, ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages i den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg d — — — uches wird von ſt zu 24 Stun⸗ bei Entgegennahme tſprchende Summe abe von mir zurückerſtattet wird. ² 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 W. 5 Pf. 2 Mt.— Pf. „3 =eee „ e„„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Für be Bücher(namentlich be Ladenpreis erſetzt werden.— lorene oder defecte Buch ein! der i Erſatz des Gat Ausleihezeit. Dieſelbe beſonbers darauf aufmerkſam der Bücher nicht ſtattfinden d von mir g auck — erfernen Stacherterr Landſtraße und ebenſo auf der anderen Seit⸗ uuch c Etner Fr. Spielhagen's Werke. VI. Friedrich Spielhagen's geſaumelte Werke. — VNeue,* vom Verfaſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (Mit dem Portrait des Perfaſſers.) Sechster Band. Röschen vom Hofe. ——— 0—— Perlin, 1367. Röschen vom Hofe. Roman von Fr. Spielhagen. — Vierte Auflage. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten —— verurn Stau,v— Berlin, 1867. Landſtraße und ebenſo auf vek awon Mto-Janke— Fr. Spielhagen's Werke. VI. 81 Erſtes Capitel. An dem Ende des Dorfes, da, wo die Landſtraße nach dem Gebirge allmälig zu ſteigen beginnt, lag rechts„der Hof.“ Der Hof war ein Complex von Gebäuden: Wohnhaus, Inſpectorhaus, ein paar Ställe und Scheunen, deren Zwiſchenräume von einer hohen Mauer aus behauenen Feldſteinen ausgefüllt waren. Wer auf ſeiner Tour vom Gebirge in's Thal auf dem gut chauſſirten Wege im Wagen raſch durch die Dorfſtraße rollte, konnte, wenn er ſich nicht eines beſonders ſcharfen Auges für die Einzelnheiten der Umgebung erfreute, nichts an dieſem„Hofe“ bemerken, was ihn von den übrigen, deren das Dorf mindeſtens zwanzig zählte, weſentlich unterſchieden hätte; der junge Student aber, oder der Landſchafter, der zu Fuß reiſte und alſo nicht verhindert war, genauere Beobachtungen anzu⸗ ſtellen, ſah gar bald, daß der„Hof“ kein gewöhnlicher Bauernhof war. Da waren zuerſt die zwei Linden, die rechts und links vor dem Eingange in das Gehöft ſtanden und die mindeſtens ſo alt ſein mußten, wie die Inſchrift über dem Spitzbogenthor(in welcher man nicht ohne einige Mühe die Lettern A. D. und die Ziffern 1½652½ erkannte), und das Wappen über der Jahreszahl, dem Regen, Wind und Wetter ſo arg mitgeſpielt hatten, daß außer dem Ritterhelm, der das Ganze krönte, wenig mehr daran zu erkennen war. Sodann deutete auch die Reihe ſteinerner, mit einer ſchweren, verroſteten, eiſernen Stachelkette verbundener Pfeilerchen, welche den Hof nach der Landſtraße und ebenſo auf der anderen Seite nach einer der ſchmalen Fr. Spielhagen's Werke. vI. 1 Röschen vom Hofe. Dorfgaſſen umgaben, darauf hin, daß hinter dieſer Kette eine andere Welt lag, als diejenige, aus welcher die zerlumpten, fröhlichen, hungri⸗ gen Geſchöpfe ſtammten, die ſich oft ſtundenlang auf den kreiſchenden Seilen ſchaukelten. Heffnete man die kleinere, in den großen Thorflügel geſchnittene Thür, um einen Blick in das Innere des Gehöftes zu werfen, ſo war auch da ſehr wenig, was die Neugierde hätte reizen können: eine mit einem eiſernen Geländer verſehene Treppe, die zu einer Eſtrade hinauf⸗ führte, auf welcher einige grün angeſtrichene Bänke ſtanden und von der man durch eine reichgeſchnitzte Eichenthür in den Hausflur trat; in der Mitte des Hofes ein runder, überdachter Brunnen mit einer primitiven Vorrichtung zum Hinunterlaſſen und Heraufholen des Waſſereimers; über der Thür des Inſpectorhauſes ein ungehenres Hirſchgeweih; unter einem nach den Seiten zu offenen Schuppen ein Leiterwagen und eine alte gichtbrüchige Kutſche, auf deſſen Stange ein ſchöner Pfau ſaß; im Hintergrunde einige aus Stein aufgeführte, der Reparatur ſehr bedürftige Wirthſchaftsgebäude, die ein⸗ für alle⸗ mal in Ruheſtand geſetzt ſchienen und über deren vielfach geflickte Ziegeldächer die hohen Wipfel ſtattlicher Parkbäume ragten. Und doch fühlte ſich der ſinnige Wanderer ſeltſam durch dieſen Anblick berührt. Der Sonnenſchein, der um die grauen Mauern wogte, das Gras, das in langen Halmen zwiſchen den Pflaſterſteinen des Hofes in dem Abendwinde nickte, die Schwalben, welche, ihre halbflüggen Jungen in den Neſtern unter dem Giebel des Wohnhauſes fütternd, lautlos hin und wieder flogen,— manch Einem, der eine Minute durch die Thür geſchaut hatte und ſie Fn leiſe wieder zumachte, war es, als ob er eine Seite in einem hübſchen alten Märchen geleſen hätte. Warum nun Alt und Jung und Mann und Frau und Kind im Dorfe dieſes Gehöft ſchlechtweg„den Hof“ nannten, das konnte der Wanderer an dem entgegengeſetzten Ende des Dorfes erfahren, wenn er in das Wirthshaus„Zum Rothen Hirſchen“ einkehrte. Denn der krausköpfige Wirth zum Rothen Hirſchen war ein kluger Mann, der nicht blos Alles, was in ſeinem Dorfe vorging, wußte, ſondern auch ſo ziemlich das, was in der übrigen Welt geſchah, und dem es blos an der nöthigen Gelegenheit gefehlt hatte, um die große hiſtoriſche —2 Röschen vom Hofe. 3 Rolle, zu der er ohne Zweifel geboren war, auch wirklich zu ſpielen. Nur einmal— im Jahre 1848— war er nahe daran geweſen; aber das Schickſal hatte nicht das rechte Stichwort zur rechten Zeit ge⸗ bracht. Erſt hatten die dummen Bauern gar nicht begreifen können, um was es ſich denn eigentlich handle, und als ſie begriffen hatten, daß nun die goldene Zeit gekommen ſei, wo Alles getheilt werden müſſe: Weiber und Kinder, Haus und Hof, Pferde, Ochſen, Schafe und Schweine, da hatte die Regierung wieder nicht gewollt und ſogar nicht übel Luſt gehabt, den beredten Wirth zum Rothen Hirſchen in's Gefängniß zu ſtecken, hätte er nicht noch eben zur rechten Zeit die Hahnenfeder vom Calabreſer genommen. „Aber ſehen Sie, mein Herr,“ ſagte der Wirth zum Rothen Hirſchen,„das kommt von dem Mangel an der rechten Bildung, die freilich die guten Leute nicht zwiſchen ihrem Kraut und ihren Rüben finden. Hernach, als es zu ſpät war, haben ſie's wohl eingeſehen, welche dummen Teufel ſie geweſen ſind, als ſie Achtundvierzig, wo ihnen Alles, ſo zu ſagen, auf dem Präſentirteller geboten wurde, nicht zugegriffen. Damals hätten ſie umſonſt haben können, was ſie her⸗ nach mit ſchwerem Gelde haben kaufen müſſen. Na, ſie haben's nun verwunden, und unter uns geſagt, ſie konnten's zahlen; aber eine Schande iſt und bleibt es doch. Zinsabzahlung! den vierzehnjährigen Betrag in blanken harten Thalern, nachdem unſere Eltern und Elters⸗ eltern wer weiß wie viele Jahrhunderte mit ihrem beſten Korn und ihrem heſten Vieh und ſonſt noch mit allerlei Frohnden und Plackereien dem Hofe pflichtig geweſen ſind! Wollen der Herr wohl glauben, daß keine alte Frau hier im Dorfe Lumpen ſammeln konnte ohne Erlaubniß des Hofes? und daß die Abdeckerei, die ſeit funfzig Jahren in meiner Familie geweſen iſt, eine Hofgerechtigkeit war!— Hof⸗ ungerechtigkeit, habe ich geſagt am einundzwanzigſten März Achtzehn⸗ hundertachtundvierzig, als wir Alle auf den Hof gezogen waren und der Alte vor der Thür ſtand und wir unten, und ich das Wort führte. Wir wollen keine Hofungerechtigkeiten mehr, habe ich geſagt, und das kupferne Scheffelmaß, mit dem der Verwalter das Zinskorn mißt, iſt unten ausgebogen und um ein Drittel zu groß, habe ich geſagt. Da hätten Sie den Alten ſehen ſollen, wie er kreideweiß vor Röschen vom Hofe. Zorn wurde und in das Haus lief und eine Flinte holte und ſchrie: wer ihn für einen Betrüger halte, den wolle er todt ſchießen wie einen Hund. Da ſind ſie weggelaufen und ich allein konnte es natürlich auch nicht durchſetzen. Aber Hochmuth kommt vor dem Fall. Als die Zinsablöſung kam und der Herr von Weißenbach uns nicht mehr des Freitags vor ſeinen Amtmann auf den Hof citiren und uns in's Loch ſtecken konnte, wenn's ihm beliebte, hat er erſt alle unſere ſchönen Thaler eingeſackt und ſeine zwei andern Rittergüter verkauft, und den Hof hier würde er auch verkauft haben, blos daß keine Ländereien dabei ſind und Niemand auf das alte Haus etwas bieten wollte, denn der große Park hinter dem Hauſe iſt auch meiſtens nur ſchlechtes Holz und wir haben vom Walde herunter das Holz hier billig genug, Gott ſei Dank. So hat er denn den Hof behalten, und er kann jetzt froh ſein, daß er keinen Käufer dafür gefunden hat, denn es iſt hinterher Alles anders gekommen, als ſich der gnädige Herr dachten. Sie waren nämlich in die Stadt gezogen, der gnädige Herr und das Fräulein, und wollten da herrlich und in Freuden leben. Aber was geſchieht? Der Herr von Weißenbach legt ſein Geld in der neuen Creditbank an, und denkt wahrſcheinlich, es würde ſich da verdoppeln und verdreifachen, und hop, heiſa, weg war, was er hatte, und die Leute ſagen, mehr noch, als er hatte. Und eines ſchönen Abends— es ſind nun juſt zwei Jahre— und ich ſtand hier vor der Thür und ſah nach der Poſt aus, da kamen ſie wieder an, aber nicht, wie ſie weggefahren waren, in ſchöner Equipage mit vier Apfelſchimmeln, ſondern in einer alten Karrete mit einem Pferde davor, das früher des gnädigen Herrn Reitpferd geweſen und während der fünf Jahre, die es in der Stadt im Stall geſtanden, auch gerade nicht jünger und beſſer geworden war. Seitdem leben ſie auf dem Hofe, wovon, mag der Himmel wiſſen, in mein Haus haben ſie wenigſtens noch keinen Groſchen gebracht, trotzdem ich das beſte Bier zwei Meilen in der Runde braue und das ganze Dorf von mir Zucker, Kaffe und Cichorien kauft. Nun, mir kann es recht ſein, ich kann ohne die adligen Hungerleider fertig werden; ich habe auch meinen Stolz und ziehe meine Mütze, vor wem ich will, und mache mich nicht gemein, wie meine ern die noch immer vom„gnädigen Herrn“ ſprechen, — Röschen vom Hofe. und wenn er ſich einmal im Dorfe ſehen läßt, ſich vor ihm bücken, als ob's der Herrgott ſelber wäre, und ſeine Tochter„das Fräulein vom Hofe“, und wenn ſie's recht gut meinen,„Fräulein Röschen vom Hofe“ nennen, als ob wir nicht alle freie Männer wären, die dem Staat ihre Steuern zahlen und ſich den Kukuk um einen anderen Hof, als um ihren eigenen, zu ſcheren brauchen.“ — Zweites Capitel. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Fräulein Roſe von Weißenbach an dem Unglück, dann und wann„Fräulein Röschen“ genannt zu werden, ſehr ſchwer trug, oder ihr Schritt hätte nicht ſo elaſtiſch ſein können, als ſie an einem wundervollen Spätſommermorgen die lange Allee des Parkes hinab nach ihrem Lieblingsplätzchen ſchritt, um dort, wie ſie es an ſchönen Tagen zu thun gewohnt war, ein Stündchen „ zu leſen, zu ſinnen und zu träumen. Die Allee beſtand aus ſehr t großen und ſchönen Buchen, die mit ihren mächtigen Aeſten faſt den ganzen breiten Weg überwölbten. Nur hier und da fiel ein Sonnen⸗ ſtrahl durch das dichte Laubdach auf den Boden und auf die junge Dame, vie, ſich der Kühle frenend, am linken gebogenen Arm das Körbchen mit ihrem Buche tragend, in der rechten Hand den breit⸗ rändrigen Strohhut hin und her bewegend, bald zu den Wipfeln der Bäume hinauf⸗, bald die lange Vista, die zuletzt in die ſonnige Land⸗ ſchaft wies, hinabblickend, ein gar anmuthiges Bild für den abgegeben haben würde, der ſie ſo, raſchen Schrittes, in hellem Gewande zwiſchen den mächtigen dunkeln Stämmen hätte dahinſchweben ſehen. Aber es ſah ſie Niemand, und die junge Dame dachte auch an nichts weniger, als daran, geſehen und beobachtet zu werden. Seit den zwei Jahren, daß ſie jetzt Tag für Tag den Park durchſtreift batte, war ſie außer dem alten Diener Wenzel, der manchmal mit der Flinte„revierte“ (weil er die lange Liſte ſeiner Functionen ohne das Amt eines Förſters und Holzwarts nicht für vollſtändig erachtete) und dann und wann 6 Röschen vom Hofe. einigen Leuten aus dem Dorf, die das für den Winter nöthige Brenn⸗ holz ſchlugen, noch Niemand begegnet, ſo daß ſie ſich hier unter den grünen Bäumen und dem blauen Himmel ſo allein und einſam wußte, wie innerhalb der Wände ihres Zimmers. Und es konnte auch nicht leicht ein Revier geben, das die Einſamkeit mehr begünſtigt und gleich⸗ fam verlockend gemacht hätte. Seit einer langen Reihe von Jahren war ſchlechterdings nichts für ſeine Cultur geſchehen, und ſo hatte es allmälig den Charakter einer jungfräulichen Waldesnatur wieder an⸗ genommen. Ein eigentlicher Zierpark mit Statüen aus Sandſtein, chineſiſchen Tempeln, Tuffſteingrotten, Mooshütten und ähnlichen Er⸗ findungen, in denen die Phantaſie unſerer Vorfahren ſchwelgte, war hier nie geweſen; aber jetzt waren ſelbſt die ehemaligen weiten Raſen⸗ plätze mit Heidekräutern aller Art und langhalmigem Gras, das un⸗ gehindert in Samen ſchoß, dicht überſponnen; Gras und Huflattich wucherten in den Wegen, von denen eigentlich nur noch die breiten Fahr⸗ und Reitwege ohne Hinderniß zu paſſiren waren, während die ſchmälern ſich mühſelig durch die von rechts und links hinüber und herüber drängenden Büſche hindurchwanden. In dieſer grünen Wild⸗ niß war im Frühling und in der erſten Hälfte des Sommers ein Jubiliren und Flöten und Locken allüberall; aber auch Holztauben girrten, der Kukuk rief, und in einem Theile, wo eine Anzahl uralter Eichen ihre Rieſenhäupter weit über den jüngeren Nachwuchs erhoben, hatte ſich eine Krähenkolonie angeſiedelt, die mit jedem Jahr an Zahl der lärmenden Mitglieder wuchs. Selbſt an Wild fehlte es nicht; die Haſen hüpften in ſo langſamem Tempo über den Weg, als wüßten ſie recht gut, daß die Flinte des alten Wenzel in dreien Malen zwei Mal zu verſagen pflegte; und am Abend, wenn die erſten Sterne aus dem tiefblauen Himmel funkelten und es in den Bäumen und Büſchen zu raunen und zu rauſchen begann, konnte man oft genug die Rehe aus dem Walde auf die Wieſe treten und das feinere Kraut äſend mit zur Erde gebogenen Hälſen langſam am Rande hin⸗ ziehen ſehen. „Es iſt Unrecht,“ ſagte der alte Wenzel;„wir könnten jährlich für ein paar hundert Thaler Holz herausſchlagen, wie damals, als die gnädige Frau ſelig, welche eine wirthſchaftliche Frau war, noch 1* ₰ — 1* — Röschen vom Hofe. lebten, und könnten jetzt, wo die Jagd wieder auf iſt, jede Woche zwei Mal einen Braten auf dem Tiſche haben, aber der gnädige Herr will ja nicht; wenn das gnädige Fräulein dem gnädigen Herrn einmal—“ Aber das gnädige Fräulein wollte von dieſer Ausnutzung ihres geliebten Parkes eben ſo wenig wiſſen, wie der Vater, wenn auch vielleicht aus einem anderen Grunde. Es würde nicht ſowohl ihren Stolz, als ihren poetiſchen Sinn verletzt haben, wenn man die alten Eichen und Buchen, über deren Wipfel ſie ſo oft voller Entzücken die weißen Sommerwolken hatte hinſegeln ſehen, umgehauen und zur Erde gebracht hätte. Daß hier Alles ſo blieb, wie es nun einmal war, und keine andere Hand, als die linde allmächtige Hand der Natur ihr Waldheiligthum berührte— dieſe Gewißheit gehörte zu den Requiſiten der poetiſchen Welt, in welcher ſich die junge Dame um ſo lieber und um ſo freier bewegte, je weniger ſie— wenigſtens in den letzten Jahren— von der wirklichen Welt zu ſehen und zu hören bekam. Nicht als ob ſie ein großes Verlangen nach der wirklichen Welt gehabt hätte, in welcher ihr geliebter alter Vater zum Einſiedler und faſt zum Menſchenfeind geworden war! Sie haßte auch freilich dieſe Welt nicht, denn dazu war ſie zu jung und ihr Geiſt zu ſtark, aber ſie konnte doch mit ziemlicher Ruhe an all' den Glanz und die Herr⸗ lichkeit denken, die ſie vor zwei Jahren verlaſſen hatte, um ihrem Vater in die Einſamkeit zu folgen; ja, ſie mußte manchmal lächeln, wenn ſie ſich im Geiſte wieder als Hofdame der regierenden Frau Herzogin ſah, von der hohen Dame mit faſt ſchweſterlicher Liebe umfangen, von dem regierenden Herrn mit chevaleresker Aufmerkſam⸗ keit ausgezeichnet, auf den Hoffeſten gefeiert von Jung und Alt, um⸗ worben, umſchmeichelt, umlispelt von den Vielen, die ſich der Gunſt der anerkannten Günſtlingin der hohen Herrſchaften verſichern wollten — wenn ſie ſich ſo ſah, wie ſie ſich ſelbſt im Traume oft erſchien, und dann mit dieſer glänzenden Traumerſcheinung das Mädchen ver⸗ glich, das im einfachſten, ſchmuckloſeſten Kleide von leichtem Sommer⸗ zeug, das lockige Haar über der Stirn geſcheitelt, daß der Morgen⸗ wind damit ſpielen konnte, wie er wollte und mochte, das Körbchen 8 Röschen vom Hofe. mit dem Buch unter dem linken Arm, den breiträndrigen Strohhut in der rechten Hand, heiter, wenn es ihr beliebte, oder nachvenklich, wenn ſie es vorzog, ſo frei, wie die Vögel, die über ihr zirpend durch die Blätter ſchlüpften, den oft und oft betretenen Weg die Allee hinab nach ihrem Lieblingsplätzchen ſchritt. Heute trällerte und ſummte ſie fortwährend Bruchſtücke aus einigen ihrer Lieblingsarien, und wer ſie genauer kannte, mußte wiſſen, daß dies nur in Augenblicken ganz beſonders guter Laune geſchah. Sie hatte auch alle Urſache zum Vergnügtſein. Zuerſt war der Vater ſo friſch und wohlausſehend, und auch ſo theilnehmend und heiter, wie ſeit langer Zeit nicht, beim Frühſtück erſchienen; ſodann war während des Frühſtücks ein eigenhändiger Brief der Herzogin an den Vater gekommen, in welchem ſie„ihren ehrwürdigen Freund“ bat: „wenigſtens ihrer geliebten Roſe zu erlauben, einige Wochen bei ihr (der Herzogin) zu verleben, da ſie die Hoffnung, ihn(Roſe's Vater) bei Hofe zu ſehen, wohl nun ein für allemal aufgeben müſſe.“ Drittens war ihr die ablehnende Antwokt, welche ſie dem Kammer⸗ huſaren wieder mitgegeben hatte, ſo gut gelungen, ſo recht zierlich und geſchickt, daß die Fürſtin ſich nicht wohl beleidigt fühlen konnte; und viertens war die Luft ſo balſamiſch und der geliebte Park lag ſo ſtill im Morgenſonnenſchein, und durch die Wipfel blauete der Himmel ſo hoch und ſtill— Roſe fand, daß die Welt recht, recht ſchön ſei, und wußte im voraus, daß heute ihr Leſeſtündchen auf ihrem Lieblings⸗ platz noch ganz beſonders genußreich ſein werde. Roſe's Lieblingsplatz war eine Stelle, nicht weit vom Aus⸗ gang der Allee, wo ſich der Wald rechts und links hußiſenförmig auseinanderbog, um zwiſchen ſich eine ſanft abfallende Wieſe zu laſſen, die allmälig in das offene ebene Feld hinüberführte. Da, wo Wieſe und Feld aneinanderſtießen, war auf dieſer Seite die Grenze des Parks, die ehemals ein Zaun aus Tannenlatten und ein Graben den alten Weibern und den Kindern des Dorfes geplündert, und der faſt gänzlich ausgetrocknete Graben von einer üppigen Vegetation überwuchert war. Jenſeit der fruchtbaren reichbebauten Ebene zog ſich ein Hügelrücken hin, eine unterſte Stufe des Waldgebirges, das hinter deutlicher bezeichnet hatten, als jetzt, wo der Zaun zerfallen, oder von — — * Röschen vom Hofe. 9 ihm in unregelmäßigen Terraſſen weiter aufſtieg und zuletzt mit blauen wallenden Berglinien den Horizont abſchloß. Am Fuße des Hügel⸗ rückens, oder vielleicht ſchon etwas am Hügel hinauf— man hätte es ſonſt nicht ſo deutlich ſehen können— lag ein weißſchimmerndes Schloß, das ſich ſtolz aus dem Grün der Bäume heraushob, in wel⸗ chem das Dorf, das zum Schloß gehörte, gänzlich begraben war. Andere Dörfer, aber alle in größerer Entfernung, lagen noch hier und da in der Ebene zerſtreut, die ihre größte Ausdehnung nach rechts hatte, wo die äußerſten Spitzen der Thürme der kleinen Reſidenz noch eben aus dem dorthinaus tiefer ſich ſenkenden Thal hervorſchauten. Das Alles konnte man von dem Rande des Parks unter den breitäſtigen Ahornbäumen vollkommen überblicken, und deßhalb war hier von Roſe mit Hülfe des alten Wenzel eine Moosbank conſtruirt, und vor der Bank ein Tiſch mit einer runden Steinplatte, den Wenzel irgendwo im Park entdeckt hatte, aufgerichtet. Roſe liebte die Natur und hatte den empfänglichſten Sinn für landſchaftliche Schönheiten, obgleich ſie ein wenig kurzſichtig war und ſich der Lorgnette bedienen mußte, wenn ſie Gegenſtände in größerer Entfernung deutlich erkennen wollte. So ſtand ſie denn auch heute Morgen, nachdem ſie Hut und Buch auf den Tiſch gelegt, die linke Hand auf die Platte ſtützend, und ſchaute mit Entzücken in die Gegend, die ihr kaum je ſo lieblich erſchienen war, wie heute, und die auch wirklich heute wie im Feſtes⸗ ſchmucke prangte; ſo hell lag der Sonnenſchein über den Feldern, auf denen man hier und da Leute mit der Ernte beſchäftigt ſah; ſo. ſmaragden ſchimmerte es von den Wieſen; ſo duftig blauten die Berge herüber, ſceuchtete der Himmel und glänzte die durchſichtige mild⸗ warme Luft, in der weiße Summerfäden, von einem Hauch, den man nicht ſpürte, getragen, hin⸗ und herſchwebten. Roſe ſah lange nach den Thurmſpitzen der Reſidenz. Ihre Ge⸗ danken eilten dem Briefe voraus, der eben in der Säbeltäſche des Leibhuſaren dorthin unterwegs war. Sie ſah die Fürſtin den Brief öffnen, leſen und mit dem anmuthig⸗ſentimentalen Kopfſchütteln, das ihr eigenthümlich war, wieder zuſammenfalten. Es war Roſe, als ob, was ſie geſchrieben, und was ihr eben noch ſo zierlich er⸗ ſchienen war, doch wohl nicht die rechte Antwort auf einen ſo gütigen, 10 Röschen vom Hofe. ja zärtlichen Brief ſei.— Das„von dem Glück der Entfernung“ war wohl ganz geiſtreich, und ſie, die ihren Goethe ſo kennt, wird die Anſpielung ja auch verſtehen, aber ich hätte doch einen herzlicheren Ausdruck finden können. Und ſie hatte ſich ſo auf mein Kommen gefreut—„und wären es auch wenige Tage, lieb Röschen“— aber weßhalb mich wieder in die Welt miſchen, der ich entſagt habe? Das junge Mädchen mußte lachen, als ſie dieſe Worte vor ſich hinmurmelte. Es durchzuckte ſie plötzlich das Bewußtſein ihrer Ingend, ihrer Kraft, vielleicht auch ein wenig die Ueberzeugung, nicht ohne alle Reize zu ſein; zu dieſem Vollgefühl des eigenen Werthes wollte denn doch die nonnenhafte Weltentſagungsfreudigkeit nicht ſo recht paſſen. Auch ſah ſie in dieſem Augenblick die Geſichter gewiſſer junger Hofcavaliere, die ſich früher in Huldigungen gegen die Lieblingin der Fürſtin gegenſeitig überboten hatten; und dieſe Geſichter lächelten ſo ſteptiſch, daß ſie ſelber mitlachen mußte. Aber ſie wurde eben ſo ſchnell wieder ernſt, ja ernſter, als zuvor. Es fiel ihr, ſie wußte ſelbſt nicht warum, mit einem Male die Wöchnerin ein, des armen Klaus Webers junges Weib, wie ſie ſie geſtern auf dem Strohlager in der ärmlichen Hütte geſehen hatte, kaum bedeckt mit einem geflickten wollenen Rock, das Neugeborne an der nicht eben vollen Bruſt. Wie hatte die Anne das Kind angeſchaut, mit einem Blick ſo voll der innigſten Liebe, ſo voll des ſeligſten Entzückens! wie deuil ich hatte dieſer Blick geſagt: trinke, Kind, mein Kind, es iſt mein Blut; aber du ſollſt es haben, Alles haben, bis auf den letzten Tropfen! Roſe's große blaue Angen nahmen jene eigenthümliche Starrheit an, die einem Thränenerguß vorherzugehen pflegt; ihr Athem wurde ſchneller und ſchwerer, und in unruhigen Wogen hob und ſenkte ſich der ſchöne Buſen. Mit beiden Armen griff ſie plötzlich in die Luft, und bewegte ſie langſam gegen ihr Herz, als ob ſie ein geliebtes Lebendiges da weich betten wollte. Die Viſion zog vorüber wie ein Sommerfädchen; aber Roſe lachte nicht wie vorhin; ſie ließ die Arme ſinken, ſtrich ſich dann über Stirn und Augen, ſeufzte, und ſetzte ſich auf die Bank, das Buch, welches ſie bei ſich hatte, mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit, als wolle ſie ſich ſo ſchnell als möglich auf andere Gedanken bringen, auf⸗ Röschen vom Hofe. ſchlagend. Aber ſie fing nicht gleich an zu leſen, ſondern ſchaute in die Ferne mit ſtarren Blicken, die ſich endlich auf das weißſchimmernde Schloß hefteten, vermuthlich, weil daſſelbe ihrem unbewaffneten Auge ſich als das am leichteſten erkennbare Object darbot. Sonſt hatte daſſelbe kein weiteres Intereſſe für ſie. Es ſtand ſchon ſeit einer Reihe von Jahren, ja, ſo lange Roſe zurück denken konnte, unbewohnt. Der alte Graf v. Lengsfeld war kurze Zeit, nachdem ihm ſeine Ge⸗ mahlin einen Sohn und Erben geboren, geſtorben. Die Wittwe, die ihren Gemahl ſchwärmeriſch geliebt hatte, war mit ihrem Knaben in die Einſamkeit eines ihrer preußiſchen Güter geflüchtet, und dort ſchon nach wenigen Jahren aus einem Leben geſchieden, deſſen Blüthe für ſie auf immer dahin war. Der junge Graf blieb in Preußen bei einem Onkel und Vormund, aus deſſen Familie er in eine Cadetten⸗ anſtalt trat, die ihn, nachdem er das nöthige Alter erlangt hatte, als Officier entließ. Indeſſen mußte er ſich in der Rolle eines Ver⸗ theidigers ſeines neuen Vaterlandes wohl nicht beſonders gefallen haben, denn ſchon zwei Jahre ſpäter, gleich nach dem unrühmlichen Feldzuge in Schleswig⸗Holſtein quittirte er den Dienſt und begab ſich auf Reiſen, von denen er jetzt nach Verlauf von zehn Jahren noch nicht zurückgekehrt war. Roſe wußte dies Alles zum Theil von ihrem Vater, zum Theil aus gewiſſen Unterhaltungen bei Hofe, wo man es unverzeihlich fand, daß der Abkömmling einer der älteſten und reich⸗ ſten Familien des kleinen Staates in Palmyra und Abu Simbel ſeine Zeit vergende, die er in der Nähe ſeines durchlauchtigſten Souverains ſo viel behaglicher und paſſender zubringen könne, ja zuzubringen ge⸗ wiſſermaßen moraliſch verpflichtet ſei. Aber die allergnädigſten Klagen, wenn ſie ihm anders je zu Ohren kamen, mußten keinen Eindruck auf den Abenteurer machen. Noch ſtand Schloß Lengsfeld leer, und Roſe dachte in dieſem Augenblick daran. Mußte es doch auch da drüben einſam ſein in den glänzenden Sälen und Bildergalerien, die ſie nur einmal als Kind in Geſellſchaft ihrer Mutter und einiger anderen Damen geſehen zu haben ſich erinnerte. Das Schloß Lengsfeld rief denn nun der jungen Dame daß Schloß des Grafen in Wilhelm Meiſter zurück, in das ſie geſtern Abend mit dem Helden und ſeiner wunderlichen Geſellſchaft eingezogen war. So nahm ſie das Leſe⸗ 12 Röschen vom Hofe. zeichen aus dem Buche, ſtützte den Kopf in die Hand und es dauerte nicht lange, bis die Zauberkraft der Goethe'ſchen Kunſt ſie ganz ge⸗ feſſelt hatte. Den Kopf tief auf das Buch geneigt, wie es ihre Gewohnheit war, mochte ſie wohl eine Stunde ohne Unterbrechung geleſen haben, als ſie plötzlich durch einen Schuß, der in großer Nähe abgefenert ſein mußte, eben nicht angenehm von ihrer Lectüre aufgeſchreckt wurde. Ein Haſe, dem der Schuß gegolten hatte, kam in vollſter Flucht die Hügelböſchung herauf gerade auf die junge Dame zu, ſprang dann, als er ſie erblickte, in ſcharfem Winkel ab und in die Büſche hinein, eben als ein langohriger brauner Hühnerhund aus der Hecke hervor⸗ brach, die Naſe auf der Fährte des Wildes denſelben Weg herauf⸗ jagte, genau an dem Punkte, wo der Haſe die Wendung gemacht, ebenfalls umbog und an derſelben Stelle, wo der arme Lampe ſich in den Wald zu retten geſucht hatte, ebenfalls verſchwand. In dem⸗ ſelben Moment ertönte auch ein gellender Pfiff und eine kräftige Männerſtimme rief:„Boncveur ici, iei Boncveur!“ Der Hund mit den langen Ohren und die kräftige Stimme ge⸗ hörten keinesfalls dem alten Wenzel, ſondern wohl ohne Zweifel dem Jäger in grauer Joppe, grauen Kamaſchen und grauem Filzhütchen, der, die Flinte emporhaltend, mit einem Satze über den Graben ſprang, durch die gerade hier ſehr ſchadhafte Hecke brach, und nach⸗ dem er noch einmal vergeblich:„Boncveur ici!“ gerufen hatte, ſein Gewehr auf die Erde ſetzte und wieder zu laden begann. Dies Alles ging ſo ſchnell vor ſich, daß Roſe, die wirklich ein wenig erſchrocken war, noch immer auf ihrer Bank ſaß und voll Ver⸗ wunderung auf den Eindringling ſtarrte, der jetzt, die Flinte unter den rechten Arm nehmend, erſt ein paar Schritte in der von ihr ent⸗ gegengeſetzten Richtung that, ſich dann plötzlich umwandte, und nun erſt ſeinerſeits gewahr wurde, daß er nicht allein auf dem Platze war. Er ſtutzte, warf einen ſchnellen Blick auf das Mädchen, nahm die Flinte über die Schulter und kam dann, immer die Angen feſt auf ſie gerichtet, den Hügel herauf. Roſe hatte ſich erhoben und ſtand, die ſchlanke Geſtalt zur vollen Höhe aufgerichtet, ruhig da. Dem Jäger imponirte die ſtattliche Erſcheinung der jungen Dame ſichtlich. ———— Röschen vom Hofe. 43 Sein anfänglich raſcher Schritt wurde langſamer und auf ſeinem männlich ſchönen Geſicht lag eine mit Staunen gemiſchte Verlegenheit, als er noch immer in einiger Entfernung ſtehen blieb, den grauen Filzhut abnahm und ſich mit einer weltmänniſchen Feinheit, die das ſchlichte Jagdhabit vielleicht noch mehr hervortreten ließ, verbeugte. „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er mit einer tiefen und wohl⸗ lautenden Stimme,„wenn ich, ohne es zu wollen, Ihre friedliche Muße ſo rauh unterbrochen habe. Ich bin erſt ſeit einigen Tagen in dieſer Gegend. Mein Verwalter hat mich, glaube ich, über die Grenzen meiner Jagd nicht wohl inſtruirt, oder ich habe mich auch von meinem Eifer zu weit führen laſſen; mein Name iſt Graf Lengsfeld.“ Der Graf verbeugte ſich noch einmal und diesmal noch tiefer als das erſte Mal; auch war ſeine Verwirrung keineswegs geringer geworden. Dieſe Verwirrung mußte etwas Anſteckendes haben. Fräulein v. Weißenbach hatte, ſeitdem der ſchöne, ſtattliche Mann vor ihr ſtand, ziemlich viel von ihrer königlichen Haltung verloren; auf ihren Wan⸗ gen lag ein lebhaftes Roth, und ihre Augen, die vorher ſo ſtreng und herausfordernd geblickt hatten, ſuchten den Boden. „O bitte,“ ſagte ſie mit ungewiſſer Stimme,„wie konnten Sie wiſſen— mein Vater wird es gewiß ſehr gern ſehen—“ Sie unterbrach ſich, weil ihr in dieſem Augenblick einfiel, daß ihr Vater es im Gegentheil ſehr ungern ſehen würde, wenn irgend Jemand den Park von Weißenbach als zu ſeinem Jagdrevier ge⸗ hörend betrachtete. 6 Sie blickte empor und es war ihr, als ob in den ausdrucksvollen Augen des Grafen ein Lächeln, vermuthlich über ihre Schüchternheit und Unbeholfenheit, lauerte. Dies gab der jungen ſtolzen Dame im Nu die verlorne Haltung zurück. „Ich will Sie nicht länger von der weiteren Verfolgung Ihres Vergnügens abhalten,“ ſagte ſie, Hut und Buch ergreifend. Sie verneigte ſich leicht und ging an dem Grafen, der immer noch mit dem Hut in der Hand daſtand, vorüber, an dem Rande des Parkes hin und bog dann in die Allee, durch die ſie vorhin gekom⸗ men war. Röschen vom Hoſe. Der Graf ſchaute ihr nach, ſo lange er ihr roſa Kleid zwiſchen“ den Stämmen der Bäume ſchimmern ſah, und ſtand noch ebenſo, als ſie bereits längſt verſchwunden war. Boncveur, der die Spur des Haſen im dichten Unterholz verloren hatte, kam mit verſtörtem Geſicht aus den Büſchen geſprungen und näherte ſich im Bewußtſein verletzter 8 Pflicht und offenbaren Ungehorſams reumüthig wedelnd ſeinem Herrn. Aber die verwirkte Strafe kam nicht; ja Boncveur mußte zuletzt ſeine Schnauze in die herabhängende Hand des Herrn ſtecken, um ſeine Rückkehr bemerklich zu machen. Selbſt dann gab es weder Schläge noch Scheltworte; der Herr nahm die Flinte von der Schulter, ſetzte die Hähne in Ruhe, hing ſie wieder über die Schulter, ſchritt den Hügel hinab und ſprang über den Graben. Boncoeur folgte ihm auf dem Fuße. Mit der Jagd war es offenbar vorbei, nachdem man eben erſt ein wenig warm geworden war. Boncoeur wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. — — Drittes Capitel. Roſe eilte die Allee hinauf in einer Verwirrung, die ihr ſehr grundlos und thöricht erſchien, und von der ſie ſich doch durchaus nicht losmachen konnte. Sie ſchalt ſich wegen ihres abweiſenden Be⸗ nehmens dem Grafen gegenüber, der doch am Ende ohne ſeinen Willen ihr ſo nahe gekommen war, und als Fremder und zugleich als Nachbar wohl auf einen freundlicheren Empfang rechnen konnte. Und ſie wäre auch gewiß freundlicher geweſen, wenn das beleidigende Lächeln nicht um ſeinen Mund und in ſeinen Augen geſpielt hätte. Was hatte er zu lachen? Hatte ſie nicht alle Urſache, über eine ſo unerwartete und gewaltſame Störung ein wenig erſchrocken zu ſein? 8 Iſt es Cavalierſitte, Damen, die man beinahe todtgeſchoſſen hat, noch auszulachen? Aber ſeine Stimme hatte einen recht ſchönen Klang gehabt, ſo wie Roſe eine Männerſtimme liebte, tief und ſanft; ja die Röschen vom Hofe. 15 Stimme war, wenn ſie aufrichtig ſein wollte, ſehr ſanft geweſen, ſo daß man eigentlich nicht wohl begreifen konnte, wie dieſelbe Stimme ſo laut:„Boncoeur ici!“ gerufen haben konnte. Fräulein Roſe gab ſehr viel auf den Klang der Stimme, weil „ſie ſich auf ihr feines und leiſes Ohr viel mehr verlaſſen konnte, als auf ihr Auge. Uebrigens ſchien, wenn ſie ſich nicht, was ihr aller⸗ dings manchmal begegnete, geirrt hatte, der Ausdruck von dem Geſicht des Grafen dem ſanften Klang der Stimme nicht gerade zu wider⸗ ſprechen— eine hohe Stirn, eine gerade und feine Naſe, ſchön⸗ geſchnittene Augen, volle, nicht übervolle Wangen— Alles umrahmt von dunklem Haar und Bart.„Aber weßhalb hat er keinen Beſuch bei dem Vater gemacht? Er, als Fremder, kann doch nicht wiſſen, wie abgeſchloſſen und abweiſend Vater gegen die Menſchen iſt; ihm ſind wir doch nur Gutsnachbarn und Standesgenoſſen, denen er ſich bei ſeiner Ankunft vorſtellen mußte. Es freut mich jetzt recht, daß ich ihn ſo als Chatelaine und nicht als„Röschen vom Hofe“ empfan⸗ gen habe; es freut mich jetzt recht ſehr.“ Fräulein Roſe war ſo in ihre Gedanken vertieft, daß ſie die hohe ſchlanke Geſtalt eines alten Herrn, welcher ihr die Allee ent⸗ gegenkam, nicht eher bemerkte, als bis ſie ganz in ſeiner Nähe war. Den Vater ſo weit vom Hauſe, und noch dazu in dieſem Theile des Parkes zu ſehen, war etwas ſo Außergewöhnliches, daß Roſe, auf⸗ geregt, wie ſie durch die Begegnung mit dem Grafen ſchon war, ernſtlich erſchrak, und mit ſtürmiſcher Haſt dem Vater entgegenfliegend und ihre Arme um ihn ſchlingend, rief:„Was haſt Du, Väterchen? Eine ſchlimme Nachricht? Sag's nur gleich!“ Herr v. Weißenbach drückte den lockigen Kopf des Mädchens zärtlich gegen ſeine Schulter und küßte ſie auf die Stirn.„Nichts habe ich, lieb' Röschen; zum mindeſten keine ſchlimme Nachricht, und was ich habe, will ich Dir auch ſogleich ſagen. Komm, gieb mir Deinen Arm; wir wollen nach dem Hauſe zurück, aber, wenn ich bitten darf, in etwas langſamerem Tempo, als in welchem Du die Allee heraufkamſt, mein Wildfang. Wie das Wänglein glüht! Wie eine rothe Roſe, mein Röschen! Ich glaube, ſo ein Mädchenbild ſtand mir vor der Seele, als ich, nachdem Du geboren warſt, im *.— 16 Röschen vom Hofe. Garten auf⸗ und niederwandelnd, überlegte, wie ich Dich nennen ſollte. Da kam ich an einen Roſenſtrauch, der in voller Blüthe ſtand. Der Anblick der rothen Roſen in dem dunklen Grün war ſo ſchön, und in mir ſagte plötzlich eine Stimme: ſo ſoll ſie heißen wie dieſer Strauch, der in einer und derſelben Nacht mit ihr zum Leben erblüht iſt, und ſo biſt Du denn„Roſe“ in der Taufe genannt. Hernach, als Du unſer Einziges bliebſt, habe ich oft mit einer Art abergläu⸗ biſcher Furcht an den Umſtand gedacht, der Dir zu Deinem Namen verhalf. Roſen welken ſchnell, ein paar Tage und der Nachtwind ſtreut die Blätter über das Beet. Du biſt das Ebenbild Deiner Mutter und ſie ſtarb in der Blüthe ihrer Jahre. Wenn auch Du, Roſe— wenn ich auch Dich verlöre, Roſe—“ Die Stimme des Mannes zitterte, während er die Worte ſprach und er brach plötzlich ab. Roſe nahm ſeine Hand und küßte ſie: „Liebes Väterchen, Du weißt, daß Du mir verſprochen haſt, Dir zu Deinen wirklichen Sorgen keine unnöthigen zu machen,“ ſagte ſie ſanft. Der Vater raffte ſich zuſammen; ſein Schritt wurde plötzlich wie⸗ der ſtraff und ſeine Stimme war wieder feſt, als er, den Arm der Tochter zärtlich drückend, erwiderte: „Haſt Recht, Röschen, ganz Recht; ich habe es Dir verſprochen, ich weiß nicht, wie ich darauf komme, noch dazu in einem Augenblick, wo ich— ich wollte in der That von etwas ganz Anderem mit Dir ſprechen, von etwas ganz Anderem; und Du mußt mir ſchon den Gefallen thun, und mußt mich ganz gegen Deine Gewohnheit einmal geduldig, und, wo möglich, ohne mich zu unterbrechen, anhören, wenn ich auch nach Art alter Leute vielleicht ein wenig weit aushole.“ „Was iſt's, Väterchen,“ ſagte Roſe und blickte mit großer Span⸗ nung in das nachdenkliche, aufgeregte Geſicht des Vaters. Herr von Weißenbach ging ein paar Schritte ſchweigend weiter, dann ſagte er mit einer gewiſſen Heftigkeit: „Du mußt die Einladung der Herzogin annehmen, Röschen!“ „Nennt mein Väterchen das: ein wenig weit ausholen?“ erwiderte Roſe ſchelmiſch. Herr von Weißenbach war mit ſeinen Gedanken zu beſchäftigt, um auf dieſe Unterbrechung zu achten. ——— ————— Röschen vom Hofe. 17 „Es geht nicht anders,“ fuhr er fort,„ich hatte mir die Sache im Anfang nicht ordentlich überlegt; aber jetzt, nachdem ich den Brief der Herzogin geleſen, wiederhole ich: Du mußt. Sie hat an Dich geſchrieben, wie— wie eine Schweſter, eine ältere, liebevolle Schweſter; überdies iſt ſie krank, oder doch wenigſtens krank geweſen, und hedarf gewiß recht ſehr Jemandes, den ſie liebt, der ſo, wie mein kluges Mäd⸗ chen, das alle Bücher geleſen hat und ſo zierlich zu ſprechen weiß, ſie unterhalten und ihr die Einſamkeit weniger einſam machen kann. Man darf nicht immer an ſich denken, man muß auch einmal für die Freunde etwas thun können, man muß— mit einem Worte, Röschen, es thut mir leid, daß wir den Huſaren ſo haben wegreiten laſſen; Du mußt ſogleich, oder vielmehr: ich will ſogleich an ſie ſchreiben und ihr ſagen, daß Du übermorgen oder in acht Tagen etwa—“ „Oder ein ander Mal!“ unterbrach Roſe den Vater lächelnd;— „nein, Väterchen, wir wollen ihr keine Hoffnungen erwecken, die wir zu erfüllen nicht geſonnen ſind. Und dann, mein liebes Väterchen, ſeit wann haben wir denn vor einander Geheimniſſe? Wenn ich wirklich Dein kluges Töchterchen bin, wie Du mich ſo oft nennſt, ſo muß ich doch auch wiſſen, daß Du in dieſem Augenblicke nicht ſowohl an die Herzogin, als an Jemand denkſt, der Dir noch näher ſteht, deren Glück Dir noch mehr am Herzen liegt; daß Du mich, mit einem Worte, nicht ſowohl der Herzogin halber, als meiner ſelbſt willen fortſchicken willſt. Habe ich Recht, Väterchen, oder nicht?“ „Deren Glück mir noch mehr am Herzen liegt!“ murmelte Herr von Weißenbach;„ja, bei Gott, Roſe, das thut es! Aber wodurch beweiſe ich's denn? Was thue ich denn für Dein Glück? Iſt es ein Glück für ein junges Geſchöpf, wie Du, hier in dieſer Einſamkeit das Leben zu vertrauern, an der Seite eines alten wunderlichen Mannes, den die Welt, in die er ſich nie zu finden wußte, ſchließlich von ſich geſtoßen hat? Iſt es ein Glück für ein ſo kluges, geiſtreiches Geſchöpf, wie Du, zum einzigen Umgang einen alten Hypochonder zu haben, der freilich in der Einſamkeit und in der Abgeſchiedenheit von aller Geſellſchaft nichts vergeſſen kann, weil er nie etwas gelernt hat? Nein, nein, die Herzogin hat grauſam recht:„Dein Vater muß auch Fr. Spielhagen's Werke. VI. 2 Röschen vom Hofe. 18 einmal lernen, was wir Fürſten ſo früh lernen müſſen, daß wir unſere Kinder der Welt ſchuldig ſind.“ „Die Herzogin durfte das nicht ſchreiben, und ich wollte Dir deßhalb auch gar nicht den Brief geben,“ erwiderte Roſe eifrig. „Die Herzogin hat gut reden; lieb, wie ich ſie habe, und gut, wie ſie iſt; aber, was Unglück iſt, das weiß ſie doch nicht, kann ſie nicht wiſſen. Sie ahnt deßhalb auch kaum, was ich Dir bin und was Du opferſt, wenn Du mich von Dir ſchickſt. Ja, mein lieb' Väterchen, ich wiederhole es: von Dir ſchickſt, denn ich gehe nicht von Dir, aus freien Stücken nicht.“ „Aber es iſt ja nur von wenigen Tagen, höchſtens von einigen Wochen die Rede,“ ſagte Herr von Weißenbach. „Und wäre es auch nur auf ſo kurze Zeit,“ erwiderte Roſe, die ſich immer mehr in Eifer hineinſprach:„ich gehe doch nicht. Warum ſollte ich gehen? ich will einmal annehmen, daß Du mich entbehren könnteſt,— was nicht der Fall iſt, Väterchen— nein, nein, nein! nicht der Fall iſt!— aber was könnte mich beſtimmen, unſern Hof mit dem herzoglichen zu vertauſchen? Hier bin Herzogin und unum⸗ ſchränkte Gebieterin. Das Kleid, das ich hier trage, iſt ſtets nach der neueſten Mode, als wäre es ein eben von Paris gekommenes Modell; dort würde ich mich mit meinem antiquirten Staat wie ein Aſchenbrödel ausnehmen. Hier bin ich reich, ſo reich, daß ich den Armen wie die Vorſehung erſcheine, dort bin arm; hier gefalle ich mühelos Jedermann, dort iſt ein ewiger Wettkampf um die Palme der Anerkennung, die nicht immer der Würdigſten zu Theil wird; hier erfreue ich mich des ununterbrochenen Verkehrs mit einem gewiſſen Herrn, den ich von jeher für den erſten Gentleman der Welt ge⸗ halten habe; dort bewegt man ſich in einer Geſellſchaft von Kraut⸗ junkern und Hofſchranzen, die mich langweilen, da ſie weder Kenntniſſe noch Verſtand haben, oder von Künſtlern und Gelehrten, die durch ihre Formloſigkeit meinen Geſchmack beleidigen. Nein, nein, Vater, ich kenne dieſe Welt zu gut, als daß ich wünſchen ſollte, mich ohne Noth wieder hineinzumiſchen. Nein, nein! An's Väterchen, an's theure ſchließ' Dich an, das halte feſt mit Deinem ganzen Herzen. Hier ſind die ſtarken Wurzeln Deiner Kraft.“ Röschen vom Hofe. 19 Das junge Mädchen warf ſich an die Bruſt des Vaters, ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn zu wiederholten Malen. Die heitere, faſt übermüthige Laune, in welcher ſie, wie es ſchien, zuletzt geſprochen, war verſchwunden. Sie ließ ihren Kopf auf die Schulter des Vaters ſinken, um die Thränen, die aus ihren Augen brachen, zu verbergen. Herr von Weißenbach hatte ſchon oft vor dem reichen ſeeliſchen Leben, in das ihm der vertraute Verkehr mit ſeiner Tochter ſo manchen wunderreichen Blick thun ließ, wie vor einem Räthſel geſtanden. Auch jetzt hatte er wieder das Gefühl, daß er dieſe flatternde, ſchwe⸗ bende, weinende, lächelnde Pſyche zu halten und zu bannen nicht die Kraft habe; aber das ſagte ihm doch ſein Herz, daß man Thränen, wie ſie Roſe eben ſchnell aus ihren Augen trocknete, nicht weint, wenn man glücklich, ganz glücklich iſt. „Und wenn ich mich nun entſchließen könnte, mit Dir zu gehen, Roſe,“ fing er nach einer Pauſe wieder an,„ich meine nicht auf ein paar Tage oder Wochen, ſonbern für— für immer— wenigſtens bis Du,— bis— mit einem Worte, wenn ich wieder mit Dir in die Stadt zöge— wie dann, Roſe?“ „Aber Vater,“ rief das junge Mädchen erſchrocken,„wie kommſt Du nur darauf? Du weißt—“ „Antworte mir gerade heraus, Roſe! Wie dann? Wie dann? Würdeſt Du auch dann nicht gehen wollen?“ „Nein,“ ſagte Roſe feſt;„auch dann nicht, denn ich wüßte, daß Du in kurzer Zeit einen Entſchluß, den Du nur aus Liebe zu mir gefaßt,— nicht beklagen würdeſt, denn dazu biſt Du zu großherzig; — aber daß Du Dich in kurzer Zeit ſehr, ſehr unglücklich fühlen würdeſt; und wie könnte dann von Glück für mich die Rede ſein! Nein, Vater, laß mich ausſprechen; ich ſehe hier klarer, als Du, dem die Liebe zu mir das ſonſt ſo helle Auge verdunkelt. Wir ſind arm, und ich bin ſtolz darauf, daß wir es ſind, daß Du den letzten Pfennig hingegeben haſt, um Deine Ehre zu retten, um der Welt zu zeigen, daß man Deinen reinen Namen gemißbraucht hatte, als man Dich überredete, in das Directorium jener unglücklichen Bank zu treten. Du hatteſt es gut gemeint, aber die Menſchen, denen Du vertrauteſt, 2* Röschen vom Hofe. waren ſchlecht; Du haſt Dein Vermögen in den Abgrund geworfen, der ſich vor Deinen Augen aufthat; haſt gethan, was Niemand von Dir geſetzlich fordern konnte, wozu Du durch Nichts als durch die Achtung, die Du Dir ſchuldig biſt, verpflichtet warſt; und Du würdeſt Dein Leben geopfert haben, wie Dein Vermögen, wenn Du damit auch nur einem Einzigen der Vielen, welche die Bank ruinirt hatte, wieder zu dem Seinigen hätteſt verhelfen können. Du haſt gehandelt, wie mein Vater handeln mußte, und ich ehre Dich dafür, wie man einen Heiligen verehrt.