, Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und SLeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe de hiteegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 3 n müſſen, bei Entgegennahme ſſelben entſprchent“ Zurhmn 4 Bücher: 6 Bücher: 1 F Pf— Pf. 5. Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dritte Auflage. Zweiter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten. Berlin, 1866. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Capitel. Mit Melitta ſchien der gute Genius aus der Geſellſchaft gewichen und allen Dämonen freies Spiel gegeben. Immer lauter kreiſchten die Geigen, immer feuriger wurden die Blicke der Herren, immer frivoler ihre Rede, immer üppiger und leidenſchaftlicher die Bewegun⸗ gen der Tänzerinnen. Und noch immer floß der Champagner in Strömen. Friſche Lichter waren während des Abendeſſens überall auf den Kronleuchtern der Säle und rings in den Zimmern aufgeſteckt— es ſchien, als ob die Luſt kein Ende nehmen ſolle, nehmen könne. Auch die älteren Herrſchaften hatten ſich wieder an die Spieltiſche begeben; aus einem kleinen Nebenzimmer, in welches fünf oder ſechs Herren ſich zurückgezogen hatten, hörte man das Klingen von Gold⸗ ſtücken und ein gelegentliches: Faites votre jen, messieurs! Oswald hatte ſich vor dem Beginn des zweiten Tanzes nach Herrn und Frau von Grenwitz umgeſehen, denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erſt jetzt, daß dieſe die Geſellſchaft ſchon vor dem Abend⸗ eſſen verlaſſen hatten, und daß der Wagen wiederkommen würde, ihn abzuholen. Er hatte Melitta, da ſie nicht in dem Ballſaal erſchienen war, in einem der andern Zimmer vermuthet. Ein Diener, der mit einem Präſentirbrette voll Weingläſern an ihm vorübereilte, ant⸗ wortete auf ſeine Frage, ob er Frau von Berkow nicht geſehen habe? „Die gnädige Frau iſt ſoeben fortgefahren. Befehlen Limonade oder Fr. Spielhagen's Werke. II. 1 —— Problematiſche Naturen. Champagner?“ Oswald nahm ein Glas Wein und leerte es auf einen Zug.„Fortgefahren— ohne Abſchied! Vortrefflich,“ mur⸗ melte er, indem er ſich in den Ballſaal zurückbegab. Und immer nächtiger wurde es in ſeiner Seele. Jetzt zürnte er nicht mit ſich, daß er die Geliebte ſo ſchnöde gekränkt und ſie ſo ge⸗ kränkt hatte ziehen laſſen, ſondern ihr, daß ſie fortgegangen war, ohne ihm Gelegenheit zu geben, ſie um Verzeihung zu bitten. Ihm war zu Muthe, wie einer Seele zu Muthe ſein könnte, die in ihren Sünden zur Hölle gefahren iſt, weil ſie des Prieſters Abſolution verſchmähte, und die nun gegen ſich ſelbſt und gegen den unſchuldigen Prieſter wüthet. Tolle Gedanken wirbelten durch ſein überreiztes Gehirn— es wäre ihm eine Wolluſt geweſen, wenn einer von dieſen jungen Adeligen, durch ſeinen Uebermuth beleidigt, ihm feindlich entgegen⸗ getreten wäre. Ja, er legte es darauf an, er witzelte und ſpöttelte auf die übermüthigſte Weiſe; aber entweder verſtanden die Halb⸗ berauſchten ihn nicht oder ſie hatten noch ſo viel Verſtand behalten, einzuſehen, daß ein Duell mit einem Manne, deſſen Kugel unfehlbar war, eine Sache ſei, die wohl bedacht ſein wolle. Er ſuchte ſich zu überreden, daß von den anweſenden Damen mehr als eine vollkommen ſo ſchön und liebenswürdig ſei wie Melitta— daß es lächerlich ſei, ſich um die Abweſende zu grämen, da ihn hier mehr wie ein feuriges Auge zu entſchädigen verſprach... Warum ſollte er ſich nicht in Emilie von Breeſen verlieben? Warum nicht? Sie war eine Knospe, die zu einer wundervollen Roſe aufblühen mußte. Warum ſollte er nicht den erſten Blick in dieſes ſchwellende Knospenleben thun? ſich nicht zuerſt an dem Duft dieſer friſchen Blume berauſchen? Und war ſie nicht ſchlank und geſchmeidig wie ein Reh? und war ihr roſiger Mund nicht ſchon zu einem wollüſtigen Kuſſe halb geöffnet? und blickte ſie nicht mit ſo großen, grauen, halb ſcheuen, halb kecken, halb neu⸗ gierigen und halb verſtändnißklaren Augen zu ihm auf, wie er jetzt über die Lehne ihres Stuhls gebeugt mit ihr ſchwatzte?.. „Sie müſſen uns ja beſuchen, Herr Stein! Ich lade Lisbeth noch dazu, und dann reiten wir zuſammen ſpazieren.“ „Laſſen Sie Fräulein von Meyen nur zu Hauſe. Ich ziehe die Duetts den Terzetts bei weitem vor.“ Zweiter Band. „Iſt das wahr? Aber meine Couſine iſt ein ſehr hübſches Mädchen. Finden ſie nicht?“ „Fräulein Lisbeth iſt ein reizendes Weſen, das nur den einen Fehler hat, Sie zur Couſine zu haben, und nur den einen Fehler begeht, ſich zu häufig neben Sie zu ſtellen.“ „Warten Sie, das ſage ich ihr wieder—“ „Sie würden mich dadurch dem Haß der jungen Dame ausſetzen und mir dafür eine Entſchädigung ſchuldig ſein.“ „Und liegt dieſe Entſchädigung in meiner Macht?“ „Nein, in Ihren Augen.“ „Sie Spötter, kommen Sie, die Reihe iſt an uns.“ Oswald hatte ſich in der folgenden Pauſe zwecklos in den Zim⸗ mern umhergetrieben. Als er in den Ballſaal zurückkam, ſah er ſich vergeblich nach Emilie von Breeſen um. Halb und halb ſie ſuchend und auch wieder ohne Plan, von ſeinen böſen Gedanken gejagt, weiter irrend, gerieth er in eine andere Flucht von Zimmern, die an der den Spielzimmern entgegengeſetzten Seite an den Ballfaal ſtieß und in welchen er bis jetzt noch nicht geweſen war. Nur hier und da brannte noch ein halb verlöſchendes Licht auf einem Wanbleuchter oder vor einem Spiegel und zeigte ihm wie in einem böſen Traum ein altes gebräuntes Familienportrait oder ſein eigenes bleiches Geſicht. Die Stühle ſtanden wirr durcheinander. Die Fenſter waren mit Vor⸗ hängen verhüllt. Durch die Spalten ſchimmerte der Mond, der jetzt aufgegangen war, herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen auf die Teppiche des Fußbodens. Oswald trat, um friſche Luft zu ſchöpfen, an eins dieſer Fenſter. Als er den dunkelrothen, ſchweren Vorhang zurückſchlug, fuhr eine weiße Geſtalt, die in der tiefen Niſche des Fenſters auf einem niedrigen Rohrſeſſel geſeſſen und den Kopf in die Hand geſtützt hatte, ſcheu empor und ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Oswald wollte den Vorhang wieder fallen laſſen und ſich zurückziehen, als die Geſtalt einen Schritt auf ihn zutrat und die Hand nach ihm ausſtreckte... Und ein Paar weiche Arme umſchlangen ihn und ein knospender Buſen wogte ſtürmiſch an ſeiner Bruſt; zwei glühende Lippen preßten ſich auf ſeinen Mund, und eine leiſe Stimme hauchte:„Oswald, o mein Gott, Oswald!“ 1* 4 Problematiſche Naturen. Ein Knabe, der mit ſeinem Schweſterchen geſpielt und aus Un⸗ achtſamkeit das Kind ſchwer verletzt hat, kann nicht beſtürzter und erſchrockner ſein, wenn er das Blut der Kleinen fließen ſieht, wie es Oswald war, als er die Thränen des Mädchens auf ſeiner Wange fühlte. Sein wahnſinniger Rauſch von Liebe und Eiferſucht war in einem Augenblicke verflogen. Was hatte er gethan? Er hatte die ſchnöde Rolle des liſtigen Finklers geſpielt; er hatte das arme Vögel⸗ chen mit Schmeichelworten und Liebesblicken gelockt, bis es zu ihm herangeflattert kam und ſich an ſeinen Buſen ſchmiegte.. „Mein Fräulein,“ flüſterte er, indem er ſanft den Kopf des Mädchens, das jetzt leiſe an ſeiner Bruſt ſchluchzte, emporzuheben ſuchte,„Emilie, theures Kind, um Gotteswillen, beruhigen Sie ſich! Bedenken Sie, wenn Jemand Sie hier ſähe, oder hörte—“ „Was gehen mich die Andern an, ich liebe Dich,“ murmelte das Mädchen. „Mein beſtes Fräulein, ich beſchwöre Sie, kommen Sie zu ſich, machen Sie ſich nicht unglücklich—“ „So lieben Sie mich nicht,“ ſagte das leidenſchaftliche Mäd⸗ chen, ſich ſchnell emporrichtend,„ſo lieben Sie mich nicht? Gut, ich gehe— Sie machte einen Schritt nach dem Vorhang hin, aber die Leiden⸗ ſchaft hatte ihre Kräfte aufgezehrt. Sie ſchluchzte laut auf, und wäre zu Boden geſtürzt, hätte Oswald ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen. Seine Lage war ſo peinlich wie möglich. In jedem Augenblick fürchtete er, Stimmen in dem Zimmer zu hören, den Vorhang zurückſchlagen zu ſehen— und wiederum, die Aermſte in dieſem Zuſtand halber Ohnmacht zu verlaſſen, zumal da er ihr ſchicklicherweiſe Niemand zu Hülfe ſenden konnte, war ihm unmöglich. Und doch mußte er ſich losreißen, denn er fühlte, wie das für einen Augenblick zurückgedrängte Fieber ſeiner Sinne, je länger dieſe wunderliche Situation währte, wieder heiß und immer heißer durch ſeine Adern zu rieſeln begann.. zärtliche, liebevolle, leidenſchaftliche Worte miſchten ſich, er wußte ſelbſt nicht wie, in ſeine leiſen Bitten; eine unwiderſtehliche Gewalt drückte ihm den jugendlichen Leib feſter und feſter in die Arme, ließ ſeine Lippen flüchtig die Lippen, die Augen, das Haar des holden Geſchöpfes „ Zweiter Band. berühren.. Mehr, als alle Worte es vermocht hätten, brachten dieſe Zeichen der Liebe das leidenſchaftliche Kind wieder zu ſich. „So liebſt Du mich alſo doch, Oswald?“ flüſterte ſie, ſich innig an ihn ſchmiegend. „Ja, ja, Holde, wer könnte ſo grauſam ſein, Dich nicht zu lie⸗ ben. Aber bei Ihrer Liebe beſchwöre ich Sie, verlaſſen Sie mich jetzt, ehe es zu ſpät iſt. Ich ſehe Sie im Saale wieder.“ Das Mädchen legte noch einmal ihren Kopf an ſeine Bruſt, als ahnte ihr, daß er da zum erſten und zum letzten Male geruht, und hob noch einmal den Mund zum Kuſſe zu ihm empor, als wüßte ſie, daß ſo ſüße verſtohlene Küſſe ſie nun und nimmer wieder im Leben geben und empfangen würde... Die weiße, ſchlanke Geſtalt war verſchwunden und nur der Mondſchein flimmerte auf dem dunkel⸗ rothen Vorhang, der das Fenſter von dem Zimmer trennte. Und jetzt, als Oswald die Hand an den Vorhang legte, ſich wo möglich auf einem Umwege wieder in den Ballſaal zurückzubegeben, hörte er die Stimme zweier Männer, die ſo eben in das Gemach traten. Zweites Capitel. „Wer zum Teufel war denn das,“ ſagte die eine Stimme— es war die Stimme des Baron Oldenburg—„war das nicht die ſchlanke Emilie? Wonach hat denn die kleine Menſchenfiſcherin hier im Trü⸗ ben geangelt?— Aber jetzt, Barnewitz, ſage ich mit Hamlet: Wo führſt Du mich hin? Red', ich geh' nicht weiter. Zweimal habe ich ſchon in dem verdammten Clairobscur, das in dieſen Räumen herrſcht, meine freiherrlichen Schienbeine mit einem groben Schemelbeine in unangenehme Berührung gebracht. Gott ſei Dank, hier iſt eine Cauſenſe: eh bien, mon ami, causons; que me voulez vous?“ „Ich bitte Dich, Oldenburg, ſei für einen Augenblick ernſthaft,“ ſagte Herr von Barnewitz, und ſeine Stimme klang ſeltſam gepreßt —„mir iſt wahrhaft nicht lächerlich zu Muthe.“ Ihr ſeid ſeltſame Menſchen! Du und Deines Gleichen. Ihr Problematiſche Naturen. glaubt, ein ehrlicher Kerl könne kein ernſthaftes Wort vorbringen, ohne eine Leichenbittermiene dabei zu machen. Der Humor iſt Euch ein unbekannter Luxus. Nun wohl, mein ernſthafter Freund, was haſt Du?“ „Höre, Oldenburg—“ „Still! wir ſind doch hier unbelauſcht? Mir war, als hörte ich eine Ratte hinter den Tapeten?“ „Es war nichts.“ „Eh bien, ſo verkünde mir in möglichſt verſtändlichen Worten Deine Trauermähr.“ Die Stimmen der Redenden wurden leiſer, aber nicht ſo ſehr, daß Oswald nicht jedes Wort deutlich hörte. Er verwünſchte ſeine Situation, die ihm die Rolle des Lauſchers aufzwang; aber er ſah keine Möglichkeit zu entrinnen. Da Oldenburg Fräulein von Breeſen erkannt hatte, würde er die Ehre dieſer jungen Dame preisgegeben haben, wäre er jetzt aus ſeinem Verſteck hervorgekommen. Er ver⸗ ſuchte, ob er nicht geräuſchlos das Fenſter öffnen könne, um mit einem kühnen Sprunge über die Stachelbeerhecke fort, die ſich unter demſelben hinzog, in den Garten, und von dort durch die offene Thür des Ballſaales in dieſen zurückzugelangen, aber er ſtand von dieſem Vorhaben, als zu gewagt, ab, und ergab ſich, nicht ohne heimlich ſeinen Unſtern zu verwünſchen, in die halb lächerliche, halb ärgerliche Situation. „Oldenburg,“ ſagte Barnewitz,„hat Cloten Dich gebeten, ihn zu meiner Frau zu ſetzen, oder war es blos ein Einfall von Dir?“ „Wie kommſt Du auf dieſe ſeltſame Frage?“ „Gleichviel! beantworte ſie mir nur?“ „Nicht, bevor ich weiß, wo dies Alles hinaus ſoll!“ „Ich will eine Antwort und keine Ausflucht,“ ſagte der wüthende Edelmann. „Euer Drohen hat keine Schrecken, Caſſius,“ antwortete Olden⸗ burg mit einem Tone, deſſen königliche Ruhe ſonderbar mit dem heiſern, leidenſchaftlichen Ton der Stimme des Andern contraſtirte. „Ich ſage Dir noch einmal, Barnewitz, entweder Du ſagſt mir, was meine Ausſage in dieſer Sache für eine Bedeutung hat, oder ich ver⸗ weigere, Dir Rede zu ſtehen.“ Zweiter Band. „Nun wohl, die Sache iſt kurz und bündig die: Cloten liebt Hortenſe!“ „O! und vice versa: liebt Deine Frau auch dieſen liebenswür⸗ digen Jüngling?“ „Der Teufel ſoll ihn holen.“ „Ein höchſt chriſtlicher Wunſch, dem ich mich von ganzem Herzen anſchließe. Seit wann ſpielt dies romantiſche Verhältniß?“ „Seit wir von unſerer Reiſe zurück ſind.“ „Und welche Beweiſe haſt Du?“ „Tauſend!“ „Und was gedenkſt Du zu thun?“ „Herr Gott des Himmels, Oldenburg, Du fragſt, als ob es ſich um eine Whiſtparthie handelt! Umbringen will ich den Schuft, mit der Hetzpeitſche will ich ihn von meinem Hofe jagen, ihn und ſeine Maitreſſe.“ „Bon! Und willſt Du mir einen dieſer tauſend Beweiſe nennen?“ „Nun, ich dächte der heutige Abend wäre Beweis genug. Erſt läßt ſie ſich von ihm zu Tiſche führen, hernach coquettirt ſie mit ihm auf eine unverſchämte Weiſe—“ „Halt, wer hat Dir das geſagt?“ „Der junge Grieben.“ „Dann ſage dem jungen Grieben, daß er ſein Spatzengehirn zu etwas Beſſerem verwenden könnte, als ſo alberne Geſchichten zu er⸗ finden und ſie Dir zuzutragen. Ich habe näher geſeſſen, als er, und bin mindeſtens kein ſchlechterer Beobachter, und ich ſage Dir, daß Deine Frau und Cloten ſich über Tiſche ſo anſtändig benommen haben, wie — man es nur von einem Edelmann und einer Edelfrau erwarten kann. Und dann bedenke doch gefälligſt, daß das ganze Arrangement nur ein Einfall, und, wie ich jetzt ſehe, ein ſchlechter Einfall von mir war.“ „Ich kann mich darauf verlaſſen, Oldenburg?“ „Ich meine gewöhnlich, was ich ſage.“ „Aber es iſt doch wahr!“ knirſchte von Barnewitz. „Lieber Freund, ich kann darüber gar nicht urtheilen, und Du würdeſt mich alſo ausnehmend verbinden, wenn Du mich aus dem Handel ließeſt. Willſt Du aber meinen freundſchaftlichen Rath, ſo ſteht er Dir gern zu Dienſten.“ Problematiſche Naturen. „Was ſoll ich thun?“ „Deine Hetzpeitſche an der Wand hängen laſſen, und auf jede Weiſe einen Scandal vermeiden, in welchem ſich derjenige immer am meiſten blamirt, auf deſſen Koſten der ganze Spectakel ſchließlich auf⸗ geführt wird, c'est à dire: der Ehemann. Sodann rathe ich Dir, zu bedenken, daß unſere chronique scandaleuse überreich iſt an der⸗ gleichen Geſchichten, und daß, wenn alle gekrönten Häupter unter uns bei jedem neuen Ende, das ihrem Schmucke angeſetzt wird, zur Hetz⸗ peitſche greifen wollten, ſchließlich keine Seiler und Riemer im Lande mehr aufzutreiben ſein würden. Drittens erlaube ich mir, Dir den unmaßgeblichen Rath zu ertheilen: ſchaffe die Hälfte von Deinen Jagdhunden, und Deine ſämmtlichen Maitreſſen ab. Laſſe die Haſen ihren Kohl in Ruhe freſſen, und die Bauerbengel ihre Schätze in Frieden küſſen; bekümmere Dich mehr um Hortenſ e, die wie alle Frauen, nichts Beſſeres verlangt, als geliebt zu werden, und die eine viel zu kluge Dame iſt, als daß ihr, wenn ſie die Wahl zwiſchen Dir und Cloten hat, Deine Vorzüge nur einen Augenblick verborgen bleiben könnten. Und ſchließlich, laß uns wieder unter Menſchen gehen, denn dieſes philoſophiſche Geſpräch in dieſem myſtiſchen Halbdunkel hat mich außerordentlich angegriffen, und mich verlangt herzinnig nach einem Glaſe Champagner“ „Ha, ha, ha,“ lachte der halb betrunkene Barnewitz, der, wie es bei beſchränkten Menſchen zu gehen pflegt, aus einem Extrem in das andere verfiel.„Ja, das iſt wahr, Oldenburg, ich bin ein ganz anderer Kerl, als dieſer verdammte Haſenfuß, dieſer Cloten. Und Hortenſe weiß das auch recht güt, ha, ha, ha! Spiſt auch wahr: ich habe in der letzten Zeit ein bischen flott gelebt. Weißt Du, unſere italieniſche Reiſe hat mich eigentlich ſo liederlich gemacht. Die ver⸗ dammten Weibſen mit ihren ſchwarzen glänzenden Augen— Ja und à propos, glänzende Augen. Was ich Dich immer fragen wollte: iſt es denn jetzt ganz vorbei mit Dir und der Berkow?“ „Mit mir und Frau von Berkow? Welch' tolle Blaſe treibt denn Dein Gehirn nun ſchon wieder? Was ſoll vorbei ſein zwiſchen ihr und mir?“ „Aber Oldenburg, Du wirſt einem alten Fuchs wie mir doch nicht Zweiter Band. 9 einreden wollen, daß Du die füßen Trauben nur immer fein ſäuber⸗ lich aus der Ferne bewundert haſt?“ „Höre, mein Schatz,“ ſagte Oldenburg und ſeine Stimme klang ſcharf wie ein zweiſchneidiges Meſſer;„Du weißt, ich verſtehe Scherz, wie Einer; wer es aber wagt, Melitta's Ehre zu begeifern, beim all⸗ mächtigen Gott: er ſtirbt von meiner Hand.“ „Nun ſieh', wie heftig Du gleich wieder wirſt.“ „Ich heftig? Ich bin ſo kühl wie Champagner in Eis.— Ja, was ich ſagen wollte, verſprich mir, Barnewitz, daß Du weder heute noch morgen, überhaupt nicht, bevor Du mit mir Rückſprache genom⸗ men, etwas in dieſer Angelegenheit thuſt; vor allem Dir gegen Deine Frau nicht das Mindeſte merken läßt; hörſt Du Barnewitz, nicht das Mindeſte.“ „Ja, der gute Rath kommt nun zu ſpät,“ ſagte Barnewitz;„ich habe ſchon im Vorübergehen ein paar Worte gegen Hortenſe fallen laſſen; ich ſage Dir: ſie wurde bleich wie die Wand. Der verdammte Hallunke!“ „Das war ſehr unrecht, und ſehr unritterlich, mein Ritter von der traurigen Geſtalt,“ ſagte Oldenburg;„alte Weiber ſchwatzen, Männer handeln; ſolche Scenen zwiſchen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich über alle Begriffe plebejiſch und gemein, und das Bewußtſein, daß wir im Rechte, der andere im Un⸗ rechte iſt, ſollte uns doppelt mild, zartfühlend und nachſichtig machen. Im Unrecht ſein, und es noch dazu eingeſtehen müſſen, iſt an ſich ſchon Unglück genug.“ „Ach Oldenburg, das iſt Alles für mich zu hoch. Und dann, Du kennſt die Weiber nicht, wenn Du glaubſt, ſie nehmen ſich dergleichen ſo ſehr zu Gemüth. Zum einen Ohr hinein, zum andern wieder heraus. Komm Oldenburg, und überzeuge Dich, ob Du Hortenſe anſehen kannſt, daß ich ihr vor zehn Minuten geſagt habe, ich würde Cloten die Knochen im Leibe entzwei ſchlagen, wenn die verdammte Geſchichte nicht ſofort ein Ende nähme.“ „Ja, ja, Du biſt der wahre Othello! Und ich in meiner gut⸗ müthigen Dummheit, verſuche dieſen brutalen Mohren zu einem civi⸗ lifirten Europäer zu waſchen! Quelle bétise!“ 10 Problematiſche Naturen. Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm, und die Muſik, die aus dem Saale herübertönte, zeigte, daß der Tanz wieder begonnen hatte, kam er aus ſeinem Verſteck hervor. Er ver⸗ muthete, daß dieſe Flucht von Zimmern auf einem langen Corridor enden müſſe, den er beim Hinaufgehen in den Speiſeſaal bemerkt hatte. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Schon aus dem nächſten Zim⸗ mer führte eine Thür auf den Corridor. Aus demſelben gelangte er auf den Hausflur und von dort, ohne irgend Aufſehen zu erregen, in den Empfangsſaal und die Geſellſchaftszimmer. Hier und da wurde noch geſpielt, aber die meiſten Herrſchaften hatten ſich nach dem Ball⸗ ſaale begeben, wo demnächſt der Cotillon getanzt werden ſollte. Da⸗ hin begab ſich denn auch Oswald. Sein Auge ſuchte und fand als⸗ bald Emilie von Breeſen. Er traute ſeinen Augen kaum, ſo ganz ſchien ſie ihm verwandelt; aus dem wilden Mädchen von heute Nach⸗ mittag war eine Jungfrau geworden. Sie erſchien ihm größer und bedeutender; ihr vorher roſiges Antlitz war jetzt bleich, aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewöhnlichen Feuer, und für die Scherze ihres Tänzers hatte ſie kein Lächeln mehr. Sobald ſie Oswald an⸗ ſichtig wurde, zuckte ein Freudenblitz über ihr Geſicht. Eifrig wandte ſie ſich zu ihm, als er in ihre Nähe trat. „Auf ein Wort, Herr Doctor!“— und dann im leiſen Ton: „Ich tanze den Cotillon mit Ihnen, ich weiß, Sie ſind noch nicht engagirt; ich habe den Grafen Grieben ſo zur Verzweiflung gebracht, daß er ſo eben mit ſeinen Eltern fortgefahren iſt. Er vermuthet wahrſcheinlich, das werde großen Eindruck auf mich machen, der Narr! Entſchuldigen Sie, Herr von Sylow, ich bin noch zu angegriffen. Tanzen Sie eine Extratour mit meiner Couſine. Sie ſchmachtet nach Ihnen.— Gott ſei Dank, daß er fort iſt!— Oswald, Du liebſt mich? liebſt mich wirklich? Ich kann es kaum glauben. Mir ſchwindelt der Kopf; ich möchte laut aufjauchzen vor Wonne. O, bitte, bitte, ſieh' mich nicht ſo an, ich muß— muß Dir ſonſt um den Hals fallen und Dich küſſen, wie vorhin. Biſt Du mir bös, Oswald? Es war wohl recht ſchlecht von mir. Aber ſieh', ich konnte nicht anders. Warum ſprichſt Du nicht Oswald?“ „Weil es ſüß iſt, Ihrem Geplauder zuzuhören.“ Zweiter Band. 11 „Ich bin wohl ein rechtes Kind, nicht wahr? Aber warum nennen Sie mich nicht Du?“ „Glaubſt Du denn, Holde, daß man nur die liebt, die man Du nennt?“ „Nein, aber daß man die Du nennt, die man liebt. O, ich finde dies Du ſo himmliſch. Gott ſei Dank, der Tanz iſt zu Ende. Komm, wir wollen uns einen guten Platz ſuchen, den dort in der Ecke am Fenſter.“ Die Herren waren eifrig beſchäftigt, nach den vorher von ihren Damen eingeholten Inſtructionen, die Stühle zu arrangiren; ſchon war der Kreis faſt geſchloſſen, als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermüthigen Jugend, und das Quinquiliren der armen gequälten Muſiker auf ihren ſeit einiger Zeit ſehr widerſpänſtigen In⸗ ſtrumenten, und das Klappern der Gläſer und Taſſen auf Präſentir⸗ brettern und in den Händen der Durſtenden— Stimmen aus dem Nebenzimmer ertönten, die nichts weniger als feſtlich klangen— laute, von Wein und Wuth heiſere Stimmen,— drohende Worte hinüber und herüber— nur ein paar Worte, aber gerade genug, um wenigſtens alle, die ſich auf dieſer Seite des Saales befanden, für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuſchrecken. Freilich auch nur für einen Moment, denn ein mit unfeinen Worten geführter Streit war dieſer feinen Geſellſchaft nichts Unerhörtes und dauerte nicht immer ſo kurze Zeit, wie diesmal. Auch dieſer Vorfall würde, wie ſo viele andere ähnliche, kein weiteres Aufſehen erregt haben, wenn nicht ein zweiter Vorfall, der ſich in dem Ballſaale ereignete, dem erſteren eine eigen⸗ thümliche, und für die Scharffinnigeren wenigſtens keineswegs räthſel⸗ hafte Bedeutung gegeben hätte. Kaum waren nämlich die drohenden, heiſeren Stimmen nebenan von einer dritten, die eine große Autorität über dieſe trunkenen Lapithen ausüben mußte, zum Schweigen gebracht, als Hortenſe von Barnewitz, die mit dem jungen Herrn von Süllitz den Cotillon tanzen ſollte, den Arm dieſes Herrn faßte, der, ihre Bläſſe bemerkend, ſchnell einen Stuhl herbeizog, auf welchem ſie ohn⸗ mächtig niederſank. Die Beſtürzung der Geſellſchaft war natürlich ſehr groß. Trotzdem, daß ein Dutzend Riechfläſchchen ſofort zur Hand waren, und mit dem Inhalt derſelben die Stirn, die Augen, die Problematiſche Naturen. Schläfe der ſchönen Ohnmächtigen reichlich benetzt wurden, dauerte es doch einige Minuten, bis Hortenſe nur ſo weit zu ſich kam, um mit blaſſen Lippen den ſie umgebenden Damen ihren Dank zuzulächeln, und ſie mehr mit Blicken, als mit Worten zu bitten, ſie aus dem Ballſaale zu führen, was denn auch bald geſchah. Die Zurückbleibenden ſahen einander an, als wenn ſie fragen wollten, was hatte denn das zu bedeuten? „Mit dem Balle iſt es nun wohl vorbei?“ fragte Adolph von Breeſen, der mit ſeiner jungen Couſine Lisbeth, welche er an⸗ betete, zum Cotillon engagirt war, kleinlaut Oswald, der neben ihm ſtand. „Ich fürchte, ja,“ antwortete dieſer. „Wir tanzen doch weiter?“ fragte eine dritte Stimme. „Unmöglich,“ ſagte Herr von Langen,„ich habe ſchon anſpannen laſſen.“ „Was war denn eigentlich das vorhin für eine Geſchichte zwiſchen Barnewitz und Cloten?“ fragte ein Anderer. „Was wird's ſein? Sie haben Beide ein Glas über den Durſt getrunken. Das iſt Alles,“ ſagte von Langen. „Es ſollte mich ſehr freuen, wenn das Alles wäre,“ ſagte von Breeſen;„aber ich fürchte, dahinter ſteckt mehr. Ich hörte, daß Clo⸗ ten über Hals und Kopf davon gefahren iſt.“ Herr von Barnewitz erſchien an Oldenburgs Seite in dem Ball⸗ ſaal. Das Geſicht des Barons war ſo ruhig wie immer, aber das des andern Edelmanns war von Aufregung, Zorn und allzureichlich genoſſenem Wein purpurroth; ſeine Augen ſchwammen, und ſeine Stimme war etwas lallend, als er jetzt den Herren, die ihm in den Weg kamen, zuredete, den Ball fortzuſetzen. „Aufhören, nach Hanſe fahren— dummes Zeug— laſſe keinen Menſchen vom Hofe— Heda! Champagner hierher— Nach Hauſe? Warum? meine Frau wird alle Augenblicke ohnmächtig, mit und ohne Grund— da könnte ich gar keine Geſellſchaft geben. Wuſik anfangen!“ Aber trotz dieſer gaſtfneundlichen Worte, deren Wirkung durch das allzuſichtlich aufgeregte Weſen des Sprechenden weſentlich be⸗ Zweiter Band. 13 einträchtigt wurde, und trotz der erſten Töne der Inſtrumente, die mit einem wahrhaft ſchauerlichen Accord einſetzten, waren nur ſehr Wenige bereit, den unterbrochenen Ball wieder aufzunehmen. Alle Uebrigen fanden plötzlich, daß es ſchon ſehr ſpät ſei, daß man zu lange bei Tiſch geſeſſen habe, daß es unverantwortlich wäre, ein Feſt fortzuſetzen, an welchem die Wirthin ſelbſt nicht mehr theilnehmen könnte— und was dergleichen Phraſen denn mehr ſind, durch die eine Geſellſchaft, die einmal aufbrechen will, ihren Rückzug zu motiviren ſucht. Schon hörte man einen Wagen nach dem andern vorfahren. Mütter ſuchten ihre Töchter, dieſe ihre Shawls und Fächer— überall ein Aufbrechen, Abſchiednehmen, hier ein übermüthiger Scherz, dort eine böswillige Bemerkung, hier ein verſtohlenes Liebeswort.— Oswald ſah nicht viel Anderes, als die Geſtalt des hübſchen, leidenſchaftlichen Kindes, das ihm in den wenigen Augenblicken ſo theuer geworden war.— Die Liebe iſt etwas ſo Wunderbares, daß ſchon das bloße Bewußtſein, dieſe dämoniſche Kraft in Anderen entfeſſelt zu haben, hinreicht, in uns eine Empfindung zu erwecken, die, wenn ſie nicht Liebe iſt, der Liebe wenigſtens täuſchend ähnlich ſieht. Die Liebe iſt ein Spiegel, der unſer Bild ſo verklärt zurückſtrahlt, daß ſelbſt die Klügſten, ſelbſt die Beſcheidenſten bei dieſem Anblick ſich eines Gefühles des Stolzes nicht erwehren können. Die Liebe macht uns zu einem Gott, und wir müßten nicht Menſchen, nicht die Brüder des Phaeton und des Jrion ſein, wenn es uns nicht Alle gelüſtete, dann und wann ein wenig den Gott zu ſpielen, oder mindeſtens einmal an der Tafel der Götter zu ſpeiſen. Welcher Nektar aber kann ſo ſüß ſein, wie die Küſſe von den thaufriſchen Lippen eines ſo holden, jungen Geſchöpfes? wie die Blicke aus den Augen eines Mädchens, deſſen Buſen ſich zum erſten Male in Liebesſehnſucht hebt? wie ihre verwirrte und doch ſo verſtändliche Rede, dem Gezwitſcher eines jungen Vögleins vergleich⸗ bar, das aus voller Seele herausſingen möchte, und doch die rechten Töne noch nicht finden kann?... Und Oswald hatte noch vor wenigen Minuten ſolche Lippen ge⸗ küßt, und Oswald ſah ſo junge, ſtrahlende Augen voller Seligkeit zu ſich aufgeſchlagen, und Oswald vernahm ſo leiſe, liebedurchglühte Worte. Was Wunder, wenn er in dieſen wenigen Momenten, die ihm 14 Problematiſche Naturen. mit dem füßen Kinde noch beiſammen zu ſein vergönnt war, Liebe für Liebe gab, daß er dem letzten Augenblicke, der ſie trennen würde, mit kaum geringerer Angſt entgegenſah, als das Mädchen ſelbſt, welches bei der Ankündigung, der Wagen ſei vorgefahren, faſt in Thränen ausbrach. Emilie hatte den Augenblick, wo Oswald ſie nach dem Tanze zu ihrer Tante zurückführte, wahrgenommen, ihn dieſer Dame, die bei ihr Mutterſtelle vertrat, vorzuſtellen. Ein paar ge⸗ wandte, witzige Worte hatten ihn ſchnell bei der Matrone, die mit dem beſten Herzen von der Welt gern auf Koſten Anderer lachte, in Gunſt geſetzt. Auch ſie lud Oswald ein, doch ja recht“ bald einmal nach Candelin(dem Gute von Emiliens Vater, der Vater litt für den Augenblick an der Gicht und hatte deshalb zu Hauſe bleiben müſſen) herüber zu kommen. „Ja, und dann wollen wir etwas nach der Scheibe ſchießen,“ ſagte Adolf von Breeſen, der herantrat, um den Damen anzukündigen, daß der Wagen da ſei.„Ich lade noch ein paar Herren dazu, damit Sie ſich nicht allzuſehr bei uns langweilen.“ „Ich beſitze das Talent, mich zu langweilen, nur in einem ſehr beſcheidenen Maße, und überdies glaube ich, daß die Gegenwart dieſer Damen, und Ihre eigne, Herr von Breeſen, ein beſſeres Prä⸗ ſervativ gegen dieſe Krankheit iſt, als eine Geſellſchaft von hundert Perſonen,“ ſagte Oswald mit höflicher Verbeugung. „Siehſt Du, Adolf,“ rief die lebhafte alte Dame,„Herr Stein ſagt daſſelbe, was ich Dir ſchon tauſendmal geſagt habe: nur lang⸗ weilige Menſchen langweilen ſich; zum Beiſpiel Du und Deine Schweſter, die ihr jeden Tag hundertmal vor langer Weile ſterben wollt.“. „Ich langweile mich nie, Tante,“ rief Fräulein Emilie eifrig. „Kind, Du beginnſt irre zu reden, es iſt die höchſte Zeit, daß wir nach Hauſe kommen. Alſo au revcir, Mousienr.“ „Ich bitte um die Gnade, Sie bis zum Wagen begleiten zu dürfen,“ ſagte Oswald, der alten Dame den Arm bietend. „Vons ötes bien aimable, Monsieur,“ erwiderte ſie, den darge⸗ botenen Arm annehmend.„Sind Sie überzeugt, Herr Stein, daß Sie nicht von Adel ſind?“ Zweiter Band. 15 „Wie von meinem Daſein, gnädige Frau. Weshalb?“ „Hm; Sie haben in Ihrem ganzen Weſen etwas Chevalereskes, das man heut zu Tage nur zu ſelten und nur bei unſern jungen Leuten aus den beſten Familien findet. Adolf kann in dieſer Hinſicht noch ſehr viel lernen. Hörſt Du, Adolf?“ „Ich höre ſtets auf das, was Sie ſagen, liebe Tante,“ antwortete der junge Mann, der mit ſeiner Schweſter folgte,„auch wenn ich, was Sie ſagen, ſchon ein oder das andere Mal von Ihnen gehört haben ſollte. Emilie, Kind, wo haſt Du denn die Augen, Du wärſt um ein Haar unter das Rad gekommen!“ Die Damen waren eingeſtiegen, Adolf von Breeſen gab dem Kutſcher auf dem Bocke noch eine Inſtruction über den einzuſchlagen⸗ den Weg. Oswald ſtand an der geöffneten Thür, die Tante hatte ſich ſchon bequem in ihrer dunkeln Ecke zurecht geſetzt, Emilie hatte ſich etwas nach vorn gebeugt. Das Licht von den Laternen auf dem Bocke und vor der Hausthür fiel auf ihr Geſicht. Ihre Blicke hingen unverwandt auf Oswald; aber ſie ſah ihn wohl kaum, denn ihre großen Augen waren von Thränen verſchleiert; ſie wagte nicht zu ſprechen, aber ihr leiſe zuckender Mund war beredt genug. Ihr Bru⸗ der ſprang in den Wagen und zog die Thür hinter ſich zu.„Fort!“ die Pferde zogen an. Eine kleine Hand in weißem Handſchuh winkte aus dem Fenſter. Das war das letzte Liebeszeichen. Im nächſten Augenblick ſtand ein anderer Wagen auf dem Platze. Oswald kehrte in das Haus zurück. Die Geſellſchaft war ſchon ſehr zuſammengeſchmolzen; unter den Wenigen, die noch da waren, und, in Mäntel und Shawls gehüllt, auf ihre Equipagen warteten, war Niemand von denen, welche Oswald im Laufe des Tages genauer kennen gelernt hatte. Herr von Langen war der Erſte geweſen, der aufgebrochen war, nachdem er ſeinen neuen Freund auf das dringendſte wiederholt zu einem Beſuche aufgefordert hatte. Oswald hatte ſich draußen erkundigt, ob der Wagen von Grenwitz wieder da ſei, aber eine verneinende Antwort erhalten. Je mehr die Geſellſchaft ſich lichtete, deſto unangenehmer wurde ihm dies ganz unbegreifliche Aus⸗ bleiben. Er ſah ſchon im Geiſte, wie er der letzte von Allen ſein würde, und hatte ſchon beſchloſſen, lieber vorher zu Fuß aufzubrechen, Problematiſche Naturen. als ſchließlich auf die Gaſtfreundſchaft des Herrn von Barnewitz an⸗ gewieſen zu ſein. Da kam der Baron Oldenburg aus dem Neben⸗ zimmer und ſchien Jemand mit den Augen zu fuchen. Sobald er Oswald bemerkte, lenkte er ſeine Schritte auf dieſen zu. „Wie iſt es, Herr Doctor,“ ſagte er,„ich dächte, es wäre Zeit, nun „Ich wäre ſchon auf und davon,“ antwortete Oswald,„nur fehlt es mir vorläufig noch an Roß und Wagen; ich vermuthe, daß des Barons Kutſcher und Pferde, die mich abholen ſollen, unterwegs ein⸗ geſchlafen ſind.“ „Ich mache mir ein beſonderes Vergnügen daraus, Ihnen einen Platz in meinem Wagen anzubieten,“ ſagte der Baron.„Der kleine Umweg, den ich machen muß, um Sie vor dem Thore in Grenwitz abzuſetzen, wird mir durch das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft doppelt und dreifach entſchädigt.“ „Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an.“ „Eh bien, partons!“ Auf dem Flure trafen ſie Herrn von Barnewitz, der augen⸗ ſcheinlich ſeinen Pflichten als Wirth nur noch mit der größten Mühe nachkam. Seine Augen waren blutunterlaufen, ſeine Stimme war auf eine unangenehme Weiſe rauh und heiſer. Er ſchwatzte allerlei tolles Zeug durcheinander, während er den einzelnen Gäſten, die er bis an den Wagen begleitete, eine höfliche Phraſe mit auf den Weg zu geben bemüht war.„Wollen ſchon fort— na bleiben Sie gut nach Hauſe — Johann! Deinen Wagen für Frau von Poggendorf— gnädige Frau müſſen noch einen Augenblick anſpannen laſſen. Empfehle mich Ihrem Herrn Gemahl! Ah! Poggendorf, alter Junge, hatte Dich gar nicht geſehen, laß Deine Frau in Teufels Namen allein fahren, wollen Glas Champagner— Oldenburg, Doetor, auch ſchon fort?— Un⸗ ſinn! freue mich Ihre Bekanntſchaft zu machen— ſchießen wie der Teufel— iſt recht, daß Sie den Cloten blamirt haben— iſt ganz recht; biſt ein famoſer Kerl, Doctor,(zärtliche Umarmung), biſt mein Herzensfreund,(Schluchzen), mein beſter Freund,(neue Umarmung), hätteſt ihn todtſchießen ſollen, den Hallunken.“ „Komm, Barnewitz, ich habe Dir etwas mitzutheilen,“ ſagte der Zweiter Band. 1 Baron, Herrn von Barnewitz ziemlich derb auf die Schulter ſchlagend und ihn ein paar Schritte von dem Wagen fortführend.„Entſchuldigen Sie auf eine Minute, Herr Doctor; Karl! Platz machen, daß die andern Wagen vorfahren können.“ Die Beiden gingen eine Weile im Geſpräch auf und ab, bald in dem Dunkel des Hofes faſt verſchwindend, bald in hen lichten Kreis, der das Haus umgab, tretend. Oswald konnte ſich Wohl denken, wo⸗ von zwiſchen den Beiden die Rede war. Ein paar Mal erhob Herr von Barnewitz ſeine Stimme, aber er ſenkte ſie auch alsbald wieder vor einem„St!“ oder„biſt Du nicht geſcheut?“ Oldenburg's, wie eine wilde Beſtie in der Menagerie aufbrüllt und ſofort ſchweigt, wenn der Blick oder die Peitſche des Herrn ſie trifft.„Dieſer Mann übt eine magiſche Gewalt über die Andern aus,“ ſagte Oswald bei ſich, während er die lange Geſtalt des Barons neben dem um einen Kopf kleineren Barnewitz, wie das perſonificirte Gewiſſen neben einem armen Sünder hin und her ſchreiten ſah—„ich ſelbſt verſpüre ſchon ſeine Einwirkung. Es iſt ein Dämon in dem Manne, ein Dämon, den man entweder lieben oder haſſen, oder vielmehr lieben und haſſen muß, denn ich möchte dieſen Menſchen gern haſſen und kann es nicht. Und was hat er dir denn auch ſchließlich gethan? Wenn er Melitta noch immer liebt, wie ich glaube, ſo bin ich für ihn ein ſchlimmerer Feind, als er für mich. Aber warum hat mir Melitta nicht geſagt, wie ihr Verhältniß mit dem langen Geſpenſt dort war und iſt? ich hätte ſie heute nicht gekränkt. Arme Melitta! wie ſie mich anſah— und was würde ſie ſagen, wenn ſie die Scene in der Fenſterniſche geſehen hätte? Das ſüße, herzige Mädchen!— und auch ihre Augen waren voll Thränen, als ſie im Wagen ſaß und mich ſo un⸗ verwandt anblickte. O! wer könnte ſo grauſam ſein, die Liebe dieſes holden Geſchöpfes zurückzuweiſen? Und dennoch: „All dieſes Neigen von Herzen zu Herzen— Ach, wie ſo eigen ſchaffet es Schmerzen.“ Heiliger Göthe, bitt' für mich! Du haſt ja auch die Lilie nicht verſchmäht, weil die Roſe ſo ſchön iſt, und deshalb umgiebt nun ein Kranz von Roſen und Lilien Dein ambroſiſches Haupt. Du hätteſt die kleine Emilie an Dein großes Herz genommen und hätteſt ihr ſanft Fr. Spielhagen's Werke. II. 2 18 Problematiſche Naturen. die üppigen Haare aus der Stirn geſtreichelt und hätteſt ſie zärtlich auf die zärtlichen Augen geküßt. O, ihr ewigen Sterne, wie reizend das Kind in dem Augenblicke war! Denn, Alles in Allem, iſt es doch nur ein Kind, und morgen wird ſie in ihrem Daunenbettchen er⸗ wachen und glauben, daß ſie die Scene in dem Erker geträumt hat.“ So ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen— für den Augenblick gelang es ihm auch. „Darf ich jetzt bitten einzuſteigen, Herr Doctor?“ rief der Baron, der mit Herrn von Barnewitz herantrat.„Es bleibt alſo dabei, Barnewitz?“ „Verlaß Dich darauf!“ ſagte dieſer, dem die Unterredung mit ſeinem Mentor und die kühle Nachtluft ſehr wohl gethan zu haben ſchienen. Verlaß Dich d'rauf. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich „St! ſitzen Sie bequem, Herr Doctor? Adieu, Barnewitz! fort, Karl!“ Prittes Capitel. Die Pferde zogen im Galopp an, der leichte Holſteiner⸗Wagen raſſelte über den etwas holprigen Damm des Hofes. Im Nu lag das Schloß mit ſeinen noch immer lichterhellten Fenſtern, die dunklen Scheunen und Ställe, die kleinen Häuslerwohnungen hinter ihnen, und ſie befanden ſich draußen zwiſchen den nickenden Kornfeldern und den nebelverhüllten Wiefen. Die kurze Sommernacht ging zu Ende. Im Oſten verkündete ein hellerer Streifen den neuen Tag; die Däm⸗ merung breitete über Alles gleichmäßig ihren grauen Schleier. Ge⸗ rade vor ihnen nach Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trüben, dichten Dunſtmaſſen. Alles war noch ſtill auf den weiten Feldern, ſelbſt die Lerche, die Tagverkünderin, ſäumte noch. Oswald hatte ſich in ſeine Ecke zurückgelehnt, und ſah träumend in die Däm⸗ merung hinaus, nur manchmal, wenn der Dampf von des Barons Cigarre an ihm vorbeifuhr, wandte ſich ſein Blick auf dieſen, der den Hut etwas in den Nacken geſetzt, den Kragen ſeines Rockes in die Zweiter Band. 19 Höhe geſchlagen, die langen Beine von ſich ſtreckend, in Nachdenken verſunken ſchien. So mochten ſie wohl eine Viertelſtunde lang ſchwei⸗ gend neben einander geſeſſen haben, als der Baron plötzlich ſagte: „Sie rauchen ja nicht?“ „Nein.“ „Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ „Ich danke: ich bin kein Raucher!“ „Das iſt wunderbar.“ „Weshalb?“ „Weil ich nicht begreifen kann, wie es ein Menſch im neunzehnten Jahrhundert aushalten kann, ohne Taback oder Opium zu rauchen, Haſchiſch zu kauen oder ſonſt auf irgend eine Weiſe das katzenjäm⸗ merliche Gefühl ſeiner elenden Exiſtenz in etwas abzuſchwächen. Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigſten.“ „Warum gerade von mir?“ „Weil, wenn mich nicht Alles täuſcht, Sie vor Sehnſucht nach der blauen Blume tödtlich erkrankt ſind, und in dieſer unbefriedigten Sehnſucht auch eines ſchönen Tages ſterben werden. Sie erinnern ſich doch der blauen Blume in Novalis' Erzählung? der Blume, nach der Heinrich von Ofterdingen's armes Herz verſchmachtete? Die blaue Blume! Wiſſen Sie, was das iſt? das iſt die Blume, die noch keines Sterblichen Auge erſchaute, und deren Duft doch die ganze Welt er⸗ füllt. Nicht alle Creatur iſt fein genug organiſirt, dieſen Duft zu empfinden; aber die Nachtigall iſt von ihm berauſcht, wenn ſie heim Mondenſchein oder in der Dämmerung des Morgens ſingt und klagt und ſchluchzt, und all die närriſchen Menſchen waren es und ſind es, die früher und jetzt in Proſa und Verſen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein Gott gab, zu ſagen, was ſie leiden, und die in ihrer ſtummen Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieſer Krankheit iſt keine Rettung— keine, als der Tod. Wer nun einmal den Duft der blauen Blume eingeſogen, für den kommt keine ruhige Stunde mehr in dieſem Leben. Als wäre er ein verruchter Mörder, als hätte er den Herrn von ſeiner Schwelle geſtoßen, ſo treibt es ihn weiter und immer weiter, wie ſehr ihn auch ſeine wun⸗ 2* 20 Problematiſche Naturen. den Füße ſchmerzen und es ihn verlangt, das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen. Wohl bittet er, von Durſt gequält, in dieſer oder jener Hütte um einen Labetrunk, aber er giebt den leeren Krug ohne Dank zurück; denn es ſchwamm eine Fliege in dem Waſ⸗ ſer, oder das äß, und wäre es von Asbeſt, war nicht reinlich, und ſo oder ſt rquickung hatte er ſich nicht getrunken. Erquickung! Wo iſt das A in das wir einmal geſchaut haben, um nie wieder in ein anderes, glänzenderes, feurigeres ſchauen zu wollen; wo iſt der Buſen, an dem wir einmal ruhten, um nie wieder das Pochen eines anderen, wärmeren, liebedurchglühteren Herzens hören zu wollen? wo? ich frage Sie wo?“ Der Baron ſchwieg: Oswald fühlte ſich auf die ſeltſamſte Weiſe bewegt. Was der ſonderbare Mann an ſeiner Seite in einem faſt elegiſchen Tone, der auffallend mit ſeiner ſonſtigen herben, rauhen Sprachweiſe conſtratirte, wie träumend, wie mit ſich ſelbſt redend, ſprach, das waren ſo ganz ſeine eigenen Gedanken, die er oft und oft, als Knabe ſchon, und immer wieder im Leben gehabt, daß ihm faſt ein Grauen ankam vor dieſer geiſtigen Doppelgängerei. Er fand keine Antwort auf eine Frage, die er ſelbſt aufgeworfen zu haben ſchien. „Es hat mir immer viel zu denken gegeben,“ hub der Baron wieder an,„daß der Menſch ſich ſelbſt, ſeine Exiſtenz erſt mehr oder weniger vergeſſen muß, bevor er in den Zuſtand kommt, den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit glücklich bezeichnen, und daß wir ihn um ſo glücklicher nennen müſſen, je tiefer dieſe Vergeſſenheit iſt. The best of life is but intoxication, ſagt Lord Byron; ja wohl! die Liebe, die Romeo⸗ und Julieliebe, für die man in den Tod geht, wie zu einem heitern Feſt, iſt auch nur ein Rauſch! Schlafen iſt beſſer, als wachen, ſagt die Weisheit der Inder; das Beſte von allen aber iſt der Tod.“ „Und doch tödten ſich im Verhältniß ſo wenig Menſchen“— warf Oswald ein. „Ja, das iſt merkwürdig genug,“ ſagte der Baron,„beſonders heut' zu Tage, wo die Meiſten ſich ſelbſt vor den Hamlet⸗Träumen, die uns in jenem ewigen Schlafe kommen möchten, nicht mehr fürchten.“ Zweiter Band. 21 „Sollte dies nicht ein Beweis dafür ſein, daß es mit dem viel⸗ geklagten Unglück dieſer Leute ſo ſehr arg nicht ſein kann?“ „Vielleicht; vielleicht beweiſt es aber auch nur, wie ſchwer es dem Menſchen wird, die letzte Hoffnung ſchwinden zu laſſen. Warum ſchleppt ſich der verirrte Wandrer mechaniſch weiteg durch den tiefen Schnee? warum ſpäht der arme Schiffbrüchige g Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert über die öde Waſſerwüſte h dem rettenden Segel? warum zerſchellt ſich der auf Lebenszeit Eingekerkerte nicht den Kopf an der Wand ſeines Kerkers? warum erhängt ſich der arme Schelm, der morgen früh hingerichtet werden ſoll, nicht heute Nacht ſchon in ſeinen Ketten?— weil ihr Unglück ſo groß nicht iſt? Pah, glauben Sie doch das nicht— einzig und allein, weil noch immer ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung, von Rettung durch die Hölle ihrer Leiden dämmert, wie dort der blaſſe Streifen im Oſten. Wenn auch dieſer matte Schimmer einmal verlöſchte, dann, ja dann muß die alte Mutter Nacht ihr armes, verirrtes Kind wiedernehmen, die milde, gute, liebevolle Todesnacht.“ Nach einer kurzen Pauſe, während welcher der Baron mächtige Dampfwolken aus ſeiner Cigarre geblaſen hatte, fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort: „Ich bin ein paar Jahre älter als Sie, und das Geſchick ver⸗ ſtattete mir, in kürzerer Zeit ein größeres Stück vom Leben zu ſehen, als es ſonſt wohl dem Menſchen gegeben iſt. Ich habe das, wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang in Leipzig eine möglichſt große Portion wünſchte: Erfahrung. Ich könnte, müßte wenigſtens mittler⸗ weile erfahren haben, daß für mich und Meinesgleichen keine Hoff⸗ nung mehr im Leben iſt, und dennoch, trotzdem daß ich ſage: ich habe keine Hoffnung mehr, hoffe ich im Stillen doch immer auf ein mög⸗ liches Glück, wie der Schwindſüchtige auf Geneſung. Nehmen Sie zum Beiſpiel eine Geſellſchaft, wie die, aus der wir eben kommen. Ich weiß, wie hohl die Freuden dieſer Menſchen ſind, ich weiß, wie kummervolle Geſichter, welch' erbärmliche Armenſündermienen ſich hin⸗ ter den lachenden Geſellſchaftsmasken verſtecken— ich weiß, vaß die⸗ ſes hübſche Mädchen in zehn Jahren eine unglückliche Frau, oder eine Idiotin iſt, daß dieſer prächtige Junge, der den Kopf ſo hoch trägt 22 Problematiſche Naturen. und ausſieht, als ob er ſämmtliche zwölf Arbeiten des Herkules an einem Tage verrichten könne, ein plumper Landjunker ſein wird, der gegen die Bauern das jus primae noctis geltend macht und nebenbei ſeine Frau womöglich prügelt— das weiß ich, und weiß noch mehr, und habe es tguſend⸗ und aber tauſendmal im Leben geſehen, und doch bin ichen wenig blaſirt, daß dieſe trügeriſche Fata Morgana eine zauberiſch kung auf mich hat, bin ſo wenig ernüchtert, daß jede hübſche Mädchenblume die Hoffnung in mir erweckt, ich könnte wirklich einmal im Leben lieben oder geliebt werden, daß jede jugend⸗ lich ſchöne männliche Erſcheinung mich wieder an Freundſchaft glauben macht. Hätten Sie mir ſolchen Unſinn zugetraut?“ „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ſo denken, ſo fühlen könnten.“ „Und darin hatten Sie vollkommen Recht,“ ſagte der Baron;„ich denke und fühle ſo auch nur, wenn ich, wie jetzt, complet betrunken bin.— Was war das?“ Ein greller Schrei tönte aus geringer Entfernung durch den ſtillen Morgen zu ihnen herüber,— und noch einmal, ſchriller, ver⸗ zweifelnder, wie wenn ein Weib— denn es war eines Weibes Stimme, das Meſſer in des Mörders Hand blinken ſieht. Vor ihnen in geringer Entfernung lag ein Stück Waldland; der Weg führte daran herum, das Geſchrei mußte von der andern Seite kommen, die jetzt noch durch ein paar einzeln ſtehende Eichen und durch dichtes Unterholz verdeckt war. „Zu, Karl! zu!“ ſchrie der Baron. Der Kutſcher hieb kräftig in die Pferde. Die edlen Thiere, wie voll Entſetzen über eine ſo unwürdige Behandlung, ſtürmten mit einer Schnelligkeit dahin, die den Inſaſſen des Wagens leicht hätte gefährlich werden können. Im Nu war die Waldecke erreicht. Sobald ſie einen Blick auf die andere Seite werfen konnten, bot ſich ihnen das ſelt⸗ ſamſte Schauſpiel dar.— Ein ſeltſam gekleidetes, braunes Weib, um deren bläulich ſchwarze Haare ein Stück rothes Zeug turbanartig ge⸗ wunden war, lief kreiſchend her hinter drei Reitern, die ihre Roſſe zur größten Eile ſpornend, im nächſten Augenblick ſchon in einer neuen Biegung des Weges hinter den Bäumen verſchwunden waren. Als der Wagen des Barons herandonnerte, ſprang das Weib auf die Zweiter Band. 23 Seite, und rief mit gellender Stimme, die Hände flehend erhebend: „Mein Kind— mein Kind! ſie haben mir mein Kind geraubt!“ Nur mit Mühe konnte der Kutſcher die Pferde zum Stehen brin⸗ gen. Oswald, der in dem Weibe ſofort die braune Gräfin erkannt hatte, war vom Wagen herabgeſprungen. „Rette mein Kind, Herr! rette mein Kind!“ ſe die Zigeunerin, ſich vor ihm niederwerfend und ſeine Knie umklaind. Der Baron lachte. „Eine ungeheuer romantiſche Situation, Herr Doctor!“ rief er vom Wagen herab.„Morgenbämmerung, Wälderrauſchen, Zigeuner, des Königs Hochſtraße,— wahrhaftig: reiner Eichendorf! Unterdeſſen, daß Sie die ſchöne Beraubte tröſten, will ich den Räubern nachſetzen, die übrigens nur Schafe in Wolfskleidern, das heißt ein paar unſrer hohlköpfigen Junker ſein werden, die das Ganze für einen genialen Spaß halten.“ „Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz,“ ſagte der Kutſcher, der die wilden Pferde kaum halten konnte, über die Schulter gewandt. „Zu!“ rief der Baron,„wir wollen die Junker Mores lehren!“ Der Wagen donnerte weiter. Die Zigeunerin hatte ſich wieder erhoben. Sie ſah dem Wagen nach, der in raſender Schnelligkeit auf dem höckrigen Waldweg dahin⸗ fuhr und jetzt hinter der vorſpringenden Ecke verſchwand. Ein ſelt⸗ ſames Lächeln flog über ihr Geſicht, während ſie, in athemloſer Auf⸗ merkſamkeit lauſchend, daſtand. Dann, als ihr ſcharfes Ohr das Rol⸗ len des Wagens nicht mehr vernahm, kreuzte ſie die nackten Arme über der vollen Bruſt, deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm, der eben noch ihren ganzen Organismus erſchüttert hatte, zeugte, und ſtarrte, in tiefes Nachdenken verſunken, düſter vor ſich nieder. Plötzlich hob ſie den Kopf und ſagte, die großen glänzenden Augen auf Oswald heftend: „Kennſt Du den fchwarzen Mann, der mir die Czika wieder⸗ bringt?“ „Ja, Iſabell.“ „Iſt er Dein Freund?“ 24 Problematiſche Naturen. „Nein.“ „Aber er wird es einſt ſein?“ „Vielleicht.“ „Iſt er gut?“ „Ich halte ihn dafür.“ „Gedenkſt och des Nachmittags am Sumpfesrand, Herr?“ „Ja, Iſ „Kannſt ie Stelle wiederfinden?“ „Ich glaube, ja;— weshalb?“ „Willſt Du, wenn wiederum der volle Mond, wie heute Nacht, am Himmel ſteht, den ſchwarzen Mann an dieſe Stelle führen? O, ſage: ja! bei Deiner Liebe zu der ſchönen, guten Frau, bei den Ge⸗ beinen Deiner Mutter beſchwöre ich Dich, ſage: ja!“ Die Zigeunerin hatte ſich abermals vor Oswald auf die Knie geworfen, und blickte, die Hände über den Buſen kreuzend, flehend zu ihm empor. „Steh auf, Iſabel;“ ſagte der junge Mann;„ich will Deinen Wunſch erfüllen, wenn ich kann.“ Die Zigeunerin ergriff ſeine Hände, die er nach ihr ausſtreckte, ſie vom Boden zu heben, und küßte ſie mit leidenſchaftlicher Dank⸗ barkeit. Dann ſprang ſie empor, eilte über die Breite des Weges dem Walde zu, und war im nächſten Augenblicke ſchon in dem dichten Geſtrüpp, durch das ſie mit der Kraft und Schnelligkeit des Hirſches brach, verſchwunden. Ehe ſich Oswald von dem ſprachloſen Erſtaunen, in welches ihn das räthſelhafte Betragen der braunen Gräfin verſetzt hatte, erholen konnte, vernahm er ſchon das Rollen des Wagens, der in derſelben Eile, mit der er ſich vorher entfernt hatte, zurückkam. Aber bevor das Fuhrwerk die vorſpringende Waldecke, hinter der es verſchwun⸗ den war, erreicht hatte, hielt es plötzlich, und um die Büſche herum kam der Baron, im bloßen Kopf, die kleine Czika auf dem Arm tragend.“ „Wir haben gejagt, wir haben gefangen;“ rief er ſchon von weitem.„Die feigen Wölfe ließen, ſobald ſie ſahen, daß ſie verfolgt wurden, die ſchöne Beute fahren, und machten, daß ſie davon kamen. Zweiter Band. 25 — So, Du kleiner Ganymed, nun ſieh' zu, ob Dich Deine Füße wieder tragen—“ Der Baron ließ das Kind aus ſeinen Armen auf den Boden gleiten.„Aber, wo iſt denn die Mutter geblieben, oder wer ſonſt das braune Weib war?