Zeit, nachdem die Wahlagitation ihren Anfang genommen, plötz⸗ lich in ihrem Hauſe erſchien, nach ihrem Befinden fragte, ſich die Kinder zeigen ließ, geduldig wartete, bis Münzer am Abend ſpät aus einer Vorverſammlung kam, und ſich dann von dieſem das Verſprechen geben ließ: Frau und Kinder, im Falle die politiſchen Wirren einen noch höheren Gred erreichten, oder Münzer durch ſeine politiſchen Pflichten verhindert werde, ausreichend für ſie zu ſorgen, Niemandem anzuvertrauen, als dem alten Onkel auf Kirchheim. Münzer verſprach das; nur, um den Alten los zu werden, wie er ſagte. Er ahnte wohl nicht, daß wenige Wochen ſpäter die kleine Wohnung in der Vorſtadt, in welcher er ſeit ſeiner Verheirathung gewohnt, verödet ſtehen, und er auf dem Wege nach der Reſidenz ſein würde, während Clärchen das verlorene Heim in den Räumen des Pfarrhauſes von Shi beweinte. Neunzehntes Capitel. „O, dieſe Weiber, dieſe Weiber!“ murmelte Ambroſius, während er raſtlos weiter ſchritt.„Wie ſoll man dieſen Geſchöpfen helfen, die nicht vergeſſen können und nicht lernen wollen!“ Dem alten Manne war ſchlimm zu Muth, wie einem Arzte, der eine ſehr ſtarke Doſis einer gefährlichen Arzenei verſchrieben hat und hinterher darüber zu grübeln anfängt, ob er denn wirklich ſeine Ver⸗ ordnung vor der Wiſſenſchaft verantworten könne. Der jammervolle Blick, mit dem die junge Frau ihn angeſehen hatte, als er ihren ſchönen Traum ſo mitleidslos zerriß, brannte in ſeiner Seele— es war der Blick des zum Tod verwundeten Rehes geweſen! Und je öfter ſich Ambroſius dieſen ſtarren, thränenloſen, ſchmerzensreichen Blick in's Gedächtniß rief, deſto ungeduldiger ſtieß er den Stock mit der eiſernen Spitze in den Kies des Ufers, deſto zorniger ſchauten die ſcharfen Augen unter den buſchigen Brauen ſeitwärts über die Waſſer —— Zweiter Band. 181 des Stromes, die mit jedem Momente grauer und trüber zu werden ſchienen, und hinauf zu dem winterlichen Abendhimmel, an welchem ſchwere dunkle Wolken von dem naßkalten ächzenden und ſtöhnenden Winde langſam fortgeſchoben wurden. Ambroſius drückte den breitkrämpigen Hut tiefer in die Stirn, knöpfte den langen ſchwarzen Rock bis oben zu, und ſchritt eiliger den einſamen melancholiſchen Uferpfad dahin. Ein Stein, der in ſeinem Wege lag und an den er unſanft mit vem Fuße ſtieß, brachte das Gefäß ſeines Zornes zum Ueberlaufen. „Eine dumme Welt, eine nichtsnutzige, aufdringliche, freche Welt,“ brummte er,„mich wundert, wie man je auf den Gedanken kommen konnte, ein Gott habe ſie geſchaffen. Ein Narrenhaus iſt die Welt, voll verſchmitzter, boshafter, hämiſcher, verbuhlter, bornirter, über⸗ ſpannter junger und alter Narren. Ja und die alten Narren ſind die ſchlimmſten, weil ſie für ihre Narrheit gar keine Entſchuldigung, nicht einmal die eines willenstollen, verſtandumnebelnden Blutes haben. Ich bin ſo ein alter Narr! Was habe ich, der ich vor einem halben Jahrhundert dem tollen Miſchmaſch von Eitelkeit und Sinnlichkeit, den die Menſchen Liebe nennen, abgeſchworen habe— mit den Liebes⸗ affairen Anderer zu thun? Warum laſſe ich ſie nicht in dem dumpfen Brodem ihres Erdenlebens, wenn ſie ſich in der reinen Sphäre der Geiſter nun doch einmal nicht halten können? Weshalb ſtemme ich mich gegen den blinden Trieb, der die Menſchen in's Daſein ruft und im Daſein feſt hält? Warum bemühe ich mich, dem alten Narren auf Rheinfelden ſeine kindiſche Todesfurcht auszureden? Mag er ſterben und verderben in ſeinen Sünden und die Laſt ſeiner Elendig⸗ keit durch alle Ewigkeiten ſchleppen! Was geht denn mich das an? Was geht es mich mehr an, als das Leben der dumpfen Brut in dem Waſſer dort, die ſich immerfort verſchlingt, um ſich immerfort von Neuem zu erzeugen und nach Millionen von Jahren noch dieſelbe zu ſein, die ſie heute iſt? Muß ich deßhalb mir auf dem elenden Wege die Stiefel und die Füße entzwei ſtoßen und in dieſer grauen Nebel⸗ luft Schnupfen und Rheumatismus holen?— Holla! Werda?“ „Ich!“ rief der Pfarrer ärgerlich,„ich heißen alle Leute! Warum — — — 182 Die von Hohenſtein. könnt Ihr denn nicht gleich ſagen, daß Ihr der Balthaſar ſeid? und was habt Ihr hier in der Dornenhecke zu hucken, und die Leute zu erſchrecken, wie ein Wegelagerer?“ „Excellenz haben mich hergeſchickt, um auf Hochwürden hier an der Parkecke zu lauern, und Hochwürden durch vM Part in das Schloß zu führen.“—— „So? und warum deyn das?“ brummte Ambroſius, indem er Balthaſar durch die ſchmaſe, vnlen Geß üpp faſt verdeckte Pforte — die Balthaſar ſtets zu ſeinen⸗ Aus⸗ Eingängen in den Park benutzte— folgte;„bin ich ein Mörderz in ich Iin Dieb?“ „Wollen Ho würden nur immer vicht hintey mir hergehen! ſagte Balthaſar;„es iſt, hier iir Winter etbas ſumpfig, und man kann leicht im Moyäſt ſtecken bleiben, wenn män vom Wege abkommt.— Warum Excellenz mir befohlen haben, ſe dieſen ſelten betretenen und in der That wenig praltikabeln Weg zu führen? Es iſt vielleicht ebenſo gut, wenn ich Hochwürden den wahren Grund ſage. Der wahre Grund iſt, daß der Kilian— welcher keineswegs zu den guten Menſchen ge⸗ hört— ſeitdem Hochwürden gegen Abend ein paar Mal hier geweſen ſind, gleich beim Anbruch der Dämmerung den großen und ſehr blut⸗ gierigen Hofhund Pluto losläßt, ſo daß ein Fremder, der allein den Hof betritt, ſeines Lebens nicht ſicher iſt; und wenn Sie auch in meiner Begleitung—“ „Hört'mal, Schmalhans,“ ſagte der Pfarrer Ambroſius, indem er jetzt neben dem Schulmeiſter einen langen Gang zwiſchen zwei hohen Buchenhecken, durch deren kahle Zweiglein der Abendwind ſauſte, dahinſchritt;„Ich habe Euch niemals für ſo einfältig gehalten, wie die Leute behaupten, daß Ihr ſeid. Ich habe Euch im Gegentheil in Verdacht, daß Ihr mit Euren großen Ohren mehr hört, als Ihr aus Eurem großen Munde herauslaßt, und daß Ihr unter Eurem kahl⸗ geſchorenen und nebenbei höchſt unſchönen Schädel mehr Gedanken habt, als juſt für Eure Verhältniſſe nöthig iſt. Nun ſaget mir, weß⸗ halb hat der alte Mann, der General, mit einem Male eine ſo große Freundſchaft für mich gefaßt, daß er mich nun ſchon zum dritten Mal innerhalb acht Tagen ſehen muß.“ „Wiſſen Sie das nicht?“ — — Zweiter Band. 183 „Wenn ich es wüßte, würde ich Euch nicht fragen!“ „Ich meine: hat er das Ihnen nicht ſelbſt geſagt?“ „Der Kuckuck mag aus ſeinen verwirrten Reden klug werden. Was will er von mir? Heraus mit der Sprache!“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Balthaſar;„ich weiß nur, daß er mich neulich, als er im Rollſtuhl in der Halle ſaß, und ich vorbeiging, mein Eſſen zu holen, zu ſich gerufen und mich gefragt hat: kennſt Du einen Menſchen, Balthaſar, der ſich vor Nichts fürchtet? vor Menſchen nicht, und auch vor dem Teufel nicht? Da habe ich nach einigem Beſinnen geantwortet: ich glaube, daß der Herr Pfarrer Am⸗ broſius Kandel ſo ein Mann iſt. Da hat er geſagt: hole mir den Mann! Da bin ich hingegangen und habe Sie geholt.“ „Hm,“ brummte Ambroſius;„ſehr ſchmeichelhaft in der That! Aber angenommen einmal: ich fürchte mich vor Nichts— was übri⸗ gens entſchieden nicht wahr iſt, denn ich fürchte mich vor ſehr Vielem, vor Rheumatismus zum Beiſpiel— wovor und vor wem fürchtet ſich denn der Alte?“ „Vor Allem,“ erwiderte Balthaſar,„vor dem Leben, welches ihm ſeine Schmerzen zur Qual machen; vor dem Tode, den er als den Eingang zur Hölle anſieht; vor den Menſchen, vor denen er das Schlimmſte erwartet; vor einem Gott, den er ſich nach ſeinem Eben⸗ vilde denkt, das heißt, als einen Gott des Zornes und der Rache.“ „Ihr haltet alſo den Alten auch für ſo ſchlecht, wie man allge⸗ mein behauptet?“ „Ja,“ antwortete Balthaſar nach einigem Zögern. „Und aus welchem Grunde intereſfirt Ihr Euch für ihn? und kauert ſeinetwegen ſtundenlang in dem rauhen Nebelwind der Land⸗ ſtraße?“ „Aus demſelben Grunde, meine ich, der Hochwürden den langen Weg von Kirchheim nach Rheinfelden geführt hat.“ „Das iſt etwas Anderes,“ brummte Ambroſius;„ich thue, obgleich der Alte, als Nichtkatholik, gewiſſermaßen nicht zu meinem Reſſort ge⸗ hört, nur meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, indem ich einem Unglücklichen zu Hülfe komme.“ „Und ſo thue ich die meinige,“ ſagte Balthaſar. 184 Die von Hohenſtein. „Hat Euch der Alte je etwas Gutes gethan?“ „Nie; er hat mich ſtets verhöhnt und gehänſelt, und hat mich oft in ſeiner Zorneswuth geſtoßen und geſchlagen. Er iſt, ſo lange ich ihn kenne, ein ſchrecklicher Herr geweſen und ich fürchtete ihn früher ſehr.“ „Und jetzt?“ „Jetzt habe ich Mitleid mit ihm, wie mit einer giftigen Schlange, die ſich halb zertreten am Boden krümmt.“ „Iſt das Weib, Eure Frau, noch immer bei ihm? das letzte Mal, als ich hier war, wollte er ſie ja fortjagen?“ „Sie iſt noch bei ihm, ſonſt wäre ich nicht mehr hier.“ „Wie ſo?“ „Weil, wenn der General ſie fortjagt, ſie zu mir zu kommen ge⸗ droht hat, und weil, wenn ſie zu mir kommt, ich fort müßte.“ „Fort? wohin?“ „Gleichviel wohin, und wäre es in den Strom.“ „Eine angenehme Gefellſchaft,“ brummte Ambroſius. Zwanzigſtes Capitel. Die Beiden waren zwiſchen den, trotz ihrer Kahlheit noch immer undurchdringlich dichten Hecken und Büſchen an die Stelle des kleinen Teiches gekommen, von dem aus die Präſidentin mit ihren Töchtern an jenem Frühlingsmorgen das Schloß beobachtet hatte. „Wollen Sie hier einen Augenblick verziehen,“ ſagte Balthaſar; „ich will vorausgehen und ſehen, ob wir es wagen können.“ Balthaſar ſchlich am Rande des Teiches fort und war bald unter den überhängenden Zweigen der Weiden verſchwunden. Der Pfarrer lehnte ſich an den halb umgeſunkenen ſteinernen Tiſch und ſchaute mit übereinandergeſchlagenen Armen wachſam umher. Die Situation war dazu angethan, das Wort Balthaſars von der Furchtloſigkeit Herrn Ambroſius Kandels auf die Probe zu ſtellen. Hinter ihm aus den Zweiter Band. 185 Tiefen des Parks rauſchte und raunte es in ſchauerlichen Accorden, um ihn her kniſterte es und knackte es in den dürren, vom Winde durchſchauerten Büſchen; aus dem Teich vor ihm ſtieg der Nebel aus den ſumpfigen Waſſern und breitete ſich wie ein Leichentuch über die 1 tieferen Gründe; drüben jenſeits des Teiches lag das Schloß, ſtill und ſtumm und dunkel, wie ein rieſiger Sarg; auf dem Thurme kreiſchte eine Wetterfahne, und ebenſo oft ertönte von dem Hofe vor dem Schloſſe das dumpfe Geheul„des blutgierigen Hundes, den der Kilian mit Einbruch der Dunkelheit losließ.“ Ambroſius richtete ſich ſtraff in die Höhe und faßte ſeinen Knoten⸗ ſtock feſt in die alte, noch immer kräftige Fauſt. „Ich wollte, der alte Kaſten da drüben ginge in Flammen auf, oder es paſſirte ſonſt etwas Außerordentliches,— dies Hineinſtarren in die geheimnißſchwangere Dunkelheit iſt unerträglich. Ich wollte, dieſe Hohenſteins wären, wo der Pfeffer wächſt! Ariſtokratie muß ſein; Ariſtokratie iſt ein Naturgeſetz; überall herrſcht der Beſſere über den Schlechteren. Aber verbuhlte Weiber und wahnwitzige alte Narren ſind keine Ariſtokratie. Iſt dieſe Antonie von Hohenſtein, dieſe moderne Meſſalina, beſſer als Clärchen? iſt der graue Sünder da drüben beſſer als ich? Dennoch triumphirt die vornehme Buhlerin über das keuſche Weib aus dem Volke; dennoch ſtehe ich einer Grille des Alten zu Liebe hier in dem kalten Abend am Sumpfesrand und werde mir einen fürchterlichen Rheumatismus holen. Wenn nur der hirnverbrannte Schulmeiſter wieder käme! Mir iſt, als ob mir ein Mord auf der Seele läge.— Holla!“ „Pſt, pſt!“ flüſterte Balthaſfar, der plötzlich, dicht vor dem Paſtor aus dem Nebel auftauchte;„wir müſſen uns ganz ruhig verhalten. Sie ſind auf ihrer Hut; aber es ſoll ihnen nichts helfen. Geben Sie mir Ihre Hand!“ Ambroſius ſchwankte einen Augenblick, ob er weiter gehen, oder lieber jetzt, ehe es zu ſpät ſei, das Abenteuer aufgeben ſolle. Aber ſein großer perſönlicher Muth, der einer Gefahr nur ungern auswich, und ſein im tiefſten Grunde edelmüthiges Herz, das einem Unglück⸗ lichen die erbetene Hülfe noch nie abgeſchlagen hatte, ließen ihn die egviſtiſche Regung bald überwinden. Die von Hohenſtein. „Kommt, Balthaſar,“ ſagte er, entſchloſſen die ſchmale Hand des Schulmeiſters ergreifend. Sie gingen um den Teich herum und gelangten an die Glasthür, welche unter dem von vier großen Säulen getragenen Balcon aus dem Parke unmittelbar in den Gartenſaal führte. An den Saal zur linken Hand ſtieß das Wohnzimmer des Generals. Ein ſchwacher Licht⸗ ſchimmer drang durch die niedergelaſſenen Vorhänge dieſes Gemaches. „Sie glauben, der General ſei in ſeinem Zimmer,“ flüſterte Balthaſar:„aber ich habe ihn durch den Gartenſaal in den Rüſtſaal geführt. Ich arbeite öfter um dieſe Stunde an den Gewaffen, weil ich am Tage keine Zeit habe; ſo ſind ſie das Rumoren gewohnt. Drüben würden ſie an den Thüren horchen; ich dachte: es ſei beſſer, in einem kalten Raume ſicher ſein, als in einem warmen Zimmer ver⸗ rathen werden.“ Balthaſar ſchloß mit einem Schlüſſel, den er aus der Taſche nahm, die Thür zum Gartenſaal vorſichtig leiſe auf und führte den Pfarrer durch den dunklen Raum rechts nach einer zweiten Thür, die er mit derſelben Vorſicht aufſchloß. Als ſie eingetreten waren, ſchob er einen Riegel vor, und flüſterte ſeinem Begleiter zu: einen Augen⸗ blick ſtehen zu bleiben, bis er Licht anmachen könne.— In den Gar⸗ tenſaal war durch die hohen, bis zum Fußboden reichenden Fenſter noch ein ſchwacher Lichtſtrahl gefallen; in dieſem Raume aber herrſchte dichte undurchdringliche Finſterniß. Ein dumpfer modriger Duft ver⸗ ſetzte dem Pfarrer, der eben aus der friſchen Abendluft kam, faſt den Athem. Er fühlte, daß ſein Herz unruhig an die Rippen zu pochen begann und faſt hätte er laut aufgeſchrieen vor Entſetzen, als jetzt ein bläuliches Licht aufblitzte und eiſerne Männer mit Schwertern und Hellebarden in den eiſernen Fäuſten ihn aus hohlen Helmen anſtarrten. Der Schulmeiſter hatte eine Laterne angezündet, und der Pfarrer warf bei dem matten Schein derſelben einen ſcheuen Blick auf ſeine Um⸗ gebung. Er befand ſich, ſo weit er ſehen konnte, in einem hohen, weit⸗ läufigen Gemach, deſſen Wände in der oberen Hälfte mit Fahnen, Standarten und anderen Emblemen bedeckt waren, während in offenen Schränken, die ſich um den ganzen Raum herumzogen, zahlloſe Waffen Zeiter Band. 187 von allen Foruen aufgeſpeichert lagen und hingen. Ueberdies war das Gemach noch in der Länge und Breite von Geſtellen durchſchnitten, an welchen hunderte von Gewehren, Flinten, Büchſen, Karabinern und Piſtolen befeſtigt waren. Dazu Gerümpel aller Art, das hier und da den Boden ellenhoch bedeckte: zerbrochene Harniſche, eifernes Geräth, zertrümmerte Meubel— ein wüſtes Durcheinander, welches bewies, daß der Waffenſaal ſchon lange Jahre auch als Polterkammer benutzt wurde. Das Ganze erinnerte den Pfarrer ſo ſehr an Alles, was er in ſeinem Leben von mittelalterlichen Folterkammern und ähnlichen Schreckensorten gehört und geleſen, daß ſeine überdies ſchon aufge⸗ regte Phantaſie aus jedem Winkel, in welchen Balthaſars Laterne ihr verwirrendes Licht warf, ein unerhörtes Schreckbild heraufbeſchwor. Und ein Bild des Schreckens bot ſich denn auch ſeinen Augen, als er plötzlich in einem abgelegenſten Winkel des Saales, wohin ihn Balthaſar geführt hatte, auf einer großen Kiſte eine zuſammenge⸗ kauerte Geſtalt ſitzen ſah, in der er er nur mit Mühe den alten Ge⸗ neral erkannte. Der General hatte ſeine lange dürre Geſtalt in einen Schlafpelz gehüllt, den kahlen Schädel bedeckte eine langzipflige Nachtmütze. Das alte verwüſtete Geſicht war vor Furcht und Kälte noch mehr als ge⸗ wöhnlich zuſammengeſchrumpft; die dunkeln Augen, die ſonſt noch immer ſo zornige Blitze zu ſchießen verſtanden, waren gläſern und ſtarr; der lange weiße Schnurrbart, der bis dahin noch immer martialiſch genug ausgeſehen hatte, hing gleichgültig⸗albern über den zahnloſen Mund— der ganze Mann war, Alles in Allem, ein Bild des Jammers viel mehr, als des Schreckens, und bei dieſem Anblick hülfsbedürftiger Elendigkeit kam Ambroſius die Faſſung zurück, die er während der letzten Minuten einigermaßen eingebüßt hatte. Der General murmelte Etwas, das Ambroſius nicht verſtand; Balthaſar aber klappte einen Feldſtuhl auf, der an der Wand lehnte, und lud den Pfarrer, indem er den Stuhl dicht an den Platz ſchob, wo der General ſaß, zum Niederſitzen ein. Dann ſtellte er die Laterne in einiger Entfernung ſo auf, daß ihr Schein auf die Beiden fiel, tauchte in das Dunkel, das den übrigen Theil des Raumes erfüllte, machte ſich mit den Rüſtungen zu ſchaffen und verurſachte dabei— Die von Hohenſtein. wie es ſchien, abſichtlich— mehr Geräuſch, als zu ſeiner fingirten Beſchäftigung eben nöthig war. Balthaſar hatte kaum den Rücken gewandt, als der General, mit den langen Knochenfingern die Hände des Pfarrers umklammernd, in einem unheimlich heiſeren angſtvollen Tone ſagte: „Rettet mich, Pfarrer!“ „Wovor? oder vor wem?“ erwiderte Ambroſius, indem er unwill⸗ kürlich ſeine Hände aus den naßkalten Knochenfingern losmachte. „Vor dem ſcheußlichen Weibe, vor der verdammten Hexe, die mich partout an den Galgen bringen will.“ „Welche Macht hat ſie dazu? Um nichts und wieder nichts hängt man die Leute heut zu Tage nicht,“ erwiderte der Pfarrer. „Um nichts und wieder nichts,“ murmelte das Geſpenſt in dem Pelz und nickte dazu mit der Zipfelmütze;„ja, ja— um nichts und wieder nichts. Und deswegen ſollten ſie mich heute hängen? nach ſo vielen Jahren? einen alten Mann, der ſchon mit einem Fuße im Grabe ſteht... „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ unterbrach ihn der Pfarrer in noch ſtrengerem und rauherem Ton;„daß Sie etwas auf dem Ge⸗ wiſſen haben, liegt auf der Hand, ſonſt würden Sie die Alte, unbe⸗ kümmert um ihre Drohungen, fortjagen. Ob ich Ihnen helfen kann, weiß ich nicht, bezweifle es aber, offen geſtanden. Wenn ich Ihnen indeſſen helfen foll, müſſen Sie mir erſt einmal reinen Wein ein⸗ ſchänken,— dann wird ſich das Andre finden.“ „Damit Sie mich auch an den Galgen bringen können,“ ſagte der Alte und ein häßliches Grinſen zog über ſeine verwelkten Züge; vich werde mich hüten.“ „Dann machen Sie, was Sie wollen,“ fagte Ambroſius ärger⸗ lich;„ich habe keine Luſt, mich hier in dieſem verdammten Eiskeller auf den Tod zu erkälten;“ und er ſtand von ſeinem Seſſel auf. „Bleiben Sie ſitzen, um Gotteswillen!“ wimmerte das Geſpenſt in der Zipfelmütze;„und reden Sie nicht ſo laut, daß der Balthaſar da hinten es hört. Ich will ja auch Alles ſagen, wenn es ſein muß.“ Ambroſius hatte ſich wieder hingeſetzt. Der Alte ſchien ſich zu beſinnen, wie er ſeine Beichte am beſten anfangen könne. Endlich ſagte er: * Zweiter Band. 189 „Wenn ich nun katholiſch würde, Pfarrer?“ „Was meinen Sie damit?“ „Ich denke, wenn man katholiſch iſt, kann man thun, was man will, wenn man es nur hinterher dem Pfaffen ſagt. Der betet dann für Einen und dann iſt die Sache abgemacht.“ „So leicht geht das auch bei uns nicht,“ erwiderte der Pfarrer. „Ich will mir's auch gern ein Stück Geld koſten laſſen; es ſoll mir auf ein paar tauſend Thaler nicht ankommen,“ ſagte der Alte. „Hilft Alles nichts,“ brummte der Pfarrer;„einer oder der andre meiner Confratres würde ſich vielleicht anheiſchig machen, Sie um dieſen Preis mit der himmliſchen Gerechtigkeit zu verſöhnen; aber mit der irdiſchen Gerechtigkeit iſt die Sache nicht ganz ſo bequem, und ich fürchte: es kommt Ihnen auf die letztere mehr, als auf die erſte an.“ „Ihr könnt mir alſo nicht helfen?“ „Nein!“ „Nun, ſo könnt Ihr Euch zum Teufel ſcheeren!“ rief der Alte wüthend und griff nach einer zufällig neben ihm auf der Kiſte liegen⸗ den Streitaxt, um ſie ſeinem Beſucher an den Kopf zu ſchleudern. Ohne Zweifel hätte er dieſe Abſicht auch ausgeführt, wenn nicht in demſelben Augenblick ſehr heftig an die Thür des Waffenſaales gepocht wäre. „Wer iſt da?“ fragte Balthaſar, der ſeit einiger Zeit zwiſchen den Harniſchen und Helmen lauter als zuvor rumort hatte. „Ich bin's, du Tölpel,“ antwortete eine kreiſchende Stimme, „willſt Du machen, daß Du nach Hauſe kommſt! willſt Du hier die ganze Nacht ſtecken?“ „Ich bin gleich fertig;“ erwiderte Balthaſar. „Das will ich mir auch ausgebeten haben;“ ſagte die kreiſchende Stimme. Das Geſpenſt im Schlafpelz war während dieſer Unterhaltung ſo weit als möglich an die Wand gerutſcht und hatte, an allen Gliedern zitternd, zuſammengekauert dageſeſſen. Auch Ambroſius hatte, trotz ſeines Muthes, ſich nach einer beſſern Waffe, als ſein Knotenſtock war, umgeſehen. Balthaſar trat heran und flüſterte:„Ich wußte es, daß ſie es nicht wagen würde hereinzukommen; ſie fürchtet ſich vor dem 190 Die von Hohenſtein. alten Gerumpel. Aber wir müſſen fort, Hochwürden! Sie ſchließt jetzt die Fenſterläden nach dem Hofe hinaus; wir müſſen die Zeit benutzen.“ „So laſſen Sie uns machen, daß wir fortkommen,“ ſagte der Pfarrer,„ich habe wahrhaftig nichts dagegen.