“ Die Wangen des jungen Mädchens glühten, während ſie ſo ſprach; ihre Augen blitzten; ihre tiefe melodiſche Stimme bebte. Jetzt nahm ſie den Arm des Vaters, den ſie im Feuer ihrer Rede hatte fallen laſſen, und fuhr in ruhigerem Tone fort: „Aber, Vater, ich wiederhole es, wir ſind arm, ärmer, als einer der plumpen Bauern im Dorf, die früher Hörige unſerer Vorfahren waren. Die Einkünfte unſeres Gutes ſind gerade ausreichend, daß wir hier in der Dunkelheit leben können, weil wir leben dürfen, wie wir wollen. Aus dem Wenigen etwas mehr zu machen— viel würde es ja ohnedies nicht werden— dazu, lieb' Väterchen, haſt Du kein Talent, und ich auch nicht, und will's auch nicht haben. Ich bin hier glücklich, ſehr glücklich, würde es ganz ſein, wenn Du es wäreſt. Was ſollen wir in der Stadt, bei Hofe? Soll ich wieder Hofdame werden und mir bei jedem Biſſen ſagen, daß ich Gnadenbrod eſſe? Das kann und will ich nicht. Du kannſt und willſt aus demſelben Grunde die Sinecure, die Dir der Herzog angeboten hat, nicht an⸗ nehmen. Und ſelbſt in dem unmöglichen Falle, daß Du Dich dazu verſtändeſt, Du würdeſt doch in der Hofluft nicht athmen können. Du biſt zum Hofmann zu gerade und zu ſtolz, Dein Rücken und Deine Zunge ſind bei weitem nicht geſchmeidig genug. Und dann, ſiehſt Du, liebes Väterchen, Du biſt ein viel zu ſtarrer Ariſtokrat für dieſe demokratiſche Zeit. Man iſt ſelbſt bei Hofe demokratiſcher ge⸗ ſinnt, als Du billigen würdeſt. Man hat ſich dort ganz comfortable in die neue Aera geſchickt, und iſt— außer vielleicht, wenn man ganz „unter ſich“ iſt— ſo conſtitutionell, wie man nur wünſchen kann. Dieſe Deine Oppoſition gegen die Strömung in der Geſellſchaft würde Röschen vom Hofe. 24 Dich unaufhörlich in ſchiefe Lagen bringen, und mein Väterchen ſoll auf keiner ſchiefen Ebene gehen, ſondern ſtrack und feſt auf ſeinem Grund und Boden, wie ein echter Ritter von altem Schrot und Korn, der er ja nun doch einmal von der Sohle bis zum Wirbel ſeines lieben Hauptes iſt. Und nun, lieb' Väterchen, gieb mir einen Kuß und laß uns von was Anderem ſprechen.“ Roſe drückte ihrem Vater einen herzlich en Kuß auf die Lippen. Herr von Weißenbach lächelte, aber es lag noch immer eine Wolke zwiſchen ſeinen Augenbrauen. „Du biſt mein liebes Mädchen,“ ſagte er,„und viel zu klug und zu gut für mich alten mürriſchen Mann, und überhaupt zu gut für jeden Mann, wie ich ſie kenne; und doch wird einmal die Zeit kommen—“ „Aber nun werde ich ernſtlich böſe,“ rief Roſe und ihre Wangen glühten;„wenn Du mich durchaus nicht haben willſt, ſo gehe ich in ein Kloſter; hörſt Du, Väterchen, in ein Kloſter mit ſo hohen ſteinernen Ringmauern, und Du magſt dann ſehen, wie Du eine andere Roſe bekommſt.“ In dieſem Augenblick trat der alte Wenzel mit der langen Vogel⸗ flinte über der Schulter aus einem der Seitenwege und kam gerade auf die Beiden zu, zog die Mütze von dem Kopfe und ſagte:„Habe zu melden, gnädiger Herr, daß heute Morgen auf unſerm Revier ge⸗ wilddiebt iſt.“ „Warum nicht gar, Alter!“ ſagte Herr von Weißenbach. „Hab' ihn mit meinen eigenen Augen geſehen,“ behauptete der alte Mann. Die Zornesader auf der Stirn des Herrn von Weißenbach ſchwoll und heftig rief er: „Das fehlte noch! Nicht genug, doß einem gegen alles Recht und Geſetz die Jagd auf eigenem Grund und Boden genommen iſt— ſoll die Frechheit dieſer Menſchen keine Grenze finden! Weßhalb hat Er den Kerl nicht beim Kragen genommen?“ „Kam zu ſpät dazu, gnädiger Herr! Aber ich habe den Schuß gehört und habe geſehen, wie er über unſern Zaun ſprang; das gnä⸗ Röschen vom Hofe. dige Fräulein, däucht mir, muß ihn auch geſehen haben, denn es war juſt an der Stelle, wo ſie zu ſitzen pflegen.“ Der Alte wandte ſeine kleinen grauen Augen auf das Fräulein, ndeſſen Mienen Verlegenheit und Lachen kämpften. „Was iſt's damit, Roſe?“ fragte der Vater. „Wenzel hat ganz recht geſehen,“ ſagte Roſe und lachte nun gerade heraus;„und ich weiß ſogar, wer der Wilddieb geweſen iſt. . Niemand Geringeres, als— nun rathe einmal, Väterchen; aber 1 Du räthſt es nicht, und kannſt es nicht rathen: Der Graf von Lengsfeld!“ „Wer?“ rief Herr von Weißenbach. „Der Graf von Lengsfeld,“ wiederholte Roſe;„ich muß das wiſſen, denn er hat es mir ſelbſt geſagt und ſich in den zierlichſten Wendungen entſchuldigt, weil er meine Muße, wie er ſich ausdrückte, geſtört habe.“ „Iſt es möglich!“ rief Herr von Weißenbach, deſſen Neugier durch dieſe Nachricht auf das lebhafteſte erregt war.„Und was für eine Art Mann iſt er? Wie ſieht er aus?“ „O, ein recht feiner, artiger Mann,“ rief Roſe;„und wie er ausſieht? Ich will Dir's ſagen, Väterchen, aber ganz leiſe, in's Ohr. 3 Er ſieht ſo aus, daß ich ihn auf der Stelle heirathe, wenn Du mich noch ein einziges Mal in's Kloſter ſchicken willſt.“ viertes Capitel. Es waren die ſchönen, ſonnigen Tage, wenn der Sommer, der zu Ende iſt, ſich noch nicht von ſeinen lieben Feldern und Wäldern trennen kann, und der Herbſt ihn gewähren läßt, ſicher, daß ſeine Zeit doch kommen wird. Es war ſo ſtill in der Luft; die glänzenden Sommerfädchen rückten kaum aus der Stelle, und wenn ein gelbes Blatt vom Baume fiel, ſchwebte es gerade hernieder und blieb liegen, Röschen vom Hofe. 83 wo es den Boden berührt hatte. Vogelſtimmen hörte man nur ſelten noch in dem ſtillen Revier, und ſie klangen gedämpfter und klagender, als ſonſt. Der Sommer iſt hin, der Sommer iſt hin; was wird die Zukunft bringen?— das ſagten die Vogelſtimmen, ſagten die gelben Blätter und die Sommerfäden, ſagte die ſtille, ſonnige, warme Luft. Was wird die Zukunft bringen? Roſe hatte ſelten in ihrem Leben ſo viel an die Zukunft gedacht, als in dieſen Tagen. Sie wußte ſelbſt nicht weßhalb, aber ſie fühlte ſich melancholiſcher und weicher, als ſie ſich ſonſt wohl kannte. Es waren ihr ſogar ein paar Male, wenn ſie in ihrem Zimmer am Fenſter ſtand und den Schwalben zuſah, die raſtlos hin und wieder flogen und die Flügel zur großen Reiſe ſchmeidigten, die Thränen in die Augen gekommen.„Was wird die Zukunft bringen? Wird ſie immer ſo ſtill und ſonnig und warm ſein, wie jetzt? Auf den Sommer folgt der trübe Herbſt, auf den trüben Herbſt der traurige Winter. Und für die Natur, für die Bäume und Pflanzen kommt dann wieder Frühling, aber auf den Herbſt und Winter des Menſchenlebens folgt kein Frühling, ſondern der Tod. Sterben und verlaſſen— verlaſſen was man liebt, das iſt ſo traurig; aber trauriger: leben bleiben und verlaſſen werden von den Geliebten, allein ſein, für Niemand leben, als für ſich ſelbſt; Niemand lieben, als ſich ſelbſt. Als ſich ſelbſt? Giebt es denn nicht ſo viel Elend auf der Welt? ſo viel Thränen zu trocknen? ſo viel brennende Stirnen zu kühlen? Sind die Unglück⸗ lichen nicht die große Gemeinde, in der wir niemals einſam ſein können! Wie bald, wie bald wird die Zeit kommen, wo ich mit der Menſchheit nur noch durch die Unglücklichen zuſammenhänge, denn die Glücklichen bedürfen meiner nicht.“ Roſe ſetzte ihren breiträndrigen Strohhut auf, nahm ihr Körbchen unter den Arm und ging zu der Wöchnerin, die im Fieber lag. Das arme junge Weib ergriff, als Roſe an ihr Lager trat, die beiden Hände des jungen Mädchens und benetzte ſie mit Thränen. Was ſollte aus ihrem Kinde werden, wenn ſie ſtürbe? ihr Mann ſei ja ſonſt ganz gut; aber er ſei ſo ſchwach und könne nicht vom Brannt⸗ wein laſſen, und wenn ſie todt ſei, werde er ſich gewiß dem Trunk ergeben und dann, und dann— das arme Weib zerfloß in Thränen Röschen vom Hofe und drückte das Kind an ihre ſchmerzende Bruſt. Roſe tröſtete ſie, ſo gut ſie es vermochte; ſie werde nicht ſterben und was das Kind beträfe, ſo ſei es ja auch ihr Kind und ſie werde es nicht verlaſſen. Die Stimme des jungen Mädchens war ſo fanft und ernſt und feier⸗ lich; dem armen Weibe auf dem harten Lager war es, als ob der Engel einer zu ihm ſpräche.„Sie ſollte nicht ſterben; ihr Kind ſollte nicht verlaſſen ſein.“ Sie ſank auf ihr Lager zurück und ſchloß die Augen;„ſollte nicht verlaſſen ſein!“ Sie hatte nicht ſchlafen können, ſeit Roſe geſtern dageweſen war, jetzt konnte ſie ſchlafen. Roſe nahm das Kind und gab ihm von der friſchen warmen Milch, die ſie vom Hofe mitgebracht, dann bettete ſie es wieder ſanft und reinlich und ſetzte ſich und wachte über die Schlummernde. Der Mann kam von der Arbeit nach Hauſe und öffnete unſanft die Thür; aber als er das Fräulein erblickte, wie es den Finger an den Mund legte und ihn mit den großen blauen Augen ſo ernſt und mild anſah, da zog er die Thür ſacht hinter ſich zu und kam leiſe herein und legte ſeine Sachen leiſe in die Ecke. Roſe winkte ihn zu ſich und flüſterte ihm zu, daß in dem Korb Fleiſch für ihn ſei und Brot und ein Stück Geld in Papier, wenn es ja noch an Etwas fehle.— Der Mann nickte mit dem Kopfe und ſetzte ſich in die Ecke und aß. Der plumpe Menſch ſtieß nicht an, warf nichts um, man hörte ihn kaum. Roſe ſtand auf und nahm ihren Hut. Der Mann erhob ſich. Roſe legte ihm die Hand auf den Arm.„Die Anne ſagt: Er iſt ſo gut, Claus Weber! Ich glaube es auch, denn wer nicht gut gegen ein ſo ſanftes Geſchöpf iſt, wäre ja nicht werth, daß er lebte. Nun zeig' Er ein⸗ mal, daß Er gut iſt, Claus Weber? Will Er?“ Sie hielt ihm die Hand hin. Der Mann legte ſeine große ſchwie⸗ lige Hand zögernd hinein, nicht, als ob er das Verſprechen ungern gegeben hätte; aber es war ihm, als ob er die ſchlanke, weiße Hand nicht berühren dürfe. Das Blut ſchoß ihm in die brannen Wangen. „Er thut Alles, um was die Anne ihn bittet?“ ſagte Roſe.„Jal“ ſagte der Mann. Roſe ſah ihm in die Augen; ſie wußte, daß er ſein Wort halten werde. Als Roſe aus der Hütte trat, war der Abend ſchon tiefer herein⸗ geſunken, doch war es noch licht, und die unermüdlichen Schwalben Röschen vom Hofe. 25 ſchoſſen noch zirpend die Dorfſtraße hinauf und hinab und um die Giebel der niedrigen Häuſer. Ein von zwei Kühen gezogener Ernte⸗ wagen kam ihr entgegen; auf dem freien Platz bei der Schule ſtanden alte Frauen und ſchwatzten, während die Kleinen um ſie her auf dem Boden krochen und die größeren Jungen und Mädchen Haſchens und Verſteckens ſpielten. Roſe ſah und hörte das Alles, aber das Lachen und Schreien der Kinder klang, als kämen die Töne weit her, und hätten unterwegs all' ihre Rauhigkeit verloren, und Menſchen und Dinge— Alles ging und ſtand wie in einem Zauberſpiegel. Roſe hatte öfters dieſe Momente, in denen der Geiſt wie losgelöſt vom Körper ſcheint, und niemals häufiger als in der ſtillen Stunde kurz vor und kurz nach Sonnenuntergang. Sie konnte dieſen Zuſtand nicht willkürlich hervorrufen; ja derſelbe würde ſofort aufgehört haben, ſobald ſie darüber zu reflectiren begonnen hätte. Sie wußte dies recht wohl; denn in dieſem Träumen mit offenen Augen, dieſem„Tag⸗ wandeln,“ wie ſie es nannte, lag eine eigenthümliche myſtiſch⸗offen⸗ barende Kraft, die das junge Mädchen als etwas aus dem tiefen, unerforſchlichen Grunde der Natur Hervorgegangenes achtete und ſtill walten ließ. So ſah ſie denn auch jetzt das Verhältniß zu ihrem Vater in dem Lichte vollkommener Wahrheit. Sie fühlte, wie rein und tief ihre Liebe zu dem Edelherzigen, Weichmüthigen, Heftigen, Leidenſchaftlichen war; wie dieſe Liebe ſelbſt dadurch nicht abgeſchwächt wurde, daß ſie ſich, gleichſam mit einem Schlage der Schwingen ihrer Seele, in Regiſonen erheben konnte, in die ihr zu folgen der Vater nie vermochte, daß ſie in vielen Dingen und vielen Punkten nicht blos die Klügere, ſondern auch die Stärkere war, die Halt gewährte, anſtatt einer Stütze zu bedürfen. Aber eben ſo deutlich fühlte ſie, daß dieſe Liebe ihr Herz nicht ausfüllte, oder beſſer, daß Welten in ihrem Herzen lagen, dunkle Welten, in denen die Liebe ihr„Werde“ noch zu ſprechen hatte. Und Roſe wußte— in dieſer ſtillen Abend⸗ ſtunde, in welcher ſie, wie mit Geiſteraugen, in das Herz der Dinge und ihr eigenes Herz ſchaute— daß dieſe ſchöpfungsfrendige, werde⸗ frohe Liebe die Liebe zu einem Mann ſein müßte, der ſtärker und klüger und edler wäre, als ſie; von dem ſie ſich, ſtolz wie ſie war, beugen müßte, und ach! ſo gern ſich beugen würde; zu einem Manne, 26 Röschen vom Hofe. der alle die großen Fragen der Zeit, von denen der Vater nichts wiſſen wollte, oder die er mit einer einſeitigen, halsſtarrigen Heftig⸗ keit nach ſeinen vorgefaßten Meinungen und ercluſiven Standesdogmen entſchied, in ſeinem innerſten Herzen trüge und mit weitem, klarem Verſtande beurtheilte. Wo war dieſer Mann? Dieſer edle, kluge und ſtarke Mann? Die zirpenden Schwalben glitten durch die Luft und manches Bild vergangener Tage zog durch die Seele des jungen Mädchens. Viele Männer hatten ſich in jenen Tagen ihr genähert; Manche hatte ſie vergeſſen, Einiger erinnerte ſie ſich nur noch eben ſo; Wenige, die ihr gefallen hatten; Keiner, der ihr ein wirklich lebhaftes Intereſſe einzuflößen vermocht hätte. Hinüber und herüber zagen die Schwalben und die Gedanken. Und wenn es nun einen ſolchen Mann gar nicht gäbe? Wenn dein guter alter Vater, trotz ſeiner Einſeitigkeit und ſeiner Launen, noch immer beſſer und edler wäre, als ſie Alle? Wie gut ſteht ihm doch Alles, ſelbſt ſein Stolz! Wie hübſch klang das, als er heute Morgen ſagte: Wenn er nicht kommt, den Mann aufzuſuchen, der ihn über die Taufe gehalten, und von dem er wiſſen muß, daß er ſeines Vaters vertrauteſter Freund geweſen iſt,— um ſo ſchlimmer für ihn; ich verliere nichts dadurch!— Er hätte kommen müſſen, und wäre es auch nur des Vaters wegen geweſen. Des Vaters wegen? Um weſſenwillen denn ſonſt? Geſtehe Dir's nur! Du warſt eitel genug zu glauben, daß Du ſelbſt einigen Eindruck auf ihn gemacht hatteſt; und ſäheſt es ſelbſt jetzt noch gar nicht ungern, wenn das der Fall geweſen wäre! Warum auch nicht! Haſt Du Dich doch, als Du ſie in Fülle haben konnteſt, durch die Huldigungen von Männern geſchmeichelt gefühlt, die bei weitem nicht ſo ſchön und ſtattlich waren, als vieſer Mann. Ein Sonderling, ſagte der Paſtor, wäre der Graf? Sind denn alle Männer, alle, die mehr ſind, als der große Haufen, Sonderlinge? Aber woher weiß ich denn, daß der Graf mehr iſt, als die Andern? Die Schwalben wurden ungeduldig, daß ſie ſo viel ſchwie⸗ rige Fragen beantworten ſollten; zu einer pfeilſchnellen, ſchrillen⸗ Röschen vom Hofe. S den Wolke vereinigt, ſauſten ſie vorüber, und Roſe erwachte aus ihrem Traum. Unter den Linden vor dem Thore des Hofes führte ein Reit⸗ knecht in grauer Pikeſche und Stulpſtiefeln zwei ſchöne Pferde am Zügel auf und ab. Das war ein ſeltener Anblick vor dem Hauſe ihres Vaters, und Roſe fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen ſchoß. Der Mann nahm die Zügel in die linke Hand und zog ſeine Kappe, als die junge Dame vorüberſchritt. Einen Augenblick ſtockte ihr Fuß und ſie hatte die Frage: wem gehören die Pferde? auf den Lippen; aber ſie ſagte nichts; ſie wußte auch ohne das, wer jetzt eben im Hauſe bei ihrem Vater war. Fünftes Capitel. Graf Hugo von Lengsfeld hatte ſeit jenem Morgen unter den Ahornbäumen tagtäglich die Flinte auf die Schulter genommen und beſonders nach der Gegend von Weißenbach hin das ausgedehnte Jagdgebiet, das ihm der Verwalter hatte pachten müſſen, durchſtreift; aber Boncveur, der langohrige braune Hühnerhund, hatte ſich ſelten weniger in das Betragen ſeines Herrn finden können, als in eben dieſen letzten Tagen. Zwar war es Boncoeur durchaus nichts Neues, daß ſein Herr ihn eine Viertelſtunde vor einem Volke Hühner auf drei Beinen ſtehen ließ, und wenn er endlich läſſig herankam, ent⸗ weder gar nicht oder vorbeiſchoß; aber ſo conſequent, wie in dieſen Tagen, hatte er denn doch noch nicht alle Regeln der edlen Weid⸗ mannskunſt außer Acht gelaſſen. Vergebens, daß der wackre Hund mit der unermüdlichſten Geduld ein Runkelrübenfeld nach dem andern abſuchte und einen Haſen nach dem andern aufſtieß. So oft er von der kurzen Verfolgung(die zwiſchen den hohen Wurzeln der Runkeln gar nicht eben angenehm war) zurückkehrte, fand er ſeinen Herrn, der nach wie vor die Flinte unter dem Arm oder über der Schulter hatte, 28 Röschen vom Hofe. und ſo nachdenklich, die Augen auf den Boden geheftet, an dem Rain des Feldes einherſchritt, daß Boncveur es zuletzt für zweckmäßig er⸗ achtete, die Jagd ganz aufzugeben und dem Träumer in der Ent⸗ fernung einiger Schritte eben nur zu folgen. Der Graf hatte nichts dagegen; er dachte in der That an nichts weniger als an das, was Boncveur ſo ſehr am Herzen lag. Es war dem Grafen ganz eigen ergangen, ſeit er in dem Thale weilte, aus dem ſeine Familie ſtammte, in dem ſeine Familie Jahr⸗ hunderte lang gehauſt hatte; in dem Dorfe weilte, von dem er den Namen trug. Er hatte keine Erinnerung an dieſe Gegend; war er doch als kleines Kind ſchon in die Fremde gekommen! und doch ſprach ihn hier Alles ſo vertraut, ſo heimathlich an, als hätte er dieſe Berge, deren blaue Wellenlinien mit dem Horizonte verſchwammen, dieſe Wälder, in deren Wipfeln es ſo ſchauerlich rauſchte, dieſe Wieſen, durch welche ſich die mit Weiden beſetzten Bächlein ſo behaglich ſchlängelten, dieſe Felder, die ſich ſo friedlich an dem Fuß der Berge hinbreiteten,— als hätte er das Alles ſeit ſeiner früheſten Jugend gekannt und geliebt. Auch die freundlichen, zuthulichen Menſchen mit ihrer naiven Sprache, die Männer mit den blauen Sommerröcken und breitkrämpigen Hüten, die Frauen mit den ſchwarzen Miedern und den ellenlangen breiten Seidenbändern und den enganſchließenden Mützchen— auch dieſe heimelten ihn mehr an, als es bis jetzt einer der zahlloſen Volksſtämme, zu denen er während der letzten zehn Jahre gekommen war, gethan hatte. Es war nicht eigentlich ſeine beſtimmte Abſicht geweſen, fortan in ſeiner Heimath zu bleiben: er war zurückgekehrt, um— natürlich auf ſeine Koſten— ein Werk über Handelspolitik, das er mit vieler Liebe zur Sache und großem Fleiß auf ſeinen Reiſen ausgearbeitet hatte, drucken zu laſſen, und weil der Abſchluß neuer Contracte mit einigen ſeiner Pächter ſeine Gegenwart in Lengsfeld, auf einige Zeit wenigſtens, wünſchenswerth machte. Und während er dieſe Geſchäfte abwickelte, ſeine Beſitzungen durch⸗ ſtreifte, und ſich mit jedem Tag tiefer in dieſe liebliche Natur hinein⸗ lebte, fiel ihm ein, daß er wohl eigentlich nun genug gereiſt, und daß es die höchſte Zeit ſei, endlich einmal zu fühlen, was es heißt: zu Hauſe ſein. Freilich, ein großes, ſchloßartiges Gebäude mit einer Röschen vom Hofe. 29 breiten Terraſſe vorn, auf der Cacteen und andere Blumen von Blech in ſteinernen Vaſen ſtehen, hinten mit einem Park in dem franzöſiſchen Geſchmack der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, und inwendig mit einer Menge von großen und kleinen Zimiern, in denen allen der Duft des Unbewohntſeins liegt— iſt immer noch nicht„zu Hauſe.“ Beſonders, wenn man ſtundenlang auf der Terraſſe auf⸗ und abgehen, oder durch den Park ſchweifen, oder durch die Zimmer wandern kann, ohne einem Menſchen zu begegnen, als etwa der alten Haushälterin, oder einzelnen Arbeitern, oder den Handwerkern aus der Stadt— Tapezierern, Tiſchlern, Malern— die der Graf hatte kommen laſſen, um zu verſuchen, ob mit ihrer Hülfe dem einen Flügel, rechts im Erdgeſchoß, den er ſich zu ſeiner Wohnung auserſehen, ein wohn⸗ licheres Anſehen gegeben werden könne. Zum„zu Hauſe,“ meinte der Graf, gehört vielleicht doch noch mehr, wenn nicht Frau und Kind, ſo ein Geſchäft, das man mit Eifer treibt, wenigſtens eine Geſellſchaft, die man bewirthet und der man es behaglich zu machen ſucht, wäre es auch nur, ſich bei dieſer Bemühung ſelber ein wenig behaglicher zu fühlen.— Dem Grafen war es noch nie ſo ſehr aufgefallen, wie einſam er doch eigentlich ſei; oder vielmehr, wie drückend die Einſam⸗ keit werden könne, denn er war im Grunde jetzt nicht einſamer, als er es Zeit ſeines Lebens— in der Cadettenſchule, der Garniſon und dem Feldlager, ebenſo wie in den Ruinen des Coloſſeums und Car⸗ naks— geweſen war. Der Graf fing an zu der Anſicht zu kommen, daß er zwar niemals ſehr jung geweſen, daß er aber jetzt, nach eben zurückgelegtem dreißigſten Jahre, entſchieden anfange, alt zu werden. „Denn er iſt alt,“ ſprach der Graf bei ſich, während er, die Hände auf dem Rücken, auf ſeiner Terraſſe hin⸗ und herſchritt,„der iſt alt, welcher am Leben das Intereſſe verloren hat; der am Morgen aufſteht, weil er doch, ohne krank zu ſein, nicht wohl im Bette liegen bleiben kann, und des Abends ſich hinlegt, weil die ganze Nacht ſo zwiſchen den Büchern zu ſitzen, auch ſchließlich unerträglich wird. Wäre ich arm, daß ich arbeiten müßte, um zu leben, ſo wäre doch wenigſtens das Bedürfniß ein Sporn; wäre ich ehrgeizig, ſo würde es mir ſchmeicheln, kaum als ein Fremdling in das Land meiner Väter zurückgekommen und ſchon der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerk⸗ 30 Röschen vom Hofe. ſamkeit und ein Zankapfel der politiſchen Parteien zu ſein. Warum nehme ich Anſtand, dem liberalen Comité zu antworten, daß ich ſein Programm unterſchreibe und verſuchen will, nach Kräften für die ge⸗ meine Sache zu wirken? Iſt es nicht die höchſte Zeit, von den Worten einmal zu Thaten, und von meinen Büchern unter die Menſchen zu kommen? Ach, wenn ich die Menſchen höher achtete und beſſer liebte! — aber kann ich dafür, daß ich es nicht vermag? Ich habe— das Zeugniß darf ich mir wohl geben— es ſtets ehrlich gemeint mit den Menſchen; ich bin ausgezogen, für mein Volk zu kämpfen, zu ſterben, wenn es ſein mußte; ich ſah, daß in unſern Reihen der Verrath hauſte, und daß das Volk, rathlos oder feig, nicht wußte, was es wollte, oder nicht wollte, wovon es wußte, daß es geſchehen müſſe. Was blieb mir übrig, als zum Pflaſterſtein zu greifen? oder auszuwandern? Vielleicht wäre es ehrlicher und conſequenter geweſen, hätte ich das Erſtere gethan; aber Ehrlichkeit und Conſequenz ſind, wie ich nach⸗ träglich gefunden habe, ſo ſeltene Tugenden, daß ich mir wohl ver⸗ zeihen kann, wenn ich ſie damals nicht beſaß, vielleicht noch heute nicht in hinreichendem Maße beſitze. Nun, und die Einzelnen? es giebt gute und treffliche Menſchen; ich ſelbſt bin vielen auf meinem Lebenswege begegnet— da iſt mein edler Baſch⸗Aga⸗El⸗Mokrani in Algerien, der mich einſt wochenlang in ſeinem Zelte gepflegt und be⸗ ſchützt hat, als ich im Fieber raſ'te; da iſt der ehrliche Fiakerkutſcher in Wien, der mir das Goldſtück, das ich ihm am Abend in einer Anwandlung billiger Großmuth gegeben, am andern Morgen in mein Hötel brachte; da iſt der junge Attaché der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Conſtantinopel— wie hieß er doch nur gleich?— ein bildhübſcher Menſch, aber ich fürchte: den Weibern, dem Wein und den Würfeln mehr, als ihm dienlich war, ergeben— er liebte mich, glaube ich, wirklich, und hätte ſeine Maitreſſe und ſein Leben für mich geopfert, wenn ich es verlangt hätte— da iſt— ja, wer denn noch gleich? es ſind am Ende doch nicht eben viele. Ach! der alte Jeſuitenzögling, der die Vorſehung um einen Menſchen bat— der kannte die Men⸗ ſchen! Ich wollte, ich liebte die Menſchen, nur einen einzigen, ſo recht von Herzensgrunde— ich glaube, ich hätte damit den Schlüſſel zu dem Geheimniß des Lebens gefunden.“ Röschen vom Hofe. 31 In dieſe melancholiſchen Betrachtungen war der Graf verſunken geweſen, als er vor nun vier Tagen an dem Rande des Parkes von Weißenbach auf den Haſen vorbeiſchoß und ſich hernach von dem langohrigen Boncveur über die Grenze ſeines Jagdgebietes in den Park von Weißenbach locken ließ. Da war ihm die hohe, ſchlanke Geſtalt Roſe's ſo unerwartet, ſo plötzlich, wie eine himmliſche Er⸗ ſcheinung faſt, entgegentreten, und hatte einen Eindruck auf ihn ge⸗ macht, wie— darüber war er ſich vom erſten Augenblick klar— noch nie ein Weib, oder ſonſt irgend etwas im Leben auf ihn gemacht hatte. Ob ſein Gemüth gerade in dem Moment mehr als ſonſt be⸗ reit war, einen Eindruck voll und ganz in ſich aufzunehmen; ob dieſes Weib mehr als alle, die er bis jetzt geſehen, dem Ideal, das er, ſich ſelbſt bewußt, in ſeinem Herzen trug, entſprach— er konnte ſich darüber keine Rechenſchaft geben, er dachte auch kaum darüber nach, er fühlte nur, daß in ſein Leben ein Etwas eingetreten ſei, das nicht wieder verloren gehen könne, das, ſo oder ſo, in alle Zukunft wirken und ſchaffen müſſe. Und doch hatte ſie kaum ein paar Worte geſprochen, und, was ſie geſprochen, war an ſich ſo unbedeutend geweſen— aber die Weiſe, wie ſie es geſagt, der Ton, in dem ſie es geſagt, die Hal⸗ tung, die ſie dabei beobachtet, die ſtolze, kaum merkliche Neigung des ſchönen Hauptes— der Graf wurde nicht müde, ſich das Alles wieder und immer wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Er ſagte ſich, daß er ſchon ſchönere Frauen geſehen habe, wenn Regelmäßigkeit und kühner Schwung der Züge, Schmelz der Farben, Glanz der Augen die einzigen Requiſiten der Schönheit ſind; der Graf erinnerte ſich nicht, daß das Antlitz des Mädchens auch nur einen dieſer Vorzüge in auffallender Weiſe gezeigt hätte; aber ſtatt deſſen war es von einer ganz wunderbaren Harmonie wie durchleuchtet geweſen, einer Harmonie, die mit dem hohen Ebenmaß der ſchönen Glieder und dem köſtlichen Rythmus der anmuthig ſichern Bewegungen auf das reizendſte zu⸗ ſammengeſtimmt hatte. Der Graf ſah das Bild des Mädchens, wo er ging und ſtand; er ſah es immer vor ſich herſchweben; er ſah es, bevor er einſchlief; er ſah es in ſeinen Träumen; er ſah es, ſobald er des Morgens die Augen öffnete. Trotz alledem that er— wenigſtens in den erſten Tagen— nichts, 32 Röschen vom Hofe. etwas Näheres über die Dame zu erfahren. Er hatte ſo lange in einer idealen Welt gelebt, und war es auf ſeinen weiten Reiſen ſo gewohnt geworden, ein ſchönes Weib im Vorüberziehen ſchör zu finden, wie ein Gemälde in einer Gallerie, oder eine Landſchaft, oder einen ſonnigen Morgen, daß ihm kaum die Fragen kamen: wer iſt ſie? wie heißt ſie? Diesmal freilich trug auch die Furcht, etwas zu hören, was zu hören ihm unlieb geweſen wäre, noch dazu bei, ihn mehr als gewöhnlich unthätig zu machen. Endlich am dritten Tag bot ſich ganz von ſelbſt die Gelegenheit, welcher der Graf bis dahin förmlich aus dem Wege gegangen war. Der Pfarrer von Lengsfeld war von einer Synode, in welcher er zwei Wochen lang geſeſſen, und darüber— zu ſeinem wahren Schmerz— verſäumt hatte, die Rückkehr ſeines Herrn Patrons durch Geſang der Schuljugend und Gottesdienſt würdig zu feiern, zurück⸗ gekommen, und beeilte ſich natürlich, das Verſäumte wieder gut und dem Herrn Grafen ſeine Aufwartung zu machen. Der Pfarrer von Lengsfeld war ein ſtreitbares Werkzeug der Kirche, eifrig, orthodox, ſervil, wie es ſich für ſeine Talente und ſeinen Ehrgeiz ziemte; dabei dem Wohlleben geneigt, wie es ſeine Jugend— er war kaum dreißig Jahre alt— zu erfordern und ſeine Beleibtheit zu beweiſen ſchien. An den Schläfen war ſeine runde glänzende Stirn ſchon ziemlich kahl, ſeine kleinen Augen verſteckten ſich hinter zwei ovalen Brillengläſern, deren ſilberne Faſſung zu den feinſten gehörte. Der Pfarrer trug an dein Morgen ſeines Beſuches denſelben ſchwarzen Frack und dieſelbe weiße Binde, welche während der Synode ſo oft von der Roſtra ge⸗ glänzt, und vielleicht lag in ſeiner Anrede an den Grafen noch etwas von der Salbung, durch welche ſich ſeine Vorträge ſelbſt in jener ſal⸗ bungsvollen Geſellſchaft ſo vortheilhaft ausgezeichnet hatten. Der Graf empfing ſeinen Pfarrer mit jenem Gemiſch von Ernſt und Freundlichkeit, Zurückhaltung und Entgegenkommen, das ſeinem Benehmen, beſonders fremden Perſonen gegenüber, eigenthümlich war. Er ließ, da er Manches mit dem geiſtlichen Herrn zu beſprechen hatte und es gerade Frühſtückszeit war, etwas kalte Küche und eine Flaſche Wein ſerviren. Der Wein war gut, und der Pfarrer, der ein Kenner war, wurde, nachdem die Angelegenheiten der Kirche und Schule er⸗ Röschen vom Hofe. 33 ledigt waren, recht geſprächig. Von der ſicheren Vorausſetzung aus⸗ gehend, daß ſein hochgeborner Wirth der Sohn ſeiner Väter ſei, be⸗ klagte er das tiefe Umſichgreifen der demokratiſchen Grundſätze ſowohl in der Welt im Allgemeinen, als auch beſonders in Lengsfeld und Umgegend. Die Krankheitserſcheinungen ſeien oft entſetzlich, und die Wurzel der Krankheit ſei darin zu ſuchen, daß einmal der Adel in dem ganzen Ländchen verhältnißmäßig ſchwach vertreten ſei, und ſodann das natürliche und gerechte Uebergewicht, das er trotz alledem ſonſt noch hatte, ſeit dem Jahre 1848, in welchem die Rittergüter ſteuerbar geworden und die Zinsablöſungen in's Leben getreten ſeien, in be⸗ klagenswerther Weiſe verloren habe. „Das Jahr Achtzehnhundertundachtundvierzig, Herr Graf,“ rief der Pfarrer,„iſt wie ein böſer Mehlthau über den ehrwürdigen Wald des Adels hingegangen und mancher edle Baum ſteht ſeitdem verdorrt. Wir haben davon in unſerer Gegend ein auffallendes, und ich darf wohl ſagen rührendes Beiſpiel. Der Herr Graf kennen den Herrn von Weißenbach; nicht? Auch nicht dem Namen nach? Ei, das nimmt mich Wunder; aber freilich, der Herr Graf ſind erſt ſeit ſo kurzer Zeit in hieſiger Gegend! Sie können hier durch das Fenſter die Bäume des Parks von Weißenbach ſehen; gerade über den Pfeiler auf der Terraſſe; ich glaube, Ihre Runkelrüben ſtehen nach der Seite. Der Park iſt ſchön; aber, du lieber Gott, das iſt denn auch die ganze Beſitzung! Herrn von Weißenbach gehörten außerdem noch Bolau und Gommern, alle drei Rittergüter mit verhältnißmäßig wenig Län⸗ dereien(Weißenbach hat ſo gut wie gar keine), aber mit einer langen und einträglichen Liſte von Laſten und Gefällen. Die Weißenbachs haben zum mindeſten ſeit dem dreißigjährigen Kriege hier geſeſſen, und wahrſcheinlich ſchon viel länger, wenn, was anzunehmen, die Wiſſen⸗ bachs, die gegen Ludwig den Eiſernen in der Schlacht bei Naumburg ritten, mit den Weißenbachs identiſch ſind. Nun iſt der jetzige Herr von Weißenbach der echte Sproß von dem edlen Stamm, und als Achtzehnhundertachtundvierzig das gute Alte ſtürzte und die homines nori triumphirten, wollte er mit den Wölfen nicht heulen, verkaufte die Güter, mit Ausnahme von Weißenbach, das Niemand kaufen wollte, zog in die Stadt, verlor in wenigen Jahren— ich höre, in einer Fr. Spielhagen's Werke. Vr. — Röschen vom Hofe. 34 einzigen unglücklichen Speculation— das aus dem Verkauf der Güter und den Zinsablöſungen von Weißenbach gewonnene Vermögen, und iſt in dieſem Augenblicke— Gott ſei's geklagt!— ärmer, als einer der zwanzig Bauern im Dorfe, die ihre Häuſer weiß anſtreichen laſſen, ihre Söhne auf das Gymnaſium, ihre Töchter in Penſion ſchicken und in ihrem Wohnzimmer ein Clavier für zweihundert Thaler ſtehen haben.“ Der Graf war während dieſer langen Auseinanderſetzung an's Fenſter des Salons getreten, als ob er die Lage des Parks von Weißen⸗ bach nach den Angaben des Pfarrers genau ermitteln wollte, eigentlich aber, um die Röthe zu verbergen, die, als jener des Parks Erwähnung that, in ſeine Wangen geſchoſſen war.— „Und hat der Herr von Weißenbach Familie?“ fragte der Graf, immer noch mit dem Rücken nach dem Pfarrer gekehrt. „Eine einzige Tochter, Herr Graf.“ Der Graf fühlte, daß ihm das Herz ſchneller ſchlug, als er, ſo ruhig wie möglich, weiter fragte: „Natürlich bereits verheirathet?“ „Noch nicht, Herr Graf.“ Das„Noch nicht, Herr Graf“ des Pfarrers hatte einen ſo eigen⸗ thümlichen, langgezogenen Klang, daß der Graf ſich plötzlich umwandte mit einer Lebhaftigkeit, die dem Andern, der in dieſem Augenblicke mit ſeinen Gedanken und dem letzten Glaſe Chäteau d'Vquem zu eifrig be⸗ ſchäftigt war, entging. „Sie kennen die junge Dame, ich meine die Familie, perſönlich?“ „Ich habe die Ehre, öfters auf dem Hofe vorzuſprechen, und wie ich anzunehmen wage, kein geradezu ungern geſehener Gaſt zu ſein,“ erwiderte der Pfarrer. „Und— und wie ſieht— ich meine: iſt die junge Dame—“ „Nicht eben ſchön,“ ſagte der Pfarrer nachdenklich,„nach meinem Geſchmack etwas zu groß; aber von vollendeter Haltung, nur zuweilen, nach meiner demüthigen Anſicht, die Hofdame zu ſehr durchblicken laſſend. Der Herr Graf wiſſen nicht— aber wie ſollten Sie auch wiſſen! daß Fräulein von Weißenbach ein Jahr lang Hoffräulein bei Ihro König⸗ lichen Hoheit der Frau Herzogin geweſen iſt. Vielleicht wäre es für — v*8 — n, ß . ir Röschen vom Hofe. 35 die junge Dame beſſer, ſie wäre nie in dieſe höchſten Regionen ge⸗ kommen, denn, ſagen der Herr Graf ſelbſt, ein armes, blutarmes Fräu⸗ lein, und wäre es, wie Fräulein von Weißenbach, vom älteſten und reinſten Adel, welche Ausſichten hat es in unſerer materiellen Zeit, wo das Geld durchaus keine Chimäre, ſondern eine ſehr reſpectable Realität iſt! Ein armes adliges Fräulein, Herr Graf, iſt in meinen Augen ein wirklich tief bemitleidenswerthes Weſen; ein, ich möchte ſagen, beſonders würdiger Gegenſtand der chriſtlichen Nächſtenliebe.“ Hier erinnerte ſich der Graf ſo plötzlich einiger wichtigen Geſchäfte, die er noch an dieſem Vormittage zu erledigen habe, daß der Paſtor in dem Beſuche, welchen er am Abend deſſelben Tages in Weißenbach auf dem Hofe abſtattete, zu der Bemerkung, daß der Graf ein etwas ercentriſcher Herr ſei, einigermaßen berechtigt war. Zu dieſem Urtheil würde der Pfarrer noch einen Grund mehr gehabt haben, wenn er geſehen hätte, wie der Graf, nachdem ſein Beſuch kaum den Salon verlaſſen, in augenſcheinlicher Aufregung in dem großen Gemache hin⸗ und her⸗, und endlich auf die Terraſſe hinaus⸗ ſchritt, dann und wann mit Armen und Händen geſticulirend und abgeriſſene Worte zwiſchen den Zähnen murmelnd. Die Sache war, daß der Graf den geiſtlichen Herrn, der ihm ganz ausnehmend miß⸗ fallen, von der Dame, deren Bild er ſo tief im Herzen trug, nicht ohne eine Empfindung äußerſter Ungeduld und ihm ſelbſt kaum er⸗ klärlichen Widerwillens hatte ſprechen hören können. Aus der himm⸗ liſchen Erſcheinung im Morgenſonnenſchein am Waldesrand war ein adliges Hoffräulein geworden mit hochariſtokratiſchen Allüren und den Kopf voll feudaler Velleitäten und höfiſcher Nichtswürdigkeiten. Dazu ein Vater mit bornirten Standesvorurtheilen und der Weltanſchauung eines Reichsfreiherrn aus der Zeit der Bauernkriege. Beide natürlich“ kirchenfromm und ſich wohl fühlend in der Geſellſchaft eines heuch⸗ leriſchen, glattzüngigen Sykophanten, deſſen Metier es iſt, ſie in ihren Schrullen zu beſtärken. Seit dieſem Morgen war es nun, daß bei dem Grafen jener Zu⸗ ſtand der Zerſtreutheit und Gleichgültigkeit, den Boncveur ſo tief be⸗ klagt hatte, in einen andern Zuſtand umſchlug, den dieſer bald noch aufrichtiger zu beklagen, Veranlaſſung fand. Des Langohrigen Un⸗ 3* 36 Röschen vom Hofe. ermüdlichkeit und Jagdeifer wurden auf die allerhärteſten Proben ge⸗ ſetzt und dabei bekam der Arme im Laufe eines Vormittags ſo viel böſe Worte zu hören, als ſonſt nicht im Verlauf einer ganzen Woche. Aehnliche Erfahrungen machte die alte Haushälterin, die bis dahin den Herrn Grafen für einen Engel gehalten, machten die Handwerker, die, wie es ſich jetzt herausſtellte, ganz gedankenloſe Menſchen waren und den Herrn Grafen mit beleidigender Conſequenz in ſeinen An⸗ ordnungen mißverſtanden hatten. Schließlich befahl der Graf ſeinem Diener, auf morgen früh die Sachen zu packen, damit ſie endlich ein⸗ mal wieder aus der langweiligen Gegend fortkämen; und als der Mann ſich, höchlichſt verwundert über dieſen unerwarteten Befehl, entfernte, rief ihm ſein Herr nach:„Und dann ſagen Sie, daß man den Braunen ſattelt— und, hören Sie, der Reitknecht kann mitkommen— er ſoll den Fuchs nehmen.“ Sechstes Capitel. Der Graf ſtieg auf, galoppirte vom Hofe nach einem Vorwerk, wo eine Scheune gebaut wurde, hielt aber dort auch nicht einen Augen⸗ blick an, ſondern galoppirte weiter in einen Feldweg hinein, zuletzt als der plötzlich ein Ende nahm, querfeldein, bis er auf einem großen Umwege von der entgegengeſetzten Seite nach Weißenbach gelangte. Dort wandte er ſich zum erſten Male nach dem Reitknecht, der ſeinem Herrn nur mit Mühe hatte folgen können, um und fragte, ob er wiſſe, wo der Gutshof liege? Der Mann wußte es; er war ſchon ein paarmal in Weißenbach geweſen. Vor dem Thore des Hofes an⸗ gelangt, hielt der Graf an, blickte zu den Linden empor, am Hauſe mit den verſchloſſenen Jalouſien hinauf, ſchien unſchlüſſig, ob er weiter reiten ſolle oder nicht, ſprang dann mit einem ſchnellen Entſchluſſe aus dem Sattel, warf dem Reitknecht die Zügel ſeines dampfenden Röschen vom Hofe. 37 Roſſes zu, befahl ihm, die Thiere auf und ab zu führen und trat durch die unverſchloſſene Pforte in den Hof. Der Pfau trippelte dem Ankömmling neugierig entgegen; die Schwalben ſchoſſen zirpend durch die Luft, ſonſt ließ ſich auf dem ſtillen Hofe kein lebendes Weſen ſehen, kein Laut vernehmen. In den hohen Wipfeln der Bäume, die über die Dächer der Wirthſchafts⸗ gebäude aus dem Park herüberragten, ſpielte der rothe Abendſchein. Ein ſeltſames Gefühl von Bangigkeit und ahnungsvoller Erwartung, wie er es noch nie empfunden, überkam den Grafen. Er erklärte es ſich durch die Erſchöpfung und Aufregung nach dem ſchnellen Ritt, daß, als er langſam die ſteinernen Stufen nach der kleinen Eſtrade vor der Hausthür hinaufſtieg, ſein Herz heftig ſchlug und ſeine Kniee zitterten. Er fand die Thür verſchloſſen; die Klingel, die er zog, gab einen hohlen, wehmüthigen Klang. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ſich ein ſchlürfender Schritt auf den Steinflieſen des Flures ver⸗ nehmen ließ und der alte Wenzel die Thür öffnete. Der Graf fragte nach dem Herrn von Weißenbach und nannte ſeinen Namen. Der Alte blickte ihm ſtarr in's Geſicht und ſagte:„Darauf wollte ich ſchwören, daß Sie der ſind. Sie ſehen juſt ſo aus wie der Herr Vater ſelig.“ Dann lud er den Grafen mit einer ſtummen Geberde ein, in den Flur zu treten und führte ihn von dort in ein Zimmer zur linken Hand, wo er ihn allein ließ. Es war ein ziemlich großes Gemach, deſſen an der Außenſeite mit Epheu umrankte Fenſter auf den Hof gingen. Die Wände waren faſt bis Manneshöhe mit braunem Eichenholz bekleidet. Ringsum über den Pannelen bis zu der niedrigen Stuckdecke hingen Portraits, die in der Dämmerung, welche in dem Zimmer herrſchte, noch dunkler ausſahen, als ſonſt ſchon. Alterthümliche Möbel, mit denen ein ſehr ſchöner moderner Flügel, welcher in die Nähe des einen Fenſters ge⸗ rückt war, nicht recht harmonirte, waren hier und da ſchicklich vertheilt. Auf einem Gewehrſchrank ſaß eine mächtige ausgeſtopfte Eule, deren Glasaugen den Eindringling fragend und drohend anſtarrten. Das Alles bemerkte der Graf ganz mechaniſch, denn die Aufregung, die ihn ſchon draußen auf dem Hofe überkommen, und die ſich, ſeitdem er das Zimmer betreten, nur noch geſteigert hatte, ließ ſeinem Geiſte 38 Röschen vom Hofe. keine Freiheit zu ruhiger Beobachtung. Die wenigen Minuten, die er hier zu ſtehen gezwungen war, wurden ihm zu Stunden. Jeden Augen⸗ blick erwartete er, daß ſich die Thür öffnen und das ſchöne Mädchen hereintreten würde, während er ſich doch ſagte, daß dies wenig wahr⸗ ſcheinlich ſei. Endlich hörte er in dem Gemach nebenan eine Thür gehen und dann Schritte— aber nicht die Schritte, auf die ſein Ohr lauſchte— feſte, haſtige Männerſchritte; und die hohe ſchlanke Geſtalt eines alten Mannes trat raſch herein. „Ich freue mich, den Sohn des Freundes meiner Jugend in meinem Hauſe begrüßen zu können,“ ſagte Herr von Weißenbach, die Hand des Grafen kräftig drückend und mit geſpannter Aufmerkſamkeit unter den buſchigen grauen Brauen hervor in ſein Geſicht ſchauend; „der Wenzel hat Recht,“ fuhr er fort,„das leibhaftige Abbild des Vaters. So ſah er aus, Ihr Vater, als ich ihn zum Traualtar be⸗ gleitete, und als ich Sie ein Jahr ſpäter über die Taufe hielt. Sie ſind groß geworden indeſſen; ich kann Sie jetzt wohl nur noch ſo in meinen Armen halten.“ Bei dieſen Worten zog Herr von Weißenbach den Grafen an ſeine Bruſt. Der Graf erwiderte die Umarmung mit einiger Verlegenheit. Er war auf dieſen herzlichen Empfang keineswegs vorbereitet geweſen; er fühlte ſich beſchämt, wie über eine Auszeichnung, von der er ſich ſagen mußte, daß er ſie nicht verdient habe. Er war in dies Haus gekommen— ein Fremder, halb mit Widerſtreben, getrieben von einem Intereſſe, das im beſten Falle ſehr egviſtiſch war, und er wurde auf⸗ genommen, wie ein Sohn, der aus der Fremde zum heimiſchen Heerde zurückkehrt. Er murmelte eine verwirrte Entſchuldigung, daß er erſt heute komme, daß er nicht ſchon vor acht Tagen ge⸗ kommen ſei. Herr von Weißenbach ließ ihn nicht ausreden.„Ich will es Ihnen nur geſtehen, lieber Graf,“ ſagte er, ich war böſe auf Sie, recht böſe; dann habe ich aber auch wieder bedacht, wie Sie ja eigent⸗ lich aus einer Zeit ſind, die von der, in welcher meine Erinnerungen leben, durch den frühen Tod Ihres Vaters und Ihrer Frau Mutter, wie durch einen tiefen Riß getrennt iſt. Andere Zeiten, an⸗ dere Menſchen, andere Menſchen, andere Sitten— das wiſſen wir; Röschen vom Hofe. 39 Alten, denn jeder Tag predigt es uns. Nun, Sie ſollen mich nicht gleich als Murrkopf kennen lernen. Sie ſind zurückgekehrt— nach langer Irrfahrt, höre ich; ich will nur wünſchen, daß Sie nun hier bleiben, wo Sie von Gottes und Rechts wegen beſſer hingehören, als nach Aſien und Afrika, und wo wir, der Himmel weiß es, tüchtige Männer, die ſich von dem modernen Schwindel nicht fortreißen laſſen, gar nothwendig brauchen. Und ein großer Jäger vor dem Herrn ſind Sie auch, wie mir meine Roſe geſagt hat! Nun, das ſteckt Ihnen im Blut, vom Vater her. Wo nur meine Roſe bleibt! Ich kann ohne meine Roſe nichts, müſſen Sie wiſſen, nicht einmal Ihnen einen Imbiß vorſetzen. Nun, nun, Sie werden es ja auch nicht ſo eilig haben.