— S „)„ Wo 5 Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von F Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Biblio pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt w beträgt: für wöchentlich Bücher: — auf 1 Monat: Mk.— Pf. 3 2 hek ſteht zur Em Lag von Morgens Buches wird von iſt zu 24 Stun erden und 4 Bicher: 6 Bücher: ——————— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„ ckſendung zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Druck und Verlag von Otto Janke. und M, Schloſſe ausbreitete, nach den Fenſtern von des Gen Erſtes Capitel. Es war an einem der lieblich ſchönen Tage, deren der Frühling des Jahres achtzehnhundertachtundvierzig ſo viele hatte. Von dem blauen, wolkenloſen Himmel ſchien die Sonne freudig herab auf die weite, reiche Ebene, durch die ſich der herrliche Strom in majeſtätiſchen Schlangenlinien windet. Ueber den Wieſen und Saatfeldern, die von dem Strom in ſanfter bis zu Schloß Rheinfelden aufſteigen, jubelten die Lerchen. In dem weiten verwilderten Park des Schloſſes flöteten die Nachtigallen in den grünen Hecken und Büſchen, und auf den rieſenhohen Bäumen, deren mächtiges Gezweig hier und da noch braun in die blaue Luft ragte, bauten krächzende Krähen ihre Neſter. In einem der dem Schloſſe zugewandten Gänge des Parks pro⸗ menirten die Präſidentin Clotilde von Hohenſtein und ihre beiden Töchter Aurelie und Camilla. Die Damen waren ſchon vor einer Stunde in ihrer Equipage aus der Stadt auf dem Schloſſe angekom⸗ men, weil der Präſident dringend gewünſcht hatte, daß ſeine Frau und Töchter die erſten aus der Familie wären, die der alten Excellenz zu ſeinem Geburtstage gratulirten und die ſchönſten Sträuße über⸗ reichten, welche des Gärtners Kunſt hatte binden können. Aber ach! die ſchönen Sträuße harrten noch immer ihrer Be⸗ ſtimmung entgegen! Da lagen ſie auf der Steinplatte des Garten⸗ tiſches, und die zarten Blumen begannen bereits ſo trübſelig aus⸗ zuſehen, wie die Damen ſelbſt. Es war aber auch zum Verzweifeln. Wohl funfzig Mal waren dieſe jetzt den Gang auf⸗ und abgeſchritten, immer die Blicke über den kleinen Teich, der ſich zwiſchen dieſer Stelle gen's Werke. VII. 4 Die von Hohenſtein. Schlafſtube gerichtet. Als ſie ihre Promenade begannen, hatte dieſe ganze Seite des Schloſſes noch im Schatten gelegen. Sie hatten den Schatten allmälig verſchwinden ſehen; jetzt glänzte die ganze Fagade im hellen Sonnenſchein und noch immer wurden die blauen Rouleaux nicht aufgezogen. Bis jetzt hatte der General noch jedes Mal, wenn die Damen, die pflichtſchuldigen Geburtstagsgratulationen dar⸗ zubringen, gegen Mittag aus der Stadt gekommen waren, in ſeiner höhniſch⸗groben Weiſe„von Langſchläfern geſprochen, die ſelbſt eine alten Mann zu Liebe nicht aus den Federn kommen könnten,“ und heute, wo ſie es nun recht gut zu machen dachten, ließ er ſie warten! Niemand hatte ſie bei ihrer Ankunft willkommen geheißen; ſelbſt „Madame“ hatte ſich nicht ſehen laſſen! Nachdem ſie ſchon eine Viertelſtunde vor dem Portale gehalten, war endlich der alte grobe Bediente, der Kilian, herausgekommen, hatte geſagt: Excellenz ſchliefen noch und„Madame“ ebenfalls, und ob Frau Präſidentin wünſche, daß ausgeſpannt werde?... Die Präſidentin hatte ſich zwar nie⸗ mals eines beſonders gaſtfreundlichen Empfanges auf Rheinfelden zu erfreuen gehabt— aber ſo ſchlimm war es denn doch noch nicht geweſen. Die Damen hatten eben zum einundfünfzigſten Mal das Ende des Ganges erreicht und wie ſie ſich nun umwandten, kam das Sonnen⸗ licht auch in den bis jetzt ſchattigen Weg und die Geſtalten erſchienen in der günſtigſten Beleuchtung. Die Präſidentin von Hohenſtein war eine ſehr ſtattliche Dame im Anfang der vierziger Jahre. Collegen ihres Gemahls, geheime und andere Räthe, die ſie als Fräulein von Slick in der Reſidenz gekannt hatten, bevor Herr von Hohenſtein, damals Regierungs⸗ Aſſeſſor, ſich mit ihr vermählte, erinnerten ſich noch jetzt mit Ent⸗ zücken, wie ſchlank und fein Clotilde geweſen ſei, wie wunderbar ſchön ſie getanzt und wie ſie alle ihre Tänzer durch ihre Munterkeit und Laune zu feſſeln gewußt habe. Seitdem waren nun allerdings zwanzig Jahre vergangen und zwanzig Jahre können eine große Veränderung auch an der geſchmeidigſten und leichtfüßigſten Geſtalt und in dem ausgelaſſenſten Naturell hervorbringen. Clotilde war im Lanfe dieſer Zeit eorpulent und ſentimental geworden; ihre Züge, die ſich 116 0 Erſter Band 3 durch Regelmäßigkeit ausgezeichnet hatten, waren jetzt durch Indolenz und Wohlleben ſtark in die Breite gezogen. Nur das noch immer ſchöne, glänzend dunkle ſtarke Haar und die braunen, noch immer venußfüchtigen Augen erinnerten frühere Liebhaber an die Clotilde von ehemals, die gefeierte Königin der Reſidenzbälle. Dieſelben Autoritäten behaupteten, daß von den beiden Töchtern die ältere und kleinere ihrer Mutter am ähnlichſten ſei; und in der That, wenn man die Quinteſſenz von dem Weſen der Mutter in der Sinnlichkeit fand, ſo war dieſer Grundzug in der Erſcheinung der neunzehnjährigen Aurelie ſehr ſtark ausgeprägt. Sinnlich war der Glanz der nicht eben großen, aber deſto glänzenderen dunklen Augen, ſinnlich die etwas ſtarken kirſchrothen Lippen, ſinnlich die ſatten For⸗ men von Hals und Nacken und Büſte, die jetzt, wie die junge Dame einen Augenblick die ſchwarzſeidene Mantille auf die volle Hüfte gleiten ließ, wie Marmor in dem hellen Sonnenlicht leuchteten.— Dennoch war Aurelie in dem günſtigſten Falle nur hübſch zu nennen; aber ihre zwei Jahre jüngere Schweſter Camilla war ohne alle Frage eine Schönheit. Um einen halben Kopf größer als Aurelie und eben ſo viel kleiner als ihre faſt zu ſtattliche Mutter, zeigte ihr ſchlanker Wuchs das reizendſte Ebenmaß der Glieder und ihre Formen jene knospende Anmuth, die ſich zur weiblichen Fülle verhält wie die Blüthe zur Frucht. Auch die Züge ihres lieblich ovalen Geſichts waren von einer ungemeinen Zartheit, ebenſo wie der weiche, viel⸗ leicht etwas zu matte Ton der Haut. Kenner rühmten an der jungen Dame als beſonders reizend, daß die Farbe ihres weichen, glänzenden Haars viel lichter war, als die Farbe der feingeſchweiften Brauen und der langen, ſeidenen Wimpern, die ſich ſo anmuthig über die dunklen, in feuchtem Glanze ſchwimmenden Augen ſenkten.„Wahr⸗ lich! wenn ein Engel vom Himmel auf die dunkle Erde herabgeſandt worden wäre, er würde um die Vergünſtigung bitten, in dieſer Licht⸗ geſtalt den Menſchen zu erſcheinen!“ hatte erſt ganz vor Kurzem der Maler Kettenberg ausgerufen, als er in einer Abendgeſellſchaft beim Präſidenten während des Carnevals unter andern lebenden Bildern Fräulein Camilla als Mignon„geſtellt“ hatte. „Ich bin müde, Kinder,“ ſagte die Präſidentin, indem ſie ſich 1* Die von Hohenſtein. auf der Bank neben dem halb umgeſunkenen Tiſch niederließ und die verwelkenden Blumen wehmüthig betrachtete;„Ihr auch?“ „Na, es geht noch,“ meinte Aurelie, ſtehen bleibend und die Mantille über die Schultern ziehend;„ich finde es nur ſchauverhaft langweilig.“ 6. Auf einmal fing ſie an zu lachen und rief:„Gott, Camilla, was für ein Geſicht Du ſchneideſt! Wenn Dich Herr von Willamowsky ſo ſähe, er würde abermals über eine Illusion perdue zu klagen haben.“ Camilla hatte ſich in die andere Ecke der Bank geſetzt. Ihr ſchönes Geſicht trug allerdings einen Ausdruck, der mit den ſanften Zügen in einem höchſt entſchiedenen Widerſpruch ſtand. „Laß mich zufrieden,“ ſagte die junge Dame mürriſch. Mein Himmel, wer thut Dir denn was?“ meinte die Schweſter; „was kann denn ich dafür, daß das gnädige Fräulein heute nicht ausgeſchlafen hat? ich habe Dir geſtern Abend oft genug geſagt, Du ſollteſt nicht ſo viele Extratouren tanzen.“ „Damit Du doch ja nicht zu kurz kämeſt,“ höhnte Camilla. „O, mein Schatz, es hat mir bis jetzt noch nie an Tänzern ge⸗ fehlt, trotzdem ich allerdings noch keinen Maler zur Desperation gebracht, auch ſonſt kein Malheur durch meine Schönheit angerich⸗ tet habe.“ „Müßt Ihr Euch denn immer zanken, Kinder,“ ſagte die Präſi⸗ dentin, die Handſchuhe von den fetten weißen Händen ſtreifend,„ich dächte, unſere Situation wäre ohnehin ſchon unerquicklich genug.“ „Die Situation iſt ſo ſchlecht nicht, Mama,“ ſagte das Fräulein, ſich auf den Hacken wiegend,„wenn wir nur was zu eſſen hätten. Ich fange an, ſchauderhaft hungrig zu werden.“ „Das iſt das zweite Mal in fünf Minuten, daß Du das Wort „ſchauderhaft“ in den Mund nimmſt,“ ſagte Camilla. „Du gebrauchſt noch ganz andere Wörter,“ entgegnete die Schweſter. „Aber, Kinder!“ beſchwichtigte die Mutter, die zuſammengefalte⸗ ten Handſchuhe auf den Tiſch werfend. In der Unterhandlung der Damen entſtand eine Pauſe, welche 5 — Erſter Band. Aurelie dazu benutzte, flache Steinchen über die Fläche des Teiches zu ſchnellen. Plötzlich wandte ſie ſich wieder um und rief: „Sage mir nur, Mama, warum machen wir eigentlich dem Groß⸗ onkel ſo ſchaud— ich hätte wahrhaftig beinahe wieder ſchauderhaft geſagt, Camilla,— warum machen wir eigentlich dem Großonkel ſo entſetzlich die Cour?“ „Was nennſt Du Cour machen?“ fragte die Präſidentin. „Ich nenne Courmachen, wenn man nicht abläßt, Jemanden, der ſo übermenſchlich grob und häßlich gegen uns iſt, wie der Großonkel, mit Zuvorkommenheiten aller Art zu überſchütten; ihm unabläſſig Arbeiten ſtickt, die er im Leben nicht benutzt; ihm Briefe ſchreibt, die er nie beantwortet; ihm vor Allem Gratulationsviſiten macht, bei denen er einen, comme à présent, en canaille behandelt.“ „Ich dächte, das Thema wäre ſchon oft genug abgehandelt,“ ſagte Camilla, die Spitze ihres ſchmalen Fußes läſſig betrachtend. „So ſchlage ein beſſeres vor, wenn Du eins weißt,“ rief Aurelie. „Camilla hat Recht,“ ſagte die Mutter,„die Sache iſt ſchon oft genug unter uns beſprochen worden. Abgeſehen davon, daß wir dem Großonkel, als dem Chef der Familie, dieſe Rückſichten ſchuldig ſind, iſt es auch Sache der allergewöhnlichſten Lebensklugheit, ſich um die Gunſt eines Menſchen zu bewerben, von deſſen Willen wir ſo zu ſagen abhängen.“. „Aber ich denke, Du haſt ſelbſt ein bedeukendes Vermögen, Mama.“ „Nun ja, ich habe, oder vielmehr, ich hatte, das heißt—, ſieh, mein Kind, wir brauchen ſehr viel; das Leben iſt jetzt erſchrecklich theuer. Das lächerlich geringe Gehalt Deines Vaters und die Zinſen meines Vermögens reichen für unſere Anſprüche bei weitem nicht aus; wir müſſen vom Capitale zehren. Wie lange wird das dauern, ſo iſt es aufgebraucht, und wenn, was doch jeden Tag paſſiren kann, Ihr Euch verheirathet— wovon ſollen wir dann Eure Ausſteuer be⸗ ſchaffen? Ich ſchaudre, wenn ich daran denke.“ Die Präſidentin ſchlang den einen Arm um Camilla und zog ſie an ſich heran, als wollte ſie das geliebte Kind vor einem Schickſal bewahren, das ihren Augen allerdings furchtbar erſcheinen mußte. 6 Die von Hohenſtein. „Ich meine aber,“ fing Aurelie wieder an,„wir müſſen ja doch den Großonkel ſo wie ſo beerben; wozu ſich alſo ſo ſchaud— ſo horrible Mühe geben?“ „Wie Du ſprichſt!“ ſagte Camilla, noch immer halb an dem Buſen der Mutter gelehnt;„als ob Du nicht wüßteſt, daß Onkel Gisbert eben ſo viel Anſprüche hat, wie Papa.“ „Nun, dann laßt ihn doch! was iſt denn an den paar tauſend Thalern mehr oder weniger gelegen!“ Die Präſidentin ſeufzte. Sie dachte an verſchiedene, ſeit ge⸗ raumer Zeit laufende Rechnungen, von deren Eriſtenz ihr Gemahl keine Ahnung hatte, und wie groß doch für ein Mutterherz, das für die Garderobe ihrer Töchter zärtlich ſchlägt, die Differenz von„ein paar tauſend Thalern mehr oder weniger“ in einem gegebenen Augen⸗ blicke ſei. Camilla übernahm es, Aureliens unbedachte Aeußerung gebührend zurückzuweiſen. „Du wirſt durch Dein albernes Geſchwätz Mama noch um den letzten Reſt ihrer guten Laune bringen,“ ſagte ſie;„willſt Du nicht lieber nächſtens, wie Tante Antonie, in großer Geſellſchaft erklären, daß Du Dich nicht einen Pfifferling um den Großonkel kümmerteſt?“ „Ich wollte, ich wäre ſo unabhängig, wie Tante Antonie, daß ich es dürfte!“ „Aber Du biſt nicht unabhängig, wie Tante Antonie in ihrer doppelten Eigenſchaft als Wittwe und reiche Frau, und deßhalb darfſt Du es nicht,“ ſagte die Präſidentin beinahe heftig.„Liebes Kind,“ fuhr ſie freundlicher fort,„glaubſt Du denn, Dein Vater und ich würden die Sache ſo ernſthaft nehmen, wenn nicht gerade jetzt Alles darauf ankäme, den Großonkel günſtig für uns zu ſtimmen? Der Großonkel kann jeden Tag ſterben, das hat mir noch geſtern Abend der Medicinalrath geſagt, und es iſt, wie Dein Vater meint, die höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß er bis zu dieſem Augenblick noch kein Teſtament gemacht hat. Stirbt er aber, was Gott verhüten wolle, ohne Teſtament, ſo fällt die Erbſchaft zu gleichen Theilen an Deinen Vater und ſeine beiden Brüder.“ „Das würde dem armen Onkel Arthur gerade paſſen,“ meinte Aurelie lachend. Erſter Band. „Uns aber deſto weniger,“ ſagte die Präſidentin.„Onkel Arthur hat ſich durch ſeine Heirath mit dem Frauenzimmer, wie heißt ſie doch gleich!— und nicht weniger durch ſeine demokratiſchen Tendenzen die Gunſt des Onkels für immer verſcherzt. Macht alſo der Großonkel ein Teſtament, ſo iſt Alles gegen nichts zu wetten, daß er den Stadt⸗ rath ohne Weiteres von der Erbſchaft ausſchließt; bleibt alſo, da Onkel Ernſt, ich darf wohl ſagen, Gott ſei dank! ohne Kinder ge⸗ ſtorben und Tante Antonie alſo, abgeſehen davon, daß ſie von Hauſe aus reich iſt, geſetzmäßig keine Anſprüche auf die Erbſchaft hat,— bleiben alſo, ſazte ich, nur noch der Vater und Onkel Gisbert. Der Oberſt aber ſteht bei dem General ſehr ſchlecht angeſchrieben—“ „Ich denke aber, der Vater auch nicht beſonders,“ wandte Aurelie ein. „Leider, leider!“ ſeufzte die Präſidentin;„deſto größere Mühe müſſen wir, ich meine, müßt Ihr Euch geben, ſeine Neigung zu ge⸗ winnen. Launiſch und ſchadenfroh, wie er iſt, ſollte es mich gar nicht wundern, wenn er Euch Beiden Alles vermachte.“ „Aber das wäre ja famos!“ rief Aurelie in die Hände klatſchend; „das ſollte ein Leben werden! Das Erſte wäre, daß wir den Park wieder in Ordnung bringen ließen, der wirklich jetzt wie ein Urwald ausſieht. Und dann müßte der alte Kaſten von Schloß da drüben neu angeſtrichen werden. Und dann alle Tage das Haus voller Gäſte, und Abends hier um den Teich herum farbige Lampions und kleine Gondeln und ein Bal champétre!— Grands dieux! wie ſich wohl Tante Selma ärgern würde! und Vetter Kuno und der himmliſche Otto! Habe ich Dir denn noch nicht erzählt, Camilla, welch' geiſtreiches Compliment mir Kuno geſtern Abend beim Cotillon gemacht hat?“ „Nun?“ fragte Camilla, die ſchmachtenden Augen neugierig erhebend. „Auf Ehre, Couſine!“ hier ſchlug das junge Mädchen die Hacken ihrer Stiefelchen klappernd zuſammen und wirbelte ein imaginäres Bärtchen auf der Oberlippe,„auf Ehre, Couſine, ich bin in einer grauſamen Verlegenheit. Tanze ich mit Camilla, ſo glaube ich, ich müſſe ſie heirathen, tanze ich mit Dir, ſo erſcheint es mir als eine Nothwendigkeit, Deine Schweſter ſitzen zu laſſen.“ — 8 Die von Hohenſtein. —„Der alberne Geck,“ ſagte Camilla, den reizenden Mund höhniſch verziehend. „Liebe Kinder,“ fagte die Präſidentin,„macht, daß Ihr in eine Lage kommt, wo Ihr, wie Tante Antonie, unter Euren Anbetern die Auswahl habt. Es liegt in Eurer Hand. Bietet Alles auf, den Großonkel bei guter Laune zu erhalten. Es muß diesmal etwas Ent⸗ ſcheidendes geſchehen.— Aber dies lange Wartenmüſſen iſt wirklich ärgerlich; und auch Madame läßt ſich gar nicht blicken! Wir wollen nach dem Schloſſe zurückgehen, ob wir nicht wenigſtens etwas zu eſſen bekommen können; ich bin beinahe ohnmächtig vor Hunger!“ „Komm, liebes Mamachen!“ ſagte Aurelie, der Mutter den Arm bietend.„Camilla, nimm Du die Blumen mit! Wir könnten ſie freilich eben ſo gut in den Teich werfen.“ Die Damen hatten einige Schritte gethan, als ſie ſahen, wie eins der blauen Rouleaux, auf welche ſie noch immer die ſehnſüch⸗ tigen Blicke gerichtet hielten, langſam in die Höhe gezogen wurde. Eine rieſenlange Geſtalt mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopfe, den oberen Theil des Körpers in eine weite flanellene Nachtjacke ge⸗ hüllt— den unteren Theil verbarg die hohe Brüſtung— erſchien hinter den Scheiben. „Der Onkel— der Großonkel!“ riefen Mutter und Töchter wie ———— aus einem Munde. Die weiße Geſtalt öffnete den einen Fenſterflügel und lehnte ſich hinaus. „Guten Morgen, Onkel!— guten Morgen, Großonkelchen!“. riefen die Damen. Die Entfernung zwiſchen ihnen und dem Schloſſe betrug vielleicht hundert Schritt; nur ein Stück Garten und der Teich lagen da⸗ zwiſchen. Es ſchien unmöglich, daß der General ſie nicht ſehen ſollte. 8 Dennoch mußte es der Fall ſein. Er wandte den Kopf nach rechts, er wandte den Kopf nach links; er lehnte ſich noch weiter hinaus und blickte in die Stachelbeerbüſche unter dem Fenſter. „Hier, hier!“ ſchrieen die Damen und winkten mit den Tüchern. Der General richtete den langen Leib empor, legte die runzlige Hand über die buſchigen Brauen und lugte ſcharf nach dem blauen „ — Erſter Band. 9 * * Himmel. Als er auch dort Niemanden entdeckte, von dem die Rufe möglicherweiſe ausgehen konnten, ſchien er die Sache als hoffnungs⸗ los aufzugeben. Er ſchüttelte die Zipfelmütze und ſchloß bedächtig das Fenſter. „Hier, hier!“ riefen die Damen, aber die Stimmen klangen ſehr kläglich. Im nächſten Augenblicke war das blaue Rouleau wieder herabgelaſſen. „Er hat uns nicht geſehen!“ ſagte die Präſidentin beinahe weinend. „Oder nicht ſehen wollen!“ ſagte Aurelie.„Nimm's Dir nicht zu Herzen, Mamachen, wir wollen auch Alles thun, um dem Groß⸗ onkel zu gefallen. Der Gedanke, einmal hier einen großen Ball geben zu können, iſt wirklich zu ſchön!“— Die muntere Aurelie faßte die Mutter um die Taille und zog ſie ſcherzend den Weg entlang, nach dem Schloſſe zu. Camilla folgte langſam. Die feinen Brauen leiſe zuſammengezogen und die ſeidenen Wimpern tief über die ſchwärmeriſchen Augen geſenkt, überlegte ſie: ob es wohl möglich, und wie es anzufangen ſei, daß der Großonkel ſie, Camilla von Hohenſtein, mit Uebergehung aller übrigen Ver⸗ wandten zur alleinigen Erbin von Rheinfelden mache. Zweites Capitel. Als die Damen durch die verfallene, epheuberankte Pforte auf den Schloßhof getreten waren, ſahen ſie ſtatt ihrer Equipage, die man unterdeſſen in den Schuppen gebracht hatte, ein paar Reitpferde am Zügel umherführen und eine offene Kaleſche, von der eben die Pferde abgeſchirrt wurden. Dieſer Anblick ſteigerte die Verſtimmung der Damen, wenn das noch möglich war. Während ſie im Garten nutzlos promenirten, waren Obriſt's angekommen, hatten ſich jedenfalls bereits melden laſſen und waren vielleicht ſchon vorgelaſſen worden. „Aber ich werde dem Großonkel ſagen, daß wir ſchon ſeit zwei Stunden hier ſind,“ rief die Präſidentin, die ſo viel Unfälle aus ihrer Die von Hohenſtein. gewöhnlichen phlegmatiſchen Ruhe aufgeſchreckt hatten, indem ſie eifrig ihren Töchtern voran nach dem Schloſſe zu ging. Auf der Schwelle der weitgeöffneten Hausthür überzeugten ſich die Damen indeſſen, daß ſie ſich ohne Grund ereifert hatten, denn ſie fanden in dem hohen mit Steinflieſen ausgelegten und rings mit Galerien verſehenen, ſtattlichen Flur die Obriſtin von Hohenſtein und ihre beiden Söhne, den Lieutenant Kuno und den Fähndrich Odo, in offenbar ſehr großer Verſtimmung, die bei dem unerwarteten Herein⸗ treten der Damen einem verlegenen Schrecken wich. „Ah, Du auch hier, liebe Clotilde?“ ſagte die Obriſtin, ſchnell ihre Faſſung wiedergewinnend, und der Präſidentin mit offenen Armen entgegeneilend. „Wie Du ſiehſt, liebe Selma!“ entgegnete die Präſidentin, die Umarmung ſehr flüchtig erwidernd. „Nein, wie reizend! Wann ſeid Ihr denn gekommen? Und Ihr Mädchen, wie friſch Ihr ausſeht! wie die Roſen! Keine Spur von geſtern mehr! Ihr könnt Euch ein Beiſpiel an Euren Couſinen neh⸗ men, ihr jungen Herren!“ Den beiden jungen Herren ſchien es allerdings ſehr nöthig, daß ſie ſich ein anderes und womöglich beſſeres Beiſpiel nahmen, als das, welchem ſie offenbar bisher gefolgt waren. Wenn ihr bleichgelbes Ausſehen, die Mattigkeit ihrer waſſerblauen Augen und ihre ſchlaffe Haltung in der That nur„Spuren von geſtern“ waren, ſo waren es mindeſtens ſehr ausgeprägte Spuren. Beſonders ſchien den Fähndrich das Leben ſchon ſtark mitgenommen zu haben. Sein Geſicht, auf dem ſich eben der erſte Flaum zeigte, hatte einen Zug, der an jene Greiſenhaftigkeit erinnerte, die man oft bei ganz kleinen Kindern und bei vielen Affengeſchlechtern wahrnimmt. Der Lieutenant hatte ſich etwas beſſer conſervirt, was indeß weniger eine Folge der größeren Solidität ſeiner Grundſätze, als der etwas derberen Structur ſeines Körpers ſein mochte. Beide junge Leute waren lang, blond und ziemlich hübſch, und in allen dieſc Eigenſchaften Ebenbilder ihrer Mutter. Das Benehmen der beiden älteren Damen war trotz aller ſchein⸗ baren Herzlichkeit ein ſehr gezwungenes, ungefähr wie das zweier falſcher Spieler, die ſich nach den erſten Karten durchſchaut haben, — . Erſter Band. 11 und doch, um den Scandal zu vermeiden, die Partie ruhig zu Ende ſpielen müſſen. Der Obriſtin ſchien dieſe Rolle am leichteſten zu werden. Sie bedauerte, nicht geſtern Abend daran gedacht zu haben, daß man ja ſo gut hätte zuſammen herausfahren können. Der Obriſt komme um zwei Uhr mit dem Dampfſchiff— auch der Präſident?— nein, wie reizend ſich das trifft! Sie werden wohl auch noch zu früh kommen! Der liebe gute Onkel ſchläft gewiß noch. Wir ſtehen hier nun ſchon ſeit einer Viertelſtunde, und der Kilian— er heißt ja wohl Kilian?— den wir hineingeſchickt haben, kommt nicht wieder. Auch Madame läßt ſich nirgends entdecken. Habt Ihr denn ſchon das gute alte Geſchöpf geſehen? Auch noch nicht? Aber Kinder, da geht es Euch ja noch ſchlechter wie uns. Warum ſeid Ihr auch ſo früh von Hauſe gefahren! Und die armen Blumen, wie die ſchon verwelkt ſind! Wer wird aber auch ſo koſtbare Blumen kaufen? Ihr habt ja ein ganzes Vermögen hineingeſteckt! Da ſeht meinel die halten ſich beſſer und koſten nicht halb ſo viel!“ „Es können auch nicht alle ſo gute Hausfrauen ſein, wie Du, Tante Selma,“ bemerkte Aurelie, die ihrer Mutter zu Hülfe kommen zu müſſen glaubte. „Es haben auch nicht alle Leute ein Vermögen zu verzehren,“ erwiderte die Obriſtin, auf der Präſidentin allbekannte Verſchwen⸗ dungsſucht anſpielend. Wahrſcheinlich wären dieſe Reibereien, zumal bei der augenblick⸗ lich ſehr gereizten Stimmung beider Parteien, wie ſchon oft bei ähn⸗ lichen Gelegenheiten, in einen Wechſel ſcharfer und beleidigender Worte ausgeartet, wenn nicht in dieſem Augenblicke Frau Brigitte, eine ungeheure Haube auf dem Kopf und einen gewaltigen Schlüſſel⸗ bund an dem Gürtel, oben auf der Galerie, welche ſich um den ganzen, durch beide Stockwerke des Schloſſes reichenden Flur zog, erſchienen wäre. Nachdem ſie, ſich über die Brüſtung lehnend, ein paar Momente die Geſellſchaft gemuſtert und ſich im Stillen an der kläglichen Situation derſelben geweidet hatte, ſtieg ſie langſam die breite ſteinerne Treppe hinab, ſo daß die im Flur ſtehende hochadlige Geſellſchaft hinreichend Zeit hatte, ſich auf die ſchmachvolle Rolle die ſie zu ſpielen gezwungen war, vorzubereiten. Die Obriſtin war 12 Die von Hohenſtein. die erſte, welche ſich zum Unvermeidlichen entſchloß. Sie eilte„Ma⸗ dame“ entgegen, faßte ſie, ſo wie ſie den Fuß von der Treppe auf den Flur ſetzte, bei beiden Händen und rief:„Die gute, liebe Ma⸗ dame! Wie geht's? Nein, wie prächtig Sie ausſehen! Wahrhaftig, Sie werden mit jedem Jahre jünger.“ „Das iſt mehr, als man von den meiſten Leuten ſagen kann,“ erwiderte Dame Brigitte trocken. Aber die Obriſtin ließ ſich ſo leicht nicht zurückſchrecken.„Und wie geht es der lieben Excellenz? Noch nicht auf, wie ich höre? Laſſen Sie ihn ja ſchlafen, den guten alten Herrn! Beſſer, daß wir eine Stunde länger warten, als daß er um ſeine Ruhe kommt!“ „Excellenz haben heute Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen und dürfen vor vier Uhr Nachmittags nicht aufſtehen,“ ſagte Brigitte, nachdem ſie auch die Huldigungen der Präſidentin und ihrer Töchter mit der⸗ ſelben beleidigenden Gleichgültigkeit entgegengenommen.„Die jungen Herren promeniren wohl etwas im Garten, während ich die Damen auf ihre Zimmer bringe; in einer Stunde wird im kleinen Saal das Frühſtück ſervirt.“ Die Präſidentin und Aurelie warfen ſich bei dieſen letzten Worten klägliche Blicke zu, aber keine der Damen wagte gegen die Anord⸗ nungen der allmächtigen Haushälterin auch nur ein Wort einzuwenden. Stillſchweigend folgten ſie ihr die breite Treppe hinauf, und ließen ſich ohne Widerrede in die häßlichſten und unbequemſten Zimmer ſperren, welche im ganzen Schloſſe zu finden waren. Die jungen Herren gingen unterdeſſen, wie Madame es befohlen hatte, in den Park, und ſchlenderten zwiſchen den ſeit einem Viertel⸗ jahrhundert nicht verſchnittenen Buchenhecken und den verwüſteten Beeten ziellos umher. Ihre Unterhaltung war, wie das zwiſchen Brüdern zu ſein pflegt, nicht eben lebhaft. Die Abſpannung nach der durchſchwärmten Nacht, welche ſie während des Reitens weniger gefühlt hatten, machte ſich jetzt doppelt geltend. „Ich bin müde wie ein Hund,“ ſagte Kuno, ſich auf eine morſche Holzbank ſetzend und die Beine von ſich ſtreckend. „Meinſt Du etwa, ich nicht?“ ſagte Odo, dem Beiſpiele des älteren Bruders folgend. Erſter Band. 13 Die Brüder verharrten in ihrem öden nSin bis Kuno plötzlich fragte: „Haſt Du's der Alten geſagt?“ „Wann ſoll ich's ihr denn geſagt haben?“ entgegnete Odo mür⸗ riſch und ſah dabei noch einige Jahre älter aus wie gewöhnlich. „Es wird aber die höchſte Zeit.“ „Das weiß ich,“ brummte Odo in demſelben Ton. „Meinetwegen mach', was Du willſt!“ ſagte der ältere Bruder und gähnte. „Du haſt gut reden!“ rief der andere ärgerlich;„wer war es denn, der heute Nacht nicht zufrieden war, bis geſpielt wurde?“ „Wer hat Dich denn geheißen, ſo unſinnig d'rauf los zu pointiren?“ „Schöne Frage! ich dächte, Du ſollteſt doch am beſten wiſſen, wozu ich Geld brauchte!“ „Der verdammte Möllenhof hatte wieder ſeinen alten Treffer,“ meinte der Lieutenant. „Ach, Möllenhof kümmert mich am wenigſten,“ ſagte der Fähn⸗ drich,„der wartet ſchon ein paar Tage und giebt auch Revanche; aber Abraham wartet nicht.—'s iſt um ſich todt zu ſchießen!“ Und der junge Menſch ſtarrte aus den blöden Augen verzweiflungsvoll vor ſich hin. „Wieviel iſt es denn?“ „Fünfzig Piſtolen, und ich habe keinen rothen Dreier mehr.“ „Deshalb meine ich, daß Du's der Alten ſagen mußt, und das je eher, je lieber.“ „Aber die Alte wird außer ſich ſein, und wenn's der Alte erfährt—“ Odo ſprang von ſeinem Sitze in die Höhe und ging ein paar Mal auf und ab, dann wauf er ſich wieder auf die Bank. „Weißt Du denn gar keinen Rath, Kuno?“ Der Lieutenant zuckte i⸗ Achſeln.„Mir pumpt kein Menſch mehr,“ meinte er. „S iſt ein Bundeleben,⸗ fing Odo nach einiger Zeit wieder an; „die lumpigen paar Thaler Gage und Taſchengeld, dabei ſoll ein 14 Die von Hohenſtein. Menſch anſtändig leben. Und der Alte hat nie Geld; ich möchte bei Gott wiſſen, wo er damit bleibt.“ „Vergraben thut er's nicht, darauf kannſt Du Dich verlaſſen,“ ſagte der ältere Bruder mit einem höhniſchen Lächeln. „Dann ſollte er ſich aber auch gegen uns nicht immer auf's hohe Pferd ſetzen; was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig.“ „Möglich; aber damit kommſt Du nicht aus der Patſche heraus,“ ſagte der Lieutenant.„Hör' mal, Odo, wie wär's, wenn Du es Dem ſagteſt?“— hier wies er mit der Spitze ſeines Degens auf das Schloß— vielleicht hat er heute ſeinen guten Tag.“ „Ich glaube Kuno, Du biſt verrückt!“ rief Odo, ſeinen Bruder mit ungeheucheltem Erſtaunen, ja Schrecken anſtierend. „In der Noth frißt der Teufel Fliegen,“ ſagte der Lieutenant. Odo dachte über den eben gehörten Vorſchlag nach, wie Jemand, dem zugemuthet wird, ſich aus einer Todesgefahr durch einen Sprung von einem dreihundert Fuß hohen Thurm zu retten, und ſchüttelte den Kopf. „Es iſt unmöglich,“ murmelte er,„ganz unmöglich; lieber ſag' ich es doch der Alten.“ „Oder wenn Du an Tante Antonie ſchriebſt?“ „Erſtens iſt ſie verreiſt, und zweitens glaube ich nicht, daß ſie noch einmak was herausrückt; wir ſind ihr in der letzten Zeit zu oft gekommen; ich will's nur der Alten ſagen, die muß Rath ſchaffen.“ „„S wird wohl auch das Beſte ſein,“ ſagte der Lieutenant, das Taſchenmeſſer, mit welchem er ſich die Nägel beſchnitten hatte, zu⸗ klappend und aufſtehend.„Ich glaube, die Zeit iſt um, wollen ſehen, ob's was zu eſſen giebt; wird freilich wieder eine ſchöne Atzung werden.“ Das Frühſtück, bei welchem ſich unter Madame's Vorſitz die Geſellſchaft zur beſtimmten Zeit zuſammenfand, übertraf in Hinſicht der Speiſen und Getränke die trübſten Erwartungen des Lieutenants. Nichtsdeſtoweniger fand man einſtimmig die keineswegs friſchen Eier, den zähen Schinken, das ſaure Brod, die ranzige Butter ausgezeich⸗ net, und der Lieutenant erklärte den herben, auf Rheinfelden ſelbſt gewachſenen Landwein für deliciös. Erſter Band. 15 Nach dem Frühſtück ſchlug die Präſidenten einen Spaziergang nach dem Dorfe vor, um das Dampfſchiff zu erwarten, welches um dieſe Zeit den Präſidenten und den Obriſten bringen mußte. Alle machten ſich auf den Weg, mit Ausnahme Camilla's, die über Kopf⸗ ſchmerz klagte, und um die Erlaubniß bat, zurückbleiben zu dürfen. Für den Fähndrich war jetzt die Stunde gekommen, wo er, wenn es heute überhaupt noch geſchehen ſollte, ſein Anliegen bei der Mutter vorbringen mußte. Er wußte es, indem er der Mutter den Arm bot, ſo einzurichten, daß er mit dieſer ein wenig zurückblieb, während der Lieutenant die Tante und Aurelien mit ſeiner Unterhaltung beglückte. Leider fand Odo die Mutter in einer Stimmung, die ſeinem Plane wenig günſtig ſchien. Die Obriſtin war in einer fürchterlichen Laune. Sie ließ ſich in Worten, die für eine geborene Gräfin von Düren⸗ Lilienfelde nicht immer ganz paſſend erſchienen, über die ihr zuge⸗ fügten Unbilden aus, nannte Dame Brigitte eine freche Hexe, die Präſidentin eine alte falſche Katze, die jungen Damen abſcheuliche Zierpuppen— und wie ſich denn ſonſt ein heftiges, übelwollendes Gemüth in ſolchen Lagen Erleichterung zu verſchaffen ſucht. „Aber ich fahre noch heute Abend wieder zurück,“ ſchloß ſie ihre Rede;„ich will mich nicht von den Hunden unter meinen Fenſtern die ganze Nacht um den Schlaf bringen laſſen, mag der Vater da⸗ gegen ſagen, was er will; kümmert er ſich doch auch in dieſer letzten Zeit weniger als je um meine Wünſche.“ Dies war nun freilich für den Fähndrich die ungünſtigſte Wen⸗ dung, welche das Geſpräch nehmen konnte, indeſſen die Verzweiflung giebt Muth. Er bat die Mutter, den Vater doch ja nicht zu erzür⸗ nen, da er— der Fähndrich— in einer„grauſamen Klemme“ ſei, und nun kam, begleitet von einem kläglichen Lächeln, das ſcherzhaft ſein ſollte, die klägliche Geſchichte, daß er ſich neulich, um Spiel⸗ ſchulden— eine Ehrenſchuld, ſagte der junge Mann— zu bezahlen, funfzig Lonisd'or von Abraham Hirſch geliehen habe, daß Hirſch ge⸗ droht habe, ſich an den Obriſt von Nolte— Odo's Regimentschef— zu wenden, falls er nicht morgen Mittag zwölf Uhr das Geld in ſeinem Comtoir habe; daß bei den ſtrengen Grundſätzen des Obriſten zu erwarten ſei, er werde ein furchtbares Aufheben aus der„Lum⸗ 16 Die von Hohenſtein perei“ machen, und wie zu befürchten ſtehe, daß er(Odo) caſſirt werde, wenn die„Affaire“ nicht„vertuſcht“ würde. Ein bis an den Rand volles Gefäß wird durch einen Tropfen zum Ueberlaufen gebracht. Die Obriſtin gerieth über die Mitthei⸗ lungen ihres trefflichen Sohnes außer ſich vor Zorn. Wenn ſie ihn nicht ohrfeigte, ſo geſchah es nur deshalb nicht, weil ſie ihrer Schwä⸗ gerin die Freude eines ſolchen Triumphes nicht gönnen wollte; ſie begnügte ſich deshalb, den zukünftigen Officier einmal über das andere einen dummen Jungen, einen Taugenichts, einen elenden Menſchen zu nennen, der durch ſeinen Leichtſinn ſeine arme Mutter noch in's Grab ärgern würde. Der Fähndrich hatte ſchon zu oft im Feuer des mütterlichen Zornes geſtanden, um nicht zu wiſſen, wie er ſich in dieſer Lage zu benehmen habe. Er ließ die Mutter ſo lange eifern, bis er merkte, daß ihre leidenſchaftliche Hitze auf dem Punkte ſtand, ſich in Thränen aufzulöſen, dann ſagte er mit trefflich geſpielter Reſignation: „Laß es gut ſein, liebe Mama; Du ſchaffſt mir durch Dein Schelten das Geld nicht, an dem mir Eurethalben mehr gelegen iſt, als meinethalben. Ich kriege höchſtens ein paar Wochen Arteſt und werde caſſirt; aber der Vater dauert mich, denn ihm muß die Sache in ſeiner Stellung am ungelegenſten kommen; und Du dauerſt mich auch, denn Tante und die Andern werden es Dir bei jeder Gelegen⸗ heit auftiſchen.“ Der ſchlaue Burſche hatte durch ſeine wohlberechneten Andeu⸗ tungen die Angelegenheit in das für ihn günſtigſte Licht gerückt. Mama vergaß ganz, daß dem Leichtſinn des jungen Mannes Vorſchub leiſten, ihm den Weg zur Hölle nur ebnen heiße; ſie dachte an nichts, als an das bedauernde Achſelzucken der Kameraden ihres Gatten und der Damen ihres Kreiſes, vor allem an die heimliche Schadenfreude der Präſidentin— und dann war Odo immer ihr Lieblingskind geweſen, und du lieber Gott, der arme Junge ſah ſo blaß und elend aus!.. „Wir wollen ſehen, was ſich machen läßt!“ ſagte ſie, den Arm ihres Sohnes, den ſie in ihrem Zorn hatte fahren laſſen, wieder nehmend;„ich will mit dem Vater ſprechen, und nun quäle Dich nur — Erſter Band. 17 nicht ſo, daß Du am Ende gar noch krank wirſt. Laß Dir vor Allem der Tante gegenüber nichts merken; wir wollen etwas ſchneller gehen, damit unſer Zurückbleiben nichtauffällt.“ Dies Zurückbleiben war in der That ſchon bemerkt und von der ſcharfſinnigen Aurelie ziemlich richtig gedeutet worden.„Der gute Odo wird heute etwas beſonders Schweres zu beichten haben,“ meinte ſie.„Wo ſeid Ihr jungen Herren denn heute Nacht noch geweſen, als Ihr von uns ginget? Herr von Brinkmann, dem wir heute Morgen zu Pferde begegneten, meinte: es würde bei Catalini wohl noch ein kleines Spielchen gemacht ſein.“ „Ah bah, Couſine, wie kannſt Du glauben, daß nach der Auf⸗ —regung eines Balles, und noch dazu eines ſo deliciöſen Balles, die Aufregung des Spiels noch von irgend einem Intereſſe ſein könnte.“ „Freilich,“ erwiderte Aurelie,„beſonders für Jemand, um den ſich, wie um Dich, die hübſcheſten Damen reißen! Was braucht der noch die todten Kartendamen!“ „Und doch ſoll auch Dein erklärter Anbeter, Herr von Brink⸗ mann, dieſer letzten Sorte nicht ganz gram ſein.“ „Wer hat Herrn von Brinkmann zu meinem Anbeter erklärt?⸗ fragte das junge Mädchen nicht ohne einige Heftigkeit. „Nun, ohne allen Grund wird er doch heute Morgen um ſechs Uhr nicht ſchon im Sattel geweſen ſein,“ lachte der Lieutenant. „Ich finde, daß Du den Scherz etwas zu weit treibſt, lieber Kuno,“ ſagte die Präſidentin, um ihrer Tochter, die allerdings den hübſchen Huſarenofficier ganz beſonders auszeichnete, zu Hülfe zu kommen. „Ich habe nicht angefangen zu necken,“ ſagte Kunv. „Dafür biſt Du auch Cavalier, und mußt Dir von den Damen etwas gefallen laſſen können, ohne ausfallend zu werden.“ Kuno wollte etwas erwidern, hielt es aber für gerathener, die Mutter der ſchönen Camilla, die er, ſo weit ſeine Blaſirtheit ein ſolches Gefühl überhaupt noch aufkommen ließ, halb ihrer Schönheit wegen und halb aus Eitelkeit liebte, nicht zu erzürnen. Die Unter⸗ haltung wollte indeſſen nicht wieder in Gang kommen, und man ließ ſich deshalb nicht ungern von den beiden Zurückgebliebenen einholen, Fr. Spielhagen's Werke. VII. 2 18. Die von Hohenſtein. die freilich in der Stimmung, in welcher ſie waren, ſehr wenig zur Heiterkeit der Geſellſchaft beitragen konnten. Glücklicherweiſe ſah man, kaum im Dorfe Rheinfelden angelangt, das Dampfſchiff ſchon den Strom herabkommen. Wenige Minuten ſpäter ſtiegen die Brüder aus dem Boote, welches ſie vom Schiffe abgeholt hatte. Die beiden Brüder von Hohenſtein hatten außer der übermäßig langen und hagern Statur wenig Aehnlichkeit mit einander. Philipp von Hohenſtein, der Präſident, war von dem Scheitel ſeines kleinen, wohlgeformten Kopfes mit dem dunklen, kurzgehaltenen, hier und da ſchon ergrauenden Haar bis zu den Sohlen ſeiner eleganten Lack⸗ ſtiefeletten jeder Zoll der hohe Staatsbeamte aus der vormärzlichen Schule. Mit den feinen Zügen ſeines glattraſirten Geſichts ſtimmte 5 Alles an ihm auf das vollkommenſte: die ruhige, diplomatiſche Hal⸗ tung, die leiſe Stimme, ja ſelbſt das weiche, ſchwarze Tuch ſeines Fracks, in deſſen Knofloch das Band des blauen Geierordens zweiter Klaſſe zierlichſt befeſtigt war. Wenn bei dem Präſidenten, die Abſicht, zu gewinnen, faſt allzu erſichtlich hervortrat, ſo konnte man von dem Obriſten beinahe das Gegentheil behaupten. Sein von der Sonne verbranntes, mit einem militäriſch kurzgeſchorenen, offenbar ſchwarz gefärbten Bart bedecktes Geſicht war ſo wenig als möglich anziehend. In ſeinen grauen Augen lag jene Starrheit, die auf ein heftiges unliebenswürdiges Tempera⸗ ment ſchließen läßt. Seine Stimme war, ſei es durch das Comman⸗ diren auf dem Exercierplatz, ſei es durch organiſche Urſachen, unan⸗ genehm rauh und heiſer. Wenn man den Mann ſah, ſo glaubte man gern die Geſchichten, die man ſich von ſeiner Rohheit und Brutalität gegen die Untergebenen erzählte, denn ſelbſt ſeine Galanterie gegen die Damen hatte etwas Höhniſches und Cyniſches, wie man es oft in dem Betragen von Wollüſtlingen findet. So waren die beiden Männer, welche an dem Ufer von den Ihrigen begrüßt wurden. Es ſchien heute ein Unglücksſtern über der ganzen Familie Hohenſtein zu walten; man konnte auf den erſten Blick ſehen, daß auch die Laune der beiden Herren nicht die beſte war. Der Obriſt war auf dem Dampfſchiffe durch das Benehmen einer Schaar junger Männer aus dem Volke, die Freiheitslieder geſungen Erſter Band. 19 und Hochs auf Schleswig⸗Holſtein, ja ſogar auf die künftige deutſche„ Republik ausgebracht hatten, auf das empfindlichſte beleidigt worden. Nur mit Mühe hatte der Präſident ihn bereden könren, in die Cajüte hinabzugehen, um dem Uebermuth der jungen Leute, die es offenbar auf den finſtern Obriſt abgeſehen hatten, auszuweichen. Unten in der Cajüte hatte dann zwiſchen den Brüdern eine Unterredung politiſcher Natur ſtattgefunden, im Verlauf welcher der Militär den Büreaukraten geradezu der Feigheit bezüchtigte und andere Beſchuldigungen vor⸗ brachte, welche auch ein diplomatiſch geſchultes Gemüth zum mindeſten nicht ohne eine innere Erregung hinnimmt. So ging man denn äußerſt verſtimmt und mißmuthig hinter einander her, durch die Kornfelder und Weingärten den Weg nach dem Schloſſe, voran der Obriſt und ſeine Frau, die nicht wagte, ihren Gatten mit der bewußten fatalen Angelegenheit zu behelligen; ſodann der Präſident mit ſeinen Damen, welche die betrübenden Er⸗ lebniſſe des Morgens mittheilten, zuletzt die beiden jungen Herren, die es gar nicht mehr der Mühe werth hielten, eine Converſation anzuknüpfen. Unterdeſſen hatte Camilla die Stunde für den Plan, welcher heute Morgen während der Unterhaltung im Park in ihrem feinen klugen Köpfchen plötzlich aufgeſchoſſen war, ſo gut es gehen wollte, zu benutzen geſucht, und, da hübſchen Kindern das Glück, wie billig, hold iſt, Zeit und Mühe keineswegs verloren. Mutter und Schweſter und die Verwandten waren kaum aus dem Hauſe, als die junge Dame aus ihrem Zimmer zu„Madame“ in die Küche kam, und die Geſtrenge um etwas Weineſſig bat, mit dem ſie ihre ſchmerzenden Schläfen waſchen wr e. Eine ſo be⸗ ſcheidene, und noch dazu in ſo freundlich⸗demüthigem Tone vorge⸗ tragene Bitte konnte ſelbſt Madame nicht wohl abſchlagen. Sie hatte 2* 20 Die von Hohenſtein. der Kleinen den Eſſig gegeben, und als dieſe ſich dankend entfernen wollte, und dabei wie einer Ohnmacht nahe, geſchwankt hatte, etwas einer menſchlichen Rührung ähnliches verſpürt, ja die Mildherzigkeit ſo weit getrieben, die Waſchung der ſchönen Stirn eigenhändig zu vollziehen. Aber kaum hatten ihre harten, ſpitzen Finger das volle Haar aus den Schläfen geſtrichen, als ein Paar ſchmachtende Augen ſich zu ihr erhoben, ein paar weiche Händchen ihre Knochenhände er⸗ faßten und eine liebliche Stimme flüſterte:„Ach, wie wohl das thut! Was Sie doch für eine gute, liebe Frau ſind!“ Frau Brigitte ſtutzte. Schlau, argwöhniſch und ſchlecht, wie ſie war, klang das ihr geſpendete Lob gar zu ſeltſam in ihren keines⸗ wegs verwöhnten Ohren. Sie warf einen ihrer ſchielenden Blicke auf das junge Mädchen und ſagte in ihrer kalten, trockenen Weiſe: „Umſonſt iſt der Tod. Wo ſoll's denn hinaus?“ „Wie meinen Sie, liebe Madame?“ ſagte das junge Mädchen mit trefflich geſpielter Unbefangenheit. „Warum iſt denn das Fräulein gar ſo gnädig?“ ſagte Brigitte höhniſch.„Denken Sie denn, daß ich ſo dumm bin, und all' die ſchönen Sachen glaube, die mir die Herrſchaften aus der Stadt ſagen? Denken Sie denn, daß ich nicht weiß, Ihr würdet mich Alle, wie Ihr da ſeid, wie einen Hund behandeln, wie einen räudigen Hund, wenn ich nicht zufällig bei dem da—“ ſie deutete auf eine Thür, die aus dem Zimmer in die inneren Gemächer führte,—„ſo viel gälte?“ „Aber liebe, beſte ge Madame, wer wird auch ſo argwöh⸗ niſch ſein!“ rief das fünge Mädchen, ihre Stimme, wie in großer Entrüſtung, erhebend.„Ich gebe zu, daß nicht alles Schmeichelhafte, das Ihnen geſagt wird, ehrlich gemeint iſt; aber ich habe Ihnen doch nie Grund zu einem ſolchen Verdachte gegeben. Ich verſichere Sie, daß ich wenigſtens es von Herzen gut mit Ihnen meine; ja wahr⸗ haftig, von Herzen gut.“ „St, ſt!“ murrte Brigitte, und ſchielte dabei gräulicher als je; „was ſoll das Geſchrei! Ich glaube gar, Sie wollen—“ Frau Brigitte hatte nicht Zeit, zu ſagen, was ſie glaube, daß die junge Dame im Schilde führe, denn plötzlich ertönte nebenan die heiſere, hohle Stimme des Generals: Erſter Band. 21 „Was giebt's denn da, Brigitte? Mit wem ſprichſt Du denn da, Brigitte?“ „Dacht' ich's doch!“ knirſchte die Alte;„machen Sie, daß Sie aus dem Zimmer kommen, wird's?“ Aber damit war's jetzt zu ſpät, auch wenn ſich die junge Dame mehr, als ſie es that, beeilt hätte, dem Gebote Folge zu leiſten, denn die Thür von nebenan wurde geöffnet und der General erſchien, in ſeinen Sammet⸗Schlafrock gehüllt, das kahle Haupt noch mit der weißen Nachtmütze bedeckt, auf der Schwelle. Der General hatte ſeine Großnichte ſeit einem Jahre nicht ge⸗ ſehen(vorhin im Garten hatte er ſie nicht ſehen wollen), und die Schönheit der jungen Dame hatte ſich während dieſer Zeit ſo herrlich entfaltet, daß er ſie jetzt, wie ſie— diesmal in wirklicher Verlegen⸗ heit— tief erröthend und die braunen ſanften Augen wie flehend auf ihn gerichtet, mit halb erhobenen Händen wenige Schritte vor ihm ſtand, zum erſten Male zu ſehen glaubte. Seine ſchwarzen Augen blitzten vor Vergnügen. „Sieh da, die kleine Hexe!“ ſagte er, und dabei zuckten die buſchigen Brauen auf und nieder;„was ſteht der Grasaff' denn da, als ob's Donnerwetter neben ihm eingeſchlagen hätte? Denkſt, der alte Großonkel wird Dich freſſen? hübſch genug biſt Du dazu. Komm her und gieb dem Alten einen Kuß!“ Camilla warf einen ſchnellen Blick auf Brigitte, die vor Aerger am ganzen Leibe bebend daſtand; dann eilte ſie auf den Großonkel zu und drückte ihre roſigen Lippen wiederholt auf ſeine rauhen Knochenhände. „Fürchte Dich nicht vor Der da,“ ſagte der General, welchem der Blick Camilla's nicht entgangen war, ſie iſt nicht ganz ſo bös, wie ſie in dieſem Augenblick ausſieht, und gönnt ihrer alten Excellenz wohl ein tétée àtöéte mit einem hübſchen Gänschen, wenn dieſes Gänschen noch dazu ſeine Großnichte iſt. Komm herein, kleine Hexe, und Du, Alte, ſieh nach Deiner Arbeit.“ Bei dieſen Worten zog der General das junge Mädchen noch näher an ſich heran, während Brigitte etwas, das man nicht verſtehen konnte, zwiſchen den Zähnen murmelnd, aus dem Zimmer eilte. 22 Die von Hohenſtein. Der Alte grinſte höhniſch hinter ihr her.„Möchte vor Aerger berſten,“ ſagte er,„wollte nur, ſie thät's; ſchickte nach keinem Chirur⸗ gen, ſie wieder zuſammenzuflicken. Nun komm, kleine Hexe, ſo!“ Der General legte ſeinen Arm um den Nacken des jungen Mäd⸗ chens und ließ ſich von ihr durch das nächſte Zimmer— ſein Schlaf⸗ cabinet— in ein zweites, daran ſtoßendes führen. Hier ſetzte er ſich in einen bequemen Armſtuhl, und Camilla, welche ſeine Bedürfniſſe wohl kannte, rückte mit geſchäftiger Emſigkeit die Fußbank zurecht und hüllte ſeine Füße in die wollene Decke. „Biſt ein Blitzmädel,“ ſagte der Alte, mit den zitternden Händen das rundliche Kinn des jungen, vor ihm knieenden Mädchens ſtrei⸗ chelnd;„machſt das ſo geſchickt, als ob Du Dein Leben lang nichts gethan hätteſt, als alte Knochen in Flanell wickeln; und hübſch biſt Du, wie die Sünde, daß muß Dir Dein Feind laſſen.“ „Es freut mich, wenn ich Ihnen gefalle, Großonkelchen,“ ſagte Camilla, ſich aufrichtend und den General ſchelmiſch aus ihren ſanften Augen anlächelnd. „Freut Dich, freut Dich? ſo, warum denn?“ „Weil Sie mich dann vielleicht ein bischen bei ſich behalten und mir die Freude gönnen, Sie recht zu pflegen,“ ſagte Camilla, die eine der Hände des Großonkels ergreifend und an ihren Buſen drückend. „Ei, der tauſend!“ kicherte der Alte,„wie das Mädel ſpricht, wie ein Buch; Freude gönnen— Großonkelchen pflegen! Haſt Deine Lection gut auswendig gelernt; ſollſt ein Stück Zucker haben, kleiner Papagei. Na, na, brauchſt nicht roth zu werden! Wie die Alten fungen, zwitſcherten die Jungen!“ „Ich bin kein Papagei, Großonkel!“ ſagte die junge Dame;„was ich ſage, das meine ich auch.“ „Wirklich, wirklich? Und wenn ich Dich nun beim Wort nähme, wie lange würdeſt Du es denn bei dem Alten aushalten?“ „Das käme auf einen Verſuch an, Großonkel. Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben, und wenn Sie mich nicht mehr leiden können, ſchicken Sie mich wieder weg.“ „S Mädel iſt nicht ſo dumm, wie es ausſieht,“ ſagte der Erſter Band. 23 General mit unverhohlener Bewunderung;„glaub' wahrhaftig, Du würdeſt am Ende gar mit der Alten fertig werden.“ „Warum nicht, wenn Sie recht gut ſind, Großonkelchen, und die gute Perſon nicht in meiner Gegenwart ausſchelten, wie vorhin.“ „Sie iſt wirklich nicht ſo dumm,“ wiederholte der General;„s wäre ein guter Spaß— was giebt's?“ Der mürriſche Bediente, Kilian, meldete, daß die Herrſchaften jetzt ſämmtlich da wären und daß Madame anfragen laſſe, ob ſervirt werden ſolle. „Ja, in drei Teufels Namen! K Minute ungeſchoren bleiben?“ Der Mann wollte ſich wieder en„Halt, Front!“ ſchrie der General.„Wieder kommen! Mich anziehen! Herrſchaften in den Speiſeſaal! Ein Abwaſchen!— Und nun ſpring fort, Du kleiner Grasaff'! Sprechen noch weiter darüber.“ Camilla küßte dem Großonkel wiederholt die Hände und ver⸗ ſchwand durch die Thür, die aus dem Zimmer in den Park führte. man denn nicht eine viertes Capitel. Eine Viertelſtunde ſpäter waren die auf Rheinfelden zum Beſuch Anweſenden in dem„großen Saal“ des zweiten Stocks, wo die Mittagstafel gedeckt war, verſammelt. Der große Saal war ein prachtvoller Raum, der ſich beinahe durch die ganze Tiefe des Schloſſes erſtreckte, denn die gewaltige, reich vergoldete Eingangsthür führte auf die Galerie des Flures, und durch die beiden hohen Fenſterthüren auf der andern Schmalſeite trat man auf den großen ſteinernen Balkon, der, von vier Säulen getragen, über dem Park hing. An den Längsſeiten gelangte man durch je zwei Thüren in die andern Räume. Von der hohen Stuck⸗ Decke hingen drei ungeheure Kronenleuchter von böhmiſchem Kryſtall. Große Oelgemälde bedeckten die Wände. Auf den Simſen der beiden 24 Die von Hohenſtein. Kamine ſtanden koſtbare Vaſen und andere Gefäße von Meißner⸗ und Sbévres⸗Porzellan. Wenn auch der gebildetere Geſchmack der Jetztzeit an dieſer Herrlichkeit aus dem Anfang des vorigen Jahr⸗ hunderts Vieles auszuſetzen haben mochte; wenn die Schildereien auch meiſtens ziemlich roh und die dargeſtellten Scenen faſt durch⸗ gängig höchſt bedenklicher Natur, dazu die breiten vergoldeten Rahmen, eben ſo wie die Damaſtüberzüge der Meubel verſchoſſen und von den Würmern arg mitgenommen waren, ſo machte das Ganze doch einen bedeutenden Eindruck, dem ſich Niemand ſo leicht entziehen konnte. Das war an den Phyſiognomieen der Anweſenddn klar genug zu erkennen. Der Alp, de on den ganzen Vormittag anf den Ge⸗ müthern Aller gelegen hatte en in dieſer Umgebung noch ſchwerer zu drücken. Sie ſprachen wenig und das Wenige nur in einem ſcheuen Flüſterton. Leiſe gingen ſie über den parquettirten Fußboden, oder ſtanden an den Wänden ſtill und ſtarrten auf die nackten Götter und Göttinnen und die dickbäuchigen chineſiſchen Pagoden, als ob ſie Alles heute zum erſten Male ſähen. Nur Camilla zeigte ein gefaßtes Geſicht, und wer die junge Dame genauer beobachtet hätte, wie ſie jetzt, die eine Hand auf die hohe Lehne eines Stuhles ſtützend, daſtund und die verſtörten Armenſündermienen der Andern muſterte, würde in ihren braunen Augen ein triumphirendes Lächeln bemerkt haben. Sie hatte gegen Niemand, ſelbſt gegen die Ihrigen nicht, die ſonder⸗ bare Scene mit dem Großonkel erwähnt. Excellenz Großonkel ließ lange auf ſich warten. Der Präſident näherte ſich dem Bruder und ſagte, auf die Uhr ſehend: „Bereits drei; es wird ſpät werden. Du gehſt doch auch heute Abend noch nach der Stadt zurück?“ „Ich und die Jungen auf jeden Fall,“ brummte der Obriſt; man muß ja in dieſer verdammten Zeit, wo alle Augenblicke General⸗ marſch geſchlagen wird, auf dem Poſten ſein. Ob Selma bleiben will, weiß ich nicht, glaub's aber kaumz ſie iſt ſchauderhaft verſtimmt.“ „Das ſind wir wohl Alle mehr oder weniger,“ flüſterte der Prä⸗ ſident;„ich für mein Theil liebe dieſe Viſiten auch nicht. A propos! Biſiten! Geſtern iſt Arthur bei mir geweſen; ich habe mich natürlich verleugnen laſſen.“ Erſter Band. 25 „Bei mir auch,“ ſagte der Obriſt erſtaunt;„ich war nicht zu Hauſe. Was kann das zu bedeuten haben?“ Der Präſident zuckte die Achſeln.„Vielleicht Wahlangelegen⸗ heiten. Arthur iſt ja jetzt im conſtitutionellen Verein der große Mann. Ich habe ſchon im Stillen bereut, daß ich ihn abgewieſen habe. Vielleicht wäre es in Anbetracht der Verhältniſſe doch gerathen, wieder mit ihm anzuknüpfen. Man kann nicht wiſſen—“ „Natürlich,“ höhnte der Obriſt,„immer das Mäntelchen nach dem Winde gedreht! Glaubſt Du denn, daß der tolle Schwindel Beſtand hat?“ „Nein; aber man könnte ihn ja nachher wieder fallen laſſen.“ „Thu', was Du willſt!“ ſagte der Obriſt grob;„ich will mit dem Lump nichts zu thun haben.— Da kommt der Alte.“ Die hohe Flügelthür wurde aufgeſtoßen und herein trat, rechts auf den Bedienten, links auf Frau Brigitte geſtützt, die alte Excellenz in voller Uniform, mit der die weiten Filzſtiefel an den Füßen einen lächerlichen Contraſt bildeten. So ſchlürfte er durch die Geſellſchaft, die ihm mit Verbeugungen und Glückwünſchen entgegentrat, nach rechts und links mit dem Kopfe nickend, ohne ſich aufzuhalten, hindurch. „Ah, bon jour, bon jour! Freut mich, die lieben Verwandten bei mir zu ſehen. Setzt Euch, wo Ihr Plätze findet; die kleine Hexe da kann bei mir ſitzen!“ Camilla, die auf dieſen Befehl ſchon gewartet hatte, eilte herzu und half dem Alten in den Lehnſtuhl hinein, um dann(mit beſcheiden geſenkten Wimpern) an ſeiner Seite Platz zu nehmen. Dem General gegenüber hinter der Suppenterrine ſaß Brigitte, die Andern rangirten ſich, wie es kam, um den Tiſch. Das Mahl auf Macheth' Königsburg kann nicht viel trübſeliger geweſen ſein, als dies hier auf Schloß Hohenſtein. Statt des einen ehrlichen Banquo⸗Geiſtes huſchten wer weiß wie viele Geſpenſter in der Geſellſchaft herum; vergifteten das Brod und den Wein, ver⸗ düſterten die Herzen und die Stirnen, lähmten die Zungen und fälſchten die Rede, alſo daß es ſchier unbegreiflich ſchien, wie mit Vernunft begabte Weſen ſich freiwillig einer ſolchen Qual ausſetzen — 26 Die von Hohenſtein. konnten. Der Alte war heute fürchterlicher als je; grob gegen die Männer, eyniſch gegen die Frauen, voller Hohn gegen die ganze Sippe, Camilla ſelbſt nicht ausgenommen, obgleich er dieſer jungen Dame von Zeit zu Zeit in die Wangen kniff und ſie„kleine, hübſche Here“ nannte. Er führte beinahe allein das Wort, erzählte aus ſeinen Kriegszügen lange, ausführliche Geſchichten von Plünderung und andern Gräueln, deren bloße Erwähnung in einer Geſellſchaft, in welcher Damen anweſend ſind, jeder Gebildete gern vermeidet; kam dann auf die Zeit nach dem Kriege zu ſprechen, wo er mit dem vom Vater ererbten Vermögen und reichen Beutegeldern Rheinfelden und die umliegenden Güter kaufte, zu derſelben Zeit, als ſein Bruder, der Vater der Geſchwiſter Hohenſtein, Oberpräſident der Provinz wurde. Und nun kam aus der Familiengeſchichte das Capitel, das jeder der Anweſenden bereits auswendig wußte, ſo oft hatte es der Alte mit ſtets neuem Entzücken erzählt, das Capitel von dem immer wachſenden Reichthum des Generals und der allmäligen Verarmung des Oberpräſidenten. „Und woher kam das, Nichte Selma? Will's Ihnen erzählen. Weil mein armer Teufel von Bruder ein ungeheuer hochadeliges, hochnäſiges Fräulein geheirathet hatte, das keinen rothen Dreier im Vermögen, dafür aber— können Sie ſich denken, Nichte Clotilde, daß es wirklich ſolche Menſchen giebt?— ein eminentes Talent beſaß, das Geld unter die Leute zu bringen, und das ebenſo bedenkliche, ihre Familie aus ſich ſelbſt zu rekrutiren, alle Jahr im Herbſt eine neue Aushebung! Wie viel waret Ihr doch in Allem, Philipp?“ „Acht,“ flüſterte der Präſident. „Und jetzt drei; und ich alter Kegel ſtehe noch immer da und werde auch wohl noch hoffentlich einen oder den andern neben mir umpurzeln ſehen. Aber woher kommt das? Weil ich mir die Frauen⸗ zimmer vom Leibe gehalten habe, zum wenigſten nicht ſo dumm ge⸗ weſen bin, eine zu nehmen, die ich nicht wieder wegſchicken konnte, wenn ſie mir unbequem wurde.“ In dieſem Tone ging es weiter, bis eine gelegentliche Erwäh⸗ nung der augenblicklichen politiſchen Zuſtände den Andern Gelegenheit gab, auch einmal zu Wort zu kommen; eine Gelegenheit, die vor Allem Erſter Band. 2 der Obriſt gern ergriff, um ſeinem mit jeder Minute wachſenden Unmuth in den heftigſten Schmähungen gegen die„verdammten Demokraten und Communiſten“ Luft zu machen. „Ich wollte, ich hätte nur einen Monat lang unbeſchränkte Voll⸗ macht,“ rief er mit ſeiner heiſeren ärgerlichen Stimme,„und von hier bis an die ruſſiſche Grenze ſollte das Gezücht nur noch in einzelnen Exemplaren vorkommen, die in ein Mauſeloch kröchen, ſobald ſich ein Bajonnet blicken ließe. Aber anſtatt das Geſindel mit Kartätſchen zuſammenzuſchmeißen, fängt man an, mit ihnen zu unterhandeln und „Verſammlungen zur Vereinbarung der Verfaſſung“ zu entriren. Am erſten Mai geht's los; mein Herr Bruder ſtreitet ſich mit einem ab⸗ geſetzten Gymnaſiallehrer, einem verlumpten Literaten— Dr. Münzer heißt der Kerl, glaube ich— um die Ehre, zu dieſer ehrenwerthen Verſammlung gewählt zu werden. Iſt das nicht, um des Teufels zu werden.“ „Lieber Bruder,“ flüſterte der Präſident, wir werden uns—“ „Lauter!“ ſchrie der General,„wer kann denn das Gewinſel verſtehen?