defeete Bücher(namentlich bei ſo Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 2( Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und geſebedingungen.. 1. 6fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedent Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe die welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 W.— F 1. 2 f. 4 2 4 3 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz.„ beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 85 ü ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gangen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden dirf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — S — — . Friedrich Spielhagen's gelaumelte Werke. —— VNeue, vom Verfaſſer veranſtaltete, revidirte Ausgabe. (Kit dem Portrait des Perfaſſers.) Dritter Band. 1 Problematiſche Naturen. III. ————S—— Berlin, 1866. Druck und Verlag von Otto Janke. Problemutiſche Natmen. Roman von Fr. Spielhagen. „Es giebt problematiſche Naturen, die keiner Lage gewachſen ſind, in der ſie ſich befinden, und denen keine genug thut. Daraus entſteht der un⸗ geheure Widerſtreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.“ Goethe. Dritte Auflage. Dritter Band. Das Recht der ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. —— Berlin, 1866. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Capitel. Leider ſollte ihm jeder folgende Tag Gelegenheit geben, ſich in dieſer ſchlimmen Kunſt zu üben. Gleich am nächſten Morgen, ls er von ſeinem Gang in den Wald, wo Baumann an der bezeichneten Stelle ſeiner harrte und den Brief entgegennahm, zurückkehrte, konnte er es ſich nicht verfagen, noch ein wenig in dem Garten zu promeniren. Er wollte eigentlich nur einige Minuten«hleiben, nur eben einmal auf dem Wall die Runde um den Garten ingchen; aber er hatte die Promenade nun ſchon zweimal vom großen Thor bis wieder zum großen Thor gemacht— und begann ſie eben zum dritten Male, denn der Morgen war aller⸗ dings köſtlich und, wenn ihn ſeine Augen nicht täuſchten, ſo ſchim⸗ merte durch die Büſche und Bäume auf der andern Seite ein helles Gewand. Ohne Zweifel eines der Mädchen aus dem Dorfe, die im Garten arbeiteten. Wie erſtaunt war er deshalb, als er bald darauf in der ihm Begegnenden Fräulein Helene erkannte. An ein Auswei⸗ chen war nicht zu denken. Es führten von dem Wall nur ſehr wenige ſchmale Treppen in den Garten hinab. So blieb ihm freilich nichts übrig, als, die Hände auf dem Rücken, und die Vögel, die über ihm durch die Zweige flatterten und die Enten unten auf dem Graben mit geſpannter Aufmerkſamkeit beobachtend, langſam weiter zu ſchlendern, und ein ganz klein wenig überraſcht zu ſein, Fräulein Helene genau um dieſelbe Zeit und an derſelben Stelle, wie geſtern, zu begegnen. Fr. Spielhagen's Werke. II. 1 „ . 2 Problematiſche Naturen. Fräulein Helene erwiederte ſeinen Gruß mit jener vornehmen m etwas düſtern Charakter ihrer Schönheit ſo gut ſtar nehm ſchien. Vielleicht wäre ihr Gruß nicht ganz ſo förm⸗ lich geweſen, wenn Oswald ſelbſt nicht jede Spur einer freudigen Regung gefliſſentlich unterdrückt hätte. Eine kurze, nichts weniger als geiſtreiche Unterhaltung über das Wetter, ein paar gleichgültige Fragen Oswald's über den Spaziergang von geſtern Abend und ein paar kurze Antworten Helene's folgten. Darauf abermalige höflich kühle Begrüßung von beiden Seiten. Fräulein Helene ſetzte ihren Spazier⸗ gang fort, Oswald hatte ſeine Promenade, die er„regelmäßig zwiſchen ſechs und ſieben auf dem Walle mache“— eine Angabe, die mit der Wahrheit nicht beſonders genau übereinſtimmte— beendet und begab ſich auf ſein Zimmer.„Schade, daß dieſe prächtige Schönheit doch nur die Hülle einer ziemlich alltäglichen Pſyche zu ſein ſcheint,“ ſprach er bei ſich.„Was Profeſſor Berger wohl ſagen würde, wenn er ſeine liebliche Knospe jetzt zu einer dunkelrothen Roſe entfaltet ſähe? ob er wieder einen Sonettenkranz flechten und auf das üppige Haar drücken würde? Guter Berger, war es ein Stück des guten oder des böſen Engels, die ſich ewig in Deiner großen Seele bekämpfen, daß Du mich hierher ins Lager unſerer Feinde ſchickteſt? Ich ſollte Dir viel ruhmreiche Trophäen zurückbringen, Scalps erſchlagener Jrokeſen, die wir in unſerem Wigwam aufhängen wollten, um unſere Freude daran zu haben— wie würdeſt Du erſtaunen, wenn Du hörteſt, wie oft ſchon Dein Unkas nur mit genauer Noth dem Scalpirtwerden entgangen iſt! Aber das eine Verſprechen will ich halten: ich werde mich nicht in dieſe frühbeſungene Schönheit verlieben— nei, und wenn ſie eben ſo geiſtreich wäre, wie ſie ſchön iſt.“ Als Oswald zur Mittagstafel nach unten kam, wurde er auf's angenehmſte durch die Gegenwart des Doctor Braun überraſcht, der vor einigen Minuten gekommen war und die Einladung der Baron, zu Mittag auf dem Schloſſe zu bleiben, angenommen hatte. Der Doctor erwies ſich in dem größeren Kreiſe als ein eben ſo . bequem geſelliger, feingebildeter Mann, wie ihn Oswald bis dahin gekannt hatte; ja, Oswald hatte jetzt noch mehr Gelegenheit, die aus⸗ 3 ür ein Mädchen von dieſem jugendlichen Alter faſt zu ka — Dritter Band. 3 en gezeichnete Unterhaltungsgabe und die ſichere Haltung des jungen n Arztes zu bewundern. Und was noch mehr für Doctor Braun ein⸗ a Wenehmen mußte, und ihm auch wirklich Aller, wenigſtens aller Ver⸗ n⸗ ſtändigen, Herzen gewann, war, daß er ſich ſeiner Vorzüge entweder en wirklich nicht bewußt war, oder wenigſtens nicht bewußt zu ſein ſchien.. ls Nichts lag ihm ferner als ein Geltendmachen ſeiner Perſon; im Ge⸗ en gentheil, er hatte ſeine Freude daran, wenn er Andere zur Entwicke⸗ ar lung ihrer Anſichten bringen konnte; und ſo war er ein nicht minder le geduldiger und guter Zuhörer, als gewandter Sprecher— zwei Tu⸗ ⸗ genden, die ſich ſo ſelten zuſammen finden. en Oswald ſah mit einigem Erſtaunen, daß, wenn der Doctor er irgend Jemand in der Geſellſchaft auszeichnete, es nur Fräulein b Helene ſein konnte, und mit nicht minder großer Verwunderung, daß ch die junge Dame dem Doctor gegenüber offenbar einen Theil ihrer ch vornehmen Kälte ablegte. Sie hatten ſchon vor Tiſche zuſammen er muſicirt, eine Sonate à quatre mains geſpielt; ſodann hatte Helene e einige Lieder geſungen, die ihr der Doctor begleitete. Bei Tiſche ar ſaßen ſie nebeneinander und unterhielten ſich lebhaft über die ver⸗ es ſchiedenen Style in der Muſik, wobei der Doctor eine ſehr detaillirte ß Kenntniß des Generalbaſſes und Fräulein Helene zum mindeſten ein ir lebhaftes Verſtändniß für muſikaliſche Dinge entwickelte; und als er n, ſich gleich nach Tiſch empfahl, bedauerte ſie ſeine Eile ſo lebhaft, bat de ihn ſo dringend, ihr die verſprochenen Noten recht bald zu ſchicken— ie nein, lieber ſelbſt zu bringen, damit ſie dieſelben gleich zuſammen en durchgehen könnten, daß der Doctor, wenn er es darauf angelegt de hatte, einen möglichſt günſtigen Eindruck auf die junge Dame zu id maen, mit ſeinem Erfolge ganz wohl zufrieden ſein durfte. „Sie ſind nicht muſikaliſch?“ fragte er Oswald, dem er noch für 6 ein paar Minuten, vis die Pferde angeſchirrt wurden, auf ſein Zim⸗ er mer gefolgt war. „Nein, und die Eintracht ſüßer Töne lockt mich ſo wenig, daß ich geſtern Abend, als Fräulein Helene die Barcarole ſang, von der ſo Sie ſo entzückt waren, ſogar das Fenſter ſchloß.“ in„Das iſt in der That merkwürdig. Ich erinnere mich nicht, eine ſo s weiche, ſo— ich möchte ſagen— myſtiſche Altſtimme gehört zu haben.“ „ —— 4 Problematiſche Naturen. „Sollte die Schönheit der Sängerin nicht die Reinheit des Ur⸗ theils in etwas trüben?“ „Nein, ich verſichere Sie, daß ich ganz objectiv urtheile; obgleich ich gern zugebe, daß eine ſo dämoniſche Schönheit mehr in das Reich der Träume, als in die reale Welt zu gehören ſcheint.“ Der Doctor hatte ſich in Oswald's Lehnſtuhl geſetzt und blies den Rauch der Cigarre, die er ſich eben angezündet, in blauen Wol⸗ ken durch das offene Fenſter. „Es iſt eine Schönheit,“ ſagte er,„die einen Maler zur Verzweif⸗ lung bringen könnte, weil ſie ſich gerade in ihrer duftigſten Blüthe durch Linien und Farben gar nicht mehr ausdrücken, ſondern ſich nur in Muſik überſetzen läßt. Ich wollte Beethoven hätte ſie geſehen, oder Robert Schumann; und dann ſollten Sie die geiſterhafte, dämnniſche Com⸗ poſition hören, zu welcher dieſe Erſcheinung die Beiden begeiſtert hätte.“ „Aber, wer von uns Beiden iſt denn nun der Schwärmer?“ fragte Oswald lächelnd;„Sie oder ich?⸗. „Sie,“ ſagte der Doctor, denn der höchſte Grad der Extaſe iſt tiefes Schweigen. Wer noch Worte für ſeine Begeiſterung findet, hat die Zügel noch in der Hand. Und dann kann ich ein ſchönes Mäd⸗ chenbild ſehen, und auch dafür ſchwärmen, ohne daß mir, wie Sie ſehen, die Cigarre auch nur einen Grad weniger gut ſchmeckte. Sie aber ſind im Stande, darüber Eſſen und Trinken und Alles zu ver⸗ geſſen und ſich, Hals über Kopf, in die Charybdis Ihrer Begeiſte⸗ rung zu ſtürzen, ohne auch nur daran zu denken, ob Sie im Stande ſein werden, jemals wieder zum roſigen Lichte aufzutauchen.“ „Wiſſen Sie das ſo gewiß?“ „Ganz gewiß;“ ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehen⸗ des Stubium gewidmet, und gefunden, daß Sie eines der vortreff⸗ lichſten Exemplare einer in unſeren Tagen ziemlich weit verbreiteten Species generis humani ſind, Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doctor Fauſtus, Fauſtuli posthumi, ſo zu ſagen, die den langen Docentenbart abgeſchnitten, auch nicht im romantiſchen Ritter⸗ coſtüm, ſondern einfach im modernen Frack einherſpazieren; im Uebri⸗„ gen aber auf gut fauſtiſch von Begierde zu Genuß taumeln, und im. Genuß nach Begierde verſchmachten. v —=— w 6 M d v—— Dritter Band. O „Problematiſche Naturen, nennt ſie der Baron Oldenburg,“ be⸗ merkte Oswald. „Eine ſehr gute Bezeichnung,“ ſagte der Doctor.„Freilich, der Baron muß es wiſſen, der iſt ſelbſt von der Brüderſchaft und ich vermuthe, er einen ziemlich hohen Grad einnimmt. Wenigſtens nach Allem, was ich von ihm höre, denn geſprochen habe ich ihn nie, und nur einmal flüchtig geſehen.“ „Der Baron iſt ein räthſelhafter Charakter, über den es ſehr ſchwer hält, ſich ein richtiges Urtheil zu bilden.“ „Wäre er ſonſt eine problematiſche Natur? Ich höre, Sie ſind ein ſpecieller Freund des Barons, einer von den wenigen, die er, wie es heißt, auf Erden hat. Und gerade deshalb ſpreche ich offen. Ich kann es nicht billigen, daß ein Mann von den eminenten Gaben des Barons ſein Leben in Müßiggang verdämmert— in einem geſchäf⸗ tigen Müßiggang, der ſchwerſte Vorwurf, der meiner Meinung nach einen Mann in unſerer Zeit treffen kann, wo es wahrlich ſo viel, ſo viel zu thun giebt.“ Was kann der arme Baron dafür, daß ihm der Speck und das Brod des Alltagslebens nicht ſchmeckt?“ „Glauben Sie denn, daß es mir ſchmeckt?“ ſagte Doctor Bant und ſeine Wangen rötheten ſich und ſeine Augen leuchteten:„glauben Sie, daß der herrliche Gott Apollo, als er die Rinder des weidete und im Schatten der Eiche das ſchnöde Sklavenmahl ver zehrte, ſich nicht zurückſehnte nach der Ambroſia und dem Nektar auſ den goldenen Tiſchen im Hauſe des Zeus? Dennoch trug er ſein Loos und duldete das Verhängniß, wie der noch viel herrlichere Jeſus von Nazareth das ſeinige. Und ich muß geſtehen, mir erſchien es immer als eine grobe Inconſequenz, daß des Menſchen Sohn von allen, zum wenigſten von den ſtärkſten menſchlichen Banden los und ledig dargeſtellt wird. Sollte er den Leidenskelch wirklich bis auf den f letzten bitte rſten Tropfen leeren, mußte er durch die ſtille Nacht auf dem Oelberge die Stimmen eines angebeteten Weibes, geliebter Kinder zu hören glauben, die ängſtlich nach dem Gatten, dem Vater riefen. Denn m enſchlich allem Menſchlichen ergeben ſein, und dennoch die himmliſche Abkunft nicht vergeſſen und dennoch bis an den Tod mit Problematiſche Naturen. den reißenden Wölfen der Tyrannei und Lüge kämpfen und das ſchwere Kreuz des ganz Gemeinen und ewig Geſtrigen, das auf uns laſtet, bis nach Golgatha tragen— das erſcheint mir als das eigent⸗ liche Loos des Menſchenſohnes!“ Der Doctor war aufgeſprungen; er ging ein paar Mal mit raſchen Schritten in dem Gemache auf und ab, dann blieb er vor Oswald ſtehen, ſtreckte ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit die Hand entgegen und ſagte:„Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie durch dies oder jenes Wort, das vielleicht weniger überlegt war, gekränkt haben ſollte. Aber ich gerathe jedesmal in Aufregung, wenn ich eine hohe Intelligenz feiern, oder in einer falſchen Richtung thätig ſehe. Dos erſte iſt die Sünde gegen den heiligen Geiſt, die unſerer Sün⸗ den größte iſt, die zweite iſt nicht ganz ſo groß, aber kommt jener faſt gleich. Von jener ſpreche ich Sie los, dieſer erkläre ich Sie für ſchuldig. Sie wiſſen, wie ich über Ihre Stellung hier ſchon neulich dachte; jetzt, nachdem ich Sie zum erſten Male in dem Kreiſe ſelbſt geſehen habe, finde ich das Verhältniß noch viel bedenklicher. Geben Sie es auf, ehe es zu ſpät iſt! Es mag eine entſetzliche Indiscretion ſein, daß ich mir erlaube, ſo zu Ihnen zu ſprechen; aber Sie wiſſen, wir Aerzte haben einmal das Recht, indiscret zu ſein. Sind Sie mir bös?“ „Ich wäre der lächerlichſte Narr, wenn ich ſo ſchwach ſein könnte,“ antwortete Oswald.„Im Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir eine Theilnahme zeigen, die ich ſogar nicht verdient zu haben mir bewußt bin. Aber ich glaube, Sie ſehen die Dinge ein wenig zu ſchwarz—“ „Blos zu ſchwarz?“ ſagte der Doctor lachend;„ich ſehe ſie weder grau noch ſchwarz, ich ſehe ſie gar nicht; ich bin blind, ſtockblind auf beiden Augen. Adieu, mon cher, adieu. Wenn Sie ſich über kurz oder lang nicht mehr ſo kerngeſund fühlen ſollten, wie zu dieſer Stunde— ſo ſchicken Sie nur zu mir! Sie ſollen ſehen, daß ich nicht blos ein Arzt für die Geſunden bin, ſondern auch für die Kranken.“ Mit dieſen Worten eilte der Doctor zur Thür hinaus, und einen Augenblick ſpäter hörte Oswald das Knirſchen der Räder ſeines Wagens auf dem Kies vor dem Portale. 2.— — ,— ——— Dritter Band. Zweites Capitel. Es iſt bekanntlich das Schickſal faſt jeden guten Rathes, daß er entweder zu ſpät kommt, oder in dem Augenblick, wo er gegeben wird, ausgeführt werden müßte, und nur leider aus dieſem oder jenem Grunde nicht ausgeführt werden kann. So war es auch in dieſem Fall. Der Rath des Doctors war vortrefflich; das ſah ſelbſt Oswald eiü, um ſo mehr, als er noch vor kurzer Zeit über ſeine ſchiefe und ganz unhaltbare Situation in dieſer hochadligen Familie nicht viel anders gedacht hatte, als der Doctor. Aber einen Ausweg aus dieſem Labyrinth vermochte er nicht zu entdecken; wenigſtens nicht für den Augenblick. Daß er in der letzten Zeit über ſeine Liebe zu Melitta alles Andere vergeſſen und an eine Veränderung, die ihn ſofort von der Geliebten entfernen mußte, am wenigſten gedacht, ja die Möglichkeit einer ſolchen als das größte Unglück angeſehen hatte, war ſo natürlich. Und auch jetzt, wo durch Melitta's Reiſe und durch den wahrſcheinlichen Tod des Herrn von Berkow die Gegenwart und die Zukunft gleich dunkel und verworren ſchienen, konnte er ſich unmög⸗ lich über einen Punkt entſcheiden, der für Melitta nicht weniger wich⸗ tig war, als für ihn ſelbſt. Und dann, ganz abgeſehen von ſeinem Verhältniß zu Melitta, hatte er ſo gar keinen oſtenſiblen Grund, die Stellung, zu der er ſich auf mehrere Jahre verpflichtet hatte, aufzu⸗ geben, daß er keinen Bruch hätte gewaltſam herbeiführen müſſen. Ein ſolcher Staatsſtreich aber würde zu jeder Zeit für Oswald's Hamlet⸗Natur etwas Peinliches und Widerliches gehabt haben, und jetzt, wo die Baronin, gegen die er ſich doch in einem ſolchen Falle wenden mußte, ſich offenbar bemühte, mit ihm, ebenſo wie mit aller Welt, in Frieden und Freundſchaft zu leben, fehlte es ihm ſogar an dem Allerwichtigſten, an einem Gegner, welcher den von ihm hin⸗ geſchleuderten Fehdehandſchuh hätte aufnehmen können und mögen. Ueberdies hatte er noch ganz kürzlich der Baronin den Gang des Unterrichts der Knaben bis zu der Zeit, wo er mit ihnen die pro⸗ 8 Problematiſche Naturen. jectirte große Reiſe durch Deutſchland, England, Frankreich, vielleicht auch Italien antreten würde, ausführlich geſchildert, mit einem war⸗ men Intereſſe, das, wenn es ſeine Abſicht war, die Ausführung dieſes Planes einem Andern zu überlaſſen, mindeſtens unerklärlich ſchien. Auch auf den Wunſch der Baronin, mit Fräulein Helene die durch ihren Fortgang von der Penſion unterbrochenen Studien wieder auf⸗ zunehmen, war er bereitwilligſt eingegangen; und morgen ſchon ſollten dieſe Lectionen, an denen auch die lernluſtige Baronin manchmal theil⸗ zunehmen verſprach, ihren Anfang nehmen. Und, abgeſehen von dem Allen, ſo hätte er doch, ging er von Grenwitz fort, auch Bruno verlaſſen müſſen, Bruno, deñ er ſo brü⸗ derlich liebte, deſſen glänzende Fähigkeiten zu entwickeln, ihm eine ſo köſtliche Aufgabe däuchte, den in die Wiſſenſchaft und hernach in das Leben einzuführen, bisher einer ſeiner liebſten Wünſche geweſen war! Die kurze Reiſe ſchien, wie auf Alle, ſo auch auf Bruno, einen ſehr wohlthätigen Einfluß gehabt zu haben. Er hatte viel von ſeinem trotzig düſtern Weſen abgelegt; er ſuchte jetzt die Geſellſchaft, die er früher im Verein mit Oswald gemieden hatte, auf und gab auch Oswald gute Worte, an Spaziergängen und an andern gemeinſamen Vergnügungen Theil zu nehmen. Er ahnte nicht, daß Oswald ihm durchaus kein großes Opfer brachte, wenn er dieſen Bitten nachgab, ja, daß dieſer ſich nur zum Schein bitten ließ, um vor ſich ſelbſt die Inconſequenz, deren er ſich in dieſer Beziehung ſchuldig machte, zu beſchönigen. Bruno, von Oswald mit ſeinem Intereſſe an Dingen und Perſonen, die ihm ſonſt gleichgültig oder verhaßt geweſen waren, geneckt, ſagte, er wiſſe nicht, was mit einem Male über ihn gekommen ſei; ihm ſei zu Muthe, wie einem Vogel, der, aus ſeinem Käfig ent⸗ flogen, die Freiheit wieder erlangt habe; wie einer Blume, wenn nach Sturm und Regen die Sonne wieder ſcheine. Und wirklich, Bruno war munter wie ein Vogel und, in dieſer ſeiner Munterkeit, ſchön wie eine Blume, die eben dem Lichte den vollen Kelch erſchließt. Es war unmöglich, den herrlichen Knaben nicht zu bewundern: ſeine Freundlichkeit war eben ſo hinreißend liebeuswürdig, wie ſein Trotz abſtoßend und oft geradezu beleidigend war. Alle waren miteinander darüber einig, vaß eine merkwürdige Veränderung mit Bruno vor⸗ —— — — Dritter Band. 9 gegangen ſei; was aber dieſe Veränderung hervorgebracht hatte,— das wußte, das ahnte Keiner. Dennoch hätte der Grund derſelben einem ſcharfſichtigen Beobach⸗ ter nicht entgehen können, und würde auch wohl Oswald nicht ent⸗ gangen ſein, wenn er mit ſeinen eigenen Herzeusangelegenheiten nicht ſo vollauf beſchäftigt geweſen wäre. Schon die Unterhaltung mit Bruno am erſten Abend hätte ihm einen Aufſchluß geben müſſen. Wie Helene's Name dort wieder und immer wiederkehrte, ſo ließ ſich ietzt Alles, was der Kuabe ſagte und that, ſchließlich auf Helene zurückbeziehen, obgleich er allerdings, dem Vogel gleich, der durch Hin⸗ und Herflattern den Verfolger von ſeinem Neſt fortzulocken ſucht, ſorgfältig darauf bedacht war, Andere vorzuſchieben und ſich für Helene gerade am wenigſten zu intereſſiren ſchien. Denn nicht nur die Schande, auch die Liebe wird heimlich geboren und in Heim⸗ lichkeit gepflegt und genährt, zumal wenn das Herz, das ſie gebar, iung und unſchuldig iſt, ſo unſchuldig, daß es kaum weiß, wie ihm geſchah, und nur das Eine fühlt, daß ein Gott es berührt hat. Was iſt nur mit dem Knaben? fragten ſich die Andern, wenn ſie ſahen, wie ſeine dunkeln Augen leuchteten, wie ſtolz und kühn ſeine Haltung, wie elaſtiſch ſein Schritt war; wenn ſie ſeine Stimme hörten, die bald ſo weich war, wie lauer Abendwind, bald in der Aufregung des Spiels, oder wenn ſonſt etwas ſeine Energie herausforderte, klar und ſcharf und machtvoll wie Drommetenton. Und wenn es wirklich manchmal ſchien, als ob Bruno nur ſeiner ſchönen Couſine zu Liebe dem Einſiedlerleben entſagt habe, ſo konnte dies um ſo weniger auffallen, als Alle mehr oder weniger ſeit der Reiſe ſich verändert hatten, und Alle mehr oder weniger dem neu aufgegangenen glänzenden Stern huldigten. Oder weshalb war die Baronin jetzt ganz Freundlichkeit und Güte? Weshalb erſchien ſie bei Tiſch jetzt ſtets mit einem lächelnden Geſicht und bemühte ſich, die Unterhaltung während der Mahlzeit nicht in's Stocken gerathen zu laſſen? weshalb ließ der Baron, zum großen Aerger des ſchweig⸗ ſamen Kutſchers, ſobald nur der Wunſch ausgeſprochen war, dieſen oder jenen weiter belegenen Punkt zu beſuchen, die ſchwerfälligen Braunen anſpannen— während ſo Etwas vor der Reiſe geradezu ———=. 10 Problematiſche Naturen. ein Ereigniß hatte genannt werden müſſen? weshalb hatte Herr Timm jetzt zum erſten Male ſeinen Frack aus der Ecke des melancholiſchen Koffers hervorgeſucht und mit dem Frack, wie es ſchien, eine etwas weniger nachläſſige Haltung und eine etwas weniger burſchikoſe Sprache? weshalb klang der Ton vvn Mademoiſelle Marguerite's Stimme jetzt etwas weniger ſcharf, wie ſonſt? und weshalb hatte ſie ſich gerade jetzt darauf beſonnen, daß ſie ein paar recht hübſche ſeidene Schleifen beſitze, die ſchon ſeit Jahren in ihrer Commode müßig gelegen hatten? weshalb gab ſich ſelbſt jetzt Malte beim Reifenfpiel Mühe, die Spiel⸗ regeln zu beobachten und den ihm zugeſchleuderten Reifen womöglich aufzufangen? Ob Fräulein Helene wußte, daß ſie die Urſache aller dieſer großen und kleinen Veränderungen war? Es war ſehr ſchwer, zu ſagen, ob Fräulein Helene etwas bemerkt hatte oder nicht; ja, ob ſie ſich über etwas freute oder nicht, ob ſie heiter war oder nicht; ob Jemand in der Geſellſchaft für ſie vorhanden war oder nicht. Ihre ſtolze ruhige Miene veränderte ſich ſehr ſelten, und das Lächeln, zu dem ſie ſich gelegentlich herabließ, war, obgleich außerordentlich reizend, voch ſo flüchtig, daß man nicht wohl den Antheil, den ihr Herz etwa dabei hatte, beſtimmen konnte. Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorſame, aufmerkſame Tochter, gegen ihren Bruder die ältere Schweſter, die, wenn ſie die Schwächen des Bruders ſchonen ſoll, auch ihrerſeits reſpectirt zu werden wünſcht; gegen Mademoiſelle Margue⸗ rite ganz die freundliche Herrin, die ſich in jedem Augenblicke des Unterſchiedes der Stellung bewußt bleibt; gegen Oswald und Albert ganz die vornehme junge Dame, welche von der Penſion her noch ſehr gut weiß, wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigeren Lebensſtellungen ſein muß, und nur für Bruno ſchien ſie eine herz⸗ lichere Zuneigung zu haben, nur ihm gegenüber ließ ſie ein wenig von der ruhig vornehmen Haltung nach, die ſie im Uebrigen ſo wenig ablegen zu können ſchien, wie die dunkle Farbe ihres reichen Haares, oder den tiefen Glanz ihrer großen grauſchwarzen Augen. Aber wenn ſelbſt die Baronin ſich gegen ihren Gemahl über Helene's faſt allzu ſchroffes Weſen beklagte, wenn ſie die Bemerkung machte, die lange Abweſenheit ſcheine denn doch Helene ihrer Familie — Dritter Band. 11 etwas entfremdet zu haben, ſo war dies freilich nur zu wahr, aber die Schuld daran traf weniger die junge Dame, als die Baronin ſelbſt. Sie war es geweſen, auf deren Wunſch Helene ſo lange Jahre fern von ihrem elterlichen Hauſe geweſen war; ſie hatte dem ſchwachen Gemahl, wenn er ſich nach der geliebten Tochter ſehnte, auseinander⸗ geſetzt, wie vortheilhaft für die Tournüre und für die Bildung einer jungen Dame es ſei, wenn ſie ſo früh wie möglich in die ſtrenge Schule eines Muſterpenſionats komme und ſo lange wie möglich dort bleibe; ſie hatte ſchon vorher, wenn die Kleine ſich liebevoll an ſie ſchmiegen wollte, nur eine kalte Miene und ein paar kühle franzöſiſche Redensarten für ſie gehabt, bis das Kind, größer geworden, die Hoff⸗ nungsloſigkeit des Verſuchs, einen Weg zum Mutterherzen zu finden, einſah und ſie fortan mit Liebkoſungen, die nicht erwiedert wurden verſchonte. Die arme Kleine mußte das Unrecht, kein Knabe zu ſein und nichts zur Sicherung des Majorats in der Familie thun zu können, ſchwer büßen, und ſie hätte wohl noch lange, von der Mutter halb vergeſſen, in der Verbannung leben können, wenn dieſe nicht endlich auf den Gedanken gekommen wäre, ob Helene durch eine Hei⸗ rath mit ihrem Couſin Fekix, dem Majoratserben der Grenwitz ſchen Güter nach Malte's Tode, nicht doch vielleicht mittelbar zur Erhaltung der Herrſchaft beitragen könne. Daß dieſer Gedanke ſich würde aus⸗ führen laſſen, daran zweifelte die energiſche Frau nicht. Felix hatte nicht nur das Projekt höchlichſt gebilligt, ſondern ſchon alle Schritte gethan, die ihm die Baronin als nothwendige Präliminarien zum ab⸗ zuſchließenden Heirathscontrakt bezeichnete. Er hatte ſeinen Abſchied genommen; er hatte die Garniſonsſtadt, den Schauplatz ſeiner Helden⸗ thaten, verlaſſen und ſich auf ſeine Güter begeben, vermuthlich um ſich die Stellen anzuſehen, wo einſt die ſchönen Waldungen ſtanden, die er erbarmungslos hatte umhauen laſſen, um die dringendſten Gläubiger zu befriedigen. Baron Felix hatte die Gewohnheit, Jedem, der ihm Geld lieh, Alles zu verſprechen, was man verlangte— warum ſollte er nicht der Baronin verſprechen, ihre Tochter zu heirathen, wenn ſie ſich anheiſchig machte, ſeine Schulden, die drückendſten we⸗ nigſtens, zu bezahlen und ihm zu helfen, die in Grund und Boden gewirthſchafteten Güter wieder nutzbar zu machen? Von dieſer Seite 2 Problematiſche Naturen. ſah die Baronin alſo nicht das kleinſte Hinderniß der Ausführung ihres Projects. Von Seiten Helene's erwartete ſie eben ſo wenig einen ernſtlichen Widerſtand, oder genauer, hatte ſie bis zu dieſem Augenblick einen ſolchen nicht erwartet. Sie hatte vergeſſen, daß ſie ihre Tochter drei Jahre nicht geſehen, daß drei Jahre viel zu ändern vermögen und unter andern auch aus einem trotzigen, aber doch aus Furcht und Gewohnheit gehorſamen vierzehnjährigen Mädchen eine ſiebenzehnjährige ſtolze junge Dame machen können, die unterdeſſen verlernt hat, vor ihrer Mutter zu zittern, und unter Leitung einer ſtrengen, aber hochherzigen Erzieherin viel zu ſelbſtſtändig geworden iſt, um ihren Willen ſo ohne Weiteres dem eines Andern, er ſei auch, wer er ſei, unterzuordnen. Dies erkannte die Baronin faſt auf den erſten Blick, als ſie im Empfangsſaale der Penſion ihre Tochter zur Thür hereintreten ſah. An der Tournüre der jungen Dame, die ohne Haſt, aber auch nicht zu langſam, auf die Mutter zuſchritt, ihr die dargebotene Hand küßte und dann einen Schritt zurücktretend, wie weiterer Befehle gewärtig, in ruhiger Haltung ſtehen blieb, war ſicher nichts auszuſetzen; aber die großen Augen blickten ſo ſtolz und gelaſſen, und die Worte fielen ſo gemeſſen von den ausdrucksvollen Lippen, daß die Mutter fühlte, bei dieſer ihrer Tochter, die ihr ſo fremd erſchien, könne ſie an kindlichen Gehorſam, auf einen Gehorſam aus Liebe, mit Sicherheit nicht rechnen. Das große Project, welches ſie ſo ganz fertig im Kopfe trug, erſchien ihr plötzlich in ſehr ungewiſſem Lichte, und die erſten Worte, die ſie nach dieſer Begegnung zu ihrem Gemahl ſprach, waren:„Ich glaube, lieber Grenwitz, wir werden in der Heiraths⸗ angelegenheit recht vorſichtig zu Werke gehen müſſen. Du würdeſt mich verpflichten, wenn Du mir die Sache vollkommen überließeſt. Eine ungeſchickte Einleitung, ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht Alles verderben;— eine Aufforderung, welcher der gute alte Mann um ſo lieber nachkam, als ſelbſt ſein felſenfeſter Glaube an die Unfehlbarkeit ſeiner Anna⸗Maria nicht im Stande geweſen war, die Bedenken, welche er gegen das Heirathsproject hatte, gänzlich zu beſeitigen. Die Baronin ſah ein, daß im Falle Couſin Felix vor Helene's —, Dritter Band. 13 Augen keine Gnade finden ſollte— und dieſer Fall war zum Min⸗ deſten nicht unmöglich— durch Einſchüchterung, durch Gewaltmaß⸗ regeln nichts ausgerichtet werden könnte, und daß Güte nicht nur der ſicherſte, ſondern auch der einzige Weg ſei. So war ſie denn gütig, nach ihren Begriffen äußerſt gütig gegen die ſchöne Tochter, und damit die Andern nicht merkten, worauf dies Alles hinausging, oder auch nur um in der Uebung zu bleiben, war ſie es gegen dieſe auch. Seltſamerweiſe indeſſen ſchien gerade die, für welche dieſe Gnadenſonne leuchtete, am wenigſten dadurch erwärmt zu werden. Helene veränderte ihre ruhig abgemeſſene Haltung, ihr höflich kühles Weſen auch nicht im Mindeſten: die von der Baronin ſtets ſo gerühmte Penſion hatte in der Erziehung Fräulein Helene's offenbar ein Meiſter⸗ ſtück geliefert. Und dennoch war dieſes junge Herz, das ſo kalt, ſo unzugänglich ſchien, warmer Gefühle wohl fähig. Sie hatte, als ſie von ihren Freundinnen und der hochverehrten Lehrerin Abſchied nahm, heiße Thränen geweint, die ſie freilich, als die Mutter eine Bemerkung darüber machte, ſofort trocknete; ſie erwies dem Vater manche Auf⸗ merkſamkeiten, auf welche die bloße Höflichkeit nie verfällt; ſie konnte ein armes Kind nicht bloß beſchenken, ſondern auch an die Hand nehmen und freundlich mit ihm ſprechen. Ihre Freundinnen, deren ſie allerdings nur immer ſehr wenige beſaß, hatten niemals Urſache gehabt, über Liebloſigkeit von Seiten Helene's zu klagen; und die Briefe, die ſie von Grenwitz aus nach Hamburg ſchrieb, waren der Beweis, daß ſie wenigſtens gegen die, welche ſie liebte, weder kalt noch verſchloſſen war. So ſchrieb ſie unter Anderem an Mary Bur⸗ ton, eine junge ſchöne Engländerin, die ſie von allen Freundinnen am meiſten liebte und die einen groſten Einfluß auf ſie ausgeübt hatte: „Doch das ſind tempi passati, meine gute Mary? ich muß nun lernen, mich an der Muſik zu ergötzen, ohne ſie zuſammen mit Dir zu hören, und eine Geſellſchaft erträglich zu finden, in der ich nicht Dei⸗ nen holden Augen begegne. Bis jetzt freilich fehlſt Du mir überall, und auch die Andern; bis jetzt halte ich es nur für eine Möglichkeit auch ohne Euch froh ſein zu können. Glaube indeſſen nicht, daß man 14 Problematiſche Naturen. mir hier unfreundlich begegnet! im Gegentheil, ich muß geſtehen, daß mir die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegen gekommen ſind. Von meinem Vater hatte ich es freilich nie anders erwartet, aber— Du haſt ja die Briefe meiner Mama geleſen! Du meinteſt ja, ſie glichen ſich wie eine Schneeflocke der anderen— auch ſie iſt viel weniger ſtreng, als ich ſie von früher her kannte und als ſie in ihren Briefen erſcheint Sie läßt mir alle nur möglichen Frei⸗ heiten; ich kann— was wir uns in der Penſion immer als das Höchſte dachten— thun und laſſen, was ich will. Meine Zimmer liegen im Erdgeſchoß des alten Schloſſes, dicht über dem Garten, in welchen aus meinem Salon eine Thür mit ein paar Stufen hinabführt. So lebe ich ganz ungeſtört, obgleich ich mit wenigen Schritten über die Corridore in die Wohnzimmer gelangen kann. Du weißt, ich fürchtete ſchon, hier nicht meiner großen Leidenſchaft, des Abends ſpät, wenn Alles rings um mich her ſtill iſt, zu muſiciren, folgen zu können. So bin ich dieſer Sorge vollkommen überhoben, und ich habe auch ſchon jeden Abend von dieſer Freiheit den ausgedehnteſten Gebrauch gemacht. Ich ſtöre ja Niemand, es müßten denn einige Herten ſein, die ebenfalls in dieſem Theile des Schloſſes irgendwo über mir hauſen, glücklicherweiſe zur Kategorie derer gehören, die man in Eurer aufrichtigen Sprache ſo glücklich mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet. Es ſind nämlich der Hauslehrer, ein gewiſſer Herr Stein, und ein Geometer, der für Papa arbeitet, und den ariſtokratiſchen Namen Timm führt. Sie können beide für hübſche Männer gelten, oder, um ganz aufrichtig zu ſein, ich vermuthe faſt, daß Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdeſt; aber Du brauchſt deshalb nicht zu glauben, daß ſie, oder einer von ihnen, einen beſonderen Eindruck auf mich gemacht hätten. Ich habe eine Antipathie gegen Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider oder böhmiſche Diamanten. Das mag recht gut ſein für Bürgermädchen und Gouvernanten, aber für uns paßt es nicht. Ich ſehe die Herren des Mittags, des Abends— im Uebrigen exiſtiren ſie nicht für mich. Herrn Stein begegne ich außerdem noch jeden Morgen früh im Garten, denn die Vögel ſingen hier ſo dicht unter meinen Fenſtern, daß man aufſtehen muß, man — —— Dritter Band. 15 mag wollen oder nicht. Ich wäre dieſen Begegnungen gern über⸗ hoben, aber was läßt ſich thun? Ich kann dem armen Menſchen, der hernach von ſieben bis elf den Knaben Unterricht ertheilt, nicht wohl verbieten, die einzige freie Morgenſtunde, die er hat, zu benutzen, und wenn ich ſelbſt ſpäter ginge, ſo käme ich wieder um den ſchönſten Genuß; alſo: ich muß es mir gefallen laſſen— non son' rose senza spine! Uebrigens iſt dieſer Stein, trotzdem er nur ein böhmiſcher Diamant iſt, ſo fein geſchliffen, daß ihn ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechſeln könnte. Er hat, was man bei Leuten aus den unteren Ständen ſo ſelten findet, viel Haltung und Selbſtbeherrſchung. Er hat eine Weiſe, mit der ruhigſten Miene von der Welt, Jemand, er ſei, wer er ſei, eine Schmeichelei oder eine Malice zu ſagen, die wirklich in Erſtaunen ſetzt. So ſagte er geſtern, als wir uns zum dritten Male zur ſelben Zeit und an demſelben Orte auf dem Walle begegneten und daſſelbe Geſpräch über das Wetter geführt hatten, ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters einträte, ganz einfach weiter nichts, als:„wie geſtern;“ ſagen wollten? Wir wären denn doch nicht ganz ſtumm an einander vorüber gegangen, was für Hausgenoſſen immer etwas Peinliches habe, und dabei wären doch die Koſten der Con⸗ verſation beinahe bis auf Null reducirt, eine Erſparniß, die ſelbſt für den Geiſtreichſten— hierbei eine halb ironiſche Verbeugung— nicht ganz unbedeutend ſei.— Das war doch ziemlich ſtark; aber wie geſagt, er bringt dergleichen mit ſo ruhigem Lächeln vor, daß man niemals weiß, ob er es im Scherz oder im Ernſt ſagt. Auch ſchei⸗ nen Alle, ſelbſt Mama, einen ziemlichen Reſpect vor ihm zu haben. Zwiſchen Bruno und ihm exiſtirt ein ganz eigenthümliches Verhältniß, gar nicht wie zwiſchen Lehrer und Schüler, ſondern wie zwiſchen zwei Freunden, die innigſt verbrüdert ſind, etwa wie Oreſt und Pylades; und wirklich, es iſt ein reizender Anblick, wenn man ſie Arm in Arm zuſammen durch den Garten ſchlendern ſieht. Dieſe rührende Freund⸗ ſchaft hindert indeſſen Bruno nicht, ſich bei jeder Gelegenheit als mein Ritter zu geriren. Der Junge ſieht mir wahrlich an den Augen ab, was ich will und wünſche; oder vielmehr er ahnt es und weiß es, ohne daß er mich nur anzuſehen brauchte. Es iſt mir manchmal —— 16 Problematiſche Naturen. ordentlich unheimlich dabei. Wenn ich auf dem Spaziergange denke, Du könnteſt auch wohl ohne Tuch gehen, ſagt Bruno ſicher: ſoll ich Dir das Tuch ein wenig trägen, Helene? Bei Tiſch, wo er neben mir ſitzt, reicht er mir nur, was ich gern habe, anderes läßt er vor⸗ übergehen und ſagt: das iſſeſt Du doch nicht, Helene! Er iſt ein zu lieber Junge, obgleich eigentlich dieſer Name nicht mehr recht auf ihn paßt, denn er wird nächſtens ſechszehn Jahr, und iſt groß und ſtark und ſchön, wie ein junger Achill. Ich glaube, er würde für mich durch's Feuer gehen; in's Waſſer wenigſtens iſt er geſtern ſchon für mich geſprungen. Wir gingen des Abends auf dem Wall ſpazieren und ein plötzlicher Windſtoß warf meinen runden Strohhut— Du kennſt ihn ja— in den Graben. Mein armer Hut! rief ich.— Willſt Du ihn wieder haben? fregte Bruno.— Ei natürlich, ſagte ich,— aber nur im Scherz, denn ich weiß, daß der Graben ſehr tief iſt und an dieſer Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt breit, und der Hut ſchwamm mitten drauf. Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den Wall hinab und in's Waſſer hinein. Ich war wirklich erſchrocken und ich glaube, ich ſtieß ſogar einen leichten Schrei aus. Beruhigen Sie ſich, ſagte Herr Stein— außerdem war glücklicher⸗ weiſe Niemand zugegen— Bruno ſchwimmt wie ein Neufundländer, und ſelbſt wenn er nicht wieder herauskäme, ſo iſt er ritterlich im Dienſte der Damen geſtorben. Das iſt immer ein Troſt.— Glück⸗ licherweiſe kam Bruno nach ein oder zwei ängſtlichen Minuten wieder au's Land geſchwommen, und Herr Stein half ihm beim Herausſtei⸗ gen, dann gingen ſie Beide lachend von dannen und ließen mich mit dem naffen Hut in der Hand— ein rührendes Bild— ganz allein ſtehen.— Uebrigens ſcheint mir Herr Stein doch übel genommen zu haben, daß ich ſeinen Liebling in dieſe Gefahr brachte. Wenigſtens iſt er heute Morgen nicht auf der Promenade erſchienen, bei Tiſche ſehr einſilbig geweſen und hat die Literaturſtunde, die er mir wöchent⸗ lich zweimal giebt, abſagen laſſen,„weil er Kopfſchmerz habe“, was ihn freilich, wie ich von meiner Stube aus beobachten kann, nicht hindert, in der glühenden Nachmittagsſonne draußen im Garten mit unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang, die Arme untereinander geſchlagen, auf einem Fleck zu ſtehen und in das Waſſerbecken eines Dritter Band. 1 Brunnens zu ſtarren, von dem eine hochgeſchürzte Najade lächelnd auf ihn herabſchaut— es iſt ein wunderlicher Heiliger. Die junge Dame mochte in dieſem Briefe, ihren geheimſten Gedanken mehr enthüllte, als ſie ſelbſt wohl wußte, durchaus der Wahrheit haben die Ehre geben wollen und derſelben auch überall ſo ziemlich nahe gekommen ſein; aber in Hinſicht des Grundes zu Oswald's zerſtreutem und düſterm Weſen an dieſem leuchtenden Sommertage irrte ſie ſich doch. der jedenfalls von Drittes Capitel. Es war an dem Abend deſſelben Tages, an welchem Helene von ihrem Schreibtiſche aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete, daß in einem Zimmer des Hotels Bellevue in dem Kurort N., be⸗ rühmt durch Doctor Birkenhain's große Heilanſtalt für Geiſteskranke, zwei Perſonen, eine Dame und ein Herr, in der Nähe der geöffneten Balkonthür ſaßen. Es dämmerte bereits; Kurgäſte kamen beſtäubt von ihrer Nachmittags⸗Promenade zurück, von Zeit zu Zeit rollte eine elegante Kutſche vorüber, in welcher, vornehm in die ſchwellenden Kiſſen gedrückt, ſchön geſchmückte Frauen ſaßen. Dann wurde es ſtiller auf der Straße; drüben über den Gärten ſchimmerte der Abend⸗ ſtern aus dem ſafranfarbenen Himmel. Die Dame in der Thür des Balkons hatte die Augen auf den Stern gerichtet, der Herr, der tiefer im Zimmer ſaß, die ſeinen auf das Antlitz der Dame. Die Bei⸗ den hatten ſeit einer halben Stunde kaum ein Wort geſprochen; jetzt B ſtand der Herr auf, trat nahe an den Stuhl der Dame heran und † ſagte leiſe: „Ich will fort, Melitta!“ „Wann kommen Sie morgen wieder?“ „Ich komme morgen nicht wieder; ich will fort von N., heute Abend noch.“ „Aber Sie wollten doch ſo lange hier Fr. Spielhagen's Werke. III. bleiben, als irgend möglich,— ———— 18 Problematiſche Naturen. das heißt: bis die Zuſammenkunft mit der braunen Gräfin Ihre Abreiſe nothwendig macht.“ „Ich wollte es, aber es kann nichts nützen. Ich habe noch heute ausführlich mit Birkenhain geſprochen; er hält es für unmöglich, daß Carlo noch einmal vor ſeinem Ende zum vollen Bewußtſein erwacht. Und geſetzt auch, er thäte es, was hat er davon, daß ich zugegen bin? Kam ich doch neulich noch zur rechten Zeit; und was wollte er von mir? nichts— mich fragen: ob das Teſtament ſicher verwahrt iſt; das war Alles.“ „Aber Carlo könnte ja doch ſeinen Willen ändern—“ „Nein. Als er damals das Teſtament in meiner und des alten Baumann Gegenwart aufſetzte, war er, obgleich ſchon krank und hin⸗ fällig, doch noch bei vollem Verſtande; er hat Sie zur Univerſalerbin eingeſetzt, mit Fug und Recht. Er wußte, daß er Ihnen wenigſtens dies Zeichen ſeiner Reue ſchuldig war. Er wollte damit ſagen; ich bin nicht ganz ſo ſchlecht als Du gedacht haſt; ich ſehe wenigſtens ein, daß ich Dich unglücklich gemacht habe, und würde das Geſchehene ungeſchehen machen, wenn ich nur könnte.“ „Brechen wir ab von dieſem Thema!“ ſagte Melitta, aufſtehend und ſich für einen Augenblick auf das Geländer des Balkons lehnend, um in die ſchon dunkelnde Straße hinabzublicken. Dann trat ſie wieder in das Zimmer zurück und ſagte: „Reiſen Sie direct nach Cona zurück?“ „Nein, ich will die Zeit, die mir noch bleibt, zu einer Rheinreiſe benutzen; vielleicht komme ich wieder über N.“ „So laſſen Sie mir die Czika bis dahin; es ſoll ein Pfand ſein, daß Sie hierher zurückkommen.“ „Wünſchen Sie es, Melitta?“ „Sie ſind wieder einmal ſehr gut gegen mich geweſen.“ „Alſo bloße Dankbarkeit?“ „Und— Freundſchaft.“ „Leben Sie wohl, Melitta!“ „Reiſen Sie glücklich, Oldenburg!“ Der Baron ging mit langſamen Schritten nach der Thür; dort angelangt, blieb er ſtehen, dann kam er noch einmal zurück und ſagte: Dritter Band. 19 „Haben Sie immer geglaubt, daß ich Ihr Freund ſei, Melitta?“ „Haben Sie je geglaubt, daß ich Sie liebe?“ Melitta ſchwieg. ℳ „Nie? zu keiner Zeit?“ fragte der Baron mit dumpfer Stimme. „Laſſen Sie das Vergangene vergangen ſein!“ „Nein, Melitta, laſſen Sie uns davon ſprechen. Ich finde ja eine Gelegenheit wie dieſe vielleicht nicht zum zweiten Mal im Leben wieder; nein, nein! Denn das alte gute Verhältniß zwiſchen uns iſt todt, ſeitdem ich unſinnig genug war, Ihnen zu zeigen, daß ich Sie liebte— und über dieſen Schlund, der da zwiſchen uns aufklaffte, giebt es keine Brücke. Für den Augenblick hat uns die Noth zuſam⸗ mengeführt; ſobald ich aus dieſem Zimmer gehe, ſind wir uns wieder Fremde. Melitta, um unſerer alten Freundſchaft willen, bei der Erinnerung an die gemeinſam verlebte ſelige Jugendzeit, ſagen Sie mir, haben Sie nie geglaubt, daß ich Sie liebte?“ „Ich weiß es nicht—“ „Das iſt hart,“ ſagte der Baron leiſe;„das iſt hart.“ Er ließ ſich auf einen Stuhl ſinken, ſtützte den Arm auf die Lehne und ver⸗ barg ſein Geſicht in der Hand. Er ſtand wieder auf, ging, die Arme über der Bruſt kreuzend, mit langen Schritten in dem Gemache auf und ab und ſprach, als ob er mit ſich ſelbſt redete:„Was beklagen ſich denn die Menſchen, die lieben und wieder geliebt werden, wenn ſie, ſo oder ſo, um ihre Hoffnungen betrogen wurden? oder die, welche lieben, und wenn ihre Leidenſchaft auch nicht erwiedert wird, doch wenigſtens den Troſt haben, daß man ihren Kummer ehrt, daß man Mitleid mit ihren Qualen hat? Nein— lieben, lieben, wie nur ein Erdenſohn lieben kann, mit allen Kräften ſeiner Seele, mit jedem Blutstropfen in ſeinen Adern, und dann erfahren— nicht, daß man uns nicht wieder liebt — pah, was das iſt!— nein, erfahren, daß man uns für einen Lügner hält, für einen Spaßmacher, einen Schäker— ha, ha, ha! das iſt das Wahre! das iſt ein Labſal, wie es Teufel armen Gefol⸗ terten in den lechzenden Mund träufeln...„ „Und wenn ich nicht an Ihre Liebe glaube, wer iſt denn ſchuld 20 Problematiſche Naturen. daran? wer hatte die Scene im Garten der Villa Serra di Falco arrangirt? ich oder Sie?“ „Wie?“ ſagte der Baron ſtehen bleibend; ſind Sie wirklich ein ſolcher Neuling in der Liebe, daß ich Ihnen in allem Ernſt die Er⸗ klärung zu dieſer Farce geben muß? Glauben Sie wirklich, daß ich — dem doch ſonſt ſo leicht nichts entgeht— Sie nicht ſchon länger hinter den Myrtengebüſchen bemerkt hatte, ehe ich zu Hortenſe's Füßen ſank, und die Sonne, obgleich ſie untergegangen war, und den Mond, obgleich er nicht ſchien, und die Sterne, die es beſſer wußten, zu Zeugen meiner heißen Liebe anrief? das hätten Sie auch nur einen Augenblick für Ernſt gehalten?“ „Was war es denn?“ „Eine Allegorie. Ich wollte Ihnen zeigen: ſieh! dies bleibt mir übrig, wenn Du meine Liebe verſchmähſt! Du zwingſt mich, der ich immerdar vor einer Heiligen anbeten möchte, in den Armen einer Buhlerin Vergeſſenheit zu ſuchen. Melitta, Melitta, geſtehe es! Du wußteſt recht gut, daß dies eine Farce war; aber es war Dir be⸗ quem, ſie für Ernſt zu nehmen. Du wollteſt von mir befreit ſein, ſelbſt um den Preis— eines Mißverſtändniſſes!“ „Und wenn dies mein Wille geweſen wäre,— und ich will an⸗ nehmen, es war mein Wille— iſt es nicht des Mannes Pflicht, den Willen einer Frau, noch dazu einer Frau, die er liebt, zu ehren?“ „Habe ich es nicht gethan? bin ich nicht noch in derſelben Nacht auf ein Wort, ja auf einen Wink hin, abgereiſt, bin ich nicht drei lange Jahre wie Ahasver ruhelos durch alle Lande geirrt, und habe ich, als ich dann endlich zurückkehrte— zurückkehrte, weil mir eine Ahnung ſagte, daß Dir ein Unglück bevorſtände— nicht jede Ge⸗ legenheit, mit Dir zuſammenzutreffen, ſorgfältig vermieden? war es mein Wille, daß ich Dich auf dem Balle in Barnewitz traf? iſt es mein Wunſch geweſen, der uns hier zuſammenführte? Nein, Melitta, Du kannſt nicht über mich klagen. Ich habe meine Liebe zu Dir lange, lange Jahre— denn ich liebe Dich, ſeitdem ich denken kann, ſeitdem ich weiß, daß Nachtigallengeſang und Sonnenſchein und Wogenrauſchen köſtlich ſind— tief verſteckt im Herzen getragen; und wenn ich einen Augenblick thöricht genug war, die Hoffnungsloſigkeit ———— Dritter Band. 21 diefer Leidenſchaft zu vergeſſen, ſo habe ich dieſe Thorheit ſchwer genug gebüßt. Wußte ich doch ſchon als Knabe, daß Du Dein Pferd und Deinen Hund lieber hatteſt, als mich; und doch bezwang ich den ſchwer verletzten Stolz, und doch demüthigte ich mich wieder und immer wieder vor Dir; ich, der ich nie in meinem Leben eine Bitte über die Lippen bringen konnte!“ Der Baron ſetzte ſeine ruheloſe Wanderung durch das Zimmer wieder eine Zeit lang ſchweigend fort, dann blieb er abermals vor Melitta ſtehen und ſagte: „Ich habe mich noch tiefer gedemüthigt. Ich habe geſehen, daß das Weib, nach der ſich meine Seele ſehnt, wie der Gekreuzigte nach einem Labetrunk, von einem Andern geliebt wird; habe geſehen, daß ſie dieſen Andern wieder liebt mit jener Liebe, um die ich Gott auf meinen Knieen tauſend und tauſendmal mit heißen Thränen gebeten 5 habe— und habe nicht mit der Wimper gezuckt; ich habe der Schlange Eiferſucht den Kopf zertreten— ja, und mehr! ich habe redlich ver⸗ ſucht, dieſen Glücklichen nicht zu haſſen, ich bin ihm entgegengekom⸗ — men mit Gruß und Handſchlag, ich habe mir ſein Vertrauen, ſeine Liebe zu erwerben geſucht, nicht um zum Verräther an ihm und an Dir zu werden, ſondern weil ich fühlte, daß mir Dein Glück theurer war, als Alles, und daß der, welchen Du liebteſt, auch von mir ge⸗ liebt werden oder von meiner Hand ſterben müſſe.“ „Sie ſind fürchterlich, Oldenburg!“ rief Melitta, ſich halb vom Stuhle erhebend;„ſoll denn nicht der geheimſte Winkel meines Her⸗ zens vor Ihnen verborgen bleiben?“ „Ich bin nicht fürchterlich,“ ſagte der Baron;„ich bin nur un⸗ bequem; das iſt das Recht des Freundes. Glaube nicht, daß ich mich auf krummem Wege in Dein Geheimniß geſtohlen habe! Ich habe nur die Augen nicht geſchloſſen, das iſt Alles. Oder glaubſt Du, man lerne nicht zuletzt die leiſeſte Regung in einem Geſicht ver⸗ ſtehen, das man ſtets im Wachen und ach, wie oft im Traume! vor ſich ſieht? Und dann, wenn man die Hoffnung, je geliebt zu werden, aufgegeben hat, ſo will man wenigſtens die Ueberzeugung haben, daß derjenige welchem dieſes Glück zu Theil wird, auch kein Un⸗ würdiger iſt.“ dann zerſchmettert am Boden liegſt und nicht mehr leben magſt und Problematiſche Naturen. „Oldenburg!“ „Er iſt kein Unwürdiger, aber— ich bin Dein Freund, Melitta! er iſt Deiner auch nicht würdig. Er hat viele große und ſchöne Eigenſchaften, ich weiß es wohl; aber ſein Charakter iſt noch nicht im dreimal heiligen Feuer des Unglücks geſtählt, und ſo weiß er auch das Glück noch nicht zu ſchätzen. Er hat eine unendliche Empfänglichkeit für Alles, was ſchön und anmuthig iſt, und deshalb betet er Dich an; aber, weil er ſeiner Natur nach eben für Alles empfänglich iſt, wird es ihm unendlich ſchwer, nicht über dem Anmuthigeren und Schöneren das Schöne und Anmuthige zu vergeſſen; das heißt: treu zu ſein. Er iſt ein Dichter, und eines Dichters Liebe i s Ideal. Er wird das köſtlichſte Gefäß verächtlich bei Seite ſchie ei ſein feines Auge doch irgendwo einen Flecken daran bemerkt h er wird Alles, was ihm die Erde bietet, gierig ergreifen und verichtichwieder fort⸗ werfen, weil es eben irdiſch, weil es, und wäre es noch ſo n doch immer mit einem Erdenreſt behaftet iſt.“ „Sie ſagen mir nichts, Oldenburg, was ich mir nicht dert und tauſendmal ſelbſt geſagt hätte.“ „Ich weiß es. Die Beurtheilung ſolcher Naturen tun Ihne nicht ſchwer werden, denn auch Sie ſind dieſem Dämon unterthan. Aber Sie ſind ein Weib, und über euch hat der Dämon nicht, wie über uns, unbedingte Gewalt. Ihr, und wenn ihr euch auch noch ſo ſehr ſträubt, laßt euch zuletzt doch in der Liebe Feſſeln ſchlagen und ſeid ſtolz auf dieſe Feſſeln; der Mann, und wenn er im Anfang noch ſo ſehr mit dem neuen Schmucke prunkt, ſchleudert ihn zuletzt doch von ſich. Und ſo wird es geſchehen.“ „Nein, nein!“ „Ja, Melitta; es wird geſchehen und— jetzt weiß ich auch, welches dieſes Unglück iſt, das ich über Deinem theuren Haupte wie eine finſtere Wetterwolke ſchweben ſah. Glaube es mir, der Schlag wird über kurz oder lang auf Dich niederſchmettern, und wenn Du doch nicht ſterben kannſt— dann, Melitta, dann vielleicht wirſt Du die Qualen begreifen, die ich erduldet; dann wirſt Du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das Du mir gethan! Wollte Gott, Du kämeſt Dritter Band. 23 nie zu dieſer Erkenntniß! Der Preis iſt ungeheuer! aber, aber— Du wirſt ihn doch bezahlen müſſen. Leb wohl, Melitta! verzeihe, daß ich Dir weh gethan habe; es wird nicht wieder geſchehen: es iſt das erſte, und es iſt das letzte Mal, daß ich ſo zu Dir geredet. Leb wohl, Melitta!— Melitta, haſt Du kein freundliches Wort zum Abſchied für mich?“ Melitta hatte das Geſicht in die Hände gedrückt; bei der Däm⸗ merung, die in dem Gemache herrſchte, waren nur noch eben die Umriſſe ihrer Geſtalt zu erkennen.— Sie wollte, oder konnte nicht antworten. Der Baron hielt ſeine beiden Hände über das ſchöne gebeugte Haupt. „Gott ſegne Dich, Melitta!“ ſagte er, und die Stimme des ſtolzen, harten Mannes klang weich und mild wie eines Vaters Stimme. Als Melitta die Thür ſich hinter dem Baron ſchließen hörte, ſprang ſie von dem Stuhle auf, und that raſch einige Schritte, als wollte ſie ihn zurückrufen. Aber mitten im Zimmer blieb ſie wieder ſtehen. „Nein, nein!“ murmelte ſie,„es iſt beſſer ſo, ich darf ihm keinen Schimmer von Hoffnung laſſen.“ Sie ging langſam wieder zu ihrem Stuhl zurück. Sie ſetzte ſich wigger, ſie bedeckte wieder das Geſicht mit den Händen. Und nun brächg die lange zurückgehaltenen Thränen in Strömen aus ihren „Ich weiß es ja, daß es ſo kommen wird;“ murmelte ſie; halb den kurzen Traum des Glücks ſo grauſam ſtören!“ viertes Capitel. Der Poſtbote, welcher am Abend den Brief Helene's nach der Stadt trug, war am Morgen deſſelben Tages ſchon einmal dageweſen. Er hatte Oswald ein Schreiben aus Grünwald von einem ſeiner dortigen Bekannten gebracht, der auch zu gleicher Zeit einer von den 24 Problematiſche Naturen. Wenigen war, mit den Profeſſor Berger in einem intimeren Verhält⸗ niſſe ſtand. Der Bekannte, ein Docent an der Univerſität, ſchrieb Oswald, daß er ihm die ſchleunige Nachricht von einem Ereigniſſe ſchuldig zu ſein glaubte, das ſeit geſtern Nachmittag die ganze Stadt in die größte Beſtürzung verſetzt habe. Profeſſor Berger ſei ganz plötzlich, zum wenigſten ohne daß irgend Jemand eine Ahnung von ſeiner Krankheit gehabt habe, wahnſinnig geworden. Er ſei um vier Uhr, wie gewöhnlich, in ſeine Vorleſung über Logik gekommen, habe angefangen zu dociren, ſcharfſinnig, geiſtreich, wie immer. Dann hätte ſeine Rede begonnen, verworren und immer verworrener zu werden, ſo daß ein Student nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und Schrecken angeſtarrt habe.„Wiſſen Sie, meine Herren, habe Berger gerufen, was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier hob, der das große Geheimniß barg,— das große Geheimniß, welches der Schlüſſel ſein ſollte zu den verworrenen Räthſeln des Lebens? Sehen Sie, meine Herren, hier nehme ich meinen Kopf auseinander, die eine Hälfte in dieſe, die andere in jene Hand— was erblicken Sie in dem Kopfe des berühmten Profeſſor Berger, zu deſſen Füßen Sie ſitzen, ſeinen weiſen Worten zu lauſchen, und ſie mit abſcheulich kritzelnden Federn in Ihre langweiligen Hefte zu ſchreiben? was erblicken Sie?— genau daſſelbe, was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier von der Wahrheit hob: Nichts! abſolut gar nichts, nichts für ſich, nichts an ſich, an und für ſich: nichts! und daß dieſes hohle, öde Nichts des Pudels Kern ſei, daß all unſer beſtes Streben nichts ſei, wir unſer Herzblut an nichts und wieder nichts ſetzen, n Sie, meine Herren, das hat den Jüngling von Sais toll gemacht, das hat mich verrückt gemacht, und wird auch Sie um den Verſtand bringen, wenn Sie irgend welchen aus Ihren Spatzenköpfen zu verlieren haben. Und nun, meine Herren, machen Sie Ihre dummen Hefte zu, damit das abſcheuliche Kritzeln endlich einmal aufhört und ſtimmen Sie mit mir in das tiefſinnige und erhebende Lied ein:„O, da ſitzt'ne Flieg' an der Wand!