“ fragte er, erſtaunt, Pswald allein zu finden. Oswald theilte ihm in kurzen Worten mit, ſich während. ſeiner Abweſenheit zugetragen hatte. „Nun, das iſt nicht übel,“ ſagte der Baron;„die Sache wird immer romantiſcher. Vollmond, Sumpfesrand, ein ſchlaues egyptiſches Weib und zwei gute deutſche Jungen, die ſich nasführen laſſen!— Was ſollen wir denn mit der Czika, wie Sie die kleine Prinzeſſin nennen— denn ich wette, es iſt ein geſtohlenes Königskind— unter⸗ deſſen anfangen?“ „Wenn wir ſie nicht auf der offenen Landſtraße zurücklaſſen wol⸗ len, werden wir uns wohl entſchließen müſſen, ſie mit uns zu nehmen.“ „Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen. Höre, kleine Czika, willſt Du mit mir gehen?“ „Ja, Herr,“ ſagte das Kind, das bis jetzt, ohne eine Spur von Beſorgniß, Furcht oder Angſt zu verrathen, ruhig dageſtanden hatte. „Hm!“ ſagte der Baron,„da komme ich ja zu einem Adoptiv⸗ kinde, ich weiß nicht wie.“ Er war mit einem Male ſehr ernſt geworden. Er ſtreichelte der Czika die blauſchwarzen ſeidenen Locken von der feinen Stirn, und betrachtete ſie lange unverwandt. „Wie ſchön das Kind iſt!“ murmelte er;„wie wunderſchön! Und wie groß es geworden iſt!— Komm mit mir; kleine Czika, Du ſollſt es gut, ſehr gut bei mir haben; ich will Dich mehr lieben als Deine Mutter, die Dich ſo ſchnöde verlaſſen, Dich je geliebt hat.“ „Mutter verläßt die Czika nicht;“ ſagte das Kind, ruhig zum Baron emporblickend;„Mutter iſt, wo die Czika iſt; Mutter iſt überall.“ Sich von den Männern abwendend, legte es die Händchen an den Mund; und in den ſtillen Wald hinein gellte ein Schrei, dem Ruf des jungen, hungrigen Falken täuſchend ähnlich. 26 Problematiſche Naturen. Das Kind neigte den Kopf und„lauſchte; der Baron und Oswald hielten unwillkürlich den Athem an. Da tönte aus dem Walde, aber offenbar ſchon aus größerer Entfernung, die Antwort: Der helle, wilde Schrei des alten Falken, wenn er aus ſeiger luftigen Höhe, tief unter ſich, die ſichere Beute erſpäht hat. „Siehſt nicht; wenn Dir gehen.“ „Nun denn, ſo komm, Du junge Falkenbrut!“ ſagte der Baron, das Kind bei der Hand ergreifend.„Kommen Sie, Doctor! Ich glaube, daß Karl den Riemen, der vorhin riß, wohl wieder zuſammen⸗ geflickt haben wird. Da kommt er ſchon. Alles in Ordnung, Karl?“ „Ja, Herr.“ Die Herren ſtiegen ein, und nahmen das Kind zwiſchen ſich. „Fort!“ rief der Baron;„ſcharfen Trab!“ Bald kamen ſie aus dem Walde auf die weite Haide, die ſich zwiſchen Faſchwitz nach Grenwitz hinzieht, dieſelbe Haide, auf der Oswald die alte Frau aus dem Dorfe getroffen hatte.— Es war noch eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Am öſtlichen Himmel legte ſich ein Purpurſtreifen über den andern. Die Luft wehte vom Meer her kühl über das feuchte Moor. Die kleine Czika hatte ſich an den Baron geſchmiegt und war feſt eingeſchlafen. „Wie leicht das Kind gekleidet iſt,“ ſagte dieſer;„es wird ſich erkälten in der ſcharfen Morgenluft.“ Er richtete ſich in die Höhe, zog ſeinen Ueberrock aus; hüllte die Kleine hinein, nahm ſie auf den Schooß, und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt. „So, ſo!“ ſagte er gütig,„ſo, ſo! und dann zu Oswald, der in Nachdenken über den räthſelhaften Charakter des Mannes an ſeiner Seite verſunken, ſchweigend dageſeſſen hatte:„Ich komme Ihnen ein ganz klein wenig toll vor; nicht wahr, Doctor?“ „Nein,“ ſagte dieſer, den Kopf emporhebend;„nicht im min⸗ deſten.“ err, agte das Kind;„Mutter verläßt die Czika ie Czika mit Dir nehmen willſt, die Czika will mit Zweiter Band. 27 „Das kommt, weil Sie“ an derſelben Krankheit laboriren. Was Andere vor Erſtaunen ſprachlos macht, erſcheint uns ganz natürlich; und was die guten Leute und ſchlechten Muſikanten für ganz ſelbſt⸗ verſtändlich halten, kommt uns oft geradezu fabelhaft vor. Ihnen wird es z. B. nicht unglaublich erſcheinen, wenn ichhgen ſage, daß mir dieſes Kind hier nun ſchon zum dritten Malben begegnet, und daß ich ſo abergläubiſch bin, in dieſer drein Begegnung viel mehr zu ſehen, als einen bloßen Zufall, wie ich denn überhaupt mit Wallenſtein der Meinung bin, daß es keinen Zufall giebt.“ „Und wo und wann glauben Sie die Czika geſehen zu haben?“ „Das erſte Mal vor vier Jahren in England. Ich ritt mit einem paar meiner engliſchen Freunde in einem abgelegenen Theile des Hyde⸗ Park. Als wir im Galopp um eine Ecke biegen, ſteht ein Kind da— ein braunes Kind mit großen, glänzenden, ſchwarzen Augen— und hebt die Händchen bittend empor. Ich achtete ſeiner, in lebhaftem Geſpräch begriffen, kaum. Als wir ein paar hundert Schritte weiter geritten ſind, packt es mich plötzlich wie mit Geiſterhand. Ich kann die Empfindung, die mich überkam, nicht beſchreiben. Mir war, als hätte ich, an dieſem holden, hülfloſen Geſchöpf gleichgültig vorüber⸗ reitend, einen Frevel begangen, der mich zu dem Erbärmlichſten aller Menſchen machte. Ich warf mein Pferd herum, und jagte, wie wahn⸗ ſinnig, nach dem Orte zurück. Das Kind war verſchwunden. Ich rief nach ihm; ich ſtieg ab; ich durchſuchte die nächſten Gebüſche; die Freunde halfen, trotzdem ſie über meine Tollheit, wie ſie es nannten, lachten. Vergebens. Das zweite Mal ſah ich das Kind in Egypten. Es ſind jetzt gerade zwei Jahre. Wir, das heißt, eine kleine Karavane von Nil⸗ fahrern, die ſich zufällig zuſammengefunden hatten, durchzogen, auf Eſeln reitend, die engen, winkligen Straßen Aſyuts. Neben einer offenen Thür, durch die wir auf den ſtillen, ſchattigen Hof einer Moſchee blickten, ſtand in der Niſche der Mauer ein Kind, älter wie das Kind aus dem Hyde⸗Park, und jünger wie das, welches hier in meinen Armen ruht, aber daſſelbe braune Kind mit den blauſchwar⸗ zen Locken und den leuchtenden Gazellenaugen. Wieder ſtreckte es die Händchen bittend nach den Vorübergehenden aus, unv rief den Ruf, 28 leniſche Naturen. den Sie überall in Egypten hören: Brſchiſch, Howadji, Almoſen, o Kaufleute! Ich ſah das Kind, und ſah es auch wieder nicht, denn ich war in einer jener verzweifelten Stimmungen, wie ſie mich manch⸗ mal überkommen, wo ich Ohren und Augen offen habe, und dennoch weder ſehe öre. Als wir um eine Ecke in die nächſte Straße biegen, er genau daſſelbe Gefüht, wie damals im Hyde⸗ Park. Ich vom Eſel herab, laufe, was ich kann, nach der Stelle zurück⸗ Die Niſche war leer. Die Thür zum Hofe der Moſchee ſtand, wie geſagt, offen. Der Hof hatte auf der andern Seite eine zweite, ebenfalls nicht verſchloſſene Thür, die auf eine der Hauptſtraßen führte, in der ſich um dieſe Stunde,— es war in der Abenddämmerung— Menſchen, Kameele und Eſel durcheinander drängten. Das Kind war und blieb verſchwunden, und mit ſchwerem Herzen kehrte ich zu meiner Geſellſchaft zurück, die ſich mein Davon⸗ laufen menſchenfreundlichſt durch die Annahme, ich ſei urplötzlich toll geworden, erklärt hatte.— Halten Sie es für möglich, daß dieſes Kind, das ich zuerſt im engliſchen Nebel und das zweite Mal unter dem warmen Himmel Egyptens geſehen habe, mir jetzt in dem deut⸗ ſchen Buchenwalde zum dritten Male begegnet?“ „Und wäre es nicht daſſelbe Kind, und— offen geſtanden, ich halte es für äußerſt unwahrſcheinlich, daß es daſſelbe iſt;“ antwortete Oswald;„es müßte Ihnen daſſelbe ſein. Ich glaube an den Welt⸗ geiſt, den ewig gleichen, der ſich hinter den Dingen verbirgt, den ewig wechſelnden; ich glaube, daß jene Lerche, die dort aus dem Haidekraut aufſteigt, und ſingend zum Himmel ſchwebt, dieſelbe Lerche iſt, zu der ich als Kind entzückt emporſchaute, bis ſie den ſcharfen Augen im blauen Raum verloren war; ich glaube, daß alle Helden Brüder ſind und daß jeder Unglückliche eben derſelbe Nächſte iſt, den, wie uns ſelbſt zu lieben, Vernunft und Herz gleich gebieteriſch von uns heiſchen.— Ob dieſes Kind daſſelbe iſt, nach dem Sie nun ſchon zweimal vergeblich ſuchten— darauf kommt es nicht an; wohl aber darauf, daß Sie nach ihm ſuchten, daß der Ruf des armen verlaſſenen Geſchöpfes jedesmal durch das Erz, mit dem Sie gefliſſentlich ihre Bruſt umpanzern, bis zu Ihrem Herzen drang... Verzeihen Sie einem Manne, den Sie an Erfahrung und an Geiſt ſo weit über⸗ Zweiter Band. 29 ragen, dieſe Sprache, zu der ihn nichts berechtigt, als die Hochachtung, die er, halb gegen ſeinen Willen, vor Ihnen empfindet. Und ver⸗ ſtatten Sie mir noch dies eine Wort! Wenn Sie ſich entſchließen könnten, dies Kind zu lieben, ſo wäre es für Sie ein Geſchenk, köſt⸗ licher und reicher, als Aladins Wunderlampe. Ließ iſt allenthalben, außer in der Hölle, lautet ein tiefſinniges Wort Ve von Eſchen⸗ bach; das heißt: wo keine Liebe iſt, da iſt die H5 Die Liebe iſt der Duft der blauen Blume, der, wie Sie vorher ſagten, die ganze Welt erfüllt, und in jedem Weſen, das Sie von ganzem Herzen lieben, haben Sie die blaue Blume gefunden, nach der Sie Ihr Leben lang vergeblich ſuchten.“ Ein unſägliches wehmüthiges Lächeln umſpielte des Barons Lippen, während Oswald dieſe Worte ſprach. „Sie löſen ſo doch das Räthſel nicht,“ ſagte er leiſe und traurig, „denn eben die Bedingung, daß wir von ganzem Herzen lieben müſſen, wollen wir die Qual los werden, die uns das Leben zur Hölle macht, können wir ja nicht erfüllen. Wer von uns kann denn noch mit gan⸗ zem Herzen lieben? Wir Alle ſind ſo abgehetzt und müde, daß wir weder die Kraft noch den Muth haben, die zu einer wahren, ernſten Liebe gehören, zu jener Liebe, die nicht ruht und raſtet, bis ſie jeden Gedanken unſers Geiſtes, jedes Gefühl unſers Herzens, jeden Bluts⸗ topfen unſerer Adern ſich zu eigen gemacht hat. Wenn Sie noch jung und gut und gläubig genug zu einer ſolchen Liebe ſind— wohl Ihnen! Von mir kann ich nur wiederholen, was ich vorhin ſchon ſagte: ich habe es aufgegeben, die blaue Blume zu finden, die wun⸗ derholde Blume, die nur dem Glücklichen blüht, der noch mit ganzem Herzen lieben kann. Doch hier ſind wir vor dem Thore von Grenwitz, und wir müſſen ein Geſpräch abbrechen, daß ich in aller⸗ nächſter Zeit mit Ihnen fortſetzen zu können hoffe und wünſche. Leben Sie wohl, und erkundigen Sie ſich recht bald perſönlich nach dem Be⸗ finden des kleinen Weſens, das ja Ihr Schützling faſt noch mehr iſt, als der meine.“ Der Wagen entfernte ſich raſch. Oswald ſchaute ihm noch lange nach; dann ſchritt er, geſenkten Hauptes, über die Brücke und über den Hof dem Schloſſe zu. Die Sonne war aufgegangen und badete 30 Problematiſche Naturen. die grauen Mauern in Frührothlicht; in dem thaufriſchen Garten jubelten die Vögel,— aber für Oswald lag ein grauer Schleier über dem köſtlichen Morgen, denn in ſeinem Ohre klangen die Worte des Barons: er von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? wer s hat denn noch ein ganzes Herz? Piertes Capitel. „Hat Dir das Schläfchen gut gethan, lieber Grenwitz?“ fragte die Baronin. „Ich danke, liebe Anna⸗Maria, recht gut,“ erwiederte der alte Baron. Es war in der Nachmittagsſtunde des Tages nach dem ereig⸗ nungsreichen Balle in Barnewitz; die Redenden befanden ſich in dem⸗ ſelben, nach dem Garten hinaus liegenden Zimmer des Schloſſes, in welchem vor ungefähr acht Tagen die Unterredung zwiſchen der Ba⸗ ronin und Militta ſtattgefunden hatte. Die Baronin ſaß wieder, wie vamals, in der Nähe der geöffneten Flügelthür, die nach dem großen Raſenplatz führte, auf welchem Melitta's Augen Oswald zum erſten Male erblickten, und wieder nähte die muſterhaft fleißige Frau emſig und unverdroſſen, als müßte ſie ſich ihr tägliches Brod mit der Nadel verdienen. Der Baron ſaß ihr gegenüber in demſelben Schaukelſtuhl, in welchem ſich Melittc gewiegt hatte. Er erwachte ſveben aus einem erquickenden Nachmittagsſchlaf und ſchaute mit den alten, glanzloſen Augen freundlich durch die offene Thür auf den Raſenplatz, wo ſein Liebling, der Pfau, das prächtige Gefieder im Sonnenſchein erglän⸗ zen ließ. „Recht gut!“ wiederholte er, die Glieder ſtreckend. „Aber Du ſiehſt doch ſehr angegriffen aus;“ ſagte die Baronin, die großen, kalten grauen Augen forſchend auf die verwitterten Züge des Barons heftend;„dieſe anſpruchsvollen, lärmenden Geſellſchaften ſind wahres Gift für Dich; und ich habe mir ſchon, während Du Zweiter Band. 31 ſchliefſt, im Stillen rechte Vorwürfe gemacht, daß ich geſtern nicht früher zum Aufbruch mahnte.“ „Aber ich verſichere Dich, liebe Anna⸗Maria, ich befinde mich vortrefflich, das heißt, nicht ſchlechter, wie gewöhnlich, oder doch nicht viel ſchlechter,“ ſagte kleinlaut der gute alte Mang ger ſchon ſeit vielen Jahren gewohnt war, den Ausſprüchen ſeing na⸗Maria, die er über Alles liebte und verehrte, niemals t zu wider⸗ ſprechen. „Du mußt Dich in dieſer Zeit noch recht in Acht nehmen,“ ſagte dieſe, wieder emſig nähend;„heute über acht Tage ſpäteſtens müſſen wir reiſen, und Du wirſt zu den Strapazen einer ſo großen Tour Deine ganze Kraft nöthig haben. Wollte Gott, wir wären Alle ſchon glücklich wieder hier! Ich entſchließe mich wahrlich höchſt*ungern dazu. Deine angegriffene Geſundheit— die Gefahren einer Seereiſe — und dann: wird Dir das in Helgoland auch wirklich gut thun? Doctor Braun verſichert es freilich, aber wer kann den Aerzten trauen? Schlägt eine Kur an, triumphiren ſie, und ſchlägt ſie nicht an, ſind nicht ſie daran Schuld, ſondern der Patient, der ſich nicht ordentlich gehalten hat. Und was kümmert es den Herrn Doctor, ob Du geſund oder krank zurückkommſt, ob Du lebſt oder ſtirbſt— aber ich, aber wir,— o Grenwitz, was ſollte wohl aus uns werden, wenn Du uns genommen würdeſt!“ Die Baronin blickte von ihrer Arbeit empor, und in ihren Augen blickte etwas, das man bei einer andern Frau für eine Thräne ge⸗ halten haben würde. Der alte Baron erhob ſich von ſeinem Stuhl, trat auf ſeine Frau zu und küßte ſie zärtlich auf die Stirn. „Du mußt Dir nicht ſolche Gedanken machen, liebe Anna⸗ Maria,“ ſagte er gütig.„Der liebe Gott wird mich noch nicht ſo bald ſterben laſſen; ich bete jeden Morgen zu ihm und danke ihm für jeden neuen Tag, den er mir ſchenkt, nicht meinethalben, denn ich bin ein alter Mann und ſterben müſſen wir ja Alle einmal— ſondern Deinethalben, weil ich weiß, wie ſehr Dich mein Tod ſchmerzen würde, und auch, weil ich noch gern, bevor ich ſterbe, Deine und Helenens Zukunft geſichert ſehen möchte.“ 32 Problematiſche Naturen. Der alte Mann hatte ſich wieder geſetzt und aus einer goldenen Doſe, die neben ihm auf einem runden Tiſchchen ſtand, eine Priſe genommen, um die Rührung, in die er ſich hineingeſprochen hatte, ſchneller zu überkommen; die Baronin nähte wieder eifrig an ihrer Arbeit. „Du b ut,“ ſagte ſie,„viel zu gut, denn Du biſt es ſelbſt gegen die, Deine Güte in keiner Weiſe verdienen, und Du haſt Dir dadurch Känche ſchwere Sorge bereitet, deren Du mit ein wenig mehr— ich will nicht ſagen: Egoismus, denn ich haſſe das Wort— aber mit etwas mehr Discretion überhoben geweſen wäreſt. Du biſt jetzt für meine und Helenens Zukunft beſorgt, mit Recht beſorgt. Dieſe Sorge wäre unnöthig, hätteſt Du nicht, als Du vor vierund⸗ zwanzig Jahren das Majorat erbteſt, die Güter zu wahren Spott⸗ ſummen an Leute verpachtet, die jetzt auf Deine Koſten reich geworden ſind und noch dazu die Unverſchämtheit haben, uns als habſüchtig zu verſchreien, weil wir im nächſten Jahre die Contracte nicht unter den alten Bedingungen erneuern wollen; und hätteſt Du nicht— was ich nie habe begreifen können und nie begreifen werde,— damals ohne alle Noth die enormen Schulden Harald's übernommen, deren Ab⸗ tragung Alles verſchlang, was Deine und ſpäter unſere Sparſamkeit von unſern Renten erübrigen konnte.“ Dem alten Baron ſchien das von ſeiner Gemahlin angeſchlagene Thema nicht beſonders angenehm; er nahm, während ſie ſprach, eine Priſe über die andere und antwortete, als ſie jetzt ſchwieg, nicht ohne einige Lebhaftigkeit: „Ich kann Dir nicht ganz Unrecht geben, liebe Anna⸗Maria, aber auch nicht ganz Recht. Die alten Contracte ſind allerdings den Päch⸗ tern ſehr günſtig, aber die Zeiten waren damals auch andere; das Geld war nach dem Kriege äußerſt knapp, die Güter im Allgemeinen ſtanden ſehr niedrig im Werth, und unſere Güter waren, allerdings durch Harald's Schuld, in Grund und Boden gewirthſchaftet. Die Pächter hatten wahrlich im Anfang ihre liebe Noth, und wenn ſie jetzt mit der Zeit reich und unverſchämt geworden ſind, ſo bin ich an dem einen ſo wenig Schuld, als an dem andern. Ich habe es gut mit ihnen gemeint, daß weiß der liebe Gott. Was aber mein Benehmen S 6—„—— Zweiter Band. 33 Haralds Gläubigern gegenüber anbetrifft, ſo weiß ich wirklich noch heute nicht, wie ich es hätte anders einrichten ſollen. Die Ehre meiner Familie erforderte, daß ich ſeine Schulden übernahm, denn nicht dem Baron Harald von Grenwitz, der, das wußten die Leute recht gut, bei der Unantaſtbarkeit des Majorats niemals ſeine Slden bezahlen konnte, hatten ſie creditirt, ſondern der Familie Greiwitz, die nicht zugeben würde, daß Einer aus der Familie ehrlos werde. Und dann hatte ich gegen meinen Vetter Pflichten der Dankbarkeit. Als er und ich junge Officiere im Regimente waren, und auch im ſpäteren Leben, hat er ſtets wie ein Bruder gegen mich gehandelt. Es iſt wahr, ich habe ſeine Güte nie gemißbraucht, und für jedes Hundert Thaler Schulden, die er für mich bezahlt hat, habe ich Tauſend für ihn be⸗ zahlt, aber er würde mich, davon bin ich überzeugt, aus jeder Verlegenheit geriſſen haben, denn ſeine Freigebigkeit kannte keine Grenzen.“ „Du ereiferſt Dich ohne Noth, lieber Grenwitz, ganz ohne Noth,“ ſagte die Baronin ruhig, während der alte Mann von der ungewohnt langen und lebhaften Rede erſchöpft in den Stuhl zurückgefunken war, „es fällt mir nicht ein, Dir Vorwürfe machen zu wollen. Du weißt, wie wenig Werth ich ſelbſt auf Reichthum lege, wie gering meine perſönlichen Bedürfniſſe find, und daß, wenn ich mir über die Zukunft Sorgen mache, es nicht meinethalben, ſondern der Kinder wegen iſt.“ „Ich weiß es, liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron;„ich weiß es. Ich habe Dir nicht weh thun wollen, und ich bitte Dich wegen meiner Heftigkeit um Verzeihung.“ Eine Pauſe in dem Geſpräche der Gatten erfolgte. Die Baronin nähte emſiger als je, der Baron hatte ſich ſeine Brille aufgeſetzt, ein Zeitungsblatt ergriffen, das der Poſtbote vor einer Stunde gebracht hatte, und begann, die Lippen leiſe bewegend— denn Leſen und Schreiben war des guten Mannes Sache nie geweſen— ſich in die Lecture deſſelben zu vertiefen. „Perſonalveränderungen in der Armee,“ murmelte er;„der Oberſt von—, der Major von—, lauter alte Bekannte. Der junge Grieben ſchon Premier⸗Lieutenant— das geht ſchnell. Dem Seconde⸗Lieutenant Fr. Spielhagen's Werke. I. 3 Problematiſche Naturen. Felix von Grenwitz— Erſuchen— Abſchied— ei der Tauſend; ich dachte, Felir wollte nur um Urlaub einkommen, und hier leſe ich, daß er ſeinen Abſchied genommen hat.“ „In der Thgt!“ ſagte die Baronin, die betreffende Stelle in dem Blatte, das ih der Baron hinreichte, leſend,„nun das freut mich, freut mich ſe ſch will nur geſtehen, lieber Grenwitz daß ich ſelbſt Felir dieſen ertheilt, und ſeinen Austritt aus der Armee mit zu den Bedingungen gerechnet habe, die er erfüllen müßte, bevor wir ihm unſere Helene geben könnten.“ „Aber warum das?“ fragte der Baron erſtaunt. „Warum?“ antwortete die Baronin.„Nun, ich dächte, lieber Grenwitz der Grund wäre doch klar genug. Ich dächte, es wäre die allerhöchſte Zeit, daß Felir ein anderes Leben beginnt, und darauf möchten wir doch wohl vergeblich warten, ſo lange er in denſelben Kreiſen und denſelben Verhältniſſen bleibt, wo er ſeine Lebensweiſe nicht ändern könnte, ſelbſt wenn er wollte. Ich ſehe aus dieſem Schritt, der auch mich überraſcht— denn ich glaubte nicht, daß er ſich ſo ſchnell dazu entſchließen würde— daß es ihm wirklich ernſt⸗ lich um die Hand Helenens zu thun iſt; und, wie geſagt: ich freue mich, freue mich ſehr darüber.“ „Aber, liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron, ſich hinter dem Ohr reibend, faſt verdrießlich;„wir laden uns auf dieſe Weiſe Verpflich⸗ tungen auf, die wir am Ende gar nicht erfüllen können. Wenn nun unſer Kind, wenn Helene nun—“ „Nicht will— meinſt Du?“ unterbrach ihn die Baronin, ſich in ihrem Stuhl in die Höhe richtend, und die Augenbrauen zuſammen⸗ ziehend;„o, ich denke, ſie wird wollen; ich denke, ſie wird nicht vergeblich gelernt haben, daß ein Kind den Eltern Gehorſam ſchul⸗ dig iſt.“ „Aber wenn ſie den Felix nun nicht lieben kann!“ ſagte der alte Mann bekümmert. „Aber, Grenwitz! ich begreife Dich nicht;“ erwiderte die Baronin; „dieſe Heirath iſt ſeit langer Zeit unſer liebſter Wunſch geweſen. Helene hat die paar tauſend Thaler, die wir bis jetzt zurückgeleg haben und die Erſparniſſe, die wir in den kommenden Jahren etwe Zweiter Band. 35 noch machen können, abgerechnet, kein Vermögen; denn Stantow und Bärwalde gehören vorläufig noch nicht uns, ſondern, Dank der Frei⸗ gebigkeit des freigebigen Barons Harald— jedem beliebigen Aben⸗ teurer, der unverſchämt genug iſt, mit ein paar gefälſchten Zeugniſſen in der Hand, die Güter für ſich zu beanſpruchen. Felir Güter ſind allerdings ſehr verſchuldet, ich gebe es zu; aber er kann, wenn er nur will, und ich bin überzeugt, daß er jetzt zur Vernunft gekommen iſt, ſich mit unſerer Hülfe wieder herausreißen, und wenn Malte, was der Allgütige verhüten wolle!— aber in ſolchen Dingen muß man Alles, ſelbſt das Aeußerſte bedenken, und Malte's Geſundheit macht mir unbeſchreibliche Sorge— wenn, ſage ich, Malte ja vor der Zeit ſterben ſollte, ſo iſt Felir Herr von Grenwitz und ich dächte, es müßte Dir ein lieber Gedanke ſein, Deine Tochter ſo gleichſam an Malte's Stelle treten zu ſehen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich langſam die Thür, ein bebrill⸗ tes Geſicht ſchaute vorſichtig herein, und eine quäkende Stimme fragte: „Darf ich näher treten, Gnädigſte?“ „Ah, ſieh, der Herr Paſtor!“ ſagte der Baron, aufſtehend und dem Eintretenden entgegengehend,„ſein Sie beſtens willkommen! Wollen Sie nicht ablegen?“ „Bitte, bitte, Herr Baron— bemühen Sie ſich doch ja nicht— ich kann ja ſelbſt— danke verbindlichſt!“ ſagte Paſtor Jäger, Hut und Stock auf einen Stuhl legend;„ich wollte mich gar nicht auf⸗ halten;— danke verbindlichſt— ich würde einen Rohrſtuhl vorziehen — danke!— ich wollte mich nur nach dem Befinden der gnädigen Herrſchaften erkundigen, denn ich hörte heute Morgen, daß Sie das Zauberfeſt in Barnewitz geſtern mit Ihrer Gegenwart beehrt haben. Recht gut bekommen? Nicht ſonderlich? O! die Frau Baronin ſehen in der That etwas angegriffen aus—“ und der Paſtor blickte, den Kopf wie ein kranker Papagei auf die rechte Schulter neigend, mit dem Ausdruck innigſten Bedauerns auf die Baronin. „Ich befinde mich leidlich,“ ſagte dieſe, die Arbeit, die einen Augenblick geruht hatte, wieder ergreifend; aber Grenwitz ſcheint die Tour weniger gut bekommen zu ſein.“ 3* Problematiſche Naturen. „O, in der That!“ ſagte der Paſtor, den Kopf ſchnell auf die linke Schulter neigend.„Darf ich Ihnen von meinen Tropfen offeriren, Herr Baron, ſechs bis zwölf auf Zucker?“ „Sie ſind doch der wahre Arzt für Seele und Leib,“ ſagte die Baronin, wäl der Paſtor auf eine abwehrende Bewegung des Barons ſein chchen wieder in das Papier wickelte und in die Taſche ſteckte. „Ja, ja; mens sana in corpore sano, ein geſunder, das heißt ein frommer Geiſt in einem geſunden Körper,— das habe ich als Knabe in der Schule gelernt, und ſuche es jetzt als Mann zu üben. — Wo ſind denn aber die lieben Knaben? Noch beim Unterricht? Ja, ja, der Herr Doctor Stein ſcheint ein ſehr ſtrebſamer, fleißiger junger Mann, unter deſſen Anleitung die Junker es mit Gottes Hülfe recht weit bringen werden.“ Nun glaubte der Paſtor Jäger mit dieſen Oswald geſpendeten Lobſprüchen etwas dem Baron und mehr noch der Baronin beſonders Wohlgefälliges geſagt zu haben. Oswalds ruhiges, ſicheres Auftreten hatte ſeiner feigen Seele gewaltig imponirt; Primula Veris, deren Urtheile über Dinge und Menſchen ihm Evangelien waren, hatte ſeit acht Tagen nur das Lob des jungen„Gaſtfreundes“ geſungen, der ihr in einer Stunde mehr Verbindliches geſagt hatte, als ihr ſonſt vielleicht in einem Jahr geſagt wurde; heute Morgen hatte Frau von Plüggen, die Nachbarin und gute Freundin Primulas, dieſer einen Beſuch gemacht, um ihr von dem geſtrigen Balle den pflichtſchuldigen Bericht abzuſtatten. Frau von Plüggen, eine Dame, die ſchon erwachſene Töchter hatte, aber noch immer gern die Jugendliche ſpielte, war entzückt von Oswald, welcher ihr mit ſcheinheiliger Miene ver⸗ ſichert hatte, ſie könne ſich getroſt für ihre jüngſte Tochter ausgeben. Sie erzählte der horchenden Primula, welche Senſation Oswalds Geſchicklichkeit im Schießen unter den jungen Männern hervorgebracht, welche Anerkennung ſeine ſchöne Geſtalt, ſeine feinen Manieren in der Damenwelt gefunden; wie er mit Hortenſe getanzt, Frau von Berkow zu Tiſche geführt habe; und eigentlich, Alles in Allem, der Löwe des Tages geweſen ſei. Schon, daß Oswald an einer Geſellſchaft, deren excluſive Tendenzen dem Paſtor ſehr wohl bekannt waren, überhaupt —— —9„ Zweiter Band. 37 hatte Theil nehmen dürfen, war in den Augen des Letzteren ein merk⸗ würdiges, tief bedeutungsvolles Zeichen. Und zu alle dieſem kam noch ein Umſtand, welcher dem hochwürdigen Herrn Oswalds Gunſt und Freundſchaft vorzüglich wünſchenswerth erſcheinen ließ. Der Paſtor war nicht ohne Ehrgeiz. Er glaubte ſich zu größeren Dingen berufen, als den Bauern von Faſchwitz das Evangelium zü predigen. Er wollte nicht umſonſt ſich bei der Lectüre alter Manuſeripte der Grün⸗ walder Univerſität die Augen verdorben, nicht umſonſt über die ver⸗ ſchollenen Fragmente der verſchollenen Schriften eines verſchollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Diſſertation geſchrieben haben. Er war Doctor, er wollte Profeſſor ſein, Profeſſor in derſelben Muſen⸗ ſtadt, die ihn vor fünfzehn Jahren als verkümmerten Studioſus der Theologie in abgeſchabtem Röckchen durch ihre Gaſſen hatte ſchleichen ſehen. Er wollte es um ſo mehr, als ſeine Primula es wollte, Pri⸗ mula, welche die ländlichen Gefilde, in denen ihre„Körnblumen“ erblüht waren, herzlich ſatt hatte, und ſich im Geiſte als geniale Ge⸗ mahlin des gelehrten Profeſſors an den äſthetiſchen Theetiſchen der Muſenſtadt glänzen ſah.— Zur Erreichung dieſes höchſten Ziels konnte dem Paſtor der Profeſſor Berger, deſſen Stimme in der philoſophiſchen Facultät entſcheidend war, Profeſſor Berger, den er wegen ſeines offen zur Schau getragenen Voltaireanismus, Spinocis⸗ mus, Atheismus gründlich verabſcheute, und deſſen Protection er doch ſchon oft vergeblich erſtrebt hatte, außerordentlich nützlich werden. Oswald aber war der erklärte Günſtling des großen Mannes, der erſte Schüler des alten Meiſters. Eine Empfehlung Oswalds war mehr werth, als eine gelehrte Diſſertation— folglich Oswalds Freund⸗ ſchaft ein Ziel,„aufs innigſte zu wünſchen,“ und ein gelegentliches Lob, das ihm doch wohl wieder zu Ohren kommen konnte, gar„keine ſchlechte Theologie.“ So dachte, ſo rechnete der Paſtor. Wie erſtaunt war er daher, als die Baronin mit einem Ton der Stimme, die nicht viel Gutes verhieß, ſeine huldvolle Phraſe mit der Frage beantwortete: „Sagen Sie einmal aufrichtig, Paſtor Jäger, was halten Sie von dem jungen Menſchen?“ 38 Problematiſche Naturen. Den Schüler Bergers, den Günſtling Primula's, den Löwen vom geſtrigen Junkerfeſt ſchlechtweg als einen„jungen Menſchen“ be⸗ zeichnen zu hören! der Paſtor traute ſeinen Ohren kaum. Er ſchoß über die runden Brillengläſer fort einen forſchenden Blick auf die Baronin, ob ihr Geſicht etwa einen Commentar zu der räthſelhaften Frage geben möchte. Da er ſich in dieſer Hoffnung getäuſcht ſah, und ſchlechterdings nicht wußte, was er antworten ſolle, griff er zu dem Mittel, zu welchem er in ſolchen kritiſchen Fällen ſtets ſeine Zu⸗ flucht nahm, das heißt: er zog die Schultern und die Augenbrauen möglichſt in die Höhe und die Mundwinkel möglichſt tief herunter, und überließ es dem indiscreten Frager, aus dieſer Miene zu machen, was er wollte und konnte. „Sie zögern mit Ihrer Antwort!“ ſagte die Baronin;„ich gebe zu, es iſt nicht ganz leicht, über Herrn Stein in's Klare zu kommen. Er hat unleugbar manche ſchätzenswerthe Eigenſchaften. Seine Ma⸗ nieren ſind für einen Menſchen von ſo niedriger Extraction wirklich überraſchend gut; noch geſtern glaubte die Gräfin Grieben im Anfang, ich wollte ſie myſtificiren, als ich ihr ſagte: der junge Mann, der mit uns gekommen, ſei unſer Hauslehrer. Aber mit einer erträglichen Tournüre, mit gewandter Rede und dergleichen iſt es nur leider nicht gethan, und ich bin heute noch immer nicht mit mir darüber einig, ob wir an dem jungen Manne eine gute Acquiſition gemacht haben oder nicht.“ „Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron;„warum ſollen wir uns nicht auf den Profeſſor Berger verlaſſen, der—“ „Lieber Grenwitz, ich berlaſſe mich auf Niemandem, als auf mich ſelbſt. Der Profeſſor kann ſich durch Stein's einnehmendes Weſen ſo gut haben beſtechen laſſen, wie Du und viele Andere; und geſetzt auch, ſeine wiſſenſchaftliche Bildung ſei wirklich aus⸗ reichend—“ „Nun, darüber dürfte wohl kein Zweifel obwalten, Gnädigſte,“ ſagte der Paſtor, der, wenn er Oswald, wie er jetzt wohl einſah, fallen laſſen mußte, ſich wenigſtens nach dieſer Seite ſichern wollte. „Es iſt durchaus nicht anzunehmen, daß der Profeſſor, dem Nie⸗ mand, man mag über ſeine— ich will nicht ſagen unchriſtliche, Zweiter Band. 39 aber wenig kirchliche Geſinnung, denken, wie man will, einen durchdringenden Scharfblick, eine eminente Gelehrſamkeit abſprechen kann, ſich in dem intimen Umgange eines Ignoranten wohl gefühlt haben ſollte.“ „Ich erlaube mir in wiſſenſchaftlichen Dingen kein Urtheil,“ ſagte die Baronin;„und ſo mag meinetwegen Herr Stein neben dem Piſtolenſchießen, worin er ja, wie ich höre, brilliren ſoll, auch noch zu ſtreng wiſſenſchaftlichen Studien Zeit gefunden haben; aber es kann Jemand gute Manieren haben und Gelehrſamkeit dazu, und doch ein unmoraliſcher Menſch ſein.“ „Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der alte Baron ganz er⸗ ſchrocken, während der Paſtor die Mundwinkel herunterzog und bei⸗ ſtimmend nickte. „Ich bleibe dabei,“ fuhr die Baronin fort,„ein unmoraliſcher Menſch. Hätte ich gewußt, was ich leider zu ſpät erfuhr, daß der Profeſſor bei aller ſeiner vielgerühmten Gelehrſamkeit in dem Geruche eines Demokraten und Atheiſten— ich weiß nicht, welches von beiden das Schlimmere iſt, denn wer ſeinen Gott nicht ehrt, kann auch ſeinen König nicht ehren und umgekehrt— ich ſage, hätte ich gewußt, daß der Profeſſor ein Freidenker und ein Mann der Umſturzpartei iſt, ich würde ihm nimmermehr bei der Wahl eines Erziehers für meinen Sohn eine entſcheidende Stimme eingeräumt haben.“ „Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron;„es iſt doch möglich, daß Du in Betreff Steins ungegründeten Befürchtungen Raum giebſt. Ich erinnere mich, nie ein Wort von ihm gehört zu haben, in dem man mit Sicherheit die Beſtätigung eines ſo ſchrecklichen Verdachtes hätte finden können.“ „Nun, Paſtor Jäger,“ ſagte die Baronin,„ſind Sie auch von der Unſchuld des jungen Mannes ſo feſt überzeugt?“ „Ich würde nicht der Wahrheit die Ehre geben,“ ſagte dieſer mit der Miene und dem Ton herzinnigſten Bedauerns,„wollte ich leugnen, aus ſeinem Munde Aeußerungen vernommen zu haben, die an das Gebiet des Frivolen, ja, ich möchte ſagen: Unheiligen nahe genug ſtreif⸗ ten, um mich, ich darf wohl ſagen— recht ſchmerzlich zu berühren. 40 Problematiſche Naturen. Aber ich tröſtete mich mit dem Gedanken, daß auch ein ſpäterhin trefflicher Wein in der Zeit der Gährung unſchmackhaft und trübe iſt, und vertraue der Allgüte deſſen, der aus dem Saulus einen Paulus machte.“ „Das iſt ſehr ſchön und chriſtlich,“ ſagte die Baronin,„beruhigt mich aber keineswegs. Wenn die Seele meines Kindes einmal ver⸗ giftet iſt, kann es mir gleichgältig ſein, ob der Vergifter ſpäter ſeinen Frevel bereut; und ich geſtehe: nach den Ereigniſſen des geſtrigen Tages hat ſich der Verdacht, den ich, ohne Uebertreibung, von dem erſten Augenblicke an gegen Stein nährte, faſt bis zur Gewißheit geſteigert.“ „Iſt etwas Befonderes vorgefallen, Gnädigſte?“ fragte der Paſtor, mit ſeinem Stuhle einen halben Zoll näher rückend. „Ich ſpreche nicht gern darüber,“ antwortete die Baronin,„und wenn ich es doch thue, ſo iſt es, weil ich Sie als einen langjährigen Freund unſeres Hauſes kenne, und zu Ihrer Discretion—“ „Meine Pflicht und Schuldigkeit, Gnädigſte,“ rief der Paſtor, die Hand auf's Herz legend und den Rücken krümmend. „Sie kennen den Baron Oldenburg,“ fuhr die Baronin fort. „Nicht perſönlich, Gnädigſte, nur nach dem, was ich in vertrau⸗ lichen Unterredungen der gnädigen Herrſchaften, denen ich beiwohnen zu dürfen gewürdigt wurde, über den Herrn Baron zu hören nicht umhin konnte.“ „Sie wiſſen alſo, in welchem Ruf— Gott ſei es geklagt— der Baron ſteht; Sie wiſſen, daß wir den Kummer haben, ſehen zu müſſen, wie der letzte Sproß aus einer unſerer älteſten, berühmteſten Familien mit ſehenden Augen— denn der Baron iſt ein außerordentlich begab⸗ ter Mann— in's Verderben rennt.“ „Aber, liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron, der in ſeinem Stuhle hin⸗ und herrückte,„ich dächte, der Gegenſtand dieſes Geſpräches eignete ſich nicht beſonders—“ „Ich kenne die Rückſichten, die ich unſerm Stande ſchuldig bin,“ ſagte die Baronin,„und werde ſie zu beobachten wiſſen. Der Abfall des Barons von dem Glauben ſeiner Väter iſt leider zu notoriſch, als daß ich einem Freunde des Adels(der Paſtor krümmte den k 2 Zweiter Band. 41 Rücken), einem Freunde unſeres Hauſes(Se. Ehrwürden legte die Hand auf's Herz) gegenüber mit dem ſchmerzlichen Geſtändniß der Wahrheit zurückhalten ſollte.— Sie wiſſen, Paſtor Jäger, daß der Baron unſre Geſellſchaft flieht, um die von allerlei ſonderbaren Men⸗ ſchen, denen man ſonſt gefliſſentlich ausweicht, mit Vorliebe aufzuſuchen, daß er die gottloſe Phraſe von den ſogenannten Rittern vom Geiſt beſtändig im Munde führt, und daß von ihm ausgezeichnet zu werden — namentlich, wenn dieſe Auszeichnung Jemanden trifft, deſſen geſell⸗ ſchaftliche Stellung fo himmelweit von der ſeinigen verſchieden iſt— beinahe ſo viel heißt, als ein verlorener Menſch ſein. Nun hat der Baron geſtern Abend Herrn Stein in einer ganz auffallenden, um nicht zu ſagen, anſtößigen Weiſe ausgezeichnet; er hat nicht nur ſein Möglichſtes gethan, ihn bei der Geſellſchaft zu introduciren, ſondern ihn vollkommen wie ſeines, wie unſers Gleichen behandelt, und um dieſem Benehmen, für das ich keinen Ausdruck ſuchen will, die Krone aufzuſetzen, ihn, als der Wagen von Grenwitz, der Herrn Stein von Barnewitz abholen ſollte— wir waren ſchon vor dem Souper auf⸗ gebrochen— nicht gleich zur Stelle war, in ſeinem eigenen Wagen bis vor unſer Hofthor mitgenommen, das heißt, ihm zu Gefallen einen Umweg von faſt einer Meile gemacht.“ „Aber, liebe Anna⸗Maria, das würde auch jeder Andre—“ „Verzeihe, lieber Grenwitz, das würde nicht jeder Andre gethan haben, und vor Allem würde es der Baron, deſſen ſchroffes, unge⸗ fälliges Weſen, ſelbſt den Standesgenoſſen gegenüber, ſprüchwörtlich iſt, nicht gethan haben, wenn er nicht in Herrn Stein auch ſo einen Ritter vom Geiſt, das heißt, einen Geſinnungsgenoſſen, einen Frei⸗ denker und Freiheitshelden, enfin einen unmoraliſchen Menſchen, um das Wort zu wiederholen, das vorhin Deinen Unwillen erregte, lieber Grenwitz und von dem Du mir jetzt zugeben wirſt, daß es leider das vaſſende iſt— gefunden zu haben glaubte.“ Die Baronin ſchwieg, in dem wohlthuenden Bewußtſein, ihre Anſicht ſiegreich verfochten zu haben; der Paſtor ſchwieg, die edle Gönnerin in dieſem Genuſſe nicht zu ſtören und der Baron ſchwieg, weil er ſchlechterdings nichts zu ſagen wußte. In dieſes dreifache Schweigen hinein ertönte vom Hausflur her, auf welchen die Thür 2 Problematiſche Naturen. des Zimmers führte, das Miauen einer Katze, dem ſofort das laute zornige Kläffen eines Hundes folgte. Dieſe Töne waren im Schloſſe Grenwitz, wo weder Hunde noch Katzen geduldet wurden, etwas ſo Unerhörtes, daß die im Zimmer Befindlichen ſich erſtaunt anſahen⸗ „Was bedeutet denn das?“ ſagte der Baron aufſtehend und die Thür öffnend. „Ah, ſieh da, Herr Baron!“ ertönte eine helle, klare Stimme. „Es iſt Herr Timm!“ ſagte dieſer zu den im Zimmer Befind⸗ lichen zurückgewandt, und dann zu Dem draußen: „Wollen Sie nicht näher treten, Herr Geometer?“ Fünftes Capitel. Der, welcher dieſer Aufforderung des Barons ſofort folgend, in das Zimmer trat, war ein junger Mann von vielleicht fünfundzwan⸗ zig Jahren, obgleich die friſche Farbe ſeines hübſchen bartloſen Ge⸗ ſichtes ihm kaum dem Jünglingsalter entwachſen erſcheinen ließ. Der wohlgeformte Kopf war mit einem ſchlichten, blonden Haar be⸗ deckt, das lang genug war, um nach hinten geſtrichen zu werden, und die weiße Stirn frei zu laſſen, die keck und feſt ſich über einem Augenpaare wölbte, deren Farbe, ſo weit man es durch die Gläſer der Brille, die der junge Mann trug, erkennen konnte, ein mattes Blau war. Seine Geſtalt war mittelgroß, aber breitſchultrig und ſein gedrungener, muskulöſer Körper augenſcheinlich zur Ertragung von Strapazen aller Art ausnehmend geeignet. Auf ſein⸗ Aeußeres ſchien der junge Mann ſehr wenig zu geben. Seine Kleidung beſtand aus einem hellen Sommerrock von zweifelhafter Farbe, der ſchon manchen Sturm erlebt zu haben ſchien, und aus Beinkleidern von demſelben Stoff und derſelben Farbe und Beſchaffenheit. Seine Wäſche war, als ſie aus den Händen der Wäſcherin kam, jedenfalls reiner geweſen. Seine Haltung entſprach ſeiner Kleidung, das heißt, ſie war weniger klegant als bequem, und hatte noch das mit jener d Zweiter Band. 43 gemein, daß Herr Timm ſie offenbar unter Umſtänden mit einer beſ⸗ ſeren vertauſchen konnte. „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung,“ ſagte er lachend, indem er ſich vor der Baronin ohne alle Förmlichkeit verbeugte und dem Paſtor vertraulich zunickte,„daß ich die Unterhaltung der Herrſchaften durch mein lyriſches Intermezzo ſtören mußte, aber ich wußte mir wirklich nicht anders zu helfen, da ich nicht die Ehre habe, Frau Baronin, Ihre Bedienten namentlich zu kennen, trotz alles Suchens keinen Klingelzug auf dem Flur entdecken konnte, und ſchon vergeblich in vier Thüren hineingeſehen hatte. Hätte ich ahnen können, daß die fünfte, welche ich übrigens gar nicht bemerkt hatte, von dem Herrn Baron ſelbſt geöffnet werden ſollte, ſo würde ich mir natürlich meinen muſikaliſchen Vortrag erſpart haben, der allerdings nur für das we⸗ niger empfindliche Ohr eines in der Nähe befindlichen dienſtbaren Geiſtes berechnet war.— Wie befinden Sie ſich, Frau Baronin? An⸗ gegriffen von der Hitze? Wäre kein Wunder— fünfundzwanzig Grad im Schatten— reine Treibhaus⸗Temperatur.— Ich ſoll Sie von Ihrer Frau Gemahlin grüßen, Herr Paſtor; ſprach ſie vor einer Stunde in Faſchwitz. Sie wird gegen Abend mit dem Einſpänner herüberkommen, Sie abzuholen.— Mit der Vermeſſung von Saſſitz wären wir fertig, Herr Baron. Wenn es Ihnen recht iſt, will ich jetzt ſogleich die Karten zeichnen, wenn die Frau Baronin die Güte haben will, mir ein Zimmer des Schloſſes einzuräumen.“ So ſprach Herr Timm und griff in die Taſche nach ſeinem Ta⸗ ſchentuche, um ſich die von Schweißtropfen perlende Stirn abzutrock⸗ nen. Da er ſich aber noch zur rechten Zeit darauf beſann, daß das betreffende, ſo überaus nützliche Stück der Toilette ſich für den Augen⸗ blick bei ihm in einem keineswegs ſalonfähigen Zuſtand befand, ſo ließ er es, wo es war, fuhr mit der Hand über Stirn und Haar, und ſchaute ſo vergnügt um ſich, als ob ihm die Grenwitzer Beſitzun⸗ gen, die er im Schweiß ſeines Angeſichts vermeſſen mußte, erb⸗ und eigenthümlich gehörten. „Gewiß;“ ſagte die Baronin, bei der Herr Ti auffallenden Anſpruchsloſigkeit in großer Gunſt ſta ſüchtig wie ſie war, oder gerade, weil ſie 44 Problematiſche Naturen. kürlich einen Mann ſchätzen mußte, der ſich durch nichts imponiren ließ, und den nichts aus der Faſſung zu bringen vermochte;„gewiß Herr Timm. Sie wiſſen, daß Sie uns zu jeder Zeit willkommen ſind. Sie werden hier, wo Sie nichts ſtört, beſſer arbeiten können, als in der Stadt, und es iſt ja zu unſerm beiderſeitigen Vortheil, daß die Arbeit möglichſt ſchnell beendet wird. Sie haben doch Ihre Sachen gleich mitgebracht, Herr Timm?“ „Steht Alles ſchon auf dem Hausflur, wo es der ländliche Jüng⸗ ling, welcher die Oeländeer lenkte, die mich im Hundetrab von Saſſitz hierher kutſchirten, deponirt hat;“ ſagte Herr Timm, deſſen„Sachen“ aus einem kleinen melancholiſch ausſehenden Koffer beſtanden, in welchem etwas reine und nicht viel ſchmutzige Wäſche und die ſon⸗ ſtigen Stücke ſeiner nicht eben lururiöſen Garderobe in chaotiſcher Ver⸗ wirrung durcheinander lagen, und aus einer großen Mappe, die ſeine Zeichenmaterialien, Flurkarten u. ſ. w. enthielt.„Ich bedarf nur noch der Anweiſung auf einen Ihrer dienſtbaren Geiſter, der mich auf das mir von Ihnen gütigſt angewieſene oder anzuweiſende Zimmer führt, um mich ſofort häuslich einrichten zu können.“ „Wollen Sie die Güte haben, jenen Klingelzug zweimal zu ziehen;“ ſagte Anna⸗Maria mit huldvollem Lächeln. „Mit Vergnügen,“ ſagte Herr Timm,„ieſe inſtrumentale Methode des Beſchwörens dienſtbarer Geiſter iſt viel bequemer, als meine vo⸗ cale, und auch viel wirkſamer, wie ich ſehe.“ Der eintretende Bediente hielt den Auftrag, Herrn Timm auf. ſein Zimmer zu führen. „Es ſteht ſchon ſeit Wochen für F bereit, Herr Gevmetetj⸗ ſagte die Baronin. „Sie ſind umſichtig und gütig, wichvie Vorſehung ſelbſt, ʒuctit Frau;“ ſagte Herr Timm, aufſtehend und der Baronin ohne Umſtände die Hand küſſend;„au revoir, meine Herrſchaften, bis zum Abend⸗ ſſen, bei dem Sie hoffentlich wie ich erſcheinen werden, das heißt ter Laune und noch beſſerem Appetit;“ und er folgte leichten edienten aus dem Gemache. armanter Menſch, der Herr Timm,“ ſagte die nbefangen, anſpruchslos, ſo gahz ſich ſeiner 2 Zweiter Band. 45 Stellung in der Geſellſchaft bewußt, und nicht ſtets oben hinaus⸗ wollend, wie gewiſſe andere Leute.“ „Ei, ja wohl,“ beſtätigte der Paſtor, ein äußerſt charmanter, beſcheidener junger Mann,„und der ſowohl was ſeine Talente be⸗ trifft, die wirklich überraſchend ſind, als auch wegen der angeſehenen Familie, aus welcher er ſtammt, Beachtung verdient.“ „Guſtava kennt ſeine Familienverhältniſſe genau: auch ich erinnere mich aus meiner Grünwalder Zeit her ſehr wohl ſeines Herrn Vaters, eines ausgezeichneten Advokaten, der ſein bedeutendes Vermögen kurz vor ſeinem Tode in einer unglücklichen Speculation verlor. Seine Verwandten befinden ſich zum Theil in ganz reſpectabeln Stellungen. Ein Onkel von ihm iſt Major. Auch Herr Timm war anfangs zu einer militäriſchen Carrière beſtimmt, und war, ſo viel ich weiß, ſchon Fähndrich, als er in Folge der großen Verluſte ſeines Vaters, dieſe Laufbahn aufgab, um ſich dem Baufach zu widmen. Er wünſcht ſehnlichſt, die Akademie in der Reſidenz beziehen zu können, nur fehlt es ihm leider—“ der Paſtor machte mit dem Daumen und Zeige⸗ finger ſeiner rechten Hand eine bezeichnende Bewegung. „Das iſt ja jammerſchade,“ ſagte die Baronin;„wer doch dem armen Menſchen helfen könnte! kann ihm denn ſein Onkel, der Major, nicht ein paar hundert Thaler vorſchießen? aber freilich die Herren vom Militär haben meiſtens genug mit ſich ſelbſt zu thun.— Ah mademoiselle, vons arrivez bien à propos! Veuillez avoir la bonté—“ Die Baronin war aufgeſtanden, um der eben eintretenden Mademoiſelle Marguerite eine Inſtruction zu ertheilen. „Wollen Sie meine Bienenſtöcke einmal anſehen, Paſtor Jäger?“ ſagte der Baron. „Mit dem größten Vergnügen;“ erwiederte dieſer, Hut und Stock ergreifend. „Bleiben die Herren nicht zu lange,“ ſagte die Baronin;„wir wollen heute noch etwas ſoupiren.— Que voulais je dire? Ah, oui! du chocolat, mais pas si énormement sucré que la derniére fois, et particulierement prenez garde———“ Der Abend war gekommen, mit ihm Frau Paſtor Jäger auf dem Einſpänner. Primula trug dasſelbe Kleid von ungefärbter Seide, 46 Problematiſche Naturen. in welchem ſie Oswald an jenem Sonntag Morgen erſchien, und ſah, von der übergroßen Hitze des Tages angegriffen, mehr denn je wie ein kranker Kanarienvogel aus. Ihr Gatte hatte, ſobald der lang⸗ athmige Selam zwiſchen ihr und der Baronin vorüber war, die erſte ſchickliche Gelegenheit ergriffen, ihr zuzuraunen, von dem„Gaſtfreunde“ weniger entzückt zu erſcheinen, als ſie und er ſich vorgenommen hatten, da„der junge Menſch“ keineswegs in beſonderer Gunſt bei der Ba⸗ ronin zu ſtehen ſcheine— eine Nachricht, welche die Bewohnerin der Sphären höherer Bildung in ein ſolches Erſtaunen verſetzte, daß, als Oswald kurz vor dem Abendeſſen erſchien, ſie ſeine höfliche Be⸗ grüßung nur mit einer ſehr förmlichen Verbeugung zu erwiedern vermochte. Dies wunderliche Benehmen der vorher für den„Gaſtfreund“ ſo begeiſterten Dichterin würde wahrſcheinlich nicht wenig zur Er⸗ höhung von Oswald's guter Laune beigetragen haben, wenn er es überhaupt bemerkt hätte. Leider aber befand er ſich heute Abend in einer Stimmung, in welcher man, wie Oldenburg es ausdrückte, Ohren und Augen offen hat und doch weder ſieht noch hört. Die Schatten der Ereigniſſe des letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf ſeiner Seele und auf ſeiner Stirn. Seine gewöhnliche Leb⸗ haftigkeit war einer melancholiſchen Ruhe gewichen; er ſah bleich und nachdenklich aus, aber ſo ſchön und vornehm, daß Primula's zart beſaitete Seele alsbald den Zauber, welchen die Erſcheinung des jungen Fremden bei der erſten Begegnung auf ſie ausgeübt hatte, wiederum zu fühlen begann, und ſie die Warnung ihres vorſichtigen Gatten um ſo lieber vergaß, als ſie ſah, mit welcher ausgeſuchten Höflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin und der Baron den⸗ ſelben Mann behandelten, der ihr ſo eben als eine gefallene Größe denuncirt war. Sie bereitete ſich ſchon im Stillen auf eine Straf⸗ predigt vor, die ſie auf der Heimfahrt ihrem Jäger halten wollte, der „wieder einmal nach ſeiner Gewohnheit den Wald vor Bäumen nicht geſehen hatte.“ Der würdige Geiſtliche ſelbſt war für den erſten Augenblick durch den vollkommenen Widerſpruch zwiſchen den Worten und der Handlungsweiſe der Baronin aus der Faſſung gebracht Er wußte indeſſen beſſer, als irgend Einer, daß die Menſchen nicht Zweiter Band. 47 immer ſcheinen, was ſie ſind und nicht immer ſind, was ſie ſcheinen, und hielt es auf alle Fälle für das Gerathenſte, das Benehmen ſeiner Gönnerin möglichſt treu zu copiren, was ihm bei ſeiner vollendeten Virtuoſität in der edlen Kunſt der Heuchelei natürlich nicht ſchwer fallen konnte. Indeſſen würde trotz des ſcheinbaren guten Einvernehmens der Geſellſchaft die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit, die auf der Terraſſe im Freien eingenommen wurde, nicht beſonders lebhaft ge⸗ weſen ſein, hätte Herrn Timm's Gemüth die Eigenſchaft gehabt, die Farbe ſeiner Umgebung anzunehmen. Dies war indeſſen durchaus nicht der Fall. Herr Timm hatte ſein Verſprechen, bei Tiſche mit guter Laune und noch beſſerem Appetit zu erſcheinen wahr gemacht. Er fand die Chocolade, die diesmal keineswegs énormement sueré war, vortreff⸗ lich, das Brod vortrefflich, die Butter vortrefflich, Alles vortrefflich. Und wie köſtlich war der Einfall, ſich an dieſem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuſchließen! wie glücklich der Gedanke, die Tafel gerade auf dieſem Punkt der Terraſſe zu decken, von dem man einen ſo herrlichen Blick auf den Garten hatte! wie wundervoll waren die Schatten und Lichter in den hohen Bäumen drüben jenſeits des Raſenplatzes! wirklich ein Gemälde von Claude Lorrain! Wahrhaftig, Herr Baron, wenn ich nicht Diogenes wäre, ſo möchte ich wohl Alexander ſein! Aber freilich, wir können nicht Alle in Schlöſſern hauſen, es muß auch Tonnenbewohner geben, und wohl dem Manne, dem ſein Schloß nicht wie eine Tonne, oder dem ſeine Tonne wie ein Schloß erſcheint! Sie ſollten dieſen Gedanken zu einem Epigramm verwerthen, Frau Paſtorin! Sie haben ein ganz entſchiedenes Talent für dieſe Gattung, ſelbſt in Ihren hoch⸗lyriſchen Gedichten findet ſich oft eine epigrammatiſche Wendung. So in dem reizenden Sonett auf en Maikäfer. Wie heißt doch noch der Schluß?„Des Maies Käfer, fhlſcher Liebe Bild—“ das iſt an und für ſich ſchon ein tiefſinniges pigramm. Wiſſen Sie, daß man in Grünwald Ihre Ueberſiedelung ach Faſchwitz noch immer nicht verſchmerzen kann? Noch neulich gte Profeſſor Lichtſcheu, den ich in einer Geſellſchaft beim Kanonikus chwartz traf: es ſei unverantwortlich, daß ein gewiſſer Gelehrter, 48 Problematiſche Naturen. den ich nicht nennen will, den reichen Schatz ſeines Wiſſens in der Einſamkeit eines Dorfes, deſſen Namen mir entfallen iſt, vergraben ſolle; worauf ich ihm erwiderte: es ſei nicht minder unverantwortlich, daß die Dichterin der„Kornblumen“ noch immer unter Kornblumen wandle. So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort, dabei war Alles, was Timm ſprach, ſo augenſcheinlich ohne jegliche Abſicht, witzig und geiſtreich ſein zu wollen,— trotzdem es manchmal geiſtreich und witzig genug war— geſagt, daß man ihm zuhören konnte wie einem luſtigen und in ſeiner Luſtigkeit freilich etwas überlauten Ka⸗ narienvogel, dem die Morgenſonne in das Bauer ſcheint und der dabei auf den Einfall kommt, ſich einmal ordentlich auszuſingen. Nur kam es Oswald manchmal vor, als ob Herrn Timm's Humor durch⸗ aus nicht ſo natürlich ſei, als es den Anſchein hatte; als ob Herr Timm nur eine wohleinſtudirte und fein berechnete Rolle, allerdings mit vollendeter Naturwahrheit, ſpiele, und als ob der gutmüthige Bonvivant und anſpruchsloſe Naturburſche bei Licht beſehen die ganze Geſellſchaft, die er mit dem Feuerwerk ſeines Witzes unterhielt, gründ⸗ lich verhöhne und nasführe. Er wurde in dieſem Verdachte um ſo mehr beſtärkt, als Herr Timm, ſobald er zu ihm ſprach, ſtets einen andern Ton anſchlug, als wollte er ſagen: Dir darf ich mit ſolchen Narrenspoſſen nicht kommen, aber für den andern Pöbel ſind ſie gut genug. Dieſen Verdacht, auf den Oswald übrigens um ſo leichter ver⸗ fallen mußte, als er ſelbſt nur zu oft die Geſellſchaft, gegen die er eine ſo gründliche Verachtung empfand, zum Beſten hatte, ſchien von den Andern Niemand zu theilen, es hätte denn Bruno ſein müſſen, der heute noch düſterer und verſchloſſener wie gewöhnlich auf ſeinem Platze neben Oswald ſaß, und ſeinen ſtolzen Mund nicht ein einziges Mal zu einem Lächeln verzog, obwohl er Alle um ſich her— ſelbſt Oswald nicht ausgenommen— lachen ſah, zumal als gegen das Ende der Mahlzeit Herr Albert Timm mit ſeiner Nachbarin, Made⸗ moiſelle Marguerite, eine Converſation begann, in welcher er fran⸗ zöſiſch und deutſch auf die poſſirlichſte Weiſe durcheinander miſchte. Die hübſche ſcheue Genferin hatte ſich die möglichſte Mühe gegeben, Zweiter Band. 49 Herrn Timm's Kreuz⸗ und Querſprüngen in der Unterhaltung zu folgen, und ſich alle Augenblicke mit einem rapiden: qu'est ce qu'il dit? que veut dire cela? an Malte, ihren Nachbar auf der andern Seite, gewandt, der ihr die Antwort um ſo häufiger ſchuldig bleiben mußte, als er ſelbſt von Allem, was der unerſchöpfliche Albert vor⸗ brachte, kaum die Hälfte begriff, bis dieſer mit ihr zu kauderwälſchen anfing, um mit vielem Tacte den Scherz ſofort abzubrechen, als er merkte, daß die hübſche Kleine durch das Gelächter der Andern in Verlegenheit gerieth. Es war bereits dunkel geworden, als die Baronin die Tafel auf⸗ hob, und Herr und Frau Paſtor Jäger, die ſich jetzt unter vielen Dankſagungen für den ſo angenehm verbrachten Abend empfehlen wollten, einlud, mit ihr und dem Baron noch ein„gemüthliches klei⸗ nes Boſton— in der alten Weiſe, wiſſen Sie, Paſtor Jäger, wie es ſich für ſolide Leute ſchickt“— in dem Salon zu ſpielen. Malte war zu Bett gegangen. Oswald und Bruno, Albert und Mademoiſelle Marguerite promenirten paarweiſe um den Raſenplatz und in den zunächſt gelegenen Gängen des Gartens. „Du haſt mir noch gar nicht geſagt, Oswald,“ ſagte Bruno— er nannte jetzt ſeinen Freund, wenn ſie allein waren, ſtets mit dem brüderlichen Du—„ob Du Tante Berkow geſtern geſehen haſt?