“ Der Fräſident erröthete und fuhr mit etwas erhobener Stimme fort: „Ich wollte nur bemerken, lieber Oheim, daß mein guter Bruder in ſeiner raſchen ſoldatiſchen Weiſe den Zeitverhältniſſen nicht die nöthige Rechnung trägt. Es kann ja Niemand dieſer ganzen, wider⸗ natürlichen, von Frankreich importirten und bei uns von einigen wenigen unruhigen Köpfen künſtlich unterhaltenen und emporgetriebenen Bewegung mehr gram ſein, als ich; aber ich meine doch, daß es klüger iſt, einem wildgewordenen Stier, der mit geſenkten Hörnern laut brüllend des Weges daher geſtürzt kommt, aus dem Wege zu gehen, als ihn ſo geradezu bei den Hörnern zu faſſen. Der Stier wird ſich bald die Hörner an der nächſten Wand ablaufen, und wenn er dann von ſeinem Sturz betäubt da liegt, kann man die Beſtie ja ruhig knebeln und in den Stall zurückführen. Genau ſo iſt es meiner Anſicht nach mit dieſer Bewegung. Eine parlamentariſche Regierung iſt ein Nonſens; Pöbel bleibt Pöbel und dem Proletariat iſt nicht aufzuhelfen trotz all der wüſten Theorieen unſerer ſocialiſtiſchen und 28 Die von Hohenſtein. communiſtiſchen Volksbeglücker. Wenn die Leute ſich müde geſchrien und getobt haben, werden ſie das ganz von ſelbſt einſehen, womit ich gar nicht geſagt haben will,“— hier lächelte der Präſident—„daß es nicht gerathen ſein möchte, dieſer Einſicht gelegentlich mit einigen fühlbaren Argumenten ad hominem zu Hülfe zu kommen.“ „Was heißt gelegentlich?“ rief der Obriſt,„mir däucht, um für ſeinen König loszuſchlagen, iſt jeder nächſte Augenblick die paſſendſte Gelegenheit. Laßt Euch nur erſt auf„Vereinbarung“, auf„Ver⸗ faſſung“ und wie der Schwindel ſonſt noch heißen mag, ein, und Ihr werdet ſehen, welche Conceſſionen Ihr trotz all Eurer Weisheit werdet machen müſſen.“ „Vielleicht liegt die Sache nicht ganz ſo ſchlimm, lieber Bruder,“ erwiderte der Präſident;„wenn zwei Parteien ſich über etwas verein⸗ baren wollen, ſo wird, wenn kein Schiedsrichter da iſt, bei eintreten⸗ den Meinungsdifferenzen diejenige den Sieg davon tragen, welche die ſtärkere iſt. Ein Convent— à la bonne heure! ſo etwas könnte, wenn auch nur vorübergehend, ſtörend werden, aber dazu werden ſich unſere guten Deutſchen in Ewigkeit nicht aufraffen. Eine Verein⸗ barungsverſammlung trägt den Keim des Todes ſchon von vorn herein in ſich; glaubſt Du denn, lieber Bruder, ich würde um die Ehre, in einer ſolchen Verſammlung zu ſitzen, mich bewerben, wenn ich davon nicht überzeugt wäre?“ „Und die Verſammlung in Mainſtadt?“ Der Präſident lächelte.„Dieſer Traum der deutſchen Einheit,“ ſagte er,„wie bald wird er ausgeträumt ſein! Die Deutſchen ſind, trotz diverſer Republikanerbärte, die das Gegentheil beweiſen ſollen, gut monarchiſch geſinnt. Sie werden ſich nicht an ihren Fürſten ver⸗ greifen; nun, und bis die Hohenzollern ſich mit den Habsburgern, die Welfen mit den Wittelsbachern, und ſo weiter und alle ſich unter⸗ einander über eine deutſche Verfaſſung vereinbart bis dahin— wird's ja wohl beim guten Alten bleiben.“ „Na, und wie ſieht's denn in der Stadt aus?“ warf der General dazwiſchen. „Dem Anſchein nach trüb genug,“ erwiderte der Präſident,„wir ſind jetzt inmiten der erbittertſten Wahlkämpfe. In dem feindlichen Erſter Band. 29 Lager herrſcht eine gräuliche Verwirrung. Sie wiſſen nicht, wen ſie für Mainſtadt und wen ſie für die Reſidenz wählen ſollen, um ſo weniger als es, wie Sie ſich denken können, gar ſehr an Capacitäten mangelt, und überdies die Führer in ihren Anſichten himmelweit aus⸗ einandergehen. An der Spitze der Radicalen, die am liebſten Alles mit Stumpf und Stiel ausrotten, um ihr Utopien auf eine tabula rasa zu bauen, ſteht mein ſehr ehrenwerther Mitbewerber, der Dr. Münzer. Er iſt Präſident des ſogenannten demokratiſchen Vereins, und hat die Maſſe für ſich, weil er, wenigſtens dem Namen nach, Katholik und von Geburt ein Rheinländer iſt— kein kleines Verdienſt in den Augen eines Volkes, das uns Proteſtanten aus den öſtlichen Provinzen immer noch mit großem Mißtrauen betrachtet, beſonders in neueſter Zeit, wo die Geiſtlichen nach dieſer Seite hin arg gewühlt haben.— Neben jenen demokratiſchen Ultra's beſteht eine ſogenannte conſtitutionelle Partei, in der ſich Alles zuſammenfindet, was nicht geradezu den Umſturz will, vom ſtreng conſervativen Royaliſten bis zu dem liberalen Bourgevis, deſſen drittes Wort Conſtitution iſt. Ich geſtehe, daß ich ſelbſt im Intereſſe der guten Sache es für räthlich gehalten habe, für einige Zeit dem Namen nach zu dieſer Partei, die ſich ebenfalls in einem Vereine conſtituirt hat, zu gehören, obgleich man dabei aller⸗ dings mit Leuten in Berührung kommt, denen man ſonſt im Leben gefliſſentlich ausweicht.“ Während dieſer Unterredung war der Nachtiſch aufgetragen, und da der General ganz gegen ſeine Gewohnheit nicht nur durch ſein Beiſpiel, ſondern zuletzt ſogar direct zum Trinken aufgefordert hatte, ſo fing eben eine etwas beſſere Stimmung FPlatz zu greifen an, als man während der letzten Worte des Präſidenten das dumpfe Rollen eines Wagens auf dem Schloßhof vernahm. Der General gab der ihm gegenüberſitzenden Brigitte ein kaum merkliches Zeichen mit den buſchigen Brauen, worauf die Haushälterin den Tiſch verließ. Von den übrigen hatte Keiner auf dieſen Vorgang geachtet, denn der General hatte alsbald, zum Präſidenten gewandt, die Frage auf⸗ geworfen: „Nun, und Dein Bruder Arthur? Ich leſe ja in den Zeitungen, daß er in Deinem Vereine das große Wort führt.“„ 30 Die von Hohenſtein. Der General hatte in den letzten Jahren ſich niemals auch nur mit einem Worte nach dieſem dritten Sohne ſeines Bruders erkundigt und ſchien gar nicht daran zu denken, daß derſelbe noch unter den Lebenden weile. Es war alſo natürlich, daß die Erwähnung des ſo viel beſprochenen„Onkel Arthur“ die Aufmerkſamkeit Aller, ſelbſt der jüngeren Mitglieder der Geſellſchaft erregte, zumal Excellenz die Frage in einem ganz beſonders lauten Ton geſtellt hatte. „Das iſt auch ſo eine der Berührungen, von denen ich vorhin ſprach, lieber Onkel,“ erwiderte der Präſident.„Sie wiſſen, wie weit meine politiſchen Anſichten von denen meines unglücklichen Bruders abweichen, wie ich— ebenſo wie Gisbert— es meiner Stellung ſchuldig zu ſein geglaubt habe, allen Umgang mit einem Manne ab⸗ zubrechen, der ſich nicht geſchämt hat, eine Mamſel Schmitz zur Frau von Hohenſtein zu machen, und dennoch“— der Präſident zuckte die Schultern—„die Sache iſt eben nicht zu ändern; wollen wir uns nicht alles Einfluſſes auf das Volk berauben, müſſen wir—“ „Uns mit Zöllnern und Sündern an einen Tiſch ſetzen,“ höhnte der General.„Warum nicht? Würden wir doch unſere Beine ſelbſt unter des Teufels Tiſch ſtecken, wenn was dabei heraus⸗ käme. Nicht wahr, Herr Obriſt?“ Der Obriſt glaubte dieſe Zumuthung zurückweiſen zu müſſen, einmal als Soldat und ſodann, weil ſeine Anſichten in dieſem Punkte mit denen des Generals zuſammenzufallen ſchienen. „Keineswegs,“ ſagte er;„ich für meinen Theil würde meine per⸗ ſönliche Ueberzeugung niemals einem zu erreichenden Vortheil opfern. Arthur hat ſich durch ſeine plebejiſche Heirath und ſeine demokratiſchen Tendenzen, die bei ihm, dem geweſenen Officier, doppelt ſchimpflich ſind, von uns losgeſagt, nicht wir uns von ihm. Er hat es ſich daher ſelbſt zuzuſchreiben, wenn wir ihm die Verachtung beweiſen, die ſein Betragen verdient.“ Der General hatte während dieſer Worte ſo oft nach der Thür geblickt, und in ſo auffallender Weiſe mit den Augenbrauen gezuckt und den mächtigen weißen Schuurrbart hin und her geſchoben, daß es außer dem Obriſten Allen auffiel und Alle die Ahnung von etwas Außerordentlichem, das ſich demnächſt ereignen werde, überkam. 4 Erſter Band. 31 „Das iſt mir ja höchſt unangenehm zu hören,“ ſchrie der General, „das ſetzt mich ja in die größte Verlegenheit! Ich dachte es recht gut zu machen, wenn ich Euch auf Eure alten Tage mal wieder zu⸗ ſammenbrächte; aber freilich, wenn die Sachen ſo ſtehen— ich fürchte nur, es iſt jetzt ſchon zu ſpät— na! fage ich's nicht? da haben wir's!“ Die große Flügelthür ſprang auf und herein traten ein ſtattlicher Herr, der eine ſchöne, blaſſe Dame am Arm führte und ein junger, hochgewachſener Mann, hinter dem, als er hereingetreten war, die Thüren von den Bedienten geſchloſſen wurden. Die Ankunft Onkel Arthurs, ſeiner Gattin und ſeines Sohnes, des Studenten Wolfgang, kam ſo unerwartet und war für die meiſten Mitglieder der Familie ſo peinlich, daß ſie ſich wie elektriſirt von ihren Stühlen erhoben, unter ihnen, Alle noch um eines Hauptes Länge überragend, die alte Excellenz, die höhniſch ſchrie: „Proſit Mahlzeit, Kinder! Laßt's Euch gut bekommen, Kinder! S ift ſo hübſch, wenn Brüder einträchtiglich bei einander wohnen. Guten Tag, lieber Neffe Arthur! Das da iſt Deine Frau, und das Dein Sohn? Freut mich, Euch kennen zu lernen.— Das hier ſind Eure lieben Verwandten— Obriſtin von Hohenſtein, geborene Gräfin von Düren⸗Lilienfelde—“ „Ich habe bereits die Ehre,“ ſagte die Obriſtin, die ganz blaß vor Zorn geworden war, indem ſie ſich mit erzwungener Höfligkeit verbeugte. „So? haſt bereits die Ehre? Freut mich, freut mich!“ ſchrie der Alte,„iſt ja mehr, als ich erwartet habe. Haſt auch vielleicht ſchon die Ehre, Nichte Clotilde?“ „Gewiß, gewiß!“ ſagte die Präſidentin,„wir haben uns ſchon öfter von ferne geſehen; es freut mich ungemein, meine Schwägerin auch einmal perfönlich kennen zu lernen; ſeien Sie mir herzlich ge⸗ grüßt!“ und die Präſidentin trat auf die ſchöne, blaſſe, vor Auf⸗ regung zitternde Dame zu und ſchloß ſie in die Arme.„Dies ſind meine Töchter, Aurelie und Camilla. Liebe Kinder, dies iſt Eure Tante—“ „Margarethe,“ ſagte die blaſſe Dame gutmüthig lächelnd, als die Präſidentin plötzlich in großer Verlegenheit inne hielt. 82 Die von Hohenſtein. „Welch' ſchöner Name!“ rief Camilla, die dargebotene Hand der Dame mit Enthuſiasmus ergreifend. Während unterdeſſen Arthur ſich zu ſeinen Brüdern wandte, von denen der Präſident mit glatter Freundlichkeit, der Obriſt hingegen mit kaltem Stolz ſeine verbindlichen Worte hinnahm, hatte Wolfgang nach einem Gruße, in den ſich die ganze Geſellſchaft theilen mußte, ruhig dageſtanden, die ſchönen, ernſten Augen nur immer auf die Mutter gerichtet, als ob dieſe ganze Scene, nur in ſo weit ſie die Mutter berührte, für ihn von Intereſſe und Bedeutung ſei. „Wie heißt denn Du?“ ſchrie plötzlich der General vor den Jüngling hintretend und ihn in ſeiner rohen Weiſe vom Kopf bis zu den Füßen muſternd. „Wolfgang!“ erwiderte der Jüngling, ohne ſich im mindeſten durch die ſtechenden Augen unter den zuckenden Haarbüſcheln ein⸗ ſchüchtern zu laſſen. „Wie alt biſt Du?“ „Einundzwanzig Jahre.“ „Was treibſt Du denn?“ „Ich ſtudire Jura. Aber verzeihen Sie, ich ſehe, daß die Mutter meiner bedarf.“. Damit wandte ſich Wolfgang von Hohenſtein mit einer leichten Ver⸗ beugung von dem General ab, der ihm erſtaunt nachſah, trat an ſeine Mutter heran und ſagte:„Willſt Du Dich nicht ſetzen, liebe Mutter?“ Er nahm die ſchöne Dame, die in der That von Minute zu Minute blaſſer geworden war, am Arm, führte ſie einige Schritte aus dem ſie umgebenden Kreiſe heraus nach einem Fauteuil, und ſagte, indem er ſich über ſie beugte, leiſe:„Du biſt ſehr angegriffen, Mama; ruhe Dich erſt etwas aus!“ „Aber was werden—“ „Die Leute denken? was ſie wollen. Ich bleibe bei Dir.“ Excellenz hatte ſich unterdeſſen an der von ihr ſo ſinnreich arran⸗ girten Familienſcene hinreichend geweidet. „Proſit Mahlzeit, Kinder!“ rief er,„amüſirt Euch ſo könnt; ich muß Euch bis morgen Adieu ſagen; oder iſt Jemand hier, der heute ſchon Abſchied zu nehmen wünſcht?“ Erſter Band. 33 Bei dieſen Worten fixirte der alte Mann ſcharf den Obriſten und ſeine Familie. Der Obriſt hatte einige Augenblicke etwas abſeits von der Geſell⸗ ſchaft leiſe und heftig mit ſeiner Frau und ſeinen Söhnen geſprochen. Er wollte augenblicklich fort, er wollte ſich nicht länger zum Narren haben laſſen; es ſei ja offenbar, daß dieſe ganze Scene ihnen zum Hohn von dem Alten gefliſſentlich arrangirt ſei. Selma, die, klug und berechnend, wie ſie war, ſah, wie die Sachen lagen, und daß hier nichts Anderes übrig bleibe, als gute Miene zum böſen Spiel zu machen, hätte jetzt gern eingelenkt, aber der Obriſt blieb taub, und wenn die Obriſtin unter andern Umſtänden das Spiel auf eigene Rechnung und Gefahr weiter geſpielt haben würde, ſo zwang ſie jetzt Odo's noch immer unerledigte Angelegenheit mit dem erzürnten Gatten zugleich abzureiſen. Die letzten nicht mißzuverſtehenden Worte des Generals gaben den Ausſchlag. So traten ſie denn auf ihn zu, der eben den Arm ſeines Dieners nahm, und der Obriſt ſagte: „Ich muß leider um die Erlaubniß bitten, mich mit den Meinen ſofort beurlauben zu dürfen; die Pflicht ruft mich nach der Stadt zurück.“ „Wollt ſchon fort? Na, reiſt mit Gott, Kinder, reiſt mit Gott!“ ſagte der Alte, und dabei nickte er mit dem kahlen Kopfe ſo eifrig und die Borſten über den Augen zuckten ſo ſchnell auf und nieder, daß die Freude über den gelungenen Streich nur zu erſichtlich war. Auch der Präſident trat heran, um ſich für ſeine Perſon zu empfehlen. „Für Deine Perſon?“ rief der General,„habe nichts dagegen; aber Deine Frauenzimmer bleiben hier. Keine Widerrede!— Ma⸗ dame, geleiten Sie Frau Arthur von Hohenſtein in ihre Zimmer.— Großneffe Wolfgang unterhalte die Damen, zeige, daß Du außer Deinem Jus noch was gelernt haſt. Und Du, Neffe Arthur, gieb mir Deinen Arm und bringe mich auf mein Zimmer, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Fr. Spielhagen's Werke. vI. 3 34 Die von Hohenſtein. Fünftes Capitel. Am nächſten Mittag waren außer Camilla und Wolfgang Nie⸗ mand von dem geſtrigen Beſuch auf Schloß Rheinfelden. Zwar wurde die Präſidentin, die mit den Andern in die Stadt gefahren war, auf den Abend zurückerwartet; aber es war ja klar, daß ſie nur als dame d'honneur ihrer ſchönen Töchter figurirte und daß die Einladung im Grunde nur dieſer letzteren galt. So hatte auch die Präſidenten die Sache angeſehen. Sie hatte noch geſtern Abend ihre liebe Camilla mit Thränen in den Augen umarmt und ihr zu dem günſtigen Eindruck, den ſie offenbar auf den Großonkel gemacht habe, gratulirt. Auch der Stadtrath war nach einer zweiten Unterredung mit dem General ſehr aufgeregt zu ſeinem Sohne, der mit den Damen im Garten promenirte, gekommen, hatte ihn auf die Seite gezogen und ihm mitgetheilt: ſeine Ausſöhnung mit dem Großonkel ſei voll⸗ kommen; er(der Stadtrath) knüpfe an dies freudige Ereigniß— das er übrigens nach dem verbindlichen Einladungsſchreiben erwartet habe— die froheſten Hoffnungen für die Zukunft. Der General wünſche den Großneffen, den er nicht ganz ohne ſeine Schuld— denke Dir, Wolfgang!— ſo ſpät kennen gelernt habe, noch ein paar Tage bei ſich zu behalten.„Das kann zu etwas führen,“ ſagte der Stadtrath, indem er ſich vergnügt die Hände rieb.„Thu's mir zu Liebe, Wolf!“ ſagte die Mutter, die unterdeſſen hinzugetreten war und bemerkt hatte, wie ihres Sohnes Geſicht ſich bei des Vaters Worten immer mehr verdüſterte.— Eine Stunde ſpäter waren die Präſidentin und Aurelie, Arthur und Margarethe in dem großen Staatswagen des Generals abgefahren, und Wolfgang und Camilla hatten, vor der Hausthür ſtehend, dem Wagen nachgeſehen, bis der⸗ ſelbe aus dem großen Thor des Schloßhofes hinaus war. Madame, die in ganz beſonders gnädiger Laune den Herrſchaften in den Wagen geholfen hatte, war in's Haus getreten, und die jungen Leute blickten einander an. Wolfgang fing an zu lachen. Erſter Band. 35 „Wenn ich nicht zufällig wüßte, daß dies Wirklichkeit wäre, ſo würde ich glauben, ich träumte es nur, oder läſe es in einem Roman.“ Camilla ſenkte die ſeidenen Wimpern:„Komme ich Ihnen wie eine Romanprinzeſſin vor?“ „Das nicht; aber dieſe ganze Umgebung ſteht in ſo gar keiner Verbindung mit meinem ſonſtigen Leben, Thun und Treiben, daß ich mir wie in einer fremden Welt vorkomme. Wie lange gedenken Sie denn eigentlich hier zu bleiben?“ „Ich weiß nicht, was der Großonkel und Mama darüber be⸗ ſtimmt haben. Und Sie?“ „Ich weiß es wahrhaftig auch nicht; nicht zu lange, hoffentlich; ich bin ſo ſchon in grauſamer Verlegenheit, wie ich die paar Tage, die ich der Grille des Großonkels wohl werde opfern müſſen, hin⸗ hringen ſoll.“ „Das iſt ſehr ungalant, Vetter,“ ſagte Camilla mit einem ſchel⸗ miſchen Blick der ſanften, braunen Augen. „Warum?“ erwiderte der junge Mann in ungekünſtelter Ver⸗ wunderung. „Ich muß in's Haus, mit Madame über mein Zimmer zu ſprechen. Entſchuldigen Sie mich.“ Camilla nickte vornehm mit dem Kopfe— eine Kunſt, in welcher die junge Dame excellirte— und ging in's Haus. Wolfgang ſchaute ihr ein paar Augenblicke nach. Er hatte das unbeſtimmte Gefühl, die junge Dame beleidigt zu haben; aber er war mit ſeinen eigenen Gedanken zu beſchäftigt, um ſich die Sache ſehr zu Herzen zu nehmen. Er ſchlenderte in den Park— was ſollte er anders thun?— und irrte auf's Gerathewohl in den verwilderten Gängen umher. Die Situation, in welche er ſich ſo plötzlich und ſo ganz ohne ſein Zuthun, ja im Grunde gegen ſeinen Wunſch und ſeine Neigung ver⸗ ſetzt ſah, war ſo eigenthümlich, daß er lange über jenen traumartigen Zuſtand, den er gegen Camilla angedeutet, nicht hinauskommen konnte. — Dies war alſo das Haus ſeines Großonkels, von welchem ſeine Eltern ſo oft geſprochen— das Haus, welches ihm immer als das Muſter aller„verwunſchenen“ Schlöſſer erſchienen war, wohin er alle 3* — „ 36 Die von Hohenſtein. gräulichen Geſchichten von Blaubart und dem Jungen, der ausging, das Gruſeln zu lernen, verlegt hatte. Und ſah es nicht beinahe ſo aus, wie das Schloß ſeiner Knabenphantaſien? War ihm nicht heute Morgen ſchon der Gedanke gekommen, als er mit der übrigen Geſell⸗ ſchaft unter Madames Führung durch das Haus gewandert war, und die lange Flucht der Zimmer mit der verſchoſſenen Pracht der Damaſt⸗ meubel und den gemalten Geßner'ſchen Idyllen ſich ſeinen erſtaunten Blicken erſchloſſen hatte? zuletzt die Rüſtkammer, die der Großonkel in früheren rüſtigeren Jahren angelegt hatte, ein ganzer Saal voll von Gewaffen aus alten und neuen Zeiten: römiſche Schwerter, die in Rheinfelden ſelbſt bei einer Fundamentlegung ausgegraben waren, Hellebarden, Morgenſterne, Streitärte, Streitkolben, zweihändige Schwerter, Türkenſäbel, lange und kurze Dolche und ſonſtige Mord⸗ werkzeuge, unter anderen eine vollſtändige und ſehr werthvolle Samm⸗ lung aller Arten von Büchſen, Flinten, Karabinern und Piſtolen, die während der Befreiungskriege in den verſchiedenen Armeen der kämpfen⸗ den Völker im Gebrauch geweſen waren.— Und nun gar dieſer Park, der in ſeiner Verwüſtung noch älter und wunderlicher ausſah, als das Schloß, weil der Gegenſatz der ausgelebten, verſchnörkelten Formen der urſprünglichen Anlage mit der ewig jungen, ungebundenen Kraft der Natur um ſo deutlicher hervortrat. Seit einem Jahrzehnt ſchien keine ordnende Menſchenhand hier thätig geweſen zu ſein. In dem trocknen Laub, das ſo viele Herbſtſtürme unter den breitkronigen Kaſtanienbäumen zuſammengeweht, hätte ſich Odyſſeus mit allen ſeinen Genoſſen verbergen können. Ein ſtattliches Gewächshaus in der Nähe des Schloſſes war eine öde, mit Topfſcherben, faulenden Brettern und wucherndem Unkraut angefüllte Ruine, in welcher die eben ausgeflogene erſte Brut unzähliger Spatzenneſter lärmte. Nicht viel beſſer war es einem kleinen, von hohen Bäumen überſchatteten Tempel ergangen, welcher, wie eine kaum noch leſerliche Inſchrift beſagte, von dem Erbauer„der Freundſchaft“ gewidmet war. Zwiſchen den Trümmern des zum größten Theil eingeſtürzten Kuppeldaches, das in ſeinem Fall die pausbäckigen Genien von den Poſtamenten geſchlagen hatte und jetzt den Boden fußhoch bedeckte, mußten, nach den umhergeſtreute Federn und abgenagten Vogelknochen zu ſchließen, Füchſe und Marde . Erſter Band. 37 ihre blutigen Banquets halten. Ueberall in den Gängen des Parks ſchoß friſches Unkraut luſtig zwiſchen dem vermodernden Wildwuchs ſo vieler Sommer hervor; hier und da blickten aus wüſtem Geſtrüpp verwitterte Statuen aus Sandſtein, von denen die wenigſten noch mit Kopf und Armen verſehen waren. Je weiter Wolfgang in die Wildniß drang, deſto wunderlicher und traumhafter wurde ihm zu Sinnen. In dieſer Wüſtenei, wo Alles, was des Menſchen Hand geſchaffen, dem Verfall und der Ver⸗ nichtung preisgegeben war, hatte ſelbſt der helle, warme Nachmittags⸗ ſonnenſchein etwas Geiſterhaftes, und das Zwitſchern und Singen der neſterbauenden Vögel klang wie verhallende Stimmen aus der fernen Jugendzeit. Er ſetzte ſich auf eine Bank, die in einer mit Epheu dicht über⸗ ſponnenen Niſche aus Tuffſteinen ſtand. Der kleine Platz vor ihm, der früher ein Ziergärtchen geweſen ſein mochte, war rings umher von einer Wand dunkelgrünen Nadelholzes eingeſchloſſen. Die ganze Welt ſchien um ihn verſunken, und wie er ſo, den Kopf in die Hand geſtützt, daſaß, verfiel er in jenen Zuſtand, der nicht Schlafen und nicht Wachen, ſondern ein Mittelding zwiſchen beiden iſt, wo die Bilder unſerer Phantafie traumhafte Deutlichkeit gewinnen, ohne daß der Faden des Denkens dadurch zerriſſen würde. Er ſah ſich als kleinen, ſchmächtigen Knaben mit dem Ränzelchen auf dem Rücken durch die engen, vielfach gewundenen Straßen der altehrwürdigen Rheinſtadt zur Schule wandern. Der Morgenſonnen⸗ ſchein liegt ſo lieblich auf den Giebeln der Häuſer und all das ver⸗ worrene Geräuſch einer volkreichen Handelsſtadt von dem Bim⸗Baum der Glocken in den Thürmen der hohen Kathedralen bis zu den gellen⸗ den Stimmen der Höckerinnen, die ihre Waaren ausſchreien; und das bunte Treiben der geſchäftigen Menge: rollende Wagen, ſich drängende Fußgänger, unter Trommel⸗ und Pfeifenklang vorbeimarſchirende Soldaten mit blitzenden Gewehren, plärrende Proceſſionen mit flat⸗ ternden Kirchenfahnen— wie das Alles an den friſchen Sinnen des Kindes, verworren im Ganzen und Großen, und im Einzelnen ſo unendlich klar, vorüberzieht!— Und dann ſitzt er in dem langen, ſchmalen Schulraum unter einem Heer von kleinen Knaben, die alle 38 Die von Hohenſtein. entſetzlich mit den ſcharfen Federn in den Schreibbüchern kritzeln, und er blickt unterdeſſen nach der hohen gewölbten Decke, wo der Wider⸗ ſchein der Sonne in dem Glaſe Waſſer des Herrn Lehrers auf dem Katheder in goldenen Ringen und Streifen tanzt, und plötzlich faßt eine grobe Hand an ſein Ohr und eine grobe Stimme ruft:„Iſt das ein A, iſt das ein B, verflixter Bube?“— Und zwiſchen all den großen Freuden und kleinen Leiden ſeiner Kinder⸗ und Knabenjahre ſieht er immer ein ſchönes, liebes, blaſſes Geſicht; und je älter und verſtändiger er wird, deſto öfter ſieht er es und deſto ſchöner und lieber erſcheint es ihm. Er ſieht es ſich über ihu beugen, wenn er krank im Bette liegt; er ſieht es über ſeine Schulter auf ſeine Schul⸗ arbeit blicken; er ſieht es holdſelig lächeln, wenn er von all den Heldenthaten phantaſirt, die er im Leben noch auszuführen gedenkt; er ſieht es von Thränen überfloſſen, wenn er in wilder knabenhafter Heftigkeit die beſte, gütigſte der Mütter erſchreckt hat. Doch das kommt ſelten vor, denn der Knabe liebt ſeine Mutter, ja er betet ſie an. Sie iſt ihm der Inbegriff von Allem, was ſchön und gut auf Erden iſt; mit ihr zu leben, ihr Alles mitzutheilen, was ſein junges, volles Herz bewegt, iſt ihm unabweisliches Bedürfniß, um ſo mehr, als er niemals weder Brüder noch Schweſtern gehabt hat, denen er von ſeiner Liebe hätte abgeben müſſen. Die Mutter iſt ſeine beſte, ſeine einzige Vertraute, und es kommt bald die Zeit, wo er auch der Vertraute der Mutter iſt. Die Mutter iſt oft krank, und da ſitzt er dann, während ſeine Kameraden vor den Fenſtern ihrer Schönen Parade machen, oder in Winkelkneipen bei einem verſtohlenen Kruge Wein dem ſtrengen Verbote der Schule Trotz bieten, ſtundenlang an ihrem Bett und hält die ſchmale weiße Hand in der ſeinen oder legt ſeine Hand auf die brennenden Schläfe der von Schmerzen Gepeinig⸗ ten, und iſt glücklich, wenn ihre leiſeren, ruhigeren Athemzüge die magnetiſche Wirkung, welche die Mutter in dieſer Berührung gefunden haben will, zu bewahrheiten ſcheinen. In ſchmerzensfreien Stunden kommt die Mutter oft auf ihre Verhältniſſe zu ſprechen. Sie be⸗ dauert den Vater, den ſie durch die Heirath mit ihr, dem armen Bürgetmädchen, um die glänzende Zukunft betrogen habe, die ihm, dem Officier, durch ſeine adlige Geburt, ſeine vornehme Verwandt⸗ Erſter Band. 39 ſchaft, ja ſelbſt durch ſeine Schönheit und ſeine vielfachen Talente geſichert ſchien. Durch dieſe Heirath ſei er aus ſeiner Carriere ge⸗ riſſen, mit allen ſeinen Verwandten zerfallen, vorzüglich mit der alten Ercellenz auf Rheinfelden, der es nur ein Wort koſte, um den Vater aus all den Verlegenheiten zu reißen, in die er, der zum Geſchäfts⸗ mann gewordene Cavalier, bei ſeiner erklärlichen Unbeholfenheit im Handel und Wandel, nothwendig gerathen mußte.— Dieſe Ver⸗ legenheiten des Vaters, in die der ſcharfſinnige Knabe durch die Mit⸗ theilungen ſeiner Mutter, durch manche häusliche Scenen, deren un⸗ freiwilliger Zeuge er iſt, nur zu früh und doch nur unvollſtändig eingeweiht wird, ſind wie eine dunkle Wolke, die ihren Schatten über das ſonnige Land ſeiner Jugend wirft und ihn zu einer Zeit, wo der Horizont anderer Knaben nicht über das Haus und die Schule hinaus⸗ reicht, über die ernſten Conflicte des Lebens nachzudenken zwingt. Anderes kommt hinzu, den früh geweckten Hang zum Grübeln wach zu erhalten. Die Nachbarskinder verſpotten ihn wegen ſeiner ge⸗ wählteren Sprache und ſeiner beſſeren Manieren, und werfen ihm vor, daß er ein„Herr von“ ſei, und die jungen Adligen in der Schule rümpfen die Naſe über ihn, weil ſein Vater„an der Börſe ſpeculire.“ Der vornehmen Verwandten ſeines Vaters, die er kaum von Anſehen kennt, die ſeinen Vater, ſeine Mutter, ihn ſelbſt voll⸗ ſtändig verleugnen, hört er mit größerer Achtung erwähnen, als der plebejiſchen Verwandten ſeiner Mutter, von denen er ſelbſt ſtets nur Gutes und Liebes erfahren hat, von denen er weiß, daß ſie ſeinen Vater vielfach mit Rath und That unterſtützt haben. So wühlt der Zweifel an dem Werth der beſtehenden Verhältniſſe immer tiefer in ihm; aber an dieſem Zweifel, der ſich manchmal zu einer völligen Verzweiflung ſteigert, erſtarkt der Charakter des Knaben, feſtigt ſich der Entſchluß des Jünglings: für ſeine Perſon das Rechte zu thun und, ſoviel an ihm iſt, dafür zu wirken, daß Recht und Gerechtigkeit auf Erden geübt werde. In dieſer Richtung ſeines Geiſtes beſtärkt ihn vor allem der vertraute Verkehr mit einem ſeiner früheren Lehrer, den der Conflict, in welchen ſeine Freiſinnigkeit mit den im Staate herrſchenden Grund⸗ ſätzen gerathen iſt, ſein Lehramt niederzulegen gezwungen hat, und der 40 Die von Hohenſtein. ſchon ſeit Jahren in Zeitungen und Journalen das führt, was die vormärzlichen Büreaukraten und Dunkelmänner„eine ſcharfe Feder“ zu nennen liebten.— Armer Münzer! nicht umſonſt hat Dir das Schickſal einen ſo verhängnißvollen Namen gegeben! Wie Dein un⸗ glücklicher Namensvetter aus den Bauernkriegen haſt auch Du Dich durch den Wuſt theologiſcher Scholaſtik hindurcharbeiten müſſen zur Religion der Freiheit! Und Bauernblut iſt es, das ſo feurig in Deinen Adern fließt, und Bauernmark iſt es, das Deinem mächtigen Leibe die ſtolze Kraft giebt, die ein Menſchenalter der Noth, des zum Theil verzweifelten Kampfes um das tägliche Brod, der unausgeſetzten, aufreibenden Arbeit nicht haben erſchüttern können.— Was Du wohl ſagteſt, edelſter, beſter meiner Freunde, wenn Du mich, Deinen Schüler und Zögling, jetzt hier ſäheſt in Mitten dieſes ſtolzen Parkes, den ariſtokratiſche Prunkſucht einſt geſchaffen und ariſtokratiſche Laune jetzt verwildern läßt! mich hier träumend fändeſt in dieſer Zeit, wo die ganze Welt aus den Fugen iſt, und tüchtige Mannesarbeit im Preiſe ſteigt!... Es fiel Wolfgang ein, daß zu dieſer Stunde eine große Studenten⸗ verſammlung in der Aula des Univerſitätsgebäudes tagte, in der über die in Anregung gebrachte Bildung eines bewaffneten Studenten⸗ corps Beſchluß gefaßt werden ſollte. Er hatte ſich für einen Ge⸗ danken, der ihm mit ſo viel unlautern Elementen kindiſcher Eitelkeit und hohler Prahlerei verſetzt ſchien, nicht begeiſtern können. Er dachte darüber nach, wie wohl Münzer die Sache auffaſſen, und was wohl Münzer bei einer ſolchen Gelegenheit ſprechen würde. Er ſah im Geiſt auf der Rednerbühne den gewaltigen Mann ſtehen; er glaubte ſeine tiefe, weiche Stimme zu hören, undeutlich erſt, dann deutlicher und immer deutlicher, zuletzt jedes Wort, wie es von den beredten Lippen über die athemloſe Menge zuckte:„O, glaubt es nicht, was eure Gegner ſagen! Es iſt kein leeres Spiel, was ihr da treiben wollt, und keine eitle Ehre iſt es, die ihr erſtrebt. Mögen Weiſere, als ihr, beſtimmen, was Recht iſt, und berathen, was Noth thut; aber um ihren Beſchlüſſen Nachdruck zu verſchaffen, um zu bewirken, daß die Stimme des Senats nicht ungehört verhalle auf dem brauſen⸗ den Forum, dazu bedarf's der jungen, rüſtigen Kraft, bedarf's ſolcher, Erſter Band. 41 die den Muth haben, zu handeln, ja— und auch gelegentlich einmal drein zu ſchlagen, wenn es mit Guten denn gar nicht gehen will. Oder glaubt ihr, der Freiheit goldenes Samenkorn werde ſein, wie der Weizen, der auf das gute Land fiel und Früchte brachte hundert⸗ fältig und tauſendfältig? Glaubt ihr, daß dumpfe Philiſterſeelen auf einmal begreifen werden, was Freiheit iſt? daß hochmüthige Ariſtokratenherzen ſo ohne Weiteres für Gleichheit ſchlagen können? daß Pfaffen und Pfaffenknechte, nachdem ſie Jahrhunderte lang die Andersgläubigen verketzert und excommunicirt, ſo ohne Uebergang ſich für Brüderlichkeit begeiſtern werden? Nein! und abermals nein! Ich ſage euch: noch gilt Gewalt für Recht, und darum muß das Recht gewaltig ſein, gewaltiger als die Gewalt. Das iſt der tiefe Sinn des Waffenſpiels, das euren Gegnern ſo kindiſch ſcheint. Die Menſchenrechte in der einen und das Schwert in der andern Hand— ſo und nicht anders wird die Freiheit ihren Weg durch die Nationen machen.. „Uud doch ſteht geſchrieben: wer das Schwert erhebt, ſoll durch⸗ das Schwert umkommen,“ ſagte eine ſanfte Stimme unmittelbar in Wolfgangs Nähe. „Wer iſt da?“ rief der Jüngling, ſich beſtürzt von der Bank erhebend und um ſich blickend. „Ich bin's!“ ſagte die ſanfte Stimme; und ein Mann, der un⸗ bemerkt von Wolfgang durch den Park dahergekommen war, trat hinter der Tuffſteinmauer hervor, zog die Mütze vom Kopf und ver⸗ beugte ſich mehremals in einer ſeltſam linkiſchen Weiſe. Voller Verwunderung betrachtete Wolfgang die wunderliche Geſtalt. Sein erſter Eindruck war, daß er es mit einem jener Unglücklichen zu thun habe, deren Geiſt in der Nacht des Wahnſinns troſtlos um⸗ herirrt; aber ein zweiter Blick in das hagere, friedliche Geſicht, aus dem die tiefklären Augen ſo kindlich fromm hervorſchauten, belehrte ihn eines Andern, und den demüthigen Gruß des Mannes freundlich erwidernd, fragte er: „Mit wem.. „Ich heiße Schmalhans,“ ſagte der Mann ſchnell,„Balthaſar Schmalhans. Ich habe den Herrn in einem Selbſtgeſpräch geſtört 42 Die von Hohenſtein. und bitte ſubmiſſeſt um Entſchuldigung; aber ich konnte nicht unter⸗ laſſen, als ich den Herrn ſagen hörte, was ich nach meiner unmaß⸗ geblichen Meinung— bitte tauſendmal um Entſchuldigung!“ Und Balthaſar, der unter dem prüfenden Blick des jungen Man⸗ nes mit jedem Worte verlegener geworden war, und den irdenen Henkeltopf, den er in der Hand trug, immer heftiger mit dem einen Flügel ſeines Fracks geſcheuert hatte, verbeugte ſich und wollte ſich eiligſt entfernen; aber Wolfgang hielt ihn zurück. „Sie wollen vermuthlich nach dem Schloſſe; können wir nicht zuſammen gehen?“ „O, nein, nein! bitte dringend! ich hatte ganz vergeſſen, daß ich beſtimmten Befehl habe, mich vor den Herrſchaften nicht ſehen zu laſſen; mein Weg führt nicht nach dem Schloſſe, im Gegentheil.“ Wolfgangs Neugier war durch das ſonderbare Benehmen und die wirren Reden des Mannes auf's höchſte erregt. Wer war dieſer Casper Hauſer, der ſich vor den Beſuchern des Schloſſes nicht ſehen laſſen durfte? „Beſtimmten Befehl? von wem?“ fragte er, an Balthaſars Seite hergehend. „Von ihr;“ erwiderte dieſer, einen ſcheuen Blick nach der Rich⸗ tung werfend, in welcher das Schloß lag. „Von ihr? wer iſt das? Der Drache von Haushälterin etwa?“ „Ja, von meiner Frau;“ ſagte Balthaſar, ſeine Schritte be⸗ ſchleunigend. „Das Ihre Frau?“ rief Wolfgang, unwillkürlich in ein Gelächter ausbrechend;„ja freilich, nun begreife ich Ihre Abneigung vor dem Schloſſe vollkommen.“ „Nicht wahr?“ erwiderte Balthaſar;„Sie begreifen das? Ich bin ein friedlicher Mann; ich habe keinen Wunſch, als mit Jedem in Ruhe und Freundſchaft zu leben; weshalb ſoll ich mich ohne Noth ihrem Zorne ausſetzen? lieber gehe ich einmal mehr in meinem Leben hungrig zu Bette.“ Ein Flattern und Zirpen in der Hecke, an der ſie hinſchritten, erregte Balthaſars Aufmerkſamkeit. Er bog die Zweige vorſichtig auseinander und ſchaute hinein. Erſter Band. 43 „O, ſehen Sie nur!“ ſagte er leiſe, ſich mit freudeſtrahlendem Geſicht zu Wolfgang wendend;„ſehen Sie nur!“ In einem RNeſtchen lagen drei oder vier mit weichem Flaum be⸗ deckte Vögelchen, die mit gereckten Hälſen die gelben Schnäbel weit aufſperrten. „Arme Thierchen! ſind hungrig;“ ſagte Balthaſar, die Zweige wieder zuſammenlegend. Dann fing er an in ſeinen Taſchen zu ſuchen, bis er zwiſchen Endchen Bindfaden, vertrockneten Pflanzen und anderem Kram glücklich eine Brodrinde entdeckt hatte, die er zer⸗ bröckelte und neben der Hecke auf die Erde ſtreute.„Das ſoll ihnen gut bekommen. Jetzt ſchnell fort, damit wir die Alten nicht ver⸗ ſchüchtern. Da ſitzen ſie und ſchauen uns mit den dummklugen hellen Aeugelchen halb neugierig und halb erſchrocken an.“ Balthaſar nahm den leeren Topf, den er während deſſen auf den Boden geſiellt hatte, wieder zur Hand. „Sie ſcheinen ein warmer Freund der Natur;“ ſagte Wolfgang, während ſie weiter ſchritten. „Wer wäre das nicht, der Augen zum Sehen und Ohren zum Hören; ja, und auch eine Naſe zum Riechen hat!“ erwiderte Balthafar, und wie er ſo ſprach, ſtieg eine zarte Röthe auf ſeinen blaſſen Wangen auf.„Ich ſitze oft hier unter den Bäumen zwiſchen den Büſchen, und wenn ich ſo eine Zeit geſeſſen und die Herrlichkeit mit allen Sinnen eingeſogen habe,— da weiß ich oft nicht mehr, ob ich das weiße Wölkchen bin, das über mir am blauen Himmel hinſegelt, oder das Vögelchen, das neben mir in dem Buſche ſchlägt, oder das friſche junge Laub, das rings um mich her ſo würzigen Wohlgeruch ausſtrömt.“ „Sie ſind ein Dichter, Herr!“ rief Wolfgang, der nicht wenig verwundert war, von dieſem unſcheinbaren, armſeligen Weſen ſolche Gedanken und noch dazu in ſo gewählter Sprache zu vernehmen. „Ach nein!“ erwiderte Balthaſar zaghaft;„ſagen Sie das nicht! Ich habe es auch wohl manchwal gedacht; aber nur in eitlen, hoch⸗ müthigen Augenblicken, deren ich mich nachher immer recht herzlich ſchäme. Wie käme ich unwiſſender Menſch dazu, mich mit den weiſeſten und beſten Menſchen zu vergleichen! Ich habe in meinem Leben fo 44 Die von Hohenſtein. wenig Gelegenheit gehabt, etwas Ordentliches zu lernen, denn was man auf dem Seminar lernt, du lieber Himmel! das iſt wenig genug und das Wenige iſt auch meiſtens nur dummes Zeug.“ Balthaſar hielt erſchrocken inne und ſah bittend zu ſeinem Be⸗ gleiter empor. „Es fuhr mir nur ſo heraus,“ ſagte er.„Sie nehmen's nicht für ungut, nicht wahr?“ „O, keineswegs!“ erwiderte Wolfgang lächelnd;„im Gegentheil, ich glaube, daß Sie nur zu ſehr Recht haben. Sie ſind alſo der Ariſtoteles der Dorfjugend?“ „Ariſtoteles der Dorfjugend,“ ſagte Balthaſar;„das iſt hübſch geſagt! O, ich weiß ganz gut, wer Ariſtoteles geweſen iſt! ein großer“ heidniſcher Philoſoph, der den König Alexander von Macedonien unterrichtete. Sein Name kommt oft in Leſſing's Schriften vor. Lieben Sie Leſſing auch?“ „Gewiß, er gehört zu den großen Geiſtern unſerer Nation, die ich am meiſten verehre.“ „Nicht wahr?“ rief Balthaſar in freudiger Erregung.„Das iſt ein Mann! wie der ſchreibt! ſo klar, daß man gleich bis auf den Grund ſehen kann und ſo tief, daß es manchmal gar nicht zu er⸗ meſſen iſt. Kennen Sie ſeinen Nathan? Darin kommt eine wunder⸗ ſchöne Stelle vor, die ich mir alle Mal herſage, wenn ich fühle, daß mein Herz verſtockt iſt, und nicht mehr warm für die Menſchenbrüder ſchlagen will! „Wohlan! Es eifre jeder ſeiner unbeſtochnen Von Vorurtheilen freien Liebe nach!“ Ich habe ſchon zwanzig Jahre über dieſe Stelle gegrübelt und habe gefunden, daß ſie Alles ſagt, was der Menſch, inſofern er ein Menſch unter Menſchen iſt, ja auch allen andern Weſen gegenüber, zu thun hat. Wenn die Menſchen dies Wort begriffen und übten, dann brauchten wir keine Polizei und keine Landgensd'armen, keine Gefängniſſe und keine Armenhäuſer; ja, lieber junger Herr, dann gäb' es eine Freiheit, die nicht das Schwert in der einen Hand zu halten Erſter Band. 45 braucht, während ſie mit der andern Hand den Menſchen ihre Wohl⸗ thaten reicht. „Aber Sie wiſſen, Herr Schmalhans, was Saladin, der praktiſche, kluge, von der Höhe ſeines Thrones die Welt mit einem Blick um⸗ faſſende Saladin auf des Weiſen Mahnungen antwortete:„Die tauſend, tauſend Jahre deines Richters ſind noch nicht um;“ ich meine: ſie ſind es auch jetzt noch nicht.“ „Meinen Sie das wirklich?“ fragte Balthaſar, und ſeine milden Augen ruhten ängſtlich fragend auf ſeines Begleiters Antlitz;„ſollte auch jetzt noch keine Hoffnung ſein? jetzt, wo ſie in Frankreich die Republik der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausgerufen haben? wo auch bei uns der Frühling eingezogen iſt nicht blos in Buſch und Wald und Feld, ſondern auch in die Herzen der Menſchen? wo Freudenfeuer des Nachts von den Höhen brennen und kein Schiff den Rhein hinabfährt, das nicht mit bunten Wimpeln feſtlich be⸗ flagget wäre? und doch noch immer keine Hoffnung?“ „Ich fürchte, nein;“ ſagte Wolfgang;„ich kann mir zum Bei⸗ ſpiel gleich nicht denken, daß der alte General dort im Schloß für Freiheit und Gleichheit ſehr empfänglich ſein ſollte.“ „Ach nein,“ ſagte Balthaſar mit einem kläglichen Geſicht,„das iſt ein furchtbarer Herr.“ Die Beiden hatten das Ende des Buchenganges erreicht und ſtanden vor der halb zerfallenen, mit Schlingpflanzen aller Art über⸗ wucherten Parkmauer, durch welche an dieſer Stelle ein eiſernes Pförtchen, das nur noch in einer Angel hing, in's Freie führte. Balthaſar zog ſeine Mütze ab und ſagte im leiſen, bittenden Tone:„Nicht wahr, Sie ſagen ihr nicht, daß Sie mich hier im Paik getroffen haben? Sie wollte mir das Eſſen in's Dorf ſchicken, hat's aber wohl vergeſſen; nun, das thut ja nichts; die alte Urſel giebt mir ſchon ein Bischen. Sagen Sie ja nichts! und gehe es Ihnen wohl, lieber junger Herr! gehe es Ihnen wohl!“ Der wunderliche Mann quetſchte ſich eiligſt durch die enge Pforte, ſchaute noch einmal hinein, rief:„Gehe es Ihnen wohl!“ und war verſchwunden. „Nun, das iſt eine ſeltſame Bekanntſchaft,“ ſprach Wolfgong bei 46 Die von Hohenſtein. ſich ſelbſt, während er nach dem Schloſſe zurückſchritt,„wahrhaftig, der Wunſch, daß es einem in dieſem verwünſchten Schloſſe wohl er⸗ gehen möge, ſcheint keine leere Phraſe.“ Sechstes Capitel. Wolfgang fand den General, der ihn eine halbe Stunde ſpäter hatte rufen laſſen, in dem Gartenſaal zu ebener Erde, mit einem Zeitungsblatt in der Hand, in ſeinem Lehnſtuhl ſitzend. Er wollte von dem jungen Manne Auskunft haben über einen Profeſſor der Univerſität, welcher kürzlich bei einer Volksverſammlung eine ſehr freifinnige Rede gehalten hatte, die jetzt zum Theil in dem Blatte abgedruckt war. Wolfgang war in der Volksverſammlung zugegen geweſen, und indem er nun, dem Verlangen des alten Herrn will⸗ fahrend, die Rede des Profeſſors aus dem Gedächtniß ergänzte, ließ er ſich in ein politiſches Geſpräch verwickeln, das denn ſehr bald, wie es unter dieſen Umſtänden auch wohl kaum anders ſein konnte, eine für den jungen Mann ſehr unerfreuliche Wendung nahm. Der Alte wurde erſt zornig und zuletzt in ſeiner rohen Weiſe ſatyriſch. „Du biſt ein junger Menſch,“ ſchrie er,„und denkſt, das ſei nun was Rechtes, daß ſie hier und da ein paar Barrikaden errichtet, ein paar Fenſter eingeworfen und ſich heiſer geſoffen und geſchrieen haben. Pah! ein lahmer Gaul ſchlägt auch wohl mal hinten aus, wenn ſie ihm den Karren zu voll packen und gar zu unſinnig auf ihn los vreſchen, bleibt darum aber doch, was er iſt, und zieht ſeine Laſt ge⸗ duldig weiter, wenn er ſieht, daß ihm das Ausſchlagen nichts hilft. Gerade ſo iſt es mit dem Volke auch. Es muß lahme Gäule geben, die ſich für uns zu Tode ſchinden, und armes Geſindel, das ſich für uns zu Tode plackt. Das iſt ſo geweſen, ſeitdem die Welt ſteht, und wird ſo bleiben, bis ſie untergeht. So lange Leute da find, die gern Champagner trinken und Straßburger Gänſeleberpaſteten eſſen, darf es auch nicht an armem, ſchieläugigem, plattköpfigem Volk fehlen, vas ſich von Kartoffelſchnaps und Kohlſtrünken nährt. Was willſt Erſter Band. 47 Du dagegen thun? Religion? Nun ja! es werden ſich immer von Zeit zu Zeit ein paar gutmüthige Schächer finden, die ſich die Finger verbrennen, um andern Leuten die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen; aber aus den Heiligen werden morgen Schelme, aus den Einſiedlern luſtige, dickbäuchige Mönche, und zuletzt— iſt die Welt rund und muß ſich drehen.— Revolutionen? Mon cher, ich war Anno ſiebenzehnhundertneunundachtzig gerade ſo ein Gelbſchnabel, wie Du jetzt trotz Deines ſchönen ſchwarzen Schnurrbartes biſt, und weil ich ein wilder Burſche war und als Cornet bei den Huſaren von meinem Escadronchef viel auszuſtehen hatte, gefiel mir das mit der liberté und vor Allem mit der halbnackten Göttin der Vernunft ſehr gut. Habe mit meinen Kameraden der Zeit viele Bowlen getrunken und „allons enfants“ geſungen und ſchöne Mädchen dabei auf den Knieen geſchaukelt. Hernach, als ich ſelber Escadronchef war und die ſchönen Mädchen zu allen Teufeln wünſchte, habe ich meine Cornets gerade ſo gefuchtelt, als man mich gefuchtelt hatte. Bgalité! Fraternité! Laß Dir doch nichts weiß machen! Wer die Macht hat, hat das Recht, und wenn er ſich die Macht entreißen läßt, ſo lange er's hin⸗ dern kann, iſt er ein großer Eſel, nichts weiter. Zum Teufel! warum machen die Fürſten es nicht im Großen, wie ich es ſiebenzehnhundert⸗ zweiundneunzig in der Campagne machte? Waren da ein paar vor⸗ laute Burſche in der Escadron, die den Andern einen Floh in's Ohr ſetzten. Will euch Mores lehren, ihr Galgenvögel, dachte ich. Dauert nicht lange, ſchwenkt die ganze Escadron beim Exerciren auf dem Platze rechts ab, als ich links commandire, und links, wenn ich rechts commandire.„Halt! Warum reitet Ihr nicht, wie Ihr ſollt?“— „Weil wir nicht wollen!“ brüllte die ganze Escadron.„So?“ ſage ich,„weil Ihr nicht wollt?“ und rufe den Schlimmſten vor die Front. Er kommt heraus und hält vor mir.„Warum reiteſt Du nicht, wie Du ſollſt?“—„Weil ich nicht will!“ antwortet der Kerl und lacht mich höhniſch an.„Abgeſeſſen!“ ſchrie ich ihn an. Der Menſch rührt ſich nicht.„Abgeſeſſen!“ commandire ich noch einmal. Der Kerl grinſt und rührt ſich nicht.„Nun denn, ſo ſoll Dich der Teufel holen!“ ſchreie ich, ziehe mein Piſtol, das ſchon ſeit Tagen geladen im Holfter ſteckte, und ſchieße den Hund über den Haufen. Von dem 48 Die von Hohenſtein. Augenblick hat Keiner wieder rechts geſchwenkt, wenn ich links com⸗ mandirte. Warum hieben mich die Kerls nicht in die Pfanne? Es hinderte ſie Niemand; wir waren ganz allein auf dem Platze, eine halbe Stunde von der Feſtung; kein Menſch hätte mir helfen können. Warum thaten ſie's nicht? Weil ſie feig waren und ich das Herz auf dem rechten Flecke hatte. Und ich ſage Dir, wenn ſie in den letzten Tagen das Herz auf dem rechten Fleck gehabt hätten, die Fürſten ſäßen in dieſem Augenblick ſo bequem auf ihren Thronen, wie ich hier in dem Lehnſtuhl ſitze. Biſt Soldat geweſen, Junge?“ „Ich habe mein freiwilliges Jahr abgedient.“ „Wo?“ „In der Univerſitätsſtadt.“ „Hm! hin!“ Der General ſchwieg und paffte dicke Wolken Tabaks aus ſeiner kurzen Meerſchaumpfeife. Wolfgang betrachtete das alte, verwitterte und doch noch immer von Leidenſchaft zuckende Geſicht mit einem aus Abſcheu und Staunen gemiſchten Gefühl. Er ſchämte ſich, daß er nicht den Muth hatte, dem grauen Tyrannen da vor ihm zu wider⸗ ſprechen, aber die Zunge war ihm wie gelähmt, und als jetzt die ſtechenden ſchwarzen Augen unter den borſtigen Brauen ſo forſchend auf ihn geheftet waren, empfand er etwas von dem, was ein Vogel empfinden mag, dem die Schlange in's Neſt ſtarrt. „Warum biſt Du nicht dabei geblieben?“ fing der Alte plötzlich wieder an;„paßt beſſer dazu, als Deine rothhaarigen, ſpindelbeinigen Couſins. Der Soldatenſtand iſt der einzige, der ſich für einen Edel⸗ mann ſchickt.“ „Ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, daß ich nur ein halber Edelmann bin,“ erwiderte Wolfgang mit einem etwas gezwungenen Lächeln. „Warum? weil Deine Mutter eine Bürgerliche iſt?'s iſt freilich ſchlimm genug, daß ſich Dein Vater durch ſeine Heirath mit einem Bürgermädchen encanaillirt hat, indeſſen—“ Die Röthe des Zorns ſtieg in Wolfgangs Geſicht auf.„Sie ſcheinen zu vergeſſen, Herr General,“ ſagte er mit feſter Stimme, „daß Sie von meiner Mutter ſprechen.“ Erſter Band. 49 „Hed“ ſagte der General, ſeine Augenbrauen drohend zuſammen⸗ ziehend und den jungen Menſchen, der in dieſem Tone mit ihm zu ſprechen wagte, finſter anblickend.„He?“ Aber Wolfgang ließ ſich hier, wo es die Ehre ſeiner Mutter galt, nicht einſchüchtern. „Ich wollte nur bemerken,“ ſagte er,„daß kein Mann auf Erden ſich durch die Verbindung mit meiner Mutter entehrt haben würde, und daß ich ſtolz auf meine Mutter bin; ja, Herr General, ſehr ſtolz, und daß ich keinen Augenblick länger in einem Hauſe bleiben werde, in welchem, ohne daß ich es hindern kann, ſo über meine Mutter geſprochen wird.“ Wolfgang hatte, während er ſo ſprach, ſich erhoben und ſtand jetzt, bebend vor innerer Erregung, aber mit Feſtigkeit in Blick und Haltung, vor dem General. Er war auf einen Zornausbruch des alten Thrannen gefaßt und deshalb nicht wenig erſtaunt, als der General plötzlich in ein heiſeres Lachen ausbrach und zwiſchen Huſten und Lachen rief: „Hat Race, der Junge— freut mich— freut mich! Mußt bei einem alten Kerl nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.— Deine Mutter iſt eine Dame, die mir ſehr gefallen hat.— Haſt ganz recht, ganz recht— und nun geh' und ruf mir mal die Brigitte— ah!— der verdammte Huſten!“ Wolfgang wollte dem alten Mann Hülfe leiſten, aber der winkte abwehrend mit der Hand, und er eilte aus dem Zimmer, froh, ſo leichten Kaufes davon zu kommen. „Der Schulmeiſter hat Recht,“ ſprach er bei ſich, als er auf ſeinem Zimmer angekommen war,„es iſt ein fürchterlicher Herr, ein wahrer Teufel von einem eisgrauen, finſterblickenden, wuthſchnauben⸗ den, alten Löwen; aber trotz alledem ſcheint er nicht ſo ſchlimm, als der Vater und die Andern ihn mir geſchildert haben. Ob es wohl möglich wäre, dieſen Eiſengrimm zu zähmen, und ob das ſich wohl der Mühe verlohnte?“ Wolfgang verſank am offenen Fenſter ſtehend und mit verſchränkten Armen in die Parkwildniß hinausblickend, über welche jetzt der Abend 3 Fr. Spielhagen's Werke. vII. 4 50 Die von Hohenſtein. ſeine Schatten breitete, in ein Meer von unruhig hin und her wogen⸗ den Gedanken, bis ein Diener hereintrat und ihn zum Nachteſſen rief. Die Präſidentin war zurückgekommen und hatte auch für Wolf⸗ gang einen kleinen Koffer mitgebracht, den die Mutter in aller Eile mit den für einen längeren Aufenthalt nöthigen Sachen angefüllt hatte. Die Präſidentin war während der Tafel, an welcher weder der General noch Dame Brigitte Theil nahmen, äußerſt gnädig. Sie konnte kaum Worte genug finden, um Wolfgang zu ſagen, welchen angenehmen Eindruck ſeine Mutter auf ſie gemacht, und wie ſie ſich freue, daß ſie— wenn auch ſpät, ſo doch hoffentlich nicht zu ſpät— dieſe liebenswürdige Frau kennen gelernt habe. Wer ihm die Mutter lobte, war ſicher, von Wolfgang mit günſtigem Auge betrachtet zu werden. Wolfgang fand die Präſidentin ganz angenehm, fand auch, daß Camilla, die ſich ſehr ſtill verhielt und die ſeidenen Wimpern kaum einmal aufſchlug, bei Kerzenlicht faſt noch ſchöner ſei, als bei Tage; und als er ſich nicht lange nachher auf ſein Zimmer zurückzog, das ihm jetzt mit den heruntergelaſſenen ſchweren ſeidenen Vorhängen doppelt ſtattlich und vornehm däuchte, that es ihm gar nicht mehr leid, der Grille des Großonkels und den Bitten der Eltern nachgegeben zu haben. Das mächtige Himmelbett umfing den Müden wie mit weichen gaſtlichen Armen, einzelne Strahlen des Mondes ſtahlen ſich durch die Gardinen und bewirkten eine wol⸗ lüſtige Dämmerung in dem hohen ſtillen Raume, und aus der Däm⸗ merung blickten ein Paar braune träumeriſche Augen ſo zärtlich und dabei ſo ſchelmiſch, daß Wolfgang lächeln mußte und mit einem Lächeln auf den Lippen einſchlief. Siebentes Capitel. Und mit einem Lächeln auf den Lippen erwachte Wolfgang am nächſten Morgen, und wer ihn in den folgenden Tagen beobachtet hätte, würde dies Lächeln noch manchmal auf ſeinen Lippen bemerkt haben. Er wußte ſelbſt kaum, was ihn denn eigentlich ſo heiter 51 ſtimme, und mit jenem Inſtinct, der frühreife Naturen über die Flüchtigkeit ſonniger Stunden ſelten täuſcht, vermied er es auch ge⸗ fliſſentlich, allzu genau darüber nachzudenken. Und dann, warum ſollte er gegen die Lieblichkeit dieſes herrlichen Frühlings unempfindlich ſein, der ſo warm und duftig über den Feldern, Wieſen und Weingärten lag? Warum ſollte er die Gelegenheit zwangloſeſten Umgangs mit einem jungen Mädchen, an deſſen Schönheit ſein bewundernder Blick von Tag zu Tag mit größerem Entzücken hing, nicht benutzen? War ihm ſolch' Glück doch in ſeinem einfachen, ernſten Leben noch nie zu Theil geworden! Er hatte nie mit Schweſtern und mit den Freun⸗ dinnen der Schweſtern verkehren können, wie andere junge Leute; und der Reiz der weiblichen Geſellſchaft, den Manche ſo früh kennen lernen, daß ſie ihn ſpäter gar nicht mehr zu ſchätzen wiſſen, erſchloß ſich dem Zwanzigjährigen hier in dieſer ländlichen Einſamkeit zum erſten Male— was Wunder, daß er Sirenen ſingen zu hören glaubte, wo für Andere nur mit Menſchenzungen geredet wurde?— Da die Präſidentin für längere Promenaden zu bequem war, und, verwöhnt durch vieles Sitzen und die Stubenluft, es bald zu heiß und bald zu kühl, bald zu windig und bald zu drückend fand, ſo ſchweiften Wolfgang und Camilla beinahe zu allen Tageszeiten allein in dem ungeheuren Park umher, der in ſeiner Verwilderung noch viel größer erſchien, als er in Wirklichkeit war. Die beiden jungen Leute ſtellten förmliche Entdeckungsreiſen nach den verſchiedenſten Richtungen an, und es fehlte nicht an anmuthigen Abenteuern, die dieſe Fahrten oft zu improviſirten Robinſonaden machten. Einmal ſetzten ſie auf einem paar Baumſtämmen, die Wolfgang mit Weidenruthen zuſammen⸗ band, über einen ſumpfigen Teich, um zu einem kleinen verfallenen Tempel, welcher inmitten des Teiches auf einer Inſel lag, zu gelangen, da das Boot, welches früher die Ueberfahrt vermittelt hatte, nur noch mit der Spitze aus dem Schlamm und Röhricht des Ufers hervor⸗ ragte. Ein anderes Mal wurden ſie von einem heftigen Gewitter⸗ ſturm überraſcht, vor dem ſie ſich eben noch in eine Grotte retten konnten, die ihnen für eine Stunde lang zum reizendſten Gefängniß wurde, während der Regen in Strömen herniederrauſchte, blendende Blitze durch den verdunkelten Tag zuckten und die ſonſt ſo ſtillen 4½ 52 Die von Hohenſtein. Räume unter den rieſenhohen uralten Bäumen von dem rollenden Donner wiederhallten. Wieder ein anderes Mal entdeckten ſie in der äußerſten Ecke des Parks, verſteckt hinter faſt undurchdringlichem Ge⸗ ſtrüpp und hochgewachſenen, breitäſtigen Linden, einen Söller, den ſie unter vielem Lachen und Scherzen auf einer bedenklich morſchen Treppe erſtiegen, um ſich, als ſie oben waren, der reizendſten Ausſicht zu erfreuen. Auf drei Seiten umgeben von dem Grün der Bäume, die ihre ſchwanken Zweige laubenförmig über den Söller breiteten, blickten ſie nach der vierten über den Rand der Parkmauer den Strom hinauf und hinab und über den Strom in das weite, reiche Land. Die Sonne war ſchon hinter die Bäume des Parks geſunken, aber von dem Widerſchein des glühenden Weſtens leuchteten die majeſtäti⸗ ſchen Windungen des Fluſſes weithin in roſigem Licht, und drüben auf den Wieſen und den Feldern junger grüner Saat webten die letzten Abendſonnenſtrahlen ihr zauberhaftes Geſpinnſt. Dann ertönte das Läuten der Abendglocken überall her aus den Dörfern von nah und fern, und allgemach erloſch die Gluth in den graulichen Waſſern, weiche blaue Nebel verhüllten die prangende Landſchaft, und zuletzt ſchimmerte nur noch ein Fenſter der hohen Kathedrale aus der „heiligen Stadt“ wie das Licht eines Pharus über einem Nebel⸗ meere, bis auch das verſchwand, der Abend dunklere Schatten über die Erde breitete und aus dem tiefblauen Himmel die goldenen Sterne hervortraten. Solche Bilder, ſolche Scenen übten einen magiſchen Einfluß auf Wolfgangs für alles Schöne leicht erregliches Gemüth aus, um ſo mehr, als ſie doch nur den Rahmen und den Hintergrund abgaben für die anmuthig ſchöne Erſcheinung des jungen Mädchens, mit dem ihn der Zufall in ein ſo nahes, vertrauliches Verhältniß gebracht hatte. Sich mitzutheilen, wo er verſtanden zu werden hoffte, war für Wolfgang das höchſte Glück, und der Eifer, mit welchem Camilla auf die von ihm angegebenen Themata einging, das Intereſſe, welches ſie für ſeine Studien, ſeine Pläne, ſeine Hoffnungen an den Tag legte, die Dankbaukeit, mit der ſie ſeine Belehrungen hinnahm,— das Alles entzückte ihn nicht minder, als das holde Spiel ihrer ſanften Augen, das ſchüchterne Erröthen ihrer zarten Wangen und das naive 5 Erſter Band. 53 Lispeln, mit dem ſie die mancherlei Lücken ihrer Penſionatserziehung treuherzig eingeſtand. Wolfgang hatte alle dieſe Tage gehofft, dem Schulmeiſter Bal⸗ thaſar wieder im Park zu begegnen— aber vergebens. Der abge⸗ ſchabte Frack und die gelben Nankinghoſen waren und blieben ver⸗ ſchwunden. Und doch war des jungen Mannes Theilnahme für den wunderlichen Heiligen nur noch gewachſen. Er hatte ſich bei den Bedienten nach dem Schulmeiſter, den er auf einem Spaziergang in den Feldern geſehen haben wollte, erkundigt, aber ſo vorſichtig er auch ſeine Fragen geſtellt hatte— die Leute hatten ihm ſcheu und aus⸗ weichend geantwortet, bis endlich einer, der ſchwatzhafter war, als ſeine Kameraden, ſich zu folgenden Mittheilungen herbeiließ:„Der Schulmeiſter Balthaſar Schmalhans, oder Hänschen, wie Alt und Jung ihn nennten, ſei durchaus und hoffnungslos verrückt und zu weiter in der Welt nichts nutze, als höchſtens den Jungen im Dorfe das ABC und die Gebete beizubringen, wozu ja am Ende nicht viel Verſtand gehöre. Er habe nie einen Pfennig, geſchweige denn ein „Kaſtemännchen“ in der Taſche, weil er Alles verſchenke oder für nichts nutzige Bücher ausgebe, hinter denen er wie ein Rabe her ſei. Madame ſei wirklich ſeine Frau, aber ſie lebe ſchon ſeit zwanzig Jahren von ihm getrennt auf dem Schloſſe, weil Excellenz ſie nicht wohl entbehren könne, und es ihr am Ende ja auch nicht zu ver⸗ denken ſei, daß ſie mit einem Verrückten nicht haushalten wolle, der längſt verhungert wäre, wenn ihm nicht täglich aus der Schloßküche ſein bischen Eſſen geliefert würde. Uebrigens ſei Hänschen ein ganz harmloſer Menſch, der keinem Kinde was zu Leide thue, und der, wenn man ſich nur mit ihm einlaſſen wollte, ſo pudelnärriſche Reden führe, daß es oft zum Todtlachen ſei. In der Küche hätten ſie immer ihren Tauſendſpaß mit ihm.