“ Berger habe darauf mit lauter Stimme, und das Katheder mit den Fäuſten bearbeitend, angefangen zu ſingen, ſei dann in dem Auditorium an den Wänden entlang gelaufen, nach imaginären Dritter Band. 25 Fliegen haſchend, habe dann jedesmal die Hand geöffnet, hineinge⸗ ſchaut und triumphirend gerufen: Nichts, meine Herren, ſehen Sie, nichts und wieder nichts! Der Bekannte ſchloß den Brief mit der Mittheilung, daß Pro⸗ feſſor Berger ſogleich am folgenden Tage auf den Rath ſeiner Aerzte nach N. in die berühmte Heilanſtalt des Doctor Birkenhain trans⸗ portirt ſei; er habe Alles gutwillig mit ſich geſchehen laſſen, nachdem man ihm vorgeredet: man wolle ihm das große Ur⸗Nichts zeigen.. Oswald war durch den Inhalt dieſes Briefes tief erſchüttert. Er hatte in Berger ſeinen Freund geliebt und geehrt; er hatte ſich des wunderlichen Mannes Liebe in hohem Grade erworben; er hatte tiefere Blicke, als wohl irgend Jemand ſonſt, in dieſen unendlich rei⸗ chen Geiſt gethan. Wie oft hatte er dem Außerordentlichen mit ent⸗ zücktem Schweigen zugehört, wenn dieſer von einem ſcharfſinnigen und genau formulirten Satze ausgehend, plötzlich aus dem Gebiete der Logik in eine Welt gerieth, die ſich ihm nur durch eine höhere Intuition erſchließen konnte, und nun Traum an Traum und Geſicht an Geſicht reihte, ſo phantaſtiſch, ſo märchenhaft, aber auch ſo himm⸗ liſch ſchön und rein, daß Oswald alles Andere darüber vergaß und leibhaftig in dieſer Fata Morgana umherzuwandeln glaubte, bis der Magier mit einem Worte höhnenden Schmerzes und wilder Verzweif⸗ lung die köſtliche Spiegelung verſinken ließ! Und nun war dieſer reiche edle Geiſt zerſtört! und dieſe hohe Intelligenz in des Wahn⸗ ſinns öde Nacht verſunken!... Oswald erſchien dies ſo ungeheuer, ſo unfaßbar, daß ihm war, als ſei die Welt aus den Fugen gegan⸗ gen: als müſſe jetzt, nachdem dieſe erhabene Säule geſtürzt, Alles in grauſe Trümmer zerfallen. Wenn vies geſchehen konnte, was war dann noch unmöglich? Dann war ja auch wohl Freundſchaft ein Märchen und Liebe eine Fabel— dann mochte ja auch wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu ſuchen ſein, der ihn heute Morgen den augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verrieth.— Als Oswald nämlich einen Blick auf die Aufſchriften der Briefe warf, welche der Poſtbote aus ſeiner Taſche genommen hatte und durch die Hand laufen ließ, um den für Oswald beſtimmten herauszuſuchen, fiel ihm einer auf, auf welchem die Adreſſe offenbar von Oldenburg's höchſt 26 Problematiſche Naturen. eigenthümlicher und ſchwer mit einer andern zu verwechſelnder Hand⸗ ſchrift war. Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona adreſſirt. Weshalb ſollte der Baron nicht an ſeinen Verwalter ſchreiben dürfen? Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poſtſtempel den Ort, von welchem aus dieſer Brief abgeſandt war; dieſer Ort war derſelbe, wohin man Berger geſchickt hatte, derſelbe, wo Herr von Berkow ſeit ſieben Jahren— und wo Melitta ſeit vierzehn Ta⸗ gen war, das heißt, zwei Tage länger, als die geheimnißvolle Reiſe Oldenburg's gedauert hatte! In dem ausführlichen Briefe Melitta's, den Oswald vor einigen Tagen durch Baumann erhielt, hatte ſie des Barons Anweſenheit mit keinem Worte erwähnt; Baumann ſelbſt aber mußte durch Bemperlein davon unterrichtet geweſen ſein, denn er war in Verlegenheit gerathen, als er die Perſonen nannte, die bei dem Beſuche, welchen Melitta ihrem ſterbenden Gemahl machte, zugegen geweſen waren. Warum dieſes geheimnißvolle Weſen bei einem Manne, der die Geradheit und Offenheit ſelbſt ſchien? war er dazu beauftragt, oder hatte er, der die Verhältniſſe ſeiner Herrin ſo genau kannte, ſeine beſonderen, gewichtigen Gründe, die Wahrheit zu ver⸗ heimlichen? Dies waren die ſchlimmen Gedanken, die durch Oswald's Hirn zogen, als er im heißen Nachmittagsſonnenſchein barhaupt an dem Brunnen der Rajade ſtand und bewegungslos in das Waſſer ſtarrte, während Fräulein Helene an ihrem Schreibtiſch Betrachtungen dar⸗ über anſtellte, ob ſie ſelbſt vielleicht die Urſache dieſer Verſtimmung ſei. Ehe ſie indeſſen darüber zu einem Reſultat gekommen war, klopfte es an ihre Thür. Das junge Mädchen ſchloß ſofort ihre Schreibmappe und ſchien ganz in Lamartine's Voyage en Orient vertieft, als ſich auf ihr Herein! die Thür öffnete und die Baronin in's Zimmer trat. „Störe ich Dich, liebe Helene?“ „Durchaus nicht, liebe Mama!“ ſagte das junge Mädchen auf⸗ ſtehend und ihrer Mutter entgegengehend. „Du bleibſt heut ſo außergewöhnlich lange auf Deinem Zimmer, daß ich doch ſehen wollte, was Dich denn ſo ſehr feſſelte. Lamar⸗ tine's Voyage? nun, ein recht hübſches Buch, aber ein wenig über⸗ ſpannt, wie mir ſcheint. Freilich, in meinen Jahren bekommt man „ — Dritter Band. 27 eine etwas andere Anſicht von dem Leben, und ſo auch von den Bü⸗ chern und den Menſchen. Aber ich freue mich, daß Du nicht müßig biſt, daß Du das Talent haſt, Dich zweckmäßig zu beſchäftigen. Ich fürchtete ſchon, die Monotonie unſers Lebens hier würde doch gar zu ſehr von dem muntern Treiben in der Penſion abſtechen, und Du würdeſt dieſen Unterſchied ſchmerzlich empfinden. Wir können Dir hier ſo wenig bieten! das war immer mein Refrain, wenn der zute Vater darauf drang, Dich endlich einmal aus der Penſion zu nehmen.“ „Aber ich verſichere Dich, liebe Mama, Du haſt Dir ganz un⸗ nöthige Sorge meinethalben gemacht,“ ſagte Fräulein Helene, die dargebotene Hand der Mutter an die Lippe ziehend;„ich fühle mich hier ſehr glücklich, und wie wäre das auch anders möglich! Bin ich nicht im elterlichen Hauſe, wo mir Alle mit Liebe oder doch mit Freundlichkeit entgegen kommen? habe ich nicht Alles, was ich nur wünſchen kann? Ich wäre wahrlich ſehr, ſehr undankbar, könnte ich das auch nur einen Augenblick vergeſſen.“ „Du biſt ein gutes, verſtändiges Kind,“ ſagte die Baronin, ihre ſchöne Tochter auf die Stirn küſſend,„ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben. Das iſt meine ſichere Hoffnung, wie es mein täg⸗ liches Gebet iſt. Ach, meine liebe Tochter, glaube mir, ich bedarf gar ſehr dieſes Troſtes, wenn ich nicht den vielen Sorgen, die auf mich einſtürmen, unterliegen ſoll.“ Die Baronin hatte ſich auf ein kleines Sopha geſetzt; ſie ſchien ſehr erregt und trocknete ſich mit dem Taſchentuche die naſſen Augen. „Was haſt Du, liebe Mama?“ ſagte Fräulein Helene mit wirk⸗ licher Theilnahme;„ich bin nur ein einfältiges unerfahrenes Mäd⸗ chen, aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannſt, theile Dich mir mit. Wenn ich Dir auch nicht rathen und helfen kann, ſo vermag ich doch vielleicht Dich zu tröſten, und das würde mir eine unendliche Freude bereiten.“ „Liebes Kind,“ ſagte die Baronin,„Du biſt ſo lange— komm, ſetze Dich her zu mir und laß uns einmal recht vertraulich mit ein⸗ ander reden— Du biſt ſo lange vom elterlichen Hauſe entfernt ge⸗ weſen und warſt noch ſo jung, als Du es verließeſt, daß Du noth⸗ wendigerweiſe von unſern Verhältniſſen ſo gut wie gänzlich ununter⸗ — — 28 Problematiſche Naturen. richtet biſt. Du glaubſt, wir ſeien reich, ſehr reich; aber es iſt bei⸗ nahe das Gegentheil der Fall, für uns Frauen wenigſtens. Das ganze große Vermögen fällt nach des Vaters Tode— den der all⸗ mächtige Gott in ſeiner Gnade noch recht lange verhüten möge— an Deinen Bruder. Mir bleibt, außer einer ſehr geringen Wittwen⸗ penſion, nichts— und Du, mein armes Kind, gehſt gänzlich leer aus.“ „Aber, Mama, ich hörte doch immer, daß Stantow und Bärwalde dem Vater gehörten, und daß er darüber ganz frei verfügen könne?“ „Du irrſt, mein Kind; die beiden Güter gehören nicht dem Va⸗ ter. Sie werden ihm vielleicht einſt gehören, wenn ſich der eigentliche Erbe bis zu einer gewiſſen Zeit nicht meldet. Ich kann über dieſen Punkt nicht ausführlich ſein, liebes Kind, weil ich dabei gewiſſe Ver⸗ hältniſſe Deines Onkels Harald berühren müßte, über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht ſpricht. Genug, auf die Güter können wir mit Beſtimmtheit nicht rechnen. Alles, was uns bleibt, ſind einige tauſend Thaler, die Dein Vater und ich bis jetzt von unſerer Rente haben erübrigen können.“ „Liebe Mama, mache Dir meinethalben keine Sorge,“ ſagte Fräulein Helene;„ich bin in Hamburg nicht verwöhnt, und der Luxus, mit dem mich hier Deine Güte umgeben hat, iſt mir etwas ganz Neues. Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und glücklich ſein können— und dann, der gute Vater iſt ja jetzt, Gott ſei Dank, wieder ſo munter und rüſtig, hat ſich von dem Fieberanfall in Ham⸗ burg ſo auffallend ſchnell erholt, daß wir uns ſeiner Liebe und Für⸗ ſorge gewiß noch recht lange werden erfreuen können.“ 3 „Das gebe Gott!“ ſagte die Baronin;„aber ich fürchte, wir müſſen uns auf das Schlimmſte gefaßt machen. Der Vater iſt keines⸗ wegs ſo rüſtig, wie Du glaubſt. Er kränkelt fortwährend, obgleich er es uns ſo wenig wie möglich merken läßt. Der Hamburger Arzt ſchilderte mir des Vaters Zuſtand als ſehr bedenklich. Sollte er uns entriſſen werden, dann würdeſt Du leider Gelegenheit erhalten, die Stichhaltigkeit Deiner Grundſätze zu erproben. Aber, mein Kind, Du kennſt das Leben nicht. Es läßt ſich leicht von Armuth ſprechen, wenn man ſie nur von Hörenſagen kennt. Ich kenne ſie aus Er⸗ fahrung; ich war ein armes Mädchen, als mich Dein Vater heirathete; Dritter Band. 29 ich weiß, was es heißt, ein Kleid wenden und wieder wenden, weil man kein Geld hat, ein neues zu kaufen; ich weiß, welchen tauſend⸗ fachen Demüthigungen ein armes Mädchen von Adel ausgeſetzt iſt.“ „Es wird anders und beſſer kommen, als Du denkſt, theuerſte Mama. Ich weiß nicht, iſt es meine Jugend, oder iſt es der ſchöne leuchtende Sommertag— ich kann unſere Lage nicht in dem trüben Lichte ſehen. Ich werde—“ „Mich mit einem reichen und würdigen Mann verheirathen?“ ſagte die Baronin mit einem Lächeln, das ihr ſehr ſonderbar ſtand. „Aber Mama—“ „Ich weiß es wohl, daß Du etwas Anderes ſagen wollteſt, meine Tochter. Es iſt ein Scherz von mir, aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernſt wird. Du ſtehſt in den Jahren, wo es einem iungen Mädchen wohl erlaubt iſt, in Zucht und Ehren einem ſolchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben. Wohl ihr, wenn ſie ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt, beſſer noch, wenn ſie dieſelbe ihren Eltern überläßt, die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Er⸗ fahrung eines langen Lebens in dieſem Bemühen unterſtützt werden.“ „Aber Mama, bis dahin hat's noch lange Zeit.“ „Sehr wahrſcheinlich, mein Kind; indeſſen man kann nicht wiſſen, was der Himmel über Dich beſchloſſen hat. Ihm muß man in dieſen, wie freilich auch in den andern Dingen des Lebens Alles anheim⸗ ſtellen.— Aber, wer iſt nur der Mann, welcher dort ſo lange un⸗ beweglich am Baume ſteht; ich habe meine Lorgnette in meinem Zim⸗ mer gelaſſen.“ „Es iſt Herr Stein, Mama; er ſteht dort ſchon ſeit einer halben Stunde mindeſtens; ich glaube, er iſt feſtgewachſen.“ „Ein wunderlicher Menſch, dieſer Stein;“ ſagte die Baronin. Er hat für mich geradezu etwas Unheimliches. Es iſt ſchlechterdings unmöglich, aus ihm klug zu werden. Wie gefällt er denn Dir, liebe Helene?“ „Aber, Mama, ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht: und bei ſolchen Leuten kann eigentlich doch von Gefallen oder Miß⸗ fallen kaum die Rede ſein. Ich dächte, ſie wären ſich Alle gleich oder wenigſtens ſind die Unterſchiede ſo gering, daß man ſie nicht wohl 30 Problematiſche Naturen. bemerken kann;— der Eine heißt Stein, der Andere Timm— das iſt doch im Grunde Alles,“ „Du haſt Recht, liebe Tochter,“ ſagte die Baronin.„Dieſe Leute ſind Statiſten, man ſieht ſie nur, wenn die handelnden Perſonen einmal abgetreten ſind. Glücklicherweiſe kann ich Dir in allernächſter Zukunft eine andere und beſſere Geſellſchaft verſprechen.“ „Und die wäre?“ „Dein Coufin Felix. Ich erhielt ſo eben einen Brief von ihm — der Poſtbote iſt noch draußen in der Küche, Du kannſt ihm einen Brief mitgeben, wenn Du vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg ſchreiben willſt— er meldet uns ſeinen Beſuch auf morgen oder übermorgen an. Aber war das nicht Deines Vaters Stimme? Adien, liebes Kind; mache Dich zurecht, wir wollen etwas früher eſſen und dann noch eine Viſite bei Plüggens machen.“ Die Baronin küßte ihre Tochter auf die Stirn und verließ das Zimmer. Fräulein Helene holte eilig den auf die Seite geſchobenen Brief wieder hervor, um noch dazu zu ſchreiben:„Mama, die mich ſoeben verläßt, iſt doch wirklich ſehr gut und freundlich zu mir. Sie kündigte mir einen Beſuch an: Couſin Felir(der Lieutenant). Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen, denn auf Herrn Stein ſcheint man nicht mehr rechnen zu können. Er ſteht noch immer am Brunnen. Adieu, dearest, dearest Mary!“ Fünſtes Capitel. Wer ſich für Albert Timm ſpecieller intereſſirte, konnte bemerken, daß dieſem Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Beſonderes zu⸗ geſtoßen ſein mußte. Zwar ließen ſich der ſchwarze Frack, den er jetzt beſtändig trug, die größere Sorgfalt, die er auf ſeine Toilette verwandte, und andere mit ſeinem äußeren Menſchen geſchehene Ver⸗ änderungen füglich durch die Anweſenheit Fräulein Helene's und die gehobenere Stimmung, welche durch dieſelbe in die Geſellſchaft auf Schloß Grenwitz gekommen war, erklären, aber wie ſollte man den Dritter Band. 3⁴ Ernſt deuten, der jetzt häufig auf ſeiner weißen Stirn und in ſeinen hellen blauen Augen lag? wie die Schweigſamkeit, zu der er, der ſonſt keine Minute ſtill ſein konnte, ſich oft auf Stunden verurtheilte? wie vor allen Dingen den raſtloſen Fleiß, mit welchem er jetzt halbe Tage lang über ſein Reißbrett gebeugt ſtand und zeichnete und tuſchte? Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen Abweſenheit der Familie nur den harmloſen Freuden eines angenehmen ländlichen Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke, wo er, von einer plötz⸗ lichen Anwandlung von Fleiß ergriffen, in die Regiſtratur ging, die alten Flurkarten zu holen, und bei dieſer Gelegenheit ein kleines, mit einem rothſeidenen Faden zuſammengebundenes Packet Briefe fand, in deren Lectüre er durch das Rollen des Wagens, welcher die Familie Grenwitz ſo unverhofft zurückbrachte, geſtört wurde. Indeſſen, es war ganz gegen Albert's Natur, über ein dolce far niente, dem er ſich längere oder kürzere Zeit hingegeben, Reue zu empfinden; und über⸗ dies arbeitete er ſo ſchnell und gewandt, daß es ihm ein Kleines war, auch größere Verſäumniſſe in ſehr kurzer Zeit nachzuholen. Die Flur⸗ karten alſo, weder die neuen noch die alten, waren es ſicher nicht, über denen er ſich den Kopf zerbrach. Davon würde man ſich über⸗ zeugt haben, wenn man an dem Nachmittage einen Blick in ſein Zim⸗ mer, das er, ſehr gegen ſeine Gewohnheit, hinter ſich abgeſchloſſen, geworfen hätte. Herr Timm ſaß auf dem kleinen Sopha in ſeiner Stube, ein Bein unterſchlagen, den Kopf in die Hand geſtützt, und aus ſeiner Cigarre mächtige Wolken blaſend, offenbar in tiefes Nachdenken ver⸗ loren. Neben ihm auf dem Sopha lagen die Briefe, die er in dem Repoſitorium der Regiſtratur gefunden. Es waren ihrer nicht viele, alle von derſelben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier ge⸗ ſchrieben, wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein ſelbſt zu Briefen benutzte. Die Briefe mußten wohl dieſes Alter haben, denn die Dinte war ganz vergilbt und konnte ſo einigermaßen das Datum erſetzen, das in ſämmtlichen Briefen fehlte. „Es muß ſich etwas mit dieſen Briefen anfangen laſſen,“ ſagte Albert, leiſe mit ſeinem beſten Freunde und einzigen Vertrauten, ſei⸗ nem eigenen lieben Selbſt, redend,„ich weiß nur nicht gleich was. Problematiſche Naturen. Wenn es mir gelänge, die Antworten dazu zu finden, ſo müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ein ſo ſchlauer Kopf, wie der meine, dem großen Geheimniß nicht bis in ſeine verborgenſte Höhle nachſpürte. Auf der richtigen Spur, denke ich, bin ich ſchon jetzt. Daß Mutter und Kind geſtorben ſein ſollten, iſt ſo unwahrſcheinlich wie möglich. Die Marie war allem Anſchein nach ein wahres Kern⸗ mädel und das bischen Jammer und Kummer wird ihr das Herz ſchon nicht gebrochen haben. Das Kind aber aus dieſer wilden Ehe hat ſich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller illegitimen Spröß⸗ linge, weniger hoch⸗, als wohlgeboren zu ſein, zu erfreuen gehabt. Die Mutter alſo, oder das Kind, oder Beide leben ſie noch. Leben ſie aber— und ich wünſche und hoffe es— ſo wiſſen ſie entweder nichts von dem koſtbaren Codicill zum Teſtamente des ſeligen Bruder Liederlich, oder ſie ſind davon unterrichtet. In dem letzteren Fall, der nicht ſehr wahrſcheinlich iſt,— denn vor einer ſo fetten gebrate⸗ nen Taube den Mund zu verſchließen, überſtiege doch Alles, was ich von menſchlicher Dummheit bis jetzt gehört und geſehen habe, und das will ſehr viel ſagen,— müßte man ſie zu beſtimmen ſuchen, von ihrem guten Rechte Gebrauch zu machen; in dem erſten Fall, dem bei weitem, wahrſcheinlicheren, müßte man ihrer erbarmungswürdigen Un⸗ wiſſenheit freundlichſt zu Hülfe kommen; in jedem Falle— und da liegt der Haſe im Pfeffer— müßte man erſt wiſſen, wo ſie denn überhaupt zur Zeit ſich befinden. Daß ſie ſich in allzugroßer Nähe einen Zufluchtsort geſucht haben ſollten, iſt nicht anzunehmen. Denn einmal würde ſie Harald, der jedenfalls kein Mittel unbenutzt ließ und das Geld nicht ſchonte, nach der Flucht gefunden haben, zweitens pflegen die Leute bei ſolchen Gelegenheiten ſo weit zu laufen, als es irgend möglich iſt, und drittens ſcheint dieſer Monſieur d'Eſtein ein viel zu ſchlauer Fuchs geweſen zu ſein, um ſich vor dem Löwen, der ihm auf der Fährte war, nicht ſicher mit ſeinem Täubchen zu ver⸗ ſtecken. Ueberhaupt iſt dieſer Monſieur eine ſehr irrationale Größe, die ſich in meiner Rechnung als ein äußerſt ſtörender Factor erweiſt. Wenn er nicht bald nachher geſtorben iſt, ſo hat er jedenfalls noch viel Unſinn angerichtet, vielleicht gar die kleine Marie geheirathet, das Kind adoptirt und die Beiden zurück nach Frankreich, oder nach Amerika Dritter Band. oder fonſt wohin, wo für mich die Welt mit Brettern zugenagelt iſt, geführt, und mir ſo den ganzen Spaß verdorben. Das wäre ſchänd⸗ lich, denn die Geſchichte könnte wirklich über alle Begriffe ſpaßhaft werden. Ich möchte wohl die Geſichter von den Beiden ſehen, wenn ich vor ſie träte und ſagte: meine armen Schelme, was gebt Ihr mir, wenn ich Euch zu einem hübſchen Vermögen von einigen hunderttau⸗ ſend Thälerchen verhelfe? oder auch— und das wäre nicht minder bequem, ja vielleicht ein gut Theil bequemer— wenn ich mich eines ſchönen Nachmittags bei der guten Anna⸗Marie introducirte und ſagte: Entſchuldigen Sie, meine Gnädigſte, wenn ich ſtöre; aber ich habe— unter den Papieren meines Vaters, der, wie Sie wiſſen, mit Ihrem verſtorbenen Vetter Harald in Geſchäftsverbindung ſtand, gewiſſe Pa⸗ piere aufgefunden, die mich in den Stand geſetzt haben, die rechtmä⸗ ßigen Beſitzer von Stantow und Bärwalde mit ziemlicher Gewißheit angeben zu können. Mein Rechtlichkeitsgefühl und die ſpecielle Ver⸗ ehrung, die ich für Sie und Ihr Fräulein Tochter empfinde, liegen ſich nun ſehr bedeutend in den Haaren. Das erſtere befiehlt mir, von meiner Entdeckung den pflichtſchuldigen Gebrauch zu machen, die letz⸗ tere heißt mich, die Sache zu vertuſchen. Wie wär' es, hochverehrte Frau, wenn ſie meiner vollkommen uneigennützigen Verehrung mit einigen tauſend Thalern, die ich, auf Ehre, ſehr nothwendig brauche, zu Hülfe kämen?“ Dieſer Gedanke ſchien für Herrn Timm etwas Begeiſterndes zu haben. Er ſprang vom Sopha auf, und ging mit raſchen Schritten, lebhaft geſticulirend, in ſeinem Gemache auf und ab.„Das könnte eine wahre Schatzgrube für mich werden,“ murmelte er;„ich wollte das ſtolze Weib ängſtigen, daß ihre großen grauen Augen noch einmal ſo groß würden; ich wollte ihr Daumſchrauben anſetzen und jedesmal, wenn ich Geld brauchte, die Schraube etwas feſter anziehen. Sie würde Alles und Jedes thun, ehe ſie es auf einen Proceß ankommen ließe. Dann wäre ich ſo ein Stück von Herr im Hauſe: dann könnte ich die Narrenmaske fallen laſſen und mich einmal in meiner wahren Geſtalt zeigen. Dann könnte ich beſtimmen, wen Fräulein Helene heirathen ſoll, ja könnte ſie ſelber heirathen, wenn ich wollte, und jedenfalls der Ankunft meines guten Freundes Felir, die mir die gute Fr. Spielhagen's Werke. III. 3 Problematiſche Naturen. Anna⸗Maria eben in allem Vertrauen mittheilte, mit aller Ruhe ent⸗ gegen ſehen. Zwar bin ich auch ſo nicht beſonders unruhig darüber, denn Freund Felix war der würdige Schüler ſeines Meiſters und ſchlug die Volte nicht ſchlechter als ich, und wenn ihn ſein alter Adel nicht geſchützt hätte, ſo wäre es ihm wahrſcheinlich nicht beſſer er⸗ gangen. So freilich kam der Fähndrich Baron Felir von Grenwitz mit einer Warnung davon und der Fähnvrich Albert Timm mußte ſpringen. Ich bin doch neugierig auf unſer Wiederſehen. Vielleicht kennt er mich nicht mehr; vielleicht wird er verſuchen, den unbequemen Gaſt möglichſt bald aus dem Hauſe und ſich aus den Augen zu ſchaffen. Ha, wie ſollte das Blatt ſich wenden, wenn dieſe verdamm⸗ ten Briefe nicht ſo frauenzimmermäßig gerade über die wichtigſten Punkte flüchtig weghuſchten!“ Albert ſetzte ſich wieder auf das Sopha und begann die Briefe, obgleich er ſie jetzt ſchon ſo ziemlich auswendig wußte, noch einmal der Reihe nach— er hatte ſie ſorgfältig numerirt— zu leſen. Nr. 1. Mein Herr! Ich kenne Sie nicht und wenn Sie ver⸗ ſelbe ſind, der ſich vor einigen Wochen im Thiergarten ſo unaufge⸗ fordert in die Unterhaltung miſchte, die ich mit meinem Begleiter führte und ſich von dem letzteren eine ſo derbe Zurechtweiſung zu⸗ zog; derſelbe, der mich jetzt allabendlich, wenn ich aus dem Geſchäſt nach Hauſe gehe, verfolgt— ſo werden Sie es begreiflich finden, daß ich ſehr wenig Luſt verſpüre, Sie kennen zu lernen. Ich bitte, ver⸗ ſchonen Sie mich mit Ihren Zudringlichkeiten, zu welchen ich vor allem auch Ihre Briefe rechne. Ich würde dieſen, wie die andern, unbeantwortet gelaſſen haben, wenn ich nicht fürchtete, durch fortge⸗ ſetztes Schweigen Ihre Kühnheit zu begünſtigen. Sollte es wirklich Männer geben, welche der direkten Bitte einer Frau, und noch dazu einer unbeſchützten und ſchutzloſen Frau, widerſtehen können? Marie Montbert. 8 Nr. 2. Mein Herr! Sie ſcheinen allerdings die Wege zu kennen durch die man ſich die Verzeihung einer Frau, die man beleidigt hat gewinnt.— Welches auch die Motive waren, von denen Sie be Ihrer Handlung geleitet wurden,— Sie haben viel Thränen getrocknet Dritter Band. 35 Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet. Ich ſelbſt konnte nichts mehr für meine armen Landsleute thun— als nur Gott bitten, ihnen einen Retter zu ſenden. Er hat Sie geſandt. Beweiſen Sie ſich dieſer Gnade würdig! Bedenken Sie, daß, wer Lohn begehrt, ſeinen Lohn dahin hat, und laſſen Sie nicht Ihre Linke wiſſen, was Ihre Rechte that. Ihre ergebene Dienerin Marie Montbert. Nr. 3. Was wiſſen Sie von dem Schickſale meines Vaters? um Gotteswillen, mein Herr, ſpielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes! Sie wollen von einem Obriſt der großen Armee, in deſſen Regiment er den Feldzug nach Rußland mitmachte, ganz genaue Ein⸗ zelheiten über ihn während der Cam pagne und die näheren Umſtände bei ſeinem Tode kurz vor dem Uebergang über die Bereſina erfahren haben. Es klingt dies Alles ſo unwahrſcheinlich— und doch, woher könnten Sie es wiſſen, wenn nicht aus ſicherer Quelle?— auch der Name des Obriſten, wie ich aus Briefen meines Vaters an meine Mutter erſehe, ſtimmt. Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll— aber weshalb mir dieſe Mittheilungen, die, ich geſtehe es, von unendlichem Werth für mich ſind, nicht in meiner Wohnung— ich will ſagen: in der Wohnung der guten Frau, die bei mir ſeit langen Jahren Mutter⸗ ſtelle vertritt, machen? Weshalb dieſes geheimnißvolle Rendezvous? Weshalb ein Kind, das Nachricht von dem Tode ſeines Vaters wartet, zwingen, einen Schritt zu thun, den dieſer Vater, wenn er lebte, niemals billigen würde? Ich werde nicht umſonſt an Ihr Herz appelliren; ich weiß, daß es der Großmuth fähig ift. Meine Wohnung iſt Marienſtraße 21. Wenn Sie die drei en⸗ gen Treppen nicht ſcheuen, ſe werde ich Morgen, Sonntag, zwiſchen 10 und 12 Uhr zu Ihrem Empfang bereit ſein. 8 Ihre ergebenſte Dienerin Marie Montbert. Nr. 4. Sie beſtehen auf dem Rendezvous, das wie Sie ſagen, durchaus kein geheimnißvolles ſei, denn es fände auf offener Straße, ————— 2 36 Problematiſche Naturen. an einem der lebhafteſten Punkte der Stadt und zu einer Zeit, wo die Straßen noch von Fußgängern ſchwärmten, ſtatt. Sie wollen mir die Gründe, die Sie beſtimmen, meinen Wunſch,„ſo ſchmerzlich es Ihnen auch ſei,“ nicht zu erfüllen, ſelbſt ſagen, und Sie ſchwören mir, ich werde dieſe Gründe, wenn ich ſie erfahren, billigen. Sind Sie deſſen ſo gewiß!— Aber freilich, Sie ſind der Geber— ich die Empfängerin— ich muß mich wohl Ihren Wünſchen fügen; daß Sie mich täuſchen wollten, will ich, kann ich nicht denken. Sie ſind einmal ſo großmüthig gegen Arme und Hülflofe geweſen, Sie können das andere Mal gegen ein armes, hülfloſes Mädchen nicht ſo un⸗ großmüthig ſein. M. M. Nr. 5. Herr Baron! Nochmals meinen innigſten, herzlichſten Dank! Dank auch für die Zartheit, mit welcher Sie Alles eingeleitet hatten! Wie bitter Unrecht habe ich Ihnen gethan? Aber konnte ich ahnen, daß Sie mich mit dem Herrn Obriſten von St. Cyr ſelbſt be⸗ kannt machen würden? daß ich aus dem Munde dieſes Veteranen in meiner geliebten Mutterſprache den Heldentod meines Vaters ſollte erzählen hören? Sie wollten nicht, daß der Obriſt die Tochter eines Helden, den letzten Sproß einer einſt reich begüterten, angeſehenen Familie in ſo dürftigen Verhältniſſen fände; Sie wollten mir die Verlegenheit erſparen, den Grafen von St. Cyr und den Baron von Grenwitz in einer Dachkammer zu empfangen. Sie zogen es vor, mich als Erzieherin in einer Ihnen nahe verwandten Familie vorzuſtellen— und es war am Ende recht und billig, daß ich in Ihrer Geſellſchaft den kranken und von der Reiſe angegriffenen alten Herrn in ſeinem Hotel aufſuchte. Nochmals vielen, vielen Dank! auch dafür, daß Sie auf dem langen Rückweg vom Hotel bis zu meiner Wohnung den friſchen Schmerz durch ein Schweigen ehrten, das Ihnen bei Ihrem lebhaften Naturell gewiß nicht leicht geworden iſt. Wodurch habe ich denn nur das Intereſſe, welches Sie an meinem Schickſal nehmen verdient? Ich bin doch wahrlich recht unartig und unfreundlich deg Sie geweſen! Sie fragten mich zuletzt, ob ich jetzt glaube, daß Sie es gut mit mir meinen? Dieſer Brief mag Ihnen darauf Antwort geben. Sie verlaſſen morgen die Stadt— reiſen Sie glücklich, 1 Dritter Band. 37 und laſſen Sie ſich durch die beifolgende kleine Arbeit— ich habe ſie in dieſer Nacht gefertigt— manchmal erinnern an Ihre dankbare Marie Montbert. „Nun iſt das Püppchen geknetet und zugerichtet,“ ſagte Albert, der mit einem gar ſeltſamen und unheimlichen Eifer— wie ein Be⸗ ſchwörer, der die Recepte eines Nebenbuhlers in der ſchwarzen Kunſt ſtudirt— die ſchon mehrmals geleſenen Briefe wieder las.„Dieſer Harald, das muß man ihm laſſen— war der richtige Rattenfänger. Ich möchte nur wiſſen, was für eine Sorte von Obriſt das geweſen ſein mag, der dem dummen Dinge das Märchen von der Bereſina aufband. Vielleicht der Teufel Oberſter, jedenfalls einer ſeiner Hel⸗ fershelfer— die Sache muß dem braven Harald ein ſchmähliches Geld gekoſtet haben. Indeſſen, es wurde zweckmäßig verthan, denn in Nr. 6 hat er ſchon ſehr bedeutende Progreſſen gemacht. Nr. 6. Kaum kann ich zu mir ſelbſt kommen! Sie wieder hier! und hier um meinetwillen! hier, weil die Sehnſucht nach mir Ihnen keine Ruhe ließ! Mein Gott, mein Gott! wohin ſoll dies führen! Sie ſind ein reicher Edelmann— ich bin ein blutarmes Mädchen, das, mögen meine Ahnen geweſen ſein, wer ſie wollten— mit ſeiner Hände Arbeit ſich das tägliche Brod verdient. Meine Vernunft ſagt mir, daß aus dem Allen für mich nur Unglück über Unglück erfolgen kann, daß ich Sie fliehen, ich weiß nicht, was ich Ihnen geſtern geſagt, was ich Ihnen verſprochen habe— geben Sie mir mein Wort zurück! Ich kann Sie heute— ich darf Sie nie, nie wieder ſehen. Ich beſchwöre Sie, reiſen Sie wieder ab. Sie müſſen es, wenn Sie mich wirklich lieben. Leben Sie wohl viel tauſendmal! Marie. B„Was ſo ein acht Tage Abweſenheit nicht Alles bewirken können,“ ſagte Albert, ſich die Cigarre, die ihm in dem Eifer des Leſens gus⸗ gegangen war, wieder anzündend,„Ihre Marie!“ ausgezeichnet! wie ſich der biedere Harald wohl in's Fäuſtchen gelacht haben mag, als er Problematiſche Naturen. dieſe thränenreiche Epiſtel— denn hier ſind noch die Spuren davon— las. Aber weiter! Nr. 7. Nehmen Sie den köſtlichen Schmuck, den heute ein un⸗ bekannter Mann für mich abgegeben hat, wieder. Womit habe ich es verdient, daß Sie ſo niedrig von mir denken? Daß ich Sie liebe, liebe, trotzdem meine Vernunft mir deshalb die entſetzlichſten Vorwürfe macht, Sie wiſſen es ich habe es nicht länger vor Ihnen verbergen können, verbergen wollen; aber weshalb mir nicht wenigſtens den Troſt laſſen, daß dieſe meine Liebe rein von jedem unedlen Nebengedanken iſt! Dieſe koſtbaren Rubinen, dieſes rothe Gold— es brennt in meiner Hand wie glühende Kohlen— laſſen Sie mich, wie Sie mich fanden! Wenn das arme, ſchmuckloſe Mädchen Ihre Liebe gewinnen konnte, ſo ſehen Sie ja ſelbſt, das Armuth und Dürftigkeit ſich recht gut mit Liebe verträgt. M. M. „Sehr hübſch geſagt,“ äußerte Albert, dieſen Brief zu den andern legend;„aber doch ſehr dumm! Armuth und Liebe vertragen ſich gerade ſo gut, wie Waſſer und Feuer. Ich möchte die feurige Liebe kennen, die nicht ausginge, wenn ihr ein Eimer Armuth über den Kopf geſchüttet wird! Pah, das muß ich beſſer wiſſen! Ich glaube, ich wäre albern genug, die kleine Marguerite zu heirathen, wenn ich ein Mann in Amt und Würder mit vom Staat garantirter guter Beköſtigung wäre, aber da ich nichts weiter bin als ein armer Teufel, mit einem famoſen Appetit und wahrem Patent⸗Magen, ſo wäre es doch reiner Selbſtmord, wollte ich die ſchon knapp genug zugemeſſene tägliche Ration noch mit einem Andern theilen. Liebe! Unfinn! Liebe iſt höchſtens ein ganz wünſchenswerthes ſ um Diner des Lebens. Ein gutes Diner ohne Deſſert— bon! ein Diner mit Deſſert— noch beſſer, aber ein Deſſert iner!— nun, für Frauenzimmer mag auch das genügen; aber mit meiner Conſtitution verträgt es ſich nicht. Ob die gute Marie, wenn ſie noch lebt, wie ich ſehr ſtark hoffe, jetzt nicht doch manchmal beklagt, daß ſie die koſt⸗ barſten Rubinen und das rothe Gold anderen jungen Damen, die es weniger verdienten, zugewandt hat? Im nächſten Brief wird die tugenphafte kleine Perſon ſogar ganz übermüthig. le Baroni Dritter Band. 39 Nr. 8. Sieh, ſieh, mein Lieber; alſo auch eiferſüchtig können Sie ſein! wer hätte dem Baron Harald von Grenwitz ſolche bürger⸗ liche Schwächen zugetraut! Ich ſoll eine andere Wohnung beziehen; weshalb? Damit ich im Winter nicht vor Froſt und im Sommer vor Hitze umkomme; nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe, mir auf den engen, ſteilen Treppen den Hals zu brechen? bewahre! nur weil die Madame Schwarz, bei der ich wohne, dem gnädigen Herrn nicht gefällt, und weil der gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat, daß ein junger Franzoſe, ein Monſieur d'Eſtein, mit mir auf dem⸗ ſelben Flure wohnt, daß ich mit beſagtem Monſieur auf einem ſehr vertrauten Fuße ſtehe, ja mit demſelben, ſelbſt des Adends ſpät, Arm in Arm, auf der Straße geſehen worden bin! Entſetzlich! Aber, im Ernſt, theuerſter Harald, Sie haben wahrlich keine Urſache, ſich zu beklagen. Die Madame Schwarz iſt eine ſehr ehrbare, ausgezeichnete Frau, der ich unſäglich viel verdanke, und die, ſo lange ich denken kann, eine Mutter für mich geweſen iſt; und was Monſieur d'Eſtein anbetrifft, ſo wird Ihre Eiferſucht ſich wohl wieder ſchlafen legen, wenn ich Ihnen ſage, daß es derſelbe kleine, ältliche Herr iſt, an deſſen Arm Sie mich zum erſten Mal im Thiergarten fahen. Mon⸗ ſieur d'Eſtein könnte den Jahren nach mein Vater ſein, wie er denn auch der Freund meines Vaters war. Er ſtammt wie wir aus einer Familie franzöſiſcher Refugiés und wäre wohl ſchon längſt in das geliebte Land ſeiner Väter zurückgekehrt, da er hier gar keine Ver⸗ wandte, ja nicht einmal Freunde hat, wenn er nicht fürchten müßte, dort, wo alle Welt die Sprache ſpricht, in der er hier Unterricht er⸗ theilt, Hungers zu ſterben. Er iſt ſehr wunderlich, aber das bravſte Herz von der Welt. Er würde für mich durch's Feuer gehen und au désespoir ſein, wenn er nur die leiſeſte Ahnung von unſerem Verhältniſſe hätte.— Dies Alles würde ich Ihnen ſchon geſtern Abend geſagt haben; aber ich wollte einmal ſehen, ob Sie auch Widerſpruch vertragen könnten. Sind Sie jetzt zufrieden! Au revoir, Monsieur Votre très-méchante Marie M. „Dies iſt die einzige Notiz über dieſen Monſieur dEſtein,“ ſagte Albert, den Brief auf den Schooß ſinken laſſend und nachdenkend 40 Problematiſche Naturen. Wolken aus ſeiner Cigarre blaſend;„ohne Zweifel derſelbe, welcher in der Erzählung der Alten als Schacherjude wieder auftritt, um das Terrain vorläufig zu recognosciren, und hernach die Entführung der bedrängten Unſchuld bewerkſtelligt. Ich fürchte, es ſind hier einige Briefe verloren gegangen, denn als der nächſtfolgende geſchrieben, wurde, waren die Affairen ſchon ſehr weit gediehen. Nr. 9. So eben erhalte ich den— was ſoll ich es verſchweigen!— längſt erwarteten Brief Ihrer Frau Tante. Sie ſchreibt mir mit zitternder, aber doch leſerlicher Hand, daß ſie das Lebensglück ihres geliebten Großneffen höher ſtelle, als die Ruhe der wenigen Tage, die ſie noch zu leben habe; ja, daß ſie ſich freue, eine ſo dringende Ver⸗ anlaſſung zu haben, nach dem Stammſitz ihrer Väter, dem Orte ihrer Geburt, wo ſie denn nun auch zu ſterben gedenke, eine Reiſe, die letzte vor der großen Reiſe, anzutreten. Sie werde am 13. von St. abreiſen, und bereits vor mir in Grenwitz angekommen ſein,„da Sie ein téte-Ktéte mit meinem wilden Neffen ſo ſehr fürchten, liebes Kind“.. Ich kann nicht ſagen, wie unausſprechlich mich ſo viel Güte und Liebe rührt! wie dankbar ich der alten herrlichen Dame bin, wie ich mich freue, ihr die welken, lieben Hände zu küſſen! Ja, Harald, wenn ſie, die Greiſin, die Aelteſte Deines ritterlichen Geſchlechts mich Deiner würdig gefunden hat, wenn ſie unſere Liebe ſegnet, dann will ich mit tauſend Freuden die Deine ſein. Nur eines ſchmerzt mich, daß ich mich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier, von der Frau, die ich wie eine Mutter liebe, von dem Manne, der mir Vater und Bruder geweſen iſt, fortſchleichen ſoll. Und doch— es geht nicht anders. Du haſt recht: ſie würden mir den Abſchied nur noch ſchwerer machen; ſie würden das Ganze ein romantiſches Abenteuer ſchelten. Sie kennen Dich ja nicht, Sie wiſſen ja nicht, wie treu und gut Du biſt. Aber Lebewohl darf ich ihnen doch wenigſtens ſchriftlich ſagen! ihnen in ein paar Worten für alle Güte und Liebe danken und ſie über den Schmerz, den ich ihnen jetzt bereiten muß, auf eine fröhliche Zukunft vertröſten. Ach, wäre dieſe Zukunft doch erſt Gegenwart! Ihr neuer Kammerdiener, der mir übrigens viel weniger gefällt, als der alte mit dem treuen, ehrlichen Geſicht, meldete mir geſtern Abend, 7 vaß alle Vorbereitungen auf übermorgen früh getroffen ſeien. Es iſt Dritter Band. mir lieb, daß ich in Ihrer Equipage und in Begleitung Ihrer Leute fahren ſoll; der Gedanke einer ſo weiten Reiſe hat ſo viel weniger Peinliches für mich. Auf baldiges, köſtliches Wiederſehen, Du Viel⸗ geliebter! M. M. „Nun iſt das Vögelchen in's Garn gegangen,“ ſagte Albert, dieſen Brief, den letzten, zu den andern legend, und alle wieder ſorg⸗ fältig mit dem rothſeidenen Bande zuſammenbindend;„das Uebrige könnte man ſich zur Noth denken, wenn man es nicht aus der langen Geſchichte der alten Hexe, der guten Freundin meines ausgezeichneten Freundes Stein, wüßte. Ich glaube, die Alte könnte noch mehr er⸗ zählen, wenn ſie wollte. Ich muß mir ihre Gunſt zu erwerben ſuchen und mir freien Zutritt in ihre Salons verſchaffen. Sollte ſie nicht noch Manches aus dem Nachlaſſe von Fräulein Unſchuld in ihrem Beſitz haben, das zu weiteren Entdeckungen führen könnte? Die Kleine hat jedenfalls bei der eiligen nächtlichen Flucht ihre Kiſten und Kaſten nicht ſo ſorgfältig ausgekramt, und die Alte eine gute Nachleſe an Bändern, Strümpfen, Schuhen und warum nicht auch Briefen? ge⸗ halten. Das Alles mag in ſicherer Ruhe in der großen, hölzernen Lade, auf der ich wir an jenem Nachmittage die Rippen wund gelegen habe, ſeiner Auferſtehung entgegenſehen. Das iſt ein Gedanke!“ Albert war aufgeſtanden und hatte ſich vor den Spiegel geſtellt, wahrſcheinlich um zu ſehen, wie ſich ein ſo geiſtreicher Kopf denn eigentlich ausnehme.„Das iſt ein Gedanke,“ und er warf ſeinem Spiegelbilde eine Kußhand zu, welche dieſes in Anbetracht der Vor⸗ trefflichkeit des Originals freundlich erwiederte—„ein ganz famoſer Gedanke, den ich ausführen muß, es koſte, was es wolle. Vielleicht war der Schacherjude ein wirklicher rechter Ifraeliter und Abgeſandter des Monſieur d'Eſtein; vielleicht hat er der Kleinen nur einen Brief überbracht, in welchem der Plan der Flucht entworfen war, und dieſer Prief fände ſich, und mit dem Briefe in der Hand könnte man der lüchtigen auf die Spur kommen. Herr Timm hielt plötzlich in ſeinem Monologe inne und ſein Geſicht verdüſterte ſich:„Verdammt,“ murmelte er,„nun fehlt es wie⸗ der am Beſten, an dem nervus rerum, an der Wünſchelruthe, mit Problematiſche Naturen. der ich den Schatz heben könnte. Offenbar werde ich zur Erreichung meines Zweckes einige Reiſen machen müſſen, zum Mindeſten in die Reſidenz, um Marienſtraße Nr. 21 drei Treppen hoch im Hofe ge⸗ wiſſe Erkundigungen anzuſtellen; aber Reiſen koſten Geld und mein actives Vermögen beſteht jetzt aus 5 Silbergroſchen, von denen einer, glaube ich, nicht einmal echt iſt. Ich muß eine Zwangsanleihe bei der kleinen Marguerite machen. Es geht wahrlich nicht anders. Ich wollte es ja auch neulich ſchon, als plötzlich die intereſſante Fa⸗ milie wieder einrückte und unſerm idylliſchen Leben ein Ende machte. Freilich dieſe verdammten Karten müſſen erſt fertig; ſonſt läßt mich Anna⸗Maria nicht aus ihren Klauen. Ich muß ſchon in den ſauren Apfel beißen.“ Und Herr Timm zündete ſich eine friſche Cigarre an, entriegelte die Thür, beugte ſich über ſein Reißbrett, und zeichnete mit einem Eifer, als ob er in der Welt keine anderen Pläne kenne, als die, mit welcher ſich ein tüchtiger Geometer von Berufswegen abgeben muß. Sechstes Capitel. Baron Felix war angekommen— mitten in der Nacht. Er war bei guter Zeit von dem Fährdorfe in ſeinem eigenen Wagen auf⸗ gebrochen, als es dem Kammerdiener ſchwer auf's Herz fiel, der Toilettenkaſten ſeines Herrn möchte ſich nicht bei dem übrigen Gepäck befinden, da er denſelben unter die Bank des Bootes zwiſchen ſeine Füße geſtellt, und wahrſcheinlich ſtehen gelaſſen hatte. Schüchterne Hindeutung Jean's auf die Möglichkeit dieſes Falls— großer Zorn von Seiten des Barons Felix und Androhung von Ohrfeigen, Stock⸗ prügeln und Entlaſſung— auf offener Heerſtraße angeſtellte Nach⸗ forſchung— ſchließlich, da ſich das corpus delieti wirklich nicht fand. Umkehr. Leider war unterdeſſen das Fährboot mit dem hochwichtigen Kaſten unter der Bank bereits abgeſegelt. Bis es wieder an der Landungsbrücke anlegte, vergingen mehrere Stunden, denn es war * * Dritter Band. 43 unterdeſſen eine Windſtille eingetreten und die Leute hatten ſich mit den ſchweren Rudern— zur Verzweiflung des Baron Felix, der ſie vom Strande aus durch ein Taſchentelescop beobachtete— Zoll um Zoll hinüber arbeiten müſſen. So war der Abend bereits tief hereingeſun⸗ ken, als der Baron zum zweiten Male— diesmal mit dem Kaſten— von dem Fährdorfe aufbrach. Er war in einer fürchterlichen Laune. Er hatte verſprochen, heute noch auf Grenwitz einzutreffen, da er„den Augenblick, ſeine ſchöne Couſine zu ſehen, nicht erwarten könne.“ Eine Verzögerung ſeiner Ankunft konnte ihm leicht übel ausgelegt werden. Beſſer alſo, in tiefer Nacht, als gar nicht kommen. Auf der andern Seite aber war eine nächtliche Fahrt durch Wald und feuchtes Moor — noch dazu in einem offenen Wagen— keineswegs nach dem Ge⸗ ſchmacke des jungen Ex⸗Lieutenants, der— jedenfalls in Folge der ungeheuren Strapazen auf dem Exercirplatze und bei den Paraden— ſehr an Rheumatismus litt und eine Erkältung wie die Peſt fürchtete. Er wählte alſo von den zwei Uebeln, ſich dem Verdacht der Gleich⸗ gültigkeit, oder der Gefahr einer Erkältung auszuſetzen, das kleinere und drohte nur ſeinem Jean, daß er(Baron Felir) von der Größe ſeines Schnupfens morgen früh die Größe der Strafe für ſeine (ean's) Nachläſſigkeit werde abhängen laſſen. Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhigung für Jean, als ſein Herr am nächſten Morgen(man hatte die nächtliche Ruhe des Schloſſes ſo wenig wie möglich geſtört und ſich von einem der herausgepochten Bedienten die ſchon längſt bereit ſtehenden Zimmer anweiſen laſſen) mit ſehr guter Laune erwachte, ſeinen Cacao wie gewöhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er ſich halb hatte ankleiden laſſen— die zweite, wichtigere Hälfte beſorgte er eigen⸗ händig— ihn fortſchickte, um Herrn Timm, deſſen Anweſenheit auf dem Schloſſe er erfahren hatte, bitten zu laſſen, ihn auf ein paar Minuten auf ſeinem Zimmer zu beſuchen. „Ah voila, lieber Timm, wie geht es Ihnen?“ ſagte Baron Felix, das letzte Wort auffallend markirend, als der Angeredete bald darauf eintrat.„Sie entſchuldigen, daß ich Ihnen ſo früh läſtig falle: aber ich— zum Teufel, nun hat der Eſel von Jean wieder heißes ſtatt warmes Waſſer gebracht— entſchuldigen Sie!— Jean, 44 Problematiſche Naturen. warmes Waſſer, Nilpferd!— nun ſagen Sie, wie geht es Ihnen, lieber Timm? freue mich, Sie hier ſo zufällig zu treffen. Wie geht es Ihnen?“ und der Baron ſtreckte dem Angeredeten einen der Finger ſeiner linken Hand, die er eben abgetrocknet hatte, entgegen. „Danke, Baron, paſſabel!“ ſagte Albert, den dargebotenen Fin⸗ ger ſehr flüchtig,— denn ſich durch vornehme Grobheit imponiren zu laſſen, gehörte nicht zu Albert's Schwächen,— mit etwa zwei Fin⸗ gern ſeiner Hand berührend;„ich glaubte ſchon, Sie(mit Betonung) würden mich bis auf den Namen vergeſſen haben.“ „Bewahre,“ ſagte Felir,„fiel mir heute Morgen ſogleich auf, als Jean mir die Geſellſchaft hier herzählte.— Aber wie gottvoll Sie ſich in Civil ausnehmen! hahaha! wenn Sie ſo die Kameraden ſähen! wirklich gottvoll, auf Ehre!“ und Felir blieb, eine Bürſte in der einen und einen kleinen Toilettenſpiegel in der andern Hand, vor Albert ſtehen, ſich ihn von Kopf bis zu den Füßen wie ein fremdes merkwürdiges Thier anſehend. „Meinen Sie?“ ſagte Albert trocken;„freut mich! kann Ihnen leider das Compliment nicht zurückgeben, da ich erſt die folgenden Stadien Ihrer Toilette abwarten muß. Aber das Eine kann ich Ihnen ſagen— jünger ſind Sie unterdeſſen nicht geworden. Haben Sie nicht noch eine Cigarre? oder iſt die Havanna, die Sie rauchen, die letzte ihres Geſchlechts?“. „Dort auf dem Tiſch!“ ſagte Felir;„in dem Ebenholzkäſtchen — Sie müſſen die Feder nach unten drücken— nicht jünger gewor⸗ den? aber hoffentlich doch auch nicht älter, ich meine auffallend— zum wenigſten erfreue ich mich, wie Sie ſehen, noch meiner ſämmt⸗ lichen Zähne und zum mindeſten fünf Sechstel meiner Haare“— und Felix bürſtete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebſten natürlichen kurzen braunen Locken, die wirklich noch ziemlich üppig ſeinen wohlgeformten Kopf bedeckten. „Nun, mit den Haaren mag's noch gehen,“ ſagte der unbarm⸗ herzige Albert, der jetzt auf einem Sopha Platz genommen hatte und den vor dem Spiegel eifrig beſchäftigten Felir mit heimlicher Scha⸗ denfreude muſterte;„aber wo haben Sie nur alle die Falten in Ihrem Geſicht her bekommen? die ſcharfe Morgenbeleuchtung iſt wirk⸗ 3 Dritter Band. 45 lich nichts mehr für Sie. Ich machte Ihnen früher das Compliment, Sie hätten eine frappante Aehnlichkeit mit Byron; aber jetzt ſehen Sie wenigſtens wie Byron's Vater aus. Und dann— Sie waren niemals durch Fülle ausgezeichnet, jetzt ſind Sie wirklich auf ein Minimum reducirt.“. „Je ſchlanker, deſto eleganter,“ meinte Felir;„und übrigens kommt das wieder; ich wurde in der letzten Zeit von meinem Doctor etwas knapp gehalten.“ „Das alte Leiden?“ „Nun wenigſtens eine neue Auflage.“ „Vermehrt und verbeſſert?“ „Es ging noch; aber damit iſt es jetzt vorbei. Wir ſind ſolid geworden; wir werden Uns zur Ruhe ſetzen— wie finden Sie dieſe Beinkleider? iſt es nicht eine geiſtreiche Combination des militairiſchen und des Civilſchnitts? ganz meine Erfindung!— wir werden hei⸗ rathen—“ „Das ſollten Sie bleiben laſſen, Baron!“ „Weshalb?“ „Wenigſtens ſollten Sie eine ältere, verſtändige Dame heirathen.“ „Weshalb?“ „Weil Sie, fürchte ich, über kurz oder lang doch einer mütter⸗ lichen Freundin bedürftiger ſein werden, als einer anſpruchsvollen jungen Gemahlin.“ „Pah, mon cher, ich habe die Ehre aus einer Familie zu ſtammen, in der man ungeſtraft liederlich ſein darf. Ein bischen Rheumatismus— das iſt das Aeußerſte. Was ſagen Sie zu die⸗ ſem Rock? „Gar nichts; Sie wiſſen, ich war nie ein Kenner in dieſen Dingen.“ „Freilich, Sie waren ſtets das unſaubere Gefäß, in welches ſich die Schale des Zorns unſeres guten Obriſten leerte. Wiſſen Sie, daß ſich der arme Teufel erſchoſſen hat?“. „Nein, weshalb?“ „Die Einen ſagen, Schulden halber; die Andern, weil er die Schande nicht hat überleben wollen, daß bei der letzten großen Parade 46 Problematiſche Naturen. eine ganze Compagnie von ſeinem Regiment mit Tuchhoſen ſtatt mit weißen Hoſen angerückt kam, und er deshalb vom Commandirenden über dieſe„Schweinerei“ zur Rede geſtellt wurde.“ „Gott hab' ihn ſelig!“ „Amen. Apropos! wie lange ſind Sie denn ſchon hier auf Grenwitz? ich höre, ſchon ſeit Wochen; da müſſen Sie die Geſellſchaft ja aus⸗ und inwendig kennen. Ja, was ich eigentlich wiſſen wollte: Wie befindet ſich denn mein würdiger Onkel und meine vortreffliche Frau Tante? und wie ſieht denn meine Couſine— haben Sie ſchon eine ſolche Uhr geſehen? doppelter Secundenzeiger— der Zeiger oben zeigt Monat und Datum— direct aus London— ich glaube, es iſt die erſte, die auf dem Continent getragen wird. Apropos! wer kann denn heute Nacht das hübſche, ſchwarzäugige, kleine Ding geweſen ſein, das wir auch aufgeſtört hatten und das im allerliebſten Nacht⸗ coſtüm über den Flur huſchte— es ſchien eine Art Wirthſchafterin oder dergleichen. Ihr habt doch keinen Beſuch weiter auf dem Schloſſe?“ „Nein—“ „Alſo ganz en famille? Wollen Sie gefälligſt die Klingel über Ihrem Kopfe ziehen? Ich dächte, ich ſähe heute ganz ausnehmend wohl aus— Jean! hab ich Dir nicht geſagt, Kameel, daß Du dieſen Rock hier nicht tragen ſollſt— gleich zieh' den neuen an! und dann geh' und frage bei der gnävigen ft an, ob ich jetzt meine Aufwartung machen dürfe.“ „Der Herr Baron haben ſchon zwtiti nach dem Herrn Baron gefragt.“ „Nun, dann ſag', ich würde gleich kommen.— Au revoir, lieber Timm. Ich hoffe, Sie an der Mittagstafel zu ſehen—“ und Felix warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, goß etwas Eau de Cologne auf ſein feines weißes Taſchentuch und ſchritt durch die Thür, welche ihm Jean pflichtſchuldigſt öffnete, davon, ohne ſich weiter nach Albert, der ihm auf dem Fuße folgte, umzuſehen. Dieſer ſchaute dem Enteilenden mit einem höhniſchen Lächeln auf den ſchmalen feinen Lippen nach:„lieber Timm,“ murmelte Dritter Band. 47 er;„ich will Dir den lieben Timm und das Sie anſtreichen, Du Es war am deſelbeß, Znges Man hatte ſo eben die Mahlzeit, die bei gutem Wetter jetzt ſtets auf der Terraſſe einge⸗ nommen wurde, beendet und bereitete ſich zu einem gemeinſchaftlichen Spaziergange vor, den man, auf den Vorſchlag der Baronin, durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte. Oswald hätte ſich ausſchließen mögen, da ihm in ſeiner augenblicklichen Stimmung die Geſellſchaft wirklich peinlich war, aber Felix, der ein großes Gefallen an dem ſchweigſamen, ernſten Mann zu finden ſchien, hatte ihn ſo lange gebeten, kein Störenfried und Spielverderber zu ſein, daß er ſich endlich, zu Bruno's großer Freude, zum Mitgehen entſchloß. So brach man denn auf und gelangte bald in den ſchönen Wald, wo in den grünen Zweigen noch die rothen Abendlichter ſpielten und die Vögel ſangen. Felir hatte der Baronin den Arm gegeben; Fräulein Helene ging an ihres Vaters Seite; Oswald, Albert und die Knaben und Mademoiſelle Marguerite gingen voran oder folgten, bald einzeln, bald paarweiſe, wie der ſchmale Waldweg es eben erlaubte. Felix, den ſein Arzt beſonders vor Erkältung gewarnt hatte, fand es im Wald doch kühler und feuchter, als er vermuthet, und er wünſchte im Stillen ſehnlichſt, daß die Partie ſich nicht zu ſehr in die Länge ziehen möchte. Indeſſen hielt er es natürlich für gerathener, dieſen ſeinen geheimen Wünſchen keine Worte zu leihen, ſondern dem reizen⸗ den Einfall„dieſes romantiſchen Spazierganges“ ein Compliment zu machen. „Es freut mich, wenn ich damit Ihrem Geſchmack entſprochen habe, lieber Felix,“ ſagte Anna⸗Maria; ich geſtehe, ich hätte Ihnen ſo viel Sinn für die einfachen Freuden des Landlebens nicht zugetraut. Wie gut trifft es ſich, daß auch Helene dieſen Geſchmack theilt. Ihr werdet einmal ein recht verſtändiges, ſolides Leben führen, wie es ſich für eure Verhältniſſe ſchickt.“ „Nun, meine Verhältniſſe, liebe Tante— „Werden ſich beſſern, ich bin davon überzeugt; aber Sie werden viel zu thun haben, lieber Felix, bis Sie ganz frei aufathmen können. . ⸗ 48 Problematiſche Naturen. Wie lange hat es gedauert, bis ſelbſt wir nur die allergrößten Hinderniſſe aus dem Wege geräumt hatten! und von einer wirklichen Beherrſchung der Situation können wir erſt in ein paar Jahren ſpre⸗ chen, wenn Stantow und Bärwalde uns hoffentlich nicht mehr länger vorenthalten werden können und die übrigen Güter in neuen und, ich denke, beſſeren Pacht kommen. Sie ſollten Ihre Güter auch neu vermeſſen laſſen, lieber Felix. Sie finden in Timm einen fleißigen und geſchickten Arbeiter. Ich bin ganz überraſcht, daß Sie den jun⸗ gen Mann ſchon von früher her kennen; von der Cadettenſchule, nicht wahr?“ „Ja, liebe Tante; er war ein großer—“ „Liebling— ich glaube es gern; iſt er es doch auch hier bei uns Allen.“ „Das wollte ich nun eigentlich nicht ſagen,“ verſetzte Felix lachend;„indeſſen man hatte ihn allerdings im Allgemeinen ſehr gern. Er war der unermüdlichſte Spaßmacher; und wenn es ſich um einen Genieſtreich handelte, ſo ſtand er ſicher an der Spitze. Indeſſen, man thut gut, ihm den Daumen etwas auf's Auge zu halten; er gehört zu den Leuten, die, wenn man ihnen den kleinen Finger giebt, die ganze Hand nehmen.“ „In der That!“ ſagte Anna⸗Maria, die Augenbrauen in die Höhe ziehend;„ich habe den jungen Menſchen bis jetzt ſtets für die Beſcheidenheit ſelbſt gehalten; für viel beſcheidener, als z. B. unſern Herrn Stein.“ „Wirklich?“ meinte Felir;„ich hätte nun gerade gedacht, daß Herr Stein ſich ſeiner Stellung vollkommen bewußt iſt. „Nun, Sie werden ihn noch näher kennen lernen. Er iſt einer der arroganteſten Menſchen ſeines Standes, die mir je vorgekom⸗ men ſind.“ „Wir wollen ihm das austreiben,“ ſagte Felir, ſeinen äußerſt winzigen Schnurrbart drehend;„mit ſolchen Leuten muß man kurzen Proceß machen. Ich kenne das. Dieſe Bürgerlichen ſind ſich alle gleich. Sobald ſie merken, daß wir ſein wollen, was wir von Rechts⸗ wegen ſind— die Herren im Staat und im Haus— kriechen Sie zu Kreuz. Sie werden nur übermüthig durch unſere Schuld. Man Dritter Band. 49 muß ſie fortwährend in dem Bewußtſein ihrer Stellung halten. Sie ſind zu gut gegen den Menſchen geweſen: das iſt Alles. Ich wunderte mich, offen geſtanden, ſchon heute Mittag, mit welcher Nachſicht ſich Fräulein Helene ſeine Zurechtweiſung— ich weiß nicht mehr, um was es ſich handelte— gefallen ließ.“ „Nun, Helene iſt ſonſt nicht gerade ſeine Freundin; wie ſie denn überhaupt eine wahrhaft ariſtokratiſche Antipathie gegen alles Plebe⸗ jiſche hat. Nähren Sie dieſe Grundſätze ja! ich glaube, Sie werden ſo den nächſten Weg zu ihrem Herzen finden.