“ „Aber Ihr kommt wieder, Pfarrer, nicht wahr, Ihr kommt wie⸗ der?“ ächzte das Geſpenſt, das, in weiten Filzſchuhen hinter den Bei⸗ den herſchlurfend, die Krallenfinger in des Pfarrers Rockſchöße ſchlug. „Wir wollen ſehen,“ ſagte Ambroſius,„aber ich glaube nicht, daß ich Ihnen helfen kann.“ „Ich will Euch gern mein halbes Vermögen geben, wenn Ihr mich katholiſch macht, ſo daß ſie mich nicht hängen können;“ raunte das Geſpenſt dem Pfarrer in's Ohr. „Wir wollen ſehen!“ ſagte Ambroſius. Sie waren bis zu dem Eingang in den Waffenſaal gelangt. Balthaſar öffnete vorſichtig die Thür und ſchaute hinaus.„Es iſt Alles ſtill,“ flüſterte er zurück,„jetzt ſchnell!“ Ambroſius wollte hinaus, das Geſpenſt hielt ihn am Rockſchvoße feſt:„Ich will Euch gern mein halbes Vermögen geben.“ „Schnell, oder es wird zu ſpät!“ flüſterte Balthaſar. Das Geſpenſt ließ los und huſchte mit langen unhörbaren Schritten über den parquettirten Fußboden nach der gegenüberliegenden Seite des Saales, wo es in der Thür, die in die inneren Gemächer führte, verſchwand. Ambroſius und Balthaſar traten durch die Glasthür, die der Letztere wieder verſchloß, in den Park. Es war vollkommen Nacht geworden. Balthaſar hatte ſeine Laterne ausgelöſcht und ging voran; der Pfarrer folgte ihm auf dem Fuße. Sie hatten kaum einige Schritte in das Dunkel hineingethan, als eine grobe Stimme aus einiger Entfernung:„Such, Pluto, ſuch!“ rief. Ein dumpfes Geheul antwortete dieſem Ruf; dann hörten ſie es durch die Büſche brechen, gerade nach dem Rande des Teiches zu, an dem ſie jetzt eilig dahin ſchritten. Ambroſius konnte einen leiſen Schreckensruf nicht unter⸗ drücken; aber Balthaſar raunte ihm zu:„Er thut mir nichts und Niemandem, mit dem ich gehe; da iſt er ſchon; ſo, Pluto, ſo! biſt ein gutes Thier, ſo! —— — Zweiter Band. 191 Der gewaltige Hund ſprang mit freudigem Gebell an dem Schul⸗ meiſter in die Höhe und legte ihm die gewaltigen Tatzen auf die Schulter; dann erwies er dem Pfarrer dieſelbe Aufmerkſamkeit. „Iſt gut, Pluto! nun fort!“ ſagte Balthaſar und der Hund ſtürzte wieder in die Büſche zurück, während die Beiden eilig und ohne ein Wort zu ſprechen ihren Weg fortſetzten und bald an der Pforte, durch die ſie in den Park getreten waren, anlangten. Der Pfarrer athmete hoch auf, als der Wind vom Fluſſe her über das offene Feld ihm in's Geſicht wehte. Von dem Dorfe Rhein⸗ felden, das nicht weit links von ihnen und etwas tiefer am Ufer lag, ſchimmerte hier und da ein ſchwaches Licht herüber. Der Weg nach Kirchheim zweigte ſich an dieſer Stelle ab, um etwas oberhalb des Dorfes in den Uferpfad zu fallen. „Wollt Ihr mich bis an den Fluß begleiten, Balthaſar!“ fragte der Pfarrer. Der Ton, in dem er das ſagte, war ein gut Theil höflicher, als der, in welchem er ſonſt mit dem Schulmeiſter zu ſprechen pflegte. Der kleine, ſcheu blickende Mann war während der letzten Stunde ſehr in ſeiner Achtung geſtiegen. „Recht gern, Hochwürden;“ erwiderte Balthaſar. „Sagt mir, Balthaſar?“ fing der Pfarrer nach einer Pauſe an: „Seit wann iſt denn das Weib vem Alten ſo feindlich, da es doch ihr Vortheil ſcheint, mit ihm in Frieden zu leben?“ „Seit dieſem Frühling, Hochwürden, wo die Herrſchaften aus der Stadt hier waren. Sie hat nie gewollt, daß Excellenz mit den Ver⸗ wandten Friede und Freunvſchaft hielten. Sie wirft ihm vor, daß er ſein Geld an die Verwandten verzettle, beſonders an den jungen Herrn Wolfgang, einen lieben leutſeligen Jüngling, der, wie ich höre—“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Ambroſius,„der Alte hat's mir er⸗ zählt; er hat in letzter Zeit mehr als ſonſt für ſeine Verwandten ge⸗ than und das will das Weib nicht; aber dahinter ſteckt mehr. Glaubt Ihr, Balthaſar, daß ſie den Alten an den Galgen bringen kann, wenn ſie will?“ „Sie ſagt es freilich oft; ich halte es aber für eine leere Drohung.“ Die von Hohenſtein. „Hm, hm,“ ſummte der Pfarrer,„doch hier ſind wir auf dem Uferwege; ich will Euch nicht weiter bemühen.“ Der Pfarrer wandte ſich und machte ein paar Schritte, dann blieb er wieder ſtehen und ſagte: „Balthaſar! ſagt mir doch, wie lange iſt es her, daß der ſchöne lange Menſch, der Jürgens aus Kirchheim, der bei dem General als Jäger diente, todt iſt?“ „Das mögen nun wohl ſo ein zehn Jahre ſein, Hochwürden.“ „Und— ich war damals krank und erinnere mich der Geſchichte nicht mehr genau— er ſtarb ja wohl ſehr plötzlich? Woran ſtarb er denn nur?“ „Er war während der Nacht in der Trunkenheit die ſteile ſteinerne Wendeltreppe im Thurm herabgeſtürzt und ſo unglücklich gefallen, daß er mit der Schläfe auf die ſcharfe Kante der unterſten Stufe fiel und augenblicklich todt war.“ „Das war ein ſehr unglücklicher Fall,“ brummte der Pfarrer; „gute Nacht, Balthaſar.“ „Gute Nacht, Hochwürden.“ Die beiden Männer trennten ſich und ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken waren ſie einander in dem Dunkel, das heute ganz beſonders dicht auf dem breiten Strom und den kahlen Feldern lag, verſchwunden. Einundzwanzigſtes Capitel. In derſelben finſtern und rauhen Nacht ſaßen in der Officier⸗ ſtube der Wache vom Fort St. Sebaſtian in Rheinſtadt mehrere Herren vom Militair um eine dampfende Bowle. Die Herren hatten augen⸗ ſcheinlich ſchon lange geſeſſen und gebechert; zum wenigſten ſprach für dieſe Vermuthung eine bedenkliche lange Reihe leerer Flaſchen an der Wand und der mehr oder weniger gläſerne Ausdruck in den Augen der jungen Leute. Die Wachtſtube war ein nicht eben großes Eckzimmer, das auf Zweiter Band. 193 zwei Seiten je ein Fenſter hatte. Die Ausſtattung war äußerſt ein⸗ fach: ein großes, mit ſchwarzem Leder überzogenes Sopha, ein eben folcher Lehnſtuhl, einige Rohrſtühle, ein Büreau, ein Schrank für die Gläſer und Teller— Alles in reparaturbedürftigem Zuſtande. Ueber dem Sopha an der Wand hing ein großes Bild„des Kriegsherrn“ in ſchwarzem Rahmen, und von der Decke über der Bowle eine Lampe mit einem Schirm von grünem Blech, deren Licht durch den Tabaks⸗ rauch, welcher aus einem halben Dutzend Cigarren fortwährend empor⸗ ſtieg, und um die Lampe herum einen ſchmutzigrothen Hof bildete, einigermaßen gedämpft wurde. „Ich dächte, wir tröſteten uns über die Abweſenheit unſeres Wirthes durch ein kleines Jeu;“ ſagte Kuno von Hohenſtein, eine Pauſe der Converſation, während deſſen die Spitzen der Cigarren ganz beſonders lebhaft geglüht hatten, unterbrechend. „Ich dächte, wir ließen das, bis Ihr Vetter zurück iſt;“ ſagte von Todwitz, ein blonder, beſcheiden ausſehender Jüngling;„es wäre meiner Anſicht nach etwas unfein, dergleichen während ſeiner Ab⸗ weſenheit zu arrangiren. Was meinen Sie, Willamowsky?“ „Wa— wa— 87“ ſagte der Baron, der die Pauſe in der Con⸗ verſation benutzt hatte, um ein wenig einzunicken. „Todwitz hat einen Toaſt auf Camilla Hohenſtein proponirt,“ ſagte der wegen ſeines Sarkasmus gefürchtete Lieutenant von Wyſe (Bruder des Regierungs⸗Aſſeſſors von Wyſe). „De tout won coeur;“ ſagte der Baron mit großer Bereitwillig⸗ keit, aber ziemlich lallender Stimme.„Je l'aime de tout mon coeur!“ Ein ſchallendes Gelächter der Andern beantwortete dieſes Ge⸗ ſtändniß und ermunterte Herrn von Wyſe, an dem mehr als Halb⸗ berauſchten ſeinen Witz noch etwas weiter zu üben: „Ausgetrunken, Baron! auf das Wohl einer Dame, die man liebt, pflegt man auszutrinken.“ „De tout mon coeur,“ lallte Willamowsky, das ihm dargebotene volle Glas leerend und dann wieder in ſeine Sophaecke zurückſinkend. Von Wyſe winkte den Uebrigen:„Willamowsky, hören Sie?“ „Ja, in drei Teufels Namen, was ſoll's?“ „Sie haben im Schlaf geſagt, daß Sie Camilla anbeteten; Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 13 Die von Hohenſtein. Er Hohenſtein, der eben von der Ronde zurückkam, hat es gehört. iſt wüthend und verlangt, daß Sie ſich mit ihm ſchießen.“ „De tout mon coeur,“ lallte der junge Mann, den die Müdig⸗ keit bereits wieder überwältigt hatte;„iſt mir Banz egal. Elle m'aime 66 aussi— elle m'ai— „Laſſen Sie's nun gut ſein, Wyſe,“ ſagt von Tobwitz,„treiben Sie den Scherz nicht zu weit!“ „Uebrigens kriegen Sie Nichts aus ihm heraus, was wir nicht ſchon wiſſen,“ ſagte der Lieutenant von Hinkel(Neffe des Generals von Hinkel⸗Gackelberg). „Seine letzte Behauptung mit dem Wiedergeliebtwerden möchte doch etwas gewagt ſein,“ ſagte Kuno, der zu dieſer letzten Scene ein ſehr verdrießliches Geſicht gemacht hatte. „Um Gotteswillen, Kuno, Du willſt doch nicht Deine alten Prä⸗ tenſionen wieder auffriſchen!“ rief von Wyſe.„Nein, lieber Junge, Dein Glück bei den Frauen, in allen Ehren; aber hier biſt Du ab⸗ gefallen, hoffnungslos abgefallen.“ „So ſicher abgefallen, wie Ihr Bruder mit ſechszig Points minus durch ſein Examen geraſſelt iſt;“ beſtätigte von Hinkel. Den Fähndrich Odo rüttelte dieſe unzarte Erwähnung eines Un⸗ glücks, das ihn vor wenigen Wochen ſchon zum zweiten Male be⸗ troffen hatte, aus der Lethargie, in welche er gegen die Mitte der zweiten Bowle und bei der ſechsten Cigarre zu verſinken pflegte. „Ich will lieber noch einmal durchraſſeln, als einen Parademarſch vollführen, wie ihn heute Welfgang vollführt hat;“ ſchnarrte er. „Ja wahrhaftig!“ rief von Hinkel,„der Parademarſch war wirklich horribel. Schon die Schwenkung war gräßlich, und dann der Vorbei⸗ marſch! auf Ehre! erſt vor dem rechten Flügel, dann allmälig über die Mitte hinüber zum linken. Der Onkel war außer ſich. Er hätte N ſo etwas noch nie geſehen... das käme von der Gelehrſamkeit... Stubenarreſt... na! Ihr kennt den Alten ja! Es fehlte nicht viel, ſo hätte er ihn wahrhaftig einſtecken laſſen.“ „Oder gleich caffirt, wie den Major!“ meinte von Wyſe. „Na, Ihr Herren, unter uns geſagt: Degenfeld hat es reichlich verdient;“ ſagte von Hinkel. Zweiter Band. 195 „Haben Sie denn die Broſchüre geleſen?“ fragte von Todwitz, „iſt es denn wirklich ſo toll?“ „Zum Anbinden toll, auf Ehre!“ rief von Hinkel,„ich ſah das Dings bei meinem Onkel auf dem Büreau und habe es in aller Eile durchgepeitſcht. Ein dünnes Dings, aber der Unſinn! Alles wird runter gemacht, aber Alles! unſere Bewaffnung taugt nichts, unſere Gefechtsweiſe iſt veraltet; Parademarſch iſt nicht; große Garniſonen dummes Zeug, dafür Uebungslager; einjährige Dienſtzeit für die Infanterie, anderthalbjährige für die Specialwaffen. Und was Allem die Krone aufſetzt: die Unterofficiere ſollen avanciren können— Officier werden können.“ „Dummes Zeug!“ fagte von Wyſe. „Was ich Ihnen ſage, Wyſe! ſollen avanciren können! Er ver⸗ ſpricht ſich gerade daraus einen immenſen Vortheil für die Armee!“ „Der Kerl muß verrückt ſein;“ ſagte Kunv. „Scheint beinahe ſo!“ ſagte von Hinkel. In dieſem Augenblick trat ein Unterofſicier herein. „Was wollen Sie?“ ſchrie ihn von Hinkel an. „Rapport von—“ „Der Lieutenant iſt auf der Ronde. Was giebt's?“ „Ein Mann arretirt, der ſich der Wache wiverſetzt hat.“ „Is' gut! Laſſen Sie den Kerl vorläufig in's Loch ſtecken⸗ Will's dem Lieutenant ſagen, wenn er zurückkommt.“ „Zu Befehl!“ Der Unterofficier machte auf dem Abſatz Kehrt und verließ das Gemach. „Das geht jetzt flott,“ ſagte von Wyſe;„ſeit dem Belagerungs⸗ zuſtanv giebt's an einem Abend mehr Arreſtanten, als ſonſt in einer Woche. Das Bürgerpack hat jetzt Zeit, Mores zu lernen. War wa'haftig hohe Zeit. Aber der Hohenſtein kommt auch gar nicht wieder. Wo er nur ſtecken mag?“ „Wird ſich wohl von jedem Poſten anrufen laſſen,“ meinte Kuno; „ſein mütterlich bürgerliches Gewiſſen wird fonſt keine Ruhe haben.“ „Hören Sie, Kuno,“ ſagte von Wyſe,„ſticheln Sie nicht auf Ihres Vetters bürgerliche Abſtammung mütterlicher Seits. Es wurde 13* Die von Hohenſtein. heute bei Nikolini erzählt, daß Sie die kleine Schmitz raſend pouſſiren. Was iſt daran? Hat das Mädchen was?“ „Keinen rothen Dreier. Ihr Onkel ſoll einmal was gehabt haben. Jetzt iſt er ganz herunter gekommen. Die Herren können daraus ſehen, was es mit dem Gerücht auf ſich hat;“ ſagte Kuno, ſeinen blonden Schnurbart in das Weinglas tauchend. „Nun, an ein ernſtliches Attachement hat auch kein Menſch ge⸗ dacht;“ ſagte von Wyſe.„Die Sache wurde nur als ein Paroli angeſehen, das Sie Ihrem Vetter biegen. Er hat Ihnen Camilla weggeſchnappt; Sie verführen ihm ſeine hübſche Couſine. Aber ich verdufte nun; Hohenſtein kann ſeine Bowle allein austrinken. Wer kommt mit?“ „Ich denke, wir Alle,“ wollen nach Hauſe gehen!“ ſagte von Hinkel;„holla, Baron, wir „De tout mon coeur,“ ſagte Willamowsky, ſich aus der Sopha⸗ ecke in die Höhe richtend;„ich habe verdammte Kopfſchmerzen.“ „Wird draußen ſchon beſſer werden, hier iſt Ihr Degen.“ Die Herren knöpften ſich ihre Uniformröcke zu, ſteckten die Degen ein, und zogen die Paletots über, als Wolfgang in das Zimmer trat. „Wie, meine Herren,“ rief er,„Sie wollen doch unmöglich ſchon aufbrechen!“ „Schon?“ ſagte von Wyſe;„es iſt ein Uhr und wir ſind ſämmt⸗ lich erſt heute Morgen um ſechs nach Hauſe gekommen. Warum bleiben Sie ſo lange!“ „Aber, meine Herren! ich bin gelaufen, was ich konnte.“ „Nun, dann werden Sie ja auch müde ſein;“ meinte von Wyſe trocken;„gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ fagte Wolfgang ebenſo trocken und kurz;„man ſoll die kommenden Gäſte willkommen heißen und die enteilenden nicht zu halten ſuchen.“ Die Herren empfahlen ſich, nicht ohne manche wenig zarte An⸗ ſpielungen auf„übertriebenen Dienſteifer, der ſich mit der Zeit ſchon legen werde“— Anſpielungen, die Wolfgang wohl verſtand. Er wußte recht gut, daß es in den Augen der Kameraden der Gipfel der Lächerlichkeit und zugleich der Unhöflichkeit gegen die in der Wacht⸗ Zweiter Band. 197 ſtube Zurückbleibenden war, wenn der wachthabende Officier die ihm vienſtlich vorgeſchriebene Ronde innerhalb des Rayons der Citadelle wirklich machte, anſtatt ſie einfach als gemacht in den Rapport ein⸗ zutragen, während er ruhig hinter der Bowle ſeinen Verpflichtungen als Wirth nachkam. Aber er wußte auch, daß, was Andern ungeſtraft und ungerügt durchging, für ihn ſehr unangenehme Folgen haben konnte. So ließ er denn, nachdem ſich die Gäſte endlich lärmend und unter viclem Gelächter über die„ſchwankende Haltung“ der Herren Lieutenant von Willamowsky und Fähndrich Odo von Hohenſtein ent⸗ fernt hatten, die Fenſter des Zmmers öffnen, um den Tabaksrauch und den Weindunſt herauszulaſſen, und fragte den wachthabenden Unterofficier, ob während ſeiner Abweſenheit etwas vorgefallen ſei. „Ein Arreſtant iſt abgeliefert, Herr Lieutenant; ich ſollte ihn zu den übrigen ſtecken; aber weil der Mann ſo weit ganz anſtändig aus⸗ ſieht, habe ich ihn in das Officierarreſtlokal ſperrer laſſen, bis der Herr Lieutenant zurückkäme; es wimmelt in dem andern Lokal von Ungeziefer, Herr Lieutenant.“ Der Unterofficier Rüchel, ein hübſcher, intelligent ausſehender Mann, würde ſich dieſe Abweichung von der Vorſchrift ſchwerlich er⸗ laubt haben, wenn Wolfgang nicht während der vierzehn Tage, ſeit denen er in das Regiment eingeſtellt war, durch ſein freundliches Be⸗ nehmen die Liebe und das Vertrauen ſeiner Untergebenen in hohem Grade erworben hätte. Dennoch brachte er ſeine Sache in einem un⸗ ſichern Tone vor, und fühlte ſich augenſcheinlich nicht wenig erleichtert, als Wolfgang, anſtatt aufzubrauſen, ruhig und wie um Belehrung bittend, fragte: „Muß ich den Mann hier behalten?“ „Wird nicht nöthig ſein, Herr Lieutenant; eingetragen iſt er ſo wie ſo noch nicht. Der Herr Lieutenant können ihn ſich ja ein⸗ mal anſehen.“ „Wollen Sie mich hinführen?“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant.“ Der Unterofficier Rüchel zündete eine Laterne an, nahm die Schlüſſel vom Haken an der Thür und leuchtete Wolfgang einen engen und ſchmalen Gang vorauf bis an eine Thür, die er aufſchloß. — Die von Hohenſtein.— „Wollen Sie mir die Laterne geben? So! dankel Sie warten wohl hier auf mich.“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant.“ Wolfgang trat ein. In dem kleinen, dumpfigen Gemach faß ein Mann mit dem Rücken nach der Thür an dem Tiſch. Er hatte den Kopf in die Hände geſtützt und ſchien zu ſchlafen; wenigſtens rührte er ſich, als die Thür geöffnet wurde, nicht aus ſeiner Stellung. Wolfgang ſtellte die Laterne auf den Tiſch und trat an den Sitzen⸗ den heran: „Mein Herr!... Der Arreſtant fuhr aus ſeiner Stellung in die Höhe. „Onkel Peter!“ Peter Schmitz ſtarrte mit dunklen zornigen Augen auf den vor ihm ſtehenden Officier, in welchem er nur mit Mühe ſeinen Neffen Wolfgang zu erkennen ſchien. Dann zog ein verächtliches Lächeln über ſein ausdrucksvolles Geſicht. „Mit wem habe ich die Ehre?“ „Onkel,“ ſagte Wolfgang mit bewegter Stimme,„ſein Sie groß⸗ müthiger als das Schickſal, das mich Ihnen ſo gegenüber ſtellt.“ „Das Schickſal, mein Beſter,“ ſagte Onkel Peter, dem ſeine Leidenſchaftlichkeit die Durchführung der angefangenen Rolle unmöglich machte,„macht aus uns genau das, was wir ſelber aus uns machen; aus dem Einen einen ehrlichen Mann, aus dem Andern... haben Sie noch ſonſt etwas zu befehlen, Herr Lieutenant, ſo geniren Sie ſich nicht; im Uebrigen wünſche ich allein zu ſein.“ „Onkel, Onkel! es wird Ihnen morgen bitter leid thun, daß Sie heute ſo mit dem Sohne Ihrer Schweſter ſprachen.“ In dem Tone von Wolfgangs Stimme lag ein ſo wahrer und tiefer Schmerz, daß Onkel Peter, ſo zornig er war, nicht davon un⸗ gerührt blieb. „Was hilft das Klagen!“ ſagte er barſch,„Geſchehenes iſt nicht zu ändern; Du mußt die Folgen Deiner Handlungsweiſe tragen, wie ich die Folgen meiner Grundſätze tragen muß. Du commandirſt, wie es ſcheint, eine Wache, auf der Dein Onkel gefangen ſitzt, weil er die Frechheit hatte, ſich der Brutalität einer Patrouille nicht zu fügen, Zweiter Band. 199 die ihm verwehren wollte, mit ein paar Nachbarn auf der Straße zu ſprechen. Das iſt allerdings vielleicht ein wenig wunderlich; aber, wie geſagt, die Sache iſt nicht zu ändern, und ſo thu' denn, was Deines Amtes iſt. Soll ich vielleicht in Ketten gelegt? oder lieber gleich erſchoſſen werden?“ Mit Onkel Peters erzwungener Ruhe war es längſt vorbei; er ging, ſeiner Gewohnheit gemäß, mit raſchen kurzen Schritten in dem Gemache auf und ab, und blieb bei den letzten Worten mit auf der Bruſt gekreuzten Armen vor Wolfgang ſtehen. „Ich glaube, Onkel,“ erwiderte Wolfgang mit traurigem Lächeln, „die Sache wird eine weniger tragiſche Wendung nehmen, wenn Du mir erlaubſt, daß ich Dich aus dieſem Raume und aus der Citadelle hinausbegleite. Du ſollſt nicht einen Augenblick länger, als Du willſt, hier zu bleiben haben.“ „Ich will aber hier bleiben, junger Herr,“ ſagte Onkel Peter; „ich will ſehen, wie weit dieſe elende Säbelherrſchaft ihre Frechheit treiben wird; ich will nicht der Spielball einer Willkür ſein, die einen freien Bürger wie einen Dieb aufgreift und in ein dunkles kaltes Loch wirft, ohne Verhör und Urtheil, und ihn hernach wieder laufen läßt, wenn es ihr beliebt. Ihr habt die Gewalt; wir haben das Recht; wir wollen ſehen, wer es am längſten treibt.“ „Aber, Onkel, wenn Du nicht mit meiner peinlichen Lage Mit⸗ leid haſt, wenn Dir meine Mutter, die ſich über dieſen Vorfall un⸗ ſäglich grämen würde, nichts mehr gilt— ſo denke doch wenigſtens an die Deinigen zu Hauſe! Denke an die Tante, die ſchon jetzt vor Angſt über Dein langes Ausbleiben vergehen wird! Denke an Ottilie, die mit ſo großer Liebe an Dir hängt und untröſtlich ſein wird, wenn ſie hört, was Dir begegnet iſt.“ Die Erwähnung Ottiliens ſchien mehr als alles Andere auf Onkel Peter Eindruck zu machen. „Iſt auch wahr,“ ſagte er;„habe wahrhaftig in meinem Aerger an das arme Kind gar nicht gedacht. Du haſt eine große Freundin an dem Mädel, Wolfgang. Sie hat mich weidlich geſcholten, daß ich Dich an dem Abend, als Du zu uns kamſt, ſo barſch angelaſſen habe; aber ich war in hellem Zorn, wie ich es auch jetzt war, als . 200 Die von Hohenſtein 8 Du zur Thür hereinkamſt. Ich glaube, ſie würde mich wieder ſchelten, wenn ich Dein Anerbieten, mich aus dem Loche hier zu laſſen, aus⸗ ſchlüge. Aber, weiß es der Himmel, Wolfgang: ich bleibe lieber, als daß ich gehe.“ „Ich bin davon überzeugt, Onkel; und rechne es Dir um ſo höher an, wenn Du es dennoch thuſt.“ Onkel Peter drückte mit Entſchloſſenheit ſeinen Hut— der in ver Begegnung mit der Patrouille übel genug zugerichtet war— in die Stirn und ging mit Wolfgang nach der Thür. Plötzlich aber blieb er ſtehen und ſagte leiſe: „Höre, Wolfgang, Du wirſt doch aber keine Ungelegenheiten da⸗ von haben, daß Du mich— ehem!— aus dem Loche hier läßt?“ „Ich glaube nicht, Onkel; die Leute ſind mir zugethan und Du biſt noch nicht einmal in die Arreſtantenliſte eingetragen.“ „Na, ſo komm!“ ſagte Onkel Peter. Wolfgang nahm Onkel Peters Arm, öffnete die Thür und ſagte zu dem Unterofficier Rüchel, der in dem Gange auf⸗ und abging: „Der Herr iſt mir ſehr wohl bekannt; die Sache beruht offenbar auf einem Mißverſtändniß.