Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Olkmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe N hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 M. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Madame Simon(eine Frau von ſechs und dreißig Jah⸗ ren, von hübſcher Geſichtsbildung, guter Tournure und dabei höchſt einfach in ihrem Anzuge) ging ab und zu, um ſich zu überzeugen, ob man ihre Befehle gehorig vollzogen hätte. Ein junges Fräulein ſaß vor dem Pianv und ſpielte ohne Aufmerkſamkeit einige Contre⸗ tänze. Von Zeit zu Zeit entſchlüpfte ihr ein leichtes Gähnen, und ſo oft ſie ein Blatt der vor ihr aufgeleg⸗ ten Muſikalien umwandte, warf ſie einen verächtlichen Blick in den Salon, und murmelte, mit der Miene ei⸗ nes launiſchen Fürſtenkindes, die den Wohlanſtand ver⸗ letzenden Worte: ee Langeweile! Mein Gott, welche Lange⸗ weile!“ Dieſes junge Fräulein war auf eine merkwürdige Weiſe gekleidet, ſo daß man ſagen konnte, ſie ſey für ein Feſt durchaus nicht hinreichend geſchmückt, und für ein Mädchen von dieſem Alter viel zu reich angethan. Sie zählte ſechszehn Jahre; ihr Kleid von perlgrauer Seide war von ohen bis unten mit Knöpfen von weißem Schmelz geſchloſſen; unter den bis zum Ellenbogen offenen Aermeln fah man zweite Aermel von prachtvollen Spitzen. Ihre Haube(ſie trug eine Haube) aus Pointen alt ve⸗ nezianiſcher Arbeit hatte beinahe den Werth eines voll⸗ ſtändigen Schmuckes, und ſie trug endlich am linken 6 Arme ein Bracelet, das, auf 30,000 Franken geſchätzt, das Vermögen eines ehrlichen Bürgersmannes ausmachen würde. Von Anfang hätte man ſie für eine junge Frau im vollen Glanze jener erſten Toiletten halten können, die als der wahre Honigmonat Neuvermählter zu be⸗ trachten ſind; aber bei näherer Anſchauung mußte man, trotz dem erhabenen Ausſehen, das ſie ſich zu verleihen trachtete, ſogleich erkennen, daß hier weder die Liebe noch die Ehe eingezogen war. In der doppelten Jung⸗ fräulichkeit eines Mädchens liegt etwas Trockenes, Stei⸗ fes, was ſich nicht verkennen läßt. Ihr Blick iſt ge⸗ rade aus und ihre Geberde beſtimmt und abgeſchloſ⸗ ſen. Kommt, die Liebe, ſo löst ſie dieſen Blick gleich⸗ ſam auf, ſie macht ihn biegſam, ſie gibt ihm den Ausdruck ſanften Schmachtens, die raſchen Blitze, die von einem ſchlagenden Herzen zeugen; iſt die Heirath dazu getreten, ſo ſcheinen ſich Gang und Geberde eben⸗ falls zu löſen, und die Frau ſchreitet freier, geſchmei⸗ diger und zugleich ſtolzer einher. Konnte man indeſſen die Kritik über ihre Toilette ergehen laſſen, ſo wäre es doch ſchwierig geweſen, eben ſo mit ihrer Perſon zu verfahren. Sie war wunderbar ſchön, denn ſie erfreute ſich zugleich jener Schönheit, die in der tadelloſen Reinheit der Züge liegt, und der Schönheit, deren Geheimniß man in dem Zauber der Phyſiognomie zu ſuchen hat. Beſonders in dem Ganzen ihrer Geſichtsbildung hatte ſie etwas Hohes, Entſchloſ⸗ ſenes, Geiſtiges, was ihr gewiß von denjenigen Män⸗ nern zum Vorwurf gemacht worden wäre, die ſich über die Freiheit der Ideen ängſtigen, worauf gewiſſe Frauen Anſpruch machen. Des Fräuleins Ausrufungen, anfangs mit unter⸗ drückter Stimme ausgeſtoßen, waren allmälig ſo lant geworden, daß ſie zu den Ohren von Madame Simon drangen, welche plötzlich mitten im Salon ſtehen blieb. „Du langweilſt Dich, Sabine?“ ſprach ſie mit ei⸗ nem ſanften, nachſichtigen Tone, in dem indeſſen nichts von jener in Unruhe gebrachten Zärtlichkeit lag, woran ſich die Mutter beim erſten Worte erkennen läßt. „Ich?“ erwiederte Sabine erröthend, daß man ſie auf dieſe Weiſe überraſcht hatte;„nein, wahrhaftig nicht.“ „Wovon ſprachſt Du denn!“ „Von einer Stelle in dieſem Contretanz, die ich nicht im Takte ſpielen kann, und die ich bereits zehn⸗ mal angefangen habe.“ „Das war es nicht, mein Kind;“ entgegnete Ma⸗ dame Simon, den Kopf ſchüttelnd;„Du ſpielſt ausge⸗ zeichnet dieſe Muſik und noch viel ſchwierigere Stücke.. Unſere Geſellſchaft langweilt Dich, unſer Haus kommt Dir traurig vor.“ „Meine theure Freundin,“ ſagte das Fräulein auf⸗ ſpringend und auf Madame Simon zulaufend—„Sie halten mich alſo für undankbar, indem Sie mir ſolche Gefühle unterlegen?“ „Nein, Sabine, nein;“ verſetzte Madame Simon, „ich halte Dich deßhalb nicht für undankbar; ich bin über⸗ zeugt, daß Du uns für alle unſere Sorgfalt, für un⸗ ſere Liebe, für unſern Wunſch, Dich glücklich zu ſehen, Dank weißt; aber, mag es nun unſer Fehler oder der Deinige ſeyn, unſere Bemühungen führen zu keinem Ziele. Du langweilſt Dich bei uns.“ Sabine ſenkte den Kopf und eine Thräne entfiel ihren Augen. „Sie haben Recht,“ ſprach ſie,„ich bin nicht glücklich.“ Madame Simon zog ſie auf eine Cauſeuſe, und ſagte, halb betrübt, halb lächelnd über die Anmaßung des ſchönen Kindes, traurig ſeyn zu wollen: „Nun höre, Sabine, erzähle mir, was Dich ſo quält? Was für eine trübſelige Idee iſt Dir durch den Kopf gegangen? Sag' es mir und Du wirſt ſeheh, daß mit Deinem Vertrauen Dein ganzes Unglück von Dir weichen wird.“ 8 Sabine wandte ſich ab, ohne zu antworten und Madame Simon fuhr fort: „Sieh doch, was haſt Du denn?“ „Nichts, meine theuere Freundin, nichts. Ich leide.. und der Gedanke, mich heute Abend unterhal⸗ ten zu müſſen, macht mich in den Tod betrübt.“ „Aber, was fehlt Dir, was verlangſt Du?“ „Nichts.“ „Nun, ſey doch ein wenig vernünftig.“ „Kann man vernünftig ſeyn bei dem, was man wider Willen fühlt?“ „Ach!“ rief Madame Simon,„das iſt eine von jenen Phraſen, welche Herr Simon haßt, und worüber er, hörte er es, auf eine derbe Weiſe mit Dir hadern würde.“ „Mein Vormund iſt vortrefflich gegen mich,“ ſprach Sabine,„ſo gut, wie Sie, und das will viel heißen; aber er verſteht ſich nicht auf Weiberherzen.“ Es ergoß ſich ein leichtes boshaftes Lächeln über Madame Simon, das ſie um zehn Jahre verjüngte, und ſie entgegnete: „Das iſt ein Punkt, dem ich nicht beipflichten kann, mein liebes Kind. Nach meinem Sinne verſteht Herr Simon das Herz der Weiber ſehr gut. Ich bin Weib und habe ihn geliebt. Ich zählte achtzehn Jahre, als dies anfing, ich zähle ſechsunddreißig, und es währt noch fort.“ „Wahrhaftig!“— rief Sabine mit ſo naivem Staunen in ihrer Miene, daß ſich die Unbeſcheidenheit der Worte därunter verbarg,„wahrhaftig, Sie haben ihn aus Liebe geliebt?“ „Ja,“ verſetzte Madame Simon, lächelnd in einer reizenden Erinnerung,„ich habe ihn geliebt mit Allem, was eine wahre Leidenſchaft bildet. Ich ſchlief nicht; ſollte er am Abend zu meinem Vater kommen, ſo erwartete ich ihn vom Morgen an. Kam er ſodann, ſo ſchaute ich ihn nicht an, um meine Frende nicht zu verrathen. Sprach * 9 er mit einer Andern, ſo forſchte ich in ſeinen Geſichts⸗ zügen, ich errieth ſeine Worte, mein Herz preßte ſich zuſammen; gelangte er endlich nach tauſend Umwegen zu mir, ſo dehnte ſich mein ganzes Herz aus, es kam mir vor, als athmete ich plötzlich eine viel freiere, mei⸗ ner Bruſt viel zuträglichere Luft; ich fühlte mich glücklich.“ „In der That!“ ſagte Sabine mit demſelben Er⸗ ſtaunen,„und er war ſchon Sachwalter?“ Die Frage, ſo geſtellt, zeigte vollkommen, daß für Sabinens Geiſt die Idee der Liebe und die eines Sach⸗ walters ganz unverträglich waren. „Er war bereits Sachwalter,“ entgegnete Madame Simon mit ſpöttiſchem Lächeln,„aber zu meiner Ent⸗ ſchuldigung, daß ich ihn trotz ſeinem Titel geliebt habe, muß ich Dir wohl ſagen, Herr Simon war damals noch nicht der etwas dicke, etwas ſchwerfällige, etwas graue Herr, wie Du ihn kennen lernteſt. Er war ein hübſcher, eleganter junger Mann, ernſthaft, wenn es Noth that, voll Heiterkeit, wo es am Orte war; er hatte die Dreiſtigkeit, mir eines Tags voll Ehrfurcht zu ſagen:„Mademoiſfelle, ich liebe Sie; mißfällt Ihnen dieſe Liebe nicht, ſo werde ich mir Ihre Hand von Ih⸗ rem Herrn Vater erbitten.“ Ich zitterte an allen Glie⸗ dern, und antwortete, daß man gewöhnlich nicht ſo ver⸗ fahre, und daß er ſich an meinen Vater wenden müßte; worauf er mir mit derſelben Dreiſtigkeit und derſel⸗ bén Ehrfurcht erwiederte:„Ich weiß es, Mademoi⸗ ſelle, aber offenherzig geſprochen, iſt es nicht beſſer, wenn ich Ihnen, mißfällt Ihnen meine Werbung, zuerſt das Mißvergnügen erſpare, das dieſelbe in Ihrem In⸗ nern erzeugen würde, und ſodann die kleinen Zänkereien abſchneide, die zwiſchen Ihnen und Ihrem Herrn Vater ſich entſpinnen könnten, ſollte er gegen Ihre Wünſche ſeine Einwilligung ertheilen.“ Ich war ſehr in Ver⸗ legenheit, er bemerkte es, und er ſagte mir, trotz dem entſchloſſenen Ausſehen, das er ſich zu geben bemühte, mit zitternder Stimme: 10 „Madame Simon iſt kein ſchöner Name.““ „Ich glaube,“ erwiederte ich,„daß er ſtets ein eh⸗ renwerther ſeyn wird.“ t „Mein Kind,“ ſprach Madame Simon,„es gibt Gemüthsbewegungen, die man nie in ſeinem Leben wie⸗ der erfährt, und die ſich nie erklären laſſen.“ „Herr Simon blieb unbeweglich, ſeine Augen hingen an den meinigen, er war blaß und drückte die Zähne zuſammen, als wollte er alles das zurückhalten, was vom Herzen auf die Lippen ſtieg. Endlich brach die ganze Glückſeligkeit hervor, eine Thräne trat in ſeine Augen er konnte mir nichts Beſſeres ſagen. Ich verließ ihn. O, mein Kind, man müßte ſchon lieben, um Einen zu beglücken, möchte er Sachwalter, möchte „Und Sie lieben ihn immer noch ſo?“ ſprach Sa⸗ bine, welche Madame Simon zuhörte, als hätte ſie ihr ein Feenmährchen erzählt. „O! mein Kind,“ erwiederte Madame Simon lachend,„das iſt nicht mehr daſſelbe.“ „Ich wußte es wohl“ rief Sabine lächelnd. Madame Simon nahm eine ſehr ernſte Miene an und fügte bei: „Es iſt nicht mehr daſſelbe, aber es iſt dennoch gut. Hat man zwanzig Jahre an der Seite eines Mannes gelebt, deſſen Zärtlichkeit, deſſen Schutz uns nie entzo⸗ gen ward, der ſich unſer Glück zur Pflicht gemacht, der uns redlich mit feſter und zugleich ſanfter Hand auf un⸗ ſerem Lebenspfade geführt hat, eines Mannes, deſſen guter Ruf uns überallhin geleitet, eines Mannes, der nach Charafter und Geiſt hoch genug ſteht, um einer Frau das Recht zuzugeſtehen, ohne Grund traurig oder heiter zu ſeyn; wenn mañ geſehen hat, wie durch die Hochachtung, durch das Gluͤck, durch die Freuden alle Früchte der Arbeiten dieſes Mannes ſich gereift in un⸗ ſere Hände legten, ſo liebt man ihn, Sabine, mit ei⸗ ner Zärtlichkeit, der allerdings die reizende Trunkenheit „ 11 junger Liebe abgeht, die aber das Herz mit edler Si⸗ cherheit und ernſter Freude erfüllt.“ Sabine hatte aufmerkſam zugehört; ſie dachte einen Augenblick nach und verſetzte: „O, ſo ſind Sie alſo glücklich geweſen?“ „Und Du wirſt es alſo nie ſeyn, nicht wahr?“ ent⸗ gegnete Madame Simon, ſich wieder in ihre ſanfte Hei⸗ terkeit zurückverſetzend. „Ich— das iſt ganz etwas Anderes.“ Und es zeigte der Ausdruck in ihrem Geſicht, daß der Schmerz wirklich gefühlt war. „Du biſt Waiſe, mein Kind,— ein großes Unglück, ich kann es nicht läugnen; welche Liebe, welche Zunei⸗ gung wir auch für Dich haben mögen, nichts vermag einen Vater, eine Mutter zu erſetzen... Sabine wurde roth bis unter das Weiße des Au⸗ ges.. ſie preßte die zitternden Lippen zuſammen, wäh⸗ rend ſchwere Thränen über ihre Wangen rollten. „Sie wiſſen wohl,“ ſprach ſie,„daß ich Ihnen über dieſen Gegenſtand' nicht antworten kann. Sie wiſſen wohl, daß ich Jemand in dieſem Hauſe ſagen hören mußte:„Es iſt beſſer für Sie, allein in der Welt zu ſte⸗ hen, als noch einen ſolchen Vater zu haben, und...“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ ſagte Madame Si⸗ mon, ſie in die Arme ſchließend,„ich habe Dich betrübt, ich habe Unrecht gehabt;— ſprechen wir nie mehr da⸗ von.“ 5 Sabine weinte fortwährend. „Du biſt auch nicht vernünftig; Du zählſt ſechszehn Jahre; Du biſt ſchön, wie ein Engel; Du biſt gut im Grunde Deines Herzens, obgleich etwas verwöhnt, Du beſitzeſt ein ungeheures Vermögen, und es gibt keinen Mann, der ſich nicht glücklich ſchätzen würde, der nicht ſtolz darauf wäre, Dich zur Frau zu haben. Du wirſt einen Titel bekommen, wenn es Dir ſo gefällt; Du kannſt, wenn Du wrillſt, unter den in der politiſchen Welt hoͤchſtgeſtellten Männern wählen..... kiebteſt ———— ———§ 12 Du einen unbegüterten Ruhm, ſo könnteſt Du ihn he⸗ reichern; auf welche Seite ſich auch Dein Herz wenden mag, Du haſt keine Weigerung zu befürchten, und es bangt Dir, nicht glücklich zu werden?“ „Ja,“ entgegnete Sabine,„ich fürchte, nicht geliebt zu werden, und zwar aus allen den Gründen, aus denen Sie mich mein Glück ſo leicht finden laſſen., Man wird mich lieben, weil ich vielleicht hübſch bin, und das kann nur die Eitelkeit in Anſpruch nehmen. Man wird mich vor allen Dingen lieben, weil ich reich bin, und das iſt ganz abſcheulich.“ S Madame Simon wollte Einwendungen machen, aber Sabine fuhr lebhaft fort: „O! ich bin nicht ſo thöricht, wie Sie wohl glau⸗ ben mögen; ſeitdem ich vor ſechs Monaten meine Koſt⸗ ſchule verlaſſen habe, während dieſes ganzen Sommers, den ich bei Ihnen auf dem Lande zubrachte, hat man mich angebetet, hat man mir zu gefallen geſucht, und ich geſtehe, daß ich, ſo oft wir im Salon waren, und ich meine armen Freundinnen meinetwegen verlaſſen ſah, die ich beſtändig von allen Ihren Schützlingen umgeben war, mich an dem Triumphe ergötzte; aber wenn ich allein in mein Zimmer zurückkehrte, ſo grollte ich über meine Freude, wie über eine ſchlechte Handlung; ja, ich fühlte mich durch meinen Triumph erniedrigt. Es kam mir vor, als ſchmeichelte man mir zu viel, um mich zu lieben, und ich fragte mich ſodann, welcher meinen hun⸗ derttauſend Franken man am beſten den Hof gemacht hätte.“ „O!“ verſetzte Madame Simon,„es gibt Männer, bei denen Deine hunderttäuſend Livres Rente nicht mehr Gewicht in die Wagſchale legen, als dies bei meinenzweimal⸗ hunderttauſend Franken Mitgift bei Herrn Simon, der vier⸗ mal reicher war, als ich, der Fall geweſen iſt. So hat zum Beiſpiel Herr von Belleſtar, der zehn bis zwölf Millionen Vermögen beſitzt, beinahe das Recht, Dich als arm zu betrachten, und doch gehört er zu denen, die Dich anbeten.“ 13 „Das iſt nicht geſcheit von ihm,“ rief Sabine la⸗ chend,„ich kann dieſen Herrn nicht ausſtehen; er riecht auf eine Stunde nach der Million und ſeine Renchen ſind in die unverſchämte Zuverſicht ſeines Geſichtes einge⸗ ſchrieben... Dieſer Menſch...“ „Dieſer Menſch ſpeist mit uns zu Nacht, er hat in ſeiner Dreiſtigkeit ſo unumwunden um dieſe Einladung bei Herrn Simon nachgeſucht, daß dieſer nicht auswei⸗ chen konnte.“ „Ah,“ ſagte Sabine mit ganz beſonderem Ausdruck, „wir werden wenigſtens einen eleganten Tänzer und einen guten Muſiker haben.“ „Womit Du wohl andeuten willſt, die andern ſeyen ungeſchlachte Bären?“ „O, welches Wort!“ rief Sabine,„aber unter uns geſagt, wenn Sie gerecht ſeyn wollen— dieſe Sachwal⸗ ters⸗Schreiber ſind doch bei Gott nichts weniger, als unterhaltend.“— Sabine hatte nicht ſobald ihren Satz vollendet, als ſich eine luſtige Stimme hinter der Cauſeuſe, worauf die Damen ſaßen, vernehmen ließ. Wer ſpricht hier Schlimmes von Sachwalters⸗Schrei⸗ ern?“ „Ah!“ rief Sabine, den Kopf munter in den Hän⸗ den verbergend,„mein Vormund, ich bin verloren.“ „Die Sachwalters⸗Schreiber,“ ſprach Herr Simon, die Stimme erhebend,„ſind doch die Perlen der Jugend. Der Sachwalters⸗Schreiber iſt mäßig, geduldig, geord⸗ net; der Sachwalters⸗Schreiber hat oder muß haben ein ungeheueres Gedächtniß, einen ſpitzindigen Kopf, ſchnelle Einſicht, vollkommene Urtheilskraft und raſche Entſcheidung; der Sachwalters⸗Schreiber muß mit Allem, was es Höchſtes und Niederſtes in der Geſellſchaft gibt, auf geziemende Weiſe zu ſprechen wiſſen, er muß bald verſöhnend, bald feſt wie ein Fels ſeyn; der Sachwakters⸗ Schreiber kennt die Welt beſſer, als der der Mode wegen geſuchteſte Beichtiger, denn dieſer erfährt nur die Sünden, die man ihm bekennt, während der Sachwalters⸗Schreiber mit voller Gewalt in die tiefſten Geheimniſſe eindringt; er ſieht Menſchen in der abſcheulichen Nacktheit des ge⸗ ſtempelten Papiers; er hält die gehäſſigſten Leidenſchaften in ſeiner Hand, und muß ſie mäßigen, lenken, als ein König beherrſchen. Er hat allerdings nicht nöthig, geiſt⸗ greich zu ſeyn, aber da ihm das Geſetz das Plaidiren ver⸗ ℳ bietet, ſo iſt er des Vortheils theilhaftig, kein Advokat Pzu ſeyn, was ihm für mehrere Tugenden erſten Ranges angerechnet werden muß.“ Nachdem Herr Simon dieſe Tirade heiter vollendet hatte, ſetzte er ſich zum Feuer, während Sabine erwie Iderte: „Wenn Sie nicht im Juſtizpalaſte plaidiren, ſo ent⸗ ſchädigen Sie ſich dafür in Ihren Salons, wie ich ſehe.“ „Ah, Sabine! wenn Du mich Advokat nennſt, ſo werde ich Dir eine derbe Beleidigung ſagen.“ „Nun, ſagen Sie mir, iſt der Sachwalters⸗Schrei⸗ ber höflich?“ ſprach Sabine, indem gie ſich ihrem Vor⸗ mund näherte. he!“ erwiederte der Vormund,„es gibt welche, die es ſind, ſo weit es ein abgetragener Rock und fünf⸗ zig Franken monatlich zulaſſen.“ „Und bieſe armſelige Höflichkeit verſchwindet ſogleich, wenn der Schreiber Patron geworden iſt?“ Mzi Sa⸗ bine ſich zierend. „Hm! was habe ich gethan, ich bitte?“ „Sie vergeſſen, daß Sie mich heute noch nicht ge⸗ ſehen haben!“ „Und Dich noch nicht umarmt,“ ſprach Herr Simon aufſtehend. Sabine entſchlüpfte ihm, flüchtete ſich an das Ende des Saals und ze „Es iſt zu ſpät „Willſt Du, daß Dich eh um Dir einen Kuß zu rauben,“ ſprach Herr Simon wieder nieder⸗ 15 laſſend,„ſo muß ich Dir nur ſagen, daß ich verdammt kalte Füße haber und daß ich mich vorerſt wärmen werde.“ „Ach,“ rief Sabine, indem ſie zurückkehrte und ſei⸗ nen Kopf zwiſchen ihre zierlichen Hände nahm,„ich habe Etwas von Ihnen erfahren,... Sie ſind veriebt geweſen 3 „O, bah!“ „Und ich liebe Sie deßhalb,“ ſprach Sabine mit einer boshaften Miene. „Zum Glücke hatte ich nicht mit einer ſo furcht⸗ zbaren Coquette zu ſchaffen, wie Du biſt.“ „ 30. verſetzte Sabine mit äußerſt naivem Aus⸗ druck;„kann man mich ſo verleumden!“ „Uebrigens wird das Alles vorübergehen,“ ſagte Herr Simon; jich habe bereits Bh als zehn Heirathsanträge, und. c, wie abſcheulich 6 Sie doch heute!“ rief Sabine, indem ſie ſich ungeduldig entfernte und aber⸗ mals an das Piano ſetzte. „Nun, was hat ſie denn?“ fragte Simon mit einem Blicke gegen ſeine Frau. Dieſe antwortete mit einem Zeichen, als wollte ſie ſagen:„Es iſt nichts;— ein wunderlicher Einfall, eine kindiſche Laune;“ und man kündigte alsbald den Herrn Marquis von Belleſtar an. Der Herr MarquisAlexander von Belleſtar war ein ſchöner Mann, mit einem Pferdekopf, ſehr gut aufgeſchlagen auf muskulöſen Beinen; unter ſeiner Weſte von orientaliſch vergoldetem Sammet breitete ſich eine ungeheuere Bruſt aus, und unter zu engen Handſchuhen war die Macht einer herkuliſchen Hand nur ſchlecht verborgen. Obgleich Sabine ihn nicht zum erſten Male ſah, ſo warf ſie ihm doch einen mehr als neugierigen Blick zu, einen von jenen unbegreiflich raſchen und tiefen Blicken, womit 16 Frauen und Mädchen in einer Sekunde den Mann prü⸗ fen, in welchem ſie einen Gatten vorherſehen. Sabinens Antlitz bewahrte das Geheimniß der Schätzung, die ſie von dem Herrn Marquis von Belleſtar gemacht hatte, und erwiederte ſeinen Gruß mit aller Leichtigkeit und aller Beſcheidenheit eines Mädchens von guter Erziehung. Herr Simon, der ſeine Mündel beob⸗ achtet hatte, faltete die Stirne, und hätte ſeine Frau, die ſeine Unzufriedenheit gewahr wurde, ihn um die Ur⸗ ſache fragen können, ſo würde er gewiß geantwortet ha⸗ ben, er ärgere ſich, ſehen zu müſſen, wie ein junges in dieſem Grade ſeine Eindrücke zu beherrſchen wiſſe. Der Herr Marquis von Belleſtar knüpfte mit Herrn Simon ein Geſpräch an, und wußte die Unterhaltung ziem⸗ lich geſchickt zu benützen, um ſich an Sabine zu wenden. Da er nicht mit Grund glauben konnte, ſie habe mehr oder weniger als das im Herzen, was die Mehrzahl der Frauen beſchäftigt, ſo plauderte er von tauſenderlei Ta⸗ gesangelegenheiten. Er benützte das Herannahen des Reujahrstages und die zahlreichen Verpflichtungen, wel⸗ che die Neujahrsgeſchenke einem reichen Junggeſellen von ſehr ausgebreiteter Bekanntſchaft auferlegen, um die verſchiedenartigſten Kenntniſſe in allen möglichen elegan⸗ ten Spielereien und Nichtswürdigkeiten zu entwickeln, welche die weibliche Aufmerkſamkeit anzuziehen vermögen. Neue Wagen, alte Porzellane, antike und moderne Ta⸗ peten, reiche Kriſtalle von Böhmen, ganz neue Kriſtalle vom Mont⸗Cenis, Cachemirs, Spitzen, Parures von Marlé, er hatte Alles geſehen, den Werth von Allem erkannt, und wenn er nicht Alles gekauft hatte, ſo ge⸗ brach es ihm nur an einem Weſen, das er mit dem gan⸗ zen Glanze dieſer Wunder umgeben könnte. Bei all ſeinem Geiſte war Herr Simon nur ein Menſch, und er fand dies ſehr gut vorgetragen und äußerſt glücklich angewendet. Aber es genügte, daß Herr Simon ſeine Abſicht errathen hatte, um Madame Simon, in „ 17 ihrer Eigenſchaft als Frau, zu der Aeußerung zu veran⸗ laſſen, ſie finde, der Bewerber habe ſich etwas zu plump auf ſeine Verführungsmittel geſtützt. Sabine verharrte in völliger Unempfindlichkeit. Madame Simon vermochte jedoch die ſchlimme Wirkung zu beurtheilen, welche die Schauſtellung des Herrn von Belleſtar hervorgebracht hatte, als einige Freundinnen von Sabine gekommen waren, und dieſe, um den Namen des einzigen jungen Mannes befragt, der im Salon einen gewiſſen Rang zu behaupten ſchien, antwortete: „Er nennt ſich Marquis von Bric⸗à⸗Brac. Der Name wurde wiederholt, man erkundigte ſich nach der Geſchichte, die ihm dieſen Namen zugezogen hatte, es fand eine kleine, verdächtige Verſammlung ſtatt, wobei ein unterdrücktes Lachen ſich zuweilen freien Weg bahnte, und der junge Edelmann war unwiderruflich getauft. Haben wir ſo eben geſagt, er ſey der einzige junge Mann von einigem Rang im Salon geweſen, ſo war er dar⸗ um nicht überhaupt der Einzige; aber die Anderen hielten ſich ſo ſehr abgeſondert, daß es ausſah, als wäre es ihnen hier gar nicht beſonders heimiſch. Es waren dies die Schreiber des Herrn Simon, welche ohne Zweifel die An⸗ weſenheit des Patrons zurückhaltend machte. Sie hatten ſich in einen Winkel geflüchtet; indeſſen begannen bald die kritiſchen oder begeiſterten Bemerkungen dieſer Herren über die Fräulein, die ſich auf einer anderen Seite grup⸗ pirt hatten, und die Scherze über das pferdemäßige Aus⸗ ſehen des Herrn von Belleſtar ſich zu beleben, als ein junger Mann eintrat; Herr Simon ging ihm raſch ent⸗ gegen. Der junge Mann übergab ihm einige Papiere, und grüßte Herrn Simon nach einer kurzen Unterredung, um ſich zurückzuziehen. „Wie, Sie bleiben nicht, Silveſtre?“ ſagte Herr Simon. „Ich bitte um Vergebung, mein Herr,“ erwieberte dieſer,„die Stunde, wo ich nach Hauſe zu gehen pflege, Frederie Soulic. Vyn Tag zu Tag. 2 18 iſt vorüber; meine Tante würde über ein längeres Aus⸗ bleiben in Unruhe gerathen.“ „Ich will ſte davon in Kenntniß ſetzen laſſen, da Sie trotz meiner Ermahnung nicht daran gedacht haben.“ Der junge Mann ſchien verlegen; er ſchaute trau⸗ rig, aber zugleich ſanft umher, als wollte er ſagen: „Was habe ich inmitten dieſes Lurus und dieſer Fröhlichkeit zu ſchaffen!“ Dann ſprach er mit weicher Stimme: „Ich bin krank, ich leide, und es wäre für mich beſſer. „Hum!“ rief Herr Simon,„Sie wären nicht krank, Silveſtre, wenn es ſich um eine Arbeit handelte, welche Sie die ganze Nacht beſchäftigen würde.“ „Wenn eine Pflicht ruft... allerdings.. „Nun, nun,“ verſetzte Herr Simon im Tone freund⸗ ſchaftlichen Vorwurfs,„Sie mißbrauchen den Umſtand, daß Sie nicht beim Geſchäfte ſind, um mir den Gehor⸗ ſam zu verweigern. Das iſt ſchlimm. Hortenſe,“ fügte er laut bei, indem er ſeine Frau zu ſich rief,„ſage Herrn von Prosny, Du werdeſt ihm nie vergeben, wenn er nicht bei Deinem Abendbrod bleibt.“ Madame Simon ging ſogleich auf Herrn von Prosny zu, und er mußte wohl den anmuthigen Bitten, womit man ihn beſtürmte, nachgeben. Dieſer kleine Vorfall machte auf den Eintritt des jungen Mannes aufmerkſam, und aus der Art und Weiſe, wie man ihn von allen Seiten im Salon prüfend beſchaute, war leicht zu er⸗ rathen, daß dieſer Mann etwas Außergewöhnliches an ſich trug. Die Schreiber unterbrachen ihre Scherze, und Einer von ihnen bemerkte nur kurz: „Er iſt noch bleicher, als gewöhnlich.“ Die Fräulein prüften ihn verſtohlen, und er ſchien ihnen unſtreitig einer beſonderen Aufmerkſamkeit würdig zu ſeyn, denn alle fragten Sabine zu gleicher Zeit: „Wer iſt der Herr?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete dieſe,„aber ich 19 glaube, es iſt der erſte oder zweite Schreiber meines Vormunds.“ Der Geiſt, in dem die jungen Fräulein dieſe Ant⸗ wort aufnahmen, möchte einen aufmerkſamen Beobachter hinreichend über die Stellung und die Hoffnungen von jeder von ihnen belehrt haben. Die Eine wandte ſich von ihm nach einem letzten Blicke, der zu ſagen ſchien:„Schade, daß er ſo wenig iſt.“ Eine andere, ziemlich Häßliche betrachtete ihn lange Zeit forſchend, als dächte ſie:„es wäre wohl der Mühe werth, ihm eine ſchöne Mitgift zu bringen, damit er ſich eine gute Stelle kaufen könnte.“ Eine dritte, ein großes Fräu⸗ lein mit trotziger Naſe und verächtlich aufgeworfenem Munde ſchnitt eine kleine Grimaſſe und ſagte mit leiſer Stimme:„Er iſt angezogen, wie ein Thürſteher.“ Doch die glänzendſte Auszeichnung, die dem An⸗ kömmling zu Theil werden konnte, lag in der erhaben impertinenten Miene, womit ihn Herr von Belleſtar be⸗ trachtete. Kein Mann ſieht einen andern auf dieſe Weiſe an, wenn er nicht etwas an ihm findet, was ihm miß⸗ fällt, und in der Regel mißfällt Männern, wie Herrn von Belleſtar, daß ſie das bei andern finden, was ihnen ſelbſt durchaus abgeht. Dem Herrn von Belleſtar aber mangelte es durchaus an dem geiſtigen Adel, des Kopfes, an der Grazie des Wuchſes, und an der ausgezeichneten Feinheit des Fußes und der Hand, und gerade alles dieſes beſaß Herr Silveſtre von Prosny. Er war kaum fünf⸗ undzwanzig Jahre alt, aber die bräunliche Färbung ſeines Geſichts und die Schwermuth des Ausdrucks, die dar⸗ über gelagert war, gaben ihm das Ausſehen eines Man⸗ nes, der in den Prüfungen des Lebens mehr vorgerückt iſt, als man es in ſeinem Alter zu ſeyn pflegt. Sabine beobachtete anfangs die Theilnahmsloſigkeit, welche Niemand in ihre wahren Gefühle dringen ließ, aber einen Moment ſpäter, als man ſah, wie ihr Blick raſch den Salon durchlief und erſt in dem Augenblick feſt - 2— 20 ſtehen blieb, wo er Herrn von Prosny traf, ließ ſich leicht erkennen, daß ſie mehr that, als die ganze Ge⸗ ſellſchaft— denn ſie ſuchte ihn. Silveſtre hielt ein Album in der Hand, deſſen Zeichnungen er aufmerkſam betrachtete; einige überging er, als wären ſie keiner Be⸗ ſchauung würdig, andere ſah er mit der ſtrengen Pünkt⸗ lichkeit eines Kenners an. Dann hielt er plötzlich inne, als hätte ihn etwas ganz Außerordentliches berührt; ſeine Miene verdüſterte ſich, ein bitteres, verächtliches Lächeln machte ſeine Lippen erbeben, und beinahe eben ſobald ſchlug er die Augen auf, um Jemand zu ſuchen und begegnete Sabinens Blicken. Aus einer für das Mädchen unerklärlichen Urſache erbleichte Silveſtre, als wäre die Prüfung, der man ſeine Perſon unterworfen, eine Beleidigung geweſen; er verließ ſeinen Platz und entfernte ſich ſo eilig, daß er das Album zu ſchließen vergaß, und dieſes blieb ſomit gerade an der Stelle offen, die ihn in ſo lebhafte Aufregung verſetzt hatte. Sabine knüpfte das Geſpräch mit ihren Freundinnen wieder an, aber ohne das Auge von dem offenen Album abzuwenden; als ſie ſich jedoch überzeugt hatte, daß Silveſtre in ein an den Salon ſtoßendes Zimmer von Madame Simon gegangen war, ſo erbot ſie ſich gegen ihre jungen Freundinnen ihnen ihre neuen Zeichnungen zu zeigen, und lief voran, um ſich des Albums zu be⸗ mächtigen. Es war gerade bei einem Blatte geöffnet, worauf ſie ſelbſt eine ziemlich hübſche Aquarelle gezeich⸗ net hatte. Dieſe Aquarelle war eine einfache Darſtellung der Anſicht eines Landhauſes mit einem Parke, das Sa⸗ binen gehörte; und ſie war im höchſten Grade erſtaunt, daß eine ſolche Zeichnung dieſen jungen Mann ſo leb⸗ haft hatte erregen können. Es war ein Umſtand, der ſich— gerade ſeiner ſcheinbaren Bedeutungsloſigkeit wegen— auf tauſenderlei Art deuten ließ; und kein Mädchen, das einen hübſchen jungen Mann wahrgenom⸗ men hat, unterläßt es, ſich dieſen geiſtigen Forſchungen hinzugeben, wenn es ihrem Belieben anheimgeſiellt iſt; 21 aber Sabinens Freundinnen geſtatteten es nicht, daß ſie ſich einem längeren Nachdenken überließ. Sie machten ihr ſo viele Complimente über ihr Malertalent und ſo viele Verſprechungen, die Reichthümer ihres Albums zu vermehren, daß ſie die Wirkung ihrer Aquarelle darüber vergaß. Indeſſen erſcholl die Verkündigung, das Abendbrod ſey aufgetragen. Man begab ſich in den Speiſeſaal; Sabine bemerkte, daß Silveſtre der Einzige war, der ſich nicht beeilte, einer von ihren jungen Freundinnen den Arm zu bieten; er blieb im Gegentheil im Hinter⸗ grund, und da Sabine ihrer Seits, als Mündel von Herrn Simon, die ganze Geſellſchaft vor ſich eintreten ließ, ſo fanden ſie ſich in Folge hievon allein. Sabine benützte die traurige Herrſchaft, welche die Frauen ihrer Schwäche zu verdanken haben, die Herrſchaft, welche die Männer zwingt, für ſie zu thun, was ſie nie für irgend einen Mann der Welt thun würden. Sie machte eine kleine Bewegung mit den Schultern, welche beſagen wollte:„Niemand hat an mich gedacht,“ ſtellte ſich ſo⸗ dann, als bemerkte ſie plötzlich Herrn von Prosny, der immer noch abwärts ſtand, und ging mit raſchen Schrit⸗ ten in den Speiſeſaal, indem ſie gleichſam wie betreten zu dem Zögernden ſagte: „Ah! verzeihen Sie, mein Herr!“ Die Frauen ſind unbarmherzig. Dieſe kleine Be⸗ wegung der Schultern, dieſe einfachen Worte ſollten dem Herrn andeuten:„Sie ſind ein Mann von ſchlech⸗ ter Erziehung, Sie haben nicht einmal die gewöhnliche Höflichkeit gehabt, mir den Arm anzubieten.“ Und warum dieſes böſe Compliment? Weil dieſer junge Mann mit verdrießlicher Miene eine mittelmäßige Zeich⸗ nung von Fräulein Sabine Durand betrachtet hatte. Denn dieſes ſchöne, reiche Mädchen, das, wie Ma⸗ dame Simon ſagte, zum Erhabenſten in der Geſellſchaft gelangen kounte, hatte keinen edleren Namen, als den eines Fräulein Durand. Doch dieſer ſo gewöhnliche 22 Name war mit hundert und zwanzig tauſend Livres Renten von Gütern in der Normandie vergoldet, und nach Herrn Simons Worten hatten die Pachtverträge, die dieſe herrlichen Einkünfte bildeten, mehr Werth, als das gothiſch'ſte Pergament, und ſollte es auch ein Marquis⸗ oder Herzogs⸗Diplom enthalten. Mochte Silveſtre das kleine Spiel des Fräuleins Durand errathen haben, oder geſchah es aus irgend einer andern Urſache, er trat mit ſehr mißſtimmtem Ausſehen in den Speiſeſaal. Silveſtre bemerkte Sabine an einem Ende der Tafel, und ſetzte ſich, als befürchtete er, man möchte ihm einen Platz anbieten, wodurch er ihr zu nahe kommen würde, an das andere Ende, wo mehr die geeignete Stelle für den jüngſten Schüler geweſen wäre, dem man heute aus⸗ nahmsweiſe eine Theilnahme geſtattet hätte. Herr Si⸗ mon, ob er nun durch ein freundliches Wort das Un⸗ paſſende dieſer Anordnung gut machen wollte, oder ob ein andres Motiv zu Grunde lag, hielt ſeine Frau zurück, als ſie eben im Begriffe war, Herrn Silveſtre einen ſchicklicheren Platz zu bezeichnen, und rief: „Es iſt ganz gut ſo.. die zwei Kinder des Hauſes jedes an einem Ende der Tafel.“ Herrn Simon's Ausruf hatte keinen Erfolg. Fräulein Sabine verzog den Mund auf eine höhniſche Weiſe, daß ſie ſich auf ein Niveau mit Herrn Silveſtre geſtellt ſah, und dieſer, der bei einer ſolchen Gleichſtellung hätte ge⸗ ſchmeichelt erſcheinen ſollen, zitterte auf ſeinem Stuhle, als ob man ihm eine grobe Beleidigung geſagt hätte. Der Herr Marquis von Belleſtar hatte indeſſen den kleinen Verdruß auf Sabinens Anklitz wahrgenommen, und wußte ihr viel Dank dafür. Er richtete ſeinen Blick auf den Schreiber, deſſen üble Laune deutlich hervor⸗ trat, und ſagte ziemlich laut zu Madame Simon, neben der er ſaß: „Dieſer Herr hat alſo ſeine ganze Familie verlyren, daß er ſo troſtlos ausſieht?“ 23 „Seine ganze Familie,“ antwortete Madame Simon mit kaltem Tone,„und ſein ganzes Vermögen.“ „Und dieſes Vermögen?“ verſetzte Herr von Belle⸗ ſtar nachläſſig gedehnt. „War ungeheuer.“ „Und dieſe Familie?“ ſprach er weiter, ſich auf die Stuhllehne ſtützend, um der Frage mehr Vornehmheit zu verleihen. „War ſehr edel.“ „Er heißt?“ „Herr von Prosny.“ „Warten Sie einmal,“ ſagte Herr von Belleſtar; „hat dieſe Familie nicht das Schloß Rieuze bei Candeber beſeſſen?“ „So iſt es, Herr Marquis.“ „Ja, ja, ich habe davon ſprechen hören. Es war eine eigene, ſchlimme Geſchichte,“ fügte er, die Stimme ſinken laſſend„bei, und betrachtete Sabine, die, wie er überraſcht gewahr wurde, mit größter Neugierde auf das Geſpräch hörte. Herr von Belleſtar warf ihr ſeinen ſiegreichſten und zugleich beſcheidenſten Blick zu. Er fühlte ſich nun über⸗ zeugt, daß Sabine vom Zauber ſeiner Gegenwart gefeſ⸗ ſelt war. Fräulein Durand ſchlug die Augen nieder und erröthete über die Maßen. Der Marquis lächelte ſich ſelbſt zu. Seine Rechnung war indeſſen ganz falſch. Hatte ihm Sabine mit Begierde zugehört, ſo geſchah es, weil er von Silveſtre ſprach, deſſen mißſtimmtes Aus⸗ ſehen ihr nicht entgangen war; und ihr Erröthen hatte man nicht dem Umſtande zuzuſchreiben, daß Herr von Belleſtar ſie überraſcht hatte, wie ſie ihm zuhörte, ſondern wie ſie von Silveſtre ſprechen hörte; und wenn der Marquis gefragt hätte, warum ſie ſo nachdenklich ge⸗ worden, ſo müßte er erfahren haben, daß es ihr ſveben klar geworden, warum Herr von Prosny beim Anblick von einer ihrer Zeichnungen in dem Album ſo mächtig ergriffen- war. Dieſe Zeichnung ſtellte wirklich das 4 24 Schloß Rieuze vor, das chemals Herrn von Prosny oder ſeiner Familie gehört hatte und nun das Eigenthum von Fräulein Durand war. Stoff genug zum Nachdenken und Ueberlegen, aber die beſtändigen Aufforderungen von Herrn Simon, die luſtigen Kriege, die er ſeinen Gäſten wegen ihrer Mä⸗ ßigkeit ankündigte, die Begierde eines Jeden, in Ein⸗ klang mit dem Herrn des Hauſes zu kommen, bewirften bald, daß ungebundene Fröhlichkeit um die Tafel kreiste. Sabine, welche neben einem kleinen Schreiber von ſechs⸗ zehn Jahren ſaß, der Alles, was man ihm anbot, mit unerhörtem Heißhunger aufzehrte, fing nach einigerſZeit an zu lachen über dieſen ungeſtümmen Appetit, der nur mit dem koloſſalen Appetit des Herrn von Belleſtar zu ver⸗ gleichen war, und endlich ergötzte ſie ſich an der tollen Heiterkeit ihres jungen Nachbars, der mit dem Auge alle Stücke zählte, welche der Marquis verſchlang, und ſie mit den buntſcheckigſten Witzen würzte. Silveſtre aber aß wenig, trank wenig, ohne jedoch Mäßigkeit zu heucheln; er hatte ſich in ein ziemlich ernſtes Geſpräch mit einem Nachbar eingelaſſen, als ihm Herr Simon zurief: „Auf, Silveſtre, auf, ich ermahme Radinot jeden Tag, ihr Beiſpiel in der Schreibſtube zu befolgen; Sie verdienen, daß ich Ihnen ſage, Sie ſollten dem ſeinigen bei Ciſche folgen.“ „Das iſt wahr,“ rief der kleine Radinot mit einer Grimaſſe gegen Herrn von Belleſtar,„ich habe mar⸗ guis mäßig gegeſſen.“ Die ganze junge Bande brach, trotz Herrn Simons ſtrenger, abwehrender Miene, in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. Der Marguis, welcher ſo eben ein zehntes Glas Champagner geleert hatte, rief: „Was hat er geſagt? Ich möchte auch gerne an dem Spaſſe Theil haben!“ 25 „Sie haben Theil,“ entgegnete ihm ein anderer Schreiber. Das Signal war gegeben, und man fing an, Herrn von Belleſtar auf den Leib zu gehen, oder wie man ſich in dem Studenten⸗ und Handwerker⸗Rothwälſch ausdrückt, man fing an, ihn aufſitzen zu laſſen, als Herr Simon die Tafel gufhob. Seiner Frau, welche ſichtlich über die ſchnelle Un⸗ terbrechung des Abendbrods ſtaunte, ſagte er leiſe: „Man mußte ein Ende machen; ſie hätten ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen. Beſchäftige die jungen Leute und ordne einen Contretanz an.“ Dies geſchah. Einer ſetzte ſich an das Klavier, und die ganze Jugend ſchickte ſich an, zu tanzen. Herr von Belleſtar rückte, wie ein Triumphator, gegen Fräulein Durand heran, aber der kleine Radinot war ihm zuvorge⸗ kommen. Sabine war trotz der ernſten Miene, die ſie vft annahm, noch ein leichtes, luſtiges Kind; zweimal war ſie an dieſem Abend einer Gemüthsbewegung und einem ſchmerz⸗ lichen Verhältniß gegenüber geſtanden, und obgleich ſie jedesmal gewaltig davon berührt worden war, ſo hatte dies doch nicht Stand gehalten gegen die Anziehungs⸗ kraſt der Heiterkeit, die ſich in buntem Gemenge um ſie her entwickelte. Sabine tanzte mit dem kleinen Ra⸗ dinot, ſie tanzte mit Herrn von Belleſtar, ſie tanzte mit Anderen, ohne daran zu denken, daß ſich in dem Salon noch eine Perſon befand, der ſie einen Augenblick Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt hatte. Silveſtre hatte ſich in einen Winkel des Salons geſetzt, und— wie es denen geſchieht, die eine wahre Grundlage von Traurigkeit im Gemüthe tragen— die Freude, die ihn umgab, betrübte ihn, da ſie ihn nicht zu zerſtreuen vermocht hatte, und als er ſie in der Per⸗ ſon Sabinens betrachtete, welche von der ſorgloſen Luſt, der ſchönſten Krone der Jugend, ſtrahlte, da ſchien er ſich wahrhaft zu erzürnen. Silveſtre verließ den Salon indeſſen nicht, ſey es, 26 vaß er durch einen Reiz gefeſſelt war, von dem er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, ſey es, daß ihn jenes Gefühl feſt hielt, von welchem erfaßt, der Menſch ſich zuweilen in den Qualen gefällt, die er erduldet, und er war noch anweſend, als man den Vorſchlag machte, vom Tanze auszuruhen, um das muſikaliſche Talent einiger von den Fräulein zu bewundern. Alle, und beſonders dieſenigen, welche auf günſtigen Erfolg zählten, ſchlugen die Angen nieder, und erklär⸗ ten, ſie würden es nie wagen, vor einer ſo zahlreichen Geſellſchaft zu ſingen. Madame Simon forderte Sabine auf, ihnen mit gutem Beiſpiel voranzugehen. Es war ihre Pflicht; munter verkündigte ſie ihren Entſchluß, dem erſten Feuer der Kritik Trotz zu bieten, und ſetzte ſich mit lächelnden Lippen und beinahe verwegenem Blicke an das Piano. Es ſchien, als ſollte ſie eine ſolche Stimmung bewegen, irgend eine lebhafte Ballade zu fingen; aber das Ver⸗ zeichniß der Lieder, welche ihr die im Penſionnat hert⸗ ſchende Strenge zu lernen geſtattet hatte, enthielt keine Muſikſtücke von dieſem Charakter, und ſie nahm das Erſte, was ihr unter die Hand kam. Es war eine Romanze, für geſtern ſchon alt, die Waiſe betitelt. Vibrirt die Fiber des Herzens unter irgend einer Bewegung, ſo iſt ſie näher daran, als man ſich wohl denken mag, noch viel ſtärker unter einer entgegenge⸗ ſetzten Bewegung zu vibriren. Der klagende Geſang der Romanze, begonnen mit einer von den Aufwallun⸗ gen der Luſt ganz bewegten Stimme, bemächtigte ſich gleichſam dieſer Bewegung, verwandte ſie zu ſeinem Vortheil, und als Sabine zu dem Refrain dieſer Ro⸗ manze gelangte, und die letzten Verſe ſang: Pitié, Madame, Pour borphelin, Qui vous reclame Un peu de pain, 27 ſo war der Ausdruck ihrer Stimme ſo belebt, ſo weh⸗ müthig erſchüttert, daß ihr von allen Seiten begeiſterter Beifall zuſtrömte. Das hieß eine weitere Bewegung dieſer leidenſchaftlichen Aufregung beifügen, mit einem weiteren Schlage dieſe Saite berühren, die bereits ſo mächtig klang. Sabine fuhr ſort; ſie ließ ſich ganz und gar von dem Gefühle deſſen, was ſie ſang, hinreißen, und drückte nicht allein mit der Stimme, ſondern auch durch den Blick, durch den Ausdruck des Geſichtes den Schmerz dieſes demüthigen Flehens um Brod aus. Der Beifall wiederholte ſich, aber ehe dieſer ſie erreichte, drang ein unterdrückter, ſchmerzhafter Schrei an ihr Ohr, und ſie gewahrte Silveſtre, wie er die Hände über den Augen ſchließend die Thränen zurückzudrängen ſuchte, die ihm entſtürzten, ohne daß ſie im Stande ge⸗ weſen wären, die heftige Aufregung zu dämpfen, unter der ſeine Bruſt arbeitete. Der erſte Gedanke gehörte der Eitelkeit eines ſo vollſtändigen Triumphes, aber ſie wollte das ganze Glück ihres Sieges genießen, und ſchaute Silveſtre an, wäh⸗ rend ſie die letzte Strophe ſang. Bei dem zweiten Verſe begegnete Sabine ſeinen Augen; ſie waren auf ſie ge⸗ heftet, als wollte der junge Mann die Bewegung Lügen ſtrafen, die ihn ergriffen hatte. Wie ſie ſo zu ſingen fortfuhr, nahm Silveſtre's Blick einen beinahe drohen⸗ den Ausdruck an; ſie wollte ſich dieſem Blicke ent⸗ ziehen; aber es war ihr unmöglich, den ſeinigen loszu⸗ machen, und ſo mächtig war der Eindruck, der ſich ihrer bemeiſterte, daß ihr Ton allmählig ſchwächer wurde; ſie ſtammelte die letzten Worte der letzten Strophe nur noch, und ihre Stimme erloſch endlich, durch einen in Eis ver⸗ wandelnden Schrecken gleichſam in der Kehle feſtgehalten. Man hielt ſie für krank, man drängte ſich um ſie her, man fragte, was ſie beunruhigt hätte. Sabine ſchützte Müdigkeit, den Tanz, das Abendeſſen vor; ſie verſicherte, es wäre nichts; ſie mochte dies immerhin thun, ſie mochte immerhin wieder tanzen, Silveſtre hatte 28 alle Heiterkeit dieſer Abendgeſellſchaft in ihr getödtet; Radinot, deſſen luſtige Tollheit alle Welt beklatſchte, er⸗ ſchien ihr unerträglich, und ſie fand nicht einmal den Mar⸗ quis mehr lächerlich. Ein Gegenſtand mußte ſie mächtig erfaßt haben und erfüllen. Silveſtre hatte ſich in dem Augenblicke entfernt, wo ſie zu ſingen aufhörte, und ſie allein hatte ſeine Abweſenheit bemerkt. Endlich trennte ſich die Geſellſchaft, und Sabine konnte in ihr Zimmer zurückkehren.— In der Nacht. Den 26. December 1843. Wer euch dem Erzähler enthüllen könnte, euch lange Reſlektionen, traurige und ſanfte Träume, plötzliche Zornaufwallungen, raſche Ausrufungen, tiefe Entmuthi⸗ gungen, heftige Entſchließungen, betrübende Muth⸗ maßungen, euch, ihr Bewegungen zweier Seelen, die ſich verletzten, ohne ſich zu kennen, und, von einander verwundet, ein geheimes Bedürfniß fühlen, ſich wieder zu finden? Seht hier, in dem weißen Alkoven, wo ein mildes Licht Wache hält, das junge Mädchen, weißer als der Linnen, der ſie bedeckt, ſchön in jener Schönheit, die vielleicht kein Menſch kennen lernen ſoll, den Kopf auf die Hand geſtützt, den Elbogen im Kiſſen verſenkt, die offenen Augen vor ſich hinſtarrend, unbeweglich und doch zugleich bewegt: die Tapete von veilchenblauem Sammet, welche die Wände ihres Zimmers verhüllt, ſcheint ein Rahmen zu ſeyn, angebracht, um die luftige Weiße der feinen Mouſſeline noch mehr hervorzuheben, die ſich in zahlreichen Falten um ihr Lager ausbreitet. Mitten in dieſem Zimmer ſteht ein ſchöner Tiſch, darauf ein reicher Teppich mit goldenen Franſen, ganz beladen mit prachtvoll gebundenen Büchern, deren Schließen mit koſtbaren Steinen verſehen ſind. Auf dem Kamin 29 erblickt man Bronzefiguren von vollendeter Arbeit. Ge⸗ genüber ein antikes Dreſſoir, ganz voll von den bunten, glänzenden Kleinigkeiten, deren Daſeyn aus der Phan⸗ taſie der Mode entſpringt, deren Werth einzig durch die Mode bedingt iſt, von der Pariſer Welt Fantaiſies genannt; ſodann finden ſich hier einige niedere, weiche Stühle von Seidenſtoff, die ſich geräuſchlos über einen wollreichen Fußteppich hinrollen. Vom Plafond hängt an vergoldeter Kette eine Lampe herab, die dieſes enge, aber verſchwenderiſch ausgeſtattete, Gemach beleuchtet. Worüber mag das Mädchen nachdenken, das hier in lange, ſtumme Träume verſunken wacht? Seht ferne von hier, hinten im Hofe, die große, geplattete Stube. Vorhänge von weißem Baumwollen⸗ zeuge bedecken die Scheiben der in einem gedrückten Pla⸗ fond eingeſenkten Kreußſtöcke. Vor einem ſteinernen Ka⸗ min, worin ein düſteres Feuer brennt, gewahrt Ihr einen Tiſch von weißem Holz, worauf ein junger Mann ſeinen Arm ſtützt; mitten im Zimmer ſteht ein dem Auge gar kalt erſcheinendes Bett von Nußbaumholz; ferner be⸗ merkt man vier oder fünf trotz ihrer Reinlichkeit elende Strohſtühle, eine halb vermoderte Papiertapete, die vom Winde bewegt, der durch die Riſſe an der Thüre und an den Fenſtern eindringt, an der Wand flattert, und nun ſagt mir, von was dieſer junge, unbewegliche Mann träumt, der ebenfalls mit offenen Augen vor ſich hin⸗ ſtarrt? Denn der dor dem denkenden Auge geöffnete Raum beherbergt keinen von den Gegenſtänden, die ſich wirklich hier finden; er bevölkert ſich— nach dem Be⸗ lieben der Einbildungskraft— mit tauſend reizenden oder häßlichen, tröſtlichen oder verzweiflungsvollen Phan⸗ tomen. Von wem träumt denn dieſer arme, junge Mann in dieſem elenden Gemache? Er träumt von dem ſchönen jungen Mädchen, das Ihr ſo eben geſehen habt; ſie träumt von dem armen jungen Mann, den Ihr jetzt ſeht. — Lieben ſie ſich?. 30 — Weiß ich es? Was ich ſo eben erzählt habe, iſt geſtern vorgefallen, und ſie ſehen ſich vielleicht nie wie⸗ der; vielleicht, wenn der Schlummer über dieſe Aufre⸗ gung hingegangen iſt, die beide für einander wach hält, vielleicht denken ſie dann nicht mehr an das, was ſie ge⸗ fühlt haben, und in acht Tagen dürften ſie vielleicht ſehr in Verlegenheit ſeyn, wenn ſie ſich des Vorgefallenen genau erinnern ſollten. Nun, hören wir, was ſie ſich ſagten zu dieſer Stunde, wo man ſich ſelbſt Alles ſagt; zuerſt, Sabine: „Dieſer Menſch verabſcheut mich, ich habe es aus der Härte ſeines Blickes wahrgenommen. Dieſer Menſch verachtet mich, ich habe es aus ſeinem krampfhaft bit⸗ teren Lächeln erſehen. Iſt es Laune, Rohheit, Albern⸗ heit? Nein, in ſeinem Antlitz liegt eine ruhige und ſtrenge Erhabenheit, die keinen, aus Launen entſpringen⸗ den kindiſchen Haß zuläßt. Rohheit iſt es ebenfalls nicht, man braucht nur ſeine ausgezeichneten Manieren zu ſehen, die ſonore Weichheit ſeiner Stimme und die Beredtſam⸗ keit ſeiner Sprache zu hören. Ebenſo wenig iſt es Al⸗ bernheit, Herr Simon würde ihn nicht als einen Mann von wahrhaftem Verdienſt rühmen, deſſen umfangreiche, lebensvolle Intelligenz ſich aus dem Ausdruck ſeiner Ge⸗. ſichtszüge errathen läßt. Der Haß und die Verachtung, wie ſie dieſer junge Mann gegen mich hegt(daß er mich haßt und verachtet, liegt am Tage), entſpringen alſo aus einer mir unbekannten Urſache. Iſt er gegen mich ein⸗ genommen, weil ſich unter den zahlreichen Gütern, die mir mein Vater hinterlaſſen hat, eines findet, das einſt Eigenthum ſeiner Familie geweſen? Das wäre ein leicht begreiflicher Schmerz, aber warum deshalb derjenigen grollen, die es vom Zufall erhalten hat, davon muß er doch weit entfernt ſeyn. Oder leidet er vielleicht, weil er arm geworden iſt, an der gemeinen Eiferſucht, die je⸗ den um ſein Glück beneidet?“ Dies konnte nach Sabinens Anſichten auch nicht der Fall ſeyn, denn in Folge einer Ueberzeugung, von der ſie⸗ 31 ſich durch keine beſtimmten Gründe Rechenſchaft geben konnte, war ſie nicht im Stande, eine ſchlimme Leiden⸗ ſchaft bei dieſem jungen Manne vorauszuſetzen. Es ſtieg ſogar mehr als einmal in ihrem Innern der Gedanke auf, ſie könnte ihm, ohne es zu wiſſen, Unrecht thun. Als ſie ſich aus dieſem Irrgarten auf keine Weiſe herauszu⸗ wickeln wußte, ſo behielt ſie ſich vor, ihren Vormund zu befragen, und da ſie auf dieſe Art ihrer Zweifel gleich⸗ ſam entledigt war, dachte ſie ganz und gar nur an Sil⸗ veſtre und für Silveſtre. Mit leichter Mühe fand ſie nun, daß das Geſchick ungerecht war, daß das Vermögen und der Namen von Herrn von Belleſtar Herrn von Prosny viel beſſer anſtehen würden, als dieſem plumpen, gemeinen Burſchen, der ſeinen Namen und ſeinen Titel durch ſein Weſen Lügen ſtrafte. Und da Sabine nicht zweifeln konnte, daß Herr von Belleſtar gekommen war, ſich als ihr zukünftiger Gatte vorzuſtellen, ſo dachte ſie ſich denſelben, wie er ihr ein Liebeserklärung machte, und da ſie ihn abſcheulich linkiſch fand, ſo dachte ſie ſich fer⸗ ner, was für eine ganz andere Anmuth, ganz andere Leidenſchaft, ganz andere Eleganz in einem ſolchen Ge⸗ ſtändniß liegen müßte, wenn es von dem ſchönen Sil⸗ veſtre, mit dem edeln Antlitz, mit den beredten Blicken ausgeſprochen würde; und während ſie ihn ſo ſprechen ließ, und ſeiner Bewerbung zuhörte, fühlte ſie ihr Herz ſo heftig ſchlagen, daß ſie mit der Hand daran faßte, den Kopf im Kiſſen verbarg und in unzufriedenem Tone ausrief:„Nun muß ich doch ſchlafen.“ Und was ſagte der arme Silveſtre? Er klagte das Schickſal an. „Es hat dieſem Mädchen Alles gegeben,“ ſprach er, „die Schönheit, den Geiſt und das Vermögen, welches der Schönheit und dem Geiſt doppelten Werth verleiht. Und dieſes Vermögen iſt ihr aus einer ehrloſen Quelle zugefloſſen, aber die Welt wird ſie freiſprechen, und ſie mag noch eitel darauf ſeyn. Nichts laſtet auf dieſer glücklichen Erbin, nicht einmal der Name ihres Vaters, 32 der ein Schändlicher geweſen iſt. Vor wem ſollte ſie erröthen, da ſie mir in meinem Elend, dem Reſultate ihres Vermögens, die Stirne geboten hat? Nicht als ob ſie es gewollt hätte, nicht als ob ſie es darauf angelegt hätte, mich durch den von ihr erwählten Geſang zu be⸗ leidigen, aber ſie weiß, ſie muß wiſſen, und ſie hat nicht an mich gedacht.... ſie hat an nichts gedacht. Leichten Sinnes, bereits eitel, bald auch übermüthig, wird ſie, wenn ihr dieſer ungeſchlachte Titelmenſch, der ihretwegen da war, ſeinen Namen gegeben hat, mit dem Prunke ihres ſchändlichen Reichthums den Mann niedertreten, dem er von ihrem Vater geraubt worden iſt, ſie wird ihn ver⸗ ſpotten, wenn ſie ihm begegnet, ſie wird ſich über ſeinen Namen beluſtigen, wenn ſie ſich je ſo weit herabläßt, ihn wiſſen zu wollen. O! welche Verwünſchungen möchte ich auf ihr Haupt herabrufen!“ „Und warum rufſt Du ſie nicht herab, junger Mann?“ „Weil ſie mir, ich weiß nicht durch welchen Zauber, vorkam, wie ein reines, weißes Bild, umgeben von Lum⸗ pen, die ſie nicht berühren; weil ihre Stimme, die mich weinen und ſchreien gemacht hat, in meinem Ohre klingt, wie eine unbekannte, mich berauſchende Harmonie; weil das Leuchten ihrer Blicke auf meinen Augen weilt, wie ein Feuer, von dem es überfluthet worden iſt; weil es mir ſcheint...“ Silveſtre war vielleicht im Begriffe, in feinem In⸗ nern das Motiv ſeines Mißmuths auszuſprechen, als ihm eine ſpitzige, verdrießliche Stimme aus eiten an⸗ ſtoßenden Zimmer zurief: „Hurtig, Silveſtre, löſche Dein Licht S endlich muß man doch einmal ſchlafen; Du haſt Dich lange genug unterhalten.“ Dieſe Stimme war die ſeiner Tante, des Fräuleins von Prysny. Ste hatte einſt ihr ganzes Vermögen ihrem Bruder, Silveſtre's Vater, anvertraut, und dieſelbe Hand, welche Herrn von Prosny beraubte, hatte auch 33 ſeine Schweſter in das Elend geſtürzt. Es war die Hand von Sabinens Vater. Silveſtre wurde durch die Stimme ſeiner Tante in der Verfolgung ſeiner Träu⸗ merei plötzlich zurückgeſchreckt, als wäre er mitten in einer böſen Handlung ertappt worden; er ſchlich zu ſeinem eiſigen Bett und murmelte ganz leiſe: „Nein, das wäre nicht nur eine Thorheit, das wäre eine Feigheit!... Ich will mich ſchlafen legen.“ Und alle Beide, Silveſtre und Sabine, wachten noch lange Zeit. Der Weihnachtstag. Es war abermals geſtern, und diesmal war geſtern der Weihnachtstag. Kennt Ihr die Kirche Saint Vincent⸗de⸗Paule, eine elende Scheune, woraus man eine Kirche gemacht hat, um eine andere Kirche zu erſetzen, aus der ohne Zweifel eine Scheune gemacht worden iſt? Kaum iſt der Tag angebrochen, ſo hat ſich der enge Raum des Tempels gefüllt, denn Frankreich verlangt nichts Anderes, als religiös zu ſeyn, unter der Bedingung, daß ſich die Prieſter nicht zu viel darein miſchen. Im Inneren, ein paar Schritte von der Eingangs⸗ pforte entfernt, hättet Ihr eine alte Frau ſehen können, in ſchwarzer Kleidung mit einer Haube von weißer Per⸗ cale, garnirt mit einer ärmlich geſtickten Mouſſeline. Das Gebet ſetzte ihre ſchmalen, bleichen Lippen in raſche Bewegung, und wenn ihr Auge einen Moment das Buch verließ, ſo warf ſie einen Blick umher, deſſen von Haß erfüllte Heftigkeit nichts, nicht einmal das Gebet mäßigen zu können ſchien, das ſie an den Gott richtete, der groß iſt in ſeiner Barmherzigkeit. An ihrer Seite war Sil⸗ veſtre, die Kniee auf einen von den zwei Stühlen ſtützend, die er einnahm, den Kopf vorgebengt, ein Meßbuch in Frederie Soulié. Von Tag zu Tag. 34 der Hand. Von Zeit zu Zeit ſah ihn ſeine Tante, die er in die Kirche begleitet hatte, mit unzufriedener Miene an. Das tiefe Nachdenken, in das Silveſtre verſunken war, mißfiel ihr, denn die alte Frau begriff nicht, daß das Herz beten konnte, ohne jenes kurze, dumpfe Stam⸗ meln vernehmen zu laſſen, welches den Frommen möglich macht, ihre religiöſen Pflichten zu erfüllen, und dabei an etwas ganz Anderes zu denken. Die Wahrheit zu ſagen, war indeſſen Silveſtre in dieſem Augenblicke viel mehr auf dem Wege des Herrn, als das Fräulein, ſeine Tante. Während ſie mit einer Geſchwindigkeit von ſechs Meilen in der Stunde das ge⸗ druckte Gebet abhaspelte, das ſie ſeit etlichen ſechszig Jahren kannte, und das wahrſcheinlich nie zu ihrer Seele geſprochen hatte, ſuchte Silveſtre auf die gegenwärtige Stunde ſeines Lebens die heiligen Grundſätze des Glau⸗ bens anzuwenden. Man muß zugeſtehen, daß ein mehr als weltlicher Gedanke ſich mit dieſer religköſen Sinnes⸗ richtung vermiſchte. Er träumte von Sabine, aber er träumte, wie alle für Eindrücke empfängliche Geiſter, im Sinne der Gegenſtände, von denen er umgeben war. „Warum ſollte ich ihr böſe ſeyn,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„weil ſie durch ein Vermögen reich iſt, das ihr Vater dem meinigen geraubt hat? Hat ſie es zu ver⸗ antworten, daß ſie von ſchuldbefleckten Eltern geboren iſt? Und muß ich ihr, der Unſchuldigen nicht vergeben, wenn ich hier den Gott anrufen will, der uns ſelbſt denen zu vergeben gebietet, die uns beleipigt haben?“ Es ließen ſich gewiß nicht leicht chriſtlichere Gefühle fordern, und Silveſtre's Tugend dünkte ſich ſtark genug, ſie in Ausführung zu bringen, aber jenſeits dieſes Opfers war dieſe Tugend nur Schwäche. Nur mit Widerſtreben vermochte er den Gedanken zu ertragen, ſich noch ein⸗ mal Fräulein Durand gegenübergeſiellt zu ſehen; er fühlte, daß der Widerwille, den er ferne von ihr zu beherrſchen vermochte, unwillkührlich beim erſten Begegnen wieder et⸗ wachen würde, beſonders wenn Herr von Belleſtar zu⸗ 35 fällig anweſend wäre. Wie kam es, daß Herr von Bel⸗ leſtar, ſo zu ſagen, als Sabinen's größtes Unrecht in den Augen von Silveſtre erſchien? Warum, wenn er ſo nachſichtig gegen ſie war, ſobald er ſie allein betrachtete, warum kam es ihm unverzeihlich vor, wenn ſie ihr Leben mit dem des Marquis verknüpfte. Hatte er oder ſeine Familie Theil an der Zugrundrichtung von Silveſtre's Vater genommen? Es bedarf kaum der Erwähnung, daß dies nicht der Fall geweſen iſt, und daß ſogar Sil⸗ veſtre dieſes Verbrechen Herrn von Belleſtar leichter ver⸗ ziehen haben würde, als er ihm die Anmaßung verzieh, Sabinen's Gatte werden zu wollen. In dieſen Aufruhr der Gefühle, von denen Prosny bewegt war, miſchte ſich indeſſen der ernſte Gedanke, daß ihm Pflichten zu erfüllen blieben, und wiederholt hatte ſich ſein Herz von allen dieſen Intereſſen losgemacht, um ſich gegen Gott aufzuſchwingen, und von ihm auf⸗ richtig das Licht, das ihn fuͤhren ſollte, und die erfor⸗ derliche Kraft zu erflehen, auf dem rechten Wege wan⸗ deln zu können. Noch hatte ſich in ſeinem Innern nichts entſchieden, als ſeine Betrachtungen durch eine Bewegung hinter ihm unterbrochen wurden; man zog ſich auf die Seite, wie um Jemand Platz zu machen; Silveſtre wandte ſich bei dieſem Geräuſche um, und ſah ſich von Angeſicht zu Angeſicht Fräulein Durand gegenüber, die, von einer alten Gouvernante begleitet, einen freien Stuhl mit den Augen zu ſuchen ſchien. Für jeden Andern, als Silveſtre, wäre es Gebot der allergewöhnlichſten Höflichkeit geweſen, ſeinen Platz einer unbekannten Dame anzubieten, für einen Schreiber aus dem Bureau des Herrn Simon war es eine Ver⸗ pflichtung, denſelben der Mündel ſeines Herrn abzutre⸗ ten, aber für Prosny war es eine enorme, eine ſeine Ehre gefährdende Handlung, eine Handlung von ſehr 3* 3 6 36 bedenklichen Folgen, wenn nicht gar Gewiſſensbiſſe da⸗ raus entſtehen dürften.“ 2 Silveſtre war von einem mächtigen inneren Sturme ergriffen, und gerade, weil ihn die plötzliche Erſcheinung in Verwirrung ſetzte, machte er, ohne es ſelbſt zu alſ⸗ nen, die maſchinenmäßige Bewegung, die ihn die Ge⸗ wohnheit des fein gebildeten Mannes gelehrt hatte. Er ging einen Schritt ſeitwärts, zeigte Fräulein Durand die zwei Stühle, und trat, ſich verbeugend und ohne ein Wort zu ſprechen, zuͤrück. Sabine dankte ihm mit ei⸗ nem leichten Gruße, ohne daß es ſchien, als hätte ſie ihn erkannt, und nahm ihren Platz ein. Bei dieſer Be⸗ wegung hatte ſich Fräulein von Prosny umgedreht, und ihr fahles, gallichtes Auge auf die ihr von ihrem Neffen gegebene Nachbarin geheftet. Sie ſah nur ein ſchönes junges Mädchen, aber das war hinreichend, dieſes Auge noch herber, noch gelber zu machen, und der Blick, den ſie Silveſtre zuſchleuderte, würde ihn grauſam auf ſei⸗ nen Fehler aufmerkſam gemacht haben, wäre er nicht von ſelbſt über das, was er gethan, furchthar aufge⸗ bracht geweſen. Er ſah in dieſem Augenblick die ganze Wuth ſeiner Tante vor ſich aufbrauſen und ſich geſtalten, ſollte ſie die Feigheit erfahren, welcher er ſich durch eine Artigkeit gegen die Tochter eines Mannes ſchuldig gemacht hatte, von dem Fräulein von Prosny ſtets in ſo harten, bitteren Ausdrücken ſprach, daß ſie die gemeinſten Beinamen, die von einer Zungenſpitze fallen können, zu einer Maſſe zuſammenhäufte, um fuüͤr den todten Feind ein Gefolge daraus zu bilden. Welche Beleidigung würde ſie nicht erblicken in dieſer von ihrem Neffen bewerkſtelligten An⸗ näherung von ihr, dem Fräulein von Prosny, dem Opfer, an die Tochter ihres Henkers, an die Tochter des Diebs, des Räubers, des verbrecheriſchen Durand? Nie iſt ein zwiſchen zwei Rivalinnen— von denen die eine zum Aeußerſten fähig war— geſtellter Mann von ſolchen Schauern ergriffen geweſen, nie hat. ein ——————— 37 Mann mit größerer Unruhe im Auge die Bewegungen derjenigen verfolgt, die mit dem geringſten Worte einen furchtbaren Ausbruch herbeiführen konnte. Diesmal war Silveſtre's Entrüſtung gegen Sabine wahr und aufrichtig. Dieſes weibliche Weſen hatte ſich in ſeine Gedanken, in ſeine Träume eingedrängt. Das war ſchon viel. Nun warf ſie ſich vollends unbedacht⸗ ſam in ſein Leben, um neue Pein ſeinen Schmerzen, un⸗ erträglichen Jammer ſeinem Elend beizufügen—, ei⸗ nem Elend, deſſen Urſache ſie war. Plötzlich durchkreuzt ein Gedanke Silveſtre's Kopf, denn die Erläuterung ſeiner Höflichkeit ſtellt ſich ſo ein⸗ fach und rein allen Geiſtern dar, daß Niemand im Stande iſt, ſie anders zu geben, als wie folgt: „Wie hätte er anders handeln ſollen? Er kann al⸗ lerdings unmöglich vergeſſen haben, durch welche ehrloſe Schurkenſtreiche Sabinen's Vater den ſeinigen in das Elend gebracht hat. Aber ſie iſt die Mündel ſeines Pa⸗ trons, der dieſes Mädchen anbetet. Herr Simon iſt nicht der Mann, der einen Mangel an Achtung gegen ſie dul⸗ den würde. Prosny mußte dies bedenken und doppelte Rückſicht nehmen, wollte er nicht zu ſehr darunter leiden, und der arme Junge hat für ſich und ſeine Tante nichts zu leben, als die fünfzehnhundert Franken, die er ſich bei Herrn Simon erwirbt. O! mein Gott, wenn man einzig und allein darauf angewieſen iſt, ſo muß man wohl den Nacken beugen!“ Die Möglichkeit dieſer Erklärung, das widerwärtige Mitleid, das die Welt ſeinem Benehmen angedeihen laſ⸗ ſen wollte, empörte Silveſtre und demüthigte ihn in ſei⸗ nen eigenen Augen, es demüthigte ihn um ſo mehr, je mehr Wahres darin lag, daß ſein ganzes Leben von der Stelle abhing, die er bei Herrn Simon einnahm. Hat man, von Natur hochherzig und mit einem ehrgeizigen Geiſte ausgerüſtet, aber von Unglück und Elend belaſtet, jeden Aufflug der Seele niedergedämmt, um von ehrſamer Arbeit ein mittelmäßiges, aber gere⸗ 38 geltes Daſeyn zu fordern; hat man alle ſeine Träume erſtickt, um ſich klein genug zu machen für den kleinen Platz, den der Zufall gewährt, und ein Zufall, wie der ſo eben berührte weist uns auf unſere niedrige Stellung hin, dann erzeugen ſich im Herzen Regungen der Wuth gegen die Welt, die ſo hart geweſen iſt, gegen uns ſelbſt, weil es uns an Muth gemangelt hat. Von dieſem Gedanken ergriffen, verachtete, verabſcheute ſich Siheſtre; zu dieſer Stunde wären ihm Elend, Hunger, Selbſtmord lieber geweſen, als das kalte Wort:„Er muß ſich wohl ſchmiegen, der arme Junge.“ In dieſem Augenblick hätte er nur im Stande ſeyn mögen, zu Herrn Simon zu laufen und demſelben ſeine Stelle zurückzugeben, um ihm zu zeigen, daß er Stolz im Gemüthe trage. Aber er konnte ſeine Tante nicht verlaſſen... Und dieſe einfache Reflection zog tauſend andere grauſame im Gefolge nach ſich. War ſie es nicht, von der ihm ſein Vater auf dem Sterbebette ge⸗ ſagt hatte:„Ich bin ſchuldig, daß ſie ihr ganzes Ver⸗ mögen verloren hat; die Gerechtigkeit fordert, daß Du ihr wenigſtens bis an das Ende ihrer Tage Brod gibſt.“ Durfte er, von einem heftigen Gefühle verletzter Eitelkeit getrieben, ſie des Erbtheils ſeiner Arbeit berau⸗ ben; ſelbſt wenn er die aufgegebene Stelle durch eine andere hätte erſetzen können— wußte er denn nicht, vaß bei einer ſo dürftigen Lebenslage, wo jede Ausgabe ſtrenge, Tag für Tag, nach der Einnahme jedes Tags abgemeſſen iſt, ein Monat des Harrens ein Monat des Jammers wäre, der lange Zeit auf dieſer armen, al⸗ ten Frau laſten würde? O! wie ward Silveſter's Herz von inneren Thränen bei dieſem Gedanken aufgeſchwellt, wie fühlte er ſich wahrhaft entrüſtet gegen Diejenige, welche ſich ſo unge⸗ ſchickt, jo gleichgültig auf die eingeſchlummerte Wunde ſei⸗ nes Herzens gelagert hatte. Der Gottesdienſt ging indeſſen zu Ende; Sabine —.—————— 39 wandte ſich um, und ſagte mit weichem Ausdrucke zu Silveſtre: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Doch ihre Stimme hielt wieder inne beim Anblick dieſes blaſſen, verzweiflungsvollen Geſichtes, vor dieſem furchtber drohenden Blick. Sabine zitterte, ſenkte ganz verwirrt den Kopf, und entfernte ſich, mehr als je über⸗ zeugt, daß dieſer Menſch entweder einen grauſamen Groll gegen ſie hege, oder daß vielleicht dieſes ſeltſame Weſen von der Bizarrerie eines vernunftloſen Charakters her⸗ rühre. Uebrigens hatte der erſte Moment dieſes Zuſammen⸗ treffens Sabine, eben ſo wohl wie Silveſtre, während der ganzen religiöſen Ceremonie in Unruhe erhalten; ſie hatte viel an ihren Nachbar gedacht, und der Eifer, den er gegen ſie an den Tag gelegt, hatte die Vermuthungen, die ſie während der vergangenen Nacht aufgeſtellt, bei⸗ nahe gänzlich vernichtet, und nun mußte ſie dieſelben plötzlich wieder aufnehmen. Aber die Ereigniſſe nehmen ihren Fortgang, und es iſt hier nothwendig, zu bemerken: tauſenderlei Umſtände gibt es im Leben, wo ein Wort, ein Schritt, eine Ge⸗ berde große Ereigniſſe bilden, denn ſie beſtimmen häuſig die ganze Zukunft unſeres Daſeyns. Dieſes bewährt ſich beſonders bei Männern, bei denen Herz und Geiſt allen Eindrücken und Erſcheinungen preisgegeben ſind, die von keiner Leidenſchaft beherrſcht werden, die das Leben er⸗ greifen, wie es ſich ihnen zufällig darbietet, beraubt der weiſen Vorſicht und des ſtarken Willens, der das Leben, wie man es geſtaltet wiſſen will, wählt und vorbereitet. Fräulein von Prosny hatte den Arm ihres Neffen genommen, und das erſte Wort, das ſie an ihn richtete, trug dergeſtalt das Gepräge ſtreitfüchtiger Gehäſſigkeit an ſich, die durch das Unglück erbitterten Seelen eigen iſt, daß Silveſtre völlig in Schrecken gerieth. „Wer iſt dieſes große Weibsbild, wegen deſſen Du mich dahin gepflanzt haſt?“ ſprach ſie. 40 Silveſtre hütete ſich wohl, auf eine polche Frage, in folchem Tone geſtellt, zu antworten, es ſey Fräulein Du⸗ rand. Er wußte zu wohl, welche Lawine von Schmä⸗ hungen und Vorwürfen ihm dieſe Antwort eintragen würde; überdies wollte er allerdings das Recht haben, tauſend ſchlimme Dinge von Sabine zu denken, er wollte ſie in ſeinem Innern alles Unrechts anklagen, das ihr von ihrem Vater vermacht worden ſehn konnte; aber es wäre ihm zu ſchmerzlich geweſen, ſolche Beſchuldigungen aus dem Munde ſeiner Tante zu vernehmen. Nach eini⸗ gem Zögern erwiederte er deshalb mit ſehr verlegener Miene: „Es iſt ein Fräulein, das ich bei Herrn Simon geſehen habe.“ „Ah!“ ſtieß die Tante aus und ſchnitt ihrem Neffen ein abſcheuliches Geſicht. „Es iſt die Tochter eines ſeiner Klienten.“ „Und kommt ohne ihre Mutter in die Kirche?“ „Ich glaube, ſie hat ihre Mutter verloren.“ „Und ihr Herr Vater läßt ſie allein gehen?“ „Ich glaube, ſie iſt eine Waiſe,“ ſagte Silveſtre, der den Fragen ſeiner Tante zu entſchlüpfen ſuchte. „Und wie heißt denn dieſe Waiſe,“ verſetzte Fräu⸗ lein von Prosny. In dieſem Augenblick ſtieß Silveſter ziemlich heftig eine alte Frau auf die Seite und rief: „Gebt doch Achtung, Ihr zerguetſcht mir die Füße!“ Das arme, alte Mütterchen hatte ihn nicht berührt. „Wo haſt Du ſo mit Frauen ſprechen gelernt?“ ſagte Fräulein von Prosny.„Benimmſt Du Dich unhöf⸗ lich, weil ſie alt iſt? Wäre es ein Zieraffe von derFigur der andern, ſo würdeſt Du ſie wohl wegen derSchmerzen, die ſie Dir verurſacht, um Verzeihung gebeten haben!“ Dies wurde geſprochen, während man aus der Kirche ging; Silveſtre fühlte ſich dermaßen von Zorn erfaßt, daß er ſeine Stimmung mit größter Mühe kaum zu ver⸗ bergen wußte. Er hoffte indeſſen, irgend ein unerwarteter Zwiſchen⸗ 41 fall würde die Aufmerkſamkeit ſeiner Tante auf einen an⸗ dern Gegenſtand lenken, als ihn ein neuer Schrecken überfiel, indem er Fräulein Durand, den Wagen erwar⸗ tend, auf dem Trottoir ſtehen ſah. Ein Bedienter war weggegangen, ihn zu ſuchen, und die Armen ſtreckten die Hände aus mit der Gierde, die eine Frau mit einer Equi⸗ page erwecken mußte. Sabine vertheilte allerlei Geldſtücke, als das Coupé, alles Volk auf das Trottoir treibend, anlangte. Sabine ſtieg raſch in den Wagen und gewahrte, da ſie ſich um⸗ gedreht hatte, um dem Bedienten einige Befehle zu ge⸗ ben, Silveſtre unferne von ihr. Eine jähe Röthe ſtieg ihr in das Geſicht. Silveſtre verbeugte ſich, ohne zu wiſſen, was er that, und das Fräulein antwortete dies⸗ mal mit einem ernſten Gruße. Silveſtre ſah, ſich gegen ſeine Tante wendend, ihr widriges Auge Blicke ſchlendern, als wollte ſie ihm das Geſicht damit zerfetzen. „Hum!“ ſagte die Alte,„eine Waiſe, die einen Wa⸗ gen beſitzt, die mit einem alten Weibe in die Kirche geht, das nicht ihre Mutter iſt,— wie heißt ſie denn?“ Silveſtre ſtellte ſich, als hätte er nicht gehört; aber die Tante hatte Klauen an der Zunge, und ſie fuhr fort, ihren Neffen zu quälen, daß er hätte laut aufſchreien mögen. „So geht es in uuſerer Zeit. Iſt das denn nicht ſchändlich, daß man einen der Namen der heiligen S dieſen nichtsnutzigen Weibsbildern da gegeben a 4 Diesmal verſtand Prosny nichts von allem dem, aber Fräulein von Prosny fuhr fort: „ Nennt man das nicht Loretten*).. nicht ſo?. „Me eine Tante,“ rief Silveſtre entrüſtet,„was wa⸗ — )„Loretten“ iſt der Spitzname von denjenigen Fräuen in Paris, welche von Liebhabern unterhalten werden. Anm d. Ueberſ. 42 gen Sie gegen dieſes Mädchen zu ſagen? Das iſt ab⸗ ſcheulich!“ „Ah! Es iſt doch ganz ſonderbar, allein in die Kirche zu kommen; doch da Du es in Schutz nimmſt.. Und wie heißt denn dieſe Tugend?“ Das war eine niederſchmetternde Frage. „Sie heißt... ich erinnere mich nicht.“ „Ah! Du weißt den Namen der Frauen nicht, denen Du den Platz neben mir in der Kirche abtrittſt.... Du weißt den Namen der Frauen nicht, die Dich erröthend grüßen. Du weißt den Namen der Klienten Deiner Schreibſtube nicht, den Namen der Waiſen, welche Equipage beſitzen? Das iſt gut. ganz gut...“ „Aber, meine Tante....“ „Daß Dich Deine Liebeshändel nur nicht von der Arbeit abhalten...“ „Aber, meine Tante....“ „Ein andermal wähle Deine Rendezvous nur ſo, daß ich ihnen nicht als Deckmantel dienen muß.“ Das hätte einen Geduldigeren, als Silveſtre, zur Verzweiflung bringen können. Ungeſtüm entzog er ſeiner Tante den Arm und ging einen Schritt voraus. Der Zorn machte Fräulein von Prosny ſtarr. Silveſtre be⸗ meiſterte ſich und kehrte zurück. „Meine Tante,“ ſprach er mit erſchütterter Stimme:„Ich bitte Sie, keiner boshaften Voraus⸗ ſetzung über die junge Perſon Raum zu geben, die Sie ſo eben geſehen haben; ſie iſt nichts von dem, was Sie glauben dürften, und es wäre eine Niederträchtigkeit, ſolche Worte zu wiederholen.“ Der Ausdruck Silveſtre's war ſo offen und entſchie⸗ den, daß er die Fluth von Schmähungen zurückdrängte, die am Rande der Lippen des Fräuleins von Prosny ſprudelten; aber ſie hielt ſich nicht für geſchlagen und erwiederte: „Deſto beſſer für ſie, wenn ſie einer ehrenwerthen Familie angehört.“ 43 Silveſtre bebte, denn durch einen von den Inſtink⸗ ten, womit die Bosheit ſo wunderbar ausgeſtattet iſt, hatte Fräulein von Prosny endlich den Fleck getroffen, wo ſie die Unbekannte wirklich angreifen konnte. Die Tante fühlte Silveſtre's Erbeben, und fuhr in ironiſchem Tone fort: „Deſto beſſer auch für Dich. Es iſt kein Ereigniß ohne Beiſpiel, däß der Schreiber eines Sachwalters eine hübſche Mitgift findet, um ſich damit eine gute Stelle zu kaufen, und bringt ihm ein ſchönes Mädchen dieſe Mitgift, ſo iſt es nur um ſo erfreulicher.“ Dieſe Worte brachten in Silveſtre's Geiſt eine Welt in Aufruhr. Sie führten ihm die Idee vor das innere Auge, ſeinen Namen mit dem der Tochter des ehrloſen Durand verbunden zu ſehen. „Oh!“ rief er mit aller Heftigkeit,„laſſen Sie ab von dieſem Weſen, ich bitte Sie; Sie wiſſen nicht, wie wehe Sie mir thun, wenn Sie ſo ſprechen.“ Während dieſes Geſprächs waren Silveſtre und ſeine Tante bis an die Thüre ihres Hauſes gelangt. „Ich muß in die Schreibſtube gehen,“ ſagte Sil⸗ veſtre.„Adien, meine Tante, adieu.“ Fräulein von Prosny wußte, daß ſie ihren Neffen nicht zurückhalten konnte; aber ſie begriff, daß ſie einen Gegenſtand berührt hatte, der ſie lebhaft intereſſiren mußte. „Ich glaubte, der Weihnachtstag wäre ein Tag der Ruhe;“ ſagte ſie,„doch ich will keines Menſchen Rendezvous ſtören.“* Silveſtre antwortete nicht, und ſeine Tante fügte höhniſch lächelnd bei:„Ich ſpreche von Geſchäfts⸗Ren⸗ dezvvus.“ Silveſtre entfernte ſich; die Tante aber blieb einen Augenblick auf der Thürſchwelle ſtehen und ſprach „Ich werde erfahren, was daran iſt, gewiß werde ich das. ———— 44 Silveſtre mußte ſich wirklich zu Herrn Simon be⸗ geben, und die Gewohnheit machte, daß er den rechten Weg nahm; aber er dachte weder an das, was er that, noch an die Geſchäfte, die er abzumachen hatte. Die ſeltſame Vorausſetzung ſeiner Tante hatte ihm den Kopf verrückt; doch nicht als hätte Silveſtre einen Angenblick an die Möglichkeit einer Verbindung mit Fräulein Durand glauben können. Seine Armuth wäre durchaus kein unüberſteigliches Hinderniß geweſen, hätte nur nicht ſeine widrige Empfindung einen ſolchen Gedanken mit Verbot belegt. Doch man hatte ihm dieſen Gedanken einmal dargeboten. Wie ein raſches, jählings einbrechendes Licht hatten die Worte ſeiner Tante die düſtere Un⸗ ruhe beleuchtet, in der Silveſtre umherſchwankte; ſie hatten ihm den Punkt gezeigt, worauf bei jedem An⸗ dern, als bei ihm, die unbekannten Gefühle abzielen mußten, die ihm Sabine einflößte, und indem er ſich unglücklich erklärte, nicht einmal von einer ſolchen Hoff⸗ nung träumen zu können, fragte er ſich zugleich, ob er n das weibliche Weſen liebe, däs er ſo ſehr haſſen wollte. Wie?! wedden einige Leſer dieſer Geſchichte ſagen, wie, weil er ſie einmal getroffen, ohne ſie zu kennen, dachte er ſchon daran, ſie zu lieben? Ich leiſte Verzicht auf jede Erklärung denen gegenüber, welche es nicht ver⸗ ſtehen, welche fragen, warum man ſo heftig und ſo ſchnell liebe; aber ich kann bezeugen, daß nur ein Menſch, der wüthend iſt, verliebt zu ſehn, plötzlich ſo unangenehm, ſo ungeſtüm, ſo ungebuldig zu werden vermag, wie Silveſtre, als er, in die Schreibſtube eintretend, hörte, daß er Herrn Simon nicht ſprechen könnte. Und warum? Weil Fräulein Durand ſich im Ka⸗ binet des Sachwalters befand, der bereits mehrere Perſonen hatte abweiſen laſſen. Es handelte ſich alſo um eine ſehr wichtige Beſprechung. Wirklich war Sabine bis auf dieſen Tag nie in dem Kabinet ihres Vormunds erſchie⸗ nen, das, wie ſeine Schreibſtube im Entreſol liegend, 45 völlig von ſeinen Privatzimmern im erſten Stocke getrennt war. Aber Silveſtre wäre noch viel mehr erſtaunt geweſen, hätte er den Gegenſtand dieſer Unterredung erfahren können. Sabine war bei ihrer Rückkehr, ſtatt ſich in ihre Zimmer hinauf zu begeben, geraden Wegs zu Herrn Si⸗ mon gegangen. Dieſer ſtand ſchleunigſt auf, als er ſie erblickte, und ſagte mit heiterer Laune zu ſeiner Mündel. „Eh, mein Gott, haben wir einen Prozeß, mein Kind, daß Du mich im Allerheiligſten des Rechtsbeiſtands, wie Du es nennſt, aufſuchſt? Wegen welcher Angelegen⸗ heit willſt Du mich um Rath fragen?“ „Wegen einer wichtigeren Angelegenheit, als Sie wohl denken mögen,“ ſprach Sabine in ernſtem Tone. „Ich ſtehe ganz zu Befehlen meiner ſchönen Klientin,“ erwiederte Herr Simon lachend. Während er ſie neben ſich ſitzen hieß, prüfte er ſie aufmerkſam und mußte ſich überzeugen, daß ſie wirklich von einem Gegenſtand von Bedeutung erfüllt war. Er vermuthete augenblicklich, daß der Scherz, den er am Abend vorher hinſichtlich der Bewerber um die Hand ſeiner Mündel getrieben, er vermuthete, ſage ich, daß dieſer Scherz, mit der Anweſenheit des Herrn von Belleſtar in Verbindung gebracht, Sabine in Unruhe verſetzt hatte, und daß ſie ſich hierüber mit ihm erklären wollte; er war daher nicht wenig überraſcht, als ſie ihn auf eine un⸗ geſtüme und entſchloſſene Weiſe fragte: „Mein Freund, Sie müſſen mir ſagen, was Herr von Prosny iſt?“ „Herr von Prosny,“ ſprach der Vormund, Sabine anſchauend,„Silveſtre?“ „Ja, Herr Silveſtre von Prosny, Ihr Oberſchreiber.“ Dieſe ſcheinbar ſo einfache Frage muß von großem Belange geweſen ſeyn, denn Herr Simon, ſo unverſehens angefaßt, gerieth in bedeutende Verlegenheit; er bewegte ſich auf ſeinem Fauteuil hin und her, machte eine be⸗ zeichnende Geberde, ſuchte ſich mit ein paar kleinen Aus⸗ rufungen Luft zu ſchaffen, und antwortete endlich; 46 „He! er iſt, was Du ſo eben geſagſt haſt, mein Oberſchreiber....“ „Sie begreifen wohl, daß ich dies nicht fragen wollte.“ „Ho!“ rief Herr Simon, ſich etwas erholend,„es iſt ein guter, braver Junge..4 „Es iſt ein Mann von Verdienſt und Ehre, das habe ich zwanzigmal von Ihnen ſagen hören“ „Nun denn, was willſt Du noch mehr wiſſen? Und überdies,“ fügte Herr Simon bei, Sabine noch auf⸗ merkſamer betrachtend,„warum dieſe Frage?“ „Sie fragen mich, ſtatt mir zu antworten. Ich will, ja das iſt das rechte Wort, ich will wiſſen, was Herr von Prosny iſt.“ 5 Herr Simon ſchwieg und rieb ſich die Stirne. „Es iſt ſonderbar, daß Du dieſe Frage an mich richteſt, und dennoch.....“ Er hielt inne und überlegte. Sabine. „Mein Kind,“ verſetzte Herr Simon,„das iſt eine ernſte, ſehr ernſte Sache.“ „Ich hatte mich alſo nicht getäuſcht,“ rief Fräulein Durand;„ſagen Sie mir Alles.. ich bitte Sie, es iſt Ihre Pflicht...