“ „Nun, ich denke, dieſer Weg wird ja wohl nicht ſo übermäßig ſchwer zu entdecken ſeinz“ ſagte Felir mit ſelbſtgefälligem Lächeln: ich habe einige Erfahrung in dieſem Capitel, ma chére tante!“ „Die Sie in dieſem Falle brauchen werden; lieber Felix. Helene iſt ein ſehr eigenthümlicher, ſchwer zu berechnender Charakter. Ich geſtehe, daß ich noch nicht gewagt habe, ihr unſer Project offen dar⸗ zulegen. Ich wollte erſt die Wirkung abwarten, die Sie ohne Zwei⸗ fel auf ihr Herz hervorbringen werden. Sie haben hier die beſte Gelegenheit, ſich ihr in dem liebenswürdigſten Lichte zu zeigen; ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu fürchten. Wir leben ſehr zurückgezogen, und ich werde mit Eiferſucht darüber wachen, daß dieſe Zurückgezogenheit auch während Ihres Aufenthalts ſo wenig wie möglich geſtört wird.“ „Verzeihen Sie, liebe Tante, wenn ich in dieſem Punkte anderer Meinung bin,“ ſagte Felix;„ich müßte mir wahrlich mein theures Lehrgeld wiedergeben laſſen, wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesgenoſſen hier auf dem Lande ſcheuen zu müſſen glaubte. Im Gegentheil; ich bin äußerſt begierig, mit dieſen Gelbſchnäbeln in die Schranken zu treten! Jeder, den ich aus dem Sattel hebe, iſt einen Schritt näher zu meinem Ziele, wenn es denn wirklich ſo ſehr weit geſteckt ſein ſollte. Nein! bitten Sie ſo viel Geſellſchaft wie möglich. Machen Sie meine und Helenens Anweſenheit zu einer Veranlaſſung, kleine Diners, Soupers, Thees u. dgl. zu geben; und hernach faſſen wir Alles in einem großen Balle zuſammen, auf welchem dann unſere Verlobung der ganzen Geſellſchaft mitgetheilt wird, die dann natür⸗ Fr. Spielhagen's Werke. III. 4 Problematiſche Naturen. 50 lich über ein Ereigniß, daß ſie ſeit Wochen erwartet hat, in ein obli⸗ gates Staunen geräth.“ „Sie ſind kühn, lieber Felix,“ ſagte die Baronin, der dieſe Me⸗ thode, auch beſonders der Koſtſpieligkeit wegen, nur halb gefiel. „Wozu hätte ich denn ſonſt des Königs Rock ſo lange Jahre getragen?“ erwiederte Felix, ſeiner Tante galant die Hand küſſend. Während deſſen von der Baronin und Felix ſo ruhig über He⸗ lenens Schickſal debattirt wurde, hatte zwiſchen dieſer und ihrem Vater ein Geſpräch ſtattgefunden, das die feingeſponnenen Pläne der Baronin und den vermeinlich raſchen Siegeslauf des jungen Ex⸗ Lieutenants auf eine gar eigenthümlich naive Weiſe durchkreuzte. Der alte Baron liebte ſeine ſchöne Tochter mit aller Liebe, deren ſein braves Herz fähig war, liebte ſie um ſo mehr, als er über die Gerechtigkeit der Beſtimmungen, welche das junge Mädchen von dem Majoratsvermögen ausſchloſſen, von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte. Dazu kam, daß er die Zurückſetzung, welche die Tochter von Seiten der Mutter bis dahin erfahren hatte, ſehr wohl empfand, wenn er auch zu ſchwach geweſen war, Maßregeln dagegen zu ergreifen, und vor allem der Hamburger Verbannung ein Ende zu machen. Auch dem Heirathsproject hatte er ſeine Zuſtimmung nur gegeben, weil ihm Anna⸗Maria eingeredet hatte, ſo könne die Ungleichmäßigkeit in dem Schickſal der beiden Kinder am beſten ausgeglichen werden, da Helene, als die Gattin Felix', nach Malte's etwaigem Tode, dann doch gewiſſermaßen zur Erbſchaft gelangte, wenigſtens in den vollen Genuß des Vermögens käme. Aber auch hier hatte er Helenens voll⸗ kommen freie Zuſtimmung als unumgängliche Bedingung ſtipulirt, wogegen er ſich wieder verpflichtet hatte, die Leitung der Angelegen⸗ heit den geſchickten Händen ſeiner Gemahlin zu überlaſſen und vor allem ſich vor einer vorzeitigen Enthüllung des Planes in Acht zu nehmen. Nun aber hatten die Eindrücke der letzten Zeit an dieſen Vor⸗ ſätzen und Entſchlüſſen arg gerüttelt. Zuerſt war ihm in Hamburg, als ihn ein plötzlicher Fieberanfall auf das Krankenlager warf, der Gedanke gekommen, er könnte in nächſter Zeit ſterben und Helene dann ganz verlaſſen daſtehen, ohne ſeinen Rath, ohne ſein Veto, das er, im Dritter Band. 51 äußerſten Falle, der Ausführung der Pläne Anna⸗Maria's entgegen⸗ zuſetzen, feſt entſchloſſen war. Er hatte ſeine Tochter immer geliebt, aber jetzt betete er ſie an. Sie war ſo ſchön, ſo ſtolz, und gegen ihn, den alten Vater, ſo freundlich beſcheiden, daß ſein Herz, wenn er dachte, er könnte aus dem Leben gehen, ohne das Schickſal dieſes ſeines Lieblings ſicher geſtellt zu haben, Angſt und Trauer zugleich empfand. Wäre nun Felir der Mann geweſen, wie er ſich den Gemahl ſeiner Tochter wünſchte, ſo hätte noch Alles gehen mögen. Aber das war Felir keineswegs. Der alte Baron war ſeiner Zeit auch ein junger Baron und war, wie Felir, Offizier geweſen. Er wußte ſehr wohl, welchen Verſuchungen ein junger und reicher Edel⸗ mann in dieſer Lage ausgeſetzt iſt; er ſelbſt war dieſen Verſuchungen nicht immer entgangen und hatte in ſeinem reiferen Alter, als ſein von jeher ernſt geſtimmter Geiſt ſeine naturgemäße Richtung erlangt hatte, mit bittrer Reue die Sünden ſeiner heißblütigen Jugend beklagt. Er hatte an ſeinem Vetter Harald das lebendige Beiſpiel gehabt, wohin die ungezügelten Leidenſchaften zuletzt führen, und ſein durch die Liebe zu ſeiner Tochter und durch die Erfahrung in dieſem einen Falle doppelt ſcharfes Auge erkannte ſofort, daß ſein Neffe Felir in einem hohen Grade der Sklave dieſer Leidenſchaften geweſen ſein mußte, vielleicht noch war. Er hatte den jungen Mann vor ein paar Jahren geſehen, als dieſer eben die Cadettenſchule verließ. Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den ſchlanken, kräftig gebau⸗ ten Jüngling mit dem friſchen hübſchen Geſicht und den lebhaften hellen Augen davongetragen; jetzt ſah er von dieſer allerliebſten Er⸗ ſcheinung nur noch einen traurigen Schatten. Eine geſpenſtige Mager⸗ keit, tiefe Furchen in dem jugendlich⸗alten Geſicht, die großen blauen Augen gläſern oder von einem fieberhaften Glanze leuchtend und ſtets mit dem ſtarren, frechen Blick, der deutlicher ſpricht, als eine lange Lebensbeſchreibung— die Bewegungen haſtig und fahrig, offen⸗ bar in der Abſicht, die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu verdecken, die Rede vorlaut und über Alles mit derſelben ſouveränen Ober⸗ flächlichkeit weghuſchend— das ganze Weſen von einer krank⸗ haften Eitelkeit wie zerfreſſen— ſo oder ungefähr ſo erſchien Felir dem beſorgten Vater, trotzdem deſſen Menſchenfreundlichkeit 4* 52 Problematiſche Naturen. hier wie überall die ſchlimmſten Flecken des Bildes gutmüthig ver⸗ tuſchte. Es that ihm leid, daß er ſich von ſeiner Gemahlin das Ver⸗ ſprechen hatte abnehmen laſſen, in dieſer Angelegenheit nicht ſelbſt⸗ ſtändig handelnd aufzutreten. Es kam ihm vor, als ob er ſich mit dieſem Verſprechen doch übereilt habe, und auf jeden Fall hielt er dafür, daß eine geſchickte Sondirung, wie denn Helene ſelbſt in die⸗ ſem Punkte denke, kein Bruch des Verſprechens ſei. So ſagte er denn, nachdem ſie eine Weile ſchweigend nebeneinander hergegangen waren, ihren Arm in den ſeinen legend: „Wie befindeſt Du Dich, meine Tochter?“ „Ich danke, Vater, gut; weshalb?“ erwiederte Fräulein Helene, etwas überraſcht über dieſe plötzliche Frage. „Ich dächte, Du ſäheſt etwas blaß aus.“ „Das kommt nur von der ungünſtigen Beleuchtung hier unter den grünen Bäumen,“ antwortete das junge Mädchen heiter;„ich befinde mich aber wirklich ganz wohl.“ „Ich fürchtete immer, der plötzliche Wechſel der Luft, der Lebens⸗ weiſe, des Umgangs würde Dir ſchädlich ſein. Du biſt zu lange vom Hauſe fortgeweſen.“ „Das iſt nicht meine Schuld, lieber Vater.“ „Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl; aber meine Schuld iſt es auch nicht; ich habe ſtets der Abkürzung der Penſionszeit das Wort geredet, aber—*— „Nun, ich bin ja endlich hier und wir wollen das Verſäumte möglichſt nachholen. Wir wollen recht viel zuſammen ſpazieren gehen; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbü vorleſen; es ſoll ein rei⸗ zendes, ſtillvergnügtes Leben werden,“ und das junge Mödchen nahm die Hand ihres Vaters und führte ſie an ihre Lippen. „Du biſt ein gutes liebes Kind,“ ſagte der Baron und ſeine Stimme zitterte etwas:„gebe Gott, daß ich S Deiner noch 1 lange zu erfreuen habe.“ 3 „Aber, beſter Vater, ſchon wieder ſolche ypochonveiſch Ge⸗ danken! Du biſt ja jetzt, Gott ſei Dank, wieder ſo rüſtig, wie immer. Weshalb ſollten wir nicht noch lange glücklich zuſammen leben!“ Pritter Band. 53 „Aber wenn Du uns verließeſt.“ „Ich ſterbe fürs erſte noch nicht, deshalb ſei nur ganz unbeſorgt;“ ſagte Fräulein Helene lachend. „Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern getrennt. Wenn Du nun heiratheſt, ſo müſſen wir uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben.“ „Aber, Papa, Du ſprichſt ja gerade, als ob ich womöglich mor⸗ gen ſchon heirathen ſoll! Ich denke ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing geſtern von dieſem Capitel an. Wollt Ihr mich denn wirklich ſo gerne wieder los ſein?“ „So, ſo, alſo Deine Mutter hat ſchon mit Dir geſprochen, hm, hm!“ ſagte der Baron, der natürlich nicht anders dachte, als daß die Baronin, mit dem längſt beſprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten ſei, und ver die Zeit, den Tag vor Felir Ankunft, auch ganz paſſend gewählt fand;„ſo, ſo! hm, hm! Nun, und wie gefällt Dir denn Dein Couſin?“ „Wer? Felir?“ fragte Helene, die für den Augenblick in ihrer Unbefangenheit den Zuſammenhang dieſer Frage mit dem Vorher⸗ gehenden nicht einmal ahnte. „Ja.“ „Er kommt mir vor, wie der Champagner, den wir heute Mittag tranken. Die erſten Tropfen ſchmeckten recht gut, als ich das Glas eine Weile hatte ſtehen laſſen, fand ich den Wein ſehr fade und ab⸗ geſchmackt.— Aber Ihr habt mich doch nicht etwa für Couſin Felir beſtimmt?“ fragte Fräulein Helene, der dieſer Gedanke jetzt erſt durch den Kopf ſchoß, mit großer Lebhaftigkeit. „Bewahre, das heißt: ganz, wie Du willſt; ich will ſagen: es wird Deinem Willen in dieſer Hinſicht nie ein Zwang auferlegt wer⸗ den,“ erwiederte der alte Baron, der weder die Wahrheit ſagen durfte, noch lügen wollte, mit ziemlicher Verwirrung. Helene antwortete nicht; aher der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem lebhaften Geiſte weiter. Sie verglich das geſtrige Geſpräch, das ſie auf ihrem Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte, mit dem 54 Problematiſche Naturen. ſo eben geführten.. es bedurfte nicht einmal eines ſo ſcharfſinnigen Kopfes, als der ihre war, um den Zuſammenhang zwiſchen dieſen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen Andeutungen zu entdecken. Ihr ſtolzes Gemüth empörte ſich, wenn ſie dachte, daß man, ohne ſie zu fragen, ohne ihre Meinung einzuholen, im Voraus über ihr Schickſal entſchieden und ihre Hand verſprochen habe; daß dieſer Felix, vor dem ihr reines keuſches Herz ſie inſtinctiv warnte, vielleicht ſchon in dieſem Augenblick ſie als die ſeine betrachtete! Dieſe Gedanken nahmen ſie ſo ganz in Anſpruch, daß ſie nicht einmal in das bewundernde: Ah, wie ſchön, wie herrlich! einzuſtimmen vermochte, in das die übrige Geſellſchaft ausbrach, als man einige Minuten ſpäter aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat. In der That war das Schauſpiel, das ſich den Blicken darbot, wohl der Bewunderung werth. Die Sonne war ſoeben in das Meer geſunken und ſchien die in allen Schattirungen von Roth und Gold prangenden Wolken wie in einem Strudel hinter ſich herzuziehen. Von dem Punkte, wo ſie untergegangen war, ſchoſſen lichte Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchſichtig blauen Himmel. Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer, und auf einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber. Das hohe vielfach zerklüftete Kreide⸗Ufer und der Buchwald, der es krönte, waren von dem rothen Abendſchein, wie von einer bengaliſchen Flamme angeſtrahlt. Rings umher tiefe feier⸗ liche Stille, nur unterbrochen von dem dumpfen Rauſchen der Wogen unten auf den Kieſeln des Strandes, und dann und wann von dem grellen Schrei einer Möve, die über den erregten Waſſern flatterte. Die Geſellſchaft ſtand, in Betrachtung des herrlichen Schauſpiels, das mit jedem Augenblicke wechſelte, verloren, gruppenweis da. Oswald, dem die ewigen Ach's und Oh's, an denen ſich beſonders die Baronin und Felix überboten, nachgerade langweilig wurden, hatte ſich etwas von den Uebrigen entfernt und ſich auf die bloßliegende Wurzel einer mächtigen Buche geſetzt. „Haben Sie noch einen Platz für mich?“ fragte Helene, die ihm gefolgt war. Dritter Band. 55 ſtehend. „Nur für einen Augenblick; ich weiß nicht, der Spaziergang hat mich außergewöhnlich müde gemacht.“ „Sie ſind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten ge⸗ weſen.“ „Nein, aber à propos, wie kommt es, daß ich Sie heute und auch ſchon geſtern nicht geſehen habe?“ „Bloßer Zufall.“. „Das freut mich.“ „Weshalb?“ „Ich fürchtete, aufrichtig geſtanden, ich hätte Sie aus dem Gar⸗ ten vertrieben; ich dachte, dies ewige Sichbegegnen mit derſelben be⸗ wußten Perſon wäre Ihnen unleidlich geworden.“ „Sie denken in der That äußerſt beſcheiden von der bewußten Perſon.“ „Nein, ſpotten Sie nicht; ich dachte es im Ernſt— ja und noch mehr! Sie ſind ſeit vorgeſtern Abend ſehr ſtill und, wie mir vor⸗ kam, beſonders kurz gegen mich. Sie haben mir auch geſtern meine Literaturſtunde, auf die ich mich ſo ſehr freute, nicht gegeben. Bin ich vielleicht unwiſſentlich die Veranlaſſung—“ „Wie meinen Sie?“ „Nun, ich rede manchmal, was vielleicht hart oder anmaßend klingt; wenigſtens iſt mir dieſer Vorwurf oft gemacht worden; aber ich meine es wirklich nicht ſo—“ „Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald empor, der in Bewunderung ihrer Schönheit und in Er⸗ ſtaunen über dieſe plötzliche und unerklärliche Milde und Theilnahme verloren, vor ihr ſtand. „Was ſehen Sie mich ſo verwundert an?“ „Daß ſich ſo viel Güte hinter ſo viel Stolz verſtecken kann!“ „Iſt es denn die Welt werth, daß wir ihr unſer Herz zeigen?“ „Eine ſonderbare Frage in dem Munde eines ſo jungen Mäd⸗ chens.“ „Freilich, wir dürfen ja über nichts nachdenken. Wir ſind, wenn's „Ich räume Ihnen gern den meinigen ein,“ ſagte Oswald auf⸗ 56 Problematiſche Naturen. hoch kommt, hübſche Puppen, mit denen man ſpielt und die man an den erſten Beſten verſchenkt, der merken läßt, daß er uns gern haben möchte.“ „Couſine,“ rief Felix,„wir wollen zum Strande hinabgehen; wollen Sie mit?“ „Nein!“ ſagte Helene, ohne ſich nach dem Sprechenden umzu⸗ wenden. „Es iſt eine reizende Partie;“ rief Felix. „Möglich;“ erwiederte das iunge Mädchen kurz, ohne ihre Stel⸗ lung zu verändern. Aber Feliz war nicht der Mann, ſich ſo leicht abweiſen zu laſſen. Er kam zu dem Platze, auf dem ſich Oswald und Helene befanden, herüber und ſagte: „Aber, Helene, Sie werden doch dieſe erſte Bitte, die ich an Sie richte, nicht abſchlagen?“ „Weshalb nicht?“ erwiederte dieſe und der Ton ihrer Stimme klang eigenthümlich ſcharf und bitter;„ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden, das können Sie nicht früh genug lernen.“ „Haben Sie ſich den Fuß vertreten, theuerſte Couſine?“ fragte Felir. „Weshalb?“ „Weil Sie ſo unbeweglich ſitzen und in ſo ſchauderhafter Laune ſind;“ erwiederte Felir lachend und ging ohne ein Zeichen, daß ihn das Benehmen Helenens irgend verletzt habe, zu den Uebrigen. „Wollen Sie ſich nicht der Geſellſchaft anſchließen, Herr Doc⸗ tor?“ fragte Helene, auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Scene brannte, als jetzt die Andern den ziemlich ſteilen Weg, der zum Strand führte, hinabzuſteigen begannen. „Sie wünſchen allein zu ſein?“ „Nicht doch; im Gegentheil, ich freue mich, wenn Sie hier blei⸗ ben wollen. Nach der geiſtreichen Unterhaltung von heute Mittag und heute Abend fühlt man das Bedürfniß, endlich einmal ein ver⸗ ſtändiges Wort zu ſprechen. Sie haben mir noch immer nicht ge⸗ ſagt, ob ich Ihnen, ohne es zu wiſſen und zu wollen, durch irgend eine unvorſichtige Bemerkung vielleicht, weh gethan habe?“ Dritter Band. 57 „Nein, durchaus nicht. Ich habe vorgeſtern Abend eine Nach⸗ richt erhalten, die mich ſehr betrübt... Erinnern Sie ſich des Profeſſor Berger von Ihrer Badereiſe nach Oſtende vor drei Jahren!“ „Ei gewiß! wie konnte man den vergeſſen! Mir iſt, als ob ich ihn geſtern geſehen hätte, ſo deutlich ſteht er vor mir mit ſeinen hellen Augen unter den buſchigen Brauen und ſtets mit einem Bonmot auf den Lippen. Was iſt mit ihm? er iſt doch nicht gar todt?“ „Nein, ſchlimmer als das— er iſt wahnſinnig geworden.“ „Um Gotteswillen! der Profeſſor Berger— dieſes Bild der Klarheit und Geiſteshoheit! Wie iſt das möglich? Wiſſen es die Eltern ſchon?“ „Nein, und bitte, ſagen Sie auch nichts; ich könnte es jetzt nicht ertragen, daß darüber geſprochen würde.“ „Sie hatten den Profeſſor wohl recht lieb?“ „Er war mein beſter, vielleicht mein einziger Freund.“ „Wie beklage ich Sie,“ ſagte Helene, und auf ihrem ſchönen Antlitz war die Theilnahme, die ſie empfand, deutlich zu leſen;„ein ſolcher Verluſt muß fürchterlich ſein. Und Sie ſtehen hier ganz allein mit ihrem Kummer, und Keiner nimmt Theil an Ihrem Schmerz.“ „Ich bin das von jeher gewohnt geweſen.“ „Haben Sie denn keine Eltern, keine Geſchwiſter, Verwandte?“ „Meine Mutter ſtarb, als ich noch ein Kind war; mein Vater vor mehreren Jahren: Geſchwiſter habe ich nie gehabt; Verwandte, wenn ich welche habe, nie gekannt.“ Helene ſchwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenſchirms Linien in den Sand. Plötzlich hob ſie den Kopf und ſagte in einem Ton, der halb wie eine Klage und halb wie eine Herausforderung klang: „Wiſſen Sie, daß man Eltern und Geſchwiſter— ja! und ſelbſt Verwandte, haben und doch recht allein ſein und ſich recht einſam fühlen kann? Und Sie haben es noch immer gut; Sie ſind ein Mann; Sie können für ſich ſelbſt handeln, während—“ Das jung Mädchen brach ab, als fürchtete ſie, ſich von ihren Empfindungen zu weit hinreißen zu laſſen. Sie ſtand auf und trat Problematiſche Naturen. einige Schritte von Oswald weg dicht an den Rand des ſteilen ufers.— Es war ein wunderſam ſchönes Bild, dieſe ſtolze, ſchlanke Geſtalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen Abendhimmels, der ihr herrliches Haupt, mit deſſen dunklen Locken der Seewind ſpielte, wie mit einem Glorienſchein umgab. Und wie ein Engel des Himmels erſchien ſie Oswald, in deſſen krankes Herz ihre guten mit⸗ leidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren. Und nun zum erſten Male erinnerte er ſich wieder des Ge⸗ ſpräches, das er am Tage ſeiner Zurückkunft von Saſſitz mit dem Doctor gehabt hatte. Alſo wirklich! dies holde, herrliche Geſchöpf ſollte auch verkauft werden, wie Melitta verkauft worden war! Sie ſagte es ſelbſt! aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben ge⸗ hört: ſie hatte keinen Freund! ſie ſtand allein da in der Welt! ſie konnte nicht für ſich ſelbſt handeln! Und ſie hatte noch Mitleid und Troſt für ihn, ſie, die ſelbſt des Mitleids und des Troſtes— nein, thätiger Hülfe— ſo ſehr bedurfte! Die Schwachen, die Hülfloſen zu ſchützen iſt das Recht und die Pflicht des Mannes— es hätte wohl wenig kühne Abenteuer gegeben, in welche ſich Oswald in dieſem Augen⸗ blicke nicht ohne Zögern für die ſchöne Verfolgte geſtürzt hätte. Er dachte nicht daran, daß des Ritters erſte Pflicht die Treue gegen die Dame ſeines Herzens iſt, und daß für eine Andere eine Lanze brechen, während er in Gefahr ſchwebt, jene zu verlieren, weder von Weisheit, noch von Edelmuth zeugt. Da gellte von dem Strande, auf dem die Uebrigen jetzt ange⸗ kommen waren, ein Schrei empor— und wie Helene, die ſich vom Schwindel ganz frei wußte, noch einen Schritt näher an den Rand trat und ſich über den Abhang beugte, ein zweiter, noch geller, noch ſchriller, noch angſtvoller. „Um Himmelswillen,“ rief Helene;„was kann denn da geſchehen ſein? Mir däucht, es war Bruno's Stimme. Laſſen Sie uns ſo ſchnell wie möglich hinabeilen!“ Der Weg zum Strande, der ſich im Zickzack an dem Kreidefelſen hinwand, war trotz ſeiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt. Als ſie athemlos ankamen, ſahen ſie Bruno ohnmächtig, von Albert gehalten, während die Anderen rathlos umherſtanden. Dritter Band. 59 „Holen Sie Waſſer, ſchnell!“ ſagte Oswald, Albert den Knaben abnehmend und dieſem das Halstuch abknüpfend und die Kleider öffnend, woran noch Niemand gedacht hatte. „Wie iſt denn dies gekommen?“ fragte Helene, die kalten Hände Bruno's in ihre Hände nehmend, angſtvoll in ſein ſchönes blaſſes Geſicht ſtarrend. „Es weiß Niemand von uns,“ ſagte die Baronin. „Es wird ein Anfall von Schwindel ſein,“ meinte Felix. Unterdeſſen hatte Oswald von dem Waſſer, welches Albert— in Bruno's Hut— gebracht hatte, des Knaben Stirn und Schläfen und Bruſt reichlich benetzt. Helene erinnerte ſich, daß ſie ein Fläſchchen Eau de Cologne bei ſich führe, und half Oswald in ſeinen Bemü⸗ hungen. Es gelang ihnen in Kurzem, den Ohnmächtigen wieder zu ſich zu bringen. Er ſchlug langſam die großen Augen auf, ſein erſter Blick fiel auf Helene, die ſich über ihn beugte. „Biſt Du todt, ganz todt?“ murmelte er, die Augen wieder ſchließend. Man glaubte, er habe den Verſtand verloren. Komm zu Dir, Bruno!“ ſagte Helene, dem Knaben mit leiſer Hand über Stirn und Augen ſtreichelnd. Bruno ergriff dieſe Hand und drückte ſie feſt auf ſeine Augen, durch deren geſchloſſene Wimpern ſich zwei große Thränen drängten. Dann richtete er ſich mit Oswald's Hülfe vollends auf. „Mir iſt wieder ganz wohl!“ ſagte er;„ich bin wohl gar ohn⸗ mächtig geweſen? Wie lange habe ich ſo gelegen? „Nur ganz kurze Zeit,“ ſagte Oswald, Bruno's Geſicht mit ſeinem Taſchentuche abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend. „Du haſt uns einen rechten Schrecken verurſacht; was hatteſt Du denn nur?“ fragte die Baronin. „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Knabe, deſſen blaſſe Wangen plötzlich hohe Purgurgluth bedeckte;„es kam ganz plötzlich. Danke, danke, ich glaube, ich kann jetzt mit Herrn Stein's Hülfe ganz gut weiter kommen.“ „Wir wollen wieder umkehren,“ ſagte die Baronin.„Daß einem 60 Problematiſche Naturen. doch jedes, auch das beſcheidenſte Vergnügen durch irgend einen Un⸗ fall verleidet wird!“ Man ſtieg langſam das Ufer wieder hinauf und trat, ziemlich einſilbig und verſtimmt, den Rückweg durch den Wald an. Felir, der ſich zu erkälten fürchtete, ermahnte zu größerer Eile; Oswald be⸗ merkte trocken, er wolle die übrige Geſellſchaſt nicht aufhalten, man möge ihm indeſſen erlauben, mit Bruno langſam zu folgen. Helene erklärte, daß ſie bei Bruno bleiben würde; der alte Baron, der bei dem ganzen Vorfall eine große, wenn auch thatloſe Theilnahme an den Tag gelegt hatte, ſchlug vor, die Geſellſchaft ſollte ſich in einen Vortrab und einen Nachtrab theilen, er ſelbſt wolle den letzteren führen. „Du wirſt Dir den Schnupfen holen, lieber Grenwitz,“ ſagte die Baronin;„ich dächte, Du kämeſt mit uns.“ „Nein, ich werde bei den Anderen bleiben,“ ſagte der alte Baron mit einer Beſtimmtheit, die Alle, vielleicht ihn ſelbſt, über⸗ raſchte. Er gab ſeiner Tochter den Arm, blieb aber in der Nähe Oswald's und Bruno's, eine harmloſe Unterhaltung, wie er ſie liebte, mit ihnen führend und ſich von Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden er⸗ kundigend. „Ich befinde mich wohl, ganz wohl,“ verſicherte dieſer ein Mal über das andere; doch fühlte Oswald, daß er ſich feſt auf ſeinen Arm ſtützte und daß ſeine Hände kalt waren. Sie kamen, lange nach den Anderen, auf dem Schloſſe an. Der alte Baron wünſchte gute Beſſerung, als Oswald ſich ſofort mit Bruno auf deſſen Zimmer begab, wo er den Knaben ſich ſogleich zu Bett legen ließ. „Du biſt kränker, Bruno, als Du zugeben willſt,“ ſagte er, ſich zu ihm auf's Bett ſetzend,„nicht wahr, Du haſt Deine alten Schmerzen?“ „Ja,“ ſagte Bruno, deſſen Zähne zuſammenſchlugen und auf deſſen Stirn der kalte Schweiß ſtand. Oswald beeilte ſich, die alten Hausmittel, wie jenes erſte Mal, herbeizuſchaffen; und es gelang ſeinen Bemühungen auch jetzt, 3 Dritter Band. 61 das Uebel zu heben, wenigſtens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern. „Wirſt Du auch mir nicht ſagen, Bruno, was Dich ſo bewegt hat?“ fragte Oswald da. „Doch!“ ſagte der Knabe,„ich wollte es nur nicht in der An⸗ deren Gegenwart, weil ich ihr albernes Gelächter ſchon im voraus hörte.— Ich war etwas hinter den Anderen zurückgeblieben und durch einen Vorſprung des Ufers von ihnen getrennt. Ich dachte immer, ihr würdet nachkommen und deshalb ging ich ſo langſam und blickte oft nach oben. Da ſah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des Ufers treten, das an dieſer Stelle wohl hundert Fuß und darüber lothrecht hinabfällt. Ich ſchrie laut auf in entſetzlicher Angſt, da trat ſie noch näher— bog ſich ſogar herüber— und da wurde mir es ſchwarz vor den Augen— nun und das Uebrige weißt Du ja. Aber ich höre Malte kommen. Gute Nacht, Oswald.“ „Gute Nacht, Du Wilder!“ Oswald küßte ſeinen Liebling auf die Stirn und ging nach⸗ denklich auf ſein Zimmer. Er lehnte ſich in das offene Fenſter und ſchaute lange, in Sinnen und Brüten verleren, in den Garten hinab. Die Nacht war finſter; nur hier und da ſchimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunſt. Manchmal rauſchten die Bäume lauter auf, als ſprächen ſie ängſtlich in einem wirren, unruhigen Schlaf; der Brunnen der Najade plätſcherte dazwiſchen, leiſe und abgebrochen, als erzähle er eine alte unheimliche Geſchichte. „Dein Leben gleicht dieſer Nacht,“ ſprach Oswald bei ſich:„hier und da ein Stern, der ſo bald wieder verſchwunden iſt, und ſonſt Alles chaotiſches Dunkel. Du haſt recht, guter Berger: unſer Leben iſt ein hohles Nichts, und wer nur überhaupt einen Verſtand zu ver⸗ lieren hat, muß ihn darüber verlieren. Wollteſt Du bewirken, daß Dir Dein Schüler ſobald als möglich nachfolgen könnte, als Du mich hierher ſchickteſt? Da biſt Du nun an demſelben Orte, wo Melitta iſt und auch Oldenburg. Vielleicht ſiehſt Du ſie, wenn ſie Arm in Arm an Deiner Zelle vorübergehen; vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verſtand wieder, den andere Leute bei dem An⸗ blick verlieren würden. Ich könnte ja auch eine kleine Reiſe nach N. Problematiſche Naturen. machen, meine guten Freunde zu beſuchen; wer weiß? vielleicht gefällt mir der Ort ſo ſehr, daß ich gleich da bleibe.“ „Wie geht es Bruno?“ tönte eine Stimme aus dem Garten herauf. Es war Helenens Stimme. Oswald ſah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufſchimmern. „Ich danke, gut!“ antwortete er hinab. „Schlafen Sie wohl!“ Und das helle Gewand verſchwand in den Büſchen. „Nein, das Leben iſt mehr als ein hohles Nichts,“ murmelte Oswald, indem er das Fenſter ſchloß;„hätte Berger dieſes Mädchen geſehen, er hätte wieder an das Leben geglaubt. Und doch! er hat ſie ja geſehen, geſehen und bewundert und beſungen, und iſt doch wahnſinnig geworden... o, es iſt ein ſchauerliches Ding, dieſes Leben — öde und dunkel und geſpenſtiſch und das einzige Reelle eine holde, freundliche Stimme, die uns ſchlafen gehen heißt.“ Siebentes Capitel. Es kommen im Familienleben, genau wie im Leben der Völker, gewiſſe Zeiten, wo Alle mehr oder weniger deutlich fühlen, daß ſich etwas Großes, Außerordentliches vorbereite; wo die dunkle Zukunft ihren drohenden Schatten weit hineinwirft in die Gegenwart, die Ge⸗ müther der Einen verdüſtert, die der Andern mit vagen Hoffnungen erfüllt, überall aber eine wühlende Unruhe in den Geiſtern erzeugt, die dann ihrerſeits wiederum dazu beiträgt, das Hereinbrechen deſſen, was dieſe fürchten und Jene herbeiwünſchen, zu beſchleunigen. Eine ſolche Zeit fieberhafter Spannung war denn jetzt auch für die vor Kurzem noch ſo ſtille Geſellſchaft auf Schloß Grenwitz her⸗ eingebrochen. Bruno's plötzlicher Unfall, von dem er ſich übrigens ſchon am nächſten Tage erholte, hätte für die Scharfſichtigeren ein Symptom von dem ſein können, was da Alles unter der glatten Hülle geſelliger Höflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in der Tiefe gährte und kochte: geheime Liebe und tief verſteckter Haß! Feind⸗ Dritter Band. 63 ſchaften unter der Maske trefflichſten Einvernehmens und guter Ka⸗ meradſchaft! herzliche Sympathien, die ſich unter dem Anſchein von Gleichgültigkeit, ja Abneigung verbargen! Selbſt die Phyſiognomie des äußeren Lebens war verändert. Die tiefe, faſt beängſtigende Stille, die ſonſt in dem weiten Raume, welchen der Schloßwall ein⸗ ſchloß, herrſchte, wurde jetzt gar vielfach geſtört. Baron Felix, der zum Anachoreten ſehr wenig Talent beſaß, mochte es ſich nicht ver⸗ ſagen, wenigſtens einer oder der andern ſeiner gewohnten Beſchäf⸗ tigungen in der Einſamkeit von Schloß Grenwitz nachzuhängen. Am Tage nach ſeiner Ankunft waren ſeine beiden ſchönen Reitpferde glück⸗ lich angelangt, und ſo konnten bei den weiteren Ausflügen der Ge⸗ ſellſchaft, die zu Wagen unternommen wurden, wenigſtens zwei der Herren beritten gemacht werden. In einem entlegeneren Theile des Gartens war unter ſeiner Leitung ein kleiner Schießſtand hergerichtet worden, und in den ſpäteren Nachmittagsſtunden ertönte jetzt ſehr oft (zu der Baronin geheimem Entſetzen) der kurze, ſcharfe Knall ge⸗ zogener Piſtolen bis in die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemächer. Da Reiten, Schießen und Jagen Vergnü⸗ gungen ſind, die durch Gemeinſamkeit weſentlich erhöht werden, ſo waren Oswald, Albert und ſelbſt Bruno in keinem Augenblick vor Felir ſicher, der fortwährend auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieſer oder jener Unternehmung war, und ſtets ſo lange bat und quälte, bis man ſich wohl oder übel ſeinen Wünſchen accomodirte. Felir gehörte zu den Menſchen, die niemals müßig ſind, ohne doch eigent⸗ lich jemals wirklich beſchäftigt zu ſein, mochte er nun ſtundenlang bei ſeiner Toilette zubringen und zwiſchendurch die Chanſons von B⸗ ranger, oder ein paar Capitel aus den liaisons dangerenses(ſeinen Lieblingsbüchern) leſen; mochte er ſich mit der zweckmäßigſten Con⸗ ſtruction einer Angelruthe die Zeit vertreiben oder die mangelhafte Dreſſur ſeines Hühnerhundes vervollſtändigen, oder von ein paar Muſilſtücken die erſten Tacte ſpielen, um mit keinem zu Ende zu kommen— er war ſtets und zu jeder Zeit der geſchäftige Müßig⸗ gänger, der die vortrefflichſten Naturanlagen in der Verfolgung van⸗ lauter frivolen und oberflächlichen Zwecken vergeudete. Denn Felir war eine ſehr begabte Natur, deren nachhaltige Kraft ſelbſt ein überaus . 64 Problematiſche Naturen.— wüſtes und leichtſinniges Leben nicht gänzlich hatte vernichten können. Ein Streben nach dem Höheren, die Ahnung des Ideals war in der fieberhaften Raſtloſigkeit, mit der er ſich auf alles Neue warf, in dem Ehrgeiz, welcher ihn trieb, überall der Erſte zu ſein, oder wenigſtens als ſolcher zu erſcheinen, ja ſelbſt in ſeiner maßloſen Eitelkeit und in der unglaublichen Sorgfalt, die er auf ſeine äußere Erſcheinung ver⸗ wandte, unverkennbar. Hätte er jemals den Ernſt des Lebens kennen gelernt, hätte er nur einmal ſein Brod mit Thränen eſſen müſſen, er wäre vielleicht zu retten geweſen. So ließ er ſich, ohne jemals über ſeine Lage nachdenken zu wollen oder zu können, von dem Strudel ſeiner Leidenſchaften näher und immer näher an den Punkt treiben, wo er, wenn nicht ein Wunder dazwiſchen trat, unfehlbar verſinken mußte. Ob es ihm mit der Aenderung ſeines Lebens, über die er mit ver Baronin ſo viel correſpondirt hatte, Ernſt war? wohl ſchwerlich. Das Garniſonsleben war ihm langweilig geworden; die Schaar der Gläubiger immer dringender und ſeine Situation der Art, daß, als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam, man ihm zu ver⸗ ſtehen gab, er thäte, wenn ſeine Geſundheit wirklich ſo angegriffen ſei, vielleicht beſſer, ſogleich ſeinen Abſchied zu nehmen. Gerade in dieſer kritiſchen Zeit machte ihm die Baronin Grenwitz ihre Aner⸗ bietungen betreff Helenens. Felir, der hier einen Ausweg fand, an den er noch gar nicht gedacht hatte— denn Anna⸗Maria's Gemüth⸗ loſigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus Erfahrung bekannt— griff mit beiden Händen zu, obgleich eine Heirath nicht eben nach ſeinem Geſchmack war. Indeſſen war er bereit, ſich auf jeden Fall auch in dieſe Bedingung zu fügen. Wie angenehm war er deshalb überraſcht, als ihm in ſeiner Couſine, die er bis dahin nicht gekannt hatte, ein Weſen entgegentrat, ſchöner, anmuthiger, als irgend eine der Damen, die er bisher mit ſeiner Neigung beehrt hatte— ein Weſen, das die Seine zu nennen, den Stolzeſten der Stolzen entzückt haben würde. So waren denn nicht zwei Tage vergangen, als Felir für ſeine ſchöne Couſine in ſeinem Herzen eine Leidenſchaft fühlte, die freilich, genau betrachtet, bloße Eitelkeit war, ihm ſelbſt aber wi ein ganzes Wunder vorkam. Selbſtiſche Menſchen ſind auf All Dritter Band. 65 eitel, ſelbſt auf die natürlichſten Gefühle, und ſo konnte denn Felir nicht müde werden, die Baronin von ſeiner Liebe, wie von einem achten Wunder der Welt, zu unterhalten und ſich auch gegen die Uebrigen, beſonders Oswald, über die Herrlichkeit eines auf das Höchſte gerichteten Strebens auszulaſſen. Ob ſeine Leidenſchaft erwiedert wurde? Felir zweifelte nicht einen Augenblick daran. Hatte er nicht bis jetzt noch überall reüſſirt? war ſein Glück bei den Frauen nicht ſprichwörtlich ſelbſt unter den Kameraden, von denen ſich doch ſo ziem⸗ lich jeder Einzelne für einen Paris hielt? und hatte er nicht ſchon ſo oft erfahren, daß ſich die Liebe hinter dem Anſchein der Gleichgültig⸗ keit, ja der Abneigung verbirgt? Freilich trieb ſeine ſchöne Couſine die Komödie ziemlich weit; freilich behandelte ſie ihn mit einer Kälte, einer Geringſchätzung, die manchmal geradezu beleidigend war— aber er ließ ſich dadurch in dem felſenfeſten Glauben an ſeine unwider⸗ ſtehliche Liebenswürdigkeit nicht beirren und verſpottete die Baronin, j wenn dieſe ihn wieder zur Vorſicht ermahnte. Denn Anna⸗Maria 3 ſah, da keine perſönliche Eitelkeit die Klarheit ihres Blickes trübte, in dieſer Angelegenheit viel ſchärfer als Felix. Sie, die an ſich ſelbſt die Energie des Charakters ſo hoch ſchätzte, mußte im Stillen die 4 conſequente Gleichmäßigkeit in Helenens Betragen, die beſcheidene Feſtigkeit, mit der ſie ihre Anſichten ausſprach und behauptete, be⸗ 3 wundern. Es war ein Etwas in der ſtolzen Schönheit ihrer Tochter, 33 wovor ſie ſich unwillkürlich beugte— ein Lichtglanz aus einer höheren Welt, als die Welt durchaus egoiſtiſcher Intereſſen, in welcher ſie ſelbſt ſich bewegte.— Helene ſelbſt war nach jenem Abend am Strande 8 wo möglich noch ſtiller und zurückhaltender geworden. Sie flüchtete, 3 wenn ſie irgend konnte, in die Einſamkeit ihres Zimmers. Wenn ſie in der Geſellſchaft war, ſchloß ſie ſich am liebſten an ihren Vater an oder ſuchte es auf den Spaziergängen ſo einzurichten, daß Bruno ihr Begleiter war. Sie hatte ſtets einen kleinen Dienſt für ihn; bald mußte er ihr den Hut, bald die Mantillè tragen, bald hatte er ihr eine Blume zu pflücken, die auf der andern Seite des Grabens wuchs, bald ihr an einer ſteileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen. Bruno unterzog ſich dem Dienſte mit einem milden Ernſt, der frei⸗ lich den Spott des Baron Felix zuweilen herausforderte, für Jeden 6 Fr. Spielhagen's Werke. II. 5 * 66 Problematiſche Naturen. aber, der ſich für den Knaben intereſſirte, und die wilde Unbändigkeit ſeiner Natur kannte, etwas unendlich Rührendes hatte. Sein Weſen ſchien, ſobald Helenens Blick auf ihm ruhte, wie umgewandelt. Er war dann ſanft und freundlich, dienſtfertig und zuvorkommend; ein Wort von ihr, nur ein Wink ihrer langen, dunklen Wimper genügte, ihn, wenn er ſich ja einmal von ſeiner alten Heftigkeit hinreißen ließ, ſofort zu beſänftigen. Dieſe Heftigkeit machte ſich vor allem gegen Felix Luft, gegen den er einen Haß und eine Verachtung, die er ſich kaum zu verbergen bemühte, empfand. Stets hatte er ein höhniſches, bitteres Wort für ihn in Bereitſchaft; die mancherlei kleinen Blößen, die jener ſich in ſeiner maßloſen Eitelkeit der Geſellſchaft gegenüber gab, fanden in Bruno einen unerbittlichen, grauſamen Verfolger, der um ſo läſtiger war, als ſeine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erſcheinen ließ, gegen den man mit anderen Waffen kämpfen konnte, als höchſtens mit einem von oben herab geführten Hiebe, der meiſtens ganz vortrefflich parirt wurde. Felir ſelbſt empfand dies einigermaßen, und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich erſchien, ſo war er ihm doch im hohen Grade unbequem. Wo Helene war, da war auch Bruno, und traf es ſich ja einmal auf den Spazier⸗ gängen, daß ſie allein zurückgeblieben war, und war Felir eben im beſten Zuge, von der Liebe im Allgemeinen— denn weiter war er noch nicht gekommen— zu ſprechen, ſo geſellte ſich wie auf Verab⸗ redung Bruno zu ihnen, und Felir, der von Botanik und Mineralogie nicht das Mindeſte verſtand, blieb nichts übrig, als die Beiden ihren naturwiſſenſchaftlichen Beſtrebungen zu überlaſſen. Wie würde er ſich gewundert haben, wenn er gehört hätte, daß dieſe Verhandlungen abgebrochen wurden, ſobald er aus dem Gehörkreiſe war, daß Brunv, die Blume, über die ſie ſo eben geſprochen hatten, zerraufend, durch die Zähne ſagte:„Sieh, Helene, ſo zerreißeſt Du mein Herz, wenn Du ſchwach genug biſt, dieſen Felir zu lieben!“—„Das alte Lied, Bruno?“—„Ja, das alte Lied; und ich will Dir es ſingen, ſo lange ich noch Athem in der Bruſt habe! Meinſt Du, ich weiß nicht, was es bedeutet, wenn Tante und Felir die Köpfe zuſammen ſtecken und von Zeit zu Zeit verſtohlen auf Dich blicken? O! mein Auge iſt ſcharf, und mein Ohr iſt es nicht minder. Geſtern, als ich a 7 Dritter Band. ihnen vorüberſtrich, meinte der ſaubere Herr: ſie wird ſchon zur Ver⸗ nunft kommen! ſie— das biſt Du: und zur Vernunft kommen, heißt: ſie wird allen Stolz ſo weit vergeſſen, und einen ſolchen jämmerlich eitlen Pfauen, wie ich einer bin, heirathen.“—„Aber, wie kommſt Du nur nur auf dieſen Gedanken, Bruno?“—„Nun, ich dächte, ſie lägen nahe genug; und Dir gehen ſie auch durch den Kopf, oder weshalb blickteſt Du oft ſo in Dich verſunken vor Dich hin und dann plötz⸗ lich zu Felix oder zu Oswald hinüber, als ob Du ſie mit einander verglicheſt. Ja, vergleiche ſie nur immer! Du wirſt dann den Unter⸗ ſchied entdecken zwiſchen einem Manne und— einem Affen.“—„Du haſt wohl Herrn Stein ſehr lieb, Bruno? Iſt er denn immer ſo ſtill und traurig, wie jetzt?“—„Bewahre, er kann ſo ausgelaſſen ſein, wie ein Füllen, ich weiß nicht, was ihm fehlt, oder ich weiß es wohl, aber“ —„Aber?“—„Aber ich darf es nicht ſagen; oder ja, Dir darf ich es ſagen, denn Du biſt nicht wie die anderen Menſchen. Mir iſt immer, als müßteſt Du mir in's Herz ſehen dürfen, wie ſie ſagen, daß uns Gott in's Herz ſchaut; als dürfe man vor Dir, wie vor Gott keine Geheimniſſe haben.“—„Aber ich will nicht, daß Du ein Geheimniß verräthſt.—„Ich verrathe nichts, denn Oswald hat mir nie ein Wort geſagt. Ich weiß nur, daß er ſo ſtill und traurig iſt, ſeitdem Tante Berkow fort iſt. Es wurde doch heute Mittag darüber geſprochen, wie lange ſie wohl noch fortbleiben, ob ſie wohl nach Herrn von Ber⸗ kow's Tode wieder heirathen würde, und da ſah ich, wie Oswald ſich entfärbte und während des ganzen Geſpräches die Augen nicht von ſeinem Teller hob. Und dann, als Felir meinte, daß Baron Olden⸗ burg, der ja auch, wie er ganz zufällig durch einen Freund erfahren, nach N. gereiſt ſei, vielleicht darüber nähere Auskunft geben könnte, hob er ſchnell, mit einem zornigen Blick zu Felix hinüber, den Kopf und öffnete den Mund, als ob er etwas ſagen wollte; aber er ſagte nichts und biß ſich in die Lippen; und heute Abend iſt er noch ganz beſonders verſtimmt.“—„Und das Alles heißt?“—„Das Alles heißt, daß Oswald Tante Berkow ſehr lieb hat und daß er nicht mag, wenn über ſie geſprochen wird; eben ſo wenig wie ich es mag wenn Tante und Felir über Dich ſprechen.—„Ach, Du weißt ja nicht, was Du redeſt.—„Natürlich, das iſt immer das Ende vom Liede; ich weiß 5* Problematiſche Naturen. nichts; ich bin ein dummer Junge; heiſa, heiſa, hopſaſa! ich habe keine Ohren, zu hören, keine Augen, zu ſehen? warum? weil ich erſt ſechzehn Jahre alt und mein Bart noch einiges zu wünſchen übrig läßt.“ Wie Helene dieſe Mittheilung aufnahm? ob ſie im Stillen nicht doch eine Art von Enttäuſchung empfand? ob ſie die Melancholie in Oswald's großen blauen Augen nicht doch anders erklärt hatte? viel⸗ leicht hätte ſie ſelbſt ſich darüber keine Rechenſchaft zu geben vermocht; auf jeden Fall aber wurde das Intereſſe, welches ſie ſeit dem Abend am Strande für Oswald zu empfinden begonnen hatte, noch bedeutend erhöht. Sie fing an, ihn noch genauer als vorher zu beobachten; ſie war aufmerkſam auf jedes ſeiner Worte; ſie ſang und ſpielte vor⸗ zugsweiſe gern die Lieder und Muſikſtücke, die ſeinen Beifall hatten; ſie freute ſich, als er wieder, wie früher, des Morgens in den Gar⸗ ten kam, und empfand es mit einiger Genugthuung, daß der jetzt ſo Schweigſame bei dieſen Gelegenheiten ſtets gute freundliche Worte für ſie hatte und auf jedes von ihr angegebene Thema, bald ernſt, bald launig, immer aber mit dem herzlichen Ton eines älteren Bruders, der einer lieben Schweſter gern von ſeinem reicheren Wiſſen mittheilt, einging. Uebte der Zauber von Oswald's Perſönlichkeit ſeinen Ein⸗ fluß auf das ſtolze, aber für alles Schöne und Edle tief empfäng⸗ liche Herz des jungen Mädchens? war es Eiferſucht? war es nur eine Art von Oppoſition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Pläne ihrer Mutter, die ſie gerade jetzt an einem Mann, über welchen ihr ariſtokratiſches Auge ſonſt wohl weggeblickt hätte, ein ſolches Intereſſe nehmen ließ? Die verſchiedenartigſten Empfindungen bekämpften ſich in ihrem Herzen, wie oft an einem tiefblauen Sommerhimmel leichte, graue Wolken durcheinander treiben und fließen, bis der Sturm in ſeiner Vollgewalt hereinbricht. Dritter Band. 69 Achtes Capitel. Die Baronin hatte dem von Felix geäußerten Rath, an dem geſelligen Leben des Adels der Umgegend in ſeinem Intereſſe einen lebhafteren Antheil zu nehmen, nach reiflicher Ueberlegung folgen zu müſſen geglaubt, und es dauerte nicht lange, als faſt kein Tag ver⸗ ging, an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarſchaft gebeten war, oder, was noch häufiger geſchah, ſelbſt Beſuch zu empfan⸗ gen hatte. Man ſchien entzückt, daß Schloß Grenwitz, früher wegen ſeiner Gaſtlichkeit mit Recht weit und breit berühmt, wieder, wie ſonſt, der Vereinigungspunkt der geſchäftigen Müßiggänger wer⸗ den ſollte: man billigte höchlichſt Anna-Maria's Entſchluß, das klöſterlich ſtille Leben, das ſie bis dahin geführt, mit einem neuen glänzenderen und einer ſo alten ruhmreichen Familie würdigeren zu vertauſchen; man ſagte ihr ſo viele Schmeicheleien über ihre Unter⸗ haltungsgabe, über ihr Talent, große Geſellſchaften zu arrangiren, daß ſie die Koſten, welche dieſe ihr ganz ungewohnte Gaftfreundſchaft veranlaßte, vor ihrem eigenen, in Geldangelegenheiten äußerſt ſtren⸗ gen und zarten Gewiſſen durch die unumgängliche Nothwendigkeit der Maßregel, ſo gut es gehen wollte, zu entſchuldigen ſuchte. Oswald hatte auf dieſe Weiſe ſchon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz her bekannten Geſichter wieder geſehen; aber noch keines von denen, die ihm einen vorzüglicheres Intereſſe abgewonnen hatten. Es war ein eigenthümlicher Zufall, daß an einem Nachmittage, theils gebeten, theils ungebeten, ſich beinahe Alle zuſammenfanden, die da⸗ mals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren, bis andere Ereigniſſe und andere Perſonen in den Vordergrund traten und jene verdrängten. Mit ſehr verſchiedenen Empfindungen ſah er nach und nach von Barnewitz mit ſeiner Gemahlin Hortenſe, Herrn von Cloten, den Grafen Grieben und Andere eintreten und ſein In⸗ tereſſe wurde geradezu ein peinliches, als zuletzt, ganz unerwartet noch ein Wagen vorfuhr, aus welchem Adolph und Emilie von Breeſen und die Tante Breeſen, deren zahnlofen Mund und ſpitze Zunge Oswald noch ſehr wohl in Andenken hatte, ſtiegen. 70 Problematiſche Naturen. „Hierher, mein feiner, junger Herr!“ rief die alte Dame, als ſie nach den erſten Begrüßungen ihn erblickte;„warum ſind Sie nicht uns zu beſuchen gekommen, wie Sie verſprochen hatten? habe ich Sie deshalb meinem ungerathenen Neffen als das Muſter eines wohl⸗ erzogenen jungen Mannes, der da weiß, was er alten Damen ſchuldig iſt, vorgeſtellt? habe ich deshalb Ihre Ausſprache des Franzöſiſchen meiner naſeweiſen Nichte als muſtergültig gerühmt? Schämen Sie ſich! ich beehre Sie mit meiner Ungnade!“ „Ich verdiene dieſe durchaus nicht, gnädige Frau!“ ſagte Oswald. „Ich konnte nicht kommen, wie ich wollte, und geſetzt, ich hätte wirk⸗ lich eine Unterlaſſungsſünde begangen, ſo bin ich doch wahrlich, auch ohne Ihre Ungnade, ſchwer genug beſtraft.“ „Ja, ja— ſchöne Redensarten, daran fehlt es Ihnen nicht. Sind Sie auch nicht weniger unartig, wie die andern jungen Leute, ſo ſind Sie doch ein wenig weniger plump, und ſchon deshalb muß ich Ihnen verzeihen. Hier haben Sie meine Hand, und nun ſehen Sie zu, wie Sie mit meiner Nichte fertig werden, ohne daß ſie Ihnen die hübſchen Augen auskratzt.“ Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rücken, und ließ ihn in einem von ſeiner Seite ſehr wenig erwünſchten téte⸗atéte mit der hübſchen Emilie, die, ohne die Augen von dem Boden zu erheben, mit leicht gerötheten Wangen und unruhig wogendem Buſen vor ihm ſtand. Oswald war feſt entſchloſſen, das kindiſche und doch gefährliche Spiel mit dem leidenſchaftlichen Mädchen nicht wieder zu beginnen. Er wünſchte und hoffte, daß ſie ſelbſt zur Beſinnung gekommen ſein möge. Er ſah es deshalb nicht ungern, als Fräulein Emilie einige gleichgültige Worte, die er an ſie richtete, ſcheinbar unbefangen beant⸗ wortete und ſich ſodann zu einer Gruppe junger Mädchen geſellte, die ſich um Helene geſchaart hatte, um den modiſchen Schnitt eines weißen Kleides, das ſie heute zum erſten Male trug, zu bewundern. Auch ſeine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger un⸗ erquicklich, als er nach ihrem letzten unverhofften Zuſammentreffen auf Oldenburg's Solitüde erwarten konnte. Der junge Edelmann that ſehr erfreut, ihn nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen; erkundigt Dritter Band. 6 ſich angelegentlich nach Oldenburg, erinnerte an das Piſtolenſchießen in Barnewitz und fragte, ob Oswald ihm heute Revanche geben wollte. Oswald war einigermaßen geſpannt, zu ſehen, wie ſich Cloten und Barnewitz gegen einander benehmen würden. Zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ſchien zwiſchen dieſen beiden Herren das voll⸗ ſtändigſte Einvernehmen zu herrſchen. Oldenburg hatte ſich in dieſer Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat gezeigt. Er hatte Jedem der Beiden eingeredet, daß der Andere nach ſeinem Blute lechze, und ſo die beiden Männer, die, nicht ohne alle Urſache, das Leben, das ſie führten, viel zu behaglich fanden, um ohne gewichtige Veranlaſſung daraus zu ſcheiden, für ſeine Vermittelungsvorſchläge geneigt gemacht. Herrn von Barnewitz hatte er Cloten's Liebeshandel mit Hortenſe als eine ganz unſchuldige Tändelei dargeſtellt, und ge⸗ ſchworen, wie er überzeugt ſei, daß dieſer junge Mann mit jener Dame zu keiner Zeit in einem intimeren Verhältniß geſtanden habe, als viele andere Bekannte, zum Beiſpiel er ſelbſt— eine arge Zwei⸗ deutigkeit, die indeſſen von dem nicht ſehr ſcharfſichtigen Ehemanne als ein Argument für die Unſchuld ſeiner Frau angeſehen wurde. Dem jungen ländlichen Don Juan dagegen hatte er den Rath gege⸗ ben, in Barnewitz' Gegenwart ein paar Mal ungezogen und grob gegen Hortenſe zu ſein, und vor Allem ſich irgend eine der Damen ihres Cirkels auszuwählen, um ihr möglichſt auffallend den Hof zu machen. Cloten äußerſt froh, ſich ſo leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen, hatte Oldenburg's Rath pünktlich befolgt und von Stund an begonnen, Fräulein von Breeſen zum Gegenſtand ſeiner Huldigungen zu machen. Er war indeſſen bisher in ſeinen Bemühungen ſehr wenig glücklich geweſen. Im Gegentheil. Er hatte viel Spott und Hohn aus dem Munde des übermüthigen Mädchens über ſich ergehen laſſen müſſen; ſeine Liebesverſiche⸗ rungen wurden mit ironiſchen Bemerkungen zurückgewieſen und ſeine Ritterdienſte mit einer Gleichgültigkeit entgegen genommen, die ihn, wenn es ihm wirklich Ernſt geweſen wäre, zur Verzweiflung ge⸗ bracht haben würden. Und es war ihm, wie es in ſolchen Dingen zu gehen pflegt, nach und nach wirklich Ernſt mit der anfänglich ſo 72 Problematiſche Naturen. leichtſinnigen Tändelei geworden; Fräulein Emilie gehörte nicht zu den Damen, mit welchen man ungeſtraft ſpielen und tändeln kann. Sie war ſo reizend ſelbſt in ihrem Uebermuth, ſo liebenswürdig ſelbſt in ihrer Ungezogenheit, daß der unglückliche Vogelſteller ſich von Tag zu Tag tiefer in die Netze, die er ſelbſt gelegt hatte, verſtrickte, und jetzt Alles darum gegeben haben würde, ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu erhalten. Wie überraſcht war er deshalb, wie außer ſich vor Entzücken, als ihm Fräulein Emilie, die er kaum noch anzureden wagte, heute mit der größten Freundlichkeit entgegen kam, ihn auf dem Spaziergang, den man durch den Garten machte, zum Begleiter erwählte, ihren Sonnenſchirm von ihm tragen, ſich Blumen von ihm pflücken, ein im Saale vergeſſenes Taſchentuch von ihm holen ließ, mit einem Worte, ſcheinbar Alles that, die ihm in den letzten Wochen zugefügten Beleidigungen in einer Stunde wieder gut zu machen. Cloten ſchwamm in einem Meere von Seligkeit; ſeine waſſer⸗ blauen Augen ſtrahlten; er drehte ohne Aufhören ſeinen kleinen blon⸗ den Schnurrbart und lächelte dumm vergnügt, ſo oft ihm eine Aeuße⸗ rung, wie: nun, Cloten, kann man gratuliren? oder: recht ſo, Cloten nur nicht ängſtlich! und ähnliche in's Ohr getuſchelt wurden. Oswald wußte nicht, was er von dieſer Komödie denken ſollte. Im Anfang glaubte er, Emilie wolle ihm nur zeigen: ſieh! es fehlt mir nicht an Bewunderern: Er konnte nicht annehmen, daß ein ſo geiſtvolles und— mochten ihre Fehler ſein, welche ſie wollten— immerhin liebenswürdiges, und jedenfalls ſehr hübſches Mädchen ſich ernſtlich für einen ſo faden Menſchen, wie Cloten, intereſſiren könnte. Als der Abend aber hereinbrach, die Geſellſchaft ſich aus dem Garten allmälig in die nach dem Raſenplatz führenden Zimmer zurückzog, und zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Cloten unermüdlich draußen promenirten, mußte er ſich wohl der Meinung der Geſellſchaft, daß die Verlobung zwiſchen Cloten und Fräulein von Breeſen nicht mehr lange auf ſich warten laſſen werde, anſchließen. Es that ihm leid um das Mädchen, das ſich ſo wegwerfen konntez dann aber dachte er wieder: Du brauchteſt Dir wahrlich wegen eines ſo leichtſinnigen Geſchöpfes keine ſo großen Gewiſſensbiſſe zu machen. Sie ſind im Dritter Band. 73 Grunde Eines des Andern vollkommen würdig. Ob ſich dieſer Cloten nicht ſchämt, vor den Augen der Frau, die er liebte, ein ſolches Schauſpiel aufzuführen? Er wandte ſich zu Hortenſe von Barnewitz, die in einer Fenſter⸗ niſche des Saales ganz allein ſtand. Die hübſche Blondine ſchien, ſehr gegen ihre Gewohnheit— denn ſie war eine der gefeiertſten und verwöhnteſten Damen— dieſe Vernachläſſigung von Seiten der Herren heute gern zu ſehen. „Werden Sie heute nicht tanzen, gnädige Frau?“ fragte Oswald. „Soll denn getanzt werden?“ antwortete Hortenſe, wie aus einem Traum erwachend. „Gewiß. Die Baronin läßt das Klavier in den Saal ſchaffen. Herr Timm hat ſich erboten, zu ſpielen; ich wollte mir erlauben, die gnädige Frau um den erſten Tanz zu bitten, im Fall Sie ſich noch nicht verſagt haben.“ „Ich mich verſagt? Bewahre! die Zeiten ſind vorüber, wo ich auf Wochen voraus zu jedem Tanz engagirt war. Ich überlaſſe das jetzt den Jüngeren.“ „Sie belieben zu ſcherzen.“ „Keineswegs. Sie ſind der Erſte und weil ich fürchte, daß Sie auch der Letzte ſein werden, will ich lieber gar nicht anfangen, ſondern Sie bitten, ſich ein wenig zu mir zu ſetzen, und die Zeit, die Sie mit mir vertanzen wollten, in aller Ruhe zu verplaudern. Iſt es Ihnen recht?“ „Die Frage beantwortet ſich ſelbſt,“ ſagte Oswald, Hortenſe einen Stuhl herbeiziehend. Setzen Sie ſich auch!“ ſagte dieſe.„Ich höre, Herr Doctor, Sie haben ein großes Talent zur Satyre; laſſen Sie mich eine Probe dieſes Talentes hören; an Stoff kann's Ihnen ja nicht fehlen, wenn Sie von unſerm Standpunkt aus einen Blick auf die Geſellſchaft hier im Saale werfen. Welche von den Damen halten Sie für die hübſcheſte?