deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduurd Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1 Oilensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf.„ 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlvrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Saen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ Novelle von Friedrich Spielhagen. Vierte Auflage. Leipzig. Verlag von L. Staackmann. Ueberſetzungsrecht vorbehalten. — . esSn X N N — — Leipzig. Druck von Grimme 4 Erömek. P Und dies iſt unſer Schlafzimmer, ſagte Lebrecht, die Thür aufmachend; wie gefüllt es Dir? Entzückend! ſagte Aennchen. Sie war einen Moment auf der Schwelle ſtehen geblieben und hatte ihre Blicke durch das Gemach ſchweifen laſſen. Dann war ſie mit ein paar raſchen Schritten am Kamin und hatte ſich in einen der Fauteuils geworfen. Mein Gott, wie ich müde bin! Lebrecht biß ſich auf die Lippen, und ſein ſchönes Geſicht, das noch eben ſo erwartungsvoll gelächelt hatte, verfinſterte ſich. Aennchen konnte es nicht ſehen, denn ſie hatte die Füße auf das Meſſinggitter geſtemmt und den Kopf weit zurückgelehnt; aber ſie ſtreckte, als er jetzt zum zweiten Male— leiſe auftretend, trotz des dicken Brüſſeler Teppichs— an ihr vorüberging, die Hand aus und ſagte in bittendem Ton: Sei mir nicht bös, Lebrecht! Er hatte die ſchmale Hand ergriffen und an ſeine Lippen geführt: Weshalb ſollte ich Dir bös ſeind murmelte er— ſehr un⸗ deutlich, denn das Herz ſchlug ihm bis in die Kehle. Wenn ſie ſeine Hand feſthielt, wenn aus ihren Augen ein liebevoller Strahl leuchtete, wenn ihre Lippen ſich zum Kuſſe wölbten— dann wollte er es ihr ſagen! Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 1 2 Alber die braunen Augen blieben müde; der reizende, leicht geöffnete Mund zuckte nicht; die Hand glitt aus der ſeinen läſſig herab auf den Schooß. Seine Kniee, die ſich ſchon gebogen hatten, wurden wieder ſtraff; er wandte ſich ab, nur mit äußer⸗ ſter Anſtrengung den Seufzer unterdrückend, in welchem ſeine gequälte Bruſt ſich Luft ſchaffen wollte. Alſo wieder einmal auf morgen verſchoben, wie nun noch jeden Abend während der ſechs Wochen langen Hochzeitsreiſe! Aber dieſer Abend— der erſte zu Hauſe— war nicht wie die anderen! Es gab auf ihn kein Morgen; er hatte auf ihn— wie ein Spieler den Reſt ſeines Vermögens auf eine letzte Karte — ſo den Reſt ſeines Mutes, ſeine letzte Hoffnung geſetzt. Mor⸗ gen mußte er ſagen— freilich! aber, daß er es mußte, war das Fürchterliche. Es war dann kein Geſtändniß mehr— war einfach eine Entdeckung, die er durch nichts: durch kein Ver⸗ ſchweigen, keine Lüge, keinen elendeſten Winkelzug länger ver⸗ zögern konnte— und er würde daſtehen, ein Verbrecher, den man, nachdem er hartnäckig und verſtockt geleugnet, endlich überführt hat, und der auch nicht den leiſeſten Anſpruch auf mildernde Umſtände erheben darf, ſoll der Richter nicht ver⸗ ächtlich das zürnende Antlitz von dem Schamloſen abwenden! Und dieſer zürnende Richter— ſeine junge, ſeine ſchöne, ſeine angebetete Frau, die ihm ſo ganz, ſo völlig vertraute! die noch geſtern Morgen— wie war es nur möglich geweſen, daß, als ſie das holderglühende Antlitz auf ſeine Schulter beugte und zwiſchen Lachen und Weinen ſagte: Nur Deine guten, treuen Augen— weiter wünſche ich ihm nichts!— großer Gott! er hatte lachen können und hatte ſie geküßt wieder und wieder! und— hatte es nicht geſagt! Er war an das Fenſter getreten, hatte die dicken Vorhänge zurückgeſchlagen und ſtarrte in das Dunkel des herbſtlichen — 3 Abends, der mit meereskräftigem Athem durch die alten Bäume blies, daß die Zweige knackten und knarrten und die dürren Blätter raſchelnd gegen die Scheiben flogen. Und er dachte an jene unglückliche Spätſommernacht und an die wahnſinnige Jagd durch die Zimmer bis an dieſes Fenſter— Er hatte es aufgeriſſen, kaum wiſſend, daß er es gethan, die kalte feuchte Luft, die ihm entgegen ſchlug und ſeine heiße Stirn kühlte, mit gierigen Zügen einſaugend. Lieber Lebrecht, es zieht ſchrecklich, ſagte Aennchen vom Ka⸗ min her. Ich bitte um Entſchuldigung. Er ſchloß das Fenſter, ließ die Vorhänge fallen und trat in das Zimmer zurück. Seine Frau hatte ſich nicht aus ihrer Stellung gerührt; dieſe gänzliche Apathie der ſonſt ſo Ela⸗ ſtiſchen, vom Morgen bis zum Abend Luſtigen, ja Ausgelaſſenen, Uebermütigen beleidigte ihn in ſeiner verzweifelten Stimmung. Du biſt müde, Aennchen, ſagte er trocken; Du ſollteſt zu Bett gehen. Ich bin gar nicht müde, erwiderte ſie; ich bin nur ein bis⸗ chen abgeſpannt; ich glaube, es iſt von der langen Fahrt und dem ſcharfen Wind, der uns fortwährend in's Geſicht wehte. Für den letzteren konnte ich nichts, Aennchen; dafür ſind wir eben in Pommern und an der See, die nichts von Euren lauen Rheinlüften weiß; und was die Fahrt ſelbſt betrifft— es thut mir nachträglich leid genug; ich habe es gut gemeint; das ſollteſt Du wenigſtens anerkennen. Aennchen richtete ſich in ihrem Fauteuil auf: es war das erſte Mal, daß ſie aus dem Munde ihres Lebrecht einen ſo kalten, ja harten Ton vernahm; ſie blickte ihn mit großen, mehr verwunderten als erſchrockenen Augen an. Verzeihe! ſagte er, es ſollte kein Vorwurf ſein; es fuhr mir ſo heraus— ich weiß nicht, was es iſt— ich glaube, ich bin ſelber abgeſpannt— nervös. Wir wollen ein wenig ruhen, ſagte Aennchen; laß mich hier in dem Stuhl— es ſitzt ſich ganz prächtig— und leg' Du Dich da auf die Chaiſe longue; hernach wollen wir ein glänzendes Souper einnehmen; nach all' den Feuern zu ur⸗ theilen, die Frau Uelzen in der Küche angemacht hat, muß es glänzend ausfallen. Ich fürchte nur, es wird noch etwas damit währen, ſagte Lebrecht; Du weißt, daß ſie uns zwei Stunden ſpäter erwar⸗ tet hat. Auch hab' ich's gar nicht ſo eilig, im Gegentheil; erwiderte Aennchen, ich bin wirklich zu zerſchlagen, um jetzt eſſen zu kön⸗ nen. Ich will mir vorher eine Taſſe Kaffee ausbitten; das wird mich ſchneller darüber wegbringen; es duftete im ganzen Hauſe nach friſchgebranntem Kaffee; ich glaube, ich rieche es bis hierher. Lebrecht, der ſich eben auf das Sopha ausgeſtreckt hatte, ſprang mit einem Satze in die Höhe. Mein Gott, was haſt Du, Lebrecht? Ich? nichts! ich wollte nur gehen und es der Uelzen ſagen. Die junge Frau hatte ſich ebenfalls ſchnell erhoben. Mein Gott, rief ſie noch einmal, wie blaß Du biſt! Dir iſt gewiß nicht wohl! ſag' es mir! Sie legte ihm die Hand auf die Stirn, die Stirn war heiß und feucht; er ſchob die Hand, faſt unwillig, zurück. Du biſt wahrlich krank, Lebrecht! Sollen wir nicht zu Dei⸗ nem Freunde ſchicken. Das fehlte noch gerade, rief Lebrecht mit einem gezwun⸗ genen Lachen;— der macht kurzen Prozeß mit eingebildeten O Kranken! Ueberdies kommt er wol jedenfalls noch heute Abend, obgleich ich lieber wollte, er käme nicht. Weshalb? Ich meinte, es wäre angenehmer, wenn wir den erſten Abend ungeſtört blieben. Du weißt, das war mit ein Grund, weshalb wir nicht den Schnellzug wählten. Aber, wie Du Dich erinnerſt, gegen meinen Willen; und ich glaube; ich habe Recht gehabt; ich glaube, es wäre hüb⸗ ſcher geweſen, wenn Deine Freunde und die Herren uns em⸗ pfangen hätten. Ich habe keinen Freund außer Bertram; und was die Herren betrifft, die können auch morgen noch ihren ergebenſten Diener machen. Das iſt es nicht, Lebrecht; es iſt nur— Daß Du Dich in dem alten, öden Hauſe, mit mir allein, vereinſamt fühlſt. Aennchen errötete bis in die Schläfen: Schäme Dich, Leb⸗ recht! Und es iſt doch wahr, Aennchen! Und ich ſage noch einmal: ſchäme Dich! Es war ein förmlicher Wortwechſel geworden— ein rich⸗ tiger Zank, in den Ohren wenigſtens von Frau Uelzen; und wenn dieſe Ohren nicht richtig hörten, ſo war es ſicherlich nicht Frau Uelzen's Schuld, die bereits ſeit einigen Minuten in ſo unbequemer Stellung vor der Thür ſtand, daß ihr das Kreuz anfing weh zu thun. Und deshalb, und auch weil der Zank beendet zu ſein ſchien und es nichts mehr zu horchen gab, richtete ſie ihre kleine dicke Figur wieder auf und klopfte. Es war der Herr, der ſofort öffnete, und ſo gewaltſam, daß Frau Uelzen einen tüchtigen Stoß bekam und ſich den El⸗ lenbogen reiben mußte, während ſie meldete, daß der Herr Dok⸗ tor eben angefragt habe und in des Herrn Zimmer ſei. Aennchen war ebenfalls in die halb offene Thür getreten. Ich möchte ihn wieder wegſchicken, ſagte Lebrecht zögernd. Auf keinen Fall! rief Aennchen; ich komme auch; ich will nur ein wenig Toilette machen. Wenn er durchaus zu Abend bleiben ſoll, ſo brauchſt Du Dich ja nicht zu beeilen. Deſto beſſer!— Du guter Lebrecht. Sie wollte ihrem Gatten um den Hals fallen; aber die daneben ſtehende Frau Uelzen mit den neugierigen kleinen Au⸗ gen in dem dicken roten Geſicht genirte ſie. So legte ſie denn nur die Finger auf die Lippen: Alſo auf Wiederſehen! empfiehl mich Deinem Freunde vorläufig— und vergiß nicht, Frau Uelzen wegen des Kaffee— Nein, nein! ſagte Lebrecht, Frau Uelzen hinausdrängend und, ohne ſich noch einmal umzuſehen, die Thür ſo heftig hin⸗ ter ſich zudrückend, daß Aennchen nur eben noch mit einer ſchnel⸗ len Bewegung den Saum ihres Kleides aus der Spalte ziehen konnte. Er iſt mir bös, murmelte ſie; und ich habe es verdient. Wenn er nun hingeht und ſich bei dem ſchrecklichen Menſchen, den er ſeinen einzigen Freund nennt—, mit welchem Tone er das ſagte: mein einziger Freund nein! nein! ſo ſagte er nicht; aber es kam darauf hinaus. Und jetzt ſitzt er bei ihm und ſchüt⸗ tet ſein Herz aus, und daß er eine kleine unzurechnungsfähige, alberne Frau hat, und daß er— Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen; ſie warf ſich wieder in den Fauteuil, das Geſicht mit den Händen bedeckend, und ſchluchzte: Nicht glücklich iſt! daß ich ihn unglücklich ge⸗ macht habe! nein, nein! nicht unglücklich! aber doch ſo glücklich — 7 nicht, wie er es verdient, wie ich gehofft, geträumt habe, daß ich ihn machen würde— ich, die ihn ſo unendlich liebe! Sie hatte plötzlich beide Arme weit ausgeſtreckt, als wollte ſie den geliebten Mann umfaſſen. Die Arme ſanken in ihren Schooß; ſie ſaß da, ſtarren Auges vor ſich hinblickend in die zuſammenſinkende Glut des Kaminfeuers. Und wie nun auf den verglimmenden Kohlen die blauen Flämmchen geſchäftig auf und nieder liefen, ſo kam und ging raſtlos vorüber an ihrem inneren Auge Bild auf Bild, Scene auf Scene— die tauſend Bilder, die tauſend Scenen ihres kurzen Liebeslebens, das ſo wonnig, ſo ſonnig aufgeglüht, ſo ſtrahlend herrlich geleuchtet und nun in Aſche verſinken wollte. Da war das Deck des Dampfers, auf dem er einſam hin und her ſchritt, mit dem roten Buche unter dem Arm, nach den Rebengeländen und Burgen ausſchauend mit den blauen, ſin⸗ nenden Augen. Er war ihr längſt aufgefallen, der hochge⸗ wachſene blonde Mann, bevor die Freundinnen über den„ſteif⸗ leinenen Engländer“ zu ſcherzen begannen, während Couſin Arthur das ſchwarze Bärtchen drehte und ſich in den ſchlanken Hüften wiegte, als wolle er ſagen: Gott ſei Dank, daß ich nicht bin wie jener langweilige Geſelle!— Couſin Arthur hatte ein ſehr böſes Geſicht gemacht, als der Papa den Fremden, den er in ſeiner Gutmütigkeit angeredet, jetzt herbeibrachte und den Damen als Herrn Lebrecht Nudel, Kaufmann aus Woldom, vorſtellte.— Lebrecht Nudel ſei ein allerliebſter Name, meinte Couſin Arthur, und: wer ſagt mir an, wo Woldom liegt? Ein paar Tage ſpäter wußte Couſin Arthur ſehr genau, wo Woldom lag; und an den Namen, der ihm ſo ungeheuer komiſch erſchienen, hatte er mittlerweile ebenfalls Zeit gehabt, ſich zu gewöhnen, denn derſelbe war oft genug genannt worden in Aennchen's elterlichem, ſchönen, gaſtfreien Hauſe, durch deſ⸗ 8 ſen Thür Herr Nudel, der, ſo wie ſo, ein paar Tage in Köln bleiben mußte, aus⸗ und einging. Und aus den paar Tagen waren zwei Wochen geworden, und Herrn Nudel's Geſchäfte zögerten ſich bis in die dritte Woche hinein, und— armer Arthur! er wollte ſich todt ſchie⸗ ßen! und er würde ſich todt geſchoſſen haben— auf Ehre! blos, daß er dann um das Vergnügen gekommen wäre, auf ihrer Hochzeit zu tanzen und ihr zu zeigen, daß in ſeinen Adern das echte Adelsblut derer von Klüngel⸗Pütz rolle und nicht ein halbſchlechtiges, durch verdumpftes Schmitz ſches ſtädtiſches Pa⸗ trizierblut bis zur Unkenntlichkeit vermiſchtes, wie in den Adern ſeiner Couſine. Die Mama war ſehr auf Arthur's Seite ge⸗ weſen; ſie hätte ſo gern mit Schmitz'ſchem Patriziergold den kahlen Klüngel⸗Pütz'ſchen Stammbaum zu neuem Flor ge⸗ bracht; aber der gute Papa hatte treu zum geliebten Töchter⸗ chen geſtanden in ſeiner ruhig⸗behaglichen Weiſe: Arthur ſolle doch froh ſein, einen Couſin zu bekommen, der ihm gelegentlich ein unbequemes kleines Wechſelchen einlöſen und hernach, wenn er wollte, als Fidibus verbrauchen könne. Er ſei nun einmal, trotz der Klüngel⸗Pütz'ſchen Verſchwägerung und ſeines echten Kölniſchen Patriziats, ein einfach⸗bürgerlicher Mann, der ge⸗ rade Geld genug habe, um den Wert des Geldes hinreichend zu ſchätzen. Ja, er geſtehe, ſo niedrig geſinnt zu ſein, daß ihm die zwei Millionen ſeines Schwiegerſohnes vollkommen impo⸗ nirten; und wenn Aennchen den Mann lieb habe— nun, Gott wiſſe, wie gern er ſie in ſeiner Nähe behalten hätte! aber Wol⸗ dom läge doch auch noch, ſo zu ſagen, in der Welt. Er hoffe, ſo ungern er reiſe, ſich in eigener Perſon davon zu überzeugen und am Strande der Oſtſee in echtem Rheinwein auf das Glück der jungen Ehe zu trinken, aus der Bowle, welche der König von Preußen dem Könige von Woldom geſchenkt. N „ ₰ — 9 Dem Könige von Woldom! Ein Banquier in Berlin, bei dem der Papa ſich unter der Hand nach den Vermögensverhältniſſen des Produktenhändlers erkundigt, hatte nicht nur die gleichlautenden Ausſagen der Londoner und Hamburger Häuſer, auf deren Referenzen Leb⸗ recht ihn verwieſen, beſtätigt, ſondern hinzugefügt: Ich halte den Mann ſogar noch für viel reicher; er iſt wahrlich, wozu ſchon ſeinen verſtorbenen Herrn Vater unſer hochſeliger witziger König gemacht hat. Laſſen Sie ſich die Geſchichte von ihm ſelbſt erzählen, wie ſie mir ein geiſtreicher Arzt aus Woldom, den ich vergangenen Sommer in Heringsdorf kennen lernte, erzählt hat. Und Lebrecht hatte ſie erzählt, mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen, als ob er ſich ſchämte; und mit unſicher ſchwankender Stimme, wie Jemand, der eine Schuld zu bekennen hat. Und war doch nur die harmloſeſte Anekdote von der Welt: wie der hochſelige König, der ſo gern in Neuvorpommern und Rügen weilte, auch Woldom beſucht und in dem alten Giebel⸗ hauſe am Markte das ihm offerirte Quartier gnädig angenom⸗ men. Und wie er ſich am nächſten Morgen von ſeinem Wirte die beſcheidenen Sehenswürdigkeiten der Stadt habe zeigen laſ⸗ ſen, und der Vater auf die fortwährenden Fragen des eifrigen Monarchen: wer hat dieſen Hafenquai gebaut? wem gehören dieſe Speicher? wem dieſe Schiffe? wer hat dieſe Promenade angelegt? wer dieſes Armenhaus? und ſo weiter— der Wahr⸗ heit gemäß immer nur habe antworten müſſen: ich, Majeſtät! — mir, Majeſtät!— je nachdem die Frage war, bis der Kö⸗ nig, der ganz nachdenklich geworden, plötzlich ſtill geſtanden ſei und ausgerufen habe: Nun, wahrlich, das iſt ja ganz und gar wie in der köſtlichen Hebel'ſchen Geſchichte von Kannit⸗ verſtan, blos daß es hier kein Mißverſtändniß, ſondern die Wahrheit iſt;— und dann, ſich zu ſeinem Geſolge wendend, 10 und auf den Vater deutend: Ich ſage Ihnen, meine Herren, wenn ich nicht leider der König von Preußen wäre, ſo möchte ich der König von Woldom ſein. Und auf der prachtvollen Bowle aus getriebenem Silber, die dann ein halbes Jahr ſpäter aus Berlin kam, hatte das Woldomer Stadtwappen neben dem königlichen von Preußen geprangt, und unter den verſchlungenen Initialen des könig⸗ lichen Namens und des Namens des Vaters ſtand in golde⸗ nen Lettern:„Der dankbare König von Preußen ſeinem Kol⸗ legen von Waldom.“ Wie oft hatte Lebrecht dann noch die Geſchichte erzählen müſſen! und wie herzlich hatte der Papa jedesmal gelacht, und die ſtolze Mutter hatte gelächelt, und ſie ſelbſt— ſie hatte nur immer ihrem Lebrecht in das liebe Geſicht geblickt, das ihr jetzt in ſeiner rührenden Verlegenheit nur noch tauſendmal lieber war, und bei ſich geſagt: er König! und ich ſeine Königin! o, wie glücklich werden wir ſein! Werden wir ſein! noch waren ſie's ja nicht ganz; wenig⸗ ſtens war es Lebrecht nicht; und wie durfte ſie es ſein, wenn er es nicht war! Er fühlte ſich nicht behaglich in ihrem elter⸗ lichen Hauſe. Mit dem Papa freilich ſtand er vortrefflich, das war ja ſo natürlich: wer ſollte den guten alten Papa nicht lieb haben, der aller Welt wohlwollte, und nun gar dem zu⸗ künftigen Gatten ſeines geliebten einzigen Kindes! Die Mama meinte es ja auch nicht bös— gewiß nicht, aber es war für ihren, aller Prahlerei abholden Lebrecht doch ſicherlich eine harte Aufgabe, ſich fortwährend in Geſpräche verwickelt zu ſehen, die unweigerlich daſſelbe Ziel hatten: die Verherrlichung des Ge⸗ ſchlechtes derer von Klüngel⸗Pütz: wie glänzend es einſt dage⸗ ſtanden mit ſeinen fünfzig Burgen am Rhein; und wie es mit den Sickingen und anderen höchſten Adelsfamilien verwandt 14 und ſelbſt mit dem kaiſerlichen Hauſe von Habsburg halb und halb verſchwägert geweſen; und wie der Glanz nun nach und nach verblichen, der untergehenden Sonne vergleichbar, bis— o, des grauſamen Geſchickes!— eine Klüngel⸗Pütz— ſie ſelbſt — einem Bürgerlichen ſich vermählt; und die Tochter aus die⸗ ſer Ehe nach jenen ehernen Geſetzen, die über dem Aufgang und Niedergang großer Familien walteten,— ſich abermals einem Bürgerlichen vermählen werde! Und konnte ſich Lebrecht mit der Mama nicht ſtellen, ſo vermochte er dem luſtigen Treiben im Hauſe keinen Geſchmack abzugewinnen. Das fortwährende Kommen und Gehen ſo vie⸗ ler Menſchen beunruhigte ihn,— er ſprach es nicht aus; aber es bedurfte deſſen auch nicht: ſah ſie es doch deutlich an einem gelegentlichen melancholiſchen, faſt zornigen Blick, den er, wenn er ſich unbeachtet glaubte, über das bunte Gewimmel gleiten ließ: dieſe ſporenklirrenden, ſäbelraſſelnden Offiziere— an ihrer Spitze den ſchlanken Arthur, der ſeine Rolle als verſchmähter Liebhaber bald von der tragiſchen, bald von der komiſchen Seite nahm und ſich in der einen ſo unausſtehlich machte wie in der anderen;— dieſe dandyhaften, glattredenden Referendare und Aſſeſſoren, die faſt ſämmtlich Reſerve⸗Offiziere waren und mit den Kameraden von der Linie einen heimlichen oder offenen Eiferſuchtskrieg führten, deren Gegenſtand ſie— ſie ſelbſt— ein paar Jahre ihres jungen Lebens geweſen. Sie konnte, ſie wollte das nicht leugnen, wenn Lebrecht da⸗ rauf hindeutete; und auch nicht, daß dieſe Jahre ſchön geweſen; daß ſie ſich ihrer Triumphe von ganzem Herzen erfreut; daß ſie an die ſeligmachende Kraft von Rhein⸗ und Moſelfahrten, Offizier⸗ und Juriſtenbällen feſtiglich geglaubt— bis ſie ihn ſah: den blonden Engländer, den pommerſchen Produktenhänd⸗ ler, den König von Woldom! Und nun fort mit dieſer Wolke von deiner lieben Stirn, mein geliebter, königlicher Herr! ſie kleidet dich gar nicht gut und iſt überdies ein ſträflicher Zwei⸗ fel an meiner Liebe, oder ſoll ich an der deinen zweifeln? Ach, ſie hatte an ſeiner Liebe nicht gezweifelt, nicht eine Sekunde! und doch war jene Wolke, die ſie mit dem erſten Male für immer weggeküßt zu haben glaubte, wieder und wie⸗ der gekommen und war dunkler und dunkler geworden, wie die Aſchendecke da dichter und dichter über die verglimmenden Koh⸗ len ſank. Und ſie hatte auf ihrer Hochzeitsreiſe bemerkt, daß dieſe Dunkelheit in dem Maße zunahm, als ſie ſich ſeiner Hei⸗ mat näherten; ja, ſie erinnerte ſich nachträglich ganz genau, wie mit dem Tage, als ſie vom Comer⸗See aufbrachen, um über Venedig, Wien, Prag und Dresden zurückzukehren, ein Wendepunkt in ſeiner Stimmung eintrat. Sie hatte gegrübelt und gegrübelt, was es nur ſein könne? was durch ſeine Seele gehe, wenn er ſo Minuten— ja, ſpäter Stunden lang in den Theatern, auf den endloſen Eiſenbahnfahrten vor ſich hinbrü⸗ tete, um dann plötzlich— jedesmal nach einem verſtohlenen Blick auf ſie, die ihn ſchweigend beobachtet hatte— die unter⸗ brochene Unterhaltung wieder aufzunehmen oder eine neue zu beginnen. Waren es geſchäftliche Sorgen? er hatte ſie ver⸗ ſichert, es ſei nichts der Art;— fühlte er ſich krank?— er war nie wohler geweſen;— liebte er ſie nicht mehr? er ſchloß ihr den Mund mit leidenſchaftlichen Küſſen;— war er nicht glücklich? Es blieb zuletzt keine andere Frage; und eben, weil keine andere blieb, konnte ſeine Verſicherung, daß er glücklich ſei, ja, daß er den Ueberſchwang des Glückes, mit dem ihre Liebe ihn überſchütte, kaum zu faſſen vermöge, ſie nicht beruhigen. Denn jetzt war es nicht mehr die allzu bewegte geſellſchaftliche At⸗ moſphäre des elterlichen Hauſes, die ihn ſo bedrückt hatte; jetzt + — 13 waren es nicht mehr die langathmigen Vorträge der Mama über den Glanz und Verfall ihrer Familie— dies und Alles, was dem Bräutigam ſo unbequem geweſen, es lag für immer hinter ihnen; er hatte ja ſie— ſie ganz allein— unter all' den Tauſenden von gleichgültigen Menſchen, die an ihnen vor⸗ über drängten— allein, als wären ſie auf einer Robinſon⸗ Inſel! War es nicht, um ſie über die eigentliche Urſache ſeines Kummers zu täuſchen, wenn er mit melancholiſchem Lächeln ſagte: ich will es glauben, daß du auf einer Robinſon-Inſel mit mir glücklich ſein könnteſt— wie ich es ganz gewiß mit dir ſein würde; aber in Woldom! in Woldom, der kleinen, düſteren Stadt am Strande der grauen in Woldom, wo Thea⸗ ter eine Fabel und Concerte ein Märchen ſind, wo man über die Wahl ſeines geſelligen Verkehrs gar nicht in Verlegenheit kommen kann, weil es ganz einfach keine Geſellſchaft giebt— da möchte es doch mit dem Glück manchmal ſeine Schwierig⸗ keiten haben, möchten der Tage doch recht viele kommen, zu welchen du ſagen wirſt: ihr gefallt mir nicht. Vergebens, daß ſie mit Lebhaftigkeit anfangs, hernach faſt mit heimlichem Zorn und kaum unterdrückten Thränen erwi⸗ derte: Geſetzt, es wäre Alles, wie du ſagſt— aber höre ich es denn zum erſten Male? haſt du nicht ebenſo geſprochen, als ich noch nicht wußte, daß du mich liebteſt?— nein! das wußte ich ja vom erſten Moment, und du wußteſt, daß ich dich liebte, 6 daß ich dir folgen würde bis an das Ende der Welt, ge⸗ ſchweige denn in deine Heimat, die du ſo troſtlos ſchilderſt. Ich ließ dich ruhig reden und fragte nur: biſt du gern da? und du antworteteſt: ich finde es faſt überall anderswo ſchöner, wozu freilich nicht viel gehört, und doch glaube ich, ich könnte nir⸗ gends anderswo leben; und da ſagte ich: ſo kann ich es auch nicht. Und was ich damals geſagt, ich ſage es heute noch; und du, du mußt mir glauben, bis ich dir Beweiſe vom Gegentheil gegeben. Bis dahin, wenn du mich liebſt, kein Wort mehr davon! Er war auch wirklich auf das leidige Thema nicht wieder zurückgekommen während der letzten acht Tage. Erſt heute Morgen, in Berlin, hatte er wieder davon angefangen. Sie hatten urſprünglich mit dem Nachmittags⸗Schnell⸗ zuge, der am Abend um zehn Uhr in Woldom eintraf, reiſen wollen; und ſo hatte er bereits geſtern Abend an ſein Haus und Geſchäft telegraphirt. Dann hatte er ſeine Dispoſitionen geändert— ſeltſamerweiſe, da er ſonſt an ſeinen Beſchlüſſen, die er immer nur nach reiflicher Erwägung faßte, ſogar mit einem gewiſſen Eigenſinn feſtzuhalten pflegte. Diesmal war es anders. Es war ihm zu ſpät eingefallen, daß es, wenn ſie zur beſtimmten Stunde einträfen, ohne Empfangsfeierlichkeiten nicht abgehen würde, obgleich die Herren aus den Comtvirs wüßten oder doch wiſſen könnten, ein wie abgeſagter Feind er von der⸗ gleichen Brimborium ſei. Da würden denn Reden gehalten werden, die er zu erwidern habe; es werde eine unruhige Stunde geben, ſehr wahrſcheinlich einen lärmenden Abend, und er ſehne ſich nach Ruhe. Er könnte ſich— ſie könnten ſich dieſe Ruhe verſchaffen durch ein einfaches Mittel: ſie brauchten nur, anſtatt des Schnellzuges am Nachmittage, den Morgen⸗ zug zu benutzen. Derſelbe ſei freilich ein ſogenannter Bum⸗ melzug und halte an jeder Station; doch kämen ſie noch immer ein paar Stunden früher nach He Sie war es zufrieden, nicht als ob ihr der Plan gefallen hätte— im Gegentheil! Sie fand es ganz in der Ordnung, daß die Herren ihren Chef, nachdem er ſechs Wochen vom Hauſe 15 entfernt und nun mit ſeiner jungen Frau heimkehrte, feierlich empfingen; ſie hatte durchaus nichts gegen das Brimborium, und wenn's dabei ein bischen luſtig oder gar lärmend herging, deſto beſſer. Aber ſie hatte nach ein paar ſchüchternen, vergeb⸗ lichen Einreden wohlweislich geſchwiegen und in aller Eile die Sachen zu heute früh zurechtgepackt. So waren ſie denn am Morgen abgefahren, wie gern ſie auch eine Stunde länger geſchlafen hätte. Die letzten Reiſetage waren ſehr anſtrengend geweſen, und ſie fühlte ſich— zum erſten Male— wirklich erſchöpft. Doch hatte ſie ſich nichts merken laſſen; hatte während der Fahrt nicht einmal zu ſchla⸗ fen verſucht, wenn ſie auch freilich ein paar Mal ein leiſes Gähnen nicht ganz unterdrücken konnte. Je größere Mühe ſie ſich aber gab, Alles von der guten Seite zu nehmen, deſto un⸗ zufriedener und ungeduldiger war Lebrecht. Die Sache ſei doch ſchlimmer, als er ſich gedacht; das langſame Fahren, das fortwährende Anhalten— es ſei unerträglich!— Er ging in dem Coupé— ſie fuhren, wie immer, in der erſten Klaſſe und waren allein— auf und ab, ſchloß bald die Fenſter, bald öffnete er ſie wieder, grollte mit dem Zugführer, ſchalt auf den Schaffner und fuhr einen Herrn, der auf einer Station an das Fenſter gekommen und, nach ſeiner Anrede zu ſchließen, ein Woldomer und ſogar ein Geſchäftsfreund war, ſo grimmig an, daß der Mann ganz betreten ſchien, und ſie ſelbſt über die ſeltſame Heftigkeit des ſonſt ſo Ruhigen, Gelaſſenen wahrhaſt erſchrak. Er entſchuldigte ſich freilich ſogleich wieder, und ſie hörte, wie er noch, das Fenſter hinaufziehend, zu dem Manne ſagte: ſie wollten in Büſſow die Sache weiter beſprechen. Dann begann die Wanderung in dem Coupé von Neuem, und, plötzlich ſtehen bleibend, ſagte er: Büſſow iſt nämlich die 16 Station, von der die Zweigbahn nach Woldom abgeht. Wir müſſen dort eine Stunde auf den Zug von S ndin warten. Es iſt ein entſetzlicher Aufenthalt, und ich bin dem gräßlichen Schwätzer rettungslos ausgeliefert. Ich will Dir einen Vor⸗ ſchlag machen. Von der nächſten Station führt die alte Poſt⸗ ſtraße nach Woldom. Es ſind noch vier bis fünf Meilen; wir haben jetzt zwei Uhr; wenn wir dort einen Wagen nehmen, können wir beinahe eben ſo früh, wie dieſer grauenhafte Zug, in Woldom ſein. Wir laſſen unſer Gepäck zurück und ſind dann unſere eigenen Herren. Ich bin die Straße als Junge und junger Menſch, da es hier noch keine Eiſenbahn gab, hun⸗ dertmal gegangen, geritten, gefahren. Sie iſt nicht gerade ſchön, wie nichts hier zu Lande; aber für mich repräſentirt jede Pappel, mit der ſie bepflanzt iſt, eine liebe Erinnerung. Und Du kannſt die Fahrt ja gleich als eine Probe nehmen, ob meine Schilderungen von Land und Leuten mit der Wahrheit über⸗ einſtimmen oder nicht. Willſt Du? Natürlich hatte ſie gewollt. Es war eine harte Probe; und ſie hatte ſich mehr als ein⸗ mal eingeſtehen müſſen, daß Lebrecht nichts übertrieben. Zwar von den Leuten hatte ſie nicht viel zu ſehen bekommen; deſto mehr aber vom Lande: unendliche braune Haide oder graue Felder, über die ein naßkalter Wind ſtrich— naß und kalt und rauh, wie bei ihr, in ihrer ſchönen rheiniſchen Heimat, kaum je ein Dezemberwind; und ſie waren in der zweiten Hälfte des Oktober! Von Zeit zu Zeit auf dieſen öden Ebenen ein einſames, von Baum und Buſch umgebenes Gehöft; eine ein⸗ zelne Mühle auf der Spitze eines der ſeltenen kleinen Hügel; in größerer oder geringerer Ferne dunkle Streifen Waldes. — Sie ſuchte ſich einzureden: das Alles müſſe ja im Sommer ganz hübſch ausſehen, wenn die Wieſen grünten, die Haide c — 17 blühte, die unabſehbaren Felder in goldenen Wellen wogten und zu dem blauen, mit großen weißen Wolken beſtellten Him⸗ mel die Lerchen trillernd aufſtiegen; aber die graue verregnete Wirklichkeit löſchte die bunten Phantaſiebilder rückſichtslos aus. Denn nun hatte es auch zu regnen begonnen, und in dem kleinen offenen zweiſitzigen Wagen— Holſteiner hatte ihn Lebrecht ge⸗ nannt— war man dem Unwetter völlig preisgegeben. Und das würde ſie Alles gern ertragen haben, und es hätte noch ein gut Theil ſchlimmer kommen können— trotzdem ſie heute bei ihrer körperlichen Abſpannung die Anſtrengung und das Ungemach wirklich ſchwerer ertrug als ſonſt wol— wäre Lebrecht heiterer geweſen, hätte er auf ſeiner Heimaterde wenigſtens das gelaſſene, feſt in ſich ruhende Weſen wieder⸗ gefunden, welches ſie ſo bezauberte und in ihren jungen Augen den blonden, hochgewachſenen Norddeutſchen wie einen König unter der beweglichen Schaar ihrer Höflinge erſcheinen ließ. Das war nun leider keineswegs der Fall. Wie er vorhin die Beſchwerden der Eiſenbahn für unerträglich erklärt? ſo grollte er jetzt mit der Situation, die er doch ſelbſt herbeigeführt, als wenn fremder Unverſtand oder Eigenſinn ihm dieſelbe aufge⸗ nötigt. Die Reiſemütze tief in die Stirn gezogen, den Kragen des Ueberziehers hoch geſchlagen, ſaß er in ſeine Ecke gelehnt, wie Jemand, der über eine Widerwärtigkeit, die er nicht än⸗ dern kann, nun wenigſtens kein Wort weiter verlieren will. Und dieſe Stummheit ängſtigte ſie viel mehr als ſeine vorher⸗ gehende Heftigkeit. Schließlich wagte auch ſie nicht mehr zu ſprechen und hatte nun reichlich Zeit, auf das Knarren des Lederzeugs am Wagen zu hören, auf das Kreiſchen der Axen, das Knirſchen der Räder, das Klappern der Pferdehufe, die langgezogenen Töne des Windes, der über die naſſen Felder daherrauſchte und die ſauſenden Pappeln ſeitwärts bog. O Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 2 dieſe ſauſenden Pappeln! wenn jede wirklich, wie Lebrecht vor⸗ hin geſagt, ihm eine Jugenderinnerung brachte, wie traurig mußte dieſe Jugend geweſen ſein! Sie band ſich ein Tuch um den Kopf, nur um das entſetzliche Sauſen etwas weniger deut⸗ lich zu hören, und ſchloß auf Viertelſtunden lang die Augen, um das geſpenſtiſche Nicken der Wipfel nicht länger zu ſehen. Bald bedurfte ſie der letzteren Vorſicht nicht mehr: die ſchweren Wolkenmaſſen wurden dunkler und drohender und ſchienen ſich mit jedem Male, daß ſie wieder zu ihnen empor⸗ blickte, tiefer geſenkt zu haben; es wurde Abend und aus Abend Nacht, trotzdem es wenig über ſieben Uhr ſein konnte. Kein freundlicher Stern am Himmel; auf der Erde unten kein trö⸗ ſtendes Licht; nur einmal dämmerte ein matter Schein ſeit⸗ wärts auf, um alsbald wieder zu verſchwinden, und der Kut⸗ ſcher ſagte: Der Galgenberg! Es waren die erſten Worte, die der Mann, der vornüber gebückt über ſeinen ſteifen Gäulen hing, während der ganzen Fahrt geſprochen. Sie dachte darüber nach, was der Mann habe ſagen wol⸗ len: knüpfte ſich für ihn eine beſondere Erinnerung an den ominöſen Ort, wie für Lebrecht an die ſauſenden Pappeln? ragte dort wirklich noch ein Galgen in die ſchwarze Nacht? war, was da aufdämmerte, ein hölliſches Feuer? oder der Lampenſchein aus dem Wohnraum einer friedlichen Mühle? hatte der Schweigſame nur gemeint, daß die Fahrt zu Ende gehe und alsbald andere Lichter aus der Finſterniß auftauchen würden? Gott ſei Dank! da waren wirklich andere Lichter: zwei, drei, vier— eine ganze Reihe, die Lichter des Bahnhofes, wie Lebrecht erklärte, dann noch ein Stück Chauſſee— ohne Pap⸗ peln, Gott ſei Dank!