“ „Ja, Bruno.“ „Sah ſie ſchön aus?“ „Wie immer.“ „Läßt ſie mich grüßen?“ „Natürlich.“ „Weißt Du, Oswald, daß ich glaube, Tante Berkow mag Dich ſehr gern leiden?“ „Warum, Du Närrchen?“ „Sie ſah Dich an dem Abend, als ſie hier war, immer mit ſo glänzenden Augen an— ſo recht lieb und freundlich, wie ſie mich manchmal anblickt, wenn ſie mir das Haar ſtreichelt, aber doch anders ſo .„Ach, Du weißt ja nicht, was Du ſprichſt, Bruno.“ 6„Ich weiß es recht gut, aber ich kann mich nur nicht ſo aus⸗ . Fr. Spielhagen's Werke. II. 4 50 Problematiſche Natuken. drücken, wie ihr klugen, großen Leute. Ich bin an dem Abend ordentlich eiferſüchtig auf Dich geweſen, denn früher war ſie gegen mich am freundlichſten. Ich nicht wiſſen, wie Tante Berkow aus⸗ ſieht, wenn ſie Jemanden gern hat? ich weiß es ſehr wohl!—“ ſagte Bruno trotzig. „Und ich weiß auch noch mehr,“ fuhr er nach einer Pauſe fort. „Ich ſollte es eigentlich nicht ſagen, denn Tante hat es mir verboten, aber ich glaube jetzt, es iſt ihr gar nicht Ernſt mit dem Verbot geweſen.“ „Was war es?“ fragte Oswald mit angenommener Gleich⸗ gültigkeit. „Das war es,“ ſagte Bruno.„Ich war am Sonnabend Nach⸗ mittag, als Du Briefe ſchriebſt, allein in den Wald gegangen, nach Berkow zu, weil das mein liebſter Weg iſt. Da kommt mir auf ein⸗ mal Tante entgegen, zu Pferde, ganz allein, nicht einmal der Bon⸗ coeur war bei ihr. Sie ritt den Brownlock, den ſie immer reitet, wenn ſie ſchnell reiten will, und ſchnell mußte ſie geritten ſein, denn Brownlocks Bruſt und Hals und ſelbſt Tante's Kleid waren voller weißer Schaumflocken. Sieh' da, Bruno! ſagte ſie, mir vom Pferde herab die Hand reichend, wo willſt Du hin?— Nirgends hin, Tante, wie gewöhnlich, ſagte ich, aber wo wollen Sie hin?— Auch nir⸗ gends! antwortete ſie lachend, da können wir ja zuſammen unſern Weg fortſetzen.— Wenn Sie Schritt reiten wollen, ſagte ich, ſonſt nicht.— Und da ſind wir wohl eine halbe Stunde zuſammen durch den Wald gezogen, und haben die ganze Zeit von nichts als von Dir geſprochen, und Tante fragte mich, ob ich Dich lieb hätte, worauf ich natürlich mit Nein antwortete; ob Du wohl ausſäheſt, vb Du recht munter wäreſt? ob Du viel ſtudirteſt? und noch hunderterlei, was ich wieder vergeſſen habe. Zuletzt trug ſie mir auf, Dich zu grüßen und zu fragen, ob Du die Kupferſtiche noch nicht hätteſt, von denen Du ihr neulich geſprochen, und ob Du ſie ihr nicht ſchicken wollteſt— und dann rief ſie mich wieder zurück und ſagte; ich ſolle Dich lieber doch nicht daran erinnern, Dir auch nicht ſagen, daß ich ſie geſprochen hätte— aber wie geſagt, ich glaube jetzt nicht mehr, daß es ihr Ernſt geweſen iſt.“ Zweiter Band. 51 „Warum jetzt nicht mehr, Bruno?“ „Weil—“ der Knabe ſchwieg; plötzlich ſagte er im gedämpften Ton, als fürchtete er, die dunklen Gebüſche neben ihnen könnten es hören: „Sage mir, Oswald, wie iſt das, wenn man Jemand liebt?“ „Wie meinſt Du das, Bruno?“ antwortete Oswald, den die Frage in nicht geringe Verlegenheit ſetzte. „Ich meine: was iſt das für eine Liebe, von der ſo oft in den Büchern die Rede iſt? Ich habe Dich lieb, ſehr lieb; aber es iſt mir, als müßte es noch eine andere Liebe geben. So habe ich immer nicht verſtanden, warum der Marquis Poſa ſo beſtürzt iſt, als Don Carlos ſagt: ich liebe meine Mutter.— Weshalb ſoll er ſeine Mutter nicht lieben? Ich habe meine Mutter nie gekannt, und ſo weiß ich gar nicht, wie man ſeine Mutter liebt, aber ich denke ſie mir immer ſo jung und ſchön, wie Tante Berkow. Für die könnte ich Alles, Alles thun! Ich wünſchte manchmal: ſie fiele vor meinen Augen in's Waſſer, und ich könnte ihr nachſpringen; oder wie neulich: Brown⸗ lock bäumte ſich, und ich faßte ihn in den Zügel und kämpfte mit ihm, und ließe nicht los, und wenn er mich auch mit ſeinen Hufen zerträte.— Warum kommen mir folche Wünſche nie, wenn ich in Deiner Nähe bin, Oswald, oder wenn ich, von Dir getrennt, an Dich denke?“ „Weil ich ein Mann bin, Bruno, und Du weißt, daß ich mir ſelbſt helfen könnte und helfen würde. In die Liebe aber, die wir für eine Frau empfinden, miſcht ſich noch das Gefühl, daß wir ſie, die ſich jelbſt nicht ſchützen kann, mit unſerer größeren Kraft und unſerm kühneren Muthe ſchützen müſſen, und das macht unſere Liebe zärtlicher, inniger, mitleidiger; und dann noch ein Gefühl, von dem ich Dir jetzt nur ſo viel ſagen will, daß es ein Ausfluß der ewigen Kraft iſt, welche das Weltall ſchafft und trägt, ein Gefühl, welches rein iſt, wie alle Natur, aber auch eben ſo keuſch, und das deshalb, vor der Zeit wachgerufen, dem Voreiligen ſo verderblich werden kann, als ſeine Kühnheit dem Jüngling, den des Wiſſens Drang nach Sais, Fund in den Tempel trieb, wo ſie in dichtem Schleier verhüllt thronte, ſis, die heilige, keuſche Göttin der Natur.“ 48 Problematiſche Naturen. „Ich verſtehe Dich nicht ganz, Oswald.“ „Die Welt und das Leben ſind voller Räthſel, Brunv. Das Leben iſt die Sphinx und wir ſind der Oedipus. Und es iſt der Fluch des Oedipus, daß er das Räthſel löſen muß, und ihn doch des Räthſels Löſung unglücklich macht.“ „Du biſt mir nicht böſe, Oswald?“ „Ich Dir böſe, liebes Herz? weshalb?“ „Daß ich Dir mit ſolchen wunderlichen Fragen komme.“ „Du ſollſt mich fragen, Bruno; nach Allem fragen, was Dich in Erſtaunen und Verwirrung ſetzt. Deine Seele muß offen vor mir liegen, wie ein Buch, in dem ich blättern und immer wieder blättern kann. Wollte Gott, ich möchte nur Weiſes und Gutes auf die reinen Blätter ſchreiben!“ „Du biſt ſtets ſo gut, ſo unendlich gut gegen mich, Oswald; und ich vergelte Dir all Deine Güte nur mit Undankbarkeit und Trotz.“ „Das thuſt Du nicht— und dann: ſind wir nicht Brüder? Brüder müſſen ſich untereinander lieben und tragen und ſtützen, und dürfen nicht rechten um Mein und Dein. Sieh' Bruno, wenn der fromme Glaube, der die Geiſter der Verſtorbenen die auf Erden zu⸗ rückgelaſſenen Lieben umſchweben läßt, der meine wäre, ſo würde ich ſagen: dort oben, von dem leuchtenden Sternenhimmel, ſchauen unſere Mütter auf uns hernieder und freuen ſich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder. Laß uns zuſammenſtehen in dieſem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz. Wie lange wird es dauern und Du biſt ein Mann, wie ich, und wollte Gott, ein beſſerer Mann. Dann wird auch der letzte Unterſchied, der Unterſchied der Jahre von uns nicht mehr empfunden werden, wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde. Dann werde ich vielleicht zu Dir aufſchauen, wie Du jetzt zu mir; dann wirſt Du mir doppelt und dreifach das Wenige bezah⸗ len, das ich jetzt für Dich thun kann; dann werde ich— und wie gern!— Dein Schuldner ſein!“ „O, das wird nie geſchehen,“ ſagte Bruno;„Du wirſt immer unerreichbar weit von mir vorauseilen: ich werde nie auch nur das werden, was Du jetzt ſchon biſt.“ Zweiter Band. 53 „Du Närrchen!“ ſagte Oswald und ſtreichelte liebevoll Bruno's Haar;„Du ſitzt jetzt im Parterre vor der Bühne des Lebens, und der Felſen von Pappe erſcheint Deinem begeiſterten Auge ein Urgebirge, und all' die Trödlerwaare ächt. Wenn Du erſt ſelbſt auf die Bühne trittſt, wird Dir der holde, roſige Schleier der Illuſion von den Augen fallen und Du wirſt Deinen Irrthum erkennen. Aber wenn auch! Du wirſt, wenn Du von Deinem erſten ſchmerzlichen Erſtaunen Dich erholt haſt, begreifen, daß es nicht anders ſein kann, und Dei⸗ nen Bruder nicht verachten, weil Du ſiehſt, daß ſein ſtolzer Ritter⸗ mantel von verſchoſſener Seide und arg geflickt iſt, und ſeine Sporen eitel Meſſing— doch ſtill! da kommen uns Herr Timm und Made⸗ moiſelle entgegen. Es ſcheint, Herr Timm will die gute Gelegenheit, ſeine Ausſprache des Franzöſiſchen zu cultiviren, nicht unbenutzt laſſen. Wir wollen ihn in dieſem edlen Streben nicht ſtören. Laß uns in dieſen Gang einbiegen.“ Herr Timm, der jetzt Arm in Arm mit Mademoiſelle Marguerite, ohne Oswald und Bruno zu bemerken, eifrig ſprechend und ſeine helle Stimme dabei ſorgfältig dämpfend, vorüberſtrich, hatte in der That„die gute Gelegenheit“, obgleich in etwas anderer, als in der von Oswald angedeuteten Weiſe, zu nutzen verſtanden. Auf ſeine Ausſprache des Franzöſiſchen, legte der junge Mann ſehr wenig Ge⸗ wicht, deſto mehr aber auf den ſoliden Vortheil, den ihm die Gunſt der jungen Dame, welche dem innern Hausweſen des Schloſſes vor⸗ zuſtehen ſchien, während eines, vorausſichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewähren mußten; und ſich dieſe Gunſt, die auch vielleicht in anderer Weiſe die Monotonie des Land⸗ lebens in angemeſſener Weiſe mildern konnte, möglichſt ſchnell zu er⸗ werben, war Herr Albert Timm in dem allerliebſten verſchwiegenen téte antéte mit der kleinen Franzöſin eifrigſt bedacht geweſen. Die Unterhaltung war von beiden Seiten, ohne einem gelegentlichen fran⸗ zöſiſchen Worte das Daſein zu verkümmern, deutſch geführt worden, da Mademvoiſelle das Deutſche ziemlich und Herr Timm das Fran⸗ zöſiſche ſehr ſchlecht ſprach, und dem jungen harmloſen, aufrichtigen, wahrheitsliebenden Manne nichts verhaßter war, als der Gedanke, nicht verſtanden oder vielleicht gar mißverſtanden zu werden. Problematiſche Naturen. „Und Sie ſind ſchon lange hier?“ fragte er. „Drei Jahre.“ „Der Tauſend! und Sie ſind vor langer Weile noch nicht ge⸗ ſtorben. Sie müſſen eine famoſe Natur haben.“ „Plait il?“ „Ich meine, das muß doch zum Verzweifeln langweilig ſein, Jahr aus Jahr ein in dieſem öden Neſt zu hocken, und noch dazu in ſo ausnehmend intereſſanter Geſellſchaft. Aber Sie haben wohl viel zu thun?“ „Enormément! Ich muß arbeiten comme un forgat—“ „Comme was?“ „Vons ne savez pas ce que c'est qu'un forgat?“ „Nein— ſchadet aber nichts. Wollen einmal ſagen; wie ein Pferd; das wird wohl auf daſſelbe herauskommen. Alſo: Sie müſſen arbeiten wie ein forgat?“ „Justement! ich muß aufſchließen und zuſchließen alle Schlöſſer—“ „Hat auch ſein Angenehmes,“ bemerkte Herr Timm. „Ich muß hören den ganzen Tag: Mademoiſelle, thu Sie dies, Mademviſelle, thu Sie das! Und des Abends, wenn ich bin müde, daß ich nicht kann offen halte die Augen, ich muß leſen aus die alte dumme Bücher, bis Madame hat die Güte zu ſagen: c'est assez!— Non, madame, ce n'est pas assez, c'est trop— mille fois trop,“ ſagte die lebhafte kleine Dame und ſtampfte mit dem Fuße. „Sie ſcheinen in einer allerliebſten Stimmung,“ ſagte Herr Timm; „doch das iſt recht, ſprechen Sie ſich aus— das erleichtert das Herz — aber, wenn die Baronin Ihnen ein ſolches Vertrauen ſchenkt, ſo müſſen Sie doch auch in großer Gunſt bei ihr ſtehen.“ „An contraire! Sie mich braucht, weil Sie muß. Sie würde mir heute geben mon congé lieber als morgen. Sie mich hat gern, weil ich nicht nöthig habe viel Schlaf und weil ich eſſe wenig.“ „Na, da werde ich nie ihr Liebling werden,“ ſagte Herr Timm. „Aber Sie armes Kind, da ſind Sie ja in einer ſchauderhaften Situation. Viel Arbeiten und keinen Dank dafür; früh Aufſtehen und dafür ſpät zu Bette gehen; den ganzen Tag dreſchen müſſen, w das gutmüthige Thier in der Bibel, ohne die demſelben verſtattet Zweiter Band. 55 Freiheit— das halte ein Anderer aus. Sie ſollten ſich verheirathen, Mademoiſelle.“ Marguerite zuckte die Achſeln;„Wer wird wollen mich'eirathen? Je suis si pauvre et si laide!“ „Was iſt das?“ „Ich ſage: ich bin arm und ich bin äßlich.“ „Das Erſtere will ich zugeben,“ ſagte Herr Timm; das Zweite iſt aber eine arge Verleumdung. Sie häßlich! Au contraire: Sie ſind hübſch, Mademoiſelle, très hübſch, belle, ſehr belle—“ „Vous plaisantez, Monsieur!“ „Ohne Spaß!“ ſagte Herr Timm,„Sie ſind wirklich ein auffal⸗ lend hübſches Mädchen. Erſtens haben Sie eine reizende Geſtalt—“ „Trop petite,“ ſagte Marguerite. „Nicht die Spur,“ verſicherte Herr Timm;„zweitens haben Sie wunderhübſche braune Augen; eine reizende Hand, einen entzückend niedlichen Fuß—“ „Mais monsieur!“ „Was denn? es iſt ja wahr; was wahr iſt, darf man ſagen. Ich wette, daß Monsieur le docteur Stein vollkommen meiner Mei⸗ nung iſt. Lieben Sie den Doctor?“ „Ich ihn lieben?“ ſagte die kleine Franzöſin mit großer Lebhaf⸗ tigkeit; ich ihn lieben?— ich ihn aſſe!“ „Na, na!“ ſagte Herr Timm;„warum denn, er iſt doch ein ſehr ſchöner Mann.“ „G'est un bel homme, mais c'est un fat.“ „Un was?“ „Er iſt ein Narr, oni ein Narr, qui est monstrueusement amoureux de lui-méme; mais avec toute sa fierté je me moque de lui, je me moque de sa fierté, oui, je m'en moqus, moi!“ „Bitte, ereifern Sie ſich nicht, und ſprechen Sie vor allen Din⸗ gen deutſch, wenn Sie wünſchen, daß ich Sie verſtehen ſoll. Was hat Ihnen denn der Unglückliche gethan?“ „Lui? malheureux? I n'est Pas malheureux, ce monsieur-la. Pout le monde le flatte, le cajole— „Aber ſo ſprechen Sie doch um Himmelswillen deutſch! 56 Problematiſche Naturen. „Glauben Sie, daß er hat geſprochen zehn Worte mit mir, ſeit⸗ dem daß er hier iſt?“ „Das iſt freilich abſcheulich! Au! da habe ich mir ſchon wieder den Fuß an eine ſo verdammte Baumwurzel geſtoßen. Ich bin im Dunkeln ſo blind, wie ein Maulwurf. Sie thäten wirklich ein Werk der Barmherzigkeit, wenn Sie meinen Arm annehmen und mich ein wenig führen wollten.“ „Très volontiers, Monsieur.“ „Alſo ſo ein eitler Herr iſt dieſer Doctor Stein,“ ſagte Herr Timm, den Arm der hübſchen Marguerite in den ſeinen legend und dabei, wahrſcheinlich aus Kurzſichtigkeit, ziemlich feſt an ſeine Bruſt drückend;„ei wer hätte das gedacht! Na, wiſſen Sie was, liebe Marguerite— welch' ein reizender Name das iſt: Marguerite!— ich darf Sie doch Marguerite nennen?— Ja, was ich ſagen wollte: ärgern Sie ſich nicht über den albernen Menſchen, liebe Marguerite! Wenn er nicht mit Ihnen ſprechen will, ſo iſt das ſein eigener Schade, und wenn er Sie nicht hübſch findet, ſo finden Sie dafür andere Leute deſto hübſcher; ich zum Beiſpiel, obgleich ich ſehr kurzſichtig bin, be⸗ ſonders hier in dieſem Baumgange, wo es ſo dunkel iſt, daß man wahrhaftig nicht die Hand vor den Augen ſehen kann.— Fürchten Sie ſich, kleine Marguerita? Nein? warum klopft denn ihr Herz ſo? oder hätten Sie mich gar aus Verſehen ein bischen lieb? Haben Sie mich ein bischen lieb, Marguerite? Geniren Sie ſich gar nicht; mir kann man Alles ſagen. Oder ſagen Sie lieber nichts und geben Sie mir einen Kuß!— Sie wollen nicht— ſo! das iſt vernünftig: ihr Franzoſen und beſonders ihr Franzöſinnen ſeid eine charmante Nation. Aber warum weinſt Du denn, kleiner Narr? Iſt es bei euch denn ein Staatsverbrechen, einem ehrlichen Kerl einen Kuß gegeben zu haben, und noch dazu im Dunkeln... Verdammt, da kommt der alberne Menſch, der Doetor mit ſeinem Grasaffen... Bon soir, meine Herren, wir können hier Begegnen ſpielen.“ „Oder Blindekuh,“ ſagte Oswald,„und noch dazu ohne Binde. Ich dächte, wir gingen hinein. Wenn ich nicht irre, hat die Baronin ſchon nach Mademoiſelle gerufen.“ Herr und Frau Poſtor Jäger hatten ſich unter vielen Dank⸗ Zweiter Band. 57 ſagungen und Freundſchafts⸗ und Ergebenheitsverſicherungen empfohlen, um auf dem Einſpänner in die idylliſche Ruhe von Faſchwitz und unter„ihr niedriges Dach“ zurückzukehren; Oswald und Herr Timm — Bruno hatte ſich ſchon einige Minuten vorher entfernt— ſtiegen die Wendeltreppe des Thurms hinauf, um ſich auf ihr Zimmer zu begeben. „Dies iſt Ihr Zimmer, ſo viel ich weiß, Herr Timm,“ ſagte Oswald, vor einer der vielen Thüren ſtehen bleibend, die auf denſelben Corridor gingen, welcher Stufen auf Stufen ab, in vielfachen Bie⸗ gungen durch den alten Theil des Schloſſes, wo Oswald und die Knaben wohnten, und mehrere der weniger ſtattlichen Gaſtzimmer lagen, führte. „Und wo iſt denn Ihre Bude, Herr Doctor?“ „Ein paar Thüren weiter.“ „Sind Sie ſehr müde?“ „Nicht beſonders.“ „So erlauben Sie mir, noch ein paar Minuten mit zu Ihnen zu kommen. Ich empfinde das ſehr natürliche Bedürfniß, nach all dem Unſinn, den ich geſchwatzt, und habe ſchwatzen hören, in ver⸗ nünftiger Geſellſchaft eine gute Cigarre rauchen.“ „So kommen Sie, ſagte Oswald, der viel lieber allein geblie⸗ ben wäre, aber eine zu hohe Meinung von der Pflicht der Gaſtfreund⸗ ſchaft hatte, um eine ſo indirecte Anrufung derſelben zurückzuweiſen; „ob Ihnen fteilich meine Cigarren gut und meine Geſellſchaft ver⸗ nünftig genug—“ „Um Gotteswillen, für heute nicht noch mehr Complimente!“ rief Herr Timm;„ich bin mit dem bereits Genoſſenen vollkommen zufrie⸗ den. Bitte! ſpazieren Sie voran—“ „Eine reizende Bude,“ ſagte Herr Timm, als ſie in das Zimmer getreten waren, und Oswald die Lampe auf dem runden Tiſch vor dem Sopha entzündet und ein Kiſtchen mit Cigarren aus ſeinem Secretär geholt hatte;„eine allerliebſte Tonne für einen Ch⸗ niker, der gelegentlich bei den Sybariten in die Schule geht; wirklich famos behaglich, für meinen Geſchmack faſt zu behaglich. Der große Lehnſtuhl in der tiefen Fenſterniſche, von dem man auf der einen Problematiſche Naturen. Seite ſo bequem in den Garten, und auf der andern„ſtill und be⸗ wegt“ nach dem ſchönen Apollokopfe dort auf dem Schranke blicken kann, Natur und Kunſt vis à vis, und man ſelbſt mitten dazwiſchen, wie der Mann ſagte, als er aus dem Luftballon fiel.— Die Cigarre iſt ſuperb, wirkliche Havannah und keine Stinkadores— rauchen Sie nicht? nein? und halten ſich für ihre Freunde und Bekannten ein ſolches Blatt!— Edelſter der Menſchen! der heilige Crispinus iſt ja ein Straßenräuber in Vergleich mit Ihnen! Was haben Sie denn da in der höchſt verdächtig ausſehenden Flaſche oben auf dem Bücher⸗ brett? ich glaube gar Cognac—“ „Und noch dazu alten, echten,“ ſagte Oswald,„wenigſtens ver⸗ ſichert es mein Freund, der Inſpector Wrampe, der mir dieſe, jeden⸗ falls geſchmuggelte Flaſche aufgenöthigt hat—“ „Und noch nicht einmal entkorkt— Me hereulem! Da müſſen wir doch einmal unterſuchen, ob der Inſpector Sie nicht belogen hat. Trinken Sie auch ein Glas Grog?“ „Ich nicht, aber laſſen Sie ſich dadurch nicht abhalten,“ ſagte Oswald gutmüthig, die Flaſche herabnehmend und entkorkend;„ich will auf meiner Maſchine Waſſer heiß machen—“ „Bewahre! wozu die Umſtände! kaltes Waſſer thut dieſelben Dienſte, beſonders in geringer Qualität— das iſt ja ein reizender Abend,“ ſagte Herr Timm, ſich vergnügt die Hände reibend.„Nun ſetzen Sie ſich gefälligſt in die Sophaecke, damit ich die Ueberzeugung gewinne, daß Sie ſich ſo behaglich fühlen, wie ſich Jemand, der nicht raucht und trinkt, überhaupt fühlen kann; ich werde mir den Lehnſtuhl heranrücken— was der Kerl für eine Wucht hat!— und nun laſſen Sie uns eins plaudern, wie es ſich für zwei ehrliche Kerle, die dem ganzen Blödſinne der e guten Geſellſchaft ein Schnippchen ſchlagen, geziemt.“ So ſprach Herr Timm, Ft mit dem Fuße noch einen Rohrſtuhl herbei, um ſeine Beine darauf zu legen, und ſtreckte ſich behaglich, den Kopf etwas hintenübergebogen, um dem Rauch ſeiner Cigarre bequemer und länger nachſchauen zu können. Der Schein der Lampe fiel ihm dabei voll ins Geſicht und Os⸗ wald bemerkte jetzt zum erſten Male, daß Herrn Timms Züge, be⸗ Zweiter Band. 59 ſonders im Profil geſehen, wo die kecken, ſaubern Linien zur vollen Geltung kamen, wirklich überraſchend hübſch und intereſſant waren. Dieſe Entdeckung war für Oswald durchaus nicht gleichgültig. Er ging noch einen Schritt weiter als Voltaire, und hielt dafür, daß nicht nur von den Büchern, ſondern auch von den Menſchen das genre ennuyeux das ſchlimmſte ſei, und bei einem überaus regen und durch Studien vielfach gebildeten Formenſinn ließ er ſich von ſeiner leidenſchaftlichen Liebe für maleriſche und plaſtiſche Schönheit in einer Weiſe beherrſchen, daß ſein Gefühl des Wahren und Guten dabei Gefahr lief, nicht unterdrückt, aber doch getrübt zu werden. So war es in dieſem Falle. Herrn Timm's formenloſes Weſen und nur dünn verſchleierter derber Realismus hatten ihn im Laufe des Abends ein paar mal recht empfindlich beleidigt, und er war ſchon entſchloſſen geweſen, den Verkehr mit dem übermüthigen Geſellen während deſſen Verweilen in Grenwitz auf das Unvermeidlichſte zu beſchränken; aber während er jetzt die Umriſſe des hübſchen Geſichtes im Geiſt nach⸗ zeichnete, hatte er den kaum gefaßten Vorſatz ſchon halb und halb vergeſſen. „Wollen Sie einmal ein paar Minuten ſo ſitzen bleiben?“ ſagte er, unwillkürlich nach einem Bleiſtift greifend, und auf dem erſten Blatte, das ihm auf den mit Büchern und Papieren bedeckten Tiſche in die Hände ſiel, anfangend, Albert's Profil zu ſtizziren. „Eine halbe Stunde, wenn Sie wollen,“ ſagte dieſer;„ich liege vortrefflich; wenn ich nur dabei rauchen, ſprechen und gelegentlich einen Schluck dieſes irdiſchen Nektars nehmen darf.“ „Laſſen Sie ſich gar nicht ſtören,“ ſagte Oswald, eifrig zeichnend. „Es iſt doch ein merkwürdiger, alter Kaſten, dies Schloß,“ phantaſirte Albert;„ich glaube, ich habe verdammt wenig Sinn für Romantik, aber ich brauche nur den Fuß auf die Wendeltreppe zu ſetzen, die in dieſen Flügel führt und mich umwehen Schauer des Mittelalters. Selbſt meine Sprache wird eine andere, wie Sie hören, und kriegt einen Beiſchmack von van der Velde und Tromlitz. Welche Mauern! man würde jetzt ein Dutzend daraus machen. Wenn es damals, wie zu vermuthen ſteht, auch Leute gegeben hat, mit denen 60 Problematiſche Naturen. man Thüren und Wände einrennen konnte, welche dicken Schädel müſſen die gehabt haben!“ „Wollen Sie gefälligſt einmal die Brille abnehmen?“ ſagte Oswald. „Mit Vergnügen. Hätte ich im Mittelalter gelebt, würde ich mir nicht an der Lectüre ſchlecht gedruckter Schmöker die Augen ver⸗ dorben haben. Wenn das Mittelalter überhaupt einen Vorzug vor unſerer Zeit hatte, ſo iſt es der, daß die Leute nichts zu lernen brauchen. Denken Sie ſich: keine Schulen, keinen Cornelius Nepos, keine Geſchichte des Mittelalters, keine Examina; blos ein paar Fecht⸗ ſtunden bei einem alten Haudegen von Knappen, der, wie der Kloſter⸗ bruder im Nathan, der Herren gar viel gehabt und von dem einen noch immer ein hübſcheres Schelmenſtückchen zu erzählen weiß, als von dem andern; und dann etwa, wenn man Anſpruch auf höhere Bildung machte, ein paar Lectionen auf der Laute bei einem luſtigen, fahrenden Geſellen, der voller hübſcher Lieder und toller Schwänke ſteckt, der vor tauſend Thüren geſungen und eben ſo viel ſchöne Mädchen geküßt hat— das muß doch ein famoſes Leben geweſen ſein! Und vor allem dieſe Leichtigkeit der Ortsveränderung, dieſe un⸗ bedingte, oder höchſtens durch ein paar handfeſte Burſche, die einem in dem erſten beſten Hohlweg den Schädel ein ganz klein wenig ein⸗ ſchlagen, bedingte Freizügigkeit! George Sand hat einmal ein hübſches Wort geſagt, das einzige, das ich aus allen ihren vielen Romanen behalten habe, wahrſcheinlich weil es mir aus der Seele geſchrieben war: „Was giebt es ſchöneres als eine Landſtraße!“ Iſt das nicht präch⸗ tig? Iſt das nicht die ganze Poeſie, zum wenigſten die Poeſie des Abenteuerlichen, in einem Worte? Ich könnte die Frau küſſen für das Wort, obgleich ſie ein Blauſtrumpf iſt, und ich die blauen Strümpfe haſſe, wie den Teufel, oder vielmehr ärger als den Teufel, der doch im Grunde nur ein verkanntes Genie iſt und als ſolches auf die Sympathie jedes Gebildeten Anſpruch machen kann. Aber wenn Einen in unſerer Zeit der Teufel und ſeine Helfershelfer und Diener auf Erden, die Gläubiger, plagen, wo ſoll man hinfliehen vor ihrem An⸗ geſicht? Damals, in der guten alten Zeit, packte man eines ſchönen Morgens vor Sonnenaufgang ſeinen Ränzel, oder in Ermangelung Zweiter Band. 61 deſſen, ſich ſelbſt, marſchirte zum Thor hinaus und war, wenn man nach einer Stunde das Weichbild der Stadt hinter ſich hatte, in Sicherheit, und, ehe der Abend kam, mußte einem ſchon ſo viel Abenteuerliches begegnet ſein, daß man die alte Stadt und das hübſche braune Mädel darin, für die man geſtern noch leben und ſterben wollte, bis auf die Erinnerung vergeſſen hatte.— Sind Sie fertig? Na, laſſen Sie einmal ſehen. Hm! Sie zeichnen, wie der Maler Conti in der Emilia Galotti, nicht, was die Natur geſchaffen hat, ſondern was ſie hätte ſchaffen ſollen, wenn ſie in dem betreffenden Augenblicke nicht unglücklicherweiſe blind geweſen wäre. Sehr hübſch in der That, aber das Original iſt mir doch lieber. Und Dichter ſind Sie auch, wie ich ſehe.“ „Wie ſo?“ „Nun, die andere Seite des Blattes iſt ja von oben bis unten mit Verſen beſchrieben. Und noch dazu Sonette, die ich über alles liebe. Ich darf ſie doch leſen?“ „Es iſt nicht des Leſens werth, ſagte Oswald, den Alberts Frage ſichtbar verlegen machte.— Die Verſe waren an Melitta, waren in der Erinnerung an die erſte köſtliche Zuſammenkunft im Waldhäuschen geſchrieben! Er glaubte das Blatt ſicher in ſeinem Pult verwahrt, und bereute bitter ſeine Unvorſichtigkeit, die es jetzt ſeinem übermüthigen und, wie er fürchten mußte, keineswegs ſehr discreten Gaſt in die Hände geſpielt hatte. Glücklicherweiſe war Melitta's Name nicht genannt. „Nicht des Leſens werth?“ ſagte Albert;„das wollen wir gleich einmal ſehen. Dichter haben kein objectives Urtheil über ihre Pro⸗ ducte. Denken Sie einmal, ich hätte die Verſe gemacht und fühlte mich gedrungen, ſie Ihnen vorzuleſen. Hören Sie zu! „Sie liebt mich!“ Der Anfang iſt weniger originell, als wahr. Aber Sie werden mir zugeben, daß man ein ſo uraltes Thema nicht immer wieder neu behandeln kann. Alſo: Sie liebt mich! Herz hör auf ſo wild zu ſchlagen! Halt aus, mein Herz! Du darfſt nicht auch zerſpringen, Problematiſche Naturen. Weil er zerſprang, der letzte von den Ringen, Die Du ſo lange Jahre haſt getragen! Sie liebt mich! wie die Wolken eilend jagen 5 Da droben auf des Nachtwinds feuchten Schwingen! Die Wälder rauſchen und die Quellen klingen, Und Wolken, Wälder, QOuellen— Alle ſagen: Sie liebt mich! O, noch ſchwebt auf meinem Munde Der ſüße Kuß, den ſie mir hat gegehen In dieſer holden, gnadenreichen Stunde; Noch fühl' ich ihre Bruſt an meiner beben— Die ſtumme, wunderbar beredte Kunde Von ihres Herzens tiefgeheimſtem Leben. „Wie finden Sie das? Ich dächte, ich hätte das erſte, ſtürmiſche Entzücken eines Liebenden in dem Augenblicke, wo er ſich der Gegen⸗ liebe des angebeteten Weſens verſichert hat, gar nicht ſo übel ge⸗ zeichnet. Aber hören Sie weiter, wie das Allegro in ein Adagio verklingt: — O ſterngeſchmückte, milde, heil'ge Nacht! Du grabesſtiller, tiefer Gottesfrieden! Du heilſt die Kranken und erquickſt die Müden Nach ihrer wirren, tollen Lebensjagd. Und du haſt mich ſo überreich bedacht, Du haſt mir gnädiglich ein Glück beſchieden, Wie es ſo groß und ſchön noch nie hienieden Der Erdenkinder einem hat gelacht. O Mutter Nacht! die Du uns haſt geboren, Die Du uns trugſt in Deinen weichen Armen, An deren Bruſt wir Kraft und Ruhe trinken— O, ginge einſt mein holdes Glück verloren, Dann, große gute Mutter, üb' Erbarmen, Dann laß zurück in Deinen Schooß mich ſinken! Albert hatte dieſe Verſe ohne alle Affectation, klar und verſtän⸗ dig, ja mit einem gewiſſen Anflug von Wärme vorgetragen. Oswald wußte ihm Dank dafür. Er hatte ſchon gefürchtet, die Gedichte, auf Zweiter Band. 63 die er freilich nur in ſo fern Werth legte, als ſie ein treuer Ausdruck ſeiner Empfindungen waren, von dem frechen Spötter ihm gegenüber ſchonungslos profanirt zu ſehen. Er war froh, ſo leichten Kaufs davon gekoenmen zu ſein. „Machen Sie nie Verſe?“ fragte er, indem er das Blatt nahm und in ein Heft legte, das noch andere Poeſien zu enthalten ſchien. „Ich?“ ſagte Herr Timm, einen tiefen Schluck aus ſeinem Glaſe thuend;„bewahre! dazu bin ich viel zu praktiſch. Die praktiſche Weltanſchauung und die poetiſche vertragen ſich wie Hund und Katze. Wenn das Kätzchen Poeſie gerade am zärtlichſten miaut, bellt der Hund Proſa mit ſeiner groben Stimme dazwiſchen und die kleine Schwärmerin verſtummt. Warum wollen Sie zum Beiſpiel Knall und Fall ſterben, wenn Ihnen das„holde Glück“, wie Sie es nen⸗ nen, verloren geht? Das iſt doch ſo unpraktiſch wie möglich. Warum ſagen Sie nicht ſtatt:„Dann laß zuräck in Deinen Schooß mich ſinken“—„Dann laß mich ſchnell in andre Arme ſinken“— oder dergleichen, wodurch das Gemüth des Hörers beruhigt und vor ſei⸗ nem Auge eine höchſt angenehme Perſpective aufgethan würde. Was habt ihr Poeten überhaupt davon, einem das bischen Vergnügen, das man ſich noch allenfalls auf dieſem melancholiſchen Planeten verſchaffen kann, gefliſſentlich zu verkümmern! Aber freilich, ich ſpreche davon, wie ein Blinder von der Farbe. Vielleicht befindet ihr euch dort oben in Wolkenkukusheim, Alles in Allem, doch beſſer, als wir auf der höckrigen Erde, wo man von Hühneraugenſchmerzen und anderen irdiſchen Empfindungen, die euch luftigen Geſellen erſpart ſind, gar viel zu leiden hat. Ich habe mir ſchon manchmal gewünſcht, ich hätte ein beſtimmt ausgeſprochenes Talent für dieſe oder jene Kunſt: Poeſie, Muſik, Hühneraugenoperiren, Malerei, Grimaſſenſchneiden, Plaſtik, Gliederverrenken— gleichviel, nur irgend einen Sparren, an dem man ſich halten kann, wenn einem die Wellen des Lebens über dem Kopf zuſammenſchlagen. Ich erinnere mich, einmal in einer Thier⸗ bude an einem Dachs geſehen zu haben, welcher Segen im Unglück ein ſolches Talent iſt. Die übrigen talentloſen Beſtien liefen wie verrückt in ihren Käfigen umher, oder brüllten vor Wuth und Hunger, oder ergaben ſich im beſten Falle einer ſtummen Verzweiflung. Meiſter Problematiſche Naturen. Dachs dagegen, ſeinem angebornen künſtleriſchen Triebe folgend, ar⸗ beitete unverdroſſen an einer imaginären Höhle in dem Boden ſeines Käfigs, kratzend, kratzend, immer kratzend, vom Morgen bis zum Abend. Er vergaß dabei augenſcheinlich Hunger und Kälte, vergaß, daß er gefangen war; in der Ausübung ſeines Talents, ſelbſt unter ſo verzweifelt ungünſtigen Verhältniſſen, ſeine Seligkeit findend. Ich wollte, ich wäre ſo ein Dachs!— Der Cognac iſt wirklich ſuperb, Sie ſollten auch ein Glas trinken, Doctor, um die Wolken von Ihrer Apolloſtirn zu verſcheuchen.— Aber ich habe zu Allem Talent, das heißt zu Nichts. In meiner Jugend war ich weit und breit als ein Wunderkind verſchrieen, weil ich wie ein Staarmatz Alles nachpfiff, was mir die Andern vorpfiffen. Der Junge wird's einmal weit bringen, ſagten die albernen Menſchen, wenn ich wieder einmal ſo eine erſtaunliche Probe meines Gedächtniſſes, in welchem alles Dumme und Kluge gleich feſt haftete, zum Beſten gab. Ich wollte, ich hätte ſitzen und ſchwitzen müſſen, wie die andern armen Jungen, denen ich damals die Exercitien machte und die dafür jetzt gemachte Leute ſind, während ich nicht viel Beſſeres bin, wie ein Vagabund. Aber, vive la joie et vive la bagatelle! Es muß auch Vagabunden geben, aus dem einfachen Grunde, weil es ſonſt keine ſoliden Leute gäbe. Die Vagabunden ſind das Salz der Erde, oder wenigſtens der fliegende Same, der die ſonſt feſt am Boden klebende, und am Boden verrot⸗ tende Cultur über die ganze Erde verbreitet. Vagabunden gründeten Karthago, Vagabunden gründeten Rom. Was ſoll ein ehrlicher Kerl, der in Europa nicht mit einer echten Havannah⸗Cigarre im Munde geboren iſt, anderes thun, als nach Amerika auswandern, wenn er das ſehr natürliche Bedürfniß empfindet, einmal eine echte Cigarre zu rauchen, und ſie nicht geradezu ſtehlen will, oder nicht das Glück hat, einen ſo liebenswürdigen Menſchen aufzutreiben, wie Sie, der Sie ſich echten Cognac und echte Cigarren für ihre Bekannten halten und dabei noch die Gutmüthigkeit haben, dem Geſchwätze dieſer Bekannten zuzuhören, obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Müdigkeit zufallen. Der Tanſend! Der Inhalt der Flaſche hat ſich faſt um den dritten Theil ſeines Volumens verringert. Wie vergänglich doch alles Ir⸗ diſche iſt! Buona notta, Don Oswaldo! dormite bene und träumen Zweiter Band. Sie dolce von den bei occhi della donna bella, amata, immaculata Ihrer Sonette. Ich für mein Theil will, wie Hamlet, beten gehen, denn nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglücklicher Talent, ge⸗ ſchweige denn zum Träumen. Gute Nacht, Pottore!“ „Gute Nacht!“ ſagte Oswald, ſich ſchlaftrunken aus ſeiner Sopha⸗ ecke erhebend und Albert bis zur Thür begleitend. „Keinen Schritt weiter, Pottore!“ ſagte dieſer,„Alles hat ſeine Grenzen!“ und als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, blieb er noch einen Augenblick ſtehen, legte den Daumen ſeiner rechten Hand an die Naſe, die übrigen vier Finger ſchnell bewegend— eine Geſte, die für Oswald weniger ſchmeichelhaft, als für das kindlich⸗harmloſe Gemüth des Herrn Timm bezeichnend war. Sechstes Capitel. Der drückenden Hitze, die in der letzten Zeit geherrſcht hatte, folgten einige kühle regneriſche Tage. An ſolchen Tagen erſchien Schloß Grenwitz noch öder und ein⸗ ſamer, als gewöhnlich. Sonſt kam, wenn auch Niemand anders, doch wenigſtens der Sonnenſchein zum Beſuch auf Schloß Grenwitz, und blieb bis zum Abend und drang in alle Räume, ſelbſt in die ver⸗ ſchloſſenen Geſellſchaftszimmer des oberen Stocks, wo er flüchtig über die Stühle und Sophas mit den koſtbaren, obgleich ein wenig ver⸗ blichenen Damaſtüberzügen weghuſchte und hier und da ein Bild an der Wand begrüßte, das er ſchon ſeit hundert Jahren und darüber kannte. Sonſt waren, wenn weiter auch Niemand, doch wenigſtens die Spatzen luſtig und guter Dinge, die in den Löchern des alten Thurmes und in den Stuckornamenten des Neubaus niſteten und ſchon vom früheſten Morgen ſich ſo ungenirt über ihre Angelegenheiten unter⸗ hielten und zankten, als ob das Baronenſchloß ihnen nicht mehr Ach⸗ tung abnöthigte, als eine Bauernſcheune. Und wem es trotz alledem zu einſam und öde im Schloſſe wurde, der konnte in den Garten hinabgehen, wo die Blumen in noch viel ſchöneren und vor allem Fr. Spielhagen's Werke. 1I. 5 Problematiſche Naturen. friſcheren Farben prangten, als die Tapeten und die Stühle und Sophas drinnen in den Prunkzimmern, wo über den bunten Blumen ſich bunte Schmetterlinge wiegten, wo die Vögel jubilirten, die Bienen geſchäftig ſummten und für den, welcher Augen hatte, zu ſehen, und Ohren, zu hören, allüberall ein wunderſames, ſtill geſchäftiges, an Leiden und Freuden reiches Leben herrſchte. Das war nun Alles anders an Regentagen. Da konnten ſich die Bilder an der Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenſchein mit den Stühlen und Sophas alte, gemeinſam erlebte Geſchichten erzählen, ſo viel ſie wollten; da ließen ſelbſt die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten für den Augenblick ruhen, oder biſſen ſich in aller Stille um die beſten und trockenſten Plätze; und in dem Gapten ließen die Blumen die regenſchweren Köpfchen hängen; und all' das bunte, reiche Leben ſchien erſtorben. In den naſſen Gängen und über die Beete weg ſpielten die Winde Haſchens und zerzauſten dabei mitleids⸗ los die armen Blumen, und warfen die Bohnenſtangen um und fuhren die Bäume hinauf, und ſchüttelten und rüttelten an den Aeſten, daß die ſchlanken Zweige hinüber und herüber rauſchten. Dies melancholiſche Wetter paßte nur zu gut zu Oswald's Stim⸗ mung. Seit dem Tage in Barnewitz war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, die er ſich ſelbſt kaum zu erklären wußte. Es war, als ob ihm plötzlich ein dichter Schleier über die Augen gefallen wäre, durch den hindurch ihm Alles farblos und reizlos erſchien; es war, als ob ihm eine feindliche Hand Wermuth in den Kelch des Lebens gemiſcht hätte, aus welchem er in der letzten Zeit mit ſo vollen, gierigen Zügen getrunken. Selbſt das Bild der ſchönen lieben Frau, die in dem Allerheiligſten ſeines Herzens thronte, ſchien ſeine Wun⸗ derkraft verloren zu haben. Wo war all die Seligkeit geblieben, die ihn ſonſt bei der Erinnerung an ſie und an die einzig wonnigen Stunden, die er mit ihr verlebt hatte, erfüllte? wo die ruheloſe Sehn⸗ ſucht nach ihrem Anblick, nach dem Ton ihrer Stimme? wo die fieber⸗ hafte. mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht herbeiwünſchte, unter deren Schutz er ſich die enge Treppe, die dicht neben ſeinem Zimmer in den Garten führte, hinabſtahl, um zu ihr zu eilen, die ſeiner in der verſchwiegenen Kapelle harrte; ihm Zweiter Band. 67 oft ſchon, ohne Furcht vor den Schauern der Nacht und der Einſam⸗ keit, in dem Walde unter den hohen, Enſten, finſtern Bäumen ent⸗ gegengekommen war!— Und doch wußte er, daß ſie jetzt einſam um ihn trauerte, daß ſie ihm längſt vergeben hatte, was ſein knabenhaf⸗ ter Trotz und ſeine kindiſche Laune an ihr gefrevelt: daß kein ſtrafen⸗ des Wort, kein vorwurfsvoller Blick ihn empfangen würden, wenn er zu ihr zurück käme; daß ſie freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen würde. Ach! nicht an ihr zweifelte er, nicht an ihrer Liebe, aber an ſich ſelbſt, an ſeiner Liebe! Wie dumpfes Glockenläuten, wie Grabgeſang tönten ihm noch immer die letzten Worte Oldenburg's: Wer von uns kann denn noch mit ganzem Her⸗ zen lieben? wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz? und eine Stimme, die er nicht zum Schweigen bringen konnte, raunte ihm zu, wo er auch ging und ſtand und felbſt des Nachts in ſeinen wirren Träumen: Du nicht! Du nicht!— In den Linien Deiner Hand ſteht es ja geſchrieben! Das braune Weib im Walde ſah es ja auf den erſten Blick: Du kannſt nicht treu ſein: Du nicht! Du nicht!— Und als Du zu Melitta's Füßen ſankſt, und den Schwur der Liebe und Treue ſtammelteſt, ſchloß ſie Dir nicht den Mund, ängſtlich, haſtig, als wollte ſie Dir das Verbrechen des Meineids erſparen:„o, ſchwöre nicht! Ich kann Dir Liebe ſchwören nun und Treue auf immerdar, aber Du nicht! Du nicht!— Regenwetter! wie der Wind die Tropfen gegen die Fenſterſchei⸗ ben jagt, daß ſie trüb werden wie verweinte Augen! wie ſchwer und tief die Wolken ſchleppen, die grauen Trauermäntel, als würden ſie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln drüben auf dem Schloßwalle ſtreifen! Wer doch da draußen läge in der ſchwarzen naſſen Erde, überhoben aller Qual des Zweifels und der Reue! Wer doch Theil haben könnte an dem ewigen Frieden der Natur! wer doch Eines ſein könnte mit den Elementen! mit dem Winde über die Erde brau⸗ ſen, mit der Flamme zum Himmel lodern, mit dem Waſſer des Stromes im Ocean verrinnen könnte! Hat die ſchwermüthige Weisheit der Inder Recht? und iſt das ganze Menſchenleben nur ein ungeheurer Irrthum? ſind wir Alle, Alle nur verlorne Söhne, die das Haus des guten alten Vaters verließen, 5* Problematiſche Naturen. um uns von Träbern zu nähren? Und iſt es wahr, daß wir jeder Zeit zu ihm zurückkehren könkend daß wir zurückſinken können in den Schvoß der lieben Mutter Nirwana, der uranfänglichen Nacht, wenn wir es nur von ganzem Herzen wünſchen? Von ganzem Herzen? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben? Du nicht! Du nicht!—— Vertrauen zu uns ſelbſt iſt wie eine Götterwolke, in die gehüllt wir die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandeln, und, wenn wir fallen, als Helden fallen, mit der Todeswunde auf der ſtolzen Stirn, in der muthigen Bruſt: Zweifel an uns ſelbſt iſt wie ein jäher Schwindel, der uns auf ſteiler Felſenhöhe packt, unſer Blut gerinnen macht, die Kraft unſrer Sehnen löſt, und uns zuletzt rettungs⸗ los in den Abgrund ſchleudert. In ſolchen qualvollen Augenblicken ſchließt ſich der Menſch, wie ein im Walde verirrtes Kind, an den erſten Beſten, der ihm begegnet, an Jeden an, der ſingend die Straße des Lebens einherzieht und der Gefahren des Weges ſpottet. Ein ſolcher muthiger Wanderer erſchien dem verdüſterten, ent⸗ muthigten Oswald ſein neuer Bekannter, und ſo kam es, daß er ſich in dieſen böſen Tagen an den ſtets zu Scherz und Lachen und tollen Streichen aufgelegten Albert mit einer Herzlichkeit anſchloß, die ihn, der ſonſt in der Wahl ſeiner Freunde ſo äußerſt wähleriſch war, ſelbſt in Erſtaunen ſetzte. Albert brauchte nicht mehr Zeit, ſich an einem fremden Orte einzurichten, wie ein Araber, um ſein Zelt aufzuſchlagen. Und von einer Einrichtung konnte eigentlich bei ihm keine Rede ſein. Er über⸗ ließ es jeder ſeiner Sachen, deren nicht viele waren, ſich in ſeinem Zimmer einen Platz zu ſuchen. Wollte der eine Stiefel lieber auf dem Stuhle ſtehen und der andere mit dem Abſatz nach oben auf der Erde liegen— er hatte nichts dagegen. Fand es der Frack, das einzige einigermaßen reſpectable Kleidungsſtück, deſſen er ſich erfreute, behaglich, in einer Ecke des kleinen melancholiſch ausſehenden Koffers zu einem unförmlichen Bündel geballt, zwiſchen ſchmutziger Wäſche ſein Daſein zu vergeſſen,— er wollte ihn in ſeinem Vergnügen nicht ſtören. Und er ſelbſt, der glückliche Beſitzer all dieſer emancipirten „ Zweiter Band. 69 Herrlichkeiten, ſtand trotz des kühlen Wetters in Hemdsärmeln über ein großes Reißbrett gebeugt und pff und ſang und zeichnete und lachte Oswald, der am Nachmittage, ihn zu beſuchen, kam, wegen ſeiner Leichenbittermiene, wie er es nannte, aus. „Dottore, Dottore!“ rief er,„Sie ſehen aus, als ob Sie von dem Grog, den ich geſtern Abend getrunken, den wildeſten Katzen⸗ jammer gehabt hätten! Wahrhaftig, Sie beſchämen das Wetter! Die Wolken draußen ſind ja verglichen mit denen auf ihrer Stirn in hundert bunten Farben ſchimmernde Seifenblaſen! Haben Sie je als Junge an einem ſchönen hellen Sommermorgen in der Bodenluke geſeſſen und aus einem kleinen Stummel von Thonpfeife bunte Seifen⸗ blaſen in die blaue Luft hinausgeſandt, während unten zwiſchen den bleiernen Soldaten auf dem großen Tiſch der Kinderſtube ein ange⸗ fangenes lateiniſches Exercitium lag, für deſſen fragmentariſchen Zuſtand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die ſchönſten Prügel beſahen! Sehen Sie, das iſt das Bild des Lebens. Unſer Wiſſen iſt Stückwerk, und unſere beſten Exercitien bleiben Stückwerk, die bunteſten Seifenblaſen zerplatzen, und die derbſten Prügel fühlt man eine Stunde nachher nicht mehr. Es iſt Alles eitel, vor allem aber unſer Grämen darüber, daß Alles eitel iſt. Zum Kukuk! Ich habe die Welt nicht gemacht und Sie, ſo viel ich weiß, auch nicht. Wes⸗ halb ſollten wir Beide uns alſo darüber den Kopf zerbrechen? Ich zerbreche mir über Nichts den Kopf, über gar nichts, zum Beiſpiel auch nicht über dieſe Linie, die ich offenbar zu kurz gemeſſen habe, und die ich nun nach Gutdünken mit Grazie verlängern muß, bis ſie dieſe Ecke hier trifft,— nebenbei eine höchſt romantiſche Waldecke, wo ich eine allerliebſte ſtumpfnäſige, rothbäckige, hochgeſchürzte Bauern⸗ dirne traf, die jedenfalls dieſe ganze Confuſion veranlaßt hat. Na, ſchadet nicht. Die Rechnung kann ja nicht immer rein aufgehen, wozu wären denn ſonſt die Brüche da, und das Grenwitz'ſche Majorat bleibt darum doch, was es iſt, eine ausgezeichnet ſchöne Erfindung, beſonders für den Spatzenkopf, den Malte. Iſt der Junge wirklich ſo dumm, wie er ausſieht?“ „Durchaus nicht,“ ſagte Oswald, der mit einem Stiefelknecht und einer Botaniſirkapſel, aus der ein Strumpf von blauem Garn Problematiſche Naturen. ſchamhaft hervorlugte, das kleine Sopha im Zimmer theilte.„Malte kann nicht blos bis fünf, ſten ſehr viel weiter zählen. Er hat für Manches ein ganz entſchiedenes Talent, beſonders zum Rechnen, worin er Bruno, der ſehr wenig Sinn dafür hat, weit voraus⸗ geeilt iſt.“ „Ja, die Vorſehung iſt wunderbar weiſe,“ ſagte Albert, in einem kleinen Näpfchen ſchwarze Tuſche anreibend;„wem ſie die Schild⸗ keötenſuppe des Reichthums zugedacht hat, beſcheert ſie gleich den ſil⸗ bernen Löffel dazu, und wem ſie den Schiffszwieback der Armuth mittheilte, verſieht ſie freundlichſt mit hohlen Backenzähnen, damit er ſich nicht lange über die trockene Koſt zu ärgern braucht. Ich für mein Theil habe aus Verſehen vortreffliche Zähne bekommen, und ſo mundet mir mein Zwieback ausgezeichnet, ſo ausgezeichnet, daß ich mich nicht einmal über die hohlköpfigen, dickbäuchigen, ſilberne Löffel führenden, Schildkrötenſuppe eſſenden, verzogenen rechten Kinder der Stiefmutter Natur erboſen kann. Aber eines ſollte mich doch freuen, und das wäre, wenn ſich zu dem Codicil im Teſtamente des vor⸗ trefflichen, im Delirium verſtorbenen und jetzt in Abraham's Schooße ſeinen Rauſch ausſchlafenden Baron Harald ein Liebhaber fände.“ „So kennen Sie auch die traurige Geſchichte?“ fagte Oswald. „Wer ſollte die nicht kennen,“ erwiderte Albert, ſich eine Cigarre anzündend und ſich auf die Lehne eines Stuhles ſetzend, ſo daß ſeine Füße auf dem Seſſel ſtanden.„Wird doch die Geſchichte durch die teſtamentariſch vorgeſchriebene Publication zum fürchterlichſten Aerger der hochmüthigen und ebenſo geizigen wie hochmüthigen Anna⸗Maria alljährlich in den Zeitungen aufgewärmt, obgleich ich glaube, daß es in den letzten Jahren gar nicht einmal mehr gefchehen iſt.“ „Es wundert mich,“ ſagte Oswald,„daß ich von der Sache niemals hörte bis ich hierher kam, und auch in den Blättern nie davon geleſen habe.“ „Wer bekümmert ſich denn um die Publicandas, Steckbriefe und ſonſtigen heitern Bekanntmachungen, wenn man, wie wir, von den⸗ ſelben weder etwas zu fürchten, noch zu hoffen hat! Ich wüßte wahr⸗ ſcheinlich von dem originellen Streich, den Vetter Liederlich Couſine Zweiter Band. 71 Gieremund geſpielt hat, auch nicht mehr, wie Sie, wenn mein Vater, den als Juriſten die Sache intereſſirte, Und der, glaube ich, irgendwie dabei betheiligt war— möglicherweiſe war der Vetter Liederlich bei der Abfaſſung des Teſtamentes behülflich geweſen— nicht manchmal davon geſprochen hätte. Uebrigens war die Aufforderung in ziemlich vagen Ausdrücken abgefaßt und lief ungefähr darauf hinaus, daß die betreffende junge Dame, oder ein voz ihr bis zum Ende, ich erinnere mich nicht mehr, welchen Jahres, Kind, gleichviel ob mas⸗ eulini oder feminini generis, ſich bei dem unterzeichneten Teſtaments⸗ erecutoren— natürlich unter Beibringung der nöthigen Legitimations⸗ Urkunden— ſchleunigſt melden möchten, da ihnen von dem zu ſeinen Vätern— die jedenfalls ebenſo ſaubre Kunden waren, wie der wür⸗ dige Sohn— verſammelten Baron Harald ein bedeutendes Legat vermacht ſei. Worin dies Legat beſteht, iſt nicht geſagt. Ich aber weiß, und es wiſſen's auch noch Viele, daß damit nichts weniger als zwei der ſchönſten Güter hier auf der Inſel: Stantow und Bärwalde, die ich ganz genau kenne, da ich ſie im vorigen Sommer vermeſſen habe, gemeint ſind.“ „Es müßte allerdings eine reizende Ueberraſchung für unſre liebenswürdigen Freunde ſein, wenn der im Teſtament vorgeſehene Fall einträte,“ ſagte Oswald. „Na ob!“ erwiderte Albert;„leider iſt dazu nur noch ſehr wenig Ausſicht, da das Legat nur fünfundzwanzig Jahre in suspenso bleibt und dann an die Familie zurückfällt. Von den fünfund⸗ zwanzig müſſen aber mindeſtens zwei⸗ oder gar ſchon dreiundzwanzig verfloſſen ſein, denn ich bin jetzt ſechsundzwanzig und erinnere mich, daß ich mich jedesmal ärgerte, nicht das teſtamentariſche Alter zu haben.“ „Warum?“ „Um mich wenigſtens in der reizenden Ungewißheit wiegen zu können, ob ich nicht am Ende doch der Jvanhoe wäre, der, aus ſeinem väterlichen Erbe vertrieben, unbekannt im Lande umherirrt, trotz ſei⸗ ner ritterlichen Abſtammung mit Schweinehirten Freundſchaft ſchließen und von alten ſchmutzigen Juden borgen muß, bis er endlich das In⸗ cognito fallen laſſen und die ſchöne Rowena als ſein eheliches Gemahl 72 Problematiſche Naturen. heimführen kann, obgleich ich für mein Theil auf den letzten Punkt weniger Gewicht legen würdes“ „Haben Sie Ihrem Herrn Vater, wenn Sie ſich mit ihm von der myſteriöſen Angelegenheit unterhielten, auch dieſen für denſelben ſo äußerſt ſchmeichelhaften Wunſch mitgetheilt?“ „Ich erinnere mich nicht; indeſſen, wenn ich es gethan habe, ſo hat der Alte meine kindliche S wahrſcheinlich ſehr natürlich ge⸗ funden, denn er war ein ſehr äufgeklärter Mann. Einen Vater muß doch nun einmal jeder Menſch haben, obgleich dieſe ſo äußerſt weiſe Einrichtung der Natur auch manchmal zum Beiſpiel, wenn man einen dummen Streich ausgeführt hat, oder auszuführen gedenkt, ziemlich unbequem iſt; und da ſehe ich nicht ein, weshalb ich einem Vater, der mir zwei prachtvolle Güter hinterläßt, nicht einem andern, der mich in die Welt laufen läßt, wie ein Krokodil ſein Junges ins Waſſer, das heißt mit zwei Reihen ausgezeichneter Zähne und nichts zum Beißen dazu, nicht den Vorzug geben ſollte, auch wenn der Erſtere in Betreff gewiſſer, bei chriſtlichen Nationen landesüblicher Gebräuche mehr orientaliſch⸗muhamedaniſchen Anſichten huldigte.“ „Das iſt Geſchmacksſache,“ ſagte Oswald. „Gewiß, erwiderte Albert;„obgleich ich überzengt bin, daß von hundert Menſchen, wenn ihnen die Alternative nicht blos als Problem, ſondern in greifbarer Wirklichkeit geſtellt würde, ſich neunundneunzig, verſteht ſich, mit obligatem ſchamhaften Erröthen, zu meiner Anſicht bekennen, oder ſich auch noch immer zu Ihrer Anſicht bekennen, jeden⸗ falls aber mit beiden Händen zugreifen würden. Verſpürte doch ſelbſt der große Gvethe ähnliche Gelüſte, obgleich er natürlich vermöge ſeiner Größe noch ein paar Zweige höher nach den goldenen Aepfeln ſchielte, und gern eines Kaiſers Sohn Sete wäre, während ich ſchon mit einem Papa Baron zufrieden bin.