Leihbiblivthet engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 Bei Ri eines Fellehenen Buches wird von 3 hesepreis. icdem Tag 5 Pf. bezahlt. Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun en 3. Caution. Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: und für wöchentlich 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 12 2 Mk.— Pf. „— Ausvürt tige Vonnenten babet min. und Zurückſendung der Pihe auf ihre Set Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher ni bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Pieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtatt en darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir auch dafür zu haben. Friedrich Spielhagen s geſammelte Werke. —— — Neue, vom Verfaſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (Wit dem Portrait des Vorfaſſers.) Fünfter Band. † Clara Vere. In der zwölften Stunde. Perlin, 1367. Druck und Verlag von Otto Janke. 8 Roman von Fr. Spielhagen. — Dritte Auflage. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. Berlin, 1867. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Capitel. Ein prächtiger Sommerabend ſank herab auf die ausgedehnten Waldungen, die um Schloß Vere, in einer der weſtlichen Grafſchaften von England, weithin das Hügelland bedecken, das den Uebergang aus der Ebene zu den höhern Bergen bildet.— Die blätterreichen Kronen der mächtigen Eichen und Buchen regte kein Hauch; in ihren Wipfeln ſpielte der rothe, warme Abendſonnenſchein, und weithin auf die üppige Wieſe im Herzen des Waldes warfen ſie ihre rieſigen Schatten.— An dem Rande der Halde, in das duftige Heidekraut am Fuße der alten Buche hatte ein junger Jägersmann behaglich ſich hingeſtreckt. Hinter ihm, am moos'gen Stamm, lehnte die Doppelflinte; unter das blondgelockte Haupt hatte er die Jagdtaſche als Kiſſen geſchoben, und die Mütze aus der Stirn, wie, um bequemer in den Himmel ſchauen zu können; neben ihm lag der Hühnerhund, den Kopf dicht an der Erde, mit halbgeſchloſſenen Augen, und doch die langen Ohren leiſe bewegend, als ſei es ihm in müſſigen Augenblicken eine angenehme Erholung, auf das Wachſen des Graſes zu horchen. Der junge Mann ſchien weniger ernſtlich beſchäftigt, vielmehr ganz verſunken in das träumeriſche Sinnen, das ein Abend im Walde in uns wach ruft, wenn wir den Duft der Pflanzen und Kräuter mit vollen Zügen einſaugen, dem Spechte zuhören, der in dem Dickicht neben uns hämmert, den roſigen Wolken zuſchauen, die langſam am blauen Himmel über uns hinſegeln; wenn der tiefe Gottesfriede, der in dieſer Stunde auf der Natur liegt, leiſe in unſer der ſchleicht Fr. Spielhagen's Werke. V. Clara Vere. und es mit einemk heiligen Gefühl reiner ungetrübter Luſt erfüllt, uns vergeſſen macht, daß es draußen außerhalb des Waldes noch eine Welt giebt, eine unruhige, athemloſe, zankende, rechthaberiſche, lärmende Welt. Wer weiß, wie lange der Jäger noch ſeinen Träumereien nach⸗ gehangen hätte, wäre er nicht durch das unwillige Knurren des Hundes aufgeweckt, das ſicher nicht dem Haſen galt, der ſchon lange drüben friedlich ſpielte, als wäre nie ein Schuß in dieſem Waldrevier gefallen. Der Jäger lauſchte, Alles blieb ſtill, und eben wollte er wiever in ſeine bequeme Lage, aus der er ſich nur ungern erhoben hatte, zurück⸗ ſinken, als ſein leiſes Ohr das Knacken der trockenen Zweige vernahm, als Hufſchlag ertönte und jetzt aus der Stelle, wo auf der anderen Seite durch das dichte Unterholz der ſchmale Waldpfad auf die Lich⸗ tung mündete, eine Dame auf einem ſchlanken Pferde raſch hervorritt bis mitten auf die Wieſe, wo ſie den Renner anhielt, der mit dem 3 prächtigen Haupte nickend und in den Zügel knirſchend, mit dem Hufe 3 ungeduldig den Boden ſcharrte. Die Reiterin ſah ſich eine Weile F aufmerkſam nach allen Seiten um; ihre Hoffnung, hier endlich einen 6 Ausgang in's Freie zu finden, war abermals getäuſcht. Die alten Eichen umgaben wie eine ſchützende Mauer ringsum den weiten Platz, — und wenn ja ein anderer Pfad aus der Waldeinſamkeit hinausſührte, ſo wurde wohl die Oeffnung durch das dichte Unterholz verſteckt. Sie lenkte ihr ſchäumendes Roß nach einer lichtern Stelle am Rande 3 des Hochwaldes, ritt eine Strecke am Saume hin, galoppirte dann wieder in die Mitte zurück, und ſchien den Eingang, durch den ſie gekommen war, zu ſuchen, aber nicht wieder finden zu können. Der Jäger hatte, in dem hohen Graſe und durch einige Büſche 3 wohl verſteckt, dieſen vergeblichen Bemühungen, ſei es aus Trägheit, ſei es aus Verwunderung über die unerwartete Erſcheinung, unthätig 3 zugeſehen. Jetzt ſprang er auf, und das Gewehr ergreifend, ſchritt er leicht und ſchnell auf die ſchöne Reiterin zu, die ihn kaum bemerkte, 3 als ſie ihrerſeits ſich in Bewegung ſetzte, um dem Retter in der Noth entgegenzutraben. „Guter Freund!“ ſagte ſie noch in der Entfernung„Ihr werdet hier beſſer Beſcheid wiſſen, als ich, oder mein Pferd; wir Beide Clara Vere. mühen uns ſchon lange vergeblich ab, einen Ausgang aus dieſem verwünſchten Walde zu finden.“ „Hätten Sie Ihr Pferd nur die Richtung nehmen laſſen, die es einſchlagen wollte, ſo hätte ſich der Zauber ſchon aufgethan;“ erwie⸗ derte munter der Jäger. Der junge Mann ſtand jetzt vor der Rei⸗ terin, ſie mit Anſtand grüßend, und ſah mit ſeinen blauen, lachenden Augen freundlich und forſchend zu ihr auf. „Kennen Sie mich?“ fragte die Dame, verwundert über die ſon⸗ derbare Antwort. „Wie ſollte ich nicht?“ ſagte der junge Mann lächelnd, und den ſchlanken Hals des Renners, der den Fremden mit weit geöffneten Nüſtern anſchnob, klopfend—„ich maße mir das Recht der Fürſten und Feldherrn an, nie ein Geſicht zu vergeſſen, das ich einmal genau geſehen habe; wie ſollte ich denn Sie vergeſſen haben, Lady Vere!“ „Ich erinnere mich Ihrer nicht;“ antwortete die Dame, ihren Begleiter mit lebhafter Theilnahme betrachtend, der ſie jetzt, die Flinte auf dem Rücken, ſchnell neben ihrem Pferde herſchreitend, quer über die Wieſe nach einer anderen Stelle am Rande des Hochwaldes führte, zu der der Hund vorausſprang. „Das glaube ich gern;“ erwiederte der Jäger,„Mylady wird ſchwerlich, als ſie vor vier Jahren mit dem jetzigen Lord Vere hier war, den Jüngling beachtet haben, der den verſtorbenen Lord auf ſeiner Reiſe begleiten ſollte— und überdies“ ſetzte er hinzu,„haben mich die Sonne Syriens und die Jahre, und was ſie brachten ſo verändert, daß ich auch wohl dem Freunde ein Fremder und Unbe⸗ kannter erſcheinen möchte.“ „Sd ſind Sie Herr Georg Allen, des verſtorbenen Lords Privat⸗ Secretair?“ ſagte die junge Dame raſch und in dem Tone Jemandes, der angenehm überraſcht iſt.„Ich glaubte, Sie hätten längſt einen, Ihren Talenten und Kenntniſſen entſprechenden Wirkungskreis ſich errungen. Hatte Ihnen Lord B. nicht ein Amt angeboten? Wie kommt es, daß ich Sie jetzt in dieſer unſcheinbaren Stellung finde? Iſt nicht Herr Locksley Verwalter der Forſten des Lord Vere?“ „Soy wiſſen Sie nicht, daß mein Pflegevater todt iſt?“ „Wie ſollte ich?“ ſagte die junge Dame,„ich komme eben aus 1* 4 Clara Vere. Paris, wo ich mich faſt drei Jahre aufhielt; während dieſer Zeit nur immer auf wenige geweſen; er ſpricht nie mi Angelegenheiten.“ Der jung nicht erzählen, daß während Lord Vere ſelbſt iſt Wochen in England t mir über dergleichen Verhältniſſe und e Mann antwortete nicht. Er wollte ihr eines dieſer kurzen Aufenthalte vor zwei Jahren der alte Jäger unmittelbar neben Lord Vere auf der Jagd erſchoſſen wurde; daß zwar die Todtenjury den Lord gänzlich frei⸗ geſprochen und angenommen hatte, daß das beklagenswerthe Ereigniß durch die Schuld des Getödteten herbeigeführt ſei, daß aber damals über die Sache, die nun freilich verſchollen war, viel hin- und her⸗ geredet wurde, und dies Gerede Lord Vere manche unangenehme Stunde bereitet haben mußte. „Und ſo haben Sie jetzt ſeine Stelle?“ „Ja, Mylady!“ antwortete der Jäger. Lords nach England gebracht hatte, war d genug, mir dies ehrenvolle Amt anzutragen. weites Feld für meine beſcheidenen Fähigkeiten und Kenntniſſe; ich diente gern der Familie, der die Familie meines Pflegevaters ſchon ſo viele Jahre gedient hat; auch glaubte ich, daß die nicht geringe Bekanntſchaft mit den hieſigen Angelegenheiten, die das Vertrauen, mit dem mein Lord mich beehrte, mir verſchafft hatte, Lord Vere von Nutzen ſein dürften; überdies feſſeln mich Familien⸗Verhältniſſe an dieſe Stelle;— und dieſe Wälder, in denen ich meine Knaben⸗ und Jünglingsjahre verlebt habe, ſind mir eine traute Heimath, der ich mich nur mit Schmerz trennen könnte.“ ſprach dies in jenem Ton der St Freimaurerzeichen, erkennen, und hätte feſte Geſtalt freilich erwecken können, ſo w in das die Dame zu elaſtiſche Schritt, mit ſamkeit, mit der er, al ſam, und ohne in der bei Seite drückte, fragte Lady Vere. „Als ich die Leiche meines er jetzige Lord freundlich — Ich ſah in ihm ein von Der junge Mann imme, an dem ſich, wie an einem die Gebildeten mit Leichtigkeit unter einander die unſcheinbare Jägertracht, die ſeine ſchlanke, vortheilhaft genug hervorhob, einen Zweifel ürde ein Blick in ſein offenes, kluges Geſicht, ald gelangten, ſorg⸗ Rede inne zu halten, einen Zweig, einen Buſch um der Reiterin Platz zu machen, ihr bewieſen Pferde forſchend hineinſah; ja nur der ſchnelle, iſt nd nd hr ei Clara Vere. 5 haben, daß ſie es mit einem gebildeten Manne zu thun habe, und daß dies der Mann ſei, von dem ſie ein gut Theil mehr gehört hatte, als ſie ſich merken ließ, den ſie kennen zu lernen ſo begierig geweſen war: der Zögling und Freund des alten wunderlichen Lord Vere. Sie waren durch ein Stück Waldland an eine zweite kleinere Wieſe gekommen, die ein breiter, jetzt trockener Graben beinahe von einem Ende bis zum andern durchſchnitt, und der Jäger wollte eben um ihn herumlenken, als die Reiterin ihr Pferd mit den Worten: „wozu der Umweg!“ in Galopp ſetzte, das Hinderniß zu überwinden. Aber ſchien dem ermüdeten Thiere der Graben zu breit, oder war es gegen die willkürliche Behandlung, die ihm heute zu Theil geworden war, erzürnt, es ſtemmte die Vorderhufe feſt auf den Grabenbord, und wever die Gerte, noch der Zuruf der Reiterin konnten es bewegen, den Sprung zu wagen. Der junge Mann ſah dieſem Schauſpiele lächelnd zu; es entging ihm die helle Röthe nicht, die in dem blaſſen Geſicht ſeiner Begleiterin aufflammte, und die ihren Aerger über dieſe unverhoffte Widerſpen⸗ ſtigkeit deutlich genug verrieth. „Sie halten den Zügel zu ſtraff, Mylady!“ ſagte er,„Sie müſſen dem Pferde mehr Freiheit laſſen. Schäme dich, edles Thier! ein ſo winziger Graben,— ich will dir Muth machen“— und ſich mit Leichtigkeit hinüberſchwingend, ſah er von der andern Seite heraus⸗ fordernd und keck die Dame an. Ob dieſe den Rath des Jägers befolgte, oder ob das Pferd ſich eines beſſern beſonnen, und ihm die Möglichkeit, hinüberzufommen, klar ward,— es ſprang jetzt leicht und ſicher, und die Beiden ſetzten ihren Weg eine Zeitlang ſchweigend fort. „Ich erinnere mich, in jener Zeit hier ein ſchönes blondes Mädchen geſehen zu haben;“ fing Lady Vere wieder an—„war es nicht Herrn Locksley's Tochter?“ „Wohl möglich!“ erwiederte der Jäger lachend,„Helene Locksley iſt blond und ſchön.— Sie hatte noch einen Bruder; er ſtarb nicht lange nach unſerer Abreiſe— doch das iſt eine traurige Geſchichte“— fuhr er ernſter fort.—„Die Mutter iſt über den gewaltſamen Tod von Gatte und Sohn in tiefe Schwermuth verſunken; ich lebe mit Clara Vere. Mutter und Tochter in jenem Hauſe, auf dem Hügel über die Tannen ſchimmern ſehn, und hier“— ſagte er, indem ſie eben aus dem Walde heraustraten,„und hier, gerade vor uns, liegt Schloß Vere.“ Die mit Wald bewachſenen Hügel, auf deren Höhe ſie ſich bis jetzt gehalten hatten, zogen ſich von der Stelle aus, wo ſie ſtanden, rechts und links in Hufeiſenform auseinander, und ließen zwiſchen ſich ein allmälig ſich erweiterndes und zugleich abfallendes Thal, das reizende Park⸗ und Gartenanlagen ausfüllten, und an deſſen Fuße, da, wo es in die eigentliche Ebene überging, das alte Schloß, ſchon in Abendgrau gehüllt, lag, nur daß ein kleines Fenſter im Thurme noch in dem letzten Scheine der Sonne funkelte. Ueber das Schloß hinaus ſah man in eine reiche Landſ aft hinein, voll Weiler und Dörfer, durch die ſich ein Flüßchen deſſen Lauf Weiden und Buſchwerk deutlich genug bezeichn bis ganz im Hintergrunde das Bild von einer Kette blauer Hügel wieder abgeſchloſſen und eingerahmt wurde.— „Ich will Sie nicht weiter bemühen, Herr Allen!“ ſagte Lady Vere; „der Weg durch den Park iſt wohl nicht zu verfehlen. Hoffentlich ſehen wir uns bald auf dem Schloſſe. Auf Wiederſehen alſo— und Dank für Ihre Güte!“— und ſich vor dem Jäger höflich ver⸗ neigend, und ihn noch einmal mit ihren dunklen Augen voll anſehend, hieb ſie leicht das Pferd mit der Gerte, und ſprengte auf dem Wieſen⸗ pfade dem Schloſſe zu. Zweites Capitel. War es das Bild des ſchönen Mädchens, das ihn an dieſe Stelle bannte, war es das Heer von Gedanken, das dieſe Erſcheinung in ihm aufregte— der junge Mann ſtand noch lange Zeit auf dem⸗ ſelben Platze; er ſtand noch, als ſchon lange die Reiterin in dem deſſen Dach Sie dort rechts v Clara Vere. 7 vichten Gebüſch verſchwunden war; als ſchon lange das kleine Fenſter im Thurme aufgehört hatte zu ſchimmern und zu blitzen; als ſchog lange die Nebel auf den Gründen vor ihm in weißen Streifen zogen⸗ Erſt der Nachtwind, der in den Wipfeln über ihm anfing zu rauſchen, weckte ihn aus ſeinen Träumereien. Der Hund ſprang vor ihm her mit freudigem Bellen, als er ſich jetzt in den Wald zurück links wandte, und einen ſchmalen gewundenen Pfad einſchlug, der ihn bald auf einen freien Platz führte, in deſſen Mitte, unter dem Schutz uralter Buchen, die Förſterwohnung lag, ein geſchmackvolles, mit Epheu beranktes Häuschen, mit einem Garten vor der Thür; ein Bild tiefen Friedens; eine Stelle, wie ſie Liebhaber der Einſamkeit i der Wirklichkeit aufſuchen, oder in der Phantaſie erträumen. Ein junges Mädchen kam ihm in der Pforte des Gartens ent⸗ gegen. Sie reichte ihm die Hand, die er freundlich drückte und feſt⸗ hielt, während ſie dem Hauſe zuſchritten, von dem ihnen aus den Fenſtern des Wohnzimmers das Licht entgegenſchimmerte. „Warum ſind Sie ſo ſpät gekommen, Georg?“ fragte das Mädchen mit ſanftem Vorwurf,„die Mutter iſt ſo unruhig geweſen; ſie hat mich angeſteckt mit ihrer Ungeduld— ich habe mich geängſtigt und gewiß ohne Grund.“ „Ganz ohne Grund, Helene,“ ſagte der junge Mann. Ein Aben⸗ teuer iſt mir begegnet, aber kein fürchterliches— ein Abenteuer, das jeder junge Ritter gern aufgeſucht hätte, und das auch ungefährlich zu beſtehen war.“ Sie traten in's Zimmer. Eine alte Frau mit ſilbergrauen Haaren ſaß an dem Tiſche und hatte in der Bibel, die vor ihr aufgeſchlagen lag, geleſen. Jetzt ſtand ſie auf und ging den Eintretenden entgegen, faßte den jungen Mann bei der Hand und führte ihn näher zum Lichte, ſah ſchweigend und forſchend mit ihren tiefliegenben, grauen Angen in ſein Geſicht, und fuhr ihm mit der Hand über die Stirn, als wollte ſie einen Zug verwiſchen, der ihr nicht gefiel:„Dich hat heut' ein böſer Blick aus falſchen Augen getroffen,“ ſagte ſie. „Nein, Mutter,“ erwiederte der Jüngling heiter,„in ein Paar ſchöner Augen habe ich geſchaut, und freundlich genug haben ſie mich angeblickt.“ Clara Vere. „Du weißt nicht, was Du ſprichſt;“ ſagte die Alte. „Wenn die Lüge ungeſtraft lügen will, bindet ſie die Schönheit als Maske vor,— dann laufen die armen Menſchen ſicher in's Garn. Wen haſt Du geſehen, Georg?“ „Lady Clara Vere de Vere, Mutter;“ antwortete der Jäger. Sie ließ ſeine Hand fahren; ſchweigend ging ſie zum Tiſch, klappte leiſe die Bibel zu, nahm ſie und eins der beiden Lichter, die auf dem Tiſche brannten, und ging an den erſtaunten jungen Leuten vorbei ſchweigend zur Thür; winkte dem jungen Mädchen, das mit klopfendem Herzen dageſtanden hatte, und ihr jetzt folgen wollte, zu bleiben und ging hinaus. „Was heißt das? Helene,“ fragte Georg,„was hat nur die Mutter?“ „Warum nannten Sie den unglücklichen Namen!“ ſagte Helene faſt weinend—„die gute Mutter! Es iſt heute der erſte Auguſt, Lorenz' Todestag. Gerade an dem Tage reiſte Lady Clara vor vier Jahren mit ihrem Vater von hier fort; jetzt bringt derſelbe Tag ſie wieder und mit ihr die Erinnerung an jene trübe Zeit.— Sein Sie nicht traurig!“ fuhr das junge Mädchen fort, als Georg mit düſterm Blicke vor ſich niederſchaute,„der Tag iſt heute ſchon trüb genug, das Herz mir ſchon ſchwer genug geweſen. Was kann denn Lady Clara zu des armen Lorenz' Tod? Wie konnten Sie wiſſen, daß ſich für die Mutter mit ihrem Namen ſo ſchmerzliche Erinnerungen ver⸗ binden? Kommen Sie, Sie müſſen rechtſchaffen hungrig ſein;— ich will Ihnen Ihr Abendbrod beſorgen.“ „Laſſen Sie nur, Helene;“ ſagte Georg,„ich bin nicht hungrig. Ich will auf mein Zimmer und arbeiten. Lord Vere's unerwartete Ankunft iſt mir gerade jetzt unbequem, wo die Rechnungen über die neuen Arbeiten noch nicht abgeſchloſſen ſind.“ „Bleiben Sie hier, Georg;“ bat das Mädchen,„ich will Ihnen Ihre Papiere holen; ſind es die, in denen Sie heute Morgen ſchrieben? Ich will ſo ſtill ſein und Sie gewiß nicht ſtören!— Lachen Sie nicht! Ich weiß nicht, was mich heute Abend ängſtigt. Zur Mutter darf ich nicht; und die alte Barbara iſt eine ſo traurige Geſellſchaft mit ihrem Spinnrade und ihrem nickenden Kopfe.“ Clara Vere. 9 3 So ſprechend fing ſie an, den Tiſch abzuräumen, wobei ihr die alte Dienerin, die jetzt eintrat, half; Georg ſprang hinüber, ſeine 6 Schreibereien zu holen, und bald ſaßen die jungen Leute an dem großen eichenen Tiſche in der Wohnſtube einander gegenüber, Georg mit ſeinen Rechnungen, Helene mit einer Handarbeit beſchäftigt. 8 War es die Wanduhr, die ihren einförmigen Schlag tickte; oder der Nachtwind, der draußen in den alten Buchen rauſchte; oder das Bellen der Hunde im Dorf, das durch die ſtille Nacht aus dem Thale herauftönte; oder der Duft der Nelken, der durch das vffene Fenſter ſtrömte, oder die Schwüle im Zimmer,— was Georg am Arbeiten hinderte— er legte bald die Feder aus der Hand, und das junge Mädchen, das von Zeit zu Zeit ſchweigend zu ihm hinblickte, ſah, daß es nicht Rechnungen waren, was ihn beſchäftigte. „Iſt ſie ſchön, Georg?“ fragte Helene und ließ ihre Arbeit in den Schooß ſinken. Der junge Mann fuhr aus ſeiner Träumerei empor.„Wer, Helene?“ fragte er verwirrt.„Lady Vere,“ ſagte Helene lächelnd.„Wenn ſchöne Augen auch weiter keinen Schaden bringen, ſo hindern ſie doch am Arbeiten, wie ich merke.“ „Dann könnten Ihre Augen ſo gut die Wirkung haben, als die Lady Vere's;“ erwiederte Georg, ſich zu ihr hinüberbeugend und ſie freundlich anſehend. Helene ſchüttelte den Kopf.„Nein, nein Georg,“ ſagte ſie. „Meine Augen haben Sie noch nie am Arbeiten oder Eſſen und Trinken, oder wozu Sie ſonſt Luſt hatten, gehindert.— Sind Sie auf dem Schloſſe geweſen? Wie kommt es, daß Lord Vere ſchon heute gekommen iſt, da er doch erſt nächſten Monat kommen wollte? Wo haben Sie Lady Vere geſehen? Was iſt das für ein Abenteuer, von dem Sie vorhin ſprachen?“ „Heißt das Ihr Verſprechen halten?“ fragte Georg lächelnd. „Glauben Sie, daß ich Cäſar bin, und Rechnungen revidiren und Fragen beantworten kann zu einer Zeit?“ „Hätten Sie mir hübſch erzählt, Georg, aus freien Stücken, wie es Ihre Schuldigkeit war, ſo würde ich Sie nicht mit Fragen zu beläſtigen brauchen.“ „Sein Sie nicht bös, Helene;“ ſagte der junge Mann aufſtehend, Clara Vere. . und auf ſie zutretend.„Kommen Sie, es iſt ſo ſchwül im Zimmer; laſſen Sie uns in den Garten gehen! Ich will Alles beichten. vwn Sie ſich ein Tuch um den Kopf— ſo— nun kommen Sie!“ Sie wandelten eine Zeitlang Arm in Arm in dem Garten zwiſchen den Beeten auf und ab; aber die Blumen dufteten ſo betäubend, daß ſie aus der Pforte auf den breiten, kiesbeſtreuten Weg traten, der hier durch den Wald in manchen Krümmungen auf der Höhe der Hügel ief, bis er Schloß Vere gegenüber in's Thal hinabführte. Der junge Mann erzählte ſein Zuſammentreffen mit Lady Vere im Walde. Helene lachte, als er zu dem Sprung über den Graben kam. „Das iſt ſie ganz,“ ſagte ſie,„wie ſie noch in meiner Erinnerung lebt, ſtolz und eigenſinnig,— Menſch und Thier und die ganze Welt ſoll ihr gehorchen. Sie will bewundert ſein; und wäre das Theater auch nur eine Waldwieſe, das Schauſpiel ein Sprung über einen Graben, und das Publikum ein junger Jägersmann.— Hat ſie ſich verändert, Georg? Wie ſieht ſie aus? ſieht ſie aus wie eine Vere?“ „Sie ſah blaß aus, aber nicht krank. Ihr Haar ſchien mir dunkler und ihre braunen Augen größer. Sie gleicht meinem Lord, wie ein junges Mädchen einem alten Manne gleichen kann.“ „Ihrem Lord? Clara Vere darf ſtolz ſein! Wann hat je Jemand Ihrem Lord geglichen!— Ach, Georg! iſt es nicht traurig, daß wir icht zurückdenken können an das, was uns das Liebſte war auf Erden ohne einen blutigen Schatten heraufzubeſchwören? daß mein Vate“ und mein Bruder, und der, an dem Sie mit ſo leidenſchaftlicher Li und Verehrung hingen, Lord Vere,— Alle eines gewaltſamen Top⸗ geſtorben ſind!“ „Liebe Helene,“ ſagte der junge Mann warm,„der Tod iſt immer gewaltſam, und immer ringt das Leben aus allen ſeinen Kräften gege den ſchonungsloſen Sieger. Was thut es, ob die Parze unſeren Lebens⸗ faden langſam Krennt, oder auf einmal mit ſcharfer Scheere raſch durchſchneidet? Ja Helene, ich geſtehe es: der Tod erſcheint mir ſo ein weniger fürchterliches Bild, als mit ſeiner abſcheulichen Begleitung von Medicinflaſchen, dem ganzen traurigen Apparate und der dumpfen Luft der Krankenſtube— das iſt mir ein Vorſchmack des Grabes. 6 Das Licht der Sonne und des Mondes iſt lieb und gut— der 6 Dämmerſchein des Nachtlichts iſt grauſig.— Nein— fuhr er leb⸗ hate fort—„als Lord Vere vor meinen Augen in die Schlucht ——————————— Clara Vere. 11 ſtürzte; als ich mit Gefahr meines Lebens ihm nachkletterte; als ich unten bei dem Zerſchmetterten, Sterbenden ankam; als er mich mit ſeinem Feuerauge, einen Moment, eh' der Tod es umflorte, ſo groß und voll anſah; als er ſeinen rechten Arm, das einzige Glied, das ihm nicht gebrochen war, um meinen Nacken ſchlang; als ic mich über ihn beugte, die lieben bleichen Lippen vergeblich ein Wort zu ſtammeln ſich bemühten— nein, Helene, das war furchtbar, aber groß— das war der Tod eines Helden!“ Das junge Mädchen hatte ſich eng an den jungen Mann ge⸗ ſchmiegt, und hörte ihm zu mit pochendem Herzen.—„Ja,“ fuhr er fort,—„wer ſo in ſeiner vollen Kraft weggeriſſen wird, wie der Baum, den der Sturm entwurzelt— er grünt noch lange, ehe er ſo ganz verdorrt— ſein Andenken lebt bei den Zurückbleibenden fort, als wenn der Reſt von Lebenskraft, der noch nicht aufgebraucht war, den Schatten belebte.— Ihr Vater ging am Morgen aus dem Hauſe, ein ſtattlicher kräftiger Mann— man brachte ihn am Abend zurück, eine blutige Leiche.— Sie haben mir oft ſelbſt geſagt, es wäre Ihnen, als ſei er noch nicht todt.— Die Kluft zwiſchen Leben und Tod iſt zu groß, wir können ſie nicht ausfüllen; es fehlen die Sproſſen in der Leiter— die langen Fiebernächte, das allmälige Abſterben— die Töne zwiſchen der friſchen Lebensfarbe und der Tedesbläſſe.— Freilich, Ihr Bruder, der arme Junge— er war ſchon lange krank, ehe er ſich die Kugel einlud, die ſein ſchönes Haupt zerſchmetterte. Glauben Sie, Helene, das wüthendſte Fieber hat nicht mehr Gewalt, als die ſtille Schwermuth, an der Lorenz krankte. Der Gedanke an Ihres Bruders frühes Ende hat für mich nichts Grauſiges;— es iſt mir unendlich rührend. Der ſchöne, ſtille, begabte Jüngling— wie er einherging, einſam, in ſich gekehrt— er gehörte kaum zu uns übrigen Lebenden. Er ſank in den. Todesarm, wie die Blume, die am Morgen ſich entfaltet, ſinkt unter ihrer eigenen Laſt, die volle Aehre ſich neigt unter der eigenen Schwere.— Nein, Helene,— mag der Tod uns antreten, in welcher Geſtalt er will! er iſt entweder Clara Vere. immer furchtbar, oder nie; aber furchtbar oder nicht, er ſoll keine Macht über uns haben.“ 8 Das Mädchen lächelte durch Thränen zu ihm auf und ſagte: „So ſeid ihr, ihr Männer! Mag's doch zu Ende gehen, nur ſchnell, nur plöblicht Ihr wollt ſchaffen oder zerſtören; wir erhalten: Andere ür Andere. Ihr bedürft des Lärms der Schlacht; der ſchützes, das Blitzen der Waffen, das Geſchrei der en Muth entflammen. Eure Tapferkeit iſt oft nur — in den langen Stunden der Nacht heimlich Zwie⸗ dem Tod zu pflegen— das ertrügen eure ſtarken Nerven geſpräch mit nicht.“ „Laß uns,“ ſagte Georg,„den Meiſter loben, der Alles weislich geordnet; der jedes Geſchöpf für das Element gebildet hat, in dem es leben ſoll.“ Sie waren während des Geſprächs, ohne des Weges zu achten, durch den Wald bis an die Stelle gekommen, die häufig das Ziel ihrer Spaziergänge war, und die ſie„die Warte“ nannten. Es war ein kleiner Vorſprung des Berges, mit einem Gitter eingefaßt und mit Ruhebänken verſehen. Hier erfreuten ſie ſich oft an ſchönen Abenden der wunderlieblichen Ausſicht. Der Hügel, der zu ihren Füßen ſteil abfiel,— doch nicht ſo ſteil, daß nicht eine bequeme Treppe hätte hinunterleiten können, bildete noch einmal auf halber Höhe eine Terraſſe, die eine ſchöne Kapelle trug, den Schmuck des Bergrandes, und einen lieblichen Friedhof, den eine Steinmauer einfaßte. Dann ſenkte ſich der Hügel in das Thal, auf das Georg und Lady Vere von einem anderen Punkte hinabgeſehen hatten, und das in ſeinem Grunde das Schloß trug. Als die nächtlichen Wanderer auf die kleine Plattform hinaus⸗ traten, kam der Mond, deſſen Strahlen ſie bis jetzt nur durch die Baumzipfel hatten zittern ſehen, über den Rand des Holzes herauf und goß ſein bleiches Licht über die Landſchaft zu ihren Füßen. Die weißen Wände der Kapelle ſchimmerten hell; und ihr Wie⸗ derſchein ließ den Friedhof faſt in Tagesklarheit erſcheinen; man härte die goldenen Buchſtaben auf den Kreuzen und Grabſteinen leſen zu können geglaubt. Clara Vere. 46 An einem der Kreuze war eine Geſtalt hingeſunken, ſtill, regungs⸗ los.— Helene drückte den Arm ihres Begleiters, deſſen Blick weit in die Landſchaft hinein zu dem Schloſſe ſchweifte, und deutete hinab auf die Betende. „Die arme Mutter!“ flüſterte ſie,„ſie kann den Gedanken nicht ertragen, daß ihr Liebling hier draußen liegen ſoll in der kalten, feuchten Erde; ſie kommt, an ſeinem Grabe zu beten, wie ſie in der Nacht ſich erhob, um ſich über den Schlafenden zu beugeg, und ſeinen Schlummer zu bewachen! Kommen Sie, Georg! ſie darf nicht wiſſen, daß wir draußen waren; laſſen Sie uns zurück und ſie im Hauſe er⸗ warten.“—„Ach,“ fuhr das junge Mädchen fort, als ſie wieder in den Wald getreten waren, und ſchneller dem Hauſe zugingen,„Georg, wie iſt die Liebe einer Mutter ſo groß und heilig! wir ſind ſo liebe⸗ arm gegen ſie, wir wiſſen gar nicht, was Liebe iſt. Wenn ich den Kummer meiner Mutter ſehe, und ſehe, wie der Schmerz ihr Lebens⸗ blut trinkt;— wie ſie ſich nach dem Grabe ſehnt, nur um mit ihren Lieben wieder vereint zu ſein; wie die raſche, thätige Frau in wenigen Jahren in tiefe Schwermuth verſunken, ihr braunes Haar grau ge⸗ worden iſt,— und wenn ich dann denke, wie ich lachen und ſingen kann, als wäre noch Alles beim Alten— ach, Georg, dann komme ich mir ſo kalt, ſo herzlos vor!— Sagen Sie, Georg, bin ich ſchlecht, daß ich ſo froh in die Welt ſehe, bei ſo vielen Gründen, traurig zu ſein?“ „Liebes Mädchen,“ erwiederte Georg,„wir ſind jung, über die Jugend hat der Kummer keine dauernde Macht. Der Bach im Ge⸗ birge ſchmettert den Felſen vor ſich fort, der ſeinen Lauf hemmen will; der Fluß im Thal läßt ihn geduldig liegen. Was die Natur in uns legte, iſt nie ſchlecht; ſie handelt immer gut und weiſe. Wir ſtehen am Eingang der Rennbahn des Lebens; wie ſollten wir den Ausgang erreichen, wenn uns jetzt ſchon der Athem fehlte?“ Sie ſchritten ſchweigend weiter, und bald ſaßen ſie wieder in der Stube am Tiſch, der Mutter harrend. In dem Dorfe unten im Thale verkündete die Glocke Mitter⸗ nacht. Deutlich hörten ſie durch die tiefe Stille trotz der großen Entfernung den hellen Ton. 14 Clara Vere. „Das Volk hat Recht,“ ſagte Georg,„dies iſt die Geiſterſtunde. Aber es iſt nicht Schuld der Geiſter, daß ſie dieſe Stunde wählten, wie die Glecte nichts dafür kann, daß wir ſie nicht hier oben auch während des Tages hören. Sie kommen zu uns ſo ſpät, weil ſie wiſſen, daß wir vorher doch für ſie nicht zu ſprechen ſind. Es ſind Bittſteller, die beſcheiden den Anderen Platz machen, die trotzig und i tig ſich zu uns drängen, und den ganzen Tag uns nicht zu kommen laſſen. Aber wenn die lärmende Menge ſich ver⸗ laufen hat, es jetzt ſtill geworden iſt, und ſie glauben dürfen, daß wir nun endlich allein ſind, dann klopfen ſie leiſe an, und ſchlüpfen in's Zimmer, und ſetzen ſich zu uns, und ſchauen uns an mit liebe⸗ vollen, treuen Augen; erzählen uns ernſt von hohen, heiligen Dingen, und plandern traulich mit uns von vergangenen ſchönen Stunden. Und wenn der Hahn dann kräht, ſo entweichen ſie;— ſie wiſſen, ihre Zeit iſt um; wir würden ſie ja fortſchicken, wenn ſie länger blieben.“ „Gewiß!“ ſagte Helene.„Das Andenken an die lieben Todten würde weniger ſchattenhaft ſein, wenn wir weniger flatterhaft wären, wie die leiſe Stimme des Gewiſſens laut genug ſpricht, wenn wir nur aufmerkſamer lauſchen wollten.— Sie mögen recht haben, Georg! Der Leichtſinn, deſſen ich mich vorhin anklagte, mag ein nothwendiger ſein; aber ich wollte, die alte Liebe brauchte nicht erſt zu verwelken, ehe wir uns an dem Duft der neuen erfreuen können.“ „Es iſt im Menſchenleben, wie in der Natur, liebe Helene! warum wollen wir denn immer etwas voraus haben vor den Lilien auf dem Felde.“ „Er ſank in den Todesarm, wie die Blume, die am Morgen ſich entfaltet, ſinkt unter der eigenen Laſt,“ ſagte das Mädchen ſinnend. „Ja, Georg, Lorenz war nicht geſchaffen für die heiße Sonne des Mittags, für die rauhe Luft des Abends. Jene geheimnißvolle, träumeriſche Blume, die während der Nacht ihren prachtvollen Kelch öffnet, um am Morgen ſchon zu ſterben, iſt das Sinnbild ſeines Lebens.— Eine Ahnung ſeines frühen Todes hat Lorenz wohl ſchon als Knabe gehabt. Ich habe ihn nie lachen hören; ich habe nur um ſeine feinen Lippen ein leiſes Lächeln ſpielen ſehen. In Allem, was — — Clara Vere. 15 er ſprach und ſchrieb, klang dieſer ſchwermuthsvolle, klagende Ton mit an; bald ſtärker, bald ſchwächer, aber immer deutlich vernehmbar. Ich bat ihn einſt, als Sie mit Lord Vere uns verlaſſen hatten, mir etwas recht Heiteres zu dichten, ſo etwas, worüber ich lachen müßte; denn wahrhaftig ich weinte, als Sie fort waren, mehr als billig. Er verſprach es mit ſeinem wunderbaren, traurigen Lächeln, und am anderen Tage brachte er mir das Märchen, das ich Ihnen immer einmal vorleſen wollte; ich glaube, jetzt iſt der rechte Augenblick dazu. Ich ſage Ihnen vorher, es iſt zum Weinen luſtig.“— Das junge Mädchen ſtand auf und nahm aus einem Käſtchen, das ihre Schätze enthielt, eine graue Locke von ihres Vaters Haar, und eine braune vom Haar ihres Bruders, Georg's Miniaturbild, das er ihr aus Paris geſchickt, und die Briefe, die er ihr von ſeiner Reiſe geſchrieben, einige Blätter; ſie ſetzte ſich wieder zu Georg, und halb las ſie und halb erzählte ſie ihm das folgende Märchen. Die Schwalben ſind kluge Thierchen, wie Jedermann weiß. Sie ſind nicht wie andere Vögel, die an dem Orte, wo ſie ausgebrütet ſind, auch leben und ſterben, ſondern ſie ſehen ſich hübſch um in der Wekt, und achten fleißig darauf, wie's anderswo zugeht. Die alten Schwalben ſchicken die jungen fort vom Hauſe in ferne, ferne Länder, daß ſie da bauen lernen und viele andere Kunſtfertigkeiten, und zurück⸗ kommen als weitgereiſte kluge Leute.. Die Reiſe dorthin müſſen ſie ſo oft machen, bis ſie es verſtehen, recht aus dem Grunde, und ſo ziehen ſie fort und kehren wieder, und der Menſch nennt das„Wan⸗ dern,“ und glaubt, ſie thun es, weil es ihnen zu kalt ſei im Norden, aber wer ſich darauf verſteht, weiß es beſſer. Da lebte denn auch einſt eine junge Schwalbe, die konnte die Zeit nicht erwarten, bis ſie in die ſchöne, weite Ferne ſollte; aber die Alten wollten's noch nicht, weil ſie noch zu jung ſei; denn die Flügel, ſagten ſie, müßten erſt länger werden.— Da mußte ſie ſich nun freilich gedulden, aber deſto fleißiger übte ſie ſich im Fliegen, des Abends, rund herum um den alten Kirchthurm, wo die Alten wohnten und wohin die Anderen auch kamen und ſich erzählen von ihren 16 Clara Vere. Reiſen,— denn das thun die Schwalben, wenn ſie zwitſchernd in der Abendluft umherkreiſen. Endlich im nächſten Jahr durfte ſie fort. Die Alten gaben noch viele Ermahnungen für die Fahrt über's Meer, aber die Schwalbe hörte kaum darauf, ſo ſehnte ſie ſich in die blaue Ferne. Leichten Schwunges flog ſie von dannen, fort über Berg und Thal, über Stadt und Land, über Wieſen und Felder und Wälder.— Wie ſtaunte ſie, als ſie die große Welt erblickte; ſo hatte ſie ſich's doch nicht träumen laſſen, als ſie noch in dem alten Gemäuer wohnte, dicht unter dem kleinen, epheuumrankten Fenſterchen, das die Abend⸗ ſonne immer ſo ſchön vergoldete. So flog ſie mehrere Tage luſtig fort. An einem Abend nun, als die Sonne eben unter den Horizont ſank, und ihre letzten Strahlen die Kuppen der Berge ſcheidend küßten, und die Schwalbe hoch in der Luft ſich umſah, wo ſie heute Nacht ausruhen könnte von der langen Reiſe,— da ſah ſie unter ſich zwiſchen den Bergen ein Thälchen, ſo zauberiſch lieblich, daß ſie flugs die Schwingen ſenkte und ſich hinabließ in's kleine Thal. Und da ſaß ſie auf einem Baumaſte und ſchaute hinein mit den klugen Augen, und mit jedem Augenblicke deuchte es ihr lieblicher und ſchöner. Schroffe, moosbekleidete Felſen ſchloſſen es ringsum ein, daß nicht der Fuß der lärmenden Menſchen ſo leicht eindringen konnte in das trauliche Plätzchen; zwiſchen den Felſen wuchſen ſtattliche alte Bäume, die wiegten ihr Haupt ernſthaft im Abendwinde, und wisper⸗ ten untereinander gar angelegentlich und heimlich; aber das Aller⸗ lieblichſte und Schönſte war eine kleine reine Quelle, die recht im Herzen des Thals lag; und das merkte die Schwalbe auch, daß die Quelle der Liebling war des ganzen Thals, denn die Winde kamen und gaukelten über ſie hin und küßten ſie, wenn ſie vorüberflogen, und die Blumen, die am Rande wuchſen, bebten vor Wonne, der Holden ſo nah zu ſein, und die knorrigen, verwitterten Bäume ſelbſt ſchauten freundlich in ihr klares, reines Waſſer, und flüſterten, wie ſie ſo ſchön ſei. Das Alles hörte die Schwalbe recht wohl, denn in der Natur ſpricht Jedes ſeine Sprache— wer ſie nur verſtände!— Und als ſie noch ſo ſaß und ſah und lauſchte, da kam ein Fink geflogen. Wie der den fremden Wanderer erblickte, ſetzte er ſich höflich zu ihm und 3————— Clara Vere. 17 fing an, Complimente zu machen, denn der Fink iſt ein gutmüthiger, luſtiger Kauz. Und ward auch zutraulich und ſagte, die Schwalbe ſei ſicher gekommen, um die liebe kleine Quelle zu ſehen und von ihrem reinen Waſſer zu trinken, und war des Lobes voll von der kleinen Quelle; und weiter vertraute er ihr, er habe einen lieben Freund, einen Wiedehopf, der ſei ein geſchickter Baumeiſter, und auch eine Freundin, eine Lerche, die wohne dicht nebenan auf der Wieſe bei ihrem Verwandten, einem Wachtelkönig, der eine vornehme Wachtel zur Frau habe, und des Abends kämen ſie gewöhnlich hier zuſammen, und freuten ſich an der kleinen Quelle. Und kaum hatte der Fink das ſo hingezwitſchert, da kam die Lerche vom Felde geflogen— das war ein recht freundliches, liebes Geſchöpf; und bald kam auch der Wiedehopf, der ſah ernſt und würdig aus und wenn er ſeine Tolle aufſträubte, beinahe böſe— ſonſt war er herzensgut. Da wurden alle bald vertraut mit einander, als hätten ſie ſich ſchon lange gekannt, denn die einfachen Kinder der Natur ſind nicht ſo wie die kalten, harten Menſchen, die ſich erſt Jahre kennen müſſen, ehe ſie Vertrauen zu einander faſſen. Nein, Lerche, Fink und Wiede⸗ hopf ſagten gleich, daß ſie den kleinen Wanderer recht lieb hätten, und die Schwalbe— nun die hatten ſie ſchon darum gern, weil ſie ſo viel von der Quelle zu erzählen wußte. Als es nun Nacht geworden, ſagte die Lerche, es ſei Zeit zum Schlafengehen, denn ſie müſſe bei Zeiten wieder auf. Da wollten nun alle den Wanderer zu ſich nach Hauſe nehmen, aber der ernſte Wiedehopf ſagte: die Lerche könne ihn nicht beherbergen, denn ſie wohne beim Wachtelkönig und der vornehmen Wachtel, und der Fink ſei ein luſtiger Patron und wohne ſelbſt unbequem; er habe aber in einem hohlen Baumaſt ein ſchönes Haus mit zwei Zimmern, und zu ihm ſolle der Wanderer kommen. Der ernſte Wiedehopf behielt Recht, und ſo trennten ſie ſich und verſprachen, recht bald wieder zuſammen zu kommen am kleinen Quell. Die Lerche flog auf's Feld, der Fink in den Buſch und der Wiede⸗ hopf mit der Schwalbe in ſeine bequeme Wohnung— und da ſteckte die Schwalbe das Köpfchen unter den Flügel, und träumte von der ſchönen, kleinen, lieblichen Quelle.— Fr. Spielhagen's Werke. V. 2 2 S 18 Clara Vere. Als am andern Morgen die Sonne eben hervorſah über die Berge und ihre erſten Strahlen durch's Waldlaub zitterten, ſchlief der Wiedehopf noch feſt; aber die Schwalbe wachte ſchon und als ſie hübſch und zierlich die Federn zurecht gelegt, flog ſie leichten Fluges hin zur Silberquelle. Die war heut noch viel ſchöner, als am vorigen Abend, ſo klar und rein, daß man bis auf den Grund ſehen konnte, und von der aufgehenden Sonne ſo roſig beleuchtet wie der Morgen⸗ himmel. Da freute ſich die Schwalbe ſo recht herzinnig, daß ſie laut zwitſcherte vor Luſt, und mit den ſchnellen Flügeln ſchoß ſie hin über die glatte Fläche, daß ſie die weiße Bruſt und die langen Schwingen netzte, und ſo fuhr ſie hinüber und herüber, gerade aus und im Zick⸗ zack, und ſie hätte ſich wohl gar ganz hineingeſtürzt, wenn ſie nicht noch zur rechten Zeit an das kleine Fenſter im Kirchthurme gedacht hätte, das die Abendſonne immer ſo ſchön vergoldete. Am Abend kam auch die Lerche vom Felde geflogen und bald der Fink und der Wiedehopf aus dem Buſch; die grüßten jubelnd die Schwalbe, und der Wiedehopf ſagte, er hätte ſeinen Gaſt überall geſucht, und wun⸗ derte ſich, daß er den lieben langen Tag an nichts, als an die Quelle gedacht habe; aber die Lerche meinte, wenn er nur Zeit hätte, und nicht ſo viel bauen müßte, er thät's auch. So zwitſcherten ſie ver⸗ gnügt mit einander, und hernach ſang die Lerche ein Lied zum Lob der kleinen Quelle, darüber freuten ſich Fink und Wiedehopf, aber die Schwalbe war traurig, daß ſie nicht auch ſingen konnte;— ſie hätte die Quelle noch viel ſchöner loben wollen; und erſt, als es bei⸗ nahe Nacht geworden, flogen ſie alle in ihre Neſter.— Hier blieb die Schwalbe mehrere Tage und alle Tage flog ſie hin zur kleinen Quelle und blieb da bis zum Abend und fuhr hin über die Spiegelfläche, hinüber und herüber, gerade aus und im Zick⸗ zack und netzte die weiße Bruſt und die langen Schwingen im klaren Waſſer. Sie dachte kaum an die lange Reiſe, die ſie noch zu machen hatte zum fernen Afrika— aber endlich mußte es doch einmal ge⸗ ſchieden ſein, ſo ſchwer es ihr auch wurde, und als am Abend die Anderen kamen, da ſagte ſie es ihnen. Die waren recht traurig und baten ſie dazubleiben; aber die Schwalbe hätte es wohl von ſelbſt gethan, wenn ſie gekonnt hätte, oder doch wenigſtens wiederzukommen,— Clara Vere. 19 als ob die Schwalbe nicht wiedergekommen wäre, wenn ſie es ihr auch nicht geſagt hätten! Am anderen Morgen in aller Frühe zog die Schwalbe weiter. Lerche, Fink und Wiedehopf begleiteten ſie noch ein Streckchen, und an der Waldecke, da, wo der Weg nach Afrika abgeht, trennten ſie ſich und ſchnellen Fluges eilte die Schwalbe von dannen, und die Lerche ſtieg in die Höhe, um ſie noch recht lange ſehen zu können, und trillerte ihr einen Abſchiedsgruß.— Da zog die Schwalbe wieder fort über Berg und Thal, über Wieſen und Felder und Wälder, über Flüſſe und Seen, und über ein großes, großes Meer, weit, weit fort zum fernen Afrika, wo die jungen Schwalben bauen lernen. Da iſt es aber öde und traurig und ſandig und heiß, und deſto öfter dachte die arme Schwalbe an die liebe Quelle und ihr friſches, klares Waſſer, und des Nachts ſaß ſie auf einer Pyramide, das Köpfchen unter den Flügel geſteckt, und träumte von der kleinen, reinen Quelle. Endlich durfte ſie wieder fort aus dem häßlichen Lande, hin zu dem theuren Orte, und hin zu ihm flog ſie ſicheren, nie irrenden Fluges, denn die Schwalben ſind treue, kluge Thierchen und vergeſſen nie einen Ort, wo es ihnen einmal gefiel. Kaum ruhte ſie ſich einmal aus unterwegs, und endlich kam ſie wieder zum kleinen Thal; aber wie erſchrak ſie, als ſie dort die Ver⸗ änderung ſah,— kaum traute ſie ihren Augen. Die kleine Quelle war verſchwunden und Felſentrümmer hatten ihr Bett ausgefüllt. Die Blumen alle waren verwelkt, die alten Bäume rauſchten eintönig und traurig, und die ganze Stätte, früher ſo freundlich und lachend, war trüb und öde. Und als die Schwalbe noch ganz traurig daſaß, hörte ſie die Lerche auf dem Felde klagen, und zu ihr flog ſie und fragte, wo denn die kleine Quelle wäre? Da erzählte die Lerche traurig: Einige Zeit nachdem Du fort warſt, wollte der große Strom, deſſen Brauſen Du hier hörſt, die kleine Quelle haben, und er ſpiegelte ihr vor, wie gut ſie es bei ihm haben würde; ſie ſollte ſich mit ihm vermälen; dann wollte er ihr viele Städte zeigen, an denen er vorbeiflöſſe, und das große Meer ſollte ſie ſehen, und viel andere Herrlichkeiten und was 2* Clara Vere. 20 er nicht alles der armen Quelle zuraunte, der böſe Strom. Und eines Nachts war ein furchtbares Ungewitter, daß die Erde bebte, ſo furcht⸗ bar, wie es ſelbſt die älteſte Krähe ſich nicht erinnern kann, und wir fürchteten uns ſo in unſeren Neſtern, und als wir am anderen Mor⸗ gen zur Quelle kamen, aus ihr zu trinken, wie wir's gewohnt;— da war ſie fort; die eine Seite nach dem Fluſſe zu war durchbrochen— und in der Ferne rauſchte der ſtolze Strom, als freute er ſich, daß es ihm gelungen. Die Andern meinen, die Quelle ſei dem Strom aus freien Stücken zugefloſſen, ich aber glaube, er hat ſich mit dem Sturm und Regen verbunden und hat ſie geraubt. Der Fink hat ſich bald über den Verluſt beruhigt, denn er iſt ein luſtiger Patron; aber der Wiedehopf iſt aus Kummer fortgezogen, und ich wäre ihm ſchon längſt gefolgt, wenn ich nicht bei dem Wachtelkönig und der vornehmen Wachtel wohnte. So ſprach die Lerche; aber die Schwalbe hatte die letzten Worte kaum noch vernommen, ſondern war auf und davon geflogen hin zum Strom, die Quelle zu finden; und als ſie ſie dort nicht fand, iſt ſie an's Meer gezogen und über's Meer, und weiß Keiner, wo ſie ge⸗ lieben iſt; zum Kirchthurm, wo die Alten wohnten und zum kleinen epheuumrankten Fenſterchen, das die Abendſonne immer ſo ſchön ver⸗ goldete, iſt ſie nie wieder zurückgekehrt.— Helene faltete leiſe die Blätter zuſammen und legte ſie wieder in das Käſtchen; Georg ſah träumend vor ſich nieder. „Das iſt eine rührende Geſchichte, liebe Helene,“ ſagte er ſinnend, „und ich denke, es iſt eine wahre Geſchichte. Manche Züge ſind mir jetzt ſchon klar; von andern weiß ich nicht, wie ich ſie deuten ſoll. Die Fäden, die ich im Anfang noch verfolgen kann, ſchlingen ſich hernach zu einem unentwirrbaren Knoten zuſammen; es iſt ein dunkles Räthſel und die Auflöſung iſt ſein Tod.“ Die Pforte, die vom Hofe in das Haus führte, öffnete ſich; ein leiſer Schritt ging die Treppe hinauf.—„Die Mutter iſt nach Hauſe gekommen,“ ſagte Helene,„gute Nacht, Georg!“„Gute Nacht, liebe Helene, träumen Sie ſüß!“ Die jungen Leute gaben ſich die Hand— und bald darauf war Alles ſtill in dem kleinen Hauſe im Walde. Clara Vere. 21 Drittes Capitel. Als kaum die Sonne am nächſten Morgen herauf war, ſaß Georg ſchon munter an ſeiner Arbeit.— Dieſem jungen Manne genügten wenige Stunden Schlaf. Er glich in der Schnelkkraft ſeines geiſtigen und phyſiſchen Lebens jenen herrlichen, feingebauten arabiſchen Pferden mit den Muskeln von Stahl, die den Wüſtenſand durch⸗ fliegen, über die ſchroffen Felſen klimmen, denen die kärglichſte Nah⸗ rung genügt, und die wenig Zeit bedürfen, um ſich zu verſchnaufen. Die ernſte, faſt traurige Stimmung, in die ihn die Ereigniſſe und Geſpräche des geſtrigen Abends verſetzt hatten, war verſchwunden, wie das Dunkel vor den Strahlen der Sonne; er lachte dem jungen Morgen entgegen, wie die Lerche ihm entgegen jubelte, die bei Ein⸗ bruch der Nacht ſich ſtill auf ihr Reſt geſenkt. Die Feder, die er geſtern Abend verdroſſen aus der Hand gelegt, flog jetzt ſchnell und behend über das Blatt hin— er wollte noch, ehe er auf das Schloß ging, ſo viel ſchaffen, als ſich noch ſchaffen ließ, wenngleich der Ab⸗ ſchluß der Arbeiten, den er gewünſcht hatte, durch die plötzliche An⸗ kunft des Lords unmöglich wurde.—„Wenn er mir ſo freie Hand läßt, wie mein Lord“ dachte der junge Mann, während er den Stand der Arbeiten noch einmal überſchaute,„doch das iſt nicht möglich! Wie wußte er ſo klug und beſtimmt anzuordnen, wo er die Sache verſtand; mit welcher Beſcheidenheit und Rückhaltsloſigkeit vertraute er, was ihm fremd war, geſchickteren Händen— doch was war ihm fremd? er wußte Alles, er fand ſich in Alles.“ Die Verehrung und Liebe, mit der Georg Allen an dem ver⸗ ſtorbenen Lord gehangen hatte, und nun ſein Andenken heilig bewahrte, glich faſt einem Cultus. Wie der katholiſche Chriſt ſeinen Heiligen an allen wichtigen Ereigniſſen ſeines Lebens Theil nehmen läßt, ſo konnte die Seele dieſes jungen Mannes kein Feſt feiern, ohne daß Lord Vere dazu geladen war. In ſeinen glänzendſten Träumereien, und gerade da am deutlich⸗ ſten, ſchaute er Lord Vere's ernſtes, ſeelenvolles Auge— in ſeinen 22 Clara Vere. geheimſten Unterredungen, die er mit Gott und der Natur flog— und gerade da am vernehmlichſten, hörte er Lord Vere's tiefe, freund⸗ liche Stimme. Nie hatte Georg Allen dem, der ihn perſönlich be⸗ leidigt, lange zürnen können; aber ſeine Gutmüthigkeit und ſein Langmuth waren kurz zu Ende, wenn auch nur das leiſeſte Wort des Tadels den verunglimpfen wollte, in dem er ſtets ſeinen Freund und Lehrer, ſeinen Herrn und Vater verehrt und geliebt hatte. Es war ein ſonderbarer Mann geweſen, dieſer Lord Vere. Die Einen hatten ihn für einen Narren gehalten, die Anderen ihn wie einen Heiligen verehrt; er hatte über den Spott der Einen freundlich gelächelt und die Verehrung der Anderen ernſt zurückgewieſen. Keiner ſeiner Diener hatte je ein rauhes Wort von ihm gehört; die Kinder im Dorf ſprangen dem alten Mann entgegen und liebkosten ihn, wenn er vorüber ſchritt; und die Meiſten ſagten, daß er kein Herz im Buſen trage, und daß er ein Heide ſei. Freilich, Niemand konnte ſich erinnern, ihn je in der Kirche geſehen zu haben, und in den Hütten der Armen und Kranken ſah man ihn ſelten, denn er ſchlich hin wie ein Dieb, und wie ein Dieb kaum anders, als in dunkler Nacht; aber Georg, der mit ihm, den oft der Schlaf floh, manche Mitternachtsſtunde unter ernſten Geſprächen herangewacht; Georg, auf deſſen Arm gelehnt er durch die Wälder und Fluren gewandelt war; Georg, der ſeit dem Augenblicke, als der Lord vor vier Jahren, gegen den Rath der Aerzte, die lange Reiſe nach Frankreich, Deutſch⸗ land, Italien und dem Orient angetreten, und von der er nicht zurück⸗ gekehrt war, ihn kaum auf eine Stunde verlaſſen hatte;— wußte, daß dieſer Heide in ſeinem tiefſten Herzensgrunde fromm und demüthig war, wie ein Kind. Nie hatte ein Hülfeſuchender ſeine Schwelle betreten, dem er nicht beigeſprungen wäre mit Rath und That; aber er verſtand nicht die Kunſt, Worte zu machen, und ließ ſeine Handlungen für ihn ſprechen. „Die müßige Klage fand kein Echo in ſeiner Bruſt.„Was nützt das eitle Jammern?“ ſprach er,„die Zeit der Wunder iſt vorbei, hilfſt Du Dir nicht ſelbſt, kein Gott wird Dir helfen.“—„Mein Unternehmen iſt ſchon dreimal geſcheitert—“ ſagte man ihm.„Sieh' Clara Vere. 23 zu, wo der Fehler ſteckt;“ antwortete er ruhig,„und verſuche es zum vierten Male.“ Aber den Menſchen, wie ſie lieber klagen, als handeln, iſt das wortreiche Beileid lieber, als die wortkarge Hülfe. Unzähligen hatte Lord Vere geholfen und Wenige dankten es ihm. Man hielt ihn für ſtolz, weil er die Menſchen durchſchaute, und weil der Schmeichler nichts galt vor ihm; weil ſein ruhiges, ernſtes Geſicht kein gefälliger Spiegel für Jedermanns Grimaſſe war; weil die Menſchen ſich ächte Menſchenfreundlichkeit nicht gut denken können ohne eine geſchmeidige Zunge und eine lächelnde Miene— aber Georg hatte ihn geſehen in der Geſellſchaft der Großen der Erde: Lord Vere neigte ſich nicht tiefer vor dem Großwürdenträger, wie vor dem Bettelmann; vor der Herzogin, wie vor ihrem Kammermädchen, und dankte dem Fürſten, der ihm eine Gunſt zu erweiſen glaubte, nicht wärmer, wie dem zer⸗ lumpten Buben, der ihm den Stock aufhob. Er hatte durch beſſere Bewirthſchaftung ſeiner großen Beſitzungen, beſonders der Forſten, wobei ihn Georg nach Kräften unterſtützte;— durch neu angelegte Fabriken; dadurch, daß er alte Werke in beſſeren Betrieb brachte, ſeiner Grafſchaft unendlichen Nutzen geleiſtet, den Reichthum vermehrt, die Thätigkeit der Menſchen geweckt und in neue Bahnen geleitet— und doch galt er im Allgemeinen für nichts viel Beſſeres, als für einen Leuteverderber. Er hatte ſich geweigert, zum Bau eines neuen Grafſchaftsgefäng⸗ niſſes beizuſteuern, indem er ſagte, daß das alte ſchon zu groß ſei; und den Herren, die, um ſeinen Beitrag entgegenzunehmen, zu ihm kamen, geantwortet:„Ich habe unter meinen Leuten der Diebe mehrere. Der Eine hat mir vor einiger Zeit eine Summe geſtohlen, die ich Ihnen nicht nennen will, um mir nicht vollends den Credit zu verderben.— Daß die Leute ſtehlen, iſt ſchlimm; ich ſehe aber nicht ein, was dadurch beſſer wird, daß ich ſie in's Gefängniß ſchicke. Die ſinnreiche Definition der Strafe: als das Recht des Unrechts, habe ich in dieſem Sinne nie verſtehen können. Wenn ich die armen Menſchen aus dem Dienſte jagte, würden ſie Andere beſtehlen, die den Schaden weniger leicht tragen könnten, wie ich. Ich habe ſie verpflichtet— und nur unter dieſer Bedingung werde ich ihrer ——— — — 24 Clara Vere. ſchonen— in meinem Dienſte zu bleiben, und wenn ſie ihrem böſen Hange nicht widerſtehen können, nur mich zu beſtehlen.— Sie können aber hier auch Niemanden weiter ſchaden, wie mir.— Wenn die Leute ſtehlen, ſo drückt ſie der Schuh irgendwo. Entweder ſie haben ſelbſt für beſcheidene Anſprüche nicht genug,— und ſie thun es aus Noth; oder ſie haben genug und das iſt bei mir der Fall— und ſie ſtehlen, um irgend welchen thörichten Begierden fröhnen zu können. Ich will Ihnen die Seelenkrankheiten, an denen dieſe Unglücklichen leiden,„nicht nennen; genug: ich kenne dieſe Krankheiten und ich halte ſie für heilbar. Der beſte Arzt iſt der, welcher ſo viel wie möglich dafür ſorgt, daß die Leute gar nicht krank werden.“ Die Welt ſagte: Schloß Vere ſei eine Diebeshöhle, und Lord Vere ſei in ſeiner Jugend ein Taugenichts geweſen, und wenn er gegen die Verbrecher ſo milde ſei, werde das ſchon ſeine guten Gründe haben. Lord Vere ſagte lächelnd: es hat auch ſeine guten Gründe. Dieſem Manne verdankte Georg, wie er gern behauptete, Alles — im Sinne der Leute freilich, Nichts. Die Eltern Georg's ſtarben, als ſie mit einem nicht unbedeuten⸗ den Vermögen, das ſie ſich in Amerika ſchnell erworben, nach England zurückgekehrt waren, kurz nach ihrer Ankunft raſch hintereinander. Sein Pflegevater, deſſen Obhut die Verwandten ihr einziges kleines Kind und die Vewaltung ſeines Vermögens anvertrauten, hatte ſich des armen, ſo früh verwaiſten Knaben treulich angenommen. Er hatte ihn auf Anrathen des Lord Vere, der ſich in ihm einen tüchtigen Diener heranbilden wollte, zuſammen mit ſeinem eigenen Sohne Lorenz bei einem würdigen Geiſtlichen, einem tüchtigen Gelehrten, in derſelben kleinen Seeſtadt, in der Georg's Eltern geſtorben waren, auf eigene Koſten erziehen laſſen.— Als der Jüngling in das Haus ſeiner Pflegeeltern zurückkehrte, nahm er zwar die Stelle eines Privat⸗ ſecretairs bei Lord Vere an; aber ſeine ausgezeichneten Kenntniſſe, und ſein unberührtes Vermögen hätten ihn auch jede andere Laufbahn, mit gewiſſer Ausſicht auf Erfolg, einzuſchlagen berechtigt. Von dem Augenblicke freilich, wo Georg in die Dienſte des Lords trat, war er an dieſen wunderlichen Mann, wie ducch einen Clara Vere. 25 Zauberbann gefeſſelt. Keinem Menſchen hätte aber auch ein ſtreb⸗ ſamer, talentvoller Jüngling williger Dienſte geleiſtet, wie ihm, weil er bald einſehen mußte, daß er ſich damit ſelbſt den größten Dienſt leiſtete. Lord Vere ließ den jungen Mann an allen ſeinen vielen Ent⸗ würfen und Arbeiten den umfaſſendſten Antheil nehmen. Er ſelbſt war kein zu verachtender Gelehrter, und in den Natur⸗ und mathe⸗ matiſchen Wiſſenſchaften galt er allgemein für eine Autorität. Der unermüdliche Jüngling kannte bald keinen größeren Stolz, als Lord Vere bei ſeinen Arbeiten helfen zu können. Was aber das Beſte war, und was der hochſinnige Georg mit Bewunderung erkannte: er hatte in Lord Vere einen Mann vor ſich, deſſen Denken mit ſeinem Handeln im vollkommenſten Einklang ſtand, einen Menſchen, aus ganzem Holz geſchnitten, wie ſie das einfachere Alterthum häufiger erzeugte, und wie ſie in der wechſelvollen Temperatur unſers modernen Lebens nur ſpärlich gedeihen.— Georg war ſchon draußen geweſen. Er hatte ſeinen Leuten Befehle für den Tag ertheilt, dem Knecht das Pferd zu ſatteln be⸗ fohlen, und ſtand in ſeiner Stube zum Austritt fertig, als ein wohl⸗ bekanntes Pochen an ſeiner Thür ſich vernehmen ließ. „Nur herein, Helene!“ ſagte der junge Mann. „Schon auf, Georg?“ ſagte ſie, den Kopf hereinſteckend,„ſchon auf und davon?“ fuhr ſie eintretend fort.„Sie müſſen beſſer ge⸗ ſchlafen haben, wie ich. Ich hörte die Mutter die halbe Nacht ruhe⸗ tos nebenan auf und abgehn; ich habe mich nicht geregt, aber ge⸗ ſchlafen habe ich auch nicht.“ „Sie ſehen blaß aus, armes Mädchen! Unſer Gang geſtern Abend hat Sie zu ſehr angegriffen; der bleiche Mond und der kalte Nachtthau ſchaden ſo friſchen Blumen. Wo iſt die Mutter?“ „Auf ihrem Zimmer, gehn Sie nicht zu ihr, ſie will Niemand ſehen.“ „Ich muß fort, Helene. Schaffen Sie die Mutter heiter; aber werden Sie es nur erſt ſelbſt! Sie wiſſen, ich kann Sie nicht traurig ſehen.“ „Sind Sie zu Mittag wieder hier?“ Clara Vere. „Ich weiß nicht. Ich habe heute viel zu thun;— ich muß mich tummeln— ich will ſehen.“ „Reiten Sie auf's Schloß, Georg?“ „Auch das, liebe Helene.“ Der junge Mann ſaß auf und ritt davon. Georg hatte recht; er konnte Helene nicht traurig ſehen, ohne es ſelbſt zu werden. Sie war eine ſo friſche, freie Natur; ihr blaues Auge blickte ſo fröhlich in die Welt; ihr Lachen klang ſo ſilberhell! ja ihre Stimme hatte einen ſo frohen, heiteren Klang— das Wirbeln der Lerche, die in den blauen Aether aufſteigt, war nicht verlockender zum Frohſinn. Es hatte für Georg immer etwas unendlich Schmerz⸗ liches, wenn dieſer helle Morgenhimmel einmal umwölkt war. Es kam ihm dann faſt wie eine Sünde vor, froh zu ſein; es war ihm, als wäre die Welt aus dem rechten Geleiſe. Der Trübſinn der Mutter war ihm nicht halb ſo peinlich. Er ehrte ihren ſtillen Schmerz; ſein, wie Helenens Sinnen war nur, wie ſie die gute Mutter dem Leben wiedergewinnen könnten. Aber alle ihre herzlichen Bemühungen konnten ihr nichts als ein ſchmerzliches Lächeln entlocken. Sie litt es nicht, daß Georg und Helene an ihrem Kummer Theil nahmen. „Euch ſteht die Welt offen,“ ſagte ſie,„Ihr ſollt fröhlich ſein; Ihr lernt den Schmerz noch früh genug. Laßt mich allein: Ihr wißt nicht, was ich weiß.“ Sie ſprach nie über den Tod ihres Gatten oder ihres Sohnes; ſie wollte nicht, daß in ihrer Gegenwart davon geſprochen würde, aber man ſah es nur allzu deutlich, daß ſie nichts anderes beſchäftigte, als der Gedanke daran, Taz und Nacht.— Ihr Trübſinn, dem ſie ſich oft auf ganze Tage ſo ſehr überließ, daß ſelbſt Georg und Helene ihre Einfamkeit nicht ſtören durften, hatte den jungen Mann öfters für ihren Verſtand bange gemacht. Aber es beruhigte ihn dann wieder, wenn in anderen Zeiten die Mutter Wochen lang ſtill und fleißig im Hauſe ſchaffte; wenn ihr Helene vorſingen und ſpielen durfte, wenn er von ſeinem Lord, und von ſei⸗ nen Reiſen erzählen mußte; wenn ſie die jungen Leute zu einem Spaziergang ermunterte, oder eine Arie zuſammen einzuüben, und auf alle Weiſe ihr Glück befördern half. i Clara Vere. 27 Dazu kam, daß in der alten Frau die Eindrücke ihrer jungen Jahre wieder erwachten; daß ſie in der Erinnerung wieder wandelte auf den weiten ſchottiſchen Haiden, wo ſie ihre Kindheit verlebt hatte, daß die düſteren Sagen und der finſtere Aberglaube ihrer Heimath wieder in ihr lebendig wurden; und die ſonſt ſo aufgeklärte und heitere Frau dem geheimnißvollen Schauer einer übernatürlichen Welt ſich willig hingab und ihren Offenbarungen lauſchte. Daraus erklärte ſich Georg auch ihr ſeltſames Weſen am geſtrigen Abende; aber wie ſein klarer Sinn kein Verſtändniß hatte für dieſe düſteren Regionen, ſo beunruhigte es ihn wenig. Er wußte ſelbſt nicht, was ihn heute Morgen noch heiterer, wie gewöhnlich ſtimmte, als er die bekannten Pfade durch den duftigen Wald ritt.— Die raſche Bewegung, der Morgenwind, der mit den Zweigen ſpielte, und Thautropfen auf ihn niederregnen ließ, die Sonnenſtrahlen, die durch das Laub zitterten und tanzende Schatten auf ſeinen Weg ſtreuten;— er athmete mit vollen Zügen die wonnige, kühle Waldesluft ein;— ihm war ſo wohl, ſo leicht;— es mußte ein Zauber im Walde ſein!— Er wollte nach einem Platz reiten, wo er heute eine neue Arbeit bezinnen ließ, und eine Menge Leute ihn erwarteten, und er war erſtaunt, als er plötzlich, weit von ſeinem Wege ab, auf der Wieſe im Walde, auf derſelben Stelle hielt, wo geſtern Clara Vere ihr Pferd angehalten hatte. Er ſah nach der Seite, von der ſie gekom⸗ men; es war ihm, als müßten die Büſche ſich wieder theilen, als müßte die ſchöne Dame wieder hervorreiten auf ihrem ſchwarzen, ſchäumenden Renner. Er mußte lachen über ſein Träumen am hellen Tage— er ritt weiter zu den Arbeitern; dann zu anderen tellen, die er hatte ſehen wollen, aber hielt ſich nirgends lange auf;— er war ſo ungeduldig von Lord Vere ſeine Pläne und Entwürfe ge⸗ billigt zu ſehen, daß er ſchon viel früher, als er gedacht hatte, an der Stelle ankam, wo auf dieſer Seite, der Kapelle gegenüber, der Weg von den Hügeln hinab nach Schloß Vere führte. Es war noch ſo früh, daß er das ſchnaubende Pferd anhielt, um zu überlegen, ob er ſchon jetzt ſeinen Beſuch machen könnte, und einige Zeit unentſchloſſen in das Thal hinabſah. piertes Capitel. Es war ein prächtiger Anblick, das alte graue Schloß mit ſeinen Thürmen und Erkern, ſeinen Zinnen und Bogenfenſtern, wie es, in Morgenſonnenſchein gebadet, zwiſchen den dunklen Tannen und ſchlan⸗ ken Pappeln zu ſeinen Füßen lag. An das im Quadrat gebaute, mächtige Hauptgebäude, das noch aus den Tagen der Königin Eliſabeth ſtammte, lehnten ſich zwei Flügel an, die, in neuerer Zeit unter dem prachtliebenden Vater des verſtorbenen Lords in demſelben Style weiter geführt, durch hellere, freundlichere Räume dem Sinn des modernen Bewohners mehr zu⸗ ſagten, der ſich in der weiten Halle, den düſtern, hohen Zimmern mit ihren ſteingeſchnitzten Decken und tiefen Fenſterniſchen, in den engen Corridoren und ſeltſam gewundenen Treppen des alten Gebäudes unbehaglich und gedrückt fühlte. Der verſtorbene Lord dagegen hatte wieder das alte Haus bewohnt, und Georg dachte lebhaft an ihn, als ſein Blick jetzt auf den Balcon fiel, der aus der Hinterfronte keck hervorſprang, und aus dem die gewaltige Glasthür zu dem Bibliothek⸗ ſaale mit den Ahnenbildern führte. Hier hatte er mit dem Verſtorbe⸗ nen manchen Sommerabend geſeſſen, wenn die Sonne hinter die Hügel ſank! Unmittelbar hinter dem Schloſſe erſtreckte ſich ein großer Garten, den ein früherer Lord, welcher lange Zeit in Paris Geſandter ge⸗ weſen war, im verſchnörkeltſten, franzöſiſchen Geſchmacke angelegt hatte. Mit ſeinen geraden Gängen, ſeinen wunderlich verſchnittenen Hecken, ſeinen hohen Taruspyramiden, ſeinen Sphinren und Floren und Apollos aus Sandſtein, ſtach er ſeltſam genug von dem freien, natürlichen Schwung der übrigen Anlagen ab, die ſich hinter ihm, das Thal hinauf, bis zu den waldbekränzten Hügeln erſtreckten. „Welchen Flügel wird Lord Vere bewohnen?“ dachte Georg,„und welches ſind die Fenſter zu Lady Vere's Zimmer?“ Er gab ſeinem Roſſe die Sporen, und hielt bald auf dem großen Raſenplatze vor dem Haupteingange, in dem Schatten der alten Linden. N Clara Vere. 29 Hier, wie im ganzen Schloſſe, herrſchte ein geſchäftiges Treiben⸗ Eine Schaar von Handwerkern ſchwärmte durch die weiten Räume; Maurer, Zimmerleute, Tiſchler, Tapezierer thaten ihr Beſtes, um das ehrwürdige Gebäude für den Augenblick ſo unwirthlich und düſter zu machen, als möglich. Da war kein Zimmer, in dem nicht gehämmert, geklopft, geſägt und gekratzt wurde; keine Paſſage, die nicht mit Leitern und Gerüſten verſperrt war; keine Treppe, die nicht nach friſcher Oelfarbe roch. Aus einem Keller pumpte man Ströme ſchwarzen Waſſers, und oben auf der höchſten Zinne des Thurms ſaß ein Dach⸗ decker und pfiff behaglich bei ſeiner Arbeit und ſchaute von Zeit zu Zeit vergnüglich von ſeinem erhabenen Standpunkte in die reiche Landſchaft hinab, auf die ſonnigen Wieſen und die ſchattigen Wälder. Das hohe Portal, vor dem Georg hielt, war von einer kleinen Burg von Wagen und Kaſten und Kiſten verſperrt. Leute kamen und gingen und riefen und ſahen ihre von der Arbeit erhitzten Geſichter in den koſtbaren Spiegeln, die ſie die breiten Treppen hinauf in die Geſellſchaftsräume trugen, und ſchleppten ſich mit Meubeln, die ihren Reiſeanzug noch nicht abgelegt hatten, und wohin ſie kamen, ließen ſie eine Spur von Strohhalmen hinter ſich. Georg ſah mit Vergnügen dieſem bunten Schauſpiele zu. Er hatte ſchon längſt in dem Wirrwarr den kleinen, geſchäftigen Lord Vere bemerkt, der in Perſon die Oberaufſicht führte, Jedem Befehle ertheilte und Jedem im Wege ſtand, als dieſer ihn endlich erblickt⸗ und eifrig zu ſich winkte. „Gut, daß Sie kommen, Herr Allen,“ ſagte er,„haben Sie meinen Boten geſprochen? Nicht? ſo früh ſchon herausgeweſen? das iſt brav!— Sie haben da Papiere, wie ich ſehe,“ fuhr er mit einiger Unruhe fort,„Rechnungen, Anſchläge— laſſen Sie's auf mein Zimmer legen, oder nehmen Sie's auch nur wieder mit! Sie kennen ja doch Alles ſeit ſo langer Zeit.— Ich habe dieſen Augenblick die Hände ſo voll— Lady Vere— wenn ich nur den großen Schrank da an⸗ zubringen wüßte— es iſt ein Prachtſtück— ich habe ihn ſelbſt in Paris gekauft— ja, was ich ſagen wollte— Lady Vere läßt Sie um einige Augenblicke erſuchen. Das thut nichts“— als Georg einen bedenklichen Blick auf ſeinen Anzug warf—„ſie weiß, daß Sie in — 30 Clara Vere. Geſchäften hier ſind und zu keiner Gala⸗Viſite.— Sie da— ich kann Ihren Ramen nie behalten— melden Sie doch Lady Vere, daß Herr Allen jetzt hier ſei! Sie erwartet Sie, glaube ich, in der Bibliothek. Ich hoffe, Sie hernach zu ſehen, Herr Allen,“ und damit wandte Se. Herrlichkeit die ganze Aufmerkſamkeit ſeines kleinen Geiſtes ſeinem großen Schranke wieder zu. Georg ſah lächelnd dem vielgeſchäftigen, kleinen Herrn nach, der ſo verlegen vor ihm geſtanden hatte, wie ein Dorfſchulmeiſter vor ſeinem Paſtor, wenn der die Schule revidirt.— Er ging die breite Treppe hinauf, den wohlbekannten Weg zum Bibliothekſaale. War es die Erinnerung an ſeinen alten Freund und deſſen Heilig⸗ thum, das er nach ſo langen Jahren zum erſten Male wieder betreten ſollte, was ſein Herz ſo ungeſtüm ſchlagen machte, als er jetzt einen Angenblick, ehe er eintrat, vor der hohen eichenen Thür ſtillſtand? Lady Vere trat ihm mit jenem vollendeten Anſtande entgegen, der, weit entfernt, zu Vertraulichkeit irgend wie einzuladen, doch keine Befangenheit oder Unbehaglichkeit einer erſten Begegnung aufkommen läßt, und der den Fremden zwar nicht erwärmt, und ſein Herz öffnet, aber ihn in jene kühle, ruhige Stimmung verſetzt, in der der Menſch frei um ſich ſchaut, befonnen ſpricht und handelt. Lady Vere war eine jener ſchlanken Geſtalten, deren vollkom⸗ menes Ebenmaß ſie unter ihrer wahren Höhe erſcheinen läßt. Ihre Hände und Arme waren von tadelloſer Schönheit, und ihr Antlitz mit der geraden Stirn, der feinen Raſe mit den beweglichen Flügeln, dem kleinen Mund mit den leisaufgeſchlagenen Lippen, die den Ein⸗ druck machen, als müßten ſie ſich jeden Augenblick zu einem geiſtreichen Worte vollends öffnen, mit dem runden, wohlgeformten Kinn, ja ſeiner gewöhnlichen Bläſſe hatte viel vom klaſſiſch griechiſchen Typus; aber die großen, dunklen Augen mit ihrem tiefen, wunderbaren Licht erinnerten an die ſonnigen Köpfe der italieniſchen und ſpaniſchen Maler. „Sie ſehen, Herr Allen,“ ſagte ſie mit einer anmuthigen Ver⸗ beugung,„daß ich begierig bin, unſere flüchtige Bekanntſchaft von geſtern nd zu meinem Vortheil auszubeuten. Von allen Räumen des Schli es iſt der iberfe und mir liebſte, dieſer ſchöne Saal, Clara Vere. 31 faſt am meiſten verwahrloſt. Ich denke der Einſamkeit und Lange⸗ weile hier am beſten entfliehen zu können, aber ſehen Sie ſelbſt, welches Chaos! Ich möchte gern zwiſchen den Büſten und Bildern und Büchern Ordnung ſchaffen; aber ich fühle zu wohl, daß ich allein nicht dazu im Stande bin. Rathen und helfen Sie mir, Herr Allen, der Sie ein ſo vortrefflicher Gelehrter und feiner Kunſtkenner ſind, und ſein Sie meines beſten Dankes verſichert.“ Georg ſah mit Schmerz, wie wüſt und unwirthlich jetzt der liebe Saal, in den er nie mit anderen Gefühlen getreten war, als mit denen der Gläubige in den Tempel tritt, ausſah. Die Bücher ſtanden bunt durcheinander in den Schränken; keine Büſte war auf der rechten Stelle, und auf einem Tiſch hatte ſich eine auserleſene Schaar von Denkern und Dichtern der verſchiedenſten Zeitalter ein Rendez vons gegeben.— Die Stuckatur von der hohen Decke war an einzelnen Stellen herabgefallen und hatte die ſchwere Platte des eichenen Tiſches, an dem Georg ſo oft mit Lord Vere zu⸗ ſammen gearbeitet hatte, arg beſchäpigt. Georg brannte vor Begierde, dieſe Entweihung zu ſühnen; er war Lady Vere dankbar, daß ſie fühlte, wie er. „Ich danke Ihnen, Mylady, für Ihr Vertrauen,“ ſagte er;„ich fürchte nur, daß Sie meine beſcheidenen Kräfte überſchätzen; doch iſt hier guter Wille nöthiger, als Kenntniſſe, und wahrlich, an meinem guten Willen ſoll es nicht fehlen.“ Als der junge Mann, den Urheber dieſes Frevels heimlich ver⸗ wünſchend, ſich zu den wohlbekannten Bücherreihen wandte, ahnte er nicht, daß Lady Vere ſelbſt die Urheberin eines nicht kleinen Theils dieſer Verwirrung war. Es hat ja Jeder ſeine unſchuldigen Mittel, ſeine Pläne in's Werk zu richten; und Lady Clara Vere de Vere's Pläne, und ſie hatte deren immer einen, auch mehrere auf ein Mal, wie Laune und Langeweile es gerade mit ſich brachten, waren ſchnell gefaßt und mit erfinderiſchem Kopfe ausgeführt. „Sehen Sie dieſe Sammlung deutſcher Claſſiker, Her en ſagte ſie,„wie ſchade, daß meine Sprachkenntniſſe nicht weit über das Franzöſiſche und Italieniſche hinausreichen. Ich verſuchte vorhin, dieſe Goethe'ſche Ballade zu leſen; ich konnte nicht über den erſten —— —— S 32 Clara Vere. Vers fortkommen und legte das Buch verdrießlich weg.— Sie ſind ja in Deutſchland geweſen, Herr Allen! haben Sie die herrliche Sprache nicht erlernt, die mich immer durch ihren tiefen, vollen Klang wunder⸗ bar angezogen, aber auch durch ihre Herbheit und Sprödigkeit zurück⸗ geſchreckt hat?“ Georg nahm das Buch. Es war ein's ſeiner liebſten Lieder, der herrliche Geſang Mignons, in dem Goethe ſeiner ſchwärmeriſchen Sehnſucht nach Italien einen ſo unendlich rührenden Ausdruck gegeben hat. Er überſetzte das Gedicht leicht und gewandt, wie man eben Gedichte einer fremden Sprache in die eigne aus dem Stegreif über⸗ tragen kann; und dann, um das arme, zerpflückte Lied wieder zu Ehreu zu bringen, las er es ihr im Original vor. Georg las gern, vielleicht weil er wußte, daß er gut las; er war ſo in ſeinen Vortrag vertieft, daß er den vielſagenden Blick nicht merkte, mit dem Lady Vere in das Geſicht des Leſers ſchaute. „Ich fürchte, Ihre Güte zu mißbrauchen, Herr Allen,“ ſagte ſie, „aber Sie wiſſen, man muß ſeine Kenntniſſe und Talente geheim halten, oder gewärtig ſein, daß die Menſchen ſie als gute Beute be⸗ trachten, auf die Jeder Anſprüche zu haben glaubt. Es iſt faſt grau⸗ ſam, wenn ich Sie bitte, mich als Schülerin im Deutſchen annehmen zu wollen, weil ich zum Voraus weiß, daß Sie einer Dame nicht leicht eine Bitte abſchlagen, auch wenn es Ihnen beſchwerlich iſt, ſie zu erfüllen.“ „Wenn ich in Ihnen eine ſo nachſichtige Schülerin finde, wie in Helene Locksley,“ erwiderte lächelnd Georg,„an mir ſoll es nicht fehlen. Das Geſchäft des Lehrers iſt ſo leicht, wo er gern lehrt.“— Georg ſagte die letzten Worte, indem er an ſeine liebe Helene und das freundliche Zimmer im Förſterhauſe dachte.— Er fühlte mit einiger Verwirrung, daß ſie ſich eben ſo gut auf Lady Vere beziehen ließen;— und Lady Vere ſie kaum anders verſtehen konnte. Das icht lieb. Er hatte, wie jeder gerade Mann, einen Abſcheu Complimenten; auch nur in den Verdacht zu gerathen, wollen, war ihm ein Gräuel. Er nahm ſich vor, behut⸗ — Clara Vere. 33 ſagte Lady Vere.„Fräulein Helene iſt ein ſehr begabtes Mädchen, deren Talente mir, wie ich mich jetzt ſehr wohl erinnere, ſchon damals auffielen, obgleich ſie mehrere Jahre jünger iſt, wie ich. Sagen Sie, Herr Allen,— Helenen's Bild iſt mir nicht mehr ganz deutlich— gleicht ſie nicht dieſer ſchönen, blonden Dame, die ſich hier in dieſer Reihe dunkelhaariger Vere's ausnimmt, wie eine Lilie unter rothen Roſen? Und wer iſt dieſe Dame, Herr Allen? Sie müſſen es wiſſen, der Sie mit dem verſtorbenen Lord ſo vertraut waren! Das Bild iſt vor ihm nicht hier geweſen, wie mir die alte Haushälterin entſchieden verſichert.“ Das Bild, vor dem jetzt die Beiden ſtanden, war das eines jungen Mädchens, deſſen unſchuldig kindliches Geſicht faſt zu ideal war, um Portrait zu ſein. Daß das Bild alt ſei, zeigte nicht nur das Koſtüm und die Art, wie die ſchönen, blonden Haare nach der Mode des vorigen Jahrhunderts ſeltſam, aber gefällig nach allen Seiten zu einer hohen Friſur, die oben in eine Haarſchleife endete, aufgekämmt waren;— ſondern auch das bräunliche tiefe Colorit, das alten Oelgemälden eigen zu ſein pflegt. Georgs Augen hatten das liebe Bild und das ernſte Geſicht ſeines Herrn und Meiſters, dem es gegenüber hing, gleich bei ſeinem Eintritt geſucht und begrüßt. Er ſah Lord Vere wieder in Gedanken verſunken vor dieſem Bilde ſtehen; er wußte, daß es ſeine ganze Liebe gehabt hatte; er ahnte, daß es in ſein Leben auf irgend eine Weiſe, wie? wußte er nicht, verflochten war. Er hielt es nicht für nöthig, Lady Vere von dieſen Einzelnheiten zu unterrichten, und begnügte ſich, zu ſagen:„Das Bild gleicht Fräulein Locksley nur darin, daß es blond iſt, wie ſie. Lord Vere ſagte, es ſei eine Vere; er hat es, glaube ich, auf einer Auction zufällig aufgefunden, und freute ſich, es dieſer Sammlung einreihen zu können.“ „Der verſtorbene Lord war ſonſt nicht eben ſehr für die Familie eingenommen,“ bemerkte Lady Vere.„Er hatte, glaube ich, über⸗ haupt wenig Familienſinn. Meinen Sie nicht auch, Herr Allen?“ „Lord Vere hatte Sinn für Alle,“ antwortete Georg ernſt,„er betrachtete die Menſchheit wie eine große Familie.“ Die Antwort ſchien Lady Vere wenig zu gefallen; dunkles Fr. Spielhagen's Werke. V. 34 Clara Vere. Auge wurde noch um einen Schatten dunkler— aber nur für einen Augenblick. „Das wäre in der That eine recht große Familie,“ ſagte ſie lächelnd„und ich fürchte, Herr Allen, es möchte uns damit ergehen, wie dem würdigen Pfarrer von Wakefield mit ſeinen beſchwerlichen Verwandten.“ „Und doch ließ derſelbe Pfarrer dieſe beſchwerlichen Verwandten mit an ſeinem Tiſche eſſen; ſeine gute Frau behauptete immer, ſie ſeien daſſelbe Fleiſch und Blut.“ „Waren ſie deßhalb weniger beſchwerlich, Herr Allen?“ „Ja, Mylady, uns ſelbſt verzeihen wir viel;— betrachten wir Andere wie uns ſelbſt, und laſſen wir ihnen dieſelbe Gunſt wider⸗ fahren.“ Das Geſpräch gerieth hier ein wenig in's Stocken. Die Redenden befanden ſich augenſcheinlich auf etwas unſicherem Boden; ſie fanden ſich bald wieder auf dem neutralen Gebiete der Kunſt und der Wiſſen⸗ ſchaft, als Georg jetzt anfing, die Bücher zu ordnen, und die Büſten auf ihre rechten Plätze zu ſtellen. Der junge Mann hatte auf ſeinen Reiſen viel geſehen und mit kunſtſinnigem Auge. In ſeinem treuen Gedächtniſſe lebten die herrlichen Geſtalten der Antike, die Meiſter⸗ werke der Italiener und Spanier, wie die Eindrücke des gemeinen Lebens in Anderen. Er ſprach mit Begeiſterung von der Kunſt; aber mit der tiefſinnigen Begeiſterung eines Poeten. Lady Vere hatte weniger geſehen, aber das Wenige nicht weniger gut. Sie, die ſelbſt wie eine ſchöne Statue war, wie eine Schöpfung des griechiſchen Meißels, ſie hätte ſich ſelbſt nicht verſtehen müſſen, wenn ſie kein Ver⸗ ſtändniß gehabt hätte für das Schöne. Und Lady Vere kannte die Macht ihrer Reize ſehr gut; und hätte von ſich ſelbſt, wenn ſie gewollt hätte, eine eben ſo geiſtreiche Kunſtkritik geben können, als ſie Georg eben eine von einem berühmten Gemälde gab, das ſie Beide in Paris geſehen hatten.— Georg war ſo in das Geſpräch vertieft, daß er nur mit Be⸗ dauern abbrach, als ihn ein Diener zu Lord Vere rief, und er war einigermaßen erſtaunt, als er draußen fand, daß die kurze Unterredung mit Lady Vere doch nicht weniger als zwei Stunden gewährt hatte. Clara Vere. 35 Er hatte ihr verſprochen, noch an dieſem Nachmittage herüber zu galoppiren und die Bibliothek vollends in Ordnung zu bringen; jedenfalls aber morgen mit den deutſchen Lectionen den Anfang zu machen.— Georg traf Lord Vere in ſeinem Arbeitszimmer über einem fru⸗ galen Frühſtück, an dem er Theil nehmen mußte, ſo ſehr es ihn auch jetzt nach der Unterredung mit Lady Vere aus dem Schloſſe drängte. Der Lord ſprach abwechſelnd mit Georg über Verwaltungsangelegen⸗ heiten, die ihn wenig, und mit einer großen Thibetkatze, deren Spiele ihn ſehr zu intereſſiren ſchienen. Georg fand in ihm einen jener kleinlich denkenden Menſchen, die für große Unternehmungen und kühnes Zugreifen kein Herz haben, weil es ihnen an Verſtand fehlt, die Sache zu überſchauen; die durch das Leben gehen mit der Sicher⸗ heit Eines, der ſich eine unbekannte Treppe im Dunkeln hinunterfühlt, und mit ihrem Lob eben ſo zurückhaltend ſind, wie mit ihrem Tadel, weil ſie nie wiſſen, ob das, was ſie ſagen möchten, etwas Dummes oder etwas Geſcheidtes ſein würde. Es beruhigte Georg wenig, daß Lord Vere ſcheinbar ihm durchaus freie Hand in allen Angelegenheiten ließ. Er wußte, daß dergleichen Menſchen für den Augenblick Alles zugeben und Alles verſprechen, um hernach wieder Alles zurückzunehmen und Nichts zu halten. Sie ſind immer vollkommen der Anſicht ihres Gegners, nicht, weil ſie deſſen Gründe überzeugt haben, ſondern weil ſie nicht gern eingeſtehen möchten, daß ihnen die ganze Angelegenheit vollkommen unklar geblieben iſt. Hinterher thun ſie doch, was ſie wollen. Ob die Menſchen gar nicht anfangen zu denken, oder die Sache nach allen Seiten durchdacht haben, kommt in dieſer Beziehung auf eins hinaus, und ein Chor von Engeln kann nicht beſtimmter und feſter in ſeinem Willen ſein, als eine Schaar dummer Bauern.