“ Herr von Weißenbach zog ſeinen Gaſt neben ſich auf das Sopha und legte ihm eine Menge von Fragen über ſeine Vergangenheit, ſeinen Militairdienſt, ſeine Reiſen, über den Zuſtand, in welchem er ſeine Beſitzungen vorgefunden, über die Pläne, die er für die Zukunft habe und vieles der Art vor— Fragen, welche zu beantworten der Graf nicht immer leicht fand. Herr von Weißenbach lebte nicht blos mit ſeinen Erinnerungen in einer Welt, die von der modernen Zeit durch einen tiefen Riß getrennt war. Die Felſentempel von Abu Simbel und die Ruinen von Karnak waren dem Grafen kaum minder fremdartig vorgekommen, als die Anſichten des Herrn von Weißenbach über Staatsweſen, Volksvertretung, Polizeiverwaltung, Armenpflege und Anderes der Art. Des Grafen politiſches Glaubensbekenntniß war von einer um ſo unbeſchränkteren Freiheit, als er eigentlich noch nie einen ernſtlichen Verſuch gemacht hatte, ſeine Ideen zu realiſiren. In der ungeſtörten Muße ſeines Studirzimmers, in den langen ſonnigen Mußeſtunden auf dem Deck des Nilbootes ſtromaufwärts nach den Katarakten, auf Wanderungen über die himmelhohen Matten der Alpen⸗ welt hatte der Graf ſich ſeine beſte Welt aufgebaut und die Verhält⸗ niſſe der freien Menſchen, welche ſie bewohnen ſollten, geregelt. In⸗ dem er nun verſuchte, ſich in die Anſchauungen ſeines Wirthes zu verſetzen, wurde ihm zu Muthe, wie einem Falken zu Muthe ſein mag, der ſich plötzlich in einen Gitterkäfig eingeſperrt ſieht. Mit Staunen und Verwunderung blickte er in das energiſche, noch ſchön zu nennende 40 Röschen vom Hofe. Geſicht des Herrn von Weißenbach, und in die Augen unter den buſchigen Brauen, denen ſechszig Jahre ihr Feuer nicht zu rauben ver⸗ mocht hatten. Und doch fühlte er ſich auch wieder auf eigenthümliche Weiſe angezogen, denn ſein eigenes mannhaftes Herz ſagte ihm, daß er es mit einem Manne zu thun habe, dem ſein Wort heilig ſei, und der, wenn es ſein müßte, mit ſeinem Leben für t Ueberzeugungen einſtehen würde. Die Dämmerung in dem Gemache hatte raſch enommen, wäh⸗ rend die Herren, auf dem Sopha ſitzend, alſo ſprachen. Der Graf hatte mit ſeinem Aufbruch gezögert und gezögert, immer hoffend, daß Fräulein von Weißenbach von ihrem Spaziergange zurückkehren werde. Jetzt glaubte er, nicht länger warten zu dürfen. In dem Augenblick, als er ſich erhob, wurde es plötzlich von dem Wiederſchein einer pur⸗ purnen Abendwolke, die an den Fenſtern vorübz ganz licht in dem noch eben dunklen Zimmer. „Da iſt meine Roſe,“ ſagte Herr von Veißenbach. Der Graf, welcher mit dem Rücken nach der Thür geſtanden hatte, wandte ſich ſchnell um. Auf der Schwelle, unfloſſen von dem roſigen Schein, ſtand ſie, wie er ſie zuletzt geſehen, den Strohhut in der herabhängenden Linken, das ſtolze Haupt hoch erhoben, das ernſte, ſanfte Antlitz umringelt von den braunen Locken, die ein linder Abend⸗ hauch mit muthwilliger Hand nach ſeinem Geſchmack geordnet zu haben ſchien. Siebentes Capitel. Roſe blieb einen Moment auf der Schwelle ſtehen; dann eilte ſie mit einem leichten Nicken ihres Hauptes nach dem Grafen hin, an dieſem vorüber auf den Vater zu, der ſie zärtlich in ſeine Arme ſchloß und auf die Stirn küßte. Dann wandte ſie ſich wieder zum Grafen, nickte nochmals mit dem Kopfe— diesmal aber freund⸗ licher— und ſagte mit heiterm Ton: S Röschen vom Hofe. 41 „Wir ſind alte Bekannte, der Herr Graf und ich.“ Bei dieſen Worten reichte ſie ihm ihre Hand hin. Des Grafen Hand zitterte ein wenig; der Moment, dem er zuletzt faſt ſchmerzlich entgegen geharrt hatte, war ihm nun doch zu ſchnell gekommen, und war ſchöner und lieblicher gekommen, als er es je gehofft. Jetzt erſt ſah er, wie ſehr ihn ſein Gedächtniß betrogen, was es ihm Alles unterſchlagen hatte. Dieſe Fülle lieblichſter Einzelnheiten in Stimme, Sprache, Haltung und Geberden— wie ſtumpf und reizlos war im Vergleich dazu das Bild ſeiner Phantaſie geweſen! Und wie hatte er nach der erſten und einzigen Begegnung einen ſo freundlichen Empfang erwarteh können! erwarten können, daß ſie ihm die Hand reichen, ihn einen alten Bekannten nennen werde! Der Graf war ſehr glücklich. Roſe war es faſt nicht minder. Sie freute ſich, daß der Graf gekommen, ihres Vaters wegen, dem es ſehr ſchmerzlich geweſen war, von dem Sohne ſeines Jugendfreundes ſo vernachläſſigt zu werden; ſie freute ſich ſeines Kommens, weil die Stimme, die ihr zugeflüſtert: Du haſt ihn nicht zum letzten Male geſehen, nun doch Recht gehabt; ſie freute ſich, daß er hier war, weil ſie nur eben erſt ſo lebhaft an ihn gedacht hatte. Herr von Weißenbach wiederholte ſeine Einladung, dazubleiben und das Abendbrot mit ihnen zu eſſen. Roſe blickte unter ihren langen Wimpern hervor in das Geſicht des Grafen, auf welchem ſich die Verlegenheit, nun doch eingeſtehen zu müſſen, daß er nicht nur (was er vorhin geleugnet hatte) bleiben könne, ſondern auch nichts weniger als ungern bleibe, ſo deutlich ausprägte, daß die junge Dame ſich des Lachens kaum erwehren konnte. „Bleiben Sie nur, Herr Graf,“ rief ſie,„Sie ſehen wirklich etwas angegriffen aus, und Ihren Pferden wird eine Stunde Ruhe auch nicht unwillkommen ſein.“ Der Graf verbeugte ſich; der alte Herr ſchlug ſich vor die Stirn. „Es iſt unglaublich!“ murmelte er,„daß ich es vergeſſen konnte; der Wenzel denkt aber auch an nichts.“ Er riß heftig an der Klingel. „Laß es gut ſein, Väterchen,“ ſagte Roſe,„ich will's ihm ſagen; 42 Röschen vom Hofe. die Herren müſſen mich ein paar Minuten entſchuldigen, bis das Thee⸗ waſſer kocht.“ Es war ein glücklicher Abend, den der Graf verlebte; er hatte nicht gewußt, daß in ſeinem Herzen ſolche warmen Quellen von Freu⸗ digkeit verſchloſſen ſeien. Ueber Tiſch fiel ihm ein, wie arm er noch vor wenigen Stunden geweſen, und da erſchrak er zuerſt und dann mußte er lächeln, wie ein plötzlich reich Gewordener, wenn er an die vergangene Noth und Verlegenheit zurückdenkt. Selbſt die Umgebung: die wunderlichen alten Möbeln, mit denen auch das Gemach, in wel⸗ chem ſie den Thee einnahmen, ausgeſtattet war; die phantaſtiſchen Schildereien von gezierten Göttern und Göttinnen, Schäfern und Schäferinnen mit ihren Heerden, die hier, anſtatt der Portraits im Wohngemach, die Wände bedeckten; die geblümte Theekanne von Dresdener Porzellan, aus welcher Roſe den duftigen Trank in eben⸗ falls geblümte, ſeltſam geformte flache Taſſen mit großen Unterſchalen goß; der Armleuchter von Kryſtall, auf dem drei ſehr beſcheidene Lichter brannten— es war dem Grafen, als hätte er das Alles von jeher gekannt, als hätte er ſchon unzählige Male von dieſer Tiſchdecke, in welche das Abendmahl Leonardo da Vinci's und die Jahreszahl 1729 gewebt war, gegeſſen. Der Graf war zu glücklich, um ſehr geſprächig zu ſein, obgleich er auf ſchickliche Weiſe ſeinen Theil zur Unterhaltung beitrug; aber auch wenn er von ſeinen Reiſen erzählte öder dem alten errn eine Gewiſſensfrage über ſeine Anſicht in Betreff der Zuläſſig⸗ keit oder Unzuläſſigkeit einer Steuer auf Kaffe und Thee beantworten mußte— immer ſuchten ſeine Augen die Augen Roſes, die den ganzen Abend ihren luſtigen, ſchelmiſchen Ausdruck beibehielten. Ja, er glaubte zu bemerken, daß Fräulein von Weißenbach es förmlich darauf anlegte, ihn zum Widerſpruch zu reizen und immer eifriger wurde, als er ihr fortwährend mit höflichen und zierlichen Wendungen auswich. Nach dem Thee, als ſie ſich in das Wohnzimmer zurückbegeben hatten, erſuchte er ſie, ein wenig auf dem Flügel(der, wie er bei dieſer Gelegenheit erfuhr, ein Geſchenk der Herzogin war), vorzu⸗ tragen, aber Roſe ſchlug es ab.. „Wir werden Sie hoffentlich öfter— recht oft bei uns ſehen,“ Röschen vom Hofe. ſagte ſie,„und man darf ſeine Tugenden und Talente nicht gleich das erſte Mal vollſtändig zeigen und ausgeben. Freilich, wenn Sie die italieniſche Reiſe, von der Sie bei Tiſch ſprachen, wirklich noch in dieſen Tagen antreten wollen—“ Sie legte die Hand auf den Flügel und blickte den Grafen mit einem ſo ſchelmiſch⸗herausfordernd⸗ungläubigen Lächeln an, daß dieſer ſich beeilte, zu verſichern, wie die Reiſe nach Rom durchaus nicht preſſire, und wie jetzt, nachdem er ſo freundliche, liebenswürdige Nachbarn gefunden, der Gedanke, längere Zeit, vielleicht lange Zeit in ſeiner Heimath zu bleiben, durchaus nichts Schreckliches mehr für ihn habe. Roſe machte einen tiefen Knix und ſagte mit niedergeſchlagenen Augen:„Der Herr Graf iſt ſehr gütig.“ So, und nachdem er noch einmal für einen Moment ihre Hand in der ſeinen gehalten, und die Einladung des Vaters, recht bald auf Weißenbach wieder vorzuſprechen, mit dankbarer Verbeugung ange⸗ nommen hatte, ſchieden ſie von einander. Der Graf beſtieg ſein Pferd und ritt in die warme, mondenhelle Nacht hinein, die Bruſt voll von einer Seligkeit, die ihn ſtumm machte; Roſe ſetzte ſich, nachdem der Vater, ver regelmäßig um zehn Uhr zu Bett ging, ſie verlaſſen, an den Flügel und ſpielte, wie ſie es immer that, wenn irgend Etwas ihre Seele mehr als gewöhnlich aufgeregt hatte, ihre liebſten Stücke. Der Wächter vom Dorf, der ſich, wie die meiſten ſeiner Landsleute, eines guten muſikaliſchen Ohres erfreute und ſtundenlang auf einem der Steinpfeiler vor dem Hofthore ſitzend, dem Spiele Roſes lauſchen konnte, meinte: das Fräulein habe noch nie ſo ſchön geſpielt, wie heute Nacht. Röschen vom Hofe. Ichtes Capitel. Des Grafen italieniſche Reiſe ſchien in dieſem Herbſt nicht mehr zur Ausführung kommen zu ſollen, wenigſtens erhielt der Diener Be⸗ fehl, die ſchon gepackten Koffer wieder auszupacken, und es war auch ſonſt nicht weiter von dem Projecte die Rede. Dagegen wurden die Pläne, welche der Graf zu einer wohnlicheren Einrichtung des Schloſſes gemacht hatte, noch ernſtlicher als zuvor in Angriff genommen; aber die Arbeiter bekamen von dem Morgen des Tages, nachdem der Graf drüben in Weißenbach geweſen war, kein böſes Wort mehr zu hören; eben ſo wenig die Haushälterin, oder die Diener, oder Bon⸗ cveur, der in ſeiner Ueberzeugung von der unberechenbaren Launen⸗ haftigkeit ſeines Herrn dadurch nur beſtärkt wurde. Es war ganz erſtaunlich, wie ſehr dem Grafen der Zuſtand ſeiner Beſitzungen plötz⸗ lich an's Herz gewachſen war; welche Menge von neuen Einrichtungen aller Art ſein Kopf im Verlaufe von einer einzigen Woche ausdachte! und was war am Ende natürlicher, als daß der Graf, welcher bei all' ſeinen ſtaatsökonomiſchen und ſtatiſtiſchen Kenntniſſen und bei all' ſeinem guten Willen für die Amelioration ſeiner Güter, denn doch, ſtreng genommen, in der praktiſchen Landwirthſchaft ein Neuling war, von Zeit zu Zeit nach Weißenbach hinüberritt, um ſeinen älteren Freund, deſſen Einſicht in dieſen Dingen ſehr gerühmt wurde, be⸗ treffenden Falls um Rath zu fragen. Da der Graf den Tag über ſo ſehr beſchäftigt war, konnte er ſelten vor Abend ſein Pferd ſatteln laſſen, und ſo geſchah es, daß manchmal, während er noch mit Herrn von Weißenbach in der Wohnſtube conferirte, nebenan in dem Eß⸗ zimmer die Theeſachen anfingen zu klappern, was dann zur Folge hatte, daß der Braune ein oder auch zwei Stunden länger in dem Stall auf ſein Herrn warten mußte. Der Graf kannte die Gelegen⸗ heiten des Hofes bereits ſo gut, daß, wenn er bei ſeiner Ankunſt Niemand zu ſeinem Empfange fand, er ſein Pferd ſelbſt neben dem einzigen Pferde des Herrn von Weißenbach— einem hohen, ſtark⸗ Röschen vom Hofe. 45 knochigen Rappen, der ſtets mit hintenübergelegten Ohren nach dem Ankömmling ſchnappte— an die Krippe band, zur großen Entrüſtung des alten Wenzel, der darin einen Eingriff in ſeine Rechte ſah. Der Graf hatte ſogar ſchon einen beſtimmten Platz an dem Theetiſch, und es beunruhigte ihn eines Abends ſehr, als Wenzel in der Zerſtreuung, in welcher ſich der alte Mann bei der großen Menge ſeiner ver⸗ ſchiedenartigen Aemter faſt beſtändig befand, ſein Couvert auf die entgegengeſetzte Seite des Tiſches gelegt hatte, von wo er Roſe's Geſicht, wenn ſie den Thee eingoß, lange nicht ſo genau ſehen konnte. Las er doch ſo gern in dieſem Geſicht! und gab es doch ſo Vieles darin zu leſen! Welch' ſonnige Welt von Schalkheit und Laune, wenn es lachte! welch' unergründliches Meer von Tiefſinn und Schwer⸗ muth, wenn es ernſt war! Und es war jetzt öfter ernſt, wenn der Graf von ſeinen langen und weiten Reiſen erzählte. Er hatte, un⸗ abhängig und unbeſchäftigt, wie er war, und im Beſitze eines ſehr großen, geſicherten Vermögens, ſeine Reiſen ganz nach ſeinem Ge⸗ fallen einrichten können. Er war auf ſeinen orientaliſchen Wan⸗ derungen in Gegenden vorgedrungen, die ſelten der Fuß eines Europäers betrat; und ſelbſt auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen durch die Länder des ſüdlichen Europas hatte er ſich oft wochenlang in tief verſteckten Thälern, einſamen Bergdörfern, die von der großen Touriſten⸗ ſtraße weit ablagen und in Folge deſſen wenig oder gar nicht gekannt waren, aufgehalten, und oft gerade an ſolchen Orten die intereſſante⸗ ſten Beobachtungen gemacht und die reichſten Erfahrungen geſammelt. Daß man nicht zehn Jahre faſt ohne Unterbrechung reiſen kann, ohne eine und die andere Gefahr zu beſtehen, war am Ende natürlich, und der Graf ſprach von dieſen Gefahren mit der ungeſchminkten Ein⸗ fachheit eines Mannes, dem Tapferkeit angeboren iſt und der in Folge deſſen ſich nur wundert, wenn er Jemand nicht tapfer ſieht. Manch⸗ mal wurde er erſt durch den Ausdruck von Roſe's Geſicht daran er⸗ innert, daß die Lage, in der er ſich ſchilderte, auch wohl einen anderen Ausgang hätte nehmen können. Das junge Mädchen pflegte in ſolchen Momenten den Kopf in die Hand zu ſtützen; ihre großen und aus⸗ drucksvollen blauen Augen hefteten ſich in ängſtlicher Starrheit auf den Erzähler, und er gab ſich Mühe, dann ſo fließend als möglich 46 Röschen vom Hofe. zu ſprechen, weil die kleinſte Stockung in der Rede oft hinreichte, Roſen aus ihrer Nachdenklichkeit aufzuſchrecken. Sie athmete dann tief auf, richtete ſich in die Höhe, warf die kurzen anmuthigen Locken mit einer ſchnellen Bewegung des ſchönen Kopfes nach hinten, und bemerkte, daß der Graf geſtern oder vorgeſtern viel beſſer erzählt habe, als heute. Roſe ſelbſt beſaß die Gabe geiſtreicher Rede in einem ungewöhnlich hohen Grade, und der Graf konnte ſich über die glücklichen Wendungen und bezeichnenden Ausdrücke, die ihr in Fülle zu Gebote ſtanden, nicht genug freuen, ſelbſt dann, wenn dieſe ſcharfen Waffen ſich gegen ihn wandten, und er die größte Mühe hatte, ſeine Behauptungen aufrecht zu erhalten. Bei dieſen Wortgefechten ſtrahlte ihr Geſicht von Muthwillen und gelegentlich von Schadenfreude, wenn der Graf zugeſtehen mußte, daß er die Sache allerdings noch nicht aus dem von dem Fräulein gewählten Geſichtspunkte betrachtet habe. Aber am ſchönſten war Roſe jedenfalls, wenn ſie ſich— was ſie aber ſehr ſelten und nur auf ganz beſonders dringendes Bitten that— nach dem Thee an den Flügel ſetzte, und ihre ſchlanken Finger über die Taſten eilten. Ihr Geſicht wurde etwas bleicher, als wohl ſonſt: ihre Augen erſchienen größer und waren von einem feuchten glänzenden Schimmer wie verklärt.„Muſe, ſchöne, ſchöne Muſe,“ murmelte der Graf, während er, um ſie nicht zu ſtören, ſo weit als möglich von ihr entfernt, am liebſten von dem Nebenzimmer aus durch die offene Thür ſie beobachtete. Die Leidenſchaft für Muſik im Allgemeinen und Clavierſpiel im Beſonderen gehörte ebenfalls zu den Neigungen, welche ſich erſt in jüngſter Zeit bei dem Grafen ein⸗ geſtellt hatten. Er hatte ſich bis dahin das Verſtändniß dieſer Kunſt vollkommen abgeſprochen, weil er nur am Geſang von Liedern, be⸗ ſonders Volksliedern, zumal den vierſtimmigen, eine reine Freude empfand, Inſtrumentalmuſik dagegen ihn leicht ermüdete, ja melan⸗ choliſch machte. Jetzt aber war ihm keine Beethoven'ſche Sonate zu lang; er hatte, was er bis jetzt ſo ſehr vermißt, die Texte zu allen Andante's, Adagio's und Scherzo's gefunden, und dieſe Terte waren ihm die wie in Andacht feſt geſchloſſenen Lippen, die ſinnige, von den leichten Locken umkränzte Stirn und die in feuchtem Schimmer ſtrah⸗ lenden Augen der Künſtlerin. Röschen vom Hofe. 47 Da Roſe in der Unterhaltung öfters ihren geliebten Park er⸗ wähnte, der Graf ein lebhaftes Verlangen äußerte, die ſchönen ein⸗ ſamen Gänge unter den alten Bäumen, die Roſe ſo ſehr rühmte, kennen zu lernen, der Park aber in dieſer Jahreszeit um die Stunde, wenn der Graf auf dem Hofe vorzuſprechen pflegte, meiſtens ſchon in Nebelgrau gehüllt war, ſo blieb nichts übrig, als daß er ſich den wichtigen Geſchäften, welche ihn in Lengsfeld feſſelten, ein und das andere Mal früher entzog, um die Wirkung des Nachmittags⸗ und Abendſonnenſcheins in den Kronen der Buchen und Eichen ſtudiren zu können. Weil nun Niemand ſo gut wie Fräulein von Weißenbach die ſchönen Stellen des Parks kannte, und der Park mit ſeinen viel⸗ fach verſchlungenen, oft halb zugewachſenen Pfaden für den Fremden ein wirkliches Labyrinth war, ſo mußte ſie ſchon die Güte haben, dem Grafen als Führerin zu dienen, um ſo mehr, als Herr von Weißenbach ſich ſeiner Gicht wegen vor Erkältungen ſehr in Acht zu nehmen hatte, und der alte Wenzel in den Nachmittagsſtunden durch ſeine vielfachen Functionen in das Haus und auf den Hof ge⸗ bannt ward. So ſtreiften denn die Beiden hin und her, und her und hin im Park, und geriethen auf dieſen Streifereien oft ſo tief in's Geſpräch, daß ſie an den ſchönſten Punkten achtlos vorübergingen, und ſelbſt die herrlichſte Beleuchtung der untergehenden Sonne ihnen kaum mehr als ein flüchtiges Intereſſe abgewann. Schönere Tage hatte der Graf noch nicht verlebt; ja, ſo ſchön waren dieſe Tage, daß ihm ſein vergangenes Leben bis zu dem Augen⸗ blick, wo er Roſen ſah, wie ein dunkles, unheimliches Räthſel erſchien. Seine Seele war ſo durchleuchtet von dem Bilde des Mädchens, wie ein Tropfen Thau von dem Sonnenlicht; ſeine Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen, ihre Stimme wieder zu hören, war grenzenlos. Wenn er von Lengsfeld herüberſprengend den Giebel des Hauſes zwiſchen ven Bäumen auftauchen ſah, ſchlug ihm das Herz vor jauchzender Luſt; und wenn er dann endlich nach ſo langen, langen Stunden ihre Hand in der ſeinen hielt und in ihre Augen ſchaute, die mit immer gleicher Güte— ja, wie er manchmal glaubte, täglich gütiger— zu ihm aufblickten, dann fühlte er ſich ſo reich, ſo ſtolz, und doch wieder 48 Röschen vom Hofe. ſo arm, ſo demüthig, daß er mit keinem Kaiſer der Welt hätte tauſchen und zugleich jedem Bettler hätte dienen mögen. Hatte der Graf ſich ſo eigentlich keinen Moment über ſeine Leidenſchaft für Roſe getäuſcht, ſo war ſich auf der anderen Seite Roſe erſt allmälig über das Gefühl, das ſie für den Grafen empfand, klar geworden. Die Anſprüche, welche Roſe an die Männerwelt ſtellte, waren nicht gering, und ſich in einen Mann zu verlieben, weil er, wie der Graf, hoch und ſchlank gewachſen war, ein ernſtes, nicht un⸗ ſchönes, von der ſüdlichen Sonne gebräuntes Geſicht, eine tiefe, freund⸗ liche Stimme hatte und ſich wie ein gebildeter Mann trug und be⸗ nahm, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Sie ſelbſt war zu gebildet und zu idealiſtiſch, als daß ſie über den Mangel dieſer Eigen⸗ ſchaften bei einem Manne hätte wegſehen können, und der Graf ge⸗ hörte nicht zu Denen, welche ihr Wiſſen und Können gefliſſentlich zur Schau tragen. Einen angenehmen Eindruck hatte er wohl von vorn herein auf ſie gemacht; ſie hatte lebhaft gewünſcht, ihn wieder zu ſehen und doch auch nicht ohne einige Sorge: er werde das nicht halten, was er durch ſeine ſtattliche Erſcheinung verſprach, und ſie ſo um eine unſchuldige Täuſchung bringen. Nun aber fand ſie, daß das flüchtige, gefällige Bild, welches ſie ſich anfänglich von ihm gemacht, ſich mit jedem Tage vertiefte, mit jedem Tage bedeutender und ihr in demſelben Maße theurer und theurer wurde. Sie hatte ſich an⸗ fänglich gefreut, wenn er kam; bald fing ſie an, ſich darauf zu freuen, daß er kommen werde, und jetzt konnte ſie bereits recht ungeduldig werden, wenn er über die Stunde, in welcher ſie ihn erwartet hatte, ausblieb. Sie unterhielt ſich ſo gern mit ihm. Manchmal freilich ſtellte er recht wunderliche Behauptungen auf über Völkerrechte, Men⸗ ſchenwohl und Menſchenwürde und ähnliche Dinge, aber in ſeinen Ge⸗ danken und in den Empfindungen war nichts Kleinliches und Ge⸗ machtes; es war Roſen immer, als ob ſie, wenn ſie mit ihm ſprach, das Haupt höher erheben müßte und erheben könnte. Und dabei blickten ſeine Augen ſo viel ſcheue und doch ſo herzliche Bewunderung. Sie that Roſe ſo wohl dieſe Bewunderung, obgleich ſie ſich oft ſagte, daß ſie dieſelbe doch eigentlich nicht verdiene, aber freilich gern, ſehr gern verdienen möchte. Ihre Talente ſchienen ihr erſt jetzt einen Werth Röschen vom Hofe. 49 zu haben; ihre Kenntniſſe der neueren Sprachen, ihre ausgebreitete, wenn auch hie und da lückenhafte Beleſenheit, ihr Clavierſpiel, ihre Fertigkeit im Skizziren von Landſchaften;— was ſie ſich in vielen Jahren mit emſigem Fleiß angeeignet— es war ihr, als ob ſie Alles auf einmal durch himmliſche Gnade zum Geſchenk erhielte. Ungefähr ebenſo dachte ſie jetzt über ihre körperlichen Vorzüge. Es freute ſie, daß der Graf trotz ſeiner ſtattlichen Größe nicht eben gar tief auf ſie herabzuſehen brauchte, und wenn ſie ſich früher im Tanz auf den Hofbällen, beim Reiten und Gehen der Kraft und Geſchmeidigkeit ihrer Glieder wohl bewußt geworden war, kam es ihr jetzt manchmal vor, als wären ihr Flügel gewachſen und als berührte ſie kaum den Boden mit den Füßen. Ja, die junge Dame ertappte ſich auf Regungen, die ſie ſich lächelnd als Eitelkeiten eingeſtand. Sie legte ſich ernſt⸗ haft die Frage vor, ob ſie ein Kleid, in welchem ſie der Graf nun vier Tage hintereinander geſehen, am fünften nicht mit einem anderen vertauſchen ſollte, und zog es doch wieder an, weil ſie wußte, daß es ihr gut ſtand. Sie verwandte entſchieden mehr Sorgfalt auf ihr Haar, als ſie vorher gethan, und bedauerte es zum erſten Male, daß einer ihrer Zähne nicht mehr den Glanz der übrigen hatte. Sie be⸗ merkte plötzlich, daß das Band ihres Strohhuts den Einwirkungen der Sommerſonne nicht entgangen war, und es koſtete ſie einige Ueber⸗ windung, ein gewiſſes Paar Lederſtiefelchen, die ſie ſich eigens für ihre Parkpromenaden hatte machen laſſen, und bei denen der Dorf⸗ ſchuſter, der ſie fertigte, weniger auf Eleganz als auf Dauerhaftigkeit Rückſicht genommen, im Gebrauch zu behalten. Es gereichte ihr zu einiger Beruhigung, daß der Graf ſelbſt eine entſchiedene Neigung für derbe Stiefel mit ſehr dicken Sohlen an den Tag legte, und überhaupt nur einen verhältnißmäßig geringen Theil ſeiner Einkünfte auf ſeine Toilette zu verwenden ſchien, die paſſend und wohlkleidend, aber von der äußerſten Einfachheit war. Roſen fiel das um ſo mehr auf, als ſie ſich ſehr wohl bewußt war, daß ſie ſelbſt, wenn ihr die Mittel zu Gebote geſtanden hätten, vielleicht einen Lurus mit ſchönen und prächtigen Kleidern getrieben haben würde; wenigſtens behauptete ſie, daß in dem Rauſchen einer ſchweren Atlasrobe eine Poeſie und. Fr. Spielhagen's Werke. VI. 4 Röschen vom Hofe. eine Muſik liege, die freilich, wie alle Poeſie und alle Muſik, nicht für Jedermann verſtändlich und vernehmbar ſein möge. Noch manche ähnliche naive Bekenntniſſe, die ſie bis dahin Nie⸗ mand, außer ſich ſelbſt, gemacht, legte Roſe in den Geſprächen mit dem Grafen ab. Wie ein warmer Frühlingstag die Welt, die nur darauf geharrt hat, mit Knospen und Blüthen üherſchüttet, ſo brachte die Gegenwart des Grafen Alles zur Reife, was, Roſen ſelbſt un⸗ bewußt, in dem bunten Treiben des Hofes, in der keuſchen Einſam⸗ keit der darauf folgenden ſtillen Jahre langſam, folgerichtig und dabei in reichſter Fülle in ihrer großen und edlen Seele ſich entwickelt hatte. Ihr war dabei zu Muth, als ob die Himmel ſich öffneten und Engel⸗ chöre Freude und Friede auf Erden herabſängen. Sie hatte das Leben und die Menſchen noch nie ſo geliebt, als jetzt, beſonders ihren guten alten Vater, den ſie mit Zärtlichkeiten und Aufmerkſamkeiten überſchüttete. Hatte der Vater doch die Liebe ſeines Kindes jetzt doppelt nöthig. Der Proceß, welcher ſich aus dem Bankerott der Creditbank entwickelt hatte, war in ein neues Stadium getreten. Man war bis zur Verhaftung des Hauptdirectors geſchritten und hatte jede Caution zurückgewieſen. Es war nicht unmöglich, daß Herr von Weißenbach zum Zeugen würde aufgerufen werden. Dieſer Gedanke ſchien ihm ſehr peinlich zu ſein, obgleich er mit Niemand darüber ſprach, es hätte denn mit dem Paſtor ſein müſſen, der in jüngſter Zeit freilich ſeltener kam, immer aber noch zu oft für Roſe, die ihn nicht leiden konnte und die ſichtbare Vorliebe, welche der Vater für ihn an den Tag legte, unbegreiflich fand. Dies waren denn aber auch die einzigen Wolken in Roſe's Gemüth, in dem es ſonſt ſo licht und ſonnig war, wie an einem Maienmorgen, wenn die Lerchen ſingen und die Schmetterlinge ſich über blühenden Wieſen und knospenden Wäldern in den blauen Lüften wiegen. 8 Röschen vom Hofe. 5¹ Meuntes Capitel. Der Graf hatte in dem Eifer, mit welchem er den Plan, das Schloß ſeiner Väter in einen behaglichen Zuſtand zu verſetzen, er⸗ griffen hatte, nicht nur nicht nachgelaſſen, ſondern das Werk in immer größerem Maßſtabe betrieben und mit ſolcher Energie gefördert, daß nach Verlauf von ſechs Wochen der Architekt, den er aus der Stadt hatte kommen laſſen, ſeine Arbeit als vollendet anſehen konnte. Der Graf überſchüttete den beſcheidenen jungen Mann mit Beweiſen ſeiner Zufriedenheit und Dankbarkeit. Der Architekt wußte nicht, daß der Graf ihm nicht ſowohl ſeine Leiſtungen bezahlte, als vielmehr die Freude, die er in der ſüßen Erwartung empfand, am nächſten Tage dem geliebten Mädchen dies Alles zeigen zu können. Schon ſeit einer Woche nämlich war es beſtimmt, daß am Sonntag Nachmittag die Freunde von Weißenbach nach Lengsfeld zum Beſuch kommen ſollten. Roſe hatte erklärt, daß ſie große Toilette machen und ſehr indignirt ſein würde, wenn nicht Alles, aber auch Alles ohne Ausnahme auf Lengsfeld ebenfalls große Toilette gemacht hätte. In Folge dieſer Drohung war der Graf an dem Morgen des längſt erſehnten Tages zu einer ungewöhnlich frühen Stunde auf und begann von ſeinem Schlafzimmer aus die Runde durch das Haus. Der junge Architekt, dem immer und immer wieder eingeſchärft war, nur ja keine Koſten zu ſcheuen, hatte bewieſen, daß er den Wünſchen ſeines Bauherrn nachzukommen wiſſe und bei der Decoration des neuen Luſtſchloſſes des Herzogs, welche er ſo eben unter Aufſicht des Ober⸗Landesbauraths vollendet hatte, eine gute Schule durchgemacht habe. Wo die Läden der Reſidenz des kleinen Landes nicht ausreichten, hatte er an die Magazine der Hauptſtadt des großen Nachbarſtaates, mit denen er in Verbindung ſtand, telegraphirt, die ſich ihrerſeits beeilt hatten, ſo glänzende Beſtellungen ſchleunigſt auszuführen. Was den Reichthum der Einrichtungen betraf, ſo war— wie dem Grafen jetzt auffiel— nach dieſer Seite wohl faſt zu viel geſchehen; er glaubte, während 52 Röschen vom Hofe. ſein Auge über gewiſſe Tapeten von gepreßtem Leder, gewiſſe Vor⸗ hänge von ſchwerem Damaſt, gewiſſe Fußteppiche von Plüſch glitt, ein ironiſches Lachen von gewiſſen rothen Mädchenlippen ertönen zu hören. Auch ſchien ihm jetzt in dieſer letzten Stunde die Richtigkeit des Geſchmacks mancher Arrangements, die er ſelbſt angegeben hatte, auf einmal ſehr zweifelhaft, ja er entdeckte Einiges, das geradezu geſchmacklos war, und wovon er nicht begreifen konnte, wie er nur dergleichen habe zugeben, oder gar ſelbſt anordnen können. Dagegen hatte auch wieder Vieles ſeine volle Zufriedenheit; beſonders ein Eck⸗ zimmer in der Beletage, deſſen Fenſter auf den Park von Weißenbach ſahen, und das mit ſeinen reizenden Möbeln(unter denen ein ſehr prächtiger Flügel), ſeinen Büſten, Bildern, Teppichen und Vorhängen für einen Mann(beſonders wenn er rauchte) ſchlechterdings unbe⸗ wohnbar genannt werden mußte; ſodann das Speiſezimmer im Erd⸗ geſchoß, aus deſſen Glasflügelthüren man in den Garten trat, und das der Architekt, auf den ſpeciellen Wunſch des Grafen, ganz im Roccocco decorirt und möblirt hatte. Der Graf ſelbſt liebte dies Genre nicht eben ſehr; aber er wußte, daß Herr von Weißenbach in dem⸗ ſelben die Höhe des Geſchmacks erblickte, und ſich für ein Stück Haus⸗ rath, das den Geiſt dieſer Zeit ſo recht ausgeprägt trug, ordentlich begeiſtern konnte. So hatte er denn auch eine große Uhr in den wunderlichſt geſchnörkelten Formen, die er bisher kaum beachtet hatte, und die der junge Architekt(der ein Kenner in dieſen Dingen war) fün ein unſchätzbares Meiſterwerk erklärte, in dieſes Zimmer bringen laſſen, wo ſie ſich denn allerdings auf dem Sims des reich vergoldeten Ka⸗ mins mit ihren pomphaften Ornamenten ſehr ſtattlich ausnahm. Aus dem Hauſe ging es auf die Terraſſe, die das Schloß auf zwei Seiten umgab, und jetzt mit der renovirten Gallerie und mit wirklichen Pflanzen anſtatt der Blech⸗Ungeheuer in den Steinvaſen ein ganz anderes Anſehen hatte, als vorher; von der Terraſſe in den Garten, wo eben noch die letzten Gänge zwiſchen den friſch ver⸗ ſchnittenen Tarus⸗ und Buchenhecken geſäubert wurden. Der Garten mit ſeinen ſchnurgeraden Wegen, viereckigen Schwanenweihern(auf denen vorläufig Enten ſchwammen, da zwarzig Meilen in der Runde keine Schwäne aufzutreiben geweſen waren), chineſiſchen Kiosken und S W —2 8 N — — Röschen vom Hofe. 53 anderen Geſchmackloſigkeiten des vorigen Jahrhunderts war dem Grafen ein Gräuel, weil alle dieſe Anlagen das genaueſte Gegentheil des regelloſen, verwilderten Parks von Weißenbach waren, deſſen roman⸗ tiſches Dunkel Roſe ſo ſehr liebte. Er hätte dies Ungeheuer von Garten mit Stumpf und Stiel ausrotten mögen, wenn ſich Buchen und Eichen ſo leicht wie Schränke und Trumeaux aufſtellen und Blumenbeete ſo bequem hinbreiten ließen wie geblümte Teppiche. Der Graf ſeufzte und nahm ſich vor, ſeine Geſellſchaft möglichſt lange im Hauſe feſtzuhalten und erſt bei Sonnenuntergang, wo der feiſte Garten ein gewiſſes melancholiſch⸗freundliches Anſehen bekam, die Flügelthüren nach der Terraſſe zu öffnen. Nach Tiſch, bei welchem der Graf(wie die alte Haushälterin kopfſchüttelnd bemerkte) kaum einen Biſſen angerührt hatte, beſuchte er noch die Gewächshäuſer und ſeinen Pferdeſtall, mit dem er vor den Augen des Herrn von Weißenbach Gnade zu finden hoffte. Er klopfte ſein Lieblingspferd— eine braune Berberſtute, die ihm ſein Gaſtfreund, der Baſch⸗Aga⸗El⸗Mokrani in Algerien, geſchenkt hatte— zärtlich auf den gebogenen Hals, und das edle Thier rieb den feinen Kopf an ſeiner Schulter und blickte ihn mit den großen Gazellen⸗ augen fragend an, ob es heute keinen Galopp über die Stoppelfelder weg nach Weißenbach gebe.„Es kommt heute noch beſſer, Zuleika,“ ſagte der Graf,„viel beſſer,“ und das Pferd nickte mit dem Kopf und klirrte mit den Halfterketten, als ſei ihm nun klar geworden, um was es ſich handelte. Der Graf hatte mehrmals auf der Zunge gehabt, zu fragen, ob er nicht ſeine Gäſte von Weißenbach mit ſeinem Wagen abholen dürfe, denn er hatte wirklich einige Sorge, daß die alte Familien⸗ kutſche unter dem offenen Schuppen nicht mehr ganz ſicher in den Federn und Achſen ſein möchte; auch war ihm der böſe Wille des ſtarkknochigen Rappen, die alte Kutſche bei der erſten Gelegenheit in den Graben an der Seite des Weges zu werfen, kaum zweifelhaft. Trotzdem hatte er nicht gewagt, ſeine Bitte auszuſprechen. Herr von Weißenbach prahlte weder mit ſeiner Armuth, noch ſuchte er ſie zu verbergen, aber man fühlte doch, daß dies eine wunde Stelle in ſeinem Gemüthe war, deren leiſeſte Berührung er für eine ſchwere Beleidigung 54 Röschen vom Hofe. angeſehen haben würde. So war denn der Graf klug geweſen und ſtumm geblieben, obgleich er jetzt, als die Stunde, in welcher er ſeine Gäſte erwarten durfte, vorüberging, ohne daß ſie kamen, ſeine pedan⸗ tiſche Zaghaftigkeit verwünſchte. Endlich, als ſeine Ungeduld den höchſten Grad erreicht hatte, raſſelte die alte Familienkutſche auf den Hof. Der Graf eilte mit klopfendem Herzen die Treppe des Perrons hinab ſeinen Gäſten ent⸗ gegen, und ſein erſter Blick fiel auf den Paſtor, der eben aus dem Wagen geſprungen und dabei in's Stolpern gerathen war. Bei dem unerwarteten und unerwünſchten Anblick des geiſtlichen Herrn war es dem Grafen, als ob plötzlich ein grauer Schleier über die ganze Welt ſinke. Er mußte ſich ſehr zuſammennehmen, um Roſen, deren hohe Geſtalt jetzt zuſammengedrückt in der Wagenthür erſchien, und Herrn von Weißenbach, der zuletzt kam, nicht die grauſame Enttäuſchung, die er empfand, merken zu laſſen. Herr von Weißenbach hatte Wichtiges mit dem Herrn Paſtor zu beſprechen, war bei ihm vorgefahren und hatte ihn vermocht, mit auf das Schloß zu kommen, wo er des freund⸗ lichſten Empfanges von Seiten des Grafen verſichert ſein könne. Der Paſtor wagte zu hoffen, daß eine ſo mächtige Fürſprache auch einem noch Unwürdigeren die Thore des gaſtlichen Hauſes öffnen würde; der Graf verbeugte ſich und ſagte mit einem Lächeln, das vielleicht etwas gezwungen war, es bedürfe einer Entſchuldigung ganz und gar nicht. Er ſuchte Roſe's Augen, um aus ihnen in dem Unglück, das ihn be⸗ troffen, Troſt zu ſchöpfen, aber Roſe's Blicke ſchienen die ſeinen zu vermeiden. Das verſtimmte den Grafen nur noch mehr. Roſe hatte ihre Ankündigung, zu dieſem Tage eine glänzende Toilette zu machen, nicht ausgeführt. Sie trug daſſelbe ſchlichte Kleid von hellem Sommerzeug mit einem zarten roſa Muſter, in welchem ſie der Graf an jenem Morgen unter den Ahornbäumen zum erſten Male geſehen hatte; nicht den mindeſten Schmuck, kein Band, keine Schleife; ſelbſt der breitkrämpige Strohhut erfreute ſich noch immer keiner anderen Garnitur. Der Graf wußte nicht, ob er dieſe offen⸗ bar abſichtliche Einfachheit günſtig oder ungünſtig für ſich auslegen ſollte; er war zu verwirrt und zu verſtimmt, um über irgend Etwas in dieſem Augenblicke mit ſich in's Reine zu kommen. Er wußte nur, Röschen vom Hofe. 55 daß er ſich in ſeinem Leben noch auf Nichts ſo gefreut, als auf den Augenblick, wo er Roſen durch ſein Haus, das er für ſie und nur für ſie geſchmückt, werde führen können, daß dieſer Augenblick ge⸗ kommen ſei, und ſo oder ſo, allen Werth, allen Zauber, alle Poeſie für ihn verloren hatte. Zehntes Capitel. Sie waren die breite, mit Gewächſen reich geſchmückte Stein⸗ treppe, welche aus dem Erdgeſchoß in den zweiten Stock führte, unter vielen Ausrufen entzückter Bewunderung von Seiten des Paſtors hinaufgeſtiegen; ſie hatten den oberen Flur, der, ebenfalls mit Ge⸗ wächſen und außerdem mit einigen guten Gypſen geſchmackvoll decorirt, ſich wirklich ſehr ſchön und ſtattlich ausnahm, durchſchritten; der Diener hatte die Thür, aus der man aus dem Vorfaal in die lange Flucht der Zimmer trat, geöffnet; war dann vorangegangen, Herr von Weißenbach und der Paſtor waren ihm bereits gefolgt, der Graf wollte Roſen mit einer Verbeugung an ſich vorüberlaſſen, als dieſe plötzlich ihre Hand leicht auf ſeinen Arm legte. Der Graf ſchaute ſie betroffen an. Ihre großen blauen Augen, die mit einem eigen⸗ thümlich ſanften und traurigen Ausdruck auf ihn gerichtet waren, glänzten von einem feuchten Schimmer; aber um ihre Lippen ſpielte ein Lächeln. „Sie haben ſich recht auf dieſen Tag gefreut?“ ſagte ſie leiſe. Der Graf konnte nichts erwidern, nicht einmal mit dem Kopfe nicken; nur um ſeinen Mund zuckte es. „Ich kann nichts dafür,“ fuhr ſie in demſelben leiſen Tone, nur noch haſtiger, fort,„laſſen Sie es mich nicht entgelten!“ Sie hielt ihm ihre Hand hin, die er an ſeine Lippen zog. Dann richtete er ſein Haupt wieder empor. Seine Augen leuchteten; der plötzliche Uebergang von Schmerz in Luſt hatte etwas Berauſchendes. 56 Röschen vom Hofe. Nun war Alles wieder gut und mehr als gut! Nun waren die Welt und das Leben wieder hell, heller als je! Roſe lächelte. Sie hatte nicht gewußt, daß ihre Macht über dieſen Mann, der ihr ſo ſtark, ſo ſicher, ſo ſelbſtbewußt erſchien, ſo groß ſei; das deutliche Bewußtſein dieſer ihrer Macht erfüllte ihr Herz mit unendlichem Stolz. Mit Stolz und Demuth; oder war dieſe Demuth doch auch wieder nichts als verſteckter Stolz? War es nicht Stolz geweſen, das dunkle Gefühl, welches ſie heute die einfachſte Kleidung, die ſie finden konnte, hatte anlegen laſſen? Oder hatte ſich noch etwas Anderes, was ſie ſich ſelbſt nicht deutlich machte, hineingemiſcht? Hatte ſie weiter in die Zukunft geblickt und ausdrücken wollen: wer mich liebt, muß mich ſo lieben, oder ich will nicht geliebt ſein? In Roſe's Seele wogten dieſe Zweifel, während ſie ſtill, bald an der Seite des Grafen, bald an der ihres Vaters, durch die Flucht der ſchönen Gemächer ſchritt. Dem Grafen hatte das Glück die Faſſung wiedergegeben, die ihm vorhin die unangenehme Ueberraſchung geraubt hatte; er vermochte die Fragen des alten Herrn geläufig zu beantworten, und wußte ſelbſt den plumpen Schmeicheleien des Paſtors höflich auszuweichen; aber ſeine Blicke hingen beſtändig an Roſe, deren Geſicht jetzt von einer ſanften Freundlichkeit belebt war, ob⸗ gleich ihre Lippen ſich ſehr ſelten zu einer Bemerkung öffneten, und auch das nur, wenn ſie von dem Vater oder dem Paſtor direct um ihre Meinung angegangen wurde. Sie konnte nicht plaudern und kritiſiren und ſcherzen wie ſonſt. Bei jedem Schritte, den ſie that, fühlte ſie inniger, daß all dieſe verſchwenderiſch ausgeſtreute Pracht nur eine Huldigung für ſie war. Keine unbedeutendſte Aeußerung, die ſie jemals in den Geſprächen auf Weißenbach über ihren Geſchmack und ihre Neigungen in aller Unbefangenheit und Harmloſigkeit ge⸗ macht hatte, war verloren gegangen. Da waren die hohen Trümeaux, von denen ſie ſcherzend behauptet, daß ſie die einzige Art Spiegel ſeien, in denen man ſeines Bildes froh werden könne; da waren die Möbel von Roſenholz mit Bezügen von mattblauer Seide, mit denen ihr Zimmer im herzoglichen Schloſſe ausgeſtattet geweſen war; da waren faſt in jedem Zimmer Schaukelſtühle, in denen ſie ſich ſo gern Röschen vom Hofe. 57 wiegte; da war ein Flügel, den ſie nicht zu berühren wagte, weil ſie auf den erſten Blick geſehen hatte, daß er aus einer gewiſſen Fabrik war, die ſie kürzlich als die beſte gerühmt; da war ein Saal, deſſen Ausſtattung ſie ſelbſt bis in die kleinſten Details angeordnet zu haben ſchien, ſo genau glich er dem Bilde, das ſie einmal, als vom Tanz die Rede war, von einem Ballſaale, wie ſie ihn ſich einrichten würde, gemacht hatte. Alles, was ſie ſah, hatte für ſie eine ſtumme und doch ſo beredte Sprache; es war wie in dem Märchen, wo die Blätter auf den Bäumen Zungen werden, und dem Lauſcher zuflüſtern, was, wenn er es recht verſtände, die Löſung des Räthſels ſeines Lebens ſein würde. Manchmal ſchrak ſie ordentlich zuſammen: es war ihr, als müßten auch die Anderen hören, was ſo deutlich in ihrem Herzen wiederklang; aber der Vater und der Paſtor ſchienen glücklicherweiſe nur für die praktiſche Seite der neuen Einrichtung Sinn zu haben. Mit der Beſichtigung des Erdgeſchoſſes, in das man wieder hinab⸗ geſtiegen war, wurde man ſchneller fertig. Die eine Hälfte deſſelben war vorläufig für die Gutsinſpectoren, die Haushälterin, die Diener⸗ ſchaft und einige Wirthſchaftzwecke reſervirt geblieben; in der anderen hatte der Graf ſich eingerichtet. Man blickte in dieſe Zimmer, deren einfache Ausſtattung mit der Pracht der eben durchwanderten Räume in auffallendem Gegenſatz ſtand, nur eben hinein, um in den Speiſe⸗ ſaal zu treten, wo der Graf eine kleine Tafel mit Backwerk, Früchten und Wein hatte ſerviren laſſen. Wenn Herr von Weißenbach bisher Manches zu tadeln gehabt hatte, ſo fand dagegen dieſes Gemach ſeinen ungetheilten Beifall. Er fühlte, wie er ſagte, hier erſt wieder Boden unter ſeinen Füßen; über den Geſchmack ſei gar nicht zu ſtreiten, aber er für ſein Theil würde das ganze Schloß ſo ausgeſtattet haben. Hier umwehe ihn die gute alte Zeit, wenn das Ganze auch nur eine recht geſchickte Imitation ſei. „Ader hier iſt ein wirkliches Stück Roeccoeco,“ rief er, als ſein Auge plötzlich auf die Uhr über dem Kamin fiel,„dies iſt echt, oder Alles müßte mich trügen; nicht wahr, Graf Lengsfeld?“ Der Graf beeilte ſich zu verſichern, daß Herr von Weißenbach ſeine eKnnerſchaft bewährt habe, und die Uhr ein Erbſtück aus dem 58 Röschen vom Hofe. Nachlaß einer Verwandten ſei, die einſt am Hofe Auguſt des Star⸗ ken lebte. „Merkwürdig, daß ich dieſes Kunſtwerk nie bei Ihrem Vater be⸗ merkte,“ rief Herr von Weißenbach,„es muß in irgend einem Winkel geſtanden haben, oder es würde mir nicht entgangen ſein. Ich habe nie etwas geſehen, das ſo vollkommen im Charakter jener Zeit geweſen wäre. Dies iſt ein Stück Geſchichte, Graf Lengsfeld.“ Der Graf vermochte nicht, ſich darüber zu freuen, daß ſeine Ab⸗ ſicht, dem alten Herrn mit der Ausſtattung dieſes Zimmers ein Compliment zu machen, ſo gut gelungen war. Seiner geraden Seele war das Bewußtſein peinlich, zu ſo kleinlichen Mitteln der Schmeichelei ſeine Zuflucht genommen zu haben. Er konnte ſich kaum enthalten, auf die letzte Bemerkung des alten Herrn zu erwidern, daß das Stück Geſchichte, welches die Uhr repräſentiren ſolle, zum mindeſten ein ſehr nichtsnutziges und trauriges ſei. Herr von Weißenbach konnte ſich kaum von dem Anblick der Uhr trennen, die übrigens auch Roſe's Bewunderung erregt hatte. Dieſer neue Beweis von des Grafen vorſorglicher Güte rührte und entzückte ſie faſt noch mehr, als alles Andere. Und nun fand ſie auch den Muth, dem Grafen voll in die Augen zu blicken und ihm lächelnd ihren Dank zuzunicken. Der Graf fühlte, daß ihm das Blut in die Wangen ſchoß; er lud, um ſeine Verwirrung zu verbergen, dringender als zuvor ein, an dem Tiſche Platz zu nehmen. Man hatte ſich kaum geſetzt, und der Graf, welcher den Diener weggeſchickt hatte, um ungeſtörter mit ſeinen Gäſten plaudern zu können, die zarten Kelchgläſer mit Champagner gefüllt, als der Paſtor ſich erhob und einen Toaſt ausbrachte auf„die, welche dereinſt in dieſen Räumen als vielgeliebte, angebetete Herrin und Hausfrau ſchalten und walten würde.“ Der Graf hatte das dunkle Gefühl gehabt, daß der plumpe Ge⸗ ſell etwas der Art vorbringen werde. Er verlor deßhalb keinen Augen⸗ blick ſeine Faſſung, ſondern dankte mit wenigen Worten, indem er zugleich äußerte, daß es vielleicht gerathener ſei, dem Kommenden in keiner Weiſe vorzugreifen. Der Paſtor verſtand dieſe Andeutung nicht, oder wollte ſie nicht verſtehen. Er hielt es für die Pflicht des Röschen vom Hofe. 59 Pfarrers von Lengsfeld, darauf hinzuweiſen, daß ſeiner Heerde noch immer die Pflegerin, die Beſchützerin fehle. Was ein Licht ohne Wärme, ſei ein Mann ohne Frau; er wolle nicht von ſich ſprechen, denn die Nullen zählten nicht; aber es ſei ein ſchönes Wort, das Wort: noblesse oblige! Er hoffe, daß ſein hoher Gönner demnächſt ausziehen werde, um unter den reichen Töchtern des Landes zu wählen und die reichſte und vornehmſte als ſein ehelich Gemahl in das Schloß ſeiner Väter zu führen. Der Graf, der dieſem Gerede ein⸗ für allemal ein Ende machen wollte, bemerkte trocken: er ſei einigermaßen verwundert, zu hören, daß ein Diener der Religion der Liebe und Armuth auf Reichthum, vornehme Geburt und Aehnliches der Art, was man im Allgemeinen als ſehr irdiſche Güter und weltliche Vorzüge anſehe, einen ſo hohen Werth lege. Der Pfarrer blickte etwas verwundert drein, aber Herr von Weißenbach erwiderte ſtatt ſeiner: „Nun, Graf Lengsfeld, ich glaube den Herrn Pfarrer richtig ver⸗ ſtanden zu haben, wenn ich meine: er hält auseinander, was aus⸗ einander zu halten iſt. Er verlangt eine Frau aus reichem und vor⸗ nehmem Hauſe nicht für ſich, denn dazu kennt er ſeine Stellung zu gut, ſondern für Sie, und bei Gott, ich wüßte ebenfalls nicht, wie in aller Welt Sie eine andere Wahl treffen könnten. Adel und Reich⸗ thum gehören zuſammen wie Hand und Handſchuh. Der Handſchuh ohne Hand iſt ein werthloſes Ding; aber die Hand ohne Handſchuh kann jeder ſchwächſte Dorn ritzen.