“ „Sie meinen die am wenigſten Häßliche?“ „Sie Spötter! Freilich, außer einigen erträglichen Toiletten iſt nicht viel Hübſches wahrzunehmen. Wie finden Sie Helene Grhnwitz?“ 74 Problematiſche Naturen. „Ich finde ſie gar nicht, trotzdem ich ſie überall mit den Blicken ſuche.“ „Dort, rechts von der Thür. Sie ſpricht mit ihrem Couſin Felix. Wie ſteht denn die Angelegenheit? hat Felir ſich noch immer nicht erklärt?“ „Jedenfalls noch nicht gegen mich.“ „Das glaube ich gern. Aber glauben Sie, daß er ſich erklären wird?“ „Nein.“ „Weshalb?“ „Weil ich die ganze Sache für unerklärlich halte.“ „Schwärmen Sie etwa für Fräulein Helene?“ „Ganz unendlich.“ „Sie intereſſiren ſich überhaupt wohl beſonders für junge Mäd⸗ chen, die eben aus der Penſion kommen?“ „Nur, wenn ſie wirklich intereſſant ſind.“ „Nicht immer; oder Sie wollen doch nicht behaupten, daß Emilie Breeſen dies Beiwort verdient?“ „Ich habe auch nie für Fräulein von Breeſen geſchwärmt.“ „Deſto mehr die Kleine für Sie. Lisbeth von Meyen iſt die Vertraute von Emilien's Liebeskummer geworden und Lisbeth hat natürlich die ganze Sa he ausgeplaudert.“ „Aber das iſt ja unmöglich!“ „Beruhigen Sie ſich nur! Sie ſehen ja, das gute Kind hat ſich ſchnell genug wieder getröſtet. Heute ſchwärmt ſie für Cloten; ein ander Mal wird ſie für einen Andern ſchwärmen. Die Kleine hat Talent, ſie kann es noch einmal weit bringen. Mich dauert nur der arme Cloten.“ „Aber weshalb begiebt er ſich in die Gefahr?“ „Freilich, und noch dazu ohne ſeinen Mentor.“ „Wer iſt das?“ „Baron Oldenburg. Er wird den Rath ſeines edlen Freundes heirathen.“ mißverſtanden haben und die kleine Emilie aus purem Mißverſtändniß Dritter Band. 75 „Sie belieben in für mich unergründlichen Räthſeln zu ſprechen, gnädige Frau.“ „Ich bitte um Verzeihung... Sagen Sie, ſind Sie wirklich, wie die Fama ſagt, in der kurzen Zeit der Buſenfreund des Barons geworden?“ „Die Fama hat in dieſem Falle wie ſtets aus der Mücke einen Elephanten gemacht.“ „Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine?“ ſagte Hortenſe und ſie blickte Oswald voll in die Augen. „Ich habe keinen Grund, das Gegentheil anzunehmen;“ antwortete dieſer, den das Geſpräch, welches er ganz abſichtslos angeknüpft hatte, auf eigenthümliche Weiſe zu intereſſiren begann. „So folgen Sie meinem Rath: hüten Sie ſich vor dem Baron, wie vor ihrem ſchlimmſten Feind!“ „Weshalb?“ „Weil er falſch iſt bis in das innerſte Herz hinein.“ „Sie kennen den Baron genau?“ „Und— verzeihen Sie mir, wenn ich eine ſo ſchwere Beſchuldi⸗ gung eines Mannes, den ich— ich geſtehe es— bis jetzt hoch ge⸗ achtet habe, nicht ſofort zu glauben vermag— haben Sie Beweiſe von des Barons Falſchheit?“ „Tauſend für einen.“ „Geben Sie nur einen!“ „Es bleibt unter uns, was ich ihnen erzählen werde?“ „Das verſpreche ich.“ „So hören Sie. Sie kennen meine Couſine Melitta. Nun, ſie hat ihre Schwächen wie wir Alle, aber ſie iſt doch im Grunde eine charmante Frau, die ich ſehr lieb habe, und um die es mir leid thun ſollte, wenn ſie ſich, wie es den Anſchein hat, wieder in dieſelben ſchlechten Hände giebt, aus denen ich ſie mit ſo viel Mühe glücklich erlöſt zu haben glaubte. Wenn Melitta nicht ſo gut iſt, wie ſie ſein könnte— Oldenburg allein hat es auf dem Gewiſſen. Er hat ihr, als ſie noch ein junges Mädchen war, mit ſeinen tollen Ideen den Kopf verdreht, daß ſie zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unter⸗ ſcheiden konnte. Er hat, als ſie endlich die ausgezeichnete Partie mit 76 Problematiſche Naturen. Herrn von Berkow gemacht hatte, das ganze, im Anfang ſo ſchöne Verhältniß zerſtört; und wenn Berkow zuletzt vor Eiferſucht toll ge⸗ worden iſt, es kann Niemand verwundern, der es, wie ich, mit an⸗ geſehen hat, wie es die Beiden trieben. Endlich gelang es mir, bei Melitta auszuwirken, daß ſie Oldenburg auf einige Zeit wenigſtens fortſchickte. Er ging; aber, als wir vor ein paar Jahren Italien be⸗ reiſten, ſtellte ſich Oldenburg wieder ein— ob zufällig, ob von Melitta herbeigerufen— ich laſſe es unentſchieden. Nach ihrem Be⸗ nehmen ſollte ich freilich das Letztere vermuthen. Das alte Lied be⸗ gann von Neuem. Einfame Promenaden, Austauſch von Liebesſchwü⸗ ren, wobei ſie ſich ſelbſt durch die Anweſenheit dritter Perſonen nicht geniren ließen— mit einem Worte: es war für Jemand, die, wie ich, etwas ſtreng in ſolchen Sachen denkt und die, wie ich, Melitta noch dazu ſo aufrichtig liebte, ein recht häßliches Schauſpiel. Vergebens bat und beſchwor ich Melitta, an ihren kranken Gemahl, an ihr Kind zu denken. Ich predigte tauben Ohren. Da entſchloß ich mich zu einem verzweifelten Mittel. Um ihr Oldenburg's Treuloſigkeit— von der mir von anderen Seiten die fabelhafteſten Dinge erzählt waren— zu beweiſen, ließ ich mich herbei, ihn glauben zu machen, ich ſelbſt liebte ihn. Es gehörte dazu nicht viel, denn der Baron iſt eben ſo eitel, wie er verrätheriſch und zügellos in ſeinen Leidenſchaften. Bald verfolgte er jetzt mich mit ſeinen Huldigungen— natürlich, ohne ſich Melitta gegenüber zu verrathen. Dabei ſprach er ſo lieblos, ſo ſchlecht von meiner armen Couſine, daß ich kaum im Stande war, die Maske, die ich vorgenommen hatte, feſtzuhalten. Und doch mußte ich es, bis Oldenburg, von ſeiner Leidenſchaft hingeriſſen, blind in das Netz rannte, das ich ihm ſtellte. Ich wußte es ſo einzurichten, daß er— es war im Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo— mir eine feurige Liebeserklärung machte, während Melitta ſechs Schritte davon hinter einem Myrthengebüſche ſtand. Die Arme! es war eine ſchmerzliche Operation, aber ich konnte ihr nicht anders helfen. Oldenburg war natürlich am nächſten Morgen verſchwunden. Ich ſuchte Melitta zu zerſtreuen, ſo gut es ging, und ich muß geſtehen, ſie zeigte ſich gefaßter, als ich nach einer ſo ſchmerzlichen Enttäuſchung, einer ſo tiefen Demüthigung für möglich gehalten hätte. Ich hoffte, Dritter Band. 77 daß die grauſame Lehre, die ſie empfangen, ihr ein für alle Mal über Oldenburg die Augen geöffnet hätte; hoffte es um ſo mehr, als der Baron ihr durch mehrjährige Abweſenheit Zeit genug zur Beſinnung ließ. Da plötzlich taucht er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf. Mir ahnte ſofort nichts Gutes— denn das Erſcheinen dieſes Mannes iſt immer von etwas Außergewöhnlichem begleitet. Wie er es angefangen hat, ſich wieder Melitta's Gunſt zu erwerben, wie es möglich iſt, daß Melitta ſchwach genug ſein konnte, ihm wie⸗ der ihre Gunſt zu gewähren— ich weiß es nicht— denn Beide haben in einem hohen Grade das Talent, ihre Handlungen den Blicken der Menſchen zu entziehen. So viel ſteht feſt: eine Ausſöh⸗ nung— von der wir bei einem ſo erfahrenen Paare annehmen müſſen, daß ſie eine vollſtändige war— kam zu Stande, und damit die Feier dieſer Ausſöhnung möglichſt geheim bleibe, machen ſie eine gemein⸗ ſchaftliche Badereiſe; und wohin? nach Fichtenau, dem Orte, wo der Gemahl Melitta's ſeit ſieben Jahren krank liegt! Wahrlich, ich bedaure Melitta. Wenn ſie darauf ausging, ihren Ruf zu ruiniren, ſie hätte es hier bequemer haben können. Denn geſetzt auch, Berkow's tödtliche Krankheit iſt nicht fingirt, was hat denn Oldenburg, der dieſe Krank⸗ heit jedenfalls mit veranlaßt hat, dabei zu thun? und glaubt denn Melitta, daß der Baron ſie nach dem Tode Berkow's heirathen wird? Du lieber Himmel! wenn Oldenburg alle Frauen heirathen ſollte, denen er in ſeinem Leben Liebe geſchworen, er müßte ſich ein Serail anlegen, in welchem alle Stände von der Herzogin bis zur Kammer⸗ jungfer, alle Nationen und ich glaube auch alle Racen vertreten wären. Aber, mein Gott, was iſt Ihnen? Sie ſehen ja wie eine Leiche aus! Sind Sie nicht wohl?“ „Es iſt nur die übergroße Hitze,“ ſagte Oswald, ſich erhebend; „ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie ſo plötzlich verlaſſe. Ich will verſuchen, ob die friſche Abendluft mich wieder herſtellt.“ Er machte Hortenſe eine ſehr förmliche Verbeugung und entfernte ſich, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Nun, was bedeutet denn das?“ fragte dieſe, indem ſie dem Forteilenden verwundert nachſah.„Hat meine vortreffliche Couſine auch hier eine Eroberung gemacht? und habe ich, ohne es zu wiſſen Problematiſche Naturen. und zu wollen, zwei Fliegen mit einer Klappe geſchlagen? Eigentlich wollte ich blos Oldenburg einen Freund rauben, wenn ich Melitta bei der Gelegenheit auch um einen Bewunderer ärmer gemacht habe— deſto beſſer. Ich glaube, aus dem jungen Menſchen wäre etwas zu machen. Freilich— ich muß jetzt etwas vorſichtig ſein, denn Barne⸗ witz iſt nach der letzten Affaire mit Cloten ein wahrer Othello— da koenmt er ja... nun, lieber Barnewitz, ſiehſt Du Dich auch einmal nach Deiner verlaſſenen kleinen Frau um? ich ſitze hier nun ſchon den ganzen Abend und, ſchmachte nach Dir.“ „Warum tãij Du denn nicht?“ „Meinſt Du, daß es mir Vergnügen macht, wenn Du nicht da⸗ bei biſt?“ „Ich habe mit dem jungen Grieben und Anderen ein kleines Jeu arrangirt; aber ich kann ſchon einmal mit Dir herumſprin⸗ gen. Komm! ſie fangen eben einen Walzer an. Das iſt ſo meine Force!“ Und das glückliche Paar trat in die Reihe der Tanzenden. Unterdeſſen irrte Oswald in dem Garten umher, ruhelos, wie ein von furchtbaren Schmerzen Gepeinigter. Aus den offenen Fenſtern und Thüren der Zimmer ſtrahlten die Lichter; um den Raſenplatz herum hatte Anna⸗Maria Laternen von buntem Papier aufſtellen laſſen, die der helle Mondſchein ziemlich überflüſſig machte. Von Zeit zu Zeit traten einzelne Paare auf den Platz hinaus und pro⸗ menirten in der balſamiſchen Nachtluft. Es war eine feſtliche, heiter ſchöne Scene, die Oswald's verdüſtertes Gemüth beleidigte, wie wenn ein Freund zu unſeren Qualen lächelt. Er erſtieg den Wall, ſetzte ſich auf eine Bank und ſtarrte, den Kopf in die Hand gedrückt, in das Waſſer des Grabens, auf dem die Mondesſtrahlen unheimlich glitzerten. „Wäre es nicht beſſer, Du machteſt Deinem elenden Daſein ein ſchnelles Ende,“ murmelte er,„als daß Du Dir zur Qual und Keinem zur Freude die Bürde des Lebens weiter ſchleppſt? Willſt Du denn fortvegetiren, bis Dir jede Illuſion zerſtört iſt, bis Du Alles und Jedes, was Du werth und heilig hieltſt, über Bord geworfen haſh über Bord haſt werfen müſſen? willſt Du denn warten, bis Dir die Dritter Band. 79 Geduld vollends ausgeht, wie dem edlen, großherzigen Berger? So alſo ſieht das Bild der Frau aus, vor der Du wie vor einer Heili⸗ gen gekniet haſt? das iſt der Mann, deſſen Hand in der Deinen zu halten, Dir eine Ehre ſchien? Du warſt ihr nichts als ein Spielball ihrer hochadligen Laune, und er hat ſeinen allerliebſten freiherrlichen Scherz mit Dir getrieben? Aber das iſt ja nicht möglich! nicht mög⸗ lich? warum denn nicht? iſt die Welt, in der ſich dieſe Menſchen be⸗ wegen, nicht durch und durch verfault und verrottet? iſt ihr ganzes Leben nicht eine gemeine Intrigue? betrügt hier nicht die Gattin den Gatten? und dieſer jene? verkauft nicht der Vater ſeine Tochter? verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen Fleiſch und Blut? verräth nicht der Freund den Freund? plaudert eine Kokette nicht die Geheimniſſe der andern aus? weshalb wähnſt Du denn, ſie würden mit Dir, dem Plebejer, dem Arbeiter für Lohn und Brot, beſſer verfahren? Und doch, und doch! es iſt entſetzlich! Das Weib, das Du angebetet, wie eine Gottheit, die Maitreſſe eines Andern, ihn betrügend, Dich be⸗ trügend, um von ihm wieder betrogen zu werden! Und Du, gut⸗ müthiger Narr, kämpfſt wie ein Wahnſinniger mit Deiner Leidenſchaft für das holde, herrliche Geſchöpf, die einzig Reine in dieſem Hexen⸗ ſabbath, denn ſie iſt rein und gut, oder es giebt nichts Reines auf dieſer Welt. Nein, nein! und wenn Alles um Dich her Lug und Trug iſt, und ſchwarzer, tückiſcher Verrath— auf dieſen einen hohen Stern willſt Du Dein Auge heften— es iſt Dein Stern! denn nur das unerreichbar Hohe iſt Deiner Liebe werth! um die Irrlichter, die auf dem Sumpfe tanzen, mögen ſich die Molche mit den Kröten zanken.“ Ein leichtes Geräuſch an ſeiner Seite machte ihn aus ſeiner ge⸗ bückten Stellung auffahren. Eine ſchlanke Frauengeſtalt in einem weißen Gewande ſtand vor ihm. Durch eine Lücke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenſtrahl auf die ſchlanke, weiße Geſtalt. Es war Emilie von Breſen. „Still!“ ſagte ſie, als Oswald ſich mit einem leiſen Ruf der Verwunderung erhob;„bleiben Sie ſitzen! Ich ſah Sie aus dem Saale gehen; ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie ſprechen will, ſpre⸗ hen muß. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Es bedarf nur Fr. S 6 Problematiſche Naturen. eines Wortes... eines einzigen Wortes, das über mein Leben ent⸗ ſcheiden ſoll. Liebſt Du mich? ja? oder nein?“ Das junge Mädchen hatte Oswald's Hand ergriffen, die ſie mit krampfhafter Heftigkeit preßte.„Ja? oder nein?“ wiederholte ſie in einem Tone, der die Leidenſchaft, die in ihr wühlte, deutlich genug verrieth. Aber Oswald's Ohr war taub gegen dieſen Ton; ſein Herz ver⸗ ſchloſſen, wie das Haus eines Mannes, den die Diebe in der Nacht zuvor beſtohlen haben. „Sie irren ſich ohne Zweifel in der Perſon,“ ſagte er mit ſchnei⸗ dendem Hohne.„Ich heiße Oswald Stein; Herr von Cloten iſt, ſo viel ich weiß, drinnen im Saale;“ und er ſuchte ſeine Hand aus der des Mädchens loszumachen. „Habe ich das verdient?“ ſagte dieſe mit von Thränen faſt er⸗ ſticter Stimme, und ſie ließ die Arme wie in Verzweiflung ſinken. „Die Nacht iſt kühl,“ ſagte Oswald, der ſich erhoben hatte;„der Thau beginnt zu fallen; Sie werden ſich in dem leichten Anzug er⸗ kälten. Darf ich die Ehre haben, Sie in den Saal zurückzube⸗ gleiten?“ S „O mein Gott, mein Gott!“ murmelte Emilie,„das ertrage ich nicht! Oswald, ſtoße mich nicht ſo von Dir! wie hab' ich mich nach dieſem Augenblicke geſehnt! wie habe ich mir tauſend⸗ und tauſend⸗ mal wiederholt, was ich Dir Alles ſagen wollte! wie habe ich gehofft, daß Du mich wieder in die Arme nehmen würdeſt— o, mein Him⸗ mel, was rede ich? Oswald, habe Mitleid mit mir! Du kannſt meinen Uebermuth von heute Abend nicht ſo grauſam ſtrafen wollen. Ich wollte Dich ein wenig necken; ich dachte jeden Augenblick, Du würdeſt zu mir treten, und da wollte ich Dir Alles ſagen. Aber Du kamſt und kamſt nicht; und ich mußte die Komödie weiter ſpielen, ſo ſchwer es mir wurde.“ „Sind Sie ſicher, mein Fräulein, daß Sie nicht ſelbſt noch in dieſem Augenblick Komödie ſpielen?“ Emilie antwortete nicht. Sie ſank mit einem leiſen Stöhnen auf die Bank, preßte ihr Geſicht in die Hände und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. 6 Drttter Band. Oswald gehörte nicht zu den Männern, die ungerührt ein Weib können weinen ſehen. Er trat dicht vor die Unglückliche und ſagte in viel milderem Ton: „Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zuhören?“ Emilien's einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen. „Glauben Sie mir,“ fuhr Oswald fort;„ich bedaure von gan⸗ zem Herzen, daß eine ſolche Scene wie dieſe möglich wurde, und ich fühle, daß ich einzig und allein die Schuld davon trage. Hätte ich Ihnen an jenem Abend geſagt, was ich Ihnen heute ſagen muß, Ihr Stolz würde Alles längſt entſchieden haben.— Ich kann Sie nicht lieben; das klingt ſehr wunderlich gegenüber einem ſo holden, liebens⸗ würdigen Geſchöpf, aber es iſt dennoch wahr. Warum wollen Sie nun Ihre Liebe an Jemand verſchwenden, der ſich des koſtbaren Geſchenkes ſo ganz unwürdig zeigt? warum nicht Jemand damit be⸗ glücken, der mehr Talent zum Glücklichſein und zum Beglücktwerden hat, als ich?— Ich bin gerade jetzt in einer ſehr gedrückten Stim⸗ mung, die mich wohl noch mehr wie gewöhnlich unfähig macht, die Dinge und die Menſchen in dem rechten Lichte zu ſehen. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich Sie vorhin durch bittere, unüberlegte Worte gekränkt habe, zu denen ich kein Recht habe und die ich nicht hätte brauchen dürfen, ſelbſt wenn ich im Rechte geweſen wäre. Ich bitte, ich beſchwöre Sie: vergeſſen Sie, was zwiſchen uns vorgefallen iſt! und laſſen Sie ſich vor Allem durch dieſe Kränkung nicht zu Ent⸗ ſchlüſſen verleiten, die ſie ſpäter und zu ſpät bereuen würden. Sie haben geſehen, was es heißt, ſeine Liebe einem Unwürdigen ſchenken. Sollte Ihnen dieſe Erfahrung in der Wahl, die Sie über kurz oder lang treffen werden, zu Statten kommen, ſo will ich gern für den Augenblick von Ihnen verkannt ſein, gern Ihren Haß, ſelbſt Ihre Verachtung auf mich geladen haben.“ Emilie hatte, während Oswald ſprach, allmälig zu weinen auf⸗ gehört. Jetzt ſtand ſie auf und ſagte in beinahe ruhigem Ton: „Es iſt genug! Ich danke Ihnen, Sie haben mir die Augen ge⸗ öffnet. Sie ſollen nie wieder von mir beläſtigt werden. Sagen Sie mir nur noch dies Eine: werde ich einer Anderen geopfert? lieben Sie eine Andere?“ Fr. Spielhagen's Werke. III. 6 „ Problematiſche Naturen. „Ja,“ ſagte Oswald nach kurzem Bedenken. „Es iſt gut! Und nun hören Sie dies! Wie ich Sie geliebt habe, mit aller Gluth meines Herzens, ſo haſſe ich Sie jetzt; und wie ich noch vor wenigen Minuten mein Leben freudig für Sie dahin⸗ gegeben haben würde, ſo heiß wünſche ich jetzt, mich für dieſe Schmach an Ihnen zu rächen. Und ich werde mich rächen; ich werde—“ Wiederum brach ſie in leidenſchaftliches Weinen aus: aber ſie bezwang ſich ſogleich wieder. „Sie ſind es nicht werth, daß ich ſo viel Thränen um Sie weine. Nun ſetzen Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fuße in den Saal, damit ja doch die Welt erfahre, welche Närrin ich geweſen bin!“ Und ſie eilte von Oswald fort, den Wall hinab, an dem Raſen⸗ platze vorüber nach dem Saal, wo noch immer eifrigſt getanzt wurde. Von Cloten, der ſie überall in den Zimmern vergeblich geſucht hatte und jetzt melancholiſch an einen Thürpfoſten gelehnt ſtand, erblickte ſie ſofort und kam eiligſt auf ſie zu. „Mein gnädiges Fräulein! haben mich in wahre Todesangſt ver⸗ ſetzt! war bei Gott an désespoir! glaubte wahrhaftig, der Himm⸗ liſchen Einer habe Sie mir entführt.“ „Ich habe in aller Stille über das, was Sie mir vorhin ſagten, nachgedacht, Herr von Cloten,“ antwortete Emilie. „Wahrhaftig! Sie ſind ein Engel! und ich darf hoffen!“ fragte von Cloten, der die gerötheten Augenlider und das aufgeregte Weſen des jungen Mädchens natürlich zu ſeinen Gunſten auslegte. „Gehen Sie zu meiner Tante!“ „Wirklich? wahrhaftig? ich kann es nicht glauben!“ rief der junge Mann, und ſein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht. „So gehen Sie nicht hin!“ antwortete Fräulein Emilie in einem Ton, der jeden Unbefangenen um die Feſtigkeit des Bundes, der hier geſchloſſen werden ſollte, bange gemacht hätte. „Mein Gott, Emilie, Engel, zürnen Sie nicht! ich eile, ich fliege—“ Und Herr von Cloten entfernte ſich in augenſcheinlichſter Ver⸗ wirrung, um Emiliens Tante aufzuſuchen. Dritter Band. 83 Emilie blieb auf demſelben Platze ſtehen, bleich, die Arme ver⸗ ſchränkt, die großen Augen ſtarr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet, ohne mehr zu ſehen, als wenn ſie die Blicke in's Leere ge⸗ richtet hätte. „Sie ſind klüger, als wir Andern!“ ſagte eine Stimme dicht neben ihr. Es war Felir von Grenwitz; er hatte ſich auf einen Stuhl geworfen und trocknete ſich mit einem Batiſttaſchentuche die naſſe Stirn. „Lächerlich, bei der Hitze herumzuſpringen; ich dächte wir hörten endlich einmal auf. Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Klavier abgelöſt; das Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Ein⸗ fälle. Meinen Sie nicht auch, Fräulein Emilie?“ „Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer.“ „Unmöglich.“ „Nun, vielleicht an dem rechten Tänzer.“ „O'est à dire?“ „An dem, mit welchem ſie gern tanzt.“ „Ich bin ſtets hier geweſen.“ „Sie bilden ſich doch nicht etwa ein, daß Sie der Glückliche ſind?“ „Wer denn ſonſt?“ „Wiſſen Sie nicht, wo Herr Stein geblieben iſt?“ „Nein, weshalb?“ „Ich frage nur Fräulein Helenens halber. Bemerken Sie nicht, wie ſie die großen, ſtolzen Augen fortwährend ruhig, aber unaufhör⸗ lich durch den Saal ſchweifen läßt?“ „Das kann doch unmöglich Ihr Ernſt ſein?“ „Weshalb denn nicht? Iſt Herr Stein nicht ein ſehr hübſcher Mann? und hat nicht Helene, wie Sie ſelbſt ſagen, wunderliche Einfälle?“ „Mein Fräulein,“ ſagte Felix ernſt;„wollen Sie mir die Gnade erweiſen, mir zu ſagen, ob Sie beſondere Gründe zu dieſer eigen⸗ thümlichen Vermuthung haben?“ „Natürlich habe ich beſondere Gründe.“ 84 Problematiſche Natüren. „Und wollen Sie die Güte haben, mir dieſe Gründe zu nennen?“ „Das kann ich nicht.“ In dieſem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht. „Mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er;„Ihre Frau Tante wünſcht Sie zu ſprechen. Darf ich die Ehre haben, Sie zu ihr zu begleiten?“ „Sogleich!“ ſagte Emilie, und dann zu Felir:„Verlaſſen Sie ſich auf das, was ich Ihnen ſagte; ich habe ſcharfe Augen und Ohren.“ Sie nahm Cloten's Arm. „Der Sache muß ich auf den Grund kommen,“ ſagte Felir bei ſich, als die Beiden ſich entfernt hatten.„Helenens Benehmen in den letzten Tagen iſt wirklich auffallend.“ Er trat an das Klavier:„Soll ich Ihnen die Blätter umſchlagen, Helene?“ „Danke!“ antwortete Helene trocken;„ich ſpiele aus dem Kopf.“ Nach einer kleinen Pauſe:„Bitte Couſin, gehen Sie fort; es ängſtigt mich, wenn Jemand ſo dicht hinter mir ſteht.“ „Ich dächte, Doctor Stein hätte geſtern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen geſtanden, ohne daß Sie irgend welche Angſt verrathen hätten.“ „So werde ich aufſtehen;“ ſagte Helene, griff ein paar ſchnelle Schlußaccorde und ging, ohne das Ach! der mitten im beſten Tanze Geſtörten zu beachten, von dem Klavier fort. „Das iſt doch ſtark;“ ſagte Felix bei ſich. „Weshalb hörte denn Helene ſo plötzlich auf zu ſpielen?“ fragte die Baronin, welche die Scene aus der Entfernung beobachtet hatte, herantretend. „Ich weiß es nicht; ſie wird mir wohl etwas übel genommen haben. Sie iſt doch eigenſinniger und launiſcher, als ich dachte. Meinen Sie nicht auch, Tante, daß der Menſch, der Stein, mit ſeinen corrupten Anſichten doch einen ſchädlichen Einfluß nicht blos auf Bruno, ſondern auch auf Helene ausübt?“ „Ich habe Ihnen ja immer geſagt, daß ich dem Menſchen nicht im mindeſten traue.“ „So jagen Sie ihn doch fort.“ Dritter Band. 85 „Ohne alle Veranlaſſung?“ „Pah, die findet ſich. Wollen Sie mir die Erlaubniß gebe eine zu ſuchen?“ „Aber ohne daß ein Scandal daraus wird.“ „Laſſen Sie mich nur machen.“ „Es muß ſo eingerichtet werden, daß er ſelbſt um ſeine Entlaſ⸗ ſung bittet.“ „Weshalb?“ „Ich habe meine Gründe— und Felix, ſagen Sie Grenwitz nichts davon. Er iſt in der letzten Zeit ſo rechthaberiſch und eigen⸗ ſinnig geworden! Ich fürchte ſogar, er ſinnt darauf, unſer Project mit Helene zu ſtören. Ich bitte Sie, Felir, ſeien Sie vorſichtig! Ich wäre außer mir, wenn die Sache ſich zerſchlüge, nachdem ich ſie fchon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli dar⸗ geſtellt habe.“ „Pah! Tante, ſchon wieder ängſtlich? Vertrauen Sie mir: ich pflege zu Ende zu bringen, was ich anfing.“ Ueuntes Capitel. Als Oswald, nach der peinlichen Scene mit Emilie von Breeſen auf ſein Zimmer kam— denn zur Geſellſchaft zurückzukehren, war ihm unmöglich— ſah er auf ſeinem Tiſche ein Packet liegen, das während ſeiner Abweſenheit dort hingelegt ſein mußte. Schon der Zuſatz zur Adreſſe:„Hierbei die bewußten Bücher mit vielem Dank zurück. Ihr getreuer B.“ ſagte ihm, von wem dieſes Packet gebracht worden war, und was es enthielt. Und ſeltſam! er zögerte, das Band, welches es umſchloß, zu löſen. Es war ihm, als ob er kein Recht mehr zu Melitta's Briefen habe, ſeitdem ſein Herz ihr nicht mehr ganz gehörte, als ob vor allem ſie, deren Herz er nie vollſtändig be⸗ ſeſſen, nie das Recht gehabt, ihm dieſe Zeichen der Liebe zu geben. 86 Problematiſche Naturen. Endlich, faſt mechaniſch, öffnete er das Packet. Es waren drei Bücher darin. Aus dem mittleren fielen zwei Briefe— der eine von Me⸗ litta, der andere von Bemperlein. Melitta's Brief enthielt nur we⸗ nige herzliche Worte, die„über die lange Trennung, in welcher ſich mit dem weiten Raum auch noch ſo vieles Andere zwiſchen die Herzen, die einſt voller Seligkeit aneinander geſchlagen, drängen könnte, klagten; und ſchließlich die Hoffnung eines richt baldigen Wiederſehens aus⸗ drückten.“ Der Brief trug keine Unterſchrift.„Er könnte ja in fremde Hände fallen;“ ſagte Oswald bitter. KIch will noch großmüthiger ſein, ich will dieſen Zeugen eines Verhältniſſes, deſſen ſie ſich zu ſchämen beginnt, vernichten;“„und verbtannte das Papier an der Flamme des Lichtes. Der Bzief von Bemperlein war ausführlicher, aber er handelte faſt nur von Profeſſot Berger. Bemperlein war während ſeines kurzen Aufenthalts in Gtünwald ſehr viel in der Ge⸗ ſellſchaft des Profeſſors, an welchen ihn Oswald ſo warm empfohlen hatte, geweſen, und hatte ſich die Gunſt des wunderlichen Mannes im hohen Grade erworben, ebenſo wie er ſich ſeinerſeits für den ge⸗ nialen Gelehrten begeiſterte. Man kann ſich daher ſein Entſetzen vor⸗ ſtellen, als Doctor Birkenhain ihm eines Tages mittheilte, ſo eben ſei der Profeſſor Berger in das Krankenhaus abgeliefert worden. Bem⸗ perlein ſchrieb Oswald, daß er ſogleich um die Erlaubniß gebeten habe, Berger beſuchen zu dürfen; daß ihm dieſe Erlaubniß gegeben ſei, und daß er ſeitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe, der ſeine Geſellſchaft jeder andern vorziehe. Berger ſpreche größtentheils vollkommen vernünftig, nur komme er bei der geringſten Veranlaſſung auf ſeine fixe Idee des Nichts zurück. Er finde es ganz in der Ordnung, daß man ihn in eine Irrenanſtalt gebracht habe,„denn,“ ſagte er,„der Unterſchied zwiſchen den Leuten draußen und denen drinnen beſtehe nur darin, daß jene das werden könnten und reſpective werden würden und eigentlich werden müßten, was dieſe ſchon ſeien. Wenn z. B. Doctor Birkenhain nur gefälligſt einmal ſeinen Kopf auseinander nehmen wollte, ſo würde er die ab⸗ ſolute Hohlheit deſſelben mit eigenen Augen wahrnehmen und ſich in ſeinem Hauſe ein behagliches, ſonniges Zimmer anweiſen laſſen, um in aller Stille über das große Ur⸗Nichts nachzudenken.“ Bemperlein Dritter Band. 87 ſchrieb, daß Doctor Birkenhain Berger's Wahnſinn nur für temporär . halte und die beſtimmte Hoffnung habe, den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit ſeinen Freunden und Schüleyn geheilt zurückzuſenden. „Was uns ſelbſt angeht,“ ſchloß Bemperlein,„ſo wird Ihnen die gnädige Frau ja wohl Alles der Ordnung gemäß berichtet haben. Ich füge nur noch hinzu, daß unſers Verbleibens hier, Gott ſei Dank, nun wohl nicht mehr lange ſein wird. Herr von Berkow wird täg⸗ lich ſchwächer; die Schwindſucht macht reißende Fortſchritte. Birken⸗ hain giebt ihm nur wenige Tage. Wir bleiben auf jeden Fall, bis Alles entſchieden iſt. Ich ſehe dieſem Augenblick mit einer Ungeduld entgegen, die ganz rein von Selbſtſucht iſt. Aus dem Tode dieſes Unglücklichen, der nun ſchon ſeit Jahren kaum poch zu den Lebenden gehört, wird für zwei Menſchen ein neues Leben erblühen— zwei Menſchen, die mir unendlich werth und theuer find.“ „Wirklich?“ ſagte Oswald, den Brief auf den Schooß ſinken laſſend.„Biſt Du deſſen ſo gewiß, guter Bemperlein? Freilich, was ahnt Dein reines Herz von adligem Verrath und freiherrlicher Tücke? — Und doch! weshalb erwähnt er auch Oldenburg's Anweſenheit nicht? was hat er davon, ein Factum zu verſchweigen, von dem er wiſſen mußte, daß es mich intereſſiren würde? So iſt auch er in dem Complot? Wohl; ſo willſt du fortan dich auf Niemand verlaſſen, als auf dich ſelbſt! Unter den Wölfen muß man heulen, und der iſt ein Narr, der unter Betrügern und Lügnern den ehrlichen Mann ſpielen will. Heuchelt Ihr— ich kann es auch; ſpielt Ihr Komödie — ich will nicht im Parterre ſitzen; lacht Ihr Euch in's Fäuſtchen— ich werde nicht weinen, und wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Ha, ha, ha.“ „Ich freue mich, Sie in ſo ausgezeichneter Laune zu treffen;“ ſagte eine Stimme hinter ihm. Oswald fuhr von ſeinem Stuhle empor und ſtarrte die lange Geſtalt, die plötzlich, wie aus dem Boden gewachſen, vor ihm ſtand, erſchrocken an. Es war Baron Oldenburg. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte er, Oswald die Hand, welche dieſer zögernd ergriff, entgegenſtreckend;„daß ich ſo unange⸗ 88 Problematiſche Naturen. meldet und wie Nikodemus in der Nacht bei Ihnen erſcheine. Aber ich komme dieſen Augenblick erſt von meiner Reiſe zurück und hörte von einem Bedienten, der mit einem Präſentirbrett voll Gläſer und Taſſen an mir vorbeirannte, Sie ſeien auf Ihr Zimmer gegangen. Der Mann hatte eben nur noch Zeit, mir den Weg zu beſchreiben, und klapperte mit ſeinen Gläſern weiter. Und da bin ich denn nun, und, wie geſagt, freue mich, Sie in guter Stimmung zu finden, denn ſonſt hätte ich kaum den Muth, Ihnen zu ſagen, weshalb ich da bin. Wiſſen Sie, wo wir heute Nacht vor einem Monat waren? Es iſt die Nacht, welche uns die braune Gräfin zum Rendezvous beſtimmte. Nehmen Sie noch ſo viel Intereſſe an mir und unſerer kleinen Pflege⸗ befohlenen, um mich zu dem bewußten Platze zu begleiten?“ „Ich ſtehe in einigen Minuten zu Ihrer Verfügung,“ ſagte Os⸗ wald;„erlauben Sie nur, daß ich mich ein wenig zu unſerer Fahrt zurecht mache. Er nahm eins der beiden Lichter, die auf dem Tiſche hrannten und ging in die Nebenſtube. „Ziehen Sie ſich ja warm an;“ rief ihm Oldenburg nach;„es iſt jetzt ſehr kühl gegen Morgen, noch dazu im Walde.“ „Hm!“ murmelte er, als Oswald verſchwunden war;„er ſieht bleich und angegriffen aus, und war weniger freundlich, als ſeine Gewohnheit iſt. Er wird doch nichts von meinem Aufenthalte in N., den ich ihm ſo ſorgfältig verheimlichte, erfahren haben? Ich muß ihn ein wenig aushorchen. Es wäre fatal, denn ich ſpreche mit Niemand gern über mein Verhältniß zu Melitta, mit ihm am wenigſten.“ Unterdeſſen ſagte Oswald, während er ſich umzog, vor ſich hin: „Jetzt gilt es klug ſein, wie die Schlange. Spielt Ihr mit mir, ſo will ich mit Euch ſpielen.“ Er trat wieder ins Zimmer. „Ich bin bereit.“ „So wollen wir aufbrechen.— Mein Wagen hält vor dem Thor;“ ſagte der Baron, während ſie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterſtiegen;„die Czika ſitzt, in meinen Mantel gehüllt, darin. Meinen Sie nicht auch, daß es gerathen iſt, das Kind zu der Zu⸗ ſammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Dritter Band. 89 Mutter iſt, ſo ſind wir ihr wohl dieſe Aufmerkſamkeit ſchuldig. In jedem Fall kann ſie ſich überzeugen, daß das Kind lebt und geſund iſt und ſich in ſeinen neuen Verhältniſſen wohl befindet.— Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß? AnncMaria iſt doch ſonſt keine Freundin von Feſtgelagen. Iſt Malte vielleicht fortgelau⸗ fen geweſen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geſchlachtet?“ „Es handelt ſich nicht um einen verlornen Sohn, ſondern um eine wiedergefundene Tochter,“ ſagte Oswald, ſich zu einem ſcherz⸗ haften Tone zwingend;„Fräulein Helene iſt aus der Penſion zurück. Seitdem reiht ſich Feſt an Feſt.“ „Tempora mutantur;“ lachte Oldenburg;„das muß ja eine Circe von Mädchen ſein, die ſolche Metamorphoſen zu Wege bringen kann. Iſt ſie ſchön?“ „Mir erſcheint ſie ſo.“ „Laſſen Sié uns einmal an die Fenſter treten,“ ſagte Oldenburg. als ſie jetzt quer über den Raſenplatz ſchritten;„ich bin unendlich neugierig, dies Wunder zu ſehen. Es wird uns ja Niemand be⸗ merken.“ Er ſchritt nach der Treppe, die auf den Perron hinaufführte. Oswald folgte. Die Thüren waren jetzt, wo es draußen kühler wurde, geſchloſſen, auch die Fenſter; aber die Vorhänge waren nicht herunter⸗ gelaſſen; man konnte von dieſem Standpunkte aus Alles beobachten, was in den blendend hell erleuchteten Zimmern vorging. Als ſie an das Fenſter traten, ſaß ihnen gerade gegenüber Helene am Klavier, Felir ſtand hinter ihrem Stuhl. Er beugte ſich über ſie und ſchien eifrig mit ihr zu ſprechen. Oldenburg's falkenſcharfes Auge hatte ſogleich die Gruppe erfaßt: „Wer iſt der junge Mann?“ fragte er. Als Oswald nicht antwortete, warf der Baron den Blick auf ihn und ſah, daß er die Unterlippe zwiſchen die Zähne gepreßt hatte und die ſtarren Augen nicht von den Beiden am Klavier wegwandte. Felir beugte ſich noch tiefer; Oswald preßte die Lippe, daß das Blut durch die Haut ſprang. Da ſtand Helene plötzlich auf, und ſchritt durch die Gruppen der Tänzer, die durch das Aufhören der Muſik 90 Problematiſche Naturen. wie am Boden gefeſſelt waren, oder lachend weiter zu tanzen verſuch⸗ ten, hindurch, gerade auf das Fenſter zu, vor welchem Oldenburg und Oswald ſtanden, die ein paar Schritte zurück in den Schatten traten. Sie blieb, in der Fenſterniſche angelangt, ſtehen, die Arme über dem Buſen verſchränkt, die großen ſtrahlenden Augen auf den Mond ge⸗ richtet, deſſen goldene Scheibe draußen an dem tiefblauen nächtlichen Himmel ſchwamm. Es war unmöglich, etwas Schöneres zu ſehen, als ihr von der Aufregung der eben mit Felir gehabten Scene noch leidenſchaftlich erregtes, in dem Strahl des Mondes geiſterhaft blei⸗ ches, von dem herrlichen blauſchwarzen Haare eingerahmtes Geſicht. Es war ein Antlitz von hinreißender Gewalt des Ausdrucks, grauen⸗ haft lieblich und tödtlich ſchön.— Ein Herr— es war Adolf von Breeſen— trat an ſie heran, und ſprach zu ihr. Sie antwortete ihm kurz, ohne die Stellung zu verändern, ohne kaum die Lippen zu regen. Er verbeugte ſich und trat zurück.— Dann, als ob ſie ſich eines Andern beſonnen hätte, wandte ſie ſich und ſchritt wieder zum Klavier zurück, ſetzte ſich und begann von Neuem zu ſpielen. Wie von einem Zauberſtabe berührt, kamen die Paare der Tanzenden wieder in Be⸗ wegung— und das bunte Bild, das Oldenburg und Oswald zuerſt erblickt hatten, war wieder hergeſtellt. „Wer war der Fant, welcher dies Intermezzo veranlaßte?“ fragte Olvenburg, als ſie wieder in den Garten hinabgingen. „Felir von Grenwitz, ihr Couſin.“ „Ein allerliebſtes Püppchen; und die junge Snhet ſel die Puppe zum Gemahl haben; nicht?“ „Ich glaube.“ S „Und wie erſcheint Ihnen das?“ „Wie die Welt dem Hamlet: ekel, ſchal und flach und uner⸗ ſprießlich.“ *„Meine böſe Ahnung geht in Erfüllung;“ murmelte Oldenburg durch die Zähne. „Sie ſagten?“ „Ich dachte eben daran, ob Carl wohl den Wagen in die Höhe geſchlagen hat, damit meine kleine Czika nicht ganz unter freiem Him⸗ mel ſitzt. Freilich, ihr wäre es am liebſten, wenn ſie nie eine andere Dritter Band. 91 Decke über ſich hätte. Auf unfrer Reiſe jubelte ſie jedesmal, ſo oft wir in die Nacht hineinfuhren, und ſie die vielgeliebten Sterne über ſich leuchten ſah.“. „Und— darf man fragen, was Sie ſo plötzlich aus unſerer Nähe riß?“ fragte Oswald und ſeine Stimme bebte. „Eine Angelegenheit, die eigentlich nur indirect für mich von Bedeutung iſt. Die Krankheit eines Mannes, deſſen Tod auf das Geſchick einiger Perſonen, die mir werth ſind, von großem Einfluß ſein kann.“ Der Baron wartete, ob Oswald etwas erwiedern würde. „Ich war eitel genug, zu glauben, daß meine Abreiſe einige Senſation in der Geſellſchaft hier erregen würde,“ fügte er hinzu, als Oswald ſchwieg,„dies ſcheint indeſſen nicht der Fall geweſen zu ſein.“ „Man iſt ſeit ſo langen Jahren gewohnt, Sie unvorbereitet kommen und gehen zu ſehen, daß man ſich nachgerade daran gewöhnt hat,“ ſagte Oswald,„doch da hält Ihr Wagen, glaube ich.“ „Wo iſt Czika, Karl?“ fragte der Baron. „Sie liegt im Wagen, feſt eingeſchlafen,“ antwortete der Kutſcher, der vom Bocke geſtiegen war, den Tritt herabzulaſſen,„ich habe ſie ſorgfältig zugedeckt.“ „Wir wollen ſie zwiſchen uns nehmen, wie damals, als wir, von Barnewitz kommend, ſie auf der Landſtraße fanden.“ Der Baron war ſchon im Wagen. „Biſt Du es, Herr?“ fragte das Kind, aus dem Schlaf er⸗ wachend. „Ja, mein Herz.“ „Wer iſt der Mann bei Dir?“ „Dein Freund, der Mann mit den blauen Augen.“ „Er ſoll bei uns bleiben,“ murmelte Czika ſchlaftrunken, ſich an Oswald, der nun auch eingeſtiegen war, ſchmiegend.„Czika iſt müde; Czika will in Deinen Armen ſchlafen.“ „Ich glaube,“ ſagte der Baron, als ſich der Wagen in Bewegung ſetzte,„Sie haben einen unauslöſchlich tiefen Eindruck auf Czika ge⸗ macht. Sie ſpricht ſehr oft von Ihnen und fragt, warum der Mann 92 Problematiſche Natnren. mit den blauen Augen— ſo bezeichnet ſie Sie ſtets— nicht wieder kommt? Es iſt doch ein wunderliches Ding, das Menſchenherz; ein unergründliches Räthſel, zu dem der Weiſeſte der Weiſen keinen Schlüſſel hat. Wer erklärt uns das Wunder der Sympathien und Antipathien? Welche Mühe habe ich mir gegeben, das Herz dieſes Kindes mir zu eigen zu machen! Ich möchte ſo gern etwas auf der Welt mein eigen nennen! Und iſt es mir gelungen? Ich weiß es kaum. Sie folgt mir, aber nur wie ein Kind, dem die Mutter ge⸗ ſagt hat: geh mit dem Herrn und ſei hübſch artig! Ich bin ihr heute noch, was ich ihr am erſten Tage war. Ich habe ſie mit der zärt⸗ lichſten Sorge umgeben. Sie nimmt Alles hin, wie eine Gabe, die man nicht ausſchlägt, um den Geber nicht zu beleidigen.“ „Aber machen es nicht alle Kinder mehr oder weniger ſo?“ er⸗ wiederte Oswald;„iſt es nicht ihr gutes Recht, ſich lieben zu laſſen, ohne weiter dankbar dafür zu ſein? Und dann: was iſt am Ende eine Liebe, die auf Dank rechnet? Heißt es nicht auch hier: wer Lohn be⸗ gehrt, der hat ſeinen Lohn dahin?“ „Mögen Sie das nie an ſich ſelbſt erfahren!“ ſagte der Baron mit bewegter Stimme,„und mögen es Andere nie durch Sie erfahren. Wüßten Sie, was hoffnungsloſe Liebe iſt, wüßten Sie auf der an⸗ deren Seite, was es heißt: das Gefühl mit ſich herumtragen, Liebe, warme aufrichtige Liebe mit Kälte, mit Gleichgültigkeit erwiedert zu haben— Sie würden ſo nicht ſprechen. Nein, Nein! Ein Herz, das uns liebt, iſt ein Schatz, den wir nicht verachten dürfen, und flögen uns Aller Herzen zu. Ein Herz, das uns liebt, gekränkt zu haben, iſt eine Erinnerung, die auf unſerem Gewiſſen brennt und die keine neue Liebe, und wäre ſie wirklich und reiner, als die, welche wir da⸗ mals fühlten, wieder auslöſcht.“ „Und haben Sie dieſe Erfahrung an ſich ſelbſt gemacht?“ „Leider, ja! Ich habe in meinem Leben viele Verhältniſſe ange⸗ knüpft und wieder gelöſt, ohne daß ich darüber Gewiſſensbiſſe empfun⸗ den hätte. Wußte ich doch nur zu wohl, daß die guten Herzen nicht brechen würden! Es waren Conta meta Geſchäfte, bei denen Jeder feine Neigung gefunden hatte, oder die, ſchlimmſten Falls, den einen oder den andern und meiſtens beide Partner ſo bettelarm ließen, wie Dritter Band. 93 ſie vorher geweſen waren. Nur einmal— ich war damals noch ziem⸗ lich jung und das gereicht mir einigermaßen zur Entſchuldigung— nur einmal habe ich mich des Frevels ſchuldig gemacht, ein Weſen, von dem ich überzeugt ſein konnte, daß es mich treu und aufrichtig liebte, mit ſchnödem Undank zu belohnen. Die Geſchichte wärde mir unvergeßlich ſein, auch wenn ſie nicht durch die Begegnung mit der braunen Gräfin auf eine wunderliche Weiſe mir wieder in die Er⸗ innerung gerufen wäre. Habe ich Ihnen nicht erzählt, wie ich einſt vor vielen Jahren im fernen Ungarlande, als ich mich auf dem Gute eines Bekannten, den ich unterwegs aufgefiſcht hatte, zum Beſuch aufhielt, ganz zufällig ein Zigeunermädchen fand—“ „Ja;“ ſagte Oswald;„ich erinnere mich Ihrer Erzählung, die durch das Hereintreten Herrn von Cloten's unterbrochen wurde, ſehr wohl. Ich vergaß hernach, Sie um die Fortſetzung zu bitten. War es nicht ſo? Sie hatten das Mädchen, als Sie einſt, fern von der Wohnung, in den Wald ſchweiften, in einem Zigeunerlager, das für den Augenblick von der übrigen Bande verlaſſen war, gefunden. Sie erblicken und ſie lieben, war eins. Sie verlebten mit ihr in der ro⸗ mantiſchen Einſamkeit mehrere glückliche Tage. Die Geſchichte ſchloß mit folgendem Tableau: Ein Zigeunerlager im Walde— Sonnen⸗ untergang— unter dem überhangenden Dache einer breitaſtigen Buche ein liebendes Paar auf ſchwellendem Moosteppich—“ „Ihr Gedächtniß iſt gut,“ ſagte der Baron,„auch haben Sie die Stimmung, welcher ich damals dem Bilde gab, getreu reproducirt. Ich werde nachträglich noch einige Schlagſchatten hineinzeichnen müſſen. — Ich ſaß alſo mit der Zingarella— Fenobi war ihr ſüßer Name — in der von Ihnen angedeuteten Situation. Ich ſang das alte Finklerlied von der Liebe, die nimmer enden würde, und das holde Vögelchen traute der alten falſchen Weiſe und ſchmiegte ſich innig und immer inniger an mein Herz. Da plötzlich ertönte Hufſchlag durch den ſtillen Wald und das Lachen und Schwatzen einer fröh⸗ lichen Cavalcade. Ich hatte kaum noch Zeit, die Kleine unſanft von meinem Schooß zu ſtoßen und mich zu erheben, als die Schaar ſchon unter den hohen Bäumen hervor auf den Platz geſprengt kam. Es waren meine Wirthe: der junge Graf Cryvany mit ſeinen Schweſtern 94 Problematiſche Naturen. und mehrere Herren und Damen aus der Nachbarſchaft. Sie können ſich die nun folgende Scene denken. Ich wurde ſofort umringt und mit Fragen überſchüttet: Wo ich geweſen wäre? wie ich hierher ge⸗ kommen wäre?— Ich dachte, die Wölfe hätten Sie zerriſſen! rief der Eine: oder Sie hätten ſich aus unglücklicher Liebe erſchoſſen, ein Anderer.— Ich habe des Räthſels Löſung! ſchrie ein Dritter: Liebe freilich iſt im Spiel, aber bei Leibe keine unglückliche. Sehen Sie dort! und er deutete mit dem Stiel ſeiner Reitpeitſche auf meine arme Lenobi, die ſich bei der Annäherung der Cavalcade ſcheu hinter dem dicken Stamm der Buche verſteckt hatte.— Ein allgemeines Gelächter belohnte den Witzbold. Nur ein Geſicht blickte finſter drein. Es war die jüngſte und hübſcheſte der Schweſtern, der ich noch zuguterletzt den Hof gemacht hatte und die, glaube ich, in ihrer Weiſe— was freilich nicht viel ſagen will— mich mit ihrer Neigung beehrte, mir wenigſtens ſchon einige nicht mißzuverſtehende Zeichen ihrer Gunſt gegeben hatte. Ich ſchämte mich plötzlich meiner armen enobi ganz entſetzlich und hatte nur den einen Wunſch, mich aus der Affaire zu ziehen, ohne die ſtolze Georgina zu beleidigen. Ich ſpielte den Ent⸗ rüſteten, ich behauptete tagelang im Wald umhergeirrt, und nur eben erſt auf das Zigeunerlager geſtoßen zu ſein.„Woher hat denn das Mädchen die goldene Kette um den Hals, die wir kürzlich noch an Ihnen bewunderten?“ fragte Georgina.— Sie hat ſie mir geſtohlen, während ich, von meiner Wanderung ermüdet, ſchlief; rief ich.— So nehmen Sie ihr die Kette wieder ab.— Ich hätte Georgina ermorden können, aber ich hatte mich zu feſt in meine freche Lüge verſtrickt; Widerruf ſchien unmöglich. Kenobi kam mir zuvor.— Hier, Herr! ſagte ſie, nimm, was ich Dir geſtohlen habe und ſie reichte mir das Geſchmeide. Ich werde die zitternde Hand, das von Schmerz und Zorn entſtellte Geſicht des armen Geſchöpfes nie vergeſſen.——— Machen wir, daß wir nach Hauſe kommen! rief Herr von Cryvany; es zieht ein Wetter herauf.— Ich beſtieg das Pferd eines der Be⸗ dienten, und fort ging es durch den dämmrigen Wald. Ich wagte nicht, mich nach Xenobi umzublicken. Georgina, an deren Seite ich ritt, würde es mir nie vergeben haben. Ich hatte mir die Gunſt der Dame vollſtändig wieder erobert, aber um welchen Preis! Als ich Dritter Band. 95 am Abend des folgenden Tages— früher konnte ich mich nicht von der Geſellſchaft losmachen— in den Wald gerannt war, mein Unrecht wieder gut zu machen, fand ich wohl nach vielem Suchen den Platz, aber nicht mehr Kenobi. Die Bande hatte, als ſie ihren Schlupf⸗ winkel verrathen ſah, ihre Zelte abgebrochen und war wer weiß wohin gezogen. Von Fenobi habe ich nie wieder eine Spur entdecken können.“ Der Baron ſchwieg und blies den Rauch ſeiner Cigarre in mäch⸗ tigen Wolken in die Luft. „Sehen Sie,“ hub er nach einer langen Pauſe wieder an,„ich bin fromm genug, oder abergläubiſch genug, wenn Sie wollen, um anzunehmen, daß ich durch dieſe That ſchnöden Verrathes einen Fluch auf mich geladen habe, den keine Reue wieder ſühnt; einen Fluch, deſſen Erfüllung mein ganzes ſo verfehltes Leben iſt. Von da ab iſt es mein Schickſal geweſen, Liebe zu ſäen und Gleichgültigkeit zu erndten, bis ich zuletzt aus Verzweiflung in den ſtinkenden Pfuhl der Blaſirt⸗ heit geſprungen bin, um mich vor mir ſelbſt zu retten. Und nun werden Sie auch begreifen, was mir Czika iſt— ein Engel im eigentlichſten Sinne des Wortes, ein holder Bote des Himmels, der mir Friede! Friede! in das kranke Herz ſingt. Hat mir das Bild des Kindes doch ſchon ſeit Jahren vor der Seele geſchwebt, glaubte ich doch die Erfüllung meiner Träume ſchon zweimal leibhaftig vor mir zu ſehen. Hier iſt die rothe Roſe Fenobi noch einmal, aber in dem Morgenthau ſüßeſter Unſchuld. Die rothe Roſe hat nun der Sturm des Lebens wohl ſchon lange geknickt, und hätte ich ſie auch damals treuer bewahrt— was würde die Welt, die kalte, freche, läſternde Welt aus der romantiſchen Liebe eines Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben! Damals war ich zu jung und hätte die Geliebte vor dieſer ſchnöden Welt nicht vertheidigen können; jetzt bin ich ein Mann geworden und habe blos ein Kind, einen Findling, zu ſchirmen und zu ſchützen. Ich werde der Zigeunerin geben, was ſie verlangt, und wärmſten, aufrichtigſten Dank in den Kauf. Ich hoffe, ſie hat die Verabredung nicht vergeſſen. Halt, Karl!— Wir müſſen hier ausſteigen, um durch den Wald zu gehen. Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut. Es iſt die Stunde, 96 Problematiſche Naturen. welche uns die braune Gräfin beſtimmte. Wir kommen gerade zur rechten Zeit.“ „Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier laſſen?“ ſagte Oswald. „Weshalb?“ fragte der Baron, der ſchon aus dem Wagen ge⸗ ſtiegen war. „Das Kind hängt ſehr an der Frau, die ja am Ende doch ſeine Mutter iſt. Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben erfaßt, und es giebt zum mindeſten eine peinliche Scene.“ Oswald ſprach die Worte leiſe, denn Czika regte ſich in ſeinen Armen. „Czika will mit,“ ſagte das Kind plötzlich;„Czika will in den Wald und den Mond und die Sterne durch die Zweige tanzen ſehen. Czika kennt jeden Baum und jeden Buſch.“ Sie ſtand auf dem feuchten Waldboden und klaſchte vor Ver⸗ gnügen in die Hände und tanzte und lachte und rief: „Kommt, kommt! Du, Herr, und Du, Mann mit den blauen Augen! Czika will Euch einen ſchönen Platz zeigen, Czika kennt jeden Baum und jeden Buſch im weiten Wald.“ Sie huſchte auf einem ſchmalen Pfad, der ſich von dem Wege, auf dem der Wagen hielt, ſeitwärts in den dichteſten Forſt ſchlug, vorauf, wie eine wilde Katze durch die Büſche ſchlüpfend, deren dünne Zweige wieder hinter ihr zuſammenſchlugen. Nur mit großer Mühe folgten die beiden Männer. Czika war nicht zu bewegen, ihren Lauf zu hemmen. Ihre einzige Antwort auf das: nicht ſo ſchnell, Czika! nimm uns mit, Czika! war der helle, luſtige Schrei des jungen Fal⸗ ken, den ſie wieder und wieder, lauter und ſchriller, die Antwort heiſchend, erſchallen ließ. Plötzlich ertönte die Antwort durch den ſtillen Wald, derſelbe ſtolze Schrei, deſſen ſich Oldenburg und Oswald noch ſo deutlich von jenem Morgen erinnerten, als die Zigeunerin aus der Ferne den Ruf der Kleinen beantwortete. Da leuchtete ein rother Schein durch die hohen Stämme der Bäume, der mit jedem Augenblick heller und heller wurde. ſind gleich am Ziele,“ ſagte der Baron, welcher voranging. Dritter Band. 97 Wirklich traten ſie nach wenigen Minuten auf die Lichtung heraus, die Oswald von dem Nachmittage, als er ſich auf dem Wege zu Melitta verirrt hatte, ſo unvergeßlich war. Auf derſelben Stelle, nicht weit vom Rande des Sumpfes, wo damals die Zigeuner ihre Mahlzeit kochten, brannte jetzt wieder ein Feuer, aber groß und mächtig, wie um die Scene in das hellſte Licht zu ſetzen. Die Kro⸗ nen der mächtigen Bäume glühten purpurroth oder tauchten in ſchweren Schatten, je nachdem die Flamme des Holzſtoßes emporloderte oder zuſammenſank; von dem dunklen Waſſerſpiegel des Sumpfes erglänzte der Wiederſchein— und, unfloſſen von dieſer magiſchen Beleuchtung, erblickten die Männer, als ſie athemlos den Saum der Lichtung er⸗ reichten, die braune Gräfin auf den Knien vor Czika, die ſie mit Küſſen und Liebkoſungen überhäufte; während das Kind ſich vergeblich bemühte, ſie vom Boden empor zu ziehen und ſich endlich zu ihr auf die Knie warf, ihr Haupt an dem Buſen des Weibes verbergend. Schweigend und regungslos ſtanden die beiden Männer, tief er⸗ griffen von dem Schauſpiel einer ſo leidenſchaftlichen Zärtlichkeit. Da erhob ſich die Zigeunerin und das Kind an die Hand neh⸗ mend, trat ſie auf die Beiden zu und ſagte zu Oldenburg, der ſie mit weit aufgeriſſenen Augen anſtarrte: „Kennſt Du mich, Herr?“* In dieſem Augenblick leuchtkte die Flamme hoch auf und jeder Zug in dem edelſtolzen Geſicht des egyptiſchen Weibes und jede Linie ihres ſchlanken, hohen Leibes war wie vom Tageslicht erhellt. „Fenobi!“ ſchrie der Baron, ſeine Arme ausbreitend,„Aenobi!“ Das braune Weib ſtürzte ſich mit einem Schrei wahnſinnigen Entzückens an ſeine Bruſt und klammerte ſich an ihn, als ob ſie ſich nie wieder von dem geliebten Manne trennen wolle. Aber im nächſten Moment ſchon riß ſie ſich los, trat ein paar Schritte zurück und ſtand da, unbeweglich, die Hände über dem vollen Buſen faltend. Czika ſtand zwiſchen ihr und dem Baron, die großen dunklen Augen voller Verwunderung von dieſem zu jener, von jener zu dieſem wendend. Der Baron nahm ſie bei der Hand und ſagte, näher an die igeunerin tretend, in einem Tone, der, ſo ſehr er ſich auch zu be⸗ Fr. Spielhagen's Werke. III. 7 98 Problematiſche Naturen. herrſchen ſuchte, deutlich die ungeheure Erregung, die in ihm wühlte, verrieth: „Lenobi, iſt dieſes Kind—“ Er vermochte nicht weiter zu ſprechen; er rang mühſam nach Worten. Endlich ſtammelte er: „Dein und mein Kind?“ „Ja, Herr!“ ſagte die Zigeunerin, ohne ſich zu vegen; die dunkeln glänzenden Augen feſt auf das Antlitz des Barous heftend. Oldenburg hob das Kind in ſeinen Armen empor und drückte es feſt an ſeine Bruſt. Oswald fühlte, daß er die Drei allein laſſen müſſe und zog ſich bis an den Rand des Waldes zurück. Dort ſetzte er ſich. Es war dieſelbe Stelle, auf der er an jenem Nachmittage gelegen hatte, als er den köſtlichen Traum von Melitta träumte, und von wo aus er hernach Czika auf dem Cymbal hatte ſpielen hören, während die braune Gräfin am Feuer ſchaffte und mit ihrer tiefen weichen Stimme die ungariſche Volksweiſe ſang. Wie vieles hatte ſich nicht ſeit jenem Tage geändert! was hatte er nicht Alles gewon⸗ nen und wieder verloren! Damals hatte ſein Herz der ſchönen Frau ſo ſehnſuchtsvoll entgegengeſchlagen; heute erfüllte die Erinnerung an ſie ſeine Seels mit Trauer uud Schmerz. Warum hatte ſie ihn ſo wendlich glücklich gemacht, wenn ihre-Liebe doch nur die ſouveräne Laune eines Augenblicks war, nur rin hübſches Spiel, der Stunden Einerlei auszufüllen, über den momentanen Bruch ihres Verhältniſſes zu Oldenburg beſſer hinwegzukommen? Hatte er das Gefühl, daß ſie, die hochgeborne Dame, die ſtolze Ariſtokratin, ihn über kurz oder lang doch verleugnen werde, werde verleugnen müſſen, nicht immer mit ſich herumgetragen? hatte ſich dieſer Gedanke nicht ſelbſt in den ſonnigſten Augenblicken der Liebe wie ein düſterer Schatten zwiſchen ihn und die reizende Frau geſtohlen? Hatte er nicht, als der Name Oldenburg's zum erſten Mal ſein Ohr berührte, in dieſem Manne, wie von einem Dämon getrieben, ſeinen Nebenbuhler erkannt! Und mußte er ſich nicht eingeſtehen, daß dieſer Mann Alles beſitze, in dem Herzen einer ſtolzen Frau eine herviſche Leidenſchaft zu entflamn da? Rang und Reichthum, eminente Gaben, den Muth des Ritters vie Dritter Band. Furcht und Tadel, und gerade genug vom Libertin, um ein Weib, welches nicht ganz reines Herzens iſt, zu beſtricken? Und wie gut ſtand ihm ſein Weltſchmerz und die Duldermiene? Sollte man, wenn man ihn hörte, nicht glauben, er werde nächſtens in die Wüſte gehen und ſich von Heuſchrecken nähren? Jetzt wird er die Zigennerin mit ſich auf ſeine Solitüde nehmen, damit die Ein⸗ ſamkeit bis zu Melitta's Rückkehr etwas weniger einſam ſei.... So wühlte ſich Oswald gefliſſentlich tief und tiefer in die bit⸗ terſten Empfindungen hinein. Die neue Leidenſchaft, die in ſeinem Herzen zehrte, machte ihn taub und blind gegen die Stimme ſeines Gewiſſens, gegen die augenſcheinlichſten Beweiſe von der Falſchheit ſeiner gehäſſigen Vermuthungen. Er hatte ein dumpfes Gefühl davon, wie krank er war, wie abgehetzt und müde, wie unfähig, über ſich ſelbſt zur Klarheit zu kommen. Er wäre am liebſten geſtorben, um all dem Wirrſal zu entfliehen, wie ein Schwimmer, wenn er fühlt, daß ihn die Kräfte verlaſſen, und weiß, daß keine Rettung mehr für ihn iſt, ſich in den Abgrund ſinken läßt. Er drückte das Geſicht in ſeine Hände, um nichts mehr zu ſehen und zu hören... Eine Hand, die ſich auf ſeine Schulter legte, riß ihn aus ſeinem wirren Traum. Es war Oldenburg. Der Baron war allein. Das Feuer des Holzſtoßes flammte nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlöſchen. Der Mond, über den graue Wolkenſchleier zogen, flimmerte geiſterhaft in dem dunklen Waſſer des Sumpfes. Unheimlich ziſchelte und flüſterte der Wind in den langen Binſen des Ufers. „Wo iſt Czika?