“ „Der große Goethe war, als er dieſe Gelüſte verſpürte, eben noch nicht der große, ſondern ein ganz kleiner Gvethe, und hatte, wie andere Kinder, kindiſche Einfälle.“ „No, ich weiß nicht, ob dem alten Geheimerath die beiden Güter nicht auch willkommen geweſen wären; denn in gewiſſer Hinſicht, zum Exempel darin, daß uns gebratene Aepfel beſſer ſchmecken als rohe Zweiter Band. 73 Kartoffeln, bleiben wir Alle Kinder, und wenn wir Methuſalems Alter erreichten. Indeſſen, dem ſei, wie ihm wolle. Wenn Sie ein beſonderes Gewicht darauf legen, Ihres Herrn Vaters Sohn zu ſein, ſo wäre es Unrecht von mir, Ihnen dies kindliche Vergnügen zu ver⸗ leiden.— Wie wär's, Dottore, wenn wir unſer philoſophiſches Ge⸗ ſpräch als Peripatetiker im Freien fortſetzten? Der Himmel ſieht freilich noch immer aus wie ein naſſer Scheuerlappen, aber es hat doch wenigſtens für den Augenblick aufgehört zu regnen, und ich meinestheils will lieber in die Sündfluth hineinſchwimmen, als den ganzen Tag in dieſer langweiligen Arche Noah ſitzen, wo man ſogar gegen alle Natur⸗ und bibliſche Geſchichte gezwungen iſt, ohne das betreffende weibliche Exemplar der Species, die man ſelbſt repräſen⸗ tirt, leben zu müſſen. Sie können doch ſchwimmen?“ „O ja,“ ſagte Oswald lächelnd. „Nun, dann ſetzen Sie ſich eine Mütze auf und kommen Sie; die Jungen ſind jetzt unten beim Vesperbrod und werden ihren Mentor wohl auf eine Stunde entbehren können.“. Die beiden neuen Freunde gingen die enge Treppe, die dicht neben Oswald's Zimmer durch die gewaltige Mauer des unteren Stocks in den Garten führte, hinab. Es regnete nicht mehr, auch der Wind hatte aufgehört zu wehen, aber der ganze Himmel war mit ſchweren trüben Wolken bedeckt, die mit jedem Augenblick tiefer zu ſinken ſchienen. Aus den Kelchen der Blumen tropften die Regen⸗ perlen wie helle Thränen aus überſtrömenden Kinderaugen. Dann und wann ertönten leiſe klagende Vogellaute aus den breiten Kronen der Bäume, ſonſt tiefe Stille allüberall. Eine unausſprechliche Wehmuth bemächtigte ſich Oswald's Herz. Das Leben erſchien ihm wie ein dumpfer, beängſtigender Traum, durch den geliebte Geſtalten mit verhülltem Antlitz glitten. Er ge⸗ dachte Melitta's, aber wie einer Todten... Auch Albert war ſtill geworden in dem ſtillen Garten:„Laſſen Sie uns weiter gehen,“ ſagte er;„es iſt hier wie auf einem Friedhof.“ Sie gingen aus dem alten verfallenen Thore über die Zugbrücke in den Wald, den Weg nach Berkow, denſelben Weg zwiſchen den 74 Problematiſche Naturen. hohen erſten Tannen, den Oswald an dem Abend ſeiner Ankunft auf Schloß Grenwitz daher gefahren kam, und den er ſeitdem mit wie verſchiedenen Empfindungen nun ſchon ſo oft zurückgelegt hatte. Jener Abend hatte eine Kluft in ſein Leben geriſſen, deren Tiefe er jetzt erſt inne ward. Seit jenem Abend war die weite Welt draußen hinter den ſtillen Wäldern für ihn verſunken, und eine neue Welt war für ihn emporgeblüht, eine paradieſiſche Welt voſl Liebe und Sonnenſchein; und jetzt war es ihm, als verſänke ihm. dieſé. Welt unter den Füßen, und die alte Welt draußen jenſeits det ſtillen Wälder läge ihm weit, unerreichbar weit. Würde er je mit friſchen, muthigen Sinnen in dieſe Welt zurückkehren? nicht ſich ſtets zurück⸗ ſehnen nach der blauen Blume, die ihm hier nahe wie noch nie ged blüht hatte, ſo nahe, daß ihm der Duft bis in's Herz gedrungen war? Was war aus den ſtolzen Ideen geworden, denen nachzudenkent ſonſt die Freude ſeines Lebens geweſen? aus den kühnen Plänen,* mit denen er ſich ſchon Jahre lang getragen? war Alles nun dahin? und dahin um eines Weibes willen, um der Liebe willen zu einer Frau, die nie die ſeine werden konnte? Nein und tauſendmal nein! Er mußte ſich losreißen aus dieſer ſinnverwirrenden Zauberwelt, und ſollte es ihm das Herz zerreißen, ihm! was war an ihm gelegen! er hatte ja kein ganzes Herz mehr zu verlieren! aber ſie— was ſollte dann aus ihr werden? „Ich glaube, Ihre Melancholie ſteckt an, Dottore,“ ſagte Albert, als ſie eine Zeit lang ſchweigend nebeneinander hergegangen waren; „wie kann ſich nur ein ſo geiſtreicher Mann wie Sie von den Ein⸗ flüſſen der Witterung, oder was Ihnen ſonſt in den Gliedern ſteckt, ſo gänzlich beherrſchen laſſen! Ihr melancholiſchen Genies ſeid doch pudelnärriſche Menſchen. Immer heißt es bei euch: hie Welf! oder: hie Waiblingen! Die aurea medioeritas des Horaz iſt für euch um⸗ ſonſt gepredigt. Ihr wollt nicht darauf hören, weil euch der Stolz nicht erlaubt, jemals mittelmäßig zu ſein, und doch müßtet ihr ein⸗ ſehen, daß wir mittelmäßigen Kinder der Natur uns zehntauſendmal wohler in unſerer Haut fühlen, als ihr. Wahrhaftig, Dottore, Sie können ſich porträtiren und unter die Familienbilder der Grenwitzer, oben im Saale, hängen laſſen; es findet Sie Keiner als einen Frem⸗ Zweiter Band. 75 den heraus. Die haben auch Alle ſo verteufelt melancholiſche Ge⸗ ſichter. Mir däucht, man ſieht es der Race an, daß Jeder von Ihnen ſo oder ſo zum Teufel gehen mußte, wie ſie es denn auch, ſo viel ich weiß, bis jetzt ohne Ausnahme gethan haben. Die Geſichter— ich habe ſie heute nach Tiſche der Reihe nach durchgemuſtert— können alle als Litelkupfer zu grauslichen Räuber⸗ und Ritterſtichen geſtochen werden. Dieſe Geſichter erzählen von tauſend übertollen Streichen, von durchzechten Nächten, und vor allem: von vielen, vielen ſchönen Weibern, die ſich an ihnen den Tod küßten. Denn für die Weiber, wie ich ſie kenne, müſſen Kerle mit ſolchen Fratzen unwiderſtehlich ſein, vor allem, wenn die Kerle, wie in dieſem Falle, reiche Barone ſind. Beſonders iſt mir der Harald, dieſer Rattenfänger von Hameln, auf⸗ gefallen. Er iſt nicht ſo ſchön wie ſein Vater Hskar, mit dem Sie nebenbei, wenn Sie ſo finſter ausſehen, wie eben, ohne Schmeichelei eine merkwürdige Aehnlichkeit haben— aber er ſcheint mir mit ſeinen großen, verführeriſchen blauen Augen, ſeinen ſo feinen und doch ſo wollüſtigen Lippen der wahre Typus dieſer hochadeligen und hoch⸗ gefährlichen Race.“ „Sie thun mir wahrlich eine unverdiente Ehre an, wenn Sie mich ſo ohne Weiteres mit dieſer noblen Sippſchaft zuſammenſtellen,“ ſagte Oswald. „Nein, Scherz bei Seite,“ erwiderte Albert,„Sie haben wirk⸗ lich in Ihrer Phyſiognomie den verhängnißvollen Grenwitzer Zug; ich will Ihnen damit nicht etwas Angenehmes ſagen, denn Andere, ich für mein Theil zum Beiſpiel, ziehe es bei weitem vor, denſelben nicht zu haben. Ja, ich gehe noch weiter. Ich wette meine Karten der Grenwitzer Güter gegen die Güter ſelbſt, daß Sie, im erb⸗ und eigenthümlichen Beſitz dieſer Güter, daſſelbe Leben führen würden, das den Grenwitzern bis auf die jetzt regierende Seitenlinie, die gänzlich aus der Art geſchlagen iſt, erb⸗ und eigenthümlich war.“ „Sie verpflichten mich in der That durch die ſo überaus wohl⸗ wollende Meinung, die Sie von meinen Fähigkeiten und Neigungen haben, zu dem lebhafteſten Dank.“ „Ironiſiren Sie, ſo viel Sie wollen, ich bleibe dabei, Sie wür⸗ den es gerade ſo machen, wie die tollen Barone, gegen die Sie eine 3 Problematiſche Naturen. ſo gründliche Antipathie zu haben vorgeben, vielleicht auch wirklich haben, etwa ſo wie eine Dogge, die an den Karren geſpannt iſt, eine Antipathie gegen die andere hat, die frei umherläuft.“ 3 „Aber was, um's Himmelswillen, bringt Sie,— was berechtigt Sie zu dieſen wunderlichen Hypotheſen?“ „Meine tiefſinnigen und ebenſo oberflächlichen, wie tiefſinnigen Studien in der Phyſiognomik,“ erwiderte Albert.„Ich war ein Adept dieſer Wiſſenſchaft von Kindesbeinen an, ja ein Märtyrer derſelben, denn ich habe mir für den allzugroßen Eifer, mit dem ich ihr oblag, oft ſehr derbe Prügel geholt, wenn ich in den Schulſtunden, anſtatt aufzupaſſen, die geiſtreichſten Carricaturen von den Spatzen⸗ Affen⸗, Schafs⸗ und anderen Köpfen um mich her zeichnete; denn Ihnen prauche ich natürlich nicht zu ſagen, daß man das Charakteriſtiſche eines Geſichts, einer Geſtalt am ſchnellſten faßt, wenn man ſie zu carrikiren verſucht. Aus Ihrem Geſicht nur, wenn ich das Charakte⸗ riſtiſche ſtark betone, wird das ſchwermüthige, und bei aller Schwer⸗ muth ſo verführeriſch-ſinnliche Gottſeibeiuns⸗Geſicht der Grenwitzer, — Gottſeibeiuns⸗Geſicht, nämlich aus der armen Seele oder für die arme Seele der Mägdelein geſprochen, die ſich darin vergaffen. Ich will mich hängen laſſen, wenn Sie nicht noch im Leben ein raſendes Glück bei den Weibern machen,— und ſchon gemacht haben.“ „Und wenn ich Ihnen nun das Gegentheil verſicherte?“ „So iſt der Baron Harald kein Rattenfänger, ſondern ein Nacht⸗ wächter geweſen, und nicht an ſeiner allzugroßen Neigung für junge ſchöne Weiber und guten alten Wein, ſondern von vielem Studiren geſtorben; ſo hat die kleine Marguerite— die nebenbei ein bild⸗ hübſches und auch nicht allzuſprödes Kind iſt— gelogen, die mich geſtern verſicherte: ſie haſſe Sie, was doch auf deutſch ſo viel heißt, als: ſie ſei ſterblich in Sie verliebt, und ſo hat die Fama gelogen, die Ihren Namen mit dem einer andern und allerdings zu höheren Anſprüchen, als die kleine Marguerite berechtigten Dame in Verbin⸗ dung bringt.“ „Was meinen Sie?“ fragte Oswald, welcher fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfen ſchoß. „Nichts, mein Prinz, nichts!“ erwiderte Albert lachend;„muß Zweiter Band. 7 77 man denn immer etwas meinen, wenn man etwas ſagt? Ich wollte nur auf den Buſch klopfen, ob die Vögel vielleicht herausflögen. Denn daß an Iyrer Melancholie nicht blos das Wetter ſchuld iſt, das zu ſehen, braucht man nicht einmal, wie ich, eine Brille zu tra⸗ gen und ein Phyſiognom trotz Lavater und Lichtenberg zu ſein. Wenn unſer Einer melancholiſch iſt, ſind immer ein paar ſchwarze oder blaue Augen mit im Spiele. Die ſchwarzen Augen der kleinen Marguerite ſind es aber nicht, denn ich habe ſelbſt geſehen, mit welcher ſouveränen Gleichgültigkeit Sie das arme Ding behandeln, folglich ſind es ein paar andere Augen; und folglich, wenn es ein paar andere Augen ſind, müſſen dieſe Augen doch irgend wem gehören; und wenn ſie irgend wem gehören—“ „Genug, genug!“ ſagte Oswald, trotz ſeiner böſen Laune über das luſtige Geſchwätz des wunderlichen Geſellen an ſeiner Seite lachend;„Sie werden mir noch nächſtens beweiſen, daß ich der Mann im Monde bin und vor Liebe zu einer ſchönen Prinzeſſin, die auf dem Sirius wohnt, mich kopfüber in den Weltenraum hineinſtürze.“ „Warum nicht?“ ſagte Albert;„ich bin Merlin der Weiſe. Ich — kenne alle Raupen, die ein Menſch im Kopf haben kann; ich höre einen S Bären, beſonders wenn ich ihn ſelber angebunden habe, ſchon von weitem brummen, und prophezeie, daß, wenn wir nicht in fünf Minuten unter Dach und Fach kommen, wir ſo ausgewaſchen werden, wie man es nur im Intereſſe ſeiner Reinlichkeit wünſchen kann.“ Die Beiden befanden ſich jetzt, nachdem ſie aus dem Walde ge⸗ treten waren, auf dem offenen Felde zwiſchen dem Walde und den Häuslerwohnungen von Grenwitz. Albert's Prophezeihung ſchien in Erfüllung gehen zu ſollen. Die trüben, ſchweren Dunſtmaſſen ſenkten ſich tiefer und tiefer, daß es trotz der nicht allzuſpäten Stunde bei⸗ nahe Nacht wurde; ſchon fielen einzelne große Tropfen. „Sauve qui peut,“ rief Albert.„Wie wär's mit einem kleinen Dauerlauf, Döttore, bis zu jenem Häuschen?“ „Nur zu!“ ſagte Oswald. „Na, das war noch gerade vor Thorſchluß,“ ſagte Albert, als ſie unter dem vorſpringenden Dache der Hütte angelangt waren, und ſchüttelte ſich wie ein Pudel.„Meinem Rock hätte die Wäſche freilich — N 78 Problematiſche RNaturen. nichts geſchadet, aber ich bin hier voch lieber. Nein, wie das regnet! wollen wir nicht in das Innere dieſes Palazzo dringen, Dottore, oder glauben Sie, daß das alte Weib, das da zum Fenſterchen her⸗ vorlugt, dieſelbe Here iſt, die dieſes Hexenwetter gemacht hat?“ „Guten Tag, Mutter Clauſen!“ ſagte Oswald, der ſeine alte Freundin vom Kirchgang nach Faſchwitz erkannte. „Schön Dank, Junker!“ ſagte Mutter Clauſen und nickte freund⸗ lich mit dem grauen Haupte;„ich habe Dich ſchon erwartet. Komm nur herein, und der Andere auch, wenn er Dein Freund iſt.“ „Na, was bedeutet denn das?“ fragte Albert verwundert. „Folgen Sie mir nur,“ erwiderte Oswald;„Sie ſollen eine merkwürdige alte Frau kennen lernen.“ Und ſie traten, nicht ohne ſich zu bücken, durch die niedrige Thür in die Hütte. Siebentes Capitel. „Nur hier herein,“ ſagte Mutter Clauſen, Oswald bei der Hand ergreifend, und ihn von dem dunklen Flur in ein einfenſtriges Stüb⸗ chen ziehend, das der größern Stube auf der andern Seite, in welche Oswald mit dem Inſpector Wrampe den kranken Knecht an jenem Abend getragen hatte, gegenüber lag, während ſie ſich um Albert nicht weiter bekümmerte, als wüßte ſie, daß dieſer junge Mann das Talent hatte, ſeinen Weg auch im Dunkeln zu finden;„ich habe ſchon nach Dir ausgeſchaut, denn ich weiß von Alters her, daß Du nur zu gern in ſolchem Wetter umherläufſt, das heiße junge Blut ein bischen ab⸗ zukühlen. Biſt wohl wieder durchgeweicht, wie gewöhnlich? Nu, das geht ja heute noch. Da, ſetze Dich in den großen Stuhl. Es hat Niemand von Euch darauf geſeſſen, ſeitdem Baron Oskar heute vor dreiundvierzig Jahren darin geſtorben iſt.“ „Für abergläubiſche Gemüther keine beſondere Empfehlung,“ ſagte Zweiter Band. 79 Albert, auf einer großen hölzernen Lade im Hintergrunde des Stüb⸗ chens Platz nehmend, während die alte Frau Oswald in den Lehn⸗ ſtuhl drängte, und ſich zu ſeinen Füßen auf einen niedrigen Schemel ſetzte;„indeſſen Ehre, wem Ehre gebührt. Sie nehmen ſich auf dem einzigen Prunkmeubel in dieſem ſonſt äußerſt prunkloſen Gemach ganz famos aus, Dottore, beſonders bei dieſer Rembrandt'ſchen Beleuch⸗ tung und mit der alten Frau à 1à Murillo zu Ihren Füßen; wie ein vertriebener König, der bei einer alten Fee im Walde Schutz ſucht und findet, während ſein getreuer Eckart im Hintergrunde ſitzt und nickt. Ich glaube wirklich, das Laufen hat mich müde gemacht, und ich könnte ein paar Minuten ſchlafen. Wecken Sie mich, Dottore, wenn es wieder aufgehört hat, zu regnen—“ und Albert ſtreckte ſich der Länge nach auf der Lade aus, legte die Hände unter den Kopf und ſchien trotz der, für jeden Andern wenigſtens, höchſt unbequemen Lage nach wenigen Minuten, während deſſen nur das monotone Tik⸗tak der alten Schwarzwälder⸗Uhr in der Ecke und das Rauſchen des noch immer in Strömen herabfallenden Regens die lautloſe Stille in dem kleinen Gemache unterbrachen, alles Ernſtes eingeſchlafen zu ſein. Mutter Clauſen hatte ihr Strickzeug zur Hand genommen, und ſtrickte wieder wie neulich an einem winzigen Kinderſtrümpfchen, emſig, emſig, emſig, daß die Nadeln klapperten. Nur von Zeit zu Zeit ſchaute ſie zu Oswald empor und nickte ihm freundlich zu, als freute ſie ſich, daß er gar ſo bequem in dem alten weichen Lehnſtuhl ſäße, hier in der trocknen Stube, während es draußen ſo unbarm⸗ herzig regnete. „Nicht wahr, Junker, es ſitzt ſich gut in dem Stuhl?“ ſagte ſie, für einen Augenblick das Strickzeug in den Schooß und die rechte Hand auf Oswald's Knie legend.„Die gnädige Frau hat ihn mir geſchenkt, als der Baron geſtorben war. Sie konnte den Anblick nicht ertragen, ſagte ſie, denn ſie müſſe dabei ſtets an den Augenblick den⸗ ken, wo die Leute ihn hereintrugen, als er mit dem Wodan geſtürzt war, und hier in dieſen Stuhl ſetzten; und Harald kam herbeigelaufen, und ſchrie, als er den Vater ſo bleich und entſtellt ſah, und ſie ſelbſt lief im Zimmer umher und rang die Hände, und ich ſtand neben dem Baron, und wiſchte ihm den Todesſchweiß von der Stirn. Ich hatte 80 Problematiſche Naturen. damals keine Zeit zum Weinen, ich wußte es wohl, daß ich hernach Zeit genug dazu haben würde.“ „Und wie alt war Baron Harald, als ſein Vater ſtarb?“ fragte Oswald. „Zehn Jahre,“ antwortete Mutter Clauſen;„und ihm wäre beſſer geweſen, er wäre an dem Tage geſtorben,— ihm und manchem Andern.“ Die Alte hatte das Strickzeng, das in ihrem Schvoß müßig ge⸗ legen hatte, wieder zur Hand genommen und ſtrickte emſiger wie zuvor, als müſſe ſie die verlorene Zeit einholen. „Ja, ja,“ ſagte ſie,„es wäre beſſer geweſen. Damals war er ein bildhübſcher, unſchuldiger Junge mit Augen, blau wie Veilchen und roſenrothen Wangen; und als er ſtarb—“ Die Alte ſchwieg— die Nadeln klapperten und der Regen klatſchte gegen die Scheiben. „Nun,“ ſagte Oswald,„und als er ſtarb—“ „Da ſtarb ein böſer Mann, und es war ein böſes, böſes Ster⸗ ben. Ich weiß es allein, denn ich war allein mit dem Unſeligen, als der Tod ihn packte mit ſeiner eiſernen Fauſt. Da rangen ſie Beide, der ſtarke Harald und der ſtarke Tod, und gräßlich genug war es anzuſehen, ſo gräßlich, daß die Andern davon liefen— aber ich wollte ihn nicht verlaſſen in ſeiner letzten Noth, denn er war, böſe wie er war, doch Oscar's Sohn und ich hatte ihn, als er ein un⸗ ſchuldig Kind war, auf meinen Armen getragen und auf meinen Knien gewiegt. So hielt ich aus und betete, während er ſich und Gott verfluchte, bis der Tod ihm auf's Herz ſchlug, daß er laut auf⸗ ſchrie und auf ſein Kiſſen zurückfiel. Da war es aus mit ihm und ſeine arme Seele hatte Ruhe.“ „Und hatte der Baron keinen Freund, der ihm in ſeiner letzten Stunde hätte beiſtehen können?“ „Freunde genug, und es waren Männer dabei, die ſich vor einem Sterbebette nicht fürchteten; aber vor Harald fürchteten ſie ſich; er hätte den erwürgt und zerriſſen, der ihm in dieſer Stunde vor die Augen getreten wäre. Ja, ich möchte, ſie wären gekommen, Einer nach dem Andern; es verdiente Jeder von ihnen, daß ihm der Hals wäre umgedreht worden.“ Zweiter Band. 81 „Und wer waren dieſe ſchlimmen Freunde?“ Zuerſt Herr von Barnewitz, nicht der auf Süllitz, der noch lebt, der Vater von dem jungen Herrn von Barnewitz— das iſt ein guter Menſch, dem Keiner nichts Böſes nachſagen kann,— ſondern der auf Schmittow, der hernach all' ſein Geld an Herrn von Berkow ver⸗ ſpielte, und ihm dafür ſeine Tochter verkaufte.“ „Melitta!“ ſtöhnte Oswald und ſeine Hände griffen krampfig nach den Lehnen des Stuhls. „Was haſt Du, Junker?“ ſagte die Alte. „Nichts, nichts;“ murmelte Oswald, mit übernatürlicher Anſtren⸗ gung das aus Abſcheu, Mitleid, Haß und Rachedurſt grauenhaft ge⸗ miſchte Gefühl niederkämpfend, das in ſeiner Bruſt aufkochte, als er der Geliebten heiliges Bild ſo in den Schmutz gemeiner Leidenſchaften geſchleift ſah.— Melitta verkauft, von ihrem eigenen Vater einem Manne verkauft, den ſie nicht liebte, dem ſie ſich nur vermählte, ihren Vater von der Schande zu retten— Oswald fühlte, daß dieſer Ge⸗ danke ihn wahnſinnig machen würde, wenn er ihn bis zu Ende ver⸗ folgte; und zugleich fürchtete er, der ſcharfſinnige Albert, von deſſen feſtem Schlaf er keineswegs überzeugt war, obgleich ein gelegentliches leichtes Schnarchen von der Lade her ertönte, könne ſeine Aufregung bemerken. So zwang er ſich denn, ſitzen zu bleiben und mit ſchein⸗ barer Ruhe zu fragen: „Gehörte Herr von Berkow auch zu den Freunden des Barons? war er damals nicht noch zu jung?“ „Er war der Jüngſte,“ fagte Mutter Clauſen,„und auch der Beſte. Er that, was er die Andern thun ſah, ohne weiter zu überlegen, ob es Recht ſei oder Unrecht. Auch hatte er nicht die mächtige Natur der Andern. Wo er eine Flaſche trank, trank Harald drei, und dabei blieb Harald bei Beſinnung und Berkow lag unter dem Tiſch.“ „War es ein hübſcher Mann?“ fragte Oswald. „Nicht ſo hübſch, wie Harald und lange nicht ſo hübſch wie Du, Junker. Er war kleiner und ſchwächlicher wie ihr, und Harald hätte es mit ſechs ſolchen Männern zugleich aufnehmen können. Aber es war auch weit und breit Niemand ſo ſtark und ſo kühn, wie Harald. Er konnte das wildeſte Pferd im Lauf aufhalten und zahm und folgſam Fr. Spielhagen's Werke. II. 6 82 Problematiſche Naturen. machen, wie einen Hund, und in den Sattel ſprang er, ohne die Bügel zu berühren. Sie erzählten ſich Wunderdinge von ſeiner Rie⸗ ſenkraft, aber es war juſt ſo, wie ſie ſagten. Wenn er zornig war, und er war es nur zu oft, zerbrach er einen ſchweren eichenen Stuhl oder Tiſch, als wären ſie von Glas. Dann ſchwollen ihm die Adern auf der Stirn an, wie Aeſte, und der weiße Schaum trat ihm vor den Mund, daß er gräulich anzuſehen war; aber wenn er lachte und freundlich that, da mußte man ihn doch wieder lieb haben. Da konnte er ſo ſchön thun, und ſo gute Worte geben, daß kein Menſch nicht glauben konnte, wie böſe er war. Denn böſe war er bei alledem; was ihm gefiel, das mußte er haben, es mochte koſten, was es wollte, und wenn Alles darüber zu Grunde ging.“ „Waren Sie denn während dieſer ganzen Zeit noch auf dem Schloſſe?“ „Warum nennſt Du mich Sie, Junker? Du haſt es ja ſonſt nie gethan— ja wohl war ich auf dem Schloſſe. Mein Mann war ja geſtorben und die Jungen und die Dirnen waren geſtorben und ich war ja die einzige, die nach dem Tode der gnädigen Frau Mutter noch ein bischen auf Ordnung ſah. Ich war nicht gern da, das weiß der Himmel, denn im Schloſſe ging es zu wie zu Sodom und Gomorrha. Alle Tage die ſaubern Freunde, und oft noch ein halbes Dutzend dazu und dann geſpielt und gezecht bis an den hellen Morgen.“ „Kamen denn nie Damen auf's Schloß?“ „Nein, ſelbſt die frechſten und übermüthigſten fürchteten ſich vor dieſen wilden Männern. Und es waren die Meiſten von ihnen auch noch nicht verheirathet, wie Herr von Berkow; oder ihre Frauen waren geſtorben, wie dem Herrn von Barnewitz ſeine Frau; ſo konn⸗ ten ſie denn ihr böſes Leben ganz ungeſtört führen. Freilich, an Weibern fehlte es nie auf dem Schloſſe, aber ſie blieben niemals lange und es waren immer nur ſolche, an denen nichts zu verderben war, bis auf Eine, bis auf Eine—“ „Und wer war dieſe Eine?“. „Die Letzte— ein ſchöner, unſchuldiger Engel, der auch die Teufel hätte belehren können, aber Harald und ſeine Geſellen waren ſchlimmer als die Teufel.“ Zweiter Band. 83 „Wie hieß ſie? woher kam ſie?“ „Wir nannten ſie nur Fräulein Marie; woher ſie kam, habe ich nie erfahren, und eben ſo wenig, wohin ſie ging.“ „So hat ſie ſich nicht das Leben genommen, wie die Leute ſagen?“ „Nein, denn dazu war ſie zu fromm und gut; ſie hätte ihr Kreuz bis Golgatha getragen. O, ſie war ſo jung und ſchön und ſo ſanft und ſo lieb, wie meine alten Augen nie, weder vorher noch nachher, etwas geſehen haben. Wenn ich gewußt hätte, daß ſie gemeint war, als Baron Harald über dem Weine mit Herrn von Barnewitz um, ich weiß nicht wie viel Tauſend Thaler wetteke, das Mädchen ſolle ihm freiwillig nach Grenwitz folgen und freiwillig auf dem Schloſſe bleiben— ich hätte ſie Alle, wie ſie da ſaßen, mit Gift vergeben, wie ſchnöde Ratten.“ „Und wie fing es der Baron Harald an, um ſeine Wette zu ge⸗ winnen?“ „Es iſt eine lange Geſchichte, Junker, und ich will ſie Dir er⸗ zählen. Ich ſage Dir, wenn alle Tropfen, die draußen fallen, Thrä⸗ nen wären, und alle um das arme Kind geweint würden— ich würde ſagen: es ſind eben nur genug. Als Harald mit Herrn von Barnewitz die ſchlimme Wette machte, war er vorher zwei oder drei Wochen mit ihm zuſammen verreiſt ge⸗ weſen; ich weiß nicht wohin; ich glaube in eine große Stadt, weit ron hier, und da hatten ſie, denke ich, das arme Kind geſehen. Bald darauf reiſte er wieder fort und diesmal blieb er zwei Monate aus. Endlich ſchrieb er, er komme zurück, aber nicht allein. Seine Tante Grenwitz komme mit; ich ſolle die Zimmer der verſtorbenen gnädigen Frau auslüften und die Möbel gut ausklopfen laſſen und Alles zu ihrem Empfang herrichten. Nun wußte ich wohl, daß der Baron eine Großtante hatte, die Schweſter ſeines Großvaters; aber ſie mußte nach meiner Rechnung achtzig Jahre und drüber ſein; ſie war zu meinen Lebzeiten nie in Grenwitz geweſen, und hatte ſich nie um Harald bekümmert, ſo wenig, wie er ſich um ſie. Deshalb war ich denn nicht wenig erſtaunt über den ſonderbaren Entſchluß, noch in ſo hohen Jahren eine ſo weite Reiſe zu unternehmen, denn ſie wohnte 6* 84 Problematiſche Naturen. viele, viele Meilen von hier; aber ich that, was mich der Baron ge⸗ heißen hatte. Sie kamen auch an dem von ihm beſtimmten Tage; ich empfing ſie und wunderte mich, wie rüſtig die alte Dame noch war, trotzdem ſie an einem Stock ging und ſilbergraue Haare und Angenbrauen hatte. Harald war voller Reſpect gegen ſie; er führte ſie an ſeinem Arm durch alle Zimmer des Schloſſes und zeigte ihr Alles ganz genau, beſonders die Familienbilder im großen Saale, wo auch ihr eigenes hing, wie ſie als achtzehnjähriges Mädchen geweſen war. Davor blieben ſie ſtehen und wollten ſich todtlachen, und die Alte kriegte den Huſten und Harald klopfte ſie derb in den Rücken. Ich wußte nicht, weshalb ſie ſo lachten— ich glaubte, weil aus dem ſchönen Mädchen ein ſo häßliches altes Weib geworden war, denn damals ahnte ich noch nichts von dem ſchändlichen Spiele. Am Morgen des nächſten Tages ließ der Baron wieder anſpan⸗ nen und die Tante ſetzte ſich zu ihm in den Wagen.„Wir kommen hente Abend wieder,“ ſagte er,„wenn es auch ſpät werden ſollte. Wir bringen noch eine junge Dame mit, die Geſellſchafterin bei Tante Grenwitz iſt. Sie muß das Zimmer nebenan haben, hörſt Dy, Alte?“„Aber Herr,“ ſagte ich,„in der rothen Stube iſt die Baronin geſtorben und es liegt und ſteht noch Alles ſo darin, wie an ihrem Todestage..„So laß Alles ausräumen,“ ſagte er,„hörſt Du, Alles, und ſchaffe es in ein anderes Zimmer und ſetze dafür andere Möbel hinein. Die junge Dame muß in Tante Grenwitz's Nähe ſchlafen.“ Was ſagſt Du, lieber Hraald 2* fragte die Tante, die auf dem einen Ohre taub war, und auf dem anderen auch nicht beſonders hörte, ſo daß ſie mich durchaus nicht verſtehen konnte, ſo laut ich auch ſchrie.„Nichts, nichts, liebe Tante!“ ſagte der Baron;„fort Jochen!“ Es war ſpät in der Nacht, als ſie wieder kamen. Ich hatte alle Leute zu Bett gehen laſſen mit Ausnahme des neuen Kammer⸗ dieners, den der Herr von ſeiner Reiſe mitgebracht hatte. Die junge Dame war mit im Wagen. Als ſie auf den Flur traten und der Schein des Lichtes, das der Baptiſte, ſo hieß der Menſch, in der Hand trug, auf das roſige Geſichtchen der jungen Dame fiel, verzog ſich ſein Geſicht zu einem recht widerlichen Lachen. Aber ich ſah, daß Zweiter Band. 85 Harald die Stirn runzelte, und mit den Angen winkte, da war Bap⸗ tiſte gleich wieder ganz Ernſt und Dienſteifer. „Führe die Damen auf ihre Zimmer, Alte!“ ſagte Harald zu mir, und dann verbengte er ſich ſtattlich vor den Frauen und wünſchte ihnen wohl zu ſchlafen. „Wollen Sie mir Ihren Arm geben, liebe Marie?“ ſagte die Tante, als ich mit dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging; „meine alten Glieder ſind doch etwas müde von der heutigen Fahrt.“ „Wie ſoll ich Ihnen Ihre Güte danken, gnädige Frau!“ ſagte das Mädchen mit einer ſo weichen, ſüßen Stimme, daß ich mich unwill⸗„ kürlich umſehen mußte. Die Alte und das Mädchen ſtanden auf dem Abſatz der Treppe. Der Schein von den drei Kerzen auf dem Arm⸗ leuchter, den ich trug, ſiel hell auf die Beiden und ich werde den Anblick nie vergeſſen, und ſollte ich noch einmal achtzig Jahre ver⸗ leben. So widerlich häßlich war mir die Tante noch nie erſchienen, und ſo etwas Holdes und Schönes, wie die junge Dame, hatte ich im Leben noch nicht geſehen.„Sie wiſſen es am beſten, liebes Kind,“ ſagte die Alte, und dabei zog ſie eine ſcheinheilige Fratze, die ſie wo möglich noch häßlicher machte.„Ich habe nur noch einen Wunſch auf Erden; es ſteht bei Ihnen, ob mir dieſer Wunſch erfüllt werden ſoll, oder nicht.“ Das Mädchen antwortete nicht, aber die hellen Thränen traten ihr in die Augen, und dann beugte ſie die ſchlanke hohe Geſtalt nieder und küßte der alten Here die Hand.„Nun, nun,“ ſagte die,„Sie ſind ein gutes Kind, wir werden uns ſchon verſtehen, und mein Harald, mein Augapfel, wird noch glücklich werden.— Laſſen Sie ſich den Leuchter geben, liebe Marie; ich kenne das Schloß meiner Ahnen noch recht gut, obgleich ich es nun ſeit ſechszig Jahren nicht geſehen habe. Gehe Sie zu Bett, liebe Clauſen; ich bemühe die Leute nicht gern unnöthiger Weiſe.“ Und das mußte man der Tante laſſen; wir bekamen nur ſehr ſelten ihre Klingel zu hören. Sie zog ſich ſelbſt an und aus; freilich brauchte ſie mehrere Stunden dazu, aber Keiner von uns durfte ihr die geringſte Hülfe leiſten; ja, ſeitdem eins der Mädchen einmal, während ſie ſich anzog, in ihre Stube gekommen war, ſchloß ſie ſtets hinter ſich ab. Sie hatte ſonderbare Gewohnheiten, die alte Frau. 86 Problematiſche Naturen. So konnte ſie des Abends nicht müde werden, und ich ſah ſie manch⸗ mal noch bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern, dafür ſchlief ſie aber bis in den Nachmittag hinein. Bei Tiſche hatte ſie nie Appetit, aber auf ihrem Zimmer konnte ſie deſto mehr eſſen und trinken, manchmal zwei, drei Flaſchen alten Wein an einem Tage. Aber was das Merkwürdigſte war, ſie ſchien heute fünfzig und mor⸗ gen achtzig Jahre alt zu ſein; ſie konnte in dieſer Minute das leiſeſte Wort hören und in der nächſten war ſie ſtocktaub; ſie ſchleppte ſich das eine Mal nur ſo an ihrem Stocke fort und das andere Mal kam ſie die Treppen ſchneller hinab, als ich, obgleich ich damals erſt ſechszig Jahre und noch vollkommen rüſtig war. Mir war es ganz unheim⸗ lich bei der alten Frau, und ich war froh, wenn ich ihr möglichſt weit aus dem Wege gehen konnte.“ „Und wie lebte Fräulein Marie unterdeſſen?“ „Sie war faſt immer in Harald's Gefellſchaft. Ich ſah ſie des Morgens zuſammen zwiſchen den thaufriſchen Beeten des Gartens umherſchweifen, Arm in Arm, ſie die Augen verſchämt niederſchlagend und Harald, eifrig und leiſe zu ihr ſprechend. Ich ſah ſie des Nach⸗ mittags in den kühlen Zimmern, die nach dem Park hinausliegen, ſitzen, ſie, mit einer Arbeit beſchäftigt, die aber oft müßig in ihrem Schvoß lag; ihn, aus einem Buche vorleſend, noch öfter aber den Arm auf die Lehne ihres Stuhles geſtützt, während ſie ſelig lächelnd zu ihm emporſchaute, ſie mit glühenden Blicken verſchlingend und ihr von Zeit zu Zeit das ſeidenweiche braune Haar aus der ſchönen Stirn ſtreichend. Ich ſah ſie des Abends wieder draußen umherſchweifen, oder in den hellerleuchteten Zimmern, Arm in Arm, langſam auf⸗ und abwandeln, während Tante Grenwitz auf dem Sopha ſaß und las, oder doch that, als ob ſie läſe.— Ach! es war eine köſtliche Zeit für das arme Kind; und ſie ſah ſtets ſo glücklich und ſelig aus, daß es einem angſt und bange wurde, wie das enden ſolle; und wenn ſie mich traf, hatte ſie ſtets ein freundliches Wort für mich:„Wie geht's, liebe Frau Clauſen?“ oder:„kann ich Ihnen nicht helfen, liebe Frau Clauſen? Sie laſſen es ſich gar ſo ſauer werden. Ich ſchäme mich, daß ich hier ſo müßig gehe.“ Eines Nachmittags begegnete ſie mir im Garten. Es war ein Zweiter Band. 87 ſonniger heißer Tag; ſie hatte ein weißes Kleid an und ein Stroh⸗ hut mit breitem Rande hing an ihrem ſchönen runden Arm. Der Baron war ausgeritten, ſeit langer Zeit zum erſten Male, die Tante war noch nicht aufgeſtanden. Ich hatte mir ſchon lange vorgenom⸗ men, wenn es die Gelegenheit erlaubte, ein Wort mit dem Mädchen zu ſprechen und ihr die Augen zu öffnen. So faßte ich mir denn ein Herz, als ſie mit einem: Guten Tag, Mutter Clauſen, wie geht's? an mir vorüber wollte, und ſagte:„Schön Dank, Fräulein Marie; haben Sie einen Augenblick Zeit? ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen ſprechen?“—„Was giebts?“ ſagte ſie, und als ſie in mein Geſicht ſah, das wohl recht ernſt und traurig ſein mochte, rief ſie:„Um Gotteswillen, es iſt doch kein Unglück paſſirt?“—„Nein Fräulein Marie,“ ſagte ich,„aber es könnte leicht eins paſſiren, wenn Sie ſich nicht beſſer vorſehen; und das ſollte mir herzlich leid thun, denn Sie ſind ſo jung und ſehen ſo engelsgut und rein und unſchul⸗ dig aus.“—„Was meinen Sie?“ ſagte das arme Kind und wurbe dunkelroth.—„Kommen Sie hierher, Fräulein Marie,“ ſagte ich und zog ſie in einen Buchengang, wo wir vom Schloſſe aus nicht geſehen werden konnten,„ich will Ihnen Alles ſagen, was ich auf dem Herzen habe. Ich bin eine alte Frau und Sie ſind ein junges Ding, das viel weiß, wie's in der Welt ausſieht, und wie es hier in Grenwitz zugeht.“ Und nun ſchilderte ich ihr das Leben auf dem Schloſſe, wie es bis zu ihrer Ankunft geweſen war, und welch' ein wilder, wüſter Menſch Harald ſei, und daß er falſch und grauſam ſei, wie ein Tiger. Sie hörte mir mit glühenden Wangen und die langen dunkeln Wimpern nicht von den ſchönen blauen Augen auf⸗ ſchlagend, ohne mich nur einmal zu unterbrechen, ruhig zu, dann ſagte ſie leiſe:„Ich danke Ihnen, liebe Frau Clauſen— aber was Sie mir da ſagen, das weiß ich Alles ſchon.“— Ich war wie vom Donner gerührt.„Sie wiſſen das,“ rief ich,„und haben der gnädi⸗ gen Tante hierher folgen können? Sie wiſſen das und ſind noch hier? Sie wiſſen das, und fürchten ſich nicht, mit dem Baron ſtundenlang, halbe Tage lang allein zu ſein? O, Kind, Kind, was ſoll ich von Ihnen denken!“—„Denken Sie nichts Schlechtes von mir, gute Frau,“ ſagte ſie, mir die Hand auf die Schulter legend.„Und den⸗ 88 Problematiſche Naturen. ken Sie auch nicht ſo ſchlecht vom Baron. Er wird nie wieder ſo wild und bös ſein, wie er vormals geweſen iſt.“—„Woher wiſſen Sie das, Fräulein?“ ſagte ich.—„Weil er es mir verſprochen hat.“ —„Und glauben Sie, daß er dies Verſprechen hält?“—„O, gewiß.“ —„Warum?“—„Weil er mich liebt.“—„O, Kind, Kind,“ rief ich,„um Gotteswillen, es iſt die höchſte Zeit: fliehen Sie, oder Sie ſind rettungslos verloren. Unglückliche, die Sie ſeinen Schwüren glauben! Er ſchießt das Pferd todt, das ihm nicht länger gefällt, und er bricht den Schwur, der ihm läſtig wird. Was er Ihnen ge⸗ ſchworen hat, iſt ein altes Lied; er pfeift es, wie ein Staar ſein Stückchen pfeift, ohne etwas dabei zu denken. Was er Ihnen ſchwur, hat er ſchon hundert Andern geſchworen, von denen freilich die Mei⸗ ſten nicht viel beſſer waren, wie er ſelbſt, und ſich einen Treubruch ſchon gefallen ließen, wenn er nur gut bezahlt wurde.“—„Hören Sie auf,“ rief Fräulein Marie heftig;„ich kann und darf Sie nicht länger anhören.“ Und dann ſetzte ſie lächelnd hinzu:„Sie werden bald einſehen, gute Frau, wie bitter Unrecht Sie meinem Harald— wie ſehr Sie dem Baron Unrecht gethan haben.“—„Ihrem Harald?“ ſagte ich,„armes Kind, er wird nie Ihr Harald. Der nimmt, was ihm der Zufall in den Weg führt, und weil Sie nun einmal zufällig hier ſind“—„Und wenn ich nicht zufällig hier wäre?“ ſagte ſie, ſchelmiſch lachend;„wenn ich nun nicht der alten Baronin, ſondern die alte Baronin meinethalben hier wäre? und wenn ich nun gar nicht wieder fort ginge und ganz hier bliebe—“. In dieſem Augen⸗ blick kam Harald plötzlich in den Baumgang, in welchem wir redend auf und ab gingen. Er ſtutzte, als er mich mit dem Mädchen allein ſah.—„Fräulein Marie,“ ſagte er,„ich glaube, die Tante wünſcht Sie zu ſprechen.“ Und als das Mädchen fort war, trat er an mich heran und ſagte leiſe durch die weißen Zähne:„Was haſt Du ihr geſagt, Alte?“—„Daß Du ſie an der Naſe führſt, Harald,“ ant⸗ wortete ich.—„Ich werde Dir dafür den Hals umdrehen,“ ſagte er, und die Zornesader auf ſeiner Stirn ſchwoll.—„Immer noch beſſer, als wenn Du dem armen Dinge das Herz brichſt,“ ſagte ich. —„Höre, Alte,“ ſagte er,„und wenn ich es nun diesmal wirklich ehrlich meinte; wenn ich das wüſte Leben, bei dem man ja doch ————— Zweiter Band. 89 früher oder ſpäter zum Teufel gehen muß, herzlich ſatt hätte; wenn ich nun das Mädchen heirathete, wie dann?“—„Iſt ſie von Adel?“ ſagte ich.— Harald lachte:„Eines Schneiders Tochter iſt ſie. Ich werde die Scheere und das Bügeleiſen in unſer Wappen zeichnen laſſen müſſen“—„Wenn ſie nicht von Adel iſt,“ ſagte ich,„wirſt Du ſie nie heirathen, und es wäre auch nur eine Grauſamkeit mehr. Das arme Geſchöpf würde unter Deinem Spott und dem Hohn Deiner Freunde verbluten, wie ein gehetzter Hirſch unter den Zähnen der Hunde. Schicke das Mädchen fort; ich beſchwöre Dich, Harald, heute lieber, wie morgen. Und die alte Baronin auch;“ ſetzte ich hinzu.— Er ſah mich groß an und dann lachte er und ſagte:„Du biſt doch dümmer, als ich gedacht habe, Alte.“— Damit wandte er mir den Rücken und ging trällernd in das Schloß. Ich wußte nicht, was ich von dem Allem denken ſollte. Hatte Harald dem Mädchen die Ehe verſprochen, glaubte ſie alles Ernſtes, daß er— von dem ſie ſagte, daß ſie ſein früheres Leben kenne— dies Verſprechen halten würde? Sie ſchaute ſo klug und verſtändig aus ihren großen blauen Augen, wie konnte ſie ſich ein ſolches Mär⸗ chen aufbinden laſſen? Wie hatte es Harald angefangen, ihre Klug⸗ heit ſo ganz zu umnebeln? Was meinte das Mädchen damit, daß die Tante ihrethalben hier ſei? Mir ging das Tag und Nacht im Kopf herum, daß ich faſt krank darüher wurde. Ich hätte das arme, unſchuldige Lamm ſo gern gerettet, und dem Harald dieſe Sünde erſpart— hatte er doch ſchon genug auf dem Gewiſſen? Aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen ſollte. Seit jener Unterredung im Garten wich Fräu⸗ lein Marie mir überall aus; die Tante kam nur noch des Abends aus ihrem Zimmer und hatte trotz des heißen Wetters den Kopf ſtets dicht in Tücher eingewickelt. Harald hatte ſchon ſeit Tagen kein Wort mehr mit mir geſprochen. Er ſchien wirklich ein ganz anderer Menſch geworden zu ſein. Er war, ſo lange Fräulein Marie auf dem Schloſſe war, nicht ein einziges Mal betrunken geweſen; hatte keinen der Leute geprügelt; kein Pferd zu Schanden geritten, während doch ſonſt kein Tag hinging, wo er nicht dieſen oder jenen verrückten Streich aus⸗ führte. Wenn er ſonſt bei der geringſten Veranlaſſung tobte und fluchte und ſich wie ein Raſender gebehrdete, ſo war er jetzt gegen Problematiſche Naturen. Alle mild und freundlich, nur nicht gegen mich, weil er wußte, daß er ſich vor mir nicht verſtecken konnte, die ich ihn von Kindesbeinen an kannte— und gegen den neuen Kammerdiener. Das war ein widerwärtiger Menſch, der beſtändig lächelte, und immer hinter den Mädchen her war, die ihn alle nicht leiden konnten. Er hatte den ganzen Tag nichts zu thun, als mit den Händen in den Taſchen um⸗ herzuſchlendern und Grimaſſen zu ſchneiden. Für den Baron that er gar nichts, im Gegentheil, ſeitdem Harald ihm einmal einen Fuß⸗ tritt gegeben, daß er noch vierzehn Tage nachher hinkte, ging er ihm überall aus dem Wege. Kein Menſch konnte begreifen, weshalb ihn der Baron nicht wieder fortjagte.— Während dieſer ganzen Zeit war keiner von den Herren, die ſonſt bei uns aus⸗ und eingingen, zum Beſuch auf dem Schloſſe geweſen. Ich hatte immer gehofft, es ſollten welche kommen, damit ich Gelegenheit bekäme, mit Fräulein Marie zu ſprechen, der Harald jetzt gar nicht mehr von der Seite ging. Wenn ſie vorher ſchön mit einander gethan hatten, ſo war das jetzt noch viel ſchlimmer geworden. So wie ſie ſich unbeobachtet glaubten, lagen ſie einander in den Armen, und das war ein Herzen und Küſſen!— Du lieber Himmel, das iſt unter Liebesleuten ſo der Brauch, und ich hatte es nicht beſſer gemacht, als ich ein ſo junges Ding war, und ich wußte am beſten, wie die Grenwitzer Barone einem armen hübſchen Mädchen ſchön thun und ſchmeicheln können; aber ich wußte auch, daß man jeden ihrer Küſſe mit hunderttauſend Thränen bezahlen muß.— Und eines ſchönen Morgens, als ich Fräulein Marie wieder einmal begegnete, und fragte: wie geht's Fräu⸗ lein Marie? gut geſchlafen? da wurde ſie purpurroth und konnte vor Verlegenheit kein Wort hervorbringen und ſtand da und zitterte, wie ein Espenblatt. Und als ich das ſah, wußte ich auch, was geſchehen war, und da wurde mir das Herz ſo centnerſchwer, daß ich mich auf eine Bank ſetzte und weinte. Als das Fräulein Marie ſah, fing ſie auch an zu weinen und ſetzte ſich zu mir, ſchlang ihren Arm um meinen Hals und ſagte ſchluchzend:„Weinen Sie nicht, gute Mutter Clquſen! Es wird noch Alles gut werden!“—„Das gebe Gott, Kind, ſagte ich; aber ich glaube es nicht.“—„Aber, ſagte ſie, Sie ſehen ja ſelbſt, wie gut und freundlich der Baron jetzt iſt, und er iſt Zweiter Band. 9¹ doch nur ſo, weil er mich liebt, und wenn er mich nicht heirathen wollte, warum hätte er dann die Tante mitgebracht? und wenn die Tante nichts dagegen hat, die ſo ſtolz und hoffärtig iſt, wie Harald ſagt, da können ja die andern Verwandten doch auch nicht Nein ſagen!“—„So ſind Sie nicht Geſellſchafterin bei der alten Baronin?“ fragte ich verwundert.—„Nein, ſagte ſie, ich habe ſie hier zum erſten Mal geſehen.“—„Aber ums Himmelswillen, Kind, rief ich, wie kommen Sie denn hierher, wenn Sie nicht mit der Baronin gekommen ſind?“— Die Kleine weinte noch ſtärker, wie zuvor.„Ich darf es Ihnen nicht ſagen, rief ſie, ich habe dem Baron verſprochen, gegen Jedermann zu ſchweigen, bis wir uns öffentlich“— ſie ſchwieg, als hätte ſie ſchon zu viel geſagt.„Ich darf nicht ſprechen, wiederholte ſie; aber glauben Sie mir, ich bin kein ſo ſchlechtes Mädchen, wie Sie denken.“— Damit küßte ſie mich auf die Stirn und eilte von mir fort ins Schloß. Seit dieſem Tage ſah ich Fräulein Marie oft mit verweinten Augen; und wohl mochte ſie Urſache zum Weinen haben, das arme Kind. Harald that, was ich ſchon längſt gefürchtet hatte: er fing ſein altes Leben wieder an; freilich nur allmälig. Die Freunde kamen noch immer nicht aufs Schloß, aber er ſelbſt ritt oft aus, und blieb halbe und manchmal ganze Tage lang fort. Wenn er wieder kam, war er oft in ſeiner böſen Weinlaune, wo er die Diener mit Fuß⸗ tritten und Stockſchlägen tractirte, und die armen unſchuldigen Möbel zerſchlug. Doch war es noch immer golden, im Vergleich mit ſonſt, und er war auch noch immer zärtlich gegen Fräulein Marie, beſonders wenn er ſah, daß ſeine wüthende Heftigkeit ſie bis zum Tode erſchreckt hatte. Mit der Tante verkehrte er beinahe gar nicht mehr, ſeitdem ſie ſich des Abends, wenn Fräulein Marie zu Bette gegangen war, ein paar Mal im Salon gezankt hatten, daß wir es draußen hörten. Ich glaubte, die Alte ſetzte ihm den Kopf zurecht und da ſchickte ich ihr gern ſo viel Braten und Wein auf ihr Zimmer, wie ſie haben wollte, obgleich es unglaublich war, was ſie verzehren konnte. Da geſchah es, daß, als ich einmal in der Nacht, nachdem Alle zu Bett waren, die Runde durchs Haus machte, wie ich es immer Problematiſche Naturen. that, um zu ſehen, ob die Lichter überall ausgelöſcht waren, mir auf einmal auf dem Corridor, der von dem Thurm aus in das alte Schloß führt, wo die Damen logirten, ein heller Schein entgegen⸗ leuchtete. In dem erſten Schrecken und ohne noch zu wiſſen, ob die Gefahr groß oder klein war, ſchrie ich Feuer! Feuer! ſo laut ich konnte. Zugleich lief ich den Corridor eutlang nach der Stelle zu, wo es brannte. Auf einmal war Harald an meiner Seite. Ich wußte nur zu gut, aus welcher Thüre er gekommen war, obgleich ich ihn nicht hatte kommen ſehen.— Still, Alte, rief er, Du ſiehſt ja, es brennt nur die Gardine vor dem Fenſter. Und damit fing er an, die prennenden Fetzen herabzureißen und mit den Füßen auszutreten. Plötzlich öffnete ſich die Thür, die zu dem Zimmer der Baronin führte, und die dem brennenden Fenſter gerade gegenüber lag, und heraus ſtürzte die alte Here mit einem großen Bündel unter dem Arm, und der Kammerdiener mit einem noch größeren Bündel auf der Schulter, kam hinterher. Sie hätten uns beinahe umgerannt, aber Harald packte den Kammerdiener und ſchleuderte ihn ſo gewaltig zurück, daß der Menſch ſammt ſeinem Packet zu Boden ftürzte.„Steckt ihr wieder einmal bei einander, Lumpenpack?“ herrſchte er die Alte an, die, als ſie den Baron ſo wüthend ſah, am ganzen Leibe zitternd ſtehen ge⸗ blieben war;„ſchert Euch in die Stube zurück, oder ich will Euch auf den Marſch bringen.“ Auf einmal fing er laut zu lachen an, denn er ſah, und ich bemerkte es auch erſt jetzt, daß die Alte in der Eile vergeſſen hatte, ſich die Perrücke aufzuſetzen, und ihr eigenes rothes Haar in nicht allzu kurzen Zöpfen aus der ſchmutzigen Haube herabhing. Den Stock hatte ſie natürlich auch ſtehen laſſen, und ſah überhaupt ſo ganz verändert aus, daß ich meinen Augen kaum traute. —„Scher Dich zum Teufel, alte Hexe, rief Harald, noch immer aus vollem Halſe lachend, und laß Dich erſt wieder anſtreichen, ſonſt ſieht man doch gar zu deutlich, woher Du ſtammſt.“— Die Alte murmelte etwas, das ich nicht verſtand, und ging in das Zimmer zurück; der Kammerdiener hatte ſich unterdeſſen wieder aufgerafft und war vie kleine Treppe, die von dem Corridor in den Garten führte, hinab, davongeſchlichen.—„Geh zu Bett, Alte, ſagte der Baron zu mir, und denke, Du haſt dies Alles geträumt; oder denke auch, was Zweiter Band. 93 Du willſt, mir gilt es gleich. Die Komödie kann ja doch nicht ewig dauern.“ Und die Komödie war denn nun auch vorbei. Am nächſten Morgen waren die Alte und der Kammerdiener verſchwunden und Niemand pon uns hat je wieder etwas von ihnen geſehen oder gehört; Keiner jemals erfahren, wer ſie waren, woher ſie kamen. Nur das Eine war ſicher, daß die Alte ſo wenig des Barons Tante geweſen war, wie ich ſeine Mutter. Die Leute lachten, und der Baron lachte, trotzdem die Beiden an Silberzeug und Koſtbarkeiten mitgenommen hatten, was ſie forttragen konnten, aber ich lachte nicht, und da war noch eine Andere, die auch nicht lachte. Das arme herzige Kind! ſie wollte es zuerſt gar nicht glauben, daß der Baron ſie ſo ſchändlich habe betrügen können. Sie ging mit weiten, ſtarren, thränenloſen Augen umher, und wenn ſie mir begegnete, ſah ſie mich an, ſo angſt⸗ voll, ſo kummervoll, daß es mir in's Herz ſchnitt. Ach, ich konnte ihr ja nicht helfen; ich konnte nur mit ihr weinen und das that ich denn redlich, als das arme Kind ſich von ihrem erſten Entſetzen erholt und wieder Thränen gefunden hatte. Wir waren jetzt oft beiſammen, denn ſeit jener Nacht kümmerte ſich Harald nicht mehr viel um Fräu⸗ lein Marie. Er ritt alle Tage aus, und nun kamen auch die Herren wieder auf's Schloß, wie ſonſt, und das alte Leben fing wieder an. Ob Harald ſeine Gewiſſensbiſſe zum Schweigen bringen, ob er die verlorene Zeit nachholen wollte, er war jetzt wilder und unbändiger, als ich ihn je geſehen hatte, und die Leute gingen ihm aus dem Wege, wo ſie konnten. Eines Abends, als die Herren wieder einmal zu Beſuch auf dem Schloſſe waren,— es war gegen ſieben und ſie hatten ſeit drei Uhr bei Tiſche geſeſſen— Fräulein Marie war bei mir auf dem Zimmer, wo ſie jetzt die meiſte Zeit zubrachte— kam Harald plötzlich zur Thür herein. Ich ſah auf den erſten Blick, daß er betrunken war. Sein Geſicht glühte und ſeine Augen funkelten, wie die einer wilden Katze. Als er Marie erblickte, die im Fenſter geſeſſen hatte und bei ſeinem Eintritt voller Schrecken aufgeſprungen war, lachte er und ſagte: „Treffe ich Dich hier, mein Täubchen? ich habe das ganze Schloß nach Dir durchſucht. Komm, Schatz, ich will Dich den Herren vorſtellen; 94 Problematiſche Naturen. einen davon kennſt Du ſchon— Du mußt aber hübſch artig und freundlich ſein, hörſt Du?“— Marie war bei dieſen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an allen Gliedern; ich ſah, wie ſie die Lippen bewegte, um etwas zu erwidern, aber ſie brachte keinen Laut hervor. Ich konnte es nicht länger mit anſehen. „Schämſt Du Dich nicht, Harald,“ fagte ich,„das arme, un⸗ ſchuldige Lamm ſo zu quälen. Pfui, Harald,— daß Du ſchlecht warſt, habe ich immer gewußt, aber für ſo ſchlecht hätte ich Dich nicht gehalten!“— Er ſprang mit einem Satze auf mich zu und packte mich mit ſeinen Eiſenhänden an der Kehle.—„Sprich noch ein Wort,“ knirſchte er zwiſchen den Zähnen,„und ich breche Dir das Genick, verdammte Hexe!“— Ich wußte, daß er ſeine Drohung ausführen könnte, aber ich fürchtete mich nicht vor dem Tode.—„Thy', was Du willſt,“ ſagte ich ruhig,„aber ſo lange ich noch einen Athem⸗ zug habe, will ich Dir's in's Geſicht ſagen: Du biſt ein Elender.“— Ich ſah ihm feſt in's Auge; ich ſah, wie der Zorn immer wüthender in ihm aufkochte, und fühlte, daß ſeine Finger ſich wie eiſerne Klam⸗ mern um meine Kehle ſchloſſen. Ich glaubte meine letzte Stunde ge⸗ kommen.— Da ſtand Marie plötzlich neben uns; ſie legte ihre Hand auf Harald's Arm und ſagte ganz leiſe:„laß ſie los, Harald; ich will mit Dir gehen.“— Weiter ſagte ſie nichts, aber es war genug, ſelbſt ein ſo wildes Herz wie Harald's zu rühren. Er ließ die Arme ſinken und ſtarrte Marie an, als ob er aus einem ſchweren Traum erwachte. Plötzlich fiel er vor ihr auf die Knie, verbarg ſein glühendes Geſicht in den Falten ihres Kleides und ſchluchzte:„Vergieb mir, Marie; vergieb mir!“ Dann ſprang er auf, und als er ſah, daß ſie durch Thränen ihn anlächelte, hob er ſie in ſeinen Armen empor, wie ein Kind, trug ſie in der Stube auf und ab und herzte und küßte ſie. Dann ſetzte er ſie hier in den Lehnſtuhl, auf dem Du jetzt ſitzſt, und tniete vor ihr nieder, ihre Hände und ihre Kleider küſſend, und wandte ſich zu mir und rief:„Geh', Alte, und ſage dem Karl: er ſolle die Pferde ſatteln laſſen. Ich ſei krank geworden, oder was ſie wollen, aber ich könnte ſie heute nicht mehr ſehen und morgen auch nicht. Iſt es ſo gut, lieb' Herz? nicht wahr, ich bin nicht ſo ſchlecht, wie die Zweiter Band. 95 Alte ſagt?“— Ich ging, vor Freude laut weinend, aus der Stube und dachte: es kann doch vielleicht noch Alles gut werden. Aber das wurde es nicht. Schon nach wenigen Tagen war Alles wieder beim Alten. Aehnliche Scenen kamen noch manchmal vor, aber Harald's gute Vorſätze hielten immer nur wenige Tage Stand, und wir mußten jede Spottrede der Herren mit bitteren Thränen bezah⸗ len. Ich ſage: wir, denn ich hatte die ſüße Dirne ſo lieb, als ob ſie mein eigen Kind geweſen wäre. Und jetzt hatte die Aermſte Troſt und Liebe nöthiger als je. Sie wußte ſchon ſeit Monaten, daß ſie die Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trüge, und das Schickſal dieſes Kindes, ihres und ſeines Kindes, bekümmerte ſie tauſendmal mehr als ihr eigenes.—„Was aus mir werden ſoll,“ ſagte ſie,„was iſt daran gelegen? Ich ſtürbe lieber heute als mor⸗ gen; aber meines Kindes halber muß ich leben und will ich leben. Und ich will auch nicht mehr weinen und klagen; es hilft ja doch zu nichts, und Harald ſagt ja, daß ihm nichts ſo verhaßt ſei, als verweinte Augen.“— Ich fragte ſie, ob ſie keine Eltern, keine Verwandte, keine Freunde hätte, zu denen ſie ihre Zuflucht nehmen könnte. Sie ſchüt⸗ telte traurig den Kopf;„ich habe Niemand auf der weiten Welt, Niemand, als Sie, liebe Mutter Clauſen, und noch Einen, der Alles für mich thun würde, wenn er wüßte, wo ich wäre; aber er weiß es nicht und ſoll es auch nie erfahren.