— dann rechts und links niedrige, von mattem Lichtſchein erhellte Fenſter, zwiſchendurch große dunkle ———— i Maſſen— Scheunen der die Vorſtadt bewohnenden Acker⸗ bürger, nach Lebrecht's Ausſage— ein enges dunkles Thor, an deſſen Eingang und Ausgang je eine in Ketten hangende Laterne vom Winde geſchankelt wurde,— etwas beſſer beleuch⸗ tete breitere Straßen mit, wie es ſchien, ſtattlicheren Häuſern — ein kleiner viereckiger Platz endlich, der auf der einen offe⸗ nen Seite den Hafen hatte— ſie hörte durch das Heulen des Windes das brauſende Meer und ſah, wenn auch undeutlich, auf dem jetzt lichteren Himmel hohe ſchwankende Maſten— und gerade vor ihr ein paar Gebände, die aus der niedrigen Umgebung wie Burgen ſich aufthürmten: links das hochge⸗ giebelte Rathaus, rechts daneben, nur durch ein ſchmales Gäßchen von jenem getrennt, ein noch höher gegiebeltes Haus — ſein Haus, das nun auch ihr Haus werden ſollte;— das Haus, welches er ihr ſo oft geſchildert, und das, wie ſie jetzt, noch im Wagen ſitzend, einen ſcheuen Blick empor warf, im trüben Schein der hier und da über den Markt zerſtreuten Laternen und der aus den Fenſtern der Häuſer dämmernden Lichter, mit ſeinen breiten, ſich übereinander bauenden Maſſen — ein ſtummes, dunkles, ſteinernes Geheimniß— unabſehbar in den ſchwarzen Nachthimmel ragte. Und nun wurde die mächtige Thür langſam geöffnet; der Diener Nebelow— ſie kannte ja die Namen längſt— ſtand da und verſchwand ſofort wieder, da ihm der Wind das Licht hinter der vorgehaltenen knöchernen Hand auslöſchte. Sie hätte lachen mögen; war es doch gerade, als ob der alte Mann nur ſeine ungeheure kupferrote Naſe habe zeigen wollen!— aber ſie konnte nicht lachen. Da war die Schwelle, die ſie im Geiſte nun ſchon ſo oft an der Hand ihres geliebten Lebrecht überſchritten hatte, und— aber ſo geh' doch hinein! rief Lebrecht, der den Kutſcher ablohnte, ungeduldig. Er hatte es gewiß nur gut gemeint, und doch klang es häßlich in ihr verwöhntes Ohr. Dann war er freilich ſogleich wieder an ihrer Seite ge⸗ weſen, als ſie kaum ein paar Schritte in die weite untere Halle gemacht hatte, in welcher die dicke Frau Uelzen ſie bereits mit vielen Knixen und unter manchen Ausrufungen der Verwun⸗ derung über das unerwartete Erſcheinen der Herrſchaften be⸗ willkommnet.— Und ſie war an ſeinem Arm die ehrwürdige Treppe hinaufgegangen, die, in der Mitte der unteren Halle beginnend, über mehrere Abſätze auf ſeltſam niedrigen, hier und da etwas ausgetretenen Stufen zwiſchen koloſſalen ſchwar⸗ zen Geländern zu einer breiten, nach der Treppe zu abermals mit koloſſalen ſchwarzen Geländern eingefaßten Galerie führte, auf welche ſämmtliche Zimmer des erſten Stockes zu münden ſchienen. Und weiter war ſie an ſeinem Arm durch die Zimmer ge⸗ ſchritten, voran Frau Uelzen mit dem Licht, während Nebelow hinter ihnen her die Lichter auf den Tiſchen und Spiegelkon⸗ ſolen anzündete. Und weil es immer erſt hinter ihnen her hell wurde, hatte ſie nur die Empfindung gehabt, als ob ſie durch ein Labyrinth wanderte, in welchem ſie ſich nimmer zurechtfinden würde; und dann hatte Lebrecht die letzte Thür geöffnet und geſagt: dies iſt unſer Schlafzimmer, und dann— Die prächtige Stutzuhr auf dem Sims des Kamins ſchlug mit leiſer ſilberner Stimme acht. Aennchen fuhr empor wie Jemand, der jäh aus einem langen Schlafe erwacht, in wel⸗ chem ihm Unendliches geträumt hat— Unendliches, durch deſſen Wirrſal er immer nur Eins ſuchte, das er nicht finden konnte.— Nein, geſchlafen hatte ſie nicht; und es waren auch keine 21 Träume geweſen, was ihr durch Kopf und Herz in ſeltſam wilder Haſt gezogen war, während ſie auf die zuckenden blauen Flämmchen der in Aſche verſinkenden Kohlen ſtarrte: es war ihr ganzes kurzes Liebesleben geweſen, das ſie binnen weniger Minuten noch einmal durchlebt— in einem einzigen großen Blick zuſammengefaßt hatte, wie der Wandersmann die un⸗ zähligen Einzelheiten eines weiten landſchaftlichen Bildes, wäh⸗ rend er doch nur nach der Wolke ausſchaut, die ſich eben über dem Horizont hebt, und von der ihm der ängſtliche Führer ge⸗ ſagt hat, daß ſie, bevor man noch das nahe Ziel erreicht, die ganze ſchöne lachende Welt mit grauen Schleiern überdecken und in Regengüſſen auslöſchen werde.. Der ängſtliche Führer— ihr klopfendes, vorwurfsvolles Herz! Sie hatte die Probe ſchlecht beſtanden! Wann hatte ſie ſich denn je durch böſes Wetter um ihre gute Laune bringen laſſen? Wie war's an jenem Nachmittage, als ſie auf dem Ausfluge in das Siebengebirge oben auf der Löwenburg vom Unwetter überraſcht wurden und dann— auch im ſtrömenden Regen und zuletzt in völliger Dunkelheit und noch dazu zu Fuß — den langen Weg bis Königswinter zurücklegen mußten? Aber freilich, da hatte ſie ſich auf ſeinen Arm geſtützt, und jedes Hinderniß, das ſie auf ihrem Wege trafen, war nur eine Veranlaſſung mehr geweſen zu Scherz und Lachen und Glück⸗ ſeligkeit! Wenn er nun heute ſtumm und in ſchlimmer Laune an ihrer Seite ſaß, hätte ſie nicht die Pflicht gehabt, ihn durch verdoppelte Heiterkeit zu beruhigen, ſie, die doch ſo heiter ſein konnte, die er ſo gern recht heiter ſah? hatte er nicht vielleicht nur darauf gewartet? nicht ihre müde Schweigſamkeit für den Beweis gehalten, daß ſeine Befürchtungen in Erfüllung ge⸗ gangen, und ſie ſein geliebtes Pommerland abſcheilich fand? Und nun, als ſie das Haus betreten, als ſie durch die Zimmer 22 gewandert— mein Gott, ja, er hatte ſehr geeilt, aber warum hatte ſie ſich's gefallen laſſen? warum nicht darauf beſtanden, die fürſtliche Pracht, mit der offenbar Alles ausgeſtattet, in Ruhe bewundern zu dürfend Und als ſie zuletzt in dieſes Zim⸗ mer getreten, das gar kein Zimmer zu ſein ſchien, ſondern ein großes Zelt in Blau und Silber tapeziert und möblirt— ſo elegant, ſo reich, und doch ſo traulich und behaglich, wie ſie es ſich geträumt, wie ſie es ihm gelegentlich in einem neckiſchen Augenblicke mit ein paar ſcherzenden Worten ausgemalt— er, der Gute, hatte Alles behalten, verſtanden, hatte es noch tau⸗ ſendmal ſchöner herzurichten gewußt!— und ſie! war ſie ihm um den Hals gefallen? hatte ſie ihm gedankt für ſeine Für⸗ ſorge, ſeine Güte, ſeine Liebe! hatte ſie geſagt: dafür ſoll dir meine Liebe dein dunkles Haus ſo hell machen wie einen Thau⸗ tropfen der Morgenſonnenſchein! und ich will dir die Wolke von der Stirn küſſen, du lieber, närriſcher Menſch! und du ſollſt ſo glücklich ſein, wie ich es ſelber bin! Ach! nichts, nichts von dem Allen hatte ſie geſagt! hier in den Stuhl hatte ſie ſich geworfen und durch ihr thörichtes Be⸗ nehmen— zum erſten Male, ſeit ſie ihn geſehen— dem alle⸗ zeit Gütigen ein rauhes Wort ausgepreßt. Und als er ſie vor⸗ hin verließ, war die Wolke auf ſeiner Stirn ſo düſter wie nie zuvor, die Wolke, die— nicht ſeit heute da ſtand, die ſie alſo auch nicht durch ihr heutiges Benehmen hervorgerufen hatte; die verhüngnißvolle Wolke, die da ſchon ſeit Wochen hing und folg⸗ lich einen anderen tieferen Grund haben mußte und nur einen haben konnte: ich habe mich in dir geirrt; du biſt das Weib nicht, das mich glücklich machen kann! Und wie nun all ihr Nachdenken ſie auch diesmal genau zu demſelben trübſeligen Schluß geführt, zu welchem ihre Grü⸗ beleien bis jetzt noch jedes Mal gelangt waren, brach das arme 23 Aennchen— einem Kinde gleich, das kein Entrinnen mehr vor der verfolgenden Gefahr ſieht— in lautes Weinen aus, vorn⸗ über gebeugt, das Geſicht mit den Händen bedeckend, daß die Thränen durch die ſchlanken Finger rieſelten. So konnte ſie denn freilich die dicke Haushälterin nicht ſehen, welche, nachdem ſie leiſe— ſehr leiſe— angeklopft, ohne ein„Herein“ abzuwarten, die Thür ein wenig— ein ganz klein wenig— aufgethan hatte und jetzt bereits ſeit einer halben Minute durch die Spalte blickte, dann die Thür behut⸗ ſam wieder zumachte, laut anpochte, als wäre es zum erſten Male, und nun hereintrat, ein geſchäftiges Lächeln auf den dicken Lippen, auf dem Präſentirbrett die Taſſe Kaffee, welche die gnädige Frau vorhin befohlen. Aennchen war erſchrocken in die Höhe gefahren und hatte, ſo gut es gehen wollte, ihre Thränen zu verbergen geſucht. Es ſchien unmöglich, daß Frau Uelzen nichts bemerkt haben ſollte, wenn dieſe auch keineswegs desgleichen that, ſondern, ein klei⸗ nes Marmortiſchchen heranrückend und den Kaffee ſervirend, die gnädige Frau um Entſchuldigung bat, daß es ſo lange ge⸗ dauert; und wenn ſie die gnädige Frau nicht ſo geſchickt be⸗ diente, wie es jedenfalls die Kammerzofe thun würde, die ja wol der Herr Commerzienrat und die Frau Commerzienrat in acht Tagen mitbrächten. Ich weiß nicht, ob meine Eltern den verſprochenen Beſuch ſo bald ausführen werden; ſagte Aennchen. Der Herr meinte doch, erwiderte Frau Uelzen, und ich denke auch, ſie werden's ſchon. So liebe Eltern haben ja Sehn⸗ ſucht nach ihrem Töchterchen, und das Töchterchen hat ja Sehn⸗ ſucht nach den lieben Eltern. Das iſt im Leben nie getrennt geweſen und ſoll's nun auf einmal ſein; aber Scheiden und Meiden thut weh. Ich bin ſchon bei vielen gnädigen Herr⸗ ſchaften geweſen, die eben erſt verheiratet waren, und die ſich lieb hatten wie die Turteltäubchen. Ei freilich! nur daß man von der Liebe allein, ſo zu ſagen, nicht leben kann, ſondern noch Manches dazu gehört, und bis ſich das Alles gefunden hat, 25 da vergehen Monate und manchmal Jahre, und manchmal fin⸗ det es ſich gar nicht. Lebrecht hatte dafür geſorgt, daß Aennchen mit keiner allzu hohen Meinung von Frau Uelzen in das Haus kam. Er hatte ſie eine Perſon genannt, die, in ihrer Art brauchbar genug, doch manche Schwächen habe, unter denen eine unbezähmbare Schwatzhaftigkeit in ſeinen Augen, oder vielmehr für ſeine Ohren, die ſchlimmſte ſei. Und die vorſichtige Mama hatte ſie noch in den letzten Tagen wiederholt ermahnt, ſich mit der einflußreichen Perſon, die bereits zehn Jahre das Hausweſen geleitet, wenigſtens im Anfang gut zu ſtellen, bis ſie ſelbſt feſten Boden unter den Füßen fühle. Aber Aennchen dachte jetzt an nichts weniger, als an dieſe Warnungen und Vorſichtsmaßregeln. Was die dicke alte Dame da, während ſie die fleiſchigen Hände über dem Magen gefal⸗ tet hielt, behaglich langſam ſagte— in jenem köſtlichen Dia⸗ lekt, den ſie zuerſt von Lebrecht gehört, und der ſie deshalb ſo anmutete— das war ja Alles ſo durchaus richtig! ihr ſo aus der beklommenen Seele geſprochen! Findet es ſich gar nicht! wiederholte ſie. Frau Uelzen hatte bereits gefürchtet, ſie möchte denn doch wol für den Anfang etwas zu weit gegangen ſein. Nun, da ihre Worte in dem Herzen der jungen Frau offenbar eine ſo gute Stätte fanden, fuhr ſie völlig beruhigt fort: Ja wol, gar nicht! obgleich man das niemals zugeben darf und immer zum Beſten reden und ſo einer armen jungen Dame Mut einſprechen muß, wie ich das bei der jungen gnädigen Frau von Milzow auch ſtets gethan, wo ich ſchon vorher ein halbes Jahr lang dem jnngen Herrn Baron die Wirtſchaft allein geführt, der ſo ein guter Herr war, wenn er auch ſeine Eigenheiten hatte, wie wir Alle, und manchmal eine Flaſche 26 mehr trank, als ihm gut ſein mochte. Na, gnädige Frau, wenn das ein Grund wäre für eine junge Frau, um unglücklich zu ſein, ſo gäbe es nicht viele glückliche, wenigſtens nicht bei uns zu Lande; und, was meine junge gnädige Frau von damals war, die war unglücklich, ſo recht aus dem Herzensgrunde, und blieb unglücklich, ſo viel ich auch reden mochte, bis wir ſie eines Morgens in dem Teich hinten im Park fanden, aber da war ſie ſchon ein paar Stunden todt. Großer Gott! rief Aennchen, und man hat nie erfahren, weshalb ſie ſich das Leben nahm? Nie ſo recht, erwiderte Frau Uelzen, den Kopf wiegend. Die Einen ſagen, ſie habe ſchon vorher einen Liebſten gehabt, einen Lieutenant, der in Böhmen geblieben iſt, und den ſie gar zu gern geheiratet hätte, blos daß die lieben Eltern es nicht wollten, und ſie meinen gnädigen Herrn heiraten mußte; und der Andere— was der Lieutenant war— hat ſich blos da⸗ rum todt ſchießen laſſen. Aber das ſind denn ſo Redereien; mir hat ſie nie was davon erzählt, und das hätte ſie gewiß gethan, wenn etwas daran geweſen wäre, denn ſie war ſehr mit mir zufrieden und ſagte immer: Wie Sie wollen, Frau Uelzen! oder: Machen Sie das ganz nach Ihrem Belieben, Frau Uelzen! Und was kann denn auch ſo eine junge Dame Beſſeres thun, als einer alten verſtändigen Perſon vertrauen, die das Hausweſen kennt und niemals nicht etwas für ſich will, ſondern immer nur für die gnädigen Herrſchaften. Denn auf die Dienſtboten iſt ja doch kein Verlaß, beſonders hier in Wol⸗ dom, wo ihnen allen der Auswanderungsteufel im Kopfe ſteckt, weil mal die Eine oder die Andere ihr Glück in Amerika ge⸗ macht hat; und dann ſagen die Leute: ich wäre daran ſchuld, wenn keine lange bei uns bliebe, aber die gnädige Frau wer⸗ den ſich ja bald überzeugen, daß ich nicht daran ſchuld bin. 27 Aennchen war, während ſie in kleinen Zügen den vortreff⸗ lichen Kaffee trank, mit ihren Gedanken noch immer bei der unglücklichen jungen Frau, die ſich ertränkt hatte, Niemand wußte warum; und hatte keine Ahnung, wie Frau Uelzen von dieſem tragiſchen Gegenſtande auf das Dienſtbotenkapitel ge⸗ kommen war; ſie wollte ſich aber ihre Unachtſamkeit nicht mer⸗ ken laſſen und ſagte deshalb auf gut Glück: Weshalb ſollten auch Sie daran ſchuld ſein? Nicht wahr? ſagte Frau Uelzen eifrig. Weshalb ſollte ich daran ſchuld ſein? Ich kann doch nichts dafür, daß das Haus älter iſt als der Schwedenwall vor dem Sundiner Thor? und daß ſie ſagen: wenn alle die Menſchen noch lebten, die hier in dieſem Hauſe geboren wären, müßten wir Anderen zur Stadt hinaus? Na, gnädige Frau, wenn ſich nun ſo ein junges Ding, das hier in's Haus kommt, fürchtet und nach ſechs Wochen wieder weg will— das iſt doch am Ende ganz natürlich; denn der alte Nebelow, der ſchon bei dem Herrn Senator ſelig an die dreißig Jahre und bei dem jungen Herrn auch ſchon fünf Jahre geweſen iſt: was der Alles gehört und geſehen haben will, gnädige Frau, das glaubt man nicht; und daß, wenn kein Menſch im Zimmer iſt, es ganz deutlich athmet, als ob Eines dicht dabei im Bette ſchliefe— das iſt nun ſicher, und ſelbſt die Dörthe muß es zugeben, was unſere neue Köchin iſt, gnä⸗ dige Frau, die wir erſt ſeit ſechs Wochen haben, und ich weiß noch nicht, ob viel daran iſt, denn ſie lacht den ganzen Tag; aber mit der alten ging es nicht mehr, die ſprach zuletzt kaum noch von was Anderem und wäre ja wol der gnädigen Frau gleich am erſten Abend damit unter die Augen getreten; und die beiden Hausmädchen ſagten, dann ſollte ich ihnen nur auch gleich ihren Schein geben, denn verſchwinden könne kein Menſch und fliegen auch nicht, und das ſagten ſie in der ganzen Stadt; und juſt deshalb dürften ſie's hier im Hauſe nicht, habe ich geſagt, gnädige Frau, und ihnen auch gleich ihren Schein ge⸗ geben. Denn wenn die neuen, die ſich die gnädige Frau ja nun ausſuchen kann, auch nicht anders ſein werden, ſo hat die gnädige Frau doch wenigſtens an den erſten paar Tagen Frie⸗ den vor dem dummen Gerede. Und das iſt auch ſchon was wert; habe ich nicht Recht, gnädige Frau? Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie ſprechen, erwiderte Aennchen. Ueber der Haushälterin dickes Geſicht glitt ein halb ver⸗ legenes, halb ärgerliches Lächeln. Ach! die gnädige Frau weiß das nicht, wirklich nicht! Da bitte ich tauſendmal um Verzeihung. Ich bin ſicher nicht eine von denen, die den Mund nicht halten können; und wenn der Herr ſagt: Frau Uelzen, ſprechen Sie nicht davon, es ſoll eine Ueberraſchung ſein! ſo ſpreche ich nicht davon; und wenn er geſagt hätte: Frau Uelzen, ſagen Sie nichts zu Ihrer gnädigen Frau von dem, was mir mit Herrn Fliederbuſch arrivirt iſt, ſo hätte ich nichts geſagt; darauf kann ſich die gnädige Frau verlaſſen. Haben die gnädige Frau ſonſt noch etwas zu be⸗ fehlen? Frau Uelzen machte einen Knir und wollte ſich, da nicht gleich eine Antwort kam, im Gefühl ihrer gekränkten Wirt⸗ ſchafterinnen⸗Ehre ſchweigend entfernen; blieb dann aber zwei⸗ felnd ſtehen. Die großen braunen Augen der jungen gnädigen Frau, die ſich plötzlich aus ihrem Stuhl aufgerichtet hatte, blickten ſie ſo fragend und zugleich, wie Frau Uelzen meinte, ſo erſchrocken an. Ja, gnädige Frau, wiſſen Sie denn wirklich nichts davon? fragte Frau Uelzen.: Ein kaum merkliches Schütteln des Kopfes war die Ant⸗ —— 29 wort. Frau Uelzen ſchlug in ernſtlichem Erſtaunen die Hände zuſammen und rief: Ja, lieber Gott, gnädige Frau, nun weiß ich aber wirklich nicht, ob ich weiter reden darf. Denn wenn Ihnen der Herr davon nichts geſagt hat— na, der Herr hat ja ein gutes Ge⸗ wiſſen und kann es darauf ankommen laſſen und ahnt auch ge⸗ wiß nicht, was die Leute hier Alles darüber reden; denn ſonſt hätte er ſicher der gnädigen Frau erzählt, wie es gekommen iſt, weil es die gnädige Frau ja doch erfahren muß, bevor ſie vier⸗ undzwanzig Stunden in Woldom älter geworden iſt; und da iſt es am Ende eben ſo gut, wenn die gnädige Frau es von mir hört, weil ich es gut mit den Herrſchaften meine und doch wenigſtens weiß, was ich weiß, und wie es angefangen hat; und die Anderen wiſſen rein gar nichts; und wenn ſie jetzt ſagen, daß ich auf den Herrn Fliederbuſch eiferſüchtig geweſen bin— aber von Herrn Fliederbuſch wird doch wol der Herr zu der gnädigen Frau geſprochen haben? Ich erinnere mich nicht, ſagte Aennchen mit tonloſer Stimme. Iſt die Möglichkeit! rief Frau Uelzen. Aennchen hatte ſich wieder in den Stuhl geſetzt, eine Ruhe zur Schau tragend, welche die zitternden Kniee und das po⸗ chende Herz Lügen ſtraften. Sie fühlte, trotz ihrer Verwirrung, lebhaft die Unſchicklichkeit, ſich von der alten ſchwatzhaften Per⸗ ſon über Dinge und Perſonen unterrichten zu laſſen, über die Lebrecht bisher geſchwiegen. Aber wenn nun dieſes Schweigen kein zufälliges geweſen? wenn er nur geſchwiegen, um ſie nicht zu beunruhigen? wenn ſeine eigene Unruhe, ſeine Verſtimmung, ſein düſteres Weſen, die ihr bereits ſo viel Sorge, ſo viel Angſt verurſacht, jetzt eine unerwartete Erklärung finden ſollten? wenn ſie heute Abend zu ihm ſagen durfte: ich weiß es jetzt, Lebrecht! 30 — Wos, großer Gott, was? Es war gewiß etwas ſehr, ſehr Unangenehmes, etwas recht Widerwärtiges— das ging ja aus den bisherigen Reden der Alten zur Genüge hervor— aber im Vergleich zu dem ſchrecklichen Gedanken, mit dem ſie ſich dieſe ganze Zeit getragen, in welchem ſie noch eben ſo troſtlos geweſen war— Wollen Sie ſich nicht auch ſetzen? ſagte Aennchen, nach ei⸗ nem Seſſel deutend, der in der Nähe ſtand. Frau Uelzen machte von der erhaltenen Erlaubniß nur zu gern Gebrauch. Eine ſo gute Gelegenheit, ihr Licht leuchten zu laſſen vor einer jungen Frau, die eben erſt den Fuß in's Haus geſetzt, war ihr in ihrer ganzen vieljährigen Haushälterinnen⸗ Praxis noch nicht vorgekommen. Ihre kleine dicke Geſtalt that ſich ordentlich auseinander, als ſie jetzt, auf dem Rand des Seſſels Platz nehmend und die ſchwarzſeidene Schürze mit den roten Händen glatt ſtreichend, ein ſelbſtgefülliges Lächeln auf den breiten Appen, ſagte: Sehen gnädige Frau nur nicht ſo ängſtlich nach der Uhr! Wenn der Herr Doktor bei dem Herrn ſind, das dauert immer lange; und heute wird's noch länger dauern, denn Nebelow, der vorhin eine Flaſche Wein hineinbrachte— das iſt nämlich immer das Erſte, wenn der Herr Doktor kommt, womit ich aber nichts gemeint haben will, gnädige Frau, Gott bewahre!— der ſagt, daß ſie auch ſchon darüber ſprechen. Und der Herr Doktor kommt ja ſo viel in der Stadt herum und hat immer rechten Antheil an Herrn Fliederbuſch genommen, der ſchon lange keine Mutter mehr hatte, blos eine alte Tante, eine Schif⸗ ferswittwe, wie denn auch ihr Bruder, der Vater von dem jun⸗ gen Herrn Fliederbuſch, Schiffs⸗Kapitän geweſen iſt und viele Jahre für uns gefahren hat, bis er— wie lange wird es her ſein? richtig! im Frühjahr hatten wir das Feuer auf dem Schif⸗ 31 ferdamm, und im Herbſt ſcheiterte die Anna⸗Maria, und die ganze Mannſchaft ertrank und Herr Fliederbuſch mit— der Vater, meine ich— und da kam ja auch wol noch im Winter der Junge zu uns in's Haus; ſechs Jahre iſt es, und er war damals vierzehn und würde alſo jetzt zwanzig ſein, wenn— Iſt er denn todt? rief Aennchen erſchrocken. Frau Uelzen warf einen kläglichen Blick nach der Zimmer⸗ decke. Ja, gnädige Frau, das iſt es ja eben, daß kein Menſch das weiß und worüber ſie ſich die Köpfe zerbrechen. Denn es kannte ihn alle Welt, und Hans Fliederbuſch hier und Hans Fliederbuſch dort— er hieß nämlich Hans, gnädige Frau, und war ein richtiger Hans Dampf in allen Gaſſen, obgleich er im Geſchäft ſoweit ganz tüchtig geweſen ſein ſoll, ſagen ſie— jetzt wenigſtens, wenn ich auch früher manchmal die Herren ganz anders über ihn habe ſprechen hören, und daß ſie ſich wundern müßten, wie unſer Herr ein ſo großes Vertrauen in einen ſo jungen windbeuteligen Menſchen ſetzen könne. Na, gnädige Frau, das verſtehe ich nicht, und ich habe es ihm immer ge⸗ gönnt, wenn der Herr ihn viel öfter bei ſich zu Tiſch hatte, als die Anderen, und mit ihm im Sommer baden ging während der Geſchäftszeit, und im Winter Schlittſchuh mit ihm lief oder hinten im Garten nach der Scheibe ſchoß; und hat ihn ja auch vor drei Jahren mit nach London genommen und im vori⸗ gen Jahre nach Paris, damit er die Welt kennen lerne, ſagte der Herr, wenn auch Nebelow ſagte: damit er da die Maul⸗ affen feil habe, die er hier in Woldom nicht anbringen könne. Das iſt gewiß recht deſpektirlich von Nebelow, gnädige Frau; aber die gnädige Frau muß wiſſen, wie die Leute ſind, und es iſt ja meine FPflicht, nach dieſer Seite nichts zu verſchweigen. Der Nebelow nämlich, gnädige Frau, der war richtig eiferſüch⸗ tig auf den Herrn Fliederbuſch und ſchimpfte noch am letzten Abend, als der Herr den nächſten Morgen zur Hochzeit reiſen wollte, bei uns in der Küche, daß Herr Fliederbuſch wieder dem Herrn die Koffer packen müſſe, und er habe doch dem Herrn Senator ſelig dreißig Jahre lang Alles zu Dank ge⸗ macht. Der Herr Fliederbuſch packte aber hier in dieſer ſelben Stube, gnädige Frau, in der ja der Herr ſchon immer geſchla⸗ fen hat, wenn es auch damals nicht ſo prächtig ausſah wie jetzt; und während der Zeit war der Herr Doktor bei dem Herrn in des Herrn Stube, wo ſie in dieſem Augenblick ſind, und ſie hatten wol ſo zwei oder drei Flaſchen Wein getrunken. Und dann ging der Herr Doktor fort, und Nebelow leuchtete ihm hinunter und kam nicht wieder herauf, weil er unten ſchläft. Ich hatte die Mädchen auch zu Bett geſchickt, weil ſie am näch⸗ ſten Morgen früh wieder auf mußten und es nichts mehr für ſie zu thun gab und für mich eigentlich auch nichts, blos daß der Nebelow die Flaſchen und Gläſer nicht weggeräumt hatte, und ich wußte nicht, ob ich hineingehen ſollte, weil der Herr es gar nicht liebt, wenn man ungerufen kommt. Und darüber mochte ich denn wol ſo ein bischen eingenickt ſein und war ſehr verwundert, als ich aufwachte, daß die Uhr ſchon zwölf ſchlug, und ich meinte, ich wäre davon aufgewacht, denn es ſchlug noch, als ich ſchon wachte. Na, gnädige Frau, ich bin eine alte verſtändige Perſon und fürchte mich ſo leicht nicht; aber, wenn man Schlag zwölf auf⸗ wacht, und man denkt, es iſt Alles längſt zu Bett, und es iſt todtenſtill in dem ganzen Hauſe, und plötzlich fängt es an zu rumoren und zu ſchallen grad' wie in einer Kirche, wiſſen die gnädige Frau, ſo dumpf und ſchauerlich, daß man nicht weiß: kommt es vom Gewölbe herunter oder von unten herauf? Gro⸗ ßer Gott, denke ich, was kann das ſein? denn daß der Herr noch auf ſein ſollte und der Herr Fliederbuſch— nein, wahr⸗ 33 haftig, gnädige Frau, das fiel mir zuerſt gar nicht ein, und es iſt ja auch eine Ewigkeit von dem Herrn ſeinem Zimmer, und ich war mittlerweile ſchon ganz hinten in dem Gang von der Küche hinter den Fremdenzimmern vorbei, wo ich ſchlafe; und das wird ja wol immer lauter, und ich faſſe mir ein Herz und kehre wieder um, und richtig: es kommt aus dem Herrn ſeinem Zimmer, erſt des Herrn Stimme und dann Herrn Fliederbuſch ſeine und dann beide zugleich, wie wenn ſich Zwei mordsmäßig miteinander ſtreiten. Na, gnädige Frau, das war ja denn nun ſehr merkwürdig, weil ich noch nie ein böſes Wort von dem Herrn gegen Herrn Fliederbuſch gehört hatte, und daß der Herr Fliederbuſch ſo gegen den Herrn aufzumucken wagen durfte — das hätte ich nimmermehr für möglich gehalten. Und aus ſchierer Verwunderung, gnädige Frau— denn ich weiß, was ſich für einen Dienſtboten ſchickt, gnädige Frau, und eine Haus⸗ hälterin ſoll den Dienſtboten mit gutem Beiſpiele vorangehen, und der Horcher an der Wand hört ſeine eigne Schand'— aber zu horchen brauchte man auch gar nicht, und Kabelmann — was unſer Ratsdiener iſt, gnädige Frau— der iſt gerade durch das Gäßchen gegangen und will es auch gehört haben, obgleich gar kein Fenſter nach dem Gäßchen heraus iſt, und die Wände ſind ja ellendick. Na, das mag nun ſein, wenn er's beſchwören will; aber die Worte, gnädige Frau, die kann er nicht beſchwören, ſage ich, denn ich ſtand dicht an der Thür und habe auch nichts gehört, was ich beſchwören könnte, als einmal, wie der Herr ſchrie: Du giebſt ihn mir wieder! und Herr Fliederbuſch dagegen: Nein! ich gebe ihn nicht! Und dann war es, gnädige Frau, als wenn ſie ſich— Gott verzeih' mir die Sünde!— an der Kehle hätten, und dabei mochten ſie an den Tiſch geſtoßen haben, der auch hernach umgefallen war mit allen Gläſern und Flaſchen, die darauf ſtanden; und Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 34 dann kam ein lauter Schrei, ich denke ja wol, der Herr hat ihn todtgeſchlagen, denn es war Herr Fliederbuſch, der ſo ge⸗ ſchrieen hatte; und ich will zur Thür hinein, aber die iſt ver⸗ ſchloſſen, und ich— haſt du nicht geſehen— über den Flur nach dem Eßſaal, aus dem ja auch eine Thür nach des Herrn Zimmer geht, und die iſt auch verſchloſſen. Nun aber wurde mir doch ſo himmelangſt, gnädige Frau, daß ich es gar nicht beſchreiben kann, denn nebenan war Alles mäuschenſtill und blieb ſtill, und ſo mag ich wol ein paar Minuten geſtanden haben— immer mit dem Lichte in der Hand, gnädige Frau, und ich wundere mich noch heute, daß ich es nicht vor Schreck habe fallen laſſen— und dann ging ich wieder auf den Flur, und— Gott ſei Dank!— da kam denn wenigſtens der Herr; aber hier aus dem Schlafzimmer, gnädige Frau, und hatte auch ein Licht in der Hand und lief ſo eilig, als wenn's hinter ihm brennte, nach der Treppe, und ich hinter ihm her, denn er hatte mich gar nicht geſehen, ſo daß er ſchon auf dem erſten Abſatz war, als ich noch oben ſtand, und wäre gewiß ganz hinunter⸗ gelaufen, blos daß ihm das Licht ausging und er nun erſt merkte, daß ich da war, und hinaufrief: Kommen Sie ſchnell, Frau Uelzen, kommen Sie ſchnell! Na, ich kam denn, ſo ſchnell ich konnte, und er ſteckte ſein Licht wieder an meinem an und war ſo weiß wie eine Wand, und die Hand flog ihm, daß ſein Leuch⸗ ter immer gegen meinen ſchlug und er mit dem Anſtecken erſt gar nicht zu Stande kommen konnte und ich wol dreimal fra⸗ gen mußte: Was hat's denn nur gegeben? bis er herausbrachte: Herr Fliederbuſch— er ſagte aber nicht: Herr Fliederbuſch, ſondern: der Hans— hat ſich aus dem Fenſter in der Schlaf⸗ ſtube geſtürzt und liegt unten im Garten.— Todt? ſage ich. — Ich weiß es nicht, ſagt der Herr; ich habe nach ihm geru⸗ fen— ich bekomme keine Antwort.— Was hat es denn ge⸗ geben, Herr? frage ich noch einmal.— Wir haben einen Streit gehabt, ſagte der Herr, es thut mir ſehr leid— ſehr— wenn ich das hätte ahnen können.— Dabei zitterten ſeine Lippen, gnädige Frau, und die Augen ſtierten ihm aus dem Kopfe, und er ſchwankte hin und her, daß ich dachte, er fällt um; aber dann richtete er ſich ganz gerade auf und ſagte: Das hilft nun nicht, Frau Uelzen. Bleiben Sie hier und wecken ſie Ne⸗ below, ich will ſelber nach ihm ſehen.— Aber das Licht geht Ihnen draußen wieder aus, Herr, ſage ich.— Da iſt der Chriſtian, ſagt der Herr; ich will ſeine Laterne nehmen. Wir waren nämlich mittlerweile nach unten gekommen, an dem Fenſter vorüber, das nach dem Hof geht. Auf dem Hof aber ſahen wir den Chriſtian— das iſt unſer Kutſcher, gnä⸗ dige Frau, und er hatte die Chaiſe ſchon herausgeſchoben, mit der der Herr am nächſten Morgen nach der Bahn fahren wollte, und weil er gehört hatte, daß es zu regnen anfing, war er wieder aufgeſtanden und war dabei, eine Plane über die Chaiſe zu decken,— er iſt ein großer Däskopf, gnädige Frau, und man kann die Wände mit ihm einrennen; aber, was ſeine Pferde und ſeine Wagen betrifft— Alles was recht und billig iſt, gnädige Frau— und ſeine große Laterne war ja auch ge⸗ wiß von Nöten bei der Dunkelheit, und es regnete, was vom Himmel wollte, als der Herr die Thür nach dem Hofe auf⸗ machte, und ich ſagte noch: Wollen Sie nicht eine Mütze auf⸗ ſetzen? aber der Herr antwortete gar nicht darauf, ſondern nur, der Nebelow ſolle gleich zu dem Herrn Doktor laufen.— Na, gnädige Frau, was ſoll ich da noch lange erzählen, denn gefunden haben ſie ihn ja nicht, obgleich ſie den ganzen Garten abgeſucht haben, erſt der Herr allein mit dem Chriſtian und dann noch ein paar von unſeren Leuten dazu, die der Herr hatte wecken laſſen, mit einem halben Dutzend Laternen; und 36 dann haben ſie das ganze Haus abgeſucht vom oberſten Boden bis in den tiefſten Keller, wenn es auch gar keine Menſchen⸗ möglichkeit, daß er aus dem Garten in das Haus gekommen ſein ſollte; und dann iſt in der ganzen Stadt herumgeſchickt, und es iſt ein Aufſtand geweſen, als ob es an allen vier Ecken brennte; aber wer nicht gefunden iſt, das iſt Herr Fliederbuſch, und der Herr hat auch die gehörige Anzeige gemacht, und unſer alter Herr Polizeidirektor hat den Herrn noch in derſelben Nacht zu Protokoll genommen— heißt es ja wol?— und zum Herrn geſagt: er ſolle ruhig reiſen, denn einem jungen Menſchen eins hinter die Ohren geben, wenn er gegen ſeinen Prinzipal unartig ſei— dagegen könne kein Menſch was haben, und wenn der junge Menſch, anſtatt um Verzeihung zu bitten, davon laufe und ſich, ſo zu ſagen, aus purem Schabernack zwanzig Fuß hoch in den Garten ſtürze, wäre es ihm ſchon recht, wenn er ſich das Genick abfiele, und daß er es ſich nicht abgefallen, das ſei doch klar, und wenn einer ſchon mal ein Leben habe wie eine junge Katze, könne er auch über eine Gar⸗ tenmauer klettern, und wenn die Katzen nicht zu den Menſchen hielten, zum Hauſe hielten ſie doch, und der werde ſchon wieder kommen, wenn er ſich die Hörner abgelaufen, und er werde das noch erleben und wir auch. Na, gnädige Frau, der alte Herr hat es nicht mehr erlebt, denn acht Tage darauf haben ſie ihn hinausgetragen, und er war der beſte Freund von dem ſeligen Herrn Senator und ja auch Pathe von unſerem Herrn, und ich glaube, er würde ſich im Grabe herumdrehen, wenn er hörte, was die Leute jetzt über die alte dumme Geſchichte ſagen. Was ſagen ſie? was können ſie ſagen? rief Aennchen. Sie war plötzlich aus ihrem Stuhle aufgeſprungen und hatte die feſt zuſammengefalteten Hände gegen Frau Uelzen ausgeſtreckt. 