“ fragte Oswald. „Fort,“ erwiederte der Baron„laſſen Sie uns aufbrechen. Es iſt ſpät.“ „Wird ſie nicht wiederkommen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Und Sie haben zugegeben, daß dies Kind, Ihr Kind, der Zi⸗ geunerin folgt in die weite Welt!“ „Was ſollte ich thun? Iſt es nicht ihr Kind tauſendmal mehr als meines? hat ſie es nicht mit Schmerzen geboren, es genährt und gepflegt und beſchirmt viele, viele Jahre, durch Regen und Sonnen⸗ 7*⁸ 100 Problematiſche Naturen. ſchein, in Noth und Armuth, im wilden Wald, auf der offenen Land⸗ ſtraße? Hat ſie nicht für dies Kind gebettelt und geſtohlen und viel⸗ leicht gethan, was noch ſchlimmer iſt? Was habe ich für mein Kind gethan? nichts— nichts, als ſeine Mutter vor den Augen eines vor⸗ nehmen Pöbels zur Diebin gemacht, ſie wie einen verlaufenen Hund von mir verjagt, einer elenden Kokette zu Liebe! Nein, nein! ich habe kein Anrecht an dieſem Kinde!“ Während der Baron ſo ſprach, ſtieß er mit dem Fuße die halb verkohlten Feuerbrände aus dem Holzſtoß in den Sumpf, daß ſie ziſchend verlöſchten. „Weshalb hat denn die braune Gräfin Sie aufgeſucht? weshalb Ihnen das Kind in die Hände geſpielt? weshalb dieſes Rendezvous ſelbſt herbeigeführt?“ „Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend, den einzigen Mann, den ſie vielleicht je geliebt hat, noch einmal ſehen; ſie wollte ihm das Kind, ſein Kind, in die Hände legen und zurücktauchen in ihre Wal⸗ desnacht. Aber ſie kann ohne das Kind nicht leben und das Kind nicht ohne ſie. So mußte ich denn Beide ziehen laſſen.“ „Aber weshalb nicht Beide mit nach Cona nehmen?“ „Soll ich den Falken an die Kette legen? Der Falke fühlt ſich nur wohl in dem unermeßlichen Aethermeer; er ſtirbt in der dumpfen Stubenluft. Kommen Sie! es iſt für uns civiliſirte Menſchen die höchſte Zeit, daß wir in's warme Bett kommen.“ Der Baron ſtieß den letzten Brand hinunter in's Waſſer; die Männer wandten ſich, zu gehen. Zwiſchen den haſtig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trübäugig in das ſchwarze Waſſer des Sumpfes, und die langen Binſen, die am Rande wuchſen, flüſterten: hier iſt die kühle Ruh' für alles Erdenleid. Zehntes Capitel. „So! aus der Verlegenheit wären wir glücklich!“ ſagte Albert, ein Packet Werthpapiere in eine voluminöſe, abgetragene Brieftaſche Dritter Band. 101 ſtopfend, die unter andern auch verſchiedene Schreiben in kaufmän⸗ niſcher Hand enthielt, welche, obgleich die meiſten darunter von nicht ganz neuem Datum, noch immer nicht beantwortet waren.„Es iſt doch Alles in Allem ein gutes kleines Frauenzimmer; nicht übermäßig geſcheit— aber das iſt in dieſem Falle nur eine Tugend mehr. Ich glaube wirklich, ich könnte meine Natur ſo weit verleugnen, die kleine Samariterin zu heirathen. Vielleicht führe ich gar nicht ſo ſchlecht dabei. Wer weiß? am Ende ſteckt noch irgendwo in einem verbor⸗ genen Winkel meines Innern der Keim zu einem ſoliden Spießbürger, der nur der Wärme des häuslichen Herdes bedarf, um ſich glorreich zu entwickeln. Die Sache iſt freilich, wie ich mich kenne, äußerſt problematiſch, aber ſo ganz und gar unmöglich iſt ſie denn doch nicht. Ich ſehe mich ſchon im Geiſt an der Seite der kleinen Frau des Sonntags Nachmittags ehrſam durch die Felder wandern, das Lied der Spatzen und die Philippiken der theuren Ehehälfte gegen die ſteigende Unverſchämtheit der Bäcker und Fleiſcher mit langen Ohren einſaugend, während vor uns her zwei junge Weltbürger wandeln, die eine flüchtige Aehnlichkeit mit einer ſehr werthen Perſon haben, und hinter uns aus einem, von einem Mädchen für Alles gezogenen Wägelchen ein feines Stimmchen erſchallt, welches den beredteſten Commentar zu den ſtaatsökonomiſchen Abhandlungen der kleinen Frau iefert D Albert ſtöhnte laut auf, als ob er ſich auf dieſer imaginären Promenade den Fuß an einem ſehr reellen Stein geſtoßen hätte. Er ſprang von dem Sopha auf und ging mit den Armen auf dem Rücken nachdenklich im Zimmer auf und ab.„Die Karten ſind fertig,“ ſagte er, vor ſeinem Zeichentiſche ſtehen bleibend:„Anna⸗Maria hat mich abgelohnt; ich habe eigentlich hier nichts mehr zu thun, und die Frage der gnädigen Frau, wann ich abzureiſen gedächte, war auch ziemlich deutlich. Wie ich dieſe ſtolze, nichtsnutzige Brut haſſe— Alle, keinen und keine ausgenommen, nicht einmal die ſchöne hochnaſige Helene, die mich immer mit ſu kühler Verachtung aus ihren großen Augen anſieht; und am wenigſten meinen edlen Freund Felix, der, glaube ich, nicht übel Luſt hätte, mir Hörner außzuſetzen, ehe ich noch zu dieſem Schmuck ein legitimes Recht habe. Könnte ich doch euch Allen, 102 Problematiſche Naturen. wie Ihr da ſeid, einen recht gründlichen Schabernack ſpielen, daß ihr euer Leben lang an mich denken ſolltet! auch zum Beiſpiel den Erben von Stantow und Bärwalde in der Perſon— ja, in welcher Perſon? hic haeret aqua. Aus den Briefen, die ich habe, iſt wohl etwas aber nicht viel zu machen. Ich kann noch nicht einmal die vortreffliche Anna⸗Maria damit ins Bockshorn jagen. Fände ich nur Gelegenheit, den Koffer der alten Mutter Clauſen durchzuſtsbern! Es iſt bei mir zur firen Idee geworden, daß da etwas zu finden ſein muß. Aber vergebens, daß ich die Gelegenheit gründlich ſtudirt habe, daß ich Tag und Nacht ums Haus geſchlichen bin, einen Moment abzuwarten, wo die Alte ſich einmal daraus entfernt; ſie ſitzt darin feſt, wie eine Kröte unter dem Stein.— Ad vocem dieſes liebenswürdigen Jünglings! Ich habe ſchon daran gedacht, ob man ihn nicht nolens volens zum Prä⸗ tendenten machen könnte; denn die ganze Farce als einen luſtigen und nebenbei lucrativen Maskenſcherz anzuſehen, wird ihm wohl ſeine dumme Eyrlichkeit nicht erlauben. Es iſt merkwürdig, wie ehrlich die Leute ſind, denen es an nichts fehlt! Die beſte Methode, alle Spitz⸗ buben loszuwerden, beſtände offenbar darin, Jedem von ihnen eine anſtändige Penſion zu geben. Und dieſer Stein iſt gar nicht einmal ſo glücklich ſituirt. Er hatte kein Vermögen— warum ſollte er ſich ſonſt mit anderer Leute Kindern plagen? Er wäre gerade der Mann, ein anſtändiges Vermögen durchzubringen. Und es paßt ſo weit Alles. Er hat genau das erforderliche Alter; er hat, wie er mir geſagt hat, ſeine Mutter kaum und andere Verwandte, excepto patre, nie gekannt. Und überdies hat er eine zufällige, aber frappante Aehnlichkeit mit der älteren Grenwitzer Linie. Ich wollte, ich wäre er, das heißt mit meinem Hirn dazu. In welcher fragwürdigen Geſtalt wollte ich bald vor euch hintreten... Ein ſchüchternes Klopfen an der Thür unterbrach Albert's Me⸗ ditationen. Da auf ſein Herein! Niemand eintrat, ging er ſelbſt und öffnete. Ein kleiner, blondköpfiger barfüßiger Bauerknabe ſtand da, und ſchaute mit nicht allzu klugen Augen fragend zu ihm auf. „Zu wem willſt Du, Kleiner?“ „Sind Sie der Kandidat auf dem Schloſſe?“ —— Dritter Band. 103 „Ja wohl!“ ſagte der alle Zeit zu Scherz und Kurzweil aufge⸗ legte Albert. „Mutter Clauſen hat mich herſchickt—“ „Wer?“ „Mutter Clauſen hat mich herſchickt—“ „Komm herein, Kleiner;“ ſagte Albert, den Knaben bei der Hand in das Zimmer führend, und die Thür hinter ihm ſchließend; „Was will denn Mutter Clauſen von mir?“ „Mutter Clauſen liegt auf den Tod, und hat mich herſchickt zu dem Herrn Candidaten, er ſoll doch noch einmal zu ihr kommen.“ Der Knabe athmete tief auf, als er die Bergeslaſt ſeiner Com⸗ miſſion vom Herzen hatte. Albert griff nach ſeiner Mütze. „Ich komme gleich mit Dir, oder lauf nur voran, und fag': ich käme gleich. Und höre! wenn Dich Jemand im Schloſſe fragt, woher Du kommſt, ſag' nur: Du hätteſt Deine Beſtellung ſchon ausgerichtet. Hier haſt Du einen Silbergroſchen und nun mache, daß Du fort⸗ kommſt!“ Der Knabe entfernte ſich, über Albert's großmüthiges Geſchenk Albert's wohlüberlegten Befehl, ſich möglichſt ſchnell davon zu machen, vergeſſend. Er ſetzte ſich, unten auf dem Schloßhofe angekommen, auf den Rand des Brunnens der Najade, und überlegte, den Groſchen in der Hand herumdrehend, ob er ſich jetzt gleich die ganze Welt, oder vorläufig nur einen Stieglitz kaufen ſollte, den ihm ein anderer Bauerknabe heute Morgen zum Verkauf angeboten hatte? Er mochte wohl eine Viertelſtunde da geſeſſen haben, bis er zu⸗ letzt, vom vielen Umherlaufen ermüdet, einnickte. So fand ihn Os⸗ wald, der von einem einſamen Spaziergange zurückkehrte. Da das Bild des auf dem Rande des Brunnens ſchlafenden zerlumpten Knaben ihn intereſſirte, trat er näher. Der Knabe fuhr in die Höhe und rieb ſich verwundert die Augen. „Wie kommſt Du hierher, Kleiner?“ fragte Oswald. „Mutter Clauſen hat mich herſchickt!“ ſagte jener, der in dieſem Angenblicke nicht wußte, ob er ſeine Beſtellung ſchon ausgerichtet hatte, oder nicht. — 104 Problematiſche Naturen. „Was iſt mit Mutter Clauſen?“ fragte Oswald, der ſofort ahnte, es müßte ſeiner alten Freundin etwas zugeſtoßen ſein. „Mutter Clauſen hat mich herſchickt,“ wiederholte der Knabe; „ſie liegt auf den Tod, und läßt dem Herrn Candidaten ſagen, er möchte—“ Mehr hörte Oswald nicht.— Die gute, alte Frau, an der er im Anfang ſo lebhaftes Intereſſe nahm und die er doch in der letzten Zeit ſo ganz vergeſſen hatte, im Sterben, vielleicht allein, ohne Hülfe, ohne daß ihr eine freundliche Hand das Kiſſen glättete— er eilte, was er konnte, durch das kleinere Thor auf dem Wege hin, der zu den Häuslerwohnungen führte, denſelben Weg, welchen Albert eine Viertelſtunde zuvor, mit nicht geringerer Eile zurückgelegt hatte... Albert war, als der Knabe ſich entfernt hatte, durch den Garten nach dem kleinen Thor geſchlichen. Niemand hatte ihn fortgehen ſehen. Die Familie war ausgefahren; Oswald glaubte er auf ſeinem Zimmer. „Fortes fortuna juvat;“ dachte er, während er unter den Wei⸗ denbäumen, mit denen der Weg beſetzt war, hinlief.„Es iſt jetzt noch Alles auf dem Felde. Die Alte hätte ſich keine paſſendere Stunde zum Sterben ausſuchen können. Ich will nur hoffen, daß ſie ſchon todt iſt, wenn ich komme, und ich ſo aller unnöthigen Aus⸗ einanderſetzungen überhoben bin.“ In wenigen Minuten hatte er das Dorf erreicht; aber er ver⸗ mied die Hauptſtraße, ſondern lief an den Gärtchen, die hinter den Hütten lagen, entlang, bis er zu der Wohnung Mutter Clauſen's kam. Hier ſprang er über den niedrigen Zaun und trat durch die offene Hinterthür auf den kleinen Flur. Er horchte, ob ſich etwas im Hauſe rege. Er hörte nichts, als das Ticken der großen Schwarz⸗ wälder⸗Uhr aus der Stube Jochen's, und von der Dorfſtraße her das Lachen von ein paar Kindern— Mutter Clauſen's kleinen Pflege⸗ kindern— die ſich in der Abendſonne im Sande balgten. „Jetzt nur um Himmelswillen keine mitleidige Seele bei der Kranken in der Stube,“ murmelte Albert, leiſe die Thür, die zu dem Stübchen der Alten führte, aufdrückend. Er trat auf den Fußſpitzen ein. Es dunkelte ſchon in dem Dritter Band. 105 niedrigen engen Raum. Albert's erſter Blick fiel auf die große Lade, die noch wie damals in der Ecke ſtand; ſein zweiter auf die Geſtalt der Alten. Sie ſaß auf dem großen Lehnſtuhle,„in welchem Baron Oscar geſtorben war.“ Sie hatte ihren Sonntagsſtaat angelegt; ihr Eichenſtock lehnte neben ihr— man hätte glauben ſollen, ſie hätte ſich bereit gemacht, nach Faſchwitz in die Kirche zu gehen und ſei nur eben noch ein wenig eingenickt, ſich auf den langen, langen Weg vor⸗ zubereiten. „Biſt Du es, Junker!“ fagte ſie mit zitternder Stimme, und ſie hob das Haupt mit dem ſchneeweißen Haar empor und blickte nach der Thür.„Tritt näher— ganz nahe, daß ich Dich mit der Hand berühren kann. Wo biſt Du? Es iſt dunkel um mich her, ich ſehe Dich nicht. Scheint nicht der Mond durch die Bäume? hörſt Du, wie die Nachtigall ſingt? horch! wie ſüß, wie ſchön!... Oscar, Du darfſt die Lieſe nicht verlaſſen; ſie weint ſich ſonſt die alten Augen aus. Und dem Harald mußt Du ſagen: daß er die arme Marie nicht ſo quält. Sonſt muß ſie hinaus in die wilde Nacht. Leb' wohl, liebes Kind! Ja, ja, ich will Alles verbrennen; es liegt ſicher in der Lade. Mutter Clauſen kann nicht leſen; es kommt der Rechte ſchon zur rechten Zeit.“ Der Kopf der Sterbenden ſank herab auf die Bruſt. Albert glaubte ſie todt. Er trat an die Lade, hob den ſchweren Deckel und durchwühlte haſtig und doch methodiſch genau den Inhalt. Es lagen Frauenkleider darin, die nicht der Mutter Clauſen gehört haben konn⸗ ten, ſtädtiſche Kleider, wie ſie junge Mädchen vor fünfundzwanzig Jahren trugen; verwelkte Blumenſträuße, verblichene Bänder, ein paar einfache Schmuckſachen: ein Band von rothen Korallen, ein kleines goldenes Kreuz an einem ſchwarzen Sammetbande. Das Alles mochte für einen Andern von hohem Intereſſe ſein, aber für Albert hatte es nicht das mindeſte. Er wurde ungeduldig, als er, ein Stück nach dem andern herausnehmend, nichts von dem fand, was er ſuchte. Endlich— da! auf dem Boden des Koffers, in der Ecke, unter einer ſchwarzſeidenen Robe verſteckt— ein ziemlich be⸗ deutendes Packet— Briefe, Papiere— das war's!— Er ließ es in die Taſche ſeines Rockes gleiten; er nahm mit beiden Armen, was 106 4 Problematiſche Naturen. er aus dem Koffer genommen hatte, ſtopfte es hinein, ſo gut es gehen wollte, drückte den Deckel wieder zu— und, wie er ſich jetzt von den Knien aufrichtete, waren das nicht Schritte, die eilig näher kamen? Im Nu war er an dem Fenſterchen, das von der Stube aus in das Gärtchen hinter dem Hauſe führte. Er riß es auf, er zwängte ſich mit einer Schnelligkeit hindurch, die dem gewandteſten Gauner zu hoher Ehre gereicht haben würde; kroch auf allen Vieren durch die Johannisbeerbüſche, ſprang über den niedrigen Zaun und war im nächſten Augenblick in den goldenen Wogen eines Roggenfeldes ver⸗ ſchwunden. Als Albert ſeinen Rückzug durch das Fenſter eben bewerkſtelligt hatte, trat Oswald, athemlos von ſeinem raſchen Lauf, in das Zim⸗ mer. Er glaubte ſchon zu ſpät zu kommen, er kniete neben der Alten nieder und nahm ihre welken, erkalteten Hände in die ſeinen. Und dieſe Berührung ſchien die Sterbende noch einmal zum Leben zu erwecken. Sie richtete ſich gerade auf und ſagte, dem vor ihr Knieenden die Hände auf's Haupt legend, mit einer Stimme, die ſchon von jenſeits des Grabes herüberzutönen ſchien:„Der Herr ſegne und behüte Dich! der Herr gebe Dir Frieden!“ „Amen!“ murmelte Oswald. Die Hände der Alten glitten ſanft auf ihren Schooß. Oswald blickte empor. Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenſter; das Antlitz der Alten war wie verklärt in dem roſigen Licht. Aber das roſige Licht verſchwand; und der graue Abend ſchaute herein auf das bleiche Antlitz einer Todten. Oswald drückte ihr die Augen zu.— Von drüben her ſchallte durch die offene Thür das monotone Tik⸗tak der Wanduhr; von der Straße tönte das Lachen und Jauchzen der ſpielenden Kinder... Was weiß das Leben vom Tode? was der Tod vom Leben? was die Ewigkeit von Beiden? Dritter Band. 107 Elſtes Capitel. Am nächſten Morgen noch vor dem Frühſtücke war Herr Timm abgereiſt. Er hatte den Baron gebeten, ihn bis nach B., dem näch⸗ ſten Städtchen, fahren zu laſſen, von dort wolle er Extrapoſt nehmen. Der gaſtfreundliche Baron fragte: ob es denn ſo große Eile habe? ob er ſich nicht ein paar Tage von ſeiner angeſtrengten Arbeit aus⸗ ruhen wolle? Da Albert indeſſen geſtern Abend einen bedeutenden Auftrag erhalten zu haben vorgab(der Poſtbote hatte ihm in der That einen Brief gebracht), ſo ließ ſich dagegen allerdings nichts ein⸗ wenden, und der Baron befahl dem ſchweigſamen Kutſcher, die ſchwer⸗ fälligen Braunen anzuſpannen. Herr Timm ſagte Allen flüchtig Lebe⸗ wohl und fuhr von dannen. Es vermißte ihn Niemand— Niemand, mit Ausnahme der kleinen Genferin. Aber ſie vergoß ihre heißen Thränen in der Stille ihres Stübchens und die Geſellſchaft ſah von ihrem Kummer nichts, als die rothgeweinten Augen, die ſie durch heftigen Kopfſchmerz erklären zu können hoffte, wenn ſie Jemand dar⸗ nach fragte. Es fragte ſie aber Keiner. Hatten doch Alle genug mit ſich ſelbſt zu thun! war doch Jeder vollauf mit dem, was ihm zunächſt am Herzen lag, beſchäftigt. Der Tod der alten Frau war für Oswald ein neuer Schlag. Wieder war ihm eins der wenigen Weſen, an denen er einen innigeren Antheil nahm, ganz plötzlich geraubt. Es war, als ob ſein ver⸗ düſtertes Gemüth nicht zur Ruhe kommen, als ob an ſeinem Himmel der letzte helle Streifen verſchwinden, und gänzliche Nacht ihn um⸗ geben ſollte! Er hatte Mutter Clauſen nur ſelten geſehen, aber es war jedes Mal unter ſo eigenthümlichen Verhältniſſen geweſen; er hatte jedesmal einen ſo tiefen, ja erſchütternden Eindruck von dieſen Begegnungen davongetragen, daß ihm jetzt war, als hätte er eine Ahne verloren, deren zärtliche Liebe er mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten hatte. Wie beſtimmt hatte er ſich vorgenommen, als er das letzte Mal mit Albert in ihrer Hütte geweſen war, die alte Frau nicht 108 Problematiſche Naturen. wieder aus den Augen zu verlieren; nachzufragen, ob er ihr in irgend einer Weiſe dienen, irgendwie ihr einſames Alter erfreuen könne? Sie hatte ſeiner in ihrer letzten Stunde gedacht; er hatte in allen dieſen Tagen keine Minute Zeit gehabt, an ſie zu denken. Sie hatte nicht ſterben mögen, ohne ihm ihren Segen zu geben: was hatte er ihr im Leben Gutes gethan, dieſen Segen zu verdienen?— Was half es nun der Todten, daß er für ihr Begräbniß Sorge trug? daß er mit Bruno hinter dem Leiterwagen herging, auf dem man ihren ſchmuckloſen Sarg über die Haide nach Faſchwitz fuhr, ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu ſenken? daß er nach Grünwald ſchrieb und eine kleine Marmortafel beſtellte, auf daß ihr Grab nicht wie einer Geächteten Grab ſei? Wie hätte ihm die Lebende für den geringſten Theil all der Mühe, die er ſich jetzt um die Todte gab, ſo herzlich gedankt! Und war es, weil er ihn ſo wenig verdient hatte, daß der Segen der Sterbenden nicht in Erfüllung ging? Der Frieden, den ſie auf ihn herabflehte mit dem letzten Hauch ihres Mundes, wollte nicht einziehen in ſein Herz. Wie ein Verzweifelter kämpfte er mit der raſenden Leidenſchaft, die ſich wie ein wilder Orkan über ihn geſtürzt hatte, aber jeder neue Tag mußte ihn nur immer mehr von ſeiner Ohnmacht überzeugen. Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in die Geſellſchaft des ſchönen Mädchens; trat ſie ihm doch mit einem freundlichen Lächeln auf den ſtolzen Lippen ent⸗ gegen, ſobald der leuchtende Sommermorgen die kurze und für ihn ſo lange Nacht verdrängt hatte; ſaß er ihr doch bei Tiſche gegenüber; brachten die Unterrichtsſtunden, gemeinſame Spaziergänge, hundert andere Gelegenheiten, die in einem ſo kleinen Kreiſe auf dem Lande beinahe unvermeidlich ſind, ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berührung! Er ſelbſt nannte ſeine Leidenſchaft nicht Liebe, ſondern nur lebhafte Theilnahme, Freundſchaft— er ſuchte ſich einzureden, daß er dieſe Theilnahme, dieſe Freundſchaft ganz ebenſo empfunden haben würde, wenn ſein Verhältniß zu Melitta daſſelbe geblieben wäre, ihm der Zufall nicht Melitta's Bild in einem ſo ganz anderen Lichte gezeigt hätte. Daß es weder von Klugheit, noch von Loyalität zeuge, dem trügeriſchen Zufall zum Herrn zu machen über — Dritter Band. 109 das Wohl und Wehe eines noch vor kurzem ſo heiß geliebten Weibes; daß ſeine prahlenden Vernunftgründe nur ſchlaue Sophismen einer wilden Leidenſchaft ſeien— Oswald wäre der Erſte geweſen, dies in dem Falle eines Andern zu entdecken und zu rügen, aber die Klugheit, die Loyalität, die wir in der Beurtheilung fremder Ange⸗ legenheiten ſtets bereit haben, fehlen uns nur zu oft in unſerer eigenen; und weiſe denken und ſprechen und thöricht handeln ſind be⸗ kanntlich ſehr heterogene Dinge, die ganz vortrefflich Hand in Hand gehen können. Freilich mochte es einem leidenſchaftlichen Herzen ſchwer fallen, von ſo viel Schönheit, Anmuth und Geiſt nicht gerührt zu werden. Empfanden doch Alle, die mit Helene in Berührung kamen, den wun⸗ derbaren Zauber ihrer Perſönlichkeit; ſchien es doch faſt unmöglich, nicht mit Heftigkeit für oder gegen ſie Partei zu nehmen; gab es doch ſelbſt in der Geſindeſtube unter den Leuten lebhafte Scenen, da der ſchweigſame Kutſcher, auf die junge Baroneſſe anſpielend, brummte: es ſei nicht Alles Gold, was glänze, worauf die alte brave Köchin erwiederte: zu ſchlechten und mißgünſtigen Menſchen kämen die lieben Engel allerdings nicht, was denn eine unerguickliche Debatte über ſchlechte Menſchen im Allgemeinen und Beſondern herbeiführte, bei der es von beiden Seiten ziemlich ſcharf herging und, wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu geſchehen pflegt, verſchiedene helle Streif⸗ lichter auf die Familienangelegenheiten der gnädigen Herrſchaft ge⸗ worfen wurden. Denn ſelbſt in dieſen Regionen war man ſo ziemlich darüber einig, daß Baron Felir ſich nicht blos zum Vergnügen ſo lange auf Schloß Grenwitz aufhielt; ja Felir' Kammerdiener behaup⸗ tete: es gäbe gewiſſe Leute, die über gewiſſe Dinge eine ziemlich ge⸗ wiſſe Auskunft geben könnten, daß aber Verſchwiegenheit die erſte Pflicht eines guten Bedienten ſei. Er wolle nur ſo viel ſagen, daß ſein Herr, eine Sache, die er angefangen habe, auch zu Ende bringe, und daß er(der Kammerdiener) der unmaßgeblichen Meinung ſei, es gebe kein Mädchen auf Erden, das ſeinem Herrn auf die Dauer widerſtehen könne— eine Behauptung, die von dem weiblichen Theil der Geſellſchaft mit großer Entrüſtung zurückgewieſen wurde. Was den Blicken dieſer Leute nicht entging, konnte Oswald's 110 Problematiſche Naturen. durch die Liebe hundertfach geſchärftem Auge nicht verborgen bleiben. Mußte er doch täglich wahrnehmen, wie Baron Felix Alles aufbot, ſich die Gunſt ſeiner ſchönen Couſine zu erwerben: alle Gewandtheit, die er ſich in tauſend Intriguen auf den glatten Parquets großſtädti⸗ ſcher Salons angeeignet, allen Witz, mit dem ihn die Natur keines⸗ wegs kärglich verſehen hatte; alle Vortheile, die ihm ſein Verhältniß als naher Verwandter geſtattete. Mußte er doch ſehen, mit welcher Umſicht die Baronin dieſe Bemühungen auf alle Weiſe unterſtützte, und Felix in jeder Hinſicht eben ſo unermüdlich wie geſchickt fecundirte. Zwar ſagte er nein! oder ſchwieg, wenn Bruno nach Tiſche, nach einem Spaziergang mit zornigem Antlitz dieſe oder jene neue Frech⸗ heit von„dem Affen, dem Felir“ erzählte; aber er wußte recht gut, daß der Knabe nicht falſch geſehen oder gehört hatte, und ſein ein⸗ ziger Troſt war, daß Helenens Stolz in die Verbindung mit einem ihrer ſo ganz und gar unwürdigen Mann nun und nimmermehr willigen werde. Was Fräulein Helene ſelbſt betraf, ſo ging ſie ihren ſtillen Weg, ohne ſcheinbar weder nach rechts noch links zu blicken, nur daß in der letzten Zeit ihr Betragen noch zurückhaltender, ihre Miene noch vornehmer, ihr Lächein noch ſeltener geworden war. Sie fühlte ſehr wohl, daß ſie in dem Kampfe, der ihr drohte, allein ſtehen, daß ſie vergeblich an das Herz der kalten, egoiſtiſchen Mutter, vergeblich an die Einſicht des alten, ſchwachen Vaters, vergeblich an die Ritterlich⸗ keit des frivolen, zügelloſen Felix appelliren würde, und daß ſie ſich auf Niemand verlaſſen könnte, als auf ſich ſelbſt. Aber dieſes Be⸗ wußtſein, das andere Mädchen in dem Alter Helenens zu Boden gedrückt haben würde, diente nur dazu, den Muth dieſes hochherzigen Geſchöpfes, in welchem die ganze Kraft ihrer Familie, nur in edlerer, geläuterter Form wieder geboren zu ſein ſchien, anzuſchüren und zu entflammen. Die Annäherung, die zwiſchen ihr und der Mutter ſtattgefunden hatte, war nur eine ſcheinbare geweſen. Nie ſtehen ſich zwei Weſen ſchroffer gegenüber, als wenn ſie, mit der gleichen Energie, mit derſelben Kraft des Wollens und des Vollbringens aus⸗ geſtattet, nach verſchiedenen Zielen ſtreben. Zwiſchen der Baronin, die nur weltliche Zwecke kannte und verfolgte, und ihrer Tochter, die Dritter Band. 111 einem vielleicht übertriebenen, immer aber hochſinnigen Idealismus huldigte, war auf die Dauer keine Vereinigung möglich. Das ſprach auch Helene wiederholt in den Briefen aus, welche ſie jetzt häufig an ihre liebſte Freundin und einzige Vertraute, Miß Mary Burton, nach Hamburg ſchrieb.„Dearest Mary,“ hieß es in einem derſelben,„wie oft haſt Du Dich über das grauſame Geſchick beklagt, welches Dich mit Reichthum überſchüttete, um Dir alle Ver⸗ wandte zu rauben, Eltern, Geſchwiſter, Couſins und Couſinen— alle jene Freunde und Freundinnen, die uns die Natur ſelbſt mit auf den Lebensweg giebt. Aber, glaube mir, liebes Mädchen, es giebt noch ein ſchlimmeres Loos, als das Deine. Die Wehmuth, die Dich bei dem Gedanken erfaßt, allein dazuſtehen in der Welt, iſt nicht ohne eine gewiſſe Süßigkeit. Wie oft ſprachſt Du mit Entzücken von Deinem Bruder Harry, der Dir in der Blüthe ſeiner Jahre geraubt wurde, von Deiner Schweſter Kitty, der holden Blume, die ſo früh verwelkte— Du ſagteſt, ſie ſeien Dir nicht geſtorben, könnten Dir nicht ſterben, denn ſie lebten ſchöner und herrlicher in Deiner Erinne⸗ rung fort. Die Schatten der lieben Todten umſchwebten Dich überall, ſie ſeien Dir eine liebe Geſellſchaft, in der Du Dich unendlich wohler fühlteſt, als oft, ſehr oft in der kalten, egviſtiſchen, die Dich umgiebt. O gewiß: das Leben iſt der Güter höchſtes nicht; aber die Liebe iſt es. Das Leben ohne Liebe iſt ganz werthlos, Liebe ohne Leben kann noch immer köſtlich ſein. Deine Verwandten ſind geſtorben, aber ſie leben Dir; meine Verwandten leben, aber für mich ſind ſie todt.— Es iſt ein grauſes Wort, theuerſte Mary, aber ich ſtreiche es dennoch nicht wieder aus, denn es iſt wahr, und wir haben ja geſchworen, uns nie die Wahrheit zu verhehlen, koſte uns ihr Bekenntniß noch ſo viel. Ja, ſie ſind todt für mich, meine Verwandten, und ob ich gleich die Hälfte meines Lebens hingeben möchte, ſie in's Leben zu rufen— mit frommen Wünſchen iſt hier nichts gethan. Wer lebt denn für uns? Doch nur die, in deren Herzen wir allezeit eine ſichere Zufluchts⸗ ſtätte finden vor allem Leid, das uns bedrängt, vor allen Zweifeln, die uns ängſtigen; die nichts wollen, als unſer Glück, und unſer Glück nicht in der Erfüllung ihrer eigenen Wünſche, in der Befrie⸗ digung ihrer eigenen Selbſtſucht erblicken. Und iſt dies nicht der Fall * 112 Problematiſche Naturen. bei den Meinigen? kann ich ihnen mein Herz erſchließen? muß ich nicht ſtets fürchten, bei ihnen anzuſtoßen, wenn ich ſpreche, wie ich denke? fragen ſie nach meinen Neigungen? ängſtigen ſie mich nicht vielmehr mit Zumuthungen, mit Andeutungen, die mir das Blut er⸗ ſtarren machen? Freilich mein guter alter Vater— er würde, wenn es zum Aeußerſten käme, mich nicht verlaſſen; aber, großer Gott, iſt denn die Furcht, es könne bis dahin kommen, nicht ſchlimm genug? und iſt denn der Beiſtand, den man ſich ertrotzen muß, etwas, worauf wir mit vollem Vertrauen, mit gläubiger Zuverſicht blicken können? Ach, Mary, ich kann Dir nicht ſagen, wie fremd, wie un⸗ heimlich mir der Geiſt iſt, der in meinem elterlichen Hauſe waltet, wie ſehr ich mich zurückſehne nach unſerm ſtillen Penſionsleben, wo wir, wenn uns auch die Welt draußen verſchloſſen war, in unſeren Träumen und ach! vor allem in unſerer herzlichen Freundſchaft eine ſchönere und reichere Welt fanden. Hier hab' ich Niemand, dem ich einen Blick in dieſe Welt verſtatten möchte, Niemand, als einen Knaben, bei dem ich auf Verſtändniß nicht rechnen kann, und einen Mann, den ich lieben könnte, wenn er mein Bruder wäre, und von dem mich jetzt eine unüberſteigliche Kluft trennt. Du weißt, von wem ich ſpreche. Ich will Dir nicht verſchweigen, das ich in letzterer Zeit an dieſem Mann ein Intereſſe gewonnen habe, das ich nie für mög⸗ lich gehalten hätte— ein Bekenntniß, welches Deinen Spott heraus⸗ fordern wird und das ich Dir dennoch, kraft der Heiligkeit unſeres Convenants, ſchuldig bin. Vielleicht fühle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen, weil er unglücklich iſt. Er ſteht, wie Du, allein, ganz allein da in der Welt; ſeine Mutter hat er kaum gekannt, ſeinen Vater ſchon vor Jahren verloren, Brüder und Schweſtern nie gehabt. Er iſt noch jung, aber reiche Herzen erleben viel in kurzer Zeit; und er muß viel erlebt und viel gelitten haben. Es liegt eine Schwer⸗ muth auf ſeiner hohen Stirn, in ſeinen tiefblauen großen Augen, die für mich etwas unendlich Rührendes hat; manchmal zuckt es ſo ſchmerz⸗ lich um ſeinen Mund, daß ich viel, ſehr viel darum geben könnte, dürfte ich zu ihm treten und ſprechen: ſage mir, was Dich quält; vielleicht kann ich Dir helfen, und vermag ich auch das nicht, kann ich doch mit Dir fühlen. Du weißt, theure Mary, daß ich durch und Dritter Band. 113 Miſtokratin bin, daß ich einen angebornen Widerwillen vor allem Gemeinen und Plebejiſchen habe. Wir Beide ſind in der Ueber⸗ zeugung aufgewachſen, daß die unteren Stände mit dem Adel der Geburt auch des Adels der Geſinnung entbehren, daß wir bei ihnen auf ein Verſtändniß deſſen, was uns hoch und theuer iſt, in keinem Falle rechnen können. Ich geſtehe, daß ich ſeit meiner Ankunft in Grenwitz von dieſem Vorurtheil— denn ſo muß ich es jetzt bezeich⸗ nen— in manchen Punkten zurückgekommen bin, daß ich wenigſtens jetzt eingefehen habe, wie ſich zu der Regel doch auch Ausnahmen finden. Stein iſt eine ſolche Ausnahme. Ich habe noch kein Wort aus ſeinem Munde gehört, das den Plebejer verrathen hätte, dagegen viele, ſehr viele, die mir wie aus der Seele geſprochen waren, die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden. Er ſpricht mit einer Anmuth, wie ich es noch von keinem Menſchen gehört habe, mit einer reichen Modulation der Stimme, die wie Muſik in meinem Ohre klingt, ſo daß ich oft noch ſtundenlang nachher verſuche, die Art und Weiſe, den Tonfall, mit dem er dieſes oder jenes ſprach, in meiner Erinne⸗ rung zurückzurufen. Es liegt für mich ein unendlicher Zauber in einer ſchönen klangreichen Stimme; es iſt mir immer, als ſprächen die Menſchen mit dem Herzen; als könnte ich, oft ſchon nach wenigen Worten, ſagen: dies iſt ein guter, dies iſt kein guter Menſch. Und bei Stein wenigſtens trifft es zu. Ich habe ſchon manche Proben von ſeiner Herzensgüte geſehen. So ſtarb vor ein paar Tagen in unſerem Dorfe eine ſteinalte Frau, die früher Wirthſchafterin auf dem Schloſſe geweſen war und von dem Vater eine kleine Penſion hatte. Niemand kümmerte ſich um ſie, nur Stein, der auch nach ihrem Tode für ihr Begräbniß Sorge trug, ja, ſie zu ihrer letzten Ruheſtätte, mit Bruno, den weiten Weg bis zum Friedhofe begleitet hat. Das iſt ihm im Schloſſe ſehr übel ausgelegt worden und ich mußte ſehr liebloſe Bemerkungen darüber mit anhören; beſonders von einer ge⸗ wiſſen Perſon, die Gott danken ſollte, wenn er ſie nur einmal auf den Gedanken einer ſo guten That kommen, geſchweige denn eine ſolche wirklich ausführen ließe. Aber ich will dieſer Perſon nicht die Ehre anthun, noch mehr Worte über ſie zu verlieren. Ich habe beſchloſſen, Fr. Spielhagen's Werke. III. 8 114 Problematiſche Naturen. daß ſie in Wirtlichteit für mich i und , nie in Worten. Dieſer Brief, welchem ſich Fräulein Helene ſo unumwunden über die Perſonen ihrer Umgebung ausſprach, wurde nie beantwortet, denn er gelangte nie an ſeine Adreſſe. Zwölftes Capitel. Es war in der Nachmittagsſtunde. Der alte Baron ſchlief in dem Wohnzimmer. Er ſaß in dem großen Schaukelſtuhl; die Zeitung, in welcher er geleſen hatte, war ihm aus der welken, herabhängenden Hand geglitten. Er ſah recht verfallen aus in dieſem Augenblicke; recht wie ein alter Mann, der nicht mehr viele Jahre zu leben hat und deſſen Leben die leichteſte Krankheit ein raſches Ende machen kann.— So mochte Anna⸗Maria denken, die ihm gegenüber auf ihrem gewöhnlichen Platze geſeſſen und ihn eine geraume Zeit, in tie⸗ fem Nachdenken verloren, aufmerkſam betrachtet hatte. Jetzt ſtand ſie auf, und deckte leiſe ein dünnes Taſchentuch über das Geſicht des Schlafenden. Dann ſah ſie auf die Pendeluhr über dem Kamin. Es war bald vier, die Stunde, in welcher nach der unwandelbaren Ordnung des Hauſes der Kaffee getrunken werden mußte— im Garten, wie ſtets, wenn das Wetter es erlaubte. Die Baronin ſtand im Begriff ihren Gemahl zu wecken, ſie beſann ſich indeſſen eines anderen, ſchritt durch die offene Thür in den Garten hinab, und fragte den Bedienten, welcher das Kaffeeſervice in die Laube trug, ob Baron Felix ſchon gerufen ſei?— Noch nicht, gnädige Frau!— So gehen Sie hinauf; ich ließe ihn bitten, doch, wo möglich, ſogleich zu kom⸗ men, und hören Sie! ſagen Sie Mademviſelle, ich wollte heute ſelbſt den Kaffee ſerviren, ſie möge nur in der Wäſchkammer bleiben.— Zu Befehl, gnädige Frau.— Und, was ich ſagen wollte, Sie brau⸗ chen die Anderen noch nicht zu rufen.— Zu Befehl, gnädige 5 Dritter Band. 115 Der Mann ging ſeine Aufträge auszurichten. Anna⸗Maria ſchritt an der Laube vorüber in einen langen, ganz überwölbten Buchengang, der von dem großen Raſenplatze aus mehrere hundert Schritte bis in ein Gehölz führte, wo eine kleine verfallene Kapelle ſtand. Sie ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß ſie Felix in die Laube beſchieden hatte, denn ſie ging immer weiter, die Augen auf den Boden geheftet, bis ſie das Ende des Ganges und die Kapelle erreicht hatte. Es war eine liebliche, ſüß melancholiſche Stelle. Uralte Rieſen⸗ bäume umwölbten den Platz mit ihren breiten Laubkronen, daß kaum ein Sonnenſtrahl ſich hineinſtehlen konnte. Der Boden war mit dichtem Moos bedeckt: langes Gras wuchs zwiſchen den umhergeſtren⸗ ten Steinfließen; die weitklaffenden Spalten des alten Gemäuers waren von dunkelgrünem Epheu überſponnen; hier und da ragte ein hoher blühender Buſch aus den Ruinen. Auf dem morſchen Kreuz in einer der leeren Fenſterniſchen ſaß ein Vögelchen und ſang. Das war der einzige Laut, den man vernahm. Er ſchien die Stille rings umher nur noch ſtiller zu machen. Einen Liebhaber der Einſamkeit würde der Platz entzückt haben. Aber die Baronin erhob kaum einmal die Augen vom Boden, ſich flüchtig umzuſehen. Sie hatte überhaupt ſehr wenig Sinn für Son⸗ nenſtrahlen, die durch ein dichtes Laubgitter zittern, für blaue Schat⸗ ten und andere Requiſiten landſchaftlicher Schönheit, und heute vor⸗ züglich war ihr Geiſt von ganz anderen Dingen in Anſpruch genom⸗ men. Sie ſetzte ſich auf eine Steinbank unmittelbar unter der leeren Fenſterniſche, in welcher das Vögelchen ſang, nahm aus der Taſche ihres Kleides einen Brief und begann denſelben noch einmal zu leſen. Es war der Brief, den Helene heute Morgen in dem guten Glauben, daß das Wort der Mutter, ſie werde ſich nie um ihre Correſpondenz kümmern, eine Wahrheit ſei, geſchrieben, und in dem vollen Vertrauen auf die Heiligkeit des Briefgeheimniſſes ihrem Kam⸗ mermädchen übergeben hatte mit dem Auftrage, ihn in die Küche zu tragen, wo der Poſtbote ſich an einer Taſſe Kaffee erquickte. Das Mädchen war der Baronin auf dem Flur begegnet, und von dieſer gefragt worden, von wem der Brief ſei? Auf die Antwort: von dem 8* 116 Problematiſche Naturen. gnädigen Fräulein; hatte die Baronin ſich den Brief geben laſſen, mit der Weiſung, den Poſtboten hernach zu ihr auf's Zimmer zu ſenden, da ſie ſelbſt noch mehrere Aufträge für ihn habe. So war Helenens Brief in die Hände der Mutter gekommen. Es war ein Zufall, einer jener Zufälle, den böſe Dämonen eigens in der Abſicht herbeizuführen ſcheinen, ein ſo ſchon den Mächten der Finſterniß mehr als denen des Lichts zugethanes Gemüth gänzlich zu verwirren und vom rechten Pfade wegzulocken. Ohne dieſen Zufall wäre die Baronin vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, ſich auf dieſem krummen Wege in das Herz ihrer Tochter zu ſtehlen. Aber das Project der Heirath Helenens mit Felix war bei ihr, wie es bei ſelbſtiſchen und eigenwilligen Naturen zu geſchehen pflegt, zur fixen Idee geworden. Der Geſundheitszuſtand ihres Gemahls erſchien ihr— gleichviel ob mit Recht oder Unrecht— äußerſt bedenklich; für Malte, der in der That ein ſehr ſchwäch⸗ liches Kind geweſen und, zum Theil durch die Schuld der über⸗ zärtlichen Eltern, aus einer Krankheit in die andere gefallen war, hatte ſie ſtets gefürchtet; es war in ihren Augen mehr wie wahrſchein⸗ lich, daß Felix über kurz oder lang der Herr ſein würde und ſie hielt es daher für eine gute Politik, ihn auf jede Weiſe an ſich zu feſſeln. Sie hatte dabei im Anfange auch Helenens Vortheil, wie ſie ihn nun verſtand, im Auge gehabt. Sie wollte mit ihrer eigenen Zukunft auch die Zukunft der Tochter ſicher ſtellen, und fand es bequem, daß dies mit einem Schlage geſchehen konnte. Felix ſchien zum Schwie⸗ gerſohn einer herrſchſüchtigen Schwiegermutter wie geſchaffen. Er war leichtfinnig, fügſam, ein Feind von Geſchäften, und durchaus geneigt, ſo lange es ihm nicht an Geld oder Credit gebrach, die Sachen gehen zu laſſen, wie ſie wollten und konnten. Die Baronin bedachte nicht, daß ſolche Menſchen gerade am ſchwerſten zu behandeln ſind, daß grenzenloſer Leichtſinn und ein frecher, grauſamer Egvismus, der, was ſich ſeiner Befriedigung entgegenſtellt, ſchonungslos opfert, ganz vortrefflich Hand in Hand gehen. Sie glaubte von Felix nichts zu befürchten zu haben. Felir hatte mit ſeinem höfiſchen, geſchmeidi⸗ gen Weſen, ſeinem: wie Sie liebe Tante;— richten Sie das Dritter Band. ganz nach ihrem Gutdünken ein, liebe Tante— ihr ganzes Herz ge⸗ wonnen, ſo weit ſie überhaupt ein Herz hatte. Deſto größere Sorge machte ihr Helene. Sie konnte es ſich nicht verhehlen, daß die von beiden Seiten verſuchte Annäherung doch zu keinem, oder ſtreng genommen, dem entgegengeſetzten Reſultat geführt hatte. Daß ſie dabei alle Schuld auf die„kindliche Geſinnung,“ auf die„überſpannten Ideen“ Helenens ſchob, war natürlich, änderte aber an der Sache ſelbſt nichts. Und nun mußte ſie noch dazu be⸗ merken, daß Helene offenbar ihrem Vater ein größeres Vertrauen ſchenkte, als ihr; daß ſie ſich zu Bruno viel mehr hingezogen zu fühlen ſchien, als zu ihrem Bruder Malte; daß ſie gegen Oswald, ſelbſt gegen Albert artiger und zuvorkommender war, als gegen ihren Couſin. Felir hatte gelacht, als ihm die Baronin dieſe Bemerkung mittheilte: er hatte dies für ein gutes Zeichen erklärt. Je ungezogener, je beſſer! hatte der Ex⸗Lieutenant gemeint; und dabei einen Vergleich zwiſchen Pferden und Mädchen, der etwas ſtark nach der Wachtſtube ſchmeckte, gezogen. Indeſſen die Baronin pflegte ihren eigenen Augen zu trauen, und ihre Augen beſtätigten ſie täglich mehr in der Richtigkeit ihrer Beobachtung. Nun hatte auch Felir zuletzt ange⸗ fangen, etwas weniger ſicher zu ſein. Emilie von Breeſen's Wort an jenem Abend war wie ein ſcharf gefiederter Pfeil durch ſeine Selbſtgefülligkeit, in die er ſich wie in einen Harniſch hüllte, gedrun⸗ gen. Die Eiferſucht ſieht falkenſcharf. Emilie fühlte, daß nur die Liebe zu einer Anderen dieſe Veränderung in Oswald bewirkt haben konnte, und mit jener wunderbaren Divinationsgabe, die bei den Frauen die ſchwerfällige Logik des Mannes mehr wie erſetzt, hatte ſie im Nu herausgefunden, daß ihre Nebenbuhlerin Niemand anders ſein könne, als die ſchöne Helene. Felir hatte in ſeiner raſchen Weiſe den in ihm angeregten Gedanken, um ihn los zu werden, der Baronin mitgetheilt, die Baronin in ihrer bedächtigen Weiſe darüber gebrütet, bis das im Anfang ihr ganz Unglaubliche ihr wahrſcheinlicher und immer wahrſcheinlicher erſchien, und ſie zuletzt beſchloß, es koſte was es wolle, der Sache auf den Grund zu kommen. Da ſpielt ihr der Zufall den Brief Helenens in die Hände. Dieſer Brief, an die vertrauteſte Freundin ihrer Tochter, mußte 118 Problematiſche Naturen. ihren Verdacht beſtätigen oder zerſtreuen, ihr den Schlüſſel zu dem Herzen ihrer Tochter liefern. Daß dieſer Schlüſſel in ihrer Hand zu einem Diebswerkzeug wurde— was galt es ihr! Sie wollte Ge⸗ wißheit um jeden Preis! Und hatte nicht eine Mutter ein Anrecht auf die Geheimniſſe ihrer Tochter? und wenn dieſe Tochter ſich, wie nur zu ſehr zu befürchten ſtand, auf Abwege verirrte, iſt es nicht heilige Pflicht der Mutter, ſie davon zurückzubringen, ſelbſt durch ein gewaltſames Mittel? So ſuchte die Baronin ſich das Gehäſſige ihres Schrittes weg⸗ zuraiſonniren. Den Menſchen fehlt es nie an Beſchönigungsgründen für eine Handlung, die ſie auf jeden Fall auszuführen entſchloſſen ſind. Und da ſaß ſie nun auf der ſteinernen Bank neben dem alten Gemäuer unter der Fenſterniſche, in welcher das Vögelchen ſo luſtig zwitſcherte und ſtudirte den Brief, den unſeligen Brief, den ſie nun ſchon beinahe auswendig wußte. Die Frucht von dem Baume der Erkenntniß, die ſie ſo freventlich geſtohlen, war bitter, ſehr bitter. Sie hatte ihre Tochter nie geliebt; jetzt aber haßte ſie ihre Tochter... Alſo wirklich! ihr ſchlimmſter Verdacht beſtätigt! für alle ihre Güte mit ſchwarzem Undank belohnt! des Egvoismus von ihrem eigenen Kinde angeklagt! in allen ihren Plänen von dieſem Starrkopf durchkreuzt! Helene im beſten Einverſtändniß mit den beiden Verhaßten! Fräulein von Grenwitz in Liebe zu einem Miethling, einem gemeinen Menſchen, der bei ihren Eltern in Lohn und Brod ſtand! Denn was bedeuteten zuletzt all die ſchönen Phraſen von Oswald's Liebenswürdigkeit, Os⸗ wald's Herzensgüte, von dem Antheil, den ſie an ſeinem geheimen Kummer nahm? Die Baronin verſtand ſich freilich ſchlecht auf die Sprache der Liebe; ſo viel aber wußte ſie; die Gleichgültigkeit ſpricht ſo nicht. Dahin alſo war es gekommen! Helene wollte Krieg! gut — ſie ſollte ihn haben. Es ſollte ſich zeigen: wer die Stärkere war: die Mutter oder die Tochter. Jetzt zurückweichen? zugeben, daß dieſes ungerathene Kind ihren Willen durchſetzt? den jahrelang erwogenen Vorſatz einer thörichten Mädchenlaune opfern? Nimmer⸗ mehr! Aber was jetzt thun? noch einmal es mit ſcheinbarer Güte ver⸗ Dritter Band. 119 6 ſuchen? oder die Maske fallen laſſen und befehlen, wo mit Bitten nichts auszurichten war? Und vor allem: wie weit Felix in das Ge⸗ heimniß einweihen? würde ſich nicht ſein Stolz regen, wenn er er⸗ führe, wie tief er in den Augen Helenen's ſtand, wie ſehr ſie ihn verachtete? Konnte er nicht zurücktreten? und ſetzte dann Helene nicht doch ihren Willen durch? triumphirte die Tochter dann nicht doch über die Mutter?.. Ehe die Baronin über dieſen Punkt mit ſich ins Klare koimmen konnte, vernahm ſie Schritte ganz in ihrer Nähe. Sie faltete eiligſt den Brief zuſammen und verbarg ihn haſtig in der Taſche ihres Kleides. Es war Felix. Er hatte Niemand in der Laube gefunden, und zufällig einen Blick in den Buchengang werfend, die Baronin in der Tiefe deſſelben zu erblicken geglaubt. „Alſo doch,“ ſagte er, als ſich die Baronin bei ſeiner Annähe⸗ rung erhob,„ich wußte wahrlich nicht, ob Sie es waren. Der Kaffee ſteht in der Laube; aber wie König Philipp auf dem Thron, einſam und allein. Es ſcheint ſich alle Welt, wie ich, verſchlafen zu haben.“ „Setzen Sie ſich hierher zu mir, lieber Felix,“ ſagte die Baronin; „es hat mit dem Kaffee keine ſo große Eile. Wir können hier un⸗ geſtörter ſprechen als dort.“ „Ein allerliebſt verſchwiegenes Plätzchen zu einem ehrbaren Ren⸗ dezvous,“ erwiederte Felix lachend, neben der Baronin auf dem Bänk⸗ chen Platz nehmend. In dieſem Augenblick verſtummte das Vögelchen, das oben in der Fenſterniſche geſeſſen hatte und flog in einen der Bäume. Das bleiche, von dunkeln Locken eingerahmte Geſicht eines Knaben erſchien in der Höhlung und ſchaute herunter, um ſofort, nachdem es die Beiden erblickt hatte, wieder zu verſchwinden. „Daß Sie doch noch immer zum Scherz aufgelegt ſind, lieber Felir!“ ſagte die Baronin. „Noch immer?“ erwiederte Felix,„was iſt denn geſchehen, wes⸗ halb ich weinen ſollte? Sie können wohl nicht vergeſſen, was ich neulich Abends ſagte? Pah! ich habe mich lange von dem Schreck erholt; es war ein blinder Schuß, glauben Sie mir!“ — 120 Problematiſche Naturen. „Ich wollte, ich könnte ihre Zuverſicht theilen, lieber Felix; aber ich habe meine guten Gründe, anderer Meinung zu ſein. Ich habe⸗ Helene ſeitdem genauer beobachtet; ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen, daß doch etwas an der Sache iſt.“ „Aber, verzeihen Sie mir, Tante; Sie haben ein bewunderungs⸗ würdiges Talent, Alles ſchwarz zu ſehen. Es war ein kindiſcher Ein⸗ fall von der kleinen Breeſen; ſie wollte mich ärgern— voila tont! Ich kann Helenen nicht zutrauen, daß ſie mir einen Schulmeiſter vor⸗ zieht. Es wäre ja lächerlich, horriblement lächerlich,“ ſagte der Ex⸗ Lieutenant und betrachtete wohlgefällig ſeine lackirten Stiefel. „Und geſetzt auch, Helene könnte ſich nicht ſo weit vergeſſen— daß es nur die thörichte Laune eines Augenblicks wäre, verſteht ſich ohnehin von ſelbſt— ſind Sie denn mit ihrem Betragen, Ihnen gegenüber, zufrieden?“ „Sie wird ihr Betragen ändern, ſobald ſie ſieht, daß wir Ernſt machen.“ 3 „Und wenn ſie es nicht ändert?“ „Nun, ſo ſind wir Gott ſei Dank noch nicht verheirathet;“ ſagte Felir in der Bewunderung ſeiner Stiefel verloren, wahrſcheinlich nicht genau wiſſend, was er ſagte. „Dann können wir ja auch unſer Geſpräch abbrechen,“ ſagte die Baronin ſich erhebend;„wenn Sie mit einer ſolchen Gleichgültigkeit von dem Scheitern eines Planes ſprechen können, an deſſen Ausfüh⸗ rung, ſollte ich denken, uns Beiden beinahe gleichviel gelegen ſein muß, ſo verlohnt es ſich auch nicht der Mühe, weiter darüber zu ſprechen.“ „Aber, theuerſte Tante,“ ſagte Felir aufſpringend und der Ba⸗ ronin die Hand küſſend;„Sie ſind auch wahrlich heute in einer ſchauerlichen Laune. Wie können Sie ein Wort, bei dem ich mir, auf Ehre, nicht das Mindeſte gedacht habe, ſo übel nehmen? Es fuhr mir ſo heraus. Sie wiſſen ja, daß meine Zunge Vieles ſpricht, was ich bei Leibe nicht verantworten möchte. Setzen Sie ſich wieder, ich bitte Sie... Sie ſagten, wenn Helene ihr Betragen nicht ändert? meine ernſte Antwort iſt: ſo heirathe ich ſie doch. So etwas findet ſich, wenn man nur erſt im Wagen ſitzt; auf der erſten Station wird Dritter Band. 121 geweint: auf der zweiten geſchmollt; auf der dritten fängt man an zu lächeln; auf der vierten—“ „Genug!“ jagte die Baronin,„Sie ſind ein unverbeſſerlicher Leichtfuß, der—“ „Ueberall da hingelangt, wo er hingelangen will. Und deshalb laſſen Sie Ihre Bedenken fahren und uns zum Kaffee gehen, der ſonſt wahrlich kalt wird.“ „Nicht ſo ſchnell!“ ſagte die Baronin;„wozu rathen Sie denn nun?“— „Wozu ich immer gerathen habe. Sagen Sie Helenen— da ich ja doch einmal mich auf keinen Fall direct in die Sache miſchen ſoll— Du heiratheſt Deinen Vetter, Baron Felix von Grenwitz, und zwar binnen hier und irgend einer beliebigen Zeit. Abgemacht, Sela.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ „Mein wohlerwogener Ernſt. Wann wollen Sie den großen Ball geben?“ „Uebermorgen.“ „Gut. Das iſt eine vortreffliche Gelegenheit, der Geſellſchaft unſere Verlobung anzukündigen. Sagen Sie Helene nur: wenn Du am Donnerſtag Abend nicht Felir' Verlobte biſt, gehſt Du am Freitag früh in die Penſion zurück. Sie ſollen ſehen: Das hilft.“ „Ich fürchte, die Drohung dürfte den entgegengeſetzten Erfolg haben. Man hat Helene in Hamburg viel zu ſehr verwöhnt. Ich glaube, ſie ginge heute lieber zurück, als morgen.“ „Eh bien! ſo ſchicken Sie die kleine Widerſpenſtige nach Grün⸗ wald in die Muſterpenſion von Fräulein Bär. Es iſt das freilich, wie mir die kleine Breeſen, die dort erzogen iſt, neulich mittheilte, eher eine Strafanſtalt als eine Penſion; aber je ſchlimmer, deſto wirkſamer— ich meine, die Drohung; denn daß es ma chére cousine nicht zum Aeußerſten kommen laſſen, ſondern ſich, genau zur rechten Zeit, beſinnen wird, darauf hin will ich mich hängen laſſen. Verzeihen Sie, Tante; ich weiß, Sie lieben die ſtarken Aus⸗ drücke nicht.“ „Es iſt wirklich eine recht üble Angewohnheit von Ihnen,“ fagte die Baronin, ſich erhebend, während Felir ihrem Beiſpiele folgte. 122 Problematiſche Naturen. „Die ich Ihnen zu Gefallen ablegen werde,“ erwiederte er, der Baronin den Arm bietend. „Noch eins,“ ſagte dieſe, ſtehen„glauben Sie, daß Grenwitz darein willigen wird?“ „Ob ich das glaube?“ rief Felir mit einem für den alten, guten Baron wenig ſchmeichelhaften Lachen;„ob ich das glaube? Ma foi, chère tante, da müßte mein ſehr würdiger Onkel doch nicht beinahe zwanzig Jahre unter Ihrem Commando geſtanden haben. Wie lange habe ich denn die Ehre, unter Ihnen zu dienen? ein paar Wochen, und ich dächte, ich hätte ſchon ganz gut gehorchen gelernt.“ „Sie ſind ein Schmeichler,“ ſagte die Baronin gütig,„aber man kann Ihnen nicht bös ſein.“ Und das würdige Paar entfernte ſich, Arm in Arm. Als die Stimmen nicht mehr zu vernehmen waren, ſchaute das Knabengeſicht wieder vorſichtig zu der Fenſterniſche heraus. Es war noch bleicher, als vorhin. Der Knabe ſtreckte nach den davon Ge⸗ henden drohend den Arm aus, und ſeine Lippen murmelten einen grimmigen Fluch. Dann, als die Beiden nicht mehr zu ſehen waren, ließ er ſich aus der Fenſterniſche herab auf die Bank, wo ſie geſeſſen hatten. Neben der Bank, in dem dicken Mooſe, lag ein ſchlecht zu⸗ ſammengefalteter Brief, den die Baronin aus der Taſche verloren hatte. Der Knabe hob ihn auf und als er ſah, daß er von Helenens Hand war, drückte er ihn mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit an ſeine Lippen. Dann verbarg er ihn ſorgſam in ſeiner Bruſttaſche, blickte ſich noch einmal vorſichtig um, und war im nächſten Augenblick im dichten Ge⸗ büſch verſchwunden. Dreizehntes Capitel. Die Behauptung von Felix' vielgewandtem Kammerdiener betreffs der Unwiderſtehlichkeit ſeines Herrn in Liebesaffairen war zwar als eine Beleidigung des ſchönen Geſchlechts im Allgemeinen und des in der Küche verſammelten, weiblichen Dienſtperſonals im Beſonderen Dritter Band. 123 von dieſem letzteren auf's heftigſte beſtritten worden, der Vielgewandte indeſſen hatte dazu nur geheimnißvoll gelächelt, ſich, nach der Weiſe ſeines Herrn, in den Stuhl zurückgelehnt, die Beine von ſich geſtreckt und mit einem vielſagenden Zwinkern ſeines rechten Auges auf die geblickt, welche in dem unerquicklichen Disput die höchſte moraliſche Entrüſtung und die größte Zungenfertigkeit zeigte— die hübſche Luiſe war auf dieſen Blick hin ſehr roth geworden und ſo plötzlich ver⸗ ſtummt, daß es ſelbſt die Aufmerkſamkeit des ſchweigſamen Kutſchers erregte und ihn zu der Wiederholung ſeiner früheren Bemerkung ver⸗ anlaßte: es ſei nicht Alles Gold, was glänze. Darauf hatte die hübſche Luiſe an zu weinen gefangen, die alte, brave Köchin ſich ihrer aber angenommen und gemeint: Der Herr Kammerdiener ſolle ſich ſchämen, durch gehäſſige„Inſinuationen“ und„böſe Blicke“ ein armes Mädchen in ſchlechten Ruf zu bringen; der Vielgewandte, welcher bemerkte, daß er zu weit gegangen ſei, ſich ſodann zu der Erwiderung genöthigt geſehen: wie es ihm nicht eingefallen ſei, auf irgend eine der an⸗ weſenden Damen direct anzuſpielen, und daß er mit ſeinem Zwinkern ſchlechterdings gar nichts habe ſagen wollen. Dieſe ſo äußerſt loyale parlamentariſche Erklärung hatte denn ſchließlich den ſo freventlich geſtörten Frieden der um den Küchenherd verſammelten Geſellſchaft wiederhergeſtellt. Indeſſen verhielt ſich leider die Sache genau ſo, wie der Viel⸗ gewandte— freilich mit grober Verletzung der ſeinem Herrn ſchul⸗ digen Treue und der Verſchwiegenheit, auf die er ſich ſo viel zu gut that— angedeutet hatte. Baron Felix hatte die für Andere— be⸗ ſonders ſeinen Kammerdiener und oft auch für ihn ſelbſt— ſehr un⸗ bequeme Gewohnheit, ſich in jedes hübſche Mädchen, das ihm auf ſeinem Lebenswege begegnete, und wär's auch nur auf ein paar Tage, Stunden, Minuten, gleichviel— zu verlieben, und jede nur einiger⸗ maßen paſſende Gelegenheit zur Anknüpfung einer Intrigue zu be⸗ nutzen. So war er denn noch nicht vierundzwanzig Stunden auf dem Schloſſe geweſen, als er ſchon Mademoiſelle Marguerite und die hübſche Luiſe als diejenigen Perſonen herausgefunden hatte, welche beſonders däzu geeignet ſein dürften, ihm die Langeweile des Land⸗ lebens und die Unbequemlichkeit einer Brautwerbung tragen zu helfen. 