“— Ueber ihr früheres Leben ſprach ſie nie;„ich habe dem Baron verſprochen, darüber zu ſchwei⸗ gen, bis er ſich öffentlich mit mir verlobte; und,“ ſetzte fie wehmüthig lächelnd hinzu,„da ſehen Sie ſelbſt, daß ich wohl ewig werde ſchwei⸗ gen müſſen.“ Sie kam faſt nicht mehr von meiner Seite, und was Harald betrifft, ſo ſchien er in der letzten Zeit ganz vergeſſen zu haben, daß Marie noch auf dem Schloſſe war. Nur manchmal, wenn ich mit ihm allein war, erkundigte er ſich in kurzen, abgeriſſenen Fragen nach ihr, aus denen ich ſah, daß er über ihren Zuſtand vollkommen unter⸗ richtet war. So ſtanden die Sachen. Der Sommer war zu Ende; der Herbſt kam mit Sturm und Regen, und die dürren Blätter wehten von den Bäumen. Es war an einem Nachmittage, Harald war ein paar Tage 96 Problematiſche Naturen. verreiſt geweſen; ich war mit Marie im Garten und ſuchte ihr Troſt zuzuſprechen, da ſie heute ganz beſonders traurig war. Da ſchaute plötzlich ein Schacher⸗Jude über das Stacket und ſchrie, als er uns erblickte, in den Garten hinein: nichts zu handeln? nichts zu han⸗ deln? Ich brauchte gerade, ich weiß nicht mehr was, und ſo rief ich ihn. Er kam. Es war ein alter, ſchmutziger, ſchlottriger Menſch, mit einem weißen Bart und einer Brille mit blauen Gläſern über den Augen. Er kramte ſeine Waaren aus, und weil die Sachen hübſcher waren, wie ſie dieſe Leute ſonſt wohl führen, ſo kauften Marie und ich ihm Verſchiedenes ab. Er forderte einen mäßigen Preis, aber es war doch mehr, als wir bei uns hatten, und ſo ging ich in's Schloß, das Uebrige zu holen. Zufällig konnte ich den Schlüſſel zu meiner Commode nicht gleich finden, und als ich ihn gefunden hatte, fiel mir ein, daß ich in der Küche nothwendig etwas beſorgen mußte; ſo ver⸗ ging wohl eine halbe Stunde, bis ich wieder in den Garten kam. Ich traf Marie allein.„Wo iſt der Jude?“ ſagte ich.—„Er will morgen wieder kommen,“ antwortete ſie.—„Was haben Sie, Kind?“ ſagte ich, denn ich ſah, daß ſie rothgeweinte Augen hatte und ganz verſtört ausſah.— Da fiel ſie mir um den Hals und weinte, aber ſo ſehr ich ſie auch bat, mir zu ſagen, was vorgefallen ſei, ich konnte nichts aus ihr herausbringen. Der Jude kam am nächſten Tage nicht, aber Baron Harald kam. Er brachte ein paar Herren mit. Sie waren auf der Jagd geweſen und tüchtig müde geworden. So gingen ſie heute früher zu Bett, nachdem ſie ein paar Flaſchen Wein getrunken hatten. Ich mochte wohl ſchon ein paar Stunden im Bett gelegen haben, ohne einſchlafen zu können, denn es regnete und ſtürmte in dieſer Nacht gar heftig und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten. — Da hörte ich einen leiſen Schritt auf dem Gange vor meiner Stube, eine Hand ſuchte nach dem Drücker meiner Thür und als ich mich erſchreckt im Bett emporrichtete, ging die Thür auf; es trat Jemand herein und kam auf mein Bett zu.—„Wer iſt da?“ rief ich.—„Ich bin's, Mutter Clauſen,“ ſagte eine leiſe Stimme. Es war Marie.—„Sind Sie krank geworden, Kind?“ ſagte ich.— „Nein,“ fagte ſie, ſich zu mir auf's Bett ſetzend,„ich wollte nur Ab⸗ ———— Zweiter Band. 97 ſchied nehmen, und Ihnen für all' die Liebe und Güte danken, die Sie an mir gethan haben.“— Ich glaubte, ſie wollte ſich das Leben nehmen, und ſagte voller Entſetzen:„Um Gotteswillen, Kind, was haſt Du vor?“—„Fürchten Sie nichts, Mutter Clauſen,“ ſagte ſie, und dabei umarmte und küßte ſie mich unter vielen heißen Thränen; ich will fort, aber nur fort von hier. Ich habe es ſchon längſt ge⸗ wollt und jetzt iſt die Stunde gekommen.“—„Warum jetzt?“ ſagte ich;„wo willſt Du hin mitten in der Nacht? und noch dazu in ſol⸗ cher Nacht! Hörſt Du nicht, wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen? Und Du kennſt ja weder Weg noch Steg— Du rennſt ja gerade ins Verderben, und wenn Du nicht an Dich denkſt, ſo denke wenigſtens an das Kind, das Du unter dem Herzen trägſt.“—„An das eben denke ich,“ ſagte ſie.„Es ſoll nicht hier, wo ſeine Mutter ſo grenzenlos elend geweſen iſt, das Licht erblicken; es ſoll nie erfahren, wer ſein Vater war. Leben Sie wohl, liebe Mut⸗ ter! möge der allgütige Gott Sie behüten! und fürchten Sie nichts für mich! Ich gehe nicht allein; es iſt Jemand bei mir, der mich be⸗ ſchützen und über mich wachen wird, und der ſein Leben für mich laſſen würde.“—„Weißt Du das auch gewiß, Kind?“ ſagte ich;„ich dächte, Du hätteſt jetzt gelernt, was den Männern ihre Schwüre werth ſind. Wer iſt es?“—„Ich darf es nicht ſagen,“ antwortete ſie;„und jetzt muß ich fort, es iſt die höchſte Zeit.“— Sie hatte ſich von dem Bett erhoben.„Warte,“ ſagte ich,„ich will Dir wenigſtens das Geleit aus dem Schloſſe geben.“ Sie bat mich inſtändig, zu bleiben; aber ich kehrte mich nicht daran. Schnell hatte ich ein paar Kleider übergeworfen; ich war feſt entſchloſſen, ſie nicht eher fort zu laſſen, bis ich mich überzeugt hatte, daß ſie wußte, was ſie that. Ich fürchtete noch immer, ſie wolle ſich das Leben nehmen. Als ſie ſah, daß ich von meinem Vorſatz nicht abzubringen war, half ſie mir, mich vollends anzukleiden und ſagte:„So kommen Sie, Mutter Clauſen; er ſieht dann doch, daß ich auch hier nicht ganz verlaſſen geweſen.“ Wir gingen, uns an den Händen haltend, auf den Zehen durch die Corridore, dann die Treppe hinab, die aus dem alten Schloſſe in Fr. Spielhagen's Werke. II. 7 Problematiſche Naturen. den Garten führt. Es hatte aufgehört zu regnen, und der Mond ſchien auf Augenblicke durch die ſchwarzen, treibenden Wolken. Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen; ſie eilte, mich mit ſich ziehend durch die wohlbekannten Wege. Als wir vor einer Bank vor⸗ überkamen in einem der dichteren Baumgänge, wo ich ſie oft mit Harald hatte ſitzen ſehen, blieb ſie einen Augenblick ſtehen, und ich fühlte, wie ihre Hand zuckte. Aber ſogleich raffte ſie ſich wieder auf: „Nein, nein,“ murmelte ſie,„er hat Recht; Harald hat mich nie ge⸗ liebt und darum darf ich auch nicht länger bleiben.“ Wir gingen aus dem Garten in den Hof, aus dem Hof durch das große Thor in den Wald hinein, die Straße nach Berkow. Als wir ein paar hundert Schritte gegangen waren, kam uns ein Mann entgegen.„Er iſt es;“ ſagte Marie;„Sie müſſen mich jetzt verlaſſen, Mutter Clauſen; ich habe ihm verſprochen, allein zu kommen, und keinem zu ſagen, daß ich fortgehe.“„Du hätteſt das nicht verſprechen ſollen, Kind, ſagte ich; ich glaube, ich habe das Recht, zu wiſſen, wo Du bleibſt.“— Unterdeſſen war der Mann herangekommen.„Biſt Du's, Marie?“ ſagte er;„warum kommſt Du nicht allein?“—„Weil ich ſie nicht los⸗ gelaſſen habe;“ ſagte ich,„und ſie auch nicht loslaſſen will, bis ich weiß, wo ſie bleibt.“—„In Gottes Hut, und unter dem Schutz eines Freundes;“ ſagte der Mann. Das klang ſo treu und gut, daß all' meine Angſt und Sorge in einem Augenblick verſchwun⸗ den war. Der Mond trat aus den Wolken hervor, und ich konnte den Mann, der jetzt neben uns herging, etwas veutlicher ſehen. Er war klein und nicht mehr jung; und hatte eine Habichtsnaſe, wie der Jüde von geſtern Morgen. Er hatte einen langen Ueberrock an, und als der Wind denſelben auseinander wehte, ſah ich beim Schein des Mon⸗ des den Lauf einer Piſtole blinken, die in einem Gürtel ſteckte, den er um den Leib geſchnallt trug. Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden beſpannte Kutſche.„Es iſt die höchſte Zeit;“ ſagte der Mann auf dem Bocke. Er ſprach plattdeutſch, und mir war, als ob ich die Stimme kannte. „Schnell, ſchnell,“ ſagte der kleine Mann mit der Brille und drängte Zweiter Band. 99 Marie nach dem herabgelaſſenen Wagentritt.„Adien, Abieu,“ ſchluchzte Marie, mich noch einmal umarmend, und gls ihr Kopf für einen Augenblick auf meiner Schulter lag, flüſterte ſie mir ins Ohr: Sagen Sie ihm, daß ich ihm Alles, Alles vergeben habe!—„Schnell, ſchnell, Marie;“ rief der Mann und ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß. Er hing ihr einen weiten Mantel um und half ihr in den Wagen; dann wandte er ſich zu mir:„Wenn Sie das unglückliche Mädchen wirk⸗ lich lieb haben,“ ſagte er,„ſchweigen Sie zwei mal vierundzwanzig tunden. Ich bin freilich auf Alles gefaßt, aber ich möchte um Mariens willen gern, daß es ohne dieſe hier abginge.“ Er ſchlug mit der Hand an die Piſtole.—„Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ ſagte ich, „und ich will mich auf Sie verlaſſen.“—„Thun Sie das,“ ſagte er; ves ſind ja nicht alle Menſchen Schurken und Barvne.“ Er ſprang in den Wagen und ſchlug die Thür zu. Die Pferde zogen im Galopp an, und ſchon nach wenigen Minuten hörte ich nur noch das Sauſen des Windes in den Tannen. Ich ging langſam in das Schloß zurück; und gelangte auf mein Zimmer, ohne von Jemand geſehen zu werden. Ich ſchloß hinter mir ab; dann warf ich mich auf mein Bett, und weinte, als ob mir ein liebes Kind geſtorben wäre; und doch war ich glücklich und dankte Gott, daß er ſich des armen Kindes erbarmt und ſie aus dieſer Hölle erlöſt hatte. S Als ich am andern Morgen erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel. Es war ein heller, kühler Morgen und Harald ging mit ſeinen Gäſten auf die Jagd. Ich war froh darüber; ſo konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigſtens verſchwiegen werden. Den Leuten freilich mußte ich ſchon gegen Mittag ſagen, daß Fräu⸗ lein Marie nirgends zu finden ſei, und ob ſie ſie nicht geſehen hät⸗ ten? Die waren nicht wenig erſchrocken, denn da war Keiner, der das ſanfte, ſchöne Mädchen nicht gern gehabt hätte. Sie durchſuchten das Haus, die umliegende Gegend, den Wald bis zum Strande und ſelbſt den Wallgraben, denn daß ſich die Aermſte das Leben genommen habe, darüber waren ſie Alle einig. Spät am Abend kam Harald zurück. Er war ällein. Als er in das Haus trat, fah er auf den erſten Blick an den verſtörten Geſich⸗ 7 100 Problematiſche Naturen. tern der Leute, daß etwas vorgefallen ſein müſſe. Sein böſes Ge⸗ wiſſen ſagte ihm ſogleich, was.„Iſt ſie todt?“ fragte er und wurde weiß wie Kalk.„Wir wiſſen es nicht, Herr,“ ſagte der alte Jochen; „wir haben den ganzen Tag geſucht, aber haben ſie noch nicht ge⸗ funden.“ Er ging, ohne ein Wort zu erwiedern, an den Leuten vorbei nach ſeinem Zimmer. Als er in der Thür war, drehte er ſich um, und winkte mir, ihm zu folgen. 2 Er ſchritt in dem Gemach auf und ab, endlich blieb er vor mir ſtehen und ſagte mit dumpfer Stimme:„Hat Dir Marie je geſagt, ſie wolle ſich das Leben nehmen?“—„Nein,“ ſagte ich.„War ſie in der letzten Zeit beſonders traurig?“—„Ja.“ Wieder ging er im Zimmer hin und her, mit ungleichmäßigen Schritten und unverſtändliche Worte durch die Zähne murmelnd. Dann blieb er abermals vor mir ſtehen. Und wenn ſie ſich das Leben genommen hätte, ſo wäre ich ihr Mörder; murmelte er.—„Wer ſonſt?“ antwortete ich. Er zuckte zuſammen, als ob ihm ein Meſſer in die Bruſt ge⸗ ſtoßen wäre.„Es kann nicht ſein,“ ſagte er mit bleichen Lippen,„es wäre zu gräßlich.“ Ich wußte, welche Qualen er in dieſem Augenblicke ausſtand, aber ich wußte auch, daß der ſtolze Mann ſie doch noch lieber dem Tod, als einem Andern gönnte, und überdies hatte ich zu ſchwei⸗ gen verſprochen. So blieb ich ſtill und wartete ab, was er beginnen würde. Er hieß mich klingeln und die Leute hereinrufen. Sie kamen. „Wer von Euch zu müde iſt, mag zu Bette gehen;“ ſagte er, „wer noch weiter mit mir ſuchen will, ſoll dafür haben, was er verlangt.“ Es meldeten ſich Alle, nicht des Lohnes wegen, ſondern weil doch Keiner vor Angſt und Aufregung hätte ſchlafen können. Er ließ ſo viel Lichter anzünden, als nur aufzutreiben waren und nun fing das Suchen von Neuem an, unten in den Kellern, durch alle Zimmer, Trepp auf, Trepp ab, auf den Böden, bis hinauf auf den Thurm,— Harald immer voran, jeden Winkel durchſpähend, überall Zweiter Band. 101 die Augen habend, mit feſter Stimme Befehle ertheilend, unermüdlich, bis der Morgen kam. Nun mußten ſich die Frauen zu Bett legen, aber von den Män⸗ nern nahm er, was ſich noch auf den Beinen halten konnte. Mit denen durchſuchte er jedes Gebüſch im Garten, und den Wallgraben von der Zugbrücke an bis wieder zur Zugbrücke. Es regnete an dem Tage, was nur vom Himmel wollte, und die Leute fielen beinahe um vor Müdigkeit, aber Harald gab ihnen— wohl zum erſten Male in ſeinem Leben— gute Worte und bat und beſchwor ſie, nicht nachzu⸗ laſſen und verſprach ihnen Geld, ſo viel ſie wollten. So hielten ſie bis gegen Mittag aus; da konnten ſie nicht mehr. Nun nahm Harald die Andern, die ſich ausgeruht hatten und mit denen ging er auf das Moor nach Faſchwitz und in den Wald nach Berkow und bis an den Strand. Gegen Abend kamen ſie wieder, triefend von Regen und dem WMoorwaſſer, in welchem ſie ſtundenlang herumgewatet hatten. Die Männer waren ſo müde, daß ſie im Gehen ſchliefen, aber Harald's Kraft war noch nicht gebrochen. Er hieß mich ein paar Flaſchen Wein holen, und während er ſie hinuntergoß, ſagte er zu mir:„Höre, Alte, ich glaube nicht, daß ſie ſich ertränkt hat. Es wäre zu gräßlich; ich müßte verrückt werden über dem Gedanken. So grauſam hat ſie ſich nicht an mir rächen können; dazu war ſie viel zu gut und hatte mich viel zu lieb. Hat ſie nie geſagt, ſie wolle mich verlaſſen? hat ſie nie von einem Manne geſprochen, der alle Zeit bereit ſei, ſie bei ſich aufzunehmen?“ „Ich dachte, daß ich Harald einen Funken Hoffnung laſſen müſſe, und fagte: ja, Marie hätte öfter und beſonders in der letzten Zeit ſo geredet. „Siehſt Du?“ ſagte er und ſtieß das Glas, aus dem er getrunken hatte, auf den Tiſch, daß es zerbrach;„jetzt kommt die Meute endlich auf die Spur. Nun wollen wir eine richtige Hetzijagd machen.“ Er riß an der Klingel, daß ihm der Griff in der Hand blieb. „Anſpannen laſſen!“ ſchrie er dem alten Jochen, der eintrat, entgegen, „ſofort!“ 102 Problematiſche Naturen. Ich bat ihn, ein paar Stunden wenigſtens zu ſchlafen, denn ich ſah, daß ſeine Augen im Fieber glühten und ſeine Glieder flogen. „Pgh,“ ſagte er,„ſchlafen? Ich habe mehr zu thun, als zu ſchlafen. Ich weiß nicht, wie lange ich fortbleibe, Alte; aber ich komme ent⸗ weder mit ihr zurück oder— wird's bald?“ ſchrie er auf den Flur hinaus,„ich will Euch Beine machen, Ihr verdammten Hallunken!“ So fuhr er ab, ohne auch nur die Kleider gewechſelt zu haben. Er blieb vier Wochen fort; Keiner wußte, wo er geblieben war. Eines Abends ſpät kam er wieder. Die erſte Frage, die er an mich richtete, war:„Haſt Du Nachricht von ihr?“— Er ſah ſo bleich und verfallen aus, daß ich ihn kaum wieder erkannte. Seine Augen waren tief in den Kopf geſunken und blitzten wie glühende Kohlen.„Ich habe ſie nicht gefunden;“ ſagte er, als wir Beide in ſeinem Zimmer allein waren;„gieb mir Wein, Alte; ich muß das hölliſche Feuer, das in mir brennt, erſäufen.“ Mich jammerte des unglücklichen Mannes, denn jetzt erſt fühlte ich, wie ſehr ich ihn liebte. Ich ſagte ihm Alles, was ich von der Flucht Mariens wußte. Gegen mein Erwarten blieb er ruhig:„Es kommt auf eins heraus, ſagte er; ob ſie geſtorben iſt, oder nicht; für mich iſt ſie doch todt; ſie konnte nicht anders, als mich verlaſſen; ſie war zu ſtolz, um ſich wie einen Hund behandeln zu laſſen. Ich habe ſie be⸗ handelt wie einen Hund, ſchlimmer wie einen Hund, ich Elender!“ Er ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn; dann warf er ſich in einen Lehnſeſſel, legte den Kopf in die Hände und ſchluchzte: „Und doch habe ich ſie geliebt! und doch liebe ich ſie! o mein Gott, mein Gott!“ Es war ſchrecklich, den wilden Harald weinen zu ſehen. Ich hob ſeinen Kopf in die Höhe, er legte ihn an meine Bruſt und weinte, wie er oft als Knabe in meinen Armen geweint hatte. Ich bat ihn, ſich zu beruhigen, ich ſagte ihm, daß Mariens letzte Worte geweſen ſeien:„ich vergebe ihm Alles.“ „Und wenn ſie mir auch vergeben hat, ich werde mir nie ver⸗ geben, rief er.„Geh zu Bett, Alte. Wir wollen Sen weiter darüber ſprechen.“ Aber als der alte Jochen am nächſten Morgen zu ihm kam, lag Zweiter Band. 103 Harald in hitzigem Fieber. Das währte ſieben Tage, ſieben fürchter⸗ liche Tage und Nächte. Da war es aus mit Harald von Grenwitz.“ Die alte Frau ſchwieg; ſtrich den Strumpf, an dem ſie geſtrickt hatte, über den Knieen glatt, legte ihn zuſammen und ſagte: „So, Junker! nun mache, daß Du nach Hauſe kommſt. Ich muß nach den Kindern ſehen, die drüben auf dem Jochen ſeinem Bette ſchlafen. Es hat eben aufgehört zu regnen, aber es wird bald ſtärker anfangen. Deshalb halte Dich nicht auf unterwegs. Adjies.“ „Kommen Sie;“ ſagte Oswald zu Albert, der ſich ſo eben, gäh⸗ nend und ſich reckend, von ſeinem harten Lager erhoben hatte.„Es iſt die höchſte Zeit, wenn wir noch zum Abendeſſen auf dem Schloſſe ſein wollen. Adieu, Mutter Clauſen.“ „Adjies, adjies Junker!“ ſagte die Alte, ſchon in der Thür. Als die beiden jungen Männer auf der ſchmutzigen Dorfgaſſe ſtanden, deutete Albert mit dem Daumen über die Schulter nach dem Häuschen, das ſie ſo eben verlaſſen und ſagte: „Schnurrige alte Dame das! War die Geſchichte nicht famos, Dottore?“ *„Haben Sie denn nicht geſchlafen?“ „Nicht die Spur. Ich wollte anfänglich, aber ihr ließt einen ja nicht dazu kommen, und hernach, als die Geſchichte von Baron Harald anfing, war ſo an Schlafen nicht mehr zu denken. Aber ich blieb ruhig liegen, und ſchnarchte von Zeit zu Zeit, um die Alte ſicher zu machen, die die Geſchichte jedenfalls nur ihrem„Junker“ erzählen wollte. Weshalb nennt die alte Dame Sie Junker, Dottore, und Du?“ „Ich weiß nicht;“ ſagte Oswald. „Oder wollen es nicht wiſſen;“ erwiederte Albert;„na, ſchadet nicht. Man darf auch nicht Alles wiſſen wollen. Warum wollte Baron Harald wiſſen, wo das hübſche Ding, die Marie, geblieben war? Ohne dieſe überflüſſige Neugierde könnte er noch heute ſeinen Burgunder trinken. Merkwürdig, daß ein ſo vernünftiger Mann ſolche verrückte romantiſche Grillen im Kopf haben konnte! Können Sie das begreifen, Dottore?“ „So ziemlich,“ ſagte Oswald;„aber ſprechen wir von etwas Anderm.“ 104 Problematiſche Naturen. „Wie Sie wollen, Theuerſter. Was halten Sie zum Beiſpiel von der Unſterblichkeit.“ Ichtes Capitel. Am nächſten Tage hatte ſich der Himmel wieder aufgeklärt. Die Morgenſonne war in dichten Nebel verhüllt geweſen, aber einige Stunden ſpäter zerriß ſie den grauen Schleier und goß ihr goldenes Licht verſchwenderiſch auf die regengetränkte Erde. In dem Schloß⸗ garten war es ſo paradieſiſch friſch und duftig, wie am erſten Schöpfungstage. Die Blumen hoben die Köpfe wieder und wenn noch hier und da Tropfen an den bunten Kelchen hingen, ſo glichen ſie jetzt in dem funkelnden Sonnenſchein hellen Freudenthränen; die Vögel jubilirten in den dichten Laubkronen der Bäume, und das kleine Gewürm, das ſo ruhig in den Ritzen, unter den Blättern, unter den Steinen auf Sonnenſchein gewartet hatte, regte ſich wieder in ſes ganzen geſchäftigen Emſigkeit. Und um die grauen Mauern des Schloſſes, die jetzt im roſigen Licht gebadet waren, ſchoſſen eilige Schwalben und auf den Dächern, in den Dachrinnen, in den Stuckornamenten ſetzten die zankſüchtigen Spatzen die ununterbrochenen Streitigkeiten wieder fort. In dem großen Saal, wo an den Wänden die Porträts der Grenwitzer Barone und Baroneſſen hingen in langer Reihe von dem halb fabel⸗ haften Spen von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Großtante Grenwitz,„wie ſie als achtzehnjähriges Mädchen geweſen war,“ und Oskar's,„der mit dem Wodan ſtürzte,“ und Harald's,„dem es beſſer geweſen wäre, er hätte ſich am Sarge ſeines Vaters todt geweint“— tanzten die Staubatome, welche aus den alten Prunkmeubeln mit den verblichenen Damaſtüberzügen aufſtiegen in den ſchrägen Lichtſäulen, die durch die drei hohen Bogenfenſter fielen. Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frühſtück ein. Sie ſahen reiſefertig aus und Anna⸗Maria hatte ſogar ſchon einen Hut mit weit vorſpringenden Flügeln, wie ſie ——————— Zweiter Band. 105 in den zwanziger Jahren Mode geweſen waren, auf dem Kopfe. Denn der große Reiſewagen hielt ſchon vor der Thür. Die vier ſchwerfälligen Braunen wedelten ſich bedächtig mit den langen Schwei⸗ fen die Fliegen ab, und der ſchweigſame Kutſcher klatſchte regelmäßig alle fünf Minuten mit der Peitſche, aus purer Gewohnheit und nicht etwa, um die Reiſeluſtigen zur Eile zu ermahnen, was dem ſeiner Herrſchaft ſchuldigen Reſpect ebenſo ſehr widerſprochen hätte, als ſeinem pflegmatiſchen Naturell. „Ich wußte es ja ſchon vorher,“ fagte die Baronin, ihrem Ge⸗ mahl ein Glas halb voll Moſelwein ſchenkend—„trink das, lieber Grenwitz, es wird Dich zu der langen Fahrt ſtärken— ich wußte es ja vorher. Er ſchlägt unſere freundſchaftliche Einladung aus, weil er ſich nicht ganz wohl fühle! lächerlich!“ „Er ſieht wirklich, ſeitdem wir in Barnewitz waren, recht ange⸗ griffen aus, liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der alte Baron,„und dann iſt es auch wohl nicht ganz in der Ordnung, daß wir ihn auffordern, mitzufahren in dem Augenblicke, wo der Wagen ſchon vor der Thüre ſteht. Wir hätten das auch wohl früher thun müſſen. Ich begreife Dich nicht, lieber Grenwitz,“ ſagte ldie Wütbnin; „Du thuſt doch gerade, als ob Herr Stein unſers Gleichen wäre! Da iſt es gar kein Wunder, wenn der junge Menſch ſich vor Hoch⸗ muth nicht zu ſaſſen weiß. Zu einer Fahrt in die Nachbarſchaft ihn eine Woche vorher auffordern! Das fehlte noch! Haben wir doch ſelbſt über die Helgoländer Reiſe noch nicht einmal mit ihm geſprochen!“ „Ich hätte es längſt gethan, wenn Du nur einen beſtimmten Entſchluß hinſichtlich ſeiner faſſen könnteſt;“ ſagte der alte Herr, ſich hinter dem Ohre krauend. „Ich habe jetzt meinen Entſchluß gefaßt,“ ſagte die Baronin ge⸗ reizt;„in dieſem Augenblick gefaßt. Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitägigen Fahrt in die Nachbarſchaft begleiten will; wenn es ihm zu umſtändlich iſt, bei unſeren Bekannten, die ihm alle mit der größten Herablaſſung entgegengekommen ſind, mit uns einen Ab⸗ ſchiedsbeſuch zu machen, ſo zeigt er ja deutlich, daß er gar nicht Abſchied zu nehmen gedenkt, und ſo mag er denn auch bleiben, wo er will.“ 106 Problematiſche Natnren. „Aber liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der Baron,„das iſt doch am Ende nicht ganz daſſelbe, und dann, wo ſoll er unterdeſſen bleiben? und wie ſollen wir mit den beiden Knaben allein fertig werden?“ „Ich ſage Dir ja, lieber Grenwitz,“ entgegnete die Baronin,„es iſt mir ganz gleich, wo er bleibt, ganz gleich. Er geht ja im Allge⸗ meinen ſo gern ſeine eigenen Wege, ſo mag er es auch in dieſem Fall. Er kann eine Fußreiſe durch die Inſel machen, oder ſeinen Freund Oldenburg beſuchen, oder ſchlimmſten Falls hier bleiben, ob⸗ gleich ſein Hierbleiben allerdings Umſtände machen würde. Uns iſt er auf der Reiſe, die ſo ſchon koſtſpielig genug iſt, eine ganz überflüſſige Laſt. Er wird ſich wie gewöhnlich nur um Bruno bekümmern und die Sorge um Malte gütigſt uns ſelbſt überlaſſen. Bleibt er hier, ſo muß Bruno ſchon nothgedrungen ſich mehr an Malte anſchließen, und da es ſich während dieſer Zeit doch nur um eine Aufſicht der Knaben handelt, ſo übergebe ich die unſerm Johann eben ſo gern und lieber noch als Herrn Stein. Ja, wir können auf der Rückreiſe, wenn wir Helene noch bei uns haben, nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen. Nein, nein! er bleibt hier; ich bin jetzt mit mir därüber ganz im Reinen— vollkommen im Reinen.“ „Ich weiß nicht—“ ſagte der alte Herr verdrießlich. „Aber ich weiß es,“ ſagte die Baronin aufſtehend;„das pflegte Dir ja ſonſt genug zu ſein, lieber Grenwitz. Komm, es iſt die höchſte Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben ſein wollen. Da kommt Malte. Biſt Du auch warm an⸗ gezogen, lieber Junge? Wo ſteckt denn der Bruno?“ „Oben beim Doctor. Er will nicht mit, wenn der Doctor zu Hauſe bleibt.“ „Siehſt Du, lieber Grenwitz, da haben wir's, eine vortreffliche Erziehung, in der That! Sogleich gehe hinauf, Malte! Bruno ſoll ſich ſofort fertig machen, hörſt Du: ſofort!“ „Ich werde mich wohl hüten,“ erwiederte Malte,„das magſt Du ihm ſelber ſagen.“ „Das werde ich,“ ſagte die Baronin und zog die Schelle.„Ich laſſe Herrn Doctor Stein bitten,“ ſagte ſie zu dem eintretenden Be⸗ dienten,„auf einen Augenblick zu mir zu kommen.“ Zweiter Band. 107 Der Bediente verſchwand, die Baronin ging mit ſchnellen Schrit⸗ ten in dem Gemache auf und ab. „Nur um Himmelswillen keine Scene, liebe Anna⸗Maria,“ ſagte der alte Herr, der ebenfalls aufgeſtanden war, ängſtlich. Die Baronin antwortete nicht, denn in dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und herein traten Oswald und Bruno, Bruno mit düſterem, trotzigem Geſicht und die Spuren eben geweinter Thränen in dem dunklen Auge, aber vollkommen reiſefertig, den mit Wachs⸗ leinen überzogenen Strohhut in der Hand. „Sie befehlen, gnädige Frau?“ ſagte Oswald, ſich vor der Ba⸗ ronin verbeugend. Die Baronin war durch dieſe unerwartete Löſung der ſchwierigen Frage ein wenig aus der Faſſung gebracht. „Ich hörte, Bruno weigere ſich, uns zu begleiten,“ ſagte ſie, „und da wollte ich—“ X„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach ſie Oswald,„von iner Weigerung Bruno's, einem ausdrücklichen Wunſche Ihrerſeits nachzukommen, kann wohl ſelbſtverſtändlich nicht die Rede ſein. Bruno hätte mir gern Geſellſchaft geleiſtet, das iſt Alles. Es be⸗ durfte natürlich nur eines Wortes, ihn daran zu erinnern, daß er meinethalben nicht die Rückſichten aus den Angen ſetzen dürfe, die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat. „Nun, das dachte ich mir doch gleich,“ ſagte die Baronin, die im Innern ſehr froh war, der„Scene“ mit Oswald, vor dem ſie, ohne es ſich ſelbſt geſtehen zu wollen, eine ſie demüthigende aber unüber⸗ windliche Scheu empfand, überhoben zu ſein.„Es wird ihn nicht gereuen, ſich unſeren Wünſchen accomodirt zu haben. Das Wetter iſt herrlich, und wir werden, denke ich, recht vergnügt ſein. Wie Schade iſt es, lieber Herr Doctor, daß Sie nicht auch von der Partie ſein können! Nun, wir hoffen, Sie bei unſerer Rückkehr, die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird, wieder in vollem Wohlſein zu treffen.— Ah, Mademviſelle! iſt Alles bereit? Nun, dann laß uns aufbrechen, lieber Grenwitz. Adieu, lieber Herr Doctor! Adieu, mademoiselle, n'oubliez pas ce que je vous ai dit!— Ah, Herr Timm! wahr⸗ haftig, ich hätte Sie beinahe vergeſſen—“ 7 Problematiſche Naturen. „Eben ſo ſchmeichelhaft, wie natürlich,“ ſagte Herr Timm, der mit der Reißfeder hinter dem Ohr und etwas ſtark derangirter Toilette ſo eben erſchienen war, um ſich den Herrſchaften zu empfehlen, und jetzt der Baronin in den Wagen half.„Bon voyage! grüßen Sie den alten Grafen Grieben beſtens von mir! famoſer alter Herr, der einen capitalen Rheinwein führt. All right! Hotte, hü!“— und Herr Timm verſetzte dem ihm zunächſt befindlichen Pferde einen der⸗ ben Schlag mit der flachen Hand, und warf dann den Inſaſſen des Wagens, der ſich jetzt in Bewegung ſetzte, eine Kußhand zu. „Gott ſei Dank,“ ſagte er, als die Kutſche in dem Thor ver⸗ ſchwunden war, und rieb ſich vergnügt die Hände.„Nun ſind wir doch einmal unter uns Mädchen! Was fangen wir nun vor Ent⸗ zücken an? Qu'en dites-vons, Monsieur le Docteur? qu'en dites- vous, Mademoiselle?“ „Ich habe ein paar Briefe zu ſchreiben, und werde mich deshalb auf mein Zimmer begeben;“ ſagte Oswald, in das Haus gehend. „So wollen wir eine franzöſiſche Lection im Garten nehmen, kleine Marguerite;“ ſagte Herr Timm, den Arm der jungen Dame ohne Umſtände in den ſeinen legend. „Ich nicht habe die Zeit,“ ſagte die hübſche Franzöſin, und ver⸗ ſuchte ihren Arm loszumachen. „Dummes Zeug!“ ſagte Albert, wenn Du nicht jetzt haſt die Zeit, wo die alte Vogelſcheuche fort iſt, wann wollen Sie Zeit haben? Kommen Sie! Venez! komm, Du kleiner Zieraffe! Wir haben ſchon ſo ſchöne Fortſchritte gemacht in der Conjugation von aimer: Naime, tu aimes— nons aimons—“ Und Albert zog die ſich nicht allzuſehr ſträubende Marguerite in den Garten, und wer ſich für dies romantiſche Paar intereſſirte, konnte es bis zum Mittag daſelbſt Arm in Arm umherſchweifen ſehen, und die Beobachtung machen, daß es den verſchiedenen Boskets und den dichteren Baumgängen entſchieden den Vorzug vor den offenen Plätzen gab, was bei der großen Hitze des Tages am Ende auch ganz natürlich war.— Es war am Nachmittage und Oswald ſaß wieder an ſeinem Schreibtiſche, den er nur, um mit Albert und Marguerite ein kurzes — —————————— Zweiter Band. 109 * und von ſeiner Seite ſehr ſchweigſames Mittagsmahl einzunehmen, verlaſſen hatte, als ihm ein Billet gebracht wurde. Oswald war, ſeitdem er auf Grenwitz lebte, ſo wenig gewohnt, dergleichen zu empfangen, daß er den Bedienten, der es ihm einhändigte, ganz er⸗ ſtaunt fragte: von wem? „Von Baron Oldenburg,“ erwiederte dieſer;„des Barons Wagen hält vor der Thür.“ Oswald erbrach das Billet und las: „Lieber Freund! Wenn Sie die lehrbegierige Brut loswerden können und ſonſt nichts Beſſeres zu thun haben, wollen Sie nicht einem einſamen Hypochonder auf ein paar Stunden Geſellſchaft leiſten und ſich bei dieſer Gelegenheit überzeugen, wie gut unſerm Haideblüm⸗ chen die Verſetzung in das fremde Erdreich bekommt? Mein Kutſcher iſt der Ueberbringer dieſes. Er hat den Auftrag, mit Ihnen oder auf Ihnen zurückzukommen. Alſo— wählen Sie! Yhr Oldenburg.“ Oöswald ſchwankte, was er thun ſollte. Mit dem Sonnenſchein war die Sehnſucht nach Melitta mächtig in ſeinem Herzen erwacht. Er konnte es nicht begreifen, daß er drei volle Tage hatte vorüber gehen laſſen, ohne auch nur einen Verſuch zu machen, ſie zu ſehen. Und dennoch, trotzdem er wußte, daß die Wolke, die ſich an dem Ballſaal zwiſchen ſie und ihn gelagert hatte, längſt verſchwunden war, trotzdem er ihr ſein Unrecht kauſend und tauſendmal im Herzen ab⸗ gebeten hatte, ſcheute er ſich, den erſten Schritt zur Verſöhnung zu thun.— Wer kennte nicht die Widerſprüche, in denen ſich ein ſo junges Herz ſo leicht verirrt, wenn Stolz und Liebe ſich in ihm ſtrei⸗ ten! und Oswald's ſtolzes Herz ſollte noch manchen Schlag thun, bis es die Liebe lernte, die echte Liebe, von der es in jener wunderbar ſchönen und tiefſinnigen Stelle der Schrift heißt, daß ſie nicht hof⸗ färtig iſt und ſich nicht erbitten läßt und Alles duldet und Alles glaubt. Die wahre Liebe lebt nur in Herzen, die viel erfahren und viel erduldet haben, wie an den Bäumen, die der herbſtliche Wind ſchon ihres ſommerlichen Blätterſchmuckes zu berauben anfängt, die ſüßeſten und köſtlichſten Früchte hangen. Oswald nahm einen Briefbogen, um dem Baron zu ſchreiben, daß er ſeiner Einladung nicht Folge leiſten könne, und ſchon im —— —„ X 110 Problematiſche Naturen. nächſten Augenblick hatte er ſeinen Hut ergriffen und eilte hinab. Derſelbe elegante Holſteiner, in welchem er von dem Baron von Barnewitz zurückgekommen war, hielt mit den zwei feurigen Rappen beſpannt vor dem Portale. Der Kutſcher, ein hübſcher Mann mit einem ungeheuren Barte, lächelte ihm, in Erinnerung des neulich er⸗ haltenen ſchweren Trinkgeldes, freundlich zu. Als er einſtieg, rief Albert über die Gartenmauer: „Können Sie mich nicht mitnehmen, Monsieur le docteur?“ „Nicht wohl!“ ſagte Oswald. „Nun, dann fahren Sie allein!“ rief Albert,„zum Teufel,“ ſetzte er hinzu, als der Wagen davon rollte.„Du haſt Recht, Marguerite,“ ſagte er zu der kleinen Franzöſin, die jetzt aus dem Gebüſch, in welchem ſie ſich vor Oswald verſteckt hatte, hervorkam:„Der Doctor iſt wirklich ein fat, wie Du ſagſt, und ich werde nächſtens auch an⸗ fangen, ihn zu haſſen.“ Unterdeſſen rollte der Gegenſtand des in Herrn Timm's an⸗ ſpruchsloſem Gemüth aufſteigenden Haſſes durch das kleinere Thor dem Feldweg zu, der um den Wall herum in den Buchwald führte, welcher ſich von hier bis an den Strand zog, und den man paſſiren mußte, wenn man von Grenwitz nach Cona, dem Stammgut der Oldenburger, wollte. Es war eine köſtliche Fahrt in den hohen, kühlen Buchenhallen, wo durch die dichten Frünen Baumkronen der blaue Himmel leuchtete, und links, wenn zwiſchen den mächtigen Stämmen das Unterholz weniger üppig wucherte, von Zeit zu Zeit das blaue Meer herüberblitzte, im Anfang ſelten und nur auf Augen⸗ blicke, dann, je näher ſie dem Saum des Waldes kamen, öfter und länger, bis es plötzlich bei dem Ausgang des Waldes da lag, blan und unermeßlich, blitzend im prächtigen Sonnenſchein. Der Weg führte auf der Höhe des Ufers hin, manchmal ſich ſo dem Rande nähernd, daß man das Branden der Wogen zwiſchen den großen Steinen des Strandes deutlich vernahm, dann wieder auf weitere Entfernung zurückweichend. Rechts ſtreifte das Auge über ungeheure Kornbreiten, die den Rücken des Plateaus bedeckten. Die langen kräftigen Halmen bogen ſich unter der Laſt der Aehren, und wehten hinüber und herüber vor dem lauen Wind, der von dem Zweiter Band. 142 Meere her über ſie dahinfuhr. Hier und da flatterte eine Lerche, deren Neſt allzudicht am Wege war, empor und ſtieg ſingend in den blauen Himmel. Dann ſenkte ſich der Weg in ein muldenförmiges Thal, durch das ein ziemlich bedeutender Bach, der Abfluß des Faſchwitzer Moores, dem Meere zueilte. An dem Bach entlang und bis hart an's Meer lag ein Dorf, das meiſtens von Fiſchern bewohnt wurde, die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren. Der Wagen mußte das Dorf paſſiren, das mit ſeinen kleinen ſauberen Häuschen und den kleinen mit Muſcheln eingefaßten Gärtchen vor den Thüren einen freundlichen Eindruck machte. Vor der Thür eines der größeren Häuſer, das ſich durch ein Schild, auf welchem ein Schiff mit vollen Segeln durch grasgrüne ſchaumgekrönte Wogen fuhr, als Wirthshaus ankündigte, hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen Vollblutpferde. Er trug einen langen Ueberrock, und Oswald konnte das Geſicht nicht ſehen, da der Reiter ſich eben niederbeugte, ein Glas Branntwein entgegenzunehmen, das eine blauäugige, blonde Schifferdirne mit einem allerliebſten Stumpfnäschen ihm präſentirte. „Das Pferd iſt unter Brüdern ſeine zweihundert Louisd'or werth,“ ſagte der Kutſcher, welcher ein Kenner war. „Wer iſt der Herr?“ fragte Oswald. „Weiß nicht, ich konnte ſein Geſicht nicht ſehen.“ Hinter dem Fiſcherdorfe ſtieg der Weg ziemlich ſchnell zu einer bedeutenderen Höhe, als von welcher er auf jener Seite herabgeſunken war. Auch nahm die Landſchaft hier einen andern Charakter an. Das Terrain war weniger eben; ſtatt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Haidekraut den Boden, der hier und da auf große Strecken eine mit kleinen und großen Steinen und ödem, nur ſpär⸗ liche Gräſer treibenden Sande bedeckte Wüſte war. Auch die Luft ſchien weniger warm, und man hörte, da ſich der Weg näher am Rande des hohen ſteilen Ufers hinzog, deutlicher das Brauſen des Meeres. Ein Seeadler zog hoch oben in der blauen Luft ſeine Kreiſe, einigemal ſchwebte ſein blauer Schatten über den ſonnebe⸗ ſchienenen, ſteinigen Weg. „Iſt es noch weit bis Cona?“ fragte Oswald. 112 Problematiſche Naturen. „Der Hof liegt dort hinaus,“ ſagte der Kutſcher, mit dem Peit⸗ ſchenſtiel rechts über die Haide deutend;„Sie können ihn von hier aus nicht ſehen. Ich fahre den Herrn Doctor nach dem Schweizer⸗ häuschen.“ „Und wo liegt das?“ „Gerade vor uns, in den Tannen.“ Ein Wäldchen von hohen Tannen krönte den höchſten Punkt des ufers, zu dem jetzt der Weg, der immer ſteiler und ſteiniger wurde, ziemlich raſch hinaufführte. Als Oswald ſich, um die zurückgelegte Strecke zu überſchauen, im Wagen umwandte, erblickte er in der Entfernung von vier bis fünfhundert Schritten den Reiter, der vor⸗ hin vor dem Wirthshauſe gehalten hatte. Er ritt mit derſelben Ge⸗ ſchwindigkeit, in welcher der Wagen fuhr, und als dieſer zufällig hielt, weil eine Schnalle an dem Riemenzeug aufgegangen war, hielt er ebenfalls ſein Pferd an, ſo lange bis das Fuhrwerk ſich wieder in Bewegung ſetzte. Oswald, dem dies Benehmen aufgefallen war, bat den Kutſcher nach einigen Minuten abermals zu halten. Er wandte ſich um: der Reiter hielt ebenfalls. Er ließ das Manöver noch ein paar Mal wiederholen, ſtets mit demſelben Erfolg. „Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte Oswald. „Ja,“ ſagte der Kutſcher; ich weiß auch nicht, was das zu be⸗ deuten hat.“ In dieſem Augenblick verließ der Reiter den Weg und trabte quer über die Haide nach der Richtung fort, in welcher, wie der Kutſcher ſagte, hinter dem Kamm des Plateaus, der Gutshof vor Cona lag. Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht, die ſo dicht ſtanden, daß man vom Meere nichts mehr ſehen und nur noch ſein Brauſen hören konnte, das ſich mit dem Wehen des Windes in den hohen Bäumen vermiſchte. Dann blitzte es bei einer Wendung des Weges wieder auf und vor ihnen, auf einem freien, nach dem Meere zu offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerſtyl aufgeführtes Haus, Oldenburg's Sommerwohnung. — Zweiter Band. Uenntes Capitel. Als der Wagen auf dem von hohen Bäumen umragten und mit braunen Nadeln wie mit einem Teppich überdeckten Platze vor der Thür hielt, erſchien Oldenburg oben auf der Gallerie, welche die zwei Stockwerke trennte und ſich um das ganze Haus zog, und grüßte freundlich hinab. Im nächſten Augenblick war er an der Thür und ſchüttelte Oswald mit Herzlichkeit die Hand. „Alſo doch!“ ſagte er;„ich fürchtete ſchon, es wäre Ihnen er⸗ gangen, wie den meiſten Leuten, die, wenn ſie einmal mit mir zu⸗ ſammen geweſen ſind, für alle Ewigkeit genug haben.“ „Ich weiß nicht, Herr Baron, ob Sie ſich den meiſten Leuten ſo zeigen, wie Sie ſich mir gezeigt haben,“ ſagte Oswald;„wäre dies der Fall, ſo habe ich für mein Theil nicht den Geſchmack der meiſten Leute.“ „Wahrlich, ein Selam in optima forma!“ ſagte Oldenburg lächelnd;„ein paar alte graubärtige Söhne Mohamed's könnten es nicht beſſer. Es fehlt blos noch, daß wir zum Schluß unſere eigenen Fingerſpitzen küſſen! Aber kommen Sie in's Haus, da können wir die Sache noch bequemer haben.“ Sie traten auf einen kleinen Flur, von welchem man auf einer niedrigen breiten Treppe in das obere Stockwerk auf ein Entrée ge⸗ langte, das von oben Licht empfing. Aus dieſem gingen ſie in ein weites, ziemlich hohes Gemach, zwiſchen deſſen zwei Fenſtern eine Glasthür auf die breite Gallerie führte, die eine unbeſchränkte Aus⸗ ſicht auf das Meer gewährte, und obgleich noch ziemlich dreißig Fuß zwiſchen dem Hauſe und dem ſcharf abfallenden Rande des Ufers lagen, unmittelbar über der Brandung, welche tief unten zwiſchen den Rollſteinen und auf den Kieſeln des Strandes murmelte, zu hängen ſchien. Der Blick von dieſem erhabenen Standpunkte auf das blaue, unermeßliche Meer und auf das hohe weiße Kreideufer, das ſich, nach links in einem weiten Halbmond hinziehend, zuletzt in einem Vorge⸗ Fr. Spielhagen's Werke. II. 8 Problematiſche Naturen. birge endigte, welches der Buchwald von Grenwitz krönte, war ſo unbeſchreiblich großartig, daß Oswald einen lauten Ruf der Bewun⸗ derung nicht unterdrücken konnte. „Nicht wahr?“ ſagte Oldenburg, ſich neben Oswald auf die Brüſtung der Gallerie lehnend,„es war ein geſcheiter Einfall meines würdigen Großvaters, an dieſem Punkte, nebenbei einem der höchſten der ganzen Inſel, ein Haus zu bauen. Ich habe den alten Mann mit ſeinem langen eisgrauen Barte noch gekannt, und ſehe ihn im Geiſte noch hier auf dieſer Gallerie ſitzen und, wie der König von Thule, mit ſeinen verlöſchenden Augen auf das heilige Meer ſchauen, das er verehrte, wie ein Enkel ſeine alte Großmutter ehrt, und liebte, wie ein Jüngling die Geliebte ſeiner Seele liebt. Ich wollte, er hätte mir außer ſeiner Figur auch ſeine unermeßliche Fähigkeit für Naturſchönheit ſchwärmen zu können, vererbt. Leider bin ich in der letzten Beziehung in demſelben Grade zu kurz gekommen, wie in der erſten zu lang.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ ſagte Oswald. „Wahrhaftig,“ ſagte Oldenburg,„und ich habe mich auf meinen Reiſen oft genug deshalb geſchämt, und meine äſthetiſche Verſtocktheit, die mich auf den ſchönſten Punkten, wo Andre vor Vergnügen Burzel⸗ bäume ſchlugen oder ſentimentale Thränen weinten, geradezu nichts empfinden ließ, verwünſcht. Vergebens, daß ich, wie die engliſchen Miſſes an meiner Seite: beautifully, very fine indeed! ſeufzte, ver⸗ gebens, daß ich Tag und Nacht die herrlichſten Naturſchilderungen von Byron und Lamartine las, bis ich ſie auswendig wußte— es half Alles nichts. Ich brachte es nicht weiter, wie der arme Werther, als ihm die ewige Natur wie ein lackirtes Bild erſchien; und ein paar Bettelbuben, die ſich auf dem Sande des Strandes balgten, und ein armer Fellah, der ſein Waſſerrad drehte, waren mir intereſſanter, als der Golf von Neapel und der Nil. Ich habe nur an Menſchen und Menſchentreiben meine Freude— von der Natur verſtehe ich ein für alle Mal nichts.“ „Aber warum verbannen Sie ſich denn in dieſe Einſamkeit? wa⸗ rum wohnen Sie, da Sie es doch haben können, anſtatt hier an dieſem Zweiter Band. 115 nordiſchen Strande, nicht lieber an dem Boulerard des Capucines, oder in London auf dem Pall⸗Mall?“ „Aus demſelben Grunde, aus welchem man den Falken, bevor man ihn auf die Gazellenjagd nimmt, vierundzwanzig Stunden faſten läßt— um meinen Hunger nach meiner Lieblingsſpeiſe zu ſchärfen. Wenn ich hier ein paar Wochen gehauſt habe, ſind meine Sinne wieder friſch und empfänglich, und das Schauſpiel des Menſchentrei⸗ bens hat wieder ſeinen alten Reiz für mich.“ „Und wie lange gedenken Sie diesmal hier zu bleiben?“ „Ich weiß noch nicht. Meine Solitude,— ſo taufte nämlich mein Großvater dieſen ſeinen Lieblingsort— gefällt mir diesmal beſſer, als ſonſt wohl. Ich habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben geführt und ſo viel Adamskinder der verſchiedenſten Racen und Culturzuſtände durcheinander geſehen, daß zuletzt einer genan ſo ausſah, wie der andere, ein Beweis, daß meine Sinne vollkommen abgeſtumpft waren und eine längere Hungercur nöthig iſt. Daß ich nicht ganz verhungere, dafür ſollen Sie und die Czika ſorgen.“ „Und wo iſt denn unſer kleiner Findling?“ „Irgendwo auf der Haide, wo ſie ſich in den blühenden Ginſter legt und in den Himmel ſtarrt, oder am Strande, wo ſie zwiſchen den Felsblöcken umherklettert und vor Vergnügen in die Hände klatſcht, wenn eine Welle ihre nackten Füße benetzt. Bis zu Schuhen hat ſie es nämlich noch nicht gebracht, das heißt: ich habe ſie noch nicht dazu bringen können. Ich laſſe ihr überhaupt abſolute Freiheit, ſeitdem ſie mir gleich am zweiten Tage, als ich ſie bei dem ſchauder⸗ haften Wetter nicht herauslaſſen wollte, ſehr energiſch erklärte: Czika ſtirbt, wenn Czika nicht in den Regen darf.“ „Sehnt ſie ſich denn nicht nach ihrer Mutter zurück?“ „Glauben Sie wirklich, daß das braune Weib, das ich übrigens nur ganz flüchtig geſehen habe, des Kindes Mutter iſt?“ „Unbedingt. Die Aehnlichkeit zwiſchen Czika und der braunen Gräfin iſt unverkennbar.“ „Von wem habe ich doch dieſen Ausdruck ſchon gehört?“ ſagte S* 116 Problematiſche Naturen. Oldenburg nachdenklich,„von Ihnen neulich, ohne Zweifel; aber er kam mir gleich ſo bekannt vor. Stammt die Bezeichnung von Ihnen?“ „Nein, von Frau von Berkow,“ ſagte Oswald, den Blick feſt auf Oldenburg richtend. „So, ſo,“ ſagte der Baron. Es war das erſte Mal, daß Melitta's Namen unter den beiden Männern Erwähnung geſchah, und es war bezeichnend genug, daß ſofort eine Pauſe in dem Geſpräch eintrat. „Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntſchaft der Zigeunerin gemacht?“ fragte der Baron nach einiger Zeit. Oswald erzählte in kurzen Zügen die Geſchichte von der braunen Gräfin, ſo wie ſie ihm Melitta mitgetheilt hatte. Oldenburg lächelte.„Ja, ja,“ ſagte er,„jetzt erinnere ich mich. Frau von Berkow hat mir die Anekdote ſchon vor ein paar Jahren erzählt. Die Geſchichte iſt allerliebſt, beſonders für den, welcher ſich für Frau von Berkow intereſſirt, weil ſie für den liebenswürdigen, aus Muthwillen, Schalkheit und Gutmüthigkeit wunderbar gemiſchten Cha⸗ rakter dieſer Dame unendlich bezeichnend iſt.“ Der Baron ſagte das einfach und ſo ruhig, als hätte es niemals eine Zeit gegeben, wo er für ein Lächeln„dieſer Dame“ ſein Leben auf's Spiel geſetzt haben würde. „Aber wollen wir nicht hineingehen,“ fuhr er fort,„ich ſehe, Hermann, mein Rabe und Factotum, hat einen Tiſch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich gedeckt, und dort kommt auch Thusnelda, ſeine Gemahlin und meine Amme, um uns feierlich zum Vesperbrod zu laden.“ Eeine alte, ſehr würdig ausſehende Frau von ſtattlichem Umfange erſchien in der Glasthüre, machte einen tiefen Knir und ſagte: „Herr Baron, es iſt angerichtet.“ „Schön,“ ſagte Oldenburg;„haſt Du die Czika nicht ge⸗ ſehen?“* ———— Zweiter Band. 117 „Ich dachte, ſie wäre beim Herrn Baron,“ antwortete die Matrone, ängſtlich umherblickend. „Nein. Bring ſie doch herauf, wenn ſie unterdeſſen kommen ſollte. Du kannſt Dich einmal nach ihr umſehen. Kommen Sie, Doctor, ich hoffe, der weite Weg hat Sie hungrig, zum mindeſten durſtig ge⸗ macht; Thusnelda hat für beide Fälle geſorgt.“ Oswald ſchaute ſich, während ſie an dem mit Erfriſchungen aller Art reichlich beſetzten Tiſche Platz nahmen, in dem Zimmer um. Der weite Raum wurde durch einen großen Schreibtiſch von Eichenholz und durch Stühle und Sophas von mancherlei Formen, die den Platz häufig zu verändern ſchienen, weſentlich verringert. An den Wänden ſtanden Eichenſchränke mit Büchern angefüllt. Bücher lagen auf den Tiſchen, den Sophas, den Stühlen, Bücher lagen auf dem Boden. Einige Büſten nach der Antike, und ein paar große Kupferſtiche waren der einzige Schmuck des Zimmers, das im übrigen offenbar auf Ele⸗ ganz nicht den mindeſten Anſpruch machte; zwiſchen zwei der Schränke, wo ein Kupferſtich hingehörte, mar eine grünſeidne Gardine, die ent⸗ weder ein ungeſchickt angebrachtes Fenſter oder ein Bild verdeckte, welches der Beſitzer aus dieſem oder jenem Grunde dem Blicke neu⸗ gieriger Beſucher nicht ausgeſetzt wünſchte. Sodann wurde ſeine Aufmerkſamkeit wieder von dem Baron ſelbſt in Anſpruch genommen, der ihm heute in einem langen, gelben, leine⸗ nen Rock, welcher ſeiner langen, hagern Figur gar ſeltſam ſtand, ein ganz Anderer zu ſein ſchien. Mehr aber noch, als der veränderte Anzug war es der veränderte Ausdruck des Geſichtes, der Oswald auffiel. Der höhniſche Zug um den Mund, den ſelbſt der dichte Bart nicht ganz verdecken konnte, die ſcharfen kleinen Fältchen auf der hohen Stirn, um die Augen und die Naſenflügel— Alles war von einem freundlichen Lächeln ausgelöſcht, das den grauen, ſonſt ſo ſtechenden Augen einen Ausdruck von Milde und Gutmüthigkeit gab, den Os⸗ wald, ſo weit er auch von ſeinem Vorurtheil gegen den Baron zurück⸗ gekommen war, niemals für möglich gehalten haben würde. Ja, der Gedanke, daß ein Weib dieſen ſeltſamen Mann von ganzem Herzen lieben könnte, ſchien ihm nicht mehr ſo wunderlich, wie auf dem Balle 118 Problematiſche Naturen. in Barnewitz. Er dachte an das Blatt in Melitta's Album, er dachte an ſeine eigenen Worte: Dieſer Mann wird niemals glücklich ſein, weil er niemals wird glücklich ſein wollen, und an Melitta's Antwort: „Darum iſt dieſer Mann aus meinem Leben losgelöſt, wie ſein Bild aus dieſem Album,“ und er ſagte ſich jetzt: er hätte glücklich ſein können, wenn er gewollt hätte; warum wollte er es nicht? was trennte dieſe Beiden? wer von ihnen ſprach das Wort, das ſie— wie es ſcheint— auf ewig trennte? Dieſe Gedanken erweckten heute in Oswald nicht mehr jene wilde Eiferſucht, die ſein Herz an dem Tage, wo er dem Baron zuerſt im Walde begegnete, und hernach auf dem Balle in Barnewitz, zerfleiſcht hatte— aber das geheimnißvolle Dunkel, welches über dieſen Vor⸗ gängen lag, das er nicht lüften konnte und, was ſchlimmer war, nicht einmal zu lüften wagte, erfüllte ſeine Seele mit jener Trauer und jenem Mitleid, das wir mit uns ſelbſt empfinden, wenn wir da in unſerer Andacht geſtört werden, wo wir ſo gern aus vollem, über⸗ ſtrömendem Herzen anbeten möchten. Oswald ſuchte dieſer trüben Stimmung Herr zu werden; es war ihm, als ob des Barons ſcharfe Augen leſen könnten, was in ſeiner Seele vorging. Indeſſen ſchien dieſer vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Geſprächs in Anſpruch genommen, das, wie erklärlich, ſich hauptſächlich um Czika und die braune Gräfin drehte. Beide Männer verſuchten ihren Scharfſinn vergeblich an der Löſung der vielen Räthſel dieſer wunderbaren Angelegenheit. Was hatte die braune Gräfin beſtimmt, ihr Kind, an welchem ſie doch mit großer Liebe zu hängen ſchien, ſo ohne Weiteres fremden Männern zu überlaſſen? Woher nahm ſie zu dieſer Entſagung den Muth in dem Augenblicke, wo ſie durch vie brutalen Scherze der jungen Edel⸗ leute(der Reitknecht des jungen Graf Grieben hatte Oldenburg's Kutſcher die Sache erzählt) und durch den, allerdings blos ſcherzhaft gemeinten, Raub der Kleinen ſo außer ſich gebracht war? Hatte ſie das Kind Oswald, oder dem Baron, oder hatte ſie es Beiden ge⸗ ſchenkt? oder hatte ſie es ihnen nicht geſchenkt, ſondern verkauft, und hatte ſie nur den Zahlungstermin einen Monat hinausgeſchoben, in der Hoffnung, daß die beiden Männer, oder auch einer von ihnen, das Zweiter Vand. 119 ſchöne Kind während dieſer Zeit lieb gewinnen und demnach gern einen größeren Preis zahlen würde? „Meine größte Furcht,“ fagte Oldenburg,„iſt, daß die braune Gräfin der noch nicht einmal abgeſchloſſene Handel gereut und ſie mir das Kind wieder raubt, oder auch die Czika ſelbſt der Sehnſucht nach ihrem Wanderleben nicht widerſtehen kann und eines ſchönen Morgens verſchwunden iſt. Ich geſtehe, daß es ein harter Schlag für mich ſein würde. Ihre Prophezeiung, daß ich in der ſüßen Dirn einen Schatz gefunden habe, köſtlicher als Aladin's Wunderlampe, ſcheint in Erfüllung zu gehen. Ich ſage mit dem weiſen Nathan: ich bliebe, oder richtiger: ich wäre des Mädchens Vater doch ſo gern! ich möchte ſo gern dieſer bis jetzt ſtummen Seele eine Sprache entlocken, und in dieſer Sprache meinen eigenen Gedanken veredelt und verſchönert wieder hören! ich möchte ſie an mich ketten mit allen Banden, durch die ein Vater an ſeine Tochter, eine Tochter an ihren Vater gefeſſelt ſein kann— verſteht ſich, um ſie nachträglich alle dieſe Bande zer⸗ reißen und ſich dem erſten beſten Gelbſchnabel in die Arme werfen zu ſehen, deſſen Rock um einen Grad beſſer ſitzt, als die ſeiner Nachbarn. Aber bis dahin möchte ich wenigſtens, daß ſie mein wäre! Ich ſtehe jetzt in den Jahren, wo man ſich, wenn man nicht zufällig ein Swift iſt, der bekanntlich die Kinder hätte freſſen mögen, aber nicht aus Liebe — nach Kindern ſehnt, wie ein müder Wanderer nach einem Stab, die erſchlaffenden Glieder zu ſtützen. Wenn wir fühlen, daß wir den höchſten Punkt auf unſerem Lebenswege erreicht haben und es nun unaufhaltſam bergab geht, und das Land unſerer Jugend hinter dem Kamm des Hügels allgemach verſchwindet, da möchten wir fröhliche Kinderſtimmen von drüben ertönen hören, die uns unſere eigene ſelige Jugendzeit wieder in die Erinnerung rufen. Sie werden mich fragen, weshalb ich denn dieſer ſpießbürgerlichen Tendenz nicht nachgebe und heirathe? oder Sie werden mich das auch nicht fragen, denn Sie werden ſich ſelber ſagen, daß für Jemand, der ſich die zehn beſten Jahre ſeines Lebens in allerlei liaisons dangereuses und iunocentes — unausgeſetzt bewegt hat, das Heirathen eine moraliſche Unmöglich⸗ keit iſt. Ich will keine Frau, die ſo blaſirt wäre, nicht von mir hören zu wollen: ich liebe Dich! und wie kann ich das, ohne mir 120 Problematiſche Naturen. ſelbſt lächerlich vorzukommen, zu ihr ſagen, wenn ich es ſchon ſo und ſo vielen anderen in allen mir bekannten Sprachen geſagt habe? Nein, nein! mit ſolchen Geſinnungen mag man Türke werden und ſich einen Harem anſchaffen, aber für die monogamiſche Ehe im höchſten, reinſten Sinne, wo ſie eine wunderbare Alchymie iſt, die aus den Zweien Eines macht, für dieſe Ehe, die auch ich heilig halte, iſt man wahrlich zu ſchlecht.