——— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 90 Gpnurd Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe inen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und † eträgt: für c 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ „ nvung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu fer 6. Schadenersatz. 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An Bord von Sr. Majeſtät Schleppdampfer „der Adler“ Nachts 12 Uhr. Wenn Du, lieber Franz, über den fabelhaften Ort, von dem aus ich dieſen Brief datire, einen gelinden Schrecken empfändeſt, und etwa meinteſt, ich ſei ſchon auf dem Wege nach Amerika, ſo ſollte mir das im Grunde genommen ganz recht ſein. Einmal würde ich aus dieſer Regung ſchließen können, daß Du meiner noch in alter Liebe gedenkſt; und ſodann, könnteſt Du Dich wundern, wenn die Hartnäckigkeit, mit der Du in Berlin auf unſrer Trennung be⸗ ſtandeſt, der Hohn, mit dem Du mir beim Abſchiede die Flügel der Morgenröthe wünſchteſt, mich wirklich zu dem verzweifelten Entſchluſſe und bis an's äußerſte Meer getrieben hätten? Oder wähnſt Du etwa, ich würde Dich nicht verantwortlich machen für all' die Leiden, die ich in dieſem Lande der Lothophagen und Kyklopen ſchon erduldet habe und noch erdulden werde? Könnteſt Du Dich beklagen, wenn ich von meinem Dulderrechte Gebrauch machte, und Dich in den Armen irgend einer Kalypſo vergäße? Wer weiß, welche„Göttin oder auch Weib“ die heilige Inſel bewohnt, auf die mich Guſtav morgen früh bringen wird, und die für einige Wochen meine Scheria ſein ſoll? Lag nicht ſo etwas Geheimnißvolles, Heilverkündendes in ſeinem: Auf Werke. IV. 1 2 Auf der Düne. morgen alſo! mit dem er eben, leiſe gähnend, und das Licht mit der einen Hand ſchützend, durch die Thür der Cajüte verſchwand? Und jetzt runzelſt Du die Stirn, und drohſt, nicht eine Zeile weiter leſen zu wollen, wenn ich nicht alsbald größere Ordnung in meine Rede bringe, und Dir vor allem ſage, was das mit dem Adler und mit Guſtav und der geheimnißvollen Inſel für eine Bewandtniß habe! Einfach dieſe. Ich ſaß heute Morgen in meinem Studirzimmer, ſo melancholiſch, wie derjenige nothwendig ſein muß, der acht Wochen Sommerferien vor ſich hat, und keinen beſſeren Gebrauch davon zu machen weiß, als ſich in ſein Zimmer einzuſchließen, mit der ſelbſt⸗ mörderiſchen Abſicht, ſich durch einen Bücherhaufen von mehreren Kubikfuß durchzuarbeiten. Vergebens, daß die Vögel luſtig in den Bäumen vor meinem Fenſter zwitſcherten; vergebens, daß die Wölk⸗ chen, die am blauen Morgenhimmel hinſegelten, mich hinaus und in die Ferne lockten; vergebens, daß die lauen Lüfte mir manchmal neckiſch das Blatt umſchlugen, und mir von blühenden Wieſen, wallenden Kornfeldern und ſchattigem Waldesdunkel erzählten— ich wollte von der Natur nichts wiſſen, weil ich keinen Menſchen hatte, mit dem ich mich ihrer Heprlichkeit freuen konnte. Denn, wir mögen uns ſtellen, wie wir wollen, der Menſch kann doch den Menſchen nicht entbehren; und ſelbſt dann, wenn wir in einem hypochondriſchen Anfalle vor den Menſchen in die Natur fliehen, müſſen wir ſie doch wieder mit lieben Geſtalten, und wären es auch nur Geſchöpfe unſerer Phantaſie, be⸗ leben, wenn ſie uns nicht alsbald todt und leer erſcheinen ſoll. Und während ich dieſen Gedanken noch weiter verfolgte, und ſeufzend überlegte, welch trauriger Erſatz ſelbſt das beſte Buch für einen mittelmäßigen Geſellen iſt, den wir lieb haben; und ich, wie König Philipp, die Vorſehung um einen Menſchen bat, der mir die Laſt der nächſten Wochen möchte tragen helfen,— vernahm ich plötz⸗ lich auf meinem Vorſaale einen ziemlich lebhaften Wortwechſel zwiſchen ver keifenden Stimme meiner Wirthin, die den ſtrengſten Befehl hatte, Jedermann, er ſei, wer er ſei, abzuweiſen, und einer tiefen Männer⸗ ſtimme, die nicht Willens ſchien, ſich abweiſen zu laſſen. Da mir war, als ob ich den Baß kennen müßte, und ich überdies den vor 1 — Auf der Düne. 3 einer Stunde gegebenen menſchenfeindlichen Befehl ſchon ſeit neun und fünfzig Minuten bereute, beging ich die Inconſequenz, die Thür zu öffnen, und meinen Vetter Guſtav, denn er war es, in mein Sanctuarium einzulaſſen. Du wirſt Dich Guſtav's von dem Winter⸗ halbjahr her, als er, um ein Examen zu machen, das ſo wunderlich war, ſich nicht machen laſſen zu wollen, in Berlin aufhielt, erinnern. Möglicherweiſe erinnerſt Du Dich ſeiner aber auch nicht; denn er iſt in keiner Hinſicht eine merkwürdige Erſcheinung. Er iſt einer von den Menſchen, mit denen man nicht ungern ſtunden⸗ ja tagelang bei⸗ ſammen iſt, und die man vollſtändig aus dem Gedächtniſſe verliert, ſobald man ihnen den Rücken wendet. Er gehört zu den Leuten, die uns lieb werden können, wie ein bequemer Hausrock. Man iſt nicht ſtolz auf den alten Flaus; man verleugnet ihn wohl gar, wenn die feine Geſellſchaft kommt, aber iſt die fort, vertauſcht man ihn doch gern wieder mit dem Galakleide. Ich war deshalb ſo erfreut, den treuen Menſchen wieder zu ſehen, als ob ich während der vierjährigen Trennung tagtäglich an ihn gedacht hätte, und ſchämte mich wahrlich meiner Gleichgültigkeit, wenn ich ſie mit der Theilnahme verglich, mit der er meinem Thun und Treiben Schritt vor Schritt bis hierher nach G. in meine Studirſtube gefolgt war, ſo daß ich ihm beinahe Nichts, er mir dagegen deſto mehr zu erzählen hatte. Ich wußte nicht einmal, daß er ſeit zwei Jahren verheirathet war! Weiter ver⸗ traute er mir, daß er alle Gedanken an eine glänzendere Carriere aufgegeben habe, da, wie er ſich naiv ausdrückte, ein Examen für einen Familienvater ein zu gewagtes Ding ſei, bei dem man das bischen häusliche Autorität noch vollends verlieren könnte; ſich über⸗ haupt dergleichen jugendliche Kraftäußerungen für einen Mann in ſeinem Alter nicht mehr recht ſchickten. Sodann, daß ſeine Frau ihm ein hübſches Vermögen zugebracht habe, und er mit ſeiner beſcheidenen Stellung als Baggerinſpector— ein Titel, der, wie er mir nicht ohne Stolz erzählte, eigens für ihn geſchaffen iſt— vollkommen zu⸗ frieden ſei.„So führe ich denn,“ ſprach er„ſtill und harmlos, wie Wilhelm Tell vor dem dritten Act, halb auf dem Waſſer und halb auf dem Lande lebend, ein amphibienartiges Daſein. Für dieſen Sommer iſt meine Flottille an dem Eingang der engen Waſſerſtraße, 1* 4 Auf der Düne. die zwiſchen der Inſel R. und unſerer Küſte hindurchführt, ſtationirt“ Auf meine Frage, ob er denn auch Frau und Kind dem trügeriſchen Elemente anvertraut habe, antwortete er mir, ob ich nie etwas vom „Nedur“ gehört hätte. Ich ſchüttelte den Kopf. Nun belehrte er mich, daß an dem Eingange der Waſſerſtraße zwiſchen der Inſel und der Küſte ein kleines Eiland,„Redur“ genannt von den Göttern und den ſterblichen Menſchen, gelegen ſei, welches einer großen Menge von Seevögeln und einer kleinen Anzahl von Menſchen zum Aufent⸗ haltsort diene; daß beſagtes Eiland von unſäglicher Wichtigkeit für alle handeltreibenden Nationen der Erde ſei, nicht nur als der ſchick⸗ lichſte, ſondern auch als der einzige Punkt, den ein weiſes Gouverne⸗ ment in dieſem Theile der Gewäſſer für die Anlegung einer Lootſen⸗ ſtation habe ausfindig machen können; daß, da das Meer, beſonders bei Nord⸗Oſt, eine unverkennbare Neigung blicken laſſe, den„Nedur“ mit Allem, was darauf ſei, zu verſchlingen, er durch allerlei höchſt künſtliche Waſſerbauten für die Erhaltung deſſelben Sorge zu tragen habe, ein Geſchäft, dem er ſich mit um ſo größerem Eifer unterziehe, als in dem Hauſe des Lootſencommandeurs ebendaſelbſt ſeine Familie zur Zeit ſich befinde.„Von Deiner Ueberſiedelung aus dem leidigen Berlin hierher in dieſe Univerſitätsſtadt,“ fuhr er fort,„habe ich von Bernhard gehört; und ich wäre ſchon längſt einmal herübergeſegelt, wenn ich irgend Zeit gehabt hätte. Wir ſind im Umkreis von hun⸗ dert Meilen die Einzigen aus der Familie, und Verwandte, meine ich, müſſen zuſammenhalten. Wie wär's, wenn Du Deine Sachen packteſt, und Deine Ferien bei mir verlebteſt? Viel kann ich Dir nicht bieten; aber— was für ein bedenkliches Geſicht machſt Du? haſt Du keine Luſt?“ Ich deutete mit kläglicher Geberde auf meinen mit Büchern und Papieren bedeckten Arbeitstiſch. „Du kannſt die alten Scharteken ja mitnehmen, wenn Du ohne ſie nicht leben kannſt.“ „Und deine Frau?“ „Ja, das hätte ich beinahe vergeſſen“— Hier producirte er aus einer corpulenten Brieftaſche ein zierliches Briefchen, in welchem mich meine neue Couſine, die, wie ich jetzt Auf der Düne. 5 erfuhr, Clementine heißt, mit wenigen herzlichen Worten um einen möglichſt langen Beſuch bat. Auch für einen freundlichen Empfang von Seiten ihres einjährigen Söhnchens, der auch zugleich, und nicht blos zufällig, mein Namensvetter ſei, glaubte ſie, einſtehen zu können. Nun frage ich Dich, ob ich, der ich noch ſo eben mit der ganzen Sentimentalität eines Freiligrath'ſchen ausgewanderten Dichters nach einem Weſen, an deſſen Bruſt ich mein Haupt legen könnte, ge⸗ ſchmachtet hatte, bei der Neugier, meine junge Couſine, die mir, nach den paar Zeilen ſchon, ſehr liebenswürdig erſchienen war, kennen zu lernen; bei der angenehmen Ausſicht auf das Meer und ein wochen⸗ langes Leben auf demſelben, welche mir Guſtav's Vorſchlag eröffnete — ob, ſage ich, bei ſo vielen Beweiſen uneigennütziger Liebe kalt zu bleiben, nicht unfreundlich, unverwandtſchaftlich, ja unmenſchlich ge⸗ weſen wäre. So waren wir denn einige Stunden darauf an Bord des Kutters, wie Guſtav das ſchöne große Segelboot nannte, das uns an dem Stranddorf W.(dem Hafen unſrer Stadt, wie du weißt) erwartete, eingeſchifft; und da wir nur vier Meilen zu ſegeln hatten und der Wind friſch aus Oſten, wie wir ihn brauchten, blies, ſo hofften wir noch vor Sonnnenuntergang an Ort und Stelle anzukommen. Aber Poſeidon hatte es anders beſchloſſen. Erſt hieß er den Oſt ſchweigen, und den Weſt ſeine Stimme, und zwar ziemlich laut, erheben; darauf gebot er allgemeine Stille, die dem Schiffer unter dem Namen Wind⸗ ſtille ebenſo Bekannt wie verhaßt iſt. Mir für mein Theil war alles recht. So lange der Wind blies, freute ich mich der prächtigen, ſchaumgekrönten Wellen, und hatte mit dem Beobachten des Himmels und des Meeres und der Ufer, und der braunen Matroſengeſichter, und der Seevögel, die wit auf unſerer raſchen Fahrt aufjagten, ſo viel zu thun, daß ich nicht einmal Zeit fand, meinen Homer aufzu⸗ ſchlagen, den ich eigens in der Abſicht zu mir geſteckt hatte, mir die Umterſchiede zwiſchen dem antiken und modernen Segeln am Rande zu notiren. Und als gegen Sonnenuntergang der Wind ſich gänzlich legte, und ein goldner Abend ſtill und hehr auf die erregte See her⸗ abſank, war ich ſchon ſo gut ſeemänniſch geſinnt, daß ich dem alten Matroſen am Steuer beim Handhaben ſeines ſchweren Ruders ſtunden⸗ 6 Auf der Düne. lang ununterbrochen half, während Guſtav in der Cajüte ſchlief. So arbeiteten wir uns mühſam weiter. Es wurde beſchloſſen, in der ſpäten Stunde nicht mehr an ver Inſel anzulegen, ſondern noch eine Viertelmeile weiter nach der Baggerflottille zu rudern. Bald tauchten denn auch die rieſigen Leiber mehrer vor Anker liegender Schiffe aus dem Dunkel auf. Auch wir gingen vor Anker. Es wurden einige Worte zwiſchen Guſtav und einer rauhen Stimme vom Bord des uns zunächſt liegenden Schiffes ausgetauſcht. Dann kam eine Jolle an uns herangerudert, um uns aufzunehmen. Eine dunkle Schiffs⸗ wand, eine höchſt bedenkliche Strickleiter, das von einer Laterne ſpär⸗ lich beleuchtete Verdeck eines großen Schiffes, eine gewundene Treppe, und endlich eine ſchöne, geräumige Cajüte, Guſtav's Arbeitscabinet und Eßſaal während der Sommermonate, dieſelbe Cajüte, an deren großem eichenen Tiſch ich dieſen unendlichen Brief an Dich ſchreibe, während Guſtav ſchon lange in der früheren Damencajüte des alten Poſtdampfers in den Armen des Schlafs ſich vielleicht in die Arme ſeiner jungen Gattin, meiner unbekannten Couſine, träumt. Ich für mein Theil habe vergeblich zu ſchlafen verſucht. Die für mich ſo ganz neue Situation, einige Gläſer Seemannsgrog, die wir als Schlaſtrunk mit, wie es ſcheint, nur einſeitiger Wirkung getrunken haben, endlich die langentbehrte Luſt, mit Dir zu plaudern, haben mich wach erhalten.—— Ich bin noch einmal auf dem Verdeck geweſen. Im Oſten dämmerte ſchon ein ſchwacher Schimmer des neuen Tages. Der Wind hatte ſich wieder aufgemacht, und leiſe plätſcherten die Wellen gegen den Bug des Schiffs. Von dem Eiland drüben ſchimmerte das Licht der Leuchtbake durch das Dunkel; in langen Zwiſchenräumen ließ ſich der heiſere Schrei eines Waſſervogels vernehmen.— Ich glaubte nie zuvor Homers„ambroſiſche“ Nacht verſtanden zu haben. Was meinſt Du, ſollte es nicht wohlgethan ſein, noch ein paar Jahre, ehe die Kraft aus den Gliedern und der Muth aus dem Herzen entflohen iſt, auf gut Glück in der Welt herum zu ſinbadiſiren? So viel weiß ich, wäre ich nicht Doctor der Philoſophie, ſo möchte ich wohl ein Schiffsjunge ſein. Gute Nacht! 6 —————— 4 Auf der Düne. Zweites Capitel. Paul ſaß eifrig ſtudirend in G.. in ſeiner Stube, deren Fenſter auf den ſtillen, ſchattigen Hof der Kirche ſahen, und ſtreckte eben die Hand nach einem alten Folianten vor ihm aus, als ſeine Wirthin hereintrat, und mit einem tiefen Knixe fragte, ob er Befehl gegeben habe, das Haus auf Rollen zu ſtellen und den großen Ele⸗ phanten davor zu ſpannen. Er erwiederte, das ſei allerdings ſein Wunſch, denn er müſſe nothwendig nach Berlin, und da er ſich doch auch nicht gern in ſeiner Arbeit wolle ſtören laſſen, ſei er auf beſagten ſinnreichen Einfall gekommen. In dieſem Augenblick ließ ſich ein lautes Schnauben und Brauſen vernehmen, und das Haus erbebte vom Grund bis zum Giebel. Es ſchüttelt im Anfang ein wenig, ſagte Paul freundlich; aber man gewöhnt ſich bald daran. Aber das Schnauben wurde lauter und lauter, und das Schütteln immer be⸗ denklicher. Die Fenſter klirrten in Scherben, die Bücher polterten aus den Schränken und die Wirthin eilte aus dem Zimmer, laut ſchreiend, das Haus gehe aus den Fugen. Paul ließ ſich das weiter nicht anfechten. Da barſt' die Mauer mit fürchterlichem Krachen, und die Meereswogen rauſchten von allen Seiten durch die klaffenden Spalten, die Zimmerdecke rollte ſich auf, der Boden wich unter ſeinen Füßen, und er ſchwamm allein auf einem weiten, wüſten Ocean, und die Bücher wurden zu weißen Möven, die ihn kreiſchend umflatterten. Dabei zeichneten ſich beſonders zwei übermäßig fette und plumpe aus, die noch vor einem Augenblicke griechiſche Lexika geweſen waren. Vor ihren weit aufgeſperrten dicken Schnäbeln ergriff ihn eine entſetzliche Angſt, und als gar die eine nach ſeinem nackten Arm hackte, fuhr er mit einem Schrei in die Höhe, und ſtarrte Guſtav, der vor ſeinem Lager ſtand, und ihn bei dem herabhängenden linken Arm ergriffen hatte, verwundert in das gutmüthige, ſonnegebräunte Geſicht. „Du Langſchläfer,“ ſagte der,„wir bringen ſchon zum zweiten Male die Prähme fort. Mach', daß Du in Deine Kleider und auf Deck kommſt.“ 8 Auf der Düne. Als Paul bald darauf auf das Verdeck kam, ſah er im Anfang Nichts, als Himmel und Waſſer. Die unendliche Fläche war in lange, regelmäßige Wogen gefurcht, die prächtig in der Morgenſonne blitz⸗ ten; und, wie der Elephant ſeines Traumes, ſchnaubend und keuchend ſtampfte das gute Schiff in die Wellen hinein, und durchbrach ſie mit ſeiner mächtigen Bruſt, und ſchien ſeine Freude daran zu haben, wenn ſich die eine oder die andere in einem Sprühregen über ſeinen Nacken ergoß. Es mußte ſich es ſauer werden laſſen, das gute Schiff, denn hinter ſich her an den mächtigen Tauen ſchleppte es zwei rieſige flache Boote, die mit Meerſand bis an den Rand gefüllt waren, und ſo tief im Waſſer gingen, daß es Paul's ungeübtem Auge erſchien, als müßten ſie und die halbnackten Männer, die darauf ſtanden, jeden Augenblick von den Fluthen verſchlungen werden. Zwei ungeheure Schlangen mit vielfach gekrümmten Rücken ſchien die Doppelſpur, welche die Räder des Dampfers in den erregten Waſſern empor⸗ wühlten, und über die Schlangen und die Boote hin warf die lange, ſchwarze Rauchſäule aus dem Schlot wechſelnde, unheimliche Schatten. Zum erſten Mal fühlte ſich Paul wirklich auf dem Meere, dem Ge⸗ biete des dunkellockigen Poſeidon. Seine Augen füllten ſich mit Thränen, und es fehlte nicht viel, er wäre auf die Knie geſunken; ſo gewaltig war der Eindruck, den das herrliche Schauſpiel auf ſein empfängliches Gemüth machte. Geſtern auf ſeiner Fahrt war er, ſo lange es Tag war, dem Ufer zu nahe geweſen. Aber das Meer, von ufern rechts und links eingeengt, iſt nur ein Löwe im Käfig. Da iſt nur eine ſchwache Spur von ſeiner Schönheit und ſeiner Kraſt und ſeiner Wildheit. Erſt wenn Himmel und Meer am Horizonte ineinanderfließen, überkommt uns die Ahnung der Unendlichkeit, die ein nothwendiger Factor des Erhabenen iſt. Zwar war auch jetzt noch nicht alles Land verſchwunden; aber es trat hoffnungslos weit zurück. Gegen Oſten ragte ein blaues Vorgebirge der großen Inſel aus den Fluthen. So hatte wohl der Sohn des Laertes das Land der Phäaken geſehen, als ihn die Welle hoch emporhob, und ihm die rettende Inſel erſchien„wie ein Schild“. Die Küſte des Feſtlandes im Weſten deutlich zu erkennen, mußte Paul das Fernrohr zu Hülfe nehmen, und was das kleine Eiland betrifft, von dem ihm geſtern — „ Auf der Düne. 9 Nacht das Licht der Bake herübergeſchimmert hatte, und das jetzt etwa eine halbe Meile hinker ihnen lag, ſo hätte es eben ſo gut der Rücken eines Wallfiſches ſein können. Unterdeſſen hatte das Schiff kehrt gemacht, und ſchwamm, die beiden Boote hinter ſich, die ſich an dieſer Stelle ihrer Sandlaſt ent⸗ laden hatten, mit den treibenden Wogen gemächlich der Baggerflottille zu, die halbwegs zwiſchen ihm und dem„Nedur“ lag. Endlich konnte es Paul über ſich gewinnen, den Rufen Guſtav's nach dem Hinterdeck und dem Frühſtückstiſch Folge zu leiſten, und bald ſprach er den guten Dingen, die der alte Steward in geſetzter Eile auftrug, mit einem Appetite zu, der keinem der Gefährten des Odyſſeus, ja nicht einmal dem herrlichen Dulder ſelbſt Schande gemacht haben würde. „Nun, wie gefällt es Dir auf dem Adler?“ fragte Guſtav. „Daß es mir nicht beſſer gefallen könnte, wenn es der Vogel Rock in Perſon wäre.“ „Ihr Poeten ſeid ſeltſames Volk!“ ſagte Guſtav lächelnd,„in⸗ deſſen dachte ich proſaiſcher Menſch doch beinahe ebenſo— am erſten Tage.“ „Und kann man ſich jemals an dieſer Pracht und Herrlichkeit ſatt ſehen und hören?“ „Wenn Du, wie ich, Tag aus, Teg ein, und Monate lang die⸗ ſelbe Reiſe von dem Bagger nach jenem Platze, und von dort wieder nach dem Bagger zum, ich weiß nicht wie viel hundertſten Male gemacht hätteſt, würdeſt Du Dich nicht wundern, wenn ich Deine Frage bejahe, oder Du würdeſt ſie vielmehr gar nicht gemacht haben.“ Paul ſah ganz verdutzt d'rein und Guſtav fuhr ruhig fort: „Denn, ſiehſt Du, was die Arbeit ſelbſt betrifft, ſo iſt ſie, ob⸗ gleich ſcheinbar ſehr complicirt, im Grunde erſtaunlich einfach; und wenn das Wetter gut iſt, ſo geht's eben von ſelbſt.“ „Und wenn das Wetter ſchlecht iſt?“ „So geht's eben gar nicht, und wenn die Prähme nicht mit Auf der Düne. den Köpfen aneinander rennen, der Bagger und die Schiffe nicht von den Ankern treiben, und man mit einem Worte nach einer ſolchen Sturmnacht noch Alles hübſch beiſammen hat, ſo kann man von Glück ſagen.“ „Aber das muß ja köſtlich ſein!“ rief Guſtav voller Enthuſias⸗ mus,„ſo eine Sturmnacht auf dem Meere iſt ſchon ſeit meinem zwölften Jahre, als ich den Robinſon zum erſten Male las, mein ſehnlichſter Wunſch.“ „Meiner nicht!“ ſagte Guſtav, ſich eine Cigarre anzündend und die Beine von ſich ſtreckend.„Lieber will ich denn doch die Lang⸗ weiligkeit der glatten See, obgleich auch die, wie geſagt, einen ehr⸗ lichen Kerl manchmal zur Verzweiflung bringen könnte.“ „Aber, wenn Du ſonſt nichts zu thun haſt, ſo kannſt Du ja leſen, ſtudiren— die große Cajüte iſt zu einer Bibliothek wie ge⸗ ſchaffen.“ „Das Studiren, weißt Du, iſt nie meine ſtarke Seite geweſen, und die Bücher, denke ich, haben mich von jeher nicht lieber gehabt, als ich ſie.“ „Dann biſt Du wohl oft drüben auf dem Nedur bei Deiner Frau? oder beſucht ſie Dich gar hier auf dem Vogel Rock?“ „Nun, hierher kommt ſie freilich nicht; denn ich würde fürchten müſſen, daß jene braunen Geſellen ihre Weiber und Liebchen nächſtens auch mitbrächten. Und ich kann leider auch nicht ſo oft hinüber, als ich wohl wünſchte. Denn, giebt es hier auch nicht viel zu thun, etwas giebt es immer, und ich habe die Bemerkung gemacht, daß alles Un⸗ heil geduldig wartet, bis ich den Rücken gewandt habe.“ „O weh! ſo ſcheint denn ein nicht unbedeutender Theil der all⸗ gemeinen Langenweile auch auf meine Couſine zu fallen? „Nun, Clementine hat den Kleinen; und Frauen wiſſen ſich immer zu beſchäftigen— weiß der Himmel, wie ſie's anfangen; und überdies hat ſie ja auch Hedda?“ „Wer iſt Hedda? ihr Mädchen?“ „Nein, des alten Walter's Tochter.“ „Wer iſt der alte Walter?“ „Nun, der Lootſencommandeur.“ „ Auf der Düne. 11 „Und der hat eine Lochter?“ „Ja, habe ich Dir das nicht geſagt?“ „Nein; wie alt iſt ſie?“ „Zwanzig oder zweiundzwanzig Jahre. Sie iſt ein Jahr älter oder jünger wie meine Frau, und die iſt einundzwanzig.“ „Iſt ſie hübſch?“ „Meine Frau?“ „Ach, das verſteht ſich von ſelbſt, daß Deine Frau hübſch iſt; aber Hedda?“ „Ich weiß wirklich nicht einmal; ich habe ſie nie darauf an⸗ geſehen.“ „Ueber den exemplariſchen Ehemann! Aber dieſe Antwort ſteht Dir gut wie dem Schweizer ſeine Narben! Alſo hübſch iſt ſie nicht, und ein Gänschen obenein? nicht?“ „Oho, da kommſt Du ſchön an! Sie iſt mit meiner Frau zu⸗ ſammen in der Penſion erzogen, und alle Welt nannte ſie nur„die kluge Hedda.“ „Das klingt ſchon beſſer. Dann liest ſie auch wohl?“ „Daß einem um ihren Verſtand bange werden möchte.“ „Iſt ihre Mutter eine verſtändige Frau?“ „Die Mutter iſt todt.“ „Armes Mädchen! ſeit wie lange?“ „Nun es wird wohl vier Jahre oder ſo her ſein. Seitdem lebt Hedda bei ihrem Vater, und hat den Nedur kaum auf Wochen ver⸗ laſſen.“ Da wird ſie wohl ſo melancholiſch ſein, als die Heine'ſche blaſſe Frau auf dem Schloſſe an der ſchottiſchen Felſenküſte. Spielt ſie auch die Harfe?“ „So viel ich weiß, nein; aber das Clavier, wenn Dir das genügt.“ „Singt ſie?“ „Gut?“ „Da mußt Du Herrn von Elze fragen.“ „Und wer iſt Herr von Elze, wenn man fragen darf?“ Auf der Düne. „Der Lieutenant—“ „In der Penſionsſtadt etwa?“ „Nein, dort drüben.“ „Jetzt wird mir die Sache bedenklich. Ihr habt doch nicht am Ende noch gar Militär auf dem Nedur?“ „Gott ſei Dank, nein.“ „So iſt er ihr Verlobter und zum Beſuch da?“ „Und wenn er es nun wäre, was geht das Dich an?“ „Ganz und gar nichts. Ich frage nur eben.“ „So eifrig? Nun beruhige Dich; von der Verlobung habe ich noch Nichts gehört, und der Lieutenant iſt eher in Verbannung auf dem Nedur, als zum Beſuch.“ „Nun, bei allen Olympiern! was hat es mit dieſem Herrn von Elze, dieſem Lieutenant ohne Compagnie, der in Verbannung lebt, und dabei ganz gemüthlich Duetts mit Fräulein Hedda ſingt, für eine Bewandtniß?“ „Die Sache iſt einfach die. Herr von Elze iſt Artillerie⸗Offizier geweſen, und, wie ich höre, ein ſehr tüchtiger. Plötzlich mußte er ſeinen Abſchied nehmen; warum? weiß Keiner, wenigſtens Keiner von uns. Einige ſagen, wegen eines Duells mit einer ſehr hohen Perſon; Andere, wegen mißliebiger politiſcher Geſinnungen. Da man, wie es ſcheint, ihn anderweitig verſorgen wollte, ſo beſchäftigte man ihn im Steuerfach, und Herr von Elze, der kein Vermögen hat, ließ ſich das gefallen. So kam er denn vor ungefähr einem halben Jahre als Steuerbeamter zu uns. Seine Stelle iſt übrigens eine reine Sinecure, denn ein anderer Beamter beſorgt alle Geſchäfte. Und dann ſoll er bedeutende Connexionen haben, und dürfte es in ſeinem neuen Fach leicht weiter bringen, wie in ſeinem alten.“ „Nun, zund iſt dieſe Perſönlichkeit ebenſo liebenswürdig als ge⸗ heimnißvoll?“ „Mein Mann iſt er eben nicht.“ „Aber Hedda's Mann, meinſt Du, könnte er werden?“ „Das ſcheint Dich ja gewaltig zu intereſſiren.“ „Durchaus nicht. Und wie denkt Clementine über ihn?“ „Hoffentlich gar nicht.“ „ „ 2. Auf der Düne. 13 „Das fragt ſich.“ „Wie ſo?“ „Nun, ich glaube, daß jede Frau, beſonders jede jüngere, über jeden Mann, beſonders jeden jüngeren, der in in ihre Nähe kommt, ſich auch ihre Gedanken macht.“ „Das glaube ich nicht.“ „Meinungsverſchiedenheiten.“ Guſtav's Stirn verdüſterte ſich ein wenig, und für eine halbe Minute zog er, wie das perſiſche Sprichwort ſagt, den Rauch des Nachdenkens ein, und blies den Rauch des Zweifels von ſich. Plötz⸗ lich ſagte er:„Und überdies muß er fort!“ „Iſt ſeine Uhr etwa abgelaufen?“ „Warum?“ „Ich dachte, Du wollteſt Herrn von Elze mit dem Flitzbogen todtſchießen, wie Tell den Gesler, weil Deine Frau doch möglicher⸗ weiſe einen Augenblick über ihn nachgedacht haben könnte.“ „Du biſt nicht klug. Ich meinte nur, weil er mir neulich ſagte: er ſei die längſte Zeit auf dem Nedur geweſen, und erwarte jeden Augenblick ſeine Verſetzungsordre.“ „Deſto beſſer.“ „Was haſt Du davon?“ „Ich ſchwärme für Solos, und verabſcheue alle Duetts, in denen ich nicht die zweite Stimme ſingen kann.“ Guſtav lachte; aber nicht ſo herzlich wie ſonſt. Das fiel Paul auf. Es fuhr ihm durch den Sinn, daß ſein Vetter auf den ge⸗ heimnißvollen Lieutenant eiferſüchtig ſein könnte; indeſſen hatte er für den Augenblick keine Zeit, weiter daran zu denken. Sie waren während dieſer Unterredung bis an den Bagger ge⸗ kommen und gingen vor Anker, da die beiden Prähme, die ſie in Empfang nehmen ſollten, noch nicht ihre volle Ladung hatten. Auch einen Seebagger in Thätigkeit hatte Paul noch nicht geſehen. Der plumpe Kaſten mit ſeinen langen eiſernen Armen, die er ſo unermüd⸗ lich in's Waſſer taucht, um ſie wieder herauszuheben, und aus vollen Kübeln mit Sand und Schlamm die Prähme an beiden Seiten zu ſpeiſen, erſchien ihm wie ein koloſſales antediluvianiſches Seeungeheuer, 14 Auf der Düne. das, mit ſeinen beiden Jungen der Tiefe entſtiegen, ſtöhnend und puſtend aus dem Meeresgrunde ſein Frühſtück holt, und die hoffnungs⸗ volle hungrige Brut abfüttert. Rechts ſchaukelte der Kutter auf den Wellen, mit ſeinem ſchlanken Maſt und der zierlichen Takelage neben dem Bagger, wie eine leichte Möve neben einem unbehülflichen Pinguin. Links, aber etwas entfernter, lag die Baggerſchmiede, der ſchwarze Rumpf eines vormals ohne Zweifel ſtattlichen Schiffes, das, all' ſeines Schmuckes beraubt, in ſeinen alten Tagen Muße hatte, über die flüchtig verlebte Jugend melancholiſche Betrachtungen anzuſtellen, und von Zeit zu Zeit aus ſeinem Schlot nachdenkliche Rauchwolken ausſtieß. Dazwiſchen ein Gewimmel von größeren und kleineren Booten. Und nun das Alles auf den erregten Wellen, und darüber ein blauer, wolkenloſer Sommerhimmel, aus dem die Morgenſonne blendend herabſtrahlte, und als Staffage die phantaſtiſchen Geſtalten der braunen, halbnackten Geſellen, die rüſtig den Sand in die Prähme ſchaufelten, oder die jungen Seeungeheuer mit langen Stangen hinüber und herüber lenkten— es war ein meerfriſches, ſonnenwarmes Bild kräftiger Menſchenarbeit, an dem Paul ſeine innige Freude hatte. Vom Nedur waren ſie jetzt nur noch etwa eine Viertelmeile ent⸗ fernt, und Paul blickte eifrig durch das Fernrohr nach dem kleinen Eiland hinüber, das ihm nach der Unterredung mit ſeinem Vetter umſoviel intereſſanter geworden war. Indeſſen er ſah Nichts, als eine lange ſchmale Sandbank, die er in jedem Falle für unbewohnt und unbewohnbar gehalten haben würde, wenn ſich nicht etwa in der Mitte ein mit rothen Ziegeln bedecktes Haus erhoben hätte, deſſen Fenſter in der Sonne blitzten. Auch wurden, als er von dem Maſt⸗ korb des Adlers ſeine Beobachtungen fortſetzte, noch die Dächer von zwei oder drei andern Häuschen über den Dünen ſichtbar. Flaggen⸗ ſtangen und andere Signale erhoben ſich hier und da auf den höher gelegenen Punkten. Auf dem weißen, ſonnebeſchienenen Sande des Strandes lagen ein paar Boote; andere ſchaukelten auf dem Waſſer neben einer kleinen Landungshrücke. Von den Bewohnern ließen ſich nur ein paar Männergeſtalten ſehen, die langſam am Strande hin⸗ ſchritten, ſich bei den Booten zu ſchaffen machten, und dann wieder verſchwanden. Einmal ſtieß ein Boot vom Ufer, um nach einem —— Auf der Düne. 15 Schiffe zu ſegeln, das in Sicht gekommen war, und nach einem Lootſen ſignaliſirt hatte. Die Wogen mit dem ſcharfen Kiele raſch durch⸗ ſchneidend, und mit dem einen Bord die Waſſerfläche faſt berührend, kam es auf ſeiner ſchnellen Fahrt dicht an ihnen vorüber. Am Steuer ſaß ein alter Mann mit grauen, im Winde flatternden Haaren.„Iſt das der alte Walter?“ fragte Paul. Guſtav lachte und ſagte„nein!“ So über all' dem Beobachten und dem Durchkriechen der glühen⸗ den Eingeweide des Baggers, wo die Räder und Hebel, deren Be⸗ deutung ihm ein bärtiger Maſchinenmeiſter zu erklären ſich bemühte, den unmathematiſchen Paul in die hoffnungsloſeſte Verwirrung ſetzten, und die Leute mit ihren von Kohlenſtaub geſchwärzten, von der doppel⸗ ten Gluth der Eſſe und der Sonne erhitzten Geſichtern ihn lebhaft an die Männer im feurigen Ofen erinnerten, und nach einer noch⸗ maligen Fahrt ſeewärts und wieder zurück, verging der Vormittag, und als vom Vogel Rock aus mit einer Glocke das Signal zur Ein⸗ ſtellung der Arbeit gegeben, und auf das Klappern und Raſſeln der Maſchinen eine wohlthuende Stille gefolgt war, beſtiegen ſie ein Boot, um nach dem Nedur, wie Guſtav,— nach Scheria, wie Paul ſagte, hinüberzurudern. Drittes Capitel. Die allen Inſulanern ſeit undenklichen Zeiten erb⸗ und eigen⸗ thümliche Neugier hatte faſt ein Dutzend Menſchen, d. h. ſo ziemlich die ganze Einwohnerſchaft zum Empfang des angekündigten Fremden an der Landungsbrücke verſammelt; braune Lootſengeſichter, ein paar. derbe rothhaarige Kinder, und dann waren noch zwei Frauen da, junge Frauen in hellen Sommergewändern, die den Ankommenden unter ihren braunen breiträndrigen Strohhüten freundlich entgegen⸗ lächelten. Paul wäre, auch ohne vorgeſtellt zu ſein, keinen Augenblick in Zweifel geweſen, welche von den beiden Damen Guſtav's Frau, und 16 Auf der Düne. welche des Lootſencommandeurs Tochter ſei. Er that ſich nicht wenig darauf zu gute, von Perſonen, die er kennen zu lernen wünſchte, oder mit denen er bekannt gemacht werden ſollte, ſich zum Voraus ſchon — durch höhere Intuition— wie er ſagte, eine richtige Vorſtellung machen zu können, und da der geneigte Leſer dieſes Talent jedenfalls in nicht minder hohem Grade beſitzt, ſo wird er es ebenſo natürlich finden, wie Paul, daß Clementine eine ſchlanke Blondine mit großen blauen, ſanften Augen iſt, und Hedda eine zierliche Brünette, deren Augen auch ſelbſt dann noch, wenn ſie die dunkeln Wimpern hebt, ſowohl der Farbe als dem Ausdruck nach ein Räthſel bleiben.— Unter freundlichen Geſprächen ſchritt die Geſellſchaft dem Hauſe mit dem rothen Ziegeldache zu, an deſſen Thür ſie der alte Walter, in dem doppelten Glanze ſeiner blauen Lootſencommandeuruniform und ſeines rothbraunen, überaus gutmüthigen Geſichtes empfing. Es wurde Paul im Anfang nicht ganz leicht, die ohne Zweifel höchſt gaſtfreundſchaftliche Meinung ſeiner Worte zu faſſen, denn die Sprache des würdigen Commandeurs war das wunderlichſte Gemiſch von einem ganz klein wenig Hochdeutſch, ſehr vielem Plattdeutſch und überdies einem nicht unbedeutenden Contingent von Wörtern aus aller Herren Ländern, die er auf ſeinen Reiſen berührt hatte. Indeſſen verſtändigte ſich der junge Mann doch ſo leidlich mit ſeinem Wirthe, während dieſer den Gaſt nach dem für ihn beſtimmten Zimmer im Giebel des einſtöckigen Hauſes führte, und ihm im Vorbeigehen eine ſehr detaillirte Ueberſicht der ganzen Wohnung gab. Nun hatte Paul während des Morgens ſchon ſo viel Neues, Unerwartetes und Ueberraſchendes ge⸗ ſehen, daß er gar nicht einmal mehr erſtaunte, als die beſcheidene Schifferwohnung, die ihm ſeine Phantaſie und das Fernrohr gezeigt hatten, ſich jetzt in ein ganz ſtattliches Haus verwandelte, das mit allem Comfort, den nur an Reichthum grenzende Wohlhabenheit her⸗ beizuſchaffen vermag, eingerichtet war. Er würde ſich in der Villa eines Kaufherrn zu befinden geglaubt haben, wenn nicht eine Menge von Gegenſtänden, die in naher und nächſter Berührung zur See ſtehen, ſich überall ſeinen Blicken gezeigt hätten. Da prangte in der einen Stube ein Schrank voll der köſtlichſten Muſcheln; von der Decke einer andern hing ein kunſtvoll gearbeitetes, mit ſeiner vollſtändigen Auf der Düne. 17 Takelage verſehenes Schiff en miniature herab, das Modell des ganz eigentlichen Schooners, an Bord deſſen ſich der alte Seelöwe einen halben Tag lang gegen die Piraten des malayſchen Archipels gewehrt hatte, bis ihn das hereinbrechende Dunkel und die Segeltüchtigkeit des Originals zu der Copie an der Decke ſeinen Verfolgern entzog. Ausgeſtopfte Vögel, vom majeſtätiſchen Seeadler bis zum kleinſten Strandläufer, Korallen, wunderliche Meerpflanzen, fliegende und ver⸗ ſteinerte Fiſche, und tauſend andere Gegenſtände, die ein Seefahrer, der zugleich leidenſchaftlicher Sammler iſt, aufzutreiben Gelegenheit hat, befanden ſich in anderen Schränken in anderen Zimmern; und dabei war das Alles ſo geſchmackvoll geordnet, und, wo es angehen wollte, zu ſo ſinnreichen Zimmerdecorationen benutzt, dabei die übrige Einrichtung ſo reich, zweckmäßig und ſolid, daß das Ganze einen ebenſo vriginellen, als wohlthuenden Eindruck machte. Beſonders aber gefiel Paul ein Gemach, das größte und ſchönſte im ganzen Hauſe, welches er ſeiner Fenſterthür wegen, aus der mehre Stufen auf einen eingehegten Platz hinabführten, den ein paar mit Muſcheln eingefaßte Beetchen und einige Holzſtühle und Tiſche eine entfernte Aehnlichkeit mit einem Garten gaben— ſogleich den Gartenſaul taufte. Es war an der Hinterſeite des Hauſes, nach Süden, gelegen, und man hatte von ſeinen Fenſtern— denſelben, die Paul am Morgen durch das Fernrohr beobachtet hatte, die herrlichſte Ausſicht auf das offene Meer, auf dem in dieſem Augenblicke die Baggerflottille eine bleibende, und die am Horizont auftauchenden, näher kommenden oder wieder ver⸗ ſchwindenden Schiffe eine ſtets wechſelnde Staffage bildeten. Da der Strand, zu dem von dem Gärtchen aus eine etwas unregelmäßige Fläche grauen Dünenſandes ſanft nur ungefähr hundert Schritte entfernt war, ſo füllte das Murgeln der Wellen jede Pauſe in dem Geſpräche der Geſellſchaft im Gartenſaale aus. Aber ſolcher Pauſen gab es nicht viele. Bei Tiſche wollte das Lachen und Scherzen kein Ende nehmen, und ſelbſt als Paul und Hedda nach Tiſche allein blieben, da Guſtav nach dem Bagger zurückruderte, Clementine zu ihrem Kinde, einem bildſchönen Knaben von etwa einem Jahre ging, und der Lootſencommandant anderweitig beſchäftigt war, gerieth das Geſpräch keineswegs in's Stocken. Die Gluth des alten ſpaniſchen — 6 Fr. Spielhagen's Werke. 1V. 2 18 Auf der Düne. Weines, den Papa Walter aus dem Keller geholt hatte, ließ Paul's alle Zeit glänzende Phantaſie in noch tieferen, reicheren Farben ſpielen, und er glaubte das Compliment, ein guter Geſellſchafter zu ſein, das ihm Hedda ganz aufrichtig machte, in der That zu verdienen, obgleich er höflich genug war, es mit dem Gegencompliment zu erwiedern, es ſei keine Kunſt ein guter Geſellſchaſter zu ſein— in guter Geſell⸗ ſchaft. Und wirklich hat die Gegenwart gewiſſer Perſonen auf uns den Einfluß, den der warme Ofen auf das Münchhauſen'ſche Poſi⸗ horn hatte. Wenn in der kalten Welt draußen, der eiſigen Luft der Gleichgültigkeit, dem ſchneidenden Winde des Haſſes uns die Gedan⸗ ken im Kopfe und die Gefühle im Herzen erſtarren, ſo ſpielen wir vor jenen warmen, lieben Menſchen Alles willig ab, was nur immer von heiteren und traurigen Weiſen in uns ſingt und klingt. Und zu dieſen lieben Menſchenkindern mußte auch wohl die kluge Hedda ge⸗ hören, ſonſt hätte Paul ihr nicht den vierten Theil von dem erzählen können, was er ihr an dieſem Nachmittage erzählte. Und wovon er⸗ zählte er ihr nicht? Von ſeinen Kinderſpielen, und von dem Salon⸗ leben der Reſidenz; von ſeinen Reiſen und von dem ſtillen Kirchhof vor den Fenſtern ſeines Studirzimmers drüben in der kleinen Univer⸗ ſitätsſtadt; von den phantaſtiſchen Träumen ſeiner Jünglingsjahre und der ernſten Arbeit des Mannes. Es war ihm, als ob er dem feinen, klugen Mädchengeſichte mit den dunkeln, unerklärlichen Augen Alles erzählen dürfe, weil ſie Alles verſtehen würde; und ſie erwie⸗ derte Vertrauen mit Vertrauen. Die Erinnerungen aus der unver⸗ geßlichen Penſionszeit; die alte Vorſteherin mit den ſtrengen Zügen und mit dem Herzen voll Liebe und Güte; ihre Jugendfreundinnen; der ſentimentale Paſtor, der Schiller und Goethe mit ihnen las; das einſame Leben auf der Iüfel und ihre Studien und ihre Muſik— Alles kam nacheinander an die Reihe. Und welche hübſchen Züge wußte ſie von ihrer Umgebung zu berichten; wie trefflich ſchilderte ſie Guſtav's gemüthliches, praves Weſen; Clementinens hellen Verſtand und Haß gegen alle Ziererei und Lüge. Von Herrn von Elze, der verreiſt war, ſagte ſie wenig; deſto mehr erzählte ſie von ihrem Vater und von ihrer verſtorbenen Mutter; Paul mußte ihr Bild ſehen; im nächſten Zimmer und ſie führte ihn dahin, und ſprach be⸗ 2 Auf der Düne. 19 geiſtert, wie wunderſchön die Mutter noch in ihren älteren Jahren geweſen ſei, und wie klug und lieb ſie war! „Was man nicht Alles in einer Stunde durchſprechen kann, wenn man ſich nur ordentlich dazu hält!“ ſagte Hedda lachend zu Paul, als hernach Clementine ankam, und mit ihr der Kaffee und der Lootſencommandeur. „Nun müſſen wir unſerm Gaſte doch auch unſer ſtolzes Reich zeigen, in welchem die Sonne nicht untergeht, ſo lange es ihr zu ſcheinen beliebt!“ rief Hedda, und die Geſellſchaft brach nach dem Kaffee auf, und wanderte durch die Inſel, wenn man eine etwa zwei⸗ tauſend Schritte lange Sandbank, die an ihrer breiteſten Stelle eben ſo viele hundert maß, und ſich an ihrem höchſten Punkte kaum zwanzig Fuß über dem Meeresſpiegel erhob, anders ſo nennen kann. Sie kamen durch das kleine Lootſendorf, das, rechts von dem Comman⸗ deurhauſe zwiſchen den Dünen liegend, wenigſtens von zwei Seiten vor den Winden geſchützt war. In dem einen Häuschen ſah Paul durch die geöffneten Fenſter in eine reich meublirte Stube.„Wer wohnt hier?“ fragte er ſeine Couſine verwundert.„Das iſt Herrn von Elze's Salon,“ antwortete ſtatt ihrer Hedda. In den Fenſtern der Häuſer ſtanden Blumen in Muſcheln, und kleine mit Muſcheln eingefaßte Beete waren vor den Thüren. Es war Alles ſo reinlich und ſauber— aber ſo kahl, ſo troſtlos kahl, daß, als Paul das Brüllen einer Kuh hörte, er kaum ſeinen Ohren traute und lachend fragte:„War das eine wirkliche Kuh?“„Sie ſollen ſie gleich von Angeſicht zu Angeſicht ſehen,“ ſagte die ſchelmiſche Hedda, und aus dem Dörfchen tretend, kamen ſie an ein Stück Wieſe, auf der ein paar Kühe an dem langen, dunklen, harten Graſe ein wahrſcheinlich wenig ſchmackhaftes Mahl hielten.„Jetzt kommen wir in den Schwarz⸗ wald,“ ſagte Hedda, als ſie hinter der Wieſe die Dünen erſtiegen, wo einige Morgen Sandes mit etwa mannshohen Tannel nicht allzu dicht beſtanden waren.„Hier wollen wir umkehren,“ ſagte Hedda. „Soll Paul nicht auch noch Deine Laube ſehen?“ fragte Clementine. „Und was ſollen wir ihm denn morgen zeigen?“ antwortete jene. So kehrten ſie um und gingen an dem Strande zurück, an ihrem Hauſe vorbei, bis an das andere Ende der Sandbank, die auf dieſem 20 Auf der Düne. Theile, der immer ſchmaler und ſchmaler wurde, und zuletzt nur noch einige Fuß breit war, eine beſondere Neigung blicken ließ, unter das Niveau des Meeres zu verſinken. Da war es denn Paul ein wun⸗ derbarer Anblick, wie dieſer kaum ſich über das Waſſer erhebende Sandſtreifen im Stande war, die heranbrauſende Fluth in ihrem ſcheinbar unaufhaltſamen Laufe zu hemmen. Er war mit Hedda bis zur äußerſten Spitze vorgedrungen, auf der eben noch ein paar Möven geſeſſen hatten, die jetzt ſchreiend die Eindringlinge umkreiſten; und als er die grünen, ſchaumgekrönten Wogen herankommen und eine nach der andern zu ihren Füßen in ſpielende Kreiſe zerrinnen ſah, wiederholte er andächtig die Worte des Pſalmiſten: hier ſollen ſich legen deine ſtolzen Wellen! Als der Lootſencommandant ſpät am Abend ſeinen Gaſt auf das für ihn beſtimmte Zimmer geführt, ſich die unnöthige Mühe gegeben, nachzuſehen, ob auch Nichts an ſeiner Bequemlichkeit fehle, und ihm ſchließlich„eine wohlſchlafende Nacht“ gewünſcht hatte, fügte dieſer noch Folgendes dem geſtern Abend an ſeinen Freund geſchriebenen Briefe hinzu:„Beſter Franz; ich habe einen reizenden Tag verlebt und wohl hundert Mal gewünſcht, ich hätte Dich hier gehabt. Wann werde ich doch endlich die dumme Gewohnheit, nur in Deiner Geſell⸗ ſchaft ganz froh ſein zu können, los werden? Nun kannſt Du mir nicht einmal ſagen, was Du von Hedda's Augen hältſt. Schön ſind ſie, und wunderbar klug,— das habe ich auch wohl ohne Dich ge⸗ ſehen; aber die Farbe, lieber Freund, die Farbe! Sind ſie braun oder ſchwarz oder grün? ich weiß es nicht. Clementinens ſind blau, daran iſt kein Zweifel. Iſt ſie wohl die rechte Frau für Guſtav, oder umgekehrt: iſt wohl Guſtav für ſie der rechte Mann? Ja? Nein? Du biſt ja heute Abend ſo geheimnißvoll! Und haſt Du denn die Geſchichte von der Seeſchlange begriffen, die uns der alte Lootſen⸗ commandeur heute Abend bei der Bowle zum Beſten gab? Mir ſchien ſie ſelbſt eine Seeſchlange zu ſein; ſo lang war ſie, und auch ſo ſcheinbar ohne Kopf und Schweif. Ach, Franz, warum biſt Du nicht hier? Wahrlich ich beklage Dich! Ich bin jetzt ſo viel glück⸗ licher denn Du, als das Branden der Wogen am Strande melodiſcher iſt, wie das Rollen der Droſchken auf dem Straßenpflaſter. Gute Auf der Düne. 21 Nacht, Du Lieber! ich ſchriebe gern mehr, aber ich bin ſo müde und glücklich, daß ich nothwendig ſchlafen und träumen muß. Gute Nacht!“ Piertes Capitel. Paul St. an Franz S. in Berlin. Acht Tage ſpäter. Tauſend Dank, lieber Franz, für Deinen letzten Brief, der bis hieher nur einen Tag länger unterwegs geweſen iſt. Du haſt mir gewiß ſchon geiſtreichere Briefe geſchrieben, aber niemals einen, aus dem Deine Freundſchaft für mich ſo hell hervorgeleuchtet hätte! Ja, Du Lieber, wir ſind, für dieſes Leben wenigſtens, unauflöslich ver⸗ bunden, und die unter Millionen vielleicht einmal wiederkehrende Uebereinſtimmung unſerer Anſichten und Neigungen bürgt mir dafür, daß wir bei einer ſpäter etwa eintretenden Metempſychoſe dieſelben Stadien durchmachen werden. Und wenn ich nun gar ſehe, wie Du, mein ſtolzer junger Aar, Dich mir zu Liebe in eine uralte Krähe ver⸗ wandelſt, die den Schnabel nur öffnet, um ganz abſcheulich von be⸗ vorſtehendem Unglück zu krächzen, ſo könnte mich das faſt bis zu Thränen rühren; nicht, als ob ich im geringſten Deine Beforgniſſe theilte, ſondern weil ich aus der Größe Deiner Uebertreibungen die Größe Deiner Liebe zu mir ermeſſen kann. Wahrlich, wie große Ivealiſten die Menſchen ſind, kann man recht aus den idealen Bil⸗ dern ſehen, die ſie von ihren Geliebten im Herzen tragen! Aber, lieber Franz, macht uns dieſer ſchöne Idealismus nicht auch oft un⸗ gerecht gegen die Wirklichkeit? und biſt Du es nicht gegen mich in dieſem Augenblicke? Du vermagſt nicht abzuſehen, was aus meinem Herumſinbadiſiren in der Welt Gutes kommen ſoll. Du fragſt, ob dies der Zweck war, weshalb Du mich halb mit Gewalt aus dem zerſtreuenden und entnervenden Berliner Leben riſſeſt? Du behaupteſt, 2 Auf der Düne. daß ich durch die Annahme von Guſtav's Einladung einen Pagen⸗ ſtreich begangen habe, und ſchließlich legſt Du mir ſo dringend an's Herz, wenn ich mein hieſiges Verhältniß nicht knall und fall abbrechen könne, über Alles, was ſich hier ereignen möchte, ein genaues Tage⸗ buch zu führen, daß ich es wahrſcheinlich nur meinem leichten Blut zu danken habe, wenn ich nicht am hellen Tage Geſpenſter ſehe. „Krähe, wunderliches Thier!“ Aber Dein guter Rath kommt zu ſpät! Deine Befürchtungen ſind eingetroffen! Das Unglück iſt geſchehen! Vernimm es und ſchaudre: ich liebe! und höre weiter und ſchaudre noch einmal: ich werde nicht wieder geliebt! und zum dritten Male ſchaudre, wenn ich Dir ſage, daß mir daran auch gar nichts gelegen iſt. Meine Ge⸗ liebte iſt ſo kalt, wie der Gott Spinoza's, aber bei weitem nicht ſo leidenſchaftslos. Sie iſt launiſch, wetterwendiſch und zeigt in jeder Stunde ein andres Geſicht: jetzt finſter⸗grollend, wie die erzürnte Juno, jetzt furchtbar⸗ſchrecklich, wie der Kopf der Meduſe, jetzt kind⸗ lich⸗heiter, wie die lächelnde Hebe. Stundenlang ſitze ich da, und ſchaue ihr in's Antlitz, und horche ihrer wunderbaren, geheimnißvollen Stimme. Und weil ſie ſo ſchön und herrlich iſt, liebe ich ſie; und deshalb, wo immer ich auch nur den weißen Saum ihres Gewandes flattern ſehe, werde ich vor ihr niederfallen und ſie anbeten; und nimmer will, nimmer kann ich ſie vergeſſen, wie der Schweizer die grüne Alpe nicht vergißt, von der ihm einſt die Melodie des Kuh⸗ reigens ertönte; und wie Niemand die See vergißt, der einmal ihrem Wogenſchlage gelauſcht hat— denn eben die See iſt ja meine Ge⸗ liebte. Biſt Du noch eiferſüchtig? und biſt Du nicht neugierig, die Stolze kennen zu lernen? Kannſt Du Dich nicht auf ein paar Wochen losmachen von Deinen traurigen Acten? Ich verſpreche Dir, Du ſollſt, ſo lange Du hier biſt, Dich nicht einmal ſehnen, den Staub aufſteigen zu ſehen von Deinem ſandigen Heimatlande; und daß Du hier ſollſt empfangen werden, wie man den Gaſtfreund empfing in jenen alten Tagen, als es noch keine Hotels und keine Kellner gab, und doch ſchon Mancher die Rechnung ohne den Wirth machte— und daß Du ſollſt gehalten werden wie ein Kind vom Hauſe, wie Auf der Düne. 23 man ſich ſelbſt hier hält. Dann wollen wir auf der Düne ſitzen und die Lootſenbvote in das Meer ſtechen ſehen, wie ſie keck und ſicher durch die ſchäumenden Wellen ſich ihren Weg bahnen nach dem Schiffe hin, deſſen Maſten nur eben noch über die letzten Wogenkämme ragen, oder wir ſelbſt wollen bei ſtiller See hinausrudern, bis wir uns ganz allein wiſſen, und dann wollen wir uns treiben laſſen, und, im Boote ausgeſtreckt, zum blauen Himmel hinauf ſchauen und träumen. Aber ich ſoll ja nicht träumen, ich ſoll ja wachen und die Augen offen halten, damit ich nicht in die Schlingen falle, die mir die böſen Menſchen hier ſtellen. Die böſen Menſchen! Kennteſt Du ſie nur! Ich hätte nie geglaubt, daß auf dieſem öden unbekannten Fleckchen Erde— Erde?— Sand, ſo viel Schönheit, Güte und Geiſt zu finden ſein könnte, als woran ich hier tagtäglich Augen und Seele weide. Das Leben iſt ſo unſäglich reich; allüberall regt es ſich, und keimt und ſproßt und blüht—„es blüht das fernſte, tiefſte Thal!“ wie es im Liede heißt; und da kommen nun die Poeten und ſchreien nach Stoffen, wie die jungen Raben nach Speiſe! Ich ſoll Dir eine Federzeichnung von den Menſchen hier ent⸗ werfen, ſagſt Du. Nun wohlan! Da iſt zuerſt„die kluge Hedda.“ Sie iſt ein Räthſel, eine Nixe, Undinens Schweſter, vermuth' ich, oder Undine ſelber; der alte Goethe würde ſie„eine Natur“ genannt haben. Sie iſt kindiſch⸗ausgelaſſen, und dann wieder„ſtill und be⸗ wegt.“ Sie kann ſchwärmen wie die heilige Cäcilie, und wenn Du auf ihre Sentimentalitäten eingehſt, lacht ſie Dich aus. Ich habe ſie ſchon manchmal für eine Erzkokette gehalten, und ſchon im nächſten Augenblicke es ihr im Stillen wieder abgebeten und geſagt: ſie iſt ein Kind.— Clementine ſcheint faſt in jeder Hinſicht ihr wahres Gegenbild. Nicht, als ob ſie einen ungünſtigen Eindruck auf mich gemacht hätte! Ich glaube, ich könnte jahrelang in Hedda's Geſell⸗ ſchaft ſein, ohne daß es mir einfiele, mich in ſie zu verlieben, wogegen ich bei Clementinen darüber nicht ſo ſicher wäre. Sie iſt entſchieden die hübſchere von den Beiden, ja ſie hat Augenblicke, wo man ſie ohne Uebertreibung ſchön nennen könnte. Aber in ihrem ganzen Weſen herrſcht eine an Phlegma grenzende Ruhe, die keineswegs er⸗ kältend wirkt, aber doch nicht ſo zur Vertraulichkeit einladet, uns 24 Auf der Düne. nicht ſo unbedingt nöthigt, aus uns herauszugehen, und zu zeigen, „daß wir auch nicht auf den Kopf gefallen ſind,“ wie es Hedda's ewig bewegliches, unberechenbares Weſen thut. Clementine ſpricht wenig; Hedda für Jemand, der ſelbſt gern ſpricht, faſt zu viel. Der Vortrag eines ſchönen Gedichtes, ein Blick auf die im Meer unter⸗ gehende Sonne können Hedda's dunkle Augen mit Thränen füllen, während das Alles Clementinen ſcheinbar kalt läßt, und doch verräth mir die fliegende Röthe, die bei der leiſeſten Erregung über die Wan⸗ gen der jungen Frau zieht, und das eigenthümliche Leuchten ihrer blauen Augen in ſolchen Momenten, daß ſie im Grunde wohl die leidenſchaftlichere von den Beiden iſt. Auch die phyſiſche Natur der beiden Frauen iſt auffallend ver⸗ ſchieden. Das habe ich oft auf den Spaziergängen, die wir täglich unternehmen, beobachtet. Hedda bewegt ſich mit der Leichtigkeit und Grazie eines Rehes, und ſcheint körperliche Ermüdung ſo wenig zu kennen, wie geiſtige; Clementine geht langſam, und zeigt eine beſondere Neigung, an etwaigen Ruheplätzen nicht ohne Weiteres vorüberzueilen. Clementine iſt ein Schwan, der bedächtig die Spiegelfläche eines Teiches durchfurcht; Hedda gleicht der leichten Möve, die ſich nur für einen Augenblick auf die Spitze der Welle ſenkt, um im nächſten ſchon wieder mit den ſchnellen Schwingen über die erregten Waſſer hinzuflattern. Und doch iſt das Band der Freundſchaft, das die bei⸗ den Frauen umſchlingt, ein ſehr feſtes und inniges. Clementine iſt die jüngere, wie mir Hedda ſagte; aber ihre Frauenwürde und ihre ruhige, gleichmäßige Haltung laſſen ſie als die ältere erſcheinen. Auch hat Hedda vor ihr einen großen Reſpect, etwa wie ein junges Mäd⸗ chen in der Penſion vor ihrer Schweſter, die in dieſem Winter zum erſten Male auf dem Balle geweſen iſt, während Clementine wieder eine ungeheuchelte Bewunderung vor den größeren Talenten Hedda's — ich habe gar kein Talent, ſagt Clementine— an den Tag legt, und nur darauf bedacht zu ſein ſcheint, etwaige Ausſchweifungen ihres Uebermuths zu verhindern oder auf das rechte Maß zurückzuführen. Ich könnte Dir noch bogenlang von dieſen beiden liebenswürdigen Weſen erzählen; aber die Zeit drängt, und ich möchte Dir doch gern über den Herrn von Elze, deſſen Bekanntſchaft ich jetzt gemacht habe, ——— Auf der Düne. 25 und über den alten Lootſencommandeur„ein kräftig Wörtlein“ ſagen, damit Du den kleinen Kreis, in den ich ſo unverhofft gekommen hin, ganz kennen lernſt, und ich für die übrige Zeit meines hieſigen Aufenthalts Ruhe vor Dir habe. Um mit dem Erſteren, als dem mir am wenigſten intereſſanten anzufangen, ſo habe ich Dir ſeine Geſchichte ja wohl erzählt. Im Uebrigen ſtelle Dir einen Mann im Anfang der Dreißiger etwa vor, mit energiſchen, nicht unſchönen Geſichtszügen, dem der frühere Mili⸗ tär im Ganzen wenig anzumerken iſt. Er hat weder die ſtraffe, ſol⸗ datiſche Haltung, die unſere Officiere von dem Paradeplatze mitbringen, noch das geſchmeidige Weſen, das ſie ſich auf den glatten Parquets der Theezimmer aneignen. Obgleich er ſich lange Jahre nur in den höchſten, ja allerhöchſten Cirkeln bewegt hat, geht er doch und ſteht und ſpricht, als hätte er nie zu den Kindern des Lichts gehört, ſondern ganz, wie wir andern Söhne der Menſchen. Das hat ihm nun in meinen Augen gerade keinen Schaden gethan, und ich muß überhaupt geſtehen, daß meine Dir bekannte Gabe der„Intuition“ ſich diesmal nicht recht bewährt hat, und weder die Erſcheinung, noch das Auf⸗ treten des Herrn von Elze— ich will nur hoffen, daß ſeine Be⸗ ſcheidenheit nicht erkünſtelt iſt— das ungünſtige Vorurtheil, das ich von dem Manne gefaßt hatte, gerechtfertigt haben. Um indeſſen die Ehre meines Prophetenthums einigermaßen zu retten, ſetze ich hinzu, daß ſeine grauen Augen mir nicht gefallen, und Dir auch nicht ge⸗ fallen würden. Sie haben etwas Kaltes, Stechendes, wie er mir denn überhaupt zu den Menſchen zu gehören ſcheint,„an deren Seite es ſich nicht ruhen läßt.