“ „Wenn dem ſo wäre,“ erwiderte der Graf mit Lebhaftigkeit,„dann können wir uns wahrlich nichts Beſſeres wünſchen, als die ſchwielige Hand des Arbeiters, der den Dorn mit der Wurzel ausreißt. Die behandſchuhten Hände ſind es wahrlich nicht, die am kräftigſten in die Speichen des Fortſchrittsrades faſſen.“ Herr von Weißenbach biß ſich auf die Unterlippe und erwiderte mit kaum verhehltem Unwillen: „Ich bin ein alter Mann, lieber Graf, und ich ſchäme mich nicht hinzuzufügen: aus einem alten adligen Geſchlecht, das ſich von jeher durch die Vorliebe, mit welcher es auf ſeinem angeſtammten Erbe 60 Röschen vom Hofe. ſeßhaft war, auszeichnete. Sie müſſen mir deßhalb nicht verübeln, wenn mir ein Bild aus dem modernen Induſtrieleben weniger ge⸗ läufig iſt.“ Der Graf wollte etwas entgegnen, was vermuthlich de Streit nicht beigelegt hätte; aber ein Blick in Roſe's Augen, die mit einem ängſtlich⸗bittenden Ausdruck auf ihn gerichtet waren, genügte, ſeinen Eifer zu brechen. Er verbeugte ſich gegen Herrn von Weißenbach und ſagte lächelnd:„er ſei ſchon als Knabe in der Schule wegen der ſchlechten Wahl ſeiner Bilder berüchtigt geweſen, und er ſehe, daß die poetiſche Ader ſeit der Zeit nicht ſtärker geworden ſei Roſe nahm ſogleich den ſcherzhaften Ton, welchen der Graf an⸗ geſchlagen hatte, auf; ſie behauptete, daß der Graf ſo oft auf ſeinen Mangel an poetiſchem Talent zurückkomme, weil er ſeinen national⸗ ötonomiſchen Ruf gefährdet glaube, wenn die Welt erführe: er habe auch einmal Verſe gemacht; vielleicht auch nur, um ſich widerſprechen zu hören; daß ſie ihrerſeits aber ihm dieſen letzteren Gefallen nicht thun werde, da ſie keine Verpflichtung fühle, die ſo ſchon unerträgliche Eitelkeit der Männer in irgend einem Falle zu vergrößern. Roſe war ſehr unterhaltend, wenn ſie ſich einmal veranlaßt fand, die Geiſtreiche zu ſpielen. Sie konnte dann ſo übermüthig necken und ſchmeicheln, lächeln und ſchmollen, daß es ſchon eine recht böſe Laune hätte ſein müſſen, die vor dieſer ſonnigen Liebenswürdigkeit nicht zer⸗ flattert wäre. So dauerte es denn auch diesmal gar nicht lange, bis die Stimmung in der Geſellſchaft eine ungewöhnlich heitere wurde. Auf der Stirn des alten Herrn freilich lagerte noch immer eine Wolke, aber er gab ſich ſichtlich Mühe, auf jeden Scherz einzugehen. Unter den Früchten auf dem Tiſche befanden ſich auch Krachmandeln und Trauben⸗Roſinen, für die Roſe eine kleine Schwäche zu haben wieder⸗ holt erklärt hatte. Sie rühmte ſich, auch jetzt wieder, daß ſie noch nie eines der zahlloſen Vielliebchen, die ſie ſchon gegeſſen, verloren habe, daß ſie denjenigen kennen zu lernen wünſche, der in dieſem Spiel ihr Meiſter ſei, und was ſie denn noch ſonſt in dem Ueber⸗ muth, der ſich ihrer bemächtigt hatte, vorbrachte. Dabei ſuchte ſie eifrig unter den Mandeln, und es dauerte nicht lange, ſo hatte ſie gefunden, was ſie ſuchte: Röschen vom Sofe. 61 „Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp!“ rief ſie, eine Frucht⸗ ſchale, auf welche ſie die Zwillingskerne gelegt hatte, in die Höhe haltend. „Ich!“ rief der Graf, eifrig die Hand nach dem Teller aus⸗ ſtreckend. „Halt,“ ſagte Roſe;„erſt die Bedingungen, Regeln und Geſetze, unter denen dieſes Turnei des Witzes ſtattfinden ſoll. Nur die ſchwerſte Probe iſt unſrer würdig.“ „Dann möchte ich mir erlauben,“ ſagte hier der Paſtor,„den gnädigen Herrſchaften eine Art dieſes Spiels vorzuſchlagen, die ich erſt kürzlich in einer Hochzeits⸗Geſellſchaft auf einem benachbarten Gute kennen gelernt habe und die wirklich recht witzig und liebens⸗ würdig iſt. Diejenigen nämlich, welche ſich ſonſt Du nennen, nennen ſich von dem Augenblick an, in welchem das Spiel beginnt, Sie, und umgekehrt. Wer ſich zuerſt verſpricht, hat natürlich verloren.“ „Wie finden Sie das?“ fragte Roſe lachend. „Jedenfalls ziemlich ſchwer,“ erwiderte der Graf. „Sie werden an mir das Gegentheil erfahren.“ „Ich wäre ſehr begierig darauf.“ „Sie werden verlieren.“ „Das halte ich für ſehr wahrſcheinlich.“ „Ich dächte, Ihr ließet die Sache, die mir, offen geſtanden, einen etwas wunderlichen Anſtrich zu haben ſcheint,“ ſagte Herr von Weißen⸗ bach, deſſen Stirn ſich während dieſer Unterhaltung wieder merklich verfinſtert hatte. „Nein, nein,“ rief Roſe eifrig,„er muß, er muß! gerade weil er ſich offenbar und ganz unzweifelhaft fürchtet, muß er. Wie, Herr Graf? ein Weib, ein ſchwaches Weib übertrifft Sie an Muth! So mag denn der Prieſter den Ritter beſchämen!“ „Geben Sie!“ ſagte der Graf, die Kryſtallſchale, die eine Be⸗ wegung nach dem Paſtor zu machte, aufhaltend. „Jetzt alſo, Krieg!“ rief Roſe lachend. „Und jetzt wollen wir aufſtehen, wenn es Ihnen recht iſt,“ ſagte Herr von Weißenbach, ſeinen Stuhl mit einer Haſt zurückſchiebend, die Roſen und dem Grafen entging, nicht aber dem Paſtor, welcher, 62 Röschen vom Hoſe. hinter ſeinen glitzernden Brillengläſern hervor, mit einem Paar in ihrer Art ſehr ſcharfſichtiger, wachſamer Augen Alles, was während der Mahlzeit vorgefallen war, beobachtet hatte. Der Graf bat, noch eine Flaſche öffnen zu dürfen; Herr von Weißenbach aber ſagte, daß es die höchſte Zeit ſei, die Tafel auf⸗ zuheben, wenn ſie den Garten, die Gewächshäuſer und das Uebrige noch beſehen und vor dem Dunkelwerden wieder zu Hauſe ſein wollten. Dann verließ er, den Arm des Paſtors nehmend, den Saal durch die Thür, welche auf die Terraſſe führte, von der man unmittelbar in den Garten gelangte. Roſe und der Graf folgten; aber ſie ſchienen es eben nicht ſehr eilig zu haben; überdies wußte der Paſtor in dem Garten und den Gewächshäuſern ſehr gut Beſcheid; der Graf konnte Herrn von Weißen⸗ bach getroſt der Führung deſſelben überlaſſen. Elftes Capitel. Es war die Stunde, in welcher ſich der Garten von Lengsfeld am beſten präſentirte. Der Wiederſchein der glühenden Wolken, mit denen der weſtliche Horizont umſäumt war, verbreitete ein zauberiſches Licht, in welchem ſich ſelbſt die ſteifen Hecken und verkrüppelten Taxus⸗ bäume anmuthig ausnahmen, und vie viereckigen Schwanenweiher ordentlich ein poetiſches Anſehen erhielten. Die klare, aber noch immer mildwarme Herbſtluft war durchhaucht von dem würzigen Duft der modernden Blätter; die Aſtern auf den Beeten waren faſt noch die einzigen Blumen, und auch ſie ſprachen deutlicher von dem Winter, der vor der Thür ſtand, als von dem Sommer, der vergangen war⸗ Eine ſanfte Melancholie hatte ſich ausgebreitet über die ganze Natur und fand ihr Echo in dem wehmüthigen Zirpen der Vögel, die keinen lauten, freudigen Ton mehr in der kleinen, gepreßten Bruſt zu haben ſchienen. Röschen vom Hofe. 63 Der Graf hatte Roſen den Arm geboten, um ſie aus dem Saal in den Garten zu führen; am Fuß der Treppe der Terraſſe aber hatte ſie mit einer leichten Verbeugung ihren Arm aus dem ſeinigen ge⸗ zogen. So gingen ſie denn neben einander her, nicht den langen Gang hinauf, den Herr von Weißenbach und der Paſtor eingeſchlagen hatten, ſondern links, wo ein Wäldchen von Lerchenbäumen auf der einen und ein Gewächshaus auf der andern Seite einen Platz ein⸗ geſchloſſen, in welchem der Gärtner ſeine beſten Zierpflanzen cultivirte. Beide, weder der Graf noch Roſe, ſprachen ein Wort; Uebermuth, Witz, Schalkhaftigkeit ſchien Roſen auf einmal verlaſſen zu haben, und was den Grafen betraf, ſo war ſeine Bruſt ſo mit Liebe zu dem holden Geſchöpf an ſeiner Seite angefüllt, daß er in dieſem Augenblick nichts Anderes hätte ſagen können, als: liebe, geliebte Roſe, ich liebe Dich! Hätte Roſe ihn ein einziges Mal angelächelt, ſo würde er es auch ge⸗ ſagt haben; aber ſie ſah ſo ernſt, ſo beinahe feierlich aus und hatte die Augen ſo feſt auf den Boden geheftet. Da mußte der Graf auch auf den Boden ſehen. An die nur eben erſt mit ſo großem Eifer eingegangene Wette dachte Keines. Endlich brach denn doch Roſe zuerſt das Schweigen und ſagte: „Mein Vater war nicht ſo heiter als ſonſt wohl.“ „Es ſchien mir auch ſo,“ erwiderte der Graf. Roſe's Wongen glühten; ſie faßte ſich aber ein Herz und fuhr entſchloſſen fort: „Er iſt ein alter Mann, der Schweres erfahren hat, und Sie ſind jung und glücklich; was kann es Ihnen ſein, wenn Sie einen alten Mann zu Ihrer Philoſophie bekehren? Und ich leide ſo darunter, wenn ich Sie uneinig ſehe, und das kommt in der letzten Zeit viel öfter, als im Anfang. Ich möchte ſo gern, daß Sie der Vater ſo recht, wie ſoll ich ſagen? ſo recht ſchätzte und liebte, wie Sie es ja verdienen, wenn Sie gut und freundlich ſind, wie Sie ſein können, und nicht ſtolz und hochmüthig, wie vorhin, wo ich gar nicht mit Ihnen zufrieden war, Herr Graf; gar nicht, ſo daß Sie eigentlich durchaus nicht werth ſind, daß ich mir die Mühe gebe, Ihnen den Kopf zurecht zu ſetzen. Nun, Sie antworten ja nicht, Herr Graf?“ Röschen vom Hofe. Der Graf ſchaute mit den Blicken innigſter Liebe in das lächelnde Geſicht. „Ich bin ſo glücklich,“ ſagte er,„wenn ich Sie ſo mich ten höre.“ Seine Stimme bebte; er hätte gern noch mehr geſagt; aber aus Roſe's Mienen war alle Aengſtlichkeit von vorhin verſchwunden. Wenn ſie in dieſem Augenblick das fühlte, was er fühlte, konnte ſie ſo klare, übermüthige Augen haben und ſo luſtig lachen, wie ſie jetzt lachte und ſagte: „Nun, das iſt köſtlich! Da predige und predige ich, und anſtatt, daß der Sünder in Reuethränen zerfließt und Buße und Beſſerung gelobt, nennt er ſich glücklich, weil ich ihn ſchelte! O Eitelkeit der Eitelkeiten! Zu beſſern iſt an uns Herren der Schöpfung Nichts, denn wir ſind vollkommen; man ſoll ſich nur mit uns beſchäftigen; ob man uns ſchilt oder lobt, das iſt im Grunde gleichgültig. Gehen Sie, Herr Graf! Sie ſind wie ſie Alle; Sie lieben nur ſich!“ „Und das ſagen Sie, Sie— Roſe?“ rief der Graf und ergriff Roſe's Hand. Roſe's Hand zitterte und ihre Stimme klang nicht mehr ſo tec als ſie erwiderte: „Und weßhalb nicht ich? ich weniger, als Andere?“ „Weil Sie es beſſer wiſſen,“ murmelte der Graf, und während er ſo ſprach, hob und ſenkte ſich ſeine Bruſt und die Worte rangen ſich mühſam von den zuckenden Lippen;„weil Sie es beſſer wiſſen könnten, wiſſen müßten, weil—“ „Ah, da ſind ſie ja, die lieben Flüchtlinge!“ rief eine grobe Stimme, die ſich bemühte, ſcherzhaft zu klingen, und der Paſtor trat, von Herrn von Weißenbach auf dem Fuße gefolgt, um den Giebel des Gewächshauſes herum, an deſſen Fenſterſeite Roſe und der Graf zu⸗ letzt gegangen waren. „Es iſt die höchſte Zeit, daß wir aufbrechen,“ ſagte Herr von Weißenbach. Er ſah blaß und angegriffen aus. „Du biſt nicht wohl, Vater!“ rief Roſe, ſich ängſtlich zu ihm wendend. Röschen vom Hofe. 65 „Doch, doch, ich bin wohl; aber es wird ſpät; laß uns weiter gehen.“ Roſe hatte ihres Vaters Arm genommen; der Graf und der Paſtor folgten; der Paſtor ſchwatzte unaufhörlich von dem reizenden Nachmittag; der Graf hörte kein Wort von Allem, was er ſagte. Auf dem Hofe ſtand die alte Kaleſche ſchon fertig. Wenzel hatte das Dach zurückgeſchlagen, weil der Reitknecht des Grafen ihn auf den Gedanken gebracht hatte, die Kutſche würde ſich ſo beſſer ausnehmen. Der Graf war unzufrieden damit; Roſe war ſehr leicht gekleidet und der Abend war merklich kühler geworden. „Sie werden ſich erkälten, Fräulein;“ ſagte er, während er am Schlage ſtand. „Haha: Sie! Verloren, Herr Graf, wenn Sie nicht ſchon vorher verloren hatten!“ rief der Paſtor, der auf dem Rückſitz ſaß, und klatſchte in die ſchwarz behandſchuhten Hände. „O, wie freue ich mich auf das Vielliebchen!“ ſagte Roſe, aber in ihren Mienen konnte man nichts von dieſer Freude leſen. „Fort, Wenzel!“ rief Herr von Weißenbach. Der ſtarkknochige Rappe ſprang mit einem ungeſchickten Satze an; der Wagen rollte ſchnell davon, zum Hofthore hinaus. Zwölſtes Capitel. Der Graf war auf derſelben Stelle ſtehen geblieben; ſeine Seele war voll Zorn, wie eines Löwen Seele, dem das Geheul eines Scha⸗ kals die nahe Beute verſcheucht hat. Dann, als das Geräuſch des Wagens gänzlich aufgehört hatte, überkam ihn eine Wehmuth, wie er ſie nie gekannt. Es war ihm, als ob auf einmal Alles, was dem Leben Reiz und Schönheit gibt, auf ewig verſchwunden und die Welt eine einzige fürchterliche Oede ſei.* Geſenkten Hauptes ſchritt er von dem Hof in den S zurück, Fr. Spielhagen's Werke. vI. 66 Röschen vom Hofe. aus dem Garten in den Speiſeſaal, wo er noch Alles fand, wie die Geſellſchaft es verlaſſen. Er warf ſich in den Stuhl, auf welchem Roſe geſeſſen; er nahm das Glas, aus dem ſie getrunken, und be⸗ rührte den Rand mit ſeinen Lippen; dann ſetzte er es ſo heftig wieder auf den Tiſch, daß es in Stücke zerbrach. „Wie iſt es möglich, ſo zum Sklaven ſeiner Leidenſchaft zu werden! Ich glaube, ich könnte vor ihr auf die Knie fallen und ſie anflehen, mich nur den Saum ihres Kleides küſſen zu laſſen. Was iſt aus mir geworden? Bin ich noch ich? Gehöre ich denn noch mir ſelbſt? Macht ſie aus mir nicht, was ſie will? Werde ich nicht noch nächſtens meinen Glauben abſchwören und bekennen, daß Auguſt der Starke ein Wohl⸗ thäter ſeines Volkes war und die Tyrannei die einzige, eines erleuch⸗ teten Jahrhunderts würdige Staatsform iſt? Erbärmlicher Heuchler, der ich bin! Wie ſie mich anſah! Mir bebte das Herz; ich war glück⸗ lich, daß ſie glücklich war, vaß ich ſie glücklich machen konnte, blos dadurch, daß ich ſchwieg? Wie lange wird es dabei bleiben?“ Der Graf ſtützte den Kopf auf die Hand; ein tiefer Unmuth be⸗ mächtigte ſich ſeiner immer mehr. Er murmelte Verwünſchungen gegen den Paſtor, und in demſelben Moment empfand er doch eine gewiſſe Genugthuung darüber, daß zwiſchen ihm und Roſe das letzte Wort noch nicht geſprochen, daß er noch immer frei wax. Sollte er die Freiheit des Denkens aufgeben, einem ſchönen Mädchen zu Gefallen, vas ſeinerſeits wieder einem murrköpfigen Greiſe zu Gefallen nicht frei zu denken wagte? War das nicht doppelte Sklaverei?— Und wenn ſie Dein wäre— Der Graf ſprang auf. Wenn ſie Dein wäre— würde nicht jede Stunde ihren Triumph vollſtändiger machen? Würden ihre ſüße Liebenswürdigkeit, ihre holde Anmuth nicht jeden Trieb zu männlicher That in Dir erſticken? Würdeſt Du etwas Anderes wollen, als für ſie, für ſie und nur für ſie leben, die wiederum nur für ihren Vater lebt? Hercules an dem Spinnrocken der Omphale! Nein, nicht einmal das! Der Schmeichler von Omphales altem Vater, aus Liebe zur Tochter zum Lügen gezwungen. Wie oft würden ſolche Scenen ſtattfinden, wie vorhin! Wie oft würde ich meine Herrin und Meiſterin, die Wahrheit, verleugnen müſſen! Ein Held Röschen vom Hofe. 67 bin ich nie geweſen, dem Himmel ſei's geklagt! Aber doch war mein ſonſtiges Leben eine Heldenlaufbahn im Vergleich der ſybaritiſchen Trägheit dieſer letzten Wochen. Da liegt ſchon ſeit acht Tagen der letzte Brief, in welchem mich das Wahlcomité noch einmal dringend— es iſt erbärmlich, und Alles das um Hekuba! Nein! Nicht um Hekuba! Um ein ſüßes, einziges Geſchöpf!— Um ein Mädchen, das— nun ja, um ein Mädchen, das heißt, um ein Weſen, das lacht und ſcherzt und ſchmollt und lieblich iſt und uns bei Leib und Leben verbietet, wie Männer zu denken und zu handeln. Fort, fort!“— Der Graf ſchlug ſich vor die Stirn; er war ganz außer ſich; er ging mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab, mit den Händen heftig geſticulirend, bald Roſe's Namen im Ton zärtlichſter Liebe flüſternd, bald mit rauhen Worten ſich einen Unwürdigen, einen Feigling, einen Schwächling ſcheltend. Das Eintreten des Dieners, welcher die Tafel abräumen wollte, brachte ihn endlich ſo weit wieder zu ſich, daß er, äußerlich ruhig, in ſein Studirzimmer ging, wo auf dem Schreibtiſche bereits die Lampe brannte. Er nahm eine Geſchichte des Bauernkrieges zur Hand, in welcher er an jenem Morgen, als er Roſen an dem Parkrande unter den Ahornbäumen ſah, zuletzt geleſen hatte. Anfangs ſchwammen ihm die Buchſtaben vor den Augen, und was er las, hatte keinen Sinn für ihn; allmälig aber fing der leere Rahmen an, ſich zu füllen; Ge⸗ ſtalten über Geſtalten traten hervor und begannen den brudermörderiſchen Kampf um Mein und Dein, um Tod und Leben. Das Ritterſchwert trieft von Bauernblut, der Bauernſpieß zittert in des Ritters Bruſt, dazwiſchen leuchten die Flammen brennender Dörfer und Edelſitze den bleichen Weibern und heulenden Kindern, die ſich in die Wälder flüchten und von nachſetzenden Reitern niedergemetzelt werden. Tableau an Tableau— eines grauſiger, als das andere, und zuletzt, als Schluß, die Tyrannei, die mit höhniſchem Lachen ihren Fuß auf den Nacken der in den Staub getretenen geſchändeten Menſchheit ſetzt. Als der Graf das Buch leiſe zuklappte, war es ſchon tief in der Nacht. Er blieb, den Kopf in die linke Hand geſtützt, ſitzen; dann ergriff er eine Feder, und ſchrieb auf ein Blatt, das neben ſeinem Buche lag: 5 68 Röschen vom Hofe. „Der ſucht umſonſt nach dauernder Befriedigung, der nur ſich ſelbſt, und wäre es in aller Demuth und Rechtſchaffenheit, lebt. Es giebt kein Glück, als nur in dem Kampf für das, was allen Menſchen zugetheilt iſt, zugetheilt ſein muß, ſollen ſie menſch⸗. lich leben. Siegen wir in dieſem Kampf, ſo haben wir Niemand verwundet, als, wer keine Schonung verdiente; unterliegen wir, ſo können wir ruhig ſterben, denn andere und ſtärkere Hände werden die Waffen, die den unſern entfallen, wieder aufnehmen. Freundſchaft, Liebe— das iſt wohl ſchön und gut; aber, wie es in der Schrift heißt: Trachtet zuerſt nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit, ſo wird euch ſolches Alles zufallen. Und fällt es euch nicht zu, nun! in dem Reiche Gottes werden die Armen ſelig ſein! Ich ſchäme mich meiner Thatloſigkeit. Was habe ich für meine Brüder gethan? Ich habe ihnen nur nichts Böſes gethan! Aber Gutes? Welches Gute? Und Gutes nach meinen Kräften? Habe ich die Schulter an's Rad geſtemmt? oder nicht vielmehr daneben geſtanden und die Achſeln gezuckt: es rückt ja doch nicht aus der Stelle! Meine Seele iſt tief betrübt. Wie kann Der genießen wollen, der nicht gearbeitet hat! Er ißt und trinkt ſich ſelber das Gericht. Wie kann der ruhen wollen, der kein Recht hat, müde zu ſein! Das Bewußtſein ſeiner Unwürdigkeit würde ihn ſelbſt aus den Armen der Liebe aufſchrecken. Morgen, morgen! Ich wollte, es wäre morgen!— . 3 Dreizehntes Capitel. Es war ein eigener Selenzuſtand, in welchem Roſe an der Seite ihres Vaters(der Paſtor war vor dem Hofthore der Pfarre abgeſtiegen) durch den kühlen Herbſt⸗Abend nach Hauſe fuhr. Wohl wogte in ihrem — Röschen vom Hofe. 69 Herzen die Seligkeit, zu wiſſen, daß ſie geliebt werde, daß ſie liebe; aber ſofort miſchte ſich ein dumpfes Gefühl des Schmerzes, eine trübe Ahnung von bevorſtehendem Leid hinein— und dieſe ängſtlichen Empfindungen wurden mit jedem Augenblick ſtärker und ſtärker. Sie hätte ſich in ihre Ecke zurücklehnen und recht ausweinen mögen. Und wenn ſie den trüben Blick ſeitwärts auf den Vater wandte, der in ſeinen alten blauen Mantel gehüllt, ſtill und ernſt, halb von ihr ab⸗ gewendet, in die Dämmerung hinausſchaute, ſo wußte ſie auch, warum ſie in dieſem Augenblick nicht glücklich ſein konnte. Ihre Liebe zum Grafen war ſo allmälig und ſo ſtetig in ihrem Herzen gewachſen, wie das Frührothlicht allmälig und ſtetig in Tagesklarheit übergeht. Sie hatte kaum jemals gedacht, daß dieſe Liebe, in der ſie ſich ſo glücklich fühlte, eine Veränderung in ihren Verhältniſſen hervorbringen müſſe; am wenigſten hatte ſie daran gedacht, daß dieſe neue Liebe die Liebe zum Vater berühren oder gar ſchädigen könne. War ſie in ihrem Glück doch froher geweſen, als ſonſt! war ihr doch Alles ſo viel leichter ge⸗ worden! hatte ſie doch mit dem Vater plaudern können, wie noch nie! Wie ſollte das jemals anders werden! Und nun! weßhalb konnte ſie die runzlige Hand nicht ergreifen und an ihre Lippen drücken, wie ſie es ſonſt ſo oft that? weßhalb konnte ſie ihren Kopf nicht an die Schul⸗ ter des alten Mannes lehnen, und ihm das Geheimniß, das ihr faſt das Herz ſprengte, unter Weinen und Lachen in's Ohr flüſtern? Weß⸗ halb war ihr heute die Schweigſamkeit des Vaters ſo peinlich? war er nicht oft ſo, tage⸗, wochenlang ſo, ohne daß ſie ſich darüber Sor⸗ gen gemacht hätte? warum konnte ſie heute Abend nicht fragen: ob ihm etwas fehle? ob er ſeinen alten Kopfſchmerz in der linken Schläfe habe? Und dann kam die Erinnerung des eben Erlebten mit einer Ge⸗ walt über ſie, vor der jedes andere Gefühl ſchweigen mußte. Jedes ſeiner Worte, jeder ſeiner Blicke,— ſie hatte nichts, nichts vergeſſen. Wie zartfühlend, wie ſchön und wie gut war er doch! Und wie hatte ſeine tiefe Stimme gebebt, als er zuletzt ſagte: Weil Sie es beſſer wiſſen, Roſe, beſſer wiſſen könnten, wiſſen müßten— was? daß ich Dich liebe, wie Du mich liebſt.—. 70 Röschen vom Hofe. Und Roſe lächelte in ſich hinein, wie ein glücklich ſpielendes Kind, und wurde dann plötzlich wieder ernſt. Der Vater ſchaute noch immer mit derſelben ſtillen bekümmerten Miene in die Dämmerung hinaus. Roſen fing an zu fröſteln; ſie war froh, als der Wagen kurz vor dem Hofe von dem Feldwege auf die Landſtraße bog und ſie nach einigen Minuten bei ihrer Wohnung anlangten. „Laß mir den Thee auf mein Schlafzimmer bringen,“ ſagte der Vater, als ſie ausgeſtiegen waren;„ich fühle mich doch etwas ange⸗ griffen und möchte gleich zu Bette gehen.“ Es war offenbar, daß der Vater allein zu ſein wünſchte; er hatte ſich ſonſt mit eingeſtandenem Behagen dergleichen Dienſte ſtets von Roſe ſelbſt leiſten laſſen, die ihn— wie oft ſchon!— in ſeinen Krank⸗ heiten gepflegt, und ſtundenlang vor ſeinem Bett geſeſſen hatte, ihm vorleſend, mit ihm plaudernd, ihm ſeine Grillen, ſeine Launen, ſeine Sorgen wegkoſend, wegſcherzend. Welche Kluft hatte ſich denn nun auf einmal zwiſchen ihnen aufgethan? Roſen ſtürzten die Thränen aus den Augen, als der Vater, ohne ſie, wie ſonſt, auf die Stirn zu küſſen, mit einem kurzen: gute Nacht! aus dem Zimmer gegangen war und ſie nun ſeinen ſchweren Schritt auf der knarrenden Treppe hörte. Auf dem erſten Abſatz war es ihr, als ob er ſtehen blieb; ſie ſtürzte nach der Thür und riß ſie auf: „Darf ich Dich nicht hinauf begleiten, Vater?“ „Ich danke; ich möchte allein ſein.“ Roſe ging wieder in die Wohnſtube zurück; ſie ſetzte ſich, nach⸗ dem ſie Wenzel mit dem Thee hinaufgeſchickt, an den Flügel, aber es war ihr heute unmöglich zu ſpielen; ſie ſtützte die Stirn in die Hand und ihre Thränen tropften auf die Taſten. Daß ein ſo ſchöner Tag ſo trüb enden mußte!“— Der Wind hatte ſich noch ſtärker aufge⸗ macht und ſauſte in den Linden vor dem Thore und klapperte mit den Jalouſien. So einſam, ſo verlaſſen hatte ſich Roſe noch nie gefühlt. Sie dachte an ihre Mutter, die ihr ſo früh, ſo früh geſtorben war, und welche Seligkeit es ſein müßte, ſein Haupt in den Schooß einer Mutter legen, und in ein Herz, deſſen treue Liebe keine Grenzen kennt, Röschen vom Hofe. 71 die ganze Fluth der Gefühle, die im eigenen Herzen ſinnverwirrend wogt, ganz ohne Rückhalt ausſchütten und ausweinen zu können. Endlich ſchlich ſie ſich leiſe, leiſe, um den Vater nicht zu wecken, die Treppe hinauf in ihr Zimmer, aber es dauerte lange, ehe ihr der Schlaf auf die thränenbenetzten Wimpern ſank. Als ſie ſchon halb entſchlummert war, fuhr ſie noch einmal auf, denn es war ihr, als ob der Vater ſie gefragt habe: was hat der Graf Dir geſagt? und dann athmete ſie tief und legte beruhigt den Kopf wieder auf das Kiſſen. Der Graf hatte ja nichts geſagt, was ſie nicht anders aus⸗ legen konnte, wenn ſie wollte; wenn es für die Ruhe des guten alten unglücklichen Vaters nöthig war, daß ſie ihm ihre eigene Ruhe, ihr eigenes Glück zum Opfer brachte. Unterdeſſen lag Herr von Weißenbach ebenſo ſchlaflos auf dem harten beſcheidenen Lager, welches Sommer und Winter ſeine Ruhe⸗ ſtätte war. Heute fand er keine Ruhe, ſo oft er auch das graue Haupt bald auf dieſe, bald auf jene Seite legte, oder ſich im Bette aufſetzte und nach dem Fenſter ſtarrte, ob durch das Herz, das in den Laden geſchnitten war, der Morgen noch immer nicht hereindämmern wolle. Er zündete Licht au und überzeugte ſich, daß, ſeitdem er zuletzt nach der Uhr geſehen, erſt eine halbe Stunde verfloſſen ſei, und er noch immer vier bis fünf Stunden Zeit zum Nachdenken habe. Und doch wollte es trotz alles Nachdenkens nicht klarer in ſeinem Kopfe werden, und doch wollte das alte leidenſchaftliche Herz nicht ruhiger und ge⸗ duldiger ſchlagen! So ſollte es alſo ſein: er ſollte ſie verlieren! nein! er hatte ſie verloren! Sie liebte den fremden Mann, den ſie ſeit vier Wochen kannte, beſſer, als ihren alten Vater, der ſie gehegt und ge⸗ pflegt und geherzt hatte von Kindesbeinen an. Er hätte nicht ſo ſpät heirathen ſollen; und dann war es nicht ein Wahnſinn, daß er all' ſeine Liebe dieſer Einen geſchenkt? Aber großer Gott: er hatte ja nur dieſe Eine! In ihr war ihre Mutter, die er ſo ſehr geliebt, wieder aufgeblüht, nur viel ſchöner und prächtiger. In ihrer Liebe ſich ſo zu ſonnen— das war das höchſte, reinſte Glück ſeines Lebens geweſen in den Tagen, wo er noch reich war und in ungebrochener Kraft ſtand; und nun, da er arm war, und Armuth und Kummer ſeine Haare vor der Zeit gebleicht und das Blut in ſeinen Adern er⸗ „ 72 Röschen vom Hofe. kältet hatten— jetzt in den Jahren, wo ſelbſt die Reichen und Mächti⸗ gen anfangen, eiferfüchtig auf ihre Schätze zu werden, deren Beſitz jeder Tag in Frage ſtellt— jetzt ſollte er das Beſte, das Koſtbarſte verlieren; ſollte er verlieren, was in ſein altes verwittertes Leben einzig und allein noch Licht und Wärme trug? Freilich, er hatte ſich ſchon ſeit lange vorbereitet auf dieſen Verluſt; er hatte ſich oft genug ge⸗ ſagt, daß ein ſo hochbegabtes, ſchönes, glänzendes Geſchöpf nicht ge⸗ boren ſei, ihr Leben in der Oede eines abgeſchloſſenen ländlichen Aufenthalts an der Seite eines griesgrämigen alten Mannes zu ver⸗ trauern; daß er ſie für das Opfer ihrer Jugend, das ſie ihm brachte, entſchädigen müſſe, und daß Armuth und ein alter adliger Name, der allen Klang verloren hatte, eine ſchlechte Entſchädigung ſeien. Was hatte er ſich nicht geſagt! er glaubte ſich auf Alles gefaßt— und fühlte ſich nun ſo hülflos, ſo troſtlos! Wenn ſie doch nur noch die paar Jahre gewartet hätte! vielleicht war es gar nicht mehr ſo lange; vielleicht überlebte er dieſen Winter nicht einmal mehr; er hatte ſich noch in keinem Herbſt ſo ſchwach und krank gefühlt, wie in dieſem. Und eine ſolche Zeit, wo er der Schonung ſo bedurfte, mußte ſie ſich wählen, ihn ſo zu kränken, ſo auf den Tod zu betrüben. O, es war grauſam, grauſam! Aber hatte er ſich denn auch nicht getäuſcht? war nicht Alles ein Gaukelſpiel ſeiner Phantaſie? Unmöglich! er hatte es ja kommen ſehen, all' dieſe Zeit; hatte dieſe Liebe wachſen ſehen, wie eine Ge⸗ witterwolke, die ihre ſchwarzen Flügel weiter und weiter und zuletzt über den ganzen Himmel ſpannt. Es hätte des heutigen Tages gar nicht mehr bedurft, um ihn davon zu überzeugen, daß ſein Reich zu Ende und der neue junge König auf den Thron gehoben ſei. Ganz ſo deutlich hätten ſie doch ihr Spiel nicht ſpielen dürfen, wenn ſie wünſchten, nicht entdeckt zu werden. Glaubte denn der Graf, ein v alter Mann habe alles und jedes Verſtändniß für die ſtumme Sprache der Blicke verloren? und nun zuletzt dieſes kokette Spiel mit dem Viel⸗ liebchen! es war abſcheulich! Der Paſtor hatte ſich nichts Arges dabei gedacht; er iſt ein be⸗ ſcheidener junger Mann, der ſeine Stellung vollkommen begreift; er 7 hatte es gut gemeint, der arme Menſch; hatte den Beiden Muth machen „ ℳ Röschen vom Hofe. 73 wollen, in der feſten Ueberzeugung, daß ich dieſe Liebe ſo gut geſehen habe, wie er, und vollkommen ſanctionire. Weßhalb ſoll ich dieſe Liebe fanctioniren? weßhalb? weßhalb? Der alte Mann warf den brennenden Kopf hinüber und herüber auf das zerdrückte Kiſſen; der unbarmherzige Schlaf wollte nicht kommen. Und wer iſt nun dieſer Mann, der ihr Gott geworden iſt? Ein Freidenker, ein Atheiſt, ein Republikaner, einer dieſer modernen Phantaſten, die ſich einbilden, ſie können die Welt von Neuem auf⸗ bauen, nachdem ſie Alles, was ihre Väter ehrten und ſchätzten, unter die Füße getreten haben. Was er da heute Mittag von dem Fort⸗ ſchrittsrad ſagte, das war ſo recht der Schlüſſel zu ſeinen geheimſten Gedanken. Wie paßt dazu Alles, was er nach und nach von ſeinen tollen Ideen zum Beſten gegeben hat, doch ſo vortrefflich! Wo waren meine Augen, daß ich dieſen Mann nicht mit dem erſten Blick durch⸗ ſchaute, daß ich dieſen Abtrünnigen, dieſen Verräther an unſerer guten alten Sache jemals als den Sohn ſeines Vaters in meinem Hauſe bewillkommnen, als wäre er mein eigener Sohn, an das Herz drücken konnte! Blöder Thor, blinder alter Narr, der ich war! Und ihn ſollte ich meinen Sohn nennen? ihm ſollte ich meine Roſe geben, damit ſie meiner ſpotte, wie er jedenfalls heimlich ſich über mich luſtig macht? Iſt denn irgend etwas dieſen Menſchen heilig? warum ſollte er Roſen nicht anleiten, mich zu verachten, wie er ſelbſt ſeinen Vater, ſeinen Großvater, ſeine Vorfahren alle, die ſämmtlich echte Edelleute geweſen ſind, verachten muß? Und von dieſes Mannes Gnade ſollte ich leben? von ihm ſollte ich mir die Gunſt erbetteln müſſen, mein Kind einmal ſehen zu dürfen, in der er ſelbſt, wenn ſeine blinde Leidenſchaft verflogen iſt, auch nur eine Bett⸗ lerin ſehen wird? Wenzel hat mir geſagt, daß ſeine Leute ſich über mein Pferd, meinen Wagen, meinen alten Mantel luſtig gemacht haben. Warum auch nicht? wie der Herr, ſo die Knechte. Lieber, als daß ich meine ehrlichen Beine wieder unter ſeinen Tiſch ſetze und mir meine Kniee an ſeinem Kamin wärme— lieber will ich hungern und frieren und draußen auf der Landſtraße hinter einem Zaun verenden.. Das Licht, das ſich der alte Mann wieder angezündet hatte, war — 74 Röschen vom Hofe. niedergebrannt, das letzte Flämmchen erloſch ziſchend im Sockel. Durch die Linden ſauſte der Nachtwind und wirbelte die trockenen Blätter gegen die klappernden Fenſterladen. Und der alte Mann ſchlief ein und träumte: er ſei geſtorben und läge frierend und hungernd im Sarge, und ſeine Roſe und der Graf ſäßen an einer reichen Tafel, lachend und koſend und ſein nicht achtend. pierzehntes Capitel. Der Morgen nach der ſchlimmen Nacht brach trübe und ſtürmiſch herein. Der Herbſt, der ſo lange gezögert, war zwiſchen Sonnen⸗ untergang geſtern und Sonnenaufgang heute gekommen. In dem Hof tanzten die braunen Blätter wie toll um den alten Brunnen in der Mitte; der Pfau war verſchwunden mit dem Sonnenſchein; ſtatt ſeiner kreiſchten die alten verroſteten Hähne auf den Wetterfahnen. Von dem Park her wehten graue Nebel herüber, die ſich von Zeit zu Zeit in einem feinen Sprühregen gegen die Fenſter entluden. Es war ein trüber, ſtürmiſcher Morgen. Und doch nicht ſo trübe und ſtürmiſch als die vergangene Nacht. So matt das Licht war, das durch die Dunſtmaſſen fiel, es war doch nicht ganz Finſterniß draußen in der Natur, und drinnen im Men⸗ ſchenherzen auch nicht. Das ſagte ſich Roſe, während ſie am Fenſter ſtand und mit dem Kaffe, der auf dem Tiſch vor dem Sopha bereit war, auf den Vater wartete; das ſagte ſich auch der alte Herr, als er oben vor dem kleinen Spiegel die letzte Hand an ſeine Toilette legte. Vielleicht hatte er denn doch zu ſchwarz geſehen; war es denn doch nicht das erſte Mal, daß er in dem Fieber, welches ihm Auf⸗ regung und Schlafloſigkeit immer zu Wege brachten, ganz Unmög⸗ liches nicht nur für möglich, ſondern für gewiß gehalten hatte. Auf jeden Fall war er es ſich ſelbſt ſchuldig, eine ſcheinbare Unbefangenheit zu bewahren. 5 Röschen vom Hofe. 75 Dieſem Vorſatze getreu erſchien er wenige Minuten ſpäter mit einer Miene, die er für undurchdringlich hielt, und deren gezwungene Freundlichkeit Roſen ſogleich ſchmerzlich auffiel. War es das graue Morgenlicht, oder was war es, was ihn ſo matt und verfallen er⸗ ſcheinen ließ? Seine braune, runzliche Hand zitterte, als er die Taſſe hinhielt, um ſie von Roſen zum zweiten Male füllen zu laſſen. Roſe war nahe daran, in Thränen auszubrechen, aber ſie durfte ſich nichts merken laſſen, denn der Vater ſprach mit unverkennbarer Abſichtlichkeit von den gleichgültigſten Dingen in einem Tone, der heiter und un⸗ befangen klingen ſollte, und deſſen ſchmerzliches Zittern Roſen in's Herz ſchnitt. Endlich ſetzte er ſich mit der Zeitung, die den Abend vorher abgegeben war, in das eine Fenſter, wie er es jeden Morgen that, während Roſe mit ihrem Buche oder einer Arbeit in dem andern ſaß und zwiſchendurch die Mittheilungen hörte, welche ihr der Vater aus der Zeitung zu machen für gut fand. Roſe fühlte ſich beinahe glücklich, als ſie ſah, daß der Morgen ganz in alter Weiſe begann, wie ein Kind faſt, das eine ſchwere Strafe erwartet hat, und zu hoffen anfängt, daß es nun doch unbe⸗ merkt durchſchlüpfen werde. An ihre Liebe dachte ſie wohl mit ſchmerz⸗ lichſter Erregung, aber doch immer mit dem Bewußtſein, daß, was auch daraus werden möge, das theure graue Haupt dort nicht noch tiefer dadurch gebeugt werden dürfe. Er konnte ſie ja nicht entbehren; er konnte ja ohne ſie nicht leben! Wie glücklich war er geweſen, als ſie vor vier Wochen an dem Tage, als ſie den Grafen zum erſten Male ſah, die Einladung der Herzogin nicht annahm; wie hatte er den Verdrießlichen, Unzufriedenen geſpielt, und ſie doch mit Zärtlichkeit und Dankbarkeit überhäuft! „Der Landtag iſt auf den erſten November zuſammenberufen,“ berichtete der Vater aus der Zeitung;„man ſieht wichtigen Vorlagen entgegen. Die Civilliſte ſoll um hunderttauſend Thaler erhöht und für die Kinder der Prinzeß Amelie Apanagen ausgeſetzt werden.— Das iſt recht, ganz recht; aber eine Schande, daß man dergleichen Familien⸗Angelegenheiten noch öffentlich verhandelt. Du müßteſt wohl an die Prinzeß wieder einmal ſchreiben, Roſe; Ihr ſtandeß doch auf einem ſehr guten Fuß? Nicht?“ 76 Röschen vom Hofe. „O, doch!“ ſagte Roſe,„ich hatte ſie recht lieb.“ „Und ſie Dich auch; ich möchte nicht, daß Du Deine Beziehungen mit dem Hofe ganz fallen ließeſt. Wer weiß, ob Du nicht einmal in der Lage biſt, Dich Deiner alten treuen Freunde erinnern zu müſſen.— Für den Fichtenauer Kreis wird eine Nachwahl nöthig werden. Die Oppoſition macht alle mögliche Anſtrengungen, einen Grundbeſitzer, wo möglich einen adligen, dort durchzubringen, vermuthlich damit man die dummen Bauern, denen ſo etwas immer imponirt, deſto leichter über⸗ tölpeln kann. Sehr gut ausgedacht! Ich hoffe nur: es wird ſich kein Edelmann zu einem ſo traurigen Gewerbe hergeben.“ Roſe erſchrak; der Graf hatte noch vor wenigen Tagen eben dieſer Sache gegen ſie Erwähnung gethan, und dann kurz hinterher geäußert: er habe eine Aufforderung von den Führern der Oppoſition bekommen, ſich ihnen anzuſchließen. Sie erinnerte ſich, daß der Graf das mit einer ſehr nachdenklichen Miene, über die ſie ihn noch ſehr ausgelacht, erzählt hatte. Sie hatte gemeint: der Graf müßte ſich in einer Wahlverſammlung in dem Kruge von Weißenbach prächtig aus⸗ nehmen, als Präſident und erſter Redner, neben ſich als Vicepräſident und zweiten Redner den ſchwarzbärtigen Wirth zum Rothen Hirſchen. Was hatte der Graf doch noch darauf erwidert?„Wir können nicht Alle Ariſtokraten ſein, mein gnädiges Fräulein.“ Sonderbar, daß ein Mann, dem die vornehme Geburt ſo auf der Stirn geſchrieben ſtand, ein Vergnügen darin finden konnte, ſich einen Demokraten zu nennen! Dieſer unglückſelige Landtag wird wieder ein neuer Zankapfel zwiſchen ihm und dem Vater werden; aber ich werde ihm alle politiſchen Ge⸗ ſpräche verbieten, poſitiv verbieten, wenn meine Erinnerung von geſtern noch nichts geholfen hat. Ob er wohl heute Nachmittag kommt? Es wäre nur in der Ordnung, wenn er ſich nach dem Befinden des Vaters erkundigte.“ „Was bringt man denn da?“ ſagte Herr von Weißenbach. Der Diener des Grafen und ein anderer Mann vom Lengsfelder Hofe trugen mit größter Vorſicht eine Kiſte die Steintreppe hinauf in den Flur, wo dann der Diener den Hut abnahm und einen Brief aus der Rocktaſche zog, welchen er Herrn von Weißenbach, der aus dem Zimmer getreten war mit einer Empfehlung von ſeinem Herrn überreichte. — Röschen vom Hofe. 77 Herr von Weißenbach kehrte mit dem Briefe in's Zimmer zurück und übergab ihn Roſen, die, an allen Gliedern zitternd, in der Nähe der Thür ſtand, mit den Worten: „Ein Brief an Dich, Roſe; ich vermuthe— doch lies erſt und beſtimme dann, was mit der Kiſte, die draußen ſteht, geſchehen ſoll.“ Roſe nahm ihre ganze Kraft zuſammen, erbrach den Brief, las ihn und überreichte ihn dann dem Vater: „Da, Vater, beſtimme Du ſelbſt!“ Der Brief enthielt nur folgende Worte: „Liebes Fräulein! Dem Brauch gemäß, der eine verlorene Wette am nächſten Morgen abtragen heißt, ſende ich hier den ſchuldigen Tribut. Wenn derſelbe nur in einem Stück Hausrath, das noch dazu ſchon über ein und ein halbes Jahrhundert in meiner Familie geweſen iſt, beſteht, ſo iſt es, weil die alte Uhr über dem Kamin ſowohl vor Ihren Augen als auch vor den Augen Ihres Herrn Vaters Gnade gefunden hat. Leider kann ich nicht ſelbſt der Ueberbringer ſein, da wichtige Geſchäfte mich anf einige Tage zu verreiſen nöthigen. Nehmen Sie die kleine Sendung gütig auf! Empfehlen Sie mich Herrn von Weißenbach und behalten Sie ſelbſt mich in freundlicher Erinnerung.“ „Ich denke, Du wirſt, nachdem Du einmal A geſagt haſt, nun wohl auch B ſagen und das Geſchenk annehmen müſſen,“ meinte Herr von Weißenbach. Er hatte gefürchtet, der Brief möchte einen Heirathsantrag ent⸗ halten; der höflich kühle Ton deſſelben überraſchte und erfreute ihn; noch mehr aber fühlte er ſich dadurch erleichtert, daß der Graf in dieſem Augenblick Zeit und Stimmung zu einer Reiſe fand. 3 Roſe ſagte nichts als noch einmal:„Beſtimme Du ſelbſt!“ Herr von Weißenbach ging hinaus, um die Leute zu bitten, die Kiſte gleich nach oben in das Zimmer des Fräuleins zu tragen; Roſe blieb zurück und ſobald die Thür hinter dem Vater geſchloſſen war, ſtürzten ihr die Thränen aus den Augen. Was hatte ſie gethan, daß er ſo an ſie ſchreiben konnte, in dieſen höflichen, künſtlich zurecht ge⸗ machten Phraſen? Warum mußte er verreiſen? gerade jetzt verreiſen? Er hatte geſtern noch nichts von dieſen wichtigen Geſchäften gewußt. 5 O, es war klar: er wollte ſie vermeiden, ihr ausweichen: ihr! 78 Röschen vom Hofe. Die Wangen des jungen Mädchens flammten in beleidigtem Stolz auf. Mit großen Schritten ging ſie in dem Zimmer auf und ab. Ihr Buſen flog; ihre Augen flammten unter den Wimpern, in denen noch die Thränen hingen. Sie hörte Schritte über ſich. Man brachte die Kiſte in ihr Zimmer; ſie wollte ſie nicht haben; ſie nicht. Sie eilte nach oben. Man hatte die Uhr eben aus der Kiſte herausge⸗ nommen und auf einen Tiſch geſtellt. „Das paßt hier ſo gar nicht,“ ſagte Roſe,„Du haſt in Deinem Schlafzimmer ſo viel alte Möbel, Väterchen, und die Uhr würde ſich auf der geſchnitzten Commode prächtig ausnehmen. Ueberdies brauchſt Du eine Uhr, die, wie dieſe, einen ſanften Schlag hat und Dich nicht wieder aufweckt, wenn Du eben eingeſchlafen biſt, wie die große Schwarzwälder.“ Roſe war ſo dringend, und Herr von Weißenbach war ganz glück⸗ lich, daß ſie nicht größeren Werth auf das Geſchenk des Grafen legte. So wurde denn die Uhr in ſein Schlafzimmer gebracht. Er hatte wirklich ſeine Freude, als er das prächtige Werk ſeinem Bett gegen⸗ über ſtehen ſah; es war doch im Grunde eine zarte Aufmerkſamkeit von Seiten des Grafen, etwas zu wählen, wovon er wußte, daß es auch dem Vater gefallen würde; ein ſo herrliches Stück aus der guten alten Zeit. Freilich, freilich, eine Frivolität iſt es immer, ſich vvn einer Reliquie zu trennen, die ſchon über anderthalb Jahrhunderte in ſeiner Familie geweſen iſt. Nicht wahr, Roſe?“ Aber Roſe war bereits aus dem Zimmer, vermuthlich, um zu ſagen, daß die Leute, welche die Kiſte gebracht hatten, in der Küche ein Frühſtück erhielten. Trotzdem aber ſo der Sturm, der heraufzuziehen drohte, ſich dem Anſcheine nach glücklich verzogen hatte, wollte die Stimmung doch eben ſo wenig ſich aufklären, wie das Wetter, das den ganzen Tag über kalt, trübe und regneriſch blieb. Es war ein wahrer Troſt, daß gegen Abend der Paſtor von Lengsfeld auf ſeinem Einſpänner herüberkam, mit Herrn von Weißenbach die gewöhnliche Partie Piquet zu ſpielen⸗ Roſe war heute Abend zum erſten Male mehr als einfach höflich gegen den Paſtor. Sie trieb die Freundlichkeit ſogar ſo weit, ihm auf ſein Bitten einen gewiſſen Choral, den er einem von ihm ge 6 Röschen vom Hofe. 79 dichteten Kirchenliede als Melodie unterlegen wollte, auf dem Clavier vorzuſpielen. Der Paſtor erſchöpfte ſich in Dankſagungen, die Roſe ſehr übertrieben und ſehr unbequem fand; beim Abſchiede bot er ihr die Hand, was er bis dahin noch nie gewagt hatte, und preßte die ſchlanken Finger, die ſich etwas zögernd in die ſeine legten, ſo, daß die junge Dame alle Urſache hatte, ihre Herablaſſung zu bereuen. Auf dem Nachhauſewege geberdete er ſich äußerſt ſonderbar, ſtampfte heftig mit den Füßen, ſchnalzte laut mit der Zunge, lachte, ſang und gab andere Zeichen einer ſehr aufgeregten Stimmung, daß der Knecht, welcher das Fuhrwerk lenkte, auf den Verdacht gerieth, der Herr Pfarrer habe wieder einmal zu viel getrunken. An dem nächſten Abend wiederholte der Paſtor ſeinen Beſuch, und wenn Roſe ihn niemals hatte leiden können, ſo fand ſie ihn heute Abend vollends unausſtehlich. Seine grobe Stimme ließ ſich ſo un⸗ aufhörlich vernehmen, daß Roſen, obgleich ſie ſich Mühe gab, gar nicht auf ſein Geſchwätz zu achten, ordentlich das Herz weh that. Sie nahm deßhalb nach dem Thee, als die beiden Herren ihre Partie Piquet begannen, die Gelegenheit wahr, ging in das Wohnzimmer nebenan, ſetzte ſich an ihren Flügel und fing an zu ſpielen. In dem Wohnzimmer brannte kein Licht, die Thür nach dem andern Zimmer ſtand offen; Roſe hörte das Klappern der Karten und die abgeriſſenen Bemerkungen, mit denen die Spieler die Chancen des Spiels be⸗ gleiteten; bald hörte ſie aber auch das nicht mehr. Während ihre Finger leiſe über die Taſten glitten, ſchwebte ihre Seele auf den ſanften Tönen in eine ſchöne Welt voll Liebe, Freude und Friede. Es war der Herbſtwind nicht, der in den halbentblätterten Linden ſauſte; es war ein blaues, im Abendglanz leuchtendes Meer, das in ſanften Wellen an ein Ufer rauſchte, wo zwiſchen den Felſenklippen aus ſchattigen Hainen ſilberne Quellen zum Strande plätſcherten. Sie ſtand an dem Ufer und ſah die Sonne in das Meer tauchen und aus ſo ſchön, aber ſo einſam, ſo einſam. Und da kam er zwiſchen den Bäumen daher; träumend, das Haupt geſenkt, bis er vor ihr ſtand. dem roſigen Himmel die goldenen Sterne hervorſchimmern. Es war Er hob das Haupt und blickte ſie an mit ſo liebevollen, ſo unaus⸗ liebevollen Augen. Sie ſah es wohl, wie voll Liebe dieſe 6 80 Röschen vom Hofe. Augen waren, und gerade weil ſie das ſah, ſagte ſie: Sie ſind wie ſie Alle, Sie lieben nur ſich!