“ Herr Simon faßte die Hände ſeiner Mündel, und die Thränen gewahrend, die ihren Augen entſtürzten, begriff er, daß ſie die Wahrheit, wenigſtens in ihren Gedanken, ge⸗ troffen hatte. „Sabine,“ ſprach er ſanft,„ich werde Dir Alles ſa⸗ gen, was ich Dir zu ſagen habe, aber vorher will ich wiſſen, warum Du dieſe Frage an mich richteſt? Sabine erröthete, und nun ſuchte ſie ihrerſeits nach einer Antwort; endlich aber erwiederte ſie, die Augen nie⸗ derſchlagend:* „Vielleicht habe ich mich durch das Benehmen des Herrn von Prosny gegen mich genöthigt geſehen, dieſe Frage zu thun.. „Wollen Sie dieſe Frage nicht beantworten,“ ſprach 47 „Sollte er es haben an Achtung mangeln laſſen?“ ſagte Herr Simon lebhaft.„Sollte er ein unpaſſendes Wort zu Dir geſprochen haben?“ „Herr von Prosny iſt zu gebildet, um dies zu thun; aber man braucht nicht immer zu ſprechen, um zu zeigen, mit welchem Widerwilien man gewiſſen Perſonen begegnet.“ „Er hat es Dir alſo gezeigt?“ „Er wollte es vielleicht nicht, aber ich habe es geſehen.“ „Du täuſcheſt mich nicht, Sabine?“ verſetzte Herr Simon in ernſtem Tone.„Ich liebe Silveſtre ſehr, ich liebe ihn wegen ſeiner guten Eigenſchaften; ich liebe ihn vielleicht auch, weil er nicht an dem Platze iſt, den er ein⸗ nehmen müßte. Aber wenn er Dir auf irgend eine Art die unangenehme Empfindung gezeigt hätte, die Deine Gegenwart in ihm erregen kann, ſo würde ich ihm nie vergeben.“ „Meine Gegenwart muß ihm alſo eine unangenehme Empfindung, vielleicht gar Kummer verurſachen?“ „Mein liebes Kind, Niemand iſt ſicher vor einer be⸗ trübenden Erinnerung an vergangene Unglücksfälle. Aber ſage mir nun endlich, und ich ſpreche im Ernſte mit Dir, wie Du mit mir geſprochen haſt: wer hat Dich von der.... von der beklemmenden Lage in Kenntniß geſetzt, in der ſich Silveſtre Dir gegenüber befinden mußte?“ „Niemand als er ſelbſt, und einige Worte, die ich durch Zufall aufgefangen habe.“ Sabine erzählte ihrem Vormund das Abenteuer mit dem Album, ſodann wie ſie erfahren, wie der Anblick ge⸗ rade dieſer Zeichnung Silveſtre habe ſchmerzlich ſeyn müſſen. Sie erwähnte auch der ſeltſamen Wirkung, welche die von ihr geſungene Romanze hervorgebracht hatte. Endlich ſagte ſie ihm Alles, mit Ausnahme deſſen, was die Frauen nie ſagen— weil es Frauen ſind, weil ſie tauſend Dinge da fühlen, begreifen, errathen, wo wir nichts ſehen. Sie ſagte ihm auch nicht, daß jeder andere Mann, als Silveſtre, Alles hätte thun können, was er gethan hatte, ohne daß „ 48 ſie darauf Achtung gegeben hahen würde. Und darin log ſie nicht, denn ſie wußte nicht, daß alles das gleichgültig iſt, was von einem Gleichgültigen kommt. Sie hatte in⸗ deſſen keine Geheimniſſe zu bewahren, kein ſchlaues Ver⸗ fahren zu beobachten Herrn Simon gegenüber. Aufgeklärt über das, was Sabinen die Frage hatte eingeben können, ſuchte er durchaus nicht weiter in die Wirkung einzudringen, die Silveſtre's Benehmen auf ſie hervorgebracht haben mochte; er verſank in tiefes Nachdenken, er ſann auf die Antwort, die er ihr geben ſollte. Endlich nach langem Stillſchweigen erwiederte er: „Sabine, ich bin Dir gegenüber in peinlicher Verle⸗ genheit. Was Du mich fragſt, fann ich Dir nur ſehr ſchwer ſagen.“ Sabine ließ ſeufzend den Kopf ſinken. „Die vertrauliche Mittheilung, die ich Dir ſchuldig bin, und die ich Dir auch machen werde, kann Reſultate haben, die man mir ohne Zweifel zum Vorwurf machen würde. Ich muß nachdenken; ich muß Maßregeln er⸗ greifen. Ich bitte um einen Monat Friſt, um Dir die gewünſchte Antwort zu geben.“ „Nicht einen Tag, nicht eine Minute, Herr Simon,“ ſprach Sabine mit zitkernder Stimme.„O, ich habe Sie begriffen, ich habe Alles begriffen... Ich weiß jetzt Alles: Herr von Prosny iſt zu Grunde gerichtet worden durch...“ Als ſie eben dieſen Namen ausſprechen wollte, der für alle Kinder ſo ſüß zu nennen iſt, und der für ſie ſo grauſam war, klopfte man an die Thüre des Kabinets, und Radinot, der einzige Schreiber, der es gewagt hätte, dieſe Unterredung zu ſtören, kündigte ſeinem Pakron an, daß mehrere Klienten, die er beſtellt, ſeit geraumer Zeit auf ihn warteten. Radinot wurde in der ihm ſo angenehmen Hoffnung getäuſcht, ſeinen Patron durch die Unterbrechung in Zorn zu bringen, und Herr Simon, äußerſt erfreut, Sabine nicht antworten zu müſſen, gab Befehl, die Wartenden einzu⸗ laſſen; dann ſchickte er Sabine weg, indem er noch ſagte: 49 „Wir werden morgen über dieſen Gegenſtand ſprechen.“ Um in ihr Zimmer zu gelangen, war Sabine genö⸗ thigt, durch das Kabinet von Silveſtre und das Arbeits⸗ zimmer der andern Schreiber zu gehen. Als ſie eintrat, ſchien er beſchäftigt, einen Stoß Akten zu durchgehen. Aber er war dergeſtalt in ſeine Reflerionen verſunken, daß er diejenige gar nicht ſah, an welche er gerade in dieſem Augen⸗ blick dachte. Sie ſtand ſtille, um ihn zu betrachten. Die bittere, ſchmerzliche Reſignativn, die in dem Geſichte dieſes jungen Mannes abgemalt war, ſchnürte ihr das Herz zu⸗ ſammen... Sie machte einen Schritt gegen ihn. Er hörte ſie, und als er ſie ſah, entfuhr ihm ein dumpfer Ausruf, doch beinahe ebenſo bald hielt er wieder an ſich, ſtand auf und verbeugte ſich tief. Sabine entfernte ſich, aber mit einer Bewegung pein⸗ licher Ungeduld, und ſie ſprach in ihrem Innern: „Wäre ich ein Mann geweſen, ſo würde ich ihm die Hand gereicht und geſagt haben: wollen Sie als Bruder mit mir theilen?“ Als Herr Simon von den Klienten frei war, die er ange nommen hatte, dachte er lange über das Ereigniß nach, das ſich ſo eben in ſeinem Hauſe zugetragen hatte, denn für ihn war es ein großes Ereigniß, und zwar aus folgenden Gründen: Herr Simon hatte ſeine Mündel durchaus nicht als Komödien⸗Vormund erzogen. Er hatte ſich durchaus nicht darauf beſchränkt, ihr jenen gefährlichen Unterricht zu er⸗ theilen, der aus der Mehrzahl der Frauen in unſeren Tagen mittelmäßige Malerinnen oder eingebildete Muſikerin⸗ nen macht, wenn ſie es nicht gar ſo weit treiben, daß ſie, die Eindrücke ihres Herzens, gewürzt mit hohlen Träumen ihres Geiſtes, ſchreiben und zum Drucke befördern. Un⸗ ſer Sachwalter hatte über Sabinens fittlicher Erziehung gewacht, aber er hatte dieſe Erziehung nicht darauf be⸗ ſchränkt, ihr die ſtrenge Zurückhaltung einzuflößen, welche die Frauen vor vielen Gefahren ſicher ſtellt, indem ſie die⸗ Frederie Soulie. Von Tag zu Tag. 50 ſelben vor mancherlei Angriffen rettet. Er hatte ihr nicht einmal jene edle Schamhaftigkeit, jene e Achtung vor ſich ſelbſt gelehrt, ohne welche die Frau nur der weibliche Gefährte unſerer Vergnügungen iſt, und von dem keuſchen Altar herabſteigt, wo man ſie als ein Götterbild verehren darf. Er hatte ihr nur geſagt, daß der gauze Umfang der Pflichten eines Weibes in der Keuſchheit des Mädchens und in der Treue der Gattin beſtehe: er hatte ſie mit größerem Ernſte, als dies gewöhnlich geſchieht, in das ein⸗ geweiht, was die wahre Tugend bildet. Sabine ſollte mit achtzehn Jahren Herrin eines großen Vermögens, Herrin von ſich ſelbſt werden, das heißt Her⸗ rin, ſich einen Namen, einen Gatten, vielleicht einen Herrn zu wählen. Es war alſo möglich, daß ſie ſich dem Einfluß den ihr Vormund über ſie bewahren ſollte, und in dieſer Vorausſicht hatte er in das er ſeiner Mündel die wachſamen Grundſätze zu pflanzen geſucht, die ſie gegen die leidenſchaftlichen Regungen ſchützen wür⸗ den, die ſchon ihre Kindheit offenbarte. So hatte Herr Simon nie bis zu ſeiner Mündel die unſchuldigen Scherze gelangen laſſen, die man die Thor⸗ heiten der Jugend zu nennen ürereingekommen iſt. In einer Epoche, wo die Converſation mit Allem ſpielt, mit dem Laſter, mit dem Verbrechen, mit dem Raub, hatte der ſtrenge Vormund nie geſtattet, daß eine von den tau⸗ ſend Erzählungen, welche die müßigen Stunden in den Salons zu vertteiben haben, leichtſinnig vor ſeiner Mün⸗ del preisgegeben wurden. Sie war nicht daran gewöhnt, lachen zu hören über Spekulanten, die auf eine bewunderungswürdige Weiſe ihre Aktionäre beſtehlen„ über junge Leute, welche reizende Schulden machen, und über Spitzbuben, die ein mäch⸗ tiges Genie entwickeln, Uhren und Börſen zu entführen. Simon war der Anſicht, daß, wenn man einer ſolchen Unredlichkeit unter irgend einem Vorwande in den Geiſt einzudringen geſtattet, die anderen nothwendig nachfolgen müſſen. Sabine war, wie geſagt, dem ausgeſetzt, ganz 51 allein ihr Geſchick entſcheiden zu müſſen. Die Wirkung der Verführungskünſte befürchtend, von denen ſie umgeben ſeyn könnte, hatte Herr Simon eine unanſtändige Auf⸗ führung, die Unredlichkeit, ſogar die Unzartheit zu Gegen⸗ ſtänden des Widerwillens und der Verachtung gemacht, die ihrem Geiſte und ihrem Herzen ſo gehäſſig wurden, daß er überzeugt war, nie werde ein Mann, dem man die geringſte zweifelhafte Handlung vorwerfen konnte, Herr⸗ ſchaft über die Gefühle von Fräulein Durand gewinnen oder bewahren. Gewiß war es ſchwer, mit edlerer Vorſicht die Pflich⸗ ten der Vormundſchaft zu erfüllen; aber durch einen be⸗ ſonderen Umſtand war die Strenge der Grundſätze, die er Sabinen eingepflanzt hatte, für ihn eine Urſache des Ver⸗ druſſes mehr geweſen, und verſetzte ihn nun in eine wahr⸗ haft peinliche Verlegenheit. Zum unglücke war Sabine die Tochter eines Man⸗ nes, deſſen Vermögen ſchändlichen Operationen entfloſſen war, obgleich er dieſe ſtets vor gerichtlicher Verfolgung ſicher zu ſtellen gewußt hatte. Sabinens Mutter, wenn ſie ſich auch nicht ſelbſtthätig in die verwerflichen Speku⸗ lationen des Herrn Durand eingelaſſen hatte, war Theil⸗ nehmerin an denſelben dadurch geworden, daß ſie ſich zur Bewachung und Bewahrung eines unwürdig erworbenen Vermögens hergegeben hatte. In Betreff der Güter⸗Ver⸗ waltung von ihrem Manne getrennt, fand ſie ſich bei jedem neuen von ihm zu Wege gebrachten Bankerotte rei⸗ cher. Obgleich ſie ſich nur dem Willen ihres Gatten unter⸗ worfen hatte, ohne ihn je mit ihren Wünſchen oder mit ihren Rathſchlägen zu unterſtützen, ſo war ſie doch mit dem Rufe geſtorben, ſeine Mitſchuldige geweſen zu ſeyn. In Folge hievon geſchah es, daß, wenn Sabine Herrn Simon oder ſeine Gattin fragte, was ihre Eltern geweſen wären, der eine wie die andere meiſtens nur ausweichende Antworten gaben, und auf eine entfernte Zeit die Erklä⸗ rungen verſchoben, die ihre Mündel von ihnen forderte. — 4* 52 Aber trotz allen dieſen Vorſichtsmaßregeln, trotz tauſend Ausweichungen hatte ſich die Wahrheit, wie man erſehen konnte, einen Weg zu Sabine zu bahnen gewußt; doch dieſe Wahrheit war nur zu ihr gelangt, wie eine unbeſtimmte, allgemeine Auffaſſung ohne perſönliche An⸗ wendung. Und nun, da ſie beinahe gewiß iſt, daß ihr Reich⸗ thum in einem Vermögen von verächtlichem Urſprung beſtehe, trifft Sabine plötzlich einen Mann, der ihr ein unmittelbares Recht zu haben ſcheint, ſich über dieſen ſchlecht erworbenen Reichthum zu entrüſten, einen von der ganzen Welt geſchätzten, in ſeiner Armuth ſtolzen Mann, der vielleicht ſagen kann, daß kein Heller bei dieſem glänzenden Vermögen ſey, den er nicht mit einer Entbehrung und einer Arheit bezahle, wofür er nicht gemacht war. Was ſollte aber Sabine einem ſolchen Manne ge⸗ genüber, und mit den Gefühlen thun, die ihr Herr Simon eingeflößt hatte. Gerade das, was ſie gethan hatte. Hier fing die Verlegenheit des Vormunds an. Wenn ich ihr die Wahrheit entdeckt hätte, ſprach er zu ſich ſelbſt, wenn ich ihren Verdacht zur Gewißheit gemacht hätte, was würde ſie thun? Das beunruhigte Herrn Simon. Würde ſie freiwillig das geraubte Vermögen zurück⸗ geben? Allerdings wäre dies eine ſchöne, edle Handlung; und von einem Manne vollführt, müßte ſie dieſem und dem Vormund Beifall bringen, welcher ihm die Gefühle eingepflanzt hätte, die ihm bei ſeinem Benehmen als Richtſchnur und Beweggrund dienten. Aber bei einer Frau unterliegt Alles verſchiedenen Anſichten; durch ihre muthmaßliche Schwäche iſt ſie nach der Meinung der Welt zu ſehr dem Einfluß ihrer Umgebung bloßgeſtellt, als daß man nicht ſagen würde, Herr Simon habe bei dieſer Wiedererſtattung mitgeholfen, ſeine Rathſchläge, ſeine, vielleicht auf ſein eigenes Intereſſe gegrühdeten, 53 Forderungen, welche von boshaften Menſchen auf eine ſchöne Summe angeſchlagen werden dürften, haben Fräu⸗ lein Durand zu ihrem Verfahren beſtimmt. Die Freundſchaft, die er gegen Prosny ſtets bewieſen, das Aſyl, welches er ihm in ſeinem Hauſe gewährt hatte, würden auf eine bewunderungswürdige Weiſe dieſe Ope⸗ ration von neuer Art erklären, und Herr Simon war ein zu ehrlicher Mann, um nicht viele Feinde zu haben, die nur auf eine Gelegenheit warteten, ſagen zu können, er ſey es nicht. Bis auf dieſen Tag hatte er darauf gehofft, ſeine Mündel werde ſich verheirathen, ehe ihn irgend Etwas nöthigen könnte, in dieſer Sache einen Schritt zu thun. Er hatte ſie ſtets von der Berührung mit Leuten ferne gehalten, die ſie aufklären konnten; ſie hatte die ſchönen Jahreszeiten meiſtens auf dem Lande zugebracht, und ſeit einem Monat, den ſie in Paris war, zeigten ſich Freier in ſolcher Anzahl und von ſolcher Auszeichnung, daß Herr Simon kein mehrſtündiges Zuſammentreffen mit Herrn von Prosny fürchten zu müſſen glaubte. Der Zufall hatte anders entſchieden, und er fand ſich einer beinahe unauflöslichen Schwierigkeit gegenüberge⸗ ſtellt. In dieſer Beklemmung ſuchte er ſogleich das Ziel zu erreichen, das er vor Allem im Auge hatte, und ſchrieb ungeſäumt Herrn von Belleſtar, er möchte die Gefälligkeit haben, ſich den nächſtfolgenden Tag in ſeinem Hauſe einzufinden. Sobald dies geſchehen war, begab er ſich hinauf, in der Hoffnung, Sabine bei ſeiner Gattin zu finden; aber er erfuhr, daß ſeine Mündel, heftige Kopfſchmerzen vorſchützend, ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen hatte. Er begriff, um welcher Gedanken willen ſie die Ein⸗ ſamkeit geſucht, und wollte ſie rufen laſſen, aber ſeine Gattin hielt ihn zurück und ſagte: „Iſt Etwas zwiſchen Dir und Sabine vorgefallen?“ „Ich werde es Dir erzählen,“ erwiederte Herr Si⸗ mon,„aber ich will vor Allem, daß Du ſie zwingſt heute, morgen und während mehrer Tage auszugehen. Es kommt die Zeit der Etrennes*), auch iſt ihr Na⸗ menstag am Ende dieſer Woche; das gibt Dir einen Vorwand, ſie in die ſchönſten Magazine, oder wohin es Dir immer beliebt, zu führen. Ich eröffnete Dir ſogar einen Credit von zehntauſend Franken, damit Du ihr nichts zu verweigern brauchſt, was ſie etwa wünſchen möchte.“ „Ich muß Dir einen ſeltſamen Umſtand mittheilen,“ verſetzte Madame Simon;„Sabine hat mich zwar um das tiefſte Stillſchweigen hisrüber gebeten, und ich habe es ihr auch zugeſagt, aber was ſie mich gefragt, ſcheint mir doch gar zu bizarr und unvernünftig.“ „Und was hat ſie denn gefragt?“ „Es muß nothwendig eine Beziehung auf den envr⸗ men Credit haben, den Du mir eröffneſt, um ihren Lau⸗ nen zu fröhnen; ſie hat mir ganz einfach geſagt:„Wenn ich von meinem Vormund hunderttauſend Franken von meinem Vermögen verlangte, würde er ſie mir wohl geben?“„ „Ah!“ rief Simon, mit thm Fuße ſtampfend,„ſteht es ſo?“ „Ich geſtehe,“ ſagte Mme Simon, gasz erſtaunt; über die ernſte Miene, womit ihr Gatte dieſe Mitthei⸗ lung vernahm,„ich geſtehe, daß ich über dieſe tolle Frage lachen mußte, und daß ich ihr entgegnete, Du müßteſt und könnteſt es nicht thun.“ „Ganz richtig, ich muß es nicht und kann vs nicht; und nach dieſer Verneinung hat ſie ſich in ihr Zimmer zurückgezogen?“ „Ein paar Augenblicke nachher, aber ohne daß es ausſah, als wäre ſie durch meine Antwort verletzt oder geärgert worden. Nur hat ſie mich inſtändig gebeten, Dir nichts von dieſer Thorheit mitzutheilen, und ich 9 Die Etrennes ober Neujahrsgeſchenke erſetzen theilweiſe unſere Weihnachtsgeſchenke. Der Ueberſ. 55 legte in der That ſo wenig Gewicht darauf, daß ich es, ohne das, was Du mir ſo eben ſagteſt, nicht gethan hätte.“ Herr Simon erzählte in der Eile ſeiner Gattin, was zwiſchen ihm und ſeiner Mündel vorgegangen war, und bat ſie ſodann, zu Sabine zu gehen. Madame Si⸗ mon kehrte ſogleich wieder zurück. Sabine war nicht in ihrem Zimmer. Man ſuchte ſie im ganzen Hauſe, und erfuhr endlich vom Hausmeiſter, daß ihre Gouvernante einen Fiaker herbeigeholt hatte, und daß ſie mit einander ausgefahren waren. Bei Sabinens Lebensweiſe erſchien es als etwas Unerhörtes, daß ſie ſich mit dieſer Frau wegbegeben hatte, ohne Madame Simon zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen. Herr Simon, obgleich überzeugt, daß dieſer Ausgang mit dem in Verbindung ſtehen müſſe, wovon zwiſchen ihm und Sabine die Rede geweſen war, verlor ſich doch in Vermuthungen darüber, was ſeine Mündel wohl im Sinne haben möchte. Er ſtellte indeſſen alle Fragen an die Leute ſeines Hauſes ſo, daß es den Anſchein hätte, als billigte er, was ſie gethan; er machte ſogar einige Scherze über Sabinens Einbildung, am Neujahrstag überraſchen zu wollen; doch war er nicht wenig er⸗ ſtaunt, als ihm Einer von ſeinen Leuten ſagte, ehe ſie weggefahren, habe ſich die Gouvernante nach der Adreſſe des Herrn von Prosny in der Schreibſtube erkundigt. Ohne vermuthen zu können, dieſe Mittheilung ſey in böslicher Abſicht gemacht worden, war doch Madame Simon ſehr ärgerlich über dieſen Umſtand; es bedarf ſo wenig, um einen Vorwand zu einer ſchlimmen Nachrede zu geben, und ſo leiſe dieſe von Anfang ausgeſprochen wird, ſo findet ſie doch gar leicht Echos in Menge, und die gute Dame nahm ſich deshalb vor, das unkluge Mädchen gehörig zu zanken. Herr Simon aber forderte ſeine Gattin auf, ſich zu ſtellen, als wüßte ſie gar nichts von Sabinens Schritt, oder wenigſtens, als legte ſie gar keinen Werth darauf, und verſprach, die Sache bald in Erfahrung zu bringen. ——— 4 56 Es war kaum eine Stunde vorüber, als Sabine zurückkehrte. Madame Simon ließ ſie auf dem Glauben, ſie habe ihre Wachſamkeit getäuſcht, und ging erſt eine halbe Stunde nach ihrer Rückkehr zu ihr. Auf den erſten Blick konnte ſie ſehen, daß etwas Außerordent⸗ liches vorgegangen ſeyn mußte, Sabine ſtrahlte, eine innere Zufriedenheit leuchtete aus ihren Augen. Ma⸗ dame Simon wußte, daß die Freude gewöhnlich mittheil⸗ ſam iſt, und ſagte zu ihrer Mündel: „Du biſt ganz von Deinem Kopfweh geneſen?“ „Vollkommen.“ „Das haſt Du wohl Deinem Spaziergang zu ver⸗ danken?“ „Nun wohl, ja,“ erwiederte Sabine freudig. Es lag eine ſo naive Befriedigung in dieſer Ant⸗ wort, daß Madame Simon dieſer freudigen Aufwallung keinen Damm entgegenſtellen wollte, aus Furcht, zugleich das Vertrauen zurückzudrängen, daß ſie zu gewinnen hoffte. „Du haſt wohl ſchöne Sachen gemacht?“ ſprach ſie zu Sabine. „Eine gute, hoffe ich, gemacht zu haben,“ erwie⸗ derte dieſe. „Und darf man dieſelbe wiſſen?“ „Sie ſollen ſie am Neujahrstag erfahren; es iſt eine Ueberraſchung, die ich mir für Sie und meinen gu⸗ ten Vormund vorbehalte.“ Sabinens Antwort ſchien auf etwas ſo Wahrſchein⸗ liches, das heißt auf ein Geſchenk anzuſpielen, das ſie für den Reujahrstag bereitete, daß Madame Simon am Ende meinte, ſie und ihr Gatte könnten einem durchaus natür⸗ lichen Schritte ganz außerordentliche Gründe unterlegt haben. Sie machte jedoch einige Verſuche, um heraus⸗ zubringen, was für eine wichtige Angelegenheit es gewe⸗ ſen ſeyn möchte; aber Sabine bat ſo anmuthig und in⸗ ſtändig, ihr Geheimniß verſchweigen zu dürfen, daß Madame Simon allmälig die Ueberzeugung gewann, ihre Mündel ſey aus keinem anderen Grunde ansgegangen, 7 57 als um Einkäufe zu machen. Dadurch war indeſſen die große Thatſache der Erkundigung noch nicht erläutert, welche die Gouvernante über Silveſtre's Wohnung ein⸗ gezogen hatte. Doch es war dies möglicher Weiſe ein perſönlicher Schritt von Seiten der Gouvernante, und überdies hatte ſich Herr Simon das Recht vorbehalten, dieſes Geheimniß zu durchdringen, und Madame Simon ließ ab vom Fragen. Den übrigen Theil des Tages verlebte man wie alle Tage, die den zwei letzten voran⸗ gegangen waren, und es wurden nur ein paar Worte über dieſen Gegenſtand zwiſchen dem Manne und der Frau ausgetauſcht. Zur Zeit des Mittageſſens ſagte der Sachwalter ganz leiſe zu dieſer: „Ich weiß Alles.“ „Nün?“ „Mein Verdacht hat ſich beſtätigt.“ „Iſt es ſchlimm?“ „Nein, gewiß nicht. Aber es iſt ſchlimm gehan⸗ delt.“ „Man muß ſie hindern, weiter zu gehen.“ „Vielleicht,“ ſagte Herr Simon.„Es iſt mir ein Gedanke gekommen, doch man muß wohl überlegen.“ Die Ankunft einiger Gäſte verhinderte jede weitere Erörterung, und der Abend ging vorüber, ohne daß es irgend Jemand vorkam, als wäre etwas Außerordentliches in dem Hauſe vorgefallen. Nicht daſſelbe war bei Prosny der Fall. Er kehrte gegen ſechs Uhr nach Hauſe zurück, beruhigt durch eine Ueberlegung, welche ihn die kleinen Ereigniſſe des vori⸗ gen Tags und das Begegniß am Morgen als ganz ge⸗ wöhnliche Umſtände betrachten ließ, die ſeine Gemüths⸗ verfaſſung zu außerordentlichen Erſcheinungen vergrößert hätte, und die nicht wiederkehren würden. Auch hatte die Arbeit, der mächtigſte Ableitungskanal, der Reflerion ihre Hülfstruppen zugeſchickt, und als Silveſtre ſeine Wohnung erreichte, ſo war er wie ein Menſch, der eine unangenehme Rechnung abgeſchloſſen hat, und ſich ſagt, 58 es ſey unnöthig, weiter daran zu denken. Beſſer geſagt, er hatt⸗ die Thüre über den traurigen Erinnerungen der Vergangenheit und den tollen Hoffnungen einer unmög⸗ lichen Zukunft geſchloſſen, und ſich wieder, ſo viel als möglich, in ſein Leben, wie es war und wie es zu wer⸗ den verſprach, zurückverſetzt. In vieſer Stimmung des Geiſtes bereute er die un⸗ geſtüme Art und Weiſe, wie er am Morgen ſeiner Tante geantwortet hatte, und er ſchickte ſich an, durch ſeine Zuvorkommenheit und ſeine Liebkoſungen den Groll zu beſchwichtigen, von dem ihr Gemüth noch erfüllt ſeyn konnte; aber als er eintrat, fand er, daß dies eine ſchwie⸗ rige Sache werden durfte: Fräulein von Prosny war beſchäſtigt, ihren beſcheidenen Tiſch zu decken, und den freund⸗ lichen Gruß, den er an ſie richtete, erwiederte ſie mit einem hochmüthigen, trockenen„guten Tag,“ und ſetzte ihre Arbeit fort, indem ſie zuweilen die Augen gen Him⸗ mel auſſchlug und ſchwere Suſer ausſtieß. Silveſtre hütete ſich wohl, durch das geringſte Wort dieſen Groll zu berühren. Fraulein von Prosny machte auf ihn die Wirkung einer übermäßig geladenen Elek⸗ trifirmaſchine. Die unbedeutendſte direkte Berührung mußte eine wahre Erploſion zur Folge haben. Er hielt ſich beiſeit, und wollte in ſein Zimmer zurückgehen, aber die Tante hatte zu viel Zorn auf ihrem Herzen aufgehäuft, um länger unter ſolcher Laſt zu verharren, wenn ſie ſich ſetben entledigen konnte. Sie ſagte vaher in einem fläglichen Tone, und als ob ſie mit ſich ſelbſt ſprechen würde: „Zum Glücke wird es bald zu Ende gehen! zum Glücke werde ich bald ſechs Fuß Erde über dem Leibe haben.“ Silveſtre hatte den Muth, dieſem erſten Angriff zu widerſtehen, und machte wieder eine Wendung gegen ſein Zimmer. Dieſes Manveuvre gewahrend, fuhr die Tante ſo⸗ gleich fort: „Und wenn der Tod nicht ſchnell genug kommt, ſo 59 gibt es immer noch ein Mittel, die Leute von einer Ge⸗ genwart zu befteien, die ihnen läſtig ſeyn muß. Die Salpetriere*) iſt für die alten Weiber gemacht.“ Für Naturen, wie die von Fräulein von Prosny, wäre als Neffe ein Mann nöthig geweſen, der ſolche Worte hören würde, wie man das Getöſe eines Waſſer⸗ falls hört, ohne ſich zu beunruhigen, ob die Wellen et⸗ was ſchneller oder etwas langſamer ankommen; aber Sil⸗ veſtre hatte dieſe Geduld nicht, und er konnte eine Be⸗ wegung des Aergers nicht unterdrücken. Die Tante be⸗ merkte es; das war genug, den Ausbruch zu entſcheiden. Sie wandte ſich gegen Silveſtre mit Augen, glühend wie Kohlen, das Geſicht zitternd vor Zorn. „Ohne Zweifel iſt es in ein paar Tagen nicht frühe genug; ſogleich muß ich gehen! Nun wohl! es ſey, ſo⸗ gleich. Und wenn man mich anhält, weil ich die Hand ausſtrecke, ſo ſoll man erfahren, warum ich mich auf der Straße umtreibe, warum ich nichts mehr zu leben habe!. Ganz gut, ganz gut!“ Silveſtre warf ſich vor die äußere Thüre, hielt die Tante, und ſprach: „Was haben Sie denn?“ „Halten Sie mich nicht, mein Herr, berühren Sie mich nicht,“ ſchrie die Alte, als ob ſie vor einem furcht⸗ baren Mörder ſtünde. Es iſt eine ſehr unangenehme Sache für einen Mann, der etwas Neues zu ſagen ſucht, wiederholen zu müſſen, was hundertmal vor ihm geſchrieben worden iſt, aber das Benehmen von Fräulein von Prosny nö⸗ thigt uns, es abermals auszuſprechen:„Wenn eine alte Frau boshaft zu ſeyn gedenkt, ſo iſt ſie es mit einer Wildheit, mit der verglichen die Natur eines Tigers zur wahren Sanftmuth eines Lammes wird. Das Unaus⸗ ſtehlichſte an dieſer Bosheit iſt, daß ſie ſich hinter ſchützende Aegiden ſtellt, welche ehrbare Menſchen achten müſſen. *) Ein Hoſpital in Paris. 60 So verfehlen dieſe gräßlichen Furien nie, ſich auf die Schwäche ihres Geſchlechts und auf die ihren weißen Haaren ſchuldige Ehrfurcht zu berufen.“ Silveſtre hatte viele Scenen von Seiten ſeiner Tante durchzumachen gehabt, doch noch keine von dieſer Hef⸗ tigkeit, keine, die mit ſolcher Schnelligkeit, und ohne daß man ihm die Gründe geſagt hatte, vor ſich gegangen wäre. „Aber erklären Sie ſich doch,“ rief er,„was haben Sie denn! Was hat man Ihnen denn gethan?“ Fräulein von Prosny maß ihn mit einem Blicke voll Zorn und Verachtung, und erwiederte: „Sie ſind ein Feiger!“ Dieſes Wort war hinreichend, Licht in Silveſtre's Vermuthungen zu werfen. Er zweifelte nicht mehr, daß ſeine Tante enideckt hatte, wer das Fräulein war, dem er ſeinen Platz in der Kirche abgetreten. Er ſah ſich hiedurch plötzlich wieder in die Gedanken zurückge⸗ worfen, die er zu fliehen beſchloſſen hatte. Seine Un⸗ geduld, verurſacht durch den maßloſen Zorn ſeiner Tante und den Aerger, aus der Furcht vor einem Streite über Sabine entſpringend, brachten ihn in Verzweiflung, und er antwortete in einem Tone, den er bis jetzt bei ſeiner Tante noch nie angenommen hatte: „Laſſen Sie mich in Ruhe! Sie ſind eine alte Räri Nach dieſem, alle Schranken überſpringenden, Worte zog ſich Prosny in ſein Zimmer zurück. Es war eine“ ſchöne Gelegenheit für die Tante, ihren Abzugsplan in Ausführung zu bringen; aber das lag nicht in ihrer Ab⸗ ſicht. Sie blieb einen Augenblick betäubt von der Hef⸗ tigkeit des Schlags, den ſie empfangen hatte, aber bei⸗ nahe eben ſo bald fühlte ſie, daß die Stunde gekom⸗ men war, wo ſie entweder beim erſten Worte die erſte Empörung ihres Neffen brechen, oder die tyranniſche Herrſchaft verlieren mußte, die ſie bis auf dieſen Mo⸗ ment über ihn ausgeübt hatte. Sie richtete ſich auf und ſtellte ſich, was unſeren Leſern unerhört vorkommen 51 mag, wüthender als ſie war, das Auge noch wilder, die Lippen noch mehr zuſammen gezogen, vor ihren Neffen und ſprach: „Was haben Sie geſagt, Unglücklicher, was haben Sie geſagt?“ „Ich habe geſagt... ich ſagte...“ erwiederte Sil⸗ veſtre, den Kopf abwendend,“ ich habe geſagt, ich bitte Sie um etwas Ruhe, ich ſey krank, ich ſey unglücklich, und es fehle nicht viel, daß ich mir das Leben nehme.“ Der Ton, in dem Silveſtre die letzten Worte aus⸗ ſprach, war ganz der eines Mannes, welcher, keinen Aus⸗ gang aus dem Unglück ſehend, in das er gebannt iſt, nicht vor dem zurückweicht, den ihm der Tod zeigt. Aber Fräu⸗ lein von Prosny, welche wußte, wie ſie log, wenn ſie unabläſſig ſchrie, ſie wünſche ſich den Tod, war nicht das Weib, das ſich einbilden konnte, dieſes Verlangen walte aufrichtig im Herzen eines Andern vor, und ſie erwiederte Silveſtre: „Es wäre beſſer, als zu thun, was Sie thun. Sie, der Sohn des Herrn von Prosny, lieben die Tochter des Räubers Durand.“ „Ich!“ rief Prosny, der ſich keine hinreichende Rechen⸗ ſchaft von den ſchwankenden Gefühlen gegeben hatte, die in ihm wogten, um nicht von dieſer Beſchuldigung wie von einer Ungerechtigkeit betroffen zu werden...„ich, ah! ich wiederhole es, das iſt Tollheit.“ „Sie lieben ſie nicht?“ „Ich kenne ſie kaum. Ich habe ſie nur zweimal in meinem Leben geſehen. „Ah!“ entgegnete die Alte;„deshalb iſt ſie alſo heute hierher gekommen.“ „Hierher,“ rief Prosny,„hier in dieſes Zimmer?“ „Oh nein,“ ſchrie die Tante;„wenn ſie es gewagt hätte, einen Fuß hierher zu ſetzen, wenn das nichts⸗ nutzige Weibsbild, die Tochter dieſes Schurken, ſich hier eingedrängt hätte... ich würde ſie mit einem Stocke fortgejagt.... ich würde ſie getödtet haben. Sie hat 62 bei dem Portier angehalten. Und hier hat ihre Dienſt⸗ fertige, die ſchamloſe Alte, die ſie begleitet, gefragt, ob dies die Wohnung des Herrn von Prosny wäre, was er thäte, ob er reich, ob er arm, ob er geordnet wäre... Was weiß ich, was für Erkundigungen ſie einzog...“ Silveſtre war hundert Millionen Meilen von dem Zorne ſeiner Tante entfernt, und dachte nur an Sabi⸗ nens ſeltſamen Schritt. „Das iſt nicht möglich!“ rief er. „Ich habe alſo gelogen?“ entgegnete Fräulein von Prosny. „Aber warum, zu welchem Zwecke ſollte ſie gekom⸗ men ſeyn?“„ „Das müſſen Sie wiſſen. Wenn man ſolche In⸗ triguen hat, ſo weiß man wohl, warum die Weibs⸗ bilder, die man liebt, einen bis in ſein eigenes Haus aus ſpioniren.“ Dachte Fräulein von Prosny wirklich, was ſie ſagte, oder war es Bedürfniß für ſie, dieſes Mädchen zu beleidigen, und zugleich Silveſtre für die Rückſich⸗ ten zu beſtrafen, die er für Sahine nahm, daß ſie auf eine ſo plumpe, verletzende Weiſe ſprach? Jedenfalls fuhr ſie, das Erſtaunen ihres Neffen benützend, fort: „Uebrigens wundert mich das nicht; man erbt eben ſo wohl die Laſter, als das geſtohlene Geld, und ich bin nicht erſtaunt, daß die Tochter eines Schurken eine keine 3 „Meine Tante,“ rief Prosny entrüſtet„„wiederho⸗ len Sie nie ein ſolches Wort über Fräulein Durand, (das Wort war geſagt worden) oder, ich ſchwöre es bei der Ehre meines Vaters, ich gehe von hinnen ich ver⸗ laſſe das Haus. ich ſehe Sie nie wieder.“ S Die Alte hatte Angſt, aber ſie war überzeugt, dieſe Drohung würde nicht gegen eine Berufung auf ge Pflichten Stand halten, und antwortete: 4 „Oh! mein Gott, Du haſt nicht nöthig, mir das zu ſagen, man hätte mich ſogleich gehen laſſen, und 63 nicht Komodie ſpielen ſollen, als wollte man mich zu⸗ rückhalten. In dem Augenblick, wo uns Etwas von dieſen Durands berührt hat, war ich gewiß, daß das Unglück ſogleich kommen müßte. Der Vater hat mich in Armuth geſtürzt... die Tochter nimmt' mir das letzte Stück Brod vom Munde weg— das mußte ſo ſeyn. Liebe ſie, mein Junge, liebe ſie, das iſt ehrenvoll für Dich.“ „Meine Tante...“ ſprach Silveſtre mit bitten⸗ dem Tone. „Eh! mein Gott, was wird es Dir koſten,“ ſagte Fräulein von Prosny, ruhiger geworden, und folglich grauſamer;„es wird die Achtung aller ehrlichen Leute koſten.. aber es wird Dich zugleich von einer alten Jungfer befreien, die Dich langweilt, die Dich beläſtigt, die Du mit Deinem Gelde füttern mußt. Das iſt Ent⸗ ſchädigung genug, die Liebe dieſes Nickels nicht zu rech⸗ nen, der des Morgens zum lieben Gott betet und Abends den Schreibern des Vormunds nachtrabt. Gehe, mein Junge, gehe, Du biſt auf dem beſten Weg.“ Silveſtre litt furchtbar, aber er ſchmiegte ſich unter das Geſetz aller lebhaften und ſchwachen Naturen. Nach einer heftigen Gemüthsbewegung fühlte er ſich von plötzlicher Mattigkeit, von einer Art von verzweifelter Entmuthigung niedergebeugt. Er hatte nicht mehr die Kraft, ſich zu vertheidigen— nicht gegen ſeine Tante, nicht gegen den Zufall, welcher ihn in die falſche Stel⸗ lung verſetzt hatte, in der er ſich befand; er ſank auf einen Stuhl, ſtützte den Kopf auf ſeine beiden Hände und murmelte dumpf: „Und nicht den Muth zu haben, ein Ende zu machen!“ „Was haſt Du geſagt?“ ſprach die Alte. „Nichts, nichts, aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich; ich ſchwöre Ihnen, ich habe nichts geſagt, was Sie beleidigen könnte. Ich weiß nicht, warum Fräu⸗ lein Durand hierher gekommen iſt. Ich will es nicht 64 wiſſen.. Wenn Sie es verlangen, ſo werde ich die Schreibſtube des Herrn Simon nicht mehr betreten; ich werde thun, was Sie wollen; aber ſeyen Sie barm⸗ herzig, haben Sie Mitleid, ich flehe Sie an, laſſen Sie mir eine Stunde Ruhe. Ich habe ſo ſehr gelitten, ich leide ſo ſehr...“ Man ſagt, wenn der Tiger, einzig und allein durch den Vernichtungs⸗Inſtinkt getrieben, ohne Hunger zu haben, ein ſchwächeres Thier angreife, als er ſelbſt iſt, ſo zerreiße er es mit der größten Wuth in Stücke, wenn es ſich vertheidige; dann überwache er, neben ſeinem beſiegten Opfer gelagert, die letzten Bewegungen, und ſchlage mit ſeinen mächtigen Klauen darnach, wenn das Fleiſch während der letzten Todeszuckungen bebe; wenn ſodann jede Bewegung aufgehört habe, wenn jedes Stöhnen erſtickt ſey, ſo entferne ſich das wilde Thier mit Verachtung von dem todten Körper. Daſſelbe war bei der Bosheit der Alten der Fall. „Armer Thor, armer Tropf,“ ſprach ſie zu ihrem Nef⸗ fen, der beſiegt und kraftlos vor ihr ſaß. Und da er nicht antwortete, und den Kopf ganz auf den Tiſch fallen ließ, unbeweglich und vernichtet, ſo ging ſie mit den Achſeln zuckend weg und ſprach: „Und das nennt man einen Mann!“ Den 27. December 1843. Es war geſtern der Tag, an welchem Herr Simon Herrn von Belleſtar gebeten hatte, ſich bei ihm einzufinden. Beim Empfang dieſer Einladung wurde der Marquis überzeugt, die Wirkung, die er in der Spirée hervorgebracht, ſey ſo vollſtändig geweſen, daß man ſeine Heirath als eine abgemachte Sache betrachten könne. Das Syſtem der Wirbel und der Atome, die ſich an einander anhängen, und endlich Welten bilden, iſt trefflich auf das men ſchliche Leben anzuwenden. Es ſetzt ſich eine Leidenſchaft in Be⸗ wegung, ſie beginnt ihren Wirbel, und ſiehe, tauſend Um⸗ 65 ſtände, die ohne dieſe Leidenſchaft vereinzelt geblieben wären, hängen ſich daran an; mit dieſen verbinden ſich wieder andere, welche ſodann neue anziehen, ſo daß in kurzer Zeit⸗ oder viemehr nach Maßgabe der Schnelligkeit des Wirbels, das kleinſte Abenteuer eine große Geſchichte werden kann. Um die Richtigkeit meiner Vergleichung zu beweiſen, bitte ich, Herrn von Belleſtar zu folgen, der bei ſeinem Bijoutier eintritt, ehe er der Einladung zu Herrn Simon folgt. Geſetzt, Herr von Belleſtar hätte Fräulein Durand nicht heirathen wollen, geſetzt, Fräulein Durand hätte Herrn von Prosny keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, geſetzt, unſer Wirbel, der ſeit zwei Tagen in Bewegung iſt, hätte ſeine raſche Drehung erſt morgen begonnen, und nichts von dem, was ſich ereignet hat, und ſich ereignen wird, würde ge⸗ weſen ſeyn, wie es iſt und wie es ſeyn wird;— und es iſt möglich, daß Herr von Belleſtar nicht bei ſeinem Bijoutier eingetreten wäre, es iſt ſogar ſehr gewiß, daß dieſer Beſuch die Reſultate nicht gehabt hätte, die er herbeiführte. Herr von Belleſtar wollte nachſehen, ob einige Bijour, die er beſtellt hatte, für die fatale Verfallzeit der Etrennes fertig wären. Der Bijoutier, ſtolz darauf, den Forderungen eines ſolchen Kunden mehr als Genüge geleiſtet zu haben, öffnet einen Schrank, in welchem er die Diamanten und Juwelen von ſehr hohem Werth zu verſchließen pflegt. Der Blick des Herrn von Belleſtar folgt dem Bijoutier, der ein für ihn beſtimmtes Schmuckkäſtchen unter anderen Gegenſtänden hervorſucht, und dieſer Blick fällt ſogleich auf ein ſehr einfaches, aber mit einem mehr als gewöhn⸗ lichen Brillant verziertes Bracelet. Dieſer Diamant, dieſes Bracelet— Herr von Belleſtar kennt ſie; er hat ſie vor kaum ſechsunddreißig Stunden am Arme von Fräulein Durand geſehen. Das iſt bizarr, ſeltſam, unerhört; vielleicht täuſcht er ſich. „Um Vergebung,“ ſpricht er zu Herrn Leonard;„zei⸗ gen Sie mir dieſes Bracelet, es ſcheint mir ſehr merkwürdig.“ „Dieſes?“ erwiedert Herr Leonard, das Bracelet Herrn Frederic Soulié. Von Tag zu Tag. 5 66 von Belleſtar reichend, ohne die neugierige Miene des Mar⸗ quis zu bemerken. Der Marquis beſchaut, unterſucht, und wird mehr und mehr überzeugt, daß es das Bracelet von Fräulein Durand iſt. S „Ah!“ ſagt der Bijoutier, der endlich die Aufmerk⸗ ſamkeit des Herrn vpn Belleſtar gewahr wird;„das iſt ein ſchöner Stein, und wenn er beſſer gefaßt wäre...“ „Sind Sit beauftragt, ihn umzufaſſen?“ „Nein, nein,“ erwiedert der Bijoutier, mitdem Schmuck⸗ käſtchen beſchäftigt, das er dem ſtrengen Urtheil des Mar⸗ quis zu unterwerfen im Begriff iſt. „Dieſes Bijon iſt alſo zu verkaufen?“ „Keineswegs,“ antwortet Herr Leonard;„hier iſt, was Sie mir befohlen haben.“ „Dieſes Bracelet gehört alſo nicht Ihnen 2“ ſagt der Marquis. „Leider, nein.“ „Und wem gehört es denn?“ Der Bijoutier bemerkt endlich das dringliche Weſen des Marquis und erwiedert: „Das iſt nicht mein Geheimniß „Es iſt alſo ein Geheimniß dabei?“ ſagt Herr von Belleſtar. Der Bijoutier ſchaut ſeiner Seits den Marquis forſchend an, und frägt in unruhigem Tone: „Sie kennen dieſes Bijon?“ „Vollkommen.“ „Nun wohl!“ ſpricht Herr Levnard,„ich bitte Sie dringend, haben Sie die Güte, über dieſen Gegenſtand das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten; ich hatte meine Frau beauftragt, das Bracelet mit den anderen Juwelen, die man mir gebracht hat, in unſer Zimmer hinaufzu⸗ tragen doch ich bäue auf die Discretion des Herrn Marquis.“ Herr von Belleſtar dachte viel nach; er zog endlich folgenden Schluß aus ſeinen tiefen Betrachtungen. 67 „Discret!“ ſagt er;„ich verſpreche es Ihnen. Aber ich bin neugiekig, und Sie müſſen mir ſagen, wie und warum dieſes Bijou, und noch andere, wie es ſcheint, in Ihre Hände gelangt ſind?“ „Ich bin untröſtlich, Herr Marquis; aber das iſt— eine ganz beſondere Angelegenheit, von der ich, nicht zu ſprechen, gelobt habe.“ Herr von Belleſtar verſchloß ſich noch einmal in ſich ſelbſt, und verſpürte eine ſo peinliche Neugierde, dieſes Geheimniß zu erfahren, daß er, den enormen Un⸗ terſchied zwiſchen ſeiner Perſon und ſeinem Bijoutier vergeſſend, zu dieſem mit den Augen blinzelnd ſpracht „Und wenn ich Ihnen nun ſagen würde, daß dieſe Angelegenheit mich bedentend berühren könnte?“ Herr Leonard machte große Augen. Herr von Belleſtar glaubte etwas Geiſtreiches gefunden zu haben, und wie alle Leute, bei denen dies gewöhnlich nicht vor⸗ kommt, überließ er ſich der Luſt, es auszuſprechen. „Ja, Herr Leonard, es wird ſich vielleicht bald um einen Brautſchmuck handeln, und es dürfte ſich vielleicht dieſer Diamant dabei finden.“ Nun war die Reihe an dem Bizoutier, ein inneres Geſpräch mit ſich ſelbſt anzufangen; das Reſultat ſcheint ausgezeichnet geweſen zu ſeyn, denn er nahm eine fren⸗ dige und vertrauliche Miene an und ſagte: „Nun, mein Herr Marquis, ich will Ihnen erzählen, wie das gekommen iſt, und ich glaube, wenn ich mich nicht täuſche, daß es Ihnen Vergnügen machen wird.“ „Deſto beſſer,“ entgegnete der Marquis,„denn, da ich einmal angefangen habe, ſo kann ich Ihnen wohl ſagen, daß ich mich zu Herrn Simon begebe, wenn ich von hier weggehe.“ Die Mittheilung, die Herr Leonard zu machen hatte, ſchien dieſem ſo wichtig, daß er Herrn don Belleſtar in das an ſein Magazin anſtoßende Kabinet einzutreten bat, und der Bijoutier begann alſo zu erzählen: — 5* ——— 3 68 „Geſtern kam Fräulein Durand zu mir; ich kenne ſie ſeit ihrer Kindheit, da ich der Bijoutier ihrer Mutter geweſen bin, und ehemals bedeutende Geſchäfte mit ihrem Vater gemacht habe.“ „Ein Wort über dieſen Gegenſtand,“ ſpricht Herr von Belleſtar, Herrn Leonard unterbrechend.„Man hat viel Schlimmes von dieſem Herrn Durand geſagt. Was halten Sie davon, da Sie ihn gekannt haben?“ Der Juwelier verzog den Mund ein wenig und er⸗ wiederte: „Herr Durand hatte ziemlich große Kapitalien; er machte ſie auf ſeine Weiſe geltend, und die ſich verletzt glaubten, haben viel geſchrieen. Doch es iſt Ihnen wohl nicht entgangen, mein Herr Marquis, die Kapitaliſten ſind im Augenblicke, wo ſie leihen, wohlthätige Engel; iſt die Stunde, das Geliehene zurückzugeben, gekommen, ſo ſind ſie Wucherer, Spitzbuben, Diebe; aber der Herr Marguis weiß ſo gut wie ich, daß man von ſolchem Geſchrei immer viel abziehen darf. Um nun wieder auf Fräulein Sabine zurückzukommen....“ Die freudige Miene des Herrn Leonard ſchien den Marquis über das Kapitel der Bracelets beruhigt zu haben, denn er kam noch einmal auf Herrn Durand, den Vater, zurück:. „Verzeihen Sie, obgleich ich völlig frei bin von albernen Vorurtheilen, welche die Fehler der Eltern auch auf die Kinder überwälzen, ſo wäre es mir doch nicht unangenehm, in Beziehung auf Herrn Durand beſſer unterrichtet zu ſeyn.“ Dieſe Anmaßung eines für ſeinen Adel ſehr ein⸗ genommenen Marquis, das gewöhnliche Vorurtheil nicht zu theilen, verdient eine Erklärung. Nach der Meinung der Menſchen, wie Herr von Belleſtar, iſt die Geburt nur für das, was ſie geborene Menſchen nennen, eine Frage von Belang; und, um in kategoriſchen Ausdrücken zu ſprechen, da die Tugenden eines Bürgers ſeinen Kin⸗ dern nicht den geringſten Anſpruch verleihen, etwas An⸗ 69 veres zu ſehn, als Bürger, ſo entzieht ihnen ihre Unred⸗ lichkeit nichts. Der große Flecken der Leute von dieſer Sorte iſt ihr Bürgerſtand, und dieſen verwiſcht nichts, dieſem fügt nichts bei, und im Augenblick, wo eine adelige Heirath den größten Flecken bedecken kann, vermag ſie noch viel leichter die kleineren zu bedecken.— Die Frage des Marquis ſchien indeſſen den Bijontier in grauſame Ver⸗ legenheit zu verſetzen, und er antwortete: „Ich für meinen Theil habe mich nie über Herrn Durand zu beklagen gehabt.“ „Was für eine Art von Geſchaͤften machten Sie denn mit ihm?“ „Abgeſehen von den induſtriellen Geſchäften, in denen er ſein Vermögen gewonnen hatte, liebte es Herr Durand, auf Pfänder zu leihen. Häuſig betrogen, forderte er am Ende Garantieen. Es geſchah zuweilen, daß er bedeu⸗ tende Vorſchüſſe gegen Hinterlegung von Juwelen, Silber⸗ zeug, Diamanten zu machen hatte. Hatte er nun alle Hoffnung, wieder bezahlt zu werden, verloren, ſo war die natürliche Folge davon, daß er endlich dieſe Juwelen ver⸗ äußern mußte; dann wandte er ſich an mich.. und. „Ich begreife..“ ſprach der Marquis. Sabinens Vater hatte unter anderen Eigenſchaften die eines Menſchen, der auf Pfänder ausleiht. Trotz ſeiner aufrichtigen Losſchälung von gemeinen Vorurtheilen war der Marquis hierüber wenig erfreut, und er entfernte ſich ſo ſchnell als möglich von dieſem Gedanken, indem er zu Herrn Leonard ſagte: „Sie haben alſo Fräulein Sabine geſtern geſehen?“ „Ja, Herr Margquis, ich glaubte, ſie käme, um einige Einkäufe zu machen, und ſchickte mich an, ihr meine ſchönſten Schmuckſachen zu zeigen, aber ich war ſehr erſtaunt, als ſie mir ſagte, ſie wünſchte mich allein zu ſprechen. Sobald wir in dieſem Kabinet waren, zog ſie aus einer kleinen Sammettaſche nicht nur das Bra⸗ celet, welches Sie geſehen haben, ſondern auch eine Ri⸗ ———Ü 70 viere in Diamanten, prachtvolle Ohrgehänge und ein Collier von Perlen, Alles von ſeltener Schönheit, hervor.“ „„Sie müſſen mir alles dies ſchätzen,“ ſagte ſie. „„Warum?“ ſprach ich. „„Sagen Sie mir, was es werth iſt,“ verſetzte ſie. „„Das iſt ſchwierig,“ antwortete ich; und da ich nicht wußte, was jur Zweck war', und keine übertriebene Preiſe machen wollte, ſo ſchätzte ich das Ganze auf fünf⸗ zigtauſend Thaler, obgleich es unter Brüdern zweimal⸗ hundertfünfzigtauſend Franken werth iſt.“ „Oh, das iſt gut,“ ſagte ſie mit freudiger Miene zu mir;„ich glaubte, man habe mich über den wahren Werth dieſer Juwelen getäuſcht.“ „Ich weiß nicht, warum, aber es geſchah mehr, um zu ſprechen, als um einen ernſthaften Vorſchlag zu ma⸗ chen— ich ſagte: „„Wenn ſie zu kaufen wären, ſo wollte ich mich an⸗ heiſchig machen, den Werth anzuſchaffen.“ „Fräulein Durand bemächtigte ſich ſogleich dieſes⸗ Wortes, das mir durch Zufall entſchlüpft war, und ſprach: „Nun wohl, Herr Leonard, Sie können mir noch viel leichter hunderttauſend Franken als Anlehen auf ein ſolches Unterpfand verſchaffen?““ „Fräulein Durand,“ rief der Marquis ganz erſtaunt, „wollte hunderttauſend Franken auf Pfänder entlehnen?“ Das Erſtaunen verhinderte Herrn von Belleſtar, den Sinn der Worte zu bemerken, die der alte Mitſchuldige des Vaters Durand, wie er ſagte, ganz unſchuldig vor einem jungen Mädchen hatte entſchlüpfen laſſen, indem er ſich anbot, für fünfzigtauſend Thaler zu verkaufen, was beinahe das Doppelte dieſer Summe werth war. Herr Leonard beeilte ſich fortzufahren: „Aus Ihrem Erſtaunen mögen Sie auf das meinige ſchließen. 8 „„Wie,“ rief ich,„mein Fräulein, Sie wollen hun⸗ derttauſend Thaler entlehnen?“ „„Ich brauche ſie,“ erwiederte ſie entſchloſſen,„heute, 71 und wenn nicht heute, doch ſpäteſtens in zwei Tagen. Sehen Sie, ob Sie mir dieſes Anlehen machen oder ver⸗ ſchaffen können; wenn Sie nicht können, ſo werde ich an⸗ derswohin gehen.“ „Die Sache wurde ernſt; ſie konnte in ein Haus ge⸗ rathen, wo man Mißbrauch mit ihrem Antrag gemacht hätte. Sie begreifen, mein Herr Marquis, ſo etwas hätke Anlaß geben können, ſie in einem Hinterladen bei hellem Tage umzubringen; das wäre furchtbar geweſen. Andexer⸗ ſeits zog ich in Betracht, daß ſie minderjährig, auch daß es für mich unmöglich war, ſie ſelbſt zu befriedigen. Noch von einer anderen Seite konnte ich ihr nicht die Beleidi⸗ gung zufügen, ihre Juwelen zurückzubehalten. In dieſer Verlegenheit ſchlug ich den Mittelweg ein, und ſagte: „Sie müſſen wiſſen, daß ſich ein Geſchäft von die⸗ ſem Belang nicht in einer Stunde abſchließen läßt. Ich habe die hunderttauſend Franken nicht, aber ich kann ſie wohl finden, und wenn Sie mir die Juwelen bis morgen laſſen wollen, ſo kann ich Ihnen im Verlauf des Tages eine beſtimmte Antwort geben. „Aber,“ verſetzte ſie,„glauben Sie, daß ſich die Sache machen läßt?“ „Ich wollte ſie beruhigen, ohne ihr jedoch ein Ver⸗ ſprechen zu geben, das ich nicht zu halten gedachte, und ſagte: „Wenn das Geſchäft möglich iſt, ſo werden Sie es mit mir eher machen, als mit jedem Andern.“ Nach dieſer Verſicherung entfernte ſie ſich, jedoch nicht ohne mir zuvor noch geſagt zu haben: „Was ich überdies von Ihnen verlange, das iſt das größte Stillſchweigen.“ „Ah, der Teufel,“ rief der Marquis,„und Sie müſſen ihr heute dieſe Antwort geben?“ „Ja,“ erwiederte Herr Leonard mit geheimnißvoller und entzückter Miene;„die hunderttauſend Franken liegen bereit.“ „Wie!“ verſetzte Herr von Belleſtar,„ein Mann, 6 ———— 72 wie Sie, ein ernſter Mann, Sie konnten die Hand zu einer ſolchen Tollheit herleihen!“ „Ah, mein Herr!“ ſprach der Bijontier mit wich⸗ tiger Miene,„was denken Sie von meiner Redlichkeit? Nein, mein Herr, ich häbe meine Hände nicht zu dieſem tollen Streich hergeliehen, obgleich ich, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, ein wenig geliehen habe, weil ich die hunderttauſend Franken leihe.“ Das war zu geiſtreich für den Marquis, wie es ſcheint, denn er antwortete etwas unhöflich: „Ich verſtehe Sie durchaus nicht, wollen Sie ſich etwas deutlicher erklären.“ „Nun wohl,“ ſprach Herr Leonard, einen beſon⸗ deren Nachdruck auf die Worte legend,„nun wohl! Fräulein Durand war noch nicht hundert Schritte vom Hauſe entfernt, als ich zu Herrn Simon ging, um ihm mitzutheilen, was vorgefallen war.“ „Ah. Und Herr Simon hat Ihnen erlaubt, das Anlehen abzuſchließen?“ „Es ſcheint,“ verſetzte Herr Leonard,„das iſt eine Geſchichte... Herr Simon hat ſich nicht auf der Stelle entſchieden, er hat nachgedacht; er wollte nicht, dann er wieder, er ſah ſehr verlegen aus; endlich rief er: „Thun Sie es, Herr Levnard, geben Sie Sabinen, was ſie von Ihnen verlangt. Es iſt eine Prüfung, die ich verſuchen will, und es wird vielleicht am Ende eine Sache daraus, die mich gewaltig in Verlegenheit ſetzt.“ „Das iſt doch ganz ſonderbar,“ ſagte der Marquis; „Herr Simon läßt ſeine Mündel ein ſolches Anlehen machen, ohne nur zu ſtaunen über einen ſo ernſten Schritt⸗ über eine ſo ſeltſame Handlung, abgeſehen von der enor⸗ men Summe!“ „Es ſcheint ein Geheimniß darunter zu ſtecken,“ verſetzte Herr Levnard. „Doch je mehr ich darüber nachdenke, deſto unbe⸗ greiflicher iſt es mir.“ 73 „Uebrigens iſt das Geſchäft ganz in Ordnung; ich habe mit Herrn Simon eine Schrift ausgetauſcht, wonach das Unterpfand, das ich empfangen habe, gültig iſt, und die Juwelen ohne Schwierigkeit zurückgezogen wer⸗ den können.“ Herr von Belleſtar ſann lange nach; die Geſtänd⸗ niſſe, die er dem Bijoutier gemacht, hatten ihm zu viel eingeträgen, als daß er ſie bereuen ſollte, es erſchien ihm jedoch nicht angemeſſen, demſelben auch ſeine Re⸗ flexionen mitzutheilen. Er verließ Herrn Leonard, nach⸗ dem er ſeine eigenen Bijour ſehr zerſtreut angeſchaut und ſo gleichgültig in Empfang genommen hatte, daß er un⸗ verkennbar von ganz anderen Gedanken eingenommen ſeyn mußte. Die Entdeckung klang wirklich gar nicht gut im Ohre des Marguis. Entweder entſprang der Schritt aus Sabine, und das war eine Sache, die auf das Gründlichſte von einem zukünftigen Gatten unterſucht werden mußte, oder die Sache ging von Herrn Simon aus, und er hatte ſich vielleicht dieſes Mittels bedient, um für ſich ſelbſt in einem dringenden Bedürfniſſe Geld zu finden. Aber in dieſem Falle offenbarte ſich eine ganz ſonderbare Ver⸗ waltung des Vermögens ſeiner Mündel; es war ein Akt, der eine nähere Betrachtung der Lage des Herrn Simon erforderte; es war eine Handlung endlich, welche die Geſinnung des Herrn von Belleſtar veränderte, oder we⸗ nigſtens ſeinen Eifer bedeutend abkühlte. Obgleich das Vermögen des Marquis viel beträcht⸗ licher war, als das von Fräulein Durand, ſo hatte er doch unter die Reize, die ihn verführten, die hundert⸗ undzwanzigtauſend Livres Renten gezählt, die ſie in gu⸗ ten Ländereien und beim Staate angelegten Kapitalien beſaß, ja, er hatte ſogar dieſe Juwelen in Anſchlag ge⸗ bracht, die ihrer Exiſtenz, wie ihrem Urſprunge nach wohl bekannt waren. Die Schönheit, die Anmuth, die Erhabenheit Sabinens hatten einen ſehr unbeſtimmten Raum im Geiſte des Marquis eingenommen, und er dachte, wie groß auch das Vermögen, das man ihm zu⸗ 74 brächte, ſeyn möchte, wie bedeutend auch das ſeinige wäre, ſo würde es immer noch nicht für eine Frau aus⸗ reichen, welche Launen von hunderttauſend Franken fröhnte. Der Marquis unterſuchte die Thatſache, die er erfahren hatte, in allen Beziehungen, ohne ihr eine tref⸗ fende Deutung geben zu können, und er kam ganz ge⸗ harniſcht von ſchlechter Laune und Mißtrauen bei Herrn Simon an. Als der Marquis bei dem Sachwalter eintrat, hatte er einen— in Betracht ſeiner Einfachheit— ſehr geſchickt angelegten Plan entworfen. Dieſer Plan hätte auf den Glauben bringen können, der Marquis wäre ein Mann von Geiſt, denn er beſtand darin, ein beinahe vollkomme⸗ nes Stillſchweigen zu beobachten, und Herrn Simon ſpre⸗ chen zu laſſen. Gewöhnlich rechnen die Albernen mehr auf das, was ſie ſagen werden, als auf das, was Andere ſagen. Während wir aber nun beinahe überzeugt ſind, daß es dem Marquis an dem gebricht, was man genau Geiſt nennt, indem wir dieſes Wort in ſeinem abſoluten Sinne nehmen, müſſen wir doch anerkennen, daß er in höherem Grade das beſitzt, was man unter Geſchäftsgeiſt verſteht. Um ſeinen Zweck zu erreichen, componirte er ſich ein zufriedenes Geſicht, und machte eine Schauſtellung von ſeinem Eifer, als er die Schreiber in der Geſchäftsſtube nach Herrn Simon fragte. Man führte den Marquis ſogleich in das Kabinet der Sachwalters. Wie die blonde Venus, die einen berau⸗ ſchenden Wohlgeruch in dem Waſſer zurückließ, das ſie durchſchritten hatte, oder wie ein Fuchs der mit ſeinen Ausdünſtungen das Gebüſche verpeſtet hat, durch das er gekommen iſt, ſo ließ der Marquis einen gewiſſen Geruch des Lächerlichen hinter ſich, der alle Schreiber in der Ge⸗ ſchäftsſtube in Begeiſterung verſetzte. Sie ſuchten den Ur⸗ ſachen ſeiner Erſcheinung auf die Spur zu kommen. War es ein Prozeß? Der Marquis hatte ſolche mit vielen von 75 ſeinen Pächtern, mit einigen Miethsleuten ſeiner Häuſer, und mit einer großen Anzahl von Unternehmungen, wobei er betheiligt war. Aber da alle ſeine Prozeſſe bekannt und im Gange waren, ſo gerieth man auf die Vermuthung, eine Angelegenheit neuerer Art habe ihn hergeführt. Herr Silveſtre hörte in ſeinem Kabinet das Geſchwätze der Schreiber, und ließ ſie gerne Herrn von Belleſtar mit ih⸗ ren Spöttereien durchſieben. So edelmüthig man auch ſeyn mag, ſo iſt man doch nie ungehalten, wenn man von den Menſchen, die man verabſcheut, Schlimmes reden hört. Ueberdieß machte ihm die Ankunft des Herrn v. Belleſtar, mehr als irgend Jemand zu ſchaffen, und er dachte in dieſem Augenblick durchaus nicht an den nothwendigen Anſtand in der Schreibſtube. Anekdoten aller Art über den Geiz des Marquis liefen von einem Pulte zum an⸗ dern, als plötzlich Radinot's gellende Stimme die tauſen⸗ derlei Vermuthungen unterbrach, die ſich in der Luft durch⸗ kreuzten. „Ihr ſeyd Alle...(ieſe Phraſe wollte ſagen, Ihr ſeyd Alle Dummköpfe). Ich weiß, warum der fragliche Marquis in dieſem Augenblick beim Patron ſitzt.“ „Du weißt es, Du? hat Dich der Marquis etwa um Rath gefragt?“ „Er hat mir ſeine Angelegenheit anvertraut.“ „Bir 3 „Ja, mir, und zwar erſt vor zwei Tagen.“ „Wo das?“ „Beim Patron, beim Abendbrod.“ „Er hat gar nicht mit Dir geſprochen.“ „Möglich,“ erwiederte Radinot,„ weil er immer den Mund voll hatte; ich bin darum doch nicht minder in ſein Geheimniß eingeweiht.“ „Hat er Luſt, Dir eine Schreibſtube zu kaufen?“ fragte Einer. „Nicht deshalb,“ ſagte ein Anderer;„er hat ihm die Stelle eines Groom angetragen, und iſt zum Patron ————— 3 76 gekommen, um ſich zu erkundigen, wie Radinot die Stiefel wichst?“ „Eh! Radinot,“ rief ein Dritter,„ſoll ich Dir ein Certificat darüber ausſtellen, wie Du gebratene Aepfel und Brie⸗Käſe kaufſt?“ Der junge Schreiber ließ einige Minuten lang eine Fluth von ſolchen Witzen auf ſich herabſtürmen, und da es ihm gewöhnlich an einer ſchnellen Antwort nicht fehlte, ſo mußte er der ſchlagenden Wirkung ſeiner Neuigkeit ſehr ſicher ſeyn, um ſich ſo begießen zu laſſen; endlich trug die Reugierde den Sieg davon; man ließ von den Scher⸗ zen ab und rief von allen Seiten: „Vorwärts, Radinot, laß einmal ſehen, was Du ent⸗ deckt haſt?“ „Ich,“ erwiederte Radinot,„nichts, gar nichts.“ Es erſcholl ein ungeheurer Zuruf der Verhöhnung gegen Radinot, ein Zuruf, der durch ein:„Meine Herren, meine Herren,“ das aus Silveſtre's Zimmer kam, wieder gedämpft wurde. In dieſem Augenblick glitt Radinot, wie eine Schlange, über ſein Pult hin, und ſagte mit leiſer Stimme, jedoch ſo, daß es ſeine Kameraden hören konnten: „Da iſt Einer, der ſo gut, wie ich weiß, warum der Marquis ſeine gefirnißten Stiefel hier durchgeſchleppt hat, und ich wette zwei Sous gegen eine Milliarde, daß ihn das nicht ſo ſehr beluſtigt, wie mich.“ „Nun willſt Du wohl zu Ende kommen? Wovon handelt es ſich?“ „Es handelt ſich darum,“ antwortete Radinot, die Stimme noch mehr dämpfend,„daß der Client, der da drinnen iſt, Luſt hat, die Mündel des Patrons zu mar⸗ quiſiren.“ Radinot wurde allgemein ausgeziſcht. Der geringe Erfolg ſeiner Behauptung bewirkte, daß er unkluger Weiſe die Stimme mehr, als er ſollte, erhob; und er ſagte laut genug, daß die Worte bis zu Silveſtre gelangten: „Ich wette eine Bordeaur, daß Fräulein Durand 77 wenn ſie will, in einem Monat Marquiſe von Belle⸗ ſtar iſt.“ „Wenn ſie will, das iſt hübſch,“ ſprach Einer. „Daß ſie gewiß wollte, wenn man es ihr anbieten würde.“ „Du biſt in einem Irrthum begriffen,“ verſetzte Radinot;„ſie findet den Marquis dumm, wie einen Krautkopf.“ „Sie hat es Dir wohl mitgetheilt?“ „Bei Gott! ich glaube wohl,“ rief ein Anderer, „ſie hat ſich in Radinot verliebt.“ Die Scherze trieben ſich in dieſem Kapitel fort, als Silveſtre in die Schreibſtube trat. Alles ſchwieg, und Silveſtre ſprach in ſehr ſtrengem Tone: „Meine Herren, ich glaube Sie darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß, wenn ſolche Späße, wie Sie ſich ſo eben erlaubt haben, ſich wiederholen ſollten, ich mich genöthigt ſehen würde, Herrn Simon davon in Kenntniß zu ſetzen, und Sie wiſſen Alle, wie er ſich be⸗ nehmen dürfte, um einer Erneuerung vorzubengen.“ Alle hatten die Köpfe auf das Papier geſenkt, nur Radinot nicht, der Silveſtre forſchend anſchaute. Der Schalt hatte die Veränderung in der Stimme Sil⸗ veſtre's bemerkt, und es entging ihm nicht, welche Mühe dieſer hatte, ſeine Aufregung zu bemeiſtern. Auch mur⸗ melte er in dem Augenblick, wo Silveſtre an ſeinen Platz zurückkehrte: „Du, Du nimmſt einen böſen Ton an, aber ich kenne Dich, fort!“ Hören wir indeſſen, was in dem Kabinet des Herrn Simon geſprochen wurde, während dies in der Schreib⸗ ſtube vorging: „Ich folge mit Vergnügen Ihrer Einladung,“ hatte der Marquis geſagt,„und ich bin äußerſt begierig zu erfahren, worin ich Ihnen angenehm ſeyn kann.“ „Herr von Belleſtar,“ entgegnete der Sachwalter, 78 „es iſt kein Dienſt, ſondern eine Erklärung, um die ich Sie bitten will.“ „Wovon handelt es ſich,“ ſagte der Marquis, in⸗ dem er ſich in die Poſitur eines Menſchen ſetzte, der be⸗ reit iſt, zu hören, was man ihm ſagen will. „Nun,“ erwiederte Herr Simon,„antworten Sie mir offenherzig, habe ich die Abſicht recht verſtanden, die Sie zu dein Wunſche veranlaßte, zu meinem kleinen Abendbrod eingeladen zu ſeyn, wenn ich vorausſetzte, ſie ſeyen hauptſächlich gekommen, um Fräulein Durand zu ſehen?“ „Ich ſage nicht nein,“ antwortete der Marquis. „Nun wohl, was denken Sie?“ „Ich denke, daß Fräulein Durand ſehr ſchön, ſehr geiſtreich eine ſehr gute Mufikerin iſt, und zum Ent⸗ zücken tanzt.“ Dieſe Antwort, in freimüthigem Tone ausgeſprochen, machte Herrn Simon irre; er glaubte, der Marquis habe eine wahre Leidenſchaft für Sabine gefaßt, und da er nicht das Anſehen haben wollte, als werfe er ſie dem nächſten Beſten an den Hals, ſo entgegnete er Herrn von Belleſtar⸗ „In dieſem Falle habe ich Sie tauſend millionen⸗ mal um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie deran⸗ e ² Nun gerieth der Marquis ſeiner Seits in Verle⸗ genheit über die Art von Abſchied, den man ihm ſo leichthin gab, und erwiederte: „Aber Sie haben mich wahrſcheinlich noch um etwas Anderes zu befragen, als um meine Meinung über Fräulein Durand?“ „Nichts Anderes; und ich ſehe die Nothwendigkeit nicht ein, warum wir unter uns hinter den Bergen hal⸗ ten ſollten; ich habe dieſen Sommer zu bemerken ge⸗ glaubt, daß meine Mündel Ihnen gefalle. Indem Sie in mich drangen, an unſerer Geſellſchaft vorgeſtern Theil nehmen zu dürfen, ließen Sie mich deutlich Ihre Abſicht 79 vurchſchauen. Aus dem Tone, in dem ſie ſo eben über Sabine mit mir geſprochen haben, darf ich ſchließen, daß das Zuſammentreffen am Sonntag eine Aenderung Ihrer Abſichten zur Folge gehabt hat, und es iſt nun über⸗ flüſſig, mehr darüber zu ſprechen.“ „Teufel!“ rief der Marquis,„wie raſch gehen Sie zu Werke, Herr Simon! Eine Heirath iſt eine zu ernſt⸗ hafte Angelegenheit, um jie mit ſolcher Eile in das Werk zu ſetzen, und obgleich Sie meine Gefühle für Fräulein Durand richtig beurtheilt haben, ſo geſtehe ich Ihnen doch, daß ich mehr, als dies der Fall iſt, unterrichtet zu ſeyn wünſche, über ihren Charakter, über die Rich⸗ tung ihres Geſchmacks, über ihre Liebhabereien, Gewohn⸗ heiten, über ihre.... Hier hielt der Marquis inne. „Ueber was denn?“ ſagte der Sachwalter, welcher das affektirte Weſen bemerkte, womit Herr von Belleſtar ſeine ketzten Worte ausgeſprochen hatte. „Ueber ihre Handlungen, wenn ich es Ihnen ſagen ſoll.“ „Wie, über ihre Handlungen?“ rief der Sachwalter in beinahe zornigem Tone. „Ich halte ſie für ſehr unſchuldig,“ verſetzte der Mar⸗ guis von Belleſtar;„vielleicht find ſie aber nicht immer mit jener Zurückhaltung gepaart, die eine der unerläßlichſten Tugenden in der Welt iſt, in der zu leben ſie berufen wäre.“ „Alle Handlungen meiner Mündel, mein Herr Mar⸗ quis,“ entgegnete Herr Simon lebhaft,„ſind vorwurfsfrei.“ „Alle?“ fragte gar ſchlau Herr von Belleſtar. „Ich geſtehe, daß ich Sie nicht begreife, mein Herr; der Zweifet, den Ihre Worte auszudrücken ſcheinen, er⸗ mächtigt mich, eine förmliche Erklärung über dieſen Gegen⸗ ſtand von Ihnen zu fordern.“ „Ich glaubte, Sie bedürften derſelben nicht.“ Dies wurde in einem Tone vorgebracht, der mehr geraden Wegs auf Herrn Simon abzielte, und ihn zu beſchuldigen ſchien, als ſage er nicht Alles, was er wiſſe. Unſer Sachwalter konnte nicht glauben, ein Schritt, den 80 ſeine Mündel Tags zuvor gethan hatte, ſey bereits dem Marquis bekannt geworden, und er befürchtete eine Un⸗ klugheit von Seiten Sabinens, eine ſeiner Ueberwachung entgangene Handlung, und von dieſem Gedanken im höch⸗ ſten Maße beunruhigt, ſagte er lebhaft zu dem Marquis: „Mein Herr, ich antworte Jedem vffenherzig, der mich ebenſo befragt. Nach dem, was Sie ſo eben geäußert, ſind Sie mir, um meiner Mündel und um meinetwillen, eine unumwundene Erläuterung ſchuldig!“ In den ſchlecht axganiſirten Geiſtern bekommen die Abſichten einen ſchlechten Sinn, oder eine falſche Richtung, wie die Stoffe, die man in eine unrichtige Form gießt. Die Lebhaftigkeit des Herrn Simon machte den Marquis glauben, der Vormund habe bange; er blieb nicht mehr bei der Geſchichte der hunderttauſend Franken des Bijou⸗ tier Leonard ſtehen, ſondern er bildete ſich ein, die ganze Verwaltung des Herrn Simon ſey nicht ſo geweſen, wie ſie hätte ſeyn ſollen. Er war erſtaunt, daß man ihn zu einer kategoriſchen Antwort in Betreff Sabinens auffor⸗ derte, und ſein natürliches Mißtrauen flößte ihm in Ver⸗ bindung mit ſeiner Abgeſchmacktheit den Glauben ein, daß man ſich beeile, ſeine Leidenſchaft zu benützen, ihn zu einer Heirath zu bewegen, und der Marquis wurde noch ver⸗ ſchloſſener, als er es zuvor geweſen war. Nachdem er einen Augenblick ſtill geſchwiegen hatte, erwiederte er: „Sie begreifen, Herr Simon, daß ich keine Frage an Sie zu machen habe. Worüber ſollte ich Sie auch be⸗ fragen? Ueber die Eigenſchaften von Fräulein Durand? Ich glaube, daß ſie mit allen Tugenden ausgeſtattet iſt; über den Stand ihres Vermögens? Ich halte es für vor⸗ trefflich und ganz geordnet, da daſſelbe in Ihren Händen geweſen iſt.“ Herr Simon konnte nicht mehr länger zweifeln, daß ein ihm unerklärlicher Umſtand die Gefühle des Herrn von Belleſtar völlig geändert hatte, und er ſagte ihm mit einem gewiſſen Stolze: 81 „Mein Herr Marquis, ich- erwartete eine treuherzigere Antwort.“ „Hepr Simon,“ rief der Marquis mit entrüſteter Miene. „Mein Herr Marquis,“ verſetzte der Sachwalter,„es iſt unnöthig, dieſe Unterredung weiter zu treiben. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich bereits geſagt habe: auf eine offenherzig geſtellte Frage antworte ich offenherzig; auf Worte, deren Sinn mir entgeht, obgleich ich die Bös⸗ willigkeit erkenne, habe ich nichts zu antworten.“ „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr,“ ſprach der Mar⸗ quis mit leidenſchaftlichem Nachdruck;„ich wünſche, Sie möchten für Fräulein Durand einen Gatten finden, der weniger Anſprüche macht, als ich.“ Simon erbleichte vor Zorn, und entgegnete ſogleich: „Mein Herr von Belleſtar, ſeit zehn Jahren führe ich Ihre Geſchäfte; ich wünſche, Sie möchten Jemand finden, der ſie redlicher betriebe, als ich.“ Der Marquis fühlte, daß er zu weit gegangen war, und wollte Herrn Simon wieder zurückbringen. „In der That,“ ſprach er,„ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen.“ Herrn Simons Geſicht zeigte deutlich, daß es ihn ſeine ganze Willenskraft koſtete, nicht geradezu zu einem Bruche mit dem Marquis zu ſchreiten; in dieſem Augen⸗ blicke, als wollte er durch die Anweſenheit eines Dritten die Gewalt des Zwangs vermehren, den er ſich anthat, öffnete er die Thüre ſeines Kabinets und rief Silveſtre. Dieſer trat ein. Der zitternde Ton der Stimme des Herrn Simon, die Bläſſe ſeines Geſichts ſetzten ihn in Erſtaunen, und er hielt im erſten Augenblicke ſich für die Urſache dieſes Zorns, als hätte ſein Patron den Zorn errathen, den er ſelbſt über die Gegenwart des Herrn von Belleſtar fühlte, als ob alle Unruhe, die ihm der Gedanke an Sabine verurſachte, entdeckt worden wäre; aber Silveſtre hatte nicht lange unter dieſer Be⸗ Frederic Soulit. Von Tag zu Tag. 6 82 fürchtung zu leiden, denn Herr Simon ſagte ihm mit einer Lebhaftigkeit, worin kein Aerger gegen ihn lag: „Herr von Prosny, Sie werden alle die Angelegen⸗ heiten des Herrn von Belleſtar betreffenden Akten in Ordnung bringen, und für denjenigen von meinen Col⸗ legen bereit halten, den er Ihnen bezeichnen wird.“ „Ganz gut, mein Herr,“ erwiederte Silveſtre. Der Marquis begriff nun vollkommen, daß er die ſchlaue Rolle, die er ſich vorgezeichnet, auf eine ſehr alberne Weiſe geſpielt hatte, und in der Hoffnung, ſeine ungeſchicklichteit wieder gut zu machen, verließ er den Platz durchaus nicht, den er am Kamine des Herrn Simon eingenommen hatte. Dieſer, in der Meinung, der Marquis habe nicht hinreichend verſtanden, daß ihm nichts Anderes übrig bleibe, als ſich zu entfernen, ſagte ganz laut zu Silveſtre: „„Iſt Niemand da, der mich erwartet?“ „Um Vergebung,“ erwiederte Silveſtre,„Herr Leo⸗ nard, der Bijoutier, iſt da, und wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Ah! Herr Leonard!“ rief der Marquis. Herr Simon drehte ſich bei dieſem Ausruf gegen Herrn von Belleſtar um, und ſein Blick ſchien zu fragen⸗ weshalb die Erſcheinung des Herrn Leonard ihn in diefem Grade berühren könne, denn der Marquis verbeügte ſich und ſagte, entſchloſſen endlich die Frage näher zur Er⸗ örterung zu bringen, mit geheimnißvoller Miene: „Ich komme ſo eben von ihm, Herr Simon.“ Dieſes Wort drängte Herrn Simon in ſein Inneres zurück. Er zweifelte nicht mehr an der Indiseretion des Bijoutier, und erklärte ſich dadurch die Zurückhaltung des Herrn von Belleſtar. Sabinens Schritt war allerdings ſeltſam genug, um einen minder empfänglichen Mann, als den Marggis, zu beunruhigen, und vom Augenblicke an, wo er hitvon unterrichtet war, wurde eine Erklä⸗ rung unerläßlich. „Bitten Sie Herrn Leonard, mich zu erwarten,“ ———— 7 83„2 ſprach Herr Simon mit betrübtem Tone,„in einigen Minuten ſtehe ich zu Dienſten.“ Silveſtre entfernte ſich, und der Vormund trat näher zu dem Marquis, der viesmal der Frage zuvorkam, die man an ihn ſtellen wollte. „Ja, Herr Simon, ich komme von Herrn Leonard, und ich muß Ihnen ſagen, wie ich erfuhr, was Frän⸗ lein Durand bei ihm gethan hatte.“ Begreiflicher Weiſe hütete ſich der Marquis wohl, Herrn Simon auch den ſchlimmen Antheil zu bekennen, den er ihm im Geiſte bei dem ſonderbaren Anlehen zu⸗ geſchrieben hatte, und um ſein Eindringen zu entſchul⸗ digen, ſagte er ihm, er habe hauptſächlich zu erfahren geſucht, ob Herr Simon wirklich benachrichtigt geweſen ſey, überzeugt, Herr Leonard habe ihn in dieſer Bezie⸗ hung getäuſcht. F „Alles, was Ihnen Herr Levnard geſagt hat,“ ant⸗ wortete Simon,„iſt vollkommen wahr. Er hat mich von dem Schritte Sabinens in Kenntniß geſetzt, und ich habe Herrn Leonard bevollmächtigt, zu thun, was ſie von ihm verlangte. Die Stunde, wo ſie Antwort er⸗ wartet, iſt gekommen. Er muß ihr dieſelbe bringen, oder der Zweck, den ich im Auge habe, iſt verfehlt.“ Herr Simon rief den Bijoutier herein, der wenig erſtaunt ſchien, Herrn von Belleſtar im Kabinet des Sachwalters zu ſehen. „Gehen Sie zu Fräulein Durand,“ ſprach Herr Simon;„übergeben Sie ihr die Summe, die ſie von Ihnen verlangt hat, und vergeſſen Sie nicht, daß weder ich noch ſonſt Jemand ihr gegenüber etwas von dieſer Angelegenheit wiſſen darf.“ Der Bijoutier entfernte ſich, und Herr Simon ſagte zum Marquis: 3* „Der Zufall hat mich zu einer Erklärkkng genöthigt, die mir aus mehr als einem Grunde und wegen mehr als einer Perſon peinlich iſt, und ich geſtehe, daß ich 3 6 84 gerne dieſe hunderttauſend Franken bezahlt hätte, um mich davon loszukaufen.“ „Wovon handelt es ſich?“ ſprach der Marquis mit ſehr erſtaunter Miene. „Wollen Sie mir zuhören, und Sie werden viel⸗ leicht begreifen, wie meine Großmuth geringer iſt, als Sie wohl denken mögen. Uebrigens, Herr Marquis, dringe ich nicht mehr in Sie, mir hinſichtlich Ihrer Abſichten meiner Mündel gegenüber zu antworten. Welche dieſe auch ſeyn mögen,— ich bin entſchloſſen, Ihnen eine Erklärung zu geben, die Sie vielleicht frei⸗ müthiger hätten von mir fordern ſollen. Ich ſpreche zu einem Manne von Ehre und glaube gerne, daß keines von meinen Worten von ihm wiederholt werden wird.“ Herr von Belleſtar verſprach es und Herr Simon begann ſeine Erzählung. Er theilte zuerſt dem Marquis mit, wie Herr von Prosuy, der Vater, ſein ganzes Vermögen und das ſeiner Schweſter Durand anvertraut hatte, und wie die⸗ ſer ihn deſſelben beraubte. Dieſe Sache war für die Ohren eines Zukünftigen durchaus nicht angenehm, und Herr von Belleſtar billigte ſtillſchweigend die Eile, wo⸗ mit der Vormund zu anderen Betrachtungen überging. Dieſe bezogen ſich auf das, was wir bereits von den erhabenen Anſichten Sabinens über die Pflichten der Redlichkeit geſagt haben. Herr Simon ſprach bei dieſer Gelegenheit Lobeserhebungen zu Gunſten des Fräuleins Durand aus, die den Marquis viel weniger rührten, als der Vormund gewünſcht hatte; endlich kam er auf das, was zwiſchen Silveſtre und ſeiner Mündel vorge⸗ gangen war, und erklärte Herrn von Belleſtar, er zweifle gar nicht, daß die von Sabine entlehnte Summe für Prosny beſtimmt ſey. Dieſe Erklärung entrunzelte den Zukünftigen keineswegs; Herr Simon begriff vollkommen die Rechnung, die im Geiſte des Marquis angeſtellt wurde. In der That, ſagte der letztere zu ſich ſelbſt, wenn ſich dieſe Wiedererſtattungs⸗Manie des Fräuleins Du⸗ rand bemächtigt, ſo könnte es ſich nach dem, was ich von dem Urſprung ihres Vermögens weiß, wohl ereig⸗ nen, daß nach Abſchluß der Rechnung ihr nur ſehr we⸗ nig mehr in den Händen bliebe. Herr Simon kam dieſer mißlichen Befürchtung zuvor, und ſagte zu Herrn von Belleſtar: „Geſetzt, mein Herr Marquis, ich hätte meine Mündel, ſtatt ſie heute oder in einem Monat zu verhei⸗ rathen, vor zwei Monaten verheirathet, ſo würde ſie ſicherlich nicht gewagt haben, ohne den Willen ihres Gatten zu thun, was ſie heute ohne den Willen ihres Vormunds gethan hat. Sis hätte ihr Vermögen wie das ihres Gatten betrachtet, und ohne ſein Wiſſen nie darüber verfügt. Ich weiß vollkommen, daß ſie heute mehr gethan hat, als ſie konnte und ſollte, und daß ein Wort von mir ſie gänzlich zurückgehalten hätte. Aber Sie mögen wiſſen, was mich dazu getrieben hat, ſie gewähren zu laſſen; hätte ich Sabine verhindert, der edelmüthigen Eingebung ihres Herzens zu folgen, ſo würde ſie ohne Einwendung gehorcht, aber ihren Plan nicht aufgegeben haben; ſie hätte den Augenblick abge⸗ wartet, wo ſie im Stande geweſen wäre, ohne Be⸗ vollmächtigung von irgend einer Seite ihren Willen in Ausführung zu bringen. Wer weiß, wie weit um dieſe Zeit, wo ſie hätte frei handeln dürfen, ihr Edelmuth gegangen wäre? Wer weiß, welchen Nutzen gewiſſe Leute hätten daraus ziehen fönnen? Indem ich ſie heute gewähren ließ, leiſtete ich in hinreichendem Umfange einer edeln Regung ihres Herzens Genüge, daß ſie nicht weiter zu gehen ſuchen wird. Ich gewinne einen Mo⸗ nat, vielleicht zwei Monate. Bis dahin kann ich ſie verheirathen, und ich bringe ſie unter eine Vormund⸗ ſchaft, die ihr nicht geſtatten wird, die Ausführung ihrer Pläne zu vertagen, denn ſie wird keine Hoffnung haben, in einer Friſt, wie die meinige iſt, frei zu wer⸗ den. Im Kreiſe neuer Intereſſen, zarterer Neigungen 86 wird ſie auf Gründe hören, die um ſo ſtärker wirken müſſen, als die Verbindlichkeiten, die ſie gleichſam durch ihre Heirath demjenigen gegenüber, den ſie zum Gatten gewählt, übernommen hat, geheiligt erſcheinen werden.“ Seit dem Augenblick, wo ſich Herr Simon in eine Reihe von Betrachtungen eingelaſſen hatte, die geeignet waren, die Gefahr eines zu Grunde richtenden Edelmuths zu entfernen, verlor das Geſicht des Herrn von Belle⸗ ſtar allmählig den ſorglichen Ausdruck, ein liebens⸗ würdiges Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, und er ſagte zu Herrn Simon: „Sie haben ganz wohl daran gethan, und...“ Herr Simon, der dieſe gute Stimmung benützen wollte, vollendete ſeinen Sieg, indem er beifügte: „Und wenn ich Ihnen ſagte, ich hätte mit den hunderttauſend Franken, welche Sabine von Herrn Levonard gefordert hat, das Recht bezahlt, Niemand dieſe Erklärung geben zu müſſen, ſo mögen Sie auch erfah⸗ ren, warum ich weniger großmüthig war, als Sie wohl denken mögen; mein Vermögen iſt bedeutend, ich habe keine Kinder, und ich gedenke Prosny ein Schickſal zu bereiten, wie es ſeines Verdienſtes würdig iſt. Wenn er ſich ſpäter zu etabliren beabſichtigt, ſo werde ich beſ⸗ ſer für ihn ſorgen, als ſelbſt Sabine dies thun will. Folglich wäre es mir durchaus nicht ſchmerzlich, mich mit dem Opfer zu belaſten, das ſie ſich auferlegt hat, da ich ihrem Gatten Rechenſchaft abzulegen haben werde von der Verwaltung der Güter und Einkünfte von Fräu⸗ lein Durand... 6 „Dieſe Rechenſchaft iſt abgelegt,“ rief Herr von Belleſtar mit freudig begeiſterter Miene,—„abgelegt und angenommen, wenn Sie mir dieſelbe ablegen müſſen.“ „Wie, mein Herr Marquis?“ ſagte der Sachwalter. „Ich bitte Sie förmlich um die Hand Ihrer Mün⸗ del, und was die Geſchichte mit den hunderttauſend Fran⸗ ken betrifft, ſo übernehme ich dies, wenn meine Bitte ge⸗ währt wird.“ S ——— — „um Vergebung, mein Herr Marquis,“ entgegnete ver Sachwalter;„Silveſtre hat ein ſtolzes Herz, und von einem Manne, der ihm fremd i „Fräulein Durand ſoll das Verdienſt ihrer guten Handlung behalten, wie ſie das immer machen will, und Herr von Prosny ſoll nie erfahren, daß ich davon in Kenntniß geſetzt war.“ „Was iſt Ihr Plan?“ „Wenn ich Ihnen erwiederte, wie Ihre Mündel, es ſey eine Ueberraſchung, die ich Ihnen als Neujahrsge⸗ ſchenk aufbewahre, ſo würden Sie meine Antwort wahr⸗ ſcheinlich nicht annehmen. Jedenfalls werde ich Ihnen dieſen Plan nur mittheilen, wenn ich Gewißheit habe, daß Fräulein Durand meine Bewerbung gutheißt. Was, wie ich glaube,“ fügte der Marquis mit einem Ge⸗ ſichte bei, das ſich ſelbſt zu dem guten Gedanken Glück wünſchte,„was ziemlich guter Geſchmack von Seiten eines angenommenen Zukünftigen wäre, würde gänzlich unpaſſend von Seiten eines Fremden... ja, es wäre ſogar unmöglich. Wollen Sie alſo ſich meiner Sache annehmen, und verzeihen Sie mir mein Zögern. Nur verliebte Herzen gerathen ſo leicht in Unruhe.“ Die gute Gemüthsverfaſſung des Herrn von Belle⸗ ſtar war zu ſehr nach dem Sinne des Herrn Simon, als daß dieſer nicht Alles gebilligt hätte, was der Marquis Gefälliges zu thun gedachte. „Wir werden von allem dem wieder ſprechen,“ ſagte Herr Simon;„übermorgen iſt Sabinens Namenstag, ich glaube, Sie müſſen ſich ſtellen, als wüßten ſie dies nicht, aber Sie werden uns am Abend im Familienkreiſe finden.“ Der Marquis ging ſtrahlend weg; er hatte das Mittel entdeckt, zugleich eine gute Handlung, etwas Ele⸗ gantes, einen von jenen Theatercoups auszuführen, wo⸗ mit man das Herz der Mädchen im Sturme erobert, und die Neuheit ſeiner Eufindung entzückte ihn dergeſtalt, daß er den Boden nicht berührte. 88 Er wurde indeſſen alsbald wieder zu anderen Ge⸗ danken zurückgeführt, als ihn Silveſtre, da er durch deſ⸗ ſen Kabinet ſchritt, mit den Worten aufhielt: „Hat Herr von Belleſtar die Perſon gewählt, der ich dieſe Papiere übergeben ſoll?“ „Bah! entgegnete d der Marquis, der aus dem ſie⸗ benten Himiel fiel, in dem er ſtolz einher ſchwebte;„ah! ſchon gut. Behatei Sie nur Alles, mein lieber Herr, es iſt Alles in Ordnung. 