— Nach manchem vergeblichen Anſetzen hatte Lord Vere endlich den Muth, Georg zu bitten, ihn außerdem bei einigen anderen Angelegen⸗ heiten zu unterſtützen; beſonders gleich bei einem Handel, den er mit einem ſeiner Pächter hatte, und den er ſeinem Rathgeber ſo verwirrt vortrug, daß dieſer ſich lächelnd die Papiere ausbat, um ſelbſt nach⸗ ſehen zu können, und ſich einigermaßen wunderte, wie Lord Vere nie mit ſeiner Tochter„über dergleichen Angelegenheiten“ ſprechen könnte, 3* 36 Clara Vere. da ihm offenbar jede Geſchäftsſache ein unergründliches Myſterium war, über das er ſich nur zu gern bei Andern Aufſchluß holte.— Lord Vere, aus einer Seitenlinie des Hauſes, und mit dem ver⸗ ſtorbenen Lord nur entfernt verwandt, beſaß von Hauſe aus gar kein Vermögen. Sein großmüthiger Verwandter hatte ihm ein bedeutendes Jahrgeld ausgeſetzt; denn, wie er zu Georg ſcherzend ſagte,„verdienen kann ſich der arme Mann nichts, und Noth leiden ſoll er nicht.“ Er hatte ſich nach der Abreiſe ſeines Vorgängers faſt ein Jahr lang auf Schloß Vere mit ſeiner Tochter aufgehalten, und war ihr dann nach Paris gefolgt, als eine vornehme Verwandte ſeiner Frau— die Frau ſelbſt war ſchon längſt todt— die junge Dame bei ſich zu haben, und ſie mit der beſten Geſellſchaft und mit dem beſten Theater der Welt bekannt zu machen wünſchte. Als ihm nun nach dem Tode des alten Lords die glänzende Erbſchaft zufiel, fühlte er ſich in dieſer hohen Stellung äußerſt unbehaglich, und ſein einziger Troſt war die ſchöne, kluge Tochter, deren Talente und Kenntniſſe ihm unfaßbar und unheimlich waren, und die ſo ganz für die hohe Region geboren ſchien, in der ihm das Athmen ſo ſchwer wurde. Was das Benehmen des Lord Vere gerade Georg gegenüber noch unſicher machte, war der Gedanke an das beklagenswerthe Ereigniß von des alten Locksley's Tod, an dem der kleine alte Herr freilich unſchuldig genug war, von dem er aber immer fürchtete, es könne ihm zur Laſt gelegt werden, daß er nun faſt ſelbſt glaubte, er habe wirklich den alten Jäger erſchoſſen. Dieſer Gedanke war ihm um ſo unerträglicher, als er über eine Raupe, die in ſeinem Wege kroch, vorſichtig wegſchritt, um ſie nicht zu zertreten, und mit einer Spinne einmal vier Wochen lang ſein Zimmer getheilt hatte, weil er nicht wußte, wie er das ekelhafte, und ihm äußerſt verhaßte Thier, ver⸗ treiben könnte, ohne es zu ſchädigen. Er ſpielte auch im Laufe des Geſprächs mehr wie einmal auf die fatale Geſchichte an, und fühlte ſich außerordentlich erleichtert, als ihm der gutmüthige Georg zu beweiſen ſuchte, er ſelbſt hätte vom Libanon aus eben ſo gut ſeinen FPflegevater erſchießen können, als Lord Vere von dem Baume aus, an dem er während des Treibens geſtanden hatte.— — Clara Vere. 37 „Und dieſer Mann“ dachte Georg, als er durch die große Allee nach Hauſe galoppirte,„iſt meines Lords Nachfolger und der Vater Lady Vere's!“ Er war ſeelenfroh, daß er noch ſo leichten Kaufs von dem eigenſinnigen alten Herrn losgekommen war, und daß er für den Augenblick keine Hemmungen in ſeinen Plänen zu fürchten hatte. Die Vermehrung ſeiner Arbeiten kümmerte ihn wenig. Der junge Mann war glücklich, wenn er Andere unterſtützen konnte; er lud unbedenklich Laſten, unter denen er den ſchwächeren Gefährten wanken ſah, auf die eigene Schulter, weil er die Kraft in ſich fühlte, ſie mit Leichtigkeit tragen zu können. In ſeinem hellen Kopfe tummelten ſich tauſend Gedanken munter durcheinander. Er wollte Lady Vere für ſeine Pläne intereſſiren; ſie mußte darauf eingehen, ſie mit ihrem glänzenden Verſtande; jetzt wollte er die Sache noch in größerem Maßſtabe betreiben. Und dann dachte er an die Bibliothek und an ſeinen Lord, und an das ſchöne Portrait, und das ſchöne lebende Weſen mit den großen dunklen Augen, und an ſeine liebe Helene und ihr helles Lachen; und er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte dahin, daß die alten Eichen verwundert die Köpfe ſchüttelten, und ſich ihre Bemerkungen mittheilten, als er vorüberflog. Fünftes Capitel. Es war ſchon Nachmittag, als Georg am Förſterhauſe ankam. Helene hatte mit dem Eſſen auf ihn gewartet, die Mutter das Zimmer noch nicht verlaſſen. „Wiſſen Sie, Georg,“ ſagte das junge Mädchen,„daß es gerade heute ſehr wichtig war, ob Sie zu Mittag zu Haus waren⸗ oder nicht?“ „Nein, Helene, weßhalb das? hat ſich etwas ereignet?“ „ —— Clara Vere. „Ich habe davon Ihre Zukunft abhängig gemacht; ich kann Ihnen jetzt Ihr Schickſal prophezeien.“ „Und das wäre?“ „Haben Sie Lady Vere geſehen?“ fragte Helene als Antwort. „Ja! was hat Lady Vere mit meinem Schickſal zu ſchaffen?“ „Mehr als Sie glauben!“ ſagte Helene. „Können Sie auch daraus wahrſagen, Sie liebe Zigeunerin mit den blauen Augen, daß ich Lady Vere Deutſch lehren ſoll?“ „O! Lady Vere! Sie werden Lady Vere noch Manches lehren und noch Manches von ihr lernen!“ „Was denn zum Beiſpiel, liebe Helene?“ „Was weiß ich!“ ſagte Helene, faſt weinend. Es war ein wunderliches Verhältniß zwiſchen den Beiden. Sie war ſein Liebling geweſen von jeher. Er hatte ihr, ſeit der Zeit, als ihn der Fflegevater zum erſten Mal mit auf die Jagd nahm und damals war er gerade dreiehn Jahre alt, mit jener Zärt⸗ lichkeit gehuldigt, die jeder großherzige Knabe, ehe eine andere Liebe in ihm erwacht, einer jüngeren, reizenden Schweſter weiht, und die in ihrer Leidenſchaftlichkeit, ihrem Ungeſtüm, ihrer Eiferſucht, ihrer Ritter⸗ lichkeit etwas unendlich Rührendes hat. Helene zu lieben, mit ihr Alles zu theilen, ihr Alles zuzutragen, von dem Vogel, den er im Walde gefangen, bis zu einem ſchönen Gedichte, das er geleſen, war ihm ſo natürlich, wie zu athmen; und er hatte ſich niemals über die Natur ſeiner Liebe zu dem holden Mädchen Rechenſchaft gegeben, wie der Menſch, der voll athmet, und dem das Herz muthig ſchlägt, nicht weiter über die Beſchaffenheit und Lage ſeiner Lunge und ſeines Herzens nachdenkt. Als er von ſeiner Reiſe zurückkehrte, war es ihm wenig aufgefallen, daß ihm das wilde Mädchen von vierzehn Jahren zur reizenden Jungfrau entfaltet entgegentrat. Hatte ſich doch in allen alten Verhältniſſen ſo viel Neues eingefunden; war doch ſeine ganze Stellung ſo ganz verändert! Er glaubte noch mit Helene auf dem alten Fuße zu ſtehen; er fand es ſo natürlich, daß ſie ihm bei ſeiner Ankunft nicht entgegen geſprungen war, und ihn geküßt und geherzt hatte, wie ſie es ſonſt gethan, wenn er aus den Ferien nach Hauſe kam; und wenn jetzt ein gelegentliches„Herr“ oder„Fräulein“ in der Clara Vere. 39 Unterhaltung vorkam, dachte er wohl nicht, daß ſich ein gut Theil Ernſt in den Scherz miſchte.— Waren ſie doch Beide ſo viel älter und verſtändiger geworden! Er glaubte, wenn er ja einmal über das Verhältniß nachdachte, daß alle Brüder auf der Welt ſo gegen ihre Schweſtern ſeien, wie er gegen Helene, und alle Schweſtern gegen ihre Brüder, wie Helene gegen ihn; und nur ein einziges Mal, als Helene die alte Mutter zärtlich umarmte, war ihm der Gedanke durch den Sinn gefahren, daß der Kuß jenes erſten Abends für nun faſt ein volles Jahr der erſte und letzte geweſen ſei. Aber liebten ſie ſich denn nicht wie Geſchwiſter? und war ihre Freundſchaft nicht dieſelbe, ob mit, ob ohne Austauſch von Zärtlichkeiten?— Freundſchaft! Geſchwiſterliebe! dieſe reizenden Märchen, die ſich Perſonen verſchiedenen Geſchlechts, die nicht Bruder und Schweſter ſind, nur zu gern einander erzählen, und an die ſie ſo ehrbar glauben, wie die Kinder an die goldene Krone, mit der der König zu Bette geht, und an die drei eiſernen Reifen, die der treue Heinrich um ſein Herz gelegt hatte. Glaubte Helene auch an die eiſernen Reifen? Ach! der eine war wohl ſchon geſprungen, als Georg, von der ſüdlichen Sonne gebräunt, ein Mann, zurückgekehrt war von der Reiſe, zu der er als ſchlanker Jüngling ausgefahren; als er ſie in ſeinem Arm gehalten und freundlich und forſchend mit ſeinem treuen Auge, das ſo viel feſter und ernſter blickte, ihr in's Aug' geſehen; und heute Morgen, als ſie, in der Ungeduld über ſein langes Ausbleiben, ein Buch aus ſeiner Stube holen wollte, und, ohne eine Zeile zu leſen, lange Zeit in ſeinem Arbeitsſeſſel geträumt, und an Lady Vere gedacht hatte, und ſein aufgeregtes Weſen von geſtern Abend;— da war mit dem tiefen Seufzer auch wohl der zweite Reifen geſprungen, und das Herz ſchlug höher, wenn auch nicht leichter. Das Weib iſt in ſolchen Angelegenheiten unendlich feinfühlender, als der zartfühlendſte Mann.— Jedes Genie iſt ja bekanntlich ein geborner Kunſtrichter, und jedes Weib ein Genie, wo es liebt, und eine geborne Richterin in der Liebe, und Aphrodite und die Muſen ſind ſich von jeher ſreundlich begegnet. Die Myſterien der Liebe und die der Kunſt erklären ſich oft gegen⸗ 40 Clara Vere. ſeitig, und die Kunſt iſt der geheimnißvolle Tempel, zu dem die Liebe die Vorhalle iſt. Nur der Eingeweihte tritt in das Allerheiligſte; nur ihm löſt ſich das große Weltengeheimniß ganz, das dem Betenden in der Vorhalle in dunklen Träumen und räthſelhaften Bildern däm⸗ mernd und nur auf Augenblicke theilweiſe ſich offenbart. Aber nur die Vorhalle führt in den Tempel, und der Künſtler iſt erſt der rechte Künſtler, wenn er durch das heilige Feuer der Liebe geläutert iſt, und dem gewöhnlichſten Sterblichen, wenn er liebt, zeigen ſich wun⸗ dervolle Geſichte und er fühlt ſich dem Allerheiligſten näher. Und Helene Locksley war kein gewöhnlicher Geiſt, ob ſie gleich weniger gut zu ſprechen wußte, wie Lady Vere, und wohl gar ganz ſtill war, gerade, wenn ſie am lebhafteſten und tiefſten fühlte. Sie hatte mit Georg gelernt, und Georg mit ihr. Er hatte ihr nach und nach faſt Alles mitgetheilt, was die Freude ſeiner Seele und das Mark ſeines innerſten Lebens war. Helene verdankte ihm viel, und glaubte ihm Alles zu verdanken. Sie war ſeine liebe, gelehrige Schülerin; er war ſtolz, ſie zu lehren, ſie war ſtolz darauf, von ihm zu lernen; und ſie merkte in ihrer Beſcheidenheit nicht, daß die Schü⸗ lerin oft den Lehrer lehrte. Er war ihr ſtarker Hort, an den ſie ſich ſchmiegte, wie die Rebe an den Ulmbaum. Ihr Vertrauen zu ihm war grenzenlos: ſie hätte ihm geglaubt, wenn auch nach einigem Bedenken, daß die Mohren weiß ſeien, wenn er es ſie ernſtlich verſichert hätte, und ſie wäre an ſeiner Seite unbe⸗ denklich in jede Gefahr gegangen, und hätte ſich ſicher geträumt, wie das Kind an der Mutterbruſt. Wie ganz anders war dies Verhältniß zu dem Starken, Kühnen, als das zu ihrem träumeriſchen, geliebten Bruder geweſen war! Hier war ihr ein Maßſtab. gegeben für das Gefühl, das ſie für Georg hatte. Es war nicht bloß, daß es ſtärker war,— nein— nein— das Gefühl ſelbſt war ein anderes, tiefer, geheimnißvoller. Wußte Helene, daß ſie Georg liebte? das nun gerade nicht; vielleicht ahnte ſie es nur erſt. Noch hielt der dritte Reif um ihr Herz⸗ War ſie eiferſüchtig auf Lady Vere? Was wußte ſie denn von Lady Vere? was hatte er ihr denn von ihr geſagt? O, ſo wenig! Clara Vere. 41 aber die Augen der Liebe ſehen ſcharf! und es wollte ihr nicht gefallen, daß ſie mit Lady Vere Georg's Unterricht theilen ſollte— es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß ſo etwas überhaupt auch nur möglich ſei. Und Georg? warpin war er heute gegen Helene aufmerkſamer und liebevoller, wie je? warum ſah er ſo forſchend in ihr liebes Ge⸗ ſicht, das heute ſo nachdenklich war? und warum fiel es ihm heute zum erſten Mgle auf, daß in ihrem warmen, ſonnigen Teint einige Sommerſproſſen ſich zeigten? warum war ihm ihr Auge nie ſo wun⸗ dervoll blau vorgekommen? O Helene hatte Recht: Georg würde noch viel lernen von Clara Vere. Sechstes Capitel. Auf Schloß Vere war nun Alles in das rechte Geleis gekommen. Die Pferde hatten ſich an die neuen Krippen gewöhnt; die Bedienten und Mägde verliefen ſich nicht mehr ſo oft in den langen Corridoren;. Lady Vere's Kammermädchen konnte ſchon Abends ohne Grauen die Bibliothek betreten; der große Raſenplatz war von dem Stroh ge⸗ ſäubert; der große Schrank war glücklich in das Studirzimmer des Lords geſchafft; Maurer und Zimmerleute, Maler und Tapezierer waren verſchwunden; die Lindenhecken und Taxuspyramiden in dem franzöſiſchen Garten waren friſch verſchnitten; die Sphinre und Sand⸗ ſteingötter hatten ein Bad genommen, oder ſich gar einen neuen An⸗ ſtrich müſſen gefallen laſſen, und ſchienen wie weiße Geſpenſter durch das Dunkel; Lord Vere erging ſich auf den graden, kiesbeſtreuten Wegen, und dachte darüber nach, ob er die prachtvolle runde Krone einer rieſigen Linde nicht noch nachträglich zu einer coloſſalen Pyramide verſchneiden könnte;— und Lady Vere, die die Zimmer der letzten Lady Vere, der Mutter des verſtorbenen Lords, bezogen hatte, dehnte ſich in den ungeheuren, mit abenteuerlichen Stickereien bezogenen Seſſeln, und betrachtete gähnend den bunten Papagei des Fuf— 42 Clara Vere. auf dem ihr ſchmaler Fuß ruhte.— Ach! wie das einſchläfernd war, dieſes ewige Blühen und Duften, dieſes raſtloſe Singen der Vögel, dieſes Summen und Schwirren der Inſecten, dieſer ewig blaue Himmel, dieſer ewige Sonnenſchein! Dieſe Welt war Lady Vere's nicht werth! und noch vier Wochen, bis ſich das Haus mit Gäſten füllte! Was iſt eine Herrſcherin ohne Unterthanen? und verlohnte es ſich der Mühe, über dieſe Menſchen zu herrſchen? Was war es ihr, daß die Diener leiſer auftraten, wenn ſie an ihren Zimmern vorbeikamen? daß das Lachen aufhörte und der Scherz verſtummte und die Leute in ſcheuer Ehrfurcht zu der blaſſen, prächtigen Dame aufſahen, wenn ſie an einer Gruppe Arbeiter im Park vorüberſchritt? daß der alte Lord wunderbar feierlich und geſetzt während der lang⸗ weiligen Mahlzeiten an ihrer Seite ſaß, während ſie doch wußte, daß er hinter ihrem Rücken ſich an harmloſen Scherzen mit ſeinem Keller⸗ meiſter, ja den Bedienten ſchadlos hielt, die er um Entſchuldigung bat, wenn er ſie einmal bemühen mußte? Was waren ihr die Huldi⸗ gungen, die ihr der kleine, gelehrte Paſtor weihte, dem zu einem vollendeten Höfling weniger der gute Wille, als die gute Schule fehlte, die er in ſeinem kleinen Dorfe freilich nicht hatte durchmachen können? was war es ihr, daß er Mylady's Sprachkenntniſſe bewunderte, My⸗ lady's feinen Geſchmack lobte— was bewunderte und lobte er auch nicht an der reichen Erbin? Sie hätte häßlich ſein können, wie die Sünde, oder dumm, wie Sr. Ehrwürden Gemahlin, die ſich dieſen Vorwurf und den ſchlimmeren der Armuth oft genug mußte gefallen laſſen— er würde ſie in Demuth angebetet haben. Für ſie gab es nur einen lichten Punkt in der ganzen Landſchaft, der es werth war, daß ihre ſtolzen Wimpern ſich vor ihm hoben, daß ihre ſchönen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten— es war der einzige, und ſie ſchätzte ihn demgemäß: die Koſtbarkeit der Dinge ſteigt mit ihrer Seltenheit. Es war nur eine Aushülfe, die ihr der Stunden Einerlei erträglich machen ſollte; aber vier Wochen ſind ſo lang— und ſchießt ja doch auch der Jäger eine nichtsnutzige Krähe, aus Verzweiflung, daß die Hühner nicht halten wollen! Es war nur eine ſchlechte, niedrige Jagd, aber es war doch Jagd; und wenn das Wild es auch nicht werth war, daß man es Clara Vere. 43 erlegte, ſo war es doch immerhin ganz unterhaltend, daß es ſchwer zu erlegen war, und durchaus nicht, wie es doch einem ſo dummen Vogel zugekommen wäre, ohne Weiteres in das Garn fliegen wollte, — ſo ſchwer, daß Diana zuletzt ganz eifrig wurde, als ihr ſilberner Bogen Pfeil auf Pfeil vergeblich verſchoß und faſt vergaß, wie ſich das für eine Göttin, die ſie doch war, eigentlich gar nicht zieme. Aber die mächtigſte Göttin iſt auch nur ein beleidigtes Weib, wenn es Jemand einfällt, ihrer Macht zu widerſtehen. Die Bibliothek war wieder in den alten Stand gebracht; die Bände ſtanden nach der Ordnung in den Schränken von Ebenholz; die Büſten hatten ihre rechte Stelle wiedergefunden; die Treppe, welche zu der kleinen Gallerie, die wohl urſprünglich für die Spiel⸗ leute beſtimmt war, hinaufführte, war, wie die Gallerie ſelbſt, und die Säulen, die ſie trugen, mit Epheu und anderen Schlinggewächſen zierlich umrankt; Lady Vere hatte die Wand durchbrechen laſſen, ſo daß ſie jetzt aus ihren Zimmern, ohne bemerkt zu werden, über einige Corridore, durch eine kleine Thür auf die Gallerie, und ſo in die Bibliothek gelangen konnte; der Balcon, der über dem Garten hing, war zu einem kleinen Gewächshauſe umgeſchaffen, und Lady Vere ſaß des Abends unter blühenden Sträuchen, und wunderte ſich, wie die Sonne es nicht müde werde, immer über ein und dieſelbe Land⸗ ſchaft ihren zauberiſchen Schimmer auszugießen. Die deutſchen Stunden hatten ihren Anfang genommen, und es war erſtaunlich, welche Fortſchritte Lady Vere machte. Helene, die doch wahrhaftig leicht genug faßte, war kaum in einem Vierteljahre ſo weit gekommen, als Lady Vere in acht Tagen. „So ſo, Sie geben Lady Vere Unterricht im Deutſchen, Herr Allen,“ ſagte Lord Vere,„das iſt recht!— eine ſehr ſchwere Sprache, ſehr ſchwer!— wie lange Zeit braucht man wohl, um eine Sprache zu lernen, Herr Allen? Lady Vere's Unterricht im Deutſchen hat ſchon manche Guinee gekoſtet! die gelehrteſten Profeſſoren, ſage ich Ihnen,— ſehr berühmte Leute— und ſehr theuer!“ „Ich kann ſtolz ſein,“ ſagte Georg lachend zu ſeiner talentvollen Schülerin, als ſie ſich in der Bibliothek das nächſte Mal wieder gegenüberſaßen,„daß Sie, nachdem ſolche ſtrahlende Lichter der — ———— 44 Clara Vere. Wiſſenſchaft Ihnen vorgeleuchtet, noch mir armen Irrlicht folgen mögen.“ „Ja,“ ſagte Lady Vere ruhig,—„ich wußte ſchon Manches; aber Alles wüſt und bunt durcheinander. Mußten doch in dem Chaos ſchon die Elemente liegen, ehe ſie das Wort des Schöpfers zu organi⸗ ſchen Gebilden band.“ „So hätte ich für die deutſche Welt, in der Sie ſich jetzt ſchon ſo heimiſch fühlen, das„Werde“ ausgeſprochen?“ „Ich weiß nicht, ob Ihr Unterricht methodiſcher iſt; aber das weiß ich, daß es ſich bei Ihnen beſſer lernt. Wenn Sie mir ein Gedicht leſen, verſtehe ich es auf der Stelle, es mochte mir vorher noch ſo dunkel ſein.“ Guter Georg! merkſt Du denn die Fäden des Netzes nicht, das man über Dich ausſpannt? aber die Götter haben gar wunderbare Gewehe, ſie ſind unzerreißbar, aber man ſieht ſie nicht. Lady Vere war in der kühlen Ruhe ihrer Leidenſchaftlichkeit einem wohlgeſchulten Fechter zu vergleichen. Glaubt ihr, er brenne nicht vor Begierde, den Gegner zu beſiegen, weil er nicht außer Athem kommt, weil er Tact hält und Maß, weil er die Sonne wohl beachtet? Glaubt ihr, daß ſeine Hiebe weniger gut gezielt ſind, weil ſie weniger raſſeln? und daß ſie nicht treffen, weil ſie nicht mit Ungeſtüm geführt werden? Lady Vere konnte eine Schmeichelei ſagen mit der Würde einer Königin, die ihren treuen Vaſallen lobt; und das ſtumpfſte, gleich⸗ gältigſte Wort zum haarſcharfen, gefiederten Pfeil umſchaffen, wenn ſie es mit einem ihrer wunderbaren Blicke begleitete. Es war faſt unmöglich, von dieſer beredten Sprache nicht er⸗ griffen zu werden, wie von dem Wohllaut der Chöre in den griechi⸗ ſchen Tragödien, deren Sinn auch der zu ahnen glaubt, der die Worte nicht verſteht. Georg konnte ſich nicht ſatt ſehen an dieſen Augen. Wenn ſie in einem Geſpräche über Kunſt und Poeſie ſo wunderbar aufflammten; wenn dann ein leiſes Roth über dies bleiche Geſicht ſpielte, wie das matte Frührothlicht eines Januarmorgens über ein Schneegefilde— er glaubte die Muſe vor ſich zu ſehen, die 3 Homer anruft im Beginn ſeiner unſterblichen Lieder, bald das lieb⸗ Clara Vere. 45 liche Mädchen, das die Heimkehr des Odyſſeus erzählt, bald das leidenſchaftliche Weib, das den Zorn des Peliden ſingt. Durfte Georg eitel ſein? galt ihm dieſer Blick? öffneten ſich nur für ihn dieſe beredten Lippen? hatte er einen Theil an dem erregteren Ton dieſer tiefen, weichen Stimme, in deren geheimnißvollen Klang er ſich Stunden lang in der Erinnerung verſenken konnte? Nichts berechtigte ihn zu einer Annahme, die ſeinem unbefangenen Weſen, dem ſehr wenig von eitler Selbſtgefälligkeit innewohnte, auch ſo ſchon fern genug lag. Lady Vere blieb in jedem Augenblicke die große, feine Dame; und wenn auch nur ihm gegenüber dieſes Marmorbild Leben bekam, ſo war es ja doch nur eine Gunſt des Zufalls, daß gerade er Zeuge ſein durfte ihrer reinen Begeiſterung, daß er ſich einen Zutritt erworben hatte zu dem Heiligthume, wo die ſchöne Be⸗ geiſterte betete, dem Tempel der Kunſt! Nein, er galt ihm nicht, dieſer Feuerblick! ſie ſchaute weit, weit weg über ihn hinaus in andere Regionen! Und doch, woher dieſe leidenſchaftliche Unruhe in ihm, die ſich nicht ziemt in den heiligen Hallen?— Mag doch das be⸗ geiſterte Auge der Prieſterin nur die Göttin ſchauen, iſt darum der Gläubige weniger in Gefahr, über der Prieſterin die Gottheit zu vergeſſen? Aber es war nicht nur auf dieſem Gebiete, daß ſich die Beiden trafen. Georg war auf ſeine Weiſe nicht weniger ſelbſtſüchtig, wie irgend ein Anderer. Seine Abſicht war, Lady Vere nach und nach für ſeine großen Pläne zu intereſſiren, um ſo mehr, als Lord Vere, obwohl in früheren Jahren ein eifriger Jäger, von der Forſtver⸗ waltung gar nichts verſtand, und durchaus nicht einzuſehen vermochte, warum die Natur nicht Alles ſelbſt beſorgen könnte, und wozu um Alles in der Welt die Arbeiter ſollten, die ſo ſchweres Geld koſteten. — Er ließ Georg freilich freie Hand, und hütete ſich wohl, ihm offen ſeine geheime Widerſpenſtigkeit zu zeigen; aber er entſchädigte ſich dafür, wie für Alles, was er in Gegenwart unterrichteter Perſonen verſchweigen mußte, durch bedeutſame Winke und lange Abhandlungen, die er darum wohl ſeinen vertrauten Dienern,— zu denen zu ge⸗ hören, auch der Paſtor es ſich zur Ehre ſchätzte,— zukommen kieß, weil ſie die Einzigen waren, die ihn verſtanden, oder doch wenigſtens 46 Clara Vere. gefällig genug waren, zu thun, als verſtänden ſie ihn.— Das nun kümmerte Georg weniger; aber er ſah bald, welchen Einfluß Lady Vere auf den ſchwachen Vater ausübte, und er ſuchte durch ihre Ver⸗ mittelung zu erreichen, was ihm ohne dieſe vielleicht nicht erreichbar geweſen wäre. Und überdies— ſollte Lady Vere nicht einſt die Herrin ſein, und konnte ſie zu früh lernen, wie viel von der Einſicht und dem guten Willen eines Herrn abhängt! Lady Vere ging auf Alles willig ein, und Georg konnte hier, wo keine berühmten Profeſſoren ihm vorgearbeitet hatten, mit vollem Rechte den glänzenden Verſtand und die Faſſungskraft der ſchönen Dame bewundern. Er mußte heimlich lächeln, wenn er ſah, mit wel⸗ chem Eifer ſie einige, in das Fach einſchlagende Werke, die er ihr hatte geben müſſen, ſtudirte, und er dann dachte, wie er Helene nie dazu hatte bringen können, auch nur eine Seite in dieſen Büchern zu leſen. Sie eilte dann wohl, wenn er von einer wiſſenſchaftlichen Einſicht in die Natur ſprach, an das Clavier und ſagte:„Kommen Sie, Georg, ich will Ihnen den Wald erklären, und ſein geheimniß⸗ volles, wunderbares Leben beſſer, als Sie es aus den dicken Büchern lernen können!“ und dann ſpielte ſie, daß Georg ſchweigend und ſtaunend zuhörte, und dann wandte ſie ſich mit leuchtenden Augen zu ihm, und fragte lächelnd:„Nun, Georg, was ſagen Sie, verſtehe ich den Wald?“„Sie verſtehen Alles,“ hatte ihr Georg geantwortet, „wenn auch auf Ihre Weiſe, und wenn Sie auch, was ſie verſtehen, auf Ihre eigne Art wiedergeben. Die Luftgeiſter ſind Ihre Freunde: die weben und rauſchen um die weite Erde, und kommen zu Ihnen und flüſtern Ihnen alle Geheimniſſe zu; und Sie, Sie geben dieſe Geheimniſſe wieder in den Tönen, die ſich ſuchen und fliehen, jubelnd ſich finden, klagend ſich trennen, und von Lieb' und Leid und Luſt ſo übervoll ſind, daß ſie kein Wort ſprechen können. Ihnen offenbart ſich die Welt im Ton und Klang, und Sie können Ihre innere Welt nur in Muſik überſetzen.“ Georg dachte an Helene, als er an Lady Vere's Seite durch die Wälder ritt, während Lord Vere und der Paſtor, wie zwei nohl gezogene Bediente in angemeſſener Entfernung hinter ihnen her⸗ trabten; ſie lange über Forſteultur geſprochen hatten, und Lady Vere Clara Vere. 47 jetzt, in den Ton ihrer ſonſtigen Unterhaltungen einlenkend, ſagte: „Wie melancholiſch iſt doch das einförmige Rauſchen des Nadelholzes, das der Natur unergründliches Geheimniß immer und immer wieder vor ſich hinmurmelt, und über dem unlösbaren Räthſel in tiefe Schwermuth verſinkt! Wohl hat das Laubholz eine viel articulirtere und beredtere Sprache: es flüſtert und ziſchelt und wispert, und dann erhebt es die Stimme, und es iſt, als nehme es jetzt einen Auf⸗ ſchwung, um aus tiefſter Bruſt herauszuſchreien, was es bedeutet und will— aber es kann's doch auch nicht— und ſchüttelt das Haupt, und ſeufzt und flüſtert weiter. Nein! es iſt nichts mit dieſer Muſik des Waldes, wie mit aller Muſik! Erſt in dem Wort des Menſchen offenbart ſich der Geiſt der Natur ganz; überall ſonſt verſucht er es nur: Gott iſt das Wort!“ Clara Vere verſtand nichts von Muſik; und ſie glich auch darin dem antiken Geiſte, daß die Plaſtik vernehmlicher zu ihr ſprach, als die Malerei, und ſie in der Malerei wiederum mehr auf die Zeich⸗ nung, als auf das Colorit ſah. Sie, die ſo fein in einem Drama den räthſelhafteſten Charakter zu entwickeln verſtand,— das Reich des Tons war ihr verſchloſſen; und ſie hatte die ſchönen Brauen ver⸗ ächtlich und unwillig zuſammengezogen, als ſie einſt in der Lectüre des Kaufmann von Venedig an jene bekannte Stelle kamen, wo Shakeſpeare ſein zermalmendes Urtheil ſpricht über die:„die nicht die Eintracht ſüßer Töne lockt.“ Siebentes Capitel. Die Spazierritte im Park, und weiter in den Wäldern, waren jetzt keine Seltenheit. Georg hatte ihr ſo viel zu zeigen, Lady Vere war ſo begierig, ihre Beſitzungen kennen zu lernen,— Georg kam faſt nicht von dem Schloſſe und jagte ſeine beiden ſchönen Pferde, die ihm ſein Lord vor der Abreiſe als Füllen geſchenkt, und die er ſelbſt nach ſeiner Rückkehr zugeritten, und oft noch ein drittes aus 48 Clara Vere. den Ställen des Lords, der ihm ſeinen ganzen Marſtall bereitwilligſt zur Verfügung geſtellt hatte, tagtäglich müde, wie weiland der nor⸗ diſche Alexander, dem er in der Zähigkeit und Unermüdlichkeit ſeiner eiſernen Natur glich. Vielleicht war etwas Unnatürliches in dieſer Spannung aller Kräfte, in dieſer fieberhaften Raſtloſigkeit!— Es war doch wohl etwas Gift in dem Becher, den ihn die Göttin in der kühlen Grotte trinken ließ, wenn auch der Zauber der Wunderblume, die ihm im einſamen Waldthale blühte, und die Menſchen und Götter ein reines Weib nennen, kräftiglich widerſtand. Ach! er wußte nichts von ſeinen Vorgängern; nichts von dem Giftbecher, den er trank; nichts von der Blume, die der Finger des Gottes berührt hat er war ein ſo kläglicher Neuling in der Liebe, daß er Clara Vere anbetete, und es nicht einmal ahnte!— Georg hatte es nicht gelernt, mit ſeinen Gefühlen zu ſpielen, und mit jeder wärmeren Empfindung ſelbſtgefällig zu liebäugeln. Seine Seele war wie ein reiner, friſch⸗ gefallener Schnee, in dem nicht ſchon Jeder beliebig ſeine Spur ab⸗ gedrückt hat. In dieſem Feuergeiſt konnte eine Leidenſchaft wüthen, und er wußte es ſo wenig, wie der Krieger im heißen Kampfgewühl der ſchweren Wunde achtet, bis ein ſtechender Schmerz ihn jäh durch⸗ zuckt, bis ſein Arm plötzlich erlahmt, und er erbleichend ſieht, daß er mit ſeinem eigenen Blute überſtrömt iſt.— In dieſer ſeiner Natur war er ſich ſelbſt nur ein Räthſel; täuſchte er faſt die kluge Lady Vere, die mit Erſtaunen ſah, wie dieſe Rieſennatur dem Gifte wider⸗ ſtand, die ſich in ſeine Unbefangenheit nicht zu finden wußte, die nicht begreifen konnte, wie Auge noch ſo kühn und frei um ſich ſchauen könne, auch nicht die leiſeſte Spur von Verwirrung ſich in ihm zeige, und im Anfang faſt an ihrer Kunſt verzweifelte, weil die Kennzeichen an dieſem Sohn des Waldes anders auftraten, als bei den girrenden Schäfern, die bisher zu ihren Füßen gelegen hatten— und nur ein treues Herz täuſchte ſich nicht! Der Hochſommer in all ſeiner herrlichen Pracht lag jetzt auf Berg und Thal, auf Flur und Wald, und Hochſommer war es in Georg's Herzen. Ob er liebte, das wußte er nicht; aber, daß ihm das Leben noch nie ſo wunderbar herrlich, ſo lebenswerth erſchienen war,— das fühlte er. Clara Vere. 49 Er bedurfte beinahe weder Speiſe noch Trank noch Schlaf: ſein Leben ſchien ſich aus ſich ſelbſt zu erhalten, wie das der Cicade. Und dabei waren ſeiner Arbeiten nicht wenige; aber ſie genügten ihm noch nicht. Er ermunterte die Arbeiter zu regerem Fleiß; er band das Pferd feſt, und legte ſelbſt Hand an— er wußte nicht, wie er die üppige Kraft austoben ſollte. Ja, auf einige Tage, wo er Auctionen in dem Forſte abzuhalten hatte, konnte er nicht einmal auf das Schloß kommen. Es war ein eigener Zufall, daß er Lady Vere ſchon am zweiten Tage im Walde begegnete.— Ihr ſchwarzer Renner war mit Schaum bedeckt; ſie hatte offenbar einen weiten und ſchnellen Ritt gemacht; und ſie ſah bleicher aus wie gewöhnlich— eine lebhafte Bewegung machte ſie immer blaſſer— aber ihr Auge blickte verſengender, wie je. Sie ritten eine Zeit lang ſchweigend nehen einander. „Sagen Sie, Herr Allen,“ begann Lady Vere,„kann Sie dieſe Thätigkeit ausfüllen? Winken Ihnen nicht ſchönere Kränze? Ich kann es nicht begreifen, daß Sie mit Ihren Gaben, Ihren Verbin⸗ dungen ſich hier beruhigen, während Sie in einer höheren Sphäre glänzen könnten. Der Ehrgeiz iſt dem begabten Manne ſo natürlich — iſt er es doch ſchon der begabten Frau! Es iſt mir ein Räthſel, daß Sie nicht ehrgeizig ſind, oder— Sie ſcheinen es wenigſten nicht zu ſein!“ „Was iſt Ehrgeiz,“ antwortete Georg,„wenn es nicht das Ver⸗ langen iſt, ſo voll, ſo mächtig zu leben, wie es eben in den Grenzen unſerer Natur möglich iſt?! In dieſem Sinne bin ich ehrgeizig, wenn Sie wollen; in einem anderen Sinne nicht. Warum buhlen die Menſchen um die Gunſt der Menge, als weil ſie nicht glauben, auf dem rechten Wege zu ſein, wenn ihnen nicht tauſend Stimmen zu⸗ rufen:„du biſt's!“— als weil ſie an ihrem eigenen Daſein zweifeln, wenn ſie ſich nicht in der Bewunderung der Leute beſpiegeln können!“ „So verachten Sie die Stimme des Volks, Herr Allen?“ „Ich fürchte ſie mehr, als ich ſie verachte. Des Volkes Stimme, ſagt man, iſt Gottes Stimme; im Großen und Ganzen gewiß, wenn man ſie hört, ich möchte fagen, wie Adam; von fern; wie ſie in der Geſchichte ſo ergreifend ſpricht; wie ſie der Denker vernimmt, wenn Fr. Spielhagen's Werke. V. 4 Clara Vere. er dem Herzſchlage ſeines Jahrhunderts lauſcht. Aber in der Nähe iſt dieſe Stimme verworren und dunkel, und ich glaube, hier ſpricht Gott vernehmlicher in der Bruſt jedes Einzelnen.“ „Glauben Sie, daß die Geſchichte einen Cäſar, einen Alexander, einen Napoleon aufzuweiſen hätte, wenn Alle ſo gedacht hätten, wie Sie?“ „Vielleicht nicht! Aber wäre die Menſchheit dann ärmer? Es fällt mir nicht ein, mit dem Weltgeiſt rechten zu wollen; aber ſagen Sie ſelbſt, Mylady: können wir in der Geſchichte dieſer und anderer Männer nicht faſt mit Fingern auf den Zeitpunkt weiſen, wo ſie durch dieſelbe Stimme des Volks, die immerhin ihre Tugenden üppig mag entfaltet haben, ſich zu Thorheiten, ja Verbrechen verleiten ließen? wo ſie, wie Gvethe's Zauberlehrling, dem Weben der finſteren Mächte, die ſie ſelbſt heraufbeſchworen, nicht mehr Stillſtand gebieten konnten? wo die Herrſcher wiederum beherrſcht wurden? Ich erinnere Sie nur an Cromwelll“ „Mag ſein,“ erwiederte Lady Vere,„aber ich für mein Theil, habe die Alexander lieber, als die Diogenes.“ „Jeder Menſch, Lady Vere, kann in ſeinem Innern ein Alexander ſein! Es liegen in einem Jeden von uns unendliche Reiche, die er, ein geiſtiger Alexander, durchziehend erobern kann! Ja, in dieſem Sich verſenken in das Weſen der Dinge, in dem Ringen mit ihrer geheim⸗ nißvollen Natur, in dem Ausgleichen des gordiſchen Knotens der Widerſprüche, liegt ein unendlicher Reiz! Das erzeugt die namenloſe Sehnſucht, die den Buſen des macedoniſchen Helden geſchwellt haben muß! Wehe dem Feigen, der eher umkehrt, als bis ihn der Abfall ſeines Heers,— das Abnehmen ſeiner Kräfte— das Mal am Indus aufzurichten befiehlt! Glücklich der, der mit dem Steine, der die Marke ſeines Siegeszuges bezeichnet, zugleich ſein Todtenmal errichtet!“ Georg ſprach dies erregt, faſt leidenſchaftlich. Es war ihm, als ritte der alte Lord wieder an ſeiner Seite, als ritte er ſelbſt zwiſchen ihm und Lady Vere, als lege der alte Mann ihm ſeine Hand auf die Schulter, wie er es im Reiten zu thun pflegte, als ſchaute er ihn freundlich und ernſt an, als ſpräche er wieder:„Georg, ich gehe nicht ein, was uns daran verhindern ſollte, Schuhflicker zu werden, Clara Vere. 51 wenn uns der Schuhflicker nicht verhindert, ein Hans Sachs, oder Jacob Böhme zu ſein!“ Lady Vere theilte dieſen hochſinnigen Ehrgeiz nicht; aber ſie konnte ihn begreifen, wie ſo ziemlich Alles, was die Menſchenbruſt bewegt. Ihr Ehrgeiz war, zu herrſchen und angebetet zu ſein; das war das Opium, deſſen betäubende Kraft ihr dieſe öde Welt erträg⸗ lich machte. Auch dies Geſpräch hatte wiederum, wie ſchon ſo manches frühere, eine andere Wendung genommen, als Clara Vere beab⸗ ſichtigte. Eine rein perſönliche Frage machte Georg zu einer allgemeinen. Was hatte Lady Vere damit gemeint, daß er nicht ehrgeizig ſei? oder that es ihr wirklich leid, daß dieſer Mann nicht ein Herzog war, oder ein großer Staatsmann, oder Krieger? Lady Vere wäre Attilas Gemahlin geworden, wenn ſich mit dem Hunnenkönig die Welt, die er beherrſchte, ihr zu Füßen geworfen hätte. „Und glauben Sie, Muylady,“ ſagte Georg einlenkend,„daß die Arbeit, in der Sie mich ſehen, nicht Mannesarbeit iſt, und eines Mannes werth? Sie haben ja ſelbſt mit Intereſſe dieſem geſchäftigen Treiben zugeſchaut. Es iſt Ihnen nicht entgangen, wie hier ſo vieles von einer guten Leitung abhängt; wie ich für das Schickſal mehr als einer Familie verantwortlich bin. Dieſes friſche, thätige Leben ſagt meiner Natur zu; dieſe rauſchenden Wälder ſind mir theuer, wie dem Schiffer ſein wogendes Meer. Ich habe mich oft nach den Urwäldern von America geſehnt; in mir iſt etwas von der ſchweifenden Natur des Indianers, und doch hätte ich keinem Herrſcher lieber gedient, als dem deutſchen Kaiſer Heinrich, dem Städtebauer! Glauben Sie, Mylady, das Leben iſt in ſich ſelbſt ſchon ein unſchätzbares Gut! Leben heißt: thätig ſein; glücklich leben heißt: thätig ſein in den Grenzen ſeiner Kräfte, freilich aber auch bis an die Grenze ſeiner Kräfte.“ „Und doch iſt es nicht möglich,“ dachte Lady Vere,„daß dieſer Mann, der eine Welt erobern könnte, ſich in dieſer Wüſte gefiele, wenn ihn nicht ein beſonderer Magnet hier feſthielte.“ Sie hatte ſchon oft an Helene Locksley gedacht, obgleich ſie es jetzt vermied, von ihr zu ſprechen. Sie fürchtete, daß Helene ihr im 4* 52 Clara Vere. Wege ſtand, und haßte die arme Unſchuldige und Unbekannte dem⸗ gemäß, wie der Menſch das haßt, was zwiſchen ihm ſteht und ſeiner Luſt. Sie malte ſich ihr Bild mit den reizendſten Farben aus, und zerriß das Bild, wenn es fertig war, in Stücke und warf es ver⸗ ächtlich bei Seite. Sie mußte dem Verhältniß zwiſchen Georg und Helene auf den Grund kommen; ſie mußte Helene ſehen; ſie mußte ſich mit eigenen Augen überzeugen, ob ſie an ihr eine Nebenbuhlerin habe, oder nicht.— Was war es ihr, daß ſie hier vielleicht ein ſtilles Glück mit frecher Hand zerſtörte? was kümmerte ſie das arme Haide⸗ blümchen, das ihr ſtolzer Fuß zertrat! Dieſe Familie war auf ſon⸗ derbare Weiſe in ihr Leben verflochten; es ſchien, als ob das Schickſal derſelben ſei, von dem Wagen der Göttin gerädert zu werden. Sie dachte an den Tod des alten Locksley, und vielleicht noch an ein anderes Grab. Aber kamen nicht in mancher Tragödie noch mehr böſe, inter⸗ eſſante Fälle vor? und hatte ſie darüber ja auch nur mit der Wimper gezuckt! und was war das Leben anders, als ein Schauſpiel, auf⸗ geführt zu Ehren und zum ausſchließlichen Vergnügen der Laby Vere de Vere? „Gewiß,“ ſagte ſie,„ich begreife jetzt Ihre Anhänglichkeit an eine Stelle, die Ihre Heimath iſt in jedem Sinn. Hier wurzeln Sie feſt, wie die Eiche dort. Hier, in dieſen Wäldern haben Sie die ſchönſten Jahre Ihres Lebens verlebt; hier haben Sie, wie Sie mir ſelbſt ſagten, in Lord Vere den beſten Freund gefunden; und hier wohnen ja auch noch die, die Ihnen das Liebſte ſein müſſen auf Erden. Die liebe Helene! Wie gern ſähe ich ſie! Wie leid thut es mir, daß Frau Locksley ihren freilich gerechten Schmerz um ihres Gatten Tod uns büßen läßt, und ſich ſelbſt, und ſomit faſt auch der Tochter unſer Haus verſchloſſen hat. Ach! und Schloß Vere iſt ein ſo trauriger Aufenthalt, und bevarf ſo ſehr freundlicher Geſichter, die Einſamkeit zu beleben! Wie angenehm denke ich mir ein vertrautes Verhältniß mit dem ſchönen Mädchen! Ich bin überzeugt, wir würden Freun⸗ dinnen ſein.“ So menſchlich theilnehmend, ſo weich hatte Georg die ſtolze Lady noch nie geſehen; und als ſie jetzt die dunkeln Wimpern hob, und in ihrem großen Auge, das ihn ſo voll und freundlich anſah, ein feuchter Clara Vere. 53 Schimmer, faſt wie eine Thräne, ſichtbar war— da war es ihm, als ob das Gefühl, welches ihn in dieſem Augenblicke mit ſchau⸗ dernder Wonne erfüllte, denn doch wohl ein innigeres ſei, als bloße kalte Bewunderung. Lag nicht in dieſem weichen, traurigen Ton die Klage eines ſtolzen, einſamen Geiſtes, der ſich nach der Geſellſchaft anderer Geiſter ſehnt? Die Göttin war herabgeſtiegen aus ihrer kalten Höhe zu den Menſchen, und hatte angepocht an ihre Hütten und geſagt: laßt die ſtaunende Anbetung, und liebt mich! liebe ich ja doch euch!— Jetzt ſprach auf einmal in ihm vernehmlich eine Stimme:„du liebſt ſie!“ und eine leiſere Stimme flüſterte ihm zu:„und ſie liebt dich!“— Georg ritt mit Lady Vere auf das Schloß; er blieb bis zum Dunkel. Sie war heute ſo gut, ſo lieb! wie laue Wellen umſpielte es ſeine ſich dehnende Bruſt; wie Sirenengeſang lockte es ihm in dieſen weichen, warmen Tönen, die ihn umkoſten, wie ein ſanfter Abendwind, der über die Haide rauſcht, mit der Ginſterblume flüſtert— und als er endlich ſchied, mit dem Verſprechen, Alles zu verſuchen, ob er Helene zu ihr auf's Schloß bringen könne, da konnte er ſich nicht enthalten, ihre ſchöne Hand, die ſie ihm zum Abſchied reichte, an ſeine Lippen zu preſſen. Armer Georg! keinen Schritt weiter in dieſe lüſterne, gaukelnde, finnverwirrende Feenwelt! Zurück in den grünen Wald, wo die Amſel ſchlägt, und die friſche Waldluft deine heiße Stirne kühlt. Denke an den Schauſpieler, deſſen Auge auch feucht war von Thränen! Was war ihm Hekuba! Achtes Capitel. Während Lady Vere ihre Rolle immer beſſer ſpielte, und ſich von Tag zu Tag mehr für ſie begeiſterte; während Georg die Wonne, die er fühlte, mit ſeinem Herzblut bezahlte,— waren die ſonnigen 54 Clara Vere. Tage ſtill und traurig über das Haus im Walde hingezogen. Die Nelken im Garten dufteten noch, wie vorher; die Sonne ging noch ſo freundlich auf, wie vorher, und glitzerte in den hellen Thautropfen auf den duftenden Büſchen; die Vögel ſangen ihre einförmigen Waldes⸗ lieder noch ſo munter, wie vorher— aber es war doch Alles ſo anders, ſo ganz anders!— Wenn unſere Seele erfüllt iſt von irgend einem traurigen oder heitern Gedanken, hat ſie ihr eigenes Licht, und die Natur kann nur als Folie dienen: ein ſonniger Tag uns heiterer ſtimmen, wenn wir heiter; ein regneriſcher trauriger, wenn wir traurig ſind. Sonſt jubelt das freudetrunkene Herz dem rauhen Winterſturm entgegen, und es giebt Augenblicke, wo der wonnigſte Maimorgen uns nur ein ſchmerzliches Lächeln entlocken kann, wie der wohlgemeinte Zuſpruch eines guten Freundes, wenn unſer Herz zum Tode betrübt iſt.— Helene war betrübt bis zum Tode; und doch war ſie auch wieder ſo ſelig. Jetzt war der dritte Reif um ihr treues Herz ge⸗ ſprungen; jetzt wußte ſie, daß ſie Georg liebte; aber ihre Liebe war in Schmerzen geboren, und ſie lächelte ihr Schmerzenskind durch Thränen an.— Der Menſch weiß nicht, wie ſüß die Freiheit iſt, als bis er die Schwalben draußen vor dem Gitter ſeines Gefängniſſes zwitſchern hört, und nicht, wie ſehr er den Freund geliebt hat, als bis in der Trennungsſtunde.— In Helenens Herzen wogte jetzt dieſes aus Leid und Luſt wunder⸗ bar gemiſchte Gefühl. Ihr Buſen hob ſich in dem ſchaudernden Ent⸗ zücken, in der unausſprechlichen Seligkeit einer ernſten, reinen Liebe; und ein banger Seufzer zitterte nach, wie ſie ſah, daß der Liebling ihres Herzens ihr ſollte entriſſen werden. Dieſe Furcht hatte ihre Liebe gezeitigt, und das Bewußtſein, wie unausſprechlich ſie Georg liebe, machte dieſe Furcht zur ſchmerzlichen Gewißheit.— Sie ſah Georgs Leidenſchaft lange, ehe er ſelbſt ihrer inne wurde: ſollte die Liebe nicht wiſſen, wie Liebe ſich äußert? Sie las ſie zu deutlich in ſeinem glänzenden Blick; ſie hörte ſie heraus aus jedem Wort; ſie ſah ſie in ſeinem wilden ſtürmiſchen Weſen, in ſeiner Ungeduld, ſeiner Raſtloſigkeit.— Ja, ſein Schritt war anders, wenn er kam, oder ging, wenn er noch ſpät in der Nacht in ſeinem Zimmer auf⸗ und abwandelte. Er war ſonſt immer langſam vom Hauſe fortgeritten— — Clara Vere. 55 er hatte noch mehr wie einmal über die Schulter zu ihr zurückgeſehen, und ihr freundlich zugenickt, ehe er im Holze verſchwand— jetzt ſaß er auf, und ſprengte davon, als ginge es um Leben und Tod, und wenn er nach Hauſe kam, war das Pferd mit Schaum bedeckt. Nicht daß Georg weniger liebevoll geweſen wäre,— er war es vielleicht mehr wie je— aber ſeine Zärtlichkeit erſchreckte ſie; ſie bebte davor zurück, wie vor fremdem Gut. Wenn er jetzt ihre Hand er⸗ griff und küßte, ſo zog ſie dieſelbe zitternd zurück, und eine brennende Röthe flog über ihre Wangen; eine Thräne, beinahe des Zorns, zuckte in ihren Wimpern, und der Kuß brannte auf ihrer Hand— ſie fühlte ihn noch lange nachher. Sie vermied ſorgfältig all die kleinen unſchuldigen Vertraulichkeiten, denen ſie ſich früher in ihrem täglichen Verkehr ſo ſorglos überlaſſen hatte.— Aber vielleicht that ſie Georg doch hierin Unrecht. Wenn er ſie jetzt ſo liebevoll anblickte; wenn ſeine Stimme beim Geſang noch inniger wie früher mit der ihrigen verſchmolz; wenn er tauſend neue kleine Aufmerkſamkeiten auf einmal gelernt hatte,— und er hatte ſie doch ſchon vorher auf Händen getragen, und behütet wie ſeinen Augapfel— war das nur der Abglanz ſeiner Liebe, wie, wenn die Wolken im Weſten bei Sonnen⸗ untergang in brennende Farben getaucht ſind, oft auch der bleiche Oſten in ihrem Wiederſchein, wie in Frührothlicht erglänzt?— Er liebte ſie wirklich inniger denn je; nicht, wie ein Menſch, wenn er ſein großes Loos in der Lotterie der Liebe gezogen, den Nachbar, den er früher kaum gegrüßt, feurig umarmt, als wäre es ſein Buſen⸗ freund.— Es iſt eine wunderliche Sympathie in den verſchiedenen Theilen unſers Organismus: wir ſind in den einen Finger verwundet und die Nerven im Nebenfinger zucken mit, daß wir kaum noch wiſſen, welches denn eigentlich der urſprünglich verwundete iſt; und wenn ein Gedanke oder eine Empfindung uns hoch emporhebt, ſchweben Brüder und Schweſtern mit empor, wie der große Corſe, als er Kaiſer wurde, ſeine Verwandten zu Königen und Königinnen machte.— Ja, als ob er Lady Vere nur liebte, um zu lernen, welche Liebe er Helene ſchuldig ſei— er liebte in dieſem Augenblicke Helene ſo gut, wie Lady Vere, und vielleicht beſſer wie Lady Vere— und als er ſich über ſeine Liebe zu der letzteren klar ward, war es auch mit der Illu⸗ 56 Clara Vere. ſion der Bruderliebe für ihn vorbei, und es war vorauszuſehen, daß, wie auch die Würfel fallen mochten, das leidenſchaftsloſe Verhältniß zwiſchen dieſen Beiden für die Zukunft eine Unmöglichkeit war, wie der Frieden des Paradieſes für immer hinter dem Menſchen liegt, wenn er einmal vom Baume der Erkenntniß gekoſtet hat. Warum ſprach Georg nach den erſten Tagen ohne eine beſtimmte Abſicht ſelten zu Helene von Lady Vere? warum vertraute er ihr ſein großes Geheimniß nicht, als er es erfahren, ihr, die ſonſt Alles mit ihm theilte? Hätte er eine geliebte Schweſter auch ſo kärglich abgeſpeiſt, und aus ſeinem Herzensrath entlaſſen, in dem ſie früher als ſeine innigſte Vertraute und beſte Rathgeberin geſeſſen? Und warum bebte er ſeit dem Augenblicke, wo er die Hälfte ſeines Lebens darum hätte hingeben können, Lady Vere's Hand an ſeine Lippen preſſen zu dürfen, vor einer Berührung mit Helene zurück faſt eben ſo ſcheu und zaghaft, wie ſie ſelbſt? Ja, Helenens verändertes Weſen hatte ihn zuerſt auf ſeine Liebe zu Lady Vere aufmerkſam gemacht, indem es ihn zum Nachdenken über ſich ſelbſt nöthigte; und in dem Moment wußte er, daß er Lady Vere liebte, als ſie, über Helene ſprechend, in Blick und Ton etwas von dieſer hatte, als das Bild der ſtolzen Lady und das des anſpruchsloſen Mädchens in einander floſſen; er die künſtliche Blume für die natürliche hielt und ihren Duft einzuathmen glaubte, weil er denſelben ſchon ſo oft im blühenden Garten mit Entzücken eingeſogen. Gerade die Sicherheit ſeiner Natur, ſeine gänzliche Freiheit von eitler Beſpiegelungsſucht, ſeine Unfähigkeit, über ſich ſelbſt lange zu reflectiren, und ſeine Gefühle mikroskopiſch zu zergliedern, machten ihn hier unſicher, und ließen ihn in eine Lage kommen, in die ein kälterer Kopf nie gerathen wäre, der die erſprießliche Kunſt beſitzt, ſeine Gefühle zu Buch zu bringen, und der euch mit mathematiſcher Genauigkeit angeben kann, wie die Courſe ſeiner Herzensangelegen⸗ heiten ſtehen. Dieſe beiden Frauen repräſentirten die beiden Seiten ſeiner Na⸗ tur: er kniete in Andacht vor der ſchönen Statue, und ſtreckte die Arme verlangend nach dem holden Weſen aus, das voll warmen Lebens ihm entgegen athmete. Und wie die Kunſt das Leben wohl Clara Vere. 57 verſchönert, und wir doch nur durch das Leben erſt zur Kunſt kommen, ſo liebte er in Lady Vere ein erhöhtes Daſein, und es war doch wohl nur Helene, die er in Lady Vere liebte.— Ja, die Gebilde der Kunſt leben— aber das Leben der ſeligen Götter. Das niedere Fußgeſtell, auf dem ſie ſtehen, iſt ein Olymp, der ſie hoch über die Niederungen der Menſchheit hinaufrückt in den reinen Aether. In ihren Adern rinnt kein Blut; Milch und Honig, die hier unten in dem gelobten Lande fließen, iſt für ſie zu grobe Koſt; der Sterbliche nimmt nicht ungeſtraft Theil an ihren Göttermahlen; Ambroſia und Nectar wird ihm Gift; ſelten brachten die Götter etwas Anderes wie Verderben, wenn ſie ſich den Sterblichen in Liebe geſellten, und wenn alle friedlich herniederſteigen zu den Feſten der Menſchen, ſo iſt auch Eris in ihrem Gefolge. Darum bete zu den Göttern, und liebe die Menſchen!— Helene war zu gut und rein, als daß mit der Liebe auch Haß und Rache und die ganze Schaar böſer Geiſter in ihr Herz hätten ein⸗ ziehen können, als ſie ſah, wie Georg von Tag zu Tag ſich mehr in ſeine Leidenſchaft verſtrickte; aber ſie war auch nicht eine ſolche Lamm⸗ natur, die Alles geduldig über ſich ergehen läßt, und noch dem rauhen Winde Dank weiß, daß er nicht unfanfter mit ihr verfuhr. Es lebte in ihr eine felſenfeſte Gewißheit, daß Georg ihr gehöre, und nur ihr. Sie hatte ſich in den langen Jahren durch die vielen Berüh⸗ rungen ſo in ihn hineingelebt, ſie kannte ihn ſo gut, von ſeinen ſchönen Eigenſchaften bis zu ſeinen kleinſten Schwächen, daß ſie jetzt, in der Neuheit ihrer Liebe, das Recht der lange verheiratheten Frau bean⸗ ſpruchen konnte, die den geliebten Gatten vor einer neuen, glänzenden Erſcheinung geblendet ſieht,— es kann ſie betrüben, ſchmerzen— aber nicht irre machen; und als Georg heute von Schloß Vere zurück⸗ kam, als ſie in ſeinem Geſichte las, daß ſich etwas ereignet haben mußte, und er jetzt am Fenſter ſtand, und ſchweigend in die Nacht hinaus nach der Gegend ſah, wo Schloß Vere im Thale lag— da war es wohl ein edler Zorn, der ihr dieſe Thräne in's Auge trieb, der ihr die kleinen Zähne ůber einander preßte, der ſie leiſe ſprechen ließ:„ſie kann ihn doch nicht ſo lieben, wie ich, und ſo verſtehen, wie ich! Sie mag mit Engelzungen reden, und ſelber ein Engel vom Himmel ſein— ſie liebt ihn doch nicht ſo, wie ich!“ Es be⸗ Clara Vere. mächtigte ſich ihrer die alte, kecke Laune; es kam ihr ſo thöricht vor, daß Georg daſtand, und in die weite Ferne hineinſtarrte, und ſich doch nur umzuſehen brauchte, um zu finden, was ihm fehlte. Sie wußte, daß er auf dem Schloſſe geweſen war; ſie hätte die Zeit angeben können, faſt auf die Minute, die er dort zugebracht hatte; doch ſagte ſie:„Armer Georg, Sie haben heute gewiß viel Un⸗ annehmlichkeiten gehabt, daß Sie ſo ſpät kommen, und ſo finſter ſehen.“ „Ich bin auf dem Schloſſe geweſen,“ ſagte Georg, ſich umwendend. „Auf dem Schloſſe! Ich denke, Sie geben Lady Vere nur zwei⸗ mal in der Woche Unterricht, und das nicht am Sonnabend.“ „Sind es denn nur die Stunden, die mich auf das Schloß führen? Habe ich nicht ſo viel mit Lord Vere zu beſprechen?“ „Wie weit ſind Sie mit ihr im Deutſchen, Georg? lernt ſie fleißig? macht Ihnen der Unterricht viel Vergnügen?“ „Ja, Helene, Lady Vere iſt ein bedeutendes Talent“— „Und Zeit muß ſie ja auch im Ueberfluß haben. Sagen Sie, Georg, können Sie ſich Lady Vere mit einer Handarbeit beſchäftigt denken, wie uns andre gewöhnliche Sterbliche?“ „Es iſt mir genug, daß ich ſie mir in der Betrachtung eines Raphael verſunken vorſtellen kann.— Es hat ja Jeder ſeinen Ge⸗ ſchmack und ſeine Fähigkeiten, liebe Helene.“ Der freundlich ſcherzende Ton, in dem Helene geſprochen hatte, gefiel Georg nicht. War es nicht ihr gewöhnlicher Ton, oder war er nur jetzt ein Mißklang in ſeiner weichen Stimmung— oder kam ihm die Gele⸗ genheit gerade recht, Helene etwas übel nehmen zu können? Der Menſch iſt ſo unendlich erfinderiſch, wenn es darauf ankommt, ſein Unrecht zu beſchönigen; ſich beleidigt zu glauben, um ungeſtraft belei⸗ digen zu können, verrathen, um ſelbſt zum Verräther zu werden. „Sie machen nun vollends, daß ich mir Lady Vere nicht anders denken kann, als vor einer großen Staffelei beſchäftigt, oder wohl gar mit einem Meißel in der Hand an einem Marmorblock.“ „Sie ſagten neulich, ich würde noch Manches von Clara Vere lernen;— auch Sie, Helene, hätten von ihr lernen können, weniger lieblos von der zu ſprechen, die man nicht kennt!“ Clara Vere. 59 „Haben Sie das auch von ihr gelernt, der ohne Urſache wehe zu thun, die Ihnen nie etwas zu Leide that?“ „Ich wollte Sie bitten, mit mir Lady Vere zu beſuchen,“ fuhr Georg fort, ohne auf dieſe Unterbrechung zu hören, oder die Thräne zu beachten, die Helenen im Auge ſtand,„aber ich ſehe, daß die Liebe, die ſie Ihnen entgegenbringt, übel angebracht iſt, und wenig Aufmunterung von Ihrer Seite erſahren würde. Ich will ihr den Schmerz erſparen, ſich zurückgewieſen zu ſehen, und Sie der Ver⸗ legenheit überheben, zurückweiſen zu müſſen.“ Georg wandte ſich kurz und ging auf ſein Zimmer. Helene ſah ihm nach, und die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen. Ol ſie hatte ihren Uebermuth theuer bezahlt! So hatte er nie mit ihr geſprochen, nie! nie! Sie warf ſich in den Lehnſtuhl ihrer Mutter und drückte den Kopf in die Kiſſen, ihr lautes Weinen zu erſticken.— Eine Hand legte ſich ſanft auf ihr Haupt; ſie ſah durch ihre Thränen hindurch ihrer Mutter ernſtes Geſicht ſich zu ihr nieder⸗ beugen; ſie ſtreckte die Arme nach der Mutter aus; ſie zog ſie zu ſich auf den Stuhl, ſie verbarg ihr Geſicht an der treuen Bruſt, und weinte da ihren Schmerz aus. Es war ein wunderbares Bild; die Mutter mit den grauen Haaren und die blonde Tochter! Dieſes bleiche, kummervolle Geſicht, in das das Leben ſo tiefe Furchen gezogen— die eingefallenen Augen trocken, als hätten ſie keine Thränen mehr zu vergießen— und hier das von heißer Leidenſchaft geröthete, thränenbenetzte, jugendliche Antlitz!— Um der Mutter bleiche Lippen ſchwebte ein mildes Lächeln, ein Lächeln, ſo voll unbeſchreiblichen Mitleids, ſo voll unſäglicher Güte! Sie ſtreichelte ſanft ihrer Tochter blonde Locken, ſie wiegte ihr Haupt an ihrer Bruſt, ſie flüſterte ihr leiſe zu, als wenn ſie ein Kind in den Schlaf redete:„Still, armes Herz, ſtill! Er ſoll dein ſein, ganz dein! Er iſt gut und fromm: die Böſen haben keine Macht über ihn. Er iſt nicht ſchwäch, nur die Schwachen werden der ſchlim⸗ men Argliſt Beute. Er iſt ſtark— er wird die Bande zerreißen, wie Samſon. Der Herr zerſchlägt die Köpfe der Drachen im Waſſer, der Herr iſt mit ihm! Ruhig, liebe Seele, ruhig! Er weiß nicht, was er thut, er weiß nicht, was er will; er weiß nicht, wer er iſt! Du Clara Vere. verräthſt ihn nicht, Du biſt treu— er verräth Dich auch nicht! Warte, warte, ungeduldiges Herz! Die Zeit iſt noch nicht gekommen, aber ſie wird bald kommen! bald, eh' ihr Alle es denkt! Die Niedrigen ſollen erhöhet, und die Hohen erniedriget werden! Gott wird Euch ſchützen! Er hat Euch zuſammengefügt,— Euch kann der Menſch nicht trennen!“ ¹ Sie zog ihre Pochter ſanft in die Höhe; ſie brachte ſie zu Bett, wie ein krankes Kind; ſie beugte ſich über ſie; ſie küßte ihr die Augen zu, die durch Thränen zu ihr auflächelten. ——— — An der Mutter Buſen ſchlief Helene ein. Die entwand ſich ſanft den ſchönen Armen, die ſie umſchlungen hielten; ſie ſank an dem Bette 1 der Tochter, die noch leiſe im Schlaf ſchluchzte, in die Kniee; ſie betete lange, lange—— welche Geſichte mochte ſie geſchaut haben, als ſie 1 ſich jett erhob mit verklärtem Antlitz?—— Neuntes Capitel. Georg hatte ſeit jenem erſten Abende, an dem er mit Lady Vere im Walde zuſammengetroffen war, die alte Margareth wenig geſehen. Sie hielt ſich viel auf ihrem Zimmer auf, wo ſie meiſtens ſtill für ſich in der Bibel las. Auch ſah ſie Georg noch oft mitten in der Nacht bei einer ſeltſamen Arbeit. Sie kramte zwiſchen den alten Pa⸗ pieren ihres Mannes; ſchnürte Briefbündel auf und wieder zu, ver⸗ brannte Manches, und ordnete alles Uebrigbleibende ſorgfältig, als ſei ſie in einer Regiſtratur unter den wichtigſten Documenten beſchäf⸗ tigt und nicht vielmehr in alten Wandſchränken unter Papieren ihres Gatten, die längſt für jeden Anderen allen Werth verloren hatten.— Den Kirchhof beſuchte ſie ſeit jenem Abende faſt regelmäßig, und wandelte Stunden lang zwiſchen den Gräbern unter den Trauerweiden Clara Vere. 61 auf und ab.— Dachte ſie der Zeit, wo ſie, ein junges blühendes Weib, ihrem Gatten hierher gefolgt war in dies lachende Thal von den weiten Heidehügeln ihrer Heimath? Jener wonnigen Tage, als ſie an ſeinem Arm zum erſten Mal durch dieſe Wälder gewandelt, in die Wohnungen ſeiner Freunde und Bekannten eingetreten war, wo ſie ſelbſt bald liebe Freundinnen gefunden hatte, ſchlanke Mädchen⸗ geſtalten, würdige Matronen, die die Fremde liebkeich aufnahmen und ſie ihre traute Heimath vergeſſen machten? Dachte ſie der ſchönen Sommerabende, und des traulichen Geſchwätzes in den Lauben vor den Thüren, oder der heitern Spiele auf dem Anger, wo ſie die ſchnellſte und gewandteſte war, und wo ihr Mann nur immer ſie auffuchte unter all' den hübſchen Mädchen?— Und dachte ſie dann der Zeit, als ſie aus dem Dorfe im Thal in das neue Haus im Walde gezogen waren; als ihr Mann ihr das Kind ſeiner Verwandten brachte, wie ſie den kleinen Schelm herzte und küßte und Gott dankte, daß er ihr dieſe Freude gewährt, wenn er ſie doch nicht mit eigenen Kindern ſegnen wollte? Als nicht lange darauf nach bangem Harren Gott ihre Gebete erhört, und ihr Erſtgeborner in ihrem Schooße ſpielte? als der alte Lord— denn er ſchien damals ſchon alt, obgleich er nicht älter war als ihr ſonnegebräunter, rüſtiger Gatte— das Kind über die Taufe hielt, und ein großes Feſt im Schloſſe anrich⸗ tete, dem Sohne ſeines alten Dieners und Freundes zu Ehren? und als dann ein ahre ſpäter ihre Helene geboren wurde, und wie die Kinder fröhlich zuſammen aufwuchſen; und wie die Leute nun nicht mehr zu ſagen brauchten: die arme Frau, ſie hat es ſonſt ſo gut! aber ſie würde tauſchen mit dem ärmſten Tagelöhnerweib, wenn ſie nur einen rothhaarigen Buben hätte, wie die— ach! ſie hätte nun nicht getauſcht, mit keiner Königin der Welt!— Und nun— von dieſer wonnigen athmenden, jubelnden Welt, von all' der Lieb' und Luſt— nichts übrig, als der ſtille Kirchhof, auf dem ſie zwiſchen den Gräbern auf und abwandelt, hier ein Blümchen aufrichtend, dort ein Unkraut ausgätend, und in den Namen auf den verwitterten Grab⸗ kreuzen leſend, wie in einem alten, vergilbten Stammbuch.— Und doch hatte ſie ja noch Herzen, die für ſie ſchlugen; Augen, die liebevoll auf ſie blickten, die ſich erheiterten, wenn ſie heiter, um⸗ Clara Vere. wölkten, wenn ſie ſich dem Kummer ganz zu überlaſſen ſchien. Es war, als ob ſie die Beiden betrachtete, wie der Davonziehende vom Bord des Schiffs, das ihn zu fernen, fernen Ländern tragen ſoll, die am Ufer Zurückbleibenden. Die winken noch einmal mit den Tüchlein; ſehen dem Verſchwindenden noch eine Zeit lang nach, bis das Schiff aus dem ſtillen Hafenwaſſer in die Wellen draußen kommt und ſich vor dem Winde neigt und ernſtlich ſeinen Lauf beginnt— dann gehen ſie Arm in Arm nach Hauſe, ſtill; und wenn ſie in die verlaſſenen Zimmer kommen, küſſen ſie ſich und ſprechen: wir müſſen uns nun Alles in Allem ſein, und uns recht lieb haben.— Sie wollte den Zurückbleibenden die Abſchiedsſtunde leichter machen; ſie hatte noch ſo Vieles für ſie zu ſchaffen und zu ordnen, wozu Jene doch allein nicht im Stande geweſen wären— und ihr Herz, das ſchon ſo dumpf und leiſe ſchlug, und dann in ſtillen Nächten oft ſo wild pochte, und ſo ſchmerzlich zuckte, ſagte ihr nur zu wohl, wie wenig Zeit ihr dazu bleibe. Die alte Margareth ſah Alles, hörte Alles, ob ſie gleich weder zu ſehen, noch zu hören ſchien; es war, als wenn ſie noch mit anderen Ohren hörte, mit anderen Augen ſah. Sie brachte Georg eine ſeltene Blume aus dem Walde, nach der er lange für ſeine Sammlung ver⸗ geblich geſucht— und er wußte doch ganz gewiß, er hatte Niemand etwas davon geſagt;— ſie trat zu Helenens Bett, wenn ſie Nachts noch ſtill nebenan geſchafft hatte, und fuhr ihr ſanft mit der Hand über die ſchlafloſen Wimpern, und ſagte:„ſchlafe Kind, laß mich nur wachen!“— und Helene hatte ſich doch nicht geregt und die Thür war geſchloſſen geweſen!— Sie hatte der Mutter nichts von ihrem Kummer erzählt; ſie ſah, daß dieſe ihr Geheimniß wußte, aus jedem ihrer Worte, aus der liebevollen Zärtlichkeit, mit der ſie ſie trug und hegte, wie ein armes krankes Kind.— Auch nach dieſem Abend fand keine weitere Erklärung zwiſchen Muttet und Tochter ſtatt; wozu be⸗ durfte es auch derer; ſie verſtanden ſich ohne Worte. Georg war am Morgen ausgeritten geweſen. Als er nach Hauſe kam, traf er Helene im Garten. Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Verzeihen Sie mir, Georg,“ ſagte ſie,„ich habe Sie nicht beleidigen wollen.“ Er nahm ihre Hand und küßte ſie— Clara Vere. 63 diesmal zog Helene ſie nicht zurück— ſagte aber kein Wort, ſondern ging ſtill an ihr vorüber auf ſein Zimmer.— Georg fühlte durch ſeine Leidenſchaft hindurch tief das Unrecht, das er Helene gethan. Wenn ſie von ſeiner Liebe nichts wußte,— und wie konnte er das verlangen? wußte er doch ſelbſt, daß er liebe, erſt ſeit geſtern— was hatte ſie denn geſagt? ſicher nichts Schlim⸗ meres, als an jenem erſten Abend, wo er ihr den Sprung über den Graben erzählte, und wo ſie beide noch gelacht hatten;— und wenn ſie ſeine Liebe kannte,— o! ſo hatte er mehr gut zu machen, als ſie; und er wol ihre Verzeihung zu erbitten; und ſie hatte Urſache zu klagen, daß ſie ſein Vertrauen nicht mehr habe. Sein Vertrauen? und konnte er ihr dies ſagen? Es war ihm, als könne er eben ſo gut einen Mord begehen. Ach, es war ihm ſo viel klar geworden über Nacht, als er ſchlaflos dalag, als er wieder aufſprang und ruhe⸗ los auf und abſchritt;— als er das Fenſter öffnete, und die Arme verlangend ausſtreckte, und den Kopf auf die Fenſterbrüſtung lehnte, und weinte, wie ein Kind.— Jetzt war der Sturm, den ſein Bote, das erſte unheimlichfeine Pfeifen im Tauwerk, verkündet hatte, in all' ſeiner fürchterlichen Wuth hereingebrochen und die ſtolzen Maſten er⸗ zitterten vor dem Stoß und neigten ſich, und die Raaen tauchten in's Meer, und die Wogen ſchäumten über das Deck.— Hätte er noch an ſeiner Leidenſchaft für Lady Vere zweifeln können, ſo würde ihn ſeine Heftigkeit gegen Helene geſtern aufgeſchreckt haben. Sie hatte Recht, ſo hatte er nie mit ihr geſprochen! Für weniger zarte und innige Verhältniſſe würde dies nichts geweſen ſein; für dieſe Beiden war das erſte rauhe und bittere Wort ein gellender Mißklang in ihrer ſchönen Harmonie. Georg war wie verwandelt ſeit jenem Abend. Das ſtrömende Blut war geronnen, und er fühlte jetzt ſchaudernd, wie tief die Wunde war. Wenn er Lady Vere nicht geliebt hätte, bis zur Raſerei,— er hätte ſie haſſen können, wie ſeine Todfeindin. Der Sturm biegt die Tanne; aber ſie richtet ſich wieder auf, und breitet die mächtigen Arme aus, als wollte ſie den gewaltigen Feind erdrücken. Er kämpfte gegen ſeine Leidenſchaft, wie ſich ein junges Roß bäumt, ſeine Mähne ſich ſträubt, ſeine Nüſtern ſich erweitern im edlen Zorn, wie ſchaudernd Clara Vere. vor Entſetzen, wenn es zum erſten Male die Sclavenpeitſche dulden ſoll, und den lenkenden Zaum.— Sein wildes Weſen erſchreckte ſelbſt ſeine Arbeiter. Der ſonſt ſo freundliche Georg war rauh und herriſch; keine Arbeit ging ihm ſchnell genug; das leiſeſte Wort des Wider⸗ ſpruchs erzürnte ihn. Er nahm dem Einen die Axt aus der Hand, und trieb ſie in den knorrigen Stamm, daß der feſte Stiel zerbrach, und das Eiſen auf den Boden klirrte. Helene ſah mit tiefem Schmerz, wie in ſeinem ſtarken Körper das Fieber wüthete, wie es in ſeinem wilden Auge brannte. Ach! ſie konnte dem geliebten Kranken nicht helfen— und nur die Mutter blickte beſonnen und ruhig, und ſie beugte ſich Nachts über ihre weinende Tochter, und ſtreichelte ihr blondes Haar, und drückte ihr ſanft die Augen zu und ſagte: Schlafe Kind! laß mich nur wachen! Jehntes Capitel. Endlich hatte die ſchöne Künſtlerin auf Schloß Vere dem kleinen Publikum, das ſie durch eine Gaſtrolle ehrte, denjenigen Beifall ab⸗ genöthigt, der einem ſo glänzenden Talente, das auf viel größeren Bühnen reichliche Kränze eingeerntet, gebührte. Sie genoß ihren Triumph mit der Beſcheidenheit, die immer das wahre Genie be⸗ gleitet, und war um ſo mehr von dem Beifalle entzückt, als er ſich ſo äußerte, wie ihn der echte Künſtler wünſcht, der das rohe Klatſchen und den lärmenden Enthuſiasmus der Menge verachtet, und ſich an der tiefen Rührung der wenigen Kenner ergötzt. Als Georg an jenem, für ihn verhängnißvollen Abend von ihr ging,— da hatte ſie ihm mit triumphirendem Lächeln nachgeſehen, und das Kammermädchen, das jetzt gerade hereintrat, hatte das un⸗ geduldige: endlich, endlich! auf ſich bezogen, und ſich zum hundertſten Male beſtätigt: man könne ihrer ſchönen Herrin doch auch nichts zu Clara Vere. 65 Dank machen. Hätte ſich Georg am nächſten Tage ihr zu Füßen geworfen,— ſo wäre die Jagd zu Ende geweſen, und das Spiel aus. Und das Spiel intereſſirte ſie ſo— ſie wußte ſelbſt nicht, was das für ein ſonderbarer Reiz war, der ſie die alte Rolle diesmal mit ſo vielem Feuer ſpielen machte! Und jetzt vor allem, als ſie des Bei⸗ falls gewiß war, und wußte, daß es ſich der Mühe verlohnte,— ſie konnte kaum erwarten, daß der Vorhang wieder empor rauſchte. Als Georg nach einigen Tagen wieder auf das Schloß kam, hätte ein weniger guter Beobachter keine Veränderung an ihm wahr⸗ genommen; aber Lady Vere durchſchaute ihn, und ſah mit einem Blick, daß ſeine alte Sicherheit fort war, daß ſein Auge ſie nicht mehr ſo frei und kühn anblickte, daß ſeine Stimme einige Mal leiſe bebte, daß ſein edler, freier Anſtand, in dem er ſich ſonſt mit der Ungezwungenheit eines Fürſten bewegte, einer erzwungenen Kälte und weltmänniſchen Förmlichkeit gewichen war, und daß der Pfeil ihm im Herzen ſaß, und daß er ſich verbluten mußte, wenn er es wagte, ihn mit eigener Hand herauszuziehen. Den Stolz, den er ihr entgegenſetzte, hatte ſie erwartet, und er entzückte ſie— wohin das führen ſollte? ei nun! weshalb daran denken? die Kunſt iſt ihrer ſelbſt wegen da; wer wird ſie nach Brod gehen laſſen! Sie hatte auch erwartet, daß er ſich von ihr entfernen würde, und es überraſchte ſie daher nicht, als er, die Ueberlaſt ſeiner Geſchäfte beim Herannahen der Jagdzeit vorſchützend, ſie bald darauf bat, ihn von den deutſchen Stunden auf kurze Zeit nur, zu entbinden. „Auf kurze Zeit!“ hatte ſie ihm mit Bedeutung geantwortet. Georg war doch noch im Anfang oft genug auf dem Schloſſe— für's erſte führten ihn ſeine Geſchäfte nicht ſelten hin; und dann hätte ihn ſein plötzliches Wegbleiben offenbar verrathen, und dagegen ſträubte ſich ſein Stolz. Er hätte ſich eben ſo gerne die Hand ab⸗ gehackt, als ſie nach einem Gute ausgeſtreckt, das nicht ſein eigen war im vollſten Sinne. Und war das Lady Vere?— Sie für ihr Theil fürchtete Helene nicht mehr. Seit ſie die Möglichkeit zu ſiegen ge⸗ ſehen hatte, war der Kühnen der Sieg gewiß. Sie fragte nach ihr, aber geduldete ſich gern, als ihr Georg den Beſuch derſelben nicht in nächſter Zeit verſprechen konnte. Fr. Spielhagen's Werke. v. 6 Clara Vere. So tauchte Georg für Lady Vere in ſeine Wälder zurück; aber ſie erwartete ruhig ſeine Wiederkehr.— Das arme verwundete Thier war in die Tiefe gefahren; aber eine Blutſpur bezeichnete die Stelle, wo es geſunken, und über der Stelle, wo es wieder auftauchen mußte, um ſein Leben auszuathmen, ſchwebte das verhängnißvolle Zeichen. Tollkühner Schiffer, fürchte den Todeskampf! der ſterbende Rieſe zer⸗ trümmert das ſchwache Boot, in dem du dich ſicher wähnſt!— Elſtes Capitel. Die gefürchteten vier Wochen waren Lady Vere unter der reizen⸗ den Unterhaltung ſo ſchnell verfloſſen, daß ſie der erſte September und die Ankunft der erwarteten Gäſte beinahe überraſchte. Lord Vere wollte den erſten Herbſt, den er als großer Herr auf ſeinen Gütern verlebte, durch eine auserleſene Geſellſchaft feiern, oder vielmehr Lady Vere wollte es. Sie hatte eine Liſte der Einzuladenden entworfen nach ihrem Gutdünken und Geſchmack, und wir dürfen ihr zutrauen, daß auf der langen Liſte auch nicht Einer verzeichnet ſtand, der ſich nicht durch Reichthum oder Verdienſt, durch hohen Rang oder ein an⸗ genehmes Talent ausgezeichnet hätte.— Lord Vere befolgte in ſeiner Eigenſchaft als Wirth ſo vieler und verſchiedenartiger Gäſte mit be⸗ wundernswürdiger Conſequenz ein Prinzip, das zu glänzenden Reſul⸗ taten führen mußte, und ſicher Nacheiferung verdient: er ließ dieſelben ſchlechterdings machen, was ſie wollten; und er wurde in ſeiner An⸗ ſicht, die er in Betreff der Forſteultur hartnäckig gegen Georg ver⸗ focht, daß ſich Alles viel beſſer, ſicherer und ſchneller von ſelber mache, durch das augenſcheinliche Behagen, und die ungeheuchelte gute Laune und fröhliche Stimmung Aller ſo beſtärkt, daß er ſeinen Gegner triumphirend fragte:„ob er, Angeſichts dieſes ausgezeichneten Erfolgs, noch bei ſeinem thörichten Eigenſinn verharren könne?“ Und wirklich! den Gäſten wäre auf keine Weiſe zu helfen ge⸗ Clara Vere. 67 weſen, wenn ſie ſich in dieſem lieblichen Thal der waldbe⸗ wachſenen Hügel, auf den weiten Brüchen und Wieſen und Stoppel⸗ feldern den Fluß entlang in der Ebene vor dem Sctoſſe— in dem prächtigen Garten, wo die langen Heckengänge noch länger ausſahen, jetzt, da ſie belebt waren, die hohen Taxuspyramiden, die ſteife Würde eines vornehmen Herrn zu verſpotten, und die Sphinxe ſich noch mehr zu brüſten, die weißen Sandſteingötter noch zierlichere Stellungen einzunehmen, und noch zärtlicher aus den ſteinernen Augen zu blicken ſchienen, wenn die feine Geſellſchaft vorüberſchritt;— in den duftigen Gewächshäuſern, die, ebenſo wie das Naturaliencabinet im Schloſſe, von dem alten Lord herſtammten;— in den luftigen Gartenſälen, in deren einem getafelt wurde, wenn das Wetter gut war, und es war immer gut;— in dem ungeheuren Bibliothekſaale, der für einen KU 3 Regentag, welchen man allgemein für eine Unmöglichkeit hielt, eine Zufluchtsſtätte verſprach;— in den bequem eingerichteten Gaſtzim⸗ mern, die nur die böſe Eigenſ hatten, in den langen Corridoren weniger leicht zu finden zu ſein, und deren wirklich auffallende Aehn⸗ lichkeit häufig zu ergötzlichen Lern wechſelungen Veranlaſſung gab,— mit Jagd und Spiel und Tafeln und Zeitungsleſen und Politiſixen und Converſiren und Intriguiren der Pflicht einer guten Geſellſch nihe. langweilen, auf einige Wochen nicht leicht elebte auch bald ein buntes, geſchüſtiges Treiben loß und ſeine reizende Umgebung; und Lady Vere konnte el an nhen Geſichtern, über den G das alte S dankbar ſein, daß uen Mang ſie ſich vyr ſo kurzer Zeit bei Georg ſo bitter beklagt i nun ſo bald und ſo gründlich 1 war. Und wer wäre ihr auch anders als freundlich ngekommen, der ſchönen Wirthin Herren auf der Fuchsja rten ſich und ihre ſchnellen Pferde nicht mehr um den Fuhn zu ſein, und brachen ſich nicht die 3 als. der 6, dem Andern den 8 S ein beipinvlich es von ihr zu ſ und die e Wahtheit zu ſagen, ſie war mit dem Einen ſo wenig ſpar rſam, wie mit dem An deren.— Es ſammelte ſich Alles naturgemäß um dieſen Brennpunkt; 5* — Clara Vere. die andern Damen, deren nicht viele anweſend waren, ſchienen nur Folie zu ſein für dieſen glänzenden Stein. Freilich, ſie wäre auch wohl unter Hunderten als die Königin gefeiert, die ſchöne Lady Vere! und das Bewußtſein der unwiderſtehlichen Macht ihrer Reize gab ihr wirklich etwas Königlich⸗Prächtiges, wenn auch ihre Schönheit ein wenig von der unheimlichen Art der jener Königin im Märchen war, die ihren Spiegel nach der Schönſten im ganzen Lande fragte, und ihre Hoheit etwas von der kalten Pracht des Nordlichts hatte. Aber wen die Gluth ihrer dunklen Augen faſt unheimlich dünkte, oder wen die Bläſſe ihres edlen Geſichts erkältete— er fühlte ſich dann wieder angezogen von dem Zauber ihrer Unterhaltung, und hingeriſſen von der feinen Anmuth, die ſie umſchwebte, und die auch der kleinſten ihrer Bewegungen einen wunderbaren Reiz gab.— Lady Vere hatte ihren dreijährigen Aufenthalt in Paris nicht ungenützt verſtreichen laſſen; und die Pariſer Damen hatten, während ſie ſich der ſtolzen engliſchen Schönheit beugen mußten, nicht einmal den Troſt gehabt, ihr den Witz abſprechen zu können, und mit Beſchämung zugeſtehen müſſen, daß ſie ihnen in all' den Vorzügen, auf die ſie mit Recht ſo viel Werth legen, vollkommen ebenbürtig war.— Lady Vere verſtand es zur Vollkommenheit, eine Unterhaltung zu führen, und ihre aus⸗ gebreiteten Kenntniſſe, ihre große Beleſenheit, ihr vortreffliches Ge⸗ dächtniß, in dem bis auf die kleinſten Umſtände Alles haftete, ihre glückliche Phantaſie, die es ihr nie an einem bezeichnenden Bilde, einem geſchickten Uebergange fehlen ließ, waren wohl Elemente, die in ihrer Vereinigung etwas Ausgezeichnetes bilden mußten. Sie kannte dieſen Vorzug ſehr wohl, und es war vielleicht der einzige, auf den ſie wirklich eitel war; und nicht umfonſt hatte ſie zu Georg geſagt:„der Geiſt offenbart ſich im Wort.“ Sie betrieb es förmlich als Kunſt, gut zu ſprechen, und ſie konnte ihre glänzenden Phraſen ſo geläufig herſagen, wie Andere ihre brillanten Läufe auf dem Flügel abſpielen— um ſo mehr, als ſie trotz ihres feinen Auges für die Malerei und Plaſtik keine Hand, oder keine Geduld für die Aus⸗ führung hatte, ihre wohllautende Stimme nur zum Sprechen, nicht zum Singen geeignet ſchien, und ihre ſchöne Hand wohl kaum jemals die Taſten eines Claviers, oder die Saiten einer Harfe berührt hatte⸗ Clara Vere. 69 So war es denn natürlich, daß an der Stelle der Tafel, oder am Theetiſch, und überall ſonſt, wo ſfie ſaß und ſtand, bald das lebhafteſte Geſpräch geführt wurde, daß der Gelehrte ſeine unterhaltendſten Materien hervorſuchte, dem Politiker die beſten Stellen aus ſeinen Parlamentsreden einfielen, und dem proſaiſchſten Fuchsjäger ein Schim⸗ mer von Poeſie aufging, obgleich er nicht wußte, wie er den etwas undeutlichen Eindruck ſeiner letzten Jagd mit der klaffenden Meute, der Carriére über die Stoppeln fort, nur gleich in ein fertiges Bild bringen könnte, das ſich mittheilen ließ, und er dann wohl, wenn das Geſpräch ſchon längſt eine andere Wendung genommen hatte, ſeufzend darüber nachdachte, welchen Eindruck es auf Lady Vere machen müßte, wenn ſie ihn nur einmal in vollem Roſſeslauf auf ſeinem braunen Vollblut über eine Hecke könnte ſetzen ſehen. Aber Lady Vere ſchwelgte nicht ſelbſtſüchtig an der königlichen Tafel der Huldigungen, die ihr von allen Seiten im reichſten Maße und in den verſchiedenſten Formen zu Theil wurden.— Sie ver⸗ ſcheuchte die armen Vögelchen nicht, die die Broſamen aufpicken wollten, die von ihrem Tiſche fielen— ja ſie warf ihnen wohl gar ſelbſt einige hin, und ſah mit mitleidigem Erſtaunen zu, wie die armen Thierchen vor Freude zwitſcherten und die Flügel regten— und als ſie eines Abends einem ſtillen, ſchönen Mädchen, deſſen muſi⸗ kaliſches Talent wirklich bedeutend war, zu einem beſcheidenen Triumphe verholfen hatte; und ein anderes Mal die Zeichnungen einer Anderen mit Enthuſiasmus pries, daß das arme Kind kaum wußte, wo ſie ſich vor der überlauten Bewunderung, die ihr plötzlich von allen Seiten gezollt wurde, in ihrer Verlegenheit bergen ſollte,— da ſagte der junge Herzog von Arlington, der auch von der Geſellſchaft war, zu ſich ſelbſt:„Sie iſt nicht nur ausnehmend ſchön, und verteufelt geiſtreich— ſie iſt auch wie ein Engel gut.“ Clara Vere. Zwölftes Capitel. Unter all' den ausgezeichneten Perſonen, die Lord Vere während der Jagdzeit auf dem Stammſchloſſe ſeiner Familie bewirthete, war der Herzog von Arlington unbeſtritten die ausgezeichnetſte Jeder⸗ mann gab das zu. Wenn ein neugieriger Frager ſich erkundigt hätte, worin denn eigentlich das Ausgezeichnete beſtehe, und der Befragte nach einigem Nachdenken fand, daß der Herzog weder witzig war, noch gut ausſah, daß er ſchlecht zu Pferde ſaß, und auch nicht ein Talent hatte, das die Menſchen liebenswürdig oder wünſchenswekth macht, ſo fah er ſich wohl endlich zu der dunklen Antwort genöthigt, „das Ausgezeichnete in dem Herzog von Arlington ſteckt gerade in dem Umſtand, daß er der Herzog von Arlington iſt.“ Es war wohl natürlich, daß zwei ſo bedeutende Perfönlichkeiten, wie Lady Vere und der Herzog von Arlington nicht lange in einer Geſellſchaft ſein konnten, ohne ſich gegenſeitig, eben ihrer Bedeutendheit wegen, wahlverwandtſchaftlich anzuziehen; und ſo war es denn auch bald eine ausgemachte Sache: die Verbindung dieſer Beiden als das große Ereigniß dieſer Jagdzeit zu prophezeien, und in Lady Vere die Herzogin von Arlington der künftigen Saiſon zu ſehen. Es war eigentlich ein ganz klein wenig lächerlich, wenn man ſich den kleinen, unſcheinbaren Herzog, der nicht fünf Worte zuſammenhängend ſprechen konnte, und die glänzende, geiſtreiche Lady Vere als Gatte und Gattin dachte, und es iſt mehr wie wahrſcheinlich, daß eben dieſe Dame, wenn ſich ihr jener als Bedienter gemeldet hätte, ihn abſchläglich be⸗ ſchieden haben würde,— aber der„Herzog“ glich Alles aus;„Und wenn er auch als Bedienter lange nicht ſtattlich genug war, fo war er doch immerhin eine ausgezeichnete Partie. So dachte Lady Vere; ſo dachten die Andern; aber eben weil es die Andern dachten, durfte Lady Vere es nicht zu denken ſcheinen. Die Rolle, dem Herzog und der Geſellſchaft gegenüber, hatte g ihre erheblichen Schwierigkeiten, und es bedurfte einer ſo vollendeten — Clara Vere. e Künſtlerin, um ſich in den zarten Grenzen zu halten, in denen dieſer Charakter gezeichnet war.