— Und das ſagen Sie, Sie, Roſed— Und weßhalb nicht ich? ich weniger als Andered— Weil Sie es beſſer wiſſen, weil Sie es beſſer wiſſen könnten, wiſſen müßten; weil— Da verſank die ſchöne Spiegelung; ein Name, der ihr das Blut zum Herzen trieb— ſein Name hatte ihr Ohr berührt. Un⸗ willkürlich ſpielte ſie noch leiſer, als ſie es ſchon bis jetzt gethan, und jedenfalls wußte ſie noch weniger als vorhin, was ſie ſpielte. „Von wem haben Sie es 7“ „Von einem Augenzeugen, der ihn geſtern Abend in Fichtenau ge⸗ ſehen hat. Nan hatte ihn ſchon ſeit acht Tagen dort erwartet.“ „Es iſt unmöglich.— Sie geben.“ „Mein Gewährsmann iſt ſicher. Der ganze Ort iſt in freudiger Aufregung geweſen; nun, nun, das iſt erklärlich. Ein hochgeborner Graf, der fünf Meilen über Land kommt, um ſich ſeiven Wählern, Gevatter Schneider und Handſchuhmacher, in Perſon vorzuſtellen; das hat man denn doch ſchließlich nicht alle Tage.“ „Und Sie— Sie— aber es iſt ja ganz unmöglich! Sie glauben wirklich, daß der Graf zur Oppoſition halten werde?“ „Umgekehrt, ich glaube, die Oppoſition wird ſich bald an ihn halten; ein Mann von dem Reichthum des Grafen muß ja in einem Kreiſe mehr oder weniger abhängiger Menſchen ſofort der Mittelpunkt werden. Es iſt ein böſes Ding; wir werden dadurch Alle in eine ſehr eigenthümliche Lage verſetzt werden; vor allem natürlich ich; aber auch Sie, verehrter Herr, und ich glaube auch das gnädige Fräulein. Ich bedauere Sie Beide aufrichtig! Verzeihen Sie, ich hatte Coeur ausgeſpielt.“ Das Spiel nahm ſeinen Fortgang; Roſe's Hände glitten von den Taſten auf ihren Schvoß; das ſchöne Haupt ſank nach vorn und heiße Thränen tropften aus den Augen.„Alſo doch! Er hatte gethan, wovon er wiſſen mußte, daß es ihr Verhältniß heillos zerrütten, ja gänzlich zerſtören werde. Was konnte ihn dazu bewogen haben? Ihn bewogen haben, es gerade jetzt zu thun? Gerade jetzt, ww— war dies Trotz? war es Rechthaberei? war es— ja, aber warum geſtern, Röschen vom Hofe. 81 nachdem er ſo gut, ſo lieb zu ihr geweſen war? nachdem er ſo zu ihr einmal ſo ganz anders iſt? was gethan? oder geſagt?— Ich faſſe es nicht.“ Roſe weinte nicht mehr. Sie ſtarrte düſter vor ſich hin; es war ihr, als ob das ganze Leben ein dunkles, unheimliches Räthſel ſei, und ſie ſolle dies Räthſel löſen. Wie allein, wie allein und verlaſſen fühlte ſie ſich! Da ging der Mann, den ſie liebte, ſeinen ehrgeizigen Plänen nach, oder ſchlimmer noch, fröhnte einer Laune, unbekümmert, was dabei aus ihr würde, die zu lieben er ſich den Anſchein gegeben hatte; da ſaß ihr Vater, ſpielte Karten und verhandelte in den ge⸗ legentlichen Pauſen mit einem Manne, den ſeine Tochter verachtete, 4 das Schickſal ſeiner Tochter! Lauter rauſchte der Nachtwind in den Linden. Die Krähen, die in den Parkbäumen hinter dem Gehöft niſteten, krächzten heiſer und ungeduldig. Roſe dachte an jenen ſonnigen Morgen, und wie in dieſem Augenblick die Stätte, wo ſie ihn zum erſten Male ſah, und die ſie ſeitdem wie ein Heiligthum verehrt und geliebt hatte, der wilden Nacht ſchutzlos preisgegeben ſei. Das war das Bild ihres Lebens; ein kurzer ſonniger Augenblick, den alsbald die ſchwarze Nacht überdeckt, ein blinkendes Sommerfädchen in der Luft, das der Sturm verweht. Will⸗ kommen denn, Nacht und Sturm! Ich hatte mir die Zukunft freund⸗ licher gedacht; aber, wie ſie auch komme, ſie ſoll mich meiner nicht unwürdig finden.“ Der Hufſchlag eines Pferdes, welches im Galopp die Straße heraufkam, machte Roſe zuſammenfahren. Sie kannte dieſes Tempo und den leichten Tact der flüchtigen Hufe,— wie oft hatte ſie auf dieſe Muſik gelauſcht!— Es war der Graf! So war er doch nicht fort geweſen. Wie hätte er fonſt ſchon wieder hier ſein können! Sie hatte ſich von dem Stuhle erhoben, und ſtand, an allen Gliedern zitternd, die Hand auf den Flügel ſtützend, da, unfähig, ſich zu regen, oder einen Ton von ſich zu geben. Sie hörte, wie die Pforte in dem Thor geöffnet wurde, und den Klang des Bügels, der gegen das Thor ſchlug; dann das Klappern der Eiſen quer über den Hof weg nach dem Stall, dann ſeinen ſchnellen Schritt unter den Fenſtern Fr. Spielhagen's Werke vI. 6 geſprochen?— Was habe ich denn gethan, weßhalb nun Alles auf 82 Röschen vom Hofe. und die Treppe herauf. Ein Klingeln an der verſchloſſenen Thür!— „Wer kann denn das noch ſein, Roſe?“ fragte der Vater.—„Ich glaube, der Graf,“ antwortete Roſe, ihre ganze Kraft zuſammennehmend. —„Ei, das wäre!“ ſagte der Paſtor,„ſo ſpät? Freilich, es iſt erſt halb neun; wie ſchnell der Abend bei Ihnen vergeht! Aber für mich iſt es allerdings die höchſte Zeit; ich habe morgen eine Schul⸗ viſitation in Bolau und Gommern. Da heißt es früh auf dem Platz ſein.“* Der Paſtor hörte gar nicht auf Herrn von Weißenbach, der ihn ungewöhnlich dringend noch dazubleiben bat; es ſchien ihm Alles daran gelegen, in dem Augenblick, wo der Graf in's Zimmer treten würde, bereits im Aufbruch begriffen zu ſein; und wirklich hatte er ſchon den Hut und die ſchwarzen Handſchuhe in der Hand, als Wenzel dem Grafen die Thür öffnete. „Quand on parle du loup! Noch ſo eben, mein Herr Graf, habe ich mit den gnädigen Herrſchaften von Ihnen geſprochen. Hoch erfreut, Sie ſo bald wieder hier zu ſehen, trotz der ſchlechten Wege. Aber das erinnert mich, daß ich nicht länger weilen darf. Mit Gott, verehrter Herr von Weißenbach! Mein gnädiges Fräulein— Herr Graf, Ihr ganz unterthänigſter Diener!“ Mit dieſen Worten und manchen ungeſchickten Verbeugungen drängte ſich der Paſtor an dem kaum eingetretenen Grafen vorbei zur Thür hinaus. Fünßehntes Capitel. „Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich ſo ſpät vorſpreche,“ ſagte der Graf,„aber ich war, wie Sie wiſſen, einige Tage verreiſt und werde morgen in aller Frühe auf dem Wege nach der Reſidenz ſein; da wollte ich mich denn doch wenigſtens in der Zwiſchenzeit nach Ihrem Befinden erkundigen.“ Röschen vom Hofe. 83 Der Graf verſuchte, das Alles in einem leichten Ton zu ſagen, ohne daß ihm dies recht gelungen wäre. Die Anweſenheit des Paſtors, der ſich bei ſeiner Ankunft ſo ſchnell entfernte, hatten ſein Gemüth mit der Sorge erfüllt, Roſe und der Vater möchten ſchon erfahren haben, was er ihnen mitzutheilen gekommen war,— nicht leichten Herzens ge⸗ kommen war; und das Benehmen Roſe's und des alten Herrn ſchien dieſen Verdacht zu beſtätigen. Roſe hatte, ohne ein Wort zu ſprechen, nur eben ihre Hand in die ſeine gelegt; Herr von Weißenbach hatte ſeine allerſtattlichſte Verbeugung gemacht und ihn mit der allerhöflichſten Handbewegung zum Niederſitzen eingeladen. Niemand erkundigte ſich, wo er geweſen war. Man ſprach von dem Wetter und daß der Herbſt nun wirklich da ſei; dann fagte Herr von Weißenbach: „Ich habe noch für mich und meine Tochter für das prächtige Geſchenk zu danken, das wohlerhalten in unſere Hände gekommen iſt. Ich ſage: in unſere Hände, denn, aufrichtig, Herr Graf, ich bin gewiß nicht minder von demſelben entzückt wie meine Tochter, und da hat ſie es denn, als ein gutes Kind, das ſie iſt, mir, ſo zu ſagen, ab⸗ getreten.“ „Wenn meine Abſicht, Ihnen Beiden eine kleine Freude zu machen, erreicht iſt, ſo kann es mir nur doppelt angenehm ſein,“ erwiderte der Graf, ſich gegen Vater und Tochter verbeugend. „Dennoch,“ ſagte Herr von Weißenbach,„hätte ich es, offen ge⸗ ſtanden, lieber geſehen, wenn Sie nicht den Muth gehabt hätten, ſich von einer ſo ehrwürdigen Reliquie zu trennen.“ „Ich konnte derſelben keine größere Verehrung beweiſen, als wenn ich ſie in Ihre Hände legte,“ ſagte der Graf. Herrn von Weißenbach's Stirn färbte ſich roth; er war durchaus nicht in der Stimmung, bloße Höflichkeiten mit ſeinem Gaſte aus⸗ zuwechſeln; und hatte nun das beſchämende Gefühl, daß ſein jüngerer Gegner ihm an Gewandtheit überlegen ſei. Seine Stimmung wurde dadurch keineswegs gemildert; er fand es ſehr unbequem und be⸗ leidigend, in Roſe's Gegenwart eine Lection in der Höflichkeit zu er⸗ halten. Er ſagte: „Sie wiſſen, ich liebe das moderne Repräſentativ⸗Syſtem nicht; ich bin aus der alten Schule, deren erſter Grundſatz es war: ſelbſt iſt der Mann.“ 8 6* 84 Röschen vom Hofe. „Wenn die Schule nicht mehr exiſtirt, ſo kann es nur darau liegen, daß nicht alle Schüler ihr gleiche Ehre gemacht haben,“ er⸗ widerte der Graf. Herr von Weißenbach ſtand auf und machte ein paar ungeduldige Schritte, als würde es ihm zu eng im Zimmer. Der Graf blickte nach Roſen hinüber; ſie hatte die Augenwimpern geſenkt, ihre Wangen waren leis geröthet; ihr Buſen verrieth durch ſein ſtärkeres Wogen die innere Erregung. Einen Augenblick herrſchte in dem Gemache eine Stille, die nur von den ungleichmäßigen Schritten des alten Herrn und von dem Geräuſch des Paſtor⸗Wagens, der eben davon fuhr, unterbrochen wurde. Da ließ ſich draußen auf dem Flur eine tiefe grobe Stimme vernehmen, die nach Herrn von Weißenbach fragte. Wenzel's mürriſche Zurück⸗ weiſung ſchien unberückſichtigt zu bleiben; die grobe Stimme wurde noch lauter und dringender. Herr von Weißenbach, der ſich in der Nähe der Thür befand, ging mit einer Aeußerung des Unmuths hinaus, ohne die Thür wieder vollſtändig hinter ſich zu ſchließen. „Was wollen Sie?“ hörten die im Zimmer den alten Herrn fragen. Die grobe Stimme mäßigte ſich ſo weit, daß man nur einzelne Worte von dem, was ſie ſagte, verſtehen konnte.. Der Graf hatte ſich, ſobald Herr von Weißenbach des Zimmer verlaſſen, mit Lebhaftigkeit zu Roſe gewandt, die weder ihre Haltung, noch ihre Miene verändert hatte, nur daß vielleicht die Röthe der Wangen noch dunkler geworden war. „Aber, mein Gott,“ ſagte er,„wollen denn auch Sie mich un⸗ gehört verdammen?“ „Wie käme ich dazu? erwiderte Roſe mit dumpfer, unſicherer Stimme, die ſich vergeblich bemühte, gleichgültig zu klingen;„ich er⸗ laube mir kein Urtheil über Ihre Handlungen oder Entſchlüſſe.“ „Aber, Roſe— aber, mein Fräulein, ich ſchmeichelte mir, Ihre Achtung und die Achtung Ihres Vaters zu beſitzen; ich glaubte, daß — daß Sie mir wenigſtens freunvlich geſinnt wären. Weßhalb nun auf einmal dieſe Sprache, dieſe Kälte, an die ich,— verzeihen Sie mir— von Ihnen nicht gewohnt bin.“ Röschen vom Hofe. 85 Roſe blickte empor. In ihren großen blauen Augen lag ein Ausdruck, den ver Graf bisher noch nicht darin geſehen hatte— ein Ausdruck ſtrengen abweiſenden Ernſtes. Sie öffnete die Lippen, aber bevor ſie ein Wort hervorbringen konnte, wurden die Stimmen der Redenden draußen auf dem Flur ſo laut, daß Roſe beſtürzt von ihrem Sitze ſich erhob und der Graf unwillkürlich nach der Thür eilte. In demſelben Momente trat aber auch Herr von Weißenbach wieder ein, die Thür mit Heftigkeit hinter ſich zuwerfend. Seine Augen blitzten unter den buſchigen Brauen, ſeine hohe Stirn war von Zorn geröthet. Er murmelte heftige Worte durch die zuſammengekniffenen Lippen. „Ich fürchte, Sie haben eine Unannehmlichkeit gehabt, Herr von Weißenbach,“ ſagte der Graf. „O, nichts, nichts von Bedeutung,“ ſagte der alte Herr, ſich auf einem Seitentiſch ein Glas Waſſer einſchänkend, von dem er aber nur einige Tropfen trank;„es iſt thöricht, daß man ſich über dergleichen Unverſchämtheiten noch ärgert; man ſollte ſich doch endlich daran ge⸗ wöhnt haben. So etwas gehört nun einmal zum Charakter der Zeit. urtheilen Sie ſelbſt, Herr Graf! Da haben wir in Weißenbach ein Individuum, deſſen Eltern, Großeltern und ſo fort ſeit Menſchen⸗ gedenken im Dienſt meiner Familie geweſen find. Sie haben Alle, ſo weit meine Erinnerung reicht, nicht viel getaugt; aber wir haben uns ihrer angenommen, wie man ſich Derer annimmt, die auf unſerm Grund und Boden geboren und groß geworden ſind. Am wenigſten aber hat dieſes Individuum getaugt, das uns Alles, ja, ich möchte ſagen, ſein Leben ſelbſt verdankt, denn er wäre verhungert, als ſeine Eltern im Elend ſtarben, wenn wir uns ſeiner nicht angenommen hätten. Mein Vater hat ihn groß füttern laſſen, hat ihn in die Schule geſchickt, hernach habe ich ihn hier in dieſem meinem Hauſe Jahre lang gehabt als Schreiber und Buchhalter, bis ich ihn als Wirth in den Gaſthof ſetzte, der meiner Familie gehörte, ſo gut wie gehörte, denn der Gaſthof trug Laſten aller Art. Ich habe ihm den Zins erlaſſen, Jahre und Jahre lang, und nun,— was iſt das Ende von der Geſchichte? Achtzehnhundertachtundvierzig ſtand dieſer ſelbe Menſch an der Spitze aller Schwindelköpfe und Taugenichtſe der 86 Röschen vom Hofe. ganzen Umgegend; am einundzwanzigſten März achtzehnhundertacht⸗ undvierzig iſt er mit ſeiner Bande hier auf den Hof gezogen gekommen und hat gedroht, mir den rothen Hahn auf's Dach zu ſetzen, wenn ich nicht ſofort allen Gerechtſamen, die auf dem Gute hafteten, in Bauſch und Bogen ſchriftlich entſagte. Meine einzige Antwort war natürlich, daß ich die Büchſe dort aus dem Schrank riß, und den, der noch in der nächſten Minute auf dem Hof zu ſehen wäre, niederzuſchießen drohte. Da ſtürzten ſie zum Thor hinaus wie die Schafe. Hernach kam die Zinsablöſung, und derſelbe Menſch, den ich großgefüttert hatte, wurde für eine Summe, die ich ihm, wer weiß wie oft, geſchenkt, freier Eigenthümer, wie ſie's nennen. Seitdem hat er, wie recht und billig, nicht die Mütze vor mir oder meiner Roſe gerückt; und jetzt — jetzt hat dieſer Menſch die Frechheit, betrunken— denn ſonſt hätte er nicht den Muth dazu— in mein Haus zu kommen, mich zu fragen, nein— von mir zu fordern, daß ich ihm die Scheune hier auf meinem Hof verpachten ſoll, weil ihm von dem Korn, das er neben dem Wege in einem Schober aufgeſtellt hat, zu viel geſtohlen würde! Was denn ich mit der Scheune wolle, da ich ja doch Nichts hineinzuthun habe; er wolle ſie mir auch gut bezahlen, auf ein Thaler fünf oder zehn komme es ihm nicht an und dabei klimperte er mit dem Gelde in der Taſche! Tod und Hölle! Muß man ſich das gefallen laſſen? Iſt man ſo alt geworden, um ſich von ſolchem Geſindel inſultiren zu laſſen, das man früher ſchließen und in's Loch ſtecken ließ? Und wer iſt ſchuld an all' dieſer Miſere? ich frage Sie, Herr Graf, wer iſt ſchuld? Die ſind ſchuld, welche, kein göttliches und menſchliches Recht achtend, das gute Alte mit der Wurzel zu vertilgen ſich bemühen; doppelt und dreifach ſchuld, wenn die Bande des Bluts, die Heilig⸗ keit der Ueberlieferung, die Ehrfurcht des Angedenkens ihrer Ahnen, — wenn Alles, Alles, was ſonſt dem Menſchen das Herz warm hält und ihm im Leben einen Halt giebt— ihn darüber belehren ſollte, daß, wer der Tradition ſeines Standes untreu wird, ſich ſelbſt untreu wird, und das Untreue ſich beſtraft, früher oder ſpäter, im Leben oder im Tode.“ Der Graf war bei den letzten Werten, die Herr von Weißenbach mit erhöhter Stimme und ganz offenbar in directer Beziehung auf Röschen vom Hofe. 87 ihn geſprochen hatte, ſehr blaß geworden. Er warf einen Blick auf Roſe, als erwarte er, daß ſie jetzt wenigſtens den Verſuch machen werde, ihm in ſeiner peinlichen Lage zu Hülfe zu kommen, aber wieder waren ihre Augen niedergeſchlagen und ihre beredten Lippen, denen es ſonſt nie an einer feinen Wendung, an einem beſchwichtigenden, vermittelnden Worte fehlte, waren feſt geſchloſſen. Der Graf fühlte, wie bei dieſem Anblick der Zorn heiß in ſeinem Herzen aufkochte; aber mit einer gewaltigen Anſtrengung kämpfte er ſeine Bewegung nieder und antwortete ſo ruhig, als er vermochte: „Wenn die Ehrfurcht vor dem Ueberlieferten,— von der Ver⸗ gangenheit, die doch auch einmal Gegenwart war,— eine ſo große Tugend iſt, Herr von Weißenbach, ſo, glaube ich, daß Sie der Tu⸗ gend der Gerechtigkeit keine minder hohe Stelle zuſprechen werden. Ich habe meinen Vater nie, meine Mutter kaum gekannt; mag ſein, daß ich ſo nicht gelernt habe, mich freudig einem vor allem Nachdenken und über alles Nachdenken hinaus Verehrten, wie einer ehrwürdigen, wenn auch unbegriffenen Gottheit zu beugen. Ich habe mir das oft als Herzloſigkeit und Stumpfſinn ausgelegt, und, um dieſem Skep⸗ ticismus, deſſen gefährliche Seite mir nicht entging, das Gleichgewicht zu halten, mich früh bemüht, billig zu ſein; Vorurtheile und vor⸗ gefaßte Meinungen in mir zu bekämpfen; wo ich nicht, wie Andere, ohne weiteres, verehren konnte, mindeſtens nicht ohne weiteres, wie Andere, ein Verdammungsurtheil auszuſprechen; vor allem aber, da ich mich, wie ich nun einmal war, ſo ſchwer auf Andere ſtützen konnte, wenigſtens mir ſelbſt treu zu ſein. Bedenken Sie nun ſelbſt, Herr von Weißenbach, wie ſchmerzlich mir der Vorwurf, den Sie mir ſo eben gemacht haben, ſein muß. Ja, Herr von Weißenbach, wenn ich nicht heute Abend ſchon in der Abſicht gekommen wäre, Ihnen über mich, über meine Denkweiſe eine Aufklärung zu geben, die ich Ihnen vielleicht längſt ſchon hätte geben ſollen, jetzt, jetzt müßte ich es thun, und Sie müſſen mich anhören, denn Sie ſind zu edel geſinnt, um Ihrem Gegner anders gegenüber zu ſtehen, als mit gleichen Waffen, gleicher Sonne und gleichem Wind.“ Der Graf hatte ſich in der Aufregung, die er immer mühſamer beherrſchte, je länger er ſprach, erhoben. Die Hand, mit der er ſich — 88 Röschen vom Hofe. auf die Lehne des Stuhles ſtützte, bebte, wie ſeine tiefe Stimme, als er alſo fortfuhr: „Ich bin aus einer freiwilligen Verbannung, die, wie ich fürchte, weniger muthig, als hochmüthig war, hierher zurückgekehrt in das Land meiner Geburt, ein müder Wanderer, der ſich längſt ſchon ſeines nutz⸗ Loſen Umherſchweifens, ſeiner Thatenloſigkeit geſchämt hatte; zurück⸗ gekehrt, nicht in der beſtimmten Abſicht, aber mit dem heimlichen Wunſche, dieſer Thatloſigkeit ein Ende zu machen, endlich einmal aus dem leeren Aether abſtracter Speculationen über Menſchenglück und Bürgerwohl herauszukommen und wieder feſten Fuß auf der Erde zu faſſen. Wenn mich nun dieſe Erde alsbald mit einer Kraft, die ich nie für möglich gehalten, feſt hielt, wenn mir dieſes Thal, in das ich als Fremdling gekommen, ſo ſchnell zur Heimath wurde, wenn dieſe Luft, die ich hier athmete, mich ſo wunderbar erquickte und das Rauſchen des Windes durch unſre Wälder mich wie Wiegengeſang anmuthete — ſo verdanke ich das vor allen Dingen dem Empfang, der mir von Ihnen zu Theil wurde, der Aufnahme, die ich in Ihrem Hauſe fand. Ich habe kein Vaterhaus gehabt; ich habe nicht gewußt, was es heißt, die Hand einer Schweſter in ſeiner Hand zu halten. Daß ich dieſer Seligkeit jetzt theilhaftig zu werden glaubte, weſſen Schuld— wenn es anders eine Schuld iſt, einen Armen reich zu machen— iſt es, als Ihre eigene, die Schuld Ihrer Güte, Ihrer Freundlichkeit? Ich wärmte mich in dieſer neuen Sonne; ich war glücklich, wie ich es nie geweſen, nie geahnt hatte, jemals werden zu können. Ja— ich muß es ausſprechen, ſo ſchwer es mir auch gerade in dieſem Augenblicke wird— ich hatte bald noch kühnere Hoffnungen; ich träumte von einem Tage, wo ich meinen väterlichen Freund mit noch größerem Rechte würde Vater nennen; wo ich ſie, deren ſchweſterliche Neigung ich mir ſchon erworben zu haben glaubte, mit einem noch theureren Namen würde begrüßen können. Ich darf dies Alles nicht verſchwei⸗ gen, damit Sie das, was ich noch zu ſagen habe, beſſer verſtehen, ja, damit Sie es überhaupt nur verſtehen.“ Der Graf war an den Kamin getreten— etwas weiter fort von der Stelle, wo Roſe und ihr Vater ſaßen; ſeine Augen ruhten jetzt auf Beiden, während er vorher Roſe anzublicken vermieden hatte. — Röschen vom Hofe. 89 „Des Menſchen Geiſt iſt wie das Auge ſeines Leibes. Ein allzu helles Licht blendet ihn. So war es auch mit mir. In dem Ueber⸗ maß des Glückes, das auf mich herabſtrömte, vergaß ich, daß ich aus der Fremde nicht zurückgekommen war, um wiederum nur mir ſelbſt zu leben. Aber in dem Grade, als ich mir meines Glückes bewußt wurde, brach ſich bei mir die Ueberzeugung Bahn, daß ein Glück, welches man ſich nicht verdient hat, kein Glück ſei; daß es nicht ſein Glück verdienen heiße, wenn man ſich feige und thatlos aus dem Kampfe des Lebens, in welchem Andere Gut und Blut und Alles auf's Spiel ſetzen, ſo weit als möglich zurückzieht. Und ferner ſagte ich mir, daß dieſer Kampf des Lebens doch ſchließlich Niemand verſchont, und daß, wer in der Stunde der Entſcheidung nicht mit ſeiner ganzen Kraft für ſeine Ueberzeugung einſtehen kann, ſchimpflich unterliegen muß. Ich empfand mit einem Male vie ganze Schwere meiner Schuld, Ihnen ſo nahe getreten zu ſein, ohne mich Ihnen zu zeigen, wie ich mich ſelbſt ſehe, wie ich mich ſelbſt kenne. Ich fühlte, daß ich Ihnen ein volles, ein unumwundenes Bekenntniß meiner Grundſätze ſchuldig ſei. Aber auch das ſchien mir noch nicht genug. Ich glaubte, meine Ehre und die Achtung, die ich vor Ihnen habe, erforderten es, ſchon jetzt aus freien Stücken einen Schritt zu thun, wie ich ihn vielleicht ſpäter, wenn ich nicht die Achtung vor mir ſelbſt verlieren ſollte, thun müßte. Eine Gelegenheit zu einem ſolchen Schritt war mir ſchon ſeit lange geboten. Ich war kaum hierher zurückgekehrt, und das Gerücht, daß ich in Zukunft auf meinen Gütern leben würde, hatte ſich kaum verbreitet, als ſich die Oppoſition in unſerem Landtage, die, wie es ſcheint, nicht vergeſſen hatte, warum ich vor zehn Jahren aus dem Militairdienſt geſchieden war, ſich an mich wandte und mich auf⸗ forderte, in ihre Reihen einzutreten. Unſer Ländchen iſt nicht ſo groß, daß die Rolle eines Politikers den Ehrgeiz befriedigen könnte; aber klein, wie es iſt, iſt es ein Glied des großen Ganzen, und die In⸗ tereſſen, die gerade jetzt auf dem Spiele ſtehen, ſind für unſere Ver⸗ hältniſſe von entſcheidender Wichtigkeit. Das Programm, das mir vorgelegt wurde, konnte ich mit gutem Gewiſſen unterſchreiben, denn es enthält in Wahrheit nur einen geringen Theil deſſen, wovon ich mit Sicherheit hoffe, daß es auf dem Programm der liberalen Partei 90 Röschen vom Hofe. ganz Deutſchlands in nicht allzuferner Zukunft ſtehen wird. Ich habe es unterſchrieben; in dem Fichtenauer Kreiſe iſt ſeit geſtern, wo ich mich ſelbſt an Ort und Stelle den Wählern vorgeſtellt habe, meine Wahl geſichert. Wenn Sie mich jetzt noch fragen, warum ich dieſen Schritt gethan, warum ich ihn jetzt gethan habe— ſo wiſſen Sie auch nicht, wie ſchwer mir dieſer Schritt geworden iſt, und wie ſchwer, Ihnen alles Dies zu ſagen.“ Der Graf hatte ſich bei den letzten Worten auf den Sims des Kamins gebeugt und ſeine Stirn mit der Hand bedeckt; er verharrte in dieſer Stellung, als wollte er ſich Zeit laſſen, ſeine Bewegung zu bemeiſtern. Ein paar Minuten herrſchte tiefe Stille in dem Zimmer. Roſe hatte, als der Graf ſchwieg, nur einmal ſchnell mit angſtvollen Blicken auf den Grafen und auf den Vater geſehen, dann hatte ſie wieder die Augenlider geſenkt; Herr von Weißenbach ſaß auf dem Sopha mit gerunzelter Stirn und zuſammengezogenen Brauen. Jetzt erhob er ſich, ging ein paar Male auf und ab, blieb dann zwiſchen Roſe und dem Grafen ſtehen und ſagte: „Ich danke Ihnen, Herr Graf, für Ihre Mittheilungen, wenn es auch, wie Sie ja ſchon ſelbſt andeuteten, wünſchenswerther geweſen wäre, Sie hätten uns dieſelben weniger lange vorenthalten. Indeſſen, wie dem auch ſei, Sie haben, indem Sie uns mit einem Einblick in Ihre Geſinnungen beehrten, Ihre Pflicht erfüllt, Sie haben als Mann geſprochen und ſo will ich Ihnen antworten. Zuerſt bitte ich Sie wegen deſſen, was ich vorhin ſagte, um Verzeihung. Sie ſind ſich treu geweſen, ſind es ſich auch in dieſem Augenblick; Sie ſind ſtolz darauf, daß Sie es ſind, daß Sie den Muth haben, es auf Foſten Ihres Herzens, Ihrer Empfindungen zu ſein. Wohl! Sie können unmöglich von mir, von uns weniger erwarten; unmöglich erwarten, daß ein Mann, der über dreißig Jahre, das heißt: mehr als ein Menſchenalter vor ihnen poraus hat, ſich an dem Abend ſeines Lebens, auf der Schwelle des Grabes vielleicht, zu Anſichten bekennen ſoll, die er ſein Leben lang gehaßt und bekämpft hat. Ich bin, ſo ſcheint es, in dieſem Kampfe unterlegen; ich habe in demſelben mein Vermögen verloren, meine Geſundheit und Freudigkeit eingebüßt, ich bin ein alter, und— ich ſpreche es ungern aus— ein armer Mann, der, Röschen vom Hofe. 91 wer weiß es, vielleicht noch um das Letzte, was ihm blieb, um ſeinen guten Namen vor der Welt gebracht werden wird. Iſt es auch nur denkbar, daß ich zu allen dieſen Opfern noch das meiner Geſinnung bringe? Und darauf käme es doch hinaus, oder unſer Leben, ich meine das Verhältniß zwiſchen Ihnen zu mir, und mir zu Ihnen, würde eine einzige große— Lüge ſein. Die iſt unſer nicht würdig. Ich bin Ihnen die volle Wahrheit ſchuldig. Wären Sie mir von Haus aus ein Fremder, wären Sie aus bürgerlichem Stande, und hätten Sie die Geſinnungen, die Sie haben, ich würde Sie immerhin nicht zu meinem Vertrauten machen, würde Ihnen nie freiwillig einen Platz, der meinem Herzen noch näher iſt, einräumen; dennoch könnte ich Ihnen mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit, mit dem Gefühl, daß dies ſo ſein muß und gar nicht anders ſein kann, gegenübertreten. Aber, ich geſtehe, der Gedanke, daß der Sohn meines liebſten Freundes, daß Jemand, den ich als Kind über die Taufe gehalten habe, daß der Abkömmling eines uralten, durch die Reinheit ſeines Stammbaumes und ſeiner Geſinnungen berühmten Geſchlechts ſich auf die Seite Derer ſtellt, in denen ich von jeher meine natürlichen Feinde geſehen habe— das regt mir das Blut in den Adern auf, das raubt mir faſt die Ruhe, die mir mein Alter zur Pflicht macht. Von dieſem Augenblick an muß jede Gemeinſchaft zwiſchen uns aufhören; das brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, denn das fühlen Sie, das wiſſen Sie ſo gut, wie ich. Was Jeder von uns verliert, muß eben Jeder tragen, wie er kann Möglich, ja wahrſcheinlich, daß für uns Alle jetzt eine ſchwere Zeit hereinbricht, daß Keiner von uns wieder ſo glücklich wird, wie er war, ehe wir uns kennen lernten— auch das müſſen wir hin⸗ nehmen, wie ein Unvermeidliches. Die Schrift befiehlt uns, das Auge auszureißen, das uns ärgert; Jemand, den wir unter anderen Um⸗ ſtänden ſehr geliebt hätten, von uns zu ſtoßen, iſt vielleicht nicht min⸗ der ſchmerzlich; und doch muß das Eine und das Andre geſchehen, wenn wir nicht an Leib und Seele zu Grunde gehen wollen.“ Der Graf athmete tief auf. Es war vorbei. Er richtete ſein Haupt empor; trat mit leiſen, ruhigen Schritten ver Roſen hin und blickte einen Moment auf ſie herab. Ihre Augenlider waren geröthet; 3 92 Röschen vom Hofe. ihre Wangen waren jetzt blaß und ihr Mund wie im Schmerze ge⸗ ſchloſſen. „Leben Sie wohl!“ ſagte der Graf. Er reichte ihr die Hand; Roſe's Hand war kalt; ihre Finger regungslos und wie erſtarrt. Den Grafen wollte ſeine Feſtigkeit ver⸗ laſſen; Stolz und Liebe kämpften in ſeiner Bryuſt, wie zwei Adler mit ausgeſpannten Flügeln und ausgereckten Fängen gegeneinanderſtürzen; aber der Stolz blieb Sieger. Er ließ die kalte Hand ſacht aus der ſeinen gleiten und wandte ſich zu Herrn von Weißenbach. „Erlauben Sie, daß ich Sie hinausbegleite,“ ſagte der alte Herr. Er nahm den Armleuchter von dem Tiſch und leuchtete dem Grafen auf den Flur, ganz wie ſonſt, nur daß heute Abend ſeine ſtattliche Höflichkeit durch kein freundliches Lächeln erhellt war. An der Haus⸗ thür ſchieden ſie. Herr von Weißenbach benutzte den Augenblick, wo ſeine eine Hand den Leuchter, ſeine andere den Griff der Thür hielt, zu einer letzten Verbeugung. Der Graf machte keinen Verſuch, ihm die Hand zu reichen. Als die Nachtluft ihm in's Geſicht wehte, athmete er noch einmal tief auf und ſagte: Gott ſei Dank! dennoch war es ein Glück, daß Zuleika ſo ſicher lief und den Weg von Weißen⸗ bach nach Lengsfeld ſchon ſo oft in der Nacht zurückgelegt hatte— ſonſt hätte diesmal der Ritt für Roß und Reiter leicht der letzte ſein können.. Als Herr von Weißenbach in das Zimmer zurückkam, fand er Roſen nicht mehr darin. Er ging in das Nebenzimmer. Roſe, die ſich dort auf das Sopha geworfen hatte, richtete ihren Kopf empor; hr Geſicht war mit Thränen überſtrömt. Herr von We ißenbach ſetzte heftig den Leuchter auf den Tiſch. „Wenn Du Deinen alten Vater liebteſt, ſo würd eſt Du in dieſem Augenblick nicht weinen, Roſe,“ ſagte er. Roſe trocknete ſich mit ihrem Taſchentuche die Thränen; aber, indem ſie ſo that, überwältigte ſie die Leidenſchaft; ſie ſchluchzte laut auf, verbarg ihr Geſicht in die Seitenkiſſen des Sopha's und weinte bitterlich. Dieſer Anblick— die zitternden Locken, der krampfhaft zuckende Röschen vom Hofe. 93 ſchlanke Körper— brachte den alten Mann ganz außer ſich. Er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn, ging mit heftigen Schritten hin und her, blieb endlich vor der noch immer Weinenden ſtehen und ſagte: „Warum biſt Du ihm nicht gefolgt, wenn es Dir ſo ſchwer wird, das Schickſal Deines Vaters zu theilen? Er würde Dich ja gern genommen haben für heute und für morgen, wenn er auch vielleicht übermorgen ſich der Bettlerin geſchämt hätte! O, mein Gott, weß⸗ halb haſt Du mich nicht ſterben laſſen, ehe ich dies erlebte!“ Roſe hörte die Thür gehen. Der Vater hatte das Zimmer ver⸗ laſſen. Sie machte keinen Verſuch, ihm zu folgen; in der That wäre ſie in dieſem Augenblicke dazu nicht im Stande geweſen. Ihr Kopf war zerſtückt und ihre Bruſt ſo voll von ſchwerem Herzeleid, daß ſie jetzt nicht einmal mehr weinen, ſondern nur von Zeit zu Zeit leiſe ſchluchzen und mit ſtarren, weit geöffneten Augen in die Flammen der Lichter blicken konnte. So ſaß ſie lange, lange. Lauter und lauter heulte und ſtöhnte der Nachtwind. Der Regen, der wieder angefangen hatte, ſchlug praſſelnd gegen die Scheiben. Der Wächter im Dorfe rief die Stunde ab. Roſe wußte nicht, welche Zeit es war; ſie ſah nur, daß die Lichter faſt ganz heruntergebrannt waren. Sie mußte zu Bette gehen— weßhalb? es hatte ſo gar keinen Sinn. Morgen war wieder ein Tag— ja— aber ein Tag, ohne daß ſie ihn ſehen würde, der, wie ſie jetzt fühlte, ihr theurer war als ihr Leben; und ſo morgen und übermorgen und alle Tage! Roſe ſchauderte zufammen; es war ihr, als hätte ſie in ein Grab geblickt. Sie nahm ein Licht und beſorgte, was noch für morgen in der Wirthſchaft zu beſorgen war. Im Hauſe war Alles ſchon zu Bette. Als ſie die knarrende Treppe hinaufſtieg, erſchrak ſie vor ihrem Schatten, welchen bei einer Wendung das Licht an Wand und Decke warf, und dann dachte ſie: ſie ſei ja ſelbſt nur ein Schatten von dem, was ſie noch vor ſo kurzer Zeit geweſen. Röschen vom Hofe. Sechszehntes Capitel. Der Herbſt zeigte, daß er nun Herr im Lande ſei. Regen und Sturm, Sturm und Regen einen Tag wir den andern. Die Sonne war verſchwunden, als wollte ſie die Verwüſtung nicht ſehen; nicht ſehen, wie die Felder, welche noch vor kurzem in goldenen Aehren ge⸗ wogt hatten, eine weite, troſtloſe, ſumpfige Oede waren, wie die Blumen im Garten umgeknickt und umgebrochen an dem naſſen Boden verrotteten, die halbkahlen Aeſte der Bäume wie im Wahnſinn durch⸗ einanderfuhren und die dürren Blätter wie toll in der Luft herum⸗ wirbelten. Von den Thieren hatte ſich verkrochen, was nur irgend Schutz finden konnte; in dem Park war kein Vogellaut zu hören, als das jetzt faſt ununterbrochene Krächzen und Krähen, die der Sturm aus den Neſtern und von den ſchwanken Zweigen ſchüttelte und hoch oben zwiſchen den graulichen Nebeln wie ſchwarze Flocken hin und her ſchleuderte. Die Atmoſphäre war mit feuchtkaltem Waſſerdunſt ge⸗ tränkt. Von Zeit zu Zeit fiel ein dichter eiſiger Regen, welcher die Strohdächer durchweichte, den Putz von den Scheunen und Bauer⸗ häuſern herunterſchlug und nach und nach den hellen freundlichen Bach, der das Dorf durchplätſcherte, und von dem es ſeinen Namen hatte, in einen Strom verwandelte, der ſeine dunklen, ſchmutigen Fluthen wie in lautem Znrn dahinwälzte. Es war eine traurige, trübe Zeit, die Keinem ſo leicht etwas Gutes brachte. Nicht zum mindeſten trüb und traurig für die Bewohner des Hofes. Das alte Herrenhaus mit ſeinem überhängenden Dache, den ſtets verſchloſſenen Jalouſien und den kahlen, ſchmuckloſen Wänden, welchen Sturm und Regen übel genug mitgeſpielt hatten, glich einem Manne, der beſſere Tage geſehen hat, und nun, da ſie kommen, von denen man ſagt, ſie gefallen mir nicht, den Hut in's Geſicht zieht, den Rock feſt zuknöpft und dem Unglück Trotz bietet. Und ſo öde und freudlos, wie das Aeußere ſeines Hauſes, war auch das Leben des Herrn von Weißenbach. Der Schatz, den er für unermeßlich gehalten, Röschen vom Hofe. 95 war erſchöpft; der letzte Schimmer von Freude in ſeinem Leben war erloſchen; der Stab, auf den er ſich feſt und immer feſter geſtützt hatte, war zerbrochen; die füße Nahrung ſeiner Seele war bitter geworden und verdorben— die Liebe ſeiner Tochter zu ihm war nicht mehr. Zwar gab ſie ihm keine directe Urſache zur Klage, ſie war ihm am nächſten Morgen mit thränenloſem Geſicht, ja mit einem Lächeln auf den bleichen Wangen entgegengetreten; keine der unzähligen großen und kleinen Aufmerkſamkeiten, an die ſie ihn gewöhnt hatte, war von ihr vergeſſen; ſie hatte des Grafen Namen nicht wieder genannt, ihres Verhältniſſes zu ihm mit keiner Sylbe erwähnt; ſie war ihren Be⸗ ſchäftigungen nachgegangen, ganz wie ſonſt— aber es war doch Alles ganz anders wie ſonſt. Keine Veränderung ſcheinbar, und doch Alles umgewandelt; und der Vater ſpürte nach dieſer Wandlung und be⸗ merkte jeden kleinſten Zug derſelben mit jener fieberhaften Neugier, mit welcher ein Hypochonder die Fortſchritte ſeiner Krankheit beobachtet. Er hatte es nicht vergeſſen, wie die Starke, Stolze an jenem Abend zuſammengebrochen war wie ein ſchwankendes Rohr; er ſah noch immer ihre Locken und ihren ſchlanken Körper zittern; er hörte noch immer ihr krampfhaftes Schluchzen— das war ihr wahrhafter Anblick; was er jetzt ſah— dies bleiche, gleichmäßig freunvliche, aufmerkſame Mäd⸗ chen— das war Verſtellung, Lüge, ihn demüthigende Entſagung. Was konnte ihm ihr Lächeln ſein, wenn er unter ihrer Zeichnung auf dem Reißbrett die deutlichen Spuren friſchgeweinter Thränen fand?— Sie liebte den Grafen nach wie vor; ſie that, was ſie that, aus Pflicht⸗ gefühl, aus Großmuth. Der Stolz des alten Mannes wand und krümmte ſich unter dieſem Gedanken. Er war ein Bettler, der von den Broſamen lebte, die von dem reichen Mahl der Liebe abfielen, welche ſeine Tochter an den Grafen verſchwendete. Nacht um Nacht nahm er ſich vor, einem Zu⸗ ſtande ein Ende zu machen, der ihn in ſeinen Augen beſchimpfte; ſeiner Tochter zu ſagen, daß ſie den Grafen heirathen möge, heute lieber, als morgen; aber wenn ſie am nächſten Morgen ihm mit ihrem ſanften Lächeln entgegentrat, hatte er nicht den Muth, das Wort, das ſie trennen ſollte, zu ſprechen, und verſchob die Ausührung ſeines Ent⸗ ſchluſſes auf den nächſten Tag. Vielleicht erlebte er den nächſten Tag Röschen vom Hofe. nicht, vielleicht ereilte den Schlafloſen, Fiebernden ein plötzlicher Tod und befreite ſo mit einem Schlage ihn und ſie. Ja, der alte Herr würde in dieſen Tagen Hand an ſich ſelbſt gelegt und ein Leben, das ihm zur Qual geworden, zerſtört haben, wenn der fromme Kinder⸗ glauhe, an welchem ſeine Seele noch immer feſthielt, einen ſolchen 57 Schritt für ihn nicht zu einer moraliſchen Unmöglichkeit gemacht hätte. Ueberdies war in ſeinen Augen Selbſtmord gleichbedeuten dmit Feig⸗ ſur Seine Religion und ſeine Ehre hießen ihn, ſein Kreuz noch weiter zu tragen. War doch ſelbſt in den Augen der Menſchen auf Erden ſeine Rechnung noch nicht abgeſchloſſen; ſollte er doch, wie es ſchien, erſt noch den Beweis liefern, daß der letzte Weißenbach, der Letzte eines Geſchlechts, auf dem kein Makel haftete, kein gemeiner Betrüger ſei. Der Proceß der aufgelöſten Creditbank war in die letzte Inſtanz ge⸗ treten und hatte eine immer größere Ausdehnung angenommen. Neue Beweisaufnahmen hatten ſtattgefunden; verſchiedene Perſonen, in wel⸗ chen der erſte Unterſuchungsrichter nur Betrogene und keine Betrüger geſehen hatte, waren bereits eingezogen worden; andere wurden als ſolche bezeichnet, denen daſſelbe Schickſal im weiteren Verlaufe des Proceſſes noch bevorſtände. Unter den letzteren wurde auch der Name des Herrn von Weißenbach genannt. Der Advocat, welcher ſeine Sache führte, verſchwieg ihm das nicht; ja er bat ſeinen Clienten dringend, bei Zeiten auf Herbeiſchaffung einer Caution, deren wahr⸗ ſcheinliche Höhe er angab, bedacht zu ſein. Daß dieſe Angelegenheit den alten Herrn fortwährend auf das ſchmerzlichſte beſchäftigte, konnte, wer ihn genauer beobachtete, gar wohl bemerken, obgleich er ſelbſt ſich den Anſchein gab, die Sache leicht zu nehmen. An eine Caution denke er nicht; er ſelbſt könnte eben ſo gut mit ſeinen eigenen Händen den Weißenbach rückwärts leiten, als ſie aus eigenen Mitteln zahlen, und er wolle auf ſeine alten Tage nicht zum Borger werden. Warum habe er ſeinen ehrlichen Namen zu dem modernen Schwindel hergegeben? Ein ſolcher Frevel werde mit ein paar Jahren Einſperrung nicht zu ſchwer gebüßt. Er habe freilich bisher immer gedacht, Gefängniſſe ſeien nur für Spitz⸗ buben und Schelme; aber andere Zeiten, andere Sitten. Er hoffe E — Röschen vom Hofe. 97 nur, den Herren vom Gericht nicht den Gefallen zu thun und ſo lange zu ſitzen, als es ihnen beliebte. Er ſei ein alter Mann, der das Leben herzlich ſatt habe, und ſo könnte es wohl geſchehen, daß der Tod ein Einſehen hätte und den geſtrengen Herren einen Strich durch die Rechnung machte. In der That hatte ſeine Geſundheit, die ſchon ſeit dem Ende des Sommers wankend geweſen war, in der letzten Zeit ſichtlich abge⸗ nommen. Die fortwährende ſeeliſche Erregung, welche durch die Schlafloſigkeit ſeiner Nächte noch vermehrt wurde, zehrte an ſeinen Kräften. Seine bis dahin noch ſo feurigen Augen hatten ihren Glanz verloren, und waren tief in die Höhlen zurückgeſunken; in ſeinem grauen Haar zeigten ſich immer mehr ſilberweiße Streifen; ſeine Stimme war heiſer und mürriſcher; er war, wie mit einem Male, wie er ſich bis dahin eigentlich immer noch in halbem Scherz genannt hatte: ein aller Mann geworden. Roſe ſah das Alles mit einem Schmerze, der um ſo grauſamer war, als ſie ihn gegen Niemand, am allerwenigſten gegen den Vater zeigen konnte, der jeden Verſuch, ſich ihm in der alten vertraulichen Weiſe zu nähern, mit kalter Höflichkeit zurückwies. Ihre Angſt kannte keine Grenzen, ſie war der Verzweiflung nahe. Sie ſah den wahr⸗ ſcheinlichen Termin, bis zu welchem der Vater die Caution zu ſtellen haben würde, herankommen, ohne daß irgend eine Vorkehrung von ſeiner Seite getroffen wurde. Gefängniß und Tod aber— das wußte ſie— waren für den Vater gleichbedeutend. Er, der Zeit ſeines Lebens ſich jeden Tag ſtundenlang in der freien Luft bewegt, der ſchon, als ſie in einer der hellſten Straßen der Stadt wohnten, über die beklemmende Enge und Eingeſchloſſenheit geklagt hatte— er ſollte, vielleicht Monate lang, die dumpfe Luft eines Gefängniſſes athmen! Roſe war überzeugt, daß acht ſolcher Tage hinreichen würden, den Vater zu tödten. Sie hatte ohne ſein Wiſſen den alten Landarzt, der ſchon ſeit vielen Jahren in Weißenbach wohnte, dem Vater aber wegen ſeiner ausgeſprochenen demokratiſchen Geſinnungen unbequem war und deßhalb nur in den dringendſten Fällen auf„den Hof“ gerufen wurde, confultirt, und wenn dieſer auch von einer ſo acuten Wirkung nichts wiſſen wollte, ſo ſtellte er doch nicht in Abrede, daß die Sache Fr. Spielhagen's Werke. vI. 7 98 Röschen vom Hofe. immerhin bei einem Mann von dem Alter, der Conſtitution, dem Temperament und der Gemüthsart des Herrn von Weißenbach ſein Bedenkliches habe. Die arme Roſe zermarterte ihr Gehirn, einen Ausweg aus dieſer Noth zu finden. Aber was konnte ſie thun? An wen ſollte ſie ſich wenden? Endlich ſchrieb ſie— mit ſchwerem Herzen und äußerſtem Wider⸗ ſtreben— an die Herzogin. Sie ſchilderte ihre Lage; ſie bat nicht um Hülfe, nur um Rath, um Treſt. Es dauerte länger, als Roſe geglaubt hatte, bis die Antwort kam— eine wenig tröſtliche Antwort. Es waren die alten Phraſen von einer Freundſchaft, die keine Stan⸗ desunterſchiede kennt, von einer Liebe, die auf Wahlverwandtſchaft gegründet iſt; aber es waren eben Phraſen. Roſe ſah dies zum erſten Male mit dem Scharfblick des Unglücklichen und Hülfsbedürftigen, dem ſtatt des Brotes ein Stein gereicht wird. Sie dachte ſich in die Lage der Herzogin gegenüber einem armen verlaſſenen Mädchen, das ſie wirklich liebte, wie ſie die Sache dieſes Mädchens zu der ihren machen würde.—„Ich habe mit dem Herzog geſprochen,“ ſchrieb die Herzogin,„er ſagte mir, daß er in dieſer Sache leider weniger als irgend ein Anderer thun könne. Der Fiscus ſei bei den durch das Faliſſement der Bank herbeigeführten Verluſten ſehr bedeutend be⸗ theiligt; die Oppoſition werde in der bevorſtehenden Diät ihren Haupt⸗ angriff gerade nach dieſer Seite richten. Das iſt ſo ungefähr, was ich von der Sache verſtanden habe. Sie wiſſen, liebes Röschen, wie ſchwerfällig mein Kopf in dieſen Dingen iſt. Aber Sie dürfen die Affaire nicht ſo verzweifelt ernſt nehmen, liebes Röschen, und Ihr wackrer Vater darf es ebenfalls nicht. Dies ſchreckliche Wetter erzeugt allerlei melancholiſche Gedanken; ich ſelbſt leide mehr als je an meiner Migraine. Sie müſſen wirklich kommen, und mir wieder Ihre ſchöne weiche Hand auf die Stirn legen. Das half mir immer ſo gut. Fräulein von Mardorf's Hand iſt zu mager und hat nicht die milde, wohlthuende Wärme Ihrer Hand. Wirklich, Sie fehlen mir recht ſehr, liebes Röschen. Roſe ließ dieſen Brief in ihren Schvoß ſinken, und blickte in ſchmerzlichem Nachdenken lange vor ſich nieder. Das war alſo die gütige, gnädige Freundin! In einem Augenblicke, wo ſie wußte— Röschen vom Hofe. 99 wiſſen mußte, wenn ſie Augen zum Leſen und ein Herz zum Fühlen hatte, daß es ſich für Roſe um Alles, um Tod und Leben ihres ge⸗ liebten alten Vaters handle, konnte ſie vom Wetter, von ihrer Mi⸗ graine und von der magern Hand einer Hofdame ſprechen... Roſe knitterte den Brief zornig zuſammen und warf ihn in die Flamme des Kamins.—„Er hatte Recht, irvniſch mit den Achſeln zu zucken, als ich von meiner intimen Freundſchaft mit der Herzogin ſprach. Intime Freundſchaft! Ja wohl! Intim, wie die Hand mit dem Hand⸗ ſchuh iſt, ſo lange ſie ihn brauchen kann!