4 „Ah!“ rief Silveſtre, dem ſowohl dieſe Worte, als der Ton, in dem ſie geſprochen waren, außerordent⸗ lich zu mißfallen ſchienen,„Sie behalten Herrn Simon als Sachwalter!“ „Es wäre richtiger geweſen, mein lieber Herr, wenn Sie geſagt hätten, Herr Simon behalte mich unter ſei⸗ nen Klienten. Wie dem ſeyn mag, meine Angelegenheiten ſind in Ordnung; und wer weiß, ob ſich die Ihrigen nicht gut dabei befinden werden?“ „Was meinen Sie damit?“ „Nichts, Adien, mein lieber Herr, Adieu!“ Herr von Belleſtar verließ die Schreibſtube und Prosny nahm ſeinen Platz wieder ein, indem er zu ſich ſagte: „Nun denn, wahrſcheinlich wird dieſe Heirath ſtatt⸗ finden.“ Dann ſchickte er ſich an zu ſchreiben, und während ſeine Feder die vollendeten⸗Phraſen ſchrieb, die ſeine Hand gleichſam auswendig wußte, murmelte er dumpf: „O Jammer, o Jammer, ſo arm zu ſeyn!“ Und als er immerfort ſchrieb, begegnete ſeine Feder einer Thräne, die ſeinen Augen entſtürzt war——— Den 28. Decbr. 1843. Acht Uhr Morgens. Ich lonnte noch nichts von Dem erfahren, was ſich geſtern ereignet hat. Zehn Uhr. Madame Simon und Sabine ſind 89 gſtern, am ſiebenundzwanzigſten, gegen Mittag ausge⸗ gangen; ſie ſind in zwanzig verſchiedenen Magazinen ge⸗ weſen; Sabine ſchien ſehr heiter und beſchäftigte ſich mit ihren Einkäufen. Als mein Spion ſah, daß bei⸗ nahe überall daſſelbe vorging, ſo verließ er die Damen in dem Augenblick, wo ſie in die Ville⸗de⸗Paris eintra⸗ ten, was um fünf Uhr Abends geſchah, und lief in die Schreibſtube des Herrn Simon, um zu erfahren, was aus Silveſtre geworden. Dieſer hatte ſein Kabinet eine halbe Stunde vor der Ankuuft meines Kundſchafters verlaſſen, aber er hatte nicht den Weg nach ſeinem Hauſe genommen. Ich fange an zu glauben, daß jedes neue Ereigniß auf den erſten Januar vertagt iſt. Zwölf Uhr. Großer Sieg, mein Freund, man übergibt mir ſo eben beifolgenden Brief, der auf meine Rechnung Fräulein Aurelie von S... entwendet worden iſt, an die er adreſſirt war. Sie können ihn veröffent⸗ lichen, ich übernehme die ganze Verantwortlichkeit der Verletzung des Korreſpondenz⸗Geheimniſſes. Geſtohlener Brief. Den 27. December 1843, eilf Uhr Abends. Ich ſchreibe Dir, meine liebe Aurelie, vicler Dinge wegen, von denen ich das Wichtigſte nicht vergeſſen will; deßhalb ſage ich es Dir, ehe ich das Kapitel der Tän⸗ ——— deleien eröffne. Wir lieben uns zu ſehr, um nicht einigermaßen wie die Verliebten zu ſehn, die, wie man behauptet, ſich Alles ſagen, das ausgenommen, was ſie ſich zu ſagen haben, ſo daß ſie am anderen Tage und alle Tage wieder anfangen müſſen. Weißt Du das? Ich glaube, Du wirſt zu verſchwiegen, um mir nicht Vieles zu ſagen zu haben. Ich will Dir alſo mit dem Beiſpiel vorangehen, denn, ich weiß nicht, ich fühle ein Bedürf⸗ niß, mit Jemand zu ſprechen, der mich liebt, und Du liebſt mich, nicht wahr? Mein Gott, wenn Du mich nicht lieb⸗ teſt, ſo wäre ich heute ganz allein! Es iſt mir ſo vel begegnet, und ich brauche Rath, guten Rath. Ich hatte, wie ich Dir geſtern geſagt, meiner Vor⸗ münderin verſprochen, den ganzen Tag mit ihr in den Magazinen umherzulaufen. Deßhalb hatte ich meinen Vormund um Geld bitten laſſen, denn ich will meine hunderttauſend Franken nicht anrühren, ich brauche ſie ganz; und überdies, wenn ich meinen Reichthum gezeigt“ hätte, ſo würde man mich gefragt haben, woher mir die⸗ ſes Vermögen zugefloſſen ſey. Mein Vormund trat dieſen Morgen in mein Zimmer, legte vier Rollen Gold auf den Tiſch und ſprach: „Iſt dies genug?“ Der ernſte und weiche Ton, womit er mir dieſe Worte ſagte, machte mir bange. Ich erinnere mich, daß er ſonſt mit ein paar Louisd'or kam und verweiſend rief: „Das kleine Mädchen braucht ſchon wieder Geld. Sie halten keine Ordnung, Mademviſelle; Sie ſind eine kleine Verſchwenderin; das iſt das Letztemal, daß ich mich Ihren Launen füge.“ Dies geſchah noch im vbrigen Jahre, und es ſchwebt mir im Gedächtniß, mit welchem luſtigen Zorn ich ihm ſeinen Geiz vorwarf, wie ich ihm Louisd'or für Louisd'or zehn⸗ mal den Werth von dem entriß, was er mir brachte. Ich bat, ich weinte, ich drohte ihm; er lachte; ich gerieth in Wuth und ging ſo weit, daß ich ihm die Börſe ſtahl. Wir ſchlugen uns beinahe, und das endigte damit, daß wir Beide lachten, er wie ein Kind meinesgleichen, ich, wie ich nie mehr lachen werde. Ich kann Dir nicht erklären, meine liebe Aurelie, welche Wirkung das Wort und der Ton meines Vormunds auf mich hervorgebracht haben. Es war, als ſpräche er mit einer Frau, die bereits Herrin ihrer ſelbſt iſt.„Iſt dies genug?“ ſagte er. Er hätte mir alſo mehr gegeben, wenn ich mehr gefordert hätte; und er unterſuchte nicht einmal, wie ich es verwenden wollte, ſondern überließ mir gleichſam die Verantwortlichkeit. Wie wir doch ſonderbar 9 91 ſinf, wir Frauen. Ich war, ich muß es bekennen, ſehr waig aufgelegt, meine Zuflucht zu den kleinen, liſtigen Streichen von ehemals zu nehmen; ich war zum Voraus ungeduldig über die Predigt, der ich entgegenſah, und nun, da Alles geſchehen iſt, wie ich es wünſchte, war ich erſtaunt darüber. Das iſt eine ſeltſame Empfindung, nicht wahr? Nun wohl, wenn das gutmüthige Schelten mei⸗ nes Vormundes unterlaſſen blieb, ſo wollte er mir wohl damit zu verſtehen geben, ich ſey frei; mir aber kam es vor, als ſagte er mir:„Gehe, Du biſt allein!“ Herr Simon wurde die plötzliche Traurigkeit, die fich meiner bemeiſterte, gewahr, und fragte mich, was ich hätte; ich antwortete ihm, ich hätte nichts. Ich konnte ihm nicht ſogleich ſagen, ich wäre ärgerlich, weil er mich nicht zankte. Vor einem Jahre würde er mich geplagt haben, bis ich die Wahrheit bekannt hätte. Dieſen Morgen be⸗ ſtand er nicht darauf, er ließ mich mit meiner Traurig⸗ keit, ohne ſich weiter darüber zu beunruhigen. Das fand ich ſchlimm. Nicht wahr, wenn mir ein Vorwurf zu ma⸗ chen war, ſo hätte er es mir ſagen ſollen. Ich fühlte mich ſo mißmuthig, daß ich auf dem Punkte ſtand, ihn zu fragen, was ich Böſes gethan hätte, aber das Kam⸗ mermädchen von Madame Simon erſchien, um mir zu melden, dieſe ſey bereit, und erſt dann ſagte mir mein Vormund: „Ich gedachte eine ernſte Unterredung mit Dir zu pflegen, aber es iſt zu ſpät.“ S Ich bat, ihn ſogleich hören zu dürfen. „Neugieriges, eigenſinniges Kind,“ ſagte er ſanft zu mir. „Oh!“ rief ich, Thränen in den Augen,„nein, das iſt es nicht, es iſt nicht Neugierde; aber Sie ſehen ärger⸗ lich aus; Sie ſind mir vielleicht böſe; und ich will nicht, tß Sie ärgerlich ſind, ich will nicht, daß Sie mir böſe ſind.“ Ich hatte meinen Vormund nie ſo bewegt, nie ſo weich geſchen; er nahm mich bei den Händen, ſchaute 92 mich einen Augenblick mit zärtlichem Wohlgefallen an, umarmte mich und ſagte mit einem ſeltſamen Erguß: „Oh, ich wollte, Du wäreſt meine Tochter!“ Er entfernte ſich ſogleich, ohne ſeiner Frau zu ant⸗ worten, welche in dieſem Augenblicke eintrat, und ſehr verwundert ſchien über die Aufregung, die bei ihm und mir ſichtbar war. Sie fragte mich, was vorgegangen wäre, ich erzählte es ihr, und ſeltſamer Weiſe wurde ſie ihrer Seits ebenfalls traurig, und als ich ihr das letzte Wort ihres Gatten wiederholte, ſo ſtaunte ich nicht we⸗ nig, ſie mit einer gewiſſen Bitterkeit ſagen zu hören; „Und ich auch, ich wollte es für ihn.. für mich. und für Dich auch, mein armes Kind.“ „Aber, was iſt denn vorgefallen?“ rief ich,„was gibt es denn?“ „Dein Vormund wird es Dir ſagen,“ antwortete Madame Simon;„er will nicht, daß ich mit Dir davon ſpreche, und Du ſollſt von mir durch mein Beiſpiel ler⸗ nen, daß es die erſte Bedingung einer Ehe iſt, einem ge⸗ rechten und billigen Willen zu gehorchen zu wiſſen. In⸗ deſſen iſt nichts dabei, was Dich beunruhigen dürfte. Und ich kann Dir noch Etwas ſagen— daß, wenn die Trau⸗ rigkeit des Herrn Simon wegen Dir herrühri, Du doch in Wahrheit nicht die Urſache davon biſt.“ „Ich begreife Sie durchaus nicht,“ ſagte ich zu mei⸗ ner Vormünderin. Sie nahm raſch ihren Muff und ihre Handſchuhe, und ſprach: „Wollte ich mich Dir verſtändlich machen, ſo würde⸗ ich mehr ſagen, als ich ſoll. Vorwärts, mein Kind, ge⸗ hen wir.. Dein Geld mag hier bleiben, wir werden uns Alles, was wir kaufen, bringen laſſen, und wenn Du nicht reich genug biſt, ſo leihe ich Dir.“ Sie verließ mein Zimmer, ohne meine Antwort ab⸗ zuwarten und rief mit von ferne. Als ich wieder zu ihr kam, ſah ich, daß ſie ſoeben einige Thränen abtrocknete. Ich ward in die ſchrecklichſte Unruhe verſetzt, und * 93 wäre ich nicht von Herrn Leonard's Verſchwiegenheit über⸗ zeugt geweſen, ſo hätte ich geglaubt, mein Vormund ſey von dem, was ich gethan, unterrichtet. Aber ich kenne ihn, er iſt nicht der Mann, um den Vorwurf auf dem Herzen zu behalten, den dieſe Handlung ſeiner Anſicht nach verdienen dürfte. Er hätte mich bereits ausgeſcholten und mir wieder vergeben, weni er ſie wüßte. Es war etwas mehr, und beſonders etwas ganz Anderes. Ich äußerte nichts gegen Madame Simon, aber ſie las meine Unruhe in meinen Augen und ſagte: „Ich bitte Dich, frage mich nicht, ich könnte Dir nichts ſagen, und Du würdeſt mir wehe thun.“ „Alles, was Sie für mich gethan haben, war ſo gut⸗ daß ich abwarten werde. ſagte ich.„Aber ſeyen Sie überzeugt, was auch geſchehen ſoll, um Ihnen einen Kum⸗ mer zu erſparen...“ „Nun, nun,“ verſetzte Madame Simon,„ich will Dich nicht ſo ſprechen hören; gehen wir.“ Dann fuhr ſie, während wir die Treppen hinabſtie⸗ gen, mit einer ihrer Natur fremden Heiterkeit fort: „Laß uns Thorheiten begehen, wir wollen Herrn Simon zu Grunde richten, das wird ihn etwas ärgern und uns zerſtreuen!“ Ich war indeſſen ſehr traurig, Madame Simon ſprach von tauſend Dingen, beſonders von den Einkäufen, die ich für uns Alle machen ſollte, und vor Allem für Dich, die ſchöne Aurelie; was ich für Dich gekauft habe, iſt beinahe ſo hübſch wie Du, Du wirſt ſchon ſehen, denn Madame Simon liebt Dich, und war nie mit dem zufrie⸗ den, was ich für Dich beſtimmte; ich war ihr ſehr dank⸗ bar dafür, aber ich weiß nicht, warum mir bei dem Ge⸗ danken an Dich immer wieder das Wort meines Vormunds in das Gemüth kam, und ich zu mir ſagte:„Oh! ich wollte, ſie wäre meine Schweſter. Meine liebe Aurelie, Du biſt meine Schweſter von Herz und Seele, warum fühlte ich heute das Bedürfniß, mit einem geheiligten Titel zu lieben? Warum wünſchte ich, es möchten Bande des 94 Bluts unter uns beſtehen? Zweifle ich an meiner Freund⸗ ſchaft, oder an der Deinigen? nein gewiß nicht. Aber ich kann es Dir nicht beſſer ſagen: ich hatte die Lippen voll von den Worten Bruder, Schweſter, Mutter, und ich hätte den Himmel geſegnet, würde er mir auf der Straße ei⸗ nen Bettler gezeigt haben, zu dem ich ſie zu ſprechen das Recht gehabt hätte. Aber ich werde wieder traurig, wäh⸗ rend ich Dir ſchreibe, ſo traurig wie ich war, als ich das Haus verließ, und ich muß Dir wohl ſagen, daß ich es keine Stunde mehr blieb, nachdem ich es verlaſſen hatte: Madame Simon war ſo gut geweſen, hatte meine kleine Svirée ſo vortrefflich geordnet,.. Ah, mein Gott! Was ich Recht hatte; nun find wir auf dem Punkte angelangt; gerade wegen dieſer Soirse hatte ich meinen Brief angeſangen, und habe nun mit. Dir, wie es die Verliebten machen(wie man behauptet) von ganz anderen Dingen geſprochen. Uebrigens wirſt Du dabei Einen ſehen(ich hoffe es wenigſtens, denn er hat es mir verſprochen,) Einen, deſſen Gegenwart nach dem, was ich Dir geſtern geſagt habe, Dich ſehr in Erſtaunen ſetzen dürfte. Aber das hat ſich auf eine ſo ſonderbare Weiſe zugetragen, daß ich Dir ſagen muß, wie es gekom⸗ men iſt; in der That, ich konnte es nicht anders machen, Du wirſt ſelbſt darüber urtheilen,— indeſſen,— indeſſen, indeſſen!! ach mein Gott, wie man beengt und verlegen iſt, wenn man die guten Sachen gut machen will! Madame Simon ſah verdrießlich und zufrieden, dann wieder ver⸗ drießlich und dann wieder zufrieden aus. Bald lag Ent⸗ zücken, bald Unmuth über das, was ich gethan, in ihrer Miene. Sey meine Richterin, Du, die Du Königin des Wohlanſtands biſt. Wir hatten alle Magazine der Welt durchlaufen, um ein Kleid von Mouſſeline mit kleinen matten Streifen für mich zu finden: Du erinnerſt Dich jenes berühmten Kleides, das ich an dem Tage trug, wo wir, nachdem wir drei Jahre lang einen gegenſeitigen Groll gehegt hatten, uns erklärten, am Tage der Preisvertheilung, 95 und wo wir uns plötzlich ſo ſehr liebten; denn es beſtand zwiſchen uns kein anderer Haß, als einer, der daraus entſprang, daß wir die zwei Schönſten, die zwei Reich⸗ ſten, und Allem nach die zwei Beſten von der Koſtſchule geweſen waren. Dieſes Kleid hatte mir Glück gebracht, denn unſere Erklärung fing mit den Spöttereien an, die Du darüber machteſt. Nun denn, ich wollte ein ganz gleiches für meine Soirée haben, und nirgends konnte ich ein ähnliches finden. Ah! meine liebe Aurelie, das wäre ein Stoff zu ſehr ernſten Betrachtungen; es iſt doch ein abſcheuliches Gefühl, daß man immer finden muß, wie vergänglich Alles iſt.. in der Mode! Wo ich nur immer nach dem elenden Kleidchen fragte, begegnete ich erſtaunten, ja zuweilen verächtlichen Mienen. Aber ich hatte mich gleichſam in dieſe Laune verbiſſen, und durch eine beiſpielloſe Gefälligkeit hatte ſich Madame Simon ebenfalls darin verbiſſen. „Ich habe es gerne,“ ſagte ſie,„wenn man ſchöne Erinnerungen liebt, ich habe es gerne, wenn man Ver⸗ trauen in jie ſetzt, und ich wäre beinahe ſo ärgerlich, wie Du, wenn es Dir nicht gelänge, dieſes Kleid zu finden.“ Du begreifſt, daß es eine Angelegenheit von Be⸗ deutung geworden war, und ich darf wohl behaupten, daß Madame Simon ſo viel Gewicht darauf legte, als ich. Hatte ſie vielleicht auch eine abergläubiſche Idee damit verknüpft? Ich weiß es nicht, aber endlich ließen wir uns in die Magazine der Ville⸗de⸗Paris führen. Hierauf beruhte unſere letzte Hoffnung, und damit es mir gelinge⸗ wenn überhaupt ein glücklicher Erfolg in dieſen Tagen möglich war, wo die Käufer ſo zahlreich erſcheinen, daß die Commis nicht wiſſen, wen ſie anhören ſollen, erſann ich einen großen politiſchen Coup. Ich ging zuerſt in das Magazin der Seidenſtoffe und machte hier eine Aus⸗ gabe. aber was für eine Ausgabe! Ihr habt alle dabei gewonnen, Ihr böſen Zungen, und ich hoffe, daß man mir in dieſem Jahre bei meinen Etrennes keine Grimaſſen ſchneiden wird, wie es im vorigen Jahre ge⸗ 96 ſchehen iſt. Ich wählte alſo vier bis fünf Kleider, die ich für verkauft erklärte, dann ließ ich eben ſo viel bei Seite legen, und ſagte, ich würde mich darüber entſchei⸗ den, ehe ich das Magazin verlaſſe. Aber vor dieſem Moment müſſe man mir ein Mouſſelinekleid auffinden, wie ich es verlangte. Meine Taktik brachte eine wunder⸗ bare Wirkung hervor; der Commis bei den Seidenſtoffen führte mich in die Gallerie der Mouſſelines zu niedrigen Preiſen; doch ich konnte aus der Art und Weiſe, wie er ſagte, man müßte mir durchaus auffinden, was ich verlangte, erſehen, daß er mich zu einem ſehr hohen Werth angeſchlagen hatte. Nachdem ich auseinanderge⸗ ſetzt, was ich haben wollte, ſchien der neue Commis, an den mich ſein Kamerad empfohlen hatte, in großer Ver⸗ legenheit, aber er antwortete mir als wahrer Comp⸗ toirheld: „Man wird Ihnen das finden, Madame, weil man es Ihnen finden muß.“ Dann erbat er ſich einige Minuten von uns, um in ein anderes Magazin zu gehen, und ließ uns höflich niederſitzen, ſo gut es inmitten der Menge ging, von der die Gallerie vollgepfropft war. Wir befanden uns bei einem Comptoir, wo Kleider unerhört wohlfeil ver⸗ kauft wurden, und waren ſo von allen Sorten von Men⸗ ſchen umgeben. Aber ich geſtehe, ich fand Vergnügen an dieſem Schauſpiel; es gab dabei ſo ſeltſame Käufer⸗ figuren, es kamen ſo bizarre Wahlen vor! Gute dicke Weiber kauften für ihre Töchter, kleine junge Leute kauften für ich weiß nicht wen, Ehemänner kauften für ihre Frauen; die erſten wie die letzteren bekannten ganz laut die Beſtimmung ihrer Einkäufe, die kleinen jungen Leute ſchwiegen und ließen ſich immer durch den ewigen Grund des Commis:„Mein Herr, das trägt ſich ausgezeichnet ſchön,“ verlocken. Wir beluſtigten uns ſehr über dieſes kleine Schauſpie — Madame Simon und ich— als ich plötzlich Herrn Sildeſtre erſcheinen ſah. Wir waren dergeſtalt von Käu⸗ ———. 97 fern umhüllt, daß er uns nicht bemerkte; und da er ſich an das Comptoir uns gegenüber wandte, ſo konnte ich ihn mit aller Bequemlichkeit beobachten. Madame Simon ſchien mir noch neugieriger, als ich, zu erfahren, was Herr von Prosny wohl in dieſem Magazin einkaufen würde. Wir konnten nicht hören, was er ſagte, aber ich ſah, daß man Merinos vor ihm aufrollte; er verwarf zuerſt die ſchreienden und gelben Farben, und verweilte bei einigen ſehr düſteren Stücken. Er ſtand ſo, daß ich ſein Geſicht ſehen konnte... Es ſchien, als wäre er gewaltig in Ver⸗ legenheit über das, was er thun ſollte, und nachdem er einen kaſtanienbraunen Stoff ſorgfältig unterſucht hatte, wandte er ſich an den Commis. Ich hörte die Frage des Herrn von Prosny nicht, denn er ſprach ſehr leiſe, aber der Commis antwortete ſo, daß ich daraus vernahm, was Herr von Prosny geſagt hatte. „Mein Herr, dieſes iſt ein ſehr breiter Stoff,— erſte Qualität. Wir können es nicht billiger geben, als ſechszehn Franken das Meétre.“ Es war ein ſchmerzhaftes Zuſammenziehen in Herrn von Prosny's Zügen bemerkbar, und er machte eine neue Frage, auf welche der Commis erwiederte: „Man braucht fünf bis ſechs Metres.⸗ Herr von Prosny wandke ſich von dieſem Stoffe ab, und ich konnte ſeinen Kopf nicht mehr ſehen, aber ich las die Frage auf dem Geſichte des Commis. Dieſer nahm eine verächtliche Miene an, und ſuchte ein neues Paquet Stoffe in den höchſten Fächern, wohin man gewöhnlich die mittelmäßigen und altwodiſchen Kleiderzeuge verbannt. Er warf es ſodann vor Herrn von Prosny und ſagte zu dieſem: „Hier iſt, glaube ich, was Ihnen zuſagen dürfte.“ Ich erzähle Dir dieſes, meine liebe Aurelie, ich er⸗ zähle es Dir ſchnell, wie es unter meinen Augen geſchah, denn ſch fürchte mich, es Dir zu erzählen, wie es in meinem Herzen vorging. Nach dem, was ich errathen habe, nach dem, was Du allein mir zu ſagen den Muth hatteſt(und Frederie Soulié. Von Tag zu Tag. 7 98 ich weiß noch nicht, ob Du mit die volle Wahrheit geſagt haſth, urtheile, was ich leiden mußte, als ich ſah, wie die⸗ ſer ſo ſtolze, ſo ehrenwerthe, ſo fleißige junge Mann wegen ein paar elender Thaler bei dem einzigen Geſchenke, das er machen wollte, in beklemmende Schranken zurückgewieſen war. Und ich hatte ſo eben eine tolle Ausgabe für Freun⸗ dinnen gemacht, die ich allerdings liebe, von denen aber keine des Geſchenkes bedarf, das ich ihr beſtimme. Dieſer Gedanke kam mir nicht ſogleich, aber ich hörte plötzlich die bewegte Stimme von Madame Simon, die ihn ebenſo aufmerkſam beobachtete, als ich, ſanft murmeln: „Armer Silveſtre!“ Dieſes Wort ſagte mir Alles. Ich nahm meine Vor⸗ münderin bei der Hand und drückte ſie um ſo ſtärker, als ich nicht zu ſprechen im Stande war. Ich weiß nicht ge⸗ wiß, ob ſie mich verſtand, aber ich glaube es; ſie folgte der Eingebung der Engelsgüte, die ſie Alles, was ſie macht, ſo gut machen läßt, ſtand auf und ging auf Silveſtre zu, während ich meinen vorigen Platz wieder einnahm. Dann konnte ich hören, was er ſagte: „Wird dies wohl paſſend ſeyhn?“ „Das iſt von der Perſon abhängig, mein Herr, für die Sie es beſtimmen.“ „Für eine ſehr betagte Perſon, die ſich äußerſt ein⸗ fach kleidet.“ „Vielleicht für eine alte Bonne,“ ſagte der Commis naiv. Silveſtre zitterte, und ich weiß nicht, was er zu ant⸗ worten im Begriffe war, als Madame Simon, die ſich ſtellte, wie wenn ſie ihn plötzlich erblicken würde, in einem ganz natürlichen Tone zu ihm ſprach: „Ah, Sie hier, Herr von Prosny, um Einkäufe zu machen!“ Silveſtre wandte ſich um; er war roth bis unter das Weiße der Augen— doch es ſchien ihm minder unange⸗ nehm, als ich geglaubt hatte, von Madame Simon über⸗ raſcht zu werden, und er verbengte ſich, indem er zu lächeln ſuchte. . 99 „Ja, allerdings,“ ſagte er,„und Sie ſehen mich ſehr in Verlegenheit.“ „Ich glaube es,“ erwiederte ſie;„verſtehen Sie Et⸗ was davon? Wollen Sie mich Ihren Einkauf machen laſſen?“„ „Sehr gerne, Madame, aber „Ich werde klug ſeyn,“ ſagte Madame Simon mit jenem feinen, verführeriſchen Lächeln, das ſie in ihre fünf⸗ undzwanzig Jahre zurückverſetzt;„aber wir Frauen haben im Einkaufen eine Geſchicklichkeit, die Euch verſagt iſt. Fragen Sie das Sabine.“ Er hatte mich noch nicht bemerkt, nun aber konnte er nicht umhin, zu mir zu kominen, da ich mich noch beiſeit hielt. Ich hatte die Abſicht von Madame Simon begriffen, und wollte ſie in ihrer ſchönen, anmuthigen Lüge unterſtützen, indem ich Herrn Lon Prosny verhinderte zu ſehen, was ſie that. „Das ſind Tage,“ ſprach ich ihn ſanft anſchauend (ah! ich ſchaute ihn an, als wollte ich ihm ſagen: Ich bin gut und kenne Ihren Werth).„Das ſind Tage, die Jedermann viel Beſchäftigung geben.“ „Wenigſtens allen Denen,“ erwiederte Silveſtre, „welche viele Freunde beſitzen, und viele Geſchenke zu machen haben.“ 5 „Es iſt ſo ſchön zu geben!“ ſprach ich unbeſon⸗ nener Weiſe. Ich hatte ihn in dem Augenblick verwundet, wo i6 Wie ſoll ich Dir das ſagen? Ich muß es Dir ſagen, da Niemand außer Dir dieſen Brief leſen wird. Ich hatte ihn in den Augenblick verwundet, wo ich dieſe don Schmerzen erfüllte Seele liebkoſen wollte. Er machte eine Bewegung, als wollte er zu Madame Simon zurückgehen. Sie hatte mich weggeſchickt, um ihn einen Augenblick zu bewachen; es iſt nicht mein Fehler, wenn ich eine Unklugheit begangen habe, um meiner Vormün⸗ derin zu Hülfe zu kommen. Der Commis, der meine 3. 100 Mouſſeline geſucht hatte, kam in dieſem Moment zurück. Ich bemerkte ihn und benützte ſeine Rückkehr, um Herrn von Prosny zu ſagen: „Da Madame Simon Ihre Ankäufe übernommen hat, ſo ſehen Sie die meinigen, wenn ich bitten darf.“ Er zögerte.. „Kommen Sie,“ ſprach ich,„nie würde ich es wagen, ganz allein jenem Comptoir näher zu treten.“ Erſt lange nachher bemerkte ich, daß ich mich auf dieſe Art unter den Schutz des Herrn von Prosny ge⸗ ſtellt hatte; was ich aber ſogleich gewahr wurde, das war der beunruhigte, unſichere, ängſtliche Blick, den er auf mich heftete. Es ſchien, als könnte er nicht an meine Worte glauben. Oh! dieſes furchtſame Anſchauen hat mir mehr wehe gethan, als die drohenden Blicke, die er mir in der Kirche und am Piano, als ich ſang, zuſchleuderte. Soll ich es Dir ſagen, meine Aurelie? Es war in dieſen Minuten, wie wenn er mit Bedauern den Haß aus ſeinem Herzen ſchwinden fühlen würde. Doch ich war entſchloſſen, feſt zu bleiben; als wir vor dem Comptvir ſtanden, ſuchte ich mein Kleid, und da Herr von Prosny, der es nicht gewagt hatte, mir ſeine Begleitung zu verweigern, über ſeine Stellung ſehr in Verlegenheit zu ſeyn ſchien, ſo ſagte ich: „Sie ſtaunen, mich ein ſolches Kleid in einer ſolchen Jahreszeit kaufen zu ſehen?“ „Es iſt wahrſcheinlich für ein Mädchen, das ſich im Frühjahr damit ſchmücken wird?“ „Es iſt für mich, es iſt für Freitag,“ Herr von Prosny ſchaute mich unabläſſig an, ganz überraſcht durch meine Vertraulichkeit, und weil ich ihn beſchäftigen wollte, vielleicht auch, weil ich ihm einfacher *) Hier iſt eine Zeile ausgeſtrichen, die wir nicht leſen können. Note des Herausgebers. 101 und beſſer erſcheinen wollte, als wofür er mich halten mochte, ſo ſprach ich: „Das Kleid, welches ich ſuche, trug ich an dem Tag, wo ich meiner beſten Freundin begegnete. Es war eine Verſöhnung zweier Herzen, die ſich haßten, ohne ſich zu kennen, oder vielmehr, die ſich bereits liebten, ohne es zu vermuthen.“ In dieſem Augenblicke bemerkte ich mein Kleid, ich erkannts es, ich war glücklich. „Oh! das iſt ein gutes Vorzeichen für mein Feſt am nächſten Freitag, denn ich habe ein Feſt bei mir, in meinem Zimmer,“ ſagte ich zu Herrn von Prosny, ganz unſer gegenſeitiges Verhältniß vergeſſend. Und da er mir mit derſelben erſtaunten Miene zu⸗ hörte, und da ich wünſchte, nichts, was von mir käme, ſollte ihn verwunden, nicht ein Wort, nicht eine Ver⸗ geßlichkeit, ſo fügte ich bei: „Meine Freundinnen kommen, meine Familie, und wenn Sie Antheil nehmen wollten, mein Herr, ſo würde ich Ihnen ſehr dankbar ſeyn.“ Jetzt, da ich, um Dir ſie mitzutheilen, mich aller der Worte erinnern muß, die ich in den Gränzen ein⸗ facher Höflichkeit gehalten glaubte, begreife ich erſt, wie ſehr ſie ihn in Erſtaunen ſetzen mußten. Habe ich ihm nicht von zwei Herzen geſprochen, die ſich haßten, ohne ſich zu kennen, um ſich ſofort zu lieben? Habe ich nicht beigefügt, ich bitte ihn unter meinen Freunden, unter meiner Familie zu ſeyn? Was hatte ich denn im Kopfe, im Herzen? Ich weiß es nicht, aber in dieſem Augen⸗ blick war ich glücklich über Alles, was ich ihm Gutes ſagte, über Alles, was mir in der Stunde, wo ich Dir ſchreibe, unbegreiflich ſcheint. 6 Ich wartete ſeine Antwort nicht ab, und da Ma⸗ dame Simon gerade wieder zu uns kam, ſo ſagte ich freudig zu ihr: 3 F „So eben habe ich Herrn von Prosny auf Freitag eingeladen. Nicht wahr, er muß kommen?“ 102 „Kommen Sie,“ ſprach Madame Simon, auf deren Antlitz lebhafte Zufriedenheit zu leſen war;„kommen Sie, es wird uns freuen.“ „Ich werde kommen, Madame,“ erwiederte Herr von Prosny mit bewegter Stimme.„Ich danke, mein Fräu⸗ lein.“ „Ihr Ankauf iſt gemacht,“ ſprach Madame Simon, „ich habe Alles in unſere Pakets legen laſſen, man wird das Ganze mit dem Conto ſchicken und dann rechnen wir,“ fügte ſie bei.„Ich bin nicht zu ſparſam geweſen, trotz meinen Verſprechungen, aber man hätte beinahe über Sie geſpottet.“ Leicht erkannte ich die volle Güte, die in der Be⸗ hauptung einer übertriebenen Ausgabe lag. Es hieß nichts Anderes, als Herrn von Prosny ein Geſchenk ma⸗ chen, aber er durfte es nicht ahnen. Madame Simon nahm feinen Arm, wir beendigten unſere Ankäufe und ſtiegen in den Wagen. Es war eine Einladung, die meine Vormünderin bald ärgerlich, bald zufrieden machte, wie ich Dir ge⸗ „ſagt habe; indeſſen ſprach ſie mit ihrem Gatten nicht von dieſer Sache. Er ſagte mir, als wir zurückkamen: „Mein Kind, wir werden heute Abend allein blei⸗ ben; ich habe ſehr Ernſtes mit Dir zu verhandeln.“ Wir ſpeisten ziemlich ſtille zu Mittag, wie dies in Erwartung eines großen Ereigniſſes zu geſchehen pflegt. Als der Abend gekommen war... Doch ehe ich zu dem gelange, was ich Dir zu vertrauen habe, muß ich noch einmal alle die Thorheiten durchleſen, die ich Dir er⸗ zählt habe. Wie ich doch Recht hatte!... Ich bleibe bei der erſten Zeile ſtehen. Weißt Du, womit ich dieſen Brief anfangen wollte? Damit, Dich daran zu erihnern, daß Du am Freitag den Abend bei mir zubringſt. An was vachte ich denn?... Es kommt davon her, daß das, was mir mein Vormund geſagt hat, ſehr wichtig iſt, Du wirſt es ſehen. 103 Als wir allein waren, Madanie Simon, mein Vor⸗ mund und ich, ſo beobachteten wir noch längere Zeit unſer Stillſchweigen. Endlich gab Madame Simon ihrem Gatten ein Zeichen, und dieſer ſprach, nachdem er ſich neben mich geſetzt hatte: „Höre mich nun an, mein Kind; ich liebe Dich, wir lieben Dich beide— ich und meine Frau— und dieſe Zärtlichkeit wird heute auf eine grauſame Probe geſtellt.“ Man hatte mir eine ernſthafte Unterredung ange⸗ kündigt, und ich erwiederte, ohne über die Feierlichfeit dieſes Eingangs beunruhigt zu erſcheinen: „Ich höre und bin bereit, Alles zu vernehmen, was Sie mir zu ſagen haben.“ Wenn ich es Dir geſtehen ſoll, ich glaubte, ich würde über das, was ich bei Herrn Leonard gethan hatte, geſcholten werden; ich weiß nicht, warum ich mir eingebildet hatte, mein Vormund ſey davon unterrichtet⸗aber ich war ſo gewiß, daß er meine Handlung billigen würde, ſobald er die Beſtimmung meines Anlehens erfahren hätte, daß ich ihn feſten Fußes erwartete. Beurtheile alſo meine Ueber⸗ raſchung, als er ernſt fortfuhr: „Mein liebes Kind, ich muß Dir mittheilen, daß Herr von Belleſtar mich geſtern förmlich um Deine Hand gebeten hat.“ „Herr von Belkeſtar?“ erwiederte ich in einem Tone völliger Enttäuſchung. In dieſem Augenblicke gab Madame Simon ihrem Manne ein Zeichen; dieſes Zeichen wollte offenbar ſagen: „Du ſiehſt, daß ich errathen hatte, mit welcher Miene man ſeinen Antrag aufnehmen würde.“ Mein Vormund machte ſeiner Frau große Augen; aber es war mir klar geworden, daß ich in meiner Vor⸗ münderin eine Hülfstruppe hatte, und es dünkte mir ſehr erfreulich, daß ich nicht allein bei meiner Partei war. „Der Herr Marquis von Belleſtar,“ wiederholte mein Vormund,„hat mich förmlich um Deine Hand ge⸗ 104 ⸗ peten, und ich habe ihm Antwort, ehe zwei Tage ver⸗ gehen, zugeſagt.“ „Dieſer Herr ſcheint ſehr eilig,“ entgegnete ich mei⸗ nem Vormund mit ſpöttiſchem Tone. „Ich bin es geweſen, der ihm die Antwort verſpro⸗ chen hat,“ verſetzte Herr Simon ziemlich ſtreng. „Nun wohl, mein lieber Freund,“ ſprach ich,„Sie haben Recht gehabt, und Sie hätten ſie ihm für dieſen Abend zuſagen können. Ich ſchlage ſeine Hand aus.“ Madame Simon, die ich nun anſchaute, hatte eine Stickerei zur Hand genommen und ließ mit den Augen nicht davon ab. Sie wollte nicht das Anſehen haben, als unterſtützte ſte mich; gleichwohl ſah ich, daß ſie meine Antwort erwartet, daß ſie ihren Gatten zuvor davon unter⸗ richtet hatte, und daß ſie, wenn ſie ſchwieg, dies nur that, weil ſie vor mir nicht über ihren Scharfſinn triumphirend erſcheinen wollte. Es iſt, wie ich glauben muß, nicht gut für die Frauen, gegen ihre Männer Recht zu haben, ſelbſt wenn dieſe vortrefflich ſind. „Haſt Du Deine Weigerung auch wohl bedacht?“ ſprach mein Vormund. „Durchaus nicht; ich ſchlage Herrn von Belleſtar aus Eingebung oder Inſtinkt aus, wie Sie wollen. Ich ſchlage ſeine Hand aus, weil er mir zuwider iſt.“ „Es iſt ein Mann von einem großen Namen.“ „Ich weiß es.“ „Er hat Anwartſchaft auf die höchſte Stellung.“ „Möglich.“ „Ein ehrenwerther Mann.“ „Sonſt würden Sie ihn nicht vorgeſchlagen haben.“ „Ein Mann, der in ſeinem Herzen zartere, erhabe⸗ nere, trefflichere Gefühle hegt, als Du wohl glauben mgſi.⸗ „Ich ſage nicht nein.“ „Und während Du ſolche Eigenſchaften bei ihm an⸗ erkennſt, ſchlägſt Du ihn aus?“ „Hören Sie, mein Freund, ich weiß nicht, was Je⸗ chebicibteeeeteee 105 mand haſſen heißt, und Haß gegen Herrn von Belleſtar wäre ein ehe unvernünftiges Gefühl von meiner Seite; aber ich will Ihnen etwas ſagen: der Gedanke, ſeine Frau zu ſeyn, iſt mir ſo abſcheulich widrig, daß ich, ich weiß nicht welche Partie, dieſer vorziehen würde.“ „Laß uns ein wenig überlegen,“ ſagte Herr Simon, indem er bei der Hand nahm(eine Geberde, die bei gewöhnlich vorkommt, wenn er mir beweiſen will, daß ich nicht weiß, was ich ſage, und ich war auf meiner Hut),„laß uns überlegen: Du ſiehſt Herrn von Belle⸗ ſtar ſeit fünf bis ſechs s Monaten, ſelten zwar, aber oft genug, daß Du Dir eine Anſicht üter ihn bilden konnteſt.“ „Nun wohl,“ erwiederte ich meinem Vormund,„dieſe Anſicht iſt völlig gebildet.* „Du unterbrichſt mich, wie Einer, der überzeugt zu höre mich und antworte mir.“ „Gut.“ „Es iſt cht das erſtemal, daß der Gedanke an dieſe Heirath ſich Dir dargeſtellt hat?“ Ich zögerte und ſagte ſodann: „Es iſt das erſtemal, daß man ſo förm⸗ lich mir davon geſprochen hat.“ Das iſt wahr; aber es ſ ein Monat, es ſind vier⸗ zehn Tage, vielleicht noch weniger, als die Vermuthung dieſer Heirath von ſelbſt in Dir rege wurde, oder viel⸗ mehr, daß Madame Simon oder ich im Scherze darauf anſpielten— machte Dir dieſe Vermuthung bange, em⸗ pörte ſie Dich, wie heute?“ Herr Simon putte ein Gefühl berührt, von dem ich mir bis jetzt noch keine Rechenſchaft gegeben hatte; er klärte mich über einen weſentlichen Unterſchied zwiſchen meinen Gedanken vor wenigen Tagen und denen von heute auf. Ich erröthete, daß man mich ſo gut durchſchaut hatte, und antwortete, ſelbſt ungewiß über das, was in meinem Herzen vorgegangen war: „Ja, das iſt richtig; dieſe Heirath hätte ni vor einem Monat nicht erſchreckt, und ich muß Ihnen beken⸗ 2 106 nen, daß ſie mir heute widrig vorkommen würde, Da ſich jedoch nichts ereignet hat, was mich veranlaſſen dürfte, Herrn von Belleſtar in demſelben Lichte zu betrachten, wie ich ihn vor einem Monat betrachtet habe, ſo rührt das, was Sie Veränderung meiner Gefühle und Anſichten in Beziehung auf ſeine Perſon nennen, ohne Zweifel von nichts Anderem her, als von der Verſchiedenheit der Stel⸗ lung, in die ich durch ſeine Bitte verſetzt werde. Sie haben mich zuweilen eine Coquette genannt; vielleicht fühlte ich mich geſchmeichelt durch die Huldigung eines ſo reichen, ausgezeichneten Mannes, wie Herr von Belleſtar; aber heute, wo es ſich um die Entſcheidung über das Glück und die Jufunft meines Lebens handelt, würde ich vielleicht finden, daß das, was der Eitelkeit meiner Coquetterie genügte, die Forderungen meines Herzens nicht befriedigen könnte. Durfen Sie übrigens mehr von mir verlangen, als ich ſelbſt weiß? Sie haben mir eine ganz einfache Frage ge⸗ ſtellt, und ich antworte darauf mit derſelben Freimüthig⸗ keit. Sie haben mich gefragt, ob ich die Hand des Herrn von Belleſtar annehmen würde, und darauf erwiedere ich Ihnen: Nie und um keinen Preis.“ „Indeſſen,“ verſetzte mein Vormund,„man müßte dch „Mein Freund,“ ſagte Madame Simon, ihn mit bittender Miene unterbrechend,„warum dieſes Geſpräch weiter treiben? Sabine hat Dir geantwortet, was ſie ant⸗ worten ſollte. Sie in dieſer Hinſicht bedrängen, hieße ihr ohne Grund Kummer machen.“ Madame Simon gab ihrem Gatten mit dem Auge ein Zeichen, und fügte mit ſchüchterner Stimme bei: „Das wäre ungeſchickt.“ Herr Simon ſchien ſich der Bemerkung ſeiner Frau zu fügen, und verließ; wenigſtens was die Perſönlichkeit des Herrn von Belleſtar bekrifft, den Gegenſtand dieſer feierlichen Unterredung, denn er ſagte alsbald:“ „Es iſt indeſſen Zeit, an Deine Verheirathung zu denken, Sabine; es iſt Zeit, daß Du, in Ermangelung 107 einer Wahl, wie ich ſie getroffen, Deine Blicke auf einen Mann hefteſt.“ „Aber ich habe keine Luſt, mich zu verheirathen,“ erwiederte ich raſch;„ich bin glücklich in meiner gegen⸗ wärtigen Lage; und...“ „Bah!“ rief mein Vormund;„ſo ſagen alle junge Mädchen.“ Das Wort und der Ton verletzten mich gleichmäßig, und ich entgegnete lebhaft: „Ja, mein Herr... ich bin oder vielmehr ich war glücklich, und wenn Ihnen meine Gegenwart in Ihrem Hauſe nicht zur Laſt fällt....“ „Ah!“ ſagte Herr Simon ganz ärgerlich;„ich hielt Dich für erhaben über ſolche gewöhnliche Anſchuldigungen. Wann hat man Dir gezeigt, daß Deine Gegen⸗ wart in unſerem Hauſe zu viel war?“ Madame Simon verließ ihren Platz, kam zu mir, die ich zu weinen anfing, und ſprach ungeduldig: „Sieh, das nimmt Alles eine ſchlimmè Wendung.“ Sie drückte meinen Kopf zwiſchen ihre Hände und agte: „Nun, Du willſt Herrn von Belleſtar nicht heirathen, nicht wahr?“ „Nein,“ etwiederte ich. „Entſchieden nein?“ „Nein, tauſendmal nein.“ „Aber warum?“ ſprach Herr Simon ebenfalls un⸗ geduldig. „Eh! mein Gott,“ ſagte Madame Simon, die Ach⸗ ſeln zuckend,„weil ſie ihn nicht liebt, weil er ihr miß⸗ fällt. Sie will ihn nun einmal nicht heirathen, weil ſie ihn nicht heirathen will.“ Herr Simon ging mit großen Schritten im Salon auf und ab; ich geſtehe, daß ich ſeinen Unmuth nicht begreifen konnte. Plötzlich tauchte die Erinnerung an das, was zwiſchen ihm und mir an dieſem Morgen vor⸗ gegangen war, wieder in mir auf. Ich machte mich 108 von den Liebkoſungen meiner Vormünderin los, die mir die Thränen abtrocknete, denn ich weinte völlig und ging auf Herrn Simon zu, der vor mir ſtehen blieb: „Was wollten Sie dieſen Morgen ſagen, mein Herr?“ „Was denn?“ „Ja, was bedeuteten die Worte, die mir ſo gut und ſanft vorkamen:„Ich wollte, Du wäreſt meine Tochter.“ „Ah! ja, ich wollte es,“ erwiederte Herr Simon, der Aufrichtigkeit ſeines Wunſches zu nehmen. „Weil Sie mich zu dieſer Heirath zwingen könnten, wünſchten Sie alſo, mein Vater zu ſeyn?“ „Oh! nein, nein,“ rief mein Vormund lebhaft,„ſo habe ich es nicht verſtanden.“ Ich lief auf ihn zu, und umarmte ihn. „Woher kommt es denn,“ ſprach ich weich,„woher fommt es, daß Sie auf dieſem Punkte beharren, weil ich nur Ihre Mündel bin.“ „Weil Du, wenn Du meine Tochter wäreſt, ver⸗ ſtehſt Du,“ ſagte Herr Simon ſo bewegt, daß ſeine Stimme zitterte,„wenn Du meine Tochter wäreſt, nichts von der Welt zu befürchten hätteſt, nichts von ihren Vermuthungen, nichts von ihrem Geſchwätze, weil ich, wenn Du meine Tochter wäreſt, mehr Kraft beſäße, Dich glücklich zu machen.“. Herr Simon wandte ſich traurig ab; Madame Si⸗ mon nahm die unzufriedene Miene ihres Mannes an, aber ſie wagte es nicht, ſich mehr in dieſe Verhandlung zu miſchen, als ihr ohne Zweifel geſtattet war. Ich errieth wohl, daß etwas vorgieng, was man mir nicht ſagen wollte. Die Furcht, die ſie beide hegten, mit mir zu ſprechen, bemächtigte ſich meiner ebenfalls. Ich nahm indeſſen das Herz in meine zwei Hände, und ſagte zu meinem Vormund: „Hören Sie, Herr Simont ich habe auf Ihre Frage, ohne ZJögern und wie ich denke, geantwortet. Ich bitte Sie, Ihrer Seits, mir zu ſagen, was ich thun ſoll, die Augen zum Himmel erhebend, um ihn zum Zeugen 109 mir zu ſagen endlich, was Sie von Ihrer Tochter for⸗ dern würden?“ „Es iſt ſtets daſſelbe, mein Kind,“ ſprach Herr Simon.„Wäreſt Du meine Tochter, ſo würde ich Dir ſagen:„Siehe, welin Du einen Mann gefunden haſt, auf den Du Dein Vertrauen ſetzeſt, mag er auch arm ſeyn, welche Hinderniſſe Dich auch von ihm trennen möchten— ich werde ihn Dir zum Gatten geben, im Angenblick, wo ich Dein Glück in dieſer Verbindung erkenne.“ „Und das, was Sie thun würden, wenn Sie mein Vater wären, würden Sie nicht thun, weil Sie mein Vor⸗ mund ſind?“ Herr Simon ſchüttelte den Kopf und erwiederte: Wir können uns nicht verſtändigen, wenn wir uns in Hypotheſen umhertreiben; man muß die Dinge nehmen, wie ſie ſind, und ganz nur, wie ſie ſind. Du biſt Waiſe; ich bin Dein Vormund, und ich muß nach meiner Eigen⸗ ſchaft handeln, und Dir folglich Rathſchläge geben.“ Ich muß es Dir bekennen, meine liebe Aurelie, ich verſtehe nichts von dieſer Unterſcheidung, welche Herr Simon zwiſchen der Autorität eines Vaters und der eines Vor⸗ munds machte, und ich ſagte: „Nun wohl, ſprechen Sie doch!“ „Nun wohl,“ verſetzte er,„es iſt Zeit, daß Du heiratheſt.“ „Warum?“ „In drei Monaten wirſt Du achtzehn Jahre alt. Das Geſetz ſpricht Dich in dieſem Alter mündig und ich werde Dir von Deinem Vermögen Rechenſchaft ablegen: Was wirſt Du thun?“ „Ich werde hier bei Ihnen bleiben.“ „Damit man ſagen würde, ich benütze meinen Ein⸗ fluß auf Dich, die Adminiſtration eines Vermögens in meinen Händen zu behalten, deſſen Verrechnung ich nicht mehr einem Familienrathe und einem Mitvormund zu un⸗ terwerfen hätte!“. 11⁰ Madame Simon konnte ſich eines ungeduldigen Mur⸗ rens nicht enthalten, und ich ſchlug die Augen nieder, um die Thränen zu verbergen, die mich überwältigten. Herr Simon ſchien verlegen über mein Stillſchweigen und ſagte: „Nun denn! Was denkſt Du?“ Die kalte Härte, die Du mir oft zum Vorwurf ge⸗ macht haſt, wenn ich beleidigt war, trieb mich ohne Zweifel an, denn ich antwortete meinem Vormund: „Ich würde Ihr Haus verlaſſen, um Sie keiner Ver⸗ leumdung preiszugeben. Ich würde irgendwo allein leben.“ „Du, ein Mädchen von achtzehn Jahren, ſchön, reich, frei? Daran denkſt Du nicht.“ „Dies wird doch geſchehen, da Sie mir das Aſyl entziehen, welches Sie mir bis auf dieſen Tag gewährt haben.“ Herr Simon ſtampfte in wahrhaftem Zorn mit dem Fuße, und Madame Simon ſagte, noch einmal das Still⸗ ſchweigen brechend, das ſie nur mit großer Anſtrengung beobachtete: „Sie hat Recht; was ſoll ſie denn thun?“ „HOh!“ rief Herr Simon mit einer Ungeduld, die ich nie an ihm bemerkt hatte;„oh die Weiber! die Weiber! die Weiber! die beſten, und Du gehörſt zu dieſer Zahl, verderben doch jede Sache!“ So viele Pauſen, ſo viele halbe Worte und abge⸗ brochene Ausrufungen kamen mir ſo ſeltſam vor, daß ich der Sache ein Ende machen wollte und deßhalb zu meinem Vormund ſagte: „Sie handeln gar nicht aufrichtig gegen mich, Herr Simon; Sie könnten unmöglich ſo mit mir ſprechen, wie Sie es thun, wenn Sie nicht Etwas gegen mich auf dem Herzen trügen. Warum ſagen Sie es mir nicht? Glau⸗ pen Sie vielleicht, ich könnte mich nicht rechtfertigen?“ „Nun wohl, es ſey, Du biſt ein wackeres Mädchen, Sabine, Du biſt ein Mädchen, das das Herz auf dem rechten Flecke hat; ich werde Dir Alles ſagen, beſſer ein grauſamer Schlag, als daß ich Dich länger in Ungewiß⸗ ee 111 heit laſſe. Du fragſt mich, warum ich dieſen Morgen zu Dir geſagt habe: Ich wollte, Du wäreſt meine Tochter.“ Ja, ich wollte es, einmal weil ich Dich liebe, weil ich ſtolz auf Dich wäre, und Dich der Welt als meinen Stolz und meine Freude zeigen würde; ja, ich wollte es für mich, für mich und für Hortenſe, die mich über das, was ich Dir ſage, tadelt, und ſo gerne Deine Mutter ſeyn möchte.“ „Nun, warum weigern Sie ſich, mir dieſe Liebe zu bewahren? 2* „Unterbrich mich nicht,“ ſprach Herr Simon,„unter⸗ brich mich nicht. Ich hätte ſonſt nicht den Muth, Dir zu ſagen, was ich muß. Wenn Du meine Tochter wäreſt,“ fuhr er in einem Tone fort, der mich endlich erleuchtete,„ſo würdeſt Du Dich Fräulein Simon nennen und dann...“ „Oh!“ rief ich, meinen Kopf in den Händen ver⸗ bergend,„ich hieße nicht Fräulein Durand, nicht wahr?“ Ich fiel in ein Fauteuil; Madame Simon hielt mich⸗ in ihren Armen und murrte gegen ihren Gatten. „Das iſt allerdings greulich,“ fuhr Herr Simon fort; „aber höre mich, Sabine, und nun, da Du Deine Stel⸗ lung vor Augen haſt, ſage mir, glaubſt Du, daß die Ver⸗ leumdung Fräulein Durand, wäre ſie frei und Herrin ihrer Perſon, würde?“ Bei dieſen Worten ſtand ich auf. „Ich werde Sie verſtummen machen, mein Herr.“ „Aber ſie hat bereits geſprochen,“ ſagte Herr Si⸗ mon, der ſich beeilte, mir Alles mitzutheilen, denn er befürchtete, es könnte ihm an Muth hiezu gebrechen, wenn er länger watten würde. „Und was, kann man mir zum Vorwurf machen?“ „Sieh dieſen Brief!“ Ich betrachtete ihn. „Er iſt an Herrn von Belleſtar griet geben Sie mir den Brief.“ „Es iſt unnöthig, daß Du ihn lieſt.“ Ich nahm ihn aus den meines Vormunds und las. 112 Oh, mein Kind, mein Kind! Auf jeder Seite, in jeder Zeile rechnete man es Herrk von Belleſtar zur Schande, daß er die Tochter des Diebs, die Erbin des Räubers heirathen wolle! Aber das war noch nichts: man ſagte ihm, ich wäre eine... Ich ſchreibe Dir dies nicht, ich mußte es leſen, mein Vormund mußte es mich leſen laſſen; doch ſolche Worte ſind nicht gemacht, daß Du ſie kennen ſollſt, Du die Tochter ehrlicher Lente, die Du umgeben von Achtung und Segen zum Altar ſchrei⸗ ten wirſt... Ich werde Dir nichts von dem ſchreiben, was mir von meinem Vormund geſagt worden iſt; er war ſo gut, ſo edel, er hatte ſo freundlichen Zuſpruch für mich. Ich wollte ſterben, ich wollte dieſes Vermögen abtreten, das mein großes Verbrechen bildet; aber er hat mich überredet, und noch etwas Anderes hat mich überredet, der Brief, mit welchem Herr von Belleſtar dieſe ehrkoſe Angeberei meinem Vormunde überſchickte, dieſer Brief iſt von einer edeln Geſinnung erfüllt, in dieſem Briefe erklärt er, es halte ihn nichts ab, derje⸗ nigen ſeinen Namen zu geben, die ihn durch ihre Tu⸗ genden verdiene. Er ſagt, und er ſagt es wie ein Mann, der die Kraft zur Ausführung in ſich fühlt, er werde mich ſo hoch in der Achtung der Welt ſtellen, daß mich keine von dieſen unwürdigen Frinnerungen erreichen könne; er ſagt, und das iſt es, was in mir entſchieden hat, die einzige Antwort, die er nach einer ſolchen Nie⸗ derträchtigkeit den Elenden zu geben gedenke, die mich in ſeinen Augen beleidigt haben, werde darin beſtehen, daß er öffentlich und laut ſeine Vermählung mit mir bekannt mache. Meine liebe Aurelie, erlaube mir, nicht Alles zu wiederholen, was Herr Simon zu mir ſprach. „Wenn Du einen armen Mann heiratheſt,“ äußerte er,„ſo wird man ſagen, und darunter wirſt Du bis zu Deinem Tode leiden, es habe Deines Vermögens be⸗ durft, um ihn zu bewegen, Dir ſeinen Namen zu geben.“ Aber nein, ich will Dir nicht alles das wiederholen, denn es iſt unter allen Gründen, die er geltend gemacht, — 113 keiner, der zur Stunde, wo ich Dir ſchreibe, und indem ich einen nach dem andern vor die Erinnerung führe, mir nicht des Sinnes ermangelnd vorkommt. Ich will mich nicht der Ueberzengung von dem be⸗ rauben, was ex mir eine Zeit lang ſo begreiflich zu machen wußte, daß ich nachgegeben und ihn be⸗ vollmächtigt habe, Herrn von Belleſtar ſogleich zu ſchrei⸗ ben, ich nehme ſeine Hand an. Im Augenblick, wo ich das Wort ausſprach, das über mein Schickſal entſcheidet, war ich der Macht eines Gedankens, einer Zornaufwallung, eines Deliriums un⸗ terthan, die mich noch beherrſchte, als ich meinen Brief anfing, und die nun ſo völlig gebrochen iſt, daß ich ſie jetzt, in der Einſamkeit der Nacht vergebens wieder zu beleben ſuche. Ja, ſage ich zu mir ſelbſt, ich werde Marquiſe von Belleſtar ſeyn, ich werde reich ſeyn, ich werde die ſchön⸗ ſten Salons in Paris haben, ich werde Alles, was edel, mächtig, berühmt iſt, in dieſe einführen; ich werde Be⸗ ſchützerin alles deſſen werden, was den Ruf der Frauen gründet, die die Welt beherrſchen. Ich werde unbarin⸗ herzig, ſtolz und übermüthig ſeyn, und es ſogar verachten, denen Böſes zu thun, die mich zu Grund richten wollen. Ach, ich habe den Schmerz meiner guten Vormün⸗ derin nicht vergeſſen, die mir ganz leiſe ſagte: „Sprich nicht ſo, warte, warte!“ Sie ſah voraus, daß ich, wenn dieſe heftige Stim⸗ mung einmal vorüber wäre, das von mir gegebene Wort bereuen würde. Hat ſie Recht gehabt? Ich wage nicht, es zu glauben; darüber bin ich furchtbar traurig!... Oh, meine ſchöne Zukunft, in die ich ſo viele la⸗ chende Bilder, ſo viele ſüße Hoffnungen verlegte; meine Zukunft mit den weiten Gränzen, die ich mit ſo viel Glück bevölkert hatte, wohin ich mir Alles, was ich ge⸗ kannt habe, Alles, was ich liebe, folgen ſah; es ſcheint mir, ich habe ihr plötzlich mit einem ermüdenden Streite, Frederie Soulis. Von Tag zu Tag⸗ 8 114 mit einem Triumphe von Eitelkeit die Marken geſteckt. Ich ſehe... Dich nicht mehr darin— nicht Dich, nicht Euch alle, meine Freundinnen, nicht einmal meinen Vor⸗ mund, Keines der Weſen, von denen ich hoffte, ſie wür⸗ den dieſelbe bewohnen; ſie hat ſich mit einem Schlage von Allem dem entvölkert, was meinem vergangenen Le⸗ ben angehörte; es ſcheint mir, daß nicht einmal für mein Herz mehr Platz darin iſt. Bin ich toll.. iſt es eine von den Launen des ver⸗ zogenen Kinds, die mich zuweilen das geringſchätzen ließen, was ich beſaß, und das wünſchen, was ferne von mir war? Das muß es ſeyn; denn die Vernunft kehrt zurück, und ich frage mich, ob ein Gatte, wie Herr von Belleſtar; mit allen ſeinen perſönlichen Vorzügen, mit allen Vorzügen ſeines Vermögens und ſeines Na⸗ mens nicht das Urbild eines Gatten iſt, wie wir, die Ehrgeizigen in der Koſtſchule, ihn uns träumten. Was geht mir denn ab? Was kann ich denn mehr wollen? Ich ſuche vergebens. Kommt das Uebel, das ich fühle, don der Müdigkeit und der Aufregung des Tages? Ich hoffe, denn ich fühle mich zugleich matt und unruhig bewegt, Alles mißfällt mir, Alles erſcheint mir als ein Unglück. Ah! nein.. nein.. Das iſt es nicht, meine Aurelie. Unwillkührlich habe ich umhergeſchaut, und ich liebe Alles, was ſich hier findet. Ich weiß nicht, was ich für die Freiheit geben würde, in meinem klei⸗ nen, ſo ruhigen, ſo heimlichen Zimmer bleiben zu dür⸗ fen, wo ich geſtern noch ohne Furcht vor dem nächſten Tage entſchlummerte, wo ich jetzt bange habe einzuſchla⸗ fen, denn ich fürchte den erſten Gedanken, der mir beim Erwachen entgegentreten wird. Aurelie! Aurelie! wä⸗ reſt Du hier in meiner Nähe, ich glaube, Du würdeſt mir ſagen, was ich fühle, ich glaube ſelbſt, daß ich es Dir ſagen würde, daß ich wagen würde, es Dir zu ſagen, Dir. aber es Dir ſchreiben... oh! nie! nie! Haſt Du mich begriffen, erräthſt Du mich? Komme, 115* komme morgen... ich bedarf Deiner, ich muß Dich ſprechen.. Nein, komme nicht.. Ich glaube, der Schlaf, der mich überwältigt, macht mich ſchwindeln ich weiß nicht mehr, was ich Dir ſage, Aurelie.. ich glaube... Wozu ſoll es nützen, wenn ich es Dir ſage? Habe ich meine Hand nicht Herrn voy Belleſtar verſprechen laſſen? Liebe mich. Sabine. Für die gleichlautende Abſchrift: der Herausgeber. Mein lieber Freund, der Brief, den Sie ſo eben geleſen haben, kann des Kommentars völlig entbehren, aber gewiſſe Umſtände bedürfen einer Erläuterung. Zu⸗ erſt muß ich Ihnen ſagen, daß den Tag nach dem abſcheulichen Streit, den ich Ihnen erzählt habe, das heißt am 26ten, Herr von Prosny die tückiſchen Zän⸗ fereien ſeiner Tanke über ſein angebliches Einverſtänd⸗ niß mit Fräulein Durand kurz abſchneiden zu müſſen glaubte, indem er ihr mittheilte, Sabine werde wahr⸗ ſcheinlich Herrn von Belleſtar heirathen. Er hatte dies aus der triumphirenden Art und Weiſe errathen, wie der Marquis in ſein Kabinet ein⸗ getreten war, nachdem er das von Herrn Simon ver⸗ laſſen hatte. Prosny erwartete nicht, die Kunde von dieſer Hei⸗ rath werde mit Zufriedenheit oder nur mit Gleichgültig⸗ keit aufgenvmmen werden, es war für ihn genügend, daß ſie jhm als Rechtfertigung diente, um das gute Einvernehmen zwiſchen ihm und der Tante wiederherzu⸗ ſtellen, und es gelang ihm auch, dies zu bewertſtelligen. Man muß große Traurigkeit im Gemüthe tragen, um die Ruhe im Leiden zum Range eines Glücks zu erheben! 8* 116 Silveſtre mußte indeſſen dieſes Glück noch ſehr theuer bezahlen. Fräulein von Prosny verſetzte Herrn von Belleſtar wirklich in Anklageſtand, und überhäufte ihn mit den ſchmachvollſten Namen. Ich habe, glaube ich, geſagt, daß man immer ein wenig und oft ſogar ſehr glücklich iſt, Schlimmes von Leuten reden zu hören, die man verabſcheut; aber die Schmähungen von Fräu⸗ lein von Prosny wurden in einem Sinne ausgeſprochen, durch den ſie ſich für Silveſtre grauſamer geſtalteten, als das größte Lob, das ſie dem Marquis hätte ſpenden können. „Wie!“ rief ſie,„ein Mann von ſeinem Namen, von ſeinem Rang, ſeinem Vermögen, heirathet eine Durand! Aber es iſt eben ein Troßbube, eine Knechts⸗ ſeele? Er hat kein Herz und keine Ehre im Leibe!.. Es iſt ein erbärmlicher, ein alberner Burſche, ein Dumm⸗ kupf u ſe w u. ſ. w 1 ſ. Hätte Silveſtre ſeine Meinung über dieſe Heirath auszudrücken gehabt, ſo möchten ſich dieſelben Benen⸗ nungen in ſeinen Phraſen gefunden haben, aber in fol⸗ gender Konſtruktion: „Wie! dieſer Dummkopf, dieſer alberne Burſche, dieſer Troßbube wird, weil er einen Namen und einen Rang hat, Fräulein Durand heirathen, u. ſ. w. u. ſ. w Das iſt ein großer Unterſchied, obgleich Herr von Belleſtar nur ein Dummkopf und ein Troßbube in den Augen der Tante und des Peffen war, weil er Fräulein Durand heirathete. Nachdem Silveſtre einmal dieſe Lage gegeben hatte, bat er Fräulein von Prosny, nicht mehr von die⸗ ſer Sache zu ſprechen, die ſie beinahe ernſtlich entzweit hätte. Die Alte willigte mit einer Leichtigkeit ein, die Silveſtre entzückte. Der arme Junge ſah oder begriff vas grauſam triumphirende Lächeln nicht, das, des Fräuleins von Prosny vermodernde Geſichtszüge bele⸗ lebend, ohne Zweifel andeutete, ſie wiſſe die Neuigkeit, 117 die ſie ſo eben erfahren, beſſer zu benützen, als ihren Neffen damit zu quälen.. Ich fühle keine Luſt, hinter den Bergen zu halten— weder bei Ihnen, noch bei den Leſern, und ich muß Ih⸗ nen ſagen, daß ich tauſend Gründe habe, zu glauben, daß der anonyme Brief, welcher am ſiebenundzwanzigſten Morgens bei Herrn von Belleſtar ankam, am ſechsund⸗ zwanzigſten Abends in der kleinen Poſt bei dem Speze⸗ reihändler an der Ecke der Straße Montholon und des Faubvurg Poiſſonnière abgegeben worden war. Dieſes Bureau iſt aber das nächſte bei der Wohnung von Fräu⸗ lein von Prosny. Man braucht weniger, um einen einfachen Feind in Verdacht zu bringen, und dies wäre genug, ein abſcheu⸗ liches altes Weib aufknüpfen zu laſſen. Zum Unglück henkt man nicht mehr.— Ich weiß nicht, ob ich werde etwas von dem entdecken können, was heute am achtund⸗ zwanzigſten vorgeht, aber ich habe dergeſtalt intrignirt, daß ich an der Soirée morgen, den neunundzwanzigſten, Theil nehme. So denke ich, man wird wohl daran thun, jede Hoffnung auf neue Neuigkeiten für den dreißigſten aufzuſparen. S Ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß das berüchtigte oder berühmte Merinokleid von Prosny gekauft worden war, um durch ein glänzendes Geſchenk die zwiſchen ihm und ſeiner Tante zu Stande gebrachte Wiederverſöhnung zu beſiegeln. Dies ſchlägt in mein Syſtem, über die Art ein, wie ſich die Geſchichten bildem Man nehme dieſer das Zuſammentreffen in der Kirche weg, folglich kein Streit zwiſchen Prosny und ſeiner Tante, keine Ausſöh⸗ nung, kein Kleid, kein neues Zuſammentreffen und keine Einladung zu Sabinens Soirée. Aber was ſage ich? Nehmt weg oder fügt bei eine Minute jedem von den Umſtänden dieſer Geſchichte, fügt bei oder nehmt weg ein Strohhälmchen auf dem Wege, den ſie durchläuft, und nichts von dem, was geſchehen iſt, nichts von dem, was geſchehen wird, hätte beſtanden. Ah, wie glücklich 1 118 iſt der Menſch, der ſich in irgend einem Bagno befindet! Ich will damit ſagen, daß der Menſch, der am Fuße die Rette eines Gewerbes hat, die ſein Geſchick nöthigt, auf einer vorher gezogenen Bahn zu wandeln, von der er ſich nicht entfernen kann; ich will ſagen, daß der Menſch, der an beiden Füßen und beiden Händen die Heiraths⸗ kette trägt, die ihn im geſchloſſenen ehelichen Bezirke hält, aus dem er nicht heraustreten darf, ich will ſagen, daß dieſer glücklich iſt. Aber der Menſch, deſſen Exiſtenz frei iſt, der Herr iſt, ſich ſelbſt eine Bahn vorzuzeichnen und zu bilden, oder vielmehr, der der Gewalt des Weges überlaſſen iſt, wel⸗ cher ſich zuerſt vor ihm öffnet— dieſer Meuſch iſt ſehr zu beklagen. Alle Welt entſcheidet über ihn, der Mächtige, der ihm ſchmeichelt, und der Elende, der ihn beleidigt, und vor Allem Ihr ſchönes, dunkeles Auge, meine Damen, das unter den Wimpern brennt, wie das Feuer des Dia⸗ mants, der Ihren glänzenden Bruſtſchleier unter der ſchwar⸗ zen Spitzenmantille feſthält, womit Sie ſich umhüllen. O, wir armen Teufel! Morgen, wenn ich etwas Neues habe.⸗ Den 29. Decbr. 1843. Der geſtrige Tag iſt keineswegs ſo nichtig geweſen, als ich vorher gedacht hatte, und ſelbſt von meinem Ge⸗ ſichtspunkte aus iſt das, was ich zu erzählen habe, von unermeßlichem Belang. Gegen Mittag kündigte man Fräulein Aurelie von S... bei Madame Simon an; Sabine befand ſich bei ihrer Vormünderin; die zwei Freundinnen benahmen ſich ſcheinbar vor Madame Si⸗ mon ſehr kalt gegen einander; aber aus dem Eifer, wo⸗ mit Fräulein von S. Sabine in ihr Zimmer folgte, als dieſe ſich erbot, ihr die reizenden Empletten zu zei⸗ gen, die ſie Tags zuvor gemacht, ging für Madame Si⸗ mon klar hervor, daß dieſe zwei jungen Herzen ſich etwas zu ſagen hatten. 119 Die gute Madame Simon war einen Augenblick eiferſüchtig auf Aureliens Glück. Ja, das Wort Glück iſt das wahre Wort. Wenn das Herz, ſey es nun, daß es viel gelitten, ſey es, weil es dem Leben nichts vor⸗ zuwerfen hat, Nachſicht nach der Liebe, Mitleid nach der Freude oder dem Unglück, Jugend nach der Jugend be⸗ wahrt hat, ſo freut es ſich über die vertraulichen Mit⸗ theilungen eines unwiſſenden, erſt beginnenden Herzens; — es gibt reizende Ausdrücke für die närriſchen Stürme, welche die erſte Qual in die ungetrübte Ruhe einer rei⸗ nen Seele werfen. Es iſt eine ſo ſeltene Tugend, wenn man nicht mehr jung die jungen Leute liebt, wenn man diejenigen als willfommen betrachtet, die im Begriffe ſind, unſern Platz, unſexe Herrſchaft, ünſere Triumphe an ſich zu ziehen, ſo klein dieſe ſeyn mögen, wenn man denjenigen freundlich entgegentritt, deren Gegenwart allein uns ſchon ſagt: „Geht, es iſt Zeit, daß ihr anfangt, weniger zu hoffen, und euch etwas mehr zu erinnern.“ So ſey mir denn gegrüßt, glänzende, goldene Ju⸗ gend mit den blonden Haaren und den geſchmeidigen Taillen, mit Deinen anmuthig unbeſonnenen Streichen, mit dem heißen Athem, den unermeßlichen Träumen, mit der unbemerkten Glückſeligkeit; die Reihe kommt an Dich.. Lebt, lebt, und ſpottet nicht über die grauen Haare, die Euch predigen, und die Herzen, die Euch gernſagen möchten: „Ich habe dies Alles durchlaufen.“ So dachte Madame Simon. Sie forderte nichts, wo man ihr das Vertrauen nicht entgegenbrachte, und ging zu ihrem Gatten. * Mein Kobold, mein Geiſt, kann nun wohl das, was damals zwiſchen dem Manne und der Frau vorging, ent⸗ derken und ſagen; aber, was zu einer Stunde geſprochen wurde, wo es Riemand erlaubt iſt, an den Thüren zu hopchen, kann ich nicht in Erfahrung bringen. Sie und meine Leſer müſſen folglich die Unterredung bei dem Punkte aufnehmen, wo ſie beim lichten Tage wieder anfing: 120 „Nun, mein Freund,“ ſagte Madame Simon zu ih⸗ rem Gatten,„haſt Du gethan, was verabredet war?“ „Ich habe an Herrn von Belleſtar geſchrieben, der mir mit folgenden Worten antwortete: „Dieſen Abend, beim Feſte von Fräulein Durand, und ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden ſeyn.“ Es wurde an Madame Simon eine kleine weibliche WMundverziehung ſichtbar, die auf eine äußerſt verſtändliche Weiſe ausdrückte, was ſie von der Selbſtzufriedenheit des Herrn von Belleſtar dachte. Herr Simon antwortete mit einer raſchen Bewegung, welche ſeine Anſichten ebenfalls bezeichnele, denn Madame Simon entgegnete ſo⸗ gleich: „So iſt es, eine vorgefaßte Meinung.... Uebri⸗ gens werden wir ſchon ſehen. Das iſt es aber nicht, was ich fragen wollte. Haſt Du Herrn von Prosny gkſagt, was Du von ihm erwarteteſt?“ „Meine liebe Freundin,“ erwiederte Herr Simon,„ich habe viel über alle dieſe Dinge ſeit dieſem Morgen nach⸗ gedacht. Es iſt weder ſchicklich noch leutſelig.“ „Siehe Du fängſt wieder an...“ „Weil ich Euch Frauen nicht verſtehe. Man ſchreibt Euch im Allgemeinen vollkommenen Takt zu, man geſteht Euch Zartheit des Gemüths zu, von der ſich bei uns Männern keine Spur findet, und wenn Euch eine Idee durch den Kopf geht, wenn Eure Neugierde erregt wird, was meiſtens durch Euer eigenen Vermuthungen und Vorausſetzungen geſchieht, ſo begeht Ihr, um bei dieſer Idee Recht zu haben, um dieſe Neugierde zu befriedigen, unerhörte, barbariſche, grau⸗ ſame Dinge...“ Madame Simon lachte ihrem Gatten in das Geſicht, der ihr halb heiter, halb ernſt antwortete:⸗ „Ich habe Dir geſagt, daß Ihr ein Meſſer in das Herz eines Menſchen pflanzen würdet, um herauszuzwingen, was darin iſt.“ „Bah,“ ſagte Madame Simon lachend,„wenn das bewirkt, daß herauskommt, was das Herz erdrückt, ſo iſt 8 ———„—— „ 121 gutes Mtitel, eine ganz vernünftige chirurgiſche Ope⸗ ration.“ „Meine liebe Freundin,“ ſprach Herr Simon mit ernſtem Ausdruck,„wenn man in das Herz ſtößt, tödtet man.“ „Ei, ei, ieiei Du Dich nicht großer, romantiſcher Worte, Du, der Du ſie verabſcheuſt?“ „Ich verſtehe Dich nicht, oder vielmehr ich habe bange, Dich zu eite und das wäre ein Fehler „Bah, bah, bah, bah,“ rief Madame Simon, die Stim⸗ me ihres Gatten bedeckend.„Es handelt ſich nicht davon, ſ von Deinem Verſprechen.“ „We „Haſt Du es mir verſprochen oder nicht?“ „Allerdings, aber...“ „Es keine aber... Ich will, ich verlange, daß Sie Jör Wort halten hören Sie „Es ſey, Tyrannin,“ n Herr Simon, ſeine Gat⸗ tin umarmend, die ihre Arme um den Hals ihres Mannes ſchlang, und mit der reizendſten Miene ausrief. „Ueberdies biſt Du beinahe ſo begierig, als ich. Ehe Herr Simon antworten konnte, war Snn Simon weggegangen, und der Sachwalter ſprach mit wei⸗ cher Stimme, das Auge auf die Thüre geheftet, durch die ſie ſich entfernt hatte: „Sie hat Recht, wir liebten uns, und wir ſind noch glücklich. Nun ſehen wir, was zu machen iſt.“ Herr Simon verließ ſein Zimmer und ſtieg in ſeine Schreibſtube hinab. Indem er durch Silveſtre's Kabinet ging, bat er dieſen, ihm zu folgen. Sobald ſie im Kabi⸗ des Sachwalters waren, nahm dieſer eine mit Papie⸗ ren gefüllte Mappe, und ſagte zu Silveſtre in ganz ge⸗ wöhnlichem Tone: „Mein Freund, Sie müſſen die Gefälligkeit haben, mir einen Dienſt zu erweiſen. 4 Silveſtre warf einen Blick auf drei bis vier Bündel 122 Papiere, die Herr Sihnon aus der Mappe zog, und ant⸗ wortete: „Gehört nicht jeder meiner Augenblicke Ihnen?“ „Es handelt ſich um eine Arbeit, welche nicht die Schreibſtube, ſondern um eine Sache, die mich perſönlich betrifft, und eine raſche Ausführung fordert, und Sie wiſſen, daß die Geſchäfte im Juſtizpalaſt mich einige Tage mehr als gewöhnlich in Anſpruch nehmen; ich hätte kaum Zeit, eine ſo bedeutende Rechnung zu ſtellen, wie die über die Verwaltung der Güter Sabinens.“ Herr Simon hatte nicht den Muth, Silveſtre nach dieſen Worten anzuſchauen; er öffnete ein Bündel Papiere, ohne eigentlich zu wiſſen, was er that, und fügte bei: „Sie werden hier alle auf dieſe Verwaltung bezüg⸗ lichen Papiere finden: die Eigenthums⸗Titel, die Inven⸗ tare, die Quttungen, die Einträge, die Pachtverträge, die. Familienberathungen.. die...“ Herr Simon hätte gerne alle die Gattungen geſtem⸗ pelter Papiere aufgezählt, welche die Akten einer Vormund⸗ ſchaft bilden, denn er wagte es noch nicht, Prosny an⸗ zuſehen, und wartete noch auf ein Wort von dieſem. Aber ſein Stillſchweigen machte ihm bange, und er ent⸗ ſchloß ſich, die Augen gegen ihn aufzuſchlagen. Silveſtres Geſicht war ſchmerzhaft zuſammengezogen, er athmete mühſam, wie Einer, der einen großen Streich in das Herz bekommen hat, und ſich langſam wieder erheßt. „Was haben Sie denn?“ ſagte Herr Simon. Silveſtre machte eine Geberde, als wollte er ſagen: „Nichts.“ „Sie leiden.“ „Ein wenig; ich hahe ſeit einiger Zeit Erſtickungs⸗ aufälke, die glücklicherweiſe ſchnell vorübergehen,“ erwiederte Silveſtre mit dumpfer Stimme. „Dieſe Arbeit würde Sie vielleicht zu ſehr anſtrengen.“ „Keineswegs, mein Herr.“ „Ich wünſchte, Sie könnten ſie in meinem Kabinet 123 machen, ich mag nicht gerne haben, daß man es in der Schreibſtube ſieht.“ „So werde ich mich hier einzurichten ſuchen.. Und an welchem Tage ſoll die Arbeit vollendet ſeyn?“ „Sobald, als möglich.“ Herr Simon ließ ſeine Phraſe einen Angenblick zwei⸗ felhaft und unentſchieden. Nachdem er eine Zeit lang ſich gegen die Prüfung geweigert hatte, die ſeine Gattin von ihm forderte, folgte er vom Moinente, wo er begonnen einem inſtinktartigen Verlangen, ſie bis zum Ende zu treiben. Er hielt alſo etwas inne und fuhr dann fort: „Sobald, als möglich, das heißt, von jetzt an in zwei bis drei Tagen. Ich glaube, ich werde Sabinen an Herrn von Belleſtar verheirathen, und möchte gerne, ehe dieſe Heirath öffentlich beſprochen wird, dem Marquis den genauen Vermögensſtand ſeiner zukünftigen Gattin vor⸗ legen können. Sollte ſich eine Schwierigkeit erheben, ſo iſt es beſſer, wenn dies jetzt, als wenmes ſpäter geſchieht.“ „Sie haben vollkommen Recht,“ ſagte Silveſtre,„und wann iſt es Ihnen genehm, daß ich anfange?“. Der Körper war unbeweglich, das Geſicht unempfind⸗ lich, die Stimme feſt und beſtimmt, aber das Leiten überall. Die Naſe war gekniffen, wie zur Stunde, wo der Tod erſcheint; aus dem Ange drang ein Blick hervor, dem es an einem Ziele mangelte, das Herz ſchlug in eili⸗ gen, dumpfen Schlägen; Herr Simon ſchämte ſich der Schwäche, die ihn bewogen hatte, ſeiner Gattin nachzu⸗ geben, er ſchämte ſich der Grauſamkeit, die er ſelbſt ſo eben an den Tag gelegt; und er antwortete Silveſtre, in⸗ dem er aufſtand: „Sie werden anfangen.. ſpäter.. ich werde es Ihnen ſagen.“ Und er verließ ſein Kabinet und ſtieß die Thüre mit ſolcher Heftigkeit zu, daß ſie ſich nicht ſchließen konnte. Es war die höchſte Zeit— noch eine Minute zu der über⸗ mäßigen Spannung dieſes Schmerzes, und das Leben wäre vielleicht gebrochen geweſen; das Herz wäre in der Bruſt — 124 erſtickt, wenn es ſich nicht hätte ausdehnen können. Si⸗ mon war in Silveſtre's Kabinet ſtille geſtanden— eben ſo krank, wie dieſer, durch das Uebel, das er ihm zuge⸗ fügt hatte. Plötzlich hörte er ein gewaltiges Geränſch und einen furchtbaren Schrei; er kehrte in ſein Kabinet zurück und gewahrte Silveſtre, der in ein Fautenuil gefallen war, das vor dem Schreibtiſche ſtand, wo er arbeiten ſollte. Er hatte mit der Stirne auf den Tiſch geſchlagen; ſeine ge⸗ ſchloſſenen Fäuſte waren unter dem Kopfe gekreuzt, als hätte er ihn an dieſen Platz befeſtigen wollen; ein dum⸗ pfer, noch erſtickter Seufzer drang aus ſeiner Bruſt her⸗ vor. Simon wagte nicht, näher zu treten. Nachdem er das Uebel vollführt, hatte er bange, es noch durch ſeine Gegenwart zu erſchweren... Er war in furchtbarer Er⸗ wartung deſſen, was da kommen ſollte. Mit einemmale machte ſich dieſes auf den höchſten Grad geſteigerte Leiden Luft. Silveſtre erhob ſich und ſtieß einen verzweifelten Schrei aus, dann warf er ſich wieder mit voller Wuth auf den Tiſch, er ſchlug mit dem Kopf und den Fäuſten darauf, er wälzte ſich wie im Wahnſinn. Es war gräßlich; aber er ſprach, er ſchluchzte, er weinte; die Gefahr war vorüber. Dieſer Nerven⸗Parvrismus legte ſich zuweilen, aber beinahe in demſelben Augenblick kehrte er mit erneüerter Heftigkeit zurück. Herr Simon näherte ſich, ſchloß Silveſtre in die Arme, nöthigte ihn, ſich zu erheben, und ſprach:* „Auf, Silveſtre, Muth gefaßt.“ Die Freundſchaft und der Schmerz haben Inſtinkte, oder, wenn ich mich eines grammatikaliſchen Wortes be⸗ dienen ſoll, ſie haben erhabene Ellipſen. Baß Simon in dieſem Augenblick zu Silveſtre ſprach, deutete, indem er ihm Muth zu faſſen empfahl, zugleich hinreichend alles das an, was er begriffen und errathen hatte, und Sil⸗ veſtre begriff und errieth auch, was Herr Simon ſagen wollte, denn er wandte ſich heftig von ihm ab und ſagte: „Nein, mein Herr, ſehen Sie, das iſt abſcheulich.“ „Silveſtre„ * 12⁵ „Ah! mein Herr!... das iſt böſe.. das iſt böſe.. das„ das iſt nicht gut.“ Die zunehmende Verzweiflung in dieſem Vorwurfe, der dem Ausdrucke nach ſchwächer wurde, iſt ſchwer zu bezeichnen. Herr Simon war in furchtbarer Verlegenheit; er hatte zu ſehr gezeigt, daß er Silveſtre's Schmerz begreife, um ſich den Anſchein zu geben, als kenne er das Motiv nicht, und auf der anderen Seite— hatte er das Recht, dieſen Unglücklichen zu nöthigen, ihm das letzte Wort von dieſem Schmerz zu ſagen? Silveſtre war niedergeſchmet⸗ tert, vernichtet. Herr Simon reichte ihm die Hand und ſprach: „Vergeben Sie mir, Silveſtre, laſſen wir alle dieſe Papiere ruhen.“ „Oh! nein!“ rief Silveſtre, ſich entſchloſſen erhebend; „nein, mein Herr, ich muß dieſe Arbeit machen.“ „Das iſt nicht gut von Ihnen, Silveſtre; ich habe Unrecht gehabt, und Sie wollen, daß ich dieſes Unrecht bis an das Ende behalten ſoll, indem Sie ſich zu dieſer Arbeit verdammen.“ „Oh! nein, mein Herr, nein, nicht gegen Sie faßte ich dieſen Entſchluß, ſondern gegen mich, ich muß es thun, glauben Sie mir, ich muß.“ Es lag eine ſchwermüthige Begeiſterung in Silveſtre's Antlitz, während er ſo ſprach; Herr Simon wurde hie⸗ von noch mehr bewegt, als von ſeinem Schmerz; er be⸗ wunderte Silveſtre, und die Bewunderung iſt in einem ſol⸗ chen Falle die Zärtlichkeit einer im höchſten Grade eral⸗ tirten Seele. „Warum wollen Sie ſich dieſe Laſt auflegen?“ ſagte Herr Simon. „Ah!“ rief Silveſtre mit bitterem Lächeln,„ich habe eine harte Erziehung in meinem materiellen Leben gehabt, ich muß dieſe Erziehung auch mit meinem Herzen durch⸗ machen. Als ich in einem Alter von zwölf Jahren mit meiner armen Tante allein blieb, die gerade noch ſo viel 126 beſaß, um mich bis zum Tage, wo ich arbeiten könnte, zu ernähren, hatte ich alle die Vorliebe für gewiſſe Ge⸗ genſtände und den Widerwillen gegen andere, wie dies den verzogenen Kindern eigenthümlich iſt; mein Vater widerſetzte ſich den Richtungen meines Geſchmacks nicht— er war ſo gut, ſo gut!“ Zwei Thräuen entſtürzten Silveſtre's Augen bei die⸗ ſer Erinnerung. Er faßte ſich und fuhr, noch in ſeinem Schmerze lächelnd, fort: „Meine Tante hatte keine ſolche Schwäche für dieſe kindiſchen Launen; ſie ſagte, was für Einen gut wäre, müßte für Alle gut ſeyn; ſie ſagte, und ſie hatte Recht, wenn man arm ſey, müſſe mau nichts verachten, nichts verabſcheuen. So wählte ſte, meinem Geſchmacke entgegen⸗ arbeitend, die armſeligen Gerichte unſerèr dürftigen Mahle Ich habe oft und viel gelitten, um einen Widerwillen zu beſiegen, den ich für unüberwindlich hielt, und ich habe es dahin gebracht, daß ich ihn zu bewältigen weiß.“ Herr Simon hörte Silveſtre mit ſo trauriger Miene an, daß dieſer beifügte: „Ah! Sie kannten dieſe Kleinlichkeiten des Elends nicht! Es giebt noch ganz andere, glauben Sie mir.“ Silveſtre hielt einen Augenblick inne, warf die Erinne⸗ rungen, die ſich ihm vor die Seele drängten, von ſich, und fuhr immer lächelnd fort: „Nun wohl! Herr Simon, was meine Tante für meine phyſiſche Natur gethan hat, will ich und muß ich für meine moraliſche Natur thun. Es bewegen ſich in mir vielleicht Gefühle... ungerechter Haß, Ideen, die ich brechen muß. Laſſen Sie mich dieſe Arbeit vollziehen, Herr Simon, ich will... Ja,“ ſprach er mit einem Nachdruck bitterer Selbſtbemitleidung,„ja, ich werde ſie fauen, bis ich darin unempfindlich bin, wie ich es einſt bei den Lieblingsgerichten meiner Tante gemacht habe. Wenn man arm iſt, ſagte ſie, darf man nichts haſſen...“ Er ſchlug ſich vor die Stirne und fügte, ſich ab⸗ wendend, bei: 127 N „Darf man nichts lieben.“ „Sie wollen es,“ ſagte Herr Simon mit einer Be⸗ friedigung, vie er nicht verbergen konnte;„nun wohl! deſto beſſer, deſto beſſer, Silveſtre; was gut iſt, wird uns nicht allein vor Gott angerechnet. Mein Freund,“ ſprach er, ihm die Hände reichend,„ich grolle meiner Frau nicht mehr der Prüfung wegen, der ich Sie, von ihr genöthigt, unterworfen habe.“ „Und warum?“ „Silveſtre, umarmen Sie mich, und erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen ſage: jetzt erſt habe ich Ihren ganzen Werth erkannt, aber die Frauen verſtehen ſich beſſer darauf, als wir.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie kommen morgen zu Sabinens Soirée,“ ſprach Herr Simon. Silveſtre wurde roth, und dann blaß und dann wieder röth... 3 Herr Simon hatte Furcht, den Schmerz, den er verurſacht, wieder herbortreten zu ſehen, und ſagte— ſich ganz dem Gedänken hingebend, der ihn in dieſem Augenblicke beherrſchte, unkluger Weiſe zu Silveſtre: „Laſſen Sie dieſe Rechnung; es hat vielleicht nicht mehr ſo große Eile, als ich dachte.“ Zum Glücke verſtand Silveſtre den Sinn dieſer Worte nicht; denn wenn er die geringſte Idee von dem gehabt hätte, was in Herrn Simons Innerem vorging, ſo würde er zu Boden geſunken ſeyn. Herr Simon hatte ſeinen Satz noch nicht vollendet, als er ihn bereits wie⸗ der bereute; er benützte den Umſtand, daß Silveſtre nichts bemerkt hatte, und wiederholte raſch: „Sie kommen jedenfalls morgen Abend... Ich bedarf Ihrer vielleicht... Dieſes ereignete ſich geſtern. Es iſt bald neun Uhr, und ich ſehe mich genöthigt, einige kleine Vorfälle des Tages zurückzulaſſen, denn ich muß mich nun zu der viel⸗ beſprochenen Spirée begeben. In meinem nächſten Briefe 128 werde ich uf das, was ich vergeſſen habe, zuruckkommen, und Ihnen Mittheilungen über den heutigen Abend ma⸗ chen, wenn überhaupt etwas Wichtiges in der Geſellſchaft, die ich beſuche, vorfällt. Den 30. December 1843. Sabinens Reunion war entzückend;— wie die Jugend doch ſchön iſt! wie alle dieſe ſo einfachen, nur mit einem farbigen Bande geſchmückten weißen Kleider; wie dieſe anmuthigen Köpfe, nur mit ihrem üppigen, glänzenden Haare bekränzt; wie dieſe ſanften Schüchtern⸗ heiten, plötzlich durch ein etwas geräuſchvolles Lachen unterbrochen; wie dieſe naive Liebe für den Tanz; wie dieſe verſtohlenen und boshaften Blicke, voll von Be⸗ merkungen und vertraulichen Mittheilungen; wie dieſe leichten Nachläſſigkeiten, raſch durch einen mütterlichen Wink zurückgedrängt, wie alles dieſes Leben, das ſich der engen Hülle der Kindheit zu entkleiden ſucht— die Blume, die ſich bald in ihrer ganzen Pracht entfalten wird— wie alles Dieſes ein reizendes Schauſpiel bietet, und wie es wohl thut, wenn das Gemüth traurig iſt, ſich unter dieſe ſchönen Mädchen zu ſetzen, ſeine von Thränen erkrankten Augen auf dieſen ſanften Farben ruhen zu laſſen, einzuathmen dieſe von freudiger Hoff⸗ nung geſchwängerte Luft, die aus der Jugend hervor⸗ ſtrömt, nach dem wilden Geſchrei der Parteien, nach dem hohlen Geklingel der Advokaten über Menſchen⸗ freundlichkeit und Menſchenrechte, nach den herben Dis⸗ euſſionen über die Angelegenheiten jedes Einzelnen, wie es wohl thut, das lebhafte glänzende Geplauder dieſer zierlichen Vögel zu hören, die aus dem mütterlichen Neſte zu fliegen ſuchen, welche reizende Fantome ſich vermengen mit dieſen reizenden Weſen! Ja, wahrhaftig, Sabinens Reunion bot einen köſt⸗ lichen Anblick. Ihre geladenen Freundiunen hatten ſich bereits vollzählig eingefunden, und noch waren weder 129 Herr von Belleſtar, noch Silveſtre erſchienen. Den kleinen Salon und Sabinens Zimmer hatte man mit lieblichen Blumenſträußen geſchmückt; einer davon zeichnete ſich durch ſeine übermäßige Größe, und noch mehr durch das, was ihn zierte, aus. Der Fuß dieſes Straußes war mit einem prachtvollen Perlen-Collier feſtgebunden, an welchem zwei Ohrgehenke von bedeutendem Preiſe herab⸗ hingen. Den Mittelpunkt des Straußes nahm eine Dalhia ein, und aus dieſer trat ein Brillant von ganz ungewöhnlichem Werthe hervor. Dieſes Bouquet, Sie haben es errathen, war das vun Herrn von Belleſtar; dieſe Juwrlen waren die von Sabinen, welche der Mar⸗ quis von Herrn Leonard ausgelöst hatte.. Folgendes Billet war dem Strauße beigelegt: Mein Fräulein! „Indem Sie meine Hand und meinen Namen anneh⸗ men, haben Sie mich zu der Hoffnung berechtigt, daß von nun an zwiſchen uns Alles zu gleichen Hälften getheilt ſeyn ſoll; wollen Sie mir erlauben, meinen Theil an der edeln Handlung anzuſprechen, welche Sie auszuführen im Begriffe ſind. Dies würde mich völlig von meinem Glücke überzeugen.“ Bei meiner Treue! Es gibt Worte, es gibt Dinge, von denen man ſogleich berührt wird, und die einen den⸗ noch in Ungewißheit über ihren wahren Werth laſſen. Es iſt nichts Gewöhnliches, und doch fragt man ſich: iſt es gut, iſt es ſchlimm? Iſt es eine derbe Grobheit oder eine glückliche Kühnheit? Iſt es ein zartes Wort oder eine anmaßende Lapperei? Was denken Sie davon? Ein Sprichwort ſagt:„So viel der Mann werth iſt, ſo viel iſt die Sache werth.“ Von einem Andern, als von Herrn von Belleſtar, von einem wirklich ausgezeich⸗ neten, ſtolzen, edelmüthigen Geiſte, von einem ſchönen Manne der feinſten Lebensart, wären Strauß und Brief vollkommen geweſen; aber von dieſem herkuliſchen Mar⸗ Frederie Soulic. Von Tag zu Tag. 9 160 zuis, dem Rechnér und Prozeßkrämer, erſcheint mir die Sache in einem durchaus verſchiedenartigen Lichte. Es gibt jedoch noch ein ganz anderes Sprichwort, welches ſagt:„Ende gut, Alles gut.“ Und ich muß bemerken: als der Strauß mit dein Billet ankam, neigte Madame Simon, die Frau voll Zartſinn, voll trefflicher Cigen⸗ ſchaften, den Kopf, und übergab Sabinen das Billet, in⸗ dem ſie mit betrübter Miene ſagte: „Das iſt gut.