“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant,“ ſagte der Unterofficier Rüchel. „Befehlen der Herr Lieutenant, daß ich den Herrn hinausbegleite?“ „Danke, ich will es ſelbſt thun.“ „Zu Befehl.“ Wolfgang nahm Onkel Peters Arm und führte ihn aus dem Wachthauſe über den Hof an der Thorwache, die natürlich bereit⸗ willigſt das kleine Pfürtchen neben dem verſchloſſenen Hauptthor öffnete, über die Zugbrücke der Citadelle auf den abſchüſſig chauſſirten Weg an dem letzten Poſten vorüber. „So, Onkel,“ ſagte Wolfgang,„nun gute Nacht!“ „Gute Nacht,“ ſagte Onkel Peter. Onkel Peter that, als ob er Wolfgangs dargebotene Hand nicht ſähe, und ging ein paar Schritte; dann kam er ſchnell wiever zurück und ſagte mit vor Erregung zitternder Stimme: „Gieb mir Deine Hand, Junge! Du haſt doch mehr Schmitz'ſches Blut in den Adern, als ich glaubte. Und, was ich vorhin von dem Band. 201 Schickſal geſagt habe, das Jeder ſich ſelbſt bereite, ſo brauchſt Du das auch nicht ſo wörtlich zu nehmen. Es mag Dir ſauer genug werden, zu thun, was Du für Deine Pflicht hältſt. Gute Nacht, und höre Wolfgang: grüß' mir die Mutter!“ Wolfgang drückte Onkel Peters Hand, ohne ein Wort der Er⸗ widerung finden zu können, und kehrte, in trübſtes Sinnen verloren, in die Citadelle zurück. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Er fand die kalte und von abgeſtandenem Tabaksrauch noch immer reichlich getränkte Luft der Wachtſtube, nachdem er einige Zeit vor dem Ofen geſeſſen und in die langſam glimmenden Scheite ge⸗ ſtarrt hatte, unerträglich. So zündete er ſich eine Cigarre an, knöpfte ſich den Paletot wieder zu, und beſtieg den hohen Wall, der ſich un⸗ mittelbar hinter dem Wachthauſe erſtreckte und in eine Baſtion aus⸗ lief, deren Höhe die des Walles noch bedeutend überragte. Hier ſchritt er lange auf und ab. Mit langem klagendem Stöhnen ſtrich der Nachtwind über die Ebene heran, raſchelte in dem dürren Laub der Bäume auf dem Glacis und pfiff um die Köpfe der Palliſaden. An dem nächtlichen Himmel jagten die ſchwarzen Wolken unter den hier und da durchblickenden Sternen, deren wechſelndes Licht die Nacht nur noch dunkler und unheimlicher zu machen ſchien. Links zu ſeinen Füßen ſchlief die Stadt lautlos, als würde ſie nie wieder erwachen. Wie vermummte Rieſen ſtanden die ſchwarzen Thürme ihrer Kirchen und alle überragend der Koloß ihres Domes wie der Fürſt in dieſem Reiche der Finſterniß. Vergeblich bemühte ſich Wolfgang die Form eines Gegenſtandes deutlich zu erkennen; je länger er hinblickte, deſto phantaſtiſchere Geſtalt nahm Alles an; die Kanone auf dem Wall ſah wie ein Ungeheuer aus, das, zum Sprunge bereit, auf Beute lauert. Dieſe traurig⸗ernſte, ſchwarze, wehende Nacht ſtimmte durchaus zu Wolfgangs Seelenſtimmung. Wie waren doch feine ſchlimmſten Die von Hohenſtein. Befürchtungen ſo ſchnell und ſo vollkommen in Erfüllung gegangen! In welches Elend hatte er ſich gegen ſeine Ueberzeugung, gegen ſein beſſeres Wiſſen und Gewiſſen geſtürzt! Und wem war dies Opfer zu gute gekommen? Nicht dem Vater, der nach wie vor über ſeine gedrückte Lage klagte; nicht der Mutter, die ſich immer ſcheuer und ängſtlicher vor dem Leben zurückgezogen hatte und deren Körperleiden mit ihrem Seelenleiden in ſchrecklicher Steigerung gewachſen waren? Und doch hatte er nur für das Wohl der Eltern das ſchwere Kreuz auf ſich genommen, unter deſſen Laſt ſeine Seele ſich ſchier erdrückt fühlte. Wie ſollte dies enden? So konnte es nicht bleiben, ſollte er nicht on Leib und Seele zu Grunde gehen, und doch, wie ändern, was nnabänderlich wie ein böſes Schickſal ſchien? „Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen.“.. Wolfgang konnte dieſe Worte des Onkel Peter nicht vergeſſen. Er hörte ſie in dem klagenden Heulen, wie in dem ſpötti⸗ ſchen Pfeifen des Windes. Die ſtumme grauſe Nacht ſchien Sprache zu gewinnen und nichts weiter zu klagen und zu ſagen, als das eine grauſe Wort:„Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen.“ Was hatte es aus Onkel Peter gemacht? einen armen Mann, der in ſeinem funfzigſten Jahre den Hoffnungen ſeiner Jugend, an deren Verwirklichung ér ein Menſchenalter voll nimmermüder Thätig⸗ keit geſetzt hatte, entſagen und zu dem Anfang der Bahn, von der er ausgegangen war, zurückkehren mußte. Und doch, wie reich war Onkel Peter! wie reich in dem Bewußtſein, während dieſer langen Zeit nie auch nur eines Haares Breite von dem geraden Wege der mannhaften Ueberzeugungstreue abgewichen zu ſein! in dem Bewußt⸗ ſein, immerdar das Rechte gewollt zu haben, immerdar mit ſich ſelbſt im Einklang geweſen zu ſein! Wie unſäglich reich war Onkel Peter! wie wohl ſtand es ihm an, den trotzigen Kopf mit den krauſen grauen Haaren in den Nacken zu werfen und in ſeiner kurzen knappen Weiſe, bei der jede Sylbe wie ein Hammerſchlag klang, die Worte zu ſprechen:„Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen.“. Was hatte es aus ihm ſelbſt gemacht? Das Gegentheil von — — Zweiter Band. 203 dem, was er zu ſein wünſchte— jetzt lebhafter wünſchte, als je zuvor. Die letzten Monate, die er in der Reſidenz, im Mittelpunkt des politi⸗ ſchen Treibens, im Verkehr mit Münzer und deſſen Freunden, ein aufmerkſamer Beobachter von Allem, was vorging, verbrachte, hatten aus dem Jüngling einen Mann gezeitigt. In immer größerer Klar⸗ heit hatten ſich ihm die Ziele des ungeheuren Kampfes, der nicht blos im engeren Vaterlande, ſondern in ganz Deutſchland, ja in ganz Europa entbrannt war, enthüllt; immer deutlicher, faßlicher, verſtänd⸗ licher waren ihm aus dieſem ungeheuren Bilde die einzelnen Gruppen der Kämpfer hervorgetreten; immer wärmer war aber auch mit dem helleren Verſtändniß ſeine Sympathie für die heilige Sache der Frei⸗ heit geworden, und für die wackeren Kämpen, die unter ihrem glor⸗ reichen Banner ſtritten; immer entſchiedener aber auch ſein Haß gegen die brutale Willkür und ihre gefügigen Werkzeuge. Und während ſeine andächtigen Blicke auf die leuchtende Spur des Weges ſchauten, der vorwärts in das ſonnige Land der Freiheit führt, trugen ihn ſeine widerſtrebenden Füße rückwärts, immer rückwärts die dunkle Bahn, auf der es von den Cohorten des Reiches der Gewalt wimmelt. Der grelle Widerſpruch ſeiner Ueberzeugungen und der Pflichten des Berufes, dem er ſich nothgedrungen gewidmet hatte, drängte ſich ihm mit jedem Tage ſchmerzlicher auf. Zwiſchen dem Geiſt der Zeit und dem Geiſt, der in dem Stande gepflegt wurde, zu dem er jetzt ge⸗ hörte, gab es keine Verſöhnung;— ſie mußten ſich bekämpfen wie Ormuz und Ariman, die Götter des Lichtes und der Finſterniß ſich bekämpfen müſſen, ob auch Keiner der Kämpfer, die jetzt auf dem Plan ſind, den Tag des Sieges und der Niederlage ſchaue. Nein! keine Verſöhnung, kein Friede! und über die wohlwollenden Vermittler, die gutherzigen Friedensſtifter, rollt die entfeſſelte Schlacht und tritt ſie nieder in den Staub!— Das konnte Wolfgang aus dem Schickſal des trefflichen Mannes lernen, der ihm bei ſeiuem erſten Eintritt in das Waffenhandwerk mit Gruß und Handſchlag und freundlich be⸗ ruhigenden Worten entgegengetreten war,— an dem Schickſal des Majors von Degenfeld. Man hatte im Nu herausgefunden, daß er und nur er der Verfaſſer jener Broſchüre ſein konnte, die mit ſo patriotiſchem Freimuth die Schäden gerade des heimiſchen Heeres i . 17 5 3 1 5 F 1 6 3 — 204 Die von Hohenſtein.— aufdeckte. Er hatte ſich auf die erſte Anfrage als den Verfaſſer be⸗ kannt und ſich erboten, den Beweis der Wahrheit für jedes Wort in jeder ſeiner Behauptungen anzutreten. Aber mit dieſem Anerbieten war denen, die ſeine Kläger und zugleich ſeine Richter waren, wenig gedient. Was Wahrheit! was Beweis! Subordination, unbedingte Subordination, blindes Schwören auf die Paragraphen des Dienſt⸗ Reglements und auf die Unfehlbarkeit des Kriegsherrn! Das ſeien die Erforderniſſe eines guten Officiers! und wer das nicht könne und das nicht thue, ſei ein ſchlechter Officier, der dem Corps Schande mache; und die Ehre des Corps und der ganzen Armee erfordere, daß man einen ſolchen Officier vor das Kriegsgericht ſtelle, und das Kriegsgericht caſſire einen ſolchen Officier.— Dies Schickſal hatte den Herrn von Degenfeld wenige Tage nach Wolfgangs Rückkehr aus der Reſidenz betroffen; es war ein Vorſpiel des Belagerungszuſtandes, der eine Woche darauf über Rheinſtadt verhängt wurde. Wolfgang war über dieſe Vorgänge außer ſich geweſen, und nur der Gedanke an ſeinen Vater, der in den verfloſſenen Monaten um eben ſo viele Jahre gealtert ſchien, und an die Mutter, deren ſchwan⸗ kender Geſundheitszuſtand das Schlimmſte befürchten ließ, hatte ihn vermocht, den Degen, welchen er nicht durch die Hand des Fürſten vom Staat, ſondern durch die Hand des Fürſten vom Fürſten be⸗ kommen haben ſollte, in die fürſtliche Hand zurückzugeben. Herr von Degenfeld ſelbſt hatte ihm zugeredet, zu bleiben; und wäre es auch nur auf kurze Zeit.„Thun Sie es mir zu Liebe,“ hatte er geſagt; „ich habe das lebhafte Bedürfniß, dieſe meine Sache allein auszu⸗ fechten. Ihr Austritt in dieſem Augenblick würde mir in den Augen mancher Leute ſchaden, deren gute Meinung ich vorläufig noch nicht wohl entbehren kann.“ Wolfgang mußte nachgeben, obgleich er ſich nicht überzengt fühlte. Offenbar konnte oder wollte Herr von Degen⸗ feld nicht mit der Sprache herausgehen. So thürmten ſich die Wolken von allen Seiten drohend um Wolf⸗ gangs Horizont, und ach! der Stern, der eine goldne Stern, zu wel⸗ chem er im Parke von Rheinfelden mit ſo gläubiger Seele aufgeſchaut — der Stern, von dem er gehofft hatte, er werde ihm ein ewiges Licht der Kraft und des Muthes ſein in allen Gefahren dieſer Welt— Zweiter Band. 205 der Stern war im Erlöſchen, oder vielmehr leuchtete nur noch in der Erinnerung. Zwar hatte man ſich offenbar Mühe gegeben, den fatalen Eindruck der letzten Scene vor Wolfgangs Abgang von Rheinſtadt wieder gut zu machen. Man hatte auf das zarteſte Roſapapier einen Brief über den andern geſchrieben, ſich wegen des„lächerlichen Miß⸗ verſtändniſſes“ zu entſchuldigen, und den„Verlobten“ der„überſchwäng⸗ lichſten Liebe“ zu verſichern.— Wolfgang hatte im Anfang mit der Gläubigkeit des Liebenden dieſe Verſicherungen entgegengenommen; er hatte die ſchöne Schreiberin gebeten, das Geſcheheue vergeſſen ſein zu laſſen, und war dann auf die Themata übergegangen, die ſeine Seele ſo ganz in Anſpruch nahmen, und über die ſich auszuſprechen, gegen Diejenige auszuſprechen, die ſich ihm zur Gefährtin ſeines Lebens ver⸗ lobt hatte, ſeinem Herzen Bedürfniß war. Aber man hatte ſich auf dieſe Themata nicht eingelaſſen; man hatte ſo lange fortgefahren, nichtsſagende und überdies ſchlecht ſthliſirte Billetchen auf das zarteſte Roſapapier zu kritzeln, bis Wolfgangs Gläubigkeit vor dieſer voll⸗ kommenen Ideenloſigkeit ſtutzig wurde und zuletzt in eine Verzweiflung an dem Idol umſchlug, vor welchem ſeine junge, liebebedürftige Seele ſo innig angebetet hatte. Vielleicht trug mehr, als Wolfgang ſelbſt es wußte, zu dieſer Wandelung ein Brief bei, den er aus dem Hauſe in der Ufergaſſe erhielt, nachdem er ſchon einige Wochen in der Reſidenz geweſen war, und den er im Laufe des Sommers ſo oft las, daß er ihn ſchließlich auswendig wußte. Auch jetzt, während er in der dunklen Nacht auf dem Walle der Baſtion ſtand und ſich von den naßkalten Schwingen des winterlichen Weſtwindes die heiße Stirne kühlen ließ, mußte er immer wieder dieſes Briefes denken..... „Lieber Wolfgang! Die Tante trägt mir auf, Dir zu ſchreiben, daß ſie Dich noch immer ſehr liebt, und daß Du ihr um dieſer ihrer Liebe willen die Unfreundlichkeit verzeihen möchteſt, deren ſie ſich an jenem unglücklichen Abend vor Deiner Abreiſe gegen Dich ſchuldig ge⸗ macht hat. Ich glaube, daß es Dir nicht ſchwer werden wird, dieſe Bitte zu erfüllen, denn Du weißt ſo gut wie ich, daß die Tante das bravſte Herz auf der Welt hat, und daß ſie es niemals bös meint, auch wenn ſie ſich noch ſo weit von ihrer Leidenſchaftlichkeit hinreißen —— 206 Die von Hohenſtein. läßt. Du ſollteſt nur hören, wie ſie Deine Partei gegen den Onkel nimmt, der— ich muß es leider bekennen— noch immer nicht ſo gut, wie ich es wohl wünſchte, auf Dich zu ſprechen iſt. Freilich liebt Dich auch der Onkel— ich weiß es aus tauſend Kleinigkeiten und höre das ſelbſt aus ſeinem Schelten heraus; aber Ihr Männer ſeid hart, wenn es ſich um Eure Ueberzeugungen handelt, und Ihr müßt es auch wohl ſein in dieſem rauhen Leben, das Euch ſo viel zu ſchaffen macht und Eure ganze Kraft in Anſpruch nimmt. Und doch meine ich immer— und ich habe es dem Onkel ſchon oft geſagt— zwei gute und verſtändige Menſchen müſſen zuletzt, und wenn ſie auch auf noch ſo verſchiedenen Wegen gingen, an dem Ziele zuſammentreffen, denn das Ziel iſt doch daſſelbe. So hoffe ich denn zuverſichtlich, daß auch Du und der Onkel nicht ſo ſehr in Euren Anſichten auseinander ſeid, als es jetzt den Anſchein hat. Ihr müßt nur nicht gleich unge⸗ duldig und heftig werden, dann verſtändigt man ſich ſchon. Ich ſehe das alle Tage an der Tante und dem Onkel, die über keine einzige Sache dieſelbe Anſicht zu haben ſcheinen, und im Grunde immer daſſelbe wollen.— Bei Deiner Mutter bin ich jetzt ſchon ein paar Mal ge⸗ weſen. Sie iſt ſo lieb und gut und wir ſprechen auch manchmal von Din Wolfgang fiel es ein, daß man von einem andern Punkte des Walles auf das Quartier der Stadt, in welcher die Ufergaſſe lag, müſſe hinabblicken können. Er ging dorthin. Der Himmel hatte ſich etwas aufgeklärt und bei dem Licht der Sterne konnte man in unge⸗ fähren Umriſſen die langen Häuſerzeilen erkennen, in denen hier und da eine Laterne brannte, oder durch ein Fenſter der trübe Schein einer nächtlichen Lampe dämmerte. Und wie er ſo daſtand und hinabſchaute, ergriff es ihn wie Heimweh nach dem alten Hauſe in der Ufergaſſe, in deſſen verfallenen Räumen er die glücklichſten Stunden ſeiner Knabenjahre verträumt und verſpielt hatte, und das ihm immer als das eigentliche Aſyl aus dem Sturm des Lebens erſchienen war,— eine Sehnſucht nach den guten Menſchen, die dort wohnten und ſich ſo muthig gegen das Unglück vertheidigen und im Glück ſo freundlich ſein konnten,— nach dem grauköpfigen, allzeit geſchäftigen Onkel— nach der guten, heftigen, mitleidigen Tante Bella, und nach dem ———— — — Zweiter Band. 207 ſchlanken Mädchen mit den tiefblauen, ernſten, liebevollen Augen, das ihm wie eine große, ſchöne, lang entbehrte Schweſter, ſo vertraut und doch auch wieder ſo fremd, entgegengetreten war und das er ge⸗ wiß ſo herzlich lieb hatte, wie nur ein Bruder ſeine Schweſter lieb haben kann. Es kam ihm wie ein Wahnſinn vor, daß er während der Wochen, die er wieder in ſeiner Vaterſtadt war, das Haus in der Ufergaſſe ſcheu gemieden hatte, als wäre er ein Verbannter, ein Aus⸗ geſtoßener, der die Schwelle des Tempels ſeiner Heimathgötter nicht zu überſchreiten wagen darf. Wäre er doch gegangen, wie es die Mutter wünſchte, wie ſein eigen Herz es ihm gebot! man hätte ihn ſicher freundlicher empfangen, als in jenem andern Hauſe an dem Gouvernements-Platz, wo ihn die Oede aus jedem Geſicht und aus jedem Prunkmöbel anſtarrte! wäre er doch gegangen! er hätte dort ſicher Troſt und Labung gefunden in dem Fieber des Zweifels und der Reue, das ihn verzehrte;— er hätte heute Nacht dem Onkel ganz anders unter die Augen treten können; er hätte mit ruhigerem Gewiſſen die Worte hören können:„Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen.“ So trieben und ſtürmten die Gedanken durch Wolfgangs Seele wie die Wolken hoch über ihm an dem nächtlichen Himmel trieben und ſtürmten. Das langgezogene„Raus!“ des Poſtens vor dem Gewehre riß ihn aus ſeinem Sinnen und erinnerte ihn wieder an ſeine leichten Pflichten, die ſo centnerſchwer auf ihm laſteten. „Ablöſung vor!“ „Wann wird für mich die Stunde ſchlagen, die mich mir ſelbſt zurück giebt; die Stunde der Erlöſung aus dieſem elenden Joch?“ „Nicht eher, als bis ich ſelbſt ſie rufe. Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen!“ — —— Die von Hohenſtein. Preiundzwanzigſtes Capitel. Frau Antonie von Hohenſtein war vor einigen Tagen auf Rheineck angekommen, und hatte, nachdem ſie flüchtig die auf ihre Befehle ge⸗ troffenen Einrichtungen inſpicirt, ihre Zufriedenheit zu erkennen ge⸗ geben. Der Hausflur war mit Gewächſen aus dem Wintergarten ſchicklich decorirt, die Zimmer waren gut gelüftet und durchwärmt, die Ueberzüge von den Möbeln entfernt, die Büſten wohl abgeſtäubt. —„Es iſt Alles ganz nach meinem Wunſch, lieber Vettler; ganz nach meinem Wunſch, liebe Vettler.“ Herr und Madame Vettler hatten für ihre Bemühungen ein wärmeres Lob erwartet und fanden ſich in Folge deſſen durch die Gleichgültigkeit, welche die gnädige Frau gegen ihre Werke an den Tag gelegt hatte, höchlichſt beleidigt. „Wenn's weiter nichts war,“ ſagte Herr Vettler,„dann hätten wir uns nicht zu ſchinden brauchen.“ „Da haſt Du Recht,“ ſagte Frau Vettler, eine dicke, gutmüthige Perſon;„aber die Gnädige ſieht lange nicht mehr ſo friſch und kräftig aus, wie im Frühling; ſie iſt gewiß krank; da kann man ihr ſchon was zu gute halten.“ „Papperlapapp,“ ſagte Herr Vettler;„vornehme Leute werden gar nicht krank; ſo was iſt nur für unſer einen.“ Wie es auch mit dem Geſundheitszuſtand Antoniens ſtehen mochte, mit dem weniger friſchen und kräftigen Ausſehen hatte es unzweifel⸗ haft ſeine Richtigkeit, und wenn üble Laune ein Symptom von Krank⸗ heit iſt, ſo ließ Antoniens Befinden viel zu wünſchen übrig. Sie kam wenig aus ihrem Zimmer, und wenn Frau Vettler— Antonie wollte von Niemand ſonſt bedient ſein— auf den Ruf der Klingel vor der Gnädigen erſchien, fand ſie dieſelbe in einem Fauteuil oder auf dem Sopha halb liegend, halb ſitzend, und immer mit demſelben abge⸗ ſpannten Ausdruck in den ſchönen Zügen. Nur einmal hatte Frau . Zweiter Band. 209 Bettler zu fragen gewagt: was der Gnädigen fehle? und die Gnädige hatte mit etwas mürriſchem Tone geantwortet: „Ich langweile mich.“ Frau Vettler war ordentlich froh, als der Tag, auf welchen die Gnädige den Beſuch der Herren angekündigt hatte, endlich da war. Nun mußte doch die Langeweile zu Ende ſein. Einige der Herren würden vermuthlich mehrere Tage bleiben; ſo war alſo vorläufig für Unterhaltung geſorgt. Herr Vettler, der vor einigen Tagen Briefe in die Stadt mitgenommen hatte, glaubte ſogar zu wiſſen, wer die Herren wären; doch ließ er ſich diesmal, gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit rückſichtsloſeſter Schwatzhaftigkeit, nicht weiter über das intereſſante Thema aus. Die Geſellſchaft wurde zum Mittag erwartet, aber bereits um zehn Uhr kam ein verſchloſſener Miethswagen aus der Stadt. Ein großer Herr, der den Mantelkragen in die Höhe geſchlagen hatte, ſtieg ſchnell aus und trat in das Haus. Der Wagen fuhr ſogleich wieder ab. Einige Minuten ſpäter ſaßen der Herr und Antonie in dem. Empfangs⸗Zimmer einander gegenüber. Die Dame auf dem Sopha, der Herr in einem Fauteuil. Der Ausdruck in den Geſichtern der Beiden war aber keineswegs der beſonderer Freude oder auch nur geſellſchaftlicher Freundlichkeit. Im Gegentheil; Beider Stirne und Augen waren düſter. Sie hatten kaum ein Wort geſprochen und doch ſahen ſie aus, als hätten ſie ſchon eine lange und keineswegs ergötzliche Unterredung gehabt. „Sie ſehen angegriffen aus, Antonie,“ ſagte Münzer. „Ich langweile mich,“ entgegnete Antonie, ihre ſchönen Augen zur Zimmerdecke aufſchlagend. „Da werden Sie Ihren ländlichen Aufenthalt nicht zu lang aus⸗ dehnen.“ „Ich dächte, ich wäre nicht zu meinem Vergnügen mitten im Winter auf das Land gezogen.“ „Gewiß nicht, und die Partei muß Ihnen deshalb das Opfer, das Sie ihr bringen, um ſo höher anrechnen, aber ich meine— und ich glaube, unſre heutige Conferenz wird auch die Andern zu dem Fr. Spielhagen's Werke. vIII. 14 — Die von Hohenſtein. Reſultate bringen— wir ſchlagen bald los, oder laſſen es ganz. In beiden Fällen wird Ihr Aufenthalt hier, der nur den Zweck hat, uns ein ſicheres Rendezvous zu ermöglichen, unnöthig. Meinen Sie nicht?“ „Willſt Du mich nicht lieber: gnädige Frau tituliren? ich dächte, das machte ſich noch beſſer.“ Ueber Münzers Geſicht zog ein melancholiſches Lächeln: „Verzeihe,“ ſagte er;„aber Du weißt, wenn es ſich um die Politik handelt, vergeſſe ich alles Andre.“ „Wenn es ſich um Politik handelt! Handelt es ſich denn jemals um etwas Anderes?“ „Und dies Thema hat ſeinen Reiz für Dich verloren— wenn es jemals einen Reiz für Dich gehabt hat.“ „Ich kann es nicht leugnen, Münzer, oder vielmehr ich will es nicht leugnen: ich habe es herzlich ſatt, immer nur von Revolution und Reaction, Parlament und Reichsverweſer, Socialismus und Communismus, Camarilla, Säbelherrſchaft und wie Eure Stichwörter ſonſt noch heißen, reden zu hören, um ſo mehr, als ich nicht ſehen kann, daß bei all' den Reden irgend etwas herauskommt.