— Wären ſie allein geweſen, ſo hätte die Sache gar keine Schwierigkeiten gehabt. Die Rolle hätte ſentimental genommen werden können, oder auch im großen Styl behandelt werden oder beſſer naiv— unſchuldig,— aber ſo auf offener Bühne, vor dieſem großen, gebildeten Publikum ging das Eine ſo wenig wie das Andere. Es gab nur eine Möglich⸗ keit: der Charakter mußte dem der Beatrix in der bekannten Shake⸗ ſpear'ſchen Komödie nachgebildet werden: neckiſch, launig, abſtoßend und anziehend zu gleicher Zeit; für den Ernſt würde ſich dann auch wohl die Gelegenheit finden. Der Herzog mußte in beſtändiger Be⸗ wegung erhalten werden. Er durfte nicht in ſeiner beſcheidenen Un⸗ thätigkeit verharren, in der er ſich freilich am wohlſten befand; er durfte nicht ahnen, daß es ihm— denn er hatte, als eine ausgezeichnete Partie und ein S mäßiger Kopf, nicht ſowohl Furcht vor dem Heirathen, als vor dem Geheirathet werden,— und man mußte doch auch zugleich der S Welt zeigen, daß der Her⸗ zog von Arlington der S Clara Vere de Vere weder ſo werth war, noch ſo hoch ſtand, i ihn die Pfeile ihres Wi nicht hätten erreichen können— erreichen, nein! hoch über ihn hir ingeſ ſchoſſen werden, daß er wohl ihr hörte, aber ſie ſchwerlich mit eigenen Augen ſah.— Das war aber auch nur für weniger blöde A Lady Vere war ihres Erfolges ſo ſicher, daäß es ſie gar nicht wunderte, als ſie ſchon nach wenigen Tagen von Zeit zu Zeit etwas Ernſt in den S konnte einfließen laſſen. Während nun ſo die ſchöne Dame mit gewiß zu rechtfert igendem Eifer darnach ſtrebte, eine Herzogskrone auf f ihr Haußt zu ſetzen, war ſie ſchwach genug, ein anderes Bild nicht aus ihrer Seele bannen zu können, ſelbſt jetzt, wo ſo viel verführeriſche Phantaſten don Glanz und Rang und Macht ie umgaukelten. Das Bild ſtand ſe deutlich vor ihr, daß ſie einmal dem Herzog beinahe in's Geſicht gelacht hätte, als er bemerkte:„der Verwalter der Forſten des Lord Vere ſcheine ein ſehr braver und thätiger Mann zu ſein,“ und Ihre Herr⸗ lichkeit ſcherzend hinzufügten,„er wolle verſuchen, dieſen braven Mann ſeinem lieben Wirthe abſpänſtig zu machen.“ Dieſer Gedanke mußte 72 Clara Vere. für ſie etwas unendlich Komiſches und Reizendes haben, denn als das Kammermädchen am Abend die ſchönen Haare ihrer Gebieterin flocht, lachte dieſe ein paar Mal ſo herzlich auf, daß das arme Kind ernſtlich zuſammenſchrak, da es wenig gewöhnt war an ſolche Aus⸗ brüche von Luſtigkeit bei ihrer ſtolzen, ſchweigſamen Herrin, die ſonſt ſo finſter in den Spiegel blickte, als ob ſie ſtatt ihres herrlichen, edlen, bleichen Geſichts einen Todtenkopf betrachtete.— Georg dankte dem Himmel für die Wohlthat, in der Erregung und dem Lärmen der Jagd ſeine wilde Leidenſchaft austoben und wenigſtens auf Augen⸗ blicke vergeſſen zu können; und Helene dankte dem Himmel mit ihm, ob ſie gleich für den Geliebten zitterte, wenn die Leute ihr in gut⸗ müthiger Geſchwätzigkeit und in gerechtem Stolz auf ihren Herrn pon ſeinen waghalſigen Thaten erzählten, und wie Lord B. heute um eine Hecke herumgeritten ſei, über die Georg einen Augenblick vorher weg⸗ ſetzte; und ob ſich ſo etwas wohl für einen Lord ſchicke, der ein Voll⸗ blutpferd reite, das neulich auf der Rennbahn geſiegt habe, und wie Herr Allen's Fuchs, den ihm der alte Lord vor vier Jahren ſchenkte, doch noch immer das beſte Pferd auf der Welt ſei. Sie fürchtete eine Zeit lang für ſein Leben; und die ſchmerz⸗ liche Erinnerung an ihres Bruders trauriges En de ſtieg drohend in ihrer Seele auf; ja, als ſie eines Abends der Mutter gegenüber ſaß, die wie gewöhnlich in der Bihel las, durchzuckte ſie jäh ein fürchter⸗ licher Verdacht, daß ſie die Hände vor das Geſicht legte, wie um ein entſetzliches Bild nicht zu ſehen. Die Mutter ſchaute von dem Buche auf, und ſagte ruhig:„ſtill, Helene! Der Herr zerſchlägt die Köpfe der Drachen im Waſſer; der Herr iſt mit ihm!“ Helene ſah fragend die Mutter an; die ſchüttelte das graue Haupt und ſagte:„Laß nur Kind, laß mich nur wachen! Du weißt nicht, was ich weiß.“— Dieſe ernſte, liebevolle Stimme war für Helenens Sorge und Kummer Wiegengeſang. Sie hatte ein ſo unbegrenztes Vertrauen zu ihrer Mutter, ja eine ſo tiefe Scheu vor dem Dämon in der alten Frau, daß ſie ihr unbedingt folgte, und ihr gegenüber gern keinen eigenen Willen haben wollte. 8 Sie wagte es nicht, die Mutter zu bitten, die abendlichen Be⸗ ſuche auf dem Kirchhofe einzuſtellen, obgleich ſie ſah, daß die Kräfte —— Clara Veree. 73 derſelben täglich ſchwanden; ſie wagte nur, ſie bittend anzuſehen. Die küßte ſie und ſprach:„laß mich, Kind! der Leib muß wieder zu Staub werden, aus dem er genommen iſt; der Geiſt kommt zu Gott, der ihn gegeben hat, und Gott iſt ewig.“ Georg war in dieſer Zeit faſt vom erſten Vogelzwitſchern bis zum Nachtthau draußen in Wald und Feld. Er vermied es, mit Helene allein zu ſein, und ſcheute zurück vor der Mutter feſtem Auge. Es war ihm öfters, als müßte er Helene zu Füßen fallen, und ihr Alles abbitten— er wußte ſelbſt nicht, was; und als würde es ihn unendlich erleichtern, wenn er in den Schooß der guten alten Frau ſeinen Kopf legen, und ſich ausweinen könnte, wie er oft als Knabe gethan, wenn er ſie in der ſtürmiſchen Heftigkeit ſeines Weſens ge⸗ kränkt hatte. Er horchte in ſeiner Noth, ob nicht die treue Freundes⸗ ſtimme ſeines Lords erſchallen würde; aber ſie war ſtumm, die ſonſt ſo vernehmlich in ihm geſprochen hatte— die Stimme des Predigers verhallte ungehört in der Wüſte ſeines Daſeins. Deſto deutlicher hörte er Lady Vere's klangreiche, weiche Stimme; deſto leuchtender ſtrahlte ihr dunkles Auge in ſeine Nacht. Er hatte früher in dem Zuſammenſein mit dem ſchönen Weibe eigentlich nur immer ihren herrlichen Kopf bewundert, und er würde, wenn er von ihr ging, nicht gewußt haben, welche Farbe ihr Kleid gehabt.— Jetzt ſprang plötzlich ihr ganzes Bild mit einer Klarheit in ihm hervor, die ihn entzückte und erſchreckte— er ſah ihre weißen Arme, das Spiel ihrer feinen wohlgeformten Hände, er ſah die ganze Geſtalt in der reizenden Fülle ihrer ſchlanken Schönheit, und ſeine aufgeregte Sinnlichkeit trübte den reinen Idealismus ſeiner früheren Bewunderung. Dreizehntes Capitel. Die Geſellſchaft auf Schloß Vere war ſo daran gewöhnt, Son⸗ nenſchein und Vogelſang, heitere Morgen, heiße Mittage und er⸗ 74 Clara Vere. quickende, goldene Abendſtunden unzertrennlich zu denken von ihrem Aufenthalt auf dem Lande, daß ſie ernſtlich überraſcht war, und ſich ſehr ungerecht behandelt glaubte, als eines Abends eine muntere Cavalcade froh ſein konnte, in dem Hauſe des kleinen Paſtors im Dorfe ein Obdach vor dem plötzlich hereinbrechenden Regenſturm zu finden, und auch am nächſten Morgen die Sonne durchaus keine Miene machte, hinter den ſchweren Wolken hervorzukommen, ja für einige Tage der Geſellſchaft die Aufgabe ſtellte, wie dieſe ohne ihre freundliche Mitwirkung und mit einem ſtrömenden Regen fertig zu werden vermöge. Der kleine Lord Vere war in Verzweiflung. Er ſah durch die Ungunſt der Witterung ſein Princip im Grunde er⸗ ſchüttert; er glaubte bemerkt zu haben, wie ſich einige Blicke mit einem unheimlich fragenden Ausdruck auf ihn richteten, und er fuhr ordent⸗ lich zuſammen, als der Herzog von Arlington am Abend des zweiten Tages ſich offen mit der verzweifelten Frage an ihn wandte:„Und nun, Mylord! was beginnen wir bei dieſem unverantwortlichen Re⸗ gen?“— Er klingelte ſeinen Kammerdiener des Nachts mehr wie einmal heraus, um ſich nach dem Stand des Wetters zu erkundigen, und legte ſich verdrießlich auf die andere Seite, wenn er hörte, daß es noch immer regne, und die Mondesſichel nur von Zeit zu Zeit durch die jagenden Wolken blicke. Lady Vere war erhaben über die kleinliche Schwäche, ſich durch einige böſe Tage die gute Laune verderben zu laſſen. Erſtlich war ihr jede Veränderung als Veränderung lieb, ſodann war ihr wirklich das ewig heitre Wetter nachgerade ernſtlich zuwider geworden, und endlich begünſtigte der anhaltende Regen, der die Geſellſchaft in's Haus bannte, und die Jagd auf einige Tage einzuſtellen nöthigte, einen Plan, den in's Werk zu ſetzen ſie ſehnlich auf die erſte paſſende Gelegenheit gewartet hatte. Lady Vere geduldete ſich noch zwei Tage: Georg war im Schloſſe geweſen; aber nach einer kurzen Unterredung mit Lord Vere ſogleich wieder fortgeritten.— Die Damen hatten ihre Stickereien hervorgeſucht und gefunden, daß einige nothwendige Schattirungen fehlten; die Herren hatten die noch nicht beantworteten Briefe beantwortet, die noch nicht geleſenen Zeitungen geleſen, und Alle kamen nun wieder aus den Gaſtzimmern Clara Vere. 75 hervor, wie Hühner unter dem Wagen, wenn ſie glauben, daß es nun genug geregnet habe— und Alles verfammelte ſich wieder in dem Geſellſchaftsſaale, und man las auf allen Geſichtern: es iſt Zeit, daß der Feind die Belagerung aufhebt, denn unſere Vorräthe ſind er⸗ ſchöpft. Ja, einige ungeduldige Geiſter beriethen flüſternd in einer Ecke einen Ausfall auf Leben und Tod, und der junge Lord F., der gefürchtete Held der Rennbahnen, ſagte mit Nachdruck:„Es iſt beſſer, einen ehrlichen Reitertod auf den ſchlüpfrigen Wegen ſterben, als hier auf dem glatten Parquet vor Langeweile.“ „Was hindert uns“— fragte Lady Vere am dritten Abend den kleinen Kreis Auserwählter, der ſich um ſie ſchaarte und von ihr Rettung aus der Gefahr und Troſt im Unglück erwartete,„was hin⸗ dert uns, etwas zuſammen zu leſen, vielleicht ein Schauſpiel mit ver⸗ cheilten Rollen, oder noch beſſer, gleich eins aufzuführen?“ „Aufführen!“ erſcholl es von allen Seiten. Der Herzog war ſo entzückt über dieſen Vorſchlag, daß er halblaut zu ſeinem Nachbar ſagte:„bei Gott, ſie hat mehr Verſtand in ihrem kleinen Finger, als wir beide in unſeren Köpfen!“ eine Behauptung, welcher der Andere unbedingt beiſtimmte, da er keine Schande darin ſah, ein, wenn auch trauriges Schickſal mit einem Herzog zu theilen. „Was ſollen wir ſpielen?“ war die Frage, die von allen Seiten eben ſo einmüthig aufgeſtellt, wie verſchiedenartig beantwortet wurde. „Laſſen Sie uns eine Charade aufführen!“ rief eine Stimme;„oder König Lear!“ eine andere. Alles lachte. „Im König Lear“ ſagte Herr Burn, der ausgezeichnete Parla⸗ mentsredner, leiſe zum Paſtor, dem er die Ehre ſeiner geiſtreichen Unterhaltung öfters zu Theil werden ließ, weil der Geiſtliche wirklich ein vortrefflicher Kopf war—„wüßte ich nur eine Rolle zu beſetzen: die Goneril, und für die Regan wäre auch geſorgt, wenn Lady Vere eine ihr ähnliche Schweſter hätte.“ Lady Vere's klare Stimme unterbrach den Lärm:„Wir ſtreiten uns um den Titel des Stücks, und ſind ſchon mitten in der Auf⸗ führung! Was iſt denn dies, wenn es nicht„Viel Lärmen um Nichts iſt?“ „Sagte ich es nicht!“ rief der Herzog überlaut. Clara Vere. „Was, Mylord?“ fragte Lady Vere. „Daß ich Recht habe; oder vielmehr, daß Sie Recht haben, wie immer.“ Es ging jetzt an die Austheilung der Rollen. Wer Beatrix ſpielen ſollte, fragte Niemand. Den Don ſollte der Herzog übernehmen; eben ſo leicht waren die übrigen Rollen vertheilt; nur um Benedict erhub ſich großer Streit, wie um die Waffen des Peliden— dieſe Lanze konnte oder wollte Keiner ſchwingen. „Ich wüßte nur Einen,“ ſagte der Pfarrer, vielleicht etwas bös⸗ willig,„aber er iſt augenblicklich nicht anweſend: ich meine Herrn Allen!“ Hätte der kleine Paſtor gewußt, welchen Dienſt er, diesmal frei⸗ lich, ohne es zu wollen, Lady Vere leiſtete,— und der würdige Mann ſah es im Allgemeinen nicht ungern, wenn er ſich die Mächtigen verpflichtete— er hätte dem neckiſchen Dämon, der ihm dieſen Namen zuflüſterte, Dank gewußt; Lady Vere ſann eben darüber nach, wie ſie Georg auf eine ſchickliche Weiſe in's Spiel bringen könnte. „Bravo, Herr Paſtor!“ rief ſie erfreut,„das war einmal ein geſcheidter Einfall!“ „Wer iſt Herr Allen?“ fragte der Herzog, der kein Jäger war, und Georg noch nicht kennen gelernt hatte. „Herr Allen iſt derſelbe junge Mann, den Ew. Herrlichkeit Lord Vere wollten abſpänſtig machen: der Verwalter der Forſten.“ Der Herzog ſah etwas erſtaunt aus, und blickte Lady Vere fragend an. „O,“ ſagte die ſchöne Dame lachend:„Ew. Herrlichkeit können ganz ruhig ſein! Herr Allen iſt, trotz ſeiner unſcheinbaren Stellung, was wir in unſerer Sprache ſo bezeichnend einen Gentleman nennen.“ „Was nennen Sie einen Gentleman?“ fragte Ihre Herrlichkeit. „Das fragt mich der Herzog von Arlington!“ „Wollen Sie mir eine Definition dieſes Wortes geben?“ „Das iſt nicht leicht, Mylord, wenn es überhaupt möglich iſt; erwiederte Lady Vere, ihr glänzendes Auge feſt auf das ausdrucks⸗ loſe Geſicht des Fragers heftend.„Ich wüßte nur in Bildern anzu⸗ Clara Vere. 77 deuten, was ſich eben nur fühlen, alſo auch nicht ſcharf mehr definiren läßt. Es iſt die innige Verſchmelzung des Strengen und Zarten, die ja, um mit dem deutſchen Dichter zu reden, den guten Klang giebt. Das Zarte, Feine, den Frauen Abgelauſchte, in ihrem Umgange Heran⸗ gebildete, liegt in dem, gentle“; das Strenge, Feſte, Starke, in dem Kampfe mit Männern Herausgearbeitete, in dem„man“; gentle“ iſt der Inbegriff aller geſelligen Vorzüge,„man“ der Ausdruck für die Mannes⸗ und Bürgertugend;„man' iſt der feurige Wein,„gentle“ die kunſtvolle Trinkſchale; man“ iſt die ſcharfe, correcte Zeichnung, gentle“ das warme, weiche Colorit;„gentle“ mag der Sybarit ſein, den ein zuſammengerolltes Roſenblatt im Schlafe ſtört;„man“ der Brutus, der ſeine Kinder opfert, aber Perikles, der tapfre, großherzige, feine, liebenswürdige Athener iſt Gentleman.“ „Das verſtehe ich nicht;“ ſagte der Herzog. „Iſt jeder Gentleman ein Perikles?“ fragte Einer aus der Ge⸗ ſellſchaft. „Das habe ich nicht behauptet,“ antwortete Lady Vere,„ich habe nur geſagt, daß Perikles ein Gentleman geweſen iſt.“ „Verſtehen Sie recht;“ ſagte Herr Burn,„man nennt Viele Chriſten, ob ſie gleich mit ihrem göttlichen Vorbilde nur eine ſehr entfernte Aehnlichkeit haben.“ „Ganz meine Meinung!“ ſagte Lady Vere. „Können Sie uns nicht eine eben ſo geiſtreiche Definition von dem Worte„Lady“ geben?“ fragte der Herzog. „Das überlaſſe ich nun Ihnen, Mylord!“ ſagte Lady Vere mit einem bezaubernden Lächeln. „War Aspaſia eine Lady?“ bemerkte der fragluſtige Burn. „Gewiß!“ erwiederte Lady Vere,„es fehlte ihr nur eine Eigen⸗ ſchaft.“ „Die, daß ſie nicht Lady Vere war!“ murmelte Herr Burn. „Der Einfall des Herrn Paſtors war gut;“ fing Lady Vere wieder an,„aber das Talent des Herrn Allen muß für den Augen⸗ blick anderweitig verwandt werden.“„Wie das?“ fragten Alle.„Da die Geſellſchaft mir freiwillig die Rolle einer Directrice zu ertheilen zu wollen ſcheint,“ fuhr ſie mit ſchalkhafter Würde fort,„ſo beſtimme Clara Vere. 78 ich Folgendes: Herr Burn übernimmt die Rolle des Benedict, die wie für ihn geſchrieben iſt, und zugleich das Amt eines Cenſors und Regiſſeurs. Wir ertheilen ihm die weiteſte Vollmacht: Redensarten, Rollen, Scenen zu ſtreichen; mit einem Worte, das Stück unſeren Kräften und unſerem Geſchmacke anzupaſſen; und ſchieben ſomit die Verantwortung aller Sünden, deren wir uns gegen den Genius des größten Dichters ſchuldig machen, feierlich auf ihn. Die Rollen müſſen zu morgen früh ausgeſchrieben, und in den Händen der Dar⸗ ſteller ſein. Ich ſelbſt bin im Beſitz von nicht weniger als fünf Eremplaren, von denen vier aus der Sammlung des verſtorbenen Lords, eines großen Verehrers von Shakeſpeare, ſtammen. Der Secretair des Lord Vere wird ſich ein Vergnügen daraus machen, uns ſeine Nachtruhe zu opfern; wer ihm helfen will, erwirbt ſich ein Ver⸗ dienſt um die Kunſt, und den Dank der Geſellſchaft.“ Dieſe Beſtimmungen wurden mit großem Beifall angenommen; und Herr Burn empfahl ſich an der Spitze ſeiner zahlreichen Frei⸗ willigen, und begab ſich mit ihnen in die Bibliothek; und der Wächter glaubte, der Geiſt des ſeligen Herrn gehe um, als er ſeit vier Jahren zum erſten Mal wieder während der ganzen Nacht Licht durch die hohen Fenſter des alten Saales ſchimmern ſah. Pierzehntes Capitel. Der Zufall, welcher ſchon einige Male während ihrer kurzen Bekanntſchaft die freundliche Rolle eines Vermittlers übernommen hatte, war es auch ohne Zweifel diesmal, der Lady Vere durch das Zimmer führte, gerade als Georg am nächſten Morgen eine ſeiner gewöhnlichen kurzen Unterredungen mit Lord Vere hatte:„Gut, daß ich Sie treffe, Herr Allen!“ ſagte die Dame.„Ich habe eine Bitte an Sie. Darf ich Sie hernach auf einige Augenblicke in der Bibliothek erwarten?“ Georg verbeugte ſich.— Clara Vere. 79 „Sie ſind ja nun doch ein Naturforſcher, Herr Allen,“ fuhr der bekümmerte Lord nach dieſer Unterbrechung fort.„Iſt denn gar keine Ausſicht, daß dieſer abſcheuliche Regen nächſtens ein Ende nimmt? Er verdirbt uns ja unſere ſämmtlichen Pläne. Die Wieſen und Fel⸗ der am Fluß ſind ja vor vierzehn Tagen nicht wieder betretbar, und die Herren können nicht jagen, auch wenn das Wetter wieder gut wird. Sie alle ſehen mich an, als ob ich an dem ganzen Unglück Schuld ſei.“ „Es kann ſich Niemand ungeduldiger nach anderem Wetter ſehnen, als ich, Mylord! Ich bin geſtern nur noch zweimal mit dem Pferde geſtürzt.“ „Sie ſind herausgeweſen in dieſer Sündfluth?“ rief Lord Vere mit Entſetzen. „Es war nur zum Inſpiciren;“ ſagte Georg ausweichend. „Sie müſſen ſich ſchonen, Herr Allen,“ ſagte der gutmüthige kleine Herr,„und Ihre Pferde, die ſchönen Thiere! Reiten Sie auf der nächſten Jagd eins von meinen Pferden. Der braunen Beß, ſagt Herr Burn, iſt keine Hecke zu hoch.“—— Georg traf Lady Vere in der Bibliothek allein. „Alſo mit den Elementen muß man ſich verbünden, um Ihrer einmal habhaft zu werden, Herr Allen!“ ſagte ſie freundlich.„Daß Sie die Tage her nicht müßig waren, weiß ich ſehr wohl von den Jägern, die ſämmtlich auf Sie eiferfüchtig ſind, weil Sie es den Herren im Reiten zuvorthun. Aber was haben denn die Damen dem kühnen Ritter gethan, daß er ihre Geſellſchaft ſo ganz verſchmäht?— Sagen Sie mir, Herr Allen, habe ich Sie vielleicht unwiſſentlich be⸗ leidigt?“ Und bei dieſen Worten ſenkte Lady Vere ihre Stimme zu jenem wunderbaren innigen, tiefen Ton, deſſen Gewalt über Georg ſie jetzt erfahren hatte; und ſie ſchlug auf einen Augenblick die dunklen Wimpern nieder, um ihn dann groß und warm anzuſehn mit einem Blicke, der ebenſowohl ſagen konnte: Sehen Sie, Herr Allen, es ſchmerzt mich ſo, Jemand beleidigt zu haben; als: Sieh, Georg, ich kann es nicht ertragen, daß Du Dich von mir entfernſt. Georg verſicherte, nicht ohne einige Verwirrung, daß nur ſeine 80 Clara Vere. vielen Geſchäfte ihn bis jetzt verhindert hätten, den Einladungen auf Schloß Vere Folge zu leiſten. „Die Antwort iſt ein hübſches, leichtes Sommergewand, bei gutem Wetter angenehm zu tragen; aber für die Regentage taugt es nicht!“ antwortete lächelnd Lady Vere.„Doch zu meinem Anliegen, Herr Allen! Was werden Sie ſagen, wenn ich ſelbſt die ſchöne Ord⸗ nung, die Sie hier hergerichtet haben, freventlich zerſtöre? Aber nur unter der einen Bedingung: daß Sie Ihre Erlaubniß dazu ertheilen; ja nicht genug, daß Sie ſich deſſelben Frevels mitſchuldig machen.“ „Was meinen Sie, Mylady?“ „Darf ich es Ihnen ſagen, Herr Allen? Wir wollen Comödie ſpielen, und dieſer edle Saal ſoll die Bühne ſein. Können Sie das verantworten? und wollen Sie uns helfen?“ „Sie haben ganz über mich zu befehlen, Mylady!“ „Nein, nicht ſo kalt, Herr Allen! ſonſt habe ich nicht den Muth, in meiner Beichte und Bitte fortzufahren. Sagen Sie zuerſt, ob der Saal nicht wie dazu geſchaffen iſt, und ob ſich nicht Alles wie von ſelbſt macht? Ja, ich geſtehe, der Gedanke, ſpielen zu wollen, hat ſich eher zu der Bühne, die ſchon da war, gefunden, als umgekehrt.“ Lady Vere hatte Recht: es bedurfte nur geringer Veränderung, um die Bibliothek zu einem Schauſpielſaale umzuſchaffen, deſſen ſich eine kleinere Provinzialſtadt nicht hätte zu ſchämen brauchen.— Der weite Raum, der auch durch ſeine gewaltige Höhe imponirte, war augenſcheinlich aus zwei Sälen entſtanden, deren gemeinſchaftliche Wand man durchbrochen hatte. Man hatte von ihr, um die hohe Decke zu ſtützen, auf beiden Seiten Mauerpfeiler ſtehen laſſen, die jetzt einen natürlichen Rahmen für den Vorhang abgeben konnten. Ja, was der zweiten Hälfte des Saales, an deſſen einer Wand, dem Haupteingange gegenüber, ſich die Galerie, an der anderen, nach dem Garten zu, die große Glasthür mit dem Balkon befanden, durchaus den Anſchein einer Bühne gab, war der Umſtand, daß hier der Fuß⸗ boden um ein nicht Unbedeutendes höher lag, als in der anderen Hälfte. In dieſer, wo anſtatt der Fenſterthür vier kleinere Bogen⸗ fenſter angebracht waren, ſtanden die meiſten Bücherſchränke mit den Büſten, während die zweite für eine kleine Handbibliothek und die Clara Vere. 81 Familengemälde reſervirt war. Die Pfeiler der alten Mauer waren ſchon mit Bildern geſchmückt; hier hing auf der einen Seite der ver⸗ ſtorbene Lord, auf der anderen die ſchöne, blonde Dame, von der Lady Vere behauptet hatte, es ſei keine Vere.— Georg billigte im Allgemeinen Lady Vere's Plan. Seine erzwungene Kälte wich bald ſeiner lebhaften Theilnahme, und er war nun im Anordnen und Ver⸗ beſſern ſo eifrig, wie die ſchöne Dame ſelbſt, die in ihrer Ungeduld, ihre Einrichtungen gebilligt zu ſehen, und Georg Alles zu zeigen, unwiderſtehlich war. „Und nun noch Eines!“ ſagte Lady Vere, als ſie Alles durch⸗ ſprochen hatten, ihre ſchöne Hand leicht auf den Arm ihres Begleiters legend;„ich habe Ihnen in„viel Lärmen um Nichts,“ das unter dieſen Händen ſicherlich ſeinem Namen Ehre machen wird, keine Rolle zu⸗ ertheilt, obgleich ſelbſt unſer Paſtor fand, daß Sie der Einzige ſeien, der den Benedict ſpielen könne. Ich habe, wie ein kluger Feldherr, die ſchlechten Truppen zuerſt in's Feuer geſchickt, um die guten für den Hauptangriff zu ſchonen.— Wollen Sie den Romeo übernehmen, wenn ich mir rechte Mühe geben will, die Julia in der Gartenſcene im zweiten Aufzuge gut zu ſpielen? Sie ſehen, daß auch hier das Local wieder die Anregung gegeben hat. Verſtehen Sie, nur dieſe eine Scene, denn für die anderen Rollen haben wir die Schau⸗ ſpieler nicht.“ Gedachte Lady Vere die vorhergehende Scene auf dem Balle doch auch vorher, wie es ſich gehörte, vielleicht jetzt gleich, zu ſpielen, daß ſie Georg mit dieſem freundlichen Lächeln ſo bittend anſah?— Ach, die ſchöne Künſtlerin vergaß im Intereſſe der Kunſt ganz die ſtolze Lady! Was thut man nicht, um ſeine künſtleriſchen Abſichten in's Werk zu ſetzen! Der Eifer einer Maria Thereſia, die ihre Magyaren in einen Kampf auf Leben und Tod treibt, iſt nicht größer, als der einer ehrgeizigen Schauſpielerin, die ihre Lieblingsrolle auf die Bühne bringen will. Georg zog die ſchöne Hand, die noch auf ſeinem Arm ruhte, an ſeine Lippen:„Sie haben ganz über mich zu befehlen, Mylady!“ ſagte er. Diesmal brauchte ſich die ſchöne Dame nicht über die Kälte ſeines Tons zu beſchweren. Sie beſchwerte ſich auch nicht, ſondern fuhr Fr. Spielhagen's Werke. V 6 82 Clara Vere. munter fort:„Und nun, Herr Allen, da der Regen auf einige Stunde. nachlaſſen zu wollen ſcheint, galoppiren Sie ſchnell nach Hauſe, und ſein Sie zu Mittag wieder hier. Ich kann nicht zugeben, daß Sie hei dieſen entſetzlichen Wegen— die Wieſe im Walde muß ein See ſein, Herr Allen— den halben Tag unterweges ſind. Sie ſehen, Sie ſind bei ſchlechtem Wetter ſo gut unentbehrlich, wie bei gutem. Ich werde Befehl geben, Ihnen ein Zimmer anzuweiſen, wie den übrigen Herren. Richten Sie ſich ſo ein, daß Sie hier bleiben können, wenn es draußen ſtürmt und regnet, wie in der Nacht, als die böſen Töchter den guten, alten Vater auf die Haide hinausſtießen; oder beſſer, ſein Sie ganz unſer Gaſt für dieſe Tage, und laſſen Sie draußen regnen, ſo viel es will— denn: der Regen der regnet jeg⸗ lichen Tag,— wie der Narr im Lear ſagt.“ Fünßzehntes Capitel. So war der wilde Vogel denn doch endlich kirre gemacht, wenn das Herz auch ungeſtüm pochte, als die ſchöne Hand, die ſich ſo bit⸗ tend nach ihm ausgeſtreckt hatte, ſanft das glänzende Gefieder glättete, und die ſcheuen Schwingen über einander legte. Die Empfindungen in ihren Spitzen laufen in einander, und es giebt einen Moment, wo der Schmerz Luſt, und die Luſt Schmerz iſt. Eine ſolche ſchmerzliche Luſt war es, die Georg empfand, als er an dieſem Abend das glänzende Weſen, deſſen Bild all' die Zeit in ſeinen Träumen bei Tage und ſeinem Wachen bei Nacht ihn nim⸗ mer verlaſſen hatte, in dem bunten Gewimmel von Herren und Damen vor ſich ſah, wie, nach dem Ausdruck des alten Poeten, den leuch⸗ tenden Mond unter den bleicheren Geſtirnen. Es war, als ob ſich Lady Vere das Vergnügen nicht habe ver⸗ ſagen können, den Herzog und Georg zuſammen zu ſehen; wenigſtens ruhten ihre Augen mit einem ſeltſamen Ausdruck auf den Beiden, als ſie gelegentlich einige Minuten mit einander ſprachen; und wer es verſtanden hätte, die wunderliche Sprache von Lady Vere's ſchönen Augen zu en en hätte wohl darin S können: bei Gott, er iſt nicht werth, ſein Bedienter zu ſein. Und wirklich, auch einem weniger parteiiſchen Auge, als dem der Lady Vere, hätte der ſeltſame Contraſt der beiden jungen Männer auffallen müſſen, als jetzt Georg mit dem Anſtand und der Würde eines Fürſten, der einem Bittſteller eine Audienz ertheilt, dem kleinen, unbedeutenden Herzoge einige gleichgül⸗ tige Fragen über Forſteultur beantwortete. Nicht daß Georg auch nur im Entfernteſten durch ein großthue⸗ riſches Weſen den fehlenden Rang hätte erſetzen, feiner unſcheinbaren Stellung in der Geſellſchaft hätte zu Hülfe kommen wollen; aber es lag nun einmal in ſeinem Weſen eine angeborene Vornehmheit, die ſich ſo wenig verleugnen läßt, als die Sonne es hindern kann, daß es da Licht wird, wohin ſie blickt. Es giebt gewiſſe Geſtalten, die in dem vollkommenen Ebenmaß ihrer Glieder einer unſchönen, oder unedlen Bewegung gänzlich unfähig ſind. Wer hat das Reh gelehrt, ſo anmuthig über den Wieſenplan hinzufliegen? oder dem Hirſch ge⸗ ſagt: ſo mußt du das ſtolze Geweih legen, und ſo mußt du die Vor⸗ derläufe biegen, wenn du über einen Graben ſetzt, damit der Menſch die Kraft und S deines mächtigen Sprunges zum Sprichwort macht? In Geong's Weſen war eine reizende Miſchung von dem feinen Anſtande Zeltmanns und der friſchen Kraft des Jägers; und die Herren äten, wenn ſie wollten, daß er ebenſo gut eine Verbe g mach 6 als über eine Hecke ſetzen könne. Die Schit ng, die Lady Vere geſtern von ihre em Ieal eines Mannes gemq atte, paßte ſo genau auf Georg, daß ſie ſich in die Lippe biß⸗ in ſie dachte, wie leicht man das Original zu der Copie finden e.— Georg fühlte ſich bald in dem glänzenden Citkel heimiſch. Die meiſten Herren hatte er auf der Jagd ſchon kennen gelernt nd ſeine Stellung brachte es mit ſich, daß er das Orakel des Kre 3 war, der aus den jüngeren gebildet wurde. Von den älteren hu Manche Georg bei dem verſtorbenen Lord geſehen; man erinnerte füh), in welcher Gunſt er bei dem alten Herrn geſtanden hatte, und daß e, wenn das anders ſein Wille geweſen wäre, durch deſſen mächtige Protection jede Stellung hätte erreichen können. Be⸗ 84 Clara Vere. ſonders freute ſich Herr Burn, der erſt vor einigen Tagen eingetroffen war, Georg wiederzuſehen; und ſein achtungsvolles und herzliches Entgegenkommen fiel um ſo mehr auf, als er allgemein für einen ſehr kalten Mann galt, der ſeine Anſprüche an die Menſchen etwas hoch ſpannte. Er war— den Herzog natürlich ausgenommen— weitaus die bedeutendſte Perſönlichkeit der ganzen Geſellſchaft, und überragte Alle an Geiſt und Kenntniſſen. Man rühmte ihn als einen vortreff⸗ lichen Staatsmann, und als Schriftſteller hatte er ſich ausgezeichnet. Seine Reden im Unterhauſe waren durch ihre Schärfe und durchſich⸗ tige Klarheit der Schrecken ſeiner Gegner, und die Wonne ſeiner An⸗ hänger. Obgleich noch ein jüngerer Mann, war er ein Freund des alten Lord Vere geweſen, und Georg hatte ihn ſchon vor der großen Reiſe auf Schloß Vere kennen gelernt und liebgewonnen. In dieſem Jahre war auch er im Orient geweſen; er war begierig, die letzten Schickſale des alten Freundes zu vernehmen; und wer konnte ihm darüber beſſer Auskunft geben, wie Georg! So waren ſie denn bald aus ihrem regneriſchen, engliſchen Himmel unter die glühende Sonne Syriens verſetzt, und wandelten wohl unter den Ruinen von Pal⸗ myra, als ſie jetzt in eifrigem Geſpräch, Arm in Arm, im Saale auf und ab ſchritten.— Im Uebrigen miſchte Georg ſich wenig in die Unterhaltung. Es war ihm ein ſchmerzlich⸗ſüßes Gefühl, Lady Vere in dieſer für ihn neuen Umgebung zu beobachten. Wie der Wandersmann auf ſchmalem Felſenpaß vor dem Ab⸗ grund zu ſeinen Füßen ſchaudert, und doch, von unwiderſtehlicher Gewalt gezogen, ſich über ihn beugt, die grauſe Tiefe ganz mit den Blicken zu durchdringen; wie wir mit gierigem Auge zu dem Seiltänzer, der oben, im letzten Abendſonnenſchein, auf dem Seile balancirt, em⸗ porſtarren, während uns doch das Blut in den Adern ſtockt vor Furcht— ſo hingen Georgs Blicke an der Schönheit und Anmuth des wunderbaren Weſens, ſo horchte er der Rede, die dieſen geiſt⸗ reichen Lippen entſtrömte, wie die üppige Blumenfülle dem Horn der Flora. Während er jetzt in einiger Entfernung vor ihr ſtnd, und ihr zuhörte, und ſie anſah: träumte er, er läge am Rande des Spring⸗ quells an der ſchattigſten Stelle eines ſchönen Parks, und ſchaute mit Clara Vere. 85 Entzücken zu, wie der helle, ſchlanke Strahl jetzt gerade in die Höhe ſteigt, jetzt anmuthig ſich neigt vor dem lauen Winde und ſich hin⸗ über biegt und herüber; jetzt in kühnem Bogen zur Erde ſchießt, jetzt palmenartig in der Höhe nach allen Seiten ſich ausbreitet, und in Millionen Perlen rings herniederrauſcht, wie die ſchlanken Zweige der Trauerweide den Stamm verhüllen; er hörte das ſüße Gemurmel, das einlullende, zauberiſche Plätſchern— und dann war es ihm, als würde er von Adlerfittigen emporgetragen über die niedrige Erde, als ſchwebte er frei über Bergen, Thälern und Wäldern durch den unermeßlichen Aether— und dann erwachte er, und hörte das Sum⸗ men und Schwirren einer zahlreichen Geſellſchaft, und ſah eine bunte Menge vor ſeinem erſtaunten Auge ſich hin⸗ und herbewegen, und bemerkte, daß Lady Vere aufgehört hatte, zu ſprechen, oder dem Kreiſe, der ſie umringte, ſich anmuthig entziehend, jetzt an einem anderen Ende des Saals war. Kam das Regenwetter der Schönheit und Munterkeit Lady Vere's zu gute, oder der Glanz der Kerzen; ent⸗ zückte ſie die Ausſicht auf das bevorſtehende Schauſpiel, oder wollte ſie heute verſuchen, ob ſie einmal Alle vergeſſen machen könne, daß es draußen ſtürme und regne, und für ihre Perſon mit dem Glanz und der Pracht eines warmen Sommerabends wetteifern— ſie war an dieſem Abend ſo wunderbar ſchön, daß der kalte, kauſtiſche Burn, der eben kein Bewunderer Lady Vere's war, zu Georg herantrat, und ihn leiſe fragte:„Erinnern Sie ſich, je auf Ihren Reiſen in Italien oder Griechenland oder Syrien ein ſchöneres Weib geſehen zu haben?“ „Es giebt nur eine Lady Vere!“ erwiederte Georg. An dieſem Abende las die alte Margareth im Förſterhauſe im Walde aus der Bergpredigt:„Schauet die Lilien auf dem Felde an, wie ſie wachſen! ſie arbeiten nicht, auch ſpinnen ſie nicht. Ich ſage euch, daß auch Salomo in aller ſeiner Herrlichkeit nicht bekleidet ge⸗ n 1 2 8 5 weſen iſt, als derſelben eins. 86 Clara Vere. Sechszehntes Capitel. Während ſo auf Schloß Vere ein buntes geſchäftiges Treiben herrſchte und der muntere Lärm einer fröhlichen Geſellſchaft, in der, durch den Zauber einer bedeutenden Perſönlichkeit angeregt, Jeder jedes Talent aufbietet, um nicht hinter den Uebrigen zurückzubleiben, und es ſich zur Ehrenſache macht, zur allgemeinen Unterhaltung bei⸗ zutragen, das Unwetter draußen übertönte— während Rollen gelernt; die Maskengarderobe, die Lady Vere aus der nächſten Stadt hatte kommen laſſen, durchmuſtert, Anzüge in Verzweiflung wieder bei Seite geworfen, oder triumphirend vor dem Spiegel angelegt wurden; während man Proben hielt, und die Rollen des Stücks mit den Rollen im wirklichen Leben durcheinander wechſelte, und der Herr, der den Don Juan ſpielen ſollte, nicht mehr recht wußte, ob er wirklich ein ehrenwerther, friedlicher Herr vom Lande, oder ein tückiſcher, grau⸗ ſamer Böſewicht ſei— während Georg den ſchäumenden Lebensbecher mit durſtigen, vollen Zügen leerte, und ob er ſich den Tod d'ran trinken ſollte,— war es deſto öder und freudeloſer in dem einſamen Hauſe im Walde.— Hier übertönte kein fröhlicher Lärm das Sauſen des Sturmes, der durch die hohen Buchen tobte, und ihre Aeſte im wilden Ungeſtüm durcheinander peitſchte, und an den geſchloſſenen Läden rüttelte, und durch den Wald heulte, wie ein hungriges Raubthier; oder den ſtrömenden Regen, der ſeinen kalten, feuchten Athem ſelbſt in die Stube hauchte, und vor man nicht einmal hier ſicher zu ſein glaubte, wenn man das Praſſeln der ſchweren Tropfen in den breiten Kronen der Bäume vernahm, oder das eintönige Rinnen der Dach⸗ traufe, und das dumpfe Brauſen des Waldbaches, der ſonſt unter breiten Waſſerlilien zwiſchen hohen Binſen und Farrenkraut ſo ſtill dahinfloß, und nun trübe Fluthen durch den Wald die Hügel hinab in's Thal wälzte, und die alten Eichen entwurzelte.— In der Küche, des Abends am Herd, um das flackernde Feuer, deſſen Rauch der Wind, der in dem Schornſtein brummte, und ächzte und ſtöhnte, wie ein eingeſperrter Rieſe, nur zu oft ihnen in's Geſicht trieb, faßen die K. Clara Vere. 81 alte Barbara, und die kleine rothbäckige Köchin, und die beiden Knechte, zu denen ſich auch wohl Georg's alter, eisgrauer Förſter geſellte, der ein paar hundert Schritte weiter im Walde wohnte, und der ſeinen jungen Gehülfen nur zu ſelten mitbrachte, weil der, wie er ſagte, das einſame Häuschen bewachen müſſe, daß es der Regen nicht fortſchwemme, und der Wind nicht fortwehe— eigentlich aber, weil er wegen der Gunſt der hübſchen Dirne auf den ſchmucken Burſchen eiferſüchtig war— und ſie vertrauten ſich grausliche Mährchen von Hexen und Kobolden, und der alte Waidmann wußte ſo ſchauerliche Geſchichten vom wilden Jäger zu erzählen, daß die kleine Mary die Hände vor das Geſicht ſchlug, um die rothe Feder und den flatternden Mantel nicht zu ſehen, und ſich an die alte Barbara anſchmiegte, und leiſe betete, daß der Herr ſie bewahren möge vor dem böſen Feinde. Ja, es war öde und traurig in dem einſamen Hauſe im Walde; aber wem ſein guter Geiſt von dem lieblichen Mädchen erzählt hätte, das zu finden war, dort oben, der hätte ein gar wunderlicher Ritter ſein müſſen, oder gefeſſelt von einem böſen Zauber, wenn er ſich nicht alsbald aufgemacht hätte durch Sturm und Regen, und mit ſeinem guten Schwerte ſich den Weg gebahnt durch die Dornenhecke, hinter der die rothe Roſe duftete und blühte in ſtiller Heimlichkeit. Die alte Margareth hatte die abendlichen Beſuche des Kirchhofs einſtellen müſſen, und ſchaffte ſtill und ſorgſam im Hauſe; aber wenn ſie jetzt des Abends ihrer Tochter gegenüber ſaß, und in der Bibel ſtill für ſich las, oder einen Kernſpruch laut ſprach, als wollte ſie die Welt herausfordern und ſagen: das ſteht hier geſchrieben, und ihr dürft es leſen, ihr Alle, und ihr ſeid ſo hart und lieblos— da konnte es Helene nicht entgehen, wie blaß die Mutter war, wie ihr graues Auge tiefer in die Höhlen geſunken war, wenn es auch noch in dem alten Feuer erglänzte; wie ihre runzliche Hand zitterte, wenn ſie den Leuchter ergriff, um hinaufzugehen; wie wankend ihr Schritt auf der Treppe, wie ſehr ſie der freundlichen Stütze bedurfte. „Mutter, liebe Mutter, Du biſt krank; kränker als Du denkſt, er mich willſt merken laſſen! Laß mich heute Nacht bei Dir wachen, er wenigſtens in Deinem Zimmer ſchlafen!“ „Still, Kind, Du mußt nicht traurig ſein! Wer mag ſ iner Län 88 Clara Vere. eine Elle zuſetzen, ob er gleich darum ſorge? Wir follen aber nicht ſorgen! das iſt ſo thöricht. Sorge Du auch nicht! Sag' Georg nichts; er darf's nicht wiſſen. Er iſt noch nicht werth, daß ihm die Engel dienen:— er hat die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit noch nicht verſchmäht.— Sei ruhig, liebes Herz, laß mich nur wachen!— Georg kommt! Ich darf ihn jetzt nicht ſehen; die Stunde iſt noch nicht da.“ Helene ſah noch mit trübem Auge nach der Thür, durch die die Mutter verſchwunden war, als ſie jetzt, da der Sturm und der Regen auf einige Augenblicke nachgelaſſen hatten, den Hufſchlag von Georg's Pferde auf dem kiesbeſtreuten Wege vor dem Garten vernahm.— Es waren ſchon mehrere Tage verfloſſen, ſeitdem Georg wieder zum erſten Male auf dem Schloſſe geweſen war. Helene wußte, wo er den Tag über ſich aufhielt, woher er kam, wenn er ſpät in der Nacht herangaloppirte. Georg hatte die Einladung Lady Vere's nur zum Theil ange⸗ nommen, er hatte jetzt ſein Zimmer auf dem Schloſſe und ſeine An⸗ züge für die Geſellſchaft— aber er ritt jede Nacht heim, und es war ihm eine eigene Luſt, dieſe Gefahr des nächtlichen Ritt's auf den ſchlüpfrigen Wegen. Der Regen, der ihm in's Geſicht ſchlug, und ſeine Kleider durchnäßte, kühlte die Gluth in ſeinem Innern. Daß er Clara Vere liebe, war ihm ſchon lange kein Geheimniß mehr; aber es war ihm eine unausſprechliche Luſt, jetzt zu finden, daß die ſtolze Lady ihm gegenüber aufgehört hatte, die ſtolze Lady zu ſein; daß ſich ihre Liebe zu ihm in Zeichen offenbarte, die darum nicht weniger vernehmlich zu ihm ſprachen, weil ſie für Andere unmerklich waren, und die er nicht länger mißdeuten konnte, wenn er nicht blind ſein wollte mit offenen Augen. Dieſe Gegenliebe war es, die ſeine Leidenſchaft zu neuer Gluth anfachte. Georg war zu ſtolz, als daß er hätte um Liebe betteln können; und wenn er, wie die ſchöne Dame dachte, den Pfeil nicht ungeſtraft aus dem Herzen ziehen konnte, ſo hätte er ſich ſicherlich ſtill in ſich verblutet, und keiner Menſchen⸗ ſeele die Freude oder den Schmerz gemacht, ihr ſeine Todesqual zu zeigen. Aber laßt nur ein ſchönes Weib euch zeigen, daß ſie euch liebt, Clara Vere. 89 und ſehet zu, wie ihr eure Dankbarkeit beweiſen könnt, ohne Dinge zu thun, die euch hernach gereuen!— Auch der einfachſte, demüthigſte, wahrſte Menſch fühlt ſich ein höheres Weſen, wenn er Liebe oder Bewunderung erweckt, und er heißt die Liebe und die Bewunderung ſo wenig ſchweigen, wie eine köſtliche Muſik, die ſeine Seele bezaubert, und ſie zu dem Hochgefühl eines reineren und ſchöneren Daſeins em⸗ porhebt.— Oder waren es nicht Zeichen von Lady Vere's Liebe zu ihm, daß ſie ſelbſt im Geſpräche mit Anderen mit der größten Fein⸗ heit Anſpielungen einfließen ließ, die ſich auf die geringſten Einzel⸗ heiten ihrer Zuſammenkünfte auf der Bibliothek oder im Walde be⸗ zogen, und die nur für ihn berechnet waren? daß er jetzt bemerkte, wie Niemand, und auch die Geiſtreichſten nicht, ihr den Beifall und das Wohlgefallen abnöthigen konnten, die ſie ihm ſo oft mit leuch⸗ tenden Augen und köſtlichen Worten zu erkennen gegeben? daß ihre Stimme im Geſpräche mit Anderen klar und hell war, und nur, wenn ſie mit ihm ſprach, jenen weichen, warmen Ton annahm, der der Aus⸗ druck iſt einer tieferen Empfindung? daß ſie ſich aus dem glänzenden Kreiſe zu ihm wandte, als wolle ſie bei ihm ausruhen, wie erſchöpft von der Qual, mit Menſchen zu ſprechen, die ſie nicht verſtanden? daß ſie ihn in einer Menge von Kleinigkeiten um Rath fragte, die be⸗ deutſamer ſind, wie die größten Geheimniſſe: ob ſie als Beatrix mit einem Kranze aus rothen oder weißen Roſen erſcheinen ſolle, und welche Farbe ihr Gewand haben müſſe? ihm jene kleinen Aufträge gab, die den Liebenden mehr entzücken, als den ehrgeizigen General der Oberbefehl über das Heer, den ihm ſein Fürſt ertheilt?— Nur der Gedanke an Helene jagte ihn aus ſeinen köſtlichen Träumen jäh empor, und er zitterte wie der Kirchenräuber, der die gierige Hand nach den heiligen Gefäßen ausſtreckt, und meint, daß ſich die heilige Jungfrau auf dem Altarbild, auf das der Schein ſeiner Latyene fällt, bewegt, und den Jeſusknaben feſter an ihren Buſen grückt hat, damit der ſchlechte Mann ihn nicht berühre.— Er hatte „erſw. ihr zu zürnen; aber das hätte ein anderer Mann ſein nüſſen, wie Georg, der dieſem holden, köſtlichen Weſen hätte gram Er hatte das Märchen der Bruderliebe ſich wieder aber er hatte den frommen Kinderſinn verloren, 90 Clara Vere. und er wollte es nicht mehr recht glauben, daß Dornröschen noch immer ſchliefe, hätte ſie der kühne Ritter nicht erweckt.— Er ſah zu wohl, daß ihre roſige Wange blaſſer war, daß ihr blaues Auge nicht mehr ſo freundlich, treuherzig blickte. Er hatte ſeit Wochen ihr fröh⸗ liches Lachen nicht gehört, das ihm ſonſt ſo lieb war, und in das er immer einſtimmen mußte, er mochte noch ſo unmuthig ſein. Er hatte ſie nur noch lächeln ſehen, und ſelbſt dies Lächeln war nicht das alte, freundliche, liebevolle: es war, als ob es für die Thränen gelten ſollte, die ſie nur mit Mühe zurückhielt.——„Ich ſoll ihm nicht ſagen, daß die Mutter krank iſt; er ſoll aber auch nicht ſehen, daß ich krank bin. Die Mutter iſt eine Heldin, ich bin ein ſchwaches Mädchen, ſolcher Mutter nicht werth!“ Als Georg in alter Gewohnheit nach einer Weile aus ſeinem Zimmer für einige Augenblicke herüberkam, lächelte ſie ihm freundlich zu und reichte ihm die Hand. „Mary wird Sie nächſtens für den wilden Jäger ſelber halten, wenn Sie noch länger die Nacht zum Tage machen.“. „Die Böſen ſcheuen das Licht des Tages, liebe Helene!“ „Sind Sie böſe, Georg?“ „Ich weiß nicht, gute Helene; es iſt mir öfters, als wäre ich es nur zu ſehr.“ „Kommen Sie, Georg! es iſt gut, daß Mary Sie das nicht hat ſagen hören. Die konnte es Ihnen zur Noth glauben; ich glaube es nicht. Setzen Sie ſich her zu mir, und erzählen Sie mir von dem Schloſſe und den Feſtlichkeiten dort.— In einem großen, großen Walde ſtand einmal ein prächtiges Königsſchloß. Darin lebte—— ſoll ich denn gar nichts von all' den Herrlichleiten haben? oder fürch⸗ ten Sie, daß wir armen Käuzchen im finſteren Walde geblendet würden, wenn Sie uns einmal durch eine Ritze in die hell erleuchteten Geſellſchaftszimmer von Schloß Vere ſehen ließen?“ Georg ſetzte ſich zu ihr auf's Sopha, und im Anfang zerſtreut, hernach mit der größten Lebendigkeit gab er ihr eine Schilderung von dem Treiben im Schloſſe und zeichnete einige Perſönlichkeiten, beſon⸗ ders den launigen, witzigen Burn ſo vortrefflich, daß Helene ſo munter lachte wie in alten Tagen. Ja, er wurde ſo kühn, daß er Lady „ Clara Vere. 91 Vere's Namen nannte, daß er von dem Stück erzählte, das aufge⸗ führt werden ſollte, und wie die armen Menſchen, ohne jedes Talent, ſich abmühten, der Lady Vere zu gefallen. Helene hatte eifrig zugehört; jetzt ſagte ſie, und ihr Auge ruhte feſt auf Georg:„Und Sie, Georg, der Sie ſelbſt ſo köſtlich leſen, und gewiß nicht ſchlechter ſpielen, ſollen Sie gar nicht auftreten?“— Georg konnte nicht lügen, und wenn es ihm das Leben gekoſtet hätte. „Ich ſoll den Romeo in der Gartenſcene im zweiten Act ſpie⸗ len;— Lady Vere iſt die Julia;— ich glaube, die Gallerie in der Bibliothek hat ſie auf den thörichten Einfall gebracht.“ „Und das ſagen Sie mir jetzt erſt? Schämen Sie ſich, Georg!— Haben Sie denn einen Anzug, oder wollen Sie den Romeo im Frack ſpielen?“ „Ich habe da auf dem Schloß ſo ein paar verwünſchte Lumpen, die mit Gold⸗ und Silberflittern bedeckt ſind, und die der ganz eigent⸗ liche und unabänderliche Romev⸗Anzug ſein ſollen, wie der Verleiher ausdrücklich verſichert hat.“ „Wie iſt die Farbe?“„Blau glaube ich.“ „O, das iſt prächtig! ich will Ihnen einen Domino ſchaffen, daß das gonze Schloß ſich wundern ſoll! Mit Goldflittern— v, ich habe noch Alles! Sie ſollen ſo ſtattlich ausſehen, ſo ſchön!— wann iſt die Aufführung?“ „Nächſten Montag;“—„Und heut' iſt ſchon Donnerſtag— es war die höchſte Zeit.— So, nun gehen Sie zu Bett, und leſen Sie Ihre Rolle noch einmal durch vor dem Einſchlafen; ſo lernt es ſich am ſchnellſten— das weiß ich noch von der Schule her!— Nun, ſo gehen Sie doch!“ Georg hatte gar nicht zu Worte kommen können. Er hätte He⸗ lene an ſein Herz ziehen mögen, als ſie jetzt mit freudigem Geſicht und lachendem Auge vor ihm ſtand, und ihm gute Nacht wünſchte.— Georg war kaum aus dem Zimmer, als Helene in die Nebenſtube an ihren Schrank eilte, und ein prächtiges ſeidenes Fleid hervorholte: vte, du erbärmliches Ding! er hat mich nie in dir leiden können, und ſagte, ich dürfe nur weiß tragen, und Seide ſchicke ſich nicht für ein junges Müdchen! Er ſoll's nicht wieder fagen.“— Und „ 92 Clara Vere. unbarmherzig zerſchnitt ſie das ſchöne Kleid, und nähte mit emſiger, freudiger Haſt an dem Mantel, in dem der feurige Sohn des Mon⸗ teschi der holden Tochter Capulets ſeine Liebe geſtehen ſollte. Siebenzehntes Capitel. Das Stück mit dem ominöſen Titel war nun wirklich aufgeführt und die Darſteller brauchten ſich wenigſtens nicht über verlorne Mühe zu beklagen.— Das ſehr zahlreiche Publikum,— denn die Lücken der Geſellſchaft, die durch die auf der Bühne agirenden Mitglieder entſtanden waren, hatten die Gutsbeſitzer der Nachbarſchaft mit ihren Frauen und Söhnen und Töchtern mehr wie ausgefüllt,— war aus dem Lachen und aus der Bewunderung gar nicht herausgekommen, und verlangte ſtürmiſch eine baldige Wiederholung.— Daß das Ganze eigentlich eine arge Verſündigung an dem großen Dichter und an der Kunſt geweſen ſei— daran dachten nun freilich die Wenigſten, und dieſe Wenigen glaubten ſich durch das wirklich Gute, was geleiſtet war, einigermaßen entſchuldigt. Herr Burn hatte das ſchöne Stück unbarmherzig in das Procruſtesbett gebracht, und ſo viel geſtrichen, daß, wer es nicht ſchon kannte, ſchwerlich in das, was blieb, einen rechten Sinn hineinbringen konnte; aber er ſagte lachend:„Für's erſte glaube ich vorausſetzen zu können, daß Jedermann das Stück kennt; für den, der ſo alt geworden iſt, ohne Shakeſpeare geleſen zu haben, iſt die Ungeduld und die Verwirrung, in die ihn unſere frag⸗ mentariſche Aufführung verſetzen wird, nur eine gerechte Strafe; und endlich halte ich es für verſtändiger, den Eindruck der wenigen Scenen, die wir gut geben können, nicht wieder durch das wüſte Spiel aller andern zu verwiſchen.“ Herr Burn hatte ſich in jeder Beziehung ſeines Rufs als geiſtreicher Kopf würdig gezeigt, und wenn auch ſeine ſchlechten, ungeübten Truppen ihm faſt nur einen ehrenvollen Rückzug Clara Vere. 93 möglich machten, ſo hatte er doch einige glänzende Gefechte geliefert, und ſich perſönlich ausgezeichnet. Er hatte ſeiner ſchönen Rolle des Benedict nicht den glänzenden, jugendlichen, ritterlichen Charakter zu geben gewußt, der ſeinem ganzen Weſen durchaus fremd war; ja er beſaß— und Niemand wußte das beſſer, als er ſelbſt— eigentlich gar kein aber er hatte ein tiefes Verſtändniß der Kunſt, trotz ſeiner etwas herben und ſchroffen Natur. Die große Gutmüthigkeit, die ein Hauptzug im Charakter des Benedict iſt, ging ſo ganz verloren. Wo dieſer ſeine W Litzeswaffe mehr zum Spiel, als im Ernſt ſchwingt; mehr, um ſie in der Sonne funkeln zu laſſen und ſeine Gewandtheit zu zeigen, als zu verwunden,— da hieb Herr Burn recht ernſt zu, und es war beſonders in der erſten Scene, als wenn es ihm Freude machte, das, was er gegen Lady Vere auf dem Herzen haben mochte, unter ſeiner Maske einmal frei herausſagen zu können. Das kam dieſer Scene freilich zu gute, und da Lady Vere ungefähr ähnlich von Herrn Burn dachte, welcher der Einzige in der ganzen Geſellſchaft war, deſſen Geiſt und Witz ihr imponirten, ſo folgte Schlag auf Schlag ſo ſcharf und ſicher, daß die Zuſchauer entzückt waren, und dieſe Scene ſo vielleicht die beſte des ganzen Stuͤcks wurde. Auch der friedliche Herr, der den Don Juan ſpielte, erntete reichlichen Beifall. Er war der ganzen Geſellſchaft als einer der beſten und gutmüthigſten Menſchen bekannt, und ſeine verzweifel⸗ ten Anſtrengungen, ſein wohlwollendes Geſicht zu einer fürchterlichen Maske zu verzerren und als ein recht grauſamer Böſewicht zu er⸗ ſcheinen, waren ſo unendlich komiſch, daß man das Ungehörige gern über dem herzlichen Lachen, das es hier erregte, vergaß. Aber die Rolle der Beatrix war in den Händen einer Dame, die der Stolz der erſten Bühne der Welt geweſen ſein würde; und Herr Burn, der ihr Spiel mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit verfolgt hatte, rief aus:„es iſt ein Jammer, daß ſie Lady Vere iſt.“ Und wahrhaftig, es war ein großer Verluſt für die Kunſt, daß Lady Vere in Verhältniſſen lebte, wo es ihr nicht einfallen konnte, ihr glänzen⸗ des Talent der Bühne zuzuwenden, für die ſie geboren war. Sie hätte Unzählige durch ihre Schönheit und ihren Geiſt entzückt, und wäre vielleicht ſelbſt unendlich glücklicher geweſen. So wurde ihr 94 Clara Vere. Genie ihr zum Fluch und Anderen zum Verderben; denn es erzeugte in ihr die unſelige Luſt, im wahren Leben, das nur eine Rolle duldet, den Charakter, alle nur möglichen Rollen zu ſpielen. Weil ſie, wie es jeder Künſtler, und vor allem der Schauſpieler muß, mit genialer Schnelligkeit jeden Charakter, der ihr in der Wirklichkeit vorkam, erfaßte; weil ſie ſich in jede Situation hineinzudenken vermochte, weil ſie im Voraus beinahe wußte, was die Leute ſagen und thun würden, weil ſie auf Alles einzugehen verſtand, und Allen Alles ſein konnte, wenn ſie wollte, ſo hatte ſich für ſie das wahre Leben, trotz aller ſcheinbaren Einſicht, unlösbar verwirrt, und ſie war— falſch, ohne es eigentlich ſein zu wollen und betrog ſich und Andere, und wußte zuletzt, wer Jeder um ſie herum war, und hatte alles wahre Gefühl ihres eigenen Selbſt, ja eigentlich auch alle Selbſtachtung verloren, und wer weiß, wie viel innere Zerriſſenheit und Selbſtverachtung ſich hinter dieſer ſtolzen, kalten Maske barg. Lady Vere hätte eine edle That thun können; aber nicht wie Jemand, deſſen That ſein zu Fleiſch und Blut gewordener Gedanke iſt, die er ausführen muß, wie er athmen muß, um nicht zu erſticken; ſondern wie der Darſteller einer Heldenrolle, mit Bewußtſein und Ueberlegung, und ihre linke Hand würde merkwürdig genau gewußt haben, was die rechte that— und ein Verbrechen mit demſelben Antheil von wahrer Empfindung, mit der etwa ein Theaterböſewicht ſeine Rolle ſpielt, der in ſeinem ſtillen Hauſe ein treuer Gatte und liebevoller Vater iſt.— Hätte ſich ihr Genie in reinen Kunſtgebilden offenbaren können, ſo wäre Lady Vere im übrigen Leben ſo wahr geweſen, wie ſie es jetzt in der Kunſt war; ſo hätte ſie ein treues, gutes Weib und eine geniale Schauſpielerin ſein können zu einer Zeit. Jetzt aber warf ſich der Kunſttrieb, der ſich nach außen nicht entfalten konnte, auf den Orga⸗ nismus des Lebens und zerfraß ihn wie ätzendes Gift. Der ſchöne, prächtige Strom, der Flotten auf ſeinem Rücken trägt, und Städte und Dörfer baut, und der Wohlthäter iſt ſeines ganzen Landes, daß die tiefſinnigen Alten ihn zum König und Herrn machten, und ihm göttliche Ehre erwieſen, wird zum ſcheußlichen Tyrannen und Ver⸗ derber, wenn er aus ſeinem Bett über die Ufer tritt in die Pflan⸗ zungen der Menſchheit.— Clara Vere. 95 Die umſichtige Directrice hatte es ſo geſchickt einzurichten gewußt, daß es Jedem als eine Nothwendigkeit erſchien, Giith müſſe den Romeo ſpielen. Auch der Herzog ſah dieſe Nothwendigkeit ein, wenn s für ihn auch nur eine traurige war. Am Abend nach der Aufführung, als Alle der ſchönen Künſtlerin ihre Huldigungen brachten, und der Herzog den Pöbel ſich erſt hatte verlaufen laſſen, um das Beſte und Koſtbarſte bis zuletzt aufzuſparen, nahte er ſich ihr und ſagte: „Mylady! Sie waren göttlich; aber wahrhaftig, ich habe mich vor Ihnen ordentlich gefürchtet.“ „Göttlich und doch fürchterlich! Sie ſind kein guter Chriſt, Mylord! er ſoll ſich nicht fürchten! Und wie ſchickt ſich die Furcht für den Herzog von Arlington, der doch ſonſt ein Ritter ohne Tadel iſt?“ „Nun,“ ſagte Herr Burn, der eben hinzutrat,„der Herzog macht die Sache ſchlimmer, als ſie iſt. Er iſt ja nicht davongelaufen, und jedenfalls hat er ſeine Furcht hinter enthuſiaſtiſchen Beifallsbezeugun⸗ gen gut genug verſteckt.“ Herr Burn konnte ſagen, was ſich kein Anderer hätte dürfen. Er hatte ſich durch ſeinen Geiſt das göttliche Vorrecht d Shakeſpear'ſchen Narren erworben. „Haben Sie nicht ſelbſt zu dem Paſtor geſagt,“ platzte der Her⸗ zog grimmig heraus,„daß Mylady ein Teufel ſein könne?“ „Gewiß!“ ſagte Herr Burn, den die größte Dummheit nicht in Verlegenheit bringen konnte;„aber der Paſtor ſollte doch wohl wiſſen, daß auch die Teufel Engel ſind.— Im Ernſt, Mylady!“ fuhr er fort,„es verlangt mich aufrichtig darnach, Sie in einer der Rollen zu ſehen und zu bewundern, in denen Shakeſpeare ſein Frauenideal der ſpäteren Jahre gezeichnet hat. Denn, wir mögen uns ſtellen, wie wir wollen, es wird uns doch bei dieſen mannhaften Weibern 3 S6t recht wohl— und darin hat der Herzog ganz meinen Gedanken usgeſprochen!“ ſetzte er mit einer parlamentariſchen Wendung und höflichen Verbeugung hinzu. „Sie haben ganz über mein geringes Talent zu befehlen, meine Herren,“ fagte Lady Vere, den Herzog anſehend.„Was wünſchen Clara Vere. 96 Sie? die ſanfte Cordelia, oder die holde Imogen, oder Julia, die Krone der Frauen?“ „Julia, Julia!“ rief ein paar Mal geſehen h ahnte, daß Cordelia und Imogen auch wohl irgendw ſchen Stücken vorkommen möchten. „Wollten Sie mein Romeo ſein, Mylord?“ „Ich? ja, das heißt— Sie wiſſen, ich habe gar kein Talent! Gewiß! aber ohne das Grabgewölbe der Capuletti, oder der Mon⸗ teschi— ich verwechsle das jedesmal; und ohne die Scene mit dem —— wie heißt er doch?— Tybalt, dem rohen Menſchen;— denn ich bin kein Freund von Scenen jeder Art, noch dazu auf offenem Markte!“ Der Herzog ſah ſich triumphirend um; das auserwählte Publikum, dem er mit ſeiner Beleſenheit imponirte, war ihm faſt zu klein; er war in der beſten Laune. „Julia—“ ſagte Lady Vere ſinnend,—„nun ja— einige Scenen vielleicht! Für die Gartenſcene im zweiten Acte hätten wir ſchon den Balkon— aber wo bleibt Romeo?“ „Vielleicht Herr Black;“ ſagte der Herzog,„er hat dunkle Augen und merkwürdig ſchwarzes Haar; er iſt ein geborner Romeo!“ „Um Gotteswillen nicht!“ rief Herr Burn,„er würde die köſt⸗ lichen Verſe ſchreien, wie ſeine Reden im Unterhauſe; und nach jedem Verſe inne halten, um das„Hört! hört!“ zu vernehmen, ohne das er alle Mal ſtecken bleibt.“ „Oder Herr Prieſt—“ ſagte Lady Vere. „Sie ſcherzen! Er würde Ihnen keine Liebeserklärung machen; er würde Ihnen eine Predigt halten; und was für eine! Er kann den Lorenzo zur Noth ſpielen.“ „Dann Herr Blunt!“ ſagte der Herzog. „Er kann den Tybalt übernehmen; die rauhe Stimme, den trotzigen Gang— er hat Alles zum Tybalt, Nichts zum Romev.“ „So wird Ihre Julia denn wohl ein frommer Wunſch bleiben, Mylord!“ ſagte Lady Vere im Tone des Bedauerns. „Nein!“ ſagte Herr Burn,„Sie haben Jemand für den Romer, der entzückte Herzog, der Romeo und Julia atte, und nur aus der Zuſammenſtellung o in Shakeſpear'“⸗ Clara Vere. 97 und der den Romeo beſſer ſpielen wird, wie ich den Benedict geſpielt habe. Ich meine Herrn Allen!“ „Wen?“ fragte der Herzog, der ein kurzes Gedächtniß hatte. „Herr Allen iſt blond, wie ich glaube“— ſagte Lady Vere bedenklich. „Wollte Gott, wir hätten heute Alle— Sie natürlich ausge⸗ nommen, Mylady— wir Alle hätten heute Abend mit keinem größeren Fehler zu kämpfen gehabt, und Shakeſpeare wegen keiner ſchwereren Sünde um Verzeihung zu bitten!“ „Nun mag's denn ſein!“ ſagte Lady Vere entſchloſſen.„Ich thue es nicht gern, aber ich will's thun.“ „Sie trennten ſich; Herr Burn voll wahrer Freude über einen bevorſtehenden Genuß; Lady Vere im doppelten Triumphe, ihren Sieg errungen und ihren größten Gegner geſchlagen zu haben; der Herzog ſelbſtgefällig lächelnd, und bei ſich denkend:„Ich kann mir's denken, daß ſie nicht gern mit dem Menſchen ſpielen will— ver⸗ dammt, daß ich gar kein Talent habe, gar keines!— aber daß ich mich auf den Tybalt beſinnen konnte, war wirklich ſehr gut.“ Achtzehntes Capitel. Der verhängnißvolle Tag war da.— Ein ſchönes Burgfräulein, das ihren Buhlen, der in den Kampf zog, mit der Schärpe ſchmückte, die ſie in ſtillen Nächten ſelbſt ge⸗ weht, und dachte, wie auf dies Herz, an welches ſie jetzt ihr Haupt legte, tauſend Schwerter zielten, wie ihr Liebling, ihr Stolz, ihre Wonne vielleicht anſtatt ihrer den kalten Tod werde umarmen müſſen — ihr Herz konnte nicht ſchwerer ſein, wie Helenens, als ſie am Morgen Georg einen prachtvollen Domino brachte, in dem er auch wohl bei jenem Banquet auf Schloß Vere hätte erſcheinen können, das, wie die Sage ging, die jungfräuliche Königin ſelbſt mit ihrer Gegenwart verherrlichte. Als ſie jetzt vor Georg ſtand, mit einem Fr. Spielhagen's Werke. 7 1 98 Clara Vere. freudigen Lächeln, und eine große Thräne, die ſie zwiſchen den Wim⸗ pern zerdrückte, im blauen Auge— da mußte wohl der böſe Zau⸗ berer, der unſeren Ritter in argen Banden hielt, fühlen, wie jetzt die gute Fee, ſeine Todfeindin, mächtig mit ihm rang, und ihm ſein Opfer zu entreißen drohte— da riß für Georg der böſe Nebel, der ihm ſeine Sonne verhüllte, und einen Augenblick ſtrahlte ſie warm und freundlich in ſein Herz. Zum erſten Mal ſeit jenem Abend der Heimkehr ſchloß er das bebende Mädchen in ſeine Arme, und ihre Lippen begegneten ſich; und der Himmel weiß, ob Julia nicht die ganze Nacht auf dem Balkon hätte ſtehen können, und mit dem Monde Zwieſprach pflegen, ohne ihren Romeo zu ſehen, wenn ſich Helene nicht ſchnell ſeinen Armen entwandt hätte, und in ihr Zimmer geeilt wäre, um ſich auszuweinen. Und jetzt ſprach es vernehmlicher, wie je in ihrem Herzen:„er kommt zurück zu dir! bald!“— und der Kuß brannte wohl auf ihren Lippen; aber ſie zuckten nicht ſchmerzlich. „Das war mein eigen;“ ſagte ſie,—„ich durft's wohl nehmen! ich brauche Niemandem zu ſtehlen, was mein eigen iſt.“— In der Frühe hatte der Regen, der nun ſeit faſt vierzehn Tagen das ganze Thal in ein dampfendes Staubbad verwandelte, plötzlich aufgehört; gegen Mittag brach die Sonne, wie ein ſiegreicher Held, ſtrahlend durch die Wolken, und der plötzlich umſpringende Wind trieb die Eilenden vor ſich fort, wie die leichte Reiterei die Feindes⸗ ſchaaren, die, einmal durchbrochen, in wilder Flucht ſich über das Feld ergießen, das ſie vorher ſtandhaft behaupteten. Der Abend ſank ſo ſtill und warm auf das Thal herab, wie an jenem Tage, als Georg Clara Vere im Walde traf; und der Mond deſſen ſchwan⸗ kenden Sichel man die Zeit vorher durch die dunklen Wolken hatte eilen ſehe, wie ein weißes Segel durch ſchwarze Sturmeswogen, trat jetzt in ſeiner Pracht hervor, und goß ſein friedliches Licht über die regengetränkte Erde. Die Geſellſchaft auf Schloß Vere erwartete die Stunde mit einer Ungeduld, derer ſich das kunſtliebende Publikum einer Reſidenz nicht hätte zu ſchämen brauchen, das eine angebetete Künſtlerin in einer neuen Rolle ſehen ſoll, und nur fürchtet, der junge Anfänger, den Niemand kennt, werde die ganze Sache verderben. Clara Vere. 99 Niemanden aber pochte das Herz mehr, wie Georg, den die ſchalkhafte Göttin in die wunderliche Lage gebracht hatte, die Leiden⸗ ſchaft, die in ihm wüthete, in Worte faſſen zu dürfen, und in die Worte, die der göttliche Sänger den verwirrten, ſtammelnden Sterb⸗ lichen vorſagte, daß ſie wüßten, wie ſie ſprächen, wenn ſie vergebens nach dem Werte ſuchen, das ihr Gefühl emportragen ſoll zu dem Thron der Göttin der Liebe, an deſſen Stufen ſie in Entzückung an⸗ beten— und dieſe Worte ſprechen zu müſſen vor einem großen Publi⸗ kum; zur Schau ſtellen zu müſſen ſeine innerſte Seele; beten zu müſſen an den Straßenecken, wie die Heuchler, wo er gern in die tiefſte Einſamkeit geflohen wäre, und das flüſternde Rohr die Worte nicht hätte hören laſſen mögen: ich liebe Dich!— 2** Re Er hatte zweimal Probe gehabt mit Lady Vere; aber beide Mal war der Regiſſeur zugegen geweſen, und ſie hatten ihre Rollen ab⸗ geleſen und hergeſagt und damit war es gut geweſen; und ſie hatten das Arrangement der Scene noch einmal durchſprochen, und Jedes ſchien zu ſagen:„Nun ſiehe Du zu, wie Du fertig wirſt.“— Der Vorhang rauſchte empor. Der große Bühnenraum war in einen blühenden, duftenden Garten verwandelt, voll hoher Oleander⸗ und Orangenbäume. Die weit geöffnete Fenſterthür, die bis oben hinan mit Geſträuch ausgefüllt war, durch das der Strahl des Voll⸗ monds nur eben hindurchzitterte, hauchte dem überraſchten Publikum die balſamiſche Nachtluft zu; verborgene Lampen, deren Licht durch gefärbte Gläſer gedämpft wurde, warfen einen zuuberiſchen Schimmer äber dieſe Scene, die um ſo weniger ihre Wirkkng verfehlen konnte, als man den Zuſchauerraum weislich im Dunkeln gelaſſen hatte. Georg, der durch die Thür unter dem Balkon hinter den blühen⸗ den Sträuchen bis zu dem Gitter gekommen war, ſtand einen Augen⸗ blick ſtill, um Athem zu ſchöpfen, da ſein wildſchlagendes Herz ihm faſt die Bruſt zu ſprengen drohte, und als er ſich jetzt mit den Worten:„der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt“ über die Gar⸗ renthür ſchwang, da war es ihm, als ſei das ſtockende Blut frei ge⸗ worden; als ſtröme es in rother Fluth aus ſeinem Herzen; als könne er ſeine Seele aushauchen in die köſtlichen Worte, die er zur Julia hinauff I. — 100 Clara Vere. Die kleine Thür, die von dem mit Epheu dicht umrankten Balkon auf den Corridor führte, und durch die die Zuſchauer das Licht aus Julia's Gemach hatten ſchimmern ſehen, hatte ſich auf einen Augen⸗ blick verdunkelt, und Julia war herausgetreten, und ſie lehnt ſich auf die Baluſtrade, und ſtützt ihre Wange auf die Hand. Und o! wie ſpielten ſie dieſe Seene! Vielleicht iſt ſte auf keiner. Bühne der Welt je ſo geſpielt worden, wie an dieſem Abend von dieſen beiden ſchönen Menſchen; und ob es gleich nur ein Zufall war, daß Georg's Natur und Leidenſchaft diesmal mit ſeiner Rolle zu⸗ ſammenfiel, während Lady Vere's Genie ſich zufällig einmal in dieſer Leidenſchaft und Natur offenbaren konnte— wer jetzt Georg's edles Geſicht in holdèr, verſchämter Begeiſterung aufflammen ſah, der mußte ſagen:„dieſer ſchöne, blonde Jüngling iſt Shakeſpeare's Romeo!“ und wer jetzt den Blick auf Lady Vere wandte, deren bleiche Züge ein liebliches Roth übergoß, das im Anfang— ſie wußte es wohl ſelbſt nicht— verrätheriſch hell aufloderte— er hätte die Welt durch⸗ ſuchen können, und hätte keine ſchönere Julia gefunden:— ja ihre Stimmen klangen ſo wundervoll ineinander, daß Herr Burn mit einer Thräne im Auge zu ſeinem Nachbar ſagte:„Bei Gott! zwei Nach⸗ tigallen, die im Buſche ſchlagen!“ Der Vorhang fiel. Eine tiefe Rührung hatte Alle ergriffen; mehr wie ein ſchönes Auge hatte ſüße Thränen geweint. Jetzt folgte lärmender Beifall der beredten Stille, und ſtürmiſch wurde eine Wiederholung verlangt. Aber Lady Vere verſtand ihren Vortheil zu gut, um dieſen Verrath an der Kunſt zu begehen; und was Georg betraf, er hätte ſich eben ſo lieb auf das Schaffot bringen laſſen, als noch einmal auf die Bühne. Er eilte durch die Thür zurück in ſein Zimmer; er kleidete ſich um; er wußte kaum, daß er es that; er wußte kaum, daß er geſpielt hatte; er hörte nur dieſe weiche, ſüße Stimme; er ſah nur dieſe ſchlanke, weiße Geſtalt ſich zu ihm niederbeugen; dies dunkle Auge in glühender Leidenſchaft auf ihn niederblicken. Er trat nach einiger Zeit aus ſeinem Zimmer, und in demſelben Augenblicke kam Lady Vere aus ihren Gemächern den Corridor herauf, um ſich wieder zur Geſellſchaft zu begeben. Das Kammermädchen mit zwei Lichtern ging Clara Vete. 101 vor ihr her. Georg trat um ihnen in dem ſchmalen Gange Raum zu geben. Lady Vere blieb vor rihm ſtehen, während das Mädchen weiter ſchritt; ſie reichte die Hand, 3 beugte ſich über ihn, als er ſie an ſeine Liß i ſterte ihm zu:„Nur wir verſtehen pielen; die ſind die aus dem Sommernachtstraum!“——— Lady Vere war verſchwunden: Georg lehnte ſich zitternd an dif Wand; ſeine Glieder flogen, als wenn ein Fieber ſie ſchüttelte— Gott, was war das? wirbelte ihm ſein Sinn? hatte Lady Vere ihn nicht mit ihren Armen umſchlungen? hatte ſie ihn nicht an ihren Buſen gedrückt? fühlte er nicht ihren heißen Kuß auf ſeinen Lippen?——— war er wahnſinnig? und wenn es ſeine Seligkeit gegolten hätte, er würde nicht haben ſagen können, ob dies Wirklichkeit war, oder ein Trugbild, das ſeine auf⸗ geregten Sinne in ihm heraufbeſchworen.— Er ſtürzte aus dem Schloſſe; er dachte nicht daran, ſein ſatteln zu laſſen; er rannte durch den ten in die Ale er ſah nicht, wie der Mond ſich hinter den Wolken barg, und der Pjad vor ihm dunkel ward; er fühlte nicht, wie e ſchwere Tropfen durch die Blätter ſchlugen er hörte nicht den grollenden Donner des Gewitters, das der veie Tag zuſammengezogen; er fuhr zuſammen, als ein blendender Blitz niederzuckte, und die Wände der Kapelle dicht vor ihm auf einen Augenblick hell erleuchtete; er wußte nicht, wie er an en Ort g kommen war; er hatte, ohne zu wollen, inſtinktmäß nächſten Weg nach Hauſe eingeſchlagen. Als er jetzt über den Kirchhof ſchreitend, wo der Wind, der die Wolken wieder auseinander jagte, von den Trauerweiden die Tropfen auf ihn herunterſchüttelte, durch die feucht Grabhügel hindurch nach der Ausgangsthür eilte, vertrat ihm eine Geſtalt den Weg, die wie aus einem der Gräber hervorgeſtiegen i ſchien. Eine kalte Hand er⸗ faßte die ſeinige, und eine dumpfe Stimme ſprach:„Kommſt Du envlich, Georg? ich habe Dich ſchon lange erwartet!“ „Seid Ihr es, Mutter: und hier, zu dieſer Stunde— wi wußtet Ihr, daß ich dieſen Weg kommen würde?— kommt, 1 uns gehen, Mutter— Helene wird ſich ängſtigen um E ſuchte die alte Margareth mit ſich fortzuziehen;— ſie hielt ſeine Hand 102 Clara Vere. feſt mit wunderbarer Kraft.„Bleib!“ ſagte ſie—„das iſt die rechte Stunde und der rechte Ort; ich wußte, daß Du hierher kommen würdeſt— ich weiß jetzt Alles. Nicht nach Hauſe!— Helene ſoll nicht wiſſen, warum ihr Bruder ſtarb.“ Georg zitterte vor Erſchöpfung und Grauen vor dem Dämon in der alten Frau— er glaubte ſie wahnſinnig, ſich wahnſinnig: er war außer ſich. „Halte mich nicht für verrückt, Georg;“ ſprach die Alte,„ich bin es nicht. Ich weiß nur zu wohl, was ich weiß; obgleich das Eine erſt ſeit kurzer Zeit, und das Andere, was ich lange wußte, hat mir das Haar grau gemacht.— Komm, Georg! ich muß Dir eine Ge⸗ ſchichte erzählen; ſie hat Aehnlichkeit mit der Deinigen; aber der Aus⸗ gang ſoll anders ſein.“ Und ſie führte den willenlos Folgenden zu dem Grabe ihres Sohnes, und deutete mit der einen Hand auf das Grab und ſprach:„Einſt lebte ein ſchöner, frommer Jüngling, und die Teufel waren neidiſch, daß er ſo ſchön und ſo fromm war; und ſie ſprachen unter ſich: wir wollen ihn dennoch zu einer böſen That verleiten, daß er in einem Augenblicke vor Gottes Thron treten ſoll, da er nicht bereitet iſt, daß er ſich an Gottes Herrlichkeit ſiehet das Gericht. Und ſie ſtatteten einen unter ihnen aus mit allen Reizen eines ſchönen Weibes, und ſchickten das Weib auf die Erde, und gaben ihm Rath, wie es den Jüngling weglocken ſollte von Gott. Und ſie hatte die Teufel nur zu gut begriffen, und der Jüngling ging nur zu blind in das Netz des Verderbens. Sie blickte ihn an mit buhleriſchen Blicken, ſie drückte zärtlich ſeine Hand, ſie flüſterte ihm Schmeichelworte zu, und ſetzte ſein Herz in Flammen, und fachte eine wahnſinnige Leidenſchaft mit teufliſcher Kunſt in ſeinem Herzen an. Und als der Jüngling Gott vergeſſen hatte, und vor ihr niederfiel und ſie anbetete,— da riß ſie lachend die ſchöne Maske ab, und zeigte ſich in ihrer wahren Geſtalt— da verhöhnte ſie den Armen, daß er vor ihr kniee; Gott habe die Armen gern; da, wo ſie ſei, müſſe man reich ſein; und ſie fagte: er ſolle eine Krone ſtehlen, und kommen und wieder anfragen.— Da wurde es Nacht um ihn: er rang verzweifelt nach Licht; aber vergebens. Da floh er zu ſeiner Mutter und ſagte ihr Alles, und ſie betete mit ihm, daß er wieder Clara Vere. 103 fromm ſein wolle, wie früher. Aber als ſie bald darauf im Walde ging, und die Hände rang und zu Gott flehte, da fand ſie ihren Sohn unter der alten Eiche, wo er als Knabe hundertmal geſpielt und ſich fröhlich im Graſe getummelt—— und ſein liebes Haupt war zerſchmettert— und das war mein Sohn, und der ſchöne Teufel war Lady Clara Vere de Vere!“ „Nein, nein!“ rief Georg mit Entſetzen.„Clara Vere iſt ſtolz, aber ſie iſt gut! ſie hat Lorenz nicht den Giftbecher gereicht; er hat ſich ſelbſt den Tod getrunken!“ „Lügen meine grauen Haare auch, die der Kummer um meines Sohnes Tod grau gemacht hat?“ „Sie iſt unſchuldig, ſie iſt unſchuldig!“ murmelte Georg. „Ja, unſchuldig— wie ihr Vater an ſeines Vaters Tod!“ „Mutter verfündigt Euch nicht! Ich habe die Stelle unterſucht; ich habe die Leute abgehört, die zugegen geweſen ſind. Der Vater iſt nicht durch des Lords Kugel gefallen! Seine Büchſe war ent⸗ laden, als man zu ihm kam, und das Pulver dampfte noch! der Schuß kann nicht von Lord Vere gekommen ſein— Mutter, legt nicht den Menſchen zur Laſt, was ein Zufall war.“ „Mag ſein! ein Zufall, aber ein böſer Zufall! Ich will mich nicht verſündigen, wie Du ſagſt! Mag ſein! Du weißt das beſſer; ich habe es nie begreifen können.—— Ich habe Gott mit heißen Reuethränen gebeten, mir den ſchweren Fluch zu vergeben, mit dem ich der Mörderin meines Sohnes fluchte in meiner grauſamen Qual. Mag Gott ihr verzeihen; ich kann es nicht. Gott wird mich's lehren, vor dem ich bald ſtehen werde. Ich ſehne mich darnach! ach, ich kann Dir nicht ſagen, wie! er wird die Schuld gnädig von mir nehmen.— Aber ich will ihr ein anderes Verbrechen erſparen,— das iſt auch feurige Kohlen auf ihr Haupt ſammeln: Du ſollſt des armen Lorenz Schickſal nicht theilen!— Wohl muß ſie ſchön ſein, daß ſie den unbeſonnenen Knaben fangen kann, wie den ſtarken Mann! Höre, Georg! Du liebſt das ſchöne Weib. Du biſt gut und beſſer, als ſie: Du heißt Deine Liebe ſchweigen, weil Du zu ſtolz biſt, der ſtolzen Erbin Dich zu beugen. Geh' hin, und geſteh' ihr Deine Liebe, und höre, was ſie Dir antwortet! und wenn Du dann zurück kommſt 104 Clara Vere. mit wankenden Knieen und gebrochenem Herzen— ſo will ich Dir ſagen, wer Du biſt! Nein, Du biſt ſtark,— ich will es jetzt Dir ſagen! Du kommſt aus der Halle Deiner Väter, wo Du die Fremd⸗ linge ergötzt haſt durch Gaukeleien, wie ein fahrender Spielmann; und um die Gunſt der Herrin gebuhlt haſt, da Du doch ſelbſt Herr biſt. Die Füchſe hauſen in der Höhle des Löwen, weil ſeine Stimme in der fernen Wüſte verhallt; ich will Dir den Weg zeigen; Du wirſt ihn zu finden wiſſen, wenn Du die echte Brut biſt.— Dein Vater war gut— ach, er war beſſer, als wir alle! und Du biſt gut! ich bin Deine Mutter, wenn Du auch die nicht kennſt, die Dich gebar, wie ich ſie nicht kenne. Sie wird mir bald entgegen kommen, und mir danken, daß ich ihren Sohn geliebt, und für mich bitten bei Gott.“ Die alte Margareth ließ ſeine Hand fahren, die ſie bis jetzt feſt gehalten. Sie ſank an dem Grabe nieder auf die feuchte Erde und ſprach ein kurzes Gebet; ſtreichelte ſanft das lange, naſſe Gras, erhob ſich wieder und ſprach:„Nun iſt es gut; komm! laß uns nach Hauſe gehen!“— Ihre Stimme war ſeltſam verändert; ſie ſprach die Worte leiſe, daß Georg ſie kaum verſtehen konnte; ſie lehnte ſich auf ſeinen Arm; er mußte die ganz Entkräftete faſt tragen; ſie ſprach weiter kein Wort.— Am Hauſe angekommen, fand Georg alles ſtill; es war tief in der Nacht; Helenens Zimmer war dunkel; ſie mußte nicht wiſſen, daß die Mutter draußen war.— Auf der Hausflur brannte ein Licht, dem Verlöſchen nahe. Die alte Margareth ergriff es; ſie ſtieg langſam die Treppe hinauf, und winkte ihm zurückzubleiben.— Georg wankte in ſein Zimmer; es ſchauderte ihn, wie im Fieberfroſt; er entkleidete ſich mechaniſch— er war wie trunken— ſeine Ge⸗ danken kreisten— er verfiel in einen tiefen Schlaf.—— In dieſer Nacht hatte Georg einen ſeltſamen Traum. Die Thür öffnete ſich, und der alte Lord Vere trat herein. Er hatte die Züge der alten Margareth; aber Georg wußte es ganz gewiß, daß es der alte Lord war. Er trug eine Kerze in der einen Hand, und in der anderen ein goldenes Geſchmeide, das in dem Licht erglänzte. Er ſprach zu ihm:„Georg, ich kann Dir jetzt ſagen, wo Du Deinen Vater finden Clara Vere. 105 wirſt; hinter dem Bilde Deiner Mutter in der Bibliothek.“ Dann beugte er ſich über ihn, und küßte ihn auf die Stirn, und richtete ſeinen Kopf ſanft in die Höhe, und band ihm das Geſchmeide um— und dann war wieder Alles Nacht um ihn und in ihm. UNeunzehntes Capitki⸗ Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als Georg am nächſten Morgen aus ſeinem tiefen Schlafe erwachte. Die erſchöpfte Jugend⸗ kraft hatte ſich zwar wieder hergeſtellt in jenen geheimnißvollen Stun⸗ den, wo das Geſchöpf, ſein eigenſinniges Daſein aufgebend, der großen Mutter ſich vertrauensvoll in die Arme wirft, und ſich neue Kraft trinkt an dem Urquell alles Seins; aber eine ſo 4, war auf ſeine Seele geſunken, daß er die feine Arbeit der goldenen Kette, die er am Halſe trug, und den wunderlich. ſilbernen Schlüſſel, der daran hing, mit einem Gefühl ſtumpfer Neugier und Verwunderung betrachtete, daß er ſich erſtaunt fragte: wie kommſt Du zu dieſer Kette, die Du in früheren Jahren an Lord Vere geſehen? bis dieſer Name die Erinnerung an die ſeltſamen Ereigniſſe der ver⸗ gangenen Nacht und an ſeinen wunderbaren Traum erweckte. Hatte er die früheren Eindrücke mit friſcherer Kraft empfangen, oder war ſein Gemüth ſo feſt in dieſen Kreis gebannt, die Geſtalt der Lady Vere löſte ſich zuerſt aus dem Chaos los, und Georg durch⸗ lebte noch einmal die Scenen auf dem Schloſſe, das Schauſpiel und das Zuſammentreffen mit Lady Vere auf dem Corridor. Ach! das Geheimniß, das ihm auch jetzt noch auf dieſer Begegnung lag, war ihm viel wichtiger, als den räthſelhaften Andeutungen zu folgen, die aus den leidenſchaftlichen, wirren Reden der alten Margareth dunkel in ſeinem Ohre klangen; und hätte er mit dem Schlüſſel, den er in der Hand hielt, die Löſung des ſüßen Räthſels gefunden, er wäre 106 Clava Vere. der Erſcheinung dankbar geweſen, wer ſie auch immer geweſen ſein mochte. Dann, wie in Verzweiflung, daß ihm das reizende Bild immer und immer wieder entflatterte, wandten ſich ſeine Gedanken den ſpäteren Ereigniſſen zu. Er wußte ſo gar nicht, wie er auf den Kirchhof gekommen war, daß er das Ganze für einen ſchauerlichen Traum hätte halten mögen, wenn doch auch nicht Alles wieder ſo deutlich geweſen wäre; wenn ihm nicht die Reden der alten Margareth Wort für Wort wieder in das Gedächtniß gekommen wären, bis auf die letzte räthſelhafte Prophezeiung des Traumbildes; wenn er in der Kette mit dem Schlüſſel doch nicht einen zu handgreiflichen Beweis gehabt hätte, daß dies Alles mehr ſei, wie ein Traum.— Es iſt ge⸗ wiß erklärlich, daß Georg faſt nie über ſeine Geburt und das erſte Jahr ſeines Lebens und ſeine wahren Eltern viel nachgedacht hatte. War denn hier nicht ſeine Heimath? Hatte er denn die alte Mar⸗ gareth nicht immer Mutter genannt? Hatten ihn denn Lorenz und Helene je fühlen laſſen, daß er keine Geſchwiſter habe, und allein daſtehe in der Welt? Er trug einen anderen Namen— das war ja Alles! Und wie ſchmerzlich würde es ihm ſelbſt geweſen ſein, wenn man ihm viel von einem anderen Vater, einer anderen Mutter geſprochen hätte!