“ Die hohe Frau hatte Roſen gebeten, über Alles, was ſie aus dem Munde des Herzogs mitgetheilt, die ſtrengſte Discretion zu beobachten; leider aber plauderten ſchon in den allernächſten Tagen die Zeitungen das große Staatsgeheimniß aus. Die officielle Zeitung brachte einen langen Artikel, in welchem verſucht wurde, aus dem Eifer der Juſtiz in dem Creditbank⸗Proceß den Beweis zu liefern, wie wenig die Regierung die Kritik ihrer Handlungen ſcheue. Da⸗ gegen führten die Oppoſitionsblätter aus, wie dieſes Aufhetzen der leider nicht in dem wünſchenswerthen Maße unabhängigen Gerichte weiter nichts als ein plumpes Manöver des Gouvernements ſei, dem großen Publicum Sand in die Augen zu ſtreuen, und eine an ſich ſehr einfache Sache möglichſt zu verwickeln. Beſonders machte ein Artikel Aufſehen, der dieſe letzte Behauptung mit einer in der Preſſe des Ländchens ganz unerhörten Kühnheit verfocht. Die Finanz⸗ operationen, welche das Miniſterium mit Hülfe jener unglückſeligen Creditbank gemacht hatte, wurden auf dus ſchonungsloſeſte verurtheilt. Am Schluß hieß es: Wenn auch das Miniſterium in ſeiner feigen Todesfurcht ſo weit geht, ſeine treueſten Anhänger rückſichtslos zu opfern, um ſich noch ein paar Monate länger zu halten: es wird ihm doch nichts helfen. Mag es dem Lande immerhin das merkwürdige Schauſpiel geben, daß Diejenigen, welche es durch ihren Leichtſinn und ihre Unfähigkeit an den Rand des Staatsbankerotts gebracht haben, in Amt und Würden ſind, während vielleicht Männer, die rückſichtslos ihr Vermögen opferten, um den Mißbrauch, den Andere mit ihren ehrlichen Namen getrieben hatten, zu ſühnen, im Gefängniſſe ſchmachten— der Tag der Abrechnung wird doch anbrechen, und die 7* 100 Röschen vom Hofe. erſte und heiligſte Pflicht des neu zuſammentretenden Landtages iſt es, vafür zu ſorgen, daß dieſer Tag ſo ſchnell als möglich kommt. Roſe, welche jetzt, bevor der Vater zum Kaffe herabkam, die Zeitung jedesmal haſtig durchlief, hatte dieſen Artikel mit klopfendem Herzen geleſen. Bei dem letzten Satze ſchrak ſie zuſammen; es war ihr, als ob eine liebe, wohlbekannte Stimme dieſe muthigen Worte geſprochen hätte.„Der Tag der Abrechnung wird doch anbrechen!“ Hier in dieſem ſelben Zimmer hatte er es geſagt vor gar nicht langer Zeit, das erſte Mal, als er und der Vater auf Politik zu ſprechen gekommen waren. Er und kein Anderer hatte den Artikel geſchrieben! Roſen war, als ob die grauen Regenwolken ſich geöffnet hätten und der blaue Himmel blickte herein. Sollte von ihm die Rettung kom⸗ men? Von wem ſonſt? Wer war ſo ſtark und muthig, wie er? Wer liebte ſie ſo, wie er? Mit ängſtlicher Spannung beobachtete ſie die Züge des Vaters, als er bald darauf, in ſeinem Lehnſtuhl ſitzend, den Artikel las. Sie ſah, daß ſeine Hände zitterten. Sie wagte die Frage: ob er Etwas von beſonderem Intereſſe gefunden habe?— Der alte Herr fuhr aus ſeinem Stuhl empor.„Da, lies ſelbſt!“ ſagte er, ihr das Blatt reichend, und dann ſetzte er murmelnd hinzu:„Das fehlte noch, ſo zum Gegenſtand des öffentlichen Mitleids gemacht zu werden! Möge die Hand verdorren, die das geſchrieben!“ Damit ging er zum Zimmer hinaus. Roſe's Freude war von kurzer Dauer geweſen. Ahnte der Vater ſo gut wie ſie, wer der Verfaſſer war? War es der Haß gegen ihn, der ihn ſo fürchterliche Worte lehrte, die mit ſeiner ſonſtigen edlen Denkungsart ſo gar nicht übereinſtimmten? Roſe ſollte bald aus dieſer Ungewißheit geriſſen werden. Der Landtag war am erſten November eröffnet worden; die Anzahl der Stimmen, über welche die Regierungspartei zu verfügen hatte, war etwas größer, als die der Oppoſition, dafür aber zeigte die letztere mehr Rührigkeit und eine ſtraffere Disciplin. Daß Graf Lengsfeld zur Oppoſition halten werde, war den Eingeweihten längſt bekannt. Die Meinungen, die man im Lande von ihm hatte, waren getheilt. Einige, die ihm näher getreten waren, rühmten ſeine Energie zr Röschen vom Hofe. 101 und ſeine Kenntniſſe; Andere nannten ihn ſtolz und hochmüthig und erwarteten wenig Erſprießliches von ihm; Alle aber waren äußerſt begierig, zu ſehen, welche Rolle er in dem bevorſtehenden Kampfe übernehmen würde. Die Entſcheidung ließ nicht lange auf ſich warten. Schon nach wenigen Tagen brachte ihn eine Interpellation in der Finanzfrage, die er ſelbſt in ſeiner Partei beantragt hatte, auf die Rednerbühne. Sämmtliche Miniſter hatten der Reihe nach Veranlaſſung bleich zu werden; beſonders der Miniſter der Juſtiz und der Finanzen, als der Graf ſpeciell auf die Angelegenheit der Creditbank zu ſprechen kam. Er ſtellte ſchließlich dem Miniſterium die Alternative, entweder in der letzten Stunde ſeine Sünden ſo weit als möglich wieder gut zu machen und dann in ein wenig ehrenvolles Grab der Vergeſſen⸗ heit zu ſteigen, oder einer Anklage gewärtig zu ſein. Der moraliſche Triumph der Oppoſition war vollſtändig ge⸗ weſen; die ausweichenden, ſchiefen und halben Antworten der Miniſter hatten den Unwillen ſelbſt der gouvernementalen Partei hervorgerufen; nichtsdeſtoweniger hatte die letztere einen Uebergang zur Tagesordnung durchgeſetzt und ſo das Miniſterium für dies Mal noch gerettet. Die Rede des Grafen machte das allergrößte Aufſehen weit über die Grenzen des Ländchens hinaus. Noch nie waren dem Schein⸗ Conſtitutionalismus ſolche Dinge geſagt worden, nnd dabei in ſo einfachen, kühlen Worten. Man wunderte ſich, woher ein ſo junger Mann die Kenntniſſe hatte, und war nicht abgeneigt, anzunehmen, daß er ſich die Rede von einem alten parlamentariſchen Taktiker habe ausarbeiten laſſen, als zur rechten Zeit ſein handelspolitiſches Werk erſchien, das von Kennern als vorzüglich, ja einzig in ſeiner Art ge⸗ rühmt wurde. Von dieſem Augenblicke an galt des Grafen Name in politiſchen Dingen als eine Autorität. Seine Partei, die ſtolz auf ihn war, wurde nicht müde, ihn zu verherrlichen. Der Paſtor von Lengsfeld hatte Recht gehabt, wenn er ſagte, daß der Graf ſich weniger an die Oppoſition, als vielmehr die Oppoſition ſich an den Grafen halten werde. Es war auffallend, welche Aufmerkſamkeit in jüngſter Zeit der Paſtor der Politik und überhaupt den öffentlichen Angelegenheiten 102 Röschen vom Hofe. zuwandte. Er hielt ſich nicht nur die reactionäre officielle Landes⸗ zeitung, ſondern auch das in der Reſidenz erſcheinende Oppoſitions⸗ blatt, ja ſelbſt einige Zeitungen des großen Nachbarſtaates. Er hatte ſtets die neueſten Nachrichten; beſonders aber verfolgte er die politiſche Laufbahn des Grafen, ſeines Patrons, mit der äußerſten Genauigkeit. Was der Graf bei dieſer und jener und der dritten Gelegenheit in der Kammer, in Ausſchußſitzungen, in öffentlichen Verſammlungen geſagt hatte— der Paſtor wußte es nicht nur, er konnte es ſchwarz auf weiß zu Herrn von Weißenbach auf den Hof tragen.—„Etwas Neues von unſerm Freunde, wenn ich mir erlauben darf, meinen gnädigen Patron ſo zu nennen. Sie wiſſen, Herr von Weißenbach, wie ich in dieſem Punkte denke; wie wenig ich vor Allem Urſache habe, mich über ſeinen letzten Ausfall gegen die Kirche und ihre Diener zu freuen; aber dennoch! Welch' ein Talent! Welch' ein naturwüchſiges Genie! Ich ſage Ihnen: es vergehen keine zwei WMonate und der Graf iſt allmächtiger Miniſter. Er iſt ein Joſeph. Die Standesgenoſſen, ſeine Brüder, werden ſich vor ihm zu beugen haben.“ „Ich hatte Sie gebeten, das Capitel, das mir peinlich iſt, nicht wieder zu berühren,“ ſagte Herr von Weißenbach, die Karten, welche der Andere ihm während deſſen gegeben hatte, mit nervöſer Heftig⸗ keit ordnend. „Verzeihen Sie,“ erwiderte der Paſtor,„ich hatte es ganz ver⸗ geſſen; aber Sie wiſſen, wovon das Herz voll iſt, davon geht der Mund über. Nicht wahr, gnädiges Fräulein?“ Roſe würdigte ihn keiner Antwort. Wenn ſie den Pfarrer nie⸗ mals beſonders hatte leiden können, ſo war ſie jetzt auf dem Punkte, ihn zu haſſen. Wäre er ihr weniger gefährlich erſchienen, ſo würde ſie ihn eben nur verachtet haben; aber, wenn ſie ſein Spiel auch nicht ganz durchſchaute, ſie hatte genug geſehen, um den täglich größer werdenden Einfluß dieſes Mannes auf den Vater als ein Unglück zu fürchten. Wie gut er auch ſeine Worte ſetzen und wie geſchickt er auch ſeine eigentliche Abſicht zu verbergen wußte— das Reſultat jedes Beſuches, den er auf dem Hofe abſtattete, war, daß der Vater düſtrer und düſtrer aus den tief eingeſunkenen Augen unter den Röschen vom Hofe. 103 buſchigen Brauen hervorſchaute, bittrer und bittrer von den Menſchen ſprach, und beſonders den Grafen in einem immer gehäſſigeren Lichte zu ſehen ſchien. Dabei war von dem unbedingten Vertrauen, das er ſonſt ſeiner Tochter geſchenkt, nicht mehr die Rede. Sie erfuhr von ſeinen Abſichten nichts; ein paar Verſuche, die ſie machte, die alte Stellung wiederzugewinnen, wurden von ihm in jener höflich kalt ab⸗ lehnenden Weiſe, in welcher er Meiſter war, zurückgewieſen. Roſe klagte nicht, machte ihm keine Vorwürfe; ſie verdoppelte nur ihre Aufmerkſamkeit; ſie war ſanfter, zuvorkommender, ja ſelbſt freund⸗ licher, als je zuvor; vor allem aber ſtrenger gegen ſich ſelbſt. Sie— trug, wie einen Talisman, die Ueberzeugung in ihrer tiefſten Seele, daß ſie in dieſer Prüfung nicht unterliegen werde, wenn ſie ſich mit aller Kraft beſtrebe, gut zu ſein, keinen böſen Gedanken in ſich auf⸗ kommen zu laſſen, geſchweige denn etwas zu ſagen oder gar zu thun, was ſie nicht vor ſich ſelbſt verantworten könne. Sie hatte ſich längſt innerlich von den Dogmen der Kirche losgeſagt; ja in ihrem großen und klaren Geiſte hatte der dumpfe Pfaffenglaube eigentlich niemals eine Stätte gefunden. Auch jetzt erwartete ſie keine Hülfe von einem Wunder, das zu ihrem Beſten geſchehen werde.„Ich muß es eben tragen,“ ſagte ſie den Tag über hundertmal zu ſich. Nicht, als ob ſie unter dieſer Laſt nicht ſehr gelitten hätte! Ihr Herz war tief betrübt und manche lange nächtige Stunde drückte ſie die ſchmerzenden Schläfen in die Kiſſen, ohne daß der unbarmherzige Schlaf kommen wollte. Auch ihr Aeußeres zeigte die Spuren heimlich geweinter Thränen und in Sorgen durchwachter Nächte. Ihre Augen hatten viel von ihrem früheren Glanz verloren und die Ränder der Lider waren jetzt nicht ſelten geröthet. Ihre Wangen waren blaſſer, und in ihren Bewegungen vermißte man etwas von der elaſtiſchen Kraft, durch die ſie ſich ſonſt ſo ſehr auszeichneten. Es war die Knospe nicht mehr, deren ſchwellende Fülle ein Symbol der Hoffnung und der Zukunft iſt; es war die vollkommen erſchloſſene Blume, die all' ihre Süßigkeit ausgiebt, bevor der rauhe Nachtwind kommt, der ſie entblättern wird. In dem Garten gab es keine Blumen mehr; der Herbſtſturm hatte längſt die letzten zerpflückt und verweht. Seit vierundzwanzig 104 Röschen vom Hofe. Stunden hatte der Regen nachgelaſſen; aber die Wolken zogen noch immer tief und ſchwer. Die Krähen, die noch ſchlimmeres Unwetter befürchten mochten, hatten ſich weiter in den Park gezogen und kamen nur noch manchmal an Roſe's Fenſter einzeln vorbeigeſchwingt. Es war ein troſtloſes Bild, das Roſe aus dieſem Fenſter hatte: einen Theil des Hofes, auf dem ſich kein lebendes Weſen ſehen ließ, die verregneten Dächer der Schennen, auf deren Firſten ſich die Wetter⸗ hähne kreiſchend drehten, und die faſt kahlen Wipfel von ein paar mächtigen Eichen, die wie Geſpenſter durch den grauen Nebel blickten. Siebenzehntes Capitel. So ſah ſie es an einem Nachmittage, als ſie ſich anſchickte, in das Dorf zu gehen, um die Anne zu beſuchen, die ſeit geſtern ſo viel kränker geworden war, daß der alte Doctor, den Roſe gerufen hatte, das Schlimmſte befürchtete. Sie war heute Vormittag ſchon dort geweſen, wo ſie die Kranke wieder beſſer gefunden hatte; ſie wollte aber doch der Sicherheit wegen noch einmal nachſehen. Mit einem Korbe unter dem Arm, in welchem ſie einige Wäſche trug, die ſie für die Kranke beſtimmt hatte, machte ſie ſich auf den Weg. Das Dorf war wie ausgeſterben; in dem Bache gurgelte und plätſcherte das vraune Waſſer, hier und da hörte man aus den Höfen das dumpfe Klopfen der Dreſcher auf den Scheundielen, oder das melancholiſche Krähen eines Hahnes— ſonſt war Alles ſtill wie auf einem Kirchhofe. Roſe ging noch ſchnelleren Schrittes, als ſonſt ſchon ihre Ge⸗ wohnheit war. Sie fürchtete, der Regen möchte wieder anfangen; außerdem trieb ſie eine Unruhe, die faſt zur Angſt ſich ſteigerte, und die ſie ſich, da ſie die Anne verhältnißmäßig ſo gut verlaſſen hatte, nicht erklären konnte. Als ſie von der Hauptſtraße in die ſchmale Seitengaſſe gebogen war, in welcher Claus Weber wohnte, kam ihr ein Mann entgegen, welcher die Mütze tief in's Geſicht gezogen hatte, „ Röschen vom Hofe. 105 und, nach ſeinem ſchwankenden Gange zu urtheilen, betrunken ſein mußte. Roſe wich ſo weit als möglich auf die Seite, aber der Mann taumelte ihr entgegen und ſie erkannte zu ihrem Schrecken den Wirth zum Rothen Hirſchen, den Einzigen im ganzen Dorf, von dem ſie wußte, daß er ihr und dem Vater feindlich war, der noch dazu erſt ganz vor kurzem mit heftigen Worten vom Vater zum Hauſe hinausgewieſen war. Der Menſch blieb ſtehen, ſpreizte die Beine, ſteckte die Hände in die Taſchen und ſtierte ſie mit ſeinen trunkenen Augen an. „Laſſen Sie mich weiter gehen,“ ſagte Roſe,„oder ich rufe um Hülfe.“ Des Trunkenen häßliches Geſicht wurde durch ein zorniges Grinſen noch mehr entſtellt. „Ariſtokratenblut,“ knirſchte er durch die Zähne,„wollt', ich könnt' einmal an Euch! aber ich thu's auch noch!“ Und ſich mit der Schulter gegen die Wand lehnend, um einen Stützpunkt zu haben, ſchüttelte er die geballte Fauſt gegen Roſe. Roſe ſah, daß ſie für den Augenblick von dem Elenden nichts weiter zu fürchten habe; ſie ging deßhalb, die Augen feſt auf ihn ge⸗ richtet, ſchnell an ihm vorüber und eilte die Gaſſe hinab, ohne ſich umzuſehen. Der Menſch ſtierte ihr nach, ſo lange er ſie ſehen konnte. Dann richtete er ſich mühſam auf und taumelte weiter.„Ich thu' es,“ murmelte er, in der Luft fingerirend,„ich thu' es, thu' es, heute noch thue ich's.“ Als Roſe an Claus Webers Hütte kam, ſah ſie ein paar alte Weiber vor der Thür ſtehen, die, ſobald ſie das Fräulein erblickten, zu lamentiren und Geberden zu machen begannen. „Ach, da kommt Fräulein Röschen!— Gott der Herr vergelt' es Ihnen!“ „Was iſt's? iſt die Anne wieder kränker?“ fragte Roſe, erſchreckt durch das Heulen der Frauen. „Kränker! ach, du lieber Gott! todt iſt ſie— das arme Wurm! Seit einer Stunde, und der Doctor iſt auch ſchon dageweſen und iſt jetzt nach Bolau gefahren und hat geſagt: er könne nichts mehr thun und man ſolle nur zu dem Fräulein Röschen auf den Hof ſchicken. Die würd' ſchon ſprechen, was geſchehen ſolle.“ 106 Röschen vom Hofe. Roſe trat, ohne ein Wort zu erwidern, in das Haus. Links von dem Flur, wo eine kinderreiche Familie wohnte(die Mutter hatte zwiſchen den Frauen auf der Gaſſe geſtanden), war großer Lärm und Schreien; rechts war Alles ſtill. Roſen pochte das Herz. Sie hatte als Kind von ſechs Jahren, wo ſie kaum wußte, wie ihr geſchah, ihre Mutter in weißen Schleiern, mit Blumen geſchmückt, im Sarge geſehen; ſonſt keinen Todten. Sie hatte immer ein Grauen bei der Vorſtellung gehabt, in plötzliche Berührung mit dem Tode zu kommen; ſie empfand das Grauen auch jetzt. Ihr Athem ging ſchwer, ihre Hände waren kalt. Aber es war nur ein Augenblick; dann drückte ſie leiſe die unverſchloſſene Thür auf und trat in die Stube. Die beiden Fenſterchen waren mit den weißen Gardinen, die Roſe der Anne geſchenkt hatte, verhängt; in dem niedrigen Zimmer herrſchte bei dem trüben Tageslicht eine halbe Dämmerung. Die Todte lag der Thür gerade gegenüber in dem Bette. Ihr Geſicht war mit einem weißen Tuche bedeckt. An dem Tiſche ſaß Claus Weber, den man von der Arbeit gerufen hatte, das Geſicht in den breiten braunen Händen begraben; das Kind ſchlummerte in ſeiner kleinen Wiege. Der Mann hob den Kopf empor, als er Geräuſch vernahm; er blickte Roſen mit verwirrten Mienen an, deutete auf das Bett, und legte dann, als ſei damit Alles geſagt, das Geſicht wieder in die Hände. Roſe trat an das Bett. Das Grauen von vorhin kam wieder über ſie; aber eine ſtärkere Kraft lenkte die Hand, die langſam das weiße Tuch abſtreifte. Arme Anne!— Sie hatten zuſammengeſpielt als Kinder, Fräu⸗ lein Röschen vom Hofe und Jürgens Anne, um den alten Brunnen, wenn die Sonne warm ſchien und die Schwalben zwitſcherten, und draußen auf den Wieſen im Park, wo die langen Gräſer nickten und die Schmetterlinge ſich über den bunten Blümlein wiegten. Hernach war Roſe mit dem Vater in die Stadt gezogen, Anne war im Dorf geblieben, und als ſich die Jugendgeſpielinnen nach fünf Jahren wie⸗ der ſahen, hatten ſie Mühe, ſich zu erkennen. Aber Roſe hatte die alte Freundſchaft nicht vergeſſen und hatte es durchgeſetzt, daß die Röschen vom Hofe. 107 Anne, die keine Eltern mehr beſaß und ganz arm war, ihren Schatz, den Claus Weber von Bolau, der eben ſo arm war, wie ſie, heirathen konnte. Sie hatte aus ihrer Sparbüchſe die funfzig Thaler hergegeben, die der Claus aufweiſen mußte, wenn er ſich im Dorfe niederlaſſen wollte; ſie hatte für Anne's ſchmale Ausſteuer geſorgt, und daß der Claus, der gut arbeiten konnte, wenn er wollte, hie und da einen beſſern Lohn bekam. Aber trotz alledem hatte es mit der neuen Wirthſchaft nicht recht gehen wollen. Die Anne, die nie recht kräftig geweſen war, hatte während ihrer Schwangerſchaft viel gelitten und wenig oder nichts verdient; der Claus, ein heftiger, leichtlebiger Menſch, wollte nicht geheirathet haben, um den Krankenwärter zu ſpielen, wurde mürriſch, fand, wenn er von der Arbeit kam, den Weg in's Wirthshaus näher, als nach Hauſe zu ſeiner kranken Frau; und die kinderreiche Mutter, die auf der andern Seite wohnte, ſagte, daß er, wenn er betrunken ſei, die Anne mißhandle, obgleich die Anne immer verſicherte, das ſei eine ſchändliche Lüge, er habe ſie noch nie anders als freundlich berührt. Das mochte nun ſein, wie ihm wollte; aber die Anne wurde täglich blaſſer und blaſſer und nach ihrer Entbindung noch kränker, als ſie ſchon vorher geweſen war und immer kränker— und da lag ſie nun todt. Roſe ſchaute in das blaſſe, abgemagerte, ſtille Geſicht. Die Augen waren nicht ganz geſchloſſen und die Oberlippe war ein wenig in die Höhe gezogen, daß man etwas von den weißen Zähnen(die Anne hatte immer ſo ſchöne Zähne gehabt) ſehen konnte. Roſe dachte an die Sommermorgen im Park, und wie die ſchlanke Anne mit ihr hinter den Schmetterlingen hergeſprungen war und gelacht und ge⸗ ſungen hatte— und ſie bengte ſich nieder und küßte die bleichen Lippen. Dann deckte ſie ſanft das Tuch wieder über das ſtille Geſicht. Sie trat an die Wiege. Das ſchöne Kind ſchlummerte ſo ſanft, die Wänglein leicht geröthet. Die Kleine war ihrer Mutter Ebenbild, feine ſchmale Züge und große mandelförmige Augen. Sollte ſie auch weder Glück noch Stern haben, wie die Mutter? Ein Unglück war ihr ſchon gewiß: ſie ſollte ihr Leben lang der Mutter ehreg oie wußte, wie groß dies Unglück war. S 108 Röschen vom Hofe. Roſe wunderte ſich, daß eine Frau aus dem Dorfe, welche ſie zur Pflege der Anne und zur Wartung des Kindes angenommen hatte, ſich nicht ſehen ließ. Sie ging zu Claus Weber, der noch in derſelben Stellung verharrte, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte nach jener Frau. „Sie iſt fort,“ antwortete Claus,„ſie wollte nicht bleiben, ſie— ſie fürchtete ſich, und— ich, ich fürchte mich auch, Fräulein Röschen; ich kann nicht mit ihr allein bleiben, die lange Nacht, wenn die Fenſter klappern und es im Schlot poltert,— und der große ſtarke Mann zitterte und wurde blaß durch ſeine braune Geſichtsfarbe hindurch. Roſe ſann einen Augenblick nach. Sie kannte von den Frauen im Dorf— und ſie kannte ſie beinahe alle— keine einzige, der ſie das Kind hätte anvertrauen mögen. Sie hatte der Anne verſprochen: ſie wolle dem Kinde Mutter ſein. Ihr Entſchluß war gefaßt. „Wo will Er bleiben, Claus Weber, wenn Er ſich hier fürchtet?“ Claus nannte eine Familie, von der er glaubte, daß ſie ihn ein paar Tage beherbergen werde. „Gut,“ ſagte Roſe,„das Kind nehme ich mit mir. Ich und die Frau Wenzel wollen es ſchon pflegen; es ſoll ihm an nichts fehlen. Und jetzt gleich will ich es haben.“ Roſe nahm das kleine Geſchöpft aus der Wiege, hüllte es in mehrere Tücher ein, nahm den Mantel der Anne um und ſchlug das Kind hinein, nach der Sitte der Frauen jener Gegend. Sie kannte die Handgriffe ganz gut; ſie hatte ihre Puppen oft genug ſo eingewickelt. Der Claus ſah ihr mit Erſtaunen zu. Er hatte noch gar nicht an das Kind gedacht, wenn aber das Fräulein es mit ſich nehmen wollte, ſo war das gewiß für ihn das Beſte. Er brauchte dann nicht gleich wieder zu freien, und wenn er die ſchwarzäugige Chriſtel, die ihn ſo gern hatte, heirathen wollte, war ihm das Kind nicht im Wege. Er warf einen ſcheuen Blick nach der verhüllten Geſtalt auf dem Bette, als ihm dieſe Gedanken durch den Kopf gingen. Der Claus war tapfer genug und nahm es in einer Wirthshausſchlägerei mit Zuweien auf; aber mit der todten Anne in einer Stube, noch dazu, wenn man ſolche Gedanken im Kopf hatte, das war doch ein eigen Ding. Es fiel ihm wie eine ſchwere Laſt von der Seele, als er den Röschen vom Hofe. 109 Schlüſſel von der Stube in der Taſche hatte und das Fräulein mit dem Kinde davongehen ſah. Roſe vermied die Hauptſtraße des Dorfes(obgleich es auf der⸗ ſelben heute leer genug war) und ſchlug einen wenig betretenen Neben⸗ weg ein. Leicht und ſchnell ſchritt ſie mit ihrer ungewohnten Laſt dahin. Es begegnete ihr keine Seele, bis ſie dicht vor dem Hof war. Dort aber ſtand Jemand, der ſchon den Thürgriff in der Hand hatte und ſich jetzt nach der Kommenden umwandte. Es war der Paſtor. Roſe erſchrak; aber an ein Ausweichen war nicht zu denken, und die Kleine in ihrem Arm begann unruhig zu werden. So ſchritt ſie denn muthig weiter, an dem Paſtor, der unwillkürlich die Thür weit aufſperrte und ein ſehr verblüfftes Geſicht machte, vorüber, in den Hof, die Treppe hinauf in's Haus. Auf dem Flur kam ihr der alte Wenzel entgegen, der, als er ſeine junge Herrin mit einem Kinde auf dem Arme erblickte, ſeine kleinen Augen verwundert aufriß. „Wo iſt der Vater?“ fragte Roſe athemlos. „Auf ſeinem Zimmer,“ ſtotterte der Alte ganz erſchrocken. „Ich wünſche ihn zu ſprechen. Sagen Sie es ihm doch; aber vorher ſchicken Sie mir Ihre Frau herauf. Sie möchte doch ſogleich kommen.“ Der Paſtor, der es nicht gewagt hatte, zugleich mit dem Fräu⸗ lein in's Haus zu treten, ſtand auf der Eſtrade, als der alte Diener aus der Thür kam. „Aber mein Gott, lieber Herr Wenzel, was geht hier nur vor, fragte der Paſtor. „Was ſoll vorgehen?“ erwiderte der Alte mürriſch,„des Claus' Frau iſt todt und das Fräulein nimmt das Wurm zu ſich; ich dächte, das wäre klar.“ „Ja, aber, lieber Herr Wenzel, das iſt denn doch— und zumal in dieſem Augenblick— was wird der gnädige Herr dazu ſagen?“ Der Alte ſchüttelte den Kopf:„Ich weiß nicht,“ brummte er,„es geht ſeit einiger Zeit hier Alles in der Quer; Niemand weiß, wer Koch oder Kellner iſt. Entſchuldigen der Herr Paſtor; ich ſoll die Alte herüberſchicken.“ 110 Röschen vom Hofe. Damit hinkte er von der Treppe über den Hof nach dem Neben⸗ hauſe. Der Paſtor nahm den Knopf ſeines Stockes an die Lippen und ſog daran in großer Nachdenklichkeit. Endlich mußte er zu einem Entſchluſſe gekommen ſein. Er nahm den Hut ab, ſtrich ſich mit einer kleinen Taſchenbürſte das ſpärliche Haar hinter die Ohren, blickte in das runde Spiegelchen der Bürſte, ſetzte den Hut wieder auf und trat in das Haus. Achtzehntes Capitel. Roſe hatte mit Hülfe der Frau Wenzel— einer behäbigen gut⸗ müthigen Matrone, die ebenſo wohlbeleibt und freundlich, als ihr Mann mager und mürriſch war— das Kind gebettet in derſelben Wiege, in der auch ſie gelegen, und die Frau Wenzel von dem Bo⸗ den, wo ſie unter manchem Gerümpel viele Jahre lang geſtanden, jetzt hatte herabbringen laſſen. An Kinderzeug fehlte es nicht, denn Roſe hatte für die Anne Vieles gearbeitet und arbeiten laſſen, das ſchon ſeit ein paar Tagen ſauber geglättet und gefaltet da lag und nun gleich in Gebrauch genommen werden konnte. Das Kind hatte getrunken und ſchlief jetzt wieder. Die beiden Frauen ſtanden an der Wiege und blickten mit nachdenklichem Ernſt auf das kleine Schlum⸗ mernde herab. Dann ſahen ſie ſich an und die Frau Wenzel ſagte: „Wenn wir nur erſt ſelbſt einmal ſo ein Engelchen in der Wiege hätten, Fräulein Röschen.“ Roſe erröthete nicht— dazu wäre in Gegenwart von Frau Wen⸗ zel keine rechte Veranlaſſung geweſen— aber ſie wurde noch nach⸗ denklicher und ſagte: „Ich werde nie heirathen, nie,“ und als die alte Vertraute dieſe Verſicherung mit etwas ungläubigem Lächeln aufnahm: „Ich habe kein Talent zum Heirathen, liebe Wenzel, das fühle ich mit jedem Tage mehr. Wer heirathen will, muß ein leichteres Röschen vom Hofe. Herz haben und einen Kopf, der ſich nicht ſo viel Gedanken über Alles macht.“ Fräulein Roſe hatte das ſo ſehr ernſthaft geſagt, daß Frau Wenzel die größte Luſt hatte, in Thränen(die ſie leicht vergoß) aus⸗ zubrechen. Roſe ſtrich ſich mit der Hand über die Augen, und als ſie die gute Alte ſo traurig ſah, lachte ſie, zog ſie an ſich heran und gab ihr einen Kuß. „Du bleibſt nun hier, liebe Wenzel, und giebſt Acht auf mein Kind; ich will zum Vater.“ Als Roſe vor der Thür(die an dem andern Ende des langen und ſchmalen Corridors lag) ſtand, hörte ſie, daß der Vater nicht allein war. Die Stimme, welche in gedämpftem Tone ſo eifrig ſprach, war des Paſtors Stimme. Roſe kannte den blechernen Klang dieſer Stimme zu genau, als daß ſie ſich hätte täuſchen können. Was hatte der Paſtor ſchon wieder beim Vater zu thun? Er hatte ſie vorhin mit dem Kinde kommen ſehen; ohne Zweifel ſprach er in dieſem Augen⸗ blicke darüber. Es konnte nichts Gutes ſein. So viel Roſe wußte, war aus dem Munde dieſes Mannes für ſie noch nichts Gutes ge⸗ kommen. Mit eine Empfindung faſt des Unwillens ging ſie fort. Es er⸗ ſchien ihr ihres Vaters nicht würdig, dieſe Intimität mit einem Men⸗ ſchen, deſſen niedrige Denkungsart für ſie ſo offenbar ſchon auf ſeinem harten plumpen Geſicht ausgeprägt war.„Ich wollte nur, ich dürfte ihm einmal ſagen, wie ich über ihn denke,“ ſagte Roſe bei ſich, während ſie ſich nach unten in das Wohnzimmer begab, damit die Kleine oben unter Fran Wenzel's Obhut möglichſt ungeſtört ſei. Roſe hatte kaum an ihrem Fenſter Platz genommen, als ſie Jemand die Treppe herabpoltern hörte; die Thür wurde, ohne daß vorher angeklopft wäre, aufgemacht, und der Paſtor trat herein. Er ſtutzte, als er die junge Dame erblickte, und ſeine erſte Be⸗ wegung war wieder zum Zimmer hinaus; dann aber ſchien er ſich ein Herz zu faſſen. Er ſchloß die Thür und kam auf Roſe zu, deren Wangen über ein Betragen, das ihr als unverzeihliche Zu⸗ dringlichkeit erſchien, in Zorn aufflammten. Der Paſtor mußte ſich dieſes Symptom ganz anders auslegen, denn er lächelte, indem er 112 Röschen vom Hofe. ſich verbeugte und ſich mit einer albernen Miene halb der Verlegen⸗ heit und halb der Unverſchämtheit auf einen Stuhl in Roſe's Nähe niederließ. „Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er,„daß ich ſo frei bin, Sie um eine Unterredung zu bitten, die für mich, vielleicht für uns Beide von Wichtigkeit ſein dürfte. Ich komme ſo eben von Ihrem Herr Vater, den ich leider nicht in dem Wohl⸗ ſein und der gefaßten Stimmung fand, die ihm unter den jetzigen Verhältniſſen ſo doppelt nothwendig ſind. In der That, mein Fräu⸗ lein, der Zuſtand Ihres Herrn Vaters iſt es in erſter Linie, worüber ich mit Ihnen ſprechen möchte.“ Roſe blickte den Paſtor erſtannt und ängſtlich an. „Sie wiſſen, mein Fräulein,“ fuhr der Paſtor, durch Roſe's Mienen um vieles muthiger gemacht, fort,„daß Ihr Herr Vater mich mit einem Vertrauen beehrt, vas ich nicht zurückweiſen kann, wenn ich auch meine Unwürdigkeit fühle. Er hat mich über den Stand ſeiner Angelegenheiten ſchon vor längerer Zeit unterrichtet, und neuerdings hat er mich in der fatalen Bank⸗Affaire wieder⸗ holentlich in's Vertrauen gezogen, ja mich direct— ich kann es wohl ohne Uebertreibung ſagen— um meinen Rath gefragt. Ich habe ihm nie verſchwiegen, daß ich ſeine Abſicht— bei der er übrigens bis auf dieſen Augenblick verharrt— ſich eventualiter einer Haft zu unterwerfen, nicht billigen kann, und ich glaube, mein gnädiges Fräu⸗ lein, daß ich das Glück habe, in dieſem Punkte mit Ihnen vollkommen übereinzuſtimmen.“ Roſe ſah den Sprecher ſtarr an. Wie peinlich ihr auch der Gegen⸗ ſtand des Geſpräches war, ſie hatte nicht den Muth, daſſelbe abzu⸗ brechen; was konnte der Paſtor wollen? Der Paſtor ſchien eine Erwiderung erwartet zu haben; da dieſelbe indeſſen nicht kam, mußte er auch ſo weiter gehen: Sie haben wenigſtens, wenn ich nicht irre, ſich einige Male in dieſem Sinne ausgeſprochen, mein Fräulein. Und wie ſollten Sie nicht; das Gegentheil wäre ja ſo unnatürlich, beſonders bei der Gebrechlichkeit Ihres Herrn Vaters, die wirklich in letzterer Zeit in erſchreckender Weiſe zugenommen hat. Ja, mein Fräulein, Röschen vom Hofe. 113 ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß Ihr Herr Vater ſelbſt innerlich einen wohl ſehr erklärlichen Abſcheu vor einer längeren Haft hat und daß er gar nicht daran denken würde, ein ſo ſchweres Kreuz unnöthigerweiſe auf ſeine Schultern zu nehmen, wenn ſeine Verhältniſſe ihm, ſo zu ſagen, einen andern Ausweg aus dieſer ver⸗ zweifelten Lage ließen. Habe ich Recht, mein Fräulein?“ Roſe's Augen hafteten noch immer mit demſelben Ausdruck an dem Paſtor. Wo wollte er hin?— Der Paſtor wurde roth und räusperte ſich; er hatte ſich die Sache doch leichter gedacht. „Ich will mich kurz faſſen, mein Fräulein,“ ſagte er und ſeine Stimme klang ſo blechern wie noch nie.„Was ich Ihnen mitzu⸗ theilen habe, iſt ein Plan, den mir die innige Hochachtung, die ich vor Ihrem Herrn Vater empfinde, eingegeben hat und deſſen Un⸗ eigennützigkeit Sie ſelbſt dann, wenn er nicht das Glück haben ſollte, ſich Ihre Billigung zu erwerben, nicht in Zweifel ziehen werden. Ich meine nämlich, um es gerade heraus zu ſagen, daß Ihr Herr Vater ſich ſehr gern zur Zahlung der Caution herbeilaſſen würde, wenn er das Geld hätte, oder ſich von einem Freunde— verſtehen Sie wohl, mein Fräulein!— von einem Freunde, vor dem er ſich nicht zu geniren brauchte, verſchaffen könnte. Ich habe es aus Ihres Herrn Vaters eigenem Munde, daß die Höhe der Caution, die er eventualiter zu ſtellen haben würde, von den Advocaten auf zwanzig⸗ tauſend Thaler geſchätzt wird. Nun—“ Der Ausdruck von Roſe's Augen wurde ſo ſonderbar, daß der Paſtor nicht länger den Muth hatte, ihr in's Geſicht zu ſehen, und das Folgende einigermaßen ſtotternd vorbrachte: „Nun bin ich in der glücklichen Lage, von der Mutter Seite her, ein kleines unabhängiges Vermögen von circa zwölftauſend Thalern zu beſitzen, zu venen ich bei den Verbindungen, deren ich mich, trotz⸗ dem ich nur eines Bauers Sohn bin, erfreue, leicht noch einmal ſo viel geliehen erhalten könnte. Dieſe Summe würde ich mit dem größten Vergnügen Ihrem Herrn Vater zur Verfügung ſtellen, ja ich würde ſtolz ſein, wenn er mir die Gnade erzeigen wollte, ſich dieſen kleinen Dienſt von mir gefallen zu laſſen.“ Fr. Spielhagen's Werke. vI. 8 114 Röschen vom Hofe. Jetzt aber mußte doch eine Antwort kommen; der Paſtor huſtete und erhob die Augen wieder. Es ſchien ihm, als ob das Fräulein in den letzten Augenblicken bleicher geworden ſei, doch konnte das auch die Wirkung des blaſſen Nachmittagslichtes ſein, das ſpärlich genug durch die epheuumrankten Fenſter hereinfiel. Roſe machte eine Bewegung, als ob ſie ſich erheben wollte. Ihre Mienen drückten, wie der Paſtor meinte, eine ſo große Verlegen⸗ heit aus, daß es ein Werk der Barmherzigkeit war, ihr zu Hülfe zu kommen. „Ich weiß, was Sie ſagen wollen, mein verehrtes Fräulein,“ rief er, ſeinen Stuhl um einen Zoll näher rückend.„Ja, mein ver⸗ ehrtes, liebes Fräulein, Sie würden uns Allen, ich wollte ſagen: mir einen großen, großen Dienſt erweiſen, wenn Sie die Gnade hätten, in dieſer Sache meine Fürſprecherin bei Ihrem Herrn Vater zu ſein. Sie glauben gar nicht, mein Fräulein“— hier rückte der Paſtor ſeinen Stuhl abermals um einen Zoll näher— wie ſehr mir Ihr und Ihres Herrn Vaters Schickſal am Herzen liegt. Ich habe mit wahrhaftem Schmerz bemerkt, daß ſich in letzterer Zeit eine kleine Wolke zwiſchen Ihnen gelagert hat— zwiſchen zwei Menſchen, die ch ſo lieben, von denen Jeder des Anderen Liebe ſo werth iſt! Urtheilen Sie ſelbſt, wie ſchrecklich das für Jemand ſein muß, der, wie ich, einen ſolchen Antheil an Ihnen Beiden nimmt;— ja, mein Fräulein, an Ihnen Beiden. Ich habe immer gedacht: daß zwiſchen Ihnen Jemand ſtehen müßte, der gleichſam ein Mittel⸗ und Binde⸗ glied zwiſchen Ihnen wäre, dem Sie Beide vertrauten, den Sie Beide gern hätten; und da habe ich dann weiter gedacht, daß ich vielleicht der Mann ſein könnte. Ich bin von Beruf ein Diener des Frie⸗ dens; wenn ich auch von Natur ein wenig aufbrauſend bin, ſo bin ich doch auf der anderen Seite ſehr gutmüthig, und kann einen Stoß aushalten, ſo zu ſagen. Ich bin freilich nur ein Bauernſohn, wie ich ſchon vorhin bemerkte, aber, wenn mein Alter, wollte ſagen mein Vater ſtirbt, kann ich doch noch ſo auf ein dreißig bis vierzig Tau⸗ ſend Thaler rechnen. Ich werde auch nicht immer in Lengsfeld Paſtor bleiben, mein Fräulein; glauben Sie ja nicht! Ich brauche den Herrn Grafen von Lengsfeld durchaus nicht; ich kann, wenn es ſein muß, Röschen vom Hofe. 115 auch ohne ihn Carrière machen, beſonders wenn er fortfährt, der Re⸗ gierung zu vpponiren. Aber die Verbindung mit einer Familie von altem Adel, das geſtehe ich ganz offen, mein Fräulein, würde mir in meiner Carridre ſehr förderlich ſein. Und damit und mit meinem Bermögen werde ich es noch zum Biſchof bringen, verlaſſen Sie ſich darauf. Es kommt blos darauf an, daß Sie Ja ſagen, mein Fräu⸗ lein! Aber gewiß, Sie werden nicht Nein ſagen! Sie werden ja gegen den Bauernſohn nichts haben, da Sie ſich nicht geniren, ein Tagelöhnerkind in Ihren Armen über die Gaſſe zu tragen. Nicht wahr, mein Fräulein?“ Roſe hatte ſich bei den letzten Worten des Paſtors ſchnell erhoben, der Paſtor ebenfalls, und dann war er ein paar Schritte zurückge⸗ treten. Er konnte Roſe's Geſicht jetzt deutlicher ſehen, und was er ſah, erfüllte ihn mit Schrecken. Roſe zitterte vom Kopf bis zu den Füßen; ſie war bleich, ihre Angen ſtanden voll Thränen; ihr Buſen hob und ſenkte ſich ungeſtüm; ihre Lippen zuckten; ſie wollte ſprechen, aber ſie konnte nicht; ſie konnte nur den Arm heben und auf die Thür deuten. „Aber mein Fräulein,“ ſagte der Pfarrer, der nun auch bleich geworden war;„Sie werden doch nicht einen Freund—“ Roſe richtete ſich zu ihrer ganzen ſtolzen Höhe auf und wieder⸗ holte ſo gebieteriſch ihre Geberde, daß der Paſtor, ſeine ſchwarzen Handſchuhe zwiſchen den Fingern zuſammendrückend und unver⸗ ſtändliche Worte durch die Zähne murmelnd, ſchleunigſt das Zimmer verließ. Neunzehntes Capitel. Roſe hörte, daß der Paſtor zum Hanſe hinausging. Als die Hofthür hinter ihm zufiel, riß ſie das Fenſter auf, um eine andere Luft zu athmen, als die, welche durch die Gegenwart und den Mund des Verhaßten verunreinigt war. Die feuchte Kühle draußen that 8*, 116 Röschen vom Hofe. ihrer heißen Stirn ſo wohl; es erfaßte ſie ein unwiderſtehlicher Drang in's Freie. Sie mußte den Himmel über ſich haben und die Wolken ziehen ſehen. Sie nahm ein Tuch, das zur Hand lag, hüllte es ſich um die Schultern und eilte über den Hof in den Park. Sie athmete mit Luſt den energiſchen Duft des modernden Laubes. Das Krächzen der Krähen, die eben von den Feldern zu Walde kamen, klang ihr wie befreundete Stimmen; das dumpfe Rauſchen des Windes durch die kahlen Büſche; ſein Raſcheln in dem trocknen Laub der Eichen; das gelegentliche Knarren der Föhren — es war ihr Alles Muſik, wie ſie eben brauchte; eine rauhe, wilde Muſik, die ſie verſtand, beſſer verſtand, als die falſche, gleißneriſche, freche Rede der Menſchen. Was hatte ſie gethan, daß dieſer Menſch ihr das zu bieten wagte? Warum hatte ſie ihm nun doch nicht geſagt, wie ſehr ſie ihn haſſe und verachte, einen Menſchen ohne Erziehung, ohne Herz, ohne Geiſt, einen plumpen Geſellen, der die Stirn hat, um die Hand eines Mädchens anzuhalten, das ihm noch nicht das kleinſte Zeichen von Wohlwollen, geſchweige denn von Zuneigung, dafür aber tauſend und tauſend Beweiſe von Gleichgiltigkeit, ja Widerwillen gegeben hatte! Was hatte ſie gethan! Wie tief war ſie denn gefallen, daß dies möglich war? Roſe blieb ſtehen und ſtampfte zornig mit dem Fuß und ſtrich haſtig eine Hand über die andere, wie um eine Verunreinigung von ſich abzuſtreifen. „Aber es iſt des Vaters Schuld,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, in⸗ dem ſie weiter ſchritt;„warum hat er ſich mit dem Elenden ſo weit eingelaſſen, ihn täglich faſt in ſein Haus eingeladen, mit ihm ſogar über ſeine Lage geſprochen, über dieſen Proceß— ja, mein Gott, was iſt denn das? hat er dem Vater denſelben Vorſchlag gemacht? und hat der Vater ihn angenommen? Nein! nein! Das konnte der Vater nicht! Und wenn er es doch könnte? ſo hätte ich ihn jetzt der Möglichkeit, vielleicht der einzigen Möglichkeit beraubt, dem Gefängniß zu entgehen, das ſein Tod ſein würde! Mein Gott, was habe ich denn gethan? Ich habe die Hand fortgeſtoßen, die den Vater retten konnte, und ſoll nun den Vater vor meinen Augen Röschen vom Hofe. 117 verſinken ſehen? Aber dieſelbe Hand iſt die Hand, die ich— nein, nein, nein! das kann der Vater nicht wollen! Das Weib dieſes Elenden, der mich für dreißig Silberlinge erſchachern zu können glaubt— nein, nein! ich will für ihn ſterben— aber das, das kann ich nicht.“ In einer Aufregung, die ſie gegen Alles, was umher war, gleichgiltig machte, ſchritt das junge Mädchen mit ſchnellen Schritten dahin, die Allee entlang, denſelben Weg, den ſie ſo oft in ganz an⸗ deren Stimmungen zurückgelegt. Als ſie den Ausgang erreichte, ſank die Sonne in dem Augenblick des Untergangs aus den Dunſtmaſſen, die ſie den ganzen Tag verhüllt hatten, und ſchwebte, eine feurige Kugel am Horizont. Ein paar ſchwache Strahlen, die alsbald wieder erloſchen, zitterten über die Ebene herüber, ſonſt Alles grau, wie der Himmel. Aus den tieferen Gründen ſtiegen Nebel heraus, die ſich wie Schleier über die Felder breiteten und höher und höher an den Hügeln hinaufwallten. Und da blitzte es einen Moment wie das Gefunkel eines Dia⸗ manten herüber über die Nebel; es waren ein paar Fenſter im Schloſſe von Lengsfeld, die einer von den zitternden Strahlen getroffen hatte. Und dann war der purpurne Ball verſunken und die Erde bereit, die Nacht zu empfangen. In Roſe's Augen ſchwamm noch das Nachbild der Sonne, als ſie ſich unwillkürlich von dem Ausgang der Allee rechts an dem Rande des Waldes hin nach dem FPlatze unter den Ahornbäumen wandte. Sie ſah nicht, daß, mit verſchränkten Armen, in die Ferne ſtarrend, an dem Steintiſch Jemand lehnte, der, als er das Raſcheln der Blätter unter dem Saum ihres Kleides vernahm, wie aus einem Traum in die Höhe fuhr; aber ſie hörte einen Ruf und in dem nächſten Augenblick ſtand der Graf vor ihr. Roſe's Herz zuckte, aber nur vor Ueberraſchung und Freude; ſie hätte ſich dem Geliebten in die Arme werfen mögen; aber ihre Füße waren wie an den Bo⸗ den gefeſſelt und ihre Hände hingen ſchlaff und machtlos an ihrem Körper herab. „Ich muß Sie zum zweiten Male an derſelben Stelle erſchrecken,“ ſagte der Graf mit einem halb vorwurfsvollen Ton. 118 Röschen vom Hofe. „Nein, nein,“ ſagte Roſe:„nicht— ich bin erſchrocken,— weiß ich voch nicht, wie Sie gerade jetzt hierherkommen; aber— es iſt mir lieb, ſehr lieb, daß ich Sie ſehe; ich habe Ihnen ſehr viel zu ſagen. Sie werden mich, ja Sie müſſen mich ganz falſch beurtheilt haben,—“ „Wie Sie mich,“ ſagte der Graf. „Nein, nein,“ entgegnete Roſe eifrig;„ich glaube Sie ganz richtig zu beurtheilen; jetzt wenigſtens, wenn ich auch vielleicht an jenem Abend, wo ich Sie zum letzten Male geſehen habe, vielleicht nicht dazu im Stande war. Damals kam mir Ihr Thun— ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich in der Eile nicht immer den rechten Aus⸗ druck finde, aber ich muß mich Ihnen gegenüber ausſprechen— damals kam mir Ihr Thun willkürlich, launiſch, rückſichtslos, wenn Sie wollen, vor. Ich war kindiſch genug, zu glauben, daß ich Ihnen nicht ganz gleichgültig ſei. Und nun ſagte ich mir: wenn Du Je⸗ mand lieb hätteſt, Du könnteſt ihm nicht ſo wehe thun. Aber das war gewiß thöricht; denn ein Mann hat andere Pflichten, andere Ideale, wie ein Weib. Wir wollen nur Die, welche wir lieben, glücklich ſehen und glücklich machen, und wäre es ſelbſt dadurch, daß wir perſönlich uns opfern; der Mann hat ſeine Philoſophie, ſeinen Glauben, ſeine Politik, ſeinen Ehrgeiz; er kann nicht ſagen: das be⸗ halte ich für mich, und das gebe ich dem Gott, dem ich diene. Dieſer Gott iſt ein ſtrenger, anſpruchsvoller Gott, der vielleicht mit We⸗ nigem nicht zufrieden iſt, der zuerſt die geiſtige Kraft des Mannes fordert, ſeine Zeit, ſeine Arbeit, ſein Denken, und dann etwa hinter⸗ her ſein Herz, ſeine liebſten Träume und Wünſche, ſeine Hoffnungen auf eine freundliche Zukunft. O, es muß groß ſein, ſo Eines nach dem Andern auf die Stufen des Altars legen, ſich ſo ganz, ſo rück⸗ haltlos, ſo ungebrochen dem einen Ideal weihen! Wer von uns Frauen ſollte Euch Männer nicht beneiden?“ Der Graf lächelte bitter und ſagte: „Ich weiß, daß Sie im Ernſt ſprechen, und doch iſt es mir faſt, als wollten Sie meiner ſpotten. Sie machen uns zu Hohen⸗ prieſtern, und wir ſelbſt wiſſen nur zu gut, wie oft die heilige Maske eine Armeſündermiene bedeckt. Aber in dem Einen haben Sie aller⸗ — Röschen vom Hofe. 119 dings Recht; ohne Opfer geht es in dieſer Heldenlaufbahn nicht, wenn ſie auch lange nicht bis zum Olhmp hinaufführt. Ich habe auch mein Opfer gebracht, und der Himmel weiß, wie ſchwer es mir geworden iſt.“ Des Grafen Stimme zitterte; er ging ein paar Minuten ſchwei⸗ gend neben Roſe her(ſie hatten, ohne eine beſtimmte Abſicht, den Weg die Allee wieder hinauf nach dem Hofe eingeſchlagen), dann fuhr er fort: „Ich habe, glauben Sie mir, in dieſer Zeit die Schwere meines Opfers erproben können; es hat mich faſt wahnſinnig gemacht und ich muß mich ſehr beherrſchen, wenn ich mit einiger Ruhe zu Ihnen ſprechen will; dennoch, ſelbſt in dieſem Augenblick, wo mich Ihre Nähe ſchier trunken macht, wo ich aufjauchzen möchte vor Luſt und weinen möchte wie ein Kind— ſelbſt jetzt kann ich nicht anders ſagen, als daß ich ſelbſt für Sie nicht zum Lügner werden durfte. Vielleicht, daß ich mit größerer Klugheit hätte handeln und reden, vielleicht, daß ich Ihnen eine ſchlimme Stunde hätte erſparen können; aber im Grunde wäre es doch immer daſſelbe geblieben. Das ſagte ich mir, als Sie an jenem glücklichſten und unglücklichſten Tage meines Lebens von mir ſchieden— das ſage ich noch jetzt, wo ich die Ge⸗ wißheit habe, daß für mich der letzte Schimmer von Glück und Friede ſo gewiß aus dem Leben verſchwunden iſt, wie die Sonne für heute aus dem dunkelnden Wald.