“ Dafür hoffe ich, daß er, wie es den Anſchein hat,„viel beſitzen, vieles geben“ kann, was uns zu Gute kommen ſoll, und er ſomit immerhin eine gute Acquiſitivn für unſern kleinen Kreis ſein wird. Daß er zeitweiligen Anfällen von übler Laune ausgeſetzt iſt, kann ich ihm, als Verbannten, ſchon eher nach⸗ ſehen, obgleich mir auch wieder dieſe düſtre Stimmung gerade jetzt etwas unmotivirt däucht, da er die lange gewünſchte Verſetzungsordre aus der Stadt mitgebracht hat, und in wenigen Wochen in eine ganz bedeutende Stelle einrücken wird. Aus ſeinem Verhältniß zu den beiden Frauen und zu den Uebrigen habe ich, offen geſtanden, noch 26 Auf der Düne. nicht recht klug werden können. Ich laſſe alſo dieſe Federzeichnung unausgeführt, um mich nicht zu verzeichnen. Und nun zum Schluß„ein kleines Trinkgeld, mein lieber Herr, ganz nach Ihrem Belieben,“ wie die Menageriewärter ſagen, denn ich will Ihnen das koſtbarſte Stück meiner Sammlung zeigen, ein Prachtexemplar von einem alten Seelöwen, der mein ganzes Herz gewonnen hat, und Deines gewinnen würde, wenn eine alte Krähe überhaupt ein Herz hätte. Wenn Du nach dieſer pomphaften Ankündigung in dem alten Lootſencommandeur ein Stück verkörperter Seeromantik zu finden hoffſt, und Dir etwa der alte Peggotty aus Dickens'„Copperfield“ vor die Seele treten ſollte, mit ſeiner knochigen Geſtalt, ſeinen weißen Haaren, ſeinen verwitterten Zügen und dem düſter blickenden Auge — ſo thuſt Du Papa Walter zu viel Ehre an, und es ſchmerzt mich unendlich, ſagen zu müſſen, daß an meinem Lieblinge keine Spur von Romantik zu entdecken iſt, und er in ſeiner äußeren Erſcheinung eher dem wohlhäbigen Bürger einer kleinen Landſtadt gleicht, als einem alten Seelöwen, der er doch nichtsdeſtoweniger wahr und wahrhaftig iſt. Eigentlich iſt er auch gar nicht einmal alt. Er zählt vielleicht ſeine fünfzig Jahre, und er ſieht gerade darnach aus, als ob er noch ein gutes Stück fortzählen könnte, ehe er außer Athem kommt. Auch auf ſeinen Körper ſcheinen die Wogen, auf denen er ſich ſein Leben lang herumgetrieben hat, keinen andern Einfluß gehäbt zu haben, als auf einen Kieſel am Strande. So drall und rund iſt er, und ſo füllt er die blaue Uniform bis in das letzte kleine Fältchen aus. Und dennoch hat dieſe ſo behaglich⸗wohlhäbige Perſönlichkeit Drang⸗ ſale durchgemacht, die ſich kühn allen Leiden, mit denen der herrliche Dulder Odyſſeus ſo gerne prahlt, an die Seite ſtellen können, und dennoch hat dieſes gutmüthige blaue Auge ſo wunderliche Dinge, ſo ſeltſame Menſchen, ſo abenteuerliche Scenen erſchaut, wie ſie Sinbad, der Seefahrer, nicht abenteuerlicher, ſeltſamer und wunderlicher ge⸗ ſchaut haben kann. Ich wollte nur, mein Sinbad⸗Odyſſeus hätte, wie die Erfahrung, ſo das Erzählertalent jener weltberühmten Lügner; aber ach! der Lieder und Märchen füßen Mund hat ihm Apollo nicht gegeben, und ſeine endloſen Geſchichten gleichen den langen, lang⸗ Auf der Düne. 27 ſamen Wogen des ſtillen Oceans, pflanzen ſich ebenſo, wie dieſe, ununterſcheidbar in einander fort, ſo daß kein Menſch, und der gute Mann ſelbſt am wenigſten, im Stande iſt zu ſagen, wo die eine auf⸗ hört und die andere anfängt, und dem Zuhörer kein anderes Mittel bleibt, als ſich geduldig vom Strom der Erzählung forttragen zu laſſen, unbekümmert darum, zu welchen Ufern er ihn führen wird.— Und dennoch hat dieſer ſcheinbar ſo verwirrte Mann in der Stunde der Gefahr, die auch die kräftigſten Geiſter verwirrt, den klarſten Kopf, der mit unbeſchränkter Souveränetät über alle Mittel gebietet, die Wiſſenſchaft und Erfahrung an die Hand geben; und dennoch weiß dieſer Mann, der jeden Augenblick den Faden der Erzählung verliert, ohne Compaß und Karte, durch Nacht und Nebel und Sturm die Schiffe durch das enge, gewundene Fahrwaſſer in den rettenden Hafen zu führen, mit derſelben inſtinctiven Sicherheit, mit der der Jagdhund auf der Fährte des Wildes jagt. Dieſe ſchätzbaren Eigenſchaften ſind denn auch höheren Ortes anerkannt worden, und haben den Mann an den verantwortlichen Poſten geſtellt, den er jetzt bekleidet. Er hat ſich im Anfang etwas gegen die ihm zugedachte Ehre geſträubt, da ſie ihm in einem Augenblicke angetragen wurde, als er ſich eben im ruhigen Genuß ſeines wohlerworbenen Vermögens auf ſeinen Lorbern ausruhen wollte; aber zuletzt haben denn doch das Bewußtſein, noch viel Gutes wirken zu können, vielleicht auch ein wenig verzeihliche Eitelkeit, vorzüglich aber wohl die unbezwingliche Neigung, die den Seemann an die blaue See feſſelt, wie den Jäger an den grünen Wald, den Sieg davon getragen.— Dies Alles weiß ich natürlich nur aus dem Munde Anderer, vorzüglich ſeiner Tochter, die an dem Vater, den ſie in ſo vielen Stücken überſieht, mit unend⸗ licher Liebe hängt; denn er ſelbſt iſt viel zu beſcheiden, als daß ihn nicht jede directe Anſpielung auf ſeine Thaten und Verdienſte in die peinlichſte Verlegenheit bringen ſollte. Dazu nimm, daß dieſer Mann harmlos und naiv iſt wie ein Kind, und von ſo großer Liberalität, daß, hätte er unter den Indianern gelebt, er längſt„die offene Hand“ zubenannt ſein würde; daß er allen Menſchen gut iſt, in Sonderheit aber ſeiner liebenswürdigen Tochter,— bedenke dies Alles, und ſage mir, ob Du auf dieſen Mann den erſten Stein werfen willſt, weil 28 Auf der Düne. er die kleine Schwäche hat, ein Glas Grog lieber zu trinken, als keines, und zwei lieber, als eines; oder die Marotte, jeden Morgen eine Stunde damit zuzubringen, mit einem halben Dutzend engliſcher Raſirmeſſer von allen Formaten jedes Härchen in ſeinem runden, gutmüthigen Geſichte zu vertilgen. Da haſt Du meine„Federzeichnungen,“ und nun frage ich Dich, ob es wirklich ein Verbrechen iſt, unter dieſen lieben Menſchen ein paar Wochen— nun ja, zu vertändeln, wenn Du willſt. Ich geſtehe, ich bin ſterbefaul geweſen in all' dieſen Tagen, und ich würde mich nicht für werth halten, von der Sonne beſchienen zu werden, wäre es anders. Und doch, lieber Freund, bin ich auch wieder recht fleißig geweſen, wie eine Biene emſig vom Morgen bis zum Abend. Die Erinnerung an dieſe ſonnigen Tage ſoll mir ein Zauberſtab ſein, vor deſſen Winken ſich der vüſterſte Januarhimmel aufrollen wird, wie ein Teppich, daß ich auch dann das Weben und Schaffen des großen Geiſtes empfinde, deutlich, wie ich es jetzt empfinde; und zu ihm demüthig und bewundernd, wie jetzt, ſprechen kann:„licht iſt das Kleid, das Du anhaſt!“. Fünſtes Capitel. Wir wiſſen nicht, ob die Bedenken, die der treue Freund gegen Paul's„Pagenſtreich“ hatte, durch dieſen Brief gehoben wurden, oder ob nicht vielmehr ſein ſcharfes Ohr durch das dumpfe Rauſchen der Wogen, für das Paul ſo begeiſtert ſchien, deutlich eine ſüße Mädchen⸗ ſtimme hindurchhörte, deren Melodie auch wohl weniger empfängliche Gemüther bezaubert hätte. Jedenfalls glaubte ſich Paul auf das allerbeſte gerechtfertigt zu haben, und wenn er über des Freundes Be⸗ ſorgniß geſcherzt hatte, ſo war es, weil er nicht den mindeſten Grund ſah, die Sache ernſt zu nehmen.— Paul dachte über das Verhältniß der Geſchlechter, über Liebe und Ehe würdiger wie die Meiſten; aber gerade deshalb erſchien ihm alle Aengſtlichkeit in dem Umgange der⸗ Auf der Düne. 29 ſelben ebenſo lächerlich, als ihm alle Zügelloſigkeit verhaßt war. „Unſere jungen Männer,“ ſagte er wohl,„ſind mit wenigen Ausnahmen Pedanten oder Wüſtlinge, und unſere jungen Mädchen Wachspuppen oder Koketten. Sagen Jene: was werden wir eſſen, was werden wir trinken? ſo ſorgen Dieſe: womit werden wir uns kleiden und wann werden wir heirathen? Ja, und wären ſie nur noch wahre ſchöne ambroſiſche Heiden; aber ſo wiſſen ſie vom Vater Zeus ſo wenig, als von ihrem himmliſchen Vater. Und bei dieſer Geſinnung geht alle Freiheit, und mit der Freiheit aller Geiſt und aller Witz verloren, und machen einer hölzernen Steifheit und einer allgemeinen Nüchternheit Platz, die um nichts ſittlicher, aber um vieles lang⸗ weiliger iſt.“— Und wenn Paul nun dennoch dann und wann in den erſten Tagen die Schalkheit, das kecke und doch ſo herzliche Weſen Hedda's für Koketterie hatte halten können, ſo ſah er darin jetzt nur einen Beweis, daß auch ſein freier Geiſt der ſchnöden Welt den ſchnöden Tribut hatte zahlen müſſen.„Welche Thoren ſind wir Menſchen doch!“ ſprach er bei ſich,„da ſehnen wir uns lange Jahre nach der blauen Blume, und durchſtreifen Felder und Wälder, ſie zu finden, und treffen wir nun endlich einmal in einſamem Felſenthale auf die holde, ſo gehen wir achtlos an ihr vorüber, oder mißachten ſie wohl gar. Aber das willſt Du nicht; Du willſt Dich an ihrem füßen Dufte laben, an ihrer zierlichen Geſtalt freuen, und nicht ſen⸗ timental werden, und fragen: liebſt Du mich, blaue Blume?“ Und da er ſich in ſeinem Benehmen gegen Hedda ganz conſequent blieb, und das junge Mädchen ſich nicht weniger zu ihrem neuen Geſell⸗ ſchafter hingezogen fühlte, der alle Zeit ſo heiter und freundlich war, und bei all' ſeiner Lebendigkeit nie mit einem Worte, einem Blicke ihr feines Gefühl für Schicklichkeit verletzte, ſo bildete ſich bald ein ſo traulicher Verkehr zwiſchen den Beiden, daß, hätte die Idylle ihrer jungen Freundſchaft anſtatt auf einer einſamen Inſel in einer Stadt geſpielt, des albernen Geſchwätzes über ihr„höchſt auffallendes Be⸗ tragen“ kein Ende geweſen ſein würde. Und dann, war es nicht wenigſtens ſehr unvorſichtig von Clementinen, ihre Freundin ſo oft und ſo lange mit ihrem Couſin allein zu laſſen? und nicht geradezu unverantwortlich von Papa Walter, daß er ſelbſt das Boot von der 30 Auf der Düne. Landungsbrücke ſtieß, auf dem der junge Fremde mit ſeinem Töchter⸗ chen wer weiß wie weit in die offene See hineinruderte?„Ich glaube, ich könnte mit Ihnen ohne Furcht durch die ganze Welt reiſen;“ ſagte Hedda einſt bei einer ſolchen Gelegenheit zu Paul. „Soll ich Sie gleich jetzt um die ganze Welt rudern? oder vorläufig noch einmal zurück nach dem Nedur?“ antwortete dieſer lachend.— Sie hatten in ihren Unterhaltungen einen eigenen Ton angenommen, der zwiſchen Ernſt und Scherz eine glückliche Mitte hielt, oder viel⸗ mehr gleich viel von beiden hatte. Sie ſprachen oft von hohen Dingen; aber ſie wußten ſtets einen leichten Uebergang zu den kleinen zu finden. „Warum ließen die Griechen die Göttin der Schönheit gerade aus dem Meere hervorgehen?“ fragte Hedda. „Weil die größte Schönheit nur aus der größten Tiefe kommen kann,“ antwortete Paul. „Wie geht es zu, daß Sie auf alle meine Fragen eine Antwort bereit haben?“ „Weil auf kluge Fragen auch wohl ein Narr einmal eine gute Antwort findet, wenn umgekehrt, wie das Sprichwort ſagt, ein Narr in einer Minute mehr fragen kann, als ein Weiſer in einer Stunde zu beantworten vermag.“ „Sie ſind wohl ſehr gelehrt, Voiſin?“ „Lange nicht ſo gelehrt, als Sie geiſtreich ſind, Voiſine.“ „Spotten Sie meiner?“ „Ihnen werde ich ſtets die Wahrheit ſagen.“ „Muß man das nicht Jedem?“ „Erinnern Sie ſich, was Gvethe von den Narren ſagt und den Kindern der Klugheit?“ „Nein.“ „Kinder der Klugheit haltet die Narren eben zum Narren auch, wie ſich's gehört!“ „Das ſcheint mir ein ſehr gefährlicher Grundſatz.“ „Wie das Meſſer in der Hand des Meuchelmörders gefähr⸗ lich iſt.“ „Jedenfalls ſcheint er mir eine zweiſchneidige Waffe.“ Auf der Düne. 31 „Deſto beſſer.“ „Und Sie wollen mir ſtets die Wahrheit ſagen?“ „Das verſpreche ich Ihnen; vielleicht nicht immer die ganze Wahrheit; ſicherlich aber nichts, als die Wahrheit.“ „So rechnen Sie mich doch noch halb und halb zu den Narren?“ „Nein! Aber ich müßte mich nicht ganz zu den Kindern der Klugheit rechnen, wenn mir die ganze Wahrheit nicht manchmal be⸗ denklich ſcheinen ſollte.“ Und ein anderes Mal: Hedda:„Warum gedenken wir unſerer abgeſchiedenen oder weit entfernten Lieben in Momenten, wo wir uns glücklich fühlen, weit öfter als in ſolchen, wo wir traurig ſind?“ Paul:„Möglicherweiſe aus derſelben Großmuth, die uns im Kummer ſtill, im Glück aber mittheilſam macht.“ „Etwa ſo, wie das verwundete Elenn, auf Freiligrath's Autorität, die Heerde der Geſunden flieht, und ſich im Forſt birgt, um einſam zu ſterben?“ „Das meine ich. Vielleicht auch, was die Verſtorbenen betrifft, weil die ewige Seligkeit mit dem Erdenjammer nichts mehr, mit dem irdiſchen Glück aber doch noch ein wenig gemein hat.“ „Und glauben Sie an die ewige Seligkeit?“ „Auf alle Fälle, ſelbſt in dem, daß ſie in nichts Anderem be⸗ ſtände, als in einem tiefen, traumloſen Schlaf.“ „Weshalb traumlos?“ „Weil, wie Hamlet ſagt, wir nicht wiſſen, was in dem Schlaf für Träume kommen mögen.“ „Und wenn es nun lauter glückliche wären?“ „Das halte ich für unmöglich. Wo Licht iſt, iſt auch Schatten, und wer durch einen Traum beglückt wird, muß auch durch einen Traum erſchreckt werden können.“ „Träumen Sie oft?“ „Mehr wie zuviel.“ „Und glauben Sie an Träume?“ „Ja; das heißt, ich glaube, daß, wenn der Schlaf die erregten Wellen des Lebens zu einem ruhigen Spiegel ſänftigt, wir deutlicher 32 Auf der Düne. erkennen können, was auf dem tiefſten Grunde der Seele ſchlummert; daß wir zum Beiſpiel die Perſonen wirklich haſſen oder lieben, die uns im Traume haſſenswerth oder liebenswürdig vorkommen, obgleich ſie uns im wachen Leben gleichgültig zu ſein, vielleicht ſogar die ent⸗ gegengeſetzten Empfindungen in uns hervorzurufen ſcheinen.“ „Es iſt doch ſonderbar, daß uns der Traum nur immer die Bilder entfernter Perſonen zeigt.“ „Nicht immer; ich habe nur noch ganz kürzlich von Ihnen geträumt.“ „Sod und bitte, bitte! wie erſchien ich Ihnen da: haſſenswerth, liebenswürdig oder gleichgültig?“ „Aber, Voiſine, was ſoll ich Ihnen nur darauf antworten?“ „Die Wahrheit, und nichts wie die Wahrheit!“ „Nun denn, ich wüßte nicht, daß Ihr Bild einen beſondern Eindruck auf mich gemacht hätte.“ „Alſo gleichgültig?“ „Es iſt nicht anders.“ „Das finde ich aber verzweifelt ungalant, Voiſin.“ „Und wie würden Sie es finden, wenn ich wie der Heine'ſche Jüngling, vor Ihnen auf's Knie ſänke und ſpräche: Voiſine, ich liebe Sie!“ „Ich würde Sie auslachen.“ „Da ſehen Sie ſelbſt.“ „Wollen wir in unſerer Lectüre fortfahren?“ „Ganz wie Sie befehlen, Voiſine.“ Die Scene dieſer Unterhaltungen war meiſtens die„Laube“, Hedda's Lieblingsplätzchen, zu welchem ſie ihren Gaſt am zweiten Tage nicht ohne eine gewiſſe Feierlichkeit geführt hatte. Die Laube aber lag an dem äußerſten öſtlichen Ende der Inſel, da, wo die Tannen dicht an den Rand der Düne traten, die hier ihre größte Höhe von zwanzig und einigen Fuß erreichte, und an dieſer Stelle faſt ſenkrecht zum Meere abfiel. Es war ein auf drei Seiten von dem dichten Nadelholze vor dem Winde geſchütztes, auf der vierten nach dem Waſſer zu offenes Viereck, das mit einem Leinwanddach überſpannt, und mit einem Tiſchchen und mit Bänken ausgeſtattet Auf der Düne. 33 war.„Der Platz iſt wie gemacht zum Träumen und Leſen,“ hatte Paul geſagt, als er ihn das erſte Mal ſah.„Und das iſt auch ſeine ganz eigentliche Beſtimmung,“ hatte Hedda geantwortet;„und wenn Sie mir in dieſen angenehmen Beſchäftigungen hier Geſellſchaft leiſten wollen, ſo ſind Sie willkommen.“ Und zu dieſem Plätzchen konnte man die beiden jungen Leute oft ſchon in der Frühe des Morgens gehen ſehen, wenn die Sommer⸗ ſonne eben erſt aus dem Meere aufgetaucht war, und die Schatten der Wanderer lang auf den weißen Sand des Strandes malte, über den ſie, ſtets im eifrigen Geſpräch, leicht dahinſchritten. Denn Hedda liebte das Licht und den Morgen, und Paul erſtaunte nicht wenig, als er ſah, daß dem jungen Mädchen, trotz ihrer raſtloſen körperlichen und geiſtigen Thätigkeit den lieben langen Tag hindurch, vier bis fünf Stunden Schlaf vollkommen genügten. Hinter dieſes ihr Talent, „das kurze Leben lang zu machen,“ wie er es nannte, war er durch einen Zufall gekommen, dem auch die Benennung: Voifin und Voiſine, die ſie ſich jetzt an Stelle des förmlichen Herr und Fräulein oft gaben, ſeine Entſtehung verdankte. Paul bewohnte, wie wir geſehen haben, eine von den zwei Stuben in dem öſtlichen Giebel des Hauſes, die von der andern, welche er in den erſten Tagen für unbewohnt gehalten hatte, durch eine ſtarke Wand ohne Thür getrennt war. Clementine ſchlief mit ihrem Kinde und ſeiner Wärterin, einem hüb⸗ ſchen jungen Mädchen aus der Stadt, unten links; und Paul hatte vermuthet, daß auch Hedda dort irgendwo ihr Neſtchen habe. Nun hatte der junge Mann, wie die meiſten phantaſiereichen und viel träumenden Menſchen, einen außerordentlich leiſen Schlaf, und ſo erwachte er denn mehre Morgen hintereinander zu derſelben frühen Stunde von dem Geräuſch einer Thür, die ganz in ſeiner Nähe zu⸗ gemacht wurde, dann hörte er einen leichten Schritt über den Flur nach der Treppe eilen, und dann war Alles wieder ſtill, und er ſchlief wieder ein, um ein paar Stunden ſpäter zum Kaffee hinabzugehen, der jetzt ſtets in dem Gartenſaal getrunken wurde, und bei dem Hedda den Vorſitz führte, während Clementine in der Sophaecke noch einige Male verſtohlen gähnte. Da die Damen ſich des Abends zeitiger als die Herren zur Ruhe begaben, die der Lootſencommandeur noch ein Fr. Spielhagen's Werke. IV. 3 34 Auf der Düne. Stündchen bei der Bowle feſthielt, ſo war Paul's Nachbarin— denn über das Geſchlecht konnte er nicht im Zweifel ſein— wenn er hinaufging, ſchon in ihrem Zimmer, und da er nicht geradezu fragen wollte, beſchloß er, den leichten Schleier des Geheimniſſes bei der nächſten beſten Gelegenheit ſelbſt zu heben. So erwachte er denn ſchon am andern Morgen faſt eine Stunde vor Sonnenaufgang, und da ſeine Nachbarin das Zimmer erſt immer einige Zeit nach Sonnen⸗ aufgang verließ, kleidete er ſich gemächlich an, und dann, weil der öſtliche Himmel im köſtlichſten Frührothlicht prangte, öffnete er ge⸗ räuſchlos das Fenſter und ſah hinaus. Nun fiel ſein erſter Blick natürlich nach der Seite rechts, und ſiehe! er hatte ſich nicht geirrt. Nur wenige Fuß von ihm entfernt ſah Hedda, dicht in einen ſeidenen Shawl gehüllt, zum andern Fenſter hinaus. Sie hatte das Geſicht von ihm gewandt, ſo daß er nur die rothen Schleifen ihres allerliebſten Morgenhäubchens ſehen konnte, aus dem ihr glänzendes, dunkles Haar hervorquoll. Ehe ſich der junge Mann noch beſinnen konnte, ob es nicht ſchicklicher ſei, den Kopf wieder zurückzuziehen, wandte ſich Hedda zufällig um, und er⸗ blickte ihn. Er glaubte in ſeinem Leben nichts Reizenderes geſehen zu haben, als ihr halb verwundertes, halb lächelndes, von dem Morgen⸗ rothe roſig beleuchtetes, feines Geſichtchen, das in dieſem Augenblick noch um eine Schattirung tiefer erröthete. „Bon jour, voisine!“ ſagte Paul. „Bon jour, voisin!“ antwortete ſie ohne Verwirrung. „Ich wußte bis zu dieſem Augenblicke nicht, daß ich mich einer ſo reizenden Nachbarſchaft zu erfreuen hatte.“ „Ja, ſehen Sie, Morgenſtunde hat Gold im Munde.“ „Das ſehe ich heute zum erſten Mal.“ „Ihre eigene Schuld.“ „Und Sie?“ „O, ich war noch ein ganz kleines Mädchen, da ſah ich einmal in einem Bilderbuche den Sonnenaufgang dargeſtellt, und darunter ſtand das hübſche alte Wort. Das Bild war gewiß herzlich ſchlecht mit ſeiner gelben Sonne, die breite gelbe Strahlen nach allen Seiten hin ausſandte, und mit dem Bauer und ſeinem Sohn, die das Pferd Auf der Düne. 6 35 vor den Pflug ſpannten, im grasgrünen Vordergrunde. Aber es machte einen großen Eindruck auf mich. Und am nächſten Morgen ſtahl ich mich aus meiner Kammer, und ſah aus der Bodenluke zum erſten Mal über die Gärten und Wieſen der Stadt, in welcher unſere Penſion lag, die Sonne aufgehen. Seitdem kann ich nicht mehr ſchlafen, wenn das Morgenroth, wie jetzt, am Himmel ſteht.“ „Und was beginnen Sie bis zu der Zeit, wo wir andern Sieben⸗ ſchläfer munter werden?“ „O, die Zeit vergeht mir ſchnell genug; meiſtens leſe ich, oft aber auch nicht. Ich ſtricke oder ſticke, aber das iſt nur, um die Hände zu beſchäftigen; ich denke unterdeſſen an ganz etwas Anderes.“ „Woran zum Beiſpiel?“ „An Tauſenderlei; ich weiß ſelbſt nicht an was Alles; ich habe oft ſchon gemeint, es iſt Schade, daß Du nicht ein Gelehrter oder Dichter biſt, was für ſchöne Bücher wollteſt Du ſchreiben.“ „Verſuchen Sie es doch einmal.“ „Das werde ich wohl bleiben laſſen.“ „Warum?“ „Weil ich nicht ſchreiben kann.“ „Sie meinen, wie Goethe oder Leſſing.“ „Nein, wie ein Schulmädchen, wenn es nicht von ſeinem Lehrer geſcholten ſein will. Die Mechanik des Schreibens fällt mir, ich weiß nicht weshalb, entſetzlich ſchwer; wenn ich eine Seite geſchrieben habe, kann ich die Feder kaum noch halten, und dabei vermag kein Menſch meine Kritzelei zu leſen, und ich ſelbſt nicht eine halbe Stunde nachher.“ „Da müſſen Sie es wie die großen Herren machen und dictiren; ich ſtelle mich Ihnen während der Zeit meines Hierſeins als treuer Secretair ganz zur Dispoſitivn.“ „Ich nehme Sie beim Wort.“ „Das hoffe ich.“ „Da könnten Sie mir gleich ein paar Gedichte aus den Büchern ausſchreiben, die ich heute meiner Freundin Olga in die Stadt zurück⸗ ſchicken muß.“ „Mit dem größten Vergnügen.“ . 3* 36 B Auf der Düne. „Wann haben Sie Zeit?“ „Gleich jezt.“ „So kommen Sie in den Gartenſaal; ich will ſehen, ob Sie ebenſo gut ſchreiben wie leſen können.“ Ueber dieſem Geſpräche war die Sonne aufgegangen; dann trafen ſie ſich im Gartenſaal, und nachdem ſie noch einige Minuten lang durch die geöffnete Glasthür die kühle, friſche Morgenluft eingeathmet und auf das Meer hinausgeſchaut hatten, das heute nur eben von ganz leichten Wellen gekräuſelt war, ſetzte ſich Paul, etwas fröſtelnd, an den Tiſch und ſchrieb, während Hedda wohlgemuth im Saale auf⸗ und abſchritt, im Vorbeigehen ein paar Accorde auf dem Clavier griff, oder die erſten Worte einer Arie ſang, und zwiſchendurch dictirte. Seit dieſem Morgen ging es dem jungen Mann, wie Hedda, als ſie das Bild in dem Kinderbuche geſehen hatte. Er konnte nicht mehr ſchlafen, ſobald er das Schließen ihrer Thür und ihren leichten Schritt auf dem Flur gehört hatte; und ſo kam es, daß die beiden jungen Leute oft ſchon ſtundenlang beiſammen geweſen waren, bevor Clementine, von ihrem acht⸗ oder neunſtündigen Schlaf, ſcheinbar wie von einer ebenfo langen Fußwanderung, ermüdet erſchien, nach einem flüchtigen„guten Morgen“ ſich in die Sophaecke ſinken ließ, und „allmälig zur Beſinnung kam,“ wie ſie ſelber ſagte. Dann hatte Hedda oder Paul, die ihre Unterhaltung ungezwungen fortſetzten, einen beſonders guten Einfall, über den Clementine lachen mußte, und nun richtete ſie ſich aus ihrer Ecke auf, ſah die Beiden zum erſten Male mit ihren großen blauen Augen freundlich an, und miſchte ſich, ihre Taſſe ergreifend, die ihr Hedda bei ihrem Eintreten zurecht gemacht hatte, in die Unterhaltung. „Wie viel Bände habt Ihr heute Morgen ſchon geleſen, Kinder?“ fragte ſie dann wohl. „Noch keine Seite, Couſine; wenn Sie aber wünſchen, können wir ſogleich anfangen. Nicht wahr, Fräulein Hedda?“ „Ich bin bereit, Voiſin.“ „Bewahre; es war ja nur mein Scherz. Ihr wißt, ich finde wenig Geſchmack an der Lectüre; Ihr müßtet denn etwas recht Auf der Düne. 37 Luſtiges haben; denn mit Euern herzbrechenden Tragödien und philo⸗ ſophiſchen Romanen iſt mir wahrlich nicht gedient.“ „Und wenn ich nun ein recht heiteres, liebenswürdiges Buch wüßte?“ „So geht nur immer nach der Laube voraus. Ich will nur eben noch einmal nach dem Kleinen ſehen, und dann nachkommen.“ „Das ſagten Sie geſtern auch, und hernach warteten wir ver⸗ gebens.“ „Heute komme ich gewiß; Ihr könnt aber immer mit dem Leſen beginnen; es thut nichts, wenn ich auch den Anfang nicht höre.“ „Aber, Couſine, wie kann man ſo barbariſche Anſichten von der Kunſt haben?“ „Iſt es denn im Leben anders? iſt nicht das ganze Leben frag⸗ mentariſch? Wenn Ihnen das noch nicht klar geworden iſt, lieber Paul, ſo werden Sie es erkennen, wenn Sie ſo alt ſind, wie ich.“ „Aber, liebe Couſine, Sie ſind ja fünf Jahre jünger als ich!“ „Lieber Paul, ich bin verheirathet; und eine junge Frau iſt zehn Jahre älter als ein junger unverheiratheter Mann von demſelben Alter; folglich habe ich fünf Jahre vor Ihnen voraus.“ „Zugegeben; nun geben Sie aber auch mir zu, daß eben die Kunſt dies fragmentariſche Leben ergänzen ſoll; das Leben ſkizzirt oft nur ganz flüchtig, dann kommen der Dichter, der Künſtler, und machen aus der flüchtigen Skizze ein vollkommenes Gemälde.“ „Das verſtehe ich nicht. Das können Sie mit Hedda ausmachen. Nun geht, und disputirt über Kunſt und Leben, bis ich nachkomme.“ In Aller Intereſſe hatte man die Verabredung getroffen, daß die Geſellſchaft nach Tiſche ſich trennte, und Jeder die heißen Nach⸗ mittagsſtunden auf ſeinem kühlen Zimmer, oder wo es ihm ſonſt be⸗ liebte, mit Schreiben, Leſen oder Schlafen, ſo gut es ging, aber allein a zubrachte. Dies war eine Maßregel, die von allen Geſellſchaften auf dem Lande, oder in einer ähnlichen Lage wie die unſerige, nachgeahmt zu werden verdient. Nichts ermüdet ſo ſehr, als ein beſtändiges Zuſammenſein, ſelbſt mit geiſtreichen Menſchen, und Menſchen, die man lieb hat. Auch Die, welche ſich viel und ſehr viel zu ſagen haben, ſprechen ſich endlich aus; und ſogar junge Liebesleute, die 38 Auf der Düne. Gelegenheit hatten, den ganzen Tag beiſammen zu ſein, und die ſich dieſe Gelegenheit nicht entgehen laſſen wollten, kann man des Abends ſo gelangweilt neben einander ſitzen ſehen, wie ein Paar jener kleinen hübſchen Vögel, die man Inſéparables nennt, auf einer Stange in ihrem Bauer. Haben wir Menſchen doch das Leben vor allem lieb; und wäre unſre Exiſtenz erträglich, wenn wir ſie nicht zeitweiſe, im Schlaf, unterbrechen könnten? So brachten ſie denn auch zu der Promenade, zu der ſie ſich gegen Abend zuſammenfanden, wieder friſche Lebensgeiſter mit, die denn auch manchmal recht übermüthig ſein konnten. Aber wahrlich, ſie ſind auch köſtlich, dieſe abendlichen Waſſerfahrten, wenn das ſchnelle Boot luſtig über die ſich kräuſelnden Wellen hineilt, oder, von Rudern getrieben, ſanft über die glatte Fläche gleitet, der rothe Sonnenball in die Fluthen taucht, und Meer und Himmel in tauſend Lichtern prangen— die Phantaſie auf einem der roſigen Wölkchen weit und weiter ſegelt bis in die Reiche der Seligen, und dann der Blick aus der ungemeſſenen Ferne zurückkehrt, auf einem lieben Menſchenantlitz in der nächſten Nähe auszuruhen, vielleicht all' die Herrlichkeit wieder⸗ zufinden auf dem lieben Menſchenantlitz!— Dann kamen ſie, von der Seeluft und von all' dem Schwatzen und Lachen hungrig, nach Hauſe, und während der Lootſencommandeur nach dem Abendeſſen die unausbleibliche kleine Bowle braute, und Paul, der ſich in dieſen Dingen für eine Autorität ausgab, herbeirief, um ihn zu fragen, ob die Miſchung für die Damen ſo recht ſei, hatte Herr von Elze, wel⸗ cher am Abende niemals fehlte, ſchon das Clavier für Hedda geöffnet, ſein Cello aus dem Kaſten genommen, und das Concert begann. Hier war es nun, wo Hedda's immer heller Stern am glänzendſten ſtrahlte, Paul am liebſten zu ihm emporſchaute, und ſich am innigſten an ſeinem funkelnden Licht ergötzte. Er wußte ſelbſt nicht, ob nur die neue Situation ſeine Sinne ſo geweckt hatte, sder ob Hedda wirklich ein ſo vorzügliches Talent beſaß; aber es war ihm, als ob er nie ſo ſeelenvoll habe ſpielen und ſingen hören— beſonders ſingen. Ihre Stimme war keineswegs tadellos, und ein beſſerer Kenner hätte wohl an ihrer Schule Manches auszuſetzen gehabt; aber es war nicht möglich, in den Geiſt des Liedes und der Compoſition tiefer einzu⸗ Auf der Düne. 39 dringen; ja Paul behauptete geradezu, daß ſie manchmal noch tiefer als bis auf den tiefſten Grund dringe, und ſinge und ſpiele, was Dichter und Muſiker vielleicht hätten ſagen wollen, aber auszudrücken nicht im Stande geweſen wären. Paul hatte indeſſen in ſeinem En⸗ thuſiasmus einen Nebenbuhler, und zwar an Hedda's eignem Vater. Der alte Seeheld theilte ganz ſeines Collegen Odyſſeus leidenſchaft⸗ liche Vorliebe für den Geſang, und er ſaß ſo feſt hinter ſeiner Bowle in der Sophaecke, und ſchaute ſo unverwandt auf ſeine Tochter, und hörte mit ſolchem Entzücken zu, daß Paul ihn mit dem Sohn des Laertes verglich, als er, an den Maſt gebunden, unverwandten Auges nach dem Felſen der Sirenen blickte und ihrem ſüßen Geſang lauſchte. Und dann, war der Geſang zu Ende, athmete er tief auf, und ſah die bei ihm um den Sophatiſch ſaßen, triumphirend an, als wollte er ſagen: iſt es nicht ein Goldmädchen? Und nun rief er ſein Töch⸗ terchen zu ſich und ſtreichelte ihr zärtlich die von der Aufregung des Vortrags erhitzten Wangen, und fragte, ob das Lied von Schumann oder Mendelsſohn ſei— es iſt mir unbegreiflich, wie Sie das immer ſogleich heraushören können, Doctor— und jetzt mußte das Töchter⸗ chen aus ſeinem dargebotenen Glaſe nippen, und zuletzt hieß es: „Aber, Hedding, mun noch eines! das, welches Du geſtern Abend ſangſt, von der Seele und dem Herzen und dem Grabe, wo es da hernach ſo geht: tam, tam, tam, tam!— nun, Du weißt ſchon, welches.“ Und Hedda ging wieder zum Clavier, und ſang das Rückert'ſche:„Du meine Seele, du mein Herz“ in der überaus herr⸗ lichen Compoſition von Robert Schumann. Clementine war im Ganzen am ſparſamſten mit Beifallsbezeu⸗ gungen, und das würde Paul an ihr, der langjährigen Freundin, die ſchon Zeugin ſo vieler Triumphe der Art geweſen war, nicht weiter aufgefallen ſein. Was ihn aber wunderte, war, daß Clementine das muſikaliſche Talent Herrn von Elze's noch über Hedda's zu ſetzen ſchien, und das wollte ihr Paul durchaus nicht zugeben. Nicht als ob er des Lieutenants Talent gering geachtet hätte. Er ſpielt das Cello recht brav, dachte Paul; er ſingt ſehr richtig und vom Blatte; die Geheimniſſe des Generalbaſſes ſind ihm ſogar erſchloſſen; er be⸗ gleitet und transponirt äußerſt geſchickt, und iſt mit einem Worte in 40 Auf der Düne. einer muſikaliſchen Soirée unſchätzbar; aber Allem, was er producirt, fehlt das Beſte, und was Undinen fehlte, ehe ihr in der Liebe ein neuer Stern aufging: die Seele. Es iſt Alles kalt, wie ſeine Augen. Hat der Mann wohl je geliebt? und kann er lieben? Eines Abends, als der Lootſencommandeur Guſtaven, der ſeit einigen Tagen zum erſten Mal wieder auf dem Nedur war, eine ſeiner unendlichen Geſchichten erzählte, und Hedda und Herr von Elze am Clavier, wie das häufig geſchah, über irgend einen muſikaliſchen Punkt in Streit gerathen waren, legte Paul dieſelbe Frage Clemen⸗ tinen vor, und jene fliegende Röthe zog wieder über ihr Geſicht, und ſie ſagte nicht ohne einige Verwirrung:„Wie meinen Sie das, Couſin?“ „Aber, liebe Clementine, kann die Frage auch noch mehrere Mei⸗ nungen haben?“ Ich wollte ſagen: weshalb glauben Sie das nicht?“ „Weil ſeine Stimme und ſeine Augen ſo kalt ſind.“ „Das finde ich nicht; im Gegentheil, ich dächte, daß ſeine Stimme im Duett vortrefflich mit Hedda's zuſammenklingt.“ „Da iſt er nur der kalte, dunkle Mond, der von der hellen Sonne Licht und Wärme empfängt.“ „Natürlich; Hedda bringt überall zum Guten das Beſte.“ „Sie ſagen das halb ironiſch; ich glai⸗ das ſei ihre wirkliche Meinung.“ „Nun ja; aber ihr Alle macht doch auch wahrlich zuviel aus Hedda; ihr werdet ſie mir noch ganz verziehen, und dann kann ich zuſehen, wie ich ihren kleinen Kopf wieder in Ordnung bringe.“ „Couſine, Couſine! Sie ſind doch nicht eiferſüchtig auf Hedda?“ „Ganz und gar nicht; ich habe meine Freundin ſo lieb, wie wol ſelten eine Schweſter die andere, und weiß ſehr gut, daß ſie mir in jeder Hinſicht überlegen iſt.“ „In einer nicht, die ſonſt bei den Frauen gerade nicht gering geachtet wird.“ „Und die wäre?“ „Sie ſind viel hübſcher als Hedda.“ Das iſt Ihr Ernſt nicht.“ Auf der Düne. 41 „Mein vollſter Ernſt. Und ich bin überzeugt, daß, Papa Walter etwa ausgenommen, wir Alle hier im Saal derſelben Meinung ſind; Sie ſelbſt mitgerechnet.“ „Sehr ſchmeichelhaft! Eine herrliche Entſchädigung für den Mangel aller übrigen Talente.“ „Ich hätte Ihnen doch eines zugeſprochen, wenn Sie mir nicht ſo eben einen Beweis vom Gegentheil gegeben hätten.“* „Welches Talent meinen Sie?“ „Das Talent, die Charaktere der Menſchen leicht und richtig zu beurtheilen.“ „Und der Beweis vom Gegentheil?“ „Daß Sie Herrn von Elze's Augen nicht kalt finden, und Sie wiſſen: in den Augen liegt das Herz.“ „Ich halte ſeine Augen nur für klug, nicht für kalt.“ „Es giebt eine Art von Klugheit, die ohne einen bedeutenden Kältegrad gar nicht möglich iſt.“ „Da hat der arme Herr von Elze ja noch eine Stimme mehr gegen ſich.“ „Dafür hat er auch die Ihrige für ſich.“ „Ich vertheidige ihn nur, weil ihn Alle angreifen, und weil er unglücklich iſt.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Er ſelbſt.“ „Ein Mann ſollte ſein Unglück ſchweigend erdulden.“ „Das iſt leichter geſagt, wie gethan.“ „Aber doch nothwendig.“ „Und ein Mann ſollte gar nicht klagen dürfen?“ „Höchſtens einem vertrauten Freunde gegenüber.“ „Und wenn mich nun Herr von Elze ſeines Vertrauens für würdig erachtet hätte? und wenn ich nun ſeine Freundin wäre? Warum lachen Sie, Couſin?“ „Verzeihen Sie, liebe Couſine! Mir fiel nur gerade ein, daß Sie darüber mit Guſtav in eine allerliebſte Dispüte gerathen könnten.“ Clementine erröthete abermals und ſtärker, wie zuvor, und fragte 6„Was hat Guſtav über Herr von Elze geſagt?“ 42 Auf der Düne. „Wenn Sie ſeine ganz eignen Worte haben wollen: mein Mann iſt er eben nicht.“ „Und was kann Guſtav gegen Herr von Elze haben?“ „Vielleicht gefallen ihm deſſen Augen ebenſowenig, wie mir;“ ſagte Paul lachend. „Weshalb hat er denn ſeinen Umgang geſucht?“ ſagte Clementine eifrig;„weshalb ihn wieder und immer wieder zu uns gebeten? Herr von Elze lebte im Anfang ſo zurückgezogen, daß wir ihn kaum einmal in der Woche ſahen; und da ruhte Guſtav nicht, bis er alle Tage kam. Und überdies finde ich das recht undankbar von Guſtav, da Herr von Elze jederzeit die Gefälligkeit ſelbſt gegen uns Alle, und beſonders gegen ihn geweſen iſt; und noch neulich, als Guſtav, ich weiß nicht was für eine dringende Arbeit zu machen hatte und nicht zur rechten Zeit damit fertig werden konnte, hat Herr von Elze eine Woche lang faſt Tag und Nacht für ihn gearbeitet und gerechnet, und Guſtav hat in unſer Aller Gegenwart geſagt, daß der Lieutenant ein viel beſſerer Mathematiker ſei, als er ſelbſt.“ „Ja nun iſt mir Alles klar; nun kenne ich den Grund von Guſtav's Averſion gegen den unglücklichen Lieutenant.“ „Nun?“ fragte Clementine geſpannt. „Guſtav iſt eiferſüchtig— auf Herrn von Elze's gründlichere mathematiſche Kenntniſſe;“ ſagte Paul lachend. Clementine wollte etwas erwiedern; aber in dieſem Augenblicke kamen Hedda und Herr von Elze aus dem Saale in den kleinen Muſchelgarten, wo dieſe Unterredung zwiſchen Clementine und Paul ſtattgefunden hatte, und verlangten deſſen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch über einen ſtreitigen Punkt. Paul entſchied ſich zu Gunſten des Lieutenants, und mußte ſich dafür von Hedda ſagen laſſen, daß die Seeluft einen entſchieden nachtheiligen Einfluß auf ſeine Urtheilskraft auszuüben ſcheine. Jetzt war das Geſpräch allgemein geworden, und ehe ſich die Damen an dieſem Abend zurückzogen, wurde noch für den nächſten Tag eine Waſſerpartie nach dem Vorgebirge der großen Inſel ver⸗ abredet. Dann blieben die Herren noch ein Stündchen bei der Bowle ſitzen, und der Lootſencommandeur gab eine ſeiner Lieblingsgeſchicht Auf der Düne. 43 zum Beſten, die an der Mündung des Nil ſpielte und ſehr komiſch ſein mußte, da die Andern nicht aus dem Lachen herauskamen; unſerm Paul aber ſo geheimnißvoll blieb, wie die Quellen des ſagenreichen Stromes, da ihn die Unterredung mit ſeiner ſchönen Couſine in ein Labyrinth von Zweifeln und Muthmaßungen geführt hatte, aus dem er für den Augenblick keinen Ausweg finden konnte, wie denn das mit Labyrinthen ſo zu ſein pflegt. Sechstes Capitel. Wir hätten ſagen ſollen:„tiefer in ein Labyrinth,“ denn der Gedanke, der ihm an jenem erſten Morgen, als er mit ſeinem Vetter auf dem Verdeck des Adlers frühſtückte, er wußte ſelbſt nicht, wie? und warum? gekommen war— daß Guſtav auf den Lieutenant eifer⸗ ſüchtig ſein könnte, hatte ihn nicht wieder verlaſſen. Was er Anfangs mit einer Art von Inſtinct herausgefühlt hatte, war jetzt beinahe zur Gewißheit für ihn geworden; und die Ueberzeugung, daß das Ver⸗ hältniß zwiſchen ſeinem Couſin und ſeiner Couſine nicht ſo ſei, wie es ein treuer Freund wünſchen mußte, der einzige Schatten in ſeinem im Uebrigen ſo ſonnigen Inſelleben geweſen. Paul hatte von Natur die beſondere Gabe der Beobachtung, und er hatte dies angeborne Talent durch Studium und fortwährende Uebung zu einer Art Vir⸗ tuoſität ausgebildet, ſo daß er ſich nur kurze Zeit in einem neuen Kreiſe bewegt zu haben brauchte, um mit den Charakteren der Ein⸗ zelnen bis zu einem gewiſſen Grade vertraut zu ſein, und manchmal tiefere Blicke in die Verhältniſſe derſelben untereinander zu thun, als es die Betheiligten ſelbſt vermochten. Er ſagte oft:„ich glaube, ich habe die Menſchen deshalb ſo lieb, weil ſie dem Beobachter einen ſo unerſchöpflichen Stoff darbieten.“ Und die Menſchen zu beobachten war denn auch zu einer förmlichen Leidenſchaft bei ihm geworden. Er ſtudirte ihre Mienen; er hing an ihren Blicken; er zeichnete ihre Bewegungen nach; er wog ihre Worte, und war ſo ganz bei der —— 44 Auf der Düne. Sache, daß Hedda einmal nicht ohne Bewunderung ſah, wie ſich auf ſeinem Geſicht der wechſelnde Ausdruck von Clementinens Geſicht, die ihm gerade mit Lebhaftigkeit eine Anekdote aus ihrem Leben erzählte, wie in einem treuen Spiegel abmalte. Nun iſt nicht zu leugnen, daß der vorzüglichſte Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit das reichbegabte, liebenswürdige Mädchen geweſen war; aber ſeine Umgebung zu beobachten, war ihm zur zweiten Natur geworden, und die Uebrigen würden doch auch an die Reihe gekommen ſein, ſelbſt wenn nicht Jeder, ſowohl für ſich, noch mehr aber in ſeinem Verhältniß zu den Anderen, Pauls Intereſſe ſo gleichſam herausgefordert hätte; wobei ſich denn der junge Philoſoph nicht verhehlen konnte, daß ihm noch manches Räthſel zu löſen blieb. Zwar den alten Seemann zu durch⸗ ſchauen, hielt nicht ſchwer; denn ſein Gemüth war ſo klar und hell, wie ſein heimiſches Element, und man ſah ſo deutlich, was auf dem Grunde ſeiner Seele vorging, wie man an manchen Stellen der See die kleinſten Steinchen und Muſcheln erkennen kann, die klaftertief unter uns auf dem Meeresgrund liegen.— Aber Guſtav, den Paul zu kennen glaubte, wie ſich ſelbſt, war ein anderer geworden. Wenn auch die Grundzüge ſeines Weſens geblieben waren— und wann könnten die je verwiſcht werden?— ſo ſchien voch jetzt ein gewiſſes Element faſt allzugroßer Gutmüthigkeit, wegen deſſen ihn Paul früher oft mit einer edlen Dogge verglichen hatte, die Ruhe und Frieden über Alles liebt, und ſo der beſte Spielkamerad der Kinder ihres Herrn iſt,— wenn nicht glänzlich von ihm gewichen, doch weſentlich getrübt. Beſonders gegen den Lieutenant war es, daß er dieſe, Paul bisher ganz unbekannte, rauhe Seite herauskehrte; und man konnte nicht in Abrede ſtellen, daß ihm derſelbe dazu nur zu oft Gelegenheit gab. Herr von Elze liebte es auf Koſten Andrer zu ſcherzen, und obgleich man ihm nicht vorwerfen konnte, daß er bei ſolchen Gelegen⸗ heiten die Grenzen des Anſtandes überſchritt und unfein wurde, ſo war doch ſeine Weiſe keineswegs liebenswürdig, und es war Paul aufgefallen, daß der Lieutenant dieſe Uebungen ſeines Witzes nur immer in Gegenwart der Damen anſtellte— nie, wenn die Männer unter ſich waren— ſo daß er auf die Vermuthung kam, derſelbe lege es darauf an, vor ihren Augen an Guſtav zum Ritter zu werden, Auf der Düne. 45 wobei es ſich denn wohl ereignen konnte, daß die Gattin des Be⸗ ſiegten den Sieger mit dem Kranze ſchmückte. So konnte es nicht immer geweſen ſein; denn Hedda hatte flüchtig, und ohne weiteres Gewicht darauf zu legen, Paul gegenüber die Bemerkung gemacht: ich weiß nicht, die beiden Herren haben einen recht unerquicklichen Ton gegeneinander angenommen; was mag wohl der Grund davon ſein? Daß Guſtav ſich aus andern Gründen in ſeiner Ehe nicht glücklich fühlen ſollte, konnte Paul nicht glauben; im Gegentheil, ſein Couſin und ſeine Couſine ſchienen ihm, trotz der Verſchiedenheit ihres Alters— denn Clementine war beinahe zwanzig Jahre jünger, als Guſtav— wie für einander geſchaffen. Sie war einfach und an⸗ ſpruchslos, wie er; ja ſie war es in einem Grade, daß ein minder guter, oder weniger liebevoller Beobachter auf den Verdacht hätte kommen können: die junge Frau wiſſe ſehr wohl, wie gut ſie dieſes ſtille beſcheidene Weſen kleide. Aber es war nicht Affectation, oder Originalitätsſucht, ſondern ihre innerſte Ueberzeugung, wenn ſie zum Beiſpiel von der Lectüre wenig hielt, und behauptete, ſie habe ge⸗ funden, daß vieles und buntes Leſen nur das eigene Denken beein⸗ trächtige und das Falſchmünzen von Gefühlen begünſtige;— und wer da weiß, wie weit der Plagiarismus der Gedanken und Empfin⸗ dungen von den feinen Herren und Damen der guten Geſellſchaft getrieben wird, kann Clementinen hierin ſo Unrecht nicht geben.— „Clementine hat wohl wenig Phantaſie?“ fragte Paul einſt Hedda, und die antwortete:„Wie man es nehmen will. Ein großer Poet iſt ſie nicht; aber wenn ſie auch nicht jenen Lurus der Phantaſie hat, die manche Leute befähigt, über den eingebildeten Leiden und Freuden ihrer Romanfiguren die wirklichen ihrer Mitmenſchen zu vergeſſen, ſo hat ſie genug, um mit den letzteren auf das herrlichſte ſympathiſiren zu können. Ich bin nicht halb ſo gut, wie Clementine; und mit mei⸗ nem Intereſſe für tauſend heterogene Dinge neben ihr nicht viel mehr, als eine Phantaſtin.“ Und in der That war thätige Menſchenliebe ein Grundzug von Clementinens Charakter. Wenn Hedda's Augen bei einer rührenden Stelle in einem Buche von Thränen überſtrömten, blieben Clementinens trocken; aber in Fällen wirklicher Noth konnte man auf ſie weit ſicherer rechnen, als auf Hedda. Nicht als ob des — 46 Auf der Düne. Mädchens Herz weniger weich und liebevoll geweſen wäre; aber ſie hatte nicht die Ausdauer, die Geduld und den Ernſt der jungen Frau, und nicht ihren ſcharfen Blick für all die größeren und kleineren Leiden, von denen die arme Menſchheit ohn' Unterlaß geplagt wird, und die zu lindern oder zu beſeitigen oft ſo leicht ſein würde, wenn die Lei⸗ denden nicht vielfach zur Klage zu ſtolz, und die, welche helfen können, nicht faſt durchgängig zu ſtumpfſinnig wären, um auch noch die ſtumme Klage verſtehen zu können. Und dabei beanſpruchte die junge Frau, die ſtets bereit war, Hand anzulegen, wo es nöthig war, nie, daß ſich auch nur ein Finger in ihrem Dienſte rege, und erröthete jedes Mal wie ein Schulmädchen, ſo oft ihr einer von den Herren eine iener kleinen Aufmerkſamkeiten erwies, die erweiſen nur nicht gegen die gute Sitte verſtoßen heißt. In dieſer Hinſicht keine Anſprüche zu machen, war wiederum eine ſchätzenswerthe Eigenſchaft für die Frau Guſtav's, der aus ſeiner Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Formen kein Hehl machte, und den man als Knaben nie in eine Tanzſtunde hatte bringen können. Er würde mit ſeiner Einfachheit einer an⸗ ſpruchsvolleren Frau eben ſo wenig genügt haben, als ihn wiederum eine glänzendere Erſcheinung, anſtatt anzuziehen, entſchieden zurück⸗ geſchreckt hätte, und ſo ſchienen ſie, wie geſagt, ſo für einander ge⸗ ſchaffen, daß man ſelbſt den Unterſchied der Jahre kaum bemerkte. „Wie haben Sie nur einen ſo alten Mann nehmen können, meine ſchöne Couſine?“ hatte Paul einmal in den erſten Tagen ſcherzend gefragt, und ſie ebenſo erwiedert:„Aus Eitelkeit!“„Aus Eitelkeit?“ „Ja, ich war unſäglich ſtolz darauf, einen Anbeter zu haben, der ſchon um die Schläfen herum kahl wurde, während meine Freun⸗ dinnen noch alle für Tanzſtundenbekanntſchaften ſchwärmten.“ Die Ehe war aber ſo zu Stande gekommen.— Die alte Dame, in deren Penſion Clementine und Hedda erzogen wurden, und die bei der erſteren, deren Eltern früh ſtarben, Mutterſtelle vertreten hatte und den ganzen Einfluß einer Mutter auf ſie beſaß, war Guſtav's Tante mütterlicherſeits— Paul und Guſtav waren durch ihre Väter ver⸗ wandt.— Es war von jeher der alten Dame innigſter Wunſch ge⸗ weſen, dieſe ihre Lieblingsſchülerin mit ihrem Neffen, an dem ſie mit großer Zärtlichkeit hing, zu verbinden. Böswillige Zungen hatten 1 Auf der Düne. 47 ihr nachgeſagt, ſie habe dabei nur die Abſicht gehabt, des jungen Mädchens bedeutendes Vermögen ihrem Neffen zuzubringen, und pro⸗ phezeit, daß die ſo unpaſſende Verbindung zwiſchen einem reichen jungen Mädchen von achtzehn Jahren und einem armen Manne von nahe vierzig nicht anders als übel ausfallen könne. Indeſſen die würdige Dame hatte das Glück und nur das Glück ihrer Lieblinge im Auge gehabt, und würde im umgekehrten Falle, wäre Clementine die Arme und Guſtav der Reiche geweſen, gerade ſo gehandelt haben; und was den Unterſchied der Lebensjahre betrifft, ſo konnte der in den Augen der alten Frau nicht ſo bedeutend ſein, die ihren Neffen mit den hier und da ergrauenden Haaren„mein Kind“ nannte, wie das blonde blühende Mädchen. Und was die Betheiligten ſelbſt an⸗ geht, ſo war die Wahl für Guſtav, der in ſeiner ſtillen Weiſe ein aufrichtiger und demüthiger Bewunderer der Schönheit und Güte war, eben ſo charakteriſtiſch, wie für Clementine, für die ſchon als junges Mädchen ein Stutzer nicht exiſtirte, und der Scherz, aus Eitelkeit einen alten Mann genommen zu haben, mehr als halber Ernſt war.— Und dennoch, meinte Paul, iſt und bleibt eine ſolche Ehe, wo ein Mädchen den Platz auf der Schulbank mit dem Ehrenplatze an dem Tiſche eines Mannes, der den Jahren nach ihr Vater ſein könnte, vertauſcht, ein Wagſtück. Sie, die von der Welt nicht mehr kennt, als die Schülerin einer Mädchenpenſion ſchicklicherweiſe wiſſen darf, ſoll gewiſſermaßen mit der Welt abſchließen, derſelben Welt, auf welche ſie Jugend und Lebensluſt und der allen Menſchen eingeborne Drang nach Erweiterung der Erfahrung gebieteriſch hinweiſen. Da kann es denn wohl kommen, daß die junge Mutter an der Wiege ihres Erſtgeborenen wacht, während ſie ihre Geſpielinnen auf dem Balle weiß; und es wäre ſehr lieblos, ihr Liebloſigkeit vorzuwerfen, wenn ſie jetzt, wenn die Klänge der Muſik aus dem hell erleuchteten Saale in die ſtille dämmrige Krankenſtube herübertönen, einen Seufzer über ihre verlorne Jugend nicht unterdrücken kann.— Und wenn ſich ein verſtändiger Mann über all' die kleinen häuslichen Mißſtände, welche aus der Unerfahrenheit der jungen Frau erwachſen, mit dem Gedanken wird zu tröſten wiſſen, daß es in dem Haushalt der Natur nicht anders iſt, und auch der Vogel ſein Neſt mühſam zuſammen⸗ 48 Auf der Düne. tragen muß; wenn er es natürlich findet, daß die Marktweiber nur auf ſeine kleine Frau gewartet zu haben ſcheinen, um ihrem Mädchen alles in den Korb zu ſtecken, was ſonſt Niemand haben will; wenn er ganz wohl begreifen kann, warum er eben ſo viel Wirthſchaftsgeld geben muß, als der Juſtizrath, ſein Univerſitätsfreund, der ſchon ſeit zehn Jahren verheirathet iſt, ein halbes Dutzend Kinder hat, und gar nicht ſchlecht lebt,— ſo muß er doch ſchon ein ganzer Mann ſein, und Kopf und Herz auf dem rechten Flecke haben, wenn er nach allen Seiten dieſelbe Billigkeit bewahrt, wenn er nicht verlangt, daß ſeine junge Frau ſich auf dem Markte des Lebens ſchneller zurechtfinde, als auf dem Gemüſemarkte, und ihn die prüfenden Blicke, mit denen ſeine Gattin jetzt anfängt, die Männer ihrer Bekanntſchaft zu muſtern, nicht ungeduldig machen ſollen. Und doch hieße es, ihr einen blinden Glau⸗ ben an ſeine Vorzüglichkeit zumuthen, wollte er ſich dieſem nachträg⸗ lichen Examen entziehen; und doch hieße es, ſie unbedingt zur Heuchelei verurtheilen, verlangte er von ihr, daß ſie den Eindruck, den dieſer oder iener Mann auf ſie gemacht hat, ſorgfältig verheimliche. Nur die gemeinen Naturen ſind mit jeder Lage zufrieden, und wiſſen ſich in jede Lage ſogleich zu ſchicken; je origineller und tüchtiger ein Menſch iſt, deſto mehr iſt er beſtrebt, ſich das Leben nach ſeinem Sinne zu geſtalten; und wenn er in ein Verhältniß verſetzt wird, ehe ſich ſein Wille für daſſelbe entſchließen konnte, ſo will er es wenigſtens nach⸗ träglich in ſeiner Vernunftmäßigkeit erkennen. Wünſcht alſo der Gatte, daß die Gattin ihre Wahl, die ſtreng genommen eigentlich keine war, jetzt ſanctionirt, ſo ſteht ihm nur ein Weg offen. Er zeige, daß ſie nicht beſſer hätte wählen können, ſelbſt wenn ſie all die tüchtigen und liebenswü irdigen Männer ſchon damals gekannt hätte, die ſie jetzt nach und nach in den erſten Jahren ihrer Ehe kennen lernt; und wie der edle Manchaner ſich am Kreuzwege aufpflanzte, um gegen Jedermann die unübertreffliche Schönheit ſeiner Dame Duleinea zu verſechten, ſo ſchleudre er kühn der ganzen Männerwelt den Handſchuh hin, daß er ſeiner Gattin würdig ſei, wie kein Anderer. Der Kampf iſt vielleicht ſchwer, und doch muß er ritterlich durchgekämpft werden, wenn nicht ein Augenblick kommen ſoll, wo ſie auf ihn ſieht, als auf den, welcher Auf der Düne. 49 ſie um ihre Jugendſpiele und um das Glück ihrer ſpäteren Jahre zugleich betrogen hat. Iſt für Guſtav und Clementine dieſer Augenblick gekommen? dachte Paul, und er fühlte, daß trotz des Gleichklanges ihrer Naturen ein Etwas in ihnen Beiden lebte, was einen ſolchen Augenblick für ſie verhängnißvoller machen mußte, als für viele Andere. Denn Guſtav war einer von den Männern, die ihr Leben freudig für die Geliebte laſſen würden, aber nur ungern den Rücken beugen, um das Tuch aufzuheben, das ihr entfallen iſt; denen die Zunge gelähmt iſt, wenn ihr Herz überſchwillt, und die darum nie das rechte Wort zur rechten Zeit ſprechen können; und das ſchien Paul, wenn ihn nicht Alles täuſchte, genau Clementinens Fall zu ſein.„Du lieber Himmel,“ dachte er,„wie oft ſich doch die Geſchichte von Gutmann und Gut⸗ weib wiederholt, und in Fällen, wo es ſich um ganz andere Dinge handelt! Die ſind auch im Stande, ohne daß ſie einen Laut über die Lippen bringen, zuzuſchauen, wie ihnen irgend ein frecher Dieb das Glück ihrer Ehe ſtiehlt!“ Und Alles, was er bisher von Herrn von Elze geſehen und gehört hatte, war nicht nicht im Stande geweſen, ihm Vertrauen zu dieſes Mannes Charakter und Grundſätzen einzu⸗ flößen, und ſein Verdict ſtand jetzt feſt: er iſt zu einer ſolchen That fähig! Und was war es nun, was den ſonſt ſo milden und vor⸗ urtheilsfreien Paul in dieſem Grade gegen einen Mann einzunehmen vermochte, der ihm mit der größten Freundlichkeit entgegengekommen war, dem Niemand etwas Böſes nachgeſagt hatte und nachſagen konnte, deſſen Kenntniſſe auf ſehr verſchiedenen Feldern— ein gar nicht unweſentlicher Punkt für Paul— alle Achtung verdienten, und deſſen, wie es wenigſtens ſchien, unverdientes Schickſal ihm eher Theilnahme hätte einflößen müſſen? Er hätte, wie Fauſt zu Gretchen, zu ſich ſagen können:„Du haſt nun einmal die Antipathie;“ aber der gebildete Mann iſt gewohnt, ſich von ſeinen Neigungen und Ab⸗ neigungen Rechenſchaft zu geben, und ſein Für und Wider mit Grün⸗ den zu unterſtützen. Und das vergaß auch Paul in dieſem Falle nicht. Er hatte während der vierzehn Tage, die er jetzt auf der Inſel lebte, manches Zwiegeſpräch mit dem Lieutenant gehabt, und ihn ſich oft in Gegenwart der Anderen über die verſchiedenſten Dinge Fr. Spielhagen's Werke. W. 5 4 50 Auf der Düne. ausſprechen hören; aber nie hatte er ein Wort von ihm vernommen, das ihm zu Herzen gegangen, nie einen Gedanken, der von einer wahrhaft edlen Geſinnung verklärt geweſen wäre.„Ich liebe die Leute nicht,“ ſagte Paul,„die über jeden Quark in Verzückung ge⸗ rathen; aber ich haſſe die Menſchen, die bei gewiſſen Dingen kalt bleiben können.