— Aber warum dachte er jetzt an das Alles? warum ſprach er das Wort„Mutter“ ſo gedankenvoll vor ſich hin, als wenn er es nie gehört, als hätte er eine Bedeutung darin gefunden, die er nie zuvor geahnt? warum trat Lord Vere's verehrtes Bild wieder deutlicher, als er es ſeit mancher Woche geſehen hatte, vor ſein inneres Auge? warum verſenkte ſich ſein Geiſt in ein Labyrinth von Zweifeln und Muthmaßungen und ſonderbaren Ahnungen, das ihm zuletzt ebenſo unendlich und verworren ſchien, wie das erſte Räthſel? Er fuhr unmuthig empor aus ſeiner Träumerei. „Wie es auch ſei,“ ſprach er bei ſich,„ich wäre ſtolz darauf, Dein Sohn zu ſein. Und biſt Du denn nicht mein Vater? habe ich denn nicht ſeit der Zeit, wo mir durch Dich ein höheres Daſein ge⸗ worden, nur immer an Dich gedacht, ſo oft ich das Wort„Vater“ hörte? Was wäre denn da ſo Neues? Verdanke ich Dir nicht Alles, was ich bin und vermag?— Lord Vere!“— er hatte ſich in % Clara Vere. 107 ſeinem Leben nicht mit dem Titel zuſammengedacht— der Gedanke⸗ war ſo ſeltſam, daß er laut auflachte— das Kleid wollte ihm doch gar nicht paſſen. Lord Vere! Und ſollte das herrliche Weib denn doch ſein werden? Um dieſen Preis— nie, nie! Und war ſie denn nicht ſchon ſein? was wollte er denn?— Und wenn alle Reiche der Welt zu ſeinen Füßen gelegen hätten, er würde ſie mit Verachtung von ſich geſtoßen, und nach ihr die Hand ausgeſtreckt haben. Was war denn alle Macht, und aller Reichthum und alle Herrlichkeit gegen dies eine Weib!— Und ſie ſollte nicht echt ſein, ein ſchlechtes Stück blinkendes Glas, und nichts weiter? Er wies dieſen Gedanken wie eine Verfündigung von ſich, wie einen ſchnöden Verrath— er ſprang auf: die Mutter mußte ihm Aufklärung geben, wenn ſie konnte.„Nein, ich will Alles vergeſſen! nur dich nicht und deine Umarmung!“—— Und doch, barum ließ er die Kette mit dem Schlüſſel an ſeinem Halſe?— Er fragte draußen nach der Mutter; aber die alte Barbara ſagte kopfſchüttelnd, die Frau ſei krank, und es dürfe Niemand zu ihr, wie Helene; und dieſe ließ ihm ſagen: er möge ſich nicht ängſtigen, es habe nichts zu bedeuten mit der Mutter; er ſolle nur ruhig nach dem Schloſſe reiten; aber zu Abend ja zu Hauſe ſein, um ihr er⸗ zählen zu können.— Er ging unmuthig nach dem Stalle, und ſattelte ſelbſt ſein Pferd, das ungeduldig nach ſeinem Gefährten wieherte; er ſaß auf, und blickte zu dem Fenſter der Mutter empor, in der Hoff⸗ nung, der Vorhang würde ſich bewegen und Helene herausſchauen.— Alles blieb ſtill, und er ritt in trüben Gedanken fort. Der Tag war herrlich. Das Gewitter der letzten Nacht ſchien der Regenzeit ernſtlich ein Ende gemacht zu haben. Georg beeilte ſich nicht, nach dem Schloſſe zu kommen, weil er wußte, daß heute die ganze Geſellſchaft nach einem entfernten Punkte der Gegend ge⸗ fahren war, eine alte Burgruine zu ſehen, die der Herzog zu kaufen und wieder aufzubauen wünſchte. Der Herzog hatte dieſe Gegend ſo lieb gewonnen.— Georg durchritt den Wald und ſah mit Trauer, welche Verwüſtungen die letzten Stürme und der Regen in ſeinen lieben Pflanzungen angerichtet hatten. Der Sturm hatte die mächtig⸗ ſten Aeſte wie Halme geknickt, und an dem Bache, der noch immer — 08 Clara Vere. ſchwere, trübe Fluthen wälzte, fand er rieſige Bäume entwurzelt und umgeſunken, ſo daß ſie die Fluth aufdämmten, und größerer Schaden zu befürchten war. Er ritt zu ſeinen Förſtern und ordnete an, daß die Räumung des Bachs an mehreren Stellen zugleich in Angriff genommen würde. Dann ritt er wieder nach Haus; er berührte die Speiſen kaum, die ihm die alte Barbara vorſetzte; er wartete— Helene kam nicht.— Er ſaß wieder auf und wollte zurück in den Wald; aber dann dachte er, daß er Lady Vere verſprochen habe, den Garten der Capulets zu zerſtören, und einige andere Anordnungen zu treffen, die das neue Stück nöthig machte— und dann mußte er ſie ſehen, wenn ſie zurück Lam; und dann dachte er an das Bild des Lord Vere, und die Worte der Erſcheinung— und er ritt ſo ſchnell auf das Schloß, als ſein ermüdetes Pferd und die ſchlüpfrigen Wege es ihm geſtatteten. In dem Schauſpielſaale hatte man angefangen wegzuräumen; aber man war mitten in der Arbeit ſtehen geblieben, weil ein Befehl von Mylady gekommen war, man ſolle erſt die Ankunft des Herrn Allen abwarten. Es ſah ſo wüſt aus in dem weiten Raum, wüſter noch, als bei der erſten Begegnung Georgs mit Lady Vere an jenem hellen Som⸗ mermorgen. Die Sitze im Zuſchauerraum waren wirr durch einander geſcho⸗ ben; in dem Garten der Capulets ſtand ein großer Lehnſtuhl, der ſich wohl aus der vorderſten Reihe hierher verirrte, und ein Tiſch, der wohl als Tritt hatte dienen müſſen, um die Lampen abzunehmen; die hohe Laubpyramide, welche die Fenſterthür ausgefüllt hatte, war guer über die Bühne geſunken, und hatte im Fallen die Blumen⸗ Feſtons zerriſſen, die nun im Winde ſchaukelten, und die Lampen zertrümmert und die Scherben über den Boden geſtreut. Georg hieß die wenigen Diener, welche er vorfand, hinausgehen„ und als er jetzt allein war in dem öden Raum, trat er vor das Bild ſeines Lords und betrachtete es lange in tiefem Sinnen.— Das Ge⸗ ſicht des Lord Vere war eines von denen, die man nicht leicht wieder vergißt, wenn man ſie einmal geſehen. Das Bild war gemalt, als er kaum vierzig Jahre alt war, nud doch ſah er aus wie ein alter * 109 Mann. Der Künſtler hatte die tiefen Furchen auf der breiten, feſten Stirn, die ein ſchwarzes krauſes Haar umgab, und in den eingeſun⸗ kenen, blaſſen Wangen wohl gemildert, aber doch nicht ganz ver⸗ wiſchen mögen. Auf dem gedankenvollen Antlitz lag jetzt eine ſichere Ruhe, aber wenn man das dunkle, feurige Auge anſah, das aus den tiefen Höhlen i und den etwas großen Mund mit den vollen Lippen, der freilich jetzt feſt genug geſchloſſen war, und an den das irh ſore Kinn ſo anſetzte, ſo ſah man wohl, daß es die Ruhe nach furchtbaren Stürmen war, daß dieſer reine Spiegel eines hohen Geiſtes von dem unreinen Hauch zügelloſer Be⸗ gierden einſt getrübt geweſen, daß Leidenſchaften hier getobt hatten, ehe die Macht des Gedankens die wüthenden in den Tartarus rg ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, als wollte er ſich einer venchen verſichern; aber er wußte ſo wenig, wie er ausſah, daß dieſes Vergleichen wohl zu nichts führen konnte. Er lächelte, als es ihm endlich einfiel, daß er ja blondes Haar habe; und er wandte ſich um, als ſein Blick auf das Bild des ſchönen, blonden Mädchens fiel, das dem dunklen Geſicht des Vere ge⸗ rade hing, und das jetzt, wie die übrigen Bilder auf dieſer Seite von der Nachmittagsſonne hell erleuchtet ward. Eine ſonder⸗ bare Ahnung durchzuckte ihn; und ſah mit Entſetzen, da aß de genau von der Farbe des r trat mit klopfendem Herzen näher, wunderlich friſirte Haar der Dame ſeir nigen war, denn die kannte er, weil er es oft mit Helenens blondem Haar verglichen hatte.— Es konnte dies nur ein Zufall ſein, denn das Bild war alt, und das ſchöne dchen mochte wohl vor hundert Jahren gelebt haben, hatte es überhaupt je gelebt— aber es war doch ein gar ſonderbarer Zufall, und er griff unwillkürlich nach dem Schlüſſel, der auf ſeinem Herzen ruhte. Es fuhr ihm durch den Kopf, wie er ſich neulich ſchon vor⸗ genommen, dieſe Bilder zu entfernen, an denen die ſchwere Stange des Vorhanges, der jetzt halb aufgezogen war, zu dicht vorüberfuhr— ja, er hatte ſie ſchon abzunehmen verſucht, war aber davon abgeſtan⸗ den, weil er e eitte oldeten Rahmen mit eiſernen Klammern 3 5 an der War 3 5 ———— 110 Clara Verd. Er bemerkte, daß bei dieſem Bilde die Klammern fehlten, und nur die Schwere des mächtigen Rahmens es ſo ſtark gegen die Wand drücke. Er ſchob einen Stuhl heran und hob es herab. Er ſah zu ſeinem Erſtaunen, daß es genau über eine viereckige Thür von Eiſen paßte, die ſo ſorgſam in das Mauerwerk gefügt, und von ſo durch⸗ aus einer Farbe mit dieſem war, daß er ſie auch jetzt noch ſchwerlich bemerkt haben würde, wenn ſie nicht einen dumpfen Klang gegeben hätte, als er beim Herabnehmen des Bildes mit dem ſchweren Rahmen an ſie ſtieß; und nun konnte ihm auch freilich das kleine Schlüſſelloch nicht entgehen, das unten in der Ecke angebracht war, und das die⸗ ſelbe ſeltſame Form hatte, wie der Bart des ſilbernen Schlüſſels. Er riß mit fieberhafter Haſt ſeine Kleider auf; er drehte das Schloß um, die Thür ſprang auf, wie wenn eine ſtarke Feder nachgelaſſen hätte; und er ſah einen Schrank vor ſich, ſo tief, wie hoch; und in dem Schranke ein kleines Oelgemälde: die Dame auf dem Bilde, aber in moderner Tracht und Friſur, und augenſcheinlich von der Hand des Lord Vere ſelbſt; eine Menge Papiere, die in der voll⸗ kommenſten Ordnung lagen, und die zu ſeinem Erſtaunen nichts ent⸗ hielten, als was er ſelbſt geſchrieben hatte; ſeine Schulhefte aus der Penſionszeit bis auf die früheſten, kleinſten Auffätze; ſämmtliche Briefe, die er aus dem Hauſe des Predigers an ſeinen Pflegevater, oder in den Ferien an den Prediger gerichtet hatte, bis auf die Reihe von Briefen, die er an Lord Vere ſelbſt ſchrieb, als dieſer in dem letzten Jahre ihres Aufenthalts in England auf einige Wochen in London geweſen war— und zwei Packete, ein größeres und ein kleineres, verſiegelt, und an ihn adreſſirt in der wohlbekannten Hand ſeines Herrn, in dem er nun ſeinen Vater finden ſollte.— Er ließ Alles liegen, bis auf die beiden Packete, die er herausnahm; er legte die Thür wieder an, die von ſelbſt in's Schloß ſprang; er hing das Bild an ſeine alte Stelle; ſetzte ſich an den Tiſch in dem Garten der Capulets, in den großen Lehnſtuhl, und erbrach— er konnte auf Stunden gegen jede Unterbrechung ſicher ſein— zuerſt das Siegel des größeren Packets. Es enthielt eine Reihe von Documenten, die zum Theil die Verhältniſſe derer betrafen, deren Namen er trug; würdige Leute, die Clara Vere. 111 ein unbedeutendes Vermögen, das ſie ſich in Amerika geſammelt, und das um das zehnfache kleiner war, als ihr ſogenannter Nachlaß kurz nach ihrer Rückkehr nach England in einer thörichten Speculation verloren hatten, und bald darauf Beide mit ihrem einzigen kleinen Kinde einem bösartigen Fieber erlegen waren.— Weiter die Familien⸗ papiere ſeiner Mutter; dann verſchiedene Schriftſtücke, die ſeine Ab⸗ kunft in das klarſte Licht ſetzten;— und ſo war er denn nicht mehr Georg Allen, ſondern Georg William Lord Vere de Vere. Georg las dieſe Papiere mit nicht geringem Erſtaunen und großer Aufmerkſamkeit durch— aber das war auch Alles. Es ahnte ihm, was das andere Packet enthalten würde,— ja, es ſchauderte ihn vor dieſen vergilbten Blättern und er gedachte unwillkürlich des Engels mit dem flammenden Schwerte, der vor dem Paradieſe Wache hält. Das einzige ſüße Gefühl war die Errungenſchaft ſeiner holden Mut⸗ ter— er ahnte trauernd das Weh, das ſeines Vaters Leben mußte verdüſtert haben. Er erbrach zögernd das Siegel des zweiten Packets. Jwanzigſtes Capitel. Mein Sohn!— Wenn dieſe Blätter je in Deine Hände kom⸗ men, iſt die Hand, die dieſe Zeilen ſchreibt, kalt; iſt der Mund ſtumm, der nie Dich mit jenem Namen genannt hat. Ich weiß, die Menſchen haben mich oft genug für toll gehalten; und ſie würden ausrufen:„haben wir es nicht geſagt!“ wenn ſie dies läſen. Laß ſie! ſie nennen ja Alles toll, was nicht in ihren Kram taugt, und was ſie nicht verſtehen. Ich weiß, Du verſtehſt mich— ich weiß, Du haſt mich geliebt,— rein und wahr und treu, wie der gute Menſch die Wahrheit liebt, ohne Neben⸗Intereſſe, ohne Schaugepränge Und ich, ich habe Dir Deine Liebe nicht geſtohlen, nicht abgebettelt, nicht ab⸗ gekauft— ich habe ſie Dir abgerungen; ſie iſt mein wohlerworbenes 2 Clara Vere. Eigenthum; ich darf ſagen: ich verdanke ſie dem Menſchen, verdanke ſie dem, was edel in mir iſt und gut— ich habe meinen Zweck er⸗ reicht. Laß Dir erzählen, Freund, wie Dein Vater der wunderliche alte Mann geworden iſt, über den die Einen ſpöttiſch die Achſeln zuckten, und den die Anderen ſegneten. Ich will Dir den Schlüſſel geben zu Manchem, was Dir vielleicht in meinem Weſen verſchloſſen blieb. Ich gebe die Geſchichte getroſt in Deine Hände mit allen ihren Makeln und Flecken: ich geize nicht nach der Ehre, in Deinem Andenken ein Heiliger zu ſein.„Richte mich nach Deiner Weisheit, ₰ wie Brutus ſagt, und„wecke Deine Sinne, um deſto beſſer urtheilen zu können.“ Ich weiß, es iſt nur Erſtaunen, nicht kindiſche Freude, was Dich ergreifen wird, wenn Du hörſt, daß Du aus dem erlauchten Hauſe der Vere de Vere ſtammſt.— Regt ſich das ſtolze, normänniſche Blut in Deinen Adern? geh! es iſt zu ſehr verſetzt mit gutem, ge⸗ ſunden Adamsblut;— Deiner Mutter blaues Auge, das Du geerbt haſt, lacht ſolcher Thorheit. Ich ſage Dir, Freund, die Erbſchaft der Vere de Vere iſt eine ſchwere Bürde— wirf ſie von Dir! Ich kenne die Geſchichte Deiner Ahnen— es iſt eine düſtere Geſchichte, auf die nur Narren ſtolz ſein können, die das Verbrechen eine edle That nennen, wenn es mit der Pfauenfeder geſchmückt iſt; und die Sünde Tugend, wenn ſie ſich nur in den Purpurmantel hüllt.— Ahnenſtolz! Stolz auf ererbtes Gut! Wie die Menſchen beſcheiden ſind! Laß die ſich doch des Gängelbandes freuen, die nicht auf eigenen Füßen ſtehen können; laß ſie doch ahnenſtolz ſein, die ſich hinter Anderer Verdienſt verſtecken müſſen, und ein Ahnenbild vor ſich hertragen, als Herold ihrer Schwäche; laß ſie ſich doch das frierende Blut, den matten Puls erwärmen, wenn ſie es mit dem Gedanken können, daß das Blut einſt heiß rollte, der Puls einſt munter hüpfte, in denen, deren Staub im Grabgewölbe modert.——— Meine Mutter habe ich wenig gekannt; ſie ſtarb, als ich zehn Jahre alt war; ich habe ſie ſelten geſehen, und bemerkte kaum, daß ſie nicht mehr unter„den Lebenden weilte. Mein Vater war ein ſtolzer, kalter Mann; ſtolz auf ſeine Ahnen, ſtolz auf ſeinen Reichthum, und gewiß war er auch ſtolz auf mich⸗ War ich doch der einzige Sohn, der Erbe ſeines Reichthums, der Clara Vere. 113 Abkömmling ſeiner Ahnen. Er hatte mir zum Leben verholfen; war dieſe Wohlthat nicht hinreichend? Lord Vere de Vere! was wollte ich weiter?— Er erwartete von mir Gehorſam, wie von ſeiner Diener einem; er ſetzte es als ſich von ſelbſt verſtehend voraus, daß ich ihm Ver⸗ ehrung zollte, wie er von ſeinem Kellermeiſter vorausſetzte, daß er ſeine Rechnungen in Ordnung halte; ja, ich glaube, er wähnte, ich ſei ihm ſchuldig, was er Liebe nannte. Seltſame Verblendung! Der Menſch will da ernten, wo er nicht geſäet, und wundert ſich, daß er nicht Feigen holen kann von dem Dornſtrauch. Ihr Väter klaget über unkindliche Geſinnung,— lernt erſt, was das heißt: Vater ſein! Wollt ihr die Liebe eurer Kinder,— lernt erſt, wie man ſich Liebe gewint. Ihr freut euch eurer Kinder, weil ſie euch durch ihr Daſein euer eigenes Daſein beweiſen, wie ihr euch eurer Aecker freut, die euch zu dem machen, was ihr ſeid, und vor denen der Arme den Hut zieht, wenn er euch auf der Straße begegnet.— Sind ſie nicht ſo, wie ihr wollt, daß ſie ſeien; nun, ſo iſt das ſchlimm, und ſie handeln gegen das vierte Gebot, und ſie trifft der Fluch des vierten Gebots. — Wißt ihr auch, wie die Umkehr dieſes Gebots heißt: kehrt es um, und ehret zuerſt eure Kinder, und zeugt ſie zum zweiten Male im Geiſt: das junge Thier iſt dem alten nicht zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet. Seid ihnen ein Muſter in allem Guten und Evlen, daß ſie in euch die Tugend und die Wahrheit lieben; daß ſie euch lieben, weil ihr alles Schöne und Große, das ihr Stolz iſt, in ihnen geweckt und gepflegt hat; weil euer Bild ſich in Alles, was ihr Herz höher ſchlagen macht, hineindrängt!—— Mein Vater ließ mich in den Händen meiner Diener und Er⸗ zieher; und die Diener waren meine ergebenen Diener, und die Diener verzogen mich. Sie hatten den gemeſſenſten Befehl, den künftigen Lord mit aller ihm gebührenden Achtung zu behandeln; unter Achtung verſtanden ſie natürlich die erbärmliche Schmeichelei, das Verderben der Kinder der Großen. Wie ich klüger und älter wurde, und ihre Abſichten durchſchaute, verachtete ich ſie, wie es nicht anders ſein konnte. Meine Erzieher glaubten wohl mit meinem Vater, daß an einem Lord Vere überhaupt nichts mehr zu erziehen ſei, daß ein ſolches Fr. Spielhagen's Werke. V. 8 114 Clara Vere. Prachtſtück der Natur durch anderweitige Bemühungen nur verdorben werden könnte. Der eine, der es wagte, den frechen Buben zu züch⸗ tigen, wurde auf meine Bitte nach acht Tagen entlaſſen: er iſt mir ſpäter ein treuer Freund geworden, und ſeine Freundſchaft für mich hat ſich auf Dich vererbt.— Ich war der Tyrann der Knaben im Dorfe, ſie waren in ihrer plumpen Art Höflinge ſo gut, wie die glatten Schmeichler, die ich ſpäter in den Vorzimmern der Fürſten geſehen habe! Nur ein Knabe hatte den Muth, dem übermüthigen Burſchen entgegenzutreten; er ſchlug mich wacker, wie ich es verdiente, — ich ſchwur ihm furchtbare Rache in meiner kindiſchen Wuth: er iſt es, der meine Liebe und Vertrauen hat, dem ich Dich ſpäter anvertraute. Ich kam auf die Schule und Univerſität. Ich verkehrte mit den jungen Adligen; ich war reicher, wie die Meiſten, ſtolzer, wie Alle; ich war ein Muſter in allen jugendlichen Thorheiten— was Wunder, daß die jugendlichen Thoren mir anhingen, daß ich bald das Haupt der jungen Genoſſenſchaft war? Wenn über mich bei meinem Vater Klagen einliefen, wenn er von meinen wilden Streichen hörte, wenn er unſinnige Rechnungen zu bezahlen hatte,— ſo zürnte er, und in den Ferien gab es Auf⸗ tritte, die uns noch mehr gegen einander erkälteten. Er hatte es mir zur heiligen Pflicht gemacht, ein Vere de Vere zu ſein, und ein Muſter des Adels; worin das aber beſtehen ſollte, als eben im Stolz⸗ ſein, und alle Andern in Ausſchweifungen zu übertreffen— das hatte er mir nie geſagt; ich vermuthe, er wußte es ſelbſt nicht. Dies Verhältniß dauerte fort, bis meine Extravaganzen das Maß überſtiegen, das mein Vater mit dem„ein Vere de Vere ſein“ noch verträglich hielt.— Ich ſtürzte mich in alle Lüſte des großen Babel, in dieſes Meer von Glanz und Elend und Laſter— und die Wellen ſchlugen über mir zuſammen. Ich mußte meine Begierden zügeln, weil es mir bald an Mitteln fehlte, ſie zu befriedigen; und der mir die Mittel entzog, war mein Vater, der durch ſeine Sorgloſigkeit und unſinnige Freigebigkeit den Grund zu meinem Verderben gelegt hatte. Er hatte mich auf die abſchüſſige Ebene gleiten laſſen, und gebot mir, mitten im Gleiten inne zu halten. Er wolle es; ich ſolle wollen, was er wolle.— Was die Leute nicht Alles mit dem Willen aus⸗ Clara Vere. 115 zurichten gedenken: er iſt der Wunderdoctor, der alle Krankheiten kuriren ſoll.„Wenn er nur wollte!“ ſagen ſie und ſchütteln un⸗ muthig den Kopf, daß der arme Sünder noch immer nicht will. Macht, daß er kann! Vermögt ihr das nicht, vermag er das ſelbſt nicht— ſo kann er eben nicht; und ihr könntet ebenſogut euer Pferd ſprechen machen, als ihn wollen machen, wie ihr ſagt.— Mein Vater und ich waren vorher kalt gegeneinander geweſen; jetzt fing dieſe Kälte an, einer lebhafteren Empfindung Platz zu machen, aber nicht der Liebe. Ich ſage Dir: ich haßte meinen Vater, und mein Vater haßte mich,—— das war es, womit ich ihm für die Ehre dankte, mich zum Lord Vere de Vere gemacht zu haben! das war das Ende ſeines Stolzes auf den Erben der Vere's! Schaudert Dich, Freund?— Sei wie der gute Arzt, der vor der ekelhaften Wunde nicht zurückbebt, wie die feigen, unwiſſenden Verwandten, die die Hände ringen, und nutzlos jammern;— verbinde ſie, heile ſie— das iſt beſſer! Ich habe es gelernt, die Peſtbeulen der Menſchheit mit dem Auge des Arztes zu pe trachten; ich habe die Laſterhaften nicht gehaßt, nicht verlacht, nicht bejammert— ich habe zu erkennen gefucht, wo in dem Organismus die Keime der Krankheit ſteckten, und geholfen da, wo ich konnte. Meine Ausſchweifungen und ungebändigten Leidenſchaften warfen mich in eine ſchwere Krankheit; mein Vater erkrankte zu gleicher Zeit; er ſtarb, ich genas— genas langſam, denn ich war ſchwer krank geweſen an Leib und Seele.— Von dieſer Zeit an datirt ſich für mich ein neues Leben.— Während meiner Geneſung hatte ich mich, um mich zu zerſtreuen, auf die Bücher geworfen: aus den flüchtigen Bekannten wurden tröſtende, köſtliche Freunde. Die großen Menſchen, die die Bibel ſchrieben, wurden meine Rather; bald geſellte ich ihnen andere gottbegeiſterte Denker zu.— Lange Zeit jagte mich eine fürch⸗ terliche Reue ruhelos von Ort zu Ort. Der Gedanke an den un⸗ natürlichen Haß gegen meinen Vater war das Damoklesſchwert, das ſtets über meinem Haupte hing. Ich hatte noch nicht gelernt, was ich erſt viel ſpäter einſah: daß wir gegen uns und Andere ungerecht ſind, wenn wir unſere Thaten betrachten und beurtheilen, e 116 Clara Vere. aus der Kette der Urſachen und Wirkungen, von der ſie nur ein Glied ausmachen. Wir ſchaudern über unſere ſündhaften Handlungen, und beachten die Vorbereitungen dazu nicht. Wir ſind zu ſtumpfſinnig, um das zu verſtehen: wahrlich, ſo Du Deines Nachbars Weib an⸗ ſieheſt, ihrer zu begehren, Du haſt ſchon die Ehe gebrochen; aber iſt nun der Ehebruch in einer unglücklichen Stunde wirklich begangen, ſo packt uns die Reue mit ganzer Kraft. Es kommt uns vor, als wären wir mit einemmal gewaltſam aus dem rechten Wege geſchleu⸗ dert, und waren doch ſchon längſt vorher abgeirrt.— Ich ſetzte meinen ganzen Ehrgeiz darein, mein Leben mit meiner Uoberzeugung in Einklang zu bringen. Ich ſah ein, daß der Egois⸗ mus immer die große Schlagfeder iſt, die das Räderwerk unſerer Handlungen ſpielen läßt; aber wenn dem nicht anders ſein kann, ſo machen wir wenigſtens aus der Noth eine Tugend, und die Tugend ſei unſer Egvismus. Wenn ich Dich liebe, ſo iſt es, weil ich in Deinem Beifall eine Beſtätigung meines innerſten Seelenlebens finde; weil ich in dir doppelt ſo mächtig, doppelt ſo gut und fromm bin; wenn Du mich liebſt, ſo iſt es aus demſelben Grunde. Ich wollte geliebt ſein; aber nicht um das, was ich ſelbſt in mir und an mir verachtete; ich trennte haarſcharf, und verwarf den Beifall, den mir Rang und Reichthum eintrugen; ich wollte reines Gold und keine Schlacke; ich dürſtete, aber nach lauterem Waſſer, und ſtieß den Becher von meinen Lippen, in welchem mir der unreine Trank geboten wurde. Ich fand genug? Männer und Weiber, die mit Lord Vere Freund ſein, Lord Vere lieben wollten; aber Niemanden, der den armen Adamsſohn hätte bei ſich aufnehmen wollen. Ich hätte Lord Vere hängen können, um nur einmal als der zu gelten, der ich war⸗ Du fragſt, warum ich die glänzende Schlangenhaut nicht abwarf, wegen derer die Brut ſich berechtigt hielt, mich wie ihres Gleichen anzuziſchen und anzuzüngeln: vielleicht war ſie mir im Anfang noch zu feſt gewachſen, und vielleicht hätte ich es ſpäter doch gethan, wenn ich nicht nach und nach gelernt hätte, mir ſelbſt zu vertrauen; und dann fand ich in der Liebe Deiner Mutter den Glauben wieder, und die Hoffnung verließ mich nicht, nachdem Du mir geboren warſt. Ich lernte Deine Mutter kennen auf einem der vielen Streifzüge, Clara Vere. 117 die ich zu Fuß durch beinahe alle Gegenden von England und Schott⸗ land machte, und auf denen mich mein treuer Freund, dein Pflege⸗ vater, überall begleitete. Sie war die Tochter eines armen Landpfarrers in der Nähe der kleinen Hafenſtadt T., und ich fand ſie hier an dem Orte Deiner Geburt in dem Hauſe ihrer Verwandten während eines längeren Beſuchs, den ich meinem Lehrer, Deinem Erzieher, unſerm gemeinſchaftlichen Freunde machte.— Willſt Du wiſſen, wie ſie war, ſieh' das Veilchen an, das zu Deinen Füßen im Mooſe blüht— athme den Duft der Roſe ein— es iſt Deine Mutter! Küſſe das theure Bild, vor dem wir ſo oft anbetend geſtanden haben— es iſt das Bild Deiner Mutter. Ich führte mich bei ihr als armer Maler ein; mein Talent war gerade groß genug, meine Maske wahrſcheinlich zu machen.— Wie würden meine ſchlechten Bilder, die noch jetzt in mancher Putzſtube in T. über dem Sopha hängen, im Preiſe ſteigen, wenn die guten Leute erführen, daß ſie von Lord Vere gemalt ſeien! Sie war fromm und unſchuldig, wie ein Kind; ſie hatte jenes ſichere Gefühl des Wahren und Schönen, das wir häufiger in wohl⸗ organifirten Frauennaturen finden, und das wir bei dem ſtärkeren Manne, wo es ſich zu Gedanken formt, und in Handlungen übergeht, Genie nennen.— Ich verbarg ihr keine meiner Schwächen; ich erzählte ihr meine Lebensgeſchichte, die wahren pſychologiſchen Facta, ohne die Namen und Umſtände, die nichts zur Sache thaten;— ſie ſchauderte, und ſchmiegte ſich feſter an mich: Gott iſt gnädig! ſagte ſie. Ich verbarg ihr nicht, daß ihr frommer Kinderglaube nicht der meinige ſei:„ich verſtehe Deine Sprache nicht ganz,“ ſagte ſie,„aber Gott wird Dich ſchon verſtehen; verſteht er doch das Lallen des Kindes; Du biſt ja gut. Gott liebt die guten Menſchen.“— Sie wurde mein Weib. Ich lebte mit ihr ſtill und verborgen. Unſer Freund und ſeine treffliche Schweſter, und der wackre Allen mit ſeiner liebens⸗ würdigen Gattin, die ich damals kennen lernte, waren während dieſes glücklichen Jahres faſt unſer einziger Umgang. Sie alle waren in das Geheimniß eingeweiht; die Allen haben es mit in's Grab genommen. Unſer Glück war kurz. Deine Mutter erwartete ihre Niederkunft; ich bereitete alles vor, um ſie nach ihrer Geneſung nach Schloß Vere 118 Clara Vere. zu bringen.— Als ich zurückkam, wurdeſt Du geboren: Deine Geburt koſtete Deiner Mutter das Leben. Sie ſtarb in meinen Armen,— das holde, geliebte Weib des armen Malers, das ſich nie darnach geſehnt hatte, das ſich ſchwerlich darüber gefreut hätte, die Gemahlin eines Lords zu ſein.— Mein Entſchluß ſtand feſt, mit Dir das Wagniß zu beſtehen; und was war da groß zu wagen! Ich wollte Dich erziehen: einfach, kräftig und ſchlicht— ich wollte Dir die Steine aus dem Wege räu⸗ men, über die ich gefallen; wenn es mir ſo nicht gelang, deine Liebe zu erwerben, ſo vermochte ich es überhaupt nicht;— wenn Du nicht den guten Menſchen in mir liebteſt,— der Vater ſollte Dir keine Pietät abzwingen, die mir nichts galt.— Die Wege, die ich einſchlug, die Mittel, die ich anwandte, Dich in meiner Nähe zu haben, ohne daß Du je das wahre Verhältniß ahnteſt,— Du weißt ſie jetzt alle. Du weißt, wie Du in Feld und Wald zum fröhlichen Knaben heranwuchſt; Du weißt, wie Du an der Hand des vortrefflichſten Mannes in das Heiligthum der Wahrheit trateſt; wie Du dann zu mir auf's Schloß kamſt; wie wir zuſammen gelebt haben bis auf dieſen Tag.— Das weißt Du nicht, wie ich gerungen habe um Deine Liebe; wie ich in dieſem Ringen ſelbſt edler und beſſer geworden bin, was ich Dir zu danken habe. Das weißt Du nicht, welche ſtillen Triumphe ich gefeiert habe, wenn ich ſah, wie Du Dich von Tag zu Tag feſter an mich ſchloſſeſt — wenn Deine Liebe vor meiner eiſernen Gerechtigkeit, die den wilden Knaben oft hart traf, nicht zurückbebte— wenn Deine Liebe ſich nicht brechen ließ, ſo oft auch mein Anſehen, das ich, wie Du weißt, nie gemißbraucht habe, den Trotz des hochfahrenden Jünglings ſchonungslos beugte. Das weißt Du nicht, wie ich Dich auf die Probe ſtellte; wie ich Dir an jenem Abend, als Du im Zorn von mir geſchieden, jenen Lord auf's Zimmer ſchickte, und Dich durch glänzende Anerbietungen von mir bocken ließ; welche Wolluſt ich empfand, als Du von mir nicht laſſen wollteſt, als Du mit thränen⸗ dem Auge um meine Verzeihung bat'ſt— Du haſt durch Deine Thränen hindurch die meinen nicht fließen ſehen.— O, mein Freund! Deine Liebe iſt geſtählt in heiligem Feuer;— uns kann nichts mehr Clara Vere. 119 trennen!— Würdeſt Du mich mehr lieben, wenn Du wüßteſt, daß ich Dein Vater bin? Wenn je ein Sohn ſeinen Vater liebte,— ſo thuſt Du es; wenn je ein Vater ſeinen Sohn liebte,— ſo thue ich es! Was ſoll der Name! ich will den Geiſt!— Der Name verwirrt. Die Menſchen glauben die Sache zu haben, wenn ſie das Wort haben.— Ich ſterbe ruhig, auch wenn Du nie erführeſt, daß ich Dein Vater bin.— Und doch will ich auch dem Sinn der Menſchen in unſerer An⸗ gelegenheit gerecht werden. Wenn wir von unſerer Reiſe zurückgekehrt ſind, will ich Dich fragen, ob Du Luſt haſt, Lord Vere de Vere zu ſein; oder ob Du Deinen armen Verwandten die kindiſche Freude machen willſt; und wenn ich nicht zurückkehren ſollte, ſo habe ich Sorge getragen, daß dieſe Papiere ſogleich nach Deiner Ankunft in England in Deine Hände gelangen.— Jetzt ſollſt Du erſt mit mir die Großen der Erde ſehen, daß Du weißt, was es heißt, einer ihrer ſein. Du ſollſt die Menſchen ſehen mit unbefangenem, geſunden Auge; ſehen, wie ſie oft ſo klein ſind, dieſe Großen; wie ſo oft dieſe Kleinen ſo groß. Die Großen werden Dich für zu klein halten, als daß ſie es für nöthig erachteten, ihre Schwächen vor Dir zu bemänteln; den Kleinen wirſt Du keine Größe entgegentragen, die ſie einſchüchtert, daß ſie vor Dir ihre Tugenden verhüllen. Du wirſt die Menſchen nicht verachten lernen, aber auch nicht ſie überſchätzen. Sie ſind ein Stück des Alls, nichts weiter. Schaue ſie in Gott, ſo ſiehſt Du ſie recht; ſchaue ſie als Bild in dem Rahmen der Natur, ſo wirſt Du ſie in dem rechten Lichte ſehen.— Ich habe Dir meine Philoſophie nicht aufgedrungen; ich habe ſie Dir entgegen getragen, wie der Vogel ſeinen Jungen die Speiſe, mit der er ſelbſt ſich nährt. Ich have Dir keinen Weg verſchloſſen, der Dich zu anderen Reſultaten führen könnte; die Reiſe, die wir vorhaben, ſoll nur ein Mittel für Dich werden, zu prüfen und zu wählen.— Wenn Du einſt zu anderen Reſultaten gelangen ſollteſt,— auch gut!— es führen viele Radien in den Mittelpunkt.— Einig ſein mit ſich, einig ſein mit Gott— das iſt Alles! Mag doch die Lehre heißen, wie ſie will, wenn nur der Schüler durch ſie das Leben meiſtern 120 Clara Vere. lernt.— Der Gläubige, im feſten Vertrauen an eine perſönliche Fort⸗ dauer, an ein ewiges, in reinſter Anſchauung Gottes ſeliges Leben, ſpricht mit ſchwärmendem Blick: Tod, wo iſt dein Stachel? Hölle, wo iſt dein Sieg? Der, welcher die Vernunft zum Leitſtern ſeines Lebens gemacht hat; für den nichts iſt, was er nicht begreift; dem der Tod ein unausdenkbares Problem, ein ewiges Räthſel iſt, lebt in ihm nicht auch die Ueberzeugung der innigen, unauflöslichen Gemein⸗ ſchaft ſeiner mit der Natur? Die Heilige, Große hat ihn geboren, erzogen; er hat ſich ihrer ſo herzlich gefreut: er war eines mit ihr; er iſt eines mit ihr; er wird eines mit ihr ſein. Er kennt keine Sonderintereſſen gegenüber dem All; er iſt nicht, das All iſt. Ich bin von dieſem Bewußtſein ganz durchdrungen, mehr als Worte es ſagen können. Auch ich kann ſprechen: Tod, wo iſt dein Stachel? Hölle, wo iſt dein Sieg?— Du weißt, ich denke wenig an den Tod; aber Eines wünſche ich, wenn es ſein kann; daß ich draußen ſterbe unter dem freien, weiten Himmelsdom. Im engen Bett vergeſſen wir, daß wir gehören zu Wies und Wald— vergeſſen wir, daß wir nur ein Moment ſind in dem glühenden, ewigen Leben der Natur.— Ich mag die Schranken nicht, die den Menſchen von dem Menſchen trennen, und den Men⸗ ſchen von der Natur. Das iſt verwerflich, was auch nur einen Keim in uns erſtickt, den Gott in die Menſchenbruſt legte, daß er da wachſen und gedeihen ſoll.— Wehe den ungeſchickten Gärtnern, die auf geſunde Bäume ſchlechte Reiſer pfropfen, und in Gottes Garten böſes Unkraut ſäen!— Lebe wohl, Freund! Einundzwanzigſtes Capitel. Es würde unmöglich ſein, Georgs Empfindungen und Gedanken zu ſchildern, nachdem er das Teſtament ſeines Vaters zu Ende geleſen. Darin hatte Lord Vere Recht: Georg konnte nicht ihn jetzt mehr lieben und verehren, als er es ſchon vorher gethan; aber unendlich Clara Vere. 121 Vieles in dem Verhältniſſe mit ſeinem Vater erhielt durch dieſe Ent⸗ deckung ein neues Licht und eine andere Bedeutung.— Und ſeine Mutter! ſeine holde Mutter! Er ſtand leiſe auf und holte das Bild und ſtellte es vor ſich— es lächelte ihn ſo unſäglich liebevoll an;— Georg weinte wie ein Kind, dem die Mutter nach Hauſe kommt, nach der es ſich ſo lange geſehnt;— er küßte es mit Inbrunſt, wie der Verbannte, der aus fremden Landen zur Heimath kehrt, den Boden ſeiner Muttererde küßt.— Er trat vor ſeines Vaters ernſtes, gedankenvolles Bild. Es war ihm, als hätte er ihn doch noch nicht genug geliebt, als hätte er ihm noch manche Freude mehr bereiten können. Aber welchen guten Menſchen ergreift dieſe Empfindung nicht, wenn ſein Auge in die vergangene Zeit zurückblickt; wenn er an die Herzen denkt, die einſt ſo warm ſchlugen, und nun ſtill ſtehen; an die Augen, die ſo liebevoll auf ihn blickten, und die nun geſchloſſen ſind auf immer? Es iſt dies eine Reue, die dem guten Menſchen ſo natürlich iſt, und die ihn ſo wohl kleidet.— Draußen war es ſo ſtill, ſo feierlich,— der rothe Abendſchein lag warm auf der Landſchaft— die hohen Wipfel der Tannen regte kein Hauch; es war, als wollten ſie den Sohn nicht ſtören in ſeiner Andacht, als beteten ſie mit ihm.— Laß die Todten ruhen! ſie bedürfen deiner Liebe nicht mehr! es ſind die Lebenden, die darauf Anſpruch haben. Wenn du glaubſt, noch in der Schuld zu ſein,— und du mußt am beſten wiſſen, wie tief du in der Schuld biſt— zahle ſie den Herzen, die noch ſchlagen: auf ſie lautet jetzt der Schuldſchein;— die Lebenden ſind die Erben der Todten!— Georg breitete die Arme aus: er hätte die ganze Welt an ſein Herz drücken mögen.— Wohl hatteſt Du recht, alter Vater; das war nicht Ahnenſtolz, was aus dieſen Augen blitzte;— das war das gute warme Menſchenblut, das in dem Jüngling überwallte, als er jetzt mit hochpochendem Herzen, mit gerötheten Wangen, erregt in dem Gemache auf⸗ und abſchritt. Lord Vere de Vere!— O, wie ſo klein ſie ihm erſchienen dieſe Eitelkeiten der Mnſchen! wie er 122 Clara Vere. hinwegflog über dieſe Schranken, die der Menſch errichtet, dort unten in jenen dumpfen Thälern des Unverſtandes und der Engherzigkeit. Sie ragten nicht hinan zu den Höhen, auf denen er wandelte, ein Sohn des Lichts. Hatte er je Helene geliebt, ſo war es in dieſem Augenblicke: ſie war das milde Abendroth, das in den Tannenwipfeln ſpielte.— Hatte er je Clara Vere angebetet, ſo war es in dieſem Augenblicke: ſie war die Sonne, die hinter die Bergesgipfel ſtrahlend und herrlich ſank. Sie war ſeine Sonne, ſein Licht! Was war ihm Lady Vere!— ſie war das ſchöne, geiſtvolle Weib, die Krone der Schöpfung.— Sie, die ſo die wahre Liebe verherrlichen konnte, ſollte die nicht wahre Liebe fühlen können?— ſo weiß die Prieſterin auch nichts von der Göttin, an deren Altar ſie opfert, deren Herrlichkeit ſie mit flammendem Auge der anbetenden Menge verkündet!— Hatte ſie ihm nicht ihre Liebe geſtanden?— reden Blicke nicht? hat der Ton keine Bedeutung?— ſollte er warten, bis ſie ſagte: ich liebe Dich! Dich, Georg!— haſt Du Ohren, Georg, und hörſt nicht?— haſt Du Augen, Georg, und ſiehſt nicht? — Nein, dieſes Weib konnte nicht klein, nicht niedrig denken! Was wußte die alte Margareth von ihrem wahren Weſen! Margareth, die der Gram um Gatte und Sohn verdüſtert hatte; der ein ungerechter Verdacht das Auge trübte!— Was wußte Helene, die gute, ſüße, von ihrer ſtolzeren Schweſter! was weiß das Veilchen von der Roſe? die Lerche von der Nachtigall?— Und wenn ſie Lorenz wirklich zurückgewieſen— was kann das Licht dafür, daß es die Motte verbrennt? was die Sonne dafür, daß das Gras verdorrt, und die Blume verwelkt? ſie war ſtolz, weil ſie ſich fühlte und fühlen durfte; ſie war ſtolz, wie der Berggipfel, der in die Wolken ragt, hoch iſt über dem Hügel— der Berggipfel ſieht nicht herab auf ſeine Brüder!— Sie war ſtolz! war er es nicht?— Die Liebe iſt nicht feil! wer ſie haben will, muß ſein beſtes Weſen daran ſetzen:— hatte er ſich Clara Vere je ebenbürdig gefühlt, ſo war es jetzt.— Er ſtand in der Balkonthür, und ſchaute trunkenen Blicks in die ſcheidende Sonne. Es rauſchte hinter ihm; er wandte ſich um: Lady Vere ſtand vor ihm.— Clara Vere. 123 Er war nicht verwundert,— das war ja ſo natürlich! es war ihm, als ob er noch in die Sonne ſchaute— ſie war ja ſeine Sonne! — Er redete und wußte kaum, daß er ſprach:— das innere Bild war verkörpert— der Gedanke wurde Wort.— Es war ein wunderſamer Anblick, wie ſie vor dem beredten Jünglinge ſtand, dieſe ſchlanke, hohe Geſtalt;— wie ſie ſich leicht vornüber neigte, wie Jemand, der eine ſchöne Muſik deutlicher hören, ein herrliches Gemälde genauer betrachten will. Was war das für ein Licht, das in dieſen dunklen Augen aufflammte? war es Zärtlich⸗ keit, war es Triumph? war es beides?— was war das für eine Regung, die ihre feinen Naſenflügel zucken machte? ſog ſie mit Wolluſt den Opferduft ein, lag er endlich zu ihren Füßen? kniete er endlich an ihrem Altar?— Georg ſchwieg; er hatte ſich ihr zu Füßen geworfen: der Menſch knieet ſo willig, wenn er liebt. Wie die Saaten ſich beugen vor dem Winde des Himmels, der über ſie hinfährt, ſo bengen ſich des Men⸗ ſchen Kniee, wenn im Sturm ſeiner Leidenſchaft Gottes Odem ihn anhaucht. Er ſchwieg: er ſah zu ihr auf, ihrer Antwort harrend; ſein Antlitz leuchtete, ſeine innerſte Seele ſchwebte ſichtbar um ihn.— O, wie ſchön er war! War dein künſtleriſches Auge befriedigt, Clara Vere?— war Apoll vom Piedeſtal herabgeſtiegen, und betete vor dir an, Clara Vere? Sie blickte ihn an; in ihren Augen ſtrahlte ein ſchier unheim⸗ licher Glanz; ſie neigte ſich noch näher zu ihm; er fühlte ihren Athem über ſein Geſicht wehen; ſie flüſterte ihm in ihrem weichſten, ein⸗ ſchmeichelndſten Tone die Worte Julia's zu:„Du weißt, ein Heil'ger pflegt ſich nicht zu regen, auch wenn er eine Bitte zugeſteht.“ Georg ſprang auf; er breitete die Arme aus, die Geliebte an ſein Herz zu drücken: Lady Vere ſtieß ihn wild zurück— ſein Ange folgte dem ihren: der Herzog von Arlington ſtand vor ihnen. Die Röthe des Zorns lag auf ſeiner ſchmalen Stirn. Sein Auge ſchweifte von Clara Vere auf Georg nur einen Augenblick. „Iſt der Menſch toll?“ „Ich glaube, Mylord!“ „Erlauben Sie, daß ich Sie vor den Beleidigungen dieſes Raſen⸗ 124 Clara Vere. den ſchütze;“ ſagte der Herzog ſehr ruhig;— und ihr den Arm bie⸗ tend führte er ſie, ohne Georg weiter eines Blicks zu würdigen, aus dem Saale. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Die eigene Erfahrung iſt doch immer die beſte, ja vielleicht die einzige Lehrerin. Wir leſen eine herrliche Marime, und glauben, ſie verſtanden zu haben, und in unſer Leben hinüber nehmen zu können, als ob das ſo leicht ſei, als ob wir nicht erſt mit unſerem Herzblut jede Wahrheit bezahlen müßten, als ob nicht zwiſchen theoretiſcher Einſicht und prak⸗ tiſcher Bethätigung eine Kluft läge, die erſt mit Anſtrengung aller unſerer Kräfte in harter Arbeit ausgefüllt werden muß. Wenn es ſo leicht wäre, die Wahrheit zu lehren, ſo hätten wir lauter Heilige; aber für das Kind iſt das: Liebe deinen Nächſten! ein leerer Schall; und es wird, während es die Worte nachplappert, dem Bruder den Apfel beneiden, den er in der Hand hält; und der Menſch wird ſo lange in der Theorie ſeinen Nächſten lieben, und ihn praktiſch ſtünd⸗ lich haſſen, verachten und verfolgen, bis er den Haß und die Liebe durchgekoſtet, und am Ende gefunden hat, wie bitter der Haß und wie füß die Liebe iſt; bis ein reiches Nachdenken ihn über die Welt und die Menſchen aufgeklärt hat; bis er begreift, daß die Tugend die Geſundheit, und die Sünde die Krankheit iſt; daß er dem ſcheltenden Bruder ſo wenig zürnen kann, wie der Wärter dem Fieberkranken, der ihn mit Schmähreden überhäuft; bis er klar und deutlich ſieht, daß kein Menſch aus freien Stücken ſündigt, und daß jeder tugend⸗ haft ſein würde, wenn er könnte.— Der Menſch wird ewig ſo lange den Splitter in ſeines Bruders Auge ſehen, bis die Furcht, vor dem Balken, den er im eigenen Auge hat, blind zu werden, ihn über ſich ſelbſt nachzudenken zwingt.— Clara Vere. 125 „Geh' hin! geſtehe ihr Deine Liebe! und wenn Du mit wanken⸗ den Knieen und gebrochenem Herzen zurückkommſt, ſo will ich Dir ſagen, wer Du biſt..“— Wer ich bin? Lord Vere— ein Narr! ein blöder Thor!— Still, Georg!„Was kann denn die Sonne dafür, daß die Blumen verwelken und das Gras verdorrt?“— Laß nur den Kopf nicht hangen! Treibe die Wurzeln tief in die feuchte, ſchwarze Erde, wohin ihr Strahl nicht dringt; und trotze ihrer Gluth! — Hätte Georg ſich nicht noch eben vorher im Drachenblut gebadet, wer weiß, ob ihn der furchtbare Schlag, der ihn getroffen, nicht zer⸗ ſchmettert hätte; und auch ſo ſchon traf er ihn hart genug. Er ſtand da, wie einer, vor dem ſich die Erde plötzlich aufthut, und ſein Theuerſtes verſchlingt; wie der Kaufmann, der vom Strande aus das ſtolze Schiff ſinken ſieht, das ihm die Schätze Indiens bringen ſollte. —„Iſt der Menſch toll?“„Ich glaube, Mylord!“— die Worte klangen in ſeinem Ohre; er ſprach ſie langſam nach, wie einen tief⸗ ſinnigen Spruch, deſſen Meinung man nicht gleich zu faſſen vermag. Er ſah ſie vor ſich ſtehen,— bleich, mit zuckenden Lippen, kalt; er hörte die Stimme, die ſo ruhig und feſt die Worte ſprach:„ich glaube, Mylord!“— Er hatte gewähnt, daß jede Bruſt nur in der Himmels⸗ luft athmen könnte, die er in jenem Augenblicke entzückt mit vollen Zügen einſog; und er ſah jetzt, wie wohlig es den Menſchen iſt in den feuchten Nebeln da unten, in dem dumpfen Brodem der Erde. Es ekelte ihn.—„Schaudert dich, Freund? Sei wie der gute Arzt, der vor der ſchwärenden Wunde nicht zurückbebt, wie die feigen, un⸗ wiſſenden Verwandten!“ Georg hatte ſich wohl in dem Drachenblut gebadet; aber es war noch nicht in alle Poren eingedrungen. Er loderte nicht in Zornesgluth auf; er fühlte nur einen dumpfen, un⸗ erträglichen Schmerz. Die herrliche Marmorſtatue, die er ſo oft mit Entzücken angeſchaut, lag in Trümmern zu ſeinen Füßen;— er war mit lechzender Lippe, mit fiebernden Schläfen gerannt durch die heiße Wüſte nach einem herrlichen Feenreich voll ſchattiger Palmenwälder und ſchimmernder Paläſte, die ſich ſpiegelten in einem blauen See; er hatte im voraus die Wolluſt empfunden, ſich ſtürzen zu können in die klare Fluth, ſich baden zu können in den kühlen Wellen— und die Spiege⸗ lung war verſunken, und der gelbe Wüſtenſand brannte um ihn her. 126 Clara Vere. Er fuhr empor; er wollte fort— zurück in den Wald— es trieb ihn aus der Halle— es war ihm, als ſei das wüſte Chaos um ihn das Bild ſeiner letzten Tage. Er raffte eben die Papiere zuſammen, als die Thür ſich öffnete, und der Herzog mit ſchnellen Schritten auf ihn zutrat. Der Herzog war kein böſer Menſch; er war nur ein ſchwacher, eitler Mann. Er hatte vorher in der Ueberraſchung das beleidigende Wort ausgeſtoßen; er hatte im erſten Augenblicke einen glücklichen Nebenbuhler vor ſich zu ſehen geglaubt, und das in der Stunde, als er Laty Vere nachgeeilt war, um ihr die ganze Herrlichkeit ſeiner fürſtlichen Liebe zu offenbaren. Jetzt kam mit der Beſinnung auch die Ruhe wieder. Die Sache war ja ſo undenkbar, daß er über ſeine eiferfüchtige Regung lachen mußte. Er konnte ſich nicht ganz in Georgs Lage verſetzen; aber er hatte ein dunkles Gefühl, daß dem jungen Manne ſchlimm zu Muthe ſein müßte; ja, der Gedanke durch⸗ fuhr ihn, der arme Schelm könnte ſich ein Leid anthun.— So trat er auf Georg zu und ſagte: Ich that Unrecht, verletzende Worte gegen Sie zu gebrauchen. Sie ſind hart genug beſtraft. Die Worte thun mir leid; Sie ſelbſt thun mir leid. Ich habe Lady Vere gebeten, die Sache ſich nicht zu Herzen zu nehmen. Ich bin überzeugt, ſie wird Ihnen vergeben.“ „Wie gut ſie iſt!“ ſagte Georg. „Ja wohl!“ fuhr der Herzog fort;„aber es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß nach einem ſolchen Auftritte Lady Vere auch die Möglichkeit einer ferneren Berührung mit Ihnen zu vermeiden wünſcht, und daß ſie Herrn Allen erſuchen muß, ſeine, im Uebrigen ſo ſchätz⸗ baren Dienſte Anderen zuzuwenden.“ Georg hörte kaum, was der Herzog ſagte.— Er wollte fort; er wußte nicht, wie er den gutmüthigen Schwätzer los werden ſollte. Der volle Ekel über all' dies eitle Treiben überkam ihn wieder. Der ganze Wahnſinn dieſes Standpunkts, von dem aus man ihn be⸗ handeln wollte wie einen Schulknaben, der einen dummen Streich ge⸗ macht, grinſte ihn an wie eine häßliche Fratze, wie ein verrücktes Zauberſtück mit Flügelroſſen und Kobolden und anderen Herrlichkeiten für den Pöbel. Clara Vere. 10½ Es ſagte aus ihm heraus:„Wie gut, Mhlord, daß unſere ge⸗ meinſame Stammmutter Eva keine Lady Vere war! der Umſtand hätte uns ſonſt vielleicht um das Vergnügen dieſer Unterredung gebracht.“ Der Herzog verſtand ihn nicht ganz; er fühlte nur, daß der Andere ihn verſpotte und ihn an ſeiner Würde rühre. Das war zu viel! Was fiel dem unverſchämten Menſchen ein, daß er nicht demüthig die Verzeihung annahm, die man ihm gutmüthig genug entgegenbrachte! Konnte er nicht dankbar ſein, daß man ihn nicht züchtige, wie er es verdiente?— Er ſagte mit einem Fluch:„Machen Sie nicht, daß mich meine Güte gereut! Bei Gott! Sie ſcheinen ſo wenig An⸗ ſtößiges in ihrem verrückten Betragen zu finden, daß es mich wahr⸗ haftig nicht wundern ſollte, wenn Herr Allen, der Forſtverwalter, an eine Verbindung mit Lady Vere de Vere dächte!“„Nein, da ſei Gott vor!“ lachte Georg wild,„das wäre ja eine fürchterliche Sünde, der ſich ein ſo armer Teufel bei Leibe nicht ſchuldig machen darf. So wiſſen Sie denn, mein Beſter, wenn Sie das vielleicht beruhigt, daß es kein Paria war, der die freche Hand nach der Braminentochter ausſtreckte, daß es ein Sohn des Lichts war, wie Ew. Herrlichkeit, der ſehen darf nach den Töchtern der Erde, wie ſie ſchön ſind; daß Lady Vere ſich nicht weggeworfen hätte, wenn ſie die Hand annahm, die ihr Lord Vere antrug. Lord Vere! Pah! da liegt die Lordſchaft und die ganze Herrlichkeit!“— und er ſtieß ihm verächtlich die Papiere zu, die noch auf dem Tiſche lagen, an dem ſie ſtanden. O Georg! da war dir doch wohl ein Lindenblatt auf die Schulter gefallen, und hatte da eine böſe, verwundbare Stelle gelaſſen! Was ging der Herzog dich an? Was ging ihn der ganze Handel an? Was konnte es dir ſein, ob er dich für einen übermüthigen Knecht hielt; oder für einen Tollhäusler; oder für was er wollte!— Georg bereute das Wort, ſo wie er es geſprochen. Er hatte den klaffenden Hund verjagen wollen, und ſah zu ſeinem Schrecken, daß er das arme Thier todt geſchlagen habe. Aber das Wort war heraus; und der erſtaunte Herzog hatte die Papiere ergriffen. Er brauchte nur einen Blick in ein paar Documente zu werfen,— das Verhältniß Georgs zu dem verſtorbenen Lord fuhr ihm durch den Kopf; es ward ihm in einem Augenblicke klar, daß er hier vor einem 128 Clara Vere. Familiengeheimniſſe ſtehe; daß Georg der Sohn des alten, wunder⸗ lichen Lord Vere ſei. Der Herzog ſtand wie erſtarrt. Ein Europäer, der in einem tätowirten Wilden plötzlich einen Landsmann entdeckt, kann nicht mehr überraſcht ſein. Aber es war durchaus keine freudige Ueber⸗ raſchung.— Sein Kopf war nicht der hellſte; aber er ahnte, daß Georgs Verhältniß zu Lady Vere doch wohl ein anderes geweſen ſein möchte. Er wurde ſcharfſichtig in ſeiner eigenen Angelegenheit. „Ich bin auf's höchſte überraſcht,“ ſagte er,„in Ihnen den Sohn des verſtorbenen Lords zu ſehen. Ich verſtehe die ganze Sachlage noch nicht; aber ich nehme keinen Augenblick Anſtand, es als gewiß anzunehmen, da Sie es mich verſichern, der ſie offenbar dieſe Papiere genau kennen.— Es iſt das ein gar ſeltſamer Handel.“ „Laſſen wir dieſen ſeltſamen Handel ruhen, Mylord!“ ſagte Georg, der retten wollte, was noch zu retten war.„Sie haben vor⸗ hin ein Wort bereut, haben es freilich hernach wiederholt;— ich bereue auch dieſes Wort, was ich ſo eben ſprach, ich werde es aber nicht wiederholen. Ich wollte nicht als ein Narr vor Ihnen erſchei⸗ nen, und ward es erſt recht.— Verſprechen Sie mir, keinem Men⸗ ſchen, wer es auch ſei, das Geheimniß mitzutheilen! Es darf nicht außerhalb dieſes Saels gehört werden. Ich bitte Sie dringend, Mylord, verſprechen Sie mir das! Ich will Ihnen jede Aufklärung geben, die Sie wünſchen können;— aber nicht hier, nicht jetzt! Ich kann nicht länger bleiben.“ „Gewiß, gewiß, wünſche ich weitere Aufklärung. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mit Niemanden von der Sache ſprechen werde, als bis Sie ſelbſt darüber entſchieden haben. Aber mein Gott, ſeit wann wußten Sie es denn? Verzeihen Sie, daß ich mich weiter in Ihr Geheimniß dränge; aber es geht mich näher an, wie Sie glauben. Sie wiſſen nicht, daß Lady Vere mir— ſie weiß ja von nichts— ſie hat Sie zurückgewieſen, ohne Zweifel; aber Sie würden kein Ge⸗ ſtändniß gewagt haben— wenn nicht— Gewiß! Sie hatten andere Rechte! geſtehen Sie, Sie forderten nichts, als worauf Sie ſchon gegründete Anſprüche hatten.“ Clara Vere. 129 „Sie hörten es ja ſelbſt,“— ſagte Georg ungeduldig,„Lady Vere glaubt ja, ich ſei toll.“ „O nein, nein!— Jetzt verſtehe ich erſt die Scene aus Romeo und Julia! das war— Schauſpielertalent,— Schauſpielertalent,— nichts weiter! Nein, nein, Mylord! Ihr erſtes Wort ſoll gelten. Ich war toll! Wer heißt mich, Ton und Blick vor Gericht ziehen? wer heißt mich, auf ſo luftigen Fundamenten mein Haus hauen? Es iſt natürlich, daß es mir über dem Kopf zuſammenfällt.“ „Und Sie wollen nicht verſuchen—“ „Nie! das Fundament, auf dem ich baute, ſo luftig es war,— für mich war es Fels. Ich verlange nimmer ein feſteres! ich kenne kein feſteres! Verzeihen Sie mir, ich ſpreche in Räthſeln, und doch kann ich Ihnen nicht deutlicher werden, ſo gern ich es wollte.— Die Geſellſchaft verſammelt ſich unten im Sagl. Gehen Sie, Mylord, man wird Sie vermiſſen! Vergeſſen Sie für den Augenblick, daß es einen anderen Lord Vere giebt, als Ihren guten Wirth, und mögen Sie nie— Kommen Sie morgen, wenn Sie können, nach meinem Hauſe; ich würde Sie hier nicht ungeſtört ſprechen können.“ Draußen war es dunkel geworden. Der Mond ſtieg, wie eine ungeheuere Feuerkugel, dem Balkonfenſter gegenüber über den Wald empor, und warf ſein fahles Licht auf die erregten Geſichter der beiden jungen Männer.— Der Herzog war in tiefes Sinnen ge⸗ ſunken. Er ſah mechaniſch zu, wie Georg die Papiere ergriff und zu ſich ſteckte; wie er eins der Bilder von der Wand nahm, und unſchlüſſig wog, als wolle er es mitnehmen, dann aber wieder an ſeine alte Stelle hing; und er erwachte erſt, als Georg wieder auf ihn zutrat. Sie gingen ſchweigend zuſammen aus dem Saal, und die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. Fr. Spielhagen's Werke V 130 Clara Vere. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Wer war die weiße Geſtalt, die jetzt von der Treppe, die zur Galerie hinaufführte, herunterglitt, und mit haſtigem Schritt, wie mit der Sicherheit des Nachtwandlers, durch die umhergeſtreuten Trümmer eilend, nun auf derſelben Stelle ſtand, die eben die jungen Männer verlaſſen? War es das weiße Mondeslicht, das ihre Züge ſo geiſterhaft bleich machte? War dieſes Weib, das leidenſchaftlich die Hände rang, die ſtolze Lady Vere? war es Lady Vere, die dieſen unterdrückten Schrei ausſtieß, der halb wie eine Verwünſchung, und halb wie ein Stöhnen klang, und der ſchauerlich durch das öde Ge⸗ mach ſchallte? Sie entzündete mit zitternder Hand eine der Wachskerzen, die von geſtern Abend her noch hie und da auf den Tiſchen ſtanden, ſie leuchtete gegen das Bild des alten Lord Vere— die ſtrengen Züge ſchienen ſich zu beleben in dem flackernden Kerzenlicht, die finſteren Augen auf ſie herabzudrohen— ſie ſchauderte zuſammen. Es war nicht Lord Vere, der ſie anblickte— es war Georg— Georg in dem Augenblicke, als ſie ihn zurückgeſtoßen, wie der Herzog eintrat: die⸗ ſelbe hohe, feſte Stirn; derſelbe feine, beredte Mund, der ſich auch ſo finſter zuſammenpreſſen konnte— Sie lachte gell auf,— es war ja ſo klar, ſo klar! und ſie ſah es jetzt zum erſten Male! Sie eilte durch den Saal nach der anderen Seite, wo ſie Georg das Bild hatte anhängen ſehen— ſie wußte es, das ſchöne blonde Mädchen war Georgs Mutter— wußte es, als hätte ſie über ſeine Schulter das Manuſcript geleſen.— Schöner, ſtiller Engel, lächle freundlich auf dies bleiche, entſtellte Geſicht herab, das zu dir aufſtarrt! Der wehmüthige Zug um deinen Mund iſt nicht das böſe Zucken dieſer blaſſen Lippen; du ſegneſt, die dir flucht— bitteſt für die, die dein Andenken ſchmäht— erzählſt keinem der Seligen von dieſem Arm, den die Unſelige drohend gegen dich aufhebt. Sie würde dich durch⸗ vohrt haben, hätteſt du lebend vor ihr geſtanden, und hätte ſie vamit ——————— Clara Vere. 131 dieſe letzte Stunde zurückkaufen können. Und jetzt wankte ſ zu dem Tiſch, auf den ſie den Leuchter ſtellte, und warf ſich in den L Lehnſeſſel, in dem Georg die Papiere ſeines Vaters geleſen.— Sie ſah in die Flamme trockenen Auges, ſtarr, regungslos— lange Zeit— nur die weißen Zähne nagten geſchäftig an den blaſſen Lippen, daß das Blut durch die zarte Haut— Und jetzt ſchritt ſie nach dem Balkon nd lehnte ſich über die Baluſtrade, als wollte ſie ſich hinabſtürzen; ſie öffnete den Mund, als wollte ſie Jemanden zurückrufen, der ſich von ihr entfernte; ſie breitete die Arme aus, und ließ ſie wieder ſin als hätte ſie umfaſſen wollen, was wie ein Schatten ihr entſchwan Und jetzt— Clara Vere! den Mond, der leuchtend durch Wolken ſich drängt, nicht ſehen, daß du weinſt! laß die Tannen dein Schluchzen nicht hören! ſie und wiegen die Wipfel, und erzählen ſich flüſternd: Lady Clara Vere de Vere weint! Kaltes Herz! biſt du endlich gerührt, nun, da es zu ſpät iſt? bedurfte es ſolcher Erſchütterung, um die tiefere Saite ſchwingen zu machen, die bis jetzt ſtumm war? Haſt du ſo lange freventlich mit dem heiligen Feuer tit fühlſt du jetzt ſchmerzlich, daß die Flamme dich erfaßt hat? Unten in dem Saale hatte ſich die Geſellſchaft ver ſah das Licht durch die Fenſter hell in den Garten ſcheinet die Schatten ſich bewegen an der erleuchteten, hohen hörte dos muntere Lachen, das Schwirren und Summer ſprächs; ſie hörte Burns e Stimme durch den Lärm. O! wie ſie ihn haßte; wie ſie ſich haßte— die ganze Welt!— Und jetzt hörte ſie den ſchnellen Galopp eines Pferdes, und ſie fuhr zuſammen, als ob ſie nie Hufſchlag zu dieſer Zeit vernommen; als ob der der vor der Hinterthür des linken Flügels ſtill hiele, ihr etwas Uebles bringen müßte. Sie horchte. Der Lärm in dem Ge ſellſche haftsſaale hörte plötzlich auf; ſie hörte eine einzelne Stimme ſprechen, es war nicht die Burns; dann ſchwirrten wiever alle Stimmen durchei Sie hörte eine ſeltſame Bewegung in dem Schloſſe; Tritte n igen; ſie ſah, wie ſich in den Fenſtern des Flügels, Wo die und gin Gaßtzimmer waren, Lichter bewegten; ſie glaubte ihren Nin ufen zu hören. Dann fuhr vor der Pforte, an der ver Reiter ſtil ge⸗ 9* 132 Clara Vere. halten, ſchnell ein Wagen vor, und bald darauf in raſender Eile auf dem kiesbeſtreuten Wege nach der Richtung fort, aus der der Bote gekommen. Sie lachte laut auf; ſie wußte es: der Herzog war fort. Die Thür zur Bibliothek wurde geöffnet; Lady Vere richtete ſich auf, und trat ihrer Kammerjungfer entgegen, die mit einem Lichte in der Hand auf ſie zulief. „Sind Sie es, Mylauy? Wir ſuchen Sie im ganzen Schloſſe— aber mein Gott, wie blaß Sie ſind! Haben Sie es ſchon gehört? Der Herzog muß fort; er will ſich von Ihnen verabſchieden; er kann keinen Augenblick warten; ich glaube, er hat ſchlimme Nachrichten—“ „Der Herzog iſt ſchon abgereiſt;“ ſagte Lady Vere ruhig—„ich weiß es!“ fuhr ſie heftiger fort, als das Mädchen ſie unterbrechen wollte,„ich habe den Wagen gehört.— Mir iſt nicht wohl, Hanna! Ich glaubte, meinen brennenden Kopf an der Nachtluft zu kühlen; aber es wird nur ſchlimmer.— Ich will auf mein Zimmer,“ ſagte ſie, das Licht ergreifend und auf die Treppe zuſchreitend.„Du brauchſt mir nicht zu folgen; ich will allein zu Bette gehen. Geh' zu My⸗ lord, und ſage ihm, ich ſei unwohl; aber ich will nicht geſtört ſein! hörſt Du?“ Sie ſchritt die Treppe hinauf, und verſchwand durch die Thür, ohne ſich einmal nach dem Mädchen umzuſchauen, das in ſtummem Staunen mit offenem Munde ihr nachſtarrte, als hätte es eine Er⸗ ſcheinung geſehen.— Die arme Kleine ſah ſich ängſtlich um; es ſchauderte ſie in dem öden, ungeheuren Gemach. Sie eilte mit leiſen Schritten nach der Thür, als fürchtete ſie, eines der alten Bilder zu erwecken. Sie ſchloß die Thür; und Dunkel und Schweigen herrſchte in der Bibliothek, die der Schauplatz ſo vieler wunderlicher Scenen in den letzten Stunden geweſen war. pierundzwanzigſtes Capitel. Wie anders waren Georgs Empfindungen, als er jetzt auf ſeinem friſchen Pferde, das ihm noch von geſtern her in den Ställen des Clara Vere. 133 Lords ſtand, denſelben Weg im vollem Lauf zurückjagte, den er noch vor wenigen Stunden voll wunderlicher Ahnungen und ſüßen Zweifels nach Schloß Vere geritten war. Jetzt war Alles klar, und der Schlüſſel hatte beide Geheimniſſe erſchloſſen zu einer Zeit. Er war, was er nie im Entfernteſten zu ſein gewünſcht; und das, worauf er ſo ſtolz geweſen,— das war er nicht. Ach! und für den Schmerz der letzten Enttäuſchung war die erſte Ueberraſchung denn doch zu theuer erkauft! Aber derſelbe Gedanke, der ihn bei der großen Entdeckung gelaſſen bleiben ließ, die manchem Andern den Kopf hätte wirbeln machen, ließ ſein Herz nicht brechen bei dem herben Verluſt. Lord Vere zu ſein, freilich— wie klein er⸗ ſchien ihm das! Was war denn dieſer Lord Vere? jeder Stümper konnte das ja ſein! Aber geliebt ſein von Lady Vere, das war ein Gedanke, der den ſtolzeſten Mann würde ſtolzer gemacht haben;— das, dachte er, ſei der Gipfel des Heldenthums;— und Gott weiß, wie groß er ſich in dieſem Gedanken erſchienen war. Aber nun war auch das vorbei. Wenn dieſen Preis ein Mann erringen konnte, wie dieſer beſchränktr, engherzige Menſch, dieſer Herzog, der nichts weiter hatte, als ſeinen Herzogstitel und ſein unermeßliches Vermögen;— o, ſo war ja auch dieſer Beſitz käuflich, nicht um die reine Liebe einer edlen Seele,— um die Schätze, die der Roſt und die Motten freſſen, um einen Herzogsmantel und um ſchnödes Gold.— Georg hatte wohl kaum jemals daran gedacht, daß ſeine Liebe in den Augen der Leute eine Thorheit, und das: iſt der Menſch toll? des Herzogs, das Urtheil der 2* Welt ſei. Hat doch die Liebe von jcher ihre Weltanſchauung für ſich gehabt; und welch' köſtliche Geſchichten wiſſen die Volksmärchen davon zu erzählen! Wie harmlos ſchreiten ihre Jäger und Soldaten über alle engherzigen Rückſichten und alle Schranken des Standesunter⸗ ſchieds hinweg, und freien kühn die ſchönen Königstöchter! In welch' reizenden Liedern haben die Dichter den Triumph der Liebe gefeiert, und geſungen von dem ſtolzen Königsſohne, der die Schäferin von der Wieſe zu ſeiner Königin macht, und von dem holdſeligen Königs⸗ töchterlein, das zu dem blonden Pagen in Liebe entbrennt! Wann hätte je die Liebe auf das Urtheil der Welt gewartet?— 4 E . 5 134 Clara Vere. Und die Philoſophie ſeines Meiſters, die ſeine Seele groß genährt, war dieſem Urtheile wenig hold. Eine Philoſophie, die Gott überall ſucht und überall findet, und den Himmel ſchon auf Erden beginnt, iſt wenig geneigt, mit den Vorrechten ſchonend umzugehen, durch die ſich einzelne Menſchen gern zu kleinen Göttern machen möchten; und wer in dem Olhmp nur einen Berg ſieht, deſſen Gipfel mit Schnee bedeckt iſt, für den ragen auch die Throne nicht in die Wolken. Der Vater hatte ſeine Lordſchaft abſichtlich vergeſſen, um der Liebe eines ſchlichten Bürgermädchens ſicher zu ſein; dem Sohne war es gar nicht einmal in den Sinn gekommen, daß eine Lady zu lieben, auch noch wohl bedacht ſein wolle.— Das war daſſelbe Princip; nur paßte es der alte Meiſter in weiſer Mäßigung den Verhältniſſen an, und der raſche Schüler wähnte, dieſe müßten ſich nach jenem richten. Aber Niemand verlangt, der Schüler ſolle ein Meiſter ſein; es iſt genug, wenn er ein guter Schüler iſt. Sei ruhig, Georg! der Meiſter wird über einen Fehler lächeln, der nur beweiſt, daß du ſeiner Lehre aus ganzer Seele anhängſt. Du haſt dich durch die Lüge blenden laſſen; aber dich verlangte von ganzer Seele nach Wahrheit;— ein trügeriſches Irrlicht hat dich verlockt, aber du glaubteſt das heilige Feuer des Herdes leuchten zu. hen. Georg war doppelt beleidigt. Man hatte ihn perfönlich ver⸗ ſpottet und ſeine Religion verhöhnt. Hätte Lady Vere ihn zurück⸗ gewieſen, weil ſie ſeine Liebe nicht verſtand, oder nicht erwidern konnte,— Georg war kein Thor, und er war ſtolz.— Er würde geſagt haben: die Sterne ſind ſchön; doch ſie ſind unerreichbar. Aber ſie hatte ihn an ſich gelockt mit tauſend ſüßen Worten, ihm tauſend⸗ mal geſagt: Du biſt ein Mann; die Andern ſind des Namens nicht werth; dein Gott iſt auch mein Gott. Und nun, da er mit ihr das Opfer feiern wollte auf dem Altar dieſes Gottes, ſprach ſie: Du biſt ein Narr, und dein Gott iſt ein dummer, hölzerner Götze.— Georg trieb ſein Pferd den letzten Hügel hinauf; er hielt vor n Hauſe. Der Knecht, der herauskam, ihm das Pferd abzu⸗ ten, ſagte im Flüſterton:„Wir haben Sie ſchon ſo lange erwartet. — Clara Vere. Die Barbara ſagt: die Frau müſſe ſehr krank ſein. Aber ſie will nicht, daß nach dem Doctor geſchickt wird. Der Förſter iſt heim⸗ lich zu Ihnen auf's Schloß gegangen, denn auch das hätte ſie nicht gelitten.“ Georg lief eilig die Treppe zu dem Zimmer der alten Margareth hinauf. Sein Herz ſagte, daß ſie ſterbe; er fürchtete, ſie ſchon todt zu finden, ſie nicht mehr um Verzeihung bitten, ihr ſeinen Dank nicht mehr ſtammeln zu können. Er trat in die Stube. Die Mutter lag im Bette; die Tochter beugte ſich eben über ſie hin; auf dem Tiſche ſtanden zwei Lichter, und die große Bibel lag aufgeſchlagen da;— man hätte ſchwerlich denken ſollen, daß dieſe einfachen Vorrichtungen der alten Margareth zum Sterben genügten. Helene ſah auf und zeigte Georg ein blaſſes Antlitz; aber der Abglanz von der Mutter mächtigem Willen ruhte darauf; ſie weinte nicht.— Auf dem Geſichte der Alten lag der Tod ſchon ſichtbar; aber es ſchien mit dem Quell des Lebens auch der des Kummers zu verſiegen; und das ſelige Lächeln, das um die bleichen Lippen ſpielte, rührte Georg um ſo mehr, wenn er dieſe hehre Ruhe mit der Leidenſchaftlichkeit der vergangenen Nacht verglich. Ihre tief eingeſunkenen Augen blickten mit inniger Liebe zu ihm auf, als er ſich jetzt über die Sterbende beugte, die ihre ſchwachen Arme um ſeinen Nacken ſchlang und ſeinen Mund an ihre bebenden Lippen zog. O, welche Welt von Empfindungen lag in dieſer Umarmung! wie beredt waren dieſe Thränen! Nun war Alles gut; nun konnte die alte Margareth ruhig ſterben. Mag doch das flackernde Licht verlöſchen, wenn die Sonne prächtig am Himmel aufgeht! Sie drückte Georg ſanft von ſich; er verſtand die Mutter. Er richtete ſich auf; er breitete die Arme flehend nach der Tochter aus; und laut ſchluchzend ſank Helene an ſeine Bruſt— er hielt ſie um⸗ ſchlungen, feſt und innig— hier fand er den Tag, dem keine Nacht folgt;— Vertrauen, das keinen Zweifel kennt;— Liebe, die nur Liebe will; Seligkeit, die das Glück verſchmähen darf, weil ſie erhaben iſt über das Unglück. Hier ruhte ſein Sein;— war dieſe Liebe keine Wahrheit, ſo war Alles Lüge; ſo war das Leben todt, und die Welt ein ſcheußliches Chaos ohne den göttlichen Gedanken. —— Clara Vere. Sich umſchlungen haltend fanken ſie an dem Bette in die Knie. Die Sterbende richtete ſich auf; ſie legte ihre Hände auf die geſenkten Häupter; ſie ſank zurück in die Kiſſen; ſie faltete die Hände über der Bruſt; ihre Lippen murmelten ein leiſes Gebet; ſie ſeufzte tief auf; alle Erdenlaſt war von ihr genommen— ſie war todt. „ Fünfundzwanzigſtes Capitel. Als Lady Vere's Kammerjungfer in der Nacht vor ihrer Herrin Thür geſchlichen war, weil ſie die Angſt um das bleiche entſtellte Ge⸗ ſicht nicht ſchlafen ließ, hörte ſie drinnen lautes Lachen und dann Weinen und Schluchzen. Sie weckte ihre Cameradin; und beide hielten eine leiſe Zwieſprach in dem Corridor, bevor ſie endlich einzutreten wagten. Lady Vere lag halb entkleidet auf ihrem Bette; ihre ſonſt ſo bleichen Wangen brannten; ſie hatte die Augen feſt geſchloſſen; ihre Hände riſſen ungeduldig an einer der Flechten ihres Haares, das ſich zum Theil gelöſt hatte, und in weichen, dunklen Wellen über ſie hinfloß; ſie murmelte unverſtändliche Worte durch die krampfhaft ge⸗ „ſchloſſenen Zähne. Die Geſellſchaft unterhielt ſich am nächſten Morgen flüſternd über die beiden großen Ereigniſſe der letzten Nacht: die Abreiſe des Herzogs, und die Erkrankung ihrer ſchönen Wirthin. Die beiden hellſten Sterne an ihrem Himmel waren verſchwunden; und es war doch ein gar wunderbarer Zufall, daß ſie beide in einer Nacht er⸗ loſchen waren. Da man ſchon immer eine engere Verbindung zwiſchen dieſen Beiden vorausgeſetzt, vermuthet und zuletzt als ausgemacht ange⸗ nonmen hatte, ſo verſteht es ſich wohl von ſelbſt, daß der Scharf⸗ ſinn der Gäſte ſich darin gefiel, dieſe zwei zuſammenfallenden Ereig⸗ niſſe aus einer Urſache herzuleiten; trotzddem, daß der Herzog ſelbſt der verſammelten Geſellſchaft als Grund ſeines Aufbruchs die plötz⸗ ————————— Clara Vere. 137 liche ſchlimme Wendung, welche der Zuſtand ſeiner kranken Mutter in London genommen habe, angegeben hatte; und Lady Vere's Krankheit in der Aufregung der letzten Tage, der ungewohnten Anſtrengung des Spiels, der geſtrigen Reiſe,— die freilich von dem ſchönſten Wetter begünſtigt geweſen war— eine ſehr natürliche Erklärung fand.— Aber dann hatte des Herzogs Mutter doch auch wieder ſeit langer Zeit gekränkelt, und man hatte ihm nie eine übergroße Bekümmerniß Jangemerkt, und der Bote von geſtern Abend kam ja regelmäßig die Woche zweimal von London; und Lady Vere war geſtern noch ſehr munter geweſen, und hatte außerordentlich wohl ausgeſehen.— Wie dem auch immer ſein mochte, die Geſellſchaft war äußerſt verſtört. Man fand, daß der Beſuch auf Schloß Vere ſchon über die Zeit ge⸗ dauert habe und daß die beſte Jagd vorüber ſei. Man erinnerte ſich anderer Einladungen, die man bisher unberückſichtigt gelaſſen hatte; man dachte an manche Geſchäſte, die außerordentlich dringend waren, und durchaus keinen längeren Aufſchub duldeten— und nach einigen Tagen war Schloß Vere ſo öde und verlaſſen, wie damals, als die letzten Strohhalme von dem Raſenplatz gefegt wurden, und der Maler im Garten die Sandſteingötter anſtrich. Lord Vere be⸗ ruhigte ſich über das maſſenhafte Deſertiren ſeine Gäſte um ſo leichter, als die Krankheit ſeiner Tochter ſchon nach einigen Tagen eine günſtige Wendung nahm, und die herbeigerufenen Aerzte Lady Vere außer aller Gefahr erklärten. Aber ob auch die Krankheit ge⸗ hoben war, ſo ſchien der Geiſt der ſchönen Patientin noch immer wunderlich aufgeregt und eine innere Unruhe zurückgeblieben zu ſein, gegen die alle Mittel fruchtlos waren, und die mit ihrer ſonſtigen Ruhe und Kälte in einem ſeltſamen Widerſpruch ſtand.— Lady Vere hatte in den erſten Tagen in einem heftigen Delirium gelegen; aber ſie hatte in ihren Phantaſien nur deutſch geſprochen; und ſo ver⸗ leugnete ſie, die in geſunden Tagen die Worte ſo genau zu berechnen wußte, ihre ſtolze ſelbſtiſche Natur ſelbſt im Fieber nicht; wenigſtens hatte ſie weder Georgs, noch des Herzogs Namen genannt. Sie, die⸗ es ſich zur Aufgabe gemacht zu haben ſchien, Alle um ſich herum zu durchſchauen, hielt ſelbſt in den Momenten, wo ſich das wahre Ge⸗ ſicht ſo ſchwer verbergen läßt, die Maske feſt. ——————— 138 Clara Vere. Unter allen den Ueberraſchungen der letzten Zeit war es für Lord Vere ſicher nicht die geringſte geweſen, als an dem Tage, an welchem die alte Margareth auf dem Kirchhofe der Kapelle zwiſchen Gatte und Sohn beigeſetzt war, Georg ihm in einer längeren Unterredung ſeinen Entſchluß mittheilte, die Stelle, die er bisher bekleidet, nieder⸗ legen zu wollen, ſobald es nur irgend die Umſtände geſtatten würden. Er erbat ſich zugleich für die nächſten Tage Urlaub, um Helene nach T. bringen und ſeine Angelegenheiten ſoweit ordnen zu können, daß hernach ſeiner Ueberſiedlung nach Amerika nichts mehr im Wege ſtehe. Er verſicherte Lord Vere, daß der Tod ſeiner Pflegemutter den längſt gehegten Plan nun zur Reife gebracht habe; und der alte Herr glaubte gern, daß Helene ſich darnach ſehne, einen Ort zu verlaſſen, wo ſie in kurzer Zeit Bruder, Vater und Mutter verloren hatte. Er war über Georgs Entſchluß aufrichtig bekümmert, und bat den jungen Mann dringend, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen. Lord Vere hatte in dieſer Zeit Georg ſehr lieb gewonnen, der es ihn nie hatte merken laſſen, wie weit er ihn an Einſicht und Kennt⸗ niſſen überragte. Die durchgebildetſte Kunſt konnte den berechnendſten Höfling nicht zarter und rückſichtsvoller auftreten machen, als Georg ſeine Gutmüthigkeit und Menſchenfreundlichkeit. Er hatte Mitleiden mit dem Dummen, wie mit dem Schwachen; er mäßigte gern ſeinen ſchnellen Schritt, damit der Andere mitkommen könne, und unterſtützte ſeines lahmen Gefährten ſchwankenden Gang, als ob er es ſei, der Hülfe ſuche. Lord Vere wußte ſelbſt nicht, wie es zuging, daß er in Georgs Beiſein ſcharfſinniger und unterrichteter war, als zu anderen Zeiten; und er war zu der Einſicht gekommen, daß Georg ihn viel ſchneller und beſſer verſtehe, als ſelbſt ſein Kellermeiſter und der Paſtor, die in der erſten Zeit ſein ganzes Vertrauen beſeſſen hatten.— Er war in Verzweiflung, daß ſeine Tochter gerade jetzt krank ſein mußte, und hoffte noch im Stillen von ihrer Ueberredungsgabe das Beſte.— Georg verſprach, in höchſtens acht Tagen wieder zu kommen, und reiſte mit Helene und der alten Barbara, die ihre junge Herrin um keinen Preis verlaſſen wollte, nach T. Hier fand er leider den alten Freund verreiſt; aber die würdige Schweſter des geſchätzten Mannes, die ihm noch aus den Tagen ſeiner Jugend her ſo bekannt und werth Clara Vere. 139 war empfing die lieben Gäſte mit offenen Armen, und unter ihrem Schutze ließ Georg einſtweilen das geliebte Mädchen, um über London nach Schloß Vere zurückzukehren. Wie es Georg angefangen haben mag, dem Herzog ſeine wun⸗ derliche Großmuth zu erklären, iſt ein Geheimniß. Vielleicht hat er zu dieſer Conferenz einige wichtige Papiere nicht mitgebracht. So viel ſteht wenigſtens feſt, daß der Herzog den ſelt⸗ ſamen Menſchen nicht geradezu für einen Tollhäusler halten konnte, als dieſer ihm erklärte, ſeine Anſprüche nie geltend machen zu wollen. — Ueber den zarten Punkt ſeines Verhältniſſes zu Lady Vere ſprach Georg mit einer Freimüthigkeit, die jeden Verdacht aus dem Herzen des Andern entfernen mußte. Georg wollte lieber als der größte Dummkopf erſcheinen, als etwas thun oder ſagen, was auch nur ent⸗ fernt einer unedlen Rache ähnlich geſehen hätte.— Nachdem er ſich ſoch einmal die ſtrengſte Verſchwiegenheit hatte verſprechen laſſen, ging er nach Schloß Vere zurück. Georg hoffte, durch Lady Vere's Krankheit, die ihm viel zu denken geben hatte, jeder abermaligen Begegnung überhoben zu ſein. Wie erſtaunt war er daher, als er bei feiner Ankunft einen Brief vorfand, von der bekannten Hand der Lady Vere. Der Brief lautete:„Ich muß Sie ſprechen; ich habe mich beeilt, wieder geſund zu werden, um Sie ſprechen zu können. Ich weiß Alles— ich habe Ihr Geſpräch mit dem Herzoge gehört.— Wus für Schritte Sie auch immer unſerer Sache thun werden, verſagen Sie mir dieſe Unterredur g nich Ich weiß, wie ſehr ſich Ihr Stolz gegen eine ſolche Zumuthung em⸗ pören wird; aber Sie ſind ſo tipnichig g, als ſtolz— und am Ende, was haben Sie ſich denn vorzuwerfen, daß Sie dieſe Zuſammenkunft zu ſcheuen brauchten? C V Das hatte Georg nicht erwartet; das machte all' ſeine Hoffnung zu nichte, ſtill und ungeſtört von Schtoß Vere ſcheiden zu können. Er hatte ſich ſchon ausgedacht, wie er die Bilder ſeiner Eltern den Inhalt des Schranks ohne Aufſehen an ſich bringen könnte; und je bt eine abermalige Zuſammenkunft mit Lady Vere!— Er wollte ihr erf ſchreiben; aber er fand, wie mißlich das in mehr als einer Beziehung war; es kam ihm faſt wie eine Feigheit vor. So ritt er denn nach ₰ 140 Clara Vere einigen Stunden den alten Weg nach dem Schloſſe, und da er Lord Vere nicht zu Hauſe fand, ließ er ſich ſogleich bei Lady Vere melden. — Er wurde zum erſten Male in ihre Zimmer geführt. Er durch⸗ ſchritt einige hohe, ſchöne Gemächer, deren reicher Schmuck an Ge⸗ mälden und Büſten von dem feinen Geſchmack der Bewohnerin Zeug⸗ niß gab; das Kammermädchen öffnete die letzte Thür, und Georg und Clara Vere ſtanden ſich gegenüber. Sie hatte ſich aus der Ecke des Sophas bei ſeinem Eintritt er⸗ hoben; ſie war ihm ſchnell eiuige Schritte entgegen gegangen; jetzt ſtand ſie ſtill; ſie legte die Hand auf ihr Herz, deſſen ungeſtümes Schlagen man deutlich durch das leichte, weiße Gewand hindurch ſah, und eine fieberhafte Röthe flammte für einen Augenblick in ihrem Geſichte auf, um alsbald einer geiſterhaften Bläſſe zu weichen. Die Krankheit hatte die dichte Hülle gelockert, hinter der ſie ſonſt alle Re⸗ gungen ſorgſam barg. Sie mußte ſich an der hohen Lehne eines Stuhls halten, um nicht umzuſinken. Dann raffte ſie ſich auf, und ſchritt nach dem Sopha, in deſſen Ecke ſie ſich wieder niederließ. „Darf ich Sie bitten, die Thür zu verſchließen;“ ſagte ſie,„auch die im Vorgemach.— Wenn unſere Sache auch bald genug in das Publikum kommen wird,“ ſetzte ſie mit einem Lächeln hinzu,„ſo möchte ich doch nicht gern, daß es die erſte Nachricht davon durch die Kammer⸗ mädchen erhielte.“ Georg that, wie ſie wünſchte. Sie winkte ihm, auf einem Stuhle vor ihr Platz zu nehmen. Der junge Mann ſah, wie Lady Vere vergeblich nach Worten ſuchte, um die Unterhaltung zu eröffnen. Der Anblick des ſtolzen Weibes, das in dieſem Augenblick die Herrſchaft über ſich ſelbſt ſo ganz verlor, war ihm außerordentlich peinlich.— Georg hegte keinen Groll gegen ſie. Der kindiſche Zorn gekränkter Eitelkeit, wenn er je für einen Augenblick in ihm aufgelodert war, war längſt erloſchen. Er empfand nur ein tiefes Mitleid, einen edlen Schmerz, daß dieſer glänzende Geiſt ſich felbſt geblendet hatte, daß er an ſeinem eigenen Reichthum zu Grunde gehen ſolle. Lady Vere war ihm zu theuer geweſen, ſeine Liebe zu ihr zu rein, als daß ſie ihm nicht hätte werth Clara Vere. 141 ſein ſollen noch jetzt in dieſem Augenblicke. Was war denn nun ſo anders? Daß ſie ihre Liebe zu ihm einer Herzogskrone aufgeopfert? War ihr das Opfer vielleicht nicht ſchwer geworden? War ſie denn nicht noch das ſchöne, begabte Weib, in deſſen Schönheit er mit der Andacht eines Künſtlers geleſen, deſſen Geiſt er mit hoher Bewun⸗ derung gehuldigt hatte?— Und doch wie ſo ganz anders war das Alles jetzt! Jetzt wußte er, daß dies nicht die Gefährtin war, mit der er, unauflöslich verbunden, muthig vorwärts ſchreiten konnte zum Lichte der Wahrheit; daß hier nicht die reine Flamme brannte, an der er die Fackel der Begeiſterung, die ſeinen Weg erhellen mußte, wieder entzünden konnte, wenn die dumpfe Luft der Alltäglichkeit und der Wirbelwind des Zweifels ſie ihm zu verlöſchen drohten. Sie Beide trennte eine tiefe Kluft; und es war nicht Feigheit, wenn dieſe Kluft Georg unüberwindlich ſchien. Was Lady Vere fehlte, war der Glaube; der Glaube an ſich ſelbſt und an die Wahrheit; und ihre glänzenden Gaben machten dieſe innere Oede nur noch qualvoller für ſie ſelbſt und gefährlicher für Andere. Der Teufel iſt gerade darum ſo furchtbar, weil er ein ge⸗ fallener Engel iſt. Als Georg ſie in dieſem Augenblick betrachtete, ſprach es laut in ſeinem Herzen: Ich hätte Dich nicht glücklich machen können, ſchönes Weib; aber Du mich unſäglich unglücklich. „Fühlen Sie ſich wohl genug, Mylady,“ begann er,„und ſind Sie in der Stimmung, einer Auseinanderſetzung des Verhältniſſes, die ich möglichſt kurz machen werde, folgen zu können? Da Sie im Allgemeinen von der wahren Sachlage unterrichtet ſind, ſo müſſen ſie natürlich auch die Einzelheiten zu erfahren wünſchen.