“ „Du wirſt mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn wir noch nicht weiter ſind.“ „Meinetwegen; aber ändert das an der Sache etwas? Beweiſt es nicht vielmehr, was ich immer behauptet habe: daß Du Dich ohne Noth für Menſchen opferſt, die gar nicht nach dieſem Opfer fragen, die gar nicht errettet ſein wollen? Ich geſtehe: ich bin einmal für Deine Ideen enthuſiasmirt geweſen; aber auf die Dauer für Ideen ſchwärmen, die immer nur in der Luft ſchweben, und nie den Fuß auf die Erde ſetzen, iſt meine Sache nicht.“ „Verzeihe, Antonie; ich glaube, Du thuſt den armen Ideen Un⸗ recht. Die Ideen, für die ich Dich zu begeiſtern ſuchte und für die ich Dich begeiſtert zu haben glaubte, ſind vielleicht niemals ganz und gar auf Erden zu realiſiren; jedenfalls darf es dem, der für ſie ar⸗ beitet, auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht ankommen, denn er weiß, daß dieſe Ideen unſterblich ſind, wie die Menſchheit.“ „Ich aber bin nicht unſterblich, und ich will etwas vom Leben haben,“ ſagte Antonie ungeduldig;„und übrigens wiverſprichſt Du ——-—— —— ——— — Zweiter Band. 211 Dir ſelbſt mit dieſer Unſterblichkeitstheorie. Wer iſt es denn, der immer zum Handeln drängt? der außer ſich iſt, daß es nicht zum Handeln kommt? der einmal über das andere ſich von dieſen trägen Klötzen, die nichts in Flammen ſetzen kann, loszuſagen droht,— als Du und immer wieder Du? Was ſprichſt Du mir denn jetzt von unſterblichen Ideen, an die Du doch, wenn Du ehrlich ſein willſt, ſelbſt nicht glaubſt!“ „Ich fürchte, Antonie, wir haben aufgehört, uns zu verſtehen.“ „Oder haben uns niemals verſtanden.“ „Dann freilich wäre es lächerlich, wenn wir jetzt in der zwölften Stunde noch einen Verſuch machen wollten, uns zu verſtändigen.“ Münzer erhob ſich und trat au den Kamin, in welchem nur noch hier und da einzelne Kohlen glimmten. Es mochte ein ſtattliches, glänzendes Feuer geweſen ſein, als die rothen Flammen zuerſt durch den Holzſtoß praſſelten; die rothen Flammen waren davongeflogen, und das Holz war verzehrt; die entfeſſelte Wärme verbreitet ſich in dem unendlichen Raum; nach wenigen Stunden ſtreckt man die frieren⸗ den Hände über die graue Aſche und zieht ſie frierend wieder zurück. Eine Hand legte ſich leicht auf ſeine Schulter; er wandte ſich um, und verſuchte den ängſtlich forſchenden Blick von Antoniens großen Augen mit einem Lächeln zu erwidern; aber das Lächeln ſtarb im Entſtehen. Er ließ ſich in einen Stuhl ſinken und ſtützte den Kopf in die Hände. Antonie kniete neben ihm nieder und zog ihm mit ſanfter Gewalt die Hände von dem Geſicht. „Nein, laß mich knieen, Bernhard! ich habe Dich ſehr beleidigt und kann Dir das nur auf den Knieen abbitten. Aber ſei Du auch gerecht gegen mich! Was kann ich denn dafür, daß ich nun einmal keinen Kopf und kein Herz habe für Deine Völkerbeglückungstheorien, daß ich kein Verſtändniß habe für die Menge, daß ich nur in Dir lebe, nur in Dir und für Dich leben will? Weil ich zu ſehen glaubte, daß Du nur in dem großen politiſchen Leben glücklich ſein könnteſt, habe ich mich in dies Leben gemiſcht; aber ſeitdem ich ſehe, daß Dich dies verhaßte Leben ebenſo wenig glücklich macht, haſſe ich es doppelt und dreifach. Ja, wenn es Dir noch Ehre und Macht brächte, wenn —— ——— —————— — 212 Die von dohenſtei L ich Dich als Präſidenten der Republik ſehen könnte, wie ich Dich einſt in dem Traume ſah den ich in der Nacht träumte, als Du Deine erſte große Rede gehalten— das wäre nicht viel— aber es wäre doch etwas. Mir hat der Reichthum lange die Liebe erſetzen müſſen; vielleicht erſetzte Dir die Macht die Liebe, die Du immer ſuchſt und nicht findeſt— auch bei mir nicht gefunden haſt. Ja, Bernhard, auch bei mir nicht! Du biſt in meiner Geſellſchaft nicht glücklicher geweſen, als— Du in dem Umgang mit jeder andern Frau auch geweſen ſein würdeſt, als Du— in den Armen Deiner Frau geweſen biſt. Ja, ich bin überzeugt, daß ich Dir lange ſchon eine Laſt bin— Du ſchüttelſt den Kopf? Nun denn, gieb mir den Beweis, daß Du mich liebſt! Laß dieſe elende Politik, dieſe politiſche Miſére, aus der in Ewigkeit nichts Geſcheidtes wird! gehöre mir ganz, wie ich Dir ganz gehöre. Komm mit mir nach Italien, nein! nicht nach Italien,— da ſieht es noch ſchlimmer aus, als bei uns; nach dem Orient, nach den ſyriſchen Küſtenthälern, von denen ich heut im Lamartine geleſen habe, wo es ſo göttlich ſchön iſt und wir unter Palmen und Cedern dies gräuliche Land und die gräuliche Politik vergeſſen können.“ „Und meine Kinder,“ ſagte Münzer,„was wird aus ihnen?“ Antonie ließ Münzers Hände los und ſtand auf. „Ich vergaß wieder einmal, daß Du— verheiratheſt biſt,“ ſagte ſie kalt;„warum nimmſt Du die Kinder nicht zu Dir; ſie gehören Dir ja.“ „Sie gehören tauſendmal mehr ihrer Mutter; ich kann die Kinder nicht von der Mutter trennen.“ „So nimm ſie doch alle wieder zu Dir, Mutter und Kinder, wenn Du doch einmal Dich von ihnen nicht losmachen kannſt und willſt.“ „Ich habe in der That ſehr dieſe Abſicht.“ „Und Du kamſt ſo früh, mir das zu ſagen?“ „Ich wollte es Dir in der That ſagen; aber freilich nicht ſo, wie ich es Dir jetzt geſagt habe.“ „Aber doch ſagen; auf das Wie kommt es ja wohl ſo ſehr nicht an.— Wollen wir nicht etwas hinausgehen; die Sonne ſcheint ſo ſchön und es iſt in den dunkeln Zimmern ſo traurig und langweilig. — ——— —— — „ Zweiter Band. 213 — Erlaube, daß ich klingle!— Wann, meinen Sie, daß die anderen Herren kommen werden? Ich freue mich auf Degenfeld; er ſieht wirklich ausnehmend elegant aus, und dabei doch wie ein Mann, und ich glaube, er iſt auch ein Mann, der, trotzdem er durch die Verhält⸗ niſſe in eine ſchiefe Lage gerathen iſt, ſehr gut weiß, was er will.— Ah! da ſind Sie ja, liebe Vettler! Wollen Sie mir meinen Hut und meinen Shawl bringen?— Ja ſo— da liegt ja Beides; ich hatte es ganz überſehen. Danke!— Sind Sie bereit? ja?— nun, das iſt ja ſchön. Wir ſind in einer halben Stunde zurück, liebe Vettler! Wir gehen nur eben in den Park, wenn unterdeſſen Jemand kommen ſollte...“ „Ich glaube nicht, daß Du meine Geſellſchaft wünſchſt,“ ſagte Münzer, als ſie ein paar Minuten in der Allee des Parks, der ſich unmittelbar hinter dem Hauſe nach dem Fluſſe zu erſtreckte, ſchweigend nebeneinander hergegangen waren;„und thue wohl beſſer, unter irgend einem Vorwand nach dem Hauſe zurückkehren.“ „Oder willſt Du nicht lieber gleich nach Kirchheim gehen? Dort⸗ hin führt der Weg; in einer halben Stunde kannſt Du da ſein.“ „Ich werde nicht nach Kirchheim gehen; aber Dein Gaſt werde ich auch nicht länger ſein; leb' wohl, Antonie!“ Münzer blieb ſtehen. Antonie machte noch ein paar Schritte dann kehrte ſie ſich mit Heftigkeit um, kam wieder auf Münzer zu und ſagte:„Alſo, ich bin Dir nichts mehr, oder beſſer, ich bin Dir nie etwas geweſen! ſag' es doch nur einmal gerad' heraus! Ich habe ſo oft Liebhaber fortgeſchickt; ich möchte nun auch gern wiſſen, wie es thut, fortgeſchickt zu werden.“ Ihre Wangen glühten und ihre Augen flammten; ſie war ſchöner, als Münzer ſie je geſehen, und obgleich der Zauber, mit welchem dieſe Schönheit ihn einſt umſtrickte, den beſten Theil ſeiner Kraft ver⸗ loren hatte, war verſelbe doch noch mächtig genug, ſein Herz höher ſchlagen zu machen.. „Wer von uns iſt denn nun der Fortgeſchickte?“ ſagte er mit bitterem Lächeln, indem er an Antoniens Seite tiefer in die Allee hineinſchritt.„Keiner will es ſein, oder, was noch ſchlimmer wäre: Jeder will es ſein; aber, ſo oder ſo, beweiſt es nur, daß in unſerm — ——.—— — ——— ——— Die von Hohenſtei— Verhältniß ein ungelöſter Mißklang iſt, der uns die Freude an Allem, was wir uns geweſen ſind und vielleicht noch ſein könnten, vergällt. Das muß zur Sprache kommen, und, je früher es zur Sprache kommt, deſto beſſer für Dich und mich. Ich habe das Elend eines un⸗ harmoniſchen Verhältniſſes zu tief empfunden, als daß ich den Leicht⸗ ſinn haben könnte, ein Verhältniß, deſſen Einklang nicht vollkommen iſt, über den Augenblick hinaus, wo ich zu dieſer Erkenntniß gekommen bin, fortzuſetzen. Und wenn ich es auch wollte, Antonie, ich ver⸗ möchte es nicht, denn— ich kann nicht lügen. Wie ich denke und fühle, muß ich ſprechen und handeln, oder ich bin der elendeſte und unglücklichſte der Menſchen. Ich habe Dir, als Du nach der Reſi⸗ denz kamſt, geſagt, daß ich mich über Dein Kommen nicht freuen könne. Ein Herz, wie das Deine, wolle eine andere Liebe, als ich noch zu gewähren habe. Du haſt mir durch die That geantwortet; Du haſt Dich in den Wirbel des politiſchen Lebens geſtürzt; Dein Salon war der Sammelplatz aller Koryphäen unſerer Partei, und ſehr ſcharfſinnige Männer haben ſich durch den Schein des Enthuſias⸗ mus, mit welchem Du auf unſre Ideen eingingſt, durch den Glanz Deiner Rede blenden laſſen. Ich aber kannte Dich beſſer, als Jene; ich wußte, daß Du in dem tiefſten Grunde Deiner ſtolzen Seele die Sache, für die wir kämpfen, verachteteſt, und daß Du nach dem ganzen Gange Deiner Bildung und in Folge einer verhängnißvollen Eigenthümlichkeit Deiner Natur, die Dir, bei der ſchärfſten Erfaſſung des Individuellen, das Verſtändniß und mit dem Verſtändniß die Leidenſchaft für die Idee verſchließt, auch gar nicht anders konnteſt. Ein Anderer hätte ſich vielleicht das Opfer, daß Du ſeiner Eitelkeit brachteſt, gern gefallen laſſen, aber ich kann die Perſon von der Sache, die Sache von der Perſon nicht trennen. Könnte mir das Individuum genügen, das in ſtolzer Selbſtgenügſamkeit auf dem Reichthum ſeiner Naturbegabung ruht— ich würde mich vor Dir und nur vor Dir niederwerfen, denn Du weißt, wie Alles was in mir von jenem ſelbſtiſchen Trotz noch nicht gebrochen iſt, mich gewalt⸗ ſam zu Dir zieht, mir in Deinen ſchönen Augen die Herrlichkeit der Himmel zeigt, und mich in Deinen Armen die Seligkeit der Götter träumen läßt.“ ———— Zweiter Band. 215 Antonie hatte ſtumm und mit geſenkten Wimpern Münzers Worten zugehört. Auch jetzt antwortete ſie nicht, ſondern ſchritt mit immer raſcheren Schritten weiter, als ob ſie ſo dem Kampfe des Stolzes und der Liebe, der in ihrem Buſen tobte, entrinnen könnte. „Vielleicht wirſt Du mir ſagen,“ fuhr Münzer fort,„daß ich Unmögliches verlange, daß die Liebe, welche den Mann zum Weibe zieht, mit jenen Ideen nichts zu ſchaffen habe,— aber, was iſt dann noch die Liebe? ein Nektarrauſch, wenn es hoch kommt, ein Rauſch, in jedem Fall— eine Angelegenheit für Götter, oder Heloten, die nicht werth iſt, daß der freie Mann, der Bürger deswegen an den Säulen der allgemeinen Ordnung rüttelt. Wenn ich dieſe Ordnung umſtoßen will, wenn ich nicht anerkennen will, daß der Irrthum einer Stunde, eines Jahres zu einem Irrthum für das ganze Leben gemacht werden müſſe, weil es den Ffaffen ſo gefällt und die Sclaven der Gewohnheit Ja und Amen dazu ſagen— dann muß ich wenigſtens das Ideal in ſeiner Schönheit, oder die Wirklichkeit in ihrer Voll⸗ kraft für mich haben; dann muß das Weib, das ich liebe, ſchön ſein, wie Du, und zugleich müſſen in ihrem Geiſt die Gedanken leben, die die Seele meiner Seele ſind. Dir aber ſind dieſe Gedanken Hirn⸗ geſpinſte, im beſten Falle ſchöne Träume. Ich aber kann nicht leben ohne dieſe Träume. So laß den Mann der Träume, Antonie, laß ihn ſeinen Träumen; halte Dich an die Wirklichkeit, die Dein Reich iſt, in der Du Königin biſt—“ „Und Du wein Selave!“ rief Antonie, indem ſie lachend ihre Arme um Münzer ſchlang und ihre Lippen wiederholt auf ſeine Lippen preßte In dieſem Augenblick kamen ein alter Herr und eine junge Dame an dem mit Epheu durchflochtenen Gitterthor, welches von dem breiten Parkwege auf die Landſtraße führte, vorüber. Der alte Herr hatte kurz vorher geſagt, daß man durch dieſes Thor, die ſchöne Allee prächtiger Bäume hinauf, einen Theil des Schloſſes erblicken könne, und ſo waren ſie denn ſtehen geblieben, um einen Blick durch das Gitterthor zu werfen. Die Dame wurde ſehr bleich und ſchwankte, wie vom Blitz getroffen, auf ihren Begleiter zurück, der ſie mit einer Kraft, die man dem Greiſe kaum zugetraut hätte, um die ——— e —— —.——.— 216 Die von Hoheſſtein Taille faßte und an dem Gitter vorüber hinter die hohe Park⸗ mauer zog. „Muth, Muth, mein Kind!“ murmelte der alte Manu,„denke an Deine Kinder!— faſſe Dich!“ „Ich bin gefaßt!“ ſagte die Dame, indem ſie ſich mit einem plötzlichen Entſchluß in die Höhe richtete;„jetzt bin ich gefaßt. Komm, „Ich glaube, es gingen eben Leute an dem Gitter vorüber,“ ſagte Münzer, Antonien mit ſanfter Gewalt von ſich drängend. „Bilder Deiner Phantaſie, Du Mann der Tränme!“ ſagte An⸗ tonie übermüthig;„träume, ſo viel Du willſt, und küſſe mich, ſo viel ich will— dann kann ſich Keiner von uns beklagen.“ Da ertönte raſcher Hufſchlag durch den Park und gleich darauf bog ein Reiter aus einem Seitenweg in die Allee, und kam, als er die Beiden in der Tiefe der Allee erblickt hatte, im Galopp heran⸗ geſprengt. „Es iſt Wolfgang,“ ſagte Münzer,„was kann er wollen? Er bringt eine Unglücksbotſchaft.“ Wolfgang winkte ſchon aus der Ferne mit der Hand; parirte dann, als er heran war, ſein Pferd. „Was giebt's?“ riefen Antonie und Münzer, wie aus einem Munde. „Nicht viel Gutes;“ erwiderte Wolfgang, ihnen vom Sattel aus die Hand reichend;— ein Glück, daß ich Euch ſo ſchnell gefunden habe! Vor einer Stunde brachte mir ein Mann, der ſich Cajus nannte, einen Zettel von Degenfeld. Hier iſt der Zettel.„Lieber W., vertrauen Sie dem Ueberbringer dieſes und überlegen Sie mit ihm, was zu thun iſt.“ Der Mann Cajus erzählte mir darauf, daß De⸗ genfeld, bei dem er ſeit einigen Tagen in Dienſt ſtehe, dieſen Augen⸗ blick verhaftet ſei, daß ihm— dem Cajus— einer der Polizeidiener, der von früher her ſein guter Freund, zugeraunt habe: auch der Herr aus Mainſtadt ſei vor einer halben Stunde in ſeinem Hotel ver⸗ haftet; demnächſt werde Dich, Münzer, die Reihe treffen. Du ſeieſt indeſſen ſchon heute Morgen nach Rheineck gefahren, und müßteſt Nachricht haben, damit Du nicht in die Falle zurücktämeſt. Wie Dir ———— — Zweiter Band. 217 die Nachricht zu bringen ſei? Ich erbot mich ſogleich— und Cajus ſtimmte nach einigem Bedenken bei— herauszureiten. Nachbar Köbes' Brauner, wußte ich aus Erfahrung, würde ſich als das wackere Pferd zeigen, das er in Wirllichkeit iſt— und da bin ich nun.“ Welfgang war bei den ktzten Worten abgeſtiegen und ſchritt, das dampfende Pferd am Zügel führend, neben Antonie und Münzer dem Hauſe zu. Antonie blickte ängſtlich in Münzers Geſicht; Münzer ſah nachdenklich zur Erde. „Weißt Du, Welfgang,“ ſagte er, daß Du Dich einer nicht ge⸗ ringen Gefahr ausſetzeſt? Der Ritt kann Dich Deine Epauletten koſten.“ „Da würde mir ja nur eine ſchwere Laſt von den Schultern ge⸗ nommen werden,“ ſagte Wolfgang lächelnd.„Aber im Ernſt, Münzer, ich glaube, die Gefahr iſt für mich nicht allzugroß. Ein Spazier⸗ ritt aus den Thoren iſt unverfänglich, und ich werde die Vorſicht brauchen, zu einem andern Thore wieder hineinzureiten. Uebrigens kommt es auch vorläufig nur darauf an, wie wir Dich vor der Ge⸗ fahr, die Dich bedroht, retten. Ich habe ſchon gedacht, daß, wenn wir ſo ſchnell als möglich die Eiſenbahn zu erreichen ſuchen, Dich meine Begleitung am ſicherſten vor einem etwaigen unangenehmen Rencontre auf der Station ſchützen würde. Du haſt dann immer einen Vorſprung, kannſt ausſteigen, wo Du willſt und einen Weg ein⸗ ſchlagen, auf dem Dich Niemand ſucht.“ „Warum ſoll er nicht hier bleiben?“ ſagte Antonie, ihren Arm in Münzers Arm legend;„Sie ſind hier ſicherer, Münzer, als irgendwo ſonſt.“ „Ich bezweifle das ſehr, gnädige Frau,“ ſagte Münzer,„im Gegentheil: die Erfahrungen von heute Morgen zeigen, daß unſere Annahme, hier auf Rheineck vor den Argusaugen der Polizei geſchützt zu ſein, leichtſinnig genug war. Es iſt keine Frage, daß man ſo oder ſo von unſerer projectirten Zuſammenkunft unterrichtet war und daß man nur, um ſicherer zu gehen, die Verhaftungen nicht hier an Ort und Stelle vorgenommen hat. Aber auch Dein Plan, lieber Wolf⸗ gang, iſt nicht ausführbar. Meine Flucht würde mich und, was ſchlimmer iſt, die Anderen unrettbar verderben. Man würde darin einfach einen Beweis der Schuld ſehen; mlange Unterſuchungs⸗ — mů—— —— —— 218 Die von Hohenſtein. haft wäre die unausbleibliche Folge, und die führerloſe Partei würde die Waffen ſtrecken. Kehre ich zurück und laſſe mich verhaften, ſo müſſen ſie uns Alle in wenigen Tagen wieder frei geben und ſich noch obendrein für ihre Dummheit entſchuldigen. Den aus Mainſtadt können ſie ſo nicht halten. Rheinſtadt iſt kein Wien und der Graf Hinkel kein Windiſchgrätz. Degenfeld iſt noch zu kurze Zeit in das Vertrauen gezogen; er hat nichts in Händen, was ihn compromittiren könnte; und was mich anbetrifft: ich bin auf einen ſolchen Fall längſt vorbereitet. Man findet bei mir nicht, was nicht in ein Album für junge Damen in der Penſion gedruckt werden könnte. Mit einem Wort: hier iſt keine Wahl. Wolfgang beſteigt ſeinen Braunen wieder und reitet, ſo ſchnell er kann, nach Hauſe. Die gnädige Frau läßt anſpannen und mich bis vor das Thor fahren; ich paſſire dann als unſchuldiger Spaziergänger die Thorwache, habe Gelegenheit, noch mit Cajus und den Andern Rückſprache zu nehmen und dann können ſie mich meinetwegen verhaften.“ Antonie wollte anfänglich von dieſem Plane durchaus nichts hören; ſie bat, ſie ſchmeichelte; aber Münzer blieb feſt, und Wolf⸗ gang konnte nicht anders, als den Entſchluß des Freundes von der Ehre und von der Klugheit gleich geboten erachten. Antonie mußte zuletzt nachgeben. „Aber eine Bedingung!“ rief ſie,„ich muß mit. Hier in dieſem abſcheulichen Hauſe bleibe ich keine Minute länger, ſeitdem ich weiß, daß ich hier einſam wie eine Eule hauſen ſoll. Der Doctor und ich fahren zuſammen bis nach meiner Villa vor der Stadt. Das iſt un⸗ verdächtiger, als wenn er vor dem Thore ausſteigt. Und, unver⸗ dächtiger, oder nicht, ich will nun einmal nicht hier bleiben.“ Da Antonie ſich durch nichts von ihrem Gedanken abbringen ließ, ſo mußten die Männer ihr ſchließlich nachgeben. Eine Viertelſtunde ſpäter ſahen Herr und Madame Vettler von der Thür aus dem davonfahrenden Wagen nach. „Wer war denn nur der ſchwarze Herr, mit dem die gnädige Frau ſich ſo viel erzählen that?“ ſagte Madame Vettler nachdenklich; „aber Jeſus Maria, wo willſt Du denn hin, Vettler, eine Viertel⸗ ſtunde vor Tiſche?“ — Zweiter Band. 219 „Bekümmere Dich um Deine Angelegenheiten,“ ſagte Herr Vettler grob.„Ich frage auch nicht darnach, warum der Herr Paſtor partout Alles wiſſen will, was hier im Hauſe vorgeht. Adieu; ich bin in einer halben Stunde wieder hier.“ Und Herr Vettler ſchlug den Weg nach dem benachbarten Kirch⸗ heim ein, deſſen meſſingne Thurmſpitze über die kahlen Bäume her⸗ über in der hellen Mittagsſonne erglänzte. vierundzwarzigſtes Capitel. Münzers Vorausſagung ging in Erfüllung. Man hatte den Herrn aus Mainſtadt, Herrn von Degenfeld und fünf oder ſechs andre, die noch an demſelben Morgen verhaftet waren, ſchon am folgenden Tage wieder entlaſſen, da die zu gleicher Zeit angeſtellten Hausſuchüngen wohl nicht nach Wunſch ausgefallen waren. Auch in Münzers Wohnung hatte man während ſeiner Abweſenheit nach hoch⸗ verrätheriſchen Papieren geforſcht, aber ſo gar nichts, aus dem man beim beſten Willen etwas hätte machen können, gefunden, daß man es ſchließlich für zweckmäßiger erachtete, den gefürchteten Demokraten nicht weiter zu beläſtigen.„Die Katze Reaction hat uns revolutionaire Mäuschen vorläufig noch einmal laufen laſſen,“ ſagte Münzer am folgenden Tage zu Herrn von Degenfeld;„wir ſind ihr noch nicht fett genug; aber wenn wir noch lange, wie bisher, auf unſern Lor⸗ beeren ausruhen, wird uns die Trägheit wohl bald das nöthige En⸗ bonpoint geben. Ich möchte verzweifeln, wenn ich ſehen muß, wie unſre Sache Tag für Tag an Terrain verliert, ohne daß wir Hand oder Fuß regen, den Feind zurückzutreiben.“ „Was hülfe das, lieber Doctor?“ erwiderte Herr von Degenfeld; „ſo lange wir nicht die Macht haben, den Feind mit dem erſten An⸗ griff über den Haufen zu werfen? In der Politik entſcheidet der Erfolg. Ein erfolgloſer Angriff iſt ſchlim kein Angriff, denn —— 220 Die von Hohenſtt— er belehrt den Feind zugleich über ſeine Stärke und unſre Schwäche. Die Stütze der Reaction iſt die Armee. Dieſe Stütze iſt noch unge⸗ brochen. Es iſt ſchlimm genug, daß die Demokratie, als im März die Macht in ihre Hand gegeben war, keinen beſſeren Gebrauch von ihrer günſtigen Sitnation gemacht, die reactionairen Officiere entfernt, die übrigen auf die Verfaſſung vereidigt und das ganze Heer, vom General bis zum jüngſten Rekruten demokratiſirt hat— aber das Unglück dieſer ſchweren Unterlaſſungsſünde iſt einmal geſchehen. Was wollen Sie dagegen machen? Ihre paar verſteckten Bürgerwehrflinten thun es nicht. Die Revolution muß va ſtattfinden, wo der Schwer⸗ punkt der Gewalt liegt. In einem despotiſchen Staate, wo die Politit von dem Herrſcher durch die Camarilla gemacht wird, fällt dieſer Schwerpunkt in den Palaſt, und eine Palaſtrevolution iſt dort die naturgemäße Kriſis; bei uns fällt der Schwerpunkt in die Armee und uns kann daher nur eine Revolution retten, die in der Armee ſelbſt ihren Ausgang nimmt.