37 Aus den verſchwollenen Aeugelchen der kleinen Haushäl⸗ terin, die ſich nun ebenfalls erhoben, glitzerte ein beinahe ſcha⸗ denfroher Blick zu der aufgeregten jungen Dame hinauf, wäh⸗ rend ſie den dicken Kopf langſam von der einen nach der an⸗ deren Schulter bewegte. Was ſie ſagen können, gnädige Frau? ja, was können ſchlechte Menſchen nicht ſagen, wenn ſie nichts Beſſeres zu reden haben und es ſich um unſeren Herrn handelt, der ſo viel im Vermögen hat, daß er die ganze übrige Stadt kaufen könnte, und der ſein ſchönes Geld mit vollen Händen weggiebt, daß es eine Sünde und eine Schande iſt, an was für Kreatur es manchmal kommt. Denn darin iſt der Herr gerade ſo wie der ſelige Herr Senator; der hatte, als er ſtarb, ja wol halb Wol⸗ dom in ſeinem Schuldbuche: Schiffskapitäne und Matroſen und Kaufleute und Handwerker, und Alles dick durchgeſtrichen und darunter geſchrieben: Bezahlung werde drüben empfangen! Frau Uelzen wiſchte ſich die Augen, wie ſie jedes Mal that, wenn ſie dieſe Geſchichte von dem Seligen erzählte. Ja, ja, fuhr ſie fort, das war ein echtguter Herr— zu gut für dieſe Welt; und was haben ſie nicht Alles von ihm geſagt: er habe mit ſchwarzen Menſchen gehandelt, während er, in ſeinen ganz jungen Jahren, drüben in Amerika war, und habe noch ein paar Dutzend Schiffe, die immer zwiſchen Afrika und Amerika führen und nur mit Sklaven handelten, aber nie hierher nach Woldom in den Hafen kämen, ſondern immer hinter dem Galgenberg vor Anker gingen— das iſt eine halbe Meile von hier, gnädige Frau— und kein Menſch wagte ſich früher dahin, weil noch vor ein paar Jahren der alte Galgen da ſtand, bis der Herr Senator den wegnehmen und eine Leuchtbake aufſtellen ließ. Und da ſagten ſie wieder, er habe es nur gethan, weil der hochſelige König gedroht habe, 38 er würde ihn an dem Galgen aufhenken laſſen, wenn er den Sklavenhandel nicht nachließe und den unterirdiſchen Gang von den Galgentannen bis hier in unſer Haus zuſchütte. Ja, gnädige Frau, man ſollte es nicht glauben, aber die Leute ſagen es wirklich, und es giebt welche, die ſagen, der Gang ſei nie zugeſchüttet, ſondern exiſtire bis auf den heutigen Tag; und in des Herrn ſeinem Zimmer, wo ja auch der ſelige Herr Sena⸗ tor gewohnt hat, ſei eine Thür, die Keiner kenne, blos immer der Herr— zum Exempel der ſelige Herr Senator— der ſie auf dem Sterbebette ſeinem Sohn zeigte— zum Exempel un⸗ ſerem Herrn— ſonſt Niemand nicht.— Und wenn man nur die Thür finden könnte, würde man auch den Herrn Flieder⸗ buſch finden. Um Gotteswillen! ſchrie Aennchen.„ Nicht wahr, gnädige Frau, es iſt zu ſchändlich! Aber ängſtigen ſich gnädige Frau darum nur nicht! Wie der Herr Fliederbuſch aus dem Garten gekommen ſein ſoll, das kann ja kein Menſch begreifen, denn es ſind überall hohe glatte Mauern ringsherum und nur eine einzige Thür nach dem Hof, wo Chriſtian mit dem Wagen geweſen iſt, an dem er partout vor⸗ bei gemußt hätte, und ein paar Kellerlöcher, die aber vergittert ſind. Und mit der Thür in dem Herrn ſeinem Zimmer hat es auch ſo weit ſeine Richtigkeit, und daß ſie keiner ſo leicht finden kann, der ſie nicht kennt, und da mag wol früher ein Gang geweſen ſein, denn in einem Hauſe, das ſchon dreihun⸗ dert Jahre alt iſt und ſo dicke Mauern hat, iſt Alles möglich; aber jetzt iſt nur ein Wandſchrank dahinter, der freilich ſo groß iſt, daß man ein halbes Haus hineinſtellen könnte, und auf der einen Hälfte iſt er auch ganz leer, in der anderen aber ſind Regale, wo der ſelige Herr Senator ſeine Acten hatte und ſonſtige Papiere, die der Herr ordnete und zuſammenpackte, als der alte Herr geſtorben— ich bin ſelbſt dabei geweſen: zehn Kiſten voll, die jetzt im Keller ſtehen— und der Herr hat weiter nichts darin gehabt, ſo viel ich weiß, als ſeine Angel⸗ ruthen und Flinten, bis er ein paar Tage, bevor er abreiſte, zu mir ſagte: Frau Uelzen, ſagte er, wir haben das Haus jetzt voll Arbeiter, und das dauert noch ſo zwei, drei Wochen, bis Alles fertig iſt, und Sie können Ihre Augen nicht überall haben; wir wollen das große Silbergeſchirr von dem Büffet nehmen und in den Schrank thun, denn wenn auch die Leute ehrlich ſind, es könnte doch was daran ruinirt werden, und das wäre nicht wieder zu erſetzen.— Ja wol, Herr, ſage ich, und ich meine, wir legen auch die Löffel und das Andere gleich mit hinein,— ſicher iſt ſicher, und ich bin die Sorge los, denn die Kaſten im Büffet kann Jeder mit einem krummen Nagel öffnen. Na, gnädige Frau, der Herr, der lacht; aber unſer Einer weiß das beſſer, und ſo habe ich denn Alles in den Schrank gepackt— in Seidenpapier, gnädige Frau, wie ſich das ſchicken wird, wenn man ſo koſtbare Sachen unter den Händen hat— und habe blos ein halbes Dutzend von un⸗ ſeren gewöhnlichen Eßlöffeln und Kaffeelöffeln draußen be⸗ halten auf alle Fälle, und das war ſehr gut, denn als vorhin die gnädige Frau den Kaffee wünſchte, und ich dem Herrn ſagte, daß ich der gnädigen Frau gern einen von unſeren ſchönen vergoldeten Löffeln auf die Taſſe legen möchte, fuhr er mich an: es würde auch wol ſo gehen, und er hätte den Schlüſſel verloren.— Warum haben Sie ihn mir nicht ge⸗ geben? ſage ich; denn er wollte ihn mir geben, und ich ſollte ja, wenn Alles in Ordnung wäre, die Sachen herausnehmen und wieder in das Büffet ſtellen, und ich wundere mich, daß die gnädige Frau gar nicht bemerkt haben, wie das jetzt aus⸗ ſieht;— wie eine gerupfte Gans— blos daß der Herr in der 40 letzten Nacht den Kopf ſo voll hatte und gar nicht zu Bett ge⸗ gangen iſt, weil wir jeden Augenblick glaubten, ſie würden ihn doch irgendwo finden, bis es ſieben Uhr war, und der Herr auf die Eiſenbahn mußte, wenn er am anderen Morgen bei der lieben jungen Braut in Köln ſein wollte. Aber, großer Gott, da ſchlägt es halb neun; wie die Zeit vergeht, wenn man ſo in's Reden kommt! Ich muß in die Küche, gnädige Frau, daß die gnädigen Herrſchaften was Ordentliches zum Abendeſſen haben, denn der Dörthe, der traue ich nicht über den Weg, obgleich ſie drei Jahre bei der Mutter Ihlefeldt erſte Köchin geweſen, und der Herr und der Herr Doktor werden ſich ja mittlerweile ausgeſprochen haben, wenn die gnädige Frau jetzt hinüber gehen wollten. Kann ich der gnädigen Frau ſonſt noch was helfen?. Ich danke Ihnen, ſagte Aennchen, ich komme ſchon allein zurecht. Das glaube ich wol, ſagte Frau Uelzen, die Kaffeeſachen zuſammenſtellend; wenn eine ſo verwöhnte junge Dame ſechs Wochen lang auf der Reiſe iſt und hat nicht einmal ihre Kam⸗ merjungfer bei ſich, und der Herr,— na, unſer Herr, der braucht ja eigentlich gar keinen Bedienten, und— habe ich immer geſagt, wenn ſich die Leute wunderten: ſo ein paar junge Herrſchaften, habe ich geſagt, die ſind am glücklichſten, wenn ſie ganz allein ſind; und was zu Hauſe an Allem Ueberfluß hat, das iſt auf der Reiſe am beſcheidenſten. Frau Uelzen war bereits an der Thür, als ſie dieſe Be⸗ merkung machte, die ſie für ganz beſonders verbindlich hielt, und auf die ſie ein freundliches Wort oder wenigſtens eine höf⸗ liche Handbewegung oder auch Beides von der jungen Frau erwartete. Aber Aennchen, die jetzt in der Tiefe des Zimmers vor dem großen Trumeau zwiſchen den beiden Fenſtern ſtand 41„ und ihr halb den Rücken zukehrte, ſagte nichts und wandte ſich auch nicht um; dafür aber ſah Frau Uelzen mit ihren ſcharfen Augen ſehr deutlich das von den Lichtern auf den Armleuchtern hell beleuchtete Bild der jungen Frau im Spiegel, und das ſtarrte ſo blaß und verloren mit den dunklen Augen vor ſich hin— Frau Uelzen meinte, ein paar ſchließliche beruhigende Worte könnten am Ende nicht ſchaden. Sie räuſperte ſich alſo, um anzudeuten, daß ſie noch immer im Zimmer ſei, und ſagte: Die gnädige Frau müſſen ſich das nun aber auch nicht zu Herzen nehmen! Wenn man ein gutes Gewiſſen hat, kann man die Leute reden laſſen; und mit unſerem Herrn iſt es ja nicht wie mit dem Herrn Baron von Klabenow auf Wüſtenei, als ich da Wirtſchafterin war— das ſind nun beinahe vierzig Jahre, und ich war noch ein blutjunges Ding und mußte her⸗ nach auch mit vor Gericht, ob ich was davon wüßte und was ich davon wüßte? Aber ich wußte wirklich nichts, und daß ein junger Herr in die Speiſekammer kommt und ſagt einem jungen Ding Fladuſen, wenn er auch ſelbſt eine ſchöne junge Frau hat,— lieber Gott: Jugend hat keine Tugend! und die Lo⸗ wiſe— na, gnädige Frau, der alte Palzow muß es auch ge⸗ merkt haben, und darüber werden ſie wol in Streit geraten ſein im Wüſteneier Holz, und eines Tages kommt der Herr Baron nicht wieder, und kommt nicht wieder ſechs Wochen lang, trotzdem Alles durchſucht wurde: das Korn und die Tannen und die Teiche; und der alte Palzow immer vorauf, weil ja kein Menſch Verdacht gegen ihn hatte, und ſo um dieſe Zeit, im Oktober, bellt dem Jochen Wenhak ſein Hund in den Tannen — Jochen war nämlich der Kuhhirt und hatte auf dem friſchen Dreſch bei den Tannen getrieben— und hat einen Knochen im Maule, und ſo ein Kuhhirt, der kennt ja wol alle Knochen und ſagt gleich zu dem Gensdarmen, der gerade auf der Chauſſee 42 reitet: Das iſt von unſerem Herrn ſeinen Knochen, und richtig! in den Tannen hat er gelegen die ganze Zeit, blos einen Fuß unter der Erde; und ſie ſind zehnmal über denſelben Platz gegangen, ohne eine Ahnung; und der alte Palzow hat nicht mehr gewagt, ihn tiefer zu graben, ſo daß ihn die Füchſe auf⸗ geſcharrt und halb aufgefreſſen haben. Und nun gleich hin, um den Alten feſtzunehmen, denn ſein Pulverhorn war ja bei den Sachen gefunden; aber, wie der ſie kommen ſieht, ſchreit er ihnen entgegen: Auf euch habe ich ſchon lange gewartet! und ſchießt ſich eine Kugel vor den Kopf, daß er auf der Stelle todt geweſen iſt. Frau Uelzen hatte die Geſchichte, die eine Liblingsge⸗ ſchichte von ihr war, laut genug erzählt; war aber doch nicht ſicher, ob die gnädige Frau wol recht zugehört, denn die ſtand immer noch, ohne ſich zu regen, vor dem Spiegel; und Frau lelzen überkam plötzlich die Furcht, ob ſie nicht am Ende zu viel geſagt und von Dingen geſprochen, über die ſie beſſer ge⸗ ſchwiegen hätte. Sie tröſtete ſich aber mit dem Gedanken, daß ſie ja nichts auf's Tapet gebracht, worüber zu ſprechen ihr aus⸗ drücklich verboten geweſen wäre, und ſie über das Einzige, was ihr der Herr verboten, ja auch nichts geſagt habe. So huſtete ſie denn leiſe— diesmal zum Zeichen, daß ſie jetzt alles Ernſtes gehen wolle— klapperte, da das Huſten nichts half, ein weniges mit den Kaffeeſachen und verließ das Zimmer in der beklemmenden Ungewißheit, ob die gnädige Frau ihr Fortgehen wirklich nicht bemerkte, oder ſich nur den Anſchein davon gab. Aennchen aber, als ſie die Thür in's Schloß fallen hörte, war, wie Jemand, der aus einer Betäubung erwacht, ſich mit beiden Händen über Stirn und Augen gefahren; hatte ſcheu umgeblickt, ſich zu vergewiſſern, daß ſie wirklich allein ſei, und 43 dann war ſie zu derſelben Thür geſtürzt, durch welche die Uelzen gegangen, hatte den Riegel vorgeſchoben, und ebenſo an der zweiten Thür, die nach dem Vorderzimmer führte. Dann eilte ſie zu dem Tiſch, auf welchem verſchiedenes Handgepäck durcheinander lag, öffnete ein elegantes Köfferchen und kramte mit zitternden Händen unter allerhand zierlichen Frauenſächelchen— da war es! Sie nahm es heraus— einen Gegenſtand, der in ein weißes Battiſttuch geſchlagen war. Sie wickelte das Tuch ab — eines von Lebrecht's feinen Taſchentüchern: ein alterthüm⸗ licher Schlüſſel mit langem glattem Stiel, krauſem Bart und rundem Oehr kam zum Vorſchein. Der Schlüſſel war mit braunen Flecken betupft— die hatte ſie ſchon damals bemerkt, und ebenſo, daß der Roſt ſich auf das Tuch abgefärbt. Aber, wie ſie jetzt das Tuch auseinander ſchlug und gegen das Licht hielt— großer Gott! war das wirklich Roſt? Ein Schauder überlief ſie. Unwillkürlich hatte ſie Schlüſſel und Tuch fallen laſſen. Aber im nächſten Moment hatte ſie Beides wieder aufge⸗ rafft und ſchien, ſich umblickend, nach einem ſicherern Verſteck zu ſuchen, als ihn das Köfferchen gewährte. Waren das Schritte? nein— aber Schlüſſel und Tuch ſind in der Taſche, wohin ſie dieſelben in ihrem Schrecken hatte gleiten laſſen, vielleicht am ſicherſten. Wovor? Die junge Frau verſucht zu lachen. Das Lachen klingt ſo ſeltſam— ſo gar nicht wie ihr eigenes Lachen, daß ſie plötz⸗ lich in Thränen ausbricht. Die häßliche Perſon mit ihren grauſigen Geſchichtn! und Lebrecht! daß er mir nie ein Wort davon geſagt! 44 Sie ſitzt wieder in dem Fauteuil vor dem Kamin, grü⸗ belnd, grübelnd, grübelnd, wie vorhin— nein, nein! ſich mit allen Kräften ihrer Seele gegen den furchtbaren Gedanken wehrend, ſie habe jetzt den Schlüſſel zu Lebrecht's Trübſinn gefunden. III. Was gab es da? fragte der Doktor. Ich hörte ein Geräuſch, ſagte Lebrecht, die Thür wieder ſchließend;— es war nur die Uelzen. Nur die Uelzen— iſt reizend, ſagte der Doktor, ſein Glas leerend und wieder füllend;— ganz in der Rolle des Mannes mit dem ſchlechten Gewiſſen! Sie kam wol von Deiner Frau? Ich glaube, ſagte Lebrecht. Hm! Und wenn ſie nun eben Deiner Frau— ſo ganz en passant und ohne ſich was dabei zu denken— und was ſollte ſie ſich auch Großes dabei denken?— Dein ſauberes Ge⸗ heimniß mitgetheilt hat? Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß ich ſie ausdrücklich gebeten, nicht davon zu ſprechen. Unter welchem Vorwande? Es ſolle— es ſolle eine Ueberraſchung für Aennchen ſein? Eine Ueberraſchung— iſt gut, ſehr gut!— und wenn ſie nun einer von den anderen Leuten damit überraſcht? Ne⸗ below zum Beiſpiel? Das iſt ſo unwahrſcheinlich wie möglich. Aber doch möglich! Was quälſt Du mich? Nur, um Dir zu zeigen, daß Dein Geheimniß— wie das Schwert des Damokles— trotz aller Deiner Vorſichtsmaßre⸗ geln an einem ſeidenen Faden hängt. Als ob ich das nicht eben ſo gut und beſſer wüßte als Du. An einem ſeidenen Faden, den jeder elendeſte Zufall zer⸗ reißen kann, und das Schwert fährt herab und— Du biſt ein verlorener Mann. Ja, Du biſt es bereits, und ich will es Dir beweiſen. Von des Doktors feinem blaſſen Geſicht ſchwand das iro⸗ niſche Lächeln, mit welchem er der langen Beichte des Freun⸗ des bis jetzt zugehört. Er fing an, ſich die ſpitzen Kniee der langen dürren Beine mit den flachen Händen erſt langſamer und dann ſchneller und immer ſchneller zu reiben, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ein Patient ſeine Geduld erſchöpft hatte. Auch blickte er jetzt nicht mehr, wie vorhin,mit einem humori⸗ ſtiſchen Blinzeln über die Brillengläſer weg dem Freunde in's Geſicht, ſondern hielt die Augen geſenkt, als ob Alles, was er zu ſagen hätte, da vor ihm auf dem Teppich geſchrieben ſtünde, und er müßte es nun in der größten Haſt herunterleſen, aus Furcht, der nächſte Moment möchte es verwiſchen. Ich will es Dir beweiſen, ſo klar, wie zwei mal zwei vier iſt, daß Du nichts mehr und nichts weniger biſt als ein Mono⸗ mane, ſo gut, wie nur Einer, der an Verfolgungswahnſinn leidet oder glaubt, daß er einen Centner Heu im Bauch oder einen Scheffel Raupen im Kopf hat. Stelle Dir doch um Got⸗ teswillen vor, wie ein vernünftiger Menſch in Deiner Lage ge⸗ handelt haben würde! Es iſt— abgeſehen von ſeinem Na⸗ men, über den ſchon der Schuljunge mit den Neckern und Hän⸗ ſelern tauſend blutige Fehden geführt— in ſeinen Verhält⸗ niſſen, in ſeinem Leben ein Umſtand, deſſen er ſich ſchämt, ob⸗ gleich er ſelbſt in keiner Weiſe daran ſchuld iſt; und den er ſo wenig ändern kann wie ſeinen Namen oder die Naſe, die er 47 mit auf die Welt gebracht hat. In meinen Augen iſt dieſe Scham allerdings ſchon ein ganz niederträchtiger ariſtokrati⸗ ſcher Nonſens, der bereits an Verrücktheit grenzt, aber noch keine Verrücktheit iſt, weil ich nach dieſer Seite dem Geſchmack die weiteſten Conceſſionen mache. Was dem Einen ſeine Eule, iſt dem Anderen ſeine Nachtigall, und umgekehrt; und dem Manne, von dem wir ſprechen, iſt der Umſtand im Laufe ſei⸗ nes Lebens mehr und immer mehr zur Eule geworden. Er hat ſich abwechſelnd über ſie geärgert und vor ihr gefürchtet und hat auch in ſeiner Weiſe Urſache dazu gehabt, weil andere Menſchen eben ſo ſchwach ſind wie er und ihm ſeine Eule ge⸗ legentlich vorgerückt haben, wie zum Beiſpiel jener allerliebſte Obriſt mit ſeinem: wir würden Sie gern zum Offizier machen, lieber Mann; aber in dieſem ariſtokratiſchen Regiment, wiſſen Sie— hol' ihn der Teufel! hat der Mann damals geſagt; und ich hoffte, er würde bei jeder anderen Gelegenheit, wo Je⸗ mand nur Miene machte, ihm ſeine Eule aufzumutzen, ſagen: hol' ihn der Teufel! Er hat das auch, ſo viel ich weiß, noch immer gethan, bis er eines ſchönen Tages ſagen mußte: hol ſie der Teufel! und das brachte er nicht fertig; dazu hatte er nicht das Herz. Ich, von meinem Standpunkte, muß das beklagen; aber ich kann es begreifen. Ja, noch mehr, ich bin kein Moraliſt, wenigſtens keiner von der ſtrikten Obſervanz, der keine Aus⸗ nahmen ſtatuirt. Ich ſtatuire Ausnahmen; ich ſage: die Liebe iſt ein Kampf um's Daſein wie der Krieg. Im Kriege wie in der Liebe wird die Moral immer ad apsurdum geführt: im Kriege wie in der Liebe gelten alle Mittel; und, wie der ein ſchlechter Feldherr wäre, der dem Feinde vor der Zeit ſeine ſchwachen Punkte verriete, ſo wäre der ein Narr, der ſeine Geliebte in die bewußten Eulenaugen blicken ließe, wenn ſie, ——— 48 wie der herzige Obriſt, mutatis mutandis ſagen würde: ich nähme Sie ſchrecklich gern zum Gemahl, lieber Mann; aber in dieſem ariſtokratiſchen Hauſe, wiſſen Sie— Bon! der kluge Feldherr und der kluge Liebhaber ſpielen alſo Verſtecken. Das iſt ihr gutes Recht, vielmehr: es iſt ihre Pflicht. Aber, wohlgemerkt, mon cher, nur eine Zeit lang; nur ſo lange, bis in der Schlacht der Augenblick kommt, wo das Ba⸗ taillon, das der Feind für eine Armee gehalten, hervorbrechen und rufen, vielmehr zeigen muß: wir ſind eine Handvoll Men⸗ ſchen, aber jeder iſt ein Held! nur ſo lange, bis in jenen hol⸗ den Tagen geſättigt⸗unerſättlicher Leidenſchaft und Liebe er ihr Alles, Alles ſagen darf, und wäre es, daß er ein myſtiſcher Schwanenritter oder auch der leibhaftige Satan ſei, und ſie ihm erwidern würde: das iſt mir ganz egal. Ich bin Arzt, mein Lieber, und ich könnte Dir, wenn ich indiskret ſein wollte, Fälle anführen, wo Confeſſionen von kaum geringerer Tragweite gemacht und verziehen, jn— was ſage ich!— mit in zehnfacher Süßigkeit getränkten Küſſen beant⸗ wortet wurden. Aber Du— denn ich muß jetzt von Dir ſprechen— was thuſt Du?— was haſt Du gethan? Du haſt jene günſtigen, allmächtigen, allgütigen, allliebenden Augenblicke entſchwinden laſſen auf Nimmerwiederkehr. Auf Nimmerwiederkehr, mon cher! Sie liegen draußen in jenem Paradieſe, in welchem es keine Sünde und keine Reue, keine Buße und keine Strafe giebt,— dem Paradieſe, aus dem Ihr eben kommt, und das die junge Frau unweigerlich ver⸗ läßt mit dem erſten Schritte, den ſie über die Schwelle des Hauſes thut, deſſen Herrin ſie fürder ſein ſoll.— Und wenn ſie, die Laſt der Verantwortung, welche ſie ſo leichten Mutes 49 übernommen, urplötzlich auf ihren zarten Schultern fühlend ſich erſchrocken zweifelnd fragt: wirſt du im Stande ſein, dieſe Laſt zu tragen? Und ſie die kritiſche Frage mit einem hoff⸗ nungs⸗ und vertrauensvollen Athemzuge beantwortet: ja, wenn er treu und feſt zu mir ſteht, er, der die Treue und die Feſtig⸗ keit und die Ehrlichkeit und die Bravheit ſelber iſt! Und nun tritt dieſer brave, gute, feſte, treue Mann zu ihr und ſchneidet eine höhniſche Fratze: du biſt auf den Leim ge⸗ gangen, mein ſüßes Vögelchen! oder— was in meinen Augen zehnmal ſchlimmer iſt: er flüſtert ihr unter Liebkoſungen, die ihm nicht aus dem angſtvollen Herzen kommen können, in's Ohr: ich habe geſündigt vor dir und bin nicht wert— pah! kann der brave Gatte ſich wundern, wenn ſie ihn beim Wort nimmt? Ich ſage Dir, mon cher, ich kenne junge Damen, die es thäten; und nach Allem, was Du mir früher oder ſpäter von Deiner Dame berichtet haſt, möchte ich ſagen, daß ſie es thun wird. Man iſt nicht umſonſt mütterlicherſeits eine von Klüngel⸗Pütz! Denn hier, mein Lieber, ſchließt ſich erſt der verderbliche Cirkel, aus dem vorher noch immer ein Entrinnen war; Du haſt aus Furcht vor den ariſtokratiſchen Velleitäten der Familie Dein Geheimniß ſo lange bewahrt, bis Du es nicht mehr ent⸗ decken kannſt, ohne nicht blos die ariſtokratiſchen Velleitäten— an denen mir der Kukuk gelegen wäre,— ſondern die Moral ſelbſt zu beleidigen, die Moral, mon cher, deren Heiligkeit auch ich reſpektire! Denke an des Dichters Wort: Wer das Vertrauen ver⸗ giftet, der mordet das werdende Geſchlecht im Leib der Mutter! Die Wunde, die Du dem vertrauensvollen Herzen Deiner jun⸗ gen Frau geſchlagen, wird niemals ganz wieder heilen. Von Stund' an bis in alle Ewigkeit wird ſie, kann ſie Dir niemals Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 4 50 etwas auf's erſte Wort glauben, Alles nur, wenn ſie ſich von anderswoher die Beſtätigung verſchafft hat. Weißt Du, was das für eine junge Frau heißt: von anderswoher? das heißt ganz einfach: von anderen Männern, die wahrſcheinlich auch nicht beſſer und nicht ſchlechter ſind als Du, die ſie aber, aus reiner Oppoſition gegen Dich, ohne Weiteres für beſſer nimmt. Ich will Dir an einem naheliegenden Beiſpiele beweiſen, wie weit dieſe Glaubensloſigkeit gehen kann. Du ſagſt, die Uelzen werde ihr das Geheimniß nicht aus⸗ liefern, denn Du habeſt es ihr verboten. Nehmen wir an, ſie widerſteht der Verſuchung, die in dem Verbot ſelbſt liegt, und plaudert nicht. Wer in aller Welt bürgt Dir dafür, daß ſie nicht die koſtbare Zeit benutzt, Deiner Frau die Geſchichte von Hans Fliederbuſch zu erzählen? ich wiedexhole, trotz Deines Murrens: wer bürgt Dir dafür? und zwar die Geſchichte mit den unheimlichen Kommentaren, wie ſie nun ſchon, faſt ſo lange Du fort biſt, im Munde des Volkes umlaufen? und dabei habe ich Dir den unheimlichſten noch gar nicht mitgetheilt, weil ich Dich ſchonen wollte; aber quod ferrum non sanat, ignis! alſo: man hatte die alte, halb verſchollene Sage von dem geheimen Gange, der hier in dieſem Zimmer und auf dem anderen Ende irgendwo in einer Strandhöhle zwiſchen den Galgentannen mündet, wieder aufgegraben und weiß nun ganz genau, wo der Junge geblieben. Das iſt ſehr lächerlich, nicht wahr? und iſt doch auch wieder gar nicht lächerlich. Du kannſt nicht alle Leute hierher kommen laſſen und ſagen: ſchauen Sie, meine Herrſchaften, dieſen großen Wandſchrank, ſollte er wol Euch Narren ſämmtlich faſſen? Und wenn Dir auch an dem Gerede der Narren nichts liegt; denke Dir, das Gerede kommt Deiner Frau zu Ohren, und der Junge kehrte, was Gott verhüten wolle, wirklich nicht zurück, und das Geheimniß ſeines Ver⸗ 51 ſchwindens würde nie aufgeklärt— glaubſt Du, daß das Alles weſentlich dazu beitragen dürfte, Deiner jungen Frau den Auf⸗ enthalt in dieſem verwunſchenen Schloß ſehr behaglich zu ma⸗ chen? glaubſt Du, daß ſie jemals dies Zimmer betreten könnte, ohne an die Geſchichte zu denken? oder— ich will Dir was ſagen, mein Schatz, an Deiner Stelle, bevor ſie noch etwas von dem Gerede und von der Exiſtenz des Schrankes ein Ster⸗ benswörtchen erführe,— ich ließe in aller Heimlichkeit den Schrank zumauern, damit, wenn ihr das Gegackel wirklich zu⸗ getragen wird, Du in aller Ruhe ſagen kannſt: nun denke Dir dieſen Unſinn, lieber Schatz, es iſt nicht einmal ein Schrank hier, geſchweige denn ein geheimer Gang, geſchweige denn— biſt Du toll? Der Doktor, deſſen dürrer Oberkörper die lange, zuletzt in ſchier raſender Haſt hervorgeſprudelte Rede mit immer ener⸗ giſcheren Pendelſchwingungen begleitet hatte, während die fla⸗ chen, auf den Knieen reibenden Hände nur noch als zitternde Lichtreflere erſchienen, blieb wie erſtarrt ſitzen, die Augen über die Brillengläſer weg auf Lebrecht gerichtet mit einem halb er⸗ ſchrockenen, halb forſchenden Blick, wie ein Arzt blickt, in deſſen Gegenwart Jemand unerwartet höchſt verdächtige Symptome von Tobſucht an den Tag legt. Denn Lebrecht, der, wie der Doktor wenigſtens angenommen, ihm ruhig zuhörend gegen⸗ über geſeſſen, war aufgeſprungen, hatte den gewichtigen Lehn⸗ ſtuhl, welchen der Doktor nur mühſam von einer Stelle auf die andere rücken konnte, hoch in die Höhe gehoben, als wäre es ein Kinderſtühlchen, und dann wieder herabgeſchmettert, daß es, trotz des dicken Teppichs, einen lauten Krach gab, die Flaſchen und Gläſer auf dem großen Eichentiſch klirrten und die über dem Tiſch hangende dreiflammige Lampe merklich ſchwankte. Und lief jetzt hin und her, ſich mit beiden Händen in das blonde 52 lockige Haar fahrend und dann die geballten Fäuſte ſchüttelnd, wie unter der Naſe eines unſichtbaren Gegners, und blieb nun ganz dicht vor dem Doktor ſtehen und knirſchte durch die zu⸗ ſammengepreßten Zähne: Verdammt! verdammt! Was oder wer iſt verdammt, lieber Lebrecht? ſagte der Doktor in einem Tone, deſſen Ruhe den ſeltſamſten Contraſt mit der Sprudelrede von vorhin bildete. Wir haben es dort— dort hinein in den Schrank geſtellt! Was, lieber Lebrecht? Wie Du noch fragen kannſt!— das— das— Das Corpus delicti? Ja, ja! wir mußten doch irgendwohin damit. Es war der nächſte, der ſicherſte Verſteck für den Augenblick. Freilich! ich hatte vorhin ganz zu fragen vergeſſen, wo Ihr damit geblieben waret. Er ſollte es dann wieder herausnehmen und an Ort und Stelle bringen, falls ich ihm ſchreiben konnte, daß ich mich mit Aennchen ausgeſprochen; oder es ſonſt heimlich irgendwo in Sicherheit auf einen der Böden ſtellen, denn vernichtet durfte es nicht werden— um keinen Preis. Natürlich! das alte Wahrzeichen des Hauſes! ſo viel Pie⸗ tät beſaß man denn doch! Ich hatte ihm zu dem Zwecke den Schlüſſel gelaſſen— Und er hat ihn mitgenommen? Nein! über den Schlüſſel war es, daß es ſo weit kam. Er drohte, mich zu verraten; ich wollte ihn wieder haben, er ihn nicht zurückgeben; ich entriß ihm den verfluchten Schlüſſel— ich— ich ſchlug ihn mit dem Schlüſſel— Todt? Biſt Du verrückt? S Co Das bei Seite!— Du brauchſt nicht mit dem Fuße zu ſtampfen— alſo nicht todt? und dann? Dann kam Alles, wie ich Dir erzählt habe. Ich— Nund Ich habe den Schlüſſel verloren. Wo? und wie? Ich weiß es nicht; ich glaubte ihn eingewickelt in einen meiner Koffer geworfen zu haben; ich habe ihn auf der Reiſe wiederholt vergebens geſucht; er iſt fort. Nimm es für ein gutes Zeichen! ſagte der Doktor, ſich vergnüglich langſam die Kniee reibend; nimm es dafür, daß Du den Schrank niemals wieder öffnen oder, wie ich vorhin ſchon ſagte, gleich eine Ertra⸗Mauer darüber ziehen laſſen ſollſt! Und mußt Du freilich, nach dem Wortlaut und Sinn von Deines Vaters Teſtament, doch eins haben— ſo ſei es eben ein neues: le roi est mort! und, wie es einem ſo großen Tyrannen zukommt, feierlich beigeſetzt in den Gewölben ſeines eigenen Palaſtes. Requiescat in pace! und— vive le roi! Es geht nicht! es geht nicht! der Schrank muß wieder ge⸗ öffnet werden; ich hatte an demſelben Morgen mein ganzes Silberzeug hineingelegt. Weiß Jemand davon? Die Uelzen. Hm! weiß ſie, daß der Schlüſſel fort iſt? Ich mußte es ihr ſagen— vorhin— ſie wollte irgend etwas haben. Ich wußte, daß es ſo kommen würde, und habe auch des⸗ halb den Empfang meiner jungen Leute vermeiden wollen, die ich doch hätte bewirten müſſen, und dann fehlte es hier und da— Und Du fürchteſt Dich, den Schrank in Gegenwart von anderen Leuten und überhaupt durch andere Leute öffnen zu laſſen? das Corpus delicti— Steht groß und breit vorn— So mußt Du es allein thun! Das wird ſehr ſchwer ſein ohne den vertrackten Schlüſſel, wie's gar keinen zweiten giebt. So ſchlag die Thür ein! oder fürchteſt Du etwa, das Ge⸗ räuſch werde Deine Frau erwecken? Ei was! junge geſunde Frauen pflegen einen feſten Schlaf zu haben. Laß Deine Scherze! Beim Himmel! ich ſcherze nicht! rief der Doktor, urplötzlich aus ſeinem Stuhl in die Höhe fahrend. Was thuſt Du denn, was haſt Du dieſe ganze Zeit gethan, als auf den feſten Schlaf Deiner Frau vertraut: daß ſie nichts hört, nichts ſieht, ſich keine Gedanken über Dein verändertes, unleidliches Weſen macht, deſſen Du Dich ſelbſt anklagſt? ihr kein unbedachtes Wort Dei⸗ ner Leute eine Erklärung Deiner Melancholie zuträgt, vor der ihr die zarte Haut ſchaudern würde, ſo daß keine Küſſe und keine Liebkoſungen ſie jemals wieder ganz beruhigen könnten? Was ſtehſt Du da, Menſch, wie verdonnert: der König von Woldom— jeder Zoll ein Knabe, der ſich vor den Geſpen⸗ ſtern fürchtet, die er ſelbſt heraufbeſchworen! Kann denn nichts — nicht mein Scherz, nicht mein Ernſt, nicht meine balken⸗ verklammerten Gründe, nicht der boshafte Zufall, der ſich gegen Dich verſchworen zu haben ſcheint,— und es giebt einen Zu⸗ fall, glaube mir, trotz Wallenſtein!— nicht die Achtung vor Dir ſelbſt, die Liebe zu Deiner Frau— kann nichts, gar nichts Dich bewegen, zu thun, was Dir einzig und allein zu thun bleibt: hinzugehen, auf der Stelle, bevor noch Deine Frau dieſe Schwelle überſchreiten kann, und ihr Alles zu ſagen— wei⸗ nend oder fluchend, demütig oder zornig— es iſt mir ganz gleich und iſt auch ganz gleich— aber Alles, hörſt Du, Alles, Alles bis zum Pünktchen über dem J! O O Um Gotteswillen, ſtill! Der Doktor, der die letzten Beſchwörungsworte in ſeinem Feuereifer ſo laut geſprochen, wie es ſeine haſtige Weiſe und die gurgelnde Stimme nur immer zuließen, hatte mit langaus⸗ geſtrecktem Arm nach der Thür gewieſen, welche auf den Flur führte, und durch die er Aennchen's Eintreten erwartete. Leb⸗ recht's Blicke aber, der ihm gegenüber ſtand, waren auf eine zweite Thür gerichtet geweſen, durch welche man in die Flucht der vorderen Zimmer gelangte, und er hatte zu ſeinem äußer⸗ ſten Unbehagen plötzlich geſehen, daß dieſe Thür, die er vorhin ſelbſt ſorgfältig geſchloſſen, nur noch angelehnt war. Vielleicht war ſie aufgeſprungen, als er vorhin den ſchweren Stuhl ſo heftig auf den Boden ſtieß— gleichviel! ſie mußte wieder zu; und er war eben im Begriff geweſen, an dem Doktor, auf den er kaum noch hörte, vorbei nach jener Thür zu ſtürzen, als vor derſelben ein Stuhl gerückt wurde. Sein erſchrockener Ausruf und ſein ſtarres Auge machten jetzt auch den Doktor ſich um⸗ wenden— da wurde auch bereits die angelehnte Thür vol⸗ lends geöffnet, und auf dem hellen Hintergrund des vom Ker⸗ zenlicht durchſtrahlten Salons ſtand Aennchen's hohe, ſchlanke Geſtalt. Sie zögerte einen Angenblick, und nun, mit leichtem, wie ſchwebendem Schritt, ein Lächeln auf dem ſchönen, etwas bleichen Geſicht, trat ſie den Herren entgegen. Iv. Die Plötzlichkeit von Aennchen's Erſcheinen hatte die bei⸗ den, aus einer ſo ſeltſamen Unterredung aufgeſchreckten Män⸗ ner für ein paar Momente völlig der Faſſung beraubt. Kaum daß Lebrecht, den Doktor vorſtellend, etwas von ſeinem„älteſten und beſten Freunde“ murmeln konnte und der Doktor:„Gott zum Gruß, ſchöne Frau! willkommen in Woldom!