“ „Und das iſt gut gemacht,“ ſprach Herr Simon. Doch er murmelte ganz leife. „Indeſſen, wir werden ſehen.“ Sabine ſtieg die Röthe in's Antlitz, als ſie das Billet des Herrn von Belleſtar las. Man mufßte ihr erklären, wie es zur Kenntniß des Marquis gekom⸗ men war, was ſie bei Herrn Leonard gemacht hatte. Herr Simon bekleidete mit einer vorgeblichen Begeiſterung den Eindruck, den dieſe Entdeckung auf den Marguis hervorgebracht hatte, als es ihm klar geworden, welchen Gebrauch Sabine von dem Anlehen zu machen gedachte. Man mußte ihr ſagen, daß man billigte, was ſie gethan hatte; dann fand man, die Handlung des Marquis ſey bezaubernd, ſie zeuge von gutem Geſchmack. Man ſprach ſprach.. Sabine ſchwieg. Sie fühlte ſich ſo empört über dieſe unverſchämte Anmaßlichkeit eines Mannes, den ſie kaum kannte, daß ſie das Uebermaaß ihrer Entrüſtung nicht kund zu geben wagte, ſo wenig war ſie im Einklang mit den Herzen, deren Gefühle ſie achtete, mit den Griſtern, deren richtigen Zartſinn ſie kannte, mit einer Frau, von der ſie wußte, daß ſie ſich trefflich auf die Angelegenheiten des Herzens und auf den Wohlanſtand der Geſellſchaft verſtehe! In dieſem Augenblick beging Sabine eine von den Handlungen, wie ſie bei erhabenen Charakteren gewöhn⸗ — lich vorkommen; ſie drängte ihre eigenen Gefühle als un⸗ 9 8 gerecht zurück; ſie belegte die unwillkührliche Bewegung, die ſie die Ueberſchickung der Juwelen als eine plumpe — 131 Beleidigung hatte betrachten laſſen, mit der Beſchuldigung eines Vorurtheils; ſie wollte nichts datin ſehen, als was Andere ſahen, und am Ende gegen ſich ſelbſt plaidirend, gewann ſie die Ueberzeugung, daß man unmöglich zu⸗ gleich edelmüthiger ſeyn und einen beſſeren Geſchmack an den Tag legen könne. Seit ſie auf dieſe Art die Handlung des Mannes betrachtete, deſſen Hand ſie angenommen und dem ſie folglich das Recht gegeben hatte, in die Geheimniſſe ih⸗ res Lebens einzudringen, wollte ſie auch das Geſchenk empfangen, ſo wie es gemacht worden zu ſeyn ſchien; ſie ergriff den Strauß und gab ihm eine Stellung, wodurch er Jedermann in die Augen fallen mußte. Das war ein äußerſt geheimnißvolles Ereigniß für die jungen Fräulein, welche dieſe Juwelen inmitten der Blumen erblickten, denn ſie kannten dieſelben, ſie wußten, daß ſie Sabinen gehörten, und fragten ſich, warum ſie eine Schauſtellung damit machte. Eine der Boshafteſten, die ſich über das Motiv der Anweſenheit des Herrn von Belleſtar bei dem Abendeſſen des Herrn Simon nicht getäuſcht hatte, ſagte ihren jun⸗ gen Freundinnen; „Der Einflüß des Marauis von Bric-a⸗ brae be⸗ ginnt.. Bald verlieh die Ankunft des Herrn von Belleſtar allen den kleinen Vermuthungen einen neuen Aufſchwung. Mit dem erſten Blicke bemerkte der Marquis ſein zur Schau aufgeſtecktes Bouquet und ſein Auge ſtrahlte von einem ungeheuern Triumph. Zum Glücke befand ſich Sa⸗ bine in ihrem Zimmer, als er in den Salon eintrat; ſie gewahrte dieſen plumpen Blick, dieſen plumpen Jubel, dieſes Entzücken zu hunderttauſend Franken nicht, und als Herr von Belleſtar ſie begrüßte, ſagte er ganz leiſe mit einer Verbeugung: „Sie ſind ein Engel.“ Sabine erwiederte: 32 „Sie ſind immer ſo gütig“ Der Marquis ging auf Madame Simon zu, um mit dieſer ein Geſpräch anzuknüpfen, und Sabine bemerkte nun Silveſtre, der beim Eingange ſtehen geblieben war. Sil⸗ veſtre erſchien als ein völlig verändertes Weſen; es lag auf ſeinem Antlitz eine Ruhe, eine Heiterkeit, eine Entſchloſſen⸗ heit, welche Sabine in Erſtaunen ſetzte, und einen ſeltſamen Eindruck auf ſie hervorbrachte. Der Gruß, den er aus der Ferne an ſie richtete, war frei von der Verlegenheit, die ſie ſonſt an ihm bemerkt hatte. Inmitten ihrer Ver⸗ ſuche, luſtig zu ſeyn, war Sabine traurig; ihr Lächeln be⸗ wegte ſich über Thränen hin. Als ſie Silveſtre wahr⸗ genommen hatte, war Sabine in einem jener geheimen Gefühle des Herzens glücklich geweſen, ihn zu ſehen.„Das iſt auch ein trauriges Gemüth,“ ſprach ſie; und obgleich dieſe Schwermuths⸗Verbrüderung ſtumm unter ihnen blei⸗ ben mußte, ſo hatte ſie doch auf Silveſtre's Traurigkeit, wie auf eine Gefährtin der ihrigen, gerechnet. Es ging in Sabinens Seele ein düſterer Umſchlag, eine grauſame Täuſchung vor; ſie grollte Silveſtre, weil er ruhig, weil er ſtark war. Wie ſie ſich verlaſſen gefühlt hatte, als ihr Vormund ihr, ohne ſeine gewöhnlichen Ein⸗ wendungen, das verlangte Gold zuſtellte, ſo ſchien ſie ſich diesmal wieder verlaſſen. Was ſie von dieſem Eindruck hewahrte— ich kann es Euch nicht ſagen; ſie nahm unmittelbar daranf wieder ihre Leichtigkeit, ihre Anmuth, die Freiheit der lebhaften, heiteren Rede an, dergeſtalt, daß Niemand Etwas gewahr wurde, und auch Silveſtre war an dieſem Abend, was mau einen ganzen Weltmann nennt; er plauderte mit aller Unbefangenheit, und miſchte ſich in die Bewegung nur mit der Zurückhaltung, welche die feine Lebensart verleiht, ohne ſich jedoch, wie ein mürriſcher Menſch, in den Winkel zu ellen. Mein Gott! Mein Gott! Sollte mein Roman be⸗ endigt ſeyn? Ich mag immerhin mich umſchauen, ich mag immerhin forſchen, ich ſehe nichts, ich errathe nichts. 133 Die Soirée iſt vorüber. Fräulein Aurelie von S.. iſt nicht gekommen. Ach! man erhebt ſich, man nimmt Abſchied, man geht; allgemeines Gelächter! Elende Ge⸗ ſchichte, auf gut Glück angefangen, ſollteſt Du keine Löſung haben? Wer klopft? „Mein Herr, ein Paquet.“ „Laß ſehen.“ Ich erbreche das Couvert..... Es iſt von ihm, es iſt von meinem Kobold, es iſt von meinem Spion; v mein Retter, mein Schutzengel, mein Kundſchafter, ſey geſegnet mit allen Segnungen, die ein Romandichter auf das Haupt eines Mannes herabrufen kann, der ihm eine Idee gibt. „Ihr Spion gibt Ihnen alſo Ideen?“ „Nein, mein lieber Freund, er ſchickt mir einen Brief... zwei Briefe— einen von Silveſtre und einen von Sa⸗ bine Mit welchem ſoll ich anfangen? Bei meiner Treue, mit dem erſten, das iſt ziemlich vriginell. Zweiter geſtohlener Brief. Von Silveſtre an Jules P.... Ich habe Ihren Rath befolgt, Jules, und dun bin ich ruhig, ſtark, mit mir ſelbſt zufrieden, ich will nichts mehr von dem wiſſen, was ich noch geſtern ſo ängſtlich verfolgt habe. Dieſe Worte des Herrn Simon, die ich anfangs nicht verſtunden hatte, und die mich zwei Stun⸗ den ſpäter in einen Schwindel der Freude verſetzten, ſo athemlos ich noch vem Schwindel des Schmerzes war, dieſe Worte habe ich auf ihren wahren Werth zurückgeführt. WMeein Patron ſchätzte mich, weil ich den Muth hatte, einem Weibe wegen der Niederträchtigkeiten des Vaters nicht zu grollen. Herr Simon iſt ein rechtſchaffener Mann, und ſtatt der fünfzehnhundert Franken, die ich jetzt erhalte, wird er mir vielleicht achtzehnhundert, vielleicht zweitanſend geben; ich werde gut brzahlt ſeyn. 134 ch ſagte Ihnen, daß ich in die Soirée von Fräulein Durand gehen müßte, und verſprach, Ihnen mitzutheilen, was daſelbſt vorginge. Ich habe nichts gefühlt, ich habe nichts erfahren, ich habe Thee getrunken, ich habe kleine Kuchen gegeſſen, ich habe es gemacht, wie alle Welt. Sie haben Recht, Jules, alle Hoffnungen, alle ehrgeizige Ge⸗ danken, alle Träume, ſelbſt alle Schmerzen laufen am Ende auf nichts aus; ich glaube, ich werde ein Menſch, wie die anderen, es kommt mir vor, als hätte ich nicht gelitten. Ich habe den Fuß auf meine Nachwehen und meine Erinnerungen geſetzt; ich habe meine Würde auf den Boden geworfen, wie ein Feiger die Waffen wegwirft; ich habe mir geſagt: Ich muß mein Leben einrichten, wie Je⸗ der gegenwärtig ſein Leben einrichtet; man muß Alles ver⸗ geſſen, wenn man arm iſt, und dem Glücke mit egviſtiſchen Schritten nachlaufen, ohne hinter ſich zu ſchauen, ohne ſich eines Vaters zu erinnern, der auf einem zerlumpten Bette geſtorben, ohne einer Mutter zu gedenken, die ohne ein Obdach in des Todes Arme geſunken iſt; man muß zuerſt an ſich ſelbſt denken und wünſchen, daß uns der Senſenmann bald von der letzten Bürde befreie, die uns die Familie vermacht hat. Fräulein Durand herrſcht allmächtig über den Geiſt meines Patrons; ich werde mit aller möglichen Achtung die Tochter des Menſchen grüßen, der meinen Vater be⸗ raubt hat; ſie hat ſich bei ihrem Vormund darüber be⸗ klagt, daß es mein Blick einſt wagte, dem ihrigen Trotz zu bieten, ich werde die Augen vor ihr niederſchlagen. Herr Simon wollte mich wegen dieſer Frechheit beſtrafen, ich habe dieſe Strafe angenommen, und er wird mich für meine Feigheit bezahlen. Habe ich das nicht ſo eben Muth genannt? Ja, in der That, und nun ſagen Sie mir, Jules, iſt es Muth⸗ iſt es Feigheit? Wo iſt das wahre Wort für ſolche Dinge zu finden? Und was liegt am Ende daran, mit welchem Namen man ſie zu benennen hat, wenn man nur damit durchdringt! Oh, ich werde durchdringen, 135 Jules, gewiß, das werde ich. Es wird ein Tag kommen, wo ich ihr gleich ſeyn werde, ein Tag, an dem ich ſie in der ſtolzen, reichen Welt erreichen kann, wo ſie ihren entehrten Namen unter einem edeln Namen verbirgt, wo ſie ihr geſtohlenes Vermögen mit dem geſetzlichen Erbe einer ehrenwerthen und berühmten Familie vermiſcht. Da das Geld die Tugend iſt, ſo werde ich Geld haben. Als ich nun mit dieſen Gefühlen bei Fräulein Du⸗ rand war, als ich ſie nicht mehr beneidete, und auch nicht mehr beklagte, daß ſie das iſt, was ſie iſt, ſo kam ich mir gänz heimiſch vor in dieſem Salon, deſſen Schwelle zu überſchreiten ich mich geſtern noch fürchtete. Ihre Vorſchriften ſind gut, mein Freund; ſie haben mich ſo ſehr verändert, daß mein ganzes Weſen gleich⸗ ſam umgeſtaltet war. Ich habe ſie angeſchaut, und minder ſchön gefunden, ich habe ſie gehört, und ihre Stimme weniger weich gefunden; aber ich ging nicht ſo weit, ſie häßlich zu finden, ich ging nicht ſo weit, ihre Stimme ſpitzig und gellend zu finden, ich ging nicht bis zur Ungerechtigkeit und zum Haſſe, ich blieb bei der Gleichgültigkeit ſtehen. Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, ich bin ruhig, ich bin ſtark, ich bin mit mir zufrieden. Jules, Jules!.. ich lüge, ich lüge, ich lüge. Mein Kopf brennt, mein Herz weint, ich liebe ſie, ich verliere den Verſtand, ich möchte gerne ſterben. Oh! wie ich gelitten habe. Doch ſie hat nichts geſehen, ich ſchwöre es Ihnen, ſie hat nichts geſehen. Als ich an⸗ kam, grüßte ſie Herrn von Belleſtar; als ſie mich be⸗ merkte, ſah ſie überraſcht aus. Staunte ſie vielleicht darüber, daß ich zu kommen wagte, ich, den ſie mit ſo leichtem Weſen eingeladen hatte? Was auch die Empfin⸗ dung in ihrem Innern geweſen ſeyn mochte, ich war ſtark gegen die Bewegung, die in ihrem Gemüthe vor⸗ ging, und gab kein Zeichen der Wuth vyn mir, die mich verzehrte, als ich ſie mit dem Manne ſprechen ſah, den ich haſſe. Uebrigens geſtehe ich, es war die grauſamſte An⸗ 2 136 ſtrengung, die ich mit mir durchzumachen gehabt habe, War einmal dieſer erſte Schmerz gebändigt, ſo fühlte ich alle andere, aber gleichſam, ohne daß ſie mich auf⸗ regten. Denken Sie ſich einen Menſchen, an allen Glie⸗ dern ſo gut gefeſſelt, ſo gut an den Pfoſten gebunden, der ihn hält, den Kopf an den Galgen geſchnürt, den Mund geknebelt, das Auge geſchloſſen, ſo aller Bewegung beraubt, daß man nicht wiſſen kann, ob es ein lebender Menſch oder eine Leiche iſt, da mag der Henker kommen und ihn mit einer feurigen Peitſche geißeln, nichts ſpringt auf, nichts vertheidigt ſich, der Gemarterte bleibt unbe⸗ weglich und ſtumm: wer kann ſagen, daß er leide? Sein Geſicht vielleicht, das bleich wird, und deſſen Züge ſich krampfhaft zuſammenziehen. Mein Wille iſt mäch⸗ tiger geweſen, als die Bande von Stricken und Eiſen, die den Leidenden feſthalten. Mein Geſicht iſt nicht er⸗ bleicht, und Alles iſt unbeweglich an mir geblieben. Aber wenn man den Verdammten vom Pfoſten los⸗ bindet, dann bricht ſein Schmerz hervor; auch ich habe die Freiheit meiner Thränen und meines Schmerzge⸗ ſchreies wieder gewonnen, und ich weine und ſage Ihnen: Ich liebe ſie, ich liebe ſie zu dieſer Stunde noch mahr, als ich ſie geſtern geliebt habe.... ich liebe ſie!! Oh, das iſt eine furchtbare Marter!* Wenn Sie geſehen hätten, wie reizend und ſchön ſie war! Welche Anmuth, welcher Glanz, welcher unbe⸗ ſchreibliche Zauber, welch ein berauſchender Liebesduft, welche Allgewalt! Ah, wie könnte dieſes Weib Königin⸗ der Welt ſeyn! Und dann, ſehen Sie, Jules, ſie iſt gut, ſie iſt es für Alle, ſie wäre es für mich, wenn ſie wüßte, was ich bin, denn ſie weiß es nicht, ich bin es überzeugt, und meine Kälte mußte ſie beleidigen. Sie war mir nichts ſchuldig, und ſie hat mich zu ih⸗ rem Feſte eingeladen, ſie hat mich zu dem eingeladen, was ſie das Feſt ihrer Freunde, das Feſt ihrer Familie nannte. „Mein Gott, lenke es, daß ſie nie die widrigén Em⸗ 137 pfindungen erfahre, die ich gegen ſie hegen mußte, daß vor ſoviel Schönheit und Tugend uller Haß ſich in Vergebung verwandle. Wem willſt Du das Glück ver⸗ leihen, mein Gott, wenn nicht der Unſchuld und der Schwäche?“ Denn wir find Feiglinge, wir Männer, wenn wir von Unglück ſprechen. Iſt denn in unſerer Zeit das Leben demjenigen nicht ebenſo erleichtert, der es mit Nichts anfängt, als dem, welcher mit Vermögen in das⸗ ſelbe eintritt? Zählen wir die Menſchen, die die Geſell⸗ ſchaft gegenwärtig in ihren Händen halten, und wir werden unter den Hochgeſtellten mehr von denen finden, die nur mit ihrer Kraft und ihrem Willen ausgegangen ſind, als von denen, welchen die Vortheile des Reich⸗ thums und der Geburt die Bahn geebnet zu haben ſchienen. Es iſt mein Fehler, wenn ich ſo wenig bin; ich bin in meinem Leben einhergegangen, wie ein ängſtliches Kind, und unter der Ruthe eines alten Weibes, aus Furcht vor einigem Geſchrei und einigen Vorwürfen; ich habe mich um einen Gehalt verkauft, den ich jeden Tag nach Hauſe zu bringen verſprach, ich bin bis jetzt nur ein Lohnarbeiter geweſen, der ſich das Geld zu er⸗ werben wußte, das er einem Andern zu verdanken hat: habe ich nichts Anderes im Kopfe und im Herzen, und wäre es nur, um die Verpflichtungen würdiger zu erfül⸗ len, denen ich Alles gevpfert habe? So geht es, weil das Unglück den Flügel unſerer Ehrliebe lähmt, weil die Stimme, die einem unabläſſig in das Ohr ruft; ich brauche das Brod von heute, und brauche das Brod von morgen— zwiſchen uns und der Zukunft eine Schranke befeſtigt, über die man nicht hinauszuſchauen wagt; oder vielmehr, Jules, ich fühle es jetzt, wenn ich vor einigen Tagen mein Unglück noch nicht ſo tief empfand, ſo geſchah es, weil ich ſie vor einigen Tagen noch nicht liebte. Doch ſie iſt im Begriff zu heirathen, und Alles, 138 was ich verſuchen dürfte, um das Recht zü erringen, ihr zu ſagen, daß ich ſie liebe, wird mir zu nichts die⸗ nen. Warüm ſoll ich mich beklagen? Bedarf ich mehr, als ich habe? Ich bin gut an meinem Platz, da mein Platz nicht bei Sabine ſeyn kann. 4 Sabine!... Endlich habe ich es gewagt, dieſen Namen zu ſchreiben, der ihr während dieſer langen Soirée aus all' der jungen Damen Mund mit freund⸗ ſchaftlicher Betonung zugeworfen wurde! Ich glaube, wenn ich es wagte, ihn auszuſprechen, wenn ich es wagte, Sabine zu uennen, und ſie würde ſich bei die⸗ ſem Namen gegen mich umwenden, es wäre ein Glück, nach dem ich gerne ſterben wollte.. Gott befohlen, Jules, ich habe mein Verſprechen gehalten, ich habe Ihnen Alles erzählt, was in dieſer Soirée vorgegangen iſt; für mich iſt ſie noch nicht zu Ende, denn noch ſehe ich alle dieſe Schwätme von weißen jungen Mädchen wir⸗ beln, noch höre ich das luſtige Gemurmel ihrer friſchen, ſonoren Stimmen; und größer, ſchöner, ſtolzer, als alle ihre Gefährtinnen ſehe ich Sabine, welche mir ſanft zu⸗ lächelt. Oh! Fluch und Elend!.. Dieſes Lächeln gilt Herrn von Belleſtar!. Halt! Ich werde dieſen 2 ſchen tödten! Ich will Ihnen nicht weiter ſchreiben, ich werde verrückt.. Oh! jetzt begreife ich die Leute, die ſich berauſchen, um zu vergeſſen; wenn ich. ich weiß nicht, was hier hätte, ich würde trinken, bis ich todt niederfiele. Aber ich muß morgen arbeiten, ich.. Adien, Jules, adien; beklage mich nicht, weil ich ſie liebe, ich liebe meine Liebe. Es bricht mir das Herz, und ich liebe ſie. Ich liebe den Schmerz mehr, der von ihr herrührt, als das Glück, das Gott mir ohne ſie ſchicken würde! Lebewohl. Silveſtre. Aurelie, haſt Du den Brief verbrannt, den ich Dir geſchrieben habe? Nicht den erſten, nicht den, wo ich Dir meine Wanderungen mit meiner Vormünderin, mein Zuſammentreffen mit Herrn von Prosny in den Ma⸗ gazinen der Ville de Paris, und mein Geſpräch mit meinem Vormund erzählt habe, nein, den von geſtern, welchen ich Dir bei Beinem Beſuche zeigte; den, welchem ich, eine Närrin wie ich war, das ſchüchterne Wort an⸗ vertraut habe, das ich in meinem erſten nicht auszu⸗ ſprechen wagte. Ich hatte nicht den Muth, ihn Dir zu ſchicken; warum verlangteſt Du, denſelben mitnehmen zu dürfen? Um den ganzen Roman meiner Leidenſchaft zu beſitzen, ſagteſt Du... Oh! verbrenne ihn, vernichte auf immer dieſes elende Geſtändniß eines tollen Augen⸗ blicks. Dieſer Menſch hat nichts im Herzen! Er iſt in die Soirée gekommen, die Du nicht beſuchen konnteſt. Es iſt ein angenehmer Mann, ein Mann von vortreff⸗ lichen Manieren; er hat Geiſt, Kenntniſſe, Bildung; er hat Alles, aber nur kein Herz.... Ich habe es ge⸗ fühlt, ich habe es endlich gefühlt. Er iſt vor mir ge⸗ ſtanden, dieſer Mann, der mich haſſen muß; er war wie der nächſte Beſte; nichts hat ihn bewegt, nicht ſeine feindſeligen Empfindungen, nicht mein freundlicher Empfang; er hat mit Herrn von Belleſtar geſprochen. In der That, es iſt ein wahres Glück für mich. „ch geſtehe Dir, ich machte mir, ich weiß nicht was für, innere Vorwürfe, daß ich dieſe hunderttauſend Fran⸗ ken an Herrn von Prosny ſchicken wollte, wie ich Dir ſagte. Obgleich er die Hand nicht kennen lernen ſollte, die ihm dieſes Almoſen ſpendete, ſo befürchtete ich doch, den zarten Stolz ſeiner Seele zu verletzen. Fort, fort, nun bin ich überzeugt, daß er das Almoſen nehmen wird, ſollte er auch erfahren, daß ich,es ihm zuwerfe. Oh! 140 ich haſſe, ich verachte ihn, dieſen Menſchen! J ſt er nicht Schuld, daß ich einen ſo unſiunigen e geträumt habe, daß ich weine, wenn ich daran denke, daß ich ihn eiſeiten konnte! Oh! verbrenne meinen Brief, Aurelie, verbrenne mei⸗ nen Brief, oder vielmehr ſchick ihn mir zurück. Erſt, wenn ich ihn ſelbſt vernichtet habe, werde ich ruhig ſeyn. Ich at⸗ Du wäreſt da geweſen, Aurelie, Du, die Du weißt, was ich von dachte, oder was ich von ihm glaubte. Du ii über meine Thorheit gelacht, und vielleicht fragſt Du Dich, wenn Du meinen Brief lieſeſt, was ich de wolle, vielleicht ſuchſt Du, was mich ſo aufreize? vielleicht bildeſt Du Dir ein, es ſey etwas Außerordentliches vorgefallen. Es iſt nichts vorgefallen, wenn nicht, daß wir drei volle Stunden ik demſelben Salon geweſen ſind, Seite an Seite, und daß dies auf ihn denſelben Eindruck gemacht hat, wie wenn ich gar nicht ba geweſen wäre. Was hatte ich denn geſehen, oder vielmehr, was hatte ich glauben können? Ich hatte einen Haß geträumt, und es ſüß ge⸗ funden, ihn zu beſänftigen; ſodann das letztemal, als ich mit ihin ſprach, und er mir jenen Blick zuwarf. Du weißt... jenen Blick, in welchem ſo viel Staunen und Glück lag, ich habe giträumt. doch, was willſt Du? Der Fehler meines Herzens wird zwiſchen D ir und mir bleiben, und wenn der kleine Aerger, den ich gegen mich ſelber fühle, vorüber ſehn wird, ſo werden wir alle Beide miteinander darüber lachen. Als ich ic Brief aufing, ſchien es mir, als te ich Dir tauſend Dinge zu ſagen, aber in der Sut außer dem, daß ich Dir noch einmat empfehle, meinen Brief zu verbrennen, ſehe ich nicht ein, warum ich Dir länger ſchreiben ſoll. Ich ſuche, es ſcheint mir, mein Kopf iſt leer. Nein, ich habe Dir nichts mehr zu ſagen. Du, die Du nur unwohl biſt, ſcheue nicht die Mühe, mich zu beſuchen, ich bin furchtbar krank. Es iſt, als ob auch mein Herz leer wäre. Lebe wohl. Säbine. 141 Das ſind alſo die zwei Briefe. Ich meines Theils habe nichts über den Inhalt zu ſagen, wenn nicht, daß ich über meinen Spion ſehr unzufrieden bin; denn es war ein Brief an Fräulein Aurelie von S... geſchrieben worden, den dieſe mitnahm, und der alberne Burſche hat es nicht verſtanden, dieſen Brief, der von großem Belang ſeyn konnte, zu ſtehlen. Vielleicht finden wir ihn wieder auf, und wenn dies der Fall iſt, ſo ſchicke ich Ihnen den⸗ ſelben ſogleich, es ſey denn, die Briefe, welche Sie ſo eben geleſen haben.. enthalten bereits die von mir verlangte Löſung.— Den 30., um Mitternacht. Mein Spion hat mich ſo eben benachrichtigt, daß der berühmte Brief, deſſen Vernachläſſigung ich ihm zum Vor⸗ wurf machte, Fräulein Aurelie von S. von einem An⸗ deren, als von ihm, geſtohlen worden ſey. Dies muß nothwendigerweiſe einen neuen Vorfall herbeiführen. Den 31. December 1843. So war dieſer Feſttag vorübergegangen, der ſo leer an Ereigniſſen geweſen zu ſeyn ſchien, und der, um die Wahrheit zu ſagen, zwei Revolutionen zur Welt gebracht hatte. Am Vorabend dieſes Tages war Alles Wohlwol⸗ len, ſüßes Vorurtheil, zärtliche Neugierde, Liebe endlich in Sabinens Herz für den armen Silveſtre, und den Tag nachher hatten ſich alle dieſe Gefühle in Verachtung, Haß, Trotz verwandelt. Am Vorabend dieſes Tages erfüllten noch die Nach⸗ wehen der Vergangenheit, die ungerechten Vorurtheile, die bitteren Anklagen Silveſtre's Seele gegen Sabine, und den Tag nachher liebte er ſie ohne Rückhalt, er liebte ſie mit dem Uebermaße, welches bewirkt, daß ſich das Leben in einem Punkte des Herzens zuſammenzudrängen ſcheint, wo es einen Herd entzündet, auf dem ſich Alles verzehrt, Vergangenheit und Gegenwart, alle Leidenſchaften, die 142 Selbſtachtung, alle Hoffnungen— und Alles zuſammen bildet dennoch nur unzulängliche Nährſtoffe für dieſes un⸗ erſättliche Feuer. Indeſſen kommt es mir doch vor, wenn ich die Sache genan nehme, als hätte Sabinens Liebe an dieſem Tage am meiſten gewonnen. Um eine Täuſchung zu empfin⸗ den, wie die, welche ſich aus dem ſeltſamen Style ihres letzten Briefes errathen läßt, mußte ſie, ſich ſelbſt gegen⸗ über, in ihrer Leidenſchaft für Silveſtre weit vorgerückt ſeyn. Wenn aber eine Täuſchung das Gefühl nicht gänz⸗ lich in dem Herzen tödtet, das davon ergriffen worden iſt, ſo geſchieht es häufig, daß ihm dieſelbe eine neue Kraft verleiht. Sabinens Zorn hatte ſich in dem Briefe, den ſie an Fräulein Aurelie von S.... geſchrieben, nicht ſo ſehr verdampft, daß nicht genug davon übrig geblieben wäre, um einen Entſchluß in Beziehung auf den zu faſſen, der ihre Träume getäuſcht hatte, und ſie wollte nun mit dieſem Menſchen zu Ende kommen. Sabine wollte nicht gezwungen ſeyn, ſich noch acht und vierzig Stunden mit ihm zu beſchäftigen, und ſie be⸗ ſchleunigte um einen Tag die Ausführung des Plans, den ſiemit ſo viel Liebe gefaßt, mit dem ſie mit ſo viel Glückſeligkeit verkehrt hatte. Ein beſonderer Zufall ge⸗ ſtattete ihr, unter einer andern Form, als der, welche ſie zuerſt gewählt hatte, das von ihr für Silveſtre be⸗ ſtimmte glänzende Geſchenk darzubringen. In meinem Briefe von geſtern(datirt den Zoſten * um MRitternacht), ſagte ich Ihnen, ich habe ſo eben er⸗ fahren, daß einer von den Briefen, die Sabine an Fräu⸗ lein Aurelie von S... geſchrieben hatte, dieſer geſtoh⸗ len worden ſey: hört, was gerade um dieſelbe Stunde bei Herrn von Prosny geſchehen iſt. Wenden wir unſere Blicke auf dieſe Seite. Sabine war am Tage nicht ausgegangen, ſie hatte Müdigkeit in Folge der Geſellſchaft am vorigen Abend vorgeſchützt, um in ihrem Zimmer eingeſchloſſen bleiben zu können. Geſchah es aus Verlegenheit, geſchah es aus — 143 Berechnung, Madame Simon hatte ſie in gelaſſen, und ſo konnte Sabine, der Abend gekom⸗ men war, mit ihrer Gouvernante entſchlüpfen, einen Wagen auf dem Platze erreichen, bis an Sylveſtre's Thüre 3 und zürückkehren, ohne daß man ihre Ab⸗ weſenheit bemerkte. von Prosny war zum erſtenmal in ſeinem Leben zur M kittageſſenszeit an dieſem T nicht nach Hauſe der ſeine eigene Feierlichkeit ihn hatte; er hatte ſeiner Tante ſagen laſſen, ein außerordentliches Geſchäft halte ihn bei Herrn Simon zurück. Dieſer Vorwand, der ſo oft bei jungen Leuten zum Deckmantel für eine Vergnügens⸗Partie dienen mußte, hatte Silveſtre benützt, um ſich einen Schmerz zu erſparen. War dieſer Tag nicht der Vorabend eines F ſtes? hatte ſeine Tante nicht die Gewohnheit, ihm an die Tage das zu geben, was ſie einen Strauß nannte? und Gott weiß, was ſie mit dem Namen eines Straußes bel egte! hatte er nicht auch an dieſem Tag ſein Familienfeſt? Nun denn! Was er bis jetzt als eine lobene verthe Aufmerkſamkeit von Fräu⸗ lein von Prosny betrachtet hatte, gerade das entfernte ihn in dieſem Jahr von ſeinem Hauſe. Weil er am Abend vother Sabinens heiterer Ge⸗ ſell ſchaſt beigewohnt hatte, weil er noch voll war von dieſer Erinnerung und dem Wohlgeruch dieſer jungen, Welt, weil ſeine Augen noch geblendet waren von dem geſchmackvollen Lurus, der ihn umgeben hatte, konnte er nur mit Schandern daran denken, in ſeine eiſige Einſamkeit, in ſeine nackte Stube zurückzukehren, um zu ſehen, wie ihn ſeine Tante mit einem grimaſ⸗ ſenartigen Sicelt begrüßen und ihm aus dem, was man ein Feſt nennt, eine abſcheuliche K Karrikatur machen würde. Er fürchteie ſich, in dieſem Contraſte die Re⸗ gungen des Zornes wieder zu finden, die ihn anfangs gegen Fräulein D Durand aufgereizt hatten; er wollte nicht, daß irgend Etwas illn zu grauſam an die Klagen und Beſchwerden erinnere, deken Erbe er zurückgewieſen, halte; der Einſamkeit e ſe 144 er wagte es endlich nicht, das Bild Sabinens in dieſes elende Feſt zu tragen, wo ſie ihm wie ein Gewiſſensbiß oder wie eine Verzweiflung erſcheinen würde. Aus allen dieſen Gründen, und vielleicht noch aus vielen andern, war Silveſtre nicht zurückgekehrt, und ſo⸗ bald er einmal die Stunde überſchritten hatte, wo ihn ſeine Tante noch erwarten konnte, verzögerte er ſeine Heimkehr ſo lange als möglich; denn ein geheimes V Vor⸗ gefühl ſchien ihm anzudeuten, daß ihn zu Hauſe ein Unglück erwartete. Es war Mitternacht, als er an die Thüre klopfte, und er war nicht wenig erſtaunt, als ſein Portier, deſſen Ariſtokratie gewöhnlich ſich nicht herabließ, mit einem ſo geringfügigen Miethsmanne zu ſprechen, ihn im Au⸗ genblicke rief, wo er ſeine Treppe hinauf zu ſteigen im Begriffe war, und mit der beſtändig ſchlechten Laune, die einen von den inſtinktartigen Charakterzügen der ganzen Portier⸗Race bildet, zu ihm ſagte „Herr von Prosny, ich muß Sie benachrichtigen, daß ſich heute etwas ganz Außerordentliches, und was mir gar nicht gefällt, zugetragen hat!“ „Was denn?“ ſprach Prosny, der die traurigen Ahnungen, die ihn den ganzen Tag von ſeinem Hauſe ferne gehalten hatten, verwirklicht ſehen zu müſſen be⸗ fürchtete. „Folgendes iſt geſchehen, mein Herr,“ verſetzte der Portier;„gegen ſechs Uhr, es mußte ungefähr ſechs Uhr ſeyn, denn wir ſetzten uns eben zu Tiſche, meine Frau und ich, iſt eine alte Dame oder ein altes Weib, ich weiß nicht wer, denn ſie hatte eine Haube und ſtieg aus einem Fiaker, nun eine Alte alſo iſt in meine Loge gekommen, und hat mir ein Paquet mit den Worten gegeben:„Das iſt für Herrn von Prosny.“ Es war wie ein Portefenille oder wie ein mit Papier umwickeltes Buch, und an allen Fugen verſiegelt.“ „Gut,“ ſagte ich,„legen Si es hier hin.“ 145 „Es iſt ein ſehr wichtiger Gegenſtand,“ erwiederte die Alte,„den man nicht herumfahren laſſen darf, und der nur Herrn von Prosny perſönlich zuzuſtellen iſt.“ „Gut, gut,“ ſprach ich;„das wird nicht lange herumfahren. Es iſt die Stunde, wo Herr von Prosny nach Hauſe zu kehren pflegt, und ich wundere mich ſogar, daß er noch nicht da iſt.“ „Ich hatte dieſes Wort noch nicht ausgeſprochen, als ich eine kleine, flötenartige Stimme hinter meinem Fenſter ſagen hörte: „Komm, komm, gehen wir. Mein Gott, was wür⸗ den wir anfangen, wenn er uns überraſchen ſollte?“ „Und ſogleich ging die Alte und traf draußen wieder mit einer jüngeren zuſammen— ſo viel iſt gewiß, jünger war ſie, obgleich ich ſie nicht geſehen habe. Beide klet⸗ terten in den Fiaker, und peitſch' drauf los, Kutſcher! auf und davon, als wären ſie nie da geweſen, hätte mich nicht das Paquet, das auf meinem Tiſ blieb, daran erinnert.“ che liegen „Nun wohl!“ ſprach Herr von Prosny, deſſen Neu⸗ gierde dieſe Geſchichte zu erregen anfing,„wo iſt das Paquet?“ Statt zu antworten, ſetzte der Portier ſeine Erzäh⸗ lung fort, wie er dies zu thun beſchloſſen hatte: „Sie ſehen, daß bis dahin kein Fehler von meiner Seite begangen worden iſt. Ich war im Begriff, das Paquet in meinen Schrank zu ſchließen, als ich klopfen hörte; kaum habe ich die Schnur gezogen, als ich einen Kopf eindringen ſehe, und eine ſpitzige Stimme ruft mir zu: „Ein Billet für Fräulein von Prosny.“ „Legt es dahin,“ ſprach ich und wies dem Straßen⸗ jungen das Paquet, auf das er gerade ſeine Naſe hielt, und deſſen Adreſſe er, wie es ſchien, entziffert hatte. „Es hat Eile,“ antwortete er,„Fräulein von Prosny muß dies ſogleich bekommen.“ Frederic Syulis. Von Tag zu Tag. 10 146 „Nun wohl! tragt es ſelbſt hinauf,“ ſagte ich dem kleinen Kerl. „Es war mein Recht und es war meine Pflicht, denn ich bin nicht genöthigt, allen Miethsleuten die Briefe hinaufzutragen, und überdies war ich ganz allein in meiner Loge.“ „Das wird man thun,“ ſagte der junge Menſch, „und wenn Sie wollen, ſo werde ich das Paquet mit hinaufnehmen, das für dieſelbe Adreſſe hier liegt.“ „Dieſes ſagend, legte der Unbekannte die Hand darauf.“. „Einen Angenblick,“ rief ich, ihm den Gegenſtand entreißend,„das iſt für den Neffen und nicht für die Tante; es iſt mir beſonders empfohlen, es iſt heilig, unverletzlich!“ Ich nehme das Paquet zu mir, ich ſchließe es in den Schrank. Konnte ich es beſſer machen, als ſo?“ „Nnn, dieſes Paquet, wo iſt es denn?“ ſagte Herr von Prosny, der ſich über dieſen kleinen Zwiſchenfall gar nicht wunderte, da er durch Radinot an ſeine Tante geſchrieben hatte. „Warten Sie,“ verſetzte der Portier,„das iſt nicht ſo auf einen Schlag gefommen. Nach Verlauf einer ſtarken Viertelſtunde ſteigt der junge Menſch wieder herab, klopft an mein Fenſter, und ſobald ich die Schnur gezogen habe, ſchlüpft er hinaus, indem er mir noch zuruft: „Verſchließe Deine Paquets, alter Krautkopf!““ „Ich ſtehe über ſolchen Beleidigungen, und dachte bereits nicht mehr daran, als ich Ihre Fräulein Tante mit einer ſo ſüßlichen Miene hereinkommen ſah, daß ich ſogleich bemerkte, ſie führe eine Bosheit gegen mich im Schilde.“— „„Iſt nichts für uns da?““ ſagte ſie. „Ganz und gar nichts!“ antwortete ich. „Das wundert mich,““ entgegnete ſie raſch, „„mein Neffe ſchreibt mir ſo eben, man werde ein Pa⸗ quet unter ſeiner Adreſſe hierher ſchicken, und er beauf⸗ tragt mich, es zu übernehmen und in ſeine Schreibſtube „ 147 zu tragen. Es ſind Papiere, deren er bei einer Ange⸗ legenheit bedarf, welche morgen verhandelt wird.““ „Sehen Sie nun, Hert von Prosny,“ ſprach der Pörtier, indem er ſich viereckig vor ihn ſtellte,„Sie ſind ein ehrlicher Mann und ich auch, was hätten Sie dazu geſagt?“ Silveſtre, ſehr erſtaunt über das, was er hörte, ant⸗ wortete nicht, und der Portier fuhr fort: „Trotz den Gedanken, die ich mir machte, mußte ich doch ſagen, das könnte wahr ſeyn; überdies war es ſo einfach und natürlich. Ich nahm das Paquet, betaſtete es oben, betaſtete es unten: es waren allerdings Papiere und ich übergab ſie Ihrer Tante, indem ich ſprach: hier iſt das Ding, bringen Sie es geſchwinde Ihrem Neffen.“ Sie hatte es nicht ſobald in der Hand, als ſie er⸗ wiederte: „Schon gut, ſchon gut! ich weiß, was ich zu thun habe.“ „Sie behaupteten, es wäre ſo eilig?“ „Und da ich bereits bereuete, daß ich ihr das Paquet gegeben hatte, ſo fügte ich, wie man ſo Jemand ſeine Dienſte anbietet, bet: „Wenn Sie wollen, ſo bin ich nicht abgeneigt, es ſelbſt hinzutragen.“ „Ah, ich weiß, daß Sie ſtets bereit ſind, die Kom⸗ miſſionen zu machen, mit denen man ſie nicht beläſtigen will,“ ſagte Fräulein von Prosny.„Haben Sie nicht bange, das Paquet wird an ſeine Adreſſe gelangen, aber Sie wollen doch wahrſcheinlich nicht, daß ich es in Pantoffeln forttrage?“ „Das war richtig, und ſo ließ ich Ihre Tante wieder hinaufgehen. Es iſt keine gute Frau, Ihre Tante, aber ich reſpektire ſie, weil es Ihre Tante iſt. Ich konnte ihr das Paquet nicht aus den Händen reißen, obgleich ich, ohne zu wiſſen warum, ſehr ärgerlich über mich war, daß ich es ihr gegeben hatte.“ 10* 14⁸ „Nun wohl; alſo ſie hat das Paquet,“ verſetzte Herr von Prosny ärgerlich.„Ich werde es bei ihr finden.“ „Nur einen Augenblick, nur noch einen kurzen Au⸗ genblick, das hat nicht ſo geendigt. Ich hatte immer noch meine Idee und ich ſagte zu mir ſelbſt: ich will doch ſehen, ob ſie das Paquet fortträgt, ja oder nein; ich werde wohl ſehen, ob fie wahr geſprochen oder mich hin⸗ tergangen hat. Ich laſſe eine Viertelſtunde vorübergehen, das iſt gut; eine halbe Stunde, das iſt immer noch gut, aber nach Verlauf einer Stunde ſage ich zu mir:„ich bin beluchſt.“ Ich faſſe meinen Entſchluß, ich klettre ei⸗ ligſt die Treppe hinauf und läute an Ihrer Thüre. Ein⸗ mal, zweimal, dreimal, nichts. Sollte Fräulein von Prosny ausgegangen ſeyn, ohne daß ich es bemerkt hätte? ſagte ich zu mir ſelbſt. Ich trommle, nichts, we⸗ nigſtens nichts von Seiten Ihrer Wohnung, aber die Nachbarn von demſelben Treppenabſatz kommen aus ih⸗ ren Zimmern und fragen, was denn vorgehe.“ „Nichts,“ erwiederte ich,„wenn nicht, daß ich wiſſen muß, ob Fräulein von Prosny zu Hauſe iſt.“ Ein Nachbar, deſſen Kreuzſtöcke den Ihrigen gegen⸗ über liegen, antwortet: „„Es iſt nicht nöthig, deshalb einen ſolchen Lärmen zu machen, man ſieht ihr Licht in meinem Zimmer, und ſie iſt nicht diejenige, welche ein Licht brennen läßt, um die Wände zu beleuchten.““ „Dann muß ihr etwas begegnet ſeyn,“ ſagte ich, „da ſie zu Hauſe iſt und nicht antwortet.“ „Ich wußte wohl, daß es eine Bosheit war, die ſie gegen mich verübte; aber ich wollte ſicher ſeyn, ehe ich mein Glockenſpiel fortſetzte, und um auch dem Gewiſſen der andern Miethsleute die gehörige Ueberzeugung zu geben, ſagte ich: „„Es iſt vorhin ein kleiner junger Menſch zu ihr hin⸗ aufgegangen und wieder herabgekommen, und ich weiß nicht, warum dieſe Geſchichte, die alle Tage hier vor⸗ kommt, ſonderbare Gedanken in meinem Kopfe erregt * 149 hat; ich weiß auch, daß Fräulein von Prosny dieſen Abend ausgehen müßte, die Stunde iſt vorüber, und ich fürchte wirklich, es möchte ein Unglück geſchehen ſeyn.““ „Jedermann iſt meiner Meinung, und ich fange an zu ſchellen, während ein Anderer trommelt; der Nächbar gegenüber öffnet ſein Fenſter und ruft Fräulein von Prosny, und das gab denn, meiner Tren, ein ganz ar⸗ tiges Concert, als wir plötzlich Ihre Fräulein Tante hö⸗ ren, die hinter der Thüre zu ſchreien anhebt.“ „„Was gibt es da? Räuber! Mörder! Wer überfällt mich in meinem Hauſe?““ „Ah, Sie ſind nicht todt?“ rufe ich ihr durch das Schlüſſelloch zu;„und das Paquet, das Sie Ihrem Neffen bringen ſollten und das Sie mir abführten, was haben Sie damit gemacht?“ „„Das Pagquet iſt, wo es ſeyn ſoll,““ ſagte Fräulein von Prosny,„„laſſen Sie mich in Ruhe, oder ich rufe die Wache, oder den Kommiſſär.““ „Ich war wüthend, daß man mich ſo überliſtet hatte, und würde gerne die Thüre eingetreten haben, aber es iſt nicht meine Sache, im Hauſe ein ſchlimmes Beiſpiel zu geben, und ich begnügte mich, ihr zuzurufen: „Schon gut, ſchon gut, doch ſo viel mögen Sie überzeugt ſeyn, mit dem erſten Worte, daß ich heute an Ihren Reffen richte, werde ich ihm den Streich erzählen, den Sie mir geſpielt haben.“ „Ich konnte nicht weiter gehen, nicht wahr, Herr von Prosny?“ ſprach der Portier;„ich hatte Alles ge⸗ than, was Menſchen möglich iſt, und Sie ſehen, daß ich das Wort halte, das ich Ihrer Tante gegeben ha e.“ „Das genügt,“ ſagte von Prosny, der in allem dem nichts Anderes ſah, als einen von jenen Anfällen von Neugierde und ſchlechter Laune, die bei Fräulein von Prosny zur Gewohnheit geworden waren.„Ich werde ſchon ſehen, was an dem Paquet iſt.“ „Aber es iſt noch nicht aus,“ erwiederte der Portier, 150 „abermals eine halbe Stunde, nachdem ich herabgeſtiegen war(ich dachte nicht mehr daran und hatte ſchon mein Theil erwählt), ſehe ich Fräulein von Prosny in meine Loge hereinſchleichen. Sie hatte dieſelbe honigfüße, katzen⸗ freundliche Miene angenommen, wie das erſte Mal. Gut, die hat noch eine Schändlichkeit gegen mich im Sinne!“ „„Mein lieber Freund,““ ſprach ſie,(was die Weiber doch falſch ſind!)„„es iſt nicht ſchön, daß Sie einen ſol⸗ chen Skandal vor meiner Thüre gemacht haben.““ „Warum haben Sie mir das an Ihren Neffen adreſ⸗ ſirte Paquet abgeführt?“ antwortete ich. „„Oh! mein Gott!““ rief ſie die Augen zum Himmel aufſchlagend,„„wenn der arme Junge es geſehen hätte, er wäre vor Verzweiflung geſtorben.““ „Was iſt es denn,“ ſagte ich. „„Ein ganzer Haufen von N titrrträchtigtet, Maſſen von anonymen Briefen, worüber der arme Junge den Verſtand verloren hätte, wären ihm alle dieſe Abſcheulich⸗ keiten zu Geſicht gekommen; auch bin ich hier, um Sie um einen Dienſt zu bitten: ich bitte Sie, mein lieber Freund, ich flehe Sie an, ſprechen Sie mit meinem Nef⸗ fen nicht von der Ankunft dieſes Paquets.““ „Und darauf drückte mir Ihre Tante, verſtehen Sie, Herr von Prosny, Ihre Tante drückte mir zehn Franken in die Hand! mir zehn Franken, der ich nie erfahren habe, wie ihre Zehn⸗Sous⸗Stücke ausſehen; ich habe ſie an⸗ genommen, um einen Beweis für das, was ich Ihnen ſa⸗ gen wollte, zu haben, ich behalte ſie als Gewährſchaft für das, was ich behaupte. Wenn dieſe Sache je weiter getrieben werden ſollte, wird der Herr hoffentlich nicht vergeſſen, daß ich ihm gegenüber meine Schuldigkeit ge⸗ than habe, wie ich es allen meinen Miethsleuten gegen⸗ über zu thun pflege.“ Die letzte Phraſe des Portier hätte mit den Worten endigen ſollen:„Beſonders wenn der Neujahrstag nahe iſt.“ „Schon genug,“ erwiederte Herr von Prösny,„ich werde Sie nicht vergeſſen.“ 2 151 Dann ſtieg er ſeine fünf Stockwerke hinauf, indem er ſich fragte, was wohl dieſes geheimnißvolle Paquet ſeyn könnte, das zwei Frauen überbracht hatten, die ihm zu begegnen fürchteten, und warum es ſeine Tante auf eine ſo ſonderbare Weiſe unterſchlagen haben möchte? Woher fonnte es kommen? Worauf konnte es Bezug haben? Welches Intereſſe hatte ſeine Tante ſich deſſelben zu be⸗ mächtigen? Das waren Fragen, welche Silveſtre noch nicht gelöst hatte, als er vor ſeiner Wohnung anlangte. WMit dieſer Unruhe, mit dieſen Zweifeln und Befürchtun⸗ gen kämpfend, beſchloß Silveſtre, ſo ſachte als möglich ein⸗ zutreten, um die Alte zu überraſchen. Wie alle Menſchen, die keinen Bedienten haben, der ſie erwarten muß, trug er ſeinen Zimmerſchlüſſel bei ſich. Er ſteckte dieſen leiſe in das Schloß, aber zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung ſtieß er auf einen unüberwindlichen Widerſtand; der in⸗ nere Riegel war vorgeſchoben. Dieſe Vorſichtsmaßregel war ſehr auffallend. Herr von Prosny kannte den Charakter ſeiner Tante genugſam, um zu wiſſen, daß ſie ganz die Frau dazu war, ihn in einer Aufwallung von Aerger einzig und allein darüber, daß er zu einer ſo unpaſſenden Stunde nach Hauſe kam, vor der Thüre ſtehen zu laſſen. Aber nach⸗ dem, was ihm der Portier geſagt hatte, nahm dieſe innere Schutzwehr in Silveſtres Augen einen ganz andern Cha⸗ rakter an; er ſchellte mit aller Heftigkeit. Keine Antwort. Silveſtre war nicht in der Laune, eine Belagerung anzu⸗ fangen, wie die, welche der Portier unternommen hatte; aber er hatte auch keine Luſt auf der Straße zu ſchlafen. Dieſe Stille brachte ihn daher in große Verlegenheit. Er hielt das Ohr dicht an die Thüre, und glaubte zu hören, wie ſich Jemand derſelben auf leiſen Socken näherte. Nun rief er ſeiner Tante, doch, man beobachtete immer noch das vorige Stillſchweigen. Er zeg abermals an der Glocke, aber Niemand gab Antwort; nur ein leiſes Knir⸗ ſchen, wie von Eiſen, machte ſich hörbar, und er erfannte, 152 2 daß man den Riegel zurückgezogen hatte. Jetzt verſuchte er wieder die Thüre zu öffnen, und ſie wich auch wirklich Die Nachtlampe, die ihn gewöhnlich erwartete, war nicht angezündet, und ein ſtarker Geruch nach ausgelöſch⸗“ tem Licht belehrte ihn, daß ſeine Tante bis zu dieſem Augenblick gewacht hatte. Die tiefſte Stille herrſchte in der Wohnung, und Silveſtre ſchritt in der Dunkelheit vor⸗ wärts. Er ſuchte ſich Licht zu verſchaffen, aßer man hatte Alles, was hiezu nöthig war, verborgen, oder von der ge⸗ wöhnlichen Stelle entfernt. Es ergab ſich hieraus der Entſchluß, Alles zu verſuchen, um einer unmittelbaren Erklärung auszuweichen. So viel Vorſicht mußte Silveſtre in Erſtaunen ſetzen, und es wurde in ihm das Verlangen, u erfahren, welche Bewandtniß es mit dem Pagquet ha⸗ ben möchte, nur um ſo mehr aufgeſtachelt. Er ging in das Zimmer ſeiner Tante, um hier die behutſam begrabenen Trümmer ihres Feuers zu ſuchen. Einige zerſtreute Kohlen glimmten noch ganz helle im Herde, und daran ließ ſich erkennen, daß Fräulein von Prosny nicht mit gewohnter Sorgfalt zu Werke gegangen war. Dieſe Nachläſſigkeit zeugte von großer Unruhe. Um indeſſen im Stande zu ſeyn, ein Licht anzuzünden, mußte Silveſtre eine Kohle mit der Feuerzange heraus⸗ v nehmen und längere Zeit blaſen. Alles dies erregte ein Geräuſche, das unter andern Umſtänden die Tante ſtets hundertmal aufgeweckt haben würde. Aber ſie blieb un⸗ beweglich. Endlich gelang es Prosny, ſich Licht zu ver⸗ ſchaffen. Es war ſeine erſte Sorge, ſich umzuſchauen. Seine Tante ſchlief, oder gab ſich wenigſtens den Anſchein, als ſchliefe ſie; denn Silveſtre konnte nicht zweifeln, daß ſie aufgeſtanden war, um ihm die Thüre zu öffnen, und beim zweiten Blicke erkannte er, daß ſie ſich ganz ange⸗ kleidet niedergelegt hatte. Dieſe Erſcheinung deutete ein Ereigniß an. Silveſtre wußte indeſſen nicht, auf welche Weiſe er eine Erklärung herbeiführen ſollte, obgleich er dieſe ſehn⸗ lichſt herbeiwünſchte. So beſchloß er, ein ſolches Geräuſch *153 zu machen, daß es die Tante wahrnehmen müßte, und warf zu dieſem Ende die Feuerzange, die er in der Hand hatte, auf den Boden. Die Tante bebte, aber ſprach kein Wort. Silveſtre wich vor dieſer Entſchloſſenheit zurück, und ging in ſein Zimmer. Er unterſuchte alle Winkel, um zu erforſchen, ob ſeine Tante nicht dieſes, vielleicht ganz gleichgültige, Paquet bei ihm niedergelegt hätte; aber er entdeckte nichts. Die Papiere, welche auf dem Tiſche lagen, der ihm als Büreau diente, waren aus der Ordnung gebracht, in welcher er ſie zurückgelaſſen hatte, obgleich man ſorgfältig bemüht geweſen war, ſie wieder an ihre Stelle zu legen. Es waren in dieſem Zimmer einige Wandſchränke, welche ſo wenige Vorräthe enthielten, daß ein Gegenſtand mehr ſogleich in das Auge fallen mußte. Silveſtre öffnete einen nach dem andern, und bemerkte, daß einer, der die Wäſche und die Kleider der Tante enthielt, völlig leer war. Bei dieſer Entdeckung kehrten in Silveſtre die Unruhe und die Neugierde zurück, die er einen Augenblick bei Seite gelegt hatte. Er unterſuchte mit größerer Sorgfalt, und ging abermals in das Zimmer ſeiner Tante. Hier in einem Winkel, und unter einem Tiſche verborgen, gewahrte er ein dickes, mit Servietten umwickeltes Paquet. Das waren die Kleider und das Weißzeug von Fräulein von Prosny. Dies gab ihm ihren Entſchluß, das Haus zu verlaſſen, kund. Nur durch eine wichtige Begebenheit konnte Fräu⸗ lein von Prosny ſich zu einem ſo keidenſchaftlichen, unbe⸗ ſonnenen Schritte beſtimmen laſſen. Silveſtre erinnerte ſich nun des Zornes ſeiner Tante, als ſie erfuhr, daß das Fräulein, dem er ſeinen Platz in der Kirche abgetreten hatte, Fräulein Durand geweſen war; er erinnerte ſich des weiteren Umſtandes(den er indeſſen nie für eine Wahr⸗ heit, ſondern nur für eine bloße Vermuthung gehalten), daß man ihm Sabine, als nach ihm im eigenen Hauſe ſich erkundigend, dargeſtellt hatte. Dieſer Umſtand war zu ſehr im Einklang mit dem, was ihm der Portier von der Uebermachung der grheimnißvollen Sendung durch zwei * 154 Frauen, von denen die eine alt die andere jung, geſagt hatte, als daß Silveſtre nicht dadurch hätte ſ wer⸗ den ſollen, und von dem Augenbl ick, da er dachte, Sabine könnte bei dieſer Sendung betheiligt geweſen ſeyn, war es nicht mehr eine Neugierde, nicht mehr Unruhe, die er noch zu beherrſchen vermochte, ſondern es bemächtigte ſich ſeiner ein glühendes, gebieteriſches Verlangen nach Erkenntniß des Wahren, das auch ſogleich hervorbrach; denn er rief mit aller Heftigkeit: „Meine Tante!.. Meine St Es war nicht mehr möglich, ſich 1 inger zu verſtellen, und die Tante antwortete in ſchläferigem Tone: „Was gibt es?“ „Meine Tante, ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie aufwecke, aber man hat dieſen Abend ein Paquet für mich gebracht.“- „Man hat nichts gebracht,“ erwiederte die Tante, indem ſie ſich aufrichtete. Sie war in der That völlig angekleidet. „Man hat ein Paguet unter meiner Adreſſe gebracht, ich weiß es... wollen Sie es mir geben.“ Fräulein von Prosny warf ſich wieder in ihr Bett zurück, zog die Decke über ſich und antwortete, ohne irgend einen Aerger kund zu geben: „Ich weiß nicht, wovon Du ſprichſt.“ „Um Vergebung!“ rief Silveſtre;„doch Sie wiſſen nicht, von welcher Wichtigkeit dieſe Sendung für mich iſt.“ Die Tante antwortete nicht. „Aber antworten Sie doch,“ ſagte Sil veſtre, den der Zorn übermannte. Fräulein von Prosny wandte ihm den Rücken zu. „Hören Sie, Tante,⸗ rief von Prosny;„es iſt eine wichtige Angelegenheit, ich bin ein Mann! und werde nicht dulden, daß Sie ſich auf dieſe Art einer Sache be⸗ mächtigen, die an mich adreſſirt iſt, und die mir gehört.“ Fräulein von Prosny richtete ſich noch einmal auf, 155 deutete mit dem Finger auf den Pack, den Silveſtre mitten in die Stube gezogen hatte, und ſagte: „Sie ſehen, daß Sie nicht lange mehr zu warten haben, um von mir erlöst zu ſeyn. Ich hätte mich noch dieſen Abend entfernen ſollen.. ich habe es nicht ge⸗ than... Gott ſtraft mich dafür, indem er mich Ihren Gewältthätigkeiten ausſetzt.“ „Aber warum wollen Sie fort von hier?“ „Weil ich das Leben hier ſatt habe; weil ich nicht von der Gnade eines liederlichen Menſchen, eines Fau⸗ lenzers abhängen will.“ „Wie, meine Tante!“ ſchrie Silveſtre aufbrauſend. „Glauben Sie, man wiſſe nicht, daß Sie heute Abend nicht in Ihrer Schreibſtube geblieben ſind? Glau⸗ ben Sie, Radinot habe nichts davon erzählt, daß Sie, um das Pflaſter von Paris zu treten, um herumzuſtreichen, nicht nach Hauſe gekommen ſind? Das iſt genug, ſage ich Ihnen, ſprechen wir nicht weiter davon; jeder auf ſeine Weiſe. Leben Sie nach Ihrem Gutdünken, ich werde nach dem meinigen leben.“ „Aber womit wollen Sie leben?“ „Kümmern Sie ſich nicht um mich, ich werde nichts mehr vön Ihnen fordern.“ Die ruhige Sicherheit ſeiner Tante ſetzte Silveſtre in Erſtaunen. Indeſſen kam ihm nicht entfernt der Ge⸗ danke, ſie dürfte unbekannte Hülfsquellen gefunden haben. Er kannte Fräulein von Prosny, er wußte, daß er es mit einem unbändigen Charakter zu thun hatte, bei dem weder durch Bitten noch durch Drohungen etwas zu er⸗ ringen war. Das einzige Mittel, die Tante zu einer Antwort zu zwingen, wäre vielleicht darin beſtanden, daß er ſich geſtellt hätte, als ſey er im Begriff, das Haus zu verlaſſen, aber die Alte ſelbſt ſchien nichts Anderes, als eine Trennung zu wünſchen. Die Ohnmacht eines Men⸗ ſchen unter ſolchen Umſtänden iſt vielleicht dasjenige, was auf der ganzen Welt am allermeiſten die Leidenſchaft entflammt. Von Prosny, der bis auf dieſen Tag der 156 alten Frau gegenüber eine Zurückhaltung beobachtet hatte, die ihn ſtets abhielt, eine ſolche Trennung als möglich zuzugeben, von Prosny, ſage ich, antwortete vom Zorne überwältigt, mit allem Ungeſtüm: „Ch, mein Gott! gehen Sie doch!“ „Sogleich, wenn Du willſt,“ verſetzte die Tante mit aller Ergebung in Ton und Miene. Dieſe ungewohnte Sanftheit vermehrte noch die Neu⸗ gierde und Unruhe Silveſtre's, und er erwiederte mit dro⸗ hender Strenge: „Aber ich ſage Ihnen zum voraus, daß Sie dieſen Platz nicht verlaſſen werden, ohne mir zuvor das Paquet zuzuſtellen, das Sie bei dem Portier des Hauſes abge⸗ führt haben.“ „Ich ſage Dir, daß ich von keinem Paquet weiß.“ „O,“ rief von Prosny voll Zorn,„ich werde es finden, ich muß es finden.“ Und er rückte gegen das Bett vor, um zu ſehen, ob es nicht etwa unter das Kopfkiſſen gelegt worden wäre. In dieſem Augenblick richtete ſich Fränlein von Prosny auf, ſprang aus dem Bett, ſtieß ihren Neffen heftig zu⸗ rück und ſchrie: „Willſt Du es wagen, Hand an mich zu legen, Un⸗ glücklicher!“ 8 „Ich muß dieſes Paquet haben, ich will es haben,“ verſetzte von Prosny ganz in Verzweiflung. Die Tante vergaß die Rolle, die ſie haite ſpielen wollen, und antwortete, das Auge von Blut unterlaufen, wie das einer Wölfin, die ihre Jungen vertheidigt, die Stimme von Wuth erbebend: „Du ſollſt es nicht haben, Du magſt mich eher töd⸗ ten, als daß Du es erhältſt.“ Dieſe Worte ſprechend zog ſie die Röcke enger am Leibe zuſammen, und Silveſtre erkannte alsbald, daß ſie den Inhalt des Paquets in den weiten, alterthümlichen Taſchen, die ſie unter dem Kleide trug, verborgen hatte. Er hielt einen Augenblick inne und ſchwieg, von Zorn 157 durchſchauert, denn je mehr ſeine Tante vor ihm verborgen halten wollte, was dieſe ſeltſame Sendung enthielt, deſto mehr begriff er, daß er es nothwendig erfahren müßte. „Meine Tante,“ verſetzte er, nachdem er einen Augenblick ſtill geſchwiegen und Faſſung zu erringen ge⸗ ſucht hatte,„ich ſchwöre Ihnen bei der Ehre meines Vaters, Sie werden nicht von hinnen gehen, ohne daß ich weiß, was in dieſem Paquet enthalten war.“ „Du willſt mich alſo ermorden, Elender,“ ſchrie die Tante, in eine Ecke der Stube zurückweichend. Der Blick der Alten war verſtört, ihre Lippen zuck⸗ ten krampfhaft; von Prosny konnte ſich eines Schreckens nicht erwehren. „Sehen Sie, meine Tante,“ ſagte er ſanft,„ſam⸗ meln Sie ſich, leihen Sie der Vernunft Gehör; ver⸗ geſſen Sie nicht, daß dieſes Paquet mit meiner Adreſſe bezeichnet, daß es für mich beſtimmt war, für mich allein.“ „Nein, nein,“ rief Fräulein von Prosny mit heftig bebender Stimme,„es iſt mein Vermögen, Sie hat es mir zurückgegeben, ich werde es behalten.“ Dieſe der Angſt ausgepreßten Worte erfüllten Sil⸗ veſtre plötzlich mit neuer Verwunderung; ohne ihn völ⸗ lig über das Geheimniß aufzuklären, das er zu durch⸗ dringen ſuchte, lenkten fie doch ſeine Gedanken auf die Seite der Wahrheit und gegen ſeine Tante vorſchreitend, die, gänzlich in die Mauerecke eingezwängt, ſich zur Ver⸗ theidigung anſchickte, wie ein in ſeine Höhle zurückge⸗ triebenes reißendes Thier, rief er: „Alſo Fräulein Durand hat dieſes Paquet gebracht?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Fräulein von Prosny mit ſchwankendem Tone. „Und in dieſem Paquet,“ ſprach Silveſtre, noch ei⸗ nen Schritt weiter votwärts gehend,„war vielleicht Geld?“ „Ah!“ ſchrie Fräulein von Prosny, die Nägel Sil⸗ veſtre gleichſam in das Geſicht ſetzend,„Du willſt es mir 158 ſtehlen. Du ſollſt es nicht haben, nun und nimmer⸗ mehr, ich bin lange genug beinahe vor Hunger geſtor⸗ ben. Komm mir nicht näher, komm mir nicht näher!“ Es blieb Prosny kein Zweifel mehr übrig, man hatte ihm Geld geſchickt, und es war Fräulein Durand geweſen, die ihm dieſes Geld zugeſtellt hatte, oder hatte zuſtellen laſſen. Er vergaß einen Augenblick den Widerſtand ſeiner Tante, die ſeltſame Lage, worin er ſich ihr gegenüber befand, um ſich nur dem Gefühle des heftigen, ſchmerzhaften Schlages hinzugeben, der ſein Herz getroffen hatte.— „Oh, Geld! Geld! Mir Geld!“ rief er, mit Thrä⸗ nen des Ingrimms und der Verzweiflung. Und da er nun ohne Zweifel keine Worte mehr fand, auszuſprechen, was ſeine Seele litt, was in ſei⸗ nem Innern tobte, ſo durchlief er die Stube mit großen Schritten, ſchlug ſich mit den Fäuſten Lor den Kopf, ſtieß mit aller Wuth dumpfe S aus und ſchrie von Zeit zu Zeit: „Geld! Geld!“ Während dies geſchah, folgte ihm ſeine Tante in wilder Angſt mit den Blicken; aber nicht dieſer Zorn, nicht dieſer Schmerz berührte ſie; ſie dachte nur an Eines, an die Vertheidigung des Schatzes, deſſen ſie ſich bemächtigt hatte. Doch plötzlich blieb Silveſtre vor ſeiner Tante ſtehen, und ſagte zu ihr mit gebieteriſcher, entſchloſſener Stimme: „Sie werden mir dieſes Geld ſogleich zurückgeben.“ ₰ Die Tante antwortete nur mit einem frechen Grinſen.“ „Dieſes Geld, ſage ich Ihnen,“ wiederholte Silveſtre aus allen Schranken getrieben. Nie waren ſich zu einem höheren Grade aufgereizte Leidenſchaften gegenübergeſtellt. Silveſtre's ganzer Stolz empörte ſich bei dem Gedanken, einen Pfennig von dem Almoſen zu behalten, das man ihm, ohne ſein Wiſſen, zugeworfen hatte. 159 Der ganze Geiz eines von Nothdurft bedrängten Alters, das ſich endlich vor Mangel geſchützt ſieht, war in dem Gemüthe des Fräuleins von Prosny erregt. luch diesmal antwortete ſie ihrem Neffen nicht; doch dieſes Stillſchweigen ſteigerte nur Prosny's Wuth, und die Achtung vergeſſend, womit er bis dahin ſeine alte Tante umgeben hatte, ergriff er ihre beiden Hände, preßte ſie heftig zwiſchen den ſeinigen, und ſprach noch einmal: „Dieſes Geld, wollen Sie es mir zurückgeben?“ Die Alte wehrte ſich nicht, ſondern ſchrie vor Zorn und Ingrimm ſchnaubend: „Mörder, Mörder, Mörder!“ Dieſes Wort brachte Silveſtre zur Beſinnung, er ließ die Arme ſeiner Tante los, und rief unter Thrä⸗ nen und Schluchzen: „Oh! ich Elender, der ich bin. Warum bin ich doch geboren!“ Die Tante ſchwieg, indem ſie ihn beſtändig forſchend anſchaute. Silveſtre ſprang plötzlich auf, und ſprach mit einer Stimme, deren ungeheuchelter Schmerz eine minder mit Bosheit umpanzerte Seele, als die des Fräuleins von Prosny, gerührt haben müßte: „Aber Sie begreifen doch wohl, daß ich mir das Leben nehmen muß, wenn ich dieſes Geld nicht zurück⸗ geben kann, denn ich wäre ein entehrter Menſch— für immer entehrt!“ „Ah, bah!“ verſetzte die alte Tante, die Achſeln zuckend,„das ſind Redensarten!“ „Nein, ich ſchwöre Ihnen,“ erwiederte Silveſtre, „wenn das Geld morgen nicht in die Hände derjenigen zurückgeſtellt iſt, die es mir zu geben gewagt hat, ſo zerſchmettre ich mir die Hirnſchale— ich ſchwöre es Ihnen noch einmal bei der Ehre meines Vaters.“ „Nach Deinem Polieben, mein Junge, es iſt eben ſo gut ſo, als vor Hunger zu ſterben; es iſt Jedem freigeſtellt, über ſich zu verfügen.“ 166 Nichts ging dieſer grauſamen Antwort ab, weder die Gleichgültigkeit des Tons, noch der niedrige Aus⸗ druck der Geberde, noch die tiefe Verachtung in den Ge⸗ ſichtszügen. Es war eine völlige Losſchälung von aller Liebe, von allem Erinnerungen, von aller Furcht. Dieſe Antwort ſeiner Tante vernichtete Silveſtre, nicht weil ſie ihm den Weg zum Tode freiſtellte, ſondern weil ſie die einzige Zuneigung auflöste, auf die er in dieſer Welt gerechnet hatte, der er Alles geopfert, für die er ſich gleichſam zu dem Elende verdammt hatte, als deſſen Folge ſeine gegenwärtige Ohnmacht zu be⸗ trachten war. Er ſchaute ſeine Tante an, als wollte er ſie fragen, ob er ſie auch recht verſtanden; aber Fräu⸗ lein von Prosny benützte die Kraftloſigkeit, worein Sil⸗ veſtre plötzlich verfallen zu ſeyn ſchien, und wiederholte abermals mit noch viel dreiſterem Tone: „Nach Deinem Belieben, mein Junge, nach Deinem Belieben; Du biſt nicht der Erſte, der ſich ermordet hat, weil er weder Herz, noch Muth, noch Willen beſitzt.“ Es lag etwas Luſtiges, Wildes im Tone dieſer Worte, was wir unſeren Leſern nicht zu ſchildern vex⸗ mögen; wir haben allerdings oft in die kleinen, minu⸗ tiöſen Geheimniſſe einzudringen geſucht, die das Herz der Frauen zu Wort und That treiben; doch wir find oft genöthigt geweſen, unſere Ohnmacht, die Leſer in dieſem ſtets neuen und beinahe immer unentwirrbaren Labyrinth mit ſicherer Hand zu führen, zuzugeſtehen. Aber die eiſige Härte einer alten Jungfer iſt noch hundertmal unbegreiflicher, als die tollſten Bewegungen eines für lebhafte Eindrücke empfänglichen Gemüths.. Durch einen unbegreiflichen Zauberſpruch hatte ſich das, was in Fräulein von Prosny lebte, ſo zu ſagen plötzlich mit dem Schatze vermengt, den ſie in ihren Händen hielt. Die Sorge für ihr zukünftiges Daſeyn, ihre von der Noth erzeugten aber bis jetzt nie befrie⸗ digten Wünſche, ihre Glücksträume, zurückgedrängt, weil man bis dahin ihre Erfüllung für unmöglich gehalten 161 hatte, die tauſend kleinen Entbehrungen der Armuth ver⸗ ſchwanden plötzlich; lauter Dinge ſchwebten ihr vor den Sinnen, welche lächerlich ſcheinen müßten, wenn man ſie hier nennen würde, und die man doch nennen muß, um zu zeigen, bis zu welchem Grade die Armuth dieſe Seele verzehrt hatte: etwas Sahne in ihren Kaffee, etwas Zucker in ihre Sahne, jeden Tag Fleiſchbrühe, einen wattirten Unterrock, einen Shawl, um nicht mehr ſo kalt zu haben, ein minder hartes Bett⸗ zuweilen et⸗ was trinkbaren Wein, Feuer genug, um ſich zu wärmen, die Freiheit beim Fleiſch, beim Brod, bei den Lichtern nicht um einen Son kargen zu müſſen, dies Alles trug ſie mit dem Schatze bei ſich, den ſie ihfem Neffen ge⸗ nommen hatte, mit allen dieſen Dingen hatte ſie ſich im voraus berauſcht, und nun ſollte ſie auf Alles Ver⸗ zicht leiſten. Sie hatte ganz Recht, wie ſie ſprach. Ihr alles dies entreißen, hieß ſie berauben, ſie ermorden, denn ſie hatte bis dahin ihr Daſeyn nur durch die Hoffnung auf ein beſſeres Leben gefriſtet, und wenn ſie nun, da dieſes ſich ihr bot, darauf verzichten mußte, ſo war der Tod gleich viel werth. Welcher Zufall, welches Ereigniß, welche Revolution konnte ihr wiedergeben, was ihr Prosny aus Laune, aus falſchem Zartgefühl..... durch einen Raub ent⸗ reißen wollte? Denn von der Seite der Moralität ihrer Handlung war Fräulein von Prosny völlig beruhigt. Sie nahm in dieſem Augenblick Silveſtre nichts. Durch Silveſtre's Vater hatte ſie beinahe hunderttauſend Thaler verloren, und indem ſie vorausſetzte, dieſe hunderttauſend Franken gehören ſeinem Erben, ſo nahm ſie nach der Ueberzengung ihres Gewiſſens uur ihr Eigenthum zurück. MWitten in dieſer blinden Leidenſchaft, von der ſie fort⸗ geriſſen wurde, hätte Fräulein von Prosny ihrem Neffen nicht einen Liard zurückbehalten, hätte ſie ſich nicht be⸗ rechtigt geglaubt, Alles an ſich zu reißen, was er beſaß. 1 Frederie Syulié. Von Tag zu Tag. 11 8 5 8 162 Sie war ebenſo rein und aufrichtig in ihrer Leidenſchaft, als Silveſtre im Gefühl ſeiner Würde; ſie war von ihrem Rechte überzeugt, und hatte den Entſchluß gefaßt, es unnachgiebig zu vertheidigen. Silveſtre gelangte nicht zu allen dieſen Reflerionen, er fühlte, daß ſein Geiſt ſich in dem Conflikte von Ideen und Schmerzen verlor, der in ſeinem Innern arbeitete, und ſagte zu ſeiner Tante: „Wir wollen dieſes Geſpräch wieder aufnehmen; mor⸗ gen werde ich entſchieden haben, was ich thun muß und was ich thun will; bis dahin bitte ich Sie nur um Eines, verlaſſen Sie dieſes Haus nicht, ohne zuvor mit mir ge⸗ ſprochen zu haben.“ Die Tante wandte ſich mit Verachtung von ihrem Neffen ab, der abermals in einem Streite beſiegt worden war, in den er ſich mit ihr eingelaſſen hatte, und Sil⸗ veſtre kehrte in ſein Zimmer zurück, mit dem Gedanken, daß er endlich die letzte Marke des Unglücks erreicht habe, wo es kein anderes Aſyl mehr gibt, als den Tod. In den Menſchen von tiefer Ueberzeugung iſt eine ge⸗ wiſſe Sicherheit vorherrſchend, die ſehr häufig ihre Stärke, und zuweilen ihre Schwäche bildet. Sind ſie überzeugt von der Gerechtigkeit, von der Würde, von der Noth⸗ wendigkeit gewiſſer Handlungen, ſo ſtellen ſie in ſich ſelbſt gewiſſe Vernunftſchlüſſe feſt, die ihnen unwiderſtehlich ſche⸗ nen; ſie ſagen ſich dieſelben vor, wiederholen ſie, beklat⸗ ſchen ſie, ſo daß ſie nicht einen Augenblick am Erfolge ihrer Beredſamkeit zweifeln. Es geſchieht ſogar, daß ſie, wenn ſie zuerſt auf einen Widerſtand ſtoßen, wie es Sil⸗ veſtre begegnete, ſich einbilden, der günſtige Erfolg ſey ihnen nur dadurch entgangen, daß ſie nicht alle Gründe geltend gemacht haben, von denen ſie erfüllt ſind. Als Silveſtre nach einiger Ueberlegung hinſichtlich des Verfahrens, das er verfolgen wollte, mit ſich zu Rathe ging, ſo betrachtete er die Weigerung ſeiner Tante, ihm —— 163 das Geld zurückzugeben, deſſen ſie ſich bemächtigt hatte, durchaus nicht als ein ernſtliches Hinderniß. Ueberdies hat der Menſch, wenn er in ſeinem Innern das gebiete⸗ riſche Bedürfniß fühlt, ſich einer Lage gegenüberzuſetzen, wo ſein Leben auf dem Spiele ſteht, gewiſſe unerklärliche Nachgiebigkeiten gegen ſich ſelbſt, um ſich zu überreden, er werde leicht die Stellung erreichen, die er zu erreichen wünſcht. Wir wollen dieſe Reflexion durch ein Beiſpiel erläutern. Silveſtre gedachte, um jeden Preis Fräulein Durand das Geld zurückzugeben, von dem er wußte, es komme von ihr her. Damit dieſe Rückerſtattung Rache für ihn übe, wollte er ſie in grelle Farben ſetzen. Verwundet in ſeinem Stolze, verwundet in dem tiefen, unwiderſtehlichen Gefühle, das ihn zu Sabinen hingezogen hatte, wollte er ihr die Belei⸗ digung durch den Stolz, das verletzende Mitleid, das ſie mit ihm gehabt, durch die Verachtung zurückgeben, womit er die⸗ ſes von ſich ſtoßen würde. Ganz von dieſem Gedanken er⸗ füllt, vergaß Silveſtre, daß er, um denſelben in Ausfüh⸗ rung zu bringen, mit der Beſiegung des Widerſtandes ſei⸗ ner Tante anfangen mußte.„Dieſen Widerſtand,“ hatte er ſich geſagt,„werde ich brechen.“— Wie? daran hatte er nicht gedacht. Aber bei den Anordnungen, die er für ſich ſelbſt traf, rechnete er ſie für beſiegt.* Es war in dieſem Augenblick bei Silveſtre, wie bei gewiſſen theoretiſchen Mechanikern, die von einem unge⸗ heuern Reſultate träumen, die dieſes Reſultat mit Sicher⸗ heit vorherſehen, die ſich darin gefallen, es zum Voraus zu bewundern, und die, entzückt über ihr Genie, ein er⸗ bärmliches, kleines Räderwerk vergeſſen, das ſich ihrer Erfindung nicht anpaßt, von ihnen aber viel zu gering geachtet wird, als daß ſie ſich die Mühe geben ſollten, es in beſondere Berechnung zu nehmen.„Dies iſt die Sache der wiſſenſchaftlichen Manveuvres,“ ſagen ſie. Dann ge⸗ ſchieht es, daß zur Stunde der Verwirklichung dieſer herr⸗ lichen Pläne Alles fehlt, wegen dieſes kleinen, ſo verach⸗ teten, fo leicht zu beſiegenden Hinderniſſes. 1 164 Iſt dies nicht auch die Geſchichte vieler von unſeren großen Politikern, welche wunderbare Ideen zu Gunſten der Menſchheit ausbrüten, die Geſchichte der großen Män⸗ ner, die, wenn man ſie machen ließe, wie ſie ſagen, mit dem Schlage einer Gerte die Völker frei und gelehrig, ſittlich und thatkräftig, arbeitſam und ſparſam, und Alles, was man nur immer will, machen würden. Man gebe ihnen den Regierungs⸗Mechanismus in die Hand, und alle ihre erhabenen Humanitäts⸗Theorieen ſinken vor der kleinſten ſchlechten Leidenſchaft zu Boden, die ihrer Wirkſamkeit in die Quere kommt. 3 Aber was gehen uns die großen Thoren und die klei⸗ nen Narren einer Welt an, von der zu ſprechen uns gar nicht gelüſtet? Kehren wir zu unſerer kleinen Perſon zu⸗ rück, zu unſerem Oberſchreiber, der ebenfalls leidenſchaft⸗ liche Theorie ſpinnt, ſich in die Heldenrolle verſetzt, ſich zum erhabenen Standpunkte der Reſignation und Uneigen⸗ nützigkeit aufſchwingt, und vorherſieht, daß er in Sabi⸗ neus Herz einen Gewiſſensbiß, eine Beſchämung und viel⸗ leicht Reue zurücklaſſen werde. Fragte man mich, warum ich über den ſo unglück⸗ lichen, ſo guten, ſo verlaſſenen Silveſtre lache, ſo würde ich ſagen, wenn ich ihn nicht ſo in der Stunde nähme, wo ich ihn allein, ſich in der furchtbaren Marter, die ihn heimgeſucht hat, abarbeitend, in ſeiner nackten, eiſigen Stube erblicke, ſo müßte ich mit ihm weinen und ſchreien, und dieſe Thränen und Schreie einer verzweifelten Liebe ge⸗ fallen denen nicht immer, welchen man ſie vernehmbar macht. Wie viele unter Euch, die mich leſen, haben ein aufrichtiges Mitleid mit dieſen Schmerzen, die das Leben nur an der Stelle des Herzens berühren. Allerdings wird derjenige, deſſen Untergang man erzählt, deſſen Elend, deſſen Verbannung von der Familie oder vom Vater⸗ lande man beſpricht, welcher vom Tode ſeiner Lieben be⸗ troffen wird, der endlich, deſſen Unglücksfälle gleichſam einen greifbaren Körper haben, der, ſage ich, wird be⸗ flagt, man würde ſich ſchämen, ihn nicht zu beklagen. 165 Aber den, welcher ſich einen Schmerz gebildet hat, der ihm von Niemand beigebracht worden iſt, den, der ſich Hoffnungen gegeben hat, die er verliert, der über Verrath⸗ſchreit, während man ihm keinen Eid geleiſtet hat, den, welcher mit leichtem Sinne geſtern die Stel⸗ lung angenommen hat, die er heute gräßlich findet, ohne, daß ſich etwas verändert zu haben ſcheint,— den ſindet man unſinnig, zuweilen lächerlich, beinahe immer frech, undich wünſchte nicht, daß man alle dieſe Mängel an meinem Silveſtre finden würde, den ich liebe, weil er liebt, und weil er ohne Grund, ohne Recht, ohne Hoffnung liebt, wie man liebt, wenn man jung iſt und das Herz eine ſo gute Stelle ein⸗ uimmt, daß es ſeinesgleichen unter allen Herzen herauskennt. Beklaget alſo Silveſtre und lachet nicht über ihn, weil er dieſe ganze Nacht im Zimmer umhergeht, das Auge in Thränen gebadet, laute Reden ſprechend, an Sabine, an Herrn Simon, an ſeine Tante, dann plötz⸗ lich inne haltend, unbeweglich, wie angenagelt an der Stelle, wo er ſtehen geblieben iſt. Dann kommt er auf ſich ſelbſt zurück, dann ſchafft er auch den Roman ſeiner Zukunft, wenn er, ſtatt der elende Schreiber von Herrn Simon zu ſeyn, das wäre, was er hätte ſeyn müſſen. Seht alle die heiteren Tage, die ſich vor ihm aufrollen, ſehet die Bewegungen ſüßer Liebe, wo das Glück allein Raum hat, und dieſes Geſtändniß, das ihm Sabine macht, und die Trunkenheit, die ſich darüber ſei⸗ ner bemächtigt! Welches bezaubernde Band wird hierauf geknüpft, wie ſie ſo ſchön iſt in ihrem Brautſchmuck, wie ſie ſtolz iſt, wenn ſie mit ihm in dieſe Kirche dringt, wo ſie von ſo vielen Blicken um ihre göttliche Erobe⸗ rung beneidet wird! Plötzlich durchkrenzt etwas Greuliches, etwas Eiſi⸗ ges und zugleich Brennendes ſeinen Traum, und ſchlägt ihn nieder, tödtet, vernichtet ihn, und an ſeiner Stelle echebt ſich die Grauſen erregende Wirklichkeit, wie jene abſcheulichen Skelette, die ſich mit einem Schlage ihres wächſernen Geſichts, ihrer weißen Schleier, ihres ent⸗ 166 lehnten Lebens, ihrer von einem Zauber geſchaffenen Stimme entfleiden. Bei ihrem Anblicke ſtößt der Un⸗ glückliche einen furchtbaren Schrei aus, und ſtürzt mit Händen und Füßen ſich ſträubend vor dem Geſpenſte nie⸗ der, das ſeine kalte, unempfindliche Hand ergreift. So macht es Silveſtre; plötzlich fährt er aus ſeiner Unbe⸗ weglichkeit auf, um zu ſchreien, um Gottesläſterungen auszuſtoßen, um ſich zu ſträuben. Dies geſchieht, weil ſich das Skelett zeigt, weil die Armuth, weil die Ver⸗ achtung Sabinens, und ihr Mitleid noch verletzender, als die Verachtung, weil ihre Liebe für einen Andern, weil Herr von Belleſtar ſich vor ihm in die Höhe richteten. Oh! der Unglückliche... wie muß er leiden. Aber warum denkt er an alles das? werden gewiſſe Perſonen ſagen. Ihr, die Ihr ſo ſprecht, liebt Ihr, oder habt Ihr geliebt?— Nein.— Nein. In dieſem Falle kenne ich Euch nicht. Indeſſen ging die Nacht vorüber, und es erſchien die Stunde, wo die Erklärung zwiſchen Silveſtre und Fräulein von Prosny wieder beginnen ſollte. Dieſe ſchlief ebenfalls nicht; ſie hörte, ſowohl die Seufzer, als das Schmerzgeſchrei und die Worte Silveſtre's. Wiederholt war ſie verſtohlener Weiſe aufgeſtanden, um ſein Treiben zu erforſchen, und hatte durch die mit einer Scheibe ver⸗ ſehene Thüre, welche Beide trennte, geſehen, daß er die Thüre ſeines Zimmers offen gelaſſen, durch die er den Eingang zu der ganzen Wohnung bewachen konnte. Durch dieſe Vorſichtsmaßregel war die alte Tante dar⸗ auf aufmerkſam gemacht worden, daß er den Entſchluß gefaßt hatte, ſie nicht gehen zu laſſen, ohne ihr zuvor 3 das entriſſen zu haben, was er als ſein Eigenthum be⸗ trachtete. Dieſem Entſchluſſe gegenüber hatte Fräulein von ½ Prosny ihrer Seits auch nachgedacht. Sie hatte in Betracht gezogen, daß das Paquet vom Portier, von Radinot geſehen worden war,— von dem letzteren er⸗ fuhr ſie, daß es in der Loge lag. Sie hatte ſich er⸗ 167 innert, daß das Paquet„An Herrn Silveſtre von Prosny“(nur zu eigenen Händen) über⸗ ſchrieben war, daß Silveſtre, entſchloſſen, zurückzugeben, was man ihm geſchickt, ſich auf dieſes Zeugniß gegen ſie berufen konnte; und da ſie ſich fähig fühlte, Alles zu thun, um dieſes Geld zu behalten, ſo hielt ſie ihren Neſfen auch für fähig, Alles zu verſuchen, um es ihr zu nehmen. Fräulein von Prosny, die nur einen Gedanken, nur eine Hoffnung hegte, die Hoffnung, aus dem Hauſe ihres Neffen zu entftiehen, und ſich in einem unbekannten Duartier unter einem falſchen Namen zu verbergen, um im Frieden ihr neues Vermögen zu genießen, entſchloß ſich unter dieſen Umſtänden zu einem Opfer: es war in Wahrheit ein Opfer, und die Pein, die es ihr verur⸗ ſachte, läßt ſich kaum ſchildern. Lange, ſehr lange, und unter großen Beklemmungen des Herzens berechnete ſie das Wieviel. Als eine ſolche Entſchließung zuerſt in ihr rege wurde, ſagte ſie ſich: „Nun wohl! ich werde ihm ein Drittel von der Summe geben, um das Uebrige zu retten.“ Aber ſobald dieſe Portion von der Maſſe der Bank⸗ billets getrennt werden ſollte, erſchien dies gleichſam als ein unmöglicher Verſuch. Dann folgten die ſeltſamen Rechnungen, auf die ſich die Naubgier ſo gut verſteht. Dieſe Summe war ganz ungeſchickt zu theilen. „Was ſind drei und dreißig kauſend Franken? Man gibt nicht drei und dreißig tauſend Franken, man gibt dreißig. Das nennt man eine runde Summe.“ Das war der erſte Grund zu einem Abzug, den Fräulein von Prosny zu ihren Gunſten machte. Bei einer weiteren Betrach⸗ tung ſagte ſie ſich: da das, was ſie ihrem Neffen geben würde, nicht ihm zum Nutzen gereichen ſollte, ſo wäre es doch die größte Albernheit, das Geld der Tochter des Räubers Durand zurückzuſtellen. Was wollte denn Fräu⸗ lein von Prosny eigentlich? Silveſtre überreden, ſie habe 168 ihm die ganze überſchickte Summe herausgegeben, und ſobald er ausgegangen wäre, um nach ſeinem Belieben davon Gebrauch zu machen, heimlicher Weiſe das Haus verlaſſen und nie wieder dahin zurückkehren. Man konnte ihm in dieſem Falle eben ſo gut zehn⸗ tauſend, fünftauſend, dreitauſend Franken als hundert⸗ tauſend geſchickt haben; ein Geſchenk, ein Almoſen von dieſem Betrag iſt ſchon eine ſehr ſeltene Sache, und in ſeiner elenden Lage mußte Silveſtre dreitauſend Franken für viel halten. Zwei Jahre ſeines Gehaltes— das war beinahe ein Vermögen. Ja, es gab einen Augenblick, wo Fräulein von Prosny dreitauſend Franken von dem ungeheuren Pa⸗ quet losmachte, das ſie in ihre weiten Taſchen geflüchtet hatte, um ſie Silveſtre zuzuſtellen. Nachdem ſie dieſes Opfer gebracht hatte, bedachte ſie, daß ihr Neffe nicht an eine ſo elende Wiedererſtattung glauben könnte, und legte noch ein Billet, und dann noch eines bei. Es war ein ſeltſamer Anblick, wie ſie in der Racht auf dem Bette ſaß, und die leichten Papierblätter wieder und wieder durch die Hände laufen ließ, um ſich zu über⸗ zeugen, daß ſie nicht zwei ſtatt eines von der Maſſe weggenommen. Lange blieb ſie bei der Summe von fünftauſend Franken als hinreichend, als wahrſcheinlich ſtehen; aber je näher der Augenblick des Opfers heran⸗ rückte, deſto mehr zitterte ſie bei dem Gedanken, Sil⸗ veſtre könnte nicht an das glauben, was ſie ihm ſagen wollte. Für eine ſo kleine Summe konnte ſie doch wohl nicht ſo verzweifelten Widerſtand geleiſtet haben. In einem ſolchen Augenblick kam es ihr vor, als ſollte ihr Alles entgehen, und ſie ergriff ſodann plötzlich drei Pa⸗ quets von zehntauſend Franken, ſteckte alles Uebrige wieder in die Taſche, und nahm ihre ganze Kraft zuſam⸗ men, ſich zu überreden, ſie habe nicht anders handeln können. Aber in der Minute, die dieſem Entſchluß folgte, erneuerte ſich der Streit zwiſchen der Furcht, nicht genug 169 zu Feben, und der Verzweiflung, irgend etwas heraus⸗ geben zu müſſen. Nun ſtellte ſie neue Combinationen auf; ſie legte an die Stelle des Pagquets von zehntauſend Franken ein kleineres von fünftauſend, und jetzt machte es nur noch fünfundzwanzigtanſend aus, dann zog ſie noch ein Paquet weg und verminderte ſomit die Wieder⸗ erſtattung auf fünfzehntauſend. Jede von dieſen Ent⸗ ſchließungen wurde nach langer Ueberlegung gefaßt und ſofort mit raſchen, krampfhaften Bewegungen ausgeführt. Jede von dieſen Entſchließungen war unwiderruflich und ſie ſprach zu ſich ſelbſt:„Nun iſt es gut; es iſt voll⸗ bracht, denken wir nicht mehr daran;“ und ſie legte den Kopf auf das Kiſſen und wollte es verſuchen, von etwas Anderem zu träumen; aber der Gedanke, den ſie im Herzen trug, nagte unabläſſig an ihr, und ſie brachte die ganze Nacht in ſchmerzhaften Convulſionen hin, in⸗ dem ſie ſtets unzufrieden, ſtets zitternd bald zufügte, bald wieder wegnahm, aber ohne daß auch nur einen Moment die Ehre, die Würde, das Glück Silveſtre's bei ihrer Unruhe in Betracht gekommen wären. Genug wieder zu geben, um den Reſt behalten zu können, und nicht zu viel zu geben, das war es, was Fräulein von Prosny die lange Nacht hindurch beſchäftigte. Man darf nicht vergeſſen, was wir bereits geſagt haben: es hatte ſich kein Zweifel in Fräulein von Prosny über ihr Recht, ſich dieſes Geldes zu bemächtigen, er⸗ hoben. Bei dergleichen Dingen hegen die Frauen, die jungen wie die alten, ganz abweichende Ideen, die man nicht ſo betrachten darf, als fehlte es an der natürlichen Redlichkeit, obgleich das ſoeiale Geſetz dieſelben völlig verdammt, doch dieſes kennen die Frauen meiſtens gar nicht, oder ihre, ſchärferer Ueberlegung wenig zugäng⸗ liche, Natur gibt ſich keine Rechenſchaft davon. So wird Euch die ehrlichſte Frau der Welt ſagen: Herr*** hat mir geſtohlen; ich finde eine Summe, die ihm gehört, ich behalte ſie, das iſt Gerechtigkeit.“ Sie ſagt Euch das, ohne nur einen Angenblick ſich mit dem „ 3 170 Gedanken zu befaſſen, ihre Handlung könnie ungerecht, un⸗ geſetzlich, tadelnswerth ſeyn. Hiedurch will ich das Verfahren von Fräulein von Prosny nicht entſchuldigen; ich will nur damit erklären, wie eine Frau, die, trotz den von der Natur ihr einge⸗ pflanzten und vom Elend vielleicht vermehrten Laſtern des Charakters, die Grundſätze ſtrenger Redlichkeit nie verlaſſen hatte, ich will damit erklären, ſage ich, wie es kam, daß ſich dieſe Fran zu einer Handlung verleiten ließ, die bei⸗ nahe für einen Diebſtahl gelten konnte. 