“ Als Camilla eines Nachmittags ihrer Mutter, die an Migraine litt, Geſellſchaft leiſten mußte, fiel es Wolfgang ein, daß er die Zeit nicht paſſender als zu einem Beſuch bei dem Schulmeiſter im Dorfe verwenden könne. Er machte ſich alſo, ſeit acht Tagen das erſte Mal allein, auf den Weg durch die Felder und Weingärten. Seine Stim⸗ mung war die heiterſte. Er hatte geſtern einen Brief von ſeiner 54 Die von Hohenſtein. Mutter erhalten, die ihm ſchrieb, daß ſie ſich ungewöhnlich wohl fühle, und daß die gute Laune, welche der Vater von Rheinfelden mitgebracht, gewiß nicht unweſentlich dazu beitrage. Der Vater laſſe ihn(Wolfgang) bitten, den alten eigenſinnigen Großonkel möglichſt zu ſchonen, und durch ein kluges, freundliches Betragen gegen die Präſidentin und Camilla das gute Einvernehmen, das ſich ſo plötzlich und ſo unerwartet zwiſchen den beiden Familien gebildet habe, mög⸗ lichſt zu befeſtigen. „Damit hat's keine Noth,“ ſagte der junge Mann lächelnd zu ſich ſelbſt und blieb ſtehen, um nach dem Schloß zurück zu blicken. Durch die Linden hindurch konnte man einige Theile deſſelben ſehen — ein Stück des mit Ornamenten bedeckten Frieſes, ein paar Fenſter, die Wolfgangs ſcharfes Auge als die von der Präſidentin Zimmer erkannte, in welchem Camilla ſoeben weilte. „Adieu, lieber Wolfgang!“ ſagte der junge Mann mehreremale leiſe und ſtets in einem andern Tone. „Ich treff's nicht,“ murmelte er, den Kopf ſchüttelnd;„ſie hat aber auch eine gar zu weiche, ſüße Stimme!“ Er ſetzte, von lieblichen Bildern ſeiner Phantaſie wie von freund⸗ lichen Genien umſchwebt, ſeinen Weg fort und hatte bald die kurze Strecke bis zum Dorfe zurückgelegt. Das Dorf Rheinfelden war ein wüſtes Durcheinander von ein⸗ ſtöckigen, zerfallenen Häuſern, jämmerlichen Scheunen und noch jäm⸗ merlicheren Ställen, und kleinen Gärtchen, in denen nur das Unkraut gut fortzukommen ſchien, das Ganze umgeben von den Trümmern einer Mauer, die nach dem Ausſehen der Steine und ver Form des runden, halb abgetragenen oder eingeſtürzten, vielfach geborſtenen Thurmes zu ſchließen, aus einer ſehr alten Zeit ſtammen mußte. Ein niedriges, baufälliges Haus, deſſen einer Giebel an dieſen Thurm angeklebt war, wurde Wolfgang von einem zerlumpten, ſchwarzäugigen Buben als die Wohnung des Schulmeiſters bezeichnet. Er trat, nicht ohne ſich bücken zu müſſen, in den Hausflur und ſah durch eine offene Thür rechter Hand in die geräumige Schulſtube. Hier fand er Herrn Schmalhans. Der gute Mann hatte den lang⸗ ſchößigen Frack ausgezogen, und wiſchte mit einem naſſen Lappen ſo Erſter Band. 55 eifrig die Tiſche und Bänke ab, daß er den Eingetretenen nicht eher bemerkte, als bis dieſer dicht vor ihm ſtand. „Ah, ſie da, der liebe junge Herr!“ rief Balthaſar, überraſcht die milden blauen Augen aufſchlagend. „Ich ſtöre doch nicht, Herr Schmalhans?“ fragte Wolfgang. „O, nicht im mindeſten, nicht im mindeſten!“ erwiderte der Schul⸗ meiſter,„ich bin eben fertig, eben fertig!“ und bei dieſen Worten warf er einen prüfenden Blick in der Stube umher, wie um ſich zu überzeugen, daß er wirklich fertig ſei. „Sie ſcheinen es mit der Reinlichkeit ernſt zu nehmen, Herr Schmalhans?“ „Sollte ich es nicht?“ antwortete Balthaſar;„iſt es nicht ſchlimm genug, daß die armen Würmer hier zwiſchen den engen Wänden hocken müſſen, während es ihnen in allen Gliedern zappelt nach der lieben ſchönen Frühlingswelt draußen? Da ſorge ich denn, ſo gut ich kann, daß ſie wenigſtens nicht von Staub und Schmutz zu leiden haben.“ Balthaſar nahm ſeinen Beſen und die übrigen Werkzeuge und lud Wolfgang mit einer Handbewegung ein, ihm aus dem Schul⸗ raum über den Flur in die Stube auf der gegenüberliegenden Seite zu folgen. Es war ein kleines, zweifenſtriges, mit einem plumpen Tiſch, ein paar wackligen Schemeln, einem niedrigen, ſchmalen Bett, das ein dürftiger Vorhang von buntem Kattun kaum verdeckte, und einem wurmſtichigen Repoſitorium, in welchem Schulhefte, eine Violine und einige wenige zerleſene Bücher lagen, möblirtes Gemach. An den weißgetünchten Wänden hingen ein paar ſchlechte Holzſchnitte und ein von einem Immortellenkranz umgebenes, aus dunklem Holz geſchnitz⸗ tes Crucifix, deſſen ſchöne alterthümliche Arbeit Wolfgangs Aufmerk⸗ ſamkeit erregte. „Nicht wahr?“ ſagte Balthaſar, der unterdeſſen den langſchößigen Frack angezogen hatte,„das iſt ein Kunſtwerk? Ich habe es einmal von dem Herrn General an den Kopf geworfen bekommen.“ „Wie?“ rief Wolfgang erſtaunt. „Sie müſſen nicht bös ſein, lieber junger Herr,“ erwiderte Bal⸗ 56 Die von Hohenſtein. thaſar mit einem verlegenen Lächeln,„ich habe erfahren, daß Sie der Großneffe von der Excellenz im Schloſſe ſind, und da hätte ich aller⸗ dings ſo etwas von dem Herrn Großonkel nicht erzählen ſollen, aber da es mir nun einmal ſo herausgefahren iſt, ſo werden Sie's ja auch nicht für ungut nehmen.“ „O, nicht doch, nicht doch!“ betheuerte Wolfgang,„ich weiß, daß der General ein ſehr jähzorniger alter Herr iſt; aber wie kam er dazu, Sie ſo unwürdig zu behandeln?“ „Ach, es iſt ſchon lange her,“ ſagte Balthaſar;„ich kam damals noch öfter auf's Schloß, um mit Excellenz, die am Podogra litten, Schach zu ſpielen, und um ſie—“ Hier wurde Balthafar roth und huſtete verlegen. „Will ſagen, meine Frau zu ſehen, die den gnädigen Herrn in ſeiner Krankheit pflegte. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ſie ſchon vor unſerer Heirath Haushälterin bei Excellenz geweſen war, und da konnte es am Ende Niemand Excellenz verargen, wenn ſie am liebſten von ihr, die es ſo gut verſtand, bedient ſein wollten.“ „Natürlich, natürlich!“ ſagte Wolfgang, der dem guten Bal⸗ thaſar über ein Thema, welches ihm peinlich zu ſein ſchien, weg⸗ helfen wollte. e „Nicht wahr?“ ſagte dieſer aufathmend.„Alſo ich kam öfter auf das Schloß und hatte rechtes Mitleid mit dem armen Herrn, der von Schmerzen fürchterlich geplagt wurde. Nun hatte ich in der Rüſt⸗ kammer, die ich von Zeit zu Zeit reinigen mußte, unter vielem Ge⸗ rümpel dies ſchöne Bild des Heilands gefunden und da fiel mir ein: ich ſollt's dem gnädigen Herrn in ſeine Stube hängen, damit er ſich in ſeinen Leiden an dem Beiſpiel deſſen aufrichten könne, der mehr als er gelitten hatte. Aber davon wollten Excellenz nichts wiſſen; im Gegentheil, ſie wurden ſehr zornig, als ſie das Bild in ihrer Stube fanden, ließen mich rufen, warfen es mir gnädigſt an den Kopf und riefen: ſchert euch Beide zum Teufel! Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen, raffte mich auf— denn zuſammengeſtürzt war ich doch, trotzdem mich, Gott ſei Dank, der Wurf nur geſtreift hatte — nahm das arme geſchändete Bild und bracht's hierher in meine Wohnung, da es mir Excellenz doch gewiſſermaßen geſchenkt hatten.“ Erſter Band. 57 „Das Bild iſt ſehr ſchön,“ ſagte Wolfgang;„äußerſt charakte⸗ riſtiſch, ohne dabei zur Carricatur zu werden. Ich muß es bewun⸗ dern, obgleich ich ſonſt eben kein Freund dieſer Darſtellungen bin.“ „Warum nicht, lieber junger Herr?“ fragte der Schulmeiſter. „Weil ich immer an die Gräuel denken muß, die unter dieſem Zeichen vollführt ſind, an die Abgötterei denken muß, die mit dieſem Zeichen getrieben wird, weil— doch wir werden uns ſchwerlich über dieſen Punkt verſtändigen. Sie müſſen wiſſen, Herr Schmalhans, daß ich kein Katholik bin.“ O,“ ſagte Balthaſar eifrig,„das thut in meinen Augen nichts, ganz und gar nichts. Mir ſind alle Menſchen, was die Religion an⸗ betrifft, vollkommen gleich. Aber ich meine, daß man das Bild des Gekreuzigten doch lieb haben muß, wenn es auch ſchlechte Menſchen gegeben hat und noch giebt, welche es mißbrauchen und durch Miß⸗ brauch ſchänden. Freilich, beſſer wär's ja, wenn—“ Balthaſar hielt inne, und blickte ſeinem Gaſt voll in's Geſicht. „Was wäre beſſer, Herr Schmalhans?“ „Ich ſollt' es eigentlich nicht ſagen, denn es iſt eine arge Ketzerei und ich kenne Leute, die mich ſteinigen würden, wenn ſie's hörten. Aber Sie haben ſo liebe, guke, kluge Augen, daß ich Ihnen gewiß vertrauen darf.“ „Das dürfen Sie! gewiß, das dürfen Sie!“ ſagte Wolfgang, indem er dem Schulmeiſter die Hand bot, welche dieſer mit großer Herzlichkeit drückte.„Was wollten Sie ſagen?“ Balthaſar ließ Wolfgangs Hand los, ging hin, ſchloß die Stuben⸗ feſter, die Hausthür und die Fenſter der Schulſtube, kam zurück und, ſagte mit einer gewiſſen Feierlichkeit:„Ich will Ihnen etwas ſagen, lieber junger Herr, was ich noch keinem Menſchen geſagt habe, und um Ihnen zu zeigen, wie groß mein Vertrauen zu Ihnen iſt, will ich Sie dazu an einen Ort führen, den außer mir Niemand kennt. Iſt es Ihnen recht?“ „Gewiß,“ erwiderte Wolfgang, über des Schulmeiſters ſeltſames Gebahren nicht wenig verwundert. Der öffnete eine kleine Stubenthür und lud durch eine Hand⸗ bewegung Wolfgang ein, ihm zu ſolgen. 58 Die von Hohenſtein. Sie traten in einen ſpärlich erhellten, mit Backſteinen gepflaſterten Raum, den ein Heerd, auf welchem ſeit langer Zeit kein Feuer ge⸗ brannt zu haben ſchien, als die Küche bezeichnete. Eine Hobelbank, ein paar Tiſchlerwerkzeuge, Bretter und Haufen von Spähnen bildeten jetzt ſeine Ausſtattung. Aus dieſem Raume führte eine morſche Stiege durch eine Heffnung in der Decke, die mit einer Klappe verſchloſſen war, auf den Boden, deſſen einzige Beleuchtung von dem ſpärlichen Lichte kam, das durch die Spalten zwiſchen den Dachziegeln hereinfiel. „Geben Sie mir Ihre Hand,“ ſagte Balthaſar;„es liegt hier allerlei Gerumpel umher, das meine Vorgänger im Amt hier zuſam⸗ mengehäuft und ich noch gefliſſentlich vermehrt habe. So! nun ſtehen Sie einen Augenblick ſtill! ich muß erſt Licht machen.“ Balthaſar zündete eine Laterne an, die er aus irgend einer Ecke hervorgelangt hatte und leuchtete gegen die Bretterwand, vor der ſie ſtanden. „Können Sie hier eine Thür entdecken?“ fragte er, mit der Laterne an der Wand hinauf⸗ und hinunterleuchtend. „Nein,“ erwiderte Wolfgang. „Und doch iſt eine da,“ ſagte Balthaſar, das Licht in der Laterne wieder auslöſchend, mit einem gutmüthigen Lachen;„ich habe lange daran gearbeitet, bis mir der Mechanismus endlich gelang. Sehen Sie!“ Er drückte gegen die Wand, eine niedrige Thür ſchob ſich ge⸗ räuſchlos ſeitwärts; ein dunkler, enger Gang zeigte ſich, durch den man in einen helleren Raum blickte. „Gehen Sie nur unbeſorgt voran,“ ſagte Balthaſar,„und bücken Sie ſich nur ein wenig, damit Sie ſich nicht den Kopf ſtoßen. Ich muß hinter Ihnen die Thür wieder ſchließen.“ Wolfgang taſtete ſich in dem ungefähr zehn Fuß langen Gang, der ſo ſchmal war, daß er faſt auf beiden Seiten mit den Schultern die rauhen ſteinernen Wände berührte, vorwärts, und trat in ein rundes, ziemlich hohes Gemach, das durch ſchmale Oeffnungen in den ungeheuren Mauern mäßig erhält war. Unter einer dieſer Oeffnun⸗ gen ſtand ein ſehr großer Tiſch, vor dem Tiſch ein alter, hölzerner Lehnſtuhl. Der Tiſch war mit Büchern, Mineralien, getrockneten — Erſter Band. 59 Pflanzen, Fläſchchen und Gläſern bedeckt, an den Wänden ſtanden Repoſitorien, in denen allerhand wunderlicher Kram aufgehäuft war, von dem auch noch viel auf dem Fußboden verſtreut lag. Wolfgang ſah ſich voller Verwunderung in dieſem Raum um. Die alte Sage von Schwarzkünſtlern und Zauberern kam ihm in Erinnerung; ſo mußte es in dem dumpfen Mauerloch ausgeſehen haben, aus dem ſich Doctor Fauſtus hinauswünſchte auf mondbe⸗ ſchienene Bergeshöhen. „Hier ſind wir ungeſtört,“ ſagte Balthaſar, indem er ſeinen Gaſt in den Armſtuhl nöthigte und ſich ſelbſt auf ein paar übereinander⸗ gelegte Folianten ſetzte;„die Leute glauben, daß der Thurm ganz unzugänglich iſt und er hat auch wirklich keinen Eingang, als den von dem Boden meiner Wohnung aus, welchen ich mit nicht geringer Mühe durch die dicke Mauer gebrochen und wie Sie geſehen, ſo ſorgſam verſteckt habe.“ „Aber was brachte Sie auf den Gedanken?“ „Einmal die müßige Neugier zu wiſſen, wie es in dem verfalle⸗ nen Thurm, der von den Dorfbewohnern der Hexenthurm genannt und mit einer abergläubiſchen Scheu betrachtet wird, denn eigentlich ausſähe, und hernach, als ich darin war, der Wunſch, mir eine Zu⸗ fluchtsſtätte zu ſchaffen, wo ich ſicher ſein konnte, nicht geſtört zu werden, wenn ich einmal allein ſein wollte, und wohin ich meine geliebten Bücher, die ich für ſchweres Geld auf Auctionen und bei den Trödlern in der Stadt gekauft, nebſt meinen Pflanzen und Stei⸗ nen bringen konnte, ohne fürchten zu müſſen, von dem Herrn Pfarrer verketzert, vielleicht wohl gar von den abergläubiſchen Bauern ge⸗ legentlich todtgeſchlagen zu werden. Denn ſehen Sie, lieber junger Herr, in den Pflanzen und Steinen iſt Manches zu leſen, was ich armer Schulmeiſter eigentlich nicht wiſſen ſollte.“ „Und da flüchten Sie ſich denn vor Tölpeln und Pfaffen hierher! Ja, ja, ich kann mir denken, daß es Sie, wie den Kloſterbrudet im Nathan, nach einem Plätzchen verlangen muß, allwo Sie Ihrem Gott in Einſamkeit bis an Ihr ſelig Ende dienen können.“ Balthaſar blickte zu Wolfgang empor, als dieſer die letzten Worte ſprach, ſchaute ihn einige Momente ſchweigend mit einem eigenthümlich 60 Die von Hohenſtein. milden, freundlichen Ausdruck an. Dann ſagte er— und ſeine fanfte Stimme klang noch weicher und kindlicher wie ſonſt: „Sehen Sie, lieber junger Herr, das bringt mich gerade auf das, worüber ich ſchon ſo lange einmal mit Jemand, dem ich ganz vertrauen dürfte, gern geſprochen hätte:— ich glaube an keinen Gott und an ein ſelig Ende in dem Sinne, wie die andern Leute, glaube ich auch nicht.“ „Das iſt freilich in Ihrer Stellung ziemlich arg,“ erwiderte Wolfgang;„im übrigen aber, meine ich, ſtehen Sie in unſerer Zeit mit dieſem Ihren Glauben oder vielmehr Unglauben keineswegs allein da; ich ſelbſt zum Beiſpiel neige mich ſtark zu Ihrer Anſicht und mein beſter Freund, ein hochbegabter und hochgebildeter Mann, iſt der entſchiedenſte Feind jedes Dogmas, es ſei, welches es ſei.“ „Alſo wirklich?“ ſagte Balthaſar,„ich habe immer gemeint, daß auch andere Menſchen ſo denken müßten, wie ich; aber weil ich noch mit Niemandem darüber habe ſprechen können, und ich es auch in keinem Buche ganz klar und unumwunden ausgedrückt fand, wurde ich doch immer wieder zweifelhaft. Alſo wirklich, wirklich—“ Der Schulmeiſter war von ſeinen Folianten aufgeſprungen und ein paar Mal mit haſtigen Schritten in dem Raume auf⸗ und ab⸗ gegangen. Plötzlich blieb er vor Wolfgang wieder ſtehen und fragte mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Erregtheit: „Wenn dem aber ſo iſt, wenn es wirklich viele gelehrte und be⸗ gabte Menſchen giebt, die ſich von dem Glauben innerlich losgeſagt haben, warum ſprechen ſie's nicht frank und frei aus? warum machen ſie ſich zu Heuchlern, und zwingen Andere, die, wie ich, nicht gelehrt und nicht begabt ſind, und deren Stimme alſo für nichts gerechnet wird, mit ihnen zu heucheln?“ Wolfgang zuckte die Achſeln. „Die Frage habe ich mir ſelbſt ſchon manchmal geſtellt,“ ſagte er,„und mir ſie ſo beantwortet: Die Einen ſchweigen aus Indiffe⸗ rentismus, die Andern aus Feigheit, wieder Andere, weil ſie die Zeit für die Lehre der reinen Vernunft noch nicht reif erachten; noch Andere, weil ſie der Anſicht ſind, daß dieſe Zeit niemals kommen werde, daß die kleinen und großen Kinder des Gängelbandes nicht Erſter Band. 61 entbehren können und daß es deßhalb am gerathenſten ſei, ſie in dem Glauben, der ſie nun einmal glücklich macht, nicht zu ſtören.“ Der Schulmeiſter hatte wieder auf den Folianten Platz genom⸗ men und rieb ſich nachdenklich die Stirn. „Das läßt ſich hören,“ ſagte er,„dennoch iſt es immer ſchmerz⸗ lich, nicht ausſprechen zu dürfen, wie's einem um's Herz iſt. Mir hat das ſchon viele ſchwere trübe Stunden bereitet; ja ich bin manch⸗ mal beinahe wahnſinnig darüber geworden. Und dann: würde es nicht für Alle, auch für die Kinder beſſer ſein, wenn man ſie nichts lehrte, als die einfache Wahrheit: daß wir armen, ſchwachen Menſchen Einer auf den Andern angewieſen ſind, daß kein Heil zu finden iſt, als in der Liebe? würden die Armen und Unglücklichen ſich nicht beſſer ſtehen; ja würde es überhaupt nur Arme und Unglückliche geben, wenn es laut und offen, auf allen Gaſſen, auf allen Märkten gepredigt würde: was hier auf Erden nicht geſchieht, das geſchieht nimmermehr! es giebt kein ewiges Leben, darum müßt ihr in dieſem Leben mit dem, was ihr zu thun habt, fertig werden; es giebt keine ewige Seligkeit, in welcher dem unſchuldig Leidenden vergolten würde; es giebt keinen Gott, den ihr beleidigen könntet, aber eine Menſchheit giebt es, die ihr beleidigt, die ihr ſchändet, gegen die ihr frevelt in jedem Hungrigen, den ihr nicht ſpeiſt, in jedem Durſtigen, den ihr nicht tränkt, in jedem Nackten, den ihr nicht kleidet. Und ſaget nicht, daß ſolches Alles über euer Vermögen ſei! ſaget nicht: ſolcher Ent⸗ ſagung, ſolcher Liebe iſt ein Menſch nicht fähig! wißt ihr nicht, daß eines Menſchen Sohn ſeine Brüder ſo geliebt hat, daß er für ſie am Kreuz geſtorben iſt? Haltet es feſt, daß es ein Menſch war, der alſo that und alſo litt und daß ihr Menſchen ſeid, wie er, und han⸗ deln und leiden und lieben könnt, wie er, wenn ihr den Gott im Himmel und die ewige Seligkeit aufgebt, um auf den Gott in eurer Bruſt zu hören und die Seligkeit ſchon hier auf Erden zu finden.“ Balthaſar war in dem Feuer ſeiner Rede wieder aufgeſprungen. Ein rother Streifen der Abendſonne fiel in dem dämmrigen Gemach auf ihn und verklärte ſein blaſſes Geſicht. Wolfgang betrachtete ihn mit Verwunderung und Ehrfurcht. Dieſer Mann, deſſen Augen in heiliger Gluth leuchteten, deſſen Stimme klangvoll wie Glockenton von 62 Die von Hohenſtein. dem Gewölbe wiederhallte,— das war nicht mehr das armſelige, gehänſelte, demüthige, verlegene Schulmeiſterlein— das war ein Heiliger, ein Prieſter der Religion, die keine Prieſter kennt, als die, welche voll ſind des heiligen Geiſtes thätiger Menſchenliebe.. Aber Wolfgang hatte trotz ſeiner Jugend ſchon zu tief ins Leben geblickt, um in dieſes Mannes heiliger Unſchuld und Opferfreudigkeit etwas Anderes zu ſehen, als eine ſchöne Ausnahme von der häßlichen Regel, und in der Welt, die er erträumte, ein Utopien, das vor der Hand nirgends lag, als in dem weltumfaſſenden Herzen einiger edlen Schwärmer. Aber er wollte den guten Menſchen durch ſeine Zweifel nicht betrüben und er ſagte daher: „Das gelobte Land wird erreicht werden; nicht von dieſem Ge⸗ ſchlecht, und auch von dem nächſten nicht und wer weiß, von wie vielen nicht, die alle erſt in der Wüſte umkommen müſſen; aber es wird erreicht werden. Halten wir daran feſt und tröſten wir uns mit dieſer Hoffnung über den Staub und die Hitze des Weges,— das iſt Alles, was wir thun können.“ Balthaſar hatte wieder Platz genommen und den Kopf in die Hand geſtützt. Der momentanen Erregung ſchien eine Erſchlaffung gefolgt zu ſein. Er ſprach nichts weiter, auch Wolfgang nicht. So ſaßen ſie ſtumm einander gegenüber, jeder in ſeine Gedanken verſunken, während der rothe Strahl, der durch die Mauerſpalte fiel, immer höher rückte, zuletzt verſchwand, und tiefe Dämmerung den ganzen Raum erfüllte. „Das iſt Alles, was wir thun können;“ ſagte Balthaſar endlich. Er ſeufzte tief, ſtrich ſich mit der Hand über Stirn und Augen, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht, und blickte zu Wolf⸗ gang hinüber. „Es iſt dunkel geworden,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen ſanften Stimme;„die Sonne iſt ſchon hinter das Schloß geſunken; man dürfte Sie vermiſſen, wenn Sie länger blieben.“ Sie gingen den Weg, den ſie gekommen waren, zurück. In der Hausthür ſagte Balthaſar:„Ich will Sie, wenn es Ihnen recht iſt, einen anderen viel kürzeren Weg nach dem Park führen bis zu der Pforte, durch die ich immer hinein⸗ und hinausgehe.“ Erſter Band. Sie ſtiegen gleich hinter des Schulmeiſters Wohnung du Breſche der alten Umfaſſungsmauer des Dorfes und kamen au ſchmalen Fußſteig, der am Rande eines mit Kaſtanienbäumen be Grabens entlang bis unmittelbar in die Nähe der von Balthaſch zeichneten Parkpforte führte. Hier wollte dieſer umkehren. Wolfg' fragte ihn, ob er ihn nicht vielleicht morgen im Park wieder treffo werde, aber Balthaſar verneinte es. Er müſſe morgen zu einer Lehrerconferenz, ein paar Stunden weit. Dort ſollten die Lehrer die Parole für die Wahlen zur Verſammlung in der Reſidenz und in Mainſtadt erhalten. „Nun denn übermorgen vielleicht,“ ſagte Wolfgang;„ich weiß nicht, wie lange ich noch hier bleiben werde, jedenfalls möchte ich nicht abreiſen, ohne Sie vorher noch geſprochen zu haben. Und noch Eines! ſollte ich doch verhindert ſein, Sie zu ſehen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Sie in mir einen Freund gefunden haben, der Ihnen in Allem, was er vermag, zu jeder Zeit gern zu Dienſten iſt. Vergeſſen Sie das nicht.“ Er reichte Balthaſar die Hand, die dieſer ergriff und feſthielt. „Ich werde Sie nicht vergeſſen,“ ſagte er,„was dem Menſchen nur einmal im Leben begegnet iſt, vergißt er nicht ſo leicht, und Sie ſind der einzige Menſch, mit dem ich je in meinem Leben über das, was mir zumeiſt am Herzen liegt, offen und ohne Rückhalt geſprochen habe. Vergeſſen aber auch Sie mich nicht! Es klingt thöricht und anmaßend, wenn ich Ihnen ſage, daß, wie wir eben den Rain dahin ſchritten, mir der Gedanke kam, Sie würden einſt denſelben Weg zurücktegen, um bei mir eine Zuflucht zu ſuchen; aber ich habe öfters ſo wunderliche Einfälle, die ſcheinbar mit der Wirklichkeit gar nichts zu thun haben, ſo daß ich ſelbſt manchmal beinahe glaube, was die Leute ſagen: es ſei nicht ſo ganz richtig hier!“ Er deutete auf ſeine Stirn und ſchaute Wolfgang mit einem traurigen Lächeln an. „Sie ſind zu viel allein, Herr Schmalhans,“ ſagte Wolfgang, „die Einſamkeit iſt ein begeiſternder, aber auch berauſchender Trank. Warum hat Sie das Schickſal keine Lebensgefährtin finden laſſen, ſanft und gut, wie Sie ſie brauchten!“ Die von Hohenſtein. ieber junger Herr,“ ſagte Balthaſar;„ich habe immer gefun⸗ as Schickſal, das ſind wir ſelbſt mit unſern Schwächen und den. Ich habe eine kurze Thorheit lange büßen müſſen und ſie noch. Ich wünſche Ihnen von Herzen, daß Sie die Klug⸗ vor einem ähnlichen Schickſale bewahren möge. Aber damit hat 8 bei Ihnen keine Noth. Sie ſind klug und brav, und ich bin ein halber Thor und ein ganzer Feigling; ein Vogel, dem der eine Flügel verſtümmelt iſt und der den andern nur dazu hat, um ſich im Kreiſe herumzudrehen. Leben Sie wohl! recht, recht wohl!“ Die ſanften großen Augen des armen Mannes füllten ſich mit Thränen; er drückte Wolfgangs Hand an ſeine Bruſt, wandte ſich vann ab, zog die Mütze mit dem geborſtenen Schirm tief in ſein Geſicht und eilte, ohne ſich umzublicken unter den Kaſtanien an dem Graben entlang nach dem Dorfe zurück. Ichtes Capitel. Wolgang ſchaute ihm lange nach mit einer aus Bewunderung und Mitleid gemiſchten Empfindung.„Giebt es denn kein Mittelding zwiſchen Diogenes und Alexander? Und muß man Ambos ſein, wenn man der grauſamen Kraft des Hammers ermangelt?“ Er trat in den Park und ſchlenderte zwiſchen den Hecken und Büſchen auf den ihm jetzt ſchon ſo vertrauten Wegen ziellos umher. Die Stunde, wo zur Nacht geſpeiſt wurde, war noch nicht da, und weil Wolfgang wußte, daß er heute in dem öden Zimmer allein an der Täfel ſitzen würde, ſo beeilte er ſich nicht eben in's Schloß zu kommen. Ueberdies war der Abend herrlich. In den dichten Ge⸗ vüſchen ſchlugen unzählige Nachtigallen, würziger Duft ſtieg aus dem Blüthenmeer auf und erfüllte die kühle, labende Luft; ein breiter, ſafranfarbiger Streifen umſäumte den weſtlichen Horizont, und gold⸗ geränderte Wölkchen ſchwammen hier und da in dem lichtgrünen Aether, während ſchon graue Schatten die hohen Hallen unter den uralten Bäumen erfüllten. Erſter Band. 65 Und allgemach wurden die Schatten dunkler und breiter: über den Wipfeln eines Boskets ſchwärzlichen Nadelholzes ſchimmerte aus dem glanzloſeren Himmel ein einzelner goldener Stern. Wolfgangs Blicke waren auf den Stern gebannt, bis in's Herz hinein leuchtete ihm der milde Schein. Die Erregung aus dem ſelt⸗ ſamen Geſpräch mit dem Schulmeiſter bebte in ſeiner Seele nach, aber in weichen weiten Schwingungen, wie die fernſten Kreiſe, die von einer herabgefallenen Frucht auf dem glatten abendlichen Spiegel eines ſtillen Gartenteiches verzittern. Gedanken der Liebe füllten ſeine Seele, aber nicht jener Liebe eines träumeriſchen Philanthropen, ſon⸗ dern jener energiſchen, jugendfriſchen Liebe, die in zwei ſchönen brau⸗ nen Augen die ganze Welt verſunken ſieht.„Warum ſoll ich nicht in dem einen ſchönen Stern dort den ganzen Sternenhimmel anbeten? Sein goldenes Gefunkel entrückt mich dieſer dunklen Erde gewaltiger, als es der Anblick all' der Myriaden flimmernder Geſtirne vermöchte! Nein, ich will über der Menſchheit nicht den Menſchen vergeſſen; ich will um der Zukunft willen nicht die Gegenwart verträumen. Ich will die Menſchen lieben, aber bei den Einzelnen will ich anfangen, bei den Einzelnen und vor Allen bei Dir, Du ſüßes Mädchen, deren Augen ſo göttlich leuchten, wie jener Stern, deren Stimme ſo ſüß klingt, wie der Geſang der Nachtigallen, deren holdes Weſen mich labt, wie dieſe balſamiſche, blüthenduftathmende Luft...“ Eine ſelige, dithyrambiſche Stimmung, wie er ſie nie gekannt, ergriff den Jüngling. Der nachdenkliche, oft düſtere Ernſt, in den ihn allzufrühe ſchmerzliche Erfahrungen, die Enge ſeines Lebens, die ſtrengen Anforderungen ſeiner Studien gezwungen hatten, fiel von ihm ab wie ein klöſterlich Kleid. Es war ihm, als ob er jetzt erſt lebe, als ob er jetzt zum erſtenmale ſich ſeiner Jugend und ſeiner Kraft bewußt würde, als ob das Bild ſchmerzlicher Entſagung, welches ihm der menſchenſcheue Heilige in der Einſamkeit ſeines Thurmes gezeigt, das ſo lange zurückgedrängte leidenſchaftliche Ver⸗ langen der Jugend nach Glück, nach Liebe, nach vollkräftigem Genuß des Daſeins in ihm entfeſſelt hätte.. Er warf ſich auf eine Raſenbank, über die ein Hollunderbaum Fr. Spielhagen's Werke. VII. 5 „ 66 Die von Hohenſtein. ſeine Blüthentrauben breitete. Sein Antlitz glühte; er barg das glühende Antlitz in den beiden Händen... Ein Raſchen, wie von einem ſeidenen Kleide, ganz in ſein er Nähe erweckte ihn aus ſeiner Verzückung. Er hob den Kopf, und vor ihm ſtand, unfloſſen von dem milden Abendſchein— Camilla. Mit einem Rufe freudigſter Ueberraſchung fuhr er in die Höhe— ein Blick in die braunen, geliebten, ſtrahlenden Augen— er breitete die Arme aus— Camilla lag an ſeiner Bruſt und die jungen liebe⸗ dürſtenden Lippen tranken Beſeligung in einem langen zärtlichen Kuß. „Camilla, Holde, Geliebte, liebſt Du mich, wie ich Dich liebe?“ Camilla's Antwort war ein zweiter Kuß, heißer, bewußter, als der erſte, den Ueberraſchung gegeben und genommen hatte. Ihr ganzes Weſen ſchien ſich auflöſen zu wollen in überwallender Leiden⸗ ſchaft. Es war, als ob Küſſen die einzige Sprache wäre, in der die Seele dieſes Mädchens ſich verſtändlich machen könnte. Sie hatte auf Wolfgangs zärtliche Worte keine andere Erwiderung. Er ſchlang ſeinen Arm um den ſchlanken Leib und ſo ſtreiften ſie langſam beim Licht der Sterne, die immer zahlreicher aus dem blauen Himmel hervortraten, beim Geſang der Nachtigallen, die in immer weicheren und volleren Tönen ſchlugen, durch die dunkelnden Gänge. Eine Seligkeit, wie er ſie in ſeinen ſehnſüchtigſten Stunden nie geträumt hatte, erfüllte Wolfgangs Bruſt und ſtrömte über in den ſüßeſten Schmeichelworten der Liebe, in tauſend herzlichſten Schwüren und in Phantaſien, wie ſie nur der Kopf eines geiſtreichen Jünglings, deſſen edles Herz von Liebe voll iſt, ſo reich und ſo glänzend erzeugen kann.„Sieh, Geliebte, ich ſchaue in meinem Glück, wie in einem reinen Spiegel, das Glück der ganzen Menſchheit; ich glaube an die Allmacht der Liebe zur Beſeligung Aller, da ſie an mir, dem Ein⸗ zelnen, ſolche Wunder bewirken kann. Jetzt ſehe ich in leuchtender Klarheit das Ziel, das mir dunkel vorſchwebte ſeit meinen Knaben⸗ jahren. Ich wollte wirken und ſchaffen an dem großen Werk der Befreiung der Völker. Aber der Einzelne kann nichts thun, als ſich ſfelbſt befreien, befreien von dem Gemeinen, das uns Alle bändigt; und das iſt nur durch die Liebe möglich. Im meiner Liebe zu Dir fühle ich mich ſchön und heilig, wie Du ſelbſt es biſt. An meiner N Erſter Band. 67 Liebe zu Dir, an Deiner Liebe zu mir, an unſerer Liebe werde ich einen Talisman haben, der mich unverletzt durch das Getümmel des Erdenlebens führt. Und auch den Andern wird unſere Liebe zu gute kommen; die heiligende Kraft der Liebe wird von uns ausſtrömen auf Alle, die in unſerer Nähe weilen. Und wenn das nicht wäre, wenn unſere Liebe mit uns untergehen ſollte, wie der Duft der Blume mit der Blume verweht— wir haben doch nicht vergebens gelebt, denn wir ſind glücklich geweſen, unſäglich glücklich; nicht wahr, Geliebte?“ Und wieder war ein zärtlicher Kuß die einzige Antwort, welche Camilla auf Wolfgangs feurige Reden hatte. Und er wollte ja keine andere Antwort! es dünkte ihm ſo ſüß, eine reine keuſche Mädchen⸗ ſeele zum kryſtallenen Kelch zu haben, in den er alle Perlen und Diamanten, alles Koſtbarſte ſeines Denkens und Fühlens niederlegen könnte; es dünkte ihm ſo ſchön, dieſe ſtumme Pſyche wach zu küſſen aus ihrem Dornröschenſchlaf! Sie hatte ſich an ſeine Bruſt geſchmiegt, er legte ſeine glühende Wange auf ihr vom Abendthau feuchtes Haar. Plötzlich fuhr ſie zufammen: „Horch, was war das?“ „Nichts, Geliebte, nichts als das Klopfen meines Herzens.“ „Nein, nein, es rief Jemand— und Deinen Namen— man darf uns nicht zuſammen finden.“ Sie ſchlüpfte aus Wolfgangs Armen, eilte ein paar Stufen hinauf, die auf eine dem Flügel des Schloſſes angebaute Terraſſe führten und war im Nu hinter den dichten Hecken und Büſchen ver⸗ ſchwunden. Die Empfindung, die Wolfgang hatte, als er ſo plötzlich in dem dunkelnden Garten allein ſtand, war die eines Menſchen, der aus einem beglückenden Traum zur unerfreulichen Wirklichkeit erweckt wird. In dem ſchnellen Sichlosreißen Camilla's lag etwas, das wie ein häßlicher Ton die wundervolle Harmonie ſeiner Liebeshymne zerriß; aber er ſollte nicht Zeit behalten, die ſo rauh berührte Saite in ſich ausſchwingen zu laſſen. Die Stimme, die er vorhin überhört hatte, erſcholl jetzt ganz in ſeiner Nähe. Es war Madame, die ärgerlich 5* 68 Die von Hohenſtein. ſeinen Namen rief, und zwiſchendurch halblaute Scheltworte über dieſen Beſuch, der einem bei Tag und Nacht keine Ruhe laſſe, aus⸗ ſtieß. Eine Ahnung, daß eine Unglück geſchehen ſei, ergriff Wolf⸗ gang.„Hier,“ rief er, der Scheltenden entgegeneilend,„hier bin ich; was giebt's?“ „Ah, da iſt der junge Herr endlich!“ erwiderte Madame,„es iſt nun ſchon das dritte Mal, daß Excellenz mich hinausgeſchickt hat, damit ich mir in dem naßkalten Garten Schnupfen und Rheumatismus hole; aber, was iſt denn an ſo einer alten Perſon gelegen; wenn die jungen Herrſchaften ſich nur amüſiren, ſo kann ja natürlich zu Hauſe Alles ſterben und verderben.“ „Beſte Madame, es thut mir herzlich leid, wenn Sie ſich meinet⸗ halben ſo bemüht haben; aber ſagen Sie mir nur um Himmels willen, was es giebt. Iſt der Großonkel krank geworden?“ „O, Excellenz befinden ſich ausnehmend wohl, aber bei Ihnen zu Hauſe in der Stadt mag es nicht ganz ſo gut ſtehen.“ „Meine Mutter iſt krank, iſt todt!“ ſchrie Wolfgang, Madame heftig am Arm packend. „Was weiß ich!“ rief dieſe ärgerlich, fragen Sie den Kutſcher aus der Stadt, der ſchon ſeit zwei Stunden auf dem Hofe hält.“ Wolfgang ſtürzte, ohne das Weib noch eines Wortes zu würdigen, aus dem Garten. Madame ſah ihm mit höhniſchem Gelächter nach. „Der wäre fort,“ murmelte ſie,„und die Andern ſollen hinter her; dafür will ich ſchon ſorgen.“ Als Wolfgang auf den Schloßhof kam, fand er den alten Köbes, der die noch angeſchirrten Pferde mit Brod fütterte. Der alte Köbes war ein Lohnkutſcher aus der Nachbarſchaft von Wolfgangs elterlicher Wohnung und dem jungen Manne von ſeinen Kinderjahren her be⸗ kannt und lieb. Der alte Köbes hatte den Knaben oft mit in den Stall genommen, während er ſeine Pferde triegelte und die ſchönſten Melodieen dabei pfiff. Das war des Köbes Weiſe ſich mitzutheilen. Auf Reden ließ er ſich nicht gern ein und auch jetzt konnte Wolfgang mit ſeinen haſtigen, angſtvollen Fragen nicht viel aus ihm heraus⸗ bringen. Köbes ſagte, er glaube, die Frau Stadräthin ſei gar ſchlimm könne es aber nicht ſein, denn er habe den Her Erſter Band. 69 rath noch vorher nach dem Rathhauſe in die Sitzung fahren müſſen. Es werde wohl Alles im Briefe ſtehen. „In welchem Briefe?“ Köbes wies mit dem Brodmeſſer über die Schulter nach dem Schloſſe. „An den General?“ Köbes nickte. Wolfgang eilte in's Schloß und geradewegs in des Srotn Zimmer. Auf dem Tiſche, an welchem der General des Abends zu ſitzen und zu leſen pflegte, brannte die Lampe mit dem grünen Schirm; aber der Alte ſaß nicht im Lehnſtuhl, ſondern humpelte an ſeinem Stock im Zimmer umher, was er immer nur that, wenn er ſich ganz beſonders heftig geärgert, oder ihn irgend ſonſt etwas aufgeregt hatte. Als Wolfgang haſtig hereingetreten war, wandte er ſich mit Lebhaftig⸗ keit zu ihm und rief, ihm einen Brief, den er aus der Taſche ſeines Schlafrocks zog, entgegenhaltend: „Da, lies ſelbſt, Junge! Wird nicht ſo ſchlimm ſein; machen immer mehr Geſchrei, als nöthig iſt.“ Der Brief, den Wolfgang mit vor Aufregung zitternder Hand ergriff, war an den General gerichtet und beſtand aus wenigen Zeilen, in welchen der Vater ſchrieb, daß die Mutter in der letzten Nacht ganz plötzlich von ihrem alten Kopfſchmerz befallen ſei und im Laufe des Morgens in ihren Phantaſien mehreremals dringend nach Wolf⸗ gang verlangt habe. Er(der Vater) glaube zwar nicht, daß das Uebel diesmal mehr als ſonſt zu bedeuten habe, wünſche indeſſen doch, daß Wolfgang— und wäre es auch nur zur Beruhigung der Mutter — nach Hauſe komme,„wenn es der Großonkel erlaube.“ „Hätte Dich gern länger hier behalten;“ ſagte der General, als Wolfgang von dem Briefe zu ihm aufſchaute;„biſt ein anderer Kerl, als Dein Lumpenpack von Verwandtſchaft; iſt indeſſen gut, daß Du wieder an die Arbeit gehſt. Habe was mit Dir vor, Junge; ſoll Dein Schaden nicht ſein, wenn Du folgſam biſt. Nun mach, daß Du fortkommſt und ſchreib mir, wie's der Mutter geht.“ In dem Tone, in welchem der Alte ſprach, lag ein Anflug von Empfindung, die Wolfgang dem ſtarrköpfigen, jähzornigen Greiſe 70 Die von Hohenſtein. niemals zugetraut hätte, und die ihn in dieſem Augenblicke, wo ſein Gemüth durch ſo viele und ſo verſchiedene Eindrücke erſchüttert war, doppelt rührte. Er drückte mit Wärme die ihm dargebotene knöcherne Hand und verließ, nachdem er einige Worte des Dankes geſtammelt, haſtig das Gemach. Wenige Minuten ſpäter ſaß er in dem Wagen; der alte Köbes ſchnalzte mit der Zunge und das Gefährt rumpelte über den holprigen Damm des Schloßhofes davon. In dem Zimmer, in welchem die Präſidentin wohnte, brannte Licht. Als die Pferde anzogen, bewegten ſich die Vorhänge und ein Mädchenkopf erſchien für einen Augenblick hinter den Scheiben, aber Wolfgang ſchaute nicht herauf;— an dem nächtlichen Himmel, der ſich ehern über ſeinem Haupte wölbte, blitzten unzählige Sterne, aber Wolfgang hatte kein Auge mehr für ihre Herrlichkeit. Er dachte nur an die kranke Mutter, nur an die Gefahr, die über ihrem theuern Haupte ſchwebte. Neuntes Capitel. Camilla war kaum bei der Mutter, als Lili, das Kammermäd⸗ chen, die letzten Grüße des jungen Herrn von Hohenſtein brachte, der ſehr bedaure, bei der Plötzlichkeit ſeiner Abreiſe den Damen nicht perſönlich Lebewohl ſagen zu können. Weshalb Wolfgang abreiſen mußte, wußten die Präſidentin und Camilla, und nicht blos ſeit den letzten Minuten, ſondern bereits ſeit zwei Stunden, d. h. ſeitdem der Wagen, welcher Wolfgang in die Stadt bringen ſollte, unter ihren Fenſtern hielt. Die Wirkung, welche Wolfgangs Abreiſe auf die Situation der Damen im Allgemeinen und im Beſonderen dem General gegenüber ausüben würde, war bereits der Gegenſtand eines langen, eingehenden Geſpräches zwiſchen Mutter und Tochter geweſen, deſſen Reſultat darin beſtand, daß Camilla ihren Shawl um die zarten Schultern band und in den abendlichen Garten hinabſtieg, den Couſin ſuchen zu helfen.„Er wird Dir dieſen Beweis der Theilnahme hoch anrechnen,“ ſagte die Mama,„und unter dieſen Umſtänden iſt es 1 Erſter Band. 71 beſſer, in der Bezeigung unſerer freundlichen Geſinnung zu weit zu gehen, als es daran fehlen zu laſſen.“ Die Präſidentin hatte ſich ſogar, auch ihrerſeits ihre Theilnahme zu beweiſen, aus dem Bette erhoben, um dem lieben Neffen Adieu ſagen zu können— und die Nachricht des Kammermädchens kam ihr ſehr wenig gelegen. Deſto neugieriger war ſie nun, den Bericht ihres lieben Töchterchens zu vernehmen, um ſo mehr, als ihrem mätterlichen Scharfblick eine gewiſſe Erregtheit auf dem Geſicht und im Benehmen Camilla's bei deren Eintreten nicht entgangen war. Das Kammermädchen hatte kaum das Zimmer wieder verlaſſen, als die Präſidentin die junge Dame, welche unterdeſſen den Shawl abgelegt hatte, zu ſich auf das Sopha zog und haſtig fragte: „Du haſt ihn geſprochen? Was hat er geſagt? War er ſehr beſtürzt? War er Dir ſehr dankbar?“ „Ich habe gar nicht mit ihm über die Krankheit der Tante ge⸗ ſprochen,“ erwiderte die junge Dame. „Nicht? worüber dei? Wie konnteſt Du das unangenehme Thema vermeiden?“ 5 „Er ließ mich gar niſbt zu Worte kommen; er—“ „Nun?“ fragte die Präſidentin geſpannt, als Camilla mit einer gewiſſen Verlegenheit ſtutzte. „Ich traf ihn auf einer Bank ſitzend— dicht am Kaſtanienwäld⸗ chen, weißt Du, Mama, wo es zur Terraſſe hinaufgeht— er hatte den Kopf in die Hand geſtützt, ſo daß ich glaubte, er ſei eingeſchlafen. Ich dachte, daß ihn mein Kommen erwecken würde, und ging auf ihn zu. Da, als ich dicht vor ihm war, erhob er ſich, und— mit einem Worte, Mama, er machte mir eine Liebeserklärung.“ „Das trifft ſich gut,“ ſagte die Präſidentin;„Du haſt ihm doch hoffentlich geantwortet, wie ſich's gehörte, ihm vor allen Dingen keine Vertraulichkeiten irgend welcher Art verſtattet?“ „Aber, Mamachen!“ rief Camilla und richtete ihr ſchönes Haupt, wie in Unwillen, empor. „Nun, nun, mein Kind,“ ſagte die Präſidentin, die Hände des angebeteten Kindes nehmend und zärtlich ſtreichelnd;„unter andern Verhältniſſen wäre dergleichen vielleicht ganz angebracht geweſen; es 72 Die von Hohenſtein. bindet einen Liebenden nichts in der Welt feſter, als ein Kuß; ſie glauben, wenn ſie nicht vollkommen blaſirt ſind, ſich dadurch ver⸗ pflichtet, und gegen einen Liebhaber, den man auf alle Fälle zu be⸗ halten wünſcht, würde ich daher rathen, nicht allzu ſpröde zu ſein. Aber Du haſt Recht, ſo ſteht es mit Wolfgang bei weitem nicht. Er iſt für den Augenblick in der größten Gunſt beim Großonkel; noch geſtern Abend ſpielte der General ziemlich deutlich darauf an, daß Wolfgang die beſte Ausſicht habe, ſein Haupterbe zu werden. Aber freilich, freilich— wer kann auf des Großonkels Entſchlüſſe bauen? Heute ſo und morgen ſo, je nachdem er gerade bei Laune iſt und Madame ihn gut oder ſchlecht behandelt hat. Es iſt ein ſchrecklicher alter Mann, und ich bringe Dir ein unendlich großes Opfer, liebes Kind, daß ich hier in dieſem abſcheulichen Hauſe, in welchem einen die Langeweile aus allen Zimmern angähnt, ſo lange bleibe. Aber, was ich fragen wollte: was haſt Du ihm denn eigentlich erwidert?“ „Ich habe ihm geſagt,“ erwiderte Camilla mit großer Beſtimmt⸗ heit,„daß mich ſeine Erklärung ſehr überraſche, daß ich kaum wiſſe, was ich ihm darauf antworten ſolle, daß ich ihm geneigt ſei, eine beinahe ſchweſterliche Zärtlichkeit für ihn fühle—“ „Du gutes, gutes Kind,“ rief die Präſidentin, die kluge junge Dame an ſich ziehend und ihr einen Kuß auf die Stirn drückend. „Daß ich aber weder ja noch nein ſagen könne, und ihn bitte, mir Zeit zur Ueberlegung zu gönnen.“ „Gut, ſehr gut; und von mir haſt Du nichts einfließen laſſen?“ „Ich dachte, daß es beſſer ſei, wenn Du vorläufig aus dem Spiele bliebeſt; ich dachte, es könnte Dich nur in Verlegenheit ſetzen, wenn Du Deine Entſcheidung geben müßteſt, bevor ſich das Andere entſchieden hat.“ „Du gutes, gutes Kind!“ rief die Präſidentin von neuem in ihrem überwallenden mütterlichen Stolz.„Du haſt ganz, ganz in meinem Sinne gehandelt; es darf in keinem Fall jetzt ſchon eine öffentliche Erklärung ſtattfinden. Ich bitte Dich, Kind, wenn der Großonkel andern Sinnes würde!— Nun ja, man würde zu brechen wiſſen, aber es wäre doch immer recht fatal. So iſt es viel beſſer⸗ Du kannſt jetzt gegen Deine übrigen Verehrer Dich mit vollkommener Erſter Band. 73 Harmloſigkeit benehmen, und Willamowsky iſt, wenn ſein alter geiziger Vater ſtirbt, was ja über kurz oder lang doch geſchehen muß, gar keine zu verachtende Partie. Da fährt der Wagen ab, zeige Dich doch noch einmal am Fenſter— das kann auf keinen Fall ſchaden. Ach Gott, liebes Kind, ich wünſche von Herzen, daß wir endlich ein⸗ mal aus dieſem Proviſorium, wie Dein Vater ſagt, heraus wären. Dieſe Anſtrengungen, uns an das Ziel unſerer Wünſche zu bringen, ſind entſetzlich. Ich bin überzeugt, daß mich die Tage, die ich in dieſem abſcheulichen Hauſe zugebracht habe, eben ſo viele Jahre meines Lebens koſten. Ich wundere mich, wie Du dieſe Leiden ſo muthig erträgſt; ein halbſtündliches Zuſammenſein mit dem alten ſchrecklichen Mann oder gar mit ſeiner widerwärtigen Perſon bringt meine Nerven in die grauſamſte Aufregung. Ich wünſchte, ich wäre erſt wieder fort, und lange halte ich es auch auf keinen Fall mehr aus.“ Die Präſidentin wollte ſich eben, erſchöpft von dieſer langen Rede, bequem in die Sophaecke ſinken laſſen, als die Kammerzofe wieder erſchien und meldete:„Excellenz wünſchten das gnädige Fräulein, wo möglich ſogleich, zu ſprechen.“ Die ſpäte, ungewöhn⸗ liche Stunde ſetzte die Damen in Verwunderung, und es diente gerade nicht zu ihrer Beruhigung, als die gewandte Lili, die ſichtbare Ver⸗ legenheit der Damen ausbeutend, weiter berichtete:„es gehe unten ſicher etwas vor, denn Excellenz habe ſich in ihrem Zimmer mit Madame ſo laut gezankt, daß es ordentlich greulich mit anzuhören geweſen ſei und ſie(Lili) den Schrecken noch in allen Gliedern habe.“ „Was bedeutet das?“ fragte die Präſidentin ängſtlich, als ſich Lili auf ihren Wink entfernt hatte. „Wir wollen ſehen,“ erwiderte die muthige Camilla und verließ, trotz des lebhafteren Pochens ihres Herzens, anſcheinend ſo ruhig wie immer, das Zimmer. Schon nach wenigen Minuten kam ſie wieder. „Nun, was giebt's?“ rief die Präſidentin. „Der Großonkel läßt ſich Dir empfehlen und wünſcht zu wiſſen, wann wir wieder nach der Stadt zu gehen gedächten.“ „Unmöglich!“ „Es waren ſeine eigenen Worte.“ 74 Die von Hohenſtein. „O, dann iſt Alles vergeblich geweſen!“ klagte die Präſidentin; „mein armes, armes Kind!“ „Ich hoffe, die Sache ſteht nicht ſo ſchlimm,“ erwiderte Camilla, nachdenklich die ſchönen Brauen zuſammenziehend;„der Großonkel war trotz alledem ſehr gnädig und zuletzt ſagte er ganz leiſe, ver⸗ muthlich, damit es Madame, die ſicher hinter der Thür lauſchte, nicht hören ſollte: er meine es gut mit mir und mit dem Wolfgang, und ob ich wohl Luſt hätte, den Wolfgang zu heirathen, wenn er uns zu ſeinen Erben machte?“ Die Präſidentin ſchlug in freudiger Ueberraſchung die ſeiten Hände zuſammen und rief: 4 „Dann wirſt Du Dich doch mit ihm verloben müſſen, und das ſobald als möglich.“ „Ich denke, das wird wohl das Beſte ſein,“ ſagte die kluge, junge Dame. „Mein Goldmädchen, mein Herzenskind!“ rief die zärtliche Mutter und ſchloß gerührt die folgſame Tochter in ihre Arme. Jehntes Capitel. In einer der langen ſchmalen Gaſſen, die in der altehrwürdigen Rheinſtadt von der Landungsbrücke der Dampfboote bis in die Nähe des großen Domes mit dem Ufer des Fluſſesparallel laufen, ſtand im Jahre achtzehnhundertachtundvierzig(und ſteht vielleicht noch) ein Haus, das ſich vor den kleinen und meiſtentheils recht ſchäbigen Häuſern der Nachbarſchaft gewiſſermaßen auszeichnete. Nicht daß das Haus beſonders ſchön und groß geweſen wäre, durchaus nicht! es mochte, als es eben fertig war, recht ſtattlich ausgeſehen, und der ehrenfeſte Bürger, der es ſich hatte bauen laſſen, und der Baumeiſter, der es gebaut, mochten Beide ihre rechte Freude daran gehabt haben. Jetzt aber waren die Tage ſeiner ſchmucken Jugend längſt dahin, und die zwei⸗ oder dreihundert Jahre, in denen es dem Wind Erſter Band. 75 und dem Wetter getrotzt hatte, waren keineswegs, ohne Spuren zu hinterlaſſen, an ihm vorübergezogen. Die einzelnen übereinander vorſpringenden Stockwerke, deren es ohne den ſpitzen ſchmalen Giebel drei zählte, hatten ſich hier nach rechts, dort nach links, und hier wieder in der Mitte geſenkt, ſo daß ſo ziemlich ſämmtliche Fenſter mehr oder weniger ſchielten; die Schnitzereien an den Balkenköpfen waren ſehr ſtumpf geworden, zum Theil kaum noch erkennbar, ebenſo wie das aus Stein gehauene Wappen über der mächtigen eichenen Thür, die ſtets offen ſtand und durch die man auf einen ſehr ge⸗ räumigen Flur blickte, um welchen eine nach den inneren Gemächern fithrende Galerie herumlief. Mit einem Worte: das Haus war, wie es auch früher damit beſchaffen ſein mochte, jetzt nur noch, was die Leute einen„merkwürdigen alten Kaſten“ zu nennen pflegen, und wenn der dermalige Beſitzer, der Drucker und Zeitungsverleger Peter Schmitz, dennoch ſeine Freude daran hatte und es mit keinem Palaſt der Welt hätte vertauſchen mögen, ſo war es vielleicht deshalb, weil es ſchon ſo lange im Beſitz ſeiner Familie geweſen war, daß ſeine Schweſter Bella ſich in ſchwachen Stunden einbildete, das arg ver⸗ ſtümmelte adlige Wappen über der Hausthür ſei das Wappen ihrer — der Schmitz'ſchen— Familie. Das war nun aber nicht der Fall. Die Familie Schmitz war, wie ſchon der Namen zeigte, bürgerlich, ſehr bürgerlich. Peter Schmitz ſelbſt war nicht gut auf den Adel zu ſprechen und nannte ſeine Schweſter, wenn ſie von dem Schmitz'ſchen Wappen ſprach, lachend eine alte Närrin. In der That hatten die Schmitz nach den gewöhnlichen Begriffen gar keine Urſache zum Stolz⸗ ſein. Es war ihnen Generationen hindurch ziemlich kümmerlich ge⸗ gangen, und wenn es Peter Schmitz durch ſeine Energie und Intel⸗ ligenz dahin gebracht hatte, daß die alten Preſſen im Hintergebäude jetzt wieder rüſtig arbeiteten, ſo erinnerte er ſich doch recht wohl der Zeit, wo dieſelben ſtill ſtanden und die ganze Exiſtenz der Familie von dem Gedeihen eines kleines Ladens abhing, aus welchem ſich die Nachbarſchaft mit Papier, Federn, Siegellack und mit Tinte verſorgte, die nach eigenen geheimen Recepten des alten Anton Schmitz bereitet wurde. Ja, Peter Schmitz behauptete, daß ſeine Hände, ſeitdem er damals als Knabe dem Vater bei der Fabrikation der Tinte helfen 76 Die von Hohenſtein. mußte, niemals wieder ganz rein geworden ſeien, wie er denn über⸗ haupt dieſe ganze Periode„einen Klex in der Familiengeſchichte der Schmitz“ zu nennen beliebte,„den alles Waſſer des Stromes, welches ſeitdem vorübergefloſſen, nicht wieder habe herauswaſchen können.“ Wenn der ſanguiniſche, breitſchultrige, kleine Peter Schmitz auf dieſes Thema kam— was übrigens äußerſt ſelten geſchah— pflegte ihn die gewöhnliche zuckende Lebhaftigkeit zu verlaſſen. Er konnte dann ſogar auf einige Minuten melancholiſch werden— freilich auch nur auf einige Minuten, denn Peter Schmitz hatte wenig Zeit zu dergleichen Lurusſtimmungen. fuhr ſich dann ein paar Mal mit der Hand durch ſein ſtarres, ſchon jetzt— obgleich er erſt im Anfang der vierziger Jahre ſtand— ſiar ergrauendes Haar, pfiff die drei oder vier erſten Tacte eines Liedes und ging wieder an die Arbeit. Mit dem Klex in der Schmitz'ſchen Familiengeſchichte verhielt es ſich aber folgendermaßen: Als der alte Anton Schmitz vor nun etwa dreißig Jahren aus Mangel an Beſchäftigung und Geld ſeine Preſſen zum Stillſtand brachte und über den Fenſtern links von der Hausthür, wo jetzt: „Erpedition des Volksboten“ zu leſen war, ein Schild mit der Auf⸗ ſchrift:„Schreibmaterialien⸗Handlung von Anton Schmitz“ aufhing, war der arme Mann nicht mehr in der Lage, für die Erziehung ſeiner heranwachſenden Kinder, ſo wie er wohl wollte, ſorgen zu können. Der ſechszehnjährige Eugen wurde aus der Secunda ſeines Gymna⸗ ſiums nach Thüringen in eine Maſchinenbauwerkſtatt geſchickt, und die um zwei Jahre ältere Bella auf's Land in eine Gutsbeſitzerfamilie, wo ſie die Wirthſchaft erlernen ſollte. Die beiden jüngeren, Peter und Margarethe, blieben freilich zu Hauſe, aber auch ſie mußten, ſo weit es eben ging, in dem neugegründeten Geſchäfte thätig ſein. Peter half dem Vater in den Hinterräumen, wo die Preſſen ſtill ſtan⸗ den, Tinte fabriciren; die zwölfjährige Margareth mußte der kränk⸗ lichen Mutter vorn im Laden bei dem Verkauf zur Seite bleiben. Es waren ſchlimme Jahre dieſe Jahre der Tintenfabrikation. Die Nachbarſchaft war lange nicht ſo ſchreibluſtig, wie es die Intereſſen der Familie Schmitz erforderten; die Mutter kränkelte und kränkelte und ſtarb; die Kinder hatten in der Fremde weder Glück noch Stern. Erſter Band. 77 Eugen mußte Soldat werden, konnte ſich mit ſeinem leichtlebigen, rheiniſchen Naturell in das Kamaſchenthum des Garniſondienſtes in einer thüringiſchen Feſtung nicht finden, beleidigte ſeinen Lieutenant und wurde kriegsgerichtlich zu einer mehrjährigen Feſtungshaft ver⸗ urtheilt. Bella, ein hübſches, geiſtvolles Mädchen, traf es in einer Condition immer ſchlechter als in der andern, und verkümmerte in der rohen Umgebung. Das Gemüth des alten Anton Schmitz, der einer von den ſchwachen Menſchen war, die weder das Glück, noch das Unglück ſo recht ertragen können, wurde durch all' dies Leid ſo bitter, wie die Galläpfel, die er zu ſeiner Tinte gebrauchte, und der arme Peter hinter ſeinem Deſtillirkolben und die arme Margareth hinter ihrem Ladentiſch führten in dem düſtern, verfallenden Hauſe, in welches ſchon ſeit Jahr und Tag kein Miether mehr einziehen wollte, ein ſehr freudloſes Leben. Und doch meinte es der alte Vater herzensgut mit allen ſeinen Kindern, vorzüglich mit der Margareth, ſeiner jüngſten, die von je ſein Liebling geweſen war. Es würde aber auch Jedem ſchwer gefallen ſein, die Margareth nicht lieb zu haben, denn ſie war in der That ein wunderbar liebliches Geſchöpf. Dunkelhaarig und dunkeläugig wie alle Schmitz, von ſchlankem Wuchs, mit einem zarten ariſtokratiſchen Geſicht, das ein eigenthümlicher melancholiſcher Zug noch vornehmer machte, hätte ſie mit achtzehn Jahren einen Bildhauer oder Maler zu einer Pfyche oder Muſe be⸗ geiſtern können. Wer nur in ihre Nähe kam, empfand den Zauber dieſer anmuthigen Erſcheinung; die ganze Nachbarſchaft war gewiſſer⸗ maßen ſtolz auf ſie und nannte ſie ſchlechtweg„die ſchöne Margareth.“ Niemand aber war auf die Margareth ſtolzer und Niemand fand ſie ſchöner, als ihr eigener Bruder Peter. Sie war ihm der Inbegriff aller Poeſie; ſie war ſein Troſt, ſein Labſal bei all' den Leiden, die ſein ſtürmiſches Herz zu erdulden hatte; ein Lächeln von ihr, ein freundliches:„Du lieber, armer Peter!