“ in ſeinen unverſtändlichſten Kehllauten gurgelte. Dazu machte er dann eine beängſtigend gravitätiſche Verbeugung, um, nachdem er die lange hagere Geſtalt wieder aufgerichtet, von ſeiner Höhe durch die funkelnden Brillengläſer auf Aennchen herabzuſtarren, wäh⸗ rend dieſe mit ein paar freundlich⸗leiſen Worten ſeinen Gruß erwiderte und auf einem der Lehnſtühle Platz nahm, die Leb⸗ recht in verlegener Haſt an den Kamin gerückt, auch den Freund auffordernd, ſich zu ihnen zu ſetzen. Der Doktor aber brummte etwas Unverſtändliches durch die Zähne und fing an, mit langen Schritten auf und ab zu gehen, wie es ſeine Gewohn⸗ heit war, wenn ihm in ſeiner Praxis ein unvorhergeſehenes oder unvorherſehbares Moment begegnete, über das er, unbe⸗ kümmert um den Patienten und ſonſtige Anweſende, erſt ein⸗ mal mit ſich in's Reine kommen wollte. Dies hatte er nicht vorhergeſehen, nicht vorherſehen können! Er hatte ſich, nach Lebrecht's kärglichen Schilderungen, c — Aennchen als ein kleines, niedliches, immer bewegliches, zu Scherz und Lachen und allerlei Schelmerei und Neckerei ſtets bereites, von luftigen Bändern umflattertes Perſönchen vorge⸗ ſtellt— ein wenig oder auch ein wenig ſehr kokett und— Alles in Allem— fürchterlich verwöhnt und verzogen, aber doch trotz oder gerade wegen dieſer Eigenſchaften die rechte Frau für ſeinen etwas allzu ernſten, hin und wieder bis zur Melancholie trübſinnigen und bis zur Pedanterie ſteifſtelligen Freund. Und dies luftige Figürchen hatte er immer wieder vor ſeines Geiſtes Auge geſehen während der ganzen ſonder⸗ baren Unterredung, die er eben mit dem Freund gehabt, und das hatte ihn eben ſo außer ſich gebracht. Der Liebling ſeiner Seele, ſein Idol, ja ſein Ideal— wie viel er auch an ihm zu mäkeln und zu ſchelten fand— der ſchöne, ſtolze Mann, der König von Woldom— in einer Situation von einer ſo greu⸗ lichen Lächerlichkeit, daß, wenn er anſtatt deſſen den Hans Flie⸗ derbuſch wirklich todt geſchlagen und gekocht und aufgegeſſen hätte, es ihm— dem Doktor Adalbert Bertram— als der verzeihlichere Fall erſchienen ſein würde, und Alles das— um das luftige Figürchen! das kleine Perſönchen, das ohne Zweifel dem blonden Recken kaum bis an's Herz reichte! das der Recke wie eine Puppe auf den Arm nehmen konnte, um mit: Eiapo⸗ paia, was raſchelt im Stroh? ihr das lächerliche Geheimniß lachend in⸗die kleinen Puppenohren zu ſingen! Wollte die Puppe bös werden? ſtille, Püppchen, ſtille! du bekommſt ſonſt heute Abend dein Stück Zucker nicht! Und das Püppchen iſt ſtill und— es raſchelt nicht mehr im Stroh! Da wendet er ſich— und vor ihm ſteht eine junge Dame, in Allem und Jedem der vollkommene Gegenſatz von dem Bilde ſeiner voreiligen Phantaſie: eine elaſtiſche Geſtalt, die den Kopf nur um ein weniges zu heben braucht, dem Recken Lebrecht die 58 Lippen zu berühren. Und welcher Kopf! keck und zierlich wie der der Diana von Verſailles, mit herrlichen, göttlich⸗klaren Contouren— das blauſchwarze, leichtgekräuſelte Haar die breite und doch zarte Stirn überwölbend, hinten in dem ſchlanken Nacken zu einem griechiſchen Knoten mit kühner Gra⸗ zie zuſammengebunden— ein bei aller Zartheit plaſtiſches, edelblaſſes Geſicht— unter ſanft geſchweiften ſchmalen Brauen große, ſchwarze, leuchtende Augen— ein kleiner Mund mit weichen und doch energiſchen Lippen, daß man zweifelhaft iſt, ob ſie beſſer küſſen oder befehlen können— an der hohen ge⸗ ſchmeidigen Figur Alles beiſammen wie aus einem Guß, und jede Poſe, jede leichteſte Handbewegung die einer liebenswür⸗ digen Königin— der Ton der Stimme ſelbſt weich und dun⸗ kel, wie das Gewand, das die Göttliche umfließt:— dem Dok⸗ tor war, als ſei ihm eine himmliſche Offenbarung geworden. Eine himmliſche— furchtbare Offenbarung! Er hatte auf einmal Alles begriffen, was ihm noch vor wenigen Minuten ein krauſer Rebus geweſen war, der mög⸗ licherweiſe eine ſehr tiefſinnige, aller Wahrſcheinlichkeit nach aber eine überaus abgeſchmackte Erklärung hat. Das wunder⸗ liche Problem war gelöſt zur Beſchämung und zugleich tiefſten Beunruhigung des Raters. Lebrecht's urſprünglicher Gedanke, der ihm eine Feigheit und Abſurdität zugleich ge⸗ däucht hatte, erſchien ihm plötzlich als geniale Kühnheit; Leb⸗ recht's Zaudern, die Entdeckung herbeizuführen, mindeſtens völlig begreiflich; ſeine augenblickliche Lage nicht im Geringſten mehr lächerlich, vielmehr im allerhöchſten Grade bedenklich, ja faſt verzweifelt; ein Geradedraufgehen, wie er es eben noch als ſelbſtverſtändlich hingeſtellt und empfohlen, nur dem allerkühn⸗ ſten Mute möglich und trotzdem hinſichtlich des Erfolges zwei⸗ felhaft; eine vorbereitende Kur ſehr indicirt, vielleicht notwen⸗ 59 dig, um ſo mehr, als hier von jener unterwürfigen, leicht ein⸗ zuſchüchternden, ſchließlich Alles verzeihenden Liebe nicht die Rede ſein konnte. Wer ſo ſchön war, hatte fraglos das Ge⸗ liebtwerden ſo bequem gehabt; weshalb ſich die Mühe des Wiederliebens auferlegen? Blickte ein junges liebendes Weib ſo? ſprach ein junges liebendes Weib ſo— ſo fein und ge⸗ meſſen, verſtändig und kühl— an dem erſten Abend in dem Hauſe ihres geliebten Gatten, bei der erſten Zuſammenkunft mit dem beſten Freunde ihres Gatten? Denn daß ſie, wie er bei ihrem Eintreten gefürchtet, etwas von ihrem Geſpräche ge⸗ hört, und wär's auch nur ſo viel, um ſie ſtutzig, verlegen zu machen— davon war er längſt zurückgekommen. Keine Spur von Verlegenheit! Die Miene einer Prinzeſſin, die mit dem Empfange, mit den getroffenen Einrichtungen nicht ganz zu⸗ frieden, aber viel zu vornehm iſt, um ſich das merken zu laſſen! Vielleicht paßte es der Gnädigen nicht, daß er hier war, noch hier war, nachdem ſie lange genug mit ihrem Kommen ge⸗ zögert und ihm Zeit gelaſſen hatte, ſich zu drücken!— Hier aus dieſem Zimmer?— wiſſen Sie, Madame, daß ich— der Doktor Adalbert Bertram— ein Anrecht an dieſes Zimmer habe, das Sie ſich erſt erwerben ſollen? Wiſſen Sie, daß Ihr Gatte, der Ihnen jetzt ſo ſchweigſam und verſtimmt am Kamin Geſellſchaft leiſtet, und ich, der Doktor Adalbert Bertram, dort — an jenem lieben alten maſſiven Tiſch von ſolidem Eichen⸗ holz— Jahre und Jahre, Abend für Abend zuſammengeſeſſen haben bis tief in die Nacht hinein, trinkend, plaudernd, rauchend, unſere Gedanken und unſere Herzen austauſchend, auch wenn wir ſchwiegen, auch wenn wir uns nicht in tollen Scherzen über⸗ boten oder die konfuſe Welt in langen, von Weisheit über⸗ fließenden Reden in die gebührende Ordnung brachten? Und jetzt kommen Sie und machen den mutigſten Mann zum Feig⸗ 60 ling? hetzen die treueſten Freunde aneinander? ſitzen da, wie ein ſchönes Geſpenſt, daß ich, der Doktor Adalbert Bertram, der ſich vor dem Teufel nicht fürchtet, auf dieſem meinem wohl⸗ erworbenen Grund und Boden, auf dieſem dicken verruchten Teppich, der blos Ihrethalben gelegt iſt, kaum noch aufzutreten und mir nicht mal mehr ein Glas Wein einzuſchenken wage, trotzdem mir von dem vielen Sprechen und der nervöſen Auf⸗ regung, die ich im ganzen Leibe fühle, die Zunge am Gaumen klebt? Nun, bei Gott, mich ſollen Sie nicht in Ihre Netze ver⸗ ſtricken, ſchöne Teufelin! und den armen Schlucker da auch nicht, oder ſollen ihn wieder losgeben, ſo wahr ich Doktor Adalbert Bertram heiße!— Und der Doktor trat an den Tiſch, füllte ſich ſein Glas bis zum Rande, leerte es auf einen Zug, und— ſetzte ſeine Wanderung fort, ſeinen Nerven fluchend, die heute ganz re⸗ belliſch waren; heimlich mit Lebrecht zankend, deſſen Feigheit unzweifelhaft kontagiös war; die Schönheit der jungen Frau verwünſchend, in welcher er jetzt ſchon nicht mehr die Gelegen⸗ heitsurſache, ſondern den eigentlichen Grund und die Wurzel des Uebels ſah. Der lange hagere Mann, der, ſo vieles Verfängliche und Bedenkliche in ſeiner Seele wälzend, kaum Zeit fand, dann und wann ein abgeriſſenes, kaum verſtändliches, noch dazu in ſelt⸗ ſam höhniſchem Tone geſprochenes Wort in die dürftige Unter⸗ haltung zu werfen, würde wol auf Jeden, der ihn zum erſten Male ſah, einen befremdenden, ja unheimlichen Eindruck ge⸗ macht haben,— dem armen, von trübſten Ahnungen, ſchreck⸗ lichen Befürchtungen ohnehin verdüſterten und verſtörten Aenn⸗ chen erſchien er entſetzlich, obgleich ſie alle Kraft zuſammen⸗ nahm, um ihre wirklichen Empfindungen zu verbergen. Dies war viel ſchlimmer, als ſie gefürchtet! und ſie hatte ſich vor 61 dem Doktor gefürchtet und ihn oft genug ſchon, halb im Ernſte und halb im Scherz, den Mephiſto und böſen Genius ihres geliebten Lebrecht genannt! Las er, der nach Lebrecht's Aus⸗ ſage den Leuten die geheimſten Gedanken aus der Seele ſpähe, jetzt auch in ihrer Seele, während er, wo er auch ging und ſtand, die in dem Feuer des Kamins wie Kohlen glitzernden Brillen⸗ gläſer auf ſie gerichtet hielt? Freute er ſich ihrer Angſt, die immer greifbarere Form annahm und wuchs und wuchs, wenn ihr ſcheuer Blick jetzt über Lebrecht ſchweifte, von deſſen ſchönem Geſicht die gelaſſene Heiterkeit, welche ſie einſt ſo bezaubert, für immer und immer geſchwunden ſchien? War der Mann, der da ſo ſchweigſam in die Kohlen ſchaute mit den düſtern, einge⸗ ſunkenen Augen— war es denn wirklich ihr ſtolzer, kühner, großherziger, angebeteter Lebrecht? Aber freilich zweifelte Lebrecht an ſich ſelbſt; ja, er war der Verzweiflung nahe. Bertram hätte wahrlich vorhin nicht ſo viele Worte zu machen und nicht ſo pathetiſch zu werden brauchen, um ihm zu beweiſen, daß er eine Dummheit und eine Feigheit begangen; daß er, wenn er kein hirn⸗ und herzloſer Wicht ſei, wenigſtens jetzt ſprechen müſſe; daß jeder Moment, den er verfließen ließ, ſeine ſcheußliche Lage verſchlimmere. Ja, ja, ja! er war entſchloſſen zu ſprechen; er wiederholte ſich wie⸗ der und wieder die Worte, die er ſagen wollte, und hoffte dann, dieſe Worte würden plötzlich von ſelbſt laut werden, und er⸗ ſchrak vor dem Schrecken, den er empfinden mußte, wenn ſie es würden. In Bertram's Gegenwart! es war ihm unmög⸗ lich! er wollte es thun in dem Moment, da Bertram zur Thür hinaus wäre. Warum ging er nicht? was hatte er hier mit den langen Beinen zwiſchen Mann und Frau, die ſich die wich⸗ tigſten Dinge mitzutheilen hatten, herumzulaufen und durch ſeine diaboliſchen Geſten und Blicke ihn heimlich aufzufordern, 62 ſeine Pflicht zu thun? Er würde ſchon ſeine Pflicht thun, aber nicht unter Bertram's Brillengläſern. Und dann dachte er, wie er ſich auf den Augenblick gefreut, in welchem er den alten Freund und ſeine Frau— die beiden liebſten Weſen, die er auf Erden hatte— mit einander bekannt machen wollte; und daß dieſes dumpfe, verlegene, qualvolle Beiſammenſein eben jener heißerſehnte Augenblick war! Du haſt heute Abend keine Patienten mehr zu beſuchen, Adalbert? fragte er. Der Doktor blieb ſtehen, blickte über die Brillengläſer auf den Freund herab mit einem höhniſchen Lächeln, als wollte er ſagen: Du haſt ja doch den Mut nicht, mon cher! und ſetzte ſeine Promenade ſchweigend fort. Ich hatte gehofft, der Herr Doktor werde mit uns zur Nacht eſſen, ſagte Aennchen. Bertram verbeugte ſich, indem er dabei ein⸗wenig mit den ſchmalen Schultern zuckte, ſo daß es ebenſo wohl heißen konnte: ich danke! oder: ich bedaure ſehr, gnädige Frau! Es wird freilich noch ein wenig lange dauern, fuhr Aenn⸗ chen zögernd fort; Frau Uelzen hat erklärt, daß ſie unſer Abend⸗ brot nicht vor zehn Uhr, zu welcher Stunde ſie uns erwartet hatte, fertig haben könne; jetzt iſt es— In fünf Minuten dreiviertel neun, ſagte der Doktor, erſt flüchtig auf die Uhr und dann ſehr ſtarr auf Lebrecht blickend; — dabei füllt mir ein, daß ich, wenn Sie mich wirklich hier behalten wollen, gnädige Frau, allerdings auf kurze Zeit um Entſchuldigung bitten muß; auf kürzeſte Zeit, Lebrecht! Alſo doch Ihre Patienten? ſagte Aennchen. Gott bewahre! erwiderte der Doktor, ganz geſunde Jungen: die jungen Herren aus den Comptoirs und— ſo weiter. Sie wollten ſich um dreiviertel auf neun bei Mutter Ihlefeldt— ——— 63 unſerm grand restaurant, gnädige Frau,— zuſammenfinden, um bis zur angeſetzten Stunde ein Oktett, das ſie ſich eingeübt, — Tert von mir, gnädige Frau!— noch einmal zu probiren und ſich mit einem Seidel oder zwei die von Ehrfurcht und Erwartung etwas rauhen Kehlen extra zu ſchmeidigen. Sie weichen nicht von der Stelle, bis ich ſie zu holen komme, und ich möchte, als ein mitleidiger Mann, der ich bin, ſie doch nicht die ganze Nacht ſitzen laſſen. Alſo in fünf oder zehn Minuten! Der Doktor trat an den Seitentiſch, auf welchen er beim Hereintreten Hut und Stock gelegt. Lebrecht, der ihn eben noch ſo heiß fortgewünſcht, rieſelte es kalt durch die Adern. Wenn Bertram ging, ſo war der Moment da— es mußte geſagt werden, was ihm die Bruſt beklemmte und die Kehle zuſam⸗ menſchnürte. Konnte der Kelch nicht noch eine Zeit lang un⸗ getrunken bleiben? eine kleine Friſt, ein paar armſelige Stun⸗ den nur, die ihm blieben, wenn Bertram blieb! Weshalb wollteſt Du Dich bemühen, ſagte er, das kann Nebelow ebenſo gut beſorgen. Beſorgen wol, aber nicht ſo gut, ſagte der Doktor, die Hand nach dem Hut ausſtreckend. Die armen jungen Herren! ſagte Aennchen, ſie haben ſich gewiß darauf gefreut! es iſt recht häßlich, daß wir ſie um die Freude betrogen haben und— uns. Wenn es Ihnen Freude macht, gnädige Frau, ſagte der Doktor raſch,— die kommen— jeden Augenblick. Lebrecht zitterte. Offenbar traute ihm Bertram noch immer nicht, und dies war nichts als eine Finte, jene Sitnation, welche unzweifelhaft die Entdeckung brachte, und die er deshalb mit ſo großer Sorgfalt umgangen, trotzdem herbeizuführen; ihn alſo indirekt zu einer Erklärung zu zwingen, die ſelbſtverſtänd⸗ lich, bevor die jungen Leute kamen, geſchehen ſein mußte. Er 64 wollte ſich nicht zwingen laſſen, nicht zum Spielball in der Hand Bertram's werden. Verzeihe, lieber Freund, ſagte er, wenn ich Einſpruch er⸗ hebe und Nebelow hinſchicke, um definitiv abſagen zu laſſen. Es iſt mir peinlich genug, den jungen Leuten den Scherz ver⸗ dorben zu haben; aber ich ſehe nicht, wie die Sache auf dieſe Weiſe beſſer würde. So etwas hat nur Sinn und iſt nur er⸗ freulich, wenn es im rechten Augenblick geſchieht. Lebrecht war aufgeſtanden und hatte den Knopf der elek⸗ triſchen Klingel an der Thür berührt, Bertram, der ſchon an der Thür ſtand, mit einem Druck ſeiner ſtarken Hand zurück⸗ ſchiebend. Alſo Du willſt nicht, ſagte der Doktor leiſe; und dann laut, aber zu Aennchen gewandt: Im rechten Augenblick das iſt freilich die Hauptſache: wehe denen, die den rechten Augenblick verſäumen! Aber er iſt nun einmal verſäumt, rief Lebrecht, ſich mit verdroſſener Miene wieder in ſeinen Stuhl werfend. Man kann jeden Augenblick zum rechten machen; ja, er wird es nur dadurch, daß man ihn ergreift, ſagte der Doktor mit einem höhniſchen Grinſen;— freilich, zum rechten Augen⸗ blick gehört der rechte Mann. Vielleicht bin ich nicht der rechte Mann. In dieſem Augenblicke wenigſtens nicht. In keinem in Deinen Augen! ſprich es nur aus! ich bin ja dergleichen echt freundſchaftliche Beurtheilungen aus Deinem Munde von Alters her gewohnt! Dann ſollten ſie Dich wenigſtens nicht mehr ſo überraſchen, wie es leider den Anſchein hat, ſagte der Doktor;— ich habe die Ehre, gnädige Frau— Bleiben Sie! rief Aennchen. ———— 65 Sie war aufgeſprungen und hatte ein paar raſche Schritte nach dem Doktor gemacht.— Sie dürfen mir dies Leid nicht anthun! Es iſt das erſte Mal, daß ich Sie mit meinem Leb⸗ recht zuſammenſehe, und Sie wollten ſich im Hader von ihm trennen? Soll ich annehmen, daß ich die Veranlaſſung eines Streites zwiſchen zwei ſo alten Freunden bin? ich— Eine fieberhafte Röte bedeckte ihre Wangen. Sie ſtrich ſich über Stirn und Augen und fuhr in ruhigerem Tone und mit einem Lächeln auf den Lippen, zu welchem die ängſtlich ſtarren Augen nicht recht ſtimmen wollten, fort: Nein, nein! lieber Herr Doktor, jetzt müſſen Sie bleiben! Lebrecht hat ja auch wirklich Recht; einen reinen Klang giebt es heute Abend nicht mehr. Und dann— Sie hatte ſich nach dem Tiſch gewendet und glättete die Decke, welche der Doktor bei ſeinem Hin⸗ und Herlaufen ver⸗ ſchoben. Und dann: ich käme wirklich in Verlegenheit durch einen ſo zahlreichen Beſuch, den ich nicht unbewirtet fortlaſſen dürfte. Frau Uelzen würde wol ihre Schuldigkeit thun, und an Wein fehlt es gewiß nicht; aber gänzlich, oder ſo gut wie gänzlich, an Silbergeſchirr. So— ſo ſagte wenigſtens Frau Uelzen, und daß mein ſonſt ſo vorſichtiger Lebrecht— Sie ſtand noch immer am Tiſch, den beiden Männern den Rücken zuwendend. Der Doktor hatte ſich während ihrer letzten Worte Lebrecht gegenübergeſtellt und funkelte durch ſeine Bril⸗ lengläſer auf ihn herab, der die ſtumme Aufforderung mit ei⸗ nem trotzigen Lächeln beantwortete und mit einer Ruhe, die den Doktor empörte, Aennchen in die Rede fallend, ſagte: Den Schlüſſel zu dem Schranke verloren hat— das iſt ganz richtig; und ebenſo, daß es viele Umſtände machen würde, den Schrank zu öffnen. Ich habe aber nicht die geringſie Luſt, Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 66 mir heute Abend dieſe Umſtände noch zu machen. Aennchen weiß das, und— nun genug davon! Nicht wahr, Aennchen? Gewiß, gewiß! ſagte Aennchen; ganz wie Du willſt. Gewiß! ganz wie er will! rief der Doktor. Vielherrſchaft iſt mißlich! Einer ſoll Herr ſein!— ein vortreffliches Wort! ein luſtiges Wort! O, über den alten Schalk von Homer! über den ironiſchen Schalk! Der Doktor ſchien völlig vergeſſen zu haben, daß er vorhin hatte gehen wollen, ebenſo wie Lebrecht, daß er nach dem Die⸗ ner geklingelt. Man ſaß wieder um den Kamin wie vorhin, nur daß Niemand ein Wort ſprach, und Keiner die lange Pauſe zu bemerken ſchien, die auf Alle wie eine ſchwere Laſt drückte. Eine unerträgliche Laſt für das arme Aennchen. Ihr war, als ſei eine Ewigkeit vergangen, ſeitdem ſie, ihren ganzen Mut zuſammenraffend, durch jene Thür eingetreten, und doch konnte kaum eine halbe Stunde verfloſſen ſein. Wie ſollte ſie das er⸗ tragen? Aus dem Herzen quoll es heiß herauf: Lebrecht! lie⸗ ber Lebrecht! ſag' es mir! jetzt, jetzt! demütig oder zornig— es iſt ja ganz gleich— aber Alles, Alles, Alles!— Und im⸗ mer wieder kroch der Schrei, der ſchon auf den Lippen lag, zu dem dumpf klopfenden Herzen zurück. Hier! hier war es ge⸗ weſen! innerhalb dieſer ellendicken Wände, die jeden zornigſten Ruf, jeden lauteſten Schrei erſticken zu müſſen ſchienen, und doch für die Lauſcherin an der Thür nicht erſtickt hatten! Durch jene zweite Thür war er geflohen, der Zornige, ihn verfolgend — durch den Salon— durch die Zimmer alle, die prächtigen, von Gold und Seide ſtrahlenden, glänzenden Zimmer, die ſie vorhin im Halbdunkel und eben jetzt in blendendem Kerzen⸗ und Lampenlicht durchſchritten— bis zu dem Schlafgemach, bis an das Fenſter— Ein langgezogener heulender Ton, wie aus einer ungeheu⸗ 67 ren verſtimmten Trompete, ſchreckte ſie jäh aus ihren fürchter⸗ lichen Phantaſieen auf. Großer Gott, was iſt das? Ein alter Bekannter von uns, ſagte der Doktor; der Ka⸗ pellmeiſter Nordoſt. Er tutet immer zuerſt in das ſchmale Rat⸗ hausgäßchen, um zu probiren, ob er noch in der rechten Stim⸗ mung iſt; dann fällt das ganze Orcheſter ein. Da geht es ſchon los. Iſt das nicht eine prächtige Muſik, gnädige Frau? und koſtet weiter nichts. Als höchſtens ein paar Fenſterſcheiben oder Schiffe, ſagte Lebrecht, eine gewaltſame Anſtrengung machend, um in die Un⸗ terhaltung hineinzukommen.. A propos, alte Bekannte, fuhr der Doktor fort, Lebrecht ſo wenig beachtend, als ob er mit Aennchen allein am Kamin ſäße; wiſſen Sie, gnädige Frau, daß Sie einen alten Bekann⸗ ten hier vorfinden werden? ich glaube das wenigſtens aus ge⸗ wiſſen Andeutungen des Mannes ſchließen zu dürfen und aus dem ganz ungewöhnlichen Intereſſe, welches er an Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl zu nehmen ſcheint. Einen Bekannten? und noch dazu einen alten? und hier in Woldom? wie iſt das möglich? Der Doktor war nicht ganz ſicher, daß die ſchöne junge Frau wußte, was ſie ſagte; ihre großen dunklen Augen blickten ſo ſtarr, als wären ihre Gedanken ganz wo anders; aber er ſprach auch nicht für ſie, ſondern für Lebrecht, obgleich er ſich fortwährend den Anſchein gab, denſelben nicht zu bemerken. Wie das möglich iſt? Sie müſſen ſich dafür bei dem großen Säemann, Staat genannt, bedanken, der die unſchätzbaren Kör⸗ ner ſeiner hochaufgeſpeicherten Intelligenz in Geſtalt ſeiner Be⸗ amten ausſtrent über alle Lande, auch über unſern öden Dü⸗ 68 nenſand, auf dem allerdings für gewöhnlich ſo koſtbare Pflan⸗ zen nicht gedeihen. Sie machen mich neugierig, ſagte Aennchen mit demſelben. ſtarren, verlorenen Blick. Gewiß nicht ſo, wie der Mann— ich weiß nicht, ob von Natur oder aus Beruf— iſt. Lorenz Sterne— nebenbei einer meiner Heiligen, gnädige Frau— würde ihn zu den most inquisitive travellers gerechnet haben, im Beſitz eines Rundreiſebillets durch alle Familienheimlichkeiten und Geheim⸗ niſſe zehn Meilen im Umkreis mit ſechs Wochen Gültigkeit. Länger dauert nämlich das Kommiſſorium nicht, das er hier, als interimiſtiſcher Polizeidirektor, hat; dann geht's recta via nach Berlin in's Miniſterium, wo allerdings ein größerer Spiel⸗ raum für ſolche Köpfe iſt. Inzwiſchen hat er, wie geſagt, auch hier nicht gefeiert: er weiß Alles; ich wette, er weiß, daß wir hier zuſammenſitzen und von wem wir ſprechen. Wenn wir nur erſt wüßten, von wem Du ſprichſt, ſagte Lebrecht. Denn für Sie Beide ſchwärmt er, fuhr der Doktor, immer zu Aennchen gewandt, fort; er nennt es den größten Kummer ſeines Lebens, daß er Köln verlaſſen mußte, acht Tage vor Ihrer Hochzeit, und ſo verhindert war, das Feſt durch ſeine Gegenwart und durch ſeine Poeſie zu verherrlichen, in welcher letzteren er, nach ſeinen Andeutungen zu ſchließen, Goethe und Schiller über iſt. Alſo einer von Deinen vielen Anbetern, Aennchen, ſagte Lebrecht. Der Doktor ärgerte ſich über den höhniſchen Ton, in wel⸗ chem Lebrecht ſeine Bemerkung hingeworfen, die Aennchen tief verletzt zu haben ſchien. Sie hatte ſich plötzlich in ihrem Stuhl aufgerichtet, ſank dann aber wieder zurück, ebenſo ſchnell, wie S 69 das glühende Rot auf ihren Wangen gekommen und verſchwun⸗ den war. Ohne Zweifel, ſagte er, es iſt das Privilegium der Sonne, von Vielen angebetet zu werden: von Gerechten und Ungerech⸗ ten, von Giganten und— Pygmäen. Natürlich der kleine bucklige Aſſeſſor, ſagte Lebrecht,— Frank oder wie der widerwärtige Kerl hieß. Von Frank— Oskar von Frank, ſagte der Doktor; ſonſt ſtimmt es bis auf die Widerwärtigkeit, die ja Geſchmacksſache iſt. Finden Sie ihn auch ſo widerwärtig, gnädige Frau? Er iſt Jahre lang in meinem elterlichen Hauſe aus⸗ und eingegangen, ſagte Aennchen. Er rühmt ſich deſſen, ſagte der Doktor; und um ſo tiefer ſein Bedauern, die ſüße Gewohnheit in Ihrem Hauſe hier nur noch ſo kurze Zeit fortſetzen zu können. Ich denke, er wird ſie gar nicht fortſetzen, ſagte Lebrecht; — ich haſſe den Menſchen. Sollte das vielleicht auf Gegenſeitigkeit beruhen? Der Doktor hatte den ironiſchen Ton, in welchem er bis jetzt geſprochen, plötzlich fallen laſſen und ſich wieder zu Leb⸗ recht gewendet. In allem Ernſt, mon cher, ich glaube, daß es der Fall iſt; und daß die ganz ungemeine Rührigkeit, welche der betref⸗ fende Herr vom erſten Augenblicke ſeines Hierſeins in einer ge⸗ wiſſen Angelegenheit entwickelt hat,— wir ſprachen eben über dieſe Angelegenheit, gnädige Frau, als Sie kamen— Lebrecht wird ſie Ihnen wol gelegentlich mittheilen— keineswegs, wie der Herr allerdings vorgiebt, ihre Quelle in freundſchaftlicher Theilnahme und humaner Hülfsbereitſchaft hat, ſondern im Gegentheil: aus der ſehr unlauteren eines tief und doch nicht tief genug verſteckten Grolles fließt. Auf mich wenigſtens hat das 70 Benehmen des Mannes dieſen Eindruck gemacht; ich wollte Dir das ſchon vorhin ſagen und Dich zur Vorſicht dem glatten Heuchler gegenüber ermahnen; ſehe nun freilich zu meiner Be⸗ ruhigung, daß es unnötig geweſen wäre.— Was iſt Ihnen, gnädige Frau? Der eifrige Doktor hatte ebenſo wenig wie Lebrecht,— dem bei dieſer brüsken Erwähnung der fatalen Geſchichte das Blut in den Ohren ſauſte— bemerkt, daß Aennchen, todtbleich, einer Ohnmacht nahe, die Hand auf das Herz preſſend, dage⸗ ſeſſen; und die beiden Männer wurden daher gleicherweiſe durch ihr krampfhaftes Schluchzen erſchreckt. Sie ſprangen von ihren Sitzen, aber auch Aennchen hatte ſich bereits erhoben, lächelnd und die Beſtürzten durch eine Handbewegung bittend, ſich nicht zu ängſtigen. Verzeihung! ſagte ſie, es iſt nichts, wirklich nichts— die Abſpannung von der Reiſe höchſtens— nein, Sie dürfen nicht fort, Doktor; im Gegentheil! Sie ſehen ja, daß ich mich mög⸗ lichſt beeile, zu Ihren Patienten zu gehören. Nur daß der⸗ gleichen— Gott ſei Dank— bei mir nicht lange währt,— eine Minute, ich verſichere Sie!— gewiß, lieber Lebrecht, es iſt bereits vorüber, ganz vorüber! Ich glaube gar, mir fehlt nichts als ein Biſſen— wir ſind nämlich eigentlich noch ganz nüchtern, lieber Doktor,— und Sie ſind gewiß auch hungrig — ich werde einmal nach dem Eſſen ſehen— Du brauchſt nicht zu fürchten, Lebrecht, daß ich der Frau Uelzen— ſie ſoll ihr Regiment unbeſtritten haben— heute Abend mindeſtens— Sie lachen, Doktor?— ich bin wirklich nicht ſtreitſüchtig wie gewiſſe Leute. Sie reichte dem Doktor eine Hand, die dieſer, tief ſeine lange Geſtalt beugend, an die Lippen drückte: Sie ſind eine herrliche Frau, ſagte er; ich muß Ihnen dies Bekenntniß ma⸗ 71 chen, ſollte mir auch der eiferſüchtige Lebrecht dafür das Haus verbieten wie dem unglücklichen Polizeikommiſſarius. Du ſchwatzeſt heute das Blaue vom Himmel, ſagte Lebrecht gezwungen lachend, und dann in ärgerlichem Tone zu dem alten Diener, der eben eintrat: Wo ſtecken Sie denn eigentlich? ich habe ſchon vor Sner halben Stunde nach Ihnen geklingelt. Sie— was ha⸗ ben Sie denn da? Eben abgegeben, ſagte Nebelow mit ſeiner hohlen Stimme, dem Herrn mit zitternder Hand eine Depeſche hinhaltend. Nun dann, her damit! rief Lebrecht ungeduldig. Er war an den Tiſch getreten und hatte unter die Em⸗ pfangsbeſcheinigung ſeinen Namen gekritzelt. Hier! und her⸗ nach kommen Sie wieder, aber ſofort! hören Sie? Der Alte iſt heute wieder einmal betrunken, ſagte Lebrecht, die Depeſche erbrechend; ich werde ihn doch wol fortſchicken müſ⸗ ſen, ſo leid— Was iſt geſchehen? rief Aennchen. Sie hatte bemerkt, wie Lebrecht, nachdem er kaum einen Blick in das Blatt geworfen, ſich verfärbte; Lebrecht antwortete nicht ſofort. Um Gotteswillen! rief Aennchen; ſage es mir: Mama iſt krank, oder Papa— Ach was! krank! ſie kommen— heute Abend. Aennchen ſtieß einen Freudenſchrei aus, das Blatt, welches Lebrecht hatte auf den Tiſch fallen laſſen, haſtig ergreifend und den Inhalt laut leſend, als ſollten die Ohren den in Thränen ſchwimmenden Augen zu Hülfe kommen: „Mama vor Sehnſucht halb todt; hofften, Euch heute in Berlin zu treffen! kommen nun mit Schnellzug; bitte für Mama Equipage an Station, für mich Königsbowle bereit halten, üb⸗ 72 rigens ſelber brauen wollen. Bringen auch Liſette mit“— das iſt mein Kammermädchen, Herr Doktor—„Dein alter Papa!“ — O wie glücklich ich bin! o wie glücklich ich bin! Sie küßte das Blatt wieder und wieder unter ſtrömenden Thränen. 2 Glaub' ich Ihnen, gnädige Frau, glaub' ich Ihnen, ſagte der Doktor mit Reminiscenz der Lieblingsgeſtalt ſeines Lieb⸗ lingsdichters; und dann, in echtem Bräſig'ſchen Meſſingſch, leiſe zu Lebrecht, der, wie angewurzelt, mit gerunzelten Brauen an dem großen Tiſche ſtand: daß Du die Naſe im Geſicht behältſt; wirſt Du jetzt endlich mit der Sprache herauskommen? Aennchen hatte die Worte nicht verſtanden; aber, ſo leiſe und ſchnell der Doktor es geſagt, doch das Flüſtern vernommen. Der ſchwarze Schleier von vorhin wollte wieder über ihre helle Freude ſinken; ſie riß ihn gewaltſam zurück. Nun ſchnell! ſchnell! rief ſie; Sie müſſen Lebrecht entſchul⸗ digen! und mich— ich fahre auch mit. Nein, das geht ja nicht — es iſt am Ende beſſer, wenn, wenn— was wollte ich doch ſagen? Der Doktor betrachtete mit theilnehmender Miene die junge Frau, die ihm jetzt doppelt ſchön erſchien, und die in ihrer freu⸗ digen Erregung offenbar kaum wußte, was ſie ſprach. Sie wollten vielleicht ſagen, ob es nicht beſſer wäre, wenn ich Ihre Eltern vom Bahnhof abholte? Aennchen und Lebrecht blickten ihn zu gleicher Zeit an; Aennchen erſtaunt, Lebrecht erſchrocken. Entgehen können ſie mir nicht, fuhr der Doktor ruhig fort; der Nachtzug iſt nie ſehr beſetzt, und ſo diſtinguirte Perſonen fünde auch ein weniger geübtes Auge ſofort. Lebrecht und Sie könnten dann in Gemeinſchaft und voller Ruhe Ihre Vorberei⸗ tungen treffen. — 73 Wie gut Sie ſind! ſagte Aennchen, dem Doktor abermals die Hand reichend. Auf keinen Fall! rief Lebrecht. Wie ſo auf keinen Fall? fragte der Doktor, über die Schul⸗ ter gewandt. Was würden die Eltern denken! unmöglich! und was hätte denn ich für Vorbereitungen zu treffen? Sollen Deine Schwiegereltern mit Blechlöffeln eſſen? ſagte der Doktor, Aennchen's Hand los laſſend und ſo zwiſchen ſie und Lebrecht tretend, daß die Erſtere nichts von der halb höh⸗ niſchen, halb drohenden Grimaſſe ſah, die er dem Letzteren machte, und welche dieſer mit einer mehr trotzigen als verlege⸗ nen Miene beantwortete und mit den mürriſchen Worten: Es wird auch ſo gehen— Sagte der Krug, bis er brach! ſtieß der Doktor heftig her⸗ aus.— Was meinen Sie, gnädige Frau? Es wird gewiß gehen, ſagte dieſe ſehr ſanft; man könnte ja im Notfalle aus der Nachbarſchaft— Sehr anſtändig für den König von Woldom! brummte der Doktor. Ich ſage: nur im Noffalle; aber, lieber Lebrecht, Papa und Du— Ihr habt ſo oft von der großen ſilbernen Bowle ge⸗ ſprochen— und daß Euer erſter Trunk aus der Bowle ſein ſollte— und der Papa hat nun ausdrücklich darum gebeten — wenn es möglich wäre— Hier hilft kein Widerſtreben— ſang der Doktor in greu⸗ lich falſchen Tönen. Lebrecht war zu Mute, wie einem verbellten Hirſch ſein mag, der kein Entrinnen mehr ſieht und ſich gerade deshalb zum Kanipfe eniſchließt. Er wollte es denn doch darauf an⸗ kommen laſſen, ob Bertram es wagen würde. 