3 Endlich brach der Tag an, und das Geräuſche, das Silveſtre machte, als er ſich dem Zimmer ſeiner Tante näherte, ſtellte den Betrag der Summe feſt, die ihm zu⸗ rückgeſtellt werden ſollte. Sein Eintritt firirte gleichſam dieſe fortwährende Wogung, wie eine übermäßige Kälte plötzlich eine ohne Unterlaß bewegte Welle ergreifen und unbeweglich in der Form feſthalten würde, die ſie eine Mi⸗ nute ſpäter verloren hätte. Als Silveſtre eintrat, ließ ihn Fräulein von Prosny ganz nahe zu ihrem Bette kommen, und blieb liegen, ohne ſich gegen ihn umzuwenden. „Meine Tante,“ ſprach Silveſtre mit ſanft bewegter Stimme,„haben Sie meine Bitte wohl überlegt, haben Sie bedacht, daß es von Ihnen noch unwürdiger wäre, als von mir, die Wohlthaten der Tochter des Menſchen anzunehmen, der uns beraubt hat. Wie groß auch die uns übermachte Summe ſehn mag, ſo kann ſie doch dem nicht gleich kommen, was wir zurückzufordern berechtigt ſind. Wenn wir es alſo annehmen würden, ſo erklärten wir uns dadurch für befriedigt, wir erklärten uns für hin⸗ reichend entſchädigt; die Annahme hieße ſo viel, als auf das Recht Verzicht zu leiſten, ſagen zu dürfen, das ehrloſe Vermögen von Fräulein Durand ſey das Refultat unſerer Beraubung. Sie haben dies wohl überlegt, nicht wahr, meine Tante? Der einzige Reichthum, der uns übrig bleibt, iſt unſere Würde in unſerem Elend. Vergeſſen Sie nicht— Fräulein Durand wäre nur zu glücklich, uns 171 dieſen letzten Vortheil zu entreißen, dem wir es zu ver⸗ danken haben, daß es an ihr iſt, vor uns zu erröthen. Nicht wahr, meine Tante, Sie möchten uns nicht der Er⸗ niedrigung ausſetzen, vor ihr erröthen zu müſſen? Glauben Sie mir, ich grolle nicht wegen deſſen, was Sie geſtern gethan haben. Bei der Armuth, in die wir verſunken ſind, begreife ich wohl, daß die Hoffnung auf eine beſſere Zu⸗ kunft Sie die Gründe vergeſſen laſſen konnte, die uns nö⸗ thigen, ein freches Almoſen auszuſchlagen. Aber jetzt, da Sie überlegt haben, jetzt, da Sie, ruhiger geworden, in Betracht ziehen konnten, daß wir um ein paar elende Tauſend⸗Franken⸗Billets unſere Ehre opfern würden, wer⸗ den Sie ſich nicht mehr weigern, meine Bitte zu erfüllen; Sie werden mir dieſes Geld zurückgeben, und ich werde es derjenigen zuſtellen, die Ihnen, wie mir, dieſe maaßloſe Beleidigung zugefügt hat.“ Fräulein von Prosny ſchien nicht gehört zu haben, was ihr Neffe ſprach; ſie zog nur ganz langſam einen Arm aus dem Bette, reichte Silveſtre ein Paquet Banque⸗ billets und ſagte: „Thun Sie, was Sie wollen; hat man ein Unrecht gegen Sie begangen, ſo geben Sie es nach Ihrem Sinne zurück; gehen Sie, mein Herr, und laſſen Sie mich in dieſem Bette liegen, von dem ich, wie ich wohl fühle, nicht mehr aufſtehen werde.“ „Oh, meine Tante,“ rief Silveſtre, nach den Billets greifend,„Dank, tauſendmal Dank, und mun fordern Sie von mir, was Sie wollen. Um Sie für das Opfer zu entſchädigen, das Sie mir ſo eben gebracht haben, werde ich Tag und Nacht arbeiten; durch alle Entbehrungen, die Sie mir auferlegen wollen, werde ich die Entbehrung zu vergüten ſuchen, die Sie ſich ſelbſt auferlegen.“ Er nahm die fleiſchloſe Hand ſeiner Tante und küßte ſie dankbar. Fräulein von Prosny war einen Augenblick bewegt, ein wahrhafter Gewiſſensbiß beſchlich ihr Herz, und ſie ſtieß Silveſtre ſachte mit den Worten zurück: 172 „Genug, genug, ſtellen Sie dieſes Geld der Perſon zurück, die es Ihnen gegeben hat. Fügen Sie kein Wort mehr bei; Sie müſſen begreifen, wie ſchmerzlich mir nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, eine längere Er⸗ klärung ſeyn müßte. Gehen Sie, Silveſtre, gehen Sie. Da Sie einmal dieſes Geld zurückzugeben gedenken, ſo thun Sie es je eher, je beſſer. „O, meine Tante!“ verſetzte Silveſtre,„ich werde ihr das Geld nicht ſo zurückgeben, wie Sie ſich wohl einbilden mögen, nicht ihr allein, daß ſie vor Niemand über das, was ich ihr ſagen werde, zu erröthen hätte, nicht ſo, daß ſie längnen könnte, ſie habe es mir geſchickt. Nein, ich werde zugleich ein Werk der Gerechtigkeit und der Nache vollbringen. Seyen Sie überzeugt, meine Tante, ſie ſoll auch einen Theil an den Schmerzen haben, die Sie uns verurſacht hat.“ Fräulein von Prosny antwortete nicht mehr; Sil⸗ veſtre näherte ſich ihr, nahm noch einmal ihre Hand und ſprach: „Und nun vergeben Sie mir, vergeben Sie mir meine geſtrige Heftigkeit. Es iſt das Uebermaß des Haſ⸗ ſes, den ich gegen dieſe..“(er ſprach das Wort nicht aus, denn ſein Mund weigerte ſich, trotz der Komödie, die er ſpielte, zu ſagen, was er ſeinem Geiſte log), und er vollendete ſeinen Satz:„gegen dieſe.. WDurand fühle.“ Erſt in dieſem Momente wandte ſich Fräulein von Prosny gegen ihren Neffen. Der Ausdruck verachtenden Hohnes war unverkennbar in ihrem Blicke. Die alte Jungfrau täuſchte ſich nicht in Beziehung auf den vor⸗ geblichen Haß, den Silveſtre gegen Sabine zu fühlen behauptete. Aus dem wirklichen Haſſe, von dem ſie gegen Silveſtre beherrſcht war, hatte ſie die Liebe Silveſtre's in ſeinem Zorne erkannt. Dieſer Gedanke war auf dem Sprunge, die ſcheinbare Ruhe zu durchbrechen, die ſie ſich auferlegt hatte; tauſend Schmähungen für Sabine und ihren Reffen kochten in ihrem Innern, und ſtiegen, 173 ſo zu ſagen, von ihrem Herzen auf ihre Lippen, aber ſie hielt noch an ſich, und ſprach endlich mit ziemlich ge⸗ mäßigter Stimme: „Sie haben nun, was Sie haben wollten, und ich erbitte mir von Ihnen nichts Anderes, als Ruhe. Tra⸗ gen ſie dieſes Geld weg, ſein Anblick ſchmerzt mich.“ Zum erſtenmal betrachtete Silveſtre das Paquet, das ihm zugeſtellt worden war: mit einem Blick ſchätzte er die Summe; es mußte enthalten und enthielt auch wirk⸗ lich zwanzigtauſend Franken; Fräulein von Prosny prüfte ihn mit ſo heißem, unruhigem Auge, daß Silveſtre die Täuſchung, die man ſich gegen ihn erlaubt, hätte erra⸗ then müſſen, wäre es ihm möglich geweſen, die Alte bei dem auf ihn gehefteten Blick zu überraſchen; als er aber, die Augen gegen dieſe aufſchlug, ſo war ſie bereits wieder zu ihrer ſcheinbaren Unbeweglichkeit zurückgekehrt, und dem Opfer gegenüber, das ſie ihm ſpeben gebracht hatte, ſchämte er ſich, den Zweifel auszuſprechen, der ſich in ihm regte, und das Wort, das er an ſie richten wollke,„iſt dies Alles?“ dieſes Wort ſogar ſtarb auf ſeinen Lip⸗ pen, und er verließ das Zimmer, indem er zu Fräulein von Prosny ſagte: „Ich danke Ihnen, meine Tante, denn nun, da die Sache abgemacht iſt, mögen Sie erfahren; hätte ich die Summe nicht noch heute zurückgeben können, ſo würde ich mir, ich ſchwöre es Ihnen, die Hirnſchale zerſchmettert haben.“ Dann ging er in ſein Zimmer zurück, traurig in jener Traurigkeit, die den Grund ſeines Lebens bildete, aber befriedigt durch den Sieg, den er errungen hatte. Fräulein von Prosny gerieth zwar etwas in Bewe⸗ gung durch die letzten Worte ihres Neffen; aber die Freude, die ſie über das Gelingen ihrer Liſt empfand, ließ ſie bald den kleinen unangenehmen Zwiſchenfall vergeſſen, der ihr Glück ſtören konnte, und ſie erwartete mit Angſt und Unruhe den Augenblick, wo Silveſtre aus dem Hauſe gehen würde, um nach ſeinem Abgang entfliehen zu können. 174 Den 1. Januar. Es war geſtern Sonntag, ſonſt würde Silveſtre wohl ſchon frühzeitig ſeine Wohnung verlaſſen haben, um ſich in die Schreibſtube zu begeben, und Gott weiß, ob nicht, wie ſein Herz mit widrigen Empfindungen gegen Sabine, mit Verzweiftung gegen ſich ſelbſt erfüllt war, Gott weiß, ſage ich, ob nicht, wenn er ſich Herrn Simon gegenüber befunden hätte, dieſe widrige Empfindung, dieſe Verzweif⸗ lung vor der hiezu beſtimmten Stunde zum Ausbruch ge⸗ kommen wären. Zum großen Erſtaunen von Fräulein von Prosny brachte ihr Neffe den ganzen Tag zu Hauſe zu, ohne daß es ſchien, als dränge es ihn zur Eile, dieſe Wiederer⸗ ſtattung zu bewerkſtelligen, die, wie er ſagte, für ſeine Ehre und ſein Leben mothwendig war. Fräulein von Prosny war ſtets ſtumm, als befürchtete ſie durch ein Wort das Geheimniß ihres Betrugs zu verrathen, im Bette liegen gebieben; aber geduldiger, als ſie es je geweſen war, weil ſie einen unerſchütterlichen Entſchluß gefaßt hatte, beſchleunigte ſie auf keine Weiſe Silveſtre's Ausgang, dem ſie mit grauſamer Spannung entgegenharrte. Indeſſen war die Stunde zum Mittageſſen gekom⸗ men, und da Fräulein von Prosny die gewöhnlichen Wirthſchaftsgeſchäfte vernachläßigt hatte, ſo forderte ſie Silveſtre auf, ſich anderswo zu verſorgen, und ſagte mit ſüßlicher Stimme: „Es iſt genug, daß ich krank bin, mein Gott, was ſollte aus uns werden, wenn auch Du krank würdeſt?“ „Ich kann heute das Mittagbrod ſehr wohl entbehren,“ erwiederte ihr Neffe. „Das will ich nicht,“ entgegnete Fräulein von Prosny. Und indem ſie einen Verſuch machte, der ihre Kräfte zu überſteigen ſchien, fügte ſie bei:„Ich will aufſtehen, ich will Dir holen, was Du brauchſt.“ Silveſtre nöthigte ſie, in ihrem Bette zu bleiben, und da ſie, ſeine Geſundheit vorſchützend, lebhafte Einwendungen W N—— 175 machte, ſo entſchloß er ſich gegen fünf Uhr, das Haus zu verlaſſen, ſowohl um dem ſcheinbaren Intereſſe ſeiner Ge⸗ ſundheit zu entſprechen, als um ſich aus der ſchmerzhaf⸗ ten Kraftloſigkeit heraus zu reißen, in die er verſunken war. Dieſer Tag war für ihn eine gräßliche Pein geweſen; ſeine Seele war müde geworden, alle die Schmerzen zu erdulden, die ihm einer Seits Armuth und Elend, an⸗ derer Seits ſeine verlorene Liebe verurſachten. Doch es iſt überflüſſig, alle Martern eines verzweifelnden Herzens zu erzählen; man bedürfte ganzer Bände, dem Leſer dieſe unabläſſige Bewegung des Unglücks auf ſich ſelbſt und im eigenen Kreiſe, dieſen ſtets gleichen und ſtets verſchie⸗ denen Sturm verſtändlich zu machen, wo dirſelben Leidon⸗ ſchaften, wie die in einem engen See eingeſchloſſenen Wel⸗ len, ſich ohne Unterlaß hin⸗ und hertreiben, ohne je wieder dieſelbe Form zu finden. Laſſen wir Silveſtre ſeinem Schmerze preisgegeben die Entſchlüſſe, die er gefaßt, überdenken, und gehen wir in den Salon von Herrn Simon. Die Uhr zeigt die neunte Stunde an; es befinden ſich nur vier Perſonen in dem Salon, Herr Simon, ſeine Frau, Sabine und Herr von Belleſtar. Es iſt eine grau⸗ fame Komödie, die man oft vor der Welt ſpielen muß, aber es iſt eine noch viel grauſamere Komödie, die man im vertraulichen„Kreiſe zu ſpielen hat. Betrachten wir die verſchiedenen, einander gegenübergeſtellten Elemente. Zuerſt Herrn Simon, der für ſeine Mündel eine Heirath gewünſcht hatte, die ihr einen großen Namen, eine große Stellung, ein großes Vermögen bringen würde; eine Heirath, die ihn von dem Schutze entbinden würde, den er Sabine ſchuldig war, während er ſich unfähig fühlte, ſie gegen die Anfeindungen zu vertheidigen, von denen ſie verfolgt werden dürfte. Dieſe Heirath hatte er erreicht, und doch war unſer Sachwalter, trotz aller An⸗ ſtrengung, das Gegentheil zu bewirken, traurig, beklemmt; ſein Blick ſuchte von Zeit zu Zeit den Blick ſeiner Mün⸗ del; er ſchien in ihren Angen eine Spur von der Unzu⸗ friedenheit, von Wer Traurigkeit auskundſchaften zu wol⸗ — 176 len, von der ſein eigenes Herz erfüllt war. Herr Simon fühlte wohl, daß er für Sabine Allem Genüge geleiſtet hatte, was nach den Anſichten der Welt vernünftig, klug, zuträglich iſt, daß er aber ganz vergeſſen hatte, was dem Herzen gebührt. Wenn man ihn in den Tagen, wo er ſcherzhafter Weiſe in Ausdrücken ſeines Gewerbes ſprach, gefragt hätte, was er von der Verbindung Sabinens mit Herrn von Belleſtar dächte, ſo würde et vielleicht geant⸗ wortet haben: „Das iſt Alles ſehr ſchön, aber das Glück wird den Vertrag nicht unterzeichnen.“ Auf der anderen Seite Madame Simon, eine liebens⸗ würdige Seele, ein verſtändiges Herz, begreifend, daß das Uinglück in ihrer Nähe weilt, ohne die Kraft in ſich zu fühlen, daſſelbe zu bekämpfen. Sie hatte von ihrem Gatten die furchtbare Prüfung gefordert, bei der Silveſtre unterliegen mußte, denn ſie hatte ſowohl Silveſtre's als Sabinens Liebe errathen, ſie hatte gehofft, daß aus die⸗ ſer Prüfung ein Schrei, ein Wort hervorbrechen würde, das Herrn Simon ſagen müßte, er tödte dieſen⸗ edlen jungen Mann, den er ſo ſehr liebte; ſie hatte der Hoff⸗ nung gelebt, dieſer Schrei würde bis in das Herz ihrer Mündel dringen, und dort die Stimme ſprechen machen, der ſie Stillſchweigen auferlegte; ſie hoffte endlich, wenn dieſe doppelte Schranke einmal geſprengt wäre, ſo würden auch bald alle anderen Hinderniſſe durch dieſe doppelte Liebe aus dem Wege geräumt werden, die ſich ohne Zwang ent⸗ gegen kommen könnte. Die Prüfung hatte ſtattgefunden, die Verzweiflung hatte ſich kund gegeben, aber das erwartete Wort war nicht von ihm geſprochen worden; es hatte ſich nur ein Menſch in ſeinem Schmerze gekrümmt, ohne zu ſagen, wo der Sitz des Leidens war. Madame Simon hatte da⸗ bei nur auf's Reue ein Herz verletzt, das ſie tröſten, heilen wollte. Auch ſie war traurig und bekleinmt, auch ſie fühlte, wie ihr die Thränen immer wieder in die Augen traten— dann machte ſie ſich ihre Schwäche, ihren Man⸗ 1 177 gel an Muth zum Vorwurf. Trotz ihrer zärtlichen Ge⸗ ſinnung für Sabine ſühlte ſie die Armuth ihrer Zuneigung für dieſe. Eine Liebe, die nie in ihr hatte ſprechen können, weil kein Gegenſtand dafür vorhanden geweſen war, eine Liebe, welche nicht fühlen zu können ſie ſchmerzlich beklagt hatte, die mütterliche Liebe erbebte gleichſam wie ein Gewiſſens⸗ biß in die tiefſte Tiefe ihres Innern, und es gab Momente, wo ſie ſich ſagte: „Wenn es meine Tochter wäre, ſo ließe ich ſie nicht ſo ihrem Unglück entgegen gehen.“ Sie ſagte ſich dieſes, ſie klagte ſich an, daß ſie für ihre Mündel nicht that, was ſie für ihre Tochter gethan hätte; aber die lebendige Kraft dieſer heiligen Liebe, dieſer erhabenen Leidenſchaft des Weibes, fehlte derjeni⸗ gen, welche nicht Mutter war. Sie ſah Sabine leiden, und litt in ihrem Schmerz, aber es lag eine Welt zwi⸗ ſchen dem Kummer, den Madame Simon fühlte, und der grimmigen Verzweiflung einer Mutter, die ihr Kind leiden ſieht; Madame Simon war unglücklich, aber ſie ſchwieg. Und Sabine— eine ſtarke, entſchloſſene Seele hatte ſie das Opfer vollzogen, ſie hatte die Hand des Herrn von Belleſtar angenommen, und zwei Tage, nachdem ſie eingewilligt, wußte ſie, ohne mehr daran zweifeln zu können, nach ſtrenger Selbſtprüfung, daß ſie den Tod ihres Lebens angenommen hatte. Ja es war das, was man ganz wohl den Tod des Lebens nennen kann; denn es war eine Zukunft, wo nichts von dem leben ſollte, was die himmliſchen Freuden des Herzens bildet. In der That, nehmet dieſem Herzen die Liebe, und ſaget mir, was ihm übrig bleibt, wenn dieſe Frau eine Waiſe, wenn das Andenken an ihre Familie eine Schande iſt, und wenn ſie ſich zu der Meinung berechtigt glaubt, ſie ſey von denen verlaſſen, welche ihr dieſe Familie er⸗ ſetzen ſollten. Von dieſem Augenblick ſing Sabine gleich⸗ Frederie Soulis. Von Tag zu Tag. 12 178 fam das Leben an, wozu ſie verurtheilt war. Sie ver⸗ ſetzte ſich in den Stolz dieſer edeln Verbindung, ſie hörte mit einer Art von Gier die Aufzählung des un⸗ geheuren Vermögens, das das ihrige werden ſollte, ſie verſetzte ſich ſogar in die Rolle der Frau, welche die glänzendſte, die berühmteſte, die beneidetſte von Paris— und zuweilen fügte ein geheimes Etwas ganz leiſe bei, die unglücklichſte— werden ſollte. Den Gedanken an Silveſtre hatte ſie mit Schmach aus ihrem Herzen vertrieben. Wie der verzweifelnde Vater das Kind aus ſeinem Hauſe ſchafft, das ſich gegen ſeine Pflichten verfehlt hat, und ſeiner ganzen Umgebung verbietet, den Namen des Verdammten auszuſprechen, ſo hatte ſich Sabine geſagt, ſie wolle nicht mehr an Silveſtre denken. Aber der Vater, der den Seinigen Stillſchweigen auferlegt, erklärt, er weigere“ ſich, den Namen ſeines geächteten Sohnes von ihrem Munde zu vernehmen, um ſich nicht mehr zu ärgern. Er lügt, es geſchieht, um nicht vor denen zu weinen, die ſeinen Namen ausſprechen würden. So ſagte ſich Sabine in ihrem Stolze, ſie wolle nicht mehr an dieſen Mann denken, der ihre Träume getäuſcht habe, denn er ſey nicht würdig, daß ſie an ihn denke; ſie log ebenfalls, ſie wollte nicht mehr an Silveſtre denken, um nicht zu fühlen, daß ſie ihn liebe. Hier ſind ſie nun alle drei, Menſchen von Gemüth⸗ redliche Menſchen, der verſtändige gutè Mann, die lie⸗ benswürdige, ſanfte, zärtliche Frau, das edle, ſtarke, reſignirte Mädchen, hiet ſind ſie alle drei, alle über ſich ſelbſt und über Andere unzufrieden, durch einen aufrich⸗ tigen Schmerz getrenut, den keines laut auszuſprechen den Muth hat, voll von Reue und beinahe Gewiſſens⸗ biſſen, alle drei traurig und unglücklich, und endlich Herr von Belleſtar, gauz aufgeblaſen von ſeiner Freude, von ſeinem Triumphe, von ſeinem dicken Glücke, von ſeinem mächtigen Vermögen, von ſeiner plumpen Liebe⸗ pyn ſeiner entſetzlichen Abgeſchmacktheit, von ſeiner W 179 coloſſalen Unverſchämtheit. Er ſchwimmt ganz in ſeinem Vergnügen, er ſitzt äuf dem Throne, er baut nach Her⸗ zensluſt eine Znkunft, die wie ein Fauſtſchlag auf Sa⸗ binens Herz fällt. Er ſchwingt ſich über dieſe drei Weſen empor, von denen jedes im kleinſten Theilchen ſeines Geiſtes und ſeines Gemüths mehr werth iſt; er beherrſcht ſie, er befiehlt ihnen, er iſt ihr Meiſter und Herr, er verfügt über ſie, er heißt ſie thun, was zu thun ſie mit Scham und Schmerz erfüllen würde. Oh! es iſt eine furchtbare Macht, die Dummheit, die ihrem Ziel zuſchreitet. Sie geht. gerade aus, zer⸗ malmt Alles, was ſich auf ihrem Wege findet, unem⸗ pfindlich gegen jeden zarten Schmerz, gepanzert von Eitelkeit und von Entzücken über ſich ſelbſt. Sollte man das Benehmen des Herrn von Belleſtar bei dieſer Ge⸗ legenheit durch eine Vergleichung erläutern, ſo müßten wir uns an die Erzählungen der Reiſenden erinnern, die uns die plumpen, ſchwerfälligen Elephanten ſchildern, wie ſie irgend ein Gelüſte in die düſtere Wildniß eines geheimnißvollen Jungel lockt. Das ungeheure Thier fümmert ſich nicht darum, ob ein gebahnter Weg nach dem Ziele führt, auf das es loszugehen hat, ob es auf klug angelegten Umwegen dahin gelangen kann, es geht gerade aus, bricht gleichgültig das Geſträuche mit ſeinen reifen Früchten zuſammen, tritt die ſchönen, kaum aus ihren Knoſpen hervorſpringenden, Blumen nieder, ſtürzt zuweilen ſogar die Bäume um, die ihm Widerſtand lei⸗ ſten zu wollen ſcheinen. Ja, ſo ſchritt Herr von Belleſtar durch die zarten, trefflichen Gefühle hin, von denen er umgeben war, ſtoßend, zermalmend, mit den Füßen tretend, ſowohl den ſtolzen und ruhigen Wohlanſtand von Herrn Simon, der ſo gut begriffen hatte, wie man das Glück einer Frau macht, als die ſanften Erinnerungen dieſer Frau, welche ſich ſo gut auf die Dankbarkeit verſtand, die man einem ſolchen Manne ſchuldig iſt, und die kaum erſt geborenen 19 180 Hoffnungen dieſes jungen Mädchens, das den Himmel ihres Glückes offen zu ſehen geglaubt hatte. Hätte man dem Marquis die Pein genaunt, die er ſeinen Zuhörern bereitete, ſo wäre er allerdings in nicht geringes Staunen gerathen. Verſprach er nicht derjenigen, welche er liebte, Alles, was er für die höchſte Glückſeligkeit der Welt hielt? Solche Leute ſind nicht boshaft, ſie ſind blind, aber ich meines Theils weiß nicht, ob ich die Grauſamkeit, die ihre Streiche berechnet, nicht der Rohheit vorziehen würde, vie mit geſchloſſenen Ohren und Augen gerade zuſchlägt. Herr von Belleſtar hatte indeſſen die Blüthen ſeiner goldenen Rhetorik erſchöpft; er hatte, wie man zu ſagen pflegt, ſeinen Sack geleert, oder vielmehr den Sack ſeiner Thaler geleert, denn ein Taxations⸗Commiſſär hätte, die Wagen, die Diamanten, die Shawls, die Spitzen, die Meubles, die Landhäuſer, die Diners, die Féten, die Bälle in Anſchlag bringend, die dieſes fürſtliche Daſeyn ſchmücken ſollten, das Glück, welches er Sabine vorher ſagte, auf eine ganz genaue Summe berechnen können. Eine eiſige, beengende Stille herrſchte im Salon. Als Herr von Belleſtar zu ſpeechen aufgéhört, fand es ſich wirklich, daß ihm Niemand zu antworten wußte. Herr Simon bedauerte, daß er ſeine Thüre Jedermann hatte, verſchließen laſſen, um Herrn von Belleſtar zu einer Un⸗ terredung behülflich zu ſeyn, wodurch ſie ſich beſſer ver⸗ ſtehen, beſſer kennen und beſſer ſchätzen lernen würden. Herr Simon hatte ſich ſeltſam getäuſcht. In zahlreiche⸗ rer Geſellſchaft verwiſchten ſich die Fehler des Marquis einigermaßen. So verſchwindet der Lärmen einer unan⸗ genehmen Stimme unter dem Gemurmel von hundert Stimmen, die ſich um ſie her hörbar machen; nie hatte Sabine ſo vollkommen, wie jetzt die Leere und Nichtigkeit des Kopfes und Herzens dieſes Menſchen begriffen. Jedes war in Verlegenheit und Keines fühlte die Kraft, ſich dieſer Verlegenheit zu entledigen. Herr Simon ſchürte das Feuer an; Madame Simon verbarg. ihre Ungeduld, indem ſie ſich über ihre Stickerei beugte, und Sabine 181 blätterte mit zerſtreuten Fingern in einem Album, das ſie anblickte, ohne es zu ſehen. Herr von Belleſtar allein, den Rücken an den Kamin gelehnt, ſich die Beine wär⸗ mend, und die niedergedrückten Umriße ſeiner Cravate auf⸗ richtend, ſah ganz entzückt über ſich ſelbſt aus, als ein Diener ſchüchtern eintrat, und Herrn Simon ankündigte, es ſey Jemand da, der äuf der Bitte, eingelaſſen zu wer⸗ den, beſtehe. „Wer iſt dieſer Ueberläſtige?“ ſagte Herr von Bel⸗ leſtar, indem er ſich ſtets mit derſelben Dreiſtigkeit das Recht des Hausherrn anmaßte. Man hatte dem Diener nicht vergebens aufgetragen, mit Ausnahme des Marquis Niemand einzulaſſen, und er hatte den Sinn dieſer beſonderen Vergünſtigung wohl begriffen. Auch beeilte er ſich, demjenigen zu antworten, dem ſeiner Anſicht nach das Recht zuſtand, im Hauſe ſeines Herrn zu ſprechen(der Bediente und der große Herr waren aus demſelben Teige gebacken); er erwiederte: „Es iſt Herr Silveſtre von Prosny.“ Dieſer Name verſetzte diejenigen, welche ihn aus⸗ ſprechen hörten, gleichſam in eine krampfhafte Bewegung. Herr Simon erhob das Haupt und ſchaute den Bedienten erſtaunt an, als wäre er gekommen, um ihm ein Unglück zu verkündigen. Madame Simon ließ die Nadel fallen und heftete ihr Auge auf Sabine, bereit aufzuſtehen und ihr Beiſtand zu leiſten; dieſe bebte auf ihrem Stuhle, und wenn ſie nicht durch jene Macht der Erziehung zu⸗ rückgehalten worden wäre, welche die heftigſten Gefühle beherrſcht, ſo würde ſie den Saal verlaſſen haben, ſie würde, wie bei dem Anblick eines furchtbaren Feindes, entflohen ſeyn. Inmitten dieſes allgemeinen Aufruhrs behielt nur Herr von Belleſtar ſeine Geiſtesgegenwart und gab mit derſelben Dreiſtigkeit, die er in ſeine Frage gelegt hatte⸗ dem Bedienten folgende Antwort: „Nun wohl, ſagen Sie dieſem Herrn, er ſoll ein andermal wiederkommen.“ „ 182 Aber dieſer kleine Zwiſchenfall hatte gleichſam den Zauber zerſtört, unter dem unſer Sachwalter ſtand. Seit einer Stunde fühlte er ein unwiderſtehliches Bedürfniß, die niederdrückende Gewalt von ſich abzuſchütteln, welche Herr von Belleſtar über ſeine Gefühle und ſeinen Willen ausübte. Silveſtre's Ankunft konnte, ohne daß er den Grund wußte, ohne daß er das Reſultat vorherzuſehen vermochte, irgend eine Veränderung in der Lage herbei⸗ führen, in der ſie ſich Alle befanden, und ſollte ſie nur die Verlegenheit des Augenblicks entfernen. Herr Simon nahm ſeine Erſcheinung mit Freuden auf und ſagte raſch zu dem Bedienten: „Nein! nein! laßt Herrn von Prosny eintreten.“ Dann fügte er, ſich gegen den Marquis wendend, bei, als wollte er ſich wegen des Befehls, den er gege⸗ ben, entſchuldigen: „Es handelt ſich vielleicht um wichtige Geſchäfte.“ „Ja, ja,“ ſagte Madame Simon mit dringender, be⸗ wegter Stimme,„laßt Herrn von Prosny eintreten.“ Der Ausdruck dieſer Stimme war von tauſend ver⸗ wirrten Hoffnungen erfüllt, und es klang, als hätte ſie ſagen wollen: „Da kommt Einer, der uns retten, Einer, der uns von der ſchlimmen Handlung losmachen wird, die wir zu begehen im Begriffe waren.“ Sabine war unbeweglich, bleich, verſtört, mühſam Athem holend, das Herz zuſammengeſchnürt, der Geiſt verwirrt, auf ihrer Stelle geblieben. Herr von Belleſtar bemerkte es, und in jener unermüdlich beharrlichen Al⸗ bernheit, die nie eine Gelegenheit vorübergehen läßt, albern zu ſeyn, ſagte er zu ihr, mit der erhabenen Protektors⸗Miene: „Warum beunruhigen Sie ſich ſo ſehr? Dieſer Herr kommt ohne Zweifel, um Herrn Simon ſein Glück mit⸗ zutheilen; Sie haben wohl das Recht, ſich über ſeine Vermuthungen und über alle Dummheiten, die er zu Marfte tragen wird, luſtig zu machen.“ 183 In diefem Augenblicke kündigte man Herrn von Prosny an; er trat bleich, aufgelöst, das Auge düſter und erloſchen, ganz das Bild eines Geſpenſtes, ein. Die Nachricht von der Ankunft des Herrn von Prosny hatte Herrn Simon, ſeine Frau und Sabine gleich lebhaft, aber jedes mit einem anderen Gefühle berührt; ſeine Erſcheinung durchſchauerte alle mit der eiſigen Kälte deſſelben Schreckens. Selbſt Herr von Belleſtar ſtaunte bei dem Anblick Silveſtre's. Seine Bläſſe war gräßlich, ſein ſtarres Auge ſchien nicht mehr zu ſehen. Krampfhaſt bebten die Lippen. Es wäre nicht leicht begreiflich, wie ein Mann von Silveſtre's Charakter nicht die Kraft in ſich gefun⸗ den haben ſollte, einen lang überlegten und unwider⸗ ruflich feſtgeſtellten Entſchluß in Ausführung zu bringen, wenn wir nicht angeben könnten, wodurch Herr von Prosny in die unerhörte, in allen ſeinen Zügen ausge⸗ prägte Unruhe verſetzt worden war. Ehe Silveſtre zu Herrn Simon gekommen war⸗ hatte er ſich ſeine Rolle genau vorgezeichnet; was er ſagen wollte, war in ſeinem Geiſte förmlich feſtgeſtellt. Wie es in früheren Jahren der Fall geweſen, ſo hatte er auch jetzt große Geſellſchaft in dem Salon des Herrn Simon zu finden gehofft. Dieſer Vorausſetzung zu Folge, hatte er eine gänzlich höhniſche und geringſchätzende Er⸗ zählung entworfen, eine Erzählung voll von lange zu⸗ vor verfertigten Epigrammen, die zur Stunde, wo man ſie ausſprechen ſoll, nie ihre Stelle finden; kurz, er hatte ſich zum Voraus ſeine Seene gemacht. Als er anlangte, und wie gewöhnlich bei Herrn Simon eintreten wollte, hielt ihn der Bediente, der an der Thüre Wache ſtand, zurück und ſagte, Herr Simon könnte ihn nicht empfangen. In der unangenehmen Stimmung des Geiſtés, in der ſich Silveſtre befand, ärgerte ihn dieſes erſte Hinderniß⸗ auf das er ſtieß, gleich von vorne herein, weil es der Ausführung ſeines Planes entgegentrat, und nach dieſer erſten Aufwallung ärgerte 184 er ſich noch viel mehr, weil er das ihm vom Bedienten entgegengehaltene Verbot für rein perſönlich hielt. „Sind Sie ganz ſicher,“ ſprach er, Zorn im Herzen und in der Stimme,„ſind Sie ganz ſicher, daß Herr Simon Ihnen geſagt hat, Sie ſollen mich nicht ein⸗ laſſen.“ „Er hat nicht mehr von Ihnen, als von jedem QAndern geſprochen. Herr Simon iſt für Niemand zu Hauſe, mit Ausnahme des Herrn von Belleſtar.“ Warum hatte der Bediente die letzten Worte beige⸗ fügt? Wahrſcheinlich kannte er das volle Gewicht derfelben nicht; aber im Ganzen mußte man es als eine kleine Unverſchämtheit gegen den Oberſchreiber ſeines Herrn betrachten. Jeden Falls war es eine Indiscretion in Beziehung auf Herrn Simon, und wenn es am Ende auch nichts Schlimmes zur Folge hatte, ſo war doch wenigſtens keine gute Wirkung davon zu erwarten. „Alſo iſt Herr von Belleſtar hier?“ verſetzte Sil⸗ veſtre. „Ja, mein Herr.“ „Allein mit Herrn Simon?“ „Allein mit Herrn, Madame und Fräulein.“ Bei dieſer Antwort bemächtigte ſich Prosny ein ſolches Uebermaß von Wuth, daß er erbleichte und wankte. S. „Dem Herrn iſt unwohl?“ ſprach der Bediente mit dem höhniſchen Eifer, der ſich über das Leiden freut, während er es zu beklagen ſich das Anſehen gibt. Silveſtre hatte ſich auf einen Tiſch geſtützt, er hörte die Worte des Bedienten nicht und blieb einen Augen⸗ blick in ſeine Gedanken verſunken. In dieſem Moment ſah er ſeinen ganzen Plan über den Haufen geworfen, Alles, was er in der Zulunft erblickt hatte, zerſtört, alle ſeine Combinationen geſcheitert. Aber beinahe in der⸗ ſelben Zeit errang das Bedürfniß, die Sache um jeden Preis zu Ende zu führen, ein Uebergewicht über dieſe grau⸗ ſame Täuſchung, und er ſagte zu dem Bedienten mit 185 einem Nachdrucke, der dieſen ganz ſeltſam in Erſtau⸗ nen ſetzte: „Sagen Sie Herrn Simon, ich ſey hier, ich müſſe ihn ſprechen.. ich müſſe,„ ich müſſe durchaus.“ Der Bediente entfernte ſich, und Silveſtre ſprach, die Antwort ſeines Patrons erwartend, zu ſich ſelbſt: „Ja, ja, ich will ein Ende machen, ſie ſind allein, ſto beſſer; dieſer Mann, den ſie liebt, iſt hier, deſto ſſer; wenn mir bei dem, was ich zu ſagen habe, ein Wort entſchlüpft, das ſie verletzt, deſto beſſer. Oh! deſto beſſer, wenn dieſer Menſch ſich meiner Worte bemäch⸗ tigen will, um ihre Vertheidigung zu übernehmen, deſto beſſer; wenn er ſich an mich wendet, deſto beſſer; wenn ſeine Frechheit mich beleidigt und herausfordert: oh! dann wäre es eine Angelegenheit zwiſchen uns Beiden, und ich würde Allen zeigen, wer ich bin und was er werth iſt.“ So weit war Silveſtre in ſeinen Gedanken gekom⸗ men, als der Bediente wieder erſchien und ihm ankün⸗ digte, er könnte eintreten; und ſo kam es, daß er nach einem ganzen Tage reiflicher Ueberlegung, die ihm die erforderliche Ruhe für ſein Auftreten in Herrn Simons Salon hätte verleihen ſollen, bleich, aufgelöst, gleichſam ohne ein Bewußtſeyn ſeiner Abſicht eintrat. Im ge⸗ wöhnlichen Umgang mit Silveſtre empfing der Patron den Oberſchreiber mit der Vertraulichkeit des Freundes und des Höhergeſtellten, er reichte ihm die Hand von dem Fauteuil aus, in dem er ſaß, während Madame Simon und Sabine auf ihrem Platze blieben, um den Gruß des Oberſchreibers zu erwarten. Heute jedoch, als trüge dieſer Mann eine furchtbare, aber zugleich achtungs⸗ werthe Gewalt in ſich, ſtand Herr Simon von ſeinem Sitze auf; Madame Simon und Sabine erhoben ſich ebenfalls, und alle drei wandten ſich gegen ihn, wie wenn ſie Einen hätten eintreten ſehen, der in ſeinen Händen das zukünftige Schickſal von allen Dreien hielte. Sil⸗ veſtre grüßte ſtillſchweigend mit einer tiefen Verbengung; de be 186 die zwei Frauen erwiederten dieſen förmlichen Gruß und nahmen ihre Plätze wieder ein, während Herr Simon, Silveſtre unruhig prüfend, zu dieſem ſprach: „Was iſt denn vorgefallen, Herr von Prosny? Warum haben Sie denn ſo lebhaft darauf beſtanden, mich zu ſehen?“ „Ich werde es Ihnen ſogleich ſagen,“ erwiederte Silveſtre mit einer von heſtigem Athemholen unterbro⸗ chenen Stimme;„aber erlauben Sie mir nur, daß ich meine Gedanken etwas ſammle. Ich glaubte nicht.. ich erwartete nicht... Sie hier zu finden. „Wollen Sie, daß wir in mein Kabinet gehen,“ ſprach Herr Simon, den Silveſtre's Unruhe beängſtigte. „Nein, nein, nein, mein Herr, es iſt gut, es iſt ſogär nothwendig, daß alle Welt erfahre, was ich zu ſagen habe; es iſt nothwendig für meine Ehre, fuͤr meine Würde...“ Das Wort ſtarb, ehe es von ſeinen Lippen geboren ward. Für meine Rache, wollte er ſagen, doch er hatte nicht den Muth. Er hatte Sabine noch nicht angeſehen, er hatte noch nicht geſehen, wie ſie ebenfalls bleich und aufgelöst, das Auge auf ihn geheftet, zitternd und geſpannt auf das, was ſie hören ſollte, auf ihrem Stuhle ſaß; aber er wußte, daß ſie da war, und es hatte ihn, trotz dem Ingrimme, den er gegen ſie aufgehäuft, der Gedanke, dieſe Stirne unter einer Drohung erröthen, dieſe ſchönen Augen durch eine Beleidigung weinen zu machen, in die Schranken zurückgedrängt. Wie der Menſch, der ſich wuthentbrannt einem Feinde entgegenſtürzt, und plötzlich ein blondes, roſiges Kind weinend und erſchrocken vor ſeinen Füßen findet, und fühlt, wie ſein ganzer Zorn vor ſo viel Schwäche verſchmilzt, ſo verlor Herr von Prosny. plötzlich ſeinen ganzen Grimm, und im Augenblick, wo er das wohl bedachte Rachewerk vollführen ſollte, fand er im Grunde ſeines Herzens nichts mehr, als ſeinen Schmerz. Er ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne, um 187 verſtohlen die Thränen trocknen zu können, die ihm in die Augen traten, und fügte mit beinahe erloſchener Stimme bei: „Ja, mein Herr, es iſt beſſer, wenn ich vor allen hier anweſenden Perſonen ſpreche.“ Herr Simon hatte mit ernſter Ungeduld die ver⸗ ſchiedenen Bewegungen in Silveſtre's Geſichtszügen ver⸗ folgt, worin ſo ſcharf äbgezeichnet war, was in ſeinem Innern ſtürmte und wogte. „Erklären Sie ſich doch,“ ſagte er ſanft, einen Stuhl näher rückend,„erklären Sie ſich.“ Von Prosny fiel auf den ihm gebotenen Sitz nie⸗ der, als gebräche es ihm völlig an aller Kraft, und Herr von Belleſtar warf einen fragenden Blick um ſich, der ſich in die Worte überſetzen ließ: „Was Teufel iſt denn das für eine Komödie?“ Der Marquis war mit dem Rücken an dem Kamin ſtehen geblieben, Herr Simon ſaß an einem von den Winkeln, Sabine in der Mitte des Salons bei dem Tiſche, auf welchem die Albums lagen, Madame Simon an dem entgegengeſetzten Winkel des Kamins, ihrem Gatten gegen⸗ über und hinter ihrem Stickrahmen. Silveſtre befand ſich beinahe in der Mitte, ſo daß Sabine ganz hinter dem Stuhle war, auf dem er ſaß, und daß er ſie nicht ſehen konnte, ohne ſich umzuwenden. Es herrſchte ein Augenblick völliges Stillſchweigen; Herr Simon brach dieſes zuerſt und ſagte: „Nun, Silveſtre, welchem Umſtande haben wir Ihren gütigen Beſuch heute Abend zu verdanken?“ err von Prosny richtete den Kopf auf und ſah Herrn von Belleſtar. Der Anblick dieſes Menſchen, der die eigene Gabe hatte, ihn zum Zorn aufzuſtacheln, ſo oft er ihm begegnete und ſo oft er an ihn dachte, ſchien ihn diesmal im Gegentheil zu beruhigen. Silveſtre fand ſeine Würde, ſeine Höhe, die wirkliche Ueberlegenheit ſeines Charafters wieder, man hätte glauben ſollen, er wolle alles das, was dieſem aufgeblaſenen. Burſchen 188 abging, vor den Augen derjenigen, welche ihn vorzog, entwickeln. „Mein Herr,“ ſprach Silveſtre, ſich an Herrn Simon wendend,„es ſind nun ſieben Jahre, daß ich die Ehre habe, in Ihrer Schreibſtube zu arheiten; ich habe mir alle Mühe gegeben, Ihr Vertrauen zu verdienen und zu zeigen, daß ich der Güte, die Sie für mich hatten, nicht unwürdig wäre.“ „Ich hege das Zutrauen zu Ihnen, das der Red⸗ liche dem Redlichen ſchuldig iſt, und was Sie meine Güte nennen, war nichts als Gerechtigkeit, ſtrenge und vielleicht ſparſame Gerechtigkeit.“ Silveſtre verbengte ſich und fuhr mit der größten Ruhe fort: „Ich danke Ihnen, mein Herr/ daß Sie dieſes Wort aus⸗ geſprochen haben, es bringt mich aufdie Bahn einer Erklä⸗ rung die ich nicht ohne große Schwierigkeit einzuleiten gewußt hätte. Indem Sie für mich thaten, was alle Ihre Kolle⸗ gen für die Leute thun, die ähnliche Stellen einnehmen, haben Sie Alles gethan, was Sie mußten und Alles, was Sie konnten. Mir mehr zu bezahlen, als Ihre Kol⸗ legen den meinigen zu bezahlen pflegen, hätte Ihnen Vorwürfe zugezogen, ich weiß und ſage es, Herr Simon, denn Sie ſollen nicht denken, ich nehme das Wort ſpar⸗ ſame Gerechtigkeit in dem Sinne, den Sie ihm geben wollten. Ich bemächtige mich deſſelben nicht, um Ihnen zu ſagen, Sie ſeyen geizig gegen mich geweſen, ſondern um damit mein armſeliges, beſchränktes Leben gehörig zu belegen. Noch einmal, mein Herr, es iſt nicht Ihr Fehler, es iſt der Fehler der von mir gewählten Lauf⸗ bahn; ſie hat ihre Ueberlieferungen, ihre Gewohnheiten ich wußte es, ich habe ſie angenommen und keine andere erwartet. Ich war arm und habe arm gelebt, das war Alles, was ich ſagen wollte.“ „Und Sie haben ehrenhaft in Ihrer Armuth gelebt,“ ſprach Herr Simon. „Ich bin gefommen, mir dieſes Zeugniß von Ihnen 1 189 zu erbitten, und ich empfange es mit um ſo größerem Danke, als Sie es mir gegeben haben, ehe ich es ver⸗ langen konnte. Aber es genügt mir vielleicht nicht bei dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, bei dem, was mir begegnet iſt,(hier veränderte ſich Silveſtre's Stimme merklich); nach dem, was mir begegnet iſt,“ wiederholte er,„iſt es nicht hinreichend, daß ich mit dem Wenigen, was ich hatte, ehrenhaft gelebt, Sie müßten auch ſagen fönnen, mein Herr, daß ich zufrieden gelebt habe.“ Silveſtre ſprach die letzten Worte mit einem ge⸗ wiſſen Stolze aus, indem er zugleich die Stimme, das Haupt und den Blick hob. Die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhörer war im höchſten Grade geſpannt. In dieſen Vorläufern lag für ſie nur die Ankündigung einer That⸗ ſache, die ſie alle kannten und deren Ausdruck ſie ins⸗ geſammt entgegenharrten, wie man bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Menſchen vor ſich vorüberziehen ſieht welche dem Helden vorangehen, den Jedermann kennt, Jedermann erwartet, Jedermann zu erblicken hofft. Herr von Belleſtar ließ in dem ſchlecht verhaltenen Lächeln, das ſeine Lippen zuſammenzog, die verächtliche Unge⸗ duld durchblicken, womit er das anhörte, was er in ſei⸗ nem Innern die Poeſie des armen Teufels nannte. Die⸗ ſes Lächeln, von Sabinens Blick auf ſeinen Lippen ertappt, ſchadete ihm viel mehr, als alle die Tölpeleien, die er bis dahin geſprochen hatte, und mit einer von jenen raſchen, plötzlichen Bewegungen, die bei den Frauen wahre Akte des Muthes ſind, näherte ſie ſich Silveſtre, als wollte ſie ihm zeigen, mit welchem Antheil ſie ihm noch ferner zuhören werde. Selbſt Madame Simon ſtützte ſich mit dem Ellen⸗ bogen auf ihren Rahmen, und Silveſtre fuhr fort: „Herr Simon, Sie ſind nicht ſo ſehr in mein in⸗ neres Leben eingedrungen, um zu wiſſen, daß nie ein Murren, nie eine Klage aus meinem Munde gekommen iſt, um von Irgendjemand mehr zu fordern, als ich hatte. Aber nicht wahr, es iſt gewiß, daß ein mit 196 ſeiner Lage unzufriedener Menſch, wenn er ſich, unier welchem Titel es auch ſeyn mag, zu einer beſſeren Stellung berechtigt glaubt, ſeine Unzufriedenheit oder ſeine Anſprüche, auf die eine oder andere Weiſe vor denje⸗ nigen zu Tage ausgehen läßt, mit welchen er beſtändig lebt, 6 vor denjenigen beſonders, welche eine Veränderung in die⸗ ſer Lage herbeiführen könnten; nun mein Herr, ich be⸗ ſchwöre Sie vor den Perſonen, die uns hier hören, zu ſagen, habe ich je ein Verlangen, eine Hoffnung, ein Mißvergnügen kund gegeben? „Nie,“ erwiederte Herr Simon, ergriffen von der ſchlecht verhehlten Anfregung, mit der Silveſtre ſprach. „Wenn es ſich ſo verhält,“ verſetzte dieſer in zit⸗ terndem Tone,„ſo wollen Sie mir erklären, wie es gekommen iſt, daß Jemand, den ich nicht kenne... den ich nicht kennen will...“ fügte er mit beinahe ſterben⸗ der Stimme bei...,„daß Jemand, ſage ich, ſich berech⸗ tigt geglaubt hat, ein Almoſen dieſer Armuth zuzuwerfen, die von Niemand Etwas verlangt?“ Das Seltſame der Lage beſtand darin, daß Jeder⸗ mann wußte, was Silveſtre ſagen wollte, und daß Je⸗ dermann es nicht zu wiſſen ſcheinen mußte. Bei dem Worte„Almoſen“ ſenkte Sabine das Haupt vor Schaam über das, was ſie gethan hatte; Ma⸗ dame Simon lächelte traurig, denn ſie litt unter Sil⸗ veſtre's Schmerz; aber ein Blick voll edeln Stolzes be⸗ gleitete dieſes Lächeln, denn ſie war glücklich, den ſei⸗ nen Platz wieder einnehmen zu ſehen, welchen ſie ſo hoch in ihrem Herzen geſtellt hatte. Herr von Belleſtar verzog den Mund in demſelben Sinne, wie er zuvor gelächelt hatte, als wollte er un⸗ gefähr ſagen:„Mein Gott, was für große Worte um eine ſo einfache Sache auszuſprechen!“ Herr Simon al⸗ lein verharrte in der ernſten Rolle, die er zu ſpielen hatte, und ſagte: „Ihnen ein Almoſen! ich verſtehe Sie nicht, mein lieber Freund.“ 8 191 Herr von Prosny ſchaute Madame Simon und Herrn von Belleſtar an, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie in Unwiſſenheit ſchwebten über das, was er ſo eben geſagt, und er konnte ohne Mühe erkennen, daß ſie vollkommen unterrichtet waren. Er ſah Sabine nicht an, gegen die er ſich auf eine zu ſehr auffallende Weiſe hätte umwenden müſſen, aber er hatte nicht nöthig, ſie zu ſehen, denn er war nun vollkommen deſſen gewiß, wovon er bis dahin nur überzeugt geweſen war. Er erwiederte deßhalb Herrn Simon, indem er ſich der Bitterkeit überließ, die ihn einen Augenblick beherrſcht hatte: „Nun, mein Herr, mit welchem anderen Namen, als mit dem eines Almoſens ſoll ich es bezeichnen, daß man an meiner Thüre eine beträchtliche Summe Geldes, auf die mir kein anderes, durchaus kein anderes Recht zuſteht, als meine Anmuth, für mich abgegeben hat?“ „Aber was ſagen Sie mir da, eine beträchtliche Summe Geldes iſt an Ihrer Thüre und für Sie abge⸗ geben worden?“ „Auf dem Papiere, in welches daſſelbe eingewickelt war, ſtand die Aufſchrift:„An Herrn Silveſtre von Prosny, nur zu eigenen Händen. Ich konnte alſo nicht zweifeln, daß das Almoſen für mich beſtimmt war.“ „Mein Gott!“ rief Herr von Belleſtar, der ſich über die Verlegenheit der Anderen in einer Sache wun⸗ derte, die ihm ſo leicht zu löſen ſchien;„eh, mein Gott, das iſt irgend eine reiche Perſon, die Sie da oder dort getroffen, und, mit einer edelmüthigen, gefühl⸗ vollen Seele ausgeſtattet, ſich für Ihre Lage intereſſirt haben wird.“ Der letzte Theil dieſer Phraſe wurde Sabine mit einem äußerſt anmuthigen und ſiegreichen Blicke zuge⸗ ſchickt, und der Marquis, entzückt, den Werth derjeni⸗ gen ſo gut geſchätzt zu haben, welche die Ehre ſeines Namens theilen ſollte, fuhr fort: „Dieſe Perſon, mein Herr, folgte dem Zuge einer 192 erhabenen Güte, und wollte einem jungen, dieſer Güte würdigen Manne zu Hülfe kommen.“ Was in Silveſtre's Innerem ſich zuſammenballte, mußte mit Gewalt hervorbrechen, aber wenn er denen allein gegenüber geſtanden wäre, die er zugleich liebte und achtete, wenn Herr und Madame Simbn, und ſo⸗ gar Sabine allein ihre Stimmen bei dieſer Gelegenheit hätten hören laſſen, ſo wäre Herrn von Prosny's Er⸗ klärung vielleicht in den Schranken der gemäßigten Sprache geblieben, in der er begonnen hatte. Das Da⸗ zwiſchentreten von Herrn von Belleſtar war der zün⸗ dende Funke, der über die Pulvermine entſchied. Herr vh Prusny kichtete ſich plötzlich hoch auf) heftete ſeine funkelnden Blicke auf Herrn von Belleſtar, und ſagte dieſem mit ſcharfem Tone: „Ich bin nicht gekommen, um hier irgend Jemand das Geheimniß des Mitleids abzuverlangen, das ich eingeflößt habe; ich bin gekommen, um unumwunden 6 Wit auszuſprechen, daß ich dieſes Mitleid nicht haben will, daß ich es für eine Beleidigung halte, und köunte ich herausbringen, daß es mir von einem Herzen zugefloſſen iſt, das. unter einem blauen Rocke ſchlägt, ſo würde ich mir eine Erklärung von dem ausbitten, der es mir auf dieſe Art in das Geſicht zu ſchleudern gewagt hat,“ Herr von Belleſtar trug einen blauyn Rock, und die Aufforderung konnte nicht wohl gerader auf das Ziel losgehen.. Der Marquis wich vor Silveſtre zurück, und maß ihn vom Kopf zu den Füßen mit einem frechen Blick, in dem das Bedauern zu leſen war, daß er nicht ſo⸗ gleich denjenigen beſtrafen konnte, der ihm ſo trotzig begegnete. Mit einer maſchinenmäßigen Bewegung knöpfte er ſeinen Rock bis unter das Kinn zu, als ſchickte er ſich zu einem Kampfe Leib an Leib an. Dann warf er ſich wieder in ſeine unzerſtörliche anmaßliche Sicherheit, blinzelte mit den Augen, 1 3 193 ſeinem Blicke noch mehr unverſchämten Ausdruck zu ver⸗ leihen, und erwiederte: „Mein Herr, das Herz, welches unter einem blauen Rocke ſchlägt, obgleich es ganz unſchuldig an dem Mit⸗ leid iſt, von dem man glaubte, Sie verdienen es, die⸗ ſes Herz iſt völlig bereit, die Verantwortlichkeit zu über⸗ nehmen. „Meine Herren,“ ſprach Madame Simon, indem ſie aufſtand, und auf Sabine deutete:„Sie vergeſſen, daß wir hier ſind;“ dann lief ſie auf ihre Mündel zu, die, den Kopf zurückwerfend, die Hand auf das Herz ſtützend, dem Erſticken nahe ſſchien. „Herr von Prosny,“ rief Herr Simon in ſtrengem Tone, indem er zwiſchen Silveſtre und Herrn von Belle⸗ ſtar trat,„ſind Sie gekommen, um hier Streit zu ſuchen? Haben Sie mein Haus ausgewählt, um es zu einem Schauplatz der Unruhe und Gewaltthätigkeit zu machen?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr,“ er⸗ wiederte Silveſtre,„und ich bedaure aufrichtig, daß Sie mir einen Mangel an ſchuldiger Achtung gegen Ihr Haus an dem Tage vorwerfen konnten, wo ich es zum letzten⸗ mal betrete; oder ich täuſche mich,“ fügte er mit einer von Aufregung zitternden Stimme bei,„und man ver⸗ ſteht mich hier beſſer, als man es mir zeigen zu wollen ſcheint.“ Alles ſchwieg. Silveſtre betrachtete einen Augenblick alle die Men⸗ ſchen, die er ſeine Freunde genannt hatte, und von denen er ſich zu trennen im Beßriff war, und wieder in die Schwäche des Schmerzes zurückfallend, fühlte er, wie die Thränen in ihm emporſtiegen, und rief: „Ach! Sie wußten es Alle.“ Dann ſich an Jeden einzeln wendend: „Sie wußten es, Madame,“ ſprach er zu Madame Simon, welche Sabine in ihren Armen hielt;„Sie wuß⸗ ten es, und ich vergebe Ihnen, daß Sie es nicht verhin⸗ Frederie Soulic. Von Tag zu. Tag. 13 194 derten, denn Sie kennen mich nicht; aber Sie wußten es auch, Herr Simon, und Sie ließen mir eine ſolche Be⸗ leidigung zufügen? Bettle ich denn, mein Herr? Er⸗ werbe ich nicht das Brod, das ich eſſe, jeden Tag durch meine Arbeit? Schreie ich über meine Armuth? Habe ich je eine Klage über mein verlorenes Vermögen hören laſſen? Warum hat man mir alſo dieſes Almoſen zuge⸗ ſchleudert, warum iſt man herabgeſtiegen in mein Unglück, um es in ſeiner Reſignation zu verletzen?“ Er wandte ſich auch gegen Sabine, welche heiße Thrä⸗ nen vergoß, und überwältigt von der Verzweiflung, die ſein Inneres ſeit langer Zeit verzehrte, ſagte er, Herz und Stimme ebenfalls voll Thränen: „Habe ich Ihnen je etwas Böſes gethan, mein Fräu⸗ lein?. habe ich es an der Achtung fehlen laſſen, die ich Ihnen ſchuldig bin? nicht allein weil Sie die Mündel des Mannes ſind, der meine Jugend beſchützt und unterſtützt hat, ſondern auch weil Sie edel, weil Sie gut, weil Sie tugendhaft ſind?. Sie wußten alſo nicht, daß die äußerſte Erniedrigung, die man einem Manne be⸗ reiten kann, darin beſteht, daß man ihm Geld gibt? Aber Sie wußten es, denn Sie haben ſich bei der Ausführung gefliſſentlich verborgen....“ „Bei meiner Ehre, mein Herr, nein, ich wußte nicht, daß Sie dies erniedrigen könnte; aber ich war nur über⸗ zeugt, daß Sie von meiner Hand nichts annehmen würden.“ „Nicht von der Ihrigen, nicht von irgend einer an⸗ dern!“ verſetzte Silveſtre in düſterem Tone. „Doch von der meinigen,“ entgegnete Sabine,„war es kein Almoſen, es war eine Wiedererſtattung„ „Mein Kind, mein Kind,“ rief Herr Simon, der die Gefahr herannahen ſah, die er vermeiden wollte,„Du biſt Herrn von Prosny nichts ſchuldig.“ „Herr Simon hat Recht,“ ſprach Silveſtre, beſchämt über das, was er dem ſtolzen Schmerze gegenüber gethan hatte;„Sie ſind mir nichts ſchuldig, und ich bitte Sie, 195 mir zu vergeben, daß ich Ihnen in ſo harten Ausdrücken eine Handlung vorgeworfen habe, welche nur aus dem Adel und der Reinheit Ihrer Gefühle hervorging. Aber welche Bewunderung, welche Dankbarkeit dieſelbe mir auch einflößt, ſo werden Sie doch begreifen, daß ich ſie unter keiner Bedingung annehmen kann.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt,“ verſetzte Sabine, dop⸗ pelt ſchön in ihrem Stolze und in ihrer Entſchloſſenheit; „Sie wollen nicht annehmen, und Sie thun wohl daran; aber ich will das Vermögen nicht behalten, das Ihnen ge⸗ raubt worden iſt, und ich thue ebenfalls wohl daran.“ Der Ton, in dem ſie dieſe Worte ausſprach, brachte Alle in Aufruhr, und Herr Simon, ſeine Gattin, Sil⸗ veſtre riefen ihr zu gleicher Zeit zu: „Was ſagſt Du? mein Kind!“ „Was willſt Du thun? Sabine!“ „Was muß ich hören, mein Fräulein?“ „Aber es iſt bereits zu viel!“ Das letzte Wort kam von Herrn von Belleſtar. Sabine ſchien ihn nicht gehört zu haben, und fuhr mit demſelben entſchloſſenen und begeiſterten Ausdruckfort: „Nein, kein Almoſen, keine Wiedererſtattung, unter uns gibt es eine Rechnung zu ordnen, und dieſe Rech⸗ nung— man wird ſie ordnen, ich will es, es muß ſeyn.“ „Sie vergeſſen, daß Sie vor mir ſo ſprechen,“ ſagte Herr Simon,„vor mir, der im Nothfall von ſeiner Autorität Gebrauch zu machen wüßte. Sie wiſſen, daß es nicht in Ihrer Macht liegt, über Ihr Vermögen zu verfügen.“ „Bald wird dies der Fall ſeyn,“ entgegnete Sabine mit ſanftem Tone,„und dann, Herr von Prosny,“ fügte ſie bei, fühlend wie die heftige Bewegung in ihrem Buſen allmählig abnahm,„dann hoffe ich, Sie werden ſich auf keine Weiſe mehr über mich zu beklagen haben.“ Es ſchien, als ſollte die Erklärung, zu dieſem Punkte gelangt, ohne Ausgang bleiben, als Herr von Belleſtar, 8 13 196 ſich noch einmal einmiſchend, ihr eine Wendung nach einer anderen Seite gab:. „Nun, Herr von Prosny,“ ſagte er zu Silveſtre; „wir begreifen alle die edle Empfindlichkeit, die Sie ver⸗ anlaßt hat, dieſe hunderttauſend Franken auszuſchlagen; aber zeigen Sie ſich großmüthig und nehmen Sie die Summe an.“ Abermals wich Herr von Belleſtar vor Silveſtre zurück, ſo wild war deſſen Blick, ſo ſehr deuteten die Zuckungen in ſeinen Geſichtszügen eine Art von Raſerei der Wuth an. „Wie haben Sie geſagt?“ ſprach Silveſtre mit einer erſtickten Stimme, die ſich kaum aus der Bruſt Bahn zu brechen wußte;„Sie haben geſagt hundert... hundert nicht wahr, hunderttauſend Franken haben Sie geſagt?“ „Das iſt wenigſtens die Summe, welche, wie ich glaubte, Fräulein Sabine für Sie beſtimmte,“ antwortete Herr von Belleſtar in verlegenem Tone, als befürchtete er, zu weit gegangen zu ſeyn. „Was liegt an der Summe, mein Herr?“ ſprach Sabine, ohne ihren Widerwillen gegen den Marquis zu verbergen. „Barmherzigkeit, Mitleid,“ rief Silveſtre in unbe⸗ ſchreiblicher Verwirrung;„waren es hunderttauſend, hun⸗ derttauſend! Oh! antworten Sie, antworten Sie mir!“ Sabine ſchlug die Augen nieder, und Herr Simon ſagte, erſchreckt durch Silveſtre's Verwirrung, mit mehr Lebhaftigkeit, als er je ſeiner Mündel gegenüber an den Tag gelegt hatte: „Aber, antworte doch, wie viel haſt Du ihm ge⸗ ſchickt?“ „Nun denn!“ ſagte Sabine, erröthend, daß ſie ge⸗ nöthigt ſeyn ſollte, den Betrag dieſer unglücklichen Wohl⸗ that auszuſprechen,„nun denn, es waren hunderttauſend Franken.“ „Hunderttauſend Franken!“ rief Prosny mit einet Stimme, die den ganzen Saal erſchütterte;„oh! ich — 197 gehe ich laufe.“ fügte er, nach der Thüre ſtür⸗ Zend, bei. Aber er hatte nicht zwei Schritte gethan, als er, die Hand an das Herz legend, plötzlich ſtehen blieb. Herr Simon lief auf ihn zu, er ſah, wie ſich ſein Geſicht zuſammenzog, wie ſeine Augen ſich ſchloſſen, und hörte Silveſtre die Worte ſtammeln: „Gehen Sie gehen Sie nach Hauſe.. meine Tante...“ Dann erloſch ſeine Stimme und er ſtürzte zu Boden. Idylle über die Nacht. Man rühmt ohne Unterlaß den Schlaf des Gerechten. Ich bewundere mit aller Hochachtung, die man geheiligten Dingen ſchuldig iſt, den Schlaf des Gerechten und die Ruhe des Gewiſſens. Aber nach dieſer Hochachtungs⸗ Proteſtation für den hochachtbaren Schlaf muß mir die Bemerkung erlaubt ſeyn, daß ich als Romandichter die enſchen ungemein verachte, welche ſchlafen, wenn ſie nicht träumen, was in der That nur ein Quaſt⸗Schlaf, ein ungeſetzlicher Schlaf iſt, deſſen Thron ein Uſurpator einnimmt. Was ſoll denn der Romandichter mit einem Helden aufangen, welcher ſchnarcht, was mit einer ſchlafenden Schönheit, wenn nicht etwa ſie mit einem verſtohlenen Kuſſe erwecken, dann aber, lebewohl Schlaf! oder wenn der Schlaf ſich nicht unterbricht, ſo wird die Sache ſo wunderlich, daß der Erzähler ſeine Feder verhüllen und ich von der Erzählung zurückziehen muß. Sprecht mir alſo von Menſchen, welche wachen. Die Wachenden ſind häufig Räuber, das iſt wahr. Aber wie ſchön iſt doch ein Räuber! Die Schultern viereckig, ie Hüften ſchmal und auf krumme Beine geſtellt, der Kopf ungeheuer, das Haar röthlich und buſchig, das Auge unſtät und ſchielend, die Naſe eingedrückt und roth angelaufen, der Mund ſchief gedreht, die Kinnbacken her⸗ vorſtehend und alle mögliche thieriſche Lüſte bezeichnend, 198 das Ganze bedeckt mit einer Kappe von Fiſchotterbalg, angethan mit einem ehemals blauen Kittel und einer Hofe von verwittertem Sammet, bewaffnet mit einem Dietrich und einer Brechſtange! Das laſſe ich mir ge⸗ fallen! Das iſt doch etwas, was lebt, ſpricht, wacht, was die Poeſie des Verbrechens in ſich trägt, woraus die Poeſie der Furcht, die am mächtigſten auf den Geiſt der Leſer wirkende, Poeſie entſpringt. Wachende ſind auch die Spieler, das iſt abermals wahr. Aber was iſt das Spiel doch für eine edle, er⸗ habene Leidenſchaft. Es iſt eine Leidenſchaft, wobei die Finger ſich zuſammenziehen, wo die Zähne knirſchen, wo die Haare ſich ſträuben, wo man ſich die Bruſt mit den Nägeln zerfleiſcht, eine Leidenſchaft, wobei man auffährt, wo man ſich wälzt, wo man ſich krümmt, wo man ſich tödtet. Und fragt den elendeſten Landsfnecht⸗Spieler, ob er den Tag nicht haſſe, wie ihn die Nachteule haßt; fragt ihn, ob er nicht die Nacht erwarte, wie die Roſe die Morgenröthe, ihre Schweſter, erwartet? Die Nacht gehört auch den Menſchen, welche einen Abendſchmaus lieben, und das Recht haben, voll bis zum Rande nach Hauſe zu kehren, ohne daß der Vorübergehende mit dem Fin⸗ ger auf ſie deutet. Das Theater gehört der Nacht; und auch der brüllende Ball im öffentlichen Saale, wo man läuft, ſpringt, ſtößt, blökt, wie bei einem Kampfe von hundert Stieren; und der friſche, anmuthige leichte Ball, mit ſeinen tauſend ſanften Farben, mit den anſtändigen Vergnügen, mit der coquetten Freude, det einzige Ball, den Sie beſuchen, meine Damen, iſt dieſer Ball nicht der Sohn der Nacht? Und wenn die Nacht nicht dieſes reiche Gefolge aller Poeſien der Civiliſation hätte, beſäße ſie nicht den herrlichſten Reichthum der Welt, beſitzt ſie nicht die Lie⸗ penden, die nur in der Nacht gut mit ſich plaudern können? Man ſehe nur! an , m et ſer ge en ie⸗ 199 Erzählung. Wir haben Silveſtre auf dem Boden liegen laſſen. Einen Augenblick ſchien er todt, denn er blieb ganz unbeweglich. Er hatte einen von den furchtbaren An⸗ fällen exlitten, wo das Leben einige Momente derge⸗ ſtalt zwiſchen Sein und Nichtſein ſchwebt, daß daſſelbe, wenn man es nicht ſogleich durch thätige Hülfe wieder zurückrufen würde, ſeinen Lauf nie mehr nähme, ohne daß hiebei die Wiſſenſchaft die Zeit genau zu beſtimmen vermag, wo es den Körper verläßt, wo die unſterbliche Seele ſich von der vergänglichen Hülle trennt. Gerade, weil ich außerordentlich kenntnißlos in der Medizin bin, und gar nicht weiß, wie ich den heftigen Schlag nennen ſoll, von dem Silveſtre berührt wurde, werde ich ſagen, wie und bis zu welchem Grade er die Menſchen erſchütterte, die Zeugen davon waren. Silveſtre lag in völlig unbeweglichem Zuſtande auf der Erde ausgeſtreckt; als man ihn aufheben wollte, bo⸗ gen ſich der Leib und die Glieder, ſchwer geworden durch die träge Laſt des Todes, ohne Widerſtand; das Geſicht war leichenblaß; die Augen waren geſchloſſen, der Mund halb geöffnet, und einzelne Blutstropfen vrangen daraus hervor. Das einzige Symptom, das einem Manne der Kunſt das Uebel hätte brzeichnen können, das Silveſtre betroffen hatte, war ein über⸗ mäßiges Aufſchwellen der Bruſt, welches Herr Simon bemerkte, als er Silveſtre Halsbinde und Weſte abge⸗ riſſen hatte, um ihm Athem zu verſchaffen. Der Sach⸗ walter hatte, von einem Bedienten unterſtützt, Silveſtre auf einen Divan gelegt, während man nach einem Arzte ſchickte. Man hatte den Kopf des Kranken durch Kiſſen in die Höhe gerichtet, und er neigte ſich etwas gegen die Seite des Salons, ſo daß das todte Geſicht denen zugewendet war, die ſich um ihn her verſammelt hatten. Neben dem Divan knieend ſuchte Herr Simon den Puls, der jedoch ſtumm blieb; Madame Simon brachte Eſſig, Salze, Alles, was die erloſchene Em⸗ 200 pfindlichkeit wieder zu beleben vermochte. Herr von Belleſtar hatte nur ein Wort geſprochen, und zwar, um ſeinen Wagen, der ihn an der Thüre erwartete, zur Verfügung des Bedienten zu ſtellen, der beauftragt war, einen Arzt herbeizuſchaffen. Nach dieſer Aeußerung ſei⸗ nes Wohlwollens, nach dieſer thätigen Theilnahme an dem herzlichen Beiſtand, den man Silveſtre zu leiſten ſuchte, hatte er ſich mit dem Rücken wieder an den Kämin gelehnt, brummelnd gegen ſeine romanhaften Empfindeleien, verächtlich den Mund verziehend bei dem Gedanken, durch irgend ein Band an eine Welt ge⸗ knüpft zu ſeyn, wo ſolche Seenen vorfielen, ſehr un⸗ zufrieden, daß er gekommen war, noch unzufriedener, daß er nicht gehen konnte,— und mitten unter dieſer allgemeinen Uinzufriedenheit fand er noch Raum, an ei⸗ nen Unfall zu denken, der möglicher Weiſe ſeinem Wa⸗ gen oder ſeinen Pferden begegnen dürfte, die wahrſchein⸗ lich auf den Befehl des bürgerlichen Bedienten des Sachwalters nach Leibeskräften laufen müßten. Glücklicherweiſe vertraute der Marquis auf die Ge⸗ ſchicklichkeit und Klugheit ſeines getreuen Fild, der nie zögern würde, ſeine Pferde zu Tode zu jagen, um ſei⸗ nen Herrn vor allen, die ihm begegneten, nach Neuillh) oder Saint⸗Clond zu bringen, der es ſich aber nicht zum Vergnügen rechnen werde, ſeine Pferde krank zu machen, um einen ſterbenden Schreiber zu retten. Die Gerechtigkeit, die er ſeinem Kutſcher widerfahren läßt⸗ beſchwichtigt die Unruhe des Herrn von Belleſtar; in Folge hievon kann er beobachten, was um ihn her vor⸗ geht, und ſeine Aufmerkſamkeit richtet ſich zunächſt auf Sabine. Sie ſteht unten am Fuße des Divan, die Arme hängend, die Hände gekreuzt, den Kopf vorwärts ge⸗ beugt, den Blick auf Silveſtre's Antlitz geheftet, das Auge weit geöffnet und unbeweglich, den Mund ebenfalls leicht geöffnet. Es iſt der Ausdruck eines bis auf den höchſten Grad geſteigerten Schreckens und Schmerzes⸗ 201 Es iſt eine bewunderungswürdige Statue, beinahe eben ſo weiß, wie der Marmor, ebenſo unbeweglich und ebenſo kalt, wie dieſer. In dieſem Augenblick dachte Sabine nicht; ein Gedanke, ſo verwirrt er auch ge⸗ weſen ſeyn möchte, würde dieſe vollſtändige Starrheit in irgend eine Bewegung verſetzt, zu einem verſtohlenen Zittern gebracht haben. In dieſem Augenblick, ſagen wir, dachte Sabine nicht, ſie litt; und ſie litt an einem unzertrennlichen, ununterbrochenen, gleichſam in ſeiner Intenſität feſtgeſtellten Schmerz. Sabine ſchien unter der Herrſchaft eines mächtigen, unbeſiegbaren Zaubers zu ſtehen, der ſie unbeweglich an der Unbeweglichkeit Silveſtre's gefeſſelt hielt. Und wir täuſchen uns viel⸗ leicht nicht, wenn wir behaupten, daß Sabinens Leben, an dem Silveſtre's in unzertrennlicher Verbindung ſchwebend, mit dieſem geſchieden wäre, wenn die Starr⸗ heit Prosny's mit dem Tode geendigt hätte, denn erſt in dem Moment, wo ein leichtes Ausſtoßen des Athems, begleitet von einem reichlichen Blutauswurf, ankündigte, daß Silveſtre noch lebe, löste ſich ein tiefer Seußzer aus Sabinens Bruſt, und alle beide kehrten zuſammen wieder zum Daſeyn und zu ihrem Leiden zurück. Herr von Belleſtar war nicht der Mann, das wahre Geheimniß des Schmerzes ſeiner zukünftigen Gattin zu argwöhnen. Er war ganz von dem erhabenen Selbſt⸗ vertrauen der Albernen erfüllt, das dieſe zu den privile⸗ girten Kindern der Natur macht, und den Glauben nicht in ihm aufkommen ließ, ein weibliches Weſen, dem er ſeine Huldigung dargebracht, könnte an einen anderen Mann, als an ihn denken. Ueberdies ließ ſich Sabinens Schmerz durch Gewiſſensbiſſe erklären, denn am Ende war ſie doch die Urſache der Verzweiflung, die dieſen jungen Mann beinahe getödtet hätte, und das war ge⸗ nug, einem Gemüthe, wie dem ihrigen, einen ſolchen Schrecken einzujagen. Herr von Belleſtar ehrte dem zu Folge dieſe ver⸗ zweifelte Starrheit, bis zu dem Augenblick, wo ſie, ſeiner * 202 Anſicht nach, ſeinem Dazwiſchentreten weichen mußte. Bei der erſten Bewegung Silveſtre's näherte ſich der! Marquis Sabinen und ſagte ihr, ſich in ſeinem Tone auf das Uebergewicht des ſtarken Mannes ſtützend: „Auf, mein Fräulein, beruhigen Sie ſich, es wird nur eine leichte Ohnmacht ſeyn. Unſer junger Schütz⸗ ling kommt wieder zu ſich; es iſt nicht mehr die geringſte Gefahr Sabine hörte Herrn von Belleſtar nicht und ſchaute ihn nicht an, aber ihrè endlich wieder beweglich gewor⸗ denen Lippen murmelten ganz leiſe, während ihr Auge auf Silveſtre's Antlitz geheftet blieb: „Ja! ja, ich werde ihn retten...“ „Er iſt ſchon gerettet,“ verſetzte Herr von Belleſtar, „ſammeln Sie ſich, mein Fräulein.“ Diesmal kam Sabine zu ſich, oder vielmehr ſie kam zu Herrn von Belleſtar, ſie blickte ihn plötzlich an, als hätts die Anweſenheit des Marquis für ſie die Summe deſſen, was in Beziehung auf ihre Heirath vorgegangen war, in ſich gefaßt, als wären die Worte, die er ſoeben geſprochen, eine neue Forderung in dieſer Hinſicht ge⸗ weſen, und ſie antwortete, ſich von ihm abwendend. „Oh, nun, mein Herr, nie nie!.. Herr von Belleſtar begriff zwar nicht, aber er gerteth in das größte Erſtaunen über dieſe Worte. Mittlerweile traf der Arzt ein; er verordnete ſo⸗ gleich einen Aderlaß. 5 Sabine verließ den Salon; Madame Simon blieb⸗ Herr von Belleſtar ganz damit beſchäftigt, ſich wo mög⸗ lich klar zu machen, was wohl ſeine Zukünftige ihm hatte ſagen wollen, bat um Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen, und entfernte ſich, nachdem er noch zuvor verſpro⸗ chen hatte, ſich am andern Tage nach Herrn von Prosny erkundigen zu laſſen. Herr Simon antwortete kaum und kehrte zu Silveſtre zurück, ohne einen Augenblick an ſeine Mündel gedacht zu haben. Madame Simon hatte ſie weggehen ſehen, aber in dieſem Momente gehorte ihr 203 Mitleid ganz nur Prosny und ſie wollte erſt! die Ent⸗ ſcheidung des Arztes nach Anwendung der erſten Mittel abwarten. Sabine begab ſich allein auf ihr Zimmer. In dem Momente, wo ſie über die Thürſchwelle trat, blieb ſie ſtehen, als ob ſich eine unerwartete Viſion vor ihren Blick geſtellt hätte. Es war nichts, oder es war jeden⸗ falls nur ſehr wenig. Was ſie einen Angenblick Zahlen murmelnd, auf der Schwelle ihres Zimmers feſtgehal⸗ ten hatte, war das Geräuſche ihrer Pendeluhr, welche eben Mitternacht ſchlug. Mitternacht, das Jahr war geſchloſſen und ein neues begann. Wie oft hatte Sa⸗ bine bis'zu dieſem Tage dieſe Stunde erwartend, freudig über die empfangenen und die noch zu hoffenden Ge⸗ ſchenke, das Auge auf das Zifferblatt geheftet, um zuerſt zu ihrem Vormund zu laufen und ſich ihm um den Hals zu werfen. Welche Luſt, welche Träume, welche Wünſche, welche Gelübde! Heute nichts von allem dem, ſie war allein, und in der erſten Minute des neuen Jahres ſchwebte am Rande des Grabes das Leben des Mannes, den ihr Vater ſeines Vermögens beraubt, dem ſie ſelbſt das Herz und beinahe das Daſeyn gebrochen hatte. Sabine weinte nicht. Sie ſetzte ſich langſam und bedachtſam auf ein Fauteuil. Sie fühlte, ohne es be⸗ greifen zu können, daß eine günſtige Revolution in ihr vorging, und es ſchien, als hätte ihr der Zufall, der ihre Uhr hatte ſchlagen laſſen, die feierliche Stunde hiezu be⸗ zeichnen wollen. Ein einziger, tiefer Gedanke beſchäftigte Sabine, der Gedanke, das Schlimme, was ſie gethan, wieder gut zu machen, wenn es überhaupt noch gut zu machen wäre, wenn nicht, es wenigſtens abzubüßen; aber Sabine hatte nicht mehr das Zutrauen zu ſich ſelbſt, aus dem das hervorgegangen war, was ſie gethan hatte, was ſie ſo wohl gethan glaubte, und was nun eine ſo traurige Entwickelung herbeigeführt. Sie entſchloß ſich zu dieſer Stunde, ihr Leben und ihren Willen noch lange Zeit der 204 Herrſchaft des Mannes zu unterwerfen, der Beides bis dahin gelenkt hatte, dem Rathe der Frau, die ſich ſo gut darauf verſtand, Tugend und Edelmuth zu pflegen. Der ſtolze Charakter Sabinens war in dieſem Angenblick ſo unterwürſig, ſo ſehr demüthig, weil ſie glaubte, daß ſie, an Silveſtre denkend, nicht an ihre Liebe dachte. Aber nicht, weil ſie ſich ausſchließlich mit ihren Opfern beſchäftigte, konnte man von ihr eine ſo leichte Annahme derſelben fordern. Weil ſie ſich ein Leben der Verläugnung und Einſamkeit träumte, fand ſie ſich ſo bereitwillig, dieſes zu wählen; weil ſie nicht voraus⸗ ſetzte, daß man von ihr etwas Anderes, als das Un⸗ glück fordern könnte, glaubte Sabine, ſie ſey ſo gehor⸗ ſam geworden. Hätte ſie ein einzigesmal Herrn Simon einer Sprache fähig gehalten, wie ſie Herr von Belleſtar geführk haben dürfte, wäre ihr Vormund gekommen und hätte zu Sa⸗ bine geſagt: „Mein liebes Kind, Sie haben mehr gethan, als Sie zu thun ſchuldig waren, Sie können nicht mehr für die Empfindlichkeit des Herrn von Prosny verantwortlich ſeyn; was geſchehen iſt, iſt allerdings ſehr unangenehm, aber er befindet ſich nun wieder wohl. Deſto ſchlimmer für ihn, wenn er nicht will, daß man ihm aus ſeiner traurigen Lage heraushilft; Sie können nicht ihr ganzes Leben damit hinbringen, verloren gegangenes Vermögen wiederherzuſtellen. Sie ſind jung, Sie ſind ſchön, neh⸗ men Sie das Leben an, wie es ſich Ihnen bietet, voll von Freuden und Triumphen; werfen Sie einen Schleier zwiſchen die Zukunft, die ſich ſo lachend vor Ihnen öff⸗ net, und eine Vergangenheit, die Ihnen nie angehört hat; kehren Sie zu Ihrer Heiterkeit, zu Ihren Plänen, zu Ihrer Sorgloſigkeit zurück.“ Ja, gewiß, wenn ſie hätte Herrn Simon einer ſol⸗ chen Sprache fähig halten köngen, ſie würde ſich empört, ſie würde ihre ganze Willenskraft in ſich gefunden haben, ihrem Vormund zu widerſtehen. Aber ſie konnte keine 205 ſolche Rathſchläge vorherſehen. Von der Welt getrennt und jeder Zärtlichkeit beraubt zu leben, das war der Gedanke und beinahe auch der Entſchluß, den Sabine in ihrem einſamen Schmerz hegte. Wie hätte ſie an ihre Liebe denken ſollen? Sie konnte es nicht, um ſich Hoffnung zu gewähren, da ſie auf alles Glück Verzicht geleiſtet hatte; ſie konnte es nicht, um ſie zu beklagen, denn ſie war auf einem ſolchen Punkte der Selbſtbemit⸗ leidung angelangt, daß ſie ſich dieſes Leidens nicht wür⸗ dig erachtete. Und ſodann— liebte ſie Silveſtre in die⸗ ſem Augenblick? Dieſer Mann, den ſie mit Freuden in ihrem Herzen gewiegt hatte, als ein duldendes, unglück⸗ liches, verlaſſenes Weſen, deſſen Aſyl, deſſen Stütze, deſſen Schutzengel ſie ſeyn konnte, hatte dieſer Mann nicht ſo eben dieſen Traum zertrümmert? Hatte er ſich nicht auf ihre Höhe emporgeſchwungen? War er nicht ſo ſtark, wie ſie? Zu ſeinem Unglück war er es nicht mehr. Hätte Prosny beim letzten Zuſammentreffen ſeiner Seele mit der Sabinens ſie völlig beleidigt und mit Geringſchätzung behandelt, hätte er ſie mit dem Ausbruche ſeines Zornes und aller ſeiner widrigen Empfindungen niedergetreten, ſo hätte Sabine vielleicht zitternd und gebrochen in ſich den Schrei ihrer gebrochenen und bſiegten Liebe gefühlt, denn die Liebe hat nur zwei Plätze in dieſer Welt, den des Tyrannen oder den des Sklaven. Eine Liebe, welche im gleichmäßigen Einklang des Willens beider Theile zu leben beabſichtigt, beſteht nicht. Man tänſcht ſich nur ſehr oft in dem Glücke, das man im Gehorchen findet, indem man es für Freiheit nimmt; aber dies war nicht geſchehen; und hätte man gerade in dem Augenblick, von dem wir ſprechen, in Sabinens Herz dringen kön⸗ nen, ſo würde man vielleicht keinen Schlag der Liebe darin gefühlt haben. Man hätte einen Zuſtand in ihr gefunden, wie das Leben in dem Körper Silveſtre's eine Stunde zuvor war, auf dem Wege, für immer zu ent⸗ 206 fliehen, auf dem Wege, zurückzukehren, ſollte Hülfe er⸗ ſcheinen, es zurückzurufen. Sabine blieb in ihre Gedanken verſunken, ohne ſich über das Schickſal Silveſtre's zu beunruhigen, als hätte ihr ein fremder Geiſt das Gefühl eingeflößt, er lebe, weil ſie lebte. In dieſem Augenblicke trat Madame Si⸗ mon in Sabinens Zimmer und ſchien ſehr erſtaunt, ſie ſo ruhig zu finden, und ſie mit ſo ruhigem T Tone, wenn auch raſch, fragen zu hören: „Run wie geht es Herrn von Prosny?“ „Sein Leben iſt nicht außer Gefahr,“ ſagte Ma⸗ dame Simon, verwundet durch Sabinens Kälte:„man hat ihn in das Kabinet von Herrn Simon gebracht, der die vucht bei ihm zubringen will, denn mein Mann iſt in Verzweiflung über dieſen Vorfall.“ Sabine antwortete nichts, und Madame Simon, die mit dem Vorſatze eingetreten war, dieſe Seele zu ſchonen, die ſie für ſo unglücklich hielt, fügte, immer mehr verwundet durch die ſcheinbare Unempfindlichkeit, bei: „Ja, mein Mann iſt in Verzweiflung darüber, daß er Dich dieſe Handlung hat begehen laſſen, die er ver⸗ hindern konnte.“ Sabine empfing die Lektion mit derſelben ruhigen Miene, womit ſie den Einkritt von Madame Simon aufgenommen hatte, und antwortete traurig, aber ſanft: „Ich weiß, daß ich einen großen Fehler begangen habe. Gott wolle,“ fügte ſie bei, die Augen mit einem glühenden Gebete gen Himmel aufſchlagend⸗„Gott wolle, daß es kein Verbrechen ſeyn möge. Aber ich ſehe, Nie⸗ mand kann gänzlich das Erbe des Böſen verläugnen, das ihm vermacht worden iſt. Ich mußte für Herrn von Prosny Unheil bringend ſeyn, wie es die Meinigen geweſen ſind. Gott weiß, daß ich es nicht gewollt habe; Gott weiß, daß ich ihn aufrichtig ſchätzte; Gott weiß, daß ich einen Aetit gezögert habe, zu thun, was ich that... „Du haſt alſo vorhergeſehen, was ſich ereignen . 207 konnte,“ ſagte Madame Simon, welchs die Tiefe eines Gewiſſensbiſſes zu ahnen begann, der ſich ſo wenig kund gab;„ſahſt Du es vorher, warum haſt Du uns Deine Befürchtungen nicht mitgetheilt? Warum haſt Du es gethan?“ 3 „Warum ich es gethan habe?“ rief Sabine plötzlich. „Ohi an dieſem Tage war ich wahnſinnig!.. Ich mißkannte ihn. Ich.. Ihre Liebe war im Begriff zurückzukehren. „Aber was ſoll denn das bedeuten?“ entgegnete Madame Simon, beunruhigt über dieſen jähen Ausbruch. „Nichts, nichts,“ ſagte Sabine, indem ſie kraftlos auf den Stuhl fiel, den ſie einen Augenbli zuvor ſo ruhig genommen hatte;„nichts Fragen Sie mich nicht; aber ich bin ſehr unglücklich!“ Diesmal weinte ſie. Madame Simon glaubte die Thränen Sabinens zu verſtehen, doch ſie legte einen ſo hohen Werth auf den Sinn, den ſie zu errathen glaubte, daß ſie vollſtändige Gewißheit zu haben begehrte. „Ja,““ ſprach ſie,„ich fühle, daß Du unglücklich ſeyn mußt; Du hatteſt auf die Sendung dieſes Geldes die Hoffnung gegründet, Unbilde gut zu machen, die nicht die Deinigen ſind, und bei jedem Andern, als bei Herrn von Prosny würde es Dir wahrſcheinlich gelungen ſeyn. Aber(und während ſie dies ſagte, forſchte ſie ſorgfältig im Geſichte ihrer Mündel), aber es liegt in Silveſtre's k eine Hoheit, eine Würde, die Du nicht begriffen a „Allerdings,“ verſetzte Sabine traurig. „Das kommt davon her,“ ſprach Madame Simon, Sabinen ſanft die Angen trocknend,„daß Ihr jungen Köpfe Euch einbildet, Größe und Muth finde ſich nur in den Handlungen, welche die Blicke und den Beifall der Welt auf ſich ziehen. Herr von Prosny hat in dem Kampfe, den er ſeit acht Tagen aushält, ſich vielleicht 208 mehr angeſtrengt, als für ihn nothwendig geweſen wäre, um es dahin zu bringen, ſich bemerkbar zu machen.“ Sabine hörte ihre Vormünderin nur halb, von Allem, was Madame Simon ſagte, hatte ſie nur den allgemeinen Sinn aufgefaßt, der ſie belehrte, daß ſie Sil⸗ veſtre's Charakter nicht begriffen hatte. „Ich fühle allerdings,“ ſprach ſie,„daß ich ihn ver⸗ wundet, ich⸗ fühle, daß ich ihn nach dem Anſchein be⸗ handelt habe, der mich leicht täuſchen konnte.“ „Ah!“ ſagte Madame Simon, ſie mit ſanftem Spotte unterbrechend,„das iſt immer noch die Geſchichte von „ dieſen Schreibern, nicht wahr, von dieſen armen, lächer⸗ lichen, jungen Menſchen, die ſo wenig fähig ſind, das Leben au; eine erhabene Weiſe zu fühlen und zu be⸗ greifen?“ „Nein, meine Liebe, das iſt es nicht, gerade ſeit dem Tage, an dem ich mir die liebenswürdigen und gut⸗ müthigen Vorſtellungen von Herrn Simon zuzog, ſeit dieſem Tage, habe ich Herrn von Prosny näher betrach⸗ tet; ich habe ihn als einen Mann von höheren, von ausgezeichneten Eigenſchaften beurtheilt, und gerade weil ich bei ihm keine engherzigen Leidenſchaften, keine geiſtige Kleinlichkeit vermuthete, gerade weil ich an den Edelmuth ſeines Herzens glaubte und darauf baute, ſehen Sie mich in meinem Kummer ſo erſtaunt über die Heftigkeit, mit der er eine Wohlthat zurückgeſtoßen hat, die ich ſo un⸗ bemerkt als möglich zu erzeigen verſuchte... 3 „Du wunderſt Dich uber dieſen Schmerz, Sabihe? haſt Du keinen Verdacht, was denſelben veranlaſſen konnte?“ „Keinen,“ antwortete Sabine naiv. „Suche doch einmal,“ verſetzte die Vormünderin; „haſt Du Herrn von Prosny gegenüber gehandelt, wie Du bei jedem Manne gehandelt haben würdeſt?“ Sabine ſchlug die Augen nieder. „Gab es nicht einen Tag, an welchem Du zögerteſt, 209 ihm dieſes Geld zu ſchicken, weil Du bachteſt, Herr von Prosny ſey zu edel, um es anzunehmen?“ „So iſt es.“ „Iſt nicht ein anderer Tag erſchienen, wo Du, weil Du nach Deiner eigenen Arußerung wahnſinnig warſt, weil Du ihn mißkannteſt, den Entſchluß gefaßt haſt, die Handlung zu vollziehen, die Du am Abend vorher aus⸗ zuführen Anſtand nahmſt?“ „„Das iſt abermals wahr.“ „Nun wohl! warum dieſer plötzliche Entſchluß?“ Eine lebhafte Röthe ſtieg Sabinen in's Antlitz; doch die jungen Herzen, die die erſten Erſchütterungen der Liebe fühlen, werden ſo ſehr von den ſeltſamen Empfin⸗ dungen, von den verwirrten Gedanken erſchreckt, die ih⸗ nen dieſe erſten Schläge einflößen, daß ſie kein Geſtänd⸗ niß abzulegen wagen. Sabine erröthete und antwor⸗ tete nicht. Aber Madame Simon war feſt entſchloſſen, dieſes ſich in ſeinem Stillſchweigen verlierende Gemüth zur Sprache zu bringen, und ſie fuhr, Sabine an ſich zie⸗ hend, fort: „Nun wohl, mein Kind, irgend Etwas in Dir hat Dich bewogen, raſcher zu handeln, als Du vielleicht woll⸗ teſt; Du mußt folglich den Grimm, der Herrn von Prosny fortgeriſſen hat, begreifen und vergeben; einen Augenblick glaubteſt Du, er ſtehe über einer ſolchen Wohl⸗ that— wer weiß, welches Zartgefühl er ſeiner Seits bei Dir vorausſetzte? Dann biſt Du auf Dein erſtes Urtheil zurückgekommen,— wer weiß, mit welchem Ver⸗ druß er das, was er zuerſt über Dich ausſprach, wider⸗ rufen hat? Der Unwille, den Du gegen Silveſtre fühlteſt, fonnte er ſich nicht bei ihm bis zur Verzweiflung ſteigern?“ Sabine ſchaute ihre Vormünderin ſtaunend und voll Unruhe an, es kam ihr vor, als berührte ſie die ver⸗ borgenſte und empfindlichſte Stelle ihres Herzens, aber ohne daß ſie zu glauben wagte, es geſchehe abſichtlich. Frederie Soulie. Von Tag zu Tag. „ 21⁰ Madame Simon entgingen die Gefühle ihrer Mün⸗ del nicht, und ſie fügte mit ſeiſer aber eindringlicher Stimme bei: „War die Armuth nicht das einzige große Unglück von Herrn von Prosny, mußte es ihm unmöglich er⸗ ſcheinen, den einzigen unwillkührlichen Wunſch eines Herzens, den einzigen, der ihm Glück verheißen konnte, zu verwirklichen; war es endlich nicht ſein verlorenes Vermögen, was er heute beklagte, war es die Rube und die Reſignation in der beſcheidenen Laufbahn, zu der er ſich verdammt hatte, was ihm durch eine Leiden⸗ ſchaft entriſſen worden war, gegen die er vergebens kämpft, begreifſt Du, was dann für ihn das Almoſen werden mußte, das Du ihm zugeſchickt haſt? Welche Demüthigung.....“ „Aber ich begreife nicht,“ rief Sabine, Madame Simon lebhaft unkerbrechend,„ich kann Sie nicht be⸗ greifen; von was für einer Leidenſchaft ſprechen Sie? Welches mir unbekannte Gefühl konnte ich in ihm ver⸗ ten?“ „Sabine, Sabine,“ ſprach Madame Simon mit ſanftem Tone,„wenn Herr von Prosny Deinen Vater geſchmäht, ſein Andenken entehrt hätte; wenn Du, in den Augen der Welt, das Recht und die Verpflichtung hätteſt, ihn zu haſſen, und dennoch für ihn eine un⸗ begreifliche Nachſicht hegteſt, eine Vergebung ohne Mo⸗ tiv, ein unüberwindliches Verlangen; ihn glücklich zu ſehen, wenn Du fühlteſt, daß Du Alles im Herzen trageſt, was man hiezu bedarf, würdeſt Du Dich nicht ſchämen⸗ dieſe unwürdige Schwäche nicht überwinden zu können⸗ und wenn man Dich durch den Beweis eines verächtlichen Mitleids beleidigen würde,— ſollteſt Du Dich dann nicht erniedrigt fühlen, nicht in Verzweiflung gerathen?