“ aus ihrem Munde, war der Lohn, um den er die mürriſche Laune des Vaters, die harte, freudloſe, proſaiſche Arbeit willig ertrug; die Hoffnung, ſie dermaleinſt aus dieſer niederen Sphäre zu Glanz und Reichthum zu erheben, war der Traum ſeiner jungen Jahre, das Licht des Pharos, das ihm die Kraft gab, das rauhe Leben durchzuwettern. Und die nachhaltiße Kraft 78 Die von Hohenſtein. des breitſchultrigen, jungen Mannes mit den klugen, dunklen Augen unter den dichten Brauen, und der feſten, geraden, niedrigen Stirn unter dem ſchwarzen, ſtarren Haupthaar ſtemmten ſich nicht vergebens gegen das Rad des Wagens. Sein ſcharfer Verſtand fand bald heraus, daß die ungeſchickte Weiſe, wie der Vater das Geſchäft ein⸗ gerichtet hatte, das Haupthinderniß eines glücklichen Gedeihens war. Er entwarf einen neuen Plan, dem der grämliche Vater wider ſeinen Willen zuſtimmen mußte. Denn es fiel ihm ein, daß bei der Tinten⸗ fahrikation im beſten Falle nicht viel herauskäme, und ob ſich nicht bei einer rationellen Behandlung der Lumpen ein billigeres und beſſeres Papier erzielen laſſe. Er ſtudirte mit einem raſtloſen Eifer bei dem matten Schein kümmerlicher Talglichter in einem kalten Zimmer Chemie, Phyſik, Mechanik, und es dauerte nicht allzulange, als er ein neues Syſtem erfunden hatte, veſſen vielverſprechende Zweckmäßig⸗ keit die Regierung mit einem Patente auf die Dauer von zehn Jahren anerkannte. Jetzt handelte es ſich nur um die Herbeiſchaffung eines Kapitals, um den mit fiebernden Schläfen und brennender Stirn er⸗ zeugten Gedanken praktiſch auszubeuten, und auch das Kapital fand ſich. Dem alten gebrochenen Vater hatte Keiner einen Groſchen leihen mögen, dem jungen Manne mit den kleinen klugen Augen und den feſtgeſchloſſenen Lippen, die dann auch wieder ſo überzeugend zu reden wußten, bot man mik Freuden Tauſende von Thalern. Der alte Mann konnte den Glanz des neuen Sternes, der über ſeinem ver⸗ fallenen Hauſe aufging, nicht ertragen. Es wollte ihm nicht zu Sinne, daß das ſo heiß erſtrebte Ziel nicht auf dem von ihm ange⸗ bahnten und betretenen Wege erreicht werden ſollte. Von dem Tage, wo die neuen Maſchinen im Hintergebäude aufgeſtellt wurden, kam er nicht mehr in die Geſchäftsräume. Er ſchloß ſich in ſein Zimmer, brummte über die Eier, die klüger ſein wollten, als die Henne, über die Bäume, die in den Himmel wachſen wollten. Zuletzt legte er ſich hin, ſprach viel von verdorrtem Gras, das umgehauen und in den Ofen geworfen werden müßte, und es dauerte nicht lange, ſo war er todt, obgleich es ſelbſt den Aerzten nicht leicht wurde, zu ſagen, woran er denn eigentlich geſtorben ſei. Peter meinte in ſpäteren Jahren ganz ernſthaft: an den neuen Maſchinen. Damals aber hatte er keine Erſter Band. 79 Zeit, lange über die Urſache von ſeines Vaters Tod, obgleich er den alten Mann ſtets ſehr geehrt und geliebt hatte, zu grübeln, denn die Einrichtung und der Betrieb ſeiner Fabrik nahmen ſeine Zeit und ſeine Kraft vollauf in Anſpruch. Das Eiſen lag auf dem Ambos, und Peter Schmitz war der Mann, es zu ſchmieden, ſo lange es glühte. Jetzt endlich ſah er eine Möglichkeit, etwas für die Seinigen zu thun, für den armen Bruder Eugen, dem eben ein glückliches Ereigniß in der regierenden Familie nach fünf Leidensjahren die Be⸗ . gnadigung eines Vergehens gebracht hatte, das mit fünf Tagen Arxeſt überreichlich beſtraft geweſen wäre; für ſeine Schweſter Bella, bevor „ſie in ihrer troſtloſen Umgebung den letzten Reſt ihrer Munterkeit und Geſundheit einbüßte; und endlich und vor Allem für ſeine jüngſte, geliebteſte Schweſter Margareth. Aber ſonderbar! je roſiger Peter jetzt die Welt ſah, je heiterer, ſein ehrliches Geſicht von Hoffnung Schaffensluſt ſtrahlte, deſto ſichtbarer welkten die Roſen auf der ſchönen Margareth Wangen, deſto deutlicher trat der melancholiſche u auf ihrem reizenden Geſicht hervor. Peter Schmitz wußte lange Zeit nicht, wie er ſich dieſen Zuſtand ider Schweſter, der ihn tief bekümmerte, deuten ſollte. Anfangs nahm eer an, daß es Trauer um den Vater ſei, dann aber fiel ihm ein, daß ſie ſchon vor des Vaters Tode dieſelbe Bekümmerniß gezeigt habe. Er meinte nun: es ſei die Einſamkeit in dem freudloſen Hauſe, und er ſchlug Margareth vor, Schweſter Bella, wie es ſchon lange ſeine Abſicht geweſen war, kommen zu laſſen; aber ſeltſamer Weiſe wollte Margareth gar nichts davon wiſſen; Bella befinde ſich in ihrer jetzigen Stellung ſehr wohl und ſie(Margareth) wünſche nichts dringender, als allein zu ſein, ganz allein, und wie ſie das ſagte, füllten ſich ihre ſchönen Augen mit Thränen. Peter rieth hin und her, aber er kam nicht auf die rechte Spur, vermuthlich deshalb, weil dieſelbe von dem Wege, den er mit ſolcher Energie verfolgte, ziemlich weit ablag. Er hatte in ſeinem harten Leben ſo ſehr wenig Zeit gehabt, an das zu denken, was jungen Leuten zwiſchen achtzehn und vierundzwanzig Jahren gemeiniglich als die Hauptſache erſcheint. Verliebt war Peter nur einmal geweſen und zwar als zehnjähriger Bube in ein kleines Mädchen mit rothen Wangen und blonden Haaren, das mit ihm in 80 Die von Hohenſtein. eine Schule ging, und mit dem er ſeine Schulſemmeln und ſeine Aepfel immer redlich getheilt hatte. Seitdem war die einzige Ange⸗ legenheit ſeines Herzens die Liebe zu ſeiner. Schweſter Margareth geweſen, und wie das ſo zu gehen pflegt, er hatte ſich immer ein⸗ gebildet, daß dies Verhältniß auf Gegenſeitigkeit beruhe, und hatte auf alle Bewerber um die Gunſt ſeiner Schweſter mit jener abſoluten Sicherheit herabgeſehen, in welcher ſich Brüder, die ihre Schweſter. anbeten, ſo gern wiegen. Seine ſchöne Margareth, verliebt in ein ganz gewöhnliches, biertrinkendes, tabakrauchendes, kegelſchiebendes,„ Comptvir⸗Arbeiten verrichtendes Menſchenkind! Das war ja ganz„ undenkbar, vollkommen lächerlich, und Peter hatte über die jungen Leute, die ſich erſichtliche Mühe gaben, ſeiner Schweſter zu gefallen, gelacht, wie über Kinder, die mit Muſcheln einen Leuchtthurm ein⸗ werfen zu können meinen. Aber das Lachen war nicht mehr auf ſeiner Seite, als ihm eines Tages einer von eben dieſen jungen Leuten zu verſtehen gab, er glaube den Grund von Margareths Sprödigkeit ganz gut zu kennen; es ſei freilich nichts, worüber ſich zu freuen der Bruder beſondere Urſache habe. Peter brauſte auf, wie das bei ſei⸗ nem heftigen Temperament und der großen Liebe, die er für ſeine Schweſter hegte, natürlich war, und verlangte heftig, daß der junge Mann, wolle er nicht von ihm für einen ehrloſen Lügner angeſehen werden, ſofort ſeine Worte zurücknehmen, oder mit der Sprache herausrücken ſolle. So gedrängt blieb dem Letzteren nichts übrig, als Petern zu entdecken, daß ſeine Schweſter— nicht ſeit heute oder geſtern, ſondern ſchon ſeit geraumer Zeit— einen Liebeshandel habe, und zwar mit einem Officier, dem Lieutenant Arthur von Hohenſtein. Peter verſuchte zu lachen, aber es wollte damit nicht recht gehen. Der junge Mann, der ihm die Mittheilung machte, war ein Schul⸗ freund von ihm, und er kannte denſelben als einen durchaus ehren⸗ werthen, tüchtigen Menſchen, der ſich zur Verläumdung eines Mädchens ſchwerlich herbeilaſſen würde. Ueberdies war derſelbe Zahlmeiſter in dem Regiment des Lieutenants, wußte als folcher um die Verhältniſſe der Officiere recht gut Beſcheid, und was das Schlimmſte war, er brachte für ſeine Behauptung Belege vor, gegen veren überzeugende Kraft Peter, wenn er nicht gefliſſentlich blind ſein wollte, die Angen Erſter Band. 81 nicht wohl verſchließen konnte. Nach dem Bericht des Zahlmeiſters war Margareths Liebeshandel gar kein Geheimniß mehr; die halbe Nachbarſchaft, wenn nicht die ganze, wußte davon, und die Officiere von des Lieutenants Regiment tranken bei ihren Gelagen auf das Wohl der„Ballade“— ſo hatte ein geiſtreicher Kamerad des Herrn von Hohenſtein, der in die„Affaire“ ſpeciell eingeweiht war, das ſchöne Bürgermädchen wegen ihrer melancholiſchen dunklen Augen getauft. Der arme Peter gerieth durch dieſe Mittheilungen in eine Ver⸗ zweiflung, im Vergleich mit welcher die bitterſten Thränen, die er als Knabe in ſeine Tintentöpfe geweint hatte, Freudenthränen geweſen waren. Sein erſter Gedanke war, eine alte verroſtete Reiterpiſtole, die er einſt in einem Winkel des Hintergebäudes gefunden, und die jetzt über ſeinem Bett hing, herabzunehmen und den Verführer ſeiner Schweſter niederzuſchießen wie einen tollen Hund. Sein zweiter: daß er vor allen Dingen erſt von Margareth die Beſtätigung deſſen, was unter den Leuten über ſie circulirte, haben müſſe; denn Peter war ein rechtlicher Menſch und es widerſtrebte ſeinem Gefühl, Jemanden zu verdammen, bevor er ihn ſelbſt ſeine Sache hatte vertheidigen hören. So ging er denn— mit ſchwerem, ſchwerem Herzen und mit Angſt⸗ tropfen auf ſeiner ehrlichen Stirn— ſo wie er von der Unterredung mit dem Zahlmeiſter kam, zu Margareth auf's Zimmer, trat zu ihr, die in der tiefen Fenſterniſche hinter dem Epheugitter ſaß und die Abendwolken über die Giebel der Nachbarhäuſer ziehen ſah, und ſagte mit ſanfter trauriger Stimme:„Margareth, was habe ich Dir ge⸗ than, daß Du mir nicht vertrauen kannſt?“ Er wollte noch mehr ſagen, aber er vermochte nicht weiter zu ſprechen, und warf ſich, das Geſicht in den Händen verbergend, Mar⸗ gareth gegenüber, in den alten Lehnſtuhl. Margareth hörte aus dem erſten Worte, das Peter geſprochen, und ſah mit dem erſten Blick in ſein gramzerriſſenes Geſicht, daß er Alles wiſſe. Das Bewußtſein ihrer Undankbarkeit gegen dieſen beſten, zärtlichſten der Brüder durch⸗ fuhr ihre Seele wie ein zweiſchneidig Schwert; ſie ſtürzte ihm zu Füßen, umfaßte ſeine Kniee und ſchluchzte:„Peter, Peter, verzeih mir, ich konnte nicht anders!“ Dieſe geliebte, klagende Stimme brachte Peter wieder zu ſich. Er fühlte, daß es an ihm ſei: zu ſehen, Fr. Spielhagen's Werke. vII. 6 82 Die von Hohenſtein. zu urtheilen und zu handeln, und daß er dazu ſeine ganze Mann⸗ haftigkeit nöthig habe. So wiſchte er denn ſchnell, wie er die Hände von dem Geſicht zog, mit den Fingern über die Augen, zog die weinende Margareth zu ſich auf den Schooß und ließ ſie den erſten Sturm ihrer Empfindung an ſeiner treuen Bruſt ausweinen. Dann, als ihre Thränen ſanfter floſſen und ihr Buſen nicht mehr ſo unge⸗ ſtüm wogte, fing er an zu ihr zu ſprechen, lieb und gut, und er bat ſie bei dem Andenken an ihre gemeinſame Jugendzeit, an alles Leid, das ſie ſchon zuſammen ertragen, auch dies Leid mit ihm zu theilen und ihm zu ſagen, was, wie er wohl wiſſe, ſie nicht dem Geiſtlichen in dem Beichtſtuhl vertrauen würde, ihm aber anvertrauen könne, deſſen Herz, ſo lange er denken könne, für ſie und nur für ſie ge⸗ ſchlagen habe. Und Margareth erzählte unter manchen Thränen und manchem Stocken den Roman ihres Lebens. Sie erzählte, wie ſie vor nun bald einem Jahre Arthur von Hohenſtein kennen gelernt habe, als er eines Morgens in den Laden kam, ſich ein Cigarrenetui zu kaufen; wie er dann häufiger bald unter dieſem, bald unter jenem Vorwande wieder gekommen ſei, und wie ſie lange Zeit keine Ahnung davon gehabt, daß er nur ihrethalben komme, bis er ihr einmal ein Briefchen in die Hände geſpielt, in welchem er ihr ſeine Liebe geſtund.„Ich wollte Dir den Brief geben,“ fuhr ſie fort;„aber ich konnte es nicht, denn ich— ich liebte ihn, wie er mich liebte.“ Peter zuckte zuſammen, wie ein Menſch, der plötzlich die Spitze eines Dolches gegen ſeine Bruſt gekehrt ſieht, aber er blieb ruhig und ruhig ſagte er:„Was geſchah dann, Margareth?“ „Ich ſah ihn darauf eine Zeit lang nicht, denn er hatte mir in dem Briefe geſchrieben, daß, wenn ich ihm nicht auch gut wäre, ich ihm lieber gar nicht antworten ſolle, und ich antwortete ihm nicht und er kam nicht wieder, das heißt nicht in den Laden, denn am Hauſe vorübergehen ſah ich ihn beinahe jeden Tag. Endlich während des Carnevals— ich hatte Dich und die Andern in dem Gedränge verloren— war er plötzlich an meiner Seite. Wie er mich unter all' den Menſchen heraus gefunden, weiß ich nicht, aber er faßte meinen Arm und ich ließ es geſchehen; ich wußte nicht, was ich in meiner Erſter Band. 83 Verwirrung that, ich fühlte nur, daß, wenn er mich jetzt wieder frage, ob ich ihn liebe, ich ja antworten müßte, und er fragte mich und ich ſagte: Ja, in Ewigkeit!“ „Und was geſchah dann, Margareth?“ „Dann habe ich ihn bei meiner Freundin Eliſe, deren Bruder, wie Du weißt, Aſſiſtenzarzt in dem Militairlazareth iſt, wiederholt geſehen, und er hat mich ein paar Mal nach Haus gebracht.“ „Iſt das Alles, Margareth?“ „Ja, ſo wahr Gott mir helfe!“ „Und was glaubſt Du nun, daß geſchehen wird?“ Margareth fing wieder an zu weinen.„Ich weiß nicht,“ ſchluchzte ſie,„ich habe nie daran gedacht.“ „Doch, Margareth!“ ſagte Peter ſanft,„Du haſt daran gedacht, und eben, weil Du nicht wußteſt, wie dies enden ſollte, biſt Du ſo traurig geweſen. Du haſt vielleicht auch manchmal gemeint: er werde Dich heirathen; aber das wird nicht geſchehen. Er kann kein armes Bürgermädchen zur Frau nehmen, denn er iſt Officier und darf nicht heirathen, wie er will, ſelbſt wenn er Dich heirathen wollte, und daran zweifle ich ſehr.“ „Arthur liebt mich; er iſt über unſere Lage eben ſo unglücklich, wie ich!“ rief Margareth ſchwärmeriſch. „Das werden wir ſehen,“ ſagte Peter, ſich von ſeinem Sitze erhebend. „Was haſt Du vor, Peter?“ fragte die Schweſter angſtvoll, denn ſie erſchrak vor dem entſchloſſenen Ausdruck in ihres Bruders männ⸗ lichem Geſicht. „Nichts weiter, als zu ihm zu gehen, und Deine Angelegenheit mit ihm zu ordnen.“ „Ich werde ihn nie verlaſſen, er wird mich nie verlaſſen,“ rief Margareth, und wie ſie das ſagte, fiel ein letzter Abendſonnenſtrahl durch die in Blei gefaßten halb erblindeten Fenſter und verklärte ihr ſchönes Antlitz, das jetzt mit den glühenden Wangen und den in Thränen erglänzenden Augen doppelt ſchön erſchien.„Armes, armes Kind,“ ſeufzte Peter. Er zog Margareth an ſich und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. 6 84 Die von Hohenſtein. „Sei ruhig, Margareth,“ ſagte er,„ich werde nicht vergeſſen, daß Du keinen Vater und keine Mutter mehr haſt.“ Dann ging er mit geſenktem Haupte, langſamen, ruhigen, feſten Schrittes aus dem Zimmer. Peter fand Arthur von Hohenſtein nicht in ſeiner Wohnung. Er kam am nächſten Morgen— es war ein Sonntag— vor der Parade wieder. Der Lieutenant war ſchon in voller Uniform, und Peter, der ihn noch nie geſehen hatte, war von der großen Schönheit des jungen Mannes überraſcht, trotzdem er wahrlich nicht in der Stim⸗ mung war, auf dergleichen in dieſem Augenblicke zu achten. Freilich entging ihm auch nicht ein gewiſſer Ausdruck von Ueberſättigung oder Schlaffheit, der in den großen mattglänzenden braunen Augen des Lieutenants und um die Winlel der weichen, mit einem zarten ſchwar⸗ zen Bärtchen gezierten Lippen allerdings ziemlich ausgeprägt war. Arthur empfing den Bruder ſeiner Geliebten mit einer ſo aus⸗ geſuchten Höflichkeit, mit ſo viel anmuthiger Beſcheidenheit in Blick, Haltung und Rede, daß Peter Schmitz ſeine ganze Kraft zuſammen⸗ nehmen mußte, um ſeinem Vorſatz nicht untreu zu werden. So hörte er denn des Lieutenants Betheuerungen von der Ehrlichkeit ſeiner Abſichten, von der großen Liebe, die er zu Margareth hege, von ver Verzweiflung, mit welcher ihn ſeine unglückliche, nach allen Seiten hin gebundene Stellung erfülle, ruhig an und ſagte dann:„Das Alles, oder wenigſtens das Meiſte davon hätten Sie bedeuken ſollen, Herr von Hohenſtein, ehe Sie den Ruf eines unbeſcholtenen Mädchens zum Geſpräch Ihres Officiertiſches machten. Jetzt handelt es ſich darum: was gedenken Sie in der Folge zu thun? Heirathen können Sie meine Schweſter nicht.“ „Ich fürchte, nein,“ ſagte Arthur kleinlaut. „Denn,“ fuhr Peter fort,„ich kann meiner Schweſter nicht zwölf⸗ tauſend Thaler— ſo viel müßte ſie ja wohl haben?— mitgeben, und Sie haben, ſo viel ich weiß, kein Vermögen, dafür aber, wenn anders der Ruf die Wahrheit ſagt, mancherlei Verpflichtungen, denen Sie aus dieſem oder jenem Grunde nicht immer gerecht werden können.“ Der Lieutenant war bei dieſen letzten Worten ſehr roth geworden und hatte mit einem„mein Herr—“ auffahren wollen, aber in Erſter Band. 85 Peters Auge lag eine Entſchloſſenheit, die jeden Verſuch der Ein⸗ ſchüchterung hoffnungslos erſcheinen ließ. „Wie dem auch ſein mag,“ fuhr Peter abermals fort,„ſo viel ſteht alſo feſt: Sie können ſie nicht heirathen. Da Sie das aber nicht können, und meine Schweſter zum Geſpött der Leute zu gut iſt, ſo verlange ich von Ihnen Ihr Ehrenwort, daß Sie ſich weder ſchriftlich, noch mündlich, weder durch Zeichen, noch Worte— achten Sie wohl darauf, Herr von Hohenſtein!— meiner Schweſter je wieder zu nähern verſuchen, und daß Sie auf jede Ihnen irgend mögliche Weiſe dazu beitragen, die verletzte Ehre meiner Schweſter wiederherzuſtellen, indem ſie bei jeder Gelegenheit, wo es erforderlich iſt, ohne Rückhalt die offene oder verſteckte Andeutung eines Verhält⸗ niſſes zwiſchen Ihnen und meiner Schweſter für eine Lüge erklären.“ Arthur von Hohenſtein hatte, den Kopf in die Hand geſtützt, nachdenklich zugehört. Jetzt blickte er wieder auf: „Ich kann darauf mein Ehrenwort nicht geben,“ ſagte er,„ich kann es nicht, denn ich liebe Margareth— ich kann nicht von ihr laſſen, wie ſie nicht von mir.— O, Herr Schmitz,“ fuhr der junge Mann fort, indem er mit einer hinreißenden Anmuth Peters beide Hände erfaßte und feſt hielt,„haben Sie Mitleid mit Ihrer Schweſter, haben Sie Mitleid mit uns! Seien Sie nicht hartherziger als meine Gläubiger! Stellen Sie mir eine Friſt! Geben Sie mir eine Be⸗ denkzeit! Iſt es denn nicht hart genug, daß unſer Einer das Opfer eines engherzigen Kaſtengeiſtes, mit Leib und Seele ſich dem Moloch eines falſchen Ehrbegriffs zu opfern gezwungen iſt? Müßt Ihr andern Glücklichen, die Ihr draußen ſteht und frei dem Zuge Eures Herzens folgen könnt, anſtatt uns unſere Laſt tragen zu helfen, unſer glänzen⸗ des Elend durch Euer feindſeliges Mißtrauen, durch Eure Liebloſig⸗ keit noch elender machen?“ Peter Schmitz Ohr und Herz waren für die Gründe, mit denen Jemand ſeine Sache führen zu können glaubte, ſtets offen, und er fühlte, daß die Klagen des Lieutenants nicht ſo ganz unbegründet ſeien. Auf der anderen Seite war er ſich bewußt, mit einem eifer⸗ füchtigen Haß zu dem Geliebten ſeiner Schweſter gekommen zu ſein, und daß er deshalb doppelt vorſichtig gegen ſich ſelbſt ſein müſſe. 86 Die von Hohenſtein. Er ſagte daher dem Lieutenant, daß er ihm, weil er es wünſche und weil er ſelbſt auch den Schein der Gehäſſigkeit von ſich ſelbſt entfernen möchte, acht Tage Zeit zu einer definitiven Antwort laſſen wolle, und ging— nicht leichteren Herzens, als er gekommen war. In den nächſten acht Tagen trat ein Ereigniß ein, welches auf die Stellung des Lieutenants und mithin auch auf ſeinen zu faſſenden Entſchluß von großem Einfluß ſein mußte. Sein Vater nämlich, der Oberpräſident, ſtarb ganz plötzlich am Schlage, und es ſtellte ſich alsbald heraus, was bei der verſchwenderiſchen Lebensart des Vaters und ſeiner vier Söhne eben nicht überraſchen konnte und auch Nie⸗ mand überraſchte, nämlich: daß der Würdenträger trotz ſeiner ſehr beträchtlichen Einkünfte mit Hinterlaſſung noch viel beträchtlicherer Schulden geſtorben war. Die Hoffnung, mit welcher ſich die armen betrogenen Gläubiger oft getröſtet hatten, und auf welche ſie von ihrem hochgeſtellten Schuldner auch wohl manchmal direct vertröſtet worden waren: des Verſtorbenen kinderloſer und unverheiratheter Bruder, der General auf Rheinfelden, werde ſeine milde Hand auf⸗ thun, erwies ſich als trügeriſch. Die Hand des Generals war ſo wenig mild, als ſeine Sprechweiſe. Er ſagte den ſich an ihn wenden⸗ den Gläubigern:„ſie ſollten ſich zum Teufel ſcheeren,“ und ſeinen Neffen:„ſie hätten dem Alten die Suppe einbrocken und eſſen helfen, nun möchten ſie auch allein damit fertig werden.“ Da dies aber leichter geſagt, als gethan war, eine Familie aber von ſo altem Adel, die das Land mit unzähligen Majors, Obriſten, Generalen, hin und wieder auch mit geheimen und andern Räthen beſchenkt hatte, doch unmöglich die Folgen ihres Leichtſinns allein tragen konnte, wie andere Menſchen, ſo trat der Regent des Landes zwiſchen ſie und die offen⸗ ſtehende Pforte des Schuldthurms und bezahlte die Gläubiger aus ſeiner Privatchatouille, wobei er denn allerdings den Beſchenkten zu verſtehen gab, daß dies das letzte Mal ſei, wo er Gnade für Recht ergehen laſſe. Die beiden älteren Brüder, Guisbert, der jetzige Obriſt, damals Hauptmann, und Philipp, der Präſident, damals Aſſeſſor, jener in ſeiner Vaterſtadt, dieſer in der Reſidenz, ließen ſich den allerhöchſten Wink nicht vergebens gegeben ſein. Sie verlobten ſich, ſobald es nur irgend die Schicklichkeit erlaubte, um den Beweis zu Erſter Band. 87 liefern, wie es ihre ernſtliche Abſicht ſei, mit der Vergangenheit zu brechen; der jüngſte, Ernſt, der wildeſte der ganzen Schaar und das enfant terrible der Familie, Lieutenant wie ſein Bruder Arthur, ließ ſich den Abſchied geben und ging nach Südamerika, wo man, wie er ſich hatte ſagen laſſen, in acht Tagen General werden könne, falls man nur das nöthige Glück habe; und ſo blieb denn von Allen nur Arthur übrig,„der ſchöne Hohenſtein“, von dem die Welt annahm, daß er ſich ſeine anerkannte Schönheit und Liebenswürdigkeit zu Nutzen machen, ein reiches Mädchen heirathen und ſo ſeine, wie man ſagte, trotz der fürſtlichen Huld immer noch etwas derangirten Verhältniffe, vollends ordnen werde. Aber die Sache kam weſentlich anders, als die Welt dachte. Es waren etwa vier Wochen ſeit dem Tode des Oberpräſidenten verfloſſen, ohne daß Arthur ſich ſeines Peter Schmitz gegebenen Ver⸗ ſprechens zu erinnern ſchien. Peter fand das unter den obwaltenden Verhältniſſen erklärlich, und nur die Blicke ſeiner Margareth, die ſich immer ängſtlicher auf ihn richteten, je länger der Termin der Ent⸗ ſcheidung, auf welchen ſie der Bruder vertröſtet hatte, verſtrichen war, beunruhigten und quälten ihn. Er ſuchte, wenn das möglich war, durch noch liebevollere Aufmerkſamkeit, als ſonſt, die Schweſter zu entſchädigen; aber er fühlte, daß ihm das nicht gelang und gelingen konnte, und ſein Herz wurde ſchwer und ſchwerer, je mehr er ſich überzeugte, daß es ganz vergeblich ſei, Margarethen von ihrer Leiden⸗ ſchaft abzubringen. Dennoch mußte es geſchehen. Peter ſah, ſo viel er auch ſann, keine andere Rettung. So ſaßen ſie ſich eines Abends in dem Wohnzimmer gegenüber. Es war im November; der Herbſtwind heulte durch die enge Gaſſe; die kleinen in Blei gefaßten Fenſterſcheiben klapperten unter dem klatſchenden Regen in ihren morſchen Rahmen; in dem weiten Schorn⸗ ſtein polterte und ächzte es unheimlich. Petern war das alte Haus noch nie ſo freudlos, ſo traurig erſchienen, und während er von Zeit zu Zeit von ſeinen Rechnungen zu Margarethen hinüberblickte, die ſtill und blaß an der andern Seite des Tiſches ſaß und ſchon ſeit einer halben Stunde die Arbeit in den Schvoß hatte ſinken laſſen und unverwandt vor ſich nieder auf den Boden ſtarrte, da dachte er 88 Die von Hohenſtein. in ſeiner Verzweiflung, ob es nicht beſſer für die Aermſte wäre, ſie läge todt in der kühlen, ſchwarzen Erde, erlöſt von all' dieſem Gram und Herzeleid. In dieſem Augenblicke kam die Magd, zu melden, daß draußen ein Fremder ſei, der den Herrn zu ſprechen wünſche. Margareth fuhr aus ihrer gebückten Stellung in die Höhe und drückte die Hand auf das Herz, während ihre Blicke angſtvoll auf die Thür geheftet waren. Peter, von derſelben Ahnung erfaßt, erhob ſich, dem Frem⸗ den, deſſen hohe Geſtalt ſich ſchon hinter der Magd zeigte, entgegen⸗ zugehen. Der Fremde trat raſch herein, zog die Thür hinter ſich zu und ſtürzte Margarethen zu Füßen, ſein Geſicht in ihrem Schooße verbergend. Margareth brach in Thränen aus, und dann, ihre Hände auf des Geliebten Haupt legend, lächelte ſie glückſelig und ſchaute, durch Thränen lächelnd, zu ihrem Bruder hinüber, als wollte ſie ſagen: ſiehſt Du nun, daß ich glücklich ſein kann! So wenigſtens legte ſich Peter dieſen Blick aus, und als jetzt Arthur von Hohenſtein ſich erhob und auf ihn zutrat und ihm in einer Bewegung, die vergeblich nach Worten zu ringen ſchien, die Hand entgegenſtreckte, da faßte Peter Schmitz dieſe Hand, die nie in der ſeinen zu halten, er ſo feſt entſchloſſen geweſen war. Arthur von Hohenſtein war mit ſeiner weltmänniſchen Gewandt⸗ heit zuerſt im Stande, das verlegene Schweigen, das bis jetzt im Gemache geherrſcht hatte, zu brechen.„Verzeihen Sie, Herr Schmitz,“ ſagte er,„daß ich gegen Ihre Erwartung und wohl auch gegen Ihren Wunſch Sie in Ihrer Wohnung aufſuche, aber ich konnte dem Ver⸗ langen nicht widerſtehen, Margarethen zu ſehen und Ihnen zu ſagen, wie ich feſter als je entſchloſſen bin, komme was da will, nicht von Margarethen zu laſſen.“ Margareth ſtürzte dem Geliebten in die Arme; Peter trommelte mit den Fingern auf dem Tiſch und nagte an der Unterlippe. Die Unmöglichkeit, ohne der Schweſter wehe zu thun, mit dem Lieutenant ſo zu ſprechen, wie er als ehrlicher Mann ſprechen mußte, ſetzte ihn in die peinlichſte Verlegenheit. Er verwünſchte innerlich den Einfall des Lieutenants, den Gegner in ſeinem Hauſe aufzuſuchen und dadurch den Kampf auf ein Terrain zu ſpielen, wo ihm Sonne und Wind ſo Erſter Band. 89 günſtig waren; und doch hatte er auch wieder, wenn er Margarethen ſo glücklich licheln ſah, eine Empfindung, als ob ihm eine ſchwere, ſchwere Laſt vom Buſen genommen ſei. Ja, er fühlte etwas, wie Stolz, darüber, daß der Sohn eines Oberpräſidenten, der Abkömm⸗ ling einer ſo vornehmen Familie, zu ihm, dem obſkuren Bürger, als ein Bittender kam, und wenn Peter Schmitz ſich dies Gefühl auch nicht klar machte, ſo blieb es doch nicht ohne Einfluß auf ſeine Hal⸗ tung und ſeine Entſchlüſſe an dieſem verhängnißvollen Abend. Arthur hatte die Aufmerkſamkeit gehabt, nicht in Uniform zu kommen, und Peter Schmitz äußerte im Verlauf des Geſprächs, daß er ihn ſo viel lieber ſähe, wörauf der Lieutenant lebhaft erwiderte: „Ach, glauben Sie mir, ich zöge für mein Leben gern den bunten Rock aus, der mich mehr als alles Andere hindert, Margarethen die Meine zu nennen, wenn ich nur wüßte, was ich ohne ihn anfangen ſollte. Ich würde für Margarethen gern Alles laſſen: Stand und Rock und Degen,— ja das Leben ſelbſt, wenn ich ſie lieben könnte, ohne zu leben.“ Er ſchlang ſeinen Arm um Margarethens ſchlanken Leib, und ſo gingen ſie im dunkleren Hintergrunde des Zimmers auf und ab, während Peter bei der Lampe ſaß, und, den Kopf in die linke Hand ſtützend, mit der rechten immer ſchneller auf dem Tiſch trommelte und immer eifriger an der Unterlippe nagte. Plötzlich ſchaute er auf und ſagte:„Herr von Hohenſtein, Sie lieben alſo meine Schweſter?“ „Ob ich ſie liebe!“ rief der Lieutenant mit einem Nachdruck, der vielleicht ein ganz klein wenig theatraliſch war. „Nun wohl!“ ſagte Peter,„ich will Ihnen die Möglichkeit ver⸗ ſchaffen, ſie zu heirathen.“„ Der Lieutenant blickte mit einigem Erſtaunen zu Peter hinüber, denn, offen geſtanden, war ihm dieſe Möglichkeit heute Abend noch grade ſo problematiſch, wie ſie es ihm vor vier Wochen geweſen war. „Freilich,“ fuhr Peter fort,„gehört von Ihrer Seite einige Ent⸗ ſagung und einiger Muth dazu, ich meine nicht Muth von der Art, wie ihr Herren vom Militair das Wort verſteht, ſondern von der, welche wir Bürgersleute tagtäglich üben müſſen und vielleicht des⸗ halb mehr als die Andern zu würdigen wiſſen. Vermögen habe ich, 90 Die von Hohenſtein. wie ich Ihnen ſchon ſagte, nicht; aber ich habe, was beinahe ebenſo gut iſt, Arbeit, lohnende Arbeit, und es ſteht nur bei Ihnen, ob Sie an dieſer Arbeit Theil nehmen und an den Früchten dieſer Arbeit participiren wollen. Sie ſind nicht älter als ich, und Sie haben eine beſſere Erziehung gehabt. Was ich in Jahren mühſam durch eignen Fleiß gelernt habe, kann ich Sie in ebenſoviel Wochen lehren. Wer⸗ den Sie mein Compagnon! Ich brauche Jemand, der mir arbeiten hilft und der das Geſchäft nach Außen mit mehr Feinheit vertritt, als ich rauher Menſch aufbringen⸗ kann. Was Sie, wenn Sie auf meinen Vorſchlag eingehen, verlitres, vermag ich freilich nicht zu berechnen; was Sie dadurch gewinnen, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, denn das wiſſen Sie ſelbſt.“ Des Lieutenants erſte Regung bei dieſem eigenthümlichen An⸗ trage war, gerade heraus zu lachen; aber einmal wäre das eine große Unſchicklichkeit geweſen, deren ſich ein ſo feiner Mann, wie Arthur von Hohenſtein— zumal unter dieſen Verhältniſſen— nicht wohl zu Schulden kommen laſſen konnte; ſodann liebte er Margarethen wirk⸗ lich, und ſchließlich war ſeine Lage, trotz der ſeiner Familie bezeigten fürſtlichen Gnade, noch immer der Art, daß er fürchten mußte, über kurz oder lang ſeinen Abſchied nehmen zu müſſen, wenn er nicht vor⸗ zog, denſelben freiwillig zu nehmen. Er blickte von Peters ehrlichem Geſicht in die dunklen Augen Margarethens, die in ängſtlicher Er⸗ wartung an ſeinen Lippen hingen, und blickte wieder zu Peter hinüber und ſagte:„Ich will Alles thun, was ich kann, um Ihnen zu zeigen, daß ich es ehrlich meine.“ Margareth warf ſich jubelnd an Arthurs Bruſt und Peter reichte ihm die Hand— diesmal ohne Groll und Widerſtreben, denn, wenn Peter Schmitz einen Entſchluß gefaßt hatte, ſo nahm er auch alle Conſequenzen deſſelben mit in den Kauf. Einige Wochen ſpäter wurde die vornehme Welt der Stadt durch die Nachricht überraſcht, daß„der ſchöne Hohenſtein“ ſeinen Abſchied genommen und ſich mit einem hübſchen Bürgermädchen verlobt habe, nicht öffentlich— denn dazu war der Oberpräſident noch nicht lange genug todt— aber doch verlobt, alles Ernſtes verlobt habe. Es ging ſogar das Gerücht: der Er⸗Lieutenant ſei der geheime Partner Erſter Band. 91 ſeines Schwagers in spe geworden, und wolle— wie einige Witz⸗ linge meinten— das Papier, auf welches ſeine Gläubiger ihre Mahn⸗ briefe ſchreiben könnten, jetzt ſelber machen. Die vornehme Welt gerieth über dieſen„Skandal“ in einen Abgrund von Erſtaunen und Entrüſtung. Der General auf Rheinfelden äußerte, auf den von ſeinem Neffen erwählten Beruf anſpielend, in ſeiner gewöhnlichen liebenswürdigen Weiſe:„der Lump habe wohl gar bei ſeinen Unter⸗ nehmungen auf ihn gerechnet, aber mit Lumpen, verarbeiteten oder unverarbeiteten, habe er nichts zu ſchaffen.“ Die Brüder, von denen der älteſte eben als Regierungsrath von der Reſidenz in ſeine Vater⸗ tadt zurückverſetzt, und der zweite— vermuthlich um ihn zu ſeiner bevorſtehenden Verbindung mit der Comteſſe Selma von Düren⸗ Lilienfelde würdiger zu machen— zum Major avancirt war, be⸗ ſchworen ihn, einen Gedanken aufzugeben, deſſen Ausführung die ganze Familie„blamiren“ würde, und— wenn es nicht anders ginge— lieber dem Beiſpiele des jüngſten Bruders zu folgen und auszuwandern. Es hieße von der Charakterſtärke Arthurs von Hohenſtein viel zu hoch denken, wolle man glauben, dieſe verwandtſchaftlichen Mahn⸗ rufe und die Spitzreden ſeiner Standesgenoſſen ſeien ohne alle Wir⸗ kung auf ihn geblieben und er habe den in der Noth, dem Drang und der Ueberraſchung des Augenblicks gefaßten Entſchluß nicht ſchon vierundzwanzig Stunden darauf recht herzlich bereut, aber— was bei ſchwachen Charakteren ſo oft den Ausſchlag giebt— er war ſchon zu weit gegangen, als daß er noch hätte umkehren können. Peter Schmitz hatte damit angefangen, daß er mit einem Theil des Kapitals, welches er zum Betrieb des neuen Geſchäfles ſo noth⸗ wendig brauchte, die Schulden ſeines Compagnons bezahlte und die Ausſteuer Margarethens beſchaffte. Er hatte für ſich nur den Löwen⸗ antheil an der Sorge und an der Arbeit reſervirt. Das Compagnon⸗ geſchäft war eine Illuſtration zu der bekannten Fabel von dem Rieſen und dem Zwerge, die zuſammen auf Abenteuer auszogen⸗ Dennoch ging das Unternehmen— Dank der unermüdlichen Thätigkeit und dem induſtriellen Genie Peters— verhältnißmäßig gut in den näch⸗ ſten Jahren und Peter wäre ganz zufrieden geweſen, wenn er nicht 92 Die von Hohenſtein. die traurige Entdeckung gemacht hätte, daß der Lohn für alle Opfer, die er dem Glück und der Zufriedenheit ſeiner Schweſter gebracht hatte, eine täglich größer werdende Entfremdung zwiſchen ihm und eben dieſer Schweſter war. Nicht, daß Margareth gefliſſentlich un⸗ dankbar geweſen wäre! gewiß nicht; aber Differenzen zwiſchen Arthur von Hohenſtein und Peter Schmitz blieben leider nicht lange aus. Der junge Edelmann hatte ſich mit einer Schnelligkeit, die Alle, und Petern ſelbſt am meiſten, überraſchte, in der neuen Sphäre zurecht gefunden; aber die langſame, nüchterne, ſtetige Arbeit behagte ihm weit weniger, als die ſchnelle, aufregende, müheloſe Spekulation, bei der es hauptſächlich auf das trügeriſche Glück ankam, das er in ſeinem früheren Leben am Pharaotiſche ſo oft— diesmal vergeblich, und das andere Mal mit Erfolg— angerufen hatte.„Was wollen wir uns Jahre lang placken um etwas, was wir in vierundzwanzig Stun⸗ den erreichen können!“ war ſeine ewige Rede, und unabläſſig drängte er ſeinen Schwager zu Unternehmungen, bei denen viel zu gewinnen, freilich aber auch Alles zu verlieren war, und auf die Peter, der keinen Groſchen mehr in der Taſche haben mochte, als er ſich erar⸗ beitet habe, weder eingehen wollte noch konnte. Wenn es dann im Geſchäft einmal weniger gut ging, wenn die Papierpreiſe ſielen, oder ſonſt unglückliche Conjuncturen eintraten, ſo machte Arthur ſeinem Un⸗ muth über ſeinen Schwager in bittern Reden gegen Margareth Luft. „Bedanke Dich dafür bei Deinem Bruder, der ja durchaus ein Bett⸗ ler bleiben will. Freilich: Bourgevis bleibt Bourgevis, der Muth lernt ſich nicht, wie er ſich nicht verlernt.“ Dieſe Verſchiedenheit in der Auffaſſung des geſchäftlichen Lebens führte zuletzt zu einem offenen Bruch zwiſchen den Compagnons, und zwar unter Umſtänden, die in den Augen Peter Schmitz', und auch wohl jedes rechtlich Denkenden, einen ſchweren Makel auf den Cha⸗ rakter des zum Geſchäftsmann gewordenen Edelmannes warfen. Arthur hatte ſich ohne Peters Wiſſen auf eigene Rechnung und Gefahr in eine Spekulation eingelaſſen, die außerordentlich glücklich ausfiel und ihn mit einem Schlage mindeſtens zu einem wohlhabenden Manne machte. Peter wußte von der ganzen Sache nichts und Arthur kündigte den Contract mit dem Schwager in dem Augenblicke, Erſter Band. 93 als er den günſtigen Ausgang ſeines Börſenſpiels erfahren, indem er eine ſchon ſeit längerer Zeit zwiſchen ihm und Peter ſchwebende Diffe⸗ renz gefliſſentlich auf die Spitze trieb, und als den vſtenſiblen Vor⸗ wand ſeines Schrittes benutzte. Der Verrath war um ſo ſchwärzer, als er in einem Augenblick ausgeführt wurde, wo in Folge der Juli⸗ Revolution in Frankreich der Credit auch in Deutſchland ſtark er⸗ ſchüttert war und die Angelegenheiten der Firma ſehr ſchlecht ſtanden. Natürlich ließ die Welt den glücklichen Spieler die Unredlichkeit ſeiner Handlungsweiſe keineswegs entgelten; ſondern zog in dieſem, wie in jedem anderen Falle, vor dem Erfolge den Hut ab. Es dauerte nicht lange und Arthur von Hohenſtein war einer der reſpec⸗ tabelſten Männer der Stadt. Zwar die Thüren des Adels blieben ihm nach wie vor verſchloſſen; aber mit um ſo offeneren Armen wurde er von der Bourgeviſie willkommen geheißen. Der Liberalismus war damals an der Tagesordnung und indem Arthur von Hohenſtein, gereizt durch die unerbittliche Härte ſeiner Standesgenoſſen und be⸗ ſonders durch die conſequente Mißachtung, die er von ſeinen Brüdern erfahren mußte, eine billige Freiſinnigkeit gefliſſentlich zur Schau trug, verſchaffte er ſich auf die bequemſte Weiſe von der Welt den Ruf eines beſonders wohlmeinenden, geſinnungstüchtigen Mannes. Daß Herr von Hohenſtein nur aus der Noth eine Tugend gemacht habe, daran dachte man nicht; es ſchmeichelte dem breitſchultrigen, behäbigen Bourgevis, daß ſich die ſchmale weiche Hand eines Herrn⸗Von mit ſo warmem Druck in ſeine plumpen, rauhen Hände legte. Man er⸗ wählte ihn zum Stadtverordneten, und als bald darauf ein Platz im Stadtrath Wecant wurde, ruhte man von Seiten der Bürgerſchaft nicht eher, als bis der liebe, freundliche Mann, der es ſo gut mit dem Bürger meine, in die leere Stelle eintrat. Die Regierung, welche wohl wiſſen mochte, was von dem Liberalismus eines Herrn von Hohenſtein im ſchlimmſten Falle zu fürchten ſei, beſtätigte, ohne Anſtand zu nehmen, die Wahl der Bürger. Während Arthur von Hohenſtein die Kaſtanien der Volksgunſt und einer angeſehenen einträglichen Stellung verhältnißmäßig ſo mühelos verzehrte, plackte ſich der Mann, der ihm die ſüßen Früchte aus dem Feuer geholt hatte, in alter Weiſe ohne einen andern Lohn, 94 Die von Hohenſtein. als den, welchen ein ruhiges Gewiſſen zu gewähren vermag. Peter Schmitz hatte bald nach Margarethens Verheirathung ſeine Schweſter Bella zu ſich genommen, aber ein ſo treffliches, durch und durch braves Weſen Bella war, und mit wie großer Liebe ſie an dem über Alles geliebten Bruder hing, ſie konnte ihm die Verlorene nicht erſetzen. Dazu kam, daß die Geſundheit des armen Mädchens in der viel⸗ jährigen Sclaverei, die ſie hatte erdulden müſſen, gänzlich erſchüttert war, und Peter, anſtatt einer kräftigen Stütze, die er in ſeiner großen Wirthſchaft ſo nothwendig brauchte, eine Kranke in's Haus bekam, die ihrerſeits der Pflege und der Schonung um ſo mehr bedurfte, als ihr Gemüth faſt noch mehr als ihr Körper gelitten hatte. Tros einer Menge guter, ja ausgezeichneter Eigenſchaften quälte ſie ſich und ihre Umgebung durch ihren Peſſimismus und ihre krankhafte Reizbarkeit, und den armen Peter insbeſondere noch durch ihre Eiferſucht. Sie konnte es dem Bruder nicht vergeben, daß ſein Herz nach wie vor mit einer, in ihrer unerſchütterlichen Treue rührenden Liebe an Mar⸗ garethen hing. Nebenbei, um doch ja keine Ruhe zu haben, fürchtete ſie fortwährend, er werde ſich in ſeiner gutmüthigen Blindheit ge⸗ legentlich einmal von irgend einer liſtigen Kokette fangen laſſen, und ſah in jedem hübſchen Mädchen der Nachbarſchaft, das ſich unterſtand, freundlich gegen ihn zu ſein, eine Prätendentin auf den erſten Platz an ſeinem Tiſch. Der arme Peter! er hatte wahrlich auch die Zeit, auf Freiers⸗ füßen einherzuhüpfen! hatte ſo gar wenig Sorgen, daß er ſo großes Verlangen trug, eine recht gründliche dazu auf ſich zu nehmen! Bella ſelbſt wußte am beſten, wie ſauer es ſich Peter werden laſſen mußte, um ſein Geſchäft im Gang zu erhalten und dabei dem Bruder Eugen in ſeinen Nöthen beizuſtehen. Bruder Eugen nämlich hatte, nachdem er die Sträflingsjacke ausgezogen, ſich ſeiner alten Beſchäftigung, dem Maſchinenbau, wieder zugewandt, war Werkführer in einer Fabrik geworden, hatte ſich die Gunſt ſeines Prinzipals und die Liebe von ſeines Prinzipals Tochter zu erwerben gewußt, war Theilnehmer und endlich, nach ſeines Schwiegervaters bald darauf erfolgtem Tode, alleiniger Inhaber des Geſchäftes geworden. Aber Eugen Schmitz ging es wie„Unſtern, Erſter Band. 95 dem guten Jungen.“ Es wäre ihm Alles in der Welt gelungen, wenn nicht Alles zufällig ganz anders gekommen wäre, als es zu Eugens Heil hätte kommen müſſen. Andere Maſchinenbaufabriken muchſen wie Pilze in ſeiner unmittelbaren Nachbarſchaft in die Höhe, und Eugen, der mit einem geringeren Kapital arbeiten mußte, konnte die Konkurrenz nicht aushalten. Er kam immer mehr in ſeinem Ge⸗ ſchäfte zurück und zuletzt— nun zuletzt mußte natürlich wieder der Peter d'ran. Peter ſchaffte Rath, Peter ſchaffte Geld, und wenn Eugen dem Rathe ſeines um Vieles intelligenteren Bruders eben ſo willig gefolgt wäre, als er ſein Geld willig nahm, ſo hätte noch Alles gut gehen können. Aber Eugen war waghalſig, gutmüthig, leicht zu übervortheilen und ſein Geſchäft wurde für Peter zu einem Danaidenfaß, das alle ſeine mühſam gemachten Erſparniſſe mitleidslos verſchlang. Die einzige Freude, die Peter hatte, wenn ihn eine der periodiſch eintretenden Calamitäten ſeines Bruders nach Thüringen führte, war Eugens einziges Kind, ein liebliches, herziges Mägdelein, Ottilie mit Namen, das von dem rheinländiſchen Vater das dunkle Haar, von der früh verſtorbenen Mutter die großen blauen, lieben deutſchen Augen geerbt hatte, und dem Onkel Peter jedesmal, wenn er kam, mit ihrer leichten ſchlanken Geſtalt immer höher au's Herz hinauf, und mit ihrem anmuthigen, fröhlichen Weſen immer tiefer iu's Herz hinein wuchs. Die Jahre kamen und gingen mit ihrem unhörbaren Schritt, der ſo leiſe auftritt und doch ſo tiefe Spuren hinterläßt. Das alte Haus in der Ufergaſſe war zwar noch ein wenig mehr zuſammen⸗ geſunken und ſeine Scheiben waren noch— wenn das möglich war— etwas blinder geworden, ſonſt aber hatten die beiden letztverfloſſenen Jahrzehnte keine weſentliche Veränderung in ihm und an ihm hervor⸗ gebracht. Deſto größer waren die Wandlungen, die mit ſeinen Be⸗ wohnern unterdeſſen vorgegangen waren. Peter Schmitz' Geſicht zeigte zwei tiefe gerade Falten, die von der Naſenwurzel perpendiculär in die gerade, niedrige Stirn hineinliefen, und verſchiedene andere um die viel feſter als ſonſt geſchloſſenen Lippen. Dazu war ſein, noch immer mächtig ſtarkes, ſtarres Haupthaar ganz grau geworden. Tante Bella wurde in Folge deſſen freilich etwas weniger als ſonſt 96 Die von Hohenſtein. von dem Gedanken gequält, der vierzig und einige Jahre alte Peter werde eines Tages einen Schritt thun, der ihn, nach ihrer Ueber⸗ zeugung, für die übrige Zeit ſeines Lebens unbedingt zum Unglück⸗ lichſten der Menſchen machen müßte; aber deſto mehr litt ſie von rheumatiſchen und gichtiſchen Anfällen und dabei war ihre Eiferſucht gegen Margarethen die alte geblieben, trotzdem ſchon ſeit geraumer Zeit die Spannung zwiſchen dem Stadtrath und Petern ſo groß war, daß die Geſchwiſter ſich kaum noch ſahen, und ſelbſt Wolfgang, der ſich in dem großen alterthümlichen Hauſe in der Ufergaſſe ſtets ſehr wohl gefühlt hatte, immer ſeltener kam, beſonders, ſeitdem er in der nahen Univerſitätsſtadt ſeinen Studien oblag. Hätte Peter die Schweſter ganz glücklich gewußt, er würde dieſe Entfremdung und Trennung nicht leicht, aber doch leichter ertragen haben; aber Peter hatte verſchiedene, ſehr gewichtige Gründe, an dem Glück Margarethens zu zweifeln. Erſtens war und blieb er im Grunde ſeiner Seele der Meinung(die er freilich gegen Niemand äußerte), daß kein Menſch ſeine Schweſter ſo lieben, ſo verſtehen könne, wie er— am wenigſten aber ihr eigener Gatte. Peter konnte Alles verzeihen, nur keine Unredlichkeit, und einer ſolchen hatte in ſeinen Augen ſein Schwager ſich gegen ihn zu Schulden kommen laſſen. Ein unredlicher Mann aber, meinte Peter, könne nicht lieben, denn Liebe und Wahrheit, meinte Peter, das ſei ja im Grunde daſſelbe. Und dann war ſeinen ſcharfen Augen nicht entgangen, wie der melan⸗ choliſche Zug in Margarethens noch immer ſchönem Antlitz im Laufe der Jahre deutlicher und deutlicher hervorgetreten war, und ſeine ſcharfen Ohren hatten in den ſeltenen Zuſammenkünften mit ſeiner Schweſter manchen jener leiſen Seufzer vernommen, die dem Bufen eines Jahre lang Unglücklichen, ohne daß er ſelbſt es weiß, entſteigen. Was Petern aber noch mehr als Alles das quälte, waren die ſchlimmen Gerüchte, die in gewiſſen Kreiſen über die Art und Weiſe⸗ wie Herr von Hohenſtein ſeine Geſchäfte betrieb, und über die ſchwan⸗ kenden Vermögensverhältniſſe deſſelben im Umlauf waren. Nicht daß man den Stadtrath irgend einer offenbaren„Unredlichkeit geziehen hätte! aber man flüſterte ſich in die Ohren, daß er ſein Geld, wenn er welches habe, oft zu ſehr hohen Zinſen ausleihe, und, wenn er Erſter Band. 97 keins hätte und welches brauchte(was noch öfter vorkommen ſollte), zu allerhand Manipulationen ſeine Zuflucht nehme, auf die ſich ein ſolider Geſchäftsmann ein für allemal nicht einläßt. Auch ſagte man, daß er ausſtehende Schulden mit großer Energie einzutreiben wiſſe, dabei aber mit der Bezahlung ſeiner Rechnungen es durchaus nicht eilig zu haben pflege. Man zuckte die Achſeln, wenn man über den Stadtrath ſprach, und ein jedes ſolches Achſelzucken war ein Dolch⸗ ſtich in Peters Herz, denn er dachte dabei weniger an ſeinen Schwager, als an ſeine Schweſter, und es war ihm jedesmal, als ob nicht über ſenen, ſondern über dieſe gerichtet würde. So kam das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig heran und brachte für Peter neues Leben und neue Arbeit. Er hatte von jeher, wie das bei einem ſo redlichen, wohlmeinenden und energiſchen Manne auch wohl nicht anders ſein konnte, den liberalen Beſtrebungen ſeiner Zeit von ganzem Herzen angehangen und ſich ſchon ſeit Jahren mit dem Gedanken getragen, die nun ſchon ſo lange feiernden Preſſen in dem Hinterhauſe im Dienſte dieſer Beſtrebungen wieder in Gang zu bringen. Das Jahr achtundvierzig brachte endlich den Plan zur Aus⸗ führung. Es fanden ſich jetzt mit leichter Mühe wohlhabende Männer, die doch auch etwas für die allgemeine Sache thun wollten, und in acht Tagen war durch Actien die Summe, welche Peter haben mußte, aufgebracht. Ebenſo ſchnell fand ſich ein Redacteur en chef für den „Volksboten“, in der Perſon von Peters langjährigem Freunde, dem Doctor Bernhard Münzer. Der achtzehnte März traf Redacteure, Expedienten, Setzer, Drucker— das ganze Perſonal ſchon in voller Thätigkeit, und Peter Schmitz rieb ſich vergnügt die Hände,— ſeit langer, langer Zeit zum erſten Male!—„weil der Volksbote nicht hinter dem großen Ereigniſſe hergehinkt, ſondern im Gegentheil das nothwendige Eintreten deſſelben aller Welt voraus verkündet habe.“ Da, als Peter etwa einen Monat ſpäter, in Mitten der Wahl⸗ agitationen für Mainſtadt und die Reſidenz, nicht wußte, wo er trotz der zwanzig Arbeitsſtunden ſeines Tages(Petern genügten von jeher vier Stunden Schlaf) die Zeit für ſeine vielen Geſchäfte als Zeitungs⸗ verleger, Vice⸗Präſident des demokratiſchen Vereins, Mitglied wer Fr. Spielhagen's Werke. VII. 7 98 Die von Hohenſtein. weiß wie vieler Comitees für wer weiß wie viel verſchiedene Zwecke hernehmen ſollte, kam eine Botſchaft aus Thüringen, die Petern ſehr erſchütterte, und ihn ſich eilig dorthin auf den Weg machen ließ. Der Unſtern nämlich, welcher von jeher über Bruder Eugens Haupte hingezogen war, hatte endlich ſeinen Culminationspunkt er⸗ reicht und war dann plötzlich für immer untergegangen— Bruder Eugen aber leider mit. Als er eines ſchönen Morgens in ſeiner Fabrik ſtand und mit ſeinem Werkführer von dem erſichtlichen Auf⸗ ſchwung, den das Unternehmen ſchon ſeit einiger Zeit genommen hatte, heiter ſchwatzte, war er dabei dem Rade zu nahe gekommen, das ihn tückiſch am Rockſchvoß packte und in das Werk ſchleuderte, das ihn in einem Umſchwunge zermalmte. Ottilie war glücklicher Weiſe auf einige Tage bei einer Bekannten auf Beſuch, als man ihres Vaters zerſtückelte Gliedmaßen aus den unnahbaren Armen der Maſchine loslöſte. Der Werkführer— ein redlicher Mann, Rheinländer von Geburt, und Petern wohlbekannt— ſchrieb ſogleich an dieſen letzteren⸗ cheilte ihm das gräßliche Ereigniß mit und bat ihn, ſobald und ſo ſchnell, als es ihm irgend möglich ſei, herüber zu kommen, da ſeine (Peters) Anweſenheit wohl in jeder Beziehung wünſchenswerth ſein dürfte. Peter, der nur zu wohl wußte, was mit dem unterſtrichenen „jeder“ gemeint war, ſteckte ſo viel Geld zu ſich, als er irgend aus ſeinem Geſchäfte herausnehmen konnte, traf mit Dr. Münzer in aller Kürze die nöthigſten Verabredungen, ſagte Schweſter Bella; er hoffe in höchſtens acht Tagen mit Ottilie zurückzukommen und ſie möge ja vafür Sorge tragen, daß Margareth den Tod des Bruders nicht anvorbereitet erfahre. Bella weinte und beſchwor Peter, auf der Reiſe unter keinen Umſtänden die flanellene Unterjacke abzulegen, auch daran zu denken, daß Ottilie ſich auf der Eiſenbahnfahrt recht warm anziehe, und, mit dieſen Verhaltungsmaßregeln ausgerüſtet, reiſte Peter ab. W Elftes Capitel. Es war am Abend deſſelben Tages und in derſelben Stunde, in welcher Wolfgang ſich von dem Schulmeiſter Balthaſar Schmalhans an der Pforte des Parkes verabſchiedete, als Tante Bella— ſo nannte ſie Jung und Alt in der ganzen Nachbarſchaft— in ihrer Stube mit einer Stickerei beſchäftigt am Fenſter ſaß. Draußen wölbte ſich der hellblaue Frühlingshimmel über den vom letzten Abend⸗ ſonnenſchein roſig beleuchteten Dächern, Giebeln und Schornſteinen des Hüuſergewimmls in der alten Rheinſtadt; aber die Ufergaſſe war ſchmal, und in dem tiefen, niedrigen Zimmer dunkelte es bezits ſtark; nur der Platz unmittelbar am Fenſter, wo Bella ſaß, mct 7 Koch ziem⸗ lich hell, und dem, welcher jetzt in die Stube getreten wäre, witte Tante Bella in der allerbeſten Beleuchtung erſchienen ſein. Tante Bella hatte durchaus Uichts dagegen, den Leuten im günſtigſten Lichte zu erſcheinen, denn ſie war, trotz ihrer achtundvierzig Jahre, keines⸗ wegs ganz über die Eitelkeiten der Welt hinaus. Sie hatte das dunkle Schmitz'ſche Haar und die dunklen, lebhaften Schmitz'ſchen Augen, die allerdings bei ihr ziemlich in die Höhlen geſunken waren, und deren Glanz Krankheit und Kummer längſt verwiſcht hatten. Aber man ſah es dieſen halb von den Lidern bedeckten Augen an, daß ſie vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren ſehr groß und ſchön und ausdrucksvoll geweſen ſein mußten, und noch jetzt, wenn Tante Bella — was ſehr häufig geſchah— von Zorn oder Freude lebhaft erregt war, flammte in ihnen ein Widerſchein von dem alten Feuer auf. Beſonders aber hörte es Taute Bella gern, wenn man ihre Geſtalt, die in der That noch ganz überraſchend jugendlich ſchlank und elegant war, gebührend pries, und es war überhaupt nicht zu leugnen, daß die gute Dame in großer Toilette, zumal aus einiger Entfernung ge⸗ ſehen, noch immer eine angenehme Erſcheinung genannt werden mußte. Heute freilich hatte Tante Bella keine Zeit gehabt, große Toilette zu machen. Peter hatte geſchrieben, daß er morgen früh mit Ottilie 100 Die von Hohenſtein. kommen werde, und Tante Bella, die ihn einen Tag ſpäter erwartete, hatte alle Hände voll zu thun gehabt, die nöthigen Einrichtungen zu treffen, mit welchen ſie in Folge eines großen Scheuerfeſtes und anderer heroiſcher häuslicher Thaten, zu deren Ausführung ſie die Abweſenheit ihres Bruders benutzt hatte, etwas in Rückſtand gekom⸗ men war. Tante Bella nämlich hatte den thatendurſtigen, energiſchen Charakter ihres Bruders und ließ nicht gern eine Spanne Zeit un⸗ benutzt; in dieſen Tagen nun vorzüglich hatte ſie ſich ihren Kummer um den Tod des Bruders und die Sorgen um die alte arme ver⸗ waiſte Ottilie, die ſie nur einmal vor zehn Jahren als achtjähriges Kind geſehen, wegzuarbeiten geſucht, Das war ihr denn auch zum Theil gelungen; darüber ſie eins andere Arbeit liegen laſſen, die ſie für heute Abend ertig zu machen veßſprochen hatte, und die alſo heute Abend fertig werden mußte, de Tantt Belg⸗hielt unverprichlich ihr Wort, und⸗päs war det Grund, weshalb it jetzt im en Abendlicht, die hellblaue Brille auf der Naſe, ſo nahe als unöglich an's Fenſter gerückt, mit ſolchem Eifer an ihrer Stickerei nähte. Mit Tante Bella's Stickerei⸗Arbeiten helte es eine eigene Be⸗ andtniß. Sie ſtickte unglaublich viel, zu jeder Tageszeit, in jeder Minute, die ſie ſich von ihren andern Arbeiten abmüßigen konnte; aber ſie ſtickte nicht zu ihrem Vergnügen, auch nicht um Andern— wenigſtens nicht direct— ein Vergnügen damit zu bereiten— Tante Bella ſtickte für Geld. Das war aber ein großes und— wie die gute Dame glaubte— für die Augen jedes vom Weibe Geborenen undurchdringlich tiefes Geheimniß. Nur ihr Bruder Peter wußte officiell davon. Zu ihm hatte ſie nämlich eines Tages, nicht lange, nachdem ſie zu ihm gezogen wek geſagt:„Es iſt nicht recht, Peter, daß Du für uns Alle arbeiteſt. Du haſt ſchon Sorgen geüng, und es drückt mir das Herz ab, daß ich Dir auch nun noch zur Laſt fallen ſoll. Ich will mir nach wie vor meinen Lebensunterhalt ſelbſt verdienen. Ich habe freilich nichts gelernt, denn das bischen Fran⸗ zöſiſch, das ich einmal in der Schule gewußt, habe ich längſt wieder vergeſſen, und ich bin zu alt, um wieder von vorn anzufangen. Mein Gedächtniß iſt jämmerlich geworden; ich habe geſtern über einer Seite Vokabeln vier Stunden geſeſſen und heute weiß ich keine einzige mehr. Erſter Band. 101 Aber ich habe früher recht gut geſtickt und habe viel Farbenſinn und auch ſonſt Geſchmack; und ich will für Geld ſticken.“ Darauf ent⸗ wickelte ſie Peter den Plan, den ſie ſich ausgedacht hatte: wie ſie für eine Wollſtickereihandlung arbeiten wolle, aber nicht unter ihrem Namen, denn das könnte Petern in ſeinem Geſchäfte Nachtheil brin⸗ gen, wenn die Leute ſagten: er könne ſeine eigene Schweſter nicht aus ſeiner Taſche erhalten,— ſondern unter dem Vorwande, dieſe Stickereien würden von einer vornehmen Dame, die in ihren Ver⸗ hältniſſen zurückgekommen ſei, angefertigt, und ſie(Fräulein Bella Schmitz) habe es nur übernommen, die Mittelsperſon zwiſchen eben dieſer vornehmen Dame und der Firma„Marie Blad, vormals Gärtner“ zu ſein. Peter Schmitz chthn auf, als ihm Bella dieſen ihren Ent⸗ ſchluß mittheilte und ſagte:„ſie ſei nicht klug; ſie helfe ihm— wenn doch einmal zwiſchen ihnen abgerechnet ſein ſolle— in ſeinem Haus⸗ halt dreimal ſo viel, als irgend eine Wirthſchafterin, die er mit theuerem Gelde bezahlen müſſe, und überdies ſei er glucttnweiſe noch immer ſo geſtellk, daß die einzige Schweſter, die ihm geblieben — hier ſeufzte Peter leicht und fuhr ſich mit der Hand durch ſein. Haar— leben könne, ohne daß ſie ſich an den verdammten Stickereien die Augen aus dem Kopfe ſehe. Uebrigens, wenn ſie es durchgus wolle, ſo möge ſie es immerhin verſuchen, ſie werde es bald genng ſatt bekommen.“ ₰ Aber in dieſem letzten Punkte irrte ſich Peter ſehr, wie er denn überhaupt merkwürdigerweife für die Charaktereigenthümlichkeiten ſeiner ihm in jeder Hinſicht viel ähnlicheren Schweſter bei weitem peniger Verſtändniß und Anerkennung hatte, als für die feineren Züge von Margarethens idealiſcherer, aber lange nicht ſo kraftvollen und be⸗ deutenden Natur. Bella hielt den einmal ergriffenen Plan mit der⸗ ſelben zähen Energie feſt, mit welcher ihr Bruder ſeine Pläne zu verfolgen gewohnt war; und ebenſo feſt, vielleicht noch feſter hielt ſie die Maske der Anonymität gegenüber der Handlung, welche ſie be⸗ ſchäftigte, gegenübet aller Welt, trotzdem alle Welt wußte, wie es ſich damit verhielt. Es war ganz unglaublich, welche Anſtrengungen Tante Bella machte, ihr von Jedermann durchſchautes und ſtreng 102 Die von Hohenſtein. reſpectirtes Geheimniß zu wahren; unglaublich, zu welchen und zu wie vielen Lügen dieſes gute Geſchöpf, das die Ehrlichkeit und Geradheit ſelbſt war, ihre Zuflucht nahm. Sie ſtritt ſich mit der Directrice des Stickerei⸗Geſchäfts um einen Groſchen mehr oder weniger, weil ſie es nicht verantworten könne, daß die geheimnißvolle vornehme Dame um geringeren Lohn arbeite; ſie erfand, um die Bekannten, die in das Haus kamen, zu täuſchen, Verwandte in Amerika, Auſtralien, China, für deren unzählige Söhne ſie all die unzähligen Notizbücher, Cigarrenetuis, Tabaksbeutel, Reiſetaſchen u. ſ. w. ſtickte; ſie war ein⸗ mal Mitglied eines Vereins, welcher ſich die Altäre der Kirchen am Cap der guten Hoffnung mit Decken zu verſehen vorgenommen hatte; ein anderes Mal Mitglied eines andern, lcher den Waiſenkindern bei ihrer Entlaſſung aus der Anſtalt geſtidte Morgenſchuhe verehrte, um ſo gleichſam ſymboliſch anzudeuten, daß ihre Wanderung durch's Leben ſanft ſein möge. Wenn Tante Bella wieder einmal ſo eine Nothlüge erfunden hatte, und ihr Gewiſſen darüber in Unruhe gerieth⸗ genügte ein Blick auf das verwitterte, ſteinerne Wappen über der Hausthür, ihr die verlorene Sicherheit wieder z0 geben. Wenn dieſes kaum noch erkennbare Wappen nicht das Wappen der Familie Schmitz war, in deren Beſitz ſich das Haus ſchon ſeit über einem Jahrhundert befand— welcher Familie gehörte es denn? Niemand wußte das zu ſägen, und bis Tante Bella'n Jemand dieſe Antwort genügend ander⸗ Witig löſte, nahm ſie an, daß es ihr— das Schmitz'ſche— Wappen ſei. Für die Tochter aber einer ſo alten Patricierfamilie, meinte Tante Bella, ſei eine Lüge verzeihlicher, als die beſchämende Wahr⸗ heit, daß ſie für die Firma:„Marie Blad, vormals Gärtner“ um 6 5 ſchnöden Lohn wie eine gewöhnliche Stickerin arbeite. Tante Bella ſaß alſo am Fenſter und nähte mit brennendem Eifer an dem Canevas, welchen die geheimnißvolle Dame bis heute Abend vor dem Geſchäftsſchluß zu füllen verſprochen hatte. Ihr Eifer war um ſo größer, als die Sonne bereits längſt hinter den Giebel des gsgenüberſtehenden Hauſes geſunken war, und Tante Bella bei Licht e Schattirungen der Farben nicht mehr gut unter⸗ ſcheiden konnte. Den Kopf tief herabgebeugt, blickte ſie durch die Brille, die mit jedem Augenblick tiefer auf die Naſe ſank, auf die —,——————— Erſter Band. 103 unglückliche Arbeit, die heute gar nicht aus der Stelle kommen wollte, und dabei gingen ihr gar viele Gedanken durch ihren allzeit geſchäf⸗ tigen Kopf. Sie dachte an den furchtbaren Schreck, den die arme Ottilie gehabt haben müſſe, als man ihr ſagte: der Vater ſei todt und ſie könne ihn nicht mehr ſehen; ſie dachte, wie ihre Schweſter Margareth wohl die Nachricht aufgenommen haben möge, und ob ſie (Bella) nicht doch wohl beſſer gethan hätte, geſtern Abend zu der Schweſter ſelbſt hinzuhehen, anſtatt ihr nur zu ſchreiben. Seltſam genug, daß Margareth nicht einmal auf die Nachricht hin ſie beſucht hatte!„Ich glaube, wir Alle ſind ihr jetzt gleichgültig, und doch war ſie früher ein ſo ſanftes, gutes, liebevolles Kind.“ Dann dachte Tante Bella an Peters flanellene Unterjacke, die er bei dem warmen Wetter ohne Zweifel ausgezogen hatte, wovon ein fürchterlicher Rheumatismus die ganz ſichere, ein Nervenfieber, Typhus, vielleicht ſein Tod die mögliche Folge ſein werde. Dann dachte Tante Bella: was wohl aus ihr und aus der armen Ottilie werden ſollte, wenn der arme Peter wirklich ſtürbe, das alte Haus verkauft würde, und ſie und Ottilie hinaus müßten in die Fremde, und wenn dann die Gicht ihr vollends in die Hände träte, ſie nicht mehr arbeiten könnte, in's Spital müßte, im Spital ſterben müßte, ſecirt, oder— Schrecken aller Schrecken!— nicht ganz geſtorben, nur ſcheintodt wäre und lebendig begraben würde! im Grabe erwachte, den ſchweren Sarg⸗ deckel dicht über ſich fühlte, wüßte, daß ſechs Fuß Erde noch darüber lägen, und ihre Angſtrufe in der dumpfen Grabesnacht mit ihr ſelbſt erſtickten! Tante Bella vertiefte ſich ſo lange in dieſes entſetzliche Bild, bis ſie zu ihrem Schrecken wahrnahm, daß ſie in der Zerſtreuung eine falſche Schattirung genommen habe und in Folge deſſen die Arbeit der letzten zehn Minuten vergeblich geweſen ſei. Sie nahm die Brille, wie in Verzweiflung, von der Naſe und ließ die Arbeit in den Schoß ſinken.„Ich bin zum Unglück ge⸗ boren,“ ſagte ſie ärgerlich;„mir mißlingt Alles, Kleines, wie Großes. Sonſt, wenn ich ſie nicht brauchen kann, kommen ſie ſchaarenweiſe zu einem, und heute läßt ſich Niemand ſehen, nicht einmal Clärchen, die ſo geſchickte Hände und ſo ſcharfe Augen hat. Es iſt grauſam!“ 104 Die von Hohenſtein. In dieſem Momente wurde die nach dem Flur führende Thür geöffnet, und eine fanfte, melodiſche Stimme fragte:„Darf ich näher treten?“ „Clärchen!“ rief Tante Bella,„Gott ſei Dank! Kommen Sie nur geſchwind herein, Clärchen, und legen Sie ab. Sie müſſen mir bei dieſer abſcheulichen Arbeit helfen. Wollen Sie?