74 Von Widerſtreben iſt hier gar keine Rede, ſagte er, ſon⸗ dern von einer einfachen Unmöglichkeit. Die Bowle iſt natür⸗ lich auch in dem Schranke— Der ſich nebenbei in jener Wand befindet, gnädige Frau, ſagte der Doktor, nach der Zimmerecke neben dem zweiten Fen⸗ ſter rechts deutend; ſchicke zu Peter Hinrich, er macht Dir jedes Schloß binnen fünf Minuten auf. Nur dieſes nicht— ich weiß es. Auf Deutſch: Du willſt Deinem Schwiegerpapa die kleine Freude nicht machen? Wenn ich könnte— Der Menſch kann, was er will— Nun denn, ſo will ich nicht. Das hätteſt Du doch gleich ſagen ſollen. Was für ein Schlüſſel war es? fragte Aennchen. Mein Gott! ich habe es ja ſchon geſagt! rief Lebrecht: ein alter, großer, höchſt wunderlich geformter Schlüſſel aus dem ſechszehnten oder gar fünfzehnten Jahrhundert, wie er jetzt gar nicht mehr vorkommt und vorkommen kann. Ich erinnere mich ſogar, daß der alte Hinrich ſich gelegentlich einmal vor Jahren ſtundenlang vergeblich an dem Schloſſe abgequält hat. Dann geh', ſagte Aennchen; ſonſt finden die armen Eltern gar Niemand auf dem Bahnhof. Es iſt noch reichlich Zeit, ſagte der Doktor; etwas über neun! eine volle Stunde— man fährt in zehn Minuten hin. Und angeſpannt muß doch auch werden, ſagte Lebrecht; wir brauchen überdies einen zweiten Wagen für das Gepäck— ich werde unſeres gleich mitbringen, Aennchen. Haſt Du ſonſt noch etwas? Nein, ich danke Dir, ſagte Aennchen. Der Ton ſchnitt Lebrecht in's Herz. Sie ahnte ja nicht, — C weshalb er ihr eine ſo beſcheidene Bitte abgeſchlagen, und daß er nur das Eine wünſchte: es wäre bereits Alles geſagt und er hätte ihr folglich die Bitte nicht abzuſchlagen brauchen. Aber noch war es ja nicht zu ſpät— Bertram wollte fort— er ſelbſt konnte dann unter irgend einem Vorwande bleiben oder zurückkommen, bevor er wegfuhr— ſo zwiſchen Thür und Angel ſagte es ſich vielleicht am beſten. Du gehſt wol mit, Bertram? Nebelow kommt nicht wie⸗ der, richtet die Beſtellung auch vielleicht falſch aus— es giebt ein Mißverſtändniß Gewiß, ſagte der Doktor; Alles, nur keine Mißverſtänd⸗ niſſe! Ich habe die Ehre, gnädige Frau— Die beiden Männer bewegten ſich nach der Thür. Herr Doktor! Bertram wandte ſich: Sie befehlen— Ich wollte Sie etwas fragen— über Mama, lieber Leb⸗ recht; Damenangelegenheiten— nichts für Dich, lieber Leb⸗ recht;— Mama's altes Uebel— ich weiß, ſie wird noch heute Abend davon anfangen und es mir nie vergeben, unſeren Freund auf eine ſo wichtige Sache nicht wenigſtens vorbereitet zu ha⸗ ben. Möchten Sie wol noch ein paar Minuten bleiben, Herr Doktor? Lebrecht knirſchte mit den Zähnen; es ſollte alſo nicht ſein! Ich will nicht ſtören, ſagte er; auf Wiederſehen denn! Er war zur Thür hinaus. Der Doktor hatte Hut und Stock in der Hand; er war wütend auf Lebrecht und wütend auf Aennchen, welche in der hergebrachten Frauenzimmermanier, ohne eine leiſeſte Ahnung deſſen, was ſie that, Augenblicke, von denen Tod und Leben abhingen, mit irgend einer Nichtigkeit verplaudern zu dürfen glaubte. Eben wollte er mit einem: es thut mir leid, Madame 76 — ein ander Mal! Lebrecht nach, als die junge Frau, die wie lauſchend dageſtanden, auf ihn zuſtürzte und, die weißen Hände gegen ihn ausſtreckend, in angſtvollen Tönen rief: Gehen Sie nicht! gehen Sie nicht! ich muß Sie ſprechen! Ah! ſagte der Doktor; Sie müſſen mich ſprechen! das iſt etwas Anderes. Bitte, nehmen Sie wieder Platz gnädige Frau; was iſt es? ——— W Indeſſen ſchien der Doktor durchaus nicht neugierig, zu er⸗ fahren, um was es ſich handelte. Um die Frau Mama nicht — ſo viel war klar. Alſo hatte die Uelzen das Geheimniß ausgeplaudert. Lebrecht hatte ſich nicht umſonſt gefürchtet, hatte nicht übertrieben: ſie war empört über den Affront, ſo man ihren erlauchten Ahnen mütterlicherſeits angethan, ihr ſelbſt an⸗ gethan, unter den Augen gleichſam der geborenen von Klüngel⸗ Pütz, die ein vertrackter Zufall nun herführte, der Schmach ihrer Tochter zu aſſiſtiren. Auch daß ſo urplötzlich ein alter Bekann⸗ ter, ein langjähriger Freund des Hauſes, ſich eingeſtellt, ſchien ſie ſehr erſchreckt zu haben. Natürlich! es war ja ein klaſſiſcher Zeuge mehr der grauſamen Unbill! Und jetzt wollte ſie ihrem von Scham und Gram erfüllten Herzen Luft machen gegen den Freund, da ſie es gegen den Gatten nicht wagte; es vielleicht nicht einmal der Mühe wert hielt, dem Verachteten ihre Ver⸗ achtung zu zeigen; war ſie doch während der ganzen vorher⸗ gegangenen Scene ein Muſter ehelicher Kühle und Zurückhal⸗ tung geweſen! Aber ſie mochte nur mit dem Doktor Adalbert Bertram anbinden! er verſtand es, Teufel auszutreiben, er! unter anderen auch den Hochmutsteufel! Sie ſollte ihm nur kommen! Während der Doktor mit jedem langen Schritte, den er 78 auf und ab durch das Zimmer that, immer weiter in den Irr⸗ weg geriet, auf welchen ihn freundſchaftlicher Eifer und der felſenfeſte Glaube an die Unfehlbarkeit ſeiner Beobachtungs⸗ gabe verlockt hatten, war dem armen Aennchen längſt der Ver⸗ zweiflungsmut erloſchen. Was hatte ſie gethan? was gewollt? Dem finſteren, unheimlichen Manne die Qualen beichten, die ſie erduldet, ſeitdem ſie dieſes Haus betreten— in immer ſtä⸗ gendem Maße, daß ihr Herz die Angſt nicht mehr zu faſſen vermochte? Die gräßliche Angſt vor einem Gräßlichen, das ſie nicht zu denken wagte, das ſie nicht dachte— nein! nein! das ſie von ſich rang wie ein Träumender den Alp, der ſich auf ihn wälzt. Das ja auch gewiß nur ein entſetzlicher Traum war, aus dem ſie erwachen würde, wenn ſie nur einmal aufſchreien, um Hülfe rufen könnte! Hülfe! Hülfe! Aber es kam nicht über ihre zuckenden Lippen; ſtatt deſſen ſagte Jemand— ſie mußte es wol ſelber ſein, blos daß die Stimme wie eines fremden Menſchen Stimme war und von dem Ende des Gemaches zu kommen ſchien: Es iſt nicht wegen meiner Mutter— es iſt wegen Leb⸗ recht, der ſo— eigen, ſo— verſtimmt iſt— die ganze letzte Zeit— und heute Abend— auf der langen Fahrt— und jetzt hier— eben noch— meine Eltern— mein guter alter Vater— er hat ihn immer ſo gern gehabt— ſo gern— ſie haben ſo oft darüber geſcherzt— warum— warum— Die fremde Stimme ſchwieg vor einem Schluchzen; aber das Schluchzen kam aus ihrer Bruſt, und das waren ihre Thränen, die durch die Finger rieſelten, welche ſie, im Seſſel ſich vornüber biegend, gegen die brennenden Augen drückte. Der Doktor betrachtete erſtaunt die zuſammengeſunkene Geſtalt. Wußte ſie wirklich nichts? Das doppelte, zitternde Warum klang wahrlich nicht wie einer Wiſſenden, noch weniger 10 wie einer Zürnenden. War die junge ſchöne Dame nur von der langen Fahrt ſo nervös? durch das wunderliche Betragen ihres Lebrecht verſtimmt, beunruhigt? verlangte ſie nur nach einer Erklärung, die ihr die Uelzen nicht gegeben? die er— Aber er, der ſich doch, wie es ſehr den Anſchein hatte, noch eben ſo ſtark geirrt, wollte diesmal einen ſichereren Grund. Er ſagte: Warum Lebrecht Ihnen die ſcheinbar ſo geringfügige Ge⸗ fülligkeit mit der Bowle nicht erwieſen? wünſchen Sie das zu wiſſen, gnädige Frau? Sie nickte: Ja, ja— auch das! Auch das? alſo ſonſt nichts? Nein! nein! ſagte das geängſtete Aennchen, die Finger krampfhaft ineinander preſſend, mit ſtarren Augen zu dem Doktor emporblickend. Sollte er es ihr ſagen? die Gelegenheit war günſtig; ſie ſchien weich, erſchüttert; fürchtete vielleicht, daß Lebrecht ſeinen ihr unerklärlichen Mißmut auch an den Eltern auslaſſen werde; die Eltern zu ihrem Staunen und Schrecken die junge Ehe be⸗ reits von geheimnißvollen Wolken getrübt finden möchten; und er konnte ſagen: das iſt es! und nun fliege deinem Lebrecht ent⸗ gegen, wenn er zurückkommt, und flüſtere ihm mit einem Kuſſe in die Ohren: ich weiß Alles! und du wirſt ſehen, wie er im Nu wieder der alte Lebrecht iſt! Nein! er konnte es nicht ſagen! Hatte Lebrecht ſich in dies Netz verſtrickt wie ein täppiſcher Löwe: er mußte auch die Kraft haben, die Bande zu zerreißen, durfte ſeine Rettung keiner hülf⸗ reichen Maus verdanken. Das wäre ein ſchlechter Freund⸗ ſchaftsdienſt, den er ihm da leiſtete! Die Liebe verzeiht viel, Feigheit verzeiht ſie nicht. Und dies, das leider Gottes nah' genug an Feigheit grenzte oder ſchon Feigheit war, blieb es in 80 den Augen dieſer ſchönen jungen vornehmen Frau in alle Ewig⸗ keit, wenn er Lebrecht die Chance nahm, den eklen Wurm mit dem eigenen Fuße zu zertreten. Aber das konnte er: ihr den eklen Wurm zeigen, wie er den Augen Lebrecht's erſchienen war: ein greulicher Drache! er konnte verſuchen, ſie auf Lebrecht's Standpunkt zu ſtellen; ihr vor dem Ungethüm den nötigen Reſpekt einzuflößen! das konnte er und— das wollte er. Er legte Hut und Stock wieder auf den Tiſch, ſetzte ſich Aennchen gegenüber in einen der niedrigen Fauteuils und ſagte, ſich die hochragenden ſpitzen Kniee langſam mit den flachen Händen reibend, die glitzernden Brillengläſer ſtarr auf die Ge⸗ ängſtete gerichtet: Ich weiß nicht, ob Ihnen aus der engliſchen Lektüre— Tauchnitz Edition, gnädige Frau— ein Ausdruck bekannt iſt, der nicht ſelten vorkommt beſonders bei Thackeray— ne⸗ benbei auch einer meiner Heiligen: The Skoleton in the house — das Skelet im Hauſe? Aennchen zuckte zuſammen; aber der wunderliche Mann lächelte ja zu der unheimlichen Frage. Wie hätte er lächeln können, wenn es ſich nicht um einen ſeiner ſeltſamen Scherze handelte? Sie antwortete auf gut Glück: Ich erinnere mich, den Ausdruck geleſen zu haben, und daß ich keinen rechten Begriff damit zu verbinden wußte. Das iſt es eben, ſagte der Doktor, noch entſchiedener lä⸗ chelnd; ein Begriff muß bei dem Worte ſein; vorerſt aber folgen wir Mephiſto's Rat und halten uns am Worte. Skelet, Ma⸗ dame, Skelet— das tönt ſo ſchauerlich in Laienohren. Natür⸗ lich! Das Skelet iſt das, was übrig bleibt, nachdem das ſchöne blühende Fleiſch wieder Erde geworden; das Ende vom Liede, ſo zu ſagen; und klingt das Lied auch nicht ergötzlich— vom 81 Ende will man doch nichts wiſſen; und wenn ein genialer junger Wüſtling ſeinen Champagner aus einem Todtenſchädel trinkt, ſo iſt es ſchließlich Renommage oder ein prickelnder Reiz mehr auf der lebensgierigen Zunge. Meinen Sie nicht? Es mag ſein, flüſterte Aennchen. Es iſt, glauben Sie mir! Und übrigens iſt die Sache ja ſo weit ganz einfach, dem Kinderverſtand faßlich: der Tod iſt eben nirgends und niemals ein willkommener Gaſt, und ſo liebt man denn auch ſein grinſendes Konterfei nicht beſonders; findet doch aber an ihm da, wo es hingehört, nicht weiter etwas Un⸗ gehöriges; macht höchſtens, wenn man zufällig Hamlet iſt und den Schädel Yorik's in der Hand hält, einige melancholiſche, den Wert des Lebens ſtark diskreditirende Gloſſen. Nehmen wir aber an, Madame, der witzige Prinz wäre am Leben geblieben und König und noch fetter und witziger geworden, ſollte ihm der Humor doch wol nicht ausgegangen ſein, ſo oft er ſpäter eine gewiſſe Treppe im Schloſſe zu paſ⸗ ſiren hatte, trotzdem ein bekannter geſchwätziger alter Herr längſt ſeine legitime Ruheſtätte auf dem Pore-Lachaise von Helſingör gefunden? Ein Skelet auf dem Kirchhofe, Madame, iſt ſo harmlos wie eine Ratte im Kellerneſt oder wie ein Degen in der Scheide; aber ein Skelet unter der Hintertreppe— das iſt wie eine Ratte hinter den Tapeten; heraus den Degen und todt für einen Dukaten! Sie begreifen das, Madame? Gewiß, gewiß! murmelte das arme Aennchen. Wie ſollten Sie auch nicht! Ihr Damen habt ja ein ſo feines Gefühl für das Schickliche; eine falſch placirte Schleife — ein Band, deſſen Farbe zu der Eures Kleides nicht ſtimmt — dergleichen Kleinigkeiten können Euch ſchon zur Verzweif⸗ lung bringen, und nun gar ein Skelet unter der Hintertreppe — 1i donc! Und noch ein Anderes wird Ihrem Scharfſinn Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 6. 82 nicht entgangeu ſein, nämlich: daß der Gegenſtand des Schreckens in dem obigen Falle gar nicht mehr vorhanden war und, füge ich ſofort hinzu: in keinem Falle mehr vorhanden zu ſein braucht, wenn er nur überhaupt einmal da war; ja, ich gehe weiter: keineswegs immer ein oſteologiſches, vielleicht nicht einmal ein ſinnenfälliges Objekt iſt, ſo wenig wie der mathematiſche Punkt, den auch noch kein ſterbliches Auge erblickt hat, und um den ſich doch die ganze Welt dreht. Sie ſind keine Mathematikerin, Madame? Nein? thut nichts, wir treiben ja hier keine Ma⸗ thematik, ſondern Moral, Aeſthetik— wenn Sie wollen, in denen uns die Frauen immer über ſind, wie ſie denn auch in unſerem Kapitel eine große Rolle ſpielen. Halten Sie nur den Punkt feſt, Madame, den Punkt, welchen wir durch ein einziges Epitheton zu qualifiziren brauchen, um ſofort, als Probe gleich⸗ ſam zu unſerem Exempel, die denkbar beſte Ueberſetzung des engliſchen Ausdrucks zu gewinnen: wir haben den dunklen Punkt. Der Doktor hatte die Brille abgenommen und putzte die Gläſer mit ſeinem gelbſeidenen Taſchentuche. Das würde für das arme Aennchen eine große Erleichterung geweſen ſein, da der unheimliche Mann ſo wenigſtens die Hände von den Knieen laſſen mußte; nur daß er mit den ſtarrenden, graugrünen, an den Lidern geröteten Augen noch entſchiedener einem Wahn⸗ ſinnigen glich. Hatte ſie es mit einem wirklich Wahnſinnigen zu thun, der ſeine Tollheiten nur, um ſich ſprechen zu hören, vor ihr auskramte? war in dieſem Unſinn ein ſchauerlicher Sinn, den er nicht gerade herausſagen mochte? den ſie heraus⸗ finden ſollte? Sie wollte ihm zurufen: ſprich es aus! aber es war, als wenn ihr der Mund verſchloſſen ſei; und da hatte der unheimliche Mann auch bereits wieder das gelbſeidene Tuch in der Taſche und die Brille auf der Habichtsnaſe; die flachen Hände rieben wieder geſchäftig auf den ſpitzen Knieen; * um ſeinen Mund ſpielte wieder das diaboliſche Lächeln, und er fuhr fort zu ſprechen mit jener wunderbaren Schnelligkeit, in der zwiſchen den ſich überſtürzenden Worten keine kleinſte Pauſe für Beſinnen, ja kaum für Athemholen zu ſein ſchien: Aber die beſte Ueberſetzung, Madame, deckt ſelten das Ori⸗ ginal: es ſagt bald zu viel, bald zu wenig; in unſerem Falle zu viel. Unſer liebes metaphoriſches Skelet iſt freilich immer ein dunkler Punkt; aber weitaus nicht jeder dunkle Punkt ein Skelet. Ein dunkler Punkt findet ſich in jeder individuellen Eriſtenz; ja, das betreffende Individuum kann froh ſein, wenn es nicht mehrfach punktirt iſt, und ich habe Leute gekannt, die ſo tätowirt waren wie ein neuſeeländiſcher Häuptling;— da iſt auch keine Familie, die nicht ihren dunklen Punkt hätte: einen Sohn, der durchaus Wechſel reiten muß; eine Tochter, die mit dem Muſiklehrer durchgeht, und was dergleichen mehr iſt; aber das Alles verhält ſich zu dem eigentlichen Skelet wie akute Krankheiten zu chroniſchen. Das Skelet iſt ein chroni⸗ ſches, konſervatives, ja noch mehr: es iſt ein ausſchließlich ari⸗ ſtokratiſches Leiden. Ihm genügt, um völlig auszureifen, ein Menſchenleben nicht; es braucht ſchlechterdings Generationen — Generationen, Madame, mit ununterbrochener hiſtoriſcher Tradition. Können wir uns nun noch wundern, daß die Krank⸗ heit zuerſt in England beobachtet, ſtudirt, klaſſificirt und benamt wurde— in England, dem Lande der Erbweisheit und der traditionellen Narrethei, der Erbtugenden und Erblaſter, der wurmſtichigen alten Stammbäume und der alten, rattendurch⸗ raſſelten Häuſer? daß man in England die intereſſante Ent⸗ deckung machte: es müſſe jedes Skelet ein altes Haus, und um⸗ gekehrt, jedes alte Haus ein Skelet haben? Der Doktor hatte während dieſer letzten Worte die Brillen⸗ gläſer ſo tief geſenkt, daß Aennchen's Geſicht für ihn über den 84 Rändern auftauchte. Es war bleich, vielleicht noch ein wenig bleicher als zuvor; aber, wie es ihm in ſeinem Uebereifer ſchien, keineswegs mit dem Ausdruck der Angſt, kaum der geſpannten Erwartung.— Du ſollſt mich hören ſtärker beſchwören, dachte der Doktor und fuhr fort: Es geht eine ſchauerliche Sage, Madame, daß es Zeiten gegeben, in denen man den zweiten Theil unſerer Theſe wört⸗ lich nahm und ein unſchuldig Kind in das Fundament eines neuen Hauſes, das ein altes werden ſollte, einmauerte. Ob⸗ gleich ich nun dem grauſam⸗bornirten Mittelalter alles mög⸗ liche Scheußliche zutraue, ſo will ich doch zur Ehre der Menſch⸗ heit annehmen, daß ſich dies nun und nimmer begeben, wir es vielmehr hier mit einem Stück der Poeſie des Volkes zu thun haben, welches in ſeiner Weiſe für eine oft beobachtete Erfah⸗ rung einen ſymboliſchen Ausdruck ſuchte. Die Erfahrung aber war, daß ſelten oder nie ein Haus alt und— was in unſerem Sinne gleichbedeutend iſt— reich und mächtig wurde, wenn ſich nicht zuvor Jemand fand, der ihm ſeine Unſchuld zum Opfer brachte oder— es logiſcher auszudrücken— eine Schuld auf ſich lud. Vielleicht nicht in ſeinem Sinne! Der biderbe Ritter, dem ſeine Kabane über dem Kopf zuſammenfiel, mochte es für ganz in der Ordnung halten, daß er ſeinen Gaul ſattelte und ſo lange in den Büſchen an den Landſtraßen herumklepperte, bis er ſich aus den in das Burgverließ heruntergelaſſenen und dort in Goldbeutel ver⸗ wandelten Pfefferſäcken ein zweifelsohne reinliches Grafenſchloß in Gottes Namen erbauen durfte.— Der würdige Kämmer⸗ ling, der ſeinem jungen feurigen Gebieter einen ſouveränen Einfall nur auf Koſten ſeiner Familienehre erfüllen konnte, that es gewiß nur in usum Pelphini, das heißt: zu Nutz und Frommen ſeiner lieben Enkelchen, die doch auch leben wollten 85 und, ſo Gott wollte, noch beſſer leben ſollten, wie der gute alte gefällige Großpapa! Aber die lieben Enkelchen, Madame! Danken Sie, wie es ſich gebührte, dem guten Großpapa das Opfer, das er Ihnen gebracht? Nun ja; ſie bauen eine Kapelle über der Stätte, wo einſt die Pfefferſäcke in die Modernacht des Burg⸗ verließes hinabgelaſſen wurden; aber die Schwachnervigen können in der Kapelle nicht trauen oder taufen laſſen, ohne daran zu denken, daß unter den Steinplatten, auf denen ſie knieen, das Skelet des Hauſes liegt;— man nimmt auch viel⸗ leicht das Porträt des tochteropfernden Agamemnon aus der Reihe der Ahnenbilder, weil die Geſchichte doch gar zu gräß⸗ lich geendet; aber ſo oft man in dem alten Saale tanzt— durch das Quinquiliren der Geigen und das Schnarren der Bäſſe klappert ganz vernehmlich das Skelet, das da hinter dem dicken Goldbrokat in die Wand eingemauert iſt. Sie blicken nach der Uhr, Madame, es iſt etwas über ein Viertel auf zehn, und da fährt eben Lebrecht erſt aus dem Hofthor— es don⸗ nert immer fürchterlich in der engen Gaſſe— Lebrecht ſollte ſie wirklich makadamiſiren laſſen— Sie ſehen, wir haben einen Ozean von Zeit, und ich möchte Ihnen gar zu gern noch einige Eremplare aus meiner Skeletſammlung zeigen, die vielleicht die allerintereſſanteſten ſind, obgleich ſie ſich an romantiſchem Schauder mit jenen erſten nicht meſſen können, vielleicht ſogar eines humoriſtiſchen Anſtrichs nicht ganz ermangeln.— Neh⸗ men wir zum Beiſpiel folgenden Fall: da iſt ein großes, großes Kaufmannshaus, das ſeine Verbindungen über alle Länder der bewohnten Erde ſpannt, deſſen Schiffe auf allen Meeren ſegeln, das nur noch mit Hunderttauſenden rechnet, und dieſes große, große Haus hat in einem Seitenflügel— Sie meinen: ein Kaufmannshaus könne kein Skelet haben? Ich bitte Sie, 86 das iſt eine gänzlich falſche Anſicht, welche ich der geborenen Ariſtokratin zu Gute halte, und zu der ich vielleicht durch meine ſchiefe Darſtellung der Sache Veranlaſſung gegeben. Denken Sie doch an die königlichen Kaufleute des Mittelalters, an die Fugger, an die Welſer! und die anderen, die ſich wahrlich in ihren Stadt⸗Paläſten den adeligen Schnapphähnen auf ihren Raubneſtern gleich achteten! Und ſo ein altes Haus braucht ja nicht einmal ein Palaſt zu ſein; es braucht nur lange genug zu ſtehen und von einer und derſelben Familie bewohnt zu werden, einer Familie von Aerzten, ſagen wir, um ein Beiſpiel aus meinem Berufe zu nehmen. Schon der Großvater war Arzt geweſen, der Vater ſelbſtverſtändlich, der Sohn iſt es wieder. Aber der Urgroßvater, der das große Haus erbaute, war ſeines Zeichens Barbier, und weil er beſagtes Haus gleich⸗ ſam auf ſeinem Barbierbecken aufgebaut, hat er in ſeinem Te⸗ ſtament verordnet, daß beſagtes Becken nicht nur als Wahr⸗ zeichen an der ſichtbarſten Stelle der Fronte auf ewige Zeiten prange, ſondern auch, daß die Barbierſtube niemals eingehe, im Gegentheil fortraſirt werde bis an das Ende aller Dinge, und daß jeder ſeiner Nachkommen und Erben, bei Strafe des Verluſtes des ganzen reichen Hauſes und ſeiner reichen Kund⸗ ſchaft, und wenn er zehnmal doctor medicinae und wenn er Aeskulap in Perſon wäre, das Barbiergeſchäft in ſeinem Namen fortführen, ja eine Lehrzeit, und wäre es nur von vier Wochen, durchgemacht und das urgroßväterliche Meſſer geſchwungen haben muß. Ahnen Sie wol, Madame, wie dem Manne— einem der erſten ſeines Faches— zu Mute iſt, mit einem Kopfe voll weltumfaſſender Spekulationen und dem Barbierbecken im Wappen?— dem Becken, über das er in ſeinem Leben un⸗ zählige Stichelreden hat hören müſſen, das ihm poſitiv den Zutritt zu gewiſſen anſehnlichen Korporationen, in die ſein —, v 87 Ehrgeiz ſtrebte, unmöglich gemacht, und in ſeine Seele— ſonſt die Offenheit und Bravheit ſelbſt— das Gift des Mißtrauens, ja der Feigheit geflößt hat? Zum erſten Male in ſeiner langen Rede machte der Doktor eine wirkliche Pauſe; er hatte ſogar aufgehört, die Kniee zu reiben, und ſtarrte, den langen Hals weit vornüber gebogen, auf Aennchen, einer Antwort harrend, irgend einer Aeußerung, die bewies, daß ſie ihn verſtanden, daß ſie wenigſtens ahnte, worauf er hinaus wollte. Verzeihen Sie, ſtammelte Aennchen; aber ich glaube, ich werde mich einmal draußen umſehen müſſen. Dem Doktor war wie Jemand, der gegen eine verſchloſſene Thür rennt, wo er eine offene wähnte.— Er, der ſeinerſeits verlangte, daß die junge Frau Alles begreifen ſolle— ſeine verſteckten Anſpielungen, ſeine tolltühnen Uebergänge, ſeine halsbrechenden Bilder— er begriff nicht, daß ſie ſeine letzten Worte kaum noch gehört und ganz gewiß nicht verſtanden; daß ſie in dieſem Angenblicke nur noch einen Wunſch hatte: aus einer Situation zu kommen, von der ſie fühlte, daß ſie dieſelbe nicht länger ertragen könne. Für ihn war ſie einfach die ver⸗ wöhnte junge Dame, die ſtolze Prinzeſſin, die, in ihrem Sie⸗ geswagen auf glatter Bahn daherrollend,— man mag ſagen, was man will,— ſich keine Vorſtellung von den Gruben machen kann, welche ein tückſches Geſchick für andere Sterb⸗ liche gräbt, die auf der holperigen Erde herumlaufen müſſen. Und mit dieſem Gedanken, der ihm blitzſchnell durch die Seele ſchoß, ſtürzte eine heiße Blutwelle über ſein Gehirn, und von dem Gehirn in's Herz; und aus dem Herzen wallte es auf wie feuriger Haß gegen dies junge, ſchöne, ſtolze Geſchöpf, das nur hierhergekommen war, ſeinem geliebten Lebrecht Ruhe und Frieden für immer zu rauben, in dies alte Haus Unglück und 88 Verderben für alle Zukunft zu bringen. Wenn er ihr das ſagte? Es fehlte nur ein Weniges, und der leidenſchaftliche Mann hätte es gethan. Und nun ſchlug die Gewalt, die er ſich an⸗ thun mußte, um nicht in Worten loszubrechen, welche keine Mißdeutung zugelaſſen haben würden, auf ſeinen Humor, wie ein Reiter im Unmut dem Gaul die Sporen in die Flanken haut, daß der über Hecken und Gräben fortraſt. Nur einen Augenblick, Madame, rief er; nur ſo lange, bis ich Ihnen geſagt, welche Rolle denn die lieben Weiberchen in dieſer Pathologie der Haus⸗Skelets ſpielen! Und ſo verneh⸗ men Sie denn, Madame, daß ſie, die Huldinnen mit den ſam⸗ metweichen unſchuldigen Rehaugen und den weißen beringten Nixenhänden— nur zu oft— faſt immer— die Gelegen⸗ heitsurſache zum Ausbruche des Leidens ſind; daß ſie vor allen Dingen das Moment ſind, welches erſt das Leiden bösartig und gefährlich macht— und, was ſonſt noch paſſabel leicht ertragen werden würde, bis zum Unerträglichen ſteigert. Denn für den urſprünglichen Beſitzer umwittert das Skelet doch im⸗ mer der Hauch des Altersgrauen, das dem Menſchen bekannt⸗ lich heilig iſt; und oft genug hat ers in ſeinem eigenen Blut und Knochen, und ſo mag's denn da bleiben, ſchon einfach des⸗ halb, weil er's gar nicht wegbringen könnte, vielleicht nicht ein⸗ mal miſſen möchte, wie Philoktet ſeine Wunde, an die er ſich gewöhnt und auf die er ſein Leben, Denken, Fühlen eingerichtet hat. Bon! Und nun kommt die junge Frau in's Haus! Sie iſt nicht unſer Fleiſch und Blut; ſie weiß nicht, wie das Skelet an un⸗ ſerem Fleiſche zwackt, in unſerem Blute raſt; ſie findet nur, daß es ein greulich oder lächerlich Ding iſt, um ſo greulicher, je lä⸗ cherlicher es iſt. Sie hat keine Pietät vor dem Skelet— ſie 89 fürchtet ſich nur vor ihm; ſie hat kein Mitleiden mit dem Ske⸗ let— ſie ſchämt ſich ſeiner nur. Und das, Madame, iſt noch der beſte, der allerbeſte Fall, und wohl dem jungen Manne, der klug genug und beherzt ge⸗ nug war, vor der Hochzeit zu ſagen: unter der und der Treppe, hinter der und der Tapetenwand liegt das Skelet meines Hau⸗ ſes; und ſo und ſo iſt es beſchaffen, und nun heirate mich, wenn du den Mut haſt! Minder loyal, aber immer klug genug, wird der ſchlaue Blaubart handeln, der in einer Schäferſtunde, ſo en passant, auf das Skelet zu ſprechen kommt. Es habe freilich nicht ſo viel auf ſich, doch wolle er immerhin die reizende Phyllis, wenn ſie erſt Frau Blaubart ſei, bei Gefahr ihres füßen Lebens war⸗ nen, ihr neugieriges Näschen in das betreffende Zimmer zu ſtecken, das übrigens in dem und dem Thurme liege, und dies ſei der Schlüſſel dazu und der Schlüſſel ſei von achtzehnkarä⸗ tigem Gold! Denn, ſehen Sie, Madame, wenn nun die junge Dame nicht hören will und ſpielt ſo lange mit dem goldenen Schlüſſel, bis die Thür eines ſchönen Tages aufſpringt, und ſie fängt in ihrem Schrecken an über den greulichen Anblick zu lamentiren und dem lieben Manne das Leben ſauer zu machen — ei nun! Blaubart hat ſeinen Hegel ſtudirt: die Strafe iſt das Recht des Unrechts, und— herunter mit dem hübſchen unvorſichtigen Köpfchen! Aber, Madame, der tauſend⸗, zehntauſendmal ſchlimmere, der allerſchlimmſte und geradezu tödtliche Fall iſt, wenn die gute Phyllis nichts weiß, nichts ahnt, weil ſie nicht Augen hat, zu ſehen, nicht Ohren, zu hören, und bittet nun den lieben Mann, ihr doch den Silberſchatz zu zeigen, den famoſen Sil⸗ berſchatz in dem alten Wandſchrank, zu dem er den Schlüſſel verloren. Und der liebe Mann, der ſich ganz richtig ſagt, daß 90 die Sache doch einmal zur Sprache kommen muß, ſperrt den Schrank auf: und nun! der Schatz des Hauſes, er iſt wol da und funkelt und glänzt! auf dem Schatze aber ſitzt das Skelet und klappert und grinſt: Viel ſchönen Gruß, herztauſiges Lieb! »Du und ich, wir gehören fein zuſammen, denn du weißt doch wol, daß du mich mit dem alten Hauſe geheiratet haſt. Und wie der Doktor, plötzlich aufſpringend und mit der dürren, weit ausgeſtreckten Hand deutend, alſo in ſeinen greu⸗ lichſten Kehltönen ſchrie, fuhr ein Windſtoß um das Haus, der es in ſeinen Grundfeſten zu erſchüttern ſchien. Der Sturm mochte eine Spalte in einem der klappernden Fenſter gefunden haben: ein fürchterlicher, heulender, wimmernder Ton ſchmet⸗ terte durch das Gemach, und in den ſchmetternden Ton gellte ein Schrei— Aennchen hatte ihn ausgeſtoßen; ſie ſtand— ein Bild des Entſetzens— mit zuckenden bleichen Lippen und gerungenen Händen vor dem Doktor. Um Gottes Barmherzigkeit! was iſt in dem Schrank? Je nun, ſagte der Doktor; ich hatte bereits die Ehre, zu bemerken: die famoſe Bowle et cetera, incluſive des Skelets. Er machte eine ſeiner grotesken Verbeugungen und bewegte ſich nach Hut und Stock an der Thür, als er ſich plötzlich von einer zitternden Hand am Arme ergriffen fühlte. Ich— ich— vorhin die Frau Uelzen— und dann dort durch die Thür— Ihre letzten Worte: er ſolle mir Alles ſa⸗ gen— es iſt— handelt es ſich um Hans Fliederbuſch? Der Doktor fuhr ſich mit der flachen Hand an die Stirn. Was hatte er gethan? die Möglichkeit, jn Wahrſcheinlich⸗ keit, daß die Uelzen mittlerweile geplaudert haben könne— den Faktor, welchen er vorhin Lebrecht als einen ſehr weſent⸗ lichen ſelber vorgerechnet,— aus ſeiner eigenen Kalkulation —— 91 weggelaſſen, als wäre er nicht vorhanden! Und ſeine letzten ſo verräteriſchen Worte hatte ſie auch gehört! War das Geheim⸗ niß verraten? Unmöglich; ſie hätte ihre Frage anders geſtellt, hätte ſie nicht in dieſer ungeheuren Angſt gethan. Der Him⸗ mel mochte wiſſen, mit welcher abentenerlichen Geſchichte die alte Schwätzerin ihr den Kopf verrückt! War es klug gethan, ihr den Kopf zurecht zu rücken? war es nicht klüger, ſie in dem Dunkel, das über des Hans Flucht lag, noch eine Zeit lang weiter tappen zu laſſen? das Dunkel wo möglich noch zu ver⸗ dichten, ſo daß ihr die Entdeckung des wirklichen Geheimniſſes hernach wie ein Sonnenſtrahl erſchien? Ja, ja! ſagte er, der Hans Fliederbuſch, der tolle Junge — da Sie es doch einmal wiſſen, er hat uns rechte Sorge ge⸗ macht— macht ſie uns noch. Das Genick wird er ſich nun wol ſchwerlich gebrochen haben; aber wer ertrinkt, iſt gleichfalls todt. War freilich eine Katze,— junge Katzen erſaufen nicht ſo ſchnell. Wir müſſen es eben abwarten, wir müſſen es ab⸗ warten! Und der Doktor ſtreichelte, da er nicht an die Kniee ge⸗ langen konnte, zur Abwechſelung das lange hagere Kinn mit den langen hageren Fingern. So iſt Hans Fliederbuſch nicht— nicht das Skelet? Ich habe ihn noch nicht darauf hin unterſucht— indeſſen — was nicht iſt, kann ja noch werden; ich ſagte Ihnen bereits: ſo ein richtiges Skelet braucht Zeit, viel Zeit. Was iſt es denn? Ja, gnädige Frau, wenn ich Ihnen das ſagen dürfte oder wollte, hätte ich es Ihnen ſchon längſt geſagt. Ein Arzt, wiſ⸗ ſen Sie, muß in dieſen Dingen ſehr entſchiedene Grundſätze haben; ich miſche mich niemals in Familienangelegenheiten; und ſo viel muß Ihnen doch aus meinem Vortrag klar gewor⸗ 92 den ſein, daß ein Skelet eine allerintimſte Familienangelegen⸗ heit iſt. Dazu ſind Sie— ich meine Sie und Lebrecht— in dem zuletzt erwähnten, allerſchlimmſten, allerdelikateſten Fall, der durch das unbefugte Hineintappen eines Dritten leicht ei⸗ nen verhängnißvollen Ausgang nehmen kann. Ich werde mich hüten, dieſer Dritte zu ſein. Lebrecht wird die Vorſtellung ſchon ſelbſt übernehmen. Vorläufig hat ihm mit dem Schlüſſel zu dem alten Schrank da auch noch der rechte Mut gefehlt. Hof⸗ fen wir, daß er Beides— Schlüſſel und Mut— im rechten Augenblicke wiederfindet. Ich— ich habe den Schlüſſel! Sie— Sie haben— und das ſagen Sie jetzt? ſagen Sie mir? haben Sie Lebrecht verſchwiegen? Und Lebrecht macht Ihnen ein Geheimniß aus einer Sache, zu der Sie den Schlüſ⸗ ſel— meiner Treu, das iſt die luſtigſte Geſchichte, die mir in langer Zeit vorgekommen! Und der Doktor lachte, lachte laut— nur daß es mehr wie das heiſere Krähen eines alten Hahnes, als wie Menſchen⸗ lachen klang. Eine hohe Glut ſchoß in Aennchen's Wangen bis hinauf. in die feinen Schläfen, und, die langen Wimpern tief auf die brennenden Wangen ſenkend, mit leiſer zitternder Stimme, die erſt allmählich feſter wurde, ſagte ſie: Es iſt ſehr unrecht von mir— ich weiß es; aber es ſollte ein Scherz ſein— ich ſchwöre es Ihnen— in Verona— ich glaube, es war in Verona— vor der Abreiſe— Lebrecht war noch einmal ausgegangen— ich wollte aus ſeinem Koffer— ein Reiſehandbuch, das wir vermißten und von dem ich meinte, er müßte es im Koffer haben. Ich konnte es nicht finden, nahm zuletzt alle Sachen heraus und auf dem Grunde— fand ich den Schlüſſel— in ein Taſchentuch geſchlagen. Ich ſchwöre Ihnen: es ſollte ein Scherz ſein— ich wollte ihn fragen— gelegentlich— ob— Ob das der Schlüſſel zu ſeinem Herzen ſei? fragte der Doktor mit einem theilnahmvollen Blick in das ſchöne, junge, verſchämte Geſicht. Ja ja Und das er den Schlüſſel künftig beſſer hüten ſolle? Fa ja Sie ſehen, ich verſtehe mich auch ein wenig auf Herzens⸗ angelegenheiten; weiter! aber ſetzen wir uns wieder! es ſpricht ſich wirklich beſſer. Er bot der Zitternden mit einer wunderlichen Grandezza den Arm und führte ſie zu dem Seſſel am Kamin, ſeinen al⸗ ten Platz ihr gegenüber einnehmend. Seine Stimme war nicht mehr höhniſch, wie bisher; ſeine Miene nicht mehr ſarkaſtiſch; auch ließ er die Hände ruhig auf den Knieen. Sie wollten ihm den Schlüſſel wiedergeben, ſobald Sie hierher kamen? Ja, ja— und hatte ihn deshalb in mein Köfferchen ge⸗ legt, ihn gleich bei der Hand zu haben, und ihn dann vergeſ⸗ ſen— ich war während der ganzen letzten Zeit— Lebrecht's Weſen machte mir ſo viel Sorge— er war oft ſo düſter, ſo zerſtreut, wie abweſend— ich glaubte, er— Ein paar große Thränen quollen unter den dunklen Li⸗ dern hervor— Liebte Sie nicht, wie Sie es wünſchten; wie— Sie es verdienten? Der Doktor hatte Aennchen's Hand ergriffen und gedrückt. Ich habe ſo große Qualen ausgeſtanden, ſagte Aennchen ſchluchzend; ich fragte mich immer, was ich gethan haben könne, ſeine Liebe zu verſcherzen. Nein, nein— er liebt mich ja— 94 nicht wahr? er liebt mich? aber er war nicht glücklich, und ich war es, die ihn unglücklich gemacht! Noch vorhin, als ich drü⸗ ben war, ehe die Uelzen kam— ich ſaß am Kamin, wie hier — da habe ich mir Alles, Alles wieder durchgedacht und im⸗ mer nur der eine ſchreckliche Gedanke: du machſt ihn nicht glück⸗ lich! du wirſt es nie vermögen! Dann kam die Frau Uelzen — und ſprach und ſprach— ich hörte kaum hin, bis ſie— ich weiß nicht, wie es geſchah— von dem Abend erzählte vor Lebrecht's Abreiſe; wie ſie aus der Küche— Den Streit gehört und ſo weiter; ich kann mir denken, wie die Alte das Püppchen geknetet und zugerichtet. Und dabei fiel Ihnen der Schlüſſel ein? Sie hatte ſo viel von dem Schranke geſprochen und— Dem Unſinn, welchen die Leute davon fabeln. Sie glaub⸗ ten das doch nicht? Nein, aber ich fand es ſo häßlich— ſo gräßlich; und ich wunderte mich, daß mir Lebrecht ſo gar nichts mitgetheilt, ge⸗ wiß nur, um mich nicht zu ängſtigen; aber es wäre doch beſſer geweſen. Ich wollte mich darüber freuen, daß ich nun einen Grund zu ſeiner Verſtimmung hätte, aber ich konnte mich nicht freuen; mein Herz blieb beklommen— ich wußte nicht warum. Ich nahm den Schlüſſel heraus, ihn Lebrecht zu geben— die Uelzen hatte geſagt, daß er den Schlüſſel zu dem Wandſchrank verloren, und ich war überzeugt, daß es eben dieſer Schlüſ⸗ ſel war. Dann kam ich durch die Zimmer da— an jene Thür— Herr Doktor, Herr Doktor, haben Sie Mitleid mit mir! was ſoll mir Lebrecht Alles ſagen? was iſt in jenem Schrank? Sie war von ihrem Seſſel herabgeglitten zu ſeinen Füßen, die Hände über dem ſchönen Buſen gefaltet, die großen, brau⸗ nen, thränenüberſtrömten Augen flehend zu ihm aufgehoben. — 95 Durch des ſeltſamen Mannes leidenſchaftliches Herz flutete ein heißer Strom. Sie war ſo ſchön, ſo traumhaft ſchön, wie der Geſtalten eine, die ſein trunkenes Auge ſah in nächtlichen Stun⸗ den, wenn die Muſe mit leichter Götterhand ſeine pochenden Schläfen berührte! War es nicht wirklich eingetroffen, was er noch eben erſt Lebrecht geſagt: ſie wird in ihren Herzensnöten ſich zu anderen Männern wenden!