“ „Und doch,“ ſagte Oswald,„liegt in der wahren Liebe eine rei⸗ nigende und heiligende Macht, vor der alle Zweifel an uns ſelbſt verſchwinden, wie der Nebel vor den Strahlen der Sonne. Die wahre Liebe wiſcht, wie der echte Haß„von der Tafel der Erinnerung weg alle thörichten Geſchichten“ und macht uns mit einem Schlage aus wüſten Barbaren zu zartfühlenden, feinſinnigen Helenen. Die rohe Kraft, die vorher ſich nur bethätigen wollte, gleichviel ob ſie ſchaffte oder zerſtörte, nimmt jetzt Form an, und wo ſie früher einen Siva ſchuf, deſſen glühender Blick alle Creatur verzehrt, ſchafft ſie jetzt einen olympiſchen Zeus, der Alles, was iſt, mit Vateraugen ſegnet.“ „Sehr ſchön geſagt,“ erwiderte der Baron,„wollen Sie nicht dieſe Liebfrauenmilch verſuchen, der Wein macht ſeinem Namen Ehre — ſehr ſchön geſagt, auch wohl wahr— nur nicht für problematiſche Naturen.“ „Was nennen Sie problematiſche Naturen?“ „Es iſt ein Gvethe'ſcher Ausdruck und kommt in einer Stelle vor, die mir viel zu denken gegeben hat. Es giebt problematiſche Naturen, ſagte Goethe— ich glaube in Dichtung und Wahrheit— die keiner Lage gewachſen ſind, in der ſie ſich befinden, und denen keine genug thut. Daraus, fügt er hinzu, entſteht der ungeheure Widerſtreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.— Es iſt ein grauſiges Wort, denn es ſpricht in olympiſcher Ruhe das Todesurtheil über eine, beſonders, in unſeren Tagen, weit verbreitete Gattung guter Menſchen und ſchlechter Muſikanten.— Da iſt Czika!“ „Wo?“ „Hinter Ihnen.“ Oswald wandte ſich um. In der offenen Thür, die auf den Zweiter Band. 481 Balcon führte, ſtand das ſchöne Kind, vom rothen Licht der unter⸗ gehenden Sonne umfloſſen. Ihr üppiges, blauſchwarzes Haar ſiel von beiden Seiten über die feine Stirn auf die Schultern, die aus einer blauen türkiſchen Blouſe hervorſchauten, welche mit einem dünnen, rothſeidenen Shawl um die ſchlanke Hüfte gegürtet war. Türkiſche Beinkleider reichten bis zu den nackten Füßen. Als ſie einen Fremden in dem Zimmer erblickte, hatte ſie ſich leiſe, wie ſie gekommen war, wieder wegſtehlen wollen, bis der Ausruf des Barons ſie bannte und Oswald ſich umgewandt hatte. Bei ſeinem Erblicken flog ein freudiges Lächeln über ihr ernſtes, dunkles Geſicht, und die braunen Gazellen⸗ augen ſchauten beinahe zärtlich zu ihm empor, als er jetzt, eine ihrer Hände in der ſeinen haltend und mit der andern ihr das üppige Haar ſchlichtend, vor ihr ſtand. „Czika kennt Dich,“ ſagte ſie;„Du biſt ſehr gut. Du haſt die Armen lieb, die Armen haben Dich lieb.“ „Eine Liebeserklärung!“ ſagte Oldenburg, der am Tiſche ſitzen geblieben war, lachend,„die wie vielſte, Doctor, in den letzten acht Tagen! Doctor, Sie ſind ein gefährlicher Menſch und ich werde mich genöthigt ſehen, Ihnen mein Haus zu verbieten.“ „Warum biſt Du nicht immer hier?“ ſagte Czika, ihre großen Augen von dem Baron wieder zu Oswald wendend.„Czika will mit Dir an dem großen Waſſer ſitzen, Czika will Dir Blumen auf der Haide pflücken. Warum biſt Du nicht immer hier?“ „Er kann nicht immer hier ſein, Czika,“ ſagte der Baron,„aber er wird recht oft herkommen. Nicht wahr, Doctor?“ Die Thür nach dem Vorſaal wurde geöffnet und Madame Müller, oder Thusnelda, wie ſie der Baron nannte, ſchaute herein. „Ich kann ſie nicht— ah! da iſt ſie ja. Wo biſt Du denn ge⸗ weſen, mein Herzenspüppchen? komm, ich will Dich ein wenig zurecht machen. Wie Du wieder ausſiehſt— ganz voll Haidekraut, wie ge⸗ wöhnlich; was ſollen die Herren von uns denken...“ So ſprach die Matrone, das Kind mit ſanfter Gewalt an der Hand aus dem Zimmer führend. „Sie müſſen wiſſen, daß eine große Liebe zwiſchen den Beiden beſteht,“ ſagte der Baron.„Meine alte Amme hat viel blühende 122 Problematiſche Naturen. — Kinder gehabt, die alle frühzeitig geſtorben ſind. Anderer Frauen Herz wird durch ſolches Unglück oft verhärtet, aber Thusnelda's Herz iſt weich geblieben, und jetzt liebt ſie die Czika, als wäre ſie ihr Erſt⸗ geborenes. Das iſt nun aber gerade, als wenn eine Taube einen Fal⸗ ken ausgebrütet hätte. Czika's Tendenzen zu einem möglichſt ungebun⸗ denen Daſein bringen die arme alte Dame alle Tage zehnmal in die größte Noth und Verzweiflung. Und dann iſt noch ein Umſtand. Thusnelda iſt gut kirchenfromm— und Cizika hat— horribile dietu— gar keine Religion— es müßte denn irgend ein geheimnißvoller Sterndienſt ſein, den ſie begeht, wenn ſie ſich des Nachts von ihrem Lager ſtiehlt und auf der Höhe des Strandes im Mondenſcheine tanzt, wie Thusnelda es mit Grauſen und Schaudern geſehen zu haben ſchwört. Uebrigens glaube ich, Thusnelda hat in dieſem Falle Recht. Ich habe wenigſtens ſchon früher die Beobachtung gemacht, daß, wenn die Zigeuner Gegenſtände der Anbetung haben, es Sonne, Mond und Sterne ſind.“ „Haben Sie auf Ihren Reiſen nicht öfter Gelegenheit gehabt, mit dieſem intereſſanten Volke in nähere Berührung zu kommen?“ „O ja,“ ſagte der Baron,„ſogar in ſehr nahe Berührung; be⸗ ſonders einmal— in Ungarn— vor zwölf Jahren etwa.“ Der Baron ſchwieg, ſchenkte ſich ein Glas Wein ein und trank es in mehreren Abſätzen langſam aus, die Augen auf die Tiſchdecke geheftet, wie Jemand, deſſen Gedanken von einer Erinnerung ganz in Anſpruch genommen ſind. „Nun,“ ſagte Oswald,„wie war das?“ „Wass“ ſagte der Baron, wie aus einem Traum erwachend;„ja ſo, Sie wollen wiſſen, was ich in Ungarn mit den Zigeunern zu thun hatte.“ „Ich vermuthe, es ſteckt dahinter eine romantiſche Geſchichte.“ „Allerdings,“ ſagte der Baron;„ich ſelbſt ſtand damals noch in den Jahren, wo jeder Menſch, er müßte denn zufällig ein geborner Stockfiſch ſein, ein lebendiges Stück Romantik iſt. Ich ſchwärmte für Eichendorffs mondſcheindurchleuchtete Zaubernächte, für Brunnen und Wälderrauſchen, und vor allem ſchwärmte ich für ſchlanke Mägdelein mit und ohne Guitarre am blauen Bande.“ Zweiter Band. 123 Meine ganze Weltanſchauung war in einem eminenten Grade romantiſch, vor allem meine Moral. Das ganze Leben hatte für mich nicht mehr Bedeutung, als ein Schattenſpiel an der Wand, und das einzige Reelle, was ich gelten ließ, war die ſouveräne Ironie. Mit einem Worte: ich war ein charmanter Kerl, und wenn man mich an den erſten beſten Galgen gehangen hätte, ſo wäre das nur„mir zur gerechten Straff, andern aber zum oabſcheulichen Excempul“ ge⸗ weſen.— Ich hatte damals das Studiren in Bonn und Heidelberg gerade herzlich ſatt. Ich hatte in tauſend Büchern vergeblich nach der Löſung des Räthſels geſucht, über dem ſich ſchon ſo viel beſſere Köpfe als ich den Kopf zerbrochen haben, und wollte es nun einmal auf andere Weiſe anfangen. Ich ſchrieb an meinen Vormund und drückte ihm meinen Wunſch aus, ein paar Jahre zu reiſen. Der Vormund bil⸗ ligte dieſen Plan höchlichſt, wie er denn Alles billigte, was mein Spatzenkopf ausheckte— nur um mich los zu werden— ſchickte mir Wechſel und Empfehlungsbriefe, und ich begab mich auf die Wander⸗ ſchaft. Ich reiſte durch Süd⸗Deutſchland, die Schweiz, Ober⸗Italien. Wenn Sie einen aber auch nur oberflächlichen Bericht dieſer Reiſe von mir verlangten, ſo käme ich in die größte Verlegenheit. Ich weiß von den Gegenden noch gerade ſo viel, wie von den Landſchaften, die man im Traume ſieht. Zuletzt war ich in Ungarn. Der Zufall, der überhaupt mein Reiſemärſchall war, hatte mich dort hingeführt. Ich war in Wien mit einem jungen ungariſchen Edelmann bekannt gewor⸗ den, deſſen Vater am Fuße des Tetragebirges reich begütert war. Er hatte mich eingeladen, mit ihm zu kommen; ich war dieſe Einladung gefolgt. Wir führten ein ſehr idylliſches Leben, deſſen Hauptingre⸗ dienzien Würfel, Wein und Weiber waren. Herr von Kryvan hatte ein paar ſehr ſchöne Schweſtern, in die ich mich der Reihe nach ver⸗ liebte. Sodann begeiſterte ich mich für die franzöſiſche Geſellſchafterin der alten Frau von Kryvan, die eben friſch von Paris gekommen war, und die jungen Ungarinnen durch die Grazie ihrer Manieren, ihr Conſervationstalent und ihren Geſchmack in Sachen der Toilette be⸗ ſchämte. Als ich einſt, voll von dem Bilde dieſer Huldgöttin, die ich 124 Problematiſche Naturen. nebenbei einige Jahre darauf in Patis unter weſentlich andern Ver⸗ hältniſſen wieder traf— für den Augenblick glaubte ich an die Echt⸗ heit ihrer Perlen und ihrer Tugend— als ich einſt, ſage ich, träu⸗ mend in dem Walde umherlief, der ſich von Kryvan weit in das Gebirge hinauf erſteckte, führte mich mein Reiſemarſchall auf eine Lichtung im Walde, die ſich eine Zigeunerbande zu ihrem temporären Wohnort erwählt hatte. Kleine Hütten aus Lehm und Reiſig in ſehr archaiſtiſchem Sthle aufgeführt, eine Feuerſtelle, an der ein altes Mütterchen einen Marder briet, Thierfelle und Lumpen an den Zwei⸗ gen der Bäume zum Trocknen aufgehängt— das war das Bild, das ſich meinen erſtaunten Blicken darbot. Die ganze Bande war abweſend, mit Ausnahme beſagter alter Hexe, einiger ganz kleiner Kinder, die ſich in paradieſiſcher Nacktheit im Sande wälzten, und eines Zigeuner⸗ mädchens von fünfzehn Jahren etwa—“ Der Baron ſchenkte ſich ein Glas voll und trank es mit einem Zuge aus. „Von fünfzehn Jahren etwa— vielleicht war ſie auch älter— es iſt das Alter von Zigeunermädchen ſchwer zu beſtimmen. Sie war ſchlank, und geſchmeidig, wie ein Reh, und ihre dunklen Augen leuch⸗ teten in einem ſo magiſch ſinnlich⸗überſinnlichen Feuer, daß mich ein Schauder des Entzückens packte, als ich tief und tiefer hineinſchaute, während ſie unter allerlei wunderlichen Manipulationen mir aus der flachen Hand mein Schickſal verkündete. Mein Schickſal war in ihren Augen viel deutlicher zu leſen, als in meiner Hand. Ich war ent⸗ zückt, berauſcht, außer mir; die Welt war für mich verſunken.— Sie erinnern ſich, daß ich damals zwanzig Jahre und Romantiker vom reinſten Waſſer war— und daß ein Zigeuner ſein, ſich von Mar⸗ dern nähren und ſich in den Augen eines Zigeunermädchens ſonnen, der Weisheit letzter Schluß und das höchſte Ziel menſchlichen Stre⸗ bens ſei, war für mich über allen Zweifel erhaben. Ich blieh bei den Zigeunern— ich weiß nicht, wie viel Tage. Meine Freunde im Schloſſe glaubten, die Wölfe hätten mich zerriſſen.— Da eines Abends — die Sonne war ſchon hinter die Bergwand geſunken, die unſern Lagerplatz nach Norden ſchirmte— die Bande war noch nicht von Zweiter Band. 125 ihrem Streifzuge zurück— ich ſaß mit der Zingarella am Fuß einer alten Eiche und war ſelig in meiner jungen Liebe— da—“ „Ich glaube gar, wir bekommen noch Beſuch“— unterbrach ſich der Baron;„war das nicht eine fremde Stimme?“ „Ich hoffe nicht,“ ſagte Oswald. Die Thür wurde geöffnet, der alte Hermann ſchaute herein und ſagte: „Herr von Cloten wünſcht ſeine Aufwartung zu machen, Herr Baron; ſind Sie zu Hauſe?“ „Bewahre,“ ſagte der Baron;„aber freilich, ich kann ihn nicht gut abweiſen; er kommt um mich— hm, hi!“ „Laſſen Sie ſich durch mich in der Ausübung Ihrer Gaſtfreund⸗ ſchaft nicht ſtören,“ ſagte Oswald, aufſtehend. „Bleiben Sie! bleiben Sie!“ ſagte der Baron;„er wird ſich hoffentlich nicht lange aufhalten. Er kommt in einer gewiſſen An⸗ gelegenheit, in welcher er meinen Rath haben will. Das iſt Alles. Führe ihn herauf, Hermann!“ Einen Augenblick darauf trat Herr von Cloten ein. Er war in Reitfrack und Stulpenſtiefeln und ſchien einen weiten Ritt gemacht zu haben. Wenigſtens ſah er ſehr erhitzt aus. Oswald's Anweſenheit ſchien ihn zu ärgern, oder verlegen zu machen; wenigſtens begrüßte er ihn mit auffallender Förmlichkeit, nachdem er dem Baron die Hand geſchüttelt hatte. „Sehr warm heute,“ näſelte er, auf einem Stuhl, den ihm der Baron anbot, am Tiſche Platz nehmend;„Robin trieft von Schweiß; habe Ihrem Reitknecht geſagt, ihn mit Stroh abzureiben. Conſervirt die Pferde merkwürdig. Angenehmer Wein,— Liebfrauenmilch?— famoſer Wein— hatten neulich auch welchen in Barnewitz— nicht halb ſo gut. Apropos, Barnewitz— gut bekommen, Baron? War etwas vor der Zeit fortgefahren— Hitze wirklich abominabel—“ „Wollen Sie nicht ablegen, Cloten?“ „Danke, danke! Will gleich wieder fort; wollte nur einmal, weil gerade in der Nähe— war auf Grenwitz— Alles ausgeflogen dort — vorſprechen, zu ſehen, wie es ſteht.“ „Aber Sie werden doch ein paar Minuten Zeit haben.“ Problematiſche Naturen. „Keinen Augenblick— auf Ehre,“ ſagte Herr von Cloten, ſein Glas leerend und aufſtehend,„ſpreche morgen vielleicht wieder vor. Adieu, Baron.“ Von Cloten verbeugte ſich wiederum ſehr förmlich vor Oswald und ſchritt, von dem Baron begleitet, nach der Thür. „Bitte, bitte, derangiren Sie ſich nicht;“ ſagte Cloten. „Ich will mir nur Ihren Robin einmal anſehen,“ ſagte der Baron, und dann zu Oswald:„entſchuldigen Sie mich für ein paar Augen⸗ blicke, Herr Doctor.“ Oswald war allein; das auffallend kühle Benehmen des jungen Edelmanns hatte, wie ſehr er denſelben auch verachten zu dürfen glaubte, doch ſeinen leicht verletzlichen Stolz beleidigt. Er ging er⸗ regt in dem Gemache auf und ab. Sein Adelhaß hatte wieder neue Nahrung bekommen; auch Oldenburg's Benehmen ſchien ihm während Cloten's Viſite weniger herzlich geweſen zu ſein. „Ich ſage es ja,“ murmelte er durch die Zähne,„wo zwei zu⸗ ſammen ſind, iſt der Kaſtengeiſt mitten unter ihnen und ſie fließen zuſammen wie Queckſilber.“ Sein Blick haftete auf dem grünſeidenen Vorhang, zwiſchen den beiden Bücherſchränken, der ſeine Aufmerkſamkeit ſchon vorhin er⸗ regt hatte. „Welches iſt denn dies verſchleierte Bild? irgend ein wollüſtiger Correggio vermuthlich; auf jeden Fall ein Beitrag zur intimeren Kennt⸗ niß dieſes wunderlichen Mannes. Sie entſchuldigen meine Neugierde, Monsieur le Baron!“ Oswald zog mit einem Ruck der ſeidenen Schnur den Vorhang zurück; und der Jüngling zu Sais, als er den Schleier von dem heiligen Bilde der Iſis hob, kann kaum erſchütterter geweſen ſein, wie es Oswald war, als er anſtatt eines farbetrunkenen italieniſchen Ge⸗ mäldes in einer Niſche eine Büſte aus keuſchem weißem Marmor er⸗ blickte, die, obgleich in antikem Haarſchmuck und ein wenig idealiſirt, nichts war, als ein entſprechend ähnliches Portrait Melitta's. Das war ihr reiches, wolliges Haar, das war ihre ſchöne zarte Stirn, die feine gerade Naſe, das waren die weichen, ſelbſt noch im Marmor thaufriſchen Lippen! Zweiter Band. 127 Ehe ſich Oswald von ſeinem Erſtaunen, der Geliebten ſich ſo plötzlich gegenüber zu ſehen, nur ſo weit erholen konnte, den Vor⸗ hang wieder über das Bild zu ziehen, trat der Baron in das Zimmer. „Entſchuldigen Sie meine Indiscretion,“ ſagte Oswald, ſich ſchnell faſſend;„aber wer heißt Sie auch, verſchleierte Bilder in einen Sanctuarium aufſtellen, zu dem Sie jedem Fremden den Zu⸗ tritt gewähren.“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Baron, ohne eine Spur von Ver⸗ wirrung;„dieſer grüne Schleier iſt, wie andere Schleier auch, ge⸗ geradezu provocirend, und nebenbei iſt es ſehr thöricht, die Copie zu verſchleiern, da Jedermann das Original unverſchleiert ſehen kann, wenn er ſich die Mühe giebt, nach Palermo zu reiſen, und ſich eine Erlaubniß verſchafft, die Villa Serra di Falco beſuchen zu dürfen.“ „In der That!“ ſagte Oswald, den die unverwüſtliche Ruhe, mit welcher ihm der Baron dies Märchen aufzuheften ſuchte, ein wenig ärgerte:„alſo bei Palermo? ich war ſchon verſucht, das Original weniger weit zu ſuchen.“ „Sie meinen im Berliner Muſeum?“ ſagte der Baron;„es exiſtirt dort allerdings eine Muſe, die mit dieſem Bilde große Aehn⸗ lichkeit hat, aber der Unterſchied iſt doch, wenn Sie genauer vergleichen, ſehr bedeutend.“ „Allerdings,“ ſagte Oswald;„die Naſe iſt an jenem Bilde ener⸗ giſcher; auch iſt die Haltung des Kopfes eine andere, und überhaupt die Aehnlichkeit mit Frau von Berkow, die an dieſer Büſte ſo frap⸗ pant iſt, weniger auffallend.“ „Finden Sie?“ ſagte der Baron, aufſtehend und vor das Bild tretend.„Wahrhaftig, Sie haben Recht. Es iſt wirklich eine flüch⸗ tige Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Bilde und Frau von Berkow. Nun, das macht mir das Bild nicht ſchlechter, denn ich geſtehe, daß es wenige Damen auf der Welt giebt, an die ich mich ſo gern erinnern ließe, als an dieſe, ebenſo liebenswürdige wie geiſtreiche Frau.“ Der Baron zog den Vorhang wieder über das Bild, als wünſchte er, jetzt das Geſpräch darüber abzubrechen. 128 Problematiſche Naturen. „Kommen Sie, Doector,“ ſagte er,„ſetzen Sie ſich wieder und thun Sie, als ob Cloten, dieſer geiſtreichſte Jüngling, nicht hier ge⸗ weſen wäre.“ „Ich glaube, es iſt die höchſte Zeit, daß ich aufbreche,“ ſagte Oswald;„die Sonne iſt im Untergehen— ich möchte gerade heute nicht ſpät nach Hauſe kommen.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte der Baron;„man ſoll den kommen⸗ den Gaſt willkommen heißen und den davoneilenden nicht halten. Ich habe große Luſt, Sie eine Strecke zu begleiten. Sind Sie Reiter?“ „Ein wenig.“ „So wollen wir reiten, wenn es Ihnen recht iſt. Ich nehme einen meiner Leute mit. Entſchuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich will nur ein wenig Toilette machen und die nöthigen Befehle geben.“ „Sie ſitzen gut zu Pferde, Doctor,“ ſagte der Baron, als ſie eine Viertelſtunde ſpäter auf der Höhe des Strandes langſam dahin⸗ ritten.„Es iſt wirklich merkwürdig, welch' wunderbares Talent Sie in dieſen Dingen zeigen. Ich glaube, es giebt keine körperliche Ge⸗ ſchicklichkeit, in der Sie es nicht in kurzer Zeit zur Meiſterſchaft bringen könnten.“ „Es iſt das um ſo merkwürdiger,“ ſagte Oswald,„weil ich doch eigentlich in Folge meiner plebejiſchen Geburt und Erziehung gar keine Anſprüche auf dieſe ariſtokratiſchen Vorzüge machen kann.“ „Schade, daß ich nicht Cloten bin,“ ſagte der Barvn. „Weshalb?“ „Weil ich dann die Ironie in Ihren Worten nicht im Gitet⸗ teſten ahnen, im Gegentheil durch Ihre rührende Beſcheidenheit von der an Haß grenzenden Abneigung gegen Sie zurückkommen würde.“ „Iſt Herr von Cloten ſo gegen mich geſinnt?“ „Denken Sie denn, daß es einem Dandy lieb iſt, wenn ein Anderer ſich im Piſtolenſchießen, Tanzen, Courmachen ꝛc., kurz in Allem überlegen zeigt, was der größte Stolz ſeiner kleinen Seele iſt? Zweiter Band. 129 Weiber und weibiſche Männer verzeihen dergleichen nie. Ich habe mich an dem Abend in Barnewitz königlich über die Geſichter amüſirt, die, natürlich hinter Ihrem Rücken, von einigen dieſer geiſtreichen Jünglinge geſchnitten wurden, und mir leider den billigen Spaß ge⸗ macht, durch allerlei kleine Teufeleien dieſe Püppchen noch mehr in den Harniſch zu bringen.“ „Warum leider? ich verſichere Sie, daß mir an der guten oder ſchlechten Meinung dieſer Herren ſehr wenig gelegen iſt.“ „Ohne Zweifel; aber Sie ſind, ſo lange Sie in dieſer Gegend bleiben, genöthigt, mit dieſen Leuten zu verkehren, und es iſt eine Regel der allergewöhnlichſten Klugheit, daß man ſeinen Mitreiſenden nicht gefliſſentlich auf die Hühneraugen tritt.— Wer zum Teufel kommt denn da guerfeldein von Cona her?“ Dieſer Ausruf des Barons galt dem geheimnißvollen Reiter, welchen Oswald bei ſeiner Ankunft bemerkt hatte, und der jetzt wieder quer über die Haide herantrabte, und ungefähr ſechshundert Schritte vor ihnen auf den Weg gelangte. Oswald erzählte dem Baron, was ihm mit dem Reiter be⸗ gegnet war. „Das müſſen wir doch unterſuchen,“ ſagte der Baron;„laſſen Sie uns einmal Trab reiten.“ Sie hatten kaum ein paar Schritte zurückgelegt, als der Reiter vor ihnen, wie auf Verabredung, ſein Pferd ebenfalls in Trab ſetzte. Es ſchien, als ob er ſich einige Male verſtohlen umſchaute; doch war dies bei dem Dämmerlichte, das jetzt herrſchte, nicht mehr deutlich zu erkennen. „Verſuchen wir es einmal mit dem Galopp,“ ſagte Oswald; „ich ſehe, der Geheimnißvolle macht es gerade ſo, wie heute Nach⸗ mittag.“ Sie befanden ſich jetzt auf der weiten ebenen Fläche, die, ſich allmälig zum Fiſcherdorf ſenkend, dem ſteinigen und weniger ebenen Terrain des Vorgebirges, auf welchem Oldenburg's Villa lag, folgte. Der Boden war mit einer nur dünnen Erdſchichte, in welchem ſpär⸗ liches Haidekraut wuchs, überkleideter Fels und erdröhnte vom Huf⸗ ſchlag der Pferde, die jetzt wacker ausgriffen. Fr. Spielhagen's Werke. II. 9 130 Problematiſche Naturen. Der Geheimnißvolle war, ſo wie ſein Ohr den ſchnelleren Huf⸗ ſchlag vernahm, dem Beiſpiel gefolgt und galoppirte jetzt, immer in derſelben Entfernung, vor ſeinen Verfolgern her. „Stern chase is a long chase,« ſagte Oldenburg, dem die Sache großes Vergnügen zu machen ſchien.„Der Burſche iſt übrigens aus⸗ gezeichnet beritten. Sehen Sie nur, wie das Thier den Boden kaum mit den Hufen zu berühren ſcheint. Weißt Du nicht, Karl, wer es ſein kann?“ „Nein, Herr,“ ſagte der Reitknecht, der jetzt in einer Linie mit den beiden Herren ritt;„es kann Niemand aus unſerer Gegend ſein, ſonſt müßten wir ihn ſchon geholt haben.“ „Karl ſchmeichelt ſich nämlich mit dem Gedanken, daß er die beſten und ſchnellſten Pferde weit und breit unter ſeinem Commando hat, bemerkte der Baron. „Er hält es auch nicht lange mehr aus, Herr!“ ſagte Karl. „Das müſſen wir abwarten,“ meinte der Baron. „Sollen wir nicht, um dem Dinge ein Ende zu machen, die Pferde einmal laufen laſſen?“ ſagte Oswald nach einigen Minuten; „es muß ſich dann ja zeigen, ob wir ihn einholen können, oder nicht.“ Meinetwegen,“ ſagte Oldenburg,„en avant!“ Die drei Reiter ließen ihren Pferden die Zügel. Die edlen Thiere, wie entzückt über die ihnen gewährte Freiheit, und als wüßten ſie, daß ihr Ruf als beſte Renner der ganzen Gegend heute auf dem Spiele ſtand, ſtürmten mit gewaltiger Geſchwindigkeit dahin, zuerſt Bruſt an Bruſt, bis Oldenburg's Rappe die Spitze nahm und be⸗ hauptete, ſo oft auch eins der beiden andern Pferde ihm den Rang ſtreitig zu machen ſuchte. Der Geheimnißvolle hatte, als ſeine Verfolger ihre Pferde in Carriere ſetzten, ſie bis auf vierhundert Schritt herankommen laſſen. Schon glaubten ſie die Jagd ihrem Ende nahe und der Reitknecht ſeine und ſeiner Pferde Ehre gerettet, als plötzlich der Mann vor ihnen ſeinem Renner die Sporen gab und ſeinen Kopf tief hinab bis faſt auf die Mähne des Thieres beugend mit einer Schnelligkeit dahinſchoß, die bald die Unmöglichkeit ihn einzuholen ſelbſt dem wüthenden Reitknecht klar machte. Zweiter Band. 181 5 8 Zähne. Oldenburg lachte;„ich glaube es auch,“ rief er;„wir wollen die Sache aufgeben.“ Es dauerte einige Zeit, bis die aufgeregten Pferde ſich beruhigen konnten. Der Geheimnißvolle ſtürmte mit unverminderter Geſchwin⸗ digkeit weiter und war ſchon nach wenigen Minuten in dem Hohl⸗ wege, der nach dem Fiſcherdorfe hinunterführte, verſchwunden. Eine halbe Stunde ſpäter langten ſie vor dem Thore vor Gren⸗ witz an. Oswald ſtieg ab und übergab die Zügel ſeines Pferdes dem Reitknecht, um dem Baron die Hand zu ſchütteln. „Wenn Sie ſich nicht allztſehr gelangweilt haben,“ ſagte dieſer, „ſo wollen wir das Experiment in den nächſten Tagen wiederholen. Leben Sie wohl!“ Oswald gelangte auf ſeine Stube, ohne auf dem ſtillen Hofe, in dem ſtillen Hauſe auch nur einem Menſchen begegnet zu ſein. Als er ſich in das offene Fenſter lehnte und in den ſchon vom Abend⸗ dunkel erfüllten Garten hinabſah, bemerkte er zwei Geſtalten, die flüſternd und koſend in den Gängen auf⸗ und abſchritten. Es waren Albert und Marguerite. Sie hatten offenbar die ſchöne Gelegenheit, in der Conjugation von aimer weiter zu kommen, nicht unbenutzt verſtreichen laſſen. Zehntes Capitel. „Mein Herr! Nach allen Seiten gleichmäßig zu reüſſiren gelingt Keinem, ſelbſt nicht dem vom Glück am meiſten begünſtigten Ritter. Werden Sie es daher begreiflich finden, wenn Jemand, der mit einigem Staunen die Fortſchritte beobachtet hat, die Sie in der Gunſt einer gewiſſen Dame machten, das Geheimniß des Zaubers Ihrer „Ich glaube, es iſt der Teufel ſelber,“ ſagte er durch die 132 Problematiſche Naturen. Perſönlichkeit kennen zu lernen und zu dem Zwecke ihre nähere Bekanntſchaft zu machen wünſcht? Und würden Sie wohl, um ihm dies Vergnügen zu gewähren, die Güte haben, heute Abend 11 Uhr einen Spaziergang aus dem kleinen Thore von Grenwitz zu machen? Sie würden im Schatten der alten Buche auf dem Feldwege nach Berkow einen Wagen treffen, in den Sie nur zu ſteigen brauchten, um an den Ort des Rendezvous zu gelangen. Dort ſollen Sie Alles finden, was zur Anknüpfung eines intimeren Verhältniſſes unter Gentlemen nöthig iſt. Es iſt wohl nicht beſonders nothwendig, Sl varan zu erinnern, daß dieſe delicate Angelegenheit in Geheimniß gehüllt bleiben muß. Der Lenker des Wagens wird aus der Antwort„Moi“ auf ſeinen Anruf:„qui viveb“ hören, daß Sie der Rechte ſind. Au revoir, Monsieur!“ So lautete der Inhalt eines expreſſen Briefls, den der Poſtbote aus dem nächſten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte. Er las das ſonderbare Schreiben mehrmals, bevor er ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte. Wer war der„Jemand“, der ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen wünſchte? wer die Dame, um die es ſich handelte? War das Geheimniß der Waldkapelle entweiht worden? hatte Jemand die Scene in der Fenſterniſche auf dem Balle in Barne⸗ witz belauſcht? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer ſein? Das auffallend kühle Benehmen dieſes jungen Edelmannes bei der zufülligen Begegnung geſtern ſchien dafür zu ſprechen. Oder war dieſe Begegnung nicht zufällig, und ſtand der geheimnißvolle Reiter damit in Verbindung? war es nur ein Spion Cloten's? Aber war die Unterredung zwiſchen Herrn von Barnewitz und dem Baron, bei welcher Oswald ein ſo unfreiwilliger Zeuge geweſen war, nicht Beweis genug, daß Cloten nach einer ganz andern Seite hin in An⸗ ſpruch genommen und mit ſeinen eigenen Angelegenheiten vollauf be⸗ ſchäftigt war? Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute, deren Bekanntſchaft er auf dem Balle gemacht hatte, an ſeinem Geiſte vorübergehen, und ſein Verdacht blieb ſchließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften, Zweiter Band. 183 jenem langen, blonden Jüngling, der ſo komiſche Anſtrengungen machte, den ſtarken Geiſt zu ſpielen und ſich die Gunſt der über⸗ müthigen Emilie zu erwerben, und in beiden Bemühungen ſo unglück⸗ lich geweſen war. Er konnte am erſten der Erfinder der Phraſe von dem„vom Glück begünſtigten Ritter“ ſein. Was ſollte er thun? Sollte er ſich der vielleicht nichts weniger als edlen Rache der jungen Edelleute ausſetzen? ſollte er in einen Kampf gehen, in welchem er die Wahl der Waffen, der Zeugen, des Ortes, kurz Alles ſeinem Gegner zu überlaſſen gezwungen war? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen, wenn er die Herausforderung eines Namenloſen unbeachtet ließ? Aber hatte er es denn mit billig denkenden Männern zu thun? hatte er nicht die Erfahrung gemacht, bewies nicht Alles, was er ſah Sund hörte, daß in dieſen bevorzugten Kreiſen ſubjectives Belieben für Rec galt und die frivolſte Laune des Augenblicks die Richtſchnur des Handelns war? Fand ſich dieſer Zug nicht ſelbſt bei denen, welche Geiſt und Charakter ſo hoch über den gewöhnlichen Troß ihres Standesgenoſſen erhob: bei Oldenburg und Melitta? Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit, nicht als ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden, auf welches ſich der Adel ſo viel zu Gute thut? Nein, nein; er mußte den Fehdehandſchuh aufnehmen, wie ver⸗ ächtlich auch die Hand ſein mochte, die ihin denſelben aus dem Dun⸗ kel heraus vor die Füße geſchleudert hatte. Er mußte den Junkern zeigen, daß er ſich nicht fürchtete, allein, ohne Freunde, waffenlos ihrer Rache gegenüber zu treten. Sein Blut kochte. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. „Nur zu, nur zu!“ murmelte er durch die Zähne;„ich wollte, ſie ſtellten ſich mir gegenüber, einer nach dem andern, mein Haß würde mir die Kraft geben, ſie Alle niederzuſchmettern. Es iſt ganz recht ſo, ganz recht! Was habe ich hier zu thun unter dieſen Wöl⸗ fen? Zerriſſen werden oder zerreißen— das hätte ich mir von vorn⸗ herein ſagen können.“ Oswald fühlte, wie aus dem tiefſten Grunde ſeiner Seele, in den ſein Auge noch nie gedrungen war, es aufſtieg mit dämoniſcher 134 Problematiſche Naturen. Gewalt. Eine wilde Leidenſchaft, ein heißer Durſt nach Rache, ein wahnſinniges Verlangen, zu zerſtören, zu vernichten, erfaßte ihn; der ganze fanatiſche Haß gegen den Adel, den er als Knabe empfunden, wenn er ſeinem Vater in dem Garten hinter der Stadtmauer die Piſtolen lud, mit denen jener auf die Aſſe ſchoß, die eben ſo viele Herzen von Adligen bedeuteten; wenn er auf der Schulbank im Livius von dem Uebermuth der Tarquinier las, oder auf ſeiner Stube die thränenreiche Geſchichte der Emitie Galotti. Und das waren keine Märchen! Hier in dieſem Schloſſe, vielleicht in denſelben Zimmern, die er jetzt bewohnte, war ein Opfer adliger Grauſamkeit verblutet: hier hatte die arme unglückliche, ſchöne Marie mit tauſend heißen Thränen die Thorheit bezahlt, den Worten des adligen Verführers gezlaubt zu haben. Sie war als Opfer gefallen, denn ſie war ein ſchwaches Weib, und Thränen waren ihre Waffen, Thränen, die kein Erbarmen fanden. Dieſe Thränen waren noch nicht gefühnt. Wie? wenn er als Rächer für ſie aufſtände, wenn er dieſe Thränen eines Bürgermädchens ſühnte in dem Blut eines Adligen?.. Solche Gedanken wirbelten durch Oswald's Gehirn, während er für den Fall eines ſchlimmen Ausgangs— den er übrigens ſon⸗ derbarer Weiſe kaum für möglich hielt, ſo ſchnell hatte er ſich in die Rolle eines Rächers gefunden— einige flüchtige Vorbereitungen traf, das heißt, die Briefe, von denen er nicht wünſchte, daß ſie jemals in fremde Hände fielen, verbrannte und überhaupt etwas Ordnung in ſeine Papiere brachte; ſchließlich auch ein paar Zeilen an Pro⸗ feſſor Berger ſchrieb, die er aber hernach wieder zerriß und in den „Tant de bruit pour une omelette,“ ſagte er;„das Lumpen⸗ volk iſt nicht werth, daß man ſeinethalben ſo viel Umſtände macht.“ Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde. Es ſchlug zehn auf der Schloßuhr. Er hörte, daß die Leute zu Bette gingen, auch aus Albert's Zimmer ſchimmerte Licht in den dunklen Garten hinab. Es ſchlug halb elf. Oswald machte ſorg⸗ fältig Toilette, nahm eine Roſe aus einem Blumenſtrauß, den er ſich 8 heute im Garten gepflückt hatte, und ſteckte ſie in's Knopfloch. ———— Zweiter Band. 135 Dann ging er leiſe aus ſeinem Zimmer die enge Treppe, auf welcher Marie in jener ſtürmiſchen Herbſtnacht ſich aus dem Schloß geſtohlen hatte, hinab in den Garten, durch den Garten nach dem Gitterthor, welches neben dem Schloß auf den Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Thor hatte, vor welchem ihn der Wagen erwarten ſollte. Der nächtliche Sene war mit Wolkendunſt bedeckt, durch wel⸗ chen nur ſpärliche Sterne leuchteten; es war ſo finſter, daß Oswald, bis ſich ſein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte, den ſo bekannten Weg mit Vorſicht gehen mußte, um nicht rechts oder links in den Graben zu gerathen. Plötzlich tauchte ein großer Gegenſtand aus dem Dunkel vor ihm auf, und in demſelben Angenblick rief eine tiefe, rauhe Stimme: qui vive! Moi,“ antworte Oswald. r ſah die deutlichen Umriſſe einer langen Geſtalt, die ihm die Lhür des Wagens öffnete und den Schlag herabließ. Sobald er eingeſtiegen war, wurde die Thür hinter ihm ge⸗ ſchloſſen und ſofort zogen auch die Pferde an; er konnte nicht erken⸗ nen, ob die Geſtalt neben dem Kutſcher Platz genommen hatte, oder der Kutſcher ſelbſt war. utſcher und Pferde mußt en den Weg ſehr genau kennen, oder in dunkler Nacht ſo gut ſehen können, wie am hellen Tage; denn der Wagen bewegte ſich mit einer Schnelligkeit, gegen die ſelbſt ein unge⸗ duldiger Liebender nichts hätte einwenden können. Der Weg war gut, und wenn auch hie und da ein Stein im Geleiſe lag, ſo hing der Wagen in ſo vortrefflichen Federn, daß man den dadurch verur⸗ ſachten Stoß kaum ſpürte. Oswald lehnte ſich in die ſchwellenden gif en. Der weiche Sam⸗ met ſchien einen feinen Wohlgeruch cuſte⸗ der den engen Raum erfüllte, wie das Bondoir einer hübſchen Frau. Ja, es war Oswald, als ob es daſſelbe Parfüm ſei, das Melitta zu führen ge⸗ wohnt war. Und plötzlich war es ihm, als ſäße Melitta neben ihm, ols berühre ihre warme weiche Hand ſeine Hand, als fühlte er das 136 Problematiſche Natnren. Wehen ihres Athems an ſeiner Stirn, als legten ſich ihre Lippen leicht wie ein Hauch auf ſeinen Mund. Und vor dieſem wonnigen Traum ſank die Wirklichkeit in Nichts. Oswald vergaß, was er vorhatte; er dachte nicht daran, was ſeiner harrte; er wußte nicht mehr, wo er war— und nur ſie, nur ſie allein erfüllte ſeine ganze Seele. Wie eine Sturmfluth von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz, ihre Güte, ihre holde Rede und ihren ſüßen Kuß. Mit wunderbarer Klarheit zogen die köſtlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden, die er an ihrer Seite, zu ihren Füßen verlebt hatte, durch ſeine Erinnerung, von jener erſten Begegnung auf dem Raſenplatze hinter dem Schloſſe von Grenwitz. bis zu dem Augenblick, wo ſie, mit Thränen in den lieben Augen, ſich von ihm wandte in jener Nacht unſeligen Angedenkens, wo der Dämon der Eiferſucht die ſcharfen Krallen in ſein zuckendes Herz ſchlug. „Vergieb mir, Melitta; vergieb mir!“ ſtöhnte er, ſeinen Kopf in die Kiſſen drückend. Da plötzlich hielt der Wagen. Die Thür wurde aufgeriſſen; die lange Geſtalt, die ihm den Schlag herabgelaſſen hatte, half ihm aus⸗ ſteigen, reichte ihm die Hand, führte ihn einige Stufen hinauf zu einer hohen Fenſterthür, durch deren rothe Vorhänge ein mattes Licht ſchimmerte. Die Thür that ſich auf, und Oswald ſah ſich in dem Gartenſaal von Melitta's Schloß und Melitta ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und Melitta's Stimme vergieb mir, Oswald! u eguſemnvie ſagte Melitta, als der erſte wilde Sturm des Eutzückens mit ſeinen Thränenſchauern der Wonne vorübergebrauſt war;„wie haſt Du nur ſo viele Tage Dein Herz vor mir ver⸗ ſchließen können, und wußteſt doch, daß ich da draußen ſtand und um Einlaß bettelte! Aber ich will Dich nicht ſchelten. Du biſt ja hier und nun iſt Alles wieder gut.“ Sie legte ihren Kopf an ſeine Bruſt und ſchaute durch Thränen lächelnd zu ihm empor;„nicht wahr, lieb Herz, nun iſt Alles wieder gut? nun iſt Melitta wieder, was ſie Dir vorher war, was ſie Dir Zweiter Band. 137 ewig ſein wird, trotz aller hübſchen ſechszehnjährigen Mädchen, ſie mögen Emilie heißen oder—“ „Melitta!“ „Oder Melitta! denn es giebt nur eine Melitta und wenn tauſend ſo hießen und dieſe eine bin ich. Und daß Du dieſen wichtigen Um⸗ ſtand vergeſſen konnteſt, welche Umſtände haſt Du mir dadurch be⸗ reitet, mir und dem alten armen Baumann! Ich will von mir nichts ſagen, denn Leid will Freud und Freud will Leid haben, und wenn man rechtſchaffen liebt, kommt es auf ein paar Thränen, ein paar durchwachte Nächte, ein paar angefangene und wieder zerriſſene Briefe mehr oder weniger nicht an; aber der arme Baumann! Denke Dir nur! ich war am erſten Tage ganz ruhig, denn ich dachte: er wird ſchon kommen, und Dich fußfällig um Verzeihung bitten; als Du aber nicht kamſt, nicht am zweiten, nicht am dritten Tage, da ſfank mir der Muth und ich mag wohl recht troſtlos ausgeſehen haben, denn wie ich hier, den Kopf aufgeſtützt, ſaß, fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und als ich aufſchaue, ſteht der gute alte Baumann da und ſagt:„ſoll ich einmal nachſehen, wo er ſo lange bleibt?“—„Ach ja, lieber Baumann,“ ſagte ich. Da ging die treue Seele, ohne weiter ein Wort zu ſagen fort, und kam erſt ſpät am Abend wieder.„Hat Er ihn geſehen?“—„Zu Befehl; er iſt wohl und munter; ich bin mit ihm in die Wette geritten.“ „So war der alte Baumann der geheimnißvolle Reiter?“ „Natürlich, und er lachte in ſeiner ſtillen Weiſe, wie er erzählte, daß Ihr Ihn gejagt hättet, als wollte er ſagen: dieſe Kinder! dach⸗ ten, ſie könnten mich überholen auf dem Brownlock!“ „Das war der Brownlock, don dem mir Bruno ſchon ſo viel vorgeſchwärmt hat; ja freilich! nun erklärt ſich Alles!“ „Nicht wahr? nun erklärt ſich auch, weshalb ſich Baumann hin⸗ ſetzte und nach meinem Dictat den Brief ſchrieb. Der Alte wollte nicht und ſagte: ein Duell iſt kein Kinderſpiel und das heißt den Scherz zu weit treiben; aber ich lachte und weinte, bis er es doch that und heute Morgen noch einmal auf den Brownlock ſtieg und in die Stadt ritt, und heute Abend nach Grenwitz fuhr.“ „Und wenn ich nun der Herausforderung nicht gefolgt wäre?“ 138 Problematiſche Naturen. „Das deutete auch Baumann an und ich antwortete ihm: ſchäme Er ſich, Baumann, ſo etwas zu ſagen.“ Oswald lachte:„Natürlich! wir müſſen uns jedes Mal ſchämen, ſo oft wir etwas ſagen oder thun, was nicht in die Welt paßt, wie ſie ſich in Euren Köpfen malt.“ Melitta antwortete nicht und Oswald ſah, daß ein Schatten über ihr Geſicht flog. Er ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder und ſagte, ihre herabhängende Hand ergreifend: „Habe ich Dich beleidigt, Melitta?“ „Nein,“ ſagte ſie;„aber dieſe Bemerkung hätteſt Du vor acht Tagen nicht gemacht.“ „Wie meinſt Du das?“ „Komm, ſteh auf! laß uns ein wenig in den Garten gehen. Es iſt ſo ſchwül in den Zimmern; mich verlangt nach der kühlen Nachtluft.“ Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwiſchen den Beeten, bis ſie zu der niedrigen Erdterraſſe gelangten, wo Oswald, als er an jenem Sonntag Wi den Beſuch auf Berkow machte, Melitta getroffen hatte. Sie ſetzten ſich unter den Tannenbaum, der ſeine Aeſte ſchützend iber ſie breitete, auf eine der Bänke. Die Nacht war lautlos ſtill; die Bäume ſtanden unbeweglich, wie in tiefem Schlaf; würziger Blumenduft erfüllte die warme thau⸗ loſe Luft; Glühwürmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel. „Du haſt mir auf meine Frage immer noch nicht geantwortet Melitta?⸗ ſagte Oswald,„was haben denn die letzten acht Tage an mir verändert? bin ich nicht mehr derſelbe, der ich war, nur daß die pittere Reue, Dir weh gethan zu haben, meine Liebe zu Dir nur noch tiefer und inniger gemacht hat?“„ Melitta antwortete nicht; plötz ich ſagte ſie, ſchnell und leiſe: „Biſt Du ſeit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zuſammen⸗ geweſen?“ „Mit wem, Melitta?“ „Nun mit— mit Baron Oldenburg. Gott ſei Dank, nun iſt es endlich heraus! Es iſt recht kindiſch und thöricht, daß ich mich bis ¹ * — Zweiter Band. 139 jetzt ſtets geſträubt habe, Oldenburgs zu erwähnen, und Dir zu fagen, welches meine Beziehungen zu dem Manne waren, und doch fühlte ich, daß Du ein Recht hatteſt, es zu wiſſen, und daß ich die Pflicht habe, von meiner Vergangenheit, wo ſie Dir dunkel ſcheinen muß, den Schleier zu heben. Dies Gefühl wurde zuletzt, beſonders, als ich ſeit geſtern wußte, daß Du mit dem Baron auf einem intimen Fuße ſtandeſt, ſo ſtark, daß ich Dich um jeden Preis hier zu haben wünſchte, und da verfiel ich denn auf den kindiſch dummen Einfall.“ „Ich habe nicht, wie Du ſagſt, das Recht zu einer ſolchen Neu⸗ gier, Melitta;“ antwortete Oswald.„Für die Liebe, die Du mir gewährſt, muß ich dankbar ſein und bin ich dankbar, wie für eine holde Gnade des Himmels. Ja, ich geſtehe, es gab eine Zeit, wo meine Liebe noch den Zweifel kannte, aber da war ſie noch nicht die echte Liebe. Jetzt iſt es mir undenkbar, ich könnte je aufhören Dich zu lieben, und Deine Liebe könnte jemals aufhören. Ja, es iſt mir, als ob dieſe Liebe, wie ſie ewig ſein wird, auch ſchon vor Ewigkeit geweſen wäre. Ob Du ſchon früher geliebt haſt, ich weiß es nicht; es iſt möglich, aber ich verſtehe es nicht und würde es nicht verſtehen, wenn Du es mich auch ausdrücklich verſicherteſt.“ „Und ich verſichere Dich,“ ſagte Melitta, ſich zärtlich an den Geliebten ſchmiegend;„ich habe nie geliebt, bis ich Dich ſah: denn, was ich früher Liebe nannte, war nur die unbefriedigte Sehnſucht nach einem Ideal, das ich im tiefſten Herzen trug, das ſich mir nie⸗ mals zeigen wollte, und das, jemals zu finden, ich ſchon ſeit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte.“ „Und Du glaubſt, ich ſei dies verkörperte Ideal? Arme Melitta! wie bald wirſt Du aus dieſem Träum erwachen! Erwache, Melitta! erwache— noch iſt s Zeik!“ „Nein, Oswald, es iſt zu ſpät. Es giebt eine Liebe, die ſtark iſt wie der Tod, und aus ihr giebt es kein Erwachen. Nein! kein Er⸗ wachen! Ich fühle es, ich weiß es. Und wenn Du Dein Antlitz von uir wendeteſt, und wenn Du mich von Dir ſtießeſt— Dir gegenüber habe ich keinen gekränkten Stolz, keine verletzte Eitelkeit— nur Liebe, unergründliche, unermeßliche, unerſchöpfliche Liebe. Bis jetzt wußte 140 Problematiſche Naturen. ich nur, daß ich lieben könne; wie ſehr ich lieben könne, haſt Du mich erſt gelehrt.... „Und nun kann ich auch ruhig über die Zeit ſprechen, in der ich Dich noch nicht kannte— denn jenes Leben war nur ein Scheinleben — und Alles, was ich fühlte und dachte, war nur ein unbeſtimmtes Träumen ohne Zuſammenhang und Sinn. Jetzt weiß ich es, jetzt, wo ich in dem Sonnenſtrahl Deiner Liebe die Augen aufſchlug und nun das Leben ſo durchſichtig klar vor mir liegt, daß mir die dichte Nacht, die uns umgiebt, heller dünkt, wie ſonſt der lichteſte Tag, und die dunkelſten Räthſel meines Herzens gelöſt ſind. Jetzt kann ich von der Melitta der früheren Zeit ſprechen, wie von einem fremden Weſen, für deſſen Thun und Laſſen ich mich nicht verantwortlich fühle; jetzt kann und will ich Dir erzählen, was es für ein Bewandniß mit dem Bilde in meinem Album hat, dem losgelöſten Blatt, deſſen Vorhanden⸗ ſein Dich damals ſo erſchreckte, liebes Herz. Ja, ja, ich hab' es wohl bemerkt— Du entfärbteſt Dich und konnteſt nicht faſſen, wie ich Dich um Dein Urtheil über den Mann befragen konnte, den Du für meinen Geliebten halten mußteſt. Und doch war das Oldenburg nie, oder es müßte in der Liebe tauſend Grade geben, von denen der niedrigſte von dem höchſten ſo weit entfernt iſt, wie die Erde von dem Himmel. „Ich kannte Oldenburg ſchon von meiner früheſten Kindheit an. Salchow, das Gut meines Vaters, grenzt an Cona, wo Du geſtern warſt. Meine Tante, die nach dem frühen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete, und Oldenburg's Mutter waren ſehr gute Freun⸗ dinnen und kamen faſt täglich zuſammen. Natürlich auch wir Kinder. Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich, aber da die Mädchen den Knaben ſtets in der Entwicklung voraus ſind, ſo wurde der Unterſchied des Alters von uns nicht empfunden, wir ſpielten und arbeiteten zuſammen, und hielten gute Kameradſchaft— für gewöhn⸗ lich; denn es kam auch manchmal zu heftigem Wortwechſel und Zank und Thränen. Ich gab ſelten Veranlaſſung dazu, denn ich war wenig rechthaberiſch und ſtets zu Conceſſionen bereit, aber Adalbert war über die Maßen empfindlich, ſtörriſch und eigenwillig. Die Doppel⸗ natur ſeines Weſens, die er ſpäter auszugleichen ſich bemühte und Zweiter Band. 141 und vor weniger Scharfſichtigen auch meiſtens zu verbergen wußte, lag damals offen zu Tage. Es war unmöglich, ſich nicht für ihn zu intereſſiren, aber ich glaube, es gab Niemand, der ihn wirklich liebte. Er fühlte das, und dies Gefühl, welches er wie eine geheime Wunde ſtets mit ſich herumtrug, machte ihn ſchon ſehr früh zu einem Hypo⸗ chonder und Menſchenfeind. Was half es ihm, daß Jedermann ſeine eminenten Gaben bewunderte, daß Niemand an ſeinem Muth, ſeiner Wayrheitsliebe zweifelte! ſein ſtörriſches, eigenſinniges Weſen ſtieß Alle zurück, verletzte Alle; ja ſelbſt ſeine lange, unſchöne Geſtalt und ſeine täppiſchen, linkiſchen Bewegungen ttugen dazu bei, die Herzen der Menſchen von ihm zu wenden. Wenigſtens war es ſo bei mir, da ich mich von Jugend auf zu allem, was ſchön und anmuthig war, unwiderſtehlich hingezogen fühlte, und einen wahren Abſcheu vor dem Häßlichen und Formloſen hatte. Ich konnte mich nicht über⸗ winden, Adalbert zu lieben, obgleich er mit großer, aber freilich ſtets hinter Schroffheit und Kälte ſorgſam verſteckter Zärtlichkeit an mir hing und manchmal, wenn ſeine Leidenſchaftlichkeit über die künſtliche Ruhe, die er zur Schau trug, ſiegte, mir in den herbſten, bitterſten Ansdrücken meine Liebloſigkeit, meinen Leichtſinn, meinen Wankelmuth vorwarf. Dies Verhältniß blieb, bis Adalbert mit ſechszehn Jahren das Gymnaſium bezog, denn er hatte es bei ſeinem Vormunde— ſeine Mutter war jetzt auch geſtorben— durchgeſetzt, daß er ſtudiren durfte. Er kam nur noch ſelten und immer nur auf wenige Tage nach Cona. Dann war ich zwei Jahre lang in Penſion. So kam es, daß wir uns, bis er nach Heidelberg ging, nur im Vorüber⸗ gehen ſahen. Als er von der Univerſität und ſeiner erſten größeren Reiſe zurückkehrte, war ich ſchon zwei Jahre verheirathet geweſen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er einen Beſuch auf Berkow machte. Unſer Wiederſehen war eigenthümlich genug. Er ſchien den ganzen, ſo veränderten Zuſtand nur als ein fait accompli hinzuneh⸗ men, dem man ſich beugt, weil man muß. Er beläſtigte mich nicht mit Fragen; er verlangte keine vertrauliche Mittheilung, auf die der einzige Freund meiner Kinder⸗ und Mädchenjahre doch wohl Anſpruch 142 Problematiſche Naturen. hatte. Er machte mir auch keine Vorwürfe; er ſagte mir nicht, daß er mich geliebt, daß er auf meine Hand gehofft hatte, obgleich ich nachher erfuhr, daß dies doch der Fall geweſen, und daß er, als ihn die Nachricht von meiner Verheirathung in Heidelberg traf, faſt in Raſerei gefallen war und wochenlang, monatelang an einer unbeſieg⸗ lichen Schwermuth gekrankt hatte. Er ſuchte ſich durch eigene Be⸗ obachtung ein möglichſt klares Bild meines jetzigen Verhältniſſes un verſchaffen. Ich ſah, daß ihm nichts entging, daß keine meiner Aeußerungen von ihm unberückſichtigt, keine meiner Mienen von ihm unbeobachtet blieb. Dieſes Bewußtſein, unter der Controle eines ſo ſcharfſichtigen Auges zu ſtehen, war nichts weniger als behaglich, zu⸗ mal wenn, wie in dieſem Falle, ſo Vieles härte anders ſein können, anders ſein müſſen. Es trat bald wieder daſſelbe Verhältniß ein, welches früher zwiſchen uns geherrſcht hatte, nur daß die heftigen Scenen wegblieben, die damals durch ſeine Leidenſchaft gelegentlich herbeigeführt wurden. Wie er mir früher alle hübſchen Muſcheln, Steine und Blumen, die er am Strande, zwiſchen den Klippen, auf den Wieſen gefunden hatte, zutrug, ſo theilte er mir jetzt alles mit, was er Intereſſantes auf den vielen Feldern des Wiſſens, auf denen ſich ſein unerſättlicher und unermüdlicher Geiſt umhertrieb, entdecken konnte: bald ein ſchönes Gedicht, bald eine tiefſinnige Sentenz,— und er empfand es jetzt nicht weniger ſchmerzlich, daß ich mit den Schätzen nicht haushälteriſcher umging, als mit den Blumen, die ich vertrocknen ließ, und den Steinen und Muſcheln, die ich wegwarf. Ich wußte, daß ich keinen treueren Freund hatte, als ihn, und er, daß ſich in das Gefühl, welches ich für ihn empfand, auch nicht die mindeſte Liebe miſchte; um ſo uneigennütziger war ſeine Freundſchaft, und um ſo unverantwortlicher der Wankelmuth, mit dem ich ihn behandelte. Seine Freundſchaft ſollte bald eine traurige Gelegenheit finden, ſich zu bethätigen. Die Schwermuth, in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war, nahm einen immer krankhafteren Charakter an. Ausbrüche einer unberechenbaren Laune, die Vorboten der letzten fürchterlichen Kataſtrophe, wurden immer häufiger. Er wollte jetzt Niemand um ſich haben, als Adalbert, was um ſo auffallender war, — Zweiter Band.„ 143 als er, der Lebemann, den tiefſinnigen, melancholiſchen, und um ſo viel jüngeren Baron— den Jüngling von Sais nannte er ihn— früher ſtets verlacht, verſpottet und eigentlich wohl gehaßt hatte. Jetzt begleitete er ihn auf Tritt und Schritt, jetzt war Oldenburg's Stimme die einzige, welche die finſteren Dämonen, die um ſein Haupt die Flügel ſchlugen, auf Augenblicke wenigſtens verſcheuchen konnte. Und die Aufopferung, mit der Oldenburg ſich dieſem Liebesdienſt unterzog, iſt nicht hoch genug anzuerkennen und ich müßte ſie ihm, ſo lange ich lebe, danken. Dann kam die Kataſtrophe. Oldenburg ſtand mir in dieſen Tagen treu zur Seite; oder genauer: er nahm alle Laſt und Verantwortung ſo ganz auf ſich und leitete Alles mit ſolcher Energie und Umſicht, daß ich nur immer Ja zu ſagen hatte. „Carlo war in eine Anſtalt in Thüringen gebracht und ich war allein hier auf Berkow, mich ganz der Erziehung meines Julius, der damals fünf Jahre alt war, und dem ich auf Oldenburg's Rath ſchon jetzt in Bemperlein einen Freuud und Lehrer gegeben hatte, widmend. Oldenburg kam jetzt ſeltener als früher, aber doch noch immer ſehr häufig, wie mir ſchien. Ich glaubte zu bemerken, daß ſich ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundſchaft miſchte, die ich einzig von ihm wünſchte und erwartete: und kaum hatte ich dieſe Bemerkung gemacht, als ich mich ſchon berechtigt glaubte, ihn, ſo ſchonend wie möglich freilich, auf die allzugroße Häufigkeit ſeiner Beſuche aufmerkſam zu machen. Es war dies vielleicht ſehr un⸗ dankbar von mir; aber uns Frauen wird es auch ſehr ſchwer, gegen den dankbar zu ſein, den wir nicht lieben. „Den nächſten Tag ſchon war Oldenburg abgereiſt; Niemand wußte wohin. Dann wollte ihn ein halbes Jahr ſpäter Einer in London geſehen haben; ein Anderer ſah ihn ein Jahr darauf in Paris. Er war bald hier, bald dort, ruhelos umhergetrieben von ſeinem wil⸗ den Herzen und ſeinem unerſättlichen Wiſſensdurſt. So waren vier Jahre verfloſſen, die in meinen Verhältniſſen ſehr wenig geändert hatten. Oldenburg's gedachte ich ſelten und immer wie eines Verſtorbenen. Da— es iſt nun drei Jahre her— ließ ich mich von meinem Vetter und meiner Couſine bereden, ſie auf 144 Problematiſche Naturen. einer Reiſe nach Italien zu begleiten. Als wir eines Abends im Mondenſchein das Coliſeum beſuchten, ſtand plötzlich Oldenburg vor uns.