“ „Das iſt es ja, was ich behauptet habe,“ erwiderte Roſe;„Ihr könnt nicht glücklich ſein und glücklich machen, wenn Ihr dabei ein Titelchen von Eurer Philoſophie aufgeben müßt.“ „Und Ihr Frauen,“ erwiderte der Graf,„könnt nicht glücklich ſein und glücklich machen, wenn Ihr dabei ein Titelchen von Eurer Liebe aufgeben müßt.“ „Und möchtet Ihr Männer uns anders?“ erwiderte Roſe mit großer Lebhaftigkeit,„oder wenn Ihr uns auch anders möchtet, würde es, wenn wir anders wären, zu Eurem Glück gereichen? Woher ſoll denn die Welt, die liebeleere, die Liebe nehmen, ohne die Alles ver⸗ dorren würde, als aus dem Herzen der Frau? Woher ſoll dem Kinde, deſſen anſpruchsvolle Unruhe die Geduld des Vaters erſchöpft, die 120 Röschen vom Hofe. Liebe kommen, die ihm ſo nöthig iſt, wie die Milch, die es trinkt, wenn nicht von der Mutter? wer ſoll die Träume des Jünglings theilen und ſich für ſeine Ideale mitbegeiſtern, wenn nicht die Schweſter? Wer ſoll den Streit der Männer ſchlichten, ihre Halsſtarrigkeit beugen, ihren Trotz brechen, wenn nicht das Weib, die Geliebte, die Tochter? Ich habe mir oft in dieſen Tagen das ſchöne Wort der Antigone wiederholt, mit welchem ſie den Vorwürfen des rauhen Kreon in ſtolzer Demuth entgegentritt: Nicht mitzuhaſſen, mitzulieben bin ich da.“ Ueber des Grafen Geſicht zog eine dunkle Wolke, und es lag viel Bitterkeit in dem Tone ſeiner Stimme, als er erwiderte: „Das Wort war gut und reichte aus zu einer Zeit, wo die Stammesliebe für alle individuelle Liebe aufkommen mußte; wo man den Bruder liebte, weil er Bruder, das heißt von unſerem Fleiſch und Blut war; wo das Blut entſchied, aus dem einfachen Grunde, weil der Geiſt noch in Feſſeln lag und nicht wagen durfte, in dem Streit der Menſchen untereinander mitzuſprechen. Aber der außer⸗ weltliche Logos, der Gedanke, der in eiſiger Höhe bei den Göttern gethront hatte, wurde Fleiſch, wurde Menſch; und von der Zeit an war es der Logos, der in dem Streite entſchied; von der Zeit fragte man nicht mehr: haſt du in deinen Adern daſſelbe Blut wie ich, ſon⸗ dern haſt du in deinem Haupte dieſelben Gedanken, wie ich; ſeit der 3 Zeit gilt das Wort von der Nachfolge, die nicht Vater und Mutter, nicht Bruder und Schweſter kennt, von der geiſtigen Ehe, wo das Weib die Ihrigen verläßt, um dem Manne zu folgen, dem ſie ſich eignet, weil nur, was wir im Geiſte beſitzen, unſer eigen iſt und zu ſein verdient; weil— doch wozu das Alles! wir werden uns in dieſem Punkte wohl nie verſtehen.“ „Sie wollen ſagen: ich werde Sie wohl nie verſtehen,“ ſagte Roſe einfach;„aber vielleicht bin ich auch hier Ihnen näher, als Sie glauben. Ich habe ſchon vorhin eingeräumt, daß ich für die Männer ein anderes Geſetz anerkenne, wie für uns Frauen; ein ſtrengeres, herberes Geſetz, deſſen Paragraphen in Erz gegraben ſind. Und vielleicht habe auch ich ein wenig in dieſem Geſetz— in Ihrem Ge⸗ ſetz geleſen, und einen und den anderen Satz daraus verſtanden. Sie haben mir früher die Ehre angethan, mich begabter zu nennen, 5 —. Röschen vom Hofe. als es die größere Menge der Frauen iſt; ich weiß nicht, ob dieſes Urtheil gerechtfertigt, ob es Ihnen nicht von einer für mich ſchmeichel⸗ haften Parteilichkeit dictirt war; ich weiß nur, daß ich mich von jeher bemüht habe, klar zu ſehen und die Dinge zu begreifen, wenn es irgend in meiner Macht lag. Daſſelbe Streben glaubte ich an Ihnen zu bemerken, und ich geſtehe, daß gerade dies es war und die freudige Hoffnung, mich an Ihrem reicheren Wiſſen, an Ihren kühneren Ideen aufzurichten, weiter zu bilden, was mich zuerſt zu Ihnen hinzog. Ich bin in großer Einſamkeit aufgewachſen, bin ſpäter in Kreiſe gekommen, wo der freie Gedanke und das freie Wort nicht leicht eine gute Stätte finden, und daher kam es wohl, daß anfänglich mich manche Ihrer Aeußerungen in Erſtaunen und Schrecken ſetzten, ja verletzten. Aber, wenn ich hernach im Stillen weiter darüber nachſann, fand ich ſtets, daß es nur die ungewohnte Form, der Ausdruck geweſen war, was mich ſo ſtutzig gemacht hatte,— der Geiſt Ihrer Rede war mir gar nicht ſo fremd; ich hatte Aehnliches wohl gedacht, gefühlt, nur daß ietzt Alles ſo viel klarer, deutlicher— ich möchte ſagen: greifbarer vor meiner Seele ſtand. Und ich ſonnte mich in dieſer Klarheit, die mich immer herrlicher umgab; ich dachte mir es göttlich ſchön, ſo weiter und weiter zu ſtreben, Alles, was noch von altem Wahn und alten Vorurtheilen in mir war, abzuthun; was noch dunkel war, auf⸗ zuhellen, in Gemeinſchaft mit einem Geiſte, dem ich dieſe Werdeluſt verdankte, in dem ich mein beſſeres, edleres Ich erkannte und ver⸗ ehrte, dem ich mich beugen durfte, und ach ſo gern, ſo willig beugen würde, der mein Freund und mein Bruder, mein Geliebter und mein Gatte ſein ſollte.“ „Das Alles—“ fagte der Graf mit einer Stimme, die von Wehmuth faſt erſtickt war,„das Alles dachten, träumten Sie, Roſe— und dennoch— dennoch—“ „Konnte ich dieſem Traum entſagen?“ unterbrach ihn Roſe ſanft; „nein, nicht entſagen! Was wir im Geiſte beſitzen, iſt unſer eigen— das habe ich ja noch eben aus Ihrem Munde gehört. Was Sie mir geweſen ſind, was Sie mir noch ſind, in aller Zukunft ſein werden, kann mir Niemand rauben, vielleicht nicht einmal Sie ſelbſt. Was wir im Geiſte beſitzen, das heißt in meiner Sprache: was wir lieben. 122 Röschen vom Hofe. Warum ſoll ich nicht ausſprechen, was Sie wiſſen? Aber kann in der Quelle, aus der wir Leben tranken, auch Gift verborgen ſein? kann Liebe Liebe tödten? Ich faſſe es nicht; meine Seele, mein Innerſtes ſträubt ſich gegen einen ſo gräßlichen Gedanken. Iſt es doch nur das eine Herz, mit dem ich fühle; das eine Herz, das für Sie ſchlägt und für meinen Vater ſchlägt. Mein alter Vater! kennen Sie ihn, wie ich ihn kenne! Wüßten Sie, wie voll Treue und Ehre ſeine Seele iſt! wüßten Sie, wie er mich geliebt hat, wie er mich in dem Herzen ſeines Herzens getragen hat, ſo lange ich athme! BVer⸗ danke ich ihm doch viel mehr, als blos mein Leben! Wenn Sie mich gerade offen und ehrlich, und aller Heuchelei feind gefunden haben— von wem habe ich das, wenn nicht von ihm! Er hat mich gelehrt, daß unſere Rede Ja, Ja ſein ſoll und Nein, Nein; hat es mich durch ſein Beiſpiel gelehrt. Die Leute nennen ihn einen Ariſtokraten; ich habe dafür keinen anderen Grund finden können, als, weil er zu ſtolz iſt, ſich zu einer Lüge zu verſtehen. Daß ſeine Erziehung ihm ſo manches Hülfsmittel der Bildung verſagte, daß er von jeher in Ver⸗ hältniſſen, in einer Umgebung gelebt hat, die ihm das Leben nur immer von der einen Seite zeigten, und ſo ſein von Natur klarer Blick getrübt wurde— ich habe es ſelbſt oft genug ſchmerzlich em⸗ pfunden, habe manchmal darunter gelitten, ohne daß es mich je in meiner Liebe hätte wanken machen können. Und ſo iſt er ein alter Mann geworden, ein alter, einſamer, freudloſer Mann, der ſeine Vereinſamung ſchmerzlich empfindet, der in der Liebe zu mir einen Erſatz für Alles ſuchte, was ihm das Leben, was ihm das Schickſal verſagt hatte. Und jetzt glaubt er zu verlieren, was ihm Halt und Troſt war; ja er glaubt es ſchon verloren zu haben; er glaubt nicht mehr an meine Liebe— in dieſem Augenblick, da ihm die Liebe einer Tochter, einer Freundin mehr als je noth thut, wo er einzubüßen fürchtet, was er heilig gehalten hat, wie das Andenken ſeiner Eltern— ſeinen ehrlichen alten Namen. Ich ſehe das, und kann nicht helfen; ich fühle es, und muß es dulden. Es durchbohrt mein Herz, wie ein zweiſchneidig Schwert. Ich habe Niemand, dem ich mein Leid klagen kann; habe es bis zu dieſer Stunde Niemand ſo geklagt. Daß ich Röschen vom Hofe. 123 es Ihnen gegenüber thue— ich weiß nicht, ob ich es darf; ich habe es gethan, weil ich nicht anders konnte.“ Roſe's Stimme erſtickte in Schluchzen; der Graf ergriff ihre Hand. Er war in der furchtbarſten Aufregung: „Roſe, Roſe,“ rief er;„ich weiß nicht, ob es Wahnſinn iſt, aber ich höre in Allem, was Sie ſagen, nur die Weigerung, mich in die Rechnung Ihres Lebens aufzunehmen. Es iſt Ihr Vater und immer nur Ihr Vater, um den ſich alle Ihre Gedanken drehen, alle Ihre Empfindungen concentriren. Daß ich Sie liebe, Sie wiſſen es nicht ſeit heute; wie ſehr ich Sie liebe, ich kann es Ihnen nicht ſagen; ich weiß nur, daß, wenn ich Sie verlieren ſollte, mir das Leben nicht einen Strohhalm werth iſt. Das ſoll Sie zu nichts beſtimmen; ich ſage: meine Liebe geht Sie nichts an; aber, Roſe, Sie ſelbſt lieben mich! Was machen Sie aus dieſer Ihrer Liebe? Sie bringen ſie mit offenen Händen Ihrem Vater dar und opfern ſie ihm. Roſe, Roſe, wenden Sie ſich nicht von mir! Ich haſſe ja Ihren Vater nicht; ich habe vielleicht in dieſer Zeit— doch darüber mit Ihnen zu ſprechen, iſt mir unmöglich. Das Schwert, das Sie ſo ſehr fürchten, wird entfernt werden, aber zwiſchen uns wird Alles beim Alten bleiben. Ich kann meine Knie nicht beugen, wo ich nicht ver⸗ ehre; ich kann meine Rede nicht fälſchen. Ihr Vater verabſcheut in mir den Revolutionär; aber noch viel mehr: den Geliebten ſeiner Tochter; nicht ſowohl den Politiker, den Patrioten habe ich in ihm beleidigt, als den Vater, der auf die Liebe ſeiner einzigen Tochter eiferſüchtig iſt. Aber, mein Gott, Roſe, habe ich kein Recht eifer⸗ ſüchtig zu ſein? liebe ich Sie nicht? beſteht nur Vergangenheit zu Recht und iſt die Zukunft nichts? Sie müſſen ſich entſcheiden, Roſe! Sprechen Sie es aus: mir iſt der Vater Alles, und ich gebe Alles für dies Alles hin!“ Sie waren, dem Hofe gegenüber, von dem ſie nur noch durch einen freien Platz getrennt waren, an dem Ende der Allee angelangt. Roſe ſah durch die Thränen, die ihre Angen füllten, jetzt erſt, wo ſie ſich befanden.* Der Anblick des alten Hauſes, deſſen Giebel melancholiſch über — 3 124 Röschen vom Hofe. die Dächer der Scheunen herüberragte, gab ihr die Beſinnung zurück, die ihr die Leidenſchaft des Grafen faſt geraubt hatte. „Sie ſind grauſam,“ ſagte ſie,„wenn Sie in dieſem Augenblicke mehr fordern, als das Einzige, was ich Ihnen geben kann: das Ge⸗ ſtändniß meiner Liebe. Muß ich mich doch auch damit begnügen! Lieber, Geliebter! kannſt Du nicht geduldig ſein, wie ich es bin? Es muß einen Ausweg aus dieſem Irſal geben; ich ſehe ihn nicht; aber der Gott der Wahrheit, dem ich diene, wird ihn mich finden laſſen. Laß uns ſtark ſein, Geliebter, Einer um des Andern willen; laß uns gemeinſchaftlich tragen, was dem Einen unerträglich iſt. Und nun müſſen wir uns trennen, Geliebter! Wann wir uns wiederſehen— wer weiß es? Willſt Du mir meinen einzigen Troſt rauben, daß es geſchehen, bald geſchehen wird und glücklicher, als wir es jetzt zu denken wagen?“ Sie hatte ſeine beiden Hände ergriffen, und ſchaute ihm in die Augen. Es lag ein ſo wilder Schmerz in ſeinen Augen und ſein Geſicht erſchien in dem letzten grauen Dämmerſchein des Abends ſo bleich und entſtellt— Roſe ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Dann drängte ſie ihn mit ſanfter Gewalt von ſich und eilte auf dem kiesbeſtreuten Wege dem Hauſe zu. Der Graf machte keinen Verſuch ihr zu folgen. Er war in Ver⸗ zweiflung. Seine Liebe zu dem holden Weſen, deſſen Stimme noch in ſeinem Ohr tönte, deſſen warmen Athem er noch auf ſeinen Lippen fühlte, war ſo groß, daß ſie ihm zum Schmerz wurde. Er hätte auf⸗ ſchreien mögen, wie ein zum Tode getroffenes Thier. Und was hatte er mit all ſeiner Liebe zu Wege gebracht? Er hatte ihr— ihr, für die er Tropfen um Tropfen ſein Blut hingegeben haben würde— die Laſt, die auf ihrer Seele lag, nur noch ſchwerer gemacht— er, er, der heute Vormittag aus der Stadt gekommen war, der ſein Pferd zur tollſten Eile angetrieben hatte, um ſo bald als möglich in Weißen⸗ bach zu ſein; er, der ſeit Stunden nur über ein Mittel geſonnen hatte, in ihre Nähe zu kommen, ihr ein Wort des Troſtes zu ſagen, das er für ſie in Bereitſchaft hatte! Er lehnte ſich an den Stamm eines der alten Bäume, durch deſſen Wipfel der Abendwind rauſchte, und blickte mit ſtarren Augen, Röschen vom Hofe. 25 aus denen, ihm ſelbſt unbewußt, heiße Thränen tropften, nach dem Hauſe hinüber, das die Geliebte umſchloß. Endlich raffte er ſich auf und tauchte in die Nacht des Parkes zurück. Jwanzigſtes Capitel. Als Roſe in das Haus trat, war es faſt dunkel. In der Wohn⸗ ſtube brannte kein Licht; der Vater mußte alſo noch auf ſeiner Stube ſein. Roſe's Herz ſchlug bei dem Gedanken, gerade jetzt vor ihren Vater hinzutreten. Auf ihrem Zimmer fand ſie die Frau Wenzel an der Wiege des Kindes ſitzend. „Hat das ein Schläfchen gemacht, das Engelchen,“ ſagte die gutmüthige Alte,„jetzt hat es das Fläſchchen gehabt und da ſchläft es ſchon wieder.— Und nebenan iſt ſchon Alles in Ordnung, Fräulein Röschen.“ „Was meinſt Du?“ fragte Roſe erſtaunt. „Nun, Sie wollen doch das Kindchen nicht für ſich allein haben, Fräulein Röschen! Ei, das fehlte noch! Ich habe mir nebenan eines von den Betten zurecht gemacht; es hat ja lange genug kein Men⸗ ſchenkind d'rin geſchlafen. Mein Alter wird mich nicht vermiſſen; und wenn auch: mein Fräulein Röschen ſoll ſich nicht allein mit dem Kindchen quälen. Jugend braucht Schlaf; ich wache ſo die halbe Nacht. Mir iſt's ein Leichtes, was meinem Fräulein Röschen doch ſchwer werden ſollte. Wollen warten, Röschen, bis an uns ſelbſt die Reihe kommt; gelt? Hab' auch ſchon ein Feuerchen im Oefchen an⸗ gemacht. Wenn es ordentlich durchgewärmt iſt, wollen wir das Bett⸗ hen hinübertragen.“ Roſe ſträubte ſich nicht eben ſehr gegen Frau Wenzel's An⸗ ordnungen. Sie hatte von vornherein auf den gelegentlichen Beiſtand der guten Alten gerechnet, die, wie ſie wußte, eine gar erfahrene und 126 Röschen vom Hofe. geſchickte Kinderwärterin war. Daß ſie das Kind nicht einmal bei ſich behalten ſollte, wollte ihr allerdings nicht recht gefallen; ſie hatte ſich gerade das beſonders ſchön gedacht; aber die kluge Frau Wenzel lächelte und meinte: ſie würde auch von nebenan noch genug von dem Engelchen zu hören bekommen. „Aber Fräulein Röschen,“ ſagte Frau Wenzel,„was iſt denn nur das mit dem Väterchen? Er war vorhin hier und fragte nach Ihnen und ſagte: er wolle morgen verreiſen. Ich weiß ja kein Wört⸗ chen davon.“ Roſe erſchrak. Der Vater verreiſen? allein? und morgen? was hatte das zu bedeuten? Er hatte heute Mittag nichts geſagt. Wie ſehr hatte ſie ſein Vertrauen verloren!— Das war ihr erſter ſchmerz⸗ licher Gedanke. Sie verbarg der alten Frau, ſo gut es gehen wollte, ihre große Beſtürzung und verließ das Zimmer. In dem langen ſchmalen Corri⸗ dor begegnete ihr Wenzel mit einem Koffer auf der Schulter. Roſe ſchämte ſich zu fragen wohin damit, Wenzel? Sollte ſie von dem Diener erfahren, was der Vater vorhatte? Ihr Herz pochte, als ſie vor der Thür ſtand. Alles war ſtill. Eine namenloſe Angſt ergriff ſie; ſie pochte leiſe; aber ſie wartete das Herein nicht ab und öffnete. Vor dem Kamin, in welchem ein helles Feuer brannte, die Hände auf dem Rücken, ſtand der Vater, offenbar in tiefes Sinnen verloren, denn er hörte Roſe's Eintreten nicht. Die Flamme— es waren, wie Roſe jetzt ſah, Papiere, die brannten— beleuchtete hell ſein Ge⸗ ſicht und ſeine Geſtalt. Das ſcharfe, ernſte Profil ſah noch ſchärfer und ernſter aus in dieſer Beleuchtung und die lange hagere Geſtalt erſchien noch länger und hagerer. Nie hatte der Voter einen ſo großen imponirenden Eindruck auf ſie gemacht; ſelbſt in dieſem Moment empfand ſie den Stolz, mit dem ſie von jeher auf ihn geblickt hatte. Aber dann über⸗ wältigte ſie der Schmerz, aus dem Herzen eines ſolchen Vaters ver⸗ bannt zu ſein. „Vater, lieber Vater!“ Herr von Weißenbach wandte ſich raſch um. „Ah, Du biſt es, Roſe,“ ſagte er:„es iſt ſchön, daß Du Röschen vom Hofe. 427 kommſt. Ich habe Wichtiges mit Dir zu beſprechen. Willſt Du Flatz nehmen?“ Er ſchob einen der beiden großen Lehnſeſſel, die vor dem Kamin ſtanden, näher an das Feuer und lud Roſen mit jener Anmuth der Bewegung, die ihn nie verließ, ein, ſich zu ſetzen. Er ſelbſt rückte ſich den zweiten Fauteuil heran. Die Papiere waren verbrannt; die leichte Aſche hob ſich und ſank auf den glimmenden Scheiten. Die drei Kerzen auf dem Armleuchter, der auf einem Tiſche weiter nach dem Fenſter zu ſtand, verbreiteten nur ein ſpärliches Licht in dem großen Gemach, in welchem heute nichts von der faſt peinlichen Ordnung, die ſonſt darin herrſchte, zu ſehen war. Es lagen eine Menge Sachen hier und da zerſtreut: Bücher, Papiere, Reiſeutenſilien, Kleidungsſtücke, unter denen Roſe die Ritterſchaftsuniform bemerkte, welche der Vater nur einmal an⸗ gelegt hatte, vor drei Jahren, als er die Tochter bei Hofe prä⸗ ſentirte. „Ich höre, Roſe,“ fing Herr von Weißenbach an,„daß Du Deine kleine Pathe zu Dir genommen haſt. Darf ich Dich fragen, ob Du damit nur einer augenblicklichen Noth, wie ſie ja in dergleichen Fällen wohl eintritt, abhelfen wollteſt, oder ob Du mit dem Kinde weiterausſehende Pläne haſt?“ „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, Vater,“ ſagte Roſe, „das Kind konnte nicht bleiben, wo es war, und ich weiß auch Nie⸗ mand, dem ich es anvertrauen möchte. Es iſt hülflos ohne mich; ich meine ohne uns, denn ich bin überzeugt, daß Du in dieſem Punkte nicht anders empfindeſt, wie ich.“ „Du weißt, daß ich Deinen Wünſchen, wenn es mir möglich ge⸗ weſen iſt, noch immer nachgekommen bin;“ erwiderte Herr von Weißen⸗ bach,„aber ich möchte Dich denn doch auf die große Verantwortung aufmerkſam machen, die Du übernimmſt. Fern ſei es von mir, Dein mitleidiges Herz zu ſchelten! Auch gebe ich zu, daß Du gegen dieſes Kind noch ganz beſondere Verpflichtungen haſt. Nur bereite Dich bei Zeiten darauf vor, Deine Güte mit Undank belohnt zu ſehen. Wir haben ſchlimme Erfahrungen in dieſer Beziehung gemacht; der Menſch, der— Du weißt, wen ich meine— hat auch Jahre und Jahre lang 128 Röschen vom Hofe. das Gnadenbrot unſeres Hauſes gegeſſen. Ich glaube nicht, daß er ſich neulich Abends deſſen noch erinnerte.“ Roſe ſchauderte; ſie dachte an die wüſten Augen, die ſie heute Nachmittag in der Dorfſtraße ſo drohend angeſtiert hatten. „Indeſſen,“ fuhr Herr von Weißenbach fort,„die Anne war ein ſauftes, freundliches Geſchöpf, und ſo magſt Du Dir ja denn auch vielleicht in ihrem Kinde eine treue Dienerin erziehen. Jedenfalls wirſt Du in der Pflege des Kindes— ich nehme als ſelbſtverſtänd⸗ lich an, daß Du nur, ſo zu ſagen, die Oberaufſicht darüber führſt— eine Beſchäftigung haben, wenn Du es vorziehſt, hier zu bleiben.“ „Ich ſehe, daß Du verreiſen willſt, Vater,“ ſagte Roſe mit einer vor Trauer und banger Sorge zitternden Stimme. „Das iſt hauptſächlich, worüber ich mit Dir ſprechen wollte,“ ſagte Herr von Weißenbach, den Schürer ergreifend und in den glimmenden Kohlen rührend;„meine Reiſe könnte möglicherweiſe ein wenig lange dauern; und da iſt es denn doch nothwendig, daß ich Dich über Alles unterrichte.“ „Um Gotteswillen, Vater,“ rief Roſe, die ihre Angſt nicht mehr beherrſchen konnte,„was iſt es? haſt Du eine Vorladung bekommen? ſollten ſie wirklich wagen—“ „Einen alten Mann in das Gefängniß zu werfen? Ich fürchte, daß dies in allernächſter Zeit geſchehen möchte; und da ich nicht Luſt habe, mich in dem Hauſe meiner Väter von den Häſchern abholen zu laſſen, ſo ziehe ich vor, mich freiwillig zu ſtellen. Mögen ſie dann mit mir machen, was ſie wollen.“ „Aber Vater,“ rief Roſe,„es ſpricht ja nichts dafür, daß man gerade jetzt noch weiter in der Sache gehen wird. Im Gegentheil, man wird ſich wohl hüten, die ſo ſchon herrſchende Aufregung noch zu vermehren; das Miniſterium hat alle Mühe, ſich nur überhaupt auf ſeiner Stelle zu halten; es wird die Angriffe der Oppoſition, denen es ſo ſchon nicht gewachſen iſt, nicht noch mehr herausfordern wollen.“ Herr von Weißenbach lächelte; es war ein bitteres Lächeln. „Wir haben uns ja in letzterer Zeit zu einer großen Politikerin ausgebildet,“ ſagte er. Röschen vom Hofe. 129 „Warum ſoll ich es leugnen, Vater,“ erwiderte Roſe,„ich habe mich bemüht, dieſe Sachen zu verſtehen, ſeitdem ich ſah, von wie großem Einfluß ſie auf den Gang des Proceſſes waren. Daß ſeit dem Zuſammentritt des Landtags eine Veränderung eingetreten iſt, liegt auf der Hand. Man iſt ſeitdem eben ſo langſam vorgeſchritten, als man vorher Alles überſtürzte. Damals wollte man Furcht er⸗ wecken, jetzt fürchtet man ſich.“ „Ich dächte, ich hätte Aehnliches ſchon in den demokratiſchen Zeitungen geleſen,“ ſagte Herr von Weißenbach.„Entſchuldige dieſe Bemerkung, ſie drängte ſich mir unwillkürlich auf. Auch wäre es ſehr thöricht, wenn ich mich über die Geſinnungen, die Du hier äußerſt, irgend wundern wollte. Du biſt ein viel zu kluges und energiſches Mädchen, als daß Du nicht die Conſequenzen Deiner Handlungs⸗ weiſe ziehen, oder erlauben ſollteſt, daß Kopf und Herz ſich im Streite liegen. Wenn ich nun auch perſönlich wünſchen muß, Dein Herz hätte eine andere Wahl getroffen und Deine Ideen hätten in Folge deſſen eine andere Richtung genommen, ſo iſt mir doch klar, daß nun, nachdem dies Alles einmal geſchehen, in der Hauptſache daran nichts mehr zu ändern iſt. Ich muß Dir dieſe Conceſſion machen, ſchon deßhalb, weil ich mir dieſelbe Gerechtigkeit von Dir für mich erbitte. Ich könnte verſuchen, Dich glauben zu machen, daß es nur die Noth iſt, die mich von Dir treibt; aber da wäre ich nicht ganz offen gegen Dich und ich bin es ſtets gegen Dich geweſen. Ich gehe, ja— aber ich gehe nicht ungern; ich habe— das fühle ich nur zu tief— meinen Theil von dem Sonnenſchein des Lebens gehabt; ich ſehne mich, eine Scene zu verlaſſen, die mir zu einer ſinnloſen Farce geworden iſt; ich begrüße das Gefängniß als eine Vorſtufe des Grabes. Sieh' mich nicht mit ſo ſtarren, entſetzten Augen an, mein Kind; ich ſage nicht, daß Du an meinem Unglücke ſchuld biſt. Ich mache Niemand einen Vorwurf, Dir am wenigſten. Du biſt ein treues, gehorſames Kind geweſen, bis zu dem Augenblicke, wo Du Dich entſchloſſeſt— vielleicht entſchließen mußteſt, Deinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe verſucht, Dich zu halten; ich vermochte es nicht; ſo fahre denn hin in Frieden. Für Deine Zukunft, bis Du ſelbſt eine andere Be⸗ ſtimmung triffſt, iſt geſorgt. Ich habe das Gut auf Deinen Namen Fr. Spielhagen's Werke. vI. 9 130 Röschen vom Hofe. ſchreiben laſſen und nur ſo viel für mich behalten, als für meinen Unterhalt in— in dem Ort, wohin ich mich begebe, nothwendig iſt. Was ich hier zurücklaſſe, iſt Dein freies Eigenthum; das Teſtament, das Dich erſt nach meinem Tode zur Erbin einſetzte, hat das Feuer im Kamin verzehrt, zuſammen mit den Briefen, die Deine Mutter mir einſt geſchrieben.“ „Vater, Vater!“ rief Roſe, zu den Füßen des alten Mannes niederſtürzend.„Biſt Du mein Vater und kannſt mein Herz ſo zer⸗ reißen! Um Gotteswillen, Vater, ſtoße mich nicht ſo von Dir! Thu's nicht, um meinet⸗ und Deinethalben nicht! Das könnte Dir keinen Segen bringen. Wenn Du ſagſt, daß ich Dir ein treues, gehorſames Kind geweſen bin— ich bin noch, was ich geweſen. Ich habe keinen Augenblick aufgehört, Dich zu lieben, zu verehren; ich rechne Dir die Schmerzen nicht an, die mir Deine Kälte bereitet hat; weiß ich doch, wie ſehr Du ſelbſt unter dieſer unnatürlichen Entfremdung gelitten haſt. Laß uns wieder ſein, was wir vorher waren; es ſteht nur bei Dir, Vater. Nimm mich an Dein Herz, wie Du es ſonſt thateſt. Vater, Vater, laß mich wieder Dein Kind ſein!“ Roſe umklammerte ihres Vaters Knie unter Schluchzen und Thränen. Der alte Mann ſtöhnte laut, wie von furchtbaren Schmerzen gepeinigt; aber er hatte dieſe zitternden Locken, dieſen bebenden Körper ſchon einmal geſehen— an jenem Abend, als der Graf von ihnen gegangen war— und er drängte die Weinende von ſich. „Wer war die dunkle Geſtalt, mit der Du vor einer halben Stunde aus dem Park tratſt, Roſe?“ ſagte er mit dumpfer Stimme. Roſe richtete ſich erſchrocken auf und ſtrich die Locken aus dem Geſicht. „Ich habe Dich nicht beobachtet, Roſe,“ ſagte Herr von Weißen⸗ bach,„ich war vorhin auf Deinem Zimmer, Dich zu ſuchen, und trat zufüllig an das Fenſter. Zwiſchen den beiden Scheunen ſieht man jetzt, da die Bäume kahl werden, den Eingang in die Allee und— meine Augen, weißt Du, ſind ſcharf.“ „Und wenn ſie noch ſchärfer wären, Vater,“ ſagte Roſe, ſich ganz in die Höhe richtend, ſie hätten nichts geſehen, deſſen ich mich zu ſchämen brauchte. Ich bin in den Park gegangen, weil— weil Röschen vom Hofe. 131 ich aufgeregt war von einer Scene— gleichviel warum; ich hatte keine Ahnung davon, daß ich den Grafen hier treffen würde, den ich in der Reſidenz glaubte, von dem ich, ſeitdem er zum letzten Male den Fuß über unſere Schwelle geſetzt, weder etwas geſehen noch gehört habe. Ich weiß nicht, was ihn hierher geführt; wir haben—“ „Genug, genug, Roſe,“ unterbrach ſie Herr von Weißenbach, „Du brauchſt Dich nicht zu entſchuldigen; ich habe Dich nicht an⸗ geklagt. Ich will nicht wiſſen, was Ihr miteinander geſprochen habt. Beantworte mir nur die eine Frage: Liebſt Du den Grafen?“ Roſe's Geſicht wurde glühend roth und den nächſten Moment ſehr bleich. Sie ſah durch die geſenkten Lider, daß die ſcharfen Augen des Vaters auf ihr ruhten; ſie hatte das dumpfe Gefühl der entſcheidenden Wichtigkeit ihrer Antwort, und doch— es mußte ſein. „Ja, Vater.“ Es war ihr, als ob ein Anderer, in weiter Entfernung die Worte geſprochen hätte. Es ſauſte in ihren Ohren; ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe; ſie hörte nicht mehr, was der Vater ſagte; ſie ließ ſich ohne Widerſtreben von ihm nach der Thür begleiten, wo er ſie entließ, ohne ſie, wie ſonſt, auf die Stirn zu küſſen. Erſt draußen auf dem ſchmalen Gange kam ſie ſo weit wieder zu ſich, um ſich der letzten Scene in ihrer Bedeutung bewußt zu werden und nicht ohne Mühe bis in ihr Zimmer ſchwanken zu können. Die ungeheure ſeeliſche Aufregung dieſer letzten Stunden hatte ihre Kräfte erſchöpft. Sie konnte nur noch eben der treuen Alten, die über ihr verſtörtes Ausſehen ſehr beſtürzt war, ſagen:„Verlaß mich nicht; ich bin ſehr angegriffen; ich muß meine Sachen packen, ich reiſe morgen früh mit dem Vater;“ dann ſank ſie bleich und bewußt⸗ los auf das Sopha. 9* 132 Röschen vom Hofe. Einundzwarzigſtes Capitel. Die gute Frau Wenzel war über den Zuſtand, iu welchem ihr liebes Fräulein Röschen von der Unterredung mit dem Vater zurück⸗ gekommen war, nicht wenig erſchrocken geweſen. Sie hatte nie daran glauben wollen, was ihr Mann ſchon ſeit zwei Wochen tagtäglich wieder⸗ holte:„es gehe etwas vor im Hauſe,“ aber jetzt war es ihr denn doch, als ob nicht mehr Alles ſo ſei, wie in alter Zeit. Der treuen Alten liefen die Thränen über die dicken Wangen, als ſie ihr Fräulein, ihr Herzblatt, ihr Kind— denn ſie hatte Roſen von den erſten Tagen an gepflegt, und war— mit Ausnahme des einen Jahres bei Hofe— ſtets bei ihr geweſen— auf dem Sopha mit einer Decke zudeckte, nachdem ſie ein paar vergebliche Verſuche gemacht hatte, ſie in die Höhe zu richten und in's Bett zu bringen. Die erfahrene Frau ſah wohl ein, daß dies keine eigentliche Ohnmacht, ſondern nur ein tiefer Schlaf war, wie ihn übergroße Aufregung und Anſtrengung hervorbringen und hatte deßhalb nach dieſer Seite hin weiter keine Beſorgniß; aber deſto mehr Sorge verurſachten ihr die letzten Worte, die Roſe geſprochen. Was war dies für eine Reiſe?„Ich muß das wiſſen,“ ſagte Frau Wenzel und verließ das Zimmer, wo ſie im Augen⸗ blick entbehrt werden konnte. Nach kurzer Zeit kehrte ſie zurück— wenig befriedigt von dem Reſultat ihrer Nachforſchung. Ihr Mann, den ſie zur Rede ſtellte, hatte ſie grob angelaſſen: ſie ſolle ſich nur um ihre Frauenzimmerſachen bekümmern; er wiſſe, was er zu thun habe; und mit welchen unfreund⸗ lichen Worten er denn ſonſt gewohnt war, ihre Neugierde zurückzuweiſen. Frau Wenzel ſtand ſchon auf dem Punkte, zum gnädigen Herrn ſelbſt zu gehen; aber es fiel ihr noch zur rechten Zeit ein, daß, was Fräulein Röschen nicht glatt zu machen im Stande geweſen ſei, unter ihren Händen wohl auch nicht ſchlicht werden würde; und ſo kehrte ſie denn unverrichteter Sache und trauriger, als ſie gegangen war, zu„ihren Kindern“ zurück. Röschen vom Hofe. 183 Sollte ſie wirklich, wie Fräulein Röschen ihr geheißen, die Sachen packen? Frau Wenzel mußte ſich, um dieſe wichtige Frage beantworten zu können, nothwendig in den großen Lehnſtuhl ſetzen, den ſie ſich in der Kinderſtube, wo noch das Feuer brannte, für die kommende Nacht an den Ofen gerückt hatte. Dort ſitzend, gerieth ſie in eine ſo tiefe Nachdenklichkeit, daß ſie bald von der Außenwelt nichts mehr weder ſah noch hörte. Die Nacht war längſt angebrochen, eine dunkle, ſtürmiſche Nacht. Der Wetterhahn auf dem Scheunendach Roſes Fenſter gegenüber kreiſchte und kreiſchte immer lauter und ſchriller, wie in toller Angſt. Roſe hörte es in dem Halbſchlaf, aus dem ſie ſchon ſeit einiger Zeit vergeblich zu erwachen ſich bemühte; aber es war ihr, als ob das Kind riefe: Roſe, Roſe! und dann wieder, als ob der Vater von dem Ende des langen Corridors in dumpfen Tönen rufe: Roſe, Roſe! Und dann kam der Vater mit einem Licht den Corridor herauf, und wie er näher kam, wurde das Licht immer heller und heller, ſo daß es zuletzt den Vater bedeckte und den ganzen Raum ausfüllte. Mit einer verzweifelten Anſtrengung taumelte Roſe in die Höhe; das Licht, das ſie geſehen, war da— das ganze Zimmer war davon erfüllt. Aber es kam von draußen— vom Hofe her— Roſe ſtürzte an das Fenſter. Großer Gott! der Hof brannte. Ueber die Giebel⸗ wand der Scheune, die dem Parke zugekehrt war, ſchlug eine helle Flamme hoch, hoch empor und die rothen Zungen leckten, von dem Nachtwind getrieben, nach dem Wohnhauſe herüber. Der furchtbare Anblick gab Roſe, wie durch ein Wunder, all ihre Faſſung zurück. Die Schrecken der Wirklichkeit waren nichts im Ver⸗ gleich mit dem unnatürlichen Grauen des Traumes. Sie ging in das Nebenzimmer, wo Frau Wenzel noch immer mit dem Geſicht nach dem Ofen im Lehnſtuhl ſchlief, aber bei der leiſeſten Berührung Roſe's erwachte.„Erſchrick nicht, liebe Wenzel. Der Hof brennt; ich will den Vater wecken. Du bleibſt bei dem Kinde und verläſſeſt es keinen Augenblick. Ich komme wieder.“ Roſe eilte den Corridor hinauf; in dem Zimmer des Vaters war kein Licht; aber auch der Vater war nicht da; die Sachen lagen wie vorhin rings umhergeſtreut; ſein Bett war noch unberührt. 134 Röschen vom Hofe. Ein entſetzlicher Gedanke zuckte durch Roſe's Gehirn, aber nur wie ein Blitz der nicht zündet. Das konnte nicht ſein. Sie eilte wie auf geflügelten Sohlen wieder zurück, die Treppe hinab, in den unteren Stock, in die Wohnſtube. Als ſie die Thür haſtig öffnete, ſah ſie den Vater. Er ſaß vornübergebeugt an dem ungeöffneten Flügel, das Haupt in beide Hände geſtützt, ſchlummernd. Neben ihm auf dem Flügel ſtand ein Licht dem Verlöſchen nahe. Er hörte nicht, daß Roſe eintrat; ſie mußte, um ihn zu wecken, die Hand auf ſeine Schulter legen und ihn leiſe beim Namen rufen. Der alte Mann richtete das Haupt empor; Roſe ſah auf ſeinen Wangen die Spuren friſch geweinter Thränen. „Was iſt's, Röschen?“ fragte er ganz in dem alten liebevollen Ton. Der Schlaf hatte für einen Moment die Gegenwart ausgelöſcht, aber die Gegenwart ließ ſich ihr Recht nicht rauben. Das Zimmer war viel heller, als es durch das Licht, das Roſe in der Hand trug, ſein konnte. Der alte Landwirth wußte, ehe er ſich nach dem Fenſter umgedreht hatte, daß ſein Hof brannte. Da tönte auch ſchon von der Dorfſtraße her das Feuerjo! Feuerjo! und das Horn des Wächters. Es war, als ob der Anblick des Feuers und der Ruf des Wächters dem alten Manne die Kraft ſeiner beſten Jahre wiedergegeben hätten. „Bleib Du im Hauſe, Roſe,“ ſagte er,„Du kannſt draußen doch nichts helfen. Pack Deine Sachen zuſammen: Silberzeug, Schmuck, und was Du ſonſt nicht gern verbrennen laſſen willſt, und dann geh' auf mein Zimmer; hier ſind die Schlüſſel zum Secretair; in dem Kaſten links — Du weißt ja— liegen meine wichtigen Papiere. Und nun, an's Werk!“ Vergeblich ſuchte Roſe den Vater zurückzuhalten. „Soll ich denn ſtehen und ruhig zuſehen, wie mir das Haus meiner Väter über den Kopf wegbrennt?“ rief er ungeduldig, während er ſich mit einer Schnelligkeit, die Roſe erſchreckte, den Ueberrock, welchen er ſtets auf dem Flur abzulegen pflegte, anzog, und die Mütze, die daneben hing, auf das graue Haupt ſetzte.„Soll ich zu meinen übrigen Ehren⸗ titeln auch vielleicht noch den eines Brandſtifters auf mich laden?“ Röschen vom Hofe. 135 Damit eilte er zur Thür hinaus. Der alte Wenzel kam ihm aus der Inſpectorwohnung entgegen. Der Hornruf des Wächters ertönte bereits aus größerer Entfernung. Schon wurde von draußen an das Thor gepocht, das, als es von Wenzel geöffnet war, einen Schwarm von Leuten einließ, der ſich unter⸗ deſſen geſammelt hatte. „Guten Abend, Nachbarn,“ ſagte Herr von Weißenbach, ſeine Mütze berührend,„ich danke Euch im voraus für Eure guten Dienſte. So, das iſt recht; ſperrt das Thor auf, und nun alle Mannen eine Kette bis zum Graben, es iſt Waſſer genug darin.“ So heiſchte und waltete der alte Mann, und die Leute thaten, wie ihnen geheißen, mit einer Willigkeit, die deutlich genug die Ehrfurcht bewies, welche ihnen„der gnädige Herr“ noch immer einflößte. Keiner wagte ſeinen Befehlen nicht zu folgen, oder gar denſelben zu wider⸗ ſprechen, und ſelbſt als wenige Minuten ſpäter die beiden Dorfſpritzen auf den Hof raſſelten, ſtellte ſich der Spritzenmeiſter, den das ganze Dorf als einen der reichſten und gröbſten Bauern fürchtete, als wenn ſich die Sache von ſelbſt verſtände, unter den Befehl des gnädigen Herrn. Und in der That konnten das auch die Leute getroſt. Niemand wäre im Stande geweſen, die nöthigen Anordnungen mit größerer Um⸗ ſicht zu treffen, als Herr von Weißenbach. Stark und feſt, wie ein Jüngling, ſchritt er hin und her durch die Menge; bald hier, bald dort ſtehen bleibend, rufend, mahnend mit einer Stimme, deren heller Klang den brauſenden Lärm übertönte. Aber der vereinigten Wuth des Feuers und Sturmes ſchien keine Menſchenkraft widerſtehen zu können. Im Anfang hatte die Flamme über das Dach der brennenden Scheune nach dem Herrenhauſe zugeſtrebt, aber ſchon nach wenigen Minuten ſprang der Wind um, und trieb die wirbelnden Funken über die Dächer der übrigen Hofgebäude. Es leckte hier die Flamme auf, und da und dort, verſchwindend, wieder erſcheinend, erſt als rothe Zunge, dann als gelbe Lohe, wie ſie plötzlich aus einem Hochofen ſchlägt; jetzt ein Gebäude überhüpfend, und gleich darauf das Verſäumte nachholend, wie ein Raubthier, das in einer Heerde würgt. Bald brannte mit Ausnahme des Herrenhauſes der ganze Hof: die 136 Röschen vom Hofe. Scheunen, die Ställe, das Inſpectorhaus; der Sturm warf ganze Feuerballen hoch in die Luft und gegen die großen Parkbäume, die dicht hinter dem Hofe ſtanden und von denen bereits mehrere brannten. Mitten durch den Lärm konnte man das angſtvolle Krächzen der Krähen vernehmen; rührender aber war der Anblick der weißen Tauben, die aus dem Schlage entkommen waren und jetzt, zwiſchen den Rauchwolken hin⸗ und herſchießend, geblendet, taumelnd, ſich zum Theil, als ſuchten ſie den Tod, in die Flammen ſtürzten. Der Sturm war ſo gewaltig und das Feuer griff mit ſolcher Ge⸗ ſchwindigkeit um ſich, daß der ganze übrige Hof eine einzige Flamme war, während die Scheune, die den Anfang gemacht hatte, immer nur erſt auf dem einen Giebel brannte. Herr v. Weißenbach hatte deshalb ſeine ganze Aufmerkſamkeit nach der andern Seite gewandt, um ſo ruhiger, als unterdeſſen von den zunächſt gelegenen Dörfern mehrere Spritzen gekommen und zwiſchen der Scheune und dem Dorfe auf der ſchmalen Dorfgaſſe aufgefahren waren, ſo daß, wenn der Wind ſeine Richtung behielt, nach dieſer Seite hin nichts zu befürchten ſtand. Aber in dem Augenblicke, wo es ſich herausgeſtellt hatte, daß die anderen Gebäude rettungslos verloren, ja wo dieſelben zum Theil ſchon zu⸗ ſammengeſtürzt waren, ſprang der Wind um. Im Nu ſtand die Scheune, die kaum noch auf dem, dem Herrenhauſe abgewandten, Giebel glimmte, wieder in hellen Flammen, die über das lange Dach nach dem Herren⸗ hauſe zuſtrebten. Gerieth auch das in Brand, ſo war das Unglück unabſehbar, denn von dort aus wäre dem Feuer der Weg in die nächſten Höfe und ſomit in das ganze Dorf nicht länger ſtreitig zu machen geweſen. Zwiſchen dem Herrenhauſe und der brennenden Scheune war ein freier Raum von ungefähr fünfzig Schritt Breite. Auf dieſem Punkt concentrirte ſich jetzt der Kampf der Menſchen gegen das wüthende Element. Eine Spritze, die jetzt eben gekommen war, hatte ſich hier aufgeſtellt, und ſandte, im Verein mit den Spritzen auf der Dorfgaſſe, ihren ſtarken Waſſerſtrahl unabläſſig gegen die Giebelwand und über das Dach der Scheune und ebenſo über das Dach des Herrenhauſes, das hier und da bereits zu glimmen begann. Aber es war, als ob das Feuer dadurch nur neue Nahrung erhielte. Unaufhaltſam weiter Röschen vom Hofe. 137 fraß die Glut; ſchon leckten die hellen Flammen über den Giebel gierig hinüber nach dem Herrenhauſe. „Der Giebel muß heruntergeriſſen werden,“ rief einer von den Männern, die mit der letzten Spritze gekommen waren und der eine Autorität über die anderen Männer zu haben ſchien. „Es wird Keiner mehr hinauf wollen,“ ſagte ein Anderer. „So werde ich es thun,“ ſagte der, welcher zuerſt geſprochen. Eine lange Leiter war bald herbeigeſchafft. Der Mann ſtieg hin⸗ auf, zwiſchen ſeinen Zähnen ein dünnes Seil, an deſſen anderem Ende eine ſtarke eiſerne Kette befeſtigt war. Er ſchlang das Seil um einen der Balken. Die unten zogen auf ſein Geheiß an, die Kette ſchwebte empor und wurde von Jenem mit ihrem großen Haken an dem Balken befeſtigt. Das Alles war ſo ſchnell ausgeführt, daß man kaum Zeit gehabt hatte, an dem andern Ende der Kette die ſtarken Pferde vor⸗ zulegen, welche die letzte Spritze gebracht hatten und jetzt noch dampfend auf dem Hof ſtanden. Aber, trotzdem das Feuer bereits Balken um Balken bloßlegte und die Verbindung lockerte, konnten die kräftigen Thiere den Widerſtand doch nicht bewältigen. Noch ein Paar Pferde! und noch ein Paar! Die Pferde krümmten ſich unter den Peitſchen⸗ hieben, durch die man ihre Kraft auf das äußerſte antrieb; die Kette krachte; der Balken, an dem ſie befeſtigt, wich aus ſeinen Fugen; hinter ihm her polterte unter dem Hurrah der Männer ein großer Theil des Giebels. Aber noch ſtand genug, was Gefahr bringen konnte. Der erſte, über alles Erwarten gut ausgefallene Verſuch reizte zu einem zweiten. Und es war Gefahr im Verzuge. Brachte man den andern Theil des Giebels noch herunter, ſo konnten die Spritzen vorausſichtlich des Feuers, das dann auf einen beſtimmten Krater eingeſchränkt war, Herr werden. Abermals wird die Leiter angelegt; abermals klettert der Mann hinauf, umſprüht von den Flammen, die jetzt, da ſie durch den Einſturz eines Theils des Giebels für den Augenblick noch mehr Nahrung bekommen haben, hoch emporſchlagen. Dennoch gelingt es ihm, an der Stelle, die er ausgeſucht, den Haken zu befeſtigen. Kaum iſt dies geſchehen, ſo treiben die unten, als ob ein Wahnſinn ſie erfaßt hätte, Röschen vom Hofe. die Pferde an, unbekümmert um den Mann, der noch hoch oben auf der ſchwankenden Leiter hängt. In dieſem Augenblicke kommt Herr von Weißenbach, der, an dem andern Ende des Hofes beſchäftigt, erſt jetzt die Gefahr, in welcher das Herrenhaus ſteht, erfahren hat, herbei. Seine ſcharfen alten Augen überſehen mit einem Blick die ganze Situation; vor allem die Gefahr des Mannes auf der Leiter. Er ſpringt in den Raum zwiſchen Leiter und Pferden unter die krachende Kette, mit der Hand zu dem Manne hinaufdeutend, und den Menſchen, die wie unſinnig auf die Pferde ſchlagen, zurufend, daß ſie warten müßten, bis ſich der Andere gerettet habe. Aber es iſt zu ſpät. Krachend reißen oben die Balken und ſtürzen in den Hof, mit ihnen in gewaltigem Schwunge die Leiter und der Mann. Die Balken praſſeln um Herrn von Weißenbach, der wie durch ein Wunder unverletzt geblieben iſt und ſich jetzt über den Unglück⸗ lichen beugt, den die umſtürzende Leiter bis vor ſeine Füße geſchleudert hat. Er kniet nieder und richtet das blutende Haupt in die Höhe, ſtreicht dem Zerſchmetterten das Haar von der Stirn. Man eilt herzu und nimmt den Körper aus ſeinen Armen. Herr von Weißenbach richtet ſich wieder auf und ſagt:„Es iſt der Herr Graf von Lengsfeld; man trage ihn ſofort in das Haus und laufe nach dem Doctor!“ Er hat noch eben Kraft gehabt, dieſe Worte zu ſprechen. Dann ſauſt es in ſeinen Ohren; in ſchwarze Nacht taucht Alles, was er um ſich ſieht, und ohnmächtig fällt er Denen, die um ihn herſtehen, in die Arme. Roſe hatte die Befehle des Vaters mit einer Gelaſſenheit, über die ſie ſich ſelbſt wunderte, ausgeführt. Ihre einzige Sorge war, daß der Vater bei ſeiner Leidenſchaftlichkeit zu Schaden kommen könnez aber, was ſollte ſie thun? Der Vater durfte nicht von dem Kampfe, den man draußen mit den Elementen um ſein Eigenthum kämpfte, weg⸗ bleiben— das ſagte ſich Roſe ſelbſt. So blieb ihr denn nichts übrig, als für ihr Theil ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen. Mit Hülfe des alten Wenzel und der Magd ſchaffte ſie die ſchon gepackten Koffer des Vaters nach unten auf den Flur, damit ſie von dort ohne Mühe in Sicherheit gebracht werden könnten. Dann ging ſie in ihr Zimmer und nahm der Alten das Kind Röschen vom Hoſe. 139 ab, damit jene in ihre Wohnung im Inſpectorhaus hinübergehen möchte, um für ihre Habſeligkeiten zu ſorgen. Davon aber wollte Frau Wenzel durchaus nichts wiſſen.„Laß brennen, was will,“ ſagte ſie,„hab's in Ihrem Hauſe erworben, mag's denn mit Ihrem Hauſe auch verbrennen. Hier iſt mein Poſten. Wer weiß, was geſchieht.“ Roſe mußte die Alte gewähren laſſen, die in dem Dienſt ihres Fräuleins eben ſo eifrig war, als läſſig in ihrem eigenen, und bereits, ehe Roſe zurückkam, die Kleider derſelben, die geringen Schmuckſachen und Anderes von Werth zuſammengepackt hatte. Roſe fand beinahe Alles gethan. Das Kind war, damit kein Aufenthalt irgend einer Art ſtattfinden könne, aus ſeinem Bettchen genommen und wurde von der Frau Wenzel im Mantel unter manchem Summen und Eiapopeia im Zimmer hin und hergetragen; Roſe trat an das Fenſter, das Fortſchreiten des Brandes zu beobachten. Den Platz zwiſchen dem Hauſe und der Scheune erfüllte Tages⸗ klarheit. Es war der Moment, wo man eben die Pferde zum zweiten Male an die Kette legte. Roſe wußte anfänglich nicht, was das zu bedeuten hatte, bis ſie, die Kette mit den Augen verfolgend, den Mann entdeckte, der auf der hohen Leiter oben an dem brennenden Giebel klebte. Ein Schauer durchrieſelte ſie. Die Entfernung war zu groß, als daß ſie mit Genauigkeit die Züge des Mannes erkennen konnte; aber, was ſie davon ſah, und beſonders die Geſtalt, deren Silhouette ſich gegen den flammenhellen Hintergrund ſehr deutlich abhob, erfüllten ihre Seele mit einer furchtbaren Ahnung. Sie ſteht mit gefaltenen Pänden, die Augen ſtarr auf das grauſige Schauſpiel gerichtet, ohne Kraft, ſich zu regen, ja auch nur einen Ton von ſich zu geben. Da ſieht ſie die Leiter überſchlagen, ſieht, wie er im Schwunge herunter⸗ ſtürzt;— ſie ſtößt einen wilden Schrei aus, eilt, ſo ſchnell ſie ihre Wüße tragen, aus dem Zimmer, über den Corridor, die Treppe hinab. Als ſie die unterſte Stufe erreicht, trägt man eben zwei lebloſe Körper in den Flur, die man, um ſich einen Augenblick auszuruhen und weil man nicht weiß, in mit ihnen, auf die dort aufgeſtellten Koffer gleiten läßt. Noſe ſtürzt heran. Ihre Ahnung hat ſie nicht betrogen. Es iſt der Grafl und— heiliger Gott!