— Sollte er den Thoren in ſein Verderben rennen laſſen? ſollte er— Er hatte längſt die Hingeſunkene aufgehoben, in ihren Seſ⸗ ſel zurückgedrückt und trat nun, nachdem er mit ſeinen aller⸗ längſten Schritten durch das Gemach gegangen, zu ihr. Sehen Sie, vielſchöne Frau, ich wollte dieſen meinen Fin⸗ ger— nein, das kann ich nicht— von Berufs wegen— aber ich wollte viel, ſehr viel darum geben, wäre Lebrecht der kluge Mann aus Nummer Eins meiner Liſte geweſen und hätte Sie zur rechten Zeit von ſeinen Geheimniſſen unterrichtet. Ich fürchte, dieſe rechte Zeit iſt vorüber. Wie dem aber auch ſei: er und er allein muß es Ihnen ſagen; ich darf es nicht, und Sie ſind viel zu klug und fein, um die täppiſche Rolle der neu⸗ gierigen Blaubarts⸗Frau zu ſpielen. Was das Skelet ſelbſt betrifft, ſo gehört es allerdings zu der letzten, durch ihre Lä⸗ cherlichkeit greulichſten Kategorie. Und was den dummen Hans angeht— Es handelt ſich für mich nur um ihn, ſagte Aennchen ſchnell und ängſtlich. Wenn Sie mich verſichern können, daß nichts daran iſt— die Leute reden ja ſo furchtbare Dinge— Geſchwätz, gnädige Frau, Geſchwätz! Aber daß ſie es dürfen! und ſie dürfen es ſo lange der junge Mann verſchwunden bleibt. O, mein Gott, wenn er es bliebe! wenn er todt wäre! die gräßliche Begebenheit nie auf⸗ geklärt würde, der entſetzliche Verdacht— man verdächtigt ihn 96 ja! ich habe es herausgehört aus den wirren Reden der Haus⸗ hälterin— Die alte dumme Perſon! Und als Sie vorhin von Herrn von Frank geſprochen— Sie thaten es nicht abſichtslos— Sie wollten Lebrecht war⸗ nen— Aber, gnädige Frau, warnen? wovor? Vor den Machinationen des Mannes, der— den ich tödt⸗ lich beleidigt habe, der mir, der Lebrecht Rache geſchworen hat, und der ſich rächen wird, wo und wie er kann. Das wußte ich nicht, ſagte der Doktor, aber es erklärt mir Manches— Manches. Was iſt es, wenn ich fragen darf? oder laſſen Sie's auch; ich ſehe, daß es Ihnen peinlich iſt. Nein, nein! rief Aennchen, Sie müſſen es wiſſen; ich bin vielleicht— gewiß zu hart geweſen, aber der häßliche Menſch — ſie waren Lebrecht Alle ſo feindlich geſinnt— mein Vetter Arthur und die Anderen, und beſonders Herr von Frank— und Lebrecht— er ließ ſich nichts merken— er iſt zu ſtolz dazu; aber ich ſah es doch, wie er wol wußte, daß ſie hinter ſeinem Rücken ſich Scherze erlaubten— über ſeinen Namen, der ja auch nicht ſchön iſt— und ich fürchtete ſtündlich, er würde doch einmal losbrechen— denn er kann ſehr zornig ſein— und man ſagte mir, daß ein Gedicht exiſtirte— von Herrn von Frank— eine Freundin— Natürlich! ſagte der Doktor. Es war abſcheulich— nach Heine's Loreley und e „Das hat Herr Lebrecht Nudel, der König von Woldom gethan— ich war außer mir— ich benutzte die erſte Gelegenheit— auf dem Dampfſchiff— ich trat auf ihn zu und ſagte— Nur zu, gnädige Frau! ich gönne es ihm im Voraus. 97 Ich ſagte: man ſoll ſich vor dem Gezeichneten hüten, aber auch der Gezeichnete mag ſich hüten— die Könige haben ei⸗ nen langen Arm— Prachtvoll! und der ſo doppelt Gezeichnete? Ich hatte ihm keine Zeit zu einer Antwort gelaſſen; aber durch die Freundin erfuhr ich, daß er einen ſchrecklichen Eid gethan, es mir heimzuzahlen, und nun muß ihn das Unglück hierher führen— in dieſem Augenblick, wo meine Eltern— meine armen Eltern— mein guter Papa— wenn er davon erführe— und der Aſſeſſor wird dafür ſorgen— es wird einen ſo häßlichen Eindruck auf den Papa machen, daß Lebrecht den Schrank nicht öffnen will— wird er es nicht thun, wenn ich ſage, daß ich den Schlüſſel habe? wird er es nicht? Der Doktor rieb ſich die Kniee. Es iſt eine bedenkliche Frage, ſagte er; Lebrecht hat un⸗ zweifelhaft Ihren Herrn Vater ſchon darauf vorbereitet, daß heute Abend nicht mehr aus der Königsbowle getrunken wer⸗ den kann; er würde in eine arge Verlegenheit geraten, und ich möchte ſeine Verlegenheit, die ohnehin nur ſchon zu groß iſt, nicht noch vermehren. Auch Sie, gnädige Frau, haben— aus einer Scheu, die ich begreife— den rechten Augenblick verpaßt. Wenn wir den Schlüſſel verloren ſein ließen, der überdies— nach meiner innigſten Ueberzeugung— in dieſer fatalen An⸗ gelegenheit, moraliſch genommen, nur eine ſymboliſche Rolle ſpielt. Der wahre Schlüſſel iſt ein ganz anderer, und den kann Lebrecht— und ich hoffe zu Gott!— er wird ihn— ſpät, aber für die wahre Liebe, die ja Alles duldet und Alles ver⸗ zeiht, nicht zu ſpät finden. Sie haben den Schlüſſel bei ſich? Ja, ſagte Aennchen zögernd. Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen: geben Sie ihn mir! Hier iſt er. Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 7 98 Aennchen griff in die Taſche und zog den Schlüſſel in dem Tuche hervor; der Doktor, der nur den Schlüſſel wollte, ſchlug das Tuch auseinander und war im Begriff, daſſelbe an Aenn⸗ chen zu geben, als er plötzlich die bereits ausgeſtreckte Hand wie⸗ der zurückzog und das Tuch haſtig zu dem Schlüſſel in die Sei⸗ tentaſche ſeines Rockes ſteckte. Iſt das Blut? Aennchen hatte es ſo leiſe geſagt; es ſchien ein Wunder faſt, daß es der Doktor gehört; auch hatte er es ihr wirklich nur von den bleichen, zitternden Lippen ableſen können, weil in demſelben Moment dieſelbe Frage durch ſeine Seele zuckte. Das könnte nur eine chemiſche Analyſe feſtſtellen, ſagte er, den Rock zuknöpfend und ſich erhebend. Es iſt Blut! ſagte Aennchen, wie gebrochen in ihren Stuhl zuſammenſinkend. Der Doktor blickte von ſeiner Höhe mitleidsvoll auf die zuſammengeſunkene Geſtalt. Und wenn es wäre, ſagte er langſam, und was auch ge⸗ ſchehen, das vielleicht niemals ganz aufgeklärt wird, weil ſelbſt Lebrecht— ich hoffe es, ſo wahr ich ſein Freund bin— nur den Anfang, aber nicht das Ende kennt— der böſe Wille iſt es, der den Verbrecher macht, nicht die That— ſo kann denn in den Augen der Freundſchaft Lebrecht niemals ein Verbrecher ſein— wäre er es— könnte er es jemals in den Augen der Liebe werden? Nie! nie! nie! rief Aennchen, die Finger ineinander preſſend. Was auch geſchehen? Ich liebe ihn! ich liebe ihn! Und Gott ſegne Sie! Der Doktor machte einen Schritt und blieb wieder ſtehen. Ich weiß, er wird es. Faſſen Sie Mut. Die Ehe war im Mit⸗ 99 telalter denen verſagt, die ſich dem Teufel ergaben, denn„die Liebe“, ſagt Wolfram von Eſchenbach,„iſt allenthalben, außer in der Hölle“; die Ehe aber iſt der Liebe höchſte Reinheit, und wer in ihrem Lichte wandelt, geht den Weg zur Heiligung. Nur, daß Gott ſeine Heiligen oft wunderbar führt. Der Le⸗ bende möchte die Maienluft noch ſänftigen für die Geliebte, und ſie trotzt um ſeinetwillen dem herbſtlichen Sturm und geht für ihn, wenn's ſein muß, durch Feuer und Waſſer. Noch ein⸗ mal: ich hoffe, es wird nicht ſein müſſen. Und noch einmal: Gott ſegne Sie! Das Geräuſch der Thür mahnte Aennchen erſt daran, daß der Doktor ſie verlaſſen. Sie fuhr in die Höhe; ſie hätte ihm den Schlüſſel nicht geben ſollen!— Sie wollte ihn zurück⸗ rufen, ſie ſtürzte nach einer Thür, aber die führte in den Speiſe⸗ ſaal; und als ſie die nach dem Flur erreicht und geöffnet, war es zu ſpät. Eben ſchlug unten die Hausthür mit einem Kra⸗ chen zu, das wie dumpfer Donner in dem weiten Raum wie⸗ derhalte. Dann wurde es ſtill. Und ſie, mit wankenden Knieen an den Pfoſten ſich lehnend, horchte, klopfenden Herzens, athem⸗ los, in die Stille hinaus und murmelte noch einmal: Ich hätte ihm den Schlüſſel nicht geben ſollen! Der Doktor war, durch die Scene, die er eben erlebt, auf's Tiefſte erſchüttert, voll von innigſter Bewunderung für die ſchöne junge Frau und ſchwerſter Sorge um den geliebten Freund, mechaniſch langſam treppab ſchreitend, bis auf den unteren Hausflur und zur Thür gelangt, die er noch immer geöffnet hielt, gänzlich unſchlüſſig, ob er umkehren und die Durchſu⸗ chung des verdächtigen Schrankes ſelbſt vornehmen, ob er wei⸗ tergehen und den ſchlimmen Fall, in deſſen Behandlung er ſich ſo ſtark vergriffen, für hoffnungslos erklären ſolle, als ihm ein Windſtoß die Thür aus der unſicheren Hand riß und hinter ihm zuſchlug. Der verdammte Wind! ſchrie der Doktor wütend. Es iſt eine böſe Nacht, ſagte eine heiſere Stimme neben ihm. Holla! rief der Doktor. Ich bin's, der Kabelmann! Was ſpukt Ihr hier herum? iſt Eure Frau kränker ge⸗ worden? J, Gott bewahre, Herr Doktor. Nun? Ich ſoll Sie bitten, zu dem Herrn Aſſeſſor zu kommen— von Amtswegen. Der Doktor machte unwillkürlich eine Bewegung nach dem Drücker, trotzdem er wußte, daß die Thür in's Schloß gefallen 101 und von außen nicht zu öffnen war. So ſagte er denn, nur um Zeit zum Ueberlegen zu gewinnen: Was giebt's, Kabelmann? Iſt es die Ledebur? ich ſagte es dem Herrn Aſſeſſor ja, die arme Perſon würde tobſüchtig werden, wenn er ſie noch länger mit Dunkelheit und Inqui⸗ riren ſo drangſalirt. Es iſt nicht wegen der Ledebur, Herr Doktor; die ſitzt jetzt, auf des Herrn Doktors Verwendung, in Nummer ſieben, wo ſie doch wenigſtens Luft und Licht hat; und warmes Eſſen hat ſie heute auch gekriegt, und ſie ſagte ſelbſt zu mir: Kabel⸗ mann, das habe ich dem Herrn Kreisphyſikus zu verdanken, denn der Andere— der— es war ein recht ſchlechtes Wort, Herr Doktor,— der hätte mich ja wol hier auf dem Stroh verfaulen laſſen. Es iſt— Der Polizeidiener, der den langen Doktor noch um eines Kopfes Länge überragte, bückte ſich und ſagte in ſeinem heiſer⸗ ſten Ton: Ich ſoll es nicht ſagen; aber der Herr Doktor, weiß ich ja, wird mich nicht verraten; es iſt wegen des Herrn Nudel und des jungen Herrn Fliederbuſch. Der Doktor verſuchte es mit einem Lachen, brachte es aber nur zu einem Huſten, den ihm der Wind in die Kehle zurücktrieb. Wiſſen Sie was, Kabelmann, Sie brauchen es ihm nicht dienſtlich zu melden, aber Ihren Herrn Aſſeſſor ſoll der Teu⸗ fel holen! Der Polizeidiener ſchob die Wachsmütze nach oben und kraute ſich in dem kurzen ſtarren Haar. Je ja, je ja! Herr Doktor, ich wollt' nichts dagegen ha⸗ ben, und mit dem Teufel geht es auch zu; und wenn ihm der was in den Kopf geſetzt hat, dann hat er keine Ruhe Tag und Nacht, bis er's heraus hat, und nun hat er's heraus. 102 Dummes Zeug! ſagte der Doktor; heraus haben! verrückt iſt er! Je ja! je ja! Herr Doktor: meinetwegen mag er auch ver⸗ rückt ſein, und ich gönne ihm die Nummer vierundzwanzig lie⸗ ber als der Ledebur;— wenn nur der verflixte Wandſchrank nicht wäre! Dem Doktor rieſelte es kalt durch die Adern. Alſo auch das! Von mir hat er's nicht, fuhr der Polizeidiener entſchuldi⸗ gend fort, obgleich ich's ihm ja hätte ſagen können, da ich das Haus kenne wie meine Taſche, und den Wandſchrank da oben in der Eckſtube, wo der ſelige Herr Senator wohnte, der ſeine Akten darin hatte, daß ich ſie oft genug ſelber heraus⸗ und hin⸗ eingelangt habe. Sagte auch eines Tages, wie ich ſo davor ſtand: Kabelmann, ſagte er, was meint Er wol, wie viel tau⸗ ſend Thaler ich mir ſchon durch das Loch da aus dem Galgen⸗ berg geholt habe?— J, Herr Senator, ſagte ich, wer glaubt denn daran?— Kabelmann, ſagte er, Er glaubt dran und die ganze Stadt. Und dabei lacht er ſo, und ich lache auch, denn er machte gern ſeine Späßchen; aber Nebelow ſchwört Stein und Bein darauf, der Herr Senator habe aus ſeiner Stube gehen können, ohne eine Thür zu öffnen, und wird ja wol auch Einem und dem Anderen davon geſagt haben. Aber dem Herrn Aſſeſſor, Nebelow, ſage ich, dem ſagſt du nichts nicht davon; und hat's auch nicht gethan, als er ihn gefragt hat, wie das da oben mit dem Wandſchrank wäre, von dem die Leute erzählten? Na, Herr Doktor, und ich habe ihm wahr⸗ haftig nichts geſagt, ſondern immer: das iſt ja nur ſo ein dum⸗ mer Schnack, Herr Aſſeſſor, und glaubt' ja auch, er würde ſich dabei beruhigen, bis er vor einer halben Stunde nach mir klingelt und läuft in ſeinem Zimmer herum und reibt ſich die Hände und ſagt: Nun, Kabelmann, habe ich es doch heraus; 103 und um zehn, wenn der Herr Nudel zurückkommt, wollen wir mal in dem Wandſchrank nachſehen, ob wir da nicht etwas finden, das ſeiner jungen Frau Freude macht.— J, Herr Aſſeſſor, ſage ich, der Herr Nudel, der iſt ja ſchon zurück ſeit acht Uhr, und iſt eben wieder nach dem Bahnhof, die alten Herrſchaften zu holen; denn ich hatte Nebelow geſprochen, Herr Doktor, den Frau Uelzen zu Senator Zingſt geſchickt hatte, um Silberzeug zu holen, weil der Herr Nudel den Schlüſſel zum Wandſchrank verloren, und ſage das dem Herrn Aſſeſſor, und daß der Herr Doktor bei der jungen Frau wäre. Da lacht der Herr Aſſeſſor— ſo recht wie ein alter Affe, Herr Doktor,— und ſagt: Den Schlüſſel hat er verloren? wir wollen ihm ein bischen ſuchen helfen! und ich ſolle hinübergehen und dem Herrn Doktor ſagen: Sie möchten doch gleich einmal auf eine Minute herüberkommen, der Aſſeſſor habe in dringenden Geſchäftsan⸗ gelegenheiten mit Ihnen zu ſprechen, und da kamen der Herr Doktor gerade heraus. Der Doktor hatte, wie ſehr ihm auch daran gelegen war, fortzukommen, den alten Mann ruhig ausreden laſſen; jetzt ſchlug er ſeinen Rockkragen hinauf und ſagte: Schön, Kabel⸗ mann, in einer Stunde, ſagen Sie ihm; jetzt hätte ich abſolut keine Zeit Er machte einen Schritt; der Polizeidiener blieb ruhig ſtehen. Thun Sie es nicht, Herr Doktor! es hilft nichts; er hat den Märtens gleich auf den Bahnhof geſchickt; der darf dem Herrn Nudel nicht von der Seite, aber ohne daß Herr Nudel was merkt; ich habe ſelbſt gehört, wie er ihn inſtruirt hat. So! dann warten Sie eine Minute; ich bin gleich wie⸗ der hier. Der Doctor griff nach der Schelle; der Polizeidiener ſchüt⸗ telte den Kopf. 104 Thun Sie es nicht, Herr Doktor. Nebelow iſt nicht da, es könnte zu lange dauern, bis aufgemacht wird, und ich habe ſtrengſten Befehl, den Herrn Doktor unverzüglich zu bringen; ich wundere mich ſchon, daß er nicht ſchon wieder geſchickt hat. So ſagen Sie, Sie hätten mich nicht gefunden; ich wäre ſchon fort geweſen. Kann ich nicht, Herr Doktor, ich muß es ja auf meinen Dienſteid nehmen. Wiſſen Sie was, Herr S kommen Sie mit; vielleicht nimmt er doch Vernunft an, wenn Sie mit ihm reden, und läßt es wenigſtens bis morgen. So eine arme, junge Frau— gleich an dem erſten Abend— das iſt zu ſchreck⸗ lich; morgen wird's ja denn freilich vorbei ſein. Aber, Kabelmann, rief der Doktor, Ihr ſeid doch ein ver⸗ nünftiger, alter Kerl; glaubt Ihr denn wirklich, daß einer ei⸗ nen Menſchen ohne todt ſchlägt und reiſt ruhig fort und macht Hochzeit? Je ja, erwiderte Kabelmann, Veranlaſſung wird er wol ſchon gehabt haben, und ruhig wird er ja auch wol nicht ſehr geweſen ſein, ſonſt iſt Alles ſchon dageweſen und noch viel ku⸗ rioſere Dinge. Nun aber kommen Sie, lieber Herr Doktor, es iſt die höchſte Zeit! Der Doktor überlegte; es ſchien wirklich das Beſte, daß er mitging. Sollte er auch Herrn von Frank nicht überzengen, daß der Verdacht haltlos ſei— und wie konnte er das? und wie viele gravirende Momente mochte die Spürnaſe des Man⸗ nes noch ſonſt herausgedüftelt haben?— eine Waffe hatte er im Notfalle; er konnte ſagen: ich kenne die perſönlichen Mo⸗ tive, von denen Sie ſich in dieſer Angelegenheit treiben laſſen! — eine ſchwache Waffe in der That einem ſo boshaften und rachſüchtigen Manne gegenüber! man mußte eben ſehen, wie weit man damit kam. 105 Von dem Thurme der Nikolai⸗Kirche zitterten dumpfe Töne durch die ſturmgepeitſche Luft; drei Viertel auf zehn! in einer halben Stunde ſpäteſtens war Lebrecht mit den Eltern da— und die junge, ſchöne, blaſſe Frau ovben— Nun denn, Kabelmann! ſagte der Doktor und ſchritt aus dem tiefen Portale, wo dieſe Unterredung ſtattgefunden, die Fronte des alten Giebelhauſes entlang, an dem engen Gäßchen vorüber nach dem Rathauſe. Der alte Polizeidiener folgte ſchweigend. Inzwiſchen war das Fortgehen des Doktors auch in der Küchenregion nicht unbemerkt geblieben. Dörthe, die ſchon lange an dem Fenſterchen geſtanden, durch welches man einen Theil der Galerie und den Treppenaufgang überblicken konnte, ließ den erhobenen Zipfel der Gardine fallen und ſagte, ſich zu Frau Uelzen wendend: Na, endlich! Nun gehen Sie aber auch hinein und fragen Sie: was ich denn eigentlich fertig braten ſoll? Ich rühre mich nicht vom Fleck, erwiderte Frau Uelzen, die kurzen Daumen langſam umeinander drehend; wenn die gnädige Frau Zeit hat, eine Stunde mit dem Herrn Doktor zu ſchnacken, anſtatt ſich um ihre Wirtſchaft zu bekümmern— mir kann es recht ſein. J, dafür ſind Sie ja die Wirtſchafterin, ſagte Dörthe; und was eine ſo junge Frau iſt, die hat mit dem Doktor immer noch ganz was Beſonderes— Du ſchämſt Dich wohl gar nicht, Dörthe! ſo ein junges Ding! ſagte Frau Uelzen. Na, von geſtern bin ich auch nicht, erwiderte das Mädchen lachend; man weiß doch am Ende, wie es in der Welt zugeht; und das muß ich ſagen: mir gefällt ſie. Ich kaufe die Katze nicht im Sack, ſagte Frau Uelzen mit 106 einem philoſophiſchen Blick nach den blankgeſcheuerten Keſſeln auf dem großen Küchenſchrank. Wie eine Katze ſieht ſie nun gar nicht aus, fagte Dörthe; ſie hat ſo gute treue Augen; und ſo ſchön, wie die iſt, und ſo rank und ſchlank im Leibe, und wie ihr das braune Reiſekleid ſtand— ne, Frau Uelzen, ſo was giebt's hier bei uns zu Lande nicht; da iſt ſelbſt die Frau Senator Zingſt gar nichts dagegen. Ein bischen luſtiger freilich— das könnte nicht ſchaden. Du lieber Gott, wenn ich das denke: ſo jung und ſo ſchön und ſo reich, und einen jungen, ſchönen, reichen Mann— Ich danke Gott, daß ich nicht in ihrer Haut ſtecke, jagie Frau Uelzen. Das Mädchen lachte überlaut. Das ſollte ſchwer halten, Frau Uelzen, ſagte ſie. Wir werden's ja erleben, ſagte Frau Uelzen; das heißt: ich hier nicht. Ich bin die längſte Zeit hier geweſen. Das ſagen Sie ſo, Frau Uelzen. Das ſage ich nicht ſo, das iſt ſo! erwiderte Frau Uelzen eifrig; eine, die bei ſo vielen Herrſchaften geweſen iſt wie ich, die weiß, wenn der Topf ein Loch hat, und beim Auskehren, da findet es ſich. Das iſt hier gerade wie bei Baron Grieben, wo ich fünf Jahre lang Ausgeberin war, der die junge Com⸗ teſſe Puſtow heiratete, und es gingen keine acht Tage in's Land, da hat er ſich todtgeſchoſſen in ſeiner eigenen Schlafſtube, denn was die junge gnädige Frau war, die ſchlief am anderen Ende vom Schloſſe und— Frau Uelzen rückte ihren Seſſel ein paar Zoll näher und ſagte in geheimnißvollem Ton: Er hat ſechs Zehen an dem rechten Fuß gehabt; die Leichen⸗ frau, die ihn gewaſchen, hat es mir ſelbſt erzählt. Herr Gott! rief Dörthe, die roten Hände zuſammenſchla⸗ 157 gend, hat ſie es denn nicht gewußt? ich meine, was die junge Frau war? Frau Uelzen umging die heiklige Frage, indem ſie, noch unheimlicher flüſternd, fortfuhr: Da war der Herr von Lindblad aus Schweden, der die jüngſte von den zwölf Paſſelwitzer Fräuleins heiratete, und dem der alte Herr von Paſſelwitz Randow abſtand, weil er ganz in ihn vernarrt war. Und eines Tages kommt ſeine erſte Frau aus Schweden auf den Hof gefahren, der er weggelaufen iſt, und läßt ſich bei der gnädigen Frau melden— Herr Je, Herr Je, was giebt es für Menſchen! rief Dörthe, was ſagte denn die arme gnädige Frau— ich meine, die zweite? Was die geſagt hat? gar nichts hat ſie geſagt, ſondern hat anſpannen laſſen und hat ihre beiden kleinen Kinder genom⸗ men— das jüngſte war noch kein halbes Jahr— die andere hatte auch ein paar mitgebracht— lauter Flachsköpfe— und iſt nach Paſſelwitz zurückgefahren, und jetzt wohnt ſie in Sundin— Und Sie glauben, daß unſer Herr ſo eine heimliche Frau Liebſte hat? fragte Dörthe. Frau Uelzen lächelte verächtlich. Da paſſiren ſchlimmere Dinge, Dörthe; und ich ſage: wenn die alten Herrſchaften acht Tage früher kommen, als ſie haben kommen wollen, und ſchicken eine Depeſche, und der Herr wird kreidebleich, als er das lieſt, und wir haben kein Silberzeng für die Herrſchaften, und er hat den Schlüſſel verloren und läßt den Schrank nicht auf⸗ machen— das hat ſeine Bewandtniß, ſage ich, und das fagt Nebelow auch. Und ſchämen ſollten Sie ſich alle Beide, rief Dörthe eifrig, denn das iſt gar nicht recht, wenn man in einem Hauſe iſt und noch dazu ſchon ſo lange, und es paſſirt etwas in dem Hauſe, und Keiner weiß was, und man läßt die Leute in der Stadt reden und redet ſelber mit, ja und noch viel Schlimmeres, daß einem armen Mädchen, das erſt ſechs Wochen im Hauſe iſt, die Haare zu Berge ſtehen, während der Herr Fliederbuſch blos weggelaufen iſt, und ich habe ihn gewiß gern gehabt, wenn er bei Mutter Ihlefeldt immer der Tollſte war; aber jetzt wünſchte ich, er hätte ſo viel Trachten Schläge gekriegt, als er Tage weg iſt— dann würde er wol wiederkommen. Was das Wiederkommen betrifft, daran läßt er es nicht fehlen; er hat ſich heute Abend ſchon zweimal gemeldet, ſagte der alte Nebelow, der, von den beiden eifrigen Frauen merkt, eben in die Küche getreten war. Wenn Sie noch einmal ſo was ſagen, dann ſchrei' ich! ſagte Dörthe. Er hat ſich gemeldet? wo denn? wann denn? wie denn? ſo reden Sie doch! rief Frau Uelzen. Der Alte hatte den Kaſten, den er unter dem Arm trug, auf den Anrichtetiſch fallen laſſen, daß die Löffel zum Theil herausrollten, und ſich ſelbſt auf den Seſſel, von dem Frau Uelzen in ihrem erſten Schrecken aufgeſprungen war, und ſaß jetzt ſo da mit ſchlotternden Knieen, während die blutunterlau⸗ fenen, wäſſerigen Angen auf die Flieſen ſtierten. So reden Sie doch! rief Frau Uelzen noch einmal. Oder ich ſchreie! rief Dörthe. Laß ihn nur erſt zu ſich kommen! ſagte Frau Uelzen. Sie hatte aus dem Küchenſchrank eine Flaſche genommen und ein Gläschen vollgeſchenkt, das ſie dem Alten unter die ſe hielt. Der hatte es mit zitternder Hand empfangen, dann aber auf einen Zug geleert, räuſperte ſich und ſagte, immer vor ſich hin auf die Flieſen ſtierend, mit ſeiner hohlen Stimme: So um ſieben— eine Stunde, ehe die Herrſchaften kamen. 109 Ich war unten, die jungen Leute zu fragen, ob ſie nicht zu⸗ machen wollten von wegen der Singerei um zehn. Und Schuſter Böhm iſt auch gerade drin und erzählt, daß ihn der Herx Aſſeſſor hat geſtern kommen laſſen und hat ihm ein Paar Stiefel gezeigt, und ob das dem Herrn Fliederbuſch ſeine Stiefel wären, weil er doch immer für Herrn Flieder⸗ buſch gearbeitet hätt'? Und Schuſter Böhm ſagt: ja, das wären ſeine Stiefel, und wo der Herr Aſſeſſor die her hätt'? Und der Herr Aſſeſſor fängt ſo recht bös an zu lachen und ſagt: das ginge ihn nichts an; er wiſſe nun genug, und er könne nun wieder gehen. Und wir ſprechen noch ſo darüber, und Herr Schmidt ſteckt die Lampen an, weil es ſchon ganz dunkel war, und ſagt noch: wie man Stiefel beſchwören könne, die man vor einem Vierteljahr gemacht hat, und er wiſſe kaum noch, wie Herr Fliederbuſch ausſehe, und das ſei doch erſt ſechs Wochen her; und ich ſehe ſo nach dem Fenſter und frage mich, ob ich's wol noch wüßte, und da ſteht ſein Geſicht leibhaftig zwiſchen den zwei Zuckerhüten und guckt mich an, daß ich mei⸗ nen halben Rum verſchütte, und wie ich wieder hinſehe, iſt es weg. Frau Uelzen, geben Sie mir noch einen! Willfährig füllte die Haushälterin das Glas zum zweiten Male; der Alte trank, räuſperte ſich und fuhr fort: Ich erzähle das dem Kabelmann, als ich vorhin am Rat⸗ hauſe vorbeikomme, wo er in der Thür ſtand, und Kabelmann ſagt: Der iſt mauſetodt; und die Stiefel hat der Herr Aſſeſſor vorgeſtern ſelber auf dem Galgenberg zwiſchen den Tannen gefunden— Märtens iſt bei ihm geweſen— und iſt gerade auf die Stelle zugegangen, als ob er die Stiefel gerochen hätt⸗ — wie ein Hühnerhund, ſagt Märtens;— und— ſagt Ka⸗ belmann— Du ſollſt es ſehen, Nebelow, er kriegt es raus! halte nur Dein Maul über den Wondſchrank, ich thu's auch; 110 dann ſind wir es doch nicht, die ihn an den Galgen gebracht haben.— J, wo werde ich was ſagen, ſage ich.— Gut! ich gehe alſo zu Zingſts und bitte um ein Dutzend Löffel, weil die alten Herrſchaften kämen, und unſer Herr habe den Schlüſſel zum Wandſchrank verloren. Guckt der Herr Senator die Frau Senator an, und die Frau Senator guckt den Herrn Senator an— ſie ſaßen nämlich gerade bei Tiſch— und die Frau Senator ſteht auf und holt die Löffel und guckt mich an und ſagt kein Sterbenswörtchen, und ich auch nicht, und denke noch ſo daran, wie ich über den Markt komme, und der Regen ſchlägt mir in's Geſicht und ſtoße darüber mit dem Regen⸗ ſchirm gegen die Hausthür. Biſt du betrunken, Balthaſar Nebelow? ſage ich zu mir und klappe den Schirm zu!— Ne⸗ below! ſagt es neben mir. Dummes Zeug! ſchrie Dörthe. Still! rief Frau Uelzen;— Herr Fliederbuſch? Frage ich auch, ſagte der Alte. Herr Fliederbuſch? Denn es war leibhaftig, als wie er aus dem Comptvirfenſter unten über den Hof hier hinauf zu rufen pflegte, wenn ſie wiſſen wollten, ob der Herr ausgegangen wäre, damit ſie eine Stunde früher zu Mutter Ihlefeldt kämen. Da ruft es ſchon wieder: Nebelow! daß ich den Drücker beinahe fallen laſſe; und wie ich eben die Thür aufmache, kommt es und faßt mich eiskalt hinten in den Hals und zum dritten Male— Ein furchtbares Sauſen und Praſſeln ließ den Alten nicht ausreden; die Feuer ſchlugen fußlang aus den Heerdthüren, dicke Rauchſäulen ſtrömten nach, die Küche erfüllend; Dörthe, die während der Schreckensgeſchichte des Alten der Mut völlig verlaſſen hatte, kreiſchte gellend auf und ſank in die Kniee, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend und immerfort ſchreiend; als ſich jetzt eine Hand auf ihre Schulter legte, die ſie für Frau t Uelzen's hielt, bis eine Stimme, welche nicht Frau Uelzen's Stimme war, ſagte: Was iſt dem Mädchen? Dörthe blieb auf den Knieen liegen und rief, die gefalteten Hände zur jungen gnädigen Frau emporſtreckend, unter krampf⸗ haftem Schluchzen: Ich kann nichts dafür, gnädige Frau; ich hab' mich ge⸗ wehrt, ſo lange ich konnte, und immer geſagt: es iſt eine Sünde und eine Schande, ſo was von unſerem Herrn zu erzählen, und ich glaub' es ja auch nicht, gnädige Frau! ich glaub' es wahrhaftig nicht! Steh' auf, liebes Kind! ſagte Aennchen. Das Mädchen hob ſich von den Knieen und trat an den Heerd, der gnädigen Frau halb den Rücken zukehrend, ſo gut es. ging ihr Schluchzen unterdrückend und in ſchrecklicher Verlegen⸗ heit, was ſie erwidern ſolle, wenn die gnädige Frau ſie nunfragte: weshalb ſie ſo geſchrieen habe? und was ſie denn nicht glaube? Aber die gnädige Frau ſchien weiter keine Notiz von ihr zu nehmen, ſondern fragte— mit ganz ruhiger Stimme, wo⸗ rüber ſich Dörthe ſehr wunderte— ob es öfter in der Küche rauche? und was das für Löffel da in dem Kaſten wären? und wer Befehl gegeben, die Löffel zu holen? worauf denn Frau Uelzen antworten mußte, daß ſie es gethan, weil der Herr fortgefahren wäre, ohne etwas zu hinterlaſſen, und ſie die gnädige Frau nicht habe ſtören wollen, und die gnädigen Herr⸗ ſchaften doch nicht ohne Löffel eſſen könnten. Auch darauf erwiderte die gnädige Frau nichts Beſon⸗ deres, ſondern fragte nur: ob ſchon gedeckt ſeid und für wie vieled Frau Uelzen möchte ſo freundlich ſein und ſie nach den Fremdenzimmern führen, die ſie doch vorher ſehen wollte, be⸗ vor die Eltern kämen, wenn ſie auch im Voraus überzeugt ſei, daß es an nichts fehlen werde. 