“ Und der Lieutenant blieb immer kalt; für dieſen Mann ſchien die liebe Sonne am Himmel keine Wärme zu haben, ebenſo wenig wie die Sonne der Pvoeſie;„ein verſtimmter Dudel⸗ kaſten, ſagte Paul„ſtimmt mich poetiſcher, als des Mannes correctes Spiel; er ſpielt mit den Augen und den Händen, aber nicht mit dem Herzen.“ Nun war Paul nicht ſo ungerecht zu verlangen, daß aller Menſchen Glaubensbekenntniß ſei: ſchön iſt die Venus von Milo! und wenn ihm Jemand ſagte: es thut mir leid, ich verſtehe Beethoven nicht, und weiß nicht, was die Leute an Shakeſpeare ſo Großes finden können; ſo ließ er das gut ſein, und dachte: es muß auch ſolche Käuze geben; aber Herr von Elze wollte das Alles verſtehen; er hatte ſich über alle dieſe Dinge Phraſen zuſammengeleſen und zuſammen⸗ geſtoppelt, und wußte ſie ganz geſchickt anzubringen; und das konnte Paul nicht ertragen, denn dergleichen ſchien ihm eine Sünde gegen den heiligen Geiſt— wenigſtens gegen den heiligen Geiſt der Kunſt. Und wie es auf dieſem Gebiete war, ſo war es auf allen. Sie hatten über Politik geſprochen; über Schleswig⸗Holſtein, über das Jahr 1848, über Zeitereigniſſe, und ſolche, die ſchon ein Stück Geſchichte geworden waren. Paul konnte den ausgebreiteten hiſtoriſchen Kenntniſſen des Lieutenants ſeine Anerkennung nicht verſagen; und er war im Anfang über die freiſinnigen Anſichten deſſelben verwundert, und nahe daran geweſen, ihn für einen Demokraten und Republikaner zu halten; aber er war längſt von ſeinem Irrthum zurückgekommen, und hatte den verkappten Ariſtokraten vom allergewöhnlichſten Schlage ſehr wohl erkannt, und gefunden, daß die Declamationen des Herrn von Elze gegen Camarilla und Säbelherrſchaft aus der ſehr unlautern Quelle der verletzten Eitelkeit und eines um ſeine Hoffnungen betrogenen, höchſt weltlichen Ehrgeizes ſtammten.— So war der Mann, deſſen Freundin zu ſein, die kluge Clementine ſich zur Ehre anrechnete, der ſich ſo in ihr Vertrauen hineinzuſtehlen gewußt hatte, daß ſie ſich in Auf der Düne. 51 Fällen, wo ſie des Raths bedürftig war, augenſcheinlich am liebſten an ihn wandte; mit dem ſie, die Schweigſame, ſich ſtundenlang ganz lebhaft unterhalten konnte, und der mit einem Worte Paul, deſſen durchdringenden Blick die herzliche Theilnahme, die er für ſeine Couſine empfand, noch geſchärft hatte, für das Glück ihrer Ehe ſo gefährlich ſchien. Wie iſt es nur möglich! dachte er, und zugleich mußte er ſich ſagen: was iſt in dieſer Hinſicht nicht möglich? Wie oft ſehen wir, daß ſich ein ein liebes, holdes Mädchen von den äußern Vor⸗ zügen eines Wüſtlings, eines Schurken, eines elenden Geſellen be⸗ thören läßt; wie häufig, daß ein braver großherziger Mann in die Schlingen fällt, die ihm eine herzloſe Kokette legte, oder von dem hübſchen Mäskchen eines albernen Geſchöpfes bezaubert wird, das nicht würdig iſt, bei ſeinen Kindern Magd zu ſein, geſchweige denn die Mutter ſeiner Kinder!— Ein Scherz Hedda's hatte ihm eine Art von Erklärung zu dieſem Räthſel gegeben.„Wann kommt dein Mohr zurück?“ fragte dieſe an einem der erſten Tage, als Herr von Elze nach der Stadt geſegelt war, Clementinen.„Wer iſt der Mohr?“ fragte Paul.„Nun, Herr von Elze!“ ſagte das Mädchen, ohne von ihrer Stickerei aufzuſehen.„Und das iſt ein richtiger Mohr?“ fragte Paul verwundert.„Eine äußerſt geiſtreiche Frage!“ ſagte Hedda, ſich emporrichtend und ihre dunklen Locken zurückſchüttelnd.„Nein, fragen Sie nur Clementine, ob er nicht höchſt ariſtokratiſche, weiße Hände hat; und ich meinerſeits kann Sie verſichern, daß er ſich nicht wenig darauf einbildet. Ich nenne ihn aber Clementinens Othello, weil er aller Menſchen Städte geſehen und Sitten erkannt hat, oder doch erkannt haben will, und ſie ſeine Desdemona, weil ſie den Erzählun⸗ gen ſeiner Heldenthaten ſtets ein ſo aufmerkſames Ohr ſchenkt.“„Ich leugne gar nicht,“ fagte Clementine in ihrer ruhigen Weiſe,„daß ich die Erfahrungen, die ein gebildeter Mann in einem vielbewegten Leben geſammelt hat, viel höher ſchätze, als die Hirngeſpinnſte eines poetiſchen Träumers, und daß ich dem mündlichen Bericht eines Augen⸗ zeugen lieber Glauben ſchenke, als dem ſchriftlichen Jemandes, der die Sache nur von Hörenſagen hat.“„Aber es kann ja auch Jemand lügen, wie gedruckt!“ bemerkte Hedda.„Hedda nimmt es mit ihren Worten nicht immer genau; und verlangt, daß Andre es ebenſo wenig 46 52 Auf der Düne. thun;“ ſagte Clementine, zu Paul gewandt.— Paul konnte ſich dieſe Art von Theilnahme gerade bei einer jungen Frau, die ſo eifrig nach wirklicher Belehrung ausſpähte, und mit ſo großem Mißtrauen gegen alle Bücherweisheit erfüllt war, ganz wohl denken, obgleich ihm des Lieutenants Anekdoten aus ſeinem Hof- und Feldleben weder die bittre Ironie Hedda's, noch Clementinens warmes Lob zu verdienen ſchienen; aber dann mochte der Mann auch dem profanen Haufen ſich anders zeigen, und nur dem Gläubigen in ſeiner Glorie.— Wie dem auch ſein mochte, Paul war ernſtlich beunruhigt durch Herrn von Elze's Aufmerkſamkeiten gegen Clementine, durch die ſichtliche Be⸗ friedigung, mit der ſie dieſe Aufmerkſamkeiten entgegennahm, und durch die Gleichgültigkeit, mit der Guſtav Alles, was auf der Inſel vorging, zu betrachten ſchien; durch die Seltenheit ſeiner Beſuche, die in auffallendem Widerſpruch ſtanden ebenſo mit dem Eifer ſeiner Einladung und ſeinen Pflichten als Wirth, als mit ſeinem früheren geſelligen Weſen, und mit ſeiner gewiß aufrichtigen Verſicherung, daß er ſich in Paul's Geſellſchaft ſtets wohler befunden habe, als in irgend einer anderen.— Jemand, der nach langer Abweſenheit in einen bekannten Kreis zurückkehrt, oder fremd in einen neuen kommt, ſieht ſtets ſchärfer und richtiger, als die drinnen Stehenden, weil ſein Blick nur die großen Verhältniſſe auffaßt, und durch die Menge der Einzelheiten nicht verwirrt wird, und es überdies weit leichter iſt, das Gewordene zu erkennen, als das allmälige, geheimnißvolle Wer⸗ den. So erklärte ſich auch Paul ſeine innere Unruhe bei der ſchein⸗ baren Unbefangenheit und Naivetät der Uebrigen— denn was Guſtav betrifft, ſo hatte er ſich in eine Art von Geheimniß gehüllt— und der junge Mann hütete ſich wohl, die harmloſe Rolle des ſtillen Beobachters mit der ſehr bedenklichen eines Zwiſchenträgers zu ver⸗ tauſchen.— Man glaube indeſſen nicht, daß er die Summe ſeiner Beobachtungen ſo ſcharf gezogen hatte, wie wir es hier gethan haben, oder ihm das Reſullat in jedem Augenblicke gleich gegenwärtig war. Einmal iſt es mit ſolchen Beobachtungen immer wie mit Mephiſtopheles' „Webermeiſterſtück,“ wo„die Fäden ungeſehen fließen,“ und überdies iſt eine heimliche Neigung, wie ſie, ihm ſelbſt unbewußt, in ſeinem Herzen keimte, ein zu eiferſüchtiges Ding, als daß es noch viel An⸗ Auf der Düne. 5 deres neben ſich dulden ſollte. Um die bewegte Welle des Lebens zur kryſtallnen Kugel ballen und aus dem Fluß in die ſtille Wohnung tragen zu können, muß man das reine Gemüth der Frau des hohen Brahmen haben; der erregten Seele eines leidenſchaftlichen jungen Mannes gelingt dies Wunder nicht. Und für ihn brauſte der Lebens⸗ ſtrom jetzt voll und mächtig, und wie es denn zu geſchehen pflegt, wenn der elektriſche Funke, der von einer begabten Natur ausgeht, die latente Wärme in den Gemüthern ſeiner Umgebung frei macht— auch den anderen ſchien er ſchneller zu fließen.„Ich glaube, ich kann Ihnen kein größeres Compliment machen, Voiſin,“ ſagte Hedda zu ihm,„als daß ſich, ſo lange Sie hier ſind, keiner von uns auch nur eine Minute gelangweilt hat.“„Und war das vorher manchmal der Fall?“ fragte Paul.„O über den beſcheidenen Jüngling!“ rief Hedda;„als ob er nicht wüßte, daß wir Alle uns, wenn er wieder fort iſt, die Augen ausweinen werden! Wer ſoll dann die Froſten der allgemeinen Unterhaltung tragen? wer mit dieſer Unermüdlichkeit Spazierfahrten arrangiren, oder häusliche Concerte veranſtalten? Wer dem Papa die Bowle brauen und trinken helfen? Wer mit dem Lieutenant die aus den Fugen gegangene Welt wieder in Ordnung bringen? und wer vor allem mit mir, der Aermſten,„die Tanne fällen, d'rauf die Adler horſten;“ oder:„Ich ſchritt allein hinab den Rhein,“ ſo reizend oft declamiren, daß ich unſre kahlen Dünen ſchon für Rebenhügel halte, und das Kreiſchen der Möven für den kecken Luſtſchrei des Falken, der ſich über Rolandseck in den blauen Lüften wiegt?“—— Aber dieſer friedliche Zuſtand der Dinge hatte die längſte Zeit gedauert. Es traten bald Ereigniſſe ein, die der Sprecherin ſelbſt ihre holde Unbefangenheit rauben, das gute Ein⸗ verſtändniß der Geſellſchaft ſtören, und den finſtern Groll des Pe⸗ liden, wie Paul ſeinen Vetter auf dem einſamen Bagger nannte, zum hellen Zorne entflammen ſollten. 56 Auf der Düne. Siebentes Capitel. In der Frühe des folgenden Tages war der Lootſencommandeur nach der Stadt geſegelt. Am Nachmittage verſammelte ſich die Ge⸗ ſellſchaft etwas zeitiger wie gewöhnlich zu dem verabredeten Ausflug nach dem Vorgebirge der großen Inſel; und ſchiffte ſich auf dem ſchnellen Boote, das Papa Walter, ebenſo wie die Männer, die es führen ſollten, ausgeſucht hatte, mit Allem, was zu einer längeren Waſſerfahrt nöthig iſt, guter Laune und Mänteln und Shawls, auch mit Mundvorräthen reichlich verſehen, und von dem herrlichſten Wetter begünſtigt, ein, um zuerſt, der Verabredung gemäß, Guſtav von dem Bagger abzuholen. Der aber rief ihnen ſchon von weitem durch das Sprachrohr entgegen: ſie möchten nur ohne ihn weiter ſegeln, er habe nothwendig zu thun, und könne nicht von der Stelle. Dieſe unerwartete Nachricht dämpfte die Munterkeit der Geſellſchaft ein wenig, und Paul, der im Stillen viel von dieſer Gelegenheit, ſeinen Vetter wieder in dem Kreiſe zu ſehen, aus dem er beinahe ganz heraus⸗ getreten war, gehofft hatte, ſchlug ſogleich vor, den Ausflug auf einen andern Tag zu verſchieben. Da er aber hierin von Niemand unter⸗ ſtützt wurde, nicht einmal von Clementine, die ruhig erklärte:„Guſtav muß wiſſen, was er zu thun hat; aber ich ſehe nicht ein, weshalb wir den ſchönen Nachmittag deshalb verlieren ſollten, weil an der Maſchine vielleicht eine Schraube losgegangen iſt;“ und Guſtav ſelbſt hinüber rief, er würde wahrſcheinlich in einer Stunde ſchon nachkommen können — ſo wurde die Weiterfahrt beſchloſſen. Ueber dem Hin⸗ und Her⸗ parlamentiren war aber viel Zeit verſtrichen, und ſo kam es denn, daß die Geſellſchaft erſt ſpät am Nachmittage au dem Vorgebirge an⸗ langte. Sie gingen in einer kleinen Bucht vor Anker, und den älteren der beiden Bootsleute als Beſatzung des Fahrzeuges zurücklaſſend, während der jüngere ſich mit den Mundvorräthen belud, ſtiegen ſie das hohe und ziemlich ſteile Ufer hinauf und befanden ſich oben am Saume eines Waldes höchſt ehrwürdiger Tannen, in deren Wipfeln der Wind ein wunderſames Concert mit dem unterbrochenen Murmeln Auf der Düne. 55 der Wellen auf den Kieſeln des Strandes rauſchte. Nach einem Blick auf das blaue Meer zu ihren Füßen und hinüber nach dem Nedur, der in dieſer Entfernung mehr denn je wie eine Sandbank ausſah, drangen ſie tiefer in den Wald, um nach einigen Hünengräbern zu gelangen, pie Herr von Elze vor kurzem entdeckt haben wollte, und die der ganz eigentliche Zielpunkt ihres heutigen Ausflugs waren. Aber trotz ſeiner Verſicherungen vom Gegentheil ſchien dieſer Herr über die Lage derſelben nicht mehr ganz im Klaren zu ſein, und man ſuchte faſt eine halbe Stunde in dem Tann; wobei Hedda ihm wegen ſeiner Pfadfindereigenſchaften gratulirte, ihn flehentlich bat, ſie nicht den böſen Irokeſen zu verrathen, und feierlich erklärte, ſie wollte lieber ſterben, als dem Häuptling derſelben als Gattin in den Wigwam folgen. Der Lieutenant ſchwor, der Platz müſſe behert ſein; Hedda meinte, die Hünen hätten vielleicht einen jüngſten Tag für ſich, und ſeien etwa unterdeſſen auferſtanden. Dann rief ſie:„Nun werde ich einmal die Recken ſuchen, und ich will doch ſehen, ob ſie ungeſchlacht genug ſind, ſich nicht finden zu laſſen!“ Damit eilte ſie ſo ſchnell durch den Tann nach der Richtung, von der ſie gekommen waren, daß die Andern ihr kaum zu folgen vermochten; und jetzt war ſie zwiſchen den dichten Stämmen verſchwunden, und plötzlich rief ſie mit heller, weit durch den Wald ſchallender Stimme„hier!“ Man folgte dem Ruf, und trat auf eine kleine, von den älteſten und höchſten Tannen umgebene Lichtung heraus, in deren Mitte gewaltige Steinblöcke in einer Reihe lagen, und auf dem höchſten derſelben ſtand Hedda's ſchlanke, leichte Geſtalt. In ihrem weißen Gewande, mit der erhobenen Rechten, umwogt von dem Dämmerlichte des Spätnachmittags zwiſchen den Rieſenbäumen, war ſie anzuſchauen wie der Genius dieſes wun⸗ derbaren Platzes. Dann hüpfte ſie die Steine herab ihnen entgegen, und erzählte lachend, daß ſie den Platz ſeit ſechs Jahren kenne, aber Herrn von Elze nicht um die Ehre der Entdeckung habe bringen wollen. Jetzt nahm man die Gräber näher in Augenſchein. Es waren ihrer zwei, beide in einer Linie, nur durch einen kurzen Zwiſchenraum ge⸗ trennt; und genau nach Oſten, wie der Liutenant, oder nach Oſt⸗ Süd⸗Oſt, wie der junge Bootsmann behauptete, gerichtet. Jedes der Gräber deckten vier Blöcke, von denen der zu Häupten der größte war; 56 Auf der Düne. ringsherum lagen kleinere, gleichſam als Einfriedigung, aber ſelbſt von dieſen hätte der unbedeutendſte noch immer einen ganz anſehnlichen Eckſtein abgegeben. Die Steine und der Boden waren mit weichſtem, dichteſtem Mooſe, wie mit einem Teppich überdeckt; dazu die feierliche Stille, in die das Rauſchen des nahen Meeres deutlich herübertönte, und das durch die hohen Tannen gedämpfte Licht— Alles trug dazu bei, dem Platze, den ſich die alten Helden zur ewigen Ruheſtätte aus⸗ erſehen hatten, etwas Schauerliches und Heimliches zu gleicher Zeit zu geben. „Es iſt ſo hübſch von den guten Hünen,“ ſagte Hedda nachdenk⸗ lich,„daß ſie ſchon vor ſo langer, langer Zeit geſtorben ſind.“ „Weshalb, Voiſine?“ „So können wir doch dieſen Stein als Tiſch für unſre Abend⸗ mahlzeit benutzen, ohne daß wir fürchten müſſen, die Geiſter der ver⸗ ſtorbenen Ryno's, Ullin's, Morar's, oder wie die Edlen ſonſt heißen, die hier ruhen, zu beleidigen.“ Geſagt, gethan! die Sachen wurden ausgepackt, und während die Damen den Steintiſch deckten, errichteten Paul und Herr von Elze auf der Höhe des Ufers aus einem Ruder und daran befeſtigtem Tuche eine Flaggenſtange, die Guſtav, wenn er ja noch käme, als Wahrzeichen dienen ſollte. Dann wurde der junge Bootsmann, mit Lebensmitteln für ſich und ſeinen grauen Gefährten reichlich verſehen, nach dem Boote hinabgeſchickt, das jetzt faſt unmittelbar unter dem Platze lag; ſo nahe waren ſie zu Hedda's größtem Vergnügen beim Heraufſteigen daran vorübergegangen. Dann lagerten ſie ſich um den allerliebſt gedeckten Steintiſch in das weiche Moos, und waren ſo glücklich, wie es eine Geſellſchaft junger Leute auf einem alten Hünen⸗ grabe, in einem noch älteren Tannenwalde, am Strande des ewigen Meeres eben ſein kann. Aber Paul konnte auch heute die trüben Gedanken nicht los wer⸗. den, die ihn in den letzten Tagen verfolgt hatten, ja ſie traten ihm an dieſem Abend näher denn je. Während er auf Hedda's Scherze, ſo gut es gehen wollte, einging, beobachtete er ſtill und ſcharf das gegenüberſitzende Paar. Der Liutenant war ſehr lebhaft und ange⸗ regt, ſo daß Paul eigentlich zum erſten Male die Möglichkeit, den ——— Auf der Düne. 57 Mann intereſſant, oder liebenswürdig zu finden, einigermaßen begriff. Seine Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz, und Paul bemerkte, daß er ſie faſt nicht von Clementinen abwandte. Er ſprach viel, und trank ein Glas nach dem andern, wie es manche Menſchen unbewußt thun, wenn ein Gedanke, oder ein Gefühl ſie ganz beherrſcht, ſei es um die Lebensluſt überhaupt zu ſteigern, ſei es, weil die Freude an unſern Kräften zehrt, wie der Schmerz. Clementine dagegen war ſtiller wie ſonſt; aber ſie horchte ſo eifrig auf Herrn von Elze's Unter⸗ haltung, daß Hedda einmal ſagen konnte:„Ich beſchwöre Dich, Cle⸗ mentine, antworte mir auf dieſe Frage, die ich Dir jetzt zum dritten Male vorlege: willſt Du noch ein Stück Pudding, oder nicht?“— und da zog wieder die eigenthümliche fliegende Röthe über ihre Wan⸗ gen; und Paul ſeufzte. Sie hatten eben das Thema von Guſtav's Kommen oder Nicht⸗ kommen noch einmal abgehandelt, und Herr von Elze bemerkte ſcherzend, „wie doch wohl der Aberglaube entſtanden ſein möchte, es ſchicke ſich nicht für eine Frau, ohne ihren Mann in Geſellſchaft zu gehen?“ „Warum nennen Sie das einen Aberglauben?“ fragte Paul. „Weil ich keinen vernünftigen Grund dafür aufzufinden wüßte.“ „Nun, für gewöhnlich,“ ſagte Paul,“„genießt man ein Ver⸗ gnügen am liebſten mit dem, den man am liebſten hat, und da dies für eine Frau nun der Mann iſt, oder ſein ſoll—“ „Sein ſoll, Doctor, ſein ſoll!“ rief lachend der Lieutenant;„ich habe noch nie eine Frau ihren Mann„mein Liebſter“ nennen hören; höchſtens„mein Lieber,“ und das mag auch noch oft genug nur ein Euphemismus ſein, wie die Griechen das ſchwarze Meer das gaſt⸗ freundliche nannten, weil es ſo ungaſtlich war.“ „Ich ſpreche auch nur von dem, was ſein ſoll,“ rief Paul, „nicht von dem, was iſt. Das„Iſt“ würde uns gar bald über den Kopf wachſen, wenn das„Soll“ nicht manchmal ein ernſtes Wort d'rein redete.“ „Ja, da kommt ihr Philoſophen nun,“ ſagte der Lieutenant und ſchenkte ſich das Glas wieder voll;„und möchtet die ganze Welt mit eurem kategoriſchen Imperativ unterjochen. Da heißt es denn auch,„und er ſoll dein Herr ſein;“ ob aber der Herr auch wirklich 58 Auf der Düne. Herr zu ſein verdient, daran kehrt ſich natürlich das weiſe Geſetz nicht.“ „Das iſt auch eine Sache für ſich,“ ſagte Paul;„das Geſetz iſt nicht verpflichtet, ſich zu den Einzelnen herabzulaſſen, wohl aber ſind die Einzelnen verpflichtet, ſich zum Geſetze zu erheben.“ „Da müſſen die Geſetze wenigſtens durchaus vernünftig ſein,“ bemerkte Clementine. „Das verſteht ſich von ſelbſt, liebe Couſine. Aber das Indivi⸗ duum iſt nur zu leicht geneigt, das Geſetz für unvernüftig zu halten, weil es ſeinen ſpeciellen Fall nicht bedacht hat, und nicht bedenken konnte.“ „Aber dann müſſen Sie doch zugeben,“ rief Herr von Elze triumphirend,„daß das Geſetz, es mag ſonſt ſo trefflich ſein, wie es will, für dieſes Individuum und für dieſen ſpeciellen Fall unver⸗ nünftig iſt.“ „Das kann ich zugeben,“ antwortete Paul ruhig,„ohne daß des⸗ halb das Geſetz etwas an ſeiner Heiligkeit verliert. Daß überall ein Reſt bleibt, daran müſſen wir Menſchen uns von vornherein ge⸗ wöhnen; es iſt ein Zufall, wenn das Exempel rein aufgeht.“ „Da wird die Ehe an Ihnen einen großen Fürſprecher haben,“ warf der Lieutenant hin. „Weshalb gerade die Ehe?“ „Weil ich glaube, daß in keiner Sphäre die Bruchrechnung ſo im Schwange iſt.“ „Natürlich; je weiter das Ziel, deſto ſeltener wird es erbeiht Nichts iſt ſo häßlich wie ein häßlicher Menſch, weil nichts ſo ſchön iſt wie ein ſchöner Menſch.“ „Und glauben Sie Ihrerſeits an eine vollkommen glückliche Ehe?“ „Ich glaube überhaupt an nichts Vollkommenes unter der Sonne.“ „Aber weshalb denn überhaupt das Streben nach dem Voll⸗ kommenen?“ „Weil wir ohne dieſes Streben ganz elend ſein würden.“ „So müßten wir uns an dem genügen laſſen, und auch nicht genügen laſſen?“ — Auf der Düne. 59 „Das iſt allerdings meine Meinung.“ „Aber das iſt ja ein vollkommener Widerſpruch!“ „Nur ſcheinbar! Nehmen wir zum Beiſpiel gerade die Liebe. Es iſt gewiß, daß kein ſterbliches Weib die Hoheit und Vollkommen⸗ heit unſeres Ideals erreicht.“— „Das iſt ſehr wenig galant gegen die Damen,“ bemerkte Hedda. „Wahrheit geht vor Höflichkeit, Voiſine.“ „Traurig, aber wahr! fahren Sie fort, Voiſin! Alſo: es iſt gewiß, daß jedes ſterbliche Weib eine Vogelſcheuche im Vergleich mit unſerm Ideal iſt.“— „Meinetwegen! So werden wir dieſe Vogelſcheuche lieben, weil doch vielleicht einmal, im Abendſonnenſchein etwa und aus der Ferne geſehen, ein ſchwacher Schimmer unſers geliebten Ideals über die häßlichen Züge fliegt.“ „Conſequenterweiſe,“ ſagte Herr von Elze, nicht ohne merkliche Jronie,„iſt die unglücklichſte Ehe noch immer beſſer wie gar keine.“ „Da, wie ich ſchon geſagt habe,“ antwortete Paul,„keine Ehe ganz glücklich iſt, ſo hat es mit dem Unglück auch nicht mehr ſo viel auf ſich. Wenn Sie wollen, iſt jede Ehe, auch die glücklichſte, eine Reſignation.“ „Aber, Voiſin, Sie ſind heute erſchrecklich—“ „Eine Reſignation, ſage ich, aber eine nothwendige. Müſſen wir Menſchen doch überall reſigniren; weshalb denn nicht in dieſem Falle? Wir möchten Alle gern, wie der Schüler im Fauſt,„was auf der Erde und in dem Himmel iſt, umfaſſen, die Wiſſenſchaft und die Natur,“ und doch müſſen wir uns mit einer Disciplin begnügen, und wohl uns, wenn wir es darin zu etwas bringen! Der Knabe, dem ſeine Eltern einen Groſchen Marktgeld in die Taſche ſteckten, möchte am liebſten alle Honigkuchen auf dem Markte kaufen; aber endlich muß er ſich doch zu einem entſchließen, und wohl ihm, wenn er ihm ſchmeckt.“ „Und wenn er ihm nicht ſchmeckt?“ fragte Herr von Elze. „So hat er ihn gekauft, und der Kauf iſt nicht mehr rückgängig zu machen.“ 6 „Und wenn er es wäre?“ 60 Auf der Düne. „So gewinnt er damit nicht viel, denn er kann doch nur immer wieder einen Honigkuchen kaufen; und Honigkuchen iſt und bleibt am Ende Honigkuchen.“ „Das iſt zu arg!“ rief Hedda;„alſo die Frauen und die Honig⸗ kuchen rangiren bei Ihnen auf derſelben Linie?“ „Ach, Voiſine, gebe der Himmel, daß mir meine zukünftige Frau ſo ſüß erſcheint, wie dem Knaben der Honigkuchen!“ Paul hatte abſichtlich der Unterhaltung eine ſcherzhafte Wendung gegeben, da er ſich vor ſeiner eigentlichen Meinung fürchtete.— Um ſich ſelbſt und die Geſellſchaft auf andere Gedanken zu bringen, ſchlug er vor, die Schönheit der Stunde und des Ortes durch Geſang zu feiern; und Hedda, als ob ſie ahnte, was in der Seele des jungen Mannes vorging, fang eines unſrer ſüßen, einfachen Volkslieder, gerade Paul's Lieblingslied, das ihn immer wunderbar rührte, ihn, wenn er übermüthig war, ſtill und nachdenklich machte; und heute die graue Schattengeſtalt der Sorge, die ſich an dieſem ſtillen, warmen Sommerabend wieder und wieder an ihn herangedrängt hatte, gänzlich verſcheuchte.— Iſt es nicht thöricht, dachte er, daß du dir das Wohl und Weh Anderer ſo zu Herzen nimmſt, und darüber dein eigenes Glück mißachteſt! Und ſeine Blicke hingen an der holden Sängerin, und der ganze unfägliche Liebreiz ihres Weſens ergriff ihn mit zauber⸗ hafter Gewalt. Wenn er je an das ideale Schiller'ſche Wort:„Es iſt der Geiſt, der ſich den Körper bauet,“ geglaubt hatte, ſo war es jetzt, während er auf Hedda ſchaute.— So durchleuchtet war ihr feines, liebes Geſicht von dem innern Leben, ſo floß es über in die Anmuth ihrer Bewegung, ſo klang es wieder in ihrer hellen und doch ſo ſanften Stimme, in ihrem übermächtigen und doch ſo melodiſchen Lachen. Er erinnerte ſich an manche Frauen- und Mädchengeſichter, die er kannte, und er mußte ſich geſtehen, daß auch die intelligenteſten darunter neben dieſem ſeelenvollen Antlitz etwas Wächſernes und Todtes hatten; und ſelbſt Clementine erſchien neben ihr wie eine ſchöne Statue, die nur erſt halb zum Leben erwacht iſt. Hier endlich ſchien einmal aller Widerſtand der trägen Maſſe beſiegt, und Paul, den bei ſeiner eignen geiſtigen Natur dieſer Gedanke mit einem bei⸗ nahe myſtiſchen Entzücken erfüllte, würde ſich wahrſcheinlich ni Auf der Düne. 61¹ mäßig gewundert haben, wenn das Mädchen ſich plötzlich von dem hohen Stein, auf dem es in dieſem Augenblicke ſtand, erhoben, und als lichter Engel in den tiefblauen Himmel hineingeſchwebt wäre. Unterdeſſen zeigten die Wipfel der Tannen, die im Spätrothlicht zu glühen begannen, daß die Sonne ſich zum Untergange neige. Der junge Bootsmann kam, um die Sachen nach dem Boote hinabzutragen, und rapportirte, daß der Herr Inſpector noch immer nicht in Sicht ſei, und daß ſich kein Lüftchen rühre. Sie brachen auf und gingen durch den Tann die wenigen Schritte, bis ſie aus dem Rande des Waldes hinaustraten auf die Höhe des Ufers; da lag zu ihren Füßen das unendliche Meer, wie ein Landſee ſtill und glatt; und dicht am Horizonte hing der rothe Sonnenball, und eine Schaar Vögel ſchwebte durch die glänzende Luft hinein in die roſige Gluth des weſtlichen Himmels.* Paul und Hedda waren zuerſt aus dem Walde getreten; der Widerſchein des rothen Abendlichtes wob den Zauber, der vorhin in der Dämmerung des Forſtes auf ihrem Antlitz gelegen hatte, nur dichter, während ſie, die Stirn mit der Hand bedeckend, die Sonne im Meer verſinken ſah. Auf einmal rief ſie:„wer von uns kommt zuerſt unten am Boot an?“ und ohne eine Antwort abzuwarten, begann ſie, die Böſchung des hohen Ufers leicht wie eine Gazelle hinabzuhüpfen. Paul eilte ihr nach, und wäre ihr in dieſem Augenblicke wohl in die Charybdis nachgeſprungen; hatte ſie alsbald eingeholt, und jetzt, da ihr der Lauf doch gefährlicher vorkommen mochte, als ſie erwartet hatte, ſtreckte ſie die Hand nach ihm aus, und ſo liefen ſie Hand in Hand das Ufer hinab, und kamen erſt hart am Rande des Waſſers auf den glatten Kieſeln des Strandes zum Stehen. Er hatte noch immer ihre Hand gefaßt, und ſchaute ihr wieder tief und tiefer in die meertiefen Augen. „Was ſehen Sie mich ſo nachdenklich an, Voiſin?“ ſagte ſie. „Ich möchte endlich einmal wiſſen, welche Farbe Ihre Augen häben „Wiſſen Sie das noch nicht? Grün ſind ſie.“ „Wahrhaftig! dunkelgrün mit ſchwarzem Stern.“ „Wie ſich das für eine Schiffertochter ſo ſchickt.“ 62 Auf der Düne. Sie zog ohne Verwirrung ihre Hand aus der ſeinigen, und ſie wandten ſich zum Boot, bei dem jetzt das zweite Paar, das auf einer weniger abſchüſſigen Stelle des Ufers hinabgeſtiegen war, eben anlangte. „Nun Rickmann,“ fragte Clementine den alten Lootſen,„wie wer⸗ den wir jetzt hinüberkommen?“ Der Alte ſchaute nach der ſchlaff am Maſt herabhängenden Flagge und nach dem Himmel, und ſagte in ſeinem breiten Platt: „Wenn das Rothe von der Sonne weg iſt, kriegen wir ſacht noch ſo viel, als wir brauchen, Frau Inſpectorin, vielleicht auch noch ein bischen mehr.“ Mit dieſer tröſtlichen Ausſicht ſtießen ſie vom Lande, von dem ſie ſich indeſſen nur ſehr langſam entfernten, da das große Boot durch Ruder ſchwer zu regieren war, obgleich Paul und der Lieutenant halfen. Auch Hedda ruhte nicht eher, als bis ſie mit Hand anlegen konnte, und ruderte mit Paul an dem einen Ruder im Vordertheile des Boots, ſo oft ihr auch Clementine, die jetzt neben Herrn von Elze am Steuer ſaß, zurief, die Kinderei zu laſſen, und an neulich zu denken! „Was war neulich, Voiſine?“ fragte Paul ſie. „O, ich werde nur manchmal ein ganz klein wenig ohnmächtig; aber ich bin, Gott ſei Dank, noch jedesmal wieder aufgewacht.“ Der junge Mann bat ſie jetzt dringend vom Rudern abzuſtehen, und ſagte unter anderm:„Seien Sie doch nicht ſo eigenſinnig, Voiſine, und folgen Sie, wenn Ihnen ein Freund etwas Vernünf⸗ tiges räth!“ „Sind Sie mein Freund?“ „Zweifeln Sie daran?“ „Nein!“ ſagte ſie ſanft, und ſah ihn offen mit ihren großen Augen freundlich an, und ließ die Hand vom Ruder gleiten; blieb aber ganz in ſeiner Nähe ſitzen. Nicht lange darauf machte ſich der Wind etwas auf, und man konnte bald das Rudern ganz einſtellen. Die Dunkelheit brach er⸗ ſtaunlich ſchnell herein; ein leichter Wolkenſchleier legte ſich, von Oſten kommend, in wenigen Minuten über den ganzen Himmel; von Zeit zu Zeit fielen ſchwere Tropfen. Der Wind zog mit einem eigen⸗ thümlich klagenden Laute ſtoßweiſe über das Meer, und Alles ver⸗ Auf der Düne. 63 kündete, daß die Vorausſagung des alten Seemanns in Erfüllung gehen werde. So plätſcherten ſie ziemlich ſchnell durch das Waſſer und hofften noch vor dem Ausbruch des Unwetters den Nedur zu erreichen. Die allgemeine Unterhaltung hatte ganz aufgehört; beſon⸗ ders war Hedda, die in ihr Shawltuch gehüllt neben Paul ſaß, ungewöhnlich ſchweigſam. Clementine und der Lieutenant, die noch ihren alten Platz am Steuer hatten, ſprachen ſo leiſe mit einander, daß Paul nur hin und wieder ein Wort verſtehen konnte. Plötzlich ſtieß Hedda einen tiefen Seufzer aus, und ihr Kopf fank auf ſeine Schulter. Er faßte ihre Hände an; ſie waren kalt; er fragte ſie, ob ſie ſich unwohl fühle; ſie gab keine Antwort. Er rief leiſe Clementine. Sie kam.„Was iſt zu thun?“—„Nichts, es iſt keine eigentliche Ohnmacht, ſondern nur ein tiefer Schlaf, der ſie jedesmal ganz plötz⸗ lich überfällt, wenn ſie, wie heute, zu wild geweſen iſt. Wir wollen ſie noch etwas einhüllen, und dann laſſen Sie ſie ruhig ſchlafen; oder fällt ſie Ihnen beſchwerlich?“ „Ganz und gar nicht!“ murmelte der junge Mann. Clementine hatte ſich wieder hingeſetzt, und die leiſe Unterhaltung mit dem Lieutenant nahm ihren Fortgang. Paul war ernſtlich unzu⸗ frieden mit ſeiner Couſine. Sie ſchien ihm ſo kalt und theilnahmlos, und er bedachte nicht, daß die Freundin, die dieſe Zuſtände aus Er⸗ fahrung kannte, und wußte, daß ſie ganz ungefährlich waren, ruhiger ſein durfte, als er, der wo möglich das Schlimmſte befürchtete. Es war ihm, als habe ſie nur geeilt, ſo ſchnell als möglich ihren Platz neben dem Lieutenant wieder einzunehmen, und bei dieſer Treuloſig⸗ keit der Freundin glaubte er ſich um ſo mehr verpflichtet, ſich Hedda als treuer Freund zu bewähren. So hällte er ſie denn noch dichter in ihren Shawl und ſeinen linken Arm um ſie ſchlingend, ſuchte er ihrem Kopf, um den ſie ein Tuch gebunden hatte, an ſeiner Bruſt die bequemſte Lage zu verſchaffen. Und wunderlich, ſo ſüß dem jungen Manne dieſe Situation war, der Gedanke, daß ein liebliches Mäd⸗ chen in feinen Armen ſchlummerte, kam ihm kaum einmal in den Sinn; aber die Himmelsluſt, ein hülfloſes Geſchöpf beſchützen zu können, durchbebte und erfüllte ſeine ganze Seele. „Wie hoch und ſchön muß Mutterliebe ſein,“ ſprach er bei ſich, 64 Auf der Düne. „ſie iſt die wahre Venus Urania, gegen die ſich jede andere Liebe verhält, wie Honig zum Nectar. Jede andere Liebe will einen Lohn, und ſo hat ſie ihren Lohn dahin; dieſe will nichts, als lieben— lieben, hegen und pflegen, und das Leben tropfenweiſe oder auf ein⸗ mal hinopfern für das Geliebte.“ Es fiel ihm jenes Urtheil der Athener ein, die einen Knaben zum Tode verdammten, der ein Vögel⸗ chen, das an ſeinem Buſen vor dem verfolgenden Falken Schutz ſuchte, getödtet hatte; und er fühlte, daß die Athener im Rechte waren. Wer das flatternde hülfloſe Leben vernichten konnte, das bei ihm aus⸗ zuruhen kam, der hätte auch wohl den Vater oder die Mutter einmal erſchlagen, und er verdiente vertilgt zu werden vom Angeſicht des Himmels. Ob jener Kerxes, dachte Paul weiter, der einen Preis ausſetzte für die Erfindung einer neuen Luſt, wohl ſchon die kannte, ein unſchuldiges Weſen im Schlafe zu bewachen? Und während das geliebte Kind an ſeinem Herzen ruhte, hafteten ſeine Augen auf dem andern Paar, das jetzt ſtill war, und da glaubte er zu ſehen, daß Clementinens weiße Hand in der dunkleren des Lieutenants lag, und er ſein Geſicht ſo nah zu dem ihren bog, als ob er bei dem ſpärlichen Licht in ihren Augen leſen wollte. Paul glaubte ſich zu täuſchen; vielleicht täuſchte er ſich wirklich, denn als er genauer hinſah, war das Bild verſchwunden. Clementine hatte die Hände in den Shawl gewickelt, und Herr von Elze war aufge⸗ ſtanden, um nach dem Wetter zu ſehen, und ſprach jetzt mit dem Bootsmann. In dieſem Augenblicke erhob ſich der Wind ſtärker; das Boot neigte ſich auf die Seite und ſchoß leicht über die Wellen hin, die jetzt ſich zu heben begannen und ſiedeten, während der ſcharfe Kiel ſie durchſchnitt. Hedda richtete ſich in die Höhe und ſchaute Paul verwundert an:„Sind Sie es, Voiſin?“ ſagte ſie. „Ja, Voiſine.“ „Habe ich lange geſchlafen?“ „Eine halbe Stunde etwa.“ „Und Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen!“ „Bin ich nicht Ihr Freund?“ Sie reichte ihm, ohne zu antworten, die Hand— die ſchmale, feine Hand, in der jetzt wieder das volle, warme Leben pulſirte. —— 2 2 Auf der Düne. 65 Da zuckte ein hellflammender Blitzſtrahl über den Himmel und zeigte den Reiſenden den Nedur ganz nahe vor ihnen; und bald ſtieß das Broot knirſchend auf den Sand des Ufers. Es war die höchſte Zeit, denn ſie waren kaum in's Haus getreten, als der Gewitter⸗ ſturm, der lange gedroht hatte, in vollſter Heftigkeit losbrach, und der Regen in Strömen herabzufallen begann. Man bot dem Lieute⸗ nant ein Nachtlager an; er ſchlug es aber aus. Paul begleitete ihn bis zur Hausthür.„Sie ſind ein Glückskind!“ ſagte der Lieutenant. „Wie das?“ fragte Paul. Jener aber antwortete nur mit:„Gute Nacht!“ hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel und ſchritt durch die wehende Nacht davon. Ichtes Capitel. Paul St. an Franz S. in Berlin. Das Leben iſt die wahre Comödie der Irrungen! glaub' es mir, lieber Franz! Ich ſtehe erſtaunt, und ſinne vergeblich der Löſung dieſer dunklen Räthſel nach. Wo hört die Wahrheit auf, und wo fängt die Lüge an? wo liegt das Recht, und wo beginnt das Unrecht? welches iſt das Weſen, und welches nur des Weſens Schein? Ach, die Eltern ſelbſt, das eigene Gehirn, das ſie erzeugt, das eigene Herz, das ſie geboren, vermögen die Zwillingsbrüder nicht zu unter⸗ ſcheiden, die ſich ſo gräulich ähneln in Geſtalt und Gang und Manieren und Kleidung und Sprache! Und doch ſollen wir die Wahl treffen, während die Geſtalten ſo ſchnell auf der Bühne wechſeln, und aus den Scenen Acte, und aus den Acten zuletzt das Stück unſers Lebens wird; und doch ſoll unſere Rede„Ja, ja!“ ſein, und„Nein nein!“ während in demſelben Augenblicke vielleicht unſer Herz„Ja!“ und unſer Kopf„Nein!“ ſagt. „O mein prophetiſches Gemüth!“ rufſt Du mit Hamlet. Nun ganz ſo unangenehm wie des armen Dänenprinzen Situation in jener Fr. Spielhagen's Werke. IV. 66 Auf der Düne. fatalen Nacht iſt die meinige an dieſem trüben Morgen freilich nicht, aber ob angenehm oder unangenehm, ſie iſt mir unklar, und das allein iſt für Jemand, der, wie ich, die Sonne lieb hat und die Sterne, ſchlimm genug. Ich bin unzufrieden mit mir, bös auf Cle⸗ mentine, ich könnte den Lieutenant auf die Feſtung ſchicken, und Guſtav in's Zuchthaus— und es fehlt nicht viel, ſo erſtreckte ſich mein Zorn auch auf meine arme, unſchuldige Voiſine. Aber warum iſt ſie auch nicht ein kleines wenig weniger liebenswürdig! Aber ſo ſagt Jeder, wenn er beſondere Luſt verſpürt, ein wenig den Narren, oder den Schurken zu ſpielen; und ſo ſagt der Herr von Elze am Ende auch, und entſchuldigt ſich vielleicht noch obendrein mit der lieben langen Weile und ſeinem Hang zu kriegeriſchen Unternehmun⸗ gen, wenn er die viele freie Zeit hier auf der Inſel nicht beſſer zu benutzen wußte, als an dem Herzen der ſchönen jungen Frau eine Eroberung zu machen. Und ſie ſollte ſchuldig ſein? ſie mit ihrer reinen Stirn, und ihren blauen klugen Angen? vergieb mir, Clemen⸗ tine! Wer heißt mich denn ein in der Unterhaltung hingeworfenes Wort vor Gericht fordern? einen Blick, eine Geberde— ein Nichts? O, ich könnte Guſtav ein halbes Jahr lang zum Sandſchaufeln in ſeinen Prähmen verurtheilen, bis er zur Einſicht kommt, welchen Schatz er an ſeiner köſtlichen Frau hat, und wie ſchlecht er dieſen köſtlichen Schatz hütet. Aber da heirathen meine Herren, und dann laſſen ſie den lieben Gott für das Weitere ſorgen, und denken Wun⸗ der was zu thun, wenn ſie Brod für ihre Familie ſchaffen, und gegen Frau und Kind und Magd und Alles, was ihr iſt, nur eben keine rauhen Gebieter ſind! Und wenn nun irgend ein ſchlauer Agamem⸗ non, ſich ſtützend auf die ſouveräne Macht ſeiner Zungenfertigkeit und einiger, vielleicht höchſt wohlfeiler Ritterdienſte, ihnen die holde Briſäis aus dem Zelte entführt, dann ſetzen ſie ſich grollend in eine Ecke, oder bringen den ganzen Olymp und die Erde und die Hölle ſelbſt in Aufruhr, wenn mit etwas mehr Einſicht und Umſicht von ihrer Seite der ganze Spectakel hätte vermieden werden können. O der Thoren!— Aber ich, ich folge gleich, wenn mich die Göttin der lugheit am Haare zupft! Ich bin kein Neuling in Herzensangelegen⸗ heiten; ich lächle nur ironiſch, wenn ich das Spiel ſehe, das die Auf der Düne. 67 Leute mit Namen und Empfindungen treiben; ich weiß zu gut, wie oft ſich die Freundſchaft, die man mit dieſem oder jenem lieben Mäd⸗ chen ſchließt, zum Deckmantel eines wärmeren Gefühls gebrauchen laſſen muß; ich habe zu oft gelacht und geſcholten, wenn ich ſah, wie dieſer oder jener unſrer Bekannten, der eben erſt mit vollen Segeln hinausgeſteuert war auf das Meer des Lebens und des Wettens und Wagens, alsbald die Segel reffte und in den ſichern Hafen des Ehe⸗ ſtandes ſich für immer zur Ruhe begab, als daß ich ſelbſt meinerſeits das Schauſpiel Anderen geben möchte! Ich! ja ich! O Franz, iſt nicht in dem Codex der Moral jedes Spiel verboten, das man zu gewinnen nicht weniger fürchtet, als zu verlieren? Und wenn ich auch für mich ſelbſt einſtehen zn können glaube, wenn ich mir auch ſage, daß ich mich ſchlimmſten Falls mit Spinoza's herrlichem Wort: was geht es dich an, daß ich dich liebe? über den Schmerz einer unerwiederten Leidenſchaft würde wegzuſetzen wiſſen, wer bürgt mir denn dafür, daß ma chöre voisine denſelben philoſophiſchen Curſus durchgemacht hat? Ich glaube gerade nicht beſonders eitel zu ſein, aber für eine abſolute Unmöglichkeit halte ich es denn doch nicht, in dem Buſen eines lebhaften, geiſtreichen Mädchens eine ernſthafte Neigung zu erwecken; und— es wäre lächerlich, Dir gegenüber mit dieſem Geſtändniß zurückhalten zu wollen— ich fühle, daß ich, wie ich nun einmal bin, manche Eigenſchaften beſitze, die mich in den Augen eines geiſtig regen Weſens, wie es ma voisine iſt, gerade nicht ſchlechter erſcheinen laſſen. Dem Herzweh aber eines Verhält⸗ niſſes ohne Noth mich auszuſetzen, deſſen Ausgang das Volkslied mit ſeinem:„Und wenn zwei Liebende ſcheiden, ſie reichen einander die Händ',“ treuherzig angiebt, dazu bin ich nicht mehr jung genug, oder nicht mehr naiv genug; und heirathen— ich vermuthe, daß ich auf der Stelle, wenn es ſein muß, für Hedda ſterben könnte— aber für ſie leben, und nur für ſie— ich, der ich kaum meine Lehrjahre hinter mir, und wer weiß wie viele Wandrrjahre vor mir habe— ich will Dir ſagen, wie ich über das Heirathen denke; ähnlich wie Hamlet: wer ſchon verheirathet iſt, der ſei es und bleibe es, und thue ſein Beſtes, daß er vor Gott und den Menſchen beſtehen kann; und wer noch nicht verheirathet iſt, der ſehe wohl zu, was er thue. Und muß 5* 68 Auf der Düne. denn immer gleich geheirathet ſein! Iſt es nicht geradezu lächerlich, daß ein junger Mann nicht mehr auf vier Wochen auf das Landgut eines Freundes reiſen kann, ohne mit der Ueberzeugung zurückzukom⸗ men, er müſſe deſſen Schweſter, Couſine, oder wer das junge Mädchen ſonſt iſt, mit dem er ein paar Mal beim Spazierengehen durch den Wald, oder in der Laube des Gartens ſentimental wurde, heirathen oder ſterben?— Nun wirſt Du mir ſagen:„Mein junger Paul, in einer ſo mißlichen Lage, als in wekcher Du dich jetzt durch deine eigne Schuld befindeſt, kann man ſeine Einſicht und zugleich ſeine Tapferkeit am ſchicklichſten durch einen verdeckten Rückzug, im ſchlimm⸗ ſten Falle aber durch offene Flucht an den Tag legen.“ Ich weiß das ſehr wohl, und ich habe die Möglichkeit, gleich jetzt von hier abzureiſen, ernſtlich in Erwägung gezogen— aber es geht nicht, guter Franz, es geht wahrlich nicht. Abgeſehen davon, daß, wenn der Lootſencommandeur mir nicht heute einen Brief aus der Stadt mitbringt, ich auch nicht den Schatten eines Vorwandes herauf⸗ zubeſchwören vermag— ſo ſagt mir meine Ahnung, daß ich in Kur⸗ zem hier ſehr nöthig ſein werde. Die fieberhafte Erregung meiner Nerven ſagt mir: es ſteht ein Gewitter in der Luft; vielleicht vermag ich den verderblichen Strahl von den geliebten Häuptern abzuleiten. Ach mein Freund, laß uns demüthig ſein und beten: führe uns nicht in Verſuchung!— wir brauchen dann nicht in den Angſtſchrei aus⸗ zubrechen: o, Herr, erlöſe uns von dem Uebel!——— Ueuntes Capitel. Die Geſellſchaft hatte ſich ungefähr um dieſelbe Zeit, als ſie geſtern auf dem Hünengrabe banquettirte, in dem Gartenſaale ver⸗ ſammelt, und harrte auf Guſtav, der zu Abend herüberzukommen ver⸗ ſprochen hatte; auch der Lootſencommandeur wurde aus der Stadt zurückerwartet. Nach dem Gewitter der Nacht hatte es den ganzen Auf der Düne. 69 Tag geregnet, und nur jetzt eben war eine Pauſe eingetreten. Sie hatten die Glasthür geöffnet, um die friſche Luft in das ſchwüle Ge⸗ mach einſtrömen zu laſſen, und Stühle in die Thür gerückt, und ſchau⸗ ten hinaus auf den Strand, in deſſen Sand der Regen tiefe Furchen geriſſen hatte, und auf das Meer, das regungslos und bleifarben unter dem eintönig⸗grauen Himmel lag. Ein Mövenpaar ſchwang ſich durch die regenſchwere Luft; ihre weißen Flügel ſtachen ſeltſam ab gegen den dunklen Himmel und das dunkle Meer. Hedda hatte am Clavier geſeſſen, und das Thema von:„J weiß nicht, was ſoll es bedeuten“— in leiſen verhallenden Accorden variirt— jetzt war ſie aufgeſtanden, und zu den Uebrigen getreten, die ſchweigend zugehört hatten. Sie war blaß, und auf ihrem feinen Geſicht lag ein Ausdruck von tiefem Ernſt, ja von Schwermuth, der Paul um ſo ſchmerzlicher berührtc, wenn er an geſtern dachte, wo ihr Antlitz von Glück und Fröhlichkeit geſtrahlt hatte. „Haben Sie je, als Sie am Rhein waren, die Loreley im Abend⸗ ſonnenſchein auf dem Gipfel des Berges ſitzen ſehen, Voiſin?“ fragte ſie und blickte ſinnend in die Ferne. „Die ſieht wohl Jeder einmal in ſeinem Leben, am Rhein oder anderswo,“ antwortete Paul lächelnd. „Und wer iſt denn nun eigentlich Schuld an dem Unglück? die Loreley oder der Schiffer?“ „Vermuthlich der Schiffer. Ihr goldnes Haar kämmen und ſingen, iſt für eine Nixe gerade ſo nothwendig, als für den Schiffer, daß er auf das Steuer achtet, und den Kahn vom Felſen hält. Beſorgte Jeder nur, was ihm obliegt, ſo würde keinem ein Leid geſchehen.“ „Und dann iſt ſie auch wahrſcheinlich gar kein ſolcher Ausbund von Schönheit und Liebenswürdigkeit.“ „Jedenfalls thun die Belenchtung und die ppetiſche Entfernung wohl ſehr viel zur Sache.“ „Mag doch,“ rief hier Herr von Elze,„der Gegenſtand der Liebe immerhin unvollkommen ſein, wenn nur die Liebe vollkommen iſt, die Liebe, die in ihrer Alles in ſich verzehrenden Natur Heine ſo unnach⸗ ahmlich in jenem Liede beſungen hat, und die er ein andres Mal mit epigrammatiſcher Kürze treffend ſchildert, wenn er ſagt: — Auf der Düne. „Mährchenhaft vorüberzogen Berg und Burgen, Wald und Au; Und das Alles ſah ich glänzen In dem Aug' der ſchönen Frau.“ Pauls Falkenblick flog von dem Lieutenant zu Clementine, von Clementine zu dem Lieutenant. Er ſah, wie ſie die Wimpern geſenkt hatte, und die Augen Jenes mit einem eigenthümlichen Ausdruck auf dem leicht erröthenden Geſicht der jungen Frau ruhten. „Ja wohl!“ rief er,„und nun braucht die ſchöne Frau nur die Augenlider zu ſchließen, und die ganze herrliche Welt wäre verſchwun⸗ den, wie eine Spiegelung der Wüſte! Nein! die Welt iſt ſehr groß und ſehr ſchön und ſehr reich, und die Fülle ihres Reichthums und ihrer Schönheit erſchöpft ſich nicht in einem Weſen, es mag uns noch ſo vollkommen dünken. Und wie illuſoriſch dieſe Liebe iſt, dafür giebt es wohl keinen ſchlagenderen Beweis, als den, daß nur der Liebende in der Geliebten eine Göttin ſieht, jeder Andere aber ein ſterbliches Weib.“ „Nun wohl!“ ſagte der Lieutenant,„und da doch Jeder nur mit ſeinem Verſtande denkt, mit ſeinem Herzen fühlt, mit ſeinen Augen ſieht, ſo genügt das auch. Mag doch das geliebte Weſen für Andere von relativer Bedeutung ſein, wenn es nur für uns von abſoluter iſt.“ „Das wäre Alles recht ſchön und gut,“ ſagte Paul eifrig,„leider aber bleibt es das auch nicht für uns, und kann es nicht bleiben. Und wenn nun, wie es über kurz oder lang geſchehen muß, der holde Wahn verfliegt, ſo iſt die Enttäuſchung um ſo bitterer, je vollkom⸗ mener vorher die Täuſchung war, und ſo halten wir uns für betrogen. Ei freilich! betrogen ſind wir; aber betrogene Betrüger, wie Leſfing ſagt.“ „So wären wir am Ende doch Schuld, wenn die Träume unſrer jungen Jahre nicht in Erfüllung gehen?“ ſagte Clementine. „Wer ſonſt?“ fragte Paul. „So wollte ich,“ fuhr Clementine fort,„es würde ein Geſetz ge⸗ geben, das den Mädchen verbietet, vor dem fünfundzwanzigſten Jahre zu heirathen.“ Auf der Düne. 71 „Die Schwäbinnen natürlich nicht vor dem vierzigſten, bemerkte Hedda. „Schaden könnte das eben nicht,“ ſagte Paul lachend,„aber Sie meinten neulich ja ſelbſt, liebe Clementine, daß eine junge Frau zehn Jahre Erfahrung vor einein unverheiratheten Manne von demſelben Alter voraus habe. Wenn die Ehe eine Schule iſt, in der man ſo reißende Fortſchritte macht, ſo wäre es ja nur wünſchenswerth, ſo bald als möglich hineingeſchickt zu werden.“ „Und doch,“ ſagte Herr von Elze,„habe ich nur zu oft bemerkt, wie ein nur kurzer Aufenthalt in eben dieſer Schule genügt, um den Feinen plump, den Geſprächigen ſtumm, den Geiſtreichen langweilig, und den Gutmüthigen zänkiſch zu machen; das gilt beſonders von den Schülern dieſer Anſtalt.“ „Und von den Schülerinnen nicht minder.“ „Beſonders nach Ihrer Honigkuchentheorie,“ bemerkte Hedda. „Beſonders nach der,“ ſagte Paul,„aber die Richtigkeit Ihrer Beobachtung zugegeben, Herr von Elze, ſo werden Sie hoffentlich daraus kein Argument gegen die Ehe herleiten wollen. Die Luft⸗ ſchlöſſer, die ſich die Verliebten bauen, ſind freilich allerliebſt, und haben nur den Fehler, daß man in ihnen nicht wohnen kann; die Ehe iſt nur ein unſcheinbgres Haus, aber es hat den Vorzug, von ſoliden Backſteinen erbaut zu ſein, und deshalb die gar nicht zu ver⸗ achtende Eigenſchaft, den Bewohner vor Wind und Regen zu ſchützen.“ „Wie können Sie, der Sie ſelbſt ein Poet ſind, ſich nur zum Anwalt der proſaiſchſten Proſa hergeben?“ rief Herr von Elze. „Ich bekämpfe nur den falſchen Idealismus, nicht den wahren.“ „Und woran ſoll man beide unterſcheiden?“ „Daran, daß der falſche uns verleitet, die Wirklichkeit zu unter⸗ ſchätzen, ja zu verachten, während der wahre ſie uns nur immer tiefer erkennen, und immer höher und heiliger halten lehrt.“ „Dann ſehe ich aber wahrlich nicht ein,“ rief der Lieutenant, „was die Liebe noch irgend wie mit der Ehe zu ſchaffen haben könnte. Daß ſie oft genug nichts mit ihr zu ſchaffen hat, können wir leider Gottes alle Tage ſehen; aber ich glaubte, das ſei ein Unglück und eine Ausnahme, die, ſie möge ſo häufig vorkommen, wie ſie wolle, 72 Auf der Düne. dennoch nichts gegen die Regel vermöchte. Nach Ihrer Theorie kann man vielmehr von Glück ſagen, wenn die Geliebte unſrer Jugend nicht das Weib unſers Mannesalters iſt; wäre es vielmehr am ge⸗ rathenſten, von der Wahl einer zukünftigen Lebensgefährtin ganz ab⸗ zuſtehen, und dem Zufall Alles zu überlaſſen.“ „Das hieße das Kind mit dem Bade ausſchütten!“ rief hier Paul,„hieße handeln, wie jenes Heine'ſche Fräulein, das aus Aerger, weil der Geliebte ſich mit einer andern vermählt hat, den erſten beſten Mann heirathet, der ihr in den Weg kommt. Nein, wenn ich auch von der vollkommenen Seelenharmonie, von der die Liebenden fabeln, nichts wiſſen will, ſo erkenne ich doch gern an, daß eine gewiſſe Wahlver⸗ wandtſchaft der Neigungen, Anſichten und Intereſſen eine unumgäng⸗ liche Bedingung zu einer glücklichen Ehe iſt, daß ſich die Wahl dem⸗ zufolge innerhalb eines gewiſſen, für jedes Individuum anders be⸗ ſtimmten Kreiſes zu halten hat. Dort aber mag der Zufall zu ſeinem guten Rechte kommen, und das läßt er ſich denn auch nicht nehmen, trotz unſrer Wichtigthuerei. Wenn Herr F. und Fräulein Y., die ſich geſtern auf dem Balle beim Präſidenten geſehen haben, um ſich, wie ſie ſagen, nicht wieder vergeſſen zu können, nicht jenen würdigen Beamten für den Veranſtalter des Feſtes halten, ſondern das ewige Schickſal ſelbſt, welches daſſelbe eigens zu dem Zwecke arrangirte, daß ſich die beiden ſchönen Geiſter treffen könnten— ſo finde ich das ganz in der Ordnung. Ich für mein Theil, als unbefangener Zuſchauer, nehme mir die Erlaubniß, die beiden Wunderſüchtigen zu belächeln, und behaupte kühn, daß, wenn Herr K. am Tage beſagten Balls mit dem Schnupfen behaftet geweſen wäre, und eine Woche ſpäter, wo wieder Fräulein Y. an der Grippe litt, Fräulein Z. auf dem Zauberfeſt beim Geſandten getroffen hätte, ſich ganz dieſelbe rührende Geſchichte auch ereignet haben würde— bis auf die kleine Veränderung in den Verlobungskarten.“ Dieſe letzten Worte, die Paul mit ſeinem gewöhnlichen leichten heitern Ton geſprochen hatte, riefen ſogar auf Clementinens Geſicht ein Lächeln hervor, während Hedda ganz herzlich lachte. Die beiden Frauen hatten ſich, als wollten ſie den Streit von den beiden rüſtig⸗ ſten Kämpfern ausfechten laſſen, ganz aus der Unterhaltung zurück⸗ Anf der Düne. 23 gezogen, verfolgten dieſelbe aber mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Dabei war es unverkennbar, daß Hedda für ihren Voiſin Partei genommen hatte, wie Clementine für den Lieutenant, obgleich Paul ſeine Worte mehr an ſeine Couſine richtete, und Herr von Elze nur für das junge Mädchen zu ſprechen ſchien. „Nun wundre ich mich nicht länger,“ rief der Letztere,„daß ſich Verhältniſſe, die auf einer ſo ſchwankenden Grundlage erbaut ſind, ſo wenig dauerhaft beweiſen. Ich hielt allerdings die vollkommene Har⸗ monie, oder wenn Sie lieber wollen, die größtmögliche Harmonie der Seelen für ein unumgängliches Erforderniß der Liebe, und dieſe wiederum für eine eben ſo nothwendige Bedingung der Ehe. Ich war der Meinung, daß eine Ehe, die nicht auf Liebe in meinem Sinne baſirt iſt, eine verwerfliche, unmoraliſche ſei; die Ehe aber, wie Sie dieſelbe anſehen, ſcheint mir gar keine innere, höchſtens eine äußere, durch die Verhältniſſe herbeigeführte Berechtigung zu haben, und ich muß geſtehen, daß ich mich wenig geneigt fühle, ein ſo un⸗ heiliges Inſtitut ſonderlich zu reſpectiren.“ „Und ich würde ebenfalls keine übergroße Achtung vor demſelben haben,“ ſagte Paul,„wenn es wirklich ſo unheilig wäre, wie Sie an⸗ nehmen. Aber dem iſt nicht ſo. Wenn auch der Zufall die Kräfte in Bewegung ſetzt— vergeſſen Sie nicht, daß ich eine gewiſſe Ueber⸗ einſtimmung als conditio sine qua non hingeſtellt habe,— ſo iſt doch das Reſultat dieſer einmal entfeſſelten Kräfte ein nothwendiges, und ſo lange die Theorie, daß Eigenthum Diebſtahl ſei, nicht in allen ihren Conſequenzen durchgeführt iſt, werden die draußen Stehenden das fait accompli einer einmal geſchloſſenen Verbindung reſpectiren müſſen. Für die Betheiligten ſelbſt aber wird nun eben das Moment der Reſignation, deſſen ich geſtern im Scherz erwähnte, maßgebend. Der Gatte giebt mit der Wahl der Gattin die Anſprüche auf alle übrigen Frauen, die Gattin mit der Wahl des Gatten alle Anſprüche auf die übrigen Männer auf. Gerade weil unendlich viel mögliche Combinationen denkbar ſind, kann ſich die einmal in Kraft getretene gegen alle anderen behaupten; und es gilt hier, wie überall, das Wort des Dichters:„Wo Eines Platz nimmt, muß das Andre wei⸗ chen.“ Wenn nun die größtmögliche Harmonie der Seelen den Bund 74 Auf der Düne. ₰ heiligen ſoll, wo iſt denn da die Grenze? wo eine Gewähr für die Wahrheit? wo ein Schutz gegen den Irrthum, dem wir doch Alle unterworfen ſind? So wäre des Suchens nach„dem Rechten“ und „der Rechten“ kein Ende; und was die Stabilität des Verhältniſſes begründen ſollte, jene Seelenharmonie, würde gerade das Gegentheil bewirken; würde für die zarten Gemüther ein Grund werden, weshalb ſie in dem falſchen Streben nach dem Ideal, das ſich nie erreichen läßt, die Wirklichkeit alle Augenblicke auf den Kopf ſtellten, und für. die Böſen ein Vorwand, durch den ſie ihre freche Willkür und ihre ſchlimmen Gelüſte auf das allerherrlichſte pemänteln könnten.“ „Das iſt die ſinnreichſte Entſchuldigung für die Rückſichtsloſigkeit, die Unzartheit, den Mangel an Takt im Umgange der Gatten unter⸗ einander die ich je gehört habe!