“ „Können Sie fragen, Tante Bella?“ ſagte Clärchen Münzer, legte Hut und Umſchlagetuch ab, ſtrich ſich mit den Händen über das ſchlichte, in Flechten geordnete Haar und ſetzte ſich Bella gegenüber in's Fenſter. Zwölftes Capitel. „So, nun geben Sie nur her!“ ſagte Clärchen, als Bella ſie von dem Verſehen, das ſie begangen, unterrichtet hatte;„ich komme damit ſchneller zu Stande, wenn Sie mich allein arbeiten laſſen, und ich weiß, dies Dämmerlicht iſt nichts für Ihre Augen.“ Tante Bella ließ nach einigem Widerſtreben den Canevas los, nahm die Brille ab, lehnte ſich, der Ruhe bedürftig, in ihren Stuhl zurück und betrachtete mit Vergnügen die junge Frau ihr gegenüber, die mit wunderſamer Geſchicklichkeit die Nadel führte und nur von Zeit zu Zeit mit treuen, guten Augen zu der älteren Freundin aufſchaute. Clärchen Münzer war ein erklärter Liebling Tante Bella's; und es gab überhaupt wenige Leute, welche die ſtille beſcheidene Frau nicht gern gehabt hatten. Darin zwar kamen Alle überein, daß fie gar nicht hübſch ſei, nur ſehr gut gewachſen, mittelgroß und ſchlank. Ihr Haar war dunkel, aber nicht eben voll, ganz ſchlicht, und ſie trug es in anſpruchsloſen Zöpfen gepflochten; ihre grauen Augen blickten lieb und verſtändig, aber konnten ſchwerlich einen Poeten zu einem Gedicht begeiſtern; ihre Züge waren nichts weniger als regel⸗ mäßig, obgleich ſie, wohl in Folge der inneren Harmonie, dieſen Ein⸗ 5 Erſter Band. 105 druck machten; und was die Farben anbetraf, ſo konnte ſelbſt Tante Bella nicht leugnen, daß dieſelben beſſer geweſen ſein würden, wenn Clärchens Geſicht etwas weniger Sommerſproſſen gezeigt hätte.„Das iſt ja aber Alles dummes Zeug,“ ſagte Tante Bella,„ich bin leidlich hübſch geweſen in meinen jungen Tagen, und was hat's mir denn geholfen? Die Hauptſache iſt, daß man das Herz auf dem rechten Flecke hat, und Clärchen Münzer hat das Herz auf dem rechten Flecke, und ich wollte nur, daß ich von gewiſſen Leuten daſſelbe ſagen könnte.“ „Wie Ihnen das von der Hand geht, Clärchen!“ ſagte Tante Bella. „Dabei iſt nichts zu verwundern,“ erwiderte Clärchen, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken,„ich verſtehe ja auch nichts weiter; aber müſſen denn die Schuhe noch heute Abend fertig werden?“ „Ach, liebes Clärchen,“ ſagte Tante Bella,„Sie wiſſen ja, dieſer abſcheuliche Waiſenhaus⸗Verein! In einer Woche ſollen wieder ein Dutzend Kinder entlaſſen werden, und ich habe dummer Weiſe ein halbes Dutzend Schuhe übernommen, die heute Abend fertig ſein und abgeſchickt werden müſſen. Gerade jetzt, wo ich ſo alle Hände voll habe! Ich werde nicht klug werden.“ „Hat Peter denn geſchrieben?“ fragte Clärchen, um dem Geſpräch eine für Tante Bella etwas weniger peinliche Wendung zu geben. „Ja; habe ich das Ihnen noch nicht geſagt? Er kommt morgen früh mit dem Sechs⸗Uhr⸗Zuge. Die ganze Nacht durch zu fahren, das iſt wieder einer von Peters tollen Streichen. Ich habe mich ſchon halb todt darüber geängſtigt. Sie wiſſen ja, wie gräßlich un⸗ vorſichtig er iſt. Wir können nur froh ſein, daß er nicht auch unter die Räder der Maſchinen gerathen iſt, wie der arme, arme Eugen...“ Hier füllten ſich Tante Bella's Augen mit Thränen; aber ſie hatte ſchon ſo viel über den Tod des Bruders geweint, daß ihr der Entſchluß, diesmal ſich nicht von ihrer Rührung überwältigen zu laſſen, wirklich gelang. „Und die arme Ottilie,“ fuhr ſie fort,„ich habe ſie nun ſeit zehn Jahren nicht geſehen; wie die ſich wohl verändert hat, das gute Ding! Ich glanbe, ich würde ſie gar nicht wieder erkennen, wenn ich ihr auf der Straße begegnete. Ach, Clärchen, ich will das arme 106 Die von Hohenſtein. Geſchöpf auch recht hegen und pflegen; ſie ſoll, was das anbetrifft, nichts verloren haben; Vater und Mutter zuſammen hätten ſie nicht mehr lieben können, als ich ſie lieben will. Glauben Sie das nicht?“ „Gewiß glaube ich es,“ ſagte Clärchen und blickte von ihrer Arbeit auf;„ich glaube es nicht nur, ich weiß es; und ich weiß auch, daß die hübſche Ottilie das häßliche Clärchen bei Tante Bella ver⸗ drängen wird, und ſo ſollte ich mich eigentlich gar nicht über Ottilie's Ankunft freuen.“ „Pfui! ſchämen Sie ſich, Clärchen, ſolche Reden zu führen!“ ſagte Bella,„ich habe in meinem Leben noch keinen Menſchen ver⸗ laſſen, wenn er mich nicht zuvor verrathen hat, und ſelbſt meiſtens dann noch nicht, und beſonders habe ich Niemand verlaſſen, der meiner bedurfte und der— na, Clärchen, glücklich ſind Sie nicht, obgleich Sie immer in Hitze gerathen, wenn ich mal ein Wort darüber ſage.“ Clärchen hatte die Arbeit wieder vorgenommen und nähte emſig, den Kopf tiefer als vorher niederbeugend. Nach einer Pauſe ſagte ſie leiſe und ohne aufzublicken: „Doch, Tante Bella, ich bin ganz glücklich; bitte, ſagen Sie nicht wieder, daß ich nicht glücklich bin.“ „Ach was, Clärchen, Wahrheit iſt ein Zeug, das man waſchen kann, wie man will, und das doch Farbe hält. Wenn ich Sie da⸗ durch glücklich machen könnte, daß ich den Mund hielte, ich würde ihn wahrhaftig nicht aufthun, aber im Gegentheil: ich meine, wenn man gerade heraus ſagt, wie es iſt, das iſt das Allerbeſte, und wenn Sie Ihrem Manne einmal die Wahrheit ſagen wollten, ſo könnte vas, däucht mir, auch nicht ſchaden.“ „Aber um Gotteswillen, Tante Bella, was ſollte ich ihm denn fagen?“ rief die junge Frau in ſichtbarer Verlegenheit. „Das ſollten Sie ihm ſagen,“ erwiderte Tante Bella eifrig, „daß man deshalb, weil man ein paar Bücher geſchrieben hat, noch nicht zu thun braucht, als wäre man nun ein Weſen aus beſſerem Stoff, als unſer Einer. Sie ſollten ihm ſagen, daß er ſich glücklich ſchätzen könnte, eine ſolche gute kleine Frau zu haben, wie Sie ſind, Clärchen, und ſo herzige Kinder, als Eure Kleinen;— nein, laſſen 6 Erſter Band. 107 Sie mich ausreden,— und dann ſagen Sie ihm auch noch bei der Gelegenheit, daß von Volksbeglückung und Volkswohl, und Gott weiß, von welchen Heldenthaten, immer den Mund vollnehmen, gar keine Kunſt ſei, ſondern daß Jeder wohl daran thäte, erſt einmal vor ſeiner Thür zu fegen, und daß ich nicht ſoviel auf all ſeine Volksbeglückerei gebe, wenn er ſeine liebe kleine Frau nicht glücklich machen kann.“ Clärchen Münzer war bei dieſer Rede bald blaß, bald roth ge⸗ worden und hatte nur mit größter Anſtrengung die Thränen zurück⸗ gehalten. Jetzt, nachdem Bella ausgeredet hatte, blickte ſie mit thränen⸗ feuchten Augen auf und ſagte mit ſanfter, vor Erregung zitternder Stimme: „Tante Bella, Sie wiſſen, wie lieb ich Sie habe, wie hoch ich Sie ſchätze, wie Sie meine einzige Freundin ſind, und wie viel Werth ich auf Ihre Freundſchaft und Liebe lege, aber gerade deshalb ſprechen Sie nicht ſo über Bernhard; ich kann, ich darf es nicht anhören; d wenn es wirklich wahr wäre, daß ich nicht glücklich bin, wollen Sie mir auch noch den Umgang mit Ihnen rauben?“ „Na, na!“ ſagte Tante Bella begütigend,„ſo ſchlimm war es nicht gemeint; man darf unter Freunden nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, ſonſt iſt's mit der Converſation bald zu Ende; und Sie wiſſen, daß ich von Münzer eine große Meinung habe, und er ver⸗ dient es ja auch, aber gerade deshalb muß er in dem Hauptpunkte Farbe halten, ſonſt hilft ihm, wie geſagt, all ſeine Gelehrſamkeit und Tüch⸗ tigkeit und Talent und Gott weiß, was ſonſt noch, nichts— rein gar nichts,“ ſagte Tante Bella, und dabei ſtrich ſie mehrmals haſtig mit der Fläche der rechten Hand über die der linken. „Aber was wollen Sie nur von Bernhard?“ rief Clärchen,„iſt er nicht gut gegen mich, ſehr gut, viel mehr, als ſo ein unbedeutendes Geſchöpf, wie ich, es verdient? Iſt er nicht die Liebe ſelbſt gegen die Kinder? Arbeitet er nicht für uns Tag und Nacht—“ Tante Bella zuckte die Achſeln.„Er arbeitet nur zu oft auch für andere,“ ſagte ſie,„und was ſchlimmer iſt, für Andere, die ihn gar nichts angehen, und was das Schlimmſte iſt, ihn hinterher für ſeine Gutmüthigkeit auslachen. Wie viel verſchenkt er jährlich an unglückliche Genies, die ihn anbetteln, und nun gar in dieſer letzten 108 Die von Hohenſtein. Zeit! Ich wollte nichts ſagen, wenn er ein reicher Mann wäre, aber ſo „Bernhard muß das thun,“ ſagte Clärchen mit großer Beſtimmt⸗ heit,„er iſt das ſeiner Stellung ſchuldig; er weiſt auch Viele ab, weil er nicht allen helfen kann; es möchte ja Niemand mehr, daß er's könnte, als ich.“ „Na, laſſen Sie's gut ſein, Clärchen,“ ſagte Tante Bella,„ich weiß, was ich weiß, und was ich mit meinen eigenen Augen ſehe, das laſſe ich mir nicht ausreden. Ich will nur wünſchen, daß Ihr Mann, ebenſo wie mein Bruder, nicht noch einmal das Opfer ihrer „Ueberzeugungen“, wie ſie es nennen, werden. Wie war's denn heute in der Stadt?“ „Ganz ruhig, und ich dachte deshalb, ob Bernhard nicht viel⸗ leicht, wenn er auf der Redaction fertig iſt, mit mir einen Spazier⸗ gang machen wollte; ich bin ſo lange nicht heraus geweſen.“ „Ich will einmal hinunterſchicken,“ ſagte Tante Bella. Clärchen wollte das nicht, aber Bella ließ ſich nicht abhalten. Das Dienſtmädchen brachte eine Empfehlung vom Dr. Münzer und er hätte gerade heute Abend ſehr viel zu thun; Frau Doctor möchte voch allein nach Hauſe gehen, aber bald; es würde heute Abend wahrſcheinlich etwas unruhig in der Stadt werden. „Wieder einmal!“ ſagte Tante Bella, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend,„können die Menſchen denn keinen Frieden halten? Was wollen ſie denn eigentlich? Der König hat ja Alles gewährt. Kom⸗ men Sie, Clärchen, ich will Sie nach Hauſe bringen; ich muß doch noch der Schuhe wegen aus. Fräulein Blad hat ſie mir zu beſorgen verſprochen; das liegt ganz auf Ihrem Wege. Warten Sie einen Augenblick, Clärchen; ich muß mich nur ein wenig anziehen; ich ſehe ja aus wie ein Waldteufel.“ Tante Bella verſchwand in einem Gemache nebenan, und Clärchen hörte während der nächſten fünf Minuten ein Dutzend Kaſten auf und zu ſchieben, zwiſchendurch höchſt energiſch mit Schlüſſeln raſſeln, denn Tante Bella war, obgleich für ihre Perſon von einer peinlichen Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Redlichkeit, voller Mißtrauen gegen Andere, zumal gegen die Dienſtboten, und verließ ihre Zimmer nie, ohne ſich ver⸗ —6 Erſter Band. 109 ſichert zu haben, daß jedes der beinahe unzähligen Schubfächer, in welchen ſie die Gegenſtände ihres altjüngferlichen Kleinkrams auf⸗ bewahrte, dem frechen Eingriff unbefugter Hände feſt verſchloſſen ſei. In dem Augenblicke, wo Tante Bella, den Kopf mit einem ver⸗ ſchollenen, breitkrämpigen Hut bedeckt, in der Thür ihres Schlafgemachs erſchien, brachte das Dienſtmädchen einen Brief von Peters Hand: „Wir kommen ſchon Freitag Abend mit dem Sieben⸗Uhr⸗Zuge. Beide wohl. Münzer ſagen laſſen. Au revcir! P.“ „Na, da haben wir's!“ rief Bella.„Ich wußte doch, daß mir heute Alles in die Quere geht! Wenn Peters Stube nur trocken wäre! Aber auch das nicht einmal! Ich kann nicht mit, Clärchen. Gehen Sie allein, Clärchen, und halten Sie ſich nirgends unterwegs auf, und wenn Sie bei Fräulein Blad vorbeikommen, geben Sie das Packet nur eben in den Laden hinein und ſagen: es käme von mir. Fräulein Blad weiß ſchon von Allem Beſcheid. Adieu, liebes Clär⸗ chen! Laſſen Sie ſich ja morgen ſehen! Adieu, liebes Kind!“ Und damit drängte Tante Bella die Freundin beinahe zur Thür hinaus, denn das Geſchäft von Fräulein Blad wurde um halb acht Uhr ge⸗ ſchloſſen. Tante Bella würde es ſich nie vergeben haben, wenn die bewußte vornehme Dame ein einziges Mal den Ablieferungstermin nicht eingehalten hätte. Clärchen Münzer hatte kaum das eine Ende der Ufergaſſe er⸗ reicht, als von der andern Seite eine Droſchke heranfuhr und vor dem Giebelhauſe mit den vorſpringenden Stockwerken ſtill hielt. Ein kleiner unterſetzter, grauhaariger Mann ſprang aus dem Wagen, warf einen ſchnellen prüfenden Blick auf das Haus, als wolle er ſich verſichern, daß noch Alles beim Alten ſei, und half dann einer jungen Dame aus dem Wagen, deren Schönheit die Magd, welche eben aus der Hausthür trat, die Sachen in Empfang zu nehmen, ſo in Er⸗ ſtaunen ſetzte, daß ſie auf des Herrn Frage:„wo zum Kukuk denn Fräulein Bella ſei?“ gar keine Antwort gab. Fünf Minuten ſpäter drang die Nachricht von der Ankunft des Herrn und des„jungen Fräuleins“ auch in Peters Zimmer, in wel⸗ chem Bella eben unter Beihülfe des ſchieläugigen Lehrjungen Fritz und der gutmüthigen Köchin Priscilla die durch das Scheuerfeſt 110 Die von Hohenſtein. geſtörte Ordnung mit Aufbietung aller ihrer Kräfte herzuſtellen be⸗ müht war. Tante Bella gab den Staubbeſen, mit welchem ſie eben handirte, dem Lehrjungen(der ein fürchterliches Geſicht hinter ihr her ſchnitt) und eilte die enge Treppe hinab in das Wohnzimmer. Die Thür aufreißen, die liebliche Ottilie in ihren Trauerkleidern ſehen, in Thränen ausbrechen, das ſchöns Kind unter Thränen wieder und wieder küſſen, war für die gute, warmherzige Tante Bella das Werk 6 weniger Augenblicke. ₰ „Na, laß es gut ſein, Bella,“ ſagte Peter. als nach einiger Zeit auch an ihn die Reihe kam, umarmt zu werden;„laß es gut ſein! Hilf Ottilie aus ihren Reiſ ekleidern und mach' es ihr be⸗ haglich. Ich muß in die Redaction vie 2 Peter Schmitz ſtreichelte der ſchönen Ottilie noch einmal mit väterlicher Zärtlichkeit die Wangen und eilte in die Redaction hinab. eter Schmitz hatte keine es ſich zu machen, wenn er n einer Reiſe nach Hauſe kan „— — Dreizehntes Capitel. „Guten Tag, ihr Herren, wie ſtehn die Sachen?“ ſagte Peter— Schmitz, als er raſchen Schrittes in das Zimmer getreten war. „Schlecht!“ ſagte Dr. Münzer, die Linke in Peters dargebotene Hand legend und mit der Rechten an dem arth den er unter der Feder hatte, weiter ſchreibend. 3 „Sieh da, Schmitzorum!“ ſagte Dr. Holm, ſi ſ. froh der Unter⸗ brechung in der leidigen Arbeit, auf der andern Seite des Tiſches aus ſeinem Stuhl erhebend und Peter entgegenhinkend;„proſtorum! wie geht's? glücklich zurück aus dem Land der dunkeltrotzigen Tannen? Und wo habt Ihr das Mägdlein, das Kind unglücklichſten Vaters?“ 1 „Haben Sie die Güte, Holm, noch eine Minute mit Ihren 3 ſchlechten Herametern zu warten, bis ich mit dieſem Artikel fertig* bin;“ ſagte Dr. Münzer. —6 Erſter Bant.„ 111 „Man ſchweige und ſchreibe weiter!“ ſagte Dr. Holm mit einer majeſtätiſchen Handbewegung zu ſeinem arbeitſamen Collegen hin, während er Peter Schmitz an's Fenſter zog und mit halblauter Stimme um die Ereigniſſe ſeiner Reiſe befragte. Das Redactionszimmer war ein mäßig großes, ziemlich niedriges, trotz ſeiner zwei nach dem Hof hinausgehenden Fenſter ſehr düſteres Gemach. Die alte, verräucherte, von den feuchten Mauern zum Theil ſich loslöſende Tapete war, im wunderlichen Widerſpruch mit dem ſonſtigen Charakter des Zimmers, mit Fruchtkörben, phantaſtiſchen Blumen und grotesken Vögeln bemalt— Alles nur noch zum Theil durch die Stockflecke und die Riſſe erkennbar. Die Ausſtattung des Gemaches war die einfachſte von der Welt: ein großer viereckiger, mit Papieren, Büchern, Schreibmaterialien bedeckter Tiſch in der⸗ Mitte, drei Lehnſtühle von Rohr und ein Repoſitorium für die alten Zeitungen. In einer zweiten Thür befand ſich ein kleines, mit einem Vorhang von verſchoſſener, grüner Seide halb bedecktes Fenſterchen, durch das man die Setzer an ihren Kaſten arbeiten ſah. Die Atmo⸗ ſphäre im Zimmer war trotz der geöffneten Fenſter ein eigenthümliches und keineswegs angenehmes Gemiſch von dem Dunſt friſcher Drucker⸗ ſchwärze und abgeſtandenem Tabaksrauch. „So!“— Dr. Münzer warf die Feder auf den Tiſch, reichte das noch naſſe Blatt durch das Fenſterchen mit dem Bemerken, man möge ſich mit dem Setzen beeilen und ihm die Correctur geben; dann wandte er ſich zu den Beiden, gab Peter Schmitz noch einmal die Hand und ſagte:„Nun willkommen, mon cher! Es war die höchſte Zeit, daß Sie zurückkamen. Es ſteht jetzt viel auf dem Spiele. Noch heute Abend muß ſich für unſere Stadt, und durch das Beiſpiel, das wir den andern Städten geben werden, vielleicht für das ganze Land entſcheiden; ob die Revolution leben oder ſterben ſoll.“ „Was giebt's denn?“ fragte Peter. „Hat Ihnen Holm noch nichts geſagt?“ erwiderte Dr. Münzer, mit einem ſtrengen Blick der großen, feurigen, blauen Augen auf Holm;„wovon, in aller Welt, haben Sie ihm denn geſprochen?“ „Von des reizenden Kindes, Ottiliens, lieblicher Ankunft;“ er⸗ 1¹2 Die von Hohenſtein. widerte Dr. Holm, die Pfeife aus dem Munde nehmend und mit der Spitze derſelben ein O in die Luft zeichnend. „So!“ meinte Münzer trocken;„nun, die iſt ja da, glücklich da, und wir haben ja noch morgen Zeit genug, uns darüber zu freuen. Heut handelt es ſich um ernſtere Dinge.„Wir haben,“ fuhr er zu Peter gewandt fort,„wie ich Ihnen bereits ſchrieb, im Verein den Beſchluß gefaßt, den Magiſtrat zu zwingen, die verheißene Volks⸗ bewaffnung für unſere Stadt wenigſtens zur Wahrheit zu machen. Heute Abend ſoll eine großartige Demonſtration in Scene geſetzt werden. Wir können über fünftauſend Arbeiter und Proletarier ver⸗ fügen, die vor das Rathhaus rücken und Waffen begehren ſollen. Wir müſſen den Lumpen Furcht einjagen; jetzt iſt's noch Zeit. Sie werden noch nicht wagen, das Militair aufzubieten; wir müſſen das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt.“ „Herrlich, prächtig!“ ſagte Peter, der, ohne die lebhaften dunklen Augen von Münzer zu verwenden, zugehört hatte,„wann geht's denn los?“ Wir haben zu heute Abend acht Uhr eine Volksverſammlung in den Römer ausgeſchrieben; es iſt das größte Lokal.“ „Und das beſte Bier;“ ſagte Holm. „Für Holm und andere durſtige Seelen,“ fuhr Münzer fort; „ich werde reden und Sie müſſen auch, Schmitz; aber thun Sie mir den Gefallen und ſeien Sie heute ausnahmsweiſe ein klein wenig weniger gutmüthig; gehen Sie bis an die Grenze des Möglichen und machen Sie den Leuten mit dem unſeligen Ausgange der Sache im Süden Deutſchlands die Köpfe heiß. Sie müſſen es endlich einmal begreifen, daß die unorganiſirte Revolution gegenüber der organiſirten Reaction die Maus in den Klauen der Katze iſt.“ „Herr Doctor, die Correctur;“ rief eine Stimme, und eine Hand langte ein feuchtes Blatt durch das kleine Fenſter. „Ein Extrablatt?“ fragte Schmitz. „Ja,“ erwiderte Münzer, mit dem Blatt zu ſeinem Platz am 1 Tiſch gehend;„nur ein paar Zeilen; die neueſten Nachrichten; dazu ein paar zeitgemäße Betrachtungen von mir.“ —— Erſier Band. 113 „Unzeitgemäße, ſagen Sie lieber,“ brummte Dr. Holm, der ſich wieder, Münzer gegenüber, in ſeinen Lehnſtuhl geſetzt hatte und ſich aus einem Schubkaſten des Tiſches, der ſeinen Tabakvorrath enthielt, eine neue Pfeife ſtopfte. Peter Schmitz, augenſcheinlich in Gedanken die Rede, die er zu halten hatte, ausarbeitend, maß ſchnellen Schrittes das Zimmer von einer Thür zur andern und fuhr ſich dabei alle Augenblicke durch ſein dichtes graues Haar. Münzer beendete die Correctur, gab das Blatt wieder durch das Fenſterchen, den Oberſetzer Wenzel Müller noch einmal zu größter Eile ermahnend, damit die Leute in die Volksverſammlung könnten, und blieb dann, die Arme über der breiten Bruſt verſchränkend, mit dem Rücken an den Thürpfoſten gelehnt, ſtehen, die Augen nachdenklich auf den Boden geheftet. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte er nach einer Pauſe langſam und wie mit ſich ſelbſt ſprechend,„daß wir Deutſche den Muth zu handeln immer erſt dann haben, wenn die Zeit zum Handeln bereits verſtrichen iſt. Wenn es nach Ihnen ginge, Holm, ſo verfügten wir uns jetzt in die Kneipe anſtatt in die Verſammlung, hielten vielleicht auch ein paar Reden, aber ſo ganz gemüthlich, hinterm Bierſeidel, und ſetzten den hochaufhorchenden Philiſtern des Breiteren auseinander, wie wir ausliegen und unſere Klingen führen würden, wenn die Reaction einmal ſo gut wäre, uns das Heft in die Hand zu geben.“ „Du ſprachſt ein großes Wort gelaſſen aus,“ entgegnete Holm gemüthlich;„allerdings verlangt mich herzinnig nach eines Schoppens lieblicher Labung, denn— trotz allen Koſt⸗ und Weltverächtern— „Dem Guten iſt's vergonnen, Wenn des Abends ſinkt der Sonnen, Daß er in ſich geht und denkt, Wo man einen Guten ſchenkt—“ aber dies, der ganzen Menſchheit zugetheilte Verlangen iſt es nicht, was mich gegen Ihren Plan ſtimmen läßt, ſondern meine ganz ſpecielle Ueberzeugung, daß der Augenblick zu einem Coup de main ſchlecht gewählt iſt und daß wir Fiasco machen werden.“ Fr. Spielhagen's Werke. VII. 8 114 Die von Hohenſtein. „Aber um Himmelswillen, weshalb? weshalb?“ rief Peter Schmitz, der, während Dr. Holm langſam, wie es ſeine Gewohnheit war, ſeine Meinung auseinanderſetzte, ſchon ein paar Mal den Mund zum Reden geöffnet hatte. Der Augenblick iſt ſo günſtig, wie möglich; die Ereigniſſe in Süddeutſchland ſprechen laut für uns—“ „Gegen uns, wollen Sie ſagen,“ unterbrach Dr. Holm den Auf⸗ geregten;„gegen uns und das allerdings laut genug. Sie zeigen Jedem, den nicht, wie Euch, die Leidenſchaft verblendet, daß die Sache des Volkes im Volke ſelbſt einen ſehr geringen Boden hat. Das wird nun freilich den Bourgeois nicht verhindern, in jedem Krawall eine republikaniſche Schilderhebung zu ſehen, aber unſere Leute wird es, und das mit Fug und Recht, ſtutzig machen. Und in einem ſolchen Augenblicke begehrt Ihr Waffen für das Volk! Das heißt im Sinne der Fanatiker der Ruhe: Ihr proelamirt die Re⸗ publik! Seht zu, wie weit Ihr damit kommt! Wenn aber der Putſch mißglückt— und ich bin überzeugt, er wird mißglücken— ſo kann die Sache noch eine ſehr ſchlimme Folge für uns haben. Ihre Wahl, lieber Münzer, iſt keineswegs vollſtändig geſichert. Der Präſident von Hohenſtein hat mehr Stimmen für ſich, als Ihr glaubt, und heute Abend werdet Ihr ihnen alle die Halben und Lauen, die viel⸗ leicht doch noch für Sie geſtimmt hätten, in's Garn treiben. Deshalb ſage ich: Sinnreicher wär' es, wir kneipten des heiligen Bieres die Fülle, oder des Weines, des golvenen, doch jenes lob ich vor dieſem.“ Dr. Holm war bei dieſen letzten Worten wieder ganz in den gemüthlichen Ton zurückgefallen, den er in ernſthaftem Geſpräch regel⸗ mäßig mit einer pathetiſchen und lauten Sprechweiſe vertanſchte. Münzer hatte mit großer Aufmerkſamkeit zugehört.„Ja, ja,“ ſagte er, und dabei zuckte ein verächtliches Lächeln um ſeine Naſen⸗ flügel;„Holm hat recht, ganz recht, wie Alle, welche in ihren politi⸗ ſchen Berechnungen die Menſchen für das nehmen, als was ſie dem Cyniker erſcheinen: dumpfe, den Blick nach unten richtende, dem Bauch fröhnende zweibeinige Thiere. Aber ich will nicht ſo rechnen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mich zu verrechnen; ich will einmal thun, als ob ich es mit Menſchen und nicht mit brutalen Fleiſch⸗ und Pflanzen⸗ freſſern zu thun hätte. Und dann kommt auch die Reue für heute zu Erſter Band. 115 ſpät. Die Volksverſammlung iſt ausgeſchrieben; Jeder weiß, um was es ſich handelt; wollten wir jetzt abwiegeln, ſo würden wir nicht den Vorwurf allzugtoßer Aengſtlichkeit, ſondern geradezu der Feigheit auf uns laden, daß heißt, uns für die Zukunft um allen und jeden Credit bringen. Meinen Sie nicht auch, Schmitz?“ „Ohne Frage,“ exwiderte Peter;„ich bin durchaus dafür, daß wir endlich einmal etwas Ernſtliches verſuchen. Sie kennen meinen Wahlſpruch: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Ich habe die Stimmung überall ſehr gut gefunden. Man wartet nur darauf, daß es irgendwo in einer großen Stadt wieder losgeht. Das Volk iſt brav, aber freilich, wenn ſie nicht in Be⸗ wegung geſetzt wird, ſteht die beſte Maſchine ſtill.“ „Das iſt's ja eben, was ich immer ſage;“ rief Dr. Holm, dies⸗ mal in wirklichem Eifer;„Ihr nehmt das Volk heute für eine todte Maſchine, die Ihr nach Belieben lenken könnt; und morgen für die Quinteſſenz glles Lebens, aller Energie und Weisheit. Es iſt das eine ſo wenig als das Andere, ſondern ein Conglomerat von mehr oder weniger guten Menſchen und mehr oder weniger ſchlechten Mu⸗ ſikanten, von denen jeder Einzelne ſeine Intereſſen, wie ſie nun ſind, verfolgt; und wenn Ihr dieſe bunte Geſellſchaft unter einen Hut bringen wollt, ſo müßtet Ihr zuvor das Geheimniß verſtehen, alle dieſe Millionen verſchiedenartigſter Intereſſen berückſichtigen zu können.“ „Was nutzt das Reden,“ rief Münzer ungeduldig,„wir ſind zu weit gegangen, um jetzt zurück zu treten. Wir müſſen in die Ver⸗ ſammlung: es iſt die höchſte Zeit. Wollen Sie mit, oder nicht?“ „Warum die Rederei nur gleich ſo hitzig übertreiben?“ erwiderte Holm, die Pfeife ausklopfend;„wo Alles geht, wird Holm allein nicht bleiben, ſo ſeltſam widerſpricht der Holm ſich nicht.— Auf nach Rom!— Es klopft. Herein! wer will uns wieder plagen?“ Die Thür wurde aufgeriſſen und ein unterſetzter, breitſchultriger, mit einer blauen Blouſe bekleideter Mann, deſſen plumpes Geſicht von Kohlenſtaub, Schweiß und Blut beſudelt war, und deſſen kleine, ſchielende Augen vor Leidenſchaft funkelten, ſtürzte in das Zimmer und rief, kaum eingetreten, keuchend:„Wir ſind verrathen! Wir ſind verrathen!“ 8* 116 Die von Hohenſtein. „Was giebt's, Chriſtoph?“ riefen die Drei im Zimmer, wie aus einem Munde. „Der Hund, der blaſſe, gelbzahnige Schuft!“ ſchrie Chriſtoph und führte mit der rieſigen Fauſt einen Hieb durch die Luft, welcher den ſtärkſten Gegner unfehlbar zu Boden geſtreckt haben würde. „Nun, Chriſtoph, was giebt's?“ fragte Münzer mit einer Ruhe, die ſein erwartungsvoller, faſt ängſtlicher Blick Lügen ſtrafte. Das giebt's!“ erwiderte Chriſtoph. Er nahm ſeine Mütze ab und mit der Mütze ein blutbeflecktes, zerriſſenes baumwollenes Taſchen⸗ tuch, mit welchem er eine Kopfwunde bedeckt hatte, von der jetzt wieder einige Tropfen durch das buſchige ſchwarze Ha auf die Stirn rannen. „Hier, nehmen Sie Waſſer aus der Flaſche, Chriſtoph!“ ſagte Peter Schmitz,„und ſetzen Sie ſich. Sie werden ohnmächtig werden.“ Chriſtoph grinzte.„So leicht geht das nicht, Herr Schmitz; ich habe ſchon andere Püffe bekommen; und es iſt auch nur die Wuth, die mich ſo desperat macht. Aber, ich will's ihm eintränken, dem Höllenhund, ich will's ihm eintränken.“ Chriſtoph goß Waſſer aus der Flaſche auf ſein Tuch, drückte das Tuch auf den Kopf, ſetzte die Mütze darüber und ſagte:„Mit Ver⸗ laub, ihr Herren, es hält ſonſt nicht, und nun will ich den Herren erzählen, was mich ſo fuchswild gemacht hat. Es iſt vielleicht eine halbe Stunde her, da kommt der Werkführer, der gelbzahnige blaſſe Schuft in unſere Abtheilung und ruft: wir wollten heute mal ein wenig früher Feierabend machen und der Herr Heydtmann ließe uns bitten— merken Sie wohl, ihr Herren, ließe uns bitten!— mal auf den Hof zu kommen, die Andern wären auch ſchon da, er hätte uns was zu ſagen. Werde ich ihm antworten, wenn Herr Heydtmann uns nicht ſagen wollte, daß wir eine Stunde weniger zu arbeiten hätten bei fünf Groſchen mehr Tagelohn, ſollte er nur's Maul halten. Na, ihr Herren, das war doch ſchon ganz richtig, denn ſehen Sie, Herr Doctor—“ „Weiter, weiter!“ ſagte Dr. Münzer ungeduldig. „Wir werden alſo doch auf den Hof gehen und wen werden wir finden, als alle die Andern, wohl hundert und darüber und in der Erſter Band. 117 Mitten Herrn Heydtmann und—“ hier richtete Chriſteph ſeine ſchielenden Augen auf Peter Schmitz und ſagte:„na, Herr Schmitz, Sie können nicht dafür, aber ich möchte nicht ſo'n Cujon von Schwager haben.“ „War der Stadtrath da?“ fragte Peter. „Ja, und er wird uns nun eine lange Rede halten: daß wir's allerdings nicht hätten, wie wir's verdienten, aber wir ſollten nur Geduld haben, es würde ſchon beſſer werden, wenn wir nur recht ruhig blieben und keine Krawalle machten, denn da ginge Alles drunter und drüber. Deshalb ſollten wir auch heute Abend nicht in die Volksverſammlung gehen. Die da das große Wort führten, das ſeien die vom demokratiſchen Verein, die wollten nur im Trüben fiſchen, und kümmerten ſich den Teufel um uns, und was ſo'n Zeug noch mehr war, das ich wieder vergeſſen habe. Ich dachte: dir will ich die Suppe verſalzen; werde alſo vortreten und ſagen: Lieben Brüder, das ſind alles Lügen und Flauſen. Wenn der Stadtrath weiß, wie uns zu helfen iſt, dann ſoll er in die Volksverſammlung kommen. Da ſind Männer, die ihm beſſer antworten können, als ſo einfältige Burſchen wie wir. Und übrigens, ſagte ich, ſollte ſich der Herr Stadtrath ſchämen, von den Herren vom demokratiſchen Verein ſo zu ſprechen, da er doch wohl weiß, daß ſein Schwager, der brave Herr Schmitz, Vice⸗Präſident iſt, und übrigens, Herr Stadtrath, ſagte ich, iſt das ein ſchlechter Vogel, der ſein eigenes Neſt beſchmutzt. Nun denke ich, ſie werden alle: Hurrah, Chriſtoph hoch! ſchreien, aber proſte Mahlzeit: ſie laſſen die Köpfe hängen, und der Werk⸗ führer, der Himmelhöllenhund, packt mich vor die Bruſt und ſchreit: raus mit dem Krakehler; und Hert Heydtmann ſchreit: er ſoll mir nicht wieder in die Fabrik kommen, und ſon Dutzend feiger Kerle, denen ich gelegentlich den Buckel gegerbt, ſchreien mit: raus mit ihm! Als ich den Werkführer vor mir abſchüttle und der dabei ein bischen hart gegen die Mauer fährt, fallen ſie Alle über mich her. Na, ihr Herren, ich habe mich ſo gut gewehrt, als ich konnte; aber viele Hunde ſind des Haſen Tod und zuletzt ſchmiſſen ſie mich vom Hof auf die Straße; aber ich will's ihnen gedenken, ſo wahr ich Chriſtoph Unkel heiße.“ 118 Die von Hohenſtein. Chriſtoph ſchlug auf den Tiſch, daß die Tinte aus dem Tinten⸗ faß über die Papiere ſpritzte. Die drei Herren ſahen ſich an. „Ja,“ fuhr Chriſtoph fort,„und der Stadtrath iſt auch bei Scheiders und bei Großkopf und Compagnie und bei den Andern geweſen und hat geſagt, daß ſie ihn überall gut empfangen hätten und wir würden doch keine Ausnahme machen.“ „Das ſieht ſchlimm aus;“ ſagte Peter Schmitz. „Faulorum!“ ſagte Dr. Holm. „Komme, was da koimmen will,“ rief Münzer heftig;„wir müſſen unſere Pflicht thun. Jetzt zurücktreten, heißt, das Spiel für immer verloren geben; und ich will doch erſt einmal ſehen, ob meine Stimme gar nichts mehr gilt bei dem Volke. Wollen Sie mit, oder nicht?“ Münzer war aufgeſprungen und hatte den Kalabreſer auf das dnnkle lockige Haar gedrückt. „Hurrah!“ ſchrie Chriſtoph;„jetzt geht's los; wir wollen ſie zu⸗ ſammenſchmeißen, daß ſie ihre Knochen acht Tage lang nicht rühren können.“ „Natürlich gehen wir mit,“ ſagte Peter Schmitz, den beſtaubten Reiſepaletot, den er beim Eintreten auf das Fenſterbrett gelegt, über den Arm nehmend. „Reichet den Arm mir, Chriſtoph, den mächtigen, muskelgeſchwell⸗ ten;“ ſagte Pr. Holm, ſich langſam aus ſeinem Lehnſtuhl erhebend. Die Vier verließen das Redactionszimmer. Auf dem Hausflur fiel Petern ein, daß er ſeinen„Frauenzimmern“ nicht Adieu ge⸗ ſagt habe. „Weshalb die guten Seelen in ihrer Ruhe ſtören?“ ſagte Mün⸗ zer;„wir haben keinen Augenblick zu verlieren; kommen Sie!“ Sie traten auf die Straße und wurden dort von einer Schaar treugeſinnter Handwerker und Fabrikarbeiter begrüßt, die hier auf die „Herren vom Volksboten“ gewartet hatten, um ſie im Triumph nach dem Römer, dem großen Biergarten vor dem Thore, in welchem die Volksverſammlung abgehalten werden ſollte, zu führen. Erſter Band. 119 Pierzehntes Capitel. Es war etwa zwei Stunden ſpäter. Die Frühlingsnacht hatte ihren weichen durchſichtigen Schleier über Wald und Feld und Strom und Stadt gebreitet. Am dunkelblauen Himmel ſchwamm der volle Mond und badete das Gewirre der Thürme, Giebel und Dächer in ſeinem friedlichen Licht. Aber unten auf den mondbeſchienenen Straßen zwiſchen den ragenden Häuſern wimmelte es von unruhig hin⸗ und herwogenden Menſchen. Die ſchöne Frühlingsnacht und ein dunkles Gerücht:„es werde heute losgehen,“ das ſich in der ganzen Stadt verbreitet hatte, ließ die Leute nicht an Schlafengehen denken. Sie ſtanden in kleinen Gruppen auf den Gaſſen und Plätzen, ſie zogen lärmend und ſingend in Haufen dürch die Straßen. Es war ein Treiben, beinahe wie zur Zeit des Karnevals, nur daß heute ſtatt der übermüthigen Feſtesluſt dumpfe Unruhe und bange Erwartung die Gemüther erfüllten. In dem großen Saale des altehrwürdigen Rathhauſes waren die Bäter der Stadt ſchon ſeit dem Nachmittage in Permanenz verſammelt um ihr Haupt, den Oberbürgermeiſter, Doctor der Rechte, Sebaldus Willibrod Daſch. Herr Willibrod Daſch war ein ſtattlicher Herr, ſechs Fuß hoch, ohne die Schuhe, und dabei ganz außergewöhnlich breit und dick. Vielleicht, daß Herr Willibrod Daſch nicht ganz ſo breit und dick geworden wäre, hätte er, ſeitdem er vor zehn Jahren ſein Amt antrat, auch nur alle Monat einmal vierundzwanzig Stun⸗ den lang ſo viel Sorge und Angſt auszuſtehen gehabt, wie heute. Ja, ſeine Neider und Feinde behaupteten, er ſei ſeit dem März dieſes Jahres jeden Tag um ein Pfund leichter geworden, und ſo viel ſtand feſt: man hatte ſeitdem auf ſeinem aufgedunſenen Geſichte nicht ein einziges Mal jenes zuverſichtliche, um nicht zu ſagen, freche Lächeln bemerkt, das ſonſt beſtändig um ſeine dicken, grobſinnlichen Lippen und um ſeine kleinen halbverquollenen Augen ſpielte. Deſto öfter hatte man ihn ſich mit bekümmerter Miene den Schweiß von ſeiner Stirn 20 Die von Hohenſtein. wiſchen ſehen, vielleicht aber niemals häufiger, als an dieſem herr⸗ lichen, warmen Frühlingsabend. Es war aber auch gar zu dumpfig in dem hohen Seſſionszimmer hinter den ellendicken Mauern, und man konnte es deshalb dem Ober⸗ bürgermeiſter und den übrigen Herren vom Rathe nicht verdenken, daß ſie alle Augenblicke in die tiefen Niſchen der Fenſter traten und durch die herabgelaſſenen grünen Vorhänge auf den von Menſchen wimmelnden Marktplatz herablugten, um ſich zu vergewiſſern, daß das Bataillon Bürgerwehr, welches ſchon ſeit mehreren Stunden vor dem Rathhauſe unter dem Gewehr ſtand, noch immer ſeine von Niemand angefochtene Poſition behauptete. Je dunkler es wurde und je röther die Flammen der in den Kandelabern vor dem Rathhauſe angezünde⸗ ten Pechpfannen die Giebelhäuſer des Marktes beſtrahlten, deſto un⸗ heimlicher däuchte den Herrn vom Rathe ihre Situation. Es ſchien jetzt außer allem Zweifel, daß die Führer der Menge abſichtlich die im Römer tagende Volksverſammlung in die Länge zogen, um unter dem Schutze der Nacht ihre entſetzlichen Abſichten in's Werk zu ſetzen. Was war von der Verwegenheit dieſer Menſchen nicht zu fürchten? Plünderung, Brand, Mord— darauf mußte man vorläufig ge⸗ faßt ſein. Vergebens, daß einige minder zaghafte Mitglieder den geknickten Muth der übrigen aufzurichten ſuchten, indem ſie nachwieſen, daß die Sachen gar nicht ſo ſchlimm ſtänden. Der Stadtrath von Hohenſtein beſonders hob nachdrücklich die großen Erfolge hervor, mit welchen ſeine Bemühungen, die Arbeiter in den Fabriken für die gute Sache zu gewinnen, gekrönt worden ſeien. In ſechs großen Etabliſſements, die er während des Nachmittags im Auftrage des Rathes beſuchte, hatte er die Stimmung unter den Leuten vortrefflich gefunden. Nur in der großen Maſchinenwerkſtatt von Heydtmann und Compagnie waren einige oppoſitionelle Stimmen laut geworden, die aber von den andern ſchleunigſt und energiſch zum Schweigen gebracht wurden. So lange aber dieſe gefährliche Klaſſe der Arbeiter nicht mit den Aufrührern Hand in Hand gehe, habe es noch keine Gefahr. Sodann machte Herr von Hohenſtein geltend, daß ja die Volksverſammlung— es müßten denn die zu verſchiedenen Malen ausgeſandten Kundſchafter Erſter Band. 121 ſämmtlich gelogen haben— bei Weitem nicht ſo zahlreich ſei, als die Führer des Volkes gehofft und die Freunde der Ordnung gefürchtet hatten, anſtatt fechstauſend eben ſo viele hundert und vielleicht eher darunter, als darüber. Nun gebe er zu, daß die ſpäte Stunde etwaige Aufſtandsverſuche ungemein begünſtige, daß der Dr. Münzer ein ge⸗ fährliches Subject und ſein Schwager Peter Schmitz— hier zuckte der Stadtrath die Achſeln— zum mindeſten ein höchſt ercentriſcher Kopf ſei— indeſſen Beide ſeien zu klug, um ſich in einem Verſuche, deſſen mehr als zweifelhaften Ausgang ſie ſich gewiß nicht verhehlten, irreparabel zu compromittiren, reſpective ihre Exiſtenz auf's Spiel zu ſetzen; und ſchließlich habe er von mehreren, ihm von früher her be⸗ freundeten Officieren die wiederholte Verſicherung erhalten, daß die Truppen vor Begierde brennten, ſich an dem Pöbel für die in der letzten Zeit ſeinetwegen ausgeſtandenen Leiden einer fortwährenden Caſer⸗ nirung zu rächen und nur auf den Befehl zum Einhauen warteten. Herr von Hohenſtein drang freilich mit ſeinen Anſichten nicht durch, aber man erkannte die großen— oder, wie der Bürgermeiſter Daſch ſich emphatiſch ausdrückte— unſterblichen Verdienſte, die er ſich heute durch ſein kluges, energiſches Verhalten um das Wohl der Stadt erworben habe, willig und dankbar an, um ſo dankbarer, als man im Stillen von dem als libergl verſchrieenen Stadtrath ganz etwas Anderes erwartet haben mochte. Es war mit dem Stadtrath ſeit ungefähr acht Tagen eine große Veränderung vorgegangen; er hatte eine bedeutende Schwenkung nach rechts gemacht. Man erzählte ſich, daß er mit ſeinem ſteinreichen Onkel, dem alten General auf Rheinfelden, vollkommen ausgeſöhnt ſei, und wie er mit ſeinen Brü⸗ dern ſtand, hatte ja alle Welt heute Nachmittag ſehen können, als der Präſident von Hohenſtein, um mit dem Magiſtrat zu conferiren, auf dem Rathhaus geweſen war, und ſich die beiden Brüder auf dem großen Vorſaal vor allen Kanzleidienern und Rathsboten umarmt hatten. Nun lieber Himmel, es war ja am Ende auch kein Wunder, wenn ein Edelmann von ſo altem und reinem Adel ſich im entſchei⸗ denden Augenblicke daran erinnerte, daß ſeine Vorfahren ſchon Jahr⸗ hunderte, bevor die jetzt regierende Dynaſtie in's Land kam, als reichs⸗ freie Herren über Leben und Tod ihrer Hinterſaſſen geſchaltet hatten. 122 Die von Hohenſtein. Unter dieſem verworxenen Hin⸗ und Herreden und dieſem bäng⸗ lichen Warten war es halb Zehn geworden und noch immer war keine Entſcheidung erfolgt. Das vor dem Rathhauſe aufgeſtellte Bataillon der Bürgerwehr hatte durch ein zweites abgelöſt werden müſſen, auf das man ſich indeſſen lange nicht ſo feſt verlaſſen konnte, als auf jenes. Schon wurden in den Reihen einzelne Stimmen laut: es ſei ja lächerlich, hier zu ſtehen und ſich um nichts und wieder nichts das Harz aus den Pechpfannen auf die Kleider tropfen zu laſſen. Wenn die Stadt wirklich von den Demokraten an allen vier Ecken in Brand geſteckt werden ſollte, ſo ſei es doch beſſer, ſie gingen nach Haus und ſähen nach dem Ihrigen. Vergebens, daß die Officire den Leuten zuredeten, vergebens ſelbſt, daß Herr Vürgermeiſter Dr. Daſch von der oberſten Stufe der Rathhaustreppe eine Anſprache an ſie hielt. Auf ſeine pathetiſche Frage:„ſind wir nicht alle Kinder derſelben Stadt?“ hatte eine grobe Stimme geantwortet:„ja wohl, mit und ohne Rinderbraten!“ und eine andere:„der dicke Daſch ſoll leben, wir aber auch, hurrah! hoch!“— in welchen Ruf bewaffnete Macht und Volk jubelnd eingeſtimmt hatten. Endlich hatte man ver⸗ ſprochen, noch eine halbe Stunde zu warten, wenn es bis dahin aber „nicht losginge“ nach Hauſe gehen zu wollen. Der Oberbürgermeiſter kehrte keuchend und ſchweißtriefend in das Seſſionszimmer zurück, ließ die Thüren ſchließen, bat die Herren, ihm für einen Augenblick Gehör zu ſchenken, und ſprach, als ſich Alle um den grünen Tiſch verſammelt hatten, in einem heiſern Flüſterton, als fürchtete er, es könnte von dem, was er ſagte, ein Wort durch die dicken Wände und Thüren nach draußen dringen: „Meine Herren! der Augenblick der Entſcheidung iſt gekommen, darüber kann ich, nach dem, was ich ſo eben gehört und geſehen habe, nicht länger im Zweifel ſein. Ein fanatiſcher Pöbel tyranniſirt die Gutgeſinnten, die Bürgerwehr droht mit dem Abfall— wir können uns auf Niemand mehr verlaſſen, als auf uns ſelbſt und das herr⸗ liche Kriegsherr, die letzte Stütze des Thrones, des Altars und des häuslichen Heerdes. Der Commandant der Stadt, Generalmajor Graf Hinkel von Gackelberg, hat mir ſo eben durch ſeinen Adjutanten nochmals die geſammte reguläre Streitmacht zur Verfügung geſtellt. —— Erſter Band. 123 Ich habe in Ihrem Sinne, meine Herren, zu antworten geglaubt, wenn ich dem Herrn Grafen ſagen ließ, daß ich von ſeinem Anerbieten Gebrauch machen würde, falls nach Ablauf einer halben Stunde die drohenden Wolken, die über unſern Häuptern hängen, ſich nicht ge⸗ lichtet haben. Meine Herren: ich weiß, daß unter dieſen qualvollen fürchterlichen Verhältniſſen ein ſo weites Hinausſchieben des Augen⸗ blickes der Rettung eine an Heroismus grenzende Entſagung iſt; aber meine Herren: ich glaube im Intereſſe unſerer Würde, unſerer Ehre und in Erinnerung gewiſſer Ereigniſſe in unſerer Stadt, die noch zu friſch im Gedächtniß Aller ſind, einen Conflict zwiſchen dem Militair und dem Pöbel ſo lange vermeiden zu müſſen, als es mit der Wohl⸗ fahrt Aller irgend verträglich iſt. Ich weiß, meine Herren, wie un⸗ geheuer meine Verantwortung iſt, ich weiß, daß dieſe halbe Stunde verhängnißvoll werden kann für viele Gute, in erſter Linie für Uns, meine Herren, die der aus dunklem Himmel herabzuckende Schwefel⸗ blitz heute zuerſt treffen wird. Wenn der Sturm hereinbricht: er ſoll uns Alle, Alle auf unſerm Poſten finden; nicht wahr, meine Herren: Sie werden Ihren Oberbürgermeiſter nicht verlaſſen?“ Herr Willibrod Daſch hatte dieſe letzten Worte mit ſehr bewegter Stimme geſprochen. Er mußte einen Augenblick inne halten, um ſich den Schweiß von der Stirn zu trocknen. Es war ein feierlicher Moment, als ſich jetzt die ſämmtlichen anweſenden Herren von ihren Stühlen erhoben und dadurch zu erkennen gaben, daß ſie mit ihrem heldenmüthigen Chef ſterben oder leben bleiben wollten. „Aber,“ fuhr Herr Willibrod Daſch fort, nachdem das dumpfe Gemurmel des Beifalls an der gewölbten Decke des Saales verhallt war,„wenn wir auch bereit ſind, unſer Leben für die gute Sache in die Schanze zu ſchlagen, oder unſer Vermögen auf's Spiel zu ſetzen, ſo haben wir doch die Pflicht, das Vermögen der Stadt vor den Händen des beutegierigen, raubluſtigen Pöbels zu ſichern. Vor Allem ſind es die ſechsmalhunderttauſend Thaler Stadtſchuldſcheine, welche, wie die Herren wiſſen, aus Gründen der Zweckmäßigkeit von der vierprocentigen Anleihe noch immer nicht emittirt ſind und die oben in der Schatzkammer liegen. Wie leicht iſt es möglich, daß dieſer Umſtand den Führern der Emeute bekannt iſt? daß—“ hier deutete 124 Die von Hohenſtein. Herr Daſch auf die Thür und flüſterte noch leiſer,„daß der Verrath da draußen lauert? Sind wir unſerer Boten, Diener, unſerer Kan⸗ zelliſten ſicher? Haben wir Urſache, auf ihre Anhänglichkeit, auf ihre Dankbarkeit unbedingt zählen zu können? Nein, meine Herren, ver⸗ hehlen wir uns das Bedenkliche unſerer Situation nicht! Wir ſind iſolirt, wir müſſen uns auf uns ſelbſt verlaſſen. Deßhalb hören Sie meinen Vorſchlag! Die Stadtſchuldſcheine und die übrigen Werth⸗ papiere dürfen nicht an einem Orte bleiben, der ſo Vielen bekannt iſt. Wir müſſen ſie anderswo unterzubringen ſuchen und meine ſehr ſpecielle Kenntniß der Räumlichkeiten und Heimlichkeiten des Rath⸗ hauſes hat mich auch ſchon ein Plätzchen auffinden laſſen, das der Spürkraft des abgefeimteſten Spitzbuben entgehen würde. Aber es iſt aus Gründen, die ich nicht weiter zu entwickeln brauche, unräthlich, daß wir die Translocirung der Werthpapiere in corpore vornehmen. Ich ſtelle daher den Antrag, daß Sie mich und an Stelle unſeres ſehr zur Unzeit erkrankten Kämmerers, Einen aus Ihrer Mitte deſigniren, damit wir Beide gemeinſchaftlich die nöthigen Schritte thun können.“ „Ich ſchlage zu dieſem Zweck meinen werthen Collegen und Freund, Herrn von Hohenſtein vor, dem wir Alle für ſeine heute dem Gemein⸗ wohl geleiſteten Dienſte eine Anerkennung ſchuldig ſind;“ quäkte der Maſchinenfabrikbeſitzer, Stadtrath Heydtmann und Compagnie. Wiederum rauſchte dumpfes Gemurmel des Beifalls zur gewölb⸗ ten Decke empor. Der Oberbürgermeiſter erhob ſich, mit ihm die übrigen Väter der Stadt. „Ich danke Ihnen, meine Herren,“ ſagte Herr Willibrod Daſch, „für die kühle Ruhe und hohe Geiſtesgegenwart, welche Sie in einem ſo kritiſchen Augenblicke an den Tag gelegt haben, aus bewegtem Herzen und bitte meinen ſehr werthen Freund und Collegen, den Herrn Stadtrath von Hohenſtein, die durch allgemeine Acclamation auf ihn gefallene Wahl annehmen zu wollen.“ Herr von Hohenſtein verbeugte ſich:„Mein gopf und mein Arm gehören dem Wohl der Stadt;“ ſagte er, mit einer anmuthigen Be⸗ wegung die Hand auf's Herz legend. Als der Oberbürgermeiſter und Herr von Hohenſtein den Erſter Band. 125 Sitzungsſaal verlaſſen hatten, machte Einer die Bemerkung, der Stadtrath ſei, wie Herr Heydtmann ſeinen Namen genannt habe, ſehr blaß geworden und ſeine Hand habe auch, als er den Armleuchter ergriff, um Herrn Daſch zu leuchten, auffallend gezittert— eine Be⸗ hauptung, die von Herrn Heydtmann und Anderen beſtritten wurde. Herr von Hohenſtein habe im Laufe gerade dieſes Tages zu deutlich bewieſen, daß er als ſtädtiſcher Beamter den Muth des Edelmannes und Officiers ſich vollſtändig bewahrt habe. Der Oberbürgermeiſter Daſch und der Stadtrath von Hohenſtein ſchritten unterdeſſen einen langen, ſchmalen Corridor zu Ende bis zu einer Seitentreppe, die von da aus in den oberen Stock des Gebäu⸗ des führte; darauf wieder einen Corridor entlang und ſtanden endlich vor einer Thür, die, außer auf die gewöhnliche Art, noch durch zwei eiſerne, mit ſehr künſtlichen Vorlegeſchlöſſern verſehene Riegel geſichert war. Durch dieſe Thür, welche ſie, nachdem ſie eingetreten, ſorgſam von innen wieder verſchloſſen, gelangten ſie in's Archiv, aus dem Archiv in einen dumpfigen, melancholiſch ausſehenden Raum, deſſen Fenſter, zu Ehren mehrerer eiſerner Koffer und Schränke, welche ſeine ganze Ausſtattung ausmachten, mit ſtarken Eiſengittern verſehen waren. Dieſer Raum war die Schatzkammer der Stadt. „Uff!“ ſagte Dr. Daſch, als er die ſchwere Thür wieder in's Schloß gedrückt hatte;„ich komme heute noch vor Hitze um.“ „Mich friert eher,“ erwiderte Herr von Hohenſtein,„mich däucht, es iſt hier empfindlich kalt.“ „Die feuchte Luft!“ ſagte Dr. Daſch;„man wird ſich noch den Tod holen dieſer verdammten Demokraten wegen. Laſſen Sie uns an's Werk gehen, lieber Herr College. In jenem Foffer ſind die Schuldſcheine; die ſind mir das wichtigſte. Die andern Werthpapiere kann man discretitiren; aber wer ſchützt uns vor unſeren eigenen Fünf⸗ und Ein-Thalerſcheinen, wenn ſie einmal auf ungeſetzmäßige Weiſe in Cours gebracht ſind? Ich denke nun, lieber Herr College, wir bringen erſt einmal die ſechsmalhunderttauſend in Sicherheit. Sie befinden ſich in einem Kaſten von Eiſenblech in dieſem Koffer. Bitte, laſſen Sie mich! Uff! Sehen Sie, das iſt es! Und nun nehmen Sie gütigſt das kleinere daneben ſtehende Käſtchen auch heraus; ——— 126 Die von Hohenſtein. es ſind die erſten viermalhunderttauſend drin geweſen; möglicherweiſe kriegen wir den großen Kaſten nicht in das Verſteck, das ich mir ausgedacht habe, und werden deshalb das Geld umpacken müſſen. Dieſes Schlüſſelchen paßt für beide Kaſten.“ Herr von Hohenſtein hob die beiden ihm bezeichneten Kaſten heraus. Als er ſich umwandte, ſchlug der ſchwere Deckel des Koffers mit einem dumpfen Knall zu. Herr von Hohenſtein fuhr zuſammen und ſtieß einen leiſen Schrei aus. „Es hat Sie doch nicht getroffen?“ fragte der Bürgermeiſter ängſtlich. „Nein,“ erwiderte der Stadtrath;„ich weiß nicht, meine Nerven ſind ſo aufgeregt; es iſt von den Anſtrengungen des Tages, dazu die Krankheit meiner Frau—“ „Laſſen Sie uns aus dem Loche fortkommen,“ ſagt der Andere, „mich ſelbſt fängt hier an zu frieren. Ich will Sie an den Ort führen, den ich meine.“ Sie verließen die Schatzkammer und gingen ſchnell, damit ihnen Niemand begegne, den Corridor wieder zurück bis zu einer Thür, welche der Oberbürgermeiſter, der jetzt mit dem Armleuchter voran⸗ ging, aufſchloß. „Es iſt mein Privat⸗Arbeitszimmer, wie Sie ſehen,“ ſagte er, „ich meine, die Hallunken werden viel zu ſchlau ſein, als daß ſie annehmen ſollten: ich würde unſere Schätze in meinem eigenen Zim⸗ mer verſtecken, eher ſuchen ſie in allen Kellern und Böden. Sehen Sie, hier iſt der Schrank, den ich meine, ein einfacher Wandſchrank, von deſſen Exiſtenz, glaube ich, außer mir Niemand etwas weiß. Ich habe ihn zufüällig entdeckt und bediene mich deſſelben, wie Sie ſehen, um ein paar Flaſchen Wein in der Nähe zu haben. Bitte, ſtellen Sie die Flaſchen in das obere Fach und nun helfen Sie mir den Kaſten hineinſchieben.“ Aber der Kaſten wollte in die ſchmale Oeffnung nicht paſſen. Sie verſuchten es auf jede Weiſe; es ging nicht. „Dacht' ich's doch!“ ſagte der beſtürzte Oberbürgermeiſter. „Wir müſſen ein anderes Verſteck ſuchen,“ erwiderte Herr von Hohenſtein. Erſter Band. 27 „Ich weiß kein anderes, und die Minuten ſind koſtbar. Wir wollen es umpacken, es iſt das Beſte. Hier iſt der Schlüſſel; ich habe ihn ſtets bei mir. Verſuchen wir, ob der andere Kaſten hinein⸗ geht. Ausgezeichnet! Nun ſchnell wieder herunter damit! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ 5 Herr Daſch ſchloß den vollen Kaſten auf. Da lagen in ſauberen Packeten die neuen Stabtſchuldſcheine, Dutzende und aber Dutzende von Hundertthalerpacketen in Einthaler⸗ und Fünfthalerſcheinen, Dutzende und aber Dutzende von Tauſendthalerpacketen in Fünfzig⸗ und Hundertthalerſcheinen. „Ich werde ſie Ihnen herausreichen,“ ſagte der Oberbürger⸗ meiſter,„ſchichten Sie das Zeugs in dem andern Kaſten auf. Das wäre eine herzbrechende Arbeit für einen armen Schlucker! Gott ſei Dank, daß wir Beide wohlhabende Leute ſind. Was iſt Ihnen?“ „O, nichts!“ ſagte Herr von Hohenſtein, ſich auf einen Stuhl ſetzend und ſich den kalten Schweiß von der Stirn trocknend;„meine Nerven ſind etwas angegriffen; es wird gleich vorübergehen.“ „Trinken Sie ein Glas von dieſem Portwein,“ ſagte der Ober⸗ bürgermeiſter, eine der Flaſchen aus dem Schranke nehmend;„es wird Ihnen gut thun.“ Herr von Hohenſtein ſchenkte mit zitternder Hand ein Waſſerglas, das auf dem Tiſche neben einer Caraffe ſtand, voll, und leerte es, ohne abzuſetzen. „Wie fühlen Sie ſich?“ fragte Dr. Daſch. „Beſſer,“ erwiderte Herr von Hohenſtein. „Dann laſſen Sie uns machen, daß wir zu Ende kommen.“ In dieſem Augenblicke erſcholl von dem Marktplatze her, auf welchen die Fenſter des Zimmers hinausgingen, großes Geſchrei. „Was iſt das?“ rief der Oberbürgermeiſter und ließ vor Schrecken die Packete, welche er eben in der Hand hatte, wieder in den Kaſten fallen. Die beiden Männer eilten an das Fenſter. Der helle Monden⸗ ſchein und das Licht der Pechpfannen ließen Alles, was draußen vorging, deutlich erkennen. Aus einer der auf den Marktplatz mün⸗ denden Straßen wälzte ſich eine ſchwarze Menſchenſäule hervor, auf 128 Die von Hohenſtein. das Rathhaus zu. Die Menge, welche den Platz ſchon ſeit einigen Stunden überſchwärmt hatte, drängte hierhin und dorthin, zumeiſt den Ankommenden entgegen, Hurrah rufend, pfeifend, ſchreiend; durch den Lärm ertönte die Löwenſtimme des dicken Bürgerwehrmajors: „Gewehr auf!— Gewehr auf!“ doch konnte man ſehen, daß nur ſehr wenige von den Wehrmännern dem Befehle nachkamen. Der Oberbürgermeiſter zitterte an allen Gliedern. „Wir ſind verloren!“ keuchte er;„was ſollen wir thun?“ „Eilen Sie hinab, Herr Oberbürgermeiſter,“ erwiderte Herr von Hohenſtein raſch;„Ihre Gegenwart iſt unbedingt nöthig. Bieten Sie den Aufrührern einen Vergleich an; verſprechen Sie Volksbewaffnung, Alles, bis wir das Militair requiriren können. Aber eilen Sie, ſonſt geht Alles drunter und drüber. Ich folge Ihnen, ſobald ich hier fertig bin.“ „Wollen Sie nicht lieber ſtatt meiner gehen?“ ſtotterte der Andere kläglich. „Aber, Herr Doctor, bin ich denn Oberbürgermeiſter?“ ſagte Herr von Hohenſtein. „Sie haben Recht— ich gehe; ich muß gehen; ich muß meine Pflicht thun. Aber kommen Sie ſobald als möglich.“ „Sobald als möglich,“ erwiderte Herr von Hohenſtein, den haſenherzigen Koloß faſt zur Thür hinausdrängend. Die Thür fiel hinter dem Oberbürgermeiſter zu, und Herr von Hohenſtein ſchob haſtig den Riegel vor. Dann ſtürzte er nach dem Tiſche, wo der Wein ſtand, füllte das Glas noch einmal bis an den Rand und trank mit gierigen Zügen, bis es leer war. Er ſtellte das leere Glas auf den Tiſch, und ſchaute mit glühen⸗ den Augen im Zimmer umher. Dann fuhr er ſich mit den beiden eiskalten Händen an die brennende Stirn und dann lachte er gell auf. War es denn nicht zum Lachen? Er, der Schuldenbelaſtete, der ſich mit ſchlechten Wechſeln von einem Termin zum andern hinfriſtete, deſſen unaufhaltbarer Ruin hereindrohte— hier, wühlend in dieſen Schätzen, von denen der zwanzigſte Theil ihn aus ſeiner Noth reißen konnte. Er hatte heute noch, zum wievielſten Male ſeit den letzten zehn Jahren!— überlegt, ob er nicht am beſten thäte, ſich eine Kugel . Erſter Band. 129 durch den Kopf zu jagen. Aber dazu war's ja noch immer Zeit, wenn der Diebſtahl an den Tag kommen ſollte. Diebſtahl! nicht doch! nicht Diebſtahl! nur eine nützliche Verwendung von Geld, das hier ganz unbenutzt lag— und dann, er konnte es ja erſetzen! es brauchte nur eine Speculatign, die er mit dem Gelde unternehmen konnte, gut einzuſchlagen: und dann der Onkel auf Rheinfelden, der an dem Jungen ordentlich einen Narren gefreſſen zu haben ſchien und nicht zugeben würde, daß der Vater dieſes Jungen in's Zuchthaus wanderte. Und dann— der Kämmerer, welcher die Stadtgelder ver⸗ waltete, war kränklich und feig dazu, hatte längſt ſchon geäußert, daß er in dieſen ſchlimmen Zeiten nicht der rechte Mann für ſein Amt ſei, und ſein Amt niederzulegen gedenke— es war die höchſte Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß man ihn, der ſich in dieſen Tagen ſo unentbehrlich gemacht, zum Nachfolger des kranken, ſchwächlichen Greiſes machte— und da konnte er leicht nach und nach das Deſicit in der Kaſſe er⸗ ſetzen. Oder ſollte er die Sechsmalhunderttauſend, wie ſie da waren, nehmen, zu entkommen ſuchen— was heute Abend nicht ſchwer fallen konnte— die Noten zu einem Drittel, einem Viertel des Werthes— gleichviel!— in London losſchlagen, und mit deren Erlös nach Amerika dampfen? Und ſeine Frau, die heute Nachmittag, als ihn die Unruhe aus dem Hauſe trieb, ſo ängſtlich ſeine Hände feſtgehalten hatte! und ſein Sohn, den er noch heute Abend zurückerwartete, den er vorfinden mußte, wenn er jetzt mit ſeinem Raube nach Hauſe kam! Aber er that's ja nur für Weib und Kind! doch um ſeinethalben nicht! Fürchtete er ſich vor dem Tode? Hatte er nicht ſchon mehr als einmal vor der Piſtole ſeines Gegners geſtanden? Und über⸗ morgen hatte er Wechſel im Betrage von zehntauſend Thalern zu bezahlen! Zehn Packetchen von den vielen da, ſo dünn, daß er ſie bequem in der Seitentaſche ſeines Rockes verbergen konnte— aber es iſt zu ſpät— Du haſt zu lange gezögert. Herr von Hohenſtein blickte nach der Pendüle, die ihm gegenüber an der Wand hing, und auf die ſein Blick zufällig gefallen war, als er die leere Flaſche wieder auf den Tiſch ſetzte. Sie hatte auf zehn Uhr gewieſen; ſie wies noch auf zehn! Sie mußte ſtehen geblieben ſein; aber das Pendel ſchwang hin und her, und die Rathhausuhr in Fr. Spielhagen's Werke. VII. 9 130 Die von Hohenſtein. dem Thurmzimmer über ihm fing eben an zu ſchlagen.— Die Welt von wahnſinnig durcheinander huſchenden Gedanken hatte ſich in eines Augenblickes engen Kreis gedrängt! So war es doch noch Zeit!— Da!— waren das nicht Schritte, die den Corridor heraufkamen? Näher, näher, immer näher— jetzt oder nie! Va banque! Was iſt's denn weiter? Leben und Ehre auf einen Wurf geſetzt.. Es raſchelt an der Thür.. „Was giebt's?