„Endlich!“ ſagte er leiſe, indem er mir die Hand drückte. Er wollte uns ganz zufällig getroffen haben; hernach geſtand er mir, daß er in Paris, ich weiß nicht durch wen? unſern Reiſeplan erfahren, uns ſchon von München aus verfolgt und immer verfehlt habe, bis es ihm endlich hier gelang, uns einzuholen. Ich muß geſtehen, daß ich mich über dies Zuſammentreffen aufrichtig freute und es mit einiger Genugthuung empfand, daß es kein zufälliges war. Es vereinigte ſich Alles, um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten. Man ſchließt ſich auf Reiſen ſelbſt an Fremde leicht an; wie ſollte uns der Freund unſerer Jugend, wenn wir ihn plötzlich in fernen Landen treffen, nicht willkommen ſein? Oldenburg hatte Italien ſchon mehr⸗ mals bereiſt und kannte jeden Meiſter von jedem Altargemälde in jeder Kloſterkirche. Seine lehrreiche Unterhaltung ſtach gegen das banale Geſchwätz meiner Verwandten gar ſehr zu ſeinem Vortheile ab, und dazu kam, daß Oldenburg durch die vielfache Berührung mit der feinſten Geſellſchaft jetzt die ſchroffen und rauhen Seiten ſeines Weſens bedeutend abgeſchliffen hatte. Sein Auftreten war, wie Du es jetzt ſiehſt, das heißt, bei aller bis an Nachläſſigkeit ſtreifenden Ungezwungenheit, doch im ſchönſten Sinne des Wortes ariſtokratiſch. Mit einem Worte: er machte jetzt einen Eindruck auf mich, den ich früher nie für möglich gehalten hätte. Es war nicht Liebe, was ich für ihn empfand, aber es war doch auch mehr als die kühle Freund⸗ ſchaft, welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte. Aber ſeltſam, in demſelben Maße, in welchem ich die geheime Antipathie, die ich ſchon von meinen Kinderjahren her gegen ihn hatte, einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen fühlte, wurde ſein Benehmen gegen mich ſchroffer und kälter. Er richtete ſeine Unterhaltung, wenn wir bei⸗ ſammen waren, faſt ausſchließlich an meine Couſine und behandelte mich wie ein verzogenes Kind, dem man den Willen thut, nur damit es nicht anfängt zu weinen. Das verletzte meine Eitelkeit und dieſer verletzten Eitelkeit und der Eiferſucht, die ich gegen meine Couſine empfand, zu Liebe, legte ich es ernſtlich darauf an, mir Oldenburg's Zuneigung, die ich durch eine mir unbekannte Urſache verloren zu Zweiter Band. 145 haben glaubte, wieder zu gewinnen. Das bewirkte alsbald eine völ⸗ lige Umwandlung in Oldenburg's Betragen. Er überſchüttete mich jetzt mit Aufmerkſamkeiten, er ſchien Hortenſe vollkommen vergeſſen zu haben, und ſobald wir allein waren, zeigte er eine Leidenſchaft, die mich zuerſt in Verwunderung und dann in Schrecken ſetzte. Dabei wußte er jeder eigentlichen Erklärung ſorgfältig auszuweichen und mich ſtets in Zweifel zu erhalten, ob dies nur eine ſeiner tollen Launen war, die er gelegentlich annimmt und ablegt, wie ein Kleid, oder der Ausdruck einer wirklichen tiefgewurzelten Neigung. Es war unmöglich, Oldenburg in dieſer Zeit nicht zu bewundern. Sein Genius zeigte ſich glänzender, als je zuvor; die Fülle von Geiſt, die er verſchwen⸗ deriſch entfaltete, war in der That außerordentlich. Er war die Seele jeder Geſellſchaft; man riß ſich förmlich um ihn, und da er franzöſiſch, engliſch, italieniſch und ich weiß nicht, wie viel Sprachen außerdem, ſo gut wie deutſch ſpricht, ſo ſchien jede Nation ihn als einen der Ihrigen anſehen zu dürfen und zu wollen. Wenn er mich nun zur Königin jedes Feſtes machte, wenn er Alle zwang, mir zu huldigen, wenn er alle Schätze ſeines reichen Geiſtes nur entfaltete, um ſie mir zu Füßen zu legen, ſo iſt es wohl natürlich, daß ich dagegen nicht gleichgültig bleiben konnte, daß ich mir eine kurze Zeit lang einbildete, ihn zu lieben. Ohne ihn geradezu aufzumuntern, ließ ich ihn doch gewähren, wenn er mich in Augenblicken, wo wir allein waren, mit dem vertraulichen Du unſerer Kinderjahre anredete, wenn er in Ge⸗ ſellſchaft mir jene Aufmerkſamkeit erwies, die man ſonſt nur von einem erklärten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt iſt.“ „Still, Melitta, mir war, als hörte ich Jemand im Garten.“ „Ich hörte nichts.“ „Sind wir hier auch vor jeder Störung ſicher?“ „Vollkommen. Indeſſen, laß uns in's Haus zurückkehren; mir däucht, der Nachtthau beginnt zu fallen.“ Sie erhoben ſich und gingen Arm in Arm nach der Treppe, die von der Terraſſe in den Garten führte. Als ſie die letzte Stufe hin⸗ abſtiegen, ſtand plötzlich ein Mann vor ihnen. Das Zuſammentreffen war für Oswald und Melitta ſo unerwartet, daß ſie unwillkürlich zurückzuckten. Indeſſen war an ein Ausweichen nicht mehr zu denken, Fr. Spielhagen's Werke. II. 10 146 Problematiſche Naturen. und überdies hatte Herr Bemperlein— denn Niemand anderes war es— ſie ſchon erkannt, denn die Sterne leuchteten jetzt in voller Pracht, und aus den Fenſtern des Gartenſaales fiel ein Lichtſchimmer ven Gang hinab, gerade in die Geſichter der Beiden. „Mein Gott, gnädige Frau, wie kommen Sie hierher?“ rief Herr Bemperlein. „Ich gebe die Frage zurück,“ ſagte Melitta, und dann zu Oswald, deſſen Arm ſie nicht losgelaſſen hatte, leiſe:„Sei ruhig, lieb Herz; er verräth uns nicht.“ „Es iſt doch Julius kein Unglück zugeſtoßen? Sprechen Sie, lieber Bemperlein, ich habe keine Geheimniſſe vor— Oswald.“ Herr Bemperlein ergriff Oswald's Hand und drückte ſie, als wollte er ſagen: ich weiß jetzt Alles, rechnet auf mich. „Nein, ſagte er;„Julius iſt wohl und munter, aber ich bekam heute einen Brief von Doctor Birkenhain, dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkow's ſo ſchlecht ſteht, daß man täglich ſein Ende erwartet. Daß er vor ſeinem Ende noch einmal zum Bewußtſein kommen könnte, iſt natürlich nicht zu erwarten; aber Doctor Birken⸗ hain hielt es für ſeine Pflicht, Ihnen dieſe Lage der Dinge mitzu⸗ theilen. Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie ſein. Ich habe ihn ſelbſt gebracht, damit Sie ſofort über meine Dienſte verfügen könnten, im Falle Sie ſich zu einer Reiſe entſchließen ſollten. Der Wagen, in welchem ich gekommen bin, wird jetzt wohl ſchon vor dem Hauſe halten; ich hatte den kürzeren Weg durch den Garten vorgezogen.“ Die Drei waren in den Gartenſaal getreten. Melitta hatte Oswald's Arm losgelaſſen und ſich der Lampe genähert, den Brief zu leſen, welchen Bemperlein ihr überbracht hatte. Oswald ſah, daß ſte ſehr blaß geworden war, und daß ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Bemperlein ſtand, den Blick von Melitta auf Oswald, von Oswald auf Melitta wendend, da, wie Jemand, der, aus einem ſchweren Schlaf erwachend, ſich noch nicht von der Wirklichkeit deſſen, was er vor ſeinen Augen ſieht, überzeugen kann. Melitta hatte den Brief geleſen:„Da, Oswald,“ ſagte ſie,„lies und ſage, was ſoll ich thun.“ Zweiter Band. 147 Oswald durchflog das Schreiben, welches, wie Bemperlein ſchon geſagt hatte, Melitta aufforderte, ſich ſofort auf den Weg zu machen, falls ſie den ſterbenden Gatten noch einmal zu ſprechen wünſche. „Du mußt reiſen, Melitta, ohne Frage,“ ſagte Oswald, den Brief wieder zuſammenfaltend.„Du würdeſt es Dir nie vergeben können, wrllteſt Du jetzt dieſe Pflicht nicht erfüllen.“ Melitta warf ſich ſtürmiſch in die Arme ihres Geliebten:„Es war von vornherein mein Wille zu reiſen: ich wollte ihn nur von Dir beſtätigt hören,“ ſagte ſie.„Ich reiſe noch in dieſer Nacht, noch in dieſer Stunde.— Wollen Sie mich begleiten, lieber Bemperlein?“ „Ich bin in dieſer Abſicht hierher gekommen, gnädige Frau,“ fagte Herr Bemperlein,„und habe den Reiſeplan ſchon entworfen. Wenn wir in einer Stunde etwa aufbrechen, ſind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre. Drüben nehmen wir Extrapoſt bis Pe, von da Eiſenbahn. So ſind wir übermorgen Nacht ſpäteſtens an Ort und Stelle.“ „Sie guter, treuer Freund,“ ſagte Melitta, Bemperlein's beide Hände in die ihren nehmend und herzlich drückend. „Bitte, bitte, gnädige Frau!“ rief Herr Bemperlein,„Zanz im Gegentheil, wollte ſagen, nur meine verdammte Pflicht und Schul⸗ digkeit.“ „Ich will mich ſogleich zur Reiſe fertig machen,“ ſagte Melitta, ein Licht ergreifend.„Bleibe ruhig hier, Oswald. Wenn Jemand von den Leuten Dich ſehen ſollte, biſt Du mit Bemperlein gekommen; es wird Dich aber Niemand ſehen.“ Melitta hatte das Zimmer verlaſſen. Bald hörte man in dem cben noch ſo ſtillen Hanſe das Geräuſch von eiligen Schritten, von Thüren, die haſtig auf⸗ und wieder zugemacht wurden, von dumpfen Stimmen, die ängſtlich durcheinander ſprachen. Von den beiden Männern wagte in den erſten Minuten keiner das Schweigen zu brechen. Beide fühlten das Wunderliche der Si⸗ tuation, in die ſie ſo urplötzlich gerathen waren; vor allem Bemper⸗ lein, der ſich innerlich noch immer nicht von ſeinem tiefen Erſtaunen erholen konnte. Melitta ſtand in ſeinen Augen ſo unerreichbar hoch 10* 148 Problematiſche Naturen. da, daß er ſchlechterdings nicht zu begreifen vermochte, wie es irgend einem Sterblichen gelingen könnte, ſich zu dieſer Höhe zu erheben, und auf der andern Seite war er ſeit vielen Jahren ſo daran ge⸗ wöhnt, Alles, was ſie that, für gut und recht und unverbeſſerlich zu halten, daß er von dieſer Regel ſelbſt jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Muth hatte. „Wir ſehen uns auf eine gar ſeltſame Weiſe wieder, Herr Bem⸗ perlein,“ ſagte Oswald endlich. „Ja wohl, ja wohl!“ ſagte Herr Bemperlein.„Mein Kommen war weder erwartet, noch erwünſcht, ich begreife das vollkommen— die arme gnädige Frau! aber welchen Muth ſie hat, welche Schnellig⸗ keit des Entſchluſſes! ich habe es ja immer geſagt; ſie iſt aus beſſerem Stoffe, als wir anderen Menſchenkinder. Ein wahres Glück, daß Doctor Birkenhain den geſcheidten Einfall hatte, nicht direkt an ſie zu ſchreiben. So kann ich, wenn auch nicht viel, doch wenigſtens etwas zu ihrer Unterſtützung thun.“ „Sie Glücklicher!“ ſagte Oswald.„Sie dürfen für ſie wirken und ſchaffen; und ich kann nichts thun, nichts als ihr eine glück⸗ liche Reiſe wünſchen und ſodann die Hände müßig in den Schvoß legen.“ „Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, wahrhaftig,“ ſagte Herr Bemperlein.„Es iſt eine ſchwere Aufgabe, die Ihnen zugemuthet wird; aber wo viel Licht iſt, da iſt auch viel Schatten. Wir werden fleißig ſchreiben— Sie ſollen von jedem Schritte, den wir thun, Nach⸗ richt erhalten. Und dann hoffe ich, daß unſere Reiſe nicht lange dauert, und vor allem, daß Herr von Berkow ſchon geſtorben iſt, wenn wir in N. angekommen. „Das hoffen Sie? und doch ſcheinen Sie dieſe Reiſe für noth⸗ wendig zu halten?“„ „Gewiß,“ ſagte Herr Bemperlein.„Es giebt gewiſſe traurige Pflichten, die man erfüllen muß, nicht der Welt wegen, die uns nicht ſchelten könnte und ſchelten würde, wollten wir ſie unerfüllt laſſen; nicht des Andern wegen, dem unſere Opferfreudigkeit zugute kommt, und den wir vielleicht weder lieben noch achten, ſondern um der Achtung willen, die wir vor uns ſelber haben. Doch was demonſtrire X Zweiter Band. 149 ich Ihnen noch lange vor, was Sie ſo gut und noch beſſer wiſſen als ich. Sie haben ja auch zu dieſer Reiſe gerathen, obgleich Sie doch am meiſten dabei verlieren. Es muß eine ſchauerliche Empfindung ſein, ſo plötzlich aus allen ſeinen Himmeln geriſſen zu werden. Selt⸗ ſam! ſeltſam! je länger ich über dies Alles nachdenke, deſto begreif⸗ licher wird es mir. Ja, ja— daß Sie die herrliche Frau lieben, das iſt ja ſo natürlich, ſo— ich möchte ſagen: logiſch— das Gegentheil würde baarer Unſinn ſein: Es muß ſie Jeder lieben, und um ſo mehr lieben, je edler ſein Herz, je empfänglicher ſeine Seele für das Gute und Schöne iſt. Ihr Herz iſt edel, Ihre Seele klingt harmoniſch mit allem Schönen zuſammen; ſo müſſen Sie auch dieſe ſchönſte und beſte Frau von ganzem Herzen, von ganzer Seele lieben. Und auf der anderen Seite: iſt ſie nicht frei? wenn auch nicht vor den Menſchen, ſo doch vor dem Richter, der in's Verborgene ſieht? hat ſie ihren Gemahl jemals geliebt? konnte ſie ihn lieben, dem ſie verkauft wurde um ſchnödes Geld— verkauft von dem eigenen Vater, als ſie noch viel zu jung und unſchuldig war, das Bubenſtück auch nur zu ahnen, geſchweige denn zu durchſchauen? O! mein Blut kocht, wenn ich daran denke! nein, nein! ſie durfte Sie lieben, ſie mußte Sie lieben, ſie, deren Herz ganz Liebe und Güte iſt. Ich freue mich, daß es ſo gekommen iſt, ich wünſche Ihnen Glück von ganzem Herzen. Ich bin ein einfacher, unbedeutender Menſch und würde im Gefühl dieſer meiner Unbedeutendheit nimmer den Blick zu ſolcher Höhe zu erheben wagen; aber, wenn ich einen Andern kühn und ſtolz auf dieſer Höhe wandeln ſehe, ſo erfüllt das meine Bruſt mit Bewunderung, die von Neid frei, ganz frei iſt, und noch einmal: ich wünſche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen!“ Herr Bemperlein ergriff Oswald's beide Hände und drückte ſie mit Lebhaftigkeit. Die Augen ſtanden ihm voll Thränen; er war innerlichſt erſchüttert. „Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen,“ ſagte Oswald ge⸗ rührt.„Das Urtheil eines Mannes, den ich ſo hoch achte, iſt mir tauſendmal mehr werth, als das Urtheil der dummen, blinden Welt. Die Welt wird unſere Liebe verketzern und verdammen, aber die Welt weiß nichts von Gerechtigeit.“ 3 150 Problematiſche Naturen. „Nein,“ ſagte Herr Bemperlein,„und dennoch iſt ſie unſere Rich⸗ terin, deren Ausſpruch wir uns fügen müſſen, wir mögen wollen oder nicht. Und dieſer Gedanke iſt es, welcher für meine Augen einen tiefen Schatten auf das ſonnige Bild einer ſo reinen, uneigennützigen Liebe wirft. Doch ich will Ihr Herz, das in dieſem Augenblicke ſchon ſchwer genug iſt, nicht noch ſchwerer machen. Dem Starken und Muthigen hilft das Glück. Sie ſind ja ſtark und muthig, und ſind es doppelt und dreifach, weil Sie lieben. Es ſoll ja der Glaube Berge verſetzen können. Was dem Glauben gelingt, kann der Liebe nicht unmöglich ſein. Doch ſtill, da kommt die gnädige Frau.“ Die Thür wurde geöffnet und Melitta erſchien im Reiſeanzug. Der alte Baumann war bei ihr. „Ich bin bereit, lieber Bemperlein,“ ſagte ſie zu dieſem, und dann, ſich in Oswald's Arme werfend:„Leb wohl, liebes Herz! leb wohl!“ Elftes Capitel. Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde feſt entſchloſſen, Oswald auf der projectirten Badereiſe nach Helgoland nicht mitzunehmen, und ſie hatte während der dreitägigen Viſitentour vielfach bei ſich überlegt, wie ſie, ohne ſich doch ſelbſt gar zu viel zu vergeben, dieſen Entſchluß ausführen könnte. Wie erfreut war ſie deshalb, als Oswald bei ihrer Zurückkunft(es war den Tag nach Melitta's Abreiſe) ihre leiſeſte Anſpielung, ob es ihm nicht lieber wäre, dieſe Zeit ganz zu ſeiner Erholung zu verwenden, begierig er⸗ griff; als er erklärte, während dieſer Zeit nicht einmal auf dem Schloſſe bleiben, ſondern eine Reiſe, vielleicht durch die Inſel, die er noch nicht kannte, vielleicht nach der Reſidenz zu ſeinen Freunden machen zu wollen. Anna⸗Maria freute ſich ſo ſehr über dieſes ganz uner⸗ wartete Entgegenkommen, daß ſie nicht einmal über die Motive, die Oswald dazu beſtimmt haben mochten, nachdachte, eben ſo wenig wie über ſein düſteres zerſtreutes Weſen, und über die Gleichgültigkeit, Zweiter Band. 151 mit denen er den Vorbereitungen zur Reiſe zuſah und ſchließlich am Tage der Abreiſe von Allen, ſelbſt von Bruno Abſchied nahm. Vielleicht ärgerte er ſich, daß man ihn nicht mitnahm, vielleicht wußte er nicht, wo er bleiben ſollte. Gleichviel, wenn er nur nicht auf dem Schloſſe blieb, wenn er nur, wie er es wirklich that, in demſelben Augenblicke, wo die Familienkutſche, beſpannt mit den vier ſchwer⸗ fälligen, von dem ſchweigſamen Kutſcher gelenkten Braunen langſam und würdevoll zu dem Hauptthor hinausfuhr, den leichten Ränzel auf dem Rücken durch das andere Thor in die weite Welt hinein⸗ wanderte. Aber Herr Albert Timm durfte bleiben! Er machte nicht ſo lächerliche Anſprüche, wie der hochmüthige Oswald; er war mit Allem zufrieden! und dann konnte er in der Einſamkeit des Schloſſes ſo ungeſtört arbeiten und die ſchleunige Vollendung der Flurkarten war von ſo großer Wichtigkeit! Mademvoiſelle war angewieſen, es Herrn Timm an nichts fehlen zu laſſen. Daß es vielleicht nicht ganz ſchicklich ſei, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und einen jungen Mann von ſechsundzwanzig unter der Aufſicht einiger Dienſt⸗ leute, über welche das junge Mädchen das Commando führte, auf einem einſamen Schloſſe zurückzulaſſen, war ſonderbarer Weiſe der ſo überaus ſtrengen Baronin gar nicht in den Sinn gekommen. Die tugendhafte Frau würde die Naſe gerümpft, würde es unverantwort⸗ lich, unverzeihlich gefunden haben, wenn ſie gehört hätte, daß der ijunge Graf Grieben mit Fräulein von Breeſen fünf Minuten nur in einem Zimmer allein geweſen ſei, aber der Geometer Albert Timm und ihre Wirthſchafterin Marguerite Roger— du lieber Himmel! ſich um das Schickſal ſolcher Leute auch noch den Kopf zu zerbrechen— das iſt offenbar zu viel verlangt! Und Marguerite hatte nicht einmal Eltern, denen man vielleicht verantwortlich geweſen wäre— ſie hatte gar keine Verwandten— wie kann man für Jemand verantwortlich ſein, der ganz allein in der Welt daſteht! Man hatte Frau Paſtor Jäger gebeten, ſich von Zeit zu Zeit zu überzeugen, daß den Befehlen der Baronin ſtrenge Folge geleiſtet würde— Frau Paſtor Jäger war eine vortreffliche Frau, die kleine Marguerite ſtand an ie vortrefflicher Aufſicht. 152 Problematiſche Naturen. Die kleine Marguerite ſtand unter ſo vortrefflicher Aufſicht, daß Albert die weiſe Fürſorge, welche die Baronin getroffen hatte, nicht genug loben konnte. „Ich wollte, ſie kämen nicht wieder,“ ſagte er zu der hübſchen Genferin, während ſie Arm in Arm im Garten umherſpazierten;„ich wollte, ſie kippten zwiſchen Helgoland und der Düne, wo es am tief⸗ ſten iſt, mit dem Boote um, und wir könnten hier, wie jetzt, herrlich und in Freuden leben bis an unſer ſeliges Ende. Was meinſt Du, kleine Marguerite, möchteſt Du wohl Frau Rittergutsbeſitzerin Timm von Grenwitz auf Grenwitz ſein? Das wäre doch famos! Dann wollte ich Dir Wagen und Pferde halten, ja, und auch eine Wirth⸗ ſchafterin, die Du eben ſo quälen könnteſt, wie Du jetzt gequält wirſt.“ „Ich bin ſchon zufrieden mit Wenigem, wenn ich es nur kann theilen mit Sie.“ „Sehr edel gedacht, aber beſſer iſt beſſer, und übrigens heißt es in dieſem Falle, nicht Sie, ſondern Ihnen, oder vielmehr Dir, denn bei uns zu Lande nennen ſich Leute, die ſich lieben,„Du“, beſonders wenn ſie die reſpectable Abſicht haben, ſich gelegentlich zu heirathen.“ „Und Sie mich wirklich wollen'eirathen? Ach, ich kann es glau⸗ ben kaum! Was will ein Mann, comme vous, dem die ganze Welt iſt offen, eirathen ein armes Mädchen, die nicht einmal iſt übſch.“ „Das iſt meine Sache. Und nebenbei biſt Du jedenfalls übſcher und reicher, als ich. Dreihundert Thaler—“ „Dreihundert fünfundzwanzig Thaler,“ ſagte Mademoiſelle Mar⸗ guerite eifrig. „Deſto beſſer— das iſt immer ſchon etwas für den Anfang. Wenn ich mein baares Vermögen dazu rechne,“— Herr Timm griff in die Taſche und brachte einige Münzen zum Vorſchein—„haben wir dreihundert fünfundzwanzig Thaler, ſiebenzehn Silbergroſchen und acht Pfennige. Das iſt ein ganzes Kapital.“ „Wir uns dafür werden kaufen ein kleines Haus.“ „Verſteht ſich.“ „Ich werde geben Unterricht im Franzöſiſchen. „Natürlich.“ — Zweiter Band. 153 8 „Und Du wirſt ſein fleißig und arbeiten.“ „Comme un forgat— o, es wird ein ſcharmantes Leben wer⸗ der,“ und Herr Timm faßte die kleine Franzöſin um die Taille und willzte mit ihr in die Laube, in welcher ſie ſich befanden, umher. „Ich nun muß hinein, den Leuten zu geben Vesperbrod;“ ſagte ſich losmachend. „So lauf, Du kleiner Grasaff; aber komm bald wieder,“ ſagte Herr Timm. Herr Timm ſah der Enteilenden nach.„Dummes kleines Frauen⸗ zimmer,“ ſagte er;„glaubt wahrhaftig, ich werde ſie heirathen. Das fehlte auch noch— für dreihundert Thaler, die ich früher an ein paar Abenden verſpielt habe! Es iſt wirklich großartig, was ſich dieſe Mädchen nicht alles einbilden! Und dabei iſt dieſe gar nicht ſo dumm, wie ſie ausſieht, und ſcheint trotz ihres fürchterlichen Deutſch ihren Gvoethe gründlich ſtudirt zu haben:„thut keinem Dieb nur nichts zu Lieb, als mit dem Ring am Finger—“ hm, hm! ich werde ihr wahrhaftig einen Ring kaufen müſſen. Die dreihundert Thaler wären freilich ſo übel nicht. Dieſe verdammten Gläubiger! nicht einmal in dieſem Winkel laſſen ſie einen ungeſchoren...“ Herr Timm faßte in die Bruſttaſche und holte einige Briefe von verdächtigem Ausſehen hervor, die er, nachdem er ſich in die Ecke einer Bank geſetzt, einen nach dem andern, entfaltete und eifrig ſtudirte. Sein ſonſt ſo luſtiges Geſicht verdüſterte ſich dabei zuſehends. „Verdammt,“ murmelte er,„die Kerle werden wirklich unverſchämt. Wenn ich den brummenden Bären doch nur ſo ein paar hundert Thaler in den Rachen werfen könnte, ſo ſchwiegen ſie doch für eine Weile wenigſtens. „Hm, hi! die dreihundert Thaler, welche die kleine Marguerite im Sparkaſſenbuche hat, kämen mir wirklich gelegen. Es wäre am Ende nur zu ihrem Vortheil, wenn ich ſie darum ärmer machte. Denn daß ich mein Verſprechen, ſie zu'eirathen, ohne die dringendſte Noth nicht halten werde, liegt doch für jeden Verſtändigen auf der Hand. Fühle ich mich nun ihr gegenüber nicht nur moraliſch, ſondern auch anderweitig verpflichtet, ſo hat ſie immerhin eine Chance mehr. Ich kann ihr ja vorſchwindeln, ich könne das Geld beſſer anlegen 154 Problematiſche Naturen. D oder dergleichen. Wenn die dummen Dinger verliebt ſind, glauben ſie ja Alles, was man ihnen aufbindet. Und kann ſie das Geld beſſer anlegen, als wenn ſie ſich damit einen charmanten Kerl von Mann erkauft, der ſie im andern Falle nicht'eirathen würde. Me herenlem! ich fühle mich ordentlich gehoben durch den Gedanken, auf dieſe Weiſe der Wohlthäter des Mädchens zu werden. Ich will die Kleine doch gleich einmal in's Gebet nehmen. Weigert ſie ſich, ſo werde ich ſie freilich ihrer Klugheit wegen achten müſſen, aber mit unſerer Liebe iſt es aus.“ Albert erhob ſich und ging, die Hände auf dem Rücken, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ſein ſcharfſinniger Kopf an der Löſung eines Problems arbeitete, langſam nach dem Schloſſe. Marguerite ſchaltete noch in der Küchenregion; Albert verfügte ſich auf ſein Zimmer, um noch einige Minuten ungeſtört über ſeine Aufgabe nach⸗ zudenken. Er beugte ſich über die Karte, die auf dem großen Reißbrett aufgeſpannt war, und an der er ſeit der Abreiſe der Familie, d. h. ſeit beinahe acht Tagen nicht das Mindeſte gearbeitet hatte. „Wenn das ſo fortgeht, wird ſich Anna⸗Maria über meine Fort⸗ ſchritte wundern, murmelte er;„es iſt wirklich überraſchend, welch' ein ausgebildetes Talent zur Faulheit, oder höflicher ausgedrückt: zum dolee far niente in mir ſteckt. Es giebt offenbar im Leben verwun⸗ ſchene Lazzaronis, wie es verwunſchene Prinzen im Märchen giebt; und ich bin augenſcheinlich ſo ein, in die Jammergeſtalt eines im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod eſſenden Geometers verwunſche⸗ ner Sohn des ſonnegetränkten Neapels. Aber wie kommt es denn eigentlich, daß ich ſeit einer Woche ſo ganz meiner natürlichen Tendenz folge? Die kleine Marguerite iſt doch nicht allein daran Schuld? richtig— jetzt beſinne ich mich— ich brauche eine Karte aus der Regiſtratur und ließ mir ſchon vor acht Tagen den Schlüſſel dazu geben. Die muß ich mir wenigſtens holen, ſonſt— bei meiner heißen Liebe zur kleinen Marguerite!— bleibt dieſe angefangene Karte ein Fragment in Ewigkeit.“ Albert ging in die Regiſtratur, ein großes Gemach in dem Erd⸗ geſchoß des alten Schloſſes, deſſen Wände von oben bis unten mit Zweiter Band. 155 Repoſitorien voll ganz oder halb vergilbter Acten und Schriftſtücke der verſchiedenſten Art, von denen gar manches für einen fleißigen Alterthümler von hohem Intereſſe geweſen ſein würde, bedeckt waren. Während er in einem der Repoſitorien nach der alten Flurkarte kramte, fiel ihm ein kleines Bündel Briefe in die Hände, das er wohl, wie ſchon einige andere ähnliche, in das Verſteck, aus welchem er ſie unverſehens hervorgeholt hatte, zurückgeſchleudert haben würde, wenn nicht die Aufſchrift:„An den Baron Harald von Grenwitz ₰ geboren auf Grenwitz,“ ſeine Neugierde erregt hätte. Da ein triebene Discretion durchaus nicht zu den hervorſtechenden£ ſchaften des Herrn Timm gehörte, ſo löſte er ohne weiteres den vrien Faden, mit welchem die Briefe zuſammengebunden waren, und begann dieſelben einen nach dem andern zu leſen— eine Beſchäftigung, die ihn ſo ausnehmend jotereſſirte, daß er alles Andere darüber vergaß und ſelbſt das Rollereines Wagens überhörte, der vor dem Portale ſtill hielt und deſſen höchſt unerwartete Ankunft eine nicht geringe Senſation in dem Schloſſe hervorrief. Jwölftes Capitel. Während der acht Tage, die ſeit der Abreiſe der Familie ver⸗ floſſen waren, hatte Oswald in der Einſamkeit eines Fiſcherdorfes, kamens Saſſitz, nicht weit von Berkow nach Grenwitz, von allem Verkehr mit der Welt abgeſchloſſen, gelebt. Wie er nach Saſſitz ge⸗ kommen war, wußte er ſelbſt kaum. Seit ihm Melitta ſo plötzlich geraubt war, hatte ihn eine grenzen⸗ loſe Gleichgültigkeit gegen Alles ergriffen, was nicht in irgend einer Beziehung zu ihr ſtand, die jetzt ſeine ganze Seele erfüllte. In dieſer Apathie hatte er ſich ſelbſt von Bruno ohne Schmerz getrennt. Auf die Wünſche der Baronin ging er um ſo bereitwilliger ein, als er ſich in ſeiner augenblicklichen Stimmung nach Einſamkeit ſehnte, wie ein Kranker nach Ruhe. So ſagte er denn zu Allem: Ja, und als er „ „ ₰ „4 den Wagen, welcher die Familie führte, ſich in Bewegung ſetzen ſah, 3 V 5 e „ % ) , N F S — N * C . ,, 4. 156 Problematiſche Naturen. fiel es ihm wie eine ſchwere Laſt vom Herzen. Er wünſchte den Zurückbleibenden, Herrn Timm und Mademviſelle, flüchtig Lebewohl und wanderte, einen leichten Ränzel, der noch aus ſeiner Studenten⸗ zeit ſtammte, auf dem Rücken, zum andern Thore hinaus, wie der Held eines Märchens, ohne eine Ahnung davon zu haben, wohin er ſeine Schritte lenken ſollte, und wo er heute Nacht ſein Haupt zur Ruhe legen würde. Die Sonne brannte heiß; Oswald fiel es ein, daß es im Walde friſch und kühl ſein müſſe. So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauſchten über ihm die Tannen des Forſtes, der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehörte. Das Rauſchen der hohen Bäume lullte ihn in ſüße Träume. Träumend wanderte er weiter, bis er plötzlich auf die Lichtung heraustrat, wo in dem Schutze der vielhundertjährigen, breitaſtigen Buche Melitta's Kapelle lag. Die Thür des Häuschens war verſchloſſen, die grünen Jalvuſien vor den Fenſtern waren heruntergelaſſen, die Treppe und die Veranda waren ſorgſam gefegt, wie es die ſtrenge Ordnungsliebe des alten Baumann, der jetzt das Regiment in Berkow führte, erheiſchte. Oswald ſetzte ſich auf die Stufen der Treppe und ſtützte den Kopf vin die Hand. So ſaß er in Nachdenken verſunken, während in den Zweigen der Buche über ihm ein Waldvögelein ſein eintöniges Lied mit dem ſtets gleichen melancholiſchen Refrain ertönen ließ... Wie einſam er ſich fühlte— wie einſam und wie verlaſſen! Dem Kinde gleich, das auf weitem öden Moore den Weg zum Hauſe der lieben Eltern verloren hat. Hier an dieſer ſelben Stelle hatte er in der Nacht vor der Geſellſchaft in Barnewitz mit Melitta geſeſſen— ſie hatte den Kopf an ſeine Bruſt gelehnt gehabt und ſüßeſte, köſtlichſte Worte der Liebe hatte ihr holder Mund geflüſtert. Jetzt war Sr ſo ſtill um ihn her, daß er das Klopfen ſeines eigenen Herzens hörte. Sehnſüchtige Gedanken an die Entfernte glitten durch ſeine Seele, wie Vögel, die den Süden ſuchen, durch den weiten Himmelsraum... Ein Sonnenſtrahl, der heiß und ſtechend durch das Laubdach auf ihn fiel, mahnte ihn, daß es Zeit ſei, aufzubrechen. Eile hatte er freilich nicht. Es war noch früh am Nachmittage, und irgend einen, gleichviel welchen Ort, wo er ſein Quartier für die Nacht aufſchlagen Zweiter Band. 157 konnte, mußte er immer noch erreichen. So ſchlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin, den er noch nicht betreten hatte und der ihn, ehe er ſich's verſah, an den Strand des Meeres führte. Nun wanderte er am Strande fort, bald auf der Höhe des Ufers, wenn die See, wie es häufig geſchah, unmittelbar den Fuß der Kreidefelſen beſpülte, bald auf dem feſten körnigen Sande des ſchmalen Vor⸗ ſtrandes. Hier und da hatte einer der kurzen waſſerreichen Bäche, die aus dem Innern der Inſel dem Meere zueilen, das Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt, die mit einer faſt ſüdlich üppigen Ve⸗ getation bedeckt war. Aber mit Ausnahme dieſer wenigen grünen Daſen zeigte ſich dem Auge nichts als kahler Fels, nackter Sand, das eintönige blaue Meer, auf dem hier und da ein weißes Segel ſchwamm, und der eintönige blaue Himmel, an dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich ſtand. Und zu dieſem eintönigen Bilde die einförmige Muſik der brandenden Wellen und dann und wann der gelle Schrei der Möve oder das melancholiſche Pfeifen der klei⸗ nen Strandläufer. Die Monotonie dieſer Linien, dieſer Farben, dieſer Töne wäre für ein glückliches, lebensfrohes Gemüth unerträglich geweſen, aber ſie paßte wunderbar zu Oswald's Seelenzuſtand. Es giebt Stunden, wo wir Regenwetter oder eine öde Landſchaft wie Freunde willkommen heißen, auf deren Geſichtern ſchon die Theilnahme, die ſie an unſern Schmerze nehmen, ausgeprägt iſt; Stunden, wo uns Sonnenſcheit und Vogelſang und das muntere Plätſchern des geſchwätzigen Bache wie eine Beleidigung erſcheinen. Oswald's Schwermuth harmonit mit dieſer tief⸗ernſten Natur, die von Glück und Freude nichts zu wiſſen ſchien, deſto mehr aber von dem Jammer und der Qual des Lebens. Klang der grelle Schrei, das ſchrille Pfeifen der Meeres⸗ vögel nicht wie Klaggeſang? war es nicht, als ob das Meer in den Wellen, die ſich in monotonen Cadenzen unaufhörlich am Strande brachen, das verworrene Räthſel der Exiſtenz wie im halben Wahn⸗ ſinn vor ſich hinmurmelte?... Und ſein eigenes Leben kam ihm ſo ziel⸗ und zwecklos vor, wie dies ſein Umherirren zwiſchen den Ufer⸗ klippen. Glich es nicht ſeinem Fußtritte auf dem harten Sande, wo die nächſte Welle ſchon die leichte Spur gänzlich verwiſchte? Warum Problematiſche Naturen. geboren werden, Anderen und ſich ſelbſt Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten, wenn Alles doch zu nichts führt? wenn die Vergangenheit ſich hinter uns aufthürmt wie das ſteile unerſteigliche Ufer, die Zukunft uns angähnt wie das öde wüſte Meer, und die Gegenwart ein ſchmaler Sand iſt, den die unbarmherzig glühende Sonne nur deshalb ſo grell zu erleuchten ſcheint, um ihn in ſeiner ganzen troſtlos dürftigen Nacktheit zu zeigen? Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln ſcheint, ſo ſcheint es auch eben nur; ſo iſt es auch eben nur eine trügeriſche Spiegelung, die eine ſchadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tückiſchen Meere aufſteigen läßt, damit ſie in dem Augenblicke verſinkt, wo wir das palmengeſchmückte, palaſtumſäumte Ufer zu berühren glauben... Ein Dörfchen, dem ſich Oswald mit raſchen Schritten näherte, lag in dem innerſten Winkel einer tiefen, von hohen Kreidefelſen bis auf einen ſchmalen Ausgang nach dem Meere zu rings umſchloſſenen Bucht, wo das Waſſer ſo ſtill und glatt war wie in einem Garten⸗ teich. Einige der Hütten lagen hart am Strande, andere waren an den Ufern eines Baches, der ſich an dieſer Stelle in's Meer ergoß, in der tiefen breiten Schlucht, die er ſich gewühlt hatte, erbaut. Vor den Thüren waren kleine mit Muſcheln eingefaßte Gärtchen; auf den mit weißem Sande ausgefüllten Gängen zwiſchen den Häuſern hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen; ein paar rothhaarige Buben waren eifrigſt mit Antheeren eines umgeſtülpten Bootes beſchäftigt; wor einer der größeren Hütten ſaßen ein paar Frauen, Netze flickend. 8 Oswald näherte ſich den Frauen, vie, als ſie ſeinen Schritt ver⸗ ſahmen, neugierig von ihrer Arbeit aufſahen, und fragte, ſie be⸗ grüßend, ob es ihm verſtattet ſei, ſich hier etwas auszuruhen, und ob er einen Trunk Waſſer und ein Stück Brod haben könne? „Stine,“ ſagte die ältere von den drei Frauen, eine Matrone von ſtattlichem Umfang und einem überaus gutmüthigen, wetterge⸗ bräunten Geſicht, zu einem der beiden jungen Mädchen an ihrer Seite: „ſteh auf und laß den Herrn ſitzen. Siehſt Du nicht, daß er müde und ausgehungert iſt? Geh in's Haus, und bring was wir haben. Setzen Sie ſich, junger Herr. Sie ſind gewiß auch ein Maler?“ „Warum meinen Sie das?“ fragte Oswald, den angebotenen Platz annehmend. — Zweiter Band. 159 „Nu, ein vernünftiger Menſch klettert nicht bei der Hitze am Strande herum; das können nur Leute, die hier(ſie deutete dabei mit dem Zeigefinger auf die Stirn) nicht ganz richtig ſind. Nu, nicht für ungut, Herr Maler. Ich hab' ſchon einen von Ihren Kameraden bei mir wohnen gehabt, der zwei Wochen hier geblieben iſt; und wenn Sie eben ſo ein ordentlicher, ehrlicher Menſch ſind, ſo können Sie auch bei Mutter Karſten wohnen; aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln, das ſage ich Ihnen gleich im Voraus.“ Oswald mußte lächeln, als er ſo ohne Umſtände zueinem auf einer Studienreiſe begriffenen Landſchafter gemacht wutde. Wie? wenn er ſich die harmloſe Rolle, die ihm aufgenöthigt wurde, gefallen ließ? Es war ihm ſo gleichgültig, wo er blieb— Alles, was er wollte, war Einſamkeit— und konnte er eine tiefere Einſamkeit fin⸗ den, wie hier in dieſer ſtillen Bucht unter dieſen gutmüthigen, kind⸗ lichen Menſchen, die nichts dagegen haben würden, wenn er halbe Tage lang zwiſchen den Felſen des Strandes umherirrte? Und dann war er doch hier in der Nähe von Berkow, von dem er ſich nicht allzu weit entfernen durfte, da er mit Melitta verabredet hatte, daß, im Fall ſich ihre Abweſenheit in die Länge zöge, der alte Baumann, vermitteln ſollte. „So wollen Sie mich ein paar Tage hier behalten?“ fragte er. Karſten. „Das verſpreche ich,“ ſagte Oswald lächelnd. „Dann können Sie bleiben, ſo lange Sie wollen. Das iſt recht, Stine, rück den Tiſch näher an den Herrn, und, hörſt Du, hol auch von dem alten Cognac, den der Elaus Jochen aus England mit⸗ gebracht hat, das bloße Waſſer thut nicht gut bei der unvernünf⸗ Oswald war beinahe ſchon acht Tage in Saſſitz und er bereute es keinen Augenblick, der Einladung Mutter Karſten's gefolgt zu ſein. Er ſtand in ſehr großer Gunſt bei Mutter Karſten. Er hatte auch nicht ein Strichelchen auf die weißgetünchten Wände der kleinen Kam⸗ der in Berkow zurückgeblieben war, die Correſpondenz zwiſchen ihnen „Ja, aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln,“ ſagte Mutter 160 Problematiſche Naturen. mer, die er bewohnte, gezeichnet; er hatte ſtets ein freundliches Wort für Jeden, ſelbſt für den ſteinalten, halb blödſinnigen Vater von Mutter Karſten, der den ganzen Tag in ſeinem Lehnſtuhle in der Sonne ſaß und unverwandt auf das Meer hinausſtarrte, wenn ihm nicht, was freilich oft geſchah, die alten noch immer ſcharfen Augen vor Müdigkeit zufielen. Mutter Karſten erklärte, daß Oswald ein eben ſo„ordentlicher, ehrlicher“ Menſch ſei, wie ſein Vorgänger, daß es aber bei ihm hier(mit der bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn) noch weniger richtig ſei, als bei jenem. Was Mut⸗ ter Karſteß zu dieſem Ausſpruch veranlaßte, war der allerdings ver⸗ dächtige Umſtand, daß der junge Menſch, welcher doch nun einmal verrückt genug war, eine in ihren Augen ſo überflüſſige Hantirung zu treiben, nicht nur nicht die wieder übertünchten Wände ſeiner Schlafkammer mit Kohlenſtizzen von Schiffen unter vollem Segel, einſamen Klippen, über denen Möven flatterten und originellen Matroſengeſichtern be⸗ deckte wie ſein Vorgänger weiland, ſondern überhaupt gar nicht zeich⸗ nete und malte, ſondern den lieben langen Tag nichts that, als am Strande umherlaufen, oder auf einem der kleinen Ruderbvote mutter⸗ ſeelenallein ſo weit auf's Meer hinausfahren, daß man ihn vom Strande aus kaum noch ſehen konnte. Wie und womit er ſich auf dieſen ſtundenlangen Spaziergängen und Fahrten die Zeit vertrieb, war Mutter Karſten ein unergründliches Räthſel, würde ſelbſt dann für ſie noch immer ein Räthſel geweſen ſein, wenn ſie geſehen hätte, daß Oswald, ſobald er ſich allein wußte, einen Brief, den ihm vor ein paar Tagen ein alter, ſonderbar ausſehender Mann gebracht hatte, aus der Taſche nahm und ihn wieder und immer wieder ſtudirte, als ob er ihn nicht ſchon längſt Buchſtab für Buchſtab und Zeichen für Zeichen auswendig gewußt hätte. Der ſonderbar ausſehende alte Mann, der„ſo ein hochbeiniges, longhalſiges Pferd ritt, wie ſie der Claus Jochen in England geſehen hatte,“ war nämlich Niemand anders geweſen als der alte Baumann auf dem Brownlock. Oswald hatte ihm gleich am nächſten Tage nach ſeiner Ankunft in Saſſitz mitgetheilt, daß er ſich entſchloſſen habe, bis auf weiteres hier zu bleiben(auch nach Grenwitz hatte er dieſelbe Botſchaft geſchickt, mit der Bitte, ihm etwa ankommende Briefe nachzuſenden), und einen Tag ſpäter konnte — Zweiter Band. 163 verderblichen Ausgang dies beſtändige Brüten über demſelben qual⸗ vollen Räthſel geführt haben würde, wenn nicht ein Ereigniß einge⸗ treten wäre, das ihn ſehr gegen ſeine Vermuthung und ſeinen Wunſch, zwang, in die Geſellſchaft, die er jetzt ſo gründlich haßte, zurückzu⸗ „ kehren. Dreizehntes Capitel. 2 Als er nämlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abweſenheit von mehreren Stunden ſich wieder dem Dorfe näherte, ſah er vor der Thür von Mutter Karſten's Wohnung einen mit zwei Pferden beſpannten Wagen halten. Dies war etwas ſo ganz Außerordentliches in dem von allem Verkehr abgeſchnittenen Saſſitz, daß Oswald ſich wohl denken konnte, es müſſe auch etwas ganz Beſonderes ſich unterdeſſen ereignet haben. Um den Wagen und an die Thür des Häuschens drängten ſich Frauen und Kinder und die paar Männer, die nicht mit auf dem Fiſchfang waren. Sie wollten wiſſen, ob der alte Steffen, Mutter Karſten's Vater, diesmal wirklich ſterben müſſe, oder ob es dem jungen Doctor, nach dem Mutter Karſten vor einigen Stunden die raſche Stina geſchickt hatte, gelingen werde, ihn noch einmal von ſeinem böſen Stickhuſten zu curiren. So erzählten ſie Oswald mit verſtörten Mienen und gegen die Gewohnheit redſelig, als er fragend unter ſie trat. Denn Vater Steffen war der Patriarch des Dorfes, von Allen geehrt, auch von Oswald, der auf dieſe Nachricht hin, ohne ſein Incognito zu bedenken, in das Haus und die Wohnſtube eilte. Der ſilberhaarige Greis ſaß in ſeinem Lehnſtuhl, matt und bleich, aber, wie es ſchien, der Gefahr entriſſen— Dank der rechtzeitigen Hülfe des Doctor Braun, der ſo eben vor den Dankſagungen der tief gerührten Mutter Karſten, ihrer Töchter und eines halben Dutzend anderer Frauen nach der Thür retirirte. „Gut, daß Sie kommen,“ rief er dem eintretenden Oswald ent⸗ gegen;„ich habe einen Auftrag an Sie; wollen Sie mir erlauben, 11*½ 164 Problematiſche Naturen. daß ich mich deſſelben, da meine Zeit kurz gemeſſen iſt, ſogleich ent⸗ ledige?“ Der Doctor ergriff Oswald ohne Umſtände unter dem Arm, ihn mit ſich fort zum Hauſe hinaus ziehend. „Entſchuldigen Sie mein Ungeſtüm,“ ſagte er, als ſie, Arm in Arm, am Strande hinſchritten;„aber einmal treffen Sie mich in voller Flucht vor den Dankſagungen der guten Leute, und zweitens betrachte ich Sie, trotzdem wir uns leider bis jetzt nur einmal geſehen, als einen alten Bekannten, denn ich habe mich, ſeitdem wir uns vor ein paar Wochen in der Hütte von Mutter Clauſen ſo zufällig begegneten, in Gedanken ſehr viel mit Ihnen beſchäftigt. Aber nun zu meinem Auftrag! Sie wiſſen jedenfalls noch nicht, daß die Familie Grenwitz von der großen Badereiſe, auf die ich ſie vor ein paar Tagen geſchickt hatte, wohlbehalten wieder zurück iſt?“ „Nein!“ ſagte Oswald mit nicht geringer Verwunderung. „Wie ſollten Sie auch in dieſem von aller menſchlichen Cultur abgeſchnittenen Dorfe der Ichthyophagen! Genug, die Familie iſt wieder da. Der Baron(ſo erzählt die glaubwürdige Anna⸗Maria) hatte in Hamburg einen fürchterlichen Fieberanfall. Der herbeige⸗ rufene Arzt erklärte es für Wahnſinn, unter dieſen Umſtänden die Reiſe über's Meer anzutreten und rieth zur Umkehr. Sein Rath wurde von Anna⸗Maria, die von vornherein gegen die Reiſe war, höflichſt gebilligt— bref! ſie packten ſich ſammt und ſonders, und Fräulein Helene dazu, die ſie aus der Penſion abholten, in die große Familien⸗ kutſche und ſind wieder hier ſeit geſtern Abend. Es wurde natürlich ſofort nach mir geſchickt. Ich bin heute Nachmittag dort geweſen, und da ich zufälliger Weiſe erwähnte, ich müſſe noch nach Saſſitz, bat mich die Baronin, die von Ihrem hieſigen Aufenthalte unterrichtet war, Ihnen zu ſagen, daß man ſich in Grenwitz ganz ausnehmend freuen würde, Sie möglichſt bald wieder innerhalb des Schloßwalles zu ſehen. Ich erwiederte, wie mir die Ausführung dieſes Auftrages zu ganz be⸗ ſonderem Vergnügen gereiche und daß ich Ihnen zur Rückfahrt meinen Wagen und meine Geſellſchaft anbieten würde— was ich denn, hoch⸗ achtungsvoll und ergebenſt, hiermit gethan haben will.“ So ſprach Doctor Braun, freundlich und lebhaft, wie es ſeine Zweiter Band. 165 Gewohnheit war, die grauen Augen mit den braunen, leuchtenden Sternen forſchend auf Oswald heftend.„Ich komme Ihnen recht ungelegen, geſtehen Sie es nur!“ ſetzte er hinzu. „Durchaus nicht!“ erwiederte Oswald,„das heißt, ich weiß, wie Achill, als man ihm die Briſäis raubte, den Boten von ſeiner Bot⸗ ſchaft wohl zu unterſcheiden.“ „Und wer iſt die ſchöne Briſäis, die ich Ihnen entführe?“ fragte der Doctor. „Die Einſamkeit,“ erwiederte Oswald. „Nun, daraus mache ich mir kein großes Gewiſſen,“ ſagte der Andere lachend;„die Einſamkeit iſt wie der Duft einer Giftpflanze, ſüß aber betäubend und mit der Zeit geradezu verderblich, ſelbſt für die ſtärkſten Conſtitutionen. Wollen Sie meinem Rathe folgen? laſſen Sie die ſchöne Briſäis Einſamkeit in Gottes Namen ziehen, zu wem ſie will; ſetzen Sie ſich zu mir in den Wagen und kutſchiren Sie mit mir nach Grenwitz, wo Sie überdies ein Mädchen finden ſollen, bei deren Erblicken Sie ausrufen werden: Hier iſt mehr denn Briſäis!“ „Fräulein Helene?“ 6 F „Fräulein Helene, auch ein griechiſcher Name, und der einen beſſern Klang hat, wie der andere. Aber die Sonne, oder vielmehr Helios, ſenkt ſeinen Wagen, und meine Pferde werden ungeduldig. Sie kommen doch mit?“ „Ohne Zweifel, ſagte Oswald. Eine Viertelſtunde ſpäter rollte der Wagen mit den beiden jungen Männern bereits auf der Höhe des Ufers nach Grenwitz zu, das nur eine Stunde Weges entfernt war. Oswald hatte Mutter Karſten hoch und theuer verſprechen müſſen, bald wieder nach Saſſitz zu kommen, und überhaupt zeigte die große Herzlichkeit, mit der ſich beim Abſchied Alt und Jung um ihn drängte und ihm ihr„Adjes, Herr Maler,“ nachrief, daß er ſich während ſeines kurzen Aufenthaltes, ohne es da⸗ rauf anzulegen, die Gunſt des harmloſen Völkchens in einem hohen Grade erworben hatte. Der Abend war wunderſchön. Der rothe Sonnenball hing am Horizonte und goß einen Zauberſchimmer über die öde Küſtenlandſchaft. 166 Problematiſche Naturen. In dem hohen Haidekraut rechts und links vom Wege zirpten die Cikaden; Schwalben ſchoſſen hoch oben in der überaus klaren, weichen Luft. Oswald fühlte ſich zum erſten Male ſeit langer Zeit beinahe heiter, und er mußte im Stillen dem klugen Manne an ſeiner Seite recht geben, daß man die Freuden der Einſamkeit doch zu theuer erkaufe. „Wie leid thut es mir,“ ſagte er,„daß wir unſerem Vorſatz, uns häufiger zu ſehen, ſo wenig treu geblieben ſind. „Lhomme propose et Dien dispose,“ erwiederte Doctor Braun. „Wir wollen es in Zukunft beſſer zu machen verſuchen. Sie bleiben ja, wie ich höre, noch lange in dieſer Gegend, und ich werde auch wohl meinen Plan, nach Grünwald überzuſiedeln, noch ſo bald nicht ausführen können.“ „Sie wollen nach Grünwald?“ „Vorläufig wenigſtens. Ich concurrire hier mit einem trefflichen Mann, der jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker iſt, wie ich Gelb⸗ ſchnabel, trotzdem aber durch mich in den Schatten geſtellt wird, weil ich das Glürk gehabt habe, ein paar gute Kuren zu machen, wie ſie's nennen, und weil die Leute immer nach dem Neuen laufen, auch wenn es nicht das Beſſere iſt. Zwei Aerzte aber trägt die Gegend nicht, und mein College iſt alt und hat eine zahlreiche Familie zu ernähren; ich bin jung und vorläufig nur verlobt, folglich werde ich ihm den Platz räumen.“ „Das iſt ſehr edel.“ „So ſcheint es, aber ſcheint auch nur. Ich gieße das reine Waſſer nur fort, weil ich noch reineres in Ausſicht habe. Mein Schwiegervater iſt einer der bedeutendſten Aerzte in Grünwald. Die Hälfte ſeiner Praxis iſt mir, wenn er ſich zur Ruhe ſetzt, wozu er ſich noch immer nicht entſchließen kayn, gewiß, und da meine Braut eine Grünwälderin iſt, jedes Fiſchlein ſich aber in ſeinem Teich am wohlſten fühlt, ich überdies die Geſellſchaft der Cyklopen und Ichthyv⸗ phagen, mit denen ich hier verkehren muß, herzlich ſatt habe, ſo— ſehen Sie, daß mein Edelmuth die Grenzen des Erlaubten noch kei⸗ neswegs überſchreitet. ₰ ,, — Zweiter Band. 167 „Iſt es zu indiscret nach dem Namen Ihrer Fräulein Braut zu fragen?“ „Bewahre: Sophie Robran.“ „Ich hatte während meines Aufenthalts in Grünwald zfter das Vergnügen, mit Fräulein Robran in Geſellſchaft zuſammenzutreffen. Mein würdiger Freund, der Profeſſor Berger nennt ſie den einzigen Schwan in einer gewaltigen Heerde von Gänſen.“ „So waren Sie längere Zeit in Grünwald?“ „Ich komme eben von dort her, nachdem ich ein halbes Jahr in den ſchattig⸗ſtillen Straßen der trefflichen Stadt ein äußerſt idylliſches Leben geführt, und unter Berger's Auſpicien meine Eramina abſol⸗ virt hatte.“ „Aber— Sie werden jetzt mit größerem Recht über meine In⸗ discretivn klagen— was beſtimmte Sie, wenn Sie dieſe Brücke der Lahmen und Blinden hinter ſich haben, der Wirkſamkeit in einem größeren Kreiſe, für die Sie doch offenbar vorzüglich befähigt ſind, das Stillleben eines Hauslehrers in einer adligen Familie vorzu⸗ ziehen, wo es Ihnen geradezu unmöglich wird, Ihre Kräfte frei zu entfalten?“ „Was mich dazu beſtimmte?“ antwortete Oswald,„ich weiß es ſelbſt kaum. Einmal wohl der gründliche Abſchen vor dem, was die Menſchen mit jenem, für ein planetariſches Gemüth ſo zußerſt be⸗ denklichen Ausdruck: eine feſte Anſtellung, bezeichnen; ſodann der Ein⸗ fluß Berger's, der mir dringend rieth, mich nicht vor der Zeit zu binden, ſondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzuſinbade⸗ ſiren, wozu ich jetzt, wenn meinen Zöglingen die Flügel erſt noch ein wenig gewachſen ſein werden, ſogar contractlich verpflichtet bin.“ „Wiſſen Sie, daß ich fürchte, oder vielmehr hoffe, Sie werden nicht im Stande ſein, dieſem Rath ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen?“ „Weshalb?“ „Weil— Sie erlauben, daß ich ganz offen kin— weil Sie ſich hier in einer ſchiefen Stellung befinden, die über kurz oder lang un⸗ leidlich für Sie werden muß. Eine ſolche Stellung iſt nur gut für Jemand, der, weil er nicht auf eigenen Füßen ſtehen kann, gezwungen 168 Problematiſche Naturen. iſt, ſich an Andere anzulehnen; der von Jugend auf gewohnt iſt, ſeinen Willen, ſeine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen, oder beſſer noch, der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Mei⸗ nung hat. Von dem Allen iſt bei Ihnen das Gegentheil der Fall. Sie ſind viel zu bedeutend für dieſe unbedeutenden Menſchen. Sie ärgern ſich über dieſe Menſchen, und vice versa. Das iſt einmal nicht anders, wo ſo heterogene Elemente eine Verbindung eingehen ſollen. Sie halten die Baronin für das, was ſie iſt, für eine dünkel⸗ hafte, adelsſtolze, trotz ihrer Beleſenheit bornirte, engherzige, geizige Perſon, die Baronin hält Sie für das, was Sie nicht ſind: für einen unendlich in ſich verliebten, hochmüthigen Narren. Sie leben in einem Hauſe, Sie eſſen an einem Tiſch, und haben doch ſo wenig Berüh⸗ rungspunkte, als ob Sie durch eine Welt getrennt wären;Sie bleiben bei einander, weil Keiner aus dieſem oder jenem Grunde das Wort der Trennung ſprechen will, bis ein Augenblick kommt, der den Einen und den Andern gebieteriſch zur Entſcheidung drängt. Habe ich nicht recht?“ „Ich kann es nicht in Abrede ſtellen.“ „Sehen Sie. Und die Sache wird, glaube ich, jetzt noch ſchlim⸗ mer werden.“ „Warum jetzt.“ „Bis jetzt hatten Sie in dieſem Narrenhauſe nur ein edles Ge⸗ ſchöpf, das Sie lieben und bemitleiden konnten: den köſtlichen Bruno; jetzt, wenn Sie zurückkehren, werden Sie noch einen zweiten Clienten, oder vielmehr eine zweite Clientin finden. Ich fürchte, das arme Kind iſt, um die erſte Rolle einer Familientragödie zu übernehmen, aus der Idylle ihres Hamburger Penſionats hierher nach Grenwitz geſchleppt worden. Ich fürchte, es ſteht eine ſchwere Gewitterwolke über dem ſchönen Haupt des unglücklichen Mädchens. Sie werden, wie ich Sie kenne, verſuchen wollen, den Schlag abzuwenden, und untröſtlich ſein, daß Sie es nicht vermögen. Sie blicken mich mit großen Augen fragend an, und ich ſehe, daß Sie von den Geheim⸗ niſſen der Familie, in der Sie ſchon ſeit einem Vierteljahre leben, noch ſo gut wie gar nichts wiſſen. Die Sache iſt die: Anna⸗Maria lebt in beſtändiger Furcht vor dem Tode des alten Barons, weil, wenn — —— Zweiter Band. 59 der Baron ſtirbt, ſie nicht nur einen alten Gemahl, ſondern auch die, angenehme Ausſicht verliert, ſich aus dem Ueberſchuß der Revenüen nach und nach ein bedeutendes Vermögen zurücklegen zu können. Deshalb iſt ihr Malte lange nicht ſo wichtig. Dennoch fürchtet ſie auch für den, da bei ſeinem Tode das Majorat ganz aus dieſer Linie heraus an eine noch jüngere fallen würde, die durch Felix von Gren⸗ witz, einen Ex⸗Lieutenant und notvriſchen Roué, repräſentirt wird. Und nun kommt die Teufelei: um, wenn auch der Baron und ſelbſt Malte vor der Zeit ſterben ſollten, doch immer noch, ſo zu ſagen, die Hand im Spiele zu haben, hat Anna⸗Maria eine Heirath zwiſchen Fräulein Helene und dem ausgezeichneten Vetter Felix projectirt. Das arme Kind weiß nichts von dieſem intereſſanten Plan, deſto mehr aber, fürchte ich, der ausgezeichneteFelix, der in wenigen Tagen nach Gren⸗ witz kommen wird, um fern von dem aufregenden ſtädtiſchen Treiben in der Stille des Landlebens ganz ſeiner angegriffenen Geſundheit zu leben, wie die Baronin ſagt. Mit einem Worte: es iſt die alltägliche Miſore von Soll und Haben, das ganz gemeine Brimborium, durch welches ein unſchuldiges Püppchen geknetet und zugerichtet wird, und Ihnen wird das Glück zu Theil werden, dieſem erhebenden Schauſpiel als unbefangener Beobachter beiwohnen zu dürfen.