“ „Sie ſprechen als Soldat, Herr von Degenfeld, und als ſolcher überſchätzen Sie, meiner Meinung nach, das Gewicht, welches Ihr Stand in die Wagſchaale der politiſchen Entſcheidung wirft.“ „Ich fürchte, die Zeit wird mir nur zu ſehr Recht geben;“ er⸗ widerte Herr von Degenfeld achſelzuckend. „Und wie denken Sie ſich eine ſolche Militgirrevolution?“ fragte Münzer. „Ich denke ſie mir nicht von der Maſſe ausgehend, von der ich überhaupt in keinem Falle die Initiative erwarte, ſondern von einer einzigen bedeutenden Perſönlichkeit. Die Armee iſt das, was ſie iſt, nur durch das Bewußtſein der Macht, hervorgebracht durch die Ge⸗ meinſamkeit, die Solidarität der Intereſſen, die Gleichſtellung in Reih und Glied, die Kameradſchaft. Dies Bewußtſein ſchmeichelt ſelbſt dem gemeinen Mann und dem vor allem. Er weiß, daß er, ſo lange er den bunten Rock noch nicht trug, ein Lump war, der— als Hand⸗ werksburſch, als Arbeiter, als Tagelöhner— von Allen gehudelt wurde und vor jedem ſchnurrbärtigen Gensd'armengeſicht zittern mußte; er weiß, daß, wenn er den bunten Rock auszieht, er in die⸗ ſelve abhängige, demüthigende Stellung zurücktritt. Als Soldat kann —— Zweiter Band. 221 er auftreten, wie ein Mann, denn er weiß, daß, wenn er ſich nur fonſt im Dienſt„ſtramm“ hält, wie der Kunſtausdruck iſt, ihm Keiner ſonſt ein Haar krümmen darf, ja daß es ihm als eine Ehrloſigkeit ausgelegt wird, wenn er eine Beleidigung, oder gar einen thätlichen Angriff nicht auf der Stelle, wo möglich mit blanker Waffe, zurück⸗ weiſt. Für dieſe Wohlthat, ihm zu einer Poſition im Leben verholfen zu haben, iſt er dem Inſtitute dankbar, ſo drückend auch immer die Anforderungen des Dienſtes auf ihm laſten mögen. Er flucht auf die„verdammten Scheerereien,“ und läßt ſie ſich doch aus dem an⸗ geführten Grunde gern gefallen. Darum machen auch Eure Sirenen⸗ lieder von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keinen Eindruck auf ihn. Er weiß, daß er bei aller Freiheit, Gleichheit und Brüderlich⸗ keit es nicht höher als bis zum Proſetarier bringen kann, und ſelbſt wenn ſeine Einſicht ſo weit reicht, jhm klar zu machen, daß er auch ietzt nicht mehr und nicht weniger iſt, ſo zieht er doch den Proletarier im Waffenrock dem Proletarier in der Blouſe vor, denn jener iſt— als Glied eines Ganzen wenigſtens— etwas, dieſer aber iſt nichts.“ Und die Conſequenzen, die Sie aus dieſen, wie ich glaube, richti⸗ gen Sätzen ziehen?“ „Ich wollte nur ſo viel ſagen, daß man den Soldaten nicht da⸗ durch zu gewinnen hoffen darf, wenn man ihm das Bewußtſein deſſen zu ſchmälern und gar zu rauben ſucht, was ſein Stolz, der einzige Halt in ſeinem öden Leben iſt: das Bewußtſein der auf der Gemein⸗ ſamkeit beruhenden Macht. Im Gegentheil: Man muß dieſes Gefühl in ihm erhöhen, wenn man auf ſeine Dankbarkeit, auf ſeinen that⸗ kräftigen Beiſtand rechnen will. Das kann aber nur, das vermag aber nur— und hier komme ich zum ſpringenden Punkt der ganzen Frage— ein Mann, der in ſich, in ſeiner Perſon, das Soldatenthum repräſentirt— mit einem Worte: ein glücklicher Feldherr. Er kann mit der Armee machen, was er will; er kann ſie gegen die Freiheit oder für die Freiheit in den Kampf führen. Sie wird ihm hierhin und dorthin willig folgen, denn die Seele der Armee iſt wie eine leere Tafel; der, welcher ſtark genug iſt, dieſe Tafel mit der einen mächtigen Hand zu halten, kann ſie mit der andern beſchreiben, wie er will.“ — — 222 Die von Hohenſtein. „Ich fürchte: ein ſolcher Mann dürfte ſich ſchwer finden laſſen,“ ſagte Münzer. „Ohne Zweifel,“ erwiderte von Degenfeld; und doch muß er meiner Meinung nach gefunden werden, wenn wir aus der Miſere unſrer Zuſtände heraus kommen ſollen.“ „Und wenn der Mann die Macht, die er vielleicht im erſten Augenblick mit reinen Händen und reinem Herzen entgegennahm, her⸗ nach gegen die Freiheit wendet, wie die Geſchichte an ſo vielen Bei⸗ ſpielen zeigt?“ „So müſſen wir durch den Imperialismus hindurch, der für uns vielköpfige Deutſche, ſchon der Abwechſelung wegen, auch gerade kein Unglück iſt.“ „Aber die Armee iſt nicht unüberwindlich,“ rief Münzer,„der achtzehnte März hat es bewieſen.“ „Der achtzehnte März hat in meinen Augen nichts bewieſen,“ erwiderte von Degenfeld,„als nur die Kopfloſigkeit der Führer auf Seiten des Militairs. Nein, nein, lieber Doctor! Das Volk in Waffen wird immer ſtärker ſein, als das waffenloſe Volk. Wenn Sie das Volt in Waffen erſt entwaffnen müſſen, um Ihre Ideen durch⸗ zuführen, wenn Sie nicht vielmehr dieſe Waffen für Ihre Zwecke verwerthen können, ſo geben Sie in Gottes Namen die Sache auf, denn es wird in Ewigkeit nichts daraus.“ „In Ewigkeit wohl,“ ſagte Münzer;„denn die ſtille Kraft der Zeit zerreibt zuletzt Baſaltgebirge, warum nicht auch Armeen; aber nur in der Zeitlichkeit nicht, zum wenigſten nicht zu meiner Zeit. Ach, Herr von Degenfeld: es iſt ein hartes Loos, immerdar den Stein des Sifyphus rollen zu müſſen.“ „Muth, lieber Freund, Muth!“ rief Herr von Degenfeld;„wenn Sie den Kopf hängen laſſen wollen, der Sie für Weib und Kinder kämpfen, dem jeder gute Schwerthieb mit einem liebevollen Lächeln, oder mit einer ſchönen Hoffnung bezahlt wird— woher ſoll ich denn den Muth nehmen— ich einſamer Schuhn, der Niemanden auf der weiten Welt hat, für den er ringen und kämpfen könnte und möchte! Geben Sie mir ein Weib zu lieben und ich will— nein! prahlen ——— Zweiter Band. 223 will ich nicht; ich habe ſeit einiger Zeit graue Haare in ungewöhn⸗ licher Zahl auf meinem Kopfe bemerkt.“ „Ein Weib zum lieben,“ wiederholte Münzer, und ſeine Augen nahmen einen eigenthümlich ſtarren Ausdruck an, den ſie in letzter Zeit öfter gezeigt hatten;„zu lieben von ganzer Seele und von dieſem Weibe wieder geliebt werden— nun, dieſen Traum hat am Ende Jeder von uns einmal gehabt— und verloren.“ „Wie meinen Sie?“ fragte Herr von Degenfeld überraſcht. „Ich meine: unſre Ideale ſind Eines und das reale Leben iſt ein Anderes und wer das Eine mit dem Andern reimt, der ſoll— ein glücklicher Mann ſein. Leben Sie wohl!“ „Ich glaube gar, ich habe da eine wunde Stelle in dem Herzen dieſes Mannes berührt,“ ſprach Herr von Degenfeld bei ſich;„das würde mir Manches bei dem ſeltſamen Menſchen erklären; ich muß doch einmal Wolfgang fragen; er kennt ihn ja ſeit latgen Jahren.“ Wolfgang hatte, gleich nach ſeiner Zurückkunft, die mit der Münzers ungefähr zuſammenfiel, die Bekanntſchaft der beiden Männer vermittelt. Sie hatten ſich ſehr ſchnell gefunden, da ſie in ihrem geiſtigen Weſen ſo manches Gemeinſame hatten. Beide waren ſie Idealiſten, Beide waren ſie, bei dem entſchiedenſten Drange, für das Gemeinwohl zu wirken, vielleicht keine im eigentlichen Sinne prakti⸗ ſchen Politiker; Beide hatten ſie den zähen, unbeugſamen, leicht ver⸗ letzlichen Stolz einer ausgeprägten Individualität, der ſich ſo ſchwer mit jener liebreichen Nachſicht gegen die Schwächen des Nächſten ver⸗ einigt, ohne welche eine volle Wirkfamkeit im Geiſte der Nächſtenliebe ſchwer, wenn nicht unmöglich iſt. Dazu kam, daß Beide durch die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit ſehr verſtimmt waren. Münzer kam eben aus einer Verſammlung, von der er ſo viel erwartet hatte und in veren endlichem kläglichen Geſchick er nur die gerechte Strafe ihrer Zerfahrenheit und Schwäche ſehen konnte; Degenfeld war vor wenigen Tagen ein Opfer jenes militairiſchen Kaſtengeiſtes geworden, der, wie Münzer ſagte, ſein mumienhaftes Daſein nur dadurch friſten kann, daß er jedem friſchen Hauch der Wiſſenſchaft und des Lebens den Eintritt verwehrt. Beide trafen in dem Peſſimismus zuſammen, welcher ſich hochſinniger Menſchen in dem verzweifelten Kampf gegen ——— ——— Die von Hohenſteis. Dummheit, Stumpfſinn und Schlechtigkeit ſo leicht bemächtigt. In⸗ deſſen war es Herrn von Degenfeld ſchon ſo vorgekommen, als ob Münzers Trübſinn, der ſich öfters zur tiefſten Schwermuth ſteigerte, ſeine Nahrung noch aus anvern, als nur politiſchen Urſachen ziehen müſſe. Beſonders auffallend war ihm dies kurz nach Münzers Rück⸗ kehr von Rheineck geweſen und Herr von Degenfeld nahm deshalb die erſte Gelegenheit, die ſich bot, wahr, um Wolfgang zu bitten, ihm einige Details über Münzers Prioatleben mittheilen. Wolf⸗ gang hatte wenig zu erzählen. Er war ſelten in Münzers Familie geweſen; die Kinder waren ſehr hübſch und zutraulich; von Clärchen wußte er nur zu ſagen, daß ſie einen angenehmen Eindruck auf ihn gemacht habe, doch habe er immer das Gefühl gehabt, als ob die ſtille beſcheidene Frau dem Freunde nicht genügen könne, oder nicht genüge. Münzer habe nie über ſeine Familienverhältniſſe geſprochen, ſo ſei es ihm(Wolfgang) immer vorgekommen, als ob der Freund gar nicht verheirathet ſei. In dieſem Augenblicke ſei Frau Münzer mit den Kindern bei einem alten Onkel, einem katholiſchen Pfarrer, irgendwo auf dem Lande in einem Dorfe, deſſen Name ihm nicht gleich beifalle. Wolfgang war ſehr zerſtreut, während er ſo Herrn von Degen⸗ felds Neugierde mehr reizte als befriedigte. In der That war er in dieſem Augenblicke ganz und gar mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt. „Helfen Sie mir, rathen Sie mir,“ rief er, indem er von dem Sopha, auf welchem er bis dahin neben Herrn von Degenfeld ge⸗ ſeſſen hatte, aufſprang und mit ungeduldigen Schritten im Zimmer hin und her ging;„ich kann dieſe traurige Rolle nicht weiter ſpielen. Sagen Sie mir, daß kein Menſch verpflichtet iſt, zum Heuchler zu wer⸗ ven, raß Niemand, und wären es ſie, denen wir das Leben verdanken, mehr von uns fordern kann, als unſer Leben, wenn es ſein muß, daß wir aber unter allen Verhältniſſen unſere Ehre, unſere Ueberzeugung rein bewahren müſſen vor jedem Makel— ſagen Sie mir, was ich mir des Tages hundert Mal ſage— und ich ziehe dieſen Rock aus, der mich mehr peinigt, als das Kleid des Neſſus den Herkules gepeinigt haben kann.“ —— — Zweiter Band. 225 „Sie ſind außer ſich, lieber Freund,“ ſagte Herr von Degenfeld; „Sie haben gewiß wieder einen Cardinalfehler beim Bataillonsexer⸗ eiren gemacht, oder haben bei Catalini mit den Kameraden Domino ſpielen müſſen.“ „Können Sie noch ſpotten!“ „Im Ernſt, lieber Wolfgang! ich beantworte alle Ihre Fragen mit Ja und Nein, wie Sie ſie auch beantworten, und dennoch muß ich bei meiner Anſicht, daß Sie Ihre Rolle vorläufig noch weiter ſpielen müſſen, beharren. Sie dürfen die Chancen, die ſich Ihnen geboten haben haben, nicht von der Hand weiſen. Ihr Vater iſt aus ſeiner kritiſchen Lage noch immer nicht befreit; er hat mir das geſtern ſelbſt geſtanden; Ihre Mutter, dieſer Engel von Frau, iſt krank und bedarf der Schonung mehr als je; Ihr Großonkel kann nicht ewig leben und— ich geſtehe ganz offen, daß ich Ihren Verwandten das große Vermögen nicht gönne. Und dann— was, wie Sie wiſſen, in meinen Augen die Hauptſache iſt: Sie ſind Ihrer Partei ſchuldig, daß Sie die Handhabe, die Sie einmal in der Hand haben, auch in der Hand behalten; Sie können uns ein gut Theil wichtiger werden, als Ihre Philoſophie ſich dieſen Augenblick vielleicht träumen läßt, lieber Wolfgang.“ „Und iſt das nun Ihr Ernſt?“ „Mein vollkommener; Napoleon war, als er in Ihren Jahren war, auch nicht mehr als ein ſimpler Lieutenant.“ „Aber er war doch immer Napoleon.“ „Den brauchen wir gar nicht. Wir brauchen nur einen Mann mit etwas von dem militairiſchen Genie allerdings, das der Corſe hatte und mit der ganzen heiligen Begeiſterung für die Freiheit, die der nicht hatte. Wer ſagt Ihnen, daß Sie nicht dieſer Mann ſind? Welchen Grund haben Sie, an ſich zu verzweifeln? Haben Sie kein Talent? ich ſage Ihnen: Sie haben Talent, denn Sie haben einen raſchen Blick, ein ſchnelles und ſicheres Urtheil und phyſiſchen Muth, ohne die Gefahr der Gefahr wegen zu ſuchen, und das ſind die Ingredienzen des militairiſchen Talentes. Und was Ihre Jugend anbetrifft, ſo lebt man erſtens in Tagen, wie die unſrigen ſind, ſehr Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 15 ————— ₰ 5 226 Die von Hohenſtein. ſchnell, und zweitens bin ich durchaus nicht Münzers Anſicht, daß die Entſcheidung dieſes ſo höchſt complicirten Proceſſes ſchon morgen oder übermorgen eintreten wird.— Sie ſpielen jetzt eine traurige Rolle, ſagen Sie. Wohl; ich gebe es zu: aber es iſt ja auch eben nur eine Rolle. Was ich ſpäter von Ihnen verlange, das ſollen Sie nicht ſpielen, das ſollen Sie ſein: der Retter Ihres Vaterlandes, der Held, der den tauſendköpfigen Drachen, der jetzt die Prinzeſſin Frei⸗ heit in Feſſeln hält, erſchlägt, nein— in den Dienſt der Prinzeſſin zwingt. Wolfgang, haben Sie keinen Ehrgeiz? oder iſt das Ziel, das ich Ihnen zeige, nicht eines Manneslebens werth?“ „Aber— verzeihen Sie mir dieſe Frage!— weshalb haben Sie ſelbſt nicht nach dieſem Ziele geſtrebt? oder vielmehr: warum haben Sie die günſtige Poſition, die Sie hatten, weggegeben, die Handhabe, die Sie hielten, losgelaſſen?“ „Weil ich— nun ja, mein junger Freund, Ihnen kann ich es ſagen: weil ich in mir die Kraft nicht fühlte, der Heiland unſerer Leiden zu werden; ich konnte mich nur opfern. Ich konnte nur einem Andern, der größer iſt, als ich, den Weg bereiten; konnte nur rufen: thut Buße und beſſert Euch! Ich weiß: ich habe manches noch nicht ganz verſtockte Herz gerührt; ich habe in manchen, noch nicht ganz umnebelten Verſtand einen Lichtſtrahl geworfen: ich habe meine Pflicht gethan.“ Ein lebhafterer Glanz hatte bei dieſen letzten Worten aus Degen⸗ felds großen ſanften Augen geleuchtet; nun aber flog ein Schatten über ſein ausdrucksvolles Geſicht und ſeine Stimme bebte, als er ſagte: „Soll ich deshalb leugnen, daß mir das Opfer ſehr ſchwer ge⸗ worden iſt? daß der zähnefletſchende Ingrimm, mit welchem man mich niedergehetzt hat, mich empört? der gemeine Geifer, mit dem man 5 mich beſudelt hat, mich anekelt? daß ich mehr als einmal auf dem Punkte geſtanden habe, die Thorheit zu begehen, meinen Widerſachern mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten? Ich leugne das Alles nicht, lieber Wolfgang, denn es iſt nicht leicht ein wahreres Wort geſprochen, als daß nicht Alle, die ihrer Ketten ſpotten, frei ſind. Bis jetzt bin ich noch Herr über meine Thorheit geworden und hoffe . 3— Zweiter Band. 227 es auch künftig zu werden, wenn— doch laſſen Sie uns davon ab⸗ brechen. Ich habe einen Auftrag für Sie— von der Partei.“ „Endlich,“ ſagte Wolfgang,„es kränkt mich längſt ſchon, daß man mir kein größeres Vertrauen ſchenkt.“ „Sie ſollten dafür dankbar ſein, lieber Wolfgang. Man zweifelt weder an Ihrem guten Willen, noch an Ihrer Einſicht, noch an Ihrem Muth; aber man will Sie— auf meinen ſpeziellen Wunſch— nicht in die ſchiefe Lage bringen, ſich unnöthigerweiſe mit Geheim⸗ niſſen ſchleppen zu müſſen, die man Ihnen gelegentlich auf Ihr Ehren⸗ wort abfordern kann. Wenn die Zeit zum Handeln kommt, wird das Alles mit einem Schlage anders werden; vorläufig handelt es ſich nur um eine diplomatiſche Miſſion.“ „Und die beſtände worin?“ „Sie wiſſen, daß Münzer, ſeit dem Eingehen des Volksboten und ſchon ſeitdem er nach der Reſidenz ging, mit Ihrem Onkel Schmitz, mit Dr. Holm und jener ganzen Partei ſo gut wie zerfallen iſt. Ich halte das, wie die Sachen liegen, für ein großes Unglück; die Partei muß zuſammenhalten, oder wir ſind unrettbar verloren. Das habe ich von vornherein geſehen und mich bemüht, die eutente cordiale wieder herzuſtellen; leider bis jetzt ohne Erfolg. Münzer in ein ſtarrer, eigenwilliger Charakter; Ihr Onkel Schmitz ſcheint nach Allem, was ich von ihm höre, von demſelben Kaliber. Dieſe Charakter⸗ eigenthümlichkeit trennt ſie mehr, als ihre Meinungsdifferenzen, die im Grunde gar nicht ſo bedeutend ſind. Trotzdem iſt es ſo weit ge⸗ kommen, daß wir mit jenen Männern und ihrem höchſt bedeutenden Anhang außer allem Conner ſind. Da ſollen Sie uns nun helfen, nicht durch directe Vermittelung, ſondern vorläufig nur dadurch, daß Sie uns über die Stimmung in der Ufergaſſe Nachricht bringen. 5 Sie können dabei natürlich ganz offen zu Werke gehen: eines Hinter⸗ haltes bedarf es gar nicht. Wollen Sie uns den Gefallen thun?“ „Von Herzen gern,“ ſagte Wolfgang;„ich hatte heute ſo die Abſicht, dem Onkel endlich einen Beſuch zu machen. Endlich! nach unſerm Rencontre auf der Wache, von dem ich Ihnen erzählte, ſind ſchon wieder vier Wochen vergangen. Sie ſehen, welch' thatkräftiger Menſch ich bin.“ 15 —— 228 Die von Hohenſtein. „Fangen Sie auch ſchon an, auf ſich zu ſchelten, Herr Lieute⸗ nant?“ ſagte Herr von Degenfeld lächelnd, indem er Wolfgang zur Thür geleitete.„Ueberlaſſen Sie das uns abgedankten Majors, wir haben mehr Urſache dazu. Adieu! Auf baldiges Wiederſehen!“ Fünfundzwanzigſtes Capitel. Und wieder waren die Preſſen in dem Hintergebäude des Hauſes in der Ufergaſſe zum Stillſtand gekommen; ja, es war ſehr wenig Ausſicht, daß ſie jemals wieder in Gang kommen würden. Die Setzerſtube, in der in im Frühlinge des vergangenen Jahres von ſo viel bärtigen Geſichtern gewimmelt hatte, war verödet und das gut⸗ müthige Geſicht des Factors Wenzel Müller erſchien nicht mehr in dem Schaufenſterchen der Thür nach dem Redactionszimmer, denn das Redactionszimmer war wüſt und leer. Die Papageien auf der Tapete, die mit den verwitterten Schnäbeln nach den vermoderten Früchten hackten, ſahen melancholiſcher aus als je zuvor; den Bilderbogen, auf welchem die famoſe Geſchichte von dem Hausherrn, der zur Nacht auf die Katzenjagd ging, ſo zierlich illuſtrirt geweſen war, hatte der Druckerjunge Fritz, als er zum letzten Male durch die Stube ging, von der Wand geriſſen; nur ein Fetzen mit der Schlußmoral:„Blinder Eifer ſchadet nur!“ war ſitzen geblieben und ſchien die lautloſe Stille in den ſonſt von raſtloſer Thätigkeit erfüllten Räumen zu verhöhnen. Aber der Hohn war übel angewandt, denn nicht blinder Eifer war es geweſen, was den„Volksboten“ in Ruhſtand verſetzt hatte. Der Volksbote war nur der dienſteifrige Mohr der Revolution ge⸗ weſen und mußte gehen, als die Revolution ſeine Dienſte nicht mehr bezahlen konnte oder wollte. Wohl hätte er ſein Leben friſten können, wenn er ſich im Dienſt einer andern Herrin eine andere Livree hätte gefallen laſſen; aber zu einem ſolchen Kleider⸗ und Geſinnungswechſel hielt ſich der brave Mohr für zu gut, und ſo legte er ſich denn am letzten Tage des Jahres, nachdem er den ganzen Sommer und den — Zweiter Band. 229 ganzen Herbſt hindurch todesmuthig um ſein Leben gekämpft hatte, hin, gehüllt in die alte Fahne, die er hoch gehalten, und ſtarb brav, wie er gelebt. Das Schild links über der Hausthür, auf welchem mit ſo hoffnungsgoldigen Worten:„Expedition des Volksboten“ zu leſen geweſen, wurde heruntergenommen und Peter Schmitz war ein ruinirter Mann. Peter Schmitz hatte längſt gewußt, daß dies vas Ende ſein würde. Er hatte, um ganz freie Hand über das Blatt zu haben, und es ſo lange wie möglich der Partei erhalten zu können, nach und nach alle Actien in ſeine Hände gebracht, und die bisherigen Inhaber derſelben waren ſeelenfroh geweſen, ſchließlich noch ſo guten Kaufes davon zu kommen; er hatte die einſt ſo koſtbaren Papiere in ſeinen Händen ſich entwerthen und entwerthen ſehen, hatte zugeſetzt und zugeſetzt, bis er ſah, daß er, ohne Anderen, wie ſich ſelbſt, Opfer zuzumuthen, die Zeitung nicht mehr halten konnte. Dann erſt hatte er ſeine Bücher zugeklappt. Mit traurigem Herzen und doch auch nicht ohne ein Gefühl der Dankbarkeit gegen das Schickſal, das ihn von dieſer Laſt endlich be⸗ freite, die täglich ſchwer und ſchwerer auf ſeinen Schultern gelegen hatte. Es war nicht blos der mit unaufhaltſamen Schritten heran⸗ drängende Ruin geweſen, der ihm die Zeitung während der beiden letzten Quartale verleidet hatte, ſondern faſt noch mehr die traurige Nothwendigkeit, in welche das Blatt gerathen war: gegen ihren früheren Redacteur en chef, gegen den Abgeordneten Bernhard Münzer und die ertreme Partei, an deren Spitze er ſich in der Con⸗ ſtituante geſtellt hatte, Oppoſition zu machen. Nichts ſchmerzte den braven Peter mehr als dieſer Umſtand, denn Münzer war der Freund ſeiner Seele geweſen; ja er liebte ihn noch jetzt, wie er außer ſeiner Schweſter Margareth und ſeiner Ottilie wohl Niemand auf Erden geliebt hatte. Und doch hatte er ſich politiſch von ihm losſagen müſſen, und doch hatte er ihn zuletzt Schritt vor Schritt bekämpfen müſſen; denn höher, als perſönliche Freundſchaft, und wäre ſie die innigſte geweſen, ſtand Peter Schmitz das allgemeine Wohl, und nach ſeinem beſten Wiſſen und Gewiſſen war Bernhard Münzer jetzt ein Feind des allgemeinen Wohles, ein um ſo gefährlicherer Feind, je ——— —b Die von Hohenſtei. größer ſein Talent, je feuriger ſein Geiſt, je hinreißender die Macht ſeiner Rede und der Zauber ſeiner Perfönlichkeit war. Vielleicht wäre Peter Schmitz trotz all' ſeiner Energie nicht im Stande geweſen, dieſen Kampf, bei dem ſein Herz ſich faſt verblutete, durchzuführen, wenn Dr. Holm nicht ſo treulich zu ihm geſtanden hätte. Holm war genau in derſelben Lage, wie Peter Schmitz, ja vielleicht in einer noch ſchlimmeren, da in den Augen des Publicums auf ihn, als den Redacteur en chef des Volksboten nach Münzers Rücktritt von der Redaction, das Gehäſſige dieſes leidigen Zwiſtes einzig und allein fiel. Man beſchuldigte ihn in den Münzer freund⸗ lich geſinnten Blättern des Ehrgeizes, der Eiferſucht, der Doppel⸗ züngigkeit— und doch konnte keines Menſchen Herz reiner von dieſer Leidenſchaft ſein, als das des Dr. Holm. Er hatte in Münzer nicht blos einen Freund verloren, an dem ſein warmes Herz mit der größten Zärtlichkeit hing, ſondern auch ein Ideal, zu dem er ſtets mit neidloſer Bewunderung hinaufgeſchaut hatte. Niemand hatte dem glänzenden Genius Münzers ſo willig gehuldigt, wie Holm. Wie oft hatte er nicht Münzers Artikel den Freunden als Meiſterwerke nach Inhalt und Form angeprieſen! wie oft war er nicht von Mün⸗ ers Reden zum begeiſterten Befall hingeriſſen worden und hatte ihn mit großer Emphaſe einem Demoſthenes, einem Cicero gleichgeſtellt! Nein, Dr. Holm machte es wahrlich kein Vergnügen, gegen den früheren Collegen öffentlich aufzutreten; und wer ein Ohr für der⸗ gleichen hatte, konnte die rührende Klage des Mannes, den die Pflicht zu ſo grauſamen Dienſten zwang, zwiſchen den Zeilen, die er gegen Münzer in dem Volksboten ſchrieb, herausleſen. Wie dem aber auch ſein mochte— das Schild über den Fenſtern links war verſchwunden, und in dem weiten Hausflur zeigten keine Rieſenhände mehr die ſchmale Treppe hinauf und die knarrende Galerie entlang:„Nach der Redaction.