“ „Herr Stadtrath!“ „Wer iſt da?“ „Ich! der Rathsdiener Wenzel! Der Oberbürgermeiſter laſſen Herrn Stadtrath bitten, doch ſogleich zu kommen!“ „Sogleich!“ Der Kaſten von Eiſenblech ſteht verſchloſſen in dem Wandſchrank, die Tapetenthür deckt die Oeffnung, ſo genau— wie er ſich umſieht, kann er ſie kaum wieder entdecken. Er athmet tief auf. Er knöpft den leichten Ueberrock, den er trägt, feſt zu über der Bruſt, und im nächſten Augenblicke fällt ihm ein, daß das Verdacht erwecken könnte und er knöpft ihn wieder auf. Er öffnet die Thür, mit dem Arm⸗ leuchter in der Hand. Der alte Rathsdiener Wenzel ſchreit:„Jeſus, Maria und Joſeph, der Herr Stadtrath ſehen ja aus wie ein Todter!“ „Mir war recht unwohl, lieber Wenzel; jetzt geht es aber wieder. Bitte, nehmen Sie den Leuchter und gehen Sie voran. Wie ſteht's denn bei Ihnen zu Hauſe, lieber Wenzel?“ „Danke, Herr Stadtrath, recht gut!“ erwidert der Rathsdiener, verwundert, wie Herr von Hohenſtein in dieſem Augenblick zu dieſer Frage kommt. „Ein wenig knapp, nicht wahr? Das Gehalt langt nicht immer?“ „J nun, Herr Stadtrath, es muß gehen; man ſtreckt ſich eben nach der Decke,“ ſagt der Rathsdiener, der gar nicht begreifen kann, wie der Herr Stadtrath gerade jetzt zu dieſen Fragen kommt, und deshalb meint, der Herr Stadtrath ſei gewiß kränker, als er zugiebt. „Wollen ſich der Herr Stadtrath vielleicht ein wenig auf meinen Arm ſtützen?“ fragt er, ſich umwendend. Erſter Band. 131 „Danke, danke!“ antwortet Herr von Hohenſtein, der in dem Augenblicke, als Wenzel ſich herumdreht, den letzten Knopf an ſeinem Paletot zuknöpft, und ſie jetzt ſämmtlich wieder aufreißt. Der Alte ſagt nichts mehr, ſondern beſchleunigt ſeine Schritte; es iſt ihm unheimlich das wirre Reden und das ſonderbare Mienen⸗ ſpiel des kranken Stadtraths. Sie kommen in den erſten Stock auf den großen Flur vor dem Seſſionszimmer. Der Oberbürgermeiſter und einige andere Herren treten eben heraus; andere ſtehen in dem tiefen runden Erker, der gerade über dem Portal hängt, und von wo man das Treiben auf dem Platze beſſer ſehen kann, als vom Seſſionszimmer aus. Der Oberbürgermeiſter tritt Herrn von Hohenſtein entgegen und zieht ihn auf die Seite. Sein Geſicht ſtrahlt vor Freuden. „Ich glaube, wir haben uns umſonſt gequält, liebſter Herr Col⸗ lege! Die Banden ſind ſchon im Abziehen, nachdem Münzer ein paar Worte geredet hat. Wo haben Sie den Schlüſſel zur Chatouille und zum Schrank?“ „Hier und hier!“ „Danke, danke! Ich kann ja den Kaſten, wie er geht und ſteht, morgen wieder in die Schatzkammer ſchaffen laſſen, nicht?“ „Gewiß, gewiß! Der ganze Unterſchied iſt, daß das Geld jetzt in dem kleinen, anſtatt in dem großen Kaſten liegt.“ „Tauſend, tauſend Dank, lieber, lieber College!“ Und Herr Oberbürgermeiſter Daſch umarmt in ſeinem Enthuſias⸗ mus Herrn von Hohenſtein zu wiederholten Malen. Andere Herren, ihnen voran Herr Maſchinenfabrikbeſitzer Heydtmann und Compagnie, treten ebenfalls mit Dankſagungen und Glückwünſchen auf ihn zu; ſie ſchütteln ihm die Hände; ſie nennen ihn den Retter der Stadt. Herr von Hohenſtein wehrt ihnen mit ungeduldiger Heftigkeit. „Ich danke den Herren,“ ſagte er;„ich habe nur meine Pflicht gethan. Entſchuldigen mich die Herren! Ich fühle mich unwohl und möchte um die Erlaubniß bitten, zu meiner kranken Frau zurück⸗ kehren zu dürfen.“ „Einen Wagen für Herrn von Hohenſtein! Einen Wagen!“ 132 Die von Hohenſtein. „Ich möchte lieber gehen. Die Nachtluft wird mir wohlthun. Gute Nacht, gute Nacht, meine Herren!“ Herr von Hohenſtein drängte ſich durch die Umſtehenden, wie Jemand, der ohnmächtig zu werden fürchtet, wenn er nicht ſofort in's Freie kommt. „Sagt' ich es nicht?“ meinte einer der Rathsherren;„er ſah ja ſchon blaß und elend aus, als er mit dem Oberbürgermeiſter hinaufging.“ „Kein Wunder!“ meinte ein Anderer;„er hat es ſich heute blut⸗ ſauer werden laſſen. Und noch dazu die Frau krank—“ „Und morgen Ultimo!“ murmelte der Advokat und Stadtver⸗ ordnete Kaltebolt.„Mich ſoll nur wundern, wie er ſeine Wechſel bezahlen wird.“ „Meine Herren!“ ſagte der Oberbürgermeiſter,„ich vermag freilich nicht in die Zukunft zu ſehen, und weiß nicht, was die näch⸗ ſten Tage uns bringen werden, aber ich glaube, uns dazu gratuliren zu können, daß wir für diesmal durch unſere Kaltblütigkeit und Energie die Stadt ohne Blutvergießen vom drohenden Untergange gerettet haben.“ Fünßehntes Capitel. Indeſſen war die Gefahr, in welcher die Stadt durchaus ſchweben ſollte, keineswegs ſo groß, als ſie den Herren vom Rathe durch das hundertmalige Vergrößerungsglas ihrer Angſt erſchienen war; oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben: eine wirkliche Gefahr war gar nicht vorhanden. Wie Dr. Holm vorausgeſagt, war die Volksver⸗ ſammlung im Römer anſtatt von ſechstauſend, auf welche der ſangui⸗ niſche Münzer und Peter Schmitz gerechnet hatten, kaum von eben ſo vielen Hundert beſucht worden, und ſelbſt unter dieſen ſechshundert waren ſehr Wenige für einen entſcheidenden Schritt geweſen. Die Anſprachen des Herrn von Hohenſtein an die Arbeiter der verſchiede⸗ nen großen Fabriken waren nicht ohne Eindruck geblieben. Die Leute hatten die Volksverſammlung entweder gar nicht beſucht, oder zeigten — Erſter Band. 133 ſich keineswegs eifrig für die gemeine Sache. Sie äußerten ganz offen, daß ſie ſich von dem Nutzen einer allgemeinen Volksbewaffnung nicht überzeugen könnten, ſo lange die Löhne nicht bei kürzerer Arbeits⸗ zeit erhöht würden. Wenn ſie jetzt noch Wache ſtehen und Patrouillen⸗ dienſt verrichten ſollten, ſo müßten ihre Weiber und Kinder gar ver⸗ hungern. Vergebens, daß Münzer, Peter Schmitz, zuletzt auch Dr. Holm ihre Beredtſamkeit erſchöpften und den Leuten zu beweiſen ſuchten, daß ſie die Sache gerade auf den Kopf ſtellten, daß in der Politik und im Staatsleben die Macht das Erſte und die Rechte das Zweite ſeien, daß alle Rechte, die ihnen jetzt vielleicht die Angſt der Beſitzenden concedirte, in dem Augenblicke, wo Jene ſich wieder in dem Befitz der Macht fühlten, in Frage geſtellt und zurückgenommen werden würden— es wollte heute Abend kein Feuer in die Ver⸗ ſammlung kommen, und Münzer, welcher den Vorſitz übernommen hatte, hütete ſich, zu Beſchlüſſen zu drängen, deren Unausführbarkeit für diesmal bei der geringen Zahl der im Römer Anweſenden, auf der Hand lag. Dennoch zog er abſichtlich die Verhandlungen in die Länge, um mit dem Dunkel der Nacht das klägliche Scheitern der ſo pomphaft angekündigten Demonſtration möglichſt zu verhüllen. Zuletzt wurde beſchloſſen, vom Römer aus in Colonne durch die Stadt auf den Marktplatz zu ziehen und dort Angeſichts der vor dem Rathhauſe aufmarſchirten Bürgerwehr mit einem Hoch auf die Freiheit aus⸗ einander zu gehen. Einige Heißſporne in der Verſammlung— unter ihnen beſonders der Schloſſergeſelle Chriſtoph Unkel— murrten frei⸗ lich laut gegen einen ſo mattherzigen Entſchluß, aber ſie wurden überſtimmt und um halb zehn Uhr ſetzte ſich der Zug, voran die Leiter der Verſammlung: Münzer, Peter Schmitz, Holm(der Letztere geſtützt auf den Arm des ſtarken Chriſtoph) und Andere, unter Ab⸗ ſingung des Schleswig⸗Holſtein⸗Liedes, in Bewegung. Vor dem Rathhauſe hielt Münzer eine Anſprache an das Volk, in welcher er für das ihm geſchenkte Vertrauen dankte, und erklärte, daß man nun auch die Haltung, zu der man ſich einmal entſchloſſen, ſtreng bewahren müſſe. „Wir haben,“ rief er und ſeine mächtige Stimme ſcholl weit hin über den wimmelnden Marktplatz,„heute Abend den Entſchluß gefaßt, 134 Die von Hohenſtein. unſeren Gegnern durch unſere Enthaltſamkeit, unſere Mäßigung zu beweiſen, daß es nur ihr ſchlechtes Gewiſſen iſt, was ſie hindert, uns in ihren Reihen aufzunehmen. Man kann die Klugheit dieſes Ent⸗ ſchluſſes in Frage ſtellen, man wird den Edelmuth, der ihn dictirte, anerkennen müſſen. Wir wollen ſtark ſein durch unſere Schwäche, wir wollen erwerben dadurch, daß wir nichts erſtreben, wir wollen ſiegen, ohne daß wir kämpfen. Mögen unſere Gegner von uns ler⸗ nen! Mögen ſie nicht vergeſſen, daß der nicht immer im Rechte iſt, der im Beſitze iſt, und der rechtloſe Beſitz ein Schwert iſt, welches der Roſt zerfrißt. Laſſen wir dieſen Roſt freſſen! er thut ſein Werk langſam, in Jahrhunverten, Jahrtauſenden, und unſer Leben, wenn es hoch kommt, dauert ſiebenzig und achtzig Jahre. Aber das Volk iſt ewig, das Volk hat Zeit; es lebe das edelmüthige, geduldige, un⸗ ſterbliche Volk! Und hiermit löſe ich die Verſammlung auf; es gehe ein Jeder ruhig in ſeine Wohnung; es iſt Schlafenszeit, und unſere Gegner ſollen nicht ſagen, daß wir auch nur eine der Fflichten des guten Bürgers verſäumt haben.“ „Hoch, Dr. Münzer ſoll leben! Hurrah hoch, und ahermals hoch!“ Die Hunderte und aber Hunderte, welche der Rede Münzers gelauſcht hatten, zerſtreuten ſich lärmend hierhin und dorthin. „Ich glaube, Münzer, Sie haben die Leute verhöhnen wollen,“ ſagte Dr. Holm, der nebſt Peter Schmitz und einigen Andern noch in Münzers Nähe ſtand. „Und hatte ich nicht Fug und Recht dazu?“ rief Münzer wild; „iſt das ein Volk? Eine Heerde iſt's! weiter nichts! Treibe ſie, wer will; ich habe es ſatt!“ 7 Er zog den Calabreſer tief in die Stirn und eilte mit großen Schritten von den Freunden fort in die Nacht hinein. Ein düſterer Unmuth hielt ſeine Seele gefangen. Er hatte ſich heute Abend gegenüber der in ſeinen Augen einſichts⸗ und energie⸗ loſen Menge ſo viel Gewalt anthun müſſen, und nun, da er allein war, brach all der finſtere Zorn und Groll wie ein Lavaſtrom aus ſeinem heißen, ſtolzen Herzen. In wilden Worten, von denen eins oder das andere durch die übereinandergepreßten Zähne brach, ſchalt er das Volk, wie ein Vater den ungerathenen Sohn, auf den er in * Erſter Band. 135 ſeiner parteiiſchen Zärtlichkeit ſo große Hoffnungen ſetzte. Er wieder⸗ holte ſich mit bitterm Hohngelächter das Goethe'ſche Wort von denen, „die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten, dem Pöbel Schau'n und Fühlen offenbarten,“ und verſprach ſich hoch und theuer,„von dieſem Augenblicke an die Siſyphusarbeit der Volksleitung denen zu überlaſſen, die noch nicht erfahren, daß der träge Block immerdar die Tiefe ſucht.“ So ſtürmte er durch die Nacht dahin, ohne der Menge, die faſt noch in allen Straßen unruhig durcheinandertrieb, zu achten. Er dachte nicht daran, nach Hauſe zu gehen. Was ſollte er da, jetzt, wo ſeine Seele nach Freiheit ſchrie, wie der Hirſch nach Waſſer, wo ſein Herz ſpringen wollte von vulkaniſchen Leidenſchaften, wo er ſich nach einſamen Alpenhöhen ſehnte, der gequälten Seele im Anblick des Ungeheuren, Unfaßbaren eine Befriedigung zu gewähren, die er in dem Verkehr der Menſchen vergeblich ſuchte? Was ſollte er zu Hauſe in der quetſchenden Enge bürgerlich⸗nüchterner Zimmer? Sich von der Frau über die Erlebniſſe des Abends, an die er nicht erinnert ſein wollte, ausfragen laſſen? oder ſie durch ſeinen Unmuth, ſeine Heftigkeit betrüben? oder die Kinder ruhig in ihren Bettchen ſchlafen ſehen? Die Kinder! warum wurden ſie geboren, zu einem Leben ge⸗ boren, das ihnen ſo wenig Freude, ſo wenig Befriedigung ihrer Wünſche gewähren würde? Freilich, ſie hatten nicht des Vaters leidenſchaftgetränkte Seele; es war in ihnen Allen ein unverkennbarer Zug von dem ſtillen, duldenden Sinn der Mutter— aber auch ſo! — warum wurden ſie geboren? was iſt, was bedeutet ein Leben, das dem friedlichen Bache gleicht, der ſich durch träges Weideland behag⸗ lich ſchlängelt? ein Leben— nun ja, wie Clara's Leben? Und wes⸗ halb ihm, dem Wilden, Unbefriedigten, Ruheloſen, die Sanfte, Be⸗ ſcheidene, Friedfertige?— Und wenn ſie noch glücklich geweſen wäre! aber auch ſie war es nicht. Trug ſie nicht immer das Gefühl mit ſich herum, daß ſie nicht die rechte Gefährtin ihres Gatten ſei, nicht das Weib, deſſen er, der Ringende, Kämpfende bedurfte? Hatte dies Gefühl ihr nicht, wie ein ſchleichendes Gift, vor der Zeit die Jugend⸗ blüthe geknickt? Sah man es nicht deutlich in dem ſchmerzlichen Zug, der ſo oft um ihren Mund lag, in dem düſteren Blick ihrer Augen, 136 Die von Hohenſtein. wenn ſie ſich unbeachtet glaubte? Stand ſie nicht Morgens mit dieſem Gefühl auf? Legte ſie ſich nicht Abends damit zu Bett? Wer trug die Schuld, wenn man anders Schuld nennen kann, was aus der Wirkung geheimnißvoll ſich ſuchender und fliehender Kräfte mit organiſcher Nothwendigkeit herauswächſt? Hatte er geahnt, als er vor zwölf Jahren um die Achtzehnjährige freite, daß der Strudel der Zeitkämpfe ihn ſo bald und ſo mächtig erfaſſen und hineinwirbeln würde in ſchaurige Tiefen, wohin ſie, die Zarte, nicht folgen konnte? Und ſollte er darum das rettende Ufer zu gewinnen ſuchen, und vom ſichern Hafen einer friedfertigen Häuslichkeit die Gefährten ſich ab⸗ mühen ſehen? kämpfen, untergehen ſehen? Nimmermehr! Wer den Drang und die Kraft in ſich fühlt, im Großen zu wirken und zu ſchaffen, der darf ſich nicht in den engen Pferch bürgerlicher Alltäg⸗ lichkeit einſperren laſſen. Wer ſich dem Volke weiht, kann nicht auf jede Wolke achten, die über ſeines Weibes Stirn zieht. Nicht in dem Glück des Hauſes— in dem Wohl des Staates ſieht er ſeine Auf⸗ gabe, und ſeinen Lohn muß er nicht in dem ſanften Lächeln und in dem ſanften Wort der Gattin— er muß es finden in dem tauſend⸗ ſtimmigen Beifall, mit dem ein dankbares Volk ſeinen Tribun auf dem Wege von dem Forum in den Senat begleitet.— Ein dank⸗ bares Volk! dieſe ſtumpfſinnigen, brutalen Geſellen, die nicht handeln können, wie Männer, ſondern nur toben und ſchreien, wie Buben! Ja wohl! ja wohl! Schreit nur zu, werft ein paar Fenſter ein, legt euch mit der Ueberzeugung zu Bett, Heldenthaten vollführt zu haben, und wenn Ihr morgen mit dem katzenjämmerlichen Gefühl Eurer Erbärmlichkeit aufwacht, werdet Ihr Euch ja deſto geduldiger in's Joch ſpannen laſſen!.. Münzer war, ohne zu wiſſen, wie? und warum? in eine Straße gekommen, die ſich ſonſt durch ihre vornehme, geſchäftsloſe Ruhe aus⸗ zeichnete, heute Abend aber, gleich den Nachbarſtraßen, von Haufen lärmender, halbtrunkener Menſchen durchzogen wurde. Ein ſolcher Haufe, der anfänglich nur aus einigen Wenigen beſtanden haben mochte, jetzt aber mit jedem Augenblick in reißender Geſchwindigkeit zunahm, pfiff, lärmte und ſchrie vor einem Hauſe, aus deſſen zum Theil geöffneten Fenſtern des oberen Stocks das blendende Licht der Erſter Band. 137 Kerzen in die dunkle Straße hinabſtrahlte. In der Nähe einer eben⸗ falls weit geöffneten Fenſterthür des Mittelbaues, die auf einen zier⸗ lich ausgeführten ſäulengetragenen Balcon führte, mußte ein Flügel ſtehen, dem zwei kunſtgeübte Hände die tollſten Fortiſſimos und die muthwilligſten Capriccios in übermüthigſter Laune entlockten. Je lauter und drohender unten auf der Straße die Stimmen wurden, deſto mächtiger und majeſtätiſcher rollten oben die Töne des herrlichen Inſtrumentes, und ſobald unten eine Pauſe in dem Schelten und Lärmen eintrat, perlten und ſcherzten oben die neckiſchen Triller, als ſpottete ein luftiger Ariel dem Wüthen eines Kaliban. So wenigſtens erſchien dem leidenſchaftlich erregten Manne, wel⸗ cher jetzt dem Hauſe gerade gegenüber an die Mauer eines Gartens gelehnt ſtand, dieſes wunderliche Concert. Seine Theilnahme wurde in eigenthümlicher Weiſe erregt. Er hatte das Haus, das ſich durch ſeine zierliche Bauart ſehr vortheilhaft vor den Häuſern der Nachbar⸗ ſchaft auszeichnete, ſchon oft auf ſeinen Wanderungen durch die Stadt bemerkt, und ſeine allzeit geſchäftige Phantaſie war mit dem wilden Wein an den Pfeilern des Balcons hinaufgeklettert, hatte von dem Balcon aus in ariſtokratiſch ruhige Teppichgemächer geblickt und dort ſchöne Geſtalten geſchaut, wie ſie der Dichter in anmuthigen Novellen braucht. Er hatte mit Abſicht nicht gefragt: wem das Haus gehöre; er wollte ſich ſeine Illuſionen nicht durch die Antwort ſtören laſſen, daß dort der Banquier So und So, oder der Rentier Der und Der ſich von der ſauern Arbeit des Couponabſchneidens auf ſchwellenden Divans erhole. Aber die Finger, die dort auf den Taſten lachten und ſcherzten, gehörten ſicher keiner Hand, die in ſchmutzigem Gelde zu wühlen gewohnt war; wer ſo dem immer drohender anwachſenden Zorn einer erregten Menge zu trotzen ſich erkühnte, war zum mindeſten kein gewöhnliches Weſen, und Münzers Kenntniß des menſchlichen Herzens ſagte ihm, daß, mit ſolcher Keckheit die Selbſtherrlichkeit ſeiner Laune zur Geltung bringen, nur eine Frau im Stande ſei. „Sollen wir uns von den Ariſtokraten zum Narren halten laſſen?“ ſagte ein grober Baß in ſeiner Nähe. „Wir wollen ihnen zeigen, mit wem ſie es zu thun haben!“ ſcrie ein Anderer. 138 Die von Hohenſtein. „Das übermüthige Volk verbrennt an einem Abend mehr Licht, als wir während des ganzen Jahres brauchen!“ kreiſchte eine Weiber⸗ ſtimme. „Werft ihnen die Fenſter ein!— Wir wollen auch Muſik machen!— Werft ihnen die Fenſter ein!“— ſo ſchrieen die Wüthen⸗ den, und zwiſchendurch perlten die Läufe und tanzten die Triller immer luſtiger, immer ausgelaſſener, als wäre das drohende Geſchrei des Pöbels enthuſiaſtiſches Bravorufen eines elektriſirten Parterres. Da klirrte ein Stein durch die Scheiben, und plötzlich verſtummte das Spiel; eine hohe weibliche Geſtalt in einem dunklen wallenden leide erſchien in der offenen Balconthür und blieb dort einige Augen⸗ blicke, die Arme über der Bruſt verſchränkend, ruhig ſtehen, als wollte ſie dem wüſten Publikum unten Zeit laſſen, ſich zu überzeugen, daß man es mit einer Dame zu thun habe. Dann verſchwand die Geſtalt wieder und einen Moment darauf perlten die Läufe und tanzten die Triller, luſtiger, ausgelaſſener, als zuvor. Dieſe Kühnheit, weit entfernt, dem Pöbel zu imponiren, entfachte ſeinen Zorn zu hellen Flammen. „Zum Teufel mit der frechen Ariſtokratenbrut!— Werft ihr die Fenſter ein, daß ihr die Scherben um den Kopf fliegen!— Laßt keinen Stein auf dem andern!“ Mit drei Sätzen war Münzer über die Straße hinüber und auf der oberſten Stufe der Treppe, die zu der Thür des Hauſes führte. Einen Augenblick ſtand er, die Hand auf dem Thürgriff, unſchlüſſig, ob er eintreten ſolle oder nicht; aber noch einen Blick auf die Menge, die ſich immer wüthender gebehrdete— und er drückte die Thür auf, welche die Dienſtboten aus Feigheit oder Verwirrung zu verſchließen nicht gewagt, oder verſäumt hatten, trat in das Haus, eilte an ein paar zitternden Geſtalten in Livree vorüber, die teppichbedeckte Treppe hinauf zu dem Flur des oberen Stockes, und öffnete, den noch immer luſtig fort ſchmetternden Tönen des Flügels folgend, eine Thür. Ein blendender Glanz von ſehr vielen Kerzen auf Kronenleuchtern und Kandelabern ſtrahlte ihm entgegen, zu grell faſt für ihn, der eben aus dem Halbdunkel der Straße heraufkam. In dem großen herrlichen Gemache war Niemand, als die Dame, die er vorhin am Erſter Band. 139 Fenſter geſehen. Sie ſaß, mit dem Rücken nach der Eingangsthür, noch immer am Flügel und wandte ſich nicht nach dem Eintretenden um, deſſen Schritt auf den dicken Teppichen ſie vor dem rauſchenden Fortiſſimo, das eben unter ihren ſchlanken, kraftvollen Fingern empor⸗ rauſchte, und dem Lärm auf der Straße auch wohl nicht hören konnte. Im nächſten Momente war Münzer an ihrer Seite und jetzt wandte ſie ihr Antlitz zu ihm empor. Ihre Hände blieben auf den Taſten ruhen, ihre großen, ſtrahlenden, braunen Augen blickten mehr erſtaunt, als erſchrocken zu dem edlen, bleichen, von dunklem Haar und Bart umwallten Geſicht, das plötzlich, wie eine phantaſtiſche Erſcheinung, mit einem Ausdruck halb des Schreckens und halb der Bewunderung ſie anſtarrte. Aber ehe ſie die üppigen Lippen zu einem fragenden Worte öffnen konnte, hatte Münzer ihre Hände ergriffen, ſie mit ſanfter Gewalt von ihrem Seſſel am Flügel emporgezogen und tiefer hinein in das Zimmer geführt. „Verzeihen Sie, meine Gnädigſte!“ ſagte er, und dabei zitterte ſeine tiefe Stimme vor Erregung.„Sie ſchweben in einer größeren Gefahr, als Sie glauben. Geſtatten Sie mir, von jenem Balcon aus ein paar Worte zu den Wüthenden unten zu ſprechen. Ich weiß kein anderes Mittel.“ Er wandte ſich, ohne ihre Antwort abzuwarten, von ihr ab, eilte durch das Gemach und trat hinaus auf den Balcon. Es war die höchſte Zeit. Die Tumultuanten hatten ſich mit Ziegelſteinen von einem in der Nähe befindlichen Bauplatz bewaffnet und eine rauhe Stimme ſchrie:„Alle auf einmal!— Eins, zwei—“ „Halt!“ rief Münzer, die Rechte gebieteriſch emporſtreckend, halt!“ Die unerwartete Erſcheinung des gewaltigen Mannes und ſeine mächtige Stimme machten die Menge ſtutzen. Sie ſtanden, die Steine zum Wurf erhoben, aber auch nicht Einer wagte den Wurf zu thun. Münzer ließ ihnen keine Zeit, ſich von ihrem Erſtaunen zu erholen. „Seid Ihr freie Männer?“ rief er,„oder ſeid Ihr losgelaſſene Sklaven, daß Ihr in heilloſein Wüthen und unſinnigem Zerſtören Eure Kraft nutzlos verſchleudert? Seid Ihr ſtark nur da, wo Euch kein Widerſtand entgegengeſetzt wird? Iſt das Eure Freiheit, daß 40 Die von Hohenſtein. Ihr dem Einzelnen verbieten wollt, zu leben, wie er will und mag, wenn Niemandem unter Euch dadurch ein Leides geſchieht? Wohl! kühlt Euren frevlen Muth! ſchleudert Eure Steine in ein friedliches Haus! aber ich werde nicht von dieſer Stelle weichen, und wenn Ihr Alle nach mir und nur nach mir zieltet!“ 2 Die Menſchen unten blickten einander betroffen an, und ließen die erhobenen Arme ſinken. Es waren Einige unter ihnen, die Münzer perſönlich kannten, die heute Abend noch in der Volksverſammlung ſeinen Worten gelauſcht hatten.„Es iſt Dr. Münzer!“ murmelte es durch den Haufen;„ein wackerer Mann— was Dr. Münzer ſagt, iſt wahr— er meint es gut mit uns.— Münzer ſoll leben! Hurrah hoch und abermals hoch!“ Die leichtbewegliche Menge ſtimmte luſtig in den von ein paar Kehlen erhobenen Ruf ein. Es kam den Leuten augenſcheinlich nur auf Schreien und Lärmmachen an, ob wider Jemand oder für Jemand, ob mit, ob ohne Sinn— darnach fragten die Wenigſten. „Ich danke Euch!“ ſagte Münzer mit kaum verhehlter Jronie; „nun aber thut mir den Gefallen, und gehe ein Jeder ruhig in ſeine Behauſung. Morgen iſt auch noch ein Tag und für heute iſt's genng und über genug. Gute Nacht!“ Er winkte mit der Hand, trat zurück und ſchloß die Fenſterthür, während die draußen:„Hoch! Dr. Münzer, hoch! und abermals hoch!“ ſchrieen, und, der Mahnung Münzers Folge leiſtend, auch wohl zum Theil des Lärmens müde, die Steine aus den Händen warfen und ſingend oder ruhig die Straße hinabzogen. Sechszehntes Capitel. Als Münzer ſich umwandte, ſah er die Dame mitten im Zimmer ſtehen. Das helle Licht der Kerzen des Kronenleuchters ſtrömte über ſie herab von ihrem glänzenden dunklen Haar bis auf den Saum ihres Kleides, das in ſchweren Falten von der ſchlanken Taille auf den Teppich des Gemaches herniederfloß. In der Aufregung von Erſter Band. 141 vorhin hatte Münzer nur geſehen, daß es ein ſchönes Weib war, jetzt erſt ſah er, wie ſchön ſie war. Seinem Kennerauge erſchien ſie vollendet. Er ſtarrte wie trunken, wie geblendet auf dieſen herrlichen Kopf, den weiche Locken in ambroſiſcher Fülle umgaben, in dieſe matt⸗ glänzenden großen braunen Augen, die unter den dunklen Lidern mit berückendem Zauber ſanft und keck zugleich blickten, auf dies Antlitz mit den reinen, wie von zarteſter Künſtlerhand geformten Zügen, und beſonders auf dieſen Mund, den ſtummen, beredten Mund mit den ſchwellenden, liebeathmenden, liebehauchenden Lippen. Und wie ein Blitz durchzuckte es den ſtolzen, von fauſtiſcher Sehnſucht ſein Leben lang gequälten Mann: dies iſt das Weib, das deiner würdig iſt; hier ſteht das Bild, das durch deine entzückendſten Träume mit halb verhülltem Antlitz lautlos glitt und dein ahnendes Herz in Wolluſt ſchaudern machte, voll glühenden Lebens in ſtrahlender Wirklichkeit leibhaftig vor dir da. Ging etwas Aehnliches in der Seele des ſchönen Weibes vor? Erſchien auch ihr der hohe, finſtre Mann mit der ſtolzen gedanken⸗ ſchweren Stirn, über der ſich das dunkle Haar in trotzigen Locken wie eines Löwen Mähne aufbäumte, mit den gramesdüſtern, jetzt in Leidenſchaft blitzenden Augen wie eine Verkörperung ihres Iveals? Es mußte wohl ſo ſein, denn auch in ihren Augen flammte ein Feuer auf— ein Feuer füß und erſchreckend, wie der Meduſe ſtarrer ver⸗ zaubernder Blick. So ſahen ſie ſich an ein paar Sekunden— ein paar verhängniß⸗ volle Sekunden lang. Auf einmal lachte das ſchöne Weib hell auf und ſagte mit einer Stimme, deren melodiſcher Klang Münzer durchſchauerte: „Nun bei Gott! das iſt doch wunderbar! Da ſitze ich hier und warte auf meine Geſellſchaft, die, wie es ſcheint, ſich nicht aus ihren Häuſern wagt, und anſtatt ihrer, die ich gern entbehre, ſendet mir der Zufall einen Fremden, der plötzlich, wie der ſteinerne Gaſt im Don Juan, ohne ſich melden zu laſſen, eintritt und zur Introduction mir meine Etüden auf dem Flügel verbietet.“ „Die Sie jetzt in Ruhe wieder aufnehmen können, meine Gnädigſte,“ erwiderte Münzer;„ich glaubte Ihnen einen Dienſt zu 142 Die von Hohenſtein. erweiſen. Verzeihen Sie, daß ich mir dabei die Freiheit nehmen mußte, Sie zu ſtören.“ Er wollte mit einer Verbeugung an ihr vorbei nach der Thür. Sie trat ſchnell ein paar Schritte zurück und ihm in den Weg. „Einen Augenblick, mein Herr! Laſſen Sie mir doch wenigſtens Zeit, Ihnen für den geleiſteten Dienſt zu danken. Nein, nein! Sie müſſen den Dank hinnehmen. Jetzt, wo mich meine tolle Laune ver⸗ laſſen hat, ſehe ich nur zu wohl, daß ich mich einmal wieder ohne Noth in Gefahr begeben hatte, und, wenn ich auch nicht darin um⸗ gekommen wäre, doch ſchlimm genug dabei hätte fahren können. Hat mat mir doch der ſüße Pöbel ſeine eleganten Viſitenkarten beinahe an den Kopf geworfen!“ Sie ſtieß verächtlich mit der Spitze ihres Fußes an ein großes Stück Ziegelſtein, das mitten im Zimmer lag; dann lachte ſie wieder ihr tiefes melodiſches Lachen und rief: „Nein! dieſe Begegnung iſt zu wunderbar! Eigentlich müßte ich meinen ſteinernen Gaſt gehen laſſen, ohne nach ſeinem Namen zu fragen, damit dieſem ſeltſamen Finale der romantiſche Reiz der Ge⸗ heimniſſes nicht fehle; aber wir wollen einmal nicht romantiſch, ſon⸗ dern ganz praktiſch vernünftig ſein, und da wir Niemand haben, der uns einander vorſtellen könnte, dieſe Ceremonie ohne Prieſter voll⸗ ziehen. Ich heiße Antonie—“ „Und ich Bernard,“ ſagte Münzer lächelnd. „Aber mir däucht, die Leute unten riefen einen andern Namen? War es nicht Dr. Münzer?“ „Ja, aber da Sie mir nur Ihren Vornamen nannten, ſo meinte ich, Sie legten auf den andern kein Gewicht.“ „O,“ rief die Dame;„bei euch Männern iſt der Name, mit dem ihr geboren werdet, von Bedeutung; bei uns Frauen nicht. Was iſt ſo ein Name, den man uns aufklebt, wie eine Etiquette auf eine Weinflaſche, die auch gelegentlich einmal wieder mit einer andern ver⸗ tauſcht werden kann! Ich lege nur Gewicht auf den Namen, mit dem ich mich gern von Leuten nennen höre, die mich lieb haben; der andere iſt mir ſehr gleichgiltig. Wenn Sie ihn aber doch wiſſen wollen: von Hohenſtein, Frau Antonie von Hohenſtein. So, nun wäre die Ceremonie be ſind, ſo wollen wir kannten heute Abe der Andern nich k, wie er wohl wußte, der ihn die harte, den, immer weiter gtik erſchloß ſich er. Er hatte mehr, auf Erſter Band. 145 Lächeln,„als höchſtens, daß Sie meine Lieblingsballade nicht gehört haben.—„Sie ſangen doch ein Lied, nicht wahr?“— das iſt köſt⸗ lich. Sie ſind wahrhaftig der ſteinerne Gaſt und ich fange nächſtens an, mich vor Ihnen zu fürchten. Gott ſei Dank, daß mein tapferer Jean da kommt, zu melden, daß ſervirt iſt. Alles bereit? gut. Sie können gehen! Noch eins, Jean! räumt hier auf, und wenn Ihr fertig ſeid, löſcht die Lichter aus. Sie brauchen nicht eher zu kom⸗ men, als bis ich klingle.“ Sie legte ihre Hand leicht auf Münzers dargebotenen Arm und führte ihn durch ein zweites Zimmer, in welchem ebenfalls noch die Lichter auf dem Kronleuchter und vor den Spiegeln brannten, in ein drittes, das, nicht mehr in der Fronte des Hauſes gelegen, weniger ſtattlich war, als die eben verlaſſenen, dafür aber deſto traulicher, duftiger, wärmer— der rechte Aufenthaltsort für eine Dame, die aus dem Comfort ein Studium gemacht hat. Dicke Teppiche, über die ſelbſt der Fuß eines Mannes lautlos dahinſchritt, bedeckten den Boden. Schwere dunkelgrüne Damaſtvorhänge verhüllten Thüren und Fenſter. Von der Decke hing eine Lampe, in deren weichem Licht die mit dunkelrothem Plüſch überzogenen Sophas und Fauteuils noch wollüſtiger, und die Geſtalten der herrlichen großen Kupferſtiche nach Tizian und Corregio an den Wänden und die Marmorſtatüetten auf den Conſolen zu leben ſchienen. Unmittelbar unter der Lampe war ein runder Tiſch prachtvoll gedeckt mit blinkendem Silber, zierlichen Kelchen und funkelnden, mit dem Blut der Burgunder Traube ge⸗ füllten Kryſtallflaſchen. An dem Tiſch waren zwei der Fauteuils in nicht zu großer Entfernung von einander gerückt und auf einen dieſer Fauteuils winkte Antonie ihren Gaſt, während ſie ſelbſt ſich in den andern ſinken ließ. Münzers Blicke ſchweiften flüchtig durch das reizende Interieur, um dann wieder auf Antonien haften zu bleiben, die ihm jetzt ganz anders wie vorhin— weniger prächtig, aber um eben ſo viel lieb⸗ licher und liebenswürdiger erſchien. Die ganze wunderliche Situation, ni die er ſich ſo plötzlich verſetzt ſah, hatte etwas Traumartiges, Mährchenhaftes, das ſeinen leidenſchaftlichen, nach dem Ungewöhnlichen heiß verlangenden Geiſt wie mit Zauberfäden umſtrickte. Der jähe Fr. Spielhagen's Werke. vI. 10 146 Die von Hohenſtein. Wechſel der Scenen, die er heute Abend erlebt, die übermäßige geiſtige Anſtrengung, der er ſich in der mehrſtündigen Volksverſammlung unterzogen, der Kampf widerſprechendſter Gefühle, der ſo lange und ſo heiß in ſeinem Buſen getobt, zuletzt die Begegnung mit dieſem ſeltenen Weibe— das Alles hatte ihn in ein Fieber der Aufregung verſetzt; und, wie im wirklichen Fieber die Vorſtellung der räumlichen Verhältniſſe ſo krankhaft zerrüttet wird, daß wir das Große als klein, das Kleine als groß empfinden, ſo rückten die menſchlichen Dinge für ihn in ein anderes trügeriſches Licht, in welchem gut wie bös, bös wie gut, vernünftig wie albern, albern wie vernünftig ausſah, und das wirkliche Leben wie ein Traum, der keiner weiteren Beachtung werth iſt. Er machte eine ablehnende Bewegung, als ihm Antonie von den Früchten und Biscuits anbot, füllte die zarten Kelche mit dem purpurnen Wein, und ſagte: „Auf Ihr Wohl, ſchöne Frau! Wer bedarf der Speiſe in dem herrlichen Augenblick, wo ihm eine Offenbarung der höchſten Schön⸗ heit wird! Auf Ihr Wohl, ſchönſte Frau! und möchte dieſer Augen⸗ blick mein letzter ſein!“ Er ſetzte den Kelch an ſeine Lippen und ſchlürfte gierig den köſt⸗ lichen Trank. Seine Lippen brannten, ſein Herz brannte und die Gluth des edlen Weines fiel wie Oel in loderndes Feuer. Lächelnden Blickes ſchaute Antonie auf ihren Gaſt. „Vielen Dank,“ erwiderte ſie, an ihrem Glaſe nippend;„und herzlichen Beſcheid; aber weshalb wünſchen Sie, daß dieſer Augen⸗ blick Ihr letzter ſeid Im Gegentheil: ich wünſche, daß mir der Mann, der mir vor Vielen des Namens werth ſcheint, nicht ſo bald wieder entriſſen werde. Hier! laſſen Sie mich Ihr Glas von Neuem füllen und laſſen Sie uns trinken auf eine lange— nein! nicht auf eine lange Freundſchaft! denn darüber würden wir alt und ſtumpf, und ich haſſe, was alt und ſtumpf iſt, viel mehr als den Tod! Alſo auf gute Kameradſchaft, ſo lange unſer Weg auf der Heerſtraße des Lebens zuſammengeht!“ „Das würde nicht lange ſein, ſchöne Frau;“ erwiderte Münzer, ſein Haupt auf die Hand ſtützend und Antonien mit glühenden Blicken betrachtend;„unſere Wege können ſich wohl einmal kreuzen, Erſter Band. 147 aber nur, um alsbald in den entgegengeſetzten Richtungen auseinander zu fliehen. Sie wiſſen nicht, wer ich bin.“ „Und will's nicht wiſſen; wgs kümmert mich der Stand und das Gewerbe. Ich will den Menſchen in dem Menſchen; den Mann im Manne. Was bin denn ich Ihnen Anderes, als ein Weib, das Sie heute zum erſten Male ſehen und— was weiß ich!— vielleicht für eine Wahnſinnige halten. Sie heißen Münzer! gut! es iſt mir, als hätte ich Ihren Namen ſchon manchmal gehört, in politiſchen Ge⸗ ſprächen, däucht mir, denen ich den Rücken wende, ſobald ich merke, um was es ſich handelt. Ich glaube auch, daß man Sie in meiner Gegenwart öfter einen Demokraten, einen Volksaufwiegler, einen höchſt gefährlichen Menſchen genannt hat, der mit dem Pöbel machen könne, was er wolle. Ich bin überzeugt, daß Sie eben dieſer Unhold ſind, auf deſſen Pfeifen die Ratten aus den Ecken und Winkeln kom⸗ men, oder, wie heute Abend, ſich in die Ecken und Winkel verkriechen. Doch was geht denn das Alles mich an! ich bin keine Politikerin. Ich halte politiſche Geſpräche für die größte Marter, der ein ver⸗ nünftiges Geſchöpf ausgeſetzt werden kann. Ich finde unfre Ariſto⸗ kraten unergründlich langweilig, unſre Geldmenſchen widerwärtig, unfre guten Bürger plump und eckig und höchſt meidenswerth, und den füßen Pöbel ſehr ſchmutzig, grob und unverſchämt. Für welche dieſer Kategorien wollen Sie, daß ich mich begeiſtere? Die Menſchen als Maſſe ſind mir in ihrem Thun und Treiben ſchlechterdings un⸗ verſtändlich oder verächtlich; ich ſuche nur in den Einzelnen Schönheit, Witz, Verſtand, und, dem Himmel ſei's geklagt, wie ſelten ich finde, was ich ſuche. Und leugnen Sie doch nicht: es geht Ihnen ja ebenſo! Sie mögen ſich noch ſo oft vorreden, daß Sie die Menſchen, für die Sie ſich abmühen und die Sie zu achten vorgeben, auch wirklich lieben— es iſt ja doch nicht wahr! Sehen Sie, Herr Dr. Münzer, Sie achten mich höchſt wahrſcheinlich ſehr wenig; ja, Sie haben ſich während dieſer letzten halben Stunde ſchon ein paar Mal die Frage vorgelegt: ob Sie, als Mann des Volkes, in dem Vollgefühl Ihrer hohen Moralität und ſo weiter, nicht eigentlich die Verpflichtung haben, mich, die Ariſtokratin, die es mit der ſogenannten guten Sitte ſo wenig genau nimmt, zu verachten,— wiſſen Sie, nicht ſo gerade⸗ 16* 148 Die von Hohenſtein. heraus, aber ſo nebenbei— und dennoch, dennoch— blicken Sie mich einmal einen Moment nicht ganz ſo finſter an! ein ganz klein wenig freundlich— ſo!— Dennoch, meine ich, daß Sie— gar nicht ab⸗ geneigt ſind, für mich irgend eine ungeheure Thorheit zu begehen, falls ich böswillig genug wäre, etwas der Art von Ihnen zu verlangen.“ „Sie könnten recht haben, gnädige Frau;“ erwiderte Münzer, deſſen Blicke wie gebannt an den Augen Antoniens hingen;„was aber wäre damit bewieſen? Kennen Sie die alte Wundermähr von jenen Titanen, die einſt den Himmel ſtürmen wollten, um an der goldenen Tafel der Unſterblichen bei Ambroſia und Nektar und dem Geſang Apollo's und der Muſen das Erdenleid zu vergeſſen? Sie ſetzten ſich zur Wehre, die neidiſchen, habſüchtigen Götter, ſie ſchmet⸗ terten mit ihren Blitzen die kühnen Rieſen zurück auf die Erde, denn dieſe— die platte, jämmerliche Erde— iſt der wahre Tartarus, die wahre Hölle für ein ſtolzes Titanenherz. Nun wohl, ſchöne Frau; wir Menſchen ſind die erbärmlichen Epigonen, welche jene herrlichen Väter mit der Sorge, der Noth, der Krankheit, den ſchlimmen Erden⸗ töchtern, zeugten, und wenn auch nur verzweifelt wenig Aehnlichkeit zwiſchen uns und ihnen noch beſteht, ſo haben wir doch unſre Ab⸗ kunft noch nicht ganz vergeſſen und haben noch immer eine dunkle Ahnung von dem ſeligen Leben auf den ätherunfloſſenen Höhen des Olympos, von jenem ſeligen Leben, wo es keine Tugend und kein Laſter, keine Weisheit und keine Thorheit giebt, nur eitel Schönheit, wunderbare, herzdurchſchauernde, ſinnberauſchende, weltentrückende Schönheit, welche die durſtige Seele trinkt wie die verdorrende Erde den Regen des Himmels, und dieſe Ahnung nennen wir Liebe. Aber ſehen Sie, vielſchöne Frau, wenn das ſchon für unſere Titanenväter nichts war, ſo iſt es noch viel weniger für uns, die Menſchenſöhne. Wir müſſen einſehen, daß die Summe von Glück, in welche ſich die Menſchheit zu theilen hat, ſehr klein iſt, und daß Alle nur dann zu dem ihnen beſchiedenen Antheil kommen können, wenn jeder Einzelne ſich eben beſcheidet, und nicht mehr beanſprucht, als er dem Nächſten gern gewährt. Dieſe Einſicht, die ſich dann in Thaten der Demuth und Entſagung verwirklicht, nennen wir Gerechtigkeit. Sie ſagen: ich liebe die Menſchen nicht, für die ich mich abmühe in öder, geiſt⸗ ——— Erſter Band. 149 lähmender Arbeit— und Sie haben, fürchte ich, Recht. Ich liebe ſie nicht; ja, es iſt mir manchmal— und heute Abend noch habe ich es gefühlt— als ob ich ſie geradezu verachtete; aber auch gegen Den, welchen ich nicht achte, kann ich noch immer gerecht ſein. Das kann ich Ihnen gegenüber nicht. Was ich Ihnen gegenüber empfinde, hat mit der Achtung, mit der Gerechtigkeit, und Allem, worauf ſonſt der Menſch dem Menſchen gegenüber den höchſten Werth legt, und legen muß, nichts zu thun, weil bei Ihrem Anblick ſich die wilde, un⸗ zähmbare Titanennatur in mir regt; weil ich bei Ihrem Anblick, bei dem ſüßen Ton Ihrer Stimme vergeſſe, daß ich keinen Anſpruch habe auf die Seligkeit der Götter— und ſo könnten Sie auch darin Recht behalten, daß ich für Sie eine Thorheit zu begehen im Stande wäre, die ungeheure Thorheit zum Beiſpiel: Sie zu lieben.“ Antonie lehnte ſich in ihren Fauteuil zurück und ihr leiſes, melo⸗ diſches Lachen erfüllte das Gemach wie lieblichſte Muſik. Dann bog ſie ſich wieder nach vorn über, und den Kopf auf beide Hände ſtützend, ſo daß die ſchlanken Finger in dem üppigen Haar begraben waren, ſagte ſie, Münzer feſt anblickend: „Dachte ich es doch, daß Sie der wunderbarſte Menſch ſind, den meine Augen je geſchaut! Wer ſind Sie, Mann, der Sie mich an die ſtolzen, einſam thronenden Bergrieſen der Alpen mahnen, um deren eiſige Stirnen dunkle Wolken ziehen, während ſich an ihre warme Bruſt grünende Matten und duftende Wälder ſchmiegen? Ich glaube, Sie ſind ein Königsſohn, der, von ſeinem Thron vertrieben, finſter grollend ſich unter das Volk gemiſcht hat, und das Volk zur Empörung gegen den Uſurpator treibt. Denn aus dem Volke ſind Sie nicht! Wer aus dem Volke ſtammt, hat nicht ſo ſchlanke, ariſto⸗ kratiſche Hände und vor Allem keine ſo hochmüthigen, herrſchſüchtigen Augen. Geſtehen Sie es nur! hier hört uns Niemand, und ich ver⸗ rathe es nicht: wo liegt Ihr Reich? und wer ſind Ihre königlichen Eltern?“ „Sie ſpotten meiner!“ erwiderte Münzer mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln,„ich kann es Ihnen nicht verdenken: Sie haben Urſache genug dazu. Sie wollen wiſſen, wo mein Reich liegt? Hier, hinter dieſer Stirn, zwiſchen den engen Wänden dieſes Schädels! 150 Die von Hohenſtein. und wer meine königlichen Eltern ſind? arme Bauersleute, die ihr elendes Leben unter der Laſt der ſchweren Körbe hinkeuchten, in denen ſie die Erde hinauftrugen auf die ſchmalen Terraſſen des zackigen Schieferberges, der alle zwei oder drei Jahre einmal eine ſchmale Ernte kümmerlichſter Trauben gewährte. Das Spielzeug, das man mir in die ariſtokratiſchen Hände gab, waren die Hacke und der Spaten; meine Kameraden, halbwilde Ziegen, die das harte Gras von den Felſenzacken ſuchten; meine Hofmuſici, der Falke, der im Sommer über meinem Haupte in der blauen Luft kreiſchend ſeine Kreiſe zog, und im Winter die Wölfe, die des Nachts um unſre einſame, im Schnee vergrabene Hütte heulten. Meine königlichen Eltern ſtarben vor Hunger und Kummer, und ich, ihr einziger prinz⸗ licher Sohn, wäre wohl auch verkümmert und verhungert, wenn der Pfarrer aus dem nächſten Dorfe— der einzige wahre Prieſter, den ich je gekannt— ſich des zerlumpten Buben nicht väterlich angenom⸗ men und ſein kärgliches Brod und ſein kärgliches Wiſſen mit ihm getheilt hätte. Als er mich nichts mehr lehren konnte, ſchickte er mich hierher auf die Schule und der Segen, mit dem er mich entließ, war: es werde mir wohlergehen auf Erden, wenn ich immerdar fromm und fleißig bliebe. Nun iſt es aber ſchwer, in einer Dachkammer, durch deren Ritzen der Winterwind pfeift, fromm zu bleiben; aber fleißig kann man ſein, ſehr fleißig; und ſo ſagte ich denn der Frömmigkeit für immer Valet und hielt mich an den Fleiß— nicht aus Liebe zum Wiſſen, ſondern aus Ehrgeiz, aus brennendem, verzehrendem Ehrgeiz, der mich Hunger und Kälte und den Spott meiner Mit⸗ ſchüler mit ſteiſchem Gleichmuth ertragen ließ. Ja, ſie ſpotteten mei⸗ ner, die zierlichen Junker, die wohlgenährten Kaufmannsſöhne; ſie nannten mich nur den„Eifel⸗Wolf,“ weil ich ſo hager und ſo hohläugig und meine Kleider ſo abgetragen und geflickt waren. Und, beim Himmel, ſie hatten ſo unrecht nicht, die gedankenloſen Spötter: es ſah zu Zeiten wölfiſch genug in mir aus. Die wenſchliche Geſellſchaft erſchien mir wie eine große, fette, ſtupide Heerde und ich haßte dieſe Heerde mit einem grimmigen, rachehungrigen, wölfiſchen Haß. Ich wollte uner⸗ gründlich gelehrt, ich wollte allwiſſend werden, um in meinem All⸗ wiſſen die Allmacht zu haben, mich an den Menſchen für ihren Spott ———— Erſter Band. 151 und Hohn zu rächen. Ich habe den Teufel hundertmal gerufen und ihm meine Seele angeboten. Aber der Teufel kam nicht und das brachte mich endlich auf den Gedanken, es möchte doch wohl keinen Teufel geben, vielleicht nicht einmal einen Gott, den man für das ruchloſe Treiben der Menſchen verantwortlich machen könnte. „Und indem ich nun auf dieſem Wege weiter ſchritt, kam ich zu ganz neuen, unerwarteten Reſultaten. Ich ſagte mir, daß, wenn die Menſchen durch ſich ſelbſt ſchlecht ſeien, ſie auch durch ſich ſelbſt gut ſein könnten, und daß, wenn ſie es nicht ſeien, dies vielleicht in tief verborgenen Urſachen, in großen allgemeinen Schäden des Staates und der Geſellſchaft ſeinen Grund haben möge, für deren Exiſtenz man wohl die Menſchheit im Großen und Ganzen, aber nicht den Einzelnen verantwortlich machen könne, der, ohne es zu wiſſen und ohne es zu wollen, an dem allgemeinen Uebel participire. In leiden⸗ ſchaftlichen Seelen, wie in der meinen, liegen die Extreme nahe bei⸗ einander, und wie ſich Andere, nach dem Wort des großen Dichters, „Menſchenhaß aus der Fülle der Liebe tranken,“ ſo trank ich Menſchen⸗ liebe aus der Fülle des Haſſes. Aber meine Kraft war gebrochen und meine Menſchenliebe grau und ſchattenhaft, wie es zuletzt mein Menſchenhaß geweſen war. Meine Menſchenliebe kam nicht aus dem Herzen, ſie kam aus dem Verſtande, aus der Einſicht, daß man die Menſchen ihrer Fehler wegen nicht verabſcheuen und nicht verſpotten dürfe, ſo wenig wie man Krüppel und Ausfätzige verſpotten und ver⸗ abſcheuen darf. Meine Theilnahme an den Menſchen war die Theil⸗ nahme des Arztes an ſeinen Kranken. Ich half, ich tröſtete, wo ich konnte, ich gab den Armen, ſo viel ich vermochte;— mein Herz hatte mit dem Allen nichts zu thun; es war in mir todt und leer, todt und leer.“ Münzer ſeufzte tief und leerte langſam ſein Glas. Antonie füllte es ihm wieder, und dann, ihre Hand für einen Moment leicht auf ſeine Hand legend, ſagte ſie ſanft: „Armer, armer Mann!“ „Ja wohl,“ ſagte Münzer;„armer Mann, denn wer iſt ärmer, als ein einſamer Menſch, und ich war einſam unter all den Menſchen um mich her, einſam und verlaſſen, wie der Schiffbrüchige auf Salas 152 Die von Hohenſtein. ) Gomez. Und wie jener Unglückliche, nachdem er ſeine Verzweiflung ausgeraſt, ſich ſtill und geduldig in ſein Schickſal fügt, ſo reſignirte ich auf alle Lebensfreude, auf alles Lebensglück. Ich ſah deutlich. welches meine Aufgabe war, und das war mir genug. Ich ſah die Kluft, welche die Menſchheit unſeres Jahrhunderts zu ihrem unge⸗ heuren Schaden in zwei höchſt ungleiche Theile theilt: in die vielen Berufenen und die wenigen Auserwählten, in Wiſſende und Unwiſſende, in Prieſter und Laien— die dunkle, ſchauerliche Kluft, die ſich mitten unter uns aufthut, wie jener ſagenhafte Abgrund auf dem römiſchen Forum, und die, wie jener, nur dann ausgefüllt werden kann, nur dann ſich ſchließen wird, wenn wir unſer Koſtbarſtes hineinwerfen, wenn wir die edelſten Kräfte unſeres Kopfes und unſeres Herzens daran ſetzen, die Menſchen miteinander zu verſöhnen, und, was trotz Alledem und Alledem noch immer das ausſchließliche Eigenthum einiger Wenigen iſt, zum Gemeingut Aller machen. An dieſem größten und edelſten Werke wollte ich ſchaffen und wirken, ſo weit es meinen Kräften möglich war und ich wollt' es thun, ohne auf Lohn oder Dank je zu hoffen, je Anſpruch zu machen. Ich wollte nichts für mich, ſchlechterdings nichts, als was der ganzen Menſchheit zugetheilt iſt; ich wollte nichts Ausſchließliches, nicht einmal das Gefühl, allein zu ſein mit mir und meinem Schmerz, nicht einmal die fantaſtiſchen Träume von einer hohen, ſternenhohen Liebe, die manchmal in ſtiller Nacht, wie Aeolsharfenklänge, ſüß und berauſchend durch meine müde einſame Seele zogen. Ich wollte Weib und Kinder haben, wie andere Menſchen auch, ob ich vielleicht ſo würde wie die andern Menſchen und ſo befreit würde von dem ängſtigenden Bewußtſein, daß der dunkle Weg, auf dem ich wanderte, über kurz oder lang zum Wahn⸗ ſinn oder Selbſtmord führen müſſe.“ Münzer ſchwieg. Er hatte ſich in ſeinem Leben noch nie ſo ohne Rückhalt über ſich ſelber ausgeſprochen und das Gefühl ſeines Leides überkam ihn mit erſchütternder Gewalt. Sein Herz war ſchwer wie eines zur Hinrichtung Verdammten; ſeine Augen brannten, wie von zurückgehaltenen Thränen. Er blickte in ſchmerzlicher Starrheit zu Antonien hinüber, als müſſe ihm von ihr Troſt und Labung kemmen. Erſter Band. 153 „Und— und Sie haben Weib und Kinder?“ fragte Antonie nach einer Pauſe. „Ich habe ein Weib, ein treues Weib und ihr wäre beſſer, ſie wäre geſtorben, ehe ſie mich geſehen; ich habe Kinder, herzige, blühende Kinder, und ihnen wäre beſſer, ſie wären nie geboren. Ich habe kein Talent zum Glücklichſein, aber ich bin ein Genie in der Höllenkunſt, Andere unglücklich zu machen.“ Münzer ſprang in die Höhe und ging mit ſtarken Schritten im Gemach auf und ab. Plötzlich blieb er vor Antonie ſtehen, die, in tiefem Nachdenken, die Augen mit der Hand bedeckend, in ihren Fau⸗ teuil zurückgeſunken ſaß, und ſagte, faſt durch die Zähne: „Wehe Ihnen, wenn unſere Lebenswege ſich doch noch öfter kreuzen ſollten; wehe Ihnen und mir! Ich würde eine Feuergarbe in Ihr Leben werfen, deren Gluth Sie, ſo ſehr Sie ſich auch ſträub⸗ ten, erfaſſen und verzehren würde; und Sie, Sie könnten mich nicht glücklich, Sie könnten mich nur unglücklicher machen, wenn das noch möglich wäre. Ich würde, wenn ich den entzückenden Traum aus⸗ geträumt, erwachen und wieder an die Arbeit gehen, der ich mich mit heiligem Schwur geweiht, und wenn ich dann nicht mehr mit der Kraft, wie jetzt, in dem Urwald des Wahns die wackere Axt ſchwingen könnte; wenn ich fühlte, daß der frevle Verſuch, an der Tafel der Götter zu ſchwelgen, mir nichts eingebracht hätte, als Scham und Reue— dann—“ „Nun, dann?“ ſagte Antonie mit bleichen Lippen;„ſprechen Sie es nur aus! dann?—“ „Dann,“ rief Münzer, ſich zu Antoniens Füßen werfend und ihre beiden Hände ergreifend;„dann würde ich Dich haſſen, Du ſchönes Weib, wie ich Dich vorher mit aller Gluth meiner Seele liebte.“ Antonie war noch bleicher geworden; ihr Athem flog, ihre Naſen⸗ flügel zuckten, ihre großen braunen Augen ſtrahlten. Sie zog ihre Hände aus Münzers Händen, legte ſie dem Knieenden über beide Schultern und flüſterte, ihn an ſich ziehend, ſo daß ihre Lippen faſt die ſeinen berührten: „Und müßteſt Du mich haſſen, Du ſtolzer Mann, und müßteſt 154 Die von Hohenſtein. Du mich tödten dafür, daß Du mich geliebt, daß ich Dich geliebt, doch ich will Dich lieben, doch ſollſt Du mich lieben.“ Sie warf ihre Arme um ſeinen Nacken, und preßte ihre Lippen auf ſeinen Mund in einem langen, glühenden Kuß. Da tönten Schritte auf dem parquettirten Fußboden des Neben⸗ zimmers. Antonie zuckte zuſammen, Münzer fuhr in die Höhe und ſchaute nach der Thür, die alsbald geöffnet wurde. „Der Herr Obriſt von Hohenſtein;“ ſagte der Bediente, in deſſen kleinen Augen ein boshaftes Lächeln zwinkerte, und ehe noch Antonie ein Wort erwidern konnte, ſchritt ſchon der Obriſt in das Gemach. Der boshafte Bediente ſchloß die Thür hinter ihm. Der Obriſt war über den Anblick des ihm wohlbekannten De⸗ magogen, hier im Gemache ſeiner Schwägerin, kaum weniger er⸗ ſchrocken, als es Antonie und Münzer über ſein unerwartetes Herein⸗ treten waren. Sein erſter Gedanke war, Münzers Beſuch könnte mit der Angelegenheit, die ihn ſelbſt hierher geführt hatte, in Verbindung ſtehen; aber dann entging ſeinen ſcharfen Augen nicht der eigenthüm⸗ liche Ausdruck auf den Geſichtern der Beiden. Dazu das unerklär⸗ liche Gegenüber, das er offenbar geſtört hatte, und das höhniſche Lächeln des Bedienten, der ihn hereinführte, und der Ruf des unver⸗ antwortlichſten Leichtſinns, ja der unverhüllten Libertinage, in welchem, wie er ſelbſt nur zu gut wußte, ſeine Schwägerin ſtand— der Obriſt konnte das Alles auf einmal nicht ganz faſſen, aber was er davon begriff, war hinreichend, um ſein rachſüchtiges Herz mit eiferſüchtiger Wuth zu erfüllen. „Verzeihen Sie, liebe Schwägerin,“ ſagte er mit einem finſtern Blick auf Münzer,„wenn ich ſtöre. Ich konnte nicht früher kommen, da ich den ganzen Abend in der Kaſerne habe zubringen müſſen. Als ich die Kaſerne verlaſſe, höre ich, daß in Ihrer Straße, vor Ihrem Hauſe ſelbſt, ein Krawall ſtattgefunden hat; ich eile hierher, finde freilich die Zimmer nach vorn heraus dunkel, aber die Hausthüre noch nicht verſchloſſen, und Ihr Jean ſagt mir, daß noch Geſellſchaft oben ſei. Noch einmal, verzeihen Sie, wenn Sie heute, wie es ſcheint, auf meinen Beſuch nicht gerechnet haben.“ Erſter Band. 155 Antonie hatte, während der Obriſt ſprach, ihre Faſſung wieder gewonnen. „Ich hatte allerdings heute Abend auf Ihren Beſuch nicht mehr gerechnet,“ ſagte ſie mit einer eiſigen Kälte;„während Sie Ihre Soldaten in der Kaſerne hielten, hat man mir die Fenſter einge⸗ worfen, und Sie würden ſchließlich mit Ihrem Regiment— weniger als ein Regiment hätten Sie doch wohl nicht mitgebracht?— zu ſpät gekommen ſein, wenn dieſer Herr nicht die Güte gehabt hatte, die Leute nach Haus zu ſchicken. Erlauben die Herren, daß ich Sie einander „Ich hatte bereits Gelegenheit, die Bekanntſchaft des Herrn Dr. Münzer zu machen;“ erwiderte der Obriſt mit einer ſehr förmlichen Verbeuzung, die ven Münzer nicht minder förmlich erwidert wurde. „Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich von Ihnen verab⸗ ſchiede,“ ſagte Münzer, ſich von dem Obriſt zu Antonien wendend; „ich habe Ihre koſtbare Zeit ſchon länger als billig in Anſpruch genommen.“ Antonie wollte etwas erwidern, das Mänzer zum Bleiben be⸗ ſtimmen ſollte, aber ein Blick in ſeine Augen ſagte ihr, daß es ver⸗ geblich ſein würde. So wandte ſie ſich denn mit einem ſchnellen Eutſchluß um, zog heftig an der Klingel und ſagte zu dem alsbald hereintretenden Bedienten: „Leuchten Sie dem Herrn Doctor!“ und dann zu Münzer, in⸗ dem ſie ihm die Hand reichte:„Auf Wiederſehen, Herr Doetor! Ich hoffe, daß ich ſehr bald das Vergnügen haben werde.“ Münzer zog die ſchöne Hand, die in der ſeinen ruhte, an die Lippen, verbeugte ſich noch einmal flüchtig vor dem Obriſt, der mit ſtarren Blicken, als könne er noch immer ſeinen Augen nicht trauen, die Abſchiedsſcene beobachtete, und folgte dem Bedienten aus dem Zimmer. 1 156 Die von Hohenſtein. Siebenzehntes Capitel. Die Thür hatte ſich kaum hinter ihnen geſchloſſen, als der Obriſt, aus ſeiner ſtarren Haltung auffahrend, heſtig auf Antonie zuſchritt und in heftigem Tone fragte: „Was ſoll das bedeuten, Antonie?“ Antonie verſchränkte die Arme unter dem Buſen und erwiderte mit einem Tone ſchneidendſter Kälte, der mit dem zornigen Blick ihrer Augen ſeltſam contraſtirte: „Ich glaube: ich habe eher Urſache zu fragen, was es bedeutet, daß Sie in einem ſolchen Ton mit mir zu ſprechen wagen.“ Der Obriſt hatte durchaus keine Veranlaſſung, einen Streit mit ſeiner Schwägerin zu wünſchen; aber ſein Zorn war diesmal größer als ſeine Klugheit, und heftig erwiderte er: „Iſt es nicht unerhört, iſt es nicht Skandal, daß Sie, Antonie von Hohenſtein, es wagen, einen ſo verrufenen Menſchen, wie dieſer Münzer iſt, bei ſich zu ſehen? Sollen die Freiheiten, die Sie ſich nehmen, zuletzt alle Grenzen überſteigen? ſollen die Leute zuletzt mit Fingern auf Sie weiſen, wie ſie jetzt ſchon hinter Ihrem Rücken die Achſeln zucken?“ Die rauhe Stimme des Obriſten war bei dieſen Worten noch rauher und heiſerer geworden; er ſchleuderte ſeinen Helm auf einen Stuhl(von wo derſelbe auf den Teppich rollte) und lief, wie ein wildes Thier, mit zornſprühenden Augen heftig auf und ab. Antonie hatte ihre Stellung nicht verändert und der Ton ihrer Stimme war wo möglich noch eiſiger, als ſie ſagte: „Wenn ich nicht wüßte, mon cher, daß in dieſen Augenblicken viel mehr die Eiferſucht, als fonſt irgend ein Gefühl aus Ihnen ſpricht, würde ich Sie durch meinen Bedienten hinaus führen laſſen müſſen. So ſage ich Ihnen nur: nehmen Sie Ihren Helm wieder auf, den Sie mit gänzlicher Mißachtung der vaterländiſchen Farben hingeworfen haben, und gehen Sie ruhig nach Hauſe. Wann ich die Erſter Band. 157 Ehre haben werde, Sie wieder bei mir zu ſehen, das hängt davon ab, ob ich morgen, wenn ich ausgeſchlafen habe, noch weiß, was Sie eben geſagt und wie Sie ſich eben betragen haben. Ich hoffe, daß es nicht der Fall ſein wird; bis dahin aber leben Sie wohl!“ „Verzeihen Sie, Antonie;“ ſagte der Obriſt, der fühlte, daß er zu weit gegangen war und gern wieder eingelenkt hätte;„ich war durch den Anblick dieſes Menſchen, der mir über alle Begriffe fatal iſt, ganz außer mir. Sie wiſſen nicht, oder erinnern ſich nicht mehr, daß es derſelbe iſt, der, als vor zwei Jahren der große Krawall hier war, die Bürgergarde mit den weißen Binden am Arm— Lumpen⸗ garde nannten wir die Kerls— in's Leben rief und durch Reden und Schriften Alles gethan hat, um die Schuld auf uns, reſpective auf mich zu werfen.“ „In der That,“ ſagte Antonie;„ich habe damals nicht darauf geachtet; alſo der Doctor Münzer— Sie nannten ihn ja wohl Doctor?— war in die Sache verwickelt?“ „Ja, das heißt nicht direct;“ erwiderte der Obriſt, ſeinen Helm aufnehmend und auf eine Conſole ſtellend;„nicht direct, aber er miſchte ſich nachträglich hinein, wie er ſich in Alles miſcht, was ihn nichts angeht, und gerirte ſich als Advokat der Canaille, die ich mit Fug und Recht hatte zuſammenhauen laſſen. Er war es, der den Magiſtrat veranlaßte, eine Unterſuchungscommiſſion niederzuſetzen, welche die Zeugen verhören ſollte, und wenn die Sache auch damals von der Regierung niedergeſchlagen und der Commiſſion das Hand⸗ werk gelegt wurde, ſo iſt er doch die Veranlaſſung, daß ich hinterher einen derben Putzer vom Generalcommando bekam, über den ich noch wüthend bin, wenn ich nur daran denke.