“ „Das wird nimmermehr geſchehen,“ rief Oswald. „Sie wollen alſo Ihre Stelle aufgeben?“ „Ich muß es wohl,— oder—“ eine Sturmfluth von Leiden⸗ ſchaft brauſte durch Oswald's Seele. Er dachte an die unglückliche Marie, die jetzt oft mit auf der Bruſt gefaltenen Händen, wie eine ſchmerzensreiche Heilige durch ſeine Träume glitt, er dachte an Me⸗ litta, die verkauft worden war von ihrem eigenen Vater! Jetzt ſollte ſich das Bubenſtück wiederholen— vor ſeinen Augen— „Nimmermehr, nimmermehr!“ rief er. „Sie wollen alſo Ihre Stelle aufgeben?“ „Nein; wenigſtens nicht, bevor ich, ſo oder ſo, die Ausführung dieſes ſchurkiſchen Planes vereitelt habe; bevor ich gethan habe, was ich konnte, ihn zu vereiteln!“ „Aber was werden Sie thun können? Lieber Freund, die Groß⸗ muth iſt eine Tugend, der wir genau auf die Finger ſehen müſſen, N Problematiſche Naturen. damit ſie uns nicht die Heldenkrone, von der wir träumen, in eine klingende Schellenkappe verwandelt. Denken Sie an den edlen Jun⸗ ker aus der Mancha, und wie ſein ritterlicher Leib geſchunden und geprügelt wurde für die Wallungen ſeines guten Herzens!— Und dann: wiſſen Sie denn, ob die Andromeda, deren Perſeus Sie wer⸗ den wollen, überhaupt befreit ſein will? Ich kenne den Baron Felir nicht— vielleicht iſt er beſſer, als ſein Ruf; ich habe nicht drei Worte mit Fräulein Helene geſprochen— vielleicht iſt ſie keineswegs ſo lieb und gut, wie ſie ſchön iſt.“ „Sie iſt es, ſie iſt es, verlaſſen Sie ſich darauf;“ rief Oswald eifrig. „Gut, daß Sie noch nicht dreißig Jahre alt ſind;“ ſagte der Doctor lachend. „Weshalb?“ „Sie wiſſen, was den Schwärmern, nach Goethe's Ausſpruch, in dem bezeichneten Lebensalter zukommt? der Tod— an demſelben Kreuze, welches ſie bis dahin keuchend durch das Leben ſchleppten.— Aber da ſind wir ſchon nahe am Thore. Wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie hier abſetze? Ich habe noch einen Beſuch im Dorfe zu machen und dieſer Weg führt direct hin, während ich über den Schloß⸗ hof einen langen Umweg machen muß. Uebermorgen komme ich wie⸗ der nach Grenwitz. Hoffentlich geht Ihr Puls dann ruhiger. Ich ſagte Ihnen ja gleich: Die Einſamkeit iſt reines Gift für Ihre Natur. Adien!“ vierzehntes Capitel. Es war ein köſtlicher Anblick, den der Schloßhof von Grenwitz in dem Augenblick gewährte, als ihn Oswald durch das finſtere Thor betrat, ein Anblick, wohl geeignet, ein ſchmerzlich zuckendes Herz zur Ruhe zu wiegen. Während die höchſten Kuppen der gewaltigen Lin⸗ den, die auf das Portal des Schloſſes zuführten, und die Zinne des v Zweiter Band. 171 Thurmes noch vom rothen Abendlichte angeſtrahlt waren, lag ſchon tiefer Schatten unter den Bäumen, neben dem Walle, über dem lan⸗ gen Graſe, das überall zwiſchen den Steinen des FPflaſters empor⸗ wuchs. Aus den Kronen der Linden, die mit weißem Blüthenſchnee überdeckt waren, ſtrömte ein ſüßer Duft, der die ganze Atmoſphäre erfüllte. Rings umher war es ſo ſtill, daß man deutlich das ge⸗ ſchäftige Summen der Inſecten vernahm; auf dem Rand des Brußnens mit der kopfloſen Najade ſaß ein Vöglein und ſang der untergehenden Sonne nach; hoch oben in der roſigen Luft ſchoſſen noch immer einzelne Schwalben, als könnten ſie ſich heute, wo es doch gar ſo wunderſchön ſei, gar nicht entſchließen, zur Erde zurück⸗ zukehren. Langſam, faſt zögernd, ſchritt Oswald dem Schloſſe zu. Er fühlte tief den Zauber dieſer Abendſtunde und wußte, daß das erſte Menſchenwort denſelben zerſtören würde. Aber er begegnete Nie⸗ manden. Der ganze Hof war wie ausgeſtorben. Er ſtieg die Wendel⸗ treppe hinauf und ging durch die langen Corridore, die von ſeinem Fußtritt wiederhallten, auf ſein Zimmer. Die Fenſter waren geöffnet, und der Lehnſtuhl in der Niſche hatte den rechten Platz, auf dem Tiſche vor dem Sopha ſtand eine Vaſe, angefüllt mit friſchen Blu⸗ men, der Kopf des Apollo von Belvedere hatte ſich eine ſchmale Krone von Epheu gefallen laſſen müſſen. Es war aufgeräumt in dem Zimmer, aber ſo, wie es nur von Jemand geſchehen kann, der die Eigenheiten des Bewohners ganz genau kennt. Offenbar hatte hier Bruno's Hand gewaltet. Oswald fühlte ſich durch das ſtumme und doch ſo beredte Will⸗ kommen auf das angenehmſte berührt. Es war wie eine warme Hand, die freundlich die ſeine drückte, wie ein Hauch, der liebevoll ſeinen Namen flüſterte. Der Sturm in ſeiner Seele, welchen die Worte des Doctors erregt hatten, war vorübergebrauſt, und an die Stelle des wilden Zornes eine ſchwermuthsvolle Trauer getreten, daß die Menſchen dieſer herrlichen Erde nicht werth ſeien und in ihres Sinnes Thorheit ſich, gegen das Geſchick, Schmerzen und Qualen ohne Zahl bereiteten.. Oswald hatte, den Kopf in die Hand geſtützt, am Fenſter geſeſſen. 172 Problematiſche Naturen. Da war es ihm, als hörte er von dem Raſenplatze an der anderen Seite des Schloſſes Stimmen erſchallen. Er erinnerte ſich, daß es wohl an der Zeit ſei, die Geſellſchaft aufzuſuchen und zu begrüßen. Er kleidete ſich um, nahm eine Nelke aus dem Blumenſtrauß und ging hinunter. Als er die Thür des Wohnzimmers öffnete, aus welchem die Fenſterthür nach dem Raſenplatz führte, hörte er die Stimmen deut⸗ licher, und als er ein paar Schritte in das leere Zimmer hinein ge⸗ than hatte, ſah er auch ſchon einen Theil der Geſellſchaft, die auf dem Raſen mit dem Lieblingsſpiel der Baronin, dem Reifenſpiel, eifrigſt beſchäftigt war. Er näherte ſich leiſe der Thür und blieb auf dem⸗ ſelben Platze ſtehen, von welchem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn zum erſten Male erblickt hatte, als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bäumen hervortrat. Die Geſellſchaft beſtand aus dem Baron und der Baronin, Made⸗ moiſelle Marguerite und Herrn Timm, Malte und Bruno und einer jungen Dame, die Oswald den Rücken zugewandt hatte, ſo daß er nur die ſchlanke, leichte Geſtalt, deren reizende Formen ein einfaches weißes Gewand gar anmuthig hervortreten ließ, und das üppig dichte, leicht gekräuſelte, blauſchwarze Haar bemerken konnte, welches in ver Mitte geſcheitelt und hinten in vielen Zöpfen zuſammengeſteckt, die Linien des wundervoll ſchön geformten Kopfes in weichen Umriſſen nachzeichnete. Oswald's Blicke waren, wie von einem Zauber, an dieſe jugend⸗ liche Geſtalt gefeſſelt, die, ohne den Platz zu verlaſſen, beinahe regungslos daſtand, und nur in regelmäßigen Zwiſchenräumen die Arme hob, um den Reif aufzufangen, den Bruno, ihr Nachbar, mit nie fehlender Sicherheit ſtets ſo ſchleuderte, daß er in einem Halb⸗ bogen unmittelbar auf ihren Stock herabſchwebte, oder den eben auf⸗ gefangenen Reif weiter zu ſchicken an Malte, der ihn jedes zweite Mal fallen ließ und ſich bitter beklagte, Helene werfe ſo ſchlecht, und Helene thue es ihm nur zum Aerger, und es müſſe ein Anderer an Helenen's Stelle treten. „So komm hierher, Helene,“ ſagte die Baronin,„Du wirfſt auch wirklich ſehr ſchlecht.“ Zweiter Band. 2 Mutter und Tochter tauſchten mit den Plätzen, und Oswald konnte jetzt Helene voll in's Antlitz ſehen... Es war eins der Geſichter, die man nie wieder vergißt, wenn man einmal mit fühlenden Augen hineingeſchaut, an die ſich noch der Greis über ein halbes Jahrhundert weg mit wehmüthiger Freude er⸗ innert, wie er ſich an einen warmen Sommerabend erinnert, als er— ein kleiner Schulknabe— mit den Brüdern im Garten ſpielte und aus der Laube das Lachen der großen Mädchen klang: eins der Geſichter, die uns, wenn wir noch ſo traurig ſind, anlächeln, wie ein Sonnenblick an einem düſtern Herbſttage, die, wenn es in unſerm Herzen noch ſo öde iſt, uns wieder an Poeſie und Alles, was ſchön und göttlich iſt, glauben machen. Oswald ſtand in Bewunderung verloren, wie man vor einem wunderherrlichen Gemälde anbetend ſtehen bleibt. Es war nicht das liebliche Oval des reizenden Geſichtes; es waren nicht die großen, dunkeln, träumeriſchen Augen, die aus den langen ſchwarzen Wimpern mit einem ſo zauberiſchen Lichte leuchteten; es waren nicht die vollen roſigen Lippen, die ſo freundlich lächeln konnten; es war nicht das dunkle Incarnat des ſammetweichen Teints— es war eben Alles in Allem. Wer kann die Sonnenſtrahlen fangen? wer die Töne der 173 Nachtigall auf Noten bringen? wer die Schönheit zergliedern? Os⸗ wald verſuchte es auch nicht; er fühlte nur, daß er etwas Schöneres nie im Leben geſehen habe, nie wieder ſehen werde, und es war ihm, als ob ein holder Traum, den er oft und oft geträumt, nun endlich in Erfüllung gegangen, als ob die blaue Blume, nach der er all⸗ überall vergeblich geſucht, nun endlich gefunden ſei.. Oswald wollte die Geſellſchaft begrüßen, aber es war, als ob ſein Fuß an den Boden gefeſſelt wäre. Eine ihm unerklärliche Angſt ergriff ihn, ein banges Zagen, als ob jetzt etwas Ungeheures ge⸗ ſchehen müſſe, als werde in dieſem Augenblick von geheimen Mächten des Schickſals über das Wohl und Wehe ſeines Lebens entſchieden... er hätte fliegen mögen, weit, weit fort, in die tiefſte Einſamkeit... Da bemerkte er, daß der alte Baron, dem es draußen zu kühl werden mochte, aus dem Kreiſe ausgeſchieden war und ſich dem Hauſe 174 Problematiſche Naturen. näherte. Er raffte ſich gewaltſam empor und trat durch die Fenſter⸗ thür dem Kommenden entgegen. Sein Erſcheinen wurde natürlich ſofort bemerkt und ein allgemeines: ah, Herr Stein! ſieh da, Herr Doctor! bewillkommnete ihn, während Bruno, den Anderen voraus, mit ein paar mächtigen Sprüngen bei ihm war und ihn umarmt hatte, ehe er an Jene herantreten und ſie begrüßen konnte. „Das iſt ja charmant, Herr Doector;“ ſagte die Baronin mit ihrem gnädigſten Lächeln.„Wir waren ſchon untröſtlich bei dem Ge⸗ danken, Sie noch wochenlang entbehren zu müſſen und nun ſind Sie ſchon wieder in unſrer Mitte. Was ſagen Sie denn, daß wir ſo bald wieder umkehren mußten! Der arme Grenwitz, er iſt recht krank geweſen! Geh hinein, lieber Grenwitz; es iſt wirklich ſchon recht kühl draußen. Wir wollen Alle hineingehen— Und unſer kleiner Kreis hat ſich unterdeſſen vergrößert. Wo iſt denn Helene— Hélène, venez ici, ma chère! Laſſen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorſtellen; ich habe ihr Hoffnung gemacht, daß Sie die Güte haben wollen, ihr zu helfen, die vielen, vielen Lücken in ihren Kenntniſſen etwas auszufüllen, denn Sie glauben nicht, welch eine Stümperei eine ſolche Penſionats⸗Erziehung in wiſſenſchaftlicher Hinſicht iſt! Nicht wahr, Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schüler aufnehmen? — Mademoiselle, n'avez vous pas vu mon fichu? ah— le voila, merci bien! et dites donc, qu'on allume la lampe! Ich denke, wir bleiben Alle etwas im Salon beiſammen.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Herr Timm, der gegen ſeine Gewohn⸗ heit bis jetzt ſehr ſtill geweſen war;„ſaure Wochen, frohe Feſte, Tages Arbeit und Abends eine gemüthliche Bowle, wie der alte Geheimrath ſagt. Das ſoll keine Anſpielung ſein, gnädige Frau, bei Leibe nicht!“ „Aber es wäre Ihnen doch nicht unlieb, wenn ich es für eine Anſpielung nähme,“ ſagte die Baronin, die heute Abend entſchloſſen ſchien, Alles zu bezaubern. „Ich müßte lügen, wollte ich das Gegentheil behaupten,“ fagte Herr Timm, die Hand aufs Herz legend;„und Sie wiſſen, gnädige Frau, daß mir alle Lüge in den Tod verhaßt iſt.“ „Eh bien!“ ſagte die Baronin,„und Sie ſollen die Ingredienzien Zweiter Band. 175 ſelh vepummen; wollen Sie ſich darüber mit Mademoiſelle in Ein⸗ veäehmen ſetzen?“ Famos,“ ſagte Herr Timm,„gnädige Frau, ich muß Ihnen die Hand küſſen;“ und nachdem er den Worten die That hatte folgen 3 aſſen, zog er die kleine Franzöſin bei Seite, ihr das Recept zu einer famoſen Bowle“ mitzutheilen. Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beiſammen zeweſen, Herr Timm hatte einige komiſche Lieder eigener Compoſition 3 im Clavier recht hübſch vorgetragen, einige komiſche Scenen, in denen rzu gleicher Zeit als zwei oder drei verſchiedene Perſonen auftrat ind mit zwei oder drei verſchiedenen Stimmen redete, aufgeführt,— urz, er hatte Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, gethan, um die rach den erſten zehn Minuten ziemlich einſilbig gewordene Geſellſchaft u unterhalten, und trotz alledem die von ihm ſelbſt gebraute Bowle uch ziemlich allein ausgetrunken— als die Baronin zum Aufbruch nahnte. Herr Timm erbat ſich als einzigen Ehrenſold für ſeine Femühungen am heutigen Abend die Erlaubniß, den Damen vom 5 Heuſe die Hand küſſen zu dürfen, eine Erlaubniß, die ihm von der Beronin mit gnädiger Bereitwilligkeit, von Fräulein Helene aber nicht zugeſtanden wurde, die kurz und trocken, und die ſchönen Brauen ein wenig zuſammenziehend, bemerkte, der Künſtler müſſe ſeinen Lohn in ſich ſelbſt tragen. Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben, 3 aber Oswald ſchnitt die weiteren Auseinanderſetzungen ab, indem er it „gute Nacht“ wünſchte und mit Bruno(Malte hatte ſich ſchon früher entfernt) das Zimmer verließ und ſo Herrn Timm, der in demſelben it Theile des Schloſſes wohnte, zwang, ſich ebenfalls zu empfehlen. Ueberhaupt hatte Oswald ſeinen neuen Freund heute Abend nicht gerade freundlich behandelt und es gehörte die ganze Gutmüthigkeit 3 und Anſpruchsloſigkeit dieſes Letzteren dazu, ſich dadurch in keiner. Weiſe ſtören zu laſſen, und in ſeinem übermüthigen Geſchwätz fort⸗ zufahren, bis ſie ſich, vor ihren Thüren angekommen, trennten. 3 „Gott ſei Dank!“ ſagte Oswald, als er ſich mit Bruno in ſeinem. Zimmer allein ſah;„endlich ſind wir den läſtigen Schwätzer los. d ich habe Dich noch gar nicht um Verzeihung bitten können, daß neulich beim Abſchied ſo kalt und gleichgültig war, Dir noch nicht 176 Problematiſche Naturen. danken können, daß Du brüderlich Alles vergeſſen haſt— mir ei 3o freundliches Willkommen bereitet haſt. Nicht wahr, dieſe Blumen ſi, von Dir?“ — „Und der Epheukranz dort um die Stirn des Apollo iſt von Dir?“ „Ja „Und Du haſt den Lehnſtuhl an die rechte Stelle gerückt?“ „Ja „Du lieber, lieber Junge! komm, wir wollen uns Beide hineir⸗ ſetzen, und nun ſollſt Du mir von Deinen Irrfahrten erzählen, vm den Städten, die Du geſehen, von den Cyklopen, die Du geblende, von den Leiden, die Du erduldet haſt in Deiner lieben Seele— Alles, der Ordnung gemäß, weißt Du, wie Polyphem ſeine Schae melkt.“ Oswald hatte ſich in den Stuhl geworfen und Bruno zu ſch gezogen. So faßen ſie; und der Knabe ſchmiegte ſich innig an ſeinn hinzigen Freund, und fiag an zu erzählen, erſt mit ſatyriſcher Laune ie Hinfahrt ſchildernd, wie bald der Baron und bald Malte nicht atten rückwärts fahren können, wie zuletzt Beide auf dem Bock ge⸗ eſſen hatten, und der Poſtillon im Wagen— und wie er, Bmno, ergnügt geweſen ſei, als immer neue Städte und Dörfer vor ſeinen Blicken auftauchten, und nun zuletzt das große Hamburg. Dann nahm ſeine Erzählung einen andern Ton an. Er ſchilderte nit allem Ernſte den Eindruck, welchen die Stadt auf ihn gemacht hatte, die großen ſtattlichen Häuſer, das Gedränge in den Straßen, as Treiben im Hafen, die vielen Schiffe, das Alſterbaſſin, in welchem ſich die großen Lichter ſpiegelten, und welche zauberiſche Wirkung das hervorbringe, wenn man langſam am Rande hinſpaziere, und wie er tinmal beinahe ins Waſſer gefallen wäre, wenn ihn Helene nicht ge⸗ 8 hätte. Und nun nachdem Helenens Namen erſt einmal genannt war, tauchte er immer wieder auf, wie ein leuchtender Stern aus treibenden Wolken: wie Helene geweint habe, als ſie von Hamburg abreiſten, wie ſie auf das Wort ihrer Mutter:„es ſcheint Dir recht viele Freude zu machen, zu Deinen Eltern zurückzukehren,“ die Thrönen 1 Zweiter Band. 177 getrocknet, aber auch auf der ganzen Reiſe kaum einmal wieder ge⸗ lächelt habe. Denn ſie ſei ſehr ſtolz, aber auch ſehr, ſehr gut gegen Alle, die ſie lieb habe, zum Beiſpiel gegen ihren Vater, und auch gegen ihn(Bruno), obgleich er durchaus nicht behaupten wolle, daß ſie ihn lieb habe— ſo arrogant ſei er durchaus nicht— aber ſo viel ſei gewiß, daß ſie eines Abends, als es ſchon ſehr ſpät war und er, von dem vielen Fahren müde, die Augen nicht mehr aufhalten, vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen konnte, es ſich ruhig gefallen ließ, als ſein Kopf in der Schlaftrunken⸗ —— heit auf ihre Schulter ſank, und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb. Das werde er ihr nie vergeſſen und wenn er einmal Gelegen⸗ heit haben ſollte, ihr einen Dienſt zu leiſten, dann wünſche er nur, daß es dabei um Hals und Kragen gehe, ſonſt hätte es doch keine rechte Art. So ſprach der Knabe und ſeine Worte fielen dicht wie Feuer⸗ funken aus einem Gebäude, das in hellen Flammen ſteht und ſeine Wangen glühten. Oswald bemerkte wohl, daß das ſchöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht hatte, aber wrie groß, wie allmächtig dieſer Eindruck war, welche Revolution in dieſer frühreifen, übermächtigen Natur eine erſte, wie ein Lavaſtrom hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte— das ahnte er nicht. Er ſcherzte über ſeines Lieblings feurigen Enthuſiasmus, um ſo witziger und feiner, als er denſelben in nicht geringem Grade theilte, und Bruno, der ſich von Oswald Alles gefallen ließ, lachte mit und lächelnd und ſcherzend ſagten ſie ſich gute Nacht. Bruno ging in ſeine Kammer, Oswald ſetzte ſich wieder in den Lehnſtuhl... Auf dem Tiſch vor dem Sopha brannte die Lampe, aber ſo dunkel, daß man das Flimmern des Mondes, der eben über die Buchen des Walles heraufſtieg, wohl in der Stube bemerkte; ein einzelner Stern in der Nähe der Mondſichel ſchimmerte aus dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels. Durch das offene Fenſter ſtrömte die weiche balſamiſche Nachtluft 6 war ſo ſtill, daß man die fallenden Tautropfen deutlich hörte. Und jetzt, während Oswald ſaß und lauſchte, klangen, wie die Töne einer Aeolsharfe, auf einem, Flügel mit kunſtgeübter Hand angeſchlagene Accorde zu ihm hen Fr. Spielhagen's Werke. II. 12 178 Problematiſche Naturen. erſt leiſe, leiſe als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken, dann ganz allmälig lauter. Die Accorde floſſen zuſammen zu der Melodie eines Liedes, und bald begann eine weiche Alt⸗ ſtimme das Lied zu der Melodie zu ſingen.. Oswald konnte die Worte nicht vernehmen, aber ſie ſchienen ſanft und traurig zu ſein, wie die Melodie, deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen ſprach.. Dieſe Muſik zu dieſer Stunde würde Oswald entzückt haben, auch wenn er nicht hätte ahnen können, wer die Sängerin war. Jetzt aber, wo er wußte, daß es Niemand ſein konnte, als das ſchöne Mädchen, vor dem ſich heute Abend, wie vor einer überirdiſchen Er⸗ ſcheinung, ſeine Seele anbetend geneigt hatte, bei deſſen Anblick es über ihn gekommen war, wie die Offenbarung einer höheren Welt— klangen die tiefſten Saiten ſeines Herzens mit, und wie der Gläubige, was in ihm wogt und drängt, in ein Gebet zu gießen verſucht, ſo fühlte Oswald den Drang, in Worten auszuſprechen, was ſeine Seele ſo mächtig erregte. Er erhob ſich wie trunken aus dem Sitz am Fenſter; er ſchritt an den Tiſch und ſchrieb kaum wiſſend, was er ſchrieb: Nie, ſeit der wunderbaren heil'gen Stunde, Die Milton's hoher Genins beſang, Als von des erſten Menſchen reinem Munde Das erſte ſüße Wort der Liebe klang,— Und alle Vöglein ſangen's in der Runde, Und jedes Blümlein aus der Knospe ſprang— Nie iſt ein Weib auf Erden je erſchienen, Dem, ſo wie Dir, die Engel ſichtbar dienen. O, Du biſt lieb! lieb, wie der Gott der Träume, Der uns Vergeſſenheit der Schmerzen bringt, So hold, wie Mondſchein, der durch Blüthenbäume In unſer lauſchig dunkles Zimmer dringt— Süß, wie Dein Sang, der durch die ſtillen Ränme In tiefer Nacht zu mir herüberklingt— Du biſt ſo ſchön, daß man wie ſie Dich nannte, ve Für die der Krieg um Troja einſt entbrannte. Zweiter Band. 179 Geheimnißvolle hehre Macht des Schönen! Als unſer Heiland biſt Du uns geſandt. Du ſollſt uns wieder mit uns ſelbſt verſöhnen, Die wir zu ſtürmiſch durch die Welt gerannt; Und wie mit ſeiner Harfe gold'nen Tönen, Iſai's Sohn des Saulns Weh gebannt, So wird aus Deinen liebetiefen Angen Manch' düſtrer Blick ſich Licht und Hoffnung ſaugen. Aus Deinen holden Augen! wo ſie ſtrahlen In ihrer dunklen, märchenhaften Pracht, Da ſind vergeſſen alle Erdenqualen, Da wird es hell in tiefſter Leidensnacht, Wo ſie erglänzen, wird in kummerfahlen, Geſenkten Stirnen Leben neu entfacht— In müden Pilgern, die in allen Landen Die blaue Blume ſuchten und nicht fanden. D Blume, Mädchen! nie leg ab die Krone, Die jetzt auf Deinem jungen Hanpte ruht, Gieb nimmer Raum dem frevelhaften Hohne, Daß, was ſo engelſchön, nicht engelgut! 8 Wie heute ſtets, in heil'ger Unſchuld, wohne, 1 In aller guten Geiſter treuer Hut, Auf daß getroſt in trüber Erdenferne Verirrte Wand'rer folgen Deinem Sterne.. Oswald trat wieder an's Fenſter; der Mond und der Stern waren von einer ſchweren Wetterwolke bedeckt, die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war; der Geſang war verſtummt, lauter rauſchte der Nachtwind in den Bäumen... Er ſchloß das Fenſter und ſuchte ſein Lager auf. Es umfing ihn ein ſchwerer Schlaf, durch den beängſtigende Träume zogen. Bald befand er ſich in Feuersgefahr, bald ſollte er von wilden Thieren zerriſſen werden, bald überfiel ihn jene Angſt, deren unſägliches Grauſen nicht von dieſer Welt zu ſtammen ſcheint; aber ſtets, in dem Augenblicke der höchſten Noth, trat ihm ein Engel zur Seite, und ſtreckte ſchützend ſeine Hand über ihn, und dieſer Engel trug die üge— Melitta's. S 12* Problematiſche Naturen. Fünßehntes Capitel. Als Oswald am nächſten Morgen unter den Papieren auf ſeinem Schreibtiſch kramte, fiel ihm ein Briefchen in die Hände, das er geſtern Abend überſehen hatte. Er erkannte ſogleich die Handſchrift, welche mit ihren bald kühnen und großartigen, bald kritzlich verwor⸗ renen Zügen ſo problematiſch war, wie der Charakter des Schreibers. Das Billet war von Oldenburg und lautete: So eben erhalte ich eine Nachricht, die mich nöthigt, ſofort eine größere Reiſe anzutreten, von der ich nicht zu beſtimmen vermag, wie lange ſie dauern wird. Unter acht Tagen ſchwerlich. Ich ſchreibe dieſen Brief, um ihn auf Grenwitz abzugeben, im Falle ich Sie nicht perſönlich ſprechen ſollte, was mir ſehr leid thun würde, da ich Ihnen Vieles zu ſagen hätte. Unſere Czika nehme ich mit, da mir die So⸗ litüde während meiner Abweſenheit kein ſicherer Aufenthalt für das Kind ſcheint. Bis zu dem Termin, den uns die Zigeunerin geſtellt hat, bin ich jedenfalls zurück. Bis dahin leben Sie wohl! In großer Eile und noch größerer Freundſchaft 8 OHswald fühlte ſich durch dieſen Brief eigenthümlich berührt, denn er ahnte mit jener Divinationsgabe, die in Herzensangelegen⸗ heiten eine ſo große Rolle ſpielt, irgend einen Zuſammenhang zwiſchen dieſer plötzlichen Abreiſe Oldenburg's und der Abreiſe Melitta's. War es, daß er in der letzten Zeit wiederum ſo viel über das Ver⸗ hältniß der Beiden, das ihm durch Melitta's in der Mitte abge⸗ brochene Erzählung in einem ganz neuen Lichte erſchienen und doch noch lange nicht hinreichend aufgehellt war, nachgedacht hatte; war es nur der Umſtand, daß der Brief Oldenburg's ſo dunkel gehalten war— genug, Oswald empfand es als eine Art Beleidigung, daß er nach dieſer Seite hin fort und fort auf Räthſel ſtieß. Er nahm ſich vor, noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann anzufragen, ob ein Brief Melitta's für ihn da ſei. Zweiter Band. 181 Dann nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung, als ſein Auge auf die Verſe fiel, die er geſtern Abend geſchrieben hatte. Er mußte lächeln, als er ſie jetzt durchlas.„Da hat Dir Deine leidige Phantaſie wieder einmal einen rechten Streich geſpielt;“ ſprach er bei ſich.„Es braucht Dir nur Jemand von einem hübſchen Mädchen zu erzählen, das einen Andern, als Deine Hoheit, heirathen ſoll, und Du geräthſt in einen Paroxysmus des Mitleidens mit dem jungen Mädchen und in einen Paroxysmus des Haſſes gegen den jungen Mann. Und hernach brauchſt Du das Mädchen nur ſelber zu ſehen und zu finden, daß ſie große dunkle leuchtende Augen hat und über⸗ haupt intereſſanter ausſieht, als die Backfiſche im Allgemeinen, und ein Knabe braucht Dir nur eine halbe Stunde von beſagtem Back⸗ fiſch vorzuſchwärmen, ſo fühlſt Du Dich gemüßigt, ſo überſchwäng⸗ liche Verſe zu ſchreiben wie dieſe hier, die ich in das Feuer des Ofens ſtecken würde, wenn wir uns nicht unglücklicherweiſe in den Hundstagen befänden.“ Indeſſen Oswald ſtellte das Autodafé nicht an, obgleich die Flamme eines Lichtes dieſelben Dienſte gethan haben würde, wie das Feuer im Ofen, ſondern legte das Blatt ſehr ſorgfältig in ſein Pult — vermuthlich, es zu Erinnerung an eine ſchwache Stunde wahren, da er ſonſt ziemlich frei von der Affenliebe war,* e junge angehende Dichter für die Kinder ihres Geiſtes zu empfi pflegen. Der Morgen grüßte ſo freundlich aus dem thaufriſchen Garten herauf, daß Oswald dem Verlangen, ein wenig zwiſchen den blumen⸗ reichen Beeten und in den ſchattigen Laubgängen umherzuſchlendern, nicht widerſtehen konnte. Ueßerdies war es noch ſehr früh— noch beinahe zwei Stunden Zeit— die Knaben ſchliefen noch. Oswald eilte hinab und ſuchte ſeinen Lieblingsplatz auf, den mächtigen Wall, der Schloß und Garten und Hof umfaßte und auf welchem es ſich unter den Buchen und Nußbäumen gar anmuthig promenirte, beſonders am Morgen, wenn die rothen Sonnenſtrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch luſtiger als ſonſt auf dem grün überwachſenen Graben ihr Weſen trieben. ——— ————— —— 182 Problematiſche Naturen. Oswald ſchlenderte langſam dahin, die reizenden Einzelnheiten des wonnigen Morgens mit allen Sinnen genießend, heute um ſo mehr, als die Lieblichkeit, die ſanfte Schönheit, die ihn hier rings umher anlächelte, gar ſeltſam mit der öden Monotonie der Meeres⸗ küſte, die er in der letzten Zeit beſtändig vor Augen gehabt hatte, contraſtirte. Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich, wie er ſich von ſeiner düſtern Laune ſo ganz habe beherrſchen laſſen können. Der Doctor hatte Recht: die Einſamkeit iſt ein ſüßes berauſchendes und zuletzt tödtliches Gift. Ich muß den Doctor öfter zu Rathe ziehen. Ein klarer Kopf, der die Dinge und Menſchen und Verhältniſſe ſtets in dem rechten Lichte ſieht. Aber in Betreff der zwiſchen Fräulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirath irrt er ſich doch. Erſtens iſt ſie noch viel zu jung, zweitens iſt ſie viel zu ſchön und drittens will ich es nicht! Hören Sie, Madame la Baronesse: ich will es nicht! Sie werden Ihr ſauberes Projeet nicht ausführen, wenn Sie auch noch ſo ſehr mit Ihren großen herrſchſüchtigen Augen rollen und ſich zu Ihrer ganzen ſtattlichen Höhe emporrichten. Es war ein Glück, daß Oswald dieſe Worte nicht pathetiſch in den ſtillen Garten hineindeclamirte, ſondern nur leiſe durch die Zähne mupmelte, denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog, die durch ein dichtes weit vorſpringendes Gebüſch noch ſchärfer gemacht wurde, fand er ſich plötzlich Fräulein Helene, die von der andern Seite kam, gegenüber. Dies Zuſammentreffen war für beide Theile ſo über⸗ raſchend, daß das junge Mädchen nur mit Mühe einen leiſen Schrei unterdrückte, und Oswald, ſehr gegen ſeine Gewohnheit, geradezu verlegen wurde und nicht wußte, ob er die junge Dame anreden, oder grüßend ſtumm vorübergehen ſolle. Aus dieſem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit, die es vielleicht ganz begreiflich fand, daß der junge Hauslehrer, von deſſen Unterhaltungsgabe ſie geſtern Abend keine beſonders große Meinung bekommen hatte, nicht die Geiſtesgegenwart habe, aus dem Stegreife eine Converſation zu beginnen; und deshalb glaubte, daß eine harmloſe Bemerkung ihrerſeits über den ſchönen Morgen das für die Situation Paſſendſte ſein dürfte. „Der ſchöne Morgen hat Sie auch herausgelockt, wie ich ſehe.“ —— Zweiter Band. *3 mein Fräulein, der Morgen iſt in der That ſehr ſchön.“ „Köſtlich. Haben Sie immer ſo herrliches Wetter in der letzten Zeit gehabt?“ „Immer; das heißt, einige Regentage ausgenommen.“ „Wenn man den Himmel ſo blau ſieht, ſollte man ſchlechtes Wetter für ein Märchen halten, meinen Sie nicht auch?“ „Gewiß.“ Fräulein Helene mochte glauben, daß dieſe geiſtreiche Unterhal⸗ tung nun lange genug gedauert habe, und da ſie zufällig an einer Stelle angelangt waren, wo eine ſchmale Treppe von dem Wall hinab in den Garten führte, ſo hielt ſie es in ihrem und ihres ein⸗ ſilbigen Begleiters Intereſſe für gerathen, dieſe Gelegenheit, die Scene abzubrechen, nicht unbenutzt zu laſſen. „Haben Sie eine Ahnung, welche Zeit wir haben?“ „Halb ſieben.“ „Schon? Da muß ich eilen, in's Schloß zurückzukommen, ehe Mama meine Abweſenheit bemerkt.“ Fräulein Helene nickte vornehm mit dem Kopfe, ſtieg leicht die Treppe hinab und ging langſam zwiſchen den Blumenbeet Hauſe zu. „Dem Glücklichen ſchlägt keine Stunde,“ ſagte Oswald als er der jugendlich ſchlauken Geſtalt nachſchaute,„glücklich. ſie alſo durch meine meteorologiſchen Bemerkungen nicht gemacht; und ihre Eile, in's Schloß zu gelangen, war weniger groß, als die von mir fortzukommen. Jedenfalls ſcheint ſie noch Zeit genug zu haben, ſich ein reizendes Bougquet zu pflücken. Ohne Zweifel für mich. Ich habe augenſcheinlich eine völlſtändige Eroberung gemacht. Wie ſie mich mit ihren wunderbaren Augen, ſo mitleidig halb und verächtlich, anblickte, als wollte ſie ſagen: ich thue Dir wohl einen großen Ge⸗ fallen, wenn ich Dich mit Deiner Blödigkeit allein laſſe! Sie iſt ſtolz, ſagte Bruno; gewiß, aber wie köſtlich ſteht ihr dieſer Stolz; wie kann ein Mädchen mit dieſem Geſicht, dieſen Augen, dieſem Haar anders als ſtolz ſein. Es iſt die Atmoſphäre, in die ſie ſo nothwendig ge⸗ hört, wie ein Adler in die höchſten Lüfte. Der Adler iſt auch ſtolz und kein Menſch nimmt es ihm übel... Wie ſchön das Mädchen iſt! Problematiſche Naturen. eine prächtige Schönheit, die das helle Sonnenlicht nicht braucht, die nur noch ſchöner zu werden ſcheint, je köſtlicher der Rahmen iſt, der ſie umgiebt. Eine unheimliche Schönheit, die uns feſſelt und erſtarren macht, wie die der tödtlich ſchönen Meduſe. Dies Mädchen eine Blume? wo waren meine Augen geſtern? ſie iſt kein lyriſches Gedicht voll Vogelſang und Sonnenſchein, ſie iſt eine ſchwer⸗ müthige Ballade, in der Schwerter klirren und Herzen verbluten, während oben aus dem Thurme ein weißes Tüchlein weht.— Und halt! jetzt weiß ich's: es iſt das leibhaftige Gottſeibeiunsgeſicht der Grenwitz, wie Albert vortrefflich ſagt— Zug für Zug! es iſt das Geſicht Harald's in's Weibliche überſetzt, dieſelben dämoniſchen Augen, derſelbe berauſchend ſinnliche Zug in den vollen, faſt zu vollen Lippen, dieſelbe Kraft in dem üppig dichten blauſchwarzen Haar, das ſich über der breiten feſten Stirn aufkräuſelt!— Vortreffliche Frau Mama! Sie irren ſich ſehr, wenn Sie glauben, daß dieſe Stirn ſich ſo gutwillig unter Ihre Beſchlüſſe beugen wird; ausgezeichneter Baron Felir, Sie müſſen Ihrem Namen wahrhaftig Ehre machen, wenn Sie in dieſem Falle reüſſiren wollen! Der Morgen iſt in der That käſtlic und man ſollte wirklich, wenn man den Himmel ſo blau ſieht, Wetter für ein Märchen halten. Oöwald hatte ſich in der letzten Zeit ſo ausſchließlich mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, daß es ihm jetzt ein Bedürfniß ſchien, ſich zur Abwechſelung einmal auch um die anderer Leute zu bekümmern. Die Baronin war erſtaunt über das Intereſſe, mit wel⸗ chem er heute bei Tiſch, und mehr noch in einer längeren Unter⸗ redung, die ſie nach der Mahlzeit hatten, auf ihre Gedanken einging und verſchiedene von ihr aufgeworfene Fragen betreffs des Unterrichts erörterte: ob es nicht bei der großen Hitze zweckmäßiger ſei, die Lectionen um ſieben, ſtatt wie bisher um acht zu beginnen? ob man die Nachmittagsſtunden nicht lieber ganz ausfallen laſſen wolle? ob die Bücher, aus welchen Helene bis jetzt Geſchichte und Literatur ſtudirt habe, für ſie noch brauchbar ſeien? ob zwei Lectionen wöchent⸗ lich für Helenens Fortbildung hinreichten? und ob er den Morgen oder den Abend für die geeignetere Zeit halte? Zweiter Band. 185 Auch der alte Baron war auf das Angenehmſte überraſcht, als er heute au Oswald einen aufmerkſamen Zuhörer der langen Ge⸗ ſchichte ſeiner kleinen Leiden fand. Er hatte Oswald, der ihn ſtets mit vieler Höflichkeit behandelt hatte, im Herzen immer für einen braven und liebenswürdigen jungen Mann gehalten, trotz des ent⸗ ſchiedenen Widerſpruchs ſeiner Anna⸗Maria und der mindeſtens zwei⸗ felhaften Zuſtimmung des Paſtors Jäger; und er war ordentlich froh, daß er dieſer Geſinnung heute, wo auch die Baronin ſie zu theilen ſchien, endlich einmal einen Ausdruck geben konnte. Ueberhaupt ſchien die Reiſe einen ſehr günſtigen Einfluß auf die Baronin gehabt zu haben. Mademoiſelle Marguerite, der man in dieſer Beziehung wohl ein Urtheil zutrauen durfte, behauptete gegen Albert,„ſie iſt verändert totalement, ſie hat mich nicht geſcholten ein einziges Mal den ganzen Tag;“ worauf der ſinnige Albert erwiederte:„ja, ich finde ſelbſt, der alte Drache iſt heute beinahe genießbar.“ Mit einem Worte, es herrſchte heute ein ſo gutes Einvernehmen, wie noch nie in der Ge⸗ ſellſchaft auf Schloß Grenwitz. Jeder ſchien die Gründe, die er hattte, mit Dieſem oder Jenem weniger zufrieden zu ſein, vergeſſen oder doch in den Hintergrund geſchoben zu haben. Die Motive, die dabeitmgß⸗ gebend waren, mochten allerdings für die Einzelnen ſehr ve ſein; da aber das Reſultat für Alle angenehm war, ſo na bereitwilligſt für baare Münze, was der Andere dafür bot— r⸗ lich, um ſich das Recht zuzuſprechen, Jenem mit derſelben Münze zu bezahlen. Oswald hatte die Begegnung mit Fräulein Helene am Morgen nicht vergeſſen und ſich des Eindrucks, den er dabei auf die ſtolze, junge Dame gemacht haben niußte, wohl bewußt, ſah er es nicht un⸗ gern, daß ihm im Laufe des Tages mehr als eine Gelegenheit wurde, ſeine natürlichen Vorzüge geltend zu machen. Bei Tiſche um eine Er⸗ zählung deſſen, was ihm während der Abweſenheit der Familie be⸗ gegnet war, gebeten, gab er eine Schilderung ſeines einſamen Lebens in Saſſitz, wobei er ſich eine halb humoriſtiſche und halb ſentimentale Rolle zutheilte, natürlich ohne das romantiſche Dunkel, welches über ſeinem dortigen Aufenthalte lag, im mindeſten zu lüften. Die derbe Mutter Karſten wurde zu einem Heldenweib, ihre rothhaarigen Töchter 186 Problematiſche Naturen. Stine und Line zu ſchönen Waſſernixen und der alte halb blödſinnige Vater Steffen zu einem weiſen Merlin; die Kreidefelſen der Käſte wuchſen in's Ungeheure und die Brandung donnerte zwiſchen den Klippen des Strandes mit wahrhaft Oſſianiſcher Majeſtät. Die Ge⸗ ſellſchaft, obgleich ſie die Uebertreibungen wohl herausfühlte, horchte mit athemloſer Spannung, und Oswald empfand es als den ſchönſten Lohn ſeiner phantaſtiſchen Improviſation, daß die großen, glänzenden Augen Helene's während ſeines Vortrages mit einem Ausdruck halb der Verwunderung und halb des Zweifels unverwandt auf ihn ge⸗ richtet waren. Er war ſo ganz die Seele der Geſellſchaft geworden, daß man es ihm ernſtlich übel zu nehmen ſchien, als er gleich nach der Abend⸗ mahlzeit erklärte, den verabredeten Spaziergang durch den Buchen⸗ wald nach dem Strande nicht mitmachen zu können, da morgen Poſt⸗ tag ſei und er einige ſehr wichtige Briefe zu ſchreiben habe. Wenn Oswald die bekannte Regel, ſich in dem Augenblicke aus einer Ge⸗ ſellſchaft zurückzuziehen, wo man ſich ihr unentbehrlich gemacht hat, durch dieſe Weigerung befolgen wollte, ſo konnte er mit der beabſich⸗ tigten Wirkung vollkommen zufrieden ſein. Fräulein Helene wenig⸗ ließ ſich herab, ihn direct zum Bleiben aufzufordern, und wandte h, als er bei ſeinem Vorhaben beharrte, ſo kurz von ihm weg, daß Unmuth nur zu erſichtlich war. Indeſſen Oswald hatte diesmal andere und beſſere Gründe, die ihn nicht zu bleiben beſtimmten. Der funkelnde Stern, der ſoeben über ſeinem Horizonte aufgegangen war, hatte ihn nicht ſo verblendet, daß er das Geſtirn, welches nun ſchon ſo lange mit nimmer ver⸗ löſchendem, ſtets gleichem, treuem, lieblichem Licht auf ihn herabblickte, darüber vergeſſen hätte. Er hatte ſchon geſtern in Saſſitz mit Be⸗ ſtimmtheit auf einen Brief gehofft; er⸗fürchtete, daß der alte Baumann noch am Abend, nachdem er mit dem Doctor weggefahren, vergeblich nach ihm gefragt haben würde. Wohl hatte er Mutter Karſten ge⸗ ſagt, daß er nach Grenwitz zurückgehe, aber dorthin konnte natürlich der alte Baumann einen Brief Melitta's, der ſo leicht in andere Hände fallen konnte, nicht bringen. Und doch hatte Oswald eine große Sehnſucht nach dem längſt erwarteten Brief! Zweiter Band. 187 So ſtahl er ſich denn, gleich nachdem die Geſellſchaft den Schloß⸗ hof verlaſſen hatte, durch den Garten nach dem großen Thor, aus dem man faſt unmittelbar in den Tannenwald zwiſchen Grenwitz und Berkow gelangte. Es dunkelte ſchon unter den hohen Bäumen mit den weit überhangenden Aeſten. Das von der Hitze des Tages durch⸗ wärmte Holz ſtrömte jetzt am kühleren Abend würzigen Duft aus. In dem weiten Revier herrſchte eine faſt unheimliche Stille. Und jetzt in dieſer feierlichen Abendſtunde, in dieſem hehren Waldestempel überkam die Erinnerung an Melitta Oswald's Herz mit aller Macht. Ihre hohe, und bei aller lieblichen Fülle ſo jung⸗ fräuliche Geſtalt, ihr reiches, braunes Haar, das in ſo weichen Wel⸗ len von dem Scheitel zum Nacken herabfloß, ihre dunkeln zärtlichen Augen; ihre reizende Schalkhaftigkeit, ihr liebliches neckiſches Weſen — und ach! vor allem ihre unendliche Güte und Liebe— wie deut⸗ lich ihr Bild vor ſeiner Seele ſtand! wie heiß er ſich gelobte, der Lieben, Guten, Holden nie, auch nur in Gedanken untreu zu werden, und komme, was da wolle, ihre Liebe mit unendlicher Liebe zu er⸗ wiedern. Da ertönte Hufſchlag durch den ſtillen Wald und bald tauchte aus dem Halbdunkel ein Reiter auf, der in raſchem Trabe da kam. Oswald durchfuhr ein freudiger Schrecken, als er in dem Reit alten Baumann auf dem Brownlock erkannte.% „Einen Brief? Haben Sie einen Brief?“ rief er mit einer Hef⸗ tigkeit, die Brownlock einen Schritt zur Seite ſpringen machte. „Ruhig, Brownlock, ruhig,“ ſagte der Alte, dem Pferde den * ſchlanken Hals klopfend;„guten Abend, junger Herr! Ich habe Sie ſchon in Saſſitz geſucht, allwo ich erfahren, daß Sie ſich am geſtri⸗ gen Tage zurück nach Grenwitz begeben. Nun wollte ich ſoeben dort⸗ . hin reiten—“ „Aber, wenn Sie mich nicht ſelbſt getroffen hätten? und unter welchem Vorwande wollten Sie ſich bei mir einführen laſſen?“„Doch Kleichviel— wo iſt der Brief?“ „Hier!“ ſagte der Alte, der unterdeſſen vom Pferde geſtiegen war, ein nicht unbedeutendes Packet aus der tiefen Taſche ſeines langen Ueberrocks ziehend. — She 188 Problematiſche Naturen. „Geben Sie!“ „Nur Geduld, junger Herr! Ich habe an Alles gedacht. Dies Packet iſt, wie Sie ſehen, wohl zugebunden und verſiegelt, und trägt die Aufſchrift: Hierbei die bewußten Bücher mit beſtem Dank zurück. Die andern wird Ihnen Baumann zuſtellen, ſobald ich ſie durchgeleſen habe— und die Unterſchrift: Ihr ergebenſter B.— das kann ja wohl ſo gut Bemperlein als Baumann heißen, nicht wahr?“ Der alte Baumann hatte, während er ſprach, die Schnur um das Packet gelöſt und aus einem der drei Bücher, die es enthielt, einen Brief genommen, den Oswald haſtig erbrach und gegen das Licht hielt, um ihn zu leſen. Aber das Dunkel unter den hohen Bäumen war bereits zu dicht; er vermochte nur noch die Ueberſchrift: liebſtes Herz, mit Mühe zu entziffern. 9 „Ich kann nichts mehr ſehen,“ ſagte er traurig. „Wären Sie in Saſſitz ſitzen geblieben, wie Sie neulich wollten, oder hätten Sie geſtern dem alten Baumann ein Wort zukommen laſſen, ſo wären Sie noch bei guter Tageszeit in Beſitz dieſes Briefes von meiner gnädigen Frau geweſen.“ Hswald fühlte wohl den Vorwurf, der in dieſen ſehr ruhig ge⸗ en Worten lag und es wurde ihm nicht ſchwer, dem treuen 3 Freunde Melitta's ſein Unrecht einzugeſtehen. erzeihen Sie mir,“ ſagte er,„daß ich Ihnen die zweifache Mühe Sant habe, ich habe meine Unbeſonnenheit den ganzen Tag hindurch ſchon verwünſcht und ich bin ſchwer genug dafür beſtraft, denn hier halte ich den theuren Brief in den Händen, und kann doch nicht er⸗ fahren, wie es ihr, wie es Frau von Berkow geht, ob ſie wohl iſt, ob ſie glücklich in N. angekommen iſt, und tauſenderlei, was ich Alles wiſſen möchte und was ohne Zweifel hier ſteht“— und er verſuchte noch einmal den Brief zu leſen.„ „Nu, nu!“ ſagte der alte Baumann;„wegen meiner haben Sie nun ſchon keine Sorge nicht; ſo eine Meile oder zwei mehr oder weniger, darauf kommt es mir und dem Brownlock nicht eben an⸗ Und was die Nachrichten betrifft, die Sie zu haben wünſchen, ſo weiß ich davon auch eine oder die andere mitzutheilen, ſintemalen Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief überſandt hat, in welchem die ——— — Zweiter Band. 189 Reiſe und was ſich bei der Ankunft zugetragen, Alles ausführlich be⸗ richtet iſt.“ Der alte Mann hatte den Zügel über den Arm gehängt und ging neben Oswald her, der ſeine Schritte beeilte, um möglichſt bald nach Grenwitz und auf ſein Zimmer zu kommen. „Die gnädige Frau— Gott behüte ſie,“ ſagte der Alte,„iſt mit Herrn Bemperlein nach Verlauf von drei Tagen glücklich an Ort und Stelle angekommen. Herr Bemperlein hat ſich ſogleich mit Doctor Birkenhain in Vernehmen geſetzt und erkundet, daß Herr von Berkoi noch lebe, auch noch immer ſeiner Beſinnung nicht mächtig, auch ſo ſchwach ſei, daß man ſtündlich ſeiner Auflöſung entgegenſehe. Das hat nun ſo gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des Briefes, allwo die gnädige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn—“ Der Alte unterbrach ſich und huſtete. „Nun, weſſen?“ fragte Oswald, deſſen Verdacht in Betreff des Barons Oldenburg wieder erwachte. „Nun, des Herrn Doctors natürlich, weſſen ſonſt,“ ſagte der Alte;„ja, was wollte ich doch gleich ſagen, Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem Contert gebracht— richtig: alſo in Beglei⸗ tung des⸗ trrn Bemperlein und— hm, hi! des Herrn Doctors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron geweſen ſind. Sr hat ſie nicht erkannt, und der gnädige Herr ſoll ſich ſo verändert haben, daß er der gnädigen Frau, wie ſie ſelbſt geſagt hat, wie ein voll⸗ kommen fremder unglücklicher Mann erſchienen iſt. Geſprochen hat er auch ein paar Worte, von denen aber kein einziges zu verſtehen geweſen iſt. Dann ſind ſie wieder fortgegangen, und alsbald iſt der gnädige Herr wieder in ſein Bett zurückgeſunken und in tiefen Schlaf gefallen und der Doctor meinte, das werde wohl nun bis zu ſeinem Ende ſo fortgehen,— welches denn der Herr Gott in ſeiner Gnade recht bald möge eintreten laſſen, damit der arme Mann von ſeiner Qual befreit iſt und die arme gnädige Frau endlich einmal wieder frei aufathmen kann!“ „Amen;“ ſagte Oswald. „Denn ſehen Sie, junger Herr,“ fuhr der Alte fort,„die gnä⸗ dige Frau hat nicht viel Freude gehabt ihr liebes Leben lang, und das thut mir weh, denn ich habe ſie lieb, als wäre ſie mein eigenes Problematiſche Naturen. Kind, ja, und wohl noch lieber. Denn ich habe freilich ſelbft nie welche gehabt, aber ich ſehe doch, wie es andere Väter mit ihren Kindern machen, und daß ſie ſich nicht ſchämen, nicht blos wie kein Vater, ſondern nicht einmal wie kein Chriſtenmenſch nicht an ihren Kin⸗ dern zu handeln. Und der Vater von der gnädigen Frau— nun, es war mein gnädiger Herr, und ich habe unter ihm die Campagne mit⸗ gemacht, und von den Todten ſoll man nichts Uebles reden— aber zu Ihnen darf ich es ſchon ſagen, weil Sie uns doch nun nicht mehr fremd find— ja, das war ein böſer Herr, oder auch eigentlich nicht böſe, aber wild und leichtſinnig, wie der jüngſte Offizier in ſeinem Regiment. Je toller ein Streich war, deſto lieber war es ihm; na, und tolle Streiche und ſchlechte Streiche, vie ſehen ſich manchmal zum Verwechſeln ähnlich. So dachte er ſich nichts Böſes dabei, wenn er, noch als Verheiratheter, den Frauenzimmern gerade ſo nachſtellte, wie er es ſonſt gethan, aber der armen gnädigen Frau, welche eine gar gute, liebe Dame war, brach darüber das Herz, und ſie ſtarb, als ihr einziges Kind erſt zwei Jahre alt war. Da gab es nun eigentlich Niemand, der für das arme Ding ſorgte, als veu alten Baumann. Ich hab's herumgetragen und habe mit ihm 9r 4, und hernach, als es größer wurde, habe ich mit ihm ſchreiben und leſen gelernt, was ich damals noch nicht konnte, und ein bischen Franzöſiſch und was noch ſonſt in meinen alten Kopf hineinwollte. Und her⸗ nach habe ich ſie reiten gelehrt, daß ihr nun wohl ſo leicht keine darin gleichkommt; und ſo bin ich wieder mit ihr jung geweſen und hab' mich nie nach Kindern geſehnt, denn ſie war ja mein liebes, herziges Kind, obgleich ich nur ein armer unwiſſender Reitersmann und ſie ein fürnehmes, hochadliges Fräulein war. Und ich habe manchmal ſo in meinem Sinn gedacht: ob ſie es nicht beſſer im Leben gehabt hätte, wenn ſie wirklich mein Kind geweſen wäre. Denn vornehm ſein und reich ſein, das iſt Alles recht gut, aber ich meine doch, den Gott lieb hat, den läßt er arm geboren werden. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, mein eigen Fleiſch und Blut um ſchnöden Mammon zu verkaufen; ich hätte nie vor meinem Kinde auf den Knieen gelegen und geflennt: Dein Vater iſt ehrlos, wenn Du nicht den und den heiratheſt, von dem ich wohl weiß, daß Du ihn nicht — —— Zweiter Band. 191 liebſt, der aber ſo viel Geld hat, daß er alle meine Schulden bezah⸗ len kann und doch noch genug für euch Beide behält. Und es ſtand gar nicht einmal ſo ſchlimm mit Herrn von Barnewitz. Was er im Spiel verloren hatte, konnte er auch im Spiel wieder gewinnen, und hat's auch hernach zum Theil wiedergewonnen, ſo daß er ſpäter, wenn er zu viel getrunken, oft zu mir geſagt hat: hätte ich gewußt, Bau⸗ mann, daß ich noch ſolch Glück im Pharao haben würde, da hätte der— es war ein häßliches Wort und ein ordentlicher Menſch bringt es nicht gern über die Lippen,— da hätte ich Herrn von Berkow auch was anders gegeben, als meine Tochter. Mein einziger Troſt iſt nur, das er's nicht lange mehr treibt, und dann kann ſie ja noch immer einen andern heirathen. Nun, der gnädige Herr trieb es ſelbſt nicht lange mehr, aber doch noch lange genug, daß er das Unglück, welches er angerichtet hatte, mit ſeinen leiblichen Augen ſehen konnte. Da hätte er gern ſein Leben drum gegeben, um ungeſchehen zu machen, was geſchehen war; aber wer ſich mit dem Teufel einläßt, darf ſich nicht wundern, wenn der liebe Gott nichts von ihm wiſſen will. So war die ſchöne junge Frau eine Wittwe und war es doch auch wieder nicht. Reichthum hatte ſie nun, die Hülle und Fülle; aber mir däucht, ſie wäre doch glücklicher geweſen, wenn ſie unter einem Strohdach mit einem braven Mann gelebt hätte, als ſo mutterſeelenallein in dem großen, öden Hauſe. Nun war freilich der Julius da, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Kind iſt noch immer keine Familie. Sehen Sie, junger Herr, das hat mein altes Herz oft bluten machen, und wenn ich die liebe gnädige Frau ſo des Abends allein durch den einſamen Garten wandeln ſah, da habe ich oft den lieben Gott gebeten, er ſolle den armen Herrn von Berkow in Gna⸗ den zu ſich nehmen, und verſtatten, daß die arme gnädige Frau doch einmal in ihrem Leben glücklich wird, wie es doch andere Frauen ſind, die nicht werth ſind, daß ſie ihr die Schuhriemen löſen. Reich braucht der Mann nicht zu ſein, denn ſie hat, wenn's doch ja Reich⸗ thum ſein ſoll, genug für Beide,— aber Kopf und Herz muß er auf dem rechten Fleck haben und lieb muß er ſie haben, mehr als ſeinen Augapfel. Und wenn ich einen ſolchen Mann wüßte, und ihr einen ſolchen Mann verſchaffen könnte, und ich ſähe ſie nun glücklich Problematiſche Naturen. an der Seite dieſes Mannes, da wollte ich auch beten: nun, Herr, laſſe Deinen Diener in Frieden fahren.— Aber da ſind wir ja ſchon am Thore. Nun, wohlſchlafende Nacht, junger Herr! Wenn Sie morgen früh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der gnädigen Frau fertig haben, ſo will ich einen Büchſenſchuß weiter in den Wald hinein zwiſchen fünf und ſechs darauf warten. Die gnädige Frau würde ſich doch freuen, wenn Sie recht bald ſchrieben. „Ich werde pünktlich um fünf dort ſein,“ ſagte Oswald. „Na, auf eine halbe Stunde kommt es ſchon nicht an,“ ſagte der alte Baumann, ſein Pferd beſteigend.„Die Poſt geht nicht vor acht Uhr, und bis dahin bin ich mit dem Brownlock zweimal hin und zu⸗ rück. Ich wünſche nochmals wohlſchlafende Nacht.“ Der alte Mann faßte ſalutirend an ſeine Mütze, lenkte den Brown⸗ lock herum und trabte durch die Tannen zurück nach Berkow. Oswald eilte auf ſeine Stube, ohne Jemand zu begegnen, da die Geſellſchaft von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war. Mit zitternder Hand öffnete er den Brief und durchflog ihn mit athem⸗ loſer Haſt, um ihn dann langſam wieder und wieder zu leſen, wie man Briefe lieſt, von denen jedes einzelne Wort uns berührt, wie ein Kuß von geliebten Lippen. Als er ſich ſpät am Abend hinſetzte, die Antwort zu ſchreiben, ertönte derſelbe Geſang, der ihn geſtern Abend in ſo überſchwängliche Begeiſterung verſetzt hatte; heute aber ſchloß er das Fenſter, denn er fühlte, daß ſeine Bewunderung für das ſchöne Mädchen doch im Grunde ein Verrath an ſeiner Liebe zu Melitta ſei, obgleich er na⸗ türlich, nach Menſchen Weiſe, die anklagende Stimme ſeines Gewiſſens möglichſt zu überhören verſuchte. Ende des zweiten Bandes. 78 g14 Seqae 3.. 1 5 3 ⸗ 7 3 . ——