“ Dennoch konnte man Dr. Holm jetzt noch ebenſo häufig, wie früher, in dem Hauſe der Ufergaſſe aus⸗ und eingehen ſehen, was freilich alle Diejenigen nicht überraſchen konnte, welche(wie z. B. ſämmtliche Bewohner der Ufergaſſe mit unberechen⸗ bar kleinen Ausnahmen) wußten, daß Dr. Holm ſeit dem erſten Januar nicht nur ſeine Reſidenz in zwei Hinterzimmern des Schmitz'⸗ ——— — 3 Zweiter Band. 231 ſchen Hauſes aufgeſchlagen, ſondern ſich auch in aller Form bei Tante Bella in Koſt gegeben hatte. Dieſes Factum hatte vielleicht an ſich nichts Außerordentliches, vennoch rief es in allen Kreiſen, die Dr. Holms Lebensweiſe kannten (und ſolcher Kreiſe gab es, da Dr. Holms Leben ſeit fünfundzwanzig Jahren, ſo zu ſagen, offen vor den Augen ſeiner Mitbürgern lag, viele), eine große Senſation hervor. Man wußte, daß Dr. Holm (ohne ein Gourmand zu ſein) ſehr viel auf einen guten Mittagstiſch hielt, daß er(als ein Mann von vielem Geſchmack, der er unbeſtritten war) gern in hellen und ſchönen Räumen, die eine ſchickliche Auf⸗ ſtellung ſeiner kleinen Kunſtſammlungen möglich machten, wohnte, und daß er, in richtiger Conſequenz dieſer ſeiner Neigungen, die Regel: gut zu eſſen und dem entſprechend ſich zu logiren, ſeit fünfundzwanzig Jahren unverbrüchlich befolgt hatte. Daß ein ſo gründlich verwöhnter Mann das Kreuz einer vielleicht nicht geradezu ſchlechten, immerhin aber ſehr gewöhnlichen Hausmannskoſt in Geſellſchaft eines grilligen, in ſeinen Geſchäften zurückgekommenen Bürgers und einer grämlichen alten Jungfer auf ſich nehmen und als Erſatz dafür in ganz notoriſch engen, dunklen und etwas dumpfigen Räumen hauſen und das Alles freiwillig thun ſollte, ſchien dem geſunden Menſchenverſtande im Allgemeinen und dem geſunden Verſtande des Dr. Holm im Speciellen ſo vollkommen zu widerſprechen, daß Niemand eine ſo offenbar thörichte Behauptung aufzuſtellen wagte. Im Gegentheil war man allgemein der Anſicht, daß Dr. Holm durch das Eingehen des Volksboten in ſeinen Vermögensverhältniſſen ſehr zurückgekommen ſein müſſe, und daß ſein Verſchwinden von den ſeit fünfundzwanzig Jahren frequen⸗ tirten Plätzen in das geheimnißvolle Dunkel des Hauſes in der Ufer⸗ guſſe einfach die Conſequenz einer traurigen Nothwendigkeit ſei. Niemand aber war davon inniger überzeugt, als Tante Bella; Niemand bedauerte den braven Mann wegen der Entſagungen, die er ſich auferlegen mußte, mehr, als ſie. Sie war, als Dr. Holm ihr eines Abend den Vorſchlag machte, ihn in Koſt und Wohnung zu nehmen, mit Freuden darauf eingegangen. Sie war ſtolz, dem Freund in ſeinem Unglück helfen, ihm die Hälfte ſeiner bisherigen Ausgaben erſparen zu können. ————— Die don Hohenſtein. Wenn Tante Bella ein weniger ehrliches Gemüth geweſen wäre, ſo würde ſie vielleicht die Bedingung, welche Dr. Holm ſtellte, Nie⸗ mandem, und am wenigſten ihrem Bruder Peter die Details der zwiſchen ihnen getroffenen Verabredungen mitzutheilen, ſtutzig gemacht haben.„Schmitz verſteht von dieſen Dingen nichts,“ hatte Holm ge⸗ meint,„und ſo braucht er auch die Einzelheiten unſeres Vertrages nicht zu wiſſen. Er wird vielleicht finden, daß ich mit zwölf Thalern mo⸗ natlich meine Zimmer zu theuer bezahle; aber mir ſind ſie ſo viel werth und ich habe früher für nicht viel beſſere Räume noch einmal ſo viel gegeben. Ebenſo wird er zwölf Thaler für den Mittagstiſch für zu viel erachten und Sie ſagen ja ſelbſt, daß Sie es billiger thun könnten; aber ich würde glauben zu verhungern, wenn ich nicht einmal ſo viel für meine leiblichen Bedürfniſſe ausgeben dürfte, und ſo laſſen Sie mir wenigſtens die Illuſion, wenn Sie auch wirklich einmal ein „Kaſtemännchen“ übrig haben ſollten. Rechnen Sie noch zwölf Thaler für Frühſtück, Abendbrod, Heizung und ſo weiter, ſo werden Sie Ihre liebe Noth haben, an mir keinen Schaden zu leiden, und ich kann der Zukunft mit ruhigerer Seele entgegenſehen.“ Tante Bella hatte in ihrem Leben noch nie gelogen und glaubte Dr. Holm auf das Wort; ja ſie ſchlug die Hände über den Kopf zu⸗ ſammen bei dieſem Einblick in das Junggeſellenleben, das ſie ſich immer ſehr koſtſpielig, aber denn doch nicht ganz und gar„als eine Räuberhöhle“ vorgeſtellt hatte, wie es ihr jetzt nach den ſtatiſtiſchen Angaben des Dr. Holm erſchien. Wie würde die gute Dame erſtaunt geweſen ſein, wenn ſie erfahren hätte, daß ſie auf das Gröblichſte getäuſcht und daß ihr Schützling niemals theurer, aber ſchon ſehr oft billiger gelebt hatte, als in dem Hauſe in der Ufergaſſe, daß Alles nur eine Spiegelfechterei des braven Journaliſten war, um Peter Schmitz mißlichen Verhältniſſen in einer unſchuldigen und dennoch ſehr wirkſamen Weiſe zu Hülfe zu kommen! Tante Bella würde bei dieſer Entdeckung an allem Heiligen, vielleicht auch daran verzweifelt ſein, daß das verſtümmelte Wappen über der Hausthür wahr und wahrhaftig das Wappen der Schmitz'ſchen Familie ſei. Und doch that der guten Dame dieſer Glaube an den einſtigen patriciſchen Glanz ihrer Familie jetzt mehr als je noth, jetzt, wo der Ziiller Band. Stern derſelben ſo tief— tiefer als je geſunken war. Als vor dreißig Jahren der Vater Anton Schmitz das Schild mit der Aufſchrift: „Schreibmaterialien⸗Handlung von Anton Schmitz“ über den Fenſtern des Erdgeſchoſſes aufhing, da hatte ein junger krausköpfiger Burſch neben dem alten Mann geſtanden und zu ſich geſagt: das kommt auch noch einmal wieder herunter, oder ich will nicht Peter Schmitz heißen! — Heute aber, heute war aus dem krausköpfigen Burſchen ein grau⸗ haariger Mann geworden, und er hatte Niemanden neben ſich, der, auf ſeine Kraft und ſein Talent pochend, mit trotzigem Jünglingsmuth eine beſſere Zukunft prophezeien konnte. Freilich war Peter Schmitz zu dieſer Zeit noch immer ein ener⸗ giſcherer Mann, als ſein Vater je in ſeinem Leben geweſen war. Auch wollte Peter Schmitz niemals zugeben, daß die gegenwärtige traurige Lage etwas Anderes ſei als eine vorübergehende Calamität. „Wir haben den Dampf ausgegeben und müſſen erſt wieder einheizen, bevor wir weiter fahren können,“ ſagte er; oder:„Pah, was iſt's denn weiter? habt Ihr noch nie einen Käfer geſehen, der auf dem Rücken lag? ein Haar, an das er ſich anklammern kann, und der Burſch ſteht wieder auf ſeinen Füßen und läuft euch noch, wer weiß wie weit“— aber dieſe tapfern Worte und der tapfere Muth, den er ohne Zweifel noch immer in alter Kraſt beſaß, hinderten nicht, daß die perpendiculäre Falte über der Naſe immer tiefer wurde, und die buſchigen Augenbrauen immer dichter zuſammenrückten. Auch kam er — was er ſonſt niemals gethan hatte— oft auf die alte Zeit zu ſprechen, auf den alten wunderlichen Vater, wie er ſich mit ſeinen ſchlechten Recepten ſo jämmerlich gequält, und doch ſo überaus jäm⸗ merliche Tinte fabricirt habe; und vor Allem ſprach er viel von Margareth, nicht von der jetzigen krankheitgebrochenen, ſondern von dem bildſchönen Mädchen mit den ſanften dunklen Augen, die er ſo grenzenlos geliebt und die ihm ſeine Liebe ſo ſchlecht vergolten hatte. Beſonders zu Ottilien ſprach er gern von jener Zeit.„Es iſt alles wieder wie es damals war,“ pflegte er zu ſagen;„das Rad hat einen vollen Umſchwung gehabt und mich wieder an die alte Stelle gebracht. Ein alter grämlicher Mann und ein herziges Ding von einem Mäd⸗ chen;— nur fehlt mir zu der Tochter der Junge, an dem ich meinen ——— ——— 234 Die von Bohenfteih Aerger auslaſſen könnte; ich wollte, ich hätte ſo einen Jungen!— Früher habe ich wohl manchmal geglaubt: der Wolfgang könnte es einmal werden, wenn ſein Vater, dem ich kein langes Leben gab, ſtürbe, und der Junge mit ſeiner Mutter allein und verlaſſen ſtände in der Welt. Nun aber iſt der Burſch ein vornehmer Mann geworden,— Officier, gerade wie damals ſein Vater war, nur daß er geſcheidt genug iſt, ſich unter ſeines Gleichen nach einer Frau umzuthun und die windige Lieutenantszage mit der Erbſchaft des Alten auf Rhein⸗ felden aufzubeſſern. Freilich gegen das letzte Item hätte der Herr Vater auch wohl nichts gehabt, und daß er eine Mesalliance einge⸗ gangen iſt, hat er bitter genug bereut. Hole der Teufel dieſe Hohen⸗ ſteins! Sie ſind der Fluch meines Lebens geweſen.“ „Aber Onkelchen,“ ſagte Ottilie;„wie heftig und ungerecht Du nun wieder biſt! haſt Du nicht ſelbſt geſagt, daß Wolfgang ſich neu⸗ lich gegen Dich ſo brav benommen habe! haſt Du denn das ſchon wieder vergeſſen?“ „Ach was!“ ſagte Onkel Peter ärgerlich;„ich hab' es nicht ver⸗ geſſen, aber er hat's vergeſſen, ſonſt würde er wohl einmal in dieſen vier langen Wochen hereingeſchaut und gefragt haben:„wie geht's Onkel? iſt Dir's nicht ſchlecht bekommen?“ oder dergleichen. Das hätte er trotz ſeiner Lieutenantsepauletten immer thun können. Ich habe den Burſchen ſo lieb gehabt; ich könnte fuchswild werden, wenn ich denke, daß er nun auch ſo ein— ruhig, Peter, ruhig! Da ſitze ich und ſchwatze und habe noch wer weiß wie viel zu thun. Adieu, Mädel! in einer Stunde komme ich wieder. Da ſollſt Du mir was vorſpielen und ſingen. So la la. Adieu, Kind!“ Sechsundzwanzigſtes Capitel. Onkel Peter ging aus der Stube; Ottilie blieb in dem Erker ſitzen, öffnete das Fenſter und ſchaute durch den Epheu auf die Gaſſe, in welcher der Abend bereits zu dämmern begann. Obgleich es erſt — — —— —— —— — 2 eiter Band⸗ 235 gegen Ende des Februar war, zog doch ſchon der warme Hauch des Frühlings durch die Luft; mit faſt ſommerlichen Tönen hatte ſich der ſafranfarbene Himmel geſchmückt, der über die ſpitzen Giebel der gegenüberliegenden Häuſer hereinſchaute. In der Gaſſe war es ſtill — nur von Zeit zu Zeit tönten aus der Ferne die Freudenrufe ſpie⸗ lender Kinder.— Dem jungen Mädchen kamen die Uhland'ſchen Verſe in den Sinn und ſie ſang ſie leiſe vor ſich hin: „Nun, armes Herze, ſei nicht bang! Nun muß ſich Alles, Alles wenden!“ „Was ſoll ſich wenden?“ ſprach ſie lächelnd zu ſich ſelbſt.— „Bin ich nicht ſo glücklich, wie ich es damols, als Vater ſtarb, nie wieder im Leben zu werden hoffen konnte. Freilich, der arme Onkel! er hat gewiß ſeine rechte Noth; und daß ich ihm nun auch zur Laſt ſein muß, iſt ſehr ſchlimm; aber was ſoll ich thun? Er wird bei der leiſeſten Andeutung: ich möchte mir mein Brot bei andern Leuten verdienen, ſo bös; ich wage es gar nicht, wieder davon anzufangen; ich muß ſchon ſehen, wie ich mich ihm hier im Hauſe nützlich machen kann.“ „Das alſo würde ſich ſchon wenden! was aber hätte ſich noch ſonſt zu wenden? was iſt jenes geheimnißvolle„Alles,“ von dem das Lied ſpricht? jenes„Alles,“ das die lauen Frühlingslüfte, die ſchaf⸗ fenden, webenden, ſchaffen und weben ſollen? Was iſt es? wo iſt es? blüht es im fernſten tiefſten Thal? blüht er in ſtiller Heimlichkeit im eigenen tiefſten Herzen?“ „Doch wohl im Herzen! warum wäre ſonſt das Herz ſo bang? Was willſt Du armes banges Herz?“ „Was willſt Du?“ „Liebe!“ „Und liebſt Du nicht? liebſt Du nicht den herrlichen Mann mit den krauſen grauen Haaren und den ſtrengen Augen, die ſo freundlich lächeln, ſobald ihr Blick auf Dich fällt? Liebſt Du nicht die gute Tante, die mit nimmermüder, rührender Zärtlichkeit für die Ihrigen ſorgt? Liebſt Du nicht die ſanfte kranke blaſſe Frau in der Kloſter⸗ ſtraße ſo, wie Du Deine Mutter geliebt haben würdeſt, wenn ſie Dir —— 236 Die von Hohenſtein nicht ſo früh geſtorben wäre? und wirſt Du von allen dieſen nicht wieder geliebt, viel mehr als Du es verdienſt? Was willſt Du noch mehr, Du ruheloſes Herz?“ „Liebe!“ „Liebe für wen?“ „Für ein Herz, das ebenſo jung und ruhelos iſt, wie das Deine; ruhelos und doch ſtetig; kräftiger als Dein Herz, das vor jedem Hauch der Gefahr erzittert; für ein Herz, wie es in eines Mannes Bruſt ſchlägt.“ „Eines Mannes! und wie müßte er ſein, der Mann, den Du lieben könnteſt? von ganzem Herzen, mit ganzer Seele— dem Du Dein Leben weihen könnteſt? jede Stunde Deines Lebens— jeden Schlag Deines Herzens— jeden Gedanken Deiner Seele? Wie müßte er ſein?“ „Klug und gut; klug, daß ich vor ihm Reſpect habe, und gut, daß ich mich nicht vor ihm zu fürchten brauche. Stolze klare Augen müßte er haben und eine ſanfte Stimme,— wie Wolfgang.“ „Wie Wolfgang?“ „Wenn Wolfgang mein Bruder wäre, dann hätte ich noch einen mehr zu lieben und dann würde er mich wieder lieben. Dann würde er es nicht über das Herz bringen, monatelang in der Stadt zu ſein, ohne ſein Schweſterchen einmal zu ſehen. Dann würde er alle Tage kommen und ich könnte über Alles mit ihm ſprechen; über meine Muſik, über ſo Vieles, was ich gern wiſſen möchte, und worüber ich mit dem Onkel und nun gar mit der Tante nicht ſprechen kann. Das ſollte ein Leben werden wie ein ſonniger Frühlingstag ſo ſchön! Und dann würden wir zuſammen ſpazieren gehen. Ich habe mich im vorigen Sommer, als wir die Fahrt in das Gebirge machten, ordent⸗ lich nach ihm geſehnt. Wie muß das herrlich ſein, ſo mit Jemand, auf den man ſich ganz verlaſſen kann, in den Bergen herumzuklettern, oder auf ſeinen kräftigen Arm geſtützt, von dem Gipfel auf die grünen Wälder und die weiten Thale und den ſchimmernden Strom hinabzu⸗ blicken! Wenn er mein Bruder wäre!“... „Aber würde er mich auch dann ſo lieben können, wie ich ihn lieben würde? würde er dann nicht doch ein andres Mädchen mehr — Zweiter Band. — — lieben und ſie am Ende heirathen und mich wieder allein laſſen? Und wäre ich dann nicht ärmer wie zuvor? Denn ich könnte nicht heirathen, wenn ich einen Bruder, wie Wolfgang, ſo recht mit ganzer Seele liebte; mir würde es gehen, wie dem armen Onkel Peter, der noch immer und immer um die geliebte verlorne Schweſter klagt.— Arme Tante Margareth! wie lange iſt es nun ſchon wieder her, daß ich ſie nicht geſehen habe! aber es iſt auch Unrecht von Wolfgang, daß er nicht einmal hergekommen iſt. Wie kann ich den Muth haben, hinzugehen! Wer weiß denn, wie er jetzt über mich denkt! Auch meinen Brief hat er nicht beantwortet. Es war freilich eine Antwort nicht gerade nöthig, aber ſo ein paar Zeilen, die ſind doch bald ge⸗ ſchrieben, und ich hätte mich ſo darüber gefreut. An ſeine Braut wird er wohl deſto mehr geſchrieben haben.“ „Seine Braut? Wie die nur iſt? Sie ſoll ſo ſehr ſchön ſein und gewiß iſt ſie auch ebenſo klug— und da iſt es ihm freilich nicht zu verdenken, wenn er lieber zu ihr geht, als zu uns. Ob ſie ihn denn auch wohl recht lieb hat? Kann denn ein Mädchen, das ſo reich und vornehm iſt und Alles in Hülle und Fülle hat und deren ganzes Leben wie ein langer Feſttag iſt— kann ſie denn wirklich lieben? hat ſie auch ſo ſtille, taurige Stunden, wo ſie ſich einſam und verlaſſen fühlt? Mir däucht, dann erſt könnte ſie wiſſen, wie öde die Welt iſt und was es heißt, nicht geliebt zu werden, wie man geliebt ſein möchte.“ Ottilie ſtützte den Kopf in die Hand und ſchaute die Gaſſe hin⸗ auf mit jenem träumeriſchen Blick, der die Gegenſtände ſieht, ohne ſie wahrzunehmen. Da kam Wolfgang die Gaſſe daher, nicht in dunklem Rock, wie ſie ihn an dem letzten Abend geſehen— ſondern in Uniform, mit raſchen Schritten und ſchon von fern nach dem Erker ſchauend.... Ottilie rieb ſich die Augen, ſich zu vergewiſſern, daß ſie wache, aber das Bild blieb, wurde deutlicher—„iſt es denn möglich? Wolf⸗ gang? und ich bin ganz allein hier? Er wird auch wohl nicht her⸗ aufkommen!“ Das junge Mädchen erhob ſich raſch von ihrem Sitze und trat weit vom Fenſter weg mitten in die Stube. Dort blieb ſie ſtehen, Die von Hohenſten mit klopfendem Herzen, lauſchend, ob ſie einen Schritt auf der Treppe vernehmen würde. „Nein! er war vorbeigegangen! Gott ſei Dank! aber das iſt doch nicht recht von ihm! einen Augenblick hätte er doch... Und da knarrte die Treppe, und da erſchallte ein raſcher Schritt auf der Gallerie und da klopfte es an die Thür. „Herein!“ wollte Ottilie ſagen, aber das Wort blieb ihr in der Kehle ſtecken; und wieder klopfte es.„Herein!“— diesmal glückte es beſſer! zum wenigſten hätten es die Möbel im Zimmer hören können, wenn ſie Ohren gehabt hätten. Ottilie wartete ein drittes Klopfen nicht ab, ſondern trat raſch ein paar Schritte näher und ſagte zum dritten Male— und diesmal ordentlich muthig:„Herein!“— „Guten Abend!— guten Abend, liebe Ottilie,“ ſagte Wolfgang, haſtig auf das junge Mädchen zutretend und ihr die Hand reichend. „Biſt Du ganz allein?“ fragte er weiter, indem er ſeine Blicke in dem dämmrigen Gemach umherſchweifen ließ. „Der Onkel iſt ausgegangen, aber wird hald zurückkommen; die Tante iſt, glaube ich, in der Küche; ich will ſie holen.“ „Nein, nein, laß; ich bitte Dich; es iſt mir ſehr lieb, daß ich Dich einen Augenblick allein ſprechen kann, bevor der Onkel und die Tante kommen.“— „Soll ich nicht die Lampe anzünden?“ „Es iſt ja noch ganz hell; wir ſetzen uns hier in's Fenſter— ſo! Zuerſt ſoll ich Dir einen Gruß von der Mutter bringen; ſie läßt Dich fragen, weshalb Du denn gar nicht mehr kommſt?“ „Wie geht es der Tante?“ fragte Ottilie ausweichend. „Etwas beſſer heute, aber ſie iſt dieſe Tage wieder recht krank geweſen. Sie ſehnt ſich ſo in's Freie; ich wollte, der Frühling wäre erſt va.“ „Ich wollte es auch,“ ſagte Ottilie; ich habe mich nur noch eben recht nach dem Frühling geſehnt. Es iſt nun bald ein Jahr her, daß ich hier bin. Eine lange Zeit!“ Wolfgang's Blicke ruhten auf der ſchlanken Geſtalt des Mädchens, das mit halb abgewandtem Geſicht vor ihm ſaß. Es fiel ihm zum erſten Male auf, wie ſchön die Form des Kopfes war und wie an⸗ N — — —— — Zweſtit Band. 239 muthig die Fülle der leichten braunen Locken rings umher den ſchönen Kopf umſpielte und hier und da den zierlichen Hals bis zu den rund⸗ lichen Schultern herabringelte. „Und ich habe Dich nur zweimal während der langen Zeit ge⸗ ſehen!“ ſagte er. „Du biſt ja auch dreiviertel Jahre lang nicht hier geweſen; da iſt es kein Wunder.“ „Ich hätte doch wohl öfter kommen können.“ „Du kannſt es ja nun nachholen.“ „Kann man das Verſäumte nachholen?“ ſagte Wolfgang.„Iſt ein verlorener Tag nicht für die Ewigkeit verloren? Mir fällt das jetzt oft recht ſchwer auf's Herz.“ „Es muß ſich Alles wenden!“ ſagte Ottilie. „Glaubſt Du?“ „Da kommt die Tante,“ rief Ottilie, ſich ſchnell erhebend und Tante Bella entgegengehend, die mit einem breiten, flachen Korbe, in welchem ſich ihre Stickarbeit für den Abend befand, in das Zim⸗ mer trat. „Was giebt's?“ fragte Tante Bella mit ſcharfer Stimme. Tante Bella's Stimme war ſtets ſcharf, ſo lange ſie etwas Un⸗ vekanntem— gleichviel, ob Sache oder Perſon— gegenüberſtand, denn Tante Bella ging von dem Grundſatze eines wachſamen Vor⸗ poſtens aus, daß Alles, was in ihren Geſichtskreis kam, bis es ſich als„Freund“ ausgewieſen, als„Feind“ zu betrachten und demnach zu behandeln ſei. Sie hatte die undeutlichen Umriſſe eines unifor⸗ mirten Menſchen im Fenſter bemerkt. Der uniformirte Menſch war ohne Zweifel ein Polizeiofficiant oder ein Steuerexecutor. „Ich bin's, Tante!