— der Vater, n eiskalt, die vxn halb geſchloſſen— todt. 140 Röschen vom Hofe. Roſe ſteht wie vom Blitz getroffen. Dann heißt ſie mit ruhiger, klangloſer Stimme den Vater und den Grafen in das Zimmer neben dem Wohnzimmer bringen, wo ein ſehr langer und breiter Divan wenigſtens für den Augenblick ein Lager bietet. weiundzwanzigſtes Capitel. Der Morgen nach der Schreckensnacht brach trüb herein. Es hatte nach Mitternacht— zum erſten Mal in dieſem Herbſt— geſchneit. Aus dem weißen Schleier ragten die ſchwarzen rauchenden Trümmer doppelt grauſig hervor. Der Hof war gänzlich eingeäſchert; Jeder⸗ mann erklärte es für ein halbes Wunder, daß das Herrenhaus, einige Brandflecken auf Dach und Wänden und einige zerſprungene Scheiben abgerechnet, unverſehrt geblieben war. Schon war es kein Geheimniß mehr, wie das Feuer entſtanden. Daß es angelegt ſein müſſe, darüber waren ſchon während der Nacht Alle einig geweſen und jetzt wußte man auch, wer es gethan. Etwas unterhalb des Hofes in dem ſehr tiefen und jetzt durch den unendlichen Regen noch mehr als gewöhnlich waſſerreichen Graben, der hier zwiſchen dem Park und den Feldern hinlief und jenſeit der Landſtraße in den Weißenbach mündete, fand man die Leiche des Wirthes vom Rothen Hirſchen, der ſchon ſeit geſtern Abend vermißt wurde. Er hatte in der letzten Zeit wiederholt ge⸗ äußert, daß er„dem gnädigen Herrn ſeinen Hochmuth noch eintränken wolle.“ Noch am verfloſſenen Tage hatte er in der Trunkenheit viel ſchlimmere Drohungen ausgeſtoßen. Zum Ueberfluß fanden ſich in 6 ſeinen Taſchen mehrere Schachteln voll Streichhölzer, ſowie Schwefel⸗ fäden, Stahl und Stein. Offenbar hatte er, nachdem er ſeine That vollbracht, ſich hinter dem Hofe wegſchleichend, über den Graben ſpringen wollen, um dann das freie Feld zu gewinnen und von einer anderen Seite in's Dorf zurückzukehren; war dabei ausgeglitten oder zu kurz geſprungen und hatte in der Trunkenheit ſich nicht wieder auf⸗ Röschen vom Hofe. 141 richten können. Andere meinten: er habe einem Leben, das er bei gänzlich zerrütteten Verhältniſſen doch im Schuldthurm beſchloſſen haben würde, freiwillig ein Ende gemacht. Größere, zum mindeſten herzlichere Theilnahme erregte das Schickſal des Herrn von Weißenbach und des Grafen Lengsfeld. Man erfuhr, daß Beide noch lebten, daß man aber an ihrem Auf⸗ kommen zweifele; der Graf ſei gänzlich zerſchmettert, der alte Herr raſe in einem hitzigen Fieber. Man erging ſich in lauten Klagen über das arme Fräulein Röschen, die ſich in ihrer großen Gutherzigkeit noch an dem Unglückstage mit dem Kinde der todten Anne beladen habe, und nun den Vater und den Bräutigam unter ihren Augen ſterben ſehen ſollte. Daß der Graf Fräulein Röschen's Bräutigam ſei, hatte ſich mit einem Male im Dorfe herumgeſprochen. Man wußte nicht, wer das Gerede angefangen hatte; Einige ſagten; man habe es zuerſt in Lengsfeld erzählt, der Paſtor dort ſolle geäußert haben: un⸗ möglich ſei es nicht. Bis zu Roſe ſelbſt drang das Gerücht. Frauen aus dem Dorf, die aus wirklicher Theilnahme— denn Roſe war bei Alt und Jung beliebt— oder aus Neugierde, zu wiſſen, wie es im Herrenhaus aus⸗ ſehe, ihre Dienſte anboten, fragten nach dem Herrn Bräutigam. Roſe widerſprach nicht: es war ihr ſo gleichgültig, was die Leute ſagten. Sie dankte freundlich für die angebotenen Dienſte; ſie ſei mit der Hülfe, die ihr zu Gebote ſtehe, vollkommen im Stande, das Nöthige zu ſchaffen. Weitaus die größte und wichtigſte Hülfe leiſtete in dieſer ſchweren Zeit der alte treffliche Dorfarzt. Er war über Land geweſen und bereits auf der Rückkehr nach Weißenbach, als er das Feuer ſah, das nach ſeiner Berechnung auf dem Hofe ſein mußte. Sofort hatte er dem Knechte den Befehl gegeben, die Pferde zur äußerſten Eile anzu⸗ treiben und ſo war er denn wenige Minuten, nachdem das Unglück geſchehen, vor dem Hofthore aus dem Wagen geſtiegen. Da man jetzt nach Einſturz der Scheune des Feuers Herr werden zu können behauptete, hatte es keine Gefahr, wenn die Kranken in dem Hauſe blieben; ja es ſtellte ſich ſchon nach der erſten Unterſuchung heraus, daß der Graf gar nicht mehr transportirt werden konnte. Der Blut⸗ 142 Röschen vom Hofe. verluſt, den mehrere Wunden am Kopf verurſacht hatten, war zu be⸗ deutend geweſen. Indeſſen erſchienen dieſe ſowie ein Bruch des linken Schlüſſelbeins und mehrere ſtarke Quetſchungen an der Schulter dem erfahrenen Manne weniger gefährlich als eine Erſchütterung, die das Gehirn erlitten zu haben ſchien. Doch hatte ſich für den Augenblick darüber nichts entſcheiden laſſen. Kaum minder Beſorgniß erregend war der Zuſtand des alten Herrn. Auch nachdem die Ohnmacht, die den durch phyſiſche Anſtren⸗ gung und ſeeliſche Aufregung zum Tode Erſchöpften befallen, gewichen war, hatte er das Bewußtſein nicht wieder erlangt. Man hatte ihn auf den Wunſch des Doctors in ſein Zimmer hinaufgetragen und zu Bett gebracht, während jener dem Grafen die erſten Verbände anlegte. So war geſchehen, was der Augenblick zuließ. Unterdeſſen jagte der Reitknecht des Grafen, der ſeinen Herrn herüberbegleitet hatte, in die Stadt, um einige Medicamente zu holen, welche der Hausapotheke des Doctors fehlten, und einen Arzt zu requiriren, an welchen jener ein paar Zeilen geſchrieben hatte. Der Arzt aus der Reſidenz, Hof⸗ und Medicinalrath und Haus⸗ arzt der Familie während ihres Aufenthalts in der Stadt, kam noch vor Tagesanbruch. Er hielt eine längere Conſultation mit ſeinem ländlichen Collegen, theilte Roſen mit, daß er mit den Anordnungen deſſelben vollkommen einverſtanden, daß allerdings für Herrn von Weißenbach, ſo wie für den Grafen Gefahr vorhanden ſei, daß er in⸗ deſſen das Beſte hoffe, jedenfalls im Laufe des Tages noch einmal herauskommen wolle, im Falle ſich der Zuſtand des Einen oder Andern verſchlimmern ſollte. Ob Fräulein von Weißenbach Aufträge an Ihre Königlichen Hoheiten habe, die gewiß den lebhafteſten Antheil an dem Unglück, das ſie betroffen, nehmen würden? Roſe hatte keine Aufträge an Ihre Königlichen Hoheiten. Ein ſtiller, auf das Schlimmſte gefaßter Muth erfüllte die Seele des jungen Mädchens wie mit göttlichem Feuer. Thränenlos, blaß, aber ſonſt ſcheinbar ruhig, gab ſie ihre Befehle mit leiſer deutlicher Stimme, oder führte behend vorſichtig die Anordnungen des Doctors aus. Ohne eine Spur weiblicher Schwäche und Prüderie leiſtete ſie ihm in den erſten Stunden Beiſtand, wo er denſelben eben brauchte. Röschen vom Hofe. 143 Der brave Mann, der ſelbſt in den ſchlimmſten Lagen ſeinen kleinen Scherz machen mußte, nannte ſie ſeinen„Herrn Aſſiſtenten“ und be⸗ hauptete, daß Aesculap einen ausgezeichneten Jünger an ihr verloren habe. Ja Roſe fand noch Zeit, ihr Pflegekind zu beſuchen, das jetzt unter der Obhut einer treuen Magd ſchlummerte, während Frau Wenzel, ebenſo wie Roſe, ihre Sorge zwiſchen den beiden Kranken theilte. Der gute Arzt blieb die ganze Nacht und ging erſt gegen Morgen, um ſich einige Stunden der Ruhe zu gönnen, deren er ſo ſehr be⸗ durfte. Er hatte Roſen überreden wollen, ſich ebenfalls niederzulegen, da Frau Wenzel und der Diener des Grafen(ein anſtelliger und ver⸗ läßlicher Mann, den man von Lengsfeld hatte kommen laſſen) zur Bewachung der Kranken hinreichten; aber Roſe ſagte, daß ſie vor⸗ läufig noch Kraft genug fühle und warten wolle, bis die Reihe auch an ſie komme. So blieb ſie auf und ſah, bald an dem Bette des Vaters, bald an dem des Grafen ſitzend, den grauen Morgen durch die Fenſter dämmern. Die alte Frau Wenzel, die bei dem Herrn blieb, und der Diener, der in dem Zimmer des Grafen war, nickten in ihren Stühlen; aber Roſen war, als wenn ſie wachen müſſe, bis Alles entſchieden ſei, um dann zugleich mit den Geliebten in ewigen Schlaf zu ſinken. Sie hatte keine Hoffnung, daß ſie wieder geſunden könnten; ja es überkam ſie manchmal die Empfindung, als wünſchte ſie es kaum. Aus dem unſeligen Labyrinth ihres Lebens gab es ja keinen underen Ausweg als den Tod. Und ſollte ſie die Ueberlebende ſein? den Vater, den Gatten begraben— und weiter leben, als wäre eben nichts geſchehen? als wären ein paar Uhren ſtehen geblieben? Der Gedanke erſchien ihr feige, ſchmachvoll, einer ſtarken Seele unwürdig. Was konnte dem Vater ſelbſt erwünſchter kommen, als jetzt zu ſterben, bevor der letzte Act des Trauerſpiels begonnen? Roſe zitterte, wenn ſie ſich dachte: den aus ſeiner Bewußtloſigkeit Erwachenden könne der Haftbefehl, welchen er ſo lange gefürchtet hatte, nun wirk⸗ lich erwarten. Würde dem Grafen der Tod jetzt beſonders ſchmerzlich ſein? Er hatte in dem Delirium, das gegen Morgen bei ihm eintrat, ohne ſie zu erkennen, und ohne ihren Namen zu nennen, fortwährend mit ihr 44 Röschen vom Hofe. F und von ihr geſprochen; hatte ſie, deren Bild ihn umſchwebte, mit den üßeſten Schmeichelworten der Liebe überhäuft, einmal über das andere verſichert: er werde ſie lieben, und wenn ſie ihn noch mit viel ſchlim⸗ meren Qualen martere; und dann hatte er geweint und gefragt, warum ſie denn noch ſeinen Kopf zerſtücke, nachdem ſie ſein Herz bereits zer⸗ riſſen habe? Roſe hatte ihm die Hand auſ die fieberheiße Stirn ge⸗ legt. Da war er alsbald ſtille geworden. So verging die lange, lange Nacht. Der Morgen kam und ein paar Stunden ſpäter der gute Doctor, der den Zuſtand der Kranken beſſer fand, als er erwartet hatte. Der „Herr Aſſiſtent“ habe Wunder gethan; hier könne Aesculap ſelbſt lernen. Dann küßte er dem jungen Mädchen die Hand und bat ſie mit freundlichem Ernſt, ſeinen Wünſchen nun Folge zu leiſten und ſich niederzulegen. Er habe vorausſichtlich einige Stunden Zeit und wolle ſo lange ſelbſt die Oberaufſicht führen. Als Roſe auf ihr Zimmer gegangen war, machte ſich der Doctor daran, den Zuſtand des Grafen noch einmal zu unterſuchen. Es war dies bei den mancherlei Verletzungen, die derſelbe erlitten hatte, ein ſehr complicirtes Geſchäft, und der Doctor führte es mit aller Sorg⸗ falt und Gewiſſenhaſtigkeit aus. Aber je weiter er in ſeiner Diagnoſe kam, deſto zufriedener wurde ſein anfänglich bedenkliches Geſicht; zuletzt auscultirte er noch die Lunge und das Herz; betaſtete init Wohlge⸗ fallen die ungewöhnlich hohe und breite Bruſt, nahm ſchließlich eine Priſe und murmelte: Für diesmal alſo wären wir noch ſo durchge⸗ ſchlüpft, es wäre aber auch wirklich Jammer und Schade um ein ſo prächtiges Paar. Wenn wir den alten Herrn nur auch erſt ſo weit hätten! Er iſt gegen uns, das iſt klar, aus Vorurtheil, politiſchem Fanatismus und Eiferſucht; hauptſächlich aus Eiferſucht. Will das Mädel nicht weggeben; glaub's; ſollte mir auch ſchwer werden, wenn ich der Vater wäre. Hab' mein Lebtag kein Kind gehabt. Iſt auch das Vernünftigſte; kommt nichts dabei heraus. Im Laufe des Vormittags und während Roſe noch ſchlief, kam zu des Doctors nicht geringer Verwunderung der Hofrath ſchon wieder angefahren; in ſchneeweißer Wäſche, friſch, glatt, verbindlich, wie immer, oder noch verbindlicher. Er komme im ſpeciellen Befehl Ihrer 1 Röschen vom Hofe. 145 „ Königlichen Hoheiten, welchen er heute ausnahmsweiſe früh aufge⸗ wartet und die er durch die Nachricht von dem Unglück in Weißenbach, welches ſie bereits erfahren, tief erſchüttert gefunden habe. Die Frau Herzogin habe ſich ſogleich in ihr Cabinet zurückgezogen, um dem Fräulein zu ſchreiben; der Kammerhuſar werde wohl bald mit dem Briefe ankommen. Auch das Schickſal des Grafen gehe den höchſten Herrſchaften ungemein nahe; um ſo mehr, als ſie ſeines politiſchen Beiraths in dieſer Zeit nur ungern entbehrten. Der gute Doctor war über dieſe letztere Mittheilung ſeines ſtäd⸗ tiſchen Collegen nicht wenig verwundert. Er ſelbſt war ein ehrlicher Demokrat, wenn auch kein ſehr ſcharfſinniger Politiker; ſo viel er wußte, war der Kampf der Oppoſition mit dem Miniſterium noch ſo heftig, wie je. Er erfuhr nun, daß, nachdem geſtern Morgen das Miniſterium ſeine Entlaſſung erbeten und erhalten, der Graf mit der Bildung eines neuen Miniſteriums beauftragt worden ſei; daß er ſelbſt für ſeine Perſon die Ehre zwar ablehnen zu müſſen geglaubt, aber zum Zuſtandekommen des Cabinets ſehr eifrig mitgewirkt habe, bevor er geſtern Nachmittag die Stadt verließ, um ſich zur Erholung für einige Tage auf ſeine Güter zu begeben. Königliche Hoheiten be⸗ dauerten den Unfall des Grafen um ſo mehr, als er, obgleich Oppoſitions⸗ mann, in ſeiner Eigenſchaft als Standesherr ein vortreffliches Medium zwiſchen dem Hof und dem neuen unadeligen Miniſterium abgegeben haben würde. Uebrigens wolle er(der Hofrath) nur noch en passant erwähnen, wie Ihre Hoheit unter Anderm geäußert habe, daß Sie die Gerüchte, welche über eine eventuelle Inhaftirung des Herrn von Weißenbach im Publicum circulirten, auf das lebhafteſte bedauere, und ſich freue, conſtatiren zu können, daß auch kein wahres Wort an der Sache ſei. So ſprach der Hofrath, lächelte, wies ſeine weißen Zähne, reichte dem Collegen die weiche, wohlgepflegte Hand, ſtieg in ſeinen Wagen, hüllte ſich in ſeine Decken und fuhr davon. Der gute Doctor konnte kaum Roſe's Aufwachen erwarten, um ihr dieſe für ſie ſo höchſt wichtigen Mittheilungen zu machen. Zu ſeiner Verwunderung fand er das Fräulein, als es nach einer Viertel⸗ ſtunde erſchien, ſchon von Allem unterrichtet. In einem Briefe, der Fr. Spielhagen's Werke. vI. 10 146 Röschen vom Hofe. heute früh aus der Stadt gekommen, aber in dem Drange der Ereig⸗ niſſe von ihr nicht eröffnet und erſt jetzt geleſen worden war, hatte der Advocat mit wenigen Zeilen das Nöthigſte gemeldet und beſonders betont, daß gegen Herrn von Weißenbach in keiner Weiſe vorgeſchritten werden würde. Er(der Advocat) freue ſich übrigens, dem Herrn von Weißenbach mittheilen zu können, daß dieſe unverhofft günſtige Wen⸗ dung ſowohl der politiſchen Lage im Allgemeinen, als auch des Pro⸗ ceſſes im Beſonderen von Jedermann dem Einfluſſe des Herrn Grafen von Lengsfeld zugeſchrieben würde, der, wie er(der Advocat) höre, mit Herrn von Weißenbach auf das innigſte befreundet ſei. Der Graf hatte alſo geſtern Abend ſchon Alles gewußt; weßhalb hatte er geſchwiegen? Hatte er ihrem Danke ausweichen? ſeine Sache allein führen wollen? zu ſtolz, irgend eine Empfindung, die ihm nicht perſönlich galt, zu Hülfe zu rufen? Roſe erſchrak bei dieſem neuen Einblick in die egoiſtiſche Starrheit des Männerſtolzes; wie war bei ſolcher Unbeugſamkeit eine Vereinigung, eine Verſöhnung möglich? Vorläufig freilich handelte es ſich um Leben oder Tod der Ge⸗ liebten. Der Graf raſte im Wundfieber und der Vater lag mit halb geſchloſſenen Augen, ohne einen Laut von ſich zu geben, ja ohne ſich zu regen in ſeinem Bette, wie es ſchien, gänzlich theilnahmlos an Allem, was um ihn herum vorging. Dennoch war ſein Gehirn nur allzu geſchäftig. Als er aus der tiefen Nacht der Ohnmacht erwachte, hatte er zuerſt, wie aus dem leeren Aether heraus, eine Stimme gehört, die immerfort ſagte:„Thu' es nicht, thu' es nicht, um meinetwillen, um deinetwillen nicht.“ Er ſann und ſann, was er nicht thun ſolle. Er konnte nicht darauf kom⸗ men, obgleich er ſich bewußt war, daß das, was er nicht thun ſollte, etwas ſehr Schweres und Verantwortliches ſei. Dann fragte er ſich: wer denn das nur immer ſage? Einmal war es Roſe's Stimme und ein ander Mal war es die Uhr, die der Graf Roſen geſchenkt hatte, und die, ſeinem Bette gegenüber, auf der Commode ſtand. Es war nicht möglich, auszumachen, ob es Roſe oder die Uhr ſei, was da ohne Unterbrechung auch nur einer Secunde ſagte:„Thw' es nicht, thu' es nicht! um meinetwillen, um deinetwillen nicht.“ Röschen vom Hofe. 147 Dann war ihm geweſen, als habe er ſchon gethan, wovon die Stimme ſage, daß er es nicht thun ſolle als habe er ſeine Roſe ſchon verloren; und da hätte er immerfort weinen mögen; aber er hatte ja keine Augen mehr, ſondern zwei heiße Kugeln, die er ſich in den Kopf geſchoſſen, aus Gram und Herzeleid, weil er ſeine Roſe von ſich ge⸗ ſtoßen. Er konnte nicht weinen, ſo centnerſchwer es ihm auch auf der Bruſt lag, und ſo flehend er auch Gott um Thränen bat. Die Stimme ſagte auch nun nicht mehr: thu' es nicht, thu' es nicht, ſon⸗ dern: böſer Vater, böſer Vater! Am deutlichſten und lauteſten ſagte es die Uhr; wenn Roſe es ſagte, hörte er nur immer: lieber Vater, lieber Vater! und das flößte ihm einige Beruhigung ein. Denn wenn Roſe mit ihm ſprach, ſo konnte ſie ihn doch noch nicht verlaſſen haben, und wenn ſie ihn noch nicht verlaſſen hatte, ſo konnte ja noch Alles gut werden. Was konnte gut werden? Der Graf ſpielte eine Rolle dabei; aber welche? Die Uhr wußte es recht gut, aber ſagte es nicht, ſondern immer, wenn ſie an dieſen Punkt kam, ganz deutlich tick⸗tack, tick⸗tack; und immerfort tick⸗tack, tick⸗ tack, daß die heißen Kugeln im Kopfe wie glühende Kohlen brannten. Die dumme Uhr mit ihrem dummen Tick⸗tack! Ja! wenn der Graf nicht todt wäre! er hatte ihn todt zu ſeinen Füßen geſehen; er wußte nicht wo und wann; aber die Sache ſtand feſt, daß der Graf todt war; oder war er es etwa nicht? Er mußte es wohl laut geſagt haben, denn eine Stimme— es war nicht die Uhr, ſondern Roſe— ſagte:„Nein, lieber Vater, er iſt nicht todt.“ Sonderbar! wie deutlich er doch träumte! er hatte Roſe's Geſicht geſehen, dicht über ſich, und ihre Lippen auf ſeinem Munde gefühlt. Und dabei waren ihr ein paar Thränen aus den Augen auf ſeine Stirn getropft, gerade wo die heißen Kugeln ſteckten, die ihm ſo furcht⸗ bare Schmerzen verurſacht hatten. Von den Thränen waren die Kugeln viel kühler geworden, das that ſo wohl. Wenn der Doctor ſie jetzt herausnehmen wollte, ſo würde es gewiß gar keine Schwierig⸗ keiten machen. Wo war denn der Graf, wenn er nicht todt war? 10½ 148 Röschen vom Hofe. „Im Hauſe, unten neben dem Wohnzimmer.“ Es war nicht Roſe, welche die Worte geſprochen hatte, ſondern die Frau Wenzel. Wie konnte auch Roſe mit ihm ſprechen, wenn ſie unten beim Grafen war? Seit wann waren ſie denn mit einander verheirathet?„Noch gar nicht“ Pah, warum einem alten Mann ſolche Lügen ſagen? Die Kugeln im Kopfe hätten ihn vielmehr ge⸗ ſchmerzt, als der Gedanke, daß der Graf und ſeine Roſe Mann und Frau ſeien; einmal mußte ſie ja doch heirathen, und da war es am Ende gut, daß der Doctor ihm die Kugeln aus dem Kopfe genommen habe und er dabei geſtorben ſei. Es war am vierzehnten Tage nach der verhängnißvollen Nacht. Der Doctor hatte Roſe darauf vorbereitet, daß eine Kriſis in dem Zuſtande des Vaters eintreten und er entweder aus dem tiefen Schlaf, in welchem er ſeit vierundzwanzig Stunden gelegen, erwachen, oder in den Tod hinüberſchlummern werde. „Ich ſpreche mit Ihnen, liebes Fräulein,“ ſagte der Doctor,„wie man in dergleichen Fällen leider ſelbſt nur mit wenigen Männern ſprechen kann; aber Sie haben auch mehr Hirn und Herz, als ich für mein Theil bei den meiſten Männern gefunden habe. Erlauben Sie mir einmal Ihre Hand.“ „Sie ſind ein herrliches Mädchen,“ fuhr er fort,„Sie könnten den größten Miſanthropen wieder an die Menſchheit glauben machen. Wollte der Himmel, daß Sie noch einſt ſo glücklich werden, wie Sie groß und gut ſind!“ Roſe's Augen füllten ſich mit Thränen. Sie hatte alle dieſe Zeit nicht ein einziges Mal geweint, aber in der ungeſchminkten Theilnahme des wackern Mannes ſah ſie ihr Leid wie in einem Spiegel. „Muth, Muth, meine kleine Heldin,“ ſagte der Doctor, der um einen Kopf kleiner war, als Roſe;„wir haben die Schlacht noch nicht verloren; ja wir haben ſie ſchon zur Hälfte gewonnen, denn der unten (das Geſpräch fand in Roſe's Stube ſtatt) iſt in einem Monat ſo weit hergeſtellt, daß, wenn er auch den rechten Arm wohl noch wird in der Binde tragen müſſen, er die linke Hand frei genug hat, um eine gewiſſe junge Dame damit für immer feſtzuhalten. Nun, nun, liebes Fräulein, Sie brauchen mir nicht zu zürnen; der Graf hat da⸗ Röschen vom Hofe. 149 für Sorge getragen, ſeine Umgebung, auf die er ſich glücklicherweiſe verlaſſen kann) von dem Zuſtande ſeines Herzens zu unterrichten, und dann ſehen Sie: die Sache hat doch auch ihre ernſte, ſehr ernſte Seite, und das iſt der Grund, weßhalb ich, mit Ihrer gütigen Er⸗ laubniß, in dieſem Augenblick davon ſpreche. Ich müßte einen gerin⸗ geren Antheil an Ihnen nehmen, wenn mir entgangen ſein ſollte, daß Sie in letzterer Zeit immer mit Ihrem Vater in der ſchönen Harmonie, wie ſonſt wohl, gelebt haben. Nun könnte es wohl ſein, daß Ihr Vater ſtirbt, ſein Bewußtſein wieder zu erhalten. Sie würden dann annehmen, daß er nicht in Frieden von Ihnen geſchieden ſei, und das würde einen Schleier über Ihr ganzes zukünftiges Leben breiten. Ich möchte Sie ſchon jetzt vor einem ſolchen Fehlſchuſſe warnen. Dergleichen Krankheiten ſind oft nicht blos ein Verſuch der phyſiſchen Natur, die ſchädlichen Stoffe von ſich auszuſtoßen, ſondern nicht minder der pſychiſchen, die verloren gegangene Harmonie wieder zu erhalten. Wer kann ſagen, ob Ihr Vater, wenn er wieder zum Leben erwacht, nicht auf Alles, was ihn in dieſer letzten Zeit gequält, zurückſieht, wie auf einen böſen Traum? Der Tod iſt im organiſchen Gebiet immer eine Conſequenz von abſoluter Folgerichtigkeit; aber auf dem ſeeliſchen Gebiet iſt er oft ein willkürlicher Strich gleichſam durch die unvollendete Rechnung des Lebens, ein plumpes Quiproquo, eine grauſame Unterſchlagung, eine perfide Volte des Zufalls, der das Oberſte zu unterſt kehrt. Und nun kommen Sie, liebes Fräulein; ich hoffe, wie geſagt, das Beſte, aber in ſe Fällen thut man wohl, auf das Schlimmſte gefaßt zu ſein. Der Doctor behielt Roſe's Hand in der ſeinen, während ſie durch den langen Corridor nach dem Zimmer des Herrn von Weißenbach ſchritten. Frau Wenzel ſaß am Bett und ſtand auf, dem Doctor Platz zu machen. Der Doctor fühlte nach dem Puls des Kranken, befühlte ſeine Stirn und Bruſt, und wandte ſich lächelnd zu Roſe, die mit ſtarren Blicken an ſeinen Mienen gehangen hatte. „Es müßte gegen alle Wiſſenſchaft und Erſaht 5 ſagte er,„oder wir ſind außer Gefahr.“ ₰ Röschen vom Hofe. Roſe ſank in den Stuhl, auf welchem ſie ſaß, zurück, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſchluchzte leiſe.. Der Doctor ſtand auf, ſtrich ihr über das ſchöne lockige Haar und ſagte: „Nun, nun, meine kleine Heldin! man muß auch das Glück er⸗ tragen können!“ Dreiundzwanzigſtes Capitel. Die Prophezeiung des guten Arztes, daß der Vater, wenn die Kriſis günſtig ausfiele, als ein Anderer erwachen würde, war in einer merkwürdigen Weiſe eingetroffen. Wer ihn in der Nacht des Brandes geſehen hatte hoch aufgerichtet daſtehend, oder mit großen Schritten ſich durch die Menge bewegend und mit lauter, kräftiger Stimme Befehle ertheilend, würde ihn jetzt kaum wieder erkannt haben. Sein graues Haar war in den wenigen Wochen ſchneeweiß geworden; ſeine Züge hatten viel von dem herben und ſtrengen Ausdruck verloren; ſelbſt ſeine Stimme hatte einen weicheren Klang bekommen, und ſeine Geſtalt, wie er jetzt, in den langen, pelzgefütterten Hausrock gehüllt, in dem Lehn⸗ ſtuhle an dem Kamine ſaß, ſah bei weitem nicht ſo ſtattlich wie ſonſt, ja manchmal recht verfallen aus. Dagegen war ſein Gemüth nicht mehr wie ehemals von leidenſchaftlichen Wogen zerwühlt; die Zornes⸗ ader, die ſonſt bei der kleinſten Veranlaſſung ſchwoll, war jetzt wie weggelöſcht von der weißen, hohen Stirn; die ganze Gutheit und Lie⸗ benswürdigkeit ſeiner Natur trat in einer Weiſe hervor, die Alle, welche ihm, wie der brave Doctor, früher weniger nahe geſtanden hatten, mit Bewunderung erfüllte, und Roſe oft bis zu Thränen rührte. Seine geiſtige Kraft hatte ſich ſchnell wieder eingefunden; ja dieſe Flamme ſchien jetzt mit einem helleren und reineren Lichte zu brennen. Merkwürdigerweiſe hatte er ſehr wenig zu fragen, denn er hatte durch alle Träume und Delirien ſeiner Krankheit die Erinnerung der Wirk⸗ Röschen vom Hofe. 151 lichkeit mit der Zähigkeit ſeines Weſens feſtgehalten, und die Antworten ſeiner Umgebung auf ſeine zum Theil in wunderlichſter Form vorge⸗ brachten Fragen ganz gut zu combiniren gewußt. Das einzige wirklich Neue war ihm der Sturz des Miniſteriums und die Abwendung der Gefahr, in der er in der letzten Zeit geſchwebt hatte. Indeſſen machte auch dies einen geringeren Eindruck auf ihn, als Roſe vermuthet hatte. „Ich war auf das Schlimmſte gefaßt, weil ich das Schlimmſte wollte; und was das Miniſterium betrifft, ſo muß wohl die beſte Sache unter⸗ liegen, wenn ſie ſo ſchlecht verfochten wird; geſchweige denn eine, die, wie ich jetzt wohl ſehe, keineswegs ganz lauter iſt.“ Eines Tages brachten die Blätter die Nachricht, daß Se. Hoch⸗ würden der Pfarrer von Lengsfeld, der gefeierte Redner auf der letzten allgemeinen Synode, als Conſiſtorialrath in den großen Nachbarſtaat gerufen ſei, und demnächſt in ſeine neuen Verhältniſſe eintreten werde. Roſe, welche dem Vater jetzt jeden Tag die Zeitung vorlas, hatte dieſe Notiz mit etwas unſicherer Stimme vorgetragen, aber der Vater, als wüßte er, was in ihren Gedanken vorging, lächelte und ſagte:„Ich wünſchte, Roſe, das wäre zwei Jahre früher geſchehen; ich würde dann freilich manche Partie Piquet weniger geſpielt, aber mir auch die Demüthigung erſpart haben, mich von einem Charlatan, und noch dazu von einem ſo plumpen, ſo lange nasführen zu laſſen. Er hat mir geſchmeichelt und immer nur geſchmeichelt, und ich thörichter, alter Mann habe das Alles für baare Münze genommen. Hernach hat er das Blatt umgewandt, und mit mir geſprochen, wie mit einem hülfloſen Bettler. Er hat ſich auch um Dich keinen Dank verdient, Röschen.“ Roſe hielt es nicht für angemeſſen, das Thema weiter zu verfolgen, oder gar den Vater mit dem Inhalte der letzten Zuſammenkunft, welche ſie mit dem Paſtor gehabt hatte, bekannt zu machen. Während ſie noch immer in einiger Verlegenheit in der Zeitung nach einem weniger verfänglichen Thema blätterte, horchte der Vater ſchweigend dem leiſen Schlage der alten Uhr. Ein mildes Lächeln zog über ſein Geſicht und mit ſanfter Stimme ſagte er: „Die Uhr iſt der Repräſentant der Zeit, und die Zeit iſt unſer Aller Lehrerin. Ich habe aus dem Tick⸗tack Tick⸗tack der Uhr da mehr gelernt, als aus allen Büchern, die ich in meinem Leben geleſen habe; 152 Röschen vom Hofe. — ich wollte freilich, ich hätte mehr geleſen!— ja aus meinem Leben ſelbſt. Es hatte mich nicht Weisheit und Geduld gelehrt, und daß Alles ſeine Zeit hat.“ Er ſtützte das Haupt auf die Hand und fuhr fort: „Wir würden glücklicher ſein, Roſe, wenn wir das nie vergeſſen wollten. Es iſt ja ein anderer Ausdruck für das Geſetz der Vergäng⸗ lichkeit, dem Alles und wir Alle unterworfen ſind. Reiche werden zertrümmert, Völker ſchwinden dahin, die Geſchlechter der Menſchen drängen ſich, wie die Wellen eines Baches. Alles vergeht. Und doch, Roſe, giebt es einen Halt in dieſer Flucht der Zeit und der Erſchei⸗ nungen; einen Anker, der nicht bricht, ein Licht, das nicht erliſcht,— das iſt die Liebe, Roſe. Ich habe verſucht, mein Herz von Dir ab⸗ zuwenden— es iſt mir nicht gelungen; ich habe ſterben wollen, und bin am Leben geblieben. Leben und Dich lieben, mein gutes, edles Kind— ich ſehe jetzt, daß es für mich Eines und daſſelbe iſt.“ Roſe kniete neben dem Vater hin und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt. Er ſtreichelte zärtlich das weiche, lockige Haar und ſagte: Ja, ja, mein Röschen, ich bin ein alter Mann, der ſeine Verluſte nicht mehr erſetzen kann; ich muß mit dem Wenigen, das mir bleibt, haus⸗ hälteriſch ſein. Mich freut jetzt nur am Menſchen das, was ſie zu⸗ ſammenhält und immer wieder zuſammentreibt: die Menſchenliebe, die herzliche, opferfreudige Theilnahme. Als an jenem Abend die Nach⸗ barn auf meinen Hof ſtrömten, und, wie eine große Schaar von Brü⸗ dern, Einer dem Andern und Alle mir halfen; als ich ſah, daß arme Tagelöhner, die nichts auf der weiten Gotteswelt zu verlieren hatten, und am anderen Morgen in aller Frühe wieder in die harte, undank⸗ bare Frohnde mußten, die lange rauhe Herbſtnacht hindurch die ſchwie⸗ ligen Hände regten, als arbeiteten ſie um ihr Leben— da habe ich mir geſchworen, von nun abzuthun allen Stolz und allen Hochmuth und in den Menſchen nur meine Brüder zu ſehen. Nein, Röschen, nimm ſie nur wieder fort, die Zeitungen! Mögen ſie es unter ſich aus⸗ machen; ich habe lange genug: Kreuziget, kreuziget! Hoſianah, hoſianah! geſchrien, um in mich zu gehen, und ruhig den bunten, lärmenden Schwarm an mir vorüberziehen zu laſſen.“ Von dem Grafen hatte er zu Roſe in den erſten Tagen nicht ge⸗ Röschen vom Hofe. 153 ſprochen und Roſe hatte ſchon viel über die ſchicklichſte Weiſe nachge⸗ ſonnen, wie ſie den Vater mit dem Umſtand bekannt machen könne, daß der Graf ſchon ſeit Wochen in ihrem Hauſe ſei, und bei dem kalten, ſtürmiſch⸗regneriſchen Wetter, das ſelbſt die kleine Fahrt nach Lengsfeld unmöglich machte, auch noch wochenlang werde bleiben müſſen. Wie freudig überraſcht war ſie deßhalb, als der Vater, ſeinen Mund zu ihrem Ohr neigend, ſagte:„Wir pflegten uns ſonſt, was uns be⸗ ſchäftigte, mitzutheilen. Warum erzählſt Du mir nicht, wie Du mit dem Kinde fortkommſt und wie es dem Grafen geht?“ Roſe ſtotterte erröthend eine verwirrte Antwort. Der Vater küßte ſie auf die Stirn:„Geh, mein Röschen, ich laſſe ihm gute Beſſerung wünſchen und ſag' ihm in meinem Namen, daß ich es mir zur Ehre ſchätze, den Mann, deſſen aufopferndem Muthe ich die Rettung meines Hauſes verdanke, in meinem Hauſe zum Gaſt zu haben.“ Es war das erſte Mal ſeit acht Tagen, daß Roſe wieder das Zimmer des Grafen betrat. Sie hatte, ſo lange es nothwendig war, ihn gepflegt und über ihn gewacht, wie über einen Nächſten, der der Hülfe bedurfte, und wie über einen Geliebten, deſſen Leben ihr theurer war, als das eigene. Sie würde, wenn ſie frei den Gefühlen ihres Herzens hätte folgen können, auch ſelbſt, als die erſte und ſchlimmſte Gefahr vorüber war, dieſe Pflege fortgeſetzt haben; aber die Rückſicht auf den Vater, deſſen Zuſtand die größte Schonung erforderte, machte es unmöglich. Mußte doch Roſe anfänglich noch erwarten, daß der Vater die Hand, die auch den Grafen pflegte, mit Abſchen von ſich ſtoßen würde. Der Graf verſuchte, als Roſe eintrat, ſich aus dem Lehnſtuhl, in welchem er geſeſſen hatte, zu erheben; aber ſeine Kraftloſigkeit war ſo groß, daß er alsbald wieder zurückſank. Roſe trat eilend auf ihn zu; er ergriff mit der geſunden Hand(den rechten Arm trug er in der Binde) ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen und drückte ſie auf ſeine Augen, aus denen Thränen quollen. „Verzeihen Sie dieſe Schwäche, Roſe;“ ſagte er,„aber ich habe mich ſo unendlich nach Ihnen geſehnt. So oft ich Ihren leichten Schritt hörte oder Ihre liebe ſanfte Stimme, dachte ich: ſie kommt, kommt zu dir; aber immer war es eine Täuſchung. Ich glaubte: ich Röschen vom Hofe. ſollte Ihnen nie dafür danken, daß Sie, wie mein guter Engel, über mich gewacht haben, als ich hier hülflos lag wie ein Kind. Ich habe es wohl gewußt, daß Sie bei mir waren; durch alle meine Schmerzen und meine Raſerei habe ich ſtets Ihre holde Nähe geſpürt. Warum haben Sie Ihren Schützling verſtoßen? Aber nein, Roſe, ich will Ihnen keine Vorwürfe machen und auf's neue den Undankbaren, Eigen⸗ ſinnigen, Rechthaberiſchen ſpielen. Habe ich Ihnen doch ſo viel, ſo viel zu danken!“ „Wie ich Ihnen;“ ſagte Roſe. „Nicht wie Sie mir,“ erwiderte der Graf,„ich habe jetzt Zeit genug zum Nachdenken gehabt, und ich weiß kaum, wie es zugeht, aber es erſcheint mir jetzt Manches in einem ganz anderen Lichte. Nur Sie nicht, Sie Einzige, Hohe, Unvergleichliche, und ſelbſt Sie. Ich liebte Sie von der Stunde, wo meine Augen Sie zuerſt erblickten, jetzt bete ich Sie an. Sie haben mich die rechte Liebe gelehrt, die wahre Liebe, die langmüthig und freundlich iſt, die ſich nicht ungeberdig ſtellt, die ſich nicht erbittern läßt und nicht blos das Ihre ſncht. Hätte ich, wenn meine Liebe dieſe wahre Liebe geweſen wäre, an jenem letzten Abend in halbem Zorne von Ihnen ſcheiden können? Sie, die Sie die Liebe ſelber ſind, in meinem Herzen engherzig, gefühllos nennen können? Ich dachte mir was Großes damit, daß ich that, was ich meine Pflicht nannte. Als ob das nicht Jeder müßte; als ob es auch nur ein Ver⸗ dienſt wäre, ſeine Pflicht zu thun, wenn man dabei die Pflichten, welche die Andern haben, nicht gelten läßt. Das habe ich Ihnen gegenüber nicht gethan. Ich habe es nicht begriffen, daß Sie mich lieben könnten, und doch in dieſem unſeligen Streit bei Ihrem alten Vater ſtehen müßten; nicht begriffen, daß der Liebereichthum eines Herzens, wie das Ihre, mit einem andern Maßſtab gemeſſen ſein will, oder überhaupt nicht gemeſſen werden kann, weil er unermeßlich iſt. Ich war eifer⸗ ſüchtig auf die Liebe, mit der Sie an Ihrem Vater hingen, wie ich auf das Mitleid eiferſüchtig geweſen ſein würde, daß Sie ſich eines erlaſſenen Proletarierkindes erbarmen heißt. Ich war ein Thor, ich bin es nicht mehr; ich wünſche nur, Ihnen beweiſen zu können, daß ich es nicht mehr bin. Ich hatte keine Hoffnung: das Haus Ihres Vaters jemals wieder zu betreten. Nun iſt es doch geſchehen, gegen . 9 Röschen vom Hofe. 155 ſeinen, gegen meinen Willen. Wenn mein Verſtand ſie begreifen könnte, ſo würde ich ſagen: eine höhere Macht hat uns wieder zuſam⸗ mengeführt. Wie dem aber auch ſei, Roſe, eine höhere Macht giebt es, an die ich glaube von ganzer Seele, wenn meine Seele auch nicht groß genug iſt, ſie zu faſſen, das iſt die Liebe, die Liebe, die wie eine unendliche Kraft von Ihnen ausſtrahlt, die Liebe, die ich in Ihnen in ſchönſter Wahrheit leibhaftig vor mir ſehe.“ Der Graf hatte dieſe letzten Worte mit einer von Rührung zittern⸗ den Stimme geſprochen. Er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann lächelnd: „Ich habe in dieſer Zeit oft an eine Epiſode meines Lebens den⸗ ken müſſen, von der ich ſelten ſpreche, weil dieſe Erinnerung zu den Kleinodien meines Herzens gehört, die man nur den liebſten Freunden zeigen darf. Aus Gewohnheit habe ich ſelbſt gegen Sie, wo ich es durfte, die kleine Geſchichte nicht erwähnt.— Ich hatte in Algerien, bei Gelegenheit einer Jagdpartie, einen edlen Scheikh, ohne es zu wollen und ohne es zu wiſſen, auf das tödtlichſte beleidigt. Der Tod war mir gewiß, wenn ich in ſeine Hände fiel. Ich fiel in ſeine Hände, — ein fieberkranker Mann, der, auf einem Zuge durch die Wüſte, ſchon einen halben Tag beſinnungslos auf dem Pferde gehangen und am Abend von den Begleitern, die ſich nicht zu rathen und zu helfen wußten, vor dem Zelte eines unbekannten Kabylen abgeladen ward. Vier Wochen lang raſ'te ich im Fieber, gepflegt, gewartet mit auf⸗ opfernder Sorgfalt in der Höhle des Löwen, der mich zermalmt haben würde, wäre ich ihm unter freiem Himmel begegnet. Erſt als ich ge⸗ neſen war, entdeckte er ſich mir und entließ mich nicht, ohne mir eines ſeiner beſten Pferde— daſſelbe, das Sie ſo oft bewundert haben, Roſe, — zum Geſchenk zu machen.— Es iſt ein ſchönes und wahres Wort Leſſing's:„daß alle Länder gute Menſchen tragen“; und, Roſe, ich meine, daß dies nicht blos für alle Länder, ſondern auch für alle Stände, ja für alle Parteien, religiöſe und politiſche, gilt. Der Kampf iſt nicht zu vermeiden; aber man ſollte einem Gegner, den man ehrlich weiß, vor dem Kampfe und jedenfalls nach dem Kampfe die Hand drücken. Ich möchte Ihrem Vater die Hand drücken, Roſe, bevor ich ſein Haus verlaſſe.“ Röschen vom Hofe. „Das ſollen Sie,“ ſagte Roſe und ein hoffnungsfreudiges Lächeln umſpielte ihren reizenden Mund;„aber, ehe Sie aus unſerem Hauſe gehen, müſſen Sie geſund werden, und damit Sie geſund werden, müſſen Sie allein bleiben. Der Doctor ſagt: Einſamkeit und Lange⸗ weile ſeien die beſten Krankenwärterinnen.“ Auf der Schwelle blieb ſie noch einmal ſtehen und nickte ihm zu. Als ſie das Zimmer verlaſſen, war es dem Grafen, als habe ſich plötzlich der Himmel verfinſtert. vierundzwanzigſtes Capitel. Seit dieſem Tage begann für Roſe ein an fröhlichen Hoffnungen reiches, wunderbares neues Leben. Draußen heulte der rauhe Decem⸗ berwind und wirbelten die Schneeflocken; aber in ihrem Herzen war es Frühling. Selbſt die ſchwarzen Trümmer des Brandes, die, ſoviel man auch davon ſchon abgefahren, immer noch hier und da aus der weißen Decke hervorragten; ſelbſt die Oede, die ſich rings um das Haus gebreitet hatte, konnten ihr keine Gedanken der Vergänglichkeit und des Todes erwecken. Eine ſchönere Welt, als die da draußen, baute ſich in ihrem Buſen auf. Muſik klang in ihrem Ohr, in ihrem Herzen. Oft waren es majeſtätiſche Fugen, als wenn eines Gottes Stimme die tiefſten Geheimniſſe des Menſchenlebens offenbarte; oft und öfter waren es anmuthige Melodien, die wie Schmetterlinge ſie umgaukelten, und alle, alle von bunten Blumen und Maienluft und warmem Sonnenſchein erzählten. Und voll von Sonnenſchein wurde durch ſie das düſtere Herrenhaus mit den verſchloſſenen Jalouſien; der alte Wenzel ſelbſt, den noch Niemand hatte lachen ſehen, war ordent⸗ lich wieder jung geworden, und hinkte ſchnell, wie nie zuvor, die Treppen hinauf und hinab; ja ſeine Frau behauptete: er pfeife jetzt leiſe vor ſich hin, wenn er die Kleider reinige. Doch war dieſe Be⸗ hauptung ſo abenteuerlich, daß ſie bei Niemand rechten Glauben fand. Röschen vom Hofe. 157 Ja, es war Sonnenſchein in dem alten Herrenhaus, und kein Zweifel, daß dieſer milde Glanz von Roſe ausging. Alles hing an ihren Blicken, an ihrem Munde. Wohin ſie kam, brachte ſie Frieden und Freude, wer nur ihre melodiſche herzliche Stimme hörte, athmete freier und leichter. Sie ſelbſt war vielleicht ein wenig bleicher, als ſonſt, und daher kam es auch wohl, daß ihre Augen noch größer und glänzender als ſonſt erſchienen.„Sie werden mit jedem Tage ſchöner, Fräulein Roſe,“ ſagte der alte galante Doctor, und das dachte auch der Graf, obgleich er es nicht ſagte, und das dachte auch der Vater, wenn er ihr, wo immer ſie im Zimmer war, mit den Blicken folgte. Und niemals war ſie jetzt ſchöner, als wenn ſie„ihr Kind“ in den Armen hielt. Das kleine Weſen mit den feinen Zügen und den weit über ſein Alter verſtändigen blauen Augen, das ſich mit jedem Tag lieblicher entwickelte, war eine große Freude für Roſe und ein Gegen⸗ ſtand beſtändigen gutmüthigen Streites zwiſchen ihr und Frau Wenzel, welche behauptete, daß die kleine Anne von dem Fräulein ebenſo erzogen werde, wie alle Welt. Der Graf konnte ſchon ohne beſondere Anſtrengung in dem Zim⸗ mer umhergehen, ja ſich aus einem in das andere begeben, und er ſprach zu Roſen, die er jetzt alle Tage ſah, wiederholt von ſeiner Ab⸗ ſicht, nach Lengsfeld überzuſiedeln. Roſe zuckte jedesmal die Achſeln und erwiderte, daß der Graf ja freier Herr ſeiner Handlungen ſei, daß aber der Docter noch heute erklärt habe, wie er für die Folgen einer Fahrt bei dieſem Wetter nicht ſtehen könne, und der Vater ausdrücklich wünſche, den Grafen vor ſeiner Abreiſe zu ſehen, ihn jetzt aber, da er ſich noch zu ſchwach fühle, nicht wohl empfangen könne. Der Graf verbengte ſich und fagte: daß der Wunſch ihres Vaters für ihn Befehl ſei. Es ſchien ihm nicht allzu ſchwer zu werden, dieſem Befehle Folge zu leiſten. So kam der Weihnachtsabend heran. Herr von Weißenbach hatte Roſe wiederholt daran erinnert, dies⸗ mal doch ja, wie ſonſt, in dem Wohnzimmer den Weihnachtsbaum aufzuſtellen. Wenzel hatte denn auch, auf Roſe's Geheiß, die ſchlan⸗ keſte junge Tanne, die er im Park finden konnte, zurechtgehauen, und Roſe hatte den Banm mit bunten Lichtern, Aepfeln, Nüſſen, Zuckerwerk 158 Röschen vom Hofe. und goldenen Düten auf's ſchönſte geſchmückt. Der Doctor hatte ſie dabei überraſcht, und in ſeiner ſchelmiſchen Weiſe geäußert: er wiſſe recht gut, was Roſe ſich zu Weihnachten wünſche; aber, was der Graf ſich wohl wünſchen möchte, das könne er für ſein Leben nicht heraus⸗ bekommen. Roſe ſagte: vielleicht falle es ihm noch ein; aber wenn auch nicht, ſo ſolle er nicht verſäumen, doch am Abend zu kommen, der Vater laſſe noch ganz beſonders darum bitten. Roſe ſagte das in ihrem heiterſten Ton; nichtsdeſtoweniger konnte ſie eine gewiſſe nervöſe Erregung nicht bemeiſtern, die, jemehr die Dunkelheit draußen zunahm, immer ſtärker wurde. Sie hatte für das Wenzel ſche Ehepaar, für die Magd und für den Diener des Grafen die prächtigen Geſchenke, welche ihnen der Graf beſtimmt und die ein⸗ fachen Gaben, welche ſie ſelbſt ihnen zugedacht„aufgebaut“; hatte die Lichter angezündet, und als Alles in Feſtesſchmuck prangte, und ſie ſich ganz allein in dem Zimmer ſah— da wurde es ihr mit einem Male ſo weh um's Herz, daß ſie ſich in den alten Lehnſtuhl warf, in welchem ſonſt der Vater zu ſitzen pflegte, und in Thränen ausbrach. Das Geräuſch der Thür, die in des Grafen Zimmer führte, machte ſie in die Höhe fahren. Es war der Graf, der an der Hand des Vaters eintrat, hinter ihnen der gute Doctor, der von den beiden hohen Geſtalten gänzlich verdeckt wurde. Roſe ſtand an allen Gliedern zitternd da; der Vater hatte die ſtolzen Augen voll Thränen; der Graf ſah ſehr bleich aus; man ſah, wie er nur mit Mühe ſeine tiefe Erre⸗ gung beherrſchte. Roſe hatte wohl in ihren Träumen ſchon die geliebten Beiden verſöhnt geſehen, ja ſie hatte geahnt, daß der Weihnachtsabend dieſe Verſöhnung bringen werde, aber, als ſie aus den Armen des Vaters an die Bruſt des Grafen ſank, da war ihr, als hätte ſie nichts geahnt und nichts gewußt von der Süßigkeit dieſes Augenblicks. Der Doctor wiſchte ſich die Augen, dann ergriff er die große ſilberne Glocke, die auf dem Tiſch neben Roſe geſtanden hatte, öffnete die Thür und läutete, daß die Vier, welche mit pochendem Herzen in der Küche ſaßen (Frau Wenzel mit dem Kind auf dem Arm), glaubten, nun ſtehe auch noch das alte Herrenhaus in Flammen. —— Röschen vom Hofe. 159 Eine klare Winternacht iſt heraufgezogen. Vom Himmel funkeln die ewigen Sterne in wunderbarem Glanz; ſtill liegt die Erde in ihrem weißen Mantel. In dem Dorfe regt ſich nichts; es iſt noch weit bis zum erſten Hahnenſchrei. Hier und da ein ſchwacher Schim⸗ mer aus einem der niedrigen Fenſter, ſonſt nur das Licht des Schnee's und der Sterne. Durch das ſtille Dorf zieht der Wächter. Er ruft die Stunde ab und ſingt: Dies iſt die heil'ge Weihenacht, Da halten tauſend Engel Wacht, Daß nirgendwo ein Leid's geſchicht, So braucht ihr heut' den Wächter nicht. Nichts Böſes kann ſich regen, Denn Lieb' iſt allerwegen. Ende. *