“ „Aber dies geſchähe, weil ich ihn liebte,“ erwiederte Sabine ganz beſtürzt, ganz zitternd und verwirrt, inmit⸗ ten aller der Gemüthsbewegungen, die in ihr kämpften⸗ „Nun denn, wenn er Dich liebte... it t 9 , 5 . „ —F W Sabine ſprang plötzlich auf, ſiel vor Madaute Si⸗ mon auf die Kniee, verbarg den Kopf in ihrem Schooß und rief: „Oh! meine Mutter, meine Mutter. ſagen Sie mir dies nicht!“ Zum erſten Male in ihrem Leben gab Sabine die⸗ ſen Namen ihrer Vormünderin, es hatte dieſe alſo eine große Freude dem unruhigen Herzen gebracht, daß ihr dieſes Wort auf die Lippen gekommen war, um der⸗ jenigen zu danken, welche ihr ein ſolches Glück bereitete. „Warum?“ ſprach Madame Simon mit ſanftem Tone;„warum willſt Du nicht, daß ich Dir dies ſage?“ Sabine richtete plötzlich den Kopf empor und ſchaute Madame Simon ſchlau an. Es lag eine ganze Geſchichte in dieſem Blick, eine von jenen Geſchichten, welche die Frauen ſo ausſprechen, und die die Frauen ällein zu leſen wiſſen. „Er iſt alſo gerettet?“ Sollte das nicht etwa heißen:„Sie hätten mir dieſe Hoffnung und dieſes Glück nicht in die Seele ge⸗ worfen, wenn ich däran hätte zweifeln müſſen.“ „Er kann es werden,“ entgegnete Madame Simon, „für Krankheiten, die aus der Verzweiflung entſprin⸗ gen, iſt die Frende das beſte Heilmittel. Könnte ich ihm von Dir ſagen, was Du über ihn geſprochen Haſt 3 „Oh nein, nein ich bitte Sie,“ rief Sabine. „Warum denn?“ „Er muß mehr thun, als mich lieben, er muß mir verzeihen;“ und dann fügte ſie leiſe und ganz traurig bei:„wer weiß, ob Sie ſich nicht getäuſcht haben?“ Madame Simon war im Begriff zu antworten, als ein Bedienter hereinſtürzte:— „Madame, Madame,“ rief er,„der Herr bittet Sie, zu ihm zu kommen.“ „Was iſt vorgefallen?“ 14* 212 „Es ſcheint mit Herrn Silveſtre ſehr ſchlimm zu ſtehen.“ Madame Simon lief weg; Sabine folgte ihr; ſie traten mit einander in das Kabinet, in das man Sil⸗ veſtre gelegt hatte. Er ſaß von zwei Bedienten gehal⸗ ten aufrecht in ſeinem Bette, und warf düſtere, unru⸗ hige Blicke um ſich her. „Warum hat man mich in dieſes Bett gelegt,“ ſprach er mit hell klingender Stimme.„Ich habe mein Haus Ich will dahin gehen.... Ich brauche Niemand. Ah! Sie ſind es, Madame?“ ſagte er, Madame Simon erblickend.„Ich fühle heſtiges Kopfweh, und das Herz brennt mir. Ich grüße Sie, mein Fräulein,“ fügte er, ſich an Sabine wendend, bei:„das iſt gut; ich erwar⸗ tete Sie.“ Er war in jenes Delirium verſunken, das nur wirk⸗ lich vorhandene, wahre Gegenſtände berührt, jedoch ohne genaues Bewußtſeyn. „Geben Sie mir meinen Rock,“ ſprach er plötzlich zu einem Bedienten,„da, da iſt er....“ Madame Simon gab einem Bedienten einen Wink, zu gehorchen, dieſer legte den Rock in Silveſtre's Hände. Silveſtre durchſüchte die Seitentaſchen, zog die zwanzig Billets hervor, die ihm die Tante zugeſtellt hatte, und reichte ſie mit einer heftigen Geberde Sabinen. „Hier ſind Ihre zwanzigtauſend!... Nein, Ihre hunderttauſend!.... Er murmelte ganz leiſe vor ſich hin: 4 „Zwanzigtauſend!... Hunderttauſend!.. Dann nahm er die Paquets und fing an zu zählen. „Es ſind zwanzigtauſend Franken! ſo iſt es!.. In dieſem Augenblick verwirrte ſich ſein Auge, ein Nervenzittern bemächtigte ſich ſeiner, und er ſprach zu Madame Simon: 3 „Begreifen Sie, meine Tante, dieſes Fräulein Durand?“. 213 Er erkannte die Menſchen nicht mehr, mit denen er ſprach. „Begreifen Sie, daß ſie hunderttauſend Franken durch ihren Geliebten, den Marquis von Belleſtar, von mir fordern läßt.“ „Ihrem Geliebten!“ ſagte Madame Simon, ganz vergeſſend, daß ſie mit einem Irren ſprach. „Bah! Sie liebt ihn! ſie heirathet ihn!“ Er hielt inne und fing an zu lachen.— „Sie wiſſen nicht, ich werde bei ihrer Hochzeit tan⸗ zen, als Leichnam.... Ja, ich werde zurückfehren, um zu tanzen.. das wird ihr vielleicht Furcht einjagen.“ Sein Geſicht wurde immer düſterer und er fuhr fort: „Nun wohl! deſto beſſer, meine Tante, deſto beſſer⸗ wenn ich todt ſeyn werde. Sie haben jetzt Mittel, zu leben, Sie haben ihnen den Reſt von den hunderttau⸗ ſend Franken genommen, Sie haben wohl daran gethan.“ Er ſchüttelte ſich heftig in ſeinem Bette und rief: „Mein Gott, mein Gott, was war ich doch albern mit meinen Bedenklichkeiten... Sie haben das Geld das iſt gut. Ich werde ihr nichts davon agen.“ Er reichte Madame Simon die Hand und ſagte in ſehr thränenreichem Tone: „Nein, ich ſchwöre es Ihnen, ich ſage ihr nichts davon;. aber ich flehe Sie an, ſagen ſie ihr nicht, daß ich ſie liebe. Ich bitte Sie, ſagen Sie ihr nichts davon... Das iſt ſchlimm, das iſt feig, das iſt ehrlos, nicht wahr?.. Doch halt, ſehen Sie, ich bin ganz voll Blut.. Sie hat mich tödten wollen ſie hat mir einen Meſſerſtich gegeben, hier. Ich habe gefühlt, daß ſie umbrachte... Nun wohl! gleichviel. gleich⸗ viel...“ 5 Nun wandten ſich ſeine Angen gegen Sabine, die mit tief erſchüttertem Gemüthe ſich ihm näherte; er ſchaute ſie kalt an und ſagte in verächtlichem Tone: 7 214 „Sie ſind Fräulein Durand? Aber kehren Sie doch zu Ihrem Herrn von Belleſtar zurück.“ Nach dieſen Worten ſchloß er die Augen und ſchien in ein Nachdenken verſunken, das einige Minuten dauerte, dann öffnete er ſie wieder, ſchaute um ſich her, und hef⸗ tete endlich ſeine Blicke auf Herrn Simon: „Ah, ich treffe Sie, deſto beſſer, ich habe meinen Vater geſehen, und ihm Alles geſagt er billigt mei⸗ nen Vorſatz, er ſagte, ich thue wohl daran, mit ihm und meiner Mutter zurückzukommen... Sie müſſen mir nicht grollen, weil ich von Ihnen ſcheide... Es geſchieht nur, um mit meinem Vater zu gehen. Er iſt nicht rei⸗ cher, als früher, und ich habe ihn lange vernachläßigt.“ „Aber wo iſt denn Ihr Vater,“ fragte Herr Simon, in der Hoffnung, dieſen Gedanken, der ſich zu verwirren im Begriff war, in das Geleiſe zurückzuführen. „Aber Sie wiſſen wohl, wo er iſt,... es ſcheint mir auch, daß ich es ſo eben wußte...“ Silveſtre ſchien abermals in Nachdenken zu verſin⸗ ken, ſeine Augen ſchloſſen ſich nach und nach, ein beinabe Lächeln umſpielte ſeine Lippen und er flüſterte anft: „Ja ja ich weiß wohl, wo er iſt, er ruft mich, ich komme, ich komme.. er öffnet mir....“ Bei dem' letzten Worte ſtieß er einen furchtbaren Schrei aus und warf ſich auf ſein Lager zurück: „Nein nein das iſt der Tod rieß „ nein, ich kann jetzt nicht mehr ſterben, ich muß leben, ich muß noch arbeiten, mein Vater; Ihre Schwe⸗ ſter hat mir das Geld dieſer Frau geſtohlen, ich muß es wieder erringen. Ich werde mich beeilen... halt... hali Dann drang ein gewaltiges Schluchzen aus der Bruſt hervor, während er zuweilen in völligem Irrſinn laut aufſchrie. Endlich hielt er plötzlich inne, ſchaute Herrn Simon feſt an, und ſprach, als wäre jetzt die ganze Vernunft zurückgekehrt: — 215 „Konnten Sie denken, ich würde zu ſolch' einem Elend herabſinken, daß es mir nicht einmal geſtattet ſeyn ſollte, zu ſterben„. 7 Denn,“ fügte er kräftig bei, „ich will nicht ſterben, ehe ich gegen Sie Alle meine Schuld abgetragen habe.“ Sabine glaubte zu begreifen, Silveſtre's Delirium habe aufgehört; von dem Eindruck der letzten Worte ihrer Vormünderin beherrſcht, trat ſie ganz nahe zu dem Kran⸗ ken, ergriff ſeine Hand und ſprach mit bezauberndem Tone: „Ich will Ihnen ein Mittel ſagen, wie Sie Ihre Schuld gegen uns abtragen, und uns zugleich von unſerer Schuld gegen Sie frei machen können.“ Silveſtre ſchaute ſie mit furchtſamer, erſtaunter Miene an.. „Und worin beſteht dieſes Mittel, mein Fräulein?“ ſprach er. „Vergeſſen Sie das Vergangene, um es uns ver⸗ geſſen zu laſſen, fürchten Sie ſich nicht, Menſchen zu lieben, die Sie lieben.“ Silveſtre, der Sabinen's Hand hielt, zog ſie lebhaft an ſich, als wollte er ſie beſſer ſehen, und wiederholte: „Die Menſchen, die mich lieben... wer denn?“ „Mein Vormund, Madame Simon... und auch ich.“ „Sie,“ tief er mit einem Ausbruch höchſter Wonne. Dann ſtieß er Sabine plötzlich wieder von ſich und ſprach: „Nehmt mir dieſes Bett weg ich will aufſtehen Gs bilden ſich Träume in mir, die mich tödten.. Ich will nicht mehr ſchlafen. Laßt mich aufſtehen ſch leide zu ſehr... Oh! mein Gott!“ rief er, völlig fraſtlos zurückſinkend,„ich habe Unrecht, Deine Engel haben ihre Stimme angenommen, um mich zu tröſten, denn ich liebe ſie, ich liebe ſie. Dieſes unabläſſig wiederholte Wort verlor ſich endlich in ein dumpfes Gemurmel und unter reichlichen Thränen. Dann kam der Schlaf.. Er hatte auch geweint.... er war gerettet.. 216 Den 2. Januar 1844. Das Jahr hatte für Niemand freudig begonnen. Herr von Belleſtar hatte ſich ſehr unzufrieden von der Scene zurückgezogen, deren Zeuge er geweſen war; die letzten Worte von Fräulein Durand hatten ſeinen Geiſt in peinliche Unruhe verſetzt; ſeine Eitelkeit war dadurch verletzt, daß ein Unglück, ſo groß es auch ſeyn mochte, Sabinens Aufmerkſamkeit mehr hatte in Anſpruch neh⸗ men können, als ſeine Gegenwart. Aber der Aerger über eine ſolche Verletzung ſeiner Perſönlichkeit raubte ihm den Schlaf nicht: man iſt nicht umſonſt wie ein Herfules gebaut. Der Schlaf iſt ein weſentliches Be⸗ dürfniß für ſolche plumpe Naturen, nur die hinfälligen Weſen, nur diejenigen, welche immer bereit ſcheinen, das Leben zu verlaſſen, beſitzen die Kraft, es beinahe doppelt durchzumachen, nämlich durch ihre Schlafloſigkeit, durch ihr beſtändiges Wachen. Nachdem Herr von Belleſtar ruhig geſchlummert hatte, wachte er in derſelben Stimmung wieder auf, in der er eingeſchlafen war, das heißt, ſehr verdrießlich, ſehr übel gelaunt. Unſer Marquis war von der Be⸗ ſchaffenheit jenes Gasconiers, der mitten aus dem tiefſten Schlafe durch das Schreien ſeines Bedienten aufgeweckt wird: „Herr, Herr, Ihr Vater iſt geſtorben!“ Der Gaschnier öffnet die Hälfte eines Auges, dreht ſich um und antwortet, indem er den Kopf wieder auf das Kiſſen legt und abermals einſchläft: „Ah! mein Gott! mein Gotti wie werde ich morgen frühe traurig ſeyn!“ Wahrſcheinlich hatte ſich Herr von Belleſtar geſagt⸗ „Ich werde morgen varan denken, mir verſtändlich zu machen, was dieſen Abend vorgefallen iſt.“ Man darf indeſſen den Marquis nicht ſchmähen, daß er nicht ſogleich den wahren Sinn der Antwort Sabinen's zu begreifen geſucht harte, denn er begriff durchaus auch nichts davon, nachdem er geſtern beinahe den ganzen Morgen darüber ſtudirt hatte. Betrachtete er Fräulein Sabine, ſo regte ſich wohl in ihm der Gedanke, ſie liebe ihn nicht, betrachtete er aber ſich ſelbſt, ſo kam er als⸗ bald wieder von dieſer tollen, unvernünftigen Meinung zurück. „Es hieße doch die Beſcheidenheit, ich möchte ſagen, die Verblendung, zu weit treiben,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wollte ich mir nicht zugeſtehen, daß dieſe Heirath alle Hoffnungen um ein Bedeutendes überſchreitet, die dieſe junge Perſon ſich machen konnte, denn ein Name und ein Vermögen, wie ich es ihr zubringe, wären für einen ſchlecht gebauten, häßlichen, dummen Freier hin⸗ reichend geweſen, und in Wahrheit, es ſcheint mir... Der Reſt dieſer Reflerionen endigte ſich in einem anmuthreichen Lächeln, das Herr von Belleſtar an ſich ſelbſt in dem Spiegel richtete, vor dem er ſich von ſeinem Kammerdiener friſiren ließ; die ganze Debatte, welche den Morgen des Herrn Marquis füllte, bewegte ſich in den Gränzen der entſchieden ausgeſprochenen Mei⸗ nung, es ſey aus tauſend Gründen unmöglich, daß er nicht geliebt werde. In dieſer Beziehung vollkommen überzeugt, jedoch von einer Unruhe verfolgt, die ſtärker war, als ſein Wille, fuhr Herr von Belleſtar ziemlich frühzeitig aus, um ſich zu Herrn Simon zu begeben. Aber auch dies⸗ mal fügte es ein beſonderer Zufall, daß er bei ſeinem Bijoutier etwas zu thun hatte, und er trat beinahe in demſelben Augenblick mit einer Dame und einem jungen Fräulein ein, die aus einem ziemlich hübſchen Wagen ausgeſtiegen waren. Der Marquis betrachtete Beide mit prüfendem Auge und glaubte ſie zu erkennen. Die Art, wie die Jüngere ihre Augen niederſchlug, als er ſie ſo anſchaute, gewährte ihm die Ueberzeugung, daß er ſich nicht täuſchte; er begrüßte die Damen und forderte von Herrn Levnard die Gegenſtände, die er zu kaufen beab⸗ ſichtigte. „Mein Herr Marquis, wollen Sie ſich gefälligſt 218 ſetzen,“ ſagte Herr Leonard,„man wird Ihnen die ver⸗ ſchiedenen Schmuckſachen zuſtellen, die Sie befohlen haben. Erlauben Sie mir, daß ich mich zuerſt nach den Wünſchen dieſer Damen erkundige.“ Der Juwelier wandte ſich gegen die Jüngere um und ſprach: „Womit kann ich heute aufwarten?“ „Nur mit ſehr wenig. Ich brauche einige Bijour von geringem Werthe, für die Leute, denen man nicht wohl Geld geben kann.“ Herr Leonard kramte vor den Damen Alles aus, was ſich Klägliches in ſeinem Magazine vorfand. Das junge Fräulein und die alte Dame wählten einige werth⸗ loſe Eerins, und ſagten ganz laut, indem ſie aufſtanden: „Schicken Sie Alles in das Hotel.“ Seit ein paar Augenblicken ſprach das Fräulein leiſe, aber ſehr lebhaft. „Das iſt eine Kinderei, Aurelie,“ ſagte die alte Dame. „Nein, Mamma,“ antwortete das Fräulein,„es ſollte mich freuen, wenn Du ſehen würdeſt, wie wun⸗ derbar ſchön das iſt.“ „Was meinen Sie?“ fragte Herr Leonard, der mit dem Eifer eines Kaufmanns näher hinzutrat, welcher ſich einbildet, er höre den hohen Werth und die Selten⸗ heit eines Gegenſtandes rühmen, der ihm gehört.„Was meinen Sie?“ wiederholte der Bijoutier mit ſeinem an⸗ muthigſten Lächeln.. „Oh, mein Gott!“ antwortete das Fräulein, in⸗ dem ſie laut genug ſprach, um von Herrn von Belleſtar verſtanden zu werden, und leiſe genug, um glanben zu machen, ſie wolle nicht, daß man ſie verſtehe;„oh, mein Gott! ich wollte Sie bitten, Mamma die prächtigen Juwelen zu zeigen, welche Fräulein Durand bei Ihnen hinterlegt hat.“ Der Bijoutier ließ dieſe Gelegenheit nicht vorüber⸗ gehen, ohne mit einem neuen, äußerſt ſchlauen Lächeln und mit einem Worte zu antworten, das er für ganz beſonders glücklich getroffen hielt. Sich gegen Herrn von Belleſtar wendend, ſagte er: „Ach! meine Damen, um Ihre Neugierde zu be⸗ friedigen, müſſen Sie ſich jetzt an Herrn von Belleſtar adreſſiren.“ Das Fräulein ſenkte den Kopf in höchſter Verwir⸗ rung, die Mutter entſchuldigte ſich, und Beide verließen ſogleich das Magazin, während Herr von Belleſtar in größtem Erſtaunen darüber zurückblieb, daß ein Geheim⸗ niß, welches er zwiſchen ſeiner Perſon, Sabine, Herrn und Madame Simon bewahrt glaubte, dieſer jungen Dame bekannt war⸗ „Wer ſind dieſe Damen?“ fragte er den Bijoutier, ſobald ſie ſich entfernt hatten. Dieſer ſuchte im Geſichte des Marquis die Antwort zu leſen, die er ihm geben ſollte; Herr von Belleſtar ſchaute aufmerkſam durch die Fenſter des Magazins dem Wagen nach, der ſpeben abfuhr, und ſagte, mit Ver⸗ achtung im Ausdrucke ſeines Geſichts: „Das iſt ein Miethwagen. Durch dieſes Wort war die Antwort dem Bijoutier diktirt, der, mit der Unterlippe Geringſchätzung andeutend, näher trat: „Ohne Zweifel ein monatweiſe gemietheter Wagen, obgleich dieſe Damen ein Hotel beſitzen, wo ich, ſoviel ich mich erinnere, Pferde im Stalle geſehen habe.“ „Und ſie heißen.“ VPon „Ich kenne dieſen Namen, er gehört einer vortreff⸗ lichen Familie. Und Sie bedienen dieſe Damen ſeit län⸗ gerer Zeit?“ „Kaum ſeit ein paar Tagen.“ „Und ſie kennen Fräulein Durand 2 „Sie hat ſie an mich adreſſirt; es ſcheint, Fränlein Aurelie von S... fügte er mit unverkennbarer Abſicht 220 bei,„iſt die beſte Freundin von Fräulein Durand und die Vertraute ihrer geheimſten Gedanken.“ „Ich erinnere mich nun ganz wohl, wo ich dieſe junge Dame geſehen habe,“ rief Herr von Belleſtar, den Kopf aufſetzend, wie ein ſchönes Vollblutpferd. „Nicht wahr,“ ſprach Herr Levnard mit einſchmei⸗ chelndem Tone,„bei einer Abendunterhaltung bei Herrn Simon?“ „Ja, ja,“ erwiederte Herr von Belleſtar, ſich gleich⸗ ſam vor ſein eigenes Angeſicht ſtellend und ohne Zweifel einer ſüßen Erinnerung zulächelnd,„ja........ und ich habe ſie auch bemerkt.“ Setzt an die Stelle obiger Punkte:„Ich glaube, daß ſie mich bemerkt hat,“ und Ihr habt den Anfang von dem Satze des Herrn von Belleſtar, den Anfang, den er nicht ausſprach, welcher jedoch das von ihm laut ausgeſprochene Ende:„Ich habe ſie auch bemerkt,“ be⸗ herrſchte. „Sie iſt ſehr ſchön und anmuthig,“ fügte der Marquis bei,„und obgleich wir nicht zuſammen geplandert haben, ſo glaube ich doch, daß ſie Geiſt beſitzt.“ „Viel Geiſt,“ ſagte der Juwelier, mit einem Tone und einem Blicke, worin eine Welt von Geheimniſſen enthalten war. „Das iſt doch ganz ſeltſam,“ fuhr der Marquis nach einem Augenblick der Ueberlegung fort,„daß ſie, nach⸗ dem ſie mich erkannt, und daran kann ich gar nicht zwei⸗ feln, vor mir von dieſen Juwelen geſprochen hat.“ „Ah! ah! ah!“ rief der Bijoutier, während er die Schmuckkäſtchen zuſammenraffte, und wieder in ihren Be⸗ hälter legte;„ah! ah!“ Alle dieſe ah! waren dick voll von Geheimniſſen. „Aber was ſoll denn das?“ ſprach Herr von Belle⸗ ſtar,„was wollen Sie denn damit ſagen?“ „Oh! ich bitte Sie, glauben Sie, daß Alles nur eine Vermuthung von meiner Seite iſt; indeſſen dürfte man nicht darüber ſtaunen.“ 221 „Aber noch einmal, was wollen Sie denn?“ „Oh, mein Gott! nichts, was ich Ihnen ſagen fönnte. Aber habe ich denn nicht mein ganzes Leben mit den ausgezeichnetſten Menſchen gelebt, um mich ein wenig auf das Herz der Männer und... der Frauen zu verſtehen,“ fügte er mit ſchlauer Miene bei. „Was meinen Sie damit? Sprechen Sie unumwun⸗ den,“ ſagte der Marquis ſich anmuthig hin und her wiegend,„Herr Leonard macht Studien über das menſch⸗ liche Herz?“ „Zuwellen,“ verſetzte der Juwelier ſelbſtzufrieden, „und ich wollte wetten, daß ich in dieſem Falle das Wahre getroffen habe.“ Und ein Blick voll achtungsvoller Schlauheit be⸗ gleitete abermals dieſe Phraſe. „Aber ſagen Sie mir doch endlich, wie ich dies verſtehen ſoll,“ fragte Herr von Belleſtar mit einem von den weit aufgeſperrten Geſichtern, welche bereit ſind, in ihrer Mitte ein ungeheneres Kompliment zu empfangen. „Warum ſoll ich es Ihnen ſagen, mein Herr Mar⸗ guis? Sie müſſen an dergleichen Dinge gewöhnt ſeyn!“ „In der That, mein Lieber, ich begreife Sie durch⸗ aus nicht.“ „Nun wohl,“ verſetzte der Juwelier, indem er die Worte gleichſam vom Ende ſeiner Lippen zwickte,„die Freundſchaft von Fräulein Aurelie von S.... für Fräu⸗ lein Sabine Durand hat ſehr unangenehme Folgen von dieſem Zuſammentreffen bei Herrn Simon erlitten.“ „Wie das, wie das?“ rief der Marquis, der durch⸗ aus wollte, daß man ihm die Mittheilung des Geheim⸗ niſſes geradezu auf den Leib ſchlendere. „Wie?“ verſetzte Herr Leonard, die Augen weit auf⸗ reißend,„nun weil keine Freundſchaft ſo mächtig iſt, daß ſie nicht mit ſchmerzlichem Bedauern an einen Anderen das Glück übergehen ſieht, das man ſo gerne für ſich ſelbſt behalten hätte.“ Herr Leonard wandte ſich um, nachdem er dieſe La⸗ 222 dung unerſchrocken abgefeuert hatte, die der Marquis empfing, ohne einen Schritt zurück zu weichen. Indeſſen verharrte Herr von Belleſtar beinahe eine Minute, ohne zu antworten, und ließ nur ein frendiges Kichern ver⸗ nehmen; ohne Zweifel ſagte er ſich ganz leiſe, was er von ſeinem perſönlichen Verdienſte dachte, und dieſen ſtummen Monolog vollendete er ganz laut mit den Worten: „Nun ja, ich bin allerdings eineziemlich gute Partie.“ Ein Commis brachte die von Herrn von Belleſtar erwarteten Gegenſtände, ſo daß dieſer nichts mehr in dem Magazin zu thun hatte. Doch er verließ daſſelbe nicht, und kanm mit der Fingerſpitze die vor ihm aus⸗ gebreiteten Juwelen berührend, und ſie, wie ein Menſch, der an etwas ganz Anderes denkt, als an das, was er thut, ſymmetriſch ordnend, fuhr er fort:— „Aber wer Teufels hat Ihnen alles dies geſagt?“ Bei dieſer Frage wurde das Geſicht des Juweliers ernſter, und in ſeiner Miene ſtand die Verlegenheit dent⸗ lich geſchrieben. Vielleicht wurde er zu ſpät gewahr, daß das Verlangen, ſeinem vornehmen und reichen Kunden zu ſchmeicheln, ihn zu weit fortgeriſſen hatte. „Man hat mir nichts erzählt, mein Herr Marquis,“ erwiederte er, ſeine Sätze halb verſchluckend,„ich habe bemerkt... ich habe zu bemerken geglaubt... wenig⸗ ſtens habe ich auf dieſe Art gewiſſe Worte gedeutet.. Sie wiſſen ſo gut, wie ich, mein Herr Marquis, die Leidenſchaft iſt zuweilen ungerecht, aber es iſt unnöthig, daß Sie ſich mit allen dieſen Dingen beſchäftigen..“. „Ah! doch. was ſprechen Sie mir denn da von Leidenſchaft, von Ungerechtigkeit?.“. „Oh! es iſt nichts, durchaus nichts... Aber wie Sie ſo eben ſagten, Fräulein von Aurelie von S.. hat viel Geiſt, und vielleicht macht ſie zuweilen Miß⸗ brauch davon.“ „Ah!“ rief Herr von Belleſtar,„hieraus geht, trotz aller Ihrer Schlauheit, doch ſehr klar hervor, daß Fräu⸗ 223 lein von S... Ihnen etwas Unangenehmes gegen mich geſagt hat?“ „Gegen Sie? Nein, gewiß nicht!. und es ſcheint mir, daß das, was ich Ihnen von ihrem Schmerz das Glück von Fräulein Durand mitgetheilt „Alſo gegen dieſe hätte ſie Mißbrauch von ihrem Geiſte gemacht?“ „Ich ſage das nicht,“ erwiederte der Juwelier, wirflich ſehr verlegen;„ich bitte Sie, mich nicht länger über dieſen Gegenſtand zu befragen. Es iſt nur ein in der Aufwallung des Verdruſſes entſchlüpftes Wort, ein Wort, das ſich, ich bin es überzeugt, auf Nichts gründet.“ 2 „Aber was für ein Wort iſt denn das?“ „Ich ſlehe Sie an, es mir nicht abzuverlangen. Ich verabſchene alles Gerede, und gebe nie dazu An⸗ iaß. Oft höre ich hier Dinge ſagen, die man nicht ſagen ſollte, und ich werde mich wohl hüten, ſie den Menſchen zu wiederholen, die ſich dadurch verletzt fühlen könnten.“ „Alſo kann mich verletzen, was Fräulein von S.. geſagt hat?“ ſprach der Marquis, dem es trotz ſeiner Albernheit nicht an einem gewiſſen Fnſtinkt gebrach, mit⸗ telſt deſſen er die Dinge zu entdecken wußte, die ſein Intereſſe berührten. „Mißbrauchen Sie,“ antwortete Herr Leonard, „mißbrauchen Sie nicht ein Wort, das Sie im Vor⸗ übergehen aufgefangen haben, und das ich nicht ge⸗ ſagt zu haben wünſchte, um mich zu nöthigen, Ihnen ein Geſchwätze mitzutheilen, an das ich nicht glaube, das nicht wahr ſeyn wird, und das in Ihrem Innern ein Unrecht gegen eine Perſon zur Folge haben könnte, die ich liebe.“ Herr Leonard war einer von den unerſchütterlichen Schwätzern, die ſich immer das Anſehen geben, als wollten ſie etwas verbergen, was ſie auf der Zunge 224 brennt, und es gerade ſo machen, wie das Mädchen Virgils, das ſeinem Geliebten einen Apfel zuwirft, nach dem Weidengebüſche läuft, und doch geſehen zu werden wünſcht. Fügte er abſichtlich jedem Satze ſener Pro⸗ teſtativn über das Verlangen, ſein Geheimniß zu bewah⸗ ren, ein kleines Phraſen-Ende bei, das jedesmal ein kleines Geheimniß⸗Ende durchblicken ließ? Oder, war er ganz einfach einer von den ungeſchickten Schwätzern, denen Alles entfährt, trotz ihrem aufrichtigen Verlan⸗ gen, nichts zu ſagen? Es iſt ganz gleichgültig, denn das Reſultat war daſſelbe. So wußte der Marquis bereits von einem ihn berührenden Gerede, als deſſen Quelle man ihm Fräulein von S... bezeichnet hatte; er wußte, daß dieſes Gerede ihn verletze, und daß es Jemand ſchädlich werden könnte; unter dem Jemand kieß ſich nur Sabine verſtehen; dieſes Gerede konnte nur ſeine Hei⸗ rath betreffen. Bei dieſem Punkte angelangt, verän⸗ derte Herr von Belleſtar völlig ſeinen Ton und ſagte zu dem Juwelier: „Sie wiſſen, Herr Leonard, auf welche Weiſe das Geheimniß meiner Verheirathung mit Fräulein Durand wider meinen Willen in Ihre Hände gekommen iſt. Es ſagt mir nicht zu, mich mit irgend Jemand in Erörte⸗, rungen über die Beweggründe einzulaſſen, die mich zu dieſer Verbindung beſtimmen konnten, aber es kann mir ſehr zuſagen, Alles zu erfahren, was mich hindern dürfte, dieſelbe zu vollziehen.“ „Ah!“ rief Herr Leonard, ganz erſchreckt und ver⸗ wirrt durch die Worte des Marquis;„ein Bruch wegen eines unüberlegten Wortes, ausgeſprochen von einer jungen Perſon, die vielleicht die ganze Bedentung deſ⸗ ſelben gaf nicht vorherſah.“ „Eh! mein Herr,“ rief der Marquis, diesmal et⸗ was Richtiges bemerkend;„es gibt keine wahrhaft auf⸗ richtigen Worte, deren Bedentung man nicht vorher⸗ ſieht. Ich will durchaus wiſſen, was Fränlein von S.. hier geſagt hat. Ich will es?“ 225 Der Bijoutier ſchlug die Augen nieder, aus Furcht, dem grimmigen Blicke ſeines edeln Kunden zu begegnen, und antwortete mit demüthiger Stimme, aber ent⸗ ſchloſſen: „Ich werde es Ihnen nicht ſagen, mein Herr Mar⸗ quis, ich muß es Ihnen nicht ſagen.“ „Es iſt genug, mein Hert,“ entgegnete der Mar⸗ quis, mit den Fingerſpitzen die vor ihn geſtellten Eerins zurückſtoßend,„Sie werden morgen meinem Intendanten Ihre Rechnung ſchicken.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt,“ verſetzte Herr Leo⸗ natd, in ſchmerzlich betrübtem Tone,„aber Sie müſſen meine Lage begreifen. Fräulein Durand iſt auch eine von meinen Kuͤnden, und ich kann mich dem nicht aus⸗ ſetzen Der Marquis war zu lebhaft von dem Wunſche beſeelt, zu erfahren, was man von ihm geſagt hatte, um nicht nach der geringſten Entſchuldigung zu greifen, die— ſein Lieferant gegen ihn vorzubringen wußte. Er ſprach deshalb mit beinahe freundſchaftlichem Tone: „Sie vergeſſen, Herr Levnard, wie viel, mir daran liegen muß, unterrichtet zu ſeyn; Sie vergeſſen überdies, daß Sie mit einem Manne ſprechen, der ein Geheimniß zu bewahren weiß.“ „Sie verſprechen mir, nicht wahr, was ich ſage, kommt nicht aus dieſem Magazin?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Sie verſprechen mir, kein größeres Gewicht darauf zu legen, als die tolle Vermuthung verdient, die ein junges auf das Glück, das einer von ihren Gefährtinnen widerfährt, eiferſüchtiges Mädchen aufſtellen kann?“. „Halten Sie mich für einen Thoren?“* „Sie verſprechen mir überdies, daß in Allem, was geſchehen dürfte, mein Name nie genannt werden ſoll?“ „Das braucht nicht erſt geſagt zu werden, mein Herr,“ erwiederte Herr von Belleſtar ungeduldig,„reden Sie.“ Frederie Soulis. Von Tag zu Tag. 1⁵ 226 „Nun wohl, es hat ſich Folgendes ereignet:“ Einmal entſchloſſen, zu ſprechen, glaubte der Ju⸗ welier die Anekdote mit allen Umſtänden erzählen zu müſſen, und er fing an: „Als Fräulein von S... zum erſtenmal bei mir er⸗ ſchien, kam ſie wie heute in Begleitung ihrer Mutter, die das Ausſehen einer ſehr guten Dame hat, welche ſich um nichts bekümmert, aber es war noch eine andere junge Perſon bei ihr, die ebenfalls eine Freundin von Fräulein Durand iſt; ſie ſptachen zuſammen, und es war von dem Anlehen, das man bei mir gemacht, und von den hinterlegten Juwelen die Rede. So wie Sie es ſelbſt in dieſem Augenblick geweſen ſind, ſo war anch ich ſehr erſtaunt, bemerken zu müſſen, daß eine Sache, die ich für geheim hielt, dieſem jungen Fräulein bekannt war; deshalb habe ich Ihnen vor wenigen Minuten ge⸗ ſagt, Fräulein von S... ſey die Vertraute der innerſten Gedanken von Fräulein Durand.“ „Nun wohl, mein Herr, ich ſehe, daß von dieſem Aulehen, von dieſen Juwelen die Rede war; aber welche Beziehung hat dies zu meiner Verheirathung?“ „Noch einmal wiederhole ich es, Herr Marquis, es iſt nur ein Wort des Verdruſſes, auf das Sie keine Rückſicht zu nehmen haben; doch die Freundin von Fräu⸗ lein von S.. ſchien gegen dieſe ganz leiſe einige Be⸗ merkungen zu machen, und das Fräulein antwortete laut genug, daß ich es hoͤren konnte: „„Ja, meine Liebe, ſie heirathet Herrn von Belleſtar mitt einer Leidenſchaft im Herzen...“ „„Bah!“ rief die andere junge Perſon. „„Ja, meine Liebe,“ erwiederte Fräulein von S... „„Sabine liebt Herrn von Prosny zum Raſendwerden.““ Herr von Belleſtar empfing dieſen Schlag mit ſo verwunderter Miene, daß der Juwelier ſich beinahe für genöthigt hielt, dieſes Gerede zu vertheidigen, wie es Fräulein von S. ſelbſt gethan hatte, indem er raſch beifügte: 4 — M — 227 „Und als die Gefährtin von Fräulein Aurelie dieſer ſagte, es wäre nicht möglich, ſo entgegnete „„Wenn Du daran zweifelſt, ſo werde ich Dir den Brief zeigen, worin ſie es mir unumwunden mitge⸗ theilt hat.““ 6 Unſere Leſer mögen ſich des berühmten Briefes er⸗ innern, der den Nachforſchungen meines Spions entgangen war, im Vertrauen will ich ihnen ſagen, dieſer iſt es. Es wäre eine ſchwierige Sache, ſich die Miene vor⸗ zuſtellen, mit der Herr von Belleſtar die unerhörte Offen⸗ barung des Bijoutier aufnahm, es wäre beinahe unmög⸗ lich, ſich ein Bild von den blitzgeſchwinde auf einander folgenden Bewegungen in ſeinem Geſichte zu machen. Jetzt war es ein wüthender Ausdruck unter gerunzelter Stirne, dann ein vertrauensvoller und verächtlicher Aus⸗ druck mit einem ſtolzen Lächeln. Dieſe zwei Grimaſſen kamen und gingen auf dem Antlitz des Marquis, wie ſich zwei Eimer, je wenn die Reihe an dem einen oder dem andern iſt, an der Oberfläche eines Brunnen zeigen. „Sie liebt einen Andern!“(Finſterer Ausdruck.) „Unmöglich, ich habe ihr Geſtändniß!“(Beruhigter Ausdruck.) „Sie ſollte Herrn von Prosny lieben!“(Wüthende Miene.) „Sie hat Mitleid mit ihm, das iſt das Ganze!“ (Freundliche Miene.) „Aber was ſie mir geſtern geſagt hat:„Nun, nie! nie!“(Grimmige Phyſiognomie.) „Es iſt die Verzweiſtung ihrer unangenehmen Lage dieſem jungen Menſchen gegenüber.“(Väterliche und Beſchützer⸗Phyſiognomie.) „Aber was dieſes Fräulein geſagt hat!“(Wahre Wuth.) „Das Geſchwätze einer eiferſüchtigen Nebenbuhlerin!“ (Beſcheidenes Entzücken.) „Sollte man ſeinen Spott mit mir getrieben haben?“ Grauſames, drohendes Ausſehen.) 15* 228 „Ich bin der Marquis von Belleſtar!“ Ausſehen er⸗ habener Sicherheit.) „Ich werde die Wahrheit erfahren!“(Sorgliches Geſicht.) „Bis dahin wollen wir uns verſtellen!“(Gleichgül⸗ tigkeit, Verachtung, Spott, geckenhaftes Wiegen und Hohnlächeln.) Wir wollen dieſen dialogiſirten Monolog nicht fort⸗ ſetzen, den die letzten Worte des Herrn Leonard erzeugten, welcher mit den Augen den raſchen Veränderungen im Ge⸗ ſichte des Marquis folgte, bald mit ihm lächelnd, bald ſich verdüſternd, wenn der Marquis ſich verdüſterte; wenn Einer ſie geſehen haben würde, wie ſie ſo einander gegen⸗ überſtanden, kein Wort ſprachen,; und gegenſeitig Geſich⸗ ter ſchnitten, ſo hätte er glauben können, es wären zwei Mimen, welche eine Grimaſſen⸗Scene probirten. Endlich unterbrach der Marquis dieſes ermüdende Muskelnſpiel und ſagte zu dem Juwelier in ſeinem hoch⸗ müthigſten Tone: „Ganz gut, Herr Leonard, ich verſpreche Ihnen, daß Sie die Kundſchaft von Fräulein Durand nicht verlieren werden.“ Dies konnte einen verborgenen und ſehr geiſtreichen Sinn haben, aber wir überlaſſen unſerem Juwelier das Grſchäft der Enträthſelung und folgen Herrn von Belle⸗ ſtar, der, den Kopf von Stürmen angeſchwollen, wieder in ſeinen Wagen ſtieg. Doch mitten unter ſeinen Refleriv⸗ nen beherrſchten zwei Gedanken alles Uebrige. Der eine bezog ſich auf die hunderttauſend Franken, die er Herrn Leonard hatte geben müſſen, um aus ſeinen Händen die Juwelen Sabinens zurückzuziehen, und ſie an das be⸗ rühmte Bouquet zu befeſtigen, das als Krone bei dem Triumphe des Marquis am Namensfeſte ſeiner Zukünſti⸗ gen gedient hatte. Er rechnete allerdings, im Falle eines Bruches, auf Wiederbezahlung, aber er konnte nur mit Schmerz daran denken, daß er, wie man im gemeinen Loben ſagt, nichts zngebracht, und ohne Zweifet ſchliefen noch Beide, denn 229 Schwarz auf Weiß hatte, um ſeine Forderungen zu un⸗ terſtützen, und das wollte ihm eben gar nicht gefallen. Neben dieſem unangenehmen Gedanken ſtieg ein anderer, noch viel ärgerlicher auf, der indeſſen Herrn von Belleſtar durch die Hoffnung auf Rache gewiſſermaßen Troſt ver⸗ lieh. Es war die Erinnerung an die Art und Weiſe, wie Herr von Prosny mit ihm geſprochen hatte, und beſon⸗ ders die Erinnerung an die Worte, die er ihm in Be⸗ ziehung auf ſeinen blauen Rock geſagt hatte. Stoff genug, um von Silveſtre eine Erklärung zu fordern, nicht über die Liebe, die man für ihn hegte, was eine Albernheit ge⸗ weſen wäre, ſondern über die freche Ausforderung, die er ſich ohne allen Grund erlaubt hatte. Wäre Herr von Prosny ein Feigherziger(und in der Meinung des Herrn von Belleſtar machte ſeine Eigenſchaft als Sachwalters⸗Schreiber dieſe Vorausſetzung ſehr wahr⸗ ſcheinlich), ſo wollte er ihn zu Entſchuldigungen nöthigen, durch die er in den Angen von Fräulein Durand ſo er⸗ niedrigt, ſo entehrt erſcheinen würde, daß ſie ſich ihrer Liebe ſchämen müßte. Wäre er jedoch muthig genug, ſeine Ausforderung aufrecht zu erhalten, ſo erguickte ſich Herr von Belleſtar mit der Hoffnung auf ein Duell, und in dieſem Falle be⸗ trachtete er lächelnd ſeine mächtige Hand; er machte in der Luft den Stoß, den er ſeinem Feinde beibringen wollte, oder zielte durch die Glasſcheiben ſeines Wagens auf einen Vorübergehenden, und am Zielpunkte ſeiner Geberden ſah er immer Prosny auf der Erde ausgeſtreckt, ſterbend oder todt, dann Fräulein Durand, bleich, mit zerzausten Haa⸗ ren, wie ſie endlich erfuhr, welchen Mann ſie verachtet, welchen Helden ſie verkannt hatte. Der Marquis hatte ſich zu Herrn Simon führen laſſen. Als er den Sachwalter zu ſehen verlangte, ant⸗ wortete man ihm, er ſey ſehr früh am Morgen ausge⸗ gangen, und bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. Madame Simon und Sabine hatten die Nacht bei dem Kranken 230 weder die Eine noch die Andere hatte geläutet. Von allen Denen, welche Herr von Belleſtar beſuchen wollte, war Niemand ſichtbar, als Herr von Prosny, den der Arzt in dieſein Augenblicke verließ, nachdem er zuvor erklärt, die Gefahr ſey vorüber, und die völlige Wiederherſtellung des Kranken heiſche nur etwas Schonung und Ruhe. Dieſe Anordnung hielt Herrn von Belleſtar keineswegs zurück, er glaubte ſich zu keiner Schonung dieſem Herrn gegen⸗ über verpflichtet. Ueberdies, ſprach er zu ſich ſelbſt, werde ich ſeinen Zuſtand beurtheilen und ſehen, wie weit ich heute meine Erklärungen mit ihm zu treiben habe. Ehe wir mit Herrn von Belleſtar in das Zimmer Silveſtre's eintreten, müſſen wir erzählen, was bei Herrn Simon ſeit dem Augenblicke vorgegangen iſt, wo wir Prosny entſchlummernd verlaſſen haben, nachdem ihm im Irrſinn das Geſtändniß einer Liebe entſchlüpft war, welche nie zu reden gewagt hätte, wäre Silveſtre nicht des Be⸗ wußtſeyns deſſen, was er ſprach, beraubt geweſen. Man hatte Silveſtre, wie man ſich erinnern wird, in das Kabinet gebracht, das mit dem Schlafzimmer des Herrn Simon in Verbindung ſtand, ſo daß er, ſeine Frau und Sabine ſich dahin zurückziehen konnten, nach⸗ dem man alle Bedienten entfernt hatte, ohne indeſſen Silveſtte gänzlich allein zu laſſen, da ſie durch die offene Thüre ſeine geringſte Bewegung hören und überwachen konnten. Ohne daß etwas unter dieſen drei Perſonen geſpro⸗ chen worden war, fühlten ſie doch im Einklang, daß eine Erklärung, nach dem, was vorgefallen, nicht umgangen werden durfte. Madame Simon gab den Anſtoß, in dem Augenblick, wo der Sachwalter ſich mit einer tief be⸗ ſorglichen, unzufriedenen Miene an die Ecke ſeines Ka⸗ mins ſetzte. „Nun denn!“ ſprach ſie mit wahrer Befriedigung⸗ „was hatte ich geſagt? Jetzt ſeht Ihr es alle Beide; er liebt Sabine.“ „Ah! Teufel!“ rief Herr Simon;„und Sabine war S 231 davon unterrichtet, ehe ſie es durch die Narrheit dieſes armen Jungen erfuhr?“ „Madame Simon hatte es mir ſo eben zu verſtehen gegeben,“ ſprach Sabine, ihrer Vormünderin die Hand drückend;„aber ich nahm Anſtand, es zu glauben, als Sie uns zu ſich rufen ließen.“ „Erſtens,“ entgegnete Herr Simon in ärgerlichem Lone,„hatte ich nur meine Frau rufen laſſen; Sie ſind auch gekommen, Sabine, das war nicht ſchicklich.. und daraus iſt hervorgegangen, daß Sie gehört haben, was Sie nicht hören ſollten.“ „Ah! mein Herr!“ ſagte Sabine, ganz verwirrt durch den ſtrengen Ton ihres Vormunds. „Wie Du doch mit ihr ſprichſt, mein Freund,“ ver⸗ ſetzte Madame Simon, betrübt und ſtaunend über dieſe Strenge. „Ich ſpreche, meine liebe Freundin, wie ich ſeit acht Tagen hätte ſprechen ſollen... ſeitdem ich von dem tollen Gedanken und dem unpaſſenden Schritte des Fräu⸗ leins unterrichtet war.“ „Aber haſt denn nicht Du ſelbſt ſie dazu bevoll⸗ mächtigt?“ fragte Madame Simon, immer mehr ſtau⸗ nend über den Ton ihres Gatten. „Und ich habe Unrecht gehabt. Aber das ge⸗ ſchieht immer, wenn man die Angelegenheiten mit den Empfindungen beſorgt.“ „Was für ein großes Unglück hat ſich denn ereig⸗ net?“ ſagte Madame Simon, verwundet durch die Sprache ihres Gatten. „Was für ein Unglück, wenn Sie den jungen Men⸗ ſchen, der neben uns ausgeſtreckt in Todesgefahr ſchwebt, nicht in Anſchlag bringen wollen, wenn Sie nicht in Anſchlag bringen, daß man die Hand eines Mannes, wie Herr von Belleſtar, angenommen hat, um ihn nachher wieder ohne ein Motiv, ohne Grund vor die Thüre zu weiſen, ohne ihm auch nur etwas Anderes ſagen zu kön⸗ nen, als vielleicht:„Mein Herr, es thut mir ſehr leid, 232 aber ich habe wahrgenommen, daß ich Herrn von Prosny liebe; ich bin daher Ihre gehorſame Dienerin, Sie kön⸗ nen ſich anderswo verſorgen;“ wenn Sie die Scene nicht in Anſchlag bringen, welche dieſen Abend ſtattgefunden hat— das ganze Haus iſt mit dieſer Scene vertraut, alle Bediente haben gehört, was Silveſtre in ſeinem Delirium entſchlüpft iſt— wenn Sie alles dieſes auch nicht als Phantaſieen eines Romandichters, ganz geeig⸗ net für das Feuilleton einer Zeitung, betrachten, ſo be⸗ greife ich doch nicht, wie Sie mich fragen können, was für ein Unglück geſchehen ſey.“ 4 Madame Simon ſenfte den Kopf, um die Thränen zu verbergen, die ihren Augen der unerwartete Zorn ihres Gatten auspreßte, der Sachwalter bemerkte dies und wandte ſich ungeduldig ab; Sabine fühlte ſich ebenfalls in ihrem Herzen verwundet; aber ſie nahm die ſtrengen Vorwürfe von Herrn Simon nicht mit derſelben Unter⸗ würfigkeit an, wie deſſen Guttin; Muth ſchöpfend in dem Schmerze ihrer Vormünderin, die ſich in Wahrheit für ſie allein der Gefahr eines herben Verdruſſes aus⸗ geſetzt hatte, antwortete ſie vielmehr in einem würdigen kalten Tone: „Der erſte Fehler von allem dem, mein Herr, iſt mir zur Laſt zu legen, nicht wegen deſſen, was ich gethan habe nein, leider wegen deſſen, was ich bin.“ „Auch noch?“ rief Herr Simon in vollem Aerger. „Immerhin,“ ſprach Fräulein Durand mit einer Entſchloſſenheit, worüber Herr Simon ſie äußerſt zornig anblickte. 2 Sabine ſchlug die Augen nieder, aber mehr, damit es nicht ſcheinen möge, ſie wolle dem Blicke ihres Vor⸗ mundes Trotz bieten, als weil ſie dieſer Blick einſchüch⸗ terte, denn ſie fuhr mit kaltem ruhigem Tone fort: „Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Sie ver⸗ geſſen, was zwiſchen uns vorgefallen iſt. Warum, ich bitte Sie, haben Sie meine Verbindung mit Herrn von * 33 Belleſtar beſchloſſen? Nicht wahr, damit die Ehre eines ſolchen Namens die Schande des meinigen bedecke?“ Herr Simon ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße auf den Boden. „Warum haben Sie dieſe Verbindung über alle Gränzen der gewöhnlichen Gebräuche beſchlennigt? Nicht wahr, weil Sie eine Mündel bei ſich zu behalten be⸗ fürchketen, da man ihnen ſodann die Verwaltung ihres Vermögens in Ihrem Intereſſe hätte zum Vorwurf machen fönnen? Nicht wahr, aus Furcht vor dem, was ſie mit ihrer Freiheit machen könnte, wenn ſie allein in der Welt bliebe, ohne Familie, ſie zu beſchützen, und ſogar jenes erhabenen Schutzes beraubt, den man einem ehren⸗ werthen Namen zu verdanken hat? Iſt es nicht wahr, daß Sie mich deshalb mit Herrn von Belleſtar verhei⸗ rathen wollten, und ſo eilig die Entſcheidung dieſer Hei⸗ rath herbeizuführen ſuchten?“ „Nun, und wenn dies der Fall wäre?“ „Geht daraus nicht hervor, daß es meine bedauerns⸗ werthe Lage geweſen iſt, die Ihnen dieſes Verfahren vor⸗ gezeichnet hat, wegen deſſen ich Sie nie anklagen werde, das einzige Verfahren, das Sie befolgen mußten? Geht daraus nicht hervor, daß die Ereigniſſe durch das ver⸗ anlaßt worden ſind, was ich unglücklicher Weiſe bin?“ „Nein, nein, das iſt es nicht. Da Sie ſelbſt die⸗ ſes Verfahren als vortrefflich anerkennen, da Sie ſelbſt zugeſtehen, daß, was ich beſchloſſen hatte, weiſe und vernünftig war, ſo müſſen Sie auch anerkennen, daß Alles gerettet und beendigt geweſen wäre, wenn man nach meinen Worten gehandelt hätte.“ „Ohne Zweifel; aber Sie hatten vielleicht vergeſ⸗ ſen, daß ich mit meinem Glücke dieſe Znukunft, dieſen Schutz bezahlen würde, womit man das unſelige Erbe bedecken wollte, das ich von den Meinigen empfangen habe.“ „Ah! mein Gott,“ ſprach Madame Simon, die in der Stille ihre Thränen zurückzupreſſen ſuchte,„er wußte 234 es wohl, daß Du nicht Fäti werden würdeſt; es ſind noch keine zwei Stunden, daß er ſelbſt über das, was er Dich zu thun nöthigte, untröſtlich war, als wir drei uns mit dieſem Herrn von Belleſtar allein befanden; ich ſah es ſo gut, daß ich betzengt bin, er würde in jenem Augenblick mit Freuden die Nachricht von ei⸗ nem Eteizniß empfangen haben, das dieſem Heiraths⸗ plan den Todesſtoß gegeben hätte. Aber ich weiß nicht, was ſeit dieſem Angenblick geſchehen, was ihm in den Kopf gekommen iſt. Nun denn, wir haben Unrecht, wir ſind ſchuldig.. Ach! das iſt abſcheulich!... Mein ar⸗ mes Kind, das iſt ſehr traurig.“ Herr Simon beruhigte ſich keines Wegs, und Sa⸗ bine fuhr fort, nachdem ſie ihre Vormünderin umarmt hatte: „Sie ſehen es, mein Herr, ich bin Urſache eines Streites zwiſchen Ihnen, der Sie ſo gut ſind, und meiner Vormünderin, die für mich eine ſo zärtliche Mutter geweſen iſt; zum erſtenmal herrſcht hier Uneinig⸗ keit, und in mir iſt der Anlaß zu ſuchen. Grauſam habe ich Ihren Freund verwundet, für den ich indeſſen nur Gefühle voll Achtung und Verehrung hegte; leidend liegt er hier in unſerer Nähe, und ich habe ihm den Schlag beigebracht, der ihn vielleicht tödten wird. Auf der andern Seite habe ich einen Mann in ſeinem Hoch⸗ muthe verletzt, dem ich nichts vorzuwerfen vermag, als daß ich nicht ſtolz genug auf die Gunſt bin, die er mir erzeigt, und ich habe Ihnen vie leicht dadurch einen mächtigen Seht zugezogen, der an S Inen das Unrecht rächen wird, das mir alkein zur Laſt zu legen iſt. Sollte dies nicht genügen, um mir die Schritte vor⸗ zuſchreiben, die ich zu thun habe, ſelbſt wenn ich Sie nicht beide durch meine Schuld traurig, unglücklich ſehen würde. Sie begreifen wohl, mein Herr, es iſt Zeit, daß ich Ihr Haus verlaſſe, daß ich mich entferne. Sie ſollen nicht unter dem, was das Unglück mir zuge⸗ fügt hat, leiden; die Zeit iſt nicht mehr ferne, wo Sie 235 mir meine Freiheit auf eine geſetzliche Weiſe geben fönnen. Noch einige Tage Geduld, und Sie werden ſich nicht mehr über mich zu grämen haben.“ Während Sabine ſo ſprach, hatten die Thränen allmälig die Widerſtrebende überwältigt, und ſie brachen bei den letzten Worten mit aller Macht hervor; ſie wandte ſich gegen Madame Simon, die ſie in ihre Arme rief, und beide weinten bitterlich. Herr Simon ſtand auf und ſprach mit halbunterdrückter Stimme: „Ah! wie ſind die Weiber doch ſo thöricht, ſie be⸗ greifen nichts von den Forderungen der Welt; wenn ſich das Geringſte ihrem Willen widerſetzt, ſo wiſſen ſie nichts Anderes zu thun, als Alles zu löſen und' zu brechen.“ „Ah! mein Freund,“ ſprach Madame Simon mit ſchmerzlichem Tone. „Mein Gott!“ verſetzte ihr Gatte,„ich ſpreche nicht Deinetwegen, Du weißt es wohl. Ich bin ärger⸗ lich, ich habe das Recht, es zu ſeyn, und weil ich es zeige, weil ich ſehen laſſe. daß mich das, was geſchieht, traurig und unglücklich macht, kommt das Fräulein und ſagt mir, ſie wolle gehen, ſie ſey zuviel in meinem Hauſe Ah Herr Simon unterbrach ſich ſelbſt mit dieſem Aus⸗ rufe, um die Bewegung, die ſich nun ebenfalls ſeiner bemächtigte, nicht zum Durchbruch kommen zu laſſen. Sabine lief auf ihn zu, umarmte ihn aus vollen Kräften, hielt ihn umſchloſſen, ſo ſehr er ſich loszumachen be⸗ mühte, und rief: „Aber, mein Gott, was ſoll ich denn thun? Ich werde Alles thun, was Sie wollen.. ich werde mich ganz Ihren Befehlen unterwerfen. Beruhigen Sie ſich, ſeyen ſie nicht böſe gegen mich, und vor Allem,“ fügte ſie bei, ihn gegen ihre Vormünderin ziehend; „ſeyen Sie nicht böſe gegen ſie.“ Herr Simon lächelte ſeiner Gattin ſanft zu und reichte ihr die Hand; ſie warf ſich ihm um den Hals, 236 und als alle drei ausgeſprochen hatten, es ſey Alles abgemacht, es beſtehe nichts mehr unter ihnen, als das alte Vertrauen, als die zärt lichen Gefühle, von denen ſie ſtets gegenſeitig beſeelt geweſen, ſo ſagte Madame Simon, die das Herz ihres Gatten bis in ſeine tiefſte Tiefe kannte: „Und nun, laß einmal ſehen, was geſchehen iſt?“ Herr Simon ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, und ſchlug die Augen mit ſchmerzlicher Miene zum Himmel auf. Madame Simon wiederholte lebhaft: „Aber, was iſt denn vorgefallen 2... denn ich kenne Dich, mein Freund, es muß ſich etwas ganz Außeror⸗ dentliches ereignet haben, daß Du uns beide auf dieſe Art behandeln konnteſt.“ Herr Simon antwortete nicht ſogleich; er durchging in Gedanken die Umſtände, die ihn ſo verändert hat⸗ ten, und ſchien ſehr verlegen und beſonders ſehr unglück⸗ lich, zu einem Geſtändniß des Vorgefallenen genöthist zu ſ nicht,“ ſagte Madame Simon,„die Sache iſt alſo ſehr ernſt, ſehr traurig?“ „Ja, ſehr ernſt und ſehr traurig, ſonſt hättet Ihr mich nicht in dem Zuſtand geſehen, in dem ich mich be⸗ fand, als ich Dich rufen ließ; ich zählte darauf, Du würdeſt allein kommen.. Sabine kam auch.“ „Und ich ſah, was ich Schlimmes gethan hatte;“ verſetzte Sabine. „Oh!“ erwiederte Herr Simon,„das wäre noch nichts aben „Was iſt es denn?“ riefen zu gleicher Zeit Ma⸗ dame Simon und Sabine. „Mein armes Kind,“ ſprach Herr Simon, ſich ge⸗ gen ſeine Mündel wendend,„ich gäbe viel, wenn nichts von dem, was vorgefallen iſt, geſchehen wäre.... Aber wie groß auch der Groll des Herrn von Belleſtar ſehn möchte, was er auch ſagen und thun möchte, um ſich zu rächen, und er iſt der Mann, Abſcheuliches zu ſagen und 27 zu thun, ſo wütde ich mich doch nur ſehr wenig darum kümmern, wenn es nur dieſes wäre, aber es handelt ſich um eine ernſtere, um eine mißlichere Sache, um eine Sache, für die ich meines Theils kein Mittel weiß.“ „Du machſt mir bange,“ ſprach Madame Simon. „Aber ſprechen Sie doch!“ rief Sabine. „Es macht mich vollends untröſtlich, daß Du weißt...“ Er hielt eine Zeit lang inne und fuhr dann fort: „Mein Kind, mein armes Kind, laß mich einen Augen⸗ blick mit meiner Frau allein; es gibt Dinge in der Welt, die Du nicht hören ſollſt.“ „Aber es betrifft mich, ich bin es überzeugt,“ ver⸗ ſetzte Sabine. „Vielleicht.. doch glaube mir, Sabine, und Du darfſt wohl verſichert ſeyn... wir Beide, die wir Dich lieben, wir werden ein Mittel aufſuchen, um dem Un⸗ glück vorzubeugen, das Dich, das uns Alle bedroht...“ „Es betrifft mich.“ „Sey vernünftig, glauſt Du, wir lieben Dich nicht genug, um Alles zu thun, was Dich retten kann?“ „Mich retten!. aber mein Gott.. Sie machen mir bange..“ „Sie hat Recht,“ rief Madame Simon,„die Wahr⸗ heit wird weniger grauſam für ſie ſeyn, als eine ſolche Ungewißheit.“ 1 Herr Simon überlegte einen Augenblick und ſagte ſodann ganz leiſe, als ob er mit ſich ſelber ſpräche: „Oh! nein, ſie hat heute ſchon genug gelitten.“ „Aber es heißt mich tödten, michein ſo furchtbarer Erwärtung zu laſſen!“ rief Sabine. „Du biſt in der That grauſamer, als wenn Du das Unglück vpr ihr enthüllen würdeſt, von dem ſie be⸗ droht iſt.“ „Nun denn, Muth gefaßt, mein Kind, Muth ge⸗ faßt,“ ſprach Herr Simon, dann ſich an ſeine Gattin wendend: „Du weißt, daß ich, als Du mich verließt,„um 238 zu Sabine zurückzukehren, äußerſt beſorgt war, zu er⸗ forſchen, was dieſe raſch hervorbrechende Verzweiflung in Silveſtre bewirkt haben möchte, als er den Belang der ihm von Sabine übermachten Summe erfahren hatte. Ich hatte wohl einen gewiſſen Verdacht, und die Sil⸗ veſtre in ſeinem Delirium entfahrenen Worte mußten Euch ebenfalls auf die Spur der Wahrheit bringen. Das von Sabine an Silveſtre's Thüre abgegebene Pa⸗ quet iſt in die Hände ſeiner Tante gefallen; ſie hat ſich des größten Theils dieſer Summe bemächtigt und iſt ver⸗ ſchwunden. Ich weiß es. Ein Bedienter, den ich vor einer Stunde in Prosny's Wohnung geſchickt habe, iſt zurückgekommen und hat mir gemeldet, Fräulein von Prosny ſey einige Minuten nach ihrem Neffen von Hauſe weggegangen und nicht wieder zurückgekehrt.“ Die zwei Frauen hörten mit dem größten Erſtaunen. „Das wäxe noch nichts,“ fuhr der Sachwalter fort. „Man ließe ſie mit ihrem Gelde in Ruhe, oder würde ſie vielmehr wieder finden, wenn es nothwendig wäre. Aber vernehmt, was mich ſo ſehr erſchreckt hat. Fräu⸗ lein von Prosny hatte bei dem Porzier ihres Hauſes einen Brief für ihren Neffen zurückgelaſſen, falls dieſer, wie ſie ſagte, vor ihr zurückkehren würde. Auf die Aeuße⸗ rung des Bedienten, Silveſtre ſey bei mir, hat man demſelben dieſen Brief übergeben; ich hielt mich für be⸗ vollmächtigt, ihn zu leſen, um mich nicht nur über das Geſchehene, ſondern beſonders auch über das, was ich zu thun haben dürfte, in's Klare zu ſetzen. Dieſer Btief — hier iſt er. „Nun denn! was enthält er?“ „Höre, was er enthält, Sabine, und vergiß nicht, daß er von einem durch zwanzigjähriges Elend verhär⸗ teten Weibe geſchrieben worden iſt. Kümmere Dich nicht um die Beleidigungen, die Dich nicht treffen können, aber bedenke, daß es unſerer ganzen Klugheit bedarf, um dem Unglück vorzubeugen, womit uns die Rache des Fräuleins von Prosny bedroht.“ 2³9 „Leſen Sie doch!“ rief Sabine zitternd. Herr Simon öffnete den Brief mit kummervoller Miene und las, wie folgt: Brief von Fräulein von Prosny an ihren Neffen. Die Stunde des Gerichts und der Strafe kommt früh oder ſpät für die Schuldigen, und zwar ſowohl für ſchamloſe Weiber, welche niederträchtiger Weiſe ein Ver⸗ mögen behalten, von dem ſie wiſſen, daß es von der Schande und dem Raub herſtammt, als für die Männer, die das väterliche Erbe der Redlichkeit und der Ehre verläugnen. Ich habe den größten Theil der Ihnen von Durand's Tochter übermachten Summe behalten. Sie haben die Wahl zwiſchen zwei Dingen: entweder iſt dieſes Geld Ihr rechtliches Eigenthum, dann gehört es mir; unſere Rechnungen ſfind klar, genau und ganz in Oronung; Sie haben dieſelben von Ihrem ſterbenden Vater empfangen. Sie ſind mein Schuldner für eine Summe von 309,522 Fr. 55 Cent., die Intereſſen aus dieſer Summe ſeit dem Todestage Ihres Vaters nicht gerechnet. Wenn dieſes Geld nicht Ihr Eigenthum iſt, weſſen Eigenthum iſt es dann? woher kommt es? Das ſoll ſich ganz klar herausſtellen. Es kommt von der Tochter Durands; Sie wiſſen es, das iſt leicht zu be⸗ weiſen; ich habe die Beweiſe in meinen Händen. Wenn es von ihr kommt, warum hat ſie es Ihnen gegeben? Etwa für irgend einen Dienſt, den Sie ihr geleiſtet haben? Oder, um Sie dafür zu bezahlen, daß Sie ihr Liebhaber ſind? Wenn dies der Fall iſt, ſo wird ſie es ſagen. Wenn es dagegen geſchehen iſt, weil ſie uns zehnmal mehr ſchuldet, als ſie uns zurückgegeben, ſo hat ſte zugleich anerkannt, daß ſie uns etwas ſchuldig war, und dann will ich mit ihr abrechnen. Wenn ſie ehrlich ſeyn will, ſo muß ſie es ganz ſeyn. Ich begreife wohl, daß es ihr bequem ſcheinen mußte, einen Brocken von dem Schatze zu nehmen, den ihr unwürdiger Vater für 240 ſie aufgehäuft hat, und uns zuzuwerfen, um mit dem Uebrigen ruhig leben und ganz laut ſagen zu können, ſie ſey Niemand mehr etwas ſchuldig. Ich werde ihr dieſen Vortheil nicht zugeſtehen. Ich kenne Sie jetzt, Silveſtre; ich weiß⸗ daß Sie aus Liebe für eine kleine Straßenläuferin diejenige im Stiche laſſen würden, welche Ihr Vater zu Grunde gerichtet hat; ich weiß, daß Sie, um den Edelmüthigen dieſem Mädchen gegenüber zu ſpielen, mich als eine Diebin verfolgen würden. Ich will nicht warten, bis Sie mich bei einem Prokurator des Königs angeben. Ich werde zuerſt gehen. Was ich gethan habe, 2 mag Jedermann von mir erfahren. Ich werde den Be⸗ hörden meine Papiere vorlegen, aus denen hervorgeht, daß ich ein Recht auf dieſes Geld habe, wenn es Ihr Eigenthum iſt. Gehört es nicht Ihnen, ſo wird man ſchon ſagen müſſen, woher es kommt. Dann wird man auch erfahren, was dieſe Durand iſt, woher ihr Ver⸗ mögen ſtammt, und wir werden ſehen, ob ſie, wenn man ſie vor die Tribunale geſchleppt hat, und ſollte ſie auch ihren Prozeß gewinnen, und das geſtohlene Vermögen behalten, einen Mann finden wird, der feig und aus⸗ geſchämt genug wäre, ſie zu heirathen. Was ich Ihnen ſage, werde ich ausführen, und ollte ich genöthigt ſeyn, meine ganze Habe zu verkaufen. Die Armuth ſchüchtert mich nicht ein, Sie haben mich daran gewöhnt. Ich will dieſes Mädchen, das Sie lieben, an den ihr gebührenden Platz bringen. Ich will mich rächen an ihr und an Ihnen, der Sie mich ihretwegen beleidigt und bedroht haben; ich werde es thun, das ſchwöre ich Ihnen. In Kurzem, mein Freund; Sie haben nicht nöthig, mich zu ſuchen, Sie ſollen bald von 1 67„ Pören„Ihre Tante, E. von Prosny.“ Während dieſer Brief vorgeleſen wurde, war Sabine in völlige Starrheit verſunken. Madame Simon hörte mit ſolcher Verwunderung und ſolchem Schmerze, daß ſie kaum an ſich halten konnte. Als aber Herr Simon ge⸗ 241 endigt, und, ſtatt daß er die Wirkung dieſes Briefes zu zer⸗ ſtören geſucht hätte, ſelbſt davon zu Boden gedrückt ſchien, ſo ſagte ſie mit kummervollem Tone: „Aber das iſt Alles nur eine leere Drohung.“ Herr Simon ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und ſchüttelte den Kopf. Sabine ſchaute ihn an, und ſprach mit ſo erſchüt⸗ terter Stimme, daß Madame Simon darüber in Schrecken gerieth: „Somit bin ich verloren!“ Und ihr Haupt ſank auf die Bruſt. „Aber warum ihr dieſen Brief vorleſen?“ ſagte Ma⸗ dame Simon. „Warum?“ rief Herr Simon,„weil man dieſer wi⸗ drigen Lage ein Ende machen muß, weil es beſſer iſt, wenn ſie hier unter uns hört, was ſie bedroht, was ſie treffen kann, als wenn wir hören müſſen, daß man ihr auf eine abſichtlich nur ſchlecht verdeckte Art mit einem von den ſchändlichen Worten Vorwürfe machte, womit die Neidiſchen und die Eiferſüchtigen ihre Feinde ſachte tödten.“ „Aber ſieh ſie nur an,“ erwiederte Madame Simon, indem ſie auf Sabine zulief, deren zerſtreutes Auge das Bewußtſehn deſſen, was ſie ſah, verloren zu haben ſchien. „Ja, ja,“ ſprach Herr Simon ſchmerzlich,„ich ſehe, daß ſie leidet; doch was müßte geſchehen ſeyn, wenn ſie, hätte man dieſen Prozeß wirklich eingeleitet, durch ein paar ſonderbare, unbedachte Worte, oder durch einen gericht⸗ lichen, ihr nicht zu verheimlichenden Akt davon unterrich⸗ tet worden wäre?. Denn dieſe Angelegenheit iſt ein furcht⸗ bares Wirrſal.“ „Aber ein ſolcher Prozeß iſt gar nicht möglich,“ ſagte Madame Simon, die ſich neben Sabine geſetzt hatte und 2 ihren Händen die kalten Hände des armen Mädchens rückte. „Alle Prozeſſe ſind möglich. Ein Dieb, der in dieſer Frederic Soulis. Von Tag zu Tag. 16 Stunde durch die Straße geht, kann behaupten, ich ſey ihm zehntauſend Franken ſchuldig; er kann ſie vor den Gerichten fordern; er wird ſeinen Prozeß allerdings ver⸗ lieren, weil es ihm an Beweiſen mangelt; aber er wird mich nicht minder gezwungen haben, ihn Lügen zu ſtra⸗ fen, öffentlich zu ſchwören, daß ich ihm nichts ſchuldig bin. Und wenn einige geſchickt zuſammengeſtellte Umſtände ſeiner Behauptung gewiſſermaßen das Anſehen von Wahr⸗ ſcheinlichkeit verleihen würden, ſo müßte er allerdings eben⸗ falls verlieren; aber wenn ich nicht vierzig Jahre eines redlichen Lebenswandels einer ſolchen Forderung entgegen⸗ zuſetzen hätte, ſo dürfte es doch nicht an Lenten fehlen, welche ſagen würden:„Er hat ſeinen Prozeß gewonnen, doch die Sache iſt nicht ganz klar;“ und ſelbſt heutigen Tags und in meiner Stellung wünſchte ich nicht, daß dergleichen geſchehen würde, und wäre es nur, um einige guke Freunde abzuhalten, welche überall umher von dem albernen Verdruß, den man mir bereitet, erzählen und mit einer Miene guten Willens für mich ſagen würden: „„Es iſt ihm etwas ſehr Widriges begegnet; man fragt ſich, was für ein Intereſſe denjenigen, welcher ihn verfolgt, angetrieben habe; denn er mußte doch am Ende wiſſen, daß er nicht gewinnen konnte Es muß eine Rache ſeyn u. ſ. w. u. ſ. w.“ Und die Welt ſucht mit aller Gewalt und findet am Ende eine Erklärung für dieſe Rache. Baſilio hat Recht, mein liebes Kind, wenn er ſagt:„Verleumde, Etwas bleibt immer hängen.“ „„Aber,“ entgegnete Madame Simon,„Fräulein von Prosny hat das begangen, was man einen Diebſtahl nennt... und ſie wird es nicht wagen.“ „Einmal glaubt ſie keinen Diebſtahl begangen zu haben, und ſie wird es wagen, wenn man ihr nicht zu⸗ vorkommt. Sie darf ſich nur an gewiſſe Advokaten wen⸗ den, an eine wahre Bankiten⸗Race, die nur von Skan⸗ dalen lebt, und Du wirſt ſehen, welcher bewunderungs⸗ würdige Prozeß ſich geſtaltet.“ „In der That, ich begreife dies nicht.“ 243 „Nun wohl, weil es nothwendig iſt, daß Du es be⸗ greifſt, und daß es Sabine auch begreift, ſo will ich Euch erklären, was ſich ereignen kann, damit Ihr nicht mehr über die Unruhe, in der Ihr mich geſehen, und über den Schrecken ſtaunen möget, in den mich dieſe Sache ver⸗ ſetzt. Wendet ſich Fräulein von Prosny an einen geſchick⸗ ten Advokaten, ſo wird er folgendermaßen verfahren: er wird nicht ſo einfältig ſeyn, Sabine direkt anzugreifen, beſonders wenn er auf Skandal abzielt. Er wird ſich an Silveſtre wenden. Die Tante wird die Bezahlung deſſen, was er ihr ſchuldig iſt, fordern. Die Schuld iſt gewiß, anerkannt, der Prozeß gerecht. Welche Stellung Silveſtre auch in dieſer Angelegenheit annehmen mag, ſo wird der Advokat nicht verfehlen, den Urſprung der Schuld zu er⸗ zählen; ſie rührt von Fonds her, welche Fräulein von Prosny Herrn Durand unter der Garantie von Silveſtre's Vater geliehen hat. Durand hat nicht bezahlt und Fräu⸗ lein von Prosny iſt mit ihren Forderungen auf ihren Bruder, und folglich auf deſſen Erben angewieſen geblie⸗ ben. Daß dieſe ganze Sache ein ſchlechter Prozeß iſt, um juridiſch zu ſprechen, unterliegt keinem Zweifel, aber es wird zum Skandal kommen, und darauf iſt es abgeſehen, es wird dazu kommen, daß man die Geſchichte der Van⸗ kerotte von Sabinens Vater wieder aufwärmt; der Vor⸗ fall mit den hunderttauſend Franken, welche an Silveſtre's Thüre abgegeben worden ſind, wird damit vermengt wer⸗ den. Man wird wahrſcheinlich ein Urtheil gegen die Un⸗ terſchlagung der Tante fällen; aber nachdem man den Vater in die Sache verwickelt hat, wird man auch die Tochter darein verwickeln. Stoff genug, einen Advokaten Stunden lang in Begeiſterung zu erhalten. Man wird die Geldſendung entweder läugnen oder erklären müſſen. In iedem Falle iſt dieſe ganze Geſchichte höchſt widrig, ja ſo⸗ gar abſcheulich, aber alles dies iſt möglich, es wird Alles geſchehen, wenn man nicht zuvorkommt, wenn man dieſe Megäre nicht beſchwichtigt.“ N 2 16 244 Sollten die Leſer ſtaunen, daß Herr Simon ſo aus⸗ führlich in Gegenwart Sabinens ſprach, der bei jedem Worte das Herz brechen mußte, ſo haben wir ihnen zu bemerken, daß er, einmal zu reden entſchloſſen, was er Schlimmes vorherſah bis zum Ende auseinanderſetzen wollte. Bringt man einem Menſchen einen heftigen Schlag bei, ſo iſt der Schmerz häufig gräßlich und ſchein⸗ bar tödtlich, aber es iſt Hoffnung vorhanden, daß dieſer Schmerz am andern Tage abnehmen wird. Es gibt Menſchen, welche anders urtheilen, welche den betreffenden Perſonen gegenüber ſchonend mit dem Unglück zu Werke zu gehen beabſichtigen, indem ſie es gleichſam Tropfen für Tropfen einflößen. Bei ſolchen Menſchen glaubt man jeden Morgen das Ende der Pein erreicht zu haben; man erhebt ſeinen Muth auf das Niveau des Kummers, von dem man betroffen worden iſt, aber kommt der Abend, ſo findet man, daß dieſe Er⸗ hebung immer noch nicht hinreichend war; es tritt ein weiteres Unglück hinzu, man fügt ſich darein, und auf die Verſicherung, Alles ſey geendigt, erduldet man die zugemeſſene Qual. Ganz und gar nicht— am andern Tag erſcheint ein neues Ereigniß, ein neues Leid, und am zweiten Tage ebenſo und ſo alle Tage. Nun denn, nach unſerer Anſicht, wie nach der von Herrn Simon, bereitet dieſes Verfahren, das der Schwäche und nicht der Klugheit zugehört, denen, die demſelben unterworfen ſind, die ſchauderhaſteſten Qualen, die man ſich denken kann; es iſt das, was man ſo treffend den Tod mit Nadel⸗ ſtichen genannt hat. Trifft dieſe Marter ein ungedul⸗ diges, durch die geringſte Bewegung zu erſchütterndes, durch die leiſeſte Berührung in Aufruhr zu verſetzendes Gemüth, ſo peitſcht man es gleichſam durch dieſe wieder⸗ holten Angriffe mit einer fortwährenden Verzweiflung, die zum Aeußerſten führen kann. Dieſe Qual kommt jener Folter der Inguiſition gleich, die darin beſtand, daß man mittelſt eines Schwän⸗ gels mit zwei Armen, wovon jeder eine kleine bleierne 245 Kugel trug, abwechſelnd und mit leichten Schlägen an die zwei Schläfe eines Menſchen ſchlagen ließ. Die erſten Schläge waren kaum fühlbar, aber je öfter das Blei dieſelbe Stelle des bereits vom Schmerze ergriffenen Kopfes berührte, deſto mehr nahm das Leiden zu, und obgleich die Schläge weder raſcher noch heftiger wurden, ſo kam doch ein Augenblick, wo das ohne Unterlaß er⸗ ſchütterte Gehirn in eine Art von fortwährendem, ſchmerzhaftem Sauſen gerieth, das von den heftigſten Zuckungen durchkreuzt war, die dieſe Marter zu der abſcheulichſten von allen denen machte, welche die In⸗ quiſition erfunden hatte. Der Henker, der raſch die Glieder ſeines Opfers bricht, iſt minder grauſam. Herr Simon hatte Sabine mit dem ganzen Schmerz zu treffen beabſichtigt, den ſie zu fühlen im Stande war; ſie hatte folglich das Unglück erfahren, das ſie bedrohte; ſie hatte es ermeſſen, und, nachdem die erſte Starrheit vorüber war, mit einem Muthe und einer Entſchloſſen⸗ heit zugehört, worauf Herr Simon gerechnet hatte. Ebenſo erwartete er, was ſie ihm vorſchlagen würde, und ſeine Antwort war im Innern vorbereitet. Nachdem er zu ſprechen aufgehört hatte, trat Sa⸗ bine näher zu ihm und ſagte: „Sie müſſen jetzt begreifen, daß es mir unmöglich iſt, meinen Reichthum um den Preis zu behalten, um den ich ihn bezahlen müßte; das hieße mich zum Tode verurtheilen, unter dem Vorwande, die Intereſſen meines Lebens zu vertheidigen. Sie ſind zu menſchenfreundlich, um dies zu wollen.“ „Mein Kind,“ erwiederte Herr Simon,„was Du mir da ſagſt, iſt zu richtig, als daß ich nicht Deiner Meinung ſeyn ſollte; aber in Deiner Lage iſt die Sache ſehr ſchwierig. Du kannſt noch nicht über Dein Ver⸗ mögen verfügen, und ich fann es eben ſo wenig. Man muß Zeit gewinnen, das heißt, zu der Epoche gelangen, wo Du, bevollmächtigt, Dein Vermögen nach Deinem Dafürhalten zu verwenden, auf die edelſte Weiſe Dich 246 von der Schande loskaufen wirſt, die man Dir vermacht hat. Aber da Du zu dieſem Opfer entſchloſſen biſt, da ich meiner Seits es ebenfalls für Dein Glück unerläß⸗ lich erachte, ſo muß es Dich wenigſtens vor dem Skan⸗ dale retten, der Dich bedroht. Dies könnte ich durch⸗ ſetzen, wenn ich wüßte, wo ich dieſes niederträchtige Fräulein von Prosny finden dürfte. Doch ſie hat in ihrem Hauſe keine Anzeige hinterlaſſen. Ihr Brief gibt uns durchaus keinen Aufſchluß über den Ort, wohin ſie ſich zurückgezogen hat.“ „Aber in Paris muß es doch tauſend Mittel und Wege geben, Jemand zu entdecken?“ ſprach Madame Simon. „Allerdings, aber man darf keine Zeit verlieren. Zum Glücke geſtattet ihr dieſer Tag nicht, ſogleich ihr Vorhaben auszuführen, ſie wird heute weder eines Ad⸗ vokaten, noch eines Sachwalters, noch irgend eines Ge⸗ ſchäftsführers Haus geöffnet finden; und wenn ich ſie treffe, ehe ihr Jemand den Weg zu nennen im Stande war, den ſie einzuſchlagen hat, ſo bin ich beinahe gewiß, daß ich dem Angriffe, den ſie unternehmen könnte, vor⸗ beugen werde.“ „Tauſend Dank,“ ſprach Sabine zu ihrem Vormund, „Sie haben mich glücklicher gemacht, als ich es je ge⸗ weſen bin. Wenn Sie wüßten, wie ich mich ſtolz und ſelig fühle, wenn ich bedenke, daß der Tag nicht mehr ferne iſt, wo ich Niemand mehr etwas ſchuldig bin, wo ich, den Kopf frei in den Lüften tragend, überall eintreten kann, ohne eine Störung meiner Freude durch ein un⸗ angenehmes Wort befürchten zu müſſen. Mein Herr,“ fügte Sabine bei, die Hand ihres Vormunds ergreifend und ihn feſt anſchauend,„ich rechne darauf, daß das, was Sie thun, nicht halb gethan ſeyn wird. Sie tref⸗ fen keine Anordnungen, gegen die man Klagen erheben könnte. Was ich ſchuldig bin, will ich vollſtändig be⸗ zahlen; nicht allein an Fräulein von Prosny, ſondern 247 an Alle, die in ihren Intereſſen durch meinen unglück⸗ lichen Vater verletzt worden ſeyn könnten.“ „Es iſt nicht zu läugnen, daß wir von dem Augen⸗ blick, wo wir dieſen Weg betreten, auch bis zum Ende fortſchreiten müſſen. Was für Einen gerecht iſt, iſt auch für die Anderen gerecht. Nur muß man die Sache nicht auf eine thörichte Weiſe betreiben, und ich fordere daher, daß ſich außer mir Niemand darein miſcht.“ „Aber ich wünſchte,“ ſagte Sabine „Mein Kind,“ ſprach Herr Simon, ſeine Mündel unterbrechend,„ich will nicht auf die Vorwürfe zurück⸗ fommen, die ich Dir gemacht habe; aber Du mußt wohl einſehen, wie viel Dir eine einzige Unklugheit koſtet,— ich ſage nicht Geld, ſondern Kummer,— um Dich nicht der Gefahr preiszugeben, Dir neue Unannehmlichkeiten durch irgend einen Schritt zuzuziehen, den Du für vor⸗ trefflich halten könnteſt, der jedoch Deine Lage nur noch verwickelter machen würde.“ Wir haben Sabinens Entſchließungen nach der Scene im Salon berührt, als ſie in der Einſamkeit ſich ſelbſt gegenüber geſtellt war; wir haben angeführt, wie ſie ſich entſchloſſen hatte, ihren Willen von nun an dem von Herrn Simon zu unterwerfen, ihm die unumſchränkte Leitung ihres Benehmens anzuvertrauen. Sie gab alſo ohne Murren nach, obgleich ſie im Grunde ihres Her⸗ zens überzeugt blieb, daß ſie, wenn man ſie hätte allein handeln laſſen, mit mehr Erhabenheit und Edelmuth zu Werke gegangen wäre, als dies ohne Zweifel bei Herrn Simon der Fall ſeyn würde, der in ſeiner Stel⸗ lung mehr die Intereſſen ſeiner Mündel berückſichtigen dürfte, als ſie gewünſcht hätte. Madame Simon befragte ihren Gatten mit einem Blicke, da ſie keine Einwendungen machen wollte, und doch nicht begreifen konnte, daß er nach dem, was er geſagt, einwilligte, in einem ſolchen Grade Sabinens Intereſſen zu opfern. Unſer Sachwalter errteth gar wohl die Beſorgniß 248 daß der Zweifel, den ſie über ſeine Art und Weiſe, die An⸗ gelegenheiten zu ordnen, hegte, der Befürchtung ſeiner Mün⸗ del zu Hülfe käme, ſo ſchickte Herr Simon jede von ihnen in ihr Zimmer, damit ſich keine Erörterung auf dieſem Gebiete entſpinnen möge; aber kaum war Sabine in ihre Einſamkeit zurückgekehrt, als er ſeine Gattin zurück⸗ rief, und ihr anvertraute, wie er zu handeln und Sa⸗ bine und Silveſtre zu retten gedachte. Um dieſen Zweck zu erlangen, war Herr Simon am Morgen des 1. Januar zu einer ſehr frühen Stunde ausgegangen, und dadurch kam es, daß Herr von Belle⸗ ſtar, als er bei ihm eintrat, Niemand fand, und bis zum Bette Silveſtre's dringen konnte. Als der Marquis in das Zimmer eintrat, wo ſich Silveſtre befand, ſo lag dieſer in dem Bette, das man einſtweilen für ihn anfgeſchlagen hatte, aber er ſchlief, nicht. Das Delirium, welches ihn beinahe die ganze Nacht nicht verließ, hatte nun einer völligen Kraftloſig⸗ keit Platz gemacht. Der Verſtand war zurückgekehrt, jedoch müde, gebrochen und völlig ohne Spannkraft. Ohne ſich über die moräliſche Mattigkeit, der er unterworfen war, Rechenſchaft geben zu können, ſtaunte Silveſtre nur, daß er in ſeinem Innern nicht mehr denſelben In⸗ grimm, wie am vorigen Tage, bei der Frinnerung an Dinge fand, die ihn ſo furchtbar erbittert und aufge⸗ ſtachelt hatten. Jedem iſt es einmal begegnet, daß er eine ſolche Mattigkeit den gerechteſten Empfindungen des Grolls, den aufrichtigſten Schmerzen gegenüber in ſich wahrgenommen hat; man klagt ſich ſodann der Schwäche, der Feigheit an; man verachtet ſich, weil man dieſe Empfindungen, worauf man ſtolz war, nicht in ihrer ganzen Energie bewahrt hat; es kommt uns vor, als ob wir einen Verrath an uns ſelbſt begehen würden. Dies war der Zuſtand Silveſtre's, als ſich Herr von Belleſtar ſeinem Bette näherte; und die Kraftloſigkeit des Kranken muß ſehr bedeutend geweſen ſeyn, daß die 249 Gegenwart dieſes Mannes ihn nicht ſogleich derſelben zu entreißen vermochte. Herr von Prosny ſchaute den Mar⸗ quis mit jener Gleichgültigkeit im Auge an, welche eine Abweſenheit alles Empfindungsvermögens verräth; und obgleich Herr von Belleſtar nicht mit einer Natur aus⸗ gerüſtet war, die ſich viel durch die Zeichen einer ſolchen Schwäche hätte beunruhigen laſſen, ſo erkannte er doch, daß dies nicht der rechte Augenblick geweſen wäre, von ſeinem Nebenbühler die Erklärung zu fordern, die ihn hierher geführt hatte, und er redete ihn alſo mit der Albſicht an, das Geſpräch in den Schranken einiger her⸗ kömmlichen Fragen zu halten, und ſich alsbald zurück⸗ zuziehen. Mein Herr,“ ſagte er zu Silveſtre,„ich bin ge⸗ kommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen; und obgleich ich von den Lenten im Hauſe erfahren habe, daß es mit Ihnen beſſer ſtehe, ſo wollte ich mich doch ſelbſt vergewiſſern.“ „Ich bin Ihnen dankbar, mein Herr,“ erwiederte Herr von Prosny, ihn aufmerkſamer anſchauend, als er es anfangs gethan hatte, und als ob eine Wolke, welche alle äußere Gegenſtände verhüllte, plötzlich zerſtreut worden wäre;„ich danke Ihnen für den Antheil, was auch der Grund davon ſeyn mag.“ err von Belleſtar blickte Silveſtre prüfend an. Er fühlte, daß die feindſelige Stimmung wieder Antheil an den letzten Worten gehabt hatte, daß dieſe gleichſam wieder in denſelben zum Durchbruch gekommen war, und er täuſchte ſich nicht, wenn er den Schluß daraus zog, daß das Leben mit dem Haſſe zurückkehrte; indeſſen wollte er noch beſſer von der Kraft ſeines Feindes verſichert ſeyn, und er antwortete ihm mit einem höflichen Tone, in den er etwas Rührendes legen wollte, der aber nur geziert erſchien: „Es kann Sie nicht in Erſtaunen ſetzen, mein Herr, daß ich das Intereſſe theile, welches Sie allen Perſonen dieſes Hauſes einflößen, denn ich ſehe, daß es einen 250 Titel auf deren Liebe verleiht, wenn man ſich zu Ihren Freunden zählt.“ Silveſtre ſchlug die Augen nieder, der Blick des Herrn von Belleſtar reizte ihn zum Zorne, und er wollte ſich nicht einem Gefühle hingeben, das im Grunde un⸗ gerecht ſeyn konnte, und das unter ſeinen gegenwärtigen Umſtänden durchaus nicht am Platze geweſen ware. Er antwortete deshalb dem Marquis wie ein Menſch, der ein Geſpräch zu endigen wünſcht, das ihm läſtig wird: „Ich denke, mein Herr, die Gefühle, die Sie für mich hegen können, haben kein Gewicht bei den Gefühlen, welche man für Sie hegt.“ Die letzten Worte waren von einem bitteren, ver⸗ ächtlichen Lächeln begleitet; es konnte Herrn von Belleſtar nicht entgehen, daß Silveſtre keineswegs über die angeb⸗ lichen Empfindungen für ſeine Perſon entzückt war, deßhalb zog der Marquis den Schluß? ein Menſch, der die Kraft habe, eine ſolche Meinung zu beſitzen, und verſtändlich zu machen, müſſe auch die Kraft haben, zu verſtehen, was man ihm ſagen würde. Er verſetzte daher, jedes Wort ſeiner Phraſe ſo artikulirend, daß Silveſtre der volle Sinn deſſen, was er ihm ſagen würde, klar werden mußte: „Abgeſehen von dem Intereſſe für Ihre Geſundheit, das mich zu Ihnen geführt hat, mein Herr, bin ich viel⸗ leicht auch gekommen, um mich über die Natur der Ge⸗ fühle aufzuklären, von denen Sie ſprechen.“ Silveſtre erhob ſich in ſeinem Bette, ſchaute Herrn von Belleſtar mit ſehr erſtaunter Miene an und ſprach: „Mich, mein Herr, wollen Sie über dieſen Gegen⸗ ſtand befragen?“ „ Gs war dem Marquis ganz wohl um das Herz, als er Silveſtre's Kräfte ſich wieder beleben und ſeine Augen wieder funkeln ſah. Er griff daher abermals zu ſeiner großen, gezwungenen, verächtlichen Miene und antwortete: „Sind Sie nicht der Freund des Hauſes, der Ver⸗ 251 traute von Herrn Simon, der Schützliug von Fräulein Durand?“ 5 Silveſtre verhielt ſich einen Augenblick ſchweigend. Er zögerte, den Marquis zu begreifen; er bildete ſich nicht ein, daß ein Mann die Unverſchämtheit und die Unmenſchlichkeit ſo weit treiben könnte; er mißtraute ſeinen vorgefaßten Meinungen, denn er fühlte, daß ſein ganzer Grimm zurückgekehrt war. Silveſtre war ſtark genug, ſeine Worte abzumeſſen, aber er konnte nicht zugleich der Aufregung in ſeiner Stimme gebieten, und er erwiederte, ohne die Augen gegen den Marquis auf⸗ zuſchlagen: „Hat mich Herr Simon in Ihrer Gegenwart mit dem Namen ſeines Freundes beehrt, ſo bin ich ſtolz darauf. Was aber den Schutz betrifft, den mir Fräu⸗ lein Durand verleihen will, ſo konnten Sie ſehen, wel⸗ chen Werth ich darauf lege.“ „Weil Sie vielleicht die geheimen Urſachen davon kennen, mein Herr,“ entgegnete Herr von Bel⸗ eſtar. Silveſtre ſah dem Marquis ſcharf in's Geſicht, ſeine Stirne runzelte ſich und er ſprach mit einer Erha⸗ benheit des Ausdruckes, neben der der Hochmuth des Marquis gar armſelig und gemein erſchien: „Beſſer als irgend Jemand, mein Herr, kenne ich die Gründe, welche Fräulein Durand zu ihrem Beneh⸗ men beſtimmen konnten. Ich weiß nicht, ob ſie Ihnen Rechenſchaft darüber ſchuldig iſt, aber ich benachrichtige ee daß es mir nicht zuſagt, hierüber ſprechen zu hören.“ Herr von Belleſtar hatte ſich ſein Ziel zu beſtimmt feſtgeſetzt, um ſich dieſes Ausfalls zu bemächtigen, und den Ausgangspunkt für den von ihm beabſichtigten Streit daraus zu machen. Ueberdies hatte er vollkom⸗ men begriffen, daß Silveſtre ſich einbilde, das, was er von den geheimen Gründen des Schutzes von Sabine geſagt, beziehe ſich auf die Geldangelegenheit, welche 252 Prosny's Ruin herbeigeführt hatte, und es ſagte Herrn von Belleſtar ebenſo wenig als Silveſtre zu, in weitere Erörterungen über dieſen Gegenſtand einzugehen. Um indeſſen zu ſeinem Zwecke zu gelangen, war der Mar⸗ quis genöthigt, dieſes Gebiet zu durchſchreiten, aber er that dies, wie ein Menſch, der durch einen Raum voll Koth wandern muß und, Ekel und Widerwillen im Ge⸗ ſichte, auf den Zehenſpitzen marſchirt. Seine Worte nur murmelnd, verſetzte er: „Oh mein Herr, es handelt ſich nicht um frühere Verhältniſſe, von denen ich nur auf eine ganz unbe⸗ ſtimmte Art habe ſprechen hören, und wobei Ihre Fa⸗ milie verletzt worden zu ſeyn vorgibt.“ 8 „Vorgibt?“ rief Silveſtre dergeſtalt aufgebracht über dieſen Ansdruck, daß er beinahe ſeine Erklärung, er ſey nicht Willens, dieſen Gegenſtand in irgend einer Hinſicht zu beſprechen, darüber vergeſſen hätte. „Das Wort mißfällt Ihnen?“ rief der Marquis verächtlich lächelnd;„ich nehme es zurück, und ſage Ihnen, daß es durchaus nicht in meiner Abſicht liegt, von Verhältniſſen zu ſprechen, wobei Ihre Familie das Recht hat, ſich verletzt zu glauben.“ „Und ich bin entzückt, mein Herr,“ ſagte Herr von Prosny,„daß Sie mehr als ein Anderer von dieſem Rechte überzeugt ſind, Sie, dem ein gewiſſes Vermögen gehören ſoll.