“ ſagte Wolfgang, aus der Fenſterniſche her⸗ 3 austretend. . Tante Bella ſtieß einen Schrei aus und ließ den Arbeitskorb fallen. „Dachte ich's doch!“ rief ſie;„ich habe geträumt, das Du heute kommen würdeſt.“ Da aus dem aufgeregten Ton, in welchem die Tante das ſagte, noch keineswegs mit Sicherheit geſchloſſen werden konnte, ob ſie den 240 Bie von Bohi Traum in die Kategorie der guten oder ſchlimmen gerechnet habe, und ob ſie ſich mithin über das Eintreffen deſſelben freue oder betrübe, ſo hielt Wolfgang es für das Gerathenſte, ſchnell zu ſagen: „Ich gehe ſofort wieder, Tante, wenn Dir meine Gegenwart peinlich iſt.“ „So?“ ſagte Tante Bella,„gehſt ſofort wieder? Warum biſt Du denn gekommen, wenn Du ſofort wieder gehen willſt? Du“— „Leb' wohl, liebe Tante!“ ſagte Wolfgang in ſanftem, aber ent⸗ ſchiedenem Tone. Wolfgang mußte, um zur Thür hinaus zu gelangen, an Tante Bella vorüber. „Wolfgang!“ rief Tante Bella, als der junge Mann in ihre unmittelbare Nähe gekommen war. Wolfgang blieb ſtehen. „Wolfgang!“ Die Liebe hatte über die Empfindlichkeit geſiegt. Mit ſtürmiſcher Heftigkeit warf ſich Tante Bella an Wolfgang's Bruſt, küßte ihn unter heißen Thränen und ſchluchzte:„Sei mir nur nicht bös, Wolfgang! ich habe Dich ja ſo ſehr lieb uud kann es nicht ertragen, daß Du Dich von uns wendeſt.“ „Liebe Tante“— „Ja, ich weiß, daß in Deinem Herzen nicht Alles todt für mich iſt, und gegen meinen Bruder biſt Du ja neulich auch ſo gut geweſen! Du lieber, guter, lieber Junge! Habe ich es nicht geſagt, Ottilie?“— Aber Sttilie hatte, als ſie ſah, daß die Begegnung zwiſchen der Tante und Wolfgang einen guten Ausgang nahm, ſich in aller Stille entfernt, und Tante Bella nahm dieſe Gelegenheit wahr, um Wolf⸗ gang(den ſie zu ſich auf das Sopha gezogen hattte) ihr Vertrauen zu beweiſen, indem ſie(nicht ohne dabei manche Thräne zu vergießen) die Geſchichte der Familie Schmitz ſeit der Ankunft Ottilien's im vorigen Frühjahr recapitulirte,— eine traurige Geſchichte, die in dem dunklen Spiegel von Tante Bella's melancholiſcher Phantaſie doppelt leidvoll erſchien: „Und nun denke Dir, Wolfgang ſchloß,, Tante Bella ihren peredten Vortrag,„was ſoll aus uns werden, wenn mein Bruder eines iter Banb 241 Tages plötzlich ſtirbt? Er ſagt freilich, er ſterbe noch lange nicht, als ob ſolche gottloſen Reden nicht das Unglück geradewegs herbei⸗ riefen! und als ob nicht alle Schmitz, ſo lange die Familie exiſtirte, eines plötzlichen Todes geſtorben wären! Unſer Großvater iſt inner⸗ halb vierundzwanzig Stunden geſund und todt geweſen, unſer Vater hat noch am Morgen des Tages, an welchem er ſtarb, ſeine Pfeife geraucht; mein Bruder Eugen— ich darf gar nicht daran denken! Und ſo wird mein Bruder Peter auch weggerafft werden, ehe wir's uns verſehen, und was ſoll dann aus uns werden, Wolfgang! Ich bin überzeugt, daß er in dieſem Augenblicke wieder an ein großes Unternehmen denkt, zu dem er Geld aufnehmen muß, denn er hat ja keine Ruhe. Stirbt er nun, bevor ſein neues Uuternehmen ordentlich im Gange iſt, dann kommen die Gläubiger; das Inventar wird ver⸗ kauft, die Meubel werden verkauft, das Haus wird verkauft— und Ottilie und ich müſſen betteln gehen. Ich werde die Noth und das Elend nicht lange überleben— aber Ottilie, das arme, liebe Kind, die Niemand auf der weiten Welt hat: der ſich ihrer annimmt: nicht Vater, nicht Mutter, nicht Onkel oder Tanten, oder Brüder und Schweſtern! Ich wache oft des Nachts vor Schrecken auf, wenn ich ſie im Traum barfuß auf der Landſtraße geſehen habe, und könnte mich dann todtweinen vor Kummer und Herzeleid. Ach, Wolfgang, wer mir die Sorge von der Seele nähme: ich wollte zu ihm, wie zu einem Heiligen, beten!“ „Aber, Tante,“ ſagte Wolfgang,„wie Du Dich nun einmal wieder, nach alter Gewohnheit, unnöthig quälſt! Der Onkel iſt ſo rüſtig, wie je; und geſetzt auch, Deine Unglücksprophezeiung träfe ein— ſo bin ich doch noch immer da; oder giebſt Du mich wirklich ſo ganz verloren, daß Du mir zutrauſt: ich könnte Euch im Unglück verlaſſen?“ Tante Bella trocknete ihre Thränen, die während des letzten Theils ihrer Rede reichlich gefloſſen waren, und ſagte: „Nein, Wolfgang, ich halte Dich nicht für ſchlecht, ich habe es nie gethan, und zweifle auch an Deinem guten Willen nicht; aber Du wirſt nicht können, wie Du willſt. Die Verwandten Deines Vaters werden es nicht leiden, daß Du Dich unſerer annimmſt; und wenn Fr. Spielhagen's Werke. VII. 16 & 242—nñbohenheit Du nun gar erſt verheirathet biſt— denkſt Du denn, Deine Frau würde es dulden, daß Du für Ottilie wie für eine Schweſter ſorgteſt? Da kennſt Du die Hohenſteins— na, Wolfgang, ſei mir nicht bös, aber was man nicht begreifen kann, davor ſteht man, wie vor einer verſchloſſenen Thür, oder wie vor einer chineſiſchen Mauer— und ſo kann ich auch noch immer nicht über Deine Verlobung wegkommen, und werde es auch nicht, und wenn ich ſo alt, wie Methuſalem würde. Sieh', Wolfgang,— ich will einmal ganz ſo ſprechen, wie mir um's Herz iſt— dieſe Heirath iſt kein Glück für Dich, Du wirſt es ein⸗ ſehen, wenn es zu ſpät iſt. Ich kenne Deine Braut nicht; ich will einmal annehmen, daß ſie nicht falſch und kalt und eitel iſt; daß ſie ſo gut iſt, wie ein Mädchen, das in einer ſolchen Umgebung groß wurde, nur immer ſein kann— aber, Wolfgang, das iſt nicht genug für Dich, ich kenne Dich von Kindesbeinen an, und weiß, was für ein liebevolles Gemüth Du haſt, daß Du— und wenn Dein Vater zehnmal ein Hohenſtein iſt— ein Schwitzſches Herz haſt, und ein Schmitz'ſches Herz, Wolfgang, das iſt mit ſo einer gewöhnlichen Liebe nicht zufrieden; das will mehr; das will mehr; das will mit jedem Blutstropfen lieben und eben ſo geliebt werden; und wenn es fühlt, daß es nicht eben ſo geliebt wird, dann, Wolfgang, bricht ſo ein Schmitz'ſches Herz; und wenn es nicht bricht, iſt es doch ſo grenzenlos elend, daß der Tod hunderttauſendmal beſſer wäre, als ſo ein Leben. Ja, ja, Wolfgang, ich kann Dir davon ein Lied ſingen, wie es einem Schmitz'ſchen Herzen thut, wenn es nicht ſo wieder geliebt wird, wie es geliebt ſein möchte; und, wenn Du mir nicht glauben willſt, ſo frage nur Deinen Onkel, der ein alter Junggeſell geworden iſt, weil er ſich in den Kopf geſetzt hatte: er müſſe leben, um ſeine geliebte Schweſter glücklich und reich zu machen; ja Wolfgang, und dann frage Deine Mutter, ob ſie glücklich geweſen iſt, nachdem ſie das Haus in der Ufergaſſe verließ, oder ob nicht ihr ganzes Leben ein nie ge⸗ ſtilltes Sehnen, ein unaufhörliches Heimweh geweſen iſt!“ Tante Bella ſchwieg und Wolfgang fand keine Antwort auf Worte, die aus ſeiner eigenen Bruſt gekommen zu ſein ſchienen. In ſt dunkel geworden; die alte Wanduhr ſagte dem Zimmer war es faſ ihr Tic⸗tac— Tic⸗tac mit derſelben pedantiſchen Ernſthaftigkeit, über Zweiter B 243 die ſich Wolfgang ſchon vor vielen Jahren, als er, ein kleiner Knabe, in dieſem Zimmer ſpielte und ſich unter der Decke dieſes Sophatiſches verſteckte, gewundert hatte. Es war ihm, als ob die alte Zeit wieder⸗ gekommen, als ob Alles, was er ſeitdem erlebt, nur ein Traum ſei; als ob er ſein Leben noch einmal leben könne in dem Geiſt der Wahr⸗ haftigkeit und Liebe, die ihn, ſo lange er denken konnte, aus dieſen Räumen angeweht hatten... „Es fliegt ein Engel durch's Zimmer,“ ſagte Tante Bella. Ein Lichtſchein fiel durch die offene Thür, die in Tante Bella's Zimmer führte, und gleich darauf ſtand Ottilie mit einer angezündeten Lampe in der Hand auf der Schwelle. „Wollt Ihr Licht haben?“ ſagte ſie. „Ihr?“ erwiderte Tante Bella, ſich mit dem Taſchentuch über die Angen fahrend;„willſt Du denn kein Licht haben? Wahrhaftig, es iſt ganz dunkel geworden und ich habe heute Abend noch ſo viel zu nähen!— Denke Dir, Wolfgang, da bin ich einmal wieder ſchön angekommen! Fällt es den Damen hier in unſerer Nachbarſchaft ein, für den Altar der St. Brigittenkirche einen Teppich zu ſticken, und ſie fragen mich, ob ich mich betheiligen wolle. Natürlich ſage ich ja. Anfänglich waren wir unſer ſechs— das ging noch— nun aber hat ſich die Eine verheirathet, die Zweite iſt verreiſt, die Dritte krank geworden, die Vierte will nicht mehr und die Fünfte— ja, was iſt doch nur gleich mit der Fünften?— genug, ich bin allein geblieben, mutterſeelenallein— ich werde auch nicht klug werden.“ Tante Bella hatte, während ſie dieſe ingenuoſe Fabel mit einigem Erröthen und gelegentlichem Räuspern vortrug, den angefangenen Teppich, deſſen gewaltige Dimenſionen in der That die Treuloſigkeit der fünf Damen doppelt ſtrafwürdig erſcheinen ließ, auf den Schvoß genommen, den Arbeitskorb neben ſich auf einen Stuhl geſtellt und die mattblaue Brille aus dem Futteral genommen, angehaucht, abge⸗ rieben, gegen das Licht gehalten und ſchließlich aufgeſetzt. „Das Sehen wird mir jetzt ſchon etwas ſchwer des Abends,“ ſagte ſie,„und wenn die Kleine nicht wäre, die mir immer die Farben ausſuchte, ſo käme ich gar nicht zu Stande.“ Ottilie ſaß auf einem Schemel vor der Tante und nähte bereits 16* 44 e e —— eifrig an einem Zipfel des Rieſenteppichs. Der Schein der etwas alterthümlichen Lampe war nur eben hell genug, um die Stickerei und die geſchäftigen Hände hell zu erleuchten; die Geſichter ſchon befanden ſich meiſtens in einem milden Dämmerlicht; nur wenn ſie ſich einmal vorn überbeugten, traten ſie in den hellen Schein. Wolfgang konnte ſich von ſeiner Sophaecke aus nicht ſatt ſehen an dieſen beiden Frauen, die ſo verſchieden an Jahren, an Geſtalt und Geſichtsausdruck, doch ſo harmoniſch zuſammenſtimmten. Beſonders günſtig war das Bild in dem Moment, wo Tante Bella, die Brille etwas tiefer auf die Naſenſpitze rückend, mit den dunklen ausvrucksvollen Augen prüfend über die Brillengläſer weg auf ihre Kleine herabſchaute,„die gewiß wieder anſtatt nach dem Muſter nach ihrer Phantaſie ſtickte, und Ottilie, das Antlitz erhebend, mit ſchelmiſchem Lächeln verſicherte, daß „Alles in ſchönſter Ordnung ſei.“ Wer die ängſtliche Sorglichkeit des Alters und den vertrauensvollen Muth der Jugend hätte perſo⸗ nificiren wollen— würde hier treffliche Studien haben machen können. Und welches Leben in dieſen Geſichtern! Welch' herrliches Mienen⸗ ſpiel, und vor Allem, welche Emſigkeit in der Arbeit! Man ſah es wohl: dies hier war kein geſchäftiger Müßiggang; dies war eine Arbeit, die zu einem beſtimmten Termine fertig ſein mußte, wenn die Firma—„Maria Blad& Co.“ nicht einen bedenklich großen Abzug von dem winzigen Arbeitslohn machen ſollte. Und dabei hatte die arme Tante Bella, die ſo leichtſinnig für die fünf fahnenflüchtigen Damen aus der Nachbarſchaft der Brigittenkirche eintrat, offenbar ihre liebe Noth nicht blos in der Unterſcheidung der Schattirungen, ſondern auch bei dem Sticken ſelbſt. Ihre Nadel traf keineswegs immer ſogleich die richtige Stelle, und es war augenſcheinlich, daß ohne die ſchlanken Finger der jüngeren Dame, die mit ſo großer Leichtigkeit und Sicherheit die Nadel führten, der Altar in der St. Brigittenkirche noch lange auf den ihm zugedachten Schmuck hätte warten können. Wie anders war dies Bild als jenes, welches Wolfgang ſo oft im Salon ſeiner zukünftigen Schwiegermutter beobachtet hatte! Wie hell hatte dort die doppelarmige Lampe auf die koſtbare Decke des Sophatiſches geſchienen! wie bequem hatte die Präſidentin ſich in die —— 3e B ſchwellenden Kiſſen zurückgelehnt! wie läſſig hatten die fetten weißen Hände mit den langen Ohren des Schvoßhundes geſpielt! wie oft hatte die Arbeit der jungen Damen geruht, wenn man Arbeit nennen konnte, was nicht weniger leichtfertig betrieben wurde, als das Klim⸗ pern auf dem Flügel, oder das Blättern in den goldgeränderten Gedichtſammlungen, oder das Gekritzel in den Albums, bei dem es alle Augenblicke hieß:„Ach, Kettenberg, das müſſen Sie aber zeichnen, das kann ich nicht!“ Wolfgang wurde es ganz heiß bei dieſer Erinnerung; er ſtand von dem Sopha auf. „Du willſt doch nicht weg, Wolfgang?“ ſagte Tante Bella, über ihre Brille lugend. „Es wird ſpät,“ ſagte Wolfgang. „Papperlapapp!“ fagte Tante Bella. „Vielleicht wird Wolfgang anderswo erwartet;“ ſagte Ottilie. Wolfgang ſetzte ſich wieder hin. „Ich werde nirgends erwartet.“ Da ertönten draußen auf der Gallerie Schritte mit gelegentlichem Aufſtampfen eines derben Stockes. „Der Onkel und der Doctor!“ rief Ottilie, ſich eilig erhebend, um die Thür zu öffnen. „Guten Abend, Ihr Herren!“ „Seid mir gegrüßt, vielliebliche Maid!“ ſcandirte Pr. Holm, und dann, Wolfgang erblickend, fuhr er ohne Unterbrechung fort:„Und trefflicher Jüngling, blinkend von glänzendem Erz! fürwahr: ich ſtaune dem Anblick; denn ſehr lange entfernt von den Deinigen hielt Dich die Moira.— Auch Ihr ſeid mir gegrüßt, Belliſſima, treffliche Tante. Gönnt mir, daß ich am wärmenden Herd in die Aſche mich ſetze.“ „Wollen Sie nicht lieber einen Stuhl nehmen?“ ſagte Tante Bella. „Auf denn, führet den Fremdling zum ſilbergebuckelten Seſſel!“ ſagte Holm, ſich behaglich in die Sophaecke ſinken laſſend, aus der Wolfgang aufgeſtanden war, um den Onkel zu begrüßen. Onkel Peter hatte die letzte Begegnung mit ſeinem Neffen hier in dieſem Zimmer vor nun faſt einem Jahre nicht vergeſſen, und die Erinnerung an ſeine damalige Unfreundlichkeit trug nicht wenig zu der herzlichen Begrüßung bei, deren ſich Wolfgang diesmal zu er⸗ freuen hatte. „Du haſt mich lange warten laſſen, bevor ich Dir meinen Dank für Deine neuliche Rettung aus der Noth abſtatten konnte,“ ſagte er, dem jungen Manne kräftig die Hand ſchüttelnd;„ich bin Dir wirklich nachträglich recht dankbar geweſen, denn ein Opfermuth für die gute Sache, bei dem gar nichts herauskommt, iſt ſchließlich doch ſehr übel angebracht. Wie geht's der Mutter?“ Onkel Peter fing an mit Wolfgang im Zimmer auf⸗ und ab⸗ zugehen. Wolfgang mußte ihm von der Mutter erzählen und Onkel Peter's Geſicht wurde ſehr ernſt, als er hörte, daß der Zuſtand der⸗ ſelben ſich in letzterer Zeit weſentlich verſchlimmert habe. Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſagte:„Ich komme morgen und beſuche ſie; bin freilich ſeit zehn Jahren nicht in Eurem Hauſe geweſen, aber, wer weiß, wie lange Deine Mutter und ich noch zuſammen auf der Welt ſind und über das Grab hinaus—“ Onkel Peter ſah, einen wie ſchmerzlichen Eindruck dieſe Worte auf Wolfgang hervorbrachten; er brach deshalb ſchnell ab und fing an von der Politik zu ſprechen. Seiner Anſchauung nach war die augenblickliche Lage der Dinge im Vaterlande faſt eine verzweifelte zu nennen.„Die Reaction,“ ſagte er,„hat ihr Netz faſt zugewebt, und der Rieſe„Revolution“ liegt am Boden; der Belagerungszuſtand in den großen Städten unterdrückt alles politiſche Leben; die Waffen hat man uns genommen; unſer Arm ift gelähmt, unſer Mund geſchloſſen — wir ſind nicht viel mehr als eine Leiche. Aber ein Volk ſtirbt nicht, zum mindeſten nicht ein Volk wie das unſrige; nur iſt mit krampfhaften Zuckungen, die uns die Bande nur noch feſter ſchnüren helfen, nichts gethan. Die Kräftigung muß von innen heraus und von unten herauf beginnen; wir müſſen unſere Handwerker in den Städten, unſere Arbeiter auf dem Lande erſt zu Menſchen machen; wir müſſen erſt das Material zu dem Standbild der Republik herbei⸗ ſchaffen;— für Jeden, der Augen hat zum Sehen, muß es ſich jetzt herausgeſtellt haben, daß es uns vorläufig an dieſem Material ſo gut wie ganz fehlt. Mit Menſchen, die kein Selbſtvertrauen beſitzen, und weil ſie moraliſch und phyſiſch degenerirt ſind, auch nicht beſitzen —,—— —— —.— können, laſſen ſich keine Republiken gründen. Darum iſt es jetzt unſer erſte Aufgabe, dem Volke die großem Grundſätze einer vernünftigen Selbſterziehung zu einer in materieller und ethiſcher Hinſicht menſchen⸗ würdigeren Geſtaltung des Daſeins zu predigen, in allen Städten, in allen Flecken und Dörfern zu predigen, bis das erſte und letzte Gebot der politiſchen Moral:„Hilf Dir ſelbſt!“ an der Hüttenwand des letzten Häuslers ſteht. Darum ſind aber auch die ſocialiſtiſchen Re⸗ publikaner die ſchlimmſten Feinde der Freiheit, denn ſie wirken der Selbſterziehung des Volkes direct entgegen, indem ſie die ſtaatliche Bevormundung, die uns alle Lebenskraft ausgeſogen hat und ausſaugt, nicht nur nicht aufheben, ſondern wo möglich noch verſtärken. Sie gleichen dem Vater, der ſeinem hungernden Kinde einen Stein ſtatt des Brodes giebt, und laden ſo die ſchwerſte Schuld auf ſich, gleichviel ob ſie Betrüger oder Betrogene ſind, daß heißt: ob ſie an ihre Thev⸗ rien glauben, oder nicht.— Ich ſpreche über dieſe Dinge nicht ohne Abſicht mit Dir, Wolfgang, ſondern weil Du weißt, daß ich mit Münzer früher in einem ſehr intimen Verhältniſſe ſtand, und ich Dir deshalb über meine jetzige Stellung zu ihm gleichſam Rechenſchaft ſchuldig bin. Münzer iſt von der Partei, zu der er ſich früher bekannte, abgefallen. Er will aus der deutſchen politiſchen Bewegung eine europäiſche, ja eine kosmopolitiſche machen; ich habe beſtimmteſte Nach⸗ richten, daß er mit den franzöſiſchen, den italieniſchen, den ſlaviſchen Republikanern in lebhafteſten Unterhandlungen ſteht, und ich bin wie von meinem Leben überzeugt, daß, wenn ſeine Ideen durchgingen, wir nicht zur deutſchen Einheit, ſondern in des Teufels Küche kommen würden. Ebenſo hat er ſich nach und nach von den volkswirthſchaft⸗ lichen Grundſätzen des Volksboten losgeſagt; er hat in ſeinen letzten Brochüren den kraſſeſten Socialismus gepredigt.— Das Alles ſind Dinge, die ich ihm als Parteimann nicht vergeben kann; aber irren iſt menſchlich, und ſo wollte ich nichts ſagen, wenn er nur conſequent in ſeinem Irrthum wäre. Das iſt leider nicht der Fall. Er hat ſich während der Zeit, daß er zur Conſtituante ging, bis jetzt der größten Widerſprüche ſchuldig gemacht; ja, es iſt manchmal, als ob er von einem Dämon beſeſſen wäre, der ihn wider ſeinen Willen zu den tollſten Extravaganzen treibt. Das aber, Wolfgang, gehört nicht mehr vor — 248 in. das Forum der Partei, das gehört vor das Forum der allgemeinen und überall ſtichhaltigen Moral, und wie ich mit dem Politiker Münzer nicht mehr Hand in Hand gehen kann, ſo iſt er auch— und das iſt wahrlich viel ſchmerzlicher für mich— in meiner Achtung als Menſch ſehr geſunken. Siehe, Wolfgang: ich glaube an die Solidarität der menſchlichen Tugenden, und war immer der Meinung, daß, wenn bei einem Menſchen irgend eine Störung in der einen Sphäre ſtattgefunden hat, dieſe Störung auch in der andern Sphäre ſich äußern wird, und umgekehrt. Es mag dies ein philiſtröſer Irrthum ſein, aber es iſt einmal meine Ueberzeugung, und ſo ſchließe ich denn auch aus Münzer's politiſchen Sünden auf ſeine moraliſche Unzulänglichkeit— um es milde auszudrücken. Ich habe den Gerüchten, die über ſeine ehelichen Zer⸗ würfniſſe in der Stadt cirkulirten, keinen Glauben geſchenkt; habe meine Frauenzimmer oft hart angelaſſen, wenn ſie mir damit kommen wollten — aber ich geſtehe, daß ich jetzt Alles und noch mehr glaublich finde. Leider ſpricht nur zu viel für ſeine Widerſacher: die Trennung von ſeiner Frau, die jetzt, nachdem er ſchon faſt zwei Monate wieder zurück iſt, unerklärlich bleibt; ſeine Intimität mit der Schwägerin Deines Vaters,— eine Intimität, die ſich für einen Demokraten von reinem Waſſer, wie Münzer doch zu ſein prätentirt, ſchlechterdings nicht ſchickt; ſein Umgang mit dem Herrn von Degenfeld, der, trotz ſeiner revv⸗ lutionären militairiſchen Ideen, ein Erz⸗Ariſtokrat iſt und mit ſeinen napoleoniſch- imperialiſtiſchen Gelüſten, die aus verſchiedenen Stellen ſeines Buches deutlich genug hervorblicken, Münzer's Kopf noch ganz verrücken wird. Die Ariſtokraten ſagen: Noblesse oblige; und ich ſage: das Demokratenthum hat auch ſeine Verpflichtungen, hat auch ſeine dehors zu beobachten. Wer ein Volkstribun ſein will, der ſei es vom Wirbel bis zur Sohle und bis in's innerſte Herz hinein; den Bogen, der das Ziel treffen ſoll, muß man aus ganzem Holze ſchneiden.— Was giebt's, Kleine?“ „Tante läßt bitten!“ ſagte Ottilie, auf einen Tiſch im Hintergrunde des Zimmers deutend, den ſie während deſſen ſchnell und geräuſchlos zum Abendbrod gedeckt hatte. „Komm, mein Mädchen,“ ſagte Onkel Peter, Ottilien galant den ₰, —— Zweitev⸗Band— Arm reichend;„komm, Wolfgang, es iſt lange her, daß wir eine Flaſche mit einander getrunken haben.