“ Georg erzählte jetzt in möglichſter Kürze, wie er zu der Entdeckung gekommen war. Von der Geſchichte ſeines Vaters ſo viel, als ihm zum Verſtändniß der ganzen Angelegenheit unumgänglich nöthig ſchien. Er legte ihr die Papiere, ſo wie ſie ein Faktum, ein Verhältniß bewieſen, oder deutlich machten, der Reihe nach vor. Er vergaß nicht, ihr die ſehr bedeutende Summe anzugeben, die ihm ſein Vater von vorn herein auf alle Fälle ausgeſetzt hatte. Sie hörte ihm mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu; ſie richtete einzelne Fragen an ihn über Punkte, 142 Clara Vere. die ihr nicht gleich ganz demlich wurden; Fragen, die bewieſen, mit welchem Scharfblick ſie die ganze Sache erfaßte, und die Georg zu einer Ausführlichkeit nöthigten, der er gern wäre überhoben geweſen. — Ein Geſchäftsmann, der eine verwickelte Sache auseinanderſetzt, konnte nicht beſtimmter und deutlicher ſein, wie Georg; eine Clientin, um deren Vermögen es ſich in dem Augenblick handelt, nicht aufmerk⸗ ſamer, nicht umſichtiger, wie Lady Vere. Als Georg zu Ende war, fragte er:„darf ich hoffen, Ihnen die ganze Sachlage möglichſt deutlich gemacht zu haben? Iſt Ihnen noch irgend ein Punkt dunkel geblieben; oder wünſchen Sie noch eine ge⸗ nauere Einſicht der Documente?“ „Nein! ich danke Ihnen!“ erwiederte Lady Vere,„ich bin es nicht an Ihnen gewohnt, zu einer Erläuterung noch eine Erläuterung zu bedürfen.“ „Nun wohl!“ ſagte Georg, ſich erhebend, und die Papiere zu⸗ ſammenraffend,„und dies iſt denn der Gebrauch, den ich von diefen Doeumenten zu machen gedenke.“ Und er ging zum Kamin, und warf die Papiere in die Gluth, daß die Flamme hoch emporloderte. Dann, als auch das letzte Stück verzehrt war, und der Luftzug die leichte Aſche emporwirbelte, wandte er ſich wieder zu Lady Vere und ſagte: „Ich fürchte, Mylady, die lange Auseinanderſetzung hat Ihre Kräfte mehr als billig in Anſpruch genommen, und Sie werden der Ruhe bedürfen.“ Es iſt etwas Entſetzliches darum, durch Nichts überraſcht zu wer⸗ werden, über Nichts in Verwunderung gerathen zu können, weil man Alles ſchon im voraus weiß. So wenig auch Lady Vere aus dem Geſpräche zwiſchen Georg und dem Herzog vernommen, ſo zweideutig auch das Verſprechen, die Sache geheim halten zu wollen, das er dem Herzog abgenommen hatte, war— Lady Vere kannte Georgs edle Natur zu gut; ſie wußte, daß er den ſchonendſten Gebrauch von ſeinem Rechte machen würde; ja, als er ihr jetzt mit dieſer kalten Förmlichkeit die Sache auseinander⸗ ſetzte, da hatte ſie unwillkürlich einen Blick auf den Kamin geworfen, da hätte ſie ſchwören können, daß dies das Ende ſein würde. Und doch, hätte ſie ſo gehandelt, wenn ſie in dieſem Falle geweſen wäre? Clara Vere. 143 Nicht doch! aber ſie wußte, daß andere Leute ſo handeln können, ſo handeln würden. Sie konnte auch dies verſtehen; und als jetzt Georg mit dem Bewußtſein, das erfüllt zu haben, was ihm Pflicht ſchien, einig mit ſich ſelbſt und zufrieden mit ſich ſelbſt vor ihr ſtand, — da wußte ſie auch, daß er ſich nicht wohlgefällig fragte:„wie hat das ausgeſehen?“ und„was wird ſie nun ſagen?“ ſfie fühlte, daß er ein Mann, und daß ſie ſeiner nicht werth war; und daß ſie ihn nie ſo geliebt hatte, wie in dieſem Augenblicke. „Bleiben Sie!“ ſagte ſie dringend— und winkte ihm, wieder Platz zu nehmen. „Sie ſehen mich nicht überraſcht. Sie müſſen es ſelbſt verant⸗ worten, wenn bei Ihnen großherzige Handlungen nicht überraſchen.— Ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen; ich kann es Ihnen jetzt ſagen, da jede Verbindung zwiſchen uns unmöglich iſt.“— Sie beugte ſich hin zu ihm, und ihre ſchönen Augen ruhten feſt. auf ihm; ſie ſprach mit leiſer, deutlicher Stimme: „Ich habe Sie geliebt, Georg, wie ich glaube, daß ich überhaupt lieben kann; ja ich liebe Sie zu dieſer Stunde mehr, wie je! Ich will es Ihnen geſtehen: ich habe mich nie Ihrer werth gehalten; und ob ich gleich Alles aufbot, Sie an mich zu feſſeln, fühlte ich, daß ich Sie verlieren würde in dem Momente, wo ich Sie ganz gewonnen; und ob mich Ihre Bewunderung auch auf Augenblicke ſtolz machte,— die größte Zeit habe ich unter ihr gelitten, wie der Dieb mit dem ſchönen Kleide prunkt, das er geſtohlen, und es doch nur mit Aengſten trägt, weil er überall dem rechten Eigenthümer zu begegnen fürchtet. — Das Schickſal hat es ſo gelenkt, daß Sie zur rechten Zeit zur Einſicht kamen, ich ſei Ihrer nicht werth.— Sie haben ſich von mir gewandt; ich muß es dulden; ich habe keine Macht und kein Recht, Sie zu halten. Aber wiſſen Sie, Georg, ich habe oft geglaubt, daß Sie mich dem Leben wieder geben könnten, wenn das in eines Men⸗ ſchen Macht ſteht. Sie haben mir eben eine Herrſchaft geſchenkt; und ich ſage Ihnen, ich wollte, ich könnte als Magd in Ihrem Haufe dienen. Doch, ich weiß es, auch das wird nicht anhalten. Sie wer⸗ den gehen, und ich werde das alte Leben fortſetzen, mir nicht zur Freude, und Anderen zum Verderben. Ich werde mir ſchmeicheln 144 Clara Vere. laſſen, und die Schmeichler verachten und verſpotten, und doch um ihre Gunſt buhlen; und werde glänzen und elend ſein; und wenn ich dann vielleicht wieder einen Menſchen gefunden habe, der mir auf Augenblicke die Ahnung eines höheren, beſſeren Lebens giebt, ſo werde ich ihm zum Dank dafür ſagen, daß er toll ſei, und werde es alberne Menſchen in meiner Gegenwart ſagen laſſen, die nicht werth ſind, daß ſie ihm die Schuhriemen löſen. Gehen Sie nun, Georg! Ich habe nie ſo zu einem Menſchen geſprochen, werde nie ſo wieder zu einem Menſchen reden. Ich weiß nicht, was mich drängt, vor Ihnen meine ganze Häßlichkeit zu zeigen, wahrſcheinlich zum Lohn dafür, daß Sie einmal meiner Schönheit gehuldigt.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Mylady! um Gotteswillen, ſprechen Sie nicht ſo!“ rief Georg mit Entſetzen.„Das iſt furchtbar! Der An⸗ blick eines Menſchen, der ſich die geladene Piſtole an die Stirn ſetzt, iſt nicht furchtbarer!.— Wenn wir auch nun auf immer getrennt ſind — es kann Niemand inniger wünſchen, daß Sie glücklich ſein möchten, als ich. Verſuchen Sie es, die Menſchen zu achten, und Sie werden ſich ſelber achten lernen! Werfen Sie dieſe ſtarre Maske von ſich! Seien Sie ehrlich gegen ſich ſelbſt und Andere! Schämen Sie ſich Ihrer Tugenden nicht! die Menſchen ſind es nicht werth, daß man ihrethalben zum Heuchler wird. Sie können hier unendlich viel Gutes wirken, manche Thräne trocknen, in manche Hütte Glück und Frieden bringen. Ich würde nicht ruhig aus dieſem Wirkungskreiſe ſcheiden, wüßte ich nicht, daß Sie Kraft und Einſicht genug haben, um die Wohlthäterin der ganzen Gegend zu ſein. Verſuchen Sie es, das Gute zu thun! es koſtet Sie ſo wenig Mühe, und der heiße Dank der Armen, und der ſtille Beifall aller Vernünftigen ſind köſtlicher, als die hohle Bewunderung und das alberne Klatſchen Ihres glänzenden Gefolges! Ich habe mich Ihnen zu Füßen geworfen, um Ihnen meine Liebe zu geſtehen:— auf meinen Knieen beſchwöre ich Sie,— Sie, die Sie ſo ſchön, ſo begabt ſind,— verſuchen Sie es, auch gut zu ſein!“ „Stehen Sie auf, Georg! knieen Sie nicht vor mir! Mag Gott Ihr Gebet erhört haben! Ich will verſuchen, zu ſein, wie Sie mich wünſchen; ich will es verſuchen um Ihrethalben. Mag die Er⸗ Clara Vere. 145 innerung an Sie mir Kraft geben; in mir ſelbſt fühle ich keine. Gehen Sie jetzt, Georg! Ich könnte weinen, daß ich ſelbſt Sie gehen heißen muß. Mit Ihnen wendet ſich mein guter Engel von mir!“ Sie war aufgeſtanden, und Georg war ihr gefolgt. Er wollte noch ſprechen; aber die Worte verſagten ihm. Sie begleitete ihn bis an die zweite Thür; ſie legte die Hand auf ſeine Schulter; die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen; ſie biß die Zähne übereinander, und ſagte leiſe:„Ich habe Dir einen Kuß geſtohlen, Du ſchöner Menſch, heimlich, wie ein Dieb in finſterer Nacht; und habe Dich von mir geſtoßen, als Du mir Deine Liebe geſtandeſt, weil ein Narr zu⸗ gegen war. Und wenn die ganze Welt jetzt Zeuge wäre: ich will dieſen Mund noch einmal küſſen!“— und ſie zog Georg an ihr pochendes Herz, und drückte einen heißen, langen Kuß auf ſeine Lippen. ² „So, nun geh'! mag dieſer Kuß mich rein machen, und vor Ver⸗ zweiflung ſchützen!“ Dann eilte ſie in ihr Gemach zurück, und ver⸗ ſchloß die Thüre hinter ſich. Georg war tief erſchüttert.„Nein, nein,“ rief es in ihm,„Du ſchönes Weib! Du darfſt nicht verloren gehen! Die Wahrheit iſt mächtiger in Dir, wie Du glaubſt!“— Am Abend deſſelben Tages ſandte ihm Lady Vere die Portraits ſeiner Eltern; und es war dies wieder ein Beweis, wie tief ſie in den Herzen der Menſchen zu leſen wußte.— Georg war durch die ſeltſame Wendung, welche das Ge⸗ ſpräch genommen hatte, daran verhindert worden, ihr ſeinen liebſten Wunſch zu äußern. Er ſandte ihr den Schlüſſel zu dem Schranke mit der Bitte, ihm auch das andere Portrait zu ſenden, und die Pa⸗ piere, als werthlos, zu verbrennen; er willfahrte gern Lady Vere, als ſie ihn bat, dies Bild behalten zu dürfen,„ich habe dieſem Bilde viel abzubitten,“ ſchrieb ſie ihm. In vierzehn Tagen hatte Georg Alles geordnet, und konnte ſeinem Nachfolger das Amt übergeben.— Er ſchied nicht leichten Herzens, aber unerſchütterten Sinns aus dem lieben Thal, in dem er der Freuden ſo viel gehabt, daß das Leid dagegen nichts erſch ien.— Fr. Spielhagen's Werke V. 10 146 Clara Vere. Unfre Heimath iſt nicht Fels und Baum und Erde; die Herzen ſind es, die für uns ſchlagen— und Georg hatte jetzt den unverrückbaren Schwerpunkt ſeines Daſeins gefunden. Sechsundzwarzigſtes Capitel. Der würdige Freund war ſchnell von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, als er die Ankunft ſo lieber Gäſte erfahren.— Dieſer Mann hatte auf Georg den größten Einfluß gehabt; ihm vertraute er nach Lord Vere am rückhaltsloſeſten, ſeiner Einſicht ordnete er ſich am willig⸗ ſten unter. Georg betrachtete den alten Freund immer als eine Ergänzung zu Lord Vere; das poetiſche Gemüth ſeines Lehrers hatte Georgs jugendlichem Geiſt die ruhige, oft herbe Weisheit ſeines Herrn ver⸗ mittelt. Jetzt war ihm das Verhältniß dieſer beiden Männer zu einander und zu ihm noch klarer geworden. Seine Entdeckung hatte ihm nicht geradezu neue Geſichtspunkte gegeben; aber ſie war ihm wie ein gutgewähltes Beiſpiel zu einem logiſchen Satz, den wir auch wohl ſo verſtehen, der uns aber durch das Beiſpiel doch noch an⸗ ſchaulicher wird. Der alte Mann war ſeit langen Jahren das ver⸗ ehrte Haupt einer wenig zahlreichen Gemeinde, die ſich von den herr⸗ ſchenden kirchlichen Anſichten ſo weit entfernte, daß ſie ſelbſt in dem freiſinnigen Lande einigen Anſtoß gab. Ja, er ſelbſt ging noch weiter, und hatte es ſeinen Anhängern nicht verſchwiegen; aber ſie hatten ihn einſtimmig gebeten, auch ferner ihr Führer zu ſein; er ſolle nur warten, bis ſie nachkämen; ſie würden ihm folgen, wohin er ſie führe.— Als er Helene ſah, ſchloß er ſie zärtlich in die Arme, und ſah ſie lange forſchend an, daß ſie die Augen vor dieſem durchdringenden Blick ſenkte.„So habe ich Sie mir gedacht, liebes Mädchen!“ ſagte er.„Sie gehören zu uns, das leſe ich auf Ihrer reinen Stirn, in Clara Vere. 147 Ihren klaren Augen. Sie find Georgs Lebensgefährtin, oder keine ſonſt.“— Es war Helene, als befände ſie ſich in dem Hauſe von Georgs Eltern, als kennte ſie Alles ſchon ſeit langer Zeit: ſo wun⸗ derbar heimelte ſie Alles an. Sie ſah in dem alten Geſchwiſterpaare ihr eignes Verhältniß zu Georg wieder; nur daß die Jugend hier fehlte, und die Leivenſchaft: daſſelbe unumſchränkte Vertrauen, dieſelbe Verſtändnißinnigkeit; und ſie ſelbſt, ſie vertraute ihnen; ſie verſtand ſie auf Blick und Wort. Die Welt, in der die Beiden lebten, war auch ihre Welt; die Sprache, die die Beiden ſprachen, war auch ihre Sprache; ſie wußte, daß Georg ſie in dieſe Welt eingeführt, ſie dieſe Sprache ge⸗ lehrt hatte. Es war eine köſtliche, unvergeßliche Zeit, die kurze Zeit, die dieſe Vier zuſammen verlebten; ein ſchöner, milder Herbſt, deſſen reiche Fruchthülle Helene den heißen Sommer vergeſſen machte. Die Thränenſaat war wunderherrlich aufgegangen in dem dunklen Schooß der Liebe. Der wahren Liebe müſſen alle Dinge zum Beſten dienen. Selbſt die Trauer um den Tod der guten Mutter war nur ein ſchwer⸗ muthsvoller, tiefer Ton, der ſich rein auflöſte in den ſeelenvollen, innigen Einklang. Sie wußte, daß ſie den Tod der Mutter am ſchönſten betrauerte, wenn ſie ſich des Lebens recht herzlich freute. Sie dachte noch ſehr wohl der Mutter Wort am Todestage:„Wenn du aber faſteſt, ſo ſalbe dein Haupt!“— Als Georg an jenem Mor⸗ gen vom Haufe fortgeritten war, hatte die Mutter geſagt:„daß ſie nun ſterben werde, heute noch. Sie habe es längſt gewußt, daß ihr der Tod am Herzen nage; ſie fühle, daß es jetzt vorbei ſei. Georg dürfe nichts erfahren, er habe noch viel auszurichten, bevor der Abend käme.“ Es war der Gedanke an ein anderes Weſen, das nicht ſo freund⸗ lich in ihre Einigkeit hineinlächelte, wie die liebe Mutter, der ſie tief bekümmerte. Sie hätte alle Menſchen ſo gern glücklich geſehen, und ſie wußte: Lady Vere war es nicht; war vielleicht in demſelben Maße unglücklich, wie ſie ſelbſt glücklich war; und dieſer Gedanke hätte auch ein weniger edles Herz, als das Helenens, mit Trauer erfüllen können. Gute Menſchen ſchämen ſich faſt ihres Glücks. 10* 148 Clara Vere. „Ich möchte ſie ſprechen, Georg!“ ſagte ſie mit einer Thräne im Auge.„Es iſt mir, als hätte ich ihr Unendliches abzubitten. Ich könnte mein Leben für ſie opfern; aber Dich konnte ich ihr nicht laſſen, Georg! Du biſt mir mehr, wie das Leben; ohne Dich iſt mir das Leben nichts.“ „Und wäre ich mit ihr glücklich geworden, Helene?“ „Nein, Georg! ich glaube es nicht, kann es nicht glauben. Und doch, Georg, wer Dich lieben kann, iſt ſchon halb gerettet, und muß es bald ganz ſein durch die Liebe zu Dir. Ich habe das nie ſo tief gefühlt, wie gerade jetzt.“ „Ich danke Dir, Helene;“ ſagte Georg, und er zog das geliebte Mädchen feſt an ſein Herz.„Wie könnte ich einen Kummer haben, den Du nicht theilteſt! Sieh! dies beweiſt mir, wie ganz wir Eines ſind. Du wärſt ja nicht meine Wonne, meines Lebens Leben, wenn Du nicht trauerteſt um Clara Vere! Mein Herz ſagt mir, ſie wird glücklich werden. Sie ſoll nicht mein ſein, wie Du mein biſtl ich ſoll nicht ihr ſein, wie ich Dein bin: ſie ſoll unſer ſein! Unſer Glück wäre nicht vollkommen ohne das ihre.“ Wenn ſie ſo zuſammen in der Studirſtube des alten Freundes um den Kamin herumſaßen, und das Geſpräch ſich heiter ergoß über ihre eignen kleinen Angelegenheiten, wie über die Intereſſen der Menſch⸗ heit,— da konnte Helene nicht müde werden, den beiden Freunden zuzuhören, wie ſie im edlen Wetteifer nach einem Ziele ſtrebten. Da dachte ſie ſich Georg mit den weißen Haaren des Greiſes, und ſchmiegte ſich feſter an ihn, und fühlte, daß die Liebe zur Wahrheit die ewige Jugend iſt, der Schnee des Alters das heilige Feuer nicht aus⸗ löſchen kann. Sie ſprachen über die alte Margareth, und Lord Vere, und die letzten Ereigniſſe.— Der Freund ſagte:„Ob der Mutter die auf dieſen einen Punkt concentrirte Seelenkraft den wunderbaren Blick in das Verborgene gegeben; ob die Verkettung der Ereigniſſe zu⸗ füllig mit ihren Ahnungen und Wünſchen Hand in Hand ging, wer wüßte das zu ſagen! Wer erklärt das Ineinandergreifen von Ort und Stunde, und was ſie brachten, und in Euch wach riefen, bis zu dem Tode der Mutter, wo der mächtige Moment Clara Vere. 149 Euch gewaltig packte, und Euch hoch emporhob über alle Zweifel und Bedenken. Das ſind große Augenblicke— man kann ſie nur mit heiliger Scheu betrachten. Was dunkel in uns wogte, ſteht auf einmal klar und deutlich vor uns da; der Nebel, der unſern Weg verhüllt, zer⸗ reißt und wir ſehen die ſchimmernde Linie bis in's Unendliche. Ein ſolcher Augenblick kann dem Menſchen Kraft geben für das ganze Leben, ja dem ganzen Leben ſeine Richtung.— Die geheimnißvolle Tiefe, in der es wurzelt, öffnet ſich, und wir ſtehen erſtaunt über dem Abgrund. Wehe dem, den da der Schwindel packt! Hineingeſehen tief, feſten Blicks! der Abgrund ſchließt ſich nur zu bald wieder. Was hülfe es uns, wenn wir uns auch erklären könnten, wie die Mutter zu der Kunde gekommen iſt? Jedes Ereigniß, auch das kleinſte, iſt die Wirkung einer unzähligen Menge von Urſachen. Des Menſchen ſtumpfes Auge ſieht ja überall nur das Gewachſene, nicht das Wachſen; das Gewordene, nicht das Werden.“ „War die Mutter Eine von den Ihren?“ fragte Helene. „Gewiß, liebes Kind! es ſind es Alle, die Gott anbeten im Geiſt und in der Wahrheit. Das iſt die große Gemeinde, die Mitglieder zählt über die ganze Erde, in allen Ländern, unter allen Zonen, in dem Palaſt, wie in der Hütte, und der die Zukunft gehört.— Ihr Gott wohnt nicht in Tempeln, aus Menſchenhänden gemacht; ſie ſind ſelbſt der Tempel, und ihr Denken iſt ihr Gebet. Sie heiligen den Feiertag nicht, weil ſie alle Tage heiligen; und ſie werden keine Prieſter haben, weil ſie alle Prieſter ſind. Sie glauben nicht an die Hölle, weil die Seligkeit für ſie ſchon hier auf Erden beginnt. Sie fürchten den Tod nicht, weil ſie den Tod leugnen, und ſie nennen Gottes Namen nicht, weil er namenlos und unausſprechlich iſt.— Einſt wird die Zeit kommen, da werden ſich alle Menſchen wieder verſtehen, wie vordem, ehe Gott ihre Sprachen trennte, und alle werden Brüder ſein. Was jetzt der Weiſe in ſeinem Herzen ſtill erwägt, und was, wenn er es ausſpricht, Aergerniß giebt,— das wird dann ein Gemeingut ſein, an dem ſich Alle freuen.— Die alte Welt iſt für dies Wort ein rauher, harter Boden; die alten Vorurtheile und der Wahn haben zu tief ſchon Wurzel geſchlagen und wuchern üppig auf, und erſticken 150 Clara Vere. den Samen. Ich hoffe noch immer auf Amerika.— Es iſt nicht Feigheit, aus dem brennenden Hauſe zu flüchten. Man ſchlägt hier das Feuer aus und dort; aber es lodert wieder empor und wir ver⸗ brennen mit. Beſſer helfen, den Waſſerſtrahl in die Gluth leiten. Der beſte Helfer iſt nicht, der am liebſten helfen möchte, ſondern der, welcher in Wahrheit am meiſten hilft.“ „Iſt mein Vater je ein Mitglied Ihrer Gemeinde geweſen?“ fragte Georg. „Nein, nie! dieſe Formen genügten ihm von Anfang an nicht, wie ſie mir ſelbſt jetzt nicht mehr genügen. Er überragte uns Alle an Geiſteskraft und Kühnheit, wie Achill die anderen Griechen. Sie, Georg, ſind der Erbe ſeiner Geſinnung, ein ſchöneres und größeres Erbtheil, als das, aus welchem er ſie halb und halb vertrieb; denn ich geſtehe Ihnen, nur auf mein Zureden hat er ſich bewegen laſſen, das Geheimniß zu enthüllen; und ſelbſt da hat er die Entdeckung von einem ſo ſchwankenden Umſtande, als das Leben eines Menſchen iſt, abhängig gemacht. Ob Ihr Pflegevater den Auftrag hatte, die Pa⸗ piere in dem Schranke zu laſſen, oder ob er ſie dort ſicherer glaubte, wie in ſeinem eigenen Hauſe, weiß ich nicht.— Daß aber nun ſo die Herrſchaft ſchon über ein Jahr in anderen Händen iſt, ſcheint mir ein Wink des Schickſals für Sie, dem Sie auch willig folgen. Ja, mein Freund, die Schiffe ſind hinter Ihnen verbrannt! deſto beſſer! Sie ſchauen jetzt mit freierem und kühnerem Blicke vorwärts in das Leben. Wenn es auch Ihnen ſo wenig vorbehalten iſt, wie mir und Ihrem Vater, die Feſte des Wahns und die Stadt des Un⸗ ſinns in Flammen auflodern zu ſehen— rütteln wir ſtark an den ſtolzen Thoren; laſſen wir uns das Blut nicht dauern, das in dieſem heiligen Kampfe vergoſſen wird!— Ich beneide Sie um das weite Feld, das vor Ihnen liegt; freilich dann auch um Ihre friſche Kraft; das Eine wäre ohne das Andere nichts nütze. Ich würde Sie be⸗ gleiten, wenn ich meine kleine Schaar mit hinüber führen könnte. Ich weiß es wohl, ich bin hier nur ein einzelner, verlorener Poſten; aber ich will nun auch bleiben, wo der Herr der Heerſchaaren mich hinge⸗ ſtellt. Ob ich, von dem Andrang der Feinde überwältigt, falle; was liegt daran? Aber ich werde, wenn man mich anruft, mein Feldge⸗ Clara Vere. 151 ſchrei geben. Die Loſung heißt Freiheit; die Gegenloſung Noth⸗ wendigkeit. Das iſt das letzte Wort. Die Freiheit iſt dem Menſchen nothwendig; aber nur, wer die Nothwendigkeit begriffen hat, iſt wahr⸗ haft frei. Der Sohn eines ſolchen Vaters darf nicht feiern; und an der Seite eines ſolchen Weibes wird das Unmögliche möglich.— Wollen Sie ihm muthig folgen, Helene?“ „Bis an das Ende der Welt!“ Ende. In der zwölften Stunde. Roman von Fr. Spielhagen. Zweite Auflage. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. — S Berlin, 1866. Druck und Verlag von Otto Janke. Die folgende Novelle hat in dieſer ihrer zweiten Auflage (die erſte erſchien im Jahre 1863) eine weſentliche Veränderung erfahren. Eine unzeitige ſentimentale Regung hatte den Verfaſſer verleitet, von ſeinem urſprünglichen Plane abzuweichen, und ſo eine Geſchichte, die durchaus einen tragiſchen Schluß verlangte, wie ein ſchales Rührſtück zu endigen. Einſichtige Freunde machten ihn nach dem Erſcheinen des Buches ſofort auf einen Fehler auf⸗ merkſam, den wohl Niemand tiefer empfand und aufrichtiger be⸗ klagte, als er ſelbſt. Es iſt ihm lieb, daß ihm jetzt die Gelegen⸗ heit geboten wurde, dieſen Fehler, ſo weit er es im Stande war, auszumerzen, und den erſten Entwurf, von dem er nie hätte ab⸗ weichen ſollen, in ſein gutes Recht einzuſetzen. Leider war er— um Irrungen zu vermeiden— genöthigt, den Titel„In der zwölften Stunde“, der jetzt kaum noch einen Sinn hat, ſtehen zu laſſen. Vielleicht intereſſirt es einen oder den andern Leſer, den Titel des erſten Entwurfes zu erfahren. Derſelbe lautete:„Die Sphinx.“ Berlin, im November 1866. Der verfuſer. Erſtes Capitel. „Es verlohnt ſich nicht mehr der Mühe, zu Bett zu gehen. Es wäre ein zu proſaiſches Ende einer ſolchen ambroſiſchen Nacht. Hörſt Du, Sven, wie die Vögel über uns in den dichten Kronen der Kaſtanien mit verſchlafenem Zwitſchern das Herannahen. der Sonne verkündigen? Komm, laß uns das Erſcheinen der Himmliſchen be⸗ grüßen! Dieſe Straße hier führt an das Ufer, wie Du Dich von fecüher her erinnern wirſt, als Du und ich, zwei Knaben wilder Art, ſo brüderlich zuſammen aufgewachſen—“ „Ich bitte Dich, Benno, wenn Dir an meiner Geſellſchaft etwas liegt, ſchwatze etwas weniger viel und laut. Mir iſt von den Er⸗ innerungen, die heute Nacht durch mein Hirn gezogen ſind, ſo ſtill—“ „So feierlich, ſo ganz, als wollt' es öffnen ſich— das iſt der Tag des—“ „Adien, Benno, frage morgen, wenn Du die Wirkungen der Bowle verſchlafen haſt, im goldnen Stern nach mir.“ „Bruderherz, geliebtes! verſchließe Dich nicht vor mir hinter den Pforten Deiner Karavanſerei zu den übrigen Kamelen und Drome⸗ daren! Ich will ja auch ſtumm ſein, taubſtumm, wenn Du willſt; aber verlaſſe mich nicht jetzt, und miſche nicht durch Deinen hypochon⸗ driſchen Eigenſinn Wermuth in die Süßigkeit eines Wiederſehens nach langen Jahren der Trennung! Im Ernſt, Sven, ich will vernünftig ſein; die aufgehende Sonne ſoll an dieſem Tage noch keinen vernünf⸗ tigeren Menſchen beſchienen haben.“ 156 In der zwölften Stunde. Der ſo ſprach und bei den letzten Worten den Arm ſeines Be⸗ gleiters faßte, um ihn mit freundlicher Gewalt in die Straße zu ziehen, die von dieſem Punkte aus zum Ufer des großen Stromes hinabführte, war ein junger Mann von vielleicht achtundzwanzig Jahren. Seine Geſtalt war faſt unter Mittelgröße, aber gedrungen und wohl⸗ gebildet. Das dichte Haupthaar, die langen Wimpern und der ſeiden⸗ weiche Schnurrbart waren von glänzender Schwärze. Die Züge ſeines überaus lebhaften Geſichtes waren, ohne ſchön zu ſein, markirt und fein und die etwas niedrige feſte Stirn, die blitzenden Augen und vor Allem der Mund, um den es fortwährend zuckte und ſpielte, ver⸗ kündeten ein reges inneres Leben, an welchem freilich der Verſtand einen größeren Antheil haben mochte, als das Herz. Dies war ein Zug, der ihn mehr als alles Andre von ſeinem Sieiie unterſchied, deſſen edelſchönes Antlitz gerade die entgegen⸗ geſetzte Miſchung der Seelenkräfte aufzuweiſen ſchien; beſonders in ien Rigenhlice, wo eine Wolke von Melancholie, oder von Schwärmerei auf ſeiner hohen Stirn und über ſeinen großen ſanften tiefblauen Augen hing. Er war ſchlank und hoch gewachſen, faſt zwei Köpfe höher als ſein munterer, breitſchultriger Gefährte. Seine Haltung war die eines Mannes, der ſich in guter Gſellſchaft zu be⸗ wegen gewohnt iſt und die Manieren, die er ſich dort angeeignet, ſelbſt in unbewachten Augenblicken nicht ablegt, weil ſie ihm zur zweiten Natur geworden ſind. Er war vielleicht mit ſeinem Begleiter in einem Alter, obgleich dieſen die zuckende Lebhaftigkeit, die jetzt durch den reichlich genoſſenen Wein noch erhöht war, um mehre Jahre jünger erſcheinen ließ. Er war noch in demſelben eleganten bequemen Reiſeanzug, in welchem er geſtern Abend bei ſeiner Ankunft in der Univerſitätsſtadt aus dem Wagen geſtiegen war. Dieſes Coſtüm und ſeine ganze übrige Erſcheinung machten es ſchwer, ihn irgend einer beſtimmten Perufsklaſſe zuzutheilen; ſein geſprächiger Genoß in dem etwas abgeſchabten ſchwarzen Anzug war wohl ein junger Gelehrter, n Privatdocent an der Univerſität, oder dergleichen. Sie waren Arm in Arm die etwas abſchüſſige Straße hinab⸗ gewandelt und befanden ſich jetzt unmittelbar an dem Ufer des großen Stromes. Der junge Mann im Reiſeanzug nahm ſeinen Strohhnt In der zwölften Stunde. 157 ab, beugte ſich nieder, tauchte ſeine Hand in das Waſſer und benetzte damit ſeine Stirn, rielleicht nur, um ſich nach der durchſchwärmten Nacht zu erfriſchen, vielleicht, um den vielgeliebten Strom, an den ſich für ihn ſo viel ſchöne Erinnerungen knüpften und den er jetzt nach ſo manchen Jahren zum erſten Male wieder erblickte, ſeine Hul⸗ digung darzubringen. Sein Genoß hatte ſich unterdeſſen nach einem Platze umgeſchaut, von dem aus man beſſer, als vom flachen Ufer, dem Schauſpiel des Sonnenaufganges zuſehen konnte. Links von ihnen, auf der Höhe des Ufers, lag eine Villa, die letzte der langen Reihe, die ſich, von der Stadt aus, am Strome hinzog. Eine hohe war ihr W Zu dieſer führte eine breite Steintreppe, die oben mit einem eiſernen Geländer t war. Als Sven ſich aus ſeiner geb büct en wieder aufrichtete, ſah er, wie Bennv, der unterdeſſen die Treppe hinaufgeſtiegen war, eben ver ſich über das nicht 3 Se Geländer hinüberzuſchwingen. „Was fällt Dir ein, Benno?“ rief er hinauf.* Der antwortete nicht, ſondern kletterte vollends hinüber, lehnte ſich dann mit beiden Armen auf die Baluſtrade und ſchaute lächelnd auf ſeinen Begleiter hinab; richtete ſich wieder empor und ſchien dürch allerlei Geſten die Bewunderung auszudrücken, welche er über die Ausſicht von ſeinem erhabenen Standpunkte empfand. „Laß die Poſſen und komm herab!“ rief Sven. „Mit nichten!“ antwortete Jener;„laß Deine Bedenken und komm herauf. Es iſt allerliebſt hier oben und wir ſind hier, auf Ehre, keinem Menſchen im Wege.“ „Iſt denn das Haus nicht bewohnt?“ „Jedenfalls iſt keiner der Bewohner oder Bewohnerinnen hier, uns in unſerm harmloſen Naturgenuß zu ſtören. Komm, Sven; es verlohnt ſich wirklich der Mühe; die Ausſicht iſt ganz köſtlich. Die Sonne muß in wenigen Minuten aufgehen.“ „Du biſt doch immer noch der alte Windbeutel, der meine guten Sitten durch ſein böſes Beiſpiel verdirbt;“ ſagte Sven lächelnd, indem er ſich anſchickte, ſeinem leichtblütigen Genoſſen zu folgen. „Und Du, der alte Sittenprediger, der ſtets den Weg der Tugend weiſt, um die Dornenpfade des Laſters zu gehen. Nimm Dich in 158 In der zwölften Stunde. Acht, ſonſt bleibt Dein Rockſchoß an beſagten Dornen hängen!— Nun ſage ſelbſt, iſt es nicht allerliebſt hier oben?“ „In der That!“ erwiderte Sven, von der Terraſſe einen Blick in die Landſchaft werfend, um dann ſeine Umgebung mit neugierigem Auge zu muſtern. Auf der Terraſſe ſtanden Tiſchchen und Gartenſtühle in jener maleriſchen Verwirrung durcheinander, wie ſie durch den Aufbruch einer Geſellſchaft hervorgebracht wird. In dem einen Stuhl ſaß eine Puppe, anderes Kinderſpielzeug lag auf dem Boden. Auf dem einen der Tiſchchen lagen Journale, deutſche und engliſche, auf einem andern eine angefangene Stickerei, Seide, Garn, Fingerhut, Scheere und die übrigen niedlichen Werkzeuge einer geſchickten weiblichen Hand. Offenbar benutzten die Bewohner der Villa bei dem köſtlichen Sommer⸗ wetter die Terraſſe als ein luftiges Zimmer. Auch die Fenſterthür, welche von der Terraſſe in den Salon führte, ſtand weit geöffnet. Svpen warf einen verſtohlenen Blick in das hohe, ſchöne, mit koſtbaren Möbeln, Vorhängen und Teppichen reich ausgeſtattete Gemach. Wäh⸗ rend er ſo auf der Schwelle ſtand und ſein Blick über die Einzel⸗ heiten dieſes reizenden Interieurs flüchtig wegeilte, blieb ſein Auge auf einem Porträt haften, das ganz in ſeiner Nähe an einem der Fenſterpfeiler hing. Es war das lebensgroße Bild einer Dame. Bei der halben Dämmerung, die noch immer in dem Zimmer herrſchte, vermochte Sven nur die Umriſſe deutlicher zu erkennen, aber was er ſah, war ſo anziehend, daß er unwillkürlich noch einige Schritte näher trat, bis er unmittelbar vor dem Bilde ſtand.— Es war ein wun⸗ derſames Bild, eines jener Bilder, die den Beſchauer wie durch einen myſtiſchen Schleier aus einer dämoniſchen Welt heraus anblicken, in welcher unſere Träume leibhaftig ſind und die geheimſten Wünſche unſeres Herzens zur Wahrheit werden; eines jener Bilder, deren Anblick wie eine Offenbarung auf uns wirkt, und deren Erinnerung wir von dem Augenblicke an in allen Wechſelfällen unſeres Lebens nicht wieder verlieren können. Sven fühlte ſich auf eine ſeltſame Weiſe bewegt. Er wußte es wohl, es war nicht das reiche braune Haar, es waren nicht die dunkeln, von langen dunkeln Wimpern halb überſchatteten Augen, es war nicht der liebliche und bei aller Lieblich⸗ In der zwölften Stunde. 159 keit ſo feſte Mund, es war überhaupt keine Einzelheit, welche dieſe unbeſchreibliche Wirkung auf ihn hervorbrachte,— es war der Aus⸗ druck, den der geniale Künſtler beſonders in dem Blick des halb von den Lidern bedeckten Auges und in den leiſe herabgezogenen Winkeln des Mundes zu concentriren gewußt hatte,— die tiefe, hoffnungs⸗ loſe Schwermuth, welche, wie ein feiner Duft über einer reichen Land⸗ ſchaft, über den ſchönen geiſtvollen Zügen lag. Sven ſtand noch in Betrachtung verloren vor dem Bilde, das ihn mit einer faſt unheimlichen Gewalt an ſich zog, als ihn ein Ruf des Gefährten an ſeine Situation erinnerte. Er trat wieder auf die Terraſſe hinaus und fand Benno in einem der bequemen Gartenſtühle ſitzend und mächtige Wolken aus einer eben angezündeten Cigarre in die friſche Morgenluft hinausblaſend. „Nach meinem Chronometer,“ ſagte Benno auf die Uhr blickend, „muß die Sonne in fünf Minuten über den Horizont kommen. Setze Dich her zu mir und laß uns dieſes Schauſpiel mit der Andacht von Feueranbetern genießen.“ Sven antwortete nicht und lehnte ſich auf die Baluſtrade. Die Luft war friſch und erquickend, von den Wieſen drüben jenſeits des Fluſſes wehte der Oſtwind den Duft des unlängſt geſchnittenen Heu's herüber. Man ſah das gegenüberliegende Ufer nur auf Augenblicke, denn aus dem Waſſer aufſteigende Dünſte, die ſich bald in einzelne ſchlankere Säulen theilten, bald zu größeren Maſſen zuſammenballten, trieben unaufhörlich ſtromab— wie ein geiſterhaftes Heer, wie die Schemen der Krieger, die mit ihrem Blut die grünen Waſſer dieſes herrlichſten Stromes färbten. Die Kuppen des nahen Gebirges leuchteten ſchon in dem röthlichen Schein der aufgehenden Sonne, und wenn auf Momente die Nebelſchleier auseinander wallten, ſah man die breiten Bergwände und die weißen Häuſer des Städtchens an ihrem Fuß. Und jetzt ſtieg das Geſtirn des Tages, ſchwimmend und⸗ zitternd in ſeinem Glanz, über die niedrige Hügelreihe des jenſeitigen Ufers, und die Geſpenſterwolken zerflatterten hierhin und dorthin; die Waſſer des breiten Stromes blitzten im prächtigen Morgenſonnenſchein und man ſah den Dampfer, deſſen Brauſen man ſchon lange gehört 160 In der zwölften Stunde. hatte, mit ſtürmiſcher Eile zu Thal fahren, daß die Wellen, die ſeine Räder aufwühlten, an den Strand brandeten. „Der Tag iſt da,“ ſagte Sven;„und unſer nächtliches Aben⸗ teuer muß ein Ende nehmen. Komm, Benno, ich warte keine Mi⸗ nute länger.“ „Haſt Du nicht eine Viſitenkarte bei Dir?“ fragte Benno. „Weshalb?“ „Ich wollte mir eine meteorologiſche Bemerkung, die ich ſonſt zu verſchlafen fürchte, notiren.“ „Hier; aber nun komm auch!“ ſagte Svpen, aus einem kleinen Etui eine Karte nehmend; und er wandte ſich zu gehen. Er ſah nicht, wie Benno, ſeiner alten Gewohnheit, keine Ge⸗ legenheit zu einem übermüthigen Streich vorübergehen zu laſſen, ge⸗ treu, dieſe Karte nebſt ſeiner eigenen auf das runde Tiſchchen neben die angefangene Stickerei legte, und ſodann ſeinem Gefährten folgte, der ſchon am Fuß der Treppe angelangt war. Sie gingen Arm in Arm die Uferſtraße hinauf, durch das enge Thor und die noch immer ſtillen Gaſſen der Univerſitätsſtadt auf den Marktplatz. Hier, an der Thür des Hotels zum Goldenen Stern an⸗ gekommen, trennten ſie ſich. Zweites Capitel. Svpen von Tiſſow war der letzte Sproß einer adligen Familie, die ſchon ſeit Jahrhunderten an der Küſte des baltiſchen Meeres reich begütert geweſen war. Er hatte mehre ältere Brüder gehabt, und war, da die Beſitzungen der Familie ein Majorat bildeten, und er ſich ſehr gegen die Gewohnheit und die Tradition ſeines Geſchlechtes, durch große Lernbegierde und eine entſchiedene Neigung zu einem ſtillen beſchaulichen Leben auszeichnete, für den Staatsdienſt beſtimmt worden. Sven verdankte dieſe abnorme Richtung ſeines Geiſtes ſeiner innig geliebten Mutter, einer ſchönen, ſtillen, kränklichen Frau, die in — In der zwölften Stunde. 161 der Einſamkeit des Stammſchloſſes der Tiſſow die herrlichſten Gaben, mit denen ſie auf einem weit größeren Schauplatz hätte glänzen können, unbenutzt oder kaum benutzt verkümmern laſſen mußte. Herr von Tiſſow, ihr Gemahl, war ebenfalls ein jüngerer Sohn des Hauſes und hatte ſich als ſolcher, der Regel des Hauſes gemäß, dem Sol⸗ datenſtande gewidmet. Er war damals ein ſchöner, glänzender Cavalier geweſen, der die Muße des friedlichen Garniſonlebens der Reſidenz benutzte, um von einer Eroberung zur andern zu fliegen. Seine Schönheit, ſein Ruf der Unwiderſtehlichkeit, ſein bei hundert Gelegen⸗ heiten bewieſener Muth, der vor keiner Gefahr zurückbebte, übten in den Augen der Welt, in welcher er ſeine Siege errang, den gewöhn⸗ lichen Zauber, und ſo mochte es denn auch geſchehen, daß die jugend⸗ liche Frau ſeines Oberſten, die ſelbſt ſchon Mutter mehrer Kinder war, eine wegen ihres Geiſtes und ihrer Liebenswürdigkeit allgemein gefeierte Dame, einen jener Schritte beging, die von Zeit zu Zeit die tiefe Zerfahrenheit und innere Haltloſigkeit eines ſcheinbar hocheulti⸗ virten Lebens in ſo peinlicher Weiſe aufdecken, das heißt: mit dem jungen Lieutenant davonlief. Natürlich gerieth dieſelbe Welt, welche mit heimlicher Schadenfreude das Verhältniß hatte entſtehen ſehen und auch nach Kräften begünſtigt hatte, in einen Paroxismus tugendlicher Entrüſtung, ſchleuderte ihr Anathema gegen den Verführer und die Verführte und ergötzte ſich an den pikanten Einzelheiten dieſer in⸗ tereſſanten Geſchichte, bis ſie ſich müde geſchwätzt und geläſtert hatte und dieſen Fall über anderen, nicht minder amüſanten, vergaß. Unterdeſſen hatten die jungen Leute, wie es bei ſolchen Aus⸗ ſchreitungen aus den geraden Wegen zu gehen pflegt, weder Glück noch Stern gehabt. Ihrer ehelichen Verbindung ſtellten ſich große Schwierigkeiten entgegen und die junge ſtolze Frau mußte lange die Schande eines illegitimen Verhältniſſes über ſich ergehen laſſen. Dann, als ſich nach dieſer Seite hin der Horizont ihres Glückes endlich auf⸗ geklärt hatte, verdüſterte er ſich deſto mehr nach einer andern. Herr von Tiſſow fand bald heraus, daß ein verheiratheter Don Juan eine klägliche Rolle iſt, und ſeine Gemahlin entdeckte nicht minder ſchnell, daß ein ſehr glänzender Cavalier ein ſehr unbedeutender und gelegent⸗ lich ſehr roher Menſch ſein kann. Dazu kam, daß das junge Paar, Fr. Spie'hagen's Werke. V. 11 162 In der zwölften Stunde. da Herr von Tiſſow ſein Junggeſellenleben nicht aufgeben konnte oder wollte, bald mit den ſchlimmſten aller Sorgen zu kämpfen hatte, ein Kampf, der von Seiten des jungen Kriegers ein Mal mit höchſt un⸗ kriegeriſchem Jammern und Wehklagen, und das andere Mal mit ſehr unritterlichem Poltern und Schelten; von Seiten der jungen Frau mit jener Demuth, Entfagung, Opferfreudigkeit und unwänbelbarer Con⸗ ſequenz geführt wurde, durch welche ſich edle weibliche Charaktere, ſo⸗ bald die Feuerprobe des Unglücks ihren wahren Werth an den Tag gebracht hat, auszeichnen. Da endlich kamen beſſere Zeiten. Herrn von Tiſſow's Vater und zwei ältere Brüder ſtarben kurz hintereinander, und das reiche Majorat, in deſſen Beſitz zu gelangen er niemals ernſt⸗ lich gehofft hatte, ſo oft er auch ſeine Gläubiger auf dieſe Möglichkeit vertröſtete, fiel ihm alles Ernſtes zu. Er quittirte ſeinen Dienſt, be⸗ zahlte ſeine Gläubiger, umarmte ſeine Frau und verhieß ihr für die Zukunft ein Leben voller Herrlichkeit und Freuden. Sie lächelte ſchmerzlich zu einem Verſprechen, von dem ſie beſſer als irgend Jemand wußte, daß es unmöglich realiſirt werden konnte. Der jahrelange ver⸗ zweifelte Kampf mit dem glänzenden Elend ihrer Stellung, die Kraft, die ſie hatte aufbieten müſſen, den haltloſen Gatten zu ſtützen und zu ſchützen, hatten die zart organiſirte Natur im innerſten Kern getroffen und gebrochen. Die einſt ſo gefeierte Weltdame, die der Abgott und der Stolz ihres Kreiſes geweſen war, fand jetzt ihr einziges Glück in der, nur dann und wann durch einen gelegentlichen Beſuch aus der Nachbarſchaft unterbrochenen Einſamkeit des Landlebens auf dem Stamm⸗ gute der Familie, wohin ſich Herr von Tiſſow, der ſeinerſeits ebenfalls zur Unzufriedenheit mit der Welt Grund genug zu haben glaubte, kurze Zeit, nachdem ihm die Erbſchaft zugefallen war, zurückgezogen hatte. Herr von Tiſſow war von Natur kein ſchlechter Mann, aber er hatte im Leben ſehr wenig weder für die Bildung ſeines Kopfes, noch ſeines Herzens gethan. Für die Vorzüge ſeiner Frau, die in demſelben Maße glänzender hervortraten, als Kränklichkeit und die Jahre den Blüthenſchmuck der Jugend und Schönheit abſtreiften, hatte er nicht das mindeſte Verſtändniß. Es war ihm unmöglich, in der ſtillen contemplativen Atmoſphäre, welche ſeine Gemahlin um ſich ver⸗ breitete, zu athmen. Sie hatte einen Weg betreten, auf den er ihr In der zwölften Stunde. 163 weder folgen konnte, noch wollte, und ſo ſah ſie ſich bald allein. Er achtete ſie hoch, ja er liebte ſie noch immer in ſeiner Weiſe; aber ihre Gedanken, ihre Anſchauungen, ihre Gefühle waren zu verſchieden. „Sie iſt zu gut für mich,“ pflegte er zu ſagen;„aber wenn ich auch wollte, daß ich beſſer wäre— ich kann mich nicht beſſer machen, als ich bin.“ Wenn Herr von Tiſſow ſich ſo, halb und halb gezwungen, von einer Frau, die er nicht mehr verſtand, zurückzog, hatte er ihr für dieſe Vernachläſſigung, ohne es zu wollen und zu wiſſen, in ſeinem Sohne Sven einen reichen Erſatz gegeben. Die beiden älteren Brüder Sven's waren ihrem Aeußeren und Innern nach die Söhne ihres Vaters, ſie liebten den Pferdeſtall mehr als den Salon, und Feld und Wald mehr als den Garten. Es waren Nimrodsnaturen, mit gleich⸗ viel Neigung zum Guten wie zum Schlimmen, deren Schickſal vor⸗ ausſichtlich ganz von den Verhältniſſen, in die ſie gerathen würden, abhing. Svpen war der Sohn ſeiner Mutter. Zwar hatte er mit den Brüdern die ſtattliche Größe und die Körperkraft gemein, aber das war auch Alles, was an den Vater erinnerte. Wie er die zartbeſaitete Seele ſeiner Mutter geerbt hatte, ſo fühlte er ſich auch mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt zu dieſer hingezogen. Es giebt vielleicht auf Erden kein Verhältniß, das reicher an der ſeligſten Luſt wäre, die ein Men⸗ ſchenherz empfinden kann, als das Verhältniß zwiſchen eirer edlen Mutter und einem Sohne, der ihrer würdig iſt. Sven hatte ſeine Mutter angebetet, ſo lange er denken konnte. Schon als ein kleiner Knabe hatte er, wenn Krankheit, wie es nur zu oft geſchah, ſie an das Bett feſſelte, ſtundenlang, tagelang an ihrem Lager geſeſſen und gewacht, und in den kleinſten Dienſten, die er ihr leiſten konnte, eine größere Freude empfunden, als an den Spielen ſeiner Altersgenoſſen. Dieſe Liebe hatte in dem Maße zugenommen, als er älter und ver⸗ ſtändiger wurde und den Werth ſeiner Mutter wahrhaft ſchätzen lernte. Aber wenn dieſe Liebe— was ſie nicht that— einen Lohn begehrte, ſo wurde ihr der allerreichſte in der Gegenliebe der liebenswürdigen Frau, in dem unumſchränkten Vertrauen, das ſie ihm ſchenkte, in der Sorgfalt, mit der ſie die Ausbildung ſeiner vortrefflichen Anlagen äberwachte.— Niemand iſt zum Rathgeber unerfahrener Jugend ge⸗ 142 164 In der zwölften Stunde. ſchickter, als wer in ſeiner eignen Jugend die Narrenkappe der Thor⸗ heit trug, und Verſtand genug beſaß, dieſelbe abzuſchleudern, ehe es zu ſpät war. Nur die Erfahrung macht hier, wie überall, den Meiſter, und deshalb iſt auch nichts lächerlicher, als wenn man Jünglinge, die noch halbe Knaben ſind, ſich als Erzieher der Jugend, zu der ſie ſelbſt noch beinahe gehören, geriren ſieht. Der Erzieher des Jünglings Telemach iſt nicht wieder ein Jüngling, ſondern ein Greis, und Achill hat zu ſeinem Freunde den Patroklos, aber zu ſeinem Lehrer den Chiron. So war denn auch Frau von Tiſſow eine treffliche Erzieherin, und wenn ſie die Gefahren ſchilderte, denen die heißblütige Jugend nur zu leicht erliegt, und die Freuden des Alters, wo der Sturm der Sinne ſich gelegt hat, und die Sonne der Intelligenz mild und er⸗ quickend aus dem Aether ungetrübter Seelenruhe herniederſcheint— ſo konnte der göttliche Plato ſelbſt nicht ſchöner, nicht überzeugender ſprechen. Was aber Svpen am unwiderſtehlichſten zu ſeiner Muitter zog, war die Entdeckung, die er nur zu bald machte, daß ſie außer ihm nichts auf Erden hatte, woran ihr Herz mit vollkräftiger Liebe hing, und daß ſie ohne dieſe Liebe eine ſehr unglückliche Frau ſein würde. Kinder aus geſchiedenen Ehen werden auf vielfache Weiſe früh dahin geführt, über Verhältniſſe, die ihnen noch lange verborgen bleiben müßten, nachzudenken. Da ſind Brüder oder Schweſtern, die nicht ihren Namen tragen, auch nicht die Kinder ihres Vaters ſind, da iſt ein Onkel, der, nach allem, was ſie hören, früher mit ihrer Mutter verheirathet geweſen ſein mußte, und was dergleichen mehr iſt. So dauerte es denn nicht lange, daß Sven ſich und ſeine Mutter mit verfänglichen Fragen, wie„weshalb ſie von dem Onkel Oberſt ge⸗ ſchieden ſei? warum ſie mit dem Onkel nicht glücklich gelebt habe? worin denn eigentlich das Glück einer Ehe beſtehe? ob ſie jetzt glück⸗ lich ſei?“ und ähnlichen zu quälen begann: und nicht viel länger, daß er ſich dieſe Fragen ſelbſt zu beantworten vermochte, und das Unglück ſeiner Mutter aus dem Umſtande herleitete, daß weder ihr erſter noch ihr zweiter Gemahl ihrer würdig geweſen waren. Von der Zeit an bildete er ſich eine Art von Theorie über den Werth der Frauen und den Unwerth der Männer im Allgemeinen aus, und der Zufall wollte, —— In der zwölften Stunde. 165 daß er die Entdeckung, die er in ſeinem elterlichen Hauſe gemacht, durch ähnliche Verhältniſſe in mehren verwandten und bekannten Häu⸗ ſern beſtätigt fand. Faſt überall hatten in dieſen Kreiſen die Frauen, die eine ſtädtiſche Bildung genoſſen hatten, von der Roheit, zum mindeſten Unkultur der Männer, deren einzige Lectüre oft nur das Amtsblatt und der Rennkalender waren, zu leiden. Sven, der den beſten Theil ſeiner Bildung einer Frau verdankte, ſympathiſirte mit den Frauen, und nahm auf das leidenſchaftlichſte für ſie gegen die Männer, deren brüskes Weſen ſeine fein organiſirte Natur abſtieß, Partei. Seine kluge Mutter ſollte nicht Gelegenheit haben, ein Vor⸗ urtheil, zu dem ſie ſelbſt, ohne es zu wollen, Veranlaſſung gegeben hatte, zu berichtigen. Als Svpen kaum ein halbes Jahr in der Stadt, wohin er zu ſeiner weiteren Ausbildung geſandt worden war, zuge⸗ bracht hatte, erhielt er eines Tages einen ſchwarz geſiegelten Brief von Hauſe, in welchem ihm ſein Vater in dürren Worten den plötzlich erfolgten Tod ſeiner Mutter meldete. Sie war an einem Herzſchlage geſtorben. Sven ahnte wohl, daß die Trennung von dem geliebten Sohne, in welche die heroiſche Frau, obgleich ſie wußte, daß ſie den Tod im Herzen trug, heiteren Muthes willigte, ihr Ende beſchleunigt hatte. Dies Ereigniß riß eine Lücke in Sven's Leben, die ſelbſt die allmächtige Zeit nicht auszufüllen vermochte. Der erſte wilde Schmerz legte ſich wohl, aber die Trauer blieb, und breitete für ihn über das hellſte, ſonnigſte Leben einen grauen Schleier. In das durch den Tod der Mutter verödete elterliche Haus zurückzukehren, war ihm un⸗ möglich. Als er die Schule abſolvirt hatte, erbat und erhielt er von ſeinem Vater die Erlaubniß, die Univerſität am großen Strome be⸗ ziehen zu dürfen. Hier verlebte er in dem Kreiſe lieber Freunde, unter denen Benno, der Sohn des Paſtors auf einem der Güter ſeines Vaters, ein hochbegabter, ſtrebſamer Jüngling, nicht den letzten Platz einnahm, drei ſtille Jahre, in die nur der Wechſel der Studiengenoſſen und gelegentliche Reiſen während der Ferien einige Abwechſelung brachten. Er hatte ſich mit dem ganzen Ernſt, welcher der Grundzug ſeines Weſens war, ſeinen Studien gewidmet. Er wußte es nicht anders, und verlangte es auch nicht anders, als vaß er für die Zu⸗ tunft auf ſich ſelbſt und auf ſeine Kenntniſſe angewieſen war. Allein 166 In der zwölften Stunde. es ſollte bald eine Veränderung in ſeinen Verhältniſſen eintreten. Schon während der Zeit, die er auf der Univerſität zubrachte, war ſein älteſter Bruder durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde bei einer Parforcejagd um's Leben gekommen; er hatte kaum die erſten Stadien der Beamtencarriere in der Reſidenz zurückgelegt, als ihm kurz hintereinander der Tod ſeines Vaters und ſeines andern Bruders gemeldet wurde, die beide einer Epidemie, welche zu dieſer Zeit in ſeiner Heimat beſonders verheerend auftrat, erlegen waren. So ſah er ſich in dem Augenblick, wo er majorenn wurde, in dem Beſitz eines ſehr bedeutenden Vermögens, und in der Lage, ganz ſeinen Neigungen leben zu können. Er quittirte den Staatsdienſt, deſſen büreaukratiſcher Schematismus ſeinen freien Geiſt ſchon anzuwidern begann, und be⸗ ſchloß, die Verwaltung ſeiner Güter, im Intereſſe der vielen Men⸗ ſchen, die jetzt auf ihn als ihren Herrn und Patron blickten, ſelbſt zu übernehmen. Aber er fand bald, daß ihm zu dieſem Berufe, außer dem guten Willen, beinahe Alles fehlte. Die Güter waren noch auf zwei Jahre verpachtet. Er hoffte noch bis dahin die tabula rasa ſeiner landwirthſchaftlichen Kenntniſſe füllen zu können und ſchrieb an ſeinen Freund Benno, der in der Univerſitätsſtadt als Docent der Medicin bereits einen nicht unbedeutenden Ruf erlangt hatte, was er ihm zu thun rathe. Benno antwortete: er wiſſe keinen beſſern Rath, als den: Sven möge nur wieder in die Schule gehen, aus der er viel zu früh für ihn(Benno) entlaufen ſei, das heißt nach der Univerſität zurück⸗ kehren, um ſich in der mit dieſer verbundenen landwirthſchaftlichen Akademie theoretiſch und praktiſch zu ſeinem künftigen beneidenswerthen Berufe auszubilden; dort etwa ein Jahr bleiben und ſodann durch Reiſen die erworbenen Kenntniſſe ſichten und feſtigen. Sven fand dieſen Plan viel zu verſtändig, als daß er nicht ſofort darauf hätte eingehen ſollen, und ſchon wenige Tage ſpäter hatte Benno das Ver⸗ gnügen, den Freund ſeiner Knaben- und Jünglingsjahre in die Arme zu ſchließen, und mit ihm in einer Weinblattlaube bei der Bowle eine jener kurzen köſtlichen Sommernächte zu verplaudern, wo Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunft den erhöhten Sinnen gleich nah und dem tiefbewegten Herzen gleich werth und köſtlich erſcheinen. In der zwölften Stunde. 167 Drittes Capitel. Seit jener Nacht waren einige Tage vergangen. Sven hatte ge⸗ glaubt, er werde ſich ohne alle Mühe in der Reſidenzſtadt wieder ein⸗ wohnen können, aber er mußte die alltägliche Erfahrung machen, daß man Menſchen und Verhältniſſe niemals ſo wiederfindet, wie man ſie verlaſſen hat. Haben ſich jene nicht verändert, ſo iſt mit uns ſelbſt eine Verwandlung geſchehen und meiſtens iſt Beides der Fall. Von ſeinen alten Studiengenoſſen war Benno der einzig Uebriggebliebene; er erkundigte ſich nach dieſem und jenem. Der Eine war geſtorben, ein Zweiter nach Amerika gegangen, ein Dritter, der ſich durch ſeine hochfliegenden Pläne auszeichnete, in einer Provinzialſtadt an der polniſchen Grenze Schulmeiſter— von Andern hatte man ſeitdem nichts wieder gehört. Man hatte mit ihnen gelacht und geweint, ge⸗ ſchwärmt und getellt; man hatte ſie mit dem brüderlichen Du ange⸗ redet, ihnen ewige Freundſchaft geſchworen— jetzt waren ſie ver⸗ ſchollen, oft bis auf den Namen vergeſſen. Sven beſuchte aus Pietät das Lokal der Verbindung, zu welcher er ſelbſt und Benno gehört hatten. Da hingen dieſelben Bilder an den Wänden, dieſelben Fahnen, Trinkhörner und die anderen Herrlichkeiten einer Studentenkneipe. Da ſtanden die Tiſche noch auf demſelben Platz, aber an den Tiſchen ſaß eine andere Generation— lauter fremde Geſichter, die Spen außer⸗ ordentlich jugendlich vorkamen, vermuthlich weil er ſelbſt ſeitdem um fünf Jahre älter geworden war. Es wollte ihm nicht recht zu Sinn, daß er damals nicht weniger begeiſtert, wie die Jünglinge um ihn her, die alten Lieder von der„Freiheit, die das Herz erfüllt,“ von dem„ſtattlichen Haus, das man gebaut haben wollte,“ von dem„jungen Zimmergeſellen, der ſich einen Galgen von Gold und Marmelſtein bauen mußte,“ von„dem Käfer, der auf dem Zaune ſaß,“ geſungen haben ſollte. Und wie es ihm in dieſem Falle ging, ſo war es in den meiſten andern. Ueberall hatten die fünf Jahre die außerordentlichſten Meta⸗ morphoſen hervorgebracht. Einen geiſtreichen Docenten hatten ſie in 168 In der zwölften Stunde. einen pedantiſchen Profeſſor, einen allerliebſten Jungen in einen ab⸗ ſcheulichen Zierbengel, ein reizendes, lebensluſtiges Mädchen in eine grämliche Hausfrau verwandelt. Nachdem Sven in den erſten zwei Tagen zu ſeiner nicht geringen Beſtürzung dieſe traurigen Entdeckungen gemacht hatte, hielt er es am dritten für gerathener, die Liſte ſeiner Enttäuſchungen nicht noch mehr zu füllen, und den Verſuch, ſich in alte Verhältniſſe, die ſo weſentlich neu geworden waren, wieder einzuleben, ganz fallen zu laſſen. Er be⸗ zog außerhalb der Stadt eine ſtille abgelegene Wohnung, aus deren Fenſtern man, über Weingärten hinweg, den ſchönen breiten Strom und das Gebirge erblicken konnte, und beſchloß, nur ſeinen Studien, dem Umgange mit Benno und der Erinnerung zu leben. Vielleicht auch ein wenig der Gegenwart, die dem jungen Philo⸗ ſophen doch wohl weniger gleichgültig war, als er denken mochte. Vielleicht hatte er ſich ſelbſt in der Wahl ſeiner Wohnung durch einen Umſtand beſtimmen laſſen, der in dem Gemüthe eines Weltweiſen von keinerlei Bedeutung hätte ſein dürfen. Dieſer Umſtand war, daß man von einem kleinen Balkon vor ſeinem Zimmer vermittelſt eines vor⸗ züglichen Opernglaſes, welches ſich unter Sven's Reiſeeffecten befand, ziemlich gut eine gewiſſe Terraſſe und was auf dieſer Terraſſe vorging, beobachten konnte. Vielleicht war es auch einigermaßen verdächtig, daß Sven dieſe Beobachtungen ſofort einſtellte, ſobald er Benno's Schritt auf dem Vorſaal vernahm, und noch viel verdächtiger, daß er in tiefer Nacht, wo auch nicht ein Stern am Himmel ſtand und man nicht die Hand vor Augen, geſchweige denn ein paar hundert Schritte weit in ein matt erleuchtetes Zimmer ſehen konnte, auf ſeinem Balkon ſaß und nach der Terraſſe blickte, ſo lange das matte Licht in dem Zimmer leuchtete, ja oft noch, nachdem es längſt ſchon er⸗ loſchen war. Sven hatte das Bild, welches er an jenem Morgen ſeiner An⸗ kunft in dem Salon der Wohnung, in die er, von Benno's Ueber⸗ muth angeſteckt, ſo unerlaubter Weiſe eingedrungen war, erblickt; hatte das Geſicht, das in der unheimlichen Dämmerung ſo bleich, ſo ſtill, ſo ſtolz und ſo kalt auf ihn herniederſchaute, nicht wieder vergeſſen. Es hatte ſich in ſeine Träume geſtohlen; es hatte, als er aus dem In der zwölften Stunde. 169 kurzen, unruhigen Schlummer erwachte, mit erſchreckender Klarheit vor ſeines Geiſtes Aug' geſtanden; es verfolgte ihn, wo er ging und ſtand; es hielt fortwährend die dunklen, geiſterhaften Augen auf ihn gerichtet; es ſchien ihm fortwährend eine Frage vorzulegen, von deſſen Beant⸗ wortung ſein eigenes Schickſal abhing; es ließ ihm keine Ruhe bei Tag und Nacht; es machte ihn ſtumm in der Geſellſchaft, es machte ihn zerſtreut und nachdenklich ſelbſt Benno gegenüber. Vergebens, daß dieſer all' ſeinen Witz und ſeine Munterkeit aufbot, den melancholiſchen Gefährten aus ſeinen Träumereien zu reißen, daß er ihm pathetiſche Reden hielt über den Unverſtand, ſich„der Stunde ſchönes Gut durch ſolchen Trübſinn zu verkümmern.“—„Mit der Fröhlichkeit, dem Sonnenſchein der Seele,“ ſagte Sven,„iſt es, wie mit dem Sonnen⸗ ſchein draußen. Wir ſollen für beide dankbar ſein, wenn ſie da ſind, und uns ihrer erfreuen; aber wir können ſie nicht machen und ſollen ſie deshalb auch nicht machen wollen.“ Durch dergleichen Sätze konnte man den lebensfrohen Benno zur Verzweiflung bringen.„Wem nicht zu rathen iſt, dem iſt auch nicht zu helfen;“ rief er dann wohl.„Wenn Du Grillen fangen willſt und mußt, ſo fange Grillen. Ich meiner⸗ ſeits habe etwas Beſſeres zu thun. Adieu!“ Sven verſuchte nicht, den Enteilenden zurückzuhalten, obwohl er fühlte, daß Benno recht habe, und es eine Thorheit ſei, den reellen Genuß freundſchaftlichen Umgangs für die ſchmerzlich ſüßen Freuden einer beinahe inhaltloſen Träumerei hinzugeben. Er wußte ſich ſelbſt den ſonderbaren Zuſtand, in welchem er ſich befand, nicht zu erklären; er fühlte nur, daß etwas ganz Abſonderliches mit ihm vorgegangen ſei.„Es iſt Zauberei dabei im Spiele,“ ſprach er bei ſich;„das Bild hat es mir angethan. Es muß behext geweſen ſein. Wie könnte ein gewöhnliches Bild eine ſolche Wirkung hervorbringen! Ich wollte es gelten laſſen, wäre ich ein junger Menſch von achtzehn Jahren, aber jetzt, wo ich beinahe achtundzwanzig alt bin, iſt doch eine ſolche Don⸗ quixoterie weder verzeihlich noch begreiflich.“ Es iſt bekannt, daß der tolle Hidalgo aus der Mancha ſich für ausnehmend vernünftig hielt, und daß er der Erſte geweſen wäre, der über den Einfall, ſich mit Windmühlen in einen ernſtlichen Kampf ein⸗ zulaſſen, gelacht haben würde. Nichtsdeſtoweniger war er toll und ———— 170 In der zwölften Stunde. kämpfte mit Windmühlen, und ſo war auch Sven trotz ſeiner acht⸗ undzwanzig Jahre auf dem beſten Wege, ſich in ein Bild, ein Stück bemalter Leinewand, ein Nichts zu verlieben, trotzdem er noch an jenem erſten Abend, als die Freunde nach langen Jahren der Trennung ſich ihre Erlebniſſe mittheilten, und dabei, wie üblich, auf Herzensangelegen⸗ heiten zu ſprechen kamen, behauptet hatte: er habe bis jetzt nur ein weibliches Weſen wahrhaft geliebt, und das ſei ſeine Mutter geweſen. Benno hatte das beſtritten, hatte:„Dein Wohl, mein Liebchen!“ an⸗ geſtimmt und Sven aufgefordert, ihm Beſcheid zu thun im goldenen Wein und den Namen ſeiner Holden zu nennen, und war zuletzt ordent⸗ lich bös geworden, als dieſer verſicherte, er müßte geradezu lügen, wenn er des Freundes Neugier befriedigen wollte. Dennoch hatte Sven damit nur die Wahrheit geſagt. Es giebt Menſchen von einer gewiſſen angebornen Reinlichkeie des Denkens und Fühlens, denen alles Unlogiſche peinlich und alles Unmoraliſche inſtinctiv widerwärtig iſt. Sie bringen das gleichſam mit auf die Welt, was bei Andern nur das Reſultat einer ſorgfältigen Erziehung und oft ſehr langer, bitterer Erfahrung iſt. Zu dieſen Menſchen gehörte Sven, und das innige Verhältniß, in welchem er bis in ſeine Jünglingsjahre hinein mit ſeiner, durch ſo herbe Schickſale geprüften Mutter gelebt, hatte nicht wenig dazu beigetragen, dieſen Sinn für das Edle, Gute und Schöne zu beleben, dieſe Abneigung vor allem Gemeinen, Schlechten und Häß⸗ lichen zu vermehren. So war er denn von jenen gewöhnlichen In⸗ triguen, die man— ſehr mit Unrecht— bei einem jungen Mann ſo verzeihlich findet, und die der junge Manm oft ſo theuer bezahlen muß, ziemlich verſchont geblieben. Auf der andern Seite hatte es der Zu⸗ fall gewollt,⸗daß er bis jetzt noch nie einem weiblichen Weſen be⸗ gegnet war, das auch nur entfernt ſeinen hochgeſpannten Anforderungen entſprochen hätte. Phantaſiereiche Menſchen ſind immer Künſtler und Poeten, obgleich ſie vielleicht nie den Pinſel in die Hand nehmen und keinen Vers ſchreiben. Die göttliche Idee des Raphael läßt auch ihnen keine Ruhe, um ſo weniger, als ſie, bei ihrem Mangel an künſtleriſcher Kraft, ſich nie im Kunſtwerk mit ihrem Ideal auseinanderſetzen können. So ſuchen ſie denn im realen Leben, was nur die himmliſche Kunſt gewähren kann, und werden von dieſem vergeblichen Suchen ſo ver⸗ In der zwölften Stunde. 171 wirrt, ſo verblendet, daß ſie zuletzt mit Windmühlen kämpfen und ſich in todte Bilder verlieben. „Aber, was iſt es denn weiter?“ tröſtete ſich Sven;„bin ich nie⸗ mals von einer Schöpfung des Meißels oder von einem farbentrunkenen Bilde entzückt geweſen? Habe ich nicht hier an demſelben Orte vor fünf Jahren für die himmliſch ſchöne Muſe in dem Muſeum der Uni⸗ verſität geſchwärmt? Hängt nicht hier und da in öffentlichen und Pri⸗ vatſammlupgen ein italieniſches Landmädchen, eine Zigeunerdirne, eine Edeldame in Sammt und Seide, die ich ein oder das andere Mal geſehen habe, um ſie nicht wieder zu vergeſſen? Was hat dies Bild vor jenem voraus, als daß ich es in einem Augenblick ſah, wo meine Phantaſie von einer durchwachten und durchzechten Nacht überhitzt war? oder, daß es vielleicht dem Ideal meiner Träume noch etwas näher kommt, als die andern? Habe ich denn das geringſte Verlangen, das Original dieſes Bildes kennen zu lernen? ja, auch nur zu erfahren, ob es überhaupt ein Original zu dieſem Bilde giebt, oder ob man nicht vielmehr bei ſeiner Betrachtung mit dem amerikaniſchen Dichter aus⸗ rufen muß: Sag', wilder Künſtler, ſag', ob Du gewollt Uns rauben die Vernunft und unſern Sinn Umſtricken mit den Maſchen ſüßer Luſt, Als dies Idol Du ſchufeſt unbewußt? Nichts lebt, deß Anblick ſo mit Wonne füllt die Bruſt. Aber, wenn Sven's Begeiſterung ſo rein äſthetiſch war, weshalb machte er ſich, aus der Stadt kommend, ſtets einen bedeutenden Um⸗ weg, nur um an der Villa mit der Terraſſe vorüber zu gehen und einen verſtohlenen Blick hinaufzuwerfen? weshalb, vor allem, die langen Obſervationen durch das Opernglas, die bis jetzt von ſo geringem Erfolge begleitet geweſen waren? Denn, was hatte er denn ſchließlich geſehen? einige Mal ein paar ſpielende Kinder, einen großen Newfound⸗ länder, einen Diener, der das Theezeug abräumte, und ein Mal auf einen Augenblick eine weibliche Geſtalt in einem weißen Gewande, die ſich auf die Baluſtrade lehnte und ihre Blicke über den im Abend⸗ ſonnenſchein leuchtenden Fluß nach dem Gebirge ſchweifen ließ. War 172 In der zwölften Stunde. dieſe weibliche Geſtalt vielleicht das Original zu dem Bilde? Sven's Herz ſchlug hoch, wenn er an dieſe Möglichkeit dachte. Dennoch that er nichts, um eine Gewißheit über dieſen Punkt zu erlangen, ja, er verabſäumte es gefliſſentlich, nach den Bewohnern der Villa die ge⸗ ringſte Erkundigung anzuſtellen, und doch wußte er, daß es für ſeine geſchwätzige Wirthin, Madame Schmitz, nur einer Andeutung bedürfe, um Alles, was er zu wiſſen wünſchen konnte, in Erfahrung zu bringen, ja, vielleicht noch ein gut Theil mehr. Piertes Capitel. So mochte ſeit ſeiner Ankunft vielleicht eine Woche vergangen ſein, als er, von einer längeren Promenade zurückkehrend, unter den während dieſer Zeit angekommenen Briefen ein kleines zierlich gefaltetes Billet fand, deſſen Aufſchrift„Mr. S. Tissow Esqu.“ von einer ihm gänz⸗ lich unbekannten und offenbar engliſchen Hand ihn einigermaßen in Erſtaunen ſetzte. Dieſes Erſtaunen wurde noch vermehrt durch den Inhalt des Billets, welcher nichts mehr und nichts weniger war, als eine, in engliſcher Sprache abgefaßte, höfliche Einladung: bei Mr. und Mrs. Durham eine Taſſe Thee am Abend deſſelben Tages trinken zu wollen. Sven hatte nicht die entfernteſte Ahnung, was ihm die Ehre ieſer Einladung von einer engliſchen Familie, deren Namen er heute zum erſten Male hörte, verſchafft haben könnte. Er war bei ſeinem früheren Aufenthalte in der Univerſitätsſtadt mit mehren engliſchen Familien befreundet geweſen. Von dieſen war aber jetzt keine mehr hier, und er wußte ſehr wohl, daß es keine Durham's darunter ge⸗ geben hatte. Auch kannte er die Zurückhaltung und die Vorſicht, welche die Engländer in der Anknüpfung neuer Verhältniſſe beobachten, viel zu gut, als daß ihn dieſe brüske Einladung ohne vorhergegangene Annäherung ſeinerſeits nicht hätte ſtutzig machen ſollen. Er nahm deshalb an, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach hier ein Mißverſtändniß In der zwölften Stunde. 173 obwalte, und ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, um die übrigen einge⸗ gangenen Briefe zu beantworten. Er hatte indeſſen kaum ein paar Zeilen geſchrieben, als er die Feder wieder bei Seite legte, und das zierliche Billet mit der hübſchen rapiden engliſchen Handſchrift wieder ergriff. „Durham, Durham?“ murmelte er;„ich weiß doch ganz gewiß, daß unter meinen Bekannten niemals einer dieſes Namens geweſen iſt. Es muß ein Mißverſtändniß ſein, und doch! die Adreſſe ſtimmt zu genau. Ich muß doch einmal Madame Schmitz fragen, ob ihre All⸗ wiſſenheit nicht auch diefes Räthſel zu löſen vermag. Als hätte ſie geahnt, daß„der Herr in der Bell⸗Etage“ ihres freundſchaftlichen Rathes bedürftig ſei, klopfte Madame Schmitz in dieſem Augenblicke an die Thür, und trat auf Sven's Herein in das Zimmer. Sie kam, um ſich bei dem„Herrn Baron“— Madame Schmitz hielt etwas auf ihre Miethsherren und machte ſie, wenn ſie das Unglück hatten, unbetitelt zu ſein, nach Discretion zu Grafen, Baronen und zum mindeſten Doctoren— zu erkundigen, ob ihm heute Morgen das Frühſtück nicht geſchmeckt habe, da daſſelbe faſt unberührt wieder in die Küche gewandert ſei? und ihm— mit der Hand auf dem Herzen— die Verſicherung zu geben, wie ſie ſich, ſollte die Schuld an ihr gelegen haben, eine ſolche Vernachläſſigung des beſten, gen⸗ tilſten Miethsherrn, den ſie ſeit vielen Jahren in ihrem Hauſe gehabt habe, nun und nimmer vergeben würde, vergeben könnne. Madame Schmitz war eine kleine, überaus lebhafte, ſtets mit einem Ueberfluß von falſchen, kohlſchwarzen Locken und einer ſehr bän⸗ derreichen Mütze geſchmückte Dame von vielleicht fünfzig Jahren. Sie ſtand, nachdem ſie Herr Jakob, oder, wie ihn ſeine intimeren Freunde nannten, Köbes Schmitz, weiland renommirter Stiefelputzer, Kleider⸗ reiniger und Factotum der akademiſchen Jugend, der vor einigen Jahren das Zeitliche ſegnete, verlaſſen hatte, allein da in der Welt. Oft ent⸗ rang ſich ihrem gepreßten Herzen eine leiſe Klage über das grauſame Schickſal, welches ſie früh in eine ſo bedenkliche und gewiſſermaßen hülfloſe Lage brachte, indeſſen war dieſe Beſchuldigung des Factums wenigſtens inſofern nicht ganz begründet, als Madame Schmitz ſchon ſeit langer Zeit, und eigentlich von jeher, ſich ausgezeichnet gut ſelber 174 In der zwölften Stunde. hatte helfen können. Auf ihren zarten Schultern hatte die ganze Laſt, das hübſche Vermögen, deſſen ſie ſich jetzt erfreute, zu ſchaffen und zu erhalten, gelegen. Sie hatte Herrn Köbes, der ein ſehr lebhafter und wenn er— was oft geſchah— der Flaſche zugeſprochen hatte, äußerſt enthuſiaſtiſcher Herr war, immer wieder an die Pflichten ſeines leichten und nützlichen Berufes erinnert, und— in des Wortes bild⸗ licher und eigentlicher Bedeutung— zur Proſa des Lebens ernüchtert. Sie war auf den lucrativen Einfall gekommen, die Wäſche, welche die Studenten ihr aus Rückſichten der Reinlichkeit anvertraut hatten, im Intereſſe dieſer Herren ſelbſt ſo lange zurückzuhalten, bis ſie ihr die darauf vorgeſtreckte, oft nur geringfügige Summe wieder entrichtet, oder, im Falle den Herren ein Leben ohne Wäſche unerträglich war, die erſte Verſchreibung durch eine zweite, welche jener, bis auf eine kleine Veränderung in den Zahlen, durchaus gleich lautete, erſetzt hatten. Frau Köbes Schmitz ſprach oft und gern von ihrem guten Herzen und ihrem nur allzu weichen Gemüthe, welches es ihr unmöglich mache, mit der Jugend in ihren Freuden und Leiden nicht zu ſympathifiren. In⸗ deſſen konnte ein ſchärferer Beobachter hierbei eine gewiſſe Einſeitigkeit und Parteilichkeit bemerken. Es war nicht zu leugnen, daß Frau Köbes die Thorheiten und Ausſchreitungen ihrer zahlenden und zahlungsfähigen Kunden mit der liebenswürdigſten Bonhomie beurtheilte, ja bis zu einem gewiſſen Grade begünſtigte, aber ſie war eine unerbittlich ſtrenge Richterin der armen Sünder. Sie hatte ſtets zwei Maximen für ihre Kunden in Bereitſchaft. Die eine hieß:„was man nicht laſſen kann, das ſoll man thun,“ die andere lautete:„was man nicht thun kann, das ſoll man laſſen.“ Die erſtere ſprach ſie mit lächelnder Miene, wenn ſie einem neuen Kunden, einem übermüthigen ariſtokratiſchen Jünglinge etwa, das Geld, welches er zur Ausführung irgend eines Thorenſtreiches bedurfte, vorſtreckte; die letztere erwiederte ſie mit ge⸗ runzelter Stirn auf die Bitten eines armen Schluckers, der ſeinen Termin nicht einhalten konnte. Der conſequenten Anwendung dieſer beiden Grundſätze verdankte Frau Köbes Schmitz den ſtetigen Wachsthum ihres Wohlſtandes, welcher ſchon vollſtändig geſichert war, als Herrn Köbes Schmitz das unerbitt⸗ In der zwölften Stunde. 175 liche Schickſal mitten in der Blüthe ſeiner Jahre, und, ſo zu ſagen, mitten in der Ausübung ſeines Berufes fortraffte. Herr Köbes hatte,„müde nach durchlaufener Bahn,“ ſich eines Abends dem harmloſen Genuſſe freundſchaftlicher Unterhaltung bei einem Schoppen in einer Weinſtube hingegeben. Ob die Hitze im Locale verwirrend auf die Sinne des Ehrenmannes wirkte, ob es nur die Folge einer ihm plötzlich überkommenden bacchantiſchen Stimmung war, genug, Herr Köbes fing— jedenfalls verleitet durch eine allzu leb⸗ hafte Reminiscenz ſeiner täglichen Beſchäftigung— plötzlich an, die Röcke ſeiner Trinkgenoſſen mit dem Rohre, welches er ſtets bei ſich führte, zu bearbeiten, ohne ihnen Zeit zu laſſen, die übliche Vorſichtsmaß⸗ regel anzuwenden, d. h. ſich derfelben vorher zu entledigen. Die betreffen⸗ den Herren waren nicht in der Stimmung, dieſe harmloſe Vergeßlichkeit zu überſehen, und Herr Köbes wurde mit mehren, nicht mißzuverſtehen⸗ den Beweiſen ihres Unwillens am Kopfe nach Hauſe getragen, und hauchte, da ſich ein hitziges Fieber, an welchem er häufig litt, zu den Folgen dieſes Abends geſellte, bald darauf ſeine enthuſiaſtiſche Seele aus. Frau Köbes war untröſtlich über dieſen herben Verluſt. Nur in der angeſtrengteſten Thätigkeit konnte ſie Vergeſſenheit ihres Schmerzes finden. Sie mußte Menſchen um ſich haben, die ſie pflegen, für die ſie ſorgen, die ſie mit ihrem Rathe, vielleicht auch mit ihrem Gelde unterſtützen konnte. Sie erbaute ein großes zweiſtöckiges Haus, deſſen Fronte nach der Straße, deſſen Hinterſeite nach dem Fluſſe ſah, und hing in die Fenſter, als es fertig war, mit weißem Papier beklebte Pappetafeln, auf denen mit großen Lettern die für den Uneingeweihten in die Myſterien der engliſchen Sprache geheimnißvollen zwei Worte: „to let!“ zu leſen ſtanden. Frau Köbes wurde in allen ihren Unternehmungen vom Glück be⸗ günſtigt. Die geheimnißvollen Affichen verſchwanden reißend ſchnell aus den Fenſtern, und an Stelle derſelben erblickte man bald Herren mit langen weißen Zähnen und dünnen Backenbärten, welche vor einem Toilettenſpiegel ihre Cravatte umbanden, oder junge Damen mit langen Locken, aus deren ſchönem— meiſtens halb geöffneten— Munde man die Monoſyllaben Jes und no häufiger hören konnte, 176 In der zwölften Stunde. im Falle man das Glück hatte, auf der Promenade an ihnen vorüber zu ſtreifen. Die Parteilichkeit, welche Frau Schmitz in ihrem früheren Beruf an den Tag gelegt hatte, verleugnete ſie auch in dieſem neuen nicht. Auch ihre jetzigen Kunden theilte ſie in zwei Klaſſen, in ſolche nämlich, welche die Rechnungen bezahlten, ohne ſie zu leſen, und in ſolche, welche ſich die Freiheit nahmen, die einzelnen Items einer ſpecielleren Prüfung zu unterwerfen. Jene liebte und verehrte Frau Schmitz, dieſe haßte und verachtete ſie. Für jene konnte ſie ſich unter Umſtänden aufopfern, konnte, wenn ſie krank waren, ihnen die kräftigſten Suppen kochen, ja ſelbſt Nächte lang an ihrem Bette wachen, für dieſe war ihr jeder Weg zu weit, jeder Dienſt zu ſchwer— und kein Verſehen in der Rechnung zu groß. Sven, der ſeit acht Tagen bei ihr wohnte, hatte ſie beſonders in ihr Herz geſchloſſen. Sven hatte die Wochenrechnung nicht nur nicht geprüft, ſondern Madame gebeten, ihn mit dieſer wöchentlichen Miſere in Zukunft zu verſchonen; hatte ihr eine größere Summe eingehändigt, ſie erſucht, damit zu wirthſchaften und die Ausgaben zu beſtreiten und ihm nur einfach zu ſagen, wenn ſie damit zu Ende ſei. Sie ver⸗ götterte Sven und war deshalb alles Ernſtes betrübt, daß ſein Früh⸗ ſtück, bei deſſen Bereitung ſie ſich noch ganz abſonderliche Mühe ge⸗ geben hatte, beinahe unberührt in die Küche zurückgewandert war. Sven beruhigte ſie über dieſen Punkt und brachte nach einigem höf⸗ lichen Phraſenaustauſch die Rede auf die Engländer im Allgemeinen und die zur Zeit die Univerſitätsſtadt mit ihrer Gegenwart beehrenden im Beſondern. Dies war ein Kapitel, in welchem Frau Köbes Schmitz unerſchöpflich war. Sie theilte, wie Alles, ſo auch die Engländer in zwei Klaſſen: ſolche, die bei ihr wohnten, und ſolche, die nicht bei ihr wohnten. Seit den zehn Jahren ihrer Gaſtfreundſchaft gegen alle zahlungsfähigen Individuen waren ganze Scharen von Miſters, Maſters, Miſtreſſes und Miſſes durch ihre Hausthür und ihre Hände gewan⸗ dert. Sie vermochte noch heute das Ausſehen eines Jeden, ſeine Eigenthümlichkeiten, ſeine Vorzüge und Schwächen aufzuzählen. In dieſem Augenblick waren nur zwei Söhne Albions unter ihrem Dache, ein junger Gentleman mit ſeinem Erzieher, die, um deutſch zu lernen, In der zwölften Stunde. 177 nach Deutſchland gekommen, bereits zwei Jahre hier waren und bereits eben ſo viel deutſche Worte im Zuſammenhang zu ſprechen vermochten. Es ſeien gegenwärtig überhaupt ſehr wenig engliſche Familien in der Stadt, und unter dieſen wenigen gebe es kaum eine reſpectable, was ja ſchon ganz einfach aus dem Umſtande hervorgehe, daß keine bei ihr wohne. Da ſeien Mr. und Mrs. Smith mit ihren vier Töchtern. Du lieber Himmel, wenn man ſie ſo paarweiſe durch die Straßen gehen ſieht; ihn und ſie voran, die Töchter zwei und zwei hinterher, alle die Naſen gleichmäßig in die Höhe gerichtet und die Unterlippen gleichmäßig hängen laſſend, könnte man glauben, Mr. Smith ſei min⸗ deſtens ein Lord.„Und nun rathen Sie einmal, Herr Baron, was der Mann in ſeiner Heimath geweſen iſt? Es läßt ſich kaum in ehr⸗ barer Geſellſchaft ausſprechen— Scharfrichter iſt er geweſen, hang- man, wie ſie es nennen, er hat mindeſtens fünfzig Menſchen in ſeinem Leben aufgeknüpft, und jetzt ſagt er, meine Wohnung ſei nicht genteel genug! ſtolzirt hier umher wie ein Pfau und alle Welt macht ſich ein Vergnügen und eine Ehre daraus, ihn bei ſich zu ſehen. Es iſt lächer⸗ lich, es iſt verächtlich!“ rief Frau Schmitz und warf mit einer ärger⸗ lichen Handbewegung das lange Band ihrer Haube über die Schulter. „So lebt keine einzige Familie hier, mit der man anſtändigerweiſe umgehen könnte?“ „Nicht eine einzige, mit Ausnahme der Durhams, die aber ihrer⸗ ſeits wieder mit Niemanden umgehen.“ „Wer?“ ſagte Sven. „Nun Mr. und Mrs. Durham. Haben denn der Herr Baron noch nicht von der ſchönen Engländerin gehört?“ „Kein Wort,“ ſagte Sven. „Sie wohnen ja ganz in unſerer Nähe,“ ſagte Frau Schmitz, an die offene Balkonthüre tretend und nach dem Hauſe mit der Terraſſe hinüberzeigend,„dort in Frau Bartelmann's Haus. Die wird ſich freuen, daß ſie endlich einmal eine reſpectable Familie hat, und noch dazu eine, die mir von Rechtswegen zukommt.“ Svpen hatte Mühe gehabt, vor dem ſcharfſichtigen Auge der Frau Schmitz ſeine Beſtürzung zu verbergen. Er ſollte alſo in das Haus, das geheimnißvolle Haus, um welches ſich, ſeitdem er hier war, ſein Fr. Spielhagen's Werke. v. 12 178 In der zwölften Stunde. Sinnen und Denken unaufhörlich bewegte, Zutritt erlangen. Das Bild war alſo keine Phantaſie; das Original dazu lebte— wer ſollte ſonſt die„ſchöne Engländerin“ ſein?— und er, er ſollte ſie noch heute Abend ſehen! „Weshalb von Rechtswegen Ihnen?“ fragte er, das letzte Wort der Frau Schmitz auffaſſend. „Weil ſie vor vier Jahren ſchon einmal hier geweſen ſind, und damals bei mir gewohnt haben, zum Theile hier in dieſem ſelben Zimmer, das der Herr Baron jetzt bewohnen. Dies Zimmer war das Zimmer von Mrs. Durham. Hier, wo ihr Schaukelſtuhl ſteht, war auch ihr Lieblingsplätzchen. Die Menbel ſind überhaupt noch ganz dieſelben, an Ihrem Schreibſecretär habe ich Mrs. Durham oft halbe Tage lang ſitzen ſehen. Die ſchrieb beinahe noch mehr, als der Herr Baron.“ „Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen, liebe Frau Schmitz?“ ſagte Sven, ſeiner Wirthin einen Stuhl präſentirend. „Danke, Danke, Herr Baron! ich habe keinen Augenblick zu ver⸗ lieren. Mr. Tomlinſon wird gleich von ſeinem Spaziergange zurück⸗ kommen und dann—“ „Mrs. Durham iſt vermuthlich die ſchöne Engländerin?“ fragte Sven. „Gewiß! gewiß!“ erwiederte Frau Schmitz, die ſich, einen ſcheuen Vogel gleich, der ſofort wieder davon fliegen wird, auf den äußerſten Rand des Stuhles geſetzt hatte;„obgleich ſie eigentlichgar kein Recht zu dieſem Titel hat.“ „Weshalb denn nicht? iſt ſie denn nicht ſchön?“ „Nicht ſchön? ſo ſchön, daß Schöneres auf der ganzen weiten Welt nicht exiſtiren kann. Ob ſie noch ſo ſchön iſt, weiß ich freilich nicht, denn ich habe ſie, ſeitdem ſie wieder hier iſt, noch nicht geſehen; aber damals war die ganze Stadt wie toll. Wo ſie ſich blicken ließ, ſammelte ſich ein Haufen Menſchen, um ſie wie ein Wunder anzuſtaunen.“ „Das muß für die Dame ſehr unbequerh geweſen ſein.“ „Nun, die Damen können in dieſer Hinſicht ziemlich viel vertragen,“ ſagte die philoſophiſche Frau Schmitz, aus einer kleinen ſilbernen Ta⸗ backsdoſe eine ganz kleine Priſe nehmend;„aber Mr. Durham war In der zwölften Stunde. 179 es vielleicht deſtv unbequemer. O, das iſt ein Mann, ſage ich Ihnen, Herr Baron! ein wahrer, wie nennen Sie's doch gleich, wenn Einer ein Mohr iſt, und ſeine arme Frau quält?“ „Othello.