“ Herr von Belleſtar fragte ſich, ob die Eiferſucht oder eine widrige Empfindung, angeregt durch den Ver⸗ luſt ſeines Vermögens, aus Silveſtre ſpreche, und ſo ſagte er ganz wie von ungefähr: „Sie täuſchen ſich vielleicht, mein Herr, und es dürften vielleicht dieſe geheimen Gründe, die Fräulein Durand zu ihrem Venehmen in Beziehung auf Ihre Perſon beſtimmt haben, verhindern, daß ſich dieſes Vermögen je mit dem meinigen vermiſcht.“. Die Worte des Marquis hatten ein Gewicht, das er nicht entfernt vorherſah. Silveſtre blieb bei dem Ge⸗ 253 danken, Herr von Belleſtar ſpiele fortwährend auf die Anſprüche an, die er gegen Sabine geltend machen könnte, und, die Rede des Marquis von dieſer Seite betrachtend, erkannte von Prosny, inmitten ſeines Zornes, die Regung einer Empſfindung in ſich, die ihn tief betrübte. Er beobachtete einen Augenblick ein völ⸗ liges Stillſchweigen, als wollte er den neuen Gedan⸗ fen, der in ihm aufſtieg, prüfen und klar werden laſſen, und ſagte ſodann, nachdem er ſich gleichſim Gewiß⸗ heit verſchafft hatte, in ruhigem Tone zu ſeinem Neben⸗ buhler: „Entſchuldigen Sie die Lebhaftigkeit meiner Worte, Erinnerungen, die eine widrige Lage vielleicht etwas zu ſchmerzhaft gemacht hat, veranlaßten mich, ein Wort zu ſprechen, das ich nach Ihrem Beiſpiel zurücknehme; ich weiß von keinem Recht, das mich ermächtigen würde, irgend eine Forderung an Fräulein Durand zu ſtellen. Ihr Vermögen iſt vor jeder gerichtlichen Verfolgung, vor jeder Zurückforderung geſchützt. Ich müßte es im höchſten Grade beklagen, mein Herr, wenn ich glauben könnte, eine Regung von vielleicht übertriebener Em⸗ pfindlichkeit habe Sie über die Lage des Vermögens von Fräulein Durand beunruhigen können. Ich wäre weit von dem, was ich beabſichtigte, entfernt geweſen, wenn daraus die geringſte Veränderung in Ihren Ge⸗ ſinnungen in Beziehung auf Fräulein Durand hervor⸗ gehen würde, wenn ich ſehen müßte, daß durch meinen Fehler ſich ein Hinderniß gegen eine Verbindung er⸗ heben würde, die ihr gefällt, die ihr ſchmeichelt, und mit der mir... ihr Glück verknüpft zu ſeyn dünkt.“ Es läßt ſich die ſchlecht verhehlte Aufregung nicht wohl ſchildern, womit von Prosny die letzten Worke ſeines Satzes ausſprach. Er hielt ſich in der That für ſchuldig, eine Scene veranlaßt zu haben, welche einen Bruch zwi⸗ ſchen Sabine und Herrn von Belleſtar herbeiführen konnte; er fänd es ſchmachvoll und erbärmlich, durch dieſe Stene gegen die Tochter die Erinnerung an die Riederträchtigkeiten 254 ihres Vaters wiederbelebt zu haben; er verachtete ſich, daß er ſich zu einer ſo auffallenden Rache hatte verleiten laſſen, aber es hatte ihm eine unerhörte Anſtrengung gekoſtet, von der Heirath Sabinens und des Marquis zu ſprechen, ohne daß Verwünſchungen, Zorn, Trotz in ſeinen Worten zum Ausbruch gekommen wären. Auch war er von einer grauſam drückenden Laſt be⸗ freit, als er den Marquis, ohne zu wiſſen, worauf er abzielte, mit demſelben Hochmuth ſagen hörte „Oh! mein Gott! mein Herr, glauben Sie mir, das Vermögen von Fräuein Durand hat nichts mit allem dem zu ſchaffen, ich kenne es vollkommen, es iſt durchaus ſicher vor allen Forderungen, dieſes Vermögen iſt frei Das Wort, welches er ſo eben geſprochen hatte, ſchien den Marquis zu berühren, als ob es dem Gedanken, der ihn veinigte, einen unerwarteten Ausfluß öffnete, und er fuhr fort, dieſem Worte auf eine ganz gezierte Weiſe Nach⸗ druck verleihend: „Ja, mein Herr, ihr Vermögen iſt frei, und ich wünſchte, ihre Perſon oder ihr Herz wären es ebenfalls.“ Man muß ein Herr von Belleſtar ſeyn, um ſolche Dinge zu ſagen; man muß eine ungeheure Zuſammen⸗ häufung von Plumpheit und Albernheit in ſich tragen, um auf dieſe Art eine Frau zu gefährden, der man ſeinen Namen zu geben gedachte, aber andererſeits muß man Herr von Piosny ſeyn) um mit aufgeſperrtem Munde und erſtaunter Miene einem ſolchen Workte gegenüber zu ver⸗ harren, ohne daran zu denken, man könnte ſelbſt auf ir⸗ gend eine Weiſe dabei betheiligt ſeyn; man muß ſo grau⸗ ſam von dem Elend heimgeſucht worden ſeyn, daß man das Bewußtſeyn ſeines Werthes verloren hat, um in einer folchen Rede nicht die ungeſchickte, ungeſchlachte Wuth eines Nebenbuhlers zu ahnen. „Wie!“ rief Herr von Prosny naiv,„Sie könnten glauben, Fräulein Sabine ſey nicht frei, ihr Vormund mißbrauche die ihm vom Geſetze vetliehene Gewalt?“ Nun war es an Herrn von Belleſtar, Silveſtre mit 255 erſtaunter Miene anzuſchauen.„Welcher von uns Beiden iſt ein Gimpel?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Dieſer Herr, der nicht begreift, was ich ihm ſagen will, oder ich, der ich auf ein mir von einem Schwachkopf wiederholtes Ge⸗ ſchwätze dieſem armen Jungen eine Scene mache, von der er nichts zu faſſen vermag. Der Gimpel bin ich, der ich einen Augenblick glauben konnte, man habe an dieſen ro⸗ mantiſchen Schreiber gedacht, während doch ich da war.“ Nachdem dieſer Schluß aus der kurzen Ueberlegung im Innern des Herrn von Belleſtar hervorgegangen war, antwortete er, ohne ſeiner Phraſe den Nachdruck zu geben, den er bei allen früheren angewendet hatte: „Ich klage Herrn Simon nicht an, daß er die ge⸗ ringſte Gewalt über die Gefühle ſeiner Mündel ausübe, aber Sie kennen die Liebenden, mein Herr, ein Wort, eine Geberde, ein Zeichen bringt ſie in Aufruhr, ihr Zart⸗ gefühl befürchtet Vortheile zu gebrauchen, die in der wah⸗ ren Vereinigung, zweier wirklich von einander eingenom⸗ menen, Herzen nicht zählen dürfen...“ Silveſtre folgte ſtaunend den Bewegungen im Geſichte des Marquis, während dieſer ſeine Phraſe deklamirte, wie die Kinder den Händen eines Escgmoteurs folgen, um das Geheimniß ſeiner Zauberkünſte zu errathen. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Silveſtre. „Nun wohl, mein Herr;“ erwiederte der Marquis, das Geſicht aufgeblaſen von der Unverſchämtheit der Tho⸗ ren,„ich hatte bange, ich befürchtete, Fräulein Durand dürfte gewiſſe Gefühle zu vergeſſen haben, die man zwar ſchlecht adreſſirt hatte, die jedoch ihr Herz beſchäftigen konnten. Und deshalb ſagte ich Ihnen, ich wünſchte, es möchte ihr Herz ſo frei ſehn, als ihre Hand.“ War der Marquis beruhigt über die Leidenſchaft, die er bei Sabine für Silveſtre vermuthete, ſo ſollte er da⸗ gegen ſogleich von der Leidenſchaft Silveſtre's für Sabine belehrt werden. Prosny's Blick verdüſterte ſich, ſein Ge⸗ ſicht nahm einen Augenblick wieder den verwirrten Ausdruck an, den es hatte, als er am Abend zuvor in den Salon 256 von Herrn Simon eingetreten war; und er ſprach mit er⸗ ſtickter Stimme die nur mit Gewalt aus ſeiner Bruſt ſich loswindenden Worte: „Sie, mein Herr, ſie— Sabine, ſie liebt Einen.. ſie liebt ſie kann lieben aber aber“ Plötzlich hörte dieſe Perwirrung wieder auf; der Druck, der die Worte zuſämmenzwängte, wurde durch⸗ brochen, wie ein Damm, auf den ſich mit erneuter Wuth der nur mit gyößter Mühe zurückgehaltene Strom ſtürzt. Silveſtre heftete einen funkelnden Blick auf Herrn von Belleſtar, und ſagte mit gewaltig hervortretender Stimme: „Aber, wen liebt ſie denn, mein Herr?“ Der Marquis war ſo verwundert über dieſe heftige Frage, daß er unwillkührlich, mit derſelben Hitze und ſeinem Gegner den drohenden Blick zurückſchleudernd, geradezu antwortete: „Vielleicht Sie, mein Herr.“ „Mich!“ rief Silveſtre,„mich!“ Wie müßte ein ſolches Wort, wäre es aus einem andern Mund gekommen, Silveſtre in Begeiſterung ver⸗ ſetzt haben! Mit welcher Freude, mit welcher Glückſelig⸗ keit, mit welchen Hoffnungen hätte es ſein Herz erfüllt. So⸗ gar in dieſem Augenblick, ſelbſt dem Munde eines Herrn von Belleſtar entfließend, erſchütterte es ſein Gemüth in einem Grade, wobei das nebermaß des Entzückens Schmerz erzeugt. Als hätte der Gedanke der Liebe Sabinens vor ſeinen Augen wie ein Blitz geleuchtet, der ſie ver⸗ ſengen ſollte, ſchloß er dieſe einen Moment... bleich, beſtürzt, ſuchte er vergebens ſich zu ſammeln. Dann ſchüttelte er mit einer mächtigen Bewegung die Flamm gleichſam aus ſich heraus, die ſein Inneres durchdrun⸗ gen hatte, er verjagte die Viſion, die ihn wahnſinnig machte, richtete ſich auf und ſchaute den Marquis al. Wir können nicht Alles bezeichnen, was in Silveſtre's Kopf während des kurzen Zeitraums vorging, wo er Herrn von Belleſtar mit den Blicken durchforſchte; aber die Reihenfolge der Ideen muß ſehr raſch geweſen ſeyn⸗ in ne n ig s et n 257 vaß ſie von dem Punkte, von dem ſie ausgegangen war, zu dem unerhörten Schluſſe führen konnte: „Mein Herr,“ ſagte er zu dem Marquis,„mein Herr, Sie ſind ein Feiger!“ Der Marquis ſaß neben dem Bette; blaß vor Zorn erhob er ſich bei dieſer furchtbaren Anrede. Dieſer Zorn war ſo heftig, daß er ſich nur durch einen dumpfen, rauhen Schrei und eine Geberde kund gab, welche allein durch die Schwäche Silveſtre's zurückgehalten wurde. Von Prosny ſchien ſich bei dieſer Drohung wieder zu beleben, er neigte ſich gegen Herrn von Belleſtar, und verſetzte mit jener tiefen, trockenen Stimme, die der Be⸗ leidigung einen viel grauſameren Nachdruck gibt, als der gewaltigſte Ausbruch: „Ja Sie ſind ein Feiger, Sie haben ein Mädchen beleidigt, weil Sie wiſſen, daß es der Familie, und folg⸗ lich der Mittel zur Vertheidigung entbehrt.. weil die Arme Ihnen auf irgend eine Art gezeigt haben wird, daß ſie ſich ſchämt, Ihnen Hoffnung-gegeben zu haben, denn ſie liebt Sie nicht, ich weiß es, ich begreife es; ſie iſt zu edel, zu ſtolz, zu erhaben hiezu. Und weil ſie es Ihnen ohne Zweifel geſagt hat, ſo wiſſen Sie nichts Beſſeres zu thun, als ſie einer Liebe für einen Andern zu beſchuldigen, als eine Leidenſchaft in ihrem Herzen vorauszuſetzen, eine Leidenſchaft.. für wen? für. (Silveſtre lächelte bitter) für mich, mein Herr, den ſie nicht kennt, der durch Alles von ihr getrennt iſt,. für mich, der ich nichts bin, den ſie im Elend geſucht haben müßte. für mich, der ich ihr Feind bin ihr Feind ſehn ſollte. Aber warum haben Sie ſie nicht vollends beſchuldigt, ſie liebe, ich weiß nicht wen.. iz nächſten Beſten, dem ſie auf der Straße begegnet, Silveſtre reizte ſich immer mehr auf, je mehr er ſprach, ſo daß er nicht mehr artikuliren konnte; er hielt einen Augenblick inne, und rief ſodann mit lauter Stimme: Frederie Soulis. Von Tag zu Tag. 17 258 eine Feigheit, was Sie mir geſagt haben.. was Sie Niemand mehr ſagen werden, ich ſchwöre es Ihnen; denn ich will... ich werde... Silveſtre machte einen Verſuch, aufzuſtehen; Herr von Belleſtar, der ihn mit der ruhigen Wuth eines Raufers betrachtet hatte, welcher die Stelle ſucht, wo er ſeinen Gegner zu tödten gedenkt, Herr von Belleſtar hielt Silveſtre durch eine Geberde zurück, und ſagte kalt: „Sobald Sie das Bett verlaſſen können, mein Herr, werden wir dieſe Unterredung wieder aufnehmen....“ „Alſo auf der Stelle!“ „Uebereilen Sie ſich nicht meinetwegen,“ entgegnete der Marquis grüßend;„das wird mich nicht abhalten, zu ſchlafen.“ Silveſtre ſah ihn abgehen; dann fiel er auf ſein Bett zurück, und rief, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Oh, der Elende, der mir ſagen konnte, ſie liebe mich Warum brachte dieſe Liebe Silveſtre ſo furchtbar in Aufruhr, da ſie ihm doch ein unerwartetes Glück hätte bereiten ſollen? Weil er darin eine Beleidigung für Sabine von dem Augenblicke an geſehen hatte, wo Herr von Belleſtar davon zu ſprechen wagte, weil dieſe Frau, die er am Abend vorher noch hatte beleidigen wollen, dergeſtalt ſeine Seele erfüllte, daß von dem Momente, wo man ſie mit einem verletzenden Worte berührt hatte, ſein ganzes Weſen erbebte, ſein ganzer Stolz erwacht war, weil er, ohne es zu vermuthen, ſie in ſich trug, wie er das Andenken an ſeine Mutter, ſeinen Glauben, ſeine Religivn, ſein Leben in ſich trug;— weil er ſie liebte, wie man lieben muß. Während dieſe Erklärung bei Herrn Simon ſtatt⸗ fand, war unfer Sachwalter zur Verfolgung von Fräu⸗ lein von Prosny geſchritten. Endlich hatte er es gewagt, Ah! ja, mein Herr, das iſt eine Feigheit. 259 in dieſer zarten Angelegenheit entſchieden aufzutreten; vorläufig genügte es ihm jedoch, die Tante zu treffen, um ihr Stillſchweigen zu erlangen oder vielmehr zu er⸗ kaufen,— das Uebrige ſollte ſeinen Gang gehen. Herr Simon begab ſich zuerſt in Silveſtre's Haus, wo es ihm in ſeiner Eigenſchaft als Patron des jungen Schrei⸗ bers vergönnt war, alle Erkundigungen einzuziehen die er zu haben wünſchte, ohne daß man ihm die geringſten Schwierigkeiten entgegenſetzen konnte. Der Sachwalter hegte eine gründliche Verachtung für alle zänkiſche, alte, Jungfern, und Fräulein von Prosny war durchaus nicht geeignet, andere Gefühle und Anſichten in ihm zu erwecken. Um ſeine Fragen zu rechtfertigen, erklärte er deshalb dem Hausmeiſter, ohne Anſtand zu nehmen, Fräulein von Prosny habe plötzlich den Verſtand ver⸗ loren, ſie ſey verrückt geworden, und dieſes Unglück, welches ihr Neffe unkluger Weiſe ſeinen Freunden ver⸗ borgen, habe Silveſtre beinahe das Leben gekoſtet, und ſetze ſeine Tante tauſend Gefahren aus. Der Haus⸗ meiſter trug, wie oben erſichtlich, durchaus keine Zärt⸗ lichteit für Fräulein von Prosny im Herzen; er war alſo ſehr geneigt, Alles anzunehmen, was man ihm gegen ſeine Miethsfrau ſagen konnte. Ueberdies mußte die Thatſache der Flucht von Fräulein von Prosny in der Nacht denjenigen, welche die geheimen Motive nicht kannten, nothwendig als ein Akt der Verrücktheit er⸗ ſcheinen. Herr Simon fand daher alles mögliche Ent⸗ gegenkommen, allen nur immer wünſchenswerthen Eifer, ihn in ſeinen Nachforſchungen zu unterſtützen. Hätte unſer Sachwalter Silveſtre befragen, und hätte dieſer ihn begleiten können, ſo würde Herr Simon ohne Zweifel viel ſchneller über einen Umſtand belehrt geweſen ſeyn, den er als äußerſt wichtig betrachtete. Hatte ſich Fräulein von Prosny mit einem Paquet entfernt oder nicht? Im erſten Falle, und beſonders, wenn das Paquet etwas umfangreich war, mußte nothwendig ein Fiaker 8 17 260 oder ein Commiſſionär in das Geheimniß der Flucht eingeweiht ſeyn. Und da Fräulein von Prosny daran gelegen ſeyn mußte, ſich der Bürde dieſes Paquets ſo ſchnell als möglich zu entledigen, ſo folgte daraus, daß der Fiaker auf dem nächſten Platze am Abend zuvor ſtationirt geweſen, oder daß der Commiſſionär einer von denen war, die das Monopol der nächſtgelegenen Straßen haben. Herr Simon befragte den Portier über dieſen Gegenſtand, aber der gute Mann, der ſich ſelbſt einer raſtloſen Wachſamkeit rühmte, wußte dieſe erſte Frage nicht zu beantworten; er wußte nur, ungefähr auf eine halbe Stunde, den Angenblick anzugeben, wann Fräulein von Prosny das Haus verlaſſen hatte. Dies beſtimmte Herrn Simon, gemeinſchaftlich mit dem Portier eine Ausſuchung in den Zimmern Prosny's vorzunehmen. Sie fanden Alles in größter Unordnung; die Schränke waren offen geblieben, und da keiner auch nur das ge⸗ ringſte weibliche Kleidungsſtück enthielt, ſo ſchloß Herr Simon hieraus, Fräulein von Prosny habe ihre ganze Habe mit ſich genommen, und durch dieſe Ueberzeugung geſtärkt, hielt er ſich für ſehr erleichtert in ſeinen Nach⸗ forſchungen. Was Herr Simon aber als ein Hinderniß bei Ausfüh⸗ rung der Pläne von Fräulein von Prosny betrachtet hatte, nämlich die Feſtlichkeit des Neujahrstages, mußte zugleich eine große Schwierigkeit für ihn zur Folge haben. Es waren auch in der That alle Commiſſionäre der Umgegend von ihren Plätzen in beſonderen Aufträgen entfernt, theils um ſchwere Etrennes, theils um einfache Viſitenkarten. zu beſtellen. Herr Simon ſammelte in den Bureaur der, Silveſtres Wohnung benachbarten, Fiaker⸗Stationen die Nummern aller Gefährte, welche am Abend vorher zwi⸗ ſchen acht und neun Uhr aufgeſtellt geweſen waren; er erfuhr zu gleicher Zeit, welchen Adminiſtrationen dieſe Gefährte gehörten; aber welche Hoffnung hatte er, die zwei oder drei Wagen außzufinden, die ungefähr um die Stunde der Flucht von Fräulein von Prosny von dieſen 261 Stationen abgegangen waren? An jedem anderen Tag, als an dieſem, wäre dieſe Sache äußerſt ſchwierig ge⸗ weſen; am Reujahrstag ſchien ſie völlig unmöglich. Doch Herr Simon war nicht der Mann, der vor ſchein⸗ baren Unmöglichkeiten zurückwich. Er beauftragte den Hausmeiſter, die Rückkehr aller Commiſſionäre an ihren Platz zu überwachen, und ihnen eine Stunde zu bezeich⸗ nen, wo ſie ſich in der Wohnung des Herrn von Prosny einfinden ſollten. Mit einigen Thalern ſollte er ſich ihres pünktlichen Erſcheinens verſichern. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen waren, begab ſich Herr Simon zu den verſchiedenen Unterneh⸗ mungen, denen die Fiakers gehörten, deren Nummern er geſammelt hatte; er wiederholte an jedem Orte die Geſchichte von der Verrücktheit und Flucht von Fräu⸗ lein von Prosny, und erlangte es dadurch leicht, daß alle Kutſcher an demſelben Abend befragt werden ſoll⸗ ten, um in Erfahrung zu bringen, ob Einer von ihnen gegen neun Uhr eine alte, ſchwarz gekleidete Frau mit einem Paquet aufgenommen hätte. Wäre dies geſchehen, ſo konnte der Kutſcher nicht umhin, anzugeben, wohin er ſie geführt, und Fräulein von Prosny war wieder gefunden. Dieſe Chance war ſehr auf das Ungewiſſe geſtellt, und überdies dadurch die Entdeckung auf den andern Tag verſchoben, die Herr Simon noch an dem⸗ ſelben zu machen trachtete; ſchon war mehr als die Hälfte des Tages abgelaufen, denn er hatte von der Barrière Poiſſoniere an die Barrisre du Combat, von da in den Faubourg Saint⸗Jacques, vom Faubourg Saint⸗Jacques in die Chauſſée du Maine, und was weiß ich, wo ſonſt noch hin gehen müſſen, und überall waren lange Erklärungen nöthig geweſen. Alles dies lähmte die Thätigkeit des Herrn Simon nicht; er wußte, daß man ſehr häufig in den Schritten, welche gleichgültige Menſchen für unnütz erklären, die Andeutung findet, die den Suchenden auf den wahren Weg lenkt. Steht dieſe Andentung nicht unmittelbar 262 mit den bereits unternommenen Schritten in Verbindung, ſo ſchreiben viele Leute einem glücklichen Zufall das un⸗ vermuthete Auffinden dieſes erſten Leitfaden zu, doch es iſt nicht minder wahr, daß ſolche glückliche Zufälle meiſtens nur denen begegnen, welche alles Erdenkliche aufſuchen und aufſtöbern, um Licht zu erhalten. So kann man in gegenwärtigem Falle ſagen, alle Vorſichts⸗— maßregeln des Herrn Simon ſeyen unnütz geweſen, und dennoch wurde er dadurch, daß er ſie nahm, darauf hin n einen Weg einzuſchlagen, an den er ohne dies vielleicht gar nicht gedacht hätte. Herr Simon kam von der Barriere du Maine zurück; er ſtreckte den Kopf zu ſeinem Cabriolet hinaus, und beſichtigte jede Frau, die in ein verdächtiges Schwarz gekleidet, und ihrer Hal⸗ tung nach Fräulein von Prosny einigermaßen ähnlich war. Herr Simon war, wie geſagt, nicht der Mann, der den Zufall vernachläſſigte, welcher ihm die alte Flüchtige an einer Straßenecke zeigen konnte. „Es leben hier zehnmal hundert tauſend Menſchen; an einem Tage, wie der heutige, werde ich fünfzigtau⸗ ſend auf meinem Wege begegnen,“ ſagte Herr Simon zu ſich ſelbſt.„Unter dieſer Zahl werde ich vielleicht tauſend beſonders bemerken; das iſt eine Chance von eins gegen tauſend, gegen zehn tauſend; gleichviel— die Chance beſteht, man darf ſie nicht vernachläſſigen.“ Eines Theils war allerdings anzunehmen, daß Fräulein von Prosny an dieſem Tag, wo Alles aus⸗ wärts iſt, ihren Zufluchtsort nicht verlaſſen würde; aber anderer Seits konnte ſie doch möglicher Weiſe, von der Leidenſchaft ihrer Rache getrieben, ausgegangen ſeyn, um einen Geſchäfts⸗Agenten zu ſuchen, und ſomit konnte ſie ſich auch auf dem Wege des Herrn Simon finden.⸗ Er hatte alſo den Kopf, wie geſagt, aus dem Kutſchenſchlag hinausgeſtreckt, ſein Auge war auf der Lauer, als er an der Ecke der Rue du Bae einen Fin⸗ ger bemerkte, der äuf ihn deutete, und ein Geſicht, das ganz erſtaunt über den unruhigen Ausdruck ſeines eige⸗ * * * 263 nen Geſichts zu ſeyn ſchien. Dieſer Finger und dieſes von Herrn Simon wahrgenommene Geſicht gehörten Radinot. Man will nicht an das Vorhandenſeyn des magne⸗ tiſchen Fluidums, nicht an die Macht dieſes Agenten glau⸗ ben, der, unter gegebenen Umſtänden, die Gedanken ei⸗ nes Individuums an ein anderes ohne die Unterſtützung der Organe überträgt, der ihnen die Gegenſtände zeigt⸗ die außer dem Bereich ihrer Sinne liegen, der ſie von gewiſſen Annäherungen unterrichtet, die Anderen Nichts offenbart. Was mich betrifft, ich glaube an den Mag⸗ netismus, und was Herrn Simon bei dieſer Gelegen⸗ heit begegnete, würde mir dieſen Glauben einflößen, ſelbſt wenn ich ihn nicht ſchon ſeit langer Zeit gehabt hätte. Kaum erblickte Herr Simon Radinot, als er, wie wenn ihm eine plötzliche Erſcheinung mit einem Schlage den Weg gezeigt hätte, der ihn zu ſeinem Ziele führen ſollte, zu ſich ſelbſt ſagte:„Das iſt der Menſch, durch den ich Fräulein von Prosny wiederfinden werde.“ Herr Simon wußte indeſſen noch nicht, daß Radi⸗ not bis auf einen gewiſſen Grad der Mitſchuldige bei der Abführung des an Silveſtre abgeſchickten Paquets mit Bangue⸗Zetteln geweſen war. Er wußte nicht, daß dieſer kleine Schreiber die alte Tante von dem Vor⸗ handenſeyn dieſes Paauets bei dem Hausmeiſter benach⸗ richtigt hatte. Es war von Seiten des Herrn Simon nur eine von den raſchen Eingebungen, von den plotz⸗ lichen Ueberzeugungen, die ſich eines Menſchen bemäch⸗ tigen, die ihn auf eine neue Bahn fortziehen und an⸗ treiben, auf dieſer zu handeln, ohne daß er das wirk⸗ liche Motiv, das ihn beſtimmt, anzugeben vermag, ohne daß er auf eine vernünftige Weiſe die Gründe dieſer Ueberzeugung zu erklären im Stande iſt. Und dennoch ereignet es ſich häufig, daß man ſolchen Beſtimmungen den Erfolg zu danken hat. Nichts rechtfertigt ſie in den Augen des Volkes, aber ſie führen den Menſchen 264 von höherer innerer Begabung zu ſeinem Ziele; es iſt dies in der That das zweite Geſicht, welches das Ge⸗ nie der großen Generale, der großen Diplomaten, der großen Dichter und der großen Sachwalter bildet. Herr Simon gab Radinot ein Zeichen, näher zu kommen, und er war ſo ſehr überzeugt, die Spur von Fräulein von Prosny in der Perſon ſeines jungen Schrei⸗ bers gefunden zu haben, daß er, obgleich ihm nur wenig Zeit zu Verfolgung ſeiner Nachforſchungen mehr übrig blieb, zu dieſem ſagte: „Können Sie mir eine Stunde ſchenken?“ „So viel Zeit, als Ihnen beliebt, mein Herr,“ antwortete Radinot ſehr erſtaunt über eine ſolche Anrede. Herr Simon wollte Radinot nicht in Gegenwart des Kutſchers befragen, und fügte daher bei: „Haben Sie ſchon gefrühſtüͤckt?“ Radinot hatte eine von den Antworten bereit, die nur dem Schreiberſtande angehören, denn er erwiederte ſogleich im natürlichſten Tone: „Ich habe nur einmal gefrühſtückt.“ Auf dieſe Verſicherung ließ Herr Simon Radinot mit ſich in ein benachbartes Kaffeehaus eintreten, und nachdem er ein Frühſtück befohlen hatte, bei deſſen na⸗ mentlich aufgeführten Artikeln das Geſicht des jungen Ausgehungerten immer fröhlicher aufblühte, begann er folgendes Geſpräch mit ihm: „Sie kennen Fräulein von Prosny?“ ſagte Herr Simon, indem er Radinot drei Viertel eines Beefſteak vorlegte. „Ja, mein Herr, ich kenne ſie.“ „Sie ſind alſo häufig zu Silveſtre gekommen?“ „Oh! mein Herr, ich kenne Fräulein von Prosny anderswoher.“ Das war ein wichtiger Punkt, und Herr Simon glaubte ſchon viel gewonnen zu haben, daß er etwas von den Verbindungen und Gewohnheiten des Fräuleins erfahren konnte. — 265 „Und woher kennen Sie denn Fräulein von Prosny, Radinot?“ ſprach Herr Simon, indem er ihm Wein einſchenkte. Der kleine Schreiber zog die Naſe auf, ſchaute den Patron an, ſtieß das Glas zurück, und ſagte in einem, gewaltig mit ſeiner gewöhnlichen, ſchrillen, ſpöttiſchen Sprache contraſtirenden, Tone: „Herr Simon, Sie müſſen etwas in Betracht zie⸗ hen: alle Ihre Schreiber gehören Ihnen mit Leib und Seele an, weil— doch genug— man lernt bei Ihnen, daß die Ehrlichkeit zu etwas nützt. Wollen Sie mehr von Fräulein von Prosny wiſſen, ſo bedarf es keiner Umwege; es intereſſirt Sie, es intereſſirt Silveſtre, das iſt hinreichend... Ich bin bereit, Ihnen Alles zu ſagen, was ich weiß.“ „Nun, mein Junge,“ verſetzte der Sachwalter, dem dieſe Erklärung ſeines Schreibers vielleicht mehr ſchmei⸗ chelte, als ein viel bedeutenderes Lob,„nun, ſo hören Sie: Fräulein von Prosny iſt aus dem Hauſe ihres Neffen entflohen.. Das muß ein Anfall von Verrückt⸗ heit ſeyn...“ Der Schreiber ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ein Anfall von Bosheit; die Alte iſt nicht ver⸗ rückt... nein, nein, ſie iſt nicht verrückt.“ „Wie dem ſeyn mag, es iſt von Wichtigkeit, daß wir ſie noch heute wiederfinden. und ich weiß nicht, warum ich, als ich Sie erblickte, den Gedanken gehabt habe, Sie könnten uns mit Ihrem Verſtande und mit Ihrer Gewandtheit zu ihrer Auffindung behülflich ſeyn.“ Radinot lächelte.„Der Patron,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„bezahlt mich mit meiner Münze; er findet mich verſtändig und gewandt, während er bis jetzt nur mit mir geſprochen hat, um mir Trägheit und Ungeſchicklich⸗ keit vorzuwerfen.“ Nach dieſer erſten Betrachtung ſchüt⸗ telte der kleine Schreiber abermals den Kopf und er⸗ wiederte: „Es iſt ſehr ſchwer zu wiſſen, wo ſie ſich aufhält; 266 denn es iſt eine alte Ratte, die mehr als ein Loch hat, um ſich zu verbergen; man müßte zuerſt wiſſen, warum ſie weggegangen iſt.“ „Was liegt an dem Grunde ihrer Entfernung?“ ſagte Herr Simon, ſehr verwundert über die anmaßliche Sicherheit des kleinen jungen Menſchen. „Daran liegt Alles,“ antwortete er. Radinot kratzte ſich hinter dem Ohre, leerte ein Glas Wein, und ſprach ſodann mit bedächtigem Tone zu Herrn Simon: „Um Vergebung, mein Herr, aber Sie müſſen mir die Wahrheit ſagen; nicht wahr, Sie fragen mich nicht nur, um mich plaudern zu laſſen? Es handelt ſich um eine ſehr wichtige Angelegenheit?“ „Allerdings.“ „Sehen Sie, wir klatſchen zuweilen in der Schreib⸗ ſtube— Sie verſtehen, um zu lachen... und ich möchte nicht gerne einer Albernheit wegen Geſchichten er⸗ zählen.“ „Aber, was iſt es denn?“ rief Herr Simon, äußerſt“ neugierig zu erfahren, was ihm Radinot zu ſagen haben könnte,„heraus mit der Sprache, ich will es, ich erkläre Ihnen, daß Sie mir einen wahren Dienſt damit erweiſen.“ „Nun wohl! mein Herr, ich wiederhole, daß man, um zu wiſſen, wohin Fräulein von Prosny gegangen ſehn kann, zuvor wiſſen müßte, warum ſie gegangen iſt.“ „Haben Sie, der Sie das Fräulein kennen, gar keine Idee hierüber?“ „Ah, das iſt eine alte Here, die ſelten von ihren Abſichten ſpricht; doch ich brauche nicht viel, um das nebrige zu errathen. Soll ich Ihnen Alles ſagen?“ „So ſprechen Sie doch.“ „Nun denn, hören Sie, was ſich vor zwei Tagen am Abend ereignet hat...“ „Vor zwei Tagen,“ rief Herr Simon, ſehr verwun⸗ dert über dieſe Bezeichnung, welche ganz genau mit dem 267 Tage und dem Augenblick zuſammentraf, wo Sabine das Paguet an Silveſtre übermacht hatte. „Sie wollen alſo, daß ich Ihnen Alles ſage,“ wie⸗ derholte Radinot. 3„Alles, durchaus Alles.“ „Wohl. Vor zwei Tagen übergab mir der Ober⸗ ſchreiber, als er das Arbeitszimmer verließ, ein Billet, das ich zu ſeiner Tante tragen ſollte, welche nur zwei Schritte von uns entfernt wohnt. Als ich bei Silveſtre's Haus anlangte, ſah ich einen Fiaker ſtille halten; eine Idee, wie die Ihrige, daß ich etwas erfahren könnte, eine Idee veranlaßt mich, nachzuſehen, wer aus dem Fiaker ausſtiege. So ſicher, als ich mit Ihnen ſpreche, ſehe ich die Gouvernante von Fräulein Sabine ausſteigen, dann Fräulein Sabine ſelbſt, auf meine Ehre, bei dem Haupte meiner Mutter... „Ich weiß es, ich weiß es,“ erwiederte Herr Simon, ſehr ärgerlich, in ſolchen Händen das Geheimniß von Sa⸗ binens Beſuch bei Silveſtre zu wiſſen,„nun, und dann?“ „Ich warte einen Augenblick, um zu ſehen, ob der Beſuch lange dauern würde; die Bonne und das Fräulein kehren ſogleich wieder zurück, und ich denke nun daran, das Billet Fräulein von Prosny zuzuſtellen. Ich trete ein, wende mich an den Portier, und erblicke gerade unter meiner Naſe, und auf dem Tiſche, der unter dem Fenſter der Loge ſteht, ein Paquet, das man ſoeben darauf ge⸗ legt hatte, mit der Adreſſe von Herrn Silveſtre von Prosny. „Ich biete mich an, es hinaufzutragen, der Portier gibt es nicht zu. Auf meine Ehre, auf mein Ehrenwort, Herr Simon, ich hatte in dieſem Augenblick keine andere Idee, als es ſey ein hübſches Neujahrs dem erſten Schreiber machen wollten, Durand zufällig an dem Hauſe Sie ihr den Auftrag gegeben, rückzulaſſen, weil er nicht wiſſen ſollte, vorübergefahren, es in ſeiner Wohnung zu⸗ geſchenk, das Sie und da Fräulein ſo haben von wem es käme. N 268 Aber als ich mein Billet Fräulein von Prosnh zugeſtellt hatte, der Teufel, da kamen mir ganz andere Gedanken.“ „Ah! was für Gedanken!“ „Ich erzähle Ihnen die Sache, wie ſie iſt, nichts davon, nichts dazu; es iſt möglich, ich habe Unrecht ge⸗ habt; doch was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Fräulein von Prosny hat kaum Silveſtre's Billet, worin er ihr ſagte, daß er nicht zum Mittageſſen kommen könnte, zu Ende geleſen, ſo fängt ſie an zu brummeln und ſagt, den Schnabel krümmend— ſie iſt furchtbar in ſolchen Augenblicken— nun denn, ſie ſagt:„Das iſt nicht wahr, er hat nichts in der Schreibſtube zu arheiten; das fängt ſauber an; er wird ausſchweifend, er richtet ſich zu Grund.“ „Sie täuſchen ſich,“ enigegnete ich,„er wird nicht aus⸗ ſchweifend u. ſ. w., Nun, ich ſuche die Alte zu beſänf⸗ tigen, da ſagt ſie plötzlich: „„Ja, ich bin überzeugt, dieſes nichtsnutzige Weibs⸗ bild verdreht ihm den Kopf...“ „Iſt's gefüllig!“ rief Herr Simon mit ſo ſtrengem Tone, daß Radinot vor Schrecken ein Mund voll Reb⸗ huhn im Halſe ſtecken blieb. ½ Der Sachwalter war ſelbſt darüber aufgebracht, daß er ſeinen Schreiber unterbrochen hatte; aber er hatte ſo gut begriffen, daß ſich der Ausdruck„nichtsnutziges Weibs⸗ bild“ auf Sabine bezog, daß er eine Aufwallung des Zorns nicht zu bemeiſtern vermochte. Radinot ſchlug die Augen nieder, wurde röther, als die Radieschen, welche vor ihm lagen, und ſprach: „Sie begreifen, mein Herr, daß ich dies nicht geſagt habe... Jedermann achtet Sie, und auch Fräulein Sabine achtet man; aber, den Teufel, dieſe Prosny. nun denn... mein Herr ſie hat es geſagt. Sie befragen mich?..“ „Fahren Sie fort, mein Lieber. Ich bin Ihnen des⸗ halb nicht böſe. Vorwärts. Der Schreiber, der ſich anfangs ganz ſeiner Schwatz⸗ 269 luſt hingegeben hatte, befürchtete zu viel zu reden, wiegte den Kopf und fuhr nur murmelnd fort:. „Ich weiß nicht, ob ich kann ob ich ſoll... Es iſt zu ſtark geweſen; wenn ſich die Alte darein miſcht, ſo geht es nicht immer ganz gelaſſen zu. „Aber, mein Gott, ich kenne ſie, ich weiß, was ſie zu thun fähig iſt.... Befürchten Sie nichts, es iſt ein Dienſt, den Sie niir erweiſen.“ „Nun wohl,“ fuhr Radinot immer noch zögernd fort, „nun fing ſie an, einen ganzen Haufen von Dingen zum Beſten zu geben... Sie verſtehen, lauter dummes Zeug da 4 „Was denn...“ „Silveſtre ſey ein armſeliger Tropf, er laſſe ſie im Stiche, er wolle ſie ſich vom Halſe ſchaffen, er fange an... und alles dies wegen...“ „Nun, warum denn?“ Weil er in Fräulein Durand verliebt ſey„. Bei meinem Ehrenwort, ich ſchwöre es, auf weſſen Aſche Sie wollen, wahrhaftig, das hat ſie geſagt!“ Herr Simon hatte wohl etwas dergleichen erwartet; aber trotz allem Zwang, den er ſich anthat, ließ er doch unwillkührlich durchblicken, in welchem Grade er verletzt und aufgebracht war, ſeine Mündel dem Geſchwätze der jungen Leute ſeiner Schreibſtube preisgegeben ſehen zu müſſen; denn er kannte Radinot und ſeine Herren Schrei⸗ ber zu gut, um nicht überzeugt zu ſeyn, daß man die Worte der alten Prosny wiederholt und mit Anmerkungen begleitet hatte. Radinot kam ganz aus der Faſſung und Herr Simon ſah ſich genöthigt, alle mögliche Bitten und Ermuthi⸗ gungen anzuwenden, um ihn zum Fortfahren zu bewegen. Der Schreiber widerſetzte ſich fortwährend jeder weiteren Wittheilung, bis der Sachwalter endlich ſagte: „Bedenken Sie wohl, Radinot, wenn Sie ſchweigen, ſo erregen Sie in mir die Vermuthung, Fräulein von Prosny habe Dinge von einer Bedeutung geſprochen.“ 270 „Das iſt es nicht allein, mein Herr, ſondern weil ich geſagt habe...“ „Was haben Sie denn geſagt?“ „Eine Dummheit.. „Hexaus damit?“ „Wohl,“ rief Radinot, wieder Muth faſſend,„ich habe geſagt, es wäre wohl möglich.. Ich ſagte das lachend.. und dann... wenn einem ein Scherz auf die Zunge kommt, ſo läßt man ihn los und bereut es nichhet „Schon gut,“ ſprach Herr Simon, trotz ſeiner Un⸗ geduld, mit äußerſt ſanftem Tone—„das iſt fein Ver⸗ brechen, das iſt ein Scherz, vollenden Sie.“ „Gut, ich habe geſagt... ich lachte.. ich ſagten Ich glaube wohl, daß ſie ſich anbeten... ſie ſind ſchon bis zu den kleinen Geſchenken gekommen.“ Der Sachwalter hätte gerne den Schreiber an den Ohren gezaust, aber er war diesmal ſtärker und er er⸗ wiederte lachend: „In der That, das war wohl zu glauben, und was antwortete Fräulein von Prosny?“ „Oh, die iſt aufgefahren, wie eine Rakete; ſie nöthigte mich, ihr zu ſagen, was ich bei dem Portier geſehen hatte, und als ſie erfuhr, Fräulein Durand ſey da geweſen, oh! dann, dann... das war ein Schlag⸗ regen nach allen Seiten Oh! welche verteufelte Zunge!“ „Weiter, weiter, womit endigte die ganze Geſchichte, auf was lief denn alles das hinaus?“ „Darin liegt das Geheimniß.„„Ja, ja,“ ſagte ſie, „„wenn das wahr iſt, wenn dieſe...“ Die Worte thun nichts zur Sache,„„wenn Fräulein Durand Liebes⸗ händel mit meinem Neffen betreibt, ſo werde ich das Haus verlaſſen, ich werde betteln gehen... Ich laſſe mich in ein Hoſpital aufnehmen... was weiß ich!“ Dann fügte ſie plötzlich bei:„„Ach, mein Gott, wenn ich nur Mittel hätte, einen Prozeß zu bezahlen, ich wollte ihr ſchon zeigen, wo ſie her iſt, dieſe“ Worte thun nichts zur Sache...„Bah,“ ſagte ich,„Fräulein Durand kümmert ſich einen Teufel um Sie; ſie iſt reich, ihr Vermögen iſt in Ordnung, und obgleich.. Herr Simon warf ſeinem Schreiber einen böſen Blick zu; dieſer ſtockte. „Was haben Sie denn?“ ſprach der Sachwalter. „Den Henker, Sie begreifen, es gibt Dinge, von denen man überall ſpricht.... auch in der Schreibſtube ſpricht man davon, man hat Unrecht.... man hat Unrecht, ich weiß es wohl.... aber ich kann nichts dafür, daß ich es gehört habe.. ich wußte, daß die Alte behauptete, Herr Durand, der Vater, habe ſie habe ſie. ein wenig über das Ohr gehauen. ja, das iſt der rechte Ausdruck. Nun, ich ſagte dies Fräulein von Prosny, die mir erwiederte:„„Ach wenn ich nur ein Tauſend-Franken⸗Billet hätte, das ich einem gewiſſen Jemand geben könnte, ich wollte ihr einige böſe Tage bereiten, dieſer...““ Sie begreifen, wieder ein ſchlim⸗ mes Wort.“ Radinot hatte endlich nach vielen Umwegen gerade den Punkt berührt, den Herr Simon gleichſam errathen hatte; auch vergaß der Sachwalter ſogleich das widrige Geſchwätze, welches er hatte hören müſſen, und ſagte lebhaft zu ſeinem Schreiber: „Und dieſer Menſch, Sie kennen ihn?“ „Ob ich ihn kenne— bei ihm habe ich gearbeitet, ehe ich bei Ihnen war... Ich ſagte Ihnen nichts da⸗ von, weil es nicht die beſte Empfehlung war. Dort habe ich Fräulein von Prosny geſehen, die ihn immer mit ihren Wehklagen und ihren Plänen, ihr Vermögen wieder zu gewinnen, langweilte. Ich wußte die Geſchichte aller Prosny's beim Eintritt in Ihr Haus. Ich habe beim lebendigen Gott gegen keine Seele hierüber den Mund geöffnet, nicht einmal gegen Silveſtre, der keine Ahnung davon hat, daß ich ſeine Tante aus alten Zeiten kenne. Nun, mein Herr, darum ſagte ich Ihnen, wenn man wüßte, warum ſie das Haus verlaſſen hat, ſo könnte 272 man auch wiſſen, wo ſie iſt, denn Herr Fumetière muß es wiſſen.“ „Wie!“ rief Herr Simon,„dieſer Spitzbube von Fumetière?“ „Ebenderſelbe.“ „Wo wohnt er? Ich muß mich ſogleich zu ihm begeben.“ „Wo er wohnt? ah! ſieh da. Wo er wohnt, weiß ich wohl, aber wo ihn treffen?.. das iſt ein ander Ding. Halt;— es iſt heute Neujahrstag, er muß in ſeinem Bureau in der Rue du Roi⸗de⸗Sicile ſeyn.“ „Was iſt denn das?“ „Ich werde es Ihnen unter Wegs ſagen, denn es iſt bald drei Uhr, und ungefähr um dieſe Zeit ſchließt man. Ueberdies muß ich Sie führen, Sie würden es nicht finden, auch wäre dies kein Grund, Eingang bei ihm zu erhalten.“ Herr Simon vertraute ſich Radinots Führung, und Beide gingen im Cabriolet nach der Rue du Roi⸗de⸗ Sirile ab. Wäre dieſe Geſchichte nicht die einfachſte Erzählung der Liebe zweier junger Leute, ſo hätten wir die ſchönſte Gelegenheit, eine von jenen Stenen zu ſchildern, welche der gegenwärtigen Geſellſchaft zur Schande gereiche und beweiſen, bis zu welchem Grade das Laſter durch das Laſter ausgebeutet werden kann. Das Haus, wo⸗ hin Radinvt Herrn Simon führte, war wirklich einer, heimlichen Ausbeutung durch Darlehen auf Fauſtpfänder geweiht. Solche Etabliſſements ſcheinen— in Folge des Vorhandenſeyns der Monts⸗de⸗Piété—*) keine Chancen des Beſtandes zu haben; aber ſo wenig ſtreng auch die Vorſichtsmaßregeln dieſer Monts⸗de⸗Piété ſind, um ſich über den rechtlichen Beſitz der Gegenſtände von *) Oeffentliche Leihhäuſer. — ,— —————— 8———— 273 Seiten des Menſchen, ver ſie anbietet, zu vergewiſſern, ſo ſetzen ſie doch immer diejenigen Pariſer Induſtrieritter in Verlegenheit, denen es ſtets an einem Domieil, und häufig ſogar an einem Namen mangelt. In dieſen Häuſern trifft man neben den Betrügern und Dieben niedrigen Rangs, welche hier Gegenſtände verdächtigen urſprungs hinkerlegen, Unglückliche, denen die Armuth Verbindlichkeiten aufbürdet, welche zwar beim erſten Anblick nicht übermäßig erſcheinen, jedoch, Tag für Tag berechnet, den Wucher in ſeiner furchtbarſten Potenz dar⸗ ſtellen. Hierhin kommen Wiederverkäufer, Höker, arm⸗ ſelige Krämer, die ihr ganzes Magazin auf einem er⸗ bärmlichen Obſtkorbe tragen, ſchon Morgens um drei Uhr, um theils zwanzig Franken, theils fünf Franken zu entlehnen, womit ſie in der Halle Obſt und Gemüſe kaufen- Dieſes Anlehen wird ihnen unter der Bedingung bewilligt, daß die Einen um fünf Uhr Abends einund⸗ zwanzig Franken, die Anderen fünf Franken und fünf⸗ undzwanzig Centimes zurückbringen. Das gibt ein In⸗ tereſſe von fünf Procent täglich, ein Intereſſe von mehr als achtzehnhundert Procent jährlich, ſo daß eine Summe von tauſend Franken auf dieſe Art umgetrieben, mehr als achtzehntauſend Franken dem Darleiher jährlich ein⸗ trägt. Run wohl, Keiner von denen, welche ſich die⸗ ſem furchtbaren Wucher unterziehen, beklagt ſich; Keiner, dem er den erſten Nutzen ſeiner Arbeit entreißt, ſucht dieſem Uebelſtand zu entgehen, indem er das ganz kleine, zu ſeinem elenden Handel erforderliche, Kapitälchen ſam⸗ meln würde. Die Ausſchweifung an jedem Abend ver⸗ ſchlingt den ganzen Profit, den man den Tag über ge⸗ macht hat, und jeden Morgen müſſen dieſe Elenden wie⸗ derkommen, um das Geldſtück zu entlehnen, das ſie am Abend zuvor zurückgegeben haben. Was ich ſage, iſt reine Wahrheit, und ich könnte zur Noth, an die Hausthüre von Herrn Fumetisre einen Frederie Sonlis. Von Tag zu Tog. 18 274 Eigennamen anſchreiben, wenn man überhaupt Namen an ſolche Thüren ſchreiben würde. Radinot hatte hauptſächlich der Umſtand beſtimmt, Herrn Simon unmittelbar an den Ort zu führen, den er das Bureau ſeines ehemaligen Patrons nannte, weil der Neujahrstag nebſt dem Faſchings⸗Montag der wich⸗ tigſte Geſchäftstag für die Pfandwucherer iſt. Es bedarf kaum der Erläuterung, warum dies der Fall iſt. An die⸗ ſen Tagen benützt die vergoldete Eitelkeit ihren Credit, und die armſelige Eitelkeit ihre Lumpen. Als Hert Simon in die verpeſtete Stube eintrat, ward er gleich⸗ ſam von Furcht ergriffen; aber Ekel und Entrüſtung, er⸗ regt durch das Schauſpiel, das er vor Augen hatte, überſtiegen noch dieſe Bewegung der Furcht, und er ſtellte ſich als Letzter an die Reihe der Menſchen, welche einer nach dem andern an das Pförtchen traten, durch das man an Herrn Fumetiére die Gegenſtände gelangen ließ, auf die er für eine Woche, zuweilen aber auch auf weniger als einen Tag lieh, ohne daß der Entlehnende dabei eine andere Garantie, als die Treue dieſes Herrn gehabt hätte; nie hatte er indeſſen das geringſte Pfand zurückbehalten, und Alle, die mit ihm zu thun hatten⸗ würden Zeugniß für ſeine ſtrenge Redlichteit abgelegt haben⸗ Als die Reihe an Herrn Simon kam, das heißt, als er allein war, denn er ließ alle Anweſenden voraus⸗ gehen, trat er an das Pförtchen, in der Erwartung, eines von den abſcheulichen Geſichtern alter Kleiderhändler zu ſehen, welche nach der Plünderung des Armen riechen⸗ Herr Fumetisre, den er durch das Gitter erblickte, war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, und äußerſt ſorgfältig gekleidet; der Bart ſehr gut gekämmt, die Haare geringelt, die Zähne ſchön, die Halsbinde mit Nadeln vom beſten Geſchmacke befeſtigt. Im Augenblick, wo Hert Simon an das vergitterte Pförtchen flopfte, das man ſo eben geſchloſſen hatte, wuſch ſich Herr Fumetiere, nach⸗ dem er die Manchetten zurückgeſchlagen, die Hände in einem Gefäß, das er mit Eau de Portugal parfumirte. 275 „Was gibt es denn noch?“ ſagte er, durch das Gitter ſchauend. Der Ort war ſehr dunkel, ein einziges Licht brannte neben Herrn Fumetière, ſo daß dieſer nicht ſah, wer ihm antwortete: „Eine ſehr wichtige Angelegenheit führt mich zu Ihnen,“ erwiederte Herr Simon. „Noch eine Minute,“ ſprach Herr Fumetisre zu einer Perſon, die ſich in einem Winkel des mit ſchmutzigen Gegenſtänden aller Art angefüllten Saales hielt,„ich will nur dieſen Clienten abfertigen, und dann ſtehe ich zu Dienſten.“ „Thun Sie das“, antwortete eine kreiſchende Stimme, welche Herrn Simon nicht berührte, aber Radinot zittern machte. „Sie iſt es,“ ſagte er zu ſeinem Patron. Es war in der That Fräulein von Prosny, die man unmöglich in dem Schatten erkennen konnte, in den ſie ſich gleichſam gekauert hatte. Herr Simon wurde überraſcht durch dieſes unerwar⸗ tete Zuſammentreffen. Er hatte darauf gerechnet, er werde wie ein Fremder zu Herrn Fumetire kommen, und ihm das Geheimniß des Aufenthalts und der Abſich⸗ ten von Fräulein von Prosny entreißen; aber da er nun beim zweiten Worte zu erkennen geweſen wäre, ſo ent⸗ ſchloß er ſich, geradezu auf den Gegenſtand ſelbſt loszu⸗ ſteuern, und ſagte ohne Bedenken: „In der That, mein Herr, die Sache iſt minder wich⸗ tig, als Sie wohl glauben mögen, und ſie wird auch bald abgemacht ſeyn. Ich bin ganz einfach gekommen, um mir die Adreſſe von Fräulein von Prosnh zu erbitten.. Hier iſt ſie ſelbſt, ich habe nichts mehr von Ihnen zu verlangen, wenn mir Fräulein von Prosnh ſogleich fol⸗ gen will, ohne daß ich genöthigt bin, die mir zur Ver⸗ fügung geſtellten Zwangsmittel anzuwenden.“ Fräulein von Prosny ſtürzte an das Eitter, und d 18 276 ſchaute Herrn Simon mit ſo glühenden Augen an, daß ſie vollkommen einer in Wuth gerathenen Wahnſinnigen glich, gegen die man die äußerſten Vorſichtsmaßregeln ergriffen hat. „Was wollen Sie von mir,“ ſprach ſie;„was ſu⸗ chen Sie hier? Ich kenne Sie nicht, gehen Sie!“ „Aber wer ſind Sie denn?“ fragte Herr Fumetiére den Sachwalter, ohne daß ihn die Anweſenheit eines gut gekleideten Mannes an dieſem verpeſteten Ort zu beunruhigen ſchien. „Ich bin der Sachwalter Simon, der Patron von Herrn Silveſtre von Prosny, dem das Fräulein geſtern eine Summe von achtzig tauſend Franken geſtohlen hat. Sie mögen ſelbſt beurtheilen, mein Herr, ob Sie ſich zum Mitſchuldigen dieſes Verbrechens dadurch machen wollen, daß Sie dieſem Weibe eine Zufluchtsſtätte ge⸗ währen.“ Herr Fumetière ſchaute abwechſelud den Sachwalter und Fräulein von Prosny an; er kannte, wie aus Ra⸗ dinots Erzählung zu erſehen war, die Anſprüche und Abſichten von Fräulein von Prosny in Beziehung auf Sabine. Bis auf dieſen Tag hatte ſich Herr Fumetiere geweigert, der von der Alten beabſichtigten Rechtsver⸗ folgung ſeinen Beiſtand angedeihen zu laſſen, in Be⸗ tracht, daß er die Fruchtloſigkeit einſah, und durchaus keine Luſt hatte, die Koſten eines zum voraus verlo⸗ renen Prozeſſes vorzuſtrecken, eines Prozeſſes, wo⸗ bei er nicht verſichert war, daß man ſich in Vergleichs⸗ Unterhandlungen einlaſſen würde, um Skandal zu ver⸗ meiden. Aber nun erfuhr er plötzlich, daß Fräulein von Prosny, die er ſo oft zurückgewieſen hatte, und an deren Wort er vor der Ankunft von Herrn Simon nicht eine Minute glaubte, als ſie ihm ſagte, ſie habe endlich die Mittel, ihn reichlich für ſeine Bemühungen zu bezahlen, er erfuhr alſo, daß dieſe Frau achtzig tauſend Franken beſaß. Welche herrliche Beute war für einen Mann ſeiner Art hier zu verſchlingen! Aber dieſe Summe war „ S 1—— — F —— n er a S. u re — S e⸗ 6 8 n en ne ie n, en in ar 277 das Produkt eines Diebſtahls, und die Gefahr folglich furchtbar. Indeſſen ſetzte dieſe Sache den Wucherer durchaus nicht in Erſtaunen. Er beeilte ſich, die wü⸗ thenden Ausrufungen, denen ſich Fräulein von Prosny gegen Herrn Simon überließ, zu unterbrechen, und ſagte zu der Alten: „Nun, mein Fräulein, erklären Sie ſich, denn Sie begreifen, daß ich keine Luſt habe, mich in eine Ange⸗ legenheit zu miſchen, wo ſolche Umſtände zur Sprache kommen. „Ich habe geſtohlen, ich...“ rief Fräulein von Prosny.„Die Diebe ſind die zwei Menſchen, die vom Diebſtahl leben, die Diebe,“ ſchrie ſie, mit der Fauſt auf Herrn Simon deutend,„die Diebe ſind Sie und Ihre Mündel.— Die Diebe....“ „Mein Herr,“ verſetzte Herr Simon, ſich an Herrn Fumetiere wendend, der, nachdem er ſich die Hände ab⸗ getrocknet hatte, die Manchetten wieder vorſchlug und ihnen eine zierliche Form gab,„dieſe Frau hat geſtohlen, und weil ſie geſtohlen hat, wünſchten wir einen verdrieß⸗ lichen Handel zu vermeiden, der nicht allein ſie gefähr⸗ den dürfte, und deshalb bitte ich Sie, dieſelbe zu bewe⸗ gen, uns zu folgen.“ „Aber ich halte ſie keineswegs zurück, mein Herr. Sie mag Ihnen folgen“ wenn es ihr beliebt,“ ſagte Herr Fumetiére;„ſie iſt freiwillig gekommen, ohne daß ich den Grund ihres Beſuches gekannt habe, und mag auch ebenſo wieder gehen.“ Herr Simon wandte ſich gegen Fräulein von Prosny und ſprach in ſanftem Tone zu ihr: „Kommen Sie, mein Fräulein, glauben Sie mir, Sie werden uns ſehr geneigt finden, eine Aufwallung des orns zu vergeſſen, die Sie zu einer Handlung getrieben hat, worüber Sie ſich, ich bin es überzeugt, jetzt ſelbſt ſchämen werden.“ „Mich ſchämen, daß ich mein Eigenthum zurück⸗ kehme? Nein! nein! Ich ſchäme mich nicht. Ein Stück 278 habe ich in Händen, es wird mir dazu dienen, auch die anderen wieder zu bekommen.“ „Sie wollen mich alſo zwingen, Strenge gegen Sie zu gebrauchen, und Sie halten es ſelbſt für gut, daß ich Sie, bis Sie Ihre angeblichen Rechte auf irgend eine Wiedererſtattung begründet haben, als ſchuldig einer bei Ihrem Neffen verübten Unterſchlagung in Verhaft nehmen laſſe?“ „Für das Erſte,“ rief Fräulein von Prosny,„war ich bei mir und nicht bei meinem Neffen, und dann laſſen Sie mich verhaften, wenn Sie wollen, das iſt es ge⸗ rade, was ich wünſche. Wenn man mich verhaftet, muß man mich auch richten; wenn man mich richtet, ſo werde ich ſagen, warum ich dieſes Geld genommen habe, woher es kam, ich werde ſagen, was Fräulein Durand, Ihre Mündel, iſt!... Ah! Sie wollen mich verhaften laſſen! Schon gut! Laſſen Sie Ihre Polizei⸗Commiſſäre, Ihre Stadt⸗Sergeanten nur heraufkommen!... Immer zu.“ Herr Simon hatte ſich eingebildet, die Furcht vor einer Verhaftung müßte eine ſolche Wirkung auf Fräulein von Prosny hervorbringen, daß ſie ſich vom Augenblick, wo er ſie damit bedrohte, demüthig ihm zur Verfügung ſtellen würde. Der Widerſtand ärgerte ihn, ohne ihn jedoch einzuſchüchtern, und er ſagte abermals in ſanf⸗ tem Tone: „Nehmen Sie ſich in Acht, daß ſich die Folgen dieſer Geſchichte nicht gegen Sie kehren; der Herr hier, der den Titel eines Advokaten führt, muß das Geſetz zu gut kennen, um nicht zu wiſſen, daß wenn Sie mich zwän⸗ gen, die Sache bis auf einen gewiſſen Grad zu treiben, kein Verzicht den Lauf aufhalten und Sie einem Urtheil, und folglich einer Verurtheilung entziehen könnte. Ueber⸗ dies,“ fügte der Sachwalter bei,„wäre der Herr viel⸗ leicht nicht beſcnders erfreut, wenn ich hier die mich begleitenden Agenten der Behörde einführen würde, und er wird wohl der Erſte ſeyn, der Sie dazu anhält, mir gutwillig zu folgen.“ 5 279 Herr Fumetiere ſchien ſich durchaus nicht mit dieſer drohenden Rede zu beſchäftigen und erwiederte, die Haare ſeines ſtolzen Schnurrbarts mit äußerſt gleichgültiger Miene kauend: „Da der Herr Sachwalter zu glauben die Güte hat, ich ene das Geſetz, ſo muß er auch über⸗ zeugt ſehn, ich wiſſe, daß er einen Verhaftsbefehl nur kraft einer motivirten Klage erhalten konute. Die Agen⸗ ten der Behörden ſtehen nicht zur Verfügung des Erſten Beſten, der ſie bittet, Jemand zu verhaften, ohne einen Grund anzugeben. Wenn alſo die Folgen einer Klage für Fräulein von Prosny zu fürchten ſind, ſo iſt das euebel bereits geſchehen. Was jedoch die Anweſenheit ſolcher Agenten in meinem Hauſe betrifft, mein Herr, ſo . liegt darin nichts, was mich beunruhigen könnte; laſſen Sie dieſelben heraufkommen, ich bin bereit, ihnen meine e Thüre zu öffnen. Ich handle mit alten Kleidern, ich taufe ſie Allen ab, die dergleichen an mich verkaufen wollen. Ich weiß nicht, warum ein ſolcher Handel mich irgend einen Beſuch fürchten laſſen ſollte.“ gſchelmen zu thun hatte, mit einem von Denen, welche n die Vorſichtsmaßregeln des Geſetzes zum Schutze für ihre 8 Schurkereien zu benützen wiſſen. So hielt Herr Fume⸗ tiere Regiſter, in welchen man alle bei ihm hinterlegten Ge⸗ genſtände als gekauft, und alle, die man ausgelöst hatte, als verkauft eingetragen fand. Dieſer Handel war der u Form nach geſetzlich erlaubt. Die Stellung wurde ſehr ⸗ſchwierig für unſern Sachwalter, der wohl einſah, daß 5 der Wucherer keineswegs an die Anweſenheit eines Po⸗ lizei⸗Agenten vor ſeiner Thüre glaubte. Es war, ohne ⸗ Zweifel, Abſicht von Herrn Simon geweſen, mit Fräu⸗ ⸗lein von Prosny eine Unterhandlung anzuknüpfen, aber h abgeſehen davon, daß es ihm zuwider war, in Gegen⸗ d wart eines Menſchen, wie Herr Fumetière, den man, wie er wußte, von der Advokaten⸗Liſte geſtrichen hatte, ſich in Bewilligungen einzulaſſen, fühlte er, daß die Herr Simon begriff, daß er es mit einem Haupt⸗ 280 Rathſchläge, die dieſer Mann Fräulein von Prosny geben fönnte, ſeine Conceſſionen nur zu läſtig machen dürften. Er entſchloß ſich alſo ſogleich, die Partie aufzugeben, und ſagte: „Der Herr hat vollkommen Recht, ich wollte Fräu⸗ lein von Prosny einſchüchtern. Ich beſitze keinen Ver⸗ haftsbefehl gegen ſie; aber morgen werde ich dieſen Befehl in Händen haben. Dies wird, wie ſie ſagt, ei⸗ nen Skandal für uns geben. Wohl denn! Es wird auch ein Unglück für ſie ſeyn, ſie nimmt es an, ſprechen wir nicht weiter davon.“ „Wäre es nicht beſſer,“ erwiederte Herr Fumetieère, ohne ſich zu bedenken, mit gefälligem Eifer,„ſolchen widrigen Erörterungen vorzubeugen? Und da man ein⸗ mal mit wohlwollenden Abſichten hierher gekommen iſt,“ fügte er ſich gegen die Alte wendend bei,„ſo könnte man ſich wohl in Unterhandlungen einlaſſen.“ „Es gibt hier nichts zu vergleichen,“ rief Fräulein von Prosny,„man hat mir mein Geld geſtohlen, man muß mir mein ganzes Eigenthum zurückgeben.“ Die Alte war trunken von der Hoffnung, ihr Ver⸗ mögen wiederzufinden, und dieſer Gedanke hatte ſich ſo ſehr ihrer bemächtigt, daß außer demſelben nichts in ih⸗ rem Kopf Eingang fand. Herr Simon war in Verlegenheit, Fumetiére war es nicht minder. Einer Seits dachte er an die achtzig⸗ tauſend Franken, die er in Prozeſſen und Skandalen ausbeuten könnte, anderer Seits errieth er vollkommen⸗ daß man ihm eine gütliche Uebereinkunft, wobei er der Agent wäre, mit vollen Händen bezahlen würde. Im erſten Falle müßte das Geld ſchwer an ſich zu reißen ſeyn, und es könnte der Beiſtand, den man Fräulein von Prosny leiſten würde, ſehr gefährlich werden. Im zwei⸗ ten Falle wäre der Gewinn geringer, aber er würde ihm ohne Streitigkeiten, ohne Skandale zufallen. Die Wahl konnte nicht zweifelhaft ſeyn. Herr Fumetiere 281 ſchlug ſich plötzlich auf die Seite des Sachwalters, und ſagte zu Fräulein von Prosny: Wenn Sie in Ihren unbegründeten Anſprüchen, welche nur darauf abzielen, Verwirrung in eine eh⸗ renwerthe Familie zu bringen, auf meinen Beiſtand ge⸗ rechnet haben, ſo haben Sie ſich gänzlich getäuſcht, mein Fräulein.“ „Wie! mein Herr?“ rief Fräulein von Prosny, im hchſten Maaße erſtaunt über dieſe Erſcheinung einer 1 nicht erwarteten Redlichkeit.- In dieſem Augenblick ging Etwas vor, was⸗nicht wohl zu ſchildern iſt. Herr Fumetière wandte ſich mit niedergeſchlagenen Augen, zerknirſchter Miene, gekniffe⸗ nem Munde gegen den Sachwalter und ſprach: „Habe ich Ihre Abſichten verſtanden?“ „Vollkommen,“ erwiederte Herr Simon verwundert. „Wie berechnen wir das Honorar,“ ſagte Herr Fu⸗ metiere mit demſelben geſuchten Tone und einem völlig — unbeweglichen Geſicht. „Auf wieviel, auf...“ 2 „Auf dreißigtauſend,“ flüſterte ihm ganz leiſe Ra⸗ dinot zu. Herr Fumetisre ſchlug die Augen auf, und erblickte kleinen Schreiber, der ſich in einer Ecke gehalten atte. „Ah, Du biſt es, Kleiner, guten Morgen.“ 7 Dann wandte er ſich gänzlich gegen Herrn Simon und ſprach: „Iſt das die rechte Zahl?“ „Dreißig tauſend, es ſey,“ erwiederte Herr Simon. „Das genügt. Wollen Sie ſich einen Augenblick entfernen.“ „Laſſen Sie ihn nur machen,“ ſagte Radinot. Herr Simon hatte ſich noch keinen Schritt zurück⸗ gezogen, als Fräulein von Prosny zu ſchreien anfing: „Ah! ſo geht es, Sie ſtellen ſich auch gegen mich! Ah! ich errathe, Sie haben mich an dieſen Menſchen 12 82 verkauft nun gut! Adien. Ich werde ſchon einen Andern finden, der mich nicht verräth... Adieu!“ Sie wollte weggehen, aber die Thüre, welche von dem Theile des Saales, wo ſie war, zu dem führte, wo ſich Herr Simon aufhielt, war verſchloſſen. Fräulein von Prosny rüttelte mit aller Gewalt daran. „Sie werden ſich nicht entfernen,“ ſagte Herr Fu⸗ metire kalt zu der Alten. „Hülfe! Mörder!“ ſchrie Fräulein von Prosny, ſich an das trennende Gitterwerk anklammernd. Herr Simon ſchämte ſich des Zuſtandes, in wel⸗ chem er Fräulein von Prosny ſehen mußte, und obgleich in Wahrheit nichts gethan oder geſagt worden war, was ſie ſo ſehr hätte in Schrecken ſetzen können, ſo fürchtete er doch das, was noch vorgehen könnte, und rief lebhaft: „Keine Gewalt, mein Herr, das will ich nicht...“ „Ich kann die Narren nicht abhalten, zu ſchreien, weil man ſie anſieht;“ erwiederte Herr Fumetidre.„Dieſe Frau iſt verrückt; ich weiß es ſchon ſeit langer Zeit, und es würde zur Noth nicht an Zeugen fehlen, dies zu beweiſen.“ Herr Simon hatte dieſe Anklage gegen Fräulein von Prosny angewendet, um Nachrichten zu erhalten, die ihm zu ihrer ieetſtinhut verhelfen könnten; aber als ſie aus dem Munde dieſes elenden Fumetiere kam, erſchien ſie ihm wie ein Verbrechen. Er hatte in⸗ deſſen nicht Zeit, ſich in das Mittel zu legen, den kaum hatte der Wucherer das Wort„verrückt“ ausgeſprochen, ſo hielt Fräulein von Prosny wie vom Blitze getroffen inne, und ſagte, ihre verwirrten Angen von Herrn Si⸗ mon auf Fumetisre werfend, mit zitternder Stimme: „Wie, Sie könnten ſo ſchlecht ſey n, zu behaupten, ich ſey verrückt? Sie würden mich in ein Narrenhaus einſchließen laſſen?... Das iſt nicht möglich, das wer⸗ den Sie nicht thun!“ „Dahin könnte es wohl kommen,“ ſprach Herr Fu⸗ N 283³ metisre mit ſanftem Tone,„wenn Sie nicht vernünf⸗ tig ſind.“ „Aber, was wollen Sie, mein Gott! was wollen Sie, daß ich thun ſoll? Wollen Sie Ihr Geld? Ich werde es Ihnen geben.“ Herr Simon war im höchſten Maaße erſtaunt, als er ſah, wie die grauſame Energie dieſer Frau, die er den rührendſten Bitten wie den heftigſten Drohungen zu widerſtehen fähig wußte, plötzlich vor der Furcht vor ei⸗ ner ſolchen Anklage zuſammenſank. Die Verhaftung,“ der Prozeß, die Verurtheilung, die Gefängnißſtrafe we⸗ gen Diebſtahls ſchienen ſie nicht einen Augenblick er⸗ ſchreckt zu haben; wer weiß, ob ſie beim Anblick des Todes, vor einem gegen ſie gezückten Dolch zurückge⸗ gewichen wäre? Aber der Gedanke, in ein Narrenhaus eingeſchloſſen zu werden, hatte ihre Kräfte gebrochen, hatte ſie vernichtet. Von dieſer wilden Wuth, die Herrn Simon fürchten gemacht hatte, er werde nicht im Stande ſeyn, von der Megäre Etwas zu erreichen, blieb nur ein unbeſchreiblicher Schrecken, ein krampfhaftes Zittern übrig. Wäre dieſe gräßliche Angſt vor der Verrücktheit nicht eine ſehr häufig bei Greiſen vorkommende That⸗ ſache, ſo würden wir Anſtand nehmen, als eine wahre Begebenheit, die raſche Entwicklung dieſer Sceue, die zu einem verzweifelten Kampfe zu führen ſchien, zu glau⸗ ben, und unſern Leſern zu erzählen. Aber wir haben in dieſer Hinſicht ſo ſeltſame Dinge geſehen, daß uns der Schrecken und die Unterwürfigkeit von Fräulein von Prosny ganz einfach vorkommen. Wenn der Menſch gewahr wird, daß ſeine Fähigkeiten abnehmen und ver⸗ ſchwinden, ſo läßt er ſich durch die geringfügigſte Sache, die ihn auf ein Unglück aufmerkſam machen kann, von dem er indeſſen das Bewußtſehn hat, beunruhigen, auf⸗ reizen. So kenne ich einen durch ſeinen Geiſt und ſeine Kenntniſſe ausgezeichneten Menſchen, dem aber das Ge⸗ dächtniß gänzlich verloren gegangen iſt. Er fühlt es, N 284 er merkt es und verfällt in eine Traurigkeit, die fürch⸗ ten läßt, er könnte ſich durch den Selbſtmord für die Abnahme ſeiner Fähigkeiten beſtrafen. Nun wohl! wäre Jemand ſo unmenſchlich, dieſem Manne zu ſa⸗ gen, er ſey ein Narr, oder S zu bedrohen, es öffent⸗ lich auszuſprechen, ſo ſind alle ſeine Freunde überzeugt, daß man ihn dadurch tödten, oder wirklich zum Narren machen würde. Fräulein von Prosny, eine Beute dieſer Angſt, erregte des Sachwalters Mitleid, und er war eben im Begriff, vermittelnd zwiſchen ihr und Herrn Fumetiore einzuſchreiten, als Radinot ihm ganz leiſe ſagte: „Laſſen Sie ihn machen. er hält ſie.. Wenn aber ſie Fräulein Sabine halten würde, ſo dürfte ſie dieſelbe wie Fleiſch zu Paſteten zuſammenhacken.“ Radinot hatte Recht. Herr Simon wandte die Au⸗ gen ab. „Sie haben die achtzigtauſend Franken bei ſich,“ ſagte d der Wucherer zu Fräulein von Prosnh. Der Geiz der Alten erwachte und überſtieg einen Augenblick ihre Furcht. „Sie wollen ſie mir doch nicht nehmen?“ rief ſie zurückweichend. „Was denkt Herr Simon?“ ſprach Herr Fumetière. „Sie mag ſie erwiederte der Sachwal⸗ ter mit Ekel. „Gut, dann ſtellen Sie uns einen Empfangsſchein aus,“ verſetzte Fumetiére. „Ah!“ rief Fräulein von Prosny,„wenn es nichts, als vieſes iſt „Haben Sie die Papiere, Ihre Schuldforderung betreffend, bei ſich?“ „Jan“ „Geben Sie.“ Fumetiere nahm und durchlief dieſelben, dann er⸗ griff er ein Blatt geſtempeltes Papier, und ſetzte fol⸗ gende Akte auf: 285 „Ich beſcheinige, von meinem Neffen, Herrn Sil⸗ veſtre von Prosny, die Summe von achtzigtauſend Fran⸗ ken erhalten zu haben; für dieſe Summe erkläre ich er⸗ ſtens: daß ich ihn von jeder Schuld gegen mich, wie ſie aus früher zwiſchen uns abgeſchloſſenen Rechnungen hervor⸗ gehen kann, frei ſpreche, ohne Rückſicht auf Zeit und Gründe meiner etwaigen Forderungen. Für dieſe Summe erkläre ich zweitens: daß ich ihm alle Rechte abtrete und übertrage, die ich gegen Fräulein Sabine Durand haben könnte, Verzicht leiſtend auf jede Rückforderung an genanntes Fräulein Durand u. ſ. w.“ Als die Akte abgefaßt war, las ſie Fumetière Herrn Simon vor, und übergab ſie ſodann der Alten. Aber die Ramen Sabine und Silveſtre hatten den Haß wieder er⸗ weckt, den der Schrecken einen Augenblick beherrſchte. „Nein. nein,“ rief ſie,„ich werde das nicht un⸗ terzeichnen. nein. man ſoll mich als Diebin ver⸗ haften.... das iſt mir lieber.... Schon gut! ich werde ſagen...“ Fräulein von Prosny fing wieder an zu drohen, und möchte noch lange damit fortgefahren haben, hätte der Wucherer nicht Radinot zugerufen: „Hole einen Fiaker, damit man das Fräulein in die Salpetriere bringen kann.“ Die Furcht, welche der Gedanke an ein Narren⸗Ge⸗ fängniß Fräulein von Prosny einflößte, war ſo nieder⸗ ſchmetternd, daß ſie auf dic Kniee ſank und mit gellender Stimme rief: „Gnade, Gnade, thun Sie das nicht!„ „Unterzeichnen Sie,“ herrſchte ihr Fumetière zu. Sie erhob ſich, wie ein furchtſames Kind, nahm eine Feder, und wußte nichts Anderes mehr vorzubringen, als die Worte gegen Herrn Simon: „Nicht wahr, man kann mich nicht für verrückt er⸗ klären?“ Herr Simon betheuerte ihr, daß man dies nicht könne, und Fräulein von Prosny unterzeichnete. 286 Eine Stunde ſpäter empfing Herr Fumetiére die dreißigtauſend Franken, die ihm gegen die von Fräulein von Prosny unterzeichnete Akte zugeſagt worden waren. Das Fräulein wurde auf's Neue in den Beſitz ihres Zimmers geſetzt und unter die ſpezielle Aufficht des Hausmeiſters geſtellt, der ſie nicht aus dem Hauſe laſſen durfte. Es war nun neun Uhr Abends, Herr Simon kehrte nach Hauſe zurück. Wir werden ſehen, was am andern Tage auf dieſen erſten Sieg erfolgte.— So verſchwanden Kummer, Verdruß, Unglück, und was immer die Rache von Fräulein Prosny auf Sabine herabrufen zu wollen ſchien; von dieſer Seite war keine Gefahr mehr e Wir haben bereits erwähnt, wie für Siherſre der T Tag des erſten Januar 1844 ange⸗ fangen hatte. Nach ſeinem Zuſammentreffen mit Herrn von Belleſtar war der Arzt erſchienen; Aufregung, welche dieſes Zuſammentreffen Herrn von Prosny ver⸗ urſecht hatte, erſchreckte den Doktor und er verordnete völlige Ruhe Der Kranke unterwarf ſich um ſo williger vieſer Vorſchrift, als er ſeine ganze Gelaſſenheit und ſeine ganze Kraft für den Kampf wieder gewinnen wollte, der ihm mit dem Marquis bevorſtand. Gerade der unbeug⸗ ſame Entſchluß, den er gefaßt hatte, mit dieſem Men⸗ ſchen zu Ende zu kommen, verlieh ihm die Geduld, den Angenblick abzuwarten, wo er weder ſeinen Spott, noch ſein verächtliches Mitleid mehr zu ertragen haben würde. Im Verlauf dieſes Tages war Madame Simon ziemlich oft zu Prosny gekommen; aber eines Theils hatte der junge Schreiber kein Wort entſchlüpfen laſſen, was die geringſte. Anſhielung auf Herrn von Bell eſtars ſeltſames Ge⸗ ſtändniß enthalten hätte; anderen Theils vermied Madame Simon, von der Scene des vergangenen Abends zu reden; ſie ſprach nicht ein einzigesmal den Namen Sabinens aus, und begnügte ſich, Silveſtre zu erklären, wenn er Herrn Simon nicht ſehe, ſo rühre dies davon her, daß er aus⸗ gegangen ſey, um Angelegenheiten zu ordnen, von denen er allein mit ihm zu ſprechen ſich vorbehalten habe. 287 8 Der Sachwalter hatte in dieſer Hinſicht fürmliche Be⸗ fehle gegeben; er wollte nicht, daß ein unkluges Wort von ſeiner Gattin oder ſeiner Mündel ſeine Abſichten vor dem Augenblicke errathen laſſen würde, wo er ihrer Verwirk⸗ lichung ſicher wäre. Als er zurückkehrte, ſchien ihm das vorgeſetzte Ziel erreicht, und er war entzückt, da er erfuhr, Silveſtre ſey ganz ruhig geworden. Er begab ſich zu ihm und erzählte ihm, ohne ſich in weitere Erörterungen ein⸗ zulaſſen, er habe Fräulein von Prosny wieder gefunden, die Angelegenheit mit den achtzigtauſend Franken ſey auf eine Jedermann entſprechende Weiſe abgemacht, und er werde ihm hierüber genauere Rechenſchaft geben, wenn er mehr im Stande wäre, ein Geſpräch zu vernehmen, das ihn nothwendig anſtrengen müßte. Trotz der Verſicherung, die ihm ſeine Gattin hin⸗ ſichtlich des Stillſchweigens gegeben, das Silveſtre beob⸗ achtet hatte, war der Sachwalter doch ſehr überraſcht durch die Art und Weiſe, wie von Prosny ſeine Erklärung hin⸗ nahm. Er empfing in der That Alles, was man ihm ſagte, ohne ſich über die Mittel zu beunruhigen, womit man zu einer entſprechenden Anordnung gelangt war, ohne zu fragen, worin dieſe Anordnung beſtehe. Die Gedan⸗ ken Silveſtre's ſchienen ganz anderswo zu ſeyn, äls bei dem, was ihm Herv Simon ſagte; etwas Neues, etwas Mächtigeres, als alle die vergangenen Intereſſen ſeines Lebens ſchien ihn zu beſchäftigen. So möchte ihn die Hoffnung auf ſeine bevorſtehende Verbindung mit Sabine in Anſpruch genommen haben, und der Sachwalter glaubte einen Augenblick, ſeine Gattin ſey nicht ſo diskret geweſen, als ſie ſich deſſen rühmte. Aber nachdem Herr Simon erklärt hatte, der geſchwächte Zuſtand des Kranken ver⸗ biete eine längere Beſprechung über ernſte Intereſſen, glaubte er keine Fragen machen zu müſſen, und Silveſtre blieb bald allein. Ich will hier nicht Alles anführen, was im Herzen Silveſtre's während des ſo eben abgelaufenen Tags und der darauf folgenden Nacht wogte. Er lebte dieſe ganze Zeit 288 in einer Ark von verzweifelter Freude. Der Gedanke an die Liebe Sabinens war ihm tief in das Herz gedrungen. Er gefiel ſich darin, wie in einem berauſchenden Traume, von dem man fühlt, daß er nicht Wahrheit iſt, und aus dem man ſich doch nicht erwecken will, weil man weiß, daß das Erwachen furchtbar wäre. Für Silveſtre war das Erwachen gleichſam ein Kampf mit Herrn von Bel⸗ leſtar, und bis dahin wollte er mit ſeinem Zweifel, wenn nicht gar mit der Hoffnung fortfahren, die ihm das Herz wiegte. Sollte er in dieſem Kampfe fallen, ſo ſchien es ihm, als würde er wie ein Mann ſterben, vor dem eine lachende Trunkenheit reizende Phantome erſcheinen läßt, wie ein Mann, der umgeben von glänzenden Lichtern, von ſüßen Wohlgerüchen, von ſanften Harmenien in die Arme des Todes ſinkt; dieſe Trunkenheit fühlte er, ohne daran zu glauben, und er wollte ſie bewahren, obgleich er nicht daran glaubte. Er hatte bange vor ſeiner Vernunft, vor der der Anderen, vor der Wahrheit. Sollte Herr von Belleſtar im Streite unterliegen, ſo zweifelte von Prosny gar nicht daran, daß man ihm ſagen werde, die Worte des Marquis ſeien eine Lüge, und dies war das Erwachen, welches er ſo ſehr fürchtete. Er wollte lieber dieſen Traum im Schlummer oder im Tode ſich verlieren, als ihn im Erwachen oder vor dem Leben verſchwinden ſehen. So brachte er dieſen gan⸗ zen Tag und dieſe ganze Nacht hin. Was Sabinens Nacht betrifft,— warum ſoll ich davon ſprechen? Eine ganze Nacht freudiger Hoffnung, eine ganze Nacht ſchöner Zukunft ohne innere Vorwürfe, eine ganze Nacht keu⸗ ſcher Liebe, gebilligt von redlichen Gemüthern, ermuthigt von Menſchen, die zu lieben wiſſen. Was ſoll aus dieſen Hoffnungen werden, was ſoll mit dieſer Zukunft geſchehen? Zur Stunde, wo ich dies ſchreibe, weiß ich es durchaus nicht; aber ſollten ſich dieſe Hoffnungen und dieſe Zukunft verwirklichen, ſo muß Sabine dieſe Augenblicke unter die glücklichſten rechnen, die ihr der Himmel verlieh. Das Glück, das man gibt oder empfängt, ſteht immer unter 289 dem, welches man geträumt hat, weil das Glück von die⸗ ſer Welt und die Hoffnung vom Himmel iſt. Nicht durch das, was er erfährt, ſondern durch das, was er hofft, ver⸗ bindet ſich der Menſch mit Gott. „So hat alſo,“ werden Sie ſagen,„ſo hat alſo Herr Simon Sabinen erklärt, daß er ihre Liebe billige, und daß ihre Verheirathung mit Herrn von Prosny ſeinen Wün⸗ ſchen entſpreche?“ Ja, allerdings, er hat ihr alles dies erklärt, aber mit ernſten Gründen, indem er ihr ausein⸗ anderſetzte, wie ſie in dieſer Heirath Ruhe und Ach⸗ tung für ihr Leben finden würde; wie die Theilung ihres Vermögens mit dem Manne, den dasſelbe arm gemacht, die einzige Wiedererſtattung wäre, die ſie vollziehen, die er annehmen könnte; wie ſie in ihm den geeigneten Mann finden würde, die Gewiſſensbiſſe zum Schweigen zu brin⸗ gen, die ſich noch in ihr tegen könnten. Herr Simon hatte auf eine bewunderungswürdige Weiſe alle die guten Gründe für dieſe Heirath geltend gemacht; aber Sabine trug einen noch viel beſſern im Herzen, wir haben nicht nöthig, ihn zu nennen. Denn abgeſehen von dem, was Herr Simon geſagt, um ſie zu überreden, hatte er ihr eine ſonderbare Verpflichtung auferlegt, und dieſe Verpflichtung war. Aber ſieh da, wir ſind am andern Tage angelangt; kom⸗ men Sie mit mir, verbergen Sie ſich hinter dieſem Wind⸗ ſchirm, hören Sie aufmerkſam, ſchauen Sie verſtohlen und Sie werden Alles erfahren. 3 Den 3ten Januar 1844. Geſtern Morgen konnte Silveſtre wieder aufſtehen; er ſaß in dem Zimmer von Herrn Simon, immer glück⸗ lich, denn er träumte immer. Der Sachwalter kam, um ihm einen freundlichen guten Morgen zu ſagen, ſeine Er⸗ klärungen verſchob er jedoch auf eine ſpätere Stunde des Tags. Sodann erſchien Madame Simon, ſetzte ſich an die Seite des Kranken, und unterhielt ſich mit ihm in ihrem anmuthreichen, weichen Tone von gleichgültigen, Frederie Soulis. Von Tag zu Tag. 19 200 Dingen. Endlich trat auch Sabine ein. Sie war ſo ſchön, daß man hätte glauben ſollen, man habe ſie noch nie ge⸗ ſehen. Eine ſanfte Bläſſe milderte die ernſte Reinheit in dieſem ſtrengen Antlitz. Ein ſchüchternes Schmachten ver⸗ ſchleierte den Glanz ihres ſtolzen Blickes, und wenn ſie ſprach, ſo verſetzte ihre bewegte Stimme Silveſtre in die Unruhe, die ſie ſelbſt empfand. Indeſſen erkundigte ſie ſich kaum nach ſeinem Befinden. Sie nahm an der Seite ihrer Vormünderin Platz, und ſchien ſich, mit niedergeſchla⸗ genen Augen, zu einer feierlichen Prüfung zu ſammeln. Silveſtre ſchaute ſie mit furchtſamem Staunen an; ohne begreifen zu können, was im Werke war, ſagte ihm doch ein Vorgefühl, daß in ihrem Eintritt für ihn ein ungeheures Ereigniß liege. Aber er war noch mehr über⸗ raſcht, als ein Biener Madame Simon benachrichtigte, ihr Gatte laſſe ſie zu ſich bitten. Sabine nahm, tief erſchüt⸗ tert, die Hand ihrer Vormünderin, um ſie zurückzuhalten, aber dieſe gab ihr ein Zeichen, zu bleiben und ſprach: „Ich werde bald zurückkommen.“ Sabine und Silveſtre blieben alſo allein. Es war alſo der Wille des Herrn Simon geweſen, daß Fräulein Durand und Herr von Prosny ſich gegenſeitig erklären ſollten. Hatte Sabine über ihre Vergangenheit zu er⸗ röthen, hatte Silveſtre etwas von der Würde ſeiner Er⸗ innerungen aufzugeben, ſo ſollte dieſe doppelte Demü⸗ thigung unter Benen bleiben, die ſich Alles vergeben, und ſich gegenſeitig um Verzeihung bitten müßten. Aber Sabine, welche dieſe Zuſammenkunft mit Freuden ange⸗ nommen, welche ſich mit der Begeiſterung eines Herzens, das die Sicherheit des Erfolgs in ſich trägt, darauf vor⸗ bereitet hatte, Sabine verharrte zögernd und ſchweigend bei Silveſtre. Wie reizend wäre Sabine für einen Mann geweſen, der die Leidenſchaften erfahren und vor ſich in Bewegung geſehen hätte, wie ſie da ſaß, zitternd, un⸗ ruhig, demüthig, bemüht, die glückliche Furcht, die un⸗ befannte Schüchternheit zu bewältigen, die ſich ihrer be⸗ mächtigt hatte! Aber Silveſtre konnte ſie nicht ſo an⸗ 291 ſchauen. Er fühlte, daß ſie litt, er ſah, daß ſie verlegen war, er bildete ſich ein, ihre Erſcheinung ſey Folge eines Befehls ihres Vormunds, und er grollte Herrn Simon, von dem er glaubte, er habe ſeine Mündel zu Entſchul⸗ digungen gegen ihn gezwungen; aber er hatte nicht mehr Muth als ſie, das Geſpräch zu beginnen, und Sabine war die Stärkere. „Sie ſind ganz wohl, nicht wahr?“ ſagte ſie. „Ja, mein Fräulein, und ich danke Ihnen für den Antheil, der Sie hierher geführt hat.“ „Herr von Prosny,“ ſprach Sabine, einen Satz vorausſchickend, der die Erklärung einleiten, und ſie ſelbſt zum Sprechen nöthigen ſollte;„ich bin gekommen, um Ihnen Vieles zu ſagen.“ „Mir,“ ſagte Silveſtre,„mir?“ Sabine ſchaute ihn an, und ſah ihn ſo bewegt, daß ſie Muth faßte. „Ihnen, mein Herr,“ erwiederte ſie traurig lächelnd. Nun fand ſie die erſten Worte von dem Thema wieder, wie ſie es ſich entworfen hatte, und ſie fuhr in demüthigem Tone fort: „Vor Allem habe ich Sie um Verzeihung zu bitten wegen einer Handlung, welche der Abſicht nach gut war die Sie indeſſen verletzt hat.„ich hatte Unrecht Silveſtre's Gedanke in Beziehung auf Entſchuldi⸗ gungen, wozu Sabine durch ihren Vormund veranlaßt worden ſeyn ſollte, war gerechtfertigt. Er beeilte ſich, Sabine zu unterbrechen: „Sprechen wir nicht mehr hievon, mein Fräulein, und wenn Jemand um Verzeihung zu bitten hat, ſo bin ich es, der ich Sie auf den Knieen bitten muß, zu vergeſſen, daß ich Ihnen ein Verbrechen aus der edelſten Handlung gemacht habe, daß ich der Hand geflucht, die mir zu Hülfe gekommen iſt,.. ich habe Unrecht gehabt.. ſprechen wir nicht mehr davon 1 — 19 252 Beide ſchwiegen, und es ſchien, als ſollte die Unter⸗ redung keinen Fortgang nehmen. Sabine wagte es nicht mehr, Silveſtre anzuſchauen; er hatte den Kopf geſenkt; er athmete mühſam, und ſchien kaum einen Schrei zurück⸗ halten zu können. „Aber Sie leiden immer noch?“ ſagte Sabine. „Oh!“ rief er in Verzweiflung,„nicht daran leide ich.“ Sabine wußte, daß ſie geliebt war, ſie hatte das Geſtändniß dieſer Liebe vernommen, als Silveſtre's Geiſt aus den Fugen getreten war; ſie hörte es wieder in dieſem ſchmerzhaften Schrei. „Aber woran leiden Sie denn?“ ſagte ſie mit einer Betonung, worin ſich das vorempfundene Glück der Antwort erkennen ließ, der ſie entgegenſah. Silveſtre erbebte, als ließe der Klang der Stimme Sabinens in ihm die Worte des Herrn von Belleſtar wiedertönen, die ihm geſagt hatten, ſie liebe ihn; er ſchaute ſie an, und bei dem Anblicke dieſes Geſichts, das ſanft flehend zu ſagen ſchien:„Oeffnen Sie mir Ihr Herz,“ neigte er ſich vor ihr und ſprach: „ e ich leide! Sie wollen wiſſen, woran ich eide?“ Die Herzen, welche viel gelitten haben, fürchten ſich vor dem Glück. Selbſt wenn es ihnen die Arme öffnet, zögern ſie, ſich darein zu werfen; ſie begreifen ſo gut die Verzweiflung einer falſchen Hoffnung. So genuͤgte der kurze Augenblick, deſſen Silveſtre bedurfte, dieſe paar Worte auszüſprechen, um ihm die Furcht ein⸗ zuftößen, er könnte ſich getäuſcht haben, und getäuſcht. worden ſeyn. Alle Freude, alles Entzücken, wie es auf ſeinem Antlitz ſtrahlte, erloſch plötzlich, und er erwiederte langſam zurückweichend: „Ich leide an einem Schmerz, den Sie nicht kennen lernen ſollen. an einem Schmerz, der Ihnen ftemd ie Sabine fühlte abermals Silveſtre's Liebe in dieſer Furcht, die ihn bewegte, und ſtärker und muthiger durch 293 dieſe Furcht, als ſie es durch ihre eigene Stärke und ihren eigenen Muth geweſen war, ſagte ſie entſchloſſen: „Nein, mein Herr, Sie haben keinen Schmerz, der mir fremd wäre.“ Silveſtre ſchien ſo verwirrt, ſo beſtürzt, daß Sabine noch mehr wagte. „Und vielleicht bin ich hier, um alle Ihre Schmerzen zu ſtillen.“ Silveſtre war ſo erſchüttert, daß er nicht glauben fonnte, was er ſah, was er hörte, denn er ſah dieſes Herz, das ſich ihm entgegenwarf, er hörte es das ſeinige nennen, aber das unſelige, Alles vernichtende Mißtrauen trat ſogleich wieder zwiſchen ihn und dieſe himmliſche Er⸗ ſcheinung, und zeigte ſie ihm als ein Mitleid, das um jeden Preis angenommen ſehn wollte. Dieſen Gedanken ſtieß er ebenfalls zurück, wie er die Hoffnung, an die er nicht zu glauben wagte, zurückgeſtoßen hatte, und er blieb zitternd, bewegt, unſicher. Endlich ſuchte er ſich aus die⸗ ſem peinlichen Zuſtande loszureißen und ſprach:⸗ „Ich habe keine Schmerzen, die Sie ſtillen könnten. Seyen Sie glücklich, das iſt mein einziges Verlangen⸗ Glauben Sie mir. o! glauben Sie... es iſt der glü⸗ hendſte Wunſch meines Herzens.. Was mich betrifft, ich beklage mich über nichts...“ Sabine reichte ihm die Hand und ſagte, Thränen in den Augen. „O! ſprechen Sie doch...“ Silveſtre ergriff dieſe Hand und rief: „O! ich weiß, daß Sie gut, daß Sie heilig, daß Sie edelmüthig ſind! und ich möchte Ihnen wohl ſa⸗ gen können, wie ich es fühle aber...