“ rief Herr von Elze.„Daß ein ſo zu Stande gekommenes Verhältniß von ſehr fraglichem Werthe iſt, ſteht mit mathematiſcher Gewißheit feſt— erſter Grund, ſich gehen zu laſſen; indeſſen es hat einmal Platz genommen, und alle anderen unmöglich oder unmoraliſch gemacht— zweiter Grund.“ „Im Gegentheil!“ ſagte Paul,„ich ſ ollte denken, daß, wer eigent⸗ lich in jedem, ihm an Rang, an Bilrung, an Vorzügeu aller Art Ebenbürtigen einen Nebenbuhler erblicken muß, von dem ihm ſein Gerechtigkeitsſinn ſagt, daß jener eben ſo wohl verdiene, an ſeiner Stelle zu ſein— daß, ſage ich, ein ſolcher Mann Alles aufbieten wird, ſich des ihm gewordenen Vorzugs würdig zu beweiſen. Oder hat ein König von Volkes Gnaden weniger Urſache, ein guter Regent u ſein, als einer von Gottes Gnaden? Und übrigens finden Sie, daß dieſe Rückſichtsloſigkeit überall herrſcht, wo ſich die Menſchen in beſtimmten, durch die Natur oder die Sitte bedingten Verhältniſſen bewegen. Wie unliebenswürdig ſind nicht oft die Brüder gegen ihre Schweſtern, die Kinder gegen ihre Eltern, die Herren gegen ihre Diener, die Vorgeſetzten gegen ihre Untergebenen und umgekehrt! Aber ich gehe ſo weit, ſelbſt dieſer Unliebenswürdigkeit eine gewiſſe Berechtigung zu vindiciren.“ „Da wäre ich doch neugierig!“ rief Herr von Elze ironiſch. „Indeſſen, Sie haben heute ſchon ſo Manches gut geheißen, daß ich Auf der Düne. 75 mich kaum wundern würde, wenn ſie behaupteten, das recht eigentlich rückſichtsvolle Weſen beſtehe gerade in der Rückſichtsloſigkeit.“ „Wenigſtens,“ ſagte Paul mit großer Wärme,„beſteht es nicht in den hohlen Formen, die nur zu oft von zu Vielen an die Stelle der Sache geſetzt werden. Von wem ich überzeugt bin, daß er mir in Wahrheit einen guten Morgen wünſcht, von dem verlange ich am wenigſten, daß er mir einen guten Morgen bietet; und ſo will Fiſch⸗ art in ſeinem„Ehezuchtbüchlein,“„daß die Ehegatten zwiſchen ſich kein Geſchenk noch Uebergab thun ſollen“, weil ein ſolches Verhältniß keiner äußeren Zeichen mehr bedarf, und es den Anſchein bekommt, als ob die Gatten nicht Alles, wie es doch ſein ſollte, unter ſich ge⸗ meinſchaftlich hätten. Das iſt auch ſo eine„Rückſichtsloſigkeit,“ deren Höhe die Tiefe des Gemüths anzeigt, das einer ſolchen fähig iſt! Und meinen Sie nicht auch, daß wenn der Liebhaber zu den Füßen ſeiner Geliebten, wie in jenem Heine'ſchen Gedichte, das Sie vorhin citirten, ein ganz hübſches Bild iſt, der Gatte auf den Knien vor ſeiner Gattin mehr eine lächerliche Situation ſein dürfte? und doch hat wiederum:„ich bin verliebt“ immer einen etwas komiſchen Anſtrich, und zich liebe“ einen vollen ſchönen Klang faſt wie das„Amen“ in der Kirche.“ „Wahrhaftig, Herr Doctor!“ rief hier Herr von Elze,„Sie hätten einen vortrefflichen Kanzelredner abgegeben.“ „Ich hoffe, daß ich das als ein Compliment nehmen darf,“ ſagte Paul lächelnd. „Und ſo war es gemeintl“ ſagte der Andere höflich. Zehntes Capitel. Es war eine Pauſe in der Unterhaltung eingetreten, die Hedda mit dem Vorſchlage unterbrach, die Zeit bis zu Guſtav's Ankunft zu einem Spaziergange zu benutzen. Der Vorſchlag fand Beifall, und Auf der Düne. ſo ſchritt denn die Geſellſchaft bald am Strande hin, wo der Sand den reichlichen Regen bis auf einige kleine Lachen ſchon vollſtändig eingeſogen hatte— Paul und Hedda, wie gewöhnlich voraus, während Clementine und der Lieutenant weiter und weiter zurückblieben. Paul war von dem Geſpräche aufgeregt; er fürchtete, ſeine eigentliche Meinung zu offen gezeigt zu haben, und doch that es ihm leid, daß er nicht noch ſchärfer, noch eindringlicher geſprochen hatte. Er hörte Hedda faſt zerſtreut zu, die ihn auf die ſeltſame Beleuch⸗ tung, auf das Meer, auf den Himmel und endlich auf das Möven⸗ paar aufmerkſam machte, das noch immer ſich in der Nähe des Strandes hielt, und bald in das Waſſer tauchend, bald ſich mit dem unregelmäßigen Fluge, der dieſen ſchönen Thieren eigenthümlich iſt über dem dunklen Meeresſpiegel wiegend, die Wanderer am Strnde begleitete. „Wer hat doch den Ausſpruch gethan: die Welt iſt vollkommen überall, wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner Qual?“ fragte ſie. „Ich weiß nicht, Voiſine. Ich glaube Schiller. Wie kommen Sie darauf?“ „Ich dachte nur, daß Geſchöpfe, die ſich ſo ſchrankenlos frei bewegen dürfen, wie jene dort, doch wohl ganz glücklich ſein müſſen.“ „Sagen Sie das nicht Herrn von Elze,“ ſagte Paul,„der würde Sie bald eines Andern belehren.“ „Wie das, Voiſin?“ „Ich meine, weil die beiden Möven aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Fiſcher und ſeine Trau ſind, und es ſcheint mir, daß der Lieute⸗ nant ein ſolches Verhältniß als die Quelle alles Unglücks auf Erden anſieht.“ „Sie ſind bitter, Voiſin; Herr von Elze iſt allerdings auf die Ehe nicht gut zu ſprechen; aber dann iſt er ja auch mit Allem un⸗ zufrieden, und überdies weiß ich, daß die Treuloſigkeit einer Dame, die er vexehrte, und ihre Heirath mit einem verrätheriſchen Freunde die erſte ec⸗ ſeines ganzen ſpätern Mißgeſchicks geweſen iſt.“ „Wem verdanken Sie dieſe intereſſante Mittheilung?“ „Clementinen; denn mich hat der Lieutenant nie ſeines Vertrauens für werth erachtet.“ Auf der Düne. 77 „Laſſen Sie ſich das nicht grämen!— Und ſo, weil er, mög⸗ licherweiſe durch eigne Schuld, nicht glücklich iſt, ſoll es keiner ſein; und ſo, weil jene Ehe in ſeinen Augen nichts taugt, taugen alle nichts. Eine vortreffliche Logik, und eines ſo mathematiſchen Kopfes, wie Herr von Elze, auch nach Clementinens Ausſage, iſt, vollkommen würdig.“ „Aber Voiſin, Sie ſind heute auch ſehr erbittert gegen den Lieutenant. Ich kann doch nicht glauben, daß eine ſeiner gewöhnlichen unpaſſenden Bemerkungen Sie diesmal ſo hat verletzen können.“ „Glauben Sie mir, Voiſine; ich habe andere Gründe, mit dem Lieutenant unzufrieden zu ſein.“ „Und darf Ihre Freundin dieſe Gründe wiſſen?“ Paul bedachte ſich einen Augenblick. Er fühlte, daß er ſich einer ſchweren Verantwortlichkeit ausſetzte, wenn er ſeinen Zweifeln,— und von Gewißheit konnte ja keine Rede ſein— Worte gab; ja daß Hedda ſich durch dieſe Zweifel an der Freundin beleidigt ſehen könnte. Auf der andern Seite aber hatte ihn dieſes letzte Geſpräch in dem Glauben an die Richtigkeit ſeiner Beobachtungen ſo beſtärkt, war er ſich ſeiner reinen Abſicht ſo bewußt, hatte er ein ſo großes Vertrauen zu der Klugheit des jungen Mädchens, hoffte er ſo viel von dieſer Klugheit, daß er beſchloß, ſie in ſein Vertrauen zu ziehen. „Erlauben Sie mir vorher eine und die andre Frage,“ ſagte er, „vielleicht macht die Beantwortung derſelben das Weitere überflüſſig.“ „Sie beunruhigen mich, Voiſin!“ ſagte Hedda, und blickte ihn mit ihren dunklen Augen fragend an,„was meinen Sie?“ „Was halten Sie von dem Lieutenant? das heißt, was iſt Ihre ganz eigentliche Meinung von ſeinem Charakter?“ „Das iſt eine wunderliche Frage, Voiſin; uud ich weiß wirklich kaum, was ich darauf antworten ſoll.“ „Verzeihen Sie, Fräulein Hedda; ich habe nicht indiscret ſein wollen. Wenn Ihnen dies Thema nur im geringſten ungngenehm iſt, ſo bedarf es nur eines Winkes und wir ſprechen von etwas An⸗ derem.“ „Nein, nein, Voiſin! Ich vertraue Ihnen ſo vollkommen—“ „Wie ich Ihnen, Voiſine—“ 78 Auf der Düne. „Daß ich unbedenklich auf jedes Thema eingehen würde, das Sie anzugeben für paſſend halten; und wenn ich Ihnen nicht direct auf Ihre Frage antwortete, ſo war es nur, weil ich die rechten Worte nicht ſogleich zu finden wußte.“ „Alſo noch einmal: was halten Sie von ſeinem Charakter?“ „Ich traue ihm nicht. Ich weiß nichts Schlimmes von ihm; aber, ich traue ihm nicht.“ „Und ſind Sie ſich eines Grundes bewußt, weshalb Sie ihm nicht trauen möchten?“ „Eigentlich, nein! Sie mbchten denn das als einen Grund gelten laſſen, daß ſeine Augen für mich ſo etwas Kaltes, Unheim⸗ liches— ſo etwas durch und durch Egoiſtiſches haben.“ „Das ſagen Sie wiederum Clementinen nicht; die würde Sie auch bald eines Andern belehren.“ Das junge Mädchen blieb ſtehen, und ſchaute ihrem Begleiter erſchrocken in's Antlitz⸗ „Was ſagen Sie da, Voiſin?“ „Wenigſtens war Clementine, als ich ihr vorgeſtern Abend die⸗ ſelbe Bemerkung machte, durchaus nicht meiner Anſicht. Wenn alſo ſeine Augen, die uns Allen ſo kalt dünken, ihr nicht ſo erſcheinen, ſo muß ich daraus ſchließen, daß entweder ſie ihn mit anderen Augen anſieht, als wir; oder er ſie mit anderen Augen anſieht, als uns — oder vielleicht auch Beides.“ Hedda ſchritt raſch vorwärts, und ſagte haſtig: „Das iſt nicht, das kann nicht Ihre Meinung ſein!“ „Mißverſtehen Sie mich nicht, Voiſine,“ ſagte der junge Mann ebenſo.—„Glauben Sie mir, ich habe Clementine ſehr lieb; aber um ſo mehr ſchmerzt es mich, wenn ich denken müßte, daß durch ihr Verhältniß zu dieſem Manne ihr Verhältniß zu Guſtav eine Störung erleiden könnte, die für uns Alle traurig, am traurigſten aber für Clementine ſelbſt ſein würde.“ Ueber Hedda's Wangen rannen reichliche Thränen; ſie ſchien durch Paul's Mittheilung auf's ſchmerzlichſte bewegt, und ſie wieder⸗ holte nur immer ihre erſten Worte: das iſt nicht, das kann nicht ſein. Auf der Düne. 79 „Ich behaupte ſelbſt nicht, daß es iſt,“ ſagte Paul,„ich fürchte nur, es könnte ſein—“ „Und glauben Sie, daß Guſtav Ihren Verdacht theilt?“ „Ich fürchte es.“ „Weshalb?“ „Es iſt mir aufgefallen, daß er unſere Geſellſchaft faſt ganz meidet. Das kann nicht ſeinen Grund in der Ueberlaſt ſeiner Ge⸗ ſchäfte haben, wie er ſagt. Denn ich habe noch ſtets gefunden, daß der Menſch zu dem, was er gern thut, immer Zeit hat. Ich weiß ſo gewiß, als ob er es mir ſelbſt geſagt hätte, daß der Lieutenant ihm hier im Wege ſteht; und wie ich ihn kenne, wird er keinen Ver⸗ ſuch machen, eine Poſition wieder zu gewinnen, die er ohne Schuld verloren zu haben glaubt.“ „Und iſt das in dieſem Falle brav— ja iſt es nur klug ge⸗ handelt?“ „Ich für mein Theil würde nicht ſo handeln.“ „Und was würden Sie thun?“ „Ich würde Alles aufbieten, um meiner Gattin zu zeigen, wie viel mir an ihrer Liebe gelegen iſt, und wie ihr auch ein wenig an meiner Liebe gelegen ſein müßte— und wenn ſie dennoch meine Liebe verſchmähte, dann—“ „Dann?—“ „Das„dann“ iſt ſchwer im voraus zu beſtimmen. Nach meiner Theorie von der Sache, würde ich dann meinen eignen Werth nicht ſo gering anſchlagen, daß ich dem Verluſt etwas Anderes als eine ſtolze Reſignation entgegenſetzte; aber in der Praxis—“ „Handelt Ihr Männer denn nicht ſo, wie Ihr denkt und ſprecht?“ „Thut Ihr Frauen es denn immer?“ „Nein.“ „Und ſind denn nicht Beide, Männer und Frauen, Menſchen?“ „Wohl! Und nun ſagen Sie mir, was haben Sie in Clemen⸗ tinens oder des Lieutenants Betragen Auffallendes bemerkt?“ Paul theilte ihr nun in kurzen Zügen ſeine Beobachtungen mit: wie ein hingeworfenes Wort Guſtav's an dem erſten Morgen den Gedanken in ihm wach gerufen habe, wie dieſer Gedanke durch eine 80 Auf der Düne. Menge ſcheinbar gleichgültiger Umſtände an Kraft gewonnen habe; und zuletzt, obgleich zögernd, erzählte er ihr die ſeltſame Viſion geſtern Abend in dem Boote. Während dieſer rapiden Schilderung ſchien ſich Hedda's eine ſonderbare Unruhe zu bemeiſtern. Ihre Farbe kam und ging, ſie öffnete ein paar Mal den Mund, ohne ein Wort hervorzubringen; endlich ſagte ſie ſtotternd: „Aber, Voiſin, wenn nun Jemand unſer Betragen ſo mitleidslos beurtheilen wollte!“ „Aber, Voiſine,“ ſagte der junge Mann erſtaunt,„iſt denn einer von uns verheirathet?“ Das Mädchen erröthete, wo möglich noch tiefer, wie zuvor; aber ehe ſie etwas erwiedern konnte, kam das andre Paar um den Vorſprung der Düne, hinter der Paul und Hedda auf ſie gewartet hatten, herum. Auch ihr Geſpräch konnte nicht gleichgültig geweſen ſein; denn Clementine hatte, wie Hedda, verweinte Augen, und der Lieutenant blickte aufgeregt und düſter, wie Paul. Indeſſen war Jeder zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, als daß er ſonderlich auf die Uebrigen hätte achten können; und überdies war das Schauſpiel, das ſich ihnen darbot, als ſie ſchweigend die Düne erſtiegen hatten, von deren Höhe der Blick die Ausſicht über die Tannen fort, auf die ganze Inſel und auf das Meer ringsumher und die fernen Küſten beherrſchte, ſo einzig, daß es auch wohl wildere Regungen, als welche jetzt die Herzen dieſer vier Menſchen erfüllten, hätte beſchwichtigen können.— Sie hatten geſtern Abend, als ſie aus dem Walde traten, die Sonne zum letzten Male geſehen; heute war ſie den ganzen Tag von Wolken ſo verhüllt geweſen, daß man die erſte Morgenſtunde nicht von der letzten Abendſtunde, den Vormittag nicht vom Nach⸗ mittag hätte unterſcheiden können. Jetzt durchbrach ſie, wenige Augen⸗ blicke, ehe ſie in die Fluthen tauchte, den dichten Dunſtſchleier, und plötzlich erglühten die rieſigen phantaſtiſch⸗zerklüfteten, übereinander gethürmten Wolkenhallen in den ſtrahlendſten Lichtern vom tiefſten Purpur bis zum zarteſten Roſa. Unter dieſem Flammenmeer ruhte die See— dunkel und regungslos; aber die hier und da zerſtreuten Segel, die Baggerfahrzeuge,— Alles was ſich nur eben über den Auf der Düne. 81 Waſſerſpiegel erhob,— die fernen Küſten, die Wipfel der jungen Tannen zu ihren Füßen, die Flaggenſtangen, die Fenſter im Hauſe vrüben— Alles war in dem Wiederſchein der roſigen Wolken ge⸗ badet. Und jetzt als ſie ſich vom Abend zum Morgen wandten, ſpannte ſich des Regenbogens farbige Brücke über die wie ein Ge⸗ heimniß tiefe, ſtille See, und in dem dunklen Spiegel erglänzte ſein ſchwankendes Bild. Und jetzt war die Sonne verſunken, und mit ihr die ganze roſige Welt. Einzelne Tropfen fielen warm und groß aus den Wolken.„Iſt es doch,“ ſagte Hedda zu Paul, als ſie ſchneller dem Hauſe zuſchritten,„als ob die ewige Natur die kurzen Minuten ihrer Herrlichkeit mit Thränen bezahlen müſſe, wie der Menſch ſein flüchtiges Glück.“ Elftes Capitel. Und wiederum war der nächſte Tag ein Regentag.— Wer da wiſſen will, welche Melancholie in einem ſolchen Tage ſtecken kann, der durchlebe ihn auf einer einſamen Düne, am öden Strande. Selbſt das Krähen des Hahns, der ſich mit ſeiner Familie unter ein um⸗ geſtülptes Boot zurückgezegen hat, iſt nicht das geſunde, zornige Krähen, das auf einem ländlichen Hofe ein Hahn unter dem Leiter⸗ wagen hervor kräht— es klingt erſtickt und hoffnungslos. Dem ſtarren Dünenſande kann der Regen doch nichts helfen; er wird nach wie vor nur dürre Standgräſer tragen; und Bäume giebt es auf dem Nedur nicht, außer einem zehn Fuß hohen, verkrüppelten Kirſchen⸗ bäumchen, das vor der Thür des Lootſenälteſten ſteht, und außer den Tannen, die heute für die Geſellſchaft unerreichbar ſind. Das Meer, über das dichte, graue Nebel ziehen, ſieht über alle Begriffe verdrieß⸗ lich aus, und wirft die Wellen ſo kurz und kraus durcheinander, und rauſcht ſo verdroſſen am Strande, daß ſelbſt ein ſo enthuſiaſtiſcher Bewunderer, wie Paul, nichts aus ihm machen kann. Auch die Möven Fr. Spielhagen's Werke. IV. 5 6 82 Auf der Düne. flattern nicht luſtig, wie ſonſt; ſie ziehen träge und ſchwer über das Waſſer, und ihr Schrei klingt heiſerer und klagender, wie ſonſt, als wollten ſie ſagen: wir ſind in Beziehung auf Näſſe doch auch nicht gerade verwöhnt; aber was zu viel iſt, iſt zu viel. Hedda war freilich ſelbſt heute zu ihrer gewöhnlichen frühen Stunde im Gartenſaal erſchienen, und hatte auf ihrem alten Platze, im Fenſter rechts neben der Glasthür, geſeſſen und gearbeitet. Wenn ſie aber auf Paul's Geſellſchaft gerechnet hatte, ſo ſah ſie ſich ge⸗ täuſcht. Dieſes Mal, das erſte Mal ſeit jenem hellen Morgen, als ſie aus ihren Fenſtern gemeinſchaftlich die Sonne hatten aufgehen ſehen, ließ der Voiſin ſeine Voiſine allein. Sie horchte von Zeit zu Zeit, ob ſie nicht ſeine Thür würde gehen hören, ſeinen Schritt auf dem Flur vernehmen werde.„Denkt er denn, daß man in dieſen traurig⸗düſtern Stunden ſeiner Unterhaltung weniger bedarf, als an ſonnenhellen Tagen?“ Sie nahm ein Buch zur Hand. Wo ſie vor⸗ geſtern ſtehen geblieben waren, lag ein Zeichen. Sie fing an zu leſen; aber es war ihr, als ob ſie die Worte einzeln zuſammenſuchen müßte, nun, da ihr Paul's tiefe, weiche Stimme ſie nicht zutrug; als ob ſie den Inhalt kaum verſtände, nun, da ſie nicht von der Arbeit auf dann und wann zu dem jungen Mah hinüberblicken konnte, deſſen ausdrucksvolles, lebendiges Geſicht ihr immer der beſte Com⸗ mentar des Textes war. Sie ließ das Buch in den Schooß ſinken und ſchaute nachdenklich vor ſich nieder. Draußen jagte der Wind von Zeit zu Zeit einen Regenſchauer gegen die Fenſter, und das Praſſeln der Tropfen auf den Scheiben übertönte dann das einförmige Rauſchen des Meeres auf dem öden Strande. In dem Hauſe regte ſich nichts; in dem Zimmer herrſchte Stille, jene tiefe, beängſtigende Stille, in der das verſchlafene Summen einer Fliege ein lautes Ge⸗ räuſch iſt. Hedda ſtand auf und ging zum Clavier; aber ſie ſchloß es nach den erſten Tönen— ſie waren ſo ſchrill und ſcharf— und ſetzte ſich in die Sophaecke. Und nun mußte wohl die Einſamkeit und das Schweigen ſie überwältigen, denn ſie drückte ihr Tuch gegen die Augen und ihr Geſicht in die Kiſſen— und weinte!— Dann, als ſie Jemand kommen hörte, richtete ſie ſich ſchnell in die Höhe, und trocknete, ſo gut es gehen wollte, die Thränen. Es war Cle⸗ — Auf der Düne. 83 mentinens hübſches Mädchen, die zur Thür hereinfragte, ob Fräulein Hedda nicht einmal zu ihrer Frau kommen wolle? Hedda fand ihre Freundin ſchon auf, und über das Bettchen von Paul's kleinem Namensvetter gebeugt.„Ich weiß nicht,“ ſagte Cle⸗ mentine,„das Kind iſt die ganze Nacht ſo unruhig geweſen; ich fürchte, es wird mir ernſtlich krank werden. Iſt Paul im Saal?“ „Nein.“ „Wie geht das zu? Er ſteht doch ſonſt früher auf?“ „Ich weiß nicht.“ „Bitte ihn doch in meinem Namen, daß er heute Morgen nach dem Adler hinüberſegelt und Guſtav holt. Guſtav hat geſtern Abend nicht geſagt, ob er heute kommt, und ich möchte ihn doch gerne des Kindes wegen ſprechen.“ „Aber, liebe Clementine, das Wetter iſt nichts weniger als zu einer Waſſerpartie einladend— es kann ja einer von den Leuten hinfahren.“ „Ich wollte lieber, Paul ginge. Iſt denn das Wetter wirklich ſo ſchlecht? Ich habe gar noch nicht darauf geachtet. Ach, das bis⸗ chen Regen! Ich glaube, Paul hat mich lieb genug, um ſich auch einmal für mich naßregnen zu laſſen; oder meinſt Du nicht?“ Hedda war an dem Bettchen neben Clementinens Stuhl nieder⸗ gekniet. Sie legte ihren Arm um der Freundin ſchlanken Leib, und ſagte innig zu ihr aufblickend:„Er hat Dich ſo lieb, daß er auch wohl noch etwas mehr für Dich thun könnte!“ „Oder möchteſt Du ihn gern für Dich allein behalten?“ fragte Elementine, das glänzende Haar des jungen Mädchens zärtlich ſtreichelnd. „Bewahre!“ ſagte Hedda erröthend und richtete ſich ſchnell empor. „Ich kann ihn heute Morgen gar nicht brauchen. Du weißt, es iſt mein Brieftag, und ich habe ſchon ſeit drei Wochen nicht an Hlga geſchrieben. Aber wenn Du wünſcheſt, bleibe ich bei Dir „Nein, ſchreibe nur immer an Olga. Ich bin ganz gern einmal ein paar Stunden allein.“ „Soll ich Paul noch vorher zu Dir ſchicken?“ fragte Hedda ſchon in der Thür. 6* 84 Auf der Düne. „Wie Du willſt, liebe Hedda.“ Als Hedda in den Gartenſaal zurückkam, ſtand der Kaffee auf dem Tiſch und Paul am Fenſter. „Schon ausgeſchlafen, Voiſin?“ „Kaum, das Wetter iſt abſcheulich.“ „Da hätten Sie wohl keine Luſt nach dem Bagger hinüberzurudern?“ „Das möchte ich in der That nicht behaupten.“ „Und wenn Sie ſich den Dank einer ſchönen Dame damit ver⸗ dienen könnten?“ „Und wodurch wollten Sie mir denn Ihren Dank beweiſen?“ „Ich? Ich glaube wirklich, Sie haben noch nicht ganz ausge⸗ ſchlafen, Voiſin?“ „So hat mir Clementine dieſes Schauerbad verordnet?“ „Du ſprachſt ein großes Wort gelaſſen aus“— recitirte Hedda. „Und ſoll ich nur des Kindes wegen hinüber? oder hat Clementine noch ſonſt ein„warum?“ angegeben?“ fragte Paul ernſt; aber Hedda declamirte: „—— O Karl, Wie arm biſt Du, wie bettelarm geworden, Seitdem Du Niemand liebſt, als Dich!“ Eine Dame heißt ihn in den Löwengarten hinabſteigen— und er fragt: weshalb?— in die Charybdis ſpringen— und er will wiſſen warum?!“ „Regenwetter ſagt der Nirennatur wohl ganz beſonders zu?“ fragte Paul. „Ja, mein hoher Herr!“ antwortete Hedda,„denn jeder Tropfen iſt ein Gruß von meinem Oheim Kühleborn, der alle Mal kommt, mich zu tröſten, wenn ich traurig bin!“ „Das muß ihm heute allerdings beſonders gut gelungen ſein,“ ſagte Paul.„Aber nun im Ernſt, Voiſine, wie kommt es, daß Clementine gerade heute Guſtav hier haben will? Oder giebt es nur zu Mittag ſein Lieblingsgericht?“ „Nein, aber: Am Fenſter ſtand die Mutter Im Bette lag der Sohn.——“ Auf der Düne. 85 „Iſt der kleine Paul krank?“ „Clementine ſagt es. Ich habe keine beſonders gefährliche Symptome entdecken können. Indeſſen thun Sie Clementine den Gefallen— und nicht blos ihr. Wir müſſen Guſtav aus ſeiner Baggereinſamkeit reißen, denn Sie wiſſen: Wer ſich der Einſamkeit ergiebt, Ach, der iſt bald allein.. Und da kommt gerade der Papa, der wird Sie ſicher hinüber und herüber bringen. Nicht wahr, Väterchen?“ „Was ſoll's, Hedding?“ ſagte der Lootſencommandeur, der eben mit glatt raſirtem Geſicht, und einer Miene, die den directen Gegen⸗ ſatz zu dem Wetter draußen bildete, in's Zimmer trat.— Gleich nach dem Kaffee brachen die Herren auf. Paul hatte ſich auf Hedda's ausdrückliches Verlangen in eine grobe Seemannsjacke hüllen, und ſeinen Kopf mit einem jener breitkrämpigen Hüte aus Wachsleinwand, welche die Schiffer jener Gegend Südweſter nennen, bedecken müſſen. Und als Hedda vom Fenſter aus die Beiden in des Lvotſencommandeurs zierlichem Segelbvot hatte vom Lande ſtoßen ſehen, da war auf einmal ihr Uebermuth wieder verſchwunden; da traten ihr wieder die Thränen in die Augen. Aber ſie warf, wie unwillig, den Kopf in die Höhe und ſagte: Nein, nein!— und eilte auf ihre Stube, um den Brief an ihre liebſte Freundin Olga zu ſchreiben. Der Brief aber lautete ſo: Zwölftes Capitel. Hedda Walter an Olga B. Du darfſt wahrlich nicht böſe ſein, meine ſüße Olga, wenn ich Deinen lieben Brief erſt heute nach zwei langen Wochen beantworte. Aber der Beſuch, deſſen ich erwähnte, als ich Dir den Freiligrath und die übrigen Bücher zurückſchickte, iſt noch hier und wird auch 86 Auf der Düne. wohl noch einige Zeit hier bleiben. Eigentlich iſt es gar nicht unſer Beſuch, ſondern Clementinens und Guſtav's, aber Du weißt ja, daß der Nedur eine Communiſtencolonie iſt. Da hat es nun in der Wirthſchaft etwas mehr zu thun gegeben— denn unſere Chriſtel iſt noch immer erſchrecklich unbeholfen, und man muß jeden Augenblick auf eine neue Dummheit gefaßt ſein— und dann haben wir auch ein und das andere Mal eine längere Promenade gemacht, und des Abends muſicirt, und des Morgens hin und wieder geleſen— kurz die vierzehn Tage ſind herumgegangen, ich weiß ſelber nicht, wie? Ach weshalb biſt Du nicht gekommen, Du böſe Olga? Du hatteſt es doch halb und halb verſprochen! Es würde Dir diesmal viel beſſer hier gefallen haben, als das letzte Mal, wo Du Dich gewiß, trotzdem ich wahrlich Alles aufbot, Dich gut zu unterhalten, recht herzlich auf unſrer Düne gelangweilt haſt. Aber was konnte ich dafür, daß es fortwährend regnete, und der kleine Paul krank wurde, und Clementine kaum aus dem Zimmer kam, und Dir Herr von Elze nicht gefallen wollte, ſo viele Mühe er ſich auch um Dich gab? Kann ich ihn doch auch nicht leiden, und jetzt noch weniger wie je. Gott ſei Dank, daß er uns bald verläßt. Ich werde eine Jubelhymne dichten, wenn er fort iſt. Denke Dir doch nur, meine ſüße Olga, beſagter Herr unter⸗ ſteht ſich, Clementine liebenswürdig zu finden— ich meine nicht liebenswürdiger wie mich— ſondern was man ſo überhaupt liebens⸗ würdig finden nennt. Iſt das nicht abſcheulich? Was er ſich nur eigentlich denkt! Ob er etwa glaubt, daß er mit ſeinem Weltſchmerz ſo ſehr intereſſant iſt, und mit ſeiner melancholiſchen Miene, mit der er mich immer an meinen verſtorbenen Dompfaffen erinnert! Mögen ſich doch alle Prinzeſſinnen der Welt in ihn verlieben! Ich gönne ihnen das Schickſal von ganzem Herzen. Aber ich will, ſo lange er noch hier iſt, auch nicht ein Duett mehr mit ihm ſingen, wenn ich es irgend vermeiden kann. Ich kann ſo von Tag zu Tag weniger Ge⸗ ſchmack an ſeinem Vortrage finden, und neulich hat er wirklich die Sonate pathétiqne ganz abſcheulich geſpielt. Wenn ich nur wüßte, wodurch er eigentlich vor Clementinens ſonſt ſo klugen Augen Gnade gefunden hat! Aber ich bin überzeugt, es iſt hauptſächlich wegen ſeiner rührenden Geſchichten. Du weißt ja, Clementine kann kein Auf der Düne. 87 Thier leiden ſehen, geſchweige denn einen Menſchen, und das hat Herr von Elze, ſchlau wie er iſt, herausgefunden, und deshalb ſeine Duldermiene. Und wenn Clementine nicht da iſt, kann er luſtig genug ſein; erinnerſt Du Dich noch des Abends, wo er uns alle die ſchönen Soldatenlieder ſang, die wir ihm gerne geſchenkt hätten! Aber glaube nur ja nicht, daß Clementine ihn ſo auffallend bevorzugte; aber merk⸗ lich iſt es doch, und auf den Promenaden kommt er nicht mehr von ihrer Seite, und überall und zu jeder Zeit hat er ihr etwas zu ſagen. Ich begreife Clementine nicht; ſie iſt ſonſt ſo gut und lieb, und nun muß dieſer Mann kommen, und ihr, wo möglich, weiß machen, es ſei ein entſetzliches Unglück, daß ſie Guſtav's Frau geworden iſt. Denn auf die Ehe iſt der Herr Lieutenant in der letzten Zeit ſehr ſchlecht zu ſprechen, und ich weiß ſelbſt nicht, wie es zugeht, aber wir kommen jetzt alle Augenblicke auf dies Kapitel, und noch geſtern Abend fand eine ordentliche Disputation zwiſchen Paul und Herrn von Elze ſtatt, in welcher der Letztere natürlich den kürzeren zog, obgleich ich nicht leugnen will, daß auch Paul manche wunderliche Anſichten hat, oder zu haben vorgiebt. Was ich von Tag zu Tag unbegreiflicher finde, iſt, wie ich den Lieutenant auch nur eine Minute lang für geiſt⸗ reich habe halten können. Ich muß geſtehen, da ziehe ich noch Guſtav's Unterhaltung der ſeinigen weit vor, wenn ich auch nicht in Abrede ſtellen kann, daß Guſtav's Ideen manchmal zur Kategorie derer gehören, die, wie Heine ſagt, mit grünem Leder überzogen ſind, aber er iſt doch durch und durch ehrlich und brav, und das iſt am Ende mehr werth, als Herrn von Elze's Phraſen, bei denen ſich meiſtens auch nicht allzuviel denken läßt. Es freut mich nur, daß Paul ganz unſrer Meinung über ihn iſt, und deshalb bin ich jetzt auch viel ruhiger über das wunderliche Verhältniß zwiſchen ihm und Clementine, obgleich eigentlich auch wieder Paul es iſt, der mich zuerſt darauf aufmerkſam gemacht hat. Aber da fällt mir ein, daß ich Dir unſern Gaſt noch gar nicht in Form vorgeſtellt habe. Alſo: Fräulein Olga B.— Herr Pr. Paul St., genannt Herr Doctor, oder blos Doctor, oder Paul, oder Couſin, manchmal auch Voiſin— zwei Schöngeiſter und ſchöne Geiſter, die entzückt ſein werden, ſich ge⸗ funden zu haben; denn Sie müſſen wiſſen, Voiſin, daß Fräulein 88 Auf der Düne. Olga ein ganzes Schubfach voll der reizendſten, ſelbſtgeweinten Poeſien in Manuſeript hat; und ich darf Ihnen nicht verſchweigen, liebe Olga, daß der Herr Doector ſeine Thränen ſogar ſchon hat drucken laſſen, und der Verfaſſer eben jener Lieder eines fahrenden Schülers iſt, die Sie ſelbſt ſo reizend, ſo tief, ſo zart, ſo himmliſch, ſo göttlich zu finden die Gnade hatten. Wenn das wider alles Erwarten in Ihren Augen keine genügende Empfehlung ſein ſollte, meine Theure, ſo kommen Sie ſelbſt und überzeugen Sie ſich, ob er es nicht ver⸗ dient, von uns Allen verzogen zu werden. Denke Dir, Olga, einen jungen Mann von ſechsundzwanzig Jahren etwa, nicht groß und nicht klein, nicht ſchön und nicht häßlich; aber auffallend gut gewachſen und von den feinſten Manieren; geſprächig, ohne geſchwätzig, gründ⸗ lich, ohne pedantiſch zu ſein, faſt immer heiter, ohne dem Ernſt des Lebens aus dem Wege zu gehen, und ſicherlich von Herzen ebenſo gut, als ſein Kopf einer der klarſten und hellſten iſt, die mir wenig⸗ ſtens vorgekommen ſind. Er hat ausgezeichnete Kenntniſſe, und ich habe ſchon in dieſen zwei Wochen mehr von ihm gelernt, als von dem Paſtor B., ſentimentalen Andenkens, für den wir Alle in der Penſion ſo ſchwärmten und ſo große Teppiche ſtickten. Er hat mir über tauſend Dinge ganz neue Anſichten gegeben— kurz, ich bin in ſeinem Umgange ſo geſcheidt geworden, daß ich den Spitznamen„kluge Hedda,“ mit dem ihr mich ſchon damals beehrtet, nächſtens wirklich verdienen werde. Und wenn Du nun nach alle dem glauben ſollteſt, daß ich im mindeſten in beſagten Doctor verliebt bin, ſo wäre das ſehr ſchlecht von Dir, die„Du mein Herz kennſt, und meine Seele,“ wie Fauſt ſagt. Nein, ich ſchwöre es Dir, meine ſüße Olga, ich bin meinem Gerhardt nicht mit einem Gedanken untreu geworden; und wie ſehr lieb ich ihn haben muß, kannſt Du am beſten daraus ſehen, daß ich ihn jetzt noch liebe, nachdem ich Paul kennen gelernt habe. Denn gewiß, wenn Einer, ſo verdient er es, geliebt zu werden; und doch liebe ich ihn nicht, oder wenn ich ihn liebe, liebe ich ihn, wie einen Freund; ich habe oft in dieſen Tagen gedacht, ſo müßteſt du einen Bruder geliebt haben, wenn dir der Himmel einen beſchieden hätte. Du glaubſt auch gar nicht, wie gut und lieb er iſt, wie freundlich und beſcheiden, und dabei ſo klug nnd geſchickt! Ich weiß Auf der Düne. 89 ſehr wohl: Gerhard iſt nicht halb ſo gelehrt, und kaum ſo aufmerkſam gegen mich, wie Paul es gegen jede Dame iſt— und doch liebe ich den Wilden ſo ſehr viel mehr! Es iſt gewiß nicht deshalb, weil er ſo ſchön iſt, ſo ſehr viel ſchöner, als Paul, oder irgend ein Mann, den ich je geſehen— ich weiß es ja überhaupt nicht, weshalb ich ihn ſo liebe— Paul ſagt, wir müßten entweder Alles für ein Wunder halten, oder Nichts, und ſo glaubt er auch in der Liebe an kein Wunder, und behauptet, es ſei bis zu einem gewiſſen Grade gleich⸗ gültig, wen wir heiratheten— ſo habe ich ihn wenigſtens verſtanden. Aber, wie wäre es denn möglich, daß von dem erſten Augenblick an Gerhardten mein Herz gehörte, und nur ihm— von dem Augenblicke, als er bei meiner Tante— weißt Du wohl noch? es war große Geſellſchaft mir zu Ehren, und Dein ganzes Kränzchen prangte um den Theetiſch— zur Thür hereintrat, und ſein Auge über die ganze Schaar flog und auf der armen Hedda haften blieb, und ſo ſeltſam aufblitzte, daß Du es gleich bemerkteſt? Und dabei lächelte er ſo wunderbar! Ach dieſe leuchtenden Augen, dieſen lächelnden Mund werde ich nie vergeſſen! Und denkſt Du dann noch der reizenden Waſſerpartien, die er„dem Kränzchen zu Ehren“ arrangirte, und dann des letzten Balls, wo ich den Cotillon mit ihm aufführte, und wie ich Dir hernach, als wir wieder auf unſerm ſtillen Zimmer waren, unter tauſend Thränen das große Geheimniß unſrer Liebe anvertraute, und Dich bei Sonne, Mond und allen Sternen beſchwor, es treu zu bewahren? Du haſt es treu bewahrt, Du Gute, und Du biſt auch noch immer unſre einzige Vertraute; ſelbſt Clementine hat keine Ahnung von der Wahrheit; ich dürfte ihr ja nicht einmal etwas ſagen, ſelbſt wenn ich es wollte. Denn daß unſer Verhältniß geheim bliebe, war Gerhardt's ausdrücklicher Wunſch, und wenn meine Beichte Dir gegenüber zum Glück nicht ſchon ein fait accompli geweſen wäre, ſo wüßte gar Niemand etwas davon. Der ſeltſame Mann! War es doch, als ob es ihm darum zu thun ſei, unſre Liebe im Keime zu erſticken! Der„Neptun“ ſollte gerade zu ſeiner zweijährigen Reiſe um die Welt abſegeln.„Ich kann mit Ehren nicht zurücktreten,“ ſagte er,„nachdem ich erſt Alles daran geſetzt habe, an Stelle des Lieutenants x. an der Expedition Theil nehmen zu dürfen; und ich 1 1 1 90 Auf der Düne. würde nicht zurücktreten wollen, ſelbſt wenn ich es könnte. Ob unſre Liebe die echte Liebe iſt, dafür giebt es nur einen Beweis: wenn die Alles bändigende Zeit ſie nicht zu beſiegen vermag. Ich will Dich nicht binden; Du ſollſt mich nicht binden. Fühlen wir uns durch unſre Liebe nicht verbunden, ſo würde jedes andere Band eine Feſſel werden. Findeſt Du Jemand, der Deiner würdiger ſcheint— Du mußt zum Gemahl den Beſten haben, und nicht den erſten Beſten. Und eine lange Seereiſe iſt ein ganzer Feldzug; vielleicht komme ich gar nicht zurück; warum ſollte ich Dich vor der Zeit zur Wittwe machen?“ Und als ich ihn um ſein Bild bat, ſah er mich nicht groß an und ſagte: Ich habe einmal bei einem Dichter“) geleſen:„ein junges Mädchenherz ſei von weicherem Stoffe, als Wachs, Eindrücke zu empfangen; und dann härter, als Diamant, ſie zu bewahren;“ iſt dem nicht ſo? Was ſollte ich erwiedern? Ach der Tiger! er wußte nur zu wohl, daß ihm ſein Reh nicht entfliehen konnte! Und doch, nur vor ihm beugt ſich mein freier Muth; und ſeltſam, ſeitdem er mein Herr iſt, iſt es mir, als ob ich über alle anderen Männer herrſchen dürfe;— ich fühle mich ihnen gegenüber ſo leicht, ſo unbe⸗ hindert; und ich habe es wohl bemerkt, wie Paul mich im Anfang oft halb verwundert anſchaute, als wollte er ſagen; biſt du eine Ko⸗ kette, oder ein Kind? Ich mußte dann heimlich lachen, ich konnte ihm ja doch nicht ſagen: ich bin weder das Eine noch das Andere, ſon⸗ dern ein Mädchen, das ſich in ihrer Liebe ſicher weiß. Und doch— aber lache mich nur nicht aus, böſe Olga— iſt mir ſchon einige Mal der Gedanke gekommen: Gerhardt und Paul ſeien alte Bekannte und Gerhardt habe dieſen liebenswürdigſten und gefährlichſten ſeiner Freunde vor ſich her geſandt, um meine Treue zu ihm ſelbſt auf die Probe zu ſtellen, und wenn ich in meiner Treue nicht wanke, dann wird er ſelbſt kommen und ſprechen: jetzt biſt du wirklich meine Hedda; iſt das nicht einmal ein närriſcher Einfall? Aber haben ſie im Grunde nicht ganz dieſelben Anſichten über Liebe und Ehe? nur daß Gerhardt ſagt: wähle den Beſten; und Paul: wähle, und der Ge⸗ wählte ſei dir der Beſte! Naulich fragte ich Paul, ob er nicht wiſſe, *) Leopold Schefer. Anmerk. des Setzers. Auf der Düne. 91 wo der Neptun jetzt ſei? und da lachte er und ſagte: Neptun ſei ſeiner Meinung nach längſt penſionirt, und lebe möglicherweiſe in ſtrenger Zurückgezogenheit auf einer der noch unbekannten Inſeln im ſtillen Ocean; zuletzt verſicherte er: er ſchäme ſich zu geſtehen, daß er dieſem Theile unſrer Kriegsmacht bisher die gebührende Aufmerkſam⸗ keit nicht geſchenkt habe; von jetzt an ſolle ihm aber nicht der kleinſte Schiffsjunge aus den Augen kommen, geſchweige denn ein ganzes Schiff. Aber bei alle dem glaube ich, der Schelm wußte ſo gut, wie ich, daß der Neptun vor vier Monaten von Valparaiſo ausgeſegelt iſt. Und wenn Gerhardt jetzt käme: Olga, Olga, denke Dir dieſe Seligkeit! Und wenn er nun käme— und wenn Paul nun doch nicht ſein beſter Freund iſt,— was wird der für große Augen machen! Ach, lache mich nicht aus, wenn ich Dir ſage: daß mir bei dem Ge⸗ danken heute Morgen die meinen übergegangen ſind.— Müſſen ſich denn alle Männer in dich verlieben? Gewiß nicht, aber er ſieht mich manchmal mit ſeinen dunkelblauen Augen ſo innig und treu an— ich ſchelte mich oft, daß ich nicht kälter und förmlicher gegen ihn bin — aber ich kann und kann nicht anders als freundlich und herzlich zu ihm ſein, der ſelbſt ſo freundlich und herzlich iſt. Und ich kann ihm doch nicht mein Verhältniß zu Gerhardt mittheilen, noch dazu jetzt, nachdem wir uns eine halbe Ewigkeit kennen; er wäre im Stande mich auszulachen, und zu ſagen:„das iſt wohl ein avis anx amants, oder ſolche, die es werden wollen? nicht, Voiſine?“ Liebe, ſüße Olga, kannſt Du denn nicht in den nächſten Tagen herüberkommen? Du biſt ja ſo viel ſchöner, klüger und beſſer als ich! Gewiß, wenn er Dich ſieht, hat er kein Wort, keinen Blick mehr für ſeine kleine Voiſine. Er muß das liebenswürdigſte, ſchönſte, geiſtreichſte Mädchen zur Frau haben, und das biſt Du— und da will ich auch nicht im mindeſten eiferſüchtig ſein. Eiferſüchtig? ich will nur machen, daß der Brief fertig wird, ſonſt ſchwatze ich noch mehr tolles Zeug. Bitte, bitte, liebſte Olga, komm, wenn Du es irgend möglich machen kannſt! Dein Papa ſchickt Dich mir gewiß auf ein paar Tage; er thut ja Alles, was Du willſt. Empfiehl mich ihm beſtens, grüße die Tante und das Kränzchen, und ſei ſelbſt tauſendmal gegrüßt und geküßt von Deiner dummen Hedda. 92 Auf der Düne. P. S. Glaube nur nicht, daß die Flecken auf dem Papier von Thränen herrühren. Es regnet heute, was nur vom Himmel herunter will, und da ich am offnen Fenſter ſchreihe, ſind mir ein paar Tropfen auf das Papier geweht. Dreizehntes Capitel. Während oben das junge Mädchen an ihre Freundin dieſen Brief ſchrieb, ſaß unten die junge Frau an dem Bettchen ihres Kindes.— In dem Zimmer herrſchte bei dem mit ſchweren Wolken bedeckten Himmel ein glanzloſes, fahles Licht, das von Zeit zu Zeit mit einem trüben Halbdunkel abwechfelte, ſo oft einer der ſchweren Regenſchauer, die ſich heute unabläſſig folgten, über den Nedur zog. Dieſe unheim⸗ liche Beleuchtung paßte nur zu gut zu der Stimmung, von der ſich die junge Frau an dieſem Morgen gedrückt fühlte. Zwar hatte ſich die Beſorgniß um den Kleinen als unnöthig erwieſen; er ſpielte munter mit den Sächelchen auf ſeiner Decke und lachte freundlich zu ſeiner Mutter auf, die ſo nachdenklich, ſo ernſt auf ihn niederſchaute, und deren Lächeln ſelbſt heute voll Wehmuth war. Aber des Kindes leichtes Unwohlſein war auch wohl nur ein Vorwand geweſen, um Guſtav zum Herüberkommen zu bewegen. Sie wollte ihren Gatten ſehen und ſprechen; warum? ſie wußte es ſelber kaum; vielleicht, um ihm die Frage vorzulegen, die ſie ſich ſchon manchmal, aber nie häufiger als in den letzten Tagen geſtellt hatte, die Frage: bin ich nicht glücklich? Und Clementine war es nicht. Sie war einem Manne vermählt, den ſie wegen ſeiner Herzensgüte, wegen der Lauterkeit ſeiner Ge⸗ ſinnungen hochſchätzen mußte; aus ihrer Verbindung mit ihm war ihr ein liebliches Kind aufgeblüht; ihr Vermögen hätte zur Befriedigung ihrer Bedürfniſſe hingereicht, und wären ſie fünf- und zehnfach ſo groß geweſen, wie ſie es in Wirklichkeit waren; ſie hatte ſich ſtets be⸗ müht das Gute zu thun, und ihr Herz war rein von argen Gedanken Auf der Düne. 93 — ſie ſchien ſo reich, wie nicht viele Menſchen, und dabei war ſie beſcheiden, wie wenige— und doch nicht glücklich! Es muß recht ſchwer halten, glücklich zu ſein auf dieſer Erde. Clementine gehörte zu jenen Menſchen, deren Schickſal es ſcheint, niemals weder ſo geliebt zu werden, wie ſie verdienen, noch eigentlich es ſelbſt zu erfahren, wie ſehr ſie lieben können, und für die das oft ganz dunkle, aber doch vorhandene Gefühl dieſer ungeſtillten Sehn⸗ fucht einen Flor über das helle Leben deckt. Wenn Clementine einſt Paul gegenüber das ganze Daſein für fragmentariſch erklärte, ſo war dies eben der genaueſte Ausdruck jener Sehnſucht nach einem Voll⸗ kommenen, das ihr das Leben nicht zeigte, und wenn Paul auf die Poeſie hindeutete, als auf die Vermittlerin dieſer Sehnſucht mit dem Ideal, ſo war das eine Hindeutung, die ihr und ihresgleichen nichts helfen konnte, die für die Lieder, die ihnen aus dem Herzen gquellen, keine Worte, und für die Melodien, die ſie im Zwielicht oder beim Mondenſchein hören, keine Töne finden. Ihre Qual iſt ſtumm, ja ſelbſt ihre Freude iſt es; ſie bluten die Wunden, die ihnen das Leben ſchlägt, geduldig aus, wie ein edler Hirſch die ſeinen. Sie thun das Rechte, oder was ſie dafür halten, ohne viele Worte darüber zu ver⸗ lieren, und ſind ſo beſcheiven, daß ſie ſich im eigentlichſten Sinne des Wortes ſchämen, wenn irgend Jemand Miene macht, ſie nach ihrem rechten Werthe zu ſchätzen. Und doch tragen ſie das Gefühl, nicht geliebt zu werden, wie ſie es verdienen, mit ſich herum wie einen dumpfen Schmerz, der darum nicht weniger auf unſere Stim⸗ mung wirkt, weil wir ſeinen Sitz nicht kennen, oder uns über ſeine Natur kaum auszuſprechen wüßten. Häufig ſuchen ſolche Naturen dann in der allgemeinen Menſchenliebe einen Erſatz für die Liebe, mit der ſie den Einen beglücken würden, wenn dieſer Eine ſein Glück zu ſchätzen wüßte, oder es überhaupt anderswo als in ihrer Sehn⸗ ſucht exiſtirte. Alle dieſe Züge konnte man auf's deutlichſte in Clementinens Leben verfolgen; und ihr Leben iſt das ſo vieler Frauen! Denn vorzüglich find es die Frauen, an denen der Lenz der Liebe mit ſeinen Wonnen und ſeinen Schmerzen, ſeiner Blüthenpracht, und ſeinen warmen, ſtürmiſchen Gewitterreden vorübergeht, ohne ihnen ein Blüm⸗ 94 Auf der Düne. lein zu bringen, wie an dem armen Kloſterfräulein hinter dem Gitter, von dem das Volkslied erzählt. Nicht, als ob nicht auch viele Män⸗ ner in ihrem Herzen eine leere Niſche hätten für ein Götterbild, das ihnen niemals begegnen wollte; als ob nicht auch ſie oft genug fühl⸗ ten, daß eine Kraft in ihnen brach liegt, die ſich voll und mächtig entfalten würde, wenn ſie nur dürfte; die im Stillen ſeufzen, daß Niemand ſie liebt, oder doch ſo nicht liebt, wie ihr Herz es wünſcht — aber dann hat der Mann in ſeinem vielgeſchäftigen Leben ſeltener Zeit an dieſe unerfüllten Träume zu denken. Sie nahen ſich ihm wohl, und umgaukeln ihn, und erwecken in ihm die Sehnſucht nach einem fernen Glück— aber die Arbeit ruft;— ſie ermuntern ſich, und ſtreichen ſich mit der Hand über Stirn und Augen und ſprechen: „Weg du Traum, ſo hold du biſt!“ Paul hatte Clementinens Charakter in ſeinen Grundzügen richtig erkannt, ohne dieſelben jedoch gleichſam in einem Punkte vereinigen zu können. Er würde ſich dann die ſcheinbaren Widerſprüche von thätiger Menſchenliebe und einein beinahe kalten Weſen, von Be⸗ ſcheidenheit, die an Demuth grenzte, und einer Empfindlichkeit, die nur in einem leicht verletzlichen Stolz ihren Grund haben konnte; und endlich ihr Verhältniß zu Guſtav einerſeits und dem Herrn von Elze anderſeits beſſer, oder überhaupt haben erklären können. Der Lieutenant war eigentlich der erſte Mann, welcher der jungen Frau außer ihrem Gatten näher getreten wat. Die Einſamkeit des Inſel⸗ lebens, deren treibhausartigen Einfluß auf das ſchnelle Wachsthum aller Gefühle auch Paul und Hedda an ſich erfahren hatten, würde allein ſchon ein intimeres Verhältniß erklärt haben, wenn Herr von Elze auch nicht, wie er es wirklich that, Alles aufgeboten hätte, ein ſolches herbeizuführen. Was ihn zu der jungen Frau hinzog, war zuerſt wohl ihre Schönheit, ſodann die Langeweile, die ihm nachgerade unerträglich fiel, endlich die Entdeckung, die er gemacht zu haben glaubte, daß Clementine ſich in ihrem Verhältniſſe zu dem um ſo viel älteren Gatten nicht glücklich fühle. Das Alles war für einen im Grunde genommen herzloſen, an dergleichen Intriguen ſeit langen Jahren gewöhnten Mann, deſſen Hauptleidenſchaft eine prickelnde Eitelkeit war, die ihn geradezu lächerlich gemacht haben würde, wenn Auf der Düne. 95 er nicht noch eben klug genug geweſen wäre, ſie hinter dem Anſchein von einfachem, ja derbem Weſen zu verſtecken— mehr wie genug, eine Eroberung zu verſuchen, die ihm ſo leicht ſchien, und bei der ihm eine allzu bedenkliche Moral ſicherlich keine Hinderniſſe in den Weg legte. Und wie es denn zu geſchehen pflegt, war das gleich⸗ gültige Spiel, das er nur der Unterhaltung wegen angefangen hatte, nach und nach zu einer ernſtlichen Leidenſchaft geworden— um ſo mehr, da ſeine Eitelkeit mit in daſſelbe gezogen wurde, als er ſah, daß es mit der ſchnellen Eroberung nichts war, und er ſich ſagen mußte, daß in dem Buſen der jungen Frau ein Etwas lebe, das ſtärker ſei als alle Sophiſtik der Leidenſchaft. Dieſer Gedanke hatte ihn oft ſchon mit einer Art von Wuth erfüllt, und ſeine unlautere Neigung zu dem ſtillen, ſchönen Weſen war ſchon hundertmal auf dem Punkte geweſen, in eine eben ſo unlautere Abneigung umzu⸗ ſchlagen; und er hatte dabei ſeine Klugheit ſo weit vergeſſen, die Verachtung, die er gegen Guſtav, deſſen treffliche Eigenſchaften ihm unverſtändlich waren, empfand, durch die Maske der Freundſchaft und Ergebenheit, mit der er ſie bisher ſorgfältig verhüllt hatte, durch⸗ blicken zu laſſen. Das war Paul's Scharfblick nicht entgangen, und er wunderte ſich, wie Clementine es entweder gar nicht bemerkte, oder nicht bemerken zu wollen ſchien, und er hatte daraus den Schluß gezogen, daß dieſer Mann viel höher in ihrer Gunſt ſtehe, als es mit einer auch nur alltäglichen Liebe zu ihrem Gatten verträglich war; und nur hatte er nicht bedacht, daß Clementine einer ſolchen gar nicht fähig ſei. Wenn ſie die Aufmerkſamkeiten des Lieutenants nicht ungern zu ſehen ſchien, ſo war dies, ihr wohl unbewußt, eine Art von Rache dafür, daß die Liebe ihres Mannes zu ihr jene Alltags⸗ liebe war, oder zu ſein ſchien. Es wäre vergeblich, zu leugnen, daß die ſichtbare Auszeichnung, mit der Herr von Elze ſie behandelte, keinen Eindruck auf ſie gemacht hätte. Wenn es ſchon in allen Fällen ſchwierig iſt, die Scheine, welche auf unſere Vortrefflichkeit, Tugend oder Liebenswürdigkeit der Leichtſinn, die Kurzſichtigkeit, oder Ver⸗ blendung Anderer ausſtellt, nicht für baare Münze zu nehmen, oder auf ihren wahren Werth zurückzuführen, ſo iſt es für Frauen, die ſo ſtolz⸗demüthig ſind, wie Clementine, faft unmöglich; denn bei ihrer 96 Auf der Düne. Freiheit von aller Gefallſucht, und da ſie nun und nimmer auf die Bewunderung der Leute ſpeculiren, können ſie kaum anders, als dieſe Bewunderung, wenn ſie ſich nun doch zeigt, für aufrichtig halten. Aber Clementinens Theilnahme an dem Herrn von Elze hatte noch andere, und weniger egviſtiſche Gründe. Es that ihr leid, daß ein Mann von den Kenntniſſen und Fähigkeiten des Lieutenants für immer aus einer Laufbahn geriſſen ſein ſollte, die ihm Ehre und Ruhm verſprochen hatte— und das Alles ohne ſeine Schuld. Herr von Elze hatte ihr ſeine Geſchichte erzählt. Sie zweifelte nicht an der Wahrheit derſelben, und abgeſehen von der ſubjectiven Färbung, die Jeder, unwillkürlich oder gefliſſentlich, der Erzählung ſeiner eignen Fata giebt, haben auch wir keine Veranlaſſung, die Glaubwürdigkeit des Erzählers zu beanſtanden. Herr von Elze hatte ſeine Jugend als Page an dem**sſchen Hofe verlebt. Er war der Spielkamerad, der Reiſegefährte, der Waffenbruder und— das vergaß er natürlich zu erwähnen— auch der Genoſſe in den Ausſchweifungen eines ſeiner Prinzen geweſen, mit dem er zuletzt in*vsſche Dienſte ge⸗ gangen war. Plötzlich hatte zwiſchen den beiden Männern, deren vertrautes Verhältniß ihnen in gewiſſen Kreiſen die Beinamen„Oreſt und Pylades“ eingetragen, ein Bruch ſtattgefunden, der zu offener Feindſchaft und Fehde geführt haben würde, wenn den Einen ſein hoher Rang nicht vor dergleichen geſchützt hätte. Was von der Sache vor die profanen Ohren des Publikums kam, war ungefähr Folgendes. Es ſcheint, daß Oreſt ein Verhältniß zwiſchen Pylades und einer vornehmen jungen Dame zuerſt begünſtigte, dann ſelbſt eine heftige Neigung zu der künftigen Gemahlin ſeines Freundes faßte; dieſem Letzteren, einmal deshalb, und dann um ihm in ſeiner Carrière förderlich zu ſein, eine diplomatiſche Sendung an einen entfernten Hof ausmittelte, und die halbjährige Abweſenheit deſſelben ſo gut benutzte, daß, als Phlades von ſeiner Miſſion zurückkehrte, er ſeine Braut als Maitreſſe des vortrefflichen Oreſtes wiederfand. Es hieß weiter, daß Pylades ſich in dieſes ſein natürliches Schickſal durchaus nicht, wie es ſich ziemte, zu finden wußte, ſondern im Gegentheil Scenen veranlaßte, die um ſo ärgerlicher erſchienen, als Oreſt, ganz abgeſehen von ſeiner hohen Stellung und ſeinem ſonſtigen Verhältniß Auf der Düne. 97 zu Pylades, auch noch deſſen militäriſcher Vorgeſetzter war, worauf dieſer merkwürdigerweiſe in ſeiner unverzeihlichen Aufregung gar keine Rückſicht genommen hatte. Man wird zugeben, daß wenn ſich die Sache ſo verhielt, der verrathene und zum Lohn dafür verbannte Pylades alle Urſache hatte, mit ſeinem Looſe unzufrieden zu ſein; und es wäre nur zu wünſchen geweſen, daß er die Einſamkeit des Nedurs zu etwas Beſſerem benutzt hätte, als zu einer Intrigue, die derjenigen, über die er ſich ſo bitter beklagte, nur zu ähnlich war. Daß Clementine den Schilderungen, die ihr Herr von Elze von fremden Ländern, von dem Hof⸗ und Lagerleben entwarf, ihren Bei⸗ fall ſchenkte, daß ſie ihn, nicht mit Unrecht, für einen intelligenten und vielerfahrenen Mann hielt, haben wir ſchon geſagt, und daß der Mann in ihren Augen nicht ſchlechter wurde, weil er unglücklich ſchien, wird man nach der tieferen Einſicht in ihren Charakter natürlich finden. Es iſt nicht ſelten, daß Menſchen, die ſelbſt niemals das Mitleid der anderen in Anſpruch nehmen, und auch das Schmerz⸗ lichſte ſtill in ſich verwinden, den Klagen Anderer ein williges Ohr leihen, weil ſie ihre eigne Kraft zu dulden zum Maßſtab derſelben Kraft bei Jenen nehmen, und wähnen, daß der Schmerz, der nicht ſtumm bleibt, wohl eben unerträglich ſein müſſe. Und nun war noch ein Punkt, der einer der hauptſächlichſten Anknüpfungspunkte in ihrem Verhältniſſe geweſen war, und der doch ein weniger unerfahrenes und unſchuldiges Weſen, wie Clementine, ſtutzig gemacht haben würde. So wenig ſchmeichelhaft es auch im Grunde für die junge Frau ſein konnte, daß ſie, nach Herrn von Elze's Ausſage, eine faſt wunderbare Aehnlichkeit mit jener flatterhaften Schönen hatte, deren Reizen die Freundſchaft zwiſchen Oreſt und Pylades zum Opfer gefallen war, ſo vielen Stoff zu intereſſanten Unterhaltungen gab dieſes Factum doch.„Sie gleicht Ihnen in Allem,“ hatte er geſagt,„in Gang und Blick und Geſtalt, in der Farbe des Haars und der Augen, und im Klang der Stimme, ſo, daß ich manchmal erſchreckt zuſammenfahre, wenn ich unvorbereitet Sie im Nebenzimmer ſprechen höre; und nur in der Ruhe und Sicherheit nicht, mit der Sie durch das Leben gehen und das Leben beurtheilen, und die dem unglücklichen, leiden⸗ ſchaftlichen Kinde fehlte, oder es hätte nicht in dem ſ Rauſche Fr. Spielhagen's Werke. IV. 98 Auf der Düne. der Eitelkeit den Schritt gethan, den zu beweinen ſie ihr ganzes übriges Leben Zeit haben wird.