“ „Jawohl, ein richtiger Othello. Glauben der Herr Baron, daß er drei Worte mit mir geſprochen hat, die acht Wochen lang, die er hier war? Na, und wer mit ſeiner Wirthin nicht ſpricht, die es gut meint und ihm ſein Frühſtück beſorgt und ſtets darauf hält, daß die Thürſchlöſſer, die Spucknäpfe— mit Reſpect zu ſagen— und alles Uebrige blitzblank iſt, der ſpricht auch mit ſeiner Frau nicht, darauf können ſich der Herr Baron verlaſſen—“ Madame Schmitz ſtrich ihre ſchwarzſeidene Schürze glatt und wartete einen Augenblick, ob Sven die Wahrheit dieſer Behanptung anfechten werde. Da der junge Mann aber, den Kopf in die Hand geftützt, nachdenklich, ohne etwas zu erwiedern, vor ſich niederſchaute, ſo fuhr Frau Schmitz alſo fort: „Ja, ja, Herr Baron, darauf können Sie ſich verlaſſen, denn eine Wirthin— ich meine eine gute Wirthin— thut manchmal mehr an ihren Gäſten, wie eine leibliche Mutter an ihren Kindern; und was iſt meiſtens der Dank dafür? daß man die gute Wirthin vergißt, ſo⸗ bald man aus dem Hauſe iſt, daß man, wenn man ein paar Jahre darauf an denſelben Ort zurückkommt, thut, als ob man nicht wüßte, daß ſie die ſchönſten meublirten Zimmer in der ganzen Stadt zu ver⸗ miethen hat, und ſtatt deſſen, nur um ſie zu kränken, bei Frau Bartel⸗ mann eine Wohnung nimmt! bei Frau Bartelmann!“ Frau Schmitz warf die Bänder ihrer Haube mit einer energiſchen Handbewegung zurück und ſchoß einen verächtlichen Blick durch die offene Balkonthür auf die Villa, die im Morgenfonnenſchein ſo freund⸗ lich herübergrüßte, daß für jeden Unbefangenen der Gedanke, bei Frau Bartelmann zu wohnen, durchaus nichts Abſchreckendes haben konnte „Aber ich weiß, was Mr. Durham dazu beſtimmte, eine ſo lächer⸗ liche Wahl zu treffen,“ fuhr Frau Köbes Schmitz noch erregter fort. „Mein Haus iſt groß und es würden, außer Mr. Durham, noch An⸗ dere darin wohnen. Da könnte es nun leicht geſchehen, daß Mrs. 12* 180 In der zwölften Stunde. Durham auf der Treppe einem hübſchen jungen Baron— keine An⸗ ſpielung, Herr Baron, keine Anſpielung!— begegnete, und da könnte es wieder Scenen geben, wie damals, als Bob Wesley mit im Hauſe wohnte.“ „Was geſchah da?“ „Nun, der Bob war ein toller Burſch, höchſtens achtzehn Jahre, aber er ſah aus wie vierundzwanzig, und bildhübſch, das muß ihm ſein Feind laſſen. Er war erſt ſeit ein paar Tagen von England herübergekommen, blos um Forellen zu fangen, wie er ſagte, aber ich glaube, um ſo viel tolle Streiche wie möglich auszuführen. Sie gingen und fuhren und ritten alle Tage zuſammen aus und ſchienen ein Herz und eine Seele. Aber eines Abends, als ſie ſpäter wie gewöhnlich nach Hauſe kamen,— ich ſtand im Flur und leuchtete,— ſagte Mrs. Durham: ich bin ſo müde, ich wollte, es trüge mich einer die Treppe hinauf. Sie hatte das kaum geſagt, als Mr. Bob ſie um den Leib faßte und mit ihr, als ob ſie ein Kind wäre, die Treppe hinauflief. Mr. Durham blieb unten ſtehen und ſchaute ihnen nach. Der Licht⸗ ſchein fiel hell in ſein Geſicht und ich werde den Ausdruck nie ver⸗ geſſen. Er wurde ſo finſter, wie die Nacht, und die Zähne knirſchten über einander, daß ich es deutlich hörte. Am andern Tage reiſten ſie plötzlich ab, obgleich ſie anfänglich den ganzen Sommer hier bleiben wollten. O, ich ſage Ihnen, Herr Baron, dieſer Mr. Durham iſt noch ſchlimmer, wie ein ſchwarzer Mohr. Der arme Mr. Bob! Nein, ſo ein Bild des Jammers, als der Wagen mit den Durham's davonrollte! Wollen Sie glauben, daß er vier Tage lang keinen Biſſen gegeſſen hat?“ „Da ſcheint es allerdings hohe Zeit geweſen zu ſein, daß Mr. Durham weiterreiſte.“ „Wo denken Sie hin, Herr Baron?“ rief Frau Schmitz mit großer Indignation;„nein, Alles was recht und billig iſt, aber ich möchte der Mrs. Durham, um Alles in der Welt nichts Schlechtes nachgeſagt haben. Um etwas Schlechtes zu thun, iſt ſie viel zu ſtolz, obgleich ſie eigentlich auch wieder gar keine Urſache zum Stolzſein hat, denn Luch, ihr Kammermädchen, erzählte mir— Sie müſſen nicht glauben, Herr Baron, daß ich nach den Geheimniſſen meiner Miether In der zwölften Stunde. 181 mich erkundige, aber dieſe Mädchen tragen es einem zu, man mag hören wollen oder nicht— Lucy erzählte mir, daß Mrs. Durham gar keine Engländerin, ſondern eine Deutſche, und ſogar eine blutarme Deutſche ſei, die Mr. Durham von der Straße aufgeleſen habe. Aber, wie geſagt, wer mag ſolchen Hlatſch glauben! ſo viel iſt freilich ge⸗ wiß, daß Mrs. Durham ſo gut deutſch ſprach wie ich oder der Herr Baron, und daß auch die Kinderchen deutſch redeten, daß es nur ſolche Freude war.“ 6 „Wie viel Kinder ſind denn da?“ „Zwei, ein Knabe und ein Mädchen. Sie waren damals fünf und drei Jahre alt. Edgar und Kitty hießen ſie; es waren reizende kleine Bälger; Edgar— aber nun muß ich fort, hören Sie nur, Herr Baron, wie der Mr. Tomlinſon an der Klingel reißt! So würden Sie nicht ſchellen und wenn Sie auch ſchon eine Stunde auf Ihr. Frühſtück gewartet hätten, und Sie ſind doch ein Baron und das iſt nur ein einfacher Miſter. O, dieſe Engländer, dieſe Engländer!“ Frau Köbes Schmitz eilte aus dem Zimmer mit einer Geſchwin⸗ digkeit, welche ihre Haubenbänder wie Flaggen hinter ihr herwehen machte, und deutlich genug verrieth, wie viel Werth ſie auf den Comfort Mr. Tomlinſon's legte. Sven ſprang, ſobald ſich Frau Schmitz entfernt hatte, in einer Aufregung vom Stuhle empor, die der ſcharfſichtigen Dame, wenn ſie dieſelbe geſehen hätte, ſehr viel zu denken gegeben haben würde. Er lief ein paar Mal in ſeinem Zimmer auf und ab, ergriff dann ſeinen Operngucker, um nach der ſonnebeſchienenen Villa drüben hinüberzu⸗ ſchauen, legte, als er ſah, daß nichts zu ſehen war, das Glas wieder aus der Hand, um abermals aufgeregt im Zimmer hin⸗ und her⸗ zuwandern. Alſo dies Ideal, dieſes Bild ſeiner Träume lebte, lebte in ſeiner unmittelbaren Nähe; es war die weiße Geſtalt, die er einmal in der Abenddämmerung ſich auf die Baluſtrade hatte lehnen ſehen! Und ſie war verheirathet, verheirathet mit einem Manne, der ſie mit grund⸗ loſer Eiferſucht quälte, mit einem Unwürdigen ohne Zweifel, denn wann wäre jemals der Werth einer edlen Frau von einem Manne und noch dazu von ihrem Manne wahrhaft erkannt worden! es war die alte 182 In der zwölften Stunde. Geſchichte, in deren dunkeln Kapiteln er geleſen hatte, als ſeine Augen aufgethan wurden über dem Wirrwar des modernen Lebens! die alte Geſchichte, deren beweinenswerthe Heldin ſeine edle, unglückliche Mutter geweſen war! die alte Geſchichte, die er ſeitdem ſchon ſo oft wieder und wiederum hatte leſen müſſen! Und ſah es nicht wie eine ſchlechte Ironie des Schickſals aus, daß er in aller Form eingeladen wurde, dem verhaßten Schauſpiel als Zuſchauer beizuwohnen? welcher Zufall, welcher tückiſche Dämon hatte bei dieſer geheimnißvollen, unerklärlichen Einladung die Hand im Spiele? Da flog die Thür auf und herein hüpfte Benno, den Hut, wie gewöhnlich, etwas auf dem einen Ohr, das Collegienheft, aus dem er eben docirt hatte, unter dem Arme und in der Hand einen Gegenſtand tragend, den er mit einem(etwas ſchadhaften) rothſeidenen Taſchen⸗ tuch bedeckt hatte. „Was der Tauſend bringſt denn Du da?“ fragte Svpen, als Benno den Hut und das Collegienheft auf den Tiſch gelegt hatte, und jetzt, den verhüllten Gegenſtand in der Hand, mit einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit in Miene und Geberde ſich vor ihn hinſtelltte. „Etwas, das Dich baß erfreuen wird, Bruderherz,“ ſprach Benno. „Sieh“— bei dieſen Worten zog er langſam das Taſchentuch weg, und präſentirte ein mit einem durchlöcherten Papierdeckel zugebundenes Glas, in welchem auf einer hölzernen Leiter ein großer Laubfroſch ſaß —„ſieh dieſes holde Geſchöpf, welches Dich aus ſeinen großen, milden Augen ſo verſtändnißinnig anſchaut, deſſen zarter Buſen in freudiger Erwartung unruhig Dir entgegenbebt. Noch geſtern paßten auf dieſes Kind der Natur des Anakreon duftige Verſe: Auf den blum'gen Wieſen weilſt Du, Leichten Sprunges fröhlich ſcherzend— und heute Morgen ſchon ſaß es unter der Luftpumpe einſam, verlaſſen, hülflos— fühlloſe Henker umſtanden es, weideten ſich an ſeinen Qualen, und erwarteten, während die gerechte Indignation über eine ſo brutale Behandlung ſeinen Buſen höher ſchwellen machte, mit teufliſcher Freude den Augenblick, wo es in dem luftleeren Raum, der es umgab, die luſtige Seele aushauchen würde. Da ſprach ich alſo zu mir ſelbſt: —— — — In der zwölften Stunde. was beginnſt du, ſchnöder Marterknechte Oberſter? ſiehſt du nicht in dieſem unglücklichen Gefangenen deines liebſten Freundes theures Bild? Sitzt nicht auch er unter einer ſelbſtgeſchaffenen Luftpumpe? hat er nicht durch allerhand künſtliche Mittel einen luftleeren Raum um ſich ver⸗ breitet, in dem ſeine arme Pſyche unruhig umherflattert? ſchwellt nicht auch ihm die Indignation über eine verderbte Welt das edle Herz zum Zerſpringen? und wird nicht auch er, wenn er die dünnen Ideen, die noch in ſeiner Atmoſphäre flattern, aufgezehrt hat, aus Mangel an neuem Stoff für Hirn und Herz elend erſticken?— Und wie ich ſolches dachte, packte mich der Menſchheit ganzer Jammer. Ich fiel dem ſchnö⸗ den Jünger der Wiſſenſchaft, der ſich an der Pumpe abmühte, in die Arme: halt, donnerte ich, halt, Elender, Du mordeſt meinen Freund! — Und ſo bringe ich denn nun hier dem Holden Holdes, dem Märtyrer ſeinen Bruder Märtyrer! Seid einig! fange Du Dir Deine Grillen, während er ſich ſeine Fliegen fängt und während er die ſtillen, ein⸗ fachen Weiſen ſingt, welche ihn die Mutter Natur lehrte, blaſe Du auf der Melancholie ſüßer Flöte!“ Benno überreichte mit einer zierlichen Handbewegung Sven das Glas, welches dieſer lächelnd entgegennahm und in das Fen⸗ ſter ſtellte. „Und nun von was Anderem;“ ſagte Benno, der ſich unterdeſſen in Svpen's Schaukelſtuhl geworfen, und ein zierlich gefaltetes Billet aus der Brieftaſche genommen hatte.„Willſt Du nicht die Güte haben, mir dieſen Brief, ſo mir heute Morgen von dem Boten der Poſt über⸗ bracht wurde, in mein geliebtes Deutſch zu übertragen? ſo viel ich ſehen kann, kommt er von einem Miſter, deſſen Namen mir ſo fremd iſt, wie die Sprache, in welcher er mich anzureden die Güte hat.“ Spen nahm das Billet. Es war genau dieſelbe Einladung, die anch an ihn ergangen war. Er zeigte Benno das Billet, welches er erhalten hatte. „Aber, wie kommen wir zu der Ehre?“ fragte Benno. „Das iſt dieſelbe Frage, die ich ſo eben an Dich richten wollte.“ „Und wo wohnt dieſer gaſtfreundliche Sohn Albions?“ „Dort!“ ſagte Sven, mit der Hand durch die offene Balkonthür nach der ſonnebeſchienenen Villa deutend. 184 In der zwölften Stunde. „Wo? dort in dem Hauſe an der Ecke, wo wir an dem Morgen Deiner Ankunft eingebrochen ſind?“ „Genau da.“ „O, nun wird mir Alles klar!“ rief Benno,„nein, das iſt zu köſtlich, zu famos!“ und er lief im Zimmer umher, ſchnippte mit den Händen, und lachte aus voller Kehle,„das iſt auf Ehre der ſchönſte Witz, den ich ſeit langer Zeit erlebt habe.“ „Aber was haſt Du Benno? ich verſtehe ja von dem Allen kein Wort.“ „Nun, die Sache iſt doch einfach genug! Wir haben ja in dem Hauſe Viſite gemacht, weshalb ſollte man uns denn nun nicht, wie es des Landes der Brauch iſt, mit einer Einladung zum Thee be⸗ ehren— ha, ha, ha?“ „Wir Viſite gemacht? Du wirſt doch unſern Studentenſtreich von neulich keine Viſite nennen?“ „Weshalb nicht? muß man denn die Leute, die man viſitiren will, immer zu Hauſe treffen? Wozu wären denn die Viſitenkarten, ha, ha, ha!“ „Aber um Himmelswillen, Benno, Du haſt doch nicht meine Karte, die ich Dir an jenem Morgen gab, weil Du Dir, ich weiß nicht was? notiren wollteſt, aus Verſehen dagelaſſen?“ „Dagelaſſen? ja! aus Verſehen? nein! im Gegentheil! ich habe auf Deine Karte in leſerlichen Zügen p. f. v. geſchrieben und dazu „Höétel zum goldnen Stern“; dazu habe ich meine beſcheidene Karte gelegt. Ich verſichere Dich, ſie nahmen ſich ganz allerliebſt aus neben der angefangenen Stickerei von Miſtreß, wie ſagteſt Du, daß die guten Leutchen hießen? ha, ha, ha!“ „Aber, Benno, Benno! was haſt Du Dir denn bei dem Allen eigentlich gedacht?“ „Nichts mein Schatz, auf Ehre, nichts. Pfui, wer wird ſich denn immer bei Allem gleich etwas denken! Ich habe der Katze Zufall ein Kügelchen hingeworfen, auf daß ſie damit nach Belieben ſpielen und rollen kann. Nun wohl! was iſt's denn weiter? Katze Zufall hat uns ein paar Einladungkarten in die Hände geſpielt. Wir können ja noch immer damit thun, was wir wollen.“ In der zwölften Stunde. 185 „Das Räthſel iſt nur erſt halb gelöſt, ſagte Svpen nachdenklich. „Es iſt gegen alle engliſche Sitte und Gewohnheit, einen Fremden auf eine bloße Viſitenkarte hin— ich nehme an, man hat unſere Viſitenkarten für voll angeſehen— einzuladen.“ „Warum könnten dieſe nicht eine Ausnahme von der Regel machen? Und halt, da beſinne ich mich, daß Dr. Müller, den Du ja auch noch kennen mußt— der kleine Müller, weißt Du, er wohnte am Markte, der nette Kerl mit den rothen Backen und den weißen Händen— i, Du mußt Dich ja ſeiner erinnern; er trug ſtets einen abgeſchabten ſchwarzen Sammtrock und lispelte etwas— na, es kommt ja nicht weiter darauf an— aber, was Du für ein Gedächtniß haſt, auf Ehre, wie ein großlöcheriges Sieb— eh bien! Der kleine Müller erzählte mir, als wir neulich an der Villa vorüberkamen, es wohne ein reicher Engländer darin, der die ſehr liebenswürdige Eigenſchaft habe, außer⸗ ordentlich gaſtfrei zu ſein, beſonders gegen Gelehrte und Solche, die es werden wollen. Er fragte mich, ob er mich einführen ſolle. Ich achtete damals nicht darauf— jetzt fällt mir die Sache wieder ein. Möglicherweiſe iſt er heute Abend auch da; jedenfalls kann ich von ihm erfahren, ob es ſich der Mühe verlohnt, für ein paar Stunden mit einem Frack und ein paar neuen Glacés ausgerüſtet, den Liebens⸗ würdigen zu ſpielen.“ „Ich werde auf jeden Fall hingehen,“ ſagte Sven. „Wirklich? nun das freut mich. Du ſcheinſt doch mehr Geſchmack zu finden an dem Treiben der Menſchlein beiderlei Geſchlechts, als Dein College, der melancholiſche Dänenprinz, der bekanntlich keinen Geſchmack am Manne hatte und am Weibe auch nicht. Da kann ich meinen armen Laubfroſch ja wohl wieder mitnehmen?“ „Um ihn morgen wieder unter die Luftpumpe zu bringen? Nein, laß ihn nur hier! er ſoll eine Art memento mori! für mich ſein.“ „Dem Du aber von Zeit zu Zeit eine Fliege geben mußt, wenn es ſeinen Zweck erfüllen ſoll. Wünſcheſt Du, daß ich Dich heut Abend abhole, oder zieheſt Du vor, als einzelner Stern am Theetiſch von Miſtreß Durham aufzugehen?“ 186 In der zwölften Stunde. „Du mußt ja doch hier vorüber.“ „Nun gut, ſo komme ich um acht. A revoir, mon ami! ich bin überzeugt, wir werden uns gottvoll amüſiren.“ Fünftes Capitel. Pünktlich zur verabredeten Stunde ſtellte ſich Benno ein. Er fand Sven, wie er eben die letzte Hand an ſeine Toilette legte. „Wie geſchmackvoll Du Dich anzuziehen verſtehſt, Sven!“ ſagte Benno, voll aufrichtiger Bewunderung zu ſeinem Freunde empor⸗ ſchauend;„man ſieht es Dir doch auf den erſten Bkick an, daß Du von einer Frau erzogen biſt und Dein halbes Leben unter den Frauen zugebracht haſt. Sie weihen euch ein in alle Myſterien der geheimniß⸗ vollen Wiſſenſchaften, die unter der Bezeichnung Geſchmack zuſammen⸗ gefaßt, und uns gelehrten Troglodyten ein Buch mit ſieben Siegeln ſind. Schau mich doch einmal an, ob Du mich ſo mitnehmen kannſt.“ Benno ſtellte ſich vor Svpen hin, wie ein kleiner Junge vor ſeine Mutter und drehte ſich langſam auf dem Abſatze herum, während Sven ihm ſeine Cravatte anders band, den Kragen zurechtzupfte und einen Weſtenknopf, der in ein falſches Knopfloch gerathen war, an die rechte Stelle brachte. Endlich war Alles in Ordnung und die beiden Freunde machten ſich auf den Weg. „Ich habe den kleinen Müller geſprochen,“ ſagte Benno, während ſie die Uferſtraße hinabſchritten,„und ihn ein wenig über dieſe Dur⸗ hams ausgeholt. Unſere Einladung hat gar nichts Auffallendes; Mr. Durham ladet Alles ein, was bei ihm Viſite macht und auf Re⸗ ſpegtabilitit Anſpruch machen kann. Alle Donnerstag und Sonntag ſind die Salons allen Freunden und Bekannten geöffnet. Heute iſt Donnerstag, wir werden eine große Geſellſchaft finden. Der kleine Müller ſagt, es wären die reizendſten Abende, die man ſich denken — „— In der zwölften Stunde. 187 kann. Jeder kommt und geht, wann er will und amüſirt ſich, ſo gut er kann. Mr. Durham ſoll ein ſehr geſcheidter Mann ſein. Er intereſſirt ſich beſonders für Naturwiſſenſchaften; Müller ſagt, daß er vortreffliche hat. Der einzige Schatten in dieſem ſonnen⸗ hellen Bilde iſt Mrs. Durham, die nach Freund Müllers Ausſ unausſtehlich ſein ſoll.“ „Dein Freund Müller iſt ein Narr!“ ſagte Sven mit großer Heftigkeit. „Ich habe öfters ſelbſt die Vermuthung gehabt,“ ſagte Benno, „indeſſen, von wannen kommt Dir dieſe Wiſſenſchaft?“ „Wie kann der Menſch wagen, auch nur den Namen dieſer Frau in den Mund zu nehmen? wie kann er ſich unterſtehen, ein Urtheil über ſie zu fällen! über ſie— ſie, die ſo weit über ihm iſt, wie der goldne Mond über dem Mops, der zu ihm hinaufbellt! Wie kann er—“ „Nun, alle guten Geiſter ſtehen uns bei!“ rief Benno,„ſchwärmt dieſer Menſch für eine Frau, die er noch gar nicht geſehen hat! Nimm's mir nicht übel, lieber Sven; aber ich glaube alles Ernſtes, Du biſt ein ganz klein wenig übergeſchnappt. Komm, laß uns, anſtatt in dieſe Geſellſchaft zu gehen, einen Spaziergang am Ufer entlang machen— das wird Dich abkühlen. Du biſt ja ganz außer Dir!“ „Nein, nein!“ ſagte Sven haſtig;„ich bin vollkommen ruhig, aber ich ärgere mich jedesmal, wenn Leute über etwas urtheilen, was ſie ſchlechterdings nicht verſtehen. Doch, da ſind wir am Hauſe. Der Haupteingang iſt nach dem Fluſſe zu, wie ich ſehe. Wir brauchen nicht wieder über das Geländer zu klettern.“ Sie wurden auf dem Flur von einem Diener empfangen, der ihnen die Sachen abnahm und ſie in gebrochenem Deutſch um ihren Namen fragte, ſodann die Thür zu einem hellerleuchteten Zimmer öffnete und ein paar Namen hineinrief, die mit denen der beiden jungen Männer eine möglichſt entfernte Aehnlichkeit hatten. In dem Zimmer befanden ſich mehre Herren, die mit der Beſich⸗ tigung einer Käferſammlung, welche auf einem großen runden Tiſch aufgeſtellt war, beſchäftigtf ſchienen. Einer dieſer Herren kam auf die Eintretenden zu und hieß ſie mit einigen höflichen Worten willkommen. „Sie haben uns die Ehre angethan, meine Herren, uns Ihren 188 In der zwölften Stunde. Beſuch zu ſchenken; wollen Sie die Güte haben, mich zu Mrs. Dur⸗ ham zu begleiten; ſie iſt in dem nächſten Zimmer.“ Der dieſe Worte in deutſcher Sprache, fließend, wenn auch mit einem etwas ausländiſchen Accente ſprach, während er die Freunde an den Herren, die um den Tiſch mit den Käfern herumſtanden, und von denen faſt Alle Benno perſönlich bekannt waren, vorüber in das nächſte Zimmer führte, war ein Mann von vielleicht vierzig Jahren, mittelgroß, breitſchultrig, mit einem ſchönen, ausdrucksvollen, engliſch ruhigem Geſicht. Der Ton ſeiner Stimme war höflich, aber ohne alle Wärme; er ſprach ſeine Begrüßung wie eine eingelernte Formel. Das nächſte Zimmer war derſelbe Salon, deſſen ſich Sven von jenem Morgen her ſo wohl erinnerte. Damals war es leer geweſen, angefüllt von der Dämmerung, aus der die dämoniſchen Augen des ſchönen Bildes ſinnverwirrend auf den Eindringling herniederſchauten. Heute war es belebt von einer zahlreichen Geſellſchaft, und der roſige Schimmer der eben untergegangenen Sonne, der durch die weitgeöffnete Balkonthür hereinfiel, vermiſchte ſich mit dem blendenden Schein der Lichter. Sven bemerkte dieſe Unterſchiede, während ſein Auge nach dem geliebten Bilde hinüberſchweifte, gleichſam ſich zu vergewiſſern, daß es noch da ſei, und ſich dann erſt auf die Dame richtete, die auf dem Sopha hinter dem brodelnden Wafſerkeſſel den um den Theetiſch Ver⸗ ſammelten präſidirte. Dieſe Dame war das Original des Bildes. Aber ſeltſam! Sven fühlte ſich bei ihrem Anblick auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe enttäuſcht. Er mußte zugeben, daß der Künſtler in der architektoniſchen Schönheit der Züge, der Zartheit der Farbe, dem Reichthum des herrlichſten dunkelbraunen Haares noch weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben war; aber jener weltverachtende Trotz in den leiſe zuſammengezogenen Brauen, jene unſägliche Schwermuth in den halb von den Lidern beſchatteten, ſchmerzlich ſtarren Augen, jenes thränenreiche Zucken der Winkel des ſchönen Mundes— wo war von dem allen nur eine Spur in vieſem, wie eine Maske ruhigen und die Hereintretenden kaum mit dem Schimmer eines Lächelns begrüßenden Geſicht!„Wahrlich,“ dachte Sven, als er ſich, nachdem er noch — In der zwölften Stunde. 189 einigen der um den Tiſch verſammelten Damen und Herren vorgeſtellt war, etwas in den Hintergrund zurückgezogen hatte, um ungeſtörter ſeine Vergleichung des Originals mit dem Bilde fortſetzen zu können; „wahrlich, ich hatte doch recht, wenn ich gleich von vorn herein ver⸗ muthete, daß der Künſtler nicht die Wirklichkeit, ſondern das Ideal ſeiner Einbildungskraft malte. Jetzt habe ich den augenſcheinlichſten Beweis. Sei ruhig, betrogenes Herz und begreife, daß:„Nichts lebt, deß Anblick ſo mit Wonne füllt die Bruſt.“ Sven hatte in ſeinem Leben ſchon manche Enttäuſchung dieſer Art erfahren; ja eigentlich war ſein reelles Leben eine fortgeſetzte Reihe von Enttäuſchungen, die ihm die überſchwängliche Lebhaftigkeit ſeiner Phantaſie und die zu hoch geſpannten Erwartungen, die er ſich in Folge deſſen von den Dingen und Menſchen machte, bereiteten. Aber kein Reſt, der ſtets zu Gunſten des Ideals übrig bleibt, wenn wir den Maßſtab der Einbildungskraft an die Wirklichkeit legen, war ihm je ſo peinlich geweſen, als dieſer hier. Er hatte ſich mit bangem Zagen dem verſchleierten Bilde genaht und gehofft, daß er nun endlich von Angeſicht zu Angeſicht die Göttin ſchauen würde— der Schleier war gefallen und was erblickte ſein entgeiſtertes Auge? ein ſterbliches Weib, ein ſchönes, ſehr ſchönes Weib— aber doch nur ein Weib.— Ein Gefühl der Bitterkeit bemäch⸗ tigte ſich ſeiner Seele. Er wäre am liebſten ſogleich wieder aufge⸗ brochen. Die ſchwatzende, kichernde Geſellſchaft um den Theetiſch kam ihm fade und abgeſchmackt vor; er zog ſich nach einigen Minuten in vas andere Zimmer zurück, und geſellte ſich zu der Gruppe von Herren, die er noch immer mit der Betrachtung der Käferſammlung beſchäftigt fand. Benno war ihm ſchon dahin vorausgegangen und hielt eben einen Vortrag über ein wunderliches Inſekt, das Mr. Dur⸗ ham vor einigen Tagen ein Bekannter aus Braſilien geſchickt hatte. Benno war ein tüchtiger Zoolog und gerade Käfer waren ſeine Seite. Er wußte allerhand Intereſſantes aus der Familiengeſchichte dieſer Thiere zu erzählen und ſeine Hörer ebenſo zu belehren, wie zu ergötzen. Niemand aber folgte ſeinem Vortrage mit größerer Aufmerk⸗ ſamkeit, als Mr. Durham, und Sven hatte umerdeſſen Gelegenheit, die Phyſiognomie die Mannes genauer zu ſtudiren. Spen hatte genug geſehen. ſtarke —— 190 In der zwölften Stunde. Aber, ſo eifrig er auch ſtudirte, er konnte zu keinem rechten Re⸗ ſultate kommen. Die breite, feſte Stirn deutete auf ungewöhnliche Intel⸗ ligenz, der ſcharf geſchloſſene Mund und das ſtarke, eckige Kinn auf eine mächtige Willenskraft und nicht leicht zu erſchütternde Entſchloſſenheit — aber das war auch Alles. Kein Blick des Auges ließ errathen, was in der Seele dieſes Mannes, kein Lächeln, was in ſeinem Herzen vorging. Wenn er ſprach,— und er ließ manche Bemerkung fallen, aus der leicht zu erſehen war, daß er gründliche Studien in den Naturwiſſenſchaften gemacht hatte— ſo ſprach er mit einem gleich⸗ mäßigen, ruhigen Ton, der alle Worte mit ſtrengſter Billigkeit abmaß und abwog. Es ſchien unmöglich, daß dieſer Mann ſich je von ſeinen Gefühlen hinreißen laſſen könnte, ja, man war verſucht, ihm jede lebendigere Empfindung abzuſprechen. Der Mann machte, Alles in Allem, auf Svpen den Eindruck einer dreifach verriegelten Thür. Und in dem Maße, daß dieſer Eindruck ſich Svens bemächtigte, erhöhte ſich wieder ſeine Theilnahme für die ſchöne, kalte Gattin dieſes kalten, ſtarren Mannes.„Wer weiß,“ ſprach er bei ſich,„wie viel Grade von ihrer Kälte auf Rechnung der ſeinigen kommt! wer weiß, ob nicht ein fröhlich blühendes Leben, auf dieſen Marmorfels ver⸗ pflanzt, nach und nach erſtorben, ein duftiger, farbenglänzender Früh⸗ ling in diefem eiſigen Winter allgemach erſtarrt iſt?“ Die Charakte⸗ riſtik, welche ihm ſeine geſchwätzige Wirthin von Mr. Durham gemacht hatte, kam ihm wieder in's Gedächtniß. War es vielleicht nur die Furcht vor ſeiner Tyrannenlaune, die ſie einſchüchterte, die ihr dieſe Maske der Gleichgültigkeit, die ſo wenig mit ihrer ganzen Erſcheinung harmonirte, gewaltſam aufzwang? Sven fühlte ein unausſprechliches Verlangen, die Antwort auf dieſe Fragen, die Löſung der ſtillen, ſtummen Räthſel in den Geſichtern der beiden Gatten zu finden, und es zog ihn wieder in den Salon, von wo in dieſem Augenblick die klare, ſcharfe Stimme eines jungen Amerikaners, der ſpeben von einer Reiſe aus dem Orient zurückkam, und Sven ſchon vorher durch ſeine zu⸗ gleich ſichere und elegante Haltung vortheilhaft aufgefallen war, ertönte. „Laſſen ſie mich für meine Behauptung nur ein Beiſpiel anfüh⸗ ren,“ ſagte Herr Curtis.„Ich nahm mir einſt in einem ſtark frequen⸗ tirten Badeorte in der Nähe von Newyork die Erlaubniß, ein kleines, 9 N — ——— In der zwölften Stunde. 191 wildes Mädchen, das ſich mit andern haſchte, und in der Erregung des Spiels gerade auf mich losſtürzte, in meinen Armen aufzufangen. Das kleine Ding prallte ganz entſetzt zurück und ſagte:„Ich erlaube nicht, Sir, daß Sie mich berühren!“ Ich werde den Ton, in welchem die zwanzig Zoll hohe, fünfjährige Miß mir dieſe Worte zurief, eben ſo wenig vergeſſen, wie die indignirten Blicke, mit denen mich einige in der Nähe befindliche Damen beehrten.“ „Und was wollen Sie mit dieſer Anecdote beweiſen?“ fragte Einer aus der Geſellſchaft. „Dies, daß die amerikaniſche Frau die Selbſtändigkeit, durch welche ſie ſich vor allen ihren Schweſtern, ſo weit ich die Ehre gehabt habe, dieſelben kennen zu lernen, auszeichnet, ſchon mit der Milch ein⸗ ſaugt; daß dieſe Charakterſtärke ſchon in den Nerven und dem Blut der Amerikanerin ihre Baſis haben muß, und dieſe Naturanlage ebenſo ſehr wie die ſpätere Erziehung, in welcher ſich Alles vereinigt, dieſes ſtolze Gefühl der Selbſtändigkeit zu nähren und zu pflegen, ihr die Souveränetät ſichern, der ſie ſich erfreut. Die amerikaniſche Frau iſt ein unendlich freieres Weſen, als irgend eine andere Sie ruft als fünfjähriges Kind einem fremden Manne, in dem jedes deutſche Kind einen„Onkel“ reſpectiren würde, zu: mein Herr, berühren Sie mich nicht! ſie nimmt als junges Mädchen einen Courmacher, geht, reitet, ſührt mit ihm ſpazieren und ſchickt ihn nach acht Tagen fort und beehrt einen andern mit ihrer Gunſt, ohne daß Jemand etwas Anſtößiges darin findet, ja, ohne daß Mr. Smith oder Mr. Jones auch nur zu murren wagten; und ſelbſt als Frau wird ſie freilich ihre Pflichten mit der peinlichſten Gewiſſenhaftigkeit erfüllen, ſo lange es ihr möglich iſt; ſobald aber der Augenblick gekommen iſt, wo ſie ein⸗ ſieht, daß ſie ſich entſcheiden muß zwiſchen ihrem guten Ruf und ihrer Leidenſchaft, wird ſie dieſe Entſcheidung mit einer Sicherheit treffen, und jedes Band, das ſie feſſelt, und wäre es das ſtärkſte, mit einer Kraft zerreißen, die geradezu dämoniſch, jedenfalls ſpecifiſch amerika⸗ niſch iſt.“ „Und halten Sie eine ſolche Stellung für ein Glück?“ fragte Mrs. Durham, ſo gleichgültig, als ob ſie gefragt hätte:„Belieben Sie noch eine Taſſe Thee?“ 192 In der zwölften Stunde. „Wie man will,“ erwiderte Herr Curtis,„jedenfalls iſt ſie dazu angethan, einen Geiſt, der über das Gewöhnliche hinausſtrebt, in ſeinem Wollen und Vollbringen zu fördern. Der Ehrgeiz befindet ſich ohne Zweifel ſehr wohl dabei—“ „Deſto ſchlechter aber das Herz.“ Aller Augen wandten ſich auf Sven, der, von dem Gegenſtande des Geſpräches angezogen, an den Tiſch getreten war, und dem dieſe letzten Worte wider ſeinen Willen entſchlüpft waren. Sven erröthete leicht, als er ſich ſo der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden ſah, hielt es aber für unpaſſend, jetzt, nachdem er einmal an der Converſation Theil genommen hatte, zu thun, als hätte er nichts geſagt. „Verzeihen Sie,“ fuhr er, ſich auf einen der leeren Stühle ſetzend, zu Herrn Curtis gewendet, fort,„daß ich Sie in Ihren in⸗ tereſſanten Mittheilungen unterbrochen habe; aber Sie haben da ein Capitel berührt, das mir gerade ſehr intereſſant iſt. Ich halte dieſe Ueberlegenheit der amerikaniſchen Frau für ein Unglück, welches gleich ſchwer auf beiden Theilen laſtet. Wie könnte das Bewußtſein, an einen Mann gefeſſelt zu ſein, den ſie in faſt jeder Hinſicht überſieht, einer edlen Frau eine Genugthuung gewähren! wie muß ſich der Mann, wenn er nicht ganz das Gefühl ſeiner Würde verloren hat, von dieſer Ueberlegenheit bedrückt fühlen! Die Amerikaner jind ſtolz auf ihre Frauen, ohne zu bedenken, daß die hohe Stellung derſelben für ſie ſelbſt eine Erniedrigung iſt. Und dieſer Widerſpruch wird immer größer werden. Damit die Frau ſich in immer reinere, ätheri⸗ ſchere Regionen erheben könne, muß ſich der Mann in demſelben Grade vulgariſiren und materialiſiren, und der Lohn, den er ſich für dieſe Aufopferung erwirbt, iſt die Verachtung des Götzen, dem er ſich opfert. Und o, des armen Götzen! wie theuer muß er den Weihrauch, der ihm geſpendet wird, bezahlen! wie gern ſtieg er von ſeinem Piedeſtal herab, wie gern ſähe er den Mann ſo erhaben über ſich, wie er jetzt über dem Manne erhaben iſt! Hinauf zu ſchauen zu dem Höheren, ſich anzulehnen an den Stärkeren iſt ein köſtliches Gut für jede Frau, und wäre ſie die vorzüglichſte ihres Geſchlechts. Wie gerne würde ſie ſich unterordnen, fände ſie nur den Rechten, dem ſie ſich unter⸗ In der zwölften Stunde. 193 ordnen könnte, ohne ſich etwas zu vergeben, ohne an ihrem Werthe, an ihrer Kraft einzubüßen. Ja, ſehen wir nicht oft, daß ſehr begabte Frauen, wenn ſie, was oft geſchieht, das Unglück haben, den Mann, welchem ſie vermählt ſind, zu überſehen, ſich kleiner machen, nur um das Glück, ſich unterordnen zu dürfen, in der Illuſion wenigſtens zu genießen? Aber, mißverſtehen Sie mich nicht! Ich mache den amerika⸗ niſchen Frauen keinen Vorwurf daraus, daß ſie frei ſein wollen, wohl aber den amerikaniſchen Männern, daß ſie ſich gefliſſentlich zu Scla⸗ ven machen.“ „Mag ſein,“ ſagte der Amerikaner,„indeſſen, dieſe Vertheilung der Rollen hat auch ihr Gutes. Der Mann, welcher Wälder aus⸗ roden, Sümpfe drainiren, Eiſenbahnen durch die Prärien und Hänge⸗ brücken über den Niagara bauen ſoll, kann nicht auch zu gleicher Zeit Sylben wägen und Verſe ſpintiſiren. Weshalb ſoll nicht der Mann ſeine Kraft auf Werke des materiellen Nutzens concentriren und der Frau getroſt die luftigen Regionen überlaſſen, in welchem der Dichter und der Denker weilen? „Weshalb?“ erwiderte Svpen;„weil in dieſen Sphären ſo gut, . wie in jeder anderen, das Höchſte nur dem Manne erreichbar iſt; weil, wenn die Männer jene Sphären den Frauen überlaſſen, dieſe nicht nur nichts Geniales produciren, ſondern auch das Genie, ſollte ausnahmsweiſe eines emporblühen, verkennen, verketzern und verhöhnen werden. Denken Sie an den unglücklichen Edgar Allan Pve! Er iſt der größte lyriſche Dichter, den Amerika hervorgebracht hat und fein Name darf in keiner ſogenannten reſpectablen Geſellſchaft ausge⸗ ſprochen werden.“ „Dies Verdammungsurtheil,“ antwortete der Amerikaner,„gilt nicht dem Dichter, ſondern dem Menſchen; nicht dem Verfaſſer des „Raben“, ſondern dem Mr. Poe, welcher betrunken durch die Straßen von Newyork und Boſton taumelte.“ „Damit mochten ſich die Mitlebenden entſchuldigen, aber was be⸗ deutet das jetzt, wo ſich das Grab über dem Unglücklichen geſchloſſen hat? Der Dichter lebt in ſeinen Werken, ſeine Werke ſind er ſelbſt. Der Dichter gleicht dem Chemiker, welcher aus zum Theil ſehr wider⸗ wärtigen Stoffen die herrlichſten Wohlgerüche zaubert. Mochte dem Fr. Spielhagen's Werke v. 13 194 In der zwölften Stunde. Menſchen Poe ein trauriges Erdenreſt anhaften, der Dichter Edgar iſt frei davon. Mochte man dem armen Literaten die Thüre ver⸗ ſchließen, die Werke des Genius ſollten in Aller Hände ſein.“ „Sie mögen Recht haben,“ ſagte der Amerikaner lachend;„ich geſtehe, daß ich in dem Urtheil über Poe nur der allgemeinen Stimme gefolgt bin, und um auf Ehre verſichern zu dürfen, dieſen verrufenen Dichter nicht zu kennen, bis jetzt noch keine Zeile von ihm geleſen habe.“ „Sie machen uns äußerſt begierig, etwas von dieſem unheiligen Heiligen zu hören,“ ſagte eine Dame aus der Geſellſchaft, die ſich nicht wenig auf ihre Kenntniß der engliſchen Literatur zu gute that, „könnten Sie uns nicht etwas von ihm zum Beſten geben? Sie wiſſen gewiß einige ſeiner Sachen auswendig.“ „Leider, nein;“ erwiderte Sven. „Dort auf dem Tiſche,“ ſagte Mrs. Durham,„liegt ein Bänd⸗ chen Ueberſetzungen amerikaniſcher Gedichte. Vielleicht iſt etwas von Mr. Poe dabei.“ Sven ergriff das zierlich gebundene Büchelchen, auf welches Mrs. Durham hingedeutet hatte und blätterte einige Augenblicke ſchwei⸗ gend darin. „Ich finde hier Verſchiedenes von Edgar Poe,“ ſagte er;„indeſſen nicht ſein berühmtes und für ihn vielleicht charakteriſtiſchſtes Gedicht: „Der Rabe.“ Freilich das Gedicht iſt unüberſetzbar, wie im Grunde genommen jedes Gedicht. Ich ſcheue mich faſt, nachdem ich Poe ſo ſehr geprieſen habe, ihn jetzt den Damen in dem entſtellenden Gewande einer Ueberſetzung vorzuführen.“ „Bitte, bitte, leſen Sie nur!“ riefen ein halbes Dutzend Stimmen. Sven blickte zu Mrs. Durham hinüber; er ſah daſſelbe kalte, gleichgültige Geſicht. Auch nicht die leiſeſte Spur von Neugier oder Intereſſe war darauf zu entdecken. „Hier iſt eines ſeiner ſchönſten;“ ſagte Sven, ein wenig ver⸗ ſtimmt über dieſe unerſchütterliche Gleichgiltigkeit,„es trägt die Ueber⸗ ſchrift: „Annabel Lee.“ Es iſt nun manches und manches Jahr In einem Reich an der See; In der zwölften Stunde. 195 Da lebte ein Mädchen, ihr kennet ſie nicht, Ich nenne ſie Annabel Lee. Sie liebte nur mich und ich liebte nur ſie, Mein ſchlankes braunäugiges Reh. Ich war ein Kind und ſie war ein Kind In dieſem Reich an der See; Doch, wie ſie mich liebte, und wie ich geliebt Die reizende Annabel Lee, Das ſagen nicht Worte; es weinten vor Neid Die Engel in himmliſcher Höh. Und das war der Grund, daß einſt in der Nacht In dieſem Reich an der See Ein Sturm aus den Wolken ſo eiſig umarmt Die liebliche Annabel Lee. Und im Sturme ihr hoher Verwandter kam, Und raubte mein herziges Reh, Und ſchloß ſie in ein Grabmal ein In dieſem Reich an der See. Die Engel, nicht halb ſo glücklich, als wir, Sie fühlten der Eiferſucht Weh. Ja, das war der Grund, wie Jedermann weiß, In dieſem Reich an der See, Daß zur Nacht aus den Wolken der Sturmwind kam, Umarmte und tödtete Annabel Lee. Doch ſie liebte ja mich, und ich liebte ja ſie, Mein Liebchen, ſo ſchlank, wie ein Reh, Mein Liebchen, ſo weiß, wie der Schnee. Und alle die Engel im himmliſchen Licht Und alle Dämonen der See, Sie trennen mich dennoch in Ewigkeit nicht Von der reizenden Annabel Lee. Denn der Mond nimmer ſcheint, und ich habe geträumt Von der lieblichen Annabel Lee. Und blinken die Sterne, ſo ſeh' ich von ferne Die Angen von Annabel Lee. 1 196 In der zwölften Stunde. Bis das Morgenlicht graut, umarm' ich ſie traut, Mein Liebchen, mein Alles, mein Reh, meine Braut, An dem Grabmal hier bei der See, An dem Grab bei der hallenden See. „O, wie reizend!— wie allerliebſt!— wie duftig! wie zart!“ ſo flüſterten, ſeufzten und lispelten die Stimmchen am Theetiſch durcheinander. „Ich finde das Ganze etwas zu myſteriös,“ bemerkte ein junger Docent der Philoſophie. „Was iſt nur unter dem„hohen Verwandten“ zu verſtehen?“ fragte eine junge Dame mit blonden Locken. „Der Engel des Todes vermuthlich,“ ſagte Sven trocken. „O, mein Gott!“ rief eine junge Dame,„wie ſchauerlich!“ Mrs. Durham ſagte nichts. Sie hatte ſich, während die Geſell⸗ ſchaft ihre geiſtreiche Kritik an dem armen Gedichte übte, von ihrem Platz auf dem Sopha erhoben und war einige Male im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Jetzt trat ſie wieder heran, blieb aber etwas von den andern entfernt, gerade Sven gegenüber, ſtehen. „Hier iſt noch ein zweites, längeres,“ ſagte Spen;„ich möchte es wohl, da es eine Art Commentar zu unſerer Unterhaltung über die amerikaniſchen Frauen iſt, leſen, wenn ich nicht fürchtete, die Geſell⸗ ſchaft zu ermüden.“ „Bitte, bitte, leſen Sie,— Sie leſen ſo ſchön!“ rief ein halbes Dutzend Stimmen. „Das Gedicht trägt keine Ueberſchrift,“ ſagte Sven;„nur das Wörtchen„An“ und ein paar Striche.“ „Wie geheimnißvoll!“ rief die junge Dame mit den blonden Locken. „Darf ich beginnen?“ „Bitte, bitte!“ Ich ſah Dich einmal, einmal nur— vor Jahren. Mittnacht im Juli war's und von dem Mond, Dem vollen, der, wie Deine Seele ſtrebend, Sich ſeinen ſteilen Pfad zum Himmel bahnte. ——————— S———— In der zwölſten Stunde. 197 Ein ſeidenweicher Silberſchleier fiel, Mit heilger Ruh' und Dunkelheit und Schlummer, Auf das erhobene Antlitz vieler hundert Von weißen Roſen, die im Garten wuchſen, Wo nur verſtohlen ſich ein Lüftchen regte,— Auf das erhobene Antlitz weißer Roſen, Die in Erwied'rung für das Liebeslicht Die duft'gen Seelen wonnevoll verhauchten— Auf das erhobne Antlitz weißer Roſen, Die auf den Beeten lächelten und ftarben, Entzückt von Dir und Deiner heil'gen Nähe. Gehüllt in weiß, auf eine Veilchenbank Sah ich Dich hingelehnt. Es ſchien der Mond Auf das erhobene Antlitz weißer Rofen— Und auch auf Deins— erhoben, ach! in Schmerzen! War's nicht das Schickſal, das in dieſer Nacht— Das Schickſal, deſſen andrer Nam' iſt Schmerz— Mich weilen hieß an jener Gartenpforte, Den Duft zu athmen jener ſüßen Roſen? Nichts regte ſich— es ſchlief die ſchnöde Welt— Nur Du und ich nicht. Und ich weilte— ſchante— Und alſobald verſchwanden alle Dinge— Ach, ganz gewiß— der Garten war verzaubert!— Des Mondes matter Perlenglanz erloſch, Die mooſ'gen Bänke, die verſchlung'nen Pfade, Die ſeel'gen Blumen und die ſtillen Bäume— Ich ſah ſie nicht.— Die Roſendüfte ſelbſt Sie ſtarben in der Lüfte weichen Armen, Und Alles ſchwand, nur Du nicht— und ſelbſt Du— Nur nicht das Himmelslicht in Deinen Augen, Nur nicht die Seele Deiner ſchönen Angen. Ich ſah nur ſie— ſie waren meine Welt. Ich ſah nur ſie— und nur für wen'ge Stunden, Ich ſah nur ſie— bis ſank der volle Mond. Welch' dunkle Herzensräthſel ſchaut' ich nicht In dieſen demantklaren Himmelsſphären! Welch' tiefes Weh! welch' hohe Hoffnung doch! ——=———— ——————————— 198 In der zwölften Stunde. Welch' ſchweigend königliches Meer von Stolz! Welch' kühnen Ehrgeiz! ach! und welche tiefe, Welch' abgrundtiefe Fähigkeit für Liebe! Und nun zuletzt verſank der volle Mond Im Weſten hinter ſchwarzen Wetterwolken— Und, wie ein Geiſt, durch geiſterhafte Bäume Verſchwandeſt Du! Nur Deine Augen blieben. Sie ſchwanden nicht— ſie können nimmer ſchwinden. Sie hellten meinen Pfad in jener Nacht, Sie ließen nimmer mich, wie doch mein Hoffen. Sie folgen mir— ſie leiten mich durch's Leben— Sie— meine Diener; und ihr Selave— ich; Ihr Amt, mich zu erleuchten, zu entflammen— Und meine Pflicht, entflammt, erleuchtet ſein, Geläuterter von ihrem hehrem Feuer, Geheiligter von ihrer Himmelsglut. Mit Schönheit füllen ſie die Seele mir. Ich kniee hin vor dieſen hohen Sternen Im düſtern Schweigen ſchlummerloſer Nacht, Und ſelbſt noch in des Tages Mittagsglanze, Seh ich ſie ſtets— zwei ſüße Morgenſterne, Die ſelbſt die Sonne nicht verlöſchen kann. Sven hatte eine größere Innigkeit in ſeinen Vortrag gelegt, als ihm lieb war. Er ſchämte ſich, daß er ſich von ſeinen Empfindungen hatte hinreißen, daß er dieſe Geſellſchaft, die er ſo ganz deſſen un⸗ würdig hielt, einen Blick in die Seele ſeines Lieblingsdichters und— in ſeine eigene Seele hatte thun laſſen. Er wagte nicht aufzublicken, bis die unvermeidlichen: Allerliebſt! Reizend! nein, wie reizend! vorüber waren, und blätterte ſo lange ſchweigend in dem Buche. Dann machte er es leiſe zu und erhob ſich. Indem er aufſtand, fiel ſein Blick über den Theetiſch fort auf Mrs. Durham, die noch immer, die Hand auf die Lehne eines Stuhles geſtützt, etwas von der Gruppe entfernt, die Augen feſt auf Sven gerichtet, unbeweglich dageſtanden hatte. Svpen hätte beinahe laut aufgeſchrien. Das war daſſelbe Geſicht, das ihm neulich in der Dämmerung des Morgens erſchienen war— daſſelbe trotzig⸗düſtre, edel⸗ſtolze Geſicht mit der Welt von Leidenſchaft in den —————ncMfre R In der zwölften Stunde. 199 ſchmerzlich ſtarren Augen. Und dieſe Augen waren auf ihn gerichtet, forſchend, fragend— fragend— wonach? Aber nur für einen Augen⸗ blick; im nächſten ſchon war die kalte, theilnahmloſe Maske, an welcher Svpen heute den ganzeu Abend geräthſelt hatte, über das Geſicht gefallen. Mrs. Durham nahm wieder an dem Theetiſch Platz, an welchem jetzt eine lebhafte Debatte über Poeſie im Allgemeinen, amerikaniſche Poeſie im Beſondern, und Edgar Poe ganz im Speciellen enthrannt war. Der junge Privatdocent behauptete: er vermiſſe an dieſem Dichter die logiſche Präciſion, während die junge mit den blonden Locken der Meinung war, das letzte Gedicht ſei allegoriſch zu nehmen: der ſo reizend geſchilderte Garten ſei der Garten der Glückſeligkeit, der dem Dichter verſchloſſen war, und unter der Dame, die ihm ſo große un⸗ geſtillte Sehnſucht im Herzen erwecke, ſei die Tugend zu verſtehen. Sven erfuhr nicht, ob die Geſellſchaft dieſer geiſtreichen Conjectur beiſtimme oder nicht, denn er war durch die offene Thür auf die Terraſſe getreten. Ein magiſches Halbdunkel lag über der Landſchaft. Die Nacht war nur ein milderer Tag. Am weſtlichen Horizont glühten noch immer einzelne Streifen der Abendröthe. Aus dem tiefblauen Himmel leuchteten nur wenige Sterne, aber hinter dem Gebirge dämmerte es hell herauf, ſo daß die Conturen der dunklen Felsmaſſen ſich ſcharf von dem lichten Hintergrunde abhoben. Die Helligkeit kam von dem Monde, der, höher und höher ſteigend, plötzlich in voller Pracht über dem ſcharfen Rande emporſchwebte und ſein ſilbernes Licht die Seiten des Gebirges herab über die Wieſen und Felder warf und auf den ſtillen Waſſern des breiten Stromes ſchimmern und flimmern ließ. Sven hatte ſich mit verſchränkten Armen dicht an den Rand der Baluſtrade geſtellt. Er war in tiefes Sinnen verloren. Er ſah nichts von den zauberhaften Reizen der Landſchaft, die mit jedem Augen⸗ blicke wechſelten, er ſah nur eine hohe ſchlanke Geſtalt in einem weißen Gewande, und ein edel⸗blaſſes Antlitz und zwei große ſchmerzlich fra⸗ gende Augen. „Einen Augenblick nur allwiſſend! o, nur einen Augenblick!“ murmelte er. 200 In der zwölften Stunde. „Ein verhängnißvoller Wunſch!“ ſagte eine tiefe, melodiſche Frauenſtimme an ſeiner Seite. Sven fuhr erſchrocken aus ſeiner Träumerei empor. Neben ihm ſtand Mrs. Durham. In ihrem weißen Gewande, mit dem bleichen und in dem ungewiſſen Mondenſchein noch bleicherem Geſicht, aus dem die großen dunklen Augen ſtrahlten, erſchien ſie Sven wie ein ſchönes Geſpenſt. „Sie hier, gnädige Frau?“ rief er beſtürzt. „Sie wünſchen allein zu ſein?“ „Bewahre! ich glaubte nur, Sie noch dieſen Augenblick am Thee⸗ tiſch geſehen zu haben.“ „Den ich wahrſcheinlich aus demſelben Grunde, wie Sie verließ: Dem unerquicklichen Geſchwätz dieſer Menſchen zu entgehen. Ich habe Sie während Ihrer Lectüre bewundert, Herr von Tiſſow.“ „Mich? weshalb?“ „Das Sie überhaupt laſen— vor ſolchem Publikum ſolche Ge⸗ dichte laſen. Ich wäre es nicht im Stande.“ „Warum nicht?“ „Weil ich Niemanden in mein Herz blicken laſſen möchte.“ „Niemanden? Auch nicht den, welcher—“ „Wen?“ „Ich meine, der ſich ein Recht zu dieſem hohen Glück erwor⸗ ben hätte?“ „Wodurch?“ „Nun, durch ſeine Liebe etwa?“ „Was iſt Liebe?“ „Das iſt eine Frage, die ſo ſeltſam iſt, wie mein Wunſch nach Allwiſſenheit.“ „Ja, weshalb wünſchen Sie allwiſſend zu ſein?“ „Ich glaube, um Ihre Frage beantworten zu können.“ „Sie ſcherzen.“ „Nein.“ „So wiſſen Sie auch nicht, was Liebe iſt?“ „Ich ahne es nur. „Da geht es Ihnen gerade ſo wie— anderen Leuten.“ ———= acia Ai In der zwölften Stunde. 201 „Doch nicht, wie Ihnen?“ „Vielleicht doch.“ „Unmöglich.“ „Weshalb unmöglich?“ Wei „Sprechen Sie gerade heraus. Ich liebe für mein Leben eine offene Antwort auf eine offene Frage.“ „Weil Sie viel zu ſchön und viel zu geiſtreich ſind, als daß Sie nicht in Ihrem Leben leidenſchaftliche Liebe hätten einflößen ſollen, und Liebe, ſagt man ja, erweckt Gegenliebe und überdies—“ „Ueberdies?“ „Sie ſind ja verheirathet.“ „Und damit iſt freilich Alles geſagt!“ „Sollte wenigſtens Alles geſagt ſein.“ „Beſonders nach Ihrer Theorie.“ „Meiner Theorie?“ „Sagten Sie nicht, die Frauen ſeien ſo hülfsbedürftige, demuths⸗ volle, unterwürfige Geſchöpfe, daß die Leivenſchaft, zu gehorchen, bei ihnen ſtärker ſei, als jede andere Neigung? Beſtimmen Sie nicht den Werth einer Frau nach dem Talent, welches ſie für die edle Tugend des Gehorſams entwickelt? O! Sie denken ſehr klein von den Frauen!“ „Im Gegentheil! ich denke groß, ſehr groß von den Frauen. Ich finde in ihnen Fähigkeiten, die oft unentwickelt bleiben, Tugenden, die oft in ihr Gegentheil verkehrt werden, weil die Männer die einen nicht zu pflegen, die andern nicht zu würdigen verſtehen.“ „So liegt die Schuld doch an den Männern?“ „Gewiß, denn der Mann, als der Stärkere, hätte die Pflicht, die Frau zu ſich emporzuziehen; ſtatt deſſen zieht er ſie nur zu ſich herab, oder läßt ſie die Bahn zur Vollendung, die ſie auf ſeine Hand ge⸗ ſtützt, leicht und ſicher wandeln müßte, einſam, mühſelig hinanklimmen. Was Wunder, daß ihr da auf halbem Wege der Athem ausgeht? daß ſie, in der Blüthe ihrer Jahre, am gebrochenen Herzen ſtirbt!“ Svpen hatte dieſe letzten Worte mit tiefer Bewegung geſprochen. Die Erinnerung an ſeine edle, unglückliche Mutter überkam ihn mit ganzer Macht. Und hier an ſeiner Seite, umfloſſen von dem Dämmer⸗ 202 In der zwölften Stunde. licht des Mondes; ſtand eine Frau— jung, ſchön— ſchöner noch als ſeine Mutter, und— allem Anſcheine nach— nicht minder un⸗ glücklich als ſeine Mutter. Sein Herz war voll zum Ueberfließen. Er hätte die Hand dieſes ſchönen Weſens ergreifen und ſprechen mögen: ſage mir, was Dich quält! erzähle mir all' Dein Leid! für Dein Glück, für Dein Wohl will ich freudig meinen letzten Bluts⸗ tropfen hingeben! Aber von dem Allen kam nichts über ſeine Lippen. Er blickte ſtarr in die Landſchaft hinaus. Waren es Nebel, die aus dem Fluſſe aufwallten, waren es Thränen, die ſein Auge trübten,— ein Schleier ſchien ihm über Alles rings umher zu ſinken. Als er ſich aus ſeiner Erſtarrung aufraffte— war er allein. Einen Augenblick glaubte er, die Erſcheinung von Mrs. Durham und die ganze ſonderbare Unter⸗ redung geträumt zu haben. War es ihm doch immer noch, als ob er die tiefe melodiſche Stimme höre, ſchien ihm doch immer noch die ganze Atmoſphäre von ihrer Gegenwart erfüllt. Und da, vor ihm auf dem Rand der Baluſtrade, auf den ſie ihre Hand geſtützt hatte, lag der kleine Roſenſtrauß, den er vorhin zwiſchen den weißen Falten ihres Kleides an ihrem Buſen bemerkt hatte! Er nahm die Blumen, drückte ſie mit Innigkeit an ſeine Lippen und verbarg ſie an ſeiner Bruſt. Er hätte ſich gern mit ſeiner köſtlichen Beute unbemerkt davon⸗ geſchlichen. Es ſchien ihm unmöglich, jetzt zur Geſellſchaft zurückzu⸗ kehren, aber es mußte doch geſchehen. So trat er denn wieder in den Salon. Die Geſellſchaft war im Begriff aufzubrechen. Mrs. Durham ſtand unter den Damen, ruhig plaudernd, yöflich, kalt, wie ſie den ganzen Abend hindurch geweſen war. Mr. Durham und Benno traten an ihn heran. „Ich habe,“ ſagte Mr. Durham,„eben Herrn Weber(dies war Benno's Familienname) gebeten, ſich morgen Nachmittag bei einer Partie, die wir nach dem Gebirge machen wollen, zu betheiligen. Darf ich an Herrn von Tiſſow dieſelbe Bitte richten?“ Sven verbeugte ſich. „Um drei Uhr vielleicht, von unſerer Wi aus?“ „Ich werde mich pünktlich einfinden.“ Sven ging auf Mrs. Durham zu, ſich von ihr zu verabſchieden. In der zwölften Stunde. 203 Sie ſchien nach einer ganz andern Seite zu blicken, doch trat ſie, ſo⸗ bald er ſich näherte, einen Schritt aus der ſie umgebenden Gruppe heraus. „Sie kommen doch?“ 3 Sodann eine förmliche Verbeugung. Eine Minute ſpäter ſtand Svpen mit Benno auf der Straße. Benno war äuſterſt geſprächig. Er hatte ſich vortrefflich amüſirt. Mr. Durham hatte ausgezeichnete Sammlungen, Mr. Durham war ein„charmanter Kerl;“ er hatte mit Mr. Durham eine gevlogiſch⸗ zoologiſch⸗botaniſche Entdeckungsreiſe in die Berge verabredet; er hatte nie geglaubt, daß es unter dieſen„Roaſtbeefs“ ſo„charmante Kerle“ gebe. „Und Du ſagteſt kein Wort?“ rief Benno, als ſie vor Sven's Wohnung ſtanden. „Haſt Du mich denn zu Worte kommen laſſen?“ „Ja, das iſt freilich wahr. Addio bis auf morgen! Du biſt doch von der Partie? Das iſt vernünftig. Du nimmſt auffallend zu an Weisheit und Verſtand. Addio! vergiß den Laubfroſch nicht! er frißt auch Spinnen. Du kannſt ihm Deine reizende Wirthin geben.“ Sechstes Capitel. Als Sven am anderen Tage aus einem unruhigen Schlaf, in welchen er gegen Morgen gefallen war, erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel. Er hatte ſich kaum angekleidet, als es leiſe an ſeine Thür pochte und auf ſein Herein! Frau Schmitz in's Zimmer trat. „Gott ſei Dank, daß Sie endlich auf ſind, Herr Baron! Nein, welche Angſt ich ausgeſtanden habe! Viermal habe ich ſchon an Ihre Schlafſtubenthür gepocht. Ich glaubte, der Herr Baron ſeien ge⸗ 204 In der zwölften Stunde. ſtorben. Und Jeſus Maria! wie bleich Sie ſind! Eine Taſſe Kaffee mit dem Gelben von einem Ei? was?“ Und Madame Schmitz eilte davon, daß die bunten Haubenbänder hinter ihr herflatterten und kam alsbald mit Sven's Frühſtück zurück. „Ja, ja,“ ſagte ſie, während ſie die Sachen zurechtſetzte;„ich habe es ja immer geſagt, dieſes Haus iſt ſo ungeſund; es iſt eine Schande, daß ein Menſch ſo einen feuchten Keller an ſeine Mit⸗ menſchen vermiethet und ihnen ihr ſchweres Geld dafür abnimmt. „Dies Haus? Ihr Haus?“ ſagte Sven verwundert. „Jeſus Maria! Der Herr Baron müſſen wirklich recht unwohl ſein!“ rief Frau Schmitz, die magern Hände zuſammenſchlagend;„mein Haus?— mein Haus iſt das geſündeſte in der ganzen Stadt!“ „Aber was für ein Haus meinen Sie denn?“ „Welches Haus ich meine? Nun, doch kein anderes, als das von Frau Bartelmann. Freilich, ein Wunder iſt es nicht; es ſteht ja halb im Waſſer.“ Und Frau Schmitz lächelte verächtlich und warf ihre wiverſpänſtigen Hanbenbänder über die Schulter. „Aber ich verſtehe Sie in der Thät nicht,“ ſagte Svpen. „O,“ ſagte Frau Schmitz, die Hände über einander reibend, und den Kopf von einer Seite zur andern neigend;„der Herr Baron wollen mich nicht verſtehen. Freilich, es iſt nicht ſchicklich, daß eine Wirthin, die es gut mit ihren Herren meint, weiß, wo ſie ihre Abende zubringen. Und was geht es denn am Ende auch ſie an, ob ſie ſich m feuchten Häuſern den Schnupfen holen. Ich wollte mich auch eigent⸗ lich blos nach Miſtreß Durham erkundigen, weil ich immer noch Theil an meinen Herrſchaften nehme, obgleich ſie mich nicht mit ihrem Be⸗ ſuche beehren und ungeſunde Häufer, wo der Schwamm in allen Balken ſitzt, meinem Hauſe vorziehen. Haben der Herr Baron ſonſt noch etwas zu befehlen?“ Madame Schmitz war ſo tief beleidigt, wie der Knix, mit dem ſie ihre Rede ſchloß, tief war. Sven ſah, daß es die höchſte Zeit ſei, die Ekzürnte zu beſänftigen. Konnte ſie doch von Mrs. Durham erzählen! Madame Schmitz war in Svpens Augen plötzlich eine ſehr wichtige Perſon geworden. —————c ta In der zwölften Stunde. 205 „Aber, beſte Madame Schmitz,“ aief er,„weshalb haben Sie mir denn nicht gleich geſagt, daß das Haus von Frau Bartelmann daſſelbe Haus iſt, in welchem Mr. Durham wohnt; ich hatte es wirk⸗ lich vergeſſen, daß Sie mir die Sache ſchon geſtern mittheilten. Aber, wollen Sie nicht Platz nehmen, Madame Schmitz? Sie haben gewiß um dieſe Zeit nichts mehr in der Küche zu thun.“ „O, der Herr Baron ſind zu gütig,“ ſagte die ſchnell beſänftigte Frau Schmitz, ſich abermals— aber diesmal ohne nervöſe Gereizt⸗ heit— tief verbeugend und ſich auf den äußerſten Rand des dar⸗ gebotenen Stuhles ſetzend. „Ja, was ich ſagen wollte, liebe Frau Schmitz,“ fuhr Sven fort. „Das Haus iſt allerdings ſehr feucht, und ich ſagte auch geſtern ſo zu Mrs. Durham.“ „Wirklich? Und hat ſie auch von mir geſprochen?“ gewiß.“ „Und da hat ſie mir wohl allerlei Böſes nachgeſagt?“ fragte Frau Schmitz und es ſpiegelte ſich eine eigenthümliche Beſorgniß in ihren Zügen. „Ihnen Böſes? weshalb Böſes?“ „Nun die Herrſchaften ſind ſo eigen. Bald haben ſie dies zu tadeln und bald das. Und paſſirt es nun gar, daß ein unordentliches Mädchen etwas weggebracht hat— gleich muß es die arme Wirthin genommen haben.“ „Ich verſichere Sie, liebe Frau Schmitz, daß ein ſolcher häßlicher Verdacht nicht über die Lippen von Mrs. Durham gekommen iſt.“ Frau Schmitz ſchien durch dieſe Erklärung ganz beſonders beruhigt zu werden. Ihre Rührung war ſogar ſo groß, daß ſie die Zipfel ihrer Schürze nehmen wußte, um ſich die Augen zu trocknen. Sven wußte nicht, was er von dieſem Benehmen denken ſollte. Er kam auf den Verdacht, zu welchem Frau Schmitz exaltirtes Weſen öfters Ver⸗ anlaſſung gab, daß die gute Dame in dem Genuß ſpirituöſer Getränke nicht dasjenige Maß zu halten wiſſe, welches für eine ungetrübte Seelenſtimmung ſo nothwendig iſt. „Ja, ja,“ ſeufzte Frau Schmitz,„ich habe es ja iminer geſagt: Miſſis Durham iſt die beſte, genteelſte, nobelſte Frau auf der Welt, 206 In der zwölften Stunde. und Alles, was von ihrer Herkunft erzählt wird, iſt nur Klatſch, auf⸗ den kein vernünftiger Menſch hinhören muß. Ja, wenn die Herr⸗ ſchaften ohne Dienſtboten leben könnten! aber dieſe Mädchen, dieſe Mädchen! Da ſtehen ſie ſtundenlang am Brunnen und laſſen die Eimer überlaufen, während ſie ſich die Geheimniſſe ihrer Herrſchaften in die Ohren tuſcheln, und wir armen Frauen, wir kriegen dann Alles wieder zu hören; denn, ſagen Sie ſelbſt, Herr Baron, man kann doch auch am Ende ſolchem armen Dinge den Mund nicht verbieten, wenn es in der Küche am Feuer ſteht und es ſich für uns ſauer werden läßt.“ „Ei, freilich nicht,“ bemerkte Svpen. „Denken ſich der Herr Baron,“ ſagte Frau Schmitz, durch dieſe Beſtimmung ermuthigt, ihren Stuhl ein paar Zoll näher rückend,„da hat Miſſis Durham's Sophie— es iſt noch immer daſſelbe Mädchen, das Miſſis Durham in Dienſt nahm, als ſie vor vier Jahren bei mir wohnte— meiner Urſel erzählt;— aber wie geſagt, wer kann auf dergleichen Geſchwätz etwas geben. Man kann doch am Ende, wenn man zehn oder zwölf Jahre verheirathet iſt, nicht noch immer wie die Turteltäubchen leben. Du lieber Himmel! mein Köbes(Gott hab' ihn ſelig!) war der beſte Mann von der Welt, wenn er mir auch viele Sorgen gemacht hat, aber— Jeſus Maria! da klopft es— und ich bin hier ganz allein mit dem Herrn Baron, was ſollen die Leute—“ Und die vortreffliche Frau Schmitz ſprang wie electriſirt von ihrem Stuhle auf, ſchoß auf die Thür zu und hätte faſt Benno über⸗ gerannt, der, ohne die Antwort auf ſein Klopfen abzuwarten, ſo eben in's Zimmer trat. „Nun, beim Zeus!“ ſagte Benno; der enteilenden Dame lachend nachſchauend;„ich glaube gar, ich habe Dich in einem zärtlichen téte a töte mit Deiner Spinne geſtört! Guten Morgen, carissime! ſchlecht geſchlafen? Du ſiehſt verdammt hohläugig aus! ich merke, meine Praxis, die ich dem Dociren zu Liebe faſt ſchon an den Nagel gehängt hatte, kommt wieder in Schwung. Rathe einmal, zu wem ich heute morgen gerufen bin?“ „Ich kann es wirklich nicht ahnen, willſt Du eine Cigarre rauchen?“ „Danke, das heißt: bitte! Deine Cigarren ſind famos— zu Durhams!“ In der zwölften Stunde. 207 „Zu wem?“ rief Sven, in die Höhe fahrend. „Zu Durhams oder Dörhems— ich weiß nicht, wie es richtig iſt. Das aber iſt richtig, daß ich heute Morgen in dieſe Familie ge⸗ rufen bin, um— aber Du haſt gewiß Deinem Laubfroſch heute Mor⸗ gen noch kein Frühſtück vorgeſetzt. Das arme Thier hat nun ſeit acht Tagen nichts im Magen, als höchſtens die ſchlechte Behandlung, die ihm ſeitdem zu Theil geworden iſt. Ich muß ihm mit einer wohl⸗ genährten Fliege unter die Arme greifen.“ Und Benno fing an im Zimmer umherzurennen und mit der Hand über die Wände und Müöbeln zu fahren. „Und was ſollteſt Du dort, wenn man fragen darf?“ ſagte Sven, der unterdeſſen ſeine Verwirrung bemeiſtert hatte, mit mög⸗ lichſter Ruhe. „Ob Du fragen darfſt?— wieder nichts— warum ſollteſt Du nicht fragen dürfen?— halt! jetzt hab' ich dich, junge Schwärmerin— hinein zu dem grünen Galan, der dich vor Liebe auffreſſen wird. Haps! wie der Kerl ſchluckt! Gelt! das ſchmeckt prächtig?— So, nun ſtehe ich zu Deiner Dispoſition. Was ich bei unſern engliſchen Freunden ſollte? mir einen allerliebſten Jungen mit braunen Locken anſehen, der mich ungemein an Dich erinnert hat, als Du noch im Flügelkleide an Mamachens Schleppe hingſt— und mein ärztliches Gutachten darüber abzugeben, ob ein böſer Huſten, der ihn vor einer Stunde befallen hat, die Bräune ſei, oder nicht. Bei der Theilnahme, die ſich in Deinen Zügen ausprägt, ſteht zu vermuthen, daß es Dich freuen wird, zu hören, wie für den Augenblick keine Gefahr iſt. Indeſſen“— fuhr Benno ernſter fort;„ich fürchte, der hübſche Junge wird nicht alt werden; ich habe ihn auscultirt und Verſchiedenes an ſeiner Lunge entdeckt, was mir keineswegs gefällt.“ „Aber wie kam es, daß man gerade zu Dir ſchickte?“ „Nun, die Frage iſt naiv. Vermuthlich, weil man mich für das hält, was ich bin: für einen nicht ganz ungeſchickten Jünger Aes⸗ kulaps; und weil Mr. Durham und ich ſeit geſtern Abend geſchworne Freunde ſind.“ „Gefällt Dir Mr. Durham?“ „Ausnehmend; ja vielleicht ſo gut, wie Dir—“ 208 In der zwölften Stunde. „Nun?“ „Laß mich Deinen Puls fühlen.“ „Weshalb?“ „Zu ſehen, ob Du etwa heute beſonders nervös biſt. Eins, zwei, drei— o, es geht— alſo, wie Dir Mrs. Durham, oder Cornelie, um ſie bei ihrem ſchönen Vornamen zu nennen.“ „Cornelie heißt ſie? wie haſt Du das ſo ſchnell herausgebracht? weshalb meinſt Du, daß mir Mrs. Cornelie Durham gefällt?“ „Herzensmann, glaubſt Du denn, daß man blind und taub iſt? Meinſt Du, ich habe nicht bemerkt, wie ſchnell ein gewiſſes Opernglas bei Seite gelegt wird, wenn man zufälligerweiſe ohne anzuklopfen in's Zimmer tritt? wähnſt Du, ich habe den Narren vergeſſen, der geſtern dem unglücklichen Müller einer unſchuldigen Aeußerung wegen an den Kopf geworfen wurde? Denkſt Du, daß es nicht auffällt, wenn man ſchöne Frauen in einer Geſellſchaft, dir nicht groß iſt, Minuten lang fixirt, und hernach eine halbe Stunde lang im Mondenſchein mit ihnen ſchwärmt? Der kleine Müller ſagte mir heute Morgen—“ „Wer iſt denn nur dieſer ewige kleine Müller?“ „Haſt Du denn geſtern Abend den blonden Jüngling mit den rothen Backen am Theetiſch nicht bemerkt?“ „Der mit der blonden Dame, welcher nur noch ein rothes Band, mit einem Glöckchen daran, um den Hals fehlte, um ſie vollkommen zu machen, ſo geiſtreich discutirte?“ „Eben der— alſo der kleine Müller erzählte mir heute Morgen, die ganze Stadt ſpreche von der Gnade, die Du vor der ſchönen Mrs. Durham Augen gefunden haben müßteſt, denn bis jetzt hat ſich noch keiner rühmen können, ihre Aufmerkſamkeit auch nur vorüber⸗ gehend auf ſich gezogen zu haben.“ „Und warum erzählſt Du mir dieſen Klatſch?“ „Um Dich auf etwas aufmerkſam zu machen, das Dir wahrſchein⸗ lich bei der Einſeitigkeit Deiner Beobachtungen entgangen iſt und ich vermuthlich auch nicht bemerkt haben würde, wäre ich nicht darauf hingewieſen worden. Ich achte ſonſt, wie Du weißt, auf dergleichen nicht. Eh bien! man hatte mir geſagt, daß Mr. und Mrs. Durham nicht allzuglücklich mit einander lebten und nach dem, was ich heute ——————————— In der zwölften Stunde. 209 Morgen geſehen habe, muß ich geſtehen, daß mir dieſes on dit einigen Grund zu haben ſcheint.“ „Was haſt Du geſehen?“ „Eigentlich nichts, wenn Du willſt, und doch, wenn Du willſt, ſehr viel. Als ich kam, wurde ich von Mr. Durham empfangen und an das Bett des Kleinen geführt. In dem Zimmer ſtand noch ein Bett. Nach den Piſtolen, die darüber hingen, zu ſchließen, war es Mr. Durhams— nebenbei höchſt ſpartaniſches— Lager. Ich unter⸗ ſuchte das Kind und wir ſprachen dann, da es eingeſchlafen war, in dem Fenſter ſtehend, über eine halbe Stunde miteinander, und ich kann ſagen, daß die Achtung, die ich ſchon geſtern vor Mr. Durham hatte, durch dieſe Unterredung noch um ein Beveutendes vermehrt iſt. Ich glaubte, daß Frau Cornelie ebenfalls erſcheinen würde, aber keine Cornelie ließ ſich ſehen. Endlich fragte ich nach ihr.„Mrs. Dur⸗ ham iſt in ihrem Zimmer, glaube ich,“ ſagte Mr. Durham.„Wollen Sie ihr einen Beſuch machen?“ Da ich nicht Mrs. Durhams halber gekommen war, ſo dankte ich und ſagte: ich hätte Eile, und trollte mich.“ „Ich ſehe in dem Allen nichts Abſonderliches,“ ſagte Sven. „So meinte auch vorhin der Laubfroſch, als er die Fliege ver⸗ ſchluckte. Wir finden etwas, das uns convenirt, niemals abſonderlich. Wer aber der Frau ſeines Nächſten den Hof macht—“ „Benno!“ „Ach was! ich bin Dein älteſter Freund und wenn ich noch mit meiner Meinung hinter dem Berge halten wollte, ſo verdiente ich Stockprügel. Du machſt dieſer Frau den Hof, und wenn Du es noch nicht thuſt, ſo wirſt Du es thun. Verlaſſe Dich darauf! Und was ich Dir an's Herz legen wollte, iſt nun dies. Nimm Dich in Deinem Benehmen gegen Mrs. Durham wohl in Acht. Mr. Dur⸗ ham verſteht keinen Spaß und Mrs. Durham auch nicht. Das heißt: ſie iſt genau in den Jahren, wo die Frauen, beſonders wenn ſie nicht ganz glücklich ſind, und oft ſelbſt noch dann— ſich nur ſelten eine Gelegenheit zur Intrigue entgehen laſſen. Sie wiſſen: heute ſind ſie noch jung und morgen werden ſie es nicht mehr ſein; heute ſind ſie noch ſchön und alle Welt liegt zu ihren Füßen und morgen wird ſie Niemand mehr beachten. Dies Bewußtſein ängſtigt ſie. Wenn ſie Fr. Spielhagen's Werke. V.* 14 210 In der zwölften Stunde. noch irgend eine Forderung an das Leben zu haben glauben— und welche Frau, welcher Menſch, wenn Du willſt, wähnte ſich nicht der Gläubiger des Lebens und wäre es nicht auch im gewiſſen Sinne!— jetzt in der zwölften Stunde ſoll das Leben dieſe Forderung erfüllen. Jetzt fällt ihnen plötzlich ein, daß ſie eigentlich noch nie nach ihrem rechten Werthe gewürdigt und niemals ſo geliebt worden ſind, wie ſie es verdienen. Nun ſchauen ſie ſich die Männer doppelt ſcharf an, ob ſie nicht den Rechten entdecken können, den Mandatar, der Voll⸗ macht hat, alle auf das Leben ausgeſtellten Wechſel einzulöſen. Und glauben ſie ihn nun gefunden zu haben, ſo wird ihnen Mann und Kind, Haus und Hof, und Alles, was ihr iſt, gleichgültig; ſie werfen mit der größten Kalthlütigkeit die ganze Mahlzeit zum Fenſter hinaus um des einen einzigen Stückchen Zuckers Willen, das ihnen ſo ſüß erſcheint und meiſtens einen ſo bittern Nachgeſchmack hat. Und nun ſehe ich Dir an, daß Du vor Ungeduld über meine Vorleſung aus der Haut fahren möchteſt und ſchließe dieſelbe deshalb mit dem Worte des Dichters: ein Zeiſig war's und keine Nachtigall! Adieu mein lieber Sperber! heute Nachmittag kannſt Du zeigen, ob Du ſcharfe Fänge haſt. Stelle Dich nur pünktlich ein. Wir fahren mit dem Dampfſchiffe hinauf und mit einem Ruderboot zurück. Me miserum! es iſt ſchon ein Viertel auf zwölf; die höchſte Zeit, daß ich in's Colleg komme!“ Benno ſtülpte ſeinen Hut auf den Kopf und lief aus dem Zimmer. Sven war froh, als er allein war. Die beiden Geſpräche, mit Benno und ſeiner Wirthin, die ſich, ſeltſam genug, ohne daß er eine directe Veranlaſſung dazu gegeben hatte, um Mrs. Durham und nur um ſie drehten, hatten ihm für den übrigen Theil des Morgens voll⸗ auf Stoff zum Nachdenken gegeben. Siebentes Capitel. Man war mit dem Dampfſchiffe den Fluß hinauf gefahren und in dem Städtchen am Fuße des Gebirges gelandet. Die Geſellſchaft „ In der zwölften Stunde. 211 war ſehr zahlreich, faſt alle, die geſtern Abend in Mrs. Durhams Salon verſammelt geweſen waren: der Amerikaner, Dr. Müller, die junge Dame mit den blonden Locken und Andere, auch einige Eng⸗ länder, Alte und Junge. Es wurde darüber berathſchlagt, ob man den“Berg hinauf reiten oder gehen wolle? und da natürlich keine Uebereinſtimmung der Anſichten in dieſem Punkte zu erzielen war, die Wahl einem Jeden anheimgeſtellt. Die Engländer zogen faſt durch⸗ gängig vor, ſich beritten zu machen. Ihnen ſchloß ſich die junge Dame mit den blonden Locken an, da ſie es ſich äußerſt romantiſch dachte, in einer Cavalcade von Herren, die einzige Dame, ſtolz durch das Gebirge zu ziehen. Sie wünſchte ſich nur einen Falken auf die Hand, um das Bild vollkommen zu machen. Dieſe unſchuldige Grille wurde ihr von Niemandem verdacht, mit Ausnahme des Privatdocenten Müller. Herr Müller war kein Reiter, war es nie geweſen. Das Reiten hatte für ſeine zart angelegte Natur ſogar etwas er tſchieden Rohes, Gemeines, Wiberwärtiges, Centaurenartiges. Er nannte das Reiten„eine Reminiscenz des barbariſchen Mittelalters.“ Herr Müller haßte das Mittelalter und was damit zufammenhing, wegen des Man⸗ gels an„logiſcher Präciſion,“ der Allem, was aus dieſer Zeit ſtammte, anhaftete. Herr Müller docirte Logik und war modern vom Scheitel bis zur Sohle. Aber ſelbſt die logiſchſten Köpfe können ſich gegen die Wallungen des Herzens nicht immer ausreichend ſchützen und Herrn Müllers unlogiſches Herz ſchmachtete in den Feſſeln der Liebe— der Liebe zu jener romantiſchen Dame mit den Locken, die jetzt auf den barbariſchen Einfall kam, ſich einer Cavalcade langbeiniger Engländer auf kleinen Mauleſeln anzuſchließen. Herr Müller entſchloß ſich— mit lächelnder Miene, aber ſchwerem Herzen— ein ſtämmiges Pferd⸗ chen mit borſtiger Mähne und unruhig blickenden Augen zu beſteigen— das einzige, das übrig geblieben war, vermuthlich, weil es, mit hinten⸗ übergelegten Ohren, nach Jedem ſchnappte, der in ſeine Nähe kam. Die Cavalecade ſetzte ſich in Bewegung, voran die Dame mit den blonden Locken; neben ihr und hinter ihr her Albions langbeinige Söhne, die ſämmtlich von dem pretty girl entzückt waren, und es an etwas eckigen, aber wohlgemeinten Aufmerkſamkeiten nicht fehlen ließen, und ganz zuletzt der Verächter des Mittelalters auf ſeinem winer⸗ 14* 22 In der zwölften Stunde. ſpänſtigen Pferdchen, das von Zeit zu Zeit in jene für den Reiter ſo äußerſt unangenehme Bewegung gerieth, welche unter dem Namen „Bocken“ allgemein bekannt iſt. Die übrige Geſellſchaft folgte zu Fuß, im Anfang zuſammen⸗ haltend, dann aber je weiter man den Berg hinauf kam und je müh⸗ ſamer der Weg wurde, ſich in kleinere Partien trennend, indem die Rüſtigeren oder Ungeduldigeren vorauseilten, die Schwächeren oder Bequemeren zurückblieben. Zu den Erſteren gehörten Mr. Durham und Benno, die den Uebrigen bald ganz und gar aus den Augen ge⸗ kommen waren; zu den Letzteren ſchienen wenigſtens Svpen und Mrs. Durham zu gehören. Sven hatte ſich, eingedenk der Strafpredigt Bennos, im Anfange von Cornelie fern gehalten— beſonders auf dem Dampfſchiffe, wo es überdieß unmöglich geweſen wäre, einer hundertäugigen Beobachtung zu entgehen. Und ſeltſam! Dieſe Zurück⸗ haltung war ihm heute leichter geworden, als es nach dem über⸗ wältigenden Eindruck, den die ſchöne Frau geſtern Abend auf ihn gemacht hatte, möglich ſchien. Er hatte Cornelie geſtern beim Kerzen⸗ licht und dem geiſterhaften Schein des Mondes geſehen. Das war das rechte Licht für die ſtolze energiſche Schönheit dieſer Frau und für ihren nicht krankhaften, aber blaſſen Teint. Die Sonne freut ſich der friſchen, wenn auch weniger ſchönen, Geſichter, freut ſich der rothen Wangen, und hat ſelbſt gegen Sommerſproſſen nichts, wenn ſie nur durch ein ſchelmiſches Grübchen in den Backen entſchädigt wird. Sven bemerkte heute, daß Cornelie über die erſte Jugend hinaus ſei, daß Benno's ſcharfſinnige Bemerkung von der Schönheit, die über Nacht verblühen könnte, wirklich auf ſie paßte. Freilich, ſie war noch immer ſchön genug, und wenn der helle Tag vielleicht der ſinnverwirrenden Macht ihrer Reize etwas raubte, ſo konnte wieder hier, im Freien, ihr wundervoller Wuchs zur Geltung kommen und die unnachahmliche Anmuth, mit der ſie ſich bewegte. Dieſe Entdeckungen machte Sven, während man langſam den Berg hinauf ſtieg. Er hatte es ſtets ſo einzurichten gewußt, daß er einer von den Letzten war, damit es ihm immer vergönnt wäre, Mrs. Durham beobachten zu können. Sie war im Anfang bei der erſten Gruppe geweſen, nicht lange darauf war ſie bei der zweiten, da kam In der zwölften Stunde. 213 eine Ausſicht nach rechts über den Strom fort, die gar zu entzückend war und die ſie noch genießen wollte, während die Anderen weiter ſchritten, ſo mußte ſie denn nothwendig von der dritten Gruppe ein⸗ geholt werden, bei der ſich zufälligerweiſe auch Sven befand. Da beide mehr Sinn für maleriſche Schönheiten hatten, als die Uebrigen, ſo konnte es nicht ausbleiben, daß ſie öfter ſtehen blieben, um ſich hier einer Fernſicht zu erfreuen, dort eine Felſenzacke ganz in der Nähe zu bewundern, und ſich ſo bald von den Andern verlaſſen fanden. „Wir find allein geblieben;“ ſagte Mrs. Durham. „Wir wollen etwas ſchneller gehen;“ erwiderte Sven. „Wenn Ihnen an der Geſellſchaft nicht mehr liegt, wie mir, ſo bleiben wir in demſelben Tempo.“ „Mir an der Geſellſchaft etwas liegen? nicht das Mindeſte; aber ich glaubte, Ihnen deſto mehr, oder ich wüßte ſonſt nicht, weshalb Sie ſich einen ſolchen Zwang auferlegten.“ „Es iſt eine Grille von Mr. Durham. Er bildet ſich neuerdings ein, die Einſamkeit mache mich hypochondriſch. Deshalb ladet er zu uns, was nur den Wunſch blicken läßt, eingeladen zu werden. Apro⸗ pos, ich habe Sie geſtern ſchon fragen wollen, Herr von Tiſſow, welcher glückliche Zufall Sie denn eigentlich zu uns führte?“ „Ein Zufall in der That,“ erwiderte Sven,„ein Zufall, wie er zufälliger nicht ſein kann⸗— und er erzählte das Abenteuer, zu welchem Bennos Leichtſinn die Veranlaſſung gegeben hatte. Auch vergaß er nicht, den Eindruck zu erwähnen, den Mrs. Durhams Bild auf ihn hervorbrachte.„Ich habe in meinem Leben,“ ſagte er,„kein Bild geſehen, das mich ſo in tiefinnerſter Seele ergriffen hätte.“ „Ja,“ ſagte Cornelie,„es iſt ein ſonderbares Bild; manchmal ängſtige ich mich ſelbſt davor. Ich möchte wiſſen, ob ich jemals wirk⸗ lich ſo ausſehen könnte.“ „Noch geſtern Abend ſahen Sie ſo aus, genau ſo— freilich nur einen Moment, als ich das Gedicht von Poe geleſen hatte.“ „Wiſſen Sie, daß mir dieſes Gedicht eben ſo unheimlich iſt, wie jenes Bild, das ich kaum für mein Bild halten kann. Wie geht das zu? Das Gedicht iſt doch ſo ſchön.“ „Ja, es iſt die Schönheit eines Sonnenunterganges über ei 214 In der zwölften Stunde. Friedhof mit eingeſunkenen Kreuzen und halb von Moos überwachſenen Steinen. Es iſt die Schönheit eines Mädchens, deſſen dunkle Augen in einem Lichte glänzen, das viel zu magiſch iſt für dieſe proſaiſche Welt. Es iſt, mit einem Worte, die Schönheit des Todes, und das volle energiſche Lebensgefühl hat Grauen vor dieſer Schönheit.“ „Aber ich haſſe das Leben— wohin führt dieſer Pfad, der hier rechts von dem Wege an der Felſenwand entlang führt?“ „Auch hinauf auf den Gipfel. Aber er iſt nur für den betretbar, der gänzlich frei von Schwindel iſt.“ „Laſſen Sie uns dieſen Pfad gehen!“ „Um alles in der Welt nicht.“ „Glauben Sie, daß ich das Leben haſſen könnte, wenn ich mich vor dem Tode fürchtete? Kommen Sie!“ Und Mrs. Durham ſchritt den ſchmalen Pfad voran. Ueber ihnen erhob ſich die Felswand lothrecht, unter ihnen fiel ſie, viele hundert Fuß tief, lothrecht hinab. Sven war in früheren Jahren hier oft gegangen; er hatte nie eine Anwandlung von Schwindel ver⸗ ſpürt; heute ſchnürte ihm unſägliche Angſt die Bruſt zuſammen, nicht für ſich, für das ſchöne, wunderbare Weſen, das da, wenige Fuß von ihm entfernt, leicht und ſicher über die Steinblöcke ſchritt, von denen jeder einzelne ſie in die Tiefe reißen konnte. Als ſie die gefährliche Strecke ungefähr halb zurückgelegt hatten, wendete ſich Mrs. Dur⸗ ham um. „Sie ſehen blaß aus, Herr von Tiſſow,“ ſagte ſie, und es ſchwebte etwas wie ein ſpöttiſches Lächeln um ihre Lippen.„Fürchten Sie ſich?“ „Ich mich? nein. Aber Sie wiſſen, daß eine Gefahr, die man ſelbſt heiteren Muthes erträgt, ſchauerlich wird, wenn ſich ihr Jemand ausſetzt, der—“ „Nun, der— „Bitte, gehen Sie weiter; die Strecke iſt gleich zu Ende. Nur noch um dieſe Ecke; es iſt die ſchlimmſte Stelle; halten Sie ſich am Felſen feſt, und ſehen Sie nicht nach rechts in den Abgrund!“ Mrs. Durham ſchritt weiter, blieb genau an der von Sven be⸗ Pneten Stelle ſtehen, und blickte, die Arme über der Bruſt ver⸗ . ———— In der zwölften Stunde. 2¹5 ſchränkend, in die Tiefe. Der Wind, der hier auf dieſer luſtigen Höhe freies Spiel hatte, wehte mit ihrem Gewande und peitſchte den weißen Schleier ihres Hutes wie eine Flagge. „O, hier iſt es ſchön,“ rief ſie.„Hier fühlt man, daß die ſchwere Bürde des Lebens doch auch federleicht iſt; fühlt, daß man ſie ab⸗ ſchütteln kann, wie eine ſeidene Flocke. O, wie das herrlich iſt! Dies iſt der glücklichſte Augenblick, den ich ſeit langer, langer Zeit ge⸗ habt habe!“ Ihr Blick richtete ſich mit einer Art von Gier in die Tiefe. Ihr Buſen wogte. Sie zog den einen Handſchuh von der Hand und warf ihn hinab, als wollte ſie dem Tod ein Pfand hinſchleudern, um das . er mit ihr kämpfen könnte.(„ er ℳ Svpen konnte den Anblick nicht länger èrtragen. Er umfaßte die ſchöne Geſtalt mit ſtarkem Arm und zog ſie um die Ecke herum, einige Schritte, bis er die kleine Platte erreichte, auf welche dieſer Felſen⸗ pfad mündete. Hier ließ er ſie aus ſeinen Armen und ſagte: „Verzeihen Sie! ich vermochte dieſes Spiel mit der Gefahr nicht länger mit anzuſehen. Ich wußte, daß ich mir durch dieſe Kühn⸗ heit Ihren Unwillen für immer zuziehen könnte, aber ich wollte das immer lieber, als Sie vor meinen Augen in den Abgrund ſtürzen ſehen.“ Cornelie hatte, während Sven zu ihr ſprach, die Augen mit einem unerklärlichen Ausdruck auf ihn geheftet, regungslos dageſtanden, nur daß ein leichter Schauer, wie ein Fieberanfall, durch ihren Körper zu zucken ſchien. Die dunklen Augen wurden noch dunkler, noch glänzender, und aus den dunklen Augen rollten zwei helle Thränen, denen bald andere und andere folgten. Sie wandte ſich ab, ſetzte ſich auf einen der großen, moosbewachſenen Steine, die hier und da auf dem Boden lagen, drückte ihr Geſicht in ihr Tuch und brach in ein leidenſchaftliches Weinen aus, von dem ihr ganzer Körper krampfhaft geſchüttelt wurde. Svens Bewegung war kaum geringer. Sein Herz war von Mitleid und Liebe zum Ueberfließen voll. Er warf ſich vor der Weinenden auf die Knie; er ſuchte ihre Hände zu erfaſſen; er bat, er beſchwor ſie, ihm zu ſagen, daß er ſie nicht beleidigt habe.„O, 216 In der zwölften Stunde. weinen Sie nicht! weinen Sie nicht ſo!“ rief er,„dies iſt noch fürchter⸗ licher, als Sie am Rand des Abgrundes ſtehen zu ſehen!“ „Laſſen Sie mich weinen!“ ſchluchzte die ſchöne Frau,„Sie wiſſen nicht, welche Wohlthat dieſe Thränen für mich ſind.