“ 5 Er hielt inne, wich noch einmal vor der Hoffnung zurück, die ſich ihm darbot, und verſetzte endlich; „Aber nein, es iſt nicht möglich, es kann nicht ſeyn. Ol ich bitte Sie, ſagen Sie mir., ſagen Sie mir, was Sie bewogen hat, hierher zu fommen... Sie ſehen wohl, 294 daß ich Sie nicht verſtehe, daß ich Sie nicht zu verſteheh wage. haben Sie Mitleid mit mir..“ „Nun wohl! wenn Sie, der Sie ſich für ſo unglück⸗ lich, für ſo beklagenswerth halten, für mich vermöchten, was Niemand in der Welt vermag...“ „Ich... rief Silveſtre. Sabine ſchlug die Augen vor dem glühenden Blick Silveſtre's nieder. „Ja,“ fuhr ſie fort,„ich bin zu Ihnen gekommen, weil.. doch, wie ſoll ich Ihnen dies ſagen.. Sie wiſſen, daß ich leide nicht wahr, das wiſſen Sie... nicht wahr, Sie begreifen, daß es Dinge gibt, deren ich mich zu ſchämen habe, daß das, um was man mich beneidet, ein Unglück, ein Vorwurf für mich iſt.“ „Ah, Sie haben ſich nichts vorzuwerfen, ich ſchwöre es Ihnen...“ „Ich danke, es iſt gut von Ihnen, daß Sie mir das ſagen,“ erwiederte Sabine zitternd.„Aber mein Vormund hatte geglaubt, ich müßte das Uebel wieder gut machen, an dem ich nicht Schuld bin.“ „Ahermals,“ ſprach Silveſtre erbleichend und ſtets von dem Gedanken an eine beſchimpfende Wiedererſtattung erfüllt...„iſt es noch nicht genug?“ „O! das iſt ſchlimm; ich habe Sie wegen einer Belei⸗ digung um Verzeihung gebeten, und bin nicht gekommen, um ſie zu wiederholen.. Nein, mein Vormund dachte, es ſey ein Titel, dem man nichts verweigern könne was gemeinſchaftliches Gut wird.. ſey kein Geſchenk..“ Ein innerer Zwang verhinderte Sabine, weiter zu ſprechen... Silveſtre ſchaute ſie an, erſchreckt von ſeinen Gefühlen. Sabine erwartete ein Wort, das nicht kam, und ſprach, ſich abwendend, um ihre Thränen zu verbergen: „Wenn Sie mich nicht verſtehen, ſo habe ich nichts mehr zu ſagen.“ Silveſtre hatte ſie begriffen, er errieth, daß dieſes Mädchen gekommen war, um ihm Hand und Vermögen anzubieten. Aber der Zweifel, der abſcheuliche Zweifel zeigte ihm dieſes himmli glaubte noch nicht an die „ 295 ſche Glück als ein Opfer, er Liebe, die vor ihm flehte. O!“ verſetzte er traurig;„ich begreife Sie, ich weiß, was Sie mir ſagen wollen. O! ich ſagte Ihnen ja, daß Sie edel und gut, großmüthig und groß ſind.. Ah! das iſt eine Tugend, mit vergleichen läßt; aber es der ſich nichts auf dieſer Welt iſt zu viel.. zu viel..; nein, das Unglück verleiht kein Recht auf ein ſolches Opfer, Sie werden es nicht erfüllen Sie müſſen es nicht.. ich wäre ein Elender, wenn ich es annehmen würde..“ „Aber wärum denn? 2. „Warum?“ er nahm die Hand Sabinens und ſprach: „Das iſt es nicht, was ich von Ihnen wollte.. Ich, der ich arm bin, wünſchte, Sie wären arm. Ich wünſchte. oh! verſtehen Sie mich wohl, und fühlen Sie ſich nicht beleidigt. Sagen Sie mir, wären Sie hier, wenn Ihr Vater den meinigen nicht getroffen hätte?“ Sabine ſchaute Silv mit zitternder Stimme: „Ich weiß nicht. ob es ſo wäre.. Aber eſtre in das Geſicht und ſprach Ich kann Ihnen nicht ſagen, ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß ich aus eigenem Antrieb hier bin, daß ich hier bin, weil mein Herz mich hat kommen heißen. Aber, Sie ſehen das wohl ein.“ Silveſtre ſtand auf größter Aufregung. und durchlief das Zimmer in „Iſt es Liebe?“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„iſt es eine Begeiſterung des Mitleids, das ſie ſelbſt täuſcht? Dieſer Marquis hat mir geſagt, ſie liebe mich; aber vielleicht, weil ſie in ſeiner Gegenwart durch mein Unglück gelitten hat; er wird eiferſüchtig Barmherzigkeit als eine geweſen ſeyn, er wird ihr dieſe ſchuldbefleckte Zärtlichkeit vorge⸗ worfen, und ſie ſelbſt wird dieſem Nitleid ſodann einen Namen gegeben haben, der nicht wahr iſt? O, es wäre furchtbar, wenn ich ſie einem ſolchen Irrthum zu ver⸗ vanken haben ſollte! Nie!. nie!.. Und hatte ſie denn nicht die Huldigungen u nd die Hand dieſes Marquis von 296 Belleſtar angenommen? Gegen ihn handelte ſie wahrhaft in der Freiheit ihres Herzens. Oh! nein. nein! Ich werde dieſen Edelmuth, der ſie verblendet, nicht mißbrauchen. Ich werde es verdienen, geliebt zu werden, indem ich ihre Hand ausſchlage.. „„Mein Fräulein,“ ſprach er nach dieſen raſchen Re⸗ flerionen, mit dem Ausdruck eines Menſchen, der ſich das Herz zerreißt,„ich achte Sie, ich bewundre Sie; Gott hat Ihnen Alles, was edel, und Alles, was reizend iſt, verliehen; er wird Ihnen auch ein Glück verleihen, wie Sie es verdienen. Zu dieſem Glück will ich bei⸗ tragen; ich will, daß Sie ohne innere Vorwürfe, ohne Furcht, ohne eine troſtloſe Erinnerung an die Vergangen⸗ heit dazu gelangen.. Ich will es und deshalb werde ich(Silveſtre war dem Erſticken nahe), ich werde,“ ſagte er, ſeine Aufregung bewältigend,„ich werde etwas thun, was mir das Herz abdrückt, was mich zermalmt, aber ich werde es dennoch thun.. „Was denn?“ fragte Sabine erſchreckt. „Ich werde Ihre Wohlthaten annehmen,“ ſagte Sil⸗ veſtre;„ich werde,“ fügte er, die Augen niederſchlagend, bei,„ich werde als Glänbiger annehmen, was Sie nicht wußten, wie Sie es geben follten, und was Sie mir ga⸗ ben, indem Sie ſich opferten.. und dann werden Sie es wagen, glücklich zu ſeyhn.. dann.. „Was ſagen Sie?“ rief Sabine. „Ah! glauben Sie mir,“ verſetzte Silveſtre,„ich thue für Sie, was ich zu thun für unmöglich hielt.“ Sabire wap vernichtet; ſie begriff, daß Silveſtre nicht an ihre Liebe zu glauben wagte, und ſie fühlte ſich außer Stands, ihn davon zu überzeugen. Indeſſen verſuchte ſie noch ein letztes Wort. „Sie wiſſen,“ ſprach ſie,„daß ich dieſen Morgen meine Verheirathung mit Herrn von Belleſtar abge⸗ brochen habe...“ „Oh! Dank... Dank für Sie!“ rief Silveſtre; „denn es wäre das Unglück Ihres ganzen Lebens ge⸗ 297 weſen. Dieſer Menſch ſah nichts von Ihnen, als Ihre blühende Schönheit, als Ihren glänzenden Geiſt, als Ihre ſtrenge Tugend. Er hatte nichts von dieſem Herzen begriffen, nichts von dem, was es gut und nachſichtig, nichts von dem, was es ſtolz und edelmüthig macht, nichts was bewirkt, daß Sie das Glück um ſich her ausſtreuen, nichts von dem Zauber, der dergeſtalt durch⸗ dringt und entzückt, daß man unter der Herrſchaft Ihrer Gegenwart an die Güte Gottes glaubt, und an das Glück glauben möchte, wenn man nicht zum Leiden be⸗ zeichnet wäre. Oh! heirathen Sie ihn nicht,“ rief Sil⸗ veſtre die Stimme erhebend.„So iſt es gut, und nun. bin ich frei!“ Sabine hatte Silveſtre mit gierigem Entzücken zu⸗ gehört. Endlich brach ihr Herz hervor, endlich ſprach ihre Lenſchaſt, und ſie ſagte: „Ja! und ich bin auch frei!“ Aber ſie hatte den Sinn dieſes Wortes in Silueſtr's Munde nicht verſtanden. Mit dieſem Worte:„Ich bin frei,“ wollte er ſagen:„Nun kann ich zum Kampfe mit dieſem Menſchen ſchreiten, und ich werde es ohne Furcht vor dem Tode thun, den er mir geben kann, denn er wird den Schatz nicht beſitzen, den ich verloren habe. Tödte ich ihn, ſo kann man mich nicht beſchuldigen, ich habe dem Leben dieſes Engels eine Hoffnung auf Glück entriſſen.“ Das war der Gedanke Silveſtre's, als Sa⸗ bine, ihm die Hand reichend, ſagte: „Ich bin auch frei!“ In dieſem Augenblick war ſie zugleich ſo ſtrahlend und ſo ſtehend ſie i ſich an dieſen Mann mit einer ſo ghenen Unſchuld„mit einer ſo freimüthigen, ſo offenen Liebe, daß Silveſtre am Ende glauben mußte, ſie liebe ihn.... ſie liebe ihn ein wenig; und er fühlte, wie er bei dieſem Gedanken zitterte, wie er erbleichte. ſagte er zu ſich ſelbſt,„oh, wenn ich ſterben ſollte, ſterben von ihr geliebt!..“ Er wurde von einer furchtbaren Schwäche befallen, er fühl te ſich ſiig⸗ er hatte 298 bange vor dem Kampf, der ihn erwartete, und nachdem er ſich einen Augenblick unter dieſer Marter zerarbeitet hatte, erhob er ſich und rief: 8 „Nein nein. es iſt unmöglich.. ſchweigen Sie haben Sie Mitleid mit mir... nein. nein... Sie lieben mich nicht... es iſt nicht wahr.. und dann... Sie wiſſen nicht...“ Er ſuchte Gründe, um ſie zurückzuſtoßen, und warf ihr durch einander Alles zu, was ſich ſeinem Geiſte darbot: „Nein, was wird man ſagen?.. Herr von Prosny und Fräulein Durand. das wäre furchtbar. man würde Sie verleumden.. man würde mich beſchuldigen das wäre ein Unglück.. ein nicht wieder gut zu machendes Unglück... Er fing an zu weinen... und rief dann: „Sabine, ich bin geboren, um zu leiden.. ich ſeyen Sie glücklich, und wenn Sie mein Leben verlan⸗ gen.. nehmen Sie es aber Sabine hatte verwirrt die Augen niedergeſchlagen; Todesbläſſe überzog ihre kurz zuvor noch ſo belebten Geſichtszüge. ſie kämpfte einen furchtbaren Schmerz nieder. Silveſtre gewahrte es, ſiel ihr zu Füßen und ſprach: „Aber, mein Gott! was iſt Ihnen denn?. Ich habe Sie beleidigt, ich habe Ihnen wehe gethan Ah! ſprechen Sie doch, was wollen Sie? Ich liebe Sie, ich liebe Sie bis zum Wahnſinn!.. Sprechen Sie, mein Gott! was kann ich thun?“ Nun habe ich Sie begriffen.“ Sie ſtand auf; er wollte ſie zurückhalten. Sie ent⸗ zog ihm ihre Hand mit einer eiſigen Geberde, und ent⸗ fernte ſich. „Ah, mein Gott!“ ſprach Silveſtre,„was habe ich denn gethan?“ Und er blieb vernichtet, niedergeſchmettert, ohne ſich Nichts, mein Herr,“ erwiederte Sabine kalt,„nichts., 299 von Allem, was vorgegangen war, Rechenſchaft heben zu können. 16 Sabine aber ſtürzte nach ihrem Zimmer. Madame Simon erwartete ſie vaſelbſt. Als ihre Vormünderin ſie bleich, beinahe von Sinnen, eintreten ſah, ſo lief ſie ihr entgegen und rief: „Was iſt geſchehen.“ „Ah! welche Schande,“ ſtammelte Sabine, mit zu⸗ ſammengepreßten Zähnen und ſtarrem Blicke. „Er liebte Dich nicht?“ „Er liebt mich!“ rief Sabine mit furchtbarer Zer⸗ riſſenheit;„aber er ſchlägt meine Hand aus. Herr von Prosny kann ſich nicht erniedrigen, Fräulein Durand zu heirathen.“ „Er hat Dir das nicht geſagt.“ „Er hat es mir geſagt,“ erwiederte Sabine mit bitterem Stolz. Aber „Sprechen wir nicht mehr davon,“ verſetzte Sa⸗ bine,„ſprechen wir nicht mehr davon, nie mehr, ich bitte Sie. Ein ſolcher Schlag iſt zum Sterben hin⸗ reichend.“ Madame Simon ward ſo ſehr durch den Nachdruck erſchreckt, womit Sabine die letzten Worte ſprach, daß ſie nicht ferner in ſie drang, aber ſie wollte ſie in dieſem Augenblick nicht allein laſſen, und ſie blieben beiſammen, ohne zu ſprechen, aber Beide weinend. Der Schlag, der Silveſtre bei der Entdeckung des Diebſtahls ſeiner Tante getroffen hatte, war niederſchmet⸗ ternd geweſen; er hatte ihn auf die Erde geworfen, wo er vernichtet und ſterbend liegen blieb; aber gerade wegen ſeiner Heftigkeit hatte ſich das Nachgefühl ſeiner ſchmerz⸗ haften Berührung allmälig gemildert, es hatte ſich in 300 jener ſanften, ſchwermüthigen Träumerei verloren, welche der Unterredung Prosny's mit Fräulein Durand vorher⸗ gegangen war. Der Schlag, der Sabine am Schluſſe dieſer Unterredung traf, gelangte nicht mit derſelben Kraft zu ihrem Herzen, aber ſtatt ſich zu mildern, wuchs der Schmerz, den ſie darüber empfand, mit der Ueberlegung. Sie glaubte an die Verachtung Silveſtre's, der ſie liebte. In dieſer Vorausſetzung war es nicht allein der Verluſt des von ihr ſo hoch geſchätzten Herzens, was Sabine zur Verzweiflung brachte; es war die Verachtung der ganzen Welt, die im Gefolge von der Silveſtre's er⸗ ſchien; den wenn dieſer, der zugleich ſo viel Stolz und ſo viel Reſignation, ſo viel Rachſicht, und ſo viel Liebe beſaß, wenn dieſer, ſagen wir, nicht die Kraft in ſich fand, die unſelige Erbſchaft zu vergeſſen, die ſie von ihrer Familie empfangen hatte, wer ſollte ſie dann ver⸗ geſſen? Einige Menſchen ohne Grundſätze und ohne Würde, einige gierige Seelen, einige Ehrgeizige, die ſich aus ihrem Vermögen eine Stütze machen wollten, um zum Ziele ihres Ehrgeizes zu gelangen; aber in al⸗ lem dem fand ſie kein Herz, dein ſie ihr Leben hätte ſchenken wollen; und die ſeltſame Begeiſterung dieſes Schmerzes war ſo ſtark, daß ſie, ſtatt Herrn von Belleſtar Dank zu wiſſen, daß er dieſe leeren Anſchuldigungen verachtet hatte, ihn feig und elend fand, weil er nicht vor der Furcht vor Schande zurückgewichen war, womit ihn die Welt dafür geſtraft haben würde, daß er die Cochter des Räubers Durand zu heirathen gewagt. Wir haben erwähnt, wie Sabine und Madame Simon ſtill weinend beiſammen geblieben waren. Herr Simon überraſchte ſie hiebei, und aus dem Blicke, den er auf ſie warf, war leicht zu erkennen, daß er ſich auf ein unangenehmes Ereigniß gefaßt machte; er rief auch wirklich, ſobald er ſie einen Augenblick betrachtet hatte: „Es iſt noch ein Unglück geſchehen; ich bin es über⸗ zeugt. Ich komme ſo eben zurück und erfahre, daß Sil⸗ 301 veſtre das Haus verlaſſen hat, ohne zu ſagen, wohin er gehen würde, und nun finde ich Euch ganz in Thränen: was iſt geſchehen?“ Madame Simon wußte von der Unterredung von Sabine und Silveſtre nichts, als ein paar Worte, vie ihr ihre Mündel geſagt hatte; ſie näherte ſich ihrem Gatten und ſprach ganz leiſe: „Es ſcheint, er hat ihr ſeine Liebe geſtanden, aber v ſie behauptet, er habe ihre Hand ausgeſchlagen.“ Herr Simon rief ſogleich, wie ſeine Frau gerufen 1 hatte: „Das iſt unmöglich!“ Sabine erhob die Augen langſam zu ihrem Vormund. Das bittere Lächeln auf ihren Lippen war eine beredtere Er⸗ wiederung, als alle Worte, die ſie hätte ſagen können. Vor dieſem verzweifelten Ausdruck hatte Herr Simon nicht den Muth, leere Gefühlsworte auszukramen, leere Palliative, die —— das Uebel nur aufſtacheln, welches ſie zu beſänftigen ſuchen. Er antwortete weder Sabinen noch ſeiner Frau; er. murmelte nur die Worte:„ „Ich habe mich alſo getäuſcht? Es iſt alſo weder Ehre noch Seelengröße in dieſem Menſchen zu ſuchen! Es wäre alſo auch ein Schwächling.“ Sabine ſchien nicht gehört zu haben, und vielleicht hatte ſie auch, ganz nur in ihrem Innern beſchäftigt, wirklich die Reflerionen ihres Vormunds nicht vernom⸗ men. Obgleich Madame Simon Silveſtre nicht für ſo ſchuldig hielt, als er in den Augen ihres Gatten erſchien, obgleich ſie vermuthete, es habe zwiſchen Herrn von Prosny und Sabine eines von den unſeligen Miß⸗ verſtändniſſen ſtattgefunden, welche die Exiſtenz oft viel grauſamer vernichten, als die unangenehmſten Ereig⸗ niſſe, ſo wagte ſie doch nicht, den Menſchen zu verthei⸗ digen, der ſo viel Schmerzen bereitet hatte, und ſie dachte nicht daran, ihren Gatten zurückzuhalten, als er mit den Worten wegging: 302 „Das kann nicht ſo endigen; ich werde mir Rechen⸗ ſchaft über dieſe Geſchichte verſchaffen!“ Dieſer Tag ging vorüber, ohne daß Madame Si⸗ mon Aufklärung von Sabine erhalten konnte. Die gute, liebenswürdige Frau fand jedoch für ihre Mündel Worte, welche bis zu Thränen in das Herz dringen, und die, einen Weg zu dem Schmerz bahnen, der darin gährt und es zu ſprengen droht. Aber der Schmerz Sabinens ſchien trocken, wie ihre Augen, dürr und brennend, wie ihr Körper, den das Fieber verzehrte, ohne ihn zu ſchütteln. Madame Simon forderte ihre Mündel auf, zu Bette zu gehen, und dieſe that, was man von ihr verlangte, mit jenem entſchloſſenen Gehorſam, der ſein ganzes Weſen, mit Ausnahme eines Ortes, wohin nichts zu gelangen permag, dem Willen Anderer überläßt. Doch was that Herr Simon? was wurde aus Sil⸗ veſtre? Ich werde es morgen erfahren, und morgen ſagen. Den 5ten Jan. 1844. So eben habe ich den Brief zerriſſen, den ich Ih⸗ nen geſtern geſchrieben hatte, und worin ich Ihnen Re⸗ chenſchaft von den Vorgängen am dritten gab; meine Mittheilung beſchränkte ſich auf die Nachricht, daß Sa⸗ bine auf eine ſo bedenkliche Weiſe krank war, daß Ma⸗ dame Simon ganz in Verzweiflung gerieth, und Herr Simon vom heftigſten Aerger ergriffen wurde. Ich er⸗ zählte Ihnen auch im Detail alle unnützen Gänge unſeres Sachwalters, um Silveſtre aufzuſuchen, der nur einen Augenblick bei ſeiner Tante erſchienen war, ohne ihr je⸗ doch zu ſagen, wohin er ſich begeben würde. Ich habe dieſes Schreiben vernichtet, weil die mir ſo eben anver⸗ trauten Briefe Ihnen viel beſſer, als ich es thun konnte, erklären werden, was an dieſem Tage vorge⸗ fallen iſt. 303 Correſpondenz. Brief von Herrn von Belleſtar an Herrn Simon. Den gten Jan. 1844. „Mein Herr! Ich beeile mich pflichtgemäß, den Brief zu beant⸗ worten, worin Sie mir anzeigen, daß Fräulein Durand auf die Ehre einer Verbindung mit mir Ver⸗ zicht leiſtet. Ich bediene mich der Worte, welche Sie in Ihrem Briefe gebraucht haben, mein Herr, um Ih⸗ nen zu beweiſen, mit welcher Sorgfalt ich denſelben ge⸗ leſen, wit welcher Aengſtlichkeit ich alle Ausdrücke ab⸗ gewogen habe. Sie ſagen mit, nicht wahr, mein Herr, Sie ſagen mir, die Seene, die am exſten Januar in Ih⸗ rem Hauſe vorgefallen iſt, habe im Herzen von Fräu⸗ lein Durand Erinnerungen wieder erweckt, die Sie längſt verſchwunden glaubten. Sie ſagen mir ferner, daß ſie, durch Verheirathung mit mir, berufen, in eine Welt einzutreten, die ſich nicht nur nach dem Alter des Ur⸗ ſprungs derjenigen, welche in ihr erſcheinen, ſondern auch nach der Ehre der Familie erkundigen, von der ſie abſtammen; Sie ſagen mir, nicht wahr, mein Herr, ſie habe gefürchtet, hier Nachforſchungen, Anſchuldigungen ausgeſetzt zu ſeyn, gegen welche ich ſie zwar ohne Zweifel mit meiner ganzen Macht beſchützen dürfte, die jedoch nichts deſtoweniger bis zu ihr gelangen, die ihre Exi⸗ ſtenz um ſo unglücklicher machen würden, je glänzender ſie wäre, und die mich am Ende dahin bringen könn⸗ ten, daß ich bereuen müßte, meiner Liebe nachgegeben, und mich mit Fräulein Durand vermählend, nur mei⸗ nem Edelmuth Gehör geſchenkt zu haben. So lautet Ihr Brief, nicht wahr, mein Herr? Und es iſt in der That unmöglich, in der Lage, in der Sie 304 ſich befanden, mit ſchmeichelhafterer Rückſicht für mich und mit würdigeren Gründen für Ihre Mündel den Korb zu umhüllen, den Sie mir ſandten und den ich annehme. In Briefe, mein Herr, iſt eine Ge⸗ ſchicklichkeit entwickelt, vor der ich mit aller Achtung den Hut abnehmen muß; nur weiß ich nicht, ob ich dies vor der Ihrigen, oder vor der von Fräulein Du⸗ rand zu thun habe; ich will dieſe Frage durchaus nicht zum voraus entſcheiden, und ich überlaſſe Ihnen die Beantwortung, indem ich in Demuth meine völlige Un⸗ fähigkeit anerkenne, mit Ränken und falſchen Verſiche⸗ rungen mit Demjenigen zu ſtreiten, der dieſe kleine Ko⸗ mödie, worin ich indeſſen nicht der Gimpel bin, ſo fein angelegt hat. Es bedurfte eines unerhörten Zufalls, der mich das Geheimniß dieſes Korbes enidecken ließ, und ich geſtehe abermals in Demuth, daß ich nicht eine Ahnung davon gehabt hätte, wäre ich nicht beſonders benachrichtigt wor⸗ den. Ich gehöre leider zu der Race, von der man mit ſo viel Wahrheit geſagt hat, ſie habe nichts vergeſſen und nichts gelernt. Ja, mein Herr, man muß anerkennen, wir haben weder die ſchmutzigen Leidenſchaften unſerer Cpoche, noch die kleinen Intriguen einer Welt gelernt, die den Platz der unſerigen einnehnren wollte; wir haben we⸗ der lügen, noch unſere Empfindungen verläugnen, noch eine Zartgefühls⸗Rolle ſpielen gelernt, um die Bewegun⸗ gen einer traurigen Leidenſchaft zu verbergen. Wir haben auch nichts vergeſſen, mein Herr, weder die Redlichkeit in Worten, wie in Handlungen, noch die Achtung vor em⸗ pfangenen Schwüren, wiovor gemachten Verſprechungen, wir haben vor Allem die Verachtung nicht vergeſſen, welche wir Beleidigungen ſchuldig ſind, die uns ihrer Plumpheit wegen nicht berühren können. So ſind wir, mein Herr, und darin liegt der Grund, daß ich vielleicht Ihre Entſchuldigungen in dem Sinne, den Sie denſelben zu geben beliebten, aufgenommen hätte, 305 wenn ich nicht ſo genau, daß es gar keinem Zweifel un⸗ terliegt, wüßte, daß das Motiv dieſes Bruches ein ganz anderes iſt, als das, welches Sie anführen, mögen Sie es nun kennen, oder mögen Sie getäuſcht ſeyn, wie man mich zu täuſchen verſucht hat. Sie werden mich voll⸗ kommen begreifen, mein Herr, wenn Sie beifolgenden Brief geleſen haben, der mir von der Perſon zugeſtellt worden iſt, die ihn empfangen hatte. Dieſe Perſon iſt Fräulein Aurelie von S. 4 ich ſcheue mich nicht, ſie zu nennen, denn ſie wird bald den Namen eines Mannes führen, der ſie gegen jede Anfeindung zu beſchützen ver⸗ mag, wie er auch bald die ihm widerfahrene Beleidigung beſtraft haben wird, ſo niedrig ſie auch ihrem Urſprung nach ſeyn mag. Ich habe die Ehre zu ſeyn u. ſ. w. Marquis von Belleſtar⸗ Brief von Sabine an Fräulein Aurelie von S. in dem vorigen eingeſchloſſen. (Zum Verſtändniß dieſes Briefes bitten wir unſere Leſer, ſich erinnern zu wollen, daß Sabine denſelben an Fräulein Aurelie von S. den Tag nach ihrem Zu⸗ ſammentreffen mit Silveſtre in den Magazinen der Ville de Paris geſchrieben hatte. Es iſt der Brief, den Fräu⸗ lein von S ſo ſorgfältig aufbewahrte, den ſie den Nachforſchungen unſeres Spions eutzogen, von dem Sa⸗ binens vortreffliche Freundin bei Herrn Leonard geſprochen hatte. Nach den letzten Phraſen des Schreibens von Herrn von Belleſtar erſcheint es überflüſſig, zu erklären, wie er in die Hände des Marquis gelangt war. Folgen⸗ des iſt ſein Inhalt:) „Meine Aurelie, meine Schweſter, meine Freundin, ich habe Dir geſtern geſchrieben, um Dir zu erzählen, wie ich mit Herrn von Prosny zuſammengetroffen war, und Frederic Soulis. Von Tag zu Tag. 20 306 wie ich ihn zu dem Feſte meines Feſtes eingeladen hatte. Ich muß Dir Alles ſagen, ich habe bange wegen deſſen, was ich gethan, und bin doch glücklich darüber. Der Gedanke, ihn wiederzuſehen, ihn in meinem Familien⸗ kreiſe, vor allen meinen Freundinnen zu ſehen, dieſer Ge⸗ danke entzückt mich, erfreut mich und tröſtet mich. Ich kann mich nicht von demſelben trennen, er erſcheint mir wie ein Unterpfand von Glück und Sicherheit für meine ganze Zukunft. Wie ſoll ich Dir das ſagen? Aber es kommt mir vor, wenn mich je eine Beleidigung treffen, verfolgen würde, wenn mich je ein Unglück bedrohen ſollte, ſo dürfte ich mich nur an dieſen Mann mit dem edeln Herzen, mit dem ruhigen, ſichern Blick anſchließen, und wenn er ſeine Hand über mein Haupt ausſtreckte, ſo wäre es vor jeder Verletzung geſchützt. Was läßt mich ihn in dieſem Lichte betrachten? Was iſt er? Was hat er gethan? Noch nichts! aber er trägt Alles das in ſich, was die ſtarken und erhabenen Seelen bildet; und begreifſt Du, daß dieſer groß⸗ artige Geiſt, dieſer in ſeiner Reſignation ſo kräftige Charak⸗ ter ſich für immer in der Armuth abnutzt und verliert, in die ihn die Meinigen geſtürzt haben? Und begreifſt Du, daß möglicherweiſe ein Wort von mir meinen Traum ver⸗ wirklichen würde, den ich Dir ganz laut ausſpreche, den Traum, den er vielleicht ganz leiſe erſtickt? Begreifſt Du, daß ich möglicherweiſe glücklich und er groß werden könnte? Iſt es dieſer Gedanke, iſt es dieſe Hoffnung, die mich be⸗ zaubert, die mich verblendet, die mich an ihn glauben macht? Oder geſchieht es vielleicht, weil ich an ihn glaube, daß ich meine Zukunft in dieſem Lichte ſehe? Von welcher Seite auch dieſer Glaube herrühren mag, ich kann nicht von Glück träumen, ohne meine Zukunft mit der ſeinigen verbunden zu ſehen. Er wäre meine Aus⸗ ſöhnung mit der Welt, er wäre meine Schutzwehr gegen die Vergangenheit; was er Gutes, Großes, Erhabenes thun würde, müßte mir als ein Titel auf Vergebung zu⸗ 307 gerechnet werden, und der Glanz ſeines Namens müßte den meinigen von der Schande entbinden. Warum ſage ich Dir alles Dies, warum ſchreibe ich Dir alle dieſe verwirrten Gedanken meines Herzens? Weil ich in dem, was ich empfinde, klar ſehen, weil ich dem Gefühle, das er mir einflößt, einen Namen geben möchte. Muß ich es Dir geſtehen, wenn ich an all' das Glück denke, das er mir bringen könnte, ſo bin ich mir böſe und nenne mich ſelbſtſüchtig. Es kommt mir vor, als liebte ich ihn nur meinetwegen, und ich möchte ihn doch gerne ſeinetwegen lieben. Denn ich kann Dir heute das Wort ſagen, das geſtern an der Spitze meiner Feder ſtecken geblieben iſt; als ich ihn einlud, ſich an die Ge⸗ ſellſchaft derer anzuſchließen, die ich meine Familie nannte, glaubte ich, aus dem beſtürzten, erſtaunten, entzückten Blick, den er auf mich heftete, errathen zu können, er liebe mich, und ich war darüber ſo glücklich, daß es mir ſchien, als liebte ich ihn auch. Erſt ſpäter haben ſich dieſe Zweifel über mich ſelbſt in mein Herz geſchlichen; erſt ſpäter kam es mir vor, als ſuchte ich nur mein Glück und machte das ſeinige daraus, und ich habe bange, mich ſelbſt zu täuſchen. Komme, beſuche mich. Ich werde mit Dir von mir; Du wirſt mit mir von ihm ſprechen, und ich werde mich vielleicht endlich begreifen.... Vergiß nicht, vergiß vor Allem nicht, daß ich Herrn von Belleſtar zu heirathen bedroht bin.. „Dir gehört, was mir von meinem Herzen übrig bleibt. Sabine.“ Außer dieſem Brief, in welchen der von Sabine eingeſchloſſen war, und der unſerem Sachwalter geſtern Abend zugeſtellt wurde, empfing Herr Simon folgendes Schreiben von Herrn von Prosny, welches, wie das des Marquis ausführlich genug iſt, um uns der Mühe der 6 308 Wiederholung des Briefes zu überheben, auf den Sil⸗ veſtre antwortete. Vrief von Silveſtre von Prosny an Herrn 6 Simon. Den 4. Januar 1844, 8 Uhr Abends. „Was ſagen Sie mir, mein Herr, habe ich auch recht begriffen, was Sie mir ſagen? Ich hätte Fräu⸗ lein Durand zu verſtehen gegeben, ich halte ſie für unwürdig, ihr meine Hand zu reichen? Sie konnte es glauben, und Sie konnten es glauben! Ich darf mich nicht über ſie beklagen; ſie kennk mich kaum, ſie weiß kaum, wie viel Hochachtung und Verehrung ich in mei⸗ nem Herzen für die Tugend hege, als defen reinſtes Beiſpiel ſie erſcheint; aber Sie, mein Herr, Sie kennen mich; ich glaubte, Sie hätten mich geprüft; ich glaubte, ich hätte lebhaft genug vor Ihnen meine Entrüſtung we⸗ gen dieſer abſcheulichen Erinnerungen dargethan, die mit dem Fehler der Eltern das Haupt der Kinder belaſten; ich glaubte, Ihnen ziemlich laut und ziemlich oft gezeigt zu haben, in welchem Grade ich die Tugend achte und bewundere, die, gleich der von Fräulein Durand, ihre Kraft in ſich ſelbſt nimmt, und wenn ich ſo ſagen darf, auf dem ſchmachvollen Piedeſtal, auf dem ſie ruht, em⸗ porwächst und groß wird. Ich glaubte, Sie wüßten alles dies von mir, mein Herr. Auch ſtaune ich, wenn ich die Anklage leſe, die Sie ſo grauſam gegen mich erheben, ja, ich gerathe darüber in Verzweiflung, ſehen zu müſſen, daß Sie ſich nicht dagegen erhoben haben, erfahren zu müſſen, daß Sie nicht geſagt haben, es ſey dies unmöglich, kurz in Ihnen keinen Vertheidiger ge⸗ funden zu haben, welcher derjenigen, die ſich verletzt . 309 glaubt, geſagt hätte, es ſey ein Irrthum, ein Wahn ihrer Seele, die Verirrung einer ſchmerzlichen Em⸗ pfindlichkeit. „Und ſelbſt dann, mein Herr, wenn das Gefühl, das mich die Tugend lieben macht, nicht in mir vorgewaltet hätte,— wie verächtlich denken Sie von dem Mann, den Sie Ihren Freund genannt haben, daß Sie ſo leicht glauben, ich habe einem Mädchen gegenüber, das Ihnen kheuer iſt, die einfache Achtung vergeſſen können, die man den Neigungen derer ſchuldig iſt, die man liebt; daß ich vyr einem unſchuldigen, leidenden Herzen die Röhheit gehabt habe, mich mit der harten Hand auf den Schmerz zu ſtützen, den ſie mich ſehen ließ. Selbſt, wenn ich nur die herkömmliche Höflichkeit der Leute be⸗ ſäße, die zu grüßen wiſſen, würde ich nicht die gehäſſige Antwort gegeben haben, der Sie mich beſchuldigen, und ſollte ich auch ſo ſehr durch meine Armuth entartet wor⸗ den ſeyn, daß ich ſte im Herzen trüge. Weiß ich denn nicht, daß es tauſend höfliche Mittel gibt, ein Anerbieten zurückzuweiſen, das man nicht annehmen will, ohne ſich des verletzendſten, des feigſten zu bedienen. „Und Sie haben nichts zu meiner Vertheidigung gefunden, und ich werde vielleicht— ja vielleicht werde ich in den Tod gehen— wer weiß, mit der Verzweif⸗ lung, die Seele dieſes Himmelskindes, das unter den Zügen Ihrer Sabine lebt, verwundet zu haben. „Oh! mein Herr, Sie ſind weder edelmüthig, noch gerecht gegen mich geweſen. Nein, und Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand, daß Sie mich nicht hätten für ſchul⸗ dig halten ſollen. „Haben Sie jene Stunde vergeſſen, wo Sie mich aufforderten, die Rechnungen über die Verwaltung des Vermögens von Fräulein Durand, wegen ihrer bevor⸗ ſtehenden Heirath mit Herrn von Belleſtar, zu machen? Sie haben den Schrei meines Schmerzes vernommen, 310 Sie haben geſehen, wie ich mich in meiner Verzweiflung geberdete, und Sie haben ſich in dem Gefühle nicht ge⸗ täuſcht, das mich beinahe getödtet hätte. Sie wiſſen es wohl, es war nicht Kummer über mein verlorenes Ver⸗ mögen, nicht Erbitterung gegen diejenige, welche es be⸗ ſitzt, es war die furchtbare Qnal der eiferſüchtigen Liebe, der durch das Glück eines Andern verletzten Liebe. In dieſem Augenblick hatten Sie errathen, daß ich Ihre Mündel liebte, in dieſem Augenblick hatten Sie Mitleid mit mir, warum ſind Sie ſo feindſelig, ſo grauſam gegen mich geworden? „Ja, mein Herr, es iſt wahr, als Fräulein Durand zu mir kam, als ſie mir ſagte, ich könnte ihr Gatte werden. da wich ich vor dieſem Glücke zurück. Ich hatte bange vor dieſem Heldenmuth einer Seele, die ſich dem opfert, was ſie für eine Verpflichtung hält. Und konnte ich etwas Anderes glauben, mein Herr? Was bin ich neben Fräulein Durand, der Schönen unter Allen, der Erhabenen unter den edelſten Geiſtern, der Heiligen in Ihrer Familie, dieſem Muſter heiliger Redlichkeit? Was bin ich? Ein armer, unbekannter Schreiber, ohne eine Vergangenheit, die für ihn ſprechen würde, ein Mann, der mit Sorgfalt und Ehrlichkeit ein Gewerbe treibt, wobei, wie Sie wohl wiſſen, die Beharrlichkeit den Verſtand erſetzen kann. Und dieſer Menſch, der nichts iſt, ſollte glauben, eine ſolche Frau, die ſo viel iſt, könnte ſich ihm übergeben, weil ſie ihn ihrer würdig glaubte? Nein, mein Herr, die Eitelkeit kann mich nicht bis auf dieſen Grad irre leiten. Es lag, es liegt in dieſem Schritt ein Opfer, Befürchtungen, inneren Vor⸗ würfen dargebracht, die Sie nicht hätten obwalten laſſen ſollen. Nein, mein Herr, nein, ich konnte dieſes Opfer nicht annehmen. Ich wies es zurück, aber ich wies es auf den Knieen zurück; ich wies es zurück, indem ich daſſelbe zugleich bewunderte. Ich habe die Thüre meines 311 Hauſes dem Engel verſchloſſen, der mit das Glück brachte, weil ich das ſeinige nicht an ſeiner Seite kommen ſah. „Und keiner von dieſen Gedanken hat ſich in Ihrem Innern gerührt? Sie haben nichts gefunden, um ihr begreiflich zu machen, daß ich nicht der letzte der Elenden bin! Aber ſelbſt, wenn Sie nicht das Verlangen gehabt hätten, mich zu vertheidigen, ſo hätten Sie doch Mitleid mkt ihr haben ſollen. Da ich ihr ſo wehe gethan, ſo hätten Sie lügen ſollen, um ſie zu tröſten; Sie müßten dies ſelbſt dann gethan haben, wenn Sie mich genugſam verachtet hätten, um zu glauben, ich wäre ſo tief geſun⸗ ken, als man Ihnen ſagte. Und was werden Sie nun beginnen? Können Sie das Schlimme, was Sie gethan, und was Sie haben groß werden laſſen, wieder gut ma⸗ chen? Denn ſie iſt krank, ſchreiben Sie mir; ſie leidet an dem Schmerz, den ich ihr bereitet habe. O! mein Gott, daß ich morgen noch lebte, um ihr—— und wäre mein ganzes Leben erforderlich, um das Leid, das ich ihr zu⸗ gefügt, wieder gut zu machen— um ihr die Ruhe wie⸗ der zu geben, die ich unſchuldiget Weiſe geſtört habe; o! daß ſie jeden Tag, jede Stunde dieſes Lebens nehmen, daß ſie mir Alles gebieten möchte, was ihren gerechten Stolz befriedigen könnte... ſie mag mir befehlen, ich ſolle ſie nie wieder ſehen, und ich werde gehorchen. Ol ſa⸗ gen Sie, ſagen Sie es ihr. aber habe ich ihr denn nicht geſagt, daß ich ſie liebe, daß ich ſie liebe, wie man Gott und den Himmel und das Glück und ſeine Mutter liebt.. ich kann nicht ſagen, wie ſehr ich ſie liebe!. O! ich wollte, ſie fönnte mich begreifen Sie wäre darüber ohne Zweifel weder ſtolz noch glücklich... aber ſie würde mir vergeben, ſie würde ſich vergeben. „Wenn Sie keinen weiteren Brief von mir empfan⸗ gen, ſo wird Ihnen einer von meinen Freunden den Grund ſagen. „Leben Sie wohl, vielleicht auf“ewig wohl. Was * 312 Sie auch von mir denken mögen, ſo vergeſſen Sie doch nicht, daß ich ſtets in meinem Herzen eine heilige Dank⸗ barkeit für Ihre Güte, und eine unveränderliche Achtung für die Frau, die Ihren Namen trägt, und für Diejenige bewahrt habe, der ich den meinigen angeboten haben würde, hätte ich mich ihrer würdig geglaubt. — Silveſtre von Prosny.“ Der Brief von Herrn von Belleſtar brachte Herrn Si⸗ mon dergeſtalt in Aerger, daß er es kaum vor ſeiner Gattin verbergen konnte, und der von Silveſtre flößte ihm Be⸗ fürchtungen ein, die er ſich durchaus nicht zu verhehlen ſuchte. Danes indeſſen ſchon ſehr ſpät war, ſo mußte unfer Sachwalter die Entwürfe, die ihm der Aerger dik⸗ tirte, und die Schritte, die ihm ſeine Befürchtungen ein⸗ gaben, auf den andern Tag verſchieben. Den 6. Januar 1844. Herr Simon war nicht der Mann, der den Brief des Herrn von Belleſtar ohne eine kräftige Antwort hingenom⸗ men hätte. Hatte der Marquis auch hundertmal Recht, wenn er ſagte, die wahre Urſache des Bruches ſeiner Ver⸗ bindung mit Sabine ſey nicht in ihren Skrupeln, ſondern in ihrer Liebe für Silveſtre zu ſuchen, hatte er auch den Beweis für ſeine Behauptung in Händen, ſo berechtigte ihn dies doch nicht zu ſeinen übel angebrachten Ungeze⸗ genheiten. Die Urſachen, die ihm der Vormund angege⸗ ben hatte, mußten, nach ſeinem Bedünken, den Marquis befriedigen, ſobald ſie ſeine Ehre und ſeine Würde ſchütz⸗ ten. Was konnte Herr Simon mehr thun, als alles Un⸗ recht dieſes Bruchs, wenn nicht Sabinen ſelbſt, doch we⸗ nigſtens ihrer Stellung und der gerechten Empfindlichfeit 313 aufzuladen, die dieſe in dem Herzen des Mädchens erzengt hatte? Aber Herr Simon hatte ohne die Eitelkeit gerech⸗ net; und der Umſtand, daß er eine kleine Perſon, wie Fräulein Durand, ſeiner Liebe gewürdigt und ſie von dieſer Ehre und dieſem Glück nicht entzückt gefunden hatte, war für den Marquis Anlaß genug zur höchſten Erbitterung geweſen. Daher der unverſchämte Brief an Herrn Simon, daher vielleicht auch der Entſchluß, Fräulein Aurelie von S. zu heirathen.. Wie dem ſeyn mag, Herr Simon fand, daß der Herr Marquis zu weit gegangen war, und er beſchloß, ihm dies zu ſagen. Andererſeits erſah er aus der Antwort, die er empfangen, daß der Brief, den er an der Thüre Silve⸗ ſtre's hatte abgeben laſſen, an ſeine Adreſſe gelangt war; folglich kanute man entweder den Aufenthaltsort von Herrn von Prosny, oder er war in ſeine Wohnung zurück⸗ gekehrt. Indeſſen wurde der Zuſtand Sabinens immer bedenk⸗ licher. Fortwährend in ihrem Stillſchweigen verharrend, keine Pflege, kein Mittel von ſich weiſend, das man ihr bot, als fühlte ſie die Fruchtloſigkeit, als wollte ſie ſich die widrigen Bitten vom Leibe halten, mit denen man ſie dringlich zur Annahme zu bewegen ſuchen würde, war Sabine von einem heftigen Fieber ergriffen; der Glanz ihrer Augen, die brennende Hitze ihrer Hände, die Lebhaf⸗ tigkeit ihres Pulſes zeigten nicht allein dieſen Krankheits⸗ zuſtand an. Krampfhaftes Lächeln, raſche Worte mit leiſer Stimme ausgeſprochen zeugten davon, daß die moraliſche Störung noch viel weiter gediehen war, als die phyſiſche. Man hatte den Arzt gerufen, und ihm im Vertrauen die Urſachen dieſes heftigen Anfalls mitgetheilt, und da man vorſchlug, Sabine den Brief Silveſtre's leſen zu laſſen, um den Verſuch zu machen, dieſe düſtere, ſtumme Verzweiflung zu beſänftigen, ſo erſchreckte der Doktor Madame Simon nicht wenig durch die Worte: 314 „Das iſt unnütz, ſie wäre unfähig, es zu verſtehen.“ „Wie!“ rief die Vormünderin,„iſt es ſchon ſo weit gekommen?“ „Wir gehen geraden Wegs einer Hirnentzündung entgegen. Dieſe Erregung auf irgend eine Art nähren, hieße der Krankheit einen Impuls geben. Man muß zuerſt dieſen brennenden Gedanken dämpfen, und wenn ſie bis zu einem Grade von Schwäche heruntergeſtimmt ſeyn wird, wodurch wir jede Gefahr entfernt haben, ſo werden wir ſehen, wie ſich das ſouveräne Mittel, das Sie in Händen haben, anwenden läßt.“ Die arme Sabine wurde alſo zu einem Aderlaß verurtheilt, und der Doktor ging mit ſolchem Eifer zu Werk, daß, als Herr Simon ſeine Mündel verließ, dieſe ihm ſanft zulächelte, ſich gegen ihn neigte, und, die Hände von Herrn Simon und ſeiner Gattin in den ih⸗ rigen vereinigend, mit beinahe erloſchener Stimme ſprach. „Sie lieben mich, nicht wahr, Sie lieben mich?“ Sie umarmten ſie weinend, und der Doktor rief in die Hände klatſchend: „Wir ſind gerettet, wir ſind gerettet!“ „Sie iſt ſehr ſchwach,“ ſagte Madame Simon, welche fand, daß der Arzt Sabine wie ein Henkers⸗ knecht behandelt hatte, ſo ſchwach, ſo bleich, ſo vernich⸗ tet ſah ſie aus. Während man ihrer Mündel zur Ader ließ, hatte Madame Simon gleichſam jeden Tropfen des Blutes geweint, das dieſes Kind ſo ſchön, ſo ſtark, ſo reizend machte. „Sie iſt ſehr ſchwach, und ich befürchte....“ „Eh!“ verſetzte der Doktor ungeduldig,„ſehen Sie nicht, daß ſie gerettet iſt? Sie fühlt das Bedürfniß, geliebt zu ſeyn.“. Madame Simon hätte den Doktor gerne für die⸗ ſes Wort umarmt. Sie trug ſogleich darauf an, Sa⸗ ſt w n 315 bine den Brief vorzuleſen, aber das war nicht die Mei⸗ nung des Arztes. „Laſſen Sie ſie in ihrer Schwäche entſchlummern,“ ſprach er.„Bald, eher vielleicht, als Sie glauben, wird das Bewußtſeyn ihres Schmerzes zurückkehren. Dann wenden wir das entſcheidende Mittel an.“ „Welches Mittel?“ ſagte Herr Simon. „Nun denn! den Brief des jungen Mannes.“ Dieſer Doktor iſt ein herrlicher Menſch; Sie ſollen ihn bei einer andern Gelegenheit kennen lernen. Dies ereignete ſich geſtern am fünften Januar gegen neun Uhr Morgens. Ueber das Schickſal ſeiner Mündel beruhigt, entfernte ſich Herr Simon und lief zu Prosny. Silveſtre war wirklich am Abend vorher zurück⸗ gekommen, und ſehr frühe am Morgen wieder ausgegan⸗ gen. Herr Simon ſtieg zu Fräulein von Prosny hinauf; doch er konnte von der Alten nichts in Erfahrung bringen, als daß ihr Neffe ihr geſagt habe, da ſie durch die Großmuth von Fräulein Durand vor jeder Noth ge⸗ ſchützt ſey, ſo gedenke er eine große Reiſe zu machen⸗ „Aber wann geht er denn ah?“ fragte Herr Simon. „Ich weiß nicht,“ antwortete Fräulein von Prosny. „Er muß doch zurückkommen, um Abſchied zu nehmen?“ „Wie? Vielleicht, vielleicht.“ „Aber halt,“ erwiederte die Alte, ſich von einem Gedanken losreißend, der alle andern auszuſchließen ſchien.„Ja, es ſcheint mir, als habe er von mir Ab⸗ ſchied genommen; ja, ja, er hat zu mir geſagt:„„Wenn N ſo weiter.““ Nun denn, er hat mir Alles geſagt, was man in einem ſolchen Falle zu ſagen pflegt.“ „Und Sie haben ſich nicht erkundigt, wohin er geht?“ rief Herr Simon entrüſtet. „Sieh doch,“ ſprach Fräulein von Prosny den Sachwalter anſchauend,„wiſſen Sie die Adreſſe von Herrn ich Sie nicht wieder ſehe, ſo grollen Sie mir nicht, und 316 P. unſerem ehemaligen Nokar? ich muß ihn auffin⸗ den, er iſt der einzige Mann, auf den ich vertraue.“ Herr Simon bemerkte, daß Fräulein von Prosnh das Herz von ihren achtzigtauſend Franken ſo voll hatte, daß nichts Anderes mehr darin Raum fand; er wandte ſich mit Ekel von ihr ab und verließ das Haus, um ſich zu Herrn von Belleſtar zu begeben. So aufrichtig und mächtig auch Herrn Simons Unruhe war, ſo fehlte es ihr doch an einem feſten Grunde. Er hatte wohl einen Gedanken von der Mög⸗ lichkeit eines Duells zwiſchen Herrn von Prosny und dem Marquis, da ihm jedoch, durch einen leicht begreiflichen Zufall, unter den vielerlei Sorgen und Obliegenheiten det vorhergehenden Tage der Beſuch von Herrn von Belle⸗ ſtar bei Silveſtre unbekannt geblieben war, ſo konnte er ſich nicht einbilden, wie ein ſolches Duell herbeigeführt worden ſeyn möchte. Der Brief des Marquis ſagte ganz klar, daß er Genugthuung für eine empfangene Beleidigung haben werde. Aber auch bei der Scene am erſten Jantar war eine Beleidigung vorgekommen, und der Marquis ſprach vielleicht nur von einer zu verlan⸗ genden Genugthuung. Anderer Seits befürchtete Herr Simon einen verzweifelten Entſchluß von Silveſtre, einen X Selbſtmord, eine Abreiſe. Wie ſich auch die verſchiedenen Vermuthungen in dem Kopſe des Sachwalters durchkreu⸗ zen mochten, er ging zu dem Marquis von Belleſtat mit dem feſten Entſchluß, dieſem Herrn eine Höflichkeits⸗ Lektion zu geben, und obgleich Herr Simon keines Wegs Luſt hatte, einen Degenſtich in einer Heiraths⸗Angelegen⸗ heit zu wagen, ſo fuͤhlte er ſich doch auch durchaus nicht „ geneigt, nur einen Schritt vor den Beleidigungen, denen er entgegenſah, zurückzuweichen, und ſollte er ſie bis zum Bois de Boulogne*) verfolgen müſſen. Es gab ſogar 6) Wäldchen in der Nähe von Paris, wo die meiſten Duelle vorfallen. — ———— —— ——— 5 c H—c n — —* 317 Momente, wo er, wenn er daran dachte, Herr von Bel⸗ leſtar könnte ſich mit Silveſtre geſchlagen und dieſen ge⸗ tödtet haben, ſich dergeſtalt von einer kriegeriſchen Wuth erfaßt fühlte, daß er in einer von den Bewegungen inneren Grimms, dem er ſich überließ, ausrief: „Wenn dies geſchehen wäre... Ich würde ihn tödten, wie Das Erſtaunen des Kutſchers ſchnitt das Ende dieſer Ausrufung ab, und ſich über ſeinen Ausfall ſchämend, — ſchmähte der Sachwalter, daß man ihn ſo langſam fahre. Endlich langte er bei Herrn von Belleſtar an. Der Marquis hatte ſich ſehr frühe von Hauſe entfernt. Die Uebereinſtimmung dieſes Ausgangs am Morgen mit dem von Silveſtre ließ Herrn Simon keinen Zweifel über die Wirklichkeit des vermutheten Zweikampfs übrig. Unter dem, für einen Sachwalter leicht zu findenden, Vorwand einer äußerſt wichtigen Angelegenheit, welche die unmittel⸗ bare Gegenwart des Marquis erfordere, konnte Herr Simon alle mögliche Fragen ſtellen, um zu erfahren, wo ſein Klient zu finden ſeyn dürfte; aber nichts von dem, was er hörte, vermochte ihn zu belehren, und die Details, die man ihm gab, waren ſogar der Art, daß er beinahe glauben mußte, er habe ſich getäuſcht. Herr von Belleſtar war wirklich mit zwei von ſeinen Freunden abgegangen, und das war in der That die bei Duellen herkömmliche Zahl. Aber dieſe Herren waren in Jagdkleidern weggefahren. Ein mit Hunden und zwei Piqueurs beladener Wagen war ihnen gefolgt; man hatte Gewehre mitgenommen, man ſollte bei einem von dieſen Herren jagen, aber Niemand wußte bei welchem. Der Eine beſaß ſehr ſchöne Waldungen, zunächſt dem Walde von Senart, der Andere ein ungeheures Gut in der Ge⸗ gend von Mantes. Sollten dieſe Vorſichtsmaßregeln ge⸗ troffen worden ſeyn, um den Rendezvousort zu verbergen, auf welche Seite ſich dann wenden? Herr Simon verzwei⸗ 318 felte indeſſen nicht, die Spur des Marquis zu finden. Er ſchloß folgender Maßen: der Marquis iſt nicht der Mann, der ſeine Pferde während des ſchlechten Wetteys, das ge⸗ rade ſtatt fand, einem langen Marſche ausſetzt; dazu ſind ſie ihm zu lieb. Er hatte ſich alſo wahrſcheinlich nach der erſten Poſt der Route, die er eingeſchlagen, fahren laſſen, und ohne Zweifel werden auch die Pferde noch am Morgen mit den Kutſchern zurückkehren. Dann könnte man den Weg erfahren, den der Marquis genommen hatte. Man mußte zu dieſem Ende eine oder zwei Stunden war⸗ ten. Aber dieſe Stunde, dieſe zwei Stunden mußte man benützen. Nun, was that Herr Simon? Er ging auf die Eiſenbahn von Rouen, um ſich zu erkundigen, ob nicht drei Jäger, gefolgt von Hunden und Piqueurs, ſich und ihre Egquipagen darauf bis Mantes hätten transportiren laſſen. Man hatte nichts dergleichen geſehen. Von der Eiſenbahn von Rouen ging er nach der von Orleans; hier erfuhr er, daß die Jagdpartie kein Vorwand war. Man hatte zwei Piqueurs und ſechs Hunde abgehen ſehen. Ueber die Jäger konnte man keine genaue Auskunft geben, man hatte nicht von jedem Reiſenden das Koſtüme in Au⸗ genſchein genommen. Herr Simon bat, flehte, um zu erforſchen, ob man nicht drei Plätze unter demſelben Na⸗ men und auf demſelben Convoi genommen hätte. Sehr beſchäftigt ſchlug es der Beamte mit verdrieß⸗ lichem Geſichte ab, dieſe Nachſuchung anzuſtellen, als einer von ſeinen Nachbarn, die Regiſter öffnend, laut ausrief: „Drei Plätze unter dem Namen von Herrn von Prosnh, iſt dies Ihre Angelegenheit?“ Das war nur zu ſehr Herrn Simons Angelegenheit. Er erkundigte ſich nicht mehr, ob Herr von Belleſtar auf demſelben Wege abgegangen warz er fragte nur, wo Sil⸗ veſtre anhalten müßte, man nannte ihm Champrosah, Herr Simon wollte ſogleich abgehen; aber der erſte Convoi war direkt; er mußte drei Viertelſtunden warten. Es be⸗ ——— — *. . 319 durfte nicht ſo viel Zeit für die Gegner, ſich zu eumor⸗ den.. Herr Simon überlegte nicht, daß ſie ſchon vor zwei Stunden abgegangen waren, und daß im Augenblick, wo er dem Kampfe vorzubengen für möglich hielt, dieſer Kampf ſchon ſtatt gefunden haben mußte. Als die Beamten ihn ſo umherwandeln ſahen, ohne daß er etwas ſagte, ſo 3 hielten ſie ihn für einen Narren. Unſer Sachwalter ging wirklich von dem Bureau, wo man die Plätze nimmt, bis zu dem äußerſten Thor... In einem Augenblick wollte er ſein Kabriolet behalten, um nach Chambrosay zu fahren, dann ſtand er plötzlich wieder ſtille, und ſagte ſich, die Ei⸗ ſenbahn würde ihn ſchneller führen, ob er gleich noch einige Zeit warten müßte. Er kehrte zu dem Bureau zurück, er nahm einen Platz, aber als dieſer genommen war, quälte ihn der Gedanke des Wartens, und er berechnete, daß er, wenn er ſein Pferd aus Leibeskräften laufen ließe, einige Minuten früher ankommen müßte, und er ging wieder zu ſeinem Kabriolet.. Hier fragte er ſeinen Be⸗ dienten, wie viel man brauchte, um den Weg zurückzu⸗ legen. Der Bediente verlangte nicht mehr, als zwei Stunden. „Zwei Stunden! zwei Stunden!“ rief Herr Simon. „Die Eiſenbahn iſt vorzuziehen.“ Er gelangte abermals zum Bureau. Dieſer gute Herr Simon hatte bei ſeinem ewigen Hin⸗ und Hergehen ſo völlig den Kopf verloren, daß der Beamte bei einer dritten Reiſe nach ſeinem Bureau, wo er noch einmal einen Platz forderte, Mitleid mit ihm hatte und zu ihm ſagte: „Aber, mein Herr, Sie haben ja ſchon zwei ge⸗ nommen!“ Herr Simon hatte wirklich ſchon zwei genommen, und da er nicht zum Geſpötte werden wollte, ſo ant⸗ wortete er dem Commis ganz kalt: „Wohl, mein Herr, ich nehme den ganzen Convoi, wenn Sie ihn ſogleich abgehen laſſen wollen.“ 320 Das war eine unmögliche Sache, aber die Bemer⸗ kung des Beamten hatte zur Folge, daß Herr Simon es für räthlich hielt, etwäs mehr Ordnung in ſeine Ideen und Reflerionen zu bringen. Jetzt erſt kam ihm der Gedanke, daß er, da Herr von Prosny und wahrſcheinlich auch Herr von Belleſtar ſchon vor zwei Stunden abge⸗ gangen wären, wie ſehr er ſich auch beeilen möchte, nur anlangen könnte, um den Ausgang des Zweikampfes zu erfahren. Unter dieſen Conjuncturen, und um ſeine Gattin nicht in grauſamer Angſt über ſeine eigene Abweſenheit zu laſſen, ſchrieb er ihr folgendes Billetchen: „Ich habe ſo eben die Spur von Herrn von Prosny gefunden; ich fahre ſogleich nach Corbeil ab, und hoffe, ihn Dir dieſen Abend geſund und wohlbehalten zurück⸗ zubringen.“ Herr Simon hatte nicht von dem Duell ſprechen wollen, aber er bedachte auch nicht, daß die letzten Worte ſeines Billets, wo er Silveſtre geſund und wohl⸗ behalten zurückzubringen verſprach, die Idee einer Gefahr in ſich ſchloſſen. Er ſchickte dieſes Billet durch ſeinen Kutſcher ab und erwartete die Stunde der Ab⸗ fahrt. Die Prüfung dauerte fünfunddreißig Minuten fünfunddreißig Minuten peinlichen Harrens! Man ſchneidet einem den Fuß ſchneller und unter geringeren Schmerzen ab! Welche Verwünſchungen ſprudelte Herr Simon wäh rend dieſer Zeit gegen die Eiſenbahnen, wo man kein Locomotiven nach Belieben, wie die Coucbus an dem „ Platz Louis XVI. findet. 8 Und als er dann endlich abging, ſo kam der Convoi nicht vorwärts; dieſe vorgebliche Geſchwindigkeit der; Eiſenbahnen war ein alberner Lockvogel, und kein Mittel, dem Heizer zuzurufen, er ſolle ſchneller fahren, wie man dies bei Poſtillons thut! Welches Elend. Und plötzlich, während der Convoi fliegt, kreuzt ihn ein anderer; wer; 321 weiß, öb nicht Herr von Prosny, nach Paris zurück⸗ kehrend, als Sieger oder verwundet, darin ſitzt? Gibt n es auf der Welt etwas Einfältigeres, als dieſe Maſchi⸗ nen, welche laufen, ohne daß man Zeit hat, die Leute h zzu erkennen, die man ſucht und denen man begegnen b a, überdies iſt, e nmöglich anzuhalten, auszu⸗ . ſteigen, oder den Kutſcher umkehren zu laſſen. Und dann u und dann und dann.. n Ich betheure, daß die Unbequeinlichkeiten und Nach⸗ it cheile der Eiſenbahnen nie ſo genau abgewogen und analyſirt worden ſind, als von Herrn Simon während dden fünfundvierzig Minuten, die er brauchte, um nach e. Chambrosay zu gelangen. Endlich kam er an, und er erfuhr mit leichter Mühe die Ausſchiffung der drei jungen Männer und die der Piqueurs. Von Herrn von Belle⸗ ſtar und ſeinen Freunden wußte man durchaus nichts. te Herr Simon dachte, dieſe werden in dem Wagen des Marquis gekommen ſeyn. Die Piqueurs hatten in einer r Schenke des Ortes angehalten, das unterlag keinem ch Bweifel; Herr Simon durchſuchte alle. Die braven Leute b⸗ waren in der am Ende des Ortes eingekehrt, und hatten nſich zwei Stunden verweilt. Herr Simon erkundigte ſich un bei dem Wirth, was aus ihnen geworden ſeyn möchte. Dieſer ſagte ihm, was er von der Ankunft und dem Abgäng der Piqueurs wußte. Nach dem, was ſie unter ſich geſprochen, hatten ſie Rendezvous mit den Piqueurs des Grafen von B., des Schloßherrn, an der Patte⸗ —— 4 7 S m d'Oie, und die Jagd ſollte beginnen, hatten ſie geſagt, . wenn die Sache abgemacht wäre.„. vi Es gibt Worte, die unter gewiſſen Umſtänden furcht⸗ 6 er; bar werden. Herr Simon verſtand nur zu gut, was das l, Wort:„Wenn die Sache abgemacht wäre,“ bedeuten n ſollte, und es kam ihm vor, als röche es nach dem h Raufer und dem Schlächter. er Er verlangte nach einem Mann, der ihn zu dem Frederie Soulic. Von Tag zu Tag. 6 322 Nendezvous führen würde. Dieſer Marſch war grauſam für unſern Sachwalter. Jeden Augenblick blieb er ſtille ſtehen. Bei dem geringſten Geräuſche, das aus der Ferne an ſein Ohr drang, glaubte er das Gebelle der Hunde oder den Ruf des Horns zu hören.„Wenn ſie jagen,“ ſagte er zu ſich Felbſt,„ſo haben ſie ihn umgebracht.. Man wird ihn in einen Winkel geworfen, in einer Hütte verlaſſen haben!.. oh! dieſe Herren werden zu einem andern Zeitvertreib übergegangen ſeyn. Oh! dieſer elende Belleſtar war ſeiner Kraft und ſeiner Geſchicklichkeit ge⸗ wiß, als er frecher Weiſe eine Jagdpartie nach dieſem Duell anordnete, wo er über einen armen Jungen, der in ſeinem Leben weder Degen noch Piſtole berührt hatte, zu triumphiten überzeugt ſeyn durfte.“ Wenn dieſe Ge⸗ danken Herrn Sigon erfaßten, ſo ſetzte er ſich mit einer Geſchwindigkeit in Marſch, die den Bauern, der ihn führte, im höchſten Grade ſtaunen machte. Endlich waren ſie nur noch einige Schritte von der Patte⸗d'Oie entfernt; Herr Simon hörte nichts mehr, bemerkte nichts mehr, als plötzlich ſein Führer ſtille ſtand und ausrief: „Ah! ſieh' da, hier iſt die Jagd!“ In der That, aus der Ferne, aus ſehr weiter Ferne hoͤrte man das Geſchrei einer Meute, bald im weiten Raume ſich verlierend, bald durch einen Windſtoß herbei⸗ getragen, und wie Klagerufe in der Luft verhallend. Herr Simon wurde von einem furchtbaren Zittern ergriffen, er muſie ſich an einen Baum lehnen. Cs war, als ob ihm der entfernte Lärmen Gewißheit über den Tod Silveſtre's gebracht hätte; dann nahm er, von Verzweiflung übermannt, ſeinen Hut, warf ihn auf die Erde und ſchrie: „Oh! armes Kind! armes Kind!“ Das Getöſe der Jagd kam näher, und während die Stimmen der Hunde von einer Richtung her erſchollen, 323 vernahm man von einer anderen Seite den Galopp eini⸗ ger Pferde. „Da reiten ſie durch die Allée des Königs herunter,“ ſagte der Bauer. Herr Simon bildete ſich ein, er werde den Marquis erſcheinen ſehen, und wie Madame Simon in ihrem In⸗ nern ausgerufen hatte:„Wenn ich ihre Mutter wäre, ließe ich ſie nicht ſo leiden;“ ſo ſagte ſich Herr Simon ganz leiſe:„wenn ich Silveſtres Vater wäre, würde ich dieſen Menſchen mit einem Flintenſchuß tödten, und das wäre wohl gethan.“ Die Jäger näherten ſich, er trat vor, um ſie anzu⸗ halten. Es waren ihrer drei und Herr von Belleſtar nicht dabei. Sie ſchoſſen wie der Blitz vorbei, ohne daß Herr Si⸗ mon, in ſeiner Erwartung getäuſcht, daran dachte, ſie aufzuhalten, um ſich nach Herrn von Belleſtar zu erkun⸗ digen. Er blieb unbeweglich und unſchlüſſig, nach wel⸗ chem Orte er ſich wenden ſollte, als er einen Piqueur an ſich vorüberkommen ſah, der mit verhängten Zügeln gegen Corbeil zu ritt. Er rief ihm, aber dieſer würdigte ihn nicht einmal einer Antwort. Der Sachwalter wußte nicht, auf welche Seite er ſich wenden ſollte, da hörte er plötzlich neben ſich in einer dunkeln Allée laut lachen. Es war eine ſchöne Amazone und ein anmuthiger Ca⸗ valier. „Wie,“ ſagte die Amazone lachend,„ganz wegge⸗ xiſſen 2 „Gar nicht mehr vorhanden,“ verſetzte der Cavalier. „Eine ſo ſchöne Naſe,“ rief die Amazone, abermals lachend. „Durchſchoſſen, zerriſſen, zerſchmettert durch die Kugel eines Schreibers,“ ſagte der junge Mann, indem er noch ſtärker lachte... 2324 Wie!“ rief Herr Simon vorſtürzend,..„und Silveſtre...“ 6 Der Herr warf einen nicht ſehr freundlichen Blick dem Ungelegenen zu, der dieſes Geſpräch zu unterbrechen wagte. 8 „Was wollen Sie, mein Herr?“ ſagte er. „Wiſſen, was aus dem Gegner von Herrn von Bel⸗ leſtar geworden iſt.“ k „Bei meiner Treu', Herr, wenden Sie ſich. „Nun, nun,“ ſagte die Dame ganz leiſe,„etwas Menſchlichkeit. Sehen Sie dieſes beſtürzte Geſicht, das muß der Vater ſeyn... Mein Herr,“ fügte ſie, ſich an Herrn Simon wendend bei;„Ihr Sohn iſt ein Brayer.. und Herr von Belleſtar iſt für den Reſt ſeines Lebens ſtumpfnaſig.“ „Und Sie könnten mir wohl nicht ſagen, wo ich die⸗ ſen jungen Mann treffen dürfte?“ „Ich habe gehört, er ſey nach Paris zurückgegangen.“ Herr Simon grüßte, die Dame ſchaute ihm, während er ſich entfernte, mit einem ganz ſonderbaren Blicke nach, und ſagte zu ihrem Cavalier: „Wenn der junge Mann, wie Sie ſagen, ſehr ſchön iſt, ſo hat ſeine Frau Mutter ſeinem Herrn Vater nicht Wort gehalten; ſehen Sie dieſe drollige Figur an!“ Der Cavalier war der Zeuge und Buſenfreund von Herrn von Belleſtar, die ſchöne Dame eine junge Löwin, die der Marquis dem reichſten Banquier von Holland ent⸗ führt hatte. Herr Simon ſchlug glücklich, entzückt und zugleich unruhig eine Stunde ſpäter wieder den Weg nach Paris ein. Den 7. Januar 1844. Geſtern Abend um fünf Uhr war der Salon des Herrn Simon beleuchtet, wie an dem Tage, wo dieſe Ge⸗ ſchichte begonnen hat; der Speiſeſaal war für ein zahl⸗ reiches Diner zugerichtet. Herr Simon ſaß an einer Ecke ſeines Kamins, ſchürte nach ſeiner Gewohnheit, und ſchaute zuweilen nach der Uhr, deren Zeiger indeſſen für ſeine Ungeduld nicht ſchnell genug vorrückte. Auf der an⸗ deren Seite des Kamins ſaß Sabine in einem weiten Fau⸗ teuil. Es war nicht mehr das junge Mädchen vom erſten Tage, nicht mehr die Jungfrau mit dem ſtolzen Blicke, mit dem ſpöttiſchen Lächeln, ihre Schönheit erhaben in den Lüften tragend, und gar nicht bemüht, den Ueberdruß und die Langeweile, die ſie empfand, zu verbergen; es war ein bleiches, ſchwaches, in ſich ſelbſt verſenktes Kind, mit einem ſanften Lächeln auf den Lippen, mit einem um⸗ herirrenden, aber dennoch ſtrahlenden Blick, von einem Ge⸗ danken erfaßt, der der Langenweile keinen Raum mehr geſtattete. Madame Simon kam und ging, wie am erſten Abend, ordnend, befehlend, ihr Haus ſchmückend. Von Zeit zu Zeit, und wie am erſten Tag, ſtand ſie ſtille, um Sa⸗ binen anzuſchauen, aber es war nicht der unruhige, un⸗ zufriedene Blick, womit ſie an dieſem Tag die Ausrufun⸗ gen ihrer Mündel aufgenommen hatte; es war ein Blick voll reiner Luſt, der ſich darin geſiel, die zarte, ruhige Freude eines Herzens zu erſchauen, das ſo viel gelitten hatte. Dann näherte ſie ſich Sabinen und drückte ihr einen Kuß auf die Stirne. Sabine ſchlug die Augen auf und lächelte ihrer Vormünderin mit einer ſanften Bewe⸗ gung des Kopfes zu. Herr Simon betrachtete dieſes Schau⸗ ſpiel aus einem Winkel ſeines Auges; ſeine Gattin trat ihm näher, ergriff ihn bei der Hand und warf ihm eben⸗ falls ein Lächeln zu, welches ſagen wollte:„Dank Dir,“ 326 und alle Drei verſanken wieder in ihr Stillſchweigen und in ihre glückliche Träumerei. Indeſſen ging die Stunde vorüber, und die Gäſte fanden ſich bald ein; einige junge Fräulein, worunter Aurelie von S.. nicht war; einige ernſte Freunde, darunter der gute Doktor, von dem ich bereits geſprochen habe. Man unterhielt ſich leiſe, man machte ſich kleine Zeichen des Einverſtändniſſes; Alle ſchienen in das Ge⸗ heimniß eines Glückes eingeweiht zu ſeyn, von dem Je⸗ des die Ueberraſchung den Andern aufzubewahren ge⸗ dachte. Es ſchlug ſechs Uhr; in dieſem Augenblick ſchaute Sabine nach dem Zeiger, und es beſchlich eine gewiſſe Unruhe alle Anweſenden. Madame Simon nahm ihren Gatten bei Seite und ſagte: 3 „Weißt Du gewiß, daß der Brief bei Silveſtre angelangt iſt?“ „Sieh da,“ verſetzte Herr Simon, ſich an den Doktor wendend, der eben auf ihn zukam,„meine Frau fängt Streit mit mir an, und erklärt mich für einen Einfaltspinſel, weil unſer großer Sieger mit ſeiner Er⸗ ſcheinung um eine halbe Minute zögert. Du weißt recht wohl,“ fuhr er fort, indem er ſich wieder gegen ſeine Frau kehrte,„daß ſelbſt, wenn kein Hinderniß ſo groß wie ein Strohhalm in den Weg träte, Silveſtre früheſtens um ſechs Uhr hier ſeyn könnte.“ Madame Simon konnte eine kleine Bewegung der Ungeduld nicht unterdrücken; ſie hatte ſo ſehr bange, durch den geringfügigſten Unfall ein Glück ſcheitern zu ſehen, das man unter ſo großen Mühſeligkeiten erkauft hatte, daß ſie dem inneren Antrieb nicht widerſtehen konnte, ihrem Gatten zu ſagen: „Es würde das Beſte geweſen ſeyn, wenn Du ſelbſt gegangen wäreſt, um ihn zu holen.“ „Ich mache Sie zum Schiedsrichter,“ ſagte Herr Simon zum Doktor:„D..„ einer von Silveſtre's Zeu⸗ gen, iſt dieſen Morgen gekommen, um mir einen Brief . 327 von Herrn von Prosny zu bringen, einen Brief voll der leidenſchaftlichſten, ausſchweiſfendſten Redensarten, worin er ſagte, er wäre bereit, ſich für Sabinens Glück zu tödten, kurz den Brief eines Verrückten. D.. er⸗ zählte mir das Detail des Zweikampfes zwiſchen Silveſtre und dem Marquis, und theilte mir zugleich mit, Sil⸗ veſtre ſey in Corbeil geblieben und erwarte dort meine Befehle. Ich hätte allerdings mit D... abgehen kön⸗ nen, aber ich geſtehe, daß mir der Leib, der Kopf und die Beine noch von meinem geſtrigen Herumrennen wie ge⸗ rädert waren; überdies iſt D... ein vortrefflicher Junge, der Silveſtre ungemein liebt; ich ſage ihm, er müſſe ihn mir noch heute mitbringen, und gebe ihm eine Zeile zu dieſem Behufe mit.“ „Gerade das iſt es, was mich beunruhigt,“ ſagte Madame Simon,„was haſt Du ihm denn geſchrieben?“ „Ich habe ihm geſchrieben, was ich ihm ſchreiben mußte.“ „Denken Sie ſich, Doktor,“ ſprach Madame Si⸗ mon,„es ſind mehr als ſechs Stunden, daß er mir nicht ſagen will, was dieſes unglückliche Billet enthält. Oh! wenn er ſich in dergleichen miſcht, wird er uner⸗ träglich!“ Der Doktor lachte und ſagte zu dem Sachwalter: „Mein Freund, nehmen Sie ſich in Acht; die Neu⸗ gierde iſt eine Art von Krankheit, und Ihr Stillſchwei⸗ gen kann Sie Beſuche des Arztes koſten.“ „Gehen Sie, Doktor,“ ſagte Madame Simon,„ſcher⸗ zen Sie nicht; ſehen Sie, wie Sabine unruhig und betrübt zu ſeyn ſcheint.“ „Gut, gut,“ erwiederte der Doktor,„ſie hat die Hand in der Taſche ihres Kleides; in der Taſche ihres Kleides ſteckt der Brief von Silveſtre; da ſie ihn nicht vor der ganzen Welt leſen kann, ſo betaſtet ſie ihn wie der Geizige, der ſich von dem Vorhandenſeyn ſeines Schatzes überzeugen will; und wenn Sie Sabine genau 328 anſchauen, ſo müſſen Sie ſehen, daß ihre Augen, ihre Lippen, ihre Stirne, ihr ganzes Weſen zu ſagen ſcheinen: „Nicht wahr, mein Gott, er liebt mich?“ „Ich wünſche, es möchte ſich alles dies nicht noch einmal in Thränen und Verzweiflung verkehren. Und warum das? Wegen eines ungeſchickten oder mißver⸗ ſtandenen Wortes, denn er will nicht ſagen, was er ge⸗ ſchrieben hat.“ Herr Simon ergriff die Hand ſeiner Frau und ſprach: „Stille, Du ſiehſt, der Doktor geräth in Unruhe über Deinen Zuſtand. Da Du es durchaus wiſſen willſt, ſo, magſt Du erfahren, was ich Silveſtre geſchrieben habe, es iſt weder lang, noch beredt, aber perempto⸗ riſch. Mein Billet enthielt folgende Worte:„Kommen Sie, Unglücklicher, kommen Sie!“ „Und dann?“ fragte Madame Simon, mit er⸗ ſtaunter Miene. 3 „Und dann?“ „Wie,“ verſetzte Madame Simon,„ſonſt nichts?“ „Nichts ſonſt, von meiner Hand,“ erwiederte Herr Simon;„nur habe ich unter den Umſchlag meines Briefes den Brief von Sabine eingeſchoben, den der Marquis mir zurückzuſchicken beſorgt war, und D.. übergab ich das Schreiben von Herrn von Belleſtar, um es Silveſtre zu zeigen. Wenn er nach allem dem nicht kummt, ſo iſt er entweder verloren gegangen oder todt.“ Das letzte Wort, obgleich mit leiſer Stimme aus⸗ geſprochen, gelangte doch zu Sabinens Ohr; ſie zitterte und betrachtete ängſtlich die kleine Gruppe, denn ſie begriff, daß man nothwendig von ihm geſprochen hatte. Madame Simon bemerkte dieſe Bewegung, und wollte zu ihrer Mündel gehen, aber der Doktot hielt ſie zurück und ſagte ganz leiſe:. „Keine Kindereien, nichts regt die Menſchen mehr auf, als wenn man ſie beruhigen will. Nur etwas iſt bei dieſer ganzen Sache ſchlecht gemacht. Da der große 329 Sieger erſt um ſechs Uhr kommen kgnn, ſo hätte man ſagen ſollen, er könne nicht vor neun Uhr kommen.“ „O!“ ſagte Herr Simon,„verhindern Sie die Frauen zu ſagen, was ſie auf der Zunge haben. Der Fehler iſt auf meiner Seite, der ich das Unglück gehabt habe, vor Madame zu berechnen, wie viel Minuten man brauche, um von mir zum Eiſenbahnhof zu gelangen, wie viel Zeit, um von Paris nach Corbeil zu kommen, wie viel, um die Briefe zu leſen, wie viel, um von Corbeil nach Paris, und wie viel, um vom Jardin⸗des⸗ Plantes hierher zu fahren. Dies zuſammen gerechnet, führte uns gerade auf ſechs Uhr, unter der Bedingung, daß das Cabriolet⸗Pferd laufen würde, wie wenn es ver⸗ liebt wäre und daß kein Omnibus fünfzehn Minuten die Straße verſperrte; unter der Bedingung, daß D... ſo⸗ gleich mit dem Convoi abgehen könnte, unter der Be⸗ dingung, daß.. was weiß ich... Und nun kommt meine Frau und ſagt Sabine in der Begeiſterung ihrer Freude, Silveſtre werde um ſechs Uhr hier ſeyn, als ob das ſo gewiß wäre, wie daß Herrn von Belleſtar die Naſe zerſchmettert worden iſt. Zum Glücke iſt Sabine geſcheiter, und hat mich vollkommen begriffen, als ich ihr alle die Hinderniſſe auseinanderſetzte, die ſich Sil⸗ veſtre's Ankunft zu der beſtimmten Stunde in den Weg ſtellen könnten.“ „Das iſt gleichviel,“ verſetzte der Doktor,„man hätte ſeine Ankunft überhaupt in Zweifel ziehen ſollen. Die Verliebten nehmen die Hinderniſſe nicht in Rech⸗ nung, durch die man zurückgehalten werden kann, ſie be⸗ rechnen nur die Hinderniſſe, die man überſteigt; doch das Uebel iſt einmal geſchehen, und man muß nicht die Miene machen, als hielte man die Ankunft für durchaus möglich. Laſſen Sie das Mittagsbrod auftragen, und ich übernehme es, Sabinen zu ſagen, Silveſtre könne nicht vor zwei Uhr hier ſeyn.“ Madame Simon verlteß den Salon, um Befehle 330 zum Auftragen zu geben, und der Doktor näherte ſich ſeiner ſchönen Kranken. Sabine fragte ihn nicht mit der Stimme, was zwiſchen ihm, ihrem Vormund und ihrer Vormünderin ſich zugetragen habe, aber er beeilte ſich die Frage zu beantworten, die in den unruhigen Augen des armen Kindes zu leſen war. Mehr als einmal lä⸗ chelte Sabine bei des Doktors heiterer Erzählung von dem Streite zwiſchen dem Sachwalter und ſeiner Gattin, und als er geendigt hatte, erwiederte ſie ſanft: „Sie ſind ſo gut, und Sie auch, Doktor, und alle Menſchen. Oh! wie iſt man ſo glücklich, glücklich zu ſeyn. Ihr ſeht es, wie Alles ſchön iſt, wie Alles entzückt und gefällt. Man kündigte an, das Mittagsbrod ſey aufgetragen. Der Doktor bot Sabine den Arm und ſetzte ſich neben ſie; dieſer Platz war nicht für ihn beſtimmt, und da ihm Madame Simon den auf ihrer rechten andeutete, ſo erwiederte ihr der Arzt mit einem unmerklichen Zei⸗ chen, daß er neben dem Fräulein bleiben wolle. Damit wollte er Madame Simon ſagen, daß er ſeine Gegen⸗ wart und ſeine Unterhaltung für die Kranke nothwendig erachte, und dieſe Vorſicht beunruhigte die gute Frau. Der Doktor fing an, mit Sabine zu plaudern, ver⸗ ordnete ihr die eine Speiſe, verbot die andere, und be⸗ rührte tauſenderlei Dinge, um die Unruhe zu zerſtreuen, die ſich ihrer zu bemächtigen ſchien. Er ſprach unabläſſig zu ihr, er lenkte ihre Blicke auf alle Gegenſtände, die ſich auf der Tafel fanden, aber es gelang ihm nur mit der größten Mühe, ſie von der ihr gegenüberſtehenden Uhr zu trennen, worauf ſie den Stundenlauf mit gieri⸗ ger Beharrlichkeit verfolgte. Schon hatten alle Gäſte die fruchtloſen Beſtrebungen Sabinens, auf des Doktors gezwungene Fröhlichkeit zu antworten, bemerkt. Schon hatte man ein leichtes Zittern, ein zuſammengezogenes Lächeln, einige halblaute Ausrufungen wahrgenommen. 331 Sabinens Ange verſchleierte ſich, ihr Athem wurde ge⸗ drückt und keuchend, als plötzlich eine Klingel ertönte, und man eine erſte Thüre ſich öffnen und wieder ſchließen hörte. Durch eine unwillkührliche Bewegung erheben ſich alle Anweſenden mit Ausnahme von Sabine und dem Doktor; eine zweite Thüre öffnet ſich und Silveſtre und ſein Freund treten ein. Alle Stimmen ſtoßen einen Freudenſchrei aus, alle Hände ſtrecken ſich gegen den Ankömmling aus; alle Augen wenden ſich gegen Sabine, um ihr zu ſagen: „Endlich iſt er da.“ Da erblickt man das arme Kind auf den Stuhl zurückgeſunken, bleich und leblos, und den Doktor, wie er ihr unbarmherzig mit einem Tiſchmeſſer Gürtel, Schnüre, Bänder u. ſ. w. durchſchneidet. 7 „Es iſt nichts! es iſt nichts!“ ruft der Doktor, „nur Luft und friſches Waſſer.“ Silveſtre will ſich gegen Sabine ſtürzen, aber Ma⸗ dame Simon kommt ihm zuvor. Man drängt ſich um die Kranke, man trägt ſie in den Salon, ohne daß ſich Silveſtre ihr nähern kann, ohne daß er ſie durch den Wall dienſtfertiger Freunde, die ihr zu Hülfe geeilt ſind, zu ſehen vermag. Man legt Sabine auf denſelben Di⸗ van, auf den man Silveſtre einige Tage zuvor gelegt hatte, ihn von einem furchtbaren Schlage berührt, ſie unter der Wucht eines zu heftig erwarteten Glückes zu⸗ ſammenſinkend. Madame Simon, der Doktor und einige Frauen bleiben bei Sabine, und alle Uebrigen kehren in den Speifeſaal zurück. Die Einen ſtehen da mit der Serviette unter dem Arm; die Andern halten noch ihre Gabel, beladen mit dem Stücke, das ſie zum Munde zu führen nicht mehr die Zeit gehabt haben. Man ſpricht, man ruft ſich, man beunruhigt ſich. Endlich wendet man ſich an Silveſtre mit der Frage, warum er nicht früher gekommen ſey; aber * 332 Silveſtre's Ohr iſt an die Thüre gefeſſelt, welche den Speiſeſaal vom Salon trennt, und er antwortet nichts, weil er nichts hört. Dann wendet man ſich an den Freund, der ihn begleitet hat, doch im Augenblick, wo er ſeine Reiſebeſchreibung beginnen will, öffnet ſich ganz ſachte die Thüre des Salons, man erblickt nur den Kopf von Madame Simon, welche leiſe ſagt: „Es geht beſſer!“ „Iſt ſie wieder bei Bewußtſey yn?“ ſst ihr Gatte. „Gewiß, denn als ſie die Augen wieder aufſchlug und mich erblickte, ſagte ich ihr:„Er iſt hier,“ und ſie antwortete mir mit einem ſüßen Lächeln, aus welchem ſich wohl ſchließen ließ, daß ſie das volle Bewußtſeyn wieder erlangt hatte:„Ich habe ihn geſehen.“ Aber ſie iſt noch ſo ſhh daß nn dem Gebote des Arztes Niemand, Rirm and in den Salon eintreten darf.“ Das zweite: Niemand war unmittelbar an Sil⸗ veſtre gerichtet, welcher die Hand von Madame Simon ergriff und ſie an ſeine Lippen drückte. In dieſem Augenblick ſchien es, als erblickte man ihn zum erſtenmal, denn Madame Simon wich vor ihm zu⸗ rück, und rief, auch Herrn D.. anſchauend: „Aber, mein Go tt, in welchem Zuſtande ſehe ich Sie Beide hier!“ Sie waren in der That beide mit Koth bedeckt und in großer Unordnung, „Bei Grtt!“ rief D... in luſtigem Tone,„wenn Sie ſich bis jetzt eingebildet haben, zehn Meilen mit ver⸗ hängten Zügeln auf ſerlſhen Poſtkleppern, durch Koth und Regen, durch Dick und Dünn zurückgelegt, machen einen Menſchen ben mäßig, ſo müſſen Sie wohl dieſe Mei⸗ nung bei unſerem Anblick aufgeben. 2 „Wie, auf dieſe Art haben Sie den Weg gemacht?“ fragte man von allen Seiten. „Ah! es fehlte nicht viel,“ verſetzte D...„daß wir zu Fuß hierher marſchirt wären. Er wollte fort, fort, — 333 fort.. Er hatte nur dieſes einzige Wort im Munde.. Ich mochte ihm immerhin erklären, daß wir, den Convoi erwartend oder einen Wagen miethend', früher ankommen würden, er hörte mich nicht. Alles, was ich herausſchla⸗ gen konnte, war der elende Poſtklepper, und dies nur, weil wir am Etabliſſement vorüberkamen, und weil man nur zwei Minuten forderte, um uns die Pferde zu ſatteln. Und als wir einmal unterwegs waren, mein Gott, was für ein Ritt!... Ich erkläre, daß ich mich im nächſten Jahre zum Jockei bei dem Wettrennen auf dem Marsfelde machen laſſe!...“ In dieſem Augenblick rief die Stimme des Doktors Madame Simon, ſie eilte zu ihrer Mündel; Sabine hatte ohne Zweifel einzelne Worte des Erzählers gehört und ſprach: „Nun! was ſagen ſie? Was iſt geſchehen?“ Madame Simon theilte ihr mit, was D.. ſo eben erzählt hatte; dieſer ſetzte ſeine Geſchichte im Speiſeſaale fort, und Madame Simon mußte vom Lager der Kranken bis zu Herrn D... gehen, um zu hören, was er ſprach und es ſodann Sabine zu berichten. Die ſchöne Kranke wollte Alles wiſſen, Alles erfahren, die Streitigkeiten mit den Poſtillons, wie der Sattel ſich in Eſtonne umgedreht hatte, wie das Pferd von Silveſtre an der Cour⸗de-France niedergeſtürzt, wie Herr D... in Juviſy von ſeinem Klep⸗ per gefallen war, wie die beiden jungen Leute ihre Mähren unerſchrocken wieder aufgepeitſcht, bis ſie in raſendem Ga⸗ lopp forteilten, wie man die Wuth der Poſtillons nur mit Geld hatte beſchwichtigen können, und wie man endlich an der letzten Poſt angelangt war, nachdem man einem Stall⸗ knecht freigebig den letzten Thaler zugeworfen hatte. Da war man denn gewaltig in der Klemme, und man hätte die Reiſe nicht fortſetzen können, wäre D. 8 n nicht für Bezahlung der Pferde eingeſtanden, u. ſ. w. u. ſ. w.. Während Silveſtre's Freund alle dieſe Umſtände in dem 334 vertraulichen Geiſte erzählte, den die Freude, die man ſelbſt empfindet, und das Vergnügen, welches man den Zuhörern bereitet, verleihen, kam und ging Madame Si⸗ mon, jedesmal Sabine ein Bröckchen von dieſer i lung berichtend, und ſodann wieder Silveſtre die Worte anvertrauend, die Sabinens Glück entſchlüpft waren— eine Botin des Entzückens dieſer zwei ſeligen Herzen, die ſie liebte, und die nach dem Verbote des Arztes noch nicht einander gegenüber geſtellt werden ſollten. Es erging die Aufforderung, ſich abermals zu Tiſche zu ſetzen, und Madame Simon kündigte an, daß Sabine, ſobald die Unordnung in ihrer Toilette wieder hergeſtellt wäre, ihren Platz unter den Gäſten wieder einnehmen würde. Nach einer geheimen Vorſchrift von Madame Simon war Silveſtre, gegen den guh des Doktors, ein Platz ziemlich weit von dem der Kranken angewieſen; ſie wollte nicht, daß ſie ſich ſprechen könnten, ohne von Jemand ge⸗ hört zu werden. Madame Simon hatte ſich auf fdie Schick⸗ lichkeit berufen, aber im Grunde wußte ſie wohl, daß ſie Beiden eine grauſame Verlegenheit erſparte. Wenn man ſich Alles zu ſagen hat, iſt es beſſer, ſich nichts zu ſagen, als ein Wort zu verſuchen, und es plötzlich durch die hundert neugierigen Blicke, von denen man umgeben iſt, zurück⸗ gedrängt zu ſehen. Einige Minuten, nachdem das Mit⸗ tagsmahl wieder ſeinen Fortgang genommen hatte, trat Sabine, immer noch auf den Arm ihres Arztes geſtütt, ein. Im Augenblick, wo ſie an Silveſtre vorüberkam, der ſich erhoben hatte und mit Sabine ſprechen wollte, ſtieß ihn der Doktor ſanft mit der Hand zurück und ſagte: „Schon gut, ſchon gut, junger Mann, wir werden ſpäter davon reden.“ Man ſetzte das Mahl fort. Sabine und Silveſtre ſchanten ſich kaum an und ſahen ſich doch immeèr. Sie ſagten ſich nichts und hörten ſich doch Beide. Es herrſchte eine offene, belebte, lärmende Freude; Sabine lachte mit dem Arzt, Silveſtre hörte gefällig die Scherze des Herrn Simon, von denen er durchaus nichts verſtand. Endlich erſchien der letzte Gang, und mit dieſem ein rieſiger Kuchen auf einer ungeheuern Platte, denn ich habe ver⸗ geſſen, Ihnen zu ſagen, daß geſtern das Dreikönigsfeſt war, und man ſollte bei Herrn Simon die Königslooſe ziehen. Als man zu dieſer erhabenen Operation ſchritt, concentrirten ſich die um die Tafel her zerſtrenten Ge⸗ ſpräche insgeſammt auf den herrlichen Kuchen. Wer wird die Bohne haben? Jeder wünſcht ſie, jeder hofft ſie zu bekommen, jeder macht prunkende Verſprechungen, wenn die Königswürde ihm zufallen ſollte, als handelte es ſich um ein wirkliches Königthum. Endlich ſind die Stücke vertheilt, und auf ein gegebenes Zeichen beginnt Jeder das ihm zugefallene Stück zu durchklauben, um die Königs⸗Bohne zu entdecken; Niemand hat ſie, Nie⸗ mand findet ſie, und man fängt ſchon an, einige von den großen Verſprechern der Geſellſchaft zu beſchuldigen, ſie haben die Bohne unterſchlagen, um nicht Wort hal⸗ ten zu müſſen, da ſagt eine matte, ſchwache Stimme ganz leiſe: „Ich habe ſie.“ 3 War es nur ein Zufall? War es ein Wunſch von Madame Simon, die dieſen Vorzug ihrer Mündel be⸗ ſtimmt hatte? Wir wollen es dahin geſtellt ſeyn laſſen— Sabine hatte die Bohne. Und plötlich vernimmt man den tauſendfachen Ruf um die Tafel: „Es iſt Sabine! es iſt Fräulein Durand! Es lebe Sabine! es lebe Fräulein Durand! Und Alle mit einer Stimme: „Es lebe die Königin!“ Da ſchrie Herr Simon mit ſeiner Audienzſtimme, mit jener Stimme, die er erſchallen ließ, wenn er das Gemurmel zahlreicher Zuhörer zu beherrſchen hatte: „Aber dieſe Königin braucht einen König!“ 336 „Einen König! einen König!“ rief man von allen Seiten. Und von allen Seiten ſtieß man ſich auch mit dem Ellbogen, und von allen Seiten liefen die Blicke von Sabine auf Silveſtre, von Silveſtre auf Sabine.— Sabine gewahrte dieſe Blicke und begriff ſie; ſie ſchlug die Augen nieder, und eine jähe Röthe ſtieg ihr in's Antlitz. Silveſtre hatte auch die Augen auf ſeinen Teller niedergeſchlagen. Sabine waßte weder zu ſprechen, noch zu ſchauen. Sie fühlte nicht die Kraft in ſich, dieſer Bezeichnung zu gehorchen, die Alle machten, und die vor Allen ihr Herz gemacht hatte. Hieß das nicht das Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe zwanzig Neugierigen vor die Blicke werfen? Sie zögerte. Endlich gewahrte ſie das Still⸗ ſchweigen um ſich her; da nahm ſie die Bohne in die zitternde Hand, erhob ſich und reichte ſie Sil⸗ veſtte, indem ſie mit beinahe erloſchener Stimme ſprach: „Wollen Sie mein König ſeyn?“ Die Ausrufungen, die Bravo's, die Ltſee Hände übertäubten die Antwort Silveſtre's, der den Dok⸗ tor auf die Seite ſtieß, und vor Sabine auf die Kniee fiel. Herr Simon lief hinzu und umarmte ſie, Madame Simon ebenfalls, und ſo die ganze Welt, und.... Und ſo endigt dieſe Grſchichte, begonnen am Weih⸗ nachtsabend des vorigen Jahrs, und ſ am Drei⸗ königsfeſte 1844. —. — 8 . · — 3—— Farbkarte 113