124 Problematiſche Naturen. Er hatte Albert, den buon camerado ſo vieler ähnlicher Heldenthaten in der Cadettenzeit, über Mademoiſelle auszuholen verſucht und ſeinem Jean den Auftrag ertheilt, die Moralität der hübſchen Luiſe gelegent⸗ lich auf die Probe zu ſtellen. Albert war einen Augenblick in Zweifel geweſen, ob er Felix' ſaubern Plan nicht wenigſtens ſo weit begün⸗ ſtigen ſollte, um einen Grund zu haben, auf den er ſich ſtützen könnte, wenn es ihm ſpäter vielleicht einmal darauf ankäme, mit Marguerite zu brechen. Dann aber hatten die Eiferſucht und der Haß, welchen er gegen ſeinen früheren Kameraden,„den Glückspilz“, empfand, doch den Sieg davon getragen. Er hatte Felir erzählt, wie er ganz be⸗ ſtimmt— von Mademoiſelle ſelbſt— wiſſe, daß ſie—„mit einem Candidaten der Thevlogie, der Himmel weiß wo? ich glaube in Grün⸗ wald“— verlobt ſei, daß er ſelbſt verſucht habe, ſich die Gunſt der ſchwarzäugigen Genferin zu erwerben, und alſo von der gänzlichen Hoffnungsloſigkeit—„nach dieſer Seite hin etwas auszurichten“ voll⸗ kommen überzeugt ſei. Felir, obgleich er fonſt nicht der Mann war, ſich durch der⸗ gleichen Mittheilungen einſchüchtern zu laſſen, tröſtete ſich um ſo leichter über das Fehlſchlagen dieſes ſeines Planes, als ihm der Vielgewandte auch geſagt hatte, daß eine ſofort angeſtellte forcirte Recognoscirung nach der andern Seite durchaus von dem günſtigſten Erfolg gekrönt worden ſei, und daß er ſeinem Herrn ſchon im voraus zu dieſer Acquiſition gratuliren zu können glaube. Don Juan Felix hatte darauf unter Beiſtand des Vielgewandten nach allen Regeln lang⸗ geübter Kunſt das Vögelchen in das Garn zu locken verſucht, und ſich denn auch nicht weiter gewundert, als es ſchon nach wenigen Tagen in die kunſtgerecht aufgeſtellten Netze flatterte. Die Einrichtung des Schloſſes mit ſeinen labyrinthiſchen Cor⸗ ridoren, ſeinen vielen großen und kleinen Treppen, auf denen man unverſehens in Etagen gelangte, in die man gar nicht wollte, mit ſeinen unzähligen Thüren, von denen die eine ausſah, wie die andere, machte für Jemand, der die Localität nicht ganz genau kannte, die Durchführung eines galanten Abenteuers zu einer äußerſt ſchwierigen und bedenklichen Sache. Das hatte auch Felix erfahren, indem er ſich einige Mal auf ſeinen nächtlichen Wanderungen gründlich verirrte Dritter Band. 125 und nur mit der äußerſten Mühe und nach ſtundenlangem vorſichtigen Umhertappen ſein Zimmer wieder gewann. Er zog es deshalb vor, in dem Garten, der ſich mit ſeinen ſchattigen Gängen und ſtill ver⸗ ſchwiegenen Lauben auch ganz vortrefflich dazu eignete, und in den man ſowohl aus der Leutewohnung, wie aus dem Herrenhauſe ohne große Mühe gelangen konnte, den angeſponnenen Roman weiter zu führen. So hatte er ſich denn auch in dieſer Nacht aus dem Schloſſe geſtohlen, und harrte, in den dichten Boskets, von denen aus man die Front des alten Schloſſes und die Leutewohnung, die in einer Linie daran gebaut war, beobachten konnte, ſeines armen Opfers. Die Schloßuhr ſchlug zwölf— die Stunde, welche er zum Rendez⸗ vous beſtimmt hatte. Der Mond ſchien hell, die Thautropfen auf den Blumen und Blättern glitzerten in ſeinen Strahlen; Felix konnte auf ſeiner Uhr ſehen, daß die Schloßglocke eine Viertelſtunde zu ſpät geſchlagen hatte. Die Lichter im Schloß waren erloſchen; nur in zwei der Fenſter des hohen Parterres ſchimmerte durch die rothen Vorhänge der Schein einer Lampe. Felir ſah in regelmäßigen Zwi⸗ ſchenräumen die undeutlichen Umriſſe ihrer Geſtalt hinter dem Vor⸗ hang— offenbar ſchritt ſie im Zimmer auf und ab. Dann mußte ſie ſich wieder an das Clavier geſetzt haben, denn einzelne Töne, den Lauten des Vogels gleich, der im hellen Mondſchein träumend ſein Lied zu ſingen verſucht, irrten durch den ſtillen Garten; die Töne floſſen zuſammen zu Accorden und endlich ſtrömte in vollen rauſchen⸗ den Wogen Beethoven's herrliche Sonate pathétique, wie der Geſang eines Engels, der um Mitternacht mit ausgebreiteten Flügeln über die Erde ſchwebt, und alles Erdenleid und alle Erdenqual in ſeinem göttlichen Herzen ſammelt und es ausſtrömt in ein feierliches Lied voll unendlicher Schwermuth und himmliſcher Süßigkeit.. Ob Felir in dieſem Augenblick, wo er, den Arm auf einer Ur⸗ nenſäule gelehnt, lauſchend daſtand, nicht doch eine Art von Gewiſſens⸗ biß empfand darüber, daß er, der Wüſtling, der Unreine die Hand auszuſtrecken, die Augen zu erheben wagte zu ihr, der Keuſchen, Reinen?... Felir war nicht ohne alles Gefühl; er konnte ſich ſelbſt für das Schöne und Große begeiſtern, wenn dieſe Begeiſterung auch 126 Problematiſche Naturen. nur immer ſehr kurze Zeit anhielt, und vor dem erſten Anhauch irgend eines frivolen Gedankens, wie eine ſchöne bunte Seifenblaſe, die eine ganze Welt auf ihrer ſchillernden Oberfläche ſpiegelt, zerflat⸗ terte. Vielleicht nahm er ſich in dieſem Augenblicke vor, ein anderes Leben zu beginnen, die Thorheiten abzuſtreifen, und er, der eine ſo unendlich hohe Meinung von ſeinen Vorzügen hatte, mochte alles Ernſtes glauben, daß er nur zu wollen brauche, um zu können. Er hörte mit einer gewiſſen Andacht der Muſik zu. Er war Kenner ge⸗ nug, um zu fühlen, daß die Sonate nicht ſchöner, nicht ſeelenvoller geſpielt werden konnte, er ſagte bei einzelnen Paſſagen leiſe bravot bravo! als ob er ſich in einem Concertſaale befände. Aber Helene und Beethoven, Tugend und Muſik und was noch ſonſt Alles in dieſen Minuten durch ſein Hirn gezogen ſein mochte— Alles war im Nu verſunken, wie eine Fata Morgana, als ſein Ohr jetzt den leiſen Schritt eines Menſchen vernahm. Der Schritt kam von einer ande⸗ ren Seite, als Felir erwartete. Indeſſen die hübſche Luiſe mochte ja einen Umweg gemacht haben, um die breiteren, von dem Mond⸗ ſchein allzu hell beſchienenen Gänge in der unmittelbaren Nähe des Schloſſes zu vermeiden. Der Schritt kam näher und näher, und Felir, der auf den geiſtreichen Einfall gerieth, ſich ein wenig ſuchen zu laſſen, drückte ſich dicht in die Gebüſche. Wie groß aber war ſein Erſtaunen, als er ſtatt der hübſchen Luiſe, Bruno an ſich vor⸗ überſchleichen ſah. Im erſten Augenblick mußte Felix über dieſe Ent⸗ täuſchung lachen; im nächſten aber ſchon fiel ihm ein, daß durch dieſe Dazwiſchenkunft ſein Rendezvous mehr wie bedenklich werde, und daß es unter dieſen Umſtänden wohl das Gerathenſte ſein möchte, ſich in das Schloß zurückzuſtehlen.„Wer weiß, wie lange ſich der Junge hier herumtreiben wird; am Ende iſt er gar verliebt, oder er iſt verrückt, oder beides, denn er ſieht nach beidem aus; oder er iſt mondſüchtig und geht ſo ein paar Stunden hier ſpazieren. Der verdammte Bengel! überall ſteht er im Wege; ich hätte große Luſt, ihm nächſtens einige fühlbare Beweiſe meiner freundſchaftlichen Ge⸗ ſinnung zu geben. Auf jeden Fall will ich ihm das Feld räumen. Jetzt kann man noch als verſpäteter Liebhaber eines Mondſcheinabends auftreten; ſpäter geht das nicht mehr gut. Aber der Tante wollen Dritter Band. 27 wir doch von dieſen nächtlichen Excurſionen der Zöglinge des Herrn Stein erzählen.“ Felix hatte den Weg nach dem Schloſſe faſt zurückgelegt, ohne Bruno zu ſehen, und ſchon hoffte er, daß der Knabe ſich aus dem Garten entfernt habe und ſein Rendezvous doch noch zu Stande kommen könne, als er über einen kleinen offenen Platz ſchreitend, der halb vom Mondſchein erhellt und halb im Schatten lag, Bruno auf einer Bank ſitzen ſah, die Augen nach Helenens Fenſter gerichtet, aus denen noch immer die Tonwellen rauſchten. Der Knabe ſchien ſo in andächtiges Hören verloren, daß er Felix erſt bemerkte, als dieſer ſchon ganz nahe war. „Weshalb treibſt Du Dich denn hier noch ſo ſpät umher?“ ſagte Felix, deſſen Aerger ſich mindeſtens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen mußte;„ich werde es der Tante ſagen.“ „Bekümmere Du Dich um Deine eigenen Angelegenheiten,“ ſagte Bruno, der in der erſten Ueberraſchung aufgeſprungen war und ein paar Schritte auf den Platz gethan hatte, trotzig ſtehen bleibend, als er in dem Herkommenden den verhaßten Felix erkannte. „Du biſt ein naſeweiſer Burſche,“ ſagte Felix. „Und Du ein gemeiner Schurke,“ erwiederte Brunv. „Der Dich für Deine Unverſchämtheit züchtigen wird,“ ſagte Felix, dem mit untereinandergeſchlagenen Armen vor ihm ſtehenden Knaben einen Backenſtreich verſetzend. Bruno taumelte ein paar Schritte zurück; Felix ſah, nicht ohne einen leichten Schauder zu empfinden, wie die Augen des Knaben buchſtäblich glühten; dann brach ein dumpfer, röchelnder Schrei aus ſeiner Kehle— ein mächtiger Sprung, wie eines Leoparden, der ſich auf ſeine Beute ſtürzt— und im nächſten Moment lag Felir am Boden und die ſtarken Hände Bruno's ſchloſſen ſich wie eiſerne Klammern um ſeine Kehle. Felir rang wie ein Verzweifelter, den Knaben von ſich abzuſchütteln und wieder in die Höhe zu kommen, aber vergebens. So oft er ſich auch mit dem Körper emporbäumte, ſo oft er Bruno mit den Armen von ſich fortzudrücken verſuchte, jedes Mal fühlte er ſeine Anſtrengungen von einer unwiderſtehlichen Kraft 128 Problematiſche Naturen. paralyſirt, und feſter und feſter ſchloſſen ſich die ſchlanken S um ſeinen Hals. „Laß mich los, Bruno,“ ſtöhnte er. „Befiehl Deine Seele Gott, denn Du mußt ſterben,“ knirſchte Brunv. Felix fühlte, wie ſeine Kräfte ihn verließen, während die ſeines Gegners mit jedem Augenblick zu wachſen ſchienen. Todesangſt er⸗ griff ihn. Er wollte um Hülfe rufen, aber kein Laut entrang ſich ſeinen bebenden Lippen; er fühlte ein dumpfes Sauſen in ſeinen Ohren, das immer lauter und lauter wurde; vor ſeinen Augen wurde es Nacht, durch die Millionen kleiner Sterne ſchoſſen— wüſte Ge⸗ danken jagten wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch ſein Gehirn— plötzlich, als ihm der letzte Schimmer von Bewußtſein zu ſchwinden drohte, fühlte er, wie die entſetzliche Laſt von ſeiner Bruſt verſchwand— und als er endlich die Kraft fand, ſich vom Boden zu erheben und um ſich zu blicken, war er allein. Der Mond ſchien hell vom tiefblauen Himmel; das Licht in Helenens Zimmer war er⸗ loſchen; die Muſik war verſtummt— Felix hätte glauben können, den Kampf mit Bruno geträumt zu haben, wenn nicht die heftigen Schmerzen, die er an mehr als an einer Stelle ſeines Körpers fühlte, ſeine über und über mit Sand bedeckten Kleider und der rings umher aufgewühlte Boden ihm zur Genüge bewieſen hätten, daß dies Alles nur zu wirklich geweſen war. Mit einem von Scham und Wuth erfüllten Herzen ging er in das Schloß, wie ein Wolf, der die Hürde beſchleichen wollte und von einer edlen Dogge zerzauſt und Sebiſen in den Wald zurückgeſchickt wird. vierzehntes Capitel. Die Baronin hatte noch an demſelben Abend den Brief Helenens vermißt. Dieſe Entdeckung erfüllte ſie mit nicht geringer Unruhe⸗ Dritter Band. 129 Wie leicht konnte der Brief in fremde, das heißt in Hände fallen, die ihn Helenen wieder auslieferten, und wie viel hatte ſie ſich dann dem ſtolzen, unbeugſamen Mädchen gegenüber vergeben! Aller Vor⸗ theil, den ſie durch die genaue Kenntniß von dem Gemüthszuſtand ihrer Tochter, über dieſe errungen, und den ſie durch Anſpielungen, Drohungen ſo geſchickt auszubeuten gedacht hatte, war unwieder⸗ bringlich verloren. Es war fatal, äußerſt fatal! Die Baronin erinnerte ſich ganz genau, den Brief in die Taſche ihres Kleides geſteckt zu haben, als Felix den Gang herauf kam. Wahrſcheinlicherweiſe hatte ſie ihn alſo an der Kapelle verloren. Sie erinnerte ſich, daß ſie während der Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taſchentuch gezogen hatte, um die Beleidigte mit noch größerer Würde zu ſpielen. Indeſſen war es heute Abend zu ſpät, noch Nachforſchungen anzuſtellen; ſie mußte es ſich gefallen laſſen, eine beinahe ſchlafloſe Nacht zuzubringen und am nächſten Morgen mit einem heftigen Kopfweh aufzuwachen. Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle. Der Brief war nicht da; auch nicht in dem Buchengange, oder in der Laube. Im höchſten Maße ver⸗ drießlich über dieſen böſen Zufall ging die Baronin in's Schloß zurück. Dort erwarteten ſie andere Unannehmlichkeiten. Oswald ſchickte herunter, um zu melden, daß Bruno ſich nach einer ſchlafloſen Nacht ſehr unwohl fühle, und daß er(Oswald) bitte, man möge einen reitenden Boten zu Doctor Braun ſenden. Auch ließ er bitten, Malte für heute unten zu behalten, da er, bis der Doctor käme, Bruno nicht gern allein laſſen möchte. Die Baronin ließ zurückſagen: ſie hoffe, daß es mit Bruno's Unwohlſein nicht viel auf ſich habe und daß die in dem Unterricht eintretende Pauſe nicht zu lange dauern werde. Uebrigens würde heute im Laufe des Vormittags noch ſo wie ſo in die Stadt geſchickt. Ein paar Stunden ſpäter ließ Felix ſich entſchuldigen, wenn er heute nicht zum Frühſtück komme; er fühle ſich nicht ganz wohl; ge⸗ denke indeſſen, an der Mittagstafel zu erſcheinen. Felix verſpürte in der That noch einige unangenehme Folgen ſeines Kampfes mit Brunv. Zuerſt und vor allem die brennende Fr. Spielhagen's Werke. III. 9 130 Problematiſche Naturen. Scham, einem Knaben unterlegen zu ſein, vielleicht nur einem Zufall, einer plötzlichen Anwandlung von Großmuth ſein Leben zu verdanken zu haben. Sein ganzer Leichtſinn gehörte dazu, ihm über dieſen un⸗ angenehmen Gedanken wegzuhelfen. Er ſuchte ſich einzureden— und nach und nach gelang es ihm auch— die Sache ſei ſo ernſthaft nicht geweſen, und wenn er nicht, als Bruno ſich ſo unerwartet über ihn ſtürzte, ausgeglitten wäre, und wenn dann ſein„verdammter Rheu⸗ matismus“ ihm nicht die Arme gelähmt hätte, würde er ja„den Jungen abgeſchüttelt haben, wie eine Fliege, ihm eine tüchtige Tracht Schläge obendrein gegeben haben.“ Daß vorläufig er die Schläge bekommen und daß die Fliege feſt zuzupacken verſtand, das bewieſen die blauen Flecken, die Felix, beſonders auf der Bruſt und am Halſe aus dem Kampfe als ſicheres Zeichen der Niederlage davon getragen hatte. Der Vielgewandte gerieth in einiges Staunen, als er ſeinen Herrn in einem Zuſtande ſah, der nur zu ſehr an die ſelige Cadetten⸗ zeit erinnerte, wo Franzbranntwein und aqua Gourlardi zu den noth⸗ wendigſten Toiletterequiſiten gehörten. Der Vielgewandte bewies, daß er die Kunſt, Beulen und blaue Flecke zu behandeln, eben ſo wenig verlernt habe, als ſein Herr das Talent, ſich ſolche zu holen, und ſchon gegen Mittag ſah ſich Felix in einem ſalonfähigen Zuſtande. Dennoch zweifelte er, ob er bei der Tafel erſcheinen folle, oder nicht. Der Gedanke, Bruno gegenüberzutreten, des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf ſich ruhen zu ſehen, vielleicht gar in Oswald's Blicken wahrzunehmen, daß er von den Ereigniſſen der verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet ſei, war ihm äußerſt pein⸗ lich.„Es fiel ihm ordentlich eine Laſt vom Herzen, als Jean berich⸗ tete, die Tafel werde heute ſehr klein ſein, denn Junker Bruno und Herr Stein würden nicht erſcheinen. So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel, goß ſich drei Tropfen Eßbouquet mehr wie gewöhnlich auf ſein feines Batiſttaſchentuch und ſchritt durch die Thür, die ihm der Vielgewandte pflichtſchuldigſt öffnete, obgleich mit der Erinnerung an die Niederlage geſtern Abend belaſtet, leicht und frei und vor allem unwiderſtehlich wie immer. Auch die Baronin fühlte ſich nicht wenig erleichtert, als ſie im Laufe des Morgens keine Veränderung in Helenens Betragen oder Dritter Band. 131 auf ihrem Geſicht, in ihren großen Augen zu erblicken vermochte. Die Baronin war heute Morgen ganz beſonders zuvorkommend gegen Helene. Indeſſen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt; ob⸗ gleich Felix ſein ganzes Unterhaltungstalent aufbot. Der alte Baron hatte ſich perſönlich nach Bruno's Befinden erkundigt und war ärger⸗ lich, daß noch immer nicht nach dem Doctor geſchickt war,„wenn auch heute Nachmittag ein Wagen in die Stadt führe, verſchiedenes zu der großen Geſellſchaft morgen Benöthigtes zu holen, ſo ſei das kein Grund, weshalb nicht einer von den Leuten heute Morgen hätte hinreiten können.“ Die Baronin war verſtimmt über dieſen ihr in Gegenwart der Andern ausgeſprochenen Tadel, und meinte, ſie habe freilich nicht bedacht, daß es ſich um Bruno handle, der allerdings größere Anſprüche machen dürfe, wie zum Beiſpiel ſie ſelbſt, die an einem ſehr heftigen Kopfweh leide, oder Felix, der ebenfalls die ganze Nacht und den Vormittag unwohl geweſen ſei. Helene hob die Augen kaum von ihrem Teller und öffnete kaum einmal den Mund; und die Augen der kleinen Marguerite waren heute noch verweinter, als in den vorhergehenden Tagen. Felix und Malte ſprachen ſich nach und nach auch aus, und zuletzt war es ſo ſtumm um den Tiſch her, wie bei einem egyptiſchen Todtenmahl. Die Baronin und Felix blieben nach Tiſche allein, da der Baron ſich ausnahmsweiſe auf ſein Zimmer zurückgezogen hatte. Felix hatte während der Mahlzeit überlegt, ob er nicht doch beſſer thäte, das Ereigniß von geſtern Abend— natürlich nach ſeiner Auffaſſung— zu erzählen, bevor Bruno Gelegenheit habe, ſich gegen irgend Jemand, Oswald ausgenommen, darüber zu äußern. So benutzte er denn das téteatéte mit der Baronin, ihr mitzutheilen— verſteht ſich, lachend und mit der Bitte, die curioſe Geſchichte nicht weiter gelangen zu laſſen wie er geſtern Abend durch den hellen Mondſchein verlockt worden ſei, noch etwas im Garten zu promeniren, wie er Bruno in eineſ höchſt eigenthümlichen Weiſe um die Fenſter Helenens habe ſchheichen ſehen, wie er den Jungen zu Bett geſchickt habe, darüber miſ ihm in Streit gerathen, mit dem Fuße ausgeglitten, hingefallen u für einen Augenblick der Beſiegte geweſen ſei. Natürlich nur 132 Problematiſche Naturen. für einen Augenblick, dann habe Bruno die verdienten Schläge er⸗ valten, und die würden auch wohl der Grund ſeiner heutigen Krank⸗ heit ſein. Die Baronin fühlte ſich durch dieſe humoriſtiſche Schilderung einer ſehr ernſten Begegnung auf das unangenehmſte berührt. Ihre Befürchtungen betreff des Briefes regten ſich wieder... Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenſter? was hatte er da zu thun? Der Umſtand ſah ſehr verdächtig aus. Wenn Bruno den Brief gefunden hätte! wenn er geſtern Abend die Abſicht gehabt hätte, ihn Helenen wieder zuzuſtellen... Die Baronin ſtöhnte bei dieſem entſetzlichen Gedanken. „Was haben Sie, liebe Tante?“ „O nichts. Ich ſeufze nur über das Unglück, welches uns dieſer Stein in's Haus brachte. Wenn ich etwas in meinem Leben be⸗ dauere, ſo iſt es, den Menſchen nicht am erſten Abend wieder fort⸗ geſchickt zu haben, wie ich wirklich große Luſt hatte. Es hat nicht leicht Jemand einen ſo unangenehmen Eindruck auf mich gemacht, als dieſer junge Mann.“ „Aber Tante, ſo holen Sie doch nach, was Sie an jenem erſten Abende leider verſäumten: jagen Sie ihn doch fort. Ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie ſo viel Umſtände mit ihm machen.“ Die Baronin wollte nicht ſagen, daß ſie die tauſend Thaler nicht verſchmerzen würde, welche Oswald contractlich zu fordern hatte, wenn ihm im erſten Jahre ſeines Engagements gekündigt würde. Ehe ſie indeß eine Antwort bereit hatte, ertönte auf dem Flure die quäkende Stimme des Paſtor Jäger, der ſich nach„der gnädigen Herrſchaft“ erkundigte. Einen Augenblick ſpäter trat ſeine Hochehrwürden an Seite ſeiner Gemahlin in's Zimmer. Es bedurfte keines beſonders ſcharfſinnigen Auges, um ſdort zu ſehen, daß etwas ganz Außerordentliches dem würdigen Paars be⸗ gegnet ſein mußte. Der Paſtor trug den ganz neuen ſchwarzen Fſack, den er nur bei den feierlichſten Gelegenheiten anzuziehen pflegtetg ind Primula hatte eine äußerſt maleriſche Verzierung von Kornährec n Dritter Band. 133 ihrem gelben Strohhute, ſo daß ſie heute noch eine Schattirung gelber ausſah, wie gewöhnlich. Der Blick des Paſtors ſuchte ver⸗ geblich die gewohnte Demuth zu heucheln; die runden Brillengläſer ſelbſt glitzerten triumphirend; und was Primula betrifft, ſo hatte ſich ihr pvetiſches Gemüth jetzt von allem Erdenreſt befreit; ſie durfte ſcheinen, was ſie war. „Ich komme, gnädige Baronin,“ ſagte der Paſtor, Anna⸗Maria galant die Hand küſſend,„einmal, mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werthen Befinden pflichtſchuldigſt zu erkundigen, ſodann, Ihnen die Mittheilung eines Ereigniſſes zu machen, das wir— ich darf ja wohl ſagen wir, meine edle Gönnerin?— ſchon lange freilich erwarteten, erhofften, will ich lieber ſagen, deſſen endliches Eintreffen uns indeß doch wohl Alle überraſcht. Ich bin als Profeſſor nach Grünwald berufen worden.“ „Vorläufig extraordinarins,“ fagte Primula,„aber der ordinarius wird wohl nicht lange auf ſich warten laſſen.“ „Auch iſt mir die Stelle eines Nachmittags⸗Predigers an der Univerſitätskirche ſo gut wie gewiß.“ „Warum nicht: gewiß? Jäger;“ ſagte Primula;„ich dächte, das Schreiben des Profeſſors Dunkelmann ließe nur eine Auslegung zu.“ „Ei, das ſind ja herrliche Nachrichten, meine lieben Freunde;“ ſagte die Baronin; erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Reffen, Baron Felix, vorſtelle— Herr und Frau Paſtor, wollte ſagen: Pro⸗ feſſor Jäger, lieber Felix— das ſind ja herrliche Nachrichten. Alſo doch endlich! Nun, ich habe es ja immer geſagt; über kurz oder lang mußte es doch kommen; freilich wir verlieren viel; aber das Glück der Freunde muß uns theurer ſein, als der eigene Vortheil. Nehmen Sie meinen herzlichſten Glückwunſch entgegen.“ „Auch den meinigen,“ ſagte Felix. „Danke, meine gnädige Frau, danke, Herr Baron, danke, danke ſagte der Paſtor, ſich vergnügt die Hände reibend;„ja, ja! unverhofft kommt oft, und gehofft kommt auch wohl einmal. Als meine letzte größere Schrift, in welcher ich den eigentlichen Wortlaut des Titels eines verloren gegangenen Werkes des Kirchenvaters Philochryſos bis zur Evidenz nachwies, in allen kritiſchen Journalen eine ſo— ich 14 134 Problematiſche Naturen. darf wohl ſagen— außerordentliche Anerkennung fand, konnte ich den Erfolg mit ziemlicher Gewißheit zum voraus angeben.“ „Wann werden Sie uns denn nun verlaſſen?“ „Nun zu Michalis ſpäteſtens; wahrſcheinlich aber noch früher; ich werde für das Winterſemeſter drei private Vorleſungen, eine publice und gratis, und endlich eine über die verloren gegangenen Schriften des Philochryſos, privatissime und gratis ankündigen.“ „Du nimmſt Dir zu viel vor, Jäger, zu viel!“ hauchte Primula in zärtlichen Tönen:„o dieſe Männer, dieſe Männer! jeder Einzelne iſt ein Prometheus, der den Himmel ſtürmen möchte.“ „Wer hat mich denn zu meinem kühnen Streben begeiſtert, wenn nicht Du?“ ſagte der Paſtor, Primula dankbar die Hand drückend. „Schießen Sie mit der Piſtole?“ fragte Felix, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Nun, ein wenig; ich will ſagen: ſo viel wie gar nicht. Ich war wohl früher auf der Haſen- und Hühnerjagd nicht ganz unglück⸗ lich— omen in nomine, ha, ha, ha!— aber ſeitdem das Conſiſtorium ſich ſehr energiſch gegen dieſe lärmenden Vergnügungen ausgeſprochen hat, liegt„das Eiſen müßig in der Halle;“ um mit dem Dichter zu ſprechen.“ „Du kannſt jetzt, in Deiner Eigenſchaft als Profeſſor, der edlen Waidmannskunſt wohl wieder obliegen, Jäger;“ ſagte Primula.„Ha, ich denke es mir herrlich, ſo mit vorgeſtreckter Piſtole einem Wild⸗ ſchweine gegenüberzutreten...“ „Ich würde indeſſen Ihrem Herrn Gemahl rathen, ſich zu dieſer Jagd mit einer Büchsflinte, und wo möglich auch einem Hirſchfänger zu verſehen,“ ſagte Felix lachend;„aber im Ernſt, Herr Profeſſor, wollen Sie ein wenig mit mir nach der Scheibe ſchießen?“ 6 Gewiß, gewiß!“ rief der Paſtor aufſpringend;„ich ſtehe zu Ihren Dienſten, zu Ihren Dienſten.“ Der Paſtor war etwas blaß geworden; aus ſeiner Aufregung zu ſchließen, hätte man glauben ſollen, es handle ſich um ein Duell auf Leben und Tod. „Willſt Du nicht doch lieber bleiben?“ ſagte Primula, welcher plötzlich die Sache in einem ſehr bedenklichen Lichte erſchien.„Du Dritter Band. 135 biſt heute nicht ſo ruhig wie ſonſt; wenn Dir ein Unglück paſſirte, gerade jetzt, wo Du dem Ziel Deiner Wünſche ſo nahe biſt; Jäger, ich ertrüge es nicht;“ und die Dichterin brach in Thränen aus und klammerte ſich an ihren Gemahl an, deſſen Anſtrengungen, ſich von der ſüßen Laſt zu befreien, keineswegs ſehr energiſch waren. „Guſtava,“ murmelte er;„liebes Guſtchen, es iſt weniger ge⸗ fährlich, als Du denkſt. Sind Ihre Piſtolen mit einem Stecher ver⸗ ſehen, Herr Baron?“ „Allerdings;“ ſagte Felix, den dieſe Scene nicht wenig amüſirte. „Wenn ſie geſtochen ſind, dürfen Sie nicht nieſen, oder ich ſtehe für nichts.“ „Bleibe, bleib', mein Jäger;“ flehte Primula. Es wird nicht ſo gefährlich ſein,“ ſagte der Paſtor mit bleichen Lippen. „Das meinte neulich auch Kamerad von Schnabelsdorf,“ ſagte Felix; nehmen Sie ſich in Acht, Schnabelsdorf, ſagte ich.— Dum⸗ mes Zeug, ſagte Schnabelsdorf, und faßt die Piſtole an der Mün⸗ dung. Im nächſten Augenblick war er um einen Finger ärmer.“ „Dies entſcheidet;“ ſagte Primula, ſich emporrichtend;„Jäger, Du bleibſt, ich befehle es Dir. Befaſſe Dich nicht mit Dingen, die Du nicht verſtehſt. Piſtolenſchießen iſt kein Kinderſpiel.“ So triftigen Gründen wußte ſelbſt ein ſo geiſtreicher Kopf, wie der des Paſtors, nichts entgegenzuſetzen. Er ließ ſich wieder in ſei⸗ nen Stuhl ſinken und ſagte, ſich den Schweiß mit dem Taſchentuch von der Stirn wiſchend: „Sie ſehen, Herr Baron: Eheſtand iſt Weheſtand. Wenn Sie einmal erſt verheirathet ſind, wird der glänzende Cavalier auch vor dem umſichtigen Hausvater zurücktreten müſſen. Aber, wie iſt mir denn, man darf ja wohl gratuliren?“ Und der Paſtor ließ den Kopf erſt auf die rechte Stulter ſinken, um die Baronin anzulächeln; ſodann auf die linke, um Felir dieſelbe Gunſt zu erweiſen. „Fragen Sie in ein paar Tagen wieder nach;“ erwiederte die Baronin ausweichend.„Was ich ſagen wollte: ſo iſt ja jetzt durch Ihre Ernennung der Verluſt, welchen die Uniberſität durch Berger 136 Problematiſche Naturen. erlitten hat, mehr wie ausgeglichen. Ihre Voeation ſteht doch mit jenem Ereigniß in keinem Zuſammenhang?“ „In keinem directen wenigſtens, ſagte der Paſtor, obgleich ich nicht in Abrede ſtellen will, daß Berger ſeinen Einfluß nicht zu meinen Gunſten angewendet haben würde, und ſomit immerhin ſeine Erkrankung für mich ein nicht ungünſtiges Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände genannt zu werden verdient.“ „Hat man denn gar keine Vermuthung, wie dies ſo plötzlich ge⸗ kommen iſt?“ fragte die Baronin. „Nun, meine Gnädigſte, plötzlich können wir wohl ſo eigent⸗ lich nicht ſagen;“ erwiederte der Paſtor, ſein Geſicht in die ernſteſten Falten legend und ſeine Mundwinkel herabziehend;„ich geſtehe, daß mich dies Ende in keiner Weiſe überraſcht hat und daß ich den Pro⸗ feſſor im Grunde ſtets für mindeſtens halb wahnſinnig gehalten habe. Wer mit Berger behauptet, daß alle ſogenannten Beweiſe von dem Daſein Gottes, des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erden, auf einen Trugſchluß, eine petitio principii hinausliefen, der iſt ſchon wahnſinnig, auch wenn er noch ſcheinbar wie ein Vernünftiger ſpricht. Wer über die geheiligten Inſtitutionen des Königthums von Gottes Gnaden und des Erbadels freventlich ſpotten, ſie Ueberreſte einer barbariſchen Zeit, die hinter uns liegt, nennen kann, der iſt ſchon toll, obgleich er Profeſſor iſt und Collegien vor einem überfüllten Auditorium lieſt. Ich weiß es wohl, daß geſchrieben ſteht: richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet; aber ich kann mich dennoch, dieſen Fall erwägend, nicht entbrechen zu ſagen: Dies iſt der Finger des Herrn.“ „Wie wär's mit einer Partie Kegel, Herr Paſtor?“ ſagte Felix, der in der offenen Thür geſtanden und nicht zugehört hatte. „Mit Vergnügen,“ rief der Paſtor, auf dieſe Kugeln verſtehe ich mich. Ich war meiner Zeit in Grünwald ein famoſer Kegelſchütze.“ „Nach dem Kaffee, lieber Felix,“ ſagte die Baronin;„ich habe noch mit dem Paſtor über einige ernſte Dinge zu ſprechen.— Iſt es nicht entſetzlich, lieber Paſtor Jäger, daß wir den Zögling eines ſo abſcheulichen Menſchen in unſerem ſtillen Hauſe haben? daß ich die unſchuldige Seele meines Kindes ſolchen Händen anvertrauen ſoll? Dritter Band. 137 Um Himmelswillen rathen Sie mir, wie werde ich den Menſchen auf eine paſſende Weiſe wieder los?“ „Sie können ihn nicht ohne Weiteres fortſchicken?“ „Wir haben uns gegenſeitig auf vier Jahre verbindlich gemacht, und wenn wir nun alſo—“ „Ich verſteh', ich verſtehe,“ ſagte der Paſtor, der Anna⸗Maria's Geiz ſehr wohl kannte;„hm, hm! wir müßten einen Grund haben, hm, Ihm! es iſt jetzt eine Verordnung vorbereitet, nach welcher die Hauslehrer ein Zeugniß des Pfarrers ihres betreffenden Kirchſpiels über ihre Religiöſität und Moralität beizubringen haben. Wir wollen es Herrn Doctor Stein ſchwer machen, ein ſolches beizubringen;“ und der Paſtor lächelte ſchlau. „Wiſſen Sie ſchon das Neueſte, meine Herrſchaften,“ rief Felix, ein Billet, das ihm ſo eben von dem Bedienten, welcher das Kaffee⸗ ſervice in die Laube trug, übergeben war, in der Hand haltend; „Cloten hat ſich mit der kleinen Breeſen verlobt; hier ſchickt er mir, als ſeinem beſten Freunde, die erſte Karte; die Anderen kriegen erſt morgen welche.“ „Ich kann Ihnen ein Paroli biegen,“ ſagte der Paſtor.„Wer, denken Sie, gnädige Frau, daß ſeit geſtern Abend wieder hier iſt?“ „Nun?“ „Frau von Berkow.“ „Nicht möglich!“* „Ich weiß es ganz genau. Sie ah einem ſchon vor ſeiner Krank⸗ heit geäußerten Wunſch ihres Gemahls zufolge die Leiche deſſelben von N. hierher ſchaffen laſſen. Der Sarg kommt noch in dieſer Nacht, um morgen von mir auf dem Faſchwitzer Kirchhof eingeſegnet zu werden.“ „Dann können wir die ſchöne Frau wohl nicht zu mierst Ball morgen einladen?“ meinte Felix. „Aber Felir!“ ſagte die Baronin mit einem vorwurfsvollen Blick. „Der Kaffee ſteht in der Laube,“ meldete der Bediente. „So kommen Sie, meine Herrſchaften!“ ſagte die Baronin. 138 Problematiſche Naturen. Fünßehntes Capitel. Unterdeſſen hatte Oswald an Bruno's Bette böſe, angſtvolle Stunden verlebt. Bruno's aufgeregtes Weſen in der letzten Zeit hatte ihn ſchon mehr wie einmal ernſtlich beſorgt gemacht. Die Aus⸗ brüche leidenſchaftlicher Heftigkeit, wie Oswald ſie an Bruno von den erſten Wochen ihres Zuſammenlebens kannte und die dann eine Zeit lang faſt gänzlich aufgehört hatten, waren jetzt häufiger und gewal⸗ tiger wie je. Ein Widerſpruch, das Mißlingen eines Unternehmens, einer Arbeit, eine verletzende Aeußerung über Tiſch aus dem Munde der Baronin— waren hinreichend, die Dämonen in ihm zu entfeſſeln. Vergebens, daß Oswald ihn bat und beſchwor, dieſe Heftigkeit abzu⸗ legen, durch die er ſich ſeinen Feinden gegenüber ſo viel vergebe, die es ſeinen Freunden oft unmöglich mache, für ihn Partei zu ergreifen —„ich kann nicht anders, war ſeine ſtete Antwort; es kommt über mich mit einer Gewalt, der ich nicht zu widerſtehen vermag. Es kocht in mir auf, es nagt an meinem Herzen, es hämmert in meinen Schlä⸗ fen und dann weiß ich nicht mehr, was ich ſpreche oder thue.“— Wenn dann Oswald ſagte, er könne, wenn er nur wolle, ſo antwor⸗ tete er trotzig: ſchilt mich nur auch, wie die Anderen; mache nur ge⸗ meinſchaftliche Sache mit den Anderen. Ich will keine halben Freunde; wer nicht für mich iſt, der iſt gegen mich.— Dann, wenn er ſah, wie er Oswald durch dieſe und ähnliche Reden gekränkt hatte, warf er ſich ſtürmiſch in ſeine Arme und bat ihn unter heißen Thränen um Verzeihung.— Habe Mitleid mit mir, rief er. Du weißt nicht, wie grenzenlos unglücklich ich bin.— Vergebens, daß Oswald in ihn drang, zu ſagen, ob er irgend etwas Beſonderes auf dem Herzen habe? ob die wilde Sehnſucht in die Ferne, von der er früher ſo gefoltert wurde, jetzt wieder in ihm übermächtig ſei?— ich weiß es ſelbſt nicht, ſagte Bruno; ja ich möchte fort, weit, weit von hier, um nimmer wieder zu kehren; und dann möchte ich doch auch nicht wieder fort, nein, nicht fort, nicht um Alles in der Welt; ich weiß es nicht: ich glaube; ich möchte am liebſten ſterben. 1 Dritter Band. 139 Oswald rieth hin und her, was denn nur die Urſache dieſes ſonderbaren Zuſtandes ſein möchte; aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam, den eigentlichen Kern des Geheimniſſes, das der Knabe in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens vor Jedem, vielleicht vor ſich ſelbſt, ſchen verbarg, entdeckte er doch nicht. Es iſt eine bekannte Erfahrung, daß ſelbſt kluge Menſchen in der Beurtheilung derer, welche ihnen gerade am nächſten ſtehen, oft die wunderlichſten Fehlſchlüſſe machen, und gegen Vieles, was dem unbefangenen, viel⸗ leicht lange nicht ſo ſcharfſichtigen Auge des Dritten nicht entgeht⸗ vollkommen blind ſind. Das iſt nicht möglich! ruft ein Vater, wenn man ihm erzählt, daß ſein Sohn einen ſchlechten Streich begangen hat; das iſt nicht möglich! ruft ein Bruder, wenn man ihm mittheilt, daß ſeine Schweſter ſich mit ſeinem beſten Freunde verlobt hat. Bald macht uns in dieſen Verhältniſſen die Liebe, bald die Abneigung blind; hier die Gleichgültigkeit gegen ein Wunder, welches unter unſern Augen vor ſich geht, dort eine edle Scham, welche uns den Blick niederſchlagen macht, eine Wange nicht zu ſehen, die ihr Erröthen ſonſt nicht vor uns verbergen könnte. Der Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande, und in den allermeiſten Fällen iſt das Herz des Bruders dem Bruder ein Buch mit ſieben Siegeln. So war es auch in dieſem Fall. Oswald tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß ja die Zeit des Uebergangs aus dem Knaben⸗ in das Jünglingsalter für Alle eine Periode innerer und äußerer Stürme zu ſein pflegt, und daß bei ſo mächtigen Naturen, wie Brund, die Revolution verhältnißmäßig gewaltiger ſein müſſe. Er hatte oft mit Bruno über Verhältniſſe geſprochen, die dem erſchloſſenen Auge nicht länger verborgen bleiben können, denn er hielt es für die heilige Pflicht eines Erziehers, gerade in dieſem Punkte der wühlenden Neu⸗ gier, dem grübelnden Scharfſinn des Neophyten entgegenzukommen, und ihm die Thür zum Heiligthum der Natur lieber zu erſchließen, als zuzugeben, daß der Jünger durch die Schuld zur Wahrheit ge⸗ lange. Er wußte, daß Bruno's Sinn edel und ſein Herz rein war „wie das Herz der Waſſer.“ Er war nach dieſer Seite hin vollkom⸗ men ruhig; er ahnte nicht, daß Bruno, edel und rein wie er war, mit allen Kräften ſeiner ſtarken Seele, mit der ganzen Gluth der 140 Problematiſche Naturen. 4 eben erſt erwachten Sinnlichkeit, mit der namenloſen Seligkeit einer erſten Neigung, mit der ſtummen Verzweiflung einer erſten Leidenſchaft, die keine Erwiederung findet und finden kann, ſeine ſchöne Couſine liebte. Er hatte Helene nie vorher geſehen. Als er vor drei Jahren etwa in das Haus ſeiner Verwandten kam, war das junge Mädchen ſchon in der Penſion. Es wurde ſelten in der Familie von ihr ge⸗ ſprochen, und vielleicht erregte gerade dies und noch mehr der Umſtand, daß, wenn man von ihr ſprach, es meiſtens in ſehr kühlen Ausdrücken geſchah, Bruno's Aufmerkſamkeit. Mit jenem ſympathetiſchen Gefühl, welches der Arme für den Armen, der Verlaſſene für den Verlaſſenen, der Verſtoßene für den Verſtoßenen hat, ahnte er in ihr eine Leidens⸗ gefährtin. Nach und nach geſtaltete ſich für ihn das ſehr undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal, einem Inbegriff von allem Schönen und Herrlichen, das ſeine reiche Phantaſie erträumte. Der Name Helene, in deſſen weichem Klang er ſich berauſchen konnte, wie in dem Duft der Hyacinthe, trug nicht wenig dazu bei, ihm dieſe Geſtalt ſeiner Einbildungskraft lieb und theuer zu machen. Dann waren auch Zeiten gekommen, wo er dem Cultus der ſchönen Unbe⸗ kannten untreu geworden war, wo er in Tante Berkow den höchſten, vollendetſten Ausdruck des„ewig Weiblichen,“ das ihn, wie alle wahr⸗ haft männlichen Naturen unwiderſtehlich anzog, zu erkennen glaubte, wo er ſich durch ein freundlich Wort Melitta's, für ein: Du lieber Junge! für ein Streicheln ſeiner Haare von ihrer lieben weißen Hand unbedenklich in jede Todesgefahr geſtürzt haben würde. Gerade in der erſten Zeit von Oswald's Anweſenheit in Grenwitz hatte ſeine Liebe zu Tante Berkow in der Blüthe geſtanden. Melitta's um ein paar Jahre jüngeren Knaben hatte er eben ſo wie einen jüngeren Bruder behandelt, wie ihm die jugendlich ſchöne Mutter oft nur wie eine ältere Schweſter erſchienen war. Da Melitta gerade in jener Zeit häufig nach Grenwitz herüberkam, und Bemperlein, um ſeinem Julius Geſellſchaft zu verſchaffen, den Umgang des Knaben auf's eifrigſte protegirte, ſo fehlte es Bruno nicht an Gelegenheit, Tante Berkyw zu ſehen, ihr hundert kleine Pagendienſte zu leiſten, ihr in den Sattel zu helfen, Bella und Brownlock eine halbe Stunde umher zu führen, Dritter Band. S 141 mit der Reitpeitſche, dem Federhut und den Handſchuhen hinter ihr zu ſtehen, wenn ſie danach fragte.„Tante Berkow“ war in dieſer Zeit ſein drittes Wort, und Oswald hatte es ſich gern gefallen laſſen, wenn ihm Bruno lange Geſchichten erzählte, in denen Tante Berkow immer die erſte Rolle ſpielte. Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen, daß Bruno in Monaten ein Stadium der Entwickelung zurücklegte, zu welchem weniger feurige Naturen faſt eben ſo viele Jahre brauchen. Es iſt ein weit verbreiteter Irrthum unter den Frauen, zu glauben, daß ſie Knaben, die ſchon beinahe Jünglinge ſind, noch als Kinder behandeln dürfen, daß ſie ſich mit ihnen kleine Freiheiten erlauben können, die ſchon in ganz kurzer Zeit ſehr große Freiheiten ſein würden. Sie bedenken nicht, daß die Sinnlichkeit in dieſer Zeit ein Schlaf in der Morgendämmerung iſt, den die leiſeſte Störung verſcheuchen kann; daß die Begierde in dieſer Periode wie ein Feuer iſt, das in grünem Holze langſam fortglüht und bei dem geringſten Windſtoß in heller Lohe emporflammt. Sie würden außer ſich ſein, wenn man ihnen ſagte, daß ſie in aller Unſchuld eine Unſchuld für immer zerſtört haben; und doch iſt es nur zu oft der Fall. Melitta ſelbſt ſah zuletzt ein, daß ſie Bruno nicht länger, wie ſie es bisher gethan, mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe ſtellen dürfe; und wenn ſie jetzt„von den Knaben“ ſprach, ſo meinte ſie damit vorzüglich die beiden letzteren. Sie hatte angefangen, Bruno wie einen Freund, wie einen jungen Bruder zu behandeln, wie einen Pagen, den man noch halbe Frauendienſte thun läßt, von dem man aber weiß, daß man ſich im Fall der Noth auf ſein mu⸗ thiges Herz und ſeinen ſtarken Arm verlaſſen könnte. Und in der That, ein Kenner würde in einem Ringkampf, in irgend einer athletiſchen Uebung unbedingt auf Bruno gegen viel ältere und ſcheinbar gefähr⸗ lichere Gegner gewettet haben. Die klaſſiſche Statue eines Merkur, oder eines Bacchus oder jugendlichen Faun konnte nicht zarter geglie⸗ dert, nicht ebenmäßiger geformt ſein, als Bruno's ſchlanker und bei aller Schlankheit ſtarker Körper. Für Jemand, der ein Auge hat für die Schönheit, die ſich in der Bewegung entwickelt, war es ſchon eine Luſt, den Knaben nur gehen zu ſehen. Oswald, dem die Natur ein 142 8 Problematiſche Naturen. ſolches Auge verliehen hatte, war entzückt, wenn er Bruno, beim Baden am Strande des Meeres beobachten durfte, wie der Knabe von einem Felsblock zum andern ſprang, mit einer Sicherheit, die das Gefühl der Furcht gar nicht aufkommen ließ, bis er den am weiteſten hin⸗ ausliegenden erreichte, von dem er ſich kopfüber in die Wellen ſtürzte. Dabei war für Bruno eine Gefahr nicht vorhanden, oder vielmehr; er wollte nicht, daß dergleichen für ihn exiſtire. Wenn es irgend etwas auszuführen gab, das Andere auszuführen Anſtand nahmen: ein durchgehendes Pferd aufzuhalten, eine Kirſche von dem oberſten Gipfel eines hohen Baumes zu holen, über einen Graben zu ſpringen, der ohne Brücke nicht zu paſſiren ſchien— Bruno mußte das Wag⸗ ſtück unternehmen; er zitterte vor Verlangen, ſeine Wange glühte; er warf einen bittenden Blick auf die, welche er lieb hatte, und man mußte ihn gewähren laſſen und ließ ihn gewähren, weil man ſich fagte: er kann mehr als die Uebrigen. So war Bruno: ein Jüngling mehr, wie ein Knabe, mit einem Herzen, an deſſen Feuer ſich eine todte Welt hätte beleben können. So ſah er Helenen. Und alle Melodien, die in ihm geſchlummert hatten, erklangen, und Alles, was er bisher Schönſtes und Lieblichſtes geträumt hatte, ſtand wahr und wirklich, verkörpert vor ihm. Der Knabe traute ſeinen Augen kaum; er war wie geblendet, wie trunken; er war wie Jemand, der aus einem ſchönen Traum zur ſchöneren Wirklichkeit erwacht und nicht zu ſprechen, ja kaum zu athmen wagt, um das, was er noch immer halb und halb für eine Sinnentäuſchung hält, nicht zu ver⸗ ſcheuchen. So ging er in den erſten Tagen nach der Rückkehr der Familie wie im Traum umher, gegen die Gewohnheit mild und freund⸗ lich gegen Alle. Dann aber ſchwand die Traumesſeligkeit, und das Entzücken über die köſtliche Wirklichkeit wurde zum Schmerz. Ruhe hatte er nie gehabt, und leicht war ſein Herz nie geweſen; aber jetzt folterte ihn eine Unraſt, die ihm Schlaf und Hunger und Durſt ver⸗ ſcheuchte, die wie ein wildes Fieber in ihm brannte, und ſein armes Herz war wie ein Mann, der, was er Liebſtes und Theuerſtes hat, auf ſeinen Schultern vor dem verfolgenden Feinde davonträgt und Dritter Band. 143 ſchaudernd dem Angenblick entgegenſieht, wo er unter der Laſt zuſam⸗ menbrechen wird. Er wagte Helenens Namen nicht mehr auszuſprechen, aus Furcht ſein Geheimniß zu verrathen; er wagte nicht mehr, die Augen zu ihr aufzuſchlagen. Und dennoch ſah er Alles, was um ihn her vorging, und der Plan der Baronin blieb für ihn nicht lange ein Geheimniß. Sein Haß gegen Felix kannte keine Grenzen, und er gab ſich ſehr wenig Mühe, dieſen Haß zu verbergen. Er forderte den Roué bei jeder Gelegenheit durch höhniſche und ſatyriſche Be⸗ merkungen heraus, immer in der Hoffnung, Felix werde doch endlich einmal den hingeworfenen Handſchuh aufheben; aber dieſer ließ ſich, wie Alle, welche im Grunde ſich und die ganze Welt verachten, ſehr viel gefallen und erwiederte des Knaben grauſame Sarkasmen mit mehr oder weniger guten Witzen, ſo daß er die Lacher ſtets auf ſeiner Seite behielt. Und dann hatte er auf der andern Seite doch auch wieder eine viel zu gute Meinung von ſich, um ſich mit einem Gegner, den er ſo tief unter ſich glaubte, in einen ernſtlichen Streit einzulaſſen. Wäre er geſtern Nacht auf Bruno, der ihm ſein Rendez⸗ vous geſtört hatte, nicht ſo ärgerlich geweſen und hätte Bruno ſich nur ein wenig glimpflicher ausgedrückt, es wäre auch ſelbſt jetzt noch nicht zum Aeußerſten gekommen. Und Felix konnte von Glück ſagen, daß der Kampf keinen ſchlim⸗ meren Ausgang für ihn genommen hatte. Er war dem Tode näher geweſen, als er wohl ſelber glaubte. Bruno's Haß war durch die Vorgänge des Tages zur Raſerei geworden, und Felix' brutale thät⸗ liche Behandlung machte das Gefäß des Zornes und Haſſes über⸗ laufen. Und nun, nachdem der Lavaſtrom den Krater durchbrochen — was konnte ihn in ſeinem vernichtenden Laufe aufhalten? Daß Felir von ſeiner Hand ſterben müſſe, daß ihn Gott in ſeine Hände geliefert habe, damit er, koſte es was es wolle, das Weib, das er anbetete, von dem Scheuſal, das er ſo glühend haßte, befreie,— das war in den kurzen und doch ſo langen Minuten, wo er mit Felix rang und auf Felir' Bruſt kniete, der einzig blütigrothe Lichtſchein in der Nacht ſeiner Seele. Wenige Minuten, vielleicht Secunden— und Felir ſtand nicht wieder auf. Da war Bruno durch einen Schrei dicht neben ihm von ſeiner 144 ½ Problematiſche Naturen. fürchterlichen Arbeit aufgeſchreckt worden. Emporblickend, hatte er flüchtig eine weibliche Geſtalt geſehen, die er im erſten Augenblick für Helene hielt. Er hatte ſein Opfer losgelaſſen und war aufgeſprungen. Die Geſtalt hatte ſich eilig entfernt, er war ein paar Schritte gefolgt, bis jene in der Richtung nach dem Leutehauſe hin verſchwunden war und er ſeinen Irrthum eingeſehen hat. Sich wieder über ſeine Beute ſtürzen, nachdem er einmal weggeſcheucht war, war ihm unmöglich; er ſah, wie Felix nach einigen vergeblichen Verſuchen ſich in die Höhe richtete. Das war ihm genug geweſen; er konnte ſich in ſeine Kammer und in ſein Bett ſtehlen, ohne einen Mord auf dem Ge⸗ wiſſen zu haben. Und doch war er kaum weniger erregt. Sein Herz hämmerte, ſeine Pulſe flogen; glühende Hitze und Fieberfroſt wechſelten mit ein⸗ ander ab. Das verworren klare Bild der Kampfesſcene drängte ſich immer wieder in den Vordergrund; der Triumph, ſeinen Todfeind ſo gänzlich beſiegt zu haben, wurde durch den Gedanken verbittert, daß Helene trotzdem noch immer nicht frei ſei. Das quälte ihn faſt noch mehr, als die heftigen Schmerzen, die er, ſobald er nur einigermaßen zur Ruhe gekommen war, in der Seite empfand, und die gar nicht nachlaſſen wollten, ja, wie es ſchien, nur immer heftiger wurden und ſich von einem anfänglich kleinen Punkte aus, immer weiter verbreiteten. Es war eine lange, bange Nacht für den unglücklichen Knaben, dieſe kurze Sommernacht. Gegen Morgen ließ ihn die Müdigkeit in einen Zuſtand verfallen, der ſich vom Wachen nur dadurch unterſchied, daß noch fürchterlichere Bilder durch das Gehirn jagten. Er fuhr, vom Schmerz geweckt wieder auf; er verſuchte ſich zu erheben, um Oswald zu wecken, der in dem Zimmer nebenan ſchlief(Malte ſchlief ſchon ſeit Wochen unten), aber er vermochte es nicht. Endlich— es dauerte lange, bis ſein Stolz ſich dazu entſchließen konnte— rief er Oswald's Namen. Ein paar Augenblicke ſpäter war Oswald an ſeinem Bette. Er erſchrak, als er den Knaben erblickte, in deſſen Geſicht dieſe eine Nacht furchtbare Verwüſtungen angerichtet hatte. Das ſchwarze Haar hing in verworrenen Locken über das bleiche Geſicht, die Dritter Band. 145 dunklen Augen waren tief in den Kopf geſunken und glühten im Fieber. „Gieb mir Waſſer!“ rief Bruno, ſobald Oswald in ſeine Kammer trat. „Um Gotteswillen, was iſt dies, Bruno?“ ſagte Oswald, wäh⸗ rend der Knabe gierig von dem Waſſer, das er ihm reichte, trank. „Warum haſt Du mich nicht früher gerufen; ſo ſchlimm iſt der An⸗ fall ja noch nie geweſen.“ „Es iſt nicht der alte Schmerz,“ ſagte Bruno;„aber es wird wieder vorübergehen; es iſt ſchon jetzt bedeutend beſſer. Aengſtige Dich nicht, Oswald; ſieh, wenn ich ſo liege, fühle ich es viel weniger, faſt gar nicht; es war nur in der Nacht ſo bös; jetzt, da Du hier biſt und die Sonne ſcheint, wird es gleich beſſer.“ „Es ſoll ſofort Jemand zu Doctor Braun reiten!“ ſagte Oswald aufſpringend. „Nein, nein!“ bat Bruno;„thue es nicht; Du weißt, wie fatal mir das immer iſt. Jetzt iſt überdies noch Niemand im Haufe auf; Du würdeſt Dich vergeblich bemühen. Und dann— ich wollte Dich um etwas bitten. Komm! ſetze Dich wieder zu mir auf's Bett; ich fühle, daß ich nicht aufſtehen kann und es iſt die höchſte Zeit, daß der Brief in Helenen's Hände kommt.“ Oswald glaubte, Bruno delirire; er faßte unwillkürlich nach des Knaben Puls. Bruno lächelte. Es war ein ſchwermüthiges Lächeln. „Nein, nein!“ ſagte er;„fürchte nichts, ich bin noch vollkommen bei Sinnen. Höre ſelbſt, ob Alles, was ich Dir ſagen werde⸗ nicht ausgezeichnet zuſammen paßt.“ Bruno erinnerte nun Oswald, wie er vom Anfa n behauptet habe, Felix ſei gekommen, ſich mit Helene zu verloben. Bis geſtern habe er allerdings keinen unumſtößlichen Beweis dafür gehabt; ſeit geſtern aber ſei auch dafür geſorgt. Er erzählte nun weiter, wie er am Nachmittage(es war ein Mittwoch) die alte Kapelle im Garten, ſeinen Lieblingsplatz, wo er am ungeſtörteſten ſeinen Grillen nach⸗ hängen konnte, aufgeſucht habe, und durch Stimmen in ſeiner Nähe aus dem Schlaf, in welchem ihn der ſchwüle Tag verſetzt, aufgeweckt Fr. Spielhagen's Werke. III. 10 146 Problematiſche Naturen. worden ſei; wie er nothgedrungen das Geſpräch zwiſchen der Tante und Felix habe belauſchen müſſen, wie er, als ſie fortgegangen, den Brief Helenen's gefunden habe. Wie es ihm geſtern nicht möglich geweſen, ihr den Brief zuzuſtellen; wie er den Plan gehabt, ihr denſelben in der Nacht, wenn ſie wie gewöhnlich bei offenem Fenſter ſpiele, mit ein paar Zeilen, worin er ihr ſagte, wo und wann er den Brief ge⸗ funden, in ihr Zimmer zu werfen. Wie er ſie nicht habe erſchrecken wollen und gewartet habe, bis ſie an's Fenſter treten würde, es zu ſchließen, um ihr mit ein paar Worten zu ſagen, um was es ſich handle; und wie er von Felir überraſcht ſei und wie es ihm leid thue, daß er den Elenden nicht vollends erwürgt habe, wie er es verdiene. Man kann ſich den Eindruck vorſtellen, den die leidenſchaftlichen und doch ſo klaren, ſo überzeugenden Worte Bruno's auf Oswald machten. Morgen ſchon ſollte das Entſetzliche geſchehen; allem An⸗ ſchein nach ahnte ſie nichts davon. Man wollte ſie durch Ueber⸗ raſchung zwingen; ihr ein W abnöthigen, das ſie hernach zurück⸗ zunehmen zu ſtolz ſein würde. und welche Bewandtniß hatte es mit dieſem Brief, von dem Bruno und Oswald nur die Aufſchrift kann⸗ ten, der mit Helenen's Petſchaft zugeſiegelt geweſen war und den die Baronin doch offenbar verloren hatte. Daß hier Verrath im Spiele ſei, daß dieſer Brief den Zwecken der Baronin hatte dienen müſſen, daß es nothwendig ſei, dieſen Brief wieder in Helenens Hände gelangen zu laſſen, damit ſie erfuhr, welcher Waffen man ſich gegen ſie bediene, und ſie dieſe Waffen in dem nöthigen Augenblick, der morgen ſchon eintreten mußte, gegen ihre Gegner richten könne— das Alles war natürlich d ſofort klar, und nur über den einzuſchlagenden Weg konnten ſie ſich anfänglich nicht einigen. Bruno wollte, daß Oswald Helenen nicht nur den Brief gebe, ſondern ihr auch den Inhalt des Geſprächs zwiſchen der Baronin und Felix mittheile. Oswald erklärte, daß das Letztere ſchlechterdings unmöglich ſei; Bruno, in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Verwandter und als erklärter Günſtling Helenen's, dürfe ſich ſchon eher eine ſolche Indiscretion erlauben, ihm, dem Fremden verbiete die Schicklichkeit jede Anſpielung auf ſo delicate Verhältniſſe. Aber,“ rief Bruno,„ich denke, Du biſt ihr Freund; ich denke, Dritter Band. 147 Du haſt ſie lieb!„Wie kannſt Du Dich denn nur durch ſolche Be⸗ denken, ob dies oder das auch nach den Regeln des Complimentir⸗ buches erlaubt ſei oder nicht, abhalten laſſen, wenn es ſich um das Wohl oder Wehe ihres ganzen Lebens handelt. Denke, wenn man ihr durch Ueberraſchung das Ja abpreßt; ich würde verrückt, ich er⸗ trüge es nicht—“ „Und dennoch, Bruno, ich muß über dieſen Punkt ſchweigen; ich kann darüber nicht reden— ich nicht.“ „Weshalb Du nicht?“ „Weil— ich ſagte Dir ja ſchon, weil ich ein Fremder bin; weil ſie mir ſagen könnte, ſagen würde: mein Herr, was geht dies Alles Sie an? Den Brief will ich ihr geben; es iſt ihr Eigenthum; ſie kann verlangen, daß der Finder es ihr ſobald wie möglich wieder zuſtellt — und bedenke doch, Bruno, dies einzige Factum ſpricht ja ganze Bände. Sie wird dann wiſſen, weſſen Sie ſich von jener Seite zu verſehen hat, und der Angriff trifft ſie auf ihrer Hut.“ „So willſt Du ihr den Brief geben?“ „Das will ich und zwar fofort. Ich denke, Helene wird heute wie gewöhnlich ihre Morgenpromenade machen. Aber wie ſteht es mit Dir?“ „Beſſer, viel beſſer;“ ſagte Bruno, der von den heftigſten Schmer⸗ zen gefoltert wurde, aber fürchtete, daß Oswald in der Sorge um ihn die einzige Gelegenheit, Helenen zu ſehen und zu ſprechen, ver⸗ ſäumen könnte;„viel beſſer! wenn ich die Hand ſo in die Seite drücke, fühle ich beinahe gar nichts. Mache nur, daß Du in den Garten kommſt, und höre! grüß ſie von mir und ſage ihr nicht, daß ich krank bin, nur ein wenig unwohl— ich bin ja auch eigentlich nicht krank—“ Der Knabe ſank auf ſein Lager zurück und gab ſich Mühe, Os⸗ wald freundlich anzulächeln. Aber es war ein ſchmerzliches Lächeln trotz alledem und als die Thür ſich hinter Oswald geſchloſſen hatte, verbarg Bruno ſein Geſicht in den Kiſſen, um das dumpfe Stöhnen zu erſticken, das ihm die Qualen ſeiner Seele eben ſo auspreßten, als die Schmerzen ſeines Körpers. 148 Problematiſche Naturen. Sechzehntes Capitel. Oöswald hatte vergeblich über die Stunde hinaus, in welcher Helene in dem Garten zu erſcheinen pflegte, gewartet. Gerade heute kam ſie nicht. Er ging mehrmals an ihrem Fenſter vorüber, ohne ſie zu ſehen. Er kehrte endlich, da es im Hauſe lebhafter zu werden begann, zu Bruno zurück, der ihn mit der größten Ungeduld erwartete. Bruno war außer ſich, daß dieſer Verſuch mißlungen war; Oswald ſuchte ihn zu beruhigen, indem er hervorhob, wie aller Wahrſcheinlichkeit nach die Baronin und Felix die Durchführung ihres Planes bis auf den letzten Augenblick verſchieben würden, es alſo auch morgen früh noch immer Zeit ſein würde, den Brief in Helenens Hände gelangen zu laſſen. „Und jetzt, ſagte Oswald,„muß ich Anſtalten treffen, daß nach dem Doctor geſchickt wird, denn dieſe Ungewißheit über Deinen Zu⸗ ſtand iſt unerträglich.