112 Damit verließ Aennchen die Küche, Frau Uelzen mit ſich nehmend. Frau Uelzen hatte durchaus die Empfindung, daß die gnä⸗ dige Frau, die ganz anders aus den Augen blickte, als vorhin, und in einem ganz anderen Tone geſprochen hatte, ſehr böſe ſei, und war entſchloſſen, dem Sturme zuvorzukommen: die gnädige Frau dürfe ſie platterdings nicht dafür verantwortlich machen, wenn nun einmal ſo häßliche Gerüchte in der Stadt umliefen; ſie habe ja ſchon vorhin geſagt, man könne den Leuten den Mund nicht verbieten, und nun habe es ja die gnädige Frau mit ihren eigenen Ohren gehört. Aber wie könne es auch anders ſein, wenn der Herr Aſſeſſor drüben es förmlich darauf anlege, den Herrn um Ehre und Reputation und— Gott ver⸗ zeih' ihm die Sünde— an den Galgen zu bringen? Sie habe vorhin nicht davon ſprechen wollen, um der jungen gnä⸗ digen Frau, die eben erſt in's Haus gekommen, nicht bange zu machen. Indeſſen, es ſei am Ende ganz gut, wenn die gnädige Frau es erführe und es dem Herrn ſagte, was er ſich von dem Herrn Aſſeſſor zu verſehen habe, um ſich bei Zeiten vor ihm in Acht zu nehmen; denn in einer kleinen Stadt, da heiße es: trau, ſchau— wem? und wenn Einer, der nach dem Herrn Bürgermeiſter der Oberſte in der Stadt ſei und immer Lack⸗ ſtiefel und gelbe Glacéhandſchuhe trage, bei dem greulichen Wetter in eigener Perſon nach dem Galgenberg gehe, um ein Paar alte Stiefel zu ſuchen und ſich hernach von dem Schuſter Böhm beſchwören zu laſſen, das ſeien des Herrn Fliederbuſch ſeine— da möchte ſie denn doch die gnädige Frau fragen, ob man ſo Einem über den Weg trauen dürfe? Der Frau Uelzen war es höchſt unheimlich geweſen, daß, während ſie, in der Tiefe des Zimmers an den Betten ſtrei⸗ chend und an den Stühlen rückend, alſo ſprach, die gnädige 113 Frau, welche, ihr den Rücken zukehrend, am Fenſter ſtand, kein Sterbenswörtchen erwiderte; und ſie hatte in Folge deſſen im⸗ mer weiter geſprochen und die Farben immer ſtärker aufge⸗ tragen. Wie erſchrak ſie aber nun, als die Gnädige, ſich plötz⸗ lich umwendend, ihr ein Geſicht zeigte, das ſo weiß war wie die Gardinen, die rechts und links an ihr hinabfielen, und ſo ſtarr, daß ſelbſt die großen braunen Augen ſich nicht bewegten, uud nun— mit dem weißen Geſicht und den ſtarren Augen — an ihr vorüber nach der Thür ſchritt, die offen geblieben war, und dort, ohne ſich umzublicken, ſo gerade vor ſich hin ſagte— in einem Ton, der gar nicht klang, als ob die Gnä⸗ dige ſpräche: Wenn nach mir geſchickt wird— ich bin in des Herrn Zimmer. Frau Uelzen war ſo erſchrocken, daß ſie noch ein paar Mi⸗ nuten, nachdem die Gnädige verſchwunden, wie feſtgenagelt auf demſelben Fleck ſtehen blieb, und als ſie in die Küche zurück⸗ kam, zwar den Befehl der Gnädigen an Nebelow ausrichtete, auf die Fragen des Alten und Dörthen's aber, was denn das zu bedeuten habe? nur erwiderte: wenn andere Leute ſich die Finger verbrennen wollten, ſo möchten ſie das thun. Sie für ihr Theil werde kein Wort mehr ſprechen, und wenn man ihr die Zunge mit glühenden Zangen aus dem Munde riſſe. In Lebrecht's Zimmer aber ſaß Aennchen an dem Kamin, vornüber gebeugt, die weißen Hände gegen das weiße Geſicht ge⸗ drückt, vor den geſchloſſenen Augen das Bild, das ſie eben ge⸗ ſehen von dem Fenſter der Schlafſtube über das ſchmale Gäßchen hinüber: ein hochgewölbtes Zimmer des Rathauſes, etwas tiefer liegend als das, in welchem ſie ſich befunden, hell erleuchtet durch eine von der Decke herabhängende Lampe und mehrere Lichter, die auf einem großen mit Büchern und Akten bedeckten Tiſche brannten. An dem Tiſch aber hatte die it bucklige Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 114 Geſtalt des Herrn von Frank gelehnt— die greuliche Sil⸗ houette haarſcharf abgezeichnet auf dem lichten Hintergrunde — und hatte mit den dünnen Aermchen hinauf geſtikulirt zu. dem Doktor, der, den Kopf geſenkt und das Kinn mit den Händen ſtreichend, dicht vor ihm ſtand und der eifrigen Rede des Buckligen ſchweigend zuzuhören ſchien. Und dann hatte der Doktor ſeinerſeits angefangen, mit den langen Armen zu geſtikuliren, daß es ausſah, als würde er dem Kleinen jeden Augenblick in das dichte, bis tief in die Stirn gewachſene Haar fahren, während dieſer die Aermchen über der Bruſt gekreuzt hatte und höhniſch lächelte. Und dann hatte ſich Herr von Frank plötzlich nach dem Tiſch gewendet und auf eine Glocke gedrückt, worauf eine überaus lange Geſtalt in Uniform her⸗ eintrat und ſich hinter den Doktor ſtellte, während Herr von Frank, ohne ſich zu ſetzen, über den Tiſch gebeugt, auf ein Blatt, das in dem Schein der Lichter wie Schnee glänzte, mit haſtiger Feder ſchrieb. Der Doktor aber hatte, ohne ſich um⸗ zuwenden, den Arm weit hinter ſich ausgeſtreckt nach dem Manne in der Uniform, der ebenfalls den langen Arm aus⸗ ſtreckte, ſo daß die Hände ſich für einen Moment berührten und wieder auseinander fuhren; gerade als Herr von Frank das gefaltete Blatt in ein Couvert ſteckte, das er adreſſirte, um es dem nun herantretenden Diener zu geben, der dann ſofort nach der Thür ſchritt, aus dem hohen, gewölbten Zimmer hinaus durch enge Korridore, eine breite Treppe hinab, auf den Markt⸗ platz, an deſſen hohen Giebelhäuſern, hinauf und hinab, der dunkelrote Schein der Fackeln flackerte, die auf einem ſchwarz verhangenen Gerüſt brannten inmitten des Platzes; und auf dem Gerüſt ſtand er— bleich und traurig— und blickte nach ſeinem eigenen Hauſe hinüber und ſtreckte die Arme nach ihr aus: Du hätteſt mich retten können, aber du haſt dir den &0che 115 Schlüſſel nehmen laſſen, und nun muß ich ſterben! Und dann war es finſtere Nacht, und aus der Nacht flammte ein leuch⸗ tender Blitz herab wie ein funkelndes Schwert— Mit einem gellen Schrei fuhr Aennchen aus ihrer gräß⸗ lichen Viſion in die Höhe— vor ihr ſtand der Mann, den ſie erwartet. Ich bitte um Entſchuldigung, ſagte der Mann; man hat mich hier hereingewieſen. Ich ſoll der gnädigen Frau eine Empfehlung von dem Herrn Aſſeſſor machen und dieſen Brief abgeben. Die heiſere Stimme des alten Polizeidieners bebte, als er dies ſagte, und die große braune Hand, mit der er den Brief hinreichte, zitterte; und er wunderte ſich, daß die kleine weiße Hand, die ihm denſelben abnahm, ſo feſt war, und daß die ſchöne junge Dame, die nun an den Tiſch trat, um den Brief im Lichte der Lampe zu leſen, ganz aufrecht ſtehen blieb und den Brief ruhig durchlas und auf den Tiſch legte und dann, ſich zu ihm wendend, ruhig ſagte: Es iſt gut, ich danke Ihnen. Kabelmann ſchüttelte den Kopf. Keine Urſach', gnädige Frau, und mit Verlaub, gnädige Frau— ich bin ein guter Freund von dem Herrn Gemahl und von dem Herrn Doktor — und darf ich fragen: was der Herr Aſſeſſor Ihnen da ge⸗ ſchrieben hat? Nur, daß er in einer halben Stunde mit dem Herrn Dok⸗ tor kommen wird, um uns und meine Eltern zu begrüßen; wir kennen den Herrn Aſſeſſor ſchon ſehr lange. Und als ſie das ſagte, lächelte ſie ſo ſeltſam— dem Ka⸗ belmann lief es eiskalt über den Rücken. Er ſagte im Flü⸗ ſterton: 116 Wenn Sie ihn kennen, gnädige Frau, dann werden Sie ja wol die halbe Stunde, die Sie vielleicht noch haben, be⸗ nutzen und wiſſen, was Sie mit dem Schlüſſel ſollen, den mir der Herr Doktor zugeſteckt hat. VII. Sie hatte ſich nicht vom Platze bewegt, bis er die Thür hinter ſich zudrückte; dann aber war ſie, als wenn ſie geflogen wäre, an eben dieſer Thür und hatte den Schlüſſel umgedreht. Und zu der zweiten Thür, welche zu dem Speiſeſaal führte, und zu der dritten nach dem Salon, beide verſchließend. Dann eilte ſie zu dem Tiſch und ergriff den großen Schlüſſel und zuckte zuſammen, als hätte ſie auf rotglühendes Eiſen gefaßt. Ein paar Momente war's, als ob ſie ihn wieder fallen laſſen würde; aber ſie hielt ihn, während ihre Augen auf das Blatt ſtarr⸗ ten, das daneben lag:„Gnädige Frau! Eine Denunciation, welche vor einer Stunde in einer gewiſſen, überaus betrüben⸗ den Angelegenheit bei hieſiger Polizeibehörde gemacht iſt— es handelt ſich um das bis jetzt unaufgeklärte, wenn auch nicht ganz ſpurloſe Verſchwinden eines jungen Mannes aus dem Comptvirperſonal Ihres Herrn Gemahls— zwingt mich, noch an dieſem Abend eine, wenigſtens partielle Durchſuchung Ihres Hauſes vorzunehmen. Es bedurfte wahrlich nicht der Inter⸗ vention des Herrn Doktor Bertram, der ſich in dieſem Augen⸗ blicke bei mir befindet und auch, in ſeiner Eigenſchaft als Kreis⸗ phyſikus, der Recherche beiwohnen muß, mich zu beſtimmen, meine ſchwere Pflicht in der ſchonendſten Weiſe auszuüben. Dieſe Schonung wurde ohnedies diktirt durch die Rückſicht auf 118 den bisher unbeſcholtenen Ruf Ihres Herrn Gemahls, des Trä⸗ gers eines ſo angeſehenen, ich möchte ſagen: erlauchten Namens; durch die innige Freundſchaft, welche mich ſo viele Jahre hin⸗ durch an Ihr elterliches Haus gefeſſelt; durch die tiefe Bewun⸗ derung, die ich Ihnen perſönlich aus ehrfurchtsvoller Ferne ſtets gezollt. So wollen Sie denn geſtatten, daß ich mich in dem Moment, wo Ihr Herr Gemahl Ihnen die verehrten El⸗ tern in die Arme führt, in Ihren feſtlichen Kreis miſche, als ein ſtiller, bewegter Gaſt, der noch ein wenig zurückbleiben wird, nachdem Ihre ahnungsloſen Eltern ſich zur Ruhe begeben. „Gnädige Frau, ich ſage kein Wort für mich. Sich hier entſchuldigen wollen, würde ſich anſchuldigen heißen. Es iſt mein Schickſal, Ihnen zu mißfallen; aber eben, weil es mein Schickſal iſt, muß ich es tragen. Es giebt ein Gefühl, das über alle anderen Empfindungen ſteht: das iſt das Gefühl der Pflicht. „In tiefer Ehrfurcht Oskar von Frank.“ Das Gefühl der Pflicht! murmelte Aennchen; ich will von dieſem Teufel lernen! Der Schlüſſel brannte nicht mehr in ihrer Hand; ſie hielt ihn feſt in der Rechten, in der Linken das Licht, welches ſie von dem Sims des Kamins genommen. So ſtürzte ſie nach jener Ecke des weiten Gemaches, wo die um mehrere Fuß vorſprin⸗ gende ellendicke Mauer den Schrank bergen mußte. Auch hatte der Doktor ja vorhin nach dieſer Stelle gewieſen. Dennoch konnte ſie, hinauf⸗ und hinableuchtend, in der mattglänzenden Tapete von gepreßtem dunkelgelben Leder das Schlüſſelloch nicht finden. Die Sekunden wurden ihr zu Ewigkeiten. O mein Gott! mein Gott! ſtöhnte ſie; wo? wo? o mein Gott, hilf mir! 9 Der Schlüſſel ſtak im Schloß. Und wieder ſchmetterte der Sturm jenen fürchterlichen Ton durch das Fenſter, in deſſen unmittelbarer Nähe ſie ſich jetzt befand,— die gelbe Gardine ſchwankte hin und her, als ob Je⸗ mand, der dahinter ſtehe, ſie bewegte— in dem Schrank klap⸗ perte es, als wenn Knochen aneinander raſſelten. O mein Gott, hilf mir! Die Thüren ſprangen auf, beide auf einmal. In demſel⸗ ben Momente glitt ein großer Gegenſtand unmittelbar an ihr vorüber und ſchlug mit dumpfem Tone weithin auf den dicken Teppich. Es mochte ein großes Bret ſein, das ſich von der Thür losgelöſt hatte, oder was es war. Sie achtete deſſen nicht, ſo wenig wie ſie die Gefahr bemerkte, der ſie entgangen. Sie achtete auch der Gegenſtände nicht, die da in langen Reihen auf den Regalen ſtanden, welche die rechte Hälfte des Schrankes von unten bis oben anfüllten: der hohen Leuchter, der prächti⸗ gen Vaſen, der glitzernden Haufen von Löffeln und Meſſern und Gabeln, der blinkenden Becher und Kannen, der mächti⸗ gen Bowle— eines Königs Geſchenk in dieſem königlichen Schatz— was galt ihr das jetzt! dort links in dem großen, leeren Raum, in einer der tiefen Ecken, wohin nicht einmal der Schein des Lichtes drang— wenn da in der grauen Däm⸗ merung der geheime Gang ſich aufthat, wenn ſie dort weiter irrte, tappte— nie wieder den Ausgang zum Tage zu finden aus der Schaudernacht— hilf mir! hilf mir! Sie war bis zur entgegengeſetzten Seite gelangt,— es war keine Oeffnung— glatte, mit einer höchſt altertümlichen Tapete beklebte Wände, an denen auf Holzregalen mancherlei Gerät lag und hing: ein paar wunderliche Sättel, mit Silber beſchlagenes Zaumzeug, Peitſchen, Schlittſchuhe in den ver⸗ ſchiedenſten Formen, Netze und Angelruthen, Jagdflinten mit Zubehör, auch verſchiedene Paare hochſchäftiger Stiefel, offen⸗ bar für Lebrecht's nicht eben kleinen Fuß— Gott zum Gruß! Die Stimme ſchien über ihr, die eben in der Tiefe des Schrankes auf den Knieen zwiſchen den Sachen kramte;— eine ſanfte, vibrirende Stimme, wie der himmliſchen Eines— es konnte ja keines Menſchen Stimme ſein. Das arme Aennchen faltete die Hände, wie ſie als Kind gethan, wenn ſie recht inbrünſtig zu ihrer Lieblingsheiligen ge⸗ fleht und das Strahlenbild ſchier leibhaftig vor ſich zu ſehen glaubte. Ihre zitternden Lippen murmelten ein halb vergeſſe⸗ nes Gebet. Kann ich Ihnen helfen? Die Stimme war hinter ihr: lauter, feſter— eines Men⸗ ſchen Stimme! Und ſie hatte alle Thüren hinter ſich verſchloſ⸗ ſen!— Aennchen ſchrie nicht auf; nachdem, was ſie in den letzten Stunden, den letzten Minuten durchgemacht, war ſie gegen je⸗ den irdiſchen Schrecken gefeit. Sie griff nach dem Licht, das ſie neben ſich auf den Boden geſtellt, und, ſich erhebend, wandte ſie ſich. Aber auch für eine furchtſamere Seele würde der rätſel⸗ hafte Anblick des jungen Mannes, der jetzt, von dem Lichte in ihrer hoch erhobenen Rechten hell beleuchtet, in der Oeffnung des Schrankes ſtand, nichts Grauſiges gehabt haben: ein bild⸗ ſchönes, von weichen, braunen Locken überwölbtes Jünglings⸗ geſicht, mit großen blauen, ſchelmiſch blickenden Augen, ein ſproſſendes dunkles Bärtchen auf der feinen zuckenden Ober⸗ lippe, unter der für einen Moment die weißen Zähne hervor⸗ blitzten.— Hans Fliederbuſch! ſchrie Aennchen. 121 Der ſchöne Jüngling kreuzte, ſich anmutig neigend, die bei⸗ den Hände über der Bruſt und ſagte mit geſenkten Augen, die er aber ſofort wieder lächelnd aufſchlug: Aus dem Stamme jener Asra, welche ſterben— wenn die Herrin nicht verzeiht. Und das klang ſo treu und ſo drollig zugleich; aus Aenn⸗ chen's übervoller Bruſt brach ein heller Jubelruf, aus ihren Augen ſtürzten Thränen, daß ſie für ein paar Momente wie geblendet war. Und dann wußte ſie nicht, wie ſie aus dem Schrank und das Licht aus ihrer Hand gekommen; aber der „Jüngling lag jetzt zu ihren Füßen, ihre beiden Hände, die er in den ſeinen hielt, an ſeine Stirn und an ſeine Lippen drü⸗ ckend und immer wieder ſagend: Verzeihen Sie mir, liebe, gnädige Frau! Und bitten Sie auch für mich bei meinem gü⸗ tigen Herrn! Und dann ſaß ſie auf einem Stuhl, weil ihr die Kniee zit⸗ terten, aber jetzt vor freudiger Erregung— und der Hans ſtand neben ihr und ſchwatzte und erzählte mit wunderbarer Zungen⸗ fertigkeit in ſeiner anmutigen, drollig⸗theatraliſchen Weiſe mit vielen Geſtikulationen und manchem kaum unterdrückten Lachen: Wie ich in's Haus gekommen, gnädige Frau? Vor zehn Minuten; dicht hinter dem alten Eſel von Nebelow her, der vor Schrecken über einen kleinen Poſſen, den ich ihm geſpielt, die Thür ſperrangelweit offen ließ. Bequemer konnte ich es doch nicht haben? Schlich dann vorſichtig die Treppe hinauf und kam gerade nach oben, als die gnädige Frau mit der Uel⸗ zen nach den Fremdenzimmern ging. Da bin ich denn hier in's Zimmer geſchlüpft und habe hinter der Gardine verbor⸗ gen geſtanden, während der Kabelmann— iſt es nicht ein prächtiger alter Knabe?— Ihnen den Brief von dem Aſſeſſor brachte. 122 Hier hatte Hans die größte Luſt, in ein unbändiges Ge⸗ lächter auszubrechen; aber vor den ſchönen leuchtenden Augen, die ihm die Worte von den Lippen zu trinken ſchienen, nahm er ſich zuſammen und ſagte mit ſcheinheiliger Miene: Gott, gnädige Frau, es iſt wirklich zu verführeriſch, wenn man Einen ſo recht gründlich anführen kann. Hören Sie nur, gnädige Frau! Ich bin alſo bereits ſeit drei Tagen wieder hier in Wol⸗ dom, verſteckt bei meinem Freunde, dem Kapitän Martin, der mich auch in der Nacht, als ich den Salto mortale aus dem Fenſter in den Garten that und dann an dem alten Birnbaum über die Mauer kletterte— eine meiner ſchönſten Leiſtungen, gnädige Frau, die mir ſo leicht Keiner nachmacht— auf ſein Schiff genommen, das im Hafen lag und noch in derſelben Nacht nach Stettin fuhr. Und der Martin— die gute Seele — hat auch mein Geheimniß treu bewahrt; an Geld hat es mir, wieder durch Martin, auch nicht gefehlt, und— unter uns, gnädige Frau— ich wäre auch gewiß ſo bald noch nicht wiedergekommen, wenn es mit der Schauſpielerei nicht ſo einen Haken hätte; und das wird Jeder finden, gnädige Frau, der, wie ich, ſechs Wochen lang mit ſo einer Geſellſchaft— Schmiere nennen ſie's, gnädige Frau, und— mit Ihrer Erlaubniß— es iſt auch eine— von Städtchen zu Städtchen, von Dorf zu Dorf bei dieſem gräßlichen Herbſtwetter im lieben Pommer⸗ lande umherzieht. Vor acht Tagen führte uns der Stern, wel⸗ cher unſerem armen Thespiskarren die grundloſen Wege leuch⸗ tete, bis hier in die Nähe von Woldom; und war's nun Reue, welche bei mir zum Durchbruch kam, war's Sehnſucht nach meinem lieben Herrn und nach dem alten Berufe und dem al⸗ ten Hauſe, war's, daß ich in meines Geiſtes⸗Ang' bereits die ſchöne junge Herrin ſah, die ja nun bald in das alte Haus kommen mußte und mir bitten helfen würde, wenn meine ei⸗ 123 genen Bitten um Verzeihung ja nicht ausreichen ſollten— ge⸗ nug, ich ſchüttelte meinen Brüdern und Schweſtern in Apollo die ehrlichen ſchmutzigen Hände und eilte in die Arme meines Martin, der glücklicherweiſe von ſeiner Fahrt eben wieder zu⸗ rück war. Und nun, gnädige Frau, während ich ſo bei dem Martin auf der Lauer lag und den Augenblick des Wiederſehens und der Verſöhnung mit dem geliebten Herrn heranharrte— in den beiden engen Stübchen von Freund Martin, in welchen es bedenklich nach Theerſtiefeln roch— hörte ich zu meinem größ⸗ ten Ergötzen— durch Freund Martin— welch' abenteuerliche Geſchichten über mein Verſchwinden in der Stadt circulirten, und wie man ſogar den fabelhaften Gang hier aus des Herrn Stube nach dem Galgenberg wieder aufgegraben, um dies Ver⸗ ſchwinden zu erklären; und wie der neue Herr Polizei⸗Kom⸗ miſſar Krethi und Plethi, die ungefähr etwas von der Sache wiſſen könnten, abhöre und zu Protokoll nehme und dadurch die ganze Stadt in Bewegung bringe, daß ſchon das älteſte Hökerweib darauf ſchwöre, der Herr habe den Hans todtge⸗ ſchlagen, aus ſeinem Zimmer durch den geheimen Gang nach dem Galgenberge geſchleppt und dort unter den Tannen ver⸗ ſcharrt. Nur die Stiefel nicht! die hatte er, ſo oder ſo, ver⸗ geſſen! und— richtig! vorgeſtern hat ſie der Herr Aſſeſſor ge⸗ funden! Wir, der Martin und ich, hatten ſie ihm nämlich da⸗ hin gelegt— unter den letzten Stein nach der See auf dem Hü⸗ nengrabe, und der Herr Aſſeſſor konnte gar nicht irre gehen, denn Einer, der um die Sache wüßte— verſtehen Sie wol, gnädige Frau?— und dem ſein Gewiſſen ſchlage, hatte ihm die Stelle ganz genau in einem Briefe angegeben, deſſen Schrift vermutlich das ſchlechte Gewiſſen ſo unleſerlich und unortho⸗ graphiſch machte. Es war ein Hauptſpaß, gnädige Frau, wie 124 ſie mit den alten Stiefeln abzogen; und wir ſtanden dicht hin⸗ ter ein paar dicken Tannen und wollten uns todtlachen. Da erfuhr der Martin, der heute Nachmittag, ſo im Vor⸗ übergehen, auf dem Comptvir ſich erkundigte, daß Sie mit dem Schnellzuge kommen würden; und derſelbe Unglückliche mit dem ſchlechten Gewiſſen und der mangelhaften Orthographie — ich muß es zu ſeiner Beſchämung geſtehen,— er ſchrieb in derſelben fragwürdigen Handſchrift an den Herrn Aſſeſſor: es ſei Gefahr im Verzuge, aber wenn er— der Herr Aſſeſſor— Mut hätte, mit dem zurückkehrenden Herrn zugleich das alte Haus zu betreten und ſeine Nachforſchung unverzüglich bei dem Wandſchrank in des Herrn Zimmer zu beginnen, ſo würde er nicht lange zu ſuchen brauchen, um das Skelet im Hauſe zu finden. Das Skelet! rief Aennchen; das Skelet! Der Ausdruck war ein bischen ſtark, gnädige Frau, ich gebe es zu und konnte eben deshalb leicht den ganzen Handel ver⸗ raten;— das vminöſe Wort kam dem Schreiber unwillkürlich in die Feder, weil er daſſelbe manchmal gehört— aus dem Munde von Doktor Bertram— Sie haben ihn ja ſchon ken⸗ nen gelernt, gnädige Frau.— Aber es war ja trotzdem mög⸗ lich, daß der Fuchs in die Falle ging; und der mit dem ſchlech⸗ ten Gewiſſen, der ſich den ganzen Abend, ſeitdem es dunkel ge⸗ worden, um das Haus herumtrieb und Sie und den Herrn Gemahl— ſo lange vor der feſtgeſetzten Zeit— hatte kommen und den Herrn hernach wieder hatte fortfahren ſehen, jeden⸗ falls nach dem Bahnhof, um Jemand abzuholen— Meine Eltern, ſagte Aennchen. Dachte ich mir!— und nun, während ich an der Haus⸗ thür Poſto ſtand und aus einer Unterhaltung zwiſchen dem Dok⸗ tor und der guten alten Seele von Kabelmann— es war zum „— —— —— 125 Todtlachen, gnädige Frau, nur daß Einem die Thränen dabei in die Augen kamen— hörte, der Herr Aſſeſſor habe ſich nicht einmal an das Skelet geſtoßen— ich hätt's gethan, gnädige Frau, wäre ich an ſeiner Stelle geweſen!— ja, gnädige Frau, da ſchlug mir aber wirklich das Gewiſſen, und ich ſah, daß ich den Scherz zu weit getrieben, und daß es, Alles in Allem, ein ſchlechter Scherz war, um ſo ſchlechter, als Jemand, der um Verzeihung bitten will, überhaupt wol gar keine Scherze ma⸗ chen ſollte. Und dabei fiel mir ein, daß die junge gnädige Frau, auf deren Fürſprache ich ſo ſtark rechnete, am Ende, wenn ihr auch der Herr Gemahl von dem tollen Handel am Abend vor der Hochzeitsreiſe erzählt, und wie wir das da abgenommen und in den Schrank geſtellt und— Was iſt das da? fragte Aennchen, zum erſten Male wie⸗ der auf das lange ſchwarze Bret blickend, welches vorhin, als ſie den Schrank öffnete, faſt auf und über ſie geſtürzt und jetzt noch ſo, wie es gefallen, unmittelbar zu ihren Füßen, zwiſchen ihr und Hans lag, der eben mit dem Finger darauf deutete. Das wiſſen Sie nicht? fragte Hans. Nun ja,— ein Bret— ſagte Aennchen lachend über den wunderlichen Ausdruck, den des Hans Geſicht bei ihrer Frage annahm. Sie wiſſen nicht, was auf der anderen Seite von dem Bret ſteht? Da es nicht durchſichtig iſt— Ach, du liebe Zeit! rief Hans; ach, du liebe Zeit! iſt es denn menſchenmöglich? er hat Ihnen davon nichts geſagt, bis auf den heutigen Tag, bis zu dieſer Stunde?— ſo tief, ſo tief verſteckte er ſich vor dir— Jahrhunderte lang?— er, der ſonſt in einem Kryſtall⸗Palaſt wohnt und wohnen darf, weil ſein Herz rein iſt wie das Herz der Waſſer— 126 Was iſt es? fragte Aennchen, der trotz der tollen Deklama⸗ tion des Hans das Herz unruhig zu ſchlagen begann; ich will es wiſſen! Sie wollen— wollen es wirklich? Nun denn, gnädige Frau, treten Sie gütigſt ein paar Schritte zurück, Sie finden ſonſt nicht die große Perſpektive, auf die es berechnet iſt! Hier kniee ich— jetzt nicht mehr für mich ſelbſt— es iſt für meinen lieben Herrn;— o jämmerliches Los der Könige!— Sie ſehen von den Geheimniſſen der Majeſtät durch meine Hand den Schleier weggezogen. Er hatte knieend die Tafel auf die lange Kante geſtellt. Was heißt das?ꝰ fragte Aennchen. Mein Gott! mein Gott! die Buchſtaben ſind doch groß ge⸗ nug! murmelte Hans zwiſchen den weißen Zähnen. Ich meine, ſagte ſie, was bedeutet dieſer Scherz? Hans ließ die Tafel fallen, aber nach rückwärts, daß die Inſchrift oben blieb, ſprang mit beiden Beinen zugleich auf die Füße und rief: Scherz nennen Sie das, Scherz? gnädige, grauſame Frau! — Scherz? was meinem guten Herrn faſt das Herz gebrochen? Scherz, um deſſen willen er ſeinen treuſten und liebſten Knap⸗ pen beinahe erſchlagen? Scherz, gnädige ahnungsloſe Frau? haben Sie denn das Datum nicht geleſen in der linken Ecke: 16547 und das Pendant in der anderen: renovatum 18547 Renovatum! gnädige Frau, das heißt erneuert— wiederherge⸗ ſtellt, aufgefriſcht— durch den alten Herrn Senator Lebrecht den Achten, König von Woldom, der auf dem Sterbebette Lebrecht den Neunten, wenn ihm an des Vaters Segen, der den Kin⸗ dern Häuſer baut, gelegen ſei, beſchwor, er ſollte es hangen laſſen, wie es gehangen ſeit zwei Jahrhunderten— dort unter jenem Fenſter. Und Lebrecht der Neunte— wenn er auch, ——— 127 als er zur Regierung kam, mit nicht ganz reinem Gewiſſen und jeſuitiſcher Schlauheit den Laden ſelbſt in das ſchmale Rat⸗ hausgäßchen verlegte— hat's da hangen laſſen bis zu jener Nacht! Und ſprach zu mir, hier in dieſem Zimmer, an jenem Tiſch, der voll leerer Flaſchen ſtand, und ſchon nahte die dumpfe Geiſterſtunde: Hans, ſprach er, ſie wiſſen noch immer nicht in dem Hauſe mit den Spiegelſcheiben und den blumengeſchmück⸗ ten Balkonen dort unten in der heiligen Stadt am flutenreichen Rhein, daß hier in Woldom an der Oſtſee Strand jede Höker⸗ frau ihr Lot Kaffee und jeder Matroſe ſeinen Priem und jeder Schuſterjunge ſeinen ſalzen Häring bei dem Könige von Woldom holt.— Nun? ſage ich.— Sie heiratete mich nicht, wenn ſie das wüßte.— Laſſen Sie ſie laufen! ſage ich.— Gnädige Frau, rechnen Sie mir den gräßlichen Frevel nicht an: ich hatte Sie noch nicht geſehen!— So lächelte er denn auch nur ver⸗ ächtlich; und nun kam die Geſchichte ſeiner Leiden: wie er Gott gedankt, daß Sie wenigſtens über ſeinen Namen— er iſt jetzt auch der Ihrige, gnädige Frau, und„was uns Roſe heißt, wie es auch hieße“— und ſo ſage ich weiter nichts. Und wie er nicht den Mut gehabt, zu dem ominöſen Namen— Sie verſtehen mich, gnädige Frau— auch noch gleichſam die That zu fügen; und wie er weiter gefrevelt, indem er Tag auf Tag und Woche auf Woche vergehen ließ, ohne zu beichten, was, wie er feſtiglich glaube, ihn, wenn nicht vor Ihren eigenen gött⸗ lichen Augen, ſo doch vor denen Ihrer Verwandten und Freunde unwöglich machen werde; und wie er nun weiter freveln müſſe und freveln werde— er wiſſe es— bis zu dem Momente, wo Sie, über den alten Marktplatz heranfahrend, das Schild ſehen würden— ſo kommen Sie in der Nacht! ſagte ich.— Mir würde es durch das tiefſte Dunkel, wie Flammenſchrift, entgegendrohen!— Gnädige Frau, ſeien Sie mir nicht des⸗ 128 halb gram: aber er kam mir wirklich halb von Sinnen vor; ich für mein Theil war's wenigſtens ein Viertel; und ſo drei Viertel, wie wir zuſammen waren, wurde es ausgeführt. Aber ich ſchwöre es: nur von mir; ich hatte den ingeniöſen Einfall, ich nahm es von ſeinen alten Haken, ich ſtellte es da in den Schrank— etwas ſehr ungeſchickt, wie ich nachträglich geſehen — ich war faſt des Todes erſchrocken— Sie arme, mutige, gnädige Frau!— und ich ſteckte auch den Schlüſſel in die Taſche. Denn, ſagte ich, es könnte doch ſein, daß ſich der König von Woldom das betreffende Herz faßte, an dem es ihin, ſo lange ich in ſeinen Dienſten bin, noch nie gefehlt, und er hätte die Gnade, es mir zu ſchreiben, ſo hängte ich's bei Nacht und Nebel wieder an ſeinen alten Platz, und mögen ſich die Anderen dann darüber den Kopf zerbrechen, wie es weg⸗, und wie es wiedergekommen. Und faßt er ſich nicht das Herz— Ich ſah ihm in die Augen, in ſeine ſchönen blauen Augen, gnädige Frau, und ſah, daß er ſich's nicht faſſen, daß er die Entdeckung, die ihm ſo fürchterlich war, bis zu dem allerletzten Augenblick hinausſchieben würde. Und nun, gnädige Frau, als ich den Starken ſo ſchwach, den König von Woldom ſo hülflos ſah— da kam der Ver⸗ ſucher über mich und raunte mir in's Herz: Jetzt muß er's thun! jetzt muß er dir die Erlaubniß geben, um die du ihn im Scherz und Ernſt ſchon hundertmal gebeten: einer ſtaunenden Welt zeigen zu dürfen, daß Garrik und Talma und Ludwig Devrient, und wie ſie heißen, armſelige Schächer waren im Vergleich zu Hans Fliederbuſch, dem Einzigen!— Und, gnä⸗ dige Frau, er, den ich mit dem Schlüſſel in der Taſche zu haben glaubte, er wollte nicht! ich bat; er weigerte ſich!— ich flehte; er lachte mich aus!— ich wurde böſe; er nannte mich einen Narren!— ich trotzte; er verbot es mir ein für alle 129 Mal, ſo lange er mein Vormund ſei!— und ich— ich trau⸗ riger Wicht— ich drohte— drohte, meinen Herrn zu ver⸗ raten! Ich ſchwöre bei Allem, was mir heilig iſt: es war nicht mein Ernſt, und ich hätte es nie gethan; aber der ſchwere Bur⸗ gunder, beſte gnädige Frau, und die ſpäte Stunde— ich bin gewiß fürchterlich ungezogen geweſen, daß ich die ſchönſten Prügel verdient hätte, geſchweige denn den einen Schlag, den er— ich weiß es ganz gewiß— nur aus Verſehen gab, als er mir mit dem Schlüſſel, welchen er mir entriſſen— über den Kopf fuhr. Aber ſeine Hand iſt ſchwer und— das Blut ſtürzte mir aus der Naſe und ich vornüber dort über den Tiſch, den ich im Fallen umriß mit Allem, was darauf ſtand. Und er kniete bei mir, als ich— es kann nicht lange gedauert haben — wieder zu mir kam, und hatte meinen Kopf auf ſeinen Knieen und gab mir gute, liebe Worte; aber— Gott, gnädige Frau, ich war betrunken!— ich ſprang wütend auf: Sie haben mich geſchlagen, wir ſind quitt!— Hans, Du bleibſt!— Ich will nicht! Du ſollſt!— Nun, gnädige Frau, ich wurde erſt in Martin's Kajüte wieder nüchtern; aber auch nur ſo halb, und jedenfalls waren wir da ſchon fünf Meilen in See, und da war's zu ſpät.— Mein Gott, gnädige Frau, was wollen Sie? Aennchen, an deren glänzenden braunen Augen und Grüb⸗ chenwangen und lächelndem Munde Hans ſich gar nicht ſatt ſehen konnte, hatte während des letzten Theils ſeiner Geſchichte ein ſehr nachdenkliches Geſicht gemacht und war jetzt plötzlich vom Stuhle aufgefahren und in das Speiſezimmer nebenan geeilt.— O weh! ſeufzte Hans; wir waren im beſten Zuge! ich glaubte, wir wären ſchon über das verdammte Bret weg; aber— Da kam ſie bereits zurück— eilenden Schrittes— das Fr. Spielhagen, Stelet im Hauſe. 9 130 holde Geſicht ſtrahlend von munterer Laune, der reizende Buſen wogend vor athemloſer Haſt. Nun ſchnell, lieber Hans, ſchnell! Was? fragte Hans, entſchloſſen, für das„lieber Hans!“ und das ſüße lächelnde Geſicht es mit dem Teufel ſelber auf⸗ zunehmen, falls die ſchöne Frau es ihm befehlen ſollte. In den Speiſeſaal— ich habe abgeſchloſſen— auf das Buffet— mit alle dem! Und bereits hatte ſie von dem Silbergeſchirr das erſte, was ihr in die Hände kam, ergriffen und war damit fortgeeilt, Hans hinter ihr her, ein paar Leuchter unter dem einen, eine Kanne unter dem anderen Arm, die große Königs⸗Bowle in den beiden Händen. Die ſtellen Sie wieder hinein! ſagte Aennchen, als er ſie mit ſeinen Schätzen am Buffet einholte. Ich will hier bleiben und einräumen; Sie können mir's zutragen. Hans lief ab und zu; und wie er ſich auch haſtete und wie viel er jedesmal herbeiſchleppte, die junge Frau war immer fertig mit dem Einräumen und Aufbauen; und das nahm ſich ſo zierlich und prächtig und geſchmackvoll aus, daß Hans immer ſtehen bleiben und bewundern wollte; aber ſie ließ ihm keine Zeit dazu, bis— es war in wenigen Minuten geſchehen— das letzte Stück herbeigeſchafft und eingereiht war. Was nun? ſagte Hans, hoffend, daß es noch etwas zu thun gebe, blos um das Vergnügen zu haben, der ſchönen Frau weiter helfen zu können. Ich weiß freilich nicht, ob es möglich iſt, ſagte Aennchen. Es iſt möglich, ſagte Hans mit Entſchiedenheit. Sie waren bereits wieder in dem Eckzimmer vor dem Wandſchrank. Können Sie das— das da— Sie ſagten vorhin, Sie ——— * S 131 hätten es wieder an ſeinen alten Platz hängen wollen— aber dazu fehlt uns die Zeit. Gar nicht! ſagte Hans, es iſt halb elf; der Zug verſpätet ſich regelmäßig um eine halbe Stunde; ich wette, daß er noch nicht da iſt, höchſtens eben ankommt;— ſie brauchen minde⸗ ſtens eine Viertelſtunde, um aus⸗ und einzuſteigen und hierher zu fahren— und ich bin in fünf Minuten damit fertig. Sie? Sie ganz allein? Ich, ganz allein— ohne alle und jede Hülfe, gerade ſo, wie ich es hereingenommen; der Herr wollte und ſollte ja keine Hand an das alte Heiligthum legen. Es hängt hier unmittel⸗ bar unter dem Fenſter und ſteht nebenbei noch unten auf dem breiten Sims auf— und ſchwer iſt es gar nicht— der Zahn der Zeit und der Holzwürmer haben es durchlöchert wie einen Schwamm; es hält nur noch durch den dicken Lack zuſammen, das einzige Gewicht ſind die beiden großen eiſernen Krampen auf beiden Enden, und die Haken ſitzen ſicher noch. Und ſehen wird's Niemand; es iſt jetzt keine Katze auf dem Markte, ge⸗ ſchweige denn ein Menſch. Hans ließ ſich durch keine nachträglichen Bedenken der jungen Frau abhalten, nicht durch ihre dringende Bitte, es doch lieber zu laſſen; nicht durch den kleinen Schrei, den ſie aus⸗ ſtieß, als er jetzt die Fenſterflügel öffnete und Sturm und Regen ihnen Beiden— denn ſie war immer dicht bei ihm— in die erhitzten Geſichter ſchlugen; nicht durch die Beobachtung, die er ſehr bald machen mußte, daß das Schild weit leichter aus den Angeln in das Fenſter, als aus dem Fenſter auf die Angeln zu heben warz nicht durch die ſehr ernſtliche Gefahr, kopfüber auf das Pflaſter herunterzuſtürzen mit ſammt ſeinem Schild — los hätte er's auf keinen Fall gelaſſen— und eben, als er dachte: jetzt geht's hinab! und gute Nacht, ſchöne Frau!— 132 fühlte er ſich von der ſchönen Frau am Rock ergriffen, und da fuhr's ihm wie ein elektriſcher Schlag durch die Arme, das SSchild ſaß feſt; er bog ſich wieder in's Zimmer, küßte die gü⸗ tige Hand, die ihn hatte halten wollen, ſchloß das Fenſter und fragte: Was nun? Erſt erholen Sie ſich! Wovonꝰ ſchnell, gnädige Frau, viel Zeit haben wir auch im beſten Falle nicht! Was iſt's? Sie müſſen zum Skelet werden! Sie wies auf den leeren Schrank, deſſen Thüren noch weit offen ſtanden. Hans brach in ein tolles Gelächter aus, die junge Frau lachte; es fehlte nicht viel, ſo hätten ſie ſich an den Händen gefaßt und wären miteinander herumgetanzt wie ein paar übermütige Kinder. Das iſt zu köſtlich! rief Hans, das hat wahrhaftig noch gefehlt! ich Dummkopf! wie fein Sie ſind; er hat mich ja im Schranke finden ſollen!