“ Daß zwiſchen den beiden Damen vielleicht eine flüchtige Aehnlichkeit obwaltete, wollen wir nicht in Ab⸗ rede ſtellen; aber wir möchten darauf ſchwören, daß dieſelbe bei wei⸗ tem nicht ſo frappant war, als es der Lieutenant in ſeinem Intereſſe behauptete. Es wäre wenigſtens nicht das erſte Mal, daß man ſich dieſes ſimpeln, und doch bei all ſeiner Simplicität wirkſamen Kunſt⸗ griffs bedient hätte, um eine neue Leidenſchaft hinter einer alten ſo lange zu verſtecken, bis man ſich der Maske nicht länger bedienen zu brauchen glaubt;— um Urbild und Abbild ſo lange zu vergleichen und abwechſelnd in den Vordergrund zu ſtellen, bis es faſt natürlich ſcheint, daß man ſie endlich auch einmal verwechſelt. Wir müſſen zu Clementinens Ehre ſagen, daß, ſo unangenehm ihr im Anfang dieſe Aehnlichkeit geweſen war, ſie nie auf den Gedanken kam, dieſelbe könnte wohl fingirt ſein. Clementine war eine kluge Frau, und wußte das Spiel des Lebens ganz wohl zu beurtheilen, aber freilich nur ſo lange, als nicht mit falſchen Karten geſpielt wurde. Um ganz ſo klug zu ſein wie die Schlangen, iſt es wahrlich unmöglich, ganz ſo fromm zu ſein wie die Tauben. Wie unſchuldig ſie war, dafür iſt wohl das der beſte Beweis, daß ſie noch zu dieſer Stunde die freche Leiden⸗ ſchaft des Herrn von Elze kaum zu ahnen begann, und es nicht für möglich gehalten haben würde, wenn man ihr geſagt hätte, daß ihres Gatten Herz von den Qualen der wüthendſten Eiferſucht zerriſſen ſei. Und wie hätte ſie das auch für möglich halten ſollen? Iſt eine große Eiferſucht ohne eine große Liebe denkbar? und hatte ihr Gatte ihr je geſagt, wie ſehr, wie innig er ſie liebe? Er würde ſich geſchämt haben, es zu ſagen; ſie würde ſich vielleicht geſchämt haben, es zu hören— und dennoch— ſo wunderbar und widerſpruchsvoll iſt das Menſchenleben, weil ein ehrfurchtsvoller Schauder ihnen verbot, den Schleier von dem Allerheiligſten ihres Herzens zu heben, waren ſie nahe daran, ſich gegenſeitig der Gleichgültigkeit und Liebloſigkeit zu zeihen und für ihr Theil all' die bitteren Früchte zu ernten, die aus ſo vielen Ehen Gärten der Hölle machen. Wie geſagt, Clementine hatte kaum eine Ahnung von der Wahrheit; aber ſie fühlte, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſollte, und das war es, was ſie an dieſem Auf der Düne. 99 düſtern Morgen ſo düſter ſtimmte. Es war ihr aufgefallen, daß ihr Gatte ſeit Paul's Anweſenheit ſeltener nach dem Nedur kam, und wenn er kam, ernſter und nachdenklicher ausſah, wie gewöhnlich. Aber ſie hatte das aus anderen, äußerlichen Gründen erklärt, und ſich dem regen, faſt übermüthigen Leben, das mit Paul auf die ſtille Inſel gekommen war, willig überlaſſen. Daß ſie jetzt mit Herrn von Elze viel häufiger zuſammen war, daß ihre Unterredungen einen ver⸗ trauteren Ton annahmen, daß auf den gemeinſchaftlichen Ausflügen der Lieutenant ihr Ritter wurde, wie Paul ſeine Dienſte viel unver⸗ hohlener ſeiner Voiſine weihte— das Alles ſchien ſo natürlich, ſo ſelbſtverſtändlich, ſo unverfänglich— und war auch der jungen Frau ſo erſchienen, bis vorgeſtern Nachmittag, wo Guſtav's unerklärliche Weigerung, die Geſellſchaft auf der Fahrt nach den Hünengräbern zu begleiten, ſie zuerſt ſtutzig machte. Aber auch da ſchon hatte ſich ihr Stolz geregt, und ſie hatte geſagt: nun gut! ſo fahren wir ohne ihn! Und hernach hatte ſie nicht ohne Wehmuth die zarte Aufmerk⸗ ſamkeit beobachtet, mit der Paul ſeine Voiſine behandelte, faſt wie eine Mutter ihr geliebtes Kind— er, der ſich offen zu einem Erz⸗ feind aller Sentimentalitäten bekannte— und als hernach im Boot Herr von Elze ihr erzählte, wie groß ſeine Dankbarkeit gegen die ſein müſſe, die ſich des Verlaſſenen angenommen, den Erbitterten beruhigt, den am Leben Verzweifelnden durch milden Zuſpruch faſt mit dem Leben wieder ausgeſöhnt habe; wie er ihr das nie vergeſſen könne, vergeſſen werde; wie ſehr es ihn ſchmerze, die in wenigen Tagen verlaſſen zu müſſen, der ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, er den Reſt ſeines Lebens für zu kurz halten würde— als er ſie in dem Eifer ſeiner Rede einmal über das andere„Clementine“ nannte, und ihre Hand ergreifend, ſie um ihre Freundſchaft bat, da doch von Liebe zwiſchen ihnen Beiden nicht die Rede ſein könnte— da hatte ſie dieſe ſcheinbar ſo uneigennützige Freundſchaft nicht zurückgewieſen, und den Druck ſeiner Hand gern erwiedert.— Und geſtern hatte ihr abermals die Disputation zwiſchen Paul und dem Lieutenant über Ehe und Liebe vielfachen Stoff zum Nachdenken gegeben. War es zufällig, daß das Geſpräch jetzt bei jeder Gelegenheit auf dieſes Thema kam? Verband Paul eine beſtimmte Abſicht damit, oder entwickelte er nur 100 Auf der Düne. ganz einfach ſeine Anſichten, wenn er ſich ſo ſcharf gegen den falſchen Ivealismus in der Ehe erklärte, und er, der ſonſt ſo Hochſinnige, geradezu behauptete, daß die große herviſche Leidenſchaft in einem ſolchen Verhältniſſe viel eher tadelnswerth als rühmlich ſei? Und als ſie hernach den Spaziergang am Strande machten, hatte der Lieute⸗ nant das Geſpräch wieder aufgenommen, ſich heftig gegen jede Ehe ausgeſprochen, die nicht auf der hingebenbſten Liebe beider Theile be⸗ ruhe, und nicht undeutlich durchblicken laſſen, wie gerade er zu einer ſolchen Liebe, einer ſolchen Ehe geſchaffen ſei; und nebenbei nicht umhin gekonnt, ſich über die Grauſamkeit eines Schickſals zu wun⸗ dern, das ihm zweimal in derſelben Geſtalt ein Glück zeige, welches ihm nie zu Theil werden ſollte. Das Alles beunruhigte, verſtimmte, pedrückte Clementine: Warum ahnt der Gatte nicht, daß die Gattin ſeines Raths, ſeiner Stütze bedarf? warum muß ſie erſt Boten zu ihm ſenden, um ihm zu ſagen, daß ihr Herz zum Weinen voll iſt? oder wenn er mit ihr unzufrieden iſt, warum kommt er nicht ſelbſt und ſagt es ihr? hat ſie ſein Vertrauen nicht mehr? oder hat ſie es nie gehabt? Und bei dieſem Gedanken ſtürzten der jungen Frau die Thränen aus den Augen, und ſie, die ihr Gatte ſelbſt noch niemals hatte weinen ſehen, weinte jetzt leidenſchaftlich, über das Bett ihres und ſeines Kindes gebeugt. Aber ihre Thränenfluth war nicht der kühle Born, an dem ſich Hedda heute Morgen Erquickung getrunken hatte, als ihr der Januskopf des Lebens zwei Jünglingsgeſichter zeigte, von denen ſie jedes aus liebevollen Augen innig und doch vorwurfsvoll anſchaute. vierzehntes Capitel. Paul wäre an dieſem Morgen auf ſeiner Fahrt nach dem Bagger zum erſten Male der Geſellſchaft des Lootſencommandeurs gern über⸗ hoben geweſen. Es verlangte ihn darnach, mit ſeinem Vetter einmal Auf der Düne. 101 ungeſtört allein zu ſein. Er wußte von früher her, daß Guſtav ihm unbedingt vertraute, und ſeinen Rath ſtets in höheren Ehren gehalten hatte, als es ſich wohl manchmal mit ſeinem eignen Intereſſe, oder der Beſcheidenheit des Rathgebers vertrug. Und Guſtav ſchien ihm jetzt des Raths bedürftiger wie je; und doch fühlte er, daß ein ſolcher in dieſem Falle mit der äußerſten Vorſicht gegeben werden mußte, wenn er nicht jenen ſtarken Giften gleichen ſollte, die, zur rechten Zeit und in der rechten Doſis angewandt, die Krankheit mit wunder⸗ barer Kraft bändigen, unvorſichtig aber gegeben, auch die geſunden Theile dazu ergreifen und den ganzen Organismus zerrütten. Des⸗ halb war mit Andeutungen, auf gut Glück hingeworfenen Winken hier nichts geholfen. Indeſſen hoffte Paul im Laufe des Tages die er⸗ wünſchte Gelegenheit zu finden; und ſein elaſtiſches Temperament ließ ihn, während ſie ſich die kurze Strecke zu dem Bagger hinaufkreuzten, an dem Spülwaſſer, an den Geſchichten des Lootſencommandeurs, die alle Augenblicke von dem eintönigen„Ree!“ unterbrochen wurden, ſo oft das Boot ſeinen Lauf wechſelte, ſolch lebhaften Antheil nehmen, vaß der alte Seelöwe ſeine rechte Freude an der anſtelligen jungen Landratte hatte. Als ſie an der Baggerflottille ankamen, wurden ſie an Bord des Adlers, der eben von einem Ausfluge zurückgekehrt war, auf das herz⸗ lichſte von Guſtav empfangen, der Paul's Scherz: er habe ihm nur zeigen wollen, daß er, Paul, ein Leander ſein könne ohne eine Hero, gelten ließ, auch ſogleich ſich bereit erklärte, am Mittage mit ihnen zurückzuſegeln. Bald ſaßen ſie nun in der Cajüte an dem großen Tiſch, der für gewöhnlich mit Guſtav's Schreibereien und Karten be⸗ deckt war, und ſchlürften den vortrefflichſten Grog, jenen Sorbet der Seefahrer, der eigentlich nirgends hingehört, als auf den Cajütentiſch. Und wie Märchen und Sagen ſich am beſten in der Spinnſtube er⸗ zählen und das Schnurren der Räder ihre paſſendſte Begleitung iſt, während draußen in der Dorfgaſſe der Wind mil den Schneeflocken ſpielt, und dann und wann in den Schornſtein poltert, daß die Weiber und Mädchen dichter zuſammenrücken, um leiſer erzählen und andächtiger hören zu können— ſo muß man Seegeſchichten auf der See hören, in der Cajüte, wenn der Regen auf das Glasdach her⸗ 102 Auf der Düne. unterplätſchert, und die ſchaukelnden Wogen, die dumpf an den Bug ſchlagen, die Gläſer auf dem Tiſch erklirren machen. Und da ſaßen denn die Drei; der Lootſencommandeur hatte das Wort, und Paul vergaß, weshalb er eigentlich gekommen war; und auch Guſtav mochte für den Augenblick Ruhe haben vor den quälenden Gedanken, die ihn ſchon manche lange nächtliche Stunde wach erhalten hatten.— Da wurden ſie mit dem braven Capitain von der Wuth des Sturmes immer näher und näher in die Brandung getrieben, welche die Felſen⸗ klippen der Küſte von Wales umtoſt. Vergeblich alle Erfahrung und Umſicht des Capitains, vergeblich aller Muth und alle Ausdauer der Männer, die um ihr Leben arbeiten. Und jetzt wird das Schiff von einer ungeheuren Woge hoch auf das Riff geſchleudert, und die Mannſchaft rettet ſich aus dem Wrack und ſie klettern auf der Höhe des Riffs mühſam fort bis zum höchſten Punkte, und kommen Alle glücklich an— nur ein Junge wird heruntergeſpült— ein braver Junge von achtzehn Jahren, einer armen Wittwe einziger Sohn. Und da ſitzen ſie zuſammengekauert, von dem Regen und dem Salzſchaum durchnäßt, und haben nichts gerettet als das nackte Leben, und auch das kann ihnen der nächſte Augenblick rauben— denn hinter ihnen, ſo weit das Auge reicht, der Ocean, der ſeine Sturmeswogen unauf⸗ haltſam heranwälzt, und dicht vor ihnen die Felſenküſte, um die ängſtlich die Möven flattern, und zwiſchen der Küſte und ihrem Riff die Brandung, die toſende, kochende, fürchterliche Brandung,— und noch immer und immer wächſt die Fluth. Und jetzt geht die Sonne zwiſchen ſchwarzen Wolken blutroth im Meere unter, und die Nacht bricht herein und verdoppelt alle Schrecken. Es iſt nur eine kurze Sommernacht— wenige Stunden nur— aber juſt lang genug, daß einem rüſtigen Manne, dem der Gedanke an Weib und Kinder zu Hauſe das feſte Herz erſchüttern mochte, das braune Haar grau wer⸗ den konnte, und zwei andre noch, von der Kälte, der Näſſe, dem Hunger und der Müdigkeit überwältigt, die Augen ſchloſſen, um ſie nie wieder aufzuthun. Der Mann aber, der am nächſten Morgen, als der Sturm ſich gelegt hatte, und die Strandbewohner herabkamen, um den Schiffbrüchigen beizuſtehen, mit dem aus dem Wrack gebor⸗ genen Seil durch die Brandung ſchwamm und ſo die ſchwankende Auf der Düne. 103 Brücke ſchlug, auf der ſich die Ueberlebenden an das Ufer retteten — das war der Steuermann von der Mannſchaft— ſo ſagte we⸗ nigſtens der Lootſencommandeur, und der Steuermann war unterdeſſen in Weſtindien geſtorben und konnte ſeinen Capitain nicht Lügen ſtra⸗ fen— was auch gegen die Subordination geweſen wäre.— Und dann treiben ſie mit demſelben Capitain vor einem lauen Winde auf den breiten Wogen des Stillen Oceans, und am Tage brennt die Sonne aus dem wolkenloſen Himmel, und in der Nacht erglänzt über ihnen das Sternenbild des Südlichen Kreuzes. Sie gehen in der tiefen ſchattigen Bucht einer Inſel vor Anker, um Waſſer einzunehmen; und die Inſulaner kommen auf ihren Canves an's Schiff gerudert und bringen Cocosnüſſe und Früchte in geflochtenen Körben— einer von den Körben ſteht jetzt auf Hedda's Nähtiſch. Der Mannſchaft gefällt es ſo wohl in der ſtillen, ſchattigen Bucht unter den ſchönen, ſtillen Menſchen, daß ſie am liebſten dageblieben wäre, und der Ca⸗ pitain ſeine ganze Autorität aufbieten muß, um ſie wieder fortzu⸗ bringen. Einen bringt er auch wirklich nicht mit fort; das kam aber daher, weil ihn die Haie gefreſſen hatten, als er gegen das Verbot des Capitains luſtig herumplätſcherte in dem lauen Waſſer der ſtillen, ſchattigen Bucht.— Dann kam die famoſe Geſchichte des Kampfes zwiſchen dem Schvoner und den Bovoten der malayiſchen Seeräuber, auf die Paul um ſo begieriger war, als ſie der Lootſencommandeur ſchon dreimal angefangen und ebenſo oft unbeendigt gelaſſen hatte, weil ſich jedes Mal eine andre ſeiner tauſend Geſchichten, die doch auch erzählt ſein wollten, dazwiſchen drängte. Aber auch dieſes Mal erfuhr Paul nicht, wie es wurde, als die eine der zwei Kanonen an Bord, aus der ſie den ganzen Tag gefeuert hatten, einen Riß bekam, und für die andre die Munition ausging, gerade in dem entſcheidenden Augenblicke, als die Seeräuber entern wollten— denn es erſchien ein neuer Gaſt in der Cajüte, ein kleiner, alter Herr mit ſchneeweißem Kopf, deſſen blauer, mit blauen Stahlknöpfen beſetzter Mantel ſo von Waſſer triefte, daß Paul ihn für den Klabautermann in eigner Per⸗ ſon hielt, bis ihm derſelbe als der Rendant der Baggerkaſſe vor⸗ geſtellt wurde, der eben nach einer ſchnellen, naſſen Fahrt aus der Stadt gekommen war. Denn es war heute Sonnabend und Zahl⸗ 104 Auf der Düne. tag. Er brachte neue Arbeit für Guſtav mit. Die Baggerrinne ſollte an einer Stelle verlegt, und dazu eine Peilung vorgenommen werden, und Paul ließ die Herren, die alsbald über die Zweckmäßig⸗ keit, oder Unzweckmäßigkeit des Plans eifrig zu disputiren begannen, in der Cajüte und ging auf das Verdeck, um ſeinen Kopf, den die Erzählungen des Lootſencommandeurs und der Seemannsgrog heiß gemacht hatten, an der friſchen Luft abzukühlen. Da hatte er nun vor ſich daſſelbe Bild, das er an jenem erſten Morgen auf dem Adler geſehen hatte— aber in wie andrer Beleuchtung! Damals war der Himmel blau geweſen, und die Sonne hatte aus dem blauen Himmel herabgelacht auf die blauen Wogen, und in dem hellen Sonnenſchein hatte Alles geglänzt von den Meſſingbuckeln am Steuerrade bis zu den kupferfarbenen Geſichtern der Arbeiter, und nur die alte Bagger⸗ ſchmiede hatte ausgeſehen, als ob es für ſie auf dieſer Welt keine Freude mehr gäbe. Aber heute ſchien ſie Alles mit ihrer chroniſchen Melancholie angeſteckt zu haben: den Himmel und das Meer und die Schiffe und die Leute— und Alles ſah grau und verdrießlich und düſter und verregnet aus; und es wurde Paul klar, daß der Poſten des Commandanten einer Baggerflottille, der ihm damals ſo beneidens⸗ werth erſchienen war, auch ſeine Schattenſeiten habe. Es überkam ihn auf einmal eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach dem Nedur; und er mußte ſich nur ſchnell das große Fernrohr holen, das in dem Treppenhäuschen auf einem Geſtell ruhte, um wie an jenem erſten Morgen die Inſel ſich näher zu bringen. Und jetzt erſchien ſie ihm nicht mehr fremd— jetzt kannte er jeden der großen Steine, die hier und da am Ufer lagen; und eines der umgeſtülpten Boote hatte er vorgeſtern antheeren helfen und Hedda hatte dabei geſtanden und ſein Malertalent bewundert. Und in jedes der Fenſter des Hauſes mit dem Ziegeldache ſchaute er wie in ein bekanntes, ihm freundlich zu⸗ lächelndes Auge. Die Glasthür ſtand auf, und einmal ſah er deut⸗ lich, wie Hedda heraustrat und ihre Blumen auf das Steingeländer der Treppe ſtellte, die in den kleinen Garten hinabführte, wo in dem Sande die ſchönen Muſcheln wuchſen. Aber der Wind mußte die Töpfe wohl umwerfen, denn ſie nahm ſie alsbald wieder herein. Er winkte ihr mit dem Tuche, und war ärgerlich, daß ſie ſeinen Gruß Auf der Düne. 105 nicht erwiederte, obwohl er wußte, daß ſie in dieſer Entfernung und bei der regenſchweren Luft trotz ihres falkenſcharfen Blickes mit unbewaffnetem Auge nichts Einzelnes mehr auf dem Adler unter⸗ ſcheiden könnte. Es waren nur wenige Stunden, daß der junge Mann Hedda's fröhliches Lachen nicht hören, ihr nicht in die dunkeln, noch immer räthſelhaften Augen ſchauen ſollte— und doch wurde ihm die kurze Zeit ſo lang, ſo lang— er war ſeelenfroh, als jetzt die Arbeit ein⸗ geſtellt wurde, und die Leute von dem Bagger und den Prähmen und Booten ſich zum Empfang des Wochenlohns auf dem Adler ver⸗ ſammelten. Denn das Wetter wurde von Minute zu Minute rauher, und die Arbeit ſollte am Nachmittage nicht wieder aufgenommen wer⸗ den, da morgen ohnehin Sonntag war. Paul's Blick muſterte nicht ohne Intereſſe die ſeltſame Schaar: er hatte ſo viel Seeratten noch nicht beiſammen geſehen. Er bemerkte ihre ſcharfen, oft verwitterten, manchmal ſchönen Geſichter; das faſt Allen eigenthümliche Zwinkern der meiſt hellblauen Augen; auch daß ſie ſich nur in einem Flüſterton mit einander unterhielten. Denn der Seemann iſt nur am Lande lär⸗ mend, an Bord iſt er ſo ſtill, wie ein Soldat im Gliede. Dann ging er wieder in die Cajüte hinab, wo Guſtav und der Rendant hinter ihren Rechnungsbelegen am Tiſche ſaßen, und des Lootſencommandeurs ruhig⸗freundliches Geſicht Jedem das Seine noch beſonders zu geſegnen ſchien; und ſah zu, wie die Männer, nachdem ſie vor der geöffneten Thür der Cajüte reſpectsmäßig mit den— manchmal nackten— Füßen geſcharrt, und ihren Hut, oder ihre Mütze auf den Boden gelegt, einer nach dem andern an den Tiſch traten, um ihren Lohn in die braunen, ſchwieligen Hände zu ſtreichen. Vor Allem intereſſirten ihn die kurzen Unterredungen, die bei dieſer Ge⸗ legenheit zwiſchen Guſtav und den Leuten ſtattfanden, da ſie für das gute Vernehmen zwiſchen Vorgeſetztem und Untergebenen bezeichnend waren, und ihn ſonſt noch manchen Blick in das Leben dieſer Menſchen thun ließen. „Wie geht's, Zander?“ fragte Guſtav einen kleinen, alten Mann, deſſen kluges, ernſtes Geſicht Paul ſchon auf dem Verdeck aufge⸗ fallen war. 106 Auf der Düne. „Danke, Herr Inſpector, es muß gehen.“ „Keine Nachricht von den Jungen?“ „Nein, Herr Inſpector.“ „Wie lange iſt es nun her, daß die Marie⸗Charlotte aus New⸗ York ſegelte?“ „Drei Monate; da iſt keine Hoffnung mehr.“ Paul blickte hinüber zum Lootſencommandeur— der aber hatte die Augen niedergeſchlagen. Es iſt keine Hoffuung mehr, dachte Paul. „Wieviel habt Ihr nun noch zu Hauſe?“ fragte Guſtav den Alten. „Sechs; zwei Jungen und vier Dirnen. Der Aelteſte geht noch in dieſem Jahre fort.“ „Ihr ſollt von der nächſten Woche an den zweiten Prahm führen, Zander. Ihr verſteht die Arbeit beſſer, als die Uebrigen, und beſſere Arbeit muß beſſer bezahlt werden.“ „Danke, Herr Inſpector.“ Der alte Mann ging nach der Thür. „Und hört, Zander! laßt Euch oben in der Küche ein Glas Grog geben, und ſteif!“ „Danke, Herr Inſpector!“ Der Nächſte war ein großer, ſchlanker Jüngling von vielleicht neunzehn Jahren, mit einem Kopfe, der in einer andern als dieſer rauhen Faſſung—— auf den Schultern eines Dandy etwa in einer Opernloge— die Lorgnetten aller Damen in Bewegung geſetzt haben würde; ſo voll fielen die Locken um das ſchöne, blühende Geſicht; ſo blitzten die blauen Angen unter den dunkeln Wimpern hervor. „Ich wollte den Herrn Inſpecter bitten,“ ſagte der Jüngling, nachdem er ſein Geld empfangen und ſeine drei Kreuze ſtatt des Namens unter die Quittung gemalt hatte,„mich bis Mittwoch von der Arbeit zu laſſen.“ „Was habt Ihr denn vor, Lachmund?“ Der hübſche Junge blickte ein bischen verlegen d'rein:„Ich wollte nur eben Hochzeit halten, ſagte er. „Ihr ſeid nicht geſcheidt, Lachmund! Ihr hättet doch wahrlich noch ein paar Jahre warten können.“ Auf der Düne. 107 „Ich wollte wohl ſchon warten,“ ſagte Lachmund, und dabei kratzte er ſich nachdenklich hinter dem linken Ohr,„aber die Jette will ja nicht.“ „Aber Ihr ſeid doch auch noch gar zu jung.“ „Jung gefreit, hat Niemand gereut, Herr Inſpector.“ „Beſſer freilich zu jung, als zu alt,“ ſagte Guſtav.„Nun grüßt die Jette, und bittet mich über's Jahr hübſch zu Gevatter.“ Lachmund murmelte etwas durch ſeine weißen Zähne, wovon man nur die Worte:„noch in dieſem Jahre,“ deutlich verſtehen konnte. FkM ME „Ihr ſeid ja ein Teufelskerl,“ ſagte Guſtav, während Paul lachte, Klabautermann in ſeine Rechnungen hineinkicherte, und ſelbſt über des Lootſencommandeurs ruhiges Geſicht ein Lächeln zog;„nun haltet Euch brav; und ich will ſehen, ob ich Euch zum zweiten Boots⸗ mann auf dem Kutter mache; da könnt Ihr ſchon eher wirth⸗ ſchaften.“ „Danke, Herr Inſpector!“ ſagte der hocherfreute Junge und kratzfußte ſich zur Thür hinaus. „Wird dieſer Wagehals, der das Leben ſo leicht auf ſeine breiten Schultern nimmt, nach zwanzig Jahren auch wohl ſo nachdenkliche Furchen im Geſichte und ſo traurige Augen haben, wie vorhin der Alte?“ meinte Paul. „Sehr möglich!“ ſagte Guſtav, und fuhr ſich mit der Hand über Stirn und Augen. Die Auszahlung war zu Ende. Die Arbeiter, meiſt Leute aus den benachbarten Stranddörfern, waren in ihren Booten abgefahren, und nur die eigentliche Beſatzung der Schiffe und des Baggers zurückgeblieben. Die Geſellſchaft in der Cajüte rüſtete ſich zum Auf⸗ bruch. „Ich möchte doch lieber hier bleiben,“ ſagte Guſtav da;„die neue Arbeit iſt ſehr dringend; und Ihr werdet drüben auch wohl ohne mich fertig werden.“ Nur durch vielfaches Zureden der Anderen, und als Paul ihm Clementinens ausdrücklichen Wunſch mittheilte, ließ er ſich zur Mit⸗ fahrt bewegen. * 108 Auf der Düne. Als ſie an dem ſchwarzen Rumpf der Schmiede hinruderten, zog der Rauch der Eſſe, der ſich bei der ſchweren Luft nicht erheben konnte, dicht über ihren Köpfen hin. „Sorgen Sie dafür, daß das Feuer auf dem Herde ordentlich ausgelöſcht wird!“ rief Guſtav dem bärtigen Maſchinenmeiſter zu, der über die Brüſtung lehnte. „Sollte der alte Kaſten noch ſo viel jugendliches Feuer haben, daß er auf den herviſchen Gedanken verfallen könnte, ſeinem öden Daſein durch einen freiwilligen Flammentod ein Ende zu machen?“ fragte Paul lachend. „Das eben nicht,“ ſagte Guſtav,„aber ich habe dieſe Tage hin⸗ durch allerlei Ahnuugen von einem bevorſtehenden Unglück gehabt.“ „Folgen der Einſamkeit und des ſchlechten Wetters;“ meinte Klabautermann und hüllte ſich dichter in ſeinen blauen Mantel. Und ſchlecht war das Wetter; das könnte höchſtens Papa Walter leugnen, der ſo vergnügt am Steuer ſaß, als ob jede Welle, die ſich am Buge brach und die Geſellſchaft in eine Wolke von Salzſchaum hüllte, ein alter Bekannter ſei, den wiederzuſehn ihm ganz beſonders lieb wäre. Zum Ueberfluß ſprühte unaufhörlich ein feiner Regen herunter— jener Regen, der ſo harmlos ſcheint, und ſeinen Mann bis auf die Haut durchnäßt, ehe er ſich deſſen verſieht. Paul wäre ſchier ungeduldig geworden; aber er dachte an die Situation des Lootſencommandeurs und ſeiner Mannſchaft auf dem Felſenriff an der Küſte von Wales— und ſchämte ſich. Als aber das Boot beim Anlanden knirſchend auf den Sand fuhr, ſprang er ſo froh an's Ufer, als habe er nach langer Irrfahrt das Land ſeiner Väter wieder erreicht. Fünßehntes Capitel. Es war Abend geworden— ein dunkler, regneriſcher, ſtürmiſcher Abend aus einem trüben, regneriſchen, windigen Tage. Das Feuer in der Leuchtbake und die Lichter im Commandeurshauſe wurden heute Auf der Düne. 109 früher wie gewöhnlich angezündet. Die Geſellſchaft war im Garten⸗ ſaale; aber die Glasthür nach dem Muſchelgarten blieb verſchloſſen, die Fenſter waren verhüllt, und der Lootſencommandeur erklärte nach dem Abendeſſen, daß der Punſch heute um mehre Grade nördlicher gebraut werden müſſe.— Dem alten Herrn aus der Stadt zu Ge⸗ fallen, der des Abends nur ungern ſeine Partie vermißte, hatte man in der Mitte des Saales einen Whiſttiſch arrangirt, an den er, Guſtav und Herr von Elze ſich ſetzen, während Clementine, die ſich— unbegreiflich genug für Hedda— für alle Kartenſpiele ſehr intereſſirte, bald zu dieſem, bald zu jenem trat. Paul theilte ſeine Aufmerkſamkeit, freilich zu ungleichen Theilen, zwiſchen dem Lootſen⸗ commandeur, der ſeinen Platz in der Sophaecke hinter der Bowle be⸗ behauptete, und Hedda, die am Clavier an der andern Seite des Saals ſaß, und pianiſſimo phantaſirte. Er hatte ſich eben wieder, unter dem Vorwande, ihr ein Glas aus der Nordlandsbowle bringen zu müſſen, zu ihr geſetzt, und indem ſie ſich dankend in ihrem Stuhl zurücklehnte und er den einen Arm auf's Clavier ſtützte, ſo daß er ihr in's Geſicht ſchauen und zugleich, was im Saale vorging, über⸗ ſehen konnte, begann zwiſchen den jungen Leuten eine jener traulichen Unterhaltungen, die, wie es ſcheint, nur in der halbdunkeln Ecke eines Geſellſchaftszimmers, und nur in leiſem Tone geführt werden können, und die von einem wunderbaren Reiz ſind, beſonders wenn in einem der Flüſternden, oder gar in Beiden eine jheimliche Neigung ſich zu regen beginnt. Sie hatten ſeit geſtern zum Ueberfluß ein gemeinſames Intereſſe mehr; ſie wollten vielleicht ſich ſelbſt und ihr eigenes Verhältniß ver⸗ geſſen, indem ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit auf Andere und das Ver⸗ hältniß Anderer richteten, und bedachten nicht, daß es keinen kürzeren Weg giebt, zwei Menſchen einander nah und näher zu bringen, als gemeinſchaftliches Handeln für denſelben Zweck. Und Hedda und Paul hatten heute, ohne eine Verabredung mit einander getroffen zu haben, wie auf Verabredung gehandelt, und ihre guten Geiſter zum Kampf gegen die böſen Geiſter aufgeboten, die nur allzu ſichtbar mit einigen Anderen aus der Geſellſchaft ihr Spiel trieben.— Schon die erſte Begegnung zwiſchen Guſtav und Clementinen hatte für die, 110 Auf der Düne. welche tiefer zu ſehen glaubten, etwas Peinliches gehabt. Als die Geſellſchaft im Hauſe anlangte, war Clementine gerade aus ihrem Zimmer auf den Flur getreten, und hatte ſich— ganz gegen ihre Gewohnheit— mit einem Kuſſe auf den Lippen ihrem Gatten genaht. „Laß mich nur erſt meinen Ueberrock ablegen!“ ſagte Guſtav, gewiß ohne eine andre Abſicht, als ſeiner Gattin die naſſe Umarmung zu erſparen; ſie aber hatte ſich, ſichtlich verletzt, abgewandt; und als in demſelben Angenblicke das Mädchen mit dem Kinde auf dem Arm aus dem Gartenſaale über den Flur nach Clementinens Stube ging, und Guſtav ſich lebhaft zu ſeinem Lieblinge wandte, ſagte Clementine: „Willſt Du nicht erſt Deinen Ueberrock ablegen, Guſtav! das Kind hat eine trockene Begrüßung nöthiger, als ich“— eine Bemerkung, die wiederum keineswegs zur Erhöhung von Guſtav's guter Laune beitrug. Das Mittagseſſen war trotz der Anweſenheit des Gaſtes und trotz Hedda's und Paul's Bemühungen, eine lebhafte Unterhaltung zu Stande zu bringen, ſehr ſtill geweſen. Als man ſich hinſetzen wollte, fragte Clementine:„Iſt nicht zu Herrn von Elze geſchickt?“ dieſe Frage war nun ſehr erklärlich; denn der Lieutenant ſpeiſte viel häufiger im Commandeurshauſe, als in ſeiner eigenen Wohnung und zumal fehlte er, wenn Gäſte da waren, niemals, und Hedda ant⸗ wortete auch ganz unbefangen:„Verſteht ſich; aber er iſt heute Morgen fortgeſegelt und wird wohl erſt gegen Abend kommen;“— dennoch meinte Paul:„Clementine hätte die Frage auch wohl unterlaſſen können;“ denn er ſah, wie Guſtav ſich auf die Unterlippe biß, und er kannte dieſes Zeichen des Unmuths, als ſeinem Vetter charakteriſtiſch, ſchon von früher her.— Die Stunden nach Tiſche waren beſonders öde. Es iſt ſchon erwähnt, daß Clementine eben ſo viel Schlaf be⸗ durfte, wie Hedda wenig, und daß ſie ſich nach der Mittagsmahlzeit ſtets in ihr Zimmer zurückzog. Heute nun verging Stunde auf Stunde, und ſie erſchien nicht wieder, und ihr Mädchen berichtete nur von Zeit zu Zeit daſſelbe: die Frau ſchläft. Nun konnte man ſich über dieſe lange Sieſta nicht wundern, wenn man wußte, daß Clementine faſt die ganze Nacht bei ihrem Kinde gewacht hatte; aber das hatte ſie nach ihrer Weiſe Niemandem geſagt, und ſo konnte man denn Guſtav die Bemerkung, die er gegen Paul machte:„Meine Frau Auf der Düne. 111 ſcheint meine Anweſenheit als eine beſonders paſſende Gelegenheit zu betrachten, was ſie in der Zwiſchenzeit möglicherweiſe zu wenig ge⸗ ſchlafen hat, nachzuholen,“ nicht ſo ſehr verargen. Hedda nun, ſobald ſie merkte, daß Guſtav ungeduldig wurde, hatte ihrerſeits über Mü⸗ digkeit zu klagen angefangen und ſich auf ihr Zimmer begeben, und war erſt gegen Abend wieder erſchienen, lange nach Clementinen. „Was in aller Welt haben Sie nur ſo lange oben angefangen?, fragte Paul ſie jetzt im Laufe der Unterhaltung.„Ich habe mich entſetzlich gelangweilt, Voiſin,“ antwortete ſie;„und bin zuletzt vor lieber langer Weile wirklich eingeſchlafen. Aber ich dachte, Cle⸗ mentinens Abweſenheit würde weniger auffallen, wenn ich nicht da wäre; und ſo brachte ich denn der Göttin der Eintracht dieſes fromme Opfer.“„Und die Göttin ſcheint es ja auch gnädig angenommen zu haben, denn da ſitzen ſie ja ganz einträchtiglich bei ihrem langweiligen Whiſt, und ich ſehe zum erſten Male im Leben, daß Kartenſpielen doch zu etwas auf der Welt gut iſt. Und Alles wird gut werden; Guſtav hat verſprochen, morgen den ganzen Tag hier zu bleiben, und Herr von Elze wird ja, wie ich höre, in einer Woche hier ſeine letzte Gaſtrolle geben, ebenſo wie ich—“„Nein,“ ſagte Hedda ganz er⸗ ſchrocken.„Was, nein, Voiſine?“„Sie dürfen noch nicht reiſen; wenigſtens nicht vor Herrn von Elze!“„Das verſpreche ich Ihnen!“ „Hand darauf!“„Da!“ In dieſem Augenblicke wurde die Glocke über dem Wärter⸗ häuschen auf der Düne dicht nebenan mehre Male ſtark und ſchnell hintereinander gezogen.„Was heißt das?“ fragte Paul.„Ein Schiff in Gefahr!“ antwortete Hedda. Schon hatten die Spielenden die Karten auf den Tiſch geworfen, der Lootſencommandeur war hinter der Bowle hervorgekommen, und Alles eilte nach der Glasthür. Es war eine kalte, mond⸗ und ſternloſe Nacht; kaum hob ſich der weiße Sand des Strandes von dem dunklen Meere ab.„Da ſehe nun Jemand was!“ ſagte Hedda. In dem Moment zuckte auf der See gerade in der Richtung vor ihnen eine kurze, rothe Flammenſäule auf, um ſogleich wieder zu verſchwinden.„Der Bagger brennt!“ ſchrie Guſtav.„Nein,“ ſagte der Lvotſencommandeur,„der Bagger liegt weiter Weſt— es iſt die Schmiede.“ Und wieder zuckte die Flamme 2 Auf der Düne. auf und wurde mit jedem Augenblicke größer und heller.„Ein Boot! ſchnell ein Boot“— rief Guſtav.„Nur ruhig,“ gebot der Lootſen⸗ commandeur,„wenn ſie auf dem Bagger ſo ſchlecht Wache halten, als auf der Schmiede, kommen wir noch früher hin.— Nehmt Beile und Bohrer mit!“ rief er den Leuten zu, die jetzt nach dem Strande eilten, um die Boote in's Meer zu ſchieben.„Wenn die Schmiede vom Anker treibt, brennt Alles ab,“ rief Guſtav.„Bewahre,“ ſagte der Lootſencommandeur,„der Wind iſt Weſt⸗Nord⸗Weſt; ſie treibt von den Schiffen fort, hierher.“ Während Alle wirr durch einander ſprachen, ging Clementine eilends hin und holte ihres Gatten und des Lootſencommandeurs Röcke und Mützen, und ſtand jetzt, wie Guſtav ſich aus der Thür umwandte, mit den Kleidern auf dem Arm vor ihm.„Das habe ich nun von Eurer Einladung,“ ſagte Guſtav bitter;„hättet Ihr mich doch ruhig gelaſſen, wo ich war.“„Zieh' Dir nur den Rock an,“ ſagte Clementine, die ſehr blaß war.„Was ſoll ich denn mit dem naſſen Rock?“ ſagte Guſtav ärgerlich⸗„Ich habe ihn trocknen laſſen.“„So gieb her!“ Und er eilte ohne ein Wort des Grußes oder Dankes fort.„Ich will auch mit!“ rief Paul, und ſuchte in allen Winkeln nach ſeiner Mütze.„Es iſt zu ſpät“— ſagte Hedda,„eben ſtoßen die Boote ab!“ Clementine hatte ſich in die Sophaecke geſetzt und den Kopf auf die Hand geſtützt. Herr von Elze, der während der vorigen kurzen Scene kaum ein Wort geſprochen hatte, war an den Tiſch getreten und füllte ſich ruhig ſein Glas aus der Bowle.„Es iſt abſcheulich kalt,“ ſagte er und ſchüttelte ſich,„ich dächte, wir machten die Thür wieder zu! Wir können die Sache aus den Fenſtern ebenſo gut ſehen.“ „Wer kommt mit zum Wächterhäuschen?“ rief Hedda, die in der größten Aufregung war. Clementine rührte ſich nicht aus ihrer Stellung.„Sie werden ſich erkälten, Fräulein!“ ſagte Herr von Elze, das vollgeſchenkte Glas leerend.„Kommen Sie mit, Voiſin?“ rief Hedda ungeduldig.„Ja!“ und ſie eilten durch den Muſchel⸗ garten nach dem Strand der Düne zu, auf deren Höhe das Wächter⸗ häuschen lag.„Das Licht aus der Leuchtbake macht, daß ich gar nichts ſehe,“ rief Paul, der ſeine Füße alle Augenblicke in einer Staude Seegras verwickelt fand.„Geben Sie mir Ihre Hand, ich Auf der Düne. 113 kenne hier jeden Schritt,“ rief Hedda— und ſo liefen ſie Hand in Hand die Düne hinauf und kamen außer Athem oben an. Der alte Lootſe, der ſie vor einigen Tagen nach den Hünengräbern hinüber⸗ gefahren hatte, war auf der Wache.„Iſt die Schmiede noch zu retten, Rickmann?“ fragte ihn Hedda.„Was würde das helfen?“ ſagte der Alte,„verbrennen oder ſcheitern muß ſie doch einmal.“ „Warum?“ fragte Paul.„Weiß denn der Herr nicht, daß die Schmiede ein Sklavenſchiff geweſen iſt?“„Nein; aber ſie ſah gerade darnach aus.“„Nun, und ein Sklavenſchiff geht über kurz oder lang doch unter, und je eher, je beſſer.“„Sind denn Menſchen auf der Schmiede?“„Sie ſtoßen eben ab,“ ſagte der alte Lootſe, der durch das Nachtfernrohr ſah;„und, bei Gott, es iſt die höchſte Zeit. Das Feuer hat die Kohlenvorräthe ergriffen..“ Und ſo mußte es wohl ſein, denn die Lohe ſchoß auf einmal mächtig empor, und im Nu ſtand das Schiff von einem Ende zum Andern in Flammen. Eine gewaltige leuchtende Rauchſäule wehte von ihm hinaus in die Nacht. Von dem brennenden Fahrzeuge zum Nedur herüber ſchimmerte eine breite feurige Spur; die beiden Boote fuhren eben darüber weg; man ſah deutlich das ſchnelle, gleichmäßige Eintauchen der Ruder. Das Licht, das von dem Feuer ausſtrahlte, war ſo intenſiv, daß für einen Augenblick ſelbſt die ferne Küſte der großen Inſel aus dem Dunkel hervortauchte, und der Nedur erſchien, als ob man ihn am hellen Tage durch ein gefärbtes Glas angeſehen hätte. Paul und Hedda waren, um beſſer ſehen zu können, aus der Hütte unter das vorſpringende Dach getreten. Sie blickten einander an. „Wie blaß Sie ſind, Voifine!“ ſagte er, und ſeine Stimme zitterte;„und im bloßen Kopf, ohne Tuch— Ihre Hände eiskalt— wie habe ich das nur zugeben können! Kommen Sie zurück— ſchnell, ſchnell!“ Und als Hedda, ohne zu antworten, ihn nur immer anſah: „Was ſehen Sie mich ſo an, Sie Unfolgſame, Unvorſichtige!“ „Schelten Sie noch ein wenig ſo— das höre ich ſo gern!“ ſagte ſie, ohne die leuchtenden Augen von ihm zu wenden. Wie gern hätte jetzt der junge Mann das ſchlanke Mädchen an ſein Herz gezogen, ſeine Lippen auf ihre Lippen gedrückt; aber er bezwang ſich und ſagte lächelnd:„Kommen Sie nur erſt in's Haus; da will ich Sie ſchelten, Fr. Spielhagen's Werke. IV. 8 114 Auf der Düne. ſo viel Sie wollen!“„Allons!“ rief ſie;„gute Nacht, Rickmann!“ und obgleich der Pfad die Düne hinab nach dem Hauſe jetzt hell genug erleuchtet war, entzog ſie ihm doch ihre Hand nicht, bis ſie vor der Thür des Gartenſaals ſtanden. Als ſie eintraten, fanden ſie Herrn von Elze allein. Er wandte ſich raſch nach ihnen um. Sein Geſicht hatte den gewöhnlichen Ausdruck; aber in ſeinen Augen ſpielte jenes eigenthümliche kalte Funkeln, das Paul ſchon von dem Abend an den Hünengräbern her kannte.„Hier iſt etwas vorgefallen,“ dachte Paul bei ſich.„Wo iſt Clementine?“ fragte Hedda. Sechzehntes Capitel. Clementine und Herr von Elze waren nach jener Scene der Ver⸗ wirrung allein im Saale zurückgeblieben.— Einige Minuten lang hatten Beide geſchwiegen. Wenn die junge Frau ſich auch ſo weit beherrſchte, daß ihr die Thränen, von denen ihr Herz voll war, nicht in die Augen kamen, ſo hätte ſie doch auch nicht zu ſprechen vermocht; und Herr von Elze, der ihren ſtarren Blick, die ſchweren, tiefen Athemzüge wohl bemerkte, und dieſe Zeichen einer mächtigen Erregung nicht ungern ſah, wußte trotz ſeiner Gewandtheit nicht gleich die ſchick⸗ lichen Worte für den Augenblick zu finden; aber dieſen Augenblick, der vielleicht ſo nie wieder kam, zu benutzen, war er feſt entſchloſſen. Er ſchritt ein paar Mal im Saale auf und ab, trat an die Glasthür, ſchaute hinaus und, beobachtete das Fortſchreiten des Bran⸗ des— die Zeit vergeht, dachte er, und wandte ſich wieder zu Cle⸗ mentine: ſie hatte ſich noch nicht aus ihrer Stellung gerührt. „Sollte der Verluſt denn ſo bedeutend ſein?“ fragte er. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Clementine. Wiederum eine Pauſe.. „Kann denn bei der ganzen Sache Guſtav ein Vorwurf treffen? vielleicht der, daß er nicht auf ſeinem Poſten geblieben iſt?“ „Ich weiß es nicht.“ Auf der Düne. 115 Und abermals eine Pauſe. Herr von Elze ſetzte ſich zu der jungen Frau auf's Sopha, und ſagte, ſich zu ihr wendend, mit leiſer nachdrücklicher Stimme: „Sie haben mir erlaubt, gnädige Frau, mich Ihren Freund nennen zu dürfen. Wenn ich das wirklich bin, ſo müſſen Sie mir dieſe Bitte gewähren: brechen Sie dies entſetzliche Schweigen; ich leide mehr darunter, als ich ſagen kann und will.“ „Was ſoll ich ſagen?“ fragte Clementine mit demſelben ſtarren Blick. „Sagen Sie mir, daß Sie glücklich ſind! denn der Zweifel daran tödtet mich.“ „Glücklich?“ ſagte die junge Frau, und bei dem Wort quollen zwei große Thränen aus ihren Augen;„wer iſt denn glücklich?“ „Ein Weib, daß ſich geliebt weiß, geliebt von einem Manne, der ihrer Liebe nicht unwürdig iſt.— O Clementine,“ fuhr er leb⸗ hafter fort, und er ergriff ihre Hand,„glauben Sie, es giebt noch Einen, dem an Ihrem Lächeln mehr liegt, als an der Gunſt ſeiner Vorgeſetzten; der lieber alle Schiffe der Welt verbrennen, als Sie weinen ſähe! Wären Sie glücklich, ich hätte geſchwiegen; ich hätte mich mit blutendem Herzen von hier losgeriſſen— und hätte ge⸗ ſchwiegen. Aber, weil Sie unglücklich ſind, habe ich ein Recht zu ſprechen, und ich will es. Ich will nicht, daß ein Weſen, das ich liebe, unglücklich iſt; und, Clementine,— Sie müſſen es ja längſt ge⸗ fühlt haben— ich liebe Sie!“ Während Herr von Elze dieſe Worte mit dem leidenſchaftlichen Tone, den er anzunehmen vermochte, ſprach, überlegte er kalt, ob er es wagen dürfte, ſeiner Liebeserklärung durch einen Fußfall größeren Nachdruck zu geben. Die tiefe Stille draußen, das Zittern der ſchönen Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, die hohe Röthe, die Clementinens Geſicht bedeckte, ermuthigten ihn, und er ließ ſich, noch immer ihre Hand feſthaltend, von dem Sopha neben ihr auf ein Knie gleiten. Aber wenn er gehofft hatte, der jungen Frau durch die Kühn⸗ heit ſeines Schrittes zu imponiren, ſo hatte er ihre Kraft zu gering angeſchlagen. Ob ihr gleich das Herz zum Zerſpringen beſts ſchlug, 116 Auf der Düne. konnte ſie doch, ihm ihre Hand entziehend, faſt mit einem Lächeln auf den Lippen antworten: „Wenn ich nicht wüßte, daß in dieſem Augenblicke viel mehr Theilnahme aus Ihnen ſpricht, als Liebe; nicht wüßte, daß Sie jetzt nicht die leidenſchaftsloſe Clementine in mir ſehen, ſondern Ihre wankelmüthige Adelaide— würde ich Sie bitten müſſen, mich zu ver⸗ laſſen, oder ich ſelbſt würde Sie verlaſſen. So ſage ich nur: beſinnen Sie ſich! ſtehen Sie auf, und ſprechen Sie, wie es einem Freunde zur Gattin eines Andern geziemt.“ Herr von Elze war durch dieſe Antwort etwas aus der Faſſung gebracht. Er würde viel eher dem Ausbruche des heftigſten Unwillens zu begegnen gewußt haben; und obgleich ihm ihr Zittern und ſeine Eitelkeit ſagten, daß dieſe Ruhe zum Theil erkünſtelt ſei, ſo ſah er doch, daß, wenn er ſein Spiel nicht ganz verlieren wollte, er ſehr vorſichtig ſpielen müſſe. Er erhob ſich, blieb vor der jungen Frau mit untergeſchlagenen Armen ſtehen und ſagte in ſeinem düſter⸗ ſten Tone: „Gattin eines Andern! eine vortreffliche Inſchrift für ein Kreuz auf dem Grabe eines gebrochenen Herzens, eines zerſtörten Lebens⸗ glücks! Gattin eines Andern! Und weiß denn der Andere, was er an Ihnen beſitzt? hat er denn nur eine Ahnung von ſeinem über⸗ ſchwänglichen Glück? O, gnädige Frau, es iſt qualvoll, daſtehen zu müſſen mit einem Herzen voll der heißeſten Liebe, und dieſe Liebe verſchweigen, verbergen, verſtecken zu müſſen; nichts für die Geliebte thun zu dürfen, kaum das Tuch aufheben, das ihr entfallen, und nach dem ſich zu bücken der Gemahl viel zu ſehr der Herr Gemahl iſt, wenn man ſein Leben, Alles, Alles freudig für die Gattin dieſes Andern opfern könnte.“ „Sie verkennen Guſtav; Sie verkennen mich; vor allem: Sie verkennen ſich;“ ſagte Clementine.„Ich weiß, daß Sie es gut, ſehr gut mit mir meinen, und dieſe Gewißheit läßt mich jetzt freundlich und ruhig mit Ihnen ſprechen. Ich kenne Ihr Herz viel beſſer, als Sie ſelbſt es kennen. Sie halten mich für unglücklich; das ſchmerzt Sie; und nun bilden Sie ſich ein, Sie liebten mich, oder müßten mich lieben. Und weshalb glauben Sie, ich ſei nicht glücklich? weil Auf der Düne. 117 Guſtav mir jene kleinen Aufmerkſamkeiten nicht erweiſt, auf die ich, wie Sie ſelbſt wiſſen, ſo wenig Werth lege? oder weil er mich einmal in einer gewiß verzeihlichen Aufregung gekränkt hat? Es iſt un⸗ ſchicklich genug von mir, daß ich mir das habe merken laſſen; aber dieſe Unſchicklichkeit zu rügen, hätte einem Freunde am wenigſten einfallen ſollen.“ „Sie wollen ſich täuſchen und mich,“ ſagte Herr von Elze bitter. „Mag Ihnen das Erſte gelingen; das Andere iſt unmöglich! ich habe Sie zu lange und zu genau beobachtet. O gnädige Frau, bedenken Sie doch: Sie ſind ja noch ſo jung— das Leben, das vor Ihnen liegt, iſt noch lang; und ſolcher Kränkungen, wie Sie heute erfahren haben, öfter ſchon erfahren haben, als ich zählen könnte oder wollte, werden Sie noch viele erdulden müſſen. Kein göttliches oder menſch⸗ liches Geſetz verbietet Ihnen, das Band zu löſen, das Ihnen auf die Dauer zur drückendſten Feſſel werden muß. Sie haben gewählt, ja — aber in der blinden Unerfahrenheit der Jugend; jetzt hat die Er⸗ fahrung, die bittere Erfahrung Ihnen die Augen geöffnet— wählen Sie mit ſehenden Augen noch einmal!“ „Um Gott, Herr von Elze,“ rief Clementine,„halten Sie inne! Sie wiſſen nicht, was Sie ſprechen—“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür nach dem Vorſaale und Clementinens Mädchen ſchaute herein. „Frau Inſpector, der Kleine iſt wieder ſo unruhig; möchten Sie nicht einmal herüberkommen?“ „Sogleich!“ ſagte Clementine aufſtehend; und als das Mädchen gegangen war:„Sprechen Sie ſo nie wieder zu mir, wenn wir Freunde bleiben ſollen.— Ich habe mir einmal vorgenommen,“ fuhr ſie freundlicher fort,„Sie von Ihrem Lebensüberdruß, von Ihrem Weltſchmerz zu heilen— ſoll dies der Dank für meine Mühe ſein?“ Und als Herr von Elze nach ſeinem Hute griff:„Bleiben Sie! Ihr Fortgehen könnte auffallen; ich bin in wenigen Minuten wieder hier.“ Die Thür hatte ſich kaum hinter ihr geſchloſſen, als Paul und Hedda von der andern Seite hereintraten. „Wo iſt Clementine?“ fragte Hedda. 18 Auf der Düne. „Frau Inſpector iſt eben zu dem Kleinen gegangen; ſie wird wohl bald wieder kommen.“ „Hier, Fräulein Hedda,“ rief Paul,„ein Glas aus der Nord⸗ landsbowle! So, aus! bis auf den letzten Tropfen! Und nun thun Sie ſich den Gefallen, und vertauſchen Sie Ihre naſſen Kleider mit andern.“—„Ach das bischen Regen!“ ſagte Hedda; aber ſie ging ſogleich, zu thun, was ihr geheißen war, wie ein folgſames Kind. Die beiden Männer blieben auf ein paar Minuten allein, und ſahen durch die jetzt geöffnete Glasthür, daß das brennende Schiff vom Anker frei geworden war, und, wie es der Lootſencommandeur vorausgeſagt hatte, bei dem lebhaften Winde ſchnell auf den Nedur zu trieb— ein geſpenſtiſches Fahrzeug! Clementine kam zurück, ſcheinbar vollkommen ruhig; und trat zu den Männern an die Thür. Jetzt erſchien auch Hedda wieder und rief lachend:„Wißt Ihr denn, wo der Rendant iſt?“ In der Verwirrung hatte Niemand auf den alten Herrn geachtet. „Er wird wohl in einem der Boote ſein,“ meinte Herr von Elze. „Gott bewahre!“ lachte Hedda;„er iſt oben auf ſeinem Zimmer, in ſeinem Bette.“ „Unmöglich!“ riefen Alle. „Ganz gewiß. Als der Lärm anfing, iſt er zu den Leuten in die Küche gekommen, und hat eiligſt nach einem Licht und nach ſeinem Zimmer verlangt. Und zu Chriſtel, die ihm hinaufgeleuchtet hat, hat er geſagt: er könne kein Feuer ſehen, und er wolle kein Feuer ſehen, und das ſolle ſie nur ſagen, wenn nach ihm gefragt werde. Und ſo hat er ſich eingeſchloſſen, und Chriſtel hat ihn noch durch die Thür hindurch laut ſeufzen und ſtöhnen hören.— Iſt das nicht wunderlich?“ „Keineswegs!“ ſagte Paul lachend.„Was euch Allen ein Kaſſen⸗ rendant und würdiger alter Herr ſcheint, iſt weiter nichts wie ein Klabautermann und ſchadenfroher Meergeiſt. Ich habe ihn ſogleich erkannt, als er heute Morgen zu uns in die Cajüte trat. Er hat den Untergang des Sklavenſchiffs verkündet, und er iſt auch gar nicht oben in ſeinem Bett, ſondern klettert ſoeben ſieben Meilen von hier an der Wand eines unglücklichen, dem Verderben geweihten Schiffs hinauf.“ Auf der Düne. 119 Dieſes ſcherzhafte Zwiſchenſpiel brachte Clementine und Herrn von Elze glücklich über das Peinliche ihrer Lage weg; und da der Brand jetzt faſt ganz erloſchen— das heißt: das Schiff bis zum Meeresſpiegel herabgebrannt war, erwartete man die Rückkehr der Boote unter Geſprächen, wie ſie denn bei dergleichen Gelegenheiten üblich ſind. Bald kamen auch die Boote, ohne Guſtav, der ſich nach dem Adler hatte bringen laſſen. Der Lootſencommandeur berichtete, wie es ihnen nicht mehr möglich geweſen ſei, das Schiff in den Grund zu bohren; übrigens ſei an dem alten Kaſten wenig gelegen; es ſei nur um die Kohlen; die Werkzeuge habe man geborgen; von den Leuten ſei Keiner zu Schaden gekommen, nur des alten Rickmann's Sohn habe einen böſen Fall gethan, und über heftige Schmerzen in der Schulter geklagt. Er fragte nach dem Rendanten, und als er hörte, daß der ſich eiligſt beim Ausbruch des Feuers davon gemacht habe, ſagte er, der arme Mann habe vor langen, langen Jahren ſein junges Weib und ſeine zwei Kinder bei einem Brande verloren, und da müſſe man ihm ſeine Scheu vor dem Feuer ſchon zu gute halten. — Bald darauf trennte man ſich; der Lootſencommandeur wünſchte, wie immer, Allen eine„wohlſchlafende Nacht“; aber es iſt die Frage, ob ſein frommer Wunſch diesmal für Alle in Erfüllung ging. Siebenzehntes Capitel. Seit der Nacht, in welcher das Sklavenſchiff vom Schickſal ereilt wurde, waren einige Tage vergangen, die auf dem Nedur ſcheinbar Alles in den vorigen Stand zurückverſetzt hatten. Jedenfalls war der Hahn mit ſeiner Familie längſt ſchon wieder unter dem Boote hervotgekommen, denn die helle Sonne goß jetzt ſo viel blendendes Licht auf den Nedur herunter, als damals die dunklen Wolken Regen. Das Meer war ſtill und glatt, und wenn weit vom Strande eine einzelne Möve auf dem blauen Waſſer ſchwamm, erglänzte und ſchim⸗ 120 Auf der Düne. merte ihr weißer Leib wie ein Stern. Die grünen Jalouſien im Gartenſaale wurden kaum noch geöffnet— es war ausgezeichnetes Wetter für Fliegen und Schmetterlinge, für Menſchen vielleicht ein paar Grade zu heiß. Das war auch wohl der Grund, weshalb die gewöhnlichen Pro⸗ menaden ſeitdem unterblieben waren, und Paul's Vorſchlag, einmal nach dem Adler hinüberzurudern, um Guſtav, den man ſeit zwei Tagen nicht geſehen, zu beſuchen, nur von Seiten Hedda's Unter⸗ ſtützung gefunden hatte. Der alte Rendant hatte einen genauen Be⸗ richt des Brandes mit in die Stadt genommen, und man erwartete morgen den Beamten, welcher über die Bauten des Bezirks die Ober⸗ aufſicht führte und ſich beſonders für die Lootſenſtation auf dem Nedur und die Baggerflotte intereſſirte, da er dieſe Anſtalten entweder ſelbſt in's Leben gerufen, oder doch weſentlich erweitert und verbeſſert hatte. Die Anweſenheit des liebenswürdigen alten Herrn war immer eine Art von Feſt für den Nedur. Diesmal freute ſich vor allem Hedda auf ſein Kommen, denn ſie hoffte im Stillen, daß der Baurath ſeine Tochter mitbringen werde, welche keine Andere als ihre Freundin Olga war. Es war ein wunderlicher Gemüthszuſtand, in dem ſich Hedda befand. Ein Doppellicht ſtrahlte in ihr Leben und verwirrte und blendete ſie. Zwei Stimmen tönten oft in ſtiller Nacht in ihrem Ohr— und beide ſprachen Worte der Liebe; zwei Augenpaare blickten auf ſie in dunkler Nacht— und beide blickten Liebe— und vor der ſchmuckloſen Erſcheinung des nahen Freundes begann allmälig die glänzende Geſtalt des fernen Geliebten zu erbleichen. Und Hedda war vor allen Menſchen frei! Niemand— und der kühne Seemann, der ſtolz um die ganze Erde ſegelte, um ſeiner Geliebten nur ja Zeit zur Wahl zu laſſen, am wenigſten— hätte ihr auch nur den leiſeſten Vorwurf machen können, wenn ſie ſich mit ganzer Seele der neuen Liebe hingegeben, wenn ſie das ſchöne, reiche Herz angenommen hätte, das— wie ſie recht gut wußte, und welches Mädchen wüßte ſo etwas auch nicht!— ſich ihr von Tag zu Tag mehr zuneigte. Ihre Blicke hingen oft mit Wehmuth an dem Freunde: er hatte ſie doch ſo lieb, und ſie hatte ihn doch auch ſo gern— und in wenigen Auf der Düne. 6 Tagen wollte er wieder fort, und wer weiß, wo ſo ein fahrender Schüler bleibt, wenn er erſt einmal zum Thor oder zum Hafen hinaus iſt! Und ſie war ſo ſtolz auf ihn! Sie war ſtolz auf ſeine Kenntniſſe, auf ſeinen Witz— ſie war bezaubert von der Anmuth ſeiner Rede;—„Voiſin, holen Sie mir dies! Voiſin, holen Sie mir das!“ bat ſie oft, nur um ſich der graziöſen Leichtigkeit, mit der er ſich bewegte, freuen zu können. In dem Gefühl, das ſie für Paul empfand, war keine Spur von der verzehrenden Leidenſchaft, mit welcher ſie Gerhardt geliebt hatte— es war mild und klar— das Spiegelbild von Paul's Weſen— aber ſie merkte zu ihrer Verwun⸗ derung, daß dies Gefühl, ohne ſeine Natur zu verändern, mit jedem Augenblicke inniger und tiefer wurde. Denn Paul war einer jener Menſchen, die in eine Geſellſchaft treten können, ohne die mindeſte Senſation zu verurſachen, und die eine Stunde ſpäter, ohne daß Jemand zu ſagen wüßte, wie oder wodurch, die Blicke, die Aufmerk⸗ ſamkeit Aller auf ſich gezogen haben.— In dieſem Zuſtande des Schwankens und des Zweifels nahm ſie ihre Zuflucht zu einem Humor, in welchem ſie die Wirklichkeit und ihre Träume, Nahes und Fernes, Heiliges und Profanes im übermüthigen Spiel durcheinander miſchte, und fühlte ſich ganz ſicher, als Paul ſo leicht auf dieſes Spiel ein⸗ ging, ohne zu bedenken, daß eine ihr in jeder Hinſicht ſo ähnliche, nur noch größer angelegte, oder doch reicher entwickelte Natur in demſelben Falle— denn Paul liebte die Kunſt ſo leidenſchaftlich, wie Hedda ihren Geliebten liebte— auf denſelben Ausweg kommen mußte. So hätten dieſe Beiden für denjenigen, der unbefangen genug geweſen wäre, ihr Treiben zu beobachten, und klug genug, es zu durchſchauen, das komiſche Schauſpiel zweier Menſchen gewährt, die ſich vor einander hinter demſelben Baum verſtecken. Aber Niemand beobachtete ſie. Clementine benutzte das leichte Unwohlſein ihres Kindes als Vorwand, mehr als ſonſt in ihrem Zim⸗ mer bleiben zu dürfen; Herr von Elze, der in acht Tagen abreiſen wollte, fing an, ſeine Sachen zu packen. Clementine hörte das gern; ſie fühlte, daß er reiſen müſſe— um ihrethalben, wie um ſeinet⸗ halben. Sie dachte über die Scene am Abend des Brandes nicht mehr ſo ruhig, wis im Anfang. Sie hatte ſich einzureden verſucht, 122 Auf der Düne. daß er ſich in einer aufgeregten Stimmung zu Worten habe hinreißen laſſen, über deren Bedeutung er ſich ſelbſt in dem Augenblicke nicht klar war; aber ſie mußte ſich doch auch wieder ſagen, daß Naturen, wie Herr von Elze, nicht leicht von einer momentanen Stimmung überwältigt werden. Alſo hatte er genau das geſagt, was er hatte ſagen wollen, und alſo wurde ſie von ihm geliebt! Wo iſt die Frau, die einem Manne die Liebe, die er für ſie empfindet, zum Verbrechen machte?— Doch durfte er ihr ſagen, was er für ſie empfand? wäre es nicht ſeine heilige Pflicht geweſen, zu ſchweigen und zu dulden? Aber er hatte ja noch neulich mit Heftigkeit behauptet, daß eine Ehe, die nicht auf der vollkommenſten, hingebendſten Liebe beruhe, in ſeinen Augen keine Ehe ſei; ſollte er heilig halten, was ihm nicht heilig war? Und war die Liebe, die ſie und Guſtav verband, jene hohe, allgewaltige Liebe? wäre ihr an Herrn von Elze's Seite wirklich jenes Glück zu Theil geworden, nach der ſich das arme, thörichte Menſchenherz immerdar vergeblich ſehnt?