“ „Aber, Sie erzählten mir damals, wenn ich nicht irre, daß Ihr Bruder Arthur Ihnen das zu wege gehrich habe;“ ſagte Antonie, die ſich hingeſetzt hatte und dem Obriſt winkte, ebenfalls Platz zu nehmen. „Der liebenswürdige Arthur war auch dabei betheiligt,“ erwiderte der Obriſt;„denn vamals war der Herr Stadtrath noch liberal, wäh⸗ rend er ganz neuerdings, wie ich höre, die Farbe gewechſelt hat und äußerſt conſervativ thut. Wer weiß, vielleicht wird Herr Münzer 158 Die von Hohenſtein. bald ſeinem Beiſpiele folgen und wartet nur noch, bis die Regierung ihm einen annehmbaren Preis bietet. Glauben Sie mir, Antonie: dieſe Menſchen ſind zu Allem fähig, wenn man ſie nur bei ihrer ſchwachen Seite faßt, das heißt, ihnen das nöthige Geld giebt. Ja, ich glaube halb und halb, daß ich einem ſchändlichen Complot auf der Spur bin, in das der ſaubere Herr Stadtrath und der ebenſo ſaubere Herr Münzer und der treffliche Peter Schmitz, der verdammte Demokrat, gleicherweiſe verwickelt ſind.“ „Sie machen mich äußerſt neugierig,“ ſagte Antonie;„wollen Sie ſich nicht ein Glas Wein einſchenken?“ „Danke,“ erwiderte der Obriſt;„ich weiß es ja und habe es immer geſagt, vaß Sie ein Engel ſind, wenn Sie auch manchmal, wie vorhin, ein kleines Teufelsmäskchen vorbinden. Da Sie doch einmal ſo gnädig ſind, ſo erlauben Sie mir auch, meine Spadille abzulegen. Famoſer Burgunder! Chambertin, ſechsundvierziger? und ſolchen Wein konnten Sie dem Menſchen vorſetzen, weil er Sie von dem Pöbel befreit, den er jedenfalls ſelbſt vorher aufgehetzt hatte? Saeré! ich wollte, ich hätte Ihnen mit einer halben Compagnie von meinen Kerls Ruhe ſchaffen können; ich wollte das Geſindel zuſam⸗ mengeſchmiſſen haben!“ „Wie war das mit dem Complot, dem Sie auf der Spur zu ſein glauben?“ warf Antonie ein. „Ich komme gleich varauf, um ſo mehr, als die Sache neben meinem Wunſch, Sie zu ſehen, meine angebetete Antonie,“— hier verbeugte ſich der Obriſt galant,—„der Hauptgrund war, weshalb ich noch ſo ſpät bei Ihnen vorſprach. Ich habe Ihnen doch erzählt, daß der Arthur— der Teufel mag wiſſen, durch welche Ränke—. ſich bei dem alten Sünder auf Rheinfelden wieder zu Gnaden ge⸗ bracht hat, und daß der Alte, der, glaube ich, nächſtens verrückt wird, an dem Jungen, dem Wolfgang, einen Narren gefreſſen zu haben 8 ſcheint. Der Junge iſt bis auf dieſen Augenblick, zuſammen mit der— albernen Clotilde und ihrem Backfiſch von Camilla, bei dem Alten zum Beſuch; und Selma behauptet ſteif und feſt, es ſei darauf ab⸗ geſehen, daß die Beiden ſich ſpäter einmal heirathen und den Alten. beerben ſollen. Sie können ſich denken, daß Selma in ihrer beliebten Erſter Band. 159 Weiſe mir den lieben Tag lang die Ohren davon voll jammert, und ich müßte lügen, wenn mir bei der Affaire gut zu Muthe wäre; Sie wiſſen, daß ich, wenn uns die Erbſchaft entgehen ſollte, ein ruinirter Mann bin. Ich habe aber bis jetzt die Sache leichter genommen und mich damit beruhigt, daß der Alte der größte Schuft iſt, den die Erde trägt, und es mit Niemand wirklich gut meint, alſo auch den Monſieur Wolfgang über kurz oder lang zum Kukuk ſchicken werde. Seit heute Morgen iſt mir die Geſchichte aber doch bedenklich geworden. Ich bekomme nämlich heute Morgen, wie ich in die Kaſerne reiten will, einen Brief von dem Alten— ich glaube den zweiten, mit dem er mich überhaupt im Leben beehrt hat— worin er mir ſchreibt— ich habe das Dings ja noch bei mir; hier, hören Sie und ſagen Sie ſelbſt, ob den Alten der Teufel reitet, oder nicht: „Mein lieber Neffe Guisbert! Ich finde, daß mein Großneffe Wolf⸗ gang, der in dieſem Augenblicke bei mir iſt, ein ſehr charmanter und cavaliermäßiger junger Menſch iſt, der es mindeſtens eben ſo gut ver⸗ dient, als Deine Jungens, des Königs Rock zu tragen; darum ich wünſche, daß er Officier wird, wie ich es geweſen bin und alle Hohenſteins es geweſen ſind, mit wenigen Ausnahmen, die ich durchaus nicht billigen noch geutiren kann; weswegen ich Dich erſuchen möchte, da Du die Affaire am beſten arrangiren kannſt, daß Du den Jungen in Dein Regiment auf Avancement eintreten ließeſt, ſintemalen mein Vater und mein Großvater bei ſelbigem Regimente geſtanden haben, wie denn der Junge, wie obbemeldet, ein echter und rechter Cavalier, deſſen ſich kein Regimentscommandeur zu ſchämen braucht, wogegen ich Dir gern, wenn Du etwa was nöthig hätteſt, eintauſend Thaler, oder ſo, geben will, nota bene, wenn Du erfüllſt den Wunſch Deines wohl affectionirten Onkels Eberhard von Hohenſtein, Generallieute⸗ nant a. D. auf Rheinfelden. Poſt⸗Scriptum. Ich habe mit dem Jungen noch nicht geſprochen, weil ich erſt Deine Antwort haben muß und will, welche mit umgehender Poſt erwartet der Obige.“ „Was ſagen Sie nun,“ fragte der Obriſt, indem er den Brief zuſammendrückte und einſteckte;„iſt das nicht zum Tollwerden? Ich ſoll den Jungen in mein Regiment nehmen? einen Jungen, deſſen Mutter eine Krämertochter oder dergleichen iſt, die mein lüderlicher 160 Die von Hohenſtein. Herr Bruder verführt und dann dummerweiſe geheirathet, und um derentwillen er ſich mit ſeiner ganzen Familie überworfen hat? einen Jungen, der uns vielleicht die ganze Erbſchaft vor der Naſe weg⸗ ſchnappt? iſt das nicht ein wahrer Hohn? ich möchte darüber ver⸗ rückt werden!“ „Warum ſchreiben Sie denn dem General nicht, daß Sie nicht wollen? So iſt die Sache ja abgemacht.“ „Nicht ſo ganz,“ erwiderte der Obriſt mit finſtrem Lächeln; „einmal iſt zu bedenken, daß, wenn ich nicht darauf eingehe, der alte Sünder, der noch überall in der Armee Verbindungen hat, ſich an einen andern Regimentschef wendet, der weniger ſerupulös iſt, als ich, und alſo mit meiner Weigerung im Grunde wenig geholfen iſt. Sodann habe ich gar keine Veranlaſſung, den Alten noch mehr gegen mich aufzubringen, als er es, Gott ſei's geklagt und der Teufel mag wiſſen weshalb, ſchon ſeit langer Zeit und eigentlich von jeher gegen mich, Selma und ſelbſt meine Jungens geweſen iſt. Und drittens—“ Der Obriſt wurde ein wenig roth und warf einen ſchnellen Blick aus ſeinen kleinen ſtechenden Augen zu Antonien hinüber, die, den Kopf auf die Hand geſtützt, nachdenklich in ihrem Lehnſtuhl ſaß. „Und drittens,“ fuhr er langſam fort,„hat der Alte mit ſeiner gewöhnlichen Schlauheit einen Köder an den Haken gebunden, der— Ihnen kann ich es ja geſtehen!— gerade in dieſem Augenblicke eine große Anziehungskraft für mich hat. Um es gerade heraus zu ſagen: ich brauche Geld, nothwendig Geld, und ich weiß nicht, woher ich's nehmen ſoll— meine gewöhnlichen Quellen ſind erſchöpft und—“ „So thun Sie doch, was der Großonkel will;“ ſagte Antonie; „da es Ihnen ſchließlich doch nichts hilft, wenn Sie ſich weigern, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen, ſo wären Sie ja ein großer Narr, wollten Sie das Geld nicht nehmen.“ Der Obriſt hatte etwas Anveres erwartet, als Antonie zu ſprechen anfing; und er erwiderte daher ärgerlich: „Sie haben gut reden; man verkauft doch auch nicht gern ſeine Ueberzeugungen und ſeine Grundſätze für ein paar lumpige Thaler.“ „Tauſend Thaler ſind eine ſchöne Summe,“ meinte Antonie achſelzuckend;„aber was hat mit dem Allen der Dr. Münzer zu thun? Erſter Band. 161 und wo iſt das Complot, von dem Sie vorhin geſprochen haben: ich ſehe kein Complot.“ „Ich kann Ihnen das auch nicht ſo ſchwarz auf weiß zeigen,“ brummte der Obriſt;„ich habe nur ſo meinen Verdacht und wie ich dieſe Schurken kenne, hat die Sache gar nichts Unmögliches. Ganz zufällig habe ich nämlich erfahren, daß dieſer Monſieur Wolfgang ein ſehr guter Freund von dieſem Dr. Mütnzer iſt, der ihm, glaube ich, Franzöſiſch beigebracht hat und vermuthlich all' ſeine kommuniſti⸗ ſchen Teufelsideen mit in den Kauf.“ „Was Sie ſagen! Der hübſche Wolfgang ein Freund des Dr. Münzer? Jetzt wird die Geſchichte aber wirklich ſpannend; erzählen Sie doch mehr davon!“ „Sie ſcheinen ſich in der That ſehr für dieſen Münzer zu intereſſiren,“ ſagte der Obriſt mit einem Grinſen, das ein Lächeln ſein ſollte. „Allerdings thue ich das,“ erwiderte Antonie luſtig;„der Mann ſcheint ſich ja wirklich in alle Verhältniſſe zu miſchen, der allgegen⸗ wärtige Graf von St. Germain iſt ja gar nichts gegen ihn. Ich hab's ihm heute Abend doch gleich geſagt, daß er ein heimlicher Prinz iſt, der nur zum Zeitvertreib den Demokraten ſpielt. Aber ich ſehe noch immer kein Complot! Herr Obriſt von Hohenſtein, Sie ſind mir noch immer ein Complot ſchuldig!“ Dem Obriſt behagte der Scherz der Dame offenbar ſehr wenig; er ſchlürfte mürriſch ſeinen Wein und ſagte: „Nun, eine Möglichkeit iſt wenigſtens, daß Arthur, ſein Schwager Schmitz und dieſer Dr. Münzer zuſammen den Plan ausgeheckt haben, dieſen Wolfgang auf alle Fälle und durch jedes Mittel bei dem Alten zu Gnaden zu bringen. Wiſſen wir denn, welche Inſtructionen der Junge mit nach Rheinfelden gebracht hat? Kann der Plan, ihn zum Officier zu machen, nicht dem Alten ſo unter der Hand zugeſpielt ſein? Ich habe mir erzählen laſſen, daß dieſer Peter Schmitz noch immer in ſeine Schweſter, die Stadträthin, wie vernarrt iſt. Sollte er da nicht wünſchen, den Sohn⸗ ſeiner Schweſter hoch zu bringen? und Münzer iſt wieder der Intimus von dieſem Schmitz, und Beide ſtecken, ich möchte drauf ſchwören, mit Arthur unter einer Decke. Fr. Spielhagen's Werke. VII. 11 162 Die von Hohenſtein. Wenn Arthur jetzt den Ultra-Conſervativen herauskehrt, ſo geſchieht es nur, einmal, um ſich bei dem Alten in Rheinfelden einzuſchmeicheln, und zweitens, um ſeinen Spießgeſellen den Weg zu ebnen. Laſſen Sie den Wolfgang nur erſt den erklärten Erben des Alten ſein, ſo ſollen Sie einmal ſehen, wie ſchnell ſein Onkel Schmitz und ſein Freund Münzer ihre politiſche Farbe wechſeln werden, beſonders wenn zu gleicher Zeit die Regierung mit einer Conceſſion und dergleichen für Schmitz und mit einer gut dotirten Profeſſorſtelle oder dergleichen für Herrn Münzer nachhilft.“ »Mon Pieu! das klingt ja ordentlich ſchauerlich,“ rief Antonie lachelnd; ich fange mit Ihnen an, dieſen Münzer für einen äußerſt gefährlichen Menſchen zu halten; es ſollte mich jetzt gar nicht mehr wundern, wenn ich erführe, daß er den Skandal heute Abend vor meinem Hauſe wirklich ſelbſt arrangirt hat, blos um eine Gelegenheit zu haben, ſich bei mir zu introduciren, und mich, Gott weiß wie, ebenfalls— in das große, ſchreckliche Complott zu ver⸗ wickeln.“ „Lachen Sie, ſoviel Sie wollen,“ ſagte der Obriſt ärgerlich, in⸗ dem er aufſtand, ſeinen Degen anſteckte und ſeinen Helm ergriff; „mir iſt auf Ehre bei der ganzen Sache gar nicht lächerlich zu Muth. 3 Ich glaubte, daß Sie, wenn ich auch nachgerade die Hoffnung auf⸗ gebe, Ihr wetterwendiſches Herz zu feſſeln, doch zum mindeſten meine Freundin ſeien; aber ich ſehe wohl, daß ich mich auch darin getäuſcht habe. Leben Sie wohl! Nach dem heutigen Abend werde ich Ihrer Entſcheidung, ob Sie wieder gut ſein wollen, oder nicht, mit größerer Ruhe entgegenſehen. Das aber ſage ich Ihnen—“ und bei dieſen Worten ſprühten die kleinen Augen des Obriſten Funken brennender Eiferſucht;—„wenn Sie etwa, zur Abwechſelung, ein kleines un⸗ ſchuldiges Verhältniß mit dieſem Münzer verſuchen wollten, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich nicht Guisbert von Hohenſtein heißen will, wenn ich dem Kerl nicht bei nächſter paſſender Gelegenheit mei⸗ nen Degen durch den Leib renne.“ „Oder ihm ein Bataillon von meinem Regiment über den Hals ſchicke, falls ich allein nicht mit ihm fertig werden ſollte. O, lieber Obriſt, Sie ſind, bei Gott, heute Abend zu komiſch! Aergern Erſter Band. 163 kann und will ich mich nicht mehr über Sie; ſehen Sie ſich doch nur einen Augenblick in dem Spiegel, ob Sie nicht ein ganz pudelnärri⸗ ſches Geſicht ſchneiden.“ Und Antonie warf ſich in ihren Fauteuil und lachte mit aus⸗ gelaſſenſter Luſtigkeit. „Gute Nacht!“ ſagte der Obriſt kurz und ſcharf;„lachen Sie, aber lachen Sie wenigſtens allein; ich will mich nicht zum Narren halten laſſen, von Keinem, ſelbſt von Ihnen nicht.“ „Gute Nacht, mein ſchwägerlicher Othello, gute Nacht, mein un⸗ eigennütziger Freund;“ rief Antonie, ihm unter Lachen ihre Hand hin⸗ ſtreckend, aber der Obriſt wandte ſich von ihr ab, und eilte, die Thür hart hinter ſich zuwerfend, aus dem Zimmer. Antoniens Lachen verſtummte, ſobald ſich die Thür hinter dem Erzürnten geſchloſſen hatte. Ihr ſchönes Geſicht nahm den Ausdruck ernſten, faſt peinlichen Nachdenkens an. Eine Menge verſchieden⸗ artigſter Empfindungen arbeiteten in ihren Zügen— einmal lächelte ſie wie in ſeliger Erinnerung eines wonnig ſüßen Augenblicks— dann aber verfiel ſie ſofort wieder in düſtres Sinnen. „Er iſt ſchön,“ murmelte ſie;„ſehr ſchön; wenn er mein würde, es wäre doch etwas Anderes als— Einer mehr! Und warum nicht? er iſt verheirathet, pah! er ſieht nicht aus, als ob ihn das allzuſehr hindern würde; aber er iſt ein Idealiſt und ſolche Leute nehmen die Sache ernſt, nicht in der komiſchen Weiſe, wie mein braver Obriſt, ſondern in jener wirklich ernſten Weiſe, die ſo verzweifelt unbequem iſt. Wie war's denn mit Caſtruccio in Rom? Armer Junge! Du könnteſt noch glücklich leben und ſchöne Mädchen küſſen und ſchöne Bilder malen!— ich kann nichts dafür; ich hatt's Dir geſagt, oft genug geſagt, Du wollteſt es nicht glauben— was kann ich dafür! ich kann nicht treu ſein! dieſen Männern nicht! ſie ſind's nicht werth. Ob dieſer Münzer mich wirklich feſſeln könnte? vielleicht er mich länger, ſtärker, als ich ihn? den Verſuch verlohnte es ſich wohl— und wir waren auf ſo gutem Wege. Weshalb kam der Tölpel von Guisbert dazu— und der alberne Jean! ja ſo! das muß heute Abend noch abgemacht werden; morgen hätt' ich es vielleicht ver⸗ geſſen, oder wäre nicht in der rechten Stimmung.“ 11⁸ 164 Die von Hohenſtein. Sie klingelte. Ein paar Augenblicke ſpäter trat der Kammerdiener in's Zimmer. Der Menſch mußte kein gutes Gewiſſen haben; er warf einen ſchnellen lauernden Blick auf ſeine Gebieterin und ſagte in demüthig ſchmei⸗ chelndem Ton: „Gnädige Frau befehlen?“ „Daß Sie morgen Ihre Sachen packen. Ich kann keine Leute brauchen, auf die ich mich nicht unbedingt verlaſſen kann. Sie können gehen; ſchicken Sie mir Eliſen.“ Des Mannes gelbbleiches Antlitz war noch bleicher geworden. „Aber, gnädige Frau—“ ſtammelte er. „Es bleibt dabei,“ ſagte Antonie ſtreng;„gehen Sie.“. Der Bediente entfernte ſich, ohne auch nur noch ein Wort der Erwiderung zu wagen. „Eine Läſterzunge mehr, die ich in die Welt ſchicke,“ ſagte Antonie, ſich in den Fauteuil werfend;„was thut's? je mehr von mir erzählt wird, deſto geringeren Glauben findet es. Ah, da biſt Du ja, Eliſe!“ Achtzehntes Capitel. Während in der fieberhaft erregten Stadt die Menſchen, wie von Dämonen getrieben, mit ſolchen Thaten der Leidenſchaft ihr Ge⸗ wiſſen belaſteten, fuhr Wolfgang durch die ambroſiſche Nacht dahin in einer Stimmung, die kaum weniger erregt und doch ſo viel reiner und heiliger war, als der duftige Athem des Abends, der über Reben⸗ hügel und Saatfelder haucht, friſcher und labender iſt, als der dumpfe Brodem in der quetſchenden Enge der Gaſſen einer mittel⸗ alterlich zuſammengedrückten, übervölkerten Stadt. Die Straße zog ſich faſt ununterbrochen hart am Ufer des Stromes hin, allen launiſchen Windungen deſſelben getreulich folgend. Der unchauſſirte Weg war nach der großen Trockenheit der letzten Erſter Band. 165 Tage ſehr ſandig, ſo daß trotz des beſten Willens des braven Köbes und der ehrlichſten Anſtrengungen ſeiner wackern, ſtarkknochigen Pferde die Fahrt ſehr langſam ging, viel zu langſam für den armen Wolf⸗ gang, der in ſeiner Ungeduld, die Stadt zu erreichen, den Flug der Waſſervögel, welche der knarrende Wagen hier und da aus dem Röhricht des Ufers aufſcheuchte und die in wunderbarer Eile horizontal über den im Mondenſchein blinkenden Waſſerſpiegel weg das jenſeitige Ufer erſtrebten, kaum ſchnell genug geweſen wäre. Zwar die Angſt um die Mutter, welche anfangs ſeine Seele ganz erfüllt hatte, war bei ruhigerer Ueberlegung etwas geringer geworden. Wolfgang mußte ſich ſagen, daß die Mutter ähnlichen Anfällen von einer außerordent⸗ lich heftigen Migräne, in denen ſie alsbald irre zu reden begann, ſchon häufig, ohne erheblich ſchlimme Folgen ausgeſetzt geweſen ſei. Wie oft hatte er ſelbſt, vor ihrem Bett ſitzend, ſeine Hand ſtunden⸗ lang auf die liebe brennende Stirn gelegt, während das leiſe Wim⸗ mern der Gequälten ſein Herz zerriß und er Jahre ſeines Lebens freudig hingegeben hätte, wenn er damit der Mutter eine Stunde ſchmerzloſer Ruhe hätte erkaufen können! Warum ſollte der Anfall heute bedenklicher ſein, als noch ſtets? und dann, würde es der Vater über's Herz gebracht haben, in die Rathsſitzung zu fahren, wenn er von der Gefahrloſigkeit des Zuſtandes der Mutter nicht vollkommen überzeugt geweſen wäre? Wolfgang hatte mit dem Vater nicht immer harmoniren können; er hatte mit tiefem Schmerz viele Züge von einer kalten, egviſtiſchen, herzloſen Geſinnung in dem Vater wahr⸗ genommen, aber gegen die Mutter hatte der Vater, ſo lange Wolf⸗ gang denken konnte, noch nie dieſe ſchlimme Seite ſeines Charakters herausgekehrt; gegen ſie war er ſtets aufmerkſam und voller Theil⸗ nahme geweſen. Beſonders war das dem jungen Manne aufgefallen, als er neulich ſo unerwartet durch einen expreſſen Brief nach Hauſe gerufen worden war, und ihm der Vater bei ſeiner Ankunft in großer Erregung mittheilte: er habe für ſich ſelbſt und für die Mutter und Wolfgang eine Einladung nach Rheinfelden erhalten. Er hatte den Vater noch nie ſo heiter geſehen, oder eigentlich war heiter nicht der rechte Ausdruck für eine Stimmung, die in ihrer Aufgeregtheit für den ruhigen Beobachter etwas Beängſtigendes hatte. Der Vater 166 Die von Hohenſtein. knüpfte an die bevorſtehende Zuſammenkunft mit dem Großonkel die kühnſten Hoffnungen; er pries ſich glücklich, daß„der Alte noch in der zwölften Stunde zur Beſinnung gekommen ſei.“ Nun würden ihn doch ſeine Standesgenoſſen nicht länger über die Achſeln anſehen können! Und dann konnte es ja gar nicht fehlen, daß der General, nachdem er ſeine Verſöhnung mit dem lange verkannten Neffen ſo gleichſam officiell bei einer Gelegenheit, wo die ganze Familie unter ſeinem Dach verſammelt war, ausgeſprochen, ihn auch mit den übrigen Verwandten zugleich in ſeinem Teſtament bedachte! Ja, wer könne es wiſſen, beſſer vielleicht bedachte, als die Andern, deren er wohl jedenfalls herzlich überdrüſſig war! wozu hätte er ſich ſonſt derer erinnert, die er ſeit zwanzig Jahren ganz vergeſſen zu haben ſchien! „Ich denke, Junge,“ hatte er gerufen und dabei Wolfgang auf die Schüulter geklopft,„ich denke, das ſoll auch Dir zu Gute kommen. Hätte ich vor fünf Jahren gewußt, daß es noch einmal ſo ſich wenden könnte, ich würde Dir nie erlaubt haben, ſolch ein elendes Fach zu ergreifen, als Deine alberne Jurisprudenz, bei der ſchließlich doch nicht viel herauskommt. Referendar und Aſſeſſor das halbe Leben lang— was iſt denn das? Ich möchte, Du wäreſt Soldat geworden! s iſt am Ende doch das einzige anſtändige Handwerk für einen Edel⸗ mann! Was meinſt Du, Gretchen?“ Die Mutter hatte freundlich gelächelt und mit ihrer ſanften Stimme geſagt:„Ich bin zufrieden, wenn Du zufrieden biſt— und der Wolf,“ hatte ſie ſchnell hinzugeſetzt, indem ſie die Hand ihres Sohnes ergriff und liebevoll drückte. Wolfgang aber hatte nicht gelächelt, denn die Weiſe, wie der Vater die ganze Sache anſah, hatte ihm ausnehmend mißfallen. Dies plötzliche ſcharfe Aecentuiren des Adels, auf den der Vater bis dahin ſcheinbar ſo wenig Gewicht gelegt, war ihm befremdend. Es ſtimmte ſo wenig mit des Jünglings Vergangenheit und mit den freien Anſichten, die ſich, mit in Folge gerade dieſer Vergangenheit, in ihm entwickelt hatten! Und dann beleidigte ſein reines Gefühl die niedrige Habſucht, die ſo unverhüllt aus den Worten des Vaters hervorblickte. War es denn immer Geld und wieder Geld, um das es ſich handelte? Wenn der Vater Freude darüber empfand, daß Erſter Bund. 167 ihm die Kreiſe wieder erſchloſſen werden ſollten, an welche die Erin⸗ nerungen ſeiner jungen Jahre ihn nun einmal feſſelten,— Wolfgang konute ſich nicht mitfreuen, indeſſen er konnte dieſe Neigung wenigſtens verſtehen. Aber daß der Vater neugierig war, zu wiſſen, wie lange der alte General wohl noch leben könne, daß der Vater ſich mit ſcheinbar nicht geringer Genugthuung erinnerte, wie der General ſchon vor zwanzig Jahren an einem von den Aerzten für unheilbar erklärten Halsübel und an Gicht und Rheumatismus dazu gelitten hatte, daß der Vater ganz unumwunden ausſprach: der alte Mann könne es„auf keinen Fall lange mehr treiben“— das konnte der hochſinnige Wolfgang mit ſeinen Begriffen von Menſchenwürde nicht vereinen. Die ganze Reiſe nach Rheinfelden kam ihm wie eine Art von Raubzug vor, wie eine offenbare, ſchamloſe Erbſchleicherei, und er wäre derſelben gern überhoben geweſen, umſomehr, als er ſich das Zuſammentreffen mit ſeinen Verwandten nur als ein Ereigniß denken konnte, das für ihn ſelbſt und für die arme Mutter außerordentlich peinlich ſein würde. Ging er doch an ſeinen Onkeln und Tanten auf der Straße vorüber, ohne von ihnen beachtet zu werden, vielleicht ohne von ihnen gekannt zu ſein; thaten doch ſelbſt ſeine Vettern, der Lieutenant Kuno und der Fähndrich Odo, die mit ihm auf derſelben Schule, wenn auch nicht in derſelben Klaſſe, geweſen waren, als ob ſie von ſeiner Exiſtenz nicht die entfernteſte Ahnung hätten! Wäre eine Möglichkeit geweſen, der Reiſe nach Rheinfelden zu entgehen, Wolfgang würde dieſe Möglichkeit mit Freuden ergriffen haben, und wer weiß, ob er dem Befehl des Vaters nicht ſchließlich eine ent⸗ ſchiedene Weigerung entgegengeſetzt hätte, wenn die Mutter nicht ge⸗ weſen wäre, ſeine liebe, gute Mutter, die dem Wunſche des Vaters ſo entſagungsfreudig, ſo hingebend entgegenkam. Das war vor kaum acht Tagen geweſen und heute ſchien dem jungen Mann eine Ewigkeit zwiſchen jetzt und damals zu liegen. Was hatte er nicht Alles ſeitdem erlebt! äußerlich ſo wenig, und doch welche Veränderungen waren ſeitdem in ihm vorgegangen! Wo war der Widerwille geblieben, mit welchem ihn ſonſt der bloße Gedanke einer Annäherung an ſeine hochmüthigen Verwandten erfüllt hatte? was war aus ſeinem Entſchluß geworden, dieſe Annäherung, ſelbſt 168 Die von Hohenſtein. wenn ſie von jenen verſucht werden ſollte, mit höflicher Kälte zurück⸗ zuweiſen? Hatte er ſich nicht in den häufigen Zuſammenkünften mit ſeinem Großonkel geradezu bemüht, den alten choleriſchen Mann, deſſen originelle Denkweiſe und ſonderbar veraltete Rede ihm eine Art von hiſtoriſchem Intereſſe einflößten, für ſich ſelbſt, für den Vater und die Mutter günſtig und günſtiger zu ſtimmen? Hatte er ſich nicht ſehr gefreut, als ihm das offenbar gelang? als er zu bemerken glaubte, daß dieſer menſchenverachtende, ehniſche Sonderling in ſeiner Geſellſchaft milder, weicher, menſchlicher wurde? Hatte er ſich nicht förmlich für den Gedanken begeiſtert, den greiſen Egoiſten am Rande des Grabes zur Religion der Humanität zu bekehren? Und hatte er es ſich etwa weniger angelegen ſein laſſen, die Gunſt ſeiner Tante zu erwerben? hatte er ihren ſentimentalen Plattheiten nicht ein williges Ohr geliehen? war er auf ihr geiſtloſes Geſchwätz nicht immer mit großer Bereitwilligkeit eingegangen? hatte er ihr nicht dankbar die Hand geküßt, als ſie eines Nachmittags auf einem Spaziergange im Park ſagte: es thue ihr ſo leid, ſo ſehr leid, daß ſie ſeine ſchöne ſanfte Mutter ſo ſpät erſt kennen gelernt habe; jetzt aber wolle ſie verſuchen, das Verſäumte ſo viel als möglich nachzuholen, eine Freundin wie dieſe habe ihr immer gefehlt?— Und nun endlich! hatte Camilla nicht die letzte Wolke des Unmuths von ſeiner Stirn weg gelächelt? die bittern Worte, die er ſtets für ſeine Verwandten gehabt, für immer und immer von ſeiner Lippe weggeküßt! Camilla! Camilla! ja! er hatte die Linie, die bis dahin ſein Leben umſchloſſen hielt, paſſirt und andere ſchönere Sterne leuchteten ihm jetzt. Was hatte er bis vor wenigen Tagen, ja vor wenigen Stunden von Glück und Luſt, von allem Schönſten, was das Menſchenherz entzücken kann, gewußt? nicht mehr, als ein Nordländer von der zauberiſchen Pracht, mit welcher die Sonne des Südens Himmel, Meer und Erde ſchmückt! Nein, es kann nicht die Beſtimmung des Menſchen ſein, in grübleri⸗ ſchem Trübſinn das Leben zu vertrauern, wie der hochherzige un⸗ glückliche Münzer, oder der wunderliche Heilige in ſeinem melancholi⸗ ſchen Thurm. Es muß eine Menſchenliebe geben, die auch von Freude weiß; eine Freiheitsliebe, die ſich vor dem Holden, dem Schönen nicht bekreuzigt. Was würde ſeine Mutter ſagen, wenn ſie Alles Erſter Band. 169 erführe? ſeine Mutter! aber wenn ſie wirklich ſo krank wäre, wenn ſie ſterben ſollte— wohin wäre dann Freude und Glück? was wäre da noch hold und ſchön auf dieſer Welt?.. Wolfgang fuhr aus dem Traume, der ſeine von ſo vielen und ſo mächtigen Eindrücken ermattete Seele gefangen gehalten hatte, jäh empor. Ganz wie vorhin ſchleppten die müden Gäule den Wagen langſam im tiefen Sande fort: ganz wie vorhin glitzerten die Waſſer des Stroms zu ſeiner Rechten in den Strahlen des Mondes; ganz wie vorhin ſaß der ſchweigſame Köbes in der Ecke ſeines Sitzes vor⸗ übergebeugt, ſtumm und unbeweglich, wie ein Todter. „Wie weit ſind wir, Köbes?“ fragte Wolfgang. „Halbwegs;“ brummte Köbes, ohne ſich aus ſeiner Stellung zu rühren. „Da haben wir ja noch eine halbe Stunde, bis wir auf der Chauſſee ſind!“ rief Wolfgang ungeduldig;„wie kommen ja auch gar nicht aus der Stelle.“ Köbes pfiff ein paar langgezogene Töne. Bei jeder andern Gelegenheit würde das ſeine ganze Antwort auf den Vorwurf eines ungeduldigen Paſſagiers geweſen ſein; des armen Wolfgang Seelen⸗ zuſtand ſchien ihm indeſſen eine beſondere Berückſichtigung zu verdienen. So brummte er denn, den Kopf ein ganz klein wenig herumwendend: „Sand iſt Sand.“ „Ohne Frage, lieber Köbes;“ ſagte Wolfgang, der des Mannes wunderliche Ausdrucksweiſe von Jugend auf kannte;„ich wollte auch nurbſagen, daß Sie ſo ſchnell fahren möchten, wie es irgend geht.“ Köbes pfiff die erſten Tacte von:„Ich hatt' einen Kameraden,“ was heißen ſollte:„ich weiß ſchon, was ich zu thun habe und an mir ſoll es nicht fehlen;“ und brach dann plötzlich ab, als hätte er ſeine Meinung deutlich genug ausgeſprochen. Wolfgang konnte das öde Schweigen, das ſeine aufgeregten Nerven peinigte, nicht lange ertragen. „Köbes,“ ſagte er,„haben Sie meine Mutter in den letzten Tagen manchmal geſehen?“ „Ob!“ ſagte Köbes. „Und ſie ſah wohl aus?“ 170 Die von Hohenſtein. „Na!“ ſagte Köbes. „Sie meinen: nicht?“ „Falſch angeſpannt!“ „Was heißt das?“ fragte Wolfgang, den dieſe ſeltſame Antwort eigenthümlich berührte. Köbes wendete ſich halb um, zum Zeichen, daß er eine erſchöpfende Diskuſſion des angeregten Themas beabſichtigte und ſagte: „Hohenſteins ſind Hohenſteins.“ „Das heißt, lieber Köbes?“ „Taugen nichts.“ „Ein ſchönes Kompliment für mich, der ich auch ein Hohen⸗ ſtein bin.“ „Adel iſt Adel,“ ſagte Köbes. „Das heißt?“ Der alte Kutſcher hatte ſich wieder zu ſeinen Pferden gewandt und antwortete nicht. Wolfgang mochte ſeine Frage nicht wiederholen, um ſo weniger, als ſie jetzt von der Landſtraße auf die Chauſſee bogen, und mit der ſchnelleren Bewegung die Sehnſucht, möglichſt bald nach Hauſe zu kommen, mächtig in ihm erwachte. Die Bäume an der Wegſeite zogen langſam an ihm vorbei; es war Wolfgang, als ob die Fahrt ewig dauere. Sie kamen durch ein Dorf; faſt in allen Häuſern brannte noch Licht; in dem Wirthshaus ging es ſehr lebhaft zu. Als der Wagen ſchnell über das Fflaſter vorbei rollte, ſtürzten die Gäſte an die Fenſter und vor die Thür; Wolfgang hörte rufen: ſie kommen! und dann wieder:'s blos ein Wagen! Er wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Dicht hinter dem Dorf begegnete ihnen eine Proeeſſion, die quer über die Chauſſee zog:„Heilige Jungfrau, bitt' für uns! heiliger Sebaſtian, bitt' für uns!“— Das gab einen mehrere Minuten langen Aufenthalt. Kaum hatte der Wagen ſich wieder in Bewegung geſetzt, als ein dumpfer Donner, unter dem die Erde bebte, an Wolfgangs Ohr ſchlug. Der Donner kam näher, das Beben wurde ſtärker; ein Reiter im vollen Roſſeslauf ſprengte heran: Platz! Platz da! im nächſten Augenblicke kamen mehrere Geſchütze im ſchnellſten Jagen vorüber; der Mondſchein glitzerte auf den blanken Rohren und auf den Waffen der Reiter; die Erſter Band. 171 Fuhrknechte hieben wie toll auf die ſchäumenden Pferde; ein nebenher ſprengender Officier parirte mit Mühe ſein Pferd vor Wolfgangs Wagen, den er zu ſpät bemerkt hatte und ſchrie wüthend:„Verdammt! könnt Ihr nicht aus dem Wege bleiben!“— und die wilde Jagd war vorbei geraſt, ehe der alte Köbes ſeine ſcheu gewordenen Thiere be⸗ ruhigen konnte. „Was heißt denn das?“ fragte Wolfgang beſtürzt. „Militair iſt Militair;“ brummte Köbes. Ein Reiter kam hinterher getrabt. Es war der Doctor, deſſen Pferd für Parforcetouren weniger geeignet ſein mochte. Wolfgang rief ihn an:„Bitte, mein Herr, können Sie mir ſagen, was dies be⸗ deutet? iſt in der Stadt etwas vorgefallen?“ Der Doctor, eine lange, hagere Geſtalt, erwiderte mit einer ſchnarrenden, mißmüthigen Stimme: „Was wird's ſein! blinder Lärm, wie alle Tage! Sechs mal in vierundzwanzig Stunden Ordre und Contreordre; wenn der Haupt⸗ mann ein paar Minuten gewartet hätte, wäre die Contreordre wohl gekommen.'s iſt zu dumm! Man will uns die Annehmlichkeiten des Landlebens zu koſten geben. Alle Dörfer ſind beſetzt mit Truppen, wie ein Haſe mit Speck. Die Bauern müſſen doch auch erfahren, daß ſie in einem Militairſtaat leben! Komm, Liſe, noch ein kleiner Galopp, ſonſt kriegen wir Beide Arreſt. Adieu, mein Herr!“ Der Doctor gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte davon. „Fahren Sie zu, Köbes,“ bat Wolfgang,„um's Himmelswillen, fahren Sie zu!“ Köbes pfiff und die müden Gäule, welche großes Verlangen nach dem Stall haben mochten, griffen ſchneller aus, zum Glück für Wolf⸗ gang, deſſen Unruhe durch dieſen neuen Zwiſchenfall den höchſten Grad erreicht hatte. Er lehnte ſich in den Sitz zurück und hüllte ſich dichter in ſeinen Ueberrock. Die Aufregung und vielleicht auch die Kühle der Nacht, die jetzt empfindlich zu werden begann, ſchüttelten ihn wie mit Fieberfroſt; ſeine Hände waren eiskalt, aber ſeine Stirn brannte. In ſeinem überreizten Gehirn drängten ſich phantaſtiſche Bilder. Er ſah wildbewegte Volksmaſſen ſich durch die engen Straßen wälzen; er glaubte das Läuten der Glocken und das Knattern des Gewehrfeuers 172 Die von Hohenſtein. zu vernehmen. Dann wieder ſah er ſeine Mutter von Schmerzen ge⸗ foltert, im Bette liegen; dann ſtreckte der alte General mit heiſerem Lachen ſeinen kahlen Kopf dazwiſchen und dann lehnte ſich Camilla unter Koſen und Küſſen an ſeine Bruſt und riß ſich jäh aus ſeinen Armen, als vom Schloſſe her ſein Name gerufen wurde. Wolfgang fuhr empor. Er mußte vor Ermattung eingeſchlafen ſein, denn, ohne daß er wußte, wie er ſo ſchnell dahingekommen, raſſelte der Wagen eben über die Zugbrücke und hielt vor der Wache. „Kann paſſiren;“ hörte Wolfgang eine quäkende Stimme ſagen; es war ihm, als ob er für einen Augenblick das Geſicht ſeines Vetters Kund geſehen habe; es mochte aber auch eine Täuſchung ſein. Der Wagen donnerte durch das dunkle Thor, deſſen mächtige Flügel ein mit den Schlüſſeln klappernder Unterofficier auseinanderſchlug, in die engen mondbeſchienenen Straßen hinein. Die lichterhellten Fenſter tanzten an ihm vorüber, lärmende Menſchen drängten ſich in wirren Haufen, und ſtoben auseinander, wenn eine Patrouille im Geſchwind⸗ ſchritt anmarſchirt kam. Und nun eine ſtillere Straße— die Straße, in der die Wohnung ſeiner Eltern lag. Der Materialladen des Nach⸗ bars, in deſſen Thür der Beſitzer, mit ſeinen zwei Lehrlingen und dem Dienſtmädchen neugierig⸗ängſtlich nach dem„Cravall“ ausſchauten und da hielt der Wagen vor dem großen, dunklen Hauſe. Wolfgang blickte empor. Nur zwei Fenſter im oberen Stock waren matt erhellt; es waren die Fenſter des Wohnzimmers, aus dem man in das ſeiner Mutter gelangte. Mit einem Satz war er aus dem Wagen. Die Hausthür war nicht verſchloſſen. Auf dem Flur brannte die Lampe in der Glasglocke, die von der Decke herabhing; er erſtieg eilends die breite, ſtille Treppe und ſtand, tief Athem ſchöpfend, vor der Thür des Wohnzimmers. Sein Herz klopfte zum Zerſpringen; was lag nicht Alles für ihn hinter dem dünnen undurchdringlichen Schleier des nächſten Augenblicks? Leben und Tod! — Erſter Band. 173 Neunzehntes Capitel. Da wurde die Thür geöffnet und eine Dame, die eine Lampe in der Hand trug, ſtand vor Wolfgang. Es war Tante Bella. Ein jäher Schrecken durchzuckte den jungen Mann bei dem Anblick der Tante, die, ſo lange er denken konnte, drei oder viermal und das immer nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten den Fuß über die Schwelle ſeines elterlichen Hauſes geſetzt hatte. So war alſo doch das Fürchterliche eingetroffen: die Mutter war dem Tode nahe, vielleicht todt! Aber die gute Tante ließ ihm nicht Zeit, den entſetz⸗ lichen Gedanken auszudenken;„es geht beſſer, viel beſſer;“ flüſterte ſie ſchnell;„komm herein, armer Junge, Du haſt Dich gewiß recht geängſtigt.“ Bei dieſen Worten hatte ſie den vor Entſetzen Regungsloſen bei der Hand ergriffen und in's Zimmer geführt. „Wo iſt die Mutter?“ fragte Wolfgang. „Nebenan, ſie ſchläft;“ erwiderte Tante Bella, die Lampe auf den Tiſch ſtellend;„ängſtige Dich nur nicht; es geht wirklich gut, ganz gut.“ Wolfgang hatte ſich in einen Stuhl geſetzt, denn ſeine Knie zitter⸗ ten. Die köſtliche Gewißheit, daß die Mutter außer Gefahr ſei, löſte den Krampf, mit welchem Angſt und Schrecken ſein Herz zuſammen⸗ geſchnürt hatten und die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen. Jemand, den ſie lieb hatte, weinen ſehen, ohne mitzuweinen, war für Tante Bella eine Unmöglichkeit. Sie ſtreichelte Wolfgang ſanft das volle Haar aus der Stirn und ſagte ſchluchzend: „Armer, armer Junge! ja, ja ich glaub's! Du magſt was aus⸗ geſtanden haben! Aber nun laß es gut ſein! Der Doctor ſagt: es habe gar nichts zu bedeuten, und ich ſage es auch. Ich kenne dieſe Zuſtände ganz genau; wenn Einer d'ran ſterben könnte, ich wäre ſchon lange todt.“ „Gute, liebe Tante,“ ſagte Wolfgang,„wie danke ich Dir, daß Du hergekommen biſt! ich habe gar nicht daran gedacht, daß Du bei 174 Die von Hohenſtein. der Mutter ſein könnteſt. Hätte ich das gewußt, ich würde mich viel weniger geängſtigt haben.“ „Ja, wie hätteſt Du das auch denken können;“ ſagte Tante Bella; „ich komme ja, Gott ſei's geklagt, ſelten genug zu Euch. Aber ich hatte alle dieſe Tage eine Ahnung, daß irgend Einem aus der Familie etwas paſſiren würde. Seit mein armer Bruder Eugen geſtorben iſt, bin ich aus der Angſt nicht herausgekommen.“ „Iſt Onkel Eugen todt?“ „St! ſprich leiſer, daß ſie nebenan nichts hören!“ Tante Bella zog einen Stuhl dicht zu Wolfgang an den Tiſch und flüſterte: „Ja, er iſt todt, Dein lieber, guter Onkel. Du haſt ihn kaum gekannt, und weißt nicht, was für ein braver, treuer Menſch er war. Seit acht Tagen ſchon iſt er todt; ach! und wie ſchrecklich er geſtorben iſt! von ſeinen eigenen Maſchinen gerädert!— ich darf gar nicht daran denken. Dein Onkel Peter war hin, die arme Ottilie zu holen; ſie iſt nebenan bei Deiner Mutter; Deine Mutter ſagt, Ottiliens Hand ſei gerade wie Deine, und Ottilie hat ihre Hand auf ihre Stirn legen müſſen und ſo ſchläft ſie ſchon ſeit einer halben Stunde ſo ſanft wie ein Kind. Es iſt ein wahres Glück, daß ich das liebe Mädchen nicht zu Haus gelaſſen habe, wie ich anfangs wollte, denn ſie war kaum aus dem Wagen geſtiegen, als eure Urſel kam. Gott! iſt das ein dummes, albernes Ding! Wie kann Deine Mutter— na! das geht mich ja ſchließlich nichts an. Ich fragte ſie, warum ſie nicht gleich zu mir gekommen wäre, anſtatt in der ganzen Stadt nach Deinem Vater herumzulaufen, der heute Morgen ausgegangen und nicht wieder nach Haus gekommen iſt, und was glaubſt Du, daß ſie antwortete? ſie hätte gedacht: ich könnte Deine Mutter nicht leiden, weil ich mich ſo ſelten bei Euch ſehen ließe! Das hat man davon, wenn die, welche der liebe Gott vereinigt hat, ſich muthwillig aus dummen Stolz und Hochmuth und alberner Rechthaberei trennen. Aber ich denke, das ſoll jetzt anders werden. Deine Mutter hat die Kleine ſchon ſo lieb gewonnen! Da wird ſie das Kind wohl öfter ſehen wollen, und dann komme ich bei der Gelegenheit mit, wenn man ſich auch aus mir nicht viel macht; ich bin überall das fünfte Rad am Wagen—“ Erſter Band. 175 „Aber Tante Bella,“ ſagte Wolfgang,„die Mutter ſpricht ſtets mit der größten Liebe von Dir und ich—“ „St, ſt!“ ſagte die Tante;„ich weiß, was ich weiß. Tante Bella iſt immer nur dann gut, wenn man ſie brauchen kann. Ich bin von jeher das Aſchenbrödel in der Familie geweſen; aber das thut nichts, ganz und gar nichts; ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Aber, erkläre mir doch nur, Wolfgang, wie Du nach Rheinfelden kommſt! ich denke, Dein Vater und der alte General ſind die größten Feinde! Das kann ja gar nicht mit rechten Dingen zugehen. Laß Dich um's Himmelswillen nicht mit denen ein, Wolfgang! Ich ſage Dir, ſie taugen Alle nichts; Alle, wie ſie da ſind. Wenn Dein Vater treu und ehrlich zu uns gehalten hätte, nachdem er einmal zu uns gekommen: es ſtünde beſſer mit Euch und uns.“ „Mag ſein, Tante,“ ſagte Wolfgang nachdenklich,„mag wohl ſein; aber das iſt ein langes Kapitel; wir wollen ein ander Mal darüber ſprechen.— Iſt der Vater noch immer nicht vom Rathhaus zurück? und was giebt's denn überhaupt in der Stadt?“ „Gott mag's wiſſen,“ erwiderte Tante Bella;„die Menſchen wollen ja einmal keinen Frieden halten. Mein Bruder Peter iſt mit Dr. Münzer und Dr. Holm gegen Abend von Hauſe fortgegangen, ohne mir ein Wort zu ſagen, was gar nicht hübſch von ihm iſt, aber mit mir braucht man ja keine Umſtände zu machen, das iſt eine alte Geſchichte. Ich wollte, ihr Männer könntet nur ein einziges Mal ſolche Angſt ausſtehen, wie wir, wenn wir allein zu Hauſe ſitzen und nicht wiſſen, was draußen vorgeht und jedes Mal, wenn geklingelt wird, zuſammenfahren, weil wir denken: es iſt eine Unglücksnachricht. Ich begreife Deinen Vater nicht. Wenn Deine Mutter auch noch nicht ſo krank war, als er fortging, krank war ſie immer und da hätte er wohl zu Hauſe bleiben können. Du wärſt zu Hauſe geblieben, davon bin ich überzeugt, aber Du haſt auch Schmitz'ſches Blut in Deinen Adern und Schmitz'ſches Blut iſt treu. Stl ſprach da Deine Mutter nicht? richtig! ſie iſt aufgewacht! ſoll ich erſt hineingehen und ſagen, daß Du hier biſt?“ „Thu's, liebe Tante, und ängſtige Mutter nicht, wenn ſie nach dem Vater fragt.“ 176* Die von Hohenſtein. „Ich werde doch nicht ſo thöricht ſein,“ erwiderte Tante Bella mit beleidigter Würde;„denkſt Du denn, daß ich ein Kind bin?— Hörſt Du? die Mutter lacht; ſie iſt ganz munter aufgewacht; ich wußte es ja. Ottilie iſt ein Engel, ich bin nur begierig, zu hören, was Du von der Kleinen ſagen wirſt! Das wäre ſo eine Frau für Dich!“ Tante Bella ſtand auf und verſchwand in dem Nebenzimmer. Wolfgang ging in großer Erregung auf und ab, die Unterredung mit der Tante hatte ihn ſonderbar berührt; er hatte ſchon manchmal mit der guten Dame ganz ähnliche Geſpräche gehabt; aber heute ſchienen ihm die alten, ſchon ſo oft durchſprochenen und beklagten Verhältniſſe in einem ganz neuen Licht. Die paar Secunden, die er allein zubringen mußte, däuchten ihm eine Ewigkeit. Er hörte Tante Bella ſprechen und dann ſeine Mutter, und dann eine Stimme, die er nicht kannte, eine ſanfte, melodiſche Stimme.. Die Thür wurde geöffnet. „Willſt Du hereinkommen, Wolfgang; die Mutter befindet ſich ganz wohl.“ Wolfgang trat in das Zimmer, in welchem ihn das häufige Krankſein der Mutter ſo heimiſch gemacht, in welchem er an ihrem Bette, zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend, ſo viele lange, bange Stunden zugebracht hatte. Da lag, in dem Schatten des Vorhangs, der in reichlichen Falten herniederfloß, ſeine Mutter, bleich und ange⸗ griffen, aber mit lächelndem Munde und lächelnden Augen ihn be⸗ grüßend, und vor dem Bett, überſtrömt von dem milden Licht der Lampe, die zu Häupten des Bettes auf einem Tiſche ſtand, ſaß ein junges Mädchen, das, als er auf das Bett zuſchritt, ſich erhob und zu Tante Bella trat, die an dem Tiſch einen kühlenden Trank bereitete. „Biſt Du da, mein Wolfgang?“ ſagte die Mutter;„ach, wie habe ich mich nach Dir geſehnt! verzeihe, daß ich Dir ſo viel Angſt verurſacht habe; aber ich mußte Dich wieder ſehen; ich konnte nicht anders;“ und ſie ſchlang ihre kraftloſen Arme um den Hals des lieben Sohnes, der ſich in tiefſter Rührung über ſie beugte, und küßte ihn zärtlich, wie nur eine Mutter küſſen kann. Erſter Band. 177 „Rege Dich nicht zu ſehr auf, lieb Mütterchen!“ flüſterte Wolf⸗ gang;„ich bleibe bei Dir, lege Dich wieder ordentlich hin, ſo, ſo!“ „O, ich fühle mich ganz kräftig,“ ſagte Margarethe,„ganz kräftig!“ und dabei ſank ihr Haupt matt auf das Kiſſen zurück;„ſie haben mich ja ſo ſchön gepflegt, Bella und die liebe Kleine. Wo iſt denn Ottilie?“ „Riefſt Du mich, liebe Tante?“ ſagte das junge Mädchen, einen Schritt nach dem Bett zu machend und dann wieder ſchüchtern ſtehen bleibend, weil Wolfgang ſich in dieſem Augenblicke aus den Armen der Mutter aufrichtete und ſie ſo groß und forſchend anblickte. „Ja, mein Kind,“ ſagte Margareth;„komm her! ich muß Dir doch meinen Wolfgang zeigen. Das iſt Ottilie, Wolfgang!“ Ottilie trat raſch an das Bett und beugte ſich über die Kranke, eine brennende Röthe, die ihr plötzlich, ſie wußte ſelbſt nicht weß⸗ halb? in die Wangen ſchoß, zu verbergen. „Liebes, herziges Mädchen!“ ſagte Margarethe, ſie auf die Stirn küſſend;„er wird Dich auch recht lieb haben, wie wir Alle; nicht wahr, Wolfgang?“ „Gewiß, das werde ich!“ fagte Wolfgang, Ottilien, die ſich jetzt zu ihm wandte, die Hand entgegenſtreckend. Das junge Mädchen wollte etwas erwidern; aber ihre Lippen zuckten nur, als ſie ihre Hand langſam, faſt zögernd in Wolfgangs Hand legte. k So ſtanden ſie und ſahen ſich jetzt zum erſten Mal voll in's Antlitz. „Das werde ich;“ wiederholte Wolfgang, und diesmal ſagte er's mit inniger Ueberzeugung.„Mir iſt's, als hätte ich Dich ſchon längſt gekannt, Ottilie!“ ſetzte er nach einer kleinen Weile hinzu, während er ihre Hand noch immer in der ſeinen hielt. „Und ſo geht mir's mit Dir;“ erwiderte Ottilie. Margarethe's Augen hatten mit unausſprechlicher Zärtlichkeit auf den beiden hohen Geſtalten geruht. „Nun habe ich zwei Kinder;“ ſagte ſie ganz leiſe. Sie faltete die Hände über der Bruſt und ſchloß die Augen. „Ich werde wieder müde,“ ſagte ſie;„geht Ihr nach Haus, Fr. Spielhagen's Werke. vII. 12 178 Die von Hohenſtein. Bella und Ottilie; der Wolfgang ſoll Euch nach Haus bringen. Es braucht Niemand bei mir zu wachen; wenn ich etwas bedarf, klingle ich der Urſel, aber ich weiß: ich werde ruhig ſchlafen. Sage dem Vater, wenn er nach Hauſe kommt, daß ich mich ganz wohl fühle; hörſt Du, Wolfgang?“ Tante Bella fand dieſe Anordnung keineswegs vernünftig und öffnete ſchon den Mund zum entſchiedenen Widerſpruch, aber Wolf⸗ gang winkte ihr zu ſchweigen. Kopfſchüttelnd gehorchte ihm die gute Dame. Alle Drei machten ſich in aller Stille bereit, das Zimmer zu verlaſſen. „Ottilie!“ ſagte da Margarethe leiſe und ohne die Augen aufßz zuſchlagen;„Ottilie, ich ſehe Dich doch Morgen wieder?“ „Gewiß, liebe Tante;“ ſagte das junge Mädchen. „Gut, gut! Nun laßt mich ſchlafen; ich bin ſo müde.“.— Wolfgang hatte die Damen nach Haus gebracht und ſchritt lang⸗ ſam den bekannten Weg nach ſeiner elterlichen Wohnung zurück. Auf den Straßen war es ſtill geworden, nur hier und da ging es in der Nähe von Wirthshäuſern lebhafter zu; ſonſt aber ſchien man des unnützen Lärmens müde zu ſein; nur noch einzelne Fenſter waren erhellt. Der volle Mond war ſchon hinter die Häuſermaſſen geſunken, die hohen Thürme der Kirchen waren noch von ſeinem matten Licht umfloſſen, aber in den Gaſſen dunkelte es ſtark. Wolfgang war es, als wollte heute der Weg kein Ende nehmen. Er war ſo mübe, daß er im Gehen träumte. Schon auf dem Wege nach dem Schmitz ſchen Hauſe hatte er kaum gehört, was Tante Bella, die er am Arm führte, Alles erzählte— es war gewiß ſehr wichtig geweſen, den: die Tante hatte mit der größten Lebhaftigkeit und unausgeſetzt ge ſprochen; aber er erinnerte ſich durchaus nichts mehr von Allem, wa ſie geſagt hatte. Ottilie, die auf der andern Seite neben ihm ging, war ganz ſtill geweſen; nur einmal hatte ſie geſagt:„das darf Wolf⸗ gang nicht!“ aber Wolfgang wußte nicht mehr in welchem Zuſammen⸗ hang. Er ſann vergeblich darüber nach, aber je mehr er ſann, deſto dichter wurde das Dunkel.„Was darf ich nicht?“ fragte er ſich wieder und wieder. — Erſter Band. 179 Er kam durch eine ſtille einſame Straße, in die er in ſeiner Achtloſigkeit unverſehens gerathen war, denn ſein eigentlicher Weg führte gar nicht durch dieſe Straße. Als er an einem der hübſcheſten Häuſer, das ſich durch einen, von epheuberankten Pfeilern getragenen Balcon auszeichnete, vorüberſchritt, wurde die Thür dieſes Hauſes geöffnet und ein Mann kam ſo eilig die Stufen, welche zur Hausthür führten, herab, daß er an Wolfgang ſtieß und dieſen ſo ſehr unſanft aus ſeinen Träumen aufſchreckte. „Entſchuldigen Sie!“ ſagte der Mann und eilte weiter. „War das nicht Dr. Münzer,“ ſprach Wolfgang bei ſich;„und wie komme ich denn hierher? wohnt hier nicht Tante Antonie? Was hat der Münzer hier zu thun?“ Die Begegnung mit Münzer hatte Wolfgang auf ein paar Minuten munter gemacht; aber bald überwältigte ihn wieder die Ab⸗ ſpannung. Er ſchleppte ſich nur ſo eben weiter und war herzlich froh, als er endlich die elterliche Wohnung erreicht hatte. Er ſah rechts im Parterrezimmer, wo ſein Vater ſchlief, Licht. Der Vater mußte zu Hauſe ſein. Die Hausthür war verſchloſſen. Wolfgang klingelte leiſe, damit die Mutter nicht geſtört werde. Es wurde nicht geöffnet; doch ſah er, wie das Licht in der Schlafſtube ſeines Vater hin und her getragen wurde. Müde und ungeduldig, wie der junge Mann war, kletterte er an dem Weinſpalier, welches die Mauer bekleidete, ſo weit hinauf, daß er an das Fenſter klopfen konnte:„ich bin's!“ Das Rouleau wurde in die Höhe gezogen; Wolfgang ſprang auf den Boden hinab. Das Fenſter wurde geöffnet; der Stadtrath ſchaute heraus. „Biſt Du's, Wolfgang?“ „Ja, Vater., „Kommſt Du allein?“ „Mit wem ſollte ich kommen?“ erwiderte der junge Mann, ver⸗ wundert über die Frage. „Ich werde Dir gleich aufmachen.“ Nach wenigen Angenblicken wurde die Hausthür geöffnet. Wolf⸗ gang ſah den Vater in einen Schlafrock gehüllt mit einem Lichte in 12* 180 Die von Hohenſtein. der Hand vor ſich ſtehen. Der Vater ſah ſo blaß, ſo verſtört, ſo angegriffen aus, daß Wolfgang heftig erſchrak. „Biſt Du krank, Vater?“ „Ich krank? weshalb krank?“ erwiderte der Stadtrath, im Be⸗ griff die Hausthür wieder zu verſchließen. Wolfgang bemerkte, daß die Hahd, in welcher der Vater das Licht hielt, heftig zitterte. Er ergriff das Licht und wie er dabei die Hand des Vaters berührte, fühlte er, daß dieſelbe eiskalt war. „Aber, lieber Vater, Du biſt gewiß krank;“ rief der junge Mann beſorgt. „O, nicht doch;“ erwiderte der Stadtrath und verſuchte zu lächeln;„ich bin angegriffen, ſehr, ſehr angegriffen; den ganzen Tag auf den Beinen, in einem fort geſprochen; das greift an; ich bin ſehr matt, ſehr; gute Nächt, kannſt das Licht behalten; ich habe noch eines in meiner Stube brennen.“ „Biſt Du bei der Mutter geweſen?“ „Ich? nein, nein! bewahre Gott!“ und der Stadtrath zuckte ſichtbar zuſammen, während er das ſagte.„Geh zu Bett, mein Junge;“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„brauchſt mich nicht ſo ängſtlich forſchend anzuſehen; ich bin ganz wohl, vollkommen wohl; aber etwas angegriffen; den ganzen Tag auf den Beinen, das viele Reden— gute Nacht, mein Junge.“ Der Stadtrath ſchlug den Schlafrock dichter um ſich und ging raſch in ſein Zimmer, das er hinter ſich verſchloß. Wolfgang fiel das auf; der Vater hatte ſonſt ſtets bei unverſchloſſenen Thüren geſchlafen. Ein ſeltſam banges Gefühl überkam den jungen Mann, als er ſo mit dem Lichte in der Hand in dem weiten Flur ſtand, durch welchen jetzt das Tiktak der alten Wanduhr auf dem Treppenabſatz ſo unheimlich laut erſcholl. Die Lampe in der Glasglocke an der Decke flackerte noch einmal auf und erloſch. Wolfgang berührte das unan⸗ genehm; er hatte eben an die Mutter gedacht; es kam ihm vor wie ein böſes Omen. „Du biſt übermüde,“ ſprach er bei ſich;„mach, daß du zu Bette kommſt, du ſiehſt ſonſt heute Nacht noch Geſpenſter.“ ———————— Erſter Band. 181 Er ging leiſe die Treppe hinauf, lauſchte auf dem Flur des erſten Stockes an der Thür der Schlafſtube ſeiner Mutter— es war Alles ſtill. Er ging in das zweite Stock, wo in dem Giebel ſein Zimmer war, vas er als Knabe ſchon bewohnt hatte, und das er bei ſeinen Beſuchen immer wieder bezog. Er entkleidete ſich langſam, denn ſeine Hände verſagten ihm faſt den Dienſt, und er hatte kaum das Licht ausgelöſcht, als bleiſchwerer, von ängſtlichen Träumen ge⸗ quälter Schlaf auf ſeine von den bunten Wechſelfällen des Tages ermattete Seele ſank. Jwanzigſtes Capitel. Aber wie ängſtlich auch Wolfgangs Träume ſein mochten— angſtvoller und ſchrecklicher waren die Gedanken, welche in dieſer Nacht, wie die Spukgeſtalten in einem Hexentanz, durch den wachen Geiſt des unglücklichen Mannes wirbelten, der heute den letzten Reſt ſeiner Ehre auf eine Karte geſetzt hatte und jeden Augenblick das Spiel zu verlieren fürchten mußte. Der leiſeſte Laut, der ſich im Hauſe regte, machte ihn zuſammenfahren; das Ticken der alten Wand⸗ uhr auf dem Vorplatze, an das er ſeit zwanzig Jahren gewöhnt war, quälte ihn ſo, daß er auf den Zehen hinſchlich und das Pendel zum Stehen brachte; und als er ſich wieder in ſein Zimmer eingeſchloſſen hatte, war es ſo ſtill, ſo ſtill und das Blut in ſeinen Ohren klang und ſauſte ſo laut, ſo laut— und da ſchlich er zum zweiten Mal hinaus und ſetzte das Uhrwerk wieder in Bewegung. Dann krächzte drüben in der alten Kloſtermauer ein Käuzchen und hörte nicht auf zu krächzen und zu kreiſchen, bis andere Käuzchen einſtimmten und ganz deutlich riefen:„Hier, hier, hier iſt der Dieb! hier, hier!“— Es war zum Wahnſinnig-werden! Und nun kein Licht brennen dürfen! im Dunkeln, den ſchmerzen⸗ den Kopf in die Hände geſtützt, ſitzen oder leiſe auf dem Teppich des Fußbodens umherſchleichen und beobachten müſſen, wie die ſchmalen 182 Die von Hohenſtein. Streifen des Mondlichts, die durch die heruntergelaſſenen Vorhänge fielen, langſam, langſam weiter rückten. Es war eine Verdoppelung der Qual; aber ſie mußte ertragen werden. Wenn die Sache heraus⸗ kam und der Wächter conſtatirte: er habe die ganze Nacht im Zimmer des Herrn Stadtrath Licht geſehen!... warum hatte er Licht ge⸗ brannt? warum hatte er nicht geſchlafen?— Meine Frau war krank, meine Herren; verlangen Sie, daß ein Mann ſchlafen ſoll, wenn ſeine geliebte Frau todtkrank darniederliegt?— Aber es iſt von der Zeugin Urſula Klüngel, die damals bei Ihnen im Dienſte ſtand und bei Ihrer Gattin gewacht hat, ausgeſagt worden, daß Sie Ihr Zimmer nicht verlaſſen, zum mindeſten das Zimmer Ihrer Gattin nicht be⸗ treten haben. Was können Sie darauf erwidern, Angeklagter? Und wie wollen Sie es erklären, daß man Ihr Bett am andern Morgen nicht berührt fand? Sprechen Sie, Angeklagter!—„Ich muß zu Bett,“ murmelte der Stadtrath, als er, mitten im Zimmer ſtehend, aus dieſem furchtbaren Verhör wieder zu ſich kam und ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirn wiſchte;—„ich muß zu Bett gehen; es wäre ein Indicium mehr.“ Er ſchlich in ſeine Schlafſtube, die in der Front des Hauſes an ſein Arbeitszimmer ſtieß, legte ſich zu Bett und drückte ſeine fiebern⸗ den Schläfen in die Kiſſen. Und jetzt! war das nicht der Schritt einer Patrouille, welche die einſame Straße heraufkam! ſo lange er hier wohnte— ſeit zwanzig Jahren— war keine Patrouille durch dieſe Straße gekommen! was hatte ſie hier zu thun, wenn nicht, ihn zu ſuchen?.. Ein paar Polizeibeamte marſchirten mit. in gleichem Tritt... um ihn ſicher zu machen; aber ſo leicht überliſtet man mich nicht; ſo leicht fängt man mich nicht! Mit einem Satze war der Stadtrath aus dem Bette bis an die Stelle der Wand, wo ſeine Piſtolen hingen— der Hahn knackte— „beim erſten Klopfen gegen die Hausthür oder die Fiſten ein Blitz, ein Knall— dann iſt's vorbei!“— Aber die Patrouille marſchirte im gleichmẽhie Schritt vorüber und ihr Fußtritt verhallte am andern Ende der Straße. Der Stadt⸗ rath holte tief Athem, hing die Piſtole wieder an den Nagel und ſchlich ſich wieder in's Bett. Seine Zähne klapperten, ein wildes Erſter Band. 183 Fieber ſchüttelte ſeine Glieder; er zog die Decke hoch herauf, nichts mehr zu ſehen und zu hören— und da kam der barmherzige Schlaf und erlöſte den Unglücklichen von ſeinen Folterqualen. Aber ſchon mit dem frühen Morgen erwachte er, und jetzt, wäh⸗ rend im Hauſe und in der Stadt noch Alles ſtill war, und die Morgenröthe die nächtigen Geſpenſter bannte, konnte er mit verhält⸗ nißmäßiger Ruhe ſeine Situation überdenken. Alles in Allem lagen die Karten nicht ſo ſchlimm, daß ſie nicht noch ſchlimmer hätten liegen können. Es wahr nicht eben wahrſchein⸗ lich, daß der indolente Bürgermeiſter mit der Kaſſe irgend etwas anderes vornehmen würde, als dieſelbe an die alte Stelle in der Schatzkammer ſchaffen laſſen, und an eine Kaſſenviſitation war in dieſen aufgeregten Zeiten nicht zu denken, um ſo weniger, als auch vor wenigen Tagen der einſtimmige Beſchluß gefaßt war, vorläufig keine Stadtkaſſenſcheine weiter zu emittiren. Sodann war es ſo gut wie gewiß, daß man ihn, der ſich geſtern ſo verdient um die Stadt gemacht hatte, dem man eine Anerkennung durchaus ſchuldig war, mit der Verwaltung gerade dieſer Gelder betrauen würde. Der Ober⸗ bürgermeiſter hatte noch, während ſie ſich geſtern Abend durch die langen Corridore in die Schatzkammer begaben, davon geſprochen; der Stadtrath Heydtmann und Compagnie pflegte in Fragen dieſer Art den Ausſchlag zu geben, und Heydtmann und Compagnie war ſeit geſtern, wo die Maſchinenbauer hauptſächlich in Folge ſeiner(des Stadtraths) Anſprache mit der Revolution ſo zu ſagen gebrochen hatten, ſein enthuſiaſtiſcher Verehrer geworden. Hatte er aber erſt die Verwaltung dieſer Kaſſe in ſeinen Händen, dann ließ ſich die entlehnte Summe nach und nach, oder, wenn das Glück günſtig war und eine gewiſſe Speculation, die er ſchon lange im Sinne gehabt hatte, glückte, auf einmal erſetzen und dann war er ja aller Sorgen überhoben. Worauf es alſo jetzt hauptſächlich ankam, war: in den Augen der Welt, vor Allem ſeiner Collegen vom Magiſtrate, den Schein der Solidität in jeder Beziehung aufrecht zu erhalten, dieſen Schein durch eine möglichſt eclatante Ausſöhnung mit ſeiner Familie noch glänzender zu machen und ſo den Beweis zu liefern, daß er, als Abkömmling einer ſo alten, vornehmen Familie, und als wohl⸗ 184 Die von Hohenſtein. Fabender Mann, jetzt in dieſer Zeit der Verwirrung und der Noth, nicht zu jenen Leuten gehöre, die ſich Hals über Kopf in die Be⸗ wegung ſtürzen, weil ſie weder einen Namen noch ein Vermögen zu verlieren haben. Eine Hauptſchwierigkeit blieb allerdings noch immer die, wie er, ohne Verdacht zu erregen, eine ſo große Summe neuer Kaſſenſcheine in Cours bringen könne. Er hatte heute zehntauſend Thaler auf fällige Wechſel zu bezahlen und genau zehntauſend Thaler in fünf⸗ hundert und hundert Thaler⸗Obligationen hatte er geſtern, als er, ohne ſie zu zählen, die Packete in ſeine Rocktaſche ſchob, aus der Kaſſe genommen; aber ſein eigener Kaſſenbeſtand betrug Alles in Allem nur fünfhundert Thaler. Dieſe Fünfhundert unter die Tauſende gemiſcht nahmen ſich— er hatte bei verſchloſſenen Thüren, ſo wie er erwacht war, das Experiment wiederholt angeſtellt— noch immer ſehr verdächtig aus, um ſo mehr, als es nur drei Wechſel waren, um die es ſich handelte. Ein Zufall, der ſo günſtig war, daß der Stadtrath zuerſt einen Hinterhalt darin vermuthete, kam ihm zu Hülfe. Der alte geizige Materialwaarenhändler Pitter an der Straßenecke, mit dem er ſchon manchmal in Geſchäftsverbindung geſtanden hatte, kam gegen neun Uhr und erlaubte ſich, bei dem Herrn Stadtrath anzufragen, ob er ihm nicht eine Gefälligkeit erweiſen könne, die zu erwidern, ſo weit es in ſeiner Macht ſtehe, er jeder Zeit bereit ſei. Er habe ſechstauſend⸗ fünfhundert Thaler wegzuſchicken und nur Gold und Silber im Hauſe; ob ihm der Stadtrath nicht Papiergeld dafür geben wolle? am liebſten ſtäbtiſche Obligationen, mit denen er noch zufällig an dem Orte, wo⸗ hin er das Geld zu ſenden habe, ein kleines Profitchen machen könne? Der Stadtrath erwiderte: er habe freilich einige Obligationen im Hauſe, da den Herren vom Magiſtrate ein Theil ihres Gehaltes immer in dieſen Papieren ausgezahlt wäre, natürlich aber nicht ſo viel, als Herr Pitter verlange; indeſſen möge Herr Pitter in einer Stunde wieder kommen; bis dahin hoffe er von einigen Geſchäftsfreunden, die, wie er wiſſe, in Beſitz ſtädtiſcher Obligationen ſeien, die ge⸗ wünſchte Summe herbeizuſchaffen. So kam der Stadtrath zu einem Gelde, das er unbedenklich aus⸗ — —— Erſter Band. 185 geben konnte, und dabei waren noch die verrätheriſchen Scheine vorausſichtlich auf längere Zeit von dem hieſigen Geldmarkte entfernt und die Gefahr bedeutend geringer geworden! Nun endlich fand Herr von Hohenſtein den Muth, zu ſeiner Gattin hinaufzugehen. Er war höchlichſt überraſcht, ſie nicht mehr im Bette zu finden. Margarethe hatte es ſchon vor mehreren Stun⸗ den verlaſſen, da ſie ſich— wie es nach dergleichen Anfällen zu ge⸗ ſchehen pflegte— heute Morgen vollkommen wohl fühlte und die Zeit nicht erwarten konnte, wo ſie mit ihrem Wolfgang ein Stündchen plaudern könnte. Aber Wolfgang hatte auf ihr freundliches:„guten Morgen, du Langſchläfer!