— er ſoll mich finden! Aber es möchte einige Zeit dauern, bis ich Sie erlöſen kann — eine Stunde— oder ſo— mindeſtens. Und wenn es bis an den hellen Morgen wäre! Sie müſſen aber gleich hinein, und ich muß hinter Ihnen abſchließen; ich habe noch in der Wirtſchaft Einiges— Geniren Sie ſich meinetwegen ja nicht, gnädige Frau! Hans hatte ſich bereits in dem Schranke eingerichtet und war im Begriff, auch den zweiten Flügel der Thür hinter ſich zuzuziehen, als er den Kopf wieder durch die Spalte ſteckte: Aber, gnädige Frau, nicht wahr, Sie übernehmen Ihrem Herrn Gemahl gegenüber die Verantwortung? Seien Sie unbeſorgt! Danke! und, gnädige Frau— was ich ſchon die ganze — —— 133 Zeit fragen wollte— wie iſt denn eigentlich der Doktor zu dem Schlüſſel gekommen? Das geht Sie nichts an. Danke! aber, gnädige Frau, nicht wahr, wenn Sie es auch gewußt hätten, geheiratet hätten Sie ihn doch? Es iſt gut, daß ich es nicht wußte. Sie ſagte das ſo ernſthaft— Hans mußte notwendig da⸗ rauf hin ſie noch einmal anſehen. Warum, gnädige Frau? Ich würde einen ſehr ſchweren Stand gehabt haben und— Sie fuhr ſich mit der Hand über die Stirn; aber dann lachte ſie gleich wieder: Jetzt ſchließe ich aber zu! Nur noch Eins: darf ich gelegentlich wimmern oder ſtöh⸗ nen oder klopfen oder ſonſtigen Spuk treiben? Mäuschenſtill ſollen Sie ſein! Dann habe ich die Ehre, mich Ihnen bis auf Weiteres ganz gehorſamſt zu empfehlen. Sein lachendes Geſicht verſchwand; Aennchen drückte die Thür vollends zu, ſchloß ab, ließ den Schlüſſel in die Taſche gleiten, nickte nach dem Schrank, als ob ſie geſehen hätte, daß der Hans in demſelben ihr eine Kußhand zuwarf, und eilte, nachdem ſie die ſämmtlichen Thüren wieder aufgeſchloſſen, über die Galerie der Küche zu, die dort in Schweigen, Trübſinn und Bekümmerniß verſammelten Drei durch ein paar hellju⸗ belnde Takte, welche ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſo im Dahin⸗ ſchreiten durch die weite Halle erſchallen ließ, in maßloſes Staunen verſetzend. Sie iſt verrückt geworden, ſagte die Uelzen. Oder hat ihn auch geſehen, ſagte Nebelow. Das kann die Gnädige gar nicht ſein! ſagte Dörthe. 134 Aber da ſtand die Gnädige bereits auf der Schwelle, lächelnd wie ein Maienmorgen, und rief mit einer Stimme, die gütig und befehlend zugleich klang: Nun muß ich Euch im letzten Augenblick noch eine Welt von Arbeit machen, Ihr lieben Leute! Da läßt mir vorhin der Herr Doktor ſagen, daß die jungen Herren, die bei— heißt es nicht Ihlefeldt?— richtig: Mutter Ihlefeldt— Sie wiſſen ja, ſebelow! Alſo: Sie gehen ſofort hin, und eine Empfehlung von dem Herrn Doktor, er ließe um Entſchuldigung bitten, daß er ſie ſo lange habe warten laſſen. Sie möchten nun in einer halben Stunde kommen; und Sie führen ſie ganz ſtill in den Speiſeſaal— ich ſage dann weiter Beſcheid. Und, Nebelow, die Löffel da bringen Sie wieder hin— es iſt ja wol kein großer Umweg, denn Sie müſſen ſehr bald wieder hier ſein— ſo!— Und Sie, liebe Frau Uelzen, decken unterdeſſen anſtatt für fünf, wie Sie bereits gethan, für fünfzehn— ſo weit Sie damit kommen; hernach kann Ihnen Nebelow helfen und auch meine Liſette— ſie verſteht ſich vortrefflich darauf— was Sie von Silberzeug brauchen, nehmen Sie aus dem Buffet! ich habe auch meine kleinen Ueberraſchungen für den Herrn— gehen Sie nur!— Und Sie, liebes Kind— Dörthe? nicht wahr?— wie weit ſind Sie mit dem Abendbrot? und was haben Sie? ein, zwei Braten?— ei, das wird ſchon reichen. Die gnädige Frau hatte die Thür zum Bratofen aufge⸗ macht und hineingeſchaut; aber Dörthe, die, während die bei⸗ den Anderen die Küche verlaſſen, in ſtarrer Verwunderung keinen Blick von der gnädigen Frau verwandt hatte und ihr jetzt am Heerde gegenüberſtand, ſah, wie ihr— trotzdem ſie ſo friſch und luſtig ihre Befehle gegeben— die großen braunen Augen voll heller Thränen ſtanden. Der Anblick war zu viel für Dörthe's Herz. Sie lief um den Heerd herum, fiel der gnädigen „ 135 Frau zu Füßen und rief ſchluchzend: Ach! verſtellen ſich die gnädige Frau doch nur nicht!— es iſt ja nun Alles aus! Auch Du, Dörthe? Ach, gnädige Frau, was ſoll der Menſch thun, wenn ſchon der Kabelmann kommt und ſagt: der Herr Aſſeſſor werde ſelber kommen! So wird er auch wieder gehen, Dörthe! Aber mit wem? mit dem guten Herrn! ach, Gott! ach, Gott! die gnädige Frau glauben gar nicht, wie gut der iſt! Woher kennſt Du ihn denn, Dörthe?— aber erſt ſteh' einmal auf, und— Du brauchſt auch nicht ſo laut zu ſchreien. Ich bin ja ein Woldomer Kind, gnädige Frau, ſchluchzte Dörthe, ſich von den Knieen erhebend,— ein Steuermanns⸗ kind, gnädige Frau— von einem von ſeinen Schiffen— mein Vater iſt von der Segelſtange über Bord geſchlagen, und meine Mutter hatte noch ſechs Kinder, lauter Jungens— und wir wären Alle verhungert, blos daß der Herr Senator für uns ſorgte und die Jungens in die Lehre that oder Schiffer wer⸗ den ließ— und ſie find jetzt alle gut zu Wege, und vier ſind auch verheiratet— und ich war das Neſtküken und viel jünger — juſt ſo alt als er;— und wir haben ſo oft zuſammen geſpielt, als wir klein waren: hier auf dem Hofe und auf dem Markt und auf der Ballaſtkiſte am Hafen— und— Steuermannskind oder Senatorkind— das war Alles ganz gleich; und hat ſich herumgehauen mit den Jungens, daß es eine richtige Art hatte, blos daß er immer der Stärkſte war, wofür er doch nichts konnte; aber uns Mädchen nahm er im⸗ mer in Schutz, und zu mir hat er einmal geſagt: Heiraten kann ich dich nicht, Dörthe; aber wenn du heirateſt, will ich dir eine Ausſtattung geben; und ich denke: er hat das längſt vergeſſen; aber als ich mich um Oſtern mit Chriſtian Schulten verlobe, 136 — er iſt auch Steuermann, gnädige Frau, und iſt jetzt in Amerika, und wenn er im Frühjahr zurückkommt, ſollen wir Hochzeit machen— da ſagt er zu mir: Dörthe, deine Aus⸗ ſteuer beſorge ich; und vor ſechs Wochen, als er zur Hochzeit reiſen wollte— ich war nämlich da bei der Mutter Ihlefeldt ſchon drei Jahre— Dörthe, ſagte er, ich möchte gern, wenn meine Frau kommt, daß ſie ein gutes Mädchen hätte, auf das ſie ſich verlaſſen kann, und ich habe mit Mutter Ihlefeldt ſchon geſprochen— ach, gnädige Frau, das iſt ja nicht, daß ich mich rühmen will— da iſt ja wol kein Menſch in Woldom— und unter den Armen gewiß nicht— dem er nicht einmal, und wer weiß wie oft, geholfen hätte; denn ſo eine Seele von einem Manne giebt's auf der Welt nicht mehr, gnädige Frau— das mögen Sie mir nun glauben oder nicht— und nun, und nun— Weine nicht, liebes Kind! ſagte Aennchen. Sie weinen ja auch, gnädige Frau, ſchluchzte Dörthe. Ich weine nur vor Freude, ſagte Aennchen. Dörthe fuhr ſich mit beiden roten Händen über die Augen. Ja, liebes Kind, vor heller Freude! und Dir will ich Deine Thränen nie vergeſſen, ſo lange ich lebe! nie! und nun, mach' Deinen Braten fertig. Du treues, gutes Mädchen Du! Dörthe ſtand mitten in der Küche und wußte nicht, ob ſie wache oder träume; und ob ihr die ſchöne, junge, gnädige Frau wirklich einen Kuß gegeben habe oder nicht, und dann aus der Küche gegangen oder geflogen ſei. —= — — VIII. Bitte, nach Ihnen!— Nach Ihnen, wenn ich bitten darf! — weiter hätten ſie nichts geſagt, rapportirte Nebelow, der mit wunderbarer Schnelligkeit ſeine Commiſſionen ausgerichtet und jetzt den Doktor und den Herrn von Frank, auf Geheiß der gnädigen Frau, die bei Frau Uelzen im Speiſeſaal war, in des Herrn Zimmer geführt hatte. Nebelow, der über Alles, was er binnen den letzten zehn Minuten Wunderbares gehört und geſehen, vollkommen nüch⸗ tern geworden war,— nur daß er, ſo oft er es unbemerkt thun zu können glaubte, mit Frau Uelzen in ihrer Hülfloſigkeit wirklich klägliche Blicke austauſchte— konnte in der That nichts berichten. Aber der Alte hatte kaum das Zimmer verlaſſen, als der in ſeiner Gegenwart unterbrochene Streit von Neuem anhub: Und ich ſage und wiederhole, rief der Aſſeſſur mit leiſer, dünner, aber merkwürdig klarer Stimme, ich habe nichts ge⸗ than und thue nichts, was Sie an meiner Stelle nicht eben⸗ falls gethan hätten oder thun würden. Und wenn mich— wie ich gar nicht in Abrede ſtelle— die Sache ausnehmend inte⸗ reſſirt— nennen Sie eine Krankheit, die einen ſcheinbar ge⸗ funden Menſchen mit ſo wütender Gewalt ergreift, daß an⸗ 138 deren ehrlichen Leuten die Haare zu Berge ſtehen, oder eine heimtückiſch ſchleichende, die Ihrer Wiſſenſchaft Hohn zu ſprechen ſcheint, nicht einen intereſſanten Fall? Iſt es nicht Ihre Fflicht und Ihre Luſt zugleich, jedes verdächtige Symptom zu beo⸗ bachten, zu unterſuchen? und gründen Sie Ihre Schlüſſe über die Natur der Krankheit nicht auf dieſe Beobachtungen, dieſe Unterſuchungen? Sind die Symptome, die ich Ihnen für mei⸗ nen Fall aufgezählt, nicht verdächtig genug? Sind ſie nicht derart, daß jeder Staatsanwalt der Welt darauf hin den Mann ſofort verhaften laſſen würde? Der junge Menſch iſt lebend nicht aus dieſem Raum gekommen— das ſteht für mich ſo feſt wie die Sonne am Himmel. Wo er geblieben? ja, Ver⸗ ehrteſter, darüber habe ich mir fünf Wochen lang den Kopf zerbrochen, bis mir heute Abend die überraſchende Denuncia⸗ tion gemacht wurde, die Sie eine plumpe Myſtifikation zu nennen belieben. Gut! wir werden ja ſehen, was daran iſt. Man wirft einen Kadaver nicht in einen Schrank und läßt ihn da ſechs Wochen liegen. Zugegeben,— aus mehr als einem Grunde! Ich glaube auch nicht an den geheimen Gang, aber ich kenne aus einem alten Bauplane, den mir unſer Stadtbau⸗ meiſter aus der Regiſtratur aufgeſtöbert hat, die Conſtruction dieſes Hauſes ganz genau; die Mauern ſind dick genug, daß hinter oder unter dem Schrank, der mir übrigens ſchon längſt verdächtig war, ſehr wol ein geheimes Verließ oder dergleichen ſein kann; da— in jener vorſpringenden Ecke am Fenſter— Sie ſehen, wie genau ich orientirt bin, obgleich ich nie vorher in dieſem Zimmer geweſen— muß der Schrank ſein. Und— in dieſem Augenblick— wie einem doch an Ort und Stelle ſo merkwürdige Gedanken kommen!— wo iſt das Schild ge⸗ blieben? das Schild, das unter dem Fenſter bis zu jener Nacht gehangen hat und in jener Nacht verſchwunden iſt? —— — — 139 Was zum Teufel hat denn das mit der Sache zu thun? rief der Doktor. Ich weiß es nicht, ſagte der Aſſeſſor, ſich die niedrige Stirn reibend; ich weiß nur, daß ich, als ich nach Woldom kam, zum erſten Male, zu meinem nicht geringen Erſtaunen, von der Exiſtenz eines offenen Ladens in dieſem Hauſe erfuhr; daß dieſes Umſtandes zu der Zeit, als Herr Nudel in Köln auf Freiersfüßen ging, und ich— als intimer Freund des Hauſes — ſo ziemlich au courant von Allem war, mit keinem kleinſten Worte je Erwähnung geſchehen iſt— und zum großen Glück für den Herrn Freier; wie ich die Familie kenne, und beſonders die Frau Mutter, würde ihn dieſer kleine verſchwiegene Um⸗ ſtand vollends unmöglich gemacht haben.— Der junge Menſch war ſein Intimus;— der junge Menſch und das Schild ſind in derſelben Nacht verſchwunden— wahrhaftig! das bringt mich auf ganz abſonderliche Gedanken— ganz neue Combi⸗ nationen— Sie lachen!— natürlich! Ich lache nicht! rief der Doktor, der am anderen Ende des Zimmers war. Aber hier wurde gelacht! ſagte der Aſſeſſor, der unmittel⸗ bar vor dem Schranke ſtand. So mag der Teufel gelacht haben! ſchrie der Doktor. Ihm war nicht zum Lachen zu Mute; er hatte mit einer ſtarken Verſuchung zu kämpfen, dem ſataniſchen Menſchen an die Kehle zu fahren wie einem geifernden tollen Hunde, der im nächſten Moment mit den giftigen Zähnen nach dem Liebſten hacken würde, was er auf Erden hatte. Herr des Himmels, wie ſollte dies werden? Wenn die junge Frau keinen Gebrauch von dem Schlüſſel gemacht, den er ihr vorhin geſchickt— wenn ſie ſeine ſtumme Mahnung nicht verſtanden; oder auch verſtanden, aber nicht den Mut gehabt, derſelben Folge zu geben— und 140 hatte er nicht das Aeußerſte gethan, ihr dieſen Mut zu rauben? — wenn der entſetzliche Menſch, deſſen ſchwarze, ſtechende Augen durch die tiefſten Geheimniſſe wie durch Glas zu ſehen ſchienen, auch nur ein blutiges Tuch oder eine Mütze, die dem Hans gehört, oder ſonſt einen ſchrecklichen Beweis mehr— wenn er, wie ja unausbleiblich, das unſelige Schild in dem Schranke fand— und da— das war das Rollen eines Wagens, der ſchnell herankam— ein Rollen, das zum Klappern wurde— an den klirrenden Fenſtern vorüber— halt!— ſie waren an⸗ gekommen!— Das Läuten der Thürglocke— eilige Schritte in dem Treppenhauſe— die Treppen hinab— die Treppen hinauf— Stimmen durcheinander— was ſollte daraus werden! Ich gebe Ihnen noch einmal mein Wort, ſagte der Aſſeſſor, zu dem Doktor tretend, mit leiſer Stimme, daß ich, fern von aller perſönlichen Rancune, jede mir mögliche Rückſicht beob⸗ achten werde. Von dem Takt der jungen Frau, von dem Be⸗ nehmen des Herrn Nudel wird es abhängen, ob ich ſie beob⸗ f achten kann.— Mein verehrter Herr Nudel, werden Sie ei⸗ nem alten Freunde des lieben Hauſes in Köln verzeihen, wenn er— auf das Zureden und auf die Verantwortung unſeres trefflichen Doktors hin— es wagt, Sie ſchon heute Abend zu begrüßen und die Bitte auszuſprechen, ihn an dem Familien⸗ feſte ſeinen beſcheidenen Antheil nehmen zu laſſen? Der eben eingetretene Lebrecht warf einen ſchnellen, finſte⸗ ren Blick auf den armen Doktor, der wie ein Unſinniger mit ellenlangen Schritten auf⸗ und ablief, nahm aber die Hand, die ihm der Aſſeſſor geboten, und ſagte: Die Gaſftfreundſchaft, Herr von Frank, iſt uns Pommern ein ſo unverbrüchliches Geſetz, wie es nur Euch Rheinländern ſein kann. So heiße ich Sie denn willkommen. Meine Frau hat mich bereits flüchtig von Ihrer Anweſenheit unterrichtet. —— —— —, 141 Sie bittet noch für einige Minuten um Entſchuldigung, bis ſie meine Schwiegereltern begrüßt hat. Wollen Sie unterdeſſen Platz nehmen? Willſt Du Dich nicht auch ſetzen, Adalbert? Ich danke, ſagte der Doktor, ohne ſich in ſeinem Dauerlauf zu unterbrechen. Lebrecht's ſchönes Geſicht verriet die Unruhe, die in ihm wühlte. Keines Menſchen Gegenwart wäre ihm in dieſem Au⸗ genblicke unwillkommener geweſen als die des Aſſeſſors. Unter⸗ wegs nach der Eiſenbahn war ihm— in der dunkeln Ecke ſei⸗ nes Wagens— mit der Erinnerung jedes mahnenden Wor⸗ tes, das der Freund geſprochen, des kummervollen Blickes, den ſein ahnungsloſes Aennchen ihm nachgeſchickt, als er aus der Thür ging— der ganze Wahnſinn der Situation, in welche er ſich geſtürzt, klar geworden, und in demſelben Moment hatte ein Entſchluß in ſeiner Seele feſtgeſtanden. Er wollte— nicht Aennchen allein— nicht den Eltern allein— er wollte, wenn ſie beiſammen waren, und in Bertram's Gegenwart, an deſſen Achtung ihm mehr gelegen war, als an der aller übrigen Men⸗ ſchen— ausgenommen Aennchen— er wollte ihnen ſagen: ſo und ſo iſt es gekommen. Macht nun daraus, was ihr wollt und könnt! Was die Eltern daraus machen, was ſie ſagen wür⸗ den; was Aennchen ſelbſt— er ſenkte ſein Haupt in aufrichti⸗ ger Demut, er hatte nach ſeinem Sinne jede Strafe verdient; ja, er fragte ſich, ob er nur überhaupt wünſchen dürfe, es möchte ihn nicht die härteſte Strafe treffen? ob er, träfe ſie ihn nicht, jemals wieder vor ſeinem Gewiſſen Ruhe haben werde?— Wie er es tragen würde— danach hatte er unter keinen Um⸗ ſtänden zu fragen. Und jetzt mußte ihm ein tückiſcher Zufall dieſen Menſchen in den Weg werfen— dieſen Menſchen, vor dem er von dem erſten Moment einen tiefen, unüberwindlichen Widerwillen em⸗ 142 pfunden; von deſſen boshaftem Witz er Proben genug gehabt, von deſſen Feindſchaft gegen ihn ſelbſt er— auch ohne direkte Beweiſe— inſtinktiv überzeugt war, und der in den Augen von Aennchen's Eltern ſicher— und wer konnte wiſſen, ob nicht auch in denen Aennchen's, denn er war zweifellos ein ſehr geiſt⸗ reicher Mann und hatte ſchon ſeinen Einfluß auf ſie ausüben können, als ſie noch ein halbes Kind war— in hohem— und wenn man es ſo nehmen wollte— gerechtem Anſehen ſtand. Es hatte ihn ſchon auf das Unangenehmſte berührt, als Ber⸗ tram ſagte, daß der Mann jetzt in Woldom ſei, und nun ſaß der Mann ihm gegenüber an ſeinem eigenen Kamin— ſaß da, wie ihm zum Hohn und Spott, auf demſelben Stuhle, von dem er vorhin ſeinen alten, treuen, geliebten Freund tauſend Meilen weggewünſcht. Oder war es nur eine gerechte Ver⸗ ſchärfung der Strafe? ſollte er, was er dem Freunde nicht zu ſagen gewagt, jetzt in Gegenwart des Freundes und der Eltern und— dieſes Mannes bekennen? Nun wol! er hatte ja be⸗ ſchloſſen, daß keine Strafe zu hart ſei; eine härtere wie dieſe hätte ſich kein boshafteſter Teufel ausdenken können! Während ſo trübe, ja troſtloſe Empfindungen des armen ſchweigſamen Lebrecht's Seele erfüllten und ſich auf ſeinem verdüſterten Geſicht widerſpiegelten, und Herr von Frank mit der unbefangenſten Miene von Köln und von Woldom und dieſem und jenem mit vollendeter Feinheit plauderte, hatte Dok⸗ tor Bertram während ſeines Dauerlaufes Zeit und Gelegen⸗ heit genug gehabt, das ſeltſame Paar am Kamin zu beobach⸗ ten. War das ſein Freund in Unterhaltung mit einem neuen Bekannten? war es eine arme Fliege im Netz einer Spinne, die vorſichtig an dem Faden rückt, zu ſehen, wie groß eventuell die Widerſtandskraft ihres Opfers ſein wird— ein dummer Teufel von Wandersmann, der ſeines Weges zieht, während — —— — 143 der Räuber hinter dem Baume hervor die Büchſe auf ihn an⸗ ſchlägt?— ein Menſch, den, bevor er den Schürhaken, mit welchem er eben in den Kohlen ſtört, aus der Hand legt, ein Herzſchlag todt vom Stuhle wirft?— ja, ein Schlag in's Herz, wenn ſie in den Gefahren, die von allen Seiten hereindrohten, nicht zu ihm ſtand— ſie, von der die jungen Leute— wo mochten ſie jetzt ſein?— heute Abend ſingen ſollten: Die Holde, Schöne, Gute, Reine— Sein ſüßer Troſt, ſein ſtarker Hort— Hör' mich, Vater Apollo, Fernhintreffer! Ich will mich nie wieder mit einem heimlichen Verſe an dir verſündigen, wenn du mich diesmal zu deiner Propheten Einem machſt! So betete der ſeltſame Mann, während er ſich den Angſt⸗ ſchweiß mit dem gelbſeidenen Taſchentuch⸗von der Stirn trock⸗ nete, und dann, im Begriff ſich umzuwenden, in einer, nur ſei⸗ ner Geſtalt möglichen Verrenkung, mit dem Taſchentuch in der Hand, regungslos ſtehen blieb. Es war aber eben jetzt durch die Thür nach dem Flur, die Nebelow aufriß, ein ſtattlicher alter Herr getreten, in ſchwarzem Frack, mit dem ausgepräg⸗ teſten Doppelkinn zwiſchen hohen, ſteifen Vatermördern, eine große, korpulente Dame in ſchwarzſeidenem Kleide am Arm führend, als deren markanteſter Zug ſich eine Imperatornaſe unter ſchweren, ſchwarzen, geraden Augenbrauen präſentirte. Und zwiſchen den ſchwarzen Schultern dieſes würdigen Paares ſah der Doktor ein ſchönes Geſicht, das er allein ſuchte, und das, während die ſchwarzen Schultern nach links ſchwenkten, noch einen Moment in dem Rahmen der Thür blieb und ihm aus großen, ſtrahlenden Augen einen Blick zuwarf— einen einzigen, von einem holdeſten, ſchalkhafteſten Lächeln begleiteten Blick— und Alle im Zimmer— der Aſſeſſor nicht ausgenom⸗ 144 men— wurden durch einen ſeltſamen, halb wie der Schrei eines Menſchen, halb wie das Krähen eines Hahnes klingen⸗ den Ruf erſchreckt, welchen unzweifelhaft der Doktor ausgeſto⸗ ßen hatte, trotzdem er jetzt mit der ernſthafteſten Miene auf Herrn und Frau Commerzienrat Schmitz zuſchritt und das Recht, ſich als den älteſten und beſten Freund Lebrecht's vor⸗ ſtellen zu dürfen, mit wohlgeſetzten Worten für ſich in Anſpruch nahm. Es währte denn auch keine zweite Minute, als bereits in der Geſellſchaft, welche um den Kamin Platz genommen, die lebhafteſte Unterhaltung luſtig hinüber und herüber ſchwirrte, an der nur Lebrecht ſich nicht betheiligte. Was galten ihm die Reminiscenzen des Herrn von Frank an das liebe gaſftfreie Haus in der heiligen Stadt? was die gnädigen Erwiderungen der Schwiegermama? was die Erzählungen des Schwiegerpa⸗ pas von den Erlebniſſen der heutigen Fahrt, und wie er Hun⸗ ger und Durſt mannhaft bekämpft, um ſich den Appetit zum Abendbrot, incluſive Königsbowle, nicht zu verderben? was Bertram's Humor, welcher ſich in den tollſten Sprüngen er⸗ ging und den guten alten Papa wiederholt faſt in Lachkrämpfe verſetzt hatte, denen der Doktor ſogar einmal mit ſanften Schlä⸗ gen zwiſchen die ſchwarzen Schultern ein Ende machen mußte? — Seine Blicke, wenn er ſie ja aufzuſchlagen wagte, ſuchten nur verſtohlen ihr Geſicht, das ihm nie ſo ſchön erſchienen— ſo durchglänzt von Heiterkeit! einer Heiterkeit, die, ach, in ei⸗ nem für ihn ſo demütigenden Gegenſatze ſtand mit ihrer mü⸗ den Schweigſamkeit während der vergangenen Stunden! Und warum hatte ſie— in der Eile— das grauſeidene Kleid an⸗ gelegt, das er ſo liebte, weil er ſie zum erſten Male darin ge⸗ ſehen? nur damit er durch jeden kleinſten Umſtand gemahnt werden ſollte an den unermeßlichen Schatz, den er beſeſſen, 145 und den er jetzt für immer zu verlieren im Begriff war? Wie würde ihr Lachen verſtummen, das, ſilberhell von Zeit zu Zeit das Geſchwirr des Geſpräches übertönend, ſein Ohr ſchmerz⸗ lich füß berührte? wie von ihrem holden Geſicht mit jedem Worte, welches er ſprechen würde, das ſonnenhelle Lächeln ſchwinden und ſchwinden, und doch— es mußte geſagt ſein! Meine Verehrten, wollen Sie mir ein paar Worte erlau⸗ ben— Auf keinen Fall, unterbrach ihn der Doktor, der ihn trotz der Poſſen, die er trieb, fortwährend ſcharf beobachtet— er will eine Rede halten!— erlauben Sie es nicht, gnädige Frau! Unbedingt nicht! rief Aennchen, ſich aus einer ſcheinbar ſehr eifrigen Unterhaltung mit dem Aſſeſſor ſchnell umwendend— nur bei Tiſch! ich ſchwärme für Tiſchreden, der Papa iſt groß darin— ja, ja, Papachen, das biſt Du!— unſer Herr Aſſeſſor hier, müſſen Sie wiſſen, Doktor, hat für ſeine Toaſte einen rheiniſchen Weltruf und verdient ihn; von Ihnen, lieber Dok⸗ tor— nach der Rede, die Sie mir heute bereits gehalten— erwarte ich Großes; und, Lebrecht, Du mußt auch reden— wahrhaftig!— Du magſt wollen oder nicht; ich habe Deine Herren nun doch gebeten— ich wundere mich, daß ſie noch nicht hier ſind— alle, auch die jungen Leute aus unſerem La⸗ den. Ja, ja, Mamachen, wir haben auch einen Laden! einen richtigen Viktnalien⸗ und Colonialwaaren⸗Laden, der ſchon, ich weiß nicht wie lange, in der Familie iſt, und in dem man fak⸗ tiſch Alles haben kann, was man nur in der Küche gebraucht. Ich darf ſagen: ich habe mich auf das ganze prächtige alte Haus nicht ſo gefreut wie auf meinen Laden. Denn Du mußt wiſſen, Mamachen, daß mir Lebrecht zu unſerer Verlobung die Einkünfte des Ladens als Taſchengeld geſchenkt hat— jähr⸗ lich, Mamachen, ein paar tauſend Thaler!— Wir wollten Fr. Spielhagen, Skelet im Hauſe. 10 Euch damit überraſchen, und Lebrecht hatte ſogar das alte Schild da unter dem Fenſter abnehmen laſſen; aber ich bin zu ſtolz auf meinen Laden, es mußte gleich wieder an Ort und Stelle. Ihr habt's am Ende in der Dunkelheit nicht einmal geſehen? Und, Papachen, der Zucker und die Pomeranzen zu der Königsbowle— es iſt Alles aus meinem Laden! Aber, Mamachen, was Dich noch viel mehr intereſſiren wird, wir haben auch ein Skelet im Hauſe, und ein Skelet im Hauſe, weißt Du, iſt das genteelſte und ariſtokratiſchſte Ding von der Welt; denn ein Skelet kommt nur in ganz alten und vorneh⸗ men Häuſern vor, und jedes alte vornehme Haus muß ſein Skelet haben. Unſer Doktor hier, der kennt die ganze— heißt es nicht Pathologie, Doktor?— der Skelets, und daß es chro⸗ niſche und akute giebt, aber die chroniſchen ſind die echten, und unſeres iſt ein ganz echtes chroniſches. O, er hat mich ſo neu⸗ gierig gemacht auf unſer Skelet! aber ich konnte nicht dazu, denn Lebrecht hatte den Schlüſſel zu dem alten Wandſchranke dort, wo unſer Skelet ſitzt, in ſeinem Koffer, und ich mußte warten, bis das Gepäck kam. So bin ich auch, zur Verzweif⸗ lung von Frau Uelzen, bis auf dieſen Augenblick noch ohne unſer Silberzeug, das ebenfalls in dem Schranke iſt, mitſammt der Königsbowle, Papachen, und Lebrecht, es iſt die aller⸗ höchſte Zeit, daß wir zu unſerem Silberzeug und zu Tiſch kommen. Das Skelet ißt natürlich mit. Du brauchſt Dich gar nicht vor ihm zu ängſtigen, Mamachen; auf unſeren fünfzig Schlöſſern hat es gewiß Skelets die Hülle und Fülle gegeben, und unſer Herr Aſſeſſor wird ſich ſo freuen, ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen! Sie ſind ja auch aus einem alten Hauſe, Herr von Frank, und ich weiß, daß Sie für Skelets ſchwär⸗ men, und für unſeres ganz beſonders. Hier, Lebrecht, iſt der Schlüſſel. 147 Auf Lebrecht's Stirn hatte eine glühende Wolke gelegen von dem Moment, daß Aennchen's lächelnde Lippen das ver⸗ hängnißvolle Wort ſprachen. Ob Bertram ihn verraten, wie ſie zu dem Schlüſſel gekommen— darüber auch nur eine Ver⸗ mutung aufzuſtellen, blieb ihm keine Zeit, und es war ja auch gleichgültig. Er wußte, er fühlte nur das Eine: deine Reue, deine Buße— Alles zu ſpät! zu ſpät! Er hätte vor Scham vergehen mögen zu den Füßen der Zauberin, die, holdſelig lächelnd, in ſüßem, neckiſchem Spiel mit leichter linder Hand die ſchweren Bande löſte, in die ihn ſeine Thorheit, ſein arm⸗ ſeliger Unglaube an die Unendlichkeit ihrer Güte und Liebe verſtrict. Und während er noch— ein ſchwacher, beſchämter Menſch — das unverdiente Gnadenwunder anſtaunte— welch' neuer Lichtglanz war das, der jetzt ſein trunkenes Auge ſchier blen⸗ dend traf? Konnte es denn ſein? Ihr Trübſinn von vorhin — ihre übermütige Luſt jetzt— die Andeutungen Bertram's — die unerklärliche Gegenwart des Aſſeſſors— des Polizei⸗ dieners, der ihm auf dem Bahnhof überall hin gefolgt war— ſie hatte auch das gewußt, getragen, verſchwiegen— ſie, die er nicht für großherzig genug gehalten, über eine Erbärmlich⸗ keit wegzukommen!— Der ſtarke Mann brach faſt zuſammen unter dem Ueber⸗ ſchwang des Glückes, das ihn überſchauerte. Er taumelte von ſeinem Sitz auf wie ein Trunkener, er ſtürzte nach dem Schrank, er riß die Thür auf: Hans!. Hans hatte ſich aus dem Dunkel des Schrankes heraus ſo ſchnell in die weit ausgebreiteten Arme des geliebten Herrn geſtürzt— man wußte kaum, war er aus dem Schrank ge⸗ kommen? war er aus dem Boden gewachſen? Selbſt Aenn⸗ 148 chen's Mutter war es in der Eile unmöglich geweſen, auch nur den kleinſten Schrei der Ueberraſchung oder des Schreckens auszuſtoßen, während ſich bereits die Beiden unter ſtrömenden Thränen, Brüdern gleich, die ſich nach langer ſchmerzlicher Trennung wiedergefunden, aber⸗ und abermals umarmten und die verſchlungenen Hände kräftiglich ſchüttelten. Dann aber machte ſich Hans zuerſt los, wiſchte ſich die Thränen aus den lachenden Augen, verbeugte ſich anmutig und ſagte: Ich bitte um Vergebung, Herr und Frau Commerzien⸗ rat— mein Name iſt Hans Fliederbuſch, vierter Commis in dem Hauſe Ihres Herrn Schwiegerſohnes— Herr Aſſeſſor von Frank? freue mich ganz ausnehmend, Ihre werte Bekannt⸗ ſchaft zu machen— Sie müſſen meine Rührung und meinen etwas reducirten Zuſtand verzeihen, meine Herrſchaften! Es iſt kein Spaß, hier ſechs Wochen in der Dunkelheit eingeſperrt zu ſitzen und keine Unterhaltung zu haben als täglich eine abendliche Promenade durch den geheimen Gang nach den Gal⸗ gentannen und eine Partie Sechsundſechzig mit den Sklaven⸗ ſchiffskapitänen dort. Und die Schurken haben mir, da ich bald kein baares Geld mehr hatte, all' unſer Silberzeug abgenom⸗ men, Stück für Stück, bis auf die Königsbowle, Herr Com⸗ merzienrat, die Sie da einſam prangen ſehen, und die ich auf keinen Fall hergeben wollte. Und— können Sie ſich eine ſolche Habgier denken, Herr Aſſeſſor?— zuletzt haben ſie mir ſogar meine Stiefel— Mauvais sujet! rief der Doktor, willſt Du denn nimmer zur Vernunft kommen? Dies, Herr Commerzienrat, müſſen Sie wiſſen— erlauben Sie, Herr Commerzienrat! Und der Doktor klopfte den Herrn Commerzienrat, der über all' den Spaß, von dem er kein Wort begriff, und über den drolligen Menſchen, der ihm wie aus einem Kölner Kar⸗ 149 neval herausgeſprungen ſchien, vor Lachen wieder einmal zu erſticken drohte, ſanft zwiſchen die ſchwarzen Schultern und zog ihn dann auf die Seite, ihm ein paar erläuternde Worte zu dieſen Poſſen in die Ohren raunend, während Hans über den Flur nach dem Eßſaal ſprang, von wo er verſchiedene Summ⸗ und Brummtöne gehört, die ſich auf„A“ abſtimmen zu wollen ſchienen. Um Gotteswillen, lieber Herr von Frank, was bedeutet dies Alles? flüſterte Frau Commerzienrat Schmitz dem Aſſeſſor zu, der ſich auf die Spitzen ſeiner Lackſtiefel hob und zurück⸗ flüſterte: Das bedeutet, gnädige Frau, daß Sie eine ſehr kluge Toch⸗ ter haben, und daß man unbequem früh aufſtehen muß, um ſeine Revanche⸗Partie zu gewinnen. Aennchen aber hielt ihren Gatten umſchlungen, als wollte ſie ihn nie wieder aus den Armen laſſen. Vergieb mir, Lebrecht! Ich Dir? Sie hatten mich faſt wahnſinnig gemacht, Lebrecht! Ich hatte es gethan! ich, der Thor, der Raſende! Aennchen, Aennchen! ich werde fortan von Deiner Gnade leben miüſſen! Von meiner Liebe, Lebrecht! wie ich von der Deinen!— nicht wahr, Doktor? Sie lieber, lieber Freund! Der Doktor, der eben an ihnen vorüberſtrich, küßte feurig die ihm dargebotene Hand und rief: Ich weiß nicht, wovon Ihr geſprochen habt; ich weiß nur, daß es noch Engel giebt, und daß des Dichters Auge allein begnadigt iſt, ſie zu ſchauen, und mein Auge hier dieſen Engel geſchaut hat, als ich am Tage nach Deiner Abreiſe bei Mutter Ihlefeldt in meiner dunklen Ecke ſaß und Dir zum Entgeld dafür, daß Du mich verlaſſen und ich fortan einſamer ſein würde als je zuvor, die beſte aller Frauen wünſchte. Da hab' ich's gedichtet— wo bleiben die Kerls, die es ſingen ſollten? Die große Flügelthür zum Speiſeſaal wurde aufgeſtoßen. Blendender Lihtglanz ſtrahlte herein von hundert Lichtern auf Kronen⸗ und Wandleuchtern und Kandelabern auf dem ſilber⸗ prangenden Tiſche über die Köpfe weg von acht oder zehn ſchwarzbefrackten jungen Herren in weißen Binden und Hand⸗ ſchuhen, die alsbald die wohlgeübten Stimmen erhoben und nach einer bekannten, lieben Melodie ſangen: Wen Amor zwingt in ſeine Bande, Dem wird zu eng die weite Welt; Da ſucht er denn durch alle Lande tach ihr, die ihm zumeiſt gefällt. Und hat er endlich ſie gefunden Und ſchließt ſie an die treue Bruſt, Er iſt beglückt zu allen Stunden, Der Kummer ſelber wird zur Luſt. Denn was ihm auch der Himmel ſendet, Er theilt mit ihr es, die ihm lieb, Und wenn es ſich zum Böſen wendet, Er weiß: daß ſie ihm hold verblieb: Die Holde, Gute, Schöne, Reine, Sein ſüßer Troſt, ſein ſtarker Hort, Allzeit nun die geliebte Seine, Wie er der Ihre fort und fort, Auf allen ihren Lebenswegen!— Auch wir vertrauen Eurem Stern Und ſingen Freud' und Fried' und Segen Der Herrin jung, dem jungen Herrn! Und hurrah, hurrah, hoch! und nochmals hoch und zum dritten Mal! ertönte Hans' helle Stimme, der ſich längſt den 151 Singenden zugeſellt und kräftig im erſten Tenor nit hatte. Dann öffnete ſich der Kreis, um unter Vortritt von Hans, welcher die Bowle feierlich vorauftrug, die Geſellſchaft paſſiren zu laſſen: Herrn Schmitz, der ſein Aennchen führte und ihr in's Ohr raunte: Du, Aennchen, ich ſage der Mama, ich hätte es auch ge⸗ wußt— darf ich? Lebrecht, an ſeinem Arm die Geborene von Klüngel⸗Pütz, die ihm huldvoll verſicherte: ſie glaube natürlich kein Wort von dem etwas unzarten Spaß, welchen ſich Le mit dem Laden erlaubt. Der Doktor war etwas zurückgeblieben, ſeine Brillengläſer zu putzen, die während der letzten halben Stunde wiederholt feucht geworden waren, und dann dem Aſſeſſor den Arm zu bieten. Aber der Aſſeſſor war verſchwunden. Schade, brummte der Doktor, indem er die Brille wieder aufſetzte; er iſt doch ein feiner Kopf, der mir heute Abend, wo es unzweifelhaft ungehener luſtig wird, noch tauſend Spaß ge⸗ macht hätte.— Und was das Andere betrifft— lieber Him⸗ mel! er ahnt nicht, wie verſöhnlich und gut die Menſchen ſ ſind, die ihr Skelet glücklich aus dem Hauſe haben!