— Die keuſche Frau er⸗ röthete vor ſich ſelbſt, wenn ihr die gaukelnde Phantaſie die Möglich⸗ keit einer Verbindung mit Herrn von Elze ſo leicht, ſo ſpielend aus⸗ malte, und in dieſem Widerſtreit ihres hellen Geiſtes mit Phantaſie und Sinnlichkeit, den Zwillingsſchweſtern, deren dämoniſche Macht ſie jetzt zum erſten Male erkannte, ging ihre alte Sicherheit verloren, und es war vorauszuſehen, daß ſie einem nochmaligen Werben des Mannes wenigſtens nicht mit der Unbefangenheit, wie das erſte Mal, begegnen werde. Achtzehntes Capitel. Der Baurath kam, und brachte wohl den alten Rendanten, zu Hedda's Betrübniß aber nicht ſeine Tochter mit, die plötzlich, wenn auch nicht gefährlich, erkrankt war, und von ihrem Bett aus mit unſicherer Hand den langen Brief der Freundin mit der kurzen War⸗ nung des Artemidorus im Julius Cäſar beantwortete, die aber bei ihr ſo lautete:* ———— Auf der Düne. 123 Hedda, hüte Dich vor Dir ſelbſt, ſei wachſam gegen Dich ſelbſt, habe ein Auge auf Dich ſelbſt, mißtraue Dir ſelbſt, beobachte Dich ſelbſt; Paul liebt Dich nicht; beleidigt haſt Du Deinen Gerhardt. Wo Du nicht unfehlbar biſt, ſchau um Dich. Sorgloſigkeit giebt dem Unheil Raum. Mögen Dich die großen Götter ſchützen! Die Deinige Olga. Derſelbe Tag brachte andere Gäſte. Ein Freund und früherer Kamerad des Herrn von Elze, der auf der Halbinſel, welche die Geſellſchaft neulich beſucht hatte, ein großes Landgut beſaß— der Tannenwald mit den Hünengräbern gehörte dazu,— kam gegen Mittag mit ſeiner Gemahlin, einer hübſchen, nur etwas zu corpulen⸗ ten Dame, auf ſeinem eigenen Boote herangeſegelt. Gleich darauf landete in einem Lootſenfahrzeuge der Arzt aus der nächſten Hafen⸗ ſtadt,— nach welchem am vorigen Tage des Keinen Paul's und des jungen Rickmann's wegen, der ſich am Abend des Feuers durch einen Fall die Schulter verletzt hatte. geſchickt war— ein noch junger, ernſter, blaſſer Mann, der ſich des Vertrauens und der Liebe Aller erfreute. Für Paul war jetzt auf Wochen die ganze übrige Welt ſo ganz verſunken geweſen, daß ihn die vielen fremden Geſichter und Stimmen im Anfang ganz unbehaglich machten. Es ſchien, als ob ſich heute Alles verändern ſollte; denn kurze Zeit nach der Ankunft des Bauraths nahm der Adler die ganze Baggerflottille in's Schlepp⸗ tau und fuhr mit ihr um den Nedur herum nach der entgegengeſetzten Seite, ſo daß dieſe ſtehende Staffage der Ausſicht, die man aus den Fenſtern des Gartenſaals auf das offene Meer hatte, verſchwunden war. Im Gartenſaal war eine lange Tafel gedeckt, um die ſich gegen Abend die ganze Geſellſchaft— denn die Gäſte des Herrn von Elze waren auch im Commandeurshauſe willkommen— verſammelte. Es war kurz nach Sonnenuntergang; der weſtliche Himmel erglänzte in tiefem Safrangelb, die Luft war mild und warm; die Schwalben— ſelbſt auf dem Nedur fehlten dieſe lieben, ſchönen Vögel nicht— flogen zum letztenmal ſchwirrend und zirpend, zu einer kleinen Schaar vereinigt, um das Haus; die Fenſter und die Thür waren weit geöffnet, der würzige Athem des Meeres hauchte in das Zimmer— 124 Auf der Düne. es war ein ſchöner feſtlicher Abend, und einen gar ſchönen, feſtlichen Anblick gewährte die Geſellſchaft an der reichbeſetzten Tafel im Gar⸗ tenſaale. Der Lootſencommandeur war in ſeiner beſten Laune, und der Glanz ſeines von Freude ſtrahlenden Geſichts wetteiferte mit dem Glanz der Meſſingknöpfe ſeines blauen Uniformrockes. Auch Herr von Elze war heute in Uniform, die ſeine lange, ſchlanke, etwas zu hagere Figur vortheilhaft zeigte. Selbſt Paul hatte heute zum erſten Mal einen Geſellſchaftsanzug angelegt. Auch Clementine und Hedda waren in noch mehr wie gewöhnlich gewählter Toilette, und in ihren weißen Kleidern gar reizende Erſcheinungen, neben denen die corpulente adlige Dame trotz der Regelmäßigkeit ihrer Züge und trotz ihrer runden Schultern, die ſie nur zu gern zeigte, keinen Vergleich aus⸗ hielt.— Und froh und feſtlich war auch die Stimmung in der Ge⸗ ſellſchaft. Witzige, ſcherzhafte Worte flogen hinüber und herüber; be⸗ ſonders lebhaft ging es an dem einen Ende der Tafel zu, wo die älteren Männer, zu denen ſich auch Guſtav geſellt hatte, ſaßen. Denn der Rath war ein liebenswürdiger Herr aus der alten Schule, der ſeine unendliche Bonhomie, die er im Dienſt hinter einem ge⸗ wiſſen gutmüthigen Poltern zu verſtecken ſuchte, hinter der Flaſche nicht länger verleugnete, und von guten Einfällen, lebensfriſchen Anekdoten, unübertrefflichen Jagdgeſchichten, in allerliebſten Knittel⸗ verſen ausgebrachten Toaſten überſprudelte. Hedda ſaß zwiſchen Patl und dem jungen bleichen Arzt— die Gelehrte zwiſchen den Gelehrten, wie der Baurath ſagte; Clementine ihr gegenüber zwiſchen Herr von Elze und ſeinem Freunde, einem breitſchultrigen Manne mit einem röthlichen, vollen Bart, der eine ausgedehnte Kenntniß in Allem, was Hunde und Pferde betraf, entwickelte. Clementine hätte es gern vermieden, neben Herrn von Elze zu ſitzen. Aber es traf ſich gerade, daß ſie, ohne daß es aufgefallen wäre, den Platz nicht hätte ablehnen können. Uebrigens unterhielt Herr von Elze ſie ganz in gewohnter Weiſe, und wenn er zuletzt ſehr lebhaft wurde, ſo konnte das nicht auffallen, da das ſeine Gewohnheit war, wenn er mehr Wein wie gewöhnlich getrunken hatte. Und übrigens befand ſich die ganze Ge⸗ ſellſchaft in jener aufgeregten Stimmung, in welcher ältere Herren leicht vergeſſen, daß auch ein Anderer einmal ein Wort anbringen Auf der Düne. 125 möchte, und junge Paare in den oft verhängnißvollen Wahn verfallen, andere Leute kümmerten ſich ſo wenig um ſie, wie ſie ſelbſt ſich um dieſe Anderen kümmern. Die Lichter im Saal und die Lichter am Himmel waren längſt angezündet; der Nachtiſch ſtand ſchon geraume Zeit auf der Tafel, und Hedda hatte endlich das Vielliebchen ge⸗ funden, das ſie mit de jungen Arzt eſſen wollte, als Paul ſah, wie das Mädchen Herrn Son Elze einen Brief überreichte, der ſchon am Mittag mit dem Boste aus der Stadt gekommen, aber in der Ver⸗ wirrung des Tages bis jetzt nicht abgegeben war. Er bemerkte, wie Herr don Elze mit einer flüchtigen Entſchuldigung gegen Clementine den Brief exbrach, wie ſeine Farbe, während er ihn ſchnell durchlief, kam und ging, wie er ihn mit einen eigenthümlichen Lächeln zuſam⸗ menlegte, Clementinen einige Worte zuflüſterte, ſich erhob und ſchnell entfernte.„Was iſt denn mit dem Lieutenant?“ fragte Hedda, die das Ende dieſer kurzen Scene geſehen hatte, über den Tiſch herüber. „Er hat wichtige Nachrichten aus ſeiner Heimath, und will nur eben bei uns ein paar Worte ſchreiben, damit ſie morgen früh gleich mit fort können,“ antwortete Clementine. Da kam das Mädchen wieder, und ſagte Clementinen etwas ins Ohr. „Wo iſt das Schreibzeug aus der Wohnſtube, Hedda?“ fragte dieſe.„Ich habe es Dich heute Morgen ſelbſt in den Secretär ſchließen ſehen;“ antwortete Hedda.„Das iſt auch wahr!“ ſagte Clementine, und ſtand auf, um ganz in ihrer Weiſe ſelbſt zu beforgen, was ſie beſſer beſorgen konnte, als ein Anderer. „Wie unvorſichtig!“ mürtielte Paul, denn es war ihm nicht ent⸗ gangen, daß Guſtav ſowohl das Aufſtehen Herrn von Elze's, als Clementinens Fortgehen bemerkt hatte, daß er jetzt mit einem er⸗ zwungenen Lächeln den Scherzen des Raths zuhörte, ſich mit zittern⸗ der Hand ein Glas Wein einſchenkte, und in ſeiner alten Weiſe an der Unterlippe zu nagen beganm„Um Gotteswillen, Voiſine,“ ſagte er endlich,„gehen Sie hin, und ſehen Sie, wo Clementine bleibt!“ Hedda begriff augenblicklich den ganzen Zuſammenhang, und erhob ſich, indem ſie laut ſagte:„Aber was will ich denn? Ich habe ja das Schreibzeug in Papa's Stube getragen; da kann die arme Cle⸗ mentine lange fuchen!“ Paul ſtand ebenfalls auf und begab ſich nach 126 Auf der Düne. dem andern Ende der Tafel.„Was habt ihr junges Volk denn nun ſchon wieder?“ rief ihm der Rath entgegen;„könnt ihr denn nicht ein paar Stunden ſtill ſitzen?“ Paul erzählte unbefangen, daß Herr von Elze einen wichtigen Brief aus der Heimath erhalten habe, den er ſogleich zu beantworten wünſche, und wie die beiden Damen nach dem Schreibzeuge ſuchen gegangen wären, das in Folge der Güter⸗ gemeinſchaft ſpurlos verſchwunden ſei.— Als Clementine vor der Thür des Wohnzimmers ſtand, fiel ihr zum erſten Male ein, daß ſie ſo eine Zuſammenkunft unter vier Augen mit dem Lieutenapt haben werde, die ſie auf alle Weiſe zu vermeiden ſich vorgenommer hatte. Aber da ſie nicht Hedda's erfinderiſchen Kopf beſaß, und wirklich nicht wußte, wie ſie jetzt noch umkehren könne, öffnete ſie kurz entſchloſſen die Thür, und trat— freilich nicht ohne Herzklopfen— ein. Herr von Elze, der die Zurückkunft des Mädchens erwartete, ging, den Brief in der Hand, mit raſchen Schritten im Gemach auf und ab, und wandte ſich bei Clementinens Eintritt ſchnell um.„Entſchuldigen Sie, Herr von Elze,“ ſagte dieſe;„ich wollte Ihnen nur das Schreibzeug geben, das ich in den Seeretär geſchloſſen habe.“ Und während ſie den Secretär aufſchloß, ſagte ſie, einmal, um nur überhaupt etwas zu ſagen, dann aber auch aus wirklicher Theilnahme:„Sie haben, fürchte ich, ſchlimme Nachrichten erhalten?“ „Wie man es nehmen will,“ antwortete Herr von Elze.„Ich höre ſo eben, daß mein Onkel und ſeine beiden Söhne in Zeit von drei Tagen an der Cholera geſtorben ſind.“„Der Majoratsherr?“ rief Clementine, die Herrn von Elze's Familienverhältniſſe kannte.„Ja,“ ſagte er;„ich habe meine Verwandten nie geliebt, ebenſo wenig, wie ſie mich; das iſt ein Troſt; und überdies macht mich ihr unerwarteter Tod zum reichen Mann.“„Da fühlt man ſich ja, ſo traurig der Fall iſt, faſt mehr geneigt zu gratuliren, als zu condoliren,“ antwortete Clementine;„aber ich will nicht länger ſtören“— und ſie ging nach der Thür. Herr von Elze vertrat ihr den Weg.„Gnädige Frau,“ ſagte er leiſe und ſchnell,„dieſer plötzliche Reichthum wäre eine grau⸗ ſame JIronie, wenn nicht dazu kommt, was ihm in meinen Augen einzig Werth verleihen kann.“ Eine flammende Röthe flog über Cle⸗ mentinens Geſicht, und ſie zitterte, daß das Bund kleiner Schlüſſel, Auf der Düne. 185 welches ſie in der Hand trug, erklirrte. Herr von Elze glaubte end⸗ lich zu triumphiren, ſeine Blicke verſchlangen das ſchöne junge Weib, das zitternd und erröthend vor ihm ſtand. Sie mußte ſein werden, um jeden Preis! Vielleicht glaubte der gewiſſenloſe Mann in dieſem Augenblicke, es ſei ihm Ernſt mit der Bezahlung.„Clementine,“ ſagte er, noch näher an ſie herantretend, ohne ſie indeß zu berühren,„ich weiß, daß Reichthum in Ihren Augen wenig gilt; aber für den Lie⸗ benden iſt der Gedanke unendlich ſüß, ſeinen Reichthum mit der Ge⸗ liebten theilen zu können. Ich beſchwöre Sie: laſſen Sie den Mann, den Sie nicht lieben, der Sie nicht liebt, und beglücken Sie den, der kein Glück kennt, kein Glück will, als nur durch Ihre Hand.“„Ich habe erwartet,“ ſagte Clementine mit einer Stimme, die erſt allmälig feſter wurde,„daß Sie mich wegen des neulichen Abends um Ver⸗ zeihung bitten würden. Statt deſſen beleidigen Sie mich jetzt: denn mir daſſelbe wiederholen, was ich ſchon das erſte Mal durch Ueber⸗ eilung kaum entſchuldigen konnte, iſt eine Beleidigung.“„In der That, gnädige Frau,“ ſagte Herr von Elze, und richtete ſich ſtolz in in die Höhe,„Sie zeigen mir da die Sache aus einem neuen Ge⸗ ſichtspunkte. Ich glaubte, Sie dächten zu groß, als daß eines Mannes aufrichtige Liebe, mag die thörichte Welt ſie nun ſanctioniren oder nicht, beleidigen könnte. Verzeihen Sie, Sie ſollen nicht wieder Ur⸗ ſache haben, über mich zu klagen.“ In dieſem Augenblicke kam Hedda trällernd über den Vorſaal, und ſah zur Thür herein:„Haſt Du das Schreibzeug gefunden, Cle⸗ mentine?“„Ja.“„Gnädige Frau,“ ſagte Herr von Elze,„Sie haben wohl die Güte, mich bei der Geſellſchaft zu entſchuldigen. Es wäre mir bei meiner jetzigen Stimmung unmöglich, ein Fröhlicher unter den Fröhlichen zu ſein.“„Haben Sie ſo ſchlimme Nachrichten?“ fragte Hedda eintretend.„Laſſen wir Herrn von Elze jetzt allein!“ ſagte Clementine zu ihr, und dann zu jenem gewandt:„Wenn Sie wieder ruhiger geworden ſind, hoffen wir Sie wieder zu ſehen.“ Herr von Elze verbeugte ſich ſchweigend, Clementine nahm Hedda's Arm, und ging mit ihr aus dem Zimmer.— Herr von Elze ſchaute ihnen mit glühenden Augen, aber kaltem Lächeln nach;„diesmal iſt ihr das Nein ſchon ſo ſchwer geworden,“ murmelte er,„daß ſie grob 128 Auf der Düne. werden mußte, um es nur heraus zu bringen. Das iſt ein vortreff⸗ liches Zeichen.“ „Was hat denn nur der Herr von Elze?“ fragte Hedda Cle⸗ mentinen, als ſie über den Flur nach dem Gartenſaal zurückgingen. Clementine antwortete nicht. Neunzehntes Capitel. Die Nachricht von einem Ereigniß, das die Glücksumſtände eines Mannes, an dem Alle in der Geſellſchaft mehr oder weniger lebhaften Antheil nahmen, ſo ſehr veränderte, brachte natürlich keine geringe Senſation hervor; und es war Clementinen peinlich genug, daß ſich die Unterhaltung nach aufgehobener Tafel faſt nur um dieſen Punkt drehte. Indeſſen blieb man nicht lange mehr beiſammen. Der Guts⸗ beſitzer war ſogleich in Herrn von Elze's Wohnung geeilt, wo er für die Nacht untergebracht war; bald verabſchiedeten ſich auch der Ren⸗ dant und Guſtav, um nach dem Adler hinüber zu rudern, da die übrigen Gäſte die Fremdenzimmer im Commandeurshauſe beſetzt hatten. Die Damen hatten ſich ſchon ſeit einer Stunde zurückgezogen, und auch für die Herren, die ſich noch bei einer Flaſche kühlen alten Rheinweins der warmen mondhellen Nacht im Muſchelgarten erfreut hatten, gab der Baurath das Zeichen zum Aufbruch, als der junge Arzt zu Paul ſagte:„Ich möchte noch einmal nach meinem Kranken ſehen; begleiten Sie mich wohl?“ „Gern,“ ſagte Paul; und ſie gingen an dem Wachthäuschen vorüber nach den Lootſenhäuſern. Die Wohnung des alten Rickmann war die letzte von allen und lag am Rande der kleinen, ſonnever⸗ brannten, magern Wieſe, die das Dörfchen von dem„Schwarzwald“ trennte. In Herrn von Elze's Zimmer, an dem ſie vorbei mußten, war noch Licht. Die Fenſter ſtanden auf; die Vorhänge waren aber zugezogen.„Bei Deinen jetzigen Ausſichten, Albert, wäre es ein Auf der Düne. 129 wahrer Tollhausſtreich;“ hörten ſie die breite, laute Stimme des Gutsbeſitzers ſagen. Herr von Elze erwiederte etwas, das nicht zu verſtehen war; dann lachten Beide laut.„Glauben Sie, daß der Mann einen Tollhausſtreich begehen könnte?“ fragte Paul im Weiter⸗ gehen.„Aus einem Uebermaß von Phantaſte und Empfindung— nein; aus einem Uebermaß von Sinnlichkeit und Eitelkeit— ja;“ ſagte der Arzt.„Beurtheilen Sie den Mann ſo?“„Ich will meine ganze Wiſſenſchaft für die drei Recepte des erſten beſten Schäfers hingeben, wenn er nicht das Eine und das Andere iſt.“„Aber Sie haben ja nur ſo ſelten Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten?“ „Glauben Sie mir,“ antwortete der junge Arzt;„unſre Wiſſenſchaft ſchärft den Blick ihrer Jünger auf eine wunderbare Weiſe, und läßt uns noch Züge und Linien ſehen und verſtehen, die für euch Andere unkenntlich oder unverſtändlich ſind; und ich ſage Ihnen, daß ich ſelten ein ſolches Engelsantlitz geſehen habe, als das Ihrer Couſine; und ſelten ein ſolches Faunengeſicht unter der Maske kalter Höflichkeit, als das Geſicht dieſes Mannes.“ Wie kommen Sie dazu, gerade meine Couſine mit dem Lieutenant zuſammenzuſtellen?“„Wahrſchein⸗ lich weil ein größerer Gegenſatz nicht denkbar iſt;“ meinte der Andre. Sie waren bei der Wohnung des Kranken angelangt:„Ich will Sie nicht auffordern, mit hinein zu kommen,“ fagte der junge Arzt; „mein Beſuch wird etwas lange dauern, weil ich ein Dutzend Blutegel operiren laſſen muß. Ich ſage Ihnen morgen früh Adieu.“„Ich habe große Luſt, noch etwas im Mondſchein zu ſpazieren,“ ſagte Paul, „und will in einer halben Stunde hier wieder vorbei kommen und Sie abholen.“ Der junge Arzt trat ins Haus, und Paul ſchritt über die Wieſe durch die Tannen die Düne hinauf, von der die Geſellſchaft neulich den ahnungsvollen Sonnenuntergang beobachtet hatte. Jetzt lag der Vollmondſchein auf dem Bilde, ſo hell, daß das Licht in der Leuchtbake wie ein bleicher Stern erſchien. Das ſtille Meer flimmepte weit und breit; an dem Strande plätſcherte es leiſe, als ſpräche es im Schlaf. Die Luft war lind und warm; ein würziger Duft ſtieg aus den Tannen empor und vermiſchte ſich mit dem Athem des Meeres. Paul's Bruſt hob ſich in wonnevoller Luſt; er breitete die Arme aus: Du große Mutter, ſegne Dein Kind! betete er innig. Er 9 Fr. Spielhagen's Werke. IV. 130 Auf der Düne. hatte ſagen wollen: Deine Kinder; aber die Geſtalt eines jungen Mädchens ſchwebte in den Mondenſtrahlen an ihm vorüber, und auf ihr geliebtes Haupt ſank der Segen, der der ganzen Menſchheit galt. Wie deutlich er ſie ſah! Wie ihre großen Augen leuchteten; wie das Mondlicht in ihren dunklen Locken, um ihre zarten weißen Schultern ſpielte! Er flüſterte ihren Namen in die ſtille Nacht hinein; er ver⸗ band ihn mit den ſüßeſten Schmeichelworten der Liebe—„der Ort iſt verzaubert!“ rief er, von der traumgleichen Deutlichkeit ſeiner Phantaſie erſchreckt.— Er ging die wenigen Schritte nach der Tan⸗ nenlaube hinab, und warf ſich in einen der Holzſtühle. Auf dem Tiſche vor ihm lag ein Handſchuh Hedda's, nach welchem ſie ihn heute gefragt hatte.„Hic et ubique!“ rief er, und ſprang wieder auf. Doch ergriff er den zierlichen Handſchuh, drückte ihn zu wiederholten Malen an ſeine Lippen und verbarg ihn ſorgfältig an ſeiner Bruſt. — Er ging durch die Tannen zurück. Als er bei Rickmann's Woh⸗ nung ankam, ſah er auf ſeiner Uhr, daß erſt wenige Minuten ver⸗ floſſen waren. So bog er von den Häuſern ab, und gelangte zum Strande der andern Seite, auf der jetzt die Baggerflotte lag. Hier ſchritt er auf dem feſten Sande, zwiſchen dem Meer und den Dünen hin, raſch weiter. Er war vielleicht dem Commandeurshauſe gegen⸗ über, als ſich plötzlich eine Geſtalt, die er in dem dichten Schatten der Uferhöhe nicht bemerkt hatte, vor ihm aufrichtete. Das kam ſo unerwartet, daß er erſchrocken ſtehen blieb, und Werda? rief.„Biſt Du es, Paul?“ antwortete die Stimme Guſtavs,„ich glaubte, es wäre ein Anderer.“ „Du hier!“ ſagte Paul näher tretend,„um dieſe Zeit! biſt Du in dem kleinen Boot dort vom Adler herübergekommen, oder biſt Du noch gar nicht fort geweſen?“ Guſtav antwortete nicht; er warf ſich wieder auf die Düne, ſtützte den Kopf in die Hand und ſeufzte tief. Paul ſetzte ſich zu ihm: „Was haſt Du, Guſtav?“ fragte er voll inniger Theilnahme. „Und Du ahnſt nicht,“ ſagte dieſer mit dumpfer Stimme,„wes⸗ halb ich mich, wie ein Schleichhändler, in der Racht umhertreibe?“ „Nein;“ ſagte Paul, dem in dieſem Falle eine Lüge nicht nur erlaubt, ſondern geboten ſchien. Auf der Düne. 131 „Und ahnſt Du nicht, weshalb ich hier ein ſo ſeltner Gaſt bin, der, wenn er einmal kommt, ſo unwillig drrein ſieht, daß Ihr froh ſeid, ihn wieder los zu werden?“ „Dein ſeltnes Kommen, Dein düſtres Weſen, Deine Eile, wieder fort zu kommen, habe ich wohl bemerkt; ich kann aber nicht ſagen, daß mich das Eine oder das Andre froh gemacht hätte. Ich habe Dich ſchon ein paar Mal gebeten, mir den Grund von alle Dem zu ſagen— ſag ihn mir jetzt!“ Der Mondſchein war hell genug, daß Paul die Qual ſehen konnte, die ſich auf Guſtav's Geſicht malte; wie er die Lippen be⸗ wegte, ohne einen Laut hervorbringen zu können. Endlich ſprach er, und die Worte rangen ſich kaum durch die zuſammengepreßten Zähne: „Sieh, Paul, wenn es der Andre geweſen wäre, wie ich fürchtete und hoffte, als ich Deine Geſtalt durch das Dunkel herankommen ſah, ſo ſtände jetzt nur er oder ich lebend auf dieſem Platze.“ „Biſt Du raſend?“ rief Paul;„ſoll denn mein Scherz von da⸗ mals blutiger Ernſt werden? und kann die Leidenſchaft einen ver⸗ nünftigen Menſchen zum Wegelagerer und Meuchelmörder machen?“ „Oho!“ ſagte Guſtav,„Deine Witterung iſt ſcharf; haſt Du meinen Mann ſo bald herausgefunden? Uebrigens iſt von Mord nicht die Rede. Hier ſind zwei Piſtolen,“ und er hob ſie für einen Augenblick in die Höhe, daß ihre Läufe im Mondſchein blinkten;„eine davon iſt geladen. Ich würde ihn höflich gebeten haben, zu wählen. Und daran würde ich Recht gethan haben, denn in einem Verhältniſſe, das nur für zwei berechnet iſt, ſind drei offenbar zu viel.“ „Es gehört wenig Scharfſinn dazu, um einzuſehen, wo das Alles hinaus will,“ ſagte Paul.„Du denkſt, Herr von Elze liebt Clemen⸗ tine. Ich weiß es nicht— indeſſen, nehmen wir es an. Nun fragt es ſich: liebt Clementine ihn wieder, oder liebt ſie ihn nicht? Liebt ſie ihn nicht, ſo wäre es doch Wahnſinn, einen Nebenbuhler zu tödten, der eigentlich keiner iſt; und liebt ſie ihn, ſo wäre es doch wiederum Wahnſinn; oder glaubſt Du, Du würdeſt Dir dadurch ihre Liebe gewinnen, daß Du ihren Geliebten umbringſt?“ „So argumentirt der kalte Verſtand; die Leidenſchaft weiß nichts davon,“ ſagte Guſtav. 9* Auf der Düne. „Pah, was haben denn wir Söhne des neunzehnten Jahrhunderts mit der Leidenſchaft zu thun?“ „Nun, ich ſtehe ja dem vorigen um ſo viel näher;“ ſagte Guſtav bitter lachend;„da kann man mir meine Naivetät um ſo viel eher verzeihen. Freilich— Du haſt Recht— es iſt toll genug, daß einen alten Knaben wie mich die Leidenſchaft ſo kindiſch machen kann! Aber, Paul, Du weißt ja nicht, und Niemand weiß es, wie ſehr ich Cle⸗ mentine liebe.“* „Wenn ſie ſelbſt es nur wüßte, ſo brauchte es auch Niemand ſonſt zu wiſſen,“ ſagte Paul. „Und doch;“ murmelte Guſtav,„bin ich jeden Augenblick für ſie ben bereit.“ ieber Guſtav, glaube mir, der ich ſo viel jünger bin es iſt ter Unſtänden eine wahre Kleinigkeit, für Jemand zu ſterben; für Jemand leben, was man ſo leben nennt, iſt oft ſehr viel ſchwieriger, und deshalb auch ſehr viel verdienſtlicher.— Warum lebſt Du nicht itt ſie, nur für ſie, wenn Dir nichts Geringeres genügt? Warum iß ſie nicht, daß Du ſie liebſt? Wenn Dir jener Mann gefährlich nkt— und er iſt gewiſſenlos und gewandt, und deshalb kein ver⸗ ächtlicher Gegner— weshalb räumſt Du ihm das Feld? Stelle Dich ihm im Geſellſchaftszimmer gegenüber; beſiege ſein falſches Herz durch Dein gerades, zeige durch Deinen geſunden Sinn, wie hohl ſeine Phraſen ſind— das iſt viel ſchlagender und wirkſamer, als ihn zur Nacht am öden Strande vor die Mündung Deiner Piſtole zu ſtellen. Oder wähnſt Du etwa, daß gefliſſentlich zur Schau getragene Kälte, daß ſcheinbare Gleichgültigkeit ſo vortreffliche Mittel ſind, die Herzen der Frauen zu gewinnen?“ „Sieh, Paul,“ ſagte Guvav nach einer kurzen Pauſe,„ich bin ein ſeltſamer Menſch. Ich bin dankbar für jede Freundlichkeit, jede Liebe, die mir erwieſen wird, und vergeſſe ſo etwas im Leben nicht; aber nie habe ich die paar Worte: ich danke dir, über die Lippen bringen können. So vermag ich auch nicht, wie Andere, um Liebe zu werben, und ſeit dem Augenblicke, daß ich zu ſehen glaubte, wie Clementinens Herz ſich von mir wandte—“ „Seit wann iſt das?“ unterbrach ihn Paul. Auf der Düne. 133 „Kurze Zeit, nachdem Du hierher gekommen warſt. Ein flüch⸗ tiges Wort von Dir hat den Gedanken angefacht, der wohl ſchon längſt in mir ſchlnmmerte.“ „Fluch dem Worte!“ ſagte Paul,„weiter!“ „Seit dem Augenblicke iſt auch mein Betragen gegen Clementine kälter und kälter geworden. Ich könnte jetzt nicht zärtlich zu ihr ſein — ich käme mir vor wie ein Bettler vor der Thür des Reichen, der ſeine demüthige Bitte nicht verſteht, oder nicht verſtehen will. Und dennoch, ich ſchäme mich faſt, es zu ſagen: während ihr Alle ſchlieft, Nacht für Nacht beinahe, bin ich herübergerudert, nur um ihr nahe zu ſein, um ihren Schatten vielleicht einmal an der Gardine hinhuſchen zu ſehen.“ 6½ „Und Deine Leute auf dem Adler,“ ſagte Paul,„ſehen durch die Finger, wenn Du kommſt und gehſt, und denken, der ſchleicht zu ſeiner Frau, wie unſer Einer zu ſeinem Liebchen! Aber da haben ſie eine viel zu gute Meinung von Dir! Thäteſt Du es doch nur! pochteſt Du doch an ihr Fenſter und ſagteſt: Clementine, laß mich ein!— Das wäre freilich äußerſt romantiſch; aber tauſendmal vernünftiger als was Du jetzt thuſt.“ „Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt;“ ſagte Guſtav. „Und bei den ewigen Sternen droben,“ rief Paul,„ich ſcherze nicht. Es iſt ſehr bittrer Ernſt, wenn ich Dir ſage: Du handelſt wie ein Thor, und verdienſt das Schickſal, das Du Dir in Deiner Thor⸗ heit heraufbeſchwörſt. Gehe hin und danke Clementinen, daß ſie Mit⸗ leid mit Deiner Thorheit hat, und bei ſich ſpricht: er weiß nicht, was er thut.— Gehe hin, jetzt, ſogleich! und bitte ihr Deine kränkende Vernachläſſigung, Deine beleidigende Kälte ab. Und ſie wird Dir verzeihen, denn— ich ſchwöre es— ſie liebt Dich, trotzdem Du Dich wahrlich ihrer Liebe nicht werth zeigſt.“ „Nein, ich bin ihrer Liebe nicht werth!“ rief Guſtav aufſprin⸗ gend;„das iſt ja eben das Fürchterliche. Was bin ich neben ihr? Ich habe weder Schönheit, noch Jugend, noch Geiſt; und ſie hat Geiſt, und iſt ſo ſchön und ſo jung! O mein Gott, mein Gott! Du haſt mich ſchwer geſtraft für den Leichtſinn, den Hochmuth, die Ver⸗ blendung, die mich verleiteten, das geliebte Kind dem Beſten, dem 134 Auf der Düne. Würdigſten zu rauben; und ſelbſt er würde für ſie zu ſchlecht ge⸗ weſen ſein. Aber daß dieſer Menſch, dieſer Phraſenmacher, dieſer glatte Schmeichler, dieſer kalte Egviſt, dieſer höfiſche Schurke, daß er — Tod und Hölle!— Paul, ich beſchwöre Dich, ſage mir, haſt Du wirklich nie etwas geſehen, nie etwas gehört, was Dich auf den Ge⸗ danken gebracht hätte: dieſer Menſch wage es, Clementine zu lieben?“ „Daß er ſie liebt,“ ſagte Paul,„warum nicht? Es wäre das einzige Gute, das ich von ihm wüßte. Ich liebe Clementine auch in meiner Weiſe; jeder Menſch muß ſie lieben; ſie iſt die Liebenswürdig⸗ keit ſelbſt. Aber ſie iſt auch eben ſo tugendhaft, wie ſie liebenswürdig iſt, und damit iſt Alles geſagt.— Willſt Du jetzt zu Deiner Frau gehen, und ihre Verzeihung erbitten, oder willſt Du nicht?“ „Nein, ich kann es nicht.“ „Gute Nacht denn!“ ſagte Paul.„Wenn der Kranke die Heil⸗ mittel nicht nehmen will, die ihm ſein Arzt verordnet, hat er es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn dieſer ihn verläßt. Und dabei fällt mir ein, daß ich dem Doctor verſprochen habe, ihn von Rickmann's Hauſe abzuholen— gute Nacht!“ Paul ging; aber nach wenigen Schritten wandte er ſich wieder um, und ſah Guſtav mit geſenktem Haupte noch auf derſelben Stelle ſtehen. Er kehrte zurück und ergriff ſeine Hand:„Guſtav,“ ſagte er, „ſei vernünftig! rudre nach dem Bagger zurück und lege Dich ſchlafen. Du brauchſt nicht über Clementine zu wachen; tauſend Engel wachen über ſie. Komm morgen, oder da Du mit dem Rath in die Stadt mußt, ſobald Du zurückkehrſt, und mache wieder gut, was Du Dir alle Mühe gegeben haſt, ſchlecht zu machen. Ich biete mich Dir nicht zum Vermittler an, weil eine Ehe für den Dritten ein unbetretbares Heiligthum ſein muß in guten, wie in böſen Tagen, und die Perſon eines Mittlers für beide Gatten eine Beleidigung iſt. Willſt Du thun, wie ich Dir rathe?“ „Ich will es, wenn ich känn.“ „Natürlich. Aber bedenke auch, daß gewiſſe Sachen nicht thun können, ſie nicht thun wollen heißt. Gute Nacht, Guſtav.“ „Gute Nacht, Paul!“ Guſtav beſtieg ſein Boot, und entfernte ſich mit kräftigen Ruder⸗ Auf der Düne. 135 ſchlägen raſch vom Ufer. Paul ſah ihm noch ein paar Augenblicke nach, und eilte dann am Strande den Weg, den er gekommen war, zurück, und begegnete dem jungen Arzt im Dorfe. „Sie ſind lange ausgeblieben,“ ſagte dieſer,„und wie aufgeregt Sie ſind; haben Sie ein Geſpenſt geſehen?“„Ein Geſpenſt?“„Nun ja: ein Ding, das im Mondenſcheine umherſpukt, während es viel beſſer thäte, ruhig zu ſchlafen.“„So ein Geſpenſt habe ich in der That geſehen.“„Das iſt?“„Ein Geheimniß.“„Ueber das ich mir heute nicht mehr den Kopf zerbrechen will!“ ſagte der junge Arzt lachend,„gute Nacht!“ Jwanzigſtes Capitel. Ein unerträglich heißer Tag leuchtete und ſchimmerte über dem Nedur. In der Frühe des Morgens waren der Baurath, der Ren⸗ dant und Guſtav auf dem Kutter nach der Stadt abgeſegelt. Dann war der junge Arzt auf einem Lootſenboote fortgereiſt. Darauf hatte ſich Herr von Elze von dem an dem Nedur vorüberfahrenden Poſt⸗ dampfer aufnehmen laſſen, um in der Hauptſtadt der Provinz ſein Geſuch um Entlaſſung aus den*ssſchen Dienſten perſönlich vorzu⸗ tragen. Zuletzt war auch der Gutsbeſitzer mit ſeiner Frau aufge⸗ brochen. Ihr Boot ſah man noch Stunden lang nachher zwiſchen dem Nedur und dem blauen Vorgebirge der großen Inſel auf dem glatten Waſſer ſchweben. Paul hatte ſich nach Tiſche auf ſein Zimmer zurückgezogen, wo er ſtets die Nachmittagsſtunden mit Schreiben und Leſen zubrachte. Heute aber hatte er kaum mit müden Augen ein paar Seiten im No⸗ valis durchlaufen, als die Abſpannung nach einer halb durchwachten Nacht, die drückende Schwüle des Tages, vielleicht auch die träumeriſche, myſtiſche Lectüre ihn einſchläferten. Und da war es ihm, als ſchweife er, von raſtloſer Sehnſucht getrieben, Hügel auf und ab durch wal⸗ 136 Auf der Düne. diges Revier, und gelange zuletzt in ein Felſenthal, über dem die Zweige mächtiger Bäume ein dichtes Laubdach bildeten, und wo von dem mooſigen Geſtein glänzende Waſſerperlen tropften. Und dort im kühlen Waldesdunkel wuchs die blaue Blume, nach der er ſo lange Jahre vergeblich geſucht hatte. Da kniete er voll Andacht neben ihr nieder, und ſog mit Entzücken ihren Duft ein und ſchaute tief und ttiefer in ihre dunkelblauen Kelche. Aber die dunklen Kelche wurden dunkle Mädchenaugen, und es war nicht mehr die blaue Blume, ſon⸗ dern Hedda, vor der er kniete.„Biſt Du denn nicht die blaue Blume?“ fragte er traurig. Aber das Mädchen ſchüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf.„Dann liebe ich Dich auch nicht, Hedda; ich kann ja nur die blaue Blume lieben.“ Und als das Mädchen ihn mit demſelben wehmüthigen Lächeln immer anſah:„Sag mir, Hedda, Du weißt es gewiß; wo blüht denn nur die blaue Blume?“ Da legte das Mädchen die Hand auf ſeine Stirn, und ſagte leiſe: hier! Und wie die weiche, liebe Hand ihn berührte, ergriff unendliche Weh⸗ muth ſein Herz; eine heiße Thränenfluth brach aus ſeinen Augen und von dem lauten Weinen erwachte er. „Das iſt doch ſeltſam!“ ſagte Paul, ſich emporrichtend, und er fühlte noch immer die Thränen auf ſeinen Wangen.„Wie lebhaft ich das Alles geträumt habe!“ Er ſah nach der Uhr; er hatte kaum eine Stunde geſchlafen. Er ging hinunter und fragte nach den Damen. Er hörte, daß Hedda gleich nach Tiſche zur Laube gegangen ſei, und Clementine nur vor wenigen Minuten das Haus verlaſſen habe.— Er ſchlug den Weg nach der Laube durch das Dorf ein. Bald hatte er Clementine eingeholt, die langſam, wie es ihre Ge⸗ wohnheit war, über den weißen, glühenden Sand dahinſchritt. Sie hatte den breiträndigen Strohhut auf dem Haupte und ein Körbchen am Arm. „Nehmen Sie mich mit, Clementine!“ rief Paul. „Wohin?“ ſagte ſie, ſtehen bleibend. „Nun, zur Laube. Gehen Sie nicht dorthin?“ „Später; ich muß erſt noch einen Krankenbeſuch machen.“ „Einen Krankenbeſuch? Ach, bei Rickmanns! Aber Sie wollen dem armen Menſchen doch bei der Hitze keinen Wein bringen?“ Auf der Düne. 137 ſagte er lachend, denn er ſah aus dem Körbchen den Hals einer Flaſche ragen. „Es iſt kein Wein.“ „Was iſt es denn?“ „Das brauchen Sie nicht zu wiſſen,“ ſagte Clementine, den Korb in die andere Hand nehmend. „Ich will es bald erfahren,“ rief Paul, und ſchnellte mit einer raſchen Bewegung den Deckel ab; in dem Korbe lag eine mit Waſſer angefüllte Flaſche, das Gefängniß einer Geſellſchaft Blutegel. „Ich habe nicht gewußt, daß Sie auch unartig ſein könnten, Paul!“ fagte Clementine erröthend und den Korb wieder zudeckend. „Verzeihen Sie, Clementine!“ ſtammelte er;„ich habe es wahr⸗ lich nicht bös gemeint.“ „Der Doctor hat verordnet,“ ſagte ſie, wie um ſich zu ent⸗ ſchuldigen,„daß heut noch einmal Blutegel angeſetzt werden ſollten. Und da die guten Leute nun nicht wiſſen, wie ſie ſich dabei zu be⸗ nehmen haben, ſo kommen ſie wie gewöhnlich zu mir, weil ſie an⸗ nehmen, daß ich Alles verſtehen müſſe, was ſie nicht verſtehen.“ „Und Sie wollen das ſelbſt thun?“ fragte Paul. Warum nicht? es iſt nicht das erſte Mal.“ Paul blickte mit Erſtaunen die ſchöne junge Frau an, die ſo rührender Einfachheit Nächſtenliebe übte; er dachte an die anſpruchs⸗ vollen Salondamen, die ganz Gefühl, ganz Empfindung, ganz Herz ſind, und die in Ohnmacht fallen würden, wenn man ihnen zumuthete, auch nur eines der ekelhaften Thiere zu berühren, die Clementine heute„nicht zum erſten Male“ in die Hand nahm; und er fühlte, daß ſeine Augen heiß wurden. „Clementine,“ ſagte er,„wenn ich nicht wüßte, daß Sie einen beſondern Abſcheu vor dergleichen Huldigungen haben, ſo würde ich Sie bitten, mich Ihre Hand küſſen zu laſſen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte Clementine lächelnd,„für ſolche Köpfe wie der Ihre iſt dieſe Hitze gefährlich;“ und ſie trat in das Haus des Kranken. „Beim Himmel,“ ſagte Paul, raſch weiterſchreitend,„ſie iſt ein liebes, köſtliches Weſen! Und wie ſchön ihr der keuſche Unwille ſtand, 138 Auf der Düne. als ich ſo ungezogen war, und ſie bis zu ihren blonden Flechten er⸗ röthete! Mich wundert nur, daß die blaue Blume gar keine Aehn⸗ lichkeit mit ihr hatte.“ Und wie er jetzt eilends durch die Tannen ſchritt, kam der ſehnſüchtige Traum von vorhin wieder über ihn; und ſein Herz ſchlug wild, als er in die ſchattige Laube trat, und Hedda auf einer Bank ſchlafend vor ſich ſah. Das Buch, in welchem ſie geleſen hatte, war ihrer Hand entglitten und lag aufgeblättert zu ihren Füßen. Sie war gegen die Seitenlehne zurückgeſunken; der rechte Arm ruhte auf ihrem Schvoße, den linken hatte ſie über den Kopf geſchlagen. Der modiſch⸗weite Aermel enthüllte die zierliche Form, die ſchimmernde Weiße des ſchönen Armes— ein reizender Rahmen für das zarte, von dunklen Locken umwogte, vom Schlaf lieblich erglühende Mädchengeſicht.— Der junge Mann wollte ſich geräuſchlos, wie er gekommen war, wieder entfernen; aber wie von einer dämoniſchen Gewalt fühlte er ſich näher und näher gezogen, bis er dicht vor der Schlummernden ſtand. Da ſank er im Anſchauen verloren auf ſeine Knie. Und jetzt mußte die eigenthümliche Kraft, die das Auge des Betrachtenden auf einen Schlafenden ausübt, zu wirken beginnen, denn Hedda machte eine leichte Bewegung, und ihr Arm glitt langſam von ihrem Haupte auf Paul's Schulter. Sie öffnete für einen Augenblick die dunklen Wimpern; aber die Wirklich⸗ keit verwebte ſich wohl mit ihrem Traume: ein freundliches Lächeln ſpielte über ihr Geſicht; die ſchlummermüden Augen ſchloſſen ſich wieder; Paul fühlte nur, wie ſich der zarte Arm feſter um ſeinen Nacken ſchlang. Ein wonnevoller Schauder durchbebte ihn, ſein Herz wallte von ſüßem Verlangen; ſeine Arme umfingen ihren ſchlanken Leib; er neigte ſein Antlitz auf ihr Antlitz. Aber als ſeine Lippen ihre Lippen berührten, drängten ſich zwei große helle Thränen durch die geſchloſſenen Wimpern, und ein tief ſchmerzliches Zucken flog über ihr nur noch ſo eben lächelndes Geſicht. Sie öffnete die Augen wie⸗ der; aber ehe ſie ſich den Banden des Schlafs ganz entwinden konnte, hatte Paul ſich ſchon erhoben und die Laube verlaſſen. Sie richtete ſich empor und ſtrich ſich die Locken aus dem erglühenden Geſicht:„Was war das?“ ſagte ſie.„Es war mir, als wäre Paul bei mir. Wie deutlich ich das geträumt habe!“— Sie ſtützte den Auf der Düne. 139 Kopf auf die Hand:„Liebe ich ihn venn?“ flüſterte ſie.„Kann man denn Zwei lieben zu gleicher Zeit?“ Und jetzt folgten jenen erſten Thränen andere und andere; und wie Paul im Traum geweint hatte, als ihm der Genius der blauen Blumen ſagte, daß jenes Ideal, nach dem ſein Herz ſich ſehnte, nur im Gehirn des Dichters lebe, ſo weinte jetzt Hedda, da der dunkle Traum, den ſie geträumt, ihrem wachen Geiſte deutlich zeigte, daß nun und nimmer ein Verlaß ſei auf das wankelmüthige Herz. Einundzwatzigſtes Capitel. Unterdeſſen eilte Paul am Strande hin, wie Jemand, der ſo eben eine Frevelthat verübte. Er trat in ſeine eigene Spur vom vorigen Abend, als er denſelben Weg mit wie ſo anderen Empfindun⸗ gen zurücklegte. Er kam an die Stelle, auf der er geſtern Guſtav getroffen hatte, und die durch das zertretene Dünengras deutlich be⸗ zeichnet war. Dort warf er ſich erſchöpft nieder und wiſchte ſich den Schweiß ab, der in großen Tropfen von ſeiner Stirn perlte. Ein düſterer Unmuth umnachtete ſeine Seele. Er lachte bitter, als er an die Worte dachte, die er geſtern in ſeinem Uebermuth Guſtaven zuge⸗ rufen: Was haben denn wir mit der Leidenſchaft zu thun?„Das iſt wohl nicht Leidenſchaft,“ ſprach er halblaut vor ſich hin,„was dich jetzt deine Pläne, deine großen Entwürfe wie ebenſo viele leere Träume vergeſſen macht? und deine Sinne ſo ganz umnebelt, daß du hingehſt und einem ſchlafenden Mädchen Küſſe ſtiehlſt, wie ein naſch⸗ hafter Bube die Hand nicht von den verbotenen Früchten laſſen kann! Iſt dieſes Mädchen nicht zu gut für eine jener tollen Liebesaffairen, an denen dein Leben, Gott ſei's geklagt, nun ſchon allzu reich iſt; und daß du ſie heirathen müßteſt, weil du ohne ſie nicht mehr glück⸗ lich leben könnteſt, das iſt ja pure Narretei. Memmen ſind es, und keine Männer, die dem Weibe eine ſolche Herrſchaft über ſich ein⸗ räumen! Jetzt lebſt du frei, wie der Falk in den Lüften, und dieſe 140 Auf der Düne. goldne Freiheit wollteſt du opfern, um dich in einen Taubenſchlag einſperren zu laſſen und zu girren, wie ein frommer Täuber! Und doch, wenn einmal dieſer koſtbarſte Schatz vergantert werden ſoll und muß, kannſt du etwas Schöneres dafür eintauſchen, als die Liebe dieſes wunderbaren Mädchens?“ Und nun malte ſich ſeine nur allzu lebhafte Phantaſie ſogleich die reizendſte Idylle aus— das Leben eines Gelehrten an der Seite einer holden, geiſtreichen Frau.„Holla!“ rief er aufſpringend.„Wie das klingt und lockt! ſo fängt man mich nicht. Ich will fort, gleich morgen— ich bin nur ſchon zu lange hier geweſen.“ Er eilte weiter am Strande hin, nach jenem ſchmaleren, weſtlichen Theil der Inſel; und ſtand nicht eher ſtill, als auf der äußerſten Spitze, wo das Waſſer ihm nur ein paar Quadratfuß Sandes übrig ließ.— Das Meer war ſtill und glatt; mitleidslos brannte die Sonne aus dem mit leichten Dünſten überhauchten Nach⸗ mittagshimmel; aber die Möven flatterten ängſtlich ſchreiend zum Strande und verkündeten den Gewitterſturm, der von Süden heran⸗ drohte. Einzelne Windſtöße ſauſten vorüber, wie lelchte Reiter der Avantgarde. Ihnen nach drängte der Gewaltshaufe, eine ſchwärzliche Wolkenwand, deren Ränder unheimlich in der Sonne leuchteten. So kam ſie über den Horizont herauf, mit gleichmäßiger Schnelle, wie eine ungeheure Colonne im Sturmſchritt; und der rollende Donner und die pfeifenden Windſtöße ſpielten dazu auf, und hier und da, und dann und wann zuckte ein röthlicher Blitz aus der dunklen Maſſe, als ob einzelne Krieger in ihrer Kampfeswuth das Commandowort nicht erwarten könnten. Und jetzt krachten die erſten gewaltigen Schläge, und jetzt kam der Sturm, der heulende, wüthende Sturm Der Anprall war ſo mächtig, daß Paul ſich auf die Knie warf, um nicht von der ſchmalen Sandzunge in's Meer geſchleudert zu werden, und der ganze Nedur in eine Wolke von Dünenſand und Salzſchaum gehüllt wurde. Es war in wenigen Augenblicken beinahe Nacht ge⸗ worden; die Blitze folgten ſich ſo ſchnell, daß ſie ein einziges flackern⸗ des Feuer zu ſein ſchienen. Dazu rollte und krachte der Donner, ſauſte der Sturm, rauſchte der Regen, und die Wogen am Strande, die mit jedem Augenblicke höher wurden, lärmten in den Lärm hinein. Paul arbeitete ſich am Ufer hin bis zum Hauſe, wo er die Dienſt⸗ Auf der Düne. 141 boten ängſtlich durcheinander rennen fand. Er trat in den Garten⸗ ſaal. Hedda ſtand am Fenſter.„Gott ſei Dank, daß Sie kommen,“ rief ſie ihm entgegen.„Wo iſt denn nur Clementine?“„Bei Rick⸗ manns,“ ſagte Paul,„ich will ſie holen.“„Bleiben Sie doch,“ rief Hedda ängſtlich.„Sie iſt dort eben ſo gut und beſſer aufgehoben, wie hier. O, wie furchtbar das iſt!“— und ſie deutete auf das Meer, das vor wenigen Minuten noch blau und ſtill, jetzt, ſo weit das Auge reichte, eine weißſchäumende wogende Fläche war.„Ich zittre, das Signal zum„„Boot in See““ zu hören.“„Aber bei dem Sturm kann ſich doch kein Menſch hinaus wagen;“ ſagte Paul. „Mein Vater kann es und wird es; verlaſſen Sie ſich darauf! Ach, habe ich es nicht geſagt!“ rief ſie, die Hände faltend— denn in dieſem Augenblicke ertönte, halb vom Sturm verweht, aber deutlich genug das wohlbekannte Signal. Da ſahen ſie auch ſchon die Lootſen nach dem Strande eilen, ihnen voran der Commandeur.„Schnell, Paul, ſchnell!“ rief Hedda;„Laſſen Sie uns hinaus, ich muß meinen Vater noch einmal ſehen.“„Die Thür iſt verſchloſſen,“ rief Paul; aber der Sturm hielt ſie nur ſo feſt; nicht ohne Mühe vermochte er ſie aufzudrücken. Als ſie an den Strand kamen, rief der Lootſencommandeur eben: „Es geht nicht; wir bringen hier kein Boot in See. Haben wir denn drüben keins?“„Ja, Herr Commandeur, Rickmann's Boot.“ „So müſſen wir das nehmen.“ Alles eilte nach der andern Seite. Im Nu war das Fahrzeug in's Meer geſchoben, das hier im Ueber⸗ wind verhältnißmäßig ruhig war, und Alles zur Abfahrt bereit. „Nun geh' in's Haus, Hedding,“ ſagte der Lootſencommandeur, der ſich jetzt zum erſten Male zu ſeiner Tochter wandte, ihr das regen⸗ naſſe Haar aus dem weinenden Geſicht ſtreichelte und ſie auf die Stirn küßte.„Geh hinein, und fürchte Dich nicht; es ſieht gefähr⸗ licher aus, als es iſt.“ Dann drückte er Paul kräftig die Hand, ſah ihn mit einem Blicke an, der ſo deutlich, als Blicke ſprechen können, ſagte: Verlaß ſie nicht, wenn ich nicht wiederkommen ſollte!— und watete durch das ſeichte Waſſer nach dem Boot, in welchem der alte Rickmann und ein junger Lootſe ſchon ſaßen. Das Boot entfernte ſich nur wenig vom Strande, glitt raſch an dem Ufer hin und ver⸗ 142. Auf der Düne. ſchwand bald hinter einer der Dünen. Die Zurückgebliebenen liefen zurück nach der andern Seite, nach einer höhern Stelle des Ufers, von wo man das Wiedererſcheinen des Boots am beſten ſehen konnte. „Wollen Sie nicht in's Haus?“ bat Paul das Mädchen, das ſich bleich und zitternd an ſeinen Arm geklammert hatte.—„Nein, nein!“ rief ſie.„Wie könnte ich es wohl im Hauſe aushalten, während mein Vater dem Tode entgegen geht!“„Nicht doch!“ ſagte Paul,„wir werden ihn alsbald, von den weißen Wellenroſſen gezogen, in ſeinem Triumphwagen erblicken.“ Und wie er die Wyrte ſprach, kam das Boot um die Ecke herum. Nur eine Handbreit Segel war aufge⸗ ſpannt, dennoch kam es in fürchterlicher Eile durch die ſchäumenden Waſſer dahergeſchoſſen; quer an der Inſel vorbei, hundert Schritt etwa vom Strande. Der Lootſencommandeur ſaß am Steuer. Als er dem Orte gegenüber war, wo Paul und Hedda, und die Lootſen ſtanden, faßte er ſalutirend an ſeine blaue Mütze. Und die kleine Schaar am Strande brach in ein dreimaliges Hurrah aus, das der Sturm verwehte, und ſchwenkte die Hüte und Mützen, und Hedda wehte mit ihrem Tuch, um es ſodann gegen die Augen zu drücken und in lautes Weinen auszubrechen. Ein Lootſe trat heran und reichte Paul, mit einer Bewegung nach Hedda hin, ſeine Jacke. Dieſer ver⸗ ſtand ihn wohl, hüllte das ſchlanke, vor Schrecken und unter dem kalten Regen zitternde Mädchen in das unförmliche Kleidungsſtück, und umfaßte ſie, um ſie gegen den Sturm zu unterſtützen, der ſie Alle jeden Augenblick von der Däne herabzufegen drohte. So war ihm, wie durch höhere Gewalt, das geliebte Mädchen zum zweiten Male in die Arme gedrückt; aber heute ſchlug ſein Herz nicht mehr ſo ruhig, als an jenem Abend, wo ſie von den Hünengräbern zurück⸗ kehrten. Durch allen Graus der fürchterlichen Scene empfand er tief die berauſchende Süßigkeit des Augenblickes, und wie jetzt im Sturm ihre Gewänder zurückflatterten, betrachtete er mit Entzücken, als hätte er es nie bemerkt, wie ſchmal und zierlich ihr Fuß war, gerade als wäre der heulende Orkan verführeriſche Tanzmuſik. Hedda's Augen verfolgten ſtarr das kleine Boot, das jetzt, nachdem es an der Inſel hingefahren, um beſſer in den Wind zu kommen, Ree machte, und nun in's offene Meer hineinſteuerte.„Wo iſt denn eigentlich das Auf der Düne. 143 Schiff?“ fragte Paul hier zum erſten Male.„Dort!“ ſagte ein alter Lootſe und deutete nach einer Stelle des Horizontes; aber um durch den Salzſchaum und den Regen, die ihnen der Sturm beſtändig in's Geſicht trieb, etwas zu erkennen, mußte man den falkenſcharfen Blick des Seemanns haben.„Iſt es ein großes Schiff?“ fragte Paul weiter.„Ein großer Dampfer,“ antwortete der Alte. Obgleich die Redenden ganz nahe ſtanden, hielten ſie doch die Hände an den Mund und ſchrieen, ſo laut ſie konnten.„Warum ſucht er denn nicht in die See zu kommen?“ fragte Paul.„Ich denke, er hat ſchon vorher Havarie gehabt, daß er ſich nicht gegen den Sturm hal⸗ ten kann,“ war die Antwort.„Es iſt ein Schwede,“ meinte ein anderer Lootſe.„Selbſt Schwede!“ höhnte ein Dritter;„es iſt unſer Neptun; ich bin ja ein Jahr mit ihm gefahren und kenne ihn, wie mein Boot.“— Paul fühlte, daß Hedda zuſammenſchrak und ſich feſter auf ſeine Schulter ſtützte. „Laſſen Sie uns hineingehen, Voiſin!“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. Jweiundzwanzigſtes Capitel. Clementine hatte eben der alten Mutter des Kranken noch ein⸗ mal gezeigt, wie man das Nachbluten der Wunden durch Aufdrücken eines naſſen Schwammes befördern müſſe, als die plötzlich herein⸗ brechende Dunkelheit und das Rollen des Donners ſie zu eiliger Rückkehr antrieben. Sie war indeſſen kaum bis zu den andern Woh⸗ nungen gelangt, als der Gewitterſturm in ſeiner ganzen Wuth los⸗ brach, und ſie in einem der Häuschen eine Zuflucht zu ſuchen zwang. Es wurde von einem alten Lootſen bewohnt, der von allen ſeinen Kindern jetzt nur noch eine Tochter zu Hauſe hatte, ein ſchlankes Mädchen von neunzehn Jahren, mit üppigreichem braunen Haar und grauen, halb verlegen, halb keck blickenden Augen. Als Clementine in das niedrige Gemach trat, ſah ſie Marie in der Mitte des Zim⸗ 144 Auf der Düne. mers vor einem Stuhle knien. Das Mädchen hatte die Hände vor das Geſicht gedrückt, und ſtöhnte ſo laut und zitterte ſo heftig, daß die junge Frau über ihre Gewitterfurcht— denn dafür hielt ſie es— lächeln mußte. Sie trat alſo näher, legte ihr die Hand auf die Schulter und ſagte in gütigem Tone:„Marie, wie kannſt Du nur ſo kindiſch ſein?“ Das Mädchen hob ihr hübſches, von Thränen überſtrömtes Geſicht empor, und ſagte, ängſtlich die Hände der jungen Frau, die ſich vor ihr auf den Stuhl geſetzt hatte, ergreifend:„Ach, ſind Sie es Frau Inſpector! bitte, bitte, laſſen Sie mich nicht allein! Ich ſterbe vor Angſt.— Das iſt zu ſchrecklich!“ rief ſie, als ein mächtiger Blitz das halbdunkle Gemach auf mehrere Secunden er⸗ hellte, und dann ein ſchmetternder Donner das Haus erzittern machte; und ſie verbarg ihr Geſicht in Clementinens Schooß. „Aber Marie,“ ſagte vieſe,„das iſt doch zu thöricht. Siehſt Du denn, daß ich mich fürchte?“ „Warum ſollten Sie ſich auch fürchten?“ ſchluchzte das Mädchen. „Weshalb ich denn weniger, wie Du?“ Marie blickte empor, ſchaute prüfend in Clementinens über ſie gebeugtes Geſicht und ſagte leiſe: „Weil Sie gut ſind.“ „Biſt Du das nicht?“ „Ich? ach, liebe Frau Inſpector, ich bin nicht gut; gewiß, ich bin nicht gut. Ich bin ein ſchlechtes, ſchlechtes Mädchen.“ Und wieder verbarg ſie ihren Kopf in dem Schvoß der jungen Frau, und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen würde. „Was iſt Dir, Marie?“ ſagte Clementine, ernſtlich durch die unerklärliche, entſetzliche Angſt des Mädchens beumuhigt.„Du haſt noch etwas Anderes auf dem Herzen. Kannſt Du es mir mittheilen, ſo ſprich in Gottes Namen. Du weißt, ich meine es gut mit Dir“ Marie ſchaute wieder prüfend in Clementinens Geſicht. „Sagen Sie mir nur dies,“ ſtammelte ſie,„iſt er denn wirklich ein ſo großer, reicher Herr geworden, wie die Andern ſagen, und iſt er wirklich fortgereiſt, um nicht wieder zu kommen?“ „Was iſt das?“ ſagte Clementine erblaſſend.„Von wem ſprichſt Du?“ Auf der Düne. 145 „Von ihm; von dem Lieutenant. O, er kommt gewiß nicht wieder. Was ſoll ich thun, was ſoll ich thun?“ „Wenn Du mir nicht mehr Zuſammenhang in Deine Rede brin⸗ gen willſt,“ ſagte Clementine ernſt,„ſo werde ich fortgehen. Dein Weinen und Wehklagen iſt zu nichts auf der Welt gut.“ „Nein, nein, gehen Sie nur nicht fort;“ rief das Mädchen, ſich an ſie feſt klammernd.„Sie ſollen Alles erfahren. Sie werden ja Mitleid mit mir haben.“ Und nun ſtammelte die Geängſtete in das Ohr der jungen Frau eine jener alltäglichen Geſchichten, die ganz luſtig klingen, wenn junge Taugenichtſe ſie ſich über dem Wein er⸗ zühlen, aber ſehr traurig, wenn die Heldin und das Opfer in den⸗ ſelben, mit von Thränen halb erſtickter Stimme und mit von heißer Scham übergoſſenem Antlitz, ſie reuig einer edlen Frauenſeele beichtet; eine jener Geſchichten, wo gemeine Sinnlichkeit im Bunde mit viel⸗ gewandter Schlauheit über Unerfahrenheit, Jugend und Unſchuld einen leichten, ſchmählichen Sieg davon trugen. Das Mädchen war mit ihrer Beichte zu Ende. Clementine er⸗ hob ſich, blaß und ſchweigend, und ſchickte ſich zum Fortgehen an. „Und Sie wollen ſo gehen?“ flehte das Mädchen,„ohne mir ein gutes Wort geſagt zu haben! Wenn Sie ſich meiner nicht an⸗ nehmen, dann bin ich ganz verlaſſen.“ „Armes Kind,“ ſagte Clementine ſanft,„ich will Dich nicht ver⸗ laſſen. Ich will für Dich ſorgen, als ob Du meine unglückliche Schweſter wäreſt. Sei fromm und demüthig, ſo wird Dir auch Dein Gott, zu dem Du beteſt, verzeihen. Bedürfen wir doch Alle der Verzeihung.“ Sie küßte das Mädchen, das mit gefaltenen Hän⸗ den und weinenden Augen vor ihr ſtand, auf die Stirn, und ging, des Sturmes und des Regens nicht achtend, aus der Hütte fort nach dem Commandeurshauſe. Fr. Spielhagen's Werke. IV. 10 146 Auf der Düne. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Clementine war kaum im Hauſe angelangt, und hatte nur eben Zeit gehabt, nach ihrem Kleinen zu ſehen, der von der Angſt und Aufregung der großen Leute nichts wußte, da ihn der brüllende Donner in ſeinem feſten Kinderſchlaf nicht ſtören konnte, als ihr Mädchen hereinſtürzte und ſie eiligſt zu Fräulein Hedda zu kommen bat. Sie ging ſogleich hinauf und fand die Freundin auf dem Beite liegend, während das andere Mädchen ſich um ſie bemühte, oder, richtiger geſprochen, in der doppelten Angſt vor dem Gewitter und um ihre junge Gebieterin die Hände rang und wehklagte. Clementine erfuhr nun von der einen und der andern, daß der Lootſencomman⸗ deur in dem Sturme ausgefahren, und für ſein Zurückkommen nicht die mindeſte Hoffnung vorhanden; Hedda aber ihrerſeits eine viel zu gute Tochter ſei, als daß ſie den Tod ihres Vaters überleben könnte— und was dergleichen Prophezeihungen denn mehr waren. Sie ſcheuchte die beiden Unglücksraben fort, und ſetzte ſich zu Hedda an's Bett. Sie ſah alsbald, daß der Zuſtand derſelben ſich in nichts von den leichten Ohnmachten unterſchied, denen ſie nach großen körperlichen Anſtren⸗ gungen oder Gemüthserregungen unterworfen war; und ſo wandten ſich ihre Gedanken bald wieder auf die Geſchichte, die ſie ſo eben von dem armen Mädchen drüben gehört, und die ihr mit fürchterlicher Klarheit die Unwürdigkeit des Mannes, dem ſie ſo feſt vertraut hatte, und den Abgrund, an dem ſie ſorglos gewandert war, enthüllte.— Frauen urtheilen meiſtens ſehr mild über die leichtſinnige Vergangen⸗ heit eines Mannes, den ſie lieben, freilich nur unter der Bedingung, daß für ihn in der neuen Liebe ein neues Leben beginnt. Je flatter⸗ hafter er war, deſto mehr fühlen ſie ſich durch ſeine gegenwärtige Beſtändigkeit geſchmeichelt, denn er erhebt ſie dadurch über alle ihre Schweſtern; deſto tiefer empört ſie aber auch eine neue Treuloſigkeit, denn er ſagt damit klar: du biſt nicht beſſer, als alle Anderen auch. — Liebte Clementine jenen Mann? Sie mußte wohl; wie hätte ſonſt ſeine Unwürdigkeit ſie ſo ſchmerzlich berühren können? Herr Auf der Düne. 147 von Elze hatte nie verſchwiegen, ja oft gefliſſentlich durchblicken laſſen, daß die Frauen in ſeinem Leben von jeher eine große Rolle geſpielt; und Clementine hatte das immer zu entſchuldigen gewußt. Jetzt, da ſie ſich perſönlich beleidigt fühlte, war ihre Langmuth zu Ende. So capriciss kann die Moral nur durch die Liebe werden. Aber in jedem Falle würde Clementine die Perfidie, die ſich Herr von Elze in dem ganzen Verhältniſſe hatte zu Schulden kommen laſſen, verdammt haben. Wohl wiſſend, daß Vornehmheit keine gute Empfehlung in den Augen einer armen Lootſentochter iſt, war er ihr gegenüber nur immer als der ſchlecht beſoldete Steuerbeamte aufgetreten, der nicht die mindeſte Ausſicht habe, jemals wieder vom Nedur fortzukommen. Ohne ihr geradezu die Ehe zu verſprechen, hatte er doch ihre Be⸗ ſorgniſſe in dieſem Punkte vollſtändig einzuwiegen verſtanden, und durch affectirte Treuherzigkeit und indem er dann wieder einmal ſeine geiſtige Ueberlegenheit herauskehrte, ihr Vertrauen ſo ganz gewonnen, daß ſie das Verſprechen der tiefſten Verſchwiegenheit ſchwerlich ge⸗ brochen haben würde, wenn Herr von Elze ſich die Mühe genommen hätte, ſie von ſeiner Reiſe zu unterrichten. So aber, allein und ver⸗ laſſen, wie ſie ſich glaubte; dazu geängſtigt durch die Gewißheit, die ſie ſeit einiger Zeit hatte, daß ſie die Frucht ihres ſträflichen Umgangs mit dem fremden Manne unter dem Herzen trage, hatte ſie in ihrer kindiſchen Furcht vor dem Gewitter, das ſie diesmal als eine Strafe des Himmels anſah, Clementinen ein Geſtändniß ihrer Schuld abgelegt. „Und dieſen Mann,“ dachte jetzt Clementine,„konnteſt du ſo hoch achten, daß du, um ihn glücklich zu wiſſen, beinahe ſchon zu jedem Opfer bereit warſt. Die Liebe dieſes Mannes konnte dich ſo ſtolz machen, daß Du nicht ohne Kampf ſeine Anträge zurückzuweiſen ver⸗ mochteſt! Wodurch bin ich denn in den Augen des Allwiſſenden von jenem armen Mädchen unterſchieden? Daß ſie gefallen iſt, wo ich nur ſtrauchelte. Sie, ſo jung, ſo kindiſch⸗eitel, ſo unerfahren, ſo einſam, ohne Mutter, Brüder und Schweſtern, und ich— o Gott, jetzt ſehe ich deutlich, weshalb Guſtav ſo fremd, ſo kalt gegen mich iſt! Ach, wäre er nur ſtets liebevoller geweſen; hätte er mich, anſtatt ſtolz zu ſchweigen, nur einmal freundlich gewarnt, es wäre nie ſo 10* 148 Auf der Düne. weit gekommen. Und ſoll ich ihm jetzt geſtehen: du hatteſt Recht, der Mann, den ich meinen Freund nannte, iſt ein Unwürdiger? O Gott, kann ſich denn das Menſchenherz ſo irren? ſind wir denn ſo die Sklaven unſrer Sinne!