“ Sie wurde allmälig ruhiger; ihr Körper bebte nicht mehr, aber noch immer floſſen ihre Thränen, wie ein Quell, der endlich die Schranken, die ihn hemmten, durchbrochen hat. Sven blickte ſich ängſt⸗ lich um, ob nicht eines Lauſchers Ohr, eines Spähers Auge das Ge⸗ heimniß dieſes Auftritts entweihen könne. Aber ſeine Beſorgniß war unnöthig. Nach der Seite, von der ſie gekommen waren, ſchiebt ſich die Felswand wie ein Riegel vor, nach der andern Seite leitet der Pfad, rauh, mit Blöcken überſäet, kaum erklimmbar, durch dichtes Gebüſch weiter hinauf; hinter ihnen, lothrecht, ragt wohl noch zwei⸗ hundert Fuß und drüber, die ſteinerne Felſenmauer, die auf ihrer Krone die Burgruine trägt. Wenn man gerade über ſich hinaufblickt, kann man ſie eben noch, von dem tiefblauen Himmel ſcharf ſich ab⸗ hebend, erblicken. Die Platte, auf der ſich Sven und Mrs. Durham befanden, iſt wie eine letzte Stufe für den Fuß eines Rieſen, der die ſteile Felſentreppe emporklimmt; groß genug, um ſich auf ihr voll⸗ kommen ſicher zu fühlen und doch ſo winzig klein in Verhältniß mit den gewaltigen Dimenſionen rings umher, daß man in freier Luft zu ſchweben ſcheint. Nach vorn und nach den Seiten iſt der Blick un⸗ begrenzt. Unmittelbar unter uns fluthet der Strom, man glaubt einen Stein auf das Deck des Dampfers ſchleudern zu können, der mit un⸗ geheurer Geſchwindigkeit zu Thal ſchießt und weil man Meilen mit dem Blick umſpannen kann, kaum von der Stelle zu kommen ſcheint. Nach rechts verfolgt das Auge den Lauf des ſich in majeſtätiſchen Windungen hinſchlängelnden Fluſſes durch die weite Ebene bis zu der „heiligen Stadt“ an ſeinem Ufer; nach links ruht der Blick in der Nähe mit Entzücken auf der herrlichen Landſchaft, wo Fluß und Inſel und Ufer, Stadt und Dorf, grüner Weinberg und brauner Fels in wunderbarer Harmonie zu dem lieblichſten Bilde zuſammen⸗ treten, das, über den engen Rahmen der Ufer hinauswachſend, in mächtigen Hügelwellen weiterſchwillt, bis es am Horizont von blauen Bergen eingerahmt wird. In der zwölften Stunde. 217 Wie ſtill es iſt rings umher! Das Geräuſch der in das Waſſer peitſchenden Räder des Dampfers dringt nicht hinauf bis zu dieſer Höhe. Drüben am ufer bemerkt man die Pygmäengeſtalt eines Jägers. Er feuert auf ein Wild, das vielleicht aus dem Röhricht aufflatterte — man ſieht deutlich das blaue Säulchen des Pulverrauchs— aber man hört nichts— nichts, als das Schwirren der Inſecten in den Brombeerſträuchen, die überall um uns her zwiſchen den Felsblöcken emporwachſen— das, und den luſtigen Schrei des Falken, der hoch über uns, und hoch ſelbſt noch über der Ruine, ſeine Kreiſe in den blauen Lüften zieht. Sven ſah nichts von dieſem einzigen Bilde; er kniete vor der ſchönen Weinenden; er hielt eine ihrer Hände in der ſeinen; er ſprach zu ihr gute, milde Worte, wie ſie, dem Menſchen ſelbſt kaum bewußt, aus dem Herzen unerſchöpflich quillen, wenn es von Liebe und Mit⸗ leid in ſeinem tiefſten Grunde erregt iſt. „Ja, weinen Sie, weinen Sie,“ ſagte Sven,„es iſt beſſer ſo, viel beſſer, als die ſtumme Qual, die Ihnen das Herz zuſammen⸗ ſchnürt und wie eine Märtyrerkrone auf Ihrer ſchönen Stirne liegt. Habe ich ſelbſt doch noch heute Nacht Ihnen nichts Beſſeres zu wün⸗ ſchen gewußt, als Thränen: Ja, weinen Sie, weinen Sie! und wenn die finſtere Wolke, die über Ihren Auge ruhte, weggethaut iſt, dann wird Ihr Blick wieder klar werden, und Sie werden erkennen, wie reich das Leben trotz alledem und alledem iſt und wie ſchön die Welt.“ Cornelie hatte das Tuch von den Augen genommen. Die Thränen hatten jede Spur von Härte und Stolz aus ihrem ſchönen Antlitz ge⸗ wiſcht, es war weich und mild, wie eines Kindes Antlitz. Ihr Auge vermied nicht Sven anzublicken; es ſah ihn nicht; es ruhte voll und groß in der duftigen Ferne, als dämmere dort das Glück herauf, von dem die Stimme an ihrer Seite prophetiſch ſprach. „Und wenn,“ fuhr Sven fort, und ſeine Stimme bebte,„wenn Sie eines Freundes bedürfen, der nur den einen Wunſch hat, Sie glücklich zu wiſſen, der Alles daran ſetzen würde, Sie glücklich zu machen— o, ſo vertrauen Sie mir! Ich denke nicht an mich; ich will kein Glück für mich; und wenn mir in dieſen Stunden ein ſolches Glück vorgaukelte, ſo war es ein Traum, der ausgeträumt iſt. Eine —————— 218 In der zwölften Stunde. Stimme in meinem Herzen ſagt mir, daß ich Ihr guter Engel wer⸗ den kann, wenn ich mit reinem Willen nach dieſem hohen Ziele ſtrebe. O, kein Prieſter hat je das Allerheiligſte ſeines Tempels ſo behütet, wie ich Ihr Glück behüten und beſchirmen will.“ „Mein Glück?“ ſagte Cornelie, und ein wehmüthiges Lächeln ſpielte um ihre Lippen.„Mein Glück? wo iſt es? was iſt es? weiß ich es doch ſelber kaum.— Laſſen Sie uns weiter gehen!“ Sie erhob ſich und ging ſchweigend ein paar Schritte. „Herr von Tiſſow,“ ſagte ſie, plötzlich wieder ſtehen bleibend. Sven wandte ſich. „Geben Sie mir Ihre Hand!“ Svpen ergriff die ſchöne Hand und wollte ſie an ſeine Lippen ziehen. „Nein, nein! nicht! ich bin dieſer Huldigung nicht werth. Und dann: Sie ſind ja mein Freund! Nicht wahr, Sie ſind es? Sie wollen es ſein?“ Ja „Ich danke Ihnen! o, wie ſehr, wie ſehr danke ich Ihnen!“ Sie drückte ſeine Hand mit inniger Wärme. „Nun kommen Sie! Laſſen Sie uns zu den Anderen zurück⸗ kehren.“ Von der Felſenſpalte windet ſich nach der andern Seite der Pfad durch dichtes Gebüſch ſteil in die Höhe. Er iſt beſchwerlich, aber ohne Gefahr zu gehen. Sven half Mrs. Durham über die ſchlimmſten Stellen hinweg, ein paar Mal mußte er ihr die Hand reichen, um ſie empor zu ziehen. Aber geſprochen wurde kein Wort. Ehe Sven und die ſchöne Frau ſich von ihrer Erſchütterung ſo weit erholen konnten, um der Rede wieder mächtig zu ſein, hatten ſie ſchon die Höhe erreicht und traten aus den Büſchen hinaus auf den freien Platz vor dem Gaſthauſe, das auf dem Plateau unterhalb des eigentlichen Gipfels des Berges, der die Ruine trägt, erbaut iſt. Hier fanden ſie die Geſellſchaft in ſo große Unruhe, daß ihr Kommen kaum bemerkt wurde. Das kleine wiverſpänſtige Pferd des Privatdocenten hatte ſich, kurz bevor man auf der Höhe angelangt war, ganz plötzlich eine Andern beſonnen und war mit ſeinem unglücklichen Reiter, der ſich In der zwölften Stunde. 219 krampfhaft in den Mähnen feſthielt, den Weg, den es gekommen war, zurückgaloppirt. Niemand hatte das ſcheue Thier aufzuhalten vermocht; einige der Reiter hatten ſich ſofort aufgemacht, den Flüchtling zu ver⸗ folgen. Man wußte nicht, ob es ihnen gelingen werde, ihn einzu⸗ holen und fürchtete, der Docent werde ernſtlichen Schaden nehmen. Die junge Dame, deren romantiſche Grille die Veranlaſſung zu dem ganzen Unglück gegeben hatte, war ſehr blaß; Benno ſuchte ſie zu tröſten, indem er der unmaßgeblichen Meinung war, der Docent werde ganz gewiß glücklich mit einem Arm— oder Beinbruch davon kommen. Da ertönte luſtiges Geſchrei den Weg herauf, und bald erblickte man die Reiter, welche dem Flüchtling nachgeſetzt waren, in ihrer Mitte den Privatdocenten, der noch immer auf ſeinem widerſpänſtigen Pferde ſaß und nur der Sicherheit halber die Führung deſſelben zwei der jungen Herren anvertraut hatte, die das biſſige kleine Thier am Zügel führten. Der Docent trug eine ſtattliche Krone von Eichenlaub, die ihm ein Spaßvogel ſtatt des Hutes, welchen er bei ſeinem Sturmritt verloren, auf ſein logiſches Haupt gedrückt hatte. Die Damen klatſchten bei dieſem Anblick in die Hände, die Herren riefen Bravo! und die Dame mit den blonden Locken lispelte ihm, als er von ſeinem Renner, der voller Bosheit hinter ihm her ſchnappte, abgeſtiegen wat, zu:„Du haſt's erreicht, Octavio!“ Achtes Capitel. Es war Abend geworden. Man hatte das Gebirge durchſtreift, neue Punkte entdeckt, ſich verirrt, eine Brücke über einen Bach gebaut, eine Proceſſion an ſich vorüberziehen laſſen, die Taſchen voll Steine, Pflanzen und andere Merkwürdigkeiten gepfropft, die man nach und nach wieder wegwarf— mit einem Worte ſich himmliſch amüſirt, zu⸗ letzt auf dem freien Platz vor dem Gaſthauſe unter den Bäumen zu Abend gegeſſen und ſchließlich von der Ruine aus die Sonne unter⸗ gehen ſehen. Man hatte ſich nicht beeilt, denn der Abend war herr⸗ 220 In der zwölften Stunde. lich, und man wollte im Mondenſchein auf einem Boote nach der Stadt zurückfahren. Als man indeſſen endlich wieder unten angekommen war und ſich einſchiffen wollte, fand es ſich, daß die Geſellſchaft zu groß war, um in einem Boote fortzukommen und ſich deshalb in zwei Theile theilen mußte. Dies verurſachte eine nicht geringe Verwirrung. Es hatten ſich allerlei Sympathien und Antipathien gebildet und die wollten jetzt berückſichtigt ſein. Man zögerte, einzuſteigen, weil man fürchtete von Denen getrennt zu werden, die man gern hatte, oder mit Andern zu⸗ ſammenzutreffen, die man nicht leiden konnte. Dazu kam, daß es in dieſem Augenblick, wo die Sonne längſt untergegangen war und der Mond noch hinter den Bergen ſtand, ſehr ſtark dunkelte und Irrungen leicht möglich, ja faſt unvermeidlich waren. Man lachte, ſcherzie, de⸗ liberirte hin und her und kam nicht aus der Stelle. Endlich ſchlug Benno vor, zwei Parteiführer zu ernennen, die ſich jeder eine Dame wählen ſollten, die Damen follten ſich wieder Herren wählen, und ſo fort, bis die ganze Geſellſchaft untergebracht ſei. Man ging lachend auf dieſen Vorſchlag ein, jeder ſuchte ſich aus, wen er am liebſten hatte. Als die Reihe an Mrs. Durham kam, nannte ſie Sven. „Dacht' ich's doch,“ ſagte Benno ärgerlich bei ſich,„oder viel⸗ mehr, dacht' ich es doch nicht, daß ſie unvorſichtig genug ſein würden, ſich gegenſeitig zu wählen. Svpen hätte es auch nicht gethan, aber dieſe Frauen, wenn ſie einmal vom rechten Wege abkommen, rennen auch gleich querfeldein, ſo weit ſie ihre Füße tragen. Wollen Sie nicht hier in der Nähe des Steuers Platz nehmen, gnädige Frau?“ „Ich danke,“ ſagte Mrs. Durham;„ich ziehe es vor, vorne zu ſitzen; wollen Sie mir Ihre Hand erlauben, Herr von Tiſſow? So! danke!“ und ſie ſetzte ſich in die Spitze des Bootes, wo außer ihr nur noch Sven FPlatz hatte. „Nun denn!“ murmelte Benno;„was man nicht laſſen kann, das ſoll man thun, wie die würdige Madame Schmitz zu ſagen pflegt.“ Die Boote ſtießen ab und ruderten in den Strom hinein. All⸗ mälig verſtummte das Lachen und Scherzen, als fürchte man die ambroſiſche Schönheit der Nacht durch dieſe Töne zu entweihen. Wer In der zwölften Stunde. 221 noch ſprach, ſprach flüſternd, die Meiſten aber horchten ſchweigend auf das Plätſchern des Waſſers an dem Bug und die einförmige Muſik der in gleichmäßigem Takt eintauchenden und ſich wieder hebenden Ruder. Hinter dem Gebirge kam der Mond herauf und goß ſein magiſches Dämmerlicht über Ufer und Strom. Ueberall ſchimmerte und flimmerte es, ſelbſt die Tropfen, die von den Rudern perlten, erglänzten in ſeinem Licht. Da rauſchte es durch die Nacht, lauter und lauter; ein Licht er⸗ glänzte, heller und heller; es kam von dem Dampfer, der mit raſen⸗ der Geſchwindigkeit zu Thal fuhr. Noch einen Augenblick und er ſchoß an den Booten vorüber, die ihm ehrfurchtsvoll Platz gemacht hatten und trotzdem von den Wellen, die er aufgwühlt hatte, zum Entſetzen einiger Damen, tüchtig hin⸗ und hergeworfen wurden. Im nächſten Augenblicke war das brauſende Ungethüm ſchon weit entfernt und wieder hörte man nichts, als das Rauſchen des Kiels und das Plätſchern der Ruder. Da ertönte Geſang und Guitarrenſpiel; es kam aus einem Boote, das ſoeben aus dem Dußkel des Ufers heraus in die Mondeshelle trat. Studenten waren es, die in einem der Uferdörfer gezecht hatten. Ihr Boot durchſchnitt luſtig die ſchimmernde Waſſerfläche. Sie ſangen mit geübten Stimmen: Die Welle, die muß wandern Vom Berg in's tiefe Thal; Du ſchlankes, ſchwarzbraun Mädel, Dich grüß' ich tauſendmal. Das leichte Boot mit den luſtigen Geſellen überholte im Nu die ſchwerfälligen Fahrzeuge, in denen die Geſellſchaft ſich befand. Der Geſang kam jetzt aus größerer Ferne noch weicher und lieblicher her⸗ über. Sie ſangen: Ich grüß dich tauſendmale; Es muß geſchieden ſein— Ich wollt, ich läge Arm in Arm Mit dir im tiefen Rhein. 222 In der zwöiften Stunde. Der Geſang verhallte und wieder hörte man nichts als das Rau⸗ ſchen des Kiels und das Plätſchern der Ruder. „Wie ſchön dies Alles iſt,“ ſagte Svpen. „Ja,“ erwiederte Mrs. Durham;„ich wollte es wäre min⸗ der ſchön.“ „Weshalb?“ „Weil ich dann minder ſchmerzlich fühlen würde, wie todt und leer Alles in mir iſt.“ Spen und Mrs. Durham hatten, ſeit ſie wieder zur Geſellſchaft gekommen waren, während des ganzen Nachmittags und Abends ſehr wenig mit einander geſprochen, obgleich ſie ſich ſtets eines in des an⸗ dern Nähe gehalten hatten. Es iſt eine Bemerkung, die man häufig machen kann, daß in ſolchen Verhältniſſen die erſten Schritte mit einer gewiſſen Kühnheit, mit einer ſouveränen Gleichgiltigkeit gegen die Welt gethan werden, daß dann aber für längere Zeit ein Stillſtand einzutreten ſcheint. Die Pforten zum Heiligthum der Liebe werden mit Ungeſtüm geöffnet, aber auf der Schwelle ergreift die Nevphyten ein Zagen und Bangen. Und dann war Sven viel zu ſehr Neuling in ſolchen Verhältniſſen, als daß er auch nur daran hätte denken follen, die Macht, die ihm der Zufall in die Hände gegeben, in un⸗ würdiger Weiſe zu mißbrauchen. Er betete Cornelien an, aber ſeine Liebe war, was auch die Zeit aus ihr machen mochte, für den Augen⸗ blick glänzend rein, wie die hohen Sterne am Himmel. Er hatte nur den einen Wunſch, die ſchöne Frau glücklich zu ſehen. Dieſen Wunſch zu realiſiren, wäre ihm kein Opfer, aber auch keins zu groß geweſen. „Todt und leer?“ ſagte er,„wie iſt das möglich? Ein Geiſt, der ſo reich iſt, wie der Ihre, iſt nicht leer; ein Herz, das Thränen hat, wie ich Sie heute habe Thränen weinen ſehen, iſt nicht todt.“ „Sie halten mich für beſſer, viel beſſer, als ich bin. Ja, es gab eine Zeit, wo mein Herz reich war, überſchwänglich reich— doch, das iſt es nicht mehr. Ich habe geſehen, daß die Welt für die Liebe nur Spott und Hohn und im beſten Falle kalte Gleichgültigkeit hat. Wozu alſo die koſtbare Perle, die Keiner zu würdigen weiß? Wechſeln Sie die Perle für einen Sack voll Kupferpfennige ein und vertheilen In der zwölften Stunde. 223 Sie die mit vollen Händen unter die Leute. Damit iſt dem Menſchen viel mehr gedient.“ „Aber,“ ſagte Sven;„ich finde nicht, daß Sie dieſen Ihren Lebensregeln ſelber folgen. Im Gegentheil. Die banale Höflichkeit, die mit aller Welt gut Freund iſt, ſcheint Ihnen verhaßter als Alles. Sie ſind kalt und abſtoßend, ſtolz, beleidigend ſtolz für den Pöbel.“ „Weil ich der Heuchelei endlich fatt geworden bin, weil ich die Menſchen nicht für werth halte, ihrethalben ſich ſo viele Mühe zu geben. Ich liebe Niemanden, Niemanden auf der weiten Welt, und ſo will ich auch nicht die Maske der Liebe tragen.“ „Sie lieben Niemanden? auch nicht Ihre Kinder?“ „Lieben ſie denn mich? würden ſie ſich nicht binnen vierundzwanzig Stunden tröſten,— was ſage ich! würde es ſie überhaupt nur traun ig machen, wenn ich mich hier jetzt über Bord ſtürzte? Bewahr! Sie würden kaum nach mir fragen, und ſich ſofort beruhigen, wenn man ihnen einen Pony oder eine Puppe verſpräche.“ „Aber das iſt Kinderweiſe, und man darf ſich darüber nicht wun⸗ dern. Wir lieben die Kinder, nicht, weil ſie uns lieben, ſondern weil ſie unſerer Liebe ſo bedürfen.“ „Meine Kinder bedürfen meiner Liebe nicht,“ ſagte Mrs. Durham. „Sie ſind ja reich; ſie werden in ihrem Leben ſtets über hundert Hände verfügen können.“ „Aber auch über ein Herz, das ſie liebt? O, ich wollte, Sie hätten meine Mutter gekannt. Die hätte Ihnen Alles ſagen können, was ich ſagen möchte, und theils nicht zu ſagen wage und theils nicht zu ſagen weiß.“ „Sie haben Ihre Mutter recht geliebt?“ „Und ſie mich. Ich weiß, was eine Mutter ihrem Kinde, ja, was ſelbſt ein Kind ſeiner Mutter ſein kann. Meine Mutter war unglücklich, wie Sie, ob aus demſelben Grunde,— ich weiß es nicht, will und darf es nicht wiſſen. Sie hatte meinen Vater geliebt, ſe ſehr, daß ſie die Schranken, welche die Geſellſchaft unſern Leiden⸗ ſchaften zieht, kühn durchbrach, daß ſie ihren guten Ruf, ihre Ruhe, daß ſie Alles für ihn auf's Spiel ſetzte. Und die Unglückliche verler 224 In der zwölften Stunde. das Spiel. Der Gewinn ſtand mit dem Einſatze in keinem Ver⸗ hältniß.“ „Ihr Vater war Ihrer Mutter nicht werth?“ fragte Mrs. Dur⸗ ham und ihre Stimme zitterte. „Wenn Sie mich fragen: nein!“ „Vielleicht war er gar niedrig geboren— doch nein, das kann nicht ſein; Sie tragen ja ſeinen Namen; aber er war arm? bettel⸗ arm? nicht?“ „Nein, im Gegentheil: er war reich nach unſern Begriffen. Die äußere Lage meiner Mutter wurde durch dieſe Heirath, in der Folge wenigſtens, viel glänzender, als ſie vorher geweſen war.“ „O, ſo war die Partie doch nicht ſo ungleich geweſen. Aber nehmen Sie an, Ihr Vater wäre ſo arm geweſen, wie er leer an der echten Liebe war; arm, aus niedrigem, vielleicht ſogar verachtetem Stande und Ihre Mutter hätte täglich und ſtündlich nicht blos ihr Herz, ſondern auch ihren Stolz beleidigt geſehen. Wie würde ſie das ertragen haben?“ „Nicht ſchwerer, als das Gegentheil. Ein ſolcher äußerer Um⸗ ſtand würde nie einen Einfluß auf meine Mutter haben ausüben können. Ihre Liebe hätte dergleichen Armſeligkeiten verzehrt, wie Feuer Spreu.“ „Ich glaube es,“ erwiederte Cornelie;„ein Weib kann ſich über das Alles wegſetzen, wenn ſie nur lieben darf, wenn ſie nur wieder geliebt wird. Aber ein Mann? glauben Sie, daß auch ein Mann Alles ſo heroiſch ſeiner Liebe opfern könnte? vergeſſen könnte, daß das Weib ſeiner Wahl arm iſt, niedrig geboren iſt, daß er ſie aus dem Staube auflas, daß— vo, nie, nie! das vergißt kein Mann! Und wenn er über Alles ſich hinwegſetzt, ſo wird er ſich doch nie über⸗ reden können, daß ein ſolches Weib wirklich lieben kann. Sie hat ihm ja keine Opfer gebracht, kein einziges. Ohne Opfer iſt keine Liebe; an den Opfern erkennt man die Liebe. Wie ſoll er denn an Liebe glauben?“ Spen wußte nicht, was er antworten ſollte. War die Situation, wie ſie Mrs. Durham zuletzt ſchilderte, ihre eigene? Er fühlte den Boden unter ſeinen Füßen ſo unſicher, daß er keinen Schritt weiter zu gehen wagte. In der zwölften Stunde. 225 So ſaß er denn ſchweigend, und ſuchte in dem bleichen Geſichte der ſchönen Frau die Löſung der Räthſel zu leſen, ohne daß ihr Mund zu ſprechen nöthig hätte. Aber der fahle Mondenſchein war kein gün⸗ ſtiges Licht für dieſes Studium; er ſchien den Schleier des Geheim⸗ niſſes nur immer dichter zu weben. Unſägliche Trauer erfüllte Svpen's Herz. Die ambroſiſche Schönheit der Nacht hatte für ihn ihren Zau⸗ ber verloren; die ſchöne weite Welt war für ihn verſunken, all' ſein Denken, all' ſein Fühlen concentrirte ſich in dem einen Intereſſe für die unglückliche Frau an ſeiner Seite. Mrs. Durham ſchien ebenſowenig im Stande, die abgebrochene Unterhaltung wieder aufzunehmen. Sie blickte ſtarr in die blaue Dämmerung heinein. Dann wandten ſich ihre Augen auf Sven; ſie ſah ihn lange ſchweigend an, während ſeine Augen forſchend und traurig auf ihr Antlitz geheftet waren. „Sie ſind gut;“ ſagte ſie,„ſo gut! Denken Sie nicht an mich! Mir iſt doch nicht zu helfen.“ „Wenn ich das glaubte, ſo möchte ich nicht länger leben.“ Er ergriff ihre herabhängende Hand. Sie verſuchte nicht, ſie ihm wieder zu entziehen. So ſaßen ſie, Hand in Hand, ſtill, in ſich verſunken, bis die Lichter der Stadt ſich in dem Waſſer ſpiegelten, und die Boote ganz in der Nähe von Durham's Villa in einer kleinen Bucht knirſchend auf den Sand des Strandes fuhren. „Wir ſind angekommen,“ ſagte Mrs. Durham, ihre Hand aus der ſeinen ziehend.„Gute Nacht! Nicht wahr, ich ſehe Sie morgen?“ Svpen empfahl ſich nicht bei der übrigen Geſellſchaft. Er mochte mit Niemanden ſprechen, er mochte Niemanden die Hand reichen. Er giug, ohne ſich umzuſehen, eilenden Schrittes die Straße, die vom Ufer zu ſeiner Wohnung führte, hinauf. Plötzlich berührte Jemand ſeine Schulter. „Weshalb ſo eilig, earissime?“ ſagte eine Stimme. Es war Benno. „Wir haben uns ja eigentlich den ganzen Tag nicht geſprochen,“ fuhr er fort.„Wollen wir nicht noch gemeinſchaftlich einen Schoppen ausſtechen?“ „Nein.“ Fr. Spielhagen's Werke V. 15 226 In der zwölften Stunde. „Kurz und bündig, man könnte ſagen: grob. Iſt dies der Mann, der für mich bis jetzt als ein Muſter der Höflichkeit und des guten Betragens vorleuchtete? O, Svpen, Du gefüllſt mir nicht.“ „Um ſo beſſer iſt es, wenn wir uns trennen; gute Nacht!“ „Höre Sven,“ ſagte Benno, ſtehen bleibend und Sven bei einem Knopfe ſeines Rockes feſthaltend,„der Augenblick, Dir den Tert zu leſen, iſt vielleicht nicht günſtig gewählt; aber ich muß es doch thun, weil mir periculum in mora zu ſein ſcheint.“ „Ich bin in der That nicht aufgelegt, heute Abend noch viel zu hören;“ ſagte Sven. „Scheint ſo,“ erwiederte Benno;„ich will deshalb auch die herr⸗ liche Predigt, die ich Dir halten wollte, ungepredigt laſſen und mich auf einfache Thatſachen beſchränken. Thatſache aber iſt, daß Dein Benehmen gegen Mrs. Durham und vice versa allgemein auffällt, daß die Geſellſchaft hinter eurem Rücken die allerliebſten Grimaſſen ſchneidet; daß Mr. Durham eben ſo wenig blind iſt, wie ich, oder ein Anderer und deshalb zu vermuthen ſteht—“ „Du wollteſt Dich auf Thatſachen beſchränken.“ „Sapienti sat! ich glaubte, Du wäreſt der Weiſen Einer; aber ich ſehe, Du biſt der Thorheit nicht weniger unterthan, als Andere und vielleicht noch mehr, weil Du Dich von Deiner Weisheit beſchützt wähnſt. Svpen, Sven! Du glaubſt auf der geraden Straße zu reiten, und galoppirſt querfeldein, daß einem Hören und Sehen vergeht. Du glaubſt—“ „Du fängſt ſchon wieder an zu predigen. Gute Nacht!“ „Ich wünſche Dir ein Gleiches, obgleich ich vermuthe, daß mein Wunſch nicht in Erfüllung gehen wird;“ rief ihm Benno nach. „O, dieſe Liebe, dieſe Liebe,“ philoſophirte Benno, während er allein ſeinen Weg fortſetzte; ich wollte, ich könnte ein Radicalmittel dagegen erfinden, und Sven davon morgen eine tüchtige Doſis in ſeine Suppe miſchen. Hm, Hm! Die ganze Sache würde mir un⸗ geheuren Spaß machen, wenn ſie nicht ſo verdammt ernſthafte Seiten hätte. Dieſer Spen, wenn er ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat, iſt ſo eigenſinnig, wie ein verzogener Junge, der er nebenbei im Grunde auch iſt; dieſe Miſtreß Cornelia ſcheint mir eine höchſt ge⸗ In der zwölften Stunde. 227 fährliche Dame, die mit dem kleinen Finger die ganze Hand und den ganzen Kerl dazu nimmt; und mein ſehr ehrenwerther Freund, ihr Gemahl, iſt nicht der Mann, ungeſtraft mit ſich ſpielen zu laſſen. Was iſt dabei zu thun! Hm, hm! im„Wilden Manne“ iſt noch Licht. Das trifft ſich gut. Ich will mir die Sache doch einmal bei Licht beſehen und einen Schoppen Walportsheimer dazu trinken. Nenntes Capitel. Es war ſeit dieſem Abende ungefähr eine Woche verſtrichen. Sven und Benno waren faſt tägliche Beſucher in Mr. Durham's Villa ge⸗ weſen. Aber ſie kamen und gingen meiſtens zu verſchiedenen Zeiten und verfolgten offenbar bei ihren Beſuchen ſehr verſchiedene Intereſſen. Benno war in ſeiner Eigenſchaft als Arzt oft ſchon des Vormittags dort; Svpen war bis jetzt nur immer des Abends da geweſen, wenn noch anderer Beſuch zu erwarten ſtand. Benno wußte ſchon im gan⸗ zen Hauſe Beſcheid und ging meiſtens direct in Mr. Durham's Zimmer, um mit ihm zu experimentiren oder eine Cigarre zu rauchen und wiſſenſchaftliche Geſpräche dabei zu führen; Sven kannte nur die Ge⸗ ſellſchaftsräume und eigentlich nur den Salon mit der Terraſſe davor. Der Abend brachte ſtets ein oder den andern Beſuch. Der Amerikaner fehlte nie: er hatte ſchon vor acht Tagen abreiſen wollen, aber jeden Tag einen neuen Grund entdeckt, der ihn nöthigte, ſeine Abreiſe noch um vierundzwanzig Stunden aufzuſchieben. Sven kam es vor, als ob für Mr. Curtis der Theetiſch von Mrs. Durham daſſelbe war, was das Licht für die Motte iſt. Svpen haßte Mr. Curtis. Auch der Privatdocent und die junge Dame mit den blonden Locken kamen häufig, letztere in Begleitung ihrer Mutter, einer gelehrten kleinen Profeſſorswittwe, die alle möglichen lebenden Sprachen kannte und auch eine oder die andere todte. Außerdem verſchiedene Engländer, beſonders junge, die ſich Studirens halber— wie vie Phraſe lautet — in der Univerſitätsſtadt aufhielten, ihre Zeit indeſſen vorzugsweiſe 15 In der zwölften Stunde. mit Fiſchefangen, Segeln, Rudern auf dem Strom und anderen der Geſundheit zuträglichen Vergnügungen verbrachten. Auch Mr. Smith nebſt Frau und vier Töchtern, von deſſen Antecedentien Madame Schmitz ſo ſchauerliche Dinge erzählt hatte, und der, wie Sven jetzt erfuhr, ein ſtiller Countrygentleman war, welcher ſich, um ſeinen etwas derangirten Vermögensverhältniſſen wieder aufzuhelfen, auf dem Con⸗ tinent aufhielt, und während ſeines ganzen Lebens wahrſcheinlich keinen Menſchen hatte hängen ſehen, geſchweige denn fünfhundert, wie Ma⸗ dame Schmitz behauptete, ſelbſt aufgehängt hatte. Wenn Sven auf der einen Seite dieſen Zuſammenfluß von Men⸗ ſchen, welchem ſich Mrs. Durham in ihrer Eigenſchaft als Wirthin doch immer einigermaßen widmen mußte, ſehr übel empfand, ſo mußte er auf der andern Seite der Geſellſchaft dankbar ſein, da ſie ihm Gelegenheit verſchaffte, ſich mit der angebeteten Frau, und war es auch manchmal nur auf Minuten, ungeſtört zu unterhalten. In dieſen Abendgeſellſchaften herrſchte, wie es in engliſchen Häuſern Sitte iſt, nicht der mindeſte Zwang. Jeder durfte ſich als Glied der Familie betrachten; kam, wann er wollte, ging, wann er wollte, und that während ſeiner Anweſenheit ebenfalls was er wollte: las, zeichnete, ſpielte Clavier, blätterte in Kupferſtichſammlungen, unterhielt ſich, ſchwieg, war heiter oder melancholiſch, wie er mochte oder konnte. Da die Thür nach der Terraſſe fortwährend offen ſtand, ſo galt dieſelbe als ein Theil der Geſellſchaftsräume und es hatte nichts beſonderes Auffallendes, daß Sven und Mrs. Durham manchmal längere Zeit daſelbſt auf⸗ und abpromenirten, oder auf die Baluſtrade gelehnt über den im Abendlicht erglänzenden Fluß nach dem Gebirge ſchauten. Saß doch manchmal die ganze Geſellſchaft draußen und wandelten der Privatdocent und die junge Dame mit den blonden Locken manch⸗ mal noch länger im eifrigſten Geſpräch an der Thür vorüber. Und dann war die Terraſſe ein Lieblingsort der Kinder, die für Sven eine große Liebe gefaßt hatten, und fortwährend Geſchichten erzählt haben wollten. Beſonders des Abends, wenn die Lichter im Salon angeſteckt waren und der Fluß ſo roſig leuchtete, und einzelne Sterne aus dem tiefblauen Himmel hervorſchimmerten. Dann kamen ſie und baten und baten, bis er ſich zu ihnen hinſetzte. Kitty kletterte 5 In der zwölſten Stunde. 229 in dem Eifer des Hörens auf ſeinen Schooß, Edgar ſchmiegte ſich auf der andern Seite an ihn und blickte mit ſeinen großen träu⸗ meriſchen Augen zu ihm empor, während er die köſtliche Geſchichte erzählte von dem Grafen, der ſeine drei Töchter an die drei Unge⸗ thüme verkaufte, die hernach die ſchönſten Prinzen von der Welt waren; von Schneewittchen über den Bergen bei den ſieben Zwergen; vom Aſchenbrödel und Allerleirauh, und, wenn die deutſche Märchen⸗ welt dem abenteuerluſtigen Edgar zu einfach war, die Geſchichte von Sindbad, dem Seefahrer, von Abdallah, dem Kaufmann, und von Harun al Raſchid, dem herrlichen Kalifen von Bagdad.— Dann kam Mrs. Durham wohl und ſetzte ſich ganz ſtill in die Nähe und hörte zu. „Wie kann Sie das nur intereſſiren?“ fragte Sven. „Mir hat, als ich ein Kind war, Niemand Märchen erzählt,“ erwiederte ſie.„Das Alles muthet mich ſo wunderbar an, als hätte ich es ſchon erlebt oder geträumt, oder doch geleſen wenigſtens. Und doch kann es nicht ſein; wir haben in England keine ſo ſchöne Märchen.“ „Sind Sie denn keine Deutſche?“ „Wie kommen Sie darauf?“ fragte Mrs. Durham und der Ton ihrer Stimme drückte nicht geringes Erſtaunen aus. Sven gerieth einigermaßen in Verlegenheit. Er verdankte die Nachricht von Cornelien's deutſcher Abſtammung der ſehr trügeriſchen Quelle von Madame Schnmitz' Mittheilungen, die ſich nun ſchon ſo oft als Märchen erwieſen hatten. „Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin,“ antwortete 3 „vermuthlich weil Sie ſo vortrefflich Deutſch ſprechen.“ „Aber Mr. Durham ſpricht es nicht ſchlechter.“ „Doch; er macht Fehler, die ich nie von Ihnen gehört habe.“ „Vielleicht iſt mein Sprachtalent größer. Und dann bedenken Sie doch: wir ſind ſchon zweimal in Deutſchland geweſen, das erſtemal faſt drei Jahre lang. Da iſt es kein Wunder, daß wir Alle einen etwas deutſchen Anſtrich haben.“ Mrs. Durham ſagte die mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit, als habe es ihren engliſchen Stolz verletzt, nicht für eine Engländerin 530 In der zwölften Stunde. gehalten zu werden. Svpen mußte jetzt ſelbſt lächeln, daß er den phantaſtiſchen Erfindungen ſeiner Wirthin ſo unbedingten Glauben geſchenkt hatte. Ee mußte ſich doch ſagen, daß ſo gleichmäßig ruhig, ſo vornehm kalt, wie Mrs. Durham ſtets in Geſellſchaft ſich zeigte, nur eine Engländerin ſein konnte, und wenn, wie es häufig geſchah, engliſch geſprochen wurde, erſchien Mrs. Durham's deutſche Abſtammung erſt recht aus der Luft gegriffen. „Verzeihen Sie,“ ſagte er;„es war mir ein lieber Gedanke, Sie für eine Deutſche halten zu dürfen. Ich liebe mein Vaterland über Alles und möchte deshalb gern, daß Alles, was gut und ſchön iſt, aus Deutſchland ſtammte.“ „Würden Sie nie eine Ausländerin heirathen?“ „Ich werde niemals heirathen.“ „Wenn Sie nicht heirathen, wer ſoll es denn?“ „Weshalb ich mehr, als Andere?“ ₰ „Weil Sie liebreicher und deshalb auch liebebedürftiger ſind, als die Meiſten.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Wäre ich eine Frau, wenn ich dergleichen nicht wüßte?“ „Und wenn Sie ſich nun doch irrten?“ „Das iſt unmöglich.“ „Aber ich haſſe die Ehe.“ „Warum?“ „Weil ſie die Menſchen unglücklich macht.“ „Vielleicht liegt das nur an den Menſchen und nicht an der Ehe;“ erwiederte Cornelie.„O, ich kann mir eine Ehe denken— aber frei⸗ lich, denken kann man viel! Man ſollte gar nicht denken. Das Denken macht uns traurig und krank. Denken wir alſo lieber nicht, oder denken wir nur daran, wie wir uns morgen amüſiren wollen.“ Sie ſprach das mit düſteren, traurigen Augen, aber mit einem peinahe leichtfertigen Tone, der Sven häßlich durch die Seele ſchrillte. Es fielen ihm der Ophelia Worte ein:„O, welch' ein edler Geiſt iſt hier zerſtört!“ Es war ſeit dem Tage, wo die Geſellſchaft im Gebirge geweſen war, eine Veränderung mit Mrs. Durham vorgegangen. Sie hatte In der zwölften Stunde. 237 die gleichmäßige kalte Ruhe, hinter welcher ſie früher, wie hinter einer undurchdringlichen Maske, Alles barg, was in ihr vorging, verloren. Sie war weicher und mittheilſamer geworden; ſie gab ſich erſichtlich Mühe, an dem, was um ſie her geſchah, Theil zu nehmen. Sie war in ihrem Betragen gegen Mr. Durham weniger abſtoßend, oder genau ausgedrückt, nicht ganz ſo eiſig höflich, wie früher; ja ſie redete ihn ein paar Mal direct an, was Sven in den erſten Tagen nie von ihr gehört hatte. Sie beſchäftigte ſich mehr mit den Kindern; ſie ließ Kitty neben ſich ſitzen und lehrte ſie die Sticknadel führen; ſie in⸗ tereſſirte ſich für Edgar's Angelruthe und half Sven bei der An⸗ fertigung eines coloſſalen Drachen. Dann aber kamen wieder Tage und Stunden, wo der alte Dämon ſie wieder ganz und gar zu be⸗ herrſchen ſchien, wo ſie ſich von dem Leben, wie von etwas Wider⸗ wärtigem, Unerträglichem finſter abwandte und ihr Geſicht auf Mo⸗ mente den unheimlichen Ausdruck des Bildes trug. Spen machte alle dieſe Wandlungen mit, wie der Schatten die Bewegungen ſeines Körpers. Seine Liebe für Cornelie war mit jedem Tage, mit jeder Begegnung nur ſtärker, inniger geworden.- Er lebte nur für ſie, er dachte nur an ſie, er träumte nur von ihr; der Ge⸗ danke, dieſes edle, ſchöne Geſchöpf, das ſcheinbar ſo alle Anwartſchaft zum Glücklichſein hatte und doch ſo unglücklich war, dem Leben, dem Glück zurückgeben zu müſſen, war bei ihm zur fixen Idee geworden. Er fühlte wohl, daß der Schwerpunkt der ganzen Frage in das Ver⸗ hältniß von Mrs. Durham zu ihrem Gemahl fiel; daß hier der Kno⸗ ten geſchürzt ſei, und hier ſich löſen müſſe. Dennoch war er über dieſen Punkt, jetzt nach einer Woche, in welcher er die Gatten täglich zuſammen geſehen hatte, nicht klarer, wie am erſten Tage. Er ſah wohl ein, daß, wenn er Vermittler zwiſchen den beiden Gatten wer⸗ den wollte, er das Vertrauen des Mannes ebenſo haben mußte, wie das der Frau. Dennoch that er nichts, um mit Mr. Durham in ein intimes Verhältniß zu treten. Benno hätte hier gute Dienſte leiſten können, denn Benno ſchien ſich die Freundſchaft des kalten Engländers wie im Sturm erobert zu haben; aber zwiſchen Sven und Benno war ſeit dem Abend der Fahrt in das Gebirge eine merkliche Ent⸗ fremdung eingetreten. Benno kam wohl noch zu Sven, aber ſie ver⸗ In der zwölften Stunde. mieden, wie auf Verabredung, über Durhams zu ſprechen. Wenn ſie ſich des Abends in der Villa trafen, ſo gingen ſie ſich aus dem Wege. Mr. Durham ſelbſt behandelte Svpen, ohne die kalte Höflichkeit, die ihm zur zweiten Natur geworden zu ſein ſchien, abzulegen, mit der größten Aufmerkſamkeit; ja, es war Sven manchmal, als ob Mr. Durham geradezu ein Entgegenkommen ſeinerſeits wünſchte, und als ob es nur ſein Stolz nicht zuließe, ſich offener um ſeine Freundſchaft zu bewerben. Mr. Durham hatte ihm ſeine ausgezeichnete engliſche Bibliothek zur Verfügung geſtellt; hatte ihn gebeten, bis ſein Pferd angekommen ſein würde, ſich des ſeinigen zu bedienen, und als Sven einmal den Wunſch ausſprach, in einem Boote auf den Rhein ſegeln zu können, wie er es oft auf ſeinem heimiſchen Meere gethan hatte, ſich erboten, an der Partie Theil zu nehmen, und ſelbſt für ein paſſen⸗ des Boot zu ſorgen. Dennoch— und es iſt dies ein Beweis, daß Leidenſchaft die Todfeindin der Gerechtigkeit iſt— dennoch redete ſich Sven in eine Abneigung gegen Mr. Durham hinein, die um ſo größer wurde, je dringender des Engländers ſtets gleiches, würdiges Be⸗ nehmen die entgegengeſetzte Empfindung, zum mindeſten Hochachtung zu heiſchen ſchien. So ſtanden die Sachen, als Sven eines Abends zu der gewöhn⸗ lichen Stunde einen Beſuch in der Villa machte. Er fand Mrs. Durham mit den Kindern allein. Sie ſagte, daß Mr. Durham mit Benno ausgegangen ſei, jedenfalls aber bald wiederkommen werde, da er heute— es war ein Donnerstag, wo der Salon allen Be⸗ kannten geöffnet war— nicht wohl vom Hauſe fortbleiben könne. So ſetzte ſich Sven und machte ſich mit den Kindern zu ſchaffen. Edgar ſchleppte ſeinen Drachen herbei. Der Drache hatte ein böſes Loch bekommen; Sven ſollte ihn wieder zurechtflicken. Hernach wollte Kitty die Geſchichte von dem„ſtandhaften Zinnſoldaten,“ der ſich in die hölzerne Puppe mit den rothen Backen verliebte, noch einmal hören. So verging wohl eine Stunde, während Mrs. Durham auf dem Sopha ſaß und las, und nur von Zeit zu Zeit ein Wort in das Geplauder der Kinder hineinredete. Unterdeſſen war die Zeit herbeigekommen, wo die Kinder zu Bette gehen mußten; beſonders Edgar, der wieder an ſeinem alten Huſten litt. Sie wurden, nachdem ſie natürlich gegen In der zwölften Stunde. 233 die Gewalt, die ihnen angethan wurde, energiſch proteſtirt hatten, von Nanch, der alten engliſchen Dienerin, weggeführt und Sven und Cornelie waren allein; zum erſten Male wirklich allein ſeit der Scene auf dem Gebirge. „Ich will auch, wie die Kinder, gute Nacht ſagen, obgleich ich wo möglich noch weniger Luſt, wie ſie, zum Fortgehen habe;“ ſagte Sven ſich erhebend.„Es kommt heute Abend doch Niemand mehr. Das Wetter iſt den guten Leuten zu ſchlecht.“ Obgleich Spen aufgeſtanden war, ſchien er es doch nicht eben eilig zu haben. Er ſtellte ſich an die Glasthür, die auf die Terraſſe führte und heute geſchloſſen war und beobachtete den Zug der Wolken, die ein ſauſender Sturm über den Abendhimmel wälzte. Cornelie erwiderte nichts, ſie ſtarrte noch immer in das Buch. Die Seite auf der ſie las, mußte ſehr ſchwer zu Verſtehendes ent⸗ halten; ſie hatte das Blatt ſeit einer Viertelſtunde nicht mehr umge⸗ ſchlagen. Sven trat an ſie heran. „Gute Nacht!“ ſagte er. „Gute Nacht!“ erwiderte ſie, ohne von dem Buche aufzublicken. „Sie pflegten mir ſonſt, wenn ich ging, die Hand zu reichen;“ ſagte Sven nach einer Pauſe, in welcher kein Laut in dem Zimmer gehört wurde, als das Tiktak der Pendule und das Klatſchen der Regentropfen auf den Scheiben. Cornelie reichte ihm die Hand. „Gute Nacht!“ wiederholte ſie, aber noch immer war ihr Geſicht über das Buch gebengt. „Habe ich Sie erzürnt? Was habe ich gethan, daß Sie mich nicht eines Blickes würdigen?“ Sven erhielt keine Antwort, aber er ſah, daß zwei große Tropfen auf das Blatt fielen. Das war eine Antwort, die Sven in's Herz ſchnitt. Er ver⸗ mochte nicht länger ſich zu beherrſchen. Er warf ſich vor der Weinen⸗ den auf die Knie. Er nahm ihre Hand und küßte ſie voll innig⸗ ſter Liebe. „Gute Nacht, gute Nacht,“ rief er,„Du Einzige! gute Nacht In der zwölften Stunde. für heute und für immer! Ich vermeg dieſe ſtumme Qual nicht länger zu ertragen. Ich liebe Dich mit aller Kraft meiner Seele. Ich könnte jeden Blutstropfen in meinen Adern für Dich hingeben; aber Dich leiden zu ſehen, ohne Dir helfen zu können— durch meine Anweſenheit vielleicht noch gar Dein Unglück vergrößern— das kann ich, das darf ich nicht. Leb' wohl, leb' wohl, für heute und für immer!“. Er preßte ihre Hände noch einmal an ſeinen Mund und erhob ſich, um fortzugehen. „Nein, nein!“ rief Cornelie, ſich ebenfalls erhebend und die Hände bittend nach ihm ausſtreckend;„nein! geh' nicht fort, Sven: Du biſt ja der Einzige, der mich lieb hat auf Erden— was ſoll aus mir werden, wenn auch Du mich verläßt!“ „Ich kann Dir hier nichts nützen; ich kann weiter nichts, als mich in der Qual, Dich unglücklich zu ſehen, verzehren. Und dies Gefühl iſt wie ein böſer Traum, wo man das Liebſte vor ſeinen Augen ertrinken ſieht und helfen will, und nicht von der Stelle kann. O, dies Dunkel, dies beängſtigende Dunkel! Für einen Augenblick, für einen Augenblick nur Allwiſſenheit!“ Spen ging in der größten Aufregung im Zimmer hin und her, mehr zu ſich, als zu der ſchönen Frau ſprechend.— „Was wollen Sie wiſſen, Sven? ich will Ihnen Alles ſagen, was ich ſagen kann.“ Syen blieb vor ihr ſtehen und ſagte mit leiſer Stimme: „Haſt Du Deinen Gatten je geliebt?“ „Ja.“ „Und— hat er Dich je geliebt?“ „Ich glaube, ja.“ „Und— liebſt Du ihn— liebſt Du ihn noch?“ „Ich liebe Dich.“ Es war kaum vernehmbar dieſes„Ich liebe Dich;“ aber es er⸗ ſchütterte Sven wie ein Donnerſchlag. Er warf ſich der ſchönen Frau zu Füßen; er ergriff ihre Hände, um ſie mit Küſſen zu bedecken. Sie ſuchte, ängſtlich faſt, ihn emporzuziehen. In der zwölften Stunde. 235 „Nein, nein!“ rief ſie;„Du darſſt nicht vor mir knien! Durch Deine Liebe lebe ich, bin ich erſt! Wie kann der Schöpfer knien vor ſeinem Geſchöpf?“ Sie küßte Sven auf die Stirn. Im nächſten Augenblick war ſie aus dem Gemach verſchwunden. Jehntes Capitel. Sven hatte umſonſt die Arme nach der Enteilenden ausgeſtreckt. Wie ein Traumbild, ſchnell, ungreifbar, war ſie entſchwunden. Und wie ein Traum war ihm auch, was er in dieſen letzten Minuten er⸗ lebt hatte. Er geliebt— geliebt von der Frau, die ihm wie eine Göttin, hoch und herrlich, unerreichbar fern erſchienen war; das Siegel, womit ſie ihr Bekenntniß geheilgt, noch heiß auf ſeiner Stirn fühlend— wie hatte er dies verdient? Ja, hatte er ein ſo hohes Glück nur er⸗ ſtrebt, gewollt? Hatte er ſie nicht aus dem wogenden Meere, auf welchem das Schiff ihres Glückes trieb, retten wollen in den ſchirmen⸗ den Hafen? Und ſah er ſie jetzt nicht weiter als je von dem Ziele der Ruhe, der Sicherheit und des Friedens entfernt? Ging nicht Bennos Prophezeihung ſchon in Erfüllung? War er nicht dem Räuber gleich, der ſich, den köſtlichen Schatz zu ſtehlen, in ein von dem Be⸗ ſitzer verlaſſenes Haus geſchlichen hat?... Er blickte verſtört um ſich. Die Stille in dem Gemache be⸗ ängſtigte ihn; er horchte auf das Tiktak der Uhr und auf die Regen⸗ tropfen, die gegen die Fenſter ſchlugen.... Würde Mrs. Durham wieder kommen?— Er hatte ihr ſo viel zu ſagen— ſo viel! Er wollte ihr ſagen, daß er kein Glück für ſich erſtrebe, welches ſie mit Thränen und Reue, mit Opfern aller Art bezahlen müßte, daß er ſie liebe, ja! innig, heiß liebe, daß der Ge⸗ danke, von ihr wieder geliebt zu werden, ihn mit Seligkeit erfülle— mit unendlicher Seligkeit, und doch auch wieder mit einer Wehmuth, einer Trauer, wie ſie das Herz bedrückt, wenn wir um ein Ideal, an * 236 In der zwölften Stunde. dem wir mit gläubiger Seele hingen, betrogen ſind.— Er wollte ihr ſagen— was nicht alles?— eine Welt— eine Welt, die ihm doch ſelbſt ein halbes Chaos war. Er hatte ſich auf einen der Stühle geworfen und den fieberheißen Kopf auf die Hand geſtützt. Er hatte vergeſſen, wo er war; ver⸗ geſſen, daß es ſchicklich und gerathen für ihn ſei, ſich jetzt zu entfernen, daß der Dienerſchaft ſein Bleiben auffallen müſſe.. So mochte er wohl eine Viertelſtunde geſeſſen haben, als er durch einen Schritt im Nebenzimmer aus ſeiner Träumerei aufgeſchreckt wurde. Er hoffte, es werde Cornelie ſein, und das Blut drängte ſich zu ſeinem Herzen— noch einen Augenbkitk und— nicht Cornelie, ſondern ihr Gatte trat in das Zimmer. „Good evening, Sir! how do you do“ ſagte Mr. Durham, indem er an Sven vorbeigehend, ohne ihm, wie gewöhnlich, die Hand zu bieten, ſich mit dem Rücken an den Kamin ſtellte, obgleich noch⸗ kein Feuer darin brannte.. „Ich danke, gut, und Sie?“ erwiverte Svpen, ohne ganz genau zu wiſſen, was er ſagte. 3 „Thank Jyou, very well!'“ ſagte Mr. Durham. Eine Pauſe trat ein, die von Seiten Svens eine nicht wenig ver⸗ legene war. Seine Ehrlichkeit empörte ſich gegen dieſen freundſchaft⸗ lichen Verkehr mit einem Manne, der, wenn er eine Ahnung der Wahrheit gehabt hätte, aus einem ganz andern Tone mit ihm ge⸗ ſprochen haben würde. Er fühlte ſich recht klein und erbärmlich in dieſer Maske des Heuchlers, die er zum erſten Male in ſeinem Leben trug. Er warf einen prüfenden Blick auf Mr. Durham; es war ihm, als ob er auf dem Geſichte des Mannes ſein Urtheil leſen müßte. Aber Mr. Durhams Antlitz war ſo ruhig und kalt, wie immer, viel⸗ leicht um eine Schattirung blaſſer wie ſonſt; indeſſen mochte das auch nur an der Beleuchtung liegen. Mr. Durham hatte noch immer ſeinen Platz in der halbdunkeln Ecke des Zimmers vor dem leeren Kamine nicht verändert. „Where is Mrs. Durham?“ fragte er plötzlich. „Sie war noch eben hier,“ erwiderte Sven, und die Worte blieben ihm faſt in der Kehle ſtecken. In der zwölften Stunde. 237 „Oh, so!“ ſagte Mr. Durham. Wiederum eine Pauſe. „Ich glaube, wir werden heute Abend allein bleiben,“ begann Spen von neuem. „Seems so!“ ſagte Mr. Durham. Abermals hörte man nichts als das Tiktak der Uhr und das Pochen der Regentropfen auf den Fenſterſcheiben. „Wie ſteht's mit unſerer Segelpartie?“ fing Sven, dem dieſe einſilbige Unterhaltung nachgerade unerträglich wurde, zum dritten Male an.„Haben Sie ſich nach einem Boote umgeſehen?“ „Oh yes; ich habe heute ein ſehr ſchönes gekauft; nicht über⸗ mäßig groß, aber ſtark und ſchnell. Ich werde es Nire nennen. Very nice näme, is it not?“ erwiderte Mr. Durham, wie er es oft that, engliſch und deutſch durcheinander ſprechend. „Nire?“ ſagte Sven;„o gewiß ein hübſcher und paſſender Name. Wir ſollten es heute einweihen. Es iſt richtiges Nixen⸗ wetter.“ Svpen hatte das in einem Tone geſagt, der ſcherzhaft ſein ſollte, und war deshalb nicht wenig verwundert, als Mr. Durham nach einer kleinen Pauſe ſo ruhig wie immer ſagte: „Wohl! ſollen wir gehen?“ „Wohin?“ „Sagten Sie nicht, wir wollten die Mermaid heute Abend ein⸗ weihen?“ In dieſem Augenblicke rüttelte der Wind heftiger wie zuvor an den Jalouſien vor den Fenſtern; die Thür, die auf die Terraſſe führte, ſprang auf. „An Wind wird es jedenfalls nicht fehlen;“ ſagte Sven, noch immer es für unmöglich haltend, Mr. Durham könne im Ernſte ſprechen. „Well,“ ſagte Mr. Durham, den Kragen ſeines Rockes in die Höhe ſchlagend,„then let us Er zog die Klingel und ſagte zu dem eintretenden Diener: „Mr. Tissow's great coat and hat!“ „Alſo iſt es wirklich Ihr Ernſt?“ ſagte Sven.— 238 In der zwölften Stunde. „Why not?“ erwiderte Mr. Durham, bedächtig ſeinen Rock zu⸗ knöpfend.„Wenn ich nicht irre, hatten Sie ſich gerade einen ſtürmi⸗ ſchen Tag gewünſcht. Sie können nicht leicht einen paſſenderen finden.“ Der Diener brachte Spens Sachen. „Ich ſtehe zu Dienſten,“ ſagte Sven. Sven wußte jetzt, daß Mr. Durham in der That nicht ſcherzte; er wußte, daß Mr. Durham die eben ſtattgehabte Scene beobachtet hatte und daß er jetzt, ſo oder ſo, Rechenſchaft fordern werde, Ge⸗ nugthuung für die ihm widerfahrene Schmach. Svens Herz pochte, aber nicht vor Furcht, ſondern von jener erwartungsvollen Ungeduld, mit welcher der Muthige einer Entſcheidung entgegengeht, die unver⸗ meidlich iſt. Er war entſchloſſen, dem Manne, gegen den er jetzt grimmigen Haß empfand, komme, was da wolle, in keinem Punkte nachzugeben; wenn es ſein müßte, auf Tod und Leben mit ihm zu kämpfen. Dieſe Gedanken durchzuckten ſein Hirn, während er im düſtern Schweigen Mr. Durham die Treppe der Terraſſe hinab, wenige Schritte am Ufer entlang bis zu einem Orte folgte, wo eine kleine Einbucht eine Art von Hafen bildete. Hier lagen ſtets mehre Boote, die von Fiſchern an Ruder⸗ und Segelluſtige vermiethet wurden. Als ſie ſich den Booten näherten, rief ſie ein Mann, der bei denſelben Wache hielt, an. „Ich bin es;“ ſagte Mr. Durham. „Ah, ſo! was wollen Sie ſo ſpät, Miſter?“ „Mein neues Boot. Wir wollen noch eine Stunde ſegeln.“ „Was?“ ſagte der Mann;„heute Abend? es iſt ja ein wahres Teufelswetter, Miſter.“ „Gerade deshalb;“ erwiderte Mr. Durham. Es iſt heute Abend gefährlich zu ſegeln, Miſter.“ „Gerade deshalb.“ Mr. Durham war in das Boot geſtiegen— ein winziges Boot, das drei, höchſtens vier Perſonen faſſen konnte— hatte den kleinen Maſtbaum in der Mitte aufgerichtet, das Segel zum Aufziehen zu⸗ recht gelegt— „All right?“ ſagte Mr. Durham. In der zwölften Stunde. 239 Svpen war ſchon im Boot und hatte eine Stange ergriffen, um das Fahrzeug vom Ufer zu entfernen. Das leichte Bvot gehorchte willig dem Druck; Mr. Durham zog das Segel auf; das Fahrzeug neigte ſich auf die Seite und ſchoß über die Wellen dahin. „Na, ſo ein verrücktes Volk iſt mir denn doch auch noch nicht vorgekommen;“ ſagte der Schiffer, ihnen nachſchauend,„der Eine iſt noch immer toller, wie der Andere. J nu! mir kann es gleich ſein; das Boot iſt bezahlt und gut bezahlt; wenn ſie partout erſaufen wollen— es hat ja Jeder ſein beſonderes Vergnügen, wie der Teufel ſagte, als er ſich in die Neſſeln ſetzte. Prrr! was das heute kalt iſt, wie im November!“ Und der Mann nahm einen tüchtigen Schluck aus ſeiner Brannt⸗ weinflaſche, hüllte ſich dichter in ſeine wollene Jacke und kroch wieder in die Kajüte, aus der ihn Mr. Durham und Sven aufgeſcheucht hatten. Unterdeſſen hatten dieſe, ſeitdem ſie das Ufer verlaſſen, das un⸗ heimliche Schweigen noch immer nicht gebrochen. Mr. Durham ſaß am Steuer und hatte zugleich die Segelleine in der Hand; Sven ſaß vorn im Boot. Die Dunkelheit brach ſo ſchnell herein, daß es in wenigen Minuten beinahe Nacht wurde; immer drohender wälzten ſich die ſchwarzen Wolkenmaſſen über den Himmel, immer ſchmaler wurde der ſchmale ſchmutzigrothe Streifen, der, als ſie vom Lande ſtießen, den weſtlichen Horizont umſäumt hatte. Der Wind wehte nicht regel⸗ mäßig. Einmal ließ er ſo gänzlich nach, daß das Segel an den Maſt klappte, das andere Mal brach er wieder mit ſolcher Heftigkeit hervor, daß das Boot ſich tief auf die Seite neigte und mit unheimlicher Geſchwindigkeit durch die ſiedenden Waſſer ſchoß. In ſolchen Augen⸗ blicken fiel auch der Regen manchmal ziemlich dicht und vermehrte das Schauerliche der Situation. Da der Wind gerade gegen den Strom wehte, ſo wühlte er tief das Waſſer auf, das ſich in reichlichem Sprüh⸗ regen über das kleine Fahrzeug ergoß, während es, wie ein unge⸗ duldiger Renner, in kurzen, heftigen Sprüngen in die krauſen Wellen ſtampfte. Die Lichter, die in der Stadt hier und da ſchon angezündet waren, verſchwanden in dem Maße, daß man ſich von ihr entfernte, mehr und mehr. Das dunkle, niedrige Ufer war oft durch den ſprühen⸗ 240 In der zwölften Stunde. den Regen gänzlich verhüllt— man hätte glauben können, auf offenem Meere ſich zu befinden. Plötzlich brach der Sturm mit neuer fürchterlichter Wuth herein. Das leichte Boot neigte ſich auf die Seite und war in einem Nu halb mit Waſſer gefüllt. „Wir ertrinken, bei Gott!“ rief Sven, indem er ſich mit einer unwillkürlichen Bewegung aus dem Vordertheile des Bootes nach dem Platze am Steuer ſtürzte. „Zurück;“ rief Mr. Durham mit ſtarker gebieteriſcher Stimme; „meinen Sie, Knabe, ich wüßte nicht, was ich thue? ein Druck meiner Hand und das Fahrzeug kehrt das Oberſte zu unterſt! das wird dem⸗ nächſt vielleicht geſchehen; aber zuvor wünſche ich noch ein paar Worte mit Ihnen zu reden. Alſo ſitzen Sie ſtill und hören Sie mich an!“ Spen ſchämte ſich der Regung von Todesfurcht, die ihn für einen Moment ſeiner Faſſung beraubt hatte. Er ließ ſich wieder auf ſeinem Platze nieder und ſprach ſo ruhig, als er vermochte: „Was haben Sie mir zu ſagen?“ „Nur dies“ erwiderte der Engländer;„daß Sie an mir gehan⸗ delt haben, wie ein Bube. Ich habe Ihnen die Gaſtfreundſchaft meines Hauſes geboten, Sie haben dieſe Freundſchaft angenommen und während Sie lächelten und meine Hand drückten, haßten Sie mich und triumphirten heimlich über meine Blindheit und meine Schwäche. Ich hätte Ihnen mein Vermögen, das Leben meines Weibes, meiner Kinder anvertrauen können und Sie haben mir be⸗ wieſen, daß man bei Ihnen und Ihresgleichen Treue vergeblich ſucht. Wiſſen Sie, Herr, was man in meiner Sprache einen Gentleman nennt, und was die Quinteſſenz eines Gentleman iſt? Ehre, Wahr⸗ heit. Ihr Deutſche habt den Namen ſowenig, wie die Sache.“ Svens Blut kochte, als ſein Gegner ſo Beleidigung auf Be⸗ leidigung häufte. Daran zu denken, wie tödtlich er ſelbſt den Maun gekränkt hatte, vermochte er in dieſem Augenblicke nicht. Er hätte ſich auf ihn ſtürzen, ihn mit den Händen erwürgen mögen; aber dann hätte er ihm nicht ſagen können, was zu ſagen ihm das Herz ab⸗ vrückte. „Sind Sie zu Ende?“ rief er in wilder Haſt;„nun denn, ſo In der zwölften Stunde. 241 hören Sie auch mich! Ich ſchleudre Ihnen jedes beleidigende Wort, das Sie mir geſagt haben, in die Zähne zurück! Sie wagen von Verrath, von Treubruch zu ſprechen, den ich an Ihnen begangen haben ſoll? Ich habe die Gaſtfreundſchaft verletzt! wohl! wie haben denn aber Sie gegen ein armes Mädchen gehandelt, das Ihnen in Ihr Haus folgte, vertrauend, daß Sie ihr Vater und Bruder und Gatte ſein würden? Sie wollte nichts als Liebe— etwas Andres verlangt kein edles Weib— aber das war das Einzige, das Sie nicht zu geben hatten! Liebe! was weiß ein herzloſer, kalter Egviſt, wie Sie, von Liebe! Was haben Sie aus dem koſtbaren Pfand gemacht, das in Ihre plumpe, ſchnöde Hand gelegt wurde? aus dem weichherzigen, hochſinnigen Mädchen ein innerlich gebrochenes Weib, das ſich an ſeinem Stolz feſtklammern muß, um nicht zu verſinken. Ich habe Ihnen geraubt, was Sie niemals beſeſſen haben, zu beſitzen niemals würdig waren. Ich habe es Ihnen geraubt und ich freue mich deſſen! Was hilft es Ihnen, daß Sie, erbärmlicher Prahler mit Ehre und Treue, mich treulos hierher gelockt haben, damit ich ertrinke, wie ein Hund! lebend oder todt iſt die Herrliche doch mein, und Sie haben ſie verloren, ob Sie nun leben oder ſterben.“ Während Sven der Leidenſchaft, die in ſeinem Herzen hämmerte und in ſeinen Schläfen pochte, dieſe halb wahnſinnigen Worte lieh, bemerkte er nicht, wie das Boot vor dem Sturm her mitten in den Fluß und in das Fahrwaſſer trieb, hörte er nicht, wie ein Brauſen, das ſchon ſeit einigen Minuten durch die plätſchernden Wellen und den klatſchenden Regen dumpf herübergetönt, immer näher und näher kam; ſah er nicht, wie ein rothes Auge durch den Nebel ſtarrte; nicht, wie eine dunkle gewaltige Maſſe aus dem Nebel auftauchte und in fürchterlicher Eile auf ſie zuſchoß, bis der Donner der in das Waſſer peitſchenden Räder des zu Thal ſauſenden Dampfers ihn aus ſeinem Wahnſinn aufſchreckte und das rothe Feuerauge des Ungeheuers höh⸗ niſch auf ihn niederſtarrte. „Steuern Sie rechts, um Gotteswillen ſteuern Sie rechts!“ rief er aufſpringend und auf Mr. Durham losſtürzend. „Wozu?“ ſagte Mr. Durham.„Ich habe ſie verloren, ob ich nun lebe oder ſterbe; aber Sie, Sie ſollen ſie auch nicht haben.“ Fr. Spielhagen's Werke V 16 In der zwölften Stunde. Und damit drückte er das Ruder auf die Seite, daß das leichte Boot unmittelbar in die Welle flog, welche der Dampfer im nächſten Augenblicke durchſchneiden mußte. Und jetzt war das Ungeheuer da. Ein Stoß, ein Krach, ein wilder Schrei— Stop! das Brauſen der von den nun ſtill ſtehenden Rädern aufgewühlten Wellen— eine an dem ſchwimmenden Svpen vorüberſchießende dunkle Maſſe— ein Strick, der von Bord, auf gut Glück, hinabgeworfen wird, und ihm in die Hand fällt, die ſich krampfhaft um das Werkzeug der Rettung ſchließt— kräftige Arme, die ihn an der pfeilſchnell herabgelaſſenen Schiffstreppe in Empfang nehmen— und dann eine tiefe Vergeſſen⸗ heit, die ſich wohlthätig über die durch den Graus der letzten Scenen bis zum Wahnfinn überreizte Seele breitet. Elftes Capitel. Sven war noch beſinnungslos, als man ihn eine halbe Stunde ſpäter in ſeine Wohnung ſchaffte, und ſo fand ihn auch noch Benno, nach welchem Madame Schmitz in ihrer Herzensangſt ſelbſt gelaufen war. Benno war ſo erſchüttert, daß er die ganze Kraft ſeines elaſti⸗ ſchen Geiſtes aufbieten mußte, um mit Feſtigkeit die Anſtalten treffen zu können, welche Svens Zuſtand erforderte. Als ein reichlicher Aderlaß zum mindeſten die augenblickliche Gefahr gehoben hatte, über⸗ ließ er den Freund der Pflege von Madame Schmitz und eilte die uferſtraße hinab, um Mrs. Durham, welche hoffentlich die Nachricht von der Kataſtrophe noch nicht erreicht hatte, ſeine Dienſte anzubieten. Nach kurzer Zeit kam er wieder, noch bleicher und verſtörter, wie vorher, und ſchickte Madame Schmitz, trotz ihres Widerſtrebens aus dem Zimmer, um ſelbſt bei dem Kranken, der in einen halbwachen Zuſtand verfallen war, in welchem er fortwährend laut phantaſirte, * In der zwölften Stunde. 243 zu wachen. Und jetzt, in dieſen ſtillen, bangen Stunden, erhielt Benno die Beſtätigung deſſen, was er längſt geahnt hatte, und ſein ſonſt ſo fröhliches Herz wurde trauriger und immer trauriger, je länger ſein Auge in den gähnenden finſtern Abgrund hineinblickte, der ſich ſo plötzlich aufgethan und über dem einen Opfer, das er bereits ver⸗ ſchlungen, ſich keineswegs ſchließen zu wollen ſchien. Mrs. Durham war bei der Nachricht von dem entſetzlichen Ereigniß, das Benno ihr in den ſchonendſten Ausdrücken mittheilte, zuſammengezuckt, als ob ihre Hand ein glühendes Eiſen gefaßt hätte, aber ſie hatte mit keinem Zeichen die Schwäche ihres Geſchlechtes verrathen. Als der junge Mann von der Möglichkeit ſprach, daß Mr. Durham ſich durch Schwimmen gerettet habe, ſagte ſie im kurzen heiſeren Ton:„Nein, nein! er iſt todt, verlaſſen Sie ſich darauf! er iſt todt!“— Dann hatte ſie nach Spen gefragt, und als Benno ihr nicht verſchwieg, daß ſein Zuſtand leicht einen gefährlichen Ausgang nehmen könne, geſagt:„Laſſen Sie ihn nicht ſterben, oder laſſen Sie ihn auch ſterben, es iſt ja jetzt doch Alles gleich;“— und dazu hatte ſie gelächelt— ein furchtbares Lächeln, wie es Benno einmal von einer berühmten Schauſpielerin in der Rolle der Lady Makbeth geſehen hatte, und dann hatte ſie ihm mit der Hand gewinkt, daß er ſich entfernen möge. Benno hatte nie zu den Bewunderern von Mrs. Durham gehört. Ihr düſtres, ſtolzes Weſen würde zu jeder Zeit ſeinem fröhlichen, lebensluſtigen Sinn mißfallen haben, und daß ſie ſeinen ſchwärmeriſchen Freund in ein Verhältniß verſtrickte, von dem Benno wenigſtens nichts Gutes prophezeite, konnte er ihr nun vollends nicht vergeben. Heute aber erſchien ſie ihm wie ein böſer Dämon, wie ein ſchöner Vampyr, deſſen eigentliches und einziges Geſchäft es iſt, Tod und Verderben rings um ſich her zu verbreiten. War es nicht mit dämoniſcher Ge⸗ walt über den unglücklichen Sven gekommen, ſo, vaß er alle ſeine Grundſätze, die ſchmerzlichen Erinnerungen ſeines Lebens vergaß, um ſich ohne Widerſtand dieſer zügelloſen unſeligen Leidenſchaft zu über⸗ laſſen, die ſeine Seele ſelbſt bis hierher, bis in die Vorhallen des Todes verfolgte? denn durch alle ſeine wilden Phantaſien ſchwebte immer das eine Bild der ſchönen hohen Frau. Er ſtand mit ihr am Bergeshang und ſchaute mit ihr hinein in die weite, ſonnige Welt, 16* 244 In der zwölften Stunde. und was er ſah, war Alles ſein und Alles, Alles legte er ihr zu Füßen;— er ſaß mit ihr in dem Teppichgemache der Villa; der milde Schein der Lampe fiel auf ihr dunkles, glänzendes Haar; er hatte ſein Haupt auf ihre Knie gelegt und aus ſeinem tiefſten Herzen quollen köſtliche Schmeichelworte zärtlichſter Liebe, während ſie ihm ſanft vas Haar aus der heißen Stirn ſtreichelte und ihre Augen wie Sterne durch das Halbdunkel leuchteten.— Dann ſchwamm er mit ihr in einem kleinen Boote allein auf dem im Abendſchein erglänzen⸗ den Strom; er bat ſie, ihm zu ſagen, ob ſie ihn liebe; aber wie er ihre Hand erfaßte, war es nicht ſie, ſondern ihr Gatte, und plötzlich wurde es Nacht ringsum und ſie verſanken in einen heulenden Ab⸗ grund, in welchem es von Ungeheuern wimmelte, die mit langen ſpitzigen Zähnen nach ihm ſchnappten.— „Wie ſoll dies enden, wie ſoll dies enden!“ ſeufzte Benno, wäh⸗ rend er friſches Eis auf die glühende Stirn des Kranken legte;„wenn ich etwas weniger ſanguiniſch wäre, ſo könnte ich wahrhaftig wünſchen, er ſtürbe jetzt, denn, wie ich ihn kenne, iſt es nun doch mit allem Glück auf lange Jahre für ihn vorbei.“ Aber die kräftige Natur Svpens widerſtand ſiegreich den unge⸗ heuren Stößen, welche ſie hatte erdulden müſſen. Nach einigen Tagen erwachte er zu dem Bewußtſein des Lebens— es war ein trauriges Erwachen. Benno's Befürchtung ſchien in Erfüllung zu gehen— aus den gramesdüſtern Zügen war jede Spur von Jugendmuth und Lebensfreude verſchwunden. Er erzählte Benno, vor dem ja doch nichts verſchwiegen bleiben konnte, Alles, was ſich an dem verhäng⸗ nißvollen Abend zwiſchen ihm und Cornelien und Mr. Durham zu⸗ getragen hatte. Er erfuhr von Benno, daß man Mr. Durhams Leiche aufgefunden und gereits der Erde übergeben habe. Dann trat eine Pauſe ein und darauf fragte Sven:„Haſt Du Cornelien geſehen?“ „Ja.—“„Und?—“„Sie iſt heute, wie ſie geſtern war, oder, wenn Du willſt, wie immer: ſtumm und kalt und unergründlich. Sie ſitzt am Bette des kranken Evgar, der einmal über das andere fragt: wann der Papa wiederkommt? Sie hat jetzt eine gute Gelegenheit, ſich zur Abwechſelung einmal die andre Seite der Medaille zu beſehen.“ „Hat ſie nach mir gefragt?“ In der zwölften Stunde. 245 Ein einziges Mal, dann nicht wieder.“ Sven drehte ſich ungeduldig im Bett herum; und ſtöhnte, von körperlichen und ſeeliſchen Schmerzen zugleich gefoltert. „Wann werde ich denn dies verdammte Bett verlaſſen können?“ grollte er, und ließ die ſchlaffe, weiße Hand auf die Decke fallen. „Weshalb?“ „Wie Du fragſt! Um zu ihr zu gehen.“ „Wie ich ſie kenne, würde ſie ſelbſt kommen, wenn ſie Dich ſehen wollte.“ „Oder ihr doch wenigſtens zu ſchreiben.“ „Wie ich ſie kenne, würde ſie Dir ſchon längſt geſchrieben haben, wenn ſie Dir etwas mitzutheilen hätte.“ „Du biſt unerträglich!“ ſagte Svpen ungeduldig und wandte den Kopf nach der andern Seite. Benno hatte das tiefſte Mitleiden mit dem unglücklichen Freunde, ſo weit ſeine leichtblütige Natur überhaupt einer ſolchen Regung fähig war. Aber er war ſelbſt nie in einem auch nur annähernd ähnlichen Seelenzuſtande geweſen und wenn er auch ganz hätte ſympathiſiren können, ſo lag ihm doch das Glück ſeines Freundes zu ſehr am Herzen, als daß er nicht, um ihn von dieſer unſeligen Leidenſchaft zu heilen, ſelbſt zu den ſtärkſten Mitteln der hippokratiſchen Methode hätte greifen ſollen. „Ihm nachgeben, hieße nur, ihn in ſeinem Wahnſinn beſtärken;“ dachte er, wenn Sven ſich mit der doppelten Empfindlichkeit des Kranken und des unglücklich Liebenden vor ſeinen ſiegenden Gründen gegen den Wahnſinn dieſer Leidenſchaft in ein eigenſinniges Schweigen hüllte, oder ihn heftig einen Fühlloſen, ein Alltagsmenſchen, einen Barbaren ſchalt. Merkwürdigerweiſe ſchien der Tod Mr. Durhams anfänglich auf Sven durchaus nicht den Eindruck zu machen, den man hätte ver⸗ muthen ſollen, und es war das ein Beweis, wie ausſchließlich ſeine Seele von der einen Empfindung erfüllt war. „Was willſt Du?“ ſagte er,„es war ein Duell über das Taſchen⸗ tuch. Daß ich mit dem Leben davon gekommen bin, iſt wahrhaftig nicht ſeine Schuld. Ich habe ſie verloren, waren ſeine letzte Worte, 246 In der zwölften Stunde. aber Sie ſollen ſie auch nicht haben. Ich dächte, das wäre deutlich genug.“ „Aber Sven, Sven, biſt Du denn ganz von Gott verlaſſen?“ rief Benno;„Du ſprichſt, als ob eines Menſchen Leben nicht höher zu achten ſei, als das eines Sperlings; und auch angenommen, dem wäre wirklich ſo, war denn euer Einſatz gleich? Hatteſt Du ſoviel zu verlieren, wie er? Hatteſt Du, wenn Du vom Leben ſchiedeſt, auch zugleich von Kindern, die Du liebteſt— und ich ſage Dir, daß Durham ſeine Kinder zärtlich liebte— Abſchied zu nehmen?“ „Hat er denn an ſie gedacht, als er mich auf Tod und Leben herausforderte?“ ſagte Sven.„Er hat es nicht: es handelte ſich bei ihm, wie bei mir, nur um das Eine, Cornelien zu beſitzen oder zu ſterben— und in dem Einen waren wir gleich. Ja,“ fuhr er düſter fort,„ich glaube jetzt, woran ich vorher nie geglaubt habe, daß er ſein Weib liebte,— nicht ſo, wie ich— denn das iſt unmöglich, aber doch liebte— nun wohl! ſo hatte ſie zu entſcheiden zwiſchen mir und ihm, und ſie hatte für mich entſchieden. Er mußte dieſen Willen ehren, wie ich es gethan haben würde, hätte ſie meine Liebe verſchmäht. Warum trat er nicht zurück? Es war ſeine Pflicht; wenn Du dem Weibe verwehren willſt, ſeine Neigung nach freier Wahl zu ver⸗ ſchenken, ſo würdigſt Du es zur willenloſen Sclavin herab.“ „Aber hier war von Wahl nicht mehr die Rede,“ rief Benno; „ſie hatte gewählt, vor langen Jahren gewählt. An ihr war es, die Wahl, die ſie getroffen, zu ehren.“ „Und wenn nun dieſe Wahl ein Irrthum war, willſt Du den Irrthum ſanctioniren, weil er einmal da iſt? ſo heilige nur jede ſchlechteſte Inſtitution, unter der die Menſchen ſeufzen, denn ſie hat einmal Platz gegriffen; ja, und laß auch nur jede Krankheit uncurirt, denn ſie iſt ein Faktum, das Du reſpectiren mußt.“ „Vergleiche mir nicht meine edle Wiſſenſchaft mit euren Thor⸗ heiten,“ rief Benno,„und dann, was wäre denn hier curirt? iſt nicht vielmehr durch Dein Hineinpfuſchen in Verhältniſſe, die Dich ſchlechter⸗ dings nichts angingen, Alles ſchlimmer geworden, ja ſo ſchlimm, daß es ſchlimmer kaum werden kann? Wo iſt der edelſinnige Mann ge⸗ blieben, der Du früher warſt, der für ſich kein Glück wollte, das In der zwölften Stunde. 247 nicht auch Andern zu Theil werden könnte? ja, und ſo recht eigentlich erſt in dem Glück der Andern glücklich war? Welches Glück haſt Du denn in dieſe Familie gebracht? Du haſt einen edelherzigen, braven Mann zum Leben hinausgetrieben; haſt die Kinder ihres Vaters be⸗ raubt; und haſt Du denn bei alledem, worauf es Dir allein anzu⸗ kommen ſcheint, Mrs. Durham glücklich gemacht? Könnt ihr euch wahrhaft eures Glückes erfreuen, das ihr mit dem Tode eines braven Mannes erkauft habt? wird die Erinnerung an ihn euch nicht aus den ſüßeſten Träumen aufſchrecken? und was ſoll Deine Geliebte er⸗ widern, wenn die Kinder einſt vor ſie hintreten und fragen: Mutter, wo iſt unſer Vater?“ Mit ſolcher Wärme hatte Benno vielleicht in ſeinem Leben noch nicht geſprochen und ſeine Argumente verfehlten keineswegs ihre Wirkung auf Sven. Aber gerade weil dieſer fühlte, daß er Benno mit Vernunftgründen nicht widerlegen könne, erwiderte er mit um ſo größerer Heftigkeit: „Wie kannſt Du mich verantwortlich machen für die Folgen eines Verhältniſſes, das von vornherein den Keim des Verderbens in ſich trug? Das eben iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortwährend Böſes muß gebären. Wehe dem, der zwiſchen zwei Menſchen ſteht, welche die Natur für einander geſchaffen hat! Wehe dem, der ſich zwiſchen zwei Flammen wirft, die unaufhaltſam zu einander hin⸗ ſtreben! Er darf ſich nicht beklagen, wenn er von der Glut verzehrt wird.— Nein, Benno, nein! trotz allem, was Du ſagen magſt!— er mußte ſterben. Er war nicht der Mann, ein Gut, das er einmal beſaß, in den Augen der Welt wenigſtens beſaß, aus freien Stücken aufzugeben, nun wohl! ſo weiß ich eben keinen andern Ausweg, als daß er ſterben mußte,— nicht für mich! ich will ja nichts für mich; aber für ſie, damit ſie endlich einmal wieder frei in's Leben blicken könnte, und ſich dem Manne eignen, den ſie wahrhaft lieben darf, weil er ſie wahrhaft verſteht. Daß ich der Mann bin, iſt ein Zufall. Ich habe ein ſo großes Glück nie erſtrebt, nie gehofft; aber da ich es einmal bin, durch ihre freie Wahl bin, ſo will ich es auch ſein, trotz aller Philiſter, die ja von jeher das Recht hatten, ſich vor Allem zu bekreuzigen, was in ihren alltäglichen Kram nicht paßt.“ 248 In der zwölften Stunde. „Nun ſieh,“ ſagte Benno, und es blitzte beinahe das alte humo⸗ riſtiſche Lächeln in ſeinen dunklen Augen;„nun ſieh! zu welchen er⸗ bärmlichen Sophismen ein ſo logiſcher Kopf wie der Deine ſeine Zuflucht nehmen muß, um eine ſchlechte Sache zu vertheidigen: daß Du mich zu den Philiſtern rechneſt, möge Dir Vater Apollo und die neun Muſen, die es beſſer wiſſen, vergeben; aber daß Du mir, dem approbirten Lehrer der Anthropologie und Pſychologie, über Deinen Zuſtand ein X für ein U machen zu können glaubſt, iſt denn doch mehr, als meine akademiſche Würde verträgt. Solche melancholiſchen Geiſter, wie Du, mein lieber Sven, ſind der Gefahr, mit Leib und Seele einer Leidenſchaft zu verfallen, das heißt mit Haut und Haaren des Teufels zu werden, am allermeiſten ausgeſetzt. Die Gluth der Sinn⸗ lichkeit, welche wir frivolen Weltkinder für das nehmen, was ſie wirklich iſt, verwechſelt ihr fortwährend mit der Sehnſucht des Her⸗ zens, und weil ihr euch ſo im Allgemeinen bewußt ſeid, daß ihr das Gute um des Guten willen wollt, will es euch in dem Falle, in welchem Du Dich jetzt befindeſt, gar nicht in den Kopf, daß ihr aus⸗ nahmsweiſe einmal, wie andere Menſchenkinder auch, unter der aus⸗ ſchließlichen Herrſchaft des Egoismus ſteht. Denn, mein lieber Sven, Du weißt, was Shakeſpeare ſagt, der ſich auf dergleichen auch ein bischen verſtand: Niemand iſt noch ſo arg gefangen worden, Als Weiſe, tretend in der Narrheit Orden, Die Weisheit, von der Thorheit ausgebrütet, Glaubt von dem Schild der Weisheit ſich behütet. Das Glück der Geliebten iſt euch, wie ihr behauptet, Alles in Allem, dem ihr, wenn es ſein muß, unbedenklich die ganze übrige Welt opfert, nur daß ihr, merkwürdigerweiſe euch ſelbſt von dieſem Opfer ausnehmt, nicht aus Feigheit, oder einem andern unedlen Beweg⸗ grund, Gott bewahre! wie kämet ihr Auserwählten des Herrn dazu! ſondern weil ihr euch für einen integrirenden Theil des Glückes der Geliebten haltet, die ja auf der weiten Welt von Niemanden ſo ge⸗ liebt wird, wie von euch. In dieſem Cirkel bewegt ihr euch nun ſo lange, bis euch der Kopf wirbelt; bis ihr den ruhig objectiven Blick In der zwölften Stunde. 249 für die übrige Welt verliert; bis das Edelſte im Menſchen, die Billigkeit, das Gefühl für Recht und Unrecht, in euch ſtumpf gewor⸗ den, und eure Menſchenliebe, aus der ihr ſo viel Weſens macht, einer dumpfen Selbſtſucht gewichen iſt, in welcher euch das Wohl und Wehe der Anderen nicht viel wichtiger erſcheint, als einem leichtſinnigen Knaben das Leben von Maikäfern und Schmetter⸗ lingen.“ „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt; wenn Du Dich von Cornelien geliebt wüßteſt, würdeſt Du anders ſprechen.“ „Und Du auch, wenn Cornelie einen Andern liebte.“ „Aber ſie liebt nun einmal mich, und keinen Andern.“ „Soll ich Dir etwas ſagen, lieber Spen, auf die Gefahr hin, Deine Freundſchaft für immer zu verlieren? Ich glaube noch gar nicht, trotz alledem, was geſchehen iſt, daß dieſe Frau Dich liebt. Nein, ſieh mich nicht ſo zornig an, ſondern höre ruhig zu. Es lebt in dieſer Frau, wie auch in Dir, die Sehnſucht nach etwas unerreich⸗ bar Hohem, nach einem überſchwänglichen Glück, das ihr das Leben niemals gewährt hat, und auch niemals gewähren kann. Sie liebt ein Ideal, das ſie ſich aus ihrer ſouveränen Phantaſie erzeugt hat, und dem ſchließlich Du ſo wenig gleichſt, als irgend ein anderer vom Weibe Geborener. Der beſte Beweis dafür iſt, daß ſelbſt die Liebe ihres Gatten ihr nicht genügte. Du krümmſt verächtlich die Lippe, aber Du haſt Franc Durham nicht gekannt; ich habe ihn gekannt und ich ſage Dir! es war ein Mann, ein edelherziger, großmüthiger Mann, für den kein Weib zu gut war, und von dem ich keinen ein⸗ zigen Fehler weiß, als den, welchen er jetzt mit ſeinem Leben bezahlt hat, den Fehler, daß er ſein Weib zu ſehr liebte. Und nun will ich Dir eine Prophezeiung machen, ohne Merlin zu ſein: Die Reue, dieſen Mann, deſſen Werth ſie jetzt erſt erkennen wird, in den Tod getrieben zu haben, wird ſtärker und immer ſtärker bei Cornelien er⸗ wachen, und weit entfernt, daß ſie Dich, und wäre es nur in Ge⸗ danken, an ſeine Stelle ſetzte, wird ſie in Dir bald nichts weiter, als die Urſache einer ungeheuren Verirrung ſehen, die ſie des Gatten und ihre Kinder des Vaters beraubt hat.— Nun aber iſt es genug und über genug für heute. Nimm Deine Mediein zur rechten Zeit und 250 In der zwölften Stunde. denke darüber nach, was ich geſagt habe. Ich komme morgen, ehe ich in's Colleg gehe.⸗ Benno ergriff ſeinen Hut und ließ Sven allein mit ſeinem Gewiſſen. Zwölftes Capitel. Und das Gewiſſen blieb nicht ſtumm in den langen einſamen Stunden, wo ſich der an Leib und Seele kranke junge Mann ſchlaf⸗ los auf ſeinem Lager wälzte. Es ſetzte ſich zu ihm an ſein Bett in der vielgeliebten Geſtalt ſeiner verſtorbenen Mutter. Er hörte dieſe ſanfte Stimme klagen, wie weh es einer Frau thue, ſich von ihren Kindern trennen zu müſſen, den Mann, an deſſen Herzen ſie geruht, ein einziges Mal nur vertrauensvoll geruht, fortan als einen Frem⸗ den betrachten zu müſſen. Er hörte die ſanfte Stimme ſagen: daß um ſeine liebſten Hoffnungen betrogen werden, Menſchenloos, und daß Entſagen lernen, der Weisheit letzter Schluß ſei.— Sven dachte an all das Leid, das ſeine edle Mutter hatte erdulden müſſen, um einen Fehltritt zu büßen, zu welchem das heiße Blut der Jugend und die ausſchweifende, trügeriſche Phantaſie der Jugend ſie verleitet hatten. Er dachte an den ſtillen Kummer, mit welchem ſeine Mutter das wüſte Leben des Vaters erfüllt hatte; es kam ihm die Erinnerung einer Scene, wo der erſte Gemahl ſeiner Mutter, der Oberſt, zur Regulirung, er wußte nicht mehr welcher Familienverhältniſſe, auf dem Gute zum Beſuch geweſen war, und die Hände der weinenden Frau ergreifend, mit einer vor innerer Erregung bebenden Stimme geſagt hatte: wäreſt Du mein Weib geblieben, Leonore, Du brauchteſt dieſe Thränen nicht zu vergießen, und noch viele, die Du dereinſt noch vergießen wirſt.— Sven war damals noch ein kleiner Knabe geweſen und die großen Leute hatten ſein nicht geachtet, wie er in dem Buchengange, in welchem ſie auf und abſchritten, nach Schmet⸗ terlingen haſchte, aber er hatte dieſe Worte wohl gehört und jetzt In der zwölften Stunde. 251 nach ſo langen, langen Jahren kommen ſie ihm wieder in das Ge⸗ dächtniß, als wären ſie geſtern erſt geſprochen worden.— Und dann dachte er einer andern Scene, wo er, viele Jahre ſpäter, als Jüng⸗ ling, ſeine Mutter in demſelben Buchengange am Arm geführt, und ſie, nachdem ſie viel über ſeine Zukunft geſprochen, ihre milden großen Augen mit ernſter Zärtlichkeit auf ihn richtend, geſagt hatte:„Und über Alles, Spen, ſei treu gegen Dich ſelbſt und gegen Andere, und verleite auch Niemand, daß er die Treue bricht. Denn der Friede mit uns ſelbſt iſt das höchſte aller Güter, und der Treuloſe hat keinen Frieden.“ Ach, Frieden, Frieden! wie wenig Frieden hatte ſein Leben jetzt! wie ſchwankte ſeine Seele, gleich einem ſturmgequälten Schiff, von einer Woge des Gefühls in die andere! Seine Phantaſie zeigte ihm fortwährend die entſetzlichſten Bilder. Er ſah Mr. Durham mit den Wellen ringen, verſinken, ſich noch einmal heben, um dann für immer von dem rauſchenden Strom verſchlungen zu werden. Er ſah Cor⸗ nelien am Bette des kranken Edgar mit düſtern trocknen Augen vor ſich hinſtarren; er hörte ſie leiſe mit bebenden Lippen den Tag ver⸗ fluchen, an welchem ſie den Fremdling zum erſten Mal erblickte. Er ſah ſie zuſammenfahren, als es jetzt in der Nacht an die Hausthür pocht, die Hand auf das Herz drückend lauſchen und dann mit einem wilden Schrei zuſammenbrechen, während der kranke Knabe fragt: ob nun der Vater nach Hauſe komme? Wenn dann nach einer von ſo ſchauerlichen Träumen heimge⸗ ſuchten Nacht endlich der Tag anbrach und er Kraft gewann, die Fiebergeiſter in ſein Hirn zu verſchließen, ſah er ſeine Situation wohl deutlicher, aber nicht tröſtlicher. Benno's ſcharfe Logik hatte unbarmherzig den dichten Schleier zerſchnitten, mit welchem die Leiden⸗ ſchaft ſein Auge verhüllt hatte. Er fragte ſich, ob Benno nicht doch recht haben könnte, wenn er behauptete, daß Cornelie ihn nie wahr⸗ haft geliebt habe, und hier war es ein Umſtand, der ſeine Zweifel immer wieder von neuem aufregte, ja ſeine Befürchtung zur Gewiß⸗ heit zu machen ſchien.— Er hatte ſich, ſobald es ſeine Kräfte irgend zuließen, gegen Benno's Willen und auf die Gefahr hin, ſeinen Zuſtand bedenklich zu verſchlimmern, aufgerafft und ein paar Zeilen 252 In der zwölften Stunde. an Cornelie geſchrieben, in welchen er ſie anflehte, ihm ein Wort, ein einzig Wort zukommen zu laſſen. Er hatte keine Antwort er⸗ halten. Und doch mußte ſie wiſſen, daß er krank war, daß es ihm unmöglich war, zu ihr zu kommen, daß er ſich vor Sehnſucht nach ihr, vor Kummer und Gram verzehrte! Wie konnte ſie es über das Herz bringen, wenn ſie ein Herz hatte, ihm in dieſen Höllenqualen keinen Tropfen Labung zu ſpenden? Sven verzweifelte an Cornelie, an ſich, an der ganzen Welt. Vor allem auch an Bennv. Benno war wie umgewandelt. Er, der ſonſt Allem, was ihm begegnete, ſo leicht die gute und heitere Seite abzugewinnen wußte, der ſelbſt für ſehr empfindliche Schläge des Geſchicks— und ſein Leben war nicht arm an ſolchen geweſen— ein Witzwort hatte, meinte jetzt, daß es doch wirklich zwiſchen Himmel und Erde mehr Dinge gebe, als die Philoſophie ſich habe träumen laſſen. Was Cornelien betraf, ſo wollte oder konnte er nichts ſagen, als:„ſie iſt eine muſterhafte Kran⸗ kenwärterin; wollte Gott, ſie wäre nur eine halb ſo muſterhafte Gattin geweſen! Sie wird, ſo viel ich weiß, keinen Tag länger hier bleiben, als es Edgars Zuſtand verlangt. Ich bezweifle übrigens ſehr, daß ein längerer Aufenthalt in Italien, den ich verordnet habe, und der jetzt eine beſchloſſene Sache iſt, ihm vollſtändige Heilung bringen wird.“ Je mehr Svpen ſo in Allem, was Cornelien betraf, auf ſeine eigenen trüben Muthmaßungen angewieſen war, um ſo eifriger beobachtete er, wie in den erſten Tagen, durch ſein Fernglas die Villa; aber auch das vergebens. Die Fenſter, die nach der Terraſſe ſahen, wurden nicht mehr geöffnet, vielleicht um den Regen abzuhalten, der nach jener verhängnißvollen Nacht beinahe ohne Unterbrechung vom Himmel ſtrömte. Und wenn der unglückliche junge Mann ſo über die ſich im Regen ſchüttelnden Baumwipfel der Gärten weg nach der wie ein Grab ſtummen und verſchloſſenen Villa ſtarrte, ergriff ihn die Furcht, Cornelie könne abreiſen, ohne ihm Lebe⸗ wohl zu ſagen; ja, ſei vielleicht ſchon abgereiſt, und er werde ſie nun nimmer wieder ſehen. Und dann packte ihn eine Angſt, die ſich in manchen Augenblicken faſt bis zum Wahnſinn ſteigerte. In der zwölften Stunde. 