“ das ſie ihm durch die halb geöffnete Thür hineinrief, nicht geantwortet und als ſie, um ihn mit einem Kuſſe zu wecken, an ſein Bett geſchlichen war, hatte ſie ihn mit fieberhaft ge⸗ rötheten Wangen und halbgeſchloſſenen Augen in einem krankhaft lethargiſchen Schlaf gefunden. Sie hatte ſeitdem des Sohnes Bett nur verlaſſen, um die Mädchen nach dem Arzt zu ſchicken, und ſo fand ſie der Stadtrath. „Es wird nichts zu bedeuten haben,“ ſagte er,„ein wenig Ueber⸗ müdung nach den Strapazen des geſtrigen Tages; haſt Du nach dem Medicinalrath geſchickt? ängſtige Dich nur nicht; wir Hohenſteins haben eine zähe Natur.“ Er hatte dem Kranken nach dem Puls gefühlt und dann das Zimmer wieder verlaſſen. Seine bis zum tiefſten Grunde erſchöpfte Seele war nicht mehr im Stande, neue Eindrücke aufzunehmen. Dennoch hatte er ſeinen Sohn— ſein einziges Kind— in ſeiner Art immer ſehr geliebt. Es fiel ihm ein, daß der Alte auf Rhein⸗ felden es als einen Beweis von Hochachtung anſehen würde, wenn er ihm dies neue Unglück meldete. So ſchrieb er ein paar Zeilen an den General, in welchen er ſich über die Ungerechtigkeit eines Schick⸗ ſals, das ihn mit Leid zu verfolgen nicht müde werde, bitter beklagte. Die Wechſel waren bezahlt; die Leute, die ſie eincaſſirt hatten, hatten den Stadtrath becomplimentirt, daß er in dieſer Zeit, wo die klingende Münze ſich überall verkrieche, ſo viel Gold und Silber in ſeiner Kaſſe habe. Und nun mußte der Stadtrath den furchtbaren Entſchluß faſſen, 186 Die von Hohenſtein. ſich in die Magiſtratsſitzung zu begeben, welche von dem Rathsdiener Wenzel auf elf Uhr angeſagt worden war. Der Stadtrath fühlte ſich ſo matt, ſo gebrochen!— wenn er ſich krank melden ließe?— es war ja doch die pure Wahrheit; aber wie durfte er heute krank ſein? wie durfte er heute nur krank ausſehen? Er blickte in den Spiegel und erſchrak über ſein bleiches, ver⸗ fallenes Geſicht. So konnte er unmöglich erſcheinen. Es fiel ihm ein, daß er in früheren Jahren— wo man ihn„den ſchönen Hohen⸗ ſtein“ nannte— ſich manchmal nach durchſchwärmten Nächten ge⸗ ſchminkt habe. Unter ſeinen alten Toiletteſachen mußten die Requiſiten ſich noch vorfinden. Er ſuchte; er fand das mit Silber ausgelegte Ebenholzkäſtchen; es war noch Alles wohl erhalten; und mit zitternden Händen bemalte er ſeine bleichen Wangen. Er hatte die Kunſt noch nicht verlernt. Er überzeugte ſich, daß der geheuchelte Schein von Geſundheit und Friſche vollkommen war. Er trat auf die Straße. Die Morgenſonne ſchien ſo freundlich über die grauen Dächer des Kloſters durch die mächtigen Kronen der alten Bäume auf die Straße, und in den Bäumen ſangen die Vögel ſo lieblich— es war ein wonniger Morgen. Aber der Stadtrath fühlte nichts davon. Sonſt war er immer auf ſeiner Seite der Straße— der Sonnenſeite— gegangen, weil die Wärme ihm wohl that;— heute ging er auf der andern Seite, im Schatten der langen Kloſtermauer. Aber in der nächſten Straße mußte er aus dem Schatten heraus, hinein in das Treiben und das Gewühl einer der Hauptſchlagadern der volkreichen, viel geſchäftigten Stadt. Er war es gewohnt, daß viele Leute ihn grüßten, und er hatte ſtets etwas darin geſucht, von möglichſt Vielen begrüßt zu werden;— heute war es, als ob alle Meuſchen, die er kannte, ſich das Wort gegeben hätten, ihm auf der Straße zu begegnen. Jeder dritte Menſch zog den Hut vor ihm ab und ſtarrte ihm in die Augen und in das Geſicht; Einer oder der Andere— er bemerkte es wohl— wandte ſich ſogar nach ihm um. Und da kam auch der Medicinalrath Schnepper, der jeden⸗ falls zu ſeinem Sohne wollte; er konnte ihm nicht ausweichen und doch hatte der kleine verwachſene Mann ſo zwinkernde ſcharfe Augen! „Morgen, morgen, lieber Stadtrath! bin im Begriff, zu Ihnen blicklichen Wirren zu ſchlichten, und das ſei: dem Volke die gewünſchte Erſter Band. 187 zu gehen. Hoffe, die Sache wird nichts zu bedeuten haben. Aber wie charmant Sie ausſehen! werden wahrhaftig mit jedem Tage jünger. Prieschen, he?— heute Abend im Verein? Müſſen ſprechen, Stadt⸗ räthchen, müſſen ſprechen! ſind jetzt der Mann des Tages. Addio!“ Der Stadtrath ging mit feſterem Schritt weiter; wenn der Me⸗ dicinalrath Schnepper ihm nichts anſah, ſo war er nach der Seite hin ſicher. Auch die Sitzung nahm den günſtigſten Verlauf. Die Raths⸗ diener hatten ihn bei ſeinem Eintritt in das Gebäude nicht mit zwei⸗ deutigem Lächeln angeblinzelt, ſondern hatten ihn ehrfurchtsvoll gegrüßt und die Thür zum Sitzungsſaal geöffnet; der Oberbürgermeiſter hatte nicht im Verlauf der Sitzung die Thüren ſchließen laſſen, war nicht aufgeſtanden, und hatte nicht, auf ihn deutend, geſagt: Ich habe die traurige Pflicht, meine Herren... ſondern hatte ihn, wie alle Uebrigen, mit großer Cordialität bewillkommnet, ſich theilnehmend nach dem Befinden ſeiner Gattin, nach ſeinem eigenen Befinden er⸗ kundigt, und mit Emphaſe geſagt:„Ich freue mich Ihres unver⸗ gleichlich wackern Ausſehens, lieber College, wie eines errungenen Sieges; Sie ſind uns jetzt ein wahrer Segen. Möge Sie der Himmel bei Kräften erhalten! wir werden noch oft an dieſe Kräfte zu appelli⸗ ren genöthigt ſein.“ Dann hatte er ihn bei Seite genommen und ihm zugeflüſtert:„Alles wieder an Ort und Stelle! Sprechen wir ſo wenig als möglich darüber, damit das Ding nicht unter die Leute kommt. Krauſe hat ſich ſchon wieder krank melden laſſen; Sie werden ſich entſchließen müſſen, Krauſe's Reſſort zu übernehmen. Zu thun iſt ja ohnehin jetzt nicht viel; einer Reviſion bedarfs ja auch nicht; wir haben das Zeugs ja geſtern erſt revidirt; ha, ha, ha! Wollen die Sache ganz unter uns abmachen; Krauſe wird's zufrieden ſein und die Andern erſt recht.— Darf ich die Herren bitten Platz zu nehmen. Die Sitzung iſt eröffnet.“ Es handelte ſich darum, welche Maßregeln bei der gegenwärtigen Lage der Magiſtrat zum Schutz der Bürger und des Eigenthums zu ergreifen habe. Einige Wenige der Herren— unter ihnen der Stadt⸗ rath Advokat Kaltebolt— meinten, es gebe nur ein Mittel, die augen⸗ 188 Die von Hohenſtein. Bewaffnung zu gewähren. Man müſſe den gemeinen Mann in das gemeine Intereſſe ziehen; ihn davon ausſchließen, hieße: den Wühlern in die Hände arbeiten. Dieſe Anſicht fand indeſſen ſehr wenig Bei⸗ fall; aber von Niemanden wurde ſie mit größerer Entſchiedenheit zurückgewieſen, als von dem Stadtrath von Hohenſtein.„Ich habe ſtets der Freiheit das Wort geredet,“ rief er,„und ich thue es noch; aber, meine Herren, eine zügelloſe Freiheit iſt keine Freiheit mehr; das iſt die Anarchie, das iſt die Auflöſung aller Bande, das iſt das Chaos. Wollen Sie das Chaos heraufbeſchwören? Wer iſt denn das Volk, von dem ſo viel geredet wird? um das es ſich einzig und allein zu handeln ſcheint? Die Fürſten und ihre Diener ſind es nicht; die Beamten des Staates, die Communalbehörden ſind es nicht; das Heer iſt es nicht; Alles, was Energie, Bildung hat, iſt es nicht; die Beſitzenden— die vor Allem!— ſind es nicht: der ſolide Hand⸗ werker, den das Cravalliren in ſeiner Arbeit ſtört, iſt es ebenfalls nicht. Wer iſt es denn? einige wenige überſpannte Köpfe, die um Lebens und Sterbens willen nicht wiſſen, was ſie eigentlich wollen; Menſchen, die ihren Beruf verfehlt haben, oder deren Beruf es iſt, keinen zu haben, zum mindeſten keinen ſoliden; Ehrgeizige, die im Trüben fiſchen; Banqueroutteure, die dem Schuldthurm entgehen wollen— und hinter ihnen her eine wüſte Schaar, von der jeder Einzelne für Sie ein Gegenſtand der Verachtung iſt und vor der Sie nun, eben weil es eine Schaar, eine Maſſe iſt, in Ehrfurcht den Hut abziehen. Sehen Sie nach Frankreich und Sie werden ſchaudernd erkennen, wohin es führt, wenn man das Volk mit dem Pöbel ver⸗ wechſelt; wollen Sie franzöſiſche Zuſtände über uns bringen? Sehen Sie nach dem Süden Deutſchlands und Sie werden begreifen, daß die Wühler bei uns daſſelbe erſtreben, was ſie in Frankreich erſtreben, vaß ſie aber bei uns, Gott ſei Dank, noch machtlos ſind und macht⸗ los bleiben werden, wenn wir nicht ſelbſt mit freventlichem Leichtfinn die Macht aus den Händen geben.“ Die Rede des Herrn von Hohenſtein war oft von Beifalls⸗ gemurmel begleitet geweſen; ein lautes Bravo belohnte ihn, als er, nachdem er die letzten Worte mit erhobener Stimme geſprochen, in nicht fingirter Erſchöpfung in ſeinen Seſſel zurückſank; man war all⸗ Erſter Band. 189 gemein der Anſicht, daß Pöbel Pöbel ſei und bleibe, und daß es ein Verrath am Vaterlande genannt werden müſſe, wollte man ſich jetzt auf Transactionen mit ſocialiſtiſchen Schwärmern und ihrem Anhang einlaſſen. Nur der Advokat Kaltebolt— ein zäher Kopf und ſpecieller Gegner des Stadtraths, in deſſen Verhältniſſe er gelegentlich nicht eben zur Achtung herausfordernde Einblicke gethan hatte— beharrte bei ſeiner Oppoſition. Er ſetzte in längerer Rede— wobei er ſich durch die Mißfallsbezeugungen ſeiner Collegen nicht anfechten ließ— ſeine Anſichten auseinander, daß man nur die Wahl habe zwiſchen offener, ehrlicher Anerkennung der Revolution in allen ihren Con⸗ ſequenzen, oder einer wüſten Reaction, welche die vormärzlichen Zu⸗ ſtände zurückführen und Deutſchland auf Jahrzehnte zum Kinderſpiel in Europa machen werde. Dann, mit den ſcharfen, brillebewaffneten Augen Herrn von Hohenſtein fixirend, rief er:„Und wer ſind ſie, die Ihnen einen ſo verderblichen Rath zu geben wagen? Männer, die aus Regionen ſtammen, in die noch nie ein Strahl wahrer Huma⸗ nität, wahrer Menſchenliebe gefallen iſt; die liberal geweſen ſind, ſo lange mit dem Liberalismus Geſchäfte zu machen waren und die mit dem Liberalismus Geſchäfte gemacht haben,— ſehr gute Geſchäfte, meine Herren! und in dem Augenblicke, wo die Changen weniger gut ſind, ſich nicht mehr beſinnen können, daß ſie jemals liberal waren, daß ſie ſich jemals mit dem Volke liirt haben, ja noch bis auf dieſen Augenblick durch Bande, die ſonſt für ſehr heilig geachtet werden, mit dem Volke verbunden ſind.“ „Wenn dieſe Inſinuationen auf mich gehen ſollen—“ rief Herr von Hohenſtein, aus dem Seſſel auffahrend. „Qui se sent morveux, qu'il se moüche!“ meinte Herr Kaltebolt. „Pfui, pfui!“ rief der Stadtrath Heydtmann und Copagnie. „Es iſt unverantwortlich! man darf es nicht dulden!— das hat er wahrlich nicht um uns verdient!“— ſo tönten die Stimmen der Väter durcheinander. „Herr von Hohenſtein hat das Wort!“ rief der Oberbürger⸗ meiſter, der ſchon ſeit einer Minute mit dem kleinen ſilbernen Glöck⸗ chen, das vor ihm auf dem Seſſionstiſche ſtand, geläutet hatte. „Ich habe nur wenig zu erwidern, meine Herren;“ begann Herr 190 Die von Hohenſtein. von Hohenſtein mit einer Stimme, die vor innerer Aufregung bebte, obgleich ſeine Miene und Haltung ruhig und vornehm waren, wie immer;„wenig; wenn Sie wollen, Nichts, denn auf Beleidigungen, wie man ſie eben aus blauer Luft gegen mich geſchleudert hat, giebt es keine Erwiderung, oder wenigſtens doch nur eine ſolche, für die hier und jetzt nicht der Ort und nicht die Zeit ſind.“ „Mit feudalen Velleitäten ſchlägt man heut zu Tage keinen Geg⸗ ner mehr;“ ſagte höhniſch lächelnd Herr Kaltebolt. „Pfui, pfui!“ rief Herr Stadtrath Heydtmann und Compagnie. „Schändlich“—„nichtswürdig“—„abgeſchmackt“— ſecundirten ein halbes Dutzend Andere. „Meine Herren,“ rief der Oberbürgermeiſter Daſch, mit Auf⸗ bietung der ganzen, nicht geringen Kraft ſeiner Lunge den Lärmen überſchreiend;„ich bitte, ich beſchwöre Sie: laſſen wir uns in einem Augenblicke, wo wir, wenn je, viribus unitis nach einem Ziele ſtreben müſſen, nicht zu ſolchen unſeligen Zwiſtigkeiten hinreißen! Halten wir das Gemeinwohl höher als unſere Privatintereſſen! opfern wir unſern Egvismus auf dem Altar des Vaterlandes! Ein tüchtiger Mann iſt viel werth in ſo ſchlimmer Zeit, aber, meine Herren, zwei tüchtige Männer ſind voppelt ſo viel werth. Als der oberſte Beamte dieſer unfrer guten Stadt, als Ihr langjähriger College und— ich darf mich ja wohl ſo nennen?— als Ihr Freund beſchwöre ich Sie, werthe Herren und Freunde: ſtehen Sie nicht von dieſem Tiſche auf, ohne ſich vorher die Hand zur Verſöhnung gereicht zu haben!“ „Bravo, bravo!“ rief Herr Heydtmann und Compagnie. „Ich bin gern bereit, zu vergeſſen, daß ich der Angegriffene bin!“ ſagte Herr von Hohenſtein, mit würdevollem Lächeln ſeinem Gegner die Hand über den Tiſch entgegenſtreckend. „Ich habe nur die Sache, um die es ſich handelt, im Auge ge⸗ habt; an der Perſon— liegt mir wenig,“ brummte Herr Kaltebolt, die dargebotene Hand an den Fingerſpitzen ergreifend. So war der Friede wieder hergeſtellt und bald darauf wurde die Sitzung geſchloſſen, nachdem mit großer Majorität der Beſchluß gefaßt war, es lieber auf's Aeußerſte ankommen zu laſſen, als dem Verlangen Münzers und Genoſſen nach allgemeiner Volksbewaffnung zu willfahren. Erſter Band. 191 „Sie haben's ihm gut gegeben,“ ſagte der Stadtrath Heydtmann und Compagnie zu Herrn von Hohenſtein, als ſie zuſammen die Rathhaustreppe hinabgingen.„Ein höhniſcher, ſpitzfindiger Kerl, ein Krakehler und Stänker und der es beſonders auf Sie abgeſehen zu haben ſcheint. Hüten Sie ſich vor dem Menſchen, mein wertheſter Herr von Hohenſtein!“ „Pah, was kann er mir thun?“ ſagte der Stadtrath. „Hm, hm!“ ſagte Herr Heydtmann und Compagnie,„der Burſche hat ſeine Hand überall im Spiel und heute iſt Ultimo. Wenn Sie etwa was brauchten, Herr von Hohenſtein— ſo ein paar Tauſend Thälerchen haben Heydtmann und Compagnie für ihre Freunde immer liegen.“ Den Stadrath durchzuckte es wie ein elektriſcher Schlag. Wenn ihm das Anerbieten ein paar Tage früher, wenn es ihm geſtern— nur noch geſtern gemacht wäre! „Natürlich nur auf ein kurzes Ziel,“ ſagte der vorſichtige Fabrikant, den ſein Anerbieten gereute, nachdem er es kaum aus⸗ geſprochen;„das Geld iſt jetzt knapp und man muß auf Alles gefaßt ſein.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Herr von Hohenſtein;„aber ich bin glücklicherweiſe in der Lage, mir ſelbſt ohne Anſtrengung helfen zu können.“ „Brav, brav!“ ſagte Herr Heydtmann, ſehr froh, daß man ihn nicht beim Worte genommen hatte;„aber ich muß hier abbiegen;— nichts für ungut, Herr von Hohenſtein, nichts für ungut!“ „Wie wäre das möglich!— ein Freund, wie Sie!“ „Sehr obligirt, ſehr obligirt!“ Die Herren ſchüttelten ſich die Hände und der Stadtrath ſetzte ſeinen Weg allein fort. „Es hätte mir doch nichts geholfen,“ murmelte er;„ich bin zu weit gegangen, als daß ich noch zurück könnte.“ Es war bereits Nachmittag, als der Stadtrath wieder in ſeiner Wohnung anlangte. Er begab ſich ſogleich in ſein Zimmer, ſchellte nach dem Mädchen, fragte, wie es dem jungen Herrn gehe, und als Urſel berichtet: es ginge etwas heſſer, befahl er ihr, ihm etwas Brod 192 Die von Hohenſtein. und eine Flaſche Wein zu bringen, auch der Frau Stadträthin nicht zu ſagen, daß er nach Hauſe gekommen ſei: er ſei ſehr angegriffen, könne nicht zu Mittag eſſen, ſondern müſſe einige Stunden ſchlafen; er ſei für Niemand zu Hauſe, für Niemand,„hören Sie, Urſel!“ Der Stadtrath legte ſich, in ſeinen Schlafrock gehüllt, auf das Sopha; aber der ſo ſehnlich herbeigewünſchte Schlaf wollte nicht kommen. Die folternde Angſt, daß ſein Verbrechen ſofort entdeckt werden könne, war durch die Ereigniſſe des Morgens erwas geringer geworden; aber er mußte ſich doch ſagen, daß aufgeſchoben nicht auf⸗ gehoben ſei. Und wie ſollte es nun weiter werden? Seine verhäng⸗ nißvolle That hatte nur der augenblicklichen Verlegenheit abgeholfen; die Zehntauſend waren durch ſeine Kaſſe, wie durch ein Sieb ge⸗ laufen; warum hatte er nicht zwanzig— nicht dreißig Tauſend ge⸗ nommen? es war ja doch nun Alles Eines und eine größere Summe hätte er leichter wieder zuſammengebracht als eine kleinere. Ueber die dumme Zaghaftigkeit! Doch das ließ ſich vielleicht nachholen, wenn er wirklich zur Verwaltung dieſer Kaſſe deſignirt werden ſollte, wozu ja jetzt die beſte Ausſicht war. Aber bis dahin, bis dahin— was beginnen? Wenn er ſich jetzt eine Blöße gab, ſo war Alles verloren; Heydtmann und Compagnie war düpirt, ſo mußten es auch die Andern werden. Beſonders Leute von dem Schlage des Herrn Kaltebolt.„Wie der Menſch mich in's Auge faßte!— und das höhniſche Lächeln!— als wüßte er ſchon Alles und wollte es nur nicht ſagen, um die Wonne zu haben, mich noch länger auf der Folter zu ſehen!— Ich muß Geld haben; aber woher es nehmen? woher?“ Der Stadtrath ließ alle Perſonen, an die er ſich möglicherweiſe wenden könnte, Revue paſſiren. Es waren wenig ſolide Leute darunter, meiſtens notoriſche Wucherer oder waghalſige Speculanten— einen Augenblick dachte er ſogar an ſeinen Schwager Peter. Aber das ging aus tauſend Gründen nicht. Wie konnte er Peter nach Allem, was zwiſchen ihnen vorgefallen war, unter die Augen treten? beſonders jetzt, wo er ſich mit ſolcher Entſchiedenheit gegen die demokratiſchen Beſtrebungen, denen Peter nicht ſeit geſtern huldigte, ausgeſprochen hatte? und dann wußte er ſehr wohl, daß Peters Verhältniſſe keines Erſter Band. 193 wegs glänzend waren. Die radicale Zeitung machte ſchlechte Ge⸗ ſchäfte; in den Kreiſen des Stadtraths war man allgemein der Mei⸗ nung, daß ſich dieſelbe höchſtens noch dies Quartal halten könne, wenn ſie nicht eine viel gemäßigtere Richtung einſchlage, woran bei der bekannten Geſinnung des Verlegers und der Redacteure natürlich nicht zu denken ſei. Dazu kam der Tod von Peters Bruder Eugen— und der Stadtrath kannte die Verhältniſſe der Schmitz'ſchen Familie hinreichend, um zu wiſſen, daß dieſes Ereigniß eine neue Quelle von Verlegenheiten für Peter ſein werde. „Nur der Alte auf Rheinfelden könnte helfen!“ murmelte der Stadtrath, von dem Sopha aufſpringend und, die kalten Hände auf die fieberheißen Schläfen gedrückt, im Zimmer auf⸗ und abſchreitend; aber er wird nicht helfen wollen. Zwar iſt er ſehr gütig gegen Wolf⸗ gang geweſen, aber von da, bis der Geizhals ſeine Geldkiſte auf⸗ ſchließt, iſt noch ein weiter Schritt. Und daß der Wolfgang nun auch gerade jetzt krank werden muß; ſo könnte man doch wenigſtens erfahren, wie der Alte über mich denkt.“ Der Stadtrath hatte geſtern Abend, als er den unſeligen Griff that, der ihn zum Verbrecher machte, ſich eingebildet: er thue, was er thue, nicht für ſich, ſondern für die Seinen, über die er die Schande eines leichtſinnigen Banqueruts nicht dürfe kommen laſſen; und jetzt, nachdem die That geſchehen war, verurſachte ihm der Gedanke an ſeine Frau, an ſeinen Sohn Höllenpein, denn er wußte, daß ſie das vermeintliche Opfer, das er ihnen gebracht, mit Abſcheu von ſich weiſen, daß ſie jedes Leid, daß ſie den Tod einer ſolchen Rettung vorziehen würden. Heute Nacht hatte er bei dem Gedanken, ſeine Frau könne ſterben, aufgeathmet— denn die Hälfte ſeiner Laſt wäre ja auf dieſe Weiſe von ihm genommen worden! und heute Morgen, als er ſeinen Sohn ſo bleich und krank vor ſich liegen ſah, hatte er wieder nichts Anderes empfunden, als daß ein Elender, wie er, keinen Sohn haben dürfe, daß ein Sohn, wie Wolfgang, einen Elenden nicht zum Vater haben könne und daß es beſſer für Wolfgang ſei, er erwachte nicht wieder zum Leben. Und doch war Wolfgangs gutes Verhältniß zu dem alten Mann in Rheinfelden jetzt ſeine einzige Hoffnung. Daß es dem Alten nur Fr. Spielhagen's Werke. VII. 13 194 Die von Hohenſtein. um Wolfgang zu thun war, lag auf der Hand; vielleicht, daß er dem Sohn gewährte, was er dem Vater rund abſchlagen würde! Und nun mußte Wolfgang krank ſein! Der Stadtrath warf ſeinen Schlafrock ab— er ließ ſich von den Seinen, wenn es irgend zu vermeiden war, nie im Negligé ſehen— kleidete ſich an und ging die Treppen hinauf in das Krankenzimmer. Er fand Urſel am Bett ſitzen, die ihm flüſternd mittheilte, der junge Herr habe vorhin eine Stunde gewacht, es gehe viel beſſer und die gnädige Frau ſei auf einen Augenblick hinuntergegangen, um Fräulein Bella Schmitz und das junge Fräulein Schmitz zu empfangen, die geſtern ſchon den ganzen Abend bei der gnädigen Frau zugebracht hätten.— Der Stadtrath runzelte die Stirn;— das fehlte noch, daß ſeine Frau ihre Familienbeziehungen wieder hervorſuchte, jetzt, wo ihm Alles darauf ankam, ſeinen vollſtändigen Bruch mit der Demokratie, vor Allem mit den demokratiſchen Verwandten ſeiner Frau recht gefliſſentlich zur Schau zu tragen. Er ſetzte ſich an ſeines Sohnes Bett, nahm die heiße Hand des Kranken in ſeine Hand und ließ ſie wieder fallen, weil es ihm war, als ob Wolfgang bei der Berührung zuſammengezuckt hätte. So ſaß er, in ſich verſunken, da, und dachte der Zeit, wo Wolf⸗ gang geboren war und wie er ſich gefreut hatte, daß es ein Sohn ſei, und welche ſtolzen Hoffnungen er an dieſen Sohn geknüpft hatte. Damals war er noch mit Peter Schmitz— äußerlich wenigſtens— eng verbunden geweſen und er hatte ſich geſagt: der Peter ſoll mir meinen Sohn reich machen helfen und dann wird er die Stellung in der Welt einnehmen können, die ſein Vater ſo leichtſinnig verſcherzt hat.— Was war von dieſen Hoffnungen in Erfüllung gegangen? Er hatte ſeinen Schwager fallen laſſen, um das heißerſehnte Ziel ſchneller und leichter zu erreichen; aber er hatte ſich grauſam ver⸗ rechnet. Sein Schwager war freilich nicht reich geworden; aber er war ein ehrlicher Mann geblieben; er ſelbſt war ärmer, als je— und— Der Stadtrath ſprang auf; es war ihm, als ob er erſticken müſſe. Er flüſterte Urſel zu: er habe dringende Geſchäfte in der Stadt zu beſorgen und werde wahrſcheinlich ſehr ſpät nach Hauſe kommen. Wenn es mit dem jungen Herrn nicht beſſer gehe, ſolle ihm Urſel — Erſter Band. 195 keine angezündete Lampe, wie ſonſt, in ſein Zimmer ſtellen und er werde dann heraufkommen, um bei ſeinem Sohne zu wachen. Er ging aus dem Hauſe und ſchlich in der ſchon dunkelnden Stadt herum, immer die einſamſten Gaſſen ſuchend, mehrere Stunden lang. Er hatte eigentlich vorgehabt, in das Weinhaus zu gehen, welches er zu beſuchen pflegte; aber er fühlte, daß er der Anſtrengung, unbefangen auszuſehen und zu plaudern, nicht mehr gewachſen ſei. Seine Kräfte waren faſt gänzlich erſchöpft; er ſchleppte ſich nur mit der größten Mühe weiter; in einer ärmlichen Vorſtadtkneipe ließ er ſich ein Glas Wein geben. Das erquickte ihn wieder etwas. Er war im Begriff, noch um ein Glas zu bitten, als er bemerkte, wie ein paar Männer in Blouſen, die in der Nähe an einem Tiſche ſaßen und aus Thonpfeifen dampften, auf ihn blickten und die Köpfe zu⸗ ſammenſteckten. Er gab der Kellnerin ein Stück Geld, das erſte, das ihm in die Hand kam, und entfernte ſich ſchleunig. Wieder irrte er durch die ſchon einſamer gewordenen Straßen. Er kam an dem großen Dom vorüber;— aus den hohen Fenſtern einer der Seitenkapellen dämmerte Licht; er hörte Orgelton und Geſang. Er blieb einen Augenblick ſtehen und dachte, welch' eine Erquickung es für ihn ſein würde, wenn er in einer der dunkelſten Ecke in das Ohr eines Menſchen, der zur Verſchwiegenheit durch einen theuren Eid verpflichtet iſt, das ſchreckliche Geheimniß beichten könnte, daß der Stadtrath Arthur von Hohenſtein, Sohn des Oberpräſidenten von Hohenſtein, früher Officier in der Armee, ein gemeiner Dieb ſei.. „Sie haben es gut, dieſe Katholiken! und wenn ſie einen Mord begangen haben, ſie finden Jemand, dem ſie es ſagen können. Woher ſie nur das Vertrauen nehmen? ich könnte keinem Menſchen trauen, und wäre ſein Mund durch die heiligſten Eide verſiegelt; nur die Todten ſind verſchwiegen. Ich wollte, ich wäre todt.“ Er ging weiter und unwillkürlich lenkten ſich ſeine Schritte nach dem Strom. Er ging auf die Brücke, bis er gleich weit von den beiden Ufern und den Lichtern, die ſich hüben und drüben im Waſſer ſpiegelten, entfernt war. Da lehnte er ſich auf die Brüſtung und ſchaute lange, lange hinab, wie die tiefen, dunklen Waſſer vorüber⸗ ſchoſſen, leiſe, leiſe, dann und wann nur in Wirbeln aufkochend, 13* 196 Die von Hohenſtein. raſtlos, unwiderſtehlich, unaufhaltſam, geheimnißvoll wie der Tod. Ja, das war die wahre Verſchwiegenheit! und doch! plauderte der Strom das anvertraute Geheimniß nicht auch aus, wenn er die Leiche des Selbſtmörders ein paar Meilen weiter unten irgendwo zwiſchen die Binſen an's Ufer ſchwemmt, damit die Fiſcher ſie mit den Boots⸗ haken herausziehen und ein paar Stunden ſpäter es wie ein Lauf⸗ feuer durch die Stadt geht: der Stadtrath von Hohenſtein iſt gefun⸗ den; er hat ſich in den Strom geſtürzt, um der Schande zu entgehen, aber der Strom hat ihn wieder ausgeſpieen; der Strom hat ihn nicht behalten wollen.. Und der Stadtrath raffte ſich wieder auf und wankte durch vi⸗ jetzt faſt menſchenleeren Straßen nach ſeiner Wohnung zurück. Schon ganz in der Nähe derſelben packte ihn eine furchtbare Angſt: wenn er die Polizei ſchon bei ſich zu Hauſe vorfände?— wenn ſich, ſobald er die Thür geöffnet, ein paar ſtarke Männer über ihn ſtürzten und ihn knebelten?. Mit klopfendem Herzen und kaltem Schweiß auf „ſeiner heißen Sier ſchlich er näher und blickte, in den tiefen Schatten der Kloſtermauer ſich drückend, nach ſeinem Hauſe hinüber. Es war Alles ſtill, in ſeiner Stube brannte die Lampe ruhig; es bewegte ſich kein Schatten an den heruntergelaſſenen weißen Rouleaux vorüber. Auch oben aus Wolfgangs Giebelſtube dämmerte ein ſchwacher Licht⸗ ſchein. Kein Laut regte ſich; der Wächter rief auf dem benachbarten Kloſterplatz die zwölfte Stunde ab. Der Wächter ſollte ihn nicht ſo ſpät noch auf der Straße finden; er trat raſch in's Haus und athmete tief auf, als er ſich endlich in ſeinem Zimmer befand und die Thür, die nach dem Flur führte, feſt verſchloſſen war. Glücklicherweiſe hatte Urſel das Weißbrod und die angeſchenkte Flaſche Wein auf dem Tiſche vor dem Sopha ſtehen laſſen. Der unglückliche Mann bedurfte der Labung; er hatte heute noch ſo gut wie nichts gegeſſen und getrunken. Aber ſelbſt jetzt war es ihm un⸗ möglich zu eſſen; nur den Wein trank er gierig. Dann, als er den Wächter an dem Eingang der Straße hörte, löſchte er ſchnell die Lampe aus und ging im Dunkeln zu Bett. Er war ſo matt, daß ihm die Glieder faſt den Dienſt verſagten und doch wollte kein Schlaf — 2 Erſter Band. 3 197 in ſeine Augen kommen. Sobald ihm die Sinne ſchwinden wollten, trat irgend ein Schreckbild vor ſeine Seele: der Advokat Kaltebolt, der ihm mit höhniſchem Lachen eine Handvoll Kaſſenſcheine hinhielt; der Oberbürgermeiſter Daſch, der die Augen verdrehte und die Arme zum Himmel ſtreckte— und er ſaß wieder wach in ſeinem Bette und horchte auf das Kniſtern eines Mäuschens hinter den Tapeten, auf das Ticken der Wanduhr auf dem Flur, auf das leiſe Kreiſchen des Wetterhahns auf dem Thurm der Kloſterkirche. Dann fiel es ihm ein, daß er ſeine Piſtolen ſeit geraumer Zeit nicht nachgeſehen habe und daß die Zündhütchen vielleicht feucht geworden ſeien. So ſtand er denn wieder auf, holte aus einem Schubfache ſeines Schreibtiſches das runde Schächtelchen und erſetzte die alten Zündhütchen durch ein paar neue. Die Gewißheit, ſich in jedem Augenblick das Leben nehmen zu kännen und den Verfolgern nur als Leichnam in die Hände zu fallen brachte ihm endlich gegen Morgen eine verhältnißmäßig größere Ruhe und mit der Ruhe den Schlaf. Als der Stadtrath erwachte, ging es bereits auf Mittag. Er fühlte ſich ſehr geſtärkt; auch empfand er das Bewußtſein ſeiner Schuld weniger lebhaft; er fing bereits an, ſich an dieſes Bewußtſein zu gewöhnen. Mit peinlichſter Sorgfalt machte er ſeine Toilette und verzehrte dann mit großem Appetit das Frühſtück, das ihm Urſel auf ſein Klingeln gebracht hatte, während er dabei die Zeitungen durchblätterte. „Haben der Herr Stadtrath den Brief gefunden, den ich geſtern Abend auf den Schreibtiſch gelegt?“ fragte Urſel, als ſie das Geſchirr abräumte. „Nein, es wird wohl nicht wichtig ſein.“ Der Stadtrath hatte das im gleichgültigſten Tone geſagt, aber er war bei dem Worte„Brief“ zuſammengezuckt, als hätte er auf eine Schlange getreten. Ein Brief iſt ein verhängnißvolles Ding für Jemanden, der kein reines Gewiſſen hat. Der Stadtrath hielt ſich die Zeitung dicht vor das Geſicht, bis Urſel aus der Thür war. Dann ſprang er auf, und ſchritt eilig und mit klopfendem Herzen nach ſeinem Schreibtiſch. Da lag der Brief,— ein Blick auf das 198 Die von Hohenſtein. grobe, in altfränkiſcher Weiſe zuſammengefaltete und mit wunderlich ſteifen und geſchnörkelten Buchſtaben bemalte Papier ſagte ihm, daß derſelbe aus Rheinfelden vom alten General ſei. Was wollte der Alte? ſich nach dem Befinden ſeines Sohnes erkundigen, deſſen Krank⸗ heit er ihm geſtern Morgen gemeldet hatte? Das wäre eine große, bedeutſame Aufmerkſamkeit— in dieſem Augenblick, wo die Gunſt des Alten von unberechenbarem Werthe war. Mit zitternden Händen erbrach er den Brief, und las: Lieber Neffe Arthur! Die Nachricht von Deiner Frauen Geneſung freut mich ſehr, dahingegen ich mit déplaisir erfahre, daß Dein Sohn Wolf⸗ gang ſich krank gemeldet hat, was ich um ſo weniger goutire, als ich an dem Jungen Antheil nehme und ihn protegiren will. Darum ich auch geſtern ſchon an Deinen Bruder Guisbert ge⸗ . ſchrieben und ihm aufgegeben habe, den Wolfgang in ſeinem Regimente zu placiren, wie ich denn auch andererſeits eine Mariage zwiſchen Deinem Jungen und der jüngſten Tochter Deines Bruders Philipp ſouhaitire, da die Grasaffen hübſch und kräftig ſind und ihre Bälger der Familie Ehre machen werden, wasmaßen ich heute noch an Deinen Bruder Philipp ſchreiben und ihm ſagen werde, was ich intentire, worauf er wohl ohne Weigerung eingehen wird, ſintemalen er ein ſchlauer Fuchs iſt, der die ſauern von den ſüßen Trauben prächtig unterſcheiden kann. Der ich bin Dein wohlaffectionirter Onkel Eberhard von Hohenſtein auf Rheinfelden. Während der Stadtrath nicht ohne Mühe dieſe Zeilen entzifferte, theilte ſich das Zittern ſeiner Hände dem ganzen Körper mit; ſeine blaſſen Wangen rötheten ſich, ſeine matten, eingeſunkenen Augen be⸗ gannen zu glänzen... Rettung! Rettung in dieſer grimmen Noth!.. zum wenigſten Ausſicht, faſt gewiſſe Ausſicht auf Rettung!... Der arme Mann ſchwankte— den Brief in ſeinen Händen hal⸗ tend— nach einem Stuhl, und Thränen, die er ſeit ſeinen Kinder⸗ jahren nicht geweint hatte, brachen aus ſeinen Augen. In jener —— Erſter Band. 199 Rührſeligkeit der gänzlichen Erſchöpfung und Nervenſchwäche gelobte er ſich, von jetzt an, wenn er dem drohenden Verderben wirklich ent⸗ rinnen ſollte, ein guter Menſch zu werden, ein zärtlicher Gatte, ein liebender Vater, ein rechtlicher billiger Geſchäftsmann. Doch dauerte dieſe weiche Stimmung nicht lange. Zum Fromm⸗ ſein hatte es noch immer Zeit, wenn nur erſt die rechte Sicherheit vorhanden war und an der fehlte noch viel. Bis jetzt war Alles nur Hoffnung, Möglichkeit, Wahrſcheinlichkeit— und vielleicht auch nicht einmal das! Wenn nun Wolfgang ſich weigerte, auf den Wunſch des Alten einzugehen! Wolfgang hatte nie die geringſte Neigung für den Soldatenſtand blicken laſſen, hatte ſich im Gegentheil während ſeiner Dienſtzeit oft bitter über die unnöthigen Scheerereien und den Kleinkram des Gamaſchendienſtes beklagt. Und dann! Wolfgang war ein ſehr ſelbſtſtändiger Charakter, der ſich nicht leicht durch den Schein blenden ließ;— ſollte ſeine glänzende Couſine ihn nicht viel eher abgeſtoßen als angezogen haben?— Dem Stadtrath war es bei dem Beſuch neulich in Rheinfelden faſt ſo vorgekommen. Und dann des Jungen Liberalismus! ſeine oft ausgeſprochene Antipathie gegen ſeine adeligen Verwandten und die unverkennbare Achtung, die er dem tüch⸗ tigen Weſen ſeines Onkels Peter Schmitz und ſeiner Tante Bella ſchenkte! Seine Freundſchaft endlich zu Münzer, von dem er ſtets in Ausdrücken der Anerkennung und Hochſchätzung ſprach, die den Stadt⸗ rath nur ſchon zu oft bitter gekränkt hatten.. Nein, nein! es war noch nichts gewiß; Alles noch in einer peinlichen, unheimlichen Schwebe! Der Stadtrath ſprang von ſeinem Stuhl wieder empor und ſchritt im Zimmer auf und ab, ohne den Muth zu finden, ſeiner Gattin, die er jetzt ſeit beinahe zwei Tagen nicht geſehen hatte, unter die Augen zu treten und mit Wolfgang zu ſprechen, der, wie Urſel berichtet hatte, ſchon ſeit einer Stunde mit der gnädigen Frau ganz munter ſich unterhalte. ———— Die von Hohenſtein. Einundzwanzigſtes Capitel. Als Wolfgang am Mittag des zweiten Tages ſeiner Rückkehr von Rheinfelden aus einem tiefen, traumloſen, erquickenden Schlaf, in welchem die heraufdrohende Krankheit ſich glücklich gebrochen hatte, erwachte, dauerte es eine geraume Zeit, bevor er ſich beſinnen konnte, wo er war, wie er hierher gekommen und weshalb ſeine Mutter, die an ſeinem Bette ſaß, mit hellen Freudenthränen in den lieben ſanften dunklen Augen ſich ſo zärtlich beſorgt über ihn beugte. „Ich bin wohl krank geweſen, Mutter?“ ſagte Wolfgang, die Liebkoſungen und Küſſe erwidernd. „Recht krank!“ erwiderte Margarethe;„zwei böſe, böſe Tage lang haſt Du Dein armes Mütterchen geängſtigt; aber nun iſt es gut; wenn Du mit hellen Augen erwachteſt, hat der Medicinalrath, der vor einer Stunde hier war, geſagt, wäre es gut; und Du biſt mit hellen Augen erwacht, mein Liebling— aber nun mußt Du ruhig liegen, ganz ruhig, und darfſt gar nicht ſprechen und Dich aufregen, damit Du nicht wieder krank wirſt, mein Herzensjunge!“ Wolfgang ſank wieder auf ſein Lager zurück. Die Mutter glättete ſein Kiſſen und ſeine Decke, ſtand auf und ließ das Rouleau her⸗ unter, um die helle Mittagsſonne auszuſchließen, ſetzte ſich dann wieder zu ihm an's Bett, nahm eine ſeiner Hände in ihre Hände und lächelte ihm freundlich zu mit liebevollem Blick. Wie er ſo, ſich ſtumm des wiedergewonnenen Lebens freuend, halb wachend und halb träumend dalag, zog die Erinnerung der letzten Tage in hellen klaren Bildern durch ſeine ſabbath⸗ſtille, tief erquickte Seele. Und im Vordergrund all' dieſer Bilder bewegte ſich die zierlich⸗ſchlanke Geſtalt eines wunderſchönen Mädchens, das ſich bald mit neckiſcher Schalkheit zu ihm wendet, bald ſich mit ſcheuem Zagen von ihm zu entfernen ſcheint und endlich liebeglühend und liebe⸗ heiſchend an ſeine Bruſt ſinkt. Da zieht plötzlich eine dunkle Wolke herauf und löſcht die hellen, ſonnigen Bilder aus; das Mädchen, Erſter Band. 201 veſſen knospender Buſen nun eben noch heiß und heißer an ſeinem Herzen geklopft hatte, reißt ſich aus ſeinen Armen, und verſchwindet in dem Dunkel des Parks, der ſich dann in den ſandigen Weg längs des Stromufers verwandelt, auf welchem der kreiſchende Wagen des alten Köbes ihn langſam, langſam— als wollte die Fahrt kein Ende nehmen— heim trägt, heim zu ſeiner lieben, kranken Mutter, deren warme Hand jetzt in ſeiner Hand— die ſich bei dieſem Gedanken feſter ſchließt— liegt. Dann ſitzt er vor dem Bett der Mutter, wie ſie jetzt vor ſeinem Bett ſitzt und aus dem Schatten der Krankenſtube tritt das Bild eines andern Mädchens hervor, eines Mädchens, das kaum weniger ſchön iſt, als jenes dort im Park von Rheinfelden, eines Mädchens, deſſen einfach⸗edle Erſcheinung ihn anmuthet, wie ein Lied aus der Jugendzeit— aus der Jugendzeit— „Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte Wolfgang, zur Mutter aufblickend. „Was iſi's, mein Herz?“ „Mir iſt, als hätte ich Ottilien von jeher gekannt, als wäre Ottilie die Schweſter, die ich mir immer gewünſcht habe, wenn ich allein vor Deinem Bette ſpielte und die Sophakiſſen keine Rede und Antwort geben wollten.“ Margarethens Augen glänzten, während ſie ſich tiefer über den lieben Sohn beugte: „Alſo auch Du haſt das Gefühl,“ ſagte ſie,„das mich nicht mehr verlaſſen hat, ſeitdem ich das herzige Kind geſehen? Mir iſt ſeitdem immer, als hätte ich nun zwei Kinder. Sie iſt auch geſtern mit Tante Bella hier geweſen und war ſo beſtürzt und ſo traurig, daß Du krank warſt— das gute Kind, als ob ſie nicht eigenen Kum⸗ mer genug hätte! Sie hat mich ſo lieb getröſtet:„Morgen komme ich wieder— hat ſie geſagt— und dann mache ich Dir den Wolf⸗ gang geſund, und wenn er geſund iſt, komme ich alle Tage, und ſitze mit Dir hier im Fenſter— wir waren in meiner Stube— hier iſt es ſo ſtill und kühl und die hohen Bäume da drüben über der alten Mauer, die hab' ich nun gar zu gern.“ Und die liebe ſanfte Stimme, mit der ſie das ſagt, das klingt ſo lieblich, wie ſanfter Schwalbengeſang.“ „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit!“— ſagte Wolfgang träumeriſch vor ſich hin. 202 Die von Hohenſtein. „Und weißt Du, liebes Herz,“ fing die Mutter wieder an, in⸗ dem ſie zärtlich des Sohnes Hände ſtreichelte,„daß Du in Deinen Phantaſien faſt nur von Ottilien geſprochen haſt? daß Du lange Zwiegeſpräche mit ihr geführt haſt?“ „Mit Ottilien?“ fragte Wolfgang, und ſeine bleichen Wangen rötheten ſich;„biſt Du gewiß, daß ich mit Ottilien und von Ottilien geſprochen habe?“ „Ob ich gewiß bin!“ ſagte Margarethe lächelnd;„nun, ihren Namen haſt Du wenigſtens oft genug genannt.“ „Sonderbar, ſonderbar,“ murmelte Wolfgang. „Was iſt dabei ſo ſonderbar, mein Herzensjunge?“ fragte Mar⸗ garethe;„aber da plaudern und plaudern wir und Du ſollſt ganz ruhig ſein, hat der Medicinalrath geſagt. Ich bin eine ſchöne Kran⸗ kenwärterin. So! jetzt ſtill gelegen und nicht den Mund geöffnet!“ „Nein, nein,“ erwiderte Wolfgang lebhaft;„laß uns plaudern; ich fühle mich vollkommen wohl und habe Dir ſo viel zu ſagen.“ „Was iſt's, lieb Herz?“ ſagte Margarethe. Wolfgang ſtreckte die Arme aus und zog die Mutter zu ſich auf den Rand des Bettes, wie er es als Kind und Knabe gethan, wenn er ihr ſeine kindiſchen und knabenhaften Geheimniſſe gläubig anver⸗ traute, und ebenſo gläubig wie damals, vertraute er nun der lieben Mutter ſein letztes, großes Jünglings⸗Geheimniß, das Geheimniß ſeiner Liebe zu Camilla— ſtockend im Anfang und erröthend, und dann, als er erſt einmal das große Wort ausgeſprochen, lebhaft und beredt, wie es ſeine Art war, all die kleinen Nebenumſtände ſeines Liebes⸗Romans, all' die Hoffnungen, Zweifel, Bedenken, Alles, was in den letzten Tagen ſein edles Herz erfüllt, ſeinen hellen Geiſt be⸗ ſchäftigt hatte. „Nun habe ich Alles gebeichtet, lieb Mütterchen,“ ſchloß der Jüngling;„jetzt aber ſage Du mir, ob Du mit mir zufrieden biſt, denn, bevor ich das ſicher weiß, kann ich doch nicht ſo glücklich ſein, wie ich es ſo gern ſein möchte.“ Margarethe antwortete nicht gleich, weil es ihr bei dem Chaos widerſprechendſter Gefühle, welche während Wolfgangs langer Erzäh⸗ luug ihre Seele erfüllt hatten, in der That unmöglich war, ſeine ————— Erſter Band. 203 ſchließliche Frage direct zu bejahen oder zu verneinen. Zuerſt und vor Allem war es Eiferſucht geweſen gegen die Glückliche, der ſie nun das Herz, das ſie bis dahin ſo ganz beſeſſen, abtreten ſollte. Wie ſchmerzlich dieſer Gedanke für Margarethe ſein mußte, das konnte Niemand ermeſſen, denn Niemand wußte, wie tief unglücklich ſich die arme Frau in ihrer Ehe gefühlt, wie ſie ihr Glück, ihren Troſt, ihr Alles, Alles nur in dieſem einen heißgeliebten Sohn geſucht und ge⸗ funden hatte. Sie hatte ſeine Liebe in ſich geſogen, wie eine ſommer⸗ liche Pflanze, die in einer kalten dumpfigen Stube verkümmert, das Licht und die Wärme allzukurzer ſonniger Augenblicke gierig trinkt; nun ſollte auch das ihr genommen werden, das Letzte, Beſte, Einzige! genommen, ja!— Margarethe hatte immer, wo ſie geliebt, mit voller Seele, mit ganzem Herzen geliebt und Wolfgang war das Kind ihres Herzens. Daß er ein Mann war und Männerherzen anders fühlen als das halb gebrochene Herz einer vereinſamten, geknickten Frau— daran dachte Margarethe natürlich nicht. Aber dieſe Eiferſucht war nur die erſte unwillkürliche Regung ihrer Seele, dem leiſen, ſchmerzlichen Klingen einer Harfe vergleich⸗ bar, an die man plötzlich unſanft gerührt hat. Dann überkam ſie die tiefgewurzelte, langgenährte, beinahe abergläubiſche Furcht vor jener Familie, mit der ſie gerade ſo gern in Verbindung getreten war, wie ein Lamm in den Käfig der Wölfe geht; vor jener ſtolzen, harten, grauſamen Familie, die ihren Gemahl den Kelch der Verachtung und Demüthigung bis auf den letzten bittern Tropfen hatte trinken laſſen, die durch dieſe ihre feindliche, abwehrende Haltung in ihren Augen mehr als alles Andere dazu beigetragen hatte, ihren Gatten von ihr zu entfremden; vor jener Familie, die ſie als die Verkörperung aller jener Eigenſchaften ihres Gatten anſah, mit denen ſie ſich ſchon im Anfang als junges, zärtlich liebendes Weib nie hatte befreunden kön⸗ nen, und die ihr, wie ſich dieſelben mit jedem Jahre detzlicher aus⸗ prägten, mit jedem Jahre unheimlicher geworden waren. Und aus dieſer Familie wollte ihr Sohn, ihr treuer, offener, geradſinniger, warmherziger Sohn das Weib ſeines Herzens nehmen! Thu's nicht, thu's nicht!— ſchrie eine Stimme in ihrem Herzen. Und dann— mußte dieſe Verbindung nicht das ſchwache Band, Die von Hohenſtein. welches ſie an ihre eigne— die Schmitz'ſche Familie— knüpfte, vollends zerreißen? würde ihr Bruder Peter— der ſo tief beleidigte, ſo ſcheu gemiedene und doch noch immer ſo innig geliebte— nicht mit doppeltem Recht behaupten können, was er ihr einſt mit Thränen in den Augen geklagt: daß ſie ſich äußerlich und innerlich von ihm und ihren andern Blutsverwandten losgeſagt habe?— Und gerade jetzt hatte ſie ſich mit dem Gedanken getragen, durch die Liebe, die ſie der verwaiſten Nichte beweiſen wollte, ihren Geſchwiſtern zu zeigen, daß ſie noch mit ihnen in Liebe und Treue verbunden ſei! Aber auf der andern Seite! wurde nicht ſo der Fluch von ihr genommen, unter dem ſie fo ſchwer gelitten: daß ſie, und ſie allein, ihren Gatten mit ſeiner Familie entzweit, ihn aus ſeiner Laufbahn geriſſen, ihn zu dem unglücklichen Manne gemacht habe, der zu ſein, er ſich ſo oft und ſo bitter beklagte? Mußte ſie dagegen mit ihren Intereſſen nicht zurückſtehen? und nun gar, wenn Wolfgang ſo wirk⸗ lich das Glück fände, das ſie dem geliebten Kinde aus tiefſtem Her⸗ zensgrunde wünſchte?— Konnte, durfte ſie nur einen Augenblick zweifeln, was ihr in dieſem Falle zu thun oblag? Dennoch war es ein ſehr ſchmerzliches Lächeln, das um Mar⸗ garethens Lippen ſchwebte, als ſie jetzt die Wimpern hob und Wolf⸗ gang mit einem zärtlichen Blick tief in die Augen ſchauend, leiſe ſagte: „Du lieber Junge, Du kannſt nicht glücklich ſein, ohne daß ich mit Dir zufrieden bin, und ich kann nicht zufrieden ſein, ohne daß ich Dich glücklich weiß. So liebe Deine Camilla und ſei glücklich; aber Wolf, behalte auch Deine arme Mutter noch ein wenig lieb!“ Die Thränen ſtürzten ihr bei dieſen Worten aus den Augen und ſchluchzend verbarg ſie ihr Geſicht an ihres Sohnes Bruſt. „Du haſt noch etwas auf dem Herzen, Mutter;“ ſagte Wolf⸗ gang;„Du biſt doch nicht ganz zufrieden mit mir! Sprich es aus, Mutter! Du haſt ja immer behauptet, daß Du mir Alles ſagen könnteſt! Bitte, bitte, lieb', lieb' Mütterchen, ſag' mir Alles, was Du auf dem Herzen haſt! Dein Herz muß heute ſo leicht ſein, wie das meinige. Was haſt Du?“ „Es iſt nichts, gewiß nichts!“ fagte Margarethe, ſich wieder auf⸗ richtend und ihre Thränen trocknend;„Du biſt ja ſo gut und ſo klug; Erſter Band. 205 und wenn Du ſagſt, daß Camilla Dich liebt, ſo muß ſie ja auch ein gutes Mädchen ſein und Alles thun, um Deiner immer würdiger zu werden. Und der Beter wird ſich gewiß recht freuen; er hat Dich ja auch ſo lieb und möchte ſo gern, daß Dir das Leben leichter würde, als es ihm geworden iſt. Er war ſo froh über die guten Nachrichten, die Du uns aus Rheinfelden ſchriebſt, daß der Großonkel ſo gut gegen Dich ſei und die Tante und Alle.„Der Junge wird's weiter bringen, als ich,“ hat er mehr als ein Mal geſagt. Auch ſteht er jetzt mit Onkel Philipp und auch mit Onkel Guisbert auf dem beſten Fuße; aber ich kann mir noch immer nicht denken, daß Deine Ver⸗ wandten es wirklich ehrlich mit uns meinen und daß ſie ſich nicht wieder von uns zurückziehen, wenn ſie Ernſt machen ſollen. Und wie würde das den Vater ſchmerzen? und was ſollte dann aus Dir wer⸗ den, mein armer Junge?“ „Da habe ich beſſern Muth!“ ſagte Wolfgang heiter;„ſie werden Ja und Amen ſagen, verlaſſe Dich darauf! Der alte Griesgram von Großonkel zuerſt von Allen“— und er erzählte nun ausführlich, wie ausnehmend gnädig der alte Herr während der ganzen Zeit und noch in den letzten Augenblicken gegen ihn geweſen ſei, und daß er ihn mit den Worten entlaſſen habe: Habe was vor mit Dir, Junge; ſoll Dein Schade nicht ſein, wenn Du folgſam biſt.—„Nun, Mütter⸗ chen: eine Liebe iſt der andern werth. Wenn unſere Verwandten, die ſo lange in Fehde mit uns gelebt haben, Frieden mit uns machen wollen, ſo ſollen ſie auch den Frieden theuer erkaufen und der Preis des Friedens iſt Camilla und dieſen Preis ſollen, müſſen und werden ſie zahlen.“ Wolfgang war in der glücklichſten Stimmung und die Mutter war zu ſehr gewohnt, ſich glücklich zu fühlen, wenn ſie den Sohn glücklich ſah, als daß ſie nicht auch jetzt in ſeine Heiterkeit hätte ein⸗ ſtimmen ſollen. Sie lächelte ihm freundlich zu, während er die herr⸗ lichſten Schlöſſer baute, und endlich, von dem vielen Sprechen er⸗ müdet, den Kopf auf die Seite wandte und die Hand der Mutter in der ſeinen haltend einſchlief. Margarethe ſaß noch eine Weile in der ſonnigen Stille, in tief⸗ bewegter Seele Alles überdenkend, was ſo eben geſprochen war. 206 Die von Hohenſtein. Dann ſtand ſie leiſe auf, küßte den Schlafenden auf die Stirn und verließ geräuſchlos das Zimmer. Es verlangte ſie, ihren Gatten, der in dieſen letzten Tagen ſo viel Sorge und Arbeit gehabt hatte, eine Botſchaft zu bringen, von der ſie wußte, daß ſie für ihn eine frohe ſein würde. Der Stadtrath war eben im Begriff, ſich(mit dem Brief des Alten in der Bruſttaſche) hinaufzubegeben und hatte ſich ſchon nach der Thür gewandt, als leiſe an dieſelbe geklopft wurde und auf ſein „Herein!“ ſeine Gattin in's Zimmer trat. Margarethe eilte auf ihn zu und ſchlang die Arme um ihn. „Ich habe Dich ſo lange nicht geſehen, Arthur!“ ſagte ſie, wie zur Entſchuldigung einer Zärtlichkeit, die allerdings in dieſer freud⸗ loſen Ehe zu den Seltenheiten gehörte. Herr von Hohenſtein hatte die Liebkoſungen ſeiner Gattin mit einer bei ihm ſehr ungewöhnlichen Wärme erwidert. Er fühlte das lebhafte Bedürfniß, in dem verhängnißvollen Spiel, das ihm ſo günſtige Karten in die Hand gegeben hatte, ſeine Gattin auf ſeiner Seite zu haben. Wußte er doch, wie groß ihr Einfluß auf Wolf⸗ gang war! „Sehr lange nicht, Gretchen,“ ſagte er, während er, ſeinen Arm um ihren noch immer jugendlich ſchlanken Leib legend, ſie nach dem Sopha führte und an ihrer Seite Platz nahm.„Es waren ein paar heiße Tage für mich; und für Dich auch, Du armes Kind! erſt ſelbſt krank, dann der Wolfgang krank! Aber es geht doch gut, nicht?“ „Beſſer wenigſtens,“ erwiderte Margarethe, in herzlicher Dank⸗ barkeit für ihres Gatten Freundlichkeit ſeine Hand an ihre Lippen drückend;„ja, ich glaube, gut— wir haben eben ein langes, langes Geſpräch mit einander gehabt.“ Margarethe lächelte und ſah ihren Gatten halb ängſtlich, halb ſchalkhaft an. Sie war es ſo wenig gewohnt, ihn zum Vertrauten zu haben! ſie wußte ſich nicht in dieſe Situation zu finden, trotzdem ſie mit Beſtimmtheit annahm, daß die Nachricht, welche ſie ihm mit⸗ theilen wollte, ihn angenehm berühren würde. „Ein langes Geſpräch,“ ſagte der Stadtrath;„und worüher denn, wenn man unbeſcheiden genug ſein darf, das zu fragen.“ Erſter Band. 207 Margarethe wurde roth und ſah in ihrer Verlegenheit ſo hold verſchämt und jungfräulich aus, als habe ſie ſelbſt ein Liebesgeſtänd⸗ niß abzulegen. „Du machſt mich äußerſt neugierig;“ ſagte der Stadtrath, „was iſt's?“ „Ich habe Dir eine große Neuigkeit mitzutheilen, Arthur.“ „Ich Dir ebenfalls, liebes Gretchen;“ erwiderte er;„ſo fang' Du nur an, damit wir endlich einmal aus der Stelle kommen.“ Das war wieder der alte, herbe, liebloſe Ton, der Gretchen ſchon ſo oft ſo unglücklich gemacht hatte. Es war ihr mit einem Male, als könne ſie dieſem Manne nicht ſagen, was ſie ſo eben gehört: das Herzensgeheimniß ihres Lieblings, ihres Abgotts. Und doch: er ſah ſo angegriffen, ſo verfallen aus; er hatte gewiß wieder rechte Sorgen gehabt; bedurfte einer Freude gewiß recht ſehr. „Es iſt nur vies, Arthur;“ ſagte Margarethe mit einer Ent⸗ ſchloffenheit, die ihr alles Blut in die Wangen trieb;„Wolfgang hat in Rheinfelden noch größere Eroberungen gemacht, als wir gedacht haben und er uns geſchrieben hat. Er ſteht nicht nur bei der Excel⸗ lenz in großer Gunſt, auch die Präſidentin hat ihn ſehr ausgezeichnet und Camilla— nun, es muß doch heraus und Du wirſt auch gewiß nicht ungehalten ſein: Camilla liebt den Wolfgang.. „Und Wolfgang?“ fragte der Stedtrath haſtig und vor Auf⸗ regung bleich;„und Wolfgang?“ „Er hat ſie auch recht gern,“ erwiderte Margarethe, die das Wort:„er liebt ſie“ nicht über die Lippen bringen konnte. „Das iſt eine Nachricht!“ rief der Stadtrath, indem er ſeine Gattin— diesmal ohne alle Affectation— umarmte.„Nun ſollſt Du aber auch meine Neuigkeit hören; ſieh' hier: vom Alten— eigen⸗ händig— mußt Dich an die Worte nicht ſtoßen— ſo ein alter Herr drückt ſich manchmal wunderlich aus— nun, was ſagſt Du? iſt das nicht ein Glück?“ „Ja, aber—“ ſagte Margarethe. „Was aber! kein Aber!“ rief der Stadtrath, der aufgeſtanden war und mit großen Schritten im Zimmer umherging.„Wenn der Alte Ja ſagt, können die Andern nicht Nein ſagen; ich kenne ſie.“ 208 Die von Hohenſtein. „Aber Arthur,“ ſagte Margarethe ſchüchtern;„da in dem Brief ſteht doch noch mehr, noch Anderes. Wolfgang ſoll Soldat werden.“ „Wie Du redeſt!“ rief der Stadtrath;„Soldat! als ob es ſich um Hinz oder Kunz handelte! Officier ſoll er werden, wie ich es geweſen bin und es noch ſein könnte, wenn—“ Herr von Hohenſtein verſchluckte das Ende des Satzes, denn er ſah, wie Margarethen die Thränen in die Augen traten und er fühlte ſich doch noch nicht ſicher genug, um ſie ruhig weinen ſehen zu können. „Sei vernünftig, Gretchen!“ ſagte er, ſich wieder zu ihr auf das Sopha ſetzend,„und mache mir nur jetzt keinen Strich durch die meiner Familie vollſtändig auszuſöhnen; ich kann Dir nicht ſagen, warum mir jetzt mehr als je daran liegt. Ja es liegt mir ſo viel daran, daß, wenn dieſe Ausſöhnung nicht ſtattfindet, wenn Wolfgang unkindlich genug denken könnte, mich in meiner Noth zu verlaſſen— nun, nun, ich will Dich nicht unnöthig ängſtigen, Kind! Halte nur zu mir! hilf mir den Wolfgang gewinnen, dann iſt Alles gut, dann kann noch Alles gut werden.“ Herr von Hohenſtein war in einer unbeſchreiblichen Aufregung. Die alte Spielernatur regte ſich mit Macht. War es denn nicht gerade, wie beim Pharao? Geſtern Alles verloren! heute Alles wie⸗ der gewonnen! Das hatte er ſo oft durchgemacht! wie oft war er ſchon daran geweſen, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen! und war noch immer wieder ſo oder ſo aus der ſchlimmſten Verlegenheit herausgekommen! Warum ſollte es diesmal anders ſein, diesmal, wo, nach der ſchlimmen Taille von vorgeſtern Abend, heute Karte um Karte für ihn ſchlug! „Ich werde ſogleich zu Wolfgang hinaufgehen!“ ſagte er. „Bitte, lieber Arthur, nicht jetzt;“ ſagte Margarethe;„Wolfgang war eben wieder eingeſchlafen, als ich von ihm ging. Er iſt doch noch ſehr ſchwach. Ich fürchte, es könnte zu viel für ihn werden.“ „Wie Du willſt, wie Du willſt;“ erwiderte der Stadtrath;„ſprich Du vorher mit ihm! oder nein, laß es doch lieber. Ihr könntet Euch da Beide in Sentimentalität hineinreden und ich hätte dann doppelte Mühe. Ich muß jetzt ausgehen, Gretchen! Du brauchſt mit dem &————— Rechnung! Du weißt, wie unendlich viel mir daran liegt, mich mit Erſter Band. 209 Eſſen nicht auf mich zu warten; und noch Eines, Gretchen! ich höre, daß Deine Verwandten Dich geſtern und heute beſucht haben. Das muß aufhören; ich kann es nicht dulden. Jetzt, wo Aller Augen auf mich gerichtet ſind und jeder meiner Schritte beobachtet wird, darf ich keine demokratiſchen Relationen mit der Ufergaſſe haben.“ „Aber, Arthur!“ ſagte Margarethe;„das iſt doch hart. Mein Bruder iſt ſeit acht Tagen todt und ich ſoll die Tochter meines Bruders nicht einmal ſehen dürfen.“ „Ja ſo,“ ſagte Herr von Hohenſtein;„entſchuldige! ich hatte wirklich nicht daran gedacht. Aber gleich viel! Es handelt ſich hier um wichtigere Dinge, als um ein bischen Familienſentimentalität. Adieu, Gretchen!“ Der Stadtrath hatte vor dem Spiegel ſein Halstuch in Ordnung gebracht, ſeinen Hut abgebürſtet und ſah nach der Uhr. „Hilf Himmel, ſchon halb zwölſ; es iſt die höchſte Zeit, wenn ich den Obriſt noch treffen will. Adieu, Gretchen!“ Er warf ſeiner Gattin eine Kußhand zu und eilte zur Thür hinaus. Margarethe folgte ihm langſam. Sie ſchloß mechaniſch die Stube zu, und hing den Schlüſſel an die gewohnte Stelle und kehrte auf der Treppe noch einmal um, weil ſie bereits nicht mehr wußte, ob ſie abgeſchloſſen hatte oder nicht. Sie war von dem, was ſie gehört, wie betäubt. Nur das Eine wußte ſie, daß zwiſchen ihr und dem Vater ihres Sohnes die Kluft ſo groß geworden ſei, daß die ſcheuen Liebesarme, die ſie nach ihm ausſtreckte, nicht mehr hinüber⸗ reichen würden; und nur das Eine fürchtete ſie, daß dieſe Kluft ſie auch noch von ihrem Sohne trennen könnte. Das war der ſchmerz⸗ lichſte Gedanke für die arme Margarethe und wie ſie ſo langſam, langſam die Treppen hinaufſtieg, rannen ihr die Thränen Tropfen um Tropfen lungſam über die bleichen Wangen! Ende des erſten Bandes. Fr. Spielhagen's Werke. VII. 578 g1LA Siaeq.e