“ Leider ſollten Oswald's Bemühungen ohne Erfolg bleiben. Der Bediente, welcher ihm die Antwort der Baronin,„es werde im Laufe des Vormittags ſo wie ſo ein Wagen in die Stadt fahren,“ über⸗ bringen ſollte, hatte nicht gewagt, ihm dieſe Beſtellung zu machen, ſondern geſagt: es ſolle ſogleich ein Bote hingeſchickt werden. So vertröſtete er ſich bis gegen Mittag. Da kam der alte Baron, ſich perſönlich nach Bruno's Zuſtand zu erkundigen. Er ſagte: ſo viel er wiſſe, ſei noch gar nicht in die Stadt geſchickt; er wolle indeſſen ſo⸗ gleich dafür ſorgen. Der alte Herr war ordentlich böſe geworden über dieſe„unverzeihliche Saumſeligkeit;“ Oswald glaubte jetzt be⸗ ſtimmt, daß man ſich beeilen werde, das Verſäumte nachzuholen. In⸗ deſſen verging Stunde auf Stunde, der Abend brach herein, und noch immer wollte ſich kein Dr. Braun blicken laſſen. Er ging ſelbſt hinunter, ſich zu erkundigen, was denn nun geſchehen ſeid Der Wa⸗ gen, der gegen Mittag in die Stadt gefahren war, war eben zurück⸗ gekommen; auch hatte der mit der Beſtellung Beauftragte dieſelbe ausgerichtet,„aber der Herr Doctor ſind auf vierundzwanzig Stunden verreiſt, und das Mädchen ſagte: ſie ſolle alle, die kämen, an Dritter Band. 149 Dr. Balthaſar(den Collegen Braun's) weiſen. Nun wußte ich aber nicht, ob ich dahin gehen ſollte.“ Oswald gerieth in Zorn über dieſe abermalige Verzögerung. Er begab ſich ſofort zum Baron, den er bei der übrigen Geſellſchaft im Garten fand; ſagte ihm, was vor⸗ gefallen ſei und bat um die Erlaubniß, ſelbſt in die Stadt reiten zu dürfen, damit endlich einmal etwas in dieſer Sache geſchehe. „Ich verlaſſe Bruno ungern,“ ſagte er,„aber ich ſehe kein an⸗ deres Mittel.“ „Die Krankheit wird ja ſo gefährlich nicht ſein,“ ſagte Anna⸗ Maria. „Das zu beurtheilen vermag ich ſo wenig wie Sie;“ erwiederte Oswald ſcharf;„mir erſcheint Bruno's Zuſtand bedenklich und ich halte es für meine Pflicht, dieſe meine Anſicht zur Geltung zu bringen, bis ich von Jemand, der ein Urtheil darüber hat, eines Andern be⸗ lehrt werde.“ „Kommen Sie!“ ſagte der alte Baron;„wir wollen den Jochen fortſchicken. Sie brauchen nicht von Bruno zu gehen. Jochen iſt ein verſtändiger Menſch; man kann ſich auf ihn verlaſſen.“ Oswald machte der Geſellſchaft eine ſehr förmliche Verbeugung und entfernte ſich mit dem Baron. „Es iſt hübſch, wenn ein junger Mann ein ſo ſicheres, feſtes Auftreten hat,“ ſagte Paſtor Jäger ironiſch. „Der Apoll von Belvedere!“ ſagte Primula, man wußte nicht recht, ob ebenfalls ironiſch, oder in einem Anfall pvetiſcher Extaſe. „Ich denke, Seine Hoheit wird nächſtens von dem Piedeſtal herabſteigen,“ ſagte Felix.“ „Die geſtrengen Herren regieren bekanntlich nicht lange,“ ſagte die Baronin mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Paſtor, welchen dieſer mit einem ſchlauen Zwickern ſeines rechten Auges über das runde Brillenglas ſofort beantwortete. Bruno fehlt auch alle Tage etwas Anderes,“ ſagte Malte, ſich Zucker über ſeine Erdbeeren ſtreuend. Helene ſagte nichts. Sie ſaß da, den Blick feſt auf die Erde geheftet. Jetzt ſtand ſie auf und ging, ohne ein Wort zu ſagen aus der Laube, dem Schloſſe zu. 150 Problematiſche Naturen. „Du kommſt doch wieder, Helene?“ rief ihr die Mutter nach. „Ich glaube kaum,“ antwortete Helene ſich umwendend; es wird mir etwas zu kühl hier draußen.“ Sie ſetzte ihren Weg fort. Die Baronin und Felix warfen ſich einen vielſagenden Blick zu. Der in die Stadt geſchickte Jochen war in der gehörigen Zeit zurück, um zu melden, daß er Dr. Balthaſar nicht getroffen habe. Derſelbe ſei auf ein entferntes Gut gefahren, wo ſich ein Mann den Arm gebrochen. Man wolle ihm indeſſen, ſobald er zurückkomme, was wohl vor Einbruch der Nacht nicht geſchehen werde, die Be⸗ ſtellung ausrichten, und zweifle nicht, daß er derſelben Folge leiſten werde, wenn er ſelbſt nicht zu angegriffen ſei. Dabei mußte ſich denn alſo Oswald beruhigen, ſo gut er es vermochte. Bruno's Zuſtand war ſo ziemlich derſelbe geblieben. Die Schmerzen hatten vielleicht etwas nachgelaſſen, aber ſich über eine größere Fläche verbreitet. Er gab ſich die größte Mühe, Oswald, deſſen Angſt mit jeder Stunde wuchs, je ſpäter es wurde, ohne daß ärztliche Hülfe erſchien, ſeine Vefürchtungen auszureden.„Es iſt nichts; es wird morgen ſchon wieder beſſer ſein; daß der Brief noch immer in unſeren Händen iſt, macht mir viel größere Sorge, als meine Krankheit. Könnteſt Du nicht einen Verſuch machen, Oswald, ihn, wie ich es geſtern wollte, durch's Fenſter in ihr Zimmer zu werfen? Wenn Dir Felix begegnet, ſag' ihm nur: er ſolle an geſtern Nacht denken, dann wird er ſich ſchon aus dem Staube machen; oder beſſer, ſage nichts, und thu', was ich leider nicht gethan habe, erwürge ihn auf der Stelle.“ Endlich, als Oswald die Hoffnung ſchon beinahe aufgegeben hatte, kam Dr. Balthaſar. Es war ein alter Mann, den die vielen Geſchäfte des Tages verdrießlich gemacht hatten und der etwas von „Lappalien, derenwegen man die Leute um ihre Ruhe bringe,“ durch die Zähne murmelte. Er unterſuchte Bruno kaum, ſagte: es würde ſich ſchon von ſelbſt geben, übrigens wolle er morgen wieder kommen und eine Einreibung mitbringen. „Nun ſind wir auch noch ſo klug, wie vorher,“ ſagte Oswald, als der Doctor wieder fort war. Dritter Band. 151 „Ich ſagte Dir ja gleich, es hat nichts zu bedeuten. Leg' Dich ſchlafen, Oswald, Du brauchſt es eben ſo nöthig, wie ich.“ Indeſſen, die Beiden fanden nicht viel Ruhe in dieſer Nacht. Oswald hatte ſein Sopha neben Bruno's Bett ſtellen laſſen, und blieb angekleidet, um jeden Augenblick bereit zu ſein. Bruno's Zu⸗ ſtand blieb derſelbe, nur daß ſeine Unruhe immer größer wurde, und er in immer kürzeren Zwiſchenräumen zu trinken verlangte. Gegen Morgen war Oswald eingeſchlafen; Bruno weckte ihn, als die Sonne eine Stunde über dem Horizont war. „Oswald, ich kann Dich nicht länger ſchlafen laſſen, ſo leid es mir thut, Du mußt in den Garten, es iſt die höchſte Zeit. Wenn Du Helene auch heute nicht triffſt, ſo ſtehe ich auf und gehe zu ihr, und wenn ich darüber ſterben ſollte. „Wie geht es Dir?“ „Beſſer.“ „Das ſagſt Du ſtets.“ „Mache nur, daß Du fortkommſi.“ Oswald ging in den Garten und ſuchte die Wallpromenade auf, wo er nun ſchon ſo manchen Morgen mit nicht leichtem Herzen dem ſchönen Mädchen begegnet war. Aber ſo ſchwer wie heute war ihm das Herz nie geweſen. Bruno's Krankheit, die jetzt hereindro⸗ hende Kataſtrophe in dem Familiendrama, deſſen Entwicklung er mit ſo ſchmerzlichem Intereſſe verfolgt hatte, und in welchem er jetzt die zweideutige Rolle eines Zwiſchenträgers zu ſpielen verdammt war— das Alles laſtete auf ſeiner Seele und machte, daß er von dem won⸗ nigen Morgen nichts empfand, nichts bei dem warmen Sonnenſchein und den bläulichen Morgenſchatten, nichts bei dem Duft der unzäh⸗ ligen Blumen, nichts bei dem Schwirren und Tanzen der Myriaden von Inſecten, nichts bei dem Jubiliren der Vögel in den Bäumen. Konnten ihm die Blumen ſeinen Liebling wieder geſund machen? konnten ihm die Vögel Helenen herbeiſingen? Doch da! da ſchimmerte ihr Kleid zwiſchen den Bäumen des Walles herüber. Das mußte ſie ſein. Sie ſchritt raſcher vorwärts, ſobald ſie ihn bemerkt hatte— es ſchien ihr ſelbſt daran gelegen, ihn zu ſprechen. 152 Problematiſche Naturen. „Gott ſei Dank, daß Sie kommen,“ rief ſie ihm ſchon von weitem entgegen;„ich habe faſt die ganze Nacht vor Sorge und Angſt nicht geſchlafen. Es geht gut— nicht wahr? Sie würden ihn ja auch ſonſt nicht verlaſſen haben?“ „Es geht beſſer, wenigſtens ſagt Bruno ſo;„aber ich fürchte, nichts weniger als gut. Sie wiſſen, er iſt ein Held, auch im Er⸗ tragen von Schmerzen.“ „Ja, das iſt er!“ ſagte Helene;„ich liebe ihn wie meinen Bru⸗ der; nein! viel, viel mehr, als meinen Bruder. Der Gedanke, ihn zu verlieren, iſt für mich entſetzlich. Sie glauben nicht, wie ich mich ſeinetwegen quäle.“ „Gewiß nicht mehr, als er ſich Ihrethalben;“ ſagte Oswald. „Wie das?“ fragte Helene, ihre große Augen forſchend auf Oswald's Geſicht heftend. „Ich will nicht durch eine lange Einleitung die koſtbaren Augen⸗ blicke, in denen ich ungeſtört mit Ihnen ſprechen kann, verlieren;“ ſagte Oswald.„Dieſen Brief hier, deſſen Aufſchrift von Ihrer Hand iſt, der Ihnen alſo ohne Zweifel gehört, hat Bruno vorgeſtern Abend gefunden, an der Kapelle, unmittelbar nach einer Unterredung, welche die Baronin mit Baron Felix über Familienangelegenheiten auf der⸗ ſelben Stelle gehabt hatte, und die Bruno, der ſich zufällig in der Kapelle befand, mit anzuhören nicht umhin konnte. Er hat mich ge⸗ beten, Ihnen Ihr Eigenthum wieder zuzuſtellen. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß es von dem Augenblick an, wo es in Bruno's Hände gelangte, heilig gehalten worden iſt.“ Helenen's Verwirrung war mit jedem Worte, das Oswald ſprach, größer geworden. Purpurgluth wechſelte auf ihrem ſchönen Angeſicht mit einer geiſterhaften Bläſſe. Ihr Buſen wogte; ihre Hand zitterte, als ſie den Brief, den ihr der junge Mann überreichte, und auf den ſie nur einen Blick zu werfen brauchte, um ihn als denſelben zu er⸗ kennen, den ſie geſtern Morgen an Mary Burton geſchrieben hatte, entgegennahm. Entſetzen über den ſchwarzen Verrath, den man an ihr geübt; jungfräuliche Scham, ihre innerſten geheimſten Gedanken ſchonungslos profanirt zu ſehen; der Unwille, daß Jemand, er ſei wer er ſei, erfahren habe, wie ſie von den Ihrigen, von ihrer eigenen Dritter Band. 153 Mutter ſchmachvoll behandelt worden ſei— Alles ſtürmte auf ſie ein, wie ein Orkan, der ſelbſt ihre Kraft zu überwältigen drohte. Und dies letzte Gefühl des beleidigten Stolzes fand zuerſt einen Ausdruck. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie, ſich zu ihrer ganzen ſtattlichen Höhe emporrichtend,„für Ihren Eifer, mir zu dienen. Indeſſen, Sie und Bruno haben der Sache, wie es ſcheint, ein viel größeres Ge⸗ wicht beigelegt, als ſie in der That verdient. Ich habe dieſen Brief, weil Einiges darin ſtand, was ich nach reiflicher Ueberlegung nicht gutheißen konnte, gefliſſentlich nicht abgehen laſſen; ich werde ihn aus der Taſche verloren haben. Ich erinnere mich, daß ich geſtern Abend in der Nähe der Kapelle war; ich—“ Weiter konnte ſie nicht ſprechen; die Thränen, die ſie ſo lange zurückgehalten, brachen gewaltſam hervor, und rollten über ihre Wan⸗ gen. Sie wandte ſich ab, als ſie fühlte, daß ſie ſich nicht beherrſchen konnte, und winkte Oswald mit der Hand, ſie allein zu laſſen. Oswald war vielleicht nicht weniger außer ſich, als Helene. All' ſeine Liebe zu dem ſchönen, ſtolzen Mädchen, für das er ſo freudig ſein Leben hingegeben hätte und von dem er jetzt ſo verkannt zu werden fürchten mußte, wogte wie ein ſiedend heißer Quell in ihm empor, und erfüllte ſeine Bruſt bis zum Zerſpringen. Er hätte ihr zu Füßen ſtürzen, ihr Alles, Alles, was er ſo lange vor ihr verbor⸗ gen, geſtehen mögen; aber er bezwang ſich mit einer übernatürlichen Anſtrengung und ſagte ſo ruhig als er vermochte: „Ich verſichere Sie, mein Fräulein, daß dieſe Scene Ihnen kaum peinlicher ſein kann, als mir ſelbſt, und daß ich dieſelbe um keinen Preis herbeigeführt haben würde, wenn mir Bruno's fieberhafte Ungeduld, die ich durch eine Weigerung zu ſteigern fürchten mußte, eine Wahl gelaſſen hätte. Es iſt mir ſchmerzlich, ſehr ſchmerzlich, von Ihnen verkannt zu werden; ich ahnte es gleich, daß es Ihnen unmöglich ſein würde, den Boten von ſeiner Botſchaft zu trennen.“ Er verbeugte ſich vor dem noch immer weinenden Mädchen, und wandte ſich, zu gehen. „Nein, nein!“ rief ſie, wie, um ihn zurückzuhalten, die Hand nach ihm ausſtreckend;„Sie dürfen ſo nicht gehen. Mögen es Die 154 Problematiſche Naturen. verantworten, welche mich zum Aeußerſten getrieben haben, wenn ich die Ehre meiner Familie, die Ehre der Meinigen preisgeben muß. Ja, Sie haben mir einen Dienſt geleiſtet, einen großen Dienſt. Dieſer Brief iſt nur durch Verrath in die Hände Derer gekommen, die ihren Raub ſo ſchlecht zu bewahren verſtanden. Dieſer Brief trennt mich auf immer von den Meinigen; er ſoll mich nicht auch von Bruno trennen, den ich ſo herzlich liebe, von Ihnen, der ſie ſtets ſo gut und freundlich zu mir geweſen ſind. Ich habe Sie immer für meinen Freund gehalten, Sie immer hoch geſchätzt und geehrt— wie hoch, das möge Ihnen dieſer Brief ſelbſt beweiſen. Leſen Sie ihn! Wenn alle Welt weiß, wie ich über Sie denke, ſo dürfen Sie es am Ende ja auch wohl wiſſen.“ Und das junge Mädchen reichte Oswals den Brief hin. Ihr Antlitz glühte, aber nicht mehr vor Zorn oder Scham. Ihre dunklen Angen leuchteten, aber wie einer Heldin, die ſich für eine heilige Sache zu opfern im Begriff ſteht. „Leſen Sie nur!“ ſagte ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln, als Oswald ſie ungläubig anſtarrte:„fürchten Sie nicht, daß es mich hinterher reuen wird. Ich weiß, daß Ihr Herz einer Andern gehört, die ſeit geſtern wieder in unſerer Nähe iſt. Bruno, der Alles weiß, hat es mir verrathen. Ich will von Ihnen nichts, als was ich ſchon habe— Ihre Freundſchaft. Leſen Sie den Brief, und wenn Sie ihn geleſen haben, verbrennen Sie ihn in Gottes Namen.“ Ehe Oswald ſich von ſeinem grenzenloſen Erſtaunen über dieſe wunderbare Rede nur ſo weit erholen konnte, ein einziges Wort über die Lippen zu bringen, war das junge Mädchen ſchon die Treppe, die von dieſer Stelle in den Garten führte, hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schloſſe zu. „Was iſt das?“ fragte Oswald bebend;„narrt mich denn ein Traum? Melitta zurück? und jetzt zurück— gerade jetzt? ha, ha, ha!“ Es war ein ſchauerliches Lachen. Oswald ſah ſich erſchrocken um, ob ein Anderer gelacht habe, ein ſchadenfroher Dämon, der ſich an ſeiner Qual weidete. Er hielt den Brief noch immer in ſeiner Hand. Es war ihm, Dritter Band. 155 als ob er erſt, wenn er dieſen Brief leſe, Melitta ganz verlieren, erſt jetzt das letzte Band, das ihn an Melitta feſſelte, zerreißen würde. Für einen Augenblick erſchien ihm Helene wie eine ſchöne Teufelin, die an ihn herangetreten ſei, ihn zu verſuchen... Wenn er dieſen Brief ungeleſen verbrannte? konnte dann nicht Alles gut werden? Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben?.. Und indem er ſo dachte, hatte er den Brief entfaltet und ihn zu leſen begonnen... Er war mit der Lectüre zu Ende... er ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt in der Ecke der Bank, auf die er ſich, ohne zu wiſſen, was er that, geſetzt hatte... Vor ihm auf dem Erdboden ſpielten die Lichter mit den Schatten; in den dichten Laubkronen über ihm flüſterte der Morgenwind und ſangen die Vögel— in dem Garten unten wiegten ſich bunte Schmetterlinge über den Blumenwäldern der Beete... er ſah das Alles, er hörte das Alles, aber er empfand nichts dabei, nichts, als das Eine, daß, wenn es ein Paradies auf Erden für ihn gegeben hatte, er jetzt auf immerdar daraus ver⸗ trieben ſei. Sitbenzehntes Capitel. Es war einige Stunden ſpäter. Die Baronin ſaß in ihrem Zimmer auf ihrem gewöhnlichen Platze in der Nähe der geöffneten Fenſterthür. Sie hatte eine Stickerei auf dem Schovße; aber ihre Hände waren müßig; nur, wenn ſich Schritte der Thür, die nach dem Flure führte, näherten, nahm ſie ſchnell die Arbeit auf, und nähte ein paar Stiche, um ſie, ſobald der Schritt vorüber war, wieder in den Schooß ſinken zu laſſen. Das wiederholte ſich mehrmals, denn es war heute ein ſehr lebhaftes Treiben im Schloſſe. Die Vorrich⸗ tungen zu dem Ball heute Abend hielten Alles in Athem, und machten es der wirthſchaftlichen Baronin ſehr ſchwer, hier ſo müßig zu ſitzen, während ihre Gegenwart in Küche und Speiſekammer ſo nöthig war. 156 Problematiſche Naturen. Aber ſie hatte Fräulein Helene bitten laſſen, wenn ſie mit ihrem Klavierſpiel fertig ſei, zu ihr zu kommen, und Helene ſollte ſie ruhig, gelaſſen, zu einem freundſchaftlich ernſten Geſpräch aufgelegt finden. Aeußerlich wenigſtens. In ihrem Herzen ſah es freilich anders aus. Zwar die Sorge um den Brief ſchien ſich als unnöthig erwieſen zu haben. Offenbar war er noch nicht wieder in Helenens Hände gelangt und das war für den Augenblick die Hauptſache. So konnte man doch alle Pfeile, die man aus der Lectüre geſammelt hatte, ab⸗ ſchnellen, ohne fürchten zu müſſen, daß ſie auf den Schützen zurück⸗ ſprängen. Nichtsdeſtoweniger hatte die kluge und muthige Frau nie einer Unterredung mit irgend Jemand— und ſie hatte doch, da die ganze Laſt der Verwaltung des großen Vermögens faſt ganz allein auf ihren Schultern lag, manche wichtige Verhandlung zu führen ge⸗ habt— ſo voll Unruhe entgegen geſehen. Sie dachte im Allgemeinen nicht ſehr hoch von den Menſchen und berechnete den Werth der Ein⸗ zelnen nach der Höhe des Preiſes, für welchen ſie ihre ſogenannten Ueberzeugungen aufzugeben bereit waren. Denn daß ſich Jeder kaufen laſſe, wenn er nur den rechten Käufer finde, war bei der Baronin, wie bei Vielen, bei Allen, die dem Gott Mammon von ganzem Her⸗ zen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe dienen, ein Grund⸗ ſatz, der nicht weiter bewieſen zu werden brauchte. Sie hätte ihre Tochter ſo gern unter die allgemeine Regel ge⸗ bracht, von der ſie ſelbſt eide Ausnahme zu machen keineswegs bean⸗ ſpruchte, aber es war unmöglich. Eine geheime Stimme, die ſie nicht zum Schweigen bringen konnte, ſagte ihr: Helenen iſt ihre Seele nicht um dreißig Silberlinge feil, nicht um eben ſo viele Millionen, um keinen Preis der Welt. Eine andere Mutter würde dieſer Gedanke mit Entzücken erfüllt, ſie würde in ihrer Tochter ihr beſſeres Selbſt verehrt, ihr Jdeal angebetet und heilig gehalten haben. Die Baronin wußte nichts von einer ſolchen Schwärmerei. Der Genius, der auf der ſtolzen Stirn ihrer Tochter thronte, der aus ihren dunklen Augen ſo groß, ſo edel hervorſchaute— er war ihr fremd, unheimlich, feind⸗ lich— ſie hatte nichts mit ihm zu ſchaffen. Helene war das Kind ihres Geiſtes, aber nicht ihres Herzens. Helene hatte das weiche Gemüth, den braven, rechtlichen Sinn des Vaters geerbt,— dieſelben Dritter Band. 157 Eigenſchaften, welche die Baronin im Grunde an ihrem Gemahl fort⸗ während bekämpfte.— Daß ſie nun noch außerdem den ſcharfen Verſtand der Mutter hatte, daß ſie die Heiligthümer ihres Herzens mit der blanken Waffe des Geiſtes ſchirmen, daß ſie die blanke Gei⸗ ſteswaffe niemals in einer unedlen Sache entweihen konnte,— gerade das mußte ihr Weſen für ein edles Gemüth ſo hinreißend, mußte es einem unedlen ſo verhaßt machen. Aber die Baronin gab ſich, wie geſagt, in dieſem Augenblicke alle Mühe, in einer verſöhnlichen, friedlichen, freundſchaftlichen Stim⸗ mung zu ſein. Sie gerieth ſogar bei dieſem Verſuch in eine Art von larmoyanter Stimmung. Vielleicht hoffte ſie, daß Thränen, Alles in Allem, doch das beſte Mittel ſeien, das edle Herz der Tochter zu rühren und ſie für die ſelbſtiſchen Zwecke der Mutter zu gewinnen. Da klopfte es an die Thür. Die Baronin griff ſchnell nach ihrer Arbeit. Auf ihr„Herein!“ trat Helene in das Zimmer. Die etwas kurzſichtige Baronin bemerkte nicht gleich, daß das edelſtolze Antlitz des jungen Mädchens ſehr bleich war, aber nicht von jener krankhaften Farbe, wie ſie die Feigheit auf die Wangen malt, ſondern von jener Marmorbläſſe, die ſich ſehr wohl mit Augen verträgt, aus denen eine herviſche Seele leuchtet. „Es thut mir leid, liebe Tochter,“ ſagte die Baronin,„daß ich Dich heute in Deinem Morgenfleiße ſtören muß. Ich habe Dich rufen laſſen, um über eine Sache von der äußerſten Wichtigkeit recht ruhig, recht freundſchaftlich mit Dir zu ſprechen. Aber ſetze Dich doch! dort mir gegenüber auf den Stuhl, in welchem Dein Vater zu ſitzen pflegt.“ „Ich danke,“ fagte Helene ſtehen bleibend. Der abgemeſſene, faſt kurze Ton, in welchem das junge Mädchen vieſe beiden Worte ausſprach, machte die Baronin von ihrer Arbeit in die Höhe blicken. Sie bemerkte jetzt zum erſten Male die blaſſen Wangen ihrer Tochter, und ihre eigenen Wangen entfärbten ſich. „Du fühlſt Dich doch nicht unwohl?“ ſagte ſie, und ihre Stimme war weniger feſt, als ſonſt.„In dieſem Falle wollen wir unſere Unterredung auf eine gelegenere Zeit verſchieben. Du wirſt ſo ſchon für heute Abend Deine Kräfte nöthig haben.“ Problematiſche Naturen. „Ich fühle mich vollkommen wohl,“ erwiederte das junge Mäd⸗ chen;„ich ſtand ſogar eben ſelbſt in Begriff, Dich um eine Unter⸗ redung bitten zu laſſen, da auch ich Dir Einiges von Wichtigkeit mitzutheilen habe.“ „Du mir?“ ſagte die Baronin, ihre großen, tief liegenden Augen ſpürend auf das bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend.„Du mir? was kann das ſein? laß doch hören?“ „Es iſt dies!“ ſagte Helene.„Ich fand vorgeſtern Abend in der Nähe der Kapelle einen Brief—“ Die Baronin hob ihr Haupt, und warf Helenen einen Blick zu, in welchem Beſtürzung, Zorn, Furcht und Trotz auf eine ſeltſame Weiſe gemiſcht war. „Einen Brief,“ fuhr Helene fort,„den ich vorgeſtern Morgen geſchrieben und Luiſen zur Beſorgung übergeben hatte. Der Brief war natürlich, als ich ihn Luiſen gab, verſiegelt, als ich ihn wieder⸗ fand, war er erbrochen. Ich kann nicht glauben, daß Luiſe, die mir überdies zugethan ſcheint, ein ſolches Intereſſe an meiner Correſpon⸗ denz nimmt, um ſich auf die Gefahr hin, ihren Dienſt zu verlieren, eines ſolchen Vergehens ſchuldig zu machen, muß alſo annehmen, daß irgend Jemand ſonſt im Schloß es der Mühe werth hält, meinen Geheimniſſen nachzuſpüren. Nun war es meine Abſicht, zu fragen, was Du mir in dieſer Sache zu thun räthſt.“ Die Baronin hatte, während Helene ſprach, ſehr eifrig genäht. Jetzt blickte ſie wieder auf und ſagte: „An wen war der Brief!“ „An Mary Burton.“ „Haſt Du Dich in dem Briefe frei geäußert?“ „Wie man an eine Freundin eben ſchreibt.“ „Standen Sachen darin, von denen Du nicht gerne möchteſ, daß ſie Anderen zu Geſicht kämen?“ „Allerdings.“ „Auch nicht Deinen Eltern?“ Helene ſchwieg. „Auch nicht Deinen Eltern?“ „Ja Dritter Band. 159 „Zum Beiſpiel, daß Deine Eltern für Dich todt find, eben ſo wie Deine übrigen Verwandten?“ „Du haſt den Brief geleſen?“ „Wie Du ſiehſt.“ „So habe ich nichts weiter zu ſagen und zu fragen.“ Helene verbeugte ſich und wandte ſich, zu gehen. „Bleib,“ ſagte die Baronin;„wenn Du nichts weiter zu ſagen haſt, ſo habe ich noch mehrere Fragen an Dich zu richten, die Du mir gütigſt beantworten wirſt. Was den Brief betrifft, ſo beruhige Dich. Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubniß geben, frei zu cor⸗ reſpondiren, thun ſie's in der Erwartung, daß die Kinder dieſer Er⸗ laubniß würdig ſind. Sehen ſie ſich in dieſer Erwartung betrogen, nehmen ſie ihre Erlaubniß zurück. Darin liegt nichts Außerordent⸗ liches. Das aber iſt außerordentlich, wenn ein Kind, das von ſeinen Eltern nur Liebe erfahren hat, ſich von ſeinen Eltern losſagt; das iſt außerordentlich, wenn ein Kind die Stirn hat, dies zu denken, eine Hand, es niederzuſchreiben, den Muth, dieſes ſchriftliche Bekenntniß ihrer Armuth Anderen unter die Augen zu bringen. Was haſt Du darauf zu erwiedern?“ „Nichts.“ „Und wenn nun dieſes Kind die Gefühle der Liebe, die ſie ihren Eltern, der Zuneigung, die ſie ihren übrigen Verwandten zum min⸗ deſten ſchuldet, nur verleugnet, um Fremde damit zu beglücken, eine ſogenannte Freundin zum Beiſpiel, die weiter kein Verdienſt hat, als mit ihr in einer Penſion geweſen zu ſein; einen Knaben, der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hauſe ihrer Eltern aufgenommen wurde; einen bezahlten Diener ihrer Eltern— ja wohl, mein Fräu⸗ lein! einen bezahlten Diener, mit dem die Eltern nebenbei im höchſten Grade unzufrieden ſind— was haſt Du darauf zu erwiedern?“ „Nichts.“ „Und wenn nun Deine Eltern Dir doch verzeihen; wenn Deine Verwandten, obgleich Du es nicht verdienſt, Dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen, wenn Du ſiehſt, daß Eltern und Verwandte ſich die Hand reichen, mit vereinten Kräften Dich, die ſchon mehr als halb verloren iſt, zu retten; wenn Deine Eltern Dir in der Perſon 4 160 Problematiſche Naturen. eines Gemahls einen Freund und Beſchützer geben wollen, der Dich in Zukunft vor ſolchen Thorheiten— ich will einmal einen milden Ausdruck wählen— vor ſolchen Thorheiten, wie Du ſie an Mary Burton geſchrieben haſt, bewahren wird; und wenn einer Deiner lie⸗ benswürdigſten Verwandten die Güte haben will, dieſes ſchwierige Amt eines Gatten, Freundes und Lehrers bei Dir zu übernehmen, wirſt Du darauf wieder nichts zu erwiedern haben?“ „Doch!“ ſagte Helene, die, ohne eine Miene zu verändern, bleich und ſtill dageſtanden hatte, die großen dunklen Augen mit dem Aus⸗ druck unerſchütterlichen Muthes auf ihre Mutter richtend, welche bei den letzten Worten aufgeſtanden war und ihr jetzt gegenüber ſtand, „doch! ich habe darauf zu erwiedern, daß ich tauſendmal lieber ſterben, als Felix' Gattin werden will.“ Sie ſagte das ruhig, langſam, gleichjam jede Sylbe wägend. „Und wenn Deine Eltern es befehlen?“ „So kann ich nicht und ſo werde ich nicht gehorchen.“ „Und wenn ſie heute Abend der verſammelten Geſellſchaft Deine Verlobung mit Felix ankündigen?“ „So werde ich der verſammelten Geſellſchaft ſagen, was ich Dir ſo eben geſagt habe.“ „Iſt das Dein wohl erwogener Entſchluß?“ „So wahr mir Gott helfe: ja!“ „Nun denn! ſo ſage ich mich von Dir los, wie Du Dich von mir losgeſagt haſt! ſo gehe denn hin und wirf Dich dem Bettler in die Arme! Aber nein! noch giebt es Mittel, dieſe Schande wenig⸗ ſtens vor der Welt zu verbergen. Morgen packſt Du Deine Sachen; übermorgen gehſt Du in die Penſion zurück.“ Ein Strahl wie von Freude brach aus Helenens vie Augen und ein zartes Roth flog über ihre bleichen Wangen. „Ich gehe gern,“ fagte ſie. „Aber nicht nach Hamburg,“ ſagte die Baronin, und es lag eine grauſame Ironie in Ton und Wort;„ich habe genug von Mary Burton. Du gehſt nach Grünwald. Ich habe ſchon an Fräulein Bär geſchrieben. Sie iſt nicht ganz ſo nachſichtig wie Madame Bern⸗ hard, aber mit der Zeit der Güte und Nachſicht iſt es jetzt auch vor⸗ Dritter Band. 161 bei. Begieb Dich auf Dein Zimmer. Um ſechs Uhr wünſche ich Dich zum Ball angezogen zu ſehen. Ueberlege Dir noch einmal, was Du thun willſt. Ich gebe Dir bis dahin Bedenkzeit. Du kannſt gehen.“ Helene ging, ohne ein Wort zu erwiedern, nach der Thür. Als ſie dieſelbe faſt erreicht hatte, trat der alte Baron herein. „Wo willſt Du hin, mein Mädchen?“ ſagte er, die Hand freund⸗ lich nach ihr ausſtreckend. Helene ergriff die Hand; drückte ſie an ihre Lippen und ſagte: „Verurtheile mich nicht, Vater, ohne mich gehört zu haben.“ Dann eilte ſie aus dem Zimmer. „Was hat das Mädchen?“ ſagte der alte Herr, ihr voller Er⸗ ſtaunen nachſehend. „Komm, Grenwitz,“ ſagte die Baronin,„ich habe über eine Sache von Wichtigkeit mit Dir zu ſprechen.“ Achtzehntes Capitel. Die Unterredung zwiſchen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit, aber Anna⸗Maria war heute nicht glücklich in ihren diplomatiſchen Bemühungen. Eben ſo wenig, wie ſie im Stande geweſen war, den Stolz ihrer Tochter zu beugen, vermochte ſie den ſonſt ſo fügſamen Gatten diesmal zu ihren Anſichten zu bekehren. Es iſt eine bekannte Erfahrung, daß ſehr nachgiebige und lenkbare Na⸗ turen in manchen Punkten ſehr ſtarr und eigenſinnig ſein können. Es iſt, als ob ſich der überall geſchlagene, überliſtete, überrumpelte Wille auf dieſe Punkte, wie in uneinnehmbare Feſtungen geworfen habe, um ſich dort bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen. Die Baronin hatte das in den langen Jahren ihrer Herrſchaft ſchon mehr als einmal erfahren. Hin und wieder hatte ſich in dem Gatten, der ihrer höheren Einſicht ſonſt ſo blindlings vertraute, der mit einer Art von abgöt⸗ tiſcher Verehrung an ihr hing, ein Geiſt des Widerſpruchs geregt, oft, wo ſie es am allerwenigſten erwartete. Sie hatte durch kluge, recht⸗ Fr. Spielhagen's Werke. III. 11 162 Problematiſche Naturen. zeitige Nachgiebigkeit dann jedes Mal dergleichen Meinungsverſchie⸗ denheiten zu beſeitigen gewußt, was ihr um ſo leichter geworden war, als es ſich meiſtens um höchſt gleichgültige Dinge handelte. Wenn ſie die Fälle, wo dieſe„Rechthaberei“ ihres Gemahls hervorgetreten war, mit einander verglichen hätte, würde ſie bemerkt haben, daß es ſtets der grade Sinn, die unverwüſtliche Gutmüthigkeit des Barons geweſen waren, die ſich gegen eine egoiſtiſche Maßregel der Baronin in aller Beſcheidenheit, aber großer Beſtimmtheit aufgelehnt hatten. Wie ſehr auch der alte Herr ſeinen Verſtand gefangen gegeben hatte, es lebte in ihm ein Etwas, das mächtiger war, als alle Sophismen, mit denen ihn ſeine Gattin umgarnte; ein göttlicher Funke, der ge⸗ legentlich noch immer zur Flamme werden konnte. Dieſes Etwas, dieſer göttliche Funke war die Liebe, war die Fähigkeit, ſich ſelbſt über dem Andern zu vergeſſen, ſein Glück in dem Glücke Anderer zu finden. Wo dieſe Fähigkeit noch beſteht, da iſt, und wäre das In⸗ dividuum noch ſo tief geſunken, noch Alles zu retten; wo ſie ver⸗ loren, iſt Alles verloren. Denn ein wahreres Wort iſt nie geſprochen, als jenes Wort, welches die Liebe über alles Wiſſen und jede höchſte Kraft des Menſchen ſetzt, und ſie die größte nennt unter allen Tu⸗ genden. Wie Alle, welche die Liebe im beſten Falle für einen ſehr über⸗ flüſſigen Luxus halten, und an ſich ſelbſt zu wenig Gelegehit haben, dieſe wunderbare Kraft in ihren Wirkungen zu ſtudiren, beging die Baronin den Fehler, bei ihren Projecten dieſe Eigenthümlichkeit ihres Gemahls entweder gar nicht in Rechnung zu bringen, oder doch viel zu gering anzuſchlagen. So war es auch in dieſem Falle geweſen. Sie hatte nicht bedacht, daß der Baron ja am Ende doch ſein Kind lieben und dann natürlich ihr Glück, ihre Ruhe höher anſchlagen könnte als alle weltlichen Vortheile. Und nun geſchah wirklich das Unglaubliche. Der alte Herr erklärte mit großer Entſchiedenheit, daß er die Vortheile, welche allen Betheiligten aus einer Verbindung zwiſchen Felir und Helene erwachſen könnten, durchaus zu würdigen wiſſe; daß er ſich ſehr gefreut haben würde, wäre dieſe Verbindung zu Stande ge⸗ kommen, daß es aber ſchließlich doch die Ruhe und das Glück He⸗ lenens ſei, um die es ſich handle, und daß, wenn Helene erkläre, Dritter Band. 163 Felix nicht lieben zu können, die Sache damit ein für alle Mal ab⸗ gemacht ſei. Dabei blieb er, mochte Anna⸗Maria ſagen, was ſie wollte. Und Anna⸗Maria ließ es an Worten, ja ſelbſt an Thränen nicht fehlen. Vergebens, daß ſie Helenens Trotz, Helenens unkind⸗ liches Benehmen in der eben ſtattgehabten Unterredung mit den ſchwärzeſten Farben ſchilderte, vergebens daß ſie dem alten Mann mit dem Aeußerſten drohte, ihm drohte, daß er nur zu wählen habe zwiſchen ſeiner reuen Gattin und ſeiner ungehorſamen Tochter, daß ſie in ihrem eigenen Hauſe nicht die Schmach erleben wolle, ihr eigen Kind über ſich triumphiren zu ſehen— der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Poſition mit einer zähen Hartnäckigkeit: Helene ſei nicht ſchlecht, ſie habe ſich in ihrer Heftigkeit vergeſſen können, aber ſie ſei nicht ſchlecht; denn ſie werde die Mutter um Verzeihung bitten, wenn ſie dieſelbe beleidigt habe; aber geſetzt, ſie ſei nicht ſo gut, wie er glaube, geſetzt, ſie habe ſich gegen ihre Mutter vergangen, ſo ſei das doch immer kein Grund, ſie in eine ihr verhaßte Ehe zu zwingen.— Alles, was die Baronin erlangen konnte, war, daß, wenn Helene ſich nicht nachgiebig zeigen ſollte, ſie das elterliche Haus auf einige Zeit verlaſſen müſſe. Der Baron willigte darein, weil er dieſe Trennung für das beſte Mittel hielt, Mutter und Tochter wieder zu⸗ ſammen zu bringen, wenn ſich die Leidenſchaft nur erſt auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben würde; und er hatte nichts dagegen, daß man Helene nach Grünwald anſtatt nach Hamburg ſchicke, da er ſo viel öfter Gelegenheit hatte, ſeine Tochter zu ſehen, und er über⸗ haupt in der Stille die ganze Maßregel für ein Proviforium hielt, deſſen vermuthlich ſehr kurze Dauer die lange Reiſe nach Hamburg gar nicht verlohne.— Anna⸗Maria ihrerſeits mußte ſich nothge⸗ drungen mit dieſem Reſultat zufrieden geben, um ſo mehr, als ſie fürchten mußte, daß Helene, wenn man ſie zum Aeußerſten treibe, die fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde. Dieſer Gedanke hatte ſie überhaupt in der ganzen Unterredung weniger energiſch erſcheinen laſſen, als wohl ſonſt ihre Gewohnheit war. Das böſe Gewiſſen hatte ſie feig gemacht und dieſe Feigheit dem Baron ſeinen Sieg weſentlich erleichtert. Er küßte ſeine Gemahlin auf die Stirn, wie er es nach einer Scene größerer oder kleinerer Uneinigkeit ſtets 116 164 Problematiſche Naturen. zu thun pflegte, dankte ihr für ihre Beweitwilligkeit, ſich ſeinen An⸗ ſichten und Wünſchen zu accommodiren, und ſprach die Hoffnung aus, daß in kurzer Zeit der geſtörte Fawilienfrieden vollkommen wieder hergeſtellt ſein werde. „Es drückte mir das Herz ab, wenn ich ſehe, daß die, welche ich am meiſten liebe auf Erden, unter ſich uneins ſind;“ ſagte der gute alte Mann und die Thränen ſtanden ihm in den Augen.„Ich habe Gott alle dieſe Tage gebeten, er möge mich erleuchten, daß ich in dieſer Sache das Rechte thue, wie ich es denn gern in allen Dingen thäte. Es thut mir weh, wenn ich Dich gekränkt haben ſollte, liebe Anna⸗Maria, denn ich weiß, zu welcher Dankbarkeit ich Dir ver⸗ pflichtet bin; aber ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben, daß Du ſie mit dem beſten Willen von der Welt unglücklich machſt. Gott weiß, daß ich nur euer Aller Beſtes will und nun, liebe Anna⸗Maria, laß uns zu Tiſch gehen, denn, wenn ich nicht irre, hat Johann ſchon zweimal gerufen.“ Die Baronin ſollte heute nicht zur Ruhe kommen. Das melancholiſche Mittagsmahl, an welchem weder Oswald, der Bruno nicht verlaſſen wollte, noch Helene, die ſich mit Kopf⸗ ſchmerzen entſchuldigen ließ, Theil genommen hatten, war vorüber und der Baron eben fortgegangen, um ſich mit Helenen auszuſprechen und ſich nach Bruno's Befinden zu erkundigen. Die Baronin war mit Felir allein geblieben und jetzt in der äußerſt peinlichen Lage, ihm ſagen zu müſſen, daß ihr gemeinſames Project an dem hartnäckigen Widerſtand Helenens und der Unbeugſamkeit des Barons geſcheitert ſei. Und das ſollte ſie eingeſtehen, ſie, die ſich ſo viel auf die unbe⸗ ſchränkte Herrſchaft, welche ſie über ihren Gemahl, über a4e ihr Näherſtehenden ausübte, zu gute that; ſie, die dieſe ganze Unterhand⸗ lung nicht nur geleitet, ſondern auch den erſten Impuls dazu gegeben, Felir zuerſt den Vorſchlag gemacht, Felir die Bedingungen geſtellt hatte— Bedingungen, denen jener zum Theil ſchon nachgekommen war!... Es war eine ſchwere Aufgabe für die ſelbſtiſche, herrſch⸗ ſüchtige Frau! Wie bereute ſie es jetzt, den Brief unterſchlagen zu haben! Sie hatte nicht viel mehr daraus gelernt, als was ſie nicht ſo ſchon wußte, Dritter Band. 165 und wie viel hatte ſie ſich vergeben! Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helenen auftreten; durfte ihre„unkindliche Geſinnung,“ ihre„lächerliche Bevorzugung— um die Sache nicht ſchlimmer zu bezeichnen— dieſes Stein“ dem Baron gegenüber nicht zu ſehr hervor⸗ heben. Sie wußte, daß er— beſonders in ſeiner jetzigen Stimmung— einen ſolchen Vertrauensbruch niemals ſanctioniren würde. Ja ſelbſt gegen Felix, ihren Vertrauten, durfte ſie nicht ganz offen ſein. Sie mußte ihm ſagen, daß ſie die Schlacht verloren habe, und hatte nicht einmal den Troſt, ihm beweiſen zu können, daß es nur durch einen unglücklichen Zufall geſchehen ſei. So mußte alſo der bittre Kelch geleert werden. Felix traute ſeinen Ohren kaum. Er, Felix von Grenwitz, ausgeſchlagen, zurück⸗ gewieſen, mit Verachtung behandelt in dem einen Fall, wo er wirklich ernſte Abſichten gehabt hatte? von einem Mädchen, das eben aus der Penſion kam? und möglicherweiſe wem geopfert? einem obſcuren Men⸗ ſchen, deſſen ganzes Verdienſt darin beſtand, beinahe wie ein Gentleman auszuſehen? Felix that, als ob der Untergang der Welt durch dieſe Zeichen verkündet ſei. Und Helenen zu verlieren— darüber würde ſich Felix noch zur Noth getröſtet haben; aber auch die Ausſichten auf Bezahlung ſeiner Schulden, oder genauer auf eine ſo weſentliche Er⸗ höhung ſeines Credits— das war das Schlimmſte, das, worüber ein Mann wie Felix nicht ſo leicht hiuwegkam. Helenens Ausſteuer, die Summe, welche ihm ſein Onkel vorſchießen wollte, den zu Grunde gewirthſchafteten Gütern wieder aufzuhelfen,— nein! ſo konnte man nicht mit ihm ſpielen wollen. Er hatte Alles gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, er hatte ſeinen Abſchied genommen(nehmen müſſen, wäre richtiger geweſen); er war von der Baronin autoriſirt worpet vor der Geſellſchaft ſeine Bewerbung um Helene nicht zu verſchih gen— jetzt war Dienſt, Braut, Ehre— Alles verloren. „Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen;“ rief Felir pahetiſch.— Die Baronin ſuchte den Aufgeregten zu beruhigen und es gelang ihr, nachdem ſie ihm die ierliche Verſicherung gegeben, daß trotz der Erfolgloſigkeit ſeiner Bewerb die übrigen Verabredungen nicht rück⸗ gängig gemacht werden ſollten. 166 Problematiſche Naturen. Nachdem ſie ſich über dieſen äußerſt wichtigen Punkt geeinigt, konnten ſie mit größerer Ruhe über einige andre ſprechen, vor allem über den eigentlichen Grund von Helenens Weigerung. Zu Felix' nicht geringem Erſtaunen behauptete die Baronin heute geradezu, daß ein geheimes Liebesverhältniß zwiſchen Oswald und Helene beſtehe. Sie wollte nicht ſagen, was ſie veranlaßte, eine frühere Vermuthung jetzt für Gewißheit auszugeben; aber ſie blieb bei ihrer Behauptung, bis Felix zugab, daß„die Sache freilich lächerlich, aber doch nicht geradezu unmöglich ſei.“ Der Menſch iſt ein ſchlauer Intrigant, ſagte er. Timm hat mich gleich im Anfang vor ihm gewarnt; ich habe nicht viel darauf gegeben, weil die Beiden auf einem ſehr guten Fuß zu ſtehen ſcheinen. Indeſſen, ich ſehe doch ein, Timm hat in dieſem Falle Recht gehabt. In dieſem Augenblick wurde der Baronin ein expreſſer Brief aus Grünwald eingehändigt. „Von Herrn Timm,“ fagte ſie erſtaunt, den Brief erbrechend; „ich bin doch neugierig, was mir der zu ſchreihen hat. Er hat doch ſein Geld richtig erhalten. Entſchuldigen Sie, lieber Felix.“ Das Erſtaunen, die Beſtürzung, der Schrecken, welche ſich, während die Baronin las, auf ihrem Geſicht malten, waren ſo ausgeprägt, daß Felir nicht umhin konnte, zu ſagen: „Aber Tante, was haben Sie? Sie ſind ja wie die Wand ſo weiß geworden?“ „O, es iſt ſchändlich!“ ſagte die Baronin:„es iſt ſchändlich, dieſe Buben! es iſt eine abgekartete Sache! ein gemeines Complot! dieſe Buben!“ „Aber, um Himmelswillen, was giebt es denn?“ rief Felix. „Hier, leſen Sie!“ ſagte die Baronin, ihm mit zitternder Hand den Brief hinreichend. Felir nahm den Brief und las: „Gnädige Frau! Es iſt nicht meine Schuld, wenn Ihnen der Inhalt dieſes Schreihens mißfallen ſollte. Sie wiſſen, mit wie großer Verehrung ich an Ihnen und Ihrer ganzen Familie hänge, mit welchem Eifer ich Ihnen ſtets meine geringen Dienſte gewidmet habe, wie dankbar ich für die liebenswürdige Gaſtfreundſchaft, die Sie mir ſtets Dritter Band. 167 und beſonders in den letzten, ſo glücklich verlebten Tagen bewieſen haben, geweſen bin. Wenn ich daher etwas ſage oder thue, was mit dieſen Gefühlen im Widerſpruch zu ſtehen ſcheint, ſo können Sie mit Beſtimmtheit annehmen, daß dieſer Widerſpruch eben nur ſcheinbar iſt, und daß mich ein höheres Princip als perſönliche Freundſchaft und individuelle Hochachtung zum Handeln zwingt: nämlich die Achtung vor der Gerechtigkeit, die wir Allen ſchuldig ſind. Dieſes mir inwohnende Rechtlichkeitsgefühl aber(ein Erbſtück ohne Zweifel meines ſeligen Vaters) will, daß ich Ihnen eine höchſt eigen⸗ thümliche Entdeckung, die ich in dieſen Tagen gemacht habe, und die für Sie von einer gewiſſen Bedeutung ſein dürfte, nicht einen Augen⸗ blick länger vorenthalte. Sie wiſſen, daß mein verſtorbener Vater die Stellung eines Advocaten in Grünwald bekleidete, daß ſeine Praris eben ſo groß war, wie der Ruf ſeiner Rechtlichkeit, Gewiſſenhaftigkeit und Klugheit, und daß die angeſehenſten Familien des Landes zu ſeiner Clientel gehörten. Unter andern ſtand er auch mit dem verſtorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in ſteter Geſchäftsverbindung, aus der ſich, wie mir mein ſeliger Vater oft erzählt hat, wenn er auf ver⸗ gangene Zeiten zu ſprechen kam, eine Art von Freundſchaft entwickelte. Wenigſtens behauptete mein Vater, daß der verſtorbene Baron ihn ſelbſt in den delicateſten Familienangelegenheiten wiederholt conſultirt habe. Die Wahrheit dieſer Behauptung wird beſtätigt durch die Entdeckung, von der ich eben ſpreche.— Sie beſteht in der ganz zufälligen Auffindung mehrer Bündel Briefe und Papiere, die fämmtlich dem Herrn Baron Harald ge⸗ hörten und die dieſer meinem Vater zu einem Zwecke, der nicht an⸗ gegeben(denn es befindet ſich dabei keine Erläuterung weder von der Hand meines Vaters, noch der des Barons) übermacht hat. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſollten ſie meinem Vater dienen, ihm die Auf⸗ findung jenes Kindes, welchem der Herr Baron in dem Codicill ſeines Teſtaments das bewußte Legat ausſetzte, zu erleichtern oder überhaupt möglich zu machen. So viel wenigſtens ſteht feſt, daß eine ſolche Recherche nur mit Hülfe dieſer Briefe Papiere angeſtellt werden und zu einem glücklichen Reſultat gebracht werden kann. Auch bin ich über⸗ 168 Problematiſche Naturen. zeugt, daß nur ſein plötzlicher Tod meinen Vater verhindert hat, dieſes Reſultat herbeizuführen, und daß ein geſchickter Juriſt noch zu jeder Zeit die Fäden, welche der Hand meines Vater entfielen, wieder auf⸗ nehmen könnte. Die Schriftſtücke ſind a. ein Bündel Briefe einer gewiſſen Made⸗ moiſelle Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz; b. ein dito des Herrn Barons an Mademoiſelle Montbert; e. mehre Briefe eines gewiſſen Monſieur d'Eſtein an Mademoiſelle Montbert; d. verſchiedene Familienpapiere der Mademoiſelle Montbert; e. eine vollſtändige Ab⸗ ſchrift des von dem Herrn Baron Harald hinterlaſſenen Teſtaments, nebſt dem Codicill, in welchem, wie Ihnen bekannt iſt, nicht nur die Bedingungen angegeben ſind, welche der Herr Erblaſſer an die Aus⸗ lieferung des Legats geknüpft hat, ſondern auch die Mittel und Wege, welche am wahrſcheinlichſten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen Kindes reſp. deſſen Mutter führen könnten. Sie wiſſen, daß in dieſem Erläuterungsbericht die Namen der Mademvi⸗ felle Montbert und des Monſieur d'Eſtein vorkommen und es verſteht ſich von ſelbſt, daß die genannten Perſonen mit denen, welche jene Briefe ſchrieben, identiſch ſind. Bis hierher hat Alles, was ich Ihnen berichtete, für den Unbe⸗ fangenen und Unbetheiligten wenigſtens, nichts beſonders Ueberraſchen⸗ des. Was ich Ihnen aber jetzt zu ſagen habe, iſt ſo außerordentlich, daß ich um die Erlaubniß bitten muß, Ihnen darüber mündlichen Bericht erſtatten zu dürfen. Ich will nur ſo viel andeuten, daß in den Briefen des Mr. d'Eſtein der Name vorkommt, welchen dieſer Herr, nachdem er die Flucht der Mademoiſelle Montbert von Gren⸗ witz bewerkſtelligt haben würde, für die Zukunft annehmen zu wollen erklärt, und daß dieſer Name(Sie brauchen nur das d' und das E. wegzulaſſen) mit dem Namen eines Herrn, welcher ſeit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt, übereinſtimmt. Ich füge hinzu, wie ich für mein Theil von der Identität dieſer Perſon mit dem noch immer unbekannten Erben von Stantow und Bärwalde(beſonders auch in Folge von Mittheilungen, welche mir die bewußte Perſon über ihre Familienverhältniſſe und früheſten Erinnerungen machte) durchaus überzengt bin. Dritter Band. 169 3 Doch iſt dieſe meine individuelle Ueberzeugung natürlich noch immer nicht beweiſend, und ich nehme daher Anſtand, ſie, wie ich wohl müßte, der bewußten Perſon mitzutheilen, um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen, die doch möglicherweiſe nicht realiſirt werden könnten. Ich breche hier ab, um meinem mündlichen Referat(kommen Sie vielleicht in nächſter Zeit nach Grünwald? oder befehlen Sie, daß ich Sie in Grenwitz beſuche?) nicht zuviel vorweg zu nehmen und dem Papiere nicht unnöthigerweiſe noch mehr anzuvertrauen. Genehmigen Sie, gnädige Frau, den Ausdruck u. ſ. w. „Hier iſt noch ein Verte! ſagte Felix, das Blatt umwendend: P. S. Ich habe die Abſicht, ſämmtliche Papiere, da ſie mir in meiner Wohnung nicht ſicher genug verwahrt ſcheinen, einem Advocaten zu übergeben, im Falle Sie nicht(was aber ſchleunigſt geſchehen müßte) anders darüber verfügen ſollten. „Ha, ha, ha!“ lachte Felir,„da ſchaute der Fuchs zum Loche her⸗ aus! Im Falle Sie nicht anders darüber verfügen ſollten, unter⸗ ſtrichen; d. h. haben Sie die Güte, mir die Summe zu nennen, welche Sie für dieſe Papiere zahlen zu können glauben, und die Sache bleibt unter uns.— Ha, ha, ha! ja, ja, der Timm iſt ein geriebener Burſche, das habe ich ſchon vor heute gewußt!“ „Alſo glauben Sie, daß er wirklich dieſe Papiere gefunden hat?“ fragte die Baronin erſtaunt. „Warum nicht?“ ſagte Felix;„ich finde das Ding äußerſt wahr⸗ ſcheinlich, und rathe Ihnen, ſich die Papiere in aller Eile zu kaufen, ehe ſie im Preiſe ſteigen.“ Und glauben Sie auch, daß dieſer— daß dieſer Menſch— ich kann es kaum über die Lippen bringen, daß dieſer Stein wirklich Harald's Sohn iſt?“ „Möglich iſt es immer;“ ſagte Felix. „Nein, es iſt nicht möglich,“ rief die Baronin mit großer Heftig⸗ keit;„es iſt Alles ein hölliſcher Lug und Trug, ein abgekartetes Spiel zwiſchen den beiden Gaunern. Die Briefe ſind gefälſcht, ſind von Beiden, während ſie hier die Köpfe zuſammenſteckten, geſchmiedet und geſchrieben worden. Es iſt eine pure Erfindung, uns einen Schrecken einzujagen und Geld abzuſchwindeln— oder gar! ha! jetzt hab ich's! 170 Problematiſche Naturen. Sehen Sie denn nicht, Felix, wo das Alles hinaus will? auf Helene haben Sie es abgeſehen! dem Einen Geld, dem Andern das Mäd⸗ chen! ha, ha, hal trefflich, trefflich! ſchade, daß Helene nicht auch darüber an Mary Burton geſchrieben hat, denn ich wette: ſie iſt mit im Complott! Aber nichts ſollen ſie haben! nichts, nichts! nicht einen Thaler— keinen Groſchen!“ „Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht, Tante!“ ſagte Felix, Timm iſt ein ſehr gewitzter Burſche, und wenn die Briefe wirklich gefälſcht ſind, ſo können Sie ſich darauf verlaſſen, daß es keine Stümperarbeit iſt, und uns ſehr viel zu ſchaffen machen kann. Wollen Sie meinen Rath hören?“ „Nun?“ „Laſſen Sie mich morgen, oder wann es iſt, nach Grünwald gehen und mit Timm ſprechen. Ich habe in früheren Zeiten ſchon manche abſonderliche Unterhandlungen mit ihm geführt; er weiß, daß er mir kein A für ein U machen kann. Ohne Geld kommen wir frei⸗ lich nicht los; aber ich kriege die Papiere billiger, als Sie, oder ein Anderer.“ „Und was ſoll mit Herrn Stein geſchehen?“ „Den jagen wir mit Schimpf und Schande fort. Wollen Sie mir auch dies Geſchäft überlaſſen?“ „Ja thun Sie, was Sie wollen, aber befreien Sie mich von dieſem Menſchen!“ „Ich will es ſchon machen. Es findet ſich heute Abend ſchon eine Gelegenheit. Mit je mehr Eclat es geſchieht, deſto beſſer. Es ſoll ihm ſchon die Luſt vergehen, mit uns noch einmal anzubinden. Sie werden doch dem Onkel nichts von alledem ſagen?“ „Um Himmelswillen nicht!“ rief die Baronin.„Er wä e im Stande, heute noch Herrn Stein als unſern lieben Verwandten der Geſellſchaft vorzuſtellen. Er iſt ja ſchon beinahe kindiſch; ich kann mich von heute an in nichts mehr auf ihn verlaſſen.“ „Nun denn!“ ſagte Felix, ſeiner Tante die Hand küſſend;„ſo verlaſſen Sie ſich auf mich. Wir wollen die Sache ſchon glücklich zu Ende bringen.— Aber ich glaube, liebe Tante, es iſt die höchſte Dritter Band. Zeit, daß wir Toilette machen. Um Himmelswillen! fünf Uhr ſchon und um ſechs fängt die Geſellſchaft an— wie ſoll ich in einer Stunde fertig werden!“ Veunzehntes Capitel. Wagen auf Wagen rollten durch das große Thor auf den Schloß⸗ platz, und hielten vor dem Portale ſtill. Geputzte Damen und Herren ſtiegen aus und wurden von den Dienern vorläufig in die Garderobe⸗ zimmer gewieſen, um einige Minuten ſpäter in der weitgeöffneten Flügelthür, die in die Geſellſchaftsräume im Erdgeſchoß führte, von dem alten Baron und Felix empfangen zu werden. Nach und nach verſammelte ſich ſo ziemlich der geſammte Adel der Umgegend. Schon die glänzenden Equipagen, in welchen man heute gekommen war— die meiſten waren mit vier, einige ſogar mit ſechs herrlichen Pferden beſpannt, Vorreiter in allen möglichen bunten Livreen nicht zu vergeſſen— noch mehr aber der gewählte Anzug der Herren, die glänzende Toilette der Damen bewieſen, daß man ſich auf ein Feſt im größeſten Styl vorbereitet hatte. Man glaubte auch mit ziemlicher Gewißheit angeben zu können, um was es ſich heute eigent⸗ lich handelte; hatten doch die Baronin und Felir es an Hindeutungen auf ein Ereigniß, das möglicherweiſe in nicht allzu langer Zeit ein⸗ treten könnte, keineswegs fehlen laſſen! Die Baronin und Felir hatten ſich durch dieſe voreiligen Anſpielungen, wie es ſchien, einen ſchlimmen* Tag bereitet, und ſollten jetzt die Erfahrung machen, daß es viel leichter iſt, den Mund der Fama zum Reden als zum Schweigen zu bringen. Sie hatten alle Mühe, die bedeutungsvollen Mienen der Beſcheidneren, die zarten Andeutungen der Neugierigen, die directen Fragen der Zudringlichen zu überſehen, zu überhören, ausweichend zu beantworten, und bei dieſem Fegefener doch noch die officielle geſell⸗ ſchaftliche Freundlichkeit und Höflichkeit zu bewahren. Die Geſellſchaft ſchien im Allgemeinen entſchloſſen, an dem Glauben einer Verlobung zwiſchen Felir und Helene feſthalten zu wollen, und vertröſtete ſich 172 Problematiſche Naturen. auf die Abendtafel, wo man ja doch endlich mit der Wahrheit her⸗ vortreten werde. Nur einige wenige Scharfſinnigere wollten aus ge⸗ wiſſen Anzeichen ſchließen, daß die Ausſicht auf das bewußte Ende doch wohl nicht ſo ganz ungetrübt ſei, wie die Meiſten anzunehmen ſchienen. Sie machten darauf aufmerkſam, daß das Benehmen der Baronin heute um vieles förmlicher ſei. wie gewöhnlich, ja in manchen Augenblicken geradezu verlegen; daß der alte Baron außerordentlich zerſtreut ſei, und keineswegs den Eindruck eines glücklichen Familien⸗ vaters mache und was das Brautpaar ſelbſt betreffe, ſo ſei es doch zum mindeſten auffallend, daß Baron Felix ſich unausgeſetzt in großer Entfernung von ſeiner Couſine halte, und Fräulein Helene, obgleich ſie ſich nie durch große Lebhaftigkeit auszeichne, heute doch offenbar mehr wie eine ſchöne, kalte Marmorſtatue, als ein junges Mädchen an ihrem Verlobungstage ausſehe. Die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft wurde für einige Zeit von dieſem geheimnißvollen Brautpaare abgelenkt, als jetzt, nachdem die ganze Geſellſchaft faſt verſammelt war, ein wirkliches Brautpaar er⸗ ſchien, deſſen Verlobung in den letzten Tagen eine ſo ungemeine Sen⸗ ſation erregt hatte: Fräulein Emilie von Breeſen an dem Arme Arthur's von Cloten. Das junge Paar hatte zwar ſchon die üblichen Viſiten gemacht; aber die Nachbarſchaft war groß. Zu Einigen hatte man beim beſten Willen noch nicht kommen können, Andere hatte man zu ſeinem größten Bedauern nicht zu Hauſe getroffen— es gab noch eine Menge Gratulationen in Empfang zu nehmen und zu erwiedern. Fräulein von Breeſen, Herr von Cloten bildeten den Gegenſtand und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit hier im Kreiſe der Damen, dort im Kreiſe der Herren. Herr von Cloten ſchien überglücklich; er lachte und ſchwatzte unaufhörlich, und es ſchien ein halbes Wunder, daß von ſeinem kleinen Schnurrbart auch nur ein einziges Härcher übrig geblieben war— ſo unausgeſetzt wirbelte und drehte er denſelben durch die Finger. Fräulein Emilie ſchien ihr Glück mit größerer Gelaſſenheit zu tragen; ja jene Minorität der Scharfſichtigen wollte eine trübe Wolke auf ihrer Stirn bemerken, ſo viel Mühe ſich auch ihr reizender Mund gab, freundlich zu lächeln, und behauptete, Dritter Band. 173 daß ihr Auge oft ruhelos über die Geſellſchaft ſchweife, ohne auf ihrem glücklichen Bräutigam auch nur einen Moment zu verweilen. Es gab heute überreichen Stoff zu pikanten Klatſchereien. Das Verhältniß von Cloten's zu der ebenſo liebenswürdigen, wie gefährlichen Hortenſe von Barnewitz war in dieſer Geſellſchaft, in welcher es von Geſchichtenträgern und Geberdeſpähern wimmelte, durchaus kein Geheimniß geblieben, und die letzte große Geſellſchaft in Barnewitz, auf welcher es zwiſchen Cloten und dem Gemahl Hor⸗ tenſe's zu einer ſo unerquicklichen Scene kam und dieſe letztere die Unvorſichtigkeit beging, gerade in dieſem Augenblick in Ohnmacht zu fallen, hatte den letzten dünnen Schleier von dieſem Verhältniß fort⸗ gezogen. Nun war man äußerſt neugierig, zu beobachten, wie ſich Hortenſe in ihren Verluſt ſchicken werde, und vor allem, ausfindig zu machen, wen die blonde Menſchenfiſcherin zum glücklichen Nachfolger ihres treuloſen Galan erkoren habe. Die Einen riethen auf den jungen Grafen Grieben, die Andern auf Adolf von Breeſen. Beide bewarben ſich eifrigſt um die gefährliche Gunſt der Circe. Für Jenen ſprach der Umſtand, daß er ein verſchmähter Bewerber der koketten Emilie war, und als ſolcher ganz beſonders zum Nachfolger Cloten's ſich zu gualificiren ſchien: für dieſen, daß er bei weitem der Hübſcheſte, Gewandteſte und Kühnſte der ganzen Schaar war— lauter Eigen⸗ ſchaften, welche die kluge Hortenſe ſehr wohl zu ſchätzen wußte. „Ich parire auf Grieben,“ ſagte der junge Sylow;„zwölf Flaſchen Champagner! wer hält?