253 Dreizehntes Capitel. In dieſer Zeit erwarb ſich Madame Schmitz durch ihre ſorgſame Pflege um ihren jungen, an Seele und Leib kranken Miethsherrn Verdienſte, die er ſelbſt freilich in keiner Weiſe anerkannte, und die deshalb der kleinen Dame um ſo höher angerechnet werden müſſen. Frau Schmitz hatte mit dem divinatoriſchen Scharfſinn, den ihr die Natur verliehen und den ſie in ihrer früheren Praxis, wo ſie die Leidenſchaften ihrer Kunden in Rechnung bringen und zum Theil darauf ſpeculiren mußte, bedeutend ausgebildet hatte, ſehr bald heraus⸗ gebracht, daß Svens Gemüthszuſtand wohl nicht ſo ruhig war, als es im Intereſſe von Madame Schmitz wünſchenswerth ſchien. Ma⸗ dame Schmitz hatte einen inſtinctiven Abſcheu vor der Melancholie, vermuthlich, weil ſie dieſelbe ſo oft mit der Unfähigkeit, ausgeſtellte Wechſel einzulöſen, in Verbindung geſehen, und weil ſie in ihrer jetzigen Praxis, als Hausbeſitzerin und Vermietherin elegant möblirter Wohnungen an einzelne Herren und ganze Familien, die Erfahrung gemacht hatte, daß die meiſten Klagen über unregelmäßige Bedienung, zu ſchwachen Kaffe, rauchende Oefen, ſchlecht ſchließende Fenſter, muſicirende Zimmernachbarn, Lärm auf der Straße u. ſ. w. von den melancholiſchen Temperamenten einliefen. Nun waren freilich noch keine Klagen, wie ſie ſie ſo oft hören mußte, über Svens Lippen ge⸗ kommen. Er war in Madame Schmitz Augen ein Muſter⸗Miether, ein wahres Pracht⸗Exemplar von einem einzelnen Herrn; aber— Madame Schmitz wußte es— mit melancholiſchen Miethern iſt kein dauernder Bund zu flechten. Sie können ſich erſchießen— der Fall war wirklich in ihrem Hauſe mit einem vom Spleen geplagten Eng⸗ länder vorgekemmen— ſie können über Nacht auf den Einfall ge⸗ rathen, daß der Himmel an dieſem Orte zu ſchwer über ihnen hängt und am nächſten Morgen ihre Sache packen; Madame Schmitz hielt ſich in ihrer Eigenſchaft als Frau und Wirthin eines Hötel garni verpflichtet, Alles aufzubieten, um der Urſache von Svpens Trübſinn 254 In der zwölften Stunde. auf die Spur zu kommen. Und es dauerte nicht lange, ſo hatte die ſchlaue kleine Perſon dieſe Spur entdeckt. Es mußte doch einen Grund haben, weshalb Svens Opernglas immer auf dem kleinen Tiſchchen neben ſeinem Lehnſtuhl in der offenen Balkonthür lag; es konnte doch nicht von ungefähr ſein, daß Sven in den kurzen Unter⸗ redungen, die er mit ihr über wirthſchaftliche Angelegenheiten hatte, beinahe jedesmal auf eine gewiſſe Dame zu ſprechen kam; es mußte ihm doch in der Geſellſchaft dieſer gewiſſen Dame ſehr gefallen, oder er würde wohl nicht Abend für Abend in eine gewiſſe Villa gegangen ſein. So wußte Madame Schmitz ſchon lange vor dem Hereinbruch der Kataſtrophe, weshalb Mr. Tomlinſon, der gerade unter Sven wohnte, durch einen Schritt, der nächtlicher Weile ſtundenlang über ſeinem Kopfe den Teppich des Fußbodens von einem Ende bis zum andern maß, um ſeine koſtbare Ruhe gebracht wurde. Jetzt nun war vollends jeder Zweifel unmöglich. Mr. Durham ertrunken auf einer Waſſerfahrt, von der man Sven mit triefenden Kleidern, bewußtlos nach Hauſe gebracht hatte,— Madame ſtrengte ihr fruchtbares Gehirn an, den eigentlichen Hergang dieſer ſchauerlichen Geſchichte heraus⸗ zugrübeln und kam ihrem Scharfſinne durch gelegentliches Horchen an dem Schlüſſelloch von Svens Zimmer, wenn dieſer mit Benno ſo heftige Unterredungen hatte, erfolgreich zu Hülfe. Madame ging in dem geheimnißvollen Adyton ihres Wohnzimmers, welches ſich zur ebenen Erde, rechts von der Hausthür, der Portierloge gegenüber befand, mit ſich zu Rathe, was in dieſer ſchwierigen Lage zu machen ſei. Es war eine verteufelte Geſchichte— gerade ſo, wie vor vier Jahren als Bob Wesley der ſchönen Frau den Hof machte, nur daß Mr. Durham nun todt und kalt, mithin die Sache nicht ganz ſo ver⸗ zweifelt war, als in jenem Falle.—„Was der Baron wohl gäbe, wenn—“ Madame Schmitz ſah ſich ſcheu um, denn ſie hatte, wie es ihre leidige Gewohnheit war, ihre letzten Worte laut geſprochen; es hatte ſie Niemand gehört, es konnte ſie Niemand gehört haben; dennoch ſtand Madame von ihrem Sorgenſtuhl auf, ſchloß die Thür ab, hing ihre ſchwarzſeidene Schürze über das Schlüſſelloch, ging dann zu dem altmodiſchen Secretär, der in der Tiefe der Stube ſtand, In der zwölften Stunde. 255 ſchloß die Klappe auf, nahm aus einer der tiefen Schubladen einen Kaſten von Ebenholz, ſtellte den Kaſten auf den Tiſch neben die Lampe, und öffnete ihn mit dem ſilbernen Schlüſſelchen, das daran ſteckte. In dem Kaſten lag ein Buch in Naroquineinband, wie es Damen zu benutzen pflegen, um Gedichte, die ihnen beſonders ge⸗ fallen haben, und Aehnliches hineinzuſchreiben, außerdem einige wenig koſtbare Pretioſen. Madame betrachtete dieſen Schatz— es war heute nicht das erſte Mal— und wer ſie ſo mit auf die Seite gebogenem Kopfe und blinzelnden ſcharfen Aeuglein ſitzen ſah, konnte nicht wohl anders, als an eine alte Ohreule denken, die ein gefangenes Mäuschen, das ſie in ihren Krallen hält, nachdenklich betrachtet. Sie klappte das Buch auf und blätterte darin. „Wer das leſen könnte;“ murmelte ſie;„er kann's leſen, denn er verſteht engliſch, was er wohl darum gäbe, wenn er' hätte? Es iſt ſchon vier Jahre alt, aber es ſteht gewiß vieles darin, was, wenn er's wüßte, ihm nützlich werden könnte. Freilich, freilich! das Andere dürfte ich ihm nicht zeigen, nur im äußerſten Falle. Und dann wäre ich's los, und ich möcht's gern los ſein. Hm, hm!“ Madame konnte heute Abend zu keinem Entſchluſſe kommen, auch in den nächſten Tagen nicht. Endlich an einem düſtern, regneriſchen Nachmittage, legte ſie das Buch in Maroquineinband auf den neu⸗ ſilbernen Präſentirteller, auf welchem ſie Sven eigenhändig den Kaffe brachte. Sven hatte bei ihrem Eintreten ſich aus dem dumpfen Brüten, in dem er jetzt ſtundenlang gänzlich verſunken war, aufgerafft und ein Buch ergriffen. „Was bringen Sie mir, liebe Frau Schmitz?“ ſagte er, ohne die Augen von dem Buche zu erheben. „Den Kaffe, Herr Baron!“ fagte Madame, das Präſentirbrett auf das Sophatiſchchen ſtellend. „Und was iſt denn das?“ fragte Svpen, auf das Buch in Maro⸗ quineinband deutend. Madame's Hand zitterte etwas, während ſie ſchnell die Kaffeſachen ordnete, und ihre Stimme zitterte ein wenig, wie ſie mit haſtigen Worten, als ob ſie es gewaltig eilig habe, ſagte: 256 In der zwölften Stunde. „Eine engliſche Dame hat's vor vielen Jahren bei mir liegen laſſen; ich wollte es immer einmal den Herrn Baron zeigen, und ich dachte, daß gerade jetzt, wo der Herr Baron ſo viel lange Weile— Nein, nun höre Einer dieſen Mr. Tomlinſon! Wie das wieder an der Klingel reißt!“— Die Haubenbänder flatterten hinter Madame her zur Thür hinaus. vierzehntes Capitel. Svpen war kaum allein, als er ſchon wieder in das brütende Sinnen, aus welchem ihn das Erſcheinen ſeiner Wirthin für einen Moment aufgerüttelt hatte, verſunken war. Als ſein Blick nach einiger Zeit zufällig das Buch in Maroquineinband traf, mußte er ſich erſt beſinnen, wie es auf ſeinen Tiſch gekommen. Mechaniſch griff er da⸗ nach und eine ſeltſame Empfindung durchzuckte ihn, als ſein Auge jetzt auf die zierliche engliſche Schrift fiel, mit welcher die Blätter bedeckt waren.„Sagte ſie nicht etwas von engliſchen Dame, die vor Jahren bei ihr gewohnt, oder habe ich es nur geträumt?“ Haſtig überflog er einige Stellen, die ſein ſchon erwecktes Intereſſe noch ſteigerten; dann begann er, ohne zu bedenken, daß er kein Recht habe, dies zu leſen, von Anfang an mit einer ahnungsvollen Unruhe, die ſich von Seite zu Seite ſteigerte. Fanny, ſo nenne ich die Heldin dieſer wahrhaftigen Geſchichte, hatte ihren Vater nie gekannt. Ihre Mutter beſaß, Bajadere, wie ſie war, einen ſtolzen Sinn, der ſich gegen eine unwürdige Behand⸗ lung empörte und das äußerſte Elend einem ſchmachvollen Glanze vorzog. Sie hatte ſich in einer Umgebung, wo Sittenloſigkeit die Regel und die Verſuchung zur Sünde rieſengroß iſt, rein erhalten. Sie war eine beliebte und wegen ihrer Schönheit gefeierte Tänzerin, vennoch konnte ſich Niemand ihrer Gunſt rühmen. Da lernte Conſtanze —— u— S— In der zwölften Stunde. 257 zu ihrem Unglück meinen Vater kennen. Er war ein ſchöner glänzen⸗ der Cavalier, der in allen Künſten der Verführung Meiſter war, be⸗ ſonders in der Kunſt, bei einem durch und durch verderbten egoiſtiſchen Herzen die Miene eines Biedermannes zu heucheln. Er ſchien von der Schönheit Conſtanze's gerührt, von ihrer Tugend entzückt, er wußte die Maske eines enthuſiaſtiſchen, aufrichtigen Bewunderers ſo dicht über ſein wahres Geſicht zu ziehen, daß ſie dem gläubigen Auge des edelherzigen Mädchens wenigſtens undurchdringlich war. Da er nicht in der Stadt, in welcher Conſtanze zu jener Zeit beſchäftigt war, ſondern auf dem Gute ſeines Vaters— wie er ſagte— wohnte, und, von dieſem ſtrengen, mürriſchen alten Vater mißtrauiſch bewacht, nur ſelten und ſelbſt dann nur immer verſtohlen, mit ſeiner Geliebten zu⸗ ſammenkommen konnte, ſo fehlte ihrem Verhältniß nicht der Reiz des Geheimniſſes, der für die meiſten Gemüther, und beſonders ſo phan⸗ taſtiſche, wie das Conſtanze's, einen ſo großen Reiz hat. Wozu bei der Entwickelung eines alltäglichen Dramas noch lange verweilen? Die Kataſtrophe trat nur zu bald ein. Ein Nebenbuhler des Cavaliers in der Gunſt Conſtanze's ſchrieb an ſie einen anonymen Brief, in welchem er ſie vor dem Umgange mit einem Mann warnte, der ein notvriſcher Roué ſei, und das Verſprechen, ſie nach dem Tode ſeines Vaters zu heirathen, umſoweniger werde halten können, als dieſer Vater allerdings ſeit acht Wochen todt, der Sohn dafür aber ſeit beinah eben ſo viel Jahren mit einer ſehr ſchönen und liebens⸗ würdigen Dame verheirathet und durch dieſe bereits Vater von drei Kindern ſei. Conſtanze glaubte kein Wort von alle dem. Sie zeigte dem Cavalier dieſen Brief und bat ihn, über die verächtlichen Verleum⸗ dungen ſeiner Feinde zu lachen. Aber der Cavalier lachte nicht; im Gegentheil, er wurde ganz ernſthaft und ſagte nach kurzem Bedenken: es iſt gut, daß die Sache zur Sprache kommt; ſie mußte es über kurz oder lang doch einmal. Was Dir der Anonymus, der übrigens kein Anderer als Herr von— iſt, dem ich dafür eine Kugel durch ſeinen dummen Schädel jagen werde, ſchreibt, iſt Alles wahr. Indeſſen was thut's? Es ändert ja in unſerm Verhältniſſe nichts, nur daß ich Dich nicht werde heirathen können. Du bleibſt was Du biſt— Fr. Spielhagen's Werke. V. 17 258 In der zwölften Stunde. meine Geliebte— und ich gebe Dir jährlich tauſend Thaler— oder auch zweitauſend, oder ſo viel wie Du willſt— ſagte der Cavalier, der ſah, daß Conſtanze bei ſeinen Worten immer bleicher und bleicher geworden war. Conſtanze antwortete nichts. Sie deutete nur ſchweigend auf die Thür. In ihrem Antlitz und in ihrer Geberde lag ein Etwas, das Gehorſam heiſchte. Der Cavalier entfernte ſich und murmelte: er wolle morgen wieder kommen, wenn die Dame in etwas beſſerer Laune ſei. Er kam auch wirklich am andern Tage, aber er fand die Woh⸗ nung Conſtanze's leer. Sie war noch in derſelben Nacht abgereiſt, Niemand wußte wohin, und Niemand hat es je erfahren. Einige Jahre ſpäter trat an einem der kleineren Theater Londons eine Tänzerin auf, über welche das Urtheil des Publicums ſehr getheilt war. Die Einen ſagten: ſie ſei ein Muſter von rührender Anmuth und hinreißender Grazie, die Andern fanden ihre Bewegungen languid und ihre Saltos bei weitem nicht hoch genug; die Einen behaupteten: es ſei eine der ſchönſten Frauen, die man ſehen könne, die Andern: ſie ſei allerdings früher jedenfalls ſehr ſchön geweſen, aber die Jahre, Krankheit oder Kummer hätten doch in dieſer Schönheit bereits arge Verwüſtungen angerichtet. Wie dem auch ſein mochte: die Künſtlerin errang nur einen ſehr fraglichen Beifall und der Director, der ſie mit allem Pomp angekündigt hatte, ließ ihr die Wahl, ob ſie in das Corps de Ballet eintreten, oder ihr Heil auf einer andern Bühne verſuchen wolle. Sie entſchied ſich für das Erſtere. Sie wußte am beſten, daß die Recht hatten, welche behaupteten, daß ihren Leiſtungen die rechte Kraft und ihrer Schönheit die friſche Blüthe fehle. Sie wußte, daß Krankheit und Kummer jene unwiederbringlich gebrochen und dieſe für immer abgeſtreift hatten. Sie wußte, daß ihr der Tod am Herzen nage, und daß der Tanz, den ſie auf der Bühne unter dem Applau⸗ diren und Ziſchen der Menge tanzte, ein Todestanz ſei. Dennoch mußte ſie leben— nicht für ſich, denn das Leben war ihr eine Laſt— aber ſie hatte ein Kind, ein Töchterchen, das ſie mit der ganzen, durch Leid und Schmerz nur noch geſteigerten Gluth eines unendlich liebreichen Herzens liebte. Sie, für ſich ſelbſt, hätte ſchon In der zwölften Stunde. 259 längſt Ruhe und Vergeſſenheit in den Waſſern der Themſe geſucht, aber für ihr Kind ertrug ſie willig die Pfeil' und Schleudern des wüthenden Geſchicks, die Entbehrungen, den Mangel, die Noth— und ſchlimmer als das, die Qual, mit einem Herzen voll tiefſten Leides tanzen und lächeln zu müſſen vor einem Publicum, das kein Erbarmen hat und haben kann, und all' die tauſend Demüthigungen, die von einem groben Director und gemeinen Colleginnen einer armen, durch Kränklichkeit in der Ausübung ihrer Kunſt vielfach gehinderten Choriſtin bereitet werden. Sie ertrug dies Alles und hätte noch viel mehr ertragen. Was iſt einer Mutter unmöglich, wenn es ſich um ihr Kind handelt! Und ol mit welcher rührenden Zärtlichkeit ſie über dies Kind wachte! wie ſie ihr die kleinſten Steinchen aus dem Wege räumte, ſie, deren Fuß auf der rauhen Bahn ihres kummerreichen Lebens tagtäglich von ſcharfen Dornen mitleidslos zerriſſen wurde! Ihre größte Sorge war: ſie könne ſterben, bevor Fanny im Stande ſei, ſich ſelbſt ihr Fortkommen in der Welt zu ſchaffen. Sie hätte ihre Lage weſentlich verbeſſern können, wenn ſie zugegeben hätte, daß Fanny die Bretter betrat. Denn die Leute ſagten, daß Fannh ſchön ſei, und daß ſie durch ihre Schönheit allein Furore machen würde. Aber Conſtanze ſchauderte vor dieſem Gedanken zurück. Ihr Kind, ihren Engel in dieſen Pfuhl der Sünde ſtoßen, zugeben, daß die Reine geſchleudert werde in dieſes Pandämonium— o, nimmer, nimmermehr! nicht für alle Schätze Indiens! Hatte ſie doch ſelbſt, als ihr die Wahl geſtellt wurde, zwiſchen bezahlter Schande und einem Leben voll Noth und Entbehrung keinen Augenblick geſchwankt. Fanny ſollte nie erfahren, daß die Schönheit das Aushängeſchild des Laſters ſein kann. Ihr Plan war, das Kind möglichſt viel lernen zu laſſen und ſie ſodann in einer ehrbaren Familie als Erzieherin unterzu⸗ bringen. Sie zweifelte nicht daran, daß ihr dieſer Plan gelingen werde. Sie ſelbſt war die Lehrerin ihres Kindes. Sie ſprach die hauptſächlichſten lebenden Sprachen, ſie hatte viel und mit Verſtändniß geleſen; ſie hungerte, um ihrer Tochter eine Grammatik, irgend ein Buch, das ſie für nöthig hielt, kaufen zu können. Ihre Sorgfalt war nicht verſchwendet. Fanny hing mit ebenſo großer Liebe an ihrer Mutter, wie ſie von dieſer geliebt wurde, und ſie hätte Alles, was die 17* 260 In der zwölften Stunde.. Mutter von ihr gelernt wünſchte, aus Liebe gelernt, wenn ihre Wiß⸗ begierde nicht eben ſo groß geweſen wäre, wie ihre Liebe. So war Fanny ſechszehn Jahre alt geworden, ohne von der Welt mehr kennen gelernt zu haben, als wäre ſie eine von ſorgſamen Wäch⸗ tern behütete und beſchirmte Prinzeſſin geweſen. Sie verließ ihre kleine Wohnung nur immer in der Begleitung ihrer Mutter, welche nicht bedachte, daß der ſicherſte und oft der einzige Schutz der Armen und Verlaſſenen ihre, durch die Noth frühzeitig gereifte Lebenserfah⸗ rung und Menſchenkenntniß iſt. Die Mutter glaubte, ſie werde Zeit † genug behalten, das Schiff des Glückes ihrer vielgeliebten Tochter in den ruhigen ſichern Hafen zu ſteuern, ohne daß die Tochter ſelbſt die rauhe und gefahrvolle Arbeit, die dazu gehört, kennen lernte. Sie wurde in dieſer Hoffnung betrogen. Als Fanny eines Abends, auf die Rückkehr der Mutter harrend, zu Hauſe über ihren Büchern ſaß, wurde heftig an die Thür gepocht. Verworrene Stimmen, die nichts Gutes verkündeten, begehrten Einlaß. Zitternd öffnete Fanny. Man brachte ihre Mutter getragen— eine Leiche! Ein Blutſturz hatte, als ſie eben von den Brettern hinter die Couliſſe getreten war, ihrem Leben, das ſchon lange an einem Faden. hing, ein Ende gemacht. Es waren grauenvolle, entſetzliche Tage, die Tage, die nun folg⸗ ten. Aus der treuen mütterlichen Hut hinausgeſtoßen in eine bange Oede, in der tauſend Gefahren— Gefahren, welche ſie mehr ahnte als begriff— die Unerfahrene, Hülfloſe wie Geſpenſter umſchwebten. Allein, ganz allein und allein in London, dieſem donnernden Meere, wo das Hülfegeſchrei des Ertrinkenden ungehört verhallt, wo das Leben des Einzelnen nicht ſchwerer wiegt als die Schaumblaſe, die auf dem Waſſer treibt, um im nächſten Augenblick ſpurlos zu verſchwinden. Man hatte die Mutter fortgetragen und auf einem Kirchhof in der Nähe verſcharrt. Fanny war allein geblieben in der öden Woh⸗ nung. Man hatte ihr nur das Allernothwendigſte an Kleidern und Hausgeräth gelaſſen, das Andere hatte dienen müſſen, die Koſten des Begräbniſſes zu decken. Ein paar Pretioſen der Mutter aus früheren beſſeren Tagen hatte ſie vor den habgierigen Blicken der Menſchen, die ſich in die Wohnung des Jammers drängten, zu verbergen gewußt. Ihr In der zwölften Stunde. ganzes ſonſtiges Vermögen beſtand in wenigen Schillings, und die forder ihr die Wirthin ſchon am folgenden Tage für Koſt und Wohnung gb. Fanny ſah dieſe Frau jetzt eigentlich zum erſten Male. Es war ein häßliches, widerliches Geſchöpf, auf deſſen Geſicht alle ſchlimmſten Laſter ihre Siegel gedrückt hatten. Sie erkundigte ſich genau, ob Fanny noch irgend welche Hülfsquellen, ob ſie Verwandte oder Be⸗ kannte habe, an die ſie ſich in ihrer Noth wenden könnte? Als Fanny dieſe Fragen mit Nein beantwortet hatte, wurde die Alte ſehr freund⸗ lich und ſagte: Fanny könne in ihrem Hauſe bleiben, ſo lange es ihr gefalle. Sie wolle ſie wie eine ihrer Töchter halten; ſie wiſſe, wie weh der Hunger thue und ſie habe ein Herz für die Unglücklichen und Verlaſſenen. Sie ſprach noch Vieles der Art, was ſich in ihrem Munde gar ſonderbar ausnahm; aber Fanny glaubte dem Allen, und obgleich die Häßlichkeit und das ganze Weſen der Alten ſie mit einem Schauder erfüllte, ſo wußte ſie ihr doch Dank für ein Mitleid, das ſo uneigennützig ſchien. Als die Alte ſte verlaſſen hatte, fiel Fanny auf die Knie und dankte Gott mit heißen Thränen, daß er ihr in ihrer Noth eine Retterin geſandt habe. Die Alte hatte ein paar Töchter, welche ietzt zu Fanny kamen und ſich außerordentlich freundlich und zuvorkommend gegen ſie benahmen. Es waren hübſche Mädchen; aber die Reden, die ſie führten, und die Art, wie ſie ſich kleideten, erregten in Fanny eine inſtinctive Furcht, der gleich, mit welcher wir ſchöne Giftpflanzen in die Hände nehmen. Man ließ Fanny in dem Zimmer, das ſie mit ihrer Mutter be⸗ wohnt hatte, aber ſie nahm an den Mahlzeiten der Familie Theil, und obgleich man ſich ihr gegenüber offenbar einen Zwang auferlegte, ſah und hörte ſie doch genug, daß ſie jedesmal froh war, wenn ſie ſich in ihr ſtilles, einſames Zimmer zurück gerettet hatte. Am pein⸗ lichſten waren ihr die Promenaden, zu welchen ſie die Alte, die für ihre Geſundheit außerordentlich beſorgt ſchien, jetzt häufig aufforderte. Fanny war auf der Straße immer nur an der Seite ihrer Mutter erſchienen, die ſtreng darauf hielt, daß ihr Geſicht ſtets mit einem dichten Schleier bedeckt war. Sie wollte dieſer Gewohnheit auch jetzt treu bleiben; aber die Alte litt es nicht.„Du biſt in ehrbarer Geſell⸗ ſchaft, liebes Kind,“ ſagte ſie,„und es iſt jetzt kein Grund, weshalb 62 In der zwölften Stunde. Du Dein Geſicht vor den Leuten verſtecken ſollteſt.. Aber Fanny fand, daß nur zu viel Grund dafür vorhanden ſei. Die Alte wählte immer die belebteſten Straßen und Plätze und die Zeit kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Promenaden von Müßiggängern wim⸗ melten. Es begegneten ihnen viele Herren, die Fanny in einer Weiſe anſtarrten, die ihr das Blut in die Wangen trieb. Viele von dieſen Herren ſchienen die Alte zu kennen. Sie nickten nachläſſig mit dem Kopfe, wenn ſie vorübergingen, und dann lachten ſie und ſtießen einander an. Einige blieben ſogar bei der Alten ſtehen und ſprachen mit ihr, aber ſo leiſe, daß Fanny nicht verſtehen konnte, um was es ſich handelte. Das Alles ängſtigte Fanny ſo, daß ſie die Alte bat, zu Hauſe bleiben zu dürfen. Die aber wollte davon nichts hören; ſondern lachte Fanny wegen ihrer Aengſtlichkeit aus, ſchalt ſie einmal eine Duckmäuſerin und das andere Mal eine Kokette, die recht gut wiſſe, wie hübſch ſie die Sprödigkeit kleide, und die mit ihrer Zurück⸗ haltung noch ihr Glück in der Welt machen werde. Fanny wußte nicht, wie dieſe Reden zu deuten ſeien, aber ſie ſollte bald aus ihrer gefahrvollen Unwiſſenheit geriſſen werden. Bis jetzt hatte ſie ſich nach den Spaziergängen für den übrigen Theil des Abends auf ihr Zimmer zurückziehen dürfen. Sie war ſehr froh über dieſe Erlaubniß, denn des Abends und oft bis tief in die Nacht hinein ging es ſehr lebhaft im Hauſe her. Fanny hatte von früher her die Gewohnheit, zeitig aufzuſtehen und zeitig zu Bette zu gehen. So lange ihre Mutter lebte, hatte das Gefühl der Sicherheit ſie ruhig und feſt ſchlafen laſſen. Auch jetzt befolgte ſie dieſelbe Lebens⸗ weiſe, aber ihr Schlaf war nicht mehr ſo tief und ſie erwachte manch⸗ mal mitten in der Nacht von einem Lärm, der aus den Zimmern ihrer Wirthin kommen mußte, und ſie mit einer unbeſtimmten Furcht erfüllte. Eines Abends nun bat die Alte Fanny, als ſie ſich wie gewöhn⸗ lich entfernen wollte, zu bleiben. Es kämen einige Herren, die ſie gern kennen lernen wollten, zum Beſuch. Sie brauche ſich gar nicht zu ängſtigen, die Herren ſeien gute Bekannte der Familie, ja halb und halb mit derſelben verwandt. Bei dieſer Aeußerung fingen die beiden Töchter der Alten laut zu lachen an. Da Fanny keinen Grund, dieſe Einladung abzulehnen, aufzufinden wußte, ſo blieb ſie, obgleich In der zwölften Stunde. mit ſchwerem Herzen. Es dauerte nicht lange, ſo kamen die Herren, welche man erwartete. Es waren ihrer drei, junge hübſche Männer in eleganter Hleidung. Die Alte ſtellte ſie Fanny als ihre lieben Neffen vor, was denn wieder bei den Töchtern und den Herren ein ſchallendes Gelächter hervorrief. Ihre Geſichter waren erhitzt; ſie ſchienen von einem Diner zu kommen und dem Weine allzureichlich zugeſprochen zu haben. Zwei von ihnen machten ſich mit den Töchtern zu ſchaffen; der Dritte ſetzte ſich zu Fanny und ſagte ihr viel Schmei⸗ chelhaftes, worauf das junge Mädchen nichts zu erwiedern wußte, da ſie von Allem, was um ſie her vor ging, ſo verwirrt war, daß ſie kaum wußte, was ſie ſah oder hörte. Aber die unbeſtimmte Angſt, die ſie ſchon während der ganzen letzten Zeit nicht mehr los geworden war, ſteigerte ſich mit jedem Augenblick, und eine Stimme in ihrem Innern ſagte ihr: Du mußt aus dieſem Hauſe entfliehen, und wäre es in den Tod. Der junge Mann, der bei ihr geſeſſen hatte, war aufgeſtanden und zu der Alten gegangen, die im Nebenzimmer den Thee bereitete. Die beiden andern Paare, die lachend und kichernd in den dunkeln Ecken des Zimmers auf kleinen Sophas ſaßen, achteten nicht auf ſie. Fanny erhob ſich leiſe und ging zur Thür hinaus. Sie eilte, ſo ſchnell ſie konnte, auf ihre Stube, ergriff Mantel und Hut, in demſelben Augenblick aber klopfte es an ihre Thür. Sie ließ die Sachen wieder fallen, um, wenn es, wie ſie vermuthete, die Alte war, keinen Verdacht zu erregen, und ſagte, mit möglichſt feſter Stimme, obgleich ihr das Herz zum Zerſpringen klopfte: herein! Aber es war nicht die Alte, die jetzt hereintrat, ſondern der Herr, welcher eben bei ihr geſeſſen hatte. Er zog die Thür hinter ſich zu und warf ſich Fanny zu Füßen. Er ſchwor ihr, daß er ſie liebe: er verſprach ihr die ſchönſten Kleider und Schmuckſachen und Gold die Fülle, wenn ſie ihn wieder lieben wolle. Er hatte ihre Hände ergriffen und hielt ſie feſt, obgleich Fanny ihre ganze Kraft aufbot, ſie ihm wieder zu entziehen. Sie ſah, daß ſie in der Gewalt dieſes Mannes war; ſie wußte, daß ihr Hülferuf in dieſem Hauſe kein Echo ſinden werde, als brutales Lachen und un⸗ feine Scherze. Aber in dieſer äußerſten Noth fühlte ſie plötzlich einen Muth und eine Entſchloſſenheit in ſich, von der ſie ſelbſt keine Ahnung 264 In der zwölften Stunde. gehabt hatte. Sie erinnerte ſich, daß ſie den Schlüſſel der Thür draußen hatte ſtecken laſſen, als ſie vorhin in ihr Zimmer gekommen war. Darauf baute ſie ihren Plan. In einem Augenblick, wo ſie fühlte, daß die Hände des jungen Mannes die ihrigen etwas weniger feſt umſchloſſen, riß ſie ſich mit einer verzweifelten Anſtrengung los, eilte mit einem Sprunge zum Zimmer hinaus, ſchlug die Thür hinter ſich zu, drehte den Schlüſſel um und war im nächſten Augenblicke auf der Straße. Es war ein Abend im Februar. Ein kalter, mit Schneeflocken untermiſchter Regen fiel unaufhörlich; die Gasflammen der Laternen glühten roth durch den trüben Waſſerdunſt. Von der Straße ſpritzte unter den in ununterbrochener Reihe hindonnernden Wagen der Schlamm auf die Trottoirs, über welchen die Regenſchirme der un⸗ zähligen Fußgänger ein bewegliches Dach bildeten. Fanny fühlte nicht den kalten Regen, der ihre dünnen Kleider durchnäßte, nicht die Stöße, die ſie vvn allen Seiten erhielt. Sie eilte, ſo ſchnell ſie nur immer vorwärts zu kommen vermochte, nach der Richtung, in welcher ſie den Fluß vermuthete. Sie wollte ein Aſyl, das ſie vor Schmach und Schande rettete, und ſie kannte kein anderes, als dieſes eine. Sie war in ihrem athemloſen Lauf in eine Straße gerathen, die zu einem vornehmeren Quartier gehören mochte. Es war verhältniß⸗ mäßig leer auf der Straße. Vor einem der Häuſer ſtrahlte das Licht der Gasflammen aus den weit geöffneten Thüren. Elegaute Kutſchen in raſcher Folge fuhren vor, und Herren in ſchwarzem Anzug und Damen in weißen Gewändern, Blumen im Haar und Blumen in der Hand, ſtiegen aus und ſuchten unter den Regenſchirmen galonnirter Bedienten ſo ſchnell wie möglich das Veſtibüle zu erreichen. Fanny ſah das Alles, wie man die Dinge und Menſchen in einem Traum ſieht; ſie wich den blendenden Lichtern und den geputzten Herren und Damen aus und ſuchte die dunkelſte Seite der Straße. Als ſie eben um eine Ecke in eine Nebengaſſe bog, ſtieß ſie an einen Herrn, der ihr eiligen Schrittes entgegenkam; das Licht einer Laterne fiel hell auf ihn und ſie. Der Herr murmelte einige Worte der Entſchuldigung. Als ſie die faſt einſame Gaſſe, in die ſie gerathen war, hinabeilte, hörte ſie einen ſchnellen Schritt hinter ſich. Wenige Augenblicke, und der Herr, dem ſie eben begegnet, war an ihrer Seite. In der zwölften Stunde. „Mein liebes Kind,“ ſagte er,„dies iſt keine Nacht, um ohne Hut und Mantel lange draußen zu bleiben. Erlauben Sie, daß ich Sie unter meinen Schirm nehme und nach Hauſe begleite.“ „Ich habe kein Haus;“ ſagte Fanny. „Wohin gehen Sie denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Haben Sie keine Eltern, keine Geſchwiſter, keine Freunde?“ „Nein, Niemand, Niemand!“ „Armes Kind!“ murmelte der Mann. Er ging ein paar Schritte ſchweigend neben Fanny her, plötzlich, als ſie wieder an eine Laterne gelangten, blieb er ſtehen, gab Fanny den Schirm und trat ſo weit zurück, daß das Licht hell in ſein Geſicht fiel. „Sehen Sie mich einmal genau an, Fräulein;“ ſagte er. Fanny that es. Es war ein ſtattlicher Mann mit einem ruhig ernſten Geſicht. Seine Augen waren mit einem ſchwermüthigen Ausdruck auf ſie gerichtet. „Glauben Sie mir vertrauen zu können?“ fragte der Mann. „Ja;“ erwiederte Fanny nach einer kleinen Pauſe. Er nahm, ohne ihre Antwort abzuwarten, ihren Arm unter den ſeinen und führte ſie aus der Gaſſe zurück in die breitere Straße. Fanny folgte ihm, zitternd vor Aufregung und vor Froſt, der allmälig ihre Glieder erſtarren machte. „Wir müſſen ſuchen, in's Trockene zu kommen,“ ſagte der Herr; „Sie werden ſich auf den Tod erkälten.“ Er rief ein Cab an, das leer vorüberfuhr, und öffnete den Schlag. „Steigen Sie ein, Miß!“ ſagte er. „Nein, nein!“ murmelte Fanny und trat zurück. Ihre Glieder flogen; ſie konnte ſich kaum noch auf den Füßen halten. „Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, bitte ich Sie, folgen Sie mir!“ ſagte der Mann, faßte Fanny mit ſanfter Gewalt um den Leib, hob ſie in den Wagen, rief dem Kutſcher ein paar Worte zu, ſtieg eben⸗ falls ein und nahm an Fannys Seite Platz. Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung. Der Herr zog ſeinen Pelz aus und hüllte Fanny hinein. Sie ſträubte ſich kaum, denn ihre Kräfte waren gebrochen. Sie duldete es, daß der Herr mit ſeinem 266 In der zwölften Stunde. Tuche ihr das naſſe Haar trocknete und ihren Kopf gegen ſeine Schulter legte. Er ſprach nicht zu ihr, nur einmal ſagte er: „Befinden Sie ſich jetzt etwas beſſer?“ „Danke, ja,“ erwiederte Fanny; aber in der That fühlte ſie ſich ſehr krank. Ein raſender Schmerz hämmerte in ihren Schläfen; ein Fieber⸗ froſt ſchüttelte ihre Glieder und machte ihre Zähne aufeinander ſchlagen. Die Fahrt dauerte lange. Endlich hielt der Wagen. Der Herr half Fanny ausſteigen, ſchloß ein eiſernes Gitterthor auf und als er ſah, daß das junge Mädchen faſt zuſammenbrach, trug er ſie die kurze Strecke von dem Gitterthor bis zu dem Hauſe. Er zog die Glocke. Man öffnete ſofort. Eine alte Frau ſtand da mit einem Licht in der Hand, das ſie vor Ueberraſchung vi dem unerwarteten Anblicke beinahe fallen ließ. Das war aber auch ſo ziemlich Alles, was Fanny noch ſah. Erſt ſpäter erinnerte ſie ſich wieder, daß die alte Frau ſie in ein Gemach des Erdgeſchoſſes führte und zu Bett brachte, und daß, als ſie im Bette lag, die alte Frau ſich über ſie beugte und freundlich zu ihr ſprach, während ihr die Thränen über die runzligen Wangen floſſen. Was nun folgte, war ein ſchwerer, beängſtigender Traum, in welchem ſie immerfort von der Wirthin und ihren Töchtern verfolgt wurde, während ſie, um ihnen zu entgehen, ſich in Abgründe ſtürzte, die unermeßlich tief vor ihr aufklafften, oder in den Fluß ſprang, deſſen Wogen ſie umtosten, oder eine ſteile Treppe hinab lief, die immer enger und enger wurde und dann plötzlich in eine herrliche Landſchaft voll Licht und Sonnenſchein führte, über die ſie hoch in der Luft hinſchwebte, bis ſie aus der lichten Höhe wieder hinabſtürzte in das enge dunkle Haus ihrer Wirthin und die entſetzliche Jagd von neuem begann. Zwiſchendurch fah ſie aber auch manchmal das freundliche Geſicht einer alten Frau und allmälig ſah ſie es öfter und deutlicher, und eines Tages erwachte ſie, wie nach einem langen erquickenden Schlaf, und konnte, obgleich ſie ſich unausſprechlich matt fühlte, doch wieder mit vollem Bewußtſein um ſich ſchauen. Freilich dauerte es einige Zeit, bis ſie ſich nur einigermaßen in die Sitution zu finden wußte. Sie war in dieſem Augenblicke allein. — —— ——— —— In der zwölften Stunde. Das Gemach, in welchem ſie ſich befand, war nicht eben groß, aber hell und freundlich und mit Möbeln ausgeſtattet, die ihr, welche in ſo großer Dürftigkeit aufgewachſen war, außerordentlich vornehm und prächtig erſchienen. Das Bett, in dem ſie lag, war mit den feinſten weißen Linnen überzogen. Dann betrachtete ſie ihre Hände, die auf der Decke lagen, als ob ſie ihr gar nicht gehörten, und wunderte ſich, wie ſie ſo mager und weiß geworden waren. Und nun beſann ſie ſich auf den letzten ſchrecklichen Abend, und auf den Herrn, mit dem ſie in dem Wagen hierher gefahren war, und auf die alte Frau, die ſie zu Bett gebracht hatte. Da kam aus dem Nebenzimmer, zu welchem die Thür offen ſtand, die alte Frau mit einem Herrn, deſſen Geſicht Fanny auch manchmal in ihrem Traum geſehen hatte. Es war ein kleiner, ältlicher Herr mit einem ſcharfen, intelligenten Geſicht. Er ſetzte ſich zu ihr an's Bett, nahm ihre Hände in die ſeinen und fragte ſie, wie es ihr ginge? dann wendete er ſich zu der Matrone und ſagte:„Nun ſind wir aus aller Gefahr, liebe Frau Jones. Wir können wieder ruhig ſchlafen.“ Dann klopfte er Fanny ſanft auf die Wangen und ſagte:„ſie ſei ein gutes Kind.“ Als der Arzt fort war, wollte Fanny der Frau Jones für ihre Güte danken, aber die ſagte: ſie ſolle ſich jetzt nur ruhig verhalten und erſt wieder zu Kräften kommen, zum Sprechen ſei noch immer Zeit. So vergingen einige Tage. Fanny's Reconvalescenz ging bei ihrer kräftigen Natur mit raſchen Schritten vorwärts. Der Arzt kam alle Tage, und verſicherte ihr mit immer zufriedener Miene, daß ſie ein gutes Kind ſei. Und eines Morgens ſetzte ſich Mrs. Jones zu ihr auf das Bett, nahm ihre Hände und ſagte:„Nun, liebes Kind, erzählen Sie ein wenig aus Ihrem Leben. Denken Sie, ich ſei Ihre Großmutter, wie ich es ja auch den Jahren nach ſein könnte; oder nehmen Sie mich für das, was ich bin: eine alte Frau, die viel er⸗ fahren und viel gelitten hat, und recht gut die Schlingen kennt, in welchen Armuth, Jugend und Unerfahrenheit ſo leicht zu Fall kommen. Fanny verſtand den Sinn dieſer letzten Worte kam, aber ſie fühlte, daß es die alte Frau gut mit ihr meine und daß ſie ihr Alles ſagen könne. Was hatte ſie denn auch am Ende zu verſchweigen? 268 In der zwölften Stunde. So erzählte ſie ihr, was ſie zu erzählen hatte, daß ſie ihren Vater nie gekannt, daß ſie nicht einmal wiſſe, wie er geheißen, wo er gelebt habe. Sie bat Mrs. Jones, ein kleines Täſchchen zu öffnen, in welchem ſie die Pretioſen, die ihrer Mutter gehörten, und die ſie beſtändig bei ſich getragen, verwahrt hatte, und zeigte ihr dieſelben. Sie erzählte von ihrer Mutter, von dem Tode derſelben, und auch Alles, was nachher geſchehen war bis zu dem Augenblicke, wo ſie Mrs. Jones mit dem Licht in der Hand in der Hausthür ſtehend erblickt und bald darauf das Bewußtſein verloren hatte. Mrs. Jones hatte mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört und Fanny wiederholt die Thränen von den Wangen gewiſcht, auch ſich ſelbſt mehr als einmal die Augen getrocknet. Als das junge Mädchen geendigt hatte, küßte ſie es auf die Stirn und ſagte: „Du haſt, ſo jung Du biſt, ſchon viel erlitten, liebes Kind; aber damit iſt es jetzt, ſo Gott will, vorbei. Er hat Dich einen Beſchützer finden laſſen, der künftighin für Dich, wie für ſein eigenes Kind, oder eine Schweſter ſorgen wird.“ „Sind Sie die Mutter des Herrn, der ſich meiner an jenem Abend erbarmte?“ fragte Fanny. „Nein,“ erwiederte Mrs. Jones.„Obgleich ich ihn lieb habe, wie einen Sohn, und er mich wie eine Mutter ehrt, bin ich doch ſeine Mutter nicht. Ich war ſeine Amme und bin jetzt ſeine Haushälterin.“ „Wer iſt er? wie heißt er?“ „Du ſollſt mit der Zeit Alles erfahren. Für heute haben wir nur ſchon zuviel geſprochen.“ Vierzehn Tage ſpäter ſaß Fanny in dem Gemache, welche aus ihr Schlafzimmer ſtieß und wo ſie ſich jetzt ſtundenlang aufhalten durfte, in einem großen, bequemen Lehnſtuhl. Mrs. Jones ſaß in einem der Fenſter und nähte. Fanny war ein wenig erregt, denn der Herr, in deſſen Hauſe ſie ſich befand, hatte fragen laſſen, ob er heute einen Beſuch machen dürfe. „Aengſtigen Sie ſich nicht, liebes Kind!“ ſagte Mrs. Jones. „Ich ängſtige mich nicht,“ ſagte Fanny;„aber ich ſehe, trotz des hübſchen Kleides, das Sie mir angezogen haben, mit meinem mageren In der zwölften Stunde. Geſicht und dem Netz ſtatt der Haare ſo häßlich aus. Was Mr. Brown nur von mir denken wird?“ „Alſo eitel iſt das Kind auch? wer hätte das gedacht!“ ſagte Mrs. Jones lächelnd. Da klopfte es leiſe an die Thür, und auf Mrs. Jones'„Herein“ trat ein Mann in das Zimmer, in welchem Fanny auf den erſten Blick ihren Retter erkannte. Sie wollte ſich erheben und ihm ent⸗ gegengehen, aber Mr. Brown kam ihr zuvor, indem er ihr die Hand reichte und ſchnell auf einem Stuhl in ihrer Nähe Platz nahm. „Ich wünſche Sie nicht zu derangiren,“ ſagte er;„ich wollte mich nur perſönlich überzeugen, daß Sie ſich auf dem Wege der Beſſerung befinden, und daß Sie nicht ungern in dieſem Hauſe ſind, welches Ihnen der Zufall zu einer Zufluchtsſtätte gemacht hat.“ Fanny verſuchte mit ſtammelnden Worten ihm ihre Dankbarkeit auszudrücken, aber Mr. Brown ſchnitt ihr die Rede mit einem kurzen: „Bitte, ſprechen wir nicht davon!“ ab. Dann that er noch einige Fragen über gleichgültige Dinge, ſtand auf, reichte ihr die Hand und entfernte ſich wieder. Mr. Brown hatte während ſeines kurzen Beſuches nicht ein einziges Mal gelächelt, und ſo ruhig, faſt kalt, ausgeſehen und ge⸗ ſprochen, daß Fanny, als er fort war, in Thränen ausbrach. „Was haben Sie, Kind?“ ſagte Mrs. Jones. „Ich glaube, Mr. Brown iſt es leid, daß er mich in ſein Haus gebracht hat,“ ſchluchzte Fanny. „Du biſt ein Närrchen!“ erwiederte die alte Frau;„er iſt einmal ſo; Du wirſt Dich bald daran gewöhnen.“ Aber Fanny gewöhnte ſich nicht an Mr. Browns ruhiges kaltes Weſen, obgleich er jetzt alle Tage kam und längere Zeit blieb, um ſich mit den beiden Frauen zu unterhalten. So vergingen ein paar Wochen. Der Frühling war wieder da. Er hatte Fanny ihre Geſundheit, und, wie das eitle Mädchen glaubte, auch ihre Schönheit zurückgebracht. Fannh hätte in dieſem Hauſe, wo ihr jeder Wunſch, noch bevor ſie ihn ausgeſprochen, erfüllt wurde, in der Geſellſchaft von Mrs. Jones, zu der ſie bald eine zärtliche Liebe gefaßt hatte, ganz glücklich ſein können, wäre nicht ihr Stolz geweſen. 270 In der zwölften Stunde. Sie hatte, ſobald ſie erkannte, daß die Tochter ihrer Mutter in jenem entſetzlichen Hauſe nicht länger bleiben könne, keinen Augenblick in der Wahl zwiſchen Schande und Tod geſchwankt, und auch jetzt dünkte ihr dieſer Aufenthalt unter dem Dache eines Mannes, der ſie aus Mitleid von der Straße aufgeleſen hatte, unerträglich, um ſo unerträglicher, als ſie ſich mit dem leicht erreglichen Argwohn, der ſolchen Charakteren eigen iſt, einredete, daß Mr. Brown ſeine Hand⸗ lungsweiſe im Stillen bereue. Dieſer Gedanke verfolgte ſie ſo ſehr, daß ſie mehr als einmal halb und halb zu einer heimlichen Flucht entſchloſſen war, und nur die Gewißheit, daß Mrs. Jones darüber untröſtlich ſein würde, ſie vielleicht gar für ein ſchlechtes undank⸗ bares Mädchen halten könnte, hielt ſie von der Ausführung ihres Planes zurück. Eines Abends, als die gute alte Frau, wie ſie es pflegte, noch vor ihrem Bette ſaß, beichtete ſie ihr Alles, was ſie auf dem Herzen hatte. Die ſuchte ihr ſo thörichte Gedanken auszureden, und wußte ihr durch Bitten und Thränen das Verſprechen abzulocken, daß ſie ſich unter keinen Umſtänden heimlich vom Hauſe entfernen wolle. Es war am Vormittage nach dieſer Unterredung. Fanny pro⸗ menirte in dem Garten hinter dem Hauſe, wo es jetzt unter den knospenden Bäumen, auf denen die Vögel ſangen und Neſter bauten, ſchon recht anmuthig war. Sie dachte ihrer lieben todten Mutter, die nun in dem kalten Grabe ruhte, ſich nicht mehr dieſes warmen Sonnenſcheins, dieſer zarten Frühlingsblumen, die ſie ſo ſehr geliebt hatte, erfreuen konnte. Fanny's Herz wurde ſchwer; ſie fühlte ſich recht einſam und verlaſſen; ſie dachte zum erſten Male daran, daß ſie nie einen Vater gekannt, daß ſie nie, wie andere Kinder, mit Brüdern und Schweſtern geſpielt, und daß ſie das holde, ſchöne bleiche Weſen, an dem ſie mit ſo abgöttiſcher Liebe hing, verloren hatte, ohne einen letzten Kuß von ihren Lippen trinken zu können. Fanny ſetzte ſich in der Laube am Ende des Gartens auf eine Bank, verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte bitterlich. Eine Hand legte ſich leicht auf ihre Schulter. Sie blickte auf. Mr. Brown ſtand vor ihr. Seine Augen ſchauten mit demſelben ernſten, ſchwermüthigen Ausdruck, der ihr bei ſeiner erſten Begegnung In der zwölften Stunde. 271 ein ſo großes Vertrauen eingeflößt, und den ſie ſeitdem ſchon öfter bemerkt hatte, auf ſie herab. „Warum weinen Sie ſo, Fanny?“ ſagte er und ſeine Stimme klang viel milder, als ſonſt.„Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? iſt Mrs. Jones weniger freundlich gegen Sie geweſen? habe ich etwas gefagt oder gethan, was Sie beleidigte?“ „Nein, nein, Sir!“ ſagte Fanny.„Sie ſind ſo gut, viel zu gut gegen mich. Ich habe ja dieſe Güte durch nichts verdient und gerade das iſt es, was mir ſo ſchwer auf dem Herzen liegt.“ „Und würde Sie das Wenige, was wir für Sie gethan haben und thun können, nicht drücken, wenn Sie einem Bruder, einer Mutter dafür zu danken hätten?“ „Ich glaube, nein.“ „Und wenn Sie nun Jemand fänden, der es für das höchſte Glück ſeines Lebens erachten würde, für Sie zu ſorgen, wie eine Mutter für ihr Kind; Sie zu ſchützen und zu ſchirmen, wie ein Bru⸗ der eine vielgeliebte Schweſter— würden Sie auch einem ſolchen Manne dies höchſte Glück mißgönnen? aus ſeinen Händen nicht das Wenige, was er zu bieten vermag, ohne zu erröthen, nehmen können 54 Mr. Brown ſprach das Alles ruhig, ruhig und ernſt, tief ernſt; aber ſeine Stimme bebte nicht, und die Hand, mit der er jetzt Fannh's Hand ergriff, zitterte nicht; und vielleicht war es gerade dieſer ruhige Ernſt, die ſichere Herrſchaft, die dieſer Mann über ſich ſelbſt hatte, was ihr in dieſem Augenblick die Sicherheit ſo vollſtändig raubte. Sie wagte nicht mehr die Augen zu dem Manne, der vor ihr ſtand, aufzuſchlagen. Sie hatte kein volles Verſtändniß deſſen, um was es ſich hier handelte; ſie fühlte nur, daß dieſer Augenblick über das Wohl und Wehe ihres Lebens entſcheiden müſſe. Sie wollte etwas erwiedern, aber ihre Kehle war wie zugeſchnürt. „Und wenn,“ fuhr Mr. Brown fort,„wenn ich nun dieſer Mann wäre? wenn ich zu Ihnen ſpräche: ſei mein Weib, Fanny! was würden Sie mir antworten?“ Aber Fanny vermochte nicht zu antworten. Thränen, heiße Thränen erſtickten ihre Stimme. Mr. Brown hatte ihre beiden Hände ergriffen und ſie an ſich gezogen; ſie lehnte ihr Haupt an die Bruſt, ——— 22 In der zwölften Stunde. an welcher es ſchon einmal geruht, in jener Nacht, als die Welt um ſie her finſter war wie das Grab. Seit jenem Frühlingsmorgen in dem Garten hinter der epheu⸗ umrankten Villa ſind manche Jahre verfloſſen. Mr. Brown hat mit ſeiner Gattin große Reiſen gemacht. Sie hat die Welt geſehen und die Menſchen kennen gelernt. Aus dem armen Mädchen iſt eine vor⸗ nehme Dame geworden. Sie hat Alles, was ſonſt das Herz einer Frau begehrt: Rang und Reichthum, Schönheit(ſo ſagen ihr die Schmeichler wenigſtens) und den größten Schatz des Weibes: blühende Kinder. Und dennoch, dennoch! ihr Herz, ihr ungeſtümes, habgieriges Herz iſt nicht zufrieden; ihr ſtolzes Herz, das grenzenloſer Liebe fähig iſt und dafür grenzenlos wieder geliebt ſein möchte. Und wird Fanny ſo geliebt? Manchmal glaubt ſie es; aber öfter, viel öfter glaubt ſie es nicht. Iſt eine Liebe, die aus dem Mitleid hervorging, die echte Liebed? Kann ſolche Liebe von Dauer ſein? Und auf der andern Seite: iſt nicht das Gefühl, zu Dank verpflichtet zu ſein, der Tod der Liebe? Iſt die Dankbarkeit nicht eine Kette? Darf die freie Liebe Ketten tragen? Und wiederum: findet eine Liebe, welche durch die Kette der Dankbarkeit gefeſſelt iſt, den rechten Glauben? Weßhalb nimmt Fanny die überſchwänglichen Huldigungen, die ihr von allen Seiten gezollt werden, mit einer Miene der Genugthuung entgegen, die ſie weit entfernt iſt, wirklich zu empfinden. Weßhalb? weiß ſie es oft doch ſelber kaum! um ſich frei zu fühlen, ſelbſt auf die Gefahr hin, die Eiferſucht ihres Gatten zu erregen. Denn er iſt, kalt und ruhig, wie er ſcheint, eiferſüchtig und argwöhniſch; wie ſollte er's denn auch nicht ſein gegen eine Dirne, die er von der Straßt aufgeleſen hat? Hätte ich in der großen Welt leben können, ehe ich ſein Weib wurde, es wäre beſſer geworden; ich brauchte nicht ſtets das Gefühl mit mir herumzutragen, daß aller Reichthum, mit dem er mich überſchüttet hat, die Freiheit, die ich verlor, ehe ich mich ihrer erfreuen durfte, nicht aufwiegt. Möglich, daß ich ihn auch dann noch gewählt, aber ich hätte ihn gewählt... ſo aber war er mein Retter, mein Wohlthäter— ich hatte keine Wahl... O, mein Gott, mein Gott, wohin ſoll dies führen? Ich ſehe ſchon im Geiſte den In der zwölften Stunde. 273 Angenblick kommen, wo dieſe ſtummen grundloſen Vorwürfe herüber und hinüber nicht mehr ſtumm und nicht mehr ohne Grund ſind; wo keine Brücke der Verſtändigung über den Abgrund, den wir ſelbſt uns graben, möglich iſt!— Jetzt erſt fühle ich, was es heißt, allein ſtehen in der Welt, ohne Vater und Mutter, ohne Geſchwiſter und Freunde; ja, ohne Namen. Ich habe keinen. Was braucht eine Paria einen Namen?— es wird mich noch wahnſinnig machen; manchmal iſt es mir, als wäre ich es ſchon.. Zwei Monate ſpäter. Da wären wir wieder einmal in Deutſchland,— ich kann nicht ſagen: meinem Vaterlande!— eine Paria hat ja kein Vaterland! Sollte er mich wirklich lieben?— Ich weiß es ganz gewiß, daß man ihn zurückhaben will, daß ihm Lord P... die glänzendſten An⸗ erbietungen gemacht hat. Ich ſehe, welchen Kampf es ihn koſtete, aus der Arena fortzubleiben, in der er, im erſten ſtürmenden Anlauf, ſo glänzende Lorbeern errang. Kann ich dies verantworten? Als er mich fand, ſtand er dicht unter dem Gipfel der Macht— ſein Land blickte mit freudiger Hoffnung auf ihn. Ich habe ihn zu einem heimathloſen Wanderer gemacht, der ruhelos von einem Lande zum andern, von einer Stadt zur andern ſchweift. Er hat mir ſeine ſtaats⸗ männiſche Zukunft geopfert, er hat— Geopfert! und immer wieder geopfert! ich habe das Opfer nicht von ihm verlangt— nicht dies und keines! Ich konnte die Londoner Luft nicht vertragen— ihre langweilige season, die öde Monotonie ihrer drawing-rooms, den Staub und die Hitze ihrer albernen routs! Ich konnte es nicht; das Blut meiner Mutter empörte ſich gegen dieſe ſteifleinene Grandezza, gegen dieſe grinſende Höflichkeit; ich wäre erſtickt in dieſer Atmoſphäre! Nun gut! Weßhalb ließ er mich nicht auf ſeinem Landſitz? weßhalb? Was ging es die Leute an, ob wir glücklich lebten, oder nicht? Mußte er darum Allem entſagen: ſeiner Lebensgewohnheit, ſeinen Hoffnungen, ſeinem Ehrgeiz? Damit die Laſt der Dankbarkeit, die er auf mich häuft, mich ganz zu Boden Fr. Spielhagen's Werke. V. 18 274 In der zwölften Stunde. drückt?—— In welchen Abgrund bin ich ſchon wieder gerathen? ich werde ihm morgen ſagen, daß ich weiß, was in ſeiner Seele vor⸗ geht; daß er ſich meinethalben nicht länger in Thatloſigkeit verzehren ſoll; daß es genug iſt, wenn Einer von uns keine Heimath hat. Er will nicht; er behauptet, es ſei kein Opfer für ihn und Edgar müſſe nothwendig in dieſem Sommer nach Nizza. Und als ich in ihn drang und meinte, ich könne ja Edgar hinbringen, ſah er mich an und ſagte: wer uns ſo hörte, ſollte glauben, wir ſuchten nur nach einem Vorwand, uns zu trennen... Er lächelte, als er das ſagte, aber in ſeinen Augen lag Nacht, finſtere Nacht. Ein Vorwand! natürlich! ich begreife ja den edlen Ehrgeiz eines Mannes nicht! ich thue nur, als ob ich ſo etwas begriffe; thue es, weil es mir paßt, weil ich nach einem Vorwand ſuche— einem Vorwand, uns zu trennen!— natürlich! Er liebt mich nicht! Das iſt keine Liebe, die nicht auf Achtung gegründet iſt, und kann man ein Weſen achten, dem man nicht die allergewöhnlichſte Conſequenz zutraut, dem man— nun ja! dem man überhaupt nicht traut! Freilich! die Treue iſt eine Tugend, wie andere auch, und Tugenden ſind Sache der Raſſe; die Menſchen haben keine Tugend von ungefähr; treue Menſchen müſſen gezüchtet werden, wie— dauerhafte Pferde. Und ſo etwas erbt ſich durch Generationen fort, wie die Untugenden ſich auch forterben, und daher kommt es, daß ein gentleman nur von einer langen Linie von gentle- men abſtammen kann, und eine arme Vorſtadt⸗Theater⸗Tänzerin alſo nothwendig die Mutter einer— Dirne iſt. Meinen Sie das, Mr. D.? Ihr Blick wenigſtens, mit dem Sie mich heute Abend beehrten, als ich Mr. Wesley unſern deutſchen Walzer zeigen wollte, ſchien etwas der Art anzudeuten. Nein, er liebt mich nicht! hat mich nie geliebt! etwas wie Leiden⸗ ſchaft mag er empfunden haben, und dieſe Leidenſchaft, die ſein kaltes Blut in unſchöne Flammen ſetzte— ſie iſt es, die ein Weſen, wie ich, erwecken kann, in einem feurigen Jüngling erwecken muß; um die erweckte denn ſelbſtverſtändlich zu theilen. Oder iſt auch das nicht In der zwölften Stunde. 275 einmal nöthig? Bedarf es für ein ſolches Weſen nicht einmal einer Leidenſchaft, die ſie theilt, um... O Gott, ich thue ihm vielleicht zu viel; aber ſoll ich die Blicke dulden, auf denen ich ihn jetzt ſo oft ertappe? ſoll ich mir verwehren laſſen, ſchon zu finden, was ſchön iſt. Ja, Mr. D., Ihr Vetter Robert iſt ſchön, ſchön wie ein iri⸗ länder, und 6 wie mit einem ſtarken, ſchönen Hunde, der ſeine Herrin liebt, will ich mit ihm ſpielen; er ſoll zu meinen Füßen liegen dürfen, wenn ich will; er ſoll mir die Hände küſſen dürfen, wenn ich will— er 6— hören Sie, Mr. D., er ſoll! Er hat iſe Ahreiſe 3 über t feſtgeſett tb6 dem er anfänglich bis zum Juli hier bleiben wollte. Er hat es ja ſehr eilig, von hier fortzukommen. Aber freilich, ein junger Menſch von neunzehn Jahren, der blendend weiße Zähne hat, und ein Pferd im Lauf aufhalten kann, iſt einer Frau von zweiundzwanzig unendlich — unendlich! Wenn Robert nnt einen Fünten von Geiſt hättel Ich neckte ihn heute, ja ich verhöhnte ihn wegen ſeiner Unwiſſenheit— er hat noch nie ein Stück Shakſpeare's geleſen! Ich war grauſam und wollte es ſein; ich wollte Mr. D. ſagen: und das iſt der Mann, der mir gefährlich ſein ſoll— mir!. Geführlich! gröte Gott, welch' erbärmliche Geſchöpfe müßten wir doch ſein, wenn uns dieſe Sorte Männer Gefahr bringen könnte! Ich möchte den Mann ſehen, deſſen Anblick mir das Herz ſchneller ſchlagen machte, der mich anzöge, wie der Magnet das Eiſen. Wie der Mann wohl wäre! Ich verſuche mir das Bild des Gefährlichen zu malen, es auszuſtatten mit all' den Tugenden, die ich anbeten würde, anbeten müßte; und ſeltſam! ich komme dabei immer auf Eigen⸗ ſchaften, die ich bei Frank finde, Einzelnes wenigſtens, nein Vieles: ſeine Tapferkeit, ſein Ehrgefühl, ſein Wohlwollen gegen alle Noth⸗ leidende, ſelbſt ſein Stolz! Zuletzt ſind es die Ingredienzien und nur die Miſchung müßte vielleicht anders ſein. Heute, als er mitten auf der belebten Promenade vom Pferde ſprang, der armen alten häß⸗ 18* 276 In der zwölften Stunde. lichen Frau, die hingefallen war, aufzuhelfen— ſo ganz nur in dem, was er für ſeine Pflicht hielt, ſo vollkommen gleichgültig gegen die Gaffer und Schwätzer— ja, ich darf es ſagen— da liebte ich ihn! da ſah ich für einen Moment den Mann, der mir gefährlich werden könnte, wenn ich das Unglück das Weib eines jener und zu Für einen Monen— warum icht für iine Fünßzehntes Capitel. Hier ſchloß das Manuſcript, deſſen Lectüre Sven in einem Zu⸗ ſtande unbeſchreiblicher Aufregung beendigte. Die Handſchrift war ihm gleich im Anfange ſo bekannt vorgekommen; jetzt wußte er längſt, weßhalb. Dennoch nahm er ein Billet, in welchem ihn Cornelie ein⸗ mal um ein Buch gebeten, und das er ſeitdem beſtändig bei ſich ge⸗ tragen, entfaltete es mit zitternder Hand und verglich es mit dem Manuſcripte. Es war dieſelbe Handſchrift mit den ſchnellen, zier⸗ lichen Zügen!— Aber was bedurfte es ſo äußerlicher Beweiſe? Sprach die Geſchichte ſelbſt nicht beredt genug? Paßte nicht Alles— Wort für Wort auf ſie? und hatte ſie nicht zum Ueberfluß dieſe ſelben Zimmer bewohnt? wie leicht konnte dieſes Manuſcript bei der eiligen Abreiſe damals vor vier Jahren liegen geblieben ſein... Sven ſprang auf und riß an der Klingel, daß er den Griff in der Hand behielt. Die Schnelligkeit, mit welcher Frau Schmitz auf dieſen Ruf in Perſon erſchien, hätte Jedem, der weniger aufgeregt geweſen wäre, als Svpen, wunderbar vorkommen müſſen. „Wie gelangte dieſes Buch, das offenbar Mrs.— das offenbar einer Dame, die ich kenne, gehört, in Ihre Hand?“ rief er der kleinen Frau heftig entgegen. Frau Schmitz war über dieſe brüske Anrede ſo erſchrocken, daß ſie ſich nothwendig in einer halben Ohnmacht auf einen Stuhl werfen und ihr Geſicht mit einer ſchwarzſeidenen Schürze bedecken mußte. — — In der zwölften Stunde. 277 „Wie kommen Sie zu dieſem Buch?“ wiederholte Sven, ohne auf die zarten Nerven der Angeredeten Rückſicht zu nehmen, in noch heftigerem Tone. Frau Schmitz ſprang wie electrifirt von ihrem Sitze auf und rief: „Jeſus Maria, Herr Baron! ich verſtehe ja kein Wort engliſch!“ „Gleichviel! Wie kommen Sie zu dieſem Buch?“ „Ich will ja Alles erzählen,“ rief Frau Schmitz, die Hände rin⸗ gend:„aber der Herr Baron müſſen mir verſprechen, mich nicht zu verrathen. Ich wäre eine ruinirte Frau, und ich habe ja doch nur Ihnen zur Liebe die Schreiberei wieder hervorgeſucht, die ich eben ſo gut hätte verbrennen können.“ „Ich verſpreche Alles, was Sie wollen, nur reden Sie,“ ſagte Sven. „Sehen Sie, Herr Baron,“ fuhr Frau Schmitz fort und trocknete ſich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Augen;„ich bin die ehrlichſte Frau der Welt und mein einziger Fehler iſt, daß ich an dem Schick⸗ ſale der Familien und einzelnen Herren, die bei mir wohnen, einen zu innigen Antheil nehme. Der Herr Baron mögen es mir nun glauben oder nicht, aber ich habe Ihrethalben ſchon vierzehn Tage lang nicht ſchlafen können, und mir die Augen faſt aus dem Kopfe geweint. Ich kann es nun einmal nicht laſſen: ich muß mit den jungen Leuten ſympathiſiren. Ich weiß es wohl: Jugend hat keine Tugend, aber du lieber Himmel, was man nicht laſſen kann, das muß man am Ende doch thun. So habe ich immer mit der armen Mrs. Durham ſympathiſirt, denn ſie iſt immer freundlich zu mir ge⸗ weſen und hat immer mit mir geſprochen, wie eine Dame mit einer andern Dame, und ſehen Sie, Herr Baron, darauf halte ich ſehr viel, denn—“ „Um Himmelswillen, weiter, weiter!“ rief Sven. „Jeſus Maria, wie nervös der Herr Baron in Ihrer Krankheit geworden ſind! Ich bin ganz aus dem Tert gekommen. Ja, was ich ſagen wollte, ich gönnte es Mrs. Durham, daß ihr die Herren den Hof machten und beſonders Mr. Wesley, der damals auch hier wohnte und alle Tage mit ihr ſpazieren fuhr oder ging. Mr. Wesley, müſſen der Herr Baron wiſſen, war ganz toll und blind vor lauter 278 In der zwölften Stunde. Liebe, ſo daß es ein rechtes Herzeleid war, es mit anzuſehen, gerade wie— nichts für ungut, Herr Baron, aber—“ „Weiter, weiter! Dieſer Mr. Wesley hat ja nichts mit der Sache zu thun.“ „Doch, doch, ſehr viel! Denn Mr. Wesley lag mir alle Tage in den Ohren, wenn er nur wüßte, ob Mrs. Durham ihn wieder liebte; er wollte ſeinen Kopf darum geben, wenn er nur ein Wort darüber erfahren könnte, und was dergleichen gottesläſterliche Redens⸗ arten mehr ſind. Nun hatte ich noch die Geſchichte mit Mr. Sorry, der ſich auf Nr. 5 erſchoſſen hat, friſch im Gedächtniß, und ich fürchtete, Mr. Wesley könne es eben ſo machen, denn der Herr Baron glauben gar nicht, was dieſe Engländer, beſonders wenn ſie Flöte ſpielen, für ſchreckliche Menſchen ſind. Meine eiſernen Kochtöpfe ſind nichts dagegen. Alſo geholfen mußte werden.„Nun hatte ich Mrs. Durham in der letzten Zeit oft ſchreiben ſehen mid ſi inmal gefragt: was ſie denn da ſchreibe? und ſie hatte mir geantwor ein Tage⸗ buch. Da fiel mir nun ein, daß ich Mr. Wesley einen rechten Ge⸗ fallen thun könne, wenn ich S einmal für ein paar Augenblicke dies Tagebuch verſchaffte, denn ich wußte aus den Romanen, daß in ſo einem Tagebuche immer Alles ſteht, was man nur zu wiſſen wünſchen kann. So ging ich eines Tages, als die Durhams ausgefahren waren, auf das Zimmer— dies ſelbe Zimmer, Herr Baron— und richtig! da lag das Tagebuch, das Mrs. Durham vergeſſen hatte wegzuſchließen, hier auf dieſem ſelbigen Tiſch, ſo wahr die heilige Jungfrau mich in Gnaden behüten möge. Ich ging mit dem Buche wieder hinunter und wartete auf Mr. Wesley, der, wie ich glaubte, früher nach Haus kommen würde. Indeſſen es wurde Abend; er kam nicht, und eben wollte ich das Buch wieder nach oben tragen da kamen ſie alle drei zuſammen an: Mr. und Mrs. Durham und Mr. Wesley. Nun war es zu ſpät, denn, wie ſich der Herr Baron wohl noch erinnern werden: an demſelben Abend trug Mr. Wesley Mrs. Durham die Treppe hinauf; am andern Morgen reiſten Dur⸗ beh ab, und Mr. Wesley ein paar Tage darauf, und ich war von dem Allen ſo außer mir gebracht, daß ich an das unglückliche Buch gar nicht wieder dachte und auch nicht eher wieder daran gedacht — In der zwölften Stunde. 279 habe, als bis ich ſah, daß der Herr Baron in demſelben jämmerlichen Zuſtande war, und damit der Herr Baron glauben, daß ich eine ehr⸗ liche Frau bin, ſo ſollen Sie auch den Kaſten haben, in welchem das Buch gelegen hat.“ Bei dieſen Worten producirte Madame aus der umfangreichen Taſche ihres Kleides das Ebenholzkäſtchen und ſtellte es auf den Tiſch;„und die Schnurpfeiferein, die dabei waren und auf die ich nicht zehn Thaler leihen würde, wenn ſie mir als Pfand angeboten würden;“— hier griff Madame in die andere Taſche und legte ein paar Schmuckſächelchen auf das Käſtchen;„und nun iſt mein Gewiſſen ſo rein, wie das eines neugebornen Kindes.“ Ob das tröſtliche Bewußtſein ihrer hohen Moralität für Madame ſo überwältigend war, oder ob ihre aufgeregten Nerven ſich auch nur eine Erquickung ſchaffen wollten,— ſie fing bitterlich zu weinen an, und eilte, mit der einen Hand die Augen bedeckend und die andere zum Himmel erhebend, wie eine tragiſche Heldin, wenn ſie im fünften Acte Gift genommen hat, zur Thür hinans. Sechszehntes Capitel. „Und Alles das— um nichts!“ Ich glaubte, ihr Alles in Allem zu ſein, wie ſie mir Alles war. Ich war es nicht— und doch, wenn ich es nicht war, ſo war Alles ein wüſtes Faſtnachtsſpiel, in welchem man aus Verſehen den Freund erſticht und damit den tollen Scherzen ein fürchterliches Ende macht. Weßhalb iſt Frank Durham denn geſtorben? er brauchte nicht zu ſterben; ich war der Ueberflüſſige, der ſich unbeweint und unbelacht aus der Welt trollen konnte. Mein Gott, mein Gott, wohin iſt es gekommen? wollte ich denn etwas Anderes, als ſie glücklich ſehen? würde ich mich nicht ſtill in ihrem Glück geſonnt haben? würde ich ſie nicht geliebt haben, wie die Blume das Licht wie ich alles, was ſchön und gut iſt, geliebt habe, ſo lange ich denken kann? Thor, der ich war, eitler, blöder Thor, der ſich für unembehrlich hielt, als ob er der Heiland wäre für alle Schäden der Welt!— Aber iſt ſie weniger —— 280 In der zwölften Stunde. ſchuldig? hat ſie meine Thorheit nicht gefliſſentlich genährt? habe ich es nicht aus ihrem eigenen Munde, daß ſie mich liebt? wen hat ſie getäuſcht? mich oder ſich? oder uns Beide? hat ſie mich blos ihrem Stolz geopfert? blos, um ihrem Stolze die Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen, auch einmal ihre Gunſt nach freier Wahl verſchenkt zu haben? Armes, armes Weib! wie ſehr mußteſt du leiden, bis dein edles Herz ſich ſo verirrte, dein heller Verſtand ſich ſo verdunkelte! Die Dank⸗ barkeit gegen deinen Gatten drückte dich! wie wird dich jetzt die Un⸗ dankbarkeit quälen! Die Dankbarkeit hat dich mit Geißeln gezüchtigt, die Undankbarkeit wird es mit Skorpionen thun! Und doch! büßeſt du nicht auch nur, wie ſo Viele, für die Sün⸗ den deiner Väter? hätteſt du dich dem Dämon Stolz, der dich zu Fall gebracht, in die Arme geworfen, wenn du dich auf den treuen Arm eines Vaters hätteſt lehnen dürfen? war dieſer Stolz nicht das einzige Erbtheil deiner unglücklichen Mutter? und war für ſie wiederum der Stolz etwas anderes, als ein Gegengift gegen die Verzweiflung? Arme Mutter! armes Kind!— Und haben dir dieſe Talismane nicht helfen können? dieſer dünne goldne Reif, den du von dem erkalteten Finger der lieben Hand ſtreifteſt, die du ſo oft mit heißer Zärtlich⸗ keit geküßt? dieſe Kette, mit der ſich die Aermſte vielleicht noch an dem Abend ihres Todes für das wüſte Publicum eines Vorſtadt⸗ theaters geſchmückt hatte? dieſes Medaillon, das wohl ihr eigenes Bild enthielt— heiliger Gott, was iſt das!— Sven zuckte bei dem Anblick des Bildes in dem Medaillon zu⸗ ſammen, als hätte ein Blitzſtrahl vor ſeinen Füßen in die Erde ge⸗ ſchlagen. Er traute ſeinen Sinnen nicht; ein Teufel mußte ſein hölli⸗ ſches Spiel mit ihm treiben; und doch! und doch! es wurde nicht anders; dieſes zierlich auf Emaille gemalte Bild eines ſtattlichen Mannes, deſſen Schönheit wilde Leidenſchaften und niedrige Aus⸗ ſchweifungen nicht hatten verwüſten können, war ſeines Vaters wohl⸗ getroffenes Portrait. Draußen war es dunkel geworden; im Zimmer war es Nacht und noch immer ſaß Svpen, den Kopf in die Hand geſtützt in ſeinem Lehnſtuhl, regungslos wie ein Schlafender. Endlich erhob er ſich 4* In der zwölften Stunde. 281 ſtill, ging ſtill in die Kammer nebenan, kleidete ſich um, ohne kaum zu wiſſen, was er that, kehrte dann in das Zimmer zurück, legte das Buch und die Schmuckſachen in das Käſtchen, und ging damit, wie ein Nachtwandler ſtill und ſtumm, ohne das erſchrockene Jeſus, Maria und Joſeph! von Madame Schmitz zu beachten, die ihm auf der Treppe begegnete, ohne die verwunderte Frage des Portiers: „Wollen Sie denn ausgehen, Herr Baron?“ zu beantworten, zur Thür hinaus, die Uferſtraße hinab, den Weg nach der Villa. Siebenzehntes Capitel. Vor der Thür der Villa hielten zwei Wagen: eine geſchloſſene Kutſche und ein Gepäckwagen, auf dem ſchon mehrere Koffer ſtanden. Auf dem Hausflur begegnete Sven Leuten, die andere Reiſeeffecten hinaustrugen. Er blickte durch offen ſtehende Thüren in halbaus⸗ geräumte Zimmer; von der Dienerſchaft ſah er Niemand; erſt in dem Vorzimmer des Salons traf er auf den alten engliſchen Diener, der eben mit einem großen Portefeuille unter dem Arm aus dem Salon trat, und, als er Sven erblickte, die Thür raſch hinter ſich zuzog. Zugleich richtete er ſich zu ſeiner ſtattlichen Höhe auf und blickte auf den Eindringling mit einer halb erſchrockenen und halb feindlichen Miene. Der alte Mang war Mr. Durham ſehr ergeben geweſen; es mochten in dieſem Moment ſeltſame Gedanken durch ſeinen Kopf gehen. „Ich wünſche Ihre Herrin zu ſehen,“ ſagte Sven. „Mrs. Durham iſt für Niemand zu ſprechen,“ erwiderte der Mann ſehr leiſe, aber ſehr beſtimmt, ohne ſeinen Platz oder ſeine Stellung zu verändern. „Ich muß ſie ſehen.“ „Und ich wiederhole Ihnen, daß dies unmöglich iſt.“ „Ich werde mich ſelbſt vavon überzeugen;“ ſagte Sven, auf die Thür zuſchreitend. „Zurück!“ rief der Alte, den einen Arm drohend gegen Sven ausſtreckend. ——————————————— 282 In der zwölften Stunde. In dieſem Augenblicke wurde die Thür von innen geöffnet und Cornelie erſchien auf der Schwelle. Sie war in ſchwarz gekleidet; ein ſchwarzer Schleier rahmte ihr Geſicht ein, das ſich, als ſie Sven's anſichtig wurde, mit einer geiſterhaften Bläſſe bedeckte. Der alte Diener war auf die Seite getreten. Cornelie und Sven ſtanden ſich gegenüber. Sven zitterten die Kniee, ſeine Glieder bebten, er konnte ſich nur mit Mühe aufrecht erhalten. Auch Cornelie legte die Hand, als ob ſie nach einer Stütze ſuchte, an den Thür⸗ pfoſten; aber ſie zog ſie alsbald wieder zurück und ſagte mit einer Stimme, die nicht umſonſt nach Feſtigkeit rang:„Sie kommen, uns Adien zu ſagen; Sie finden uns einigermaßen derangirt, da der nächſte Dampfer uns ſtromaufwärts bringen ſoll. Indeſſen, unter alten Bekannten macht man nicht viel Umſtände: kommen Sie herein.“ Sie trat von der Schwelle zurück in das Gemach; Sven folgte ihr, auch der Alte kam mit herein, rückte die Fauteuils um das Sofa zurecht, entzündete die Lichter der großen Leuchter auf dem Kaminſims, während Cornelie Sven winkte, Platz zu nehmen, und in einem ſeltſam fremden, klanglos⸗gleichgiltigen Ton, der Sven durch's Herz ſchnitt, ſprach: „Der Entſchluß zur Abreiſe iſt ziemlich plötzlich gekommen. Der Doctor wünſchte Edgar ſo bald als möglich in das mildere Klima Italiens verſetzt; überdies werden wir in Florenz oder Genua Sir George Blunt, den Großoheim der Kinder mütterlicherſeits, treffen, auf den ich für Kitty große Hoffnungen ſetze. Sie wiſſen, daß das Vermögen an Edgar fällt. Der Doctor erwartet uns am Dampf⸗ ſchiff; er will es ſich nicht nehmen laſſen, ſeinen Patienten eine Strecke zu begleiten. Es iſt mir das um ſo lieber, als Mr. Smith hier bleiben muß, um unſre Angelegenheiten zu ordnen.— Ich danke Ihnen, Mr. Smith; ich denke, das wird genügen; ſeien Sie ſo gut, mich zu rufen, wenn die Kinder fertig ſind.“ Mr. Smith hatte mit einem Blick des Argwohns und des Un⸗ willens, der ſeine Herrin und ihren Beſucher gleicherweiſe traf, das Zimmer verlaſſen. Cornelie hatte, während ſie ſprach, ruhig dageſeſſen und den Mann nicht einmal angeſehen; kaum aber war die Thür hinter ihm in's Schloß gefallen, als ſie ſich erhob, ſchnell ein paar * — *— In der zwölften Stunde. 283 Schritte in das Gemach that, ſich dann wieder nach Sven umwandte, und, die Arme über dem Buſen verſchränkend, mit einer Leidenſchaftlich⸗ keit, die grell gegen die erheuchelte Ruhe von vorhin contraſtirte, rief: „Weßhalb kommen Sie hierher? Sehen Sie nicht, daß ich eine Gefangene bin? daß ich einen Kerkermeiſter habe, der mir die Minuten der Freiheit widerſtrebend zuzählt? Freilich, freilich! früher war ich nur meinem Gatten verantwortlich; jetzt bin ich es aller Welt. Ich fürchte mich vor meiner Kammerjungfer: ich könnte mir ein Lächeln zu Schulden kommen laſſen, das nicht zu meinen Trauer⸗ kleidern paßt.“ Und Cornelie brach in ein Gelächter aus, in welchem ſie ſich aber ſofort wieder unterbrach, um in höhniſchem Tone zu ſagen: „Und Sie ſind krank geweſen, Herr von Tiſſow? Sie haben ſich Ihre Zeit zum Krankſein gut gewählt. Sie wollen ſagen: Sie ſeien wirklich krank geweſen, ernſtlich krank! Um ſo ſchlimmer! Wiſſen Sie, Herr von Tiſſow, daß es Zeiten giebt, in denen man nicht krank ſein darf, wiſſen Sie das? Und wiſſen Sie auch den Grund? weil man varüber möglicherweiſe die Zeit verpaßt, wo es anſtändig wäre zu ſterben, und man in Folge dieſes Verſehens dann ein elen⸗ des, erbärmliches, ſchmachvolles Leben zu führen gezwungen iſt.“ Und Cornelie ging mit großen Schritten im Gemach auf und ab, mehr mit ſich ſelbſt, als mit Sven ſprechend, der, ſeinerſeits, den Kopf in die Hand geſtützt, die halbe Ohnmacht, in der er ſich be⸗ fand, zu meiſtern und in ſeine verworrenen Gedanken einige Ordnung zu bringen ſuchte. Wie ſollte er Cornelien die Entdeckung machen? eine Entdeckung, die ihm jetzt, wo er ſie wieder in der alten Umgebung, in dieſen Räumen ſah, in denen ſein Blick ſo oft in trunkener Anbetung an ihren Zügen gehangen hatten, als eine Ungeheuerlichkeit, eine Un⸗ möglichkeit erſchien. Während ſein Auge in einer Art von Starr⸗ heit an der ſchlanken ſchwarzen Geſtalt hing, die vor ihm auf und nieder ſchritt, ſah er Fanny, die Heldin einer eben durchblätterten Novelle, wie ſie durch die Straßen Londons vor der Schande flieht, und dann war es wieder Mrs. Cornelie Durham, Gattin des ſehr ehrenwerthen Mr. Frank Douglas Durham, deren Name nur aus⸗ 284 In der zwölften Stunde. geſprochen zu werden brauchte, um ſeine Seele in zitternde Erregung zu verſetzen; und dann ſah er in den vielgeliebten Zügen des ſchönen blaſſen, vom ſchwarzen Flor umrahmten Geſichtes den Wiederſchein von dem Geſichte eines ſchlanken hochgewachſenen Mannes, den er nie ſehr geliebt hatte, obwohl der Mann ſein Vater war; und ſein Ohr vernahm in der geliebten Stimme Töne, die ihn zurücktrugen weit, weit in der Erinnerung ſeiner früheſten Kindheit; Töne, von denen er nicht zu faſſen vermochte, warum er ſie heute, heute erſt vernahm, warum er ſie nicht vom erſten Moment an gehört? Und dann wurde die Dämmerung wieder dichter und dichter; er hörte und ſah kaum noch, was um ihn her vorging, und dann ſah er plötz⸗ lich Cornelie, die vor ihm kniete, ſeine Hände erfaßte und, angſtvoll zu ihm aufblickend, rief: „Lieber, Geliebter, zürne mir nicht; ich bin wahnſinnig; ich weiß nicht, was ich ſpreche. Du kannſt ja nichts dafür; Du haſt es gut gemeint; nur daß Du mir nicht geglaubt haſt, als ich Dir ſagte, daß mir nicht zu helfen ſei. Du ſiehſt es jetzt. Er hat es theuer bezahlt, daß er mir helfen wollte; er wollte es nicht dulden, daß ich mich in den Fluß ſtürzte und jetzt haben ihn die Wellen zwei lange Tage und Nächte umhergeworfen, bis ſie ihn am dritten endlich zwiſchen den Uferbinſen fanden.“ Sie bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen; der ſchöne ſchlanke Leib wurde von der Gewalt der Leidenſchaft, die in ihr wühlte, wie von einem Fieber geſchüttelt. Dann ergriff ſie wieder Svens Hände und drückte ſie an ihre Stirn, an ihre Augen, ihre Lippen. „Du ſollteſt ja auch ertrinken; ich weiß Alles, Alles, als wäre ich ſelbſt dabei geweſen. Ich habe nie geglaubt, daß er ohne mich nicht leben könnte, daß er um meinetwillen ſein Leben, und eines Andern Leben würde vpfern können.— Dein Leben, Sven! Dein Leben! und blos deßhalb, weil Du mich geliebt! Das durfte er nicht! das war nicht großmüthig von ihm! das war grauſam, wie er es im Grunde ſeines ſtolzen Herzens war. Dein Leben! Dein liebes Leben!“ Und wieder zog ſie ſeine Hände aber- und abermals an ihre heißen, zitternden Lippen. — —ii 3. 4 In der zwölften Stunde. 285 Svens Stirn glühte und ſeine Schläfen hämmerten, während kalte Schauer durch ſeine Adern rieſelten. Dieſe ſchlanken weißen Hände, die liebevoll ſeine Hände ſtreichelten,— dieſer ſchöne Mund, der Worte innigſter Liebe ſtammelte,— dieſe dunkeln Augen, deren ge⸗ heimnißvoll nächtige Tiefen von Blitzen heißer Leidenſchaft durchzuckt waren— wie durfte er das dulden, da er doch wußte, was er wußte! Er rang ſeine Hände aus den ihren, er ſuchte die Knieende aufzuheben und deutete mit bebender Hand auf das Ebenholzkäſtchen, das er bei ſeinem Eintritt auf den Tiſch, an welchem er jetzt ſaß, hatte gleiten laſſen. Seine Geberde, ſein Blick zwangen Corneliens Blick in dieſelbe Richtung; ſie erkannte das Käſtchen ſofort und ſtreckte mit einem Ausruf der Ueberraſchung die Hand danach aus, indem ſie dabei Sven fragend anſah. Sven, der die Entdeckung mit furcht⸗ barer Schnelligkeit herankommen ſah, konnte nur mit dem Haupte winken, daß er es ſei, der das Käſtchen gebracht habe. Cornelie hob das Buch heraus und warf abermals einen Blick auf Sven. Ein Etwas in ſeinem zuſammengepreßten Mund, ſeinen ſtarren Augen ſchien ihre Seele mit einer dunklen Angſt zu erfüllen. Auch ihre Augen nahmen einen ſtarren Ausdruck an. Sie hatte die Schmuckſachen herausgenommen, das Medaillon entglitt ihren Fingern und fiel auf den Tiſch; die Kapſel ſprang auf. „Weß iſt dies Bild?“ fragte Sven und die Worte rangen ſich kaum aus der gepreßten Bruſt. „Meines Vaters,“ erwiderte Cornelie mit blaſſen Lippen. „Und meines!“ murmelte Sven. Cornelie war bei Svens verhängnißvollem Wort, als hätte ein Schlag ſie in's Herz getroffen, zurückgetaumelt. Jetzt ſtand ſie da, die Hand gegen die Stirn preſſend, bemüht, das Ungeheuere, das ſie eben gehört, ſich zum Verſtändniß zu bringen. Sven hatte ihr im Laufe ihrer Bekanntſchaft nach und nach die Geſchichte ſeines Lebens, ſeiner Familie erzählt. Cornelie bedurfte nur wenige Augenblicke, um die Möglichkeit, die Gewißheit zu begreifen, daß der Mann, der ihre Mutter ſo unſäglich elend gemacht, der Vater des Mannes ſei, den ſie geliebt. Ein paar Laute, die halb wie ein Gelächter klangen und halb wie der Angſtſchrei einer Seele, welche die Qual, die ſie leidet, nicht 286 In der zwölften Stunde. mehr ſtumm ertragen kann, tönten durch das Gemach. Cornelie zog die Hand von der Stirn und blickte Sven, der aus ſeinem Stuhl emporgetaumelt war und ſich jetzt an dem Rande der Tiſchplatte hielt, mit glühenden Augen an. „Deßhalb alſo biſt Du gekommen?“ rief ſie;„deßhalb! und konnteſt es nicht mit in das Grab nehmen? weil Deine tugendſame Ehrlichkeit ſich vor dem Gedanken entſetzte, Du könnteſt über das Grab hinaus geliebt werden mit einer Liebe, die Natur und Sitte verdammen. Natur! was weiß die Natur davon! Sie hat mir nichts geſagt, ſie hat Dir nichts geſagt; in meinen Zügen nicht, von dem Papier da haſt Du es geleſen. Aber ſei ruhig! ich liebe Dich nicht! ich habe Dich auch wohl nie geliebt, denn mich ſchaudert bei Deinem Anblick. Dein Vater hat meiner Mutter das Leben vergällt, nun kommt der Sohn, an der Tochter ein Gleiches zu thun. Fluch über euch, die ihr vampyrgleich von dem Blut eurer Opfer lebt! und mögen wir uns nie in dieſem Leben wieder begegnen!“ Sie nahm das Käſſchen und ſchleuderte es mit ſeinem Inhalt in das Kamin, in welchem ein lebhaftes Feuer brannte. Dann eilte ſie zur Thür hinaus. Eine Minute ſpäter hörte Sven das Rollen der Wagen, die nach dem Dampfſchiffe fuhren. Er hatte keinen Verſuch gemacht, Cornelie zurückzuhalten. Er hätte es vielleicht auch nicht gekonnt, wenn er gewollt hätte. Seine Kraft war gänzlich erſchöpft; in ſeinem Kopfe war es ſo öde, ſein Herz ſo ſchwer, ſo beklommen. „Und konnteſt es nicht mit in's Grab nehmen,“ murmelte er. In dem Kamin fing es an zu kniſtern und zu knacken. Das trockene Holz des Käſtchens war in Brand gerathen und ſtrahlte ein lebhaftes Licht durch das Gemach. Der helle Schein fiel auf ein Bild, das an der im Uebrigen leeren Wand hing. Es war daſſelbe, vas ihm in der Dämmerung jenes Sommermorgens erſchienen war: das trotzig düſtre, edelſtolze Geſicht mit der Welt von Leidenſchaft in den ſchmerzlich ſtarren Augen. Und jetzt wußte er, warum dieſe Augen ſo ſtarr blickten; jetzt wußte er, was der tiefe, hoffnungsloſe Schmerz bedeutete, der um die Winkel des Mundes ſo feſt lag, daß man hätte weinen mögen, wenn man länger hinſah. In der zwölften Stunde. Aber Sven konnte nicht weinen, ſo voll ſeine Bruſt auch von namenloſem Leid war. Noch einmal ſchaute er nach dem Bilde hinauf, über das jetzt ſeltſam wechſelnde Lichter der zuſammenſinkenden Flamme zuckten. „Das iſt nicht ihr Bild,“ murmelte er,„das iſt das Antlitz der Sphinx, der uralten; und der Fluch, mit dem ſie mir fluchte, iſt der uralte Fluch, mit dem die neidiſchen Götter das Menſchengeſchlecht fluchten: der Fluch von der Schuld, der Urſchuld, die mit dem Leben geboren wird, der Schuld, die an uns gerächt wird, und deren ſchwererer Theil doch auf die fällt, die, ohne unſer Wollen, in's Leben uns hineinführten. 4 Die Flamme im Kamin erloſch. Sven raffte ſich auf und ſchwankte aus der Stube, aus dem Hauſe. 288 In der zwölften Stunde. Folge deſſen auch ſelten— und das auch nur wieder in Geſchäften Jemand zu ihm kommt, ſo hat man es ſchlies ich aufgegeben, das Wahre von der Sache zu erkunden. Nur Eines ſteht feſt: daß in ſeinem Arbeitszimmer das Bild einer noch jungen und ſehr ſchönen, aber äußerſt vüſter blickenden Frau hängt, das nicht immer da ge⸗ hangen. Einer der Nachbarn, ein Herr von Adel, der— gege Gewohnheit ſeiner Stand gemacht hat, will wiſſen, as Porträt einer Dame ſei, die vor ſieben Jahren i rvi bei einer Segelfahrt über Bord fiel und ertrank, nachdem ihr einziger Sohn wenige Wochen „ egend— größeres Reen k 2 vorher in jugendlichem Alter an der Schwindſucht geſtorben. Eine Tochter der Dame, die bei ihren Verwandten in England lebt, und it von u zehn Jahren und nebenbei geichſten Erbinnen des Landes ſein ſoll, wollte derſelbe A England geſehen R⸗ ſeeit dieſer — größere ⸗ n* Porträt einer Dame Nervi L— Kraft n Herz ſoß In trockene. lebhaftes das trotzig den ſchmer Augen ſof Schmerz be man hätte 1 —