“ und die keuſche junge Frau verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte bitterlich. Da richtete ſich Hedda vom Lager empor, blickte, mit der Hand über die Stirn ſtreichend, um ſich, und als ſie die Freundin ſo ſchmerzlich weinen ſah, rief ſie entſetzt:„Sind ſie todt? Beide todt?“ „Wer denn, Hedda?“ ſagte Clementine, ſchnell ſich faſſend. „Mein Vater und er!“ „Dein Vater und Paul? beſinne Dich doch! Paul iſt ja gar nicht mitgefahren und Dein Vater hat wohl ſchon größere Gefahren glücklich beſtanden.“ „Wie lange habe ich denn hier gelegen?“ fragte Hedda verwirrt. „Höchſtens eine Viertelſtunde.“ „O, dann kann ja auch noch Alles gut werden!“ rief Hedda aufſpringend.„Komm, Clementine, komm!“ Und ſie eilte ſo ſchnell aus dem Zimmer, die Treppe hinab, nach dem Gartenſaal, daß Clementine ihr kaum folgen konnte. Als ſie eintraten, kam Paul durch die Glasthür hereingeſtürmt. Seine Kleider trieften von Waſſer; aber ſein Geſicht war fröhlich und ſeine Augen leuchteten:„Triumph!“ rief er.„Wir haben geſiegt! Der Lootſencommandeur iſt ſchon an Bord. Run hat's nichts mehr zu ſagen. Er hat mehr Macht, als Klabautermann! Sind Sie da, Clementine? Ich wollte Sie holen, aber— Ich muß wieder fort. Bleibt Ihr nur ruhig hier. Es weht noch immer, wie toll; aber es iſt Kinderſpiel gegen vorhin.“ So ſtürmte er wieder zur Thür hinaus, ohne daß die beiden Frauen auch nur ein Wort hätten anbringen kznnen.— Sie traten an das Fenſter. Im Süden war es wieder hell geworden; der Regen hatte nachgelaſſen, auch der Sturm; aber das Meer rollte jetzt in ungeheuren Wogen heran.„Da ſteht Paul ſchon wieder auf der Düne,“ ſagte Clementine.„In der Freude ſeines Herzens ſchüttelt er allen Lootſen die Hände. Er iſt doch ein prächtiger Menſch.— Was meinſt Du?“ flüſterte ſie, ihren Arm liebevoll um Hedda's Schultern legend,„das wäre ein Mann für Auf der Düne. 149 Dich!“ Hedda ſchüttelte traurig den Kopf.„Und er hat Dich gewiß tieb,“ fuhr Clementine fort. Da brach Hedda in ein lautes Weinen aus, und verbarg ihr Geſicht an dem Buſen der Freundin.„O, ſage nur nicht, daß er mich liebt!“ ſchluchzte ſie.„Er ſoll mich nicht lieben. Er darf mich nicht lieben!“— Biſt Du ihm denn nicht recht herzlich gut?“—„Ja— nein—“—„Ja, nein? weiß meine kluge Hedda ſo wenig, wie es in ihrem Herzen ausſieht?“—„Ich wollte, er wäre nie hierher gekommen; ich wollte, ich hätte ihn nie erblickt; ich wollte, ich wäre todt!“ rief Hedda.—„Aber Hedda,“ ſagte Cle⸗ mentine, durch die wilde Leidenſchaftlichkeit der Freundin erſchreckt, „was haſt Du nur? ich habe Dich ja nie ſo geſehen.“—„Frage mich nicht,“ ſagte dieſe,„ich kann und darf Dir nichts ſagen.“— Damit wandte ſie ſich von Clementinen, und ſetzte ſich in die Sopha⸗ ecke, den Kopf auf die Hand ſtützend. Plötzlich ſagte ſie:„Clemen⸗ tine, iſt es möglich, daß ein Frauenherz zu gleicher Zeit für zwei Männer Liebe fühlt?“—„Nein,“ ſagte Clementine erröthend.„Wie kommſt denn Du auf dieſe Frage?“—„Gleichviel,“ ſagte Hedda. „Warum iſt es nicht möglich?“—„Weil,“ ſagte Clementine,„die rechte Liebe unſer ganzes Weſen ausfüllen ſollte, und da iſt nicht Platz für zwei..—„Und wenn man nun doch dieſe doppelte Liebe fühlt?“—„So iſi nur die eine von beiden die echte, wahre Liebe, oder ſie ſind beide falſch.“—„Und kann jene echte Liebe, die unſer ganzes Weſen erfüllt, kann ſie von ewiger Dauer ſein?“—„Ich weiß nicht,“ ſagte Clementine verwirrt,„ich hoffe es. Was fragſt Du mich?“ Da kam Paul wieder, und berichtete, daß der Lootſencommandeur den Dampfer um den Nedur herumſteure, und ihn neben dem Bagger unter dem Schutz der Inſel vor Anker bringen werde.„Und jetzt,“ ſagte er,„erbitte ich mir ein Glas Wein, oder dergleichen, zum Lohn für meine frohe Botſchaft.“— Hedda eilte fort, das Gewünſchte her⸗ beizuholen.„Das arme Mädchen; wie blaß ſie iſt!“ ſagte Paul ihr nachſchauend.„Dieſes Leben mit den Gefahren, die ihren Vater ſtets bedrohen, iſt nichts für ſie. Sie muß von hier fort. Ich werde Papa Walter das klar zu machen ſuchen.“—„Das heißt,“ ſagte Clementine,„ich werde mich entſchließen müſſen, ſie zu heirathen.“— 150 Auf der Düne. „Ich heirathen?“ rief Paul,„und ich Hedda heirathen?“—„Kommt Ihnen das ſo wunderbar vor? Haben Sie ſie denn nicht lieb?“— „Ich? ja— nein—„Ja? nein?“ ſagte Clementine lächelnd. „Ich glaube, Ihr ſeid Beide toll.“„ vierundzwarzigſtes Capitel. Eine halbe Stunde ſpäter landete der Lootſencommandeur mit ſeinen beiden Leuten auf derſelben Stelle, von der er vorhin zu ſeiner Fahrt auf Leben und Tod ausgeſegelt war. Aber er kam auf einem Boot von der Corvette, da ſein Fahrzeug beim Anlegen an das Schiff von den Wellen zertrümmert wurde. Die Männer, die mit den Augen der Kenner ſein kühnes Wagſtück beobachtet hatten, waren da, ihn zu empfangen, und ſie blickten mit Stolz auf ihren Commandeur; aber geſprochen wurde kaum ein Wort. Dieſe Menſchen ſind keine großen Redner. Auch der Lootſencommandeur that durchaus nicht, als ob etwas Beſonderes geſchehen ſei. Später freilich hat er die Geſchichte von der Rettung des Neptun noch oft erzählt. Mittler⸗ weile war aber der alte Rickmann der Held geworden. Im Hauſe angelangt, berichtete er in ſeiner gewöhnlichen eintönigen Manier, wie ſie das Schiff noch gerade zur rechten Zeit, um es vor dem Stranden zu bewahren, erreicht und beſtiegen hätten. Das große Fahrzeug bei dem wäthenden Sturm durch das enge Fahrwaſſer durchzulootſen, war doppelt ſchwer geweſen, als es in der That Havarie gehabt hatte, und die Maſchine nur mit halber Kraft arbeiten konnte. Die Corvette war der Neptun, der, eben von ſeiner großen Reiſe zurückgekehrt, zuerſt in den Hafen von Sw. eingelaufen war. Dort war die Hälfte der Matroſen ausgelöhnt worden, der Capitän hatte das Schiff verlaſſen, um den Bericht der Reiſe an die Admira⸗ lität zu bringen, und der erſte Lieutenant den Befehl erhalten, es in den Hafen von S, zu führen, wo es überwintern ſollte. Auf der Auf der Düne. 151 Fahrt dorthin wurde es vom Sturme überfallen. Der Lootſencom⸗ mandeur rühmte die Bravour der Leute, vor allem die Umſicht des erſten Lieutenants.„Das iſt ein richtiger Seemann,“ ſagte er,„und dabei ein ganz junger Mann. Er hat mir ſehr gefallen, und ich freue mich, daß er unk hernach beſuchen wird. Recht, Hedding,“ rief er, als ſeine Tochter plötzlich aufſtand und nach der Thür ging, „ſchaff uns was Gutes zum Abendeſſen. Und höre, Hedding, der Lieutenant ſagt: er habe Dich in S. bei der Tante kennen gelernt.“— „So?“ ſagte Hedda ſchon an der Thür;„wie heißt er denn?“— „Lieutenant Helm.“—„Helm? iſt er nicht ein kleiner blonder Mann, der ein wenig ſchilt?“—„Das iſt der zweite Lieutenant, Sandberg;“ ſagte der Lootſencommandeur.—„So?“ ſagte Hedda gleichgültig. „Auch möglich. Aber, ob ſchielend oder nicht, der Mann muß etwas zum Abendeſſen haben.“ Und ſie eilte zur Thür hinaus.— Clemen⸗ tine folgte ihr, und der Lootſencommandeur und Paul gingen nach dem Wachthäuschen und beobachteten das weißſchäumende offene Meer, auf dem jetzt in weiter Ferne wieder einige Schiffe ſichtbar wurden, und die ſchmucke Corvette, die auf der andern Seite noch im glatten Waſſer, im Schutze der Inſel, dicht neben der Bagger⸗ flottille ankerte. „Sie wird wohl ein paar Tage da bleiben,“ ſagte der Lootſen⸗ commandeur,„denn ſie muß ſich von hier in's Schlepptau nehmen laſſen, und wir haben außer dem Adler, der ohne Erlaubniß der Re⸗ gierung nicht von der Stelle darf, keinen Dampfer in dieſen Ge⸗ wäſſern. Vielleicht giebt ihn Guſtav auf ſeine Verantwortung, wenn er zurückkommt.“ Da ſtieß ein Boot vom Neptun und näherte ſich raſch der Inſel. „Hei, wie das fliegt!“ rief Paul, das tactmäßige Rudern der Flotten⸗ matroſen bewundernd, das einem Boot das Ausſehen eines Vogels giebt, der mit gleichmäßigem Flügelſchlag dicht über der Waſſerfläche hinſchwebt.„Ja, die Burſche verſtehen es,“ ſagte der Lootſencom⸗ mandeur, und ſie gingen, die Ankömmlinge am Strande zu empfangen. Außer den Matroſen waren noch zwei Männer im Fahrzeug, beide in Uniform, von denen der eine das Steuer führte, während der andere zuſammengekauert neben ihm ſaß.„Kann ich hier auflaufen 152 Auf der Düne. laſſen, Commandeur?“ rief der Erſtere mit helltönender Stimme herüber.„Nur immer heran, Lieutenant!“ ſchrie dieſer zurück. Noch ein paar Schläge, und die Leute nahmen die Ruder herein, ſchnell, wie ein Vogel die Flügel zuſammenlegt, und dgs Boot ſtieß knirſchend auf den Sand. Der Officier ſchritt nach öbrn, ſchwang ſich mit einem Satze von dem Boot auf's Trockene, und begrüßte herzlich den Lootſencommandeur.„Ein lieber junger Freund von uns;“ ſagte der Letztere, Paul in dieſer unbeſtimmten Weiſe verſtellend. Der Lieute⸗ nant faßte grüßend an ſeine Mütze, und warf aus ſeinen dunklen Augen einen prüfenden Blick auf den neuen Bekannten.„Der ſchielt wahrlich nicht!“ ſagte Paul bei ſich, den höflichen Gruß und den prüfenden Blick erwiedernd. „Nun, Doctor,“ rief der Lieutenant, nach dem Boote zurück⸗ gewandt,„wollen Sie denn ſitzen bleiben?“—„Bis mich Jemand herausträgt, gewiß!“ antwortete eine quäkende Stimme.—„Nun ſo laſſen Sie ſich heraustragen!“ rief der Lieutenant lachend. Aber auch Paul mußte lächeln, als jetzt ein kurzer, unterſetzter Mann mit einem ganz unförmlich großen Kopf in dem Boote auf die Bank kletterte, ſich einem Matroſen auf die Schultern hing, und ſich von ihm die paar Schritte auf den Strand tragen ließ.„Froh aus der Todes⸗ gefahr;“ ſeufzte der Kleine, als er den feſten Sand unter den Füßen fühlte.„Nicht beraubt der lieben Genoſſen;“ ergänzte Paul.— Wer Sie auch ſein mögen, Fremdling,“ rief der wunderliche kleine Mann;„ich freue mich, nach zwei Jahren endlich einen Menſchen ge⸗ funden zu haben, der den Homer citiren kann. Wir müſſen Freunde werden!“ und er ſchob einen ſeiner langen Arme unter Paul's Arm und watſchelte neben ihm her nach dem Commandeurshauſe. Clementine und Hedda waren im Muſchelgarten, als die Geſell⸗ ſchaft anlangte. Die Sonne, die ſeit der letzten Stunde wieder hervor⸗ gekommen war, ging eben glühend in den bewegten Waſſern unter, und ſtrahlte ihr roſiges Licht über die ſchönen Geſtalten. „Meine zwei Töchter;“ ſagte der Lootſencommandeur— die beiden Damen ſo vorzuſtellen war ein ſtehender Scherz des braren Mannes—„Marinelieutenant Helm, Doctor—“ „Amadeus Schwarz, zu dienen;“ vervollſtändigte dieſer. — Auf der Düne. 153 „Ich freue mich, eine angenehme Bekanntſchaft erneuern zu dürfen;“ ſagte der Officier, ſich vor den Damen verneigend, zu Hedda. „Ich ärgere mich, nicht daſſelbe von mir ſagen zu können;“ quäkte der Doctor, und dabei verbeugte er ſich, die Hand auf's Herz legend, ſo tief, daß Paul, der ein ſtiller, aufmerkſamer Beobachter dieſer ganzen Scene war, fürchtete, der Kleine werde im nächſten Augenblick auf ſeinen großen Kopf zu ſtehen kommen. „Nun, und erinnerſt Du Dich des Lieutenants, Hedding?“ fragte der Lootſencommandeur. „O, vollkommen;“ ſagte Hedda, tief erröthend. „Denn Sie müſſen wiſſen,“ fuhr er fort,„daß meine Tochter Sie vorhin mit Ihrem Kameraden Sandberg verwechſelte.“ „Die Aehnlichkeit iſt gerade nicht frappant;“ meinte der Doctor. Hedda erröthete noch tiefer, wie zuvor. „Die Verwechſelung iſt ſehr erklärlich,“ ſagte der Lieutenant, „da Sandberg und ich in S. ſtets beiſammen waren, und ich es ſchon längſt gewohnt bin, neben meinem vortrefflichen Freunde über⸗ ſehen zu werden.“ „Wollen wir nicht hineingehen?“ ſagte Clementine.„Unſer Eſſen wird kalt.“ Fünfundzuamigſtes Capitel. Paul war in dem Muſchelgarten zurückgeblieben und ſah mechaniſch zu, wie drinnen die Geſellſchaft ſich um den Tiſch ordnete. Da kam Hedda an die Thür, und rief:„Wo bleiben Sie denn, Voiſin?“ „Ich komme;“ antwortete Paul, und bei ſich ſprach er:„es muß ſo ſein.“ Der junge Mann hatte während der vorigen Scene eine Ent⸗ deckung gemacht, die auch wohl einem weniger ſcharfſinnigen, aber eben ſo intereſſirten Beobachter nicht entgangen wäre: er hatte das 154 Auf der Düne. Verhältniß zwiſchen Gerhardt und Hedda ſo gut wie enträthſelt; und der Schlüſſel zu dieſem Räthſel war folgender Satz, der ſich ihm ſogleich mit mathematiſcher Gewißheit aufdrängte: Es iſt abſolut un⸗ möglich, zumal für ein Mädchen wie Hedda, auf welche die Schönheit einen ſo mächtigen Eindruck macht, einen Mann, der ſo wunderbar ſchön iſt, zu vergeſſen. Erinnerte ſie ſich ſeiner nicht mehr, ſo wollte ſie es nicht, das heißt: er liebt ſie, und ſie liebt ihn nicht; oder ſie liebt ihn, und er liebt ſie nicht— was Beides nicht wahrſcheinlich; oder ſie lieben ſich, und haben nur ihre Gründe, es geheim zu halten, was im Gegentheil ſehr wahrſcheinlich iſt. Und dann kannte er ſeine Voiſine zu gut, als daß ihm ihre Verlegenheit vorhin, ſo ſehr ſie ſich dieſelbe zu verbergen bemühte, hätte entgehen können; und dann er⸗ innerte er ſich ihrer Fragen nach dem Neptun, und dann dachte er daran, wie ſie zuſammenzuckte, als der Lootſe behauptete, das Schiff in Gefahr ſei der Neptun— und er ſprach bei ſich: es muß ſo ſein. So trat er in den Saal, und ſetzte ſich an den Tiſch, wo ganz in alter Weiſe ihm neben Hedda ein Platz leer gelaſſen war. Von wie heftigen Gefühlen ſein Herz bewegt ſein mochte, ſeine Stirn war heiter, ſeine dunkelblauen Augen leuchteten, ein feines, halb ironiſches Lächeln ſpielte um ſeinen Mund: es war die Miene eines Forſchers, der eben den ſpringenden Punkt in einer verwickelten Unterſuchung gefunden hat, und den Triumph der vollſtändigen Löſung ſchon im voraus genießt. Denn Paul war einer von den Menſchen, die den Cultus des Geiſtes bis zum Fanatismus treiben, und zu einem Er⸗ eigniß, das ihnen das Herz zerſpalten wird, ſprechen: Störe mir nicht meine Kreiſe!— Nun liebte Paul gewiß ſeine Voiſine; aber deshalb vermochte er doch mit neidloſer Bewunderung der Schönheit des Mannes, in welchem ſein Scharfſinn ſo ſchnell ſeinen Nebenbuhler er⸗ kannt hatte, zu huldigen. Die Liebe hat keine gefährlichere Feindin, als die Poeſie, obgleich ſie ihren romantiſchen Schimmer nur von dieſer erhält; gerade ſo, wie der Mond ſein Licht nur von der Sonne entlehnt, und doch für uns verliſcht, wenn dieſe in ihrer Pracht am Himmel aufgeht. Und Paul's Seele trank die Schönheit, wie die durſtige Pflanze den Regen des Himmels; er berauſchte ſich in ihr; er fand in ihrem Genuß jene Extaſe, jene bacchantiſche Begeiſterung, — Auf der Düne. 155 die Andere nur in den myſtiſchen Tiefen der Religion, oder in den fonnigſten Augenblicken der Liebe finden.„Wahrlich,“ ſprach er bei ſich, während ſeine Blicke an dem Fremden hingen:„es iſt keine Schmach für Hector, daß er dem Achill unterliegt: denn mit den Göttern ſoll ſich nicht meſſen irgend ein Menſch!“ Hier hat einmal die Natur die Rolle des Künſtlers übernommen, und was ſie ſonſt mit karger Hand unter Tauſende vertheilt, verſchwenderiſch auf den einen Liebling gehäuft. Welch ein Kopf! wie frei er auf dem ſchlan⸗ ken Halſe über den rundlichen Schultern ſchwebt! wie anmuthig die weichen braunen Locken ſeine herrliche Form umſpielen! Und wie edel, wie rein die Züge dieſes Antlitzes, das auch ohne Bart ſo kühn und männlich iſt! Wie trefflich der ſonnverbrannte, ſchwärzliche Teint zu den leuchtenden dunklen Augen ſtimmt!— Paul ſchaute umher, ob denn Niemand ſeine Bewunderung theile; aber nur Clementine lächelte ihm freundlich bejahend zu, als ſein Blick ſie fragte: iſt er nicht ſchön? Der Lootſencommandeur war, wie viele Menſchen, in Bezug auf Schönheit im Stande der Unſchuld: der ſchönere Menſch war ihm nie der beſſere Menſch, geſchweige denn der beſſere See⸗ mann; und der Marinelieutenant hatte in ſeinen Augen, außer ſeiner Tüchtigkeit als Seemann, höchſtens noch das Verdienſt, ein unermüd⸗ licher Zuhörer ſeiner endloſen Geſchichten zu ſein.— Was Hedda betrifft, ſo ſchien ſie nur Aug' und Ohr zu haben für ihren Nachbar rechts, den wunderlichen kleinen Doctor, und es iſt nicht zu leugnen, daß ihr Intereſſe unter allen andern Umſtänden vollſtändig gerecht⸗ fertigt geweſen wäre. Denn der Doctor verſchloß in ſeinem unförm⸗ lichen Kopf einen unerſchöpflichen Schatz des köſtlichſten Humors, und die Drolligkeit ſeiner Einfälle wurde nur durch den unerſchütterlichen Ernſt übertroffen, mit dem er ſie vorbrachte. Selbſt Clementine, ſo ſchwer ihr das Herz heute war, mußte einmal über das andere lächeln; Hedda aber, die in den erſten Minuten blaß und ſtill und verwirrt geweſen, hatte jetzt ihre keckſte Laune wieder gewonnen, und der fun⸗ kelnde Witz, mit dem ſie auf die Scherze des Doctors einging, ihn herausforderte, und oft in die Enge trieb, überraſchte ſelbſt Paul, ſo ſehr ihn auch das geiſtreiche Mädchen gerade in dieſer Hinſicht ver⸗ wöhnt hatte. Dann ſuchte ſie auch ihn in das Geſpräch zu ziehen, 156 Auf der Düne. und ſchien ganz glücklich, als ihr das endlich gelungen war, und er, mit der ihm eigenthümlichen Anmuth der Rede das von ihr angegebene Thema weiter führend, ſchließlich die Aufmerkſamkeit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft gefeſſelt hatte.— Nach Tiſch ſetzte ſie ihr übermüthiges Spiel in derſelben Weiſe fort. Zufällig war von Kartenkunſtſtücken die Rede geweſen, und Gerhardt hatte geäußert, daß ſein Freund, Doctor Deus, wie er ihn nannte, darin Meiſter ſei. Nun ruhte ſie nicht, bis dieſer Karten zur Hand nahm, und wurde nicht müde ſeinen Hokus⸗Pokus zu bewundern, bis er erklärte, dies ſei ſein beſtes und letztes Kunſtſtück und nun wiſſe er keines mehr. Dann ſollte muſicirt werden, und ſie fing auch wirklich, nachdem ſie ſich erſt von Allen der Reihe nach hatte bitten laſſen, die langweiligſte Etüde, auf die ſie ſich beſinnen konnte, mit der größten Andacht zu ſpielen an, hörte aber mitten in einem Satze auf, und rief: Jetzt hab'ich's, jetzt hab' ich's! lief an den Tiſch und machte dem Doctor, ſehr geſchickt und anmuthig in der That, ſein letztes Kunſtſtück nach. Darauf begann ſie von neuem, unterbrach ſich abermals, und ſagte: ſie wolle lieber ſingen, das Spielen greife ſie an. Kaum hatte ſie indeſſen eines ihrer ſchön⸗ ſten Lieder ſchöner, wie Paul es je gehört, halb zu Ende geſungen, als ſie die Bemerkung machte, ſie ſei heißer⸗ und ihre Stimme heute nur im Duett erträglich. „Wer von den Herren will die Güte Singen Sie nicht, Herr Doctor?“ „Meine Gnädige, welche Zumuthung!“ rief dieſer ganz beſtürzt. „Sie, Herr Lieutenant?“ „Bedaure ſehr.“ „Nun, Voiſin, Sie werden Ihre Voiſine nicht im Stich laſſen.“ „Aber, Fräulein Hedda, Sie wiſſen, mein ganzes Repertoir be⸗ ſteht augenblicklich in den ſechs Mendelsſohn'ſchen Duetts, und die dürften nicht mehr ganz neu ſein.“ „Was thut das? Kommen Sie nur. Das Schöne wird nie alt. Hier:„Maiglöckchen läutet“— paßt nicht für die Jahreszeit. Aber hier:„O, ſäh' ich auf der Haide dort im Sturme Dich, im Sturme Dich,“— das iſt ſchön. Sie können auch ſingen;„O, ſäh' ich auf der Düne dort““— haben, mich zu begleiten? Auf der Düne. 157 Und als ſie das Lied zu Ende geſungen hatten: „Ganz vortrefflich, Voiſin. Es iſt Jammer und Schade, daß Sie nicht mehr für Ihre Stimme thun. Ich werde Ihnen von mor⸗ gen an täglich eine Stunde geben. Aber weiter:„Ich wollt', meine Liebe ergöſſe“— Sie ſangen die erſten beiden Strophen des Liedes ohne Anſtoß. Die dritte lautet: „Und haſt Du zum nächtlichen Schlummer Geſchloſſen die Angen kaum, So wird mein Bild Dich verfolgen Bis in den tiefſten Traum.““ „Es war ja ganz richtig;“ ſagte Clementine, als Beide mitten d'rin plötzlich ſchwiegen. Paul dachte daran, wie er vor wenig Stunden Hedda's Bild im Traum geſehen hatte, und Hedda an die Traumerſcheinung in der Laube. „Es war wohl richtig,“ ſagte ſie;„aber es klang nicht gut.“ „Fangen Sie doch noch einmal an;“ bat Gerhardt. „Nein,“ ſagte Hedda,„der erſte Eindruck iſt nun doch verdorben, und der erſte Eindruck, wiſſen Sie, iſt immer der beſte.“ Bald hernach brachen die Fremden auf, nachdem vorher der Lieutenant die Geſellſchaft zu einem Beſuch auf dem Neptun einge⸗ laden hatte. Der Lootſencommandeur und Paul begleiteten die Gäſte bis zum Strand.— Der Mond ſchien hell; zum Ueberfluß ſchim⸗ merte von der Corvette das Licht einer Laterne herüber. Clementine und Hedda waren allein geblieben. „Du warſt heute recht wunderlich, Hedda;“ ſagte Clementine. „Daß ich nicht wüßte.“ „Schon gut,“ ſagte Clementine. Wie kommt es, daß Du mir nie von dem Lieutenant Helm erzählt haſt?“ „Was ſollte ich Dir von ihm erzählen?“ „Daß er viel zu ſchön ſei, als daß eine gewiſſe junge Dame ſich nicht, auf einige Zeit wenigſtens, ſterblich in ihn hätte verlieben ſollen.“ „Iſt er ſo ſchön?“ ſagte Hedda. Ich erinnere mich jetzt, daß die Leute es ſchon damals ſagten. Ich will doch wirklich morgen ihn einmal genau darauf anſehen. Iſt er hübſcher wie Paul?“ 158 Auf der Düne. „Wahrlich, Hedda,“ ſagte Clementine lächelnd,„dieſe Frage kann nur die Liebe thun.“ „Die Liebe zu wem? Zu dem Lieutenant, der, wie Du ſagſt, ſo ſchön iſt, aber eben kein Genius, wie mich dünkt; oder zu Paul, der nach Deiner Meinung häßlich iſt, nach meiner Meinung aber ein wahrhaft geiſtreicher Mann?“ „Vielleicht zu Beiden.“ „Das müßte denn ſein; denn ſo viel iſt gewiß, der, den ich lieben ſollte, müßte die Eigenſchaften Beider in ſich vereinigen. Und übrigens haſt Du ſelbſt noch heute Nachmittag geſagt, es ſei unmög⸗ lich, Zwei zu gleicher Zeit zu lieben.“ „Und dabei bleibe ich auch; und darum hüte Dich!“ „Vor wem?“ „Vor Dir ſelbſt.“ Hedda lachte; aber als ſie kurz nachher auf ihr Zimmer gekom⸗ men war, ſchloß ſie hinter ſich ab; warf ſich auf ihr Bett, und brach in leidenſchaftliches Weinen aus.— Sechsundzwanzigſtes Capitel. Gerhardt war eines jener bevorzugten Kinder der launiſchen Mutter Natur, die einen unwiderſtehlichen Zauber auf Alle, mit denen ſie in Berührung kommen, ausüben. Paul, auf den dieſer Zauber ſtärker wirkte, als auf irgend Einen, glaubte dies anfänglich durch die einzige Schönheit des Mannes erklären zu können; er fand aber bald, daß die Urſache viel tiefer lag, daß der eigentliche Grund des ſo überaus wohlthuenden Eindrucks, den das Weſen Gerhardt's machte, ir der wunderherrlichen Harmonie zu ſuchen ſei, mit der ſich alle Anlagen deſſelben entwickelt hatten.— Sein Körper war groß und ſtark, und doch wieder ſo geſchmeidig und geſchlankig, daß das Auge nirgends durch ein Zuviel der Knochen oder Muskeln beleidigt Auf der Düne. 159 wurde. Seine Bewegungen waren raſch und entſchieden, und wenn auch ohne eigentliche Anmuth, doch ohne eine Spur von fahrigem Weſen. Die hohe Regelmäßigkeit ſeiner Züge würde ohne den liebens⸗ würdigen Geiſt, der ſie belebte, kalt gelaſſen haben, wie der Glanz ſeiner großen, ſchwarzen Augen durch einen Ausdruck herzlichſter Freundlichkeit gemildert war. Ohne eine beſonders hervorſtechende Anlage arbeitete er leicht, und Alles, was er unternahm, gelang ihm; und während er den Damen als ein Gelehrter erſcheinen mochte, mußte er überall als ein wohlunterrichteter Mann gelten. Seine Unterhaltung zeichnete ſich weder durch blendenden Witz, noch durch jenes Feuer aus, in welchem phantaſiereiche Menſchen auch das Unſcheinbare verklären; aber ſeine Gedanken waren, ohne jemals er⸗ haben zu ſein, niemals niedrig, ſtets klar und hell, wie ſeine Stimme; die, wenn er ſie erhob, einen ſchmetternden Ton hatte, ohne jedoch kreiſchend zu werden.— Dieſe köſtliche Harmonie der beiden Seiten unſers Weſens hatte Gerhardt vor unſerm Paul voraus, bei dem ſie durch die Uebermacht, die der Geiſt an ſich geriſſen hatte, weſentlich beeinträchtigt war. Paul war unzweifelhaft die höhere Intelligenz. Er erhob ſich mühelos in Regionen des Gedankens, in die nur viel⸗ leicht ein Moment der Begeiſterung Gehardten getragen hätte; dafür aber wandelte dieſer viel feſteren Schrittes auf der Erde. Paul war groß im Entwerfen, aber die Ausführung ermüdete ihn leicht; Ger⸗ hardt nahm ſich weniger viel vor, aber was er ſich vornahm, führte er aus. Paul würde einer Gefahr ſo muthig ſich entgegengeworfen haben, wie Gerhardt; aber ſeine Hand würde nicht ſo ſicher, ſein Blick nicht ſo feſt, ſein Herz nicht ſo ruhig geweſen ſein. Die frühe Gewohnheit, viele Stunden des Tages über den Büchern zuzubringen, hatte Paul's von Natur kräftigen Körper ſich weniger mächtig ent⸗ wickeln laſſen. Seine dunkelblauen Augen ſprühten von Geiſt und Leben, wenn er eifrig ſprach, oder ihn überhaupt irgend etwas lebhaft intereſſirte; aber für gewöhnlich hatten ſie jenen matten Schimmer, welcher der Wiederſchein des glanzloſen Lichtes der Studirlampe iſt. Paul konnte nur von ſehr geiſtigen Naturen ganz gewürdigt werden; Gerhardten liebten Alle, die mit ihm in Berührung kamen; und ſo hatte denn der Neptun kaum zwei Tage bei dem Nedur vor Anker 160 Auf der Düne. gelegen, als der Lieutenant Gerhardt der Liebling Aller war, den kleinen Paul nicht ausgenommen, der von ſeinem großen Namens⸗ vetter nie etwas hatte wiſſen wollen, und jetzt jedesmal freundlich die Händchen ausſtreckte, ſobald er die blaue Uniform, die weiße Weſte, die goldenen Epauletten des Seeofficiers erblickte. Der große Paul erklärte ſich ganz offen für einen Bewunderer des Fremden, und be⸗ hauptete, daß gegen ſo viel Schönheit und Mannhaftigkeit kalt zu bleiben, jedem Menſchen ſchwer fallen müſſe, einem Stück Poeten aber, wie ihm, abſolut unmöglich ſei. Ob es eine Art von Dankbar⸗ keit für dieſe unverhohlene Bewunderung war, oder ob ſich Gerhardt wirklich von Paul's Weſen angezogen fühlte, ſo viel iſt gewiß, daß die Zuneigung ſehr bald eine gegenſeitige wurde; und ſo zwiſchen den beiden jungen Männern, die, nach gewöhnlichem Dafürhalten, alle Urſache hatten, ſich zu haſſen, eine Freundſchaft erwuchs, wie ſie ſo ſchnell und kräftig meiſtens nur in den Knabenjahren gedeiht. Denn daß ſie ſich als Nebenbuhler in der Liebe des liebenswürdigen Mädchens gegenüberſtanden, darüber herrſchte jetzt bei Keinem von ihnen der geringſte Zweifel mehr; aber weil ſie, als edle Naturen, Einer den Andern hochzuachten ſich nicht entbrechen konnten, war ihre Nebenbuhlerſchaft, obgleich unausgeſprochen, doch ehrlich und ohne Haß, und dauerte auch nur ſo lange, als Paul nicht zur Erkenntniß gekommen war, daß es an ihm ſei, zurückzutreten, wenn er nicht die Reſultate ſehr ernſten Nachdenkens Lügen ſtrafen wolle.— Hedda ihrerſeits zeigte fortwährend dieſelbe übermüthige, ja wilde Laune, dieſelbe ſieberhafte Erregung, die an jenem erſten Abend an ihr be⸗ merkt wurde, und die ſie auf ihrem einſamen Zimmer mit heißen Thränen büßen mußte. „Weißt Du, Hard,“ ſagte Doctor Deus, als ſie am Abend des zweiten Tages nach dem Neptun zurückruderten,„wer jetzt am meiſten Ausſicht hat, die Hand Deiner unartigen Schönen zu gewinnen?“ „Ich natürlich.“ „Nein.“ „Paul?“ „Nein.“ „Nun wer denn?“ Auf der Düne. 161* „Meine Wenigkeit. Sie heirathete mich morgen, wenn ich nur meinen großen Mund aufthun wollte.“ „Du könnteſt Recht haben,“ ſagte Gerhardt lachend,„aber Du wirſt von Deiner Macht nicht Gebrauch machen, und ſo bin ich vor Dir ſicher, aber ich fürchte Paul ebenſo wenig.“ „Hochmuth kommt vor dem Fall, lieber Hard.“ „Und Muth gewinnt, lieber Deus.“ „Weshalb verlangſt Du denn von Hedda keine Erklärung?“ „Weil ich ſie nicht drängen will, weil ich ihr zeigen will, daß mir Alles an der vollkommenen Freiheit ihrer Wahl liegt. Wie kann ich denn ſpäter auf den Schatz ihrer Liebe ſicher rechnen, wenn ſie mir vorwerfen kann: du haſt ſie geſtohlen? Was ich ganz mein eigen nennen ſoll, muß ich wie ein Mann erobert haben; und muß es wie ein Mann zu vertheidigen wiſſen, damit es ganz mein eigen bleibe.“ „Aber wie weiß ſie denn, daß Du ſie noch liebſt? Denn nach dem allerliebſten Arrangement, wonach Jeder thun und laſſen ſoll, was ihm beliebt, als ſei nichts zwiſchen Euch vorgefallen, ſcheint mir das doch nöthig.“ „Lieber Deus, das verſtehſt Du nicht. Hedda weiß jetzt ſo gewiß, daß ich ſie noch liebe, als hätte ich ihr von neuem es mit tauſend heil'gen Eiden geſchworen.“ „Wenn ſie nun aber doch Paul mehr liebte, wie Dich?“ „Das kann ſie nicht!“ „Weshalb nicht?“ „Weil der Menſch mit Leidenſchaft nur das lieben kann, was eine Ergänzung ſeines Weſens iſt. Denn die Liebe iſt nicht ein Luxus unfrer Natur, wie Manche glauben, ſondern der ſicherſte Be⸗ weis ihrer Bedürftigkeit. Paul aber hat alle Tugenden Hedda's und alle ihre Schwächen, und iſt ihres Weſens Spiegelbild, aber ergänzt ſie nicht.“ „Beurtheilſt Du Paul ſo?“ „Ganz gewiß. Sie ſind ſich ähnlich bis in die Einzelheiten der Manieren. Haſt Du nicht bemerkt, wie Beide auf dieſelbe Weiſe den Kopf ungeduldig in den Nacken werfen, wenn ſie nicht ſchnell genug zu Worte kommen können? Sie gleichen ſich in der leichten, graziöſen Fr. Spielhagen's Werke. IW. 11 162 Auf der Düne. Haltung und Bewegung, ja im Ton der Stimme. Das Alles läßt ſie wie Geſchwiſter erſcheinen; und deshalb liebe ich Paul; aber ich fürchte ihn nicht.“ „Was fürchteteſt Du auch!“ „Was ſtärker iſt, als ich. Das iſt Paul nicht. Ich habe nicht halb ſeinen Geiſt, aber doppelt und dreifach ſeine Kraft, dem Leben Trotz zu bieten. Die Raſtloſigkeit, die Sehnſucht in's Unendliche, die Beiden eigen ſind, und die Jeder nur noch in dem Andern nähren würde, müßten ihnen zur Qual werden, und ſie würden ſich in dieſem Fieber verzehren. Ich habe Muth und Ausdauer, und kann ſchon einmal einen tüchtigen Stoß des Schickſals ertragen, ohne daß meine Nerven in ein krankhaftes Zittern geriethen. Und einen ſolchen Mann muß Hedda haben, und nicht einen genialen Träumer, wie Paul einer iſt.— Schade, daß Clementine ſchon verheirathet iſt, ſie wäre die rechte Frau für ihn.“ „Ei ſeht mir doch dieſe großen Herren!“ ſchrie da der Doctor, „zu gut iſt nichts für ſie, und das Beſte ihnen gerade recht. Weil meine jungen Herren nicht gerade häßlich ſind, glauben ſie, ſie wären des Himmels herrliche Söhne, und hätten nur zu wählen unter der Erde ſchönſten Töchtern. Aber für uns, der Erde häßliche Kinder, lacht kein blaues Auge, rundet ſich kein roſiger Mund zum Kuſſe, hebt ſich kein weißer Buſen in Liebesſehnſucht! O Tod, was haben denn wir verbrochen, daß nur wir hungrig aufſtehen müſſen von dem reichen Mahle der Liebe!— Ja, ſie iſt ſchön mit ihrem hohen ſchlanken Wuchs, ihrem üppig blonden Haar, ihren blauen, ſchwer⸗ müthigen Augen! Für eines ſolchen Weibes Liebe zu leben, oder zu ſterben, das verlohnte ſich doch noch der Mühe, geboren zu werden!“ So kreiſchte der Doctor, und geſticulirte mit ſeinen langen Armen, und wiegte ſeinen großen Kopf auf wunderliche Weiſel hin und her. Gerhardt kannte dieſe Ausbrüche von Leidenſchaft, mit denen der ſeltſame Mann die Rolle des kalten Spötters, die er im gewöhnlichen Leben zu ſpielen für gut fand, unterbrach, ſchon ſeit Jahren; aber er hatte ſo ganz nur für Hedda gelebt, daß er faſt verwundert fragte: „Iſt ſie denn wirklich ſo ſchön?“ Auf der Düne. „O ihr Götter!“ rief der Doctor,„dieſe Verliebten haben do keine Ohren zu hören, keine Augen zu ſehen. Bewahret mich vor einem ſo troſtloſen Zuſtande!“ „Es will mich bedünken, als ſeieſt Du ſelbſt nicht mehr weit davon entfernt.“ „Ich?“ rief Doctor Deus in ſeinem alten, launigen Ton;„ich! bin ich ein Mann zum Lieben!““ Siebenundzwanzigſtes Capitel. In dieſer ſelben Nacht hatte Clementine noch einen Krankenbeſuch im Dorfe gemacht. Sie hatte den Doctor Deus gebeten, nach ihrem Patienten zu ſehen; Doctor Deus hatte heute beim Abſchied aus ſeiner Apotheke eine Salbe zu ſchicken verſprochen, die unverzüglich ange⸗ wandt werden müßte; und ſo pünktlich Wort gehalten, daß das ver⸗ ſprochene Medicament eben ankam, als die Geſellſchaft im Comman⸗ deurshauſe zu Bette gehen wollte. So hatte ſich denn Clementine, ohne Jemandem etwas davon zu ſagen, in dieſer ſpäten Stunde auf⸗ gemacht, und da ſie den Zuſtand des Kranken ſchlimmer fand, ſich ſo lange aufgehalten, daß, als ſie den Rückweg antrat, der Mond, der ihr vorhin noch hell vom Himmel geleuchtet hatte, bereits untergegangen war. Sie ſchritt langſam den bekannten Pfad durch das Dorf zurück. Plötzlich löſte ſich aus dem tiefen Schatten eines der Häuſer eine dunkle Geſtalt los und ſtellte ſich einige Schritte vor ihr auf den Weg. Die junge Frau, die nicht anders glauben konnte, als daß der Mann einer der Lootſen ſei, ſchritt ohne Furcht weiter, und ſagte arglos:„guten Abend!“ als ſie ihm ganz nahe war. „Guten Abend, gnädige Frau!“ antwortete die Stimme Herrn von Elze's. Die unerwartete Begegnung dieſes Mannes zu dieſer Zeit machte ſelbſt Clementinens Muth wanken, und nur mit Mühe unterdrückte ſie einen Schrei. 11* Auf der Düne. „Sie hier?“ ſagte ſie kaum hörbar, indem ſie raſcher weiter ſchritt. „Ja;“ ſagte Herr von Elze, an ihrer Seite bleibend,„ich bin wieder hier, denn die Sehnſucht macht lange Wege kurz. Ich ſah Sie vorhin nach Rickmann's Haus gehen; ich habe hier auf Sie ge⸗ wartet; ich muß Sie noch einmal ſprechen, bevor ich dieſen Ort auf immer verlaſſe, und ich fürchtete, Sie würden mir aus freien Stücken keine Unterredung mehr verſtatten. O, wüßten Sie, wie entſetzlich für mich der Gedanke iſt, auf immer von Ihnen zu ſcheiden! wüßten Sie, was ich ſchon dieſe wenigen Tage, die ich von Ihnen getrennt war, gelitten habe— Sie würden Mitleid mit mir haben! Und hat Ihr eigenes Herz denn nicht, gar nicht für mich geſprochen? Könnten Sie wirklich den Mann, den Sie einſt Freund nannten, den Mann, an deſſen Wohl und Wehe Sie früher ſo lebhafte Theilnahme zeigten, ruhig ſcheiden ſehen? Clementine, es iſt unmöglich! Laſſen Sie dieſen Stolz fahren, der Sie nicht glücklich macht, und mich namenlos un⸗ glücklich! Sagen Sie mir, daß ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin! Oder wenn ſie zu ſtolz ſind, um das über die Lippen zu bringen, laſſen Sie mich wenigſtens an irgend einem Zeichen, an einem wär⸗ meren Druck Ihrer Hand fühlen, daß in Ihrem Herzen nicht Alles ſtumm für mich iſt. O Clementine, Sie, die Sie gegen Alle ſo mild und barmherzig ſind, Sie können gegen den nicht grauſam ſein, deſſen einziges Verbrechen darin beſteht, daß er Sie liebt.“ Und bei dieſen Worten ergriff er ihre Hand, und wollte ſie an ſeine Lippen führen. Aber ſie entzog ſie ihm ſchnell, und ſagte, obgleich heftig zitternd, doch mit feſter Stimme: „Wenn Sie mich noch einmal anrühren, mein Herr, ſo haben Sie es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn ich laut um Hülfe rufe, und die Andern Sie eben ſo gut kennen lernen, als ich Sie jetzt kenne.“ „Mein Himmel,“ rief Herr von Elze,„kann denn die Liebe, die—“ „Laſſen Sie dieſe Phraſen, mein Herr,“ unterbrach ihn Clemen⸗ tine;„ſie machen wahrlich nicht den von Ihnen gehofften Eindruc auf mich.— Nach einer kleinen Pauſe, während welcher Herr von Elze, der Auf der Düne. in ſeiner Ueberraſchung weder wußte, was er thun ſollte, noch was er that, ſchweigend neben ihr hergegangen war, fuhr ſie fort: „Es iſt mir lieb, daß Sie mich begleiten wollen. Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, und möchte, könnte Ihnen auch nicht in Gegenwart Anderer ſagen, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ „In der That, gnädige Frau,“ ſagte Herr von Elze,„ich weiß nicht—“ „Beantworten Sie mir nur dieſe eine Frage,“ unterbrach ihn Clementine abermals;„hat Marie Krafft die Wahrheit geſprochen in dem, was ſie mir von ihrem Verhältniſſe zu Ihnen erzählt hat?— Ihr Schweigen iſt Antwort genug; das Mädchen hat mich nicht belogen. Es fragt ſich jetzt, was iſt zu thun? Sie könnten mir nun freilich antworten, daß dies zu beſtimmen, Ihre Sache— und es ſehr undelicat, unweiblich, Gott weiß, was Alles, von mir ſei, mich ſo ungerufen in Ihre Angelegenheiten zu miſchen; aber ich glaube, daß Sie das nicht ſagen werden. Oder wollten Sie wirklich Ihr Unrecht, ſo weit es möglich iſt, wieder gut zu machen verſuchen? wirklich das arme Schiffermädchen zur gnädigen Frau machen, und von dem Kinde, das ſie unter dem Herzen trägt—“ „Wie!“ rief hier Herr von Elze. „Von dem Kinde, das ſie unter dem Herzen trägt,“ wiederholte Clementine,„den Fluch der Illegitimität nehmen? Sie ſchweigen. Sie wollen das nicht, Sie können das nicht. Ich wußte es zuvor. Und, heiliger Gott, welche Hölle müßte eine Ehe werden, die ſo be⸗ gonnen hat! Nein, lieber die bitterſte Noth, lieber Schmach und Tod, als eine ſolche Ehe!“ „Welches meine Fehler auch ſein mögen,“ ſagte Herr von Elze mit dumpfer Stimme,„Geiz war niemals einer derſelben; und Mut⸗ ter und Kind ſollen nicht Mangel leiden, wenigſtens nicht mit meinem Willen.“ „Nun, und Sie ſind ja glücklicherweiſe in einer Lage, Ihren guten Willen zur That werden zu laſſen,“ ſagte Clementine.„Ich meinerſeits will Ihnen dazu gern die Hand bieten. Marie wird in kürzeſter Zeit mit mir in die Stadt ziehen, ſo daß ich hoffe, ihren Ruf vor der Welt retten zu können. Wenn das unſchuldige Kind Auf der Düne. das Licht der Welt erblickt, und Gott es leben läßt, ſo will ich ſelbſt für ſeine Pflege und Erziehung Sorge tragen. Ich bitte Sie, ja, ich ver⸗ lange von Ihnen, daß Sie mir hierin keine Hinderniſſe in den Weg legen. Ich würde dieſe Anſprüche nicht machen, wenn ich nicht überzengt wäre, daß ſo am beſten für das kleine Weſen geſorgt wird. Ich ver⸗ ſpreche Ihnen, ich will thun, was in meinen Kräften ſteht, daß ein Vater ſich dieſes Kindes nicht zu ſchämen hat. Denken Sie ſelbſt daran, daß Sie ihm einſt unter die Augen treten werden, und daß es einem Vater ſchlecht anſteht, vor ſeinem Kinde zu erröthen. Und nun, da wir bei der Wohnung angekommen ſind, leben Sie wohl! Sie werden ſo bald wie möglich reiſen, und dies muß unſre letzte Unter⸗ redung ſein. Ich danke Ihnen für die vielen kleinen und großen Gefälligkeiten, die Sie mir während Ihres Aufenthalts hier erwieſen haben, und wenn Ihnen wirklich, wie Sie ſo oft behaupteten, an meiner Achtung etwas liegt, zeigen Sie es von jetzt an durch die That. Leben Sie wohl!“ Bei dieſen Worten trat ſie raſch in's Haus, und zog die Thür hinter ſich zu. Herr von Elze ſtand noch einige Augenblicke da, dann ging er, den Kopf geſenkt, die Hände auf dem Rücken, langſam fort. Er war ſo in ſeine, jedenfalls wenig tröſtlichen Gedanken ver⸗ tieft, daß er den leiſen Schritt nicht hörte, mit welchem ihm ein Mann, der in dem tiefen Schatten eines der kleinen Gebäude, die den Hof umſchloſſen, geſtanden hatte— denn Clementine war durch die Hofthür eingetreten— folgte. Auf der offnen Strecke zwiſchen dem Hauſe und den Dünen blieb der Mann in demſelben Abſtande hinter ihm. Als Herr von Elze aber an dem Hügel, auf welchem das Wachthäuschen lag, vorüber war, beſchleunigte jener ſeine Schritte, und hatte ihn beinahe erreicht, als Herr von Elze ſeinerſeits den Lootſen einholte, in deſſen Hauſe er wohnte, und der eben von der Wache zurückkam.„Sind Sie es, Bonſak?“ ſagte Herr von Elze. „Guten Abend, Herr Lieutenant,“ antwortete der Lvotſe,„woher noch ſo ſpät?“ und ſie gingen zuſammen weiter.„Nun denn,“ ſagte der Mann, ſtehen bleibend, und den im Dunkel verſchwindenden Geſtalten nachſchauend,„ſo müſſen wir unfre Rechnung zu einer gelegeneren Zeit abmachen, mein Herr von Elze.“ Auf der Dütne. 167 Achtundzwanzigſtes Capitel. Guſtav war ungefähr zu derſelben Zeit, als Herr von Elze, der ſich von einem an dem heimkehrenden Poſtdampfer vorüberſegelnden Lootſenbvote hatte aufnehmen laſſen, an dem Nedur landete, mit dem Kutter aus der Stadt zum Adler zurückgekommen.— Die Unterredung mit ſeinem Vetter in jener Nacht am Strande hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und wie Paul' herzlicher Glaube an Cle⸗ mentinens Liebe und Treue das faſt erloſchene Vertrauen in ſeinem Herzen wieder belebte, ſo öffnete ihm deſſen ſchonungsloſe Kritik die Augen über das Unverſtändige ſeines Benehmens. Clementinens Ver⸗ hältniß zu dem Lieutenant erſchien ihm jetzt in einem viel milderen Lichte.„Paul hat Recht,“ dachte er,„ich durfte mich nicht kalt von ihr zurückziehen, als ſie vielleicht ſelbſt noch keine Ahnung von ihrer Neigung für den Fremden hatte. Ich ſelbſt bin ſo die Urſache ge⸗ weſen, daß aus dieſem Fremden ſo ſchnell für ſie ein Bekannter, ein Vertrauter wurde; ich durfte die Argloſe bei der erſten Gefahr, die unſerm Glücke drohte, nicht ſich ſelber überlaſſen.“— So war er mit dem feſten Vorſatze, die Erklärung, die er ihr ſchuldig war, die er von ihr erwartete, ſobald als möglich herbeizuführen, von ſeiner Reiſe zurückgekommen. Die Eiferſucht hatte die heiße Liebe, die er ſtets für ſeine Gattin empfunden, zur glühenden Leidenſchaft angefacht, die jetzt, da kein gekränkter Stolz ſie mehr dämpfte, mächtig empor⸗ flammte. Er mußte ſie ſehen, ſie ſprechen, ihre Verzeihung erbitten — gleich jetzt. So war er denn, als Alles auf dem Adler im Schlafe lag, in ſeinem kleinen Boot zum Nedur hinübergerudert, und war eben, vom Strande heraufſchreitend, in den Hofraum getreten, als er zwei Geſtalten, ſcheinbar in eifrigem Geſpräch herankommen ſah. Er drückte ſich gegen die Mauer, um nicht zu dieſer Stunde geſehen zu werden. Die Geſtalten kamen näher, an ihm vorüber— er hörte Clementinens Stimme. Sie ſprach leiſe und eifrig, ſo daß er nur einzelne, zuſammenhangsloſe Worte verſtehen konnte. Der Mann, 168 Auf der Düne. der bei ihr war, war Herr von Elze, konnte nur Herr von Elze ſein. — Sie ſtanden noch ein paar Minuten vor der Thür—„leben Sie wohl“— und noch einmal:„leben Sie wohl“— er fah Clementinen eintreten; ſah, wie Herr von Elze langſam, zögernd fortging.— Herr von Elze hier, in tiefer Nacht, allein mit ſeiner Gattin— ſie, die ſonſt ſo Schweigſame, jetzt ſo beredt, daß jener gar nicht zu Worte kommen konnte— ſeine ſchlimmſten Befürchtungen alſo ein⸗ getroffen! all' ſein Glück für immer rettungslos vernichtet!— Der ſturke Mann brach zuſammen unter dieſem fürchterlichen Schlage; ein Schwindel packte ihn, er mußte ſich an die Mauer lehnen, um nicht umzuſinken. Dann raffte er ſich auf, denn er hörte deutlich eine Stimme, die Rache! Rache! ſchrie. Er ſchlich ſeinem Nebenbuhler nach— und Herr von Elze konnte von Glück ſagen, daß er in dem entſcheidenden Augenblicke, wo ſein Verfolger ihn zwiſchen den Dünen faſt erreicht hatte, auf den Lootſen traf. Er hatte dieſem Umſtande viel⸗ leicht ſein Leben zu verdanken. Guſtav hatte keine Waffe bei ſich; aber die Leidenſchaft hatte ihn raſend gemacht, und er war ein Mann von außerordentlicher Körperkraft, gegen den ſein ſchmächtiger, durch ein ausſchweifendes Leben entnervter Gegner in einem Kampfe Mann gegen Mann ſo rettungslos verloren geweſen wäre, wie ein Leopard unter den Klauen des Löwen.— So kehrte Guſtav, Wuth und Verzweiflung im Herzen, zu ſeinem Boote zurück, und ruderte nach dem Adler; entſchloſſen, das Weib, das an ſeinem Herzen ge⸗ ruht, die Mutter ſeines Kindes, zu ſchonen, aber den Verführer zu verderben, wenn es in ſeiner Macht ſtände. Am Morgen des nächſten Tages machte der Lieutenant Gerhardt, in Begleitung ſeines Freundes des Doctor Deus, einen Beſuch auf dem Adler; einmal, um Guſtav, deſſen Rückkehr er erfahren hatte, perſönlich kennen zu lernen, ſodann, um anzufragen, ob derſelbe auf ſeine Verantwortung den Adler herleihen könne. Denn der Neptun war in dem Sturme ſtark beſchädigt worden, und es erſchien wün⸗ ſchenswerth, das Schiff ohne Verzug in den Hafen zu ſchaffen. Guſtav empfing die Herren auf das zuvorkommendſte; erklärte ſich auch ſo⸗ gleich bereit, den Dampfer herzugeben, wenn der Lieutenant nur noch bis übermorgen warten wollte, wo die in dieſem Jahre auszubag⸗ chtt Auf der Düne. 169 gernde Strecke fertig ſein würde, und die Arbeit ſo bis auf weiteres eingeſtellt werden müßte. Er bat die Herren dann, ihm bei einer Flaſche Wein Geſellſchaft zu leiſten, ſie aber dankten, da ſie zu Mittag auf dem Nedur zu ſein verſprochen hätten, fragten auch, ob Guſtav ſie nicht begleiten werde. Er erwiederte, daß er erſt gegen Abend kommen könne, erſuchte den Lieutenant, das Clementinen zu ſagen, und Paul die Briefe zu gehen, die er für ihn aus der Stadt mitgebracht hatte. Darauf ruderten die Beiden nach dem Nedur. Hier fanden ſie die Geſellſchaft um zwei Perſonen vermehrt, um Herrn von Elze und den Gutsbeſitzer, der ſo eben angelangt war. Gerhardt richtete ſeinen Auftrag an Clementine aus, gab Paul die Briefe, theilte auch der Geſellſchaft mit, wie bereitwillig Guſtav ihm entgegengekommen ſei, und daß er nun ſchon übermorgen mit Hülfe des Adlers ſeine Weiterfahrt antreten könne.„Ich werde morgen reiſen,“ ſagte Herr von Elze,„mein Freund hier will mich durchaus noch ein paar Tage auf ſeinem Gute bewirthen, bevor ich dieſe Ge⸗ gend verlaſſe, und ich muß ſpäteſtens in einer Woche in meiner neuen Heimath ſein.“„Wollen Sie nicht auch fort, Voiſin?“ fragte Hedda. „In der That,“ ſagte Paul, ſeine Briefe zuſammenlegend,„ich wollte ſoeben den Lieutenant Helm bitten, mich übermorgen mit nach S. zu nehmen, wenn ich nicht noch vorher eine andre Gelegenheit finde. Ich hatte gehofft, meinen langen Beſuch noch länger machen zu können, und da ſchreibt mir nun eine gewiſſe literariſche Größe, mit der ich ſeit längerer Zeit in Correſpondenz ſtehe, daß ſie in den nächſten Tagen durch G. kommen werde, eigens, um meine perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen. Hier, Fräulein Hedda, möchten Sie wohl den Autograph eines nicht ganz unberühmten Mannes ſehen?“ und er gab ihr den betreffenden Brief zu leſen.„Natürlich,“ ſagte Hedda, den Brief durchlaufend,„die Zuſammenkunft zweier ſolcher Männer iſt ein viel zu wichtiges Ereigniß in der Gelehrtenrepublik, als daß nicht alle übrigen Rückſichten ſchweigen müßten. Dem großen Manne iſt offenbar ernſtlich daran gelegen, ſeinen jüngeren Bruder in Apollo kennen zu lernen— dem Manne muß geholfen werden.“ Und ſie gab Paul mit einer pathetiſchen Geberde den Brief zurück.„Das iſt zu 170 Auf der Düne. arg,“ ſagte der gute Lootſencommandeur,„alle meine lieben Gäſte wollen uns verlaſſen. Was iſt denn das für ein großer Mann, von dem Ihr da ſprecht? Sagen Sie dem großen Manne, er ſolle hier⸗ her kommen, hierher nach dem Nedur, zum Lootſencommandeur Walter. Hören Sie, Paul! ſchreiben Sie ihm das nur gleich! Alle auf ein⸗ mal laſſen wir unſre Gäſte nicht fort. Nicht wahr, Hedding?“ Hedda aber declamirte: „Denn auch Niobe, dem ſchweren Zorn der Himmliſchen ein Ziel, Koſtete die Frucht der Aehren Und bezwang das Schmerzgefühl—“ das heißt in Proſa, meine Herrſchaften: Wenn Sie auch morgen oder übermorgen abreiſen wollen, ſo brauchen Sie deshalb heute nicht die Suppe kalt werden zu laſſen. Doctor Schwarz, darf ich um Ihren Arm bitten? Nach Tiſche wurde in der Laube Kaffee getrunken, ſodann im Gartenſaal muſicirt.— Es war ein ſchöner Sommernachmittag; der Himmel blau, die Luft warm und labend, das Meer nur eben von kleinen Wellen gekräuſelt; die Schwalben flogen hoch, höher noch die Lerchen, die in dem Haidekraut und dem Dünengras des Nedur niſte⸗ ten. Es war ein Tag, wie Paul viele in der erſten Zeit ſeines Aufenthalts auf der Inſel erlebt hatte, und er dachte mit inniger Wehmuth jener Zeit— als einer längſt, längſt vergangenen. Von der unendlichen, namenloſen, weil unbewußten Seligkeit jener Tage, wo er die neuen Dinge und Perſonen ganz unbefangen auf ſich wir⸗ ken ließ, und durch ſie, wie in eine reinere balſamiſche Luft gehoben wurde, in der er voller und kräftiger athmete, reiner und zarter fühlte, heller und höher dachte— von dieſer Seligkeit war nichts mehr ge⸗ blieben. Das war noch dieſelbe Umgebung, das waren noch dieſelben Lieder, denen er von denſelben Platze aus lauſchte, es war diefelbe holde Sängerin, die ſie, jetzt neckiſch und tändelnd, jetzt ernſt und ſchwärmeriſch, wie der Geiſt der Compoſition es verlangte, mit ſüßer, einſchmeichelnder Stimme vortrug— und doch war Alles ſo anders, ſo ganz anders. Er hatte von dem Baum der Erkenntniß gegeſſen, Auf der Düne. 171 und Jedermann weiß, daß die köſtlichen Früchte dieſes unſchätzbaren Baumes im Anfang bitter ſchmecken. Die traumgleiche Idylle ſeines Inſellebens war zu Ende. Er hatte durch Hedda's übermüthiges Spiel hindurch klarer in ihrer Seele geleſen, als vielleicht ſie ſelbſt. Mancher Blick, den er aufgefangen, manches flüchtige Wort, das für Andere unverſtändlich, für ihn aber bedeutungsvoll war, hatten ihm keinen Zweifel mehr darüber gelaſſen, daß das ſeltſame Mädchen mit der ganzen Gluth ihres leidenſchaftlichen Herzens den ſchönen See⸗ offizier liebe, und nur aus Stolz oder Caprice dieſe Liebe verleugne. In dir, dachte er weiter, ſieht ſie nur einen Ebenbürtigen ihres Geiſtes, und darum hält ſie dich hoch und theuer. Das mag in jenen Sphä⸗ ren, wo aller Erdenreſt von uns genommen iſt, genügen; aber für die irdiſche Liebe reicht es nicht aus. Es mag ihr ſchwer werden, dich fortzuſchicken, hauptſächlich wohl deshalb, weil ſie dich nicht kränken will; aber entſagen muß ſie einmal, und ſchließlich wird ſie den mit leichterem Herzen ſcheiden ſehen, dem von ihr zu ſcheiden am wenig⸗ ſten ſchwer fällt. Und das biſt doch du— oder hätteſt du wirklich deinen Spinoza ohne allen Nutzen geleſen?— Gegen Abend kam Guſtav. Er war ſo bleich und, trotzdem daß er ſich zwang, heiter zu erſcheinen, ſo verſtört, daß Clementine ſogleich ausrief:„Du biſt gewiß krank, Guſtav?“„Ich?“ ſagte er gleichgültig, „ich habe mich nie wohler befunden.“ Er fragte nach ſeinem kleinen Paul. Das Mädchen brachte ihn. Er nahm das Kind auf den Arm, aber es fing an zu ſchreien, und ſtreckte die Aermchen nach Gerhardt, ſeinem Lieblinge, aus, der daneben ſtand.„Da nehmen Sie's!“ ſagte Guſtav, und reichte es ihm und ſah ſchweigend zu, wie es ſich ſogleich beruhigte und lachend mit des Lieutenants goldnen Epauletten zu ſpielen begann. Dann wandte er ſich, heimlich ſeufzend, ab.„Mutter und Kind!“ ſprach er bei ſich.„Es iſt doch hart, für alle Liebe nur mit Gleichgültigkeit oder Haß belohnt zu werden.“— Clementine bemerkte wohl den düſtern Unmuth, den ihr Gatte hinter der Maske geſellſchaftlicher Fröhlichkeit zu verbergen ſuchte. Mehr als einmal ſchwebte es ihr auf den Lippen:„Guſtav, komm, ich habe Dir etwas zu ſagen;“ aber Stolz und Befangenheit hinderten ſie, es auszuſprechen. Ihr Herz wurde ſchwer und ſchwerer, es legte ſich wie Blei auf ihr 172 Auf der Düne. Gehirn; und ſo ſollte denn Paul's Prophezeihung, daß dieſen beiden Menſchen das rechte Wort zur rechten Zeit fehlen würde, in Erfül⸗ lung gehen. Vielleicht hätte Paul's Gewandtheit den Knoten, der ſich feſter und feſter zuſammenzog, noch glücklich gelöſt; aber er war gerade jetzt zu ſehr mit ſich ſelbſt und mit dem, was ihn perſönlich berührte, beſchäftigt, daß für dieſes eine Mal auf ihn nicht zu zählen war. Jener Brief war ihm ſehr gelegen gekommen, um ſeine ſchleunige Abreiſe zu motiviren, und er zog Guſtav bei Seite, um ihn zu fragen, ob er nicht vielleicht ſchon morgen ein Boot nach der Stadt ſchicke? „Willſt Du fort?“ fragte Guſtav.„Ja.“„Warum?“„Ich ſage es Dir gelegentlich.“„Bleibe nur noch ein paar Tage.“„Weshalb?“ „Ich bitte Dich, bleib! Ich ſage Dir heute noch, ſpäteſtens morgen, weshalb ich es wünſche.“„Haſt Du mit Deiner Frau geſprochen, Guſtav?“„Noch nicht.“„Thue es doch; ich möchte ſo gern, daß zwiſchen Euch Alles klar wird, bevor ich abreiſe.“„O,“ ſagte Guſtav ruhig,„verlaſſe Dich darauf, es ſoll Alles zwiſchen uns klar werden.“ „Gut, gut;“ ſagte Paul. Aber er hörte kaum, was Guſtav ſagte, denn ſeine Aufmerkſam⸗ keit wurde von einer kleinen Scene in Anſpruch genommen, die im Muſchelgarten vor ſich ging, und die er durch das Fenſter, an welchem ſie ſtanden, beobachten konnte. Hedda war herausgetreten, um ihre Blumen zu begießen. Ger⸗ hardt ſah ihr, in der offnen Thür ſtehend, zu; und als ſie am äußer⸗ ſten Ende des Gärtchens war, ſprang er die Stufen hinab, und trat dicht vor das erröthende Mädchen. „Hedda,“ ſagte er leiſe und ſchnell,„ich reiſe übermorgen.“ Hedda fuhr, ohne zu antworten, fort, ihre Blumen zu begießen. „Ich kann nicht reiſen, ohne zu wiſſen, ob Du noch meine Hedda biſt. Daß ich Dich liebe und ewig lieben werde, weißt Du. Nein, antworte nicht, jetzt nicht,“ fagte er, als ſie den Kopf erhob, und reden zu wollen ſchien.„Ich komme morgen, Deine Antwort zu holen. Und fürchte nicht, mich durch ein Nein zu beleidigen. Einem Manne wie Paul nachgeſetzt zu werden, iſt keine Schande.“ Damit wandte er ſich ſchnell um, und ging in den Saal zurück. Auf der Düne. 173 Während Guſtav und Paul, Gerhardt und Hedda miteinander ſprachen, und der Lootſencommandeur, Doctor Deus und der Guts⸗ beſitzer in dem andern Fenſter eine Gruppe bildeten, trat Herr von Elze an Clementine, die auf dem Sopha ſaß, heran, und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Sie haben die Güte gehabt, gnädige Frau, die Dispoſition in Angelegenheiten, die ich wohl füglich die meinigen nennen könnte, zu übernehmen. Ich habe darauf mancherlei zu antworten, wozu Sie mir geſtern nicht Zeit ließen. Auf welche Weiſe, befehlen Sie, daß ich Ihnen dieſe Antwort zukommen laſſe?“ „Wenn Sie meine wohlgemeinten Vorſchläge annehmen,“ ſagte Clementine,„ſo ſcheint mir eine Antwort, vor der Hand wenigſtens, unnöthig. Sollten Sie dieſelben, wider mein Erwarten, nicht billigen, ſo glaube ich, daß Ihr Freund, Herr von Sanzen, Ihr volles Ver⸗ trauen hat, der mir dann gelegentlich Ihre Anſichten mittheilen wird. Für eine längere Unterredung zwiſchen uns wird, fürchte ich, kaum noch Zeit ſein. So muß ich Sie gleich um Entſchuldigung bitten, wenn ich Sie verlaſſe. Ich ſehe, daß dort auf dem Tiſche noch Vieles fehlt, und Hedda ſich um nichts bekümmert.“ Sie erhob ſich und ging. Herr von Elze knirſchte mit den Zäh⸗ nen.„Das iſt unerträglich;“ ſprach er bei ſich.„Das ſtolze Weib behandelt mich wie einen Schulknaben. Sie ſoll es büßen.“ Bald darauf ging man zum Abendeſſen. Die Unterhaltung war ſehr lebhaft. Jeder ſuchte, ſo gut es ihm gelingen wollte, hinter Frohſinn, munterer Laune, Scherz und Lachen ſeine Verſtimmung, ſeine Unruhe, ſeinen Haß oder ſeine Liebe zu verbergen; und mit Ausnahme des Lootſencommandeurs war Keiner in der Geſellſchaft, deſſen Gemüth ganz frei geweſen wäre. Denn was den Gutsbeſitzer und Doctor Deus anbetraf, ſo waren auch ſie, in ihrer Eigenſchaft als Vertraute einer oder der andern der Hauptperſonen, in dem ſelt⸗ ſamen Stücke, das hier aufgeführt wurde, mit beſchäftigt. Auch nah⸗ men die Herren die baldige Abreiſe der Meiſten, und die ſo in kurzem bevorſtehende Auflöſung der jetzt vereinigten Geſellſchaft, wie es üblich iſt, zum Vorwand, der Flaſche mehr wie ſonſt zuzuſprechen. Die beiden Damen hatten ſich nach Tiſche bald zurückgezogen, da 174 Auf der Düne. Clementine über Kopfweh klagte. Die Herren ſaßen noch rauchend und trinkend und ſchwatzend an der Tafel, als der Gutsbeſitzer zu⸗ fällig fragte:„A propos, Albert, was wirſt Du denn mit dem fa⸗ möſen Hochheimer anfangen, den Du im Keller haſt?“ „Nun, das iſt nicht mehr der Rede werth,“ gab Herr von Elze lachend zur Antwort;„ein halbes Dutzend Flaſchen etwa.“ „Die kannſt Du mir ablaſſen;“ ſagte der Gutsbeſitzer. „Oder mir,“ rief der Lootſencommandeur,„mein Hochheimer iſt mir gerade ausgegangen.“ „Es ſcheint mir viel einfacher,“ ſagte Doctor Deus, der nicht am wenigſten getrunken hatte,„den Gegenſtand des Streites an Ort und Stelle vermittelſt Austrinkens zu beſeitigen.“ „Ich wüßte nichts, was mir angenehmer ſein könnte;“ rief Herr von Elze.„Ich habe ſo noch nicht das Vergnügen gehabt, die Hecren bei mir zu ſehen. Sie werden mein Zimmer durch die Vorbereitungen zu meiner Abreiſe ſchon etwas derangirt finden, aber ein Tiſch und ſieben Stühle ſind wohl noch aufzutreiben. Wollen die Herren mir alſo die Ehre geben?“ Paul blickte auf Guſtav. Zu ſeinem Erſtaunen atlürte ſich dieſer ſogleich bereit. Da von den Andern gewiß Niemand einen Grund hatte, die in der freundlichſten Weiſe vorgebrachte Einladung auszu⸗ ſchlagen, ſo brach man aus dem Commandeurshauſe auf, und ging — ziemlich lärmend— durch die ſtille, ſchöne Nacht in die Wohnung des Herrn von Elze. Nennundzwanzigſtes Capitel. Hier hatte Herrn von Elze's Wirthin, eine rüſtige alte Lootſen⸗ frau, in der Mitte des geräumigen, nur etwas niedrigen Zimmers ſchnell einen Tiſch ſauber gedeckt, mit ſieben wunderlich geformten Gläſern, die ihr Mann, der lange Jahre Schiffskoch geweſen war, der Himmel weiß, aus welchem entfernten Lande mit nach Hauſe ge⸗ Auf der Düne. 175 bracht hatte, geziert, auch die ſtaubigen Flaſchen mit dem edlen Wein herbeigeſchafft. Die Herren nahmen Platz, und geriethen bald noch tiefer in jene Weinlaune, die ſchon in der letzten Stunde an der Tafel des Lootſencommandeurs bemerkbar geweſen war. Dieſe Laune hat, wie alle Laune, etwas Dämoniſches, Unberechenbares; denn der Wein lullt den helläugigen Wächter Verſtand in Schlaf, und ſperrt hinter ſeinem Rücken das Narrenhaus der Phantaſie und der Sinne auf. Da kommen ſie denn Alle heraus, die heitern und die traurigen, die liebenswürdigen und die mürriſchen, die witzigen und die albernen, die humoriſtiſchen und die langweiligen Narren; dann aber ſpringt unter die harmloſe Geſellſchaft wohl auch einmal ein Toller mit rol⸗ lenden Augen und fletſchenden Zähnen. Und ſeltſam, die Menſchen, welche im gewöhnlichen Leben die verſtändigſten und nüchternſten ſind, machen gerade in dieſer Stimmung die wunderlichſten Streiche; und Niemand iſt weiſer in der Trunkenheit, als der Dichter, denn er hat ſich gewöhnt in dem wildeſten Spiele ſeiner Phantaſie die Ruhe zu bewahren; er iſt der Ariel, deſſen Winken die übermüthigſten Geiſter willig folgen.— So war denn auch Paul, der Jüngſte der Anwe⸗ ſenden— Gerhardt war um ein Jahr älter, als er— der Beſon⸗ nenſte von Allen, und beobachtete mit Intereſſe, wie ſonderbar ſich zum Theil die Anderen gebehrdeten. Guſtav war ganz ſtill. Der Lootſencommandeur erzählte unaufhörlich Geſchichten, in derſelben eintönigen Weiſe, wie ſonſt, nur daß es ihm heute offenbar ganz gleichgültig war, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht. Paul ſetzte ſich zu ihm, und hatte ihn nicht ohne einige Mühe auf die berühmte Affaire mit den malayiſchen Seeräubern gebracht; aber der Unglücks⸗ ſtern, der über dieſer Geſchichte waltete, war noch nicht untergegangen, denn der Lootſencvmmandeur wurde abgerufen, da ein Schiff zu dieſer ſpäten Stunde bis nahe an den Nedur herangeſegelt war und die Laterne nach einem Lootſen ausgeſteckt hatte.„Ich komme gleich wieder, lieber Paul,“ ſagte er,„behalten Sie, wo ich ſtehen geblieben.“ Aber er kam nicht wieder.— Paul rückte einen Platz weiter, und kam ſo neben Doctor Deus zu ſitzen, der ſogleich ſeine beiden Hände ergriff, und ihm ewige Freundſchaft gelobte. Doctor Deus ſuchte jetzt nicht länger hinter Spott und Witz ſein weiches, liebevolles und 176 Auf der Düne. liebebedürftiges Herz zu verſtecken. Er geſtand Paul, wie die Häß⸗ lichkeit ſeiner Erſcheinung ihm dieſe Maske aufgenöthigt habe.„Denn,“ ſagte er,„als ich ein Knabe war, fand ich, daß die Leute mich aus⸗ lachten, wenn ich häßlicher Kobold treu und ehrlich ſagte, wie mir's um's Herz war, und wenn ich dann weinte, lachten ſie nur noch mehr. Nun haben ſie es ſo weit gebracht, daß ich für gewöhnlich lache, wenn ſie weinen. Ich habe auf die Liebe verzichtet. Schönheit iſt der Liebe Herold und Adelsbrief. Wir Häßlichen und Mißgeformten ſind ihre Auswürflinge und Parias. Einen Burſchen, wie mich, hätte eine ſpartaniſche Mutter vor lauter Liebe in den Schluchten des Taygetos ausgeſetzt. Und doch iſt die Häßlichkeit auch wieder ein Segen; ich würde die Schönheit nicht ſo von Herzen lieben, wenn ich nicht ſo herzlich häßlich wäre. Da iſt der Gerhardt— ich liebe den Jungen mehr wie mich ſelbſt. Er iſt mir Freund und Bruder und Sohn— Alles in einer Geſtalt.“ Paul blickte zu Gerhardt hinüber, der eben eifrig mit Herrn von Elze disputirte. Mann konnte nichts Schöneres ſehen, als ſein von Wein und Aufregung glühendes Antlitz, mit dem das blaſſe, kalte Geſicht des Andern einen merkwürdigen Gegenſatz bildete. Und der lauernde, unheimliche Zug, den Manche ſtets in Herrn von Elze's Geſicht fanden, war heute Abend ausgeprägter, wie je. Auch hatte er jenen Ton angenommen, in welchem er ſich gefiel, wenn er, wie viesmal, mehr wie gewöhnlich getrunken hatte, einen Ton, der manch⸗ mal nicht ohne Witz, immer aber herzlos und meiſtens verletzend war. „Die Moralität größer ohne Ehe!“ rief Gerhardt.„Das gebe ich nimmermehr zu; und Sie behaupten es auch nur aus Luſt an Paradoxen. Wenn ihr Herren, die ihr die Ehe angreift, doch nur einmal etwas Anderes und Beſſeres vorſchlagen wolltet, das man an ihre Stelle ſetzen könnte! Gegen die Ehe ſchreiben oder de⸗ clamiren iſt ſo leicht, daß ſich ein geiſtreicher Mann gar nicht dazu hergeben ſollte.“ „Dem ſei, wie ihm wolle;“ ſagte Herr von Elze,„aber das na⸗ türliche Gefühl, das überall zuerſt gehört werden muß, ſpricht ſich gegen die Ehe aus. Oder wie käme es ſonſt, daß ein Ehemann unter Junggeſellen ſtets wie eine Eule unter den Krähen iſt?“ Auf der Düne. 2 „Oho!“ ſchrie der Gutsbeſitzer, der ziemlich betrunken war.„Ich rufe Sie zu Zeugen auf, meine Herren: Sehe ich wie eine Eule aus? Aber, meine Herren, wenn er ſagt, daß er eine Krähe ſei, ſo glaubt man ihm ſchon eher. Ein loſer Vogel wenigſtens iſt er ſein Leben lang geweſen. Ha, ha, ha!“ „Beſſer doch ein loſer Vogel,“ rief Herr von Elze,„als Heine's langweiliger und wahrſcheinlich zur Strafe dafür gehörnter König Wiswamitra! Nein, Ihr Herren, wir ſind jetzt unter uns, geben wir der Wahrheit die Ehre! Die Weiber ſind ein hübſches Spiel⸗ zeug; aber der iſt doch wahrlich ein Kind, der ſich, weil ihm das Spielzeug zerbricht, oder verloren geht, graue Haare wachſen läßt. Trinken Sie aus, meine Herren, das edle Naß hier iſt die beſte Eſſenz gegen das Grauwerden und Ausfallen der Haare. Sollte man nicht ſagen, daß unſer Freund Guſtav nicht dem Umſtande, daß er der Aelteſte von uns iſt, ſondern dem, daß er am wenigſten trinkt, ſeine erhabene Stirn verdankt? Da ſteht ſein erſtes Glas noch un⸗ berührt, während wir ſchon bei der dritten Flaſche ſind.— Trinken Sie, Guſtav! Hier, angeſtoßen und aus!“ Und er hielt ihm ſein eigenes halbvolles Glas hin. „Ich möchte Ihnen eben ſo gern das Glas an den Kopf wer⸗ fen, als mit Ihnen anſtoßen,“ ſagte Guſtav ruhig, ohne ſich zu rühren. „Was heißt das?“ ſagte Herr von Elze, erbleichend, und ſetzte ſein Glas mit zitternder Hand wieder auf den Tiſch. „Nun,“ ſagte Gaſtav, ſo gelaſſen wie vorhin;„meine Worte haben jedenfalls vor den Zweiveutigkeiten, die Sie ſo lieben, den Vorzug, ganz eindeutig zu ſein.“ „Es iſt Ihre beſtimmte Abſicht, mich beleidigen zu wollen?“ „Meine Abſicht iſt es allerdings; ich fürchte nur, es wird mir nicht gelingen. Oder hätten Sie wirklich noch Ehre genug, um ſich beleidigt zu fühlen?“ „Der Mann iſt complet betrunken,“ ſagte Herr von Elze, der ſeine Kaltblütigkeit wieder gewonnen hatte, zu den Andern gewandt. „So kann der Menſch dort,“ ſagte Guſtav ebenſo, um ſo weniger Fr. Spielhagen's Werke. Iv. 12 178 Auf der Düne. daran zweifeln, daß ich ihm meine eigentliche Meinung von ſeinem Charakter geſagt habe.“ „War, mir dieſe Ihre unmaßgebliche Meinung kund zu thun, der einzige Grund, der mir heute Abend die Ehre Ihres Beſuches ver⸗ ſchaffte?“ fragte der Andre ſpöttiſch. „Ja;“ ſagte Guſtav, ſich erhebend. „Und da der Zweck Ihres Beſuchs erreicht iſt, ſo iſt auch wohl der Beſuch zu Ende?“ erwiederte Herr von Elze, auch aufſtehend. „Gewiß;“ ſagte Guſtav.„Im Falle Sie mir auf meine unmaß⸗ gebliche Meinung etwas zu erwiedern nöthig erachten ſollten, wird man mich für die nächſte Stunde“— er ſah auf ſeine Uhr—„in der Laube finden. Gute Nacht, meine Herren; bitte, laſſen Sie ſich durch mein Fortgehen nicht ſtören.— Er verbeugte ſich höflich, und ging gemeſſenen Schrittes aus dem Zimmer. Paul folgte ihm. Sie gingen einige Minuten ſchweigend nebeneinander durch die Tannen, der Laube zu. „Du billigſt mein Betragen nicht, Paul?“ fing Guſtav endlich an. „Bis ich weiß, was Dich dazu veranlaßte, nein.“. „Auf jeden Fall kann ich auf Deinen Beiſtand in dieſer Sache rechnen?“ „Ohne Frage.“ „Nun denn,“ rief Guſtav,„ich bin Dir Rechenſchaft ſchuldig. Du ſollſt die Wahrheit hören, wenn mein Herz auch blutet, der An⸗ kläger Clementinens ſein zu müſſen.“ „Sprich!“ ſagte Paul ruhig; aber er zitterte vor innerer Er⸗ regung, als ob ihn ein Fieber ſchüttelte. Sie waren in der Laube angekommen, und ſetzten ſich in die großen Gartenſtühle.— Ueber ihnen leuchtete aus dem klaren Himmel der Mond, blinkten hier und da die ewigen Sterne; zu ihren Füßen ſchimmerte das unendliche Meer, in dieſer Stunde wie ein Landſee ſtill und glatt. Die ganze Natur athmete Frieden, Frieden! aber die beiden erregten Menſchenſeelen vernahmen die feierliche Mahnung nicht. Guſtav erzählte mit von Leidenſchaft bebender Stimme, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte.„Ich wollte ja mein Schickfal —————————————— —— —————— „ Auf der Düne. 179 mit Demuth tragen,“ ſchloß er,„wenn dieſer Menſch ihre Liebe ver⸗ diente. Aber daß er ein Schurke iſt, und daß ſie dieſen Schurken liebt, das macht mich toll. An den Verſuch, ſie von dem Elenden zu befreien, will ich gern mein Leben ſetzen.“ Paul hatte ſeinen Vetter ausreden laſſen, ohne ihn einmal zu unterbrechen. So ſehr der Anſchein gegen Clementine ſprach, konnte er ſich nicht überwinden, an ihre Schuld zu glauben. Sein frucht⸗ bares Gehirn arbeitete, um den ganzen Vorfall auf eine andre, un⸗ ſchuldige Weiſe zu erklären, und er hatte auch bald ſo ziemlich den eigentlichen Zuſammenhang herausgefunden. Er erinnerte ſich, daß Doctor Deus beim Abſchiede geſtern eine Salbe für den Kranken zu ſenden verſprochen hatte; er theilte dieſen Umſtand Guſtav mit. Er machte ihn darauf aufmerkſam, wie wahrſcheinlich es ſei, daß Cle⸗ mentine in ihrer Gutherzigkeit ſich noch ſo ſpät auf den Weg gemacht habe, dem ſchwer Leidenden das Heilmittel zu bringen.„Und wenn ſie beim Zurückkehren Herrn von Elze traf, der erſt kurz vorher an⸗ gekommen ſein konnte, weshalb hätte ſie ſich ſeine Begleitung, wenn er ihr dieſelbe, wie er jedenfalls gethan hat, antrug, verbitten ſollen?“ „Und was hätte ſie dieſem Manne ſo Wichtiges mitzutheilen gehabt?“ ſagte Guſtav.„Denn ich hörte, ohne die Worte verſtehen zu können, daß ſie mit einem Eifer, wie ich es nie von ihr gehört, und ununterbrochen zu ihm ſprach!“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Paul;„und überdies beweiſt dieſer Umſtand nichts. Aber wohl ſpricht es für ihre Unſchuld, daß ſie ebenſo wenig, wie wir, wiſſen konnte, Herr von Elze werde ſo ſpät in der Nacht von ſeiner Reiſe zurückkommen.“ „Kann er ihr das nicht ſchon an jenem Abend geſagt haben, als er den Brief erhielt, der ihn zum großen Herrn machte, und Cle⸗ mentine an dem Vorfall ſo viel Antheil nahm, daß ſie nothwendig ihm nachgehen mußte,— um ihm das Schreibzeug zu verſchaffen?“ „O,“ rief Paul,„was helfen da Vermuthungen und Auslegungen, hinüber und herüber! Du willſt Clementine ſchuldig finden, und fin⸗ deſt ſie ſo. Siehſt Du, Guſtav, das iſt der Fluch Deines Betragens, deſſen Thorheit ich Dir ſchon neulich bewies: Du haſt das Ver⸗ ſtändniß für Deine Frau verloren. Ich will es Dir jetzt geſtehen, 12* 180 Auf der Düne. daß mir ſelbſt in den erſten Tagen ihr Verhältniß zu dem Manne nicht gefiel; aber damals kannte ich ſie noch nicht. Jetzt kenne ich ſie, und ich ſchwöre Dir, wenn ein Anderer, als ihr eigener Gatte, dieſen Verdacht gegen ſie laut werden ließe, ſo ſchleuderte ich es ihm in die Zähne: Du biſt ein Lügner!“ „Meinſt Du denn,“ ſagte Guſtav,„ich würde nicht daſſelbe thun; würde nicht die Unſchuld meiner Frau gegen eine Welt verfechten? Sieh, ich glaube ja auch nicht, daß ſie ſchuldig iſt in dem gemeinen Sinne der Menſchen; aber ich glaube auch nicht mehr an ihre Liebe zu mir. Doch was ich über alles ſicher weiß, iſt, daß ich jenen Mann haſſe, und daß er oder ich ſterben muß. Dann iſt Clementine frei auf jeden Fall.“ Da näherten ſich Schritte durch das Gehölz. „Es wird Herr von Sanzen ſein,“ ſagte Guſtav.„Geh ihm entgegen, Paul. Wenn es ſich machen läßt, ſieh zu, daß wir uns auf Piſtolen ſchlagen.“ „Aber Du ſchlugſt Dich früher auf Degen und Säbel gleich ausgezeichnet, und überdies giebt Dir hier Deine Körperkraft einen Vortheil über Deinen Gegner.“ „Gleichviel;“ ſagte Guſtav mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Ich bin in den letzten Jahren etwas bequem geworden, und möchte mich gern ohne viel Umſtände in die Ewigkeit befördert ſehen, oder jenen ſaubern Herrn dahin befördern.“ Paul zing den Ankommenden entgegen. Es waren Herr von Sanzen, Gerhardt und Doctor Deus. Der Erſtere kam, wie zu erwarten ſtand, mit einer Herausfor⸗ derung von Seiten des Herrn von Elze. Die Forderung lautete auf Piſtolen. Man vereinigte ſich auf fünfzehn Schritt Diſtance bei fünf Schritt Barriere. Lieutenant Helm übernahm das Amt eines Un⸗ parteiiſchen, Doctor Schwarz ſagte ſeinen ärztlichen Beiſtand zu. Als Rendezvvus ſchlug der Gutsbeſitzer die Hünengräber vor, da dieſer Platz auf ſeinem Grund und Boden lag, und keine Störung zu be⸗ fürchten, überdies im Falle eines ſchlimmen Ausgangs für ſeinen Duellanten ſein Haus gleich in der Nähe ſei. Im andern Falle böte die Ueberfahrt von den Hünengräbern nach dem Nedur keine Schwie⸗ —— — ————— — 31 Auf der Düne. 181 rigkeit. Man kam weiter dahin überein, daß genau eine Stunde vor Sonnenaufgang Lieutenant Gerhardt und der Doctor von dem Neptun, Euſtav und Paul vom Adler, Herr von Elze und der Gutsbeſitzer vom Nedur abſegeln oder rudern ſollten. Schließlich, damit nicht vor der Zeit auf dem Nedur Alles ruchbar werde, wollte man der Sache vor den Andern den Anſchein einer Wettfahrt geben. Auch wurde der Lootſe im Wachthäuschen dahin inſtruirt, Paul's Ausbleiben mit dieſer Wettfahrt zu entſchuldigen, ſobald im Commandeurshauſe nach ihm gefragt würde. Mitternacht war nahe, als alle Verabredungen getroffen waren, und Gerhardt, Doctor Deus, Guſtav und Paul ihre Boote beſtiegen, um nach den Schiffen zurückzurudern. Dreißigſtes Capitel. Es war kurz vor Sonnenaufgang am nächſten Morgen, als Clementine durch ein Pochen an ihr Fenſter geweckt wurde. „Ich bin es, Frau Infpector,“ hörte ſie Mariens Stimme ſagen, öffnen Sie, um Gotteswillen, öffnen Sie.“ Clementine erhob ſich ſchnell, zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenſter und ſah Marie bleich und athemlos da ſtehen. „Was giebt es, Marie?“ fragte ſie erſtaunt. „O, liebe Frau Inſpector,“ ſagte das Mädchen weinend,„er iſt vor einer halben Stunde mit dem Herrn, der bei ihm zum Beſuch war, fertgeſegelt. Und zu derſelben Zeit ſind auch von dem Adler und dem Neptun Boote abgeſtoßen, und ſie haben zu meinem Vater (dem Lootſen auf der Wache) geſagt, ſie wollten zuſehen, wer den andern überholte; aber Mutter Bonſak(Herr von Elze's Wirthin) ſagt, das ſei es nicht, und ſie habe recht gut gehört, wie der Herr Inſpector und er geſtern Abend, als die Herren bei ihm getrunken haben, in Streit gerathen ſeien; und hernach, ſagte ſie, hat ſie gehört, 182 Auf der Düne. wie er und ſein Beſuch mit einander geſprochen haben, daß er ſich heute Morgen mit dem Herrn Inſpector auf den Hünengräbern ſchießen wolle. Ach, liebe Frau Inſpector, wie ſoll das werden?“ und das Mädchen rang jammernd die Hände. „Still, Marie;“ ſagte Clementine,„iſt Paul, iſt mein Couſin mit ihnen?“ „Ja, er iſt ſchon geſtern Abend mit dem Herrn Inſpector nach dem Adler gefahren.“ „O mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte Clementine. Aber ſogleich faßte ſie ſich wieder und ſagte:„Schnell, Marie, laufe nach dem Strand und ſag', gleichviel zu wem, ſie ſollten ein Boot fertig machen.“ Das Mädchen war kaum vom Fenſter fort, als Hedda, ſchon vollſtändig angezogen, eilig zur Thür hereinkam. „Schon auf, Clementine?“ ſagte ſie,„ich wollte Dich eben wecken. Papa war dieſe Minute unter meinem Fenſter, und rief hinauf, die Herren hätten eine große Wettfahrt unternommen, er laſſe eben ein Boot in's Waſſer bringen, um ihnen nachzuſegeln, ob wir mit wollten?— Aber wie blaß Du biſt,“ rief ſie, Clementinen, die ſich eilig in ihre Kleider warf, genauer anſehend,„Du biſt gewiß nicht wohl. Laſſen wir Papa allein fahren; ich habe ſo keine große Luſt mitzuſegeln.“ „Nein, nein, wir müſſen mit,“ rief Clementine.„Mach Dich ſchnell fertig, Hedda! Dein Vater darf nicht ohne uns fort! ſag' ihm das, ſchnell, ſchnell! Ich komme im Augenblick nach.“ „Um Himmelswillen, Clementine, was heißt das?“ fragte Hedda, durch Clementinens Aufregung und Haſt erſchreckt. „Halte Dich nicht mit Fragen auf,“ rief dieſe,„und thue, wie ich Dir geſagt habe.“ Hedda eilte fort. Clementine war im Begriff ihr zu folgen. Da fielen ihre Augen auf ihren kleinen Knaben, der ruhig in ſeinem Bettchen ſchlummerte. Sie küßte das Kind zärtlich, und die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen.„Hat er denn gar nicht an Dich gedacht!“ murmelte ſie. Sie holte Hedda noch vor dem Strande ein. — † Auf der Düne. 183 „Kommt, Kinder, kommt!“ rief der Lootſencommandeur, der ſchon das Steuer in der Hand hatte.„Setzt euch da in die Cajüte, bis wir die Segel auf haben. Wenn wir ſie auch nicht mehr einholen können, ſo wollen wir ſie doch jagen.“ Der Lootſencommandeur war geſtern Abend, nachdem er heraus⸗ gerufen worden war, nicht wieder zur Geſellſchaft zurückgekehrt, weil er zu bemerken glaubte, daß er für diesmal vollauf genug getrunken habe. Heute Morgen nun, als er, wie er es immer that, nach dem Wachthäuschen hinaufgegangen war, hatte er die Boote geſehen, und von dem wachthabenden Lootſen das Märchen von der Wettfahrt vernommen. Daß man ihn nicht dazu eingeladen hatte, hätte ihn faſt geärgert, wenn er ſich überhaupt hätte ärgern können; beſon⸗ ders da er, wie alle rechten Seeleute eine Paſſion für dergleichen Fahrten hatte. Der Wind blies friſch, die Wellen blitzten in den Strahlen der Sonne, die ſich eben aus den Fluthen erhob. Luſtig ſchwangen ſich die Möven durch die klare, friſche Morgenluft. „Bindet alle Reffe aus, Rickmann;“ commandirte der Lootſen⸗ commandeur.„Wir können mehr Segel tragen, wie ſie. Holt den Klüver ſtraffer an! ſo— das iſt recht!“ Sie ſegelten längs der Inſel hin, an der Laube vorüber, und hatten jetzt, als ſie dieſen äußerſten Punkt paſſirt hatten, die breite Waſſerfläche vor ſich, die den Nedur von dem Vorgebirge der großen Inſel trennt, mit der er in der grauen Vorzeit zuſammengehangen haben mag. Die Entfernung beträgt wohl eine und eine halbe Meile. Die drei Boote, die in kurzen Abſtänden hintereinander ſegelten, waren etwa eine Meile voraus. Von Einholen konnte nicht mehr die Rede ſein, aber das Commandeursbvot war ein ausgezeichneter Segler, und es war, als wüßte es, daß es ſich um Leben und Tod handle— ſo ſchoß es heute, mit dem einen Bord das Niveau des Meeres ſtreifend, durch die Wogen. „Wir wollen über die Sandbank ſegeln,“ rief der Lootſencomman⸗ deur,„bei dem Wind haben wir Waſſer genug, und wir ſchneiden ſo ein tüchtiges Stück ab. Ree!“ Während ſo der alte Seemann, am Steuer ſtehend, ſich ganz 184 Auf der Düne. der Luſt einer Wettfahrt hingab, ſaßen Clementine und Hedda, ſchweren Herzens, dicht nebeneinander vorn im Boot. Hedda hielt die eine Hand der Freundin zwiſchen ihren Händen, ſah angſtvoll in ihre ſtarren, thränenloſen Augen und ſuchte ihr leiſe Muth und Troſt zuzuſprechen, an denen es ihr ſelbſt gebrach. In dieſen wenigen ſchrecklichen Minuten hatten ſich die Freundinnen Alles mitgetheilt, was ſie monate⸗— jahrelang vor einander verborgen gehalten hatten. „Wären wir ſtets offener geweſen,“ ſagte Clementine,„es wäre nie ſo weit gekommen! Wenn Guſtav fällt, ſo bin ich ſeine Mörderin.“ „O ſag' das nicht!“ weinte Hedda,„ich bin viel, viel ſchuldiger wie Du.“ „Da gehen ſie ſchon vor Anker,“ rief der Lootſencommandeur, „und wir ſind noch eine Meile zurück.“ „So iſt alle Hoffnung verloren,“ ſagte Clementine ſtarren Blicks, während Hedda ihr Geſicht mit den Händen bedeckte und bitterlich weinte. Einunddreißigſtes Capitel. Die drei Boote landeten kurz nach einander an dem kieſelbedeckten Strande unter dem hohen Ufer. Das Boot vom Neptun war das erſte geweſen, und ſeine Matroſen riefen den andern ein ſpöttiſches Hurrah entgegen. Niemand achtete des Bootes, das ihnen folgte, um ſo weniger, als es gerade jetzt, um beſſer in den Wind zu kommen, in einer andern Richtung ſegelte. Die Herren begrüßten ſich ernſt, erſtiegen die Uferhöhe und gelangten bald durch den Wald nach den Hünengräbern. Der Platz war an dieſem Morgen ſo ſtill und ſchauer⸗ lich, wie an jenem Abend, wo Paul ihn zum erſten Male unter ſo andern Verhältniſſen betrat. Er erinnerte ſich ſeufzend der bangen Ahnungen, die ihm damals die ſchönen Stunden verdüſtert hatten. In den Wipfeln der hohen Tannen rauſchte der Morgenwind; auf Auf der Düne. 185 der weſtlichen Seite waren die Kuppen der Bäume röthlich angeſtrahlt, ſonſt lag noch überall kühler Schatten. Um einen der Steine ſah man die Spuren jenes abendlichen Banketts— Papierſtückchen— eine leere Flaſche. „Ich wollte, ich hätte euch damals begleitet,“ ſagte Guſtav zu Paul. Er ſagte das flüſternd. Jeder flüſterte; auf dem wunderbaren Platze widerhallte ein lauter geſprochenes Wort wie in einer Kirche. Als die Secundanten an ihr Werk ſchreiten wollten, erhob ſich ein unvorhergeſehenes Hinderniß. Doctor Deus, der das zweite Paar Piſtolen mitzubringen verſprochen hatte— Gerhardt's Piſtolen waren für die Duellanten beſtimmt— hatte ſie bei der etwas über⸗ eilten Abfahrt vom Neptun in ſeiner Cajüte liegen laſſen. Herr von Sanzen ſchlug vor, einen der Leute nach ſeinem Hauſe zu ſenden, um ſeine Piſtolen zu holen. Der Mann konnte in einer Viertelſtunde zurück ſein. Paul war es zufrieden und Herr von Sanzen ging ſelbſt nach dem Strande hinab, gab einem ſeiner Leute einen Zettel an ſeinen Verwalter und hieß ihn eilen. Die Zurückkunft des Boten erwartend, ging man neben den Hünengräbern auf und ab. Der Platz war groß genug, daß man ſich mit Bequemlichkeit ausweichen konnte. Herr von Elze ſprach an dem einen Ende mit dem Gutsbeſitzer; Guſtav hatte den Doctor Deus bei Seite gezogen, und ſchien ihm eine Sache von großer Wichtigkeit mitzutheilen, denn er redete lange und angelegentlich mit ihm. Unterdeſſen trat Gerhardt auf Paul zu, der mit untergeſchlage⸗ nen Armen an einem Baum lehnte, und ſprach:„Es geziemt mir nicht, in die verborgene Urſache des unſeligen Zwiſtes zu dringen, der uns Alle hierher gebracht hat; aber es hat mir viel zu denken gegeben, wie zwei, dem Anſcheine nach ſo verſtändige Männer es ſo weit kommen laſſen konnten, daß jetzt nothwendig die Waffen zwiſchen ihnen entſcheiden müſſen. Und das hat einen Wunſch, den ich ſchon von dem erſten Tage, von der erſten Stunde könnte ich ſagen, meines Hierſeins gehegt habe, vermehrt, über eine Angelegenheit mit Ihnen zu ſprechen, die ich wohl füglich die unſre nennen kann.“ „Ich denke, ich weiß, was Sie mir ſagen wollen.“ 186 Auf der Düne. „Wenn Sie es nicht wüßten, würde ich geſchwiegen haben; aber weil der Eine in dem Herzen des Andern liest, weil wir wiſſen, daß wir Beide Hedda lieben, dürfen wir, müſſen wir ſprechen. Und ich fürchte nicht, das Geheimniß eines Mädchenherzens zu profaniren, da dieſes Mädchen viel zu edel denkt, als daß nicht, dies Geheimniß Ihnen mitzutheilen, das Erſte wäre, was ſie thun würde, ſobald ſich ihr Herz für Sie entſcheidet. Ich liebe Hedda ſeit zwei Jahren, ſeitdem ich ſie zuerſt in S. kennen lernte; damals ſchien auch ſie mich zu lieben,— nein— das iſt Ziererei— damals liebte ſie mich. Aber die Himmel wandern, und die Gedanken der Menſchen bleiben nicht dieſelben. Das wußte ich damals, wie ich es jetzt weiß. Des⸗ halb band ich die Geliebte durch kein Verſprechen irgend einer Art, ſie ſollte frei ſein, und frei ihre Wahl prüfen dürfen. Denn das einzige Mittel, der Schwäche und dem Wankelmuth unſrer Naturen zu begegnen, beſteht meiner Meinung nach darin, daß wir mit Bedacht wählen, aber, haben wir uns einmal feſt entſchieden, auch feſt aus⸗ harren bis an's Ende. Auch für mich beanſpruchte ich dieſelbe Frei⸗ heit, obſchon ich recht gut wußte, daß ich nun und nimmer davon Gebrauch machen könnte. Ich bin zurückgekommen und liebe Hedda glühender, wie je; aber Hedda—“ „Iſt dieſelbe geblieben,“ unterbrach ihn Paul;„trauen Sie mei⸗ nem Scharfblick. Vielleicht hat ſie einen Augenblick geſchwankt, aber jetzt iſt ſie entſchieden, und die junge Freundſchaft hat, wie billig, der alten Liebe nachſtehen müſſen. Das weiß ich, und habe meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Ich reiſe morgen, wenn der Ausgang des Duells es möglich macht. Auf jeden Fall iſt es mit meiner Nebenbuhlerſchaft zu Ende.“ „Und wenn ſich Hedda nun doch für Sie entſchiede?“ „Sie wird es nicht, thäte ſie es, ſo bin ich überzeugt, daß Sie zurücktreten würden, wie ich jetzt zurücktrete.“ „Und im andern Falle? Wird Ihnen das Leben dann noch lebenswerth erſcheinen?“ „Wenn ich darauf mit Nein antworte,“ ſagte Paul mit traurigem Lächeln,„ſo wird mein Verſtand mich Lügen ſtrafen, antworte ich mit Ja, ſo thut es mein Herz.“ — Auf der Düne. 187 „So lieben Sie Hedda doch nicht mit ganzer Seele?“ „Mein Freund,“ ſagte Paul,„wir Gelehrten ſpüren ſo lange in den verborgenen Tiefen unſers Weſens, bis wir den lebendigen Organismus glücklich in ſeine Theile zerlegt haben, und büßen über der größeren Einſicht in ſein Getriebe das beneidenswerthe Vorrecht unphiloſophiſcher Köpfe ein, als ganze Menſchen handeln zu dürfen. So kann ich Hedda lieben, und kann ihr entſagen. Mir ſcheint das ganz klar, begreiflich und vernünftig, Ihnen vielleicht ſehr dunkel, un⸗ begreiflich und toll. Doch darauf kommt es jetzt nicht an. Genug, es iſt ſo und— wir haben unſer Duell ausgefochten.“ „Noch nicht,“ ſagte Gerhardt, Paul's Hand ergreifend,„wir fechten es, bis die Entſcheidung gefallen iſt.“ Da kam der Mann mit dem Piſtolenkäſtchen durch die Tannen. Herr von Sanzen ging ihm entgegen, nahm es ihm ab, und ſchickte ihn wieder nach den Booten zurück. Die Piſtolen wurden geladen, die Entfernungen abgemeſſen, den Duellanten ihre Plätze angewieſen. Doctor Deus legte unterdeſſen in aller Stille auf einem der Steine ein Käſtchen von unheimlichem Ausſehen zurecht. „Du weißt nun Alles, Paul,“ ſagte Guſtav, als er nach ſeinem Platze ſchritt.„Du biſt mein Univerſalerbe, Dir vertraue ich meine Gattin und mein Kind an, denn nach ihnen habe ich Niemand auf der Welt ſo lieb, als Dich. Du wirſt meinen Jungen beſſer erziehen, als ich es wohl beim beſten Willen gekonnt hätte! und wenn einſt Clementine— ſie wird ſich an Deiner Seite glücklicher fühlen, als an meiner. Bei Dir will ich ſie gern wiſſen, nur nicht bei dem Schurken da drüben.“ „Wie ſteht's, Albert?“ fragte auf der andern Seite der Guts⸗ beſitzer.„Keine Nervenverſtimmung? Hand ſicher? Auge klar?“ „Sei unbeſorgt,“ antwortete der Andere;„habe ich doch ſchon manche Affaire glücklich beſtanden. Und ſollte ich mich jetzt todt ſchießen laſſen, wo das Leben für mich erſt beginnen wird! Auf einen zerſchoſſenen Arm oder dergleichen bin ich gefaßt. Dieſe Civiliſten wiſſen nicht mit Piſtolen umzugehen. Aber den Mann drüben werde 188 Auf der Düne. ich todt ſchießen; zwar er iſt mir im Grunde genommen gleichgültig, aber ſeine Frau Gemahlin hat mich zu ſchändlich beleidigt.“ „Du biſt in einer verteufelten Stimmung;“ ſagte der Gutsbeſitzer. „Deſto beſſer,“ meinte Herr von Elze, und nahm die Piſtole. Die Duellanten ſtanden auf ihren Plätzen. Die Secundauten waren auf die Seite getreten. Gerhardt gab das Zeichen. Guſtav feuerte ſogleich vom Flatze aus. Herrn von Elze flog die Mütze vom Kopfe; man hörte die Kugel hinter ihm in einen Tannenſtamm ſchlagen. Herr von Elze lächelte ſpöttiſch. Guſtav ließ die Piſtole ſinken, und kam ruhig auf die Barriere zugeſchritten. Er hatte ſie aber noch nicht erreicht, als ſein Gegner ſchoß. Guſtav ſtürzte vornüber zu Boden. Man hob ihn auf, und legte ihn auf einen der breiten, moosbekleideten Steine.— Doctor Deus unterſuchte die Wunde. Die Kugel war durch die rechte Bruſt geſchlagen. „Er hat keine Viertelſtunde mehr zu leben,“ ſagte Doctor Deus, von ſeinem traurigen Werke aufſchauend, zu den Andern. Da ſtand plötzlich Clementine unter ihnen. Niemand hatte ſie kommen ſehen. Herr von Elze trat erſchrocken zurück. Aber ſie ſah ihn nicht, ſie ſah auch Niemanden ſonſt. Ihre ſtarren Augen hafteten auf dem bleichen Geſicht ihres Gatten; ſie war an ſeiner Seite in die Knie geſunken, ſie hatte ſeine herabhängende Hand ergriffen. „Todt, todt!“ ſagte ſie mit erſtickter Stimme. Der Sterbende ſchlug noch einmal die Augen auf, und ſah durch den Flor, womit der nahe Tod ſie ſchon verhüllte, ſeiner Gattin Antlitz ſich auf ihn niederbeugen. Ein ſeliges Lächeln flog über ſeine Züge. Er bewegte die Lippen, wie wenn er ihren Namen ausſprechen wollte, aber kein Laut kam über die blaſſen Lippen. Dann neigte er das Haupt auf die Seite— zum ewigen Schlaf. „Todt, todt!“ ſtöhnte Clementine, und ſchlang die Arme um ihn, und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Mannes, deſſen edles Herz nur für ſie geſchlagen hatte, und jetzt ſtille ſtand für immer. „Verdammt!“ murmelte Herr von Elze, der ſelbſt jetzt noch wie — Auf der Düne. 189 feſt gebannt, die Augen ſtarr auf die Gruppe gerichtet, am Rande der Lichtung zauderte;„ich wollte, ich hätte ihn nicht getödtet.“ „Die Reue kommt zu ſpät,“ ſagte der Gutsbeſitzer;„mach', daß wir fortkommen, Elze; wir ſind hier wahrlich zu viel.“ Und ſie verſchwanden hinter den Bäumen. Vom Strande herauf kamen jetzt der Lootſencommandeur und Hedda durch den Tannen. Der Lootſencommandeur kam feſten Schritts heran, wie ein Mann, der in ſeinem Leben ſchon mancher ſchrecklichen Scene hei⸗ gewohnt hat; aber Hedda blieb, als ſie den freien Platz erreicht hatte, ſtehen, und lehnte ſich bleich und zitternd an den Stamm einer Tanne. Gerhardt und Paul eilten, von demſelben Geiſte getrieben, zu ihr. „Iſt er todt?“ fragte ſie bebend. „Ja;“ antwortete Gerhardt. Da weinte Hedda laut auf, und warf ſich an Gerhardt's Bruſt, der die Arme ausbreitete, die Geliebte zu umfangen. „Gerhardt!“ ſchluchzte ſie,„verzeih' mir, Gerhardt!“ Und nach einer kleinen Pauſe, den Kopf erhebend und nach Paul die Hand ausſtreckend: „Und Paul, mein Freund, auch Sie!“ Jweiunddreißigſtes Capitel. Paul St. an Franz S. Sechs Wochen ſpäter. Drei Briefe von Dir liegen vor mir, mein guter Franz, und noch habe ich den erſten nicht beantwortet. Verzeih' mir, Du Lieber, daß Du die tragiſche Kataſtrophe meiner Idylle auf der Düne früher durch die Zeitungen, als durch mich erfuhrſt. Mein Kopf war zu 190 Auf der Düne. verſtört, mein Herz zu voll zum Schreiben. Hier ſende ich Dir das Tagebuch, das ich auf Deinen Wunſch in der erſten Zeit meines Aufenthalts auf dem Nedur begann, und bis zu Ende fortgeführt habe. Du wirſt aus den kurzen Notizen den Gang der Ereigniſſe erſehen, wirſt die verzettelten Gedanken in Zuſammenhang zu bringen, und ſelbſt die Gedankenſtriche zu deuten wiſſen. Haben wir es doch, Gott ſei Dank, ſo weit gebracht, uns auch dann noch zu verſtehen, wenn wir ſchweigen. Wenn Du, wie Dein letzter Brief verheißt, zu mir kommſt, ſollſt Du Alles der Ordnung gemäß erfahren. Da ſitze ich nun wieder in meinem trauten Zimmer. Meine Möbeln, meine Bücher ſehen mich an, als wollten ſie ſagen: wir haben lange auf Dich gewartet, Du unſtäter Geſell! Auf dem ſtillen Hofe der Kirche, unter der Linde vor meinem Fenſter, ſpielen die Nachbarskinder, das Abendroth flimmert um das alte Gemäuer, und luſtig zwitſchernd umkreiſen es meine Lieblinge, die Schwalben. Jetzt iſt es wieder ruhig in meiner Seele; ich bin für einmal wieder in den ſichern Hafen eingelaufen, und fühle es froh, daß die Sterne, zu denen ich vertrauensvoll aufſchaute, mich nicht betrogen haben. Ich habe viel erlebt, mein guter Franz,— viel erlebt, das heißr: viel Freude gehabt und auch viel Leid. Das Eine iſt ja nicht ohne das Andere in dieſer lieben, bunten, wunderlichen Welt. Wir Menſchen haben ja nicht das beneidenswerthe Vorrecht der Sonnenuhren, nur die heitern Stunden zählen zu dürfen. Beneidenswerth? Nein. In dem Paradieſe konnten nur glückliche, aber keine hohen Menſchen wohnen, und jetzt, da der erſte herbe Schmerz ſich gelegt hat, ſpüre ich ſchon ſeine heilſamen Wirkungen; fühle ich, daß ich ein edlerer und beſſerer Menſch von meiner Irrfahrt heimgekehrt bin. Ich habe die Menſchen, meine Brüder, nie ſo ſehr geliebt, wie jetzt; jetzt, da mein alter Glaube im dreimal heiligen Feuer geprüft iſt, und ſich als echt bewährt hat, mein Glaube, daß nur die Liebe zur Idee, zur ganzen Menſchheit, zur Gottheit, wenn Du willſt, uns zu beſeligen vermag, wie der unſelig iſt, dem es an dieſer Liebe gebricht— und die Liebe zum Individuum uns höchſtens glücklich, oder, wenn wir in ihr getäuſcht werden, unglücklich machen kann. Ueber Glück und Unglück aber ſoll der Menſch, der Bürger im Reiche der Geiſter⸗ z— Auf der Düne. 191 erhaben ſein. Und das ſage ich nicht, wie ein ſtarrköpfiger Indianer in den Todesqualen zum Hohn ſeiner Peiniger ſein Kriegslied an⸗ ſtimmt, ſondern aus tiefinnigſter Ueberzeugung, ohne Stolz, Mißgunſt oder Haß. Und ich ſage es jetzt, da Hedda unwiderruflich einem Anderen gehört, Hedda, deren Bild mich allüberall umſchwebt, Hedda, die ich geliebt habe und liebe, wie ich nie ein Weib liebte oder lieben werde.— Und Du, arme Clementine! Mußteſt Du ſo ſchwer büßen, ſchönes, reiches Herz, für eine Schuld, die nur ein Fehler Deiner Erziehung, ein Mangel Deiner Natur war, die Dir, wie Moſen, die geſchmeidige Zunge verſagte, mit der die Aaronskinder dieſer Welt die verworrenen Händel des Lebens leicht und ſicher ſchlichten!— Mußteſt Du mit Deinem Herzblute es bezahlen, mein braver Guſtav, daß Du einen Augenblick an Deiner Gattin zweifeln konnteſt; daß es Dir weniger an dem Muth, als an der Einſicht gebrach, die zum ſchnellen, thatkräftigen Handeln erforderlich iſt; daß Du, wie ein edles, träges Wild, Dich von den ſchadenfrohen Mächten rings um⸗ garnen ließeſt, bis Dich zuletzt ein feiger Bube gemächlich nieder⸗ ſchießen konnte! Sieh Franz, wenn ich das bedenke, möchte ich ſagen: das Leben iſt eine ſchale Komödie, wo die Guten und Evlen verhöhnt werden, und die Narren und Schurken frei ausgehen; und doch wie⸗ der, wenn ich es recht bedenke, beuge ich mich in Demuth vor der hohen Majeſtät der Geſetze, die das Menſchenleben beherrſchen. Sie ſind, wie die des Dracon, mit Blut geſchrieben, und kennen kein Erbarmen, und ſtrafen mit gleicher Strafe die erſte, ſtammelnde Lüge, wie den frechen, wohlüberlegten Meineid. Aber als ob es ihm genügte, ſeine unnahbare Hoheit dann und wann und hie und da an fürchterlichen Exempeln zu offenbaren, ſo wetterleuchtet das Geſchick für die Einen, und ſendet in die Hütte der Andern den vernichtenden Strahl. Als Hedda ſich neben Guſtav's noch nicht erkalteter Leiche ihrem Geliebten in die Arme warf, wie ein ſturmgequältes Schifflein ſich in den rettenden Hafen flüchtet— da durchzuckte mich der Ge⸗ danke: auch für Euch iſt er geſtorben; ſein Tod beſiegelt Euer Glück. — Erwächſt ja doch überall aus Tod und Moder und Verweſung das blühende, thaufriſche, duftige Leben!— Und Hedda iſt ſeit dem 192 Auf der Düne. Tage eine andere geworden. Sie hat erkannt, daß das Leben in der Wirklichkeit, und das Leben in der Phantaſie zwei ſehr verſchiedene Dinge ſind, und das Leben in der Wirklichkeit auch ſeine ſchauerlich⸗ ernſten Seiten hat. Aber an Gerhardt's Seite iſt ihr Glück verbürgt. Er fühlt„die nie verſiegende Kraft im Buſen,“ von der unſer großer Dichter behauptet, daß ſie gleich nöthig ſei zum Erwerben und zum Bewahren. Die Art, wie er die letzte Schwierigkeit, die ſich ſeiner Verbindung mit Hedda in den Weg ſtellte, aus dem Wege räumte, iſt charakteriſtiſch für den Mann. Wider alles Erwarten nämlich gereichte ihm ſein Beruf in den Augen des alten Seelöwen keineswegs zur Empfehlung.„Ich bin Seemann,“ ſagte der Alte,„mit Leib und Seele, und Seemann ſein, ein herrliches Ding; aber für eine Frau iſt, an einen Seemann verheirathet ſein, ein böſes Ding. Ich möchte doch gern meinem geliebten, einzigen Kinde das Schickſal ihrer Mutter erſparen, die die ewige Angſt und Sorge um mich, den raſt⸗ loſen Seefahrer, vor der Zeit in's Grab gebracht hat.“ Und was erwiederte Gerhardt?„Herr Commandeur,“ ſagte er,„ich bin ein Mann, der nicht zum müßigen Grübeln, ſondern zum friſchen Schaffen und Wirken geboren iſt, und dem es wenig daran liegt, waran er ſchafft, wenn das Ding nur ehrlich iſt, und ſeine Kräfte vollauf be⸗ ſchäftigt. Würden Sie Ihre Tochter lieber einem Landmann geben? Ja? Gut! ſo werde ich aus einem Seemann ein Landmann. Mit Hedda kann ich in jedem Berufe glücklich leben, ohne ſie in keinem.“ Geſagt, gethan. Er hat ſeinen Abſchied genommen, und mit ſeinem eigenen Vermögen und Hedda's Mitgift in der Nähe von S. ein Landgut gekauft, deſſen eine Seite vom Meere beſpült wird,„daß der Papa auch ſegeln kann, wenn er zu uns kommt;“ ſagt Gerhardt. Hedda iſt jetzt in S. bei ihrer Tante. In einem Monat iſt ihre Hochzeit; ich werde ihr Brautführer ſein. Auch Clementine iſt dorthin gezogen, und lebt mit ihrem Kinde und einem Mädchen, das ſie vom Nedur mitgenommen hat, gänzlich zurückgezogen in einer ihr gehörenden Villa vor den Thoren der Stadt. Sie will Niemand ſehen, kaum Hedda oder Gerhardt; nur Doctor Deus, den Guſtav in dem Teſtamente, das er in der Nacht vor dem Duell aufſetzte, mit mir zum Vormund ſeines Sohnes erwählte, geht Auf der Düne. 193 in dieſer ſeiner Eigenſchaft und als Arzt bei ihr aus und ein. Ich glaube, der merkwürdige Mann liebt Clementinen in aller Stille, und ihr nahe ſein zu können, iſt wohl mit ein Grund, weshalb er dem Beiſpiele ſeines Freundes gefolgt iſt, ſeinen Abſchied genommen, und ſich aus einem Schiffsarzt in einen Stadtdoctor verwandelt hat.— Zu mir, als dem beſten Freunde ihres Gatten, hat Clementine un⸗ begrenztes Vertrauen, und ich kann Dir nicht ſagen, wie mich das beglückt. Ihr ſchönes, reiches Herz liegt offen vor mir; wir haben über Alles geſprochen, ſelbſt über den unwürdigen Mann, gegen den, wie Du weißt, der Prozeß jetzt eingeleitet iſt. Sie und ihr Kind ſind mir ein heiliges Vermächtniß, das ich ſchützen und ſchirmen will, ſo lange ein Athemzug meine Bruſt hebt. H! Clementinens ſtiller Schmerz iſt beredt, beredter noch als Hedda's ſilberhelles Lachen! Ich hoffe auf die Wunderkraft der alle Wunden heilenden, alle Schmerzen ſtillenden Zeit. Und wenn einſt ſich der herbe Schmerz in ſanfte Trauer, die Trauer in Wehmuth, die Wehmuth wieder in den milden Ernſt verwandelt hat, der ihrem Weſen natürlich iſt, und ſie ſo wohl kleidet; wenn ſie erkannt hat, wie leicht auf der Waage des ſtrengſten Gewiſſens ihre Schuld wiegt; wenn das liebe, warme Leben wieder voller und kräftiger zu ihrem Herzen ſpricht, und ſie einen Mann nicht verſchmähen will, der ſo gern das Schickſal zwingen möchte, der edlen, unglücklichen Frau auch einmal ſein mildes, gütiges Antlitz zuzuwenden— nun ſo wird dieſer Mann zeigen, daß er ſich nicht blos für Das begeiſtern kann, was„der ganzen Menſchheit zugetheilt iſt“— daß er auch für die Einzelnen leben und leiden, und ſein Herzblut hingeben kann, wie ein Anderer.— „Und mein alter würdiger Freund der Lootſencommandeur,“ fragſt Du, da Du ſiehſt, daß mein Brief zu Ende eilt,„ſoll er denn jetzt allein im Gartenſaale ſeine Bowle trinken?“ Dem Alten iſt es zu einſam geworden auf dem Nedur; er hat ſeinen längſt gehegten Vorſatz ausgeführt, und„das Fockſegel hereingenommen,“ wie er ſagt. Er iſt jetzt in S. mit der Einrichtung eines Hauſes beſchäftigt, deſſen Fenſter, verſteht ſich, auf den Hafen ſehen; und in das er jetzt alle ſeine Curioſitäten ſchaffen läßt, um mitten unter ihnen, er ſelbſt die größte, den Abend ſeines Lebens mit ausgedienten Schiffscapitänen, Fr. Spielhagen's Werke. 1v. 13 ————— Auf der Düne. ſeinen guten Kumpanen, bei einem Glaſe ſeines vielgeliebten Grog harmlos zu verplaudern, und ſo Gott will, die Geſchichte von den malayiſchen Seeräubern auch noch einmal zu Ende zu bringen. So ſind die alten bekannten Geſichter von dem Nedur ver⸗ ſchwunden; und wenn die Schwalben, die über den Fenſtern des Gartenſaales bauen, im nächſten Frühjahre wiederkehren, werden ſie Fremde finden in dem Commandeurshauſe auf der Düne. Uene belletriſtiſche Werke ſehr beliebter deutſcher Schriftſteller aus dem Verlage von Otto Janke in Berlin, welche durch jede Buchhandlung zu beziehen und in jeder guten Leihbibliothek vorräthig zu finden ſind: Adami, Fr., Aus den Tagen zweier Könige. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. Alexis, Wilibald, Geſammelte Werke. Bd. 16— 18. Yorothe. Ein Roman aus der Brandenb. Geſchichte. 2. Aufl. 3 Bde. Geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Bacher, J. Sibylle von Cleve. Hiſtoriſcher Roman. 3 Bde. Geh. 5 Thlr. Baudiſſin, Graf ulrich, Ein pſeudonymer Hauslehrer. Roman. 4 Bde. Geh. 5 Thlr. Bandiſſin, Graf Ulrich, Liebe und Feidenſchaft. Roman 4 Bände. Geh 5 Thlr. Becker, Auguſt, Des Vabbi Permächtniß. Roman in 3 Abthl. à 2 Bänden. Erſte Abthl. Der Maler. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 15 Sgr. Braddon, M. E., Henry Punbar. Roman. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte deutſche Aus⸗ gabe. 4 Bde. Geh. 2 Thlr. 20 Sgr. Braddon, M. E., Frau Poctorin. Roman. Aus dem Engliſchen. Autorifirte deutſche Aus⸗ gabe. 4 Bde. Geh. 2 Thlr. 20 Sgr. Braddon, M. E., John Marchmont's Vermächtniß. Roman. Aus dem Engliſchen von Helene von Waldheim. 4 Bde. Geh. 2 Thlr. 20 Sgr. Byr, Robert, Ein deutſches Grafenhaus. Roman. 3 Bde. Geh. 4 ½ Thlr. Dorothea Firebrace, oder„Die Waffenſchmieds-Tochter von Pirmingham.“ Roman von dem Verfaſſer von„Whitefriars“. Aus dem Enßliſchen. 4 Bde. Geh. 2 Thlr. 20 Sgr. Erckmann-Chatrian, Erlebniſſe eines Conſtribirten des Jahres 1813. Aus dem Franzöſi⸗ ſchen. 2 Bde. Geh. 1 Thlr. Fauſt, Eine tragi⸗komiſche Faſtnachtspoſſe(frei nach Herrn von Gvethe) von einem Melancho⸗ licus.(Den Bühnen gegenüber Mannſcript) Geh. 10 Sgr. Goltz, Bogumil, Das Rneipen und dir Kneip-Genies. Geh. 5 Sgr. Hartmann, A., Junker und Zürger, oder Pie letzten Tage der alten Eidgenoſſenſchaft. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. Heſekiel, George, Eſendiſche Feute. Roman. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 15 Sgr. Heſekiel, George, Pitmanshof und ein halbes Jahrtauſend. Ein Familien⸗Roman. 3 Bde. Geh. 5 Thlr. Heſekiel, George, Aus dem geben des Codes. Zweimal 7 Abenteuer. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. Heſekiel, George, Schlichte Geſchichten. Band 3 und 4. Geh. 2 ½ Thlr. Hillern, Wilhelmine von, geb. Birch, Joppelleben. Ein Roman. 2 Bände. Geh. 3 Lhlr. Hvefer, Edmund, Pas alte Fräulein. Eine ſtille Geſchichte. Geh. 1 ½ Thlr. Hugo, Victor, Die Wrer-Arbeiter. Roman aus dem Franzöſiſchen. Autvriſirte deutſche Aus⸗ gabe. 3 Bände. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Klitſche de la Grange, Antrinette von, Pie Peſtalin und der Gladiator. Ein Römiſches Sittengemälde zu Ende des erſten Jahrhunderts. Aus dem italieniſchen Manuſeript überſetzt vom Einſiedler von Ovindoli. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 15 Sgr. Lever, Ch, Futtrell von Rrran. Roman aus dem Engliſchen. 4 Bde. Geh. 2 Thlr. 20 Sgr. Lewald, Fanny, Pie Reiſegeführten. Roman. Zweite Ausgabe. 2 Bde. Geh. 2 ½ Thlr. Lewald, Fanny, Von Geſchlecht zu Geſchlecht. Roman. I. Abth: Der Freiherr. 3 Bände. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Lewald, Fanny, Von Geſchlecht zu Geſchlecht. Roman. 1I. Abth.: Der Emporkömmling. 5 Bände. Geh. 6 Thlr. 22 ½ Sgr. ——— Maltitz, A. von, Alladelige Haus- Hof- und Familien-Geſchichten. Erſte und zweite Ab⸗ theilung à 4 Bände. Geh. à 5 Tblr. Erſte Abth.: Pie von Vahſel. Zweite Abth.: Yas gräflicht Haus Bottorff. Mand, J. E., Fieutenantsleben. Sociale Spiegelbilder unſerer Zeit. Geh. 1 Thlr. Marx, A. B., Erinnerungen aus meinem Feben. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 10 Sgr. Meißner, A., Lemberger und Sohn. Eine Prager Judengeſchichte. Geh. 1 Thlr.— Möllhauſen, Balduin, PDie Mandanenwaiſt. Erzählung aus den Rheinlanden und dem Stromgebiet des Miſſouri. 2 Abtheil. in 4 Bänden. Geh. 6 Thlr. Möllhauſen, Valduin, Beliquien. Erzählungen und Schllderungen aus dem weſtlichen Nord⸗ amerika. 3 Bde. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Müller, Otle, Erzählungen und Charabterbilder. 3 Bände. Geh. 4 Thlr. Müller, Otto, Der wildpfarrer. Roman. 3 Bände. Geh. 4 Thlr. 15 Sgr. Pasqus, Ernſt, Die Komödianten-Hert. Ein Nachtſtück aus der Zeit der Allonge. Roman. 3 Bde. Geh. 3 3 Thlr. Pasqus Ernſt, Das Griesheimer Haus. Eine Wald⸗, Jagd und Spukgeſchichte des acht⸗ zehnten Jahrhunderts. 3 Bde. Geh. 2 Thlr. Raabe, Wilh.(acob Corvinus), Prei Federn. Geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Raabe, Wilh.,(Jacob Corvinus), Ferne Stimmtn. Erzählungen. Geh. 1 Thlr. 22 ½ Sgr. Rahel, In Zanden frti. Roman 3 Bde. Geh. 3 Thlr. Ring, Max, Ueur Stadtgeſchichten. Erzählungen. 2 Bre. Geh. 2 Thlr. 7 ½ Sgr. Rothenfels, E. v., An der Weichſel. Roman in2 Bänden. Geh. 2 Thlr. Scheffel, Zoſepy Victor, Ekkehard. Eine Geſchichte aus dem zehnten Zahrhundert. 3. Aufl. In eleg. lithogr. Umſchlag. Geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Schmid, Herman, Friedel und Oswald. Roman aus der Tiroler Geſchichte. 3 Bde. Geh. 4 Thlr. Schmidt, Eliſe, Die Peitgenoſſen. Roman. 3 Bde. Geh. 4 Thlr. Schwartz, Marie Sophie, Die Rinder der Arbeit. Roman aus dem Schwediſchen. 3 Bde. Geh. 1 Thlr. Silberſtein, Auguſt, Pie Alpenroſt von Iſchl. Erzählung. 2 Bde. Geh. 3 Thlr. Smidt, Heinrich, Zinnen der rothen Tonne. Novellenbuch der Nieder⸗Elbe 4 Bde. Geh. 4 Thlr. Smidt, Heinrich, Ein Perliner Matroſt. See⸗Roman. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 15 Sgr. Steffens, Feodor, Die Schulgefährten. Bilder aus der„böſen Welt“. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. Stifft, A. von, Culturſtudien. Kunſt- und Reiſebriefe aus der Schweiz und Deutſchland 2 Bände. Geh.. 2 Thlr. 7 ½ Sgr. Wachenhuſen, Hans, Am Wanderſtab, 2 Bde. Geh. 3 Thir. Wachenhuſen, Hans, Per Mann in Eiſen. Ryman⸗ Geh. 1 Thlr. 15 Sgr. Wachenhuſen, Hans, Rouge et Noir. Roman. 2. Aufl. Zwei Theile in 1 Bd. In eleg Bunt⸗ druck⸗Umſchlag. Geh. 1 Thlr. Wachenhuſen, Hans, Pie Perſtoßent. Rvman. 2 Bde. Geh. 2 Thlr. 7 ½ Sgr. Wachenhuſen, Hans, Werke. 12 Fnd⸗ Mit dem Portrait des Verfaſſers in Stahlſtich. Geh. 4 Thlr. Wichert, Ernſt, Zus anſtändiger Familie. Geſchichte eines verlorenen Menſchenlebens. 3 Bände. Geh. 4 Thlr.. Wilhelm, Im Bof und Wald. Geh. 1 Lhlr. Willkumm, Ernſt, Der letzte Trunk. NRoman. Geh⸗ 1 Thlr. Zeiſing, Adolf, Kunſt und Gunſt. Roman aus den erſten Jahrzehnten unſeres Jahrhunderts. 3 Bände. Geh. 4 Thlr. —— 5 5 7 g1 oenqe