“ „Ich,“ rief von Nadelitz;„pah! da müßte ich Breeſen nicht kennen.“ „Sechs Flaſchen Reugeld bis zum Cotillon heute Abend?“ „Ha, ha! hört Ihr's? Er verliert die Courage ſchon; aber an⸗ genommen; angenommen! „Wirklich ein famoſes Weib, die Barnewitz!“ ſagte Hans von Plüggen;„ich wollte, ich ſtände auch auf der Candidatenliſte.“ „Nun zu der Ehre iſt leicht zu gelangen;“ meinte ein Andrer. „Ich weiß nicht, was Ihr an der Barnewitz findet;“ ſagte von Sylow.„Da iſt doch die Berkow eine ganz andre Erſcheinung. Ich wollte die Berkow wäre hier.“ 174 Problematiſche Naturen. „Das wollten wohl noch Mehrere!“ lachte Einer;„aber Ihr wißt doch, daß Berkow todt iſt und Melitta ſeit vorgeſtern zurück iſt?“ „Eine alte, Neuigkeit.“ „Auch daß ſie ſich in Kurzem mit Oldenburg verloben wird.“ „Unſinn!“ „Ihr könnt Euch d'rauf verlaſſen; ich habe es von der Barne⸗ witz. Die wird es doch wohl wiſſen.“ „Kommt denn Oldenburg heute nicht?“ „Ich hörte von Felix, daß er zugeſagt habe; aber Oldenburg hat ja ſeine beſonderen Gewohnheiten.“ Melitta's Rückkehr und der Tod Herrn von Berkow's wurde nicht blos im Kreiſe der Jüngeren lebhaft debattirt. Melitta war eine der gefeiertſten Damen der Geſellſchaft und hatte trotzdem merk⸗ würdigerweiſe wenig Neider und Feinde. Hin und wieder wurde ihr ein etwas excentriſches Weſen, eine Neigung zum Beſondern, Un⸗ gewöhnlichen zum Vorwurf gemacht; dieſer meinte, ſie ſei ihm zu ge⸗ bildet; jener, ſie kokettire mit dem Liberalismus— aber im Allge⸗ meinen wurde ihre Liebenswürdigkeit, ihre Gutmüthigkeit und An⸗ ſpruchsloſigkeit doch willig anerkannt; abgeſehen davon, daß der Zau⸗ ber ihrer Erſcheinung über allen Widerſpruch erhaben war. Man freute ſich, daß ſie endlich von dem Alp, der ſo lange auf ihrem Herzen gelaſtet, erlöſt ſei und war äußerſt begierig zu wiſſen, wen ſie demnächſt mit ihrer Hand beglücken werde. Denn daß eine ſo junge, lebensluſtige Frau jetzt, da ſie ſich wieder frei fühlen konnte, nicht lange unvermählt bleiben könne, ſchien unzweifelhaft. In der aller⸗ letzten Zeit war, man wußte nicht recht durch wen? das Gerücht verbreitet worden, Baron Oldenburg habe bei weitem die meiſten Ausſichten; ja, ganz unter der Hand, und als ein bloßes on dit, das man mittheilte, ohne ſich für die Wahrheit deſſelben verbürgen zu wollen, ja, ohne nur ſelbſt daran zu glauben, erzählte man ſich, eine Intimität zwiſchen dem Baron und Melitta habe von jeher beſtanden, und Herr von Berkow habe zu ſehr gelegener Zeit den Verſtand ver⸗ loren. Man trug ſich ſogar mit gewiſſen Details aus der Geſchichte dieſes geheimnißvollen Verhältniſſes, die, wenn ſie begründet waren, den Ruf Melitta's einigermaßen compromittiren mußten. Man wußte Dritter Band. 175 nicht, von wem dieſe Gerüchte ausgegangen waren. Die ſcharfſich⸗ tigere Minorität meinte: von Hortenſe Barnewitz, und das Ganze ſei eine Rache an Oldenburg für einen gewiſſen guten Rath, den er ſeinem Freunde Cloten vor einiger Zeit gegeben, und Cloten ſo blind⸗ lings befolgt habe, daß er ſich, als er die Augen aufthat, zu den Füßen Emiliens von Breeſen wieder fand. Unterdeſſen war die achte Stunde, in welcher der Ball beginnen ſollte, herbeigekommen. Die Baronin eröffnete denſelben an der Hand des Grafen Grieben. Graf Grieben hatte trotz des ſchmetternden Kreiſchens ſeiner Stimme alle Mühe die Muſik zu überſchreien, die auf ſeinen ſpeciellen Wunſch voraufging, da er auf den geiſtreichen Einfall gekommen war, die lange Reihe der tanzenden Paare nickt nur durch die Säle des Schloſſes, ſondern auch um den großen Ra⸗ ſenplatz und weiter in die dichteſten Theile des Gartens hinein und aus demſelben wieder zurück in den Ballſaal zu führen, wo er die Polonaiſe mit einem feierlich langſamen Walzer ſchloß. „Das iſt ſo gute alte Sitte, gnä'ge Frau!“ kreifchte er vergnügt der Baronin in's Ohr;„mein Vater ſelig hielt's ſo und mein Groß⸗ vater ſelig. Die Alten kannten den Rummel. Jugend hat keine Tugend. Meinen's nicht auch, gnä'ge Frau?“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſagte die Baronin. Tanz reihte ſich an Tanz. Die Geigen quinquilirten, der Baß brummte dazwiſchen. Die Geſichter der Tänzer fingen an ſich zu er⸗ hitzen; die Damen begannen ihre Fächez häufiger zu benutzen; die Diener, welche in den Pauſen mit Erfriſchungen umhergingen, ſahen die Präſentirbretter immer ſchneller geleert— aber die rechte Luſt wollte ſich doch nicht entzünden; es war, als ob ein Schleier über der Geſellſchaft hing. „Weiß der Teufel, was das heute iſt,“ ſagte der junge Grieben, ſich die Stirn wiſchend, in einer der Pauſen an eine Gruppe von Tänzern, die mitten im Saal ſtand, herantretend;„man tanzt ſich faſt die Beine ab, aber es geht nicht; man kommt nicht in Zug.“ „Nun, Sie können lange tanzen, bis Sie Ihre langen Beine ab⸗ getanzt haben,“ ſagte von Sylow,„aber Sie haben Recht; ich habe 76 Problematiſche Naturen. ſchon ein paar Flaſchen getrunken, aber je mehr ich trinke, je melan⸗ choliſcher werde ich.“ „Mir geht es ebenſo;“ ſagte ein Dritter; ich weiß nicht, woran es liegt; der Ball in Barnewitz neulich war viel vergnügter.“ „Woran es liegt?“ ſagte von Breeſen.„Nun, ich dächte, das wäre klar genug. Der alte Baron ſieht aus wie ein Hahn, wenn's regnet; die Baronin, wie eine entthronte Hekuba— heißt ja wohl Hekuba?— Felix fängt mit Jedem Händel an, der in ſeine Nähe kommt und Fräulein Helene hat, glaube ich, den ganzen Abend noch nicht drei Worte geſprochen. Und dabei ſoll ein Menſch vergnügt ſein? Mir iſt, als ob eine Leiche im Haus wäre.“ „Nun, einen Kranken zum wenigſten giebt's;“ ſagte von Plüggen. „Der alte Baron erzählte mir's eben: Bruno liegt ſchon ſeit geſtern zu Bett.“ „Deshalb iſt auch wohl der Doctor Stein nicht unten;“ ſagte Graf Grieben;„ich glaubte, er habe noch ein Exercitium zu corri⸗ giren und werde ſpäter erſcheinen, ha, ha, ha!“ „Sein Sie ſtill, Grieben;“ meinte Hans von Plüggen;„Sie haben neulich ganz anders über den Doctor geſprochen.“ „Ich habe geſagt, daß er ein verdammter Geck ſei, dem ich bei nächſter Gelegenheit ſeinen Standpunkt klar machen würde, und das ſage ich noch.“ „Das iſt wörtlich, was auch Felir vorhin ſagte— der Doctor ſcheint ja im Allgemeinen recht hübſch bei den Herren angeſchrieben zu ſein.“ „In deſto höherer Gunſt ſteht er bei den Damen,“ bemerkte von Nadelitz ironiſch. „Ja wohl;“ ſagte von Breeſen;„er ſoll neulich auf dem Balle drei Schweſtern auf einmal unglücklich gemacht haben.“ „Wenigſtens haben ſie ſich nicht die Augen ausgeweint, wie man ſich von Fräulein von Breeſen erzählt;“ erwiederte Nadelitz, welchen die Anſpielung Breeſen's auf ſeine drei Schweſtern ärgerte, ziemlich gereizt. „Ich verbitte mir dergleichen!“ ſagte von Breeſen auffahrend. „Was Einem recht iſt, iſt dem Andern billig.“ Dritter Band. 177 „Ich habe keine Namen genannt.“ „Weil ohnehin Jeder wußte, wen Sie meinten.“ „Aber, Ihr Herren, tant de bruit une omelette!“ ſagte Plüggen, „ich glaube, Ihr werdet Euch noch dieſes Menſchen wegen in die Haare fahren, damit die, welche behaupten, daß er Forlune bei unſeren Damen mache, doch ja Recht behalten.“ „Wißt Ihr ſchon das Allerneueſte,“ ſagte von Cloten, plötzlich ſeinen blonden Schnurrbart in die Gruppe ſteckend. „Nun?“ „Denkt Euch dieſer Stein— doch ſt! da kommt Grenwitz— kein Wort, wenn ich bitten darf.“ „Nun, meine Herren,“ ſagte Felix;„wollen Sie nicht die Güte haben, zum Contretanz anzutreten; ich habe ſchon zweimal das Zeichen geben laſſen.“ Felix ſagte das in einem beinahe gereizten Tone. Sein ſonſt nicht gerade blühendes Geſicht war ſtark geröthet. Augenſcheinlich hatte er der Flaſche ſchon mehr als räthlich zugeſprochen. Als der Tanz zu Ende war, fanden ſich die Herren, welche vor⸗ hin durch Felix' Dazwiſchenkunft in ihrer Unterhaltung geſtört waren, wie auf Verabredung wieder zuſammen. „Nun, wo iſt Cloten mit dem Allerneueſten?“ fragte von Shlow. „Hier!“ ſagte Cloten herantretend.„Denkt Euch, dieſer Stein — wir ſind doch ganz entre nous?“ „Ja, ja, nur weiter!“ „Hat die Frechheit,— nun rathet einmal mit wem? ein Ver⸗ hältniß anzuknüpfen—“ „Aber, Cloten, Sie ſind unerträglich! werden Sie endlich einmal mit Ihrer Neuigkeit zu Platz kommen?“ „Mit Helene Grenwitz;“ ſagte von Cloten in einem hohlen Geiſterton. „Nun, das wäre nicht übel;“ ſagte von Sylow. „Das ſieht dem Burſchen ähnlich;“ meinte von Grieben. „Hinc illae lacrimae!“ lachte Breeſen, bei dem noch einige lateiniſche Brocken von der Schulzeit her haften geblieben waren. „Und was das Schönſte iſt,“ fuhr Cloten fort;„Fräulein Helene Fr. Spielhagen's Werke. III. 12 178 Problematiſche Naturen. hat gar nichts dagegen; au contraire, iſt bis über die Ohren in ihn verſchoſſen. Iſt das nicht allerliebſt?“ „Von wem haſt Du denn dieſe Mordgeſchichte, Cloten?“ fragte Adolf von Breeſen. „Aus ſehr guter Quelle;“ erwiederte Cloten mit einem bedeu⸗ tungsvollen Zwinkern nach der Gegend des Saales, wo eben Emilie von Breeſen, mit Helene ſprechend, ſtand. „Hm, hm!“ ſagte Breeſen. „Die Geſchichte iſt nicht unwahrſcheinlich,“ meinte von Sylow. „Nun erklärt ſich die Leichenbittermiene, die Grenwitzens heut' ohne Ausnahme machen.“ „Ich ſagte ja gleich, daß hier irgend etwas los ſei;“ meinte von Breeſen.„Es iſt mir übrigens ſehr lieb, daß ich mich mit dem Burſchen nicht tiefer eingelaſſen habe, wozu ich anfänglich— ich ge⸗ ſtehe es offen, wirklich einige Luſt hatte. Der Menſch hat wirklich etwas ungemein Beſtechendes.“ „Er ſchießt famos,“ ſagte Sylow nachdenklich. „Famos oder nicht,“ ſagte Cloten;„ich glaube gar, Ihr Herren, wir laſſen uns ſo viel von dem Menſchen gefallen, weil er nicht ſchlecht ſchießt. Nein, Ihr Herren, das geht nicht, geht wahrhaftig nicht! Ich ſchlage vor, wir ſuchen unſern Fehler wieder gut zu machen und behandeln den Menſchen, wenn er ſich wieder unter uns blicken läßt, mit der inſigneſten Geringſchätzung— wahrhaftig!“ „Auf Ehre!“ ſagte von Grieben,„Cloten hat Recht. Ich werde den Burſchen das nächſte Mal mit der Reitpeitſche tractiren.“ „Schade, daß er nicht hier iſt, damit Sie Ihre Drohung gleich in Anwendung bringen können;“ ſagte von Breeſen ironiſch. „Quand on parle du loup“— ſagte von Sylow;„da kommt er ja! Und ſein Pylades Oldenburg natürlich bei ihm!“ Wirklich zeigten ſich in dieſem Augenblick durch die weitgeöffnete Flügelthür Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer. Sie ſprachen einige Minuten mit einander; dann trat Oldenburg in den Saal, während Oswald von dem alten Baron draußen feſtgehalten wurde. Dritter Band. 179 Jwanzigſtes Capitel. Oswald hatte während des ganzen Tages Bruno's Bett nur auf Augenblicke verlaſſen, nachdem er von jener denkwürdigen Unter⸗ redung mit Helene zurückgekommen war. Er hatte in der Pflege des lieben Kranken ſich ſelbſt zu vergeſſen geſucht. Bruno ſelbſt vergaß ſeine Schmerzen, als ihm Oswald erzählte, er habe Helene geſprochen und den Brief in ihre Hände gelegt; ja er bemerkte nicht einmal Oswald's bleiches Geſicht und verſtörtes Weſen. „Nun iſt Alles gut,“ rief er, jetzt weiß ſie, woran ſie iſt. Jetzt können ſie ihr nichts mehr anhaben; jetzt iſt ſie auf ihrer Hut. O, der eine Gedanke ſchon hat mich geſund gemacht.“ Leider war das aber nicht der Fall. Die Schmerzen in der Seite ſtellten ſich ſchon nach wenigen Momenten mit deſto größerer Heftigkeit wieder ein. Oswald hoffte mit Beſtimmtheit, daß Doctor Balthaſar ſein Verſprechen halten und im Laufe des Vormittags kommen werde. Aber der Vormittag verging und kein Doctor ließ ſich ſehen. Bruno's Zuſtand wurde nicht ſchlimmer, aber auch nicht beſſer, und Oswald war zu ſehr Laie, um ſich zu ſagen, daß ein Zuſtand, der nicht beſſer wird, ſich eben verſchlimmert. Indeſſen ließ es ihm keine Ruhe, bis gegen Mittag, wo der Arzt noch immer nicht gekommen war, ein reitender Bote in die Stadt geſchickt wurde. Der Bote brachte freilich die von Doctor Balthaſar verordnete Einreibung aus der Apotheke mit, meldete aber, daß der Doctor ſelbſt nicht in der Stadt geweſen ſei, und Doctor Braun erſt heute Abend zurückkommen würde. Er ſei ſelbſt in der Wohnung des Letzteren geweſen und habe dem Mädchen geſagt, daß der Herr Doctor, wenn irgend möglich, doch ja noch kommen möchte. Oswald war dem verſtändigen Menſchen, der ſelbſt an Bruno's Krankheit den lebhafteſten Antheil nahm, ſehr dank⸗ bar für dieſe Umſicht. Er athmete ordentlich auf, als er hörte, daß Braun, zu dem er ein felſenfeſtes Vertrauen hatte, nicht mehr fern 12* 180 Problematiſche Naturen. ſei. Unterdeſſen vergaß er nicht, das von dem Collegen deſſelben verſchriebene Mittel anzuwenden, welches indeſſen ſich ohne allen Erfolg zeigte, ſo daß Bruno endlich bat, von dieſer nutzloſen Kur abzuſtehen. So vergingen, eine nach der andern, die langen, langen Stunden, die nur der Kranke kennt, der ſich ruhelos auf ſeinem Lager wälzt, und der, welcher, die Seele voll unausſprechlicher und ach! ſo hülf⸗ loſer Angſt, an dieſem Lager ſitzt und auf den Arzt harrt, der nicht kommen, und auf das kleinſte Symptom der Beſſerung, das ſich nicht zeigen will. Der alte Baron ſchickte einige Male hinauf und ließ ſich nach Bruno's Befinden erkundigen; kam auch am Nachmittage einmal ſelbſt; dankte Oswald mit großer Herzlichkeit für ſeine große Sorge, klopfte Bruno auf die heißen Wangen und ſagte: wenn er recht bald geſund würde, ſollte er auch das haben, das er ſich ſchon ſo lange gewünſcht hätte. Es thut mir ſehr leid,“ ſagte er zu Oswald, als dieſer ihn zur Thür hinaus begleitet hatte,„daß gerade heute die Geſellſchaft ſein muß. Es wäre mir ſchrecklich, denken zu müſſen, daß hier im Schloſſe ein Feſt gegeben wird, während Einer der Meinigen gefährlich krank liegt.“ Oswald ſuchte, ſo gut er es vermochte, den guten alten Herrn zu beruhigen, obgleich ſein eigenes Herz voll ſchwerer Sorge war. Auch wagte er nicht, dem Baron gerade jetzt einen Entſchluß mit⸗ zutheilen, der in dieſen letzten Stunden bei ihm zur Reife ge⸗ kommen war. Es ſtand jetzt für ihn feſt: daß ſeines Bleibens in dieſem Hauſe nicht länger ſein dürfe. Wie er fürder ohne Bruno würde leben können; wie er ſich von der Seligkeit, Helenen täglich zu ſehen, würde losſagen können— er wußte es nicht. Er wußte nur dies Eine: Du mußt fort. Das wiederholte er ſich immer, während er Bruno's Kiſſen glättete, Bruno's heiße Hände in die ſeinen nahm, ihm das üppige Haar aus der Stirn ſtrich, ſeine glühenden Lippen netzte. Es war eine frauenhafte Zartheit in dieſen Liebesdienſten. Dritter Band. 181 „Wenn meine Mutter lebte, ſie könnte mich nicht beſſer pflegen,“ ſagte Bruno, ihm dankbar die Hand drückend. „Du haſt Deine Mutter nie gekannt, Bruno.“ „Kaum, ich war erſt drei Jahre, als ſie ſtarb. Aber von meinem Vater weiß ich noch.“ Und nun fing der Knabe mit fieberhafter Lebendigkeit an von ſeinem Vater zu erzählen: wie ſchön und groß und ſtark er geweſen ſei,„nicht ſo ſchlank wie Du, aber noch breiter in den Schultern, und mit langen dunklen Locken, die ihm bis auf die Schultern wallten, wie der König Harfagar.“ Und von dem kleinen Gute, hoch oben in Dalekarlien, das der Vater mit noch zwei Knech⸗ ten ganz allein bewirthſchaftet habe. Und wie geſchickt der Vater in Allem geweſen ſei, und wie er die Axt zu führen verſtanden habe, trotzdem er in ſeiner Jugend Page an dem Hofe der Königin geweſen war und ihr die lange ſeidene Schleppe getragen hatte bei den prun⸗ kenden Feſten. Und von Thor, dem ſchnellen Traber, den der Vater vor den Schlitten ſpannte, und von den nordiſchen Winternächten, wenn die Sterne aus dem ſchwarzen Himmel funkelten wie lauter Diamanten, Rubinen und Smaragden, ſo hell, daß der Schnee in ihrem Scheine glitzerte. Und von dem Nordlicht, wie es plötzlich am Horizont aufflammt und ſeine Feuerarme bis zum Zenith hinaufſtreckt. „Wir müſſen zuſammen einmal nach Schweden reiſen,“ ſagte er; „der Winter hier iſt nur Kinderſpiel; da ſollſt Du einmal Schnee und Eis zu ſehen bekommen! Hier iſt es heiß, unerträglich heiß— ich wollte, ich läge in Eis und Schnee.“ Und der Knabe warf ſein Haupt ruhelos auf dem Kiſſen umher und verlangte zu trinken. Da tönte Muſik herauf aus dem Garten. „Was iſt das?“ ſagte Bruno, in die Höhe fahrend. Oswald trat an's Fenſter. „Es iſt die ganze Geſellſchaft,“ ſagte er,„ſie kommen eben zwiſchen den Bäumen heraus. Graf Grieben und Deine Tante er⸗ öffnen den Zug. Sie wollten hier an unſerem Fenſter vorüber, aber der Baron, der mit der Gräfin Grieben folgt, bedeutet ihnen den anderen Weg einzuſchlagen. Die erſten Paare verſchwinden ſchon wieder; aber immer neue Paare tauchen auf.“ 182 Problematiſche Naturen. „Iſt Helene ſchon vorüber?“ fragte Bruno, ſich in die Höhe ſtemmend. „Nein, noch nicht.“ „O, daß ich nicht aus dem Bette kann!“ rief Bruno, von der Anſtrengung und dem heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurück⸗ ſinkend. „Da iſt ſie!“ „Doch nicht mit Felix?“ „Nein, mit einem jungen Mann, den ich noch gar nicht geſehen habe.“ „Gleichviel,“ ſagte Bruno;„mit Allen, nur nicht mit Felix.“ „Jetzt ſind die Letzten vorüber;“ ſagte Oswald, ſich wieder zu Bruno an's Bett ſetzend. Bruno's Unruhe ſchien durch dieſe directe Erwähnung Helenens, die Beide, wie auf Verabredung, ſeit dem Morgen vermieden hatten, erhöht. Er fing wieder an von Helene zu ſprechen. Oswald ſollte ihm erzählen, was ſie angehabt, ob ſie ſchön, ſehr ſchön ausgeſehen habe, viel ſchöner als alle übrigen Damen? ob ſie gelächelt habe, ob ſie einen Blick nach dem Fenſter emporgeworfen? „O, könnte ich doch nur aufſtehen! könnte ich ſie doch nur noch einmal ſehen!“ „Du wirſt ſie ja bald wieder ſehen, Brunv.“ „Ich weiß es nicht; gerade heute möchte ich ſie nur einmal, nur auf einen Augenblick ſehen. Es iſt mir, als ob ich etwas zu ſagen hätte, was mir das Herz abdrückt. Und dann, wenn ſie den Felix fortſchickt, und ſie wird es thun— ſo ſoll ſie ja wieder in die Pen⸗ ſion zurück, und da kann es lange dauern, bis ich ſie wieder ſehe. Aber ich bleibe auch nicht hier, wenn ſie fort iſt. Komm mit, Oswald, wir wollen nach Hamburg. Du biſt ja ſo klug und geſchickt, Du wirſt ſchon irgend eine Beſchäftigung finden, und ich auch— irgend eine, gleichviel welche, wenn ich nur in ihrer Nähe ſein, ſie nur von Zeit zu Zeit ſehen darf.“ Er verfiel in eine Art von Halbſchlaf, aus dem er plötzlich wieder emporfuhr. „Warum iſt Helene fortgegangen?“ Dritter Band. 183 „Du träumſt, Bruno; ſie iſt nicht hier geweſen.“ „Auch Tante Berkow nicht?“ „Nein, Bruno.“ „Wie deutlich ich Beide geſehen. Sie kamen Hand in Hand durch die Thür herein; Helene in weiß, mit einem Kranz von dunkel⸗ rotben Roſen im Haar; Tante Berkow in ſchwarz, das Haar, wie ſie es immer trägt. Tante Berkow führte Dir Helene zu, und ihr ſankt euch in die Arme und weintet und küßtet euch; und dann trat Tante Berkow an mein Bett und ſagte: ſo Bruno, nun kannſt Du ſchlafen gehen. Da fielen mir die Augen zu; es wurde Nacht um mich her, ich ſank mit dem Bett tiefer und tiefer und ſchneller und immer ſchneller— darüber bin ich vor Schreck aufgewacht.“ „Fühlſt Du Dich kränker, Bruno?“ fragte Oswald, den dieſe Phantaſien beſorgt machten. „Im Gegentheil,“ erwiederte Bruno;„der Schlaf hat mir ſehr wohl gethan. Meine Schmerzen ſind bedeutend geringer; aber ich fühle mich ſehr mgtt. Ich glaube, ich könnte ſchlafen.“ Er legte ſein Haupt auf die Seite; aber ſchon nach wenigen Augenblicken fuhr er wieder auf: „Oswald, willſt Du mir einen recht, recht großen Gefallen thun?“ „Gewiß! was ſoll ich!“ „Bitte, zieh Dich an und geh hinunter in die Geſellſchaft.“ „Um alles in der Welt nicht!“ „Bitte, bitte, thu's! thu's mir zu Liebe. Sieh! ich fühle mich ja jetzt viel beſſer und möchte gern ſchlafen und werde auch ſchlafen. Da kannſt Du mir ja doch nicht helfen.“ „Aber was ſoll ich unten?“ „Sieh, Oswald,“ ſagte Bruno;„ich möchte doch Helene ſo un⸗ beſchreiblich gern ſehen. Und ich kann nicht auf; ich fühle gar keine Kraft in meinen Gliedern. Wenn nun Du ſie ſiehſt, ſo iſt mir, als hätte ich ſie auch geſehen. Bitte, bitte! geh hinunter! Du brauchſt ja mit Niemand zu ſprechen; nur, wenn es möglich iſt, ſage Helenen, ich ließe viel tauſendmal grüßen— und wenn Du das geſagt haſt, und ſie hat vielleicht geantwortet: und grüßen Sie Bruno auch von 184 Problematiſche Naturen. mir! dann komme ſchnell, recht ſchnell wieder, daß Du den Ton, in dem ſie es geſagt hat, nicht vergiſſeſt. Und höre, Oswald, da ich gerade daran denke: es könnte ja doch ſein, daß ich einmal plötzlich ſterbe, nein,— lache nicht! ich rede im Ernſt— dann gieb nicht zu, daß man mich umkleidet; ich will ſo, wie ich geſtorben bin, in den Sarg gelegt werden. Sieh!— Du weißt, daß ich ſtets ein Me⸗ daillon auf dem Herzen trage; es iſt von meiner Mutter, aber nicht deshalb allein halte ich es ſo heilig! Es iſt eine Locke von Helenens Haar darin, die ich ihr gleich in der erſten Zeit einmal im Scherz abgeſchnitten habe. Wenn mir das Medaillon genommen würde— ich glaube, ich hätte keine Ruhe im Grabe. Und nun, bitte, geh! es wird ſonſt ſo ſpät!“ Oswald wußte nicht, was er thun ſollte. Gab er dem Verlan⸗ gen des Knaben nicht nach, ſo mußte er fürchten, deſſen fieberhafte Unruhe, die ſich jetzt faſt gänzlich gelegt zu haben ſchien, wieder hervor⸗ zurufen. Auf der anderen Seite war ihm der Gedanke, ihn, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu verlaſſen, ſehr peinlich. Und doch hätte er auch Helenen ſo gern geſehen— nur für einen Augenblick— mußte ſich doch in dieſen Stunden Alles entſchieden haben. Bruno machte ſeinen Zweifeln ein Ende. „Du haſt es mir verſprochen!“ ſagte er traurig,„und nun willſt Du nicht, Du haſt mich nicht lieb!“ Was ließ ſich dagegen thun? Oöswald ging in das Nebenzim⸗ mer, ſein Schlafgemach, und kleidete ſich um. Er hatte ſich wohl noch nie in einer ſolchen Stimmung zu einer Geſellſchaft angekleidet. Das Ganze erſchien ihm eine ſchauerliche Ironie. Er erſchrak, als er ſein bleiches verwüſtetes Geſicht im Spiegel betrachtete. In dieſen letzten Stunden ſchien er um eben ſo viele Jahre gealtert zu ſein. Er trat wieder an Bruno's Bett. „Laß Dich doch einmal betrachten,“ ſagte der Knabe, ſich halb aufrichtend.„Wie ſtattlich Du ausſiehſt! wie ſchön!— küſſe mich, Oswald!“ Oswald nahm den Knaben in ſeine Arme und küßte ihn auf die ſchönen, ſtolzen— jetzt ab, ſo bleichen Lippen. Dann ließ er ihn anft auf das Kiſſen gleiten. Dritter Band. 185 „Ich fühle mich ſehr, ſehr wohl;“ ſagte Bruno;„beeile Dich nicht, ich werde, bis Du zurückkommſt, köſtlich ſchlafen.“ Einundzwanzigſtes Capitel. Auf dem Vorſaal unten begegnete Oswald dem Baron Oldenburg. „Ich hätte große Luſt wieder umzukehren,“ ſagte Oldenburg nach der erſten, von beiden Seiten ziemlich förmlichen Begrüßung;„ich glaubte nicht, daß die Geſellſchaft ſo groß ſei, bin zu Pferde gekom⸗ men und, wie Sie ſehen, nicht ganz etiquettemäßig angeputzt. Wer iſt denn Alles da?“ „Ich komme ſelbſt erſt in dieſem Augenblick von oben;“ erwiederte Oswald;„Bruno iſt ſeit vorgeſtern unwohl; jetzt hat er mich fort⸗ geſchickt, weil er ſchlafen will.“ „O, das thut mir ja leid,“ ſagte Oldenburg;„der Junge wird hoffentlich nicht ernſtlich krank werden. Sagten Sie mir nicht, daß er ein großer Liebling von Ihnen ſei?“ „Ja. Haben Sie keine Nachricht von—“ „Von meiner Czika? nein.“ Oldenburg's Geſicht verdüſterte ſich.„Wollen wir eintreten?“ fragte er. In einem der Nebenzimmer zum Ballſaale begegneten ſie dem alten Baron. Oldenburg ging nach einer kurzen Begrüßung in den Saal, Oswald mußte dem alten Herrn einen ausführlichen Bericht über Bruno's Befinden während der letzten Stunden machen. „Nun, das iſt ja ſchön, recht ſchön,“ ſagte er,„daß wir noch ſo mit einem blauen Auge davonkommen; ich fürchtete ſchon, es würde ein Nervenfieber werden. Gehen Sie doch auch zu meiner Tochter und ſagen ſie ihr: daß es mit Bruno beſſer geht; ſie hat ſich ſchon ein paar Mal nach ihm erkundigt.“ Oswald trat in den Saal. Man fing eben wieder einen Tanz an, den letzten vor der großen Pauſe, in welcher in den Sälen oben 186 Problematiſche Naturen. geſpeiſt werden ſollte. Er blieb in der Nähe der Thür auf dem Tritt des niedrigen Divans, der ſich um den ganzen Saal herumzog, ſtehen. Die Paare der Tanzenden wechſelten; bald kamen dieſe bald jene in ſeine Nähe. Einmal ſtand Emilie von Breeſen, die mit ihrem Bräu⸗ tigam tanzte, dicht vor ihm. Sie that, als ob ſie ihn nicht bemerkte; ſie lachte und ſcherzte, vielleicht etwas zu laut— aber es iſt ſchwer, wenn man eine Rolle ſpielt, zu welcher man ſich zwingen muß, die Grenzen nicht zu überſchreiten; von Cloten dagegen machte von dem Vorrecht der Leute in ſeiner Situation, die gleichgültigſten Dinge im Flüſterton mit obligatem bedeutungsvollen Lächeln in die Ohren zu raunen, den ausgedehnteſten Gebrauch. Oswald hatte von der plötzlichen Verlobung dieſer Beiden gehört; er wußte wohl am beſten, wie dieſelbe zu Stande gekommen war. Er erinnerte ſich, wie wegwerfend Emilie an dem Abend in Barnewitz ſich über Cloten geäußert hatte. Jetzt war ſie ſeine Braut.— Es wird eine glückliche Ehe werden; dachte Oswald, und er mußte ſich ſagen, daß er nicht den kleinſten Theil der Schuld an dieſem Unglück trage. Ein paar Augenblicke ſpäter kam Helene in ſeine Nähe. Sie tanzte mit von Sylow. Oswald hatte ſie ſchon längere Zeit beobachtet und bemerkt, daß ſie ſchweigend und kalt, wie eine Marmorſtatue neben ihrem Tänzer ſtand, der die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Bemühungen, eine Converſation zu Stande zu bringen, eingeſehen zu haben und den Kronleuchtern eine ſpecielle Aufmerkſamkeit zu widmen ſchien. Sobald ſie Oswald erblickte, flog ein Strahl des Lebens über die ſchönen ernſten Züge. Sie winkte ihm mit den Augen zu ſich heran. „Wie geht es Bruno?“ „Danke! beſſer; er wollte ſchlafen.“ „Bleiben Sie hier?“ „Nein; ich werde bald wieder hinaufgehen.“ „Grüßen Sie Bruno— und hier! nehmen Sie ihm dieſe Roſen⸗ knospe mit.“ Helene nahm eine Roſenknospe aus dem Bouquet, welches ſie in der Hand trug, und gab ſie Oswald, der ſie mit einer Verbeugung entgegennahm. Er bemerkte, daß von Sylow's Aufmerkſamkeit ſich — Dritter Band. 187 plötzlich von den Kronleuchtern abgewandt hatte, und daß die Augen des jungen Edelmannes mit einem Ausdruck, der ihm durchaus nicht gefiel, auf ihm hafteten. Im nächſten Moment ſtand ein anderes Paar auf der Stelle. „Haſt Du Deinen alten Anbeter nicht geſehen, Emilie?“ ſagte Cloten. „Wen?“ „Dort drüben, den Doctor Stein. Er ſtand vorhin dicht hinter uns.“ „Ach da!— meinen alten Anbeter? Du biſt wohl toll, Arthur!“ „Nun, nun! ſei nur nicht bös! ich glaube ja kein Wort von der ganzen Geſchichte. Aber um Himmelswillen, ſieh doch nur! Er ſpricht jetzt mit Helene Grenwitz; ſie giebt ihm eine Roſe. Nein, da hört doch aber Alles auf! wahrhaftig, Alles!“ „Ich ſagte Dir ja, daß die Beiden vollkommen einig ſeien. Er ſticht Euch Alle aus.“ „Wahrhaftig— es iſt ſtark! aber ich habe dafür geſorgt, daß die Geſchichte unter die Leute kommt.“ „Was haſt Du gethan?“ „Nun, ich habe weiter erzählt, was Du mir vorhin unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mittheilteſt. Der ganze Saal weiß es ſchon, ha, ha, ha!“ „Aber das hatte ich Dir nicht erlaubt.“ „Ich glaubte in Deinem Sinne zu handeln. Herr Stein wird es bereuen, wenn er ſich nicht ſchlennigſt mit ſeiner Roſenknospe entfernt. „Was haſt Du vor?“ „Ich nicht allein; wir wollen dem Burſchen ſeinen Standpunkt klar machen. Es wird eine gottvolle Geſchichte, wahrhaftig! Ich er⸗ zähle ſie Dir nachher. Ha, ha, ha!“ Der glückliche Bräutigam führte ſeine Braut, da der Tanz zu Ende war, nach ihrem Platz zurück und wandte ſich zu von Sylow, der auf ihn zukam. „Haſt Du geſehen, Cloten?“ „Na ob!“ 188 Problematiſche Naturen. „Es iſt ein wahrer Scandal.“ „Ich bedaure nur den armen Felix.“ „Das müſſen wir ihm doch erzählen. Weißt Du nicht, wo er iſt?“ „Er ſagte vorhin, das Tanzen langweile ihn; er wollte zu den Spielern gehen. Barnewitz hat, glaube ich, eine Bank aufgelegt. Wir können auch hin; es wird nicht mehr getanzt vor Tiſche. Es iſt gerade noch Zeit, ein paar Lonis zu gewinnen. Kommſt Du mit?“ „Natürlich.“ Emilie von Breeſen hatte die Unterredung der Beiden aus der Ferne beobachtet. Sie ſah, wie ſie lachend, Arm in Arm, den Saal verließen. Auch Oswald ſah ſie nicht mehr. Eine entſetzliche Angſt ergriff ſie. Sie hatte in ihrer eiferfüchtigen Wuth zuerſt Oswald's Namen mit dem Helenen's in Verbindung gebracht; ſie hatte, ſich an Dswald zu rächen, ſchon vor einigen Tagen Felir die Entdeckung, die ſie gemacht zu haben glaubte, mitgetheilt. Sie hatte heute Abend wieder davon angefangen, um den geiſtloſen Neckereien Cloten's ein Ende zu machen. Jetzt erſt merkte ſie, daß ſie zu weit gegangen ſei und daß ſie vielleicht Oswald, den ſie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres leidenſchaftlichen Herzens liebte, einer großen Gefahr ausgeſetzt habe. Sie hätte ihn vielleicht in der Raſerei ihrer Eiferſucht mit ihren eigenen Händen morden können— aber ihn den brutalen Mißhandlungen Cloten's und der Anderen ausſetzen— der Gedanke war ihr fürchterlich. Sie blickte wie hülfeſuchend im Saale umher. Ihr Bruder kam in ihre Nähe. Sie rief ihn. „Was willſt Du, Kleine?“ „Haſt Du Doctor Stein ſchon geſehen?“ „Ja, weshalb?“ „Du wollteſt ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen. Es wäre doch unartig, wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten.“ Emilie war ſehr roth geworden, als ſie das ſagte; ihre ganze Geiſtesgegenwart ſchien ſie verlaſſen zu haben. — Dritter Band. 189 „Ihn zu uns einladen?“ rief Adolf von Breeſen,„nun das fehlte wahrhaftig noch! damit die albernen Klatſchereien, die Lisbeth über Dich und ihn aufgebracht hat, doch ja unſterblich werden— ihn zu uns einladen? lieber wollte ich—“ „Ich bitte Dich, Adolf! ſei ſtill, der halbe Saal kann ja hören, was Du ſagſt.“. „Höre, Kleine!“ ſagte der junge Mann in leiſem, aber ſehr be⸗ ſtimmtem Ton.„Das gefällt mir nicht. Du weißt, ich habe Dich lieb, wie ein Bruder nur ſeine Schweſter lieben kann; aber gerade deshalb muß ich dafür ſorgen, daß Du Dich in keine ſolche Thor⸗ heiten tiefer einläßt. Und ich werde dafür ſorgen, verlaß Dich d'rauf!“ Damit wandte er ihr den Rücken und ging den Anderen nach zum Saal hinaus. Emilie hatte Mühe, ihre Thränen zurückzuhalten. Ihre Angſt wuchs mit jeder Secunde. Es nußte Rath geſchafft werden— ſo oder ſo. Das entſchloſſene Mädchen griff zu einem verzweifelten Mittel. Sie ging auf Helene zu, die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem Divan ſaß und ſagte: „Auf ein Wort, Helene!“ „Was iſt's?“ ſagte Helene, aufſtehend. „Komm ein wenig weiter hierher.— Helene, Du haſt den Doctor Stein lieb, nicht wahr?“ „Wie kommſt Du darauf?“ erwiederte Helene und die Gluth ſchoß ihr in die bleichen Wangen. „Gleichviel, ich habe ihn auch lieb; ich habe ihn ſehr lieb, wenn Du willſt— und deshalb bitte ich Dich, ſage ihm— Du kannſt es, ich kann es nicht, ſonſt würde ich es ſelber thun— er ſollte ſich aus der Geſellſchaft entfernen. Cloten und mein Bruder und die Andern ſind ſehr aufgebracht über ihn. Ich fürchte, ſie führen etwas gegen ihn im Schilde. Bitte, bitte, Helene, ſage ihm: er ſolle fortaehen — gleich— ich wäre außer mir, wenn ihm auch nur die geringſte Beleidigung von meinem Bruder oder von Cloten zugefügt würde.“ „Aber wo iſt er?“ ſagte Helene, welche die von Emilie ausge⸗ 190 Problematiſche Naturen. ſprochenen Befürchtungen, freilich nicht ganz aus denſelben Gründen, nur zu wahrſcheinlich fand.„Ich glaube, er iſt ſchon wieder nach oben gegangen.“ „Wenn Du es nicht gewiß weißt, verlaſſe Dich nicht darauf. Frage doch den Bedienten da?“ „Haben Sie Herrn Doctor Stein nicht geſehen?“ fragte Helene. „Er iſt drüben, gnädiges Fräulein, in den Spielzimmern.“ „O, mein Gott, was ſollen wir thun?“ ſagte Emilie. „Baron Oldenburg!“ rief Helene;„wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick hierher zu kommen?“ „Mit Vergnügen, mein Fräulein,“ ſagte der Baron, der, die Hände auf dem Rücken, ein Gemälde an der Wand betrachtete. „Was haſt Du vor, Helene?“ „Laß mich nur! Wollen Sie mir einen Gefallen thun, Herr Baron.“ „Mais, sans doute!“ „Suchen Sie den Doctor Stein auf; er iſt drüben in den Spiel⸗ zimmern, und ſagen Sie ihm: ich ließe ihn bitten, ſogleich zu Bruno zurückzukehren. Hören Sie? ſogleich!“ Es bedurfte nicht Oldenburg's Scharfblick, um zu ſehen, daß dieſer Auftrag, den ein Diener eben ſo gut hätte ausführen können, eine tiefere Bedeutung hatte. Helene hatte die größte Mühe gehabt, die Worte in einem einigermaßen unbefangenen Tone hervorzubringen, und Emilien's mit dem Ausdruck der geſpannteſten Erwartung auf ihn gerichtetes, von der innern Erregung blaſſes Geſicht, war ein ſehr deutlicher Commentar zu Helenens Worten. „Iſt das Alles, mein Fräulein?“ „Vs. „Ich gehe, Ihren Auftrag ſofort und pänktlich auszurichten!“ ſagte der Baron, ſich verbeugend und mit, ſelbſt für ihn ungewöhnlich langen Schritten den Saal verlaſſend. Unterdeſſen hatte Oswald, nachdem Helene mit ihm geſprochen, ſich zwecklos in den Zimmern umhergetrieben. Es war ſeine Abſicht geweſen, ſogleich hinauf zu gehen; aber der Gedanke, Bruno, wenn er wirklich, wie er hoffte, eingeſchlafen ſein ſollte, nur zu ſtören; Dritter Band. 191 vielleicht der unbeſtimmte Wunſch, Helenen noch einmal zu ſehen, und jene dunkle dämoniſche Macht, die den Menſchen, unbekümmert um ſein Wohl oder Wehe, ſeinem Schickſal entgegentreibt, ließen ihn nicht dazu kommen. Ohne mäu. wiſſen, wie er dorthin gerathen war, fand er ſich plötzlich in einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs, wo ſich eine Menge Herren um einen großen Tiſch dräng⸗ ten. Einige ſaßen, die Meiſten ſtanden. Herr von Barnewitz ſaß in der Mitte und hielt Bank. Er mußte viel Glück gehabt haben. Große Haufen von Gold⸗ und Silberſtücken und Kaſſenſcheinen lagen vor ihm und vermehrten ſich mit jedem Augenblick. Felix ſaß in ſeiner Nähe. Er pointirte ſehr eifrig, aber, wie es ſchien, nicht be⸗ ſonders glücklich. Sein Geſicht war ſtark geröthet, ſeine Augen mit Blut unterlaufen, die Adern auf ſeiner Stirn geſchwollen. Er hörte wenig auf die Herren, die hinter ihm ſtanden und von denen einige ihn noch aufzumuntern, andere zurückhalten zu wollen ſchienen. Os⸗ wald kam ihm zufällig gerade gegenüber zu ſtehen; Felir bemerkte ihn erſt nach einiger Zeit; man hätte ſehen können, daß von dem Augen⸗ blick an ſeine Unruhe noch größer wurde; er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm ſtehenden Weinflaſche, und verdoppelte und verdreifachte ſeine Einſätze, ohne einen andern Erfolg, als daß er doppelt und dreifach ſo viel und ſo ſchnell verlor, als vorher. Eben war wieder eine Rolle Goldſtücke zu den übrigen, die vor Barnewitz aufgehäuft waren, gewandert; Felir griff in die Brieftaſche, die vor ihm lag, und holte eine Kaſſenanweiſung heraus. „Sie werden doch nicht das Ganze auf einmal ſetzen wollen, Grenwitz?“ ſagte von Grieben, ſeine Giraffengeſtalt zu ihm nieder⸗ beugend. „Sie ſind wohl toll, Grenwitz?“ ſagte Cloten, der mit Sylow ſoeben hereintrat. „Ach was!“ ſagte Felir,„das Andere hält nur auf.“ „Faites votre jen, Messieurs!“ rief Barnewitz, ein neues Spiel Karten zur Hand nehmend. „Haben Sie geſetzt, „Ja wohl!“* 192 Problematiſche Naturen. „Cveurdame für mich. Damen immer für mich. Danke, Gren⸗ witz, kommen Sie bald wieder ſo.“ Felix ſchien für den Augenblick dieſem freundlichen Wunſche nicht entſprechen zu können. Sein wirrer Blick irrte über den Kreis derer, die den Tiſch umſtanden und hlieb auf Oswald haften. „Sie da!“ rief er plötzlich überlaut;„holen Sie mir doch einmal ein Glas Wein.“ Oswald wurde erſt, als die Augen Aller ſich auf iyn wandten, inne, daß dieſe groben Worte an ihn gerichtet waren. „Der Menſch ſcheint nicht hören zu können,“ rief Felix.„Sie ſollen mir ein Glas Wein holen, verſtanden!“ „Ich glaube, ein Glas Waſſer würde Ihnen dienlicher ſein,* ſagte Oswald, ohne ſeine Stellung zu verändern, mit ruhiger, feſter Stimme. Es war ſo ſtill in dem Zimmer geworden, daß man eine Nadel hätte fallen hören. „Wie gefällt Ihnen das, meine Herren?“ ſagte Felix, um ſich blickend;„mein Onkel hält ſich eine allerliebſte Sorte Bedienten, meinen Sie nicht?“ „Zeigen Sie ihm doch, wer Herr im Hauſe iſt,“ ſagte von Sylow. „Oder laſſen Sie ihn eine Stunde nachſitzen, meinte von Grieben. „Oder beſſer: geben Sie ihm die Ruthe, mit der er ſeine Buben züchtigt,“ ſagte von Cloten. „Oder ſtrafen Sie ihn mit der Verachtung, die er verdient;“ rief von Breeſen. Oswald wandte ſeine Augen von Einem zum Andern, wie ein Löwe, der nicht weiß, ob er ſich auf die Hunde, die ihn umheulen, ſtürzen ſoll oder nicht. Seine Geſtalt war hoch aufgerichtet. Viel⸗ leicht zitterte die Hand, die er auf den Tiſch gelegt hatte, etwas; aber ſicher nicht aus Feigheit. „Werden Sie gehen, oder nicht?“ Felix, aufſpringend und dicht vor Oswald tretend. „Treiben Sie die Unverſchämtheit nicht zu weit,“ ſagte Oswald Dritter Band. 195 ſollte, auf die zehnte) verabredet; das Rendezvous: ein kleines Wäld⸗ chen auf dem Gute Herrn von Cloten's. Dann folgten die Herren — man kann ſich denken, in welcher Stimmung— der ſchon zwei⸗ mal an ſie ergangenen Aufforderung, ſich in den Baallſaal zu ver⸗ fügen, um die Damen zur Abendtafel hinauf zu begleiten. Felir war ſchon vorher von Einigen auf ſein Zimmer geführt worden, da er zu berauſcht und von ſeinem Falle noch zu betäubt war, um weiter an der Geſellſchaft Theil nehmen zu können. Oldenburg begab ſich zu Oswald zurück. Als er ihn nicht in ſeinem Zimmer fand, und ihn bei Bruno vermuthete, aus deſſen Zimmer das Licht durch die halb geöffnete Thür ſchimmerte, ging er leiſe dorthin und ſah Oswald über des Knaben Bett gebengt. „Wie ſteht es?“ fragte er. „Ich fürchte, ſchlecht,“ ſagte Oswald, emporblickend;„ſein Schlaf iſt ſehr unruhig und der Puls fliegt.“ „Laſſen Sie mich ſehen,“ ſagte Oldenburg,„ich verſtehe mich auf dergleichen.“ „Er iſt in der That ſehr krank,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe.„Wie lange währt denn dies ſchon und wie hat es an⸗ gefangen?“ Oswald gab ihm mit fliegenden Worten eine Scrng von Bruno's Krankheit. „Und der Schmerz hatte vor einer Stunde völlig nchgelaſſen?⸗ fragte Oldenburg. „Ja, faſt gänzlich— „Dann machen Sie 6 auf das Schlimmſte gefaßt. Ich ver⸗ muthe, es hat eine Verletzung im Innern ſtattgefunden, und jetzt iſt der Brand dazu getreten. Einer von uns muß nach dem Doctor.“ — Er ſah nach der Uhr.„Es iſt zehn; ich wollte vor Tiſch wieder nach Hauſe reiten. Mein Almanſor ſteht in dieſem Augenblick geſat⸗ telt vor der Thür. Reiten Sie nach der Stadt. Ich bin hier viel⸗ leicht jetzt nützlicher wie Sie. Sie haben hellen Mondſchein. Der Weg iſt gut. Nach B. iſt eine halbe Meile. In zehn Minuten ſpä⸗ teſtens müſſen Sie dort ſein. Ziehen Sie ihren Frack aus und einen 18* 196 Problematiſche Naturen. Ueberrock an. So! Peitſche und Sporen brauchen Sie nicht. Almanſor iſt noch ganz friſch. Schonen Sie ihn nicht.“ Der Baron hatte Oswald den Rock anziehen helfen, ihm den Hut auf den Kopf geſetzt. Oswald ließ Alles mit ſich geſchehen. Er fand ſich erſt auf Almanſors Rücken wieder, als ihm der Nachtwind um die Ohren pfiff, und Bäume und Häuſer, Hecken und Felder und Gärten rechts und links im Mondenſchein geſpenſterhaft an ihm vorüberflogen. Und jetzt war er auf der weiten Haide, die ſich hinter dem Dorfe bis nach Faſchwitz erſtreckt. Er ſah den Mondenſchein unheimlich glitzern in dem ſchwarzen Waſſer der tiefen Torfgräben; er hörte von Zeit zu Zeit den heiſern Schrei eines Sumpfvogels, den er aus ſei⸗ nem Neſte aufgeſchreckt hatte; ſonſt nichts, nichts als den dumpfen Donner von Almanſors flüchtigen Hufen und den Nachtwind, der ſeufzend und klagend über die Haide ſtrich. Und jetzt, als er mitten auf der Haide war— war das nicht em anderer Hufſchlag außer dem Almanſors, oder war es nur das Echo? Es kam näher und immer näher; Almanſor ſpitzte die Ohren und griff aus, ſchneller und immer ſchneller, als flöhe er vor dem Tod. Und doch kam es näher und immer näher. Oswald blickte ſich um und ein Grauſen packte ihn, als er jetzt dicht hinter ſich eine lange ſchwarze Geſtalt auf einem ſchwarzen Pferde erblickte, deſſen Hufe den Toden nicht zu berühren ſchienen. Noch eine Secunde und der ſchwarze Reiter war an ſeiner Seite, die Pferde jagten Kopf an Kopf und ſchnoben ſich an aus weit geöffneten Nüſtern. „Was beliebt?“ rief Oswald, ſein Grauſen bemeiſternd. „Nicht viel!“ erwiederte der ſchwarze Reiter mit einer tiefen hohlen Stimme.„Wollte nur vermelden, daß meine gnädige Frau ſeit vorgeſtern zurück; ich dachte, der junge Herr wüßten's vielleicht nicht. Nichts für ungut, junger Herr! gute Nacht und gute Ver⸗ richtung!“ Der Reiter warf ſein Roß herum; Almanſor ſtürmte weiter; im nächſten Augenblick ſchon war Oswald wieder allein. War dies die Ausgeburt ſeines überreizten Hirns? war's Wirk⸗ a* Dritter Band. 197 lichkeit? war es ein Phantom? war es der alte Baumann auf dem Brownlock geweſen? Oswald hätte es nicht zu ſagen gewußt. Und wieder flogen Bäume und Häuſer, Hecken und Gärten rechts und links geſpenſterhaft im Mondenſchein an ihm vorüber. Ein Hund fuhr heulend nach Almanſors Hufen. Im nächſten Augenblick ſchon war Alles verſchwunden und unüberſehbare Kornfelder wogten und ziſchelten auf beiden Seiten der Landſtraße⸗ Dann ſchimmerten Lichter herüber, näher und näher. Eine helle Glocke ſchlug einen Schlag an; ſchon ein viertel auf elfl und wieder Häuſer rechts und links, Bäume und Hecken und Gärten. Dann ein dunkles Thor, und dann den Hufſchlag Almanſors auf dem Straßen⸗ pflaſter. „Wo wohnt der Doctor Braun?“ „Die Straße zu Ende; das letzte Haus links.“ Vor dem bezeichneten Hauſe hielt ein Wagen. Aus der offenen Hausthür und den offenen Fenſtern in den Parterrezimmern ſchim⸗ merte Licht. „Iſt der Doctor zu Hauſe?“ „Hier!“ ſagte Doctor Braun am Fenſter erſcheinend.„Von wo her?“ „Von Grenwitz. Ich bin's. Eilen Sie; Bruno liegt auf den Tod.“ „Wollte eben hinaus,“ rief Doctor Braun; ſchon in der Thür. „Setzen Sie ſich zu mir. Ich will ſelber fahren. Karl kann Ihr Pferd langſam zurückreiten. Sitzen Sie? ja; dann fort!“ Der Wagen donnerte durch die dunklen Straßen, durch das enge Thor, hinaus in die ſtille Mondnacht, die über Feldern und Gärten, und Wäldern und Wieſen ſo duftig und träumeriſch lag, denſelben Weg, den Oswald vor wenigen Minuten gekommen war. Die kräf⸗ tigen Pferde des Doctors griffen mächtig aus, ſchon waren ſie wieder auf der Haide. Es war nicht viel geſprochen worden von beiden Seiten. Os⸗ wald hatte von Bruno's Krankheit, wie es der Laie pflegt, Bericht erſtattet, auf Nebendingen verweilend, und das Wichtigſte auslaſſend. 198 Problematiſche Naturen. Doctor Braun hatte einige kurze Fragen gethan. Dann hatten Beide eine Zeit lang geſchwiegen. S „Sie müſſen ſich auf das Schlimmſte gefaßt mach 1 hub Doctor Braun an.„Es iſt, nach dem, was Sie mir geſa t haben, ſehr wahrſcheinlich, daß wir Bruno nicht mehr am Leben finden.“ Oswald antwortete nicht. Ein Stöhnen brach aus ſeiner Bruſt, wie eines Gefolterten, wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden. Der Doctor hieb in die Pferde, die nun im Galopp weiter ſtürmten. Ein paar Minuten ſpäter hielt der Wagen vor dem Portal. Das ganze Schloß ſchimmerte von Licht. Aus dem Speiſeſaale rauſchte die Muſik. Die Diener liefen geſchäftig ab und zu. Als ſie in Bruno's Zimmer traten, erhob ſich der Baron von dem Bett, über das er gebeugt ſtand. „Gott ſei Dank, daß Sie kommen!“ ſagte er; ich habe ſchon an vielen Krankenlagern gewacht; ſo lang aber iſt mir keine Stunde ge⸗ worden!“ Er trocknete ſich ſeine Stirn; ſein ernſtes Geſicht war bleich; er ſchien auf's Tiefſte ergriffen. Doctor Braun unterſuchte den Kranken, vann blieb er neben dem Bett ſtehen, ohne die Andern anzublicken. „Iſt keine Hoffnung?“ „Keine.“ Da richtete ſich Bruno halb auf: „Biſt Du's Mutter? kommſt mich einzulullen? wie geht doch noch die alte Weiſe?“ Und in wunderbar ſüßen Tönen, leiſe, ganz leiſe, wie die Klänge einer Aeolsharfe, begann er ein ſchwediſches Lied zu ſingen, wie es ihm wohl ſeine Mutter vor langen Jahren geſungen haben mochte. Er lehnte ſich wieder in das Kiſſen zurück. Durch die tiefe Stille im Zimmer tönte nur das Schluchzen Oswald's; auch die Augen der beiden andern Männer ſtanden voll Thränen. „Biſt Du es, Oswald?“ fragte Bruno,„weshalb weinſt Du? guten Abend, Herr Doctor; wo kommen Sie hier her? es geht wohl Dritter Band. 199 mir? Wo iſt Baron Oldenburg? Geben Sie mir die d ſehr gut gegen mich geweſen. Doctor, muß ich ſagen Sie es mir, ich bin kein Feigling, ich habe es ſchon ſeiſMn gewußt; muß ich ſterben?— dann, Oswald, eine Bitte; ich will es Dir in's Ohr ſagen.“ Dswald beugte ſich über ihn. Er erhob ſich und ging nach der Thür. Oldenburg war ihm gefolgt. „Ich weiß, was Bruno will!“ ſagte er;„er hat in ſeinen Phan⸗ taſien ſchon hundert Mal nach ihr verlangt; ich will ſie rufen. Es iſt ja eines Sterbenden letzte Bitte.“ Er entfernte ſich, Oswald trat wieder an das Bett. „Kommt ſie?“ 53 „Lege mir das Kopfliſſen etwas höher, Oswald, und ſtelle die Lampe da hin, daß der Schein über mich weg, gerade ut ſie fällt. Danke, ſo iſt es recht.“ „Sie kommt nicht— doch! war das nicht ihre Stimme? ſchraube die Lampe tiefer, Oswald— es wird ja ſo hell im Zimmer.. Helene!“ Ein ſeliges Lächeln flog über ſein Geſicht. „Helene! wie bleich Du biſt! und doch wie ſchön! gieb mir die Roſe an Deinem Buſen! o, weine nichtl laß mich Deine Hand küſſen, Helene!“ Helene neigte ſich zu ihm und küßte ihn auf den Mund. Bruno ſchlang ſeine Arme um ihren Hals. „Ich liebe Dich, Helene!“ Seine Arme glitten auf die Decke zurück. Doctor Braun zog Helene ſanft in die Höhe. Er beugte ſich über das Bett und lauſchte einen Augenblick. Indem er ſich wieder aufrichtete, ſtrich er mit der Hand leiſe über die Augen des Todten. — 5 Problematiſche Naturen. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Es war drei Tage nach den Ereigniſſen dieſer Nacht. In der Frühe des Morgens hatte es geregnet; jetzt i mittagsſtunden blickte die Sonne auf Augenblicke aus den ſchweren Wolken, die ſich lang und langſam vor einem feuchten Weſtwinde nach Oſten ihr entgegenwälzten. Auf dem Kirchhofe zu Faſchwitz gingen in der Lindenallee, die von dem einen Ende bis zum andern führt, und die Gräber der Adeligen von denen der gewöhnlichen Sterblichen trennt, zwei Per⸗ ſonen in ernſten Geſprächen auf und ab. Vor der einen Thür des Kirchhofs, aus der man unmittelbar in die Landſtraße gelangt, hielt eine mit zwei Pferden beſpannte elegante Kutſche. Neben der Kutſche hin und her führte ein Reitknecht zwei ſchöne Pferde am Zügel. Kutſcher und Reitknecht unterhielten ſich nur im halblauten Ton, als ob ſie den alten Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart, der auf einem der Prellſteine an der Kirchhofsthür ſaß und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernſten Augen durch das Gitter der Thür auf die in dem Lindengange auf und ab Wandelnden wandte, in ſeinen Betrachtungen nicht ſtören wollten. Die auf und ab Wandelnden waren Melitta und Oldenburg. Melitta war nicht in Trauer, aber ihr liebes ſchönes Geſicht hatte einen Ausdruck von Schwermuth, den man wohl früher nicht darin geſehen hatte. Selbſt das Lächeln, mit welchem ſie manche Bemer⸗ kung ihres Begleiters beantwortete, war nicht das alte, freudige— es war wie die Sonnenblicke heute aus den trüben melancholiſchen Wolken. „Und Sie wollen wirklich fort?“ fragte ſie, eine Pauſe, die in dem Geſpräche eingetreten war, unterbrechend. „Ich ritt nach Berkow hinüber, Ihnen meinen Abſchiedsbeſuch zu machen, und Sie zu fragen, ob ſie noch irgend Befehle für mich hätten. Daß dies keine leere Form war, können Sie daraus ſehen, daß ich Ihnen, als ich Sie nicht fand, hierher auf den Kirchhof ge⸗ folgt bin, obgleich Kirchen und Kirchhöfe, wie Sie wiſſen, durchaus nicht zu den Oertern gehören, die ich mit Vorliebe aufſuche.“ „Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken?“ „ Dritter Band. 201 es noch nicht. Was ſoll ich hier? Da ich für die für die ich leben möchte, und da es in unſerer eng⸗ brüſtigen 2 jedem großen Zweck gebricht, an deſſen Erreichung ein Mann Leben ſetzen könnte, ſo will ich denn auch, ein anderer Peter Schlemihl, meinen eigenen Schatten ſuchen gehen. Ich fürchte nur, daß ich ihn niemals wieder finde, oder daß, wenn ich ihn finde, er ſich wieder von mir trennt, wie das letzte Mal.“ „Haben Sie die Spur der braunen Gräfin nicht verfolgt?“ „Nein. Es würde auch nichts geholfen haben. Wandernde Zi⸗ geuner hinterlaſſen keine Spuren, ſo wenig wie ein Schiff, das durch die Wogen ſtreicht. Wenn ich nicht wieder kommen ſollte, Melitta, laſſen Sie ſich Ihre Büſte, die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen ließ, und die jetzt in Cona in meinem Arbeitszimmer ſteht, geben. Oder wollen Sie ſie ſogleich haben?“ „Nein,“ ſagte Melitta;„behalten Sie ſie immerhin. Ihre unendliche Güte verdiente wohl einen beſſeren Lohn als kalten Marmor. „Oder Marmorkälte?“ ſagte Oldenburg lächelnd. „Die empfinde ich nicht gegen Sie, Oldenburg,“ ſagte Melitta mit Wärme;„wahrhaftig nicht. Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre älteren Bruder, der halb und halb Vaterſtelle an uns vertreten hat, und zu dem wir mit freudiger Verehrung und Dankbarkeit empor⸗ blicken. Es iſt unſer Schickſal, daß Sie mich mit einer anderen Liebe lieben müſſen, daß ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben kann.“ „Es iſt unſer Schickſal, Melitta, ja wohl! und nun laſſen Sie uns nicht weiter davon ſprechen. Gegen das Schickſal läßt ſich nichts thun. Wir können nur das Haupt bengen, und die Lorbeerkrone oder den Todesſtreich ſchweigend entgegen nehmen. Das habe ich in den letzten Tagen lernen können, wenn ich es ſonſt noch nicht gewußt hätte. Und nun, Melitta, da Du mich ſelbſt Deinen Bruder genannt haſt, laß mich auch wie ein Bruder mit Dir ſprechen. Darf ich?“ „Ja;“ ſagte Melitta, die den Kopf bei dieſen letzten Worten Oldenburg's geſenkt hatte, leiſe nach einer kleinen Pauſe. „Bekämpfe Deine Liebe zu Oswald! Ich kann Dir nicht rathen, den Pfeil mit einem Ruck aus der Wunde zu ziehen, denn ich für 202 Problematiſche Naturen. Dein Leben würde mit Deinem Blute entſtrömen; aber ſträ auch nicht gegen die Wirkungen der Zeit, ä wie das ewige Schickſal. Du wirſt nach einige denken; willſt Du mir, Deinem Bruder, verſprechen, dieſe ruhigeren und weiſeren Gedanken nicht wie eine Verſündigung an Deiner Liebe von Dir zu weiſen?“ „Ja.“ „Denn, Melitta, er iſt Dir doch verloren, auch wenn er dieſe ſeine neueſte Leidenſchaft überwinden ſollte. Er wird ſich auf ſeiner tollen Jagd nach dem Ideal, das er nie auf Erden außer ſich finden kann, weil es nur in ſeinem Gehirn lebt, in eine andere und wieder in eine andere Liebe ſtürzen; immer wähnen: dies iſt, wonach Du bis jetzt vergeblich geſucht, und immer wieder das Trügeriſche dieſer Illuſion erkennen, bis er zuletzt in der Verzweiflung über ſein Schle⸗ mihlthum irgend einen Schritt thut, der ihn aller weiteren Sorgen um die confuſe Welt überhebt. Die letzten Tage haben ihn dieſem unvermeidlichen Ziele um eben ſo viele Jahre näher gebracht. „Wie ſteht es auf Grenwitz?“ „Felix iſt jetzt außer Gefahr, obgleich man ihn in den erſten Stunden aufgegeben hatte. Er wird aber wohl ſein Leben lang ein Invalide bleiben— eine ſchwere Strafe für Jemand, der, wie er, „geſchwelgt in der Blumen Süßigkeit und jede Blume brach.“ Os⸗ wald's Kugel hat nur um eines Haares Breite ihr Ziel verfehlt. Felix wird Bruno's Tod ſein Leben zu danken haben. Oswald hat während des Duells kein Wort geſprochen, ſeine Miene blieb unbe⸗ weglich; nur als Felix ſtürzte, flog eine Art von Lächeln über ſein hlaſſes Geſicht; er ſchien das Bild der vollkommenſten Ruhe, und nur, wer ihn genauer betrachtete, ſah, wie es in ihm wühlte, und bemerkte, daß von Zeit zu Zeit ein Fieberſchauer durch ſeinen Körper zuckte. Er hat ſich bei der ganzen Affaire mit einem ausgezeichneten Tact benommen, der ſelbſt der Schaar ſeiner Gegner Achtung ab⸗ nöthigte. Sogar Cloten fühlte ſich gedrungen, in die bewundernden Worte auszubrechen; es iſt wahrhaftig ſchade, daß der Menſch nicht von Adel iſt.“ — .*——— Farbkarte 613 B. /. G. ————