“ Wolfgang folgte zu dem Tiſch, an welchem Tante Bella bereits Platz genommen hatte. Das Eſſen rechtfertigte trotz ſeiner ſpartani⸗ ſchen Einfachheit Dr. Holms enthuſiaſtiſches Lob, und auch an einer Flaſche guten alten Weines— der vorletzten, wie Tante Bella mit einer gewiſſen ſelbſtquäleriſchen Genugthuung bemerkte— fehlte es nicht. Dr. Holm hatte ſeinen allerbeſten Tag, und Tante Bella ſchien für heute ihren Vorrath von Rührſeligkeit erſchöpft zu haben und blieb dem humoriſtiſchen Freunde durchaus keine Antwort ſchuldig. Onkel Peter machte den aufmerkſamen Wirth und ließ— trotz Tante Bella's proteſtirendem Stirnrunzeln— die letzte Flaſche heraufholen. „Ich will auch einmal vergnügt ſein,“ ſagte er,„oder vielmehr: ich will's nicht ſein, ich bin's. Mir iſt, als wären die letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahre aus dem Buche meines Lebens ausgelöſcht und als könnte ich die reinen Seiten noch einmal beſchreiben. Stehe ich doch wieder, wo und wie ich damals ſtand— und iſt nicht beinahe Alles wieder, wo und wie es damals war? Erinnern Sie ſich, Holm, des erſten Abends, nachdem Sie aus Rom zurückgekommen waren? Wir ſaßen hier auf dieſer ſelben Stelle, an dieſem ſelben Tiſch. Sie, meine Schweſter Margareth, Dein Vater, Wolfgang, der ſich eben mit Margareth verlobt hatte, und— ja richtig, Bella, Du warſt ja an dem Abend auch zufällig hier. Ich hatte den Kopf voller Pläne— gerade wie ich ihn jetzt wieder voll habe— Bella; Sie, Holm, lebten noch ganz in Ihren italieniſchen Erinnerungen und er⸗ zählten in den prachtvollſten Herametern und Pentametern die elegiſche Geſchichte Ihrer Liebe mit der römiſchen Gräfin; Tante Bella war erſt ſehr ſentimental und wurde nachher ſo munter, wie ſie ſein kann, und immer ſein würde, wenn ſie wüßte, wie gut ihr das ſteht;— und die beiden Liebesleute waren gerade ſo ſtill, wie unſere Ingend heute Abend auch iſt. Ich dachte an jenem Abend, ſo würde es immer bleiben. Nun, es können nicht alle Wünſche in Erfüllung gehen, und doch iſt auch jener Wunſch zum Theil erfüllt worden. Wir wenigſtens, Holm, ſind Freunde geblieben; Bella und ich fangen ja auch nachgerade an, uns ineinander zu ſchicken; und wenn wir nun —— hbcb ————. 250 Die w den Sohn für den Vater und den Krauskopf da für meine Mar⸗ garethe nehmen— ſo ſtimmt ja Alles noch ſo erträglich. Stoßt an, Kinder! darauf, daß die Alten jung blieben und die Jungen ſich an den Alten ein Beiſpiel nehmen.“ Die Gläſer klangen an einander und Holm hielt eine Rede in Herametern; aber Wolfgang hörte nicht viel davon. Die harmloſe Fröhlichkeit dieſer guten Menſchen war wie ein Vorwurf für ihn. Sie durften fröhlich ſein! Sie hatten ſich nichts vorzuwerfen; ihr Leben, ihr Streben war ſo klar und hell, wie ihre Augen; ſie brauch⸗ ten nicht Ja zu ſagen, wo ſie Nein dachten. Eine immer größere Unruhe bemächtigte ſich des jungen Mannes; es war ihm, als ob inmitten dieſer lachenden Geſellſchaft ihn ein ſchweres Unglück treffen müßte; und er fuhr zuſammen, als das Mädchen hereintrat, zu melden, daß draußen des Herrn Lieutenants Burſche ſei, der den Herrn Lieutenant zu ſprechen wünſche. Mit hochklopfendem Herzen ging er hinaus; ein Blick in das Geſicht des gutmüthigen Burſchen genügte, ihm zu ſagen, daß es eine ſchlimme Botſchaft ſei, die er jetzt hören würde. „Was giebt's?“ „Ein Billet, Herr Lieutenant, von dem Herrn Stadtrath.“ Mit zitternden Händen erbrach Wolfgang das Billet und las beim Schein der Hauslampe:„Komm ſogleich nach Haus, Wolfgang; die Mutter iſt ſehr krank geworden. Dein unglücklicher Vater.“ „Wo willſt Du hin?“ fragte Onkel Peter, der ihm gefolgt war. „Die Mutter iſt ſehr krank—“ „Ich komme mit Dir— einen Augenblick; ich will nur denen drinnen Beſcheid ſagen.“ Onkel Peter trat wieder in's Zimmer und theilte ſo ruhig als er vermochte, die Nachricht mit.„Es wird wohl nichts zu bedeuten haben; aber ich will doch zu meiner und Eurer Beruhigung mitgehen.“ Einen Augenblick darauf waren die beiden Männer auf der Straße und eilten durch die Nacht dahin. Keiner von ihnen ſprach ein Wort. Was ſollten ſie ſich mit einer Hoffnung belügen, die ſie nicht hatten. Siebenundzwanzigſtes Capitel. „Gott ſei Dank, daß Ihr endlich kommt!“ ſagte der Stadtrath, als Wolfgang und Onkel Peter in das Wohnzimmer traten. Er hatte an dem runden Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand, geſeſſen, und ſich erhoben, um den Beiden entgegenzugehen, aber er ſank alsbald wieder in den Stuhl zurück und verbarg das bleiche Geſicht in den zitternden Händen. Wolfgang trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Die Mutter iſt todt, Vater?“ „Nein, ſie lebt, aber ſie leidet ſo furchtbar; ich kann es nicht mehr mit anſehen.“ Der unglückliche Mann war wie gebrochen; der Anblick Onkel Peters, der ſeit zehn Jahren dieſe Schwelle nicht überſchritten hatte, war ohne Eindruck auf ihn geblieben. „Sei ein Mann, Schwager!“ ſagte Onkel Peter;„laß uns zu⸗ ſammen tragen, was dem Einen zu ſchwer wird.“ Der Stadtrath richtete das verzerrte Geſicht empor und blickte ſeinen Schwager mit irren Blicken an: „Sie war Dir ſehr werth!“ ſagte er. „Das weiß Gott;“ ſeufzte der arme Onkel Peter. Wolfgang war in das Zimmer gegangen, wo die Mutter lag.— Die wenigen Stunden, daß er ſie nicht geſehen, hatten ſie furchtbar verändert; der junge Dr. Brand, der auf Wolfgangs Wunſch anſtatt des alten Medicinalraths Schnepper die Kranke in der letzten Zeit behandelt hatte, war im Zimmer. Er faßte Wolfgang, der in dumpfem hülfloſem Schmerz in das theure entſtellte Antlitz ſtarrte, leiſe an der Hand, zog ihn mit ſanfter Gewalt einige Schritte vom Bette fort und ſagte: „Sie ſind auf das Schlimmſte gefaßt, Herr von Hohenſtein?“ „—— „Sie müſſen es ſein. Ihre liebe Mutter wird dieſe Nacht nicht überleben.“ „Wird ſie noch ſehr leiden?“ „Sie iſt die meiſte Zeit ohne Bewußtſein; ich thue, was in meinen Kräften ſteht. Verlaſſen Sie ſich auf mich.“ Wolfgang drückte dem Doctor die Hand, und ging S. um Onkel Nachricht zu bringen.. 6 es war Nacht— eine Nacht, in der die Mi⸗ nuten zu Jahren werden, zu Jahren voller Höllenqualen— eine Nacht, deren Graus aus dem Schuldbuch des Lebens alle Fehle weg⸗ wiſchen müßte, wie ein naſſer Schwamm die Kritzeleien eines müßigen Knaben von der Schiefertafel; eine Nacht, in welcher ſich der Menſch tauſendmal fragt: ob es nicht ein Hohn ſei, ihn geboren werden zu laſſen, um dies zu erleben?.. Onkel Peter ſaß nicht weit von dem Bette, das vor der Zeit ergraute Haupt in die Hand geſtützt— ſtumm, regungslos, wie ein Indianer, der, an den Marterpfahl gebunden, ſeinen Feinden den. Triumph nicht gönnt, ihm einen Schmerzenslaut erpreßt zu haben. Nur einmal— und das war, wie Margareth in ihren Phantaſien anfing, von dem alten Haus in der Ufergaſſe zu ſprechen und von dem Bruder Peter, der immerdar ſo unendlich gut gegen ſie geweſen ſei, der ſie ſo ſehr geliebt und dem ſie ſeine Liebe ſo ſchlecht ver⸗ golten habe— ſtand Onkel Peter leiſe auf, ging in die dunkelſte Ecke des Zimmers und weinte wie ein Kind.. Es war eine lange, bange Nacht. Als der graue Morgen durch die Vorhänge dämmerte, neigte Margareth ihr Haupt auf die Seite; ihre ſchmerzdurchwühlten Züge nahmen den alten Ausdruck milden, ſchwermüthigen Ernſtes an.* „ Das Ziel der langen leidensvollen Wallfahrt war erreicht;. ein paar tiefe Athemzüge die Laſt des Lebens ſank von der müden, gepreßten Bruſt— auf auf immer! S— Zweitet Bnd Achtundzwanzigſtes Capitel. Ein trüber naßkalter Morgen dämmerte über der verregneten, menſchenleeren Straße. Durch die hohen alten Bäume drüben hinter der Kloſtermauer ſauſte der Wind, daß die Aeſte ſtöhnten und ächzten und die kahlen Zweiglein wie in toller Angſt durcheinander fuhren. Von Zeit zu Zeit entluden ſich die ſchwarzen tiefziehenden Wolken in einem kurzen heftigen Regenguß, der ſeine großen Tropfen klatſchend gegen die Fenſter ſandte. Wolfgang kam es wie ein Wahnſinn vor, daß er an einem ſolchen Morgen ſeine Mutter begraben ſollte— ſeine ſanfte, zarte Mutter, die den Sonnenſchein geliebt hatte, wie eine freundliche Gottheit, und mit den ſingenden Vögeln, die durch die laubigen Kronen der Bäume ſchlüpften, verkehrt hatte, wie mit ihres Gleichen. Dieſe Bruſt, die nur in der warmen weichen Gartenluft hatte athmen können, ver⸗ ſchließen in das enge Bretterhaus— das Bretterhaus verſenken in die kalte feuchte Erde, auf die der Himmel Fluthen winterlichen Regens herabgießt!— Wer iſt nun barbariſcher? die Natur, die ihre herrlichſten Ge⸗ bilde mitleidslos der ſchmählichſten Zerſtörung preis giebt? oder der Menſch, der den ſchwarzen Mantel des Todes ſogar noch mit ſchwar⸗ zen Floren und Bändern verbrämt und aufputzt? O Qual! nicht einmal allein ſein zu dürfen mit dem Dämon des Schmerzes! Den Plunder der Geſellſchaft ſchleppen müſſen durch dieſe Augenblicke, wo wir, wenn je, mit dem tiefen Urgrund des Daſeins— mit den Müttern— geheimnißvolle Zwieſprach halten! Elende Menſchheit, die immer an der Oberfläche der Dinge kindiſch haften bleibt, die mit ihren neugierig⸗gleichgültigen Alltagsgeſichtern ſich in die Hallen des Todes drängt, wie in einen Concertſaal, und ſich hier ein wenig Rüh⸗ rung und dort ein wenig Enthuſiasmus holt und das Eine wie das Andere als Nahrung ihrer Eitelkeit verbraucht. O, lieber wollte ich, ich wäre mit der geliebten Leiche allein, ganz allein auf öder Haide! mit meinen Händen wollte ich Dir ein Grab graben; und wenn Du„5 von meinen Händen zur Ruhe gebracht würdeſt, mir iſt, als wenn die ſchwere Erde Dir dann leichter ſein würde.“ Wolfgang drückte die brennende Stirn gegen die kalte Fenſter⸗ ſcheibe. Eine Hand legte ſich ſanft auf ſeine Schulter. Ottilie ſtand hinter ihm. „Wolfgang, armer Wolfgang!“ z Keine Thräne hatte des jungen Mannes Wimper benetzt all' dieſe entſetzlichen Stunden hindurch. Der ſchmerzenſtillende Quell ſchien für immer in ihm vertrocknet; aber, als er dies liebe ſanfte Mädchen⸗ antlitz ſah, das ſo gefaßt zu bleiben verſuchte, während es ſo ſchmerz⸗ lich um den freundlichen Mund zuckte und die hellen Tropfen aus den ſchönen tiefblauen Augen über die zarten Wangen rannen— da— als er den eigenen Schmerz ſo rührend verkörpert ſah— löſte ſich der Krampf, der ſeine Bruſt ſo lange zuſammengeſchnürt hatte, in Thränen auf. Er ſtreckte ſeine Hände wie um Vergebung bittend nach Ottilien aus, ſie ergriff ſie und drückte ſie für einen Augenblick an ihren Buſen. „Ich möchte ſie gern noch einmal ſehen,“ ſagte ſie leiſe. „Komm!“ Wolfgang führte das junge Mädchen in das Zimmer nebenan, wo Margareth in dem offenen Sarge lag. Es war Niemand im Zimmer. Die Beiden traten Hand in Hand an den Sarg und blickten lange in das blaſſe geiſterhaft ſchöne Antlitz der Todten⸗ „Weißt Du noch, Ottilie,“ flüſterte Wolfgang,„was die Mutter an jenem Abend ſagte, als wir Beide ſo an ihrem Bett ſtanden, wie wir jetzt an ihrem Sarge ſtehen, und ſie uns lange mit ſo ſeltſam freudigen Augen angeſehen hatte?“ „Ja,“ flüſterte Ottilie. e „Sie ſagte: von nun an habe ich zwei Kinder.— Ottilie, willſt 3 Du meine Schweſter ſein?“ „Ich will es,“ flüſterte Ottilie, ſich auf das Antlitz der Todten beugend, um den eben geſchloſſenen Bund durch einen Kuß auf die lieben Lippen zu beſiegeln, die ihren Namen und Wolfgangs Namen ſo oft und ſo gern zuſammen genannt hatten. „Nun geh', Du Liebe!“ ſagte Wolfgang, die Weinende mit ſanfter Gewalt aus dem Zimmer führend. Wolfgang blieb. Er hatte vor dem Hauſe mehrere Wagen vor⸗ fahren hören. Der Augenblick, wo man den Sarg ſchließen würde, mußte bald kommen. Er blieb, zu wachen, daß keine plumpe Hand dieſe Heilige berührte. Er ſelbſt, den ſie zum Licht dieſer Welt ge⸗ boren hatte, wollte ſie der ewigen Nacht übergeben. Unterdeſſen hatten ſich die Zimmer der andern Seite, die von dem Stadtrath bewohnt wurden, mit einer Menge von Herren gefüllt, zum größeren Theil Collegen des Stadtraths: Heydtmann u. Comp. und andere ſpeciellere Freunde; auch der dicke Oberbürgermeiſter Daſch war da und ſtrengte ſich vergeblich an, ſein fettglänzendes Geſicht in Trauerfalten zu legen, während er dem Stadtrath, der ge⸗ brochen in der entfernteſten Ecke ſaß, zu beweiſen ſuchte, daß alle Menſchen ſterben müßten. Der Präſident und der Oberſt von Hohen⸗ ſtein ſtanden in einem Fenſter und unterhielten ſich leiſe und ange⸗ legentlich; möglicherweiſe über Peter Schmitz, welcher, der ganzen Geſellſchaft den Rücken zukehrend, an dem andern Fenſter ſtand und leiſe mit den Fingerſpitzen gegen die Scheiben trommelte. Der arme Peter Schmitz war in einer verzweifelten Stimmung. Er hatte es ſchon bitter bereut, daß er nicht ſeiner erſten Regung gefolgt und zu Hauſe geblieben war. Was ſollte er hier unter dieſen Menſchen, die ſich nie einen Deut um ſeine Margareth gekümmert und doch ſo viel dazu beigetragen hatten, daß ihr Leben ſo elend war, wie es war! Und doch ihnen jetzt das Feld räumen, nachdem ſie ihn einmal ge⸗ ſehen hatten, das ging nicht, ſchon ſeiner Damen wegen nicht, die auf ſeinen Schutz angewieſen waren und von denen es ihm wenigſtens ſeine Schweſter Bella nie verziehen haben würde, wenn er ſie in „dieſem Wespenneſt“ allein gelaſſen hätte. Tante Bella war ſeit dem Morgen, an welchem Margareth ſtarb, auf Wolfgangs Wunſch, beinahe fortwährend in dem Hauſe geweſen und hatte mit ihren ſcharfen Schmitz'ſchen Augen, in welche das Be⸗ wußtſein der Pflicht,„den Kopf oben zu behalten,“ nur dann und wann eine verſtohlene Thräne kommen ließ, überall„nach dem Rechten geſehen.“ Sie hatte, da der Stadtrath in der gänzlichen Apathie, in 256 Die von Hoheüſten die er ſeit der Todesnacht verſunken war, ſich um Nichts bekümmerke, alle nöthigen Anordnungen getroffen, und dem armen Wolfgang ſo eine große Laſt abgenommen. Auch an dieſem Morgen war ſie früher als die Andern gekommen, und hatte dafür geſorgt, daß Wolfgang ſo viel als möglich allein blieb. „Laß mich nur machen, Wolf!“ ſagte ſie;„bekümmere Dich um Nichts, um gar Nichts! ich will ſchon das Nöthige beſorgen, und wenn, woran ich übrigens zweifle, die Damen kommen ſollten, ſo will ich ſie in Deinem Namen empfangen. Geh' nur, armer Wolf!“ Wer den tiefen Abſcheu kannte, welchen Tante Bella vor„den Damen“ hatte, würde den Hervismus, mit welchem ſie ſich erbot, den verhaßten ein freundliches, zum mindeſten nicht ihr wahres Geſicht zu zeigen, bewundert haben. Es war das größte Opfer, das Tante Bella ihrer Liebe zu Wolfgang bringen konnte. Sie war entſchloſſen, ihr Herz zu bändigen, und in dieſer entſchloſſenen Stimmung ging ſie den„Damen“ entgegen, die in dem Augenblick anlangten, als Ottilie, die mit Onkel Peter kurz vorher gekommen war, eben das Zimmer verlaſſen hatte. Leider waren„die Damen“ in jener Laune, in welcher Conflicte ſo leicht entſtehen, und, wenn ſie einmal entſtanden ſind, meiſtens einen ſo ſehr bösartigen Charakter annehmen. An dieſer üblen Laune mochten die ungewöhnlich frühe Stunde und das ungewöhnlich ſchlechte Wetter einen nicht unbedeutenden Antheil haben; den bedeutenderen aber hatte wohl das Benehmen, welches Wolfgang in dieſen Tagen beobachtet hatte. Wolfgang hatte ſich nicht nur nicht ſehen laſſen, er hatte geradezu geſchrieben, daß er ſich außer Stande fühle, der Ein⸗ ladung ſeiner Schwiegermutter,„in ihrem ſtillen gemüthlichen Salon eine harmloſe und doch wohlthätige Zerſtreuung zu ſuchen,“ nach⸗ kommen zu können. Die Präſidentin war indignirt; die Obriſtin fand Wolfgangs Betragen abſcheulich; ſelbſt Aurelie, die für gewöhnlich ſeine Partei nahm, meinte, daß er, wie es ihr ſcheine, ſie(die Damen von Hohenſtein) etwas cavaliörement behandle; nur Fräulein Camilla enthielt ſich, wie ſie das in ſolchen Fällen zu thun pflegte, jeder Be⸗ merkung— aus„Delicateſſe,“ wie ihre Mama, aus Gleichgültigkeit, wie Aurelie behauptete. „—— Zweller Band. Tante Bella machte beim Eintritt der Damen in das Zimmer ihre ſtattliche Verbeugung, und hieß ſie in einem Tone, welcher in Anbetracht von Tante Bella's Seelenzuſtand ein freundlicher zu nennen war, willkommen. „Es ſcheint, daß Sie hier die Wirthin machen, meine Liebe?“ ſagte die Obriſtin, die als geborene Comteſſe von Düren-Lilienfelde, es ausnehmend unſchicklich fand, von einer Perſon, die ſie nicht kannte, und die aller Wahrſcheinlichkeit nach eine von Wolfgangs bürgerlichen Verwandten war, empfangen zu werden. „Wenn Sie erlauben, daß ich dem Wunſch Wolfgangs nach⸗ omme, ja,“ erwiderte Tante Bella;„wollen Sie ſich nicht ſetzen, meine Damen?“ „Ich ziehe es vor zu ſtehen!“ ſagte die Präſidentin. „Wie Sie wollen;“ ſagte Tante Bella. „Mit wem habe ich eigentlich die Ehre?“ fragte die Obriſtin, welche die Ruhe Tante Bella's ſichtbar reizte. „Wollen Sie mir verſtatten, die Frage zurückzugeben?“ ſagte Tante Bella. „Mein Name iſt Selma von Hohenſtein.“ „Ich heiße Arabella Schmitz;“ entgegnete Bella, indem ſie ſich zu ihrer ganzen Höhe aufrichtete. „Ich muß geſtehen, das Benehmen Deines Herrn Bräutigams fängt an mir unbegreiflich zu werden,“ ſagte die Obriſtin, Tante Bella den Rücken wendend, zu Camilla. Camilla zuckte die Achſeln. „Sie haben wohl noch keine Mutter begraben?“ ſagte Tante Bella, die es nicht über ſich bringen konnte, Selma's Bemerkung ohne Erwiderung zu laſſen. „Ich ſprach mit der Braut des Lieutenant von Hohenſtein;“ ſagte die Obriſtin ſcharf. „Ich wollte nur meine Verwunderung darüber äußern, daß die Braut meines Neffen auf eine Bemerkung, die ihren Bräutigam min⸗ deſtens der Unſchicklichkeit zeiht, kein Wort der Erwiderung findet.“ „Ihnen ſcheint es an Worten nicht zu fehlen?“ „Gott ſei Dank, nein.“ Fr. Spielhagen's Werke. VIII. Der Eintritt Ottiliens unterbrach dieſen Wortwechſel. O hatte nicht gedacht, daß außer Tante Bella Jemand im Zimmer ſei. Sie würde es ſonſt vermieden haben, gerade jetzt zu erſcheinen, wo ſie in der ſchmerzlichſten Aufregung mit verweinten Augen von dem Sarge der geliebten Todten kam. Tante Bella ſah das Alles; ſie ſah auch, wie die jungen Damen von Hohenſtein mit jenem Blick von oben herab, den nur ganz wohlerzogene junge Damen blicken können, die Erſcheinung Ottiliens muſterten, und die Präſidentin von ihrer Lorgnette Gebrauch machen mußte, während Selma, um den ver⸗ wirrten Gruß der Erröthenden nicht erwidern zu müſſen, über ſie fort nach einem Gemälde an der Wand ſtarrte. Tante Bella winkte Ottilie zu ſich und ſagte: „Willſt Du Dich zurecht machen, Kind? und mir meinen Mantel in der Küche durchwärmen? Thue es aber ſelbſt!“ „Warum ſchicken Sie die Kleine fort?“ fragte die Präſidentin. „Um ſie nicht länger den unfreundlichen Blicken dieſer Geſell⸗ ſchaft auszuſetzen; ſagte Tante Bella. „Wir hätten beſſer gethan, wenn wir zu Hauſe geblieben wären, mes enfants;“ ſagte die Präſidentin. „Ja, das weiß der Allmächtige!“ ſagte Tante Bella, einen Schritt vortretend und gegen die vier Damen von Hohenſtein Front machend. „Warum ſind Sie gekommen? aus Liebe zur Todten wahrhaftig nicht, denn Sie haben ſie, ſo lange ſie lebte, verachtet und verhöhnt. Ja, meine ſchönen jungen Damen, rümpfen Sie nur immer Ihre Naſen! ja, meine gnädige Frau, ſehen Sie mich nur ſo grimmig an, wie Sie wollen. Auf mich macht das keinen Eindruck! ich habe einen härteren Kopf als meine arme Margareth hatte; ſonſt würde ſie Ihnen geſagt haben, was ich Ihnen jetzt ſage. Sie würde Ihnen geſagt haben: laßt mich in Ruh' mit Eurer falſchen Freundlichkeit, die mich mehr ängſtigt, als wenn Ihr Euch in Eurer wahren Geſtalt zeigtet! laßt mich in Ruh'! ich fluche Euch nicht, obgleich Ihr der Fluch meines Lebens geweſen ſeid! ich haſſe Euch nicht, obgleich Ihr mir geraubt habt, was mir das Theuerſte war auf dieſer Welt! ich will nichits von Euch als Ruhe im Leben und im Grabe, Ruhe vor Euch: den Stolzen, Hochmüthigen, Hartherzigen. Ja, ja, meine ſchönen Damen! v—————— 259 ſo hätte ſie geſprochen— aber ſie wagte es nicht; und ſo ſage ich's Ihnen denn in ihrem Namen, im Namen meiner armen unglücklichen Margareth, und nun gehen Sie hin und verklagen Sie mich bei meinem Schwager, oder bei meinem Neffen, oder wo Sie wollen und wie Sie wollen. Mir ſoll es gleich ſein!“ Und Tante Bella warf noch einen flammenſprühenden Blick aus ihren dunklen Augen, in den ſich die Damen nach Belieben theilen mochten, und rauſchte zur Thür hinaus. „Die Perſon muß toll ſein;“ ſagte die Präſidentin. „Nein, aber wir ſind es, daß wir uns das gefallen laſſen,“ ſagte die Obriſtin. „Ja, aber was ſollen wir thun, Selma? erwiderte die Präſidentin. Die Damen hatten nicht Zeit zu einem Entſchluſſe zu kommen, denn der Trauerzug ſetzte ſich in Bewegung Der Sarg war in die Gruft geſenkt; die zahlreiche Begleitung hatte den Friedhof verlaſſen, ſelbſt die Todtengräber hatten, nachdem ſie die Grube eben zugeworfen, ſich entfernt, da der Regen mit er⸗ neuter Heftigkeit losgebrochen war. Nur der Wagen, auf welchem der Sarg geſtanden hatte, war noch; der Fuhrmann deſſelben ſchien keine Eile zu haben, wegzukommen; er ſchürzte mit größter Gelaſſen⸗ heit an den Strängen, die zerriſſen oder ſonſt ſchadhaft zu ſein ſchienen. Als er ſich aber ganz allein auf dem Friedhofe ſah, trat er an das Grab, zog ſeinen Hut ab und murmelte:„Gute Frau, heilige Frau, bitt' für mich! bitt' ſür den alten Köbes!“— So ſtand der alte Mann lange Zeit in inbrünſtiges Gebet verſunken. Dann wiſchte er ſich mit ſeinem baumwollenen Taſchentuche die Thränen und den Regen